e deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v on* 5* Ednard Otimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —— cLeih und Ceſebedingungen. 1 bffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von i Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt———— 6 für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 3 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iß auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— Roman PAUL DE KO6kK. Motto: Nur nach Fruchtbäumen wirft man Steine. Deutſch von Auguſt Schrader. Erſter Band. Leipzig, 1846. Berger's Buchhandlung. 1. Ein Gewitter im Juli. Wenn Sie ſorgfältig Toilette gemacht, ſchön gewichste Stiefeln und feine Handſchuhe angezogen haben, wenn Ihr Haupt ein neuer Hut und Hals und Buſen eine niedliche Kravatte ſchmückt, mit einem Worte, wenn Sie ſchön ſind— wenigſtens durch den Anzug— wenn Sie ſo bei prachtvollem Wetter mit der Abſicht ausgehen, zu ſehen und ge⸗ ſehen zu werden, oder den Gedanken hegen, mit einem hübſchen Geſichtchen, das Ihnen begegnet, eine Bekanntſchaft anzuknüpfen oder einen Liebeshandel zu ſuchen— wird Ihnen da nicht eine Regenwolke, ein Gewitter oder eine Windsbraut, wie die Matro⸗ ſen ſagen, ſehr unwillkommen ſein, die alle Ihre ſchönen Plane vereitelt, Ihre Stiefeln beſchmutzt und Ihre ſchönen Handſchuhe verdirbt? Aber um wie viel mehr werden Sie niederge⸗ ſchmettert ſein, wenn Ihre Mittel, das heißt Ihre Vermögensumſtände, und Ihre Stellung nicht er⸗ lauben, alle Tage feine Handſchuhe und gewichſte Stiefeln zu tragen: dem nur unter ſolchen Umſtänden 6 ein ſolches begegnet, bin ich, ein beſcheidener Minia⸗ tur⸗Maler, deſſen Name noch nicht bekannt und deſ⸗ ſen Talent noch nicht gewürdigt worden— voraus⸗ geſetzt, daß es jemals geſchehen wird! Doch, man muß immer hoffen, wenn man einmal die Künſtler⸗ laufbahn betreten hat, man muß Ruhm und Unſterb⸗ lichkeit in der Zukunft erblicken, denn das iſt es, was uns zur Nacheiferung anſpornt und uns das wider⸗ wärtige Schickſal ertragen läßt. Den Künſtlern darf Eigenliebe nicht fehlen; der Handwerker, der Arbeiter, der Kaufmann, der Negveiant, kurz ein Jeder muß ſie beſitzen. Ohne Eigenliebe würden ungleich mehr Thor⸗ heiten begangen, und wenn auch dies Gefühl, ſelbſt bis zur Leidenſchaft geſteigert, eine Narrheit iſt,„ man müßte es doch, wenn es nicht ſchon vorhanden wäre, noch erfinden. Aber es iſt da; jeder Sterbliche beſitzt davon eine größere oder geringere Doſis: dem⸗ nach iſt es nicht nöthig, es zu erfinden. Es fällt mir nicht ein, von Regen und gutem Wetter, von meinen ſchönen Handſchuhen und blan⸗ ken Stiefeln zu reden; aber Sie wiſſen doch wenig⸗ ſtens, daß ich Miniaturmaler bin, und daß ich noch wenig Geld verdiene, und das iſt ſchon etwas. Wie wäre es, wenn ich Ihnen nun auch meinen Namen ſagte und mein Signalement lieferte? Warum nicht?— Es iſt immer ſehr angenehm zu wiſſen, mit wem man zu thun hat, wenigſtens habe ich immer ſo gedacht; auch iſt es eine engliſche 3 7 Methode, und die Engländer haben in ihren Sitten ſehr viel Gutes. Ich denke, daß Ihr Patriotismus nicht ſo weit gehen wird, dies zu leugnen. Laſſen wir einem Jeden Gerechtigkeit widerfahren, dies iſt das beſte Mittel, ſie uns ſelbſt zu verſchaffen. Aber es giebt Leute, die das nicht begreifen! Ich heiße Caſtmir, Fidelis, Adrian, Colin Ber⸗ geval.— Welche Namen! Ob ſie alle von meinem Vater kommen, weiß ich nicht, aber in der ganzen Lithanei iſt kein einziger nach meinem Geſchmacke. Wäre ich ein Spanier, würde ich es mir erklären; ſo aber bin ich Franzos und bin zufrieden. Caſimir iſt der Name eines Zeuges; außerdem war es auch der eines Königs. Fidelis iſt ein Name, den man gewöhnlich einem Hunde giebt, weil man klugerweiſe angenommen hat, daß dies Thier würdiger iſt, ihn zu führen, als der Menſch. Adrian war ein Kaiſer oder ein Pabſt, wie Sie wollen. Colin würde ein recht hübſcher Name ſein, wenn man ihn in den Schäfergedichten und alten komiſchen Opern nicht ſo arg gemißbraucht hätte. MWir bleibt alſo nichts weiter eigen, als mein Fa⸗ milien⸗Name. Dies iſt auch derjenige, an den ich mich halte, und an dem man mich gewöhnlich erkennt. Indeß ich habe Freunde, die meine Namen alle wiſſen, und ſich ein Vergnügen daraus machen, mich bald bei dieſem, bald bei jenem zu nennen. Vor Allen war es mein Freund Carotin, ein Original, deſſen Bekanntſchaft ich Sie machen laſſen werde, der ſich oft den Spaß machte, mich bei dem Namen zu nennen, der mir am meiſten mißfiel. Doch ich komme wieder auf mich zurück: Im nächſten Monate werde ich zwanzig Jahre. Zwanzig Jahre!— Ein ſchönes Alter werden Sie vielleicht ſagen? Auch ich finde, daß es das ſchönſte Alter in un⸗ ſerm Leben und das glücklichſte in unſerer Stellung iſt. Jeder nach ſeiner Idee! Ich zwinge Niemanden, ſo zu denken, wie ich. Nemo obligatum est. Ah! dies verräth Ihnen, daß ich auch Lateiniſch verſtehe! Beruhigen Sie ſich, ich bin darin ſchlecht bewandert, und werde Sie nicht mit Citationen über⸗ ſchütten. Ich habe zwar einige Klaſſen durchgemacht; aber wenn man Künſtler werden will, wenn man oft in das Atelier eines Malers kommt, vergißt man ſeine Autoren, ſeine Claſſiker, mitunter auch ſeine Mutterſprache, um nur jene zu reden, die in den Zu⸗ ſammenkünften unter den Raphaels, Pouffins, Ge⸗ rards und Davids geſprochen wird. Jetzt muß ich Ihnen mein Portrait liefern. Sie werden einwenden, daß dies, da ich Maler bin, mir nicht ſchwer fallen wird. — ——————— O, wenn es ſich nur darum handelte, meine Perſon mit einem Pinſel oder einem Bleiſtift zu zeichnen, wäre es ſchnell geſchehen; aber mit einer Feder iſt es auch mir nicht leicht. Ich will mich täuſchend ähnlich wiedergeben, ohne mir zu ſchmeicheln oder ohne meine Schattenſeiten nicht anzugeben, alſo: Taille gewöhnlich. Für die Waden iſt ein ſchöner Platz vorhanden; ich beſitze für den Augenblick zwar ſehr wenig, weil ich nämlich ſehr mager bin; aber ich kann noch dick⸗ werden, ich habe das Recht dazu. Der Fuß ſchön gebogen, ſchmal, mit einem Worte ſehr niedlich. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich darauf ſtütze, aber man hält gern auf das, was man hat. Was das Geſicht anbetrifft, ſo will ich ein Sig⸗ nalement aufſtellen, wie man es in einen Reiſepaß ſetzt, aus dem man ein Individuum unter andern Perſonen leicht wiedererkennen kann, wenn es näm⸗ lich möglich iſt. Augen, dunkelbraun. Naſe, gewöhnlich. Mund, groß, die Oberlippe hervorſtehend. Kinn, rund. Haare, braun. Geſichtsfarbe, keine. Geſtalt, lang. 10 Ein kleiner Reif von Backenbart und zwei Pünkt⸗ chen Schnurbart. Fertig! Ietzt ſtellen Sie daraus ein Geſicht zuſammen. In Bezug auf Charakter, Humor, Vorzüge und Fehler ſcheint es mir gerathener, ich laſſe Sie darüber ſelbſt urtheilen, indem ich Ihnen Gelegenheit gebe, mich genau kennen zu lernen. Um zu wiſſen, wer die Leute ſind, genügt aber nicht ein Augenblick des Sehens; um ſie genau ken⸗ nen zu lernen, muß man mit ihnen auf vertrautem Fuße leben. Aber für den Augenblick regnet es, und ich habe vorhin ſchon geſagt, daß ich ſorgfältig Toilette ge⸗ macht, um auszugehen. Einen Regenſchirm habe ich nicht, denn ich ſah das Wetter nicht voraus; außerdem würde ich voraus⸗ geſehen haben, daß ich doch keinen genommen weil ich dies Möbel nicht leiden kann. So ſteht mir nun eine Einweichung bevor, wenn ich nicht irgendwo eintrete. Kaffeehäuſer und Theater fehlen nicht in meiner Nähe. Ich habe niemals begreifen können, wie man ſeine Zeit beim Kaffee, noch weniger, wie bei Billard⸗ ſpiel verbringen kann. Billard werde ich nie allein ſpielen und verzehren will ich nichts, denn ich habe für 30 Svous zu Mittag gegeſſen, was für einen an⸗ gehenden Maler ſehr viel iſt. Ich werde in das Theater gehen. — 11 Habe ich auch Geld genug bei mir? Ich befühle meine Hoſentaſchen— die eine iſt leer, aber die andere umſchließt zwei 40 Sous⸗ und ein 30 Sous⸗Stück. Element! Ich bin ſehr reich! Stolz lenke ich meine Scrite nach dem T zwter de la Gaité und nehme mir einen Platz im Orcheſter. Es wäre öconomiſcher geweſen, in das Parterre zu gehen; aber ich muß geſtehen, daß mein Geſchmack ſehr ariſtokratiſch iſt, und dort ein ſtarker Athemzug der Freiheit weht. Ich bin nicht gern in der Nähe ſolcher Leute, die ſchmutzige Hände haben und nach Zwiebel oder Wein riechen. Ich will damit nicht geſagt haben, daß alle Leute, die im Orcheſter ſind, eine tadelloſe Reinlichkeit be⸗ ſitzen. Gott bewahre! Auch dort iſt es ſehr gemiſcht; der Schein trügt, und Sie wiſſen ja, wie gern und leicht man ſich vom Scheine verleiten läßt. Ich befinde mich im Saale. Das Schauſpiel hat begonnen, die Schließerinnen eilen mit geſchäftigen Mienen durch die Korridors, die kleinen Stühle gehen von Hand zu Hand und die Schlüſſel können die Thüren nicht mehr öffnen; einige dieſer Damen irren ſich ſogar und öffnen ein kleines Kabinet, in das man gar nicht zu gehen wünſcht. Das Gewitter über⸗ raſcht eine Menge Leute, die auf den Boulevards ſpaziren gehen und treibt ſie in das Theater; die Kaufleute fluchen, die Theaterdirectoren lachen; den Einen ſchadet der Regen, den Andern nützt er. 12 So geht es mit Allem, was ſich unter dem Monde ereignet. Alles iſt ſo eingerichtet, daß es im Gleichgewicht ſteht, das Gute wie das Böſe, die Sorge wie das Vergnügen, und daher kommt es wahrſcheinlich, daß die Erde ſich ſo ſchön im Gleich⸗ gewicht hält, weil die Ordnung der Exeigniſſe und der Gang der Natur in vollkommenem Geichgewicht ſtehen.— Ich zeige mein Billet einer Schließerin. Bei dem Anblicke deſſelben ſtößt ſie einen herzzerreißenden Schrei aus, als ob ſie ihren Letztgebornen verloren hätte und ſpricht: „Ach, mein Gott! Ich glaube, ich habe keinen mehr!“ Bei dieſer jämmerlichen Lamentation konnte ich nicht umhin, die näher in's Auge zu faſſen, der ſie entſchlüpfte, und indem ich die Ueberreſte einer viel⸗ leicht früher recht ſchön aufgeputzten Haube, die aber nicht mehr ganz weiß war, und einen Zopf weißer Haare, der ſich hartnäckig der Ordnung widerſetzte, obgleich er ſeit langer Zeit nicht in Ordnung gebracht war, prüfte, drängte ſich mir der Gedanke an eine Menge Dinge auf, die ſie nicht mehr hatte. Arme Frau!— Die Schließerin rief mich zurück und ſprach: „Aber warum kommen Sie auch ſo ſpät? Zwei Aete des Drama's ſind bereits abgeſpielt.“ 8 „Ich hatte nicht die Abſicht das Theater zu be⸗ ſuchen, das Gewitter hat mich hereingetrieben: In 13 der Mitte Juli und bei drückender Hitze gehe ich lieber ſpaziren.“ „Warum nicht gar, ſpaziren gehen! Bei uns iſt es viel friſcher. Man bildet ſich nur ein, daß es im Sommer heiß iſt im Theater; aber im Gegentheil denn wo die Sonne nie hinkommt iſt es friſch wie in einem Keller.“ „Zugeſtanden, wenn niemand darin iſt; aber heute Abend glaube ich nicht, daß es ſehr friſch ſein wird. Wollen einmal ſehen— weiſen Sie mir einen Platz an.“ „Wie geſagt, ich habe keinen mehr. Alles hat ſich hierher gedrängt.— Ich weiß gar nicht, warum die Leute alle zu mir kommen. Gehen Sie auf die andere Seite, vort finden Sie noch Platz. Bei meiner Kollegin gegenüber find immer leere Plätze zu haben.“ Sie will durchaus nichts von mir wiſſen, wahr⸗ ſcheinlich, weil ſie glaubt, ich nehme keinen Stuhl von ihr, ich, ein Mann allein!— Und bewahrt die Plätze, die ſie noch hat, für Damen oder für Kava⸗ liere mit ſchönem Geſchlecht.— Ich will auch keinen von ihr! Man muß Alle leben laſſen. Ich eile nach der andern Seite, wo mehr Plätze ſind, wie mir ge⸗ ſagt war, und wende mich an die Kameradin, die immer leere Plätze hat. Die Schließerin bietet mir das Jvurnal Entr'acte an. Ich ſchlage es aus, ſie hängt das Maul, ich werde unruhig, nämlich über das hängende Maul, trete in das Orcheſter und gehe zu der Bank, die an 14 das Parterre grenzt, wo ich noch freie Plätze be⸗ merkte. Ich bin da; doch die Nachbarn und Nachbarinnen machen keine Miene, zuſammenzurücken, um mich ſitzen zu laſſen. Gerade wie in den Omuibus. Was iſt doch der Menſch für ein Egviſt, und wie wenig erinnert er ſich der goldenen Regel:„Was du nicht willſt, das dir die Leute thun, das thue ihnen auch nicht.“— 3 Ich glau ſogar, daß ſtets das Gegentheil ge⸗ ſchieht, denn wir ſehen jeden Tag in der Welt, daß Verwandte den Verwandten, und Freunde den Freun⸗ den Streiche ſpielen, die ſie nicht gern ſehen. Nehmen wir ein Beiſpiel aus grauer Vorzeit. Was that Kain dem Abel, was David der Gattin des Betſabe, was Alerander dem Clitus, was die Sultane den Aufſehern ihres Harems, was Nero ſeinem Volke, was Pizarro den Einwohnern von Peru?— Ohne zu ſuchen und ſo weit hinaus zu gehen: was geht nicht täglich um uns, vor uns und bei uns vor?— Endlich komme ich ziemlich ſchlecht zum Sitzen. Ich bin zwar ein wenig genirt; aber was thut das? Kann ich nicht durch Zufall hübſche Nachbarinnen haben und ſo glücklich ſein, an ihr Kleid zu ſtreifen, ihre Achſel, ihre Beine und ihre Füße zu berühren? Alles, was ſich berühren läßt?— Prüfen wir ein wenig. Das Stück hat begonnen, es iſt wahr; aber 17 verborgen iſt; aber ich möchte es wohl wiſſen. Sonſt bin ich noch nie neugierig geweſen, Naturerſchei⸗ nungen zu ſehen. Zu meiner Linken ſitzt eine bejahrte Frau, bür⸗ gerlich gekleidet, mit einer Miene fern von Anma⸗ ßung, aber ein wenig ernſt. Man ſah auf der Stelle, daß es keine Perſon war, mit der man plaudern konnte. Neben dieſer Dame ſaß eine junge Perſon.— Ah! Dieſe verdient unſere ganze Aufmerkſamkeit. Sie hat ein charmantes Geſicht, braunes, bei⸗ nahe ſchwarzes Haar, ſchöne blaue Augen voll Lieb⸗ lichkeit und Milde, eine kleine Stumpfnaſe, die dieſer verehrungswürdigen Perſon etwas keckes, muthwil⸗ liges verlieh.— Auf Ehre, ſie iſt reizend— und nun ihre Zähne, die ich jetzt erſt ſehen kann,— Dank einem leiſen Lächeln, das der Komiker auf der Bühne bei ihr bewirkte— bei Gott! Es ſind Per⸗ len in Roſen eingefaßt, mit einem ſchon oft ge⸗ brauchten Ausdrucke zu reden! Aber das weiß ich beſtimmt, daß ich niemals ſchönere weiße Zähne ge⸗ ſehen, niemals einen friſchern Mund;an dem Unter⸗ theil der rechten Wange befindet ſich ein kleines ſchwar⸗ zes Fleckchen, deſſen Anblick einen köſtlichen Eindruck hervorbringt— und nun erſt die Stirn, die ich noch nicht bemerkt hatte,— welch' eine hohe, ſchöne, weiße Stirn!— Die Haare ſind künſtlich abgetheilt und mit vielem Geſchmacke und ſorgfältig arrangirt. Ich liebe das, wenn eine Frau auf ihr Haar viel Carvtin. I. 2 18 — Sorgfalt verwendet; es verräth das Vorhandenſein unerläßlicher Eigenſchaften. Sie glauben vielleicht, daß dies ein Theil der Toilette iſt, den keine Frau vernachläſſigt. Enttäu⸗ ſchen Sie ſich; es giebt Frauen, die ſich damit be⸗* gnügen, nur für das Aeußere zu ſorgen. Ich erin⸗ nere mich noch immer einer kleinen Ausmalerin, die ich kannte— in Wahrheit nur ſehr kurze Zeit— die trug beſtändig Mützen, welche auf jeder Seite nur zwei kleine Korkzieher ſehen ließen; aber eines Tages, oder eines Abends, als bei unſern unſchul⸗ digen Spielen die Mütze abfiel, was ſehe ich?— Ein Vogelneſt, ein wahrhaftiges Vogelneſt, in das der Kamm ſeit mehrern Monaten vielleicht nicht gekom⸗ men war. Seit dieſer Zeit hörte ich auf, kleine un⸗ ſchuldige Spiele mit dieſer Demviſelle zu treiben, und ihr Vogelneſt ekelte mich an. Wie doch die Einbildungskraft uns mit ſich fort⸗ reißt! Wie ſie in wenig Secunden eine Menge Um⸗ ſtände und Begebenheiten uns vorführt! Ich hatte aufgehört im Theater zu ſein, als mich die Erinne⸗ rung an das Vogelneſt meiner kleinen Ausmalerin übermannte, und alle dieſe Erinnerungen ſind bei dem Anſchauen der reinlichen und netten Friſur jener niedlichen Perſon, die neben der alten Dame zu mei⸗ ner Linken ſaß, in mir erwacht.— Einige Worte, die ſie wechſelten, belehrten mich, daß dieſe Damen zuſammengehörten. icht erſt zu ſagen, daß —,— Ich brauche nun wohl ni 19 ich von dieſem Augenblicke an mit Aufmerkſamkeit für meine Nachbarin erfüllt war. Ich rückte zuſammen, um ihr mehr Platz zu ver⸗ ſchaffen; ich bog meinen Kopf nicht mehr vor, aus Furcht, ſie zu geniren. Ich griff ſelbſt nicht mehr in die Taſche, mein Schnupftuch hervorzuholen, aus Furcht, ihren Arm zu berühren. Wozu dies Alles mir nützen kann, weiß ich nicht; aber daß es mir nicht ſchaden kann, iſt gewiß. Vor mir ſitzt eine Dame, die ſehr kokett zu ſein ſcheint. Ich habe ihr Geſicht noch nicht ſehen können, denn ſie trägt einen Hut und ſitzt unmittelbar vor mir; meine beiden Kniee würden ihr als Stuhl⸗ Lehne dienen können, wenn ich ſie etwas vorſtreckte; ich zog ſie aber ſoviel als möglich zurück, um dieſe Dame nicht zu incomodiren; aber die Bänke ſtehen ſo nahe an einander, daß eine Berührung der vor mir ſtehenden Bank unvermeidlich war, und ich konnte beurtheilen, daß ſie eine lobenswerthe Härte hatte. Glauben Sie ja nicht, daß in mir die Luſt rege ward, irgend eine indecente Pantomime auszuführen; ich kann Sie verſichern, daß dies mein Fehler nicht iſt, und wenn meine Kniee ſich auch von Zeit zu Zeit an das ſtießen, was von der Dame über die Bank hinwegragte, ſo iſt dies die Schuld der Theater⸗ Direction, welche nicht Zwiſchenraum genug zwiſchen den Bänken gelaſſen hat; aber in dieſem Augenblicke gebrauche ich keinen. 2* 20 An der Seite dieſer Dame ſaß ein Herr von 39 bis 40 Jahren, geſchmückt mit einem Haar⸗Topee, das ich durch meine Stellung gezwungen war für un⸗ ächt zu erkennen, denn die Grundfarbe des Hinter⸗ kopfs war von der des vordern ganz verſchieden. Dieſer Herr, deſſen Phhſiognomie ich nie mehr ge⸗ ſehen habe, hielt auf ſeinen Knieen einen kleinen Knaben von 4 bis 5 Jahren, der mir vorkam, als ob er zu der Gattung ſchrecklicher Kinder gehörte, welche die Feder unſerer Karrikaturiſten ſo poſſier⸗ lich ſchildert. Der Herr und die Dame waren unbedingt Mann und Frau; folgender Dialog läßt es unbezweifelt: „Nehmen Sie doch die Füße des Kleinen in Acht, mein Freund, ſie kommen mir auf das Kleid.“ „Das iſt nicht meine Schuld, er rückt immer hin und her.“ „Setzen Sie ihn zwiſchen uns auf die Bank.“ „Damit er ſchreiet— Er ſagt, daß er nichte ſieht und will auf mir ſitzen.“ „Wenn Sie dumm genug find, ihm nachzugeben, ſo iſt das etwas anderes.“ Sie ſehen hieraus, daß es Mann und Frau iſt. Links von dieſer Dame und vor der jungen, lie⸗ benswürdigen Perſon, ſaß ſo eine Art Lion, ein petit-maitre, an dem ſchon mehr als 30 Jahre vor⸗ über gerauſcht waren. Dieſer Jüngling, nicht eben häßlich, trug einen Backen⸗ und Schnurbart, die 21 einen Sapeur eiferſüchtig machten. Alles war von einer Schwärze, die in's Blaue ſpielt. Vielleicht hat er die Abſicht, einſt ein Blaubart zu werden. Die feurige Geſichtsfarbe dieſes Indivi⸗ dui, ſeine ſtark redenden Züge, ſeine artigen Manie⸗ ren und eine kleine Lorgnette, die er von Zeit zu Zeit ſehr geſchickt an ſein rechtes Auge ſetzte, ließen mit Beſtimmtheit vermuthen, daß dieſer ſchöne Herr Er⸗ oberungen ſuche: man las in ſeinen Mienen die feſte Ueberzeugung, daß ſein bloßes Erſcheinen hinreiche, eine Frau zu inflammiren, zu verführen. Ich glaube, mich jetzt genug mit den mich umge⸗ benden Perſonen beſchäftigt zu haben: ob ich jetzt zum Schauſpiel übergehe? ber jene junge Dame zu meiner Linken iſt zu niedlich— man ſieht auf der Stelle ihr beſcheidenes, anſtändiges Weſen.— Oft täuſcht man ſich hierin, ich weiß es; aber nicht ſo oft, als man es ſagt. Unwillkührlich muß ich ſehr oft Blicke nach links ſenden. Der Gegenſtand meiner Bewunderung, das junge Mädchen nämlich, bemerkt nichts davon, ſie iſt ganz in das Stück vertieft; man ſieht, daß ſie mit lebhaftem Intereſſe jeder Scene folgt, jede Perſon aufmerkſam anhört, mit einem Worte, daß ſie von den Theatervergnügungen nicht blaſirt iſt. Aber jener Herr mit dem Schnurbarte ennuhirt mich; ich kann das hübſche Mädchen nicht anſehen, ohne ſeinem Geſichte zu begegnen und ſeinem großen Barte, er hört nicht auf, ſich umzudrehen um ſie 22 anzuſehen. Weil er vor ihr ſitzt, iſt ihm dies weniger bequem, als mir. Das Ende davon wird ſein, daß er einen ſteifen Hals bekommt. Ah glücklicherweiſe richtet er ſeine Lorgnette auf die Dame, welche vor ihm ſitzt— er ſcheint Ge⸗ ſchmack an ihr zu finden, folglich muß die Dame ſchön ſein.— Im Zwiſchenaet will ich mich davon überzeugen. Das Stück, was man ſpielt, gewährt einen Blick in das Innere der ſchlechten Hauswirthſchaft eines Handwerkers. Ich höre mit Vergnügen mehrere Scenen an, die viel Wahrheit enthalten. Mit einem Male ſagt der Schauſpieler, der den Ehemann dar⸗ ſtellt, mit Ungeſtüm zu ſeiner Frau: „Gieb mir meinen Ueberrock, ich will ausgehen; und vor allen Dingen raiſonire nicht!“ Gleich darauf höre ich hinter mir im Parterre den Dialog mit vielem Feuer fortſetzen und zwar von einer Frau in einer Mütze und von einem Manne in Blouſe und Kaskett. Die Frau ſpricht: „Das iſt ſtark! Ich will nicht! Dieſe Scene laſſe ich nicht gelten.“ „Im Gegentheil, ich finde, daß die Stene ſehr gut iſt; der Dichter, der ſie geſchrieben, iſt nicht dumm. Bravo, das Stück iſt gut!“ „Nein! Nein! Nein! Ich will nicht, daß ein — Mann ſo ſpreche— ſpricht ein Mann ſo mit ſeiner Frau? Scheuſal von Mann! 23 „Wenn ſeine Frau ihm ſolche Streiche ſpielt, wie die da!“ „Einerlei; hüte Dich, jemals Deinen Rock ſo von mir zu fordern, und Du wirſt ſehen, ob ich ihn Dir gebe.“ „Du wirſt ihn mir geben.“ „Nein, ich werde ihn nicht geben.“ „Ich ſage ja!“ „Verſuch' es einmal, und Du wirſi es ſehen.“ „Gut, Javotte, wir wollen ſehen; wirſt Du nun bald ſchweigen?“ Die Frau mit der Mütze war durch das Stück, in welchem ein Mann ſeine Frau ſo hart behandelte, ſo aufgeregt, daß ſie mit den Füßen ſtampfte und bald ihrem Manne, bald dem Schauſpieler auf der Bühne mit der Fauſt drohete, indem ſie laut ſagte: „O Du Lump, wenn ich Dich hätte! mich ſoll⸗ teſt Du einmal ſo behandeln, gegen mich ſollteſt Du es wagen, dieſen Ton anzunehmen, ich wollte Dir zeigen, was eine Gattin iſt! Du biſt ein Thran, ja, ein Thran!“ „Ruhe dort!“ „Hinaus!“ „Will ſie endlich ſchweigen?“ Von verſchiedenen Seiten erhoben ſich gegen Madam Javotte dieſe und ähnliche Stimmen. Die Gattin des Partikulier's in der Blouſe konnte es kaum über ſich gewinnen, zu ſchweigen; ſie fuhr 24 aber fort dem Schanſpieler und ihrem Eheherrn mit der gevallten Fauſt zu drohen. Der Herr mit dem Kalbskvopfe lachte recht herz⸗ lich über dieſe Epiſode; er ſprang vor Freuden von der Bank aufund ſetzte ſich wieder. Ich hatte an ihm einen unerträglichen Nachbar. Der großen Fleiſchmaſſe, die neben dieſem Herrn laſtete, entfuhren von Zeit zu Zeit Töne, die dem Gebrüll eines Ochſen am ähnlichſten waren, und als die Situationen in dem Stücke immer intereſſanter wurden, rückte er ſo gewaltig auf der Bank hin und her, daß ſie ins Schwanken kam und fämmtliche Per⸗ ſonen, die darauf ſaßen, tanzen machte. Dies war nun ſehr angenehm für die Leute, die den Tanz im Schauſpiel nicht lieben. Wie es ſchien, war der Fettklumpen für alle Eindrücke ſehr empfäng⸗ lich, denn einmal im Gange zu tanzen und zu ſprin⸗ gen, dauerte es ziemlich lange Zeit, ehe er ſich wieder beruhigte. Um uns dafür zu entſchädigen, wenden wir un⸗ ſere Aufmerkſamkeit nach links: o, welche lieblichen Augen! Welch' ein ſüßer Ausdruck in dem Geſicht⸗ chen— Dieſes junge Mädchen iſt keine Kokette, ſie ſcheint die Wirkuug nicht zu ahnen, die ihre Schön⸗ heit hervorgebracht.— Aber ihre Stirn verfinſtert ſich, Thränen netzen ihre Augenlieder.— Sollte ſie Kummer haben?— O, ich Thor! Ich bedenke nicht, daß es das Stück iſt, welches alle dieſe Empfindungen in dem —e 25 reizenden Weſen hervorbringt, das kein Wort verliert von dem, was auf der Bühne geſprochen wird, das den innigſten Antheil an den Leiden nimmt, die die Schauſpielerin zu dulden erkünſtelt. Ja, ſo iſt es— jetzt lächelt ſie, denn die Unſchuld der Heldin iſt an's Tageslicht gekommen. Dies junge Mädchen muß auch ſehr empfindſam ſein, denn ihre Seele iſt ſehr empfänglich für die Eindrücke des Kummers und der Freude; wenn die Liebe ſich einmal ihres Herzens bemächtigt, wie muß die nun zu lieben wiſſen! Ich bewundere mich und meine Philoſophie: wie muß die nun zu lieben wiſſen— wer ſagt mir denn, daß ſie es nicht weiß, daß ſie nicht ſchon geliebt hat? Ob ſie nicht Jemanden liebt? Das iſt leicht möglich! Aber ich weiß nicht warum, ich möchte, daß es nicht der Fall wäre Bin ich vielleicht in dieſe junge Dame verliebt?— Wahrhaftig, das iſt ſo ſchwer nicht, denn ich habe ſchon minder ſchöne geliebt— geliebt— das heißt gekannt.— In dieſem Augen⸗ blicke kommt es mir vor, als ob ich noch nie geliebt hätte. Ihre Kleidung iſt einfach und beſcheiden, ihre Mienen unſchuldig— wer kann ſie ſein? Die Mut⸗ ter und die Tochter? Nein. Sie nennt die alte Dame Madam, ſie ſind nicht verwandt. O, wie unerträglich iſi der ſchöne Lion, der vor ihr ſitzt; er drehet ſich faſt den Hals ab, um ſie an⸗ 26 zuſehen. Du Eſel, beſieh' doch Deine andere Nach⸗ barin durch die Lorgnette! Es iſt wahrſcheinlicher, daß dieſe auf Deine Abſichten eingeht, und, nach der Art und Weiſe zu urtheilen, wie ſie mit ihrem Gatten ſpricht, können ſich die Sachen arrangiren. Indem ich den Artigen ſpielen will, um meine Nachbarin links nicht zu incommodiren, verſetzt eine meiner Kniee dem Hintertheile der Dame vor mir einen Stoß. Sie wendet ſich raſch um: ich ſtottere verlegen eine Entſchuldigung. Teufel! Auch dieſe iſt eine ſehr ſchöne Dame. Schwarze, ſtechende Augen, die Fülle der Haare, durch ein Band hinter die Ohren gefeſſelt, läßt ſich kaum halten, und ein feines Lächeln läßt durchaus nicht auf rohe Sitten ſchließen. Denken Sie ſich nun, daß die Nähe der Bänke mich zwingt, mit meinen Knien zu fühlen, und Sie werden be⸗ greifen, wieviel Feuer ich in meine Entſchuldigung legte. v Die Dame nimmt ſie mit großer Liebenswürdig⸗ keit an indem ſie ihrem Platz wieder einnimmt; aber jedes Mal, das ſie ſich wendet, um mit ihrem Gat⸗ ten, oder mit ihrem kleinen Knaben zu reden, ſieht ſie mich an, und von dieſer Zeit an, geſchieht dies ſehr oft. Bin ich nicht ein übergroßer Narr? Jetzt bilde ich mir ein, ich habe an dieſer Dame eine Eroberung gemacht! Wahrhaftig, warum nicht? Iſt ſo etwas nicht — 27 möglich? Ja, es iſt gewiß, denn ich fühle, daß die Dame ſich leiſe immer mehr zurückſetzt, ſo daß meine Kniee das Glück haben, eine gewiſſe Wärme zu empfinden. Meine Kniee ſind in dieſem Augenblicke ſehr glücktich und dies Glück erregt in mir ſehr ange⸗ nehme Empfindungen. Sie werden vielleicht ſagen, ich ſei ein Zoten⸗ reißer; aber ich bin feſt überzeugt, daß Sie an mei⸗ ner Stelle daſſelbe Vergnügen empfunden haben würden. Warum ſoll ich mir auch deshalb Vorwürfe machen? Sie ſehen, daß ſich die Sachen ohne mein Zuthun ſo geſtaltet haben. Wollen Sie jetzt daß ich meine Kniee zurückziehe und den keuſchen Joſeph ſpiele? Warum nicht gar! Für wen halten Sie mich? Ich will nicht glauben, daß Sie eine ſo ſchlechte Mei⸗ nung von mir gefaßt haben. Ruhig, der kleine Knabe ſpricht: „Mama, mich hungert!“ „Laß Dir ein Stück Kuchen von deinem Vater geben.“ „Papa Mimi, gieb mir ein Stück Kuchen.“ „Aber Phonphonschen, mein Kind, ich habe keines mehr; Du wollteſt ja vor Anfang des Theaters eſſen. Ich hatte noch drei Stückchen, Du haſt ſie aber verſchlungen, wie ein Vielfraß.“ „Ich habe Hunger— Ich habe Hunger! Ich will Kuchen haben!—“ 28 „Mein Herr, geben Sie dem Kinde ein Stück Kuchen, damit es ruhig iſt.“ „Geliebte Freundin, er hat ſchon Alles gegeſſen, was ich bei mir hatte.“ „Sie hätten mehr mitnehmen ſollen, mein Herr!“ „Ich hatte zwei große Stück Stolle und ein Stück Käſekuchen bei mir, wie konnte ich denn denken, daß dieſe nicht genügen würden?—“ „Phonphonschen ißt zu ſtark, es kann ihm übel bekommen; fühle einmal ob er einen harten Leib hat.—“ „Mich hungert, mich hungert!— Papa Mimi iſt ſchlecht, er will mir keinen Kuchen geben.“ „Seiruhig, mein Phonschen, das Stück iſt gleich zu Ende, im Zwiſchenaet ſoll Dir Dein Vater Ku⸗ chen kaufen.“ Das Kind beruhigte ſich für einen Augenblick; aber um ſich zu rächen, daß man ihm nicht auf der Stelle Kuchen gegeben, kletterte es an ſeinem Vater in die Höhe und ließ ſich dann zur Erde hinab. Dies Exercitium erinnerte mich dunkel an Herrn Riſlh und ſeine Kinder. Wahrhaftig, hätte ich ſo ein kleines Phonschen gehabt, ich wäre ſtark verſucht geweſen, ihm einige Fußtritte auf den P... zu appliciren. Noch habe ich vergeſſen, Ihnen zu ſagen, daß ich das Geſicht des Papa WMimi geſehen habe, einen förmlichen Vogelkopf, und zwar von der Gattung jener kleinen gerupften Zeiſige, die den Schwanz 29 wechſeln und dabei beſtändig unruhig und beſchämt ausſehen. Das erſte Stück iſt zu Ende. Der Papa des Herrn Alphons ging hinaus, um Kuchen zu kaufen. Als ſein Vater nicht mehr zuge⸗ gen war, bemerke ich, daß der kleine Bube ſich ſehr ruhig verhält. Die Dame iſt recht hübſch, ihr Geſicht liebens⸗ würdig und pikant, aber durchaus nicht mit der jun⸗ gen Perſon, die zu meiner linken ſitzt, zu vergleichen. Jetzt, da das Stück zu Ende iſt, begegnen meine Blicke einigemal den ihrigen; beſcheiden ſchlägt ſie die Augen nieder, als ſie bemerkt, daß man ſie prüft. Sie wechſelt einige Worte mit der alten Dame, die neben mir ſitzt: wenn ich doch hieraus etwas ent⸗ nehmen könnte— hören wir: „Wie angenehm iſt doch das Schauſpiel!“ „Amüſiren Sie ſich, mein Kind?“ „O ja, Madam!“ „Ich fürchte nur, daß es ſehr lange dauern wird.“ „Was thut das, Madam? Man iſt ja unterrich⸗ tet und wird uns erwarten.“ „Es iſt aber ſehr weit bis zu unſerer Wohnung, und ich mag nicht gern ſo ſpät in den Straßen ſein.“ „Iſt dabei Gefahr, Madam?“ „Zwei Frauen allein— glücklicherweiſe werden wir ja wohl immer noch Leute antreffen.—“ Mehr wurde nicht darüber geſprochen. Was ſoll man daraus nun ſchließen? 30 Sie wohnen weit vom Boulevard du Temple— Man erwartet ſie— ſie wohnen alſo nicht allein. Wahrſcheinlich muß ihr Domeſtik auf ſie warten. Der Lion mit dem ſchönen Barte ſieht aus, als ob er bei übler Laune ſei; er merkt, daß man auf ſein Mienenſpiel und ſein Augenglas Kuig Auf⸗ merkſamkeit richtet. Papa Mimi kommt mit Kuchen in Papier ge⸗ wickelt zurück. Als das kleine Phonsc en bemerkt, ſchlägt es mit Händen und Füßen auf die Bank und ſtößt ein Freudengeſchrei aus, das den Ausbrüchen des Zornes nicht unähnlich war. Das Individuum mit dem Vogelkopfe, das ſich — hinter dem kleinen Knaben befindet und von ihm häufige Fußtritte erhält, wendet ſich zu mir und ſpricht: „Man iſt ſehr. thörigt, Rinder von dieſem Alter in das Theater zu führen. Würde dieſer Knabe ſich nicht tauſendmal beſſer in ſeinem Bette befinden, als hier, wo er nicht weiß, wie er die Zeit hinbringen ſoll und Allen unerträglich iſt?“ Statt der Antwort pflichte ich ihm durch Lächeln bei; aber im Innern hege ich vollkomwen die An⸗ ſicht meines Nachbars. Der junge Alphons fällt mit einem wahren Heißhunger über ein Stück Zuckerkuchen her, das Papa Mimi ihm präſentirt, und in einer Anwand⸗ lung von kindlicher Zärtlichkeit, wahrſcheinlich um 31 die Gefälligkeit ſeines Vaters zu belohnen, der ihm noch ein Stück reicht, trennt es ein Stückchen davon und reicht es dem Papa, indem es ſpricht: „Nimm, Mimi, dies iſt für Dich!“ Aber der Herr, der wahrſcheinlich keinen Appetit auf Kuchen hat, reicht das dargebotene Stück dem Sohne zurück indem er antwortet: „Danke, Freundchen, behalte es; ich will nichts davon.“ Der kleine Knabe ſteigt aber auf die Bank und hält unaufhörlich das Stück Kuchen dem Papa an den Mund indem er ſagt: „So iß doch!“ Der Papa, gezwungen, jeden Augenblick den Kopf abzuwenden, antwortet: „Ich ſage Dir aber, daß ich nicht will!“ Dieſe kleine Scene zwiſchen Vater und Sohn dauerte einige Augenblicke. Mir kam die Idee, ob ſie nicht durch ein mehr oder weniger komiſches Zwi⸗ ſchenſpiel endigen würde; und richtig, ich täuſchte mich nicht. Während eines Augenblickes, wo der Vater ſich nach der andern Seite gewendet hatte, kommt dem Knaben der Gedanke, das Stück Kuchen ihm in dem Momente in den Mund zu ſtecken, wo er ſich gegen ihn zurückwendet. Der Augenblick kommt, der Herr wirft lächelnd ſeine Blicke auf ſeinen Sohn, aber des Kindes Hand fährt mit Blitzesſchnelle ihm in's Geſicht. 32 Unglücklicherweiſe irrt es ſich, und anſtatt ihm den Käſekuchen in den Mund zu ſtecken, klebt es den⸗ ſelben auf das rechte Auge und bleibt ſo ſchön ſitzen, als ob der Herr Zeit ſeines Lebens ein Pflaſter dar⸗ auf tragen müſſe. „Ah! Sapperment, über den Bengel!“ ſchreit der Herr, indem er ſoviel als möglich ſein Auge zu entkleiſtern ſucht;„o, Du kleiner Taugenichts!“ Das Kind glaubt ſeinen Plan gut ausgeführt zu haben, ſchlägt mit den Händen und ruft: „Iß, Papa, iß, der Kuchen iſt gut!“ „Aber, kleiner Naar, Du haſt ihn mir ja in das Auge geſteckt.“ „Schweigen Sie, mein Herr,“ fällt die Mama ein,„Sie verurſachen einen ſehr unanſtändigen Lärm!“ „Ach, Madame, wenn man Ihnen das Auge verklebt hätte—“ „Genug, mein Herr, ſchweigen Sie!“ Und dieſe Dame, die ſich jetzt erhob, warf einen faſt verächtlichen Blick auf das junge Mädchen, das ich nicht müde werden konnte zu bewundern. Ich weiß nicht, ob das junge Mädchen das Glück und Entzücken bemerkte, das mir ihr Anblick ge⸗ währte; aber es ſchien mir, als ob ſie erröthete und verlegen würde. Ich ſetzte mich wieder auf meinen Platz und wandte den Kopf weg, denn ich würde 33 untröſtlich geweſen ſein, wenn meine Blicke auch nur im geringſten das hübſche Kind beläſtigt hätten. Meine Nachbarin vor mir ſetzte ſich auch wieder, und beinahe auf meine Kniee. Die Nachbarn hinter mir machten laut ihre Be⸗ merkungen über das Stück, das man aufgeführt atte. „Mir gefällt das Stück nicht; wenn man es wiedergiebt gehe ich nicht in das Theater.“ „Ich finde es nicht ſo übel— es hat viel Gutes.“ „Ein Mann, der ſeine Frau mißhandelt— man ſollte Stücke dieſer Gattung nicht erlauben!—“ „Aber, Javotte, wenn mir recht iſt, ſo erlaubt man ſehr oft Stücke, in denen die Weiber den Män⸗ nern recht niedliche Zöpfe drehen.“ „Ach, das iſt auch viel komiſcher und amüſanter!“ „Danke, Du meinſt alſo, wir ſind gut genug, Euch zum Gegenſtande des Gelächters zu dienen. „Ich habe den Schauſpieler gern, der den Duck⸗ mäuſer ſpielt, um die Frau zu verführen, denn er muß ſicherlich ſehr gut ſpielen!“ „Der hier war aber keiner der Beſten.“ „Glaubſt Du?“ „Ich bin davon überzeugt— Halt, als Beweis dafür führe ich Dir die beiden Stücke an„ die wir neulich ſahen und in denen er ſpielte; aber die Per⸗ 6 die er darſtellte, war nach dem erſten Acte ſchon todt.“ Carotin. I. 3 34 „Was beweiſt das?“ „Wie dumm biſt Du! Wenn der Schauſpieler gut wäre, würde er nach dem erſten Aete nicht ſchon ſterben. Man hätte ihn wenigſtens im zweiten noch einmal kommen laſſen ſollen. Aber ſo tödtet man ihn, weil man denkt, das Publikum ſieht ihn nicht gern. „Siehſt Du, Bernhard, das Alles iſt bei mir nicht ſo. Ich liebe ein Stück nicht, worin ein Herr vorkommt, der den ganzen Aet hindurch im Schlaf⸗ rock bleibt. Wenn die Schauſpieler nicht ſehr gut gekleidet ſind, können ſie niemals berühmt werden.— Was wird man jetzt ſpielen?“ „Ein Stück, in dem geſungen wird.“ „Es wird doch nicht traurig ſein?“ „Weiß ich es?“ „Wenn das Stück nicht traurig iſt, gehe ich nach hauſe! Ich gehe nur in das Theater, um zu weinen; das iſt für mich Genuß.“ Drei Schläge ertönen. Das zweite Stiück beginnt. Während das hübſche Mädchen die Schauſpieler betrachtet und auf das Stück hört, kann ich ſie ganz nach meinem Gefallen beobachten, denn ſie merkt nichts davon. Jedesmal, wenn der Zufall mir eine Dame ent⸗ gegen führt, deren Geſicht mich anzieht, ſei es nun im Theater oder auf der Promenade, kann ich mich einer Menge Vetrachtungen nicht erwehren, wie z. B. in dieſem Augenblicke: 35 Wie ſchade, wenn ich ſie nicht wiederſehen ſollte! Welch ein Unglück, nicht auf der Stelle ein Verhält⸗ niß anknüpfen zu können mit der Perſon, zu welcher man ſich durch geheime Neigung, ſüße Sympathie hingezogen fühlt. Ach, wäre ich doch reich, dann könnte ich alle Hinderniſſe beſeitigen! Durch Gold kann man alle ſeine Wünſche, ſeine Launen und Leidenſchaften be⸗ friedigen. Wie glücklich ſind doch die Reichen!— Beim Schluße dieſer Betrachtungen ſtecke ich in der Regel meine Hände in die Hoſentaſchen. In die⸗ ſem Augenblicke finde ich drei Franks fünfzig Cen⸗ timen darin. Meine Stirn legt ſich in Falten und meinen Mund zieht ein geheimer Verdruß zuſammen. Welch ein himmelweiter Unterſchied zwiſchen drei Franks fünfzig Centimen und einem großen Ver⸗ mögen Um mich zu tröſten, kann ich mir ſagen: Es giebt noch ſehr viel Leute, die nicht einmal drei Franks fünfzig Centimen in ihrer Taſche haben. Was thut außerdem mir dieſer Ehrgeiz, der mit we⸗ nigem glücklich zu ſein verſteht? Warum der bloße Wille, meinen Wünſchen und Launen genügen zu können? Giebt es nicht tauſend Beiſpiele, daß die⸗ jenigen, die dem allen genügen können, nicht glück⸗ licher ſind, als die übrigen, die es nicht können? Wie oft ſtellt ſich das Gegentheil heraus, indem Ueberſättigung und Langweile dadurch erzeugt wird? Da erinnere ich mich jenes goldenen Spruchs: — Der glücklichſte iſt nicht der, der Alles beſitzt; 3* 4 36 wohl aber der, der nicht wünſcht, was er nicht be⸗ ſitzt.— Ich kenne dieſen Satz zwar im Lateiniſchen; aber ich fürchte, Sprachfehler zu machen. 3. Das Portrait. Ein ganz natürlicher Wunſch ward in mir, dem Miniaturmaler, rege: das Portrait dieſer lieblichen Dame zu beſitzen, die ich vielleicht niemals wieder⸗ ſehen dürfte. Ich führe immer ein kleines Skizzenbuch und ein Bleiſtift bei mir: wenn ich doch ſchnell ihr Profil zeichnen könnte, während alles mit dem Stück, das eben geſpielt wird, beſchäftigt iſt! Aber wenn die alte Dame an meiner Seite bemerkt, was ich treibe— doch, ſie hat die Kapuze ihres Regenmantels über den Kopf gezogen— ich will es verſuchen, indem ich mein Buch auf den Deckel meines Hutes lege. Leiſe ziehe ich mein kleines Buch aus der Ta⸗ ſche— dann den Bleiſtift; jetzt lege ich mein Schnupftuch auf den Hut, neben das Schnupftuch das Büchelchen, daß ich es nöthigenfalls raſch damit bedecken kann, und beginne. Ich kann nur das Profil zeichnen; doch gleich⸗ viel, ich werde mit dieſem Profil ſehr glücklich ſein. 37 Ich mache meine Striche ſo raſch als möglich. Doch welcher Teufel plagt die alte Dame, die vor mir ſitzt; jeden Augenblick rückt ſie ihr Hintertheil hin und her, ſtößt mich an, als ich in der Mitte der klei⸗ nen niedlichen Naſe bin uud zwingt mich, einen Höcker darauf zu machen. Der kleine Knabe verlangt jetzt, daß man ihn auf die Bank hebe. Papa Mimi, der ſeit der Zeit, daß ſein Sohn ihm ein Pflaſter auf das Auge gelegt, nicht guter Laune war, und einen ganzen Act hin⸗ durch ſich Mühe gegeben, ſeine Augenhöhle zu reini⸗ gen, ſagt zu Herrn Alphons: „Wenn ich Sie aufhebe, wird es die Nachbarn incommodiren.“ Hierauf ſieht er den Herrn mit dem Kalbskopfe an. Dieſer autwortet, indem er auf die Spitze ſeiner Naſe ſieht: „O heben Sie ihn nur auf; ſetzen Sie ihn auf das Knie— das thut nichts. Ich werde noch genug ſehen können.— Verſtehen Sie etwas von dieſem Stücke?— Mein Gott, wohin werden wir noch kommen?!— Papa Mimi lächelte ſeinen Nachbar mit vieler Grazie an, ohne ihm zu antworten, dann ſetzte er ſeinen Sohn auf die Bank, indem er ihm die größte Ruhe anempfahl. Alphonschen erlaubte ſich jetzt, laute Betrachtun⸗ gen über das Stück anzuſtellen: „Papa, warum will denn der Herr mit den 38 blauen Hoſen und den großen Stiefeln die Dame im rothen Unterrock immer umarmen?“ „Mein Freund, der Herr iſt der gnädige Herr des Dorfes, und dieſe Herrn haben in jetziger Zeit das Recht, alle Bäuerinnen ihrer Beſitzungen zu um⸗ armen, auch diejenigen, die blaue Unterröcke tragen.“ „Warum will die Bäuerin ſich nicht umarmen laſſen?“ „Weil ſie weiß, daß dies nicht ſchön iſt, mein Kind. Ein junges Mädchen, das klug iſt, läßt ſich nur von ſeinen Eltern, oder wenn es keine hat, von ſeiner Sei umarmen. „Ah! der Herr in den blauen Hoſen hat ſich hinter einen Baum verſteckt— Warum ruft er nicht: hier, hier!“ „Mein Sohn, der gnädige Herr ſpielt nicht Ver⸗ ſtecken mit ſeinen Unterthanen; er verbirgt ſich nur, um ſie zu beobachten, weil er eiferſüchtig iſt.“ „Ach, da kommt noch ein anderer, der ſingt. Warum hat denn der Thierfelle umgehangen?“ „Weil er ein Hirt oder ein Schäfer iſt. Die Schäfer kleiden ſich gewöhnlich in Schaafsfelle.“ „Warum denn?“ „Weil ſie warm halten und vor ſchlechter Wit⸗ terung ſchützen.“ „Warum trägſt Du denn nicht auch ein Thier⸗ fell ſtatt deiner Flanell⸗Unterjacke?“ Der Papa ſendet triumphirend ſeine Blicke in der Nachbarſchaft umher, als wollte er allen ſagen: 39 Hört einmal, wie berſtändig mein Sohn ſpricht!— Dieſe Folgerung war ein wenig weit hergeholt. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn dies Kind einmal Mitglied einer gelehrten Geſellſchaft iſt. Als dieſer Herr kein Geſicht bemerkte, das den Enthuſiasmus für ſeinen Sohn theilte, wandte er ſich an ſeine Frau: „Theure Freundin, haſt Du gehört, was dein Sohn mir ſo eben ſagte?“ Ungeduldig antwortet Madam: „Was giebt es, mein Herr, was giebt es?“ „Ich frage Dich, ob Du die wirklich geiſtreiche Bemerkung gehört haſt, die unſer Alphons in Bezug auf das Kleid des Hirten und meine Flanell⸗Unter⸗ jacke gemacht hat?“ „Ach, mein Herr, laſſen Sie mich das Stück hören.— Was wollen Sie mir ſagen von Ihrer Flanell⸗Jacke?— Iſt es nicht ſehr intereſſant? Sie haben mich verhindert, den Geſang zu hören.“ Und Madam wandte ihrem Manne den Rücken zu. Aber in dieſem Augenblicke rief Phonschen von neuem: „Ach, Papa, jetzt umarmt der Schäfer das junge Mädchen— warum wird ſie denn diesmal nicht böſe?“ Der Papa, nachdem er einen Augenblick über⸗ legt, antwortet: „Mein Sohn, das kommt daher, weil der 4⁰ Schäfer nicht blaue Hoſen und große Stiefel trägt, die die Bäuerin erſchrecken; auch iſt. ein Hammel⸗ fell lieber.“ „Siehſt Du, Du biſt ein Lügner! Du haſt mir geſagt, ein junges Mädchen umarme nur ſeine Er⸗ zieherin. Ach, Papa, Du biſt ein Lügner!“ Dies Mal konnte der Herr ſeine Freude nicht unterdrücken. Er umarmte ſeinen Sohn, der mit den Beinen zappelte und auf der Bank hin und her⸗ ſprang indem er rief: „Lügner, Papa iſt ein Lügner! Ach, Papa, haſt Du keinen Kuchen mehr?“ Die Aeußerungen des wilden Knaben provocir⸗ ten das Gemurr des Parterr's. Alphons ließ ſich nicht ſtören und rief: „Mich dürſtet.“ „Freundchen, im Theater trinkt man nicht, das iſt eine ſchlechte Sitte.“ „Aber mich dürſtet!“ „Wart', ich habe Brodkuchen, der wird Dich er⸗ friſchen.“ Das Kind biß gierig in den Brodkuchen, ſeine Mutter zuckte die Achſeln und ſprach vor ſich hin: „Ich kann nicht begreifen, wie man einem Kinde Brodkuchen geben kann, wenn es zu trinken verlangt.“ Während dies Alles ſich ereignete, bin ich mit meinem Profil vorgerückt. Die alte Dame wendet ein wenig den Kopf— raſch bedecke ich mein Buch mit dem Taſchentuche— alles ſieht wieder nach der ſ 41 Bühne, ich nehme ſchnell meine Zeichnung wieder zur Hand und will mein Werk, gut oder ſchlecht vollenden, als mein unglücklicher Nachbar mit dem Vogelkopfe ſich umwendend bemerkt, daß ich zeichne. „Ach,“ ſprach er,„Sie fertigen ein Portrait, ohne Zweifel das der Schauſpielerin auf der Bühne. Erlauben Sie, daß ich ſehe, ob es ähnlich iſt?“ Anſtatt es dem Herrn zur Anſicht zu geben, be⸗ eile ich mich, mein Buch zu ſchließen, ſtecke es ruhig in die Taſche und antworte ihm: „Es verlohnt ſich nicht der Mühe, es iſt zu ſchlecht.“ „Ach, das iſt ſehr different. Ich finde die Schau⸗ ſpielerin nicht hübſch; es giebt aber Leute, die ganz toll darüber ſind— mir unbegreiflich!— „Man erzählt ſich, daß ein junger Mann ihret⸗ wegen wie ein Fürſt verſchwendet, daß er ihr giebt, was ſie verlangt. Die Erfahrung hat gelehrt, daß man den Herrn, die das Geld zum Fenſter hinaus⸗ werfen, um eine Schauſpielerin zu unterhalten, nicht trauen darf; ſie gewinnen es auf eine ganz beſondere Art und Weiſe. Wir haben ſeit kurzer Zeit viele Beiſpiele erlebt. Dieſe Damen ſollten doch in Er⸗ fahrung zu bringen ſuchen, mit wem ſie zu thun haben.“ Auf jeden Fall iſt der Herr mit dem Vogelkopfe nicht ſo dumm, als ich ihn geſchätzt habe; aber er iſt die Urſach, daß ich meine Zeichnung nicht wieder zur Hand nehmen kann, denn ich muß fürchten, jetzt zu ſehr beobachtet zu werden. Jedoch— ich habe et⸗ was von ihr, und das iſt mir genug. „Javotte, die Arie iſt ſehr ſchön, die der Lieb⸗ haber ſingt— ſuche Dich ihrer zu erinnern, wenn wir bei Onkel Dübüt zu Mittag eſſen. Mein Onkel liebt den Geſang.“ „Wahrhaftig, ich gewinne deiner Arie keinen Geſchmack ab. Da lobe ich mir die Romanze aus Guidero: — Sie fliehet wie ein Schatten.— die iſt ſehr gefühlvoll.“ „Allerdings; aber Du fingſt ſie ſchon ſeit fünf oder ſechs Jahren bei dem Onkel zum Deſert, wir fangen an, genug daran zu haben.“ „Seit fünf oder ſechs Jahren giebt uns Dein Onkel nur Käſe zum Deſert, und ich ſehe nicht ein, warum ich mein Repertoir ändern ſoll; wechſelt Dein Onkel den Käſe, wechſele ich meine Romanze.“ Der erſte Act geht zu Ende. Alphons ruft von neuem, daß er Durſt habe, und ſein Herr Vater iſt verpflichtet, hinaus zu gehen und den Sohn mitzunehmen: er führt ſeinen Sohn zur Tränke. Ich weiß nicht, ob dieſer Herr die Romance kennt: — Wie glücklich bin ich, ein Vater zu ſein!— ich zweifle jedoch, daß er in dieſem Augenblicke Luſt hat, ſie zu ſingen. 42 43 4. Carotin. Es unterliegt keinem Zweifel, ich habe an der Dame, die vor mir ſitzt, eine Eroberung gemacht. Sie ſendet mir Blicke, die der größte Neuling nicht mißverſtehen könnte; und wenn ich ſagte, daß ich ein Neuling ſei, würden Sie es nicht glauben. Ein Maler! zwanzig Jahr alt— und in Paris! In der That, wäre ich nicht mit dem hübſchen Mädchen, mir zur Linken, ſo beſchäftigt geweſen, ich hätte längſt verſucht, mit dieſer Dame ein Geſpräch anzuknüpfen, denn ich ſehe es, daß ſie gern plau⸗ dern will. Aber ich kann nicht zwei Minuten hinbringen, ohne jenes anmuthige Weſen anzublicken, deſſen Profil ich flüchtig aufgezeichnet habe, und dies ver⸗ hindert mich, von dem Glücke Nutzen zu ziehen, das ſich mir darbietet. Mitunter iſt es wirklich ein Unglück, zwiſchen zwei Frauen zu ſein, die uns gefallen; wenn man auch zu ſagen pflegt: Ueberfluß an Gütern ſchadet nicht. Ah, ſiehe da Papa Mimi mit ſeinem Spröß⸗ ling kehrt zurück. Vei Gott! Wenn man einem Zeiſig ſo ähnlich ſieht, wie dieſer Herr, iſt es einer Gattin wohl zu verzeihen, daß ſie ſich einige Zer⸗ ſtreuung erlaubt. Ich glaube, dieſe Dame iſt fähig, ſich viel und oft zu zerſtreuen. Ich habe meine Uhr gezogen, um zu ſehen, was die Glocke iſt. Dies ſoll Ihnen darthun, daß ich nicht ſo ganz genirt bin. Ich habe eine Uhr, und zwar eine goldene. Wahrhaftig, ich würde Sie belügen, wenn ich be⸗ haupten wollte, daß ſie mich bisweilen nicht verließe, um in irgend eine Penſion zu wandern. Dies ge⸗ ſchieht aber nur in dem Falle, wo ich mir nicht an⸗ ders zu helfen weiß, denn ich bin nicht einer von jenen jungen Leuten, die, einer Laune, eines Mittags⸗ eſſens oder einer Thorheit wegen, auf der Stelle hingehen und ihre Uhr verſetzen. Die alte Dame hat ſich zu mir geneigt, als ich nach der Uhr ſehe. Ich beeile mich, ihrem Wunſche zuvor zu kommen und ſage zu ihr: „Fünf Minuten über zehn Uhr, Madam.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr Wir haben noch zwei Arcte, wie ich glaube?“ „Ja, Madam, aber beide ſind nicht lang.“ „Hat nichts zu bedeuten, es wird doch ſpät aus.“ die letzten Worte richtete die Dame an die junge Perſon, die bei ihr war. Wenn ich wagte, die angefangene Unterhaltung fortzuſetzen?— Ich habe ihr geſagt, was die Uhr iſt, und das iſt ſchon etwas; aber ich wage nichts mehr: die Worte bleiben aus. Ich muß wirklich Liebe empfinden, um bis zu dieſem Punkte ſchüchtern zu ſein, denn gewöhnlich iſt es mein Fehler nicht. Der Vorhang hebt ſich wieder. Herr Alphons will bald ſtehen, bald ſitzen, bald auf dem Knie, bald auf der Erde. Alles dies beobachtet ſein Va⸗ ter— die Mama aber bekümmert ſich nicht um ihn. Der gnädige Herr auf der Bühne zieht ein Pi⸗ ſtol aus der Taſche, womit er dem jungen Schäfer droht; in dieſem Augenblicke ſpringt Herr Alphons von dem Knie ſeines Vaters, kriecht unter die Bank und ſchreit mit fürchterlicher Stimme: „Ich will fort! ich will fort Der häßliche Mann mit den blauen Hoſen will das Schaafsfell morden. Komm, Papa, ich fürchte mich.“ „Hinaus Hinaus!“ Nicht ohne Mühe gelingt es dem Papa, den Sohn zu beruhigen, und ihn unter der Bank her⸗ vorzuholen. Nur nach dem Verſprechen, beim Zu⸗ hauſegehen Zuckerbrod und Orangen zu kaufen, folgte der Knabe. Ich weiß nicht, ob es Täuſchung war, aber jedes Mal, das ich während dieſes Actes meine Augen nach der Seite des liebenswürdigen jungen Mädchens wandte, begegneten meine Blicke den ihrigen. Schnell wandte fie ihre Augen wieder ab, und wie es mir ſchien, ward ſie dabei ein wenig roth. Sollte ſie die Seligkeit bemerkt haben, in der ich bei ihrem An⸗ blicke ſchwelgte? Sollte ſie errathen haben, daß mich ihre Reize feſſelten?— Warum nicht? 46 Ach ſo! der Lion ſieht ſie unverwandt an; ſie iſt gezwungen, den Kopf abzuwenden. In der Art und Weiſe dieſes Herrn, eine Frau anzuſehen, liegt eine ungeheure Impertinenz; ich bin berſucht, ihn fühlen zu laſſen, daß ſein Betragen unanſtändig iſt. Aber muß ich mir nicht mit Recht antworten, daß ich eben ſo handle, als er? O nein! Ich ſehe zwar ſehr oft hin, das iſt wahr; aber nicht mit jenem kühnen Blicke, wie dieſer Herr. Ich betrachte ſie nur verſtohlen, und das iſt etwas ganz anderes. Bei dem Eintritt in das Orcheſter bemerkte ich einen jungen Mann, einen meiner Freunde, der Ca⸗ rotin heißt; er iſt Maler, wie ich und ein ſehr guter Junge; aber er hat eine wahre Wuth, Bambusſtöcke zu liefern, die nirgend gefallen, ſelbſt in dem Atelier nicht. Carotin iſt ein großer, magerer junger Mann, ſeine hellblauen Augen ſind faſt immer roth umzo⸗ gen. Seine Naſe iſt ſpitz, ſeine Stirn iſt ſpitz, ſein Verſtand iſt ſpitz. Seine Haare und ſein Bart ſind ſpitz geſchnitten, und ſein runder Hut, den er immer trägt, läuft oben faſt in eine Spitze aus. Carotin denkt nur daran, zu lachen und ſich zu amiiſiren, vhne ſich um den folgenden Tag zu kümmern. Wenn er fünf Franes in der Taſche hat, giebt er zehn aus; wenn er zehn in ſeinem Vermögen 47 beſitzt, giebt er zwanzig aus. Hieraus können Sie ſchließen, daß Carotin die Oekonomie nicht kennt. Er arbeitet wenig; aber als Erſatz dafür ſchlen⸗ dert er viel herum. Er iſt mit einem guten Appetite begabt und beſitzt den beſten Magen, den die Vor⸗ ſehung einem Sterblichen verleihen konnte. Für Je⸗ manden, der kein Vermögen, auch nicht Luſt zur Arbeit hat, iſt ein großer Appetit oft ſehr unbequem. Um den ſeinigen zu befriedigen, wenn er keinen Sou beſitzt,— und dies iſt unglücklicherweiſe ſein Normalzuſtand— fehlt es ihm nicht an Erfindung, Ränken und Unternehmungsgeiſt. Carotin iſt übri⸗ gens ein guter Junge, ſtets bereit, Alles zu theilen, was er beſitzt, wenn er nämlich durch Zufall etwas beſitzt. Da er bei ſeinen Freunden dieſelbe Groß⸗ muth vermuthet, leihet er von ihnen, was er bekom⸗ men kann, ſelbſt Rock und Beinkleider, wenn die ſeinigen abgetragen ſind, und er ihrer zu einer Er⸗ oberung bedarf. Er bringt die geliehenen Effecten den folgenden Tag pünktlich zurück; aber ſtets mit großen Flecken und vielen Riſſen. Ueberall, bei den Griſetten und im Atelier, ſteht Carotin im Rufe eines liederlichen Menſchen. Er hat mich geſehen, benützt den Augenblick des Zwiſchenacts, nähert ſich ein wenig und ruft mir zu, obgleich mindeſtens acht Perſonen zwiſchen uns ſtehen: „Vergiß nicht, dieſen Abend im goldnen Hauſe zu eſſen. Der Salon iſt eingerichtet und der Cham⸗ pagner in Eis gelegt. Komm noch vor Mitternacht; zwanzig Francs für den Kopf, ohne Wein— eine wahre Lumperei!“ Dann entfernte er ſich kaltblütig und mit einem ungeheuren Aplomb. Ich habe ihm nichts geantwortet. Was ſollte ich ihm auch ſagen? Wenn ich fünf Franes fünfzig Centimen in der Taſche habe, bin ich feſt überzeugt, daß er nicht die Hälfte beſitzt. Damit ſoll man nun in das goldene Haus zum Eſſen und Champagner⸗ trinken gehen! Trotz dem verfehlt Carotin auf einige Perſonen ſeines Eindrucks nicht; es ſind deren im⸗ mer vorhanden, die ſich durch ſeine groben Lügen beſtechen laſſen. Die Dame, die vor mir ſitzt, wendet ſich ein we⸗ nig und rückt noch mehr zurück; der Kalbskopf ſpricht mit halber Stimme: „Es lebe das Abendeſſen! Unſere Väter thaten wohl, zu Abend zu ſpeiſen! Es iſt die angenehmſte Mahlzeit Man kann ſich dabei der ungezwungenſten Heiterkeit ergeben. Heut zu Tage giebt es auch noch Leute, die zu Abend ſpeiſen wollen; aber es iſt nicht mehr das. Ein Abendeſſen bei einem Reſtaurateur iſt nie ſo gut als das, was man zu Hauſe genießt— man vergeudet viel Geld und hat wenig Vergnügen. O, wohin ſind wir gekommen?!“ Ich glaube auch, daß mein niedliches Mädchen ihre Blicke nicht mehr nach meiner Seite richtet. 49 Verdammter Carotin! Sein ſchlechter Scherz hat mir Alles verdorben. O, er ſoll es mir zahlen! Man ſpielt den letzten Act. Kaum hat er begonnen, als Herr Alphons ſeinen Bauch betrachtet und ruft, daß er hinausgehen will. Dieſes Mal zeigt Papa Mimi aber Character. Entſchieden erklärt er ſeinem Sohne, daß er vor Ende des Schauſpiels, das übrigens nicht lange mehr dauer könne, nicht hinausgehe. Herr Alphons aber, der nicht gewöhnt iſt, daß man ihm ſeinen Willen verweigere, und gereizt durch die Erklärung ſeines Vaters, nimmt ſeine Zuflucht zum Weinen, und führt dies in einem ſo ſchreienden und durchdringenden Tone aus, daß man von dem, was auf der Bühne geſprochen wurde, nichts verſte⸗ hen konnte. Das Publicum, ſchon ungeduldig durch den öfteren Muthwillen des fleinen Knaben„verlangt aber jetzt einſtimmig ſeine Vertreibung. Man ſchreit im Parterre: „Hinaus!“ „Ruhe im Orcheſter!“ „Das Kind hinaus!“ Das Paradies wird noch energiſcher in ſeinen Erclamationen; mehrere Stimmen rufen: „Erſtickt den Schreihals!“ „Gebt uns das Kind! Ich nehme es für zwei Sou!“ „Setzt Euer junges Herrchen in ein Glas!“ Carotin. I. ² 50 „Mit einer kleinen Leiter, es kann als Barome⸗ ter dienen!“ Als während dieſes Lärmens Herr Alphons den⸗ noch nicht aufhörte zu ſchreien, entſchloß ſich Papa Mimi, ihn aufzuheben, indem er zu ſeiner Frau ſagte: „Wir müſſen fort; wir können das Ende des Stückes nicht ſehen!“ „Das heißt,“ antwortete Madam,„Sie können es nicht ſehen, ich bleibe. Führen Sie Ihren Knahen fort und erwarten Sie mich an der Thür.“ Der Herr wollte Madam Einwendungen allein das Geſchrei des Paradiſes und die Stimmen im Parterre wurden immer drohender. Viele Per⸗ ſonen ſtanden auf und verriethen die Abſicht, Vater und Sohn hinaus zu transportiren, wenn ſie nicht ſelbſt gingen. Papa Mimi ſetzte voll Zorn ſeinen Filz auf das Haupt und führte Herrn Alphons hin⸗ aus, der auf ſeinem Wege etwas fallen ließ, das uns ankündigte, es ſei die höchſte Zeit, ihn hinausgehen zu laſſen. Die Ruhe iſt hergeſtellt; das Stück ſpielt weiter. Meine Nachbarin vor mir, die nun Platz hat, ſetzt jetzt mit großer Sicherheit einen Theil ihrer Perſon auf meine Kniee; ich fahre fort, die junge Dame zu bewundern, die mich nicht mehr anſieht. Der ſchöne Lion hat ſich ganz zur Mama des kleinen Alphons gewendet, ſeitdem ihr Mann und ihr S nicht mehr zugegen ſind. * — 51 Ich denke mir, daß das Theater bald aus iſt, daß ſie dann zu Hauſe geht, und daß ich ſie vielleicht nicht wiederſehen werde. 5. Fiacre-Betrachtungen. Das Stück iſt aus; der letzte Aet deſſelben kam mir ſehr kurz vor. Ich habe große Luſt dn capo zu rufen; allein wozu würde das führen? Ich mußte ruhig meinen Hut aufſetzen und meinen Platz ver⸗ laſſen, wie alle Nebrigen. Sie hatte einen kleinen Strohhut, einfach mit einem Bande geſchmückt, auf ihr Köpfchen geſetzt; dann entfernte ſie ſich mit der alten Dame. Auch ich entfernte mich, wobei ich meinem Nach⸗ bar mit dem Kalbskopfe ein wenig ſtark zu nahe kam, der noch Betrachtungen über das Stück anzu⸗ ſtellen ſchien und mir zuflüſterte, indem er iich anſah: „Wohin werden wir noch kommen!“ Wohin dieſer Herr geht, intereſſirt mich nicht; aber wohin ſich das hübſche Mädchen wendet, deſſen Reize und beſcheidenes Weſen mir in der That den Kopf verdrehet haben, das mögt ich wiſſen. Wenn ein Schauſpielhaus gedrängt voll iſt, 4* werden Liebhaber und Taſchendiebe durch das Ge⸗ dränge bei dem Hinausgehen ſtark begünſtigt. Ein Jeder treibt dann ſein kleines Geſchäft; die Einen ſuchen die Taſchen und das, was darin iſt, die An⸗ dern ſuchen die Kleider und das, was darunter iſt. Sehr oft aber find die Liebhaber und Taſchendiebe die Betrogenen, denn weder der Eine noch der An⸗ dere ſindet etwas. Ich weiß nicht, durch welchen unglücklichen Zufall die Gattin des Papa Mimi ſich ſtets zwiſchen mir und den Damen befand, denen ich folgen wollte. Meine Ungeduld ſteigerte ſich auf das Höchſte, als ſie im Gedränge ſtehen blieb. Auch ich mußte ſtehen bleiben. Drei oder vier Mal trat ich ihr auf die Ferſen, und ſie, anſtatt ſich zu beklagen, drehete ſich um, ſah mich an und lächelte. Sollte ſie vorausſetzen, daß ich, um die Bekannt⸗ ſchaft einer Dame zu machen, damit beginne, ihr auf die Füße zu treten? Der ſchöne Lion iſt auch da und drängt ſich, ihr folgend, ſo nahe als möglich heran. Um ihr Schutz vor dem Andrange der Menge zu gewähren, bildet er für Augenblicke mit ſeinen Armen einen Kreis um ſie. Dann geht er rückwärts vor ihr her und ſtößt mit ſeinem Rücken den Menfchenknäul auseinander, damit die Dame ungehindert ihren Weg fortſetzen kann. Welche Mühe, um zu gefallen!— Und außer⸗ 53 dem nützt es ihm nicht einmal, denn ſie hat mich in's Auge gefaßt, mich, der ſich mit einer andern beſchäf⸗ tigt! So iſt es faſt immer. Die Frauen wollen, daß man ihren Reizen huldigt. Läßt ein Mann ſich mer⸗ ken, daß er ſehr verliebt iſt, ſo iſt es ſeine Pflicht; man beſchäftigt ſich nicht mehr mit ihm, ſondern mit dem, der nicht zu bemerken ſcheint, daß man hübſch iſt und den Reizen einer Andern huldigt. Jetzt befinden ſich mindeſtens zehn Perſonen zwi⸗ ſchen mir und dem lieblichen jungen Mädchen. Ihren kleinen Strohhut kann ich aber immer noch ſehen. Sie wendet ſich um— wirft einen Blick nach meiner Seite.— O Glück! Wenn er mir gegolten hätte! Ja, ja, ſie hat meine Beharrlichkeit in ihrem Anſchauen merken müſſen; denn die klügſten jungen Mädchen haben doch immer einen leiſen Anflug von Koketterie, die ſie für das Vergnügen, das man bei ihrem Anblicke zu empfinden ſcheint, empfänglich macht, vorzüglich, wenn es bei einem jungen Manne der Fall iſt, bei dem ſie dieſen Eindruck hervor⸗ bringen. Wahrhaftig, jetzt halte ich es nicht mehr aus! Und ſollte ich die halbe Welt umſtoßen, ich muß in ihre Nähe. „Mein Herr, ſtoßen Sie nicht ſo gewaltig!“ „Mein Herr, Sie treten mir die Füße ab!“ „Wer iſt denn der Unverſchämte, der uns ſo durcheinander rüttelt?“ 54 „Wahrſcheinlich jemand, dem ſein Portier die Thüre nicht mehr öffnet.“ „Daran thut er recht, wenn er kein Geld be⸗ kommt!“ Ich ließ mich durch dies Gerede nicht abhalten, zu boren und zu ſtoßen, erobere das Terrain und gelange zu meinen beiden Damen. Es war hohe Zeit, denn ſie befanden ſich ſchon unter dem Schirmdache, das außerhalb des Schauſpielhauſes iſt. Aber welch' ein Wetter!— Ich weiß nicht, ob das Gewitter noch fortdauerte, oder ob ein neues aufgeſtiegen war— mit einem Worte, das Wetter iſt fürchterlich. Vom Himmel ergießt ſich der Regen in Strömen, und es iſt rein unmöglich, daß die Da⸗ men zu Fuß nach Hauſe gelangen können, ſelbſt unter einem Regenſchirme. Die alte Dame bleibt beſtürzt ſtehen; ihre junge Begleiterin ſieht ſie bedeutungsvoll an, als ob ſie fragen wollte, was zu beginnen ſei. Ich nütze dieſen Umſtand, trete vor und wende mich an die alte Dame. „Es iſt unmöglich, Madam, daß Sie bei dieſem Wetter zu Fuß Ihren Rückweg antreten, zumal, wenn Sie ein wenig entfernt wohnen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen einen Wagen beſorge.— Ich werde die Ehre haben, Sie in Ihre Woh nung zu begleiten, denn ſo eben ſtehe ich im Begriff, mir einen Wagen zu nehmen.—“ Die bejahrte Dame ſieht mich an. 55 Ich bin feſt überzeugt, daß ich in dieſem Augen⸗ blicke ſo weiſe ausgeſehen habe, wie Salomo, Cato und die ſieben Weiſen Griechenlands zuſammenge⸗ nommen. Nach einigem Zaudern antwortete die Dame: „Sie ſind ſehr gütig, mein Herr— aber wir möchten nicht gern, daß Sie ſich dieſe Mühe gäben— und dann fürchte ich——“ „O, Madame, es wird mir zum größten Ver⸗ gnügen gereichen.— Wollen Sie die Güte haben, und einen Augenblick hier warten— oder dort, vor dem Kaffeezimmer— Sie ſind dort geſchützt— ich hoffe, nicht lange auszubleiben.“ Und ohne den Damen Zeit zur Antwort zu laſſen, mache ich mich auf und eile der Fahrſtraße zu. Wie glücklich bin ich!— Ich werde ſie heim⸗ führen, werde erfahren wo ſie wohnt— die Be⸗ iſt angeknüpft, das Uebrige findet ſich von ſelbſt.— Ah, verdammt!— Meine Plane ſind zerſtört— Kein Fiacre, kein Kabriolet!— Ich hätte mögen verzweifeln, denn es regnet, und findet man denn Wagen in Paris, wenn es regnet?— O ihr Fiaere!— Und ihr Kutſcher! Ununter⸗ jochtes Geſchlecht, unbändiges und ſtets rebelliſches Volk! Ich muß meine Galle gegen Euch ausgeifern! Wenn das Wetter ſchön iſt, oder kein Feſttag 56 gefeiert wird, oder keine Neujahrsviſiten gemacht werden, ſind alle Plätze in Paris mit Wagen über⸗ ſäet. Man hat Fiacres, Citadinen, Solphiden und Mhlords zur Auswahl. Von allen Seiten kommen die Pferdebändiger oder rufen, indem ſie von ihren! hohen Sitzen herab graciös mit dem Kopfe nicken: „Wollen Sie einen Wagen, mein Herr?“ „Steigen Sie ein, Bürger—“ „Gute Pferde, mein Herr!—“ Aber wenn ein Gewitter ſich entladet, wenn in der Umgebung von Paris ein Feſt gefeiert wird, das MWode iſt, dann können Sie alle Plätze durchlaufen, Sie finden noch nicht ein Rad. Sie bleiben erwar⸗ tungsvoll ſtehen, wie ich in dieſem Augenblicke, und hoffen, daß ſich ein Fuhrwerk blicken läßt. Wirk⸗ lich— da kommt eins; aber der Kutſcher bemerkt den Aufſeher vom Platze und fährt vorbei. Jetzt hält er vor einem Kaffeehauſe oder in einem Winkel der Straße. Sie eilen zu ihm. Er aber macht Ihnen überaus harte Bedingungen, weil er nicht auf ſeinem Platze iſt, und Sie haben nicht das Recht, ihn zum Fahren zu zwingen. Ich laufe den Wagen nach, die vorbeifahren— ich ſehe hinein,— einer iſt leer— ich rufe den Kutſcher an. Dieſer antwortet mir in einem inſolenten Tone⸗ „Ich bin vermiethet!“ Und fährt weiter. In dieſem Augenblicke bemerke ich Carotin, der 57 Arm in Arm mit einem jungen Manne durch den Koth watet. Er rief dem Kutſcher: „Kutſcher!— Es regnet!“ Die beiden Herrn brechen in ein lautes Lachen aus. Jetzt bemerken ſie mich auf dem Fahrwege und rufen: „Bergeval, komm' mit uns!— Dort wirſt Du ja naß!“ „Warteſt Du vielleicht auf ein Weib?“ „Sage ihr, ſie ſolle ſpaziren gehen und Dich er⸗ warten.“ „Morbleu! Meine Herrn, laſſen Sie mich in Ruhe, oder helfen Sie mir einen Wagen ſuchen für ein reizendes Mädchen.“ „Ah, Spitzbube! Wir wollen Dir ſuchen helfen, aber unter der Bedingung, daß wir mit Dir und Deiner Schönen hineinſteigen können.“ „Danke! Das iſt unmöglich.— Ihr ſeid Egoiſten.“ „Lieber Freund, es regnet ſo ſtark, daß die Liebe erweicht wird, wie kannſt Du verlangen, daß die Freundſchaft widerſtehe?— Auf Wiederſehen!“ „Gute Verrichtung!“ „Guten Tag!“ „Kommſt Du morgen in das Atelier?“ „Weiß noch nicht!“ „Wenn uns ein Wagen begegnet, wollen wir ihn Dir ſchicken.— Warte, daß wir Deinen Stand⸗ 58 punkt wiſſen.— Die dritte anſtändige Kolonne, wenn man den Boulevard du Temple hinabgeht.“ „Tritt doch hinein, dann wirſt Du nicht naß.“ Sie entfernen ſich. Ich gehe die Straße entlang und alle Unglücks⸗ fälle, die mir mit Wagen begegnet ſind, wärtigen ſich mir. Wenn das Glück Sie begünſtigt, und Sie bei ähnlichem Wetter, wie das heutige, einen Fiacre auf dem Platze finden läßt, beeilen Sie ſich gewiß, die Thür zu öffnen, aus Furcht, daß Ihnen ein Anderer —— zuvorkomme; Sie ſuchen den Kutſcher— aber er iſt nicht da. Thut nichts. Sie laſſen Ihre Frau, oder Ihre Tante, oder Ihre Geliebte, oder ſonſt Jemanden einſteigen und ſagen: „Wir haben einen Wagen, das iſt die Haupt⸗ ſache, wir ſitzen darin, niemand kann ihn uns neh⸗ men und der Kutſcher wird ſchon kommen.“ Der Kutſcher kommt aber nicht.— Sie werden ungeduldig. Sie fragen die Nachbar⸗Kabriolets und alle Fahrzeugführer, die in der Umgegend des Platzes vorhanden ſind. Nachdem Sie verſchiedene Weinhäuſer durchſucht haben, finden Sie endlich den Kutſcher des Wagens, wohinein Sie Ihre Begleitung gebracht. Er kommt 59 an; aber ohne Hut, oft auch in Hemdärmeln, den Mund voll und die Naſe roth. Sie rufen ihm zu: 5 „Kutſcher! Eine volle Viertelſtunde hat man Sie geſucht.— Fahren Sie uns?“* „Wir ſind nicht in Ihren Wagen geſtiegen, um auf dem Platze halten zu bleiben.“ Der Kutſcher wiſcht ſich mit der verkehrten Hand ſeinen Mund und murmelt in einer Anwandlung übler Laune: „Ah, meine Pferde müſſen erſt freſſen!“ Sie ſehen vor dem Wagen die angeſpannten Roſſe. Die Unglücklichen bedürfen in der That des Freſſens ſehr nothwendig, denn ſie ſind entſetzli.h mager; aber der Sack, in welchem ihr Kopf ſteckt, enthält auch nicht ein Körnchen Hafer. Nur um ihnen das Anſehen zu geben, als ob ihre Kinnladen be⸗ fchäftigt wären, hängt man den armen Roſſen den Sack über den Kopf. Wenn Sie eine Zeit lang gewartet haben, ant⸗ worten Sie: „Ihre Pferde halten eine lange Mahlzeit; wäh⸗ renddem ich Sie ſuchte, hatten ſie Zeit genug, ihren Appetit zu ſtillen.“ Auf dem Geſicht des Kutſchers ſchwebt ein Lä⸗ cheln, welches bedeutet, daß ſeine Pferde ſehr unrecht gethan, wenn ſie ſonſt etwas in ihrem Sacke gefun⸗ den hätten. 60 Dann wendet er ſich langſam nach der Wein⸗ handlung und ruft: „Ich komme ſchon— ich komme ſchon!“ Jetzt wiſſen Sie nicht, ob es die Weinhandlung iſt, oder ob Sie es ſind, dem der Kutſcher geſagt, » daß er komme. Sie ſchmeicheln ſich glauben zu kön⸗ nen, daß Sie es ſind, und indem Sie wieder in den Wagen ſteigen, ſagen Sie zu Ihrer Dame, oder zu Ihren Damen, denn es iſt nicht verboten, daß es mehrere ſind: „Er wird gleich kommen, ich habe ihn gefunden. Er holt wahrſcheinlich ſeinen Mantel noch.“ Jetzt verſuchen Sie, die Wagenthür zu ſchließen; es gelingt Ihnen aber nicht, denn Sie wiſſen den Fußtritt nicht aufzuklappen, wie es ſich gehört, oder Sie wollen ihn nicht berühren, aus Furcht, ſich die Hände zu beſchmutzen, denn das Wetter iſt ſchlecht und ein Straßenjunge iſt nicht vorhanden, der Ihnen die Thür zumacht. Wenn es gutes Wetter wäre, würden ebenſoviel Straßenjungen als Wagen auf dem Platze ſein. Fünf Minuten ſind wiederum verfloſſen und der Kutſcher erſcheint noch nicht. Sie ſind vielleicht preſſirt, haben ein Rendez⸗ vous, werden zu einer Taufe erwartet, oder was noch ſchlimmer iſt, zu einer Hochzeit! Sie friert im Wa⸗ gen, da Sie die Thür nicht verſchließen konnten, und der Wind peitſcht den Regen hinein. Jetzt beginnt Ihr Humor.— Sie fluchen und 61 ſchimpfen auf den Kutſcher— wie ich in dieſem Augenblicke.— Ihre Frau, welche fürchtet, daß Sie ſich im Zorn vergeſſen, ſucht Sie zu beſänftigen und ſpricht: „Mein Freund, ärgere Dich nicht, er wird ſchon kommen.“ Er kommt in der That. Sie ſehen ihn, vergeſſen Ihre Widerwärtigkeit und ſprechen zu ihm: „Endlich können wir fahren.“ „O ja; aber nicht gleich.“ Sie kennen die Kniffe und Ränke der Pariſer Kutſcher nicht, die ſie anwenden, um die Geduld der armen Bürger zu ermüden, wenn ſie nicht Luſt haben, zu fahren. Finden Sie nicht, daß es beſſer wäre, für meine beiden Damen, die mich am Calé de la Gaité zurück⸗ erwarten, einen Fiacre zu ſuchen, als meine Zeit mit Betrachtungen über Fiacre⸗Unglücksfälle zu ver⸗ ſchwenden? Aber iſt es denn meine Schuld, wenn ich ſo ein unglückliches Ding nicht finden kann? Ich möchte aus Verzweiflung weinen. Bei meinem Suchen bin ich auf den Boulevard Saint⸗Denis gekommen. Darf ich meinen Augen trauen?— Auf dem Platze ſteht ein Wagen, und es gießt noch vom Himmel herab. Ich laufe— ich fliege und gelange an den Wagen. Der Kutſcher ſitzt darin und ſchläft; ſchliefe er 62 nicht, würde er wahrſcheinlich nicht auf dem Platze geblieben ſein. Ich ziehe ihn am Arme und am Beine. Er ſchläft wie ein Murmelthier,— wahrſcheinlich ſchläft er einen Rauſch aus. Ich verſetze ihm einen derben Fauſtſchlag in den Rücken. Er erwacht. „Wer iſt da?“ „Vorwärts, Kutſcher, ſteigen Sie auf den Bock und fahren Sie!“ „Ah, Sapriſti! Ich ſchlief einen ſchönen Schlaf!“ „Beeilen Sie ſich.“ Der Kutſcher ſteigt aus ſeinem Wagen. Als er bemerkt, daß es ſehr ſchlechtes Wetter iſt, wird er wüthend und flucht, daß er geſchlafen habe und auf dem Platze zurückgeblieben ſei. Er geht zu ſeinen Pferden, die ebenfalls den Kopf in einem ſol⸗ chen Sacke haben, von dem ich Ihnen vorhin erzählte. Jetzt fängt er an zu pfeifen und kann nicht fertig werden, ſeine Zügel zu arrangiren. Da bin ich nun in einer jener Situationen, deren ich mich vorhin erinnerte. Ich werde unge⸗ duldig, balle die Fäuſte, ſtampfe mit dem Fuße.— Der Kutſcher wird aber nicht ſchneller. „Nun, Kutſcher, wird's dieſen Abend noch?“ Endlich kommt er an die Wagenthür. „Wenn Sie mehr als vier Perſonen ſind, muß ich Ihnen ſagen, daß ich Sie nicht fahren kann.“ 63 „Parbleu! Bin ich etwa ſoviel als zehn Per⸗ ſonen?“ „Nein; ich muß es Ihnen aber ſagen. Wohin fahren wir?“ Statt aller Antwort ziehe ich meine Uhr und halte ſie dem Kutſcher unter die Naſe. Ein einziger Blick genügte, um zu ſehen, daß es bald Mitternacht ſei. Ich werde alſo die Stunde theurer bezahlen müſſen, und habe nur drei Franks funfzig Centimen bei mir. Aber um die Damen in ihre Wohnung zu brin⸗ gen, wird doch keine Stunde nöthig ſein: ich kann mich beruhigen. Nachdem der Kutſcher einen Blick auf meine Uhr geworfen, lenkt er um und ſpricht: „Um dieſe Stunde und bei ſolchem Wetter fahre ich nicht!. „Wie, Kutſcher, Sie wollen nicht fahren? Sie ſind auf dem Platze und müſſen fahren.“ „Gilt mir gleich. Meine Pferde ſind ermüdet und Sie verhindern ſie am Freſſen.“ „Sind ſind ein Narr! Fahren Sie!“ „Nein!“ „Ich werde mir Ihre Nummer merken und Sie bei dem Kommiſſär anzeigen.“ „Ich werde aber nicht kommen. Der Kommiſſär ſchläft jetzt.“ Ich bin wüthend! Hätte ich einen Stock, ich könnte den Kerl prügeln. Halt! Vielleicht will er eine kleine Prügelei! Leute dieſer Art können ſich auf ihre Fäuſte ver⸗ laſſen und ich habe keine Uebung im Borxen gehabt. Ich konnte es indeß nicht über mich gewinnen, fo ſchimpflich und ohne Rache genommen zu haben, aus ſeinem Wagen zu ſteigen. Er hat wiederum angefangen zu pfeifen. Ich frage abermals: „Wollen Sie fahren oder nicht?“ „Nein!“ Mit einem kräftigen Fauſtſchlage an jede Wagen⸗ thür zertrümmere ich die Fenſterſcheiben, daß die Scherben klingend auf den Boden fliegen, ſteige langſam aus dem Wagen und rufe dem Kutſcher zu: „Das iſt dafür, daß Du nicht fahren und nicht zum Kommiſſär kommen willſt.“ Der Menſch ſteht unbeweglich. Bevor er ſich aber von ſeiner Ueberraſchung er⸗ holt hat, bin ich ſchon weit entfernt. Ein furchtbares Schimpfen und Fluchen folgt mir nach. Ich kehre zurück zum Boulevard du Temple; denn da ich doch keinen Wagen mehr auftreiben konnte, verlohnte es ſich nicht der Mühe, die Damen länger warten zu laſſen. Ich konnte einen leiſen Seufzer bei dem Gedan⸗ ken nicht unterdrücken, daß, wenn ich gefüllte Taſchen gehabt hätte, ich zu Fuß nicht zurückgekehrt ſein würde. 65 Hätte ich dem Kutſcher ein Fünf⸗Frankenſtück ge⸗ zeigt und ihm geſagt: „Soviel für die Stunde!“ Er würde ſchnell gefahren haben. Dann hätte ich aber dieſem Manne nachgegeben, hätte ſeiner Forderung genügt und ſeine Unverſchämt⸗ heit bezahlt; ich glaube, es iſt am beſten, daß ich zu Fuß zurückkehre und ihm ſeine Fenſterſcheiben ein⸗ geſchlagen habe. Da bin ich an dem Orte, wo ich die Damen ver⸗ laſſen habe. Niemand iſt mehr da! Des langen Wartens müde, haben ſie ſich entfernt— das iſt als Gewiß⸗ heit anzunehmen. Der Teufel hole den Regen, die Fiacres und die Gewitter! Ich ſehe in das Innere des Kaffeehauſes, das man eben ſchließen will; es iſt aber niemand mehr darin. Alles iſt vorbei! Vielleicht werde ich ſie nie wiederſehen und dem Abenteuer fehlt die Entwicke⸗ lung. Das iſt verdrießlich! Gehen wir zu Bette! Carvtin. I. 5 Die furchtſame Frau. Ah! Da kommt eine Dame— ſie läuft auf mich zu, ergreift meine Hand und hält mich zurück. Ich erkenne ſie— es iſt die Mutter des kleinen Alphons. Die Dame ſpricht mit bewegter Stimme: „Ach, mein Herr, ich bitte Sie, beſchützen Sie mich— haben Sie die Güte und reichen Sie mir Ihren Arm. Dort iſt ein Herr, der mich verfolgt— ich weiß nicht, wie ich ſeiner los werden ſoll. Ich möchte auch nicht, daß er mich begleitet, denn er mißfällt mir und flößt mir Furcht ein.“ Indem ſie dies ſagt, hat ſie auch ſchon ihren Arm in den meinigen gelegt und zieht ihn feſt an ſich. Sie ſchien in der That ſehr erſchreckt. Ich ſuche ſie zu beruhigen. „Beruhigen Sie ſich, Madam, und fürchten Sie nichts. Wo iſt der Herr, der Sie verfolgt?“ „Dort— dort.— Sehen Sie, wie er mich be⸗ trachtet?— Seine Augen glühen wie Karfunkel.“ Ich ſehe hin und erkenne den Orcheſter⸗Lion, der wirklich den Anſchein hatte, ſich zu uns zu begeben: ich muß darüber lachen. Meine ſchöne Unbekannte habe ich verloren, ich muß mich tröſten— und das beſte Wittel iſt, mich mit einer andern Dame zu beſchäftigen. Hier beut 67 ſich die Gelegenheit, und man kann ſagen, daß das Schickſal erkenntlich ſein will den Beſtimmungen des Schickſals muß man ſich unterwerfen. „Wo wohnen Sie, Madam?— Ich werde das Vergnügen haben, Sie an Ihre Thür zu geleiten.“ „Ach, mein Herr, Sie ſind ſehr gütig,— ich danke Ihnen tauſend Mal und bitte um Entſchuldi⸗ gung, daß ich mir die Freiheit genommen.— Ich wohne glücklicherweiſe nicht weit von hier— in der rue de Trévise— Vorſtadt Montmartre.“ Glück zu Das findet ſie nicht weit! Die Dame ſcheint eine gute Fußgängerin zu ſein. Da habe ich einen ſchönen Rückweg— ich wohne in den Kohl⸗ gärten. Doch gleichviel, wir ſind ſchon auf dem ege. Die Dame ſchürzt ihre Kleider hoch auf, denn es iſt ſehr ſchlecht zu gehen, und ich ſpreche zu ihr: „Wenn doch ein Wagen auf dem Platze zu haben wäre, Madam, denn ich kann Sie unmöglich bei die⸗ ſem ſchlechten Wetter zu Fuß nach Hauſe führen; aber es iſt nirgends ein Fiaere zu finden, ich habe ſchon überall geſucht— für zwei— Perſonen— die ich vor dem Kaffeehauſe zurückließ.“ „Ach ja, eine junge und eine ältere Dame.“ „Ganz recht! Haben Sie die Damen geſehen?“ „Ja, aber ſie haben ſich ſchon lange entfernt. Ich war mit meinem Manne und meinem Sohne im Theater.“ 5* „Ich weiß es, ich hatte das Vergnügen, Sie zu ſehen.“ Bei dieſen Worten drückte ich leiſe ihren Arm an den meinigen; man ſcheint empfänglich für dieſe Pantomime, denn in einem recht herzlichen Tone er⸗ halte ich die Antwort: „Sie haben mich alſo bemerkt.“ „Dies darf Sie nicht wundern, Madam.“ „O ja, denn Sie ſchienen mit einem andern Ge⸗ genſtande ſehr beſchäftigt zu ſein.“ „Glauben Sie?“ „Verzeihung, wenn ich mir die Bemerkung an⸗ maßte! So haben Sie auch wohl geſehen, daß mein Mann genöthigt war, das Theater noch vor Been⸗ digung des Schauſpiels zu verlaſſen, um den Kleinen hinaus zu führen, der weinte?“ „Ich ſagte ihm, er möge mich an der Thür er⸗ warten; doch können Sie wohl glauben, mein Herr, daß ich ihn nicht gefunden habe? Ich habe vergebens überall geſucht und habe gewartet, weil ich dachte, er würde auch mich aufſuchen. Darüber iſt eine Stunde vergangen, und jener große Herr mit dem Barte, der mich allein glaubte, wollte mich durchaus zu Hauſe führen. Der Menſch iſt unerträglich. Wahr⸗ haftig, mein Herr, was wäre ohne Sie aus mir ge⸗ worden!“ „Ich ſchätze mich glücklich, daß ſich Alles ſo ge⸗ fügt hat.“ — 69 „Aber was ſagen Sie zu dem Benehmen meines Gatten? Mich ſo leichtſinnig zu verlaſſen!“ „Vielleicht iſt es nicht die Schuld Ihres Herrn Gemahls; ich habe bemerkt, daß Ihr kleiner Knabe ein wenig muthwillig war— wahrſcheinlich hat er nicht länger warten wollen.“ „Sie haben recht, es muß wohl ſo etwas geweſen ſein.— Ach, mein Gott!“ „Was iſt Ihnen?“ „Sehen Sie einmal links— da iſt er.“ „Wer?“ „Der Herr mit dem ſchwarzen Barte.“ Ich ſehe zur Seite und bemerke in der That den ſchönen Lion einige Schritte von uns durch den Koth waten. „Ja, es iſt jener Herr aber mir ſcheint, Madam, daß Sie keinen Grund haben, ſich zu fürchten.“ „Wenn aber der Menſch uns verfolgt.“ „Das beweiſt noch nichts, Madam; wir ſind auf dem Boulevard, vielleicht hat er denſelben Weg zu machen.“ „Glauben Sie?“ „Und ſollte er wirklich uns verfolgen— bin ich nicht bei Ihnen, Madam? Halten Sie ſich überzeugt, ich bitte, Sie haben nichts zu fürchten.“ „Ach, mein Herr, ich zweifle keinen Augenblick an Ihrer Tapferkeit, aber ich würde untröſtlich ſein, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten zuzöge!“ „O, es iſt keine Gefahr vorhanden.“ 70 „Wenn ich nicht irre, hat der Menſch einen Dolch.“ „Einen Dolch— Ah, ah! Wahrhaftig?“ „Wie, mein Herr, Sie lachen?“ „Allerdings; das ſchenit mir ſ ehr komiſch. Man kann übrigens einen Dolch tragen, und dennoch ein ſehr anſtändiger Mann ſein.“ „Hätten Sie vielleicht auch einen, mein Herr?“ „Nein, Madam, ich pflege keine Waffen zu tra⸗ gen, obgleich ich oft ſehr ſpät heimkehre; indeß ich habe Freunde, die nie ohne Dolch, Stilet, Piſtole oder Stockdegen ausgehen, und kann Sie verſichern, daß es durchaus keine ſchlechte Leute find.“ „Aber dieſer Herr mit dem ſchwarzen Barte hat ein häßliches Geſicht.— Finden Sie nicht, daß er wie Lacenaire ausſieht?“ „Ich muß geſtehen, Madam, daß ich Lacenaire nicht kenne.“ „O, ich auch nicht, aber ich habe ſein Portrait genau betrachtet.— Ich ſtudire die Geſichter der großen Verbrecher, damit ich mich vor den Leuten hüten kann, die ihnen ähnlich ſehen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, die Phyſiognomien täuſchen oft gewaltig, dies Syſtem könnte Sie zu weit führen.“ „Vir iſt, als ob ich ihn nicht mehr höre.“ .„Wen? „Den Herrn mit dem Bart.“ „Wie, denken Sie noch daran?“ * b — 71 „Ich geſtehe, daß ich ſehr furchtſam bin.“ „Es macht mich glücklich, Ihnen einiges Ver⸗ trauen eingeflößt zu haben.“ Man antwortete mir nicht, aber man lächelte und lehnte ſich ſtärker auf meinen Arm. Nach Verlauf einiger Secunden und ohne daß ich irgend eine Frage geſtellt, ſpricht die Dame wieder: „Mein Mann iſt Secretär im Miniſterium.“ „Im Kriegsminiſterium?“ „Nein, des Innern.“ „Sein Name iſt Chamouillé.— Er iſt ſchon ſiebenzehn Jahre in ſeinem Miniſterium und hat immer noch eine Stelle von nurzweitauſend Franks!“ „Ich glaubte, daß man im Miniſterio des Innern ſich raſcher pouſſiren müſſe.“ „Glücklicherweiſe hatte ich einiges Vermögen und brachte meinem Manne funfzigtauſend Franken als Ausſteuer— ich glaube, daß ich damit einen beſſern hätte finden können, als einen gewöhnlichen Secretär.“ „Wenn Sie nur glücklich ſind, das iſt die Haupt⸗ ſache.* „O ja; mein Mann iſt ſehr fanft, ich leite Alles und ordne Alles an— dies iſt auch das Geringſte, wenn man fünfzigtauſend Franks Vermögen mitge⸗ bracht hat.“ „Ich bin Künſtler, Madam.“ „Künſtler! Ach, in Künſtler bin ich ganz ver⸗ narrt.— Ihren Zügen nach zu urtheilen, hätte ich darauf wetten mögen.— Und was iſt Ihr Fach?“ 72 „Die Malerei.“ „Welch' eine ſchöne Kunſt! Sind Sie Hiſtorien⸗ Maler?“ „Nein, ich bin nur ein ſchlichter Miniatur⸗ Maler.“ Faſt hätte ich hinzugefügt:„ein armer Miniatur⸗ Maler;“ aber ſoweit meine Offenheit auszudehnen, hielt ich nicht für rathſam. Die Dame rief: „Ach, die Miniatur⸗Malerei iſt reizend!— Schon lange habe ich den Wunſch gehegt, mein Por⸗ trait zu beſitzen! Man hat mir es ſchon gemacht, ſchon ſehr oft, aber immer nicht nach meiner Idee!“ Ich ſehe, daß die Dame Luſt hat, ſich von mir malen zu laſſen, und ich antworte ſchnell: „Madam, wenn Sie einiges Zutrauen in mich ſetzen, glaube ich, daß es mir leicht ſein wird, eben ſo liebenswürdige Züge zu produciren, als die Ihrigen.“ „Ach, mein Herr, Sie ſchmeicheln mir!“ „Ich heiße Bergeval, und wohne rue Saintonge in den Kohlgärten— hier iſt meine Adreſſe.“ „Ach, Sie wohnen in den Kohlgärten— ein eigener Stadttheil für einen Maler.“ „Sie haben Recht— die Menge ſucht in dieſem Stadttheile keine Künſtler, die en vogue ſind. Es ſcheint, daß die großen Talente nur im nouvelle Athdnes, Chaussée-d'Antin vder mindeſtens Palais- Royal wohnen dürfen, nicht wahr, Madam?“ „Das will ich nicht geſagt haben, mein Herr, —— 73 auch die Kohlgärten können große Künſtler um⸗ ſchließen.“ „Ohne Zweifel, aber trotz dem ſucht man dort doch nur Künſtler, die erſt anfangen: übrigens werde ich ausziehen.“ „Ach, mein Gott!“ „Was giebt's?“ „Dort iſt er— jetzt iſt er rechts von Ihnen., Ich ſehe nach rechts und gewahre den Lion, der nicht weit von uns iſt. Jetzt kommt er auf uns zu. Er geht in der Mitte einer Waſſerpfütze, die ſich dort befindet und beſprützt mir und Madam die Klei⸗ der, dann beginnt er zu ſingen. Ich glaube wahrhaftig, der Herr thut das mit Abſicht; da wird in mir die Luſt rege, meine Dame fahren zu laſſen und auf ihn zuzugehen; die aber klammert ſich an meinen Arm und ruft: „Ich beſchwöre Sie, verlaſſen Sie mich nicht.“ „Aber ſehen Sie doch nur, wie uns der Herr mit Koth beſprützt!“ „Daran bin ich Schuld.— Gehen wir langſam, ich bitte Sie— laſſen Sie ihn ſich entfernen.“ „Da Sie es durchaus wünſchen, mag es ge⸗ ſchehen.“ „Sie ſehen ja, daß er uns verfolgt, denn wir ſind jetzt nicht mehr auf dem Boulevard— dieſer Menſch hat ſchlechte Abſichten— er gleicht dem Mandrin.“ „Haben Sie vielleicht das Geſicht Mandrin's anch ſtudirt?“ „Ich habe alle berühmte Banditen zu Hauſe, um Alphons zu amüſiren.“ „Ich verſichere Sie, dieſer Herr ſucht nur Ihre Eroberung; Sie haben ihm den Kopf verdreht, das iſt Alles. Es iſt auch ſehr natürlich; denn es iſt ein ſchlechtes Amüſement, uns mit Koth zu beſprützen, wenigſtens zeugt es von einem ſchlechten Geſchmacke.“ „Ich glaube, er hat ſich verſteckt.“ „So mag er ſich verſtecken!“ „Wir nähern uns glücklicherweiſe meiner Woh⸗ nung.“ „Ich bedauere, Madam, daß der Weg nicht län⸗ ger iſt.“ „In der That!— Aber ich habe große Luſt, mein Portrait zu beſitzen— wenn Sie glauben, daß Sie mich treffen.“ „Ich werde mir mindeſtens viel Mühe geben.“ „Sind Sie garcon?“ „Ja, Madam.“ „Ich bin wohl ſehr indiseret, Sie darum zu fragen?“ „Warum?“ „Man kann doch zum Sitzen zu tommen, nicht wahr?“ „Ohne Zweifel.“ „Sie begreifen wohl, daß ich nur auf dieſe Weiſe 75⁵ meinem Manne eine Ueberraſchung bereiten kann, denn, wenn Sie in meine Wohnung kämen, mich zu malen, würde mein kleiner Knabe ſchwatzen.“ „Ich verſtehe vollkommen. Sie machen mich un⸗ ausſprechlich glücklich, indem Sie mir erlauben, Ihre reizenden Züge wiederzugeben!“ Dieſe Phraſe habe ich wohl ſchon hundert Mal gebraucht, da ich aber bemerkt habe, daß ſie immer guten Effect hervorbringt, ſehe ich nicht ein, warum ich ſie nicht noch ferner anwenden ſoll. Die Dame drückt mir die Hand auf eine ſehr bedeutſame Art. Ich glaube, daß ein Seufzer nicht übel angebracht iſt, und fange zärtlich an zu ſeufzen: ſie ebenſo. Wir treten in die Straße Tréviſe. Die Dame ſpricht: „Dies iſt meine Straße. Sie iſt ſehr öde!“ „Gewiß, wenn man hier am Tage faſt Nieman⸗ dem begegnet, ſo muß es bei Nachtzeit wenig belebt ſein.“ „Es hat Sie wohl ſehr derangirt, daß Sie mich begleitet haben, denn ich glaube, Sie ſoupiren die⸗ ſen Abend, oder vielmehr dieſe Nacht, im goldenen Hauſe.“ „Ah, wahrhaftig.— Es war die Rede davon; ich hatte aber nicht Luſt, die Parthie mitzumachen. Darf ich hoffen, Madam, daß Sie den Miniatur⸗ Maler nicht vergeſſen?“ „Nein, ich verſpreche es Ihnen, und um— Ach, mein Gott!— Zu Hülfe! Mörder!“ Diesmal kam der Schrecken der Dame daher, daß ſich urplölich ein Mann vor ſie ſtellte und einen Schrei ausſtieß. Ich will das Subject, das ſo unverſchämt meine Dame erſchreckt, zurückſtoßen, und ſetze voraus, daß es ein Betrnnkener iſt: aber ich erkenne in ihm den Gatten meiner Reiſegefährtin. Es war Papa Mimi, der ſeine Frau wiederfindet und einen Freudenſchrei ausſtieß. „Biſt Du es, Ariane? Ach, welch' ein Glück! Die Unruhe trieb mich wieder nach dem Schauſpiel⸗ hauſe, Dich zu ſuchen.“ Madam Chamouillé erkannte jetzt die Stimme ihres Gatten. Der Schrecken wich und Zorn nahm ſeine Stelle ein. Sie ſchrie: „Ah, ſind Sie endlich da, mein Herr? Es iſt die höchſte Zeit. Wiſſen Sie, daß Ihr Betragen ein unwürdiges iſt? Mich verlaſſen Sie im Theater! Warum haben Sie mich nicht an der Thür erwartet, wie ich Ihnen befohlen?“ „Ach, mein Gott, das iſt nicht meine Schuld! Phonschen wollte durchaus in das Kaffeehaus, um Milchreis zu eſſen; im Theater war er nicht zu er⸗ halten, wir mußten alſo weitergehen. Als wir zu⸗ rückfamen, war das Theater aus— ich ſuchte Dich überall, aber ich habe Dich nicht gefunden.“ „Sie haben ſchlecht geſucht!“ 77 „Dann wurde Phonschen übel im Leibe und im Herzen— er wollte fahren, aber ich konnte keinen Wagen finden: da war ich denn gezwungen, ihn bis an unſer Haus zu tragen— als ich dort ankam, war ich kreuzlahm. Nun kamſt Du nicht— ich ward unruhig, brachte Phonschen zu Bett und ging, Dich zu ſuchen.“ „Mein Herr, Sie haben ſehr dumm gehandelt.. Sie laſſen einem Kinde Milchreis geben, das ſchon unwohl iſt, weil es zuviel gegeſſen hat!“ „Er hat es gewollt— Du weißt ja, wie eigen⸗ ſinnig er iſt.“ „Mich ſo ſpät allein zu laſſen! Ohne die Hülfe dieſes Herrn— ein ausgezeichneter Miniatur⸗Maler, der die Güte hatte, mir den Arm zu bieten, wäre ich beſtohlen, ermordet— vielleicht gefallen.“ Herr Chamouillé bückt ſich bis zur Erde und ſpricht: „Mein Herr, nehmen Sie meinen herzlichſten Dank. Ich bin Ihnen ſehr verpflichtet für das, was Sie meiner Frau gethan. Wir wohnen dort— Nro. 12— wenn Sie ein wenig ruhen wollen.“ Ich danke Herrn Chamouillé, laſſe den Arm ſeiner Frau Gemahlin fahren, der, bevor er von mir ſcheidet, noch ein Mittel findet, mir mit dem Ellbogen einen leiſen Stoß zu verſetzen, den ich zu würdigen wußte, und grüße beide Gatten. Der Herr Gemahl bittet mich noch einmal, ihm künftig die Ehre meines Beſuches zu geben. Ich ver⸗ 78 ſpreche es und entferne mich, nachdem ich die Haus⸗ thür hinter meiner neuen Bekanntſchaft ſich ſchließen geſehen. Ich war noch nicht fünfzehn Schritte, in Gedan⸗ ken an die ſchöne Ariane— deren dienſtwilliger The⸗ ſeus ich nun ſein werde— gegangen, als plötzlich ein Herr mir den Weg vertritt, mit den Worten: „Jetzt iſt es an uns Beide, junger Mann!“ Es iſt der Löwe mit den ſchwarzen Mähnen, der ſich mit bedrohlicher Miene vor mich ſtellt. Ich ſehe ihn einen Augenblick ruhig an und antworte: „Was wollen Sie, mein Herr? Ich kenne Sie nicht.“ „So werden wir Bekanntſchaft machen, junger Mann. Uebrigens haben Sie mich recht gut im Thea⸗ ter geſehen, wo Sie unaufhörlich eine junge Dame beäugelten, die zu Ihrer Linken ſaß. Ich wollte Ihnen die Dame überlaſſen und beſchäftigte mich mit einer andern, die rechts neben mir ſaß. Ihr Mann hatte ſie verlaſſen, ich bot ihr meinen Arm und ſtand im Begriffe, ihre Bekanntſchaft zu machen, als Sie zu⸗ rückkamen und ſie mir entführten. Bei Gott! das laſſe ich ſo nicht hingehen! Es wäre das erſte Mal, daß man mir eine Frau wegkaperte! Ich ſchwöre Ihnen, Sie werden das nicht noch einmal thun!“ „Es iſt ſchon ſpät, mein Herr. Ich bin ſehr müde und will ſchlafen gehen.“ Der Lion glaubt, ich fürchte mich, tritt mir in 79 den Weg, bläſ't ſich auf und fährt in einem drohen⸗ den Tone fort: „Es handelt ſich hier nicht um Schlafengehen! Sie müſſen mir Genugthuung geben; ſo kommen Sie nicht davon, junger Mann!“ Das Wort„junger Mann,“ ohne Unterlaß in einem beleidigenden Tone wiederholt, regt mir die Galle auf. Ich verfolge meinen Weg über den Herrn hinweg, ſetze meine Füße auf ſeine Stiefeln und ſage ihm, ohne zu ſchreien, doch in wohlaccentuirten Worten: „Ich glaube nicht, daß Sie ſchon Jemandem Furcht eingeflöſ't haben. Sie jammern mich. An Ihnen iſt die Reihe, mir Genugthuung zu geben für den Koth, womit Sie mich und jene Dame beſprützt haben.— Sie haben ſich wie ein Bauer betragen. Bier iſt meine Adreſſe, ich erwarte Sie morgen früh!“ Mit dieſen Worten warf ich dem Herrn meine Karte ins Geſicht, der ſeit der Zeit, daß ich ihm auf die Stiefeln getreten, ganz ruhig ſtand. Ich verließ den Lion, der nun nicht mehr brüllte, und dieſes Mal ging ich zu Bette. Zu Hauſe angelangt, war mein erſtes Geſchäft, das Profil zu betrachten, das ich im Theater flüchtig gezeichnet hatte. Es war nur ein ſchwacher Entwurf; aber trotz⸗ dem erkannte ich ſie wieder. Welch ein reizender Kopf! Welche Reinheit in den Zügen! In dieſer Phy⸗ ſiognomie verſchmelzen ſich Grazie, Empfindſamkeit und weibliche Schlauheit. Dieſe Dame muß Herz und Geiſt haben— meine Bleifeder ſagt mir das Alles.— Wie ſchrecklich iſt der Gedanke, daß ich ſie vielleicht nicht wiederſehe. Nachdem ich noch geraume Zeit im Anſchauen meines Werkes zugebracht, entſchloß ich mich, daſſelbe in mein Pult zu ſchließen; dann ging ich traurig und aufgelöſ't, wie Jemand, der ſich eine Gelegen⸗ heit entſchlüpfen ließ, glücklich zu werden, zu Bette. 2. Herr Fournichon. In der vierten Etage eines recht hübſchen Hau⸗ ſes habe ich ein beſcheidenes Atelier, ich kannn ſagen ein höchſt beſcheidenes, denn es ſind wenig Meubel darin. Ein Stück grüner Sarſche vertritt die Stelle der Draperie, welche das Licht nur von oben herein⸗ fallen läßt. Beſitzt man aber ein wenig Geſchmack, ſo findet man Mittel, dem Ganzen einen künſtleriſchen An⸗ ſtrich zu geben, der die Armſeligkeit verdeckt und den guten Bürgern Sand in die Augen ſtreut. So habe ich z. B. aus einem großen, aber leeren 81 Reiſekoffer eine alte gothiſche Truhe gebildet, einige ſchlechte Gartenſtühle mit ſchwarzen Streifen verſehen und Stühle im Renaiſſance⸗Geſchmack waren fertig. Hier ſteht ein Todtenkopf, dort ein alter Filzhut, hier ein Helm, dort eine alte Büſte— eine Maſſe Skizzen an die Wand gezeichnet erſetzen geſchickt die Stelle der Tapeten, und ſo haben Sie ein kleines, confortables und nicht theures Atelier. Neben dieſem Atelier habe ich noch ein anderes kleines Gemach, das mir zum Schlafzimmer, zum Salon, zur Toilette, zur Küche, zum Keller und zum Holzſtalle dient. Eine alte Thürſteherin beſorgt meinen Haus⸗ halt, hält aber das Zimmer ſchlecht in Ordnung; das kommt daher, weil ſie noch viel Zimmer im Hauſe zu beſorgen hat. Sie iſt aber auch nicht theuer, denn ſie erhält monatlich 5 Franks, außerden hat ſie mir acht Taſſen, zehn Flaſchen, zwei kleine Statüen, einen Spiegel, eine Fenſterſcheibe, drei Stühle und eine Karaffe in den ſechs Monaten zerbrochen, die ich in dem Hauſe wohne. Dann habe ich ihre Katze gemalt, die beiläufig geſagt, ſprechend ähnlich iſt, und beſitze die Liebe der Beſitzerin dieſer Katze. Es iſt zehn Uhr. Ich arbeite an einem Manns⸗ Portrait, das bald fertig iſt. Der Herr muß heute zum Sitzen kommen. Er iſt ein langer, bleicher Lichtzieher von fünfzig Jahren, ſehr anmaßend und wie ich vermuthe, ſehr Carotin. I. 6 82 reich, obgleich er lange um ſein Portrait gehandelt hat, indem er nur vierzig Franks dafür zahlen wollte. Ich weiß wohl, daß das Geſicht dieſes Mannes nicht mehr als vierzig Francs werth iſt, allein meine Arbeit und mein Talent ſind mehr werth, und doch habe ich eingewilligt, das Portrait des Herrn Fvur⸗ nichon um dieſen Preis zu malen— dies iſt näm⸗ lich der Name meines Modells. Wenn man kein Geld hat, muß man nehmen, was ſich darbietet. Deſſen ungeachtet werde ich aber dies Miniatur⸗ gemälde ſorgfältig malen, denn es kann mir noch an⸗ dere verſchaffen. Jetzt hole ich das Buch aus meinem Pult, worin ich geſtern Abend im Theater das Profil gezeichnet habe. Ich betrachte mein Werk und denke ſeufzend an die ſchöne Unbekannte, deren ſtill beſcheidenes Weſen mehr den Wunſch des Wiederſehens in mir rege macht, als ihre Reize. Aber wie oft hegt man Wün⸗ ſche, die wohl nie in Erfüllung gehen. Doch, wie— ich träume jetzt von der ſchönen nnbekannten— was wird aus meinem Duell? Oder doch wenigſtens aus meinem nächtlichen Abenteuer, deſſen Entſcheidung bevorſteht? Ich ſehe noch Nie⸗ manden kommen. Die Nacht wird die Wuth des Löwen gezähmt haben. Vielleicht hat er eingeſehen, daß es eine Dummheit iſt, ſich einer Frau wegen zu ſchlagen, die nichts von ihm wiſſen will. Wahrhaftig, ich will von dem Herrn nichts, und 83 finde es ganz venünftig, daß er nicht kommt. Man muß nur dann ſein Leben auf das Spiel ſetzen, wenn ein anderer Ausweg nicht möglich iſt. Ich wenigſtens werde mich für Madame Chamouillé nicht ſchlagen. Die Thür meines Ateliers öffnet ſich und herein tritt mein Lichtzieher. Herr Fvurnichon iſt ſorgfältig, doch ohne Ge⸗ ſchmack gekleidet. Alles, was er angethan hat, ſteht ihm ſchlecht. Er hat eine emporſtehende Naſe, kleine hellblaue Augen, einen ungeheuer großen Mund und Zähne wie ein Pferd. Sein Haupt iſt kahl, bis auf einen weißen Schopf, der à la Chinois wie ein Docht auf dem Schädel emporſteht. Und, ausgeſtattet mit allen dieſen Liebenswür⸗ digkeiten, wünſcht er dennoch, daß ſein Portrait einen ſchönen Mann darſtelle. Um ihn zufrieden zu ſtellen, mache ich Naſe und Mund kleiner, die Augen größer und gebe ihm ein ſchönes, blondes Haar. Das Bild hat nicht die ge⸗ ringſte Aehnlichkeit mit dem Original, er wird aber erfreut ſein und es getroffen finden. Wenn ich ihn ſo gemalt hätte, wie er wirklich iſt, er wäre im Stande und nähme ſein Portrait nicht, ich müßte es behalten. Du lieber Gott! Was ſollte ich damit anfangen?— Unſer Stand beſitzt kein anderes Mittel, zu reüſſiren; ich habe die Gewißheit erlangt, daß man 6* 84 ſchmeicheln, ſchmeicheln und abermals ſchmeicheln muß. Auf dieſe Weiſe erwirbt man ſich Kundſchaft und— Geld! Sie werden einwenden, daß die Kunſt allein die Führerin ſein müſſe? Die Kunſt!— O ja! Die Kunſt allein iſt ſchätzbar. Aber der Speiſewirth, der Schneider und der Schuhmacher verlangen Geld, und dieſe Leute muß man vor allen Dingen befrie⸗ digen, wenn man nicht vor Sunger ſterben und nackt laufen will, denn das iſt nicht mehr in der Mode. „Ach, Sie ſind mit mir beſchäftigt,“ ſpricht Herr Fournichon, indem er ſieht, was ich arbeite. „Ja, mein Herr, ſind Sie zufrieden?“ „Es ſcheint ſehr ähnlich zu werden. Doch glaube ich, der Mund iſt ein wenig groß.—“ „Das iſt möglich; wir können ihn ja kleiner machen.“ „Machen Sie ihn kleiner, Sie thun mir einen Gefallen. Die Haare find ein wenig dünn auf die⸗ ſer Seite.— Ich weiß wohl, daß ich keinen Wald davon beſitze; doch gleichviel— machen Sie noch eine Locke in die Schläfe, es wird beſſer ſein.“ „Glauben Sie?— Es kann geſchehen.“ „Ach Das wird ähnlich— ſehr ähnlich! Wer⸗ den Sie mir einen blauen Rock machen?“ „Sie ſehen ja, daß er bereits fertig iſti⸗ „Ah Richtig! Ich hätte grün vorgezogen— grün ſteht mir ſehr gut. Ich habe nämlich die Be⸗ 85 merkung gemacht, daß ich herrliche Eroberungen gemacht habe, wenn ich in Grün gekleidet war; es iſt mir gar nicht recht, daß Sie mir keinen grünen Rock gemacht haben.“ „Wenn Sie darauf beſtehen, iſt es noch Zeit, eine Abänderung zu treffen. Ich werde Ihnen einen grünen Rock anziehen.“ „Wahrhaftig, geht es noch?“ „Sehr leicht. Die Sache wird gleich abgemacht ſein.—“ „Es iſt doch merkwürdig! In der Malerei ſcheint es nicht ſo zu ſein, wie in der Natur. Auf dieſem Bilde würde ich weit ſchöner ausſehen, wenn ich einen blauen Rock hätte. Was meinen Sie dazu?“ „Sie ſind ſo ſehr gut.“ „Nein, nein Gewiß— ziehen Sie mir wieder einen blauen Rock an, Sie werden mir einen großen Gefallen thun.“ „Durch vieles Umarbeiten werden wir das Werk 8 verderben.— Haben Sie ſich jetzt für eine Farbe beſtimmt?“ „Entſchieden— Ich will wieder blau werden.“ „Gut!—“ Ich ändere von neuem die Farbe des Rockes, die diesmal beinahe ſchwarz wurde. Aber Herr Fournichon hat nicht den Muth, noch etwas darüber zu ſagen; er ſieht es an und ruft aus: „Ah! Das wird ſo ähnlich, als ob es mir aus 86 den Augen geſchnitten wäre! Wieviel Sitzungen ſind noch nöthig?“ „Zwei, und das Bild iſt fertig.“ „Sehr gut— Ich werde mich ſetzen.“ „Alſo zur Arbeit!“ Herr Fournichon arrangirt ſeinen Schopf und ſeine Cravatte, dann nimmt er lächelnd Platz. „Sitze ich ſo recht?“ „Ein wenig mehr drei Viertel— mehr— ſo!“ „Und der Anzug, die Cravatte?“ „Sehr gut. Uebrigens iſt das nicht die Haupt⸗ ſache.“ „Bitte um Endſchuldigung, ich halte viel auf eine ſchön geſchürzte und elegante Cravatte; ſie ver⸗ ſührt die Damen.—“ „Seien Sie ohne Sorgen, Ihre Cravatte wird ſchön. Wie mir ſcheint, Herr Fournichon, ſind Sie ein Liebhaber des ſchönen Geſchlechts.“ „Ja, bei Gott! Das iſt meine ſchwache Seite, oder vielmehr meine ſtarke. Ich bin das, was man in der Welt einen Mann der Damen nennt. Ein Paar ſchöne Augen bringen mich auf der Stelle in Ertaſe. Ach, ich habe des ſchönen Geſchlechts wegen ſchon viel Thorheiten begangen; aber— unter uns geſagt— ich werde mich nie verheirathen, um frei zu bleiben. Ich fühle, daß es mir unmöglich iſt, mich zu feſſeln und habe mir immer geſagt; ich laſſe mich nicht feſſeln.—“ „Das iſt ſehr klug gedacht. Wenn doch alle . 87 Männer ſo dächten, es würde weniger unglückliche Ehen geben.— Sehen Sie mich an.“ „Iſt mein Lächeln nobel genug?“ „Es iſt reizend.“ „Und doch, ich muß es Ihnen geſtehen, bin ich dieſen Augenblick verſchoſſen, rein verſchoſſen.“ „Was ſoll das heißen?“ „Daß ich eine Leidenſchaft im Berzen trage, eine Leidenſchaft, die mich faſt nicht ſchlafen läßt.“ „Teufel! Iſt ſie noch neu?“ „Hm! Es iſt ſchon eine geraume Zeit, daß ich verfolge, aber ich bin immer noch nicht Sieger; und dies paſſirt mir, mir, der ich meine Eroberungen zihle, wie die Straßenjungen die Maikäfer— Dutzendweiſe. „Sie haben diesmal wohl mit einer tugendhaf⸗ ten Spröden zu thun?“ „Nein, ich glaube nicht. Es iſt eine Laden⸗ Mamſell in einer Leinwandhandlung.“ „Wie man ſagt, find dieſe noch ſchüchterner, als die Putzmacherinnen.“ „Dieſe hier, in die ich verliebt bin, ſieht nicht ſchüchtern ans, ſie iſt ſtets fröhlich, liebt die Ver⸗ gnügungen und iſt voller Muthwillen. Schauſpiel, Ball und Polka ſind ihr Element.— Ich habe ſie auf einem Balle bei Mabille in den Elhſeiſchen Fel⸗ dern polken ſehen— es war rein zum Verrücktwer⸗ den! Ich kenne das— ich polke nämlich ſelbſt ganz vorzüglich— denken Sie ſich, ich ſchlage mit un⸗ 88 glaublicher Schnelligkeit die Hacken an die Waden— aber von ihrem Polken war ich bezaubert, hinge⸗ riſſen—“ „Dies Alles verräth in der That keine tugend⸗ hafte Spröhe bei Ihren Vorzügen, womit Sie ausgeſtattet ſind, nicht ſchon gelungen iſt, ſie zu beſiegen.“ „Auch ich bin erſtaunt. Aber was denken Sie— ich habe eine Maſſe Concurrenten.“ „Ah! Die junge Perſon hat alſo viel Anbeter!“ „Ja, mein Herr, ein Heer von jungen Männern belagert Abends die Thür des Magazin's, um den Augenblick ihres Heimgangs abzuwarten— grade wie nach dem Theater, wenn ſich die Menſchen an die Thür drängen, aus der die Schauſpieler kommen müſſen, um noch einmal das Vergnügen zu haben, ſie zu beklatſchen⸗“ „Beklatſcht man denn Ihre Laden⸗Mamſell auch, wenn ſie erſcheint?“ „Die Luſt dazu, fehlt wahrlich nicht. Ach, Roſa, Roſa!“ „Heißt ſie Roſa?“ „Ja. Ein ſchöner Name, nicht wahr?“ „Er hat beſonders den Vorzug, daß er nicht ſo prãtenſiös iſt, wie die Namen, die in der Regel die Laden⸗Mamſells führen, als Amanda, Lodoiska oder Asmalda. „Roſa iſt mir der liebſte.“ „Mir auch.“ „ „und ich bin erſtaunt, daß es Ihnen „ 89 „Wird Ihr Freund, Herr Carotin, dieſen Mor⸗ gen nicht zu Ihnen kommen?“ „Ich denke!“ „Ein liebenswürdiger junger Mann, voll Geiſt und Fröhlichkeit. Ich wollte ihn um Rath fragen, denn er ſcheint einen erfindungsreichen Kopf zu haben.“ „Carotin bleibt nie zurück, ausgenommen, wenn es ſich um Geld handelt; und auch dann noch nicht, denn er findet immer Mittel und Wege, um zu einem Frühſtück oder Mittagbrod zu gelangen.“ Herr Fournichon, der beiläufig geſagt, das Pul⸗ ver nicht erfunden hat, hat auch nicht gemerkt, daß mein Freund Carotin ſeine Zeit damit hinbringt, ſich über ihn luſtig zu machen, indem er ihn ſitzen läßt, wie es in der Malerſprache heißt. Uebrigens beſitzt dieſer Mann alle Eigenſchaften, die zum Sitzen nöthig ſind: Dummheit, Anmaßung und Eitelkeit. Hierzu kommt noch die Binde, die das Glück ſeinen Gunſtlingen über die Augen legt, und ſie nicht ſehen läßt, was man von ihnen denkt. Faſt in demſelben Augenblicke, als wir von Ca⸗ rotin ſprechen, tritt er ſingend und tanzend in mein Atelier. Er trägt etwas in Papier gewickelt unter dem Arm. Sein Geſicht iſt lang, unruhig, ich könnte faſt ſagen, ausgehungert, und hieraus ſchließe ich, daß er ſeit einiger Zeit nüchtern iſt. 9⁰ S. Ein theures Frühſtück. Philoſophiſche Betrachtungen Carotin's. Der lange junge Mann tritt ein, indem er auf ſeinen Magen einen leiſen Schlag verſetzt, als wollte er ihm verbieten, laut zu werden, ſpricht er zu uns: „Guten Morgen, meine Kinder!— Ach, Herr Fournichon! Pardieu! Mir lacht das Glück. Hier treffe ich Herrn Fournichon bei Apelles— und dort verlaſſe ich ſo eben eine Frau, die einen Menſchen ſucht— wie Diogenes— nur finde ich, daß es von Seiten der Frau decenter iſt: Herrn Diogenes mit ſeinem Menſchen habe ich immer für einen komiſchen Kauz gehalten. Wenn aber beregte Frau gewußt hätte, daß Herr Fournichon hier wäre, ſie wäre ſicher mit her⸗ aufgekommen. Was würde die für Augen gemacht haben, um ihm zu gefallen!— Pſt! mein Kind⸗ chen, ich glaube es, Sie ſind nicht überſättigt!—“ Während Carotin ſo ſprach, bricht mein Modell in ein helles Lachen aus, und iſt ſo erfreut, daß er ſich kaum zu faſſen weiß. „Was haſt Du in dem Papier, Carotin?“ * „Das?— Etwas ausgewähltes! etwas ſehr koſtbares— einen Schinken aus Reims— Wiſſen Sie auch, meine Herrn, daß dieſer Schinken ſo mürbe wie ein junges Huhn iſt?“ 91 „O, ich kenne dieſe Schinken! ſpricht Fourni⸗ chon, ich bin ganz vernarrt in ſie.“ „Eine meiner Tanten, die die beſten Schweine in der Champagne zieht, hat ihn mir geſchickt. Ich ſagte zu mir: Wenn Bergeval noch nicht gefrüh⸗ ſtückt hat, frühſtücken wir zuſammen!— Ich gebe meinen Schinken, er bezahlt eine andere Schüſſel— einen Seekrebs z. B.— und wir frühſtücken wie die Prinzen. Jetzt, da Herr Fournichon noch hier iſt, und er einer der Unſern ſein will, wird das Mahl durch Heiterkeit erhöhet werden!“ Herr Fyurnichon beſieht den Schinken, den Ca⸗ rotin, noch immer ſorgfältig in Papier gewickelt, empor hält; dabei murmelt er: „Meine Herrn, Sie ſind ſehr gütig, ich habe zwar dieſen Morgen ſchon Kaffee getrunken, Ihre Einladung aber rührt mich und— ich fühle, daß ich noch fähig bin, dem Schinken und dem Seekrebs die nöthige Ehre anzuthun.“ „Sie nehmen es an? Bravo! Doch überlegen wir jetzt, was Herr Fvurnichon zu bezahlen hat; denn da Jeder von uns eine Schüſſel giebt, muß auch er die ſeinige geben.“ Das Geſicht meines Modells runzelt ſich und zieht ſich auf eine merkwürdige Art zuſammen. Wahrſcheinlich glaubte ſich der Lichtzieher ein⸗ geladen, ohne etwas dafür zahlen zu müſſen. Er hatte ſich indeß ſchon zu weit eingelaſſen, um zurücktreten zu können, und da er ſich den Sarkasmen 92 Carotin's nicht ferner ausſetzen will, zwingt er ſich zu lächeln, indem er ſpricht: „Ja, ja! Ich muß auch etwas zum Beſten ge⸗ ben— Was meinen Sie, meine Herrn, was ich wohl zahlen könnte?— Ich hab's Einen ſchwarzen Rettig— der iſt zum Frühſtück ſehr gut— ich bin ganz vernarrt in die Rettige!“ „Ah, ah, ah Danke ſchön, Herr Fyurnichon,“ rief Carotin in Lachen ausbrechend,„ich finde Ihren Vorſchlag koſtbar! Wenn ich einen Schinken bringe, ächtes, reines Blut aus Reims, und Bergeval einen Seekrebs poniren will, bieten Sie uns einen ſchwar⸗ zen Rettig— da ſchneiden Sie ſich gewaltig!“ Während Herr Fvurnichon mit zuſammenge⸗ kneipten Lippen lächelt, gebe ich Carotin zu verſte⸗ hen, daß ich keinen Seekrebs bezahlen kann, weil ich kein Geld habe. Und ſo war es auch, denn ich hatte dieſen Mor⸗ gen meine Wäſcherin bezahlen müſſen, und von meinen drei Franke fünfzig Centimen vom vorigen Abend waren mir nur noch fünfundſechzig Centimen ge⸗ blieben. Carotin, der meine Zeichen verſtanden, antwortet durch Winken mit den Augen, das nur mir verſtänd⸗ lich und ungefähr bedeutet: „Sei ruhig, ich verantworte Alles— laß mich nur mächen!—“ Da er die Sache abmachen will, laſſe ich ihn ge⸗ 93 währen, denn ich muß geſtehen, daß das projeectirte Frühſtück mir gerade recht kommt. „Ich habe zwar von einem ſchwarzen Rettig ge⸗ ſprochen, allein andere Sachen bleiben deshalb nicht unberührt,“ nahm Herr Fournichon wieder das Wort. „Nun, meine Herrn, was meinen Sie?— Sprechen Sie „Halt,“ antwortet Carotin,„ich werde Gleichge⸗ wicht in das Frühſtück bringen: ich liefere einen Schin⸗ ken aus Reims, der koſtet fünf Franes, ohne das Porto. Bergeval offerirt einen Seekrebs zu demſelben Preiſe, ohne die Brühe mitzurechnen; und Sie, Herr Fournichon— Das wird das Beſte ſein— zahlen eine Flaſche Champagner, oder zwei, oder drei— ganz nach Belieben, Sie haben das Recht, ſo viel an⸗ fahren zu laſſen, als Sie wollen.“ „Ah, meine Herrn, ich meine es als Freund zu gut mit Ihnen, als daß ich die Urſach eines Unwohl⸗ ſeins am frühen Morgen werden könnte. Man muß vernünftig bleiben. Eine Flaſche Champagner für uns drei wird genug ſein.“ „Glauben Sie, Herr Fournichon? Der Krebs und der Schinken ſind ſtark geſalzen, danach bekommt man Durſt. Aber, wenn Sie nur wenig trinken.—— „Soviel als ein Anderer!“ „Sehen Sie, wir müſſen die Sache ausdehnen— eine Flaſche Champagner koſtet Sie fünf Franes.“ „Das iſt das Wenigſte.“ „Ganz recht, denn wir müſſen guten haben. Ich 94 weiß aber ereellenten Champagner zu 3 Franes 50 Centimen.“ „Das wäre noch beſſer!“ „So würden Sie für einen etwas höhern Preis uns zwei Flaſchen poniren können. Rücken Sie ſieben Franken heraus und ich werde die Einkäufe beſorgen.“ „Mir ſcheint aber, daß eine Flaſche für drei—“ „Pfui, für Maler! Herr Fournichon, man muß nicht knickern, wenn man mit Künſtlern frühſtückt!“ Herr Fournichon zieht mit vieler Mühe ſieben Franes aus ſeiner Taſche; während dieſer Zeit flüſtert mir Carotin in's Ohr: „Haſt Du zwei leere Flaſchen?“ „Champagner Form, wo möglich.“ „Zufällig. Sie ſtehen dort unten im Schranke.“ „Gut.“ „Hier ſind die ſieben Franes,“ ſpricht Herr Four⸗ nichon.“ Sie ſehen, meine Herrn, daß ich nicht feil⸗ ſche, um bei Ihrem Mahle zu ſein.“ „Sie ſind ſehr großmüthig, und machen Ihre Sache gut, antwortet Carotin, indem er das Geld einſteckt. Dafür führe ich Sie in den nächſten Tagen in das Atelier. Sie haben mir einmal den Wunſch geäußert, einige von den Farcen und Tollheiten ken⸗ nen zu lernen, die die Schüler unter ſich treiben: ſeien Sie außer Sorgen, Sie ſollen ſie kennen lernen.“ „Ich halte Sie beim Wort, Herr Carotin, Sie 95⁵ müſſen mich zu den Schülern ſühren, es wird mir großes Vergnügen machen.“ „Abgemacht!“ „Ah, Herr Carotin, beim Frühſtück werde ich mir von Ihnen einen Rath erbitten über die Art und Weiſe, wie man ein billet doux in die Hände einer Laden⸗Mamſel befördern kann, in die ich ver⸗ liebt bin.“ „O, ſoviel Sie immer wollen. Ich kann mit vierzig verſchiedenen Arten dienen— Sie haben die Auswahl, denn zu den Ladenmamſells führen vier⸗ zig Wege, auf denen man Briefe befördern kann.“ „Wahrhaftig?“ „Wie, verführeriſcher Fournichon, Sie ſollten die vierzig Arten nicht kennen? O, wie weit iſt dieſer junge Mann noch zurück! wie weit! wie weit! Ah, ah, ah!“ Carotin ſetzt ſich auf einen Stuhl, dann ſpringt er in die Mitte des Zimmers. Hierauf trommelt er mit zwei Pfeifenröhren auf eine meiner Skizzen, dann tanzt er Polka durch das ganze Zimmer. Trotzdem er durchaus dieſen Uebungen ſich hin⸗ giebt, findet er doch Gelegenheit, den Schrank zu öffnen, worin meine leeren Flaſchen ſtehen. Er nimmt zwei Stück davon, ſteckt ſie in ſeinen Paletot und ſchlüpft zur Thür hinaus, indem er ruft: „Ich hole Probiſivn—“— „Ein geiſtreicher Menſch,“ rief Herr Fournichon, — 96 als Carotin ſich entfernt hatte—„der iſt einmal klug— er muß ſeine Schulen haben.“ „Das hat er.“ „Der iſt fähig, mir vierzig Arten anzugeben, auf die ich Roſa beſiegen kann.“ „Er wird ſie Ihnen angeben. Sie ſind Liebha⸗ ber, Herr Fournichon; auch ich.“ „Wahrhaftig?“ Ich bin es; ſeit geſtern Abend. Ein junges Mädchen, das ich im Theater geſehen, hat mir den Kopf verdrehet.— Ach, ſie iſt ſehr ſchön! Aber wahrſcheinlich werde ich ſie nicht wieder ſehen; ſie zu vergeſſen wird das Beſte ſein.“ „Haben Sie ihre Bekanntſchaft nicht machen können?“ „Ich hatte Hoffnung dazu. Bei dem Hinaus⸗ gehen aus dem Theater regnete es ſehr ſtark. Ich erbiete mich, einen Wagen zu beſorgen; man nimmt es an. Ich ſuche eine Stunde vergebens nach einem Fiacre. Endlich finde ich einen; aber er will ſo ſpät nicht ſahren. Dafür nehme ich Rache. Ich zerbreche zwei von ſeinen Fenſterſcheiben. Verdammte Kut⸗ ſcher! Sie ſind Schuld, daß ich meine Schöne nicht wiedergefunden habe.“ „Die Fiacre⸗Kutſcher tragen überhaupt die Schuld an vielen Unannehmlichkeiten!“ „Eines Tags begleite ich eine reizende Frau— wir ſetzen uns in einen Wagen, damit ſie nicht mit mir geſehen würde— ſie hatte tauſend Srind 97 dazu. Wir wollten die Vorhänge herablaſſen; doch einer will ſich durchaus nicht abrollen. Ich zog und zog— er wankte nicht. Ich mache mich an den an⸗ dern. Der fällt; ich will ihn unten befeſtigen, es iſt aber kein Knopf vorhanden. Um ihn zu halten, muß ich meine Hand gebrauchen. Sie können ſich leicht denken, wie ſtörend es iſt, wenn man ein ſüßes tete-tete mit einer Dame hat, und fortwährend einen Vorhang niederdrücken muß. Ich ließ ihn fahren. Er rollte auf der Stelle in die Höhe und wir waren Aller Blicken ausgeſetzt. Meine Dame öffnete die Thür und entfloh. „Das war ſehr unangenehm. Aber es war nicht die Schuld des Kutſchers.“ „Verzeihung— habe ich mich gut gehalten?“ „Sehr gut!“ „Um ſo beſſer. Ach Roſa!— Ein anderes Mal ſitze ich wiederum mit einer Dame im Wagen. Ich hatte dies Mal die Vorhänge ſtark befeſtigt. Meine Unterhaltung war bis auf den höchſten Punkt der Vegeiſterung geſtiegen— Krack, zerbricht ein Rad. Denken Sie einmal, in welcher Lage ich mich befand!“ „Dies war auch nicht die Schuld des Kutſchers.“ „Erlauben Sie, die Kutſcher ſind verantwort⸗ lich für ihre Räder. Seit einiger Zeit ſind bedeu⸗ tende Verbeſſerungen, bezüglich der numerirten Wa⸗ gen eingeführt. Auf jedem Platze befindet ſich jetzt ein kleines hölzernes Haus, über welchem eine Son⸗ nenuhr angebracht iſt. Man kann ſehen, wieviel die Carotin. I. 7 98⁸ Glocke iſt und das iſt ſehr bequem für die Paſſan⸗ ten. Dies iſt das Büreau des Inſpectors, der be⸗ auftragt iſt, über den Fiacre⸗Dienſi zu wachen und den Bürgern nöthigenfalls Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Dann iſt jetzt in dem Innern eines jeden Wa⸗ gens eine kleine gedruckte Charte angeheftet, die Ihnen die Preiſe angiebt, welche ſie für die Fahrt zu zahlen haben. Wenn Sie in den Wagen ſteigen, iſt jeder Kutſcher verpflichtet, Ihnen eine kleine Charte zu überreichen, auf welcher ſeine Nummer ſteht. Un⸗ terläßt er es, haben Sie das Recht, die Charte zu fordern. Ich verabſäume dies nie und bewahre die⸗ ſelben ſorgfältig auf. Ich habe einen ganzen Kaſten „Was wollen Sie damit machen?“ „Man kann z. B. etwas in einem Wagen ver⸗ geſſen; in dieſem Falle würde ich eine Reclamation an die Präfectur ſenden und ſämmtliche Nummern beifügen, die ich geſammelt habe. Man wird dann meinen Kutſcher bald entdecken.“ „Wiſſen Sie, Herr Fyurnichon, was den num⸗ merirten Wagen in Paris noch fehlt?— Gute Pferde. In dieſem Puncte ſteht unſere glänzende Hauptſtadt, die in ſo vielen andern Sachen oben an ſteht, England, Italien, Rußland und dem größern Theile der Hauptſtädte Deutſchlands nach. Sie neh⸗ men in der Regel einen Wagen, um ſchnell fort zu kommen, und Sie werden nur im Schritt befördert. 99 Sie ſuchen Ihren Kutſcher durch das Verſprechen eines Trinkgeldes anzutreiben; er peitſcht ſeine Pferde, die einen Augenblick ausſehen, als ob ſie galopiren wollten; mit einem Male ſtürzen die Roſſe, die dann nicht wieder aufſtehen können, oder wollen. Eine Menge Menſchen verſammelt ſich. Man muß aus⸗ ſpannen, um zu verſuchen, ob ſich das Pferd wieder erheben kann. Ihnen bleibt dann nichts übrig, als Ihren Weg zu Fuß fortzuſetzen.“ „Sie haben vollkommen Recht, mein Herr. Aber wo bleibt Carotin?“ „Haben Sie Hunger, Herr Fournichon?“ „Ja, wahrhaftig! Ich habe meinen Kaffee ſchon vergeſſen.“ „Ich höre auf der Treppe ſingen; das muß Ca⸗ rotin ſein.“ 9. Die gebratenen Kartoffeln. Der Geſang kommt näher; ſchon können wir die Melodie erkennen: „Ein ſchöner Herbſttag lacht——“ die mein Freund auf vielfältige Art variirt, als plötzlich das Geräuſch von zerbrochenen Flaſchen von der Treppe her an unſer Ohr ſchlägt. Der Geſang verſtummt, ſtatt ſeiner hören wir Carotin klagen 7* 100 und lamentiren. Wir eilen hinaus— nämlich Herr Fournichon und ich— und jinden Carotin verblüfft bei den Scherben zweier zerbrochener Flaſchen ſtehen, deren Inhalt die ganze Treppe hinunter fließt. „Was giebt's hier?“ „Was iſt geſchehen?“ „Was haſt Du gemacht?“ Auf alle dieſe Fragen, die wir Schlag auf Schlag an ihn richten, antwortet Carotin nur mit einem tiefen Seufzer und zeigt mit dem Finger auf die zerbrochenen Flaſchen. Endlich ruft er:, Es iſt vor⸗ bei! Und wenn ich bis morgen ſtehe und dieſen köſt⸗ lichen Wein betrachte, der die Stufen der Treppe hinabfließt, es wird um kein Haar anders. Welch ein Unglück! Wir werden nun keinen Champagner trinken!“ „Was,“ ſagt Fournichon,„ſind das die zer⸗ brochenen Flaſchen?“ „Ach, mein Gott, ja! Dies iſt Alles, was uns von zwei Flaſchen Champagner übrig bleibt. Ach, ich ſtieg ſo vergnügt die Treppe herauf! Unterwegs ſprach ich zu mir: wie wollen wir ihn ſchäumen laſ⸗ ſen! Da glitt plötzlich mein Fuß— ich halte in jeder Hand eine Flaſche— greife nach dem Trep⸗ pengeländer und in demſelben Augenblicke Piff Paff! ſtoße ich meine Flaſchen eine an die andere— Ach, ich mögte weinen—“ „Du biſt ſehr ungeſchickt, Carotin!“ „Parbleu! Kann ſo etwas nicht einem Jeden 101 begegnen? Glaubſt Du, daß ich nur der Auserleſene bin?“ „Und Beide ſind zerbrochen!“ murmelte Herr Fournichon, wobei er eine klägliche Miene zog. „Bei Gott, das iſt ſchrecklich! Wenn wenigſtens noch eine unverſehrt geblieben wäre, ſo könnte man ſich tröſten, indem man ſie trinkt— man könnte ſich einſchränken Geſchehen iſt geſchehen! Hin iſt hin!“ Carotin tritt in mein Zimmer. Ich habe Mühe, das Lachen zu unterdrücken, denn ich kenne die Be⸗ wandniß mit den Flaſchen nur zu gut. Herr Four⸗ nichon aber kann ſich von den zerbrochenen Flaſchen nicht trennen, er ergreift den Boden der einen, wo⸗ rin ſich noch einige Flüſſigkeit befindet und will ihn an den Mund bringen ich verhindere ihn daran mit den Worten: „Was wollen Sie thun? Dies trinken?— Um Glasſcherben zu verſchlucken und Ihre Gedärme zu zerſchneiden! Wiſſen Sie auch, mein Herr, daß man davon den Tod hat?“ „Sie haben Recht,“ antwortet mein Modell, und wirft die Scherben der Flaſche wieder zur Erde; „das wäre unklug gehandelt,— ſo ſehr liebe ich den Champagner nicht!“ Ich treibe den Herrn in mein Zimmer. Carotin iſt beſchäftigt, drei kleine Grütz⸗Brodte auf den Tiſch zu legen. Er läßt ſie fortwährend von einer Stelle auf die andere paſſiren, als ob er Ta⸗ ſchenſpieler⸗Stückchen machte. 102 „So müſſen wir uns mit Seekrebs und Schin⸗ ken begnügen,“ ſagt Herr Fournichon. „Wo iſt der Seekrebs, Carotin?“ „Sie ſollen ihn gleich ſehen, meine Herrn, er iſt ſüperb!— Mit dieſem Krebſe werden Sie zu⸗ frieden ſein.“ Carotin greift mit der Hand in eine Taſche ſei⸗ nes Paletot's, zieht ſie aber wieder zurück, um raſch in die andern zu fahren— jetzt ſchneidet er ein ent⸗ ſetzliches Geſicht, fährt fort zu ſuchen und zieht end⸗ lich das Futter ſeiner Taſchen heraus, um ſich zu verſichern, daß nichts darin iſt. „Nun,“ ſpricht Herr Fournichon,„den Krebs können Sie doch nicht auch zerbrochen haben?“ „Nein; aber es iſt noch ſchlimmer.—“ „Wie, noch ſchlimmer?“ „Man muß ihn mir geſtohlen haben, denn ich habe ihn nicht mehr!“ „Geſtohlen!“ „Ja, geſtohlen! Ach, ich beſinne mich jetzt. Auf dem Byoulevard blieb ich unglücklicherweiſe vor dem Laden eines Kupferſtichhändlers ſtehen— denn ich liebe die Kupferſtiche— Sie wiſſen wohl, wenn man ſelbſt zeichnet— man kann da Studien ma⸗ chen— Stoffe ſuchen.—“ „Aber Ihr Seekrebs?—“ „Ich erinnere mich, daß links neben mir ein Paar luſtige Brüder mit unternehmenden Mienen ſtanden, die außer ſich über eine Kupferplatte zu ſein ſchienen. 103 Sie machten laut ihre Bemerkungen über das Stück, und der eine näherte ſich mir mit der Frage, ob ſolche Bilder theuer ſeien— Bild iſt das Wort, deſſen er ſich bediente.—“ „Aber der Seekrebs?“ „Nun errathen Sie denn nicht, daß man ihn in dieſem Augenblicke mir gemauſt hat? Die Scheeren ſtanden heraus— ach, die waren ſo appetitlich, daß ſie wahrſcheinlch Luſt dazu bekommen haben. O, die Spitzbuben— als ſie ſahen, daß ich in jeder Hand eine Flaſche trug, werden ſie wahrſcheinlich gedacht haben: der kann nicht in ſeine Taſche greifen, um zu wiſſen, ob er ſeinen Krebs noch hat!— Bei Gott, die Elenden hatten nur zu ſehr recht!— Es war ein Krebs, würdig eines Brillat-Savarin! Er hat mich neun Franes gekoſtet. Ich dachte: Herr Four⸗ nichon zahlt ſieben Franken für Wein, da darf Ber⸗ geval nicht zurückbleiben, und ich legte neun Franes aus— Hörſt Du, Caſimir, Du biſt mir neun Francs ſchuldig.“ Ich verbarg mein Geſicht in das Schnupftuch und that, als ob ich ein heftiges Nieſen unterdrücken wolle, damit der Lichtzieher mein Lachen nicht be⸗ merken konnte. Er ſchien in der That von dem Diebſtahle des Krebſes ergriffen. Mit trauriger Miene blickte er die drei Grütz⸗Brödtchen an, die Carotin noch immer auf dem Tiſche voltigiren ließ, und murmelte: „Wir haben heute ein beſonderes Unglück!— 104 Na, da wird uns der Schinken von Reims für Alles entſchädigen müſſen!—“ „Ja, ja! Wollen es hoffen Wollen es hoffen!“ Bei dieſen Worten ging Carotin, den Schinken, hervorzuholen, der noch immer in ein ungeheures Stück Papier eingeſchlagen war. Er reißt das Pa⸗ pier ab, und wir erblicken einen von jenen harten Schinken, die die Speckhändler vor ihren Läden auf⸗ zuhängen pflegen. Ich erkenne ihn, denn es iſt derſelbe, der Carotin ziemlich lange Zeit bei einem Gemälde, das er nun vollendet, zum Modell gedient. Jetzt fällt mir auch ein, daß meine Nachbarin, die Speckhändlerin, ihn unter meiner Bürgſchaft hat verleihen wollen. Herr Fvurnichon betrachtet den Schinken, ohne eine Miene zu verziehen; Carotin prüft ihn und nachdem er ihn unterſucht, ſchlägt er ſich mit den Worten vor die Stirn: „O, welche Dummheit! Meine Tante ſchickt mir einen rohen Schinken— Wer konnte das denken— wahrhaftig, er iſt ganz roh— ich würde ihn ſo nicht mitgebracht haben, wenn ich ihn zuvor ange⸗ ſehen hätte!“ „Nein, das iſt zu ſtark,“ ſchrie Fvurnichon. „Sie ſprachen aber von einem Schinken aus Reims, und da dachte ich mir einen von jenen ausgebeinten und mit Brodrinde bedeckten, ganz appetitlichen Schinken, wie man ſie in den Läden kauft.“ „Von Brodrinde habe ich nicht geſprochen!— 105 Aber aus Reims iſt er, ich verbürge es mit meinem „Das iſt ſehr troſtreich! So werden wir alſo trockenes Brodt frühſtücken müſſen?“ „Wartet Wartet! Die Thürſteherin verwaltet Kaſimir's Haushalt, ſie iſt äußerſt zuvorkommend und gefällig— ich laſſe den Schinken von ihr kochen, das wird das Beſte ſein!“ Ohneunſere Antwort abzuwarten wickelt Carotin den Schinken wieder in das Papier und entfernt ſich. Herr Fournichon und ich blieben vis-vis bei den Grützbrödten zurück. Mein Fournichon weiß nicht, was für ein Geſicht er machen ſoll. Um ihn zu zerſtreuen eile ich zu ſei⸗ nem Portrait, ergreife meine Palette und rufe: „Rühren Sie ſich nicht, Herr Fournichon— bleiben Sie ſtill ſitzen! Sie haben in dieſem Au⸗ genblicke eine Grazie und Nobleſſe in Ihrem Geſicht, die ich auf Ihr Portrait übertragen muß!— „So, finden Sie, daß ich etwas in meinem Ge⸗ ſicht habe?“ Ihr Portrait wird der Perſon, die es zu beſitzen die Ehre hat, viel Vergnügen gewähren.“ „Glauben Sie?— Na ich hoffe es!“ „Haben Sie es vielleicht für Mamſell Roſa be⸗ ſtimmt?“ „Wahrhaftig, die ſoll es haben Aber noch weiß ich nicht, wie es zu ihr gelangen kann.“ „Carotin wird ſchon einen Weg finden.“ 106 „Aber er läßt ja den Schinken kochen— Sap⸗ perment! Ich habe einen ungeheuren Appetit!— Ach Ich glaube unſern Freund zu hören. Sollte der Schinken aus Reims ſchon gar gekocht ſein?“ „Das wäre überraſchend.“ „Wahrhaftig, das iſt es auch!“ Carotin tritt wieder ein mit dem Papier im Arm, das immer noch etwas zu enthalten ſcheint.“ Er legt es neben die kleinen Brödte mit den Worten: „Zu Tiſche, meine Herrn, zu Tiſche!“ Herr Fournichon nimmt eilig Platz und ſpricht; „O gern, von Herzen gern!— Iſt er ſchon gekocht?“ „Gekocht?“ antwortet Carotin:„wiſſen Sie auch, wieviel Zeit erforderlich iſt, einen Schinken zu kochen, daß er gar wird?— Acht Stunden, meine Herrn, und dann muß er immer ſieden. Da habe ich denn gedacht, daß uns dies zu weit führen wird, und daß Sie nicht werden bis zum Abend warten wollen, um zu frühſtücken. Ferner dachte ich: Du haſt die Dummheit begangen, folglich mußt Du zahlen. Es muß eine andere Schüſſel herbeige⸗ ſchafft werden! Und in dieſer Beziehung bin ich ſtark! Fragen Sie einmal Caſimir, Colin— unſer Freund heißt nämlich auch Colin— der kann es Ihnen ſagen!“ Bei dieſen Worten öffnet Carotin das Papier und es bietet ſich unſern Augen ein großer Haufen N 107 gebratener Kartoffeln dar. Herr Fournichon ſitzt wie verſteinert. Ich aber muß dem Bedürfniß zu lachen nachge⸗ ben und ſage zu Carotin: „Ah, Du biſt ſehr großmüthig und freigebig! Eine prächtige Schüſſel gebratener Kartoffeln!—“ „Wahrhaftig, meine Herrn, ein Schelm giebt mehr, als er hat. Ich habe nicht mehr Geld. Das Porto für den Schinken hat mich ruinirt!— Grei⸗ fen Sie zu Es iſt eine geſunde, nahrhafte Koſt!“ „Colin— Caſimir, kannſt Du uns nicht wenig⸗ ſtens etwas Wein anbieten?“ Ich gehe an meinen Schrank, und finde darin eine noch halb volle Flaſche. Carotin bemächtigt ſich ihrer und füllt ſie mit Waſſer. „So, nun können wir Alle davon trinken. Zum Frühſtück, meine Herrn! Ich werde mit gutem Bei⸗ ſpiel voran gehen.“ Und ſomit ißt er Kartoffeln und gießt die Glä⸗ ſer voll. Ich thue ein Gleiches und Herr Fournichon ent⸗ ſchließt ſich endlich, uns zu folgen. Carotin läßt die gebratenen Kartoffeln mit einer fabelhaften Fertigkeit verſchwinden. Es iſt ein wah⸗ res Vergnügen, ihn eſſen zu ſehen, denn er genießt mit einem Appetite, als ob es Trüffeln wären. Als er bemerkt, daß ich ſeinen Appetit anſtaune, ſpricht er: 108 „Meine Herrn, ehren wir dieſen neuen Handels⸗ zweig! Es iſt eine Induſtrie, welche das Gouver⸗ nement vor Allem unterſtützen ſollte, da ſie der be⸗ dürftigen Klaſſe der menſchlichen Geſellſchaft große Hülfe gewährt, oder beſſer geſagt, der Klaſſe, welche niemals in Geſellſchaft kommt!—“ Carotin unterbricht ſich, um fünf gebratene Kar⸗ toffeln mit einem Male in den Mund zu ſtecken, der daran gewöhnt zu ſein ſcheint, enorme Sachen ver⸗ ſchwinden zu laſſen. Nachdem dieſer großartige Biſſen an den Ort ſeiner Beſtimmung gelangt, hebt mein Freund die Naſe und fährt mit einer wahrhaften Doctor⸗Würde fort: „Dieſes ſo nützliche und wohlthätige Knollen⸗ gewächs, dem man erſt ſpät Gerechtigkeit widerfahren ließ, hat ſich doch zuletzt behauptet, und das will in unſerer Zeit, wo die Muße fehlt, ſich mit Allem zu beſchäftigen, was gut iſt, ſchon etwas ſagen. Die Kartoffel hat einen neuen Handelszweig geboren! „Früher, meine Herrn, begnügte man ſich, dies Gemüſe wie alles andere, d. h. roh, zu verkaufen. Dann kam es unter die Hand des Reſtaurateurs oder der Köchin, um ſich tauſenden von Zuſammenſtel⸗, lungen, Miſchungen und Brühen zu unterwerfen, mit dem es ihm endlich erlaubt war, auf der Tafel zu erſcheinen. „Aber ehe es bis zu dieſem Punkte gelangte, aßen die Leute ihr Stück trocknes Brod. Dem Einen 109 fehlten die Mittel oder die Zeit, zu einem Garkoch zu gehen, dem Andern Feuer oder Utenſilien, um zum Kochen ſeiner Kartoffeln ſchreiten zu können. „Eine Frau trat zuerſt auf— ihren Namen kann ich Ihnen nicht ſagen, weil ich ihn nicht weiß— aber ſie verdient Eva oder mindeſtens Chbele zu heißen. Dieſe Frau begriff zuerſt, daß die Kartoffel in ihrem Normalzuſtande, das heißt allein bereitet, zu genießen ſei. „Was that dieſe Frau?— Sie kaufte ganz ein⸗ fach einen Tiegel und etwas Schweineſchmalz— dies macht keinen großen Koſtenaufwand— ſetzt den Tiegel oder die Pfanne auf ein Feuer, läßt das Schweineſchmalz zergehen, ſchneidet die Kartoffeln, nachdem ſie abgeſchält, hinein, holt ſie gebraten wie⸗ der heraus, um ſie en detail an Liebhaber zu ver⸗ kaufen. „Ehre dieſer Frau! deren Namen nicht bis an mein Ohr gedrungen. Es giebt zwar ſehr bekannte Frauen⸗Namen, dieſe verdienen aber nicht, ſo po⸗ pulär zu werden, als es der Name dieſer Frau ver⸗ dient. „Den gebratenen Kartoffeln mangelt es an Käu⸗ fern nie; ſie ſtrömen in Menge herbei, denn es iſt zu angenehm, für zehn Centimen, ſelbſt für fünf, eine Portion warmes, fertig zubereitetes Eſſen zu erhalten— einige Körner Salz werden beim Braten gleich in die Pfanne geſtreut— außerdem hat dieſes Gericht noch den großen Vorzug, daß es keines von 110 denen iſt, die man ſich zuwider eſſen kann! Vielen Leuten vertritt es die Stelle des Brodes.“ „O Vrod,“ ſpricht Herr Fournichon und ſchüt⸗ telt ſein Haupt.„Ich bin nicht dieſer Meinung!, Kann man eine Kartoffel in eine Taſſe Kaffee tauchen?“ Carotin ſtößt einen tiefen Seufzer aus, ſieht den Lichtzieher an, als ob er weinen wollte, nimmt eine Hand voll Kartoffeln, die er in den Mund gleiten läßt und fährt in ſeiner Rede fort: „Sie können wohl denken, meine Herrn, daß die erſte Braterin dieſes Knollengewächſes bald eine Maſſe Coneurrenten gehabt hat.— Dieſer Handel gedeihet dermaßen, daß ſich in Paris täglich Bou⸗ tiquen öffnen, in denen man nichts anderes verkauft, und Sie leſen mit großen Buchſtaben über der Thür: — Verkauf gebratener Kartoffeln.— „Dies entlockt Ihnen ein mitleidiges Lächeln, Herr Fournichon, der Sie nur gewohnt ſind bei Verh, bei Hamel, bei den Gebrüdern Provenceaur, bei Rocher de Cancale oder im Café de Paris zu Mittag zu eſſen.“ „Ich, Herr Carotin? Sie ſind im Irrthum, ich ſchwöre es Ihnen— Ich habe nicht die Gewohn⸗ heit.—“ „Sie ſind ein Lucullus! Das iſt bekannt; aber erinnern Sie ſich, das alle Börſen nicht dieſelben ſind! Es giebt arme Teufel, die mit dem, was Sie 111 für ein einziges Mittagbrod zahlen, einen ganzen Monat leben, indem ſie nur gebratene Kartoffeln eſſen.“ „Aber Herr Carotin, ich wiederhole Ihnen.—“ „Könnten Sie nur ein einziges Mal den Maurer ſehen, wenn die Stunde ſeiner Mahlzeit ſchlägt, den Laſtträger, wenn er von der Arbeit kommt, den Schüler, wenn er ſeine Klaſſe verläßt, den Straßen⸗ jungen, wenn er vom Spiele kommt— alle eilen nach dem Laden, wo es gebratene Kartoffeln giebt, und laſſen ſich in ihre Hand ſerviren. Ein Papier faßt bequem für zwei Sous Kartoffeln, die ſie mit einem Appetite verzehren, der Ihnen Freude machen würde. Ja, mein Herr, alle jenen Gerichte, die Sie in unſern beliebten Reſtaurationen ſo theuer bezah⸗ len müſſen, gewähren ſehr oft nicht ſo viel Vergnü⸗ gen, als dieſe armen Leute bei dem Genuſſe ihrer gebratenen Kartoffeln empfinden. Ja, wahrhaftig, das iſt eine glückliche Einrichtung. Der Arme hat wenigſtens einen kleinen Erſatz! „Meine Herrn, der Kuchen iſt eine Leckerei, und die Kartoffel eine Nothwendigkeit. „Der Kuchen wird vergehen, wie Alles, was der Mode unterliegt! Die gebratene Kartoffel aber wird bleiben, denn ſie iſt eine geſunde und billige Nah⸗ rung. dixi!“ Ich applaudirte dieſem Heldengedicht wie ein Römer, und ſprach: 11¹2 „Carotin, Du mußt Deine Rede drucken laſſen und ſie der Academie ſchicken, ich bin überzeugt, daß ihrer ehrenvoll Erwähnung geſchieht.“ „Sie lachen, meine Herrn! Glauben Sie viel⸗ leicht, daß ich niemals nachdenke?— O Sie täu⸗ ſchen ſich. Wenn ich ſpaziren gehe und Paris durch⸗ ſtreiche, höre, ſehe und beobachte ich, was um mich her vorgeht und geſprochen wird. Wer weiß, ob es mir noch einmal nützen kann;— Ich könnte ja Po⸗ lizei⸗Präfect werden! Da habe ich denn geſehen, was dieſem gefällt und jenem Vergnügen macht, und bei dieſen Beobachtungen habe ich mir die Eßwaaren⸗ händler vorzüglich gemerkt. Ach, meine Herrn, dies ſind gefährliche Läden für das Volk— für den ar⸗ men Handwerker und für den überzählig Angeſtell⸗ ten! Sie wiſſen nicht, welche Gedanken, Wünſche und Neigungen dieſe prächtigen Eßwaarenlager her⸗ vorbringen!— Wenn die Unglücklichen, die den Preis für ſolche Waaren nicht erſchwingen können, ſie anſchauen und ihren Duft einſchlürfen, wird ihnen da nicht unwillkürlich der Gedanke kommen: ſo etwas werden wir nie ſchmecken! Und wer weiß, wohin dieſe Betrachtung führen kann?— Man hat die Lotterien unterdrückt, die Spielhäuſer geſchloſſen; aber man läßt ungeſtört die Eßwaarenläden ihre verführeriſchen Reize entfalten, läßt von dem unſeret Bedürfniſſe reden, das ſich am meiſten erneuert, mit einem Worte, läßt unſern Magen verführen! Man ahnt die Verbrechen nicht, zu denen der Anblickeines 113 Seekrebſes, eines Truthahns mit Trüffeln, eines Rehbocks oder eines Ananas führen kann!“ „Du biſt ein Narr, Carotin Uebrigens begreife und fühle ich in dieſem Augenblicke Deine Indigna⸗ tion über ſolche Sachen.“ „Indeß,“ ſagt Fournichon,„vorhin rühmten Sie doch alles dies, und ſelbſt——“ „Ich bitte um's Wort, Herr Fournichon—“ „Mir ſcheint, daß Sie es immer gehabt haben, ſeit wir frühſtücken.“ „Wahrſcheinlich deshalb, weil ich mich ſeiner ſo angenehm bediene. Alſo weiter: Wenn man die Zahl dieſer Eßwaarenläden ſieht, und den Lurus, mit dem ſie den Liebhabern die Menge von Gegenſtänden darbieten, muß man nicht glauben, daß dieſer Han⸗ delszweig der blühendſte in Paris iſt? „Der größte Theil dieſer Kaufleute hat jetzt in dem Innern der Etabliſſements Waſſerfälle mit na⸗ türlichem Waſſer, die fortwährend das Auge erfri⸗ ſchen und den Fiſch, der im Waſſer ſchwimmt. Man kann einen geographiſchen Curſus halten, wenn man vor dieſen Läden ſtehen bleibt, denn ſie ſind mit Leckereien angefüllt, wovon eine jede dem Lande Ruf giebt, worin es geboren wurde. Chartres, Amiens, Straßburg, Pithiviers ſenden ihre Paſteten; neben einem ungeheuern Seekrebs, der noch lebt, ladet eine gekochte Seeſpinne zum Eſſen ein. Die ſeltenſten Fiſche, das ſchönſte Obſt, der ausgeſuchteſte Käſe, Frühgemüſe jeder Art, mit einem Worte, die Pro⸗ Carotin. I. 8 114 ducte aller Welttheile ſind hier ausgebreitet, vor de⸗ nen der reiche Gourmand bewundernd ſtehen bleibt und nicht weiß, welchen von dieſen ſchönen Sachen er den Vorzug geben ſoll; er bedauert nur, daß die Natur ihm nicht einen Magen gegeben hat, der groß genug iſt, alle dieſe Sachen zum Mittagbrod aufzu⸗ nehmen, die hier vor ſeinen Augen liegen. Die fremden Gutſchmecker, vorzüglich die Engländer, ſtrömen dem Palais-Royal zu und bleiben vor den Magazinen des berühmten Chebet ſtehen, der in der Rue Vivienne noch ein prachtvolles Nebenlocal be⸗ ſitzt. Corcelet,'holel des Américains und noch viele andere haben den Vorzug, die Vorübergehenden an ihren Fenſtern ſtehen bleiben zu ſehen.“ „Ich ſelbſt bin ſchon oft dort ſtehen geblieben,“ verſetzt Herr Fvurnichon,„aber ich habe nie geſe⸗ hen, daß ein Uebel daraus—“ „Das ſehen Sie nicht! Parbleu! Ich glaube es wohl. Sie haben die Taſchen voll Gold und können alle Wünſche Ihres Magens befriedigen— Sie fin⸗ den das natürlich ſehr angenehm. Aber Sie hören nicht die Unterhaltung und die Betrachtungen, die durch den Anblick der Leckereien im Volke der ärmern Klaſſe entſtehen. Aber ich, mein Herr, ich höre das Alles. Noch dieſen Morgen habe ich es in allen Far⸗ ben vor Corcelet's Laden gehört. „Sieh, Piaulard,“ ſagte ein Handwerker zu ſei⸗ nem Kameraden,„Die herrlichen Sachen Wenn Du 1¹⁵ Deine Taſchen voll Geld hätteſt, was würdeſt Du Dir wählen?“ „Ich würde die große Paſtete nehmen!“ „Wie dumm biſt Du! Ich würde das große Thier nehmen, das dort an der Thür hängt, das hält vier Mal ſo lange vor, wie die Paſtete!— Es iſt ein Rehrücken! Welch einen delicaten Geruch ſtrömt es aus— es riecht wie alter, guter Käſe!“ „Aber man müßte es erſt kochen laſſen.“ „Bewahre, es riecht, und da kann man es ſo eſſen.“ „Und das Fell?“ „Aus dem würde ich mir eine Mütze machen!“ „Wahrhaftig, Piaulard, könnte ich einen Tauſch machen, ich gäbe gern meine Frau für das Reh dort!“ „Sehen Sie, prt Fvurnichon, das hat der Handwerker geſagt, und ich habe es mit meinen ei⸗ genen Ohren gehört! Dieſer Menſch hätte ſeine Frau hingegeben, um das Reh zu beſitzen! Entrü⸗ ſtet wollte ich ihn mit meinen Blicken niederſchmet⸗ tern, aber er hatte ſich ſchon lachend mit ſeinem Be⸗ gleiter entfernt. Darauf ſah' ich eine Frau niederer Klaſſe kommen, die ein kleines Mädchen an der Hand führte. Sie blieb vor dem Magazin ſtehen, und die kleine, der Mutter eine Terrine Nerae bezeichnend, die offen da ſtand, ſagte: „Mama, was iſt denn in dieſer Terrine?“ „Das iſt Sahne zum Kaffee, mein Kind.“ 8* 116 „Aber es ſind doch kleine ſchwarze Stückchen darin?“ „Das ſind Kohlenſtückchen, welche die Köchin beim Zubereiten hat hineinfallen laſſen.“ „Mama, warum eſſen wir denn ſo etwas nie?“ „Weil Dein Vater ein Trunkenbold iſt, der Al⸗ les verſäuft, was er verdient. Ach Gott! Könnte ich ihn doch los werden, ich wüßte nicht, was ich darum gäbe!“ Nach dieſer barbariſchen Antwort kamen Stra⸗ 1 ßenjungen herbei, die vor dem Fenſter ſtehen blieben und mit den Augen die aufgeſtellten Sachen ver⸗ ſchlangen. Dann hörte ich folgende Reflexion: „Sieh, da iſt ein Schinken, der mit Sägeſpä⸗ nen bedeckt iſt!“ 1„Es iſt ja gekruſtete Brodrinde, Schafskopf!“ „Ah, und das Federvieh— was für einen gro⸗ ßen Bauch es hat!“ „Pardi! Der iſt mit Kaſtanien gefüllt.“ „Ach und dieſer Fiſch, welch einen Schwanz det hat! Das iſt eine Schlange!“ „Sieh' einmal dieſe Wurſt!“ „Das iſt eine Schlackwurſt, die wird roh gegeſ⸗ ſen. Wie unverſtändig!“ „Ach, und dies häßliche Thier, das noch lebt;es ſieht aus, wie ein großer Krebs.“ „Das iſt ein Seekrebs.“ „Warum iſt er denn nicht ſo roth, wie der, der nicht weit davon iſt?“ 117 „Weil es zwei Gattungen davon giebt: grüne und rothe. Das weißt Du nicht? Du wirſt doch ſo gut unterrichtet, wie ich.“ „Und dieſe Büchſe von weißem Eiſen? Was wohl darin ſein mag? Sie iſt nicht offen.“ Der Straßenjunge, der den klugen ſpielen wollte, wiſcht ſich mit der verkehrten Hand ſeine Naſe, ſtellt die Hände in die Hüften und antwortet ſeinem Ka⸗ meraden: „Ich will Dir die Sache erklären: In dieſen Büchſen bewahrt man das auf, was warm bleiben ſoll. Wir wollen einmal annehmen, Du machſt eine Reiſe nach China, oder in die Wüſten von Sibirien und Du ſagſt zu Dir: „Wenn ich in einer dürren Einöde bin, wo es weder Wirthshäuſer noch Kokusnüſſe giebt, um mich zu erfriſchen, würde ich mich ſehr glücklich fühlen, wenn ich ein Fricaſſe oder eine Zwiebelſuppe zu mir nehmen könnte. Siehſt Du, das kannſt Du haben. Wenn die Suppe in vollem Kochen iſt, füllſt Du ſie in eine ſolche Büchſe, läßt den Deckel feſt löthen oder wohl vernieten, damit der Wind nicht hineinblaſen kann und nimmſt ſie mit Dir. Wenn Du nun nach ſechs Monaten, oder einem Jahre, gleichviel wie lange, in einer Wüſte biſt, verſteht ſich, ohne Nahrungs⸗ mittel, dann öffneſt Du Deine Büchſe und ißſſt Deine Zwiebelſuppe, die noch ganz warm iſt.“ „Ah, das iſt prächtig!“ „Aber eins fällt mir ein:— Wie öffnet man 118 die Büchſe, die ſo feſt verſchloſſen iſt?— Das kann doch nicht leicht ſein?“ „Man läßt einen Schloſſer holen, das iſt bald geſchehen.“ „Nicht wahr, Pierre, wie glücklich ſind doch die reichen Leute, die alle dieſe ſchönen Sachen kaufen können! Man muß mit Gewalt alle Tage zu Mittag eſſen, wenn man dieſe Herrlichkeiten auf dem Tiſche hat!“ „Das glaube ich auch. Höre, wir wollen meiner Tante eine Naſe drehen. Wir ſagen ihr, daß ich bei einem Porcellanhändler für zwölf Franken Geſchirr zerbrochen habe. Sie muß das Geld herausrücken, wir kehren damit zurück und kaufen den rothen Fiſch und die Büchſe von weißem Eiſen.“ „Herrlich, herrlich! Fort zur Tante!“ Und damit rannten die Elenden vergnügt weiter. „Sehen Sie, Herr Fyurnichon, das habe ich dieſen Morgen vor einem Eßwaarenladen gehört. Soll man darüber nicht ſeufzen? Und das iſt nur ein ſchwaches Beiſpiel von dem, was man dort alle Tage hören kann.“ „Es ſcheint, daß Sie dort ſehr oft ſtehen bleiben. „Ja, mein Herr, und immer habe ich einen philo⸗ ſophiſchen Zweck dabei. Denn vom Morgen bis in die Nacht ſindet man vor dieſen entſetzlichen Maga⸗ zinen fortwährend Menſchen. Die bloße Erinnerung daran macht mich unwohl— und vorzüglich jetzt“ „Ja, Herr Fournichon, wenn Sie in einen jener 119 Tempel treten, die dem Comus errichtet ſind, um irgend einem leckern Gelüſte zu fröhnen, und Sie bemerken ein bleiches Geſicht, das Abends zuvor nichts gegeſſen hat— glauben Sie mir, Herr Four⸗ nichon, anſtatt Ihre Luſt zu befriedigen, theilen Sie den Inhalt Ihrer Börſe mit dem, der in der ſeinigen nichts hat. Das Gewiſſen muß fürchterlich erwachen, wenn man im Ueberfluſſe lebt, während man ſieht, daß andere Leute am Nothwendigſten Mangel leiden.“ Carotin ſchloß ſeine Peroration damit, daß er ſich alles deſſen bemächtigte, was von den gebratenen Kartoffeln noch übrig war, und eines von den klei⸗ nen Brodten mit Haſt verſchlang. Herr Fournichon ſah meinen Freund mit empor⸗ geſtreckter Naſe an, wie Jemand, der nicht weiß, ob er über das Geſagte lachen oder ernſthaft ausſehen ſoll. Ich hingegen, der ich Carotin kenne, ſage zu ihm: „Dein Humor und Dein außerordentlicher Appe⸗„ tit dieſen Morgen müſſen einen Beweggrund haben. Ich wette, daß Dir geſtern ein Mißgeſchick begegnet iſt.— Wie, habe ich es errathen?“ Carotin ſchlägt die Augen gen Himmel und ſpricht: „Ja, es iſt ſo! Mir iſt geſtern etwas begegnet, das ich nicht verdauen kann, niemals verdauen werde! Selbſt in dieſem Augenblicke erweckt das Andenken daran ſchmerzliche Gefühle in mir.“ „O Erzlump von Troupelard! Du jämmerliches 12⁰ Subjeet! Wie haſt Du mir mitgeſpielt!— Doch, eigentlich war es nicht ſeine Schuld!“ „Du reizeſt unſere Neugierde. Erzähle, Carotin, was Dir ſo Verdrießliches widerfahren iſt.“ „Kann geſchehen!“ „Außerdem kann es Ihnen nützlich ſein und zur Lehre dienen. Man weiß nicht, in welche Verhält⸗ niſſe man kommen kann.“ Carotin verzehrt raſch, was noch vor ihm liegt, und beginnt ſeine Erzählung wie folgt. 3 10. Carotin's Abenteuer. „Meine Herrn, ich muß Ihnen zunächſt das Ge⸗ ſtändniß ablegen, daß ich die Vergnügungen liebe. Bietet ſich mir eines dar, ſo faſſe ich es beim Schopfe und ſage: „Nehmen wir dies noch mit! „Sehr ſchön ſpricht ſich ein Lied darüber aus: — Das Heute nur gehört uns an, Das Morgen niemand haben kann!— „Es giebt aber verſchiedene Arten von Vergnü⸗ gungen! Eins von denen, welche ich am meiſten liebe, iſt ein gutes Abendeſſen! Ah, das iſt etwas ercellen⸗ tes!— Bei ausgewählten Speiſen und feinen Wei⸗ 2 121 nen kann man ſich behaglich den Freuden des Lebens überlaſſen! Ich kenne nichts, das darüber geht.“ „Erlauben Sie,“ fällt Herr Fournichon ein, und unterbricht den Erzähler,„vorhin waren Sie gegen die Eßwaaren⸗Magazine und ihren Inhalt ſehr ſtark eingenommen und erhoben ihre gebratenen Kartof⸗ feln bis in die Wolken, da ging nichts über Kartof⸗ feln— und jetzt auf einmal lieben Sie wieder feine Abendeſſen— wie paßt das zuſammen?“ „Mein Gott, Herr Fournichon, wollen Sie mich denn nicht verſtehen? Ich ziehe gebratene Kartoffeln Allem vor, das heißt, wenn ich nichts anderes habe. Ich haſſe die Eßwaaren⸗Läden, aber nur dann, wenn es mir unmöglich iſt, das zu kaufen, was ich darin ſehe!— „Wie, das hätten Sie nicht ſchon errathen?“ „Ah, Sie ſind ein großer Philoſoph.“ „Nicht mehr, als alle Menſchen es ſind, Herr Fournichon; das heißt, wenn ich nicht anders kann, und wenn es mein Intereſſe erheiſcht, es zu ſein. „Ein Philoſoph, Herr Fournichon, kommt mir immer vor wie jener Fuchs in der Fabel: Der Fuchs und die Weintrauben— ſie ſind ſehr grün, wenn ich ſie nicht erlangen kann; und ſo geht es mit Allem.“ „Das iſt die Philoſophie, die ſeit Soerates— ja ſelbſt vor ihm ſchon— bis auf unſere Tage exi⸗ ſtirt und noch lange nach uns exiſtiren wird.“ „Aber wenn Sie mich ſo oft unterbrechen, wer⸗ 122 den Sie mein Abenteuer nicht erfahren. Alſo zur Sache: „Vor zwei Tagen erhalte ich zu gleicher Zeit zwei Einladungen zum BValle; die eine lud mich zu“ einem Banquier— zu einem großen Banquier, der auf Pfänder leiht, wie die böſen Zungen ſagen— na, man iſt immer neidiſch auf das Vermögen ſeines Nebenbuhlers!“ „Ich hatte ihm ein Gemälde auf eine Tabaks⸗ doſe gemacht— hübſche Weiber, die ihre Hemden in die Höhe heben, um Flöhe zu fangen.— Mein Banquier iſt ein Libertiner vom beſten Ton, ein wahrer Herzog von Franſac, iſt mir in Freundſchaft zugethan, wegen dieſes Gemäldes auf ſeiner Tabaks⸗ doſe, und hat die Güte, mir jedesmal eine Einla⸗ dung zu ſenden, wenn er Ball giebt. Es iſt nur Schade, daß er mir nicht gleich einen Ballanzug mitſchickt.“ „Die zweite Einladung forderte mich zum Tanz auf in einer minder glänzenden, minder ariſtokrati⸗ ſchen Geſellſchaft; denn außer den Bällen der großen Welt und den Soiréen der kleinen, giebt es noch Geſellſchaften derjenigen Klaſſe, die die Mitte halten zwiſchen den reichen Leuten und denen, die nicht reich ſind, zwiſchen dem Adel und der Bürgerſchaft, und in Paris iſt die mittlere Klaſſe diejenige, der ich den Vorzug gebe, denn man amüſirt ſich dort in der Regel am beſten.“ „Zu dieſer Klaſſe zähle ich Künſtler und Litte⸗ — — — 123 raten, obgleich es in Paris Litteraten giebt, die Mil⸗ lionäre find— dies ſind jedoch nur Ausnahmen— mit einem Worte, alle ſolche Perſonen, die zwar Ver⸗ mögen genug beſitzen, das Leben zu genießen, aber doch nicht ſoviel, die Langeweile und die Unannehm⸗ keiten des Reichthums zu empfinden.“ „Du biſt dieſen Morgen ein Schwätzer, Carotin; Du haſt Deine Beſtimmung verfehlt, Du hätteſt müſſen Advocat werden.“ „Das iſt möglich Aber ſapperment Mir ſcheint, meine Erzählung verläuft ſich zu weit in Einzeln⸗ heiten. „Wenn die Leute, von denen ich zuletzt erzählte, einen Ball veranſtalten, ſo ſprechen ſie ganz einfach: „Wir geben eine Soirée dansante.“ Und in der That, dies iſt weniger prätentiös als die Ankündi⸗ gung eines Balles. 5 „Ladet man Sie zu einer Soirée dansante ein, ſo heißt das:„Große Toilette iſt nicht nöthig, ganz ohne Ceremonie; wir wollen uns nur amüſiren und ein wenig ſpringen;“ und es iſt ſelten der Fall, daß man ſich in ſolchen Geſellſchaften, aus denen der Zwang der Etikette verbannt iſt, nicht amüſirt. „Man tanzt hier eben ſo gut wie auf einem Balle, nur daß es unendlich fröhlicher zugeht. Die Damen, welche das Piano ſpielen können, ver⸗ ſchmähen nicht, eine Quadrille vorzutragen; oft be⸗ gleitet ſie ein Liebhaber auf der Geige oder dem Piſton. Es iſt zwar nicht immer richtig, doch gleich⸗ 124 viel; das Orcheſter iſt ſehr hübſch, und wenn durch Zufall der Dilettant, der die Stelle am Piano ein⸗ genommen hat, ſich irrt, vielleicht irgend eine Wie⸗ derholung vergißt, iſt er der erſte, der über ſein Ver⸗ ſehen lacht, und alle Tänzer folgen ihm nach. „Aus allen dieſem ergiebt ſich nothwendig eine allgemeine Unterhaltung, man macht ſ chnell Bekannt⸗ ſchaften, und ehe zwei Stunden hingehen, glauben Sie in einer Geſellſchaft von Freunden zu ſein.“ „Zur Sache, Advoeat, zur Sache!“ „Ich komme dahin!— Sind keine Kartoffeln mehr da?“ „Parbleu, Du haſt ſie alle gegeſſen!“ „Das iſt Schade Alſo weiter: „Das Spiel findet in dieſen Soiréen auch ſeine Liebhaber; aber es iſt belebter, wärmer, als in der großen Welt, und weniger ſchlecht und gefährlich als dort. Die Erfriſchungen ſind in der Regel ſorgfältig gewählt. Was aber vielen dort am beſten gefällt— auch ich muß Ihnen ſagen, daß ich zu der Zahl ge⸗ höre— iſt das Abendeſſen, das hier befördert wird; wohingegen es auf den großen Bällen verbannt iſt, und ein Büffet ſeine Stelle einnimmt.“ „Fi done! Ein Büffet! Man iſt gezwungen, im Stehen und Gehen raſch zu eſſen! Iſt dies mit einem Abendeſſen zu vergleichen? O Gott, ein Abendeſſen! Ich will zwölf Nächte hintereinander durchwachen, wenn jede mit einem Abendeſſen beſchloſſen wird; 125 ich fühle mich ſogar ſtark genug, unter dieſer Be⸗ dingung nie mehr zu Vette zu gehen.“ „Hieraus können Sie ſchließen, meine Herrn, in welche Verlegenheit mich zwei Einladungen auf ein und denſelben Abend brachten.“ „Indeß nach meinen Grundſätzen zog ich die Soirée dansante vor— aber ich war nicht ganz ge⸗ wiß, ob dort ein Abendeſſen Statt fand. „Da dachte ich bei mir: Du gehſt zur Soirée, und merkſt Du, daß kein Souper Statt findet, dann gehſt Du auf den großen Ball, wo ein Büffet vor⸗ handen iſt. „Aber wie ſoll man von den Leuten erfahren, bei denen man ſich befindet, ob zu Nacht gegeſſen wird oder nicht? Man kann doch nicht zu ihnen ſagen: — Es iſt dieſen Abend ſehr ſchön bei Ihnen; ich amüſire mich unendlich; wenn aber nicht ſoupirt wird, drücke ich mich.— „Geſtern noch war ich unſchlüſſig, wohin ich gehen ſollte, als ich mich auf Troupelard befinne. Du weißt, Colin, der kleine Troupelard— er iſt Thiermaler?“ „Ja, ich kenne ihn; er iſt ein charmanter Ka⸗ valier und in den Salons ſehr geſucht.“ „Ganz recht! Das iſt ein Ballgänger und ein determinirter Polkiſt!— Der iſt im Stande und tanzt die Polka in einer Dachrinne. Er hat fie von ſeiner Thürſteherin und ſeinem Waſſerträger gelernt. 12⁸ Er polkt mit den Gattinnen aller ſeiner Freunde; dies amüſirt aber nicht immer die Gatten; man ant⸗ wortet ihnen:„das iſt mode—“ die armen Gatten!“ „Wirſt Du denn Deine Erzählung nicht vollen⸗ den, Carotin?“ „Mein Gott, ich komme dahin! Man kann ſich doch wohl eine kleine Abweichung erlauben?“ „Ich ſuche alſo geſtern am TageTroupelard auf— O, wenn ich ihn doch jetzt hätte! O Troupelard, Du biſt an meinem Unglück Schuld!— Ich gehe alſo zu ihm. Er probirt einen Rock an. Es ſind doch glückliche Leute, die Kredit bei einem Schneider haben und ſich neue Röcke, Weſten und Beinkleider können machen laſſen. „Ich ſage zu Troupelard: — Mein Freund, denken Sie ſich meine Lage: zwei Bälle für dieſen Abend. Wird auf der Soirée nicht zu Abend gegeſſen, bleibe ich auf keinen Fall da; ich gehe auf den großen Ball, wo ein Büffet iſt; Toilette muß ich ſo wie ſo machen— für Nichts kann und will ich das nicht.. „Jetzt, Troupelard, rathen Sie mir, auf welchem Wege ich erfahren kann, ob ein Abendeſſen ſtatt⸗ findet? Mir ſcheint, daß es ſehr ſchwierig iſt.— „Troupelard lächelt über meine Frage und ſieht in den Spiegel— Glückliche Leute, die einen Spie⸗ gel beſitzen, die den Tapezierer ebenſo gefällig ſinden als ihren Schneider!— Und ich—! Wenn ich 127 meine Cravatte arrangiren will, bin ich gezwungen, den Hals einer Flaſche als Spiegel zu gebrauchen.— „Troupelard lächelt alſo und antwortet: — Mein Freund, die Sache, um die Sie mich befragen, iſt ſehr leicht zu errathen.“ „Wie, mein Beſter— klären Sie mich auf!“ „So hören Sie: Auf einem kleinen Balle, oder wie wir es nennen, Soirée dansante, verlieren Sie die Frau des Hauſes nicht aus dem Auge. „Soll ſoupirt werden und die Stunde dazu rückt heran, dann ſehen Sie dieſelbe gehen und kommen; bald verläßt ſie den Saal, um Befehle zu ertheilen, bald lehnt ſie einen Tanz ab, um ſich entfernen zu können und nachzuſehen, ob die Vorbereitungen zum Abendeſſen nach ihren Anordnungen getroffen find. Soll nicht ſoupirt werden, ſehen Sie die Frau des Hauſes eifrig tanzen, plaudern und auf alle Complimente hören, die man an ſie richtet, ſie weicht und wankt nicht aus dem Saale und ſcheint an Vor⸗ bereitungen nicht zu denken: wenn Sie dies Alles wahrnehmen, mein Freund, dann können Sie getroſt gehen und im voraus gewiß ſein, daß ein Abend⸗ eſſen nicht ſtattfindet.“ „Parbleu! erwiderte ich hierauf Troupelard, das habe ich ſehr gut begriffen, und jetzt kommt es mir vor, daß die Sache ſich leicht errathen läßt. Ich danke tauſend Mal für dieſe Inſtruction und werde kein Wort davon vergeſſen. Die Frau vom Hauſe 128 nicht aus dem Auge verlieren iſt ſo einfach und ſo leicht— o, ich werde mich dabei nicht irren!“ „Dann dankte ich Troupelard noch einmal, ſagte ihm, daß ſſein Rock gut ſäße und dabei regte ſich die Luſt in mir, ihn leihweiſe nur auf kurze Zeit zu be⸗ ſitzen; allein er wäre mir zu klein geweſen und Trou⸗ pelard hätte ihn nicht verliehen, deshalb unterdrückte ich dieſe Luſt. „Ich kehrte in meine Wohnung zurück und traf Vorbereitungen zu meiner Balltvilette. „Mein Rock und meine Beinkleider waren ſchon etwas abgeſchabt, allein bei Licht ſieht man es nicht; mein Hut war verunſtaltet, und indem ich mich darauf ſetze, geſtalte ich ihn auf der Stelle zu einem Gibus um; kurz, ich mache mich ſehr elegant, aber mir feh⸗ len neue Handſchuhe, an meinem letzten Paare war kein Daumen mehr— man kann ſich doch auf einem Balle mit Handſchuhen ohne Daumen nicht gut prä⸗ ſentiren. Um ein Paar neue Handſchuhe zu er⸗ ſchwingen, waren neunundzwanzig Sous von nöthen, und ich hatte nicht mehr als dreißig in meinem Ver⸗ mögen. „Ich entſchloß mich jedoch, dies Opfer zu bringen, indem ich dachte, daß ich gut zu Nacht eſſen würde und zwar dergeſtalt, daß ich den folgenden Tag noch keinen Hunger wieder verſpüren könne. Ich ließ mir alſo ein Paar zeiſiggrüne Handſchuhe holen.— O, meine neunundzwanzig Sous! Wie dauert ihr mich! „Mein Opfer iſt alſo gebracht. . 129 „Ich bin ſorgfältig gekleidet. „Ich mache mich auf den Weg— daß ich ihn zu Fuß machte, habe ich wohl nicht nöthig zu be⸗ merken—; aber ich habe ein excellentes Mittel, meine Beinkleider von Koth rein zu halten: ich wickele nämlich um jedes meiner Beine ein Jvurnal und bilde mir ſo große engliſche Kamaſchen; ich kann Sie verſichern, daß dies ſehr bequem iſt. Man nähet das Papier ein wenig feſt, und indem man ankommt, reißt man die falſchen Kamaſchen wieder ab, und die Hoſen——“ „Carotin, ich denke Du willſt Deine Geſchichte vollenden.“ „Mein Gott, Sie hören ja, daß ich auf ein ſehr intereſſantes Kapitel komme: alſo ich bin auf dem Balle. „Die Geſellſchaft war zahlreich und wie es ſchien, ſehr geneigt, ſich zu amüſiren. „Es befanden ſich reizende Frauen dort, ja ſogar eine, der ich Luſt hatte, den Hof zu machen; allein ich ſagte zu mir: Carotin, Du biſt nicht hier, den Galanten zu ſpielen und Eroberungen zu machen, das wird Dich zerſtreuen; Du biſt hier um zu erfah⸗ ren, ob ein Abendeſſen ſtattfindet; ſei auf Deinem Poſten, das iſt nöthiger. „Ich promenire durch die Säle. „Man plaudert, man lacht, man tanzt. Die Frau des Hauſes, zwar nicht mehr ganz jung, aber Carotin. I. 9 130 noch recht hübſch, machte mit unendlicher Grazie die Honneurs. „Als ſie mich kommen ſieht, redet ſie mich an: — Ich bin Ihnen zu hohem Danke verpflichtet, daß Sie gekommen find, Herr Carotin, denn ich weiß, daß Sie auch zu einem großen Balle eingela⸗ den ſind: Sie haben ihn uns geopfert, und das iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen. „Madam, antworte ich, ich komme ſtets mit neuem Vergnügen zu Ihnen; wenn ich aber die Er⸗ laubniß erwirken könnte, zu meinem Banquier z gehen, dem ich verſprochen habe—“ „Nein, nein, Sie bleiben bei uns— Sie müſſen bleiben! Wir laſſen Sie nicht fort und werden da⸗ nach ſtreben, daß Sie Ihren großen Ball verſäumt zu haben, nicht bereuen werden.“ „Die Beharrlichkeit dieſer Dame ſchien mir eine gute Vorbedeutung und ich denke; wenn man auf dem kleinen Balle ſoupirt, werde ich den großen nicht zu bereuen haben. In Kurzem weiß ich, woran ich bin, denn die Inſtructionen Troupelard's habe ich noch nicht vergeſſen. „Da es noch früh war, erlaubte ich mir einige Contretänze, weil dieſe Uebung den Appetit vermehrt ich bedurfte deſſen zwar nicht, allein ich hatte gute Gründe, nicht zu ſpielen, ſondern die Zeit mit tanzen hinzubringen. Außerdem war es noch zu früh, auf die Frau vom Hauſe ein wachſames Auge zu richten. „Die Soirée war ſehr belebt; Damen und Herrn 131 ſpielten reizende Ouadrillen; man lachte, plauderte, polkte und machte tauſend Tollheiten während des Tanzes, es war durchaus kein ceremoniöſer Ball. „Nachdem ich mehrere Quadrillen getanzt und einige Augenblicke bei dem Spieltiſche zugebracht hatte, ſage ich zu mir: Jetzt iſt es Zeit, Troupelard's Anweiſung zu beſolgen, ich werde die Frau vom Hauſe nicht mehr aus dem Geſicht verlieren, und binnen Kurzem weiß ich, woran ich bin. „Ich richte alſo meine ganze Aufmerkſamkeit auf die Dame. „Ohne meine Abſicht zu verrathen, folge ich ihr mit den Augen; geht ſie in einen Saal, folge ich ihr nach, geht ſie in ein anderes Zimmer, ſind meine Blicke raſch nach dieſer Seite gerichtet. Schon glaubte ich bemerkt zu haben, daß dieſe Dame etwas vorbe⸗ reitet, denn wenn man mit ihr ſprach, war ſie zer⸗ ſtreut und blieb nicht bei der Unterhaltung. Ich rieb mir die Hände und dachte: Troupelard, ich danke Dir! „Bald eireulirten Teller mit Kuchen und Pa⸗ ſteten im Saale; ein Domeſtik präſentirt mir ein ſüperbes Stück Butterſtolle: ich zögere und überlege, ſoll ich davon nehmen? Aber in dieſem Augenblicke ſehe ich die Dame raſch aus dem Saale gehen. „Jetzt ſtehe ich nicht mehr an, ich weiſe Butter⸗ ſtolle und alle Paſteten zurück. So dumm bin ich nicht, mir durch Kuchen ein Abendeſſen zu verderben, das ich wittere. „Danke, ſage ich zu den Bedienten, die mich 9* 132 mit ihrem Kuchen verfolgen, danke! Noch nicht! Später!“ „Um mich her ſehe ich die Herrn ein Stück Kuchen nach dem andern verzehren und wie Wölfe über die Butterſtolle herfallen. Ich ſpreche zu mir: — Sind das Thoren! Die werden keinen Hun⸗ ger haben, wenn man das Souper ſervirt, und von den leckern Sachen nichts mehr genießen können, die bei ſolchen Mahlzeiten nicht fehlen. Eßt nur Kuchen, meine Kinder, ich ziehe Truthahn mit Trüffeln vor.“ „Ich fuhr fort, die Frau des Hauſes zu beob⸗ achten. „Tanz, Spiel und Plaudereien hatten ihren Fortgang; der Ball bot ein mannigfaltiges, graciö⸗ ſes und ſehr belebtes Schauſpiel dar. „Die Perſon, die uns dieſes kleine Feſt gab, ſchien hoch erfreut, daß man ſich bei ihr amüſire; aber deſſen ungeachtet war es dem beobachtenden Auge ein Leichtes, zu bemerken, daß dieſe Dame mit irgend einer Vorbereitung beſchäftigt war. Man forderte ſie zum Tanz auf— ſie ſchlug es ab. In kaum einer halben Stunde ſah ich ſie dreimal ver⸗ ſchwinden. „Ich war entzückt, rieb mir wiederum die Hände und dankte innerlich meinem Freunde Troupelard, indem ich dachte: „Jetzt weiß ich, woran ich bin. Die arme, liebe, gequälte Dame bereitet uns ein gutes Abendeſſen. „O nein! Ich gehe nicht zu dem Banquier auf 133 den großen Ball. Ich werde nicht ſo dumm ſein und mich entfernen, wenn der große Moment naht. „Ich ſuche mit den Augen die Frau des Hau⸗ ſes— ſie iſt noch nicht zurück. „Gut, ſo kann es nicht lange mehr dauern.“ „Und in der That, die Zeit verging. Auf vielen Bällen ſervirt man das Souper ſpät, und dies ge⸗ ſchieht deshalb, weil man will, daß ſich einige Per⸗ ſonen entfernen, um den Zurückbleibenden mehr Platz bei Tiſche zu gewähren. „Der Tanz dauerte fort, aber mit jedem Augen⸗ blicke wurden die Reihen der Tänzer lichter; bald entfernte ſich eine Mutter mit ihrer Tochter, bald gab ein Mann der Frau das Zeichen zum Aufbruch. „Es war vier Uhr vorüber und noch war keine Rede vom Souper. „Das Verſchwinden der Frau vom Hauſe ward indeß immer häufiger, und dem zufolge ſtand ein Souper nahe in Ausſicht, wie Troupelard mir geſagt. „Es verging abermals eine halbe Stunde. Kaum brachte man noch eine Quadrille zu Stande, denn die Tänzer wurden immer ſeltener. „Mit jedem Augenblicke verſchwand einer. „Ich geſtehe, daß ich anfing, unruhig zu werden. „Vergebens ſehe ich nach den Vorzimmern, um mich zu überzeugen, was dort geſchieht. Dem Kom⸗ men und Gehen der Hausfrau muß doch etwas zum Grunde liegen; Troupelard wird mir doch nicht falſche Anzeichen geſagt haben. 134 „Alle Zeichen, die ein Souper ankündigen, haben ſich gezeigt; nicht ein einziges hat gefehlt. „Ich wiederhole mir das Alles; aber ich bin un⸗ ruhig; die Gefellſchaft geht ruhig auseinander, und die Dame hält Niemanden znrück. Soll ich vielleicht mit ihr allein eſſen? Das begreife ich nicht. „Um mich ein wenig aufzuklären, nähere ich mich dem Großpapa, der vorhin ſo viel Kuchen ge⸗ geſſen hatte. Er ſcheint mir ein genauer Bekannter und Freund des Hauſes zu ſein, er muß Loealkennt⸗ niſſe beſitzen. Ganz gleichgültig beginne ich folgendes Geſpräch: „Dieſe Säle ſind ganz vortrefflich zum Tanzen, und doch war man ein wenig genirt.— Wie mir ſcheint, hat man noch andere Zimmer geöffnet, um der Geſellſchaft eine freiere Bewegung zu gewähren— das wird bequemer ſein. „Der Großpapa ſieht mich an, nimmt eine Prieſe und antwortet: „Welche Zimmer meinen Sie, die geöffnet ſeien?“ „Ich glaubte, daß dieſer Saal noch Nebenzimmner auf jener Seite habe— vielleicht noch einen andern Saal, der zum Speiſen dient.“ „Nichts weiter als das Schlafzimmer der Ma⸗ dam B.— nebſt einem kleinen Tviletten⸗Kabinet— alle übrigen Zimmer müſſen Sie geſehen haben.“ „Ich ſtand verblüfft und fühlte mich einer Ohn⸗ macht nahe. Wenn in dieſem Augenblicke mir Je⸗ mand Kuchen und Butterſtolle präſentirt hätte, ich 135 wäre auf jeden Fall darüber hergefallen; aber Nie⸗ mand bot mir etwas an: wahrſcheinlich war aller Kuchen gegeſſen. „Jetzt höre ich die Frau vom Hauſe rufen: „Meine Damen, zum letzten Contretanz! Gewiß, er ſoll der letzte ſein! Sie wiſſen doch, daß man nicht nach Hauſe gehen kann, ohne den letzten Contre⸗ tanz getanzt zu haben.“ „Der Vorſchlag ward angenommen. Die Per⸗ ſonen, welche noch gegenwärtig waren, ſtellten ſich an ihre Plätze und eine Quadrille ward geſpielt; es fehlte noch ein vis- à— vis— da hat man die Kühn⸗ heit, mich aufzufordern, dies vis- à— vis zu machen, mich, der ich nichts gegeſſen hatte, um einen recht großen Appetit zu conſerviren und vor Hunger bei⸗ nahe zuſammenfalle. „Ich lehne den Vorſchlag mit trauriger Miene ab; aber ich blieb noch, denn ich konnte nicht glau⸗ ben, daß man, ohne gegeſſen zu haben, nach Hauſe gehen könne. Mit hohlen, ausgehungerten Augen promenire ich durch den Saal und denke: „Sämmtliche Vorzeichen, die Troupelard mir angegeben hat, habe ich doch richtig bemerkt.“ „Jetzt iſt die Quadrille zu Ende. „Alles entfernt ſich und ich bin gezwungen, daſ⸗ ſelbe zu thun.— Es ſtand alſo feſt, daß ein Abend⸗ eſſen nicht ſtattfand! „Während ich meinen Hut ſuche, kommt die 136 Frau des Hauſes noch einmal zu mir und ſpricht in einem ſehr artigen Tone: „Ah, Herr Carotin! Sie ſind ſehr freundlich, daß Sie bis zum Schluß bei uns geblieben; Sie haben uns alſo den großen Ball ganz geopfert! Ich bin hocherfreut, und es iſt um ſo liebenswürdiger von Ihrer Seite, als Sie wenig getanzt und gar nicht geſpielt haben. Dies iſt ein Beweis, daß meine kleinen Geſellſchaften Ihnen gefallen. Ich bitte, daß Sie zu allen denen kommen, die ich noch geben werde. Sie können ſich im Voraus als eingeladen betrachten.“ „Ich mußte lächeln, denken Sie ſich, bei meinem wüthenden Hunger lächeln, und ausſehen, als ob ich ſehr zufrieden ſei. Aber ich war zerſchmettert und mußte die Lippen zuſammenbeißen, da ich nichts an⸗ deres zu beißen hatte. O Troupelard, hätte ich Dich hier, Du bekämſt fürchterliche Prügel, denn Du haſt mir eine falſche Anweiſung gegeben. „Der dicke Herr, welcher ſoviel Kuchen gegeſſen hatte, ging mit mir die Treppe hinab; außerdem noch ein bejahrter Herr, den ich Doetor nennen hörte. — Parbleu, rief der dicke Herr, indem er ſich zu mir wandte, das nenne ich eine angenehme Soirée dansante! Madam B— weiß die Honneurs zu ma⸗ chen und— excellente Paſteten zu backen!“ „Ich war wüthend, denn mir ſchien, daß dieſer Herr meiner ſpottete. 137 „Der Herr, den man Doetor titulirte, antwor⸗ tete dem dicken Herrn: — In der That, Madam B— hat uns ein rei⸗ zendes Feſt gegeben, und ſie hat um ſo mehr Ver⸗ dienſt dabei, als eine andere an ihrem Platze die Soirée würde aufgeſchoben haben.“ „Warum das? fragt der Großpapa.“ „Warum? antwortete der Doctor; das kann ich Ihnen ſagen, denn ich bin ihr Arzt: weil ſie indis⸗ ponirt iſt, ſtark indisponirt; ſchon ſeit zwei Tagen— Sie verſtehen mich? Und bei Gott, das muß ſehr genant ſein, wenn man Geſellſchaft hat.“ „Verdammt! rief ich, hätte ich doch das früher gewußt!“ „Dies, meine Herrn, war auch der Grund der häufigen Abweſenheit dieſer Dame; und ich glaubte, ſie beſchäftigte ſich mit den Vorbereitungen zum Sou⸗ per— ah, das iſt köſtlich! Wenn man Unglück haben ſoll!—“ Ich brach in ein helles Lachen aus, als ich die Auflöſung von Carotin's Abenteuer vernahm. Herr Fournichon that daſſelbe— und wahr⸗ haftig, er kann lachen. „Ja, lachen Sie nur, meine Herrn,“ rief Caro⸗ tin;„lachen Sie nur über mein Unglück!— Nicht ein Stückchen Kuchen gegeſſen zu haben, weil——“ „Aber Du haſt Unrecht, auf Troupelard böſe zu ſein; denn aus dem Allen geht noch nicht hervor, daß er Dir ſchlechte Rathſchläge gegeben hat; es iſt 138 nicht ſeine Schuld, wenn eine.. Ausnahme von der Regel ſtattfindet.“ „Das iſt möglich; aber ich bin deshalb nicht weniger verzweiflungsvoll und hungrig nach Hauſe gegangen.“ „Um mich ganz zu ruiniren, erfuhr ich dieſen Morgen durch einen Künſtler, der dieſe Nacht auf dem großen Balle war, zu dem auch ich geladen, daß der Banquier ausnahmsweiſe ſein nächtliches Feſt durch ein glänzendes Souper beſchloſſen habe!“ „Wahrhaftig, Du haſt entſchiedenes Unglück gehabt.“ „Glücklicherweiſe hat mich das heutige Frühſtück entſchädigt.“ „Uebrigens, meine Herrn, iſt ein einfaches Kar⸗ toffelfrühſtück mit gefärbtem Waſſer für ſieben Franks ein wenig theuer.“ „Herr Fournichon, wenn Sie heute Abend gegen acht Uhr hier vorbei gehen, gehen Sie gefälligſt zu der Thürſteherin und fragen ſie, ob der Schinken ge⸗ kocht ſei, und Sie werden ſehen, was Sie zur Ant⸗ wort erhalten.“ „Dieſen Abend, meine Herrn, ſteht mir etwas anderes bevor.“ „Du weißt noch nicht, Carotin, daß Herr Four⸗ nichon verliebt iſt, und zwar in eine Ladenmamſell, die die Grauſame ſpielt. Er rechnet auf Dich, daß Du ſie zahm machſt.“ „Erx hat recht. Seien Sie ruhig, mein lieber 139 Herr, wir wollen Ihr Kindchen ſchon zahm machen. Ich übernehme es! Ich fühle die Kraft in mir, eine ganze wilde Inſel zu zähmen, um wie vielmehr eine Ladenmamſell.“ „A propos, Colin— wo warſt Du geſten Abend?“ „Wenn Du mich Colin nennſt, antworte ich nicht.“ „Es iſt erſtaunlich! Du kannſt einen Schäfer⸗ namen nicht leiden? Wenn ich Colin hieße, ich würde nur mit den Schafen leben.“ „Wie viel Liebſchaften haſt Du? Geſtern um Mitternacht verließ ich Dich auf dem Fahrwege des Boulevard, als Du allen Wagen nachliefſt.“ „Auch nicht einen einzigen habe ich erwiſchen können, und die Perſon, die ich zu Hauſe zu führen gedachte, war mir entwiſcht. Aus Rache führte ich eine Dame heim, d. h. in ihre Wohnung, die ich mir nicht gedacht, und hätte außerdem beinahe ein Duell gehabt mit einem vriginellen Menſchen.“ „Das nenne ich Glück, meine Herrn!“ „Trinken wir auf Ihre Liebe, Herr Fournichon.“ „Sehr gern, meine Herrn.“ „Ah, wie ſchade, daß es nicht mit dem unglück⸗ lichen Champagner geſchehen kann!“ „Das iſt wahr.“ „Herr Fyurnichon, hierbei fällt mir einer meiner Freunde ein— Aleindor— erinnerſt Du Dich ſei⸗ 140 ner?— Der ſtarb einen ſchauderhaften Tod bei einer Mahlzeit.“ Ich weiß nicht ganz, was Carotin ſagen will, aber ich beeile mich, ihm bejahend zu antworten. „Was iſt denn dieſem Aleindor begegnet,“ fragt Herr Fournichon. „Hören Sie: Wir lachen und trinken in Geſell⸗ ſchaft ſchöner Frauen. Der Augenblick zum Cham⸗ pagnertrinken rückt heran. Da ruft Aleindor: „Ich will ihn entkorken, ich verſtehe mich darauf!“ „Man läßt es geſchehen: er ſchneidet den Bind⸗ faden entzwei und reißt den Draht ab— der Kork weicht aber nicht. Aleindor wird unwillig— er rüttelt die Flaſche, bringt ſie dem Kopfe näher, um zu ſehen, was den Kork feſthält: da, in demſelben Augenblicke ertönt ein fürchterlicher Krach— wie ein Kanonenſchuß— wir halten die Gläſer hin, ſehen aber, daß Alcindor über den Tiſch fällt— der Kork hatte ihn mit ſolcher Gewalt an die Stirn ge⸗ troffen, daß er auf der Stelle todt war.“ „Todt!“ „Ja, mein Herr, getödtet durch einen Cham⸗ pagnerſtöpſel.“ „Seine Geliebte bekam davon die Gelbſucht und verlor alle Haare; ich kann ſeit der Zeit keine Cham⸗ pagner⸗Flaſche entkorken, ohne in ein heftiges Zit⸗ tern zu gerathen.“ „Nun ſehe einer den Caſimir, wie er die Kartvf⸗ feln verſchlingt; trink, junger Künſtler.“ 141 Ich erſticke faſt. Die Kaltblütigkeit, mit der Carotin dieſe Ge⸗ ſchichte erzählt, läßt mich noch mehr lachen— ich muß den Tiſch verlaſſen. Ein jeder thut daſſelbe— das Frühſtück iſt beendigt. Herr Fournichon nimmt ſeinen Hut und ſpricht: „Alſo morgen die letzte Sitzung, nicht wahr, Herr Bergeval?“ „Ja, mein Herr, morgen übergebe ich Ihnen Ihr Portrait.“ „Sehr ſchön; kann ich nach zwei Uhr bei Ihnen vorſprechen?“ „O ja.“ „Wenn Herr Carotin mir dann einen Augen⸗ blick ſchenken wollte, würde ich ihn nach dem Ma⸗ gazin meiner verführeriſchen Ladenmamſell führen. Ich werde bis dahin ein kleines Liebesbriefchen ſchrei⸗ ben und er wird mir helfen, es an die Adreſſe zu be⸗ fördern.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich, Herr Fournichon, ſie wird Ihr Briefchen erhalten. Ich fühle mich fähig, alle Liebſchaften eines ſo galanten Mannes zu protegiren.“ „Sie ſind ſehr gütig.“ „Auf morgen denn, meine Herrn.“ „Auf morgen.“ Er hat ſich entfernt. Ich ſehe Carotin an, Carotin ſieht mich an. „Iſi das ein Tropf!“ 142 „Carotin, Du haſt den armen Mann auf eine entſetzliche Art mürbe gemacht. Er zahlt ſieben Franks für ſeinen Theil, und erhält nichts, als gebratene Kartoffeln dafür.“ „So laß doch! Dein armer Mann iſt ein reicher Filz, der für ein Miniaturgemälde, das hundert Franks werth iſt, nur vierzig bezahlt!“ „Es iſt ſo übel nicht, ihn ein wenig geprellt zu haben.“ „Recapitulation: Ich habe ſieben Franks erhal⸗ ten, davon ausgegeben zehn Sous für Kartoffeln und zwölf Sous für Brod, zuſammen; zweiund⸗ zwanzig Sous. Folglich bleiben uns noch fünf Franks neunzig Centimen.“ „So wollen wir à Kopf vierzig Sous, zu Mit⸗ tag ſpeiſen, dann bleibt uns immer noch ſoviel, daß wir Kaffee und Liqueur trinken können!“ „Siehſt Du wohl, daß die Vorſehung uns die⸗ ſen Herrn Fournichon geſendet hat, damit wir nicht verhungern. Und jetzt lebe wohl, ich habe noch einige Gänge abzumachen.“ „Uum fünf Uhr hole ich Dich zum Eſſen ab.“ Carotin hat ſich entfernt. Ich hole aus meinem Pulte das Proſil, welches ich im Theater gezeichnet habe, und beginne von neuem, es zu betrachten. 143 1MI. Ariane und meine Katze. „Ein glückliches Alter, wenn das kleinſte Ver⸗ gnügen uns entzückt, wenn der unbedeutendſte muth⸗ willige Streich uns ſo feſſelt, als ob es eine Sache von der größten Wichtigkeit ſei, wo man nur liebt und lacht ohne zu bedenken, daß die Geldverlegenheit des Abends den folgenden Tag zurückkehren kann. O Jugend! Reines, wahres Glück, das man nie genug zu ſchätzen weiß, ſo lange man es beſitzt, und uns doch ſo raſch entflieht, um nimmer wiederzu⸗ kehren! Muß man die Thorheiten nicht entſchuldigen, die Du begehſt, und ſich eingeſtehen, daß diejenigen Recht haben, die die ſchönſte Zeit ihres Lebens be⸗ nützen, ſich mit den Roſen des Frühlings ſchmücken und für ihr Alter einen reichen Vorrath angenehmer Erinnerungen ſammeln? Dieſe Betrachtung ſtieg in mir auf, während ich mit Carotin auf Herrn Fournichon's Koſten zu Mit⸗ tag ſpeiſtte. Offen geſtanden, ich habe ſehr gut gegeſſen und keine Gewiſſensbiſſe darüber empfunden. Aber den folgenden Tag ſetze ich mich frühzeitig zur Arbeit und male mit vieler Sorgfalt das Por⸗ trait dieſes Herrn; ich mache ihm eine Kravatten⸗ ſchleife, die mindeſtens ſieben Franks werth iſt, das heißt für ihn. 144 Man klopft an die Thür meines Ateliers. Sollte es Herr Fournichon ſchon ſein? Wenn ich nicht irre, will er nach zwei Uhr kommen, und es iſt noch nicht Mittag. Ich öffne die Thür. Eine verſchleierte Dame, ſehr elegant, aber ein wenig nach Art der Provinz⸗ Schauſpielerinnen ge⸗ kleidet, tritt mir entgegen. Sie ſpricht mit bewegter Stimme: „Herr Bergeval, Miniatur⸗Maler?, „Der bin ich, Madam.“ Die Dame tritt ein. Sie wirft ihren Schleier zurück und ich erkenne Madam Chamvuillé, Papa Mimi's Gattin. Sie ſieht mich an und lächelt:. „Erkennen Sie mich vielleicht nicht wieder, mein Herr?“ „Ah, Madam, welchen Begriff haben Sie von mir? Sie ſind eine von den Perſonen, die man nie wieder vergeſſen kann.“ Ich führe ſie zu einer Bank, die ich zum Divan umgeſchaffen, indem ich zwei kleine Kiſſen darauf ge⸗ legt, die niemals weich geweſen— darüber kann man ſich nicht wundern, denn ſie find nur mit Säge⸗ ſpänen gefüllt. Sie ſetzt ſich, legt Shawl, Hut und Handſchuhe ab. Ehrfurchtsvoll ſetze ich mich neben fie, während ſie ihren Blick durch mein Atelier ſchweifen läßt. „iet alſo arbeiten Sie, mein Herr?“ „Ja, Madam, dies iſt mein Atelier.“ . 145 „Es iſt ſehr freundlich!“ „Sie find ſehr gütig— aber ein junger Mann, der anfängt— dann habe ich auch die Abſicht, meine Wohnung zu verändern und will hier nicht viel Koſten verwenden.“ „Sie finden es vielleicht auffallend, daß ich zu Ihnen komme.“ „Es iſt ganz natürlich, Madam, daß man zu einem Maler geht, wenn man ſein Portrait von ihm gemacht haben will.“ „Das habe ich mir auch geſagt. Dann giebt es auch Leute, die ſchnell Vertrauen einflößen.— Und Sie waren neulich Abends ſo gefällig, ſo galant gegen mich.“ „Ich habe nur meine Pflicht gethan, die zu er⸗ füllen mir ſo ſüß war.“ „Es iſt Ihnen doch nichts Unangenehmes be⸗ gegnet, als wir uns trennten?“ „Nichts!— Doch ja— jener Herr, der Sie verfolgte, ſuchte mit mir Händel.“ „Das vermuthete ich— Sie haben ſich geſchla⸗ gen— haben Sie ihn getödtet?“ „Nein, bis dahin iſt es nicht gekommen. Ich habe ihm meine Adreſſe gegeben, er iſt aber bis jetzt nicht gekommen, mich aufzuſuchen.“ „Ah, ein Duell meinetwegen! Ich würde ver⸗ zweifeln.— Wenn Sie dieſem Menſchen wieder be⸗ gegnen, weichen Sie ihm aus, ich bitte Sie darum.“ Carotin. I. 10 5 146 wird.“ „Wenn ſich Jemand für eine Frau ſchlägt, deren Liebhaber er iſt, ſo mag es noch gehen. Wenn aber keine Liebe vorhanden iſt— wäre die Ergebenheit zu groß.“ „Es hängt nur von Ihnen ab, Madam, daß dieſe Ergebenheit zur Pflicht wird.“ Ariane— ich weiß nämlich, daß dies der Vor⸗ name dieſer Dame iſt— ſeufzt tief auf, dann neigt ſie ihren Körper ein wenig über eines der Kiſſen, „Ich verſichere Sie, daß dies nicht nöthig ſein aber eine leiſe Verzerrung des Geſichts ſagt mir, daß ſte in dem Kiſſen einem harten Körper begegnet— Sie wendet ſich mit den Worten zurück: „Merkwürdig, Ihr Kiſſen hat mich geſtochen.“ „Vielleicht iſt eine Nadel darin ſtecken geblieben.“ „Ja, ja! Wahrſcheinlich eine Frauen⸗Nadel! Zu Ihnen kommen ſie wohl von allen Gattungen?“ „Die Stecknadeln?“ „Hätte ich eine Leidenſchaft für einen Maler ge⸗ faßt, ich würde mich ſehr unglücklich fühlen, denn ich bin eiferſüchtig wie eine Spanierin.“ „Die Maler wiſſen eben ſo gut zu lieben, als die andern Männer.“ „Möglich! Aber die Gelegenheiten, mein Herr, die Gelegenheiten! Das iſt es, was uns verdirbt— Und die Maler haben deren mehr, als die Uebrigen.“ „Madam, der größte Theil der Männer wartet 147 nicht auf die Gelegenheit, um untreu ſein zu können, ſie ſuchen ſie oder führen ſie herbei.“ „Ach ja, ja!— Es iſt nur zu wahr— O die Ungeheure bereiten uns viel Elend!“ Und Madam Chamvouillé neigt ſich abermals auf das Kiſſen, indem ſie ihre Augen mit einer Hand verdeckt.“ Dieſe Dame ſcheint mir ſehr leidenſchaftlich zu ſein; ich glaube auch, daß ſie in Allem ein wenig übertreibt. Sie muß eine von jenen Perſonen ſein, die eine große Geſchichte aus der kleinſten Sache machen, die in einer ganz einfachen Begebenheit ein außergewöhnliches Ereigniß erblicken, und, indem ſie alle Gegenſtände vergrößern, ein Ungeheuer aus einem Sandkorne und ein Gebirge aus einer Maus machen. So ſah ſie auch an dem bewußten Abend in je⸗ nem Herrn mit dem ſchwarzen Barte einen Mörder, und vorhin glaubte ſie wieder, ich habe ihn ermordet. Ich habe auch bemerkt, daß dieſe Dame, wenn ſie von Männern redet, immer im Plural ſpricht; ihr Tadel trifft alſo ihren Mann nicht allein. Auf jeden Fall iſt Madame Chamouillé eine Klatſchſchweſter; aber ſie iſt eine hübſche Frau, noch jung genug, um zu gefallen, und ich ſehe nicht ein, warum ich nicht auch ein Reiß in den Kranz flechten ſoll, der das Haupt des Papa Mimi bereits ſchmü⸗ cken muß. Madam Chamouillé findet wahrſcheinlich, daß 10* 148 ich die Unterhaltung nicht genug aufrecht erhalte, denn mit einem Male ſteht ſie auf und ſpricht: „Wenn wirſitzen, wird nichts gethan. Sie müſ⸗ ſen mein Portrait machen, mein Herr.“ Die Worte:„wenn wir ſitzen wird nichts ge⸗ than,“ kamen mir ſo komiſch vor, daß ich mich ver⸗ ſucht fühlte, auf der Stelle mit dieſer Dame etwas vorzunehmen, da ſie, wie ich merke, nicht gern müßig bleibt. Sie war indeß vor einen kleinen Spiegel getre⸗ ten, den ich künſtlich mit alten Draperien umgeben hatte, um ihm auch das Anſehen eines Spiegels zu geben. Sie arrangirt ihr Haar, lächelt, und wendet ſich mit einem Cachucha⸗Blick zu mir. „Bin ich nicht ſchön cviffirt, mein Herr?“ „Sie ſind reizend, Madam.“ „Würden Sie mich ſo malen?“ „Wenn ich Sie betrachte, fühle ich mich gezwun⸗ gen, meinen Pinſel in die Hand zu nehmen. Ihre Blicke bringen eine Verwirrung in meine Sinne, die dem Künſtler von Schaden ſein wird.“ Statt aller Antwort ſtammelt Madam Cha⸗ mouillé: „Ach, mein Gott, ich bin ſo betäubt, ſo verwirrt, daß ich nicht weiß, wo ich bin— Ich bitte, unter⸗ ſtützen Sie mich.“ Ich errathe, was ich zu thun habe. Das ſteht feſt, dieſe Ariane hat alle Schwachhei⸗ ten ihres Geſchlechts. Ich nehme ſie in meine Arme 149 und trage ſie auf meine kleinen Kiſſen von Säge⸗ ſpänen. Als ſie liegt, drücke ich einen Kuß zwiſchen die Naſe und das Kinn dieſer Dame. Anſtatt un⸗ willig darüber zu werden, giebt ſie mir zehn Stück zurück, und drückt mich dermaßen, als ob ſie mich erſticken wollte. Sie begreifen, daß ich nun wie Gusmann bin: ich kenne kein Hinderniß. Schon ſeit einiger Zeit ſpreche ich mit meiner glühenden Eroberung von Liebe, die mir offen ge⸗ ſteht, daß ſie bei dem erſten Blick gefühlt habe, ich müſſe über ihr Herz gebieten. Ich bilde mir ein, daß Madam ſchon oft bei dem erſten Blicke eines hübſchen Jungen dergleichen Sa⸗ chen gefühlt hat; aber was thut das? Iſt es denn nöthig, ſolche Betrachtungen anzuſtellen, wenn uns etwas glückliches begegnet? Man klopft an meine Thür. Ariane ruft: „Mein Gott, man hat geklopft!“ „Es iſt kein Grund, ſich zu erſchrecken.“ „Oeffne nicht, theurer Freund, öffne nicht, oder ich bin verloren!“ „Warum verloren?— Weil man an meine Thür klopft? Es iſt wahrſcheinlich ein Herr, deſſen Portrait ich male— er muß gerade heute kommen.“ „Aber wenn es mein Mann wäre, oder ſonſt jemand, der mich kennt.— Ach, mein Gott, was wird aus mir werden?“ 15⁵⁰ „Sie ängſtigen ſich umſonſt. Uebrigens, wenn Sie nicht wollen geſehen werden, treten Sie in mein Schlafzimmer— es iſt ein wenig in Unordnung— aber Sie werden verzeihen— Sie ſind bei einem Junggeſellen.“ „Ich verzeihe ſtets den Junggeſellen.— Aber wenn es ihr Herr iſt, kann ich doch nicht fortgehen.—“ „Wir werden ſchon ein Mittel finden— kom⸗ men Sie.—“ „Der Himmel ſei mir gnädig!— Gieb mir meinen Shawl und meinen Hut.“ „Hier, hier!“ Ich öffne die Thür meines Schlafzimmers, und will Ariane hineinſchieben. Plötzlich gleitet ſie aus, ſie blickt auf den Fuß⸗ boden und ſtößt einen entſetzlichen Schrei aus, in⸗ dem ſie darauf hindeutet. „Ach, mein Gott! Blut! Blut!— Welch ein Verbrechen haben Sie begangen, mein Herr!“ Ich ſehe auf die Erde, zucke mit den Achſeln und antworte: „Blut!— Das iſt von dem Syrup, mit dem ich heute früh meinen Kaffee verſüßt habe— er wird aus dem Topfe gefallen ſein.“ Ich ſtelle ihr frei, davon zu koſten. Dann ſchließe ich meine Kammerthür und öffne die meines Vor⸗ ſaals. — ——————— 151 Herr Fvurnichon tritt in mein Atelier. Er hat große Toilette gemacht. „Guten Tag, Herr Bergeval!“ „Ihr Diener, Herr Fournichon.“ „Ich incommodire Sie vielleicht?“ „Nicht im Geringſten, ich erwartete Sie.“ „Es ſchien mir, als ob Sie Beſuch hätten.—“ „So iſt's— ich hatte eine Dame, und da ſie nicht geſehen ſein will, iſt ſie in mein Schlafzimmer getreten. Sie wird ſich entfernen— aber ver⸗ ſchleiert.— „Sie werden die Güte haben, und ſich keine Mühe geben, ſie zu ſehen, obwohl nichts Uebles da⸗ bei iſt, wenn eine Dame ſich von mir malen läßt. Aber Sie wiſſen ja, es giebt Leute, die vor Allem erſchrecken.“ „Sehr gut! Sehr gut!— Ich verſtehe. Ah! Sie ſind ein großer Böſewicht, wie Ihr Freund Ca⸗ rotin ſagt. He, he, he!—“ „Ich wiederhole Ihnen, daß nur die Schüchtern⸗ heit dieſer Dame— „Sie mag gehen— ich werde mich umdrehen und nicht hinſehen.“ „Sie ſind ſehr gütig.“ Ich gehe alſo in meine Kammer zu Ariane. Ich glaube ſie in Hut und Shawl zu finden, und bereit zum Hinausgehen. Statt deſſen ſehe ich eine Frau auf meinem Bette liegen mit aufgelöſtem Haar und 152 im Begriff, mit dem Kopfe an das Holz meiner Bett⸗ ſtelle zu ſtoßen.“ „Was haben Sie denn?— Was iſt Ihnen be⸗ gegnet— warum dieſe Verzweiflung?“ „Warum?— Ach, ich ſah es wohl voraus, daß ich verloren bin. Iſt jener Mann, der eben zu Ihnen kam, nicht Herr Fournichon?“ „Ganz recht. Kennen Sie ihn?“ „Ach mein Gott! Er iſt ein Verwandter meines Mannes. Er kommt in unſer Haus, macht mir ſelbſt den Hof, und will mir nicht wohl, weil ich ſeine Huldigungen nicht angenommen habe. Das fehlte auch noch! Ich finde ihn ſehr häßlich!“ „Sonderbarer Zufall! Aber Sie können Ihren Schleier herablaſſen: außerdem hat er mir verſpro⸗ chen, ſich nicht umſehen zu wollen, wenn die Dame hinausgeht. „Ach Sie kennen ihn nicht! Er iſt der neugie⸗ rigſte Mann, den es giebt. Nein— nein! Selbſt wenn er mein Geſicht nicht ſieht, wird er doch mei⸗ nen Hut, mein Kleid und meine Tournüre wieder⸗ erkennen. Nein, mein Freund, einer ſolchen Gefahr ſetze ich mich nicht aus. Ich bleibe ſo lange hier, als Herr Fyurnichon in Ihrem Atelier iſt. Und wenn er ein halbes Jahr bleibt— ich wanke und weiche nicht von hier.“ „Iſt das Ihr letztes Wort?“ „Eher den Tod, als von Herrn Fournichon er⸗ kannt werden.“ 153 „Mein Gott, theure Freundin, Sie ſchieben den Tod überall ein! Sie erblicken Gefahr in den un⸗ bedeutendſten Sachen.“ „Wie, in den unbedeutendſten Sachen— meine Ehre eine unbedeutende Sache— Undankbarer! Wollen Sie, daß ich entehrt werde?— O, wenn ich einen Dolch hätte!—“ „Schöne Dame, nur keine Dummheiten— da⸗ rum muß ich bitten. Wenn Sie Syrup eſſen wollen, um ſich zu zerſtreuen, greifen Sie unter jenes Brett, dort finden Sie einen ganzen Topf voll.“ Ich entfernte mich und verſchloß die Thür wieder. Die Frau fängt an, mir läſtig zu werden. Dieſe Phraſen, dieſes Geſchrei und dieſe Dolche! Ich habe nie die Perſonen leiden können, die beſtändig ₰ mödie ſpielen. — Das Wahre allein nur iſt ſchön, Und liebenswerth iſt nur das Wahre!— Aber unglücklicherweiſe findet man bei den Frauen ſelten das Wahre; ſie bilden ſich ein, daß kleine Künſte von Nöthen ſind, um zu gefallen. Ach, wenn ſie nur wüßten, wieweit wir Natur der Kunſt vor⸗ ziehen— aber das wollen ſie nicht begreifen. Herr Fvurnichon wendet mir den Rücken zu, als ich aus meinem Schlafzimmer trete, und ſein Kopf ſitzt bewegungslos, das Geſicht abgewendet, auf dem Rumpfe. Die Dame hätte dreiſt hinausgehen kön⸗ nen, er hätte ſie nicht geſehen. 154 Ich gehe an mein Pult und ſpreche zu meinem Modell: „Sie können ſich umdrehen, Herr Fournichon, die Dame iſt bereits fortgegangen.“ „Wahrhaftig„iſt ſie fort? Sie muß aber ſehr leiſe gegangen ſein, denn ich habe nichts davon gehört.“ „Sie iſt eine Sylphide! Doch nun zut Arbeit.“ „Gern.“ „Doch hier— Wie finden Sie die Schleife an der Cravatte, die ich Ihnen heute früh gemacht habe?“ „Ah! Bewunderungswürdig Die wird mir vor⸗ trefflich ſtehen.“ „Noch eine Stunde, und die Arbeit iſt vollen⸗ det; ſetzen Sie ſich— Dorthin— mehr rechts— So. „Und mein Lächeln?“ „Reizend!“ Ich arbeite mit Eifer, denn ich muß Herrn Four⸗ nichon ſobald als möglich wieder fortſchicken. Mein Modell rührt ſich nicht, und die Arbeit ſchreitet vor⸗ wärts. Mit einem Male läßt ſich in meiner Kammer ein Geräuſch vernehmen, als ob ein Gefäß zertrüm⸗ mert würde. Herr Fvurnichon macht ein ſchlaues Geſicht. „Ah, meine Katze thut das Ihrige in der Kam⸗ mer,“ ſpreche ich lächelnd. 15⁵ „Haben Sie eine Katze?— Ich habe ſie nicht bemerkt.“ „Sie liegt faſt immer in meinem Bette.“ „Wenn Sie nachſehen wollen, was ſie zerbro⸗ chen hat— genieren Sie ſich nicht.“ „Dae eilt nicht; ich werde es a5 zeitig genug ſehen.“ Ich fahre fort zu malen und denke bei mir, das iſt mein Syrupstopf oder mein Nachtgeſchirr, was Ariane zerbrochen hat. Das Letztere wäre mir lieber: denn ich eſſe gern Syrup. Sie lächeln ſo höhniſch— ich ſehe es wohl!— Haben Sie noch niemals davon gekoſtet?— Meine Arbeit ſchreitet vorwärts. Ich eile ſtark dem Ende entgegen, um recht bald meine vierzig Franes einzuſtreichen, deren ich ſo ſehr bedarf. Man ſingt auf der Treppe und gleich darauf tritt Carotin ein. Er iſt gegen ſeine Gewohnheit ſehr ſorgfältig gekleidet. Er trägt zwar ein und den⸗ ſelben Paletot; aber dies Mal iſt er rein gebürſtet; ſeine Stiefel ſind geputzt und ſeinen Hals ſchmückt ein weißes Halstuch. Die Polka tanzend tritt er ein. „Guten Tag, meine Herrn, guten Tag! Ich hoffe, Herr Fournichon, daß ich ein Mann von Wort bin.“ 156 „Sie ſind ſehr liebenswürdig.“ „Teufel, Carotin, wie ſchön biſt Du heute!“ „Ich habe Pläne, Liebespläne! Auch ſetze ich voraus, daß ich den Ball bei Mabille, oder irgend einen andern mit meiner Gegenwart beehre.“ „Wie ſteht es mit dem Schinken, der bei der Thürſteherin iſt— ich denke doch, daß er jetzt ge⸗ kocht iſt.“ Carotin antwortet kaltblütig: „Der Schinken? Pardieu! Ich habe ihn geſtern gegen Abend abgeholt und zwei Schauſpielerinnen damit tractirt, die das Fett verehren. Er war deli⸗ tiös! Dieſen Morgen habe ich die Ueberbleibſel zum Frühſtück verzehrt. Eigentlich wäre es meine Pflicht geweſen, Sie davon koſten zu laſſen; aber ich habe ganz abſichtslos alles allein verſchlungen.“ „Sie hätten wenigſtens für Herrn Bergeval's Katze etwas bringen ſollen.“ „Haſt Du denn eine Katze, Colin? Seit wann?“ „Seit einem Monat,“ erwidere ich, das Lachen unterdrückend. „Ich habe ſie aber noch nicht geſehen.“ „Sie hält ſich beſtändig in meiner Kammer auf.“ „Ah bah!“ „Ja,“ nimmt Herr Fournichon das Wort,„ſie richtet ſelbſt Unheil dort an; vorhin haben wir ge⸗ hört, daß etwas fiel und zerbrach.“ „Ah, da muß ich doch ſehen, was die Katze mei⸗ nes Freundes zerbrochen hat.“ 157 Carotin will in mein Schlafzimmer. Ich rufe ihm zn: „Geh' nicht hinein, Carotin, ich bitte Dich, Du würdeſt meine Katze erſchrecken.“ „Laß mich zufrieden! Ich bin ja ein großer Thierfreund!“ „Noch einmal, Carotin, geh' nicht in mein Schlafzimmer, ich bitte Dich darum— Du wirſt mich böſe machen.“ „Ich ſage Dir, daß ich Deine Katze ſehen will.“ Ohne auf mich zu hören, öffnet Carotin die Thür und geht hinein; plötzlich jauchzt er laut auf— ein Ausruf des Schreckens antwortet ihm, und Carotin verſchließt raſch die Kammerthür hin⸗ ter ſich. Dies Alles war das Werk eines Augenblicks. Herr Fournichon beginnt bitter zu lächeln. Ich fahre fort zu arbeiten, mögte aber doch wohl wiſſen, was Carotin in meinem Schlafzimmer mit Ariane beginnt. Ich weiß zwar, daß ſie ſich nicht kennen; aber ich weiß aus Erfahrung, daß man mit dieſer Dame ſchnell bekannt wird; Carotin iſt ein Spitzbube und meine Eroberung leicht entzündbar Die Sache dauert mir zu lange. Ich rufe: „Carotin! Carotin, was machſt Du in meiner Kammer?“ „Ich ſpiele mit Deiner Katze.“ 158 „Ich will aber nicht, daß man mit meiner Katze ſpielt! Du wirſt ſie mir wild machen.“ „Im Gegentheil, ich mache ſie zahm. Ich glaube, ſie iſt aus Spanien.“ „Carotin, wenn Du nicht zurückkommſt, machſt Du mich böſe— mache dem Scherze ein Ende.“ Er antwortet mir nicht, ich halte mich nicht mehr und ſtehe auf. Ich gehe an die Thür und will öffnen—; man denke ſich aber die Kühnheit Ca⸗ rotin's— er hat von innen den Riegel vorgeſchoben. „Wie, er hat ſich mit Ihrer Katze eingeſchloſſen?“ ſpricht Herr Fournichon,„er will ſie wohl zahm machen. Er kennt wahrſcheinlich die Geheimniſſe des Herrn Carter, in Beziehung auf die Thiere.“ Ich höre nicht mehr auf mein Modell, ſondern verſetzte einen derben Fußtritt an meine Kammer⸗ thür, worauf ſie ſich öffnet, und Carotin erſcheint mit einem blau unterlaufenen Auge und zwei derben Nägelriſſen auf der linken Backe. Mein ganzer Zorn war dahin, als ich Carotin's Geſicht ſehe. Während ich meine Thür wieder ver⸗ ſchließe geht er zu Herrn Fournichon iit den Worten: „Sehen Sie einmal, mein Herr, wie ſeine Katze mir das Geſicht aufgewühlt hat!— Was ſagen Sie dazu?“ „Es ſcheint, daß ſie ſehr wild iſt.“ „Für mich wild, das iſt wahr.“ „Das wird Dich lehren, künftig auf mich zu hören, Cgrotin. Hätteſt Du meine Katze in Ruhe 159 gelaſſen, würdeſt Du dieſe Zeichen nicht davon tragen.“ „Du mein Gott! Ich wollte ſie nur ein wenig ſtreicheln und mit der Hand über den Rücken fah⸗ ren.— Darüber ward ſie ſo wüthend.“ „Sie ſind wahrſcheinlich gegen den Strich ge⸗ gangen? ſagt Herr Fvurichon, und das können die Katzen nicht vertragen.“ „Gott bewahre, ich bin nicht gegen den Strich gegangen!— Na, ich ſehe ſchön aus! Was wird nun mit meinen Planen für dieſen Abend?— Ja, wenn Du Katzen in Deinem Bette haſt!“ Der letzte Pinſelſtrich am Portrait des Licht⸗ fabrikanten iſt geſchehen und ich überreiche es ihm. Er wird roth vor Freude, als er ſich ſo ſchön ſieht. Die Hauptſache dabei iſt, daß es ihm ſo wenig ähn⸗ lich iſt. „Das iſt vortrefflich, Herr Bergeval, ich bin zu⸗ frieden— nicht wahr, Herr Carotin? ſehen Sie her— glauben Sie nicht, daß ich in einem grünen Rocke beſſer ausgeſehen hätte? Nein, dies Blau ſteht mir gut.“ „Ja, ja,“ ſagt Carotin, der vor meinem Spiegel ſteht und die Schrammen zu verdecken ſucht, indem er das Halstuch in die Höhe zieht.„Ja, es iſt rei⸗ zend!— Ich muß mein Halstuch binden, wie ein Bauer— dann ſage ich, daß ich Zahnſchmerzen habe— oder ein Reißen in der Backe.“ 160 Herr Fournichon holt vierzig Franks aus ſeiner Taſche und giebt ſie mir mit den Worten: „Dies Portrait, Herr Bergeval, wird Ihnen Kundſchaft erwerben, ich verſpreche es Ihnen, und wenn ich dahin gelange, wohin zu kommen ich mir ſchmeichele, ſollen Sie das Portrait meiner geliebten Freundin, der Ladenmamſell, malen.“ „Wird mir ein großes Vergnügen ſ ein.“ „Sie werden ſehen, daß ich Geſchmack habe, daß mein liebes Mädchen verführeriſch ſchön iſt.“ „Führen Sie mich zu ihr, Herr Fournichon, und ich werde von ihr ein koſtbares Miniaturgemälde für Sie fertigen. „Aber vor allen Dingen muß ſie mein Billet er⸗ halten. Herr Carotin hat mir ſeine Mitwirkung ver⸗ ſprochen.“ „Ich ſtehe zu Dienſten, Herr Fournichon.“ „Ach, meine Herrn, da ich einmal das Liebes⸗ briefchen bei mir habe, das ich meiner jugendlichen Schönheit beſtimmt, wollen Sie mir erlauben, es Ihnen vorzuleſen?— Ich möchte gern Ihre Anſicht über meinen Sthl erfahren.“ „Leſen Sie, Herr Fournichon, leſen Sie, wir werden hören.“ „Ich bin neugierig den Brief zu vernehmen,“ ſagt Carotin mir leiſe in's Ohr, während der Licht⸗ zieher aus ſeinem Taſchenbuche ein kleines roſen⸗ rothes Papier nimmt, das mit Guirlanden, Blumen und kleinen Liebesgöttern reich geziert iſt. 161 „Hier iſt es, meine Herrn.“ „Zur Sache, unſere Ohren ſind geöffnet.“ „— Schöne Roſa!“ Fournichon unterbricht ſich, ſieht uns an und fragt: „Gefällt Ihnen der Anfang?“ „Parbleu! Da ſie Roſa heißt, iſt es ganz natür⸗ lich, daß Sie nicht ſagen konnten: ſchöne Clotilde, oder ſchöne Marie.“ „Ja, aber über das Beiwort, ſchön“ war ich nicht im Klaren; iſt es galant genug?“ „Es iſt gut; aber„koſtbar“ wäre beſſer ge⸗ weſen.“ „Ich bin ganz Ihrer Meinung— ich werde koſt⸗ bar nehmen— Alſo weiter:“ „Ich würde Ihnen wohl ſagen, daß ich Sie liebe aber ich ſage es nicht, denn Sie wiſſen es ſchon—“ „Sehr ſchön! Weiter.“ „Ich war es, der Sie vor acht Tagen mit ſechs gefüllten Pfannkuchen regalirte, und den Sie ſo grau⸗ ſam verließen. Seit wann ſind Sie ſo grauſam?—“ „Rührend Doch weiter.“ „Bewilligen Sie mir ein Rendezvous, um das ich hiermit bitte— Sie werden ſehen, daß ich ſehr ſchöne Sachen mache, wenn ich will—“ „Vollkommen ſchön!“ „Thun Sie ein Gleiches und prüfen Sie mich—“ „Perrlich! hinreißend!“ Carotin. I. 11 162 „— Leben Sie wohl! Ich umarme Sie tauſend Mal und liebe Sie bis in Ewigkeit. „Fournichon, wahlfähiger Wahlmann.“ „Bravo Bravo!“ rief Carotin!„ Doch jetzt wollen wir uns auf den Weg machen, Herr Four⸗ nichon—“ „Colin— Caſimir, ich grüße Dich— mein Kompliment Deiner Katze— ſuche ihr doch die Kral⸗ len ein wenig zu beſchneiden!“ Beide ſind fortgegangen. Stolz ſtecke ich meine vierzig Franes in die Taſche. Nichts gewährt mehr Vergnügen als das Geld, das wir durch unſere Arbeit gewonnen haben. Es iſt mir einige Mal begegnet, im Spiele weit ſtär⸗ kere Summen Geldes zu gewinnen; allein nie hat es mich ſo zufrieden geſtellt, als das, was ich durch das Product meiner Pinſelſtriche empfing. Alles, was mit Mühe verknüpft war, gewährt das größte Vergnügen. Ach, mein Gott! Meine Ariane hätte ich bald vergeſſen! Ich eile in meine Kammer. Madam macht ein zorniges Geſicht, als ſie mich erblickt.. „Da bin ich, meine theure Freundin; endlich ſind ſie fortgegangen.“ „Ach, das iſt ein Glück!— Ich geſtehe, daß 163 ich mir Ihr Betragen nicht erklären kann, mein Herr! Wer iſt der unverſchämte Mann, den Sie zu mir ge⸗ ſchickt haben? Kaum iſt er eingetreten, will er mich auch ſchon umarmen— Welch ein Gräuel!“ „Es war nicht meine Schuld; ich habe ihn nicht geſchickt. Er iſt gegen meinen Willen zu Ihnen gegangen.“ „Wirklich wahr? O mein theurer Freund!“ „Können Sie das Gegentheil glauben?“ „Das iſt ja ein wahrer Tartar! Wer iſt dieſer Menſch?“ „Er iſt Maler und einer meiner Freunde. Sein Name iſt Carotin. Ein guter Menſch, aber ein we⸗ nig sans ſacon—“ „Was! Er iſt Maler— Künſtler? O hätte ich das gewußt!“ „Nun?“ „Ich hätte ihn nicht ſo ſtark gekratzt. Ach, wenn er Carotin heißt Welch ein kühner Mann! Er ſchien mir häßlich zu ſein. Uebrigens war ich ſo in Zorn, daß ich nichts mehr ſah. Ihr Freund iſt ein Unge⸗ thüm! Er muß ſchielen?“ „O neinz er ſchielt nicht im Geringſten.“ „Das iſt ſonderbar!— Doch ich muß nun fort— Die Zeit vergeht!— Was wird man zu Hauſe von meiner langen Abweſenheit denken?“ „Iſt Ihr Mann nicht in ſeinem Miniſterium?“ „Ja, aber mein Sohn—“ 11* 164 „Ihr Sohn iſt fünf Jahre alt, er wird ſich über Ihr Ausbleiben nicht grämen.“ „Aber meine Vonne— mein Portier— die Nachbarn! Ach die Welt iſt jetzt ſo ſchlecht! Ich kann keinen Schritt thun, ohne daß man ihn zu ver⸗ dächtigen ſucht. Ich werde mich verſtohlen in das Haus ſchleichen.“ „Adieu, innigſtgeliebter Mann! Uebermorgen komme ich wieder, dann fangen Sie mein Portrait an, nicht wahr?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Auf Wiederſehen!— Umarmen Sie mich— mein Herz ſchlägt ſo bang— als ob dieſe Umar⸗ mung die letzte wäre!“ „Welch' ſonderbare Ideen haben Sie immer!“ „Die Zukunft birgt mitunter große Ereigniſſe!“ „Leben Sie wohl! Vor allen Dingen denken Sie an mich.“ „Ich werde nichts Anderes thun.“ Sie iſt fortgegangen. Für heute erwarte ich Niemanden mehr, Geld habe ich— ich mache alſo meine Toilette und gehe mit der Abſicht aus, den Reſt des Tages dem Ver⸗ gnügen zu weihen. 4 165 12. Ich finde ſie wieder. Ich habe zwanzig Franks in der Taſche. Sobiel gedenke ich heute zwar nicht auszugeben; aber ich muß mich auf alle Fälle vorſehen. Ach Hätte ich doch jeden Tag zwanzig Francs auszugeben Ich glaube, ich wäre der Glücklichſte aller Sterblichen. So will ich denn ſpazieren gehen und umher⸗ ſchlendern. Das Schlendern iſt für einen Künſtler überaus angenehm, denn er ſieht, bemerkt und be⸗ obachtet, während er ſelbſt nichts thut, und das An⸗ denken an dieſe Augenblicke wird ihn in trüben Stunden erheitern. In einer beſcheidenen Reſtauration werde ich zu Mittag eſſen. Dieſen Abend habe ich Luſt, das Theater zu beſuchen. Es zieht mich hinein, weil das Geſchick mir hold gelächelt, als ich das letzte Mal dort war. An einem und demſelben Abend machte ich eine Eroberung und ward erobert; das iſt allerliebſt! Ach Könnte ich doch meine Heldin wiederfin⸗ den! Das junge Mädchen iſt ſo hübſch und ſo be⸗ ſcheiden, daß ich zehn Arianen für dieſe Eine gäbe. Wir ſind im höchſten Grade undankbar, nicht 166 wahr? Das Glück, das ſich uns darbietet, iſt aber nicht immer das, was wir träumen und hoffen. Ich entſchließe mich für das Theater des Variélés, und dies Mal gehe ich ganz beſcheiden in das Par⸗ terre. Das Orcheſter zieht mich nicht an, denn die Frauen gehen nicht hinein. Das erſte Stück iſt vorbei und ich habe herzlich gelacht; obgleich viel Perſonen in meiner Nähe nicht ausſahen, als ob ſie ſich amüſirt hätten. Ich lache ſehr leicht. Dies iſt eine der köſtlichſten Naturgaben, obgleich ſie nicht zum ſogenannten hon ton gehört. Der beſte Ton iſt der, wenn ich mich nicht langweile. Ich laſſe meine Blicke durch den Saal ſchweifen; bemerke aber noch kein Geſicht, das mir gefällt— auch nicht ein einziges, welches ich Luſt hätte, zu zeichnen. Plötzlich ſehe ich Leute in eine bis jetzt leer ge⸗ bliebene Loge des erſten Ranges treten— Eine Dame und drei junge Männer, die ſich aufmerkſam mit ihr beſchäftigen. Die Dame trägt einen kleinen eleganten Hut, den ſie abnimmt, nachdem ſie ſich geſetzt hat. Jetzt kann ich ihr Geſicht ſehen— es iſt reizend. Mein Gott! Mir ſchwinden die Sinne! Darf ich meinen Augen trauen? In jener jungen Dame, die ſo kokett gekleidet iſt, und deren freies, aber doch elegantes Weſen 167 Aller Blicke auf ſich zu richten ſcheint, erkenne ich mein junges Mädchen aus dem Theater de la Gaité. Nein, das iſt nicht möglich! Ich täuſche mich! Jene hat ein decentes, beſcheidenes Weſen; dieſe ein ungezwungenes, freies. Jene war einfach, ſehr einfach gekleidet; dieſe, zwar nicht reich, aber kokett. Jene öffnete kaum den Mund; dieſe plaudert und lacht unaufhörlich mit drei jungen Leuten. Und dennoch iſt es dieſelbe. Ja, es ſind alle ihre Züge! Allein heute Abend lacht ſie jeden Augenblick und läßt ihre ſehr ſchönen Zähne ſehen; und dort im Theater lächelte ſie faſt nie. Ah, jetzt beſinne ich mich, daß ſie auf der rechten Wange ein kleines Mal hat— Mein Gott, jetzt wendet ſie ſich ab, daß ich dieſe Seite nicht ſehen kann. Ich halte es nicht mehr aus; ich gehe auf die erſte Gallerie, damit ich ihr näher bin. Jeder Zwei⸗ fel muß ſchwinden. Nachdem ich ein Billett gelöſt, laſſe ich mir die Gallerie öffnen. Unmittelbar neben der Loge, die mich beſchäftig, war kein Platz mehr vorhanden; ich war nur durch drei Perſonen davon getrennt, ſo daß ich ganz bequem die junge Frau beobachten kann. Ich ſage jetzt Frau, denn dies ſcheint ſie mir mehr zu ſein, als eine Demviſelle. Wer iſt ſie denn? Ich weiß es nicht; aber ſie iſt 168 ſchön und dieſelbe, welche ich im Theater de la Gaité geſehen habe, es iſt keinem Zweifel mehr unterwor⸗ fen. Hätte mir die Bewegung, die ich bei ihrem Wiederſehen empfand, nicht die Gewißheit gegeben, ich hätte ſie durch das Mal auf der rechten Wange erhalten, das ich jetzt bei der Dame in jener Loge, wenige Schritte von mir, wahrnehme. Da hätte ich nun Beſchäftigung für den ganzen Abend. Das, was in der Loge vorgeht, intereſſirt mich mehr, als das Schauſpiel. Glücklicherweiſe ſtehe ich ſo, daß ich ſie beobachten kann, ohne den Kopf zu drehen. Nicht einen Augenblick verliere ich ſie aus dem Augr. Die junge Frau neigt ohne Unterlaß den Kopf zu ihren Cavalieren, nicht einen Augenblick bleibt ſie ruhig— Jetzt brechen ſie in ein lautes Lachen aus, das nur dann endigt, als die Blicke des geſammten Publicums ſich nach der Loge wenden, aus der das Geräuſch kommt. Wären wir im Theater de la Gaité, ſo wette ich, daß das Paradies bereits geſchrien hätte: „Zur Thür hinaus!“ Aber hier iſt man viel nachſichtiger, viel gedul⸗ diger andere Theater, andere Sitten. Obgleich meine Augen nur auf ſie gerichtet ſind, ſo bemerkt ſie mich doch nicht. Ich kann mich von dem Erſtaunen über die merkwürdige Veränderung dieſes Mädchens nicht ſo bald erholen, denn ſie hat einen zu lebhaften Ein⸗ 169 druck auf mich gemacht! Ich ſtand auf dem Puncte verliebt zu werden! Aber ich fühle, daß ich es nicht mehr ſein werde, da ich ſie jetzt ſo verändert ſehe. Ich konnte wohl von einer Perſon träumen, die ich klug und beſcheiden wähnte, aber ich werde nicht mehr an ſie denken, da ich ſehe, daß ſie drei Liebha⸗ ber auf einmal hat, mit denen ſie auf einem ſehr vertrauten Fuße zu ſtehen ſcheint. Und dennoch iſt mein Herz beklommen, ich fühle eine Aengſtlichkeit, eine Pein, daß ich mich vor mir ſelbſt ſchäme. Es iſt immer ſchmerzlich, wenn uns eine Illuſton zerſtört wird, und mir war dieſes Mäd⸗ chen eines von jenen idealen Weſen, bei denen man alle Eigenſchaften, alle Tugenden einer Heiligen ober Madonna vermuthet, von der man ſein Glück er⸗ wartet. Jetzt halte ich ſie nicht mehr für eine Heilige; ihr lautes Lachen ſchlägt noch immer an mein Ohr. Und dennoch kann ich nicht umhin, die drei jun⸗ gen Leute, die bei ihr ſind, mit Laune zu betrachten. Es müſſen junge Kaufleute ſein. Einer von ihnen iſt nicht übel; wenn ich gerecht ſein will, muß ich ſogar ſagen, daß er ſchön iſt, obgleich ſein Ge⸗ ſicht wenig Ausdruck hat. Die beiden Andern ſind weder ſchön noch häßlich; aber es ſcheint, daß ſie ſich amüſiren, und daß die kleine Frau recht liebens⸗ würdig ſein muß, denn ſie lachen über Alles, was ſie ſagt. 17⁰ Ich mögte wohl an ihrer Stelle ſein, um zu hö⸗ ren, was jene Demviſell plaudert. An ihrer Stelle?— Nein, wahrhaftig nicht! Wenn ſie nur einen hätte, ja, dann könnte ich ſein Lvos beneiden; aber drei— nein! Ich glaube, ſie hat mich bemerkt. Sollte ſie mich wiedererkannt haben? O nein! Es iſt ſehr wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie ſich meiner nicht mehr erinnert, ſie muß andere Sachen in ihrem Köpfchen haben. Soll ich ſie grüßen? Nein— es könnte ſie in Verlegenheit ſetzen— aber während ich überlege, was ich thun ſoll, hat ſie ſich ſchon wieder abge⸗ wandt. Sie will wahrſcheinlich nicht, daß ich grüße. Vielleicht auch hat ſie den Herrn vergeſſen, der nach dem Theater de la Gaité einen Wagen für ſie ge⸗ ſucht hat. Das Schauſpiel gewährt mir keine Unterhaltung mehr, oder beſſer geſagt, ich weiß nicht mehr, was geſpielt wird. Ich bin ein rechter Narr, daß ich mich fortwährend mit einer Frau beſchäftige, die keine Aufmerkſamkeit für mich hat; jeden Augenblick ſchweift mein Blick zu ihr hinüber. Es iſt Zwiſchenact. Einer von den jungen Leu⸗ ten geht hinaus und kehrt mit Orangen zurück, die er lächelnd der kleinen Frau anbietet. Sie ißt davon; dies hindert ſie aber nicht, einen Augenblick nachher ein Glas Johannisbeer⸗Waſſer zu trinken. Im näch⸗ ſten Zwiſchenaet entfernt ſie ſich mit ihren Cava⸗ lieren. 171 Ich kann auf meinem Platze nicht mehr blei⸗ ben— ich gehe auch hinaus. Arm in Arm mit dem hübſchen jungen Manne geht ſie in dem Foher ſpaziren. Dieſer muß wohl der Bevorzugte ſein. Die andern gehen plaudernd neben ihr,; ſie fährt fort zu lachen und zu ſcher⸗ zen— ihre Fröhlichkeit iſt immer dieſelbe. Seufzend folge ich ihr in der Entfernung. Ich würde beſſer thun mich zu entfernen; aber ich bleibe.— Wenn mir doch Carotin begegnete; er würde mich zerſtreuen und mir ſagen, daß ich närriſch, einfältig ſei, eines jungen Mädchens wegen zu ſeufzen, das ein Heer von Anbetern, vielleicht gar von Liebhabern hat, und daß es mir nicht erſprieß⸗ lich ſei, ihre Eroberung zu machen. Gewiß, er würde recht haben! Aber Carotin iſt nicht da, auch ſehe ich kein mir bekanntes Geſicht. Neben ihr auf und abgehend, habe ich ſie ſo lange und ſo auffallend angeſehen, daß ſie ſich ab⸗ wendet; aber mir ſcheint, daß ſie ein wenig lächelt und mir mit den Augen folgt, wenn ich ihr den Rücken zuwende. Wohin kann das führen?— Sie iſt zwar ſehr hübſch, aber heute ſcheint ſie es zu wiſſen und ſich geſchmeichelt zu fühlen, Eroberungen zu machen. Warum verbarg ſie dies Alles im Theater de la Gaité unter einer ſo ſchüchternen Miene? Wahrſcheinlich war die alte, ehrwürdige Dame, die ſie damals begleitete, die Urſach— wenigſtens 172 ſchien ſie ehrwürdig zu ſein. Aber der Teufel traue immer dem Scheine! Ach, ich will nichts mehr glau⸗ ben; es iſt zwar ſehr traurig, aber das beſte Mittel, nicht betrogen zu werden. Ein Zeichen mit der Glocke kündigt an, daß das Schauſpiel wieder beginnt. Jeder beeilt ſich, ſeinen Platz zu erreichen. Sie entfernt ſich mit ihren drei Cavalieren; aber bei dem Hinausgehen aus dem Foher wirft ſie noch einen Blick zurück. Wie, ſollte ſie mich ſuchen?— O, ich Dummkopf! Ich fühle, daß ich mich darüber freuen könnte. Ich ſetze mich auf meinen Platz, denn ich kann nicht mehr gehen; man ſpielt das letzte Stück. In meiner Freude, die mich Alles vergeſſen läßt, ſehe ich ſie unverwandt an. Mehr als ein Mal be⸗ gegnen ſich unſere Blicke; ſie lächelt indem ſie mich anſieht— Nein ich kann mich nicht getäuſcht haben, es war ein ausdrucksvolles, ermuthigendes Lächeln! Ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Will ſie mich ermuthigen, mit ihr zu reden, ihr zu ſolgen?— Aber ſie hat ſchon drei Männer bei ſich!— Das iſt nicht möglich. Es iſt ja wahrſchein⸗ lich, daß ſie nicht allein geht. Das Schauſpiel iſt aus; man geht nach Hauſe. Meine Unbekannte giebt ihren Arm dem jun⸗ gen Manne,— der hübſch iſt. Alle gehen. Ich verliere ſie nicht aus den Augen. Sie wen⸗ den ſich den Wagen zu, von denen heute Abend ei⸗ nige vorhanden ſind— denn es regnet nicht. Sie 173 ſteigt mit ihrem Cavalier in einen Fiacre; die beiden andern grüßen und entfernen ſich. Man ſchließt die Wagenthür und, allein mit dieſem jungen Manne, fährt ſie fort. Ich bin wüthend. Hätte die ganze Geſellſchaft ſie begleitet, ich wäre ihr gefolgt; aber ſie will wahrſcheinlich allein ſein mit ihrem Liebhaber. Ich entferne mich alſo und denke nicht mehr an die junge Frau, die mir jetzt nichts weniger als ein Tugendſpiegel zu ſein ſcheint. 13. Wie man ein billet doux befördert. An dem Tage, der auf die Begebenheit im Thea⸗ ter des Varités folgte, wollte ich wenigſtens zwanzig Mal das Profil zerreißen, das ich früher im Theater de la Gaité gezeichnet hatte. Aber in dem Augenblicke, als unwillig meine Hände das Werk der Zerſtörung beginnen wollen, läßt mich ein letzter Blick auf das reizende Köpfchen meinen Entſchluß ändern. Ach, wie ſchön iſt dieſes Weib! Es liegt etwas ſo Reizendes in ihren Zügen, daß ich ſehr Unrecht thun würde, mich ihres Vildes zu berauben, da ich 3 Maler das Schöne ergreifen muß, wo ich es nde. & 174 Heute erwarte ich keinen Beſuch von meiner ge⸗ fühlvollen Ariane, und offen geſtanden, ich freue mich des Alleinſeins.— Sie ſcheint mir nicht ſehr geiſtreich zu ſein; allein ſie ſpricht viel, und in der Maſſe ihrer Reden hört man zuweilen Worte, die für drollig gelten könnten, wenn ſie nicht den Fehler hätte, unaufhörlich nach Effect zu haſchen. Sie liebt das Romantiſche; ihr Geſicht und ihr Benehmen ſind indeß ſehr bürgerlich. Man iſt aber zu klug, um es mit einer ſolchen Dame genau zu nehmen, man ſagt nicht, was man denkt, und läßt ſie gewähren. Zwei neue Portraits ſind bei mir beſtellt. Das eine hat ein Reiſediener beſtellt, der ſich für ſeine Geliebte will malen laſſen— er ſelbſt hat es mir geſagt—; die Reiſediener ſind durchgängig ſchwatzhaft. Dann will ſich eine Dame malen laſſen, die bereits etwas im Alter vorgerückt iſt, und zwar in einem griechiſchen Koſtüme, das ſie dieſen Winter auf einem Balle getragen hat, und worin ſie, wie man ihr geſagt, der Aſpaſia gleichen ſoll. Wir ſehen in unſerm Stande manches poſſier⸗ liche Ding. Wie es ſcheint, beginnt mein Talent ſich Vahn 175 zu brechen. Wenn Fortuna bei mir einkehrte!— Warum nicht?— Das heißt, immer auf eine Frau harren, ſelbſt wenn ſie geſagt hat, daß ſie nicht kom⸗ men wird. Ich hatte ſoeben die Sitzung mit meiner Aſpaſta geſchloſſen, als Carotin in mein Zimmer tritt. Er war dieſer Dame begegnet, deren blonde Per⸗ rücke und gemalte Augenbraunen ihm auffallen. La⸗ chend wirft er ſich auf meinen Divan und ruft: „Iſt das Deine Katze auch, die ſo eben von Dir ging?“ „Nein, Herr Carotin, achten Sie eine Dame, welche die Künſte liebt und ſelbſt kultivirt, die ſich im griechiſchen Koſtüm malen läßt und hundert und zwanzig Franks für ihr Portrait zahlt.“ „Ah, das iſt das Beſte! Wenn ſie hundert und zwanzig Franks für ihr Portrait zahlt, will ich ſie ehren, will ſie in mein Herz ſchließen, obgleich ſie wie ein altes Bierſchild ausſieht.“ Hundert und zwanzig Franks; Sapperment! Du biſt theuer geworden! Für dieſen Preis mache ich hundert und zwanzig Portraits. Aber ich bin nicht neidiſch, denn ich ehre das Talent— Du machſt Progreſſe— Du wirſt ein Scheſſer, ein Ingres, ein Court— wenn Du nämlich in Oel malteſt.“ „Aber ich bin ein Faullenzer! Ich weiß es und geſtehe es ein.“ „Ich gehe des Morgens mit dem Vorſatze aus, 176 „ das Atrlier meines Lehrers zu beſuchen— da be⸗ gegnet mir ein Freund oder eine Freundin, oder ſonſt ein zerdrücktes Frauenzimmer⸗Geſicht, das mir ge⸗ fällt,— raſch hefte ich mich an ihre Ferſen— ich mache Promenade vor ihrer Thür oder vor ihrem MWzin, und damit geht der Tag hin, ohne daß ich eine Bleifeder oder einen Pinſel berührt habe.“ „Ah bah! Das Leben iſt ja kurz!“ „A propos, Herr Carotin; ich habe mit Ihnen zu reden.“ „Was zum Teufel haſt Du denn heute, daß Du mich immer mit Herr anredeſt? Was ſoll das be⸗ deuten? Sind wir denn geſpannt?“ „Ich hätte wenigſtens Urſach, es zu ſein. Dein geſtriges Betragen war ſehr unſchicklich!“ — „Geſtern! Was habe ich denn geſtern gethan?“ „Mit jener Dame— dort in meiner Kammer.“ „Ah, jene Dame! Ich verſichere Dich, daß ich nicht hineingegangen wäre, wenn ich nicht geglaubt hätte, daß Du eine wirkliche Katze darin hätteſt— das Geſicht und die Pantomime dieſer Dame waren übrigens ſehr komiſch, als ſie mich bemerkte.— Erſt rollte ſie fich in Deine Bettvorhänge, dann ergris ſie Deine Lichtſcheere, hielt ſie auf die Bruſt und riefßs — Wenn Sie einen Schritt ſich nahen, n ſtoß' ich mir das Herz— „Darüber mußte ich herzlich lachen, den meinem Leben habe ich nicht gehört, daß ſich jemq — 177 das Herz mit einer Lichtſcheere durchſtoßen habe. Wahrſcheinlich hat ſie putzen ſagen wollen. Uebri⸗ gens iſt die Sache nicht ſo erheblich, ſoviel Gewicht darauf zu legen.“ „Es machte mir Spaß den Riegel vorzuſchieben, um die Schöne zu erſchrecken; denn hierauf ſtieß ſie ein unmenſchliches Geſchrei aus, wirkliche Caratben⸗ Töne!“ „Ich ſchob den Riegel zurück, damit ſie ſich nicht heiſer ſchreien ſollte; dann bin ich wieder hinaus⸗ gegangen.“ „Wahrhaftig, Deine Eroberung liebt das Schreien.“ „Doch gleichviel! Ungeachtet aller ihrer Ziere⸗ rei halte ich nicht viel von der Treue dieſer Dame. In der Regel ſind diejenigen, welche bei kleinen Din⸗ gen ſchreien, mäuschenſtill, wenn ihnen große geboten werden.“ „Ein andermal werde ich mich hüten, in Dein Heiligthum zu dringen, wenn Du es mir verbieteſt. Biſt Du noch böſe?“ „Nein; denn unter uns geſagt, ich halte auch uicht viel von der Liebe jener Perſon, die Du geſtern geſehen haſt.“ „Bei Gott, das habe ich vermuthet!— Sollte ich ſo etwas nicht kennen? Das iſt vorübergehend.— Pine Geſchichte zum Lachen und Liebesverſicherungen szukramen, damit man dieſe Sprache nicht verlernt. Carotin. I. 12 178 Sollte dies auch bei der Dame der Fall ſein, für die Du neulich Abends einen Wagen ſuchteſt?“ „Nein, bei der nicht Ach, Carotin, wenn Du wüßteſt— das iſt mir unbegreiflich!“ „Was iſt denn? Du hebſt ja Deine Blicke zum Himmel, als ob ſie eine Parthie im Luftballon machte.“ „Dieſe junge Perſon, die ich im Orcheſter des Theaters de la Gaité geſehen habe, und durch ihr reizendes Geſicht, durch ihr beſcheidenes, anſtändiges Weſen mich bezaubert hat— denke Dir, ich habe ſie geſtern in einer Loge im Theater des variétés wiedergeſehen.“ „Nun?“ „Nun, ſie iſt nicht die liebenswürdige Dame, die ich in ihr verehrte.“ „Hat ſie vielleicht in der kurzen Zeit die Pocken gehabt?“ „Nein, ſie iſt immer noch ſo lieblich— ihre Züge haben ſich nicht verändert! Aber der Ausdruck ihrer Phyſiognomie iſt nicht mehr derſelbe. Statt der verſchämten und beſcheidenen Miene hat ſie jetzt einen verwegenen, freien Blick, ein höhniſches, ſpöt⸗ tiſches Lächeln. Ihr zurückhaltendes Weſen hat freien Manieren Platz gemacht. Mit einem Worte, ihr Schweigen iſt jetzt ein eklatantes Lachen, das die Aufmerkſamkeit des ganzen Hauſes auf ſich zog.“ „So habe ich ſie wiedergefunden, nach deren Wiederſehen mich ſo heiß verlangte. So glaubte ich —— 179 nicht, ſie wiederzufinden! Jetzt ſchmerzt es mich, daß ich ſie noch einmal geſehen habe; denn der Gedanke an ſie ſchuf mir liebliche Träume und ſüße Vorſätze, ich malte mir eine glückliche, ſelige Zukunft.— Doch das Alles iſt jetzt verſchwunden.“ „Wie biſt Du denn, Bergeval? Du wunderſt Dich, daß ein Weib ein liebenswürdiges Weſen er⸗ heuchelt, um uns zu fangen, und ſich ſpäter in der Geſtalt zeigt, wie es die Natur erſchaffen?— Ach, mein heſter Freund, ich hätte Dir mehr Kenntniß des menſchlichen Herzens zugetraut! Was Dich überraſcht, iſt mir ſchon mehr als hundert Mal begegnet.“ „Iſt's möglich!“ „Höre zu: „Eines Tages kaufe ich mir ein Paar Handſchuhe zu 29 Sous; ich bin gerührt, hingeriſſen und er⸗ ſtaunt über das liebe, verſchämte Geſichtchen der jungen Mamſell, die mich probiren läßt— nämlich die Handſchuhe. Ich will ihr mit dem Finger die Wange kneipen, ſie wird roth bis an die Ohren. Da glaube ich einen ſeltenen Vogel aus dem Neſte zu heben, und denke: Ich werde dieſem jungen Veil⸗ chen den Hof machen, achtzehn Monat ſoll ſie mir duften, ehe ich ſie pflücke!“ „Am andern Morgen gehe ich in den Wald von Vincennes, um zu botaniſiren— Du weißt, daß das Botaniſiren von jeher meine Leidenſchaft war, obgleich ich unter den Pflanzen das Gras von dem 12* 180 Lattich nicht unterſcheiden kann.— Was ſche ich dort hinter einem dichten Buſche? Meine Handſchuh⸗ macherin, die mit einem jungen Soldaten botaniſirt, der ihr eben das Kapitel von der Eigenthümlichkeit der Gemeinen explicirte. „Ein anderes Beiſpiel: „Ich begegne eines Morgens einem jungen Mäd⸗ chen, das an mir vorbeigeht, ohne zur Seite zu ſehen. Ich grüße ſie; ſie dankt aber nicht. Ich grüße noch einmal— ſie bleibt wieder ſtumm. Endlich tritt ſie in den Laden einer Blumenmacherin, und ich ſehe, daß ſie ſich zur Arbeit ſetzt, um einen Kranz von Kornblumen zu verfertigen. „Ich trete hinein und frage nach einer Moos⸗ roſe für die Frau eines Brauers. Ich kaufe ſie nicht, aber ich beobachte meine Blumenmacherin. „Sie wagt nicht die Augen aufzuſchlagen, und ich ſage zu mir: Du gehſt alle Tage hierher, um nach Blumen zu fragen, vielleicht ſieht ſie Dich doch einmal an. „Denſelben Abend komme ich auf den Ball Mon⸗ tesquieu— es war Karneval. Ich ſehe, wie Alles ſich hinzudrängt, um ein Weib Cancan tanzen zu ſſehen, das als Wilde gekleidet war. Auch ich dränge ntch hinzu, und was erblicke ich?— Das wilde Weib iſt meine niedliche Blumenmacherin, die ein Polizeiſoldat zur Thür hinaustransportirt, weil ſite den ganzen Ball in Revolution bringt. 181 „Drittes Beiſpiel—“ „Genug, genug, Carotin! Alles, was Du mir ſagen kannſt, wird doch zu nichts dienen. Ich werde niemals glauben, daß Deine Handſchuhmacherin und Dein Blumenmädchen jener jungen Dame auch nur im Entfernteſin gleichen können, die ich im Theater geſehen habe.— Doch laſſen wir das— ich will nicht mehr daran denken.“ „Was haſt Du denn geſtern mit Herrn Four⸗ nichon angefangen?“ „Höre meinen Vericht; er iſt der Aufmerkſam⸗ keit werth.“ „Ich gehe alſo mit dieſem zweifüßigen Geſchöpfe von hier fort, das ſeinen Fuß der Straße du Bac zulenkt. „Unterwegs fand ich es für gut, einige Gläſer Bier von ihm bezahlen zu laſſen. „Wir gelangen alſo bei dem Magazin an, wo ſein Kind arbeitet. „Die halbverſchloſſenen Vorhänge geſtatten kei⸗ nen freien Blick in das Innere deſſelben; er indeß gewahrt ſie und ſpricht: „Sie iſt da; die zweite links.“ „Sehr gut,“ antworte ich, und erblicke mir ge⸗ genüber einen Kuchenbäcker.„Treten wir dort hinein, und warten wir, bis ſie nach Hauſe geht.“ „Wenn ſie aber nicht geht?“ 182 „Dann gehen wir.“ „Mein Raiſonnement leuchtet ihm ein. „Wir treten alſo bei dem Kuchenbäcker ein. „Während ich dem Kuchen tüchtig zuſpreche, hef⸗ tet mein Mann ſeine Blicke unverwandt auf die Thür des Magazins, und von Zeit zu Zeit höre ich ihn brummen: „Sie kommt nicht.“ „So lange, als mein Vauch noch Kuchen faſſen kann, antworte ich ihm: „Sie wird kommen.“ „Aber als ich keinen Hunger mehr habe, ſpreche ich zu ihm: „Bezahlen Sie die Zeche und geben Sie mir Ihr Billet, ich werde es Ihrer Schönen zuſtellen.“ „Nehmen Sie ſich in acht,“ verſetzt Fournichon; „die Madam iſt in dem Magazin. Wenn Jemand eintritt, der einen Brief beſorgen will, dann ſchickt ſie ihn wieder fort, ohne daß er den Brief abgeben kann.“ „Ohne Sorgen; Ihr Villet kommt an die Adreſſe, ich ſtehe Ihnen dafür.“ „Fournichon ſieht mich erſtaunt an, als ob er mit Napoleon zu thun habe.“ „Wir verlaſſen den Kuchenbäcker. „Ich gebe mir Mühe einen kleinen Stein zu finden, der in der Straße du Bae ſelten iſt. Endlich 183 finde ich einen von der Größe einer Pflaume; ich nehme ihn und wickele mein Billet darum. Als wir dem Leinwandladen gegenüber ſind, ſpreche ich zu Fournichon: „Jetzt achten Sie auf das, was ich thun werde.“ „Ich benutze alſo einen Augenblick, wo ſich viel Menſchen durch die Straße drängen, und werfe mei⸗ nen Stein gegen die Fenſterſcheiben des Magazins— eine herrliche Scheibe von böhmiſchem Glaſe wird zertrümmert. Jetzt drängen ſich die Menſchen heran und bleiben vor dem Magazin ſtehen. Ich mache mich anf und davon.— Niemand achtet in dem Gedränge auf mich.“ „Und Fournichon?“ „Ich habe ihn im Gedränge und in der Mitte von Glasſcherben zurückgelaſſen. Wie er ſich heraus⸗ gezogen hat, weiß ich nicht. Aber ehe ich ſein Billet durch die Luft beförderte, habe ich ihm heute bei Dir ein Rendez⸗Vous verſprochen, um ihn in mein Atelier zu führen, das er ſo gern kennen lernen will. „Wenn er nicht kommt, hat man ihn wahrſchein⸗ lich arretirt.“ „Dein Mittel, ein billet dous zu ſpediren, iſt übrigens recht artig!“ „Wenn es bei einem Juwelier oder Geldwechsler geweſen wäre, hätte ich es ſicher nicht angewendet; aber bei einem Leinwandsladen— Die zerbrochene Fenſterſcheibe iſt zu bezahlen, iſt das ein Unglück? 184 Man weiß recht gut, daß niemand ſolche Weiber⸗ lappen ſtiehlt.“ „Fournichon wird nicht kommen; denn wenn er das Fenſter bezahlen muß, wird er wüthend auf Dich ſein.“ „Das wäre ſchade! Ich hätte ihn gern einmal in mein Atelier geführt— meine Freunde hätten ſich ein wenig über ihn luſtig machen können.— Doch ſtill— man kommt die Treppe herauf!“ „Victoria! Es iſt der erſehnte Fournichon!“ Und in der That— mit einem ſtrahlenden Ge⸗ ſicht tritt unſer Lichtzieher ein. Herr Fournichon reicht mir gerührt die Hand, Carotin aber preßt er in ſeine Arme und ruft: „Guten Tag, mein lieber Carotin, guten Tag meine Herrn! Sie ſehen hier den glücklichſten Men⸗ ſchen unter der Sonne; einen Menſchen, den nicht eine Unze an Gewicht drückt, obgleich er von Liebe erfüllt iſt. Ich bin Sieger, meine Herrn— oder wenigſtens wird es nicht lange dauern.— Dank dem Genie unſeres Freundes, der ein billet doux ſo geſchickt zu verſenden weiß.“ „Wahrhaftig? Erzählen Sie doch, wie ſich die Sache geſtaltete, ſeitdem ich Sie in der du Bac verlaſſen habe.“ „Sehr gern: 185 „Das Klirren der Glasſcheiben hatte das ganze Magazin in Bewegung geſetzt; die Inhaberin deſ⸗ ſelben und ihre Mamſells ſtürzten vor die Thür und ſchrien: „Arretirt den Thäter!“ „Aber Alles ſtand und lachte, und als Niemand wußte, wer zu arretiren ſei, ging die Leinwandhänd⸗ lerin wüthend in ihren Laden zurück. Ich aber hatte bemerkt, daß meine göttliche Roſa ſich ruhig in einen Winkel geſtellt. Halt, dachte ich, ſollte die den Stein mit dem Papier aufgerafft haben? Und richtig, ſo war's! Denſelben Abend erhielt ich folgendes Liebes⸗ brieſchen in meine Wohnung— ich hatte nämlich zu größerer Sicherheit meine Adreſſe unter meinen Namen geſetzt.“ Herr Fvurnichon holt aus ſeiner Brieftaſche ein kleines, ſorgfältig zuſammengelegtes Papier hervor, beriecht es und ruft aus: „Himmliſch, es iſt balſamirt!“ Hierauf lieſt er: „Das Mittel, deſſen Sie ſich bedienten, um ein Billet in meine Hände gelangen zu laſſen, hat mir viel Vergnügen gewährt, ich hätte Ihnen ſoviel Geiſt nicht zugetrauet. „Aus Rückſicht für dieſe Idee bewillige ich Ihnen hiermit das Rendez⸗Vous, um das Sie mich bitten. Morgen Abend neun Uhr verlaſſe ich das Magazin und werde allein ſein. Roſa.“ 186 „Nun, meine Herrn?“ „Wahrhaftig, das iſt ein BendenVous in op- lima forma! Wie es endigt, iſt Ihre Sache!“ „Nicht wahr, mein lieber Carotin? Ich denke, da ſie mir dieſe Gunſt zugeſteht, hat ſie die Abſicht, ſich länger nicht mehr zu ſträuben. Dieſen Abend neun Uhr! Ach, wie lang wird mir die Zeit bis dahin. Mich bringt die Ungeduld um.“ „Haben Sie dies Gefühl auch ſchon einmal em⸗ pfunden, meine Herrn?“ „Ob wir es empfunden haben! Das iſt köſtlich, Herr Fvurnichon fragt uns, ob wir ſchon zärtliche Rendez⸗Vous gehabt haben!— Wiſſen Sie denn auch, was man in dieſem Falle thun muß? Man muß ſich amüſiren, ſich zerſtreuen, dann vergeht die Zeit raſch.“ „Wollen Sie in ein Kaffeehaus gehen und eine Parthie Billard ſpielen?“ „Danke, ich kann nicht Billard ſpielen.“ „Wie iſt's, wollen wir in mein Atelier gehen?“ „Ja, ja! Ich bin noch nie in einem Atelier ge⸗ weſen, wo Malerzöglinge gebildet werden; man ſagt, daß es dort viel zu lachen gäbe.“ „O, Sie werden ſich amüſiren, ich ſtehe dafür.“ „Begleiten Sie uns, Herr Bergeval?“ „Gewiß, Herr Fournichon.“ „Bravo!“ — — 187 „Herr Fvurnichon, ich muß Ihnen etwas bevor⸗ worten: die Maler ſind von Natur Spottvögel; aber vor Künſtlern hegen ſie Achtung, denn ſie ſagen, ein Wolf frißt den andern nicht. Ich werde Sie als Künſtler einführen, damit man mehr Achtung vor Ihnen hat.“ „Herrlich herrlich! Sagen Sie, daß ich male.“ „Das wäre unklug, man könnte Sie auf die Probe ſtellen: ſind Sie muſikaliſch? Spielen Sie irgend ein Inſtrument?“ „Ich habe einmal die Flöte angefangen; aber mein Lehrer ſagte, ich hätte kein Gehör, und da habe ich ſie liegen laſſen.“ „So geben wir Sie ganz einfach für einen dra⸗ matiſchen Künſtler aus, für ein großes Talent aus der Provinz, das Feien hat. 4 „Recht ſo, ich will ein Schauſpieler ſein; dies macht zu nichts verbindlich, und nichts beweiſt das Gegentheil.“ „Noch eins: Muß ich bei Ihren Kameraden auch die Redensart anwenden, die Sie mir neulich einmal bezeichneten— das Wort, was jetzt Mode iſt:„Seit wann denn?“ „Gewiß! Da werden Sie einen hohen Begriff von Ihnen bekommen.“ „Allons, meine Herrn, machen wir uns auf den Weg!“ Gedruckt bei E. Polz in Leipzig. ——— i ſi 9 12 1 14 10 11 3 15 16 17