Leihbiblivther deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 9 Eduard GOltmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih nd eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedein Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Ruchor: 6 Bicher: auf 4 Vonat 1 r Pf 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 1c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Außleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmekſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4. Abonnement. Daſſelbe m voraus bezahlt werden und Erſtes Kapitel. Furcht, Schrecken, Unglück⸗ 6 „Hi! hi doch, Zephir!... Muth, mein Dicker; trabe noch eine kleine Stunde, ſo ſind wir zu Hauſe;„Ach!. nun du tummelſt dich doch endlich!... das iſt ein großes Glück!... du fängſt an, den Stall zu wittern, ich ſeh's ſchon...“ So unterhielt ſich Vater Lukas mit ſeinem Gaul und be⸗* mühte ſich, immer dem Wege von Louvres nach Ermenonville folgend, durch dieſe Geſpräche, die häufig von ausdrucksvollem Geberdenſpiel begleitet waren, ſeinem Zephir Muth zu machen, der aber darum nicht ſchneller lief. Plötzlich wurde die Laſt des armen Thieres um ein neues Ge⸗ 3 wicht vermehrt, es macht einen Sprung und geht einige Zeit im Galopp, was ihm in einem Jahre nicht zweimal vorkam; allein —— die Heftigkeit der Erſchütterung ſchien ihm Flügel gegeben zu haben; Lukas will ſchreien... zwei kräftige Arme umfaugen ihn und drücken ihn ſtark; der arme Landmann, von Schrecken ergriffen, 6. glaubt den Teufel hinter ſich auf dem Sattel zu haben und iſt nicht mehr im Stande, zu ſprechen; er überläßt ſich ſeinem Ge⸗ ſchick, dem Roß die Zügel und ſchließt die Augen, um ſei Reiſegefährten nicht zu ſehen. Indeſſen hatte Zephir weder Kraft noch Luſt lange pirenz zudem wurde der Boden ſandig, und dies lähmt ſeine Kräfi; er verfiel daher wieder in ſeinen gewöhnlichen Schritt Arme, welche Lukas umſchlungen hielten, lösten ſich u ießen ihn freier athmen. Ein ſtarſes Lachen er im 9 „ werden, rief ſeinen Muth zurück und dachte, daß man, ohne ge⸗ rade ein böſer Geiſt zu ſein, doch recht gut auf den Rücken Zephir's geſprungen ſein könne; er drehte deßhalb den Kopf ein wenig. wagte ein Auge zu öffnen, und ſah, ſtatt Beelzebub oder Asmodi, einen jungen Mann von angenehmem Geſicht, deſſen Kleidung etwas in Unordnung war, der aber deſſen ungeachtet nichts Erſchreckendes an ſich hatte. „Tauſend, mein Herr, ich muß geſtehen, daß Sie mir keine geringe Furcht eingejagt haben!...— Nicht wahr, mein Alter?... Auch habt Ihr beinahe eine Viertelſtunde Wegs gemacht, ohne Euch zu rühren, und ich glaube ſogar ohne zu athmen!..— Dies bringt Sie zum Lachen, mein Herr; nach meiner Anſicht iſt kein Grund dazu vorhanden! was hätte unſere Frau geſagt, wenn ſie mich hätte kodt nach Hauſe kommen ſchen Wahrlich! ſie würde ſich getröſtet haben!.— O, das iſt ſehr möglich; aber ich, ich hätte mich nicht getröſtet. und meine Tochter, meine kleine Suzon, die ihren Papa Lukas ſo ſehr liebt!— Lafßt das gut ſein, Papa Lukas, Ihr ſeid nicht todt, und ich hoffe, daß ſich Euer Schrecken gelegt hat; ſprechen wir daher nicht mehr hievon! Ihr ſeht, daß ich weder ein Teufel noch Dieb bin...— Ich bin's noch nicht ganz ſicher!. Ein Menſch, der ſo hinter mich hinfällt, wie ein Zufall!— Seit einer Weile rief ich Euch, allein Ihr hörtet mich nicht! Ich bin deßhalb gelaufen, und da ich hei Franconi Unterricht genom⸗ men habe, bin ich auf's Pferd geſprungen, ohne Euch anzu⸗ halten.— O! es iſt wahr; Sie ſind ſehr gewandt. Aber glauben Sie, daß ich Sie lange Zeit auf dieſe Art mitnehmen werde?.. — Wahrlich! bis in Euer Haus, denke ich.— In mein Haus? und was dort machen?— um mich dieſe Nacht zu beherbergen. 8 Peherbergen?. einen Menſchen, der aus den Wolken ge⸗ fallen iſt— Was kommt darauf an, woher ich gefallen bin, des armen Bauern. Er begann ſeiner Sinne wieber mächtig zu 5— wenn ich Euch gut bezahle? Vater Lukas, liebt Ihr das Geld? — Ja wohl... wenn es ehrlich verdient iſt, verſteht ſich.— Nun gut; da es durchaus nichts Unrechtes iſt, einem Reiſenden ein Abendeſſen zu geben und ihn über Nacht zu behalten, ſo werdet Ihr mich dieſen Abend bei Euch aufnehmen. Seht, hier ſind zum Voraus zwanzig Franken für meine Zeche. Jetzt wollen wir die Beine zuſammenklemmen, ſpornt Ihr Zephir, und beeilen wir uns, Madame Lukas zu beruhigen!“ Der junge Mann hatte einen ſo überredenden, ſo entſchei⸗ denden Ton, ſo abgerundete, heitere Manieren, daß der Bauer nichts auf ſeinen Antrag entgegnen konnte. Zudem liebte Lukas das Geld, und zwanzig Franken ſind auf dem Dorf eine Summe! Man treibt daher das Roß an und trabt weiter. Auf dem Wege richtet Lukas neue Fragen an ſeinen Ge⸗ fährten:„Ha ſo! Sie kommen alſo aus der Ungegend, denn Sie gingen ohne Hut umher?— Meiner Treu! ich habe keine Zeit gehabt, einen mitzunehmen; es iſt noch ſehr glücklich, daß ich ein Paar Beinkleider und einen Frack anziehen konnte!.— Teufel! haben Sie vielleicht an einem Orte gebadet, wo es verboten iſt? — Ich habe nicht gerade gebadet; ich war aber in der That an einem Orte, wohin zu gehen verboten iſt.— Merke ſchon! Sie haben ohne Erlaubniß geiagt?— Wie Ihr ſagt, Vater Lukas; ich jagte auf einem Terrain, das mir nicht zugehört.— So, ſo!... dieſe jungen Leute!... nichts kann ſie abhalten. Ei! ei! Sie jagten alſo ohne Rock und Hoſen?— Freilich, um den Vogel zu erwiſchen, auf den ich Jagd machte, iſt es viel be⸗ zuemer.— Ha, ha! es iſt ein Vogel!... Hi doch, Zephir!.. Beim Kuckuk, eine ſonderbare Jagd! Sie ſollten mich auch darin unterrichten, denn ich habe niemals davon ſprechen hören.— Aber, Vater Lukas, es ſcheint mir, daß Zephir nicht mehr ärts geht?— Natürlich, er iſt nicht gewohnt, zwei Laſten zu tragen. — Ich habe einen fürchterlichen Hunger; wo wohn — Ermenonville.— Iſt es das Dorf, welches ich hier ſehe?— Nein, dies iſt erſt Monfontaine; wir haben noch anderthalb Stunden zu machen. Was mich beunruhigt, iſt, daß es ſchon Nacht wird, und ich habe Furcht vor Räubern und Wölfen.— Fürchtet nichts, ich werde Euch vertheidigen.“ Wie unſere Reiſenden dieſes Geſpräch zu Ende brachten, hörten ſie Pferdegalopp hinter ſich. Es war ſchon ſehr dunkel. und man konnte auf die Ferne Nichts mehr unterſcheiden. Das Getöſe kam immer näher; die galoppirenden Perſonen waren nicht mehr weit von unſern Reiſenden entfernt. Auf einmal ſchien der junge Gefährte des Vater Lukas von einem plötzlichen Schrecken ergriffen.„Donnerwetter!“ rief er aus,„man verfolgt mich.. nur ſchnell voran, mein Braver, man muß ihnen entkommen... — Sie verfolgt man?... wie? wegen jenes Vogels, auf den Sie im Hemde Jagd machten?..— Gleichviel, warum es ge⸗ ſchieht; ich werde es Euch erzählen... Vorwärts, wir müſſen durchaus Boden gewinnen; alsdann wird uns die Nacht be⸗ ſchützen.“ Ohne die Meinung des Bauern abzuwarten, ſtoßt, drängt, überhäuft der junge Mann das arme Thier mit Schlägen, und zwingt es, den Galopp anzuſchlagen. Vergebens jammert, flucht und ſchreit Lukas, daß man ihm ſein Reitpferd zu Grunde richten werde, ſein Gefährte hört nichts, als den Hufſchlag der ihn ver⸗ folgenden Pferde, die bereits auf dem Punkte ſind, ihn zu erreichen. So durchrennt man Monfontaine; Zephir kennt ſich nicht mehr; da er an eine ſolche Behandlung nicht gewöhnt iſt, überläßt er ſich einer edeln Wuth; er ſchlägt hinten aus, macht allerlei Sprünge, beißt um ſich, zerreißt den Zaum and entführt ſeine Reiter nach einer Pfütze, wo ruhig ein Dutzend Enten ſchnatter⸗ ten. Lnkas ſchreit:„Halt! halt!“ Hinter unſern Reiſenden ruft man:„Haltet an! haltet an!“ Unſer junger Mann lacht und 3 flucht zu gleicher Zeit. Enblich kommt Zephir wirklich in— — Pfütze, ſinkt ein, fällt auf die Seite, die Reiter ebenfalls; man rollt auf die Enten und erdrückt deren viere; man wird durchnäßt, mit Schlamm belaben; man ſchreit und verſteht einander nicht mehr. Bweites Rapitel. Der Oheim und der Nefſe. „Tauſend Schwadronen! immer neue Streiche! wieder ein Billet von ſechshundert Franken, das ich für den Herrn bezahlen muß!— Es iſt eine Ehrenſchuld, mein Oheim!— Zum Hen⸗ ker, mein Herr, alle Schulden ſind heilige Verbindlichkeiten, aber das iſt kein Grund, welche zu machen, zumal da ich allen Ihren Bedürfniſſen zuvorzukommen weiß. Wiſſen Sie, mein Neffe, daß Sie ein ſehr liederliches Subjekt ſind?— Ich, mein lieber Onkel? Ei, ich ſehe nicht, womit ich verdient habe.— Ah! Sie ſehen nicht. nun gut, ich will es Ihnen erſichtlich machen, ich, mein Herr! Setzen Sie ſich daher, Guſtav, mir gegenüber, bleiben Sie ruhig, wenn Sie können; aber tauſend noch einmal! unterbrechen Sie mich nicht!..— Mein lieber Onkel, ich weiß zu gut, was ich Ihnen ſchuldig bin..— Stille! Hortenſia Moranval, Ihre Mutter und meine Schweſter, war eine gute Frau, liebenswürdig, geordnet, haushälteriſch.— Sie hatte alle gute Eigenſchaften!...— Schweigen Sie, mein Herr; ich weiß, was meine Schweſter war; ich weiß auch, daß ſie, ver⸗ plendet durch die Liebe für ihren theuren Sohn, nicht ſah, daß dieſer jähzornig war, ungeduldig, ein Lügner, ein Spieler.. — Ach, mein Oheim!— Donnerwetter, werden Sie ſchwei⸗ gen?. Ihr Vater war ein Mann von Geiſt; ſeine Talente, ſeine Verdienſte, ſein liebenswürdiger Charakter machten aß er * in allen Geſellſchaften willkommen war. Er hätte ſich a vokat, welches Geſchäft er ehrenvoll ausübte, einen Namen er⸗ worben! doch der Tod entriß ihn unerwartet ſeiner Gattin und ſeinen Freunden!.. Sie waren damals noch zu jung, um dieſen Verluſt zu würdigen; Sie können ſich dieſes lieben Saint⸗ Réal nicht erinnern!..— Wenigſtens, mein Oheim, werde ich immer ſein Andenken zu lieben und zu verehren wiſſen.— Wenn Sie es verehrten, mein Herr, ſo würden Sie nicht ſo viele Dumm⸗ heiten machen!... Aber kommen wir auf unſern Gegenſtand zu⸗ rück! ich habe einen Theil meines Lebens bei der Armee zuge⸗ bracht. Wenn ich auf meinen ſeltenen Reiſen nach Paris meine Schweſter beſuchte, nahmen Sie meinen Degen und legten ihn an die Stelle des Bratenwenders; mein Federbuſch ward der Katze zur Beute, meine Epauletten hatten keine Quaſten mehr, und an meinen Piſtolen fand ich ſtatt der Steine Käſe von Gruyer, und auf der Zündpfanne Aſche ſtatt des Pulvers. Alles dies waren nur Kleinigkeiten; allein ich bemerkte auch, daß Sie nichts lernten. Ihre Mutter hatte Ihnen Lehrer gegeben, auf welche Sie nicht hörten; Sie tanzten mit Ihrem Lehrer der lateiniſchen Sprache und der Geſchichte; Ihrem Muſiklehrer warfen Sie brennende Schwärmer unter die Naſe; Ihrem Zeichenmeiſter ſteck⸗ ten Sie Lichtſtümpchen in die Taſche; kurz, Sie waren ein Teufel! Ich ſagte zu meiner Schweſter, ſie ſolle Sie züchti⸗ gen, aber ſte glaubte, die Zeit werde von ſelbſt Ihren Verſtand zur Reife bringen... Arme Hortenſia!. Sie fand Sie reizend! — Ach, mein Onkel! alle Damen waren der Anſicht meiner Mutter!— So, deßhalb alſo lieben Sie ſie alle zuſam⸗ men?— Aus Dankbarkeit, mein Oheim...— Geſchieht es auch aus Dankbarkeit, daß Sie dieſelben betrügen? daß Sie junge Mädchen verführen, ehrbare Franen leichtſinnig und die Ehemänner zu Hahnreien machen?. Doch wir wollen fort⸗ fahren Ihre Mutter... meine arme Schweſter, iſt geſtorben.. Dieſer Verluſt hat Sie lebhaft betrübt!.. ich gebe es zu; Sie — „ „— liebten Ihre Mutter, dies iſt ganz natürlich; Sie beweinten ſie, und damit thaten Sie nur Ihre Schuldigkeit. Als Hortenſta ſtarb, empfahl ſie mir ihren Sohn; ich habe geſchworen, über Sie zu wachen, und Gott weiß auch all das Leid, das Sie mir ſeit dieſem Augenblicke zugefügt haben! Ich habe Sie in eine Penſion gethan, Sie waren damals zwölf Jahre alt: einige Jahre hindurch ſind Sie ziemlich vernünftig geweſen. Man ſchrieb mir, daß Sie reißende Fortſchritte machen; ich war darüber ent⸗ zuckt... Endlich begebe ich mich nach Paris.. Sie hatten ſo eben das ſechzehnte Jahr erreicht. Ich gehe in Ihr Collegium und freue mich ungemein darauf, meinen lieben Neffen zu ſehen!... ich frage nach Guſtav Saint⸗Réal?.. die Geſichter verlängern ſich, die Geſichtszüge werden finſterer... man zaudert man ſtottert... ich werde ungeduldig, ſchreie, gerathe in Zorn... endlich ſagt man mir, mein Schlingel ſei ſeit acht Tagen mit einer kleinen Demviſelle von fünfzehn Jahren, Feinwäſcherin der Herren Zöglinge, und ihrer Penſion gegenüber wohnend, ver⸗ ſchwunden.— Ach, mein Oheim! iſt es mein Fehler, wenn die Liebe...— Tauſend Patronen, mein Herr! eine Entführung mit ſechzehn Jahren!...— Liſe war ſo hübſch!. ſo ſchelmiſch!... — Und Sie ſo liederlich!... Endlich habe ich den Herrn Guſtav und ſeine Dulzinea in einer kleinen Kammer des vierten Stocks in der Straße du Fauconnier ausgenommen. Die kleine Perſon brachte ich zu ihrer Mutter zurück. ich weiß freilich nicht ge⸗ rade in welchem Zuſtande!... allein dies geht die Eltern an, welche ihre Tochter nicht zu bewahren gewußt. Sie ſelbſt haben mich ſeit dieſer Zeit keinen Angenblick zu Athem kommen laſſen.. — Ach, mein Oheim!.. wegen einiger Jugendſtreiche— Laſſe ich Sie in der Stadt, laufen Sie den Tanzplätzen nach, knüpfen Bekanntſchaften mit andern liederlichen Leuten an, brin⸗ gen ſolche in mein Haus, trinken meinen beſten Wein, teiten meine Pferde zu Schanden!... reißen mein Cabriolet zuſam⸗ 10 men! und was noch ſchlimmer iſt, Sie machen Schulden. Laſſe ich Sie auf meinem Landgut, ſo verwüſten Sie meinen Garten, bringen meine Kaninchen um, verwunden meine Jagd⸗ hunde, prügeln ſich mit den Bauern herum und machen ihren Weibern Kinder. Was Teufels, mein Herr, dies Alles muß auf⸗ hören! Sie wollen nicht in das Militär treten, ich begreife dies, Sie wiſſen nicht zu gehorchen, und ich beſtehe deßhalb nicht darauf, denn ich müßte fürchten, Sie nach einiger Zeit zum Er⸗ ſchießen verurtheilt zu ſehen, weil Sie ſich gegen Ihre Obern verfehlt hätten. Zudem ſind wir im Frieden, und es iſt nicht 1 nothwendig, daß Sie Ihre Jugend in einer Garniſon zubringen. Doch kurz, Sie ſind zwanzig Jahre alt, ich fange an, alt zu . 3 werden; die Beſchäftigung, welche Sie mir geben, iſt zu ermü⸗ dend, und ich möchte gerne ausruhen. Allein ich will Sie zwin⸗ gen, geſetzt zu werden, und deßhalb, mein Herr, will ich Sie verheirathen.— Mich verheirathen, mein Onkel!— Ja, Guſtav, 1 in, Sie verheirathen.— Und dies, um mich geſetzt zu machen? ₰— Würden Sie ſich nicht mit Ihrer Frau begnügen können?— Je nachdem, mein Oheim; erſtlich muß ſie mir gefallen, und dann müßte ich ſie lieben.— Halten Sie mich für einen Dummkopf, mein Neffe? Glauben Sie, daß ich nicht an all dies gedacht hätte?... Das Frauenzimmer wird Ihnen gefallen, weil ſie reizend iſt; Sie werden ihr gefallen, weil ein wohlerzogenes Mädchen den Gatten liebt, den man ihr beſtimmt, weil Sie überdies ein hübſcher Junge ſind und die Frauen im Allgemeinen nur zu viel Neigung zu den liederlichen Subiekten haben. Kurz, dieſe Heirath Wird mir großes Vergnügen machen, und ich hoffe, daß Sie dies auch in Rechnung bringen.— Ach, mein Onfel! mein größtes Vergnügen iſt, Ihnen meine Anhänglichkeit zu be⸗ weiſen.— In dieſem Falle, Guſtav, reiſeſt du auf das Land⸗ gut des Herrn von Verly ab, das acht Stunden von hier zwiſchen Lonvres und Senlis liegt. Dort wirſt Du ſeine Nichte, die junge Aurelie ſehen, welche ich Dir beſtimme.— Aber, mein Oheim, ich kenne weder Herrn von Berly noch ſeine Nichte.— Du wirſt Bekanntſchaft machen. Von Berly iſt ein guter, runder Mann, den ich ehemals gekannt habe, als er Lieferant unſerer Armeen war. Ueberdies wirſt Du erwartet; potztauſend, Du wirſt gut aufgenommen werden.— Aber Sie, mein Oheim?...— Ich! Du ſiehſt wohl, daß ich jetzt nicht von der Stelle rücken kann; mein verdammtes Zipperlein hält mich in Paris zurück; ſowie es mich aber in Ruhe läßt, werde ich abreiſen und zu Euch kommen. Mittlerweile wird man mich ſchon entbehren; Ihr beluſtigt Euch, geht auf die Jagd; denn von Berly iſt ein großer Liebhaber der⸗ ſelben!...— Nun, mein Oheim, weil Sie es wollen, reiſe ich ab. Ich will Fräulein Aurelie ſehen!...— Du wirſt es nicht bereuen, Schelm... Weil Du vernünftig wirſt, will ich Deine vergangenen Tollheiten vergeſſen. Hier ſind hundert Louisd'or für Deine Reiſe und zu Deinem Vergnügen auf dem Schloſſe Berly's. — Ach, mein lieber Onkel, welche Güte!— Aber mein Neffe, keine Luftſprünge, keine Duelle, keine Entführungen und Ver⸗ kleidungen mehr!... Brechen Sie gänzlich mit den Putzmacherinnen und Operntänzerinnen!... beſonders beſuchen Sie die kleine Liſe.. den Gegenſtand ihrer erſten Liebe! nicht mehr;... ſie iſt es, die Sie auffordert, mir nicht zu gehorchen!— Nein, mein lieber Onkel! o! ich ſchwöre Ihnen...— Kurz, mein Herr, werden Sie geſetzt, oder ich erkläre Ihnen, daß ich im Ernſt böſe werde, und daß ich Strenge anwende, um Sie anders zu machen.— Es iſt aus, mein Oheim, ich bin gebeſſert.. Nimm meinen Schimmel! Es iſt 10 Uhr; Du wirſt noch vor dem Mittageſſen auf dem Schloß anlangen. Ich habe Benvit befohlen, Deinen Mantelſack zu rüſten. Er wird Dir folgen, als Dein Diener, an der Stelle des liederlichen Dubvis, den ich fort⸗ gejagt habe.— Wie, mein Oheim, Benvit, der Sohn ußſeres Portier? Aber dieſer Kerl iſt dumm, wie eine Gans!.— Deſto ⸗ beſſer, ſo wirſt Du ihm keine Intriguen auszuſpinnen geben. Nun geh' und thue, was ich Dir ſage.“ Guſtav umarmt ſeinen Oheim, beſteigt den Schimmel und reist, von Benvit begleitet, nach dem Landgut des Herrn von Berly ab. Drittes Rapitel. Tante und Nichte. Indem Guſtav La Villette, Le Bourget und Vauderland durcheilte, ein Weg, der, im Vorbeigehen geſagt, dem Reiſenden nichts ſehr Erquickendes darbietet, ſtellte er ſeine Betrachtungen an: er dachte, daß man vor dem Heirathen einander doch auch gehörig kennen, für einander paſſend ſein müßte(für einen ſo gedankenloſen Menſchen war dieſe Betrachtung ſehr klug). Er war feſt entſchloſſen, Fräukein Aurelie nur in dem Fall zu nehmen, daß ſie eine ſchöne, liebenswürdige, ſanfte, beſcheidene, gefühl⸗ volle und beſtändige Frau wäre, kurz, eine Frau, wie er noch keine getroffen hatte: und Guſtav hatte bei ſeinen zwanzig Jahren ſchon die Erfahrung eines gereiften Mannes, und zwar aus dem Grunde, weil er ſeine Streiche frühzeitig anfing, was ſeine gute und ſeine böſe Seite hat; ſeine gute, weil es einige Kenntniß des weiblichen Herzens gibt, ſeine böſe, weil man glaubt, es gründlich zu kennen und öfters nur noch ärger betrogen wird, wenn man glaubt, nicht mehr betrogen werden zu können. Guſtav hatte einen unerſchöpflichen Heiterkeitsquell, und wenn dabei ſein Beutel wohlgeſpickt war, ſah er Alles roſenfarbig. In dieſer glücklichen Gemüthsſtimmung kam unſer Held(denn Sie errathen, Leſer, daß Herr Guſtav der Bruder Liederlich iſt, mit dem wir uns beſchäftigen werden): unſer Held alſo, fage ich,* kam über Lonvres hinaus und wendete ſich gegen Senlis, von wo das Gut des Herrn von Berly nicht weit entfernt war. Je näher er indeſſen kam, um ſo neugieriger ward er, dieſen Herrn von Berly und ſeine Nichte kennen zu lernen. Er erinnerte ſich nicht, ſie bei ſeinem Oheim geſehen zu haben, was aber nichts Außer⸗ ordentliches war: er hatte die Gewohnheit, immer auswärts zu ſein, und befand ſich, um den Sittenpredigten des Obriſten Moranval zu entgehen, ſelten mit ihm in Geſellſchaft. Guſtav fiel bei, daß ſein neuer Diener Benvit, als Sohn des Portier ſeines Hauſes und zuweilen mit der Bedienung bei Tafel beauftragt, über die Perſon, zu der er ſich begab, vielleicht Auskunft geben könne; er entſchloß ſich daher, Benoit zu befragen. Der neue Jockey Guſtav's war ein Bengel von achtzehn Jahren, lang wie eine Hopfenſtange, ſtark wie ein Türke, friſch wie eine Roſe, roth wie eine Kirſche, linkiſch wie ein Landmädchen, dumm wie ein Eſel, und eigenſinnig wie es die letztern gewöhn⸗ lich ſind. Guſtav brach in ein unmäßiges Lachen aus, als er Benoit anblickte, den er, ſeit ſte auf dem Wege waren, vergeſſen hatte. Die Haltung des Jockey war wohl geeignet, Heiterkeit hervorzu⸗ rufen. Benvit war noch nie auf einem Pferde geſeſſen; da er aber nicht gewagt, dies vor dem Oberſt Moranval, den er wie vas Feuer fürchtete, zu ſagen, ſo hatte er tapfer ſeine Partie er⸗ griffen und ſich auf's kleinſte Pferd geworfen, auf dem er ſich ſo ſteif hielt wie ein Pflock, und ſo ernſthaft wie ein Schweizer. Guſtav hält ſein Pferd an, damit Benvit zu ihm ſtoßen kann; aber der neue Reitknecht, der ſich von ſeinem Papa eine ausführliche Belehrung über die Pflichten eines Dieners gegen ſeinen Herrn hatte geben laſſen, und der geſchworen hatte, nie davon abzuweichen, behielt es wohl im Gedächtniß, daß er immer in ehrfurchtsvoller Entfernung von Herrn Guſtav bleiben müſſe. Feſt in ſeinen Prinzipien, hält er an, ſowie er ſeinen Herrn an⸗ halten ſieht. 14 „Vorwärts!“ ruft Guſtav ungeduldig.—„Nein, Herr!.. bin nicht ſo dumm!...— Wie, nicht ſo dumm? ich ſage Dir, Du ſolleſt näher kommen!— Herr, ich kenne meine Pflichten zu gut, und ich werde es nicht thun!...— Ich befehle es Dir aber, Erztölpel!...— Dies iſt gleichgültig, Herr; ich weiß, welchen Reſpekt ein Diener ſeinem Herrn ſchuldig iſt... und ich reite nicht vorwärts!... Verdammter Dummkopf! ich muß alſo zu Dir kommen!... Guſtav ſpornt ſein Pferd und reitet auf Benvit zu, deſſen Thier erſchrickt, einen Seitenſprung macht und ſeinen Reiter in den Chauſſeegraben wirft. Der große Kerl ſteht weinend wieder auf und iſt ſehr mißvergnügt über die Folgen ſeiner Pflichttreue. Guſtav zieht ihn am Ohre, damit er wieder auf's Pferd ſteigt, und zwingt ihn endlich, bei ihm zu bleiben. „Vorwärts, Benoit, jetzt wirſt Du mich anhören, hoffentlich? e Wie, großer Ein⸗ faltspinſel, Du weinſt?..— Herr.. ich glaube, ich bin ver⸗ wundet.— Wo denn?— Herr am. am..— Aber wo deun?.. wirſt Du ſprechen?..— Herr. es iſt zwiſchen dem obern Theil der Schenkel und dem untern Theil der Lenden.— Dummkopf! kannſt Du nicht ſagen am Hintern?.— Herr,. ich fennt meinen Reſpekt und meine Pflicht.— Dieſer Schlingel da wird mich mit ſeinen Pflichten noch raſend machen. Vorwärts, Du kannſt in dem Landhauſe, wohin wir jetzt kommen, warme umſchläge auf Deine Hinterbacken machen laſſen. Jetzt antworte mir; kennſt Du dieſen Herrn vön Berly?.. haſt Du ihn bei meinem Oheim geſehen?— Freilich, ja, Herr!— Was iſt es für ein Mann?— Ei, Herr. es iſt ein Mann. weder groß noch klein.. weder ſchön noch häßlich...— Sein Alter?— Weder jung noch alt, Herr!— Nun bin ich gut unterrichtet! und ſeine Nichte? welches Geſicht, welches Alter, welche Haltung? — Aber, Horr, was dies betrifft.. ich erinnere mich nicht, eine — Vorwärts, ich ſehe wohl, daß ch ich erblicke ein Haus von Berly ſein. Nichte geſehen zu haben!.. Du zu nichts zu gebrauchen biſt. Do ſchönem Aeußern; es muß das des Herrn von vorwärts!“ 3 Die Reiſenden waren in der That an ihrem Ziele angelangt. 3 Guſtav erkundigt ſich bei einem Bauern, und als er hört, daß er 1 ſich nicht getäuſcht habe, tritt er mit Benvit in einen großen Hof ein und fragt nach Herrn von Berly. Der Pförtner ladet ihn ein, ſich in die Gartenanlagen zu begeben, wo er ſeinen Herrn finden werde, wenn er nicht vorziehe, ihn im Salon zu erwarten. Guſtav, ungeduldig, ſeinen Gaſtfreund kennen zu lernen, zieht die erſtere Partie vor; er läßt Benoit, den er dem Pförtner em⸗ pfiehlt, zurück, und tritt, über eine Terraſſe hinſchreitend, in den Garten. Unſer junger Mann vurchſtreift mehrere Alleen von Lilas und Jelängerjelieber; er bewundert die gute Anlage des Gartens und den Geſchmack, der ſeine Eintheilung angeordnet; dichtbelaubte Luſthaine, deren Eingang durch Roſenbüſche faſt verdeckt iſt, ſcheinen zur Ruhe oder zur Liebe einzuladen. Bildſäulen zieren dieſe lieblichen Orte; aber es ſind nicht die traurigen Danaiden, der unglückliche Tantalus, der abſcheuliche Polyphem, der häßliche Centaur, der zurückſtoßende Philoetet, die ſich den Blicken der Spaziergänger darboten; es ſind Venus, ihren Gürtel löſend, Amor ſeine Pfeile ſchärfend, die Grazien, um Cupido herum ſchäkernd; und wenn euch im Hintergrund einer Grotte ein Vulkan in die Augen fällt, ſo bringt das Bild des armen Hinkenden nichts Trauriges in eure Einbildungskraft. Guſtav bewunderte Alles und dachte, daß der Herr des Hauſes ein Mann von Geiſt und Geſchmack ſein müſſe, als er an der Wendung einer Allee, unter einem Bonquet ſitzend, ein junges Frauenzimmer erblickte, das mit Leſen beſchäftigt war Nicht zweifelnd, daß es die Nichte des Herrn von Berly, die für ihn beſtimmte Aurelie ſei, bleibt er ſtehen, um ſie zu betrachten. Glücklicher Guſtav! mit welchem Vergnügen bewundert er einen reizenden Mund, einen roſigen Teint, eine wohlgeformte Naſe, eine grazienhafte Stirne von ſchönen blonden Haaren beſchattet, einen eleganten Wuchs, gerundete Formen, einen kleinen Fuß, der die Erde kaum zu berühren ſchien und einen Buſen, wovon iede Bewegung das Herz unſeres Helden heftig ſchlagen machte! was die Augen betrifft, ſo konnte er ſie nicht ſehen, weil ſi⸗ auf das Buch geſenkt waren; aber er errathet ſie, er fühlt zum Voraus ihren Ausdruck, ihre Sanftheit, ihre Ueppigkeit. Da er ſeiner Bewegung nicht länger widerſtehen konnte, tritt Guſtav näher.. die junge Frau hört ihn, ſie wendet ſich von ihrem Buche ab und blickt ihn an..„Ich wußte es gewiß,“ dachte Guſtav,„die ſchön⸗ ſten Augen von der Welt!“ „Was wünſcht der Herr?“ ſagte eine Stimme, die bis in's Herz des jungen Mannes wiedertönte(der überdies, wie Sie wiſſen, ein ſehr leicht zu entflammendes Herz hatte).—„Verzeihung.. mein Fräulein ich wollte ich kam aber in Wahrheit, ich ſuche nichts mehr, ſeit ich Sie gefunden habe.“ Die junge Perſon, die bei dem Namen Fräulein gelächelt hatte, ſchien von dem Eindruck geſchmeichelt, den ihr Anblick auf einen hübſchen Jüngling, der ſeiner Bewegung ungeachtet doch weder linkiſch noch verlegen erſchien, hervorbrachte. Vergebens behauptet man, das Herz, die Eigenſchaften, der Charakter ſeien die Hauptſache: ein hübſches Geſicht, eine angenehme Haltung und Anſtand verderben auch nichts bei der Sache. Fraget die Fräulein und ſelbſt die Frauen, ob man ſich nicht zuerſt hiedurch verführen läßt 2. Ich weiß wohl, daß, wenn man bloß bie vhyſiſchen Vortheile im Auge hat, man bald aufhört, zu gefallen; dies muß ſein; es iſt eine Compenſation für liebenswürdige Leute, die nicht ſchön ſind. „Ei, mein Herr,“ ſagte die junge Dame, nachdem ſie Guſtav „ —————— 17 betrachtet hatte,„wären Sie zufällig der junge Mann, den wir erwarten, Herr Guſtav Saint⸗Réal?— Ich bin es ſelbſt, mein Fräulein; und ich ſehe in Ihnen Fräulein Aurelie, die Tochter des Herrn von Berly?...— Nein, mein Herr, ich bin die Gattin des Herrn von Berly.— Seine Gattin!.. Wie! Herr von Berly iſt vermählt, und Sie ſind...— Seine Frau; ja, mein Herr!“ Guſtav konnte ſich nicht faſſen: er wußte nicht, daß Herr von Berly verheirathet war, und an eine Frau verheirathet, die noch nicht zwanzig Jahre zählte! Dieſe ſchöne Perſon war alſo die Tante von Fräulein Aurelie? Wie konnte eine Nichte neben einer Tante wie Frau von Berly gefallen?„Wohlan,“ ſagte Guſtav zu ſich ſelbſt,„warten wir, noch ehe wir uns ausſprechen; dieſes Haus ſcheint mir der Aufenthalt der Grazien; ich werde ohne Zweifel ein anderes Wunder ſehen.“ Frau von Berly machte Guſtav den Vorſchlag, ihn zu ihrem Gemahl zu führen, der ſeiner Ankunft mit Ungeduld entgegen⸗ ſehe.„Er wird,“ ſprach ſie,„entzückt ſein, Sie zu ſehen ebenſo wie meine Nichte, Fräulein Aurelie.“ Dieſe letzten Worte wurden lächelnd ausgeſprochen; man blickte Guſtav an, und dieſer ſuchte gleichfalls in den Angen ſeiner liebenswürdigen Führerin zu leſen; ſo legte man eine kleine Strecke zurück; man ſchien vertieft, man blickte einander an, ſeufzte und ſchwieg. Die Worte:„Hier iſt mein Gatte,“ er⸗ weckten Guſtav aus ſeinen Gedanken.„Wir wollen doch dieſen Gatten ſehen,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„dieſen glücklichen Sterb⸗ lichen, den Beſitzer ſo vieler Reize!.. Wahrlich! er muß viele Verdienſte, viel Geiſt, viele natürliche Vortheile haben, um eine ſo liebenswürdige Frau feſſeln zu können!“ Guſtav ſchlug die Augen auf und befand ſich einem kleinen Manne von fünfzig Jahren gegenüber, der dick, roth, blatter⸗ Paul de Kock. X. 2 ————— narbig war, kleine bumme Augen und einen bis an die Ohren gehenden Mund hatte. „Abermals eine Ueberraſchung!“ ſagte unſer junger Mann zu ſich ſelbſt, einen Ausbruch des Lachens unterdruͤckend, welches der Anblick des Herrn von Berly in ihm erregt hatte. Dieſer Anblick, wiewohl er weniger angenehm war, verurſachte ihm in⸗ deß eine geheime Frende, wovon der ſcharfſinnige Leſer leicht die Urſache errathen wird. „Mein Freund,“ ſagte die junge Dame,„ich ſtelle Dir hier Herrn Guſtav Saint⸗Réal vor.“ „Ei! Sie kommen alſo an, junger Mann; ich erwarte Sie ſeit vierzehn Tagen!... Ich bin entzückt, Sie zu ſehen... umarmen wir uns! Ihr Oheim iſt mein Freund... er hat mir oft von Ihnen geſprochen! er ſagt, Sie ſeien etwas liederlich!... Ei, potztauſend, ich bin es auch geweſen!... Man iſt jung! man hat Leidenſchaften!... man macht Tollheiten!... dies iſt ganz natürlich!... Mein Freund, hier iſt meine Frau, die, wie ich mir ſchmeichle, wohl ſo viel werth iſt, als eine andere: ſie werden mit ihr Bekanntſchaft machen!.. Guſtav ließ ſich die Hand ſchütteln, umarmen... drücken... Er hatte noch nicht Zeit gefunden, auf die Höflichkeiten des Herrn von Berly zu antworten; es war nicht möglich, bei dieſem Manne ein Wort anzubringen, wenn er in Zug kam(was häufig der Fall wat). Guſtav ſah es; er begnügte ſich, zu grüßen, zu lächeln und Madame anzublicken, die gleichfalls lächelte. „Sag' einmal, meine Frau, hat man Aurelie von der An⸗ kunft unſres jungen Mannes in Kenntniß geſetzt?.— Mein Freuns, ich weiß nicht, ob..— Gut! gut! ſie weiß nichts davon: deſto beſſer, wir wollen ſie überraſchen; ſie iſt nicht darauf gefaßt, Sie heute zu ſehen... Potztauſend!... wie wird ſie ſich freuen!. Ich wundere mich nicht, daß Sie Ihre Sachen in Paris machten!. es iſt wie bei mir!... ich bin ſehr gut ge⸗ 19 ſtanden.. ich war der Liebling der Schönen; aber jetzt bin ich geſetzt!... fragen Sie nur meine Frau!... Ha ſo, jagen Sie? ich bin nämlich ein großer Jäger!... o dies iſt noch eine Leiden⸗ ſchaft! ich bringe ganze Tage in den Wäldern in Verfolgung des Rehbocks und der Haſen zu... Aber ich ſchieße auch!.. Ah! ich ſchieße nicht übel!... fragen Sie nur meine Frau!— Was mich betrifft, mein Herr, ich jage nur...— Sie jagen? bravo! wir werden famöſe Streifzüge machen!... Sie werden meine Gehölze bewundern: ſie ſind gut mit Wild verſehen; ich habe eine herrliche Meute!... und Flinten, die nie verſagen... Aber es ſcheint mir, daß die Stunde des Mittageſſens gekommen iſt: mein Magen täuſcht mich nicht. Begeben wir uns alſo zur Tafel und dort wollen wir nähere Bekanntſchaft machen; wir werden ſchwatzen und plaudern, mein Freund, mit dem Glas in der Hand: dies iſt die wahre Manier!... Ich ſehe, daß Sie ein junger Mann von Geiſt ſind; es wird mir viel Vergnügen gewähren, mit Ihnen zu plaudern.“ Man kommt in's Haus. Während Herr von Berly ſeinen Bedienten Befehle ertheilt, und dem Gebrauch zufolge einen Blick in die Küche wirft, reicht Guſtav Madame den Arm und geht mit ihr in den Salon. Eine junge Perſon ſitzt am Piano.„Hier iſt,“ ſagte Frau von Berly,„Fräulein Aurelie.“ Himmel!... welch ein Unterſchied zwiſchen der Tante und der Nichte! Und die Augen Guſtav's bezeugen Frau von Berly, was ſein Herz ſchon fühlte. Man ſtellte ſich, als gewahre man dieſes ſtumme Geſtändniß nicht; aber der junge Mann bemerkte, daß man über dieſen Vorzug keineswegs böſe ſchien. Fräulein Aurelie war groß, ſteif und gezwungen; ihr Geſicht hatte nichts Uebles, allein noch weniger etwas Angenehmes; ihre Augen waren groß, aber hervorſtehend, mit der Stirne gleich, ihr Mund aufgeworfen, ihre Naſe lang und gebogen, ihre Haut mehr gelb als weiß: ein ſpröder Anſtrich, der über ihre ganze Perſon ½ verbreitet war, gab den Manieren der Fräulein Aurelie eine Prockenheit, die weder Liebe noch Freundſchaft erweckte. Das Fräulein erhob ſich bei der Stimme der Frau von Berly, verbeugte ſich vor Guſtav mit vielem Ernſte und nahm ihren Platz vor dem Piano wieder ein. „Und dies,“ ſagte Guſtav zu ſich ſelbſt,„iſt die Frau, welche ich heirathen ſoll!... Wahrlich, mein lieber Onkel hat zu viel Güte. Uebrigens bin ich entzückt, in dieſes Haus gekommen zu ſein: ich werde gewißlich die Nichte nicht heirathen; wenn die Tante aber gefühlvoll iſt!...“ Frau von Berly forderte Guſtav auf, ſich hier wie zu Hauſe zu betrachten.„Sie ſehen,“ ſagte ſie zu ihm,„daß mein Gatte ein Mann ohne Umſtände iſt; haben Sie die Güte, ebenſo zu ſein; ich werde ſuchen, Ihnen dieſen Aufenthalt ſo wenig als möglich langweilig zu machen.— Ach, Madame! bei Ihnen muß man ihn reizend finden.“ Und der junge Mann ergriff die Hand der jungen Tante und küßte ſie mit Aufwallung, während ihre Nichte die ihrigen auf den Taſten des Piano umherſpazieren ließ. Die Tante zog ihre Hand ſchnell zurück; allein der Blick, den ſie Guſtav zuwarf, drückte keinen großen Zorn aus. „Zu Tiſche!... zu Tiſche!“ rief Hert von Berly, als er in den Salon eintrat:„was Teufel macht denn ihr hier, ſtatt in den Speiſeſaal zu kommen? Ah, ich errathe!... die jungen Leute ſtellten Unterſuchungen an, betrachteten einander, ſeufzten!„. Ha! ha! ha! nicht wahr, meine Frau, man ſeufzte ſchon?...— Mein Freund, ich kann nicht ſagen...— Ja, ja, es iſt richtig Du willſt davon nicht ſprechen!... Du haſt ein kaltes und ſtrenges Herz, Du denkſt nicht, daß man ſich ſo plötzlich entflammen könne!.. Ha! ha! Guſtav! meine Frau iſt ſonderbar! ſie lacht, ſte ſpöttelt, wenn ich ihr von den Leidenſchaften ſpreche, die ich ehemals eingeflößt habe!... Vorwärts, das Eſſen wird kalt. 21 Geben Sie Aurelien die Hand, mein Freund; und Sie, meine Nichte, lächeln Sie doch ein wenig... O! ſie hat eine Schüch⸗ ternheit!...(Leiſe zu Guſtav). Die uſu ſelbſt!.. aber der Teufel muh nichts dabei!...“ Man begibt ſich in den Speiſeſaal; Guſtav erhält ſeinen Platz zwiſchen Frau von Berly und Fräulein Aurelie:„Wenigſtens wird mich,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„die rechte Seite entſchä⸗ digen, wenn mich die linke langweilt.“ Während des erſten Gangs läßt Herr von Berly, der ein ebenſo großer Eſſer als großer Jäger iſt, ſeinen Zuhörern ein wenig Ruhe. Seine Frau kann ſich nun mit Guſtav unterhalten, der über ihren Geiſt, ihre Heiterkeit und ihre Liebenswurdigkeit ent⸗ zückt iſt. Die Nichte ſpricht wenig, wenn ſie aber etwas ſagt, ſo geſchieht es mit einer Ziererei, einer Affektirtheit und Geſuchtheit, welche die unter dem Schleier einer falſchen Beſcheidenheit ver⸗ borgenen Anſprüche hinlänglich an den Tag legen. „Ei, mein Freund,“ ſagte Herr von Berly, während ſeine Frau ein prächtiges Stück Geflügel vorſchnitt,„der große Kerl, den ich unten am Eingang in den Küchengarten Sauerampfer zupfen ſah, gehört ohne Zweifel Ihnen zu?...— Ja, mein Herr; ich hatte vergeſſen, Ihnen davon zu ſprechen; allein ich bin erſtaunt, daß er ſich erlaubt hat...— Potztauſend, es macht nichts, daß er Sauerampfer zupft!... ich hoffe, daß er ſich Alles von meinen Leuten verabfolgen zu laſſen wiſſen wird, was er bedarf.— Ich fürchte, mein Herr, er möchte hier irgend eine Dummheit machen; denn er iſt ein ſehr einfältiger Bengel, den mein Onkel liebgewonnen hat.— Gut! gut!. er wird ſich ſchon beſſer machen!. alle meine Leute hier haben Verſtand!.. ich liebe dies; und dann ſagt man, wie der Herr, ſo der Diener.“ Guſtav lachte innerlich über die Tölpelei des Herrn von Berly, der es nicht bemerkte, daß er, während er ſich ein Compliment machie, ihm eine Grobheit ſagte. Er war ſchon eniſchloſſen, immer vortrefflich zu finden, was ſein Wirth that und ſagte. Ohne zu ſprechen, verſtand er ſich mit der rechten Seite: er hatte ein Knie vorgeſchoben... einen Fuß... Zuerſt war man zurück⸗ gewichen.. dann hatte man der Nothwendigkeit nachgegeben... man blickte Guſtav nicht mehr an, aber man ſchien lebhaft be⸗ wegt;... Das Herz ſchlug ungeſtüm... und nichts von all' dem ſchien Gleichgültigkeit oder Zorn anzuzeigen. Was! wird man ſagen, ſchon verwegene Unternehmungen?.. ſchon Knie, Füße und Hände in Bewegung?... Was wollen Sie? dieſe Brüder Liederlich gehen ſchnell zu Werke; und haben Sie hierin ſo groß Unrecht?. warum ſich nicht ſogleich ver⸗ ſichern, ob man gefällt, ob man geliebt wird?...— Allein die Schamhaftigkeit, werden Sie ſagen, ſoll man ſie auf dieſe Art erſchrecken?...— Ol!... Sie haben Recht! man muß die Scham achten.. Aber bemerket, daß Alles dieſes unter der Tafel vor⸗ geht uicht geſehen werden kann. Ach, Leſer! wenn Sie eines Tages oder eines Abends ſich unter einen Tiſch ſchleichen könnten, an dem hübſche Frauen und liebenswürdige Männer ſitzen, ſo würden Sie höchſt drollige Dinge ſehen; gehen Sie dann mit Ihrem Kopf wieder hervor, betrachten Sie dieſe geſenkten Angen, jene unſchuldsvolle Stirne, jene treuherzige Miene.. Sie ſehen wohl, daß das, was verborgen iſt, die Scham nicht beleidigt. Der Nachtiſch brachte Herrn von Berly wieder in Zug: man mußte die Beſchreibung ſeiner Jagd vom vorigen Tage anhören, die Geſchicklichkeit, mit welcher er einen Rehbock getödtet hatte, der acht Tage vorher von ihm verwundet worden war, und den Muth, den er entfaltet hatte, indem er faſt aus erſter Nähe auf einen blinden Wolf ſchoß, der ſeit einigen Tagen die Umgegend in Betrübniß ſetzte. Man erhob ſich von der Tafel und ging in den Sulon. Bald langten mehrere Bewohner der Nachbarſchaft, welche mit Herrn von Berly, der das Damenſpiel ſehr liebte, in dem er von erſter ———— ũ—— — —. 23 Stärke zu ſein glaubte, eine Partie machten. Frau von Berly ſang mit ausgeſuchtem Geſchmack und begleitete ſich mit Grazie auf dem Pianv; Fräulein Aurelie ſchlug auf das letztere los, wie ein Pferd auf das Steinpflaſter, und der Oheim rief, während er immer fortſpielte, aus:„Nicht wahr! hören Sie meine Richte? . Peſt! welche Kraft!.. welcher Nachdruck!. Wenn dies nicht erſte Stärke iſt, ſo verſtehe ich nichts davon!. Man ging frühzeitig auseinander. Frau von Berly hatte unſern jungen Mann mit den Gewohnheiten des Hauſes bekannt gemacht. Man lud ihn ein, keine Ceremonien zu machen, kurz ſich wie zu Hauſe zu betrachten. Als Guſtav Frau von Berly ſich mit ihrem Gemahl ent⸗ fernen ſah, konnte er einen Seufzer nicht zurückhalten... Er dachte an Venus und Vulkan zurück, und die Erinnerung an die Statuen, welche den Garten zierten, ſtellte ſich ſeiner Einbildungs⸗ kraft wieder vor; er zweifelte nicht, daß Frau von Berly die Wahl der Götter geleitet habe. Dieſer Gedanke gab ihm eine geheime Hoffnung; er machte der ſtolzen Aurelie eine tiefe Verbeugung und folgte einem Diener, der ihn in ſein Gemach führte. unſer Held begegnete auf ſeinem Wege Benoit, der ſich hinkend vor ihm zeigte.„Da biſt Du alſo, Dummkopf,“ ſagte Guſtav zu ihm;„warum habe ich Dich nicht wieder geſehen?— Ach! Herr, Sie ſehen wohl, daß ich mich kaum halten kann.. ſeit ich von dem beſondern Mittel Gebrauch gemacht habe, welches mir die Köchin angerathen hat...— Hätteſt Du zufällig Sauerampfer auf Deine Hinterbacken gelegt?.— Richtig, Herr; ſie ſagten mir Alle da unten, es gebe nichts Beſſeres, um Wunden zu heilen... Ich habe welchen abgeleſen„ man hat ihn mir gehackt, und dann, tauſend.. ich habe mir dies als umſchlag aufgelegt.. aber das brennt mich ſchön, immer noch! und ich fange an, zu glauben, daß man mir einen Streich damit geſpielt hat.— Mein armer Benoit! ich ſehe, daß die Leute des Herrn von Berly in der That ſehr ſchelmiſch ſind: deſto beſſer, ſo wird Dich der Aufenthalt in dieſem Hauſe bilden.— Ach, Herr! wenn man mich oft a⸗s dieſe Art bildet, ſo werde ich nicht mehr von hier wegkommen:— Geh, leg' Dich zu Bett, Einfaltspinſel, und ſuche, daß man„ ch ein andermal nicht wieder dar« kriegt.— Ja, Herr.. hier iſt mein Kabinet. wenn ch der Herr nöthig haben, dürfen Sie nur rufen.— O! Du kannft ſchlafen... Dich werde ich wegen des Gelingens meine Pläne nicht um Rath fragen.“ Guſtav entkleidete ſich, indem er an die junge Tante dachte, in die er ſterblich verliebt war; Benvit legte ſich in's Bett, indem er auf den Sauerampfer und die Köchin fluchte; der Herr ſeufzte aus Liebe und Hoffnung; der Diener ſtöhnte und ſchnitt Geſichter. Unſer Held ſah Frau von Berly im Traum, liebenswürdiger, ſchöner, verführeriſcher, als je; er war mit ihr unter einem Luſthain von Myrthen und Roſen, weit von neugierigen Blicken ntfernt; er befühlte ihren eleganten Wuchs, ihre wollüſtigen Formen, drückte auf ihre Lippen einen brennenden Kuß, der Trunkenheit, Verwirrung in alle ſeine Sinne brachte!... Benoit träumte, daß er ein Klyſtier nehme. Viertes Rapitel. Der Unterricht im Billard. Den andern Tag war Guſtav mit Aufgang der Sonne im Garten Ich weiß nicht, durch welchen Zufall ſich Frau von Berly ebenfalls dort befand. Man traf ſich und ging auf einander zu. „Wie, Madame, ſchon aufgeſtanden?...“—„O, mein Herr, auf dem Lande iſt es ein Vergnügen, frühe auf zu ſein.— Wie glücklich ich bin, Sie getroffen zu haben.— Aber es iſt wahrſcheinlich, daß, während Sie hier wohnen, wir einander oft begegnen.— Ach, Madame, kann ich nicht..— Mein Mann iſt auf die Jagd. Er wollte Sie aufwecken, um Sie mitzunehmen; allein ich habe ihm bemerklich gemacht, daß er Sie wenigſtens heute in Ruhe laſſen müſſe. Ich habe Sie vielleicht um ein Vergnügen gebracht?...— Ach! Sie glauben dies nicht, Madame!. kann ich Vergnügen finden, wo Sie nicht ſind!... — In Wahrheit, Herr Saint⸗Réal, Sie ſind von einer Galan⸗ terie...— Nein, Madame, ich bin nicht galant!... ich ſage, was ich fühle!— Welche Tollheit!... aber Sie irren ſich; meiner Nichte müſſen Sie Ihre Huldigungen darbringen; bedenken Sie doch, daß Sie ſie heirathen ſollen.— Sie heirathen? nie, Madame!...— Wie! Sie wollen die Abſichten Ihres Oheims nicht erfüllen?— Nein, Madame, ich werde ein Frauenzimmer nicht heirathen, das ich nie lieben kann!...— Wie wiſſen Sie dies? vielleicht werden Sie, wenn Sie Aurelien beſſer kennen, die Sie jetzt nur unvollkommen zu beurtheilen vermögen,— vielleicht werden Sie dann Ihre Geſinnungen ändern; die Nichte des Herrn von Berly hat Eigenſchaften, Tugenden...— Es ſcheint mir, Madame, Sie wollen, daß ich ſie anbete.— Aber, mein Herr, ich muß es; dieſe Verbindung würde einen Oheim, der Sie liebt, beglücken..— Und mein Glück, Madame, rechnen Sie dieſes für nichts?— Und Sie ſelbſt, Herr Saint⸗Réal, in was haben Sie es bis jetzt geſetzt? wenn ich Alles glauben ſoll, was man von Ihnen ſagt, ſo iſt die Unbeſtändigkeit Ihr Glück!.. die Verführung, die Treuloſigkeit ſind Ihre ſüßeſten Zeitvertreibe.. — Ach, Madame!— Ich weiß wohl, daß die Männer alle flatterhaft ſind, daß beſonders die jungen nur die Veränderung lieben!— Ich bin von allen dieſen Tollheiten zurückgekommen — Sie ſind gebeſſert... mit zwanzig Jahren?— Aber Sie ſelbſt, Madame, die Sie mir ſo gut predigen, haben dieſes Alter noch nicht 2...— Ich, mein Herr, dies iſt ein Unterſchied, ich muß geſetzt ſein; ich bin verheirathet.— Ach! ja Madame — Alſo, mein Herr, werden Sie uns verlaſſen?— Warum denn, Madame?— Weil Sie Aurelien nicht lieben, ſo wird Ihnen dieſer Aufenthalt nicht länger gefallen können!— Ach! Madame... ich werde mich erſt von Ihnen entfernen, wenn Sie mich fortjagen!...— Welcher Einfall; wir werden entzückt ſein, mein Herr, Sie hier zu beſitzen; Ihre Gegenwart wird uns Vergnügen machen... uns... Allen; ich ſchmeichle mir überdies, daß wenn Sie Aurelien häufig ſehen...— Ah! haben Sie die Gewogenheit, Madame, ſprechen wir nicht mehr hievon.— Wohlan, es ſei für heute. Jetzt will ich Sie mit allen Annehmlichkeiten dieſes Gartens bekannt machen.“ Guſtav bietet den Arm; man nimmt ihn an. Man durch⸗ läuft alle Irrgänge eines Gartens, der bei drei Morgen hält. Man beſucht ein kleines, ſehr finſteres, buſchiges Gehölz, wohin die Sonnenhitze nie dringt; man tritt in eine mit Moos tapezirte Grotte, wo Frau von Berly faſt alle Tage liest und arbeitet; man ſteigt auf einen Felſen, von wo aus man einen großen Um⸗ kreis überſteht; hierauf kommt man vor dichten Hagenbuchengängen an.„Madame,“ ſagt Guſtav,„was iſt denn dies für ein Ort, den wir nicht beſuchen?...— Ah! es iſt ein Labyrinth.— Ein Labyrinth! o! wir wollen ſehen, ich liebe die Orte ſehr, in denen man ſich verirren kann!...— Aber, mein Herr, ich weiß nicht, ob ich ſoll... Wohlan, weil Sie es wünſchen.“ Die junge Frau bedachte, daß eine Verweigerung, in das Labyrinth einzutreten, ſchon Furcht verrathen würde, und daß Furcht ein Beweis von Schwäche ſei. Da ſie Guſtav nicht errathen laſſen wollte, was ſie vielleicht fürchtete, ſich ſelbſt zu geſtehen, gab ſie ſeinem Wunſche nach. Zudem hat ihr dieſer junge Mann nichts Anderes, als jene Dinge geſagt, die man jeder Frau ſagt: er hat ihr kein Geſtändniß abgelegt, das beunruhigen könnte: allerdings ſind ſeine Augen ſehr ausdrucksvoll!.. ſie ſuchen fortwährend die ihrigen; ſie ſind zärtlich, feurig, beredt; vielleicht „ 27 hat aber Herr Saint⸗Réal immer ſolche Augen! und dann iſt dieſer junge Mann erſt geſtern angekommen, und man ſcheint ſchon Verſuche zu befürchten... Gehen wir, gerade deßwegen muß man ihn in's Labyrinth führen. Glauben Sie nicht, Leſer, daß dort Dinge vorgegangen ſind, die ich Ihnen nicht zu erzählen wage! Nein, man erging ſich; dies iſt Alles. Guſtav ergriff eine Hand, die er küſſen wollte. welche man ihm aber ſehr ſchnell wieder entzog; er that, als ver⸗ irrte er, aber man brachte ihn immer wieder auf den guten Weg zurück, und er mußte ganz ſo verliebt, aber nicht weiter vorge⸗ rückt, wieder aus dem Labyrinth herausgehen. „Ei,“ rief Frau von Berly aus,„ich hätte beinahe ver⸗ geſſen, Ihnen unſer Billardzimmer zu zeigen. Da wir hier nur die ſchöne Jahreszeit zubringen, ſo ſpielen wir im Garten.“ Dieſes Zimmer war neben dem Salon zu ebener Erde; nur. einige Bäume trennten ihn von dem letztern. Von Hagenbuchen, Gaisblatt und Lilas umgeben, erhielt der Saal nur von oben ſeine Helle. Er war innen mit reizenden Staudengewächſen ge⸗ ziert; ringsherum angebrachte Raſenbänke ſchienen von der Natur gebildete Bosquete zu ſein. „Wie köſtlich dieſer Ort iſt!“ rief Guſtav aus.—„Spielen Sie Billard, mein Herr?— Ja, Madame.— In dieſem Fall hoffe ich auf Ihre Gefälligkeit, es mich zu lehren. Mein Gatte ſpielt es ſehr wenig;... er hängt nur an ſeinem Damenziehen! Ueberdies hat ein Ehegemahl ſo ſelten die Geduld, ſeine Frau etwas zu lehren!...— Madame, ich wäre entzückt, Ihnen an⸗ genehm ſein zu können; wenn Sie wollen, können wir anfangen... — Nein, es iſt jetzt zu ſpät; bedenken Sie doch, daß man uns beim Frühſtück. erwartet. Dieſen Abend werde ich Sie an Ihr Verſprechen erinnern.“ Man verließ den Billardſaal und kehrte in das du müc Wie ſüß iſt es doch, bei einer ſchönen Frau zu ſein, deren Mann 28 die Jagd liebt! man iſt den ganzen Tag allein bei ihr.„Ach, mein lieber Oheim,“ ſprach Guſtav bei ſich ſelbſt,„wie liebens⸗ würdig ſind Sie, mich hieher geſchickt zu haben, der Frau von Berly Geſellſchaft zu leiſten!“ Um den Oberſt Moranval beſſer zu täuſchen, ſchrieb er ihm, daß es ihm ſehr bei Frau von Berly gefalle; daß hier Jedermann liebenswürdig ſei, und daß er ſo lange dableibe, als man ihn behalten wolle. Obwohl er ſich in Betreff Aureliens nicht erklärt hatte, ent⸗ zückte ſein Brief den Obriſten doch, der nun nicht mehr an der Liebe ſeines Neffen für die ihm beſtimmte Schöne zweifelte. Ueber Guſtav beruhigt, der geneigt ſchien, ſeinen Willen zu thun, ſchrieb der Oberſt Herrn von Berly einen Brief, in welchem er ihm be⸗ merkte, daß Alles nach ihren Wünſchen gehe, und zugleich ſchickte er ſeinem Neffen als Belohnung eine neue Gelbſumme. Während dieſe Correſpondenz geführt wurde, rückte der Neſſe in ſeinen Angelegenheiten vor. Julie(dies iſt der Name der Frau von Berly) konnte ſich nicht entſchlagen, Guſtav ſehr liebens⸗ würdig zu finden. Auf dem Lande verbannt man den kalten und ge⸗ ſuchten Ton der Stadt: das Zutrauen findet leichter Platz; im Ge⸗ ſpräch vernahm unſer junger Mann bold, daß Julie von ſtrengen Eltern, die nicht einmal ihren Geſchmack zu befragen der Mühe werth fanden, verheirathet worden ſei und ihren Zukünftigen erſt in dem Augenblicke der Unterzeichnung des Ehe⸗Vertrags geſehen habe. In Wahrheit, man beklagte ſich nicht über Herrn von Berly, der gefällig war und ſeiner Frau die freie Wahl ließ, zu thun, was ſie liebte; konnte aber Liebe aus einer ſo wenig angemeſſenen Verbindung entſtehen? Herr von Berly hatte mehr, als das doppelte Alter ſeiner Frau; er war einfältig und ſchwatzhaft: Julie zärtlich, geiſtreich, gefühlvoll; er war häßlich, ſie reizend; er nannte die Nothdurft ſeiner Sinne Liebe: Julie hatte ein dazu geſchaffenes Gemüth, die ganze Zartheit dieſes Gefühls zu kennen; aufrichtig, 29 konnte ſie ihren Gemahl nür achten. So verdammen Eltern, die. ihre Tochter einem Manne geben, den ſie nicht liebt, dieſelbe, ſich nie dem ſüßeſten Gefühl der Natur zu überlaſſen!... Arme Frauen!.. es gehört viel Tugend dazu!... und das ſchwächere Geſchlecht, dasjenige, welches ohne Unterlaß der Gegenſtand un⸗ ſerer Verführungen iſt, ſoll die meiſte Kraft, Gefühlloſigkeit, Feſtigkeit zeigen!... In Wahrheit, all' dieſes iſt ſehr ſchlecht eingetheilt, und jene Herren, welche den Civil⸗Coder gemacht haben, hätten wohl auch den Natur⸗Coder mehr zu Rathe ziehen ſollen. Das liederliche Subjekt Guſtav ſtellte alle dieſe Betrachtungen an, während er Julien anblickte, die vor ihrer Stickerei ſaß, indeß ihnen Fräulein Aurelie auf dem Piano die Arie Benjows⸗ ki's vorklimperte, wozu ſie ſang wie ein Vorſänger in der Kathe⸗ dralkirche. Nach dem Mittageſſen ging man an das Billard, wo Julie den Unterricht Guſtav's empfing: welches Vergnügen, in dieſem Spiel eine reizende Schülerin auszubilden! Der junge Mann ſpielte die Bälle immer in die Mitte des Billards, um Frau von Berly zu nöthigen, ſich ein wenig über das Billard auszuſtrecken; alsdann bewunderte er entzückende Formen, welche ein leichtes Monſſelinkleid verdeckte, ohne ſie zu verbergen. Um die Hand ſeiner Schüterin zu leiten, umſchlang er mit ſeinen Armen einen ſchlanken Wuchs; er terührte zuweilen einen Ala⸗ baſterhals; dann verirrten ſich auch ſeine Augen auf einem Buſen, den er zu küſſen brannte! Julie beklagte ſich, daß er ſie ſo häufig denſelben Stoß wiederholen laſſe; allein Guſtav lehrte mit ſo viel Geſchmeidigkeit, daß man nicht böſe werden konnte. Fräulein Aurelie ſpielte nicht Billard; ſie hätte ihrer Würde etwas zu vergeben geglaubt, wenn ſie ein Spiel gelernt hätte, das ſie zu männlich fand. Ihre Augen drückten ein mit Aerger vetmiſchtes Erſtaunen aus, ſo oft ſich Julie und Guſtav in den Garten begaben; allein ſie wagte nicht, ſich Bemerkungen über das zu erlauben, was ſie leiſe die Narrheit ihrer Tante hieß. Herr von Berly wollte Guſtav jeden Morgen mit auf die Jagd nehmen; dieſer aber, der ſich ſtellte, als ob er ſich am Knie verwundet hätte und leicht hinkte, hat bis jetzt die Geſell⸗ ſchaft ſeines Wirths vermieden. Der Brief des Oberſten Morauval hatte dem Herrn von Berly großes Vergnügen gemacht, der, in der Liebe und Galanterie ſehr wenig Kenner, überzeugt war, Guſtav verehre ſeine Nichte; er ſelbſt maß dieſer Leidenſchaft und dem Wunſche, bei Aurelien zu bleiben, die Weigerung des jungen Mannes bei, ihn auch in Verfolgung der Haſen zu begleiten. Drei Tage nach Guſtav war bei Herrn von Berly ein gewiſſer Desjardins angelangt. Er war ein großer, trockener Fünfziger, großer Eſſer, großer Spieler und großer Lügner. Da er nur ein geringes Einkommen hatte, ſo wußte er immer Mittel zu finden, ſeine Renten nicht anzutaſten, indem er bhe⸗ ſtändig bei Andern lebte. Er hatte die einem Schmarotzer noth⸗ wendigen Eigenſchaften: er war gefällig, einſchmeichleriſch und ſchmähſüchtig, wenn es ſeinen Bewirthern angenehm war. Er verſtand Etwas von Allem: er ſpielte Violine, um allenfalls eine Sonate von Pleyel accompagniren zu können; er zeichnete ordentlich und machte Silhouetten; er tanzte, wenn es nöthig war, und ſpielte alle Spiele. Jeden Abend ſetzte er ſich mit Herrn von Berly an das Damenſpiel, wo er während des Spielens immer einen Augenblick fand, Complimente an Frau von Berly zu richten, an Fräulein Aurelien Lobeserhebungen über ihre Art zu ſingen, die Katze zu ſtreicheln und den Hund zu hätſcheln. Seit vierzehn Tagen war Guſtav bei Frau von Berly, wurde immer verliebter, konnte aber nichts von Julien erlangen. Er hatte ihr das Geſtändniß ſeiner Liebe gemacht, das man ſcherzend anhörte; man wünſchte wohl zu gefallen, aber man wollte ſeine Pflichten nicht verletzen! Der Unterricht im Billard währte indeß fort und wurde ſehr gefährlich! Man war dabei immer allein, die dichten Hagenbuchen, welche den Ort umgaben, hinderten, von außen geſehen zu werden; der Lehrer war zärtlich, liebens⸗ würdig, unternehmend; die zu empfindſame Schülerin fühlte, daß ihr Muth abnahm, und verweigerte die Fortſetzung des Unterrichts. „Nun, ſie liebt mich nicht,“ ſagte Guſtav;„ganz gewiß, ſie iſt eine Kokette, die ſich nur über meine Qualen luſtig machen will; ich bin ein Narr, daß ich um ſie ſeufze! Doch es iſt aus, ich werde nicht mehr mit ihr ſprechen... ich will ſie ſogar nicht mehr anblicken.“ Nachdem Guſtav dieſen Entſchluß gefaßt hatte, wollte er ver⸗ ſuchen, Aurelien den Hof zu machen; aber die Aufgabe war gar zu peinlich. Die Tage ſind nicht mehr dieſelben: Frau von Berly, an ihre Stickerei feſtgebannt, geht nicht mehr aus dem Salon, und Abends ſieht ſie den Damenſpielen zu oder hört die unermüd⸗ liche Aurelie ſingen. Sie iſt traurig, träumeriſch, aber immer ſanft und gefällig für die, welche zu ihrem Gatten kommen; ſcheint jedoch die üble Laune Guſtav's, ſeine affektirte Zuvorfom⸗ menheit gegen die lange Nichte, ſeine Epigramme über die Ko⸗ ketterie der Weiber nicht zu bemerken. Der junge Mann wird ärgerlich; er weiß nicht mehr, was er thun ſoll; in ſeiner Ver⸗ zweiflung begleitet er Herrn von Berly auf die Jagd; hier ſchießt er auf die Hunde ſtatt auf die Haſen; ſah Elſtern für Schnepfen an und ein fettes Schwein für einen wilden Eber. Abends will er Brettſpielen, macht einen Bock um den andern, wirft die Würfel zu Boden und läßt den Becher fallen. Er will ſingen und hat keine Stimme mehr, er will Violin ſpielen, ſeine Hand zittert, er ſpielt falſch und kommt aus dem Takt; kurz, er weiß nicht mehr, was er thut!... Herr von Berly beſpöttelt ihn, Herr Desjardins lacht, Fräulein Aurelie macht große Augen; Julie ſeufzt. „Wohlan,“ dachte Herr von Berly,„der junge Mann iſt raſend in meine Nichte verliebt!... ich hoffe, dies iſt ſicht⸗ Bar. ——— Der liebe Oheim ſprach darüber mit Dejardins, der aus Grundſatz ſtets ſeiner Meinung war, und mit ſeiner Frau, die ſich auf die Erwiederung beſchränkte, daß ſie es wünſche. „Sieh, meine Frau, betrachte doch Guſtav nur einmal, wie er da unten ganz allein in einer Ecke ſitzt.. ſiehſt Du dieſe ſchmollende Miene, dieſe nachdenkliche und melancholiſche Stirne?... Nun gut, die Liebe iſt an allem dieſem Schuld. O! ich verſtehe mich darauf! Ueberdies, denke nur an die erſten Tage ſeiner An⸗ kunft bei uns, damals war er ganz anders; er lachte, plauderte, ſang und machte tauſend Tollheiten!... jetzt öffnet er den Mund nur um zu ſeufzen. er erhebt die Augen zum Himmel... und wenn Du alle die Dummheiten wüßteſt, welche er auf der Jagd begangen hat!... es iſt zum Todtlachen! Wahrlich! der iſt gefangen, und wie! ich will an ſeinen Oheim ſchreiben, damit er den Abſchluß beſchleunigt; denn kurz und gut, man darf den armen Teufel nicht dahinwelken laſſen!... Nicht wahr, Desjardins?— Sie haben vollkommen Recht, denn..— Was meine Nichte betrifft, ſie ſagt nichts, allein ich bin ſicher, daß die Schelmin nicht weniger daran denkt. Ach! wenn der Obriſt nur ſeine verdammte Gicht nicht hätte, ſo wäre er ſchon hier!.. ich möchte ihm gar zu gern ſeinen Neffen bald gebeſſert vorſtellen... — Aber, mein Freund, ſind Sie ganz ſicher?.— Ja, Ma⸗ dame, ja, ich bin ſicher, daß dieſe Heirath ebenſo glücklich ſein wird, als die unſrige.. Ei, warum ſpielt ihr denn aber nicht mehr Billard?..— Mein Freund, weil...— Dies beluſtigte unſern Verliebten. Was Teufel! man muß ihn ein wenig erhei⸗ tern: er wird noch Zeit genug haben, Betrachtungen anzuſtellen, wenn er verheirathet iſt... Guſtav meine Frau ſich, daß Sie ihr keinen Billard⸗ Unterricht wollen. — Ich habe dies nicht geſagt, mein Freund.— Pst!. laſſen Sie mich doch machen!... „Wenn Madame will,“ ſagte Guſtav„ſo bin ich 6 33 immer zu Ihren Befehlen.— Das laſſe ich mir gefallen, nun gehen Sie ein wenig aus Ihren Träumereien heraus, junger Mann! ich will mit Desjardins ein Brettſpiel machen; laßt das Billard belenchten; Sie haben Zeit, bis zum Nachteſſen zu ſpie⸗ len. Nun Frau von Berly, gehen Sie doch.. Sie ſehen wohl, daß der Herr auf Sie wartet...“ Es war ihr unmöglich, ſich davon loszumachen; Herr von Berly verlangte es. Guſtav reichte Julien die Hand; er fühlte, daß die, welche man ihm gab, ſtark zitterte; ein reges Gefühl von Hoffnung und Vergnügen beſeelte ſein niedergedrücktes Herz auf's Neue. Sie langten im Billardſaal an; der Diener entfernt ſich, nachdem er die Lampen angezündet hat. Sie bleiben allein. Frau von Berly iſt ſchweigſam, allein ſie ſcheint aufgeregt; Guſtav iſt ſo traurig, daß man ein ſehr hartes Herz haben müßte, um nicht Mitleiden für ihn zu fühlen.„Was haben Sie denn ſeit einigen Tagen, mein Herr?(ſagte endlich Frau von Berly mit ſchwacher Stimme.) Sie würdigen mich keines Wortes mehr..— Was ich habe?.. ach, Madame! habe ich nöthig, Ihnen dieſes noch zu ſagen? ich bete Sie an und Sie verabſcheuen mich!— Ich verabſcheue Sie! welche Ungerechtigkeit!... wenn dies ſo wäre, würde ich dann fürchten, Ihre Schwüre, Ihre Reden zu hören?“ Julie hatte zu viel geſagt. Guſtav ergriff ihre Hand, welche er auf ſein Herz legte—„Laſſen Sie mich,“ ſprach Frau von Berly,„Sie werden mein unglüc machen Lch, Gyuſtav! mißbrauchen Sie meine Schwäche nicht!“ Allein ein Liebender, der vernimmt, daß er geliebt wird, hört nur noch auf ſeine Glut. Julie weinte; Guſtav drückte ſie an ſeine Bruſt, er trocknet die Thränen, welche ſie vergießt, mit Küſſen.. Sie will ſich vertheidigen aber eine unbekannte Paul 6 Koc. N. Flamme lodert ſchon in ihren Adern... ſie kann nur Zärtlich⸗ keit mit Zärtlichkeit, Liebe mit Liebe vergelten. „Meine Frau! meine Frau!“ ruft Herr von Berly aus(der, wie man weiß, vom Billard nur durch einige Bäume und eine Hagenbuchenmauer getrennt war, welches hinderte, einander zu ſehen, nicht aber einander zu hören),„ich bin ſo eben völlig zum Schneider gemacht worden; dies iſt das erſte Mal, daß es mir vorkommt!... Und ihr Andern, geht es gut bei Euch?— O freilich, mein Herr,“ erwiedert Guſtav, denn ſeine Gefährtin hatte nicht mehr die Kraft, zu ſprechen;„wir ſpielen dieſen Abend ſehr gut... Ihre Frau Gemahlin macht bedeutende Fortſchritte... — Deſto beſſer! deſto beſſer! ſo wird ſie wenigſtens, wenn ich mit ihr ſpiele, auch ſtark ſein; lehren Sie ſie beſonders das Donble; das iſt hübſch!— Dies thne ich gerade in dieſem Augen⸗ blicke, mein Herr!“ Die Partie war ohne Zweifel lang, denn Guſtav und Julie kamen erſt in dem Augenblicke, als man ſich zum Nachteſſen an die Tafel ſetzte, in den Salon zurück. Frau von Berly hatte ſehr rothe Augen, Guſtav war frendeſtrahlend; Vergnügen und Glück glänzten in ſeinen Blicken. „Nun denn!“ ſagte Herr von Berly,„habt Ihr Euch recht geübt? wer hat die meiſten Partieen gewonnen?— Ah, ich glaube Madame..— Bah! gehen Sie, Sie werden es aus Galanterie gethan haben!. ſie kann noch nicht ſo ſtark ſein, als Sie, haben einen prächtigen Stoß und blokiren faſt eben ſo denn fi gut als ich! Nicht wahr, meine Fran, ich blokire gu Wenn daran komme— Ja, miein Freunß) aber nicht ſo gut, als Herr Guſtav.— Gehe, Du willſt Deinem Lehrer ſchmeicheln. Aber Du ſcheinſt mir ſehr ermüdet... In der That, das Billard iſt ein ſehr ermüdendes Spiel; immer ſtehen, hin und hergehen. G(ſagte Desjardins) ich habe einmal drei Tage unausge⸗ ſett fortgeſpielt. wir waren zwei Wüthende!. man brachte 35 uns das Eſſen herbei und...— Kommen Sie, Desjardins, Sie werden uns dies bei Tiſche erzählen; zudem bin ich böſe auf Sie ich habe Ihre große Schneiderei noch auf dem Her⸗ zen!.— Ich habe einmal einen Mann achtmal hintereinander geſchneidert, der gewiß wenigſtens...“ Allein man war bereits im Speiſeſaal und Herr Desjardins war genöthigt, ſeine Anekdote auf einen günſtigern Augenblick zu verſchieben. Frau von Berly ſprach während des Nachteſſens wenig und hatte die Augen ſtets niedergeſchlagen. Fräulein Aurelie unterließ nicht, die ihrigen auf Guſtav und ihre Tante zu richten: dieſe Zurückhaltenden ſind zuweilen ſehr hellſehend... Herr Des⸗ jardins begnügte ſich zu eſſen und ohne Unterſchied den Behaup⸗ tungen Jedermanns beizuſtimmen. Herr von Berly ſprach fort⸗ während von ſeiner Stärke auf dem Billard und den herrlichen Stößen, welche man hier machen könne. Was Guſtav betrifft, ſo war dieſer heiter, liebenswürdig und von äußerſter Artigkeit gegen Herrn von Berlh, deſſen Geſchicklichkeit auf der Jagd, deſſen Liebenswürdigkeit bei den Damen und deſſen Muth in der Gefahr er herausſtrich. Der arme Ehemann war ganz entzückt über den jungen Mann; als er von der Tafel aufſtand, drückte er ihm kräftig die Hand, und verſprach ihm, daß ſein Oheim von ſeiner guten Aufführung in Kenntniß geſetzt werden ſolle. Man ſage jetzt noch, daß es Ahnungen gebe! Fünftes Kapitel. Der Wendepunkt. Die Thränen Juliens verſiegten. Die Liebe einer Frau wird durch ie Opfer, die ſie ihrem Geliebten bringt, noch vermehrt; je mehr ſie gibt, deſto anhaͤnglicher wird ſie. Bei den Männern iſt es nicht daſſelbe: das Vergnügen ermüdet und die Fortdauer des Glücks langweilt ſie. Das Verlangen entflammt, der Genuß kühlt ſie, und die Wolluſt löst die durch die Liebe gebildeten⸗ Bande. Was ſollte man alſo thun? nach der Lehre Plato's beiſam⸗ men leben?... O! alsdann würde die Liebe weit länger dauern; allein endlich würde ſie auch müde werden, zu warten. Ueberdies würde dieſe Art zu lieben für die Bevölkerung unheilbringend; dann iſt ſie auch weder in der Natur noch in dem Evangelium, weil man uns geſagt hat: Seid fruchtbar und mehret Euch! Man muß daher die Sachen Fhiloſophiſch nehmen, wie ſie ſind, und beſonders in der Liebe iſt es gut, Philoſoph zu ſein. Will man ſich betrüben und verzweifeln, wenn eine Geliebte uns verläßt, wenn ein Geliebter untreu wird?... Erſtlich iſt es ein nebel ohne Heilmittel, und dann, warum wäre eine Untreue Be⸗ weis von Gleichgültigkeit? man kann einen Augenblick des Ver⸗ geſſens, der Schwäche haben man kann ſtraucheln!... Errare humanum est. Wenn man ſich freiwillig das Geſtändniß ſeiner Schwächen machte, alsdann würde das Vertrauen wieder die Liebe zurück⸗ bringen, Eiferſucht die Herzen weniger quälen und die Zwietracht aufhören, ihre Fackeln und Schlangen über den Sklaven der Liebe und Ehe zu ſchwingen. Doch ich weiß nicht gerade, aus welchem Grunde ich all' dieſes geſagt habe, noch in welcher Beziehung dies mit der Liebe Guſtav's und der Frau von Berly ſtehen kann. Nehmen Sie daher an, Leſer, ich hätte nichts gefagt! Guſv hatte durch die Gewalt der Liebe die Befürchtungen, Seufzer, Thränen und Gewiſſensbiſſe Juliens zum Schweigen ge⸗ bracht. Sie ſpielten alle Tage Billard; ſie ſpielten Morgens und Ahends und ich glaube ſogar in dem kleinen Gehölz, in der Grotte⸗ in dem Labyrinth. ——— Es iſt durchaus kein Verbrechen, Billard zu ſpielen; will man es aber im Geheimen thun, ſo muß man immerhin ſeine WVorſichtsmaßregeln ergreifen. Liebe! Liebe! haſt du uns gefangen, Dann heißt es wohl; o Klugheit, jetzt Adieu. Eines Abends, als die Brettſpiel⸗Partie bälder als gewöhn⸗ lich ihr Ende erreicht hatte, war Herr von Berly in den Garten gegangen, um ſeine Frau und Guſtav Billard ſpielen zu ſehen. Der liebe Ehegemahl nähert ſich den Hagenbuchen. iſt aber ſehr erſtaunt, kein Licht zu ſehen.„Es ſcheint,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„aß ſie auf einen andern Einfall gerathen ſind!... ſie ſind ohne Zweifel im Muſtkſalon.“ Er will wieder umkehren;... als eine ihm wohlbekannte Stimme die Worte ausſpricht:„Ach Gott! bin ich doch glück⸗ lich!... welches Vergnügen!...“ „Ei potztauſend! dies iſt meine Frau,“ ſagt unſer Mann und tritt in den Spielſaal ein, in dem man nichts ſah. „Was Teufel! ihr ppielt ohne Licht, ihr?“ Der liebe Ehe⸗ mann ſieht nichts; er verwickelt ſeine Füße in Etwas... fällt, rollt und befindet ſich auf Guſtav, der, ich weiß nicht warum, gerade bei einer Raſenbank auf den Knieen lag. „Wie! Sie ſind es? mein Herr?. ich ging auf Sie zu. erlauben Sie mir, daß ich Ihnen wieder aufhelfe...“ „Wie! Du biſt es, mein Freund?“ ſagte Frau von Berly, indem ſie ſich eilends von der Raſenbank entfernte.—„Ohne Zweifel bin ich es.. daß die Peſt Euren Einfall, ohne Licht zu ſpie⸗ len Ich ich habe mir eine Beule an der Stirne ge⸗ macht..— Aber, mein Herr, es iſt erſt ſeit einem Augenblicke Nacht, wir wollten anzünden laſſen..— Wahrlich, Ihr ſeid ſch ſo zu ſpielen!.. Ihr mußtet die Löcher nicht — Verzeihen Sie, mein Herr— Ohne die timme meiner Frau wäre ich nicht tre e ich h ſie einen Freudenruf ausſtoßen hören..— Ach! Madame hat ſo eben einen hineingebracht.— Nun wohlan, ich will Eure Stärke ſehen.. WMeine Frau, laſſe anzünden; ich will mit Euch die Rummelpartie ſpielen.“ Frau von Berly ließ anzünden. Man ſpielte, Herr von Berly machte die Rummel, wie er es gewünſcht hatte; Guſtav war be⸗ müht, ganz verkehrt zu ſpielen; Julie hatte keine ſichere Hand, der Herr Gemahl gewann alle Partieen und war entzückt dar⸗ über... dies iſt immerhin ein Erſatz. Fränlein Aurelie theilte die Freude ihres Oheims nicht. Die Manieren Guſtav's mit Julien ſchienen ihr von anſtößiger Ver⸗ traulichkeit: die Kälte des jungen Mannes, wenn ſie mon coeur soupire(mein Herz ſeufzt) ſang, kam ihr ganz außerordentlich vor. Sie wagte ihrem Oheim nichts zu ſagen; allein ſie fing an, Julie und Guſtav zu belauern, und wünſchte, ohne gerade zu wiſſen warum, irgend Etwas zu entdecken. Der Hintere Benvit's war geheilt, allein der arme Teufel war darum nicht weiter; nun übte er ſich, um auf der Reiſe einen ähnlichen Vorfall zu vermeiden, alle Morgen im Reiten und fing an, ſich eiwa beſſer auf dem Pferde zu halten. Herr von Berly hatte dem Oberſten Moranval einen langen Brief geſchrieben, in welchem er ihm die erbauliche Art ausein⸗ ander ſetzte, wie ſein Neffe ſich betrug, ſeine tugendhafte Liebe zu Fräulein Aurelien, ſeine Gefaig gegen ſeine Frau und ſeine Freundſchaft gegen iit Der Oberſt Moranval erwiederte Herrn von Berly, er ſei entzückt darüber, daß Guſtav ſich gebeſſert habe. Da ſeine Gicht⸗ ihn ein wenig in Ruhe laſſe, ſo werde er zu ihm kommen und die Heirath abſchließen; man dürfe aber ſeinem Neffen nichts da⸗ von ſagen, weil er denſelben durch ſeine unerwartete Ankuuft überraſchen wolle. So ſtanden die Sachen, als man Herrn von Berly eines ————————— und die Verabſchiedung beendigt. 39 Morgens die Anzeige machte, drei Stunden von hier, in der Gegend von Montaigny glaube man die Spuuren einer Wolſin aufgefunden zu haben. Dieſe Nachricht ſpornt die Eigenliebe unſeres Jägers. Welcher Ruhm für ihn, wenn er ein Thier tödtete, das die Umgegend in Trauer verſetzen kann!.. Indeß ſcheint er noch nicht entſchloſſen, ſich mit einer Wölfin zu meſſen., Allein Guſtav feuert ihn an und reizt ihn auf... nennt ih zum Voraus den Befreier des Landſtrichs. Desjardins rühmt ſich, einmal vier an einem einzigen Tage getödtet zu haben.„In dieſem Falle,“ ſagt Herr von Berly,„werden Sie mich dieſesmal begleiten, ich will ſehen, ob Sie noch im Stande ſind, eine umzubringen.“ Desjardins iſt zu weit gegangen, als daß er es wagen könnte, auszuweichen. Er harniſcht ſich vom Kopf bis zu den Füßen. Was Guſtav betrifft, ſo fiel er am Abend zuvor, als er mit Madame in dem kleinen Gehöͤlze lief, um; er leidet Fiel auf der Seite und iſt daher nicht im Stande, den Herren zu folgen. Zuder erkennt er ſich ſelbſt als zu ſchlechten Jäger an, um mit ihnen in die Schranken zu treten. „Aber,“ ſagt Herr von Berly,„es iſt möglich, paß wir heute den Schlupfwinkel des Thieres nicht mehr entdeck, 4 d ich will nicht ſo weit umſonſt gehen. Ich habe gerade bei Montaigny einen Pachthof, wo ich mit Desjardins dieſe Nacht zubringen werde; wir werden morgen mit Tagesanbruch auf dem Platze ſein!... Ich erkläre Dir, meine Frau, daß ich nicht zurück⸗ komme, ohne Dir Etwas von dem Thier mitzubringen.“ Frau von Berly ſchenkte dieſem Einfall ihres Gemahls Bei⸗ fall. Guſtav findet in dem Plan etwas Edles und Heldenmüthiges. Es wird alſo beſchloſſen, daß Herr von Berly nicht zum Schlafen zurückkomme: dies iſt Jedermann bequem. Unſere Jäger ſind vom Kopfe bis zu den Fůßen zebſ die Hunde losgelaſſen, die Pferde geſattelt, die Flinten geladen Ganz dem Glücke hingegeben, beiſammen zu ſein, wollen Guſtav und Julie daſſelbe auch recht genießen. Fräulein Aurelie fühlt ſich unbehaglich und hütet das Zimmer: dieſer Umſtand ver⸗ mehrt die Sicherheit. Frau von Berly erklärt, daß ſie ſich gleich⸗ falls nicht wohl befinde; ſie will ſich deßhalb in ihre Gemächer einſchließen und befiehlt den Bedienten, alle Perſonen, die etwa kommen möchten, abzuweiſen. Nachdem die Sachen ſo angeordnet waren, ging Madame in ihr Schlafzimmer, wozu der Eingang den Ungeweihten unterſagt iſt, zurück. Was Guſtav betrifft, ſo iſt dieſer ohne Zweifel eben⸗ falls unwohl, denn er hat Benvit verboten, ihn in ſeinem Zim⸗ mer zu ſtören. Man war gerade in den längſten Sommertagen, wo die Nacht erſt nach neun Uhr hereinbricht. Es war kaum acht Uhr, als ſich ein Fremder bei Herrn von Berly zeigt: die Diener kün⸗ digen ihm an, daß er mit Niemand ſprechen könne, daß Madame krank ſei und der Herr ſich für zwei Tage auf der Jagd befinde. „Ei! tauſend Patronen,“ rief der Oberſt Moranval(denn er war es ſelbſt),„ich bin nicht gekommen, um wieder fortzugehen: wenn von Berly nicht da iſt, werde ich ihn erwarten; ich quartire mich im Haus ohne Umſtände ein.“ Der Oberſt hatte einen Ton, der keine Bemerkungen ge⸗ ſtattete: die Diener laſſen ihn eintreten; er gewahrt Benvit im Hof:„Ei ſeht, dies. dies ſind Sie, Herr Oberſt?— Ja, mein Junge; man erwartete mich nicht hier?— Meiner Jren nein, Herr.— Wo iſt mein Neffe?— Herr Oberſt, er iſt krank, wie er mir dieſen Morgen geſagt hat; er iſt zu Hauſe. wo er ohne Zweifel ſchläft, denn er hat mir verboten, ihn zu beun⸗ ruhigen.— Und Frau von Berly?— Sie iſt unwohl... ſie hat ſtreng befohlen, man ſolle nicht in ihr Zimmer gehen..— Aber Fräulein Aurelie, ich hoffe, daß ich ſie werde ſehen können. ich denke, ſie wird weder auf der Jagd, noch frank ſein?— Im 41 Gegentheil, Herr, ſie hat das Fieber.. und iſt ſeit dieſem Morgen im Bette.“ „Zum Henker! dieſes Haus iſt alſo ein Hoſpital! Wohlan.. weil ich muß, werde ich allein warten!... Wie der Oberſt dieſe Worte ſprach, ließ ſich ſtarkes Pferde⸗ getrabe hören. man erblickte Herrn von Berly und Desjar⸗ dins, deren Jagd bereits zu Ende war. Der Oberſt umarmt ſeinen Freund.„Wie! Du hier?.. Deine Leute ſagten mir, Du werdeſt zwei Tage abweſend ſein!.. — Ich glaubte es auch, mein lieber Oberſt, allein das Schickſal hat es anders beſchloſſen. Man hatte mir von einer Wölfin ge⸗ ſprochen, deren Schlupfwinkel ich zu entdecken glaubte; als Des⸗ jardins und ich ankamen, war gerade das Thier erlegt worden; ich bin wahrhaftig in Verzweiflung darüber geweſen; ich fühlte einen Muth in mir.. eine Glut!... Nun denn! haſt Du Deinen Neffen geſehen?— Nein; ich lange im Augenblicke an. Allein Jedermann bei Dir iſt krank: Deine Frau und mein Neffe ſind auf ihre Zimmer gegangen, um auszuruhen...— Bah!... und dieſen Morgen ſchien es nicht ſo.. es wird nichts ſein.. Mein Freund, ich wünſche Dir Glück zu Deinem Neffen; es iſt ein herrlicher Junge. Wie, Du ſchreibſt mir, daß ich ein lieder⸗ liches Subjekt ſehen werde! er iſt im Gegentheil ein ſehr geſetzter, ſehr ordentlicher junger Mann... Sein ganzes Vergnügen iſt, mit meiner Frau Billard zu ſpielen!.. er geht nicht aus dem Haus er hat eine Gefälligkeit!... eine Sanftmuth...— In Wahrheit 7 wahrlich! die Luft dieſer Gegend wirkt Wunder. Ich bin ungeduldig, ihn zu umarmen.— Geh' zu ihm; er wird ſehr überraſcht ſein... er erwartet Dich nicht; o! ich habe nichts geſagt, ich bin verſchwiegen!...— Vorwärts, Benvit, führe S zu Deinem Herrn.— Aber, Herr, er hat mir verboten, Zum Henker, es gibt kein Verbot für ſeinen Oheim, Dunn uß Vorwärts, geh' voraus!.. Der Oberſt folgt Benoit, der ihn nur mit Zittern führt; Herr von Berly bereitet ſich ſeinerſeits vor, ſeine Frau zu über⸗ raſchen, die ihn erſt den folgenden Tag erwartet. Man ſagt ihm, Madame liege im Bett und ſei krank; allein nichts hält ihn auf; wenn er ſich etwas in den Kopf geſetzt hat, ſo vermag nichts ſeinen Sinn zu ändern, und, überzeugt, daß er ſeiner Ehehälfte eine angenehme Ueberraſchung verurſachen werde, geht er raſch auf ihr Gemach zu. Das Schlafzimmer der Frau von Berly war im erſten Stock und ging auf den Garten; Herr von Berly tritt in das anſtoßende Kabinet... er will weitergehen: die Thüre iſt von innen ver⸗ ſchloſſen; ai Herr von Berly, der mit feiner Frau nicht im gemeinſchaftlichen Schlafziminer wohnt, Peſitzt einen Dodvel⸗ ſchlüſſel, um bei Nacht, wenn ihn die Piebe wach erhält, das Lager ſeiner Gatt Gaſtin theilen zu können. Gs iſt ein ſchreckliches Ding um einen Doppelſchlüſſel!. er ſetzt vielen Gefahren aus. Indeß war ein Riegel an der Chine, allein man hatte nicht daran gedacht, ihn vorzuſchieben: man war ſo ruhig!. man glaubte den Gemahl ſo weit!... Unheilvolle Unvorſichtigkeit! Herr von Berly geht gerade auf das Bett von Madame zu zieht den Vorhang weg... und küßt den Hintern Guſtav's, indem er den Buſen ſeiner Ehehälfte zu küſſen glaubt. Das Haupt Meduſa's, Euriale's, Scylla's, die Augen des Baſilisken, des Sphynx, die Zähne des Cerberus, die Klauen Aſtaroths hätten geringern Eindruck auf den armen Ehemann hervorgebracht, als der Hintere Guſtav's. Er ſteht unbeweglich mit ſtarren Augen offenem Munde... ausgeſtreckten Armen. Julie hat ſich unter die Bettdecke verſteckt; allein Guſtav, der den Kopf nicht verliert, erhebt ſich, ergreift auf gut Glück einige Kleidungsſtücke, öffnet* das Fenſter und ſpringt in den Garten; er ſpringt gerade auf den Rücken ſeines Oheims, der, nachdem er ihn vergebens in ſeinſem 2 43 Zimmer geſucht hatte, die Gartenanlagen mit Benvit in der Hoffnung durchſtreifte, ihm hier zu begegnen. Der Oberſt fällt auf die Naſe; Guſtav erkennt ſeinen Oheim und lauft deßhalb nur um ſo ſchneller; der Oheim erkennt ſeinen Neffen, ſteht auf und läuft ihm nach; Benoit bleibt ganz er⸗ ſtaunt ſtehen, als er ſeinen Herrn im Hemde ſieht. Dieſer ge⸗ winnt einen Vorſprung, zieht jetzt ſeine Beinkleider und ſeinen Frack an, überſteigt hierauf Mauern, Hecken und Gräben, fängt an im Felde zu laufen, wo er Lukas und Zephir erblickt, wie ich das Vergnügen gehabt habe, Ihnen im Anfang dieſes Bandes vorzuſtellen. Sechstes Rapitel. Der Teufel und die ſchwarze Kuh. „Wie! Du biſt es, Benoit?“ ſagte Guſtav, indem er mit ſeinem Kopf aus der Pfütze auftauchte und den Reiter erblickte, der ihn ſeit einiger Zeit verfolgte und ihn endlich einholte, gerade als ſich Zephir in den Sumpf gemacht hatte. „Mein Gott, ja, Herr! ich bin hinter Ihnen hergaloppirt mit dem andern Pferde, das ich aus Vorſicht gleichfalls mitge⸗ nonnmen habe. Ach tauſend! dort drüben iſt es jetzt nicht gut ſein: Ihr Onkel hat einen fürchterlichen Zorn!. er flucht und ſchreit noch ſtärker als gewöhnlich. Wie ich dies geſehen habe.. — Es iſt gut, Du kannſt mir Alles das in einem andern Augen⸗ blicke erzählen: Du ſiehſt wohl, daß ich mich zuerſt von dieſen verfluchten Enten losmachen und dieſem braven Mann wieder aufhelfen muß, der hoffentlich nicht verwundet iſt.“ Vater Lukas hatte mehr Furcht als Schaden gehabt. Guſtav gelaug es nur nach vieler Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß er nichts gebrochen habe. Man brachte ihn auf Zephir, deſſen Wuth geſtillt war. Der junge Mann beſtieg das Pferd, welches Benoit am Zügel führte, und man begab ſich wieder auf den Weg. Guſtav lachte über die Furcht, welche ihm Benoit eingejagt hatte, denn er hatte ihn für ſeinen Oheim gehalten. Wenn er indeß auf die Begebenheit des Abends zurückkam, wenn er an Julien dachte, die er in einer ſo kritiſchen Lage gelaſſen hatte, ſo wurde er ernſthaft und nachdenklich.„Was wird ſie gemacht haben?“ Auf dieſe Frage brachten ihn ſeine Betrachtungen immer wieder zurück. Er war zwar überzeugt, daß die Frauen, die immer Geiſtesgegenwart haben, ſich aus den ſchwierigſten Um⸗ ſtänden zu ziehen wiſſen; allein es gibt Fälle, wo der ganze weibliche Scharfſinn nichts mehr vermag, und Frau von Berly befand ſich gerade in dieſer verdrießlichen Lage. Da indeß der Charakter unſeres Helden nicht von der Art war, daß er ſich lange hätte betrüben können, ſo ergriff er ſeine Partie, bedachte, daß ſeine Seufzer nichts an dem Vorgefallenen ändern würden, und überließ ſeinem guten Stern das Geſchäft, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Endlich langt man in Ermenonville an, kommt über mehrere Brücken(es gibt viel Waſſer in dieſer Gegend), und ſieht vor einem ländlichen Hauſe, das man in Paris eine Barake nennt. Lukas findet die Sprache wieder, als er ſich vor ſeiner Wohnung ſicht, und Zephir ſeine Beine, wie er ſich dem Stall nähert. „Hier ſind wir.. potztauſend! ich war nicht ohne Mühe angekommen... ich wette, Jedermann ſchläft.— Nun denn! Vater Lukas, ſo werden wir Jedermann aufwecken.“ Man ſteigt vom Pferde; Guſtav und Benoit poltern wie Taube, während Lukas wie beſeſſen ruft: Marie⸗Hanne!. Suschen!. Nikolas Toupet!...“ „Und güter Frau ruft Ihr nicht?“ ſ Guſtav. „Ol! nicht ſo dumm!... Ich will ſie nicht aufwecken, ſie wäre mir böſe!..„Holla! Marie⸗Hanne Nikolas! Endlich öffnet man ein Dachfenſter.„Seid Ihr's?“ fragt um', mach' eine rauhe, heiſere Stimme.—„Ia doch, Nifolas; 45 mir auf, mein Junge; aber gib Acht, daß Du unſere Frau nicht aufweckſt.“ Nach Verlauf von zehn Minuten(denn die Bauern ſind leichtfüßig wie durchnäßte Hühner) öffnete Nikolas das Hofthor. Er ſtieß einen großen Schrei der Verwunderung aus, als er Guſtav und Benvit erblickte.„Dies ſind Herren aus der Stadt, welche wir beherbergen müſſen,“ ſagte der Vater Lukas, indem er Zephir in den Stall führte;„Du wirſt ſie in das Zimmer führen, wo unſer Vetter Ledru ſchläft, wenn er hieher kommt, und morgen wird unſere Frau ſagen, ob es ſo recht iſt.“ Nikolas ſchickte ſich zu gehorchen an; Guſtav hielt ihn zurück: „Glauben Sie uns ohne Nachteſſen zu Bette ſchicken zu können, Vater Lukas? Was mich betrifft, der ich ſeit drei Uhr Nachmit— tags Nichts mehr gegeſſen, ſeitdem aber bedeutenden Appetit be⸗ kommen habe, ſo ſage ich Ihnen zum Voraus, daß ich, wenn Ihr mir nicht wenigſtens einen Eierkuchen gebt, das ganze Haus durcheinander werfe.“ Vater Lukas war ſehr in Verlegenheit; ſeine Frau hatte die Schlüſſel zum Küchenſchrank und zu der Sſetammer. Während er darüber nachdachte, hörte man in einem Zimmer des erſten Stocks einen wahren Höllenlärm; als der gute Mann die Stimme ſeiner Frau erkannte, verſteckte er ſich hinter alte Fäſſer; Nikolas trat in den Pferdeſtall und Benovit, der auch nicht ganz ruhig war, verbarg ſich im Kuhſtall. Guſtav blieb allein, um dem Ge⸗ witter die Stirne zu bieten. Eine kleine dicke Frau, roth und mit zornfunkelnden Augen, kommt, immer vier Stufen auf einmal nehmend, die Treppe herunter:„Was bedeutet dieſes Gepolter mitten in der Nacht?.. Glaubt dieſer Lumpenkerl von Lukas, daß ich eine ſolche Unord⸗ nung dulden werde?.. Warum iſt er nicht in Louvres über Nacht geblieben? der Säufer!. mich aufzuwecken, wenn 6 chlafe!. er wird wieder eine Dunheis ſurn S Wie Frau Lukas aufhörte zu ſprechen, wurde ſie Guſtav ge⸗ wahr, der mitten im Hofe ruhig abwartete, bis die Bäuerin ſich beruhige. Erſchreckt durch den Anblick eines Mannes, der nicht aus dem Dorfe iſt und deſſen Aeußeres mehr als verdächtig er⸗ ſcheint(der Schlamm der Pfütze bedeckte die Kleidung Guſtavs, und ſein Geſicht war in Folge der Schläge mit Füßen und Schnä⸗ beln, welche ihm die Enten beigebracht hatten, ganz blutig), zweifelte Frau Lufas nicht mehr, daß Diebe in das Haus einge⸗ drungen ſeien. Sie ſtößt alsbald durchdringendes Geſchrei aus, wirft Guſtav eine Heugabel, eine Hacke und einen Beſen nach dem Kopf; während ſich dieſer abwendet, um das Zuſammentref⸗ fen mit dieſen Gegenſtänden zu vermeiden, eilt ſie aus dem Hofe weg und durchrennt das Dorf, indem ſie aus allen Kräften ſchreit:„Diebe!. Mörder!.. Die Bauern ſchlafen feſt; die von Ermenonville antworteten auf das Rufen der Frau Lukas nicht; ſie ergreift das Mittel, Steine in die Fenſterſcheiben zu werfen und zu ſchreien, daß man Feuer an das Dorf legen wolle. Bei dem Wort Feuer, das Jevermann angeht(denn ein Dorf iſt bald verbrannt), erwachen die Bauern und laufen zuſammen; ſo wahr iſt es, daß wir das immer hören, was uns verſönlich intereſſirt, und daß wir für die Leiden der Andern... Doch keine Betrachtungen; Frau Lufas iſt im Hemd und Kittel in den Straßen von Ermenonville; man darf ſie nicht dort laſſen. Wo iſt das Feuer? wo iſt das Feuer?...“ wird Frau Lukas von den Dorfbewohnern gefragt.—„Meine Kinder, es iſt etwas viel Schlimmeres, als dies!... Ich glaube, es ſind Koſaken in dem Dorf eingerückt.— Koſaken!..— Ja, wahr⸗ haftig, ſie haben ſich ſchon meines Hauſes bemächtigt!.. und vielleicht ſind meine kleine Suzon und Marie⸗Hanne wohl ſchon„ „Man muß ihnen zu Hülfe kommen,“ ſprechen alle Klatſch 47 baſen, welche die Zufälle des Kriegs nicht fürchten. Allein die Männer ſind viel weniger eifrig. Sie ſchlagen vor, ſich zu Hauſe zu verſchanzen und dort den Feind zu erwarten. Einer der Pfiffig⸗ ſten des Ortes macht bemerklich, daß man ſeit langer Zeit nicht von Krieg ſpreche, und daß es keine Koſaken ſeien, was Frau Lukas geſehen habe.—„So ſind es wenigſtens Diebe,“ fällt die Bäuerin wieder ein;„ſie haben einen Höllenlärm gemacht und meine Thüre erbrochen; ich glaubte, es ſei mein Mann, der von Louvres zurückkomme, und ich ging hinab, um ihm den Kopf zu waſchen als ich mich dicht vor einem großen rothen und ſchwarzen Menſchen befunden habe..— Ach, mein Gott! dies iſt der Teufel,“ riefen die Frauen;„Ihr habt Krallen und einen Schwanz an ihm ſehen müſſen?— Ich habe ſeinen Schwanz nicht gerade geſehen, aber ich glaube wohl, daß er einen hatte; was ſeine Augen betrifft, ſo glänzten dieſe nicht mehr und nicht weniger, als glühende Kohlen!“ „Man muß dies ſehen,“ ſagen die Männer, welche den Teufel weniger als die Koſaken fürchten.—„Man muß den Herrn Pfarrer aufwecken, damit er kommt und den Teufel austreibt,“ ſagen die Frauen. Die Dorfbewohner bewaffnen ſich mit Miſtgabeln, Schaufeln, Hacken und was ihnen ſonſt in die Hände fällt; ſie bilden ein geſchloſſenes Bataillon; Frau Lukas begibt ſich in den Mittel⸗ punkt, die übrigen Frauen an's Ende des Zugs; hierauf ſetzt man ſich in Marſch, um den Teufel zu bekämpfen, der die Einwohner von Ermenonville aus dem Schlafe geſchreckt hat. Inzwiſchen entſchließt ſich Guſtav, nachdem er dem Beſenſtiel der Frau Lukas ausgewichen iſt, in das Haus zu treten und ſich ſelbſt mit Nachteſſen zu bedienen, ohne ſich weiter um das Ge⸗ ſchrei der Bäuerin und den Schrecken des armen Ehemanns, der nicht unter den Fäſſern hervorzukriechen wagt, zu bekümmern. Benvit hielt ſich an ſeinen Kuhſtall; er hatte das Euter einer Kuh erwiſcht und that ſich mit Milch gütlich, während überall umher Verwirrung war. Was Nikolas betrifft, ſo hatte dieſen das Schreien ſeiner Herrin in Angſt verſetzt, und da er ebenfalls glaubte, daß Diebe in dem Hauſe ſeien, wagte er es nicht mehr, aus dem Stalle herauszugehen, und legte ſich der Länge nach neben Zephir nieder. Unſer junger Held geht die Treppe hinauf; er erſteigt zwei Stockwerke, horcht.. und hört Geräuſch; er öffnet eine Thüre, die nur teicht deiewſie war; man ſtößt einen Schrei aus. Guſtav hat eine weibliche Stimme erkannt; er geht vorwärts... findet ein Bett... greift und überzeugt ſich, daß Jemand darin liegt. dieſer Jemand iſt ohne Zweifel eine Bäuerin, aber dieſe Bänerin hat feſte Reize, runde Formen und läßt ſich ſo gefällig befühlen!.. WMeiner Treu, ſpricht Guſtav, ich will verſuchen, ſie zu vielleicht bringe ich es dann ſo weit, daß man mir einen Eierkuchen macht. Und Guſtav vergißt Julie, die ohne Zweifel weint, ſich ab⸗ härmt und ihn bedauert, und beluſtigt ſich mit Marie⸗Hanne!.. So ſind die Männer, glaubt nun noch an ihre Treue! Die bewaffneten Bauern kamen in dem Augenblicke vor dem Hauſe des Vaters Lukas an, wo er ſich entſchloß, ſeine Fäſſer zu verlaſſen; der liebe Mann tritt, durch den Lärm, den er hört, erſchreckt, ganz außer ſich mitten unter die Menge.„Hier iſt ſchon Einer,“ ruft Frau Lukas aus; ullt über ihn her; ſeht Ihr, daß er roth und ſchwarz iſt?“. In der That hatte ſich Vater Lukas, der zuerſt von dem in der Pfütze aufgefangenen Koth ſchwarz geworden war, ſo eben an den kurz erſt geleerten Fäſſern, an denen noch Weinhefe klebte, gerieben. Der arme Mann war nicht kenntlich. Man warf ſich mit Stockſtreichen auf ihn; er ſchreit und macht ſich davon⸗ Während man ihn verfolgt, zieht ſeine Frau an der Spitze der Kuhnſten in den Hof ein. Sie ruft Suzon. dies iſt die Tochter des Vaters Lukas, und die Mutter befürchtet, der Teufel möchte ſie ſchon geholt haben. Suzon öffnet ihr Fenſter; ſie fragt, was all' dieſer Lärm bedeute: man belehrt ſie, daß ſich ein böſer Geiſt bei ihren Eltern eingeſchlichen habe. Das junge Mädchen will nicht allein in ihrer Kammer blei⸗ ben; ſie glaubt Meiſter Satan ſchon unter ihrem Bett zu ſehen. Da die Fenſter nicht hoch über dem Boden ſind, bringt ſie ein Bein hinaus, dann das andere und rutſcht hinab. aber ein Nagel hält den Flügel ihres Hemdes feſt, und der hübſche Hin⸗ tertheil Suzon's findet ſich als Spalier bloßgeſtellt. „Macht die Augen zu!“ ſchreit Mutter Lukas. Die Lans leute halten im Gegentheil ihre Fackeln noch mehr in die Höhe, um die Gegenſtände beſſer unterſcheiden zu können.—„Ach, meine Mutter!“ ruft Suzon aus,„ich bin ſicher, daß es der Teufel iſt, der mein Hemd feſthält.. der Herr Schulmeiſter ſagt, daß er immer damit die Mädchen in ſeine Klauen pringt.“ „Halt, mein Kind, im Kuhſtall iſt eine Leiter: ich will gehen, Dich loszumachen. Gevatter Thomas, holt ſie uns doch!“ Thomas geht auf den Kuhſtall zu, deſſen Thute angelehnt war; er öffnet... alsbald kommt eine ſchwarze Küh heraus, wirft Thomas über den Haufen und ſtürzt ſich wüthend mitten unter die Dorfbewohner, indem ſie ein ſchreckliches Gebrulle ausſtößt. Man wird ſich erinnern, daß ſich Benoit in den Kuhſtall zu⸗ rückgezogen hatte und daß er ſich, da er die warme Milch ſehr liebte, damit beſchäftigte, das Euter einer Kuh zu preſſen, die damals nicht viel Milch haben konnte, weil Marie⸗Hanne die Ge⸗ wohnheit hatte, ſie jeden Abend zu melken. Benvit, der mit aller Gewalt ſeinen Durſt löſchen wollte, drückte ſo ſtark, als er nü konnte, die Zitzen des armen Thieres, das dieſer Behandlüngsweiſt enblich müde wurde. Schon zeigte dumpfes Gebrülle die hngeruld Paul de Kock. x. r B 50 und den Zorn des Thieres an. Benvit wußte nicht, welche Kuh ſchrie, und fuhr ſort, das in ſeiner Hand befindliche Euter zu preſſen; er wäre gerade ein Opfer ſeiner Naſchhaftigkeit geworden, als Thomas durch Oeffnen der Kuhſtallthüre den Gang der Be⸗ gebenheiten änderie. Die erſchreckten Bauern, die in ihrer Mitte eine wüthende Kuh ſehen, in dem Augenblicke, wo ſie einen Teufel ſuchen, zweifeln nicht, daß das arme Thier vom Dämon beſeſſen ſei. Gerade iſt es eine ſchwarze Kuh, und meine Leſer wiſſen oder wiſſen nicht, daß die böſen Geiſter dieſe Farbe beſonders lieben⸗ Mit einem ſchwarzen Huhn beſchwört man die Dämonen, Ko⸗ bölde und Poltergeiſter. In Wahrheit, die Marſchallin von Anere wurpde in Paris verbrannt, weil ſie beim Vollmond einen weißen Hahn getödtet hatte; Niemand aber zweifelt daran, daß, wenn der Hahn ſchwarz geweſen wäre, der Teufel die Marſchallin hätte retten können. Die Dichter haben dieſe Farbe angenommen, um damit den Teufel in den Leib zu bekommen; denn Voltaire ſagte, man müſſe eingeteufelt ſein, um gute Stücke zu machen; er ſelbſt nennt vie dramatiſchen Werke Teufelswerke. Die Aerzte tragen ſich ſchwarz(einige Spaßvögel haben ge⸗ ſagt, ſie trauern um ihre Kranken); ich glaube im Gegentheil, daß es geſchieht, um ſich den Teufel geneigt zu machen, damit er ſie die Mittel lehre, die Peſt, die Krätze, den Ausſatz, die Waſ⸗ ſerſucht, die Fallſucht, die Auszehrung, den Wahnſinn und andere hübſche Krankheiten, die uns ſicherlich nur von der Hölle zukom⸗ men, zu heilen.. Die Magier endlich tragen lange ſchwarze Talare!.. Sie werden mich vielleicht fragen, was denn Magier ſeien? Ich werde Ihnen antworten, daß es Leute ſind, die die Geſetze der Natur umſtoßen wollen, d. h. das unmögliche möglich machen. In Wahrheit, ich habe niemals Zauberer geſehen; aber es muß wohl 51 welche gegeben haben, weil man ehemals in Europa eine auf die Magie gegründete Jurisprudenz geſehen hat, ſo wie wir heute eine auf Diebſtahl und Mord gegründete haben; und die Völker konnten nicht umhin, an die Magier zu glauben, weil die Obrig⸗ keiten daran glaubten. Es ſcheint, daß ſich die Zauberer gerne braten ließen; denn ſo viele man auch verbrannte, ſo ſah man doch immer neue aus allen Enden der Welt hervorkommen. Heut zu Tage, wo man ſich begnügen würde, ſie in die Zuchthäuſer zu ſtecken, ſieht man weder Zauberer noch Magier mehr. Wir haben einige Karten⸗ ſchlägerinnen und Wahrſagerinnen, dies iſt Alles; und zudem ſinkt das Handwerk täglich mehr. Die Dorfbewohner drängen, drücken, werfen einander über den Haufen und laſſen ihre Fackeln fallen. Die wüthende Kuh rennt aus dem Hof und ſpaziert im Dorfe umher. Srzon ſteigt zurück und ſetzt ſich rittlings unter das Fenſter, indem ſie zwiſchen der Furcht vor dem Teufel und der ſchwarzen Kuh ſchwebt. Die Bauern ſehen nicht mehr hell, dies vermehrt ihren Schrecken noch. Indeß belebt Mutter Lukas ihre Sensgeiſter wieder, verſichert, daß die Kuh fortgelaufen ſei, daß der Teufel wahrſcheinlich in den Körper des Thieres die Flucht ergriffen habe, und es ſich nur darum handle, den Frieden im Hauſe wieder her⸗ zuſtellen. Deßhalb muß man damit anfangen, ſich darin unzuſehen, und um ſich Licht zu verſchaffen, ſteigt man in die Kammer von Marie⸗Hanne, die Feuerzeug und Zunder hat. Mutter Lukas ent⸗ ſchließt ſich, an der Spitze der am wenigſten Furchtſamen in die Manſarde hinaufzikklimmen. Man langt vor der Thüre Marie-Hannens an und hört unterdrücktes Stöhnen, Seufzen und Aechzen.⸗„Ach! meiner Tren,“ ſagt Mutter Lufas,„hier iſt der Teufel und bemächtigt ſie Marie⸗Hannens.“ 1 52 Die Bauern wagen nicht, die Thüre zu öffnen; ſie drängen ſich dicht aneinander. „Höre einmal, Marie⸗Hanne,“ ruft die Bäuerin,„iſt der Teufel in Deine Kammer gekommen?..— J ber laßt mich nur machen. ich werde ihn zu bekämpfen wiſſen.— Nimm Dich in Acht, daß er nicht in Deinen Körper eindringt... Er nimmt alle möglichen Geſtalten an; halte nur Deinen Athem gut zurück!...— Er iſt ſchon dreimal eingedrun⸗ gen; aber er bleibt nicht!... Ich werde ihn ſchon fortzujagen wiſſen.. Seht.. es iſt aus. jetzt geht er fort. Die Bauern, die nun erwarteten, den Teufel aus der Kam⸗ mer herauskommen und mit ſeinen Tatzen auf ſie losſpringen zu ſehen, purzeln die Stufen der Treppe hinunter und kommen athem⸗ los im Hofe an, wo ein anderer Schrecken ihnen vorbehalten war. Die Weiber, die beim geblieben waren, überzeugt, daß der Teufel ſo eben in der Geſtalt einer Kuh durchgegangen ſei, wollten, um ſich der Wahrheit zu verſichern, nachſehen, ob die ſchwarze Kuh auch wirklich fortgegangen ſei: der Tag begann an⸗ zubrechei doch konnte man die Gegenſtände nur mit Mühe unter⸗ ſcheiden. Einige Bäuerinnen kommen in den Pferdeſtall, die andern treten richtig in den Kuhſtall; ſie gehen vorwärts, laufen, ohne auf ihre Füße zu ſehen, und die einen erwiſchen den Kopf Benvit's, die andern die Beine des Nikolas. Dieſe Herren waren auf dem Miſte eingeſchlafen... Als ſie fühlten, daß man auf ihnen herumlaufe, ſtoßen ſie Geſchrei aus. Die Bäuerinnen eilen noch viel ſtärker ſchreiend davon; ſie glauben auf Kobolde getreten zu haben. In dieſem Augen⸗ blicke kamen die von den Reden der Marie⸗Hanne erſchreckten Bauern, immer vier Stufen überſpringend, die Stiege herab⸗ „Das Haus iſt voll von Zauberern,“ ſprechen die Weiber. „Der Teufel iſt der Marie⸗Hanne dreimal in“ den Leib ge⸗ fahren,“ ſprechen die Männer.„Wir bleiben nicht hier 53 gehen wir heim!.. gehen wir heim!“ Dies iſt das allgemeine Geſchrei. Suzon bringt ihre beiden Füße wieder vor das Fenſter hin⸗ aus, ſpringt und gelangt diesmal auf den Boden. Sie drängt Thomas, Thomas die Mutter Lukas, welche den Küfer drängt; dieſer drängt die Obſthändlerin, letztere den Gewürzfrämer und ſo fort. Indem ſie ſo einander fortdrängten, kamen ſie vor dem Schloſſe an; hier hörten ſie auf zu drängen, und thaten wohl daran; denn ſie wären ſonſt in's Waſſer gefallen, mit dem dieſer Ort umgeben iſt. Siebentes Rapitel. Ermenonville, Marig⸗Hanne, Suzon. Wenn man Vernunftgründe ſuchte, ehe man ſich einem pani⸗ ſchen Schrecken überläßt, wenn man einander anhorte, ehe man ſich ſtreitet, wenn man nachdächte, ehe man eine Dumgmheit be⸗ geht, wenn man einander vorher wohl kennen lernte, ehe man ſich heirathet; dann hätten die Kinder nicht mehr vor dem Pelz⸗ mann Furcht, die jungen Mädchen zitterten nicht, ehe ſie in den Keller hinabgingen, die Dorfbewohner würden an einem Kirchhof vorübergehen, ohne die Hinterbacken zuſammenzudrücken und die Augen zu ſchließen; hübſche Frauen würden Abends ohne Schauer die Romane Lord Byron's und der Anna Radeliff leſen, die Sar⸗ maten, Ungarn und Moldauer glaubten nicht mehr an Vampyre, die Schotten an das doppelte Geſicht, die Säugammen an Währ⸗ wölſe und alle ſchwachen Geiſter an Wiederkommende, Geſpenſter und Erſcheinungen. Man erlebte dann weniger Kriege, weil die Syuveräne keine Geſandten mehr hätten, die ſich nur damit he⸗ ſchöftigten, einander auf Spaziergängen vorzufahren(was ehemals der Anlaß zu vielem Blutvergießen war); und wenn es auch 54 käme, ſo würden ſie ihre Kutſcher dafür verantwortlich machen und nicht ein ganzes Volk, das genöthigt wird, zu den Waffen zu greifen, weil ein Pferd dem andern vorgekommen iſt. Leute, die miteinander zu Mittag geſpeist und den Abend beiſammen zu⸗ gebracht haben, würden nicht plötzlich wüthenden Hahnen gleich ſein, weil die Politik der Gegenſtand ihrer Unterhaltung gewor⸗ den; zwei junge Männer würden einander nicht den Hals ab⸗ ſchneiden oder eine Kugel durch den Kopf jagen, weil einer dem andern auf den Fuß getreten hat; dann würde ein junger Menſch kein ehrſames Mädchen, das er nicht heirathen wollte, zu ver⸗ führen ſuchen; ein verheiratheter Mann würde nicht zu liederlichen Weibern gehen, die ihm Uebel anhängen, welche er ſeiner Frau mittheilt; man würde nicht auf die Roulette gehen, ſeine Ehre auf's Spiel zu ſetzen und ſeinen Beutel zu leeren, zu Gunſten der Herren Spielhaus⸗Pächter; man würde nicht in die Lotterie ſetzen, um der Regierung ein Vergnügen zu machen, und man würde nicht die großen Zirkel beſuchen, wo man reichlich mit Punſch, Gefroren und Sorbet bewirthet wird, die man aber in einem einzigen Spiel Pharao oder Gearté hundertfach bezahlt. Dann würde ein Greis kein junges Mädchen, ein Eiferſüchtiger keine Kokette, eine gefühlvolle Frau keinen Bruder Liederlich, eine ord⸗ nungsliebende Frau keinen Säufer, eine Liebenswürdige keinen Dummkopf und ein Mann von Geiſt keine Frömmlerin heirathen. Dann würde es einige gute Ehen geben, und die Kinder würden nicht ſo häufig den Hausfreunden gleich ſehen. Kurz und gut, wenn Frau Lukas ruhig die Treppe herabge⸗ kommen wäre, ſo hätte ſich ihr Ehemann nicht hinter den Fäſſern verſteckt; Beſit nicht im Kuhſtall; Nikolas nicht im Pferdeſtall; ſie hätte Guſtav nicht für einen Dieb ober einen Teufel gehalten und alle Einwohner von Ermenonville hätten die Nacht in ihren Betten zugebracht. Als die Bauern entfernt waren, kam Guſtav mit Marie⸗Hanne 55 herab(der er recht gut gezeigt hatte, was er ſei, und die durchaus keine Furcht vor ihm hatte). Er fand Benoit und Nikolas, die aus ihren Schlafkammern hervorgekrochen waren, im Hofe. Man theilte ſich gegenſeitig mit, was man wußte. Die dicke Marie⸗ Hanne lachte herzlich über den Schrecken ihrer Herrin; Guſtav ſäu⸗ berte ſein Geſicht, während Benoit ſeine Kleidung putzte; Nikolas Toupet war ſehr in Unruhe um ſeinen Herrn und Jungfer Su⸗ zon. Bald hörte man großen Lärm von der Straße her; es waren die Dorfbewohner, welche wieder zurückkamen; da es aber jetzt heller Tag war, und Marie⸗Hanne Guſtav verſicherte, daß er viel zu hübſch ſei, um die Mütter des Orts zurückzuſchrecken, erwartete unſer Held ganz ruhig die Ankunft Derer, die er ſo ſehr erſchreckt hatte. Mit dem Tag wurden die Bauern herzhafter; ſie waren ſchon entſchloſſen, das bezauberte Haus zu durchſuchen, als ſie in die Hauptſtraße einlenkend, einen Landmann erblickten, der eine ſchwarze Kuh führte. „Da iſt das ſchwarze Vieh,“ ſagen die Bäuerinnen.—„Dies iſt mein Mann,“ ruft Frau Lukas. Es war in der That Vater Lukas, der, er ſich vom Schlamme gereinigt und in einem der Gräben des Schloſſes ge⸗ waſchen hatte, damit er nicht mehr für einen Dieb gehalten werde, mit ſeiner ſchwarzen Kuh, die er ganz allein in den Straßen von Ermenonville ſpazierend gefunden hatte, nach Hauſe zurückkehrte. Man ging auf einander zu und erklärte ſich. Vater Lukas beklagte ſich über die Stockſtreiche, die er erhalten hatte Er er⸗ zählte ſein Zuſammentreffen mit dem jungen Fremden, ſeinen Fall in den Sumpf und ſeine Ankunft mitten in der Nacht. Man fing an, zu begreifen, daß der Teufel mit allem dem nichts zu ſchaffen habe. Mutter Lukas zankte ihren Mann, daß er ihr einen jungen Mann hergeführt, der das ganze Haus in Alarm bringe; als ſie aber erfuhr, daß der junge Mann reich ſei, weil er einen Diener und zwei Pferde habe; als ſie beſonders vernahm, daß er groß⸗ müthig und geneigt ſcheine, ſeine Wirthsleute gut zu bezahlen, legte ſich ihr Zorn; ſie wurde der beſten Laune und erlaubte ihrem Ehemann, ſie zü küſſen, als Entſchädigung für die erhaltenen Stockſtreiche. Man langt in dem Hauſe, dem Schauplatze der Begebenheiten dieſer Nacht an. Der Ton, die Miene und die Manieren Guſtav's thaten vollends das Ihrige, daß die Falten im Geſicht der Frau Lukas verſchwanden(unſer Held war bei Gelde); Benvit hatte einen Theil der Kleidungsſtücke ſeines Herrn mitgebracht, und in eindr Weſte befand ſich glücklicherweiſe die Börſe mit den zwei⸗ hundert Louisd'or, welche der Oberſt ſeinem Neffen geſchickt und u deren Verausgabung der Letztere bei Herrn von Berly keine Gelegenheit gefunden hatte. Unſer Held, der wohl ſah, daß man vor Allem Frau Lukas gefallen müſſe, ſchob derſelben einen Louisd'or in die Hand, um ihr die Furcht in Vergeſſenheit zu bringen, die er ihr ſehr unwill— kürlich eingeflößt hatte. Nun wurde Alles im Haüſe in Bewegung geſetzt, um den⸗ ſelben Menſchen gut zu bewirthen, den man beinahe mit Schaufel⸗ und Beſenwürfen getödtet hatte. Man räumte ihm das ſchönſte Zimmer ein, bereitet“ m ein gutes Frühſtück und ſtellte es Benvit anheim, ob er elbſt die Kühe melken und vom Morgen bis zum Abend Milch trinken wolle, wenn ihm dies Vergnü⸗ gen mache. Eine einzige Sache beunruhigte die Bäuerinnen und ſelbſt Frau Lukas noch ein wenig: was wollte Marie⸗Hanne mit ihrem Kampf und ihrem Teufel ſagen, der ihr dreimal in den Leib ein⸗ gedrungen ſei? Es war alſo doch irgend etwas Außergewöhnliches im Haufe. Man läßt die Magd kommen und befragt ſie. „Potztauſend!“ erwiederte Marie⸗Hanne, vich erinnere mich ——————— — Ich ging gegen das Haus zurück, als ich der Köchin 57 jetzt wohl, daß ich einen böſen Traum hatte, und daß mich der Alp zum Erſticken drückte, wie Ihr heraufgekommen ſeid, und daß Ihr mich plötzlich aufgeweckt habt!... meiner Treu!.. jetzt glaube ich, daß ich Euch ganz einfach meinen Traum erzählt habe.“ Die Landleute lachen über ihren Schreckel und den Traum Marie⸗Hannen's, daß ſie ſich den Bauch halten müſſen; Letztere lacht auch über das, was ſie geſagt, und vielleicht auch über das, was ſie gethan hat. Kurz, die Ruhe iſt wieder hergeſtellt und Jeder geht wieder ſeinem gewöhnlichen Tagsgeſchäft nach. Nachdem Guſtav gut gefrühſtückt hat, zieht er ſich mit Benoit in ſein Zimmer zurück und befiehlt ſeinem Diener, ihm ſo gut als möglich zu erzählen, was bei Frau von Berly nach ſeiner Flucht vorgekommen ſei. „Wahrlich, Herr,“ antwortet Benoit,„ich will Ihnen ſagen, was ich geſehen und gehört habe: Erſtlich iſt Ihr Oheim, den Sie, als Sie aus einem Fenſter herabkamen, zu Boden geworfen hatten, wieder aufgeſtanden, um Ihnen nachzulaufen; aber Sie gingen ſo ſchnell, daß er wohl geſehen hat, er könne Sie nicht einholen; hierauf kam er gegen mich her und fragte mich, Feit wann Sie ein Narr geworden ſeien, denn da er Sie im Hemd über Hecken und Gräben ſpringen ſah, glaubte er, daß Sie den Verſtand verloren hätten. In dieſem Augenblicke lief Herr von Berly mit ganz verſtörter Miene herh und rief Shrfm Herrn Oheim ſchon von Weitem zu:„Ihr Neffe hat mü m Hahnrei gemacht! ich habe ihn ſo eben bei meiner Frau troffen!— Das habe ich mir wohl gedacht,“ fiel der Herr Oberſt ſogleich k„ich hatte gewettet, daß der Schlingel ſich über Sie, über Ihre Nichte und mich luſtig machte!...“ Alsdann hat Ihr Her Onkel geflucht, wahrlich!... wie er flucht, wenn er im s iſt; Herr von Berly erhob ein großes Geſchrei und ſchwatzte inander von ſeiner Frau, von der Heirath und dem Bil⸗ 6 begegnete.. Sie wiſſen, Herr, die, welche mir Sauerampfer auf... meine Wunde legen ließ; es iſt im Grunde eine gute Frau, die Sie ſehr liebt, Herr; denn als ſie mich erblickte, hat ſie zu mir geſagt:„Ei nun! Dummkopf, wirſt Du Deinen Herrn ohne Kleider auf dem Felde herumlaufen laſſen? Geh ſo⸗ gleich in ſein Zimmer hinauf, nimm ſ⸗ Effekten und ſein Geld, gehe hierauf in den Stall, beſteig Dein Pferd, führe das Deines Herrn am Zügel und galoppire ihm nach; man wird Dir leicht den Weg, den er genommen hat, bezeichnen können: ein nackter Menſch macht ſich bemerklich.“ Ich habe gethan, Herr, wie die Köchin mir geſagt hat, und Sie wiſſen, wo ich Sie wieder ein⸗ geholt habe.“ „Es iſt gut, Benvit; jetzt laß mich; abet ſo lange wir in dieſer Wohnung bleiben, laß Dir nicht wieder einfallen, die Kühe ohne meine Erlaubniß zu melken.— Seien Sie ruhig, Herr, ich habe zu ſehr Furcht gehabt!... Ich möchte kein Schaf mehr melken!.. 3 Wie Guſtav allein war, dachte er darüber nach, was er thun ſolle: es war nicht möglich, mit Julien, die zudem vielleicht ſtreng beaufſichtigt war, einen Briefwechſel zu unterhalten. Indeß brannte er vor Verlangen, ſie wiſſen zu laſſen, daß er ſie immer noch an⸗ bete; die Verſicherung ſollte ein Troſt für die Frau ſein, die ihm ihre Ruhe und ihren Ruf geopfert hatte. „Ich ihr ſchreiben; vielleicht finde ich durch Vermittlung der guten Köchin das Mittel, ihr den Brief in die Hand zu ſpielen. Allein ich kann Benoit dieſen Auftrag nicht ertheilen.. er iſt zu linkiſch; er würde irgend eine Dummheit machen. die Bauern verſtehen ſich kaum darauf, einen Liebeshandel zu führen.. Ei potztauſend! ich werde ſelbſt gehen, indem ich die Vorſicht er⸗ greife, mich zu verkleiden. Aber ich muß warten, bis die eſſten Angenblicke vorüber ſind; alsdann wird die Wachſamkeit des manns nachlaſſen, und ich werde leichter zu meinem Zwecke g langen. Bringen wir acht Tage in Ermenonville zu... acht Tage!. arme Julie!... das iſt ſehr lang!.. allein es geht nicht anders. In acht Tagen wird mein Onkel wieder nach Paris zurückgekehrt ſein, und ich darf nicht mehr fürchten, ihm zu be⸗ gegnen.“ Nachdem dieſer Plan feſtgeſtellt iſt, handelt es ſich darum, zu wiſſen, was man acht Tage long in einem Dorf treiben wird. Allein dieſes Dorf iſt Ermenonville, deſſen Name allein rührende Erinnerungen hervorruft und deſſen bezaubernde Lage den am wenigſten für das Landleben eingenommenen Menſchen verführen würde. Joſeph II. hat hier in einer Hütte geſpeist; Guſtav Il. hat es beſucht; und Jean Jacques Rouſſeau hat die letzten Augen⸗ blicke ſeines Lebens hier zugebracht; Herr Saint⸗Réal kann ſich alſo wohl einige Tage hier gefallen. Und dann gibt es eine ge⸗ wiſſe Marie⸗Hanne, die ſich ſehr gut mit dem Teufel ſchlägt, und eine kleine Suzon, deren hübſche Miene die Erinnerung au eine unglückliche Liebe zerſtreuen kann. Nun, unſer junger Mann wird ſich in Ermenonville nicht langweilen. „Wir wollen vor allen Dingen Bekanntſchaft mit dieſem Orte machen,“ ſagt Guſtav. Er geht die Treppe hinab und findet Frau Lukas beſchäftigt, Tauben für das Mittageſſen zu rupfen, während ihr Mann die Hühner füttert. „Madame Lukas, ich möchte das Dorf und die Umgegend durchſtreifen.— Kennt der Herr unſern Ort nicht?— Nein, Frau Lukas; ich bin hauptſächlich gekommen, um ihn kennen zu lernen, und habe den Aufenthalt in einem ruhigen Hauſe dem in einer Herberge, wo man häufig ſehr übel wohnt, vorgezogen.— Sie haben wohl daran gethan, mein Hert; o! Sie können bei uns wohnen, ſo lange es Ihnen gefällt; es hindert uns nicht; im Gegentheil.— Ich danke Ihnen, Frau Lukas.— Sie werden uber die Gegend entzückt ſein o! Sie werden ſchöne Dinge ſehen!...— Die, welche ich ſchon geſehen habe, ſchienen mir recht artig— Was! Sie ſind bei Nacht angekommen!... Sie haben nichts ſehen können. Der Park des Schloſſes iſt hübſch! — Könnte ich dort eintreten?— Ja freilich!... meine Tochter wird Sie hinführen... das Schloß wird in dem Augenblicke nur von dem Hausvogt bewohnt... Suzon... Suzon.. 6 „Ich will den Herrn hinführen,“ ſagt Marie⸗Hanne, indem ſie vortritt.—„Nein, nein!... Du mußt Butter und Käſe machen; Suzon ſoll gehen.“ Marie⸗Hanne iſt mit dem Vorzug, den man Suzon gegeben, nicht zufrieden; ſie macht ſich mit Aerger wieder an den Käſe. Das junge Mädchen ſetzt ihr ſchönes Häubchen auf, zieht ihre Sonntagsſchürze an und macht ſich freudig bereit, den ſchönen Herrn zu führen. Allein die Mama, welche ihrem Gaſt ein Ver⸗ gnügen zu machen gedenkt, wenn ſie ihn begleite, befiehlt ihrem Mann, die Tauben zu rupfen, auf das Eſſen Acht zu geben und ſchickt ſich an, der Tochter zu folgen; zudem könnte die Kleine mit einem jungen Herrn aus der Stadt, der zwar ſehr ehrbar ſcheint, jedoch bei hübſchen Mädchen ſich ſehr aufgeweckt zeigt, nicht ſicher ſein. Und dann, was würde Nikolas Toupet ſagen, wenn er bei ſeiner Rückkunft vom Felde vernähme, daß Suzon allein mit dem Fremden ausgegangen ſei? Und Sie werden wiſſen, daß Nikolas Toupet der Zukünftige der Jungfer Suzon iſt? Man bedurfte alſo der Begleitung der Mama. Suzon hätte es lieber geſehen, mit dem jungen Manne allein zu ſein, ohne gerade zu wiſſen, warum, und Marie⸗Hanne war im Gegentheil mit dieſer neuen Anordnung zufrieden. Was Guſtav betrifft, ſo betrachtete er Suzon, die ſechzehn Jahre alt war, blaue Augen, ſchöne Zähne, einen ganz friſchen Mund und ſehr ſchwarze Haare hatte. Er ſeufzte, wie er ſah, daß Frau Lukas ihre Schürze anzog; er hätte noch weit mehr geſeufzt, wenn er den vorigen Abend Suzon geſehen hätte, wie ſie durch das Hemd feſtgehalten war und Reize zeigte, bei denen alle Marie⸗Hännen erblaſſen mußten! 61 Man geht weg, durchſchneidet einen Theil des Dorfes und Guſtav bemerkt auf dem Wege, daß alle Bewohner herrliche Zähne haben, was man wohl der Geſundheit des Waſſers zuzuſchreiben hat. Man tritt in den Park des Schloſſes. Welch' bezaubernder Aufenthaltsort!. friſche Schattenpartien, prächtige Raſenplätze, Bäche, die ſich ſchlängeln und durchkreuzen, Kaskaden, einſame Grotten, mit Blumen geſchmückte Wieſen, ein See, der die Mauern des Schloſſes beſpült und auf deſſen Ufern ſich ein an⸗ tiker Thurm erhebt, der mit Epheu und Geisblatt umrankt iſt. Von einer Rotonde vor dem ſogenannten Gabrielenthurm entdeckt man eine köſtliche Landſchaft; eine alte Wappenſchilderei iſt auf der Vorderſeite der Rotonde angebracht: an dieſen Orten erinnert Alles an die alten Paladine und an die Zeit der Turniere und des Ritterweſens. Wie Schade, daß dieſes Monument in Trümmer zu fallen droht! Unten am Thurm bietet eine Fähre, welche durch zwei Seile, die von einem Ufer zum andern gehen und in kleinen kupfernen Rollen laufen, feſtgehalten iſt, die Bequemlichkeit hin und her u fahren, indem man ſelbſt eines der Seile anzieht, das die Fähre hält. In dem die Wüſte genannten Theil erblickt man auf einer Anhöhe, von der man die ganze Gegend überſieht, das Häuschen von Jean⸗Jacques. Dieſes Häuschen fällt gleichſam in Trümmer: ſollte man nicht zu erhalten fuchen, was die Erinnernng an einen großen Mann zurückrufen kann? Unter einer von einem Bache umgebenen Grotte ſchreibt Guſtav folgende Verſe ab: O limpide fontaine! 5 fontaine chérie! Puisse la sotte vanité Ne jamais habitér rive humble et fleurie! Que ton simple sentier ne soit point frequente par aucun tourment de la vie, Pels que PAmbition, l'Envie, LoAvarice et la Pausseté. Un bocage, s frais, un séjour si tranquille Aun tendres sentimens doit seul servir d'asile; Ces rameaus amoureux, entrelacés esprès, Aux Muses, aux Amours offrent leur voile épais, Pt le cristal d'une onde pure A jamais ne doit réfléchir Que les gräces de la nature Pt les images du plaisir. „Wenn Julie bei mir wäre,“ dachte Guſtav,„dann würde ich Suzon und ihre Mutter heimſchicken, ich würde mich auf dieſe Moosbank ſetzen, wo ſo viele Andere glücklich geweſen ſind, wenig⸗ ſtens nach den Inſchriften zu urtheilen, mit denen dieſer Stein bedeckt iſt!... Die Liebenden ſind ſehr ſchwatzhaft!... iſt es nothwendig, daß die Fremden, kurz alle die, welche ſich hier er⸗ gehen, wiſſen, daß Herr und Frau** hieher gekommen ſind, um der Liebe zu pflegen?.. ſchreibt wenigſtens nur die Taufnamen auf.“ Man geht aus dem Parf, auf die andere Seite des Schloſſes. Hier iſt die Pappelinſel, wo Jean Jacques ruht. Um auf dieſen Theil des Sees zu gelangen, muß man durch ein altes Gebäude gehen, das ehemals eine Mühle war und jetzt nicht mehr be⸗ wohnbar iſt. Man befindet ſich auf einem mit Trauerweiden bekränzten und von allen Seiten mit Waſſer umgebenen Weg; vor der Inſel iſt ein Nachen, mittelſt deſſen man das Grab des Naturmenſchen beſuchen kann: ſo wird er wenigſtens auf dem einfachen Denkmal, das ſeine Aſche umſchließt, genannt. Eine kurze, auf einem Pfahl angeheftete Inſchrift fordert die Beſucher der Pappelinſel auf, nichts auf das Grab von Jean Jacques zu ſchreiben. Dieſe Inſchrift iſt nicht beachtet worden; denn die Sucht, ſeinen Namen auf merkwürdige Denkmale zu kritzeln, wird eine nothwendige, unvermeidliche Sache; man vergißt nicht, ein Meſſer oder Federmeſſer mitzunehmen, wenn man die Katakomben, die Gräber von Saint-Denis u. ſ. w. beſucht. Bei Grotten, Bosqueten laſſe ich es mir noch gefallen, aber welchen Reiz kann man darin finden, neben Jean Jacques Rouſſeau die Namen Philipp, Franz, Juſtine zu leſen? Es gibt in Deutſchland, der Schweiz und in England in den bei intereſſanten Landſchaften und Denkmalen gelegenen Gaſthoͤfen Erinnerungsbücher, die beſtimmt ſind, die Gedanken der Reiſenden in Proſa oder in Verſen aufzunehmen: dieſe Erinnerungsbücher, in welche man Etwas zu ſchreiben eingeladen wird, werden ſelten gefüllt, weil es leichter iſt, ſeinen Namen, als einen Gedanken zu ſchreiben. Nachdem man einige Zeit auf dem Waſſer umher gefahren war, ſchlugen Guſtav und ſeine Führerinnen den Weg nach ihrem Hauſe wieder ein, wo ein gutes Mittageſſen ihrer wartete. Man ſetzt ſich zu Tiſch; hier gibt es kein Ceremoniell, keine Etiquette, keinen Zwang; Suzon, ihre Eltern, Guſtav, Marie⸗Hanne und Nikolas Toupet ſitzen an derſelben Tafel. Benoit, der immer von ſeinen Pflichten durchdrungen iſt, will hinter ſeinem Herrn bleiben, um ihn zu bedienen, und nur mit vieler Mühe kann ihn Guſtav dazu bewegen, ſich in eine Ecke am Ende der Tafel zu ſetzen, wo man ihm zu eſſen gibt. Mutter Lukas, welche etwas ſchmähſüchtiger Natur iſt, erzählt Guſtav während des Mahls alle Abenteuer der Gegend und die Geſchichte ihrer Nachbarn, ſie unterbricht ſich nur, um ihrem Mann zu befehlen, daß er zu trinken einſchenke, und Suzon, daß ſie ſich gerade halte. Die Kleine ſaß an der Seite des Herrn, der ſie lächelnd betrachtete, was ſie erröthen machte; denn auf dem Lande iſt man weniger an dieſe Dinge gewöhnt, als in der Stadt. Mutter Lukas war an der Geſchichte der Tiſchlerin, die ihre 64 Tochter nach Paris gebracht hatte, um aus ihr eine große Dame zu machen.„Um damit zu Ende zu kommen, mein Herr,“ ſprach ſie, nachdem ſie den Teller Guſtav's, der ſchon nichts mehr hinunter bringen konnte, gefüllt hatte.„Sie wiſſen alſo, daß dieſes Mädchen in Paris ein warmes Neſt gefunden hat!... Trinken Sie doch, mein Herr. Auf Ihre Geſundheit, wenn Sie es gütigſt erlauben wollen... Auf einmal, ohne daß man weiß, wie und woher, hat ſie eine Kutſche mit zwei Pferden... Lukas, ſchenk voch zu trinken ein, ſtatt hinzuſitzen und nichts zu thun... Sie eſſen nicht, mein Herr... Aber was das Sonderbarſte iſt, um vamit zu Ende zu kommen, dieſe hübſche Jungfer... Halte doch den Kopf in die Höhe, Suzon.. Alſo ſie iſt in einer Kaleſche gekommen, um das Dorf zu beſuchen.. Schenk doch zu trinken ein, Lukas... Noch ein Stück, mein Herr... Und werden Sie es glauben, daß ſie nicht bei ihren Eltern gewohnt hat? Ah, gut, ſie hatte den Ton einer Prinzeſſin!... Sie eſſen nicht, mein Herr... Lukas, was machſt Du denn? ſtatt dem Herrn zu trinken zu geben... Auch hat man ſich, als man dies in dem Ort geſehen, über die Eltern luſtig gemacht, die aus ihrer Tochter eine große Dame bilden wollten... Auf Ihr Wohlſein, auf das Wohl Ihrer Frau Mutter, Ihres Herrn Vaters, Ihrer Freunde und Bekannten... Und Sie werden zugeben, daß man Recht hatte; denn wie jener Andere ſagt: Derjenige, welcher, mit Re⸗ ſpekt zu ſagen, höher f... will, als ſein A.... iſt, derjenige, ſage ich...“ Die Mutter Lukas wurde durch Nikolas unterbrochen, der einen Schrei und einen derben Fluch ausſtieß, weil man ihm auf ſein Hühnerauge trete. Der Vater Lukas, gerade damit be⸗ ſchäftigt, einzuſchenken, ließ die Flaſche auf den Tiſch fallen; der Wein floß in eine Schüſſel mit Hühnerfricaſſé, Marie-Hanne biß ſich in die Zunge, um nicht zu lachen, Benvit verkirnte ſich. Man verließ die Tafel; Frau Lukas machte ihrem Manne eine 8 5 * 5 8 8 S S ₰ —*— 65 Scene über ſeine ungeſchicklichkeit, Guſtav unterhielt ſich mit“ 6 Suzon; aber Marie⸗Hanne verlor beide nicht aus dem Geſichte: eeine Bäuerin hat Leidenſchaften wie eine Dame aus der Stadt; 6 die Leidenſchaften geben den Dummen zuweilen Geiſt und machen Leute von Geiſt ſehr dumm. Nach Tiſche ging Guſtav allein in dem Gehölz ſpazieren: er dachte an Julie, und das Mittel, das er in Anwendung bringen wollte, ihr einen Brief in die Hände zu ſpielen. Der Anblick der Geſträuche, des grünen Waldbodens rief ihm den hübſchen Billard⸗ ſaal und die ſüßen Unterrichtsſtunden, die ſeine Schülerin ſo gerne empfing, in's Gedächtniß zurück; er verfluchte die Ehemänner und die Oheime; beſonders ſeine Unvorſichtigkeit: Ach! wäre doch der Riegel vorgeſchoben geweſen!... Indem er wieder nach dem Dorfe zurückging, dachte es an Suzon, an ihre ſchüchterne Miene und ihre unſchuldsvolle Hal⸗ tung:„Gehen wir,“ ſagte er,„ich habe Unrecht gethan, ihr an das Knie zu ſtoßen und ihr auf den Fuß zu treten. Dieſe Kleine iſt die Schamhaftigkeit ſelbſt; und ich will ihr Ideen in den Kopf ſetzen!.. Ich mache ſie erröthen!... Ach! dies iſt ſchlimm!. Ich liebe die Frauen, das iſt ſehr gut; ich bin unkeſtändig! das iſt nicht mein Fehler; ich mache einen Ehemann zum Hahnrei; wenn ich es nicht thäte, würde es ein Anderer für mich thun! . WMan erweist ſogar den Ehemännern einen Dienſt, wenn man ihre Gattinnen auf die Probe ſtellt: die, welche nur ans Mangel an Gelegenheit geſetzt iſt, hat kein großes Verdienſt; aber man muß ein unſchuldiges Mädchen nicht verführen und es darauf ankommen laſſen, das Unglück ihres Lebens zu machen! Wiewohl man mich einen liederlichen Geſellen heißt, ſo habe ich mir doch einen ſolchen Fehler nicht votzuwerfen. Was die Frauenzimmer betrifft, die, wenn ſie aus ihrer Penſton treten, in der Theyrie beſitzen, was ihnen in der Praris mangelt, die iſ⸗ es vhl er⸗ Paul de Kock. X. 66 laubt anzugreifen; ſie wiſſen, was ein Liebender wünſcht unb was ſie zu thun haben.“ Guſtav kommt alſo zu Lukas mit dem feſten Entſchluß zurück, Suzon nicht mehr zum Erröthen zu bringen; was überdies für Nikolas Toupet, dem es ſchon genug war, daß man ihm auf den Fuß getreten hatte, unangenehm ſein konnte. Man erwartete den jungen Mann mit dem Nachteſſen. Bei den Dorfbewohnern kennt man in der Woche nur die drei Dinge: arbeiten, eſſen und ſchlafen. Guſtav ißt, er hat nichts Beſſeres zu thun; dann geht er in ſein Zimmer, um durch den Schlaf ſich von den Anſtrengungen der vorhergehenden Tage zu erholen. Marie⸗Hanne ſieht ihn die Treppe zu ſeinem Zimmer hinauf⸗ gehen; ſie ſucht in ſeinen Augen zu leſen, aber der junge Mann hat Ruhe nöthig und ſchenkt der Augenſprache des dicken Mädchens keine Aufmerkſamkeit; er tritt ein und verſchließt ſich in ſein Zimmer. Benvit wird in eine Kammer auf den Dachboden neben der Schlafkammer des Nikolas Toupet geſchickt, und Jeder ſucht den Schlaf, deſſen Genuß die vorangegangene Nacht nicht geſtattete. Marie⸗Hanne fühlt keine Luſt zu ſchlafen in ſich, ſie legt ſich indeß zu Bette; allein ſie horcht.. ſie erwartet... und hofft„. Sie war ſtark genug, um ſich jede Nacht mit dem Teufel zu balgen, und dann hatte ſie auch nicht wie Guſtav mehrere Meilen zu Pferde gemacht, war nicht aus einem Fenſter geſprungen, in keine Pfütze gefallen. Allein die Nacht verfließt und Niemand kommt! Sie wiſſen, Leſer, Peésir de fille est un feu qui dévore! (Mädchen⸗Verlangen iſt ein verzehrendes Feuer!) Da man alſo nicht ſchlafen kann, wenn man brennt, ſpeingt Marie⸗Hann über ihr Bett herunter; ſie überredet ſich, daß mch Guſta ſie ſeinerſeits erwarte; ſie glaubt ſogar, daß er ihr ein 67 Zeichen gegeben habe, zu ihm zu kommen; zudem iſt es eine Höflichkeit, die ſie ihm ſchuldig iſt und die ihm nicht wird miß⸗ fallen können. Indem ſie hierauf nur einen leichten Unterrock überwirft, öffnet ſie ihre Thüre und geht hinab; ſie hat kein Licht nöthig; denn ſie kennt alle Schleichwege des Hauſes. Das dicke Mädchen kommt vor der Thüre des Zimmers, worin der junge Fremdling ſchläft, an; ſie klopft zuerſt ganz leiſe, hierauf ſtärker, dann noch ſtärker. Guſtav erwacht endlich. „Wer iſt da?“ fragt er, ohne aufzuſtehen.—„Ich bin es, die... mit der. letzte Nacht... ohne hell zu ſehen..— Ach! Du biſt es, Marie⸗Hanne! ei! was Teufels willſt Du von mir?... — Schaut, dieſe Frage! wahrlich!... ich komme, um.. ich komme, weil.. Sie nicht kamen...— Ach, meine liebe Freundin! der Teufel kommt nicht alle Nacht, um die Mädchen zu ver⸗ ſuchen... die Höllengeiſter ſind nicht von Eiſen, und der, welcher Dich geſtern geplagt, hat heute nothwendig zu ſchlafen. Gute Nacht, Marie⸗Hanne!“ Das arme Mädchen bleibt betroffen vor der Thüre ſtehen, die ſich heute nicht für ſie öffnen ſoll. Schmerz und Aerger regen ſie auf; die Eiferſucht geſellt ſich gleichfalls bald hinzu; ein Gedanke bringt einen andern hervor. Sie erinnert ſich an die Art, wie Guſtav Suzon anblickte; an ſeine Zuvorkommenheit und Aufmerkſamkeit gegen ſie; an die Röthe des jungen Mädchens und den Fußtritt, welchen Nikolas Toupet unter dem Tiſch erhalten hat. „Nun,“ ſagte ſie⸗„ſie lieben einander, ſie haben ſich verſtändigt!.. up meil eine Thüre nicht aufmachen will, ſo. 6i Wacht! wenn ſie jetzt bei ihm wäre! Ach, ich muß wiſſen, was daran iſt.“ ie⸗Hanne drückt ihr Ohr an das Schloß; ſie bückt ſich, der Thüre durchzuſehen ſie bildet ſich ein, Reden, ger, Senfzer zu hören. Damit ſie aber ihrer Sache , entſchließt ſie ſich, an der Thüre Suzonls zu klopfen 68 wenn das junge Mädchen keine Antwort gibt, ſo iſt kein Zweifel, daß ſie im Zimmer des Herrn iſt, und in dieſem Fall iſt Marie⸗ Hanne feſt entſchloſſen, das Haus aufzuwecken und Nikolas Toupet zuerſt, damit man die Jungfer beſtrafe, die ſich erlaubt, bei einem jungen Manne zu ſchlafen, was ein Greuel iſt, eine abſcheuliche, entſetzliche Sache!... kurz, was verhindert, daß dieſer junge Mann Marie⸗Hannen ſeine Thüre öffnet. Sie durchläuft einen kleinen Gang und pocht an der Thüre Suzon's, man antwortet nicht; ſie pocht von Neuem und will gerade Lärm machen, als eine leichte, ſanfte Stimme fragt:„Wer iſt da?“.. Marie⸗Hanne erkennt Suzon's Stimme: ſie hat Unrecht und will ſich entfernen, erhält aber einen derben Schlag auf den Hintern: die Magd ſtößt einen Schrei aus und entflieht. Nikolas Toupet liebte Jungfer Suzon, welche man ihm zur Ehe geben ſollte, weil er ein guter Arbeiter war und einen reichen Oheim zu beerben hatte. Der Landmann iſt gleichfalls eiferfüchtig geworden; der Herr aus der Stadt war ein ſo hübſcher Junge! er hatte ſo leichtfertige Manieren bei den Mädchen! und dann erröthete Jungfer Suzon und blickte ihn verſtohlen an! Alles dies hatte Nikolas beunruhigt, der irgend einen, ſeine Liebe gefähr⸗ denden Plan vermuthete und ſich daher dem Schlaf nicht über⸗ laſſen konnte. Er hatte auf der Treppe gehen hören(denn das vicke Ding machte Geräuſch, ſelbſt wenn ſie leiſe lief); er war hinabgegangen und hatte ſich bei der Thüre der Jungfer Suzon verſteckt; er hörte Jemand gegen ſich kommen. hierauf pochte vieſer Jemand an die Thüre der Jungfer; ein Verlisbter ſein.... Zorn und Eiferſucht und Unterſchied mehr; Nikolas hatte mit all' ſeiner F den Hintern Marie⸗Hannen's geſchlagen, indem er ſein“ buhler zu bläuen glaubte. 5 Marie⸗Hanne ſteigt die holporigte Treppe hinauf, mab falſchen Tritt und fällt. Nikolas verfolgt ſie, holt ſie ei 69 packt ſie an einer Stelle„Potz tauſend, dies iſt der Herr nicht,“ ruft er erſtaunt aus!—„Wie, Du biſt es, Nikolas?“ ſagte die Magd, ſich wieder aufrichtend.—„Seht, es iſt Marie⸗ Hanne! Ach gut! wenn ich dies gewußt hätte, würde ich nicht ſo ſtark zugeſchlagen haben... ich hatte Dich für einen Dieb ge⸗ halten. Aber was machteſt Du denn an der Thüre Suzon's?— Tauſend! ich war herabgegangen weil ich glaubte, anſene Herrin habe mir gerufen; und Du, Nikolas?— Ich Ah! ich hatte Geräuſch gehört, und bin gegangen, um da es aber nichts iſt, will ich mich in's Bett legen. Schlaf wohl. Marie⸗Hanne.— Gute Nacht, Nikolas!“ Jedes von ihnen geht wieder ruhig in ſeine Kammer zurück. Nikolas weiß, daß Suzon auf ihrem Stübchen iſt, und Marie⸗ Hanne hat ſich überzeugt, der ſchöne Herr ſei allein in ſeinem Zimmer; beide legen ſich in's Bett, vergnügt darüber, daß ſie ſich geirrt haben. Arme Eiferſüchtige!... ihr habt einen Vorfall in's Leben gerufen, den ihr fürchtetet und der ohne euch vielleicht gar nie Statt gefunden hätte. Suzon war, wie Sie wiſſen, beim zweiten Schlag an ihre Thüre aufgewacht. Sie hat gefragt:„Wer iſt da?“ man hat ihr nicht geantwortet, ſondern einen Schrei ausgeſtoßen; das junge Mädchen hat die Stimme Marie⸗Hannen's erfannt. Sie ſteht auf, unruhig über die Urſache und befürchtend, ihre Eltern oder der 1— junge Herr möchten nwohl ſein. Guſtav ſeineßſeits, der, als er aufgewacht war, Mühe hatte, oieder einzuſchlaf⸗ dachte darüber nach, daß es hart geweſen, das arme Mädchen, das ihn aufgeſucht habe, auf dieſe Art wieder und daß er ihr wenigſtens einen leichten Troſt ſe. Marie⸗Hanne war nicht ſo hübſch wie Suzon, aber Fn Werth, und da er einige Tage bei den Dorfl euſe wollte, war es mu ſie in guter Laun . 70 Unſer Held gibt der Verſuchung, dei Zufall, dem Geſchick, oder was Sie ſonſt wollen, nach. Er ſteht auf, öffnet ſeine Thüre, macht einige Schritte im Gang und befindet ſich dicht vor Suzon, die er für Marie⸗Hanne hält; er zieht ſie mit ſich in ſein Zim⸗ mer; Suzon läßt ſich führen; er küßt ſie, die Kleine läßt ſich küſſen; ſie findet ſo viel Vergnügen dabei, daß ſie nicht die Kraft hat, zu ſprechen; und... Suzon ſtößt einen Freudenſchrei, Guſtav einen Ruf der Ver⸗ wunderung aus:„O Himmel!“ ſagte er,„es iſt nicht Marie⸗ Hanne!...— Nein, mein Herr, ich bin es... Suzon!.— Nun, es ſteht geſchrieben, daß ich immer Dummheiten machen ſoll,.. doch diesmal iſt es nicht meine Schuld; der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich Sie nicht verführen wollte; aber, meiner Treu, weil der Zufall dieſes Kind in meine Arme ſinken läßt, ſo wollen wir meinem glücklichen Stern den ſchuldigen Dank ſagen.“ Guſtav, für Marie⸗Hanne ermüdet, findet in den Armen Suzon's ſein ganzes Feuer wieder. Die füßeſten Vergnügungen haben nur zu ſchnell ein Ende. Unſer junger Mann ſetzt ſich neben die Kleine und man beginnt die Erklärung. „Wie kommt es, meine Freundin, daß Du Dich mitten in der Nacht im bloßen Hemde im Gang befindeſt?— Weil man an meine Thüre gepocht hat; dies hat mich geweckt; ich bin auf⸗ geſtanden, um zu ſehen, was es gebe; ich fürchtete, Sie wären krank...— Arme Kleine! Du dachteſt alſo an mich?— O ja, mein Herr.— Iſt Dir das leid, was vorzekommen iſt?— Wahrhaftig, es iſt mir leid und lieb.. aber Ihnen. ich ſehe wohl, daß Sie mich für Marie⸗Hanne gehalten haben, und daß Sie nicht an mich dachten.— Ich dachte im Gegestheil viel an Dich; ich liebte Dich, Suzon, aber ich wagte nicht, fagen; ich achtete Deine Unſchuld... und jetzt noch, wo⸗ zum glücklichſten Menſchen gemacht haſt, würde ich meinz fluchen, wenn es Dir Kummer verurſachen müßte!— Wahrlich! was wollen Sie? jetzt iſt es geſchehen...— Aber Nikolas Toupet?...— Ol! er wird es nicht erfahren.— Liebſt Du ihn? — O nein!.. ich liebte ihn nicht ſehr.. jetzt liebe ich ihn gar nicht mehr.— Du ſollſt ihn indeß heirathen?— Ihn heirathen!.. O nein! mein Herr, ich will Niemand mehr heirathen— Warum denn, meine liebe Freundin?— Weil ich Niemand be⸗ trügen will; und dann könnte ich meinen Mann nicht lieben, weil ich Sie jetzt liebe.— Meine kleine Suzon, ich liebe Dich auch von ganzem Herzen, aber ich kann Dich nicht heirathen.— O! ich weiß es wohl, mein Herr!..— Du haſt ſo eben geſagt, daß Nikolas von dem, was zwiſchen uns vorgekommen iſt, nichts wiſſen werde?..— Ohne Zweifel; aber ich werde es wiſſen 1.. — Und Deine Eltern, was werden ſie ſagen, wenn Du Dich weigerſt, zu heirathen?— Ich weiß nicht.— Du ſiehſt wohl, daß Du vernünftig ſein mußt.— Ja, mein Herr, aber ich werde mich nicht verheirathen.“ „Wohlan, ſie hat Charakter!. ich werde ſie heute nicht zur Vernunft bringen können!.. wenn ich aber abgereist ſein werde, wird ſie mich vergeſſen und den Dummkopf Nikolas heirathen.“. Und Guſtav, der der Kleinen genug vormoraliſirt hatte, die weinte, weil er ſie nicht mehr küßte und ſie verheirathen wollte, nahm ſie in ſeine Arme, drückte ſie an ſein Herz und tröſtete ſie mit aller Beredſamkeit, die er noch übrig hatte. Die Nacht ging zu Ende, man mußte ſich trennen; Suzon fragte Guſtav ſchüch⸗ tern, ob ſie ihn wieder in ſeinem Zimmer beſuchen dürfe? Er verſicherte ſie, daß dies alle ſeine Wünſche krönen würde, und ſie entfernte ſich, vergnügt über das Glück, das ſie kennen gelernt hatte, und ſchon nach dem ſeufzend, was ſie noch weiter zu ge⸗ nießen hoffte. Guſlav legte ſich wieder in's Bett, entſch ſchlafen, weil man im Hauſe des Vaters Lukas die Nächte ſo gut anwendete. 8 Wie Guſtav gegen Mittag herabging, begegnete er Marie⸗ Hannen auf der Treppe.„Meine liebe Freundin,“ ſprach er mit ſtrengem Tone,„ich fordere Sie auf, künftig bei Nacht in Ihrer Kammer zu bleiben und nicht mehr vor meiner Thüre Lärm zu machen. Ich habe in Folge eines Irrthums einen Augenblick ſchwoch ſein können; aber von jetzt an muß ich geſetzt ſein und daduich das Glück verdienen, bei ehrbaren Leuten zu wohnen. Bedenken Sie, daß wenn Sie mit Ihren Tollheiten wieder an⸗ fangen würden, dies mich nöthigte, ſogleich dieſes Haus zu verlaſſen.“ Marie⸗Hanne ſtammelte beſchämt einige Entſchuldigungen und ging höchſt entrüſtet über die jungen Leute aus der Stadt, bei welchen man nicht wiſſe, auf was man rechnen könne, weg. Suzon erwartete mit Ungeduld das Erwachen Desjenigen, der ſie während der Nacht ſo ſchöne Dinge gelehrt hatte und ſie in der kommenden Nacht noch weiter lehren ſollte. Ein Herz von ſechzehn Jahren wird ſehr ſchnell anhänglich; aber das kleine Landmädchen war zu gefühlvoll, um glücklich zu ſein! Pikolas, von ſeinen Vermuthungen geheilt, paßte ſeiner Zuklntigen nicht mehr auf. Marie-Hanne, ſich vor Guſtav ſchämond, entfernte ſich, ſowie ſie ihn erblickte. Die Eltern, ver⸗ trauensvoll und ruhig, bewachten ihre Pochter nicht; zudem machte ihnen Benvit hinlängliche Beſchäftigung, der, ſeit man es ihm bequem gemacht hatte, den Schrecken vergaß, den ihm die Kuh eingejagt hatte, und ſich den ganzen Tag beluſtigte; bald beſtieg er die Eſel, die er krenzlahm machte, bald hetzte er die Hahnen hinter einander; bald nahm er Vogelneſter aus, indem er auf die Bäume ſtieg und Aeſte abbrach; bald aß er den Hühnern die Eier weg, molk die Kühe und warf die Milch um, wenn er Butter machen wollte; dann verſchenchte er die Hühner und ſchloß die Enken zu den Tauben in den Schlag. 3 73 Während die Landleute die Dummheiten des Herrn Benvit verbeſſerten, ging Guſtav mit Suzon ſpazieren und verirrte ſich mit ihr auf den Feldern; bei Nacht fand man ſich wieder zu⸗ ſammen und immer wiederholte die Kleine, in Folge der Unter⸗ haltungen mit ihrem Freunde:„Ach! niemals werde ich Nikolas heirathen!“ Vierzehn Tage gingen vorüber. Guſtav hatte nur acht in Ermenonville bleiben wollen; allein die ländlichen Reize Suzon's hatten ihn die Schwüre, die er Julien geleiſtet, vergeſſen laſſen. Den ſechzehnten Tag indeß begriff Guſtav, der das kleine Mädchen abermals vergeblich aufgefordert hatte, Nikolas zu heirathen, daß er Suzon nicht von ihrer Liebe heilen könne, wenn er bei ihr bliebe. Er warf ſich auch die Gleichgültigkeit vor, mit der er die Liebe der Frau von Berly bezahlte; und da es eine der Eigen⸗ ſchaften unſeres Helden war, ſchnell auszuführen, was er thun wollte, ſo kaufte er ſogleich Bauernkleider, befahl Benoit, die Pferd⸗ zu ſatteln, bezahlte Frau Lukas ſehr freigebig, küßte Suzon zärtlich, drückte Marie⸗Hannen einen Louisd'or in die Hand und kündigte den Landleuten an, daß er nach Paris abreiſe. Suzon, die auf dieſe Abreiſe nicht gefaßt war, obgleich ſie dieſelbe ſeit langer Zeit befürchtete, ſich aber ſchmeichelte, daß ſie noch weit entfernt ſei, weil ihr Herz ſich mit dem Gedanken nicht vertraut machen konnte, ohne Guſtav zu leben, Suzon ſtieß einen Schrei aus und ſiel zu den Füßen ihrer Mutter. Die Bauern, welche die Ohnmacht ihrer Tochter einem gewöhnlichen Unwohlſein beimaßen, beeiferten ſich, ſie an die Luft zu tragen: ſie kam wieder zu ſich, blickte Guſtav an und ſprach kein Wort; was ihn betrifft, ſo beeilte er ſich, da er fühlte, daß ſein Muth abnahm, zu Pferde zu ſteigen, und entfernte ſich von dem Dorfe, ohne daß er zurückzuſchauen wagte, weil er immer noch dem bit⸗ tenden Blicke Suzon's zu begegnen fürchtete. — Achtes Kapitel. Eine Frau von Geiſt würde machen, daß man an Wunder glaubte. Nachdem Guſtav eine Meile gemacht hatte, tritt er in ein vichtes Gebüſch und befiehlt Benvit, Wache zu ſtehen, weil man auf den Gedanken gerathen könnte, es ſei irgend ein von Gendarmerie verfolgter Mann, der ſich ſo mitten in einem Gehölz verkleide. Guſtav hatte ſeinen neuen Anzug bei den Dorfbewohnern nicht anlegen wollen, um ihre Fragen zu vermeiden. Er ſchlüpft in ein Paar weite Beinkleider von Leinwand, zieht eine blaue Jacke an, bedeckt ſich den Kopf mit einem großen runden Hut und geht wieder auf Benvit zu, der im Begriff iſt, zu entfliehen, da er ſeinen Herrn nicht erkannte. Guſtav befiehlt ihm, nach Paris zu gehen und ihn bei ſeinem Freunde Olivier zu erwarten, deſſen Freundſchaft ſich nie ver⸗ läugnet hat und bei dem er ſicher iſt, ſo lange ſein Oheim mit ihm grollt, eine Stätte zu finden.„Und die Pferde, Herr,“ fragt Benvit;„Sie wiſſen, daß Sie Ihrem Oheim gehören.. — Dummkopf!.. gehört nicht dem Neffen auch, was dem Oheim gehört? Ueberdies hat der Oberſt ſie mir gegeben.“ „Soll ich ſie auch zu Herrn Olivier führen?..— Ach, Teufel! es hat eine Schwierigkeit!. Olivier hat keinen Stall..— Wenn er ein kleines Kabinet zu ebener Erde hätte?... — Ei! Tölpel, wo denkſt Du hin?... Ah, zum Henker! Du ſagſt zu Olivier, er ſolle ſie verkaufen; ich habe gerade in kurzer Zeit Geld nöthig und dies wird mir verſchaffen.“ „Wie, Herr, ich werde Ihnen alſo zu Fuße folgen müſſen? — Dies wird Dich ſehr krank machen!.— Wie Schade!. ich fing an ſo gut zu Pferde zu ſitzen!. Weni man nur eines † 75 verkaufte, Herr, Sie konnten das andere für uns beide behalten; ich würde mich feſt hinter Sie in den Sattel ſetzen.“ „Du biſt teufelmäßig dumm, mein armer Benoit, ich werde nie Etwas aus Dir machen können!... Fort, thue, was ich Dir geſagt habe: geh' zu Olivier; er ſoll meine Pferde verkaufen und Dich bis zu meiner Ankunft bei ſich behalten... Ach, Benoit! wenn Du unglücklicherweiſe bei Deinem Eintritt in Paris meinem Oheim begegneteſt.. ſo ſagſt Du ihm... Teufel!... was kann man ihm ſagen?... wenn ich ihn rühren könnte!... Gut!.. Du ſagſt ihm, ich ſei krank...— Ja, Herr.— Aber er wird wiſſen wollen, wo ich bin?...— Ich ſage ihm, Sie ſeien todt.— Dummkopf! mein Oheim liebt mich, trotz ſeines Aufbrauſens, und dieſe Nachricht könnte ihn nur betrüben.— Tauſend, weil Sie ihn rühren wollen...— Du ſagſt ihm, ich ſei zu einem meiner Freunde gegangen, den ich Dir nicht genannt habe.— Ja, Herr, zu einem Ihrer Freunde, den Sie nicht kennen!..— Benvit, Du machſt gewiß irgend eine Dummheit! — Im Gegentheil, Herr, Sie werden ſehen, daß der Herr Oberſt von der Spur abkommt.— Biſt Du einmal bei Olivier, ſo laß Dir nicht einfallen, auszugehen!... man würde Dich treffen, Dir nachgehen und erfahren, wo ich bin.— Aber um zu eſſen, Herr?...— Man wird für Dich ſorgen... Jetzt geh fort, Benvit!— Ich gehe, Herr.“ . Benvit entfernt ſich und ſprengt Paris zu. Guſtav ſchlägt den Weg nach dem Hauſe des Herrn von Berly ein und denkt unterwegs an die Art, wie er es machen wollte, um den Brief in die Hände Juliens zu bringen. „Iſt er genug entſtellt, um unkenntlich zu ſein? Iſt Julie von Spionen umgeben, die beauftragt ſind, die Briefe, die man etwa an ſie richten könnte, aufzufangen? Darf man ſich einer Pienerin anvertrauen, die wohl mit einem jungen Manne, v m Hemde durchging, Mitleid gehabt haben kaun, die aber 1 4 76 deſſen ungeachtet ſich nicht wird der Gefahr ausſetzen wollen, aus einem guten Hauſe gejagt zu werden? hieße es zudem nicht Frau von Berly auf's Neue blosſtellen, deren Vergehen nur für den augenſcheinlich iſt, der es geſehen hat, und die vielleicht Mittel gefunden hat, ſich in den Augen ihres Gatten zu rechtfertigen, was ſchwierig erſcheint, indeß nicht unmöglich wäre, denn die Damen haben ganz beſondere Mittel, um das Unzweifelhafteſte zweifelhaft zu machen, und die Ehemänner ſind wohl im Stande, beim hellen Mittag nicht klar3u ſehen. Nachdem er einige Zeit ſich darüber beſonnen hatte, was er thun ſolle, ergreift unſer Held die Partie, ſich dem Zufall zu überlaſſen, der ihm oft günſtig iſt. lauft ohne Aufenthalt fort; endlich erblickt er das Landhaus, in welchem er ſo ſüße Augenblicke verlebt, und das er ſo plötzlicher Weiſe verlaſſen hat. Er hält jetzt an, um freier zu athmen und die Gemüthsbewegung, die er empfindet, zu ſtillen. Landleute kommen an ihm vorüber; Guſtav wird verwirrt; es ſcheint ihn Jedermann mit Aufmerkſamkeit zu betrachten; er fürchtet, daß man errathe, er ſei nicht, was er ſcheine; indeß geht Jeder ſeines Wegs, ohne ſich um ihn zu bekümmern. Er faßt ſich wieder und tritt näher an das Haus; er ſieht durch ein Gitterthor in die Gartenanlagen, die er ſo oft durchlaufen hat; er ſucht mit ſeinen Augen den Billardſaal, kann ihn aber nicht gewahr werden. Alle Fenſter des Hauſes ſind verſchloſſen: der Garten ſcheint ihm versdet.„Sollte man abgereist ſein? Sollte er ſie mitgenommen haben?..“ Guſtav verdoppelt die Schritte und langt vor dem großen Hofthor an. Er blickt um ſich.. Niemand hier; er tritt ein... drückt ſeinen Hut über die Augen und geht auf den Hausvogt zu, den er am Eingang des Gartens ſteht.„Was wollen Sie?“ fragt dieſer mit barſchem Ton.— „Herr von Berly.— Er iſt in Paris.— Und ſeine Nichte? — Seine Nichte auch.— Und ſeine Frau?— Zum Honkes * ſeine Frau auch!— Wie! ſie ſind abgereist?— Ohne Zweifel, wenn Ihr ihnen etwas zu ſagen habt, ſo geht nach Paris, rue du Sentier, dort werdet Ihr ſie finden.“ Der Hausvogt dreht ihm den Rücken zu. Dieſer Mann iſt nicht geſprächig; er iſt plump, grob und eigenſinnig; ſicherlich, ihm hat Julie nichts anvertraut. Man muß alſo ohne weitere Nachricht wieder umkehren. Guſtav macht ſich wieder gegen das Thor hin auf den Weg, als eine Frau aus dem Saal zu ebener Erde heraus und gerade auf ihn zukommt. O Glück! es iſt die Köchin, die mit Benoit geſprochen hat; darf man ſich ihr ent⸗ decken? Aber ehe er noch Zeit gehabt hatte, ſich darüber zu be⸗ ſinnen, iſt die Dienerin an ihm vorüber gekommen und hat ihm ganz leiſe geſagt:„Ich habe Sie erkannt, mein Herr; ich habe Ihnen etwas einzuhändigen; gehen Sie fort und erwarten Sie mich hinter den Akazien auf der andern Seite der Landſtraße.“ Sie entfernt ſich und hängt im Hof Wäſche auf. Guſtav geht ſchnell weg und auf die Akazien zu.„Dieſe Magd hat mich erkannt,“ ſagte er zu ſich,„aus dem Hintergrund eines Saals, ohne mich ſprechen zu hören, während ſie mich nur ſelten geſehen; und dieſer Einfaltspinſel von Hausvogt, an dem ich zwanzigmal des Tages vorbeiging, denkt an nichts! Ach, die Frauen!... ſie haben in allen Ständen und Klaſſen einen Takt, einen Blick! ſie ſehen in einem Augenblick, wozu wir acht Tage brauchen, um es zu entziffern.“ Das Dienſtmädchen läßt nicht lange auf ſich warten; ſie läuft auf Guſtav zu:„Ich erwarte Sie ſchon lange, mein Herr! Ihretwegen bin ich auf dem Lande geblieben. Ich habe mich krank geſtellt, um nicht mit den Uebrigen nach Paris zu gehen⸗ Madame hatte mir geſagt, daß ſie nur mir einen Brief für Sie anvertrauen wolle..— Einen Brief! gib ſchnell, meine liebe Freundin— Madame dachte, Sie würden ihn früher ſchon holen„ und ich fing an, mich hier zu langweilen⸗ Mehmen Sie, hier iſt er.— Willſt Du dieſen für Deine Herrin beſorgen? — Ja, mein Herr, heute noch.— Hier, Margarethe, nimm dieſe zwei Louisd'or, um Dich für die Langeweile zu entſchädigen, die es Dir machte, mich zu erwarten.— Ach, mein Herr, ich habe kein Geld nöthig, um der Madame gerne zu dienen; ſie iſt ſo gut!— Dies iſt gleich, Margarethe, ich will, daß Du ſie nimmſt.— So geſchieht es, um Ihnen zu gehorchen, mein Herr. — Leb wohl, Margarethe, vergiß meinen Brief nicht.— Fürchten Sie nichts, mein Herr, Madame ſoll ihn dieſen Abend noch haben.“ Das gute Mädchen geht weg.„Ohne ſie,“ ſagte Guſtav, „hätte ich keine Nachricht von Julien; eine Köchin zeigt ſich ihrer Gebieterin ergeben; und die Kammerfrau, die mit Wohlthaten von Frau von Berly überhäuft wird, wäre fähig geweſen, ſie zu verrathen!. Was beweist dies übrigens? Daß Wohlthaten häufig Undankbare machen, und daß man ein gefühlvolles Herz haben und gerne Dienſt leiſten kann, während man Peterſilie hackt und ein Hühnerfricaſſé bereitet! Leſen wir den Brief: „Mein lieber Freund! „Ich habe nicht nöthig, zu ſagen, was ich fern von Ihnen leide! ich liebe zu glauben, daß Ihr Herz meinen Kummer theilt, daß es, wie das meinige, alle Qualen der Trennung fühlt. Aber ich muß Ihnen mittheilen, was ſich ſeit Ihrer Abreiſe zuge⸗ tragen hat. „Herr von Berly iſt kurz, nachdem Sie aus dem Fenſter geſprungen waren, aus meinem Zimmer gegangen und begab ſich in den Garten, kam aber bald wieder herauf. Ich hatte den Gebrauch meiner Sinne beinahe verloren. Indeſſen wünſchte ich immer noch Herrn von Berly über mein Vergehen zu täuſchen. Nicht um meinet⸗, ſondern um ſeinetwillen wollte ich dieſe An⸗ ſtrengung machen: man erweist Jemand einen Dienſt, wenn man Miuen Gedanken, der ihn betrübt, von ſeinem Geiſte entferut. Ich WMein Leben ſoll ſich alſo mit Thränen endigen! Ach! wenn man er nicht plötzlich eingetreten wäre und mich von den Unternehmungen 79 will meine Ruhe wohl verlieren; ich könnte mich aber nicht tröſten, wenn ich auch Herrn von Berly die ſeinige geraubt hätte. Ich ſtellte mich daher, als wäre ich im höchſten Zorn, als Herr von Berly ſich ſelbſt ſeiner Wuth überließ. Ich warf ihm vor, mich nicht an einem jungen Menſchen gerächt zu haben, der ſich wäh⸗ rend meines Schlafs in mein Zimmer eingeſchlichen habe und, trotz meines Widerſtandes, über mich geſiegt haben würde, wenn dieſes jungen Verwegenen befreit hätte. Herr von Berly wußte nicht mehr, was er ſagen und glauben ſollte; er blickte mich an, ging im Zimmer auf und ab und war unſchlüſſig, bei welcher Idee er ſtehen zu bleiben habe. Wie ich ſeine Unentſchloſſenheit ſah, weinte ich bitterlich und meine Thränen waren nicht er⸗ heuchelt. Jetzt zweifelte Herr von Berly, der mich nie hatte weinen ſehen, nicht mehr an meiner Unſchuld; er warf ſich vor mir auf die Kniee, bat um Verzeihung wegen ſeiner Lebhaftigkeit, ich gewährte ſie ihm mit vollem Herzen. Er war⸗ untröſtlich darüber, dem Oberſt die Sachen anders geſagt zu haben, als ſie waren. Ich gab ihm zu verſtehen, daß er den Oberſt wieder ſprechen und ihm Stillſchweigen über dieſen Vorfall auflegen könne. Herr von Berly hat geſchworen, ſich an Ihnen zu rächen; allein ich fürchte dieſe Drohung nicht; ich weiß, daß er ſich nur mit dem Wild ſchlägt. Der Frieden iſt alſo geſchloſſen, aber ich werde Sie nicht mehr ſehen. Ach, Guſtav, dieſe Strafe iſt ſo graufam, daß ich mein Vergehen dadurch abbüßen können muß. wüßte, wie grauſam es iſt, ſein Leben mit Jemand hinzubringen, den man nicht lieben kann, ſo würde man das Herz eines jungen Mädchens um Rath fragen, ehe man ſie verheirathete. Meine Eltern haben mich geopfert; Herr von Berly hat ſich nie Mühe gegeben, mir zu gefallen!. Konnte er es auch? unſer Alter, unſer Geſchmack, unſere Charaktere ſind zu ſehr von ein⸗ 8⁰ ander verſchieden!.. und doch bin ich ſtrafbar, einen Andern zu lieben!... Ach, mein Freund, wie ſind die Frauen zu beklagen! „Leben Sie wohl, ſeien Sie glücklich, aber denken Sie zu⸗ weilen an Julie.“ Geliebte Julie!. o! ich werde Dich immer verehren!.. der Zufall wird uns günſtig ſein!... Und Guſtav küßte den Brief derjenigen, die er bereits betrogen hatte. Er konnte nicht umhin, zu lachen, wenn er an die Leichtgläubigkeit des Herrn 2 von Berly dachte, der, nachdem er ſeine Frau mit einem jungen Manne im Bett überraſcht hatte, noch an ihre Unſchuld glauben konnte.„Wohlan,“ ſprach er,„für die Ehemänner iſt alſo jene Stelle der heiligen Schrift gemacht: „Oculos hahent et non videbunt.“ (Sie haben Augen und ſehen nicht.) Ueuntes Rapitel. gine Hochzeit in La Villette. „Wir wollen nach Paris zurückkehren,“ ſagte Guſtav;„es hält mich hier nichts mehr zurück. Gehen wir zu Olivier; dort werde ich über die Mittel nachſinnen, Julien wiederzuſehen, ohne ſie bloszuſtellen; wenn es möglich iſt, wird mir's gewiß gelingen, weil man ſagt, daß man mit Beharrlichkeit Alles bezwinge, was indeß nur zur Hälfte wahr iſt; denn ich habe hundertmal verſucht, geſetzt zu ſein, und es iſt mir nicht gelungen!... Wie viele Leute bringen ihr Leben hin, ohne den Zweck zu erreichen, den ſie erreichen wollten! Alchymiſten wollen Geld machen und richten⸗ ſich über dem Schmelztiegel zu Grunde; die Kapitaliſten, welche Pläne auf die Nebel der Seine bauen; die Autoren, welche ſich zu bereichern hoſfen; die Aeronauten, welche hüpfen und fliegen die Reiſenden, welche das Ende der Welt; wollen, wie Vögelz die Mathematiker, welche die Quadratur des Zirkels ſuchen; die Phyſiker, welche die Nervenkrankheiten durch Elektricität heilen wollen; die Mechaniker, welche ſich vornehmen, einen Wagen ohne Pferde in Bewegung zu ſetzen;“ die liebenden Serlen, welche wahre Freundſchaft, treue Liebe und ſo viele andere ſchöne Dinge ſuchen, die ich Ihnen nicht nennen werde, weil ich mich derſelben nicht erinnere; alle dieſe Leute laufen Gefahr, ihre Be⸗ harrlichkeit vergebens angewendet zu haben.“ Während Guſtav dieſe Betrachtungen anſtellte, ging er auf dem Wege nach Paris fort; aber er war erſt in Vauderland; es blieben ihm noch fünf Stunden zu machen und er fühlte ſich ſchon ermüdet. Da er indeß dieſen Abend noch nach Paris kommen wollte, blickte er nach allen Seiten; ob er nicht einen Wagen mit einem freien Platz fände. Allein diesmal ſorgte der Zufall nicht für ihn: die Wägen von Louvres, von Senlis, von Monfon⸗ taine, waren alle voll. Die kleinen Cabrioleis, welche ſo unäſthe⸗ tiſch Pots⸗de⸗Chambre genannt werden, hatten nicht einmal mehr einen Platz auf dem Kutſcherſitz. „Wohlan, Muth gefaßt,“ ſprach Guſtav,„ich gehe zu Fuß und komme ein wenig ſpäter an. Aber auch dieſer verdamnte Anzug ſchadet mir; ich ſehe wohl einige Kaleſchen an mir vor⸗ überrollen, worin man dem eleganten Saint⸗Réal vielleicht einen Platz einräumen würde; allein einen Bauern höri man nicht an: man blickt mich an und lacht mir in's Geſicht! Es iſt wohr, meine Haltung muß komiſch genug ſein.“ Wie ſich Guſtav gerade vollends tröſtete und den Schritt ver⸗ doppelte, hörte er das Geräuſch eines Wagens. Er dreht ſich um es iſt eine kleine Carriole, worin ein dicker, gutmüthiget Mann ſitzt, deſſen fröhliche Miene Heiterkeit einflößt. „Tauſend noch einmal,“ ſagt unſer Held,„man muß bas „Der gute Paul de Kock wußte damals noch nichts von den Dampf⸗ wagen! Anmirt d Uoborf. Glück verſuchen; dieſer Mann wird mir vielleicht einen Platz an ſeiner Seite nicht verweigern; und wenn wir eine Stunde zurück⸗ legen, ſo iſt dieſer Weg ſchon gemacht. Wohlan alſo, wir wollen ihn anreden; allein vergeſſen wir nicht; daß ich ein Landmann bin.“ Guſtav geht auf die Carriole zu:„Holla! mein Herr!... — Was gibt es, guter Freund?— Meiner Treu, ich bin teufel⸗ mäßig müde; bin zu ſpät von Ermenonville abgereist, habe den Wagen von Monfontaine verfehlt und muß heute noch nach Paris kommen; wenn es Ihnen nicht zu unbequem wäre, mir einen kleinen Platz einzuräumen, ſo würden Sie mich ſehr verbinden. — O! dies iſt leicht!.. ſteigen Sie auf, es gibt noch Platz für Sie, wir werden ganz bequem ſitzen; meine Carriole iſt groß genug.. Sehen Sie, ſetzen Sie ſich hier, neben mich.— Großen Dank! ich fing an, müde zu werden.“ Guſtav ſitzt neben dem dicken, gutmüthigen Mann, und das Geſpräch wird eingeleitet: „Sie kommen von Ermenonville? ich kenne dort Jemand, einen Bauern Namens Lukas.— Gerade bei dieſem wohnte ich.— Gut! in dieſem Fall können Sie mir Nachricht von der Familie geben.. Schreit die Mutter Lukas immer noch?— Mehr als je— Fängt die kleine Suzon an, ſich auszubilden?— Ol ſie iſt jetzt völlig ausgebildet.— Sie verſprach hübſch zu werden!... aber kauſend, es iſt wenigſtens zwei Jahre, ſeit ich in Ermenon⸗ ville geweſen bin, und in zwei Jahren wächst ein Mädchen be⸗ deutend..— Suzon iſt recht gewachſen; ſie iſt hübſch gebaut, friſch, pikant, kurz, ſie iſt reizend!.— Ho, Ho! wie Sie mit Feuer von ihr ſprechen!.. Wären Sie vielleicht der, der ſie heirathen ſoll, jener Nikolas Tonpet, von dem Lukas mir ge⸗ ſprochen hat, und den er das letzte Mal, als ich bei ihm war, et⸗ 1 wartete?— Richtig, mein Herr, ich bin Nikolas, der Zukünftige von Jungfer Suzon.— Wahrlich! Herr Toupet, ich bin entzückt, Sie angetroffen zu haben; Sie häben gewiß bei Lufas von mir ſprechen hören, ich bin ſein Vetter, Peter Ledru!— Wie, Sie ſind Herr Ledru!... O! wir ſprachen ſehr häufig von Ihnen!..— Umarmen wir einander, Herr Toupet!— Recht gerne, Herr Ledru.“ Guſtav umarmt den dicken Vetter und ſucht ſeinen Lachreiz zu unterdrücken. Es war gerade kein großes Uebel, für einige Stunden den Namen Nifolas Toupet anzunehmen; Guſtav be⸗ luſtigte ſich gerne, und er ſah zum Voraus, daß die Täuſchung des Vetters ihm Gelegenheit dazu an die Hand geben werde. „Ha ſo, mein Herr Nikolas Toupet,“ ſagte Ledru nach den erſten Ausbrüchen des Wiedererkennens,„Sie gehen in drin⸗ genden Angelegenheiten nach Paris?— Ich muß bis morgen dort ſein...— Sehen Sie, ich möchte Ihnen einen Vorſchlag machen: ich gehe nach La Villette zur Hochzeit einer meiner Pathentöchter, die einen Krämer des Orts heirathet. Ich ſollte dieſen Morgen bei der Feierlichkeit eintreffen, meine Geſchäfte haben mich daran gehindert; allein ich komme zum Mahl, was das Beſte iſt; nun gut, Sie müſſen dabei ſein; ich ſtelle Sie der Geſellſchaft vor, und es wird Jedermann Vergnügen machen.— Sie ſind artig, Herr Ledru„. werden Verwandte des Herrn Lukas bei dieſer Hochzeit ſein?.— Nein, ich allein; übrigens ſeien Sie ruhig, Sie treffen nur gute Geſellſchaft aus der ſchönen Welt, lauter anſäßige Leute: der Gerber, der Schloſſer, der Maurermeiſter und der Unternehmer der Reinigung von La Vil⸗ lette!... ol es ſind lauter Leute comme 1l faut— Topp, es ſei, Herr Ledru, ich bin der Ihrige.— Ah; das heißt gut geſprochen!... Wir werden uns beluſtigen... wir werden trin⸗ ken, eſſen, tanzen!.— Wir lachen, trinken!..— Richtig, Sie ſehen aus wie ein luſtiger Vogel...— Und ich, ſo wie Sie mich ſehen, bin ein Spaßmacher...— In Wahrheit?— Potz kauſend, man muß es Ihnen bei Lukas geſagt haben.— Das iſ wahr! man hat mir von Ihren Schelmereien erzählt— im Tanze ein: die Herren hatten ihre Jacken abgelegt und ihre 84 Sie ſind gut, fein?...— Sie ſind ziemlich ſtark!— Ich hoffe, den Bräutigam wüthend zu machen.. Und dann das Strumpf⸗ band! ich gebe meinen Theil nicht ab!..— Iſt die Braut hübſch?— Meine Pathentochter?. ol! ſie geht an! dies iſt was Altes!... ſie hat ein wenig rothe Haare und eine etwas große Naſe, übrigens aber iſt ſie eine hübſche Blondine!... Und ſtark!... Ach.. ſie hält einen Mann in die Höhe, wie einen Hornſchröter, und exereirt mit der Flinte, wie ein Corporal von der Nationalgarde!...— Peſt, welche Frau..— Ihr Mann wird dieſe Nacht Arbeit haben.. Ha! ha! ha!...“ Unter Geplauder kommt man in La Villette an. Guſtav macht ſich darauf gefaßt, etwas ihm Neues zu ſehen.⸗„Niemand von da kommt zu Lukas, man wird daher nicht den geringſten Verdacht ſchöpfen. Und dann ſind an einem Hochzeitstag alle Gäſte zu ſehr beſchäftigt, um an etwas Anderes zu denken, als an das Feſt.„Wohlan,“ ſagt Guſtav,„ich will meine Rolle gut ausfüllen; wenn dieſe guten Leute mich nicht beluſtigen, werde ich meinen Hut nehmen und weggehen, ohne daß ſie es gewahr werden. Zudem iſt es mir nicht unlieb, in dieſer Kleidung erſt bei Nacht nach Paris zurückzukommen; wenigſtens laufe ich nicht Gefahr, von meinen Bekannten getroffen und erkannt zu werden.“ Man ſteigt bei einem reſtaurirenden Weinwirthe vom Wagen ab.„Hier iſt es,“ ſagt Ledru,„im Boiſſeau⸗Fleuri... Salon zu hundert Gedecken... Ei, aber ich höre Geigen.. Sollte man ſchon geſpeist haben? Es iſt doch noch nicht drei uhr „Nein mein Herr, man hat noch nicht gegeſſen,“ ſagt ein Küchenmädchen,„dies geſchieht erſt um vier Uhr, aber die Geſell⸗ ſchaft tanzt in Erwartung des Mahls.— Ah! das laß ich mir gefallen, mein Kind, Sie beruhigen mich!... Vorwärts, gehen wir hinauf, Herr Toupef...— Ich folge Ihnen, Herr Ledru.“ Man ſteigt nach dem großen Salon hinauf; man tritt mitten „ 85⁵ Hembärmel zurückgeſchlagen, um mit mehr Anmuth zu tan⸗ zen, die Weingläſer gingen ſchon in die Runde, und je mehr man ſich erfriſchte, eine deſto lebhaftere Farbe nahmen die Geſichter an. Bei dem Eintritt Ledru's hört der Tanz auf, Jeder ſteht um ihn her, umarmt, drückt ihn; es iſt eine Freude, ein Geſchrei, ein Lärm!..„Wir waren ſehr in Sorge, Sie möchten unter⸗ wegs verloren gegangen ſein, mein Pathe,“ ſagte mit leichter, flöten⸗ ähnlicher Stimme ein großes und dickes Frauenzimmer, welches Guſtav nach dem Portrait, das ihm der gute Pathe von ihr gemacht hatte, für die Braut erkannte.„Komm und umarme mich, Lo⸗ lotte,“ ſpricht Ledru, die Arme ſeiner Pathentochter öffnend.„Nun denn! meine Kleine, dies iſt der große Tag!.. Du tanzeſt dieſen Morgen, wirſt dieſen Abend tanzen.. Du wirſt auch dieſe Nacht tanzen!— Olo! er iſt immer ein Spaßmacher, mein Pathe!...— Herr Ledru,“ ſagte der Bräutigam, mit anſpruchs⸗ voller Miene hervortretend,„es wäre uns ſehr ärgerlich geweſen, wenn Sie uns nicht Wort gehalten hätten!— Ich, bei Ihrer Hochzeit fehlen, Herr Détail! O! ich wäre eher auf meinem Eſel gekommen! Doch einen Augenblick, dies iſt nicht Alles; ich habe Ihnen Jemand vorzuſtellen.“ Bis jetzt hatte man auf Guſtav nicht Acht gegeben, der, in einer Ecke ſtehend, alle Damen muſterte, welche bei der Hochzeit waren, und mit Vergnügen ſah, daß es, unter den zwanzig Frauen, drei oder vier gab, die in ihrer Art ziemlich gut waren. Er wurde von Ledru, der ihn bei der Hand nahm und dem Bräu⸗ tigam vorſtellte, aus dieſer Beſchäftigung geriſſen. „Herr Détail, ich ſtelle Ihnen hier einen Freund vor: es iſt Herr Nikolas Toupet, zukünftiger Gatte der Tochter meines Vetters Lukas von Ermenonville. Es iſt ein Junge von Geiſt!. ich ſchmeichle mir, er werde hier nicht zu viel ſein.— Wie denn, Pathe? aber ſicherlich.. Herr Tonpet, Sie etzeigen uns eine —½ 86 Ehre, daß Sie von den Unſrigen ſind!...— Mein Herr, die Ehre iſt auf meiner Seite!“ Nach dieſem Complimentenwechſel umarmie Guſtav die Braut, ihre Mutter, Schweſter, Tanten, Baſen, kurz, alle Damen der Hochzeit; dieſe höflichen Manieren waren im Geſchmack der Ge⸗ ſellſchaft, und Herr Toupet wurde entzückend gefunden. „Das Mittagsmahl iſt aufgetragen,“ ſagte der Chef des Reſtaurant, ſonſt der Weinwirth, an.„Zur Tafel! zur Tafel!“ rief man von allen Seiten. Man geht in den Salon zu hundert Gedecken hinauf, in welchem die fünfzig Perſonen, welche die Hochzeit bilden, nur mit Mühe ekwas Platz finden; allein endlich gelingt es, ſich einzurichten. Guſtav befindet ſich zwiſchen einer großen Brünette und einer kleinen Blondine, alle beide ziemlich hübſch.„Ich werde die Wahl haben,“ ſprach er bei ſich ſelbſt, „wenn nämlich dieſe Damen Spaß verſtehen... Mittlerweile wollen wir eſſen und viel eſſen, um in den Geiſt meiner Rolle einzugehen.“ Suppen, Rindfleiſch, Würſte, Rippchen gehen in die Runde; bei der zweiten Tracht Kalbfleiſch, Schweinefleiſch, Kaninchen, Boeuf à la mode; hier kennt man die kleinen, feinſchmeckenden und leichten Gerichte nicht; man ißt Fleiſch und wieder Fleiſch. „Potz tauſend,“ ſagt Guſtav zu ſich ſelbſt,„dies iſt ein ſtärkendes Mahl, ohne Zweifel iſt es die Braut ſelbſt, welche es anordnete.“ Während man ißt, ſtellen ſich drei Spielleute auf ein Orcheſter, das in einer Ecke des Saals aufgeſchlagen iſt, und ſpielen aus allen Leibeskräften: Ou peut-on étre mieux?(Wo kann man beſſer ſein 2) Gail gai! mariez-vous(uuſtig! luſtig! heirathet euch;) ll faut des 6poux assortis(man braucht taugliche Ehe⸗ männer); Tu n'auras pas, petit polisson(Du wirſt's nicht krie⸗ gen, kleiner Schlingel); La marche des Tartares(der Tartaren⸗ marſch) und andere Melodien, von welchen ſie denken, daß ſie dem Umſtand angemeſſen ſeien, oder große Wirkung hervorbringen werden. Der Lärm, den die Künſtler machen, zwingt die Gäſte, lauter zu ſprechen; um einander zu verſtehen, ſchreit man; kutz, man macht ein hölliſches Getöſe. Der Wein fängt an, die Ge⸗ müther in Wallung zu bringen; plumpe Witze werden losgelaſſen und mit einem Beifallklatſchen aufgenommen, das die Fenſterſchei⸗ ben krachen macht. Der Vetter Ledru hat verſprochen, Späſſe zu machen, und er kommt in Zug: ein Rottenfeuer von Witzen, die man nicht doppelſinnig aufnehmen kann, denn die Dinge ſind klar auseinander geſetzt... Während dieſer Zeit verſucht Gnſtav, nähere Bekanntſchaft mit ſeinen Nachbarinnen zu machen: zuerſt wendet er ſich an die dicke Brünette; ſie nimmit ſeine Scherze gut auf, ſie lacht gerne. Der falſche Nikolas ſpielt den Galanten, bietet häufig zu trinken, was man annimmt; er ergreift die Waſſerflaſche und glaubt Waſſer anbieten zu müſſen.„O! ich trinke nie Waſſer, mein Herr.— Ach, Verzeihung, Madame, ich wußte nicht..— Mein Mann würde mir eine ſchöne Geſchichte machen, wenn ich welches tränfe!...— Ach! Ihr Mann will es nicht?.— Ich will Ihnen ſagen, warum; wenn ich Waſſer trinke, ſo piſſe ich in's Bett; vor zwei Tagen habe ich aus Ver⸗ ſehen getrunken... fragen Sie nur Herrn Ratel, wie er einge⸗ netzt worden iſt!. der arme liebe Mann hat den ganzen Rücken voll gehabt!— Dies iſt etwas Anderes; alsdann thun Sie wohl daran, keines zu trinken.“ Und Guſtav wendet ſich gegen die Blondine: das vertrauliche Geſtändniß von Madame Ratel hatte keinen guten Eindruck gemacht. In einem Geſpräch von fünf Minuten vernimmt Guſtav, daß die kleine Dame Wittwe, Baſe der Braut und Krämerin in der rue aux Ours ſei, daß ſie das Schauſplel ſehr liebe, daß ſie häuſig in Melodramen gehe, und daß ſie Sonntags im bürger⸗ lichen Luſtſpiel mitſpiele, in einem kleinen Saal rue du Cygne; aus dem man mit Erlaubniß des Commiſſärs ein Theater gemacht habe, und wo man faſt eben ſo gut ſpiele, wie hei Doyen 88 „Wohlan,“ ſpricht unſer Held bei ſich ſelbſt,„bei einer Wittwe darf ich weder fürchten, eine Haushaltung zu verwirren, noch der Verführung angeklagt zu werden; denn eine Frau, die alle Sonntage im bürgerlichen Luſtſpiele auftritt, kann ſich nicht für eine Nenlingin in Liebeshändeln ausgeben. Wir wollen ſchön mit der Krämerin umgehen, nur um die Zeit hinzubringen! über⸗ dies muß ein junger Mann, der ſich ausbilden will, einen Kurſus der Galanterie unter allen Klaſſen durchmachen.“ Madame Henri(ſo nannte ſich die kleine Wittwe) hörte Guſtav an, machte große Augen und ſchien manchmal über ſeine Manieren überraſcht. Eine Frau, welche Komödie ſpielt, muß etwas Um⸗ ſicht haben, und unſer Held vergaß zuweilen, daß er nur Nikolas Tonpet ſein durfte. Madame Ratel, ärgerlich über die Vernachläſſigung des Herrn Nikolas, der nur noch mit der Nachbarin ſprach, ſuchte ſich in ihre Unterhaltung zu miſchen, als die Braut einen durch⸗ vringenden Schrei ausſtieß: man war beſchäftigt, ihr das Strumpf⸗ band loszumachen; der große Tölpel, der unter den Tiſch geſchlüpft war, um ſich deſſelben zu bemächtigen, hatte das Band erfaßt und mit vieler Kraft daran gezogen, während er glaubte, es ſehr leicht wegzuziehen; allein Jungfer Lolotte, die ihr Strumpfband möchte vor der ſtreng vorgeſchriebenen Zeit fallen, hatte es aus Vorſicht ſtark an ihren Fuß befeſtigt; ſich hierauf ganz den Annehmlichkeiten der Unterhaltung und den Schmeiche⸗ leien, die man an ſie richtete, hingebend, hat ſie ihr Strumpf⸗ band loszuknüpfen vergeſſen. Die Bewogung des erſten Brautführers war ſp lebhaft, daß Lolotte von ihrem Sitze herabglitt und einen Schrei ausſtieß; alle Gäſte erhoben ſich; man ſucht die Braut mit den Angen; der große Einfalts aber befand ſich mit dem Kopf unter den Unterröcken Lolotte's: Herr Détail war nicht ſtark genug, um ſeine Frau wieder der Pathe half ihm, und verſicherte ihn, daß dies ein guter Spaß des erſten Brautführers, Herrn Cadet's, ſei. Der Bräutigam ſchien den Spaß nicht nach ſeinem Geſchmack zu finden; aber Ledru machte ihm bemerklich, daß es unter den Unterröcken finſter ſei, und daß Cadet demzufolge nichts geſehen habe und nichts ſehe. Dieſe einleuchtende Betrachtung beruhigte Herrn Détail wieder.„So bald er Nichts geſehen hat,“ ſprach er,„verlange ich nicht weiter.“ Lolotte begab ſich wieder zu Tiſch, ohne aus der Faſſung gebracht zu erſcheinen; Herr Cadet ſetzte ſich an ſeinen Platz, roth wie eine Runkelrübe. Man vertheilte das berüchtigte Strumpf⸗ band, das in kleine Stücke zerſchnitten wurde; man brachte den Nachtiſch, Kaffee und Liqueur herbei; die Heiterkeit ward noch lärmender; man ſang und trank; man hätte einen Kanonenſchuß aus dem unterhalb gelegenen Zimmer nicht gehört. Der Augenblick des Balls kam endlich heran. Man verläßt die Tafel, man eilt, an Ort und Stelle zu gelangen, man geht hinab, ſtößt einander, drängt ſich, fällt, bricht in Lachen aus, die Damen ſind von ausgelaſſener Heiterkeit; die Tänzer können Alles greifen, kneipen, drücken, was ihnen unter die Hände kommt; an einem Hochzeitstage iſt dieſes Alles erlaubt und in La Villette macht man wegen ſolcher Kleinigkeiten keine Umſtände. Ein Schreinergeſelle aus der Vorſtadt Saint⸗Antvine be⸗ trachtete Madame Henri ſeit langer Zeit und blickte mit Aerger auf Herrn Nikolas. Guſtav ſchenkte den aufgeregten Blicken des jungen Ebeniſten keine Aufmerkſamkeit und fuhr fort, mit der Krämerin zu lachen; er tanzt zwei Contretänze mit ihr; der Herr mit dem Augenſpiel ladet die Dame für den folgenden ein: aber Guſtav, den der Lärm und die Hitze betäuben, ſchlägt der hübſchen Blondine vor, einen Gang in den Garten zu machen; ſie willigt darein und geht mit Nikolas Toupet hinab, ihre Ver⸗ bindlichkeit gegen den Ebeniſten vergeſſend. Mau geht Arm in Arm ſpazieren; man ſchwatzt, viu ein⸗ ander an, nimmt ſich bei der Hand und ſeufzt; Guſtav ſchlägt vor, ſich unter einem ſehr dunkeln Bosquet niederzuſetzen(denn der Garten eines Weinſchenks iſt nur an Sonn- und Montagen erhellt), die kleine Wittwe nimmt es an; Guſtav raubt einen Kuß, man lacht; er will noch etwas Anderes rauben, man wird böſe und ſtößt ihn zurück.. Die Krämerin iſt tugendhaft; ſie will wohl ſcherzen, lachen, aber ſie will nicht, daß man weiter gehe.„Wo Teufel niſtet ſich die Strenge ein!“ ſagt Guſtav zu ſich ſelbſt:„man übergibt ſich in den Boudvirs, in den Salons, in den Bosqueten von Tivoli und ſtößt mich in La Villette, in dem Garten eines Weinwirths, zurück! Gnuſtav verſpricht, ordentlicher zu ſein; man verzeiht ihm und ſetzt ſich wieder neben ihn; man gewährt ihm einen Kuß, dann ſpricht man wieder von Liebe, Heirath, Treue... Arme Frau! ſie will einen Mann, ſie hat ſich an den rechten gewendet!.. ſie hat alſo vergeſſen, daß Herr Nikolas der Zukünftige der Jungfer Suzon von Ermenonville iſt? Nein, aber ſie iſt hübſch, Herr Nikolas ſeufzt, wenn er ſie anblickt, ſie wird Jungfer Suzon ausſtechen. Welche Frau rechnet nicht ein wenig auf die Macht ihrer Reize?“ Die Unterredung war zärtlich; Guſtav ſuchte die kleine Wittwe zu weniger ſtrengen Grundſätzen zu bringen... Plötzlich zeigt ſich der Schreiner-Geſelle vor ihnen; er iſt wüthend; ſeine Augen funkeln, wie die einer Katze, der man eben erſt den Schwanz abgeſchnitten hat. Er tritt mit geballten Fänſten und zurückgehaltenem Kopfe auf Guſtav zu. „Herr Toupet, es iſt höchſt unartig, wenn man eine Dame verhindert, mit der Perſon zu tanzen, welche die Ehre gehabt hat, ſie aufzufordern; und Madame, die hier iſt, wäre jetzt mit mir im Takt, wenn Sie ſie nicht veranlaßt hätten, in dieſen Garten herabzugehen, ich weiß nicht gerade zu welchem Zweck.“ Guſtav hatte die Rede ſeines Nebenbuhlers ruhig angehört, und, ſeine Perſönlichkeit vergeſſend, bricht er in lautes Lachen aus. Der Schreiner, der ſieht, daß man ſich über ihn luſtig macht, iſt dadurch nur noch mehr erbittert; er verſetzt Guſtav einen Fauſtſtreich auf die Naſe; dieſer ſteht eilig auf und ſpringt ihm an den Hals; die Herren ſtoßen, drücken, ſchlagen einander; die kleine Blondine ſtößt ein lautes Geſchrei aus, ſie weint und ruft alle Leute der Hochzeit zuſammen. Die Kellner laufen her⸗ bei, dann der Herr, hierauf die Mägde, alsdann die Küchenjun⸗ gen; der Alarm verbreitet ſich bis in den Ballſaal; der Tanz wird unterbrochen; der Bräutigam, der zum erſtenmal mit ſeiner Frau tanzte, denkt, es komme ihm zu, Frieden unter den Gäſten zu ſtiften; er läßt die Hand Lolottens im Augenblicke der Poule“ los und geht ſchleunig hinab; man folgt dem Bräutigam und ge⸗ langt in den Garten: Guſtav hielt den Ebeniſten auf dem Boden ſeſt; er hatte ein Knie auf dem Magen ſeines Gegners: mit der einen Hand drückte er ihm die Kehle zu; mit der andern zog er ihn am Ohr; der arme Beſiegte erſtickte beinahe; er bat um Gnade; aber Guſtav, aufgebracht darüber, daß er genöthigt wor⸗ den war, ſich mit der Fauſt herumzubalgen, kannte ſich nicht mehr; glücklicherweiſe langten die Tänzer in Menge an; man er⸗ griff Herrn Nikolas, richtete den Ebeniſten halbtodt auf und ſuchte die Kämpfenden wieder zu verſöhnen. Guſtav hatte Genugthuung; er konnte keine andere von Leuten verlangen, mit denen er ſich nicht mehr zuſammenzufinden hoffte; er hatte ein etwas blaues Auge, die Naſe leicht gequetſcht; allein er hatte bei einer Hochzeit in La Villette ſein wollen, und wenn man Alles ſehen will, muß man ſich wohl auch auf einige kleine Uunannehmlichkeiten gefaßt machen. Der Ebeniſt hatte deren genug; er verſprach, ſich beſtimmt „Die Poule Henne) iſt eine Figur im Contretanz. Anmerk. d. Ueberſ. nicht mehr an Herrn Toupet zu reiben. Die kleine Krämerin weinte und warf ſich vor, durch ihren Mangel an Gedächtniß dieſen Kampf herbeigeführt zu haben; Madame Ratel machte An⸗ merkungen und erkundigte ſich boshafterweiſe nach dem Beweg⸗ grunde, der Madame Henri und Herrn Nikolas in ein kleines, vom Hauſe entferntes Bosquet geführt hatte. Jeder ſtellte ſeine Betrachtungen an; und Guſtav, der ſich auf dieſe Art genugſam beluſtigt hatte, fragte Herrn Détail, wo man ſeinen Hut hin⸗ gelegt habe:„Wie! Herr Nikolas, Sie wollen uns verlaſſen!— Ja, Herr Bräutigam! Ich habe Geſchäfte in Paris, ich will mich in's Bett legen, um früher aufzuſtehen.— Erwarten Sie wenig⸗ ſtens das Nachteſſen!— Sehr verbunden: ich habe ſo zu Mittag gegeſſen, daß ich keinen Appetit mehr habe.— Nehmen Sie ein Glas Wein an!— Nichts, durchaus nichts, Herr Détail.— Wohlan, weil Sie unerſchütterlich in Ihrer Feſtigkeit ſind, will ich Lolotte fragen, wo die Hüte ſind.— Ich folge Ihnen.“ Herr Deétail geht in den Ballſaal hinauf, wo er nur die Spielleute findet, die beſchäftigt ſind, ihren Antheil an den für die Geſellſchaft zubereiteten Erfriſchungen zu nehmen.—„Wo iſt denn mein Frau?“ fragt der Bräutigam, in alle Salons eintre⸗ tend.—„Wo Teufel iſt mein Hut?“ fragt Guſtav, in allen Winkeln umherſtöbernd;„da ich im Schweiß bin, kann ich nicht ohne Hut nach Paris zurückkehren; es iſt vollkommen genug, daß ich ein verſtoßenes Auge und eine zerquetſchte Naſe habe, ich fühle keine Luſt, mich auch zu erkälten.“ Wie man durch die Hausflur geht, gewahrt man eine kleine Thüre; eine Magd ſagt, dort ſeien die Hüte, die Jacken und Fräcke der Herren; aber man findet den Schlüſſel zur Thüre nicht. —„Warten Sie,“ ſagte die Aufwärterin,„meine Herrin hat ei einen, der alle dieſe Thüren hier öffnet.“ Das Mädchen geht hinab und kommt mit einem Schrüßſel⸗ bund wieder; Herr Dötail öffnet und tritt, ein Licht in der Hand, 93 ein; Guſtav folgt ihm und die Aufwärterin Guſtav... Der Bräutigam ſtößt einen Schrei aus und macht zwei Schritte rück⸗ wärts... Guſtav ſtreckt den Kopf vor und ſieht Lolotte auf einer Matratze und Herrn Cadet, den erſten Brautführer, an der Braut herumſuchend(ohne Zweifel, um beſſer zu lernen, wie man ein Strumpfband auflöst). Im erſten Augenblicke zweifelt der Bräutigam an dem, was er ſieht; er tritt mit ſeinem Licht näher, der lange Cadet verſteckt ſich unter dem Bett: die Magd ſperrt ihre dummen Augen weit auf; Guſtav iſt begierig zu ſehen, ob Lolotte ſich aus dieſer Sache zu ziehen wiſſen wird.„Dies iſt wirklich meine Frau!... ruft Détail aus, und in ſeinem Schmerz läßt er die Kerze fallen. Das Licht rollt gerade auf den Ort, den Herr Cadet betrachtete; das Feuer greift an einem gewiſſen Ort um ſich, der ſich immer leicht entzündet; Lolotte erhebt ſich, ein erſchreckliches Geſchrei aus⸗ ſtoßend; ſie rennt fort, ihre Unterröcke in die Höhe haltend, und will ſich in einen Handzuber tauchen, worin man den Wein zum Nachteſſen friſch erhielt. Die ganze Geſellſchaft eilt herbei: Herr Cadet entflieht, die Magd erzählt, was ſie geſehen hat; die Männer tröſten den Bräutigam; Herr Ledru ſucht ihm dies als einen vorher angeordneten Spaß beizubringen, damit man über ſeine Liebe für ſeine Frau urtheilen könne. Die Damen umgeben den Zuber und ziehen Lolotte daraus zurück, die über den erlittenen Verluſt in Verzweiflung iſt. Madame Ratel beſänftigt ihre Ver⸗ zweiflung ein wenig, indem ſie ihr die Adreſſe eines Peruquier⸗ Coiffeur der Vorſtadt du Temple bei der Barriöre gibt, der „Falſches“ in jedem Genre macht. Mitten in dieſer Unordnung ergreift Guſtav den nächſten beſten Hut, der ihm unter die Hände kommt, und geht aus dem Boiſſean⸗ S beſchämt und auch verwirrt, ſchwörend⸗ iedoch ein wenig ſpät, daß man ihn nicht mehr kriegen werde. Behntes Rapitel. Irrthum; die Patrouille; die kleine Wäſcherin. „So geht es!.. ſprach Guſtav zu ſich ſelbſt, während er die Vorſtadt Saint⸗Martin hinabging, ich will immer handeln, ohne zu denken, und ich mache fortwährend Dummheiten. Mit ein wenig Ueberlegung wäre ich nicht zu dieſer Hochzeit gegangen, wo ich ſehr am unrechten Orte war; und alsdann hätte ich den Boiſſeau⸗Fleuri nicht in Aufruhr gebracht!... Madame Ratel hätte mir nicht mitgetheilt, daß ſie in's Bett piſſe, wenn ſie Waſſer trinke; die kleine Wittwe wäre nicht in den Garten hinab⸗ gegangen, ſie hätte mit Jedermann getanzt; jener Tölpel von Schreiner hätte ſich nicht mit mir herumgeprügelt; ich hätte nicht ein Auge breiweich geſchlagen und eine geſchwollene Naſe; der Bräutigam wäre nicht in das kleine finſtere Kabinet gegangen, einen Hut zu ſuchen, worin ſich ſeine theure Ehehälfte mit jenem Dummkopf eingeſchloſſen, der Zeit gehabt hatte, ihr drei⸗ oder viermal die Strumpfbänder loszumachen; und die arme Lolotte würde ihren Hintern nicht in das Waſſer des Zubers getaucht haben, weil das Feuer das Vordertheil... ihres Hemdes nicht verzehrt hätte. Was Teufels wollte ich in dieſer Galeere machen! „Was würde mein Oheim ſagen, wenn er mich in dieſem Aufzug. und mit dieſem verſchundenen Geſichte träfe?. Teufel! aber mir fällt ein.. es iſt ungefähr ein Uhr Mor⸗ gens. werde ich jetzt zu Olivier gehen?.. Wenn ich mich nur ſeinen Spöttereien ausſetzen müßte, wäre ich der Erſte, der mit ihm über mein böſes Abentener lachte; aber es iſt ein P tier in ſeinem Hauſe. Dieſer verfluchte Portier ſchläft jetzt⸗. denn dieſe Leute bringen junge Männer zur Verzweiflung! Man müßte pochen, Jedermann aufwecken... und in dieſem Zu ſtand ſchmutzig, verſpritzt. geſehen werden.. Tieſe Teufel von Ebeniſt hat mich zweimal auf den Boden geworfen. Dieſer Hut, den ich, ohne hell zu ſehen, genommen habe, hat feine menſchliche Form.. und meine Naſe!. mein Auge!.. Für wen wird man mich halten?.. Ich will mich nicht ſo zei⸗ gen!... Ich muß alſo in der Straße über Nacht bleiben!. Verfluchte Hochzeit!... zum Teufel La Villette, Krämerinnen und Ebeniſten!“ Guſtav war an der Porte Saint⸗Martin angekommen; hier blieb er, unſchlüſſig, ob er ſich rechts oder links wenden, oder ob er gar nicht vorwärts gehen ſolle. Eine Idee bietet ſich ihm dar; ſie macht ihn betroffen, ſie lächelt ihm zu: er fängt an, gegen die Straße Charlot zu laufen. Man erinnert ſich oder man erinnert ſich nicht an eine Jungfer Liſe, Feinwäſcherin, von der der Oberſt Moranval im Anfang dieſes Werkes geſprochen hat, und mit welcher unſer Held im ſechzehnten Jahre aus ſeinem Collegium entflohen iſt, um ſich in einem kleinen Zimmer in der Straße du Fauconnier zu verbergen. Der Oberſt hatte ſeinen Neffen wieder erwiſcht und Jungfer Liſe zu ihrer Mutter zurückgeführt; da man aber einen jungen Men⸗ ſchen nicht fortwährend eingeſchloſſen hält und eine kleine Fein⸗ wäſcherin ihren Kunden die Wäſche überbringen muß, ſo hatten ſich die jungen Leute wieder geſehen, anfänglich ſehr häufig und ſehr verliebt, dann weniger oft und mit geringerem Eifer. Guſtav hatte endlich die kleine Liſe völlig vernachläſſigt, die ſich ihrerſeits getröſtet und wohl daran gethan hatte. Man bewahrt indeß Freundſchaft füͤr einen jungen Mann, der, wenn er auch flatterhaft iſt, immerhin liebenswürdige Manieren hat. Man ſieht eine hübſche Frau, die uns alle Süßigkeiten der Liebe hat kennen lernen, und die uns noch Liebe einflößt, wenn wir ihr begegnen, gerne wieder. Es iſt in Wahrheit nicht mehr als das Vergnügen des Angenblicks, welches wir bei ihr em⸗ pfinden; allein ein Augenblick Vergnügen iſt ſchon etwas. Guſtav 96 und Liſe fanden ſich immer mit Freundſchaft wieder und verſchaff⸗ ten ſich zuſammen ſolche Augenblicke. Vier Jahre waren ſeit der Entführung der Kleinen verſtrichen und manche Zwiſchen⸗Begebenheiten vorgekommen. Die Mutter der Jungfer war geſtorben; nun arbeitete die Letztere für eigene Rechnung; ſie hatte ihre Wohnung in einem andern Stadtviertel aufgeſchlagen, als in dem ſie geboren war, weil ihre Abenteuer mit Herrn Guſtav viel Geſchrei in der Straße Saint⸗Antoine gemacht und die Ladendiener des Petit⸗Saint⸗Antvine ſich erlaubten, zu hohnlächeln, wenn die kleine Wäſcherin an dem Magazin vorüberging. Jungfer Liſe war von nun an ihre eigene Herrin; ſie wollte thun, was ihr gut dünkte, aber ſie wollte nicht den Klatſchereien der Läſterzungen ausgeſetzt ſein. Sie miethete deßhalb ein Zimmer in der Straße Charlot. Dort war ſie nahe bei den kleinen Theatern; ſie rechnete auf die Kundſchaft irgend eines Schauſpielers vom Theater de Ambigu oder de la Gaits, und dies konnte ihr Billete verſchaffen(Sie ſehen, daß die Jungfer vorſichtig iſt); übrigens war ſie ſehr ruhig und führte ſich ſo ſittſam auf, als es ein junges Mädchen thun kann, die zwanzig Sous täglich verdient und Hüte tragen will. Guſtav hatte ſich an Liſe erinnert; ſie hatte ihm bei ihrem letzten Zuſammentreffen ihre Adreſſe gegeben, und der junge Mann wußte, daß die kleinen Arbeiterinnen in eigenen Zimmern ſich nie in Häuſern mit Portiers einmiethen. 5 Unſer Held mißt den Boulevard mit ſeinen Schritten, langt in der Straße Charlot an, aber er hat die Hausnummer ver⸗ geſſen; was iſt zu machen?. zum Henker, an alle Eingänge klopfen? deſto ſchlimmer für die Perſonen, die dies in ihrem Schlaf ſtören wird und die ſich übel darob befinden werden; deſto ſchlimmer für die Kranken, für die, welche träumen, das zu be⸗ ſitzen, was ſie nicht haben; deſto ſchlimmet für den Autor, der von einem Erfolge träumt; deſto ſchlimmer für den Rentier, dor ſich an einer guten Tafel ſieht; deſto ſchlimmer für den Liebenden, der ein Geſtändniß erhält; deſto ſchlimmer für den Dichter, der ſich in die Akademie aufgenommen glaubt; deſto ſchlimmer für die Kokette, welche zwanzig Liebhaber quält; deſto ſchlimmer für die Alte, die ſich verjüngt glaubt; deſto ſchlimmer für den Spieler, der von einer Quaterne in der Lotterie träumt; deſto ſchlimmer für den Unglücklichen, der nicht weiß, wie er den andern Tag ſeinen Kindern Brod geben ſoll; deſto beſſer für die Frau, die bei Demjenigen ſchläft, welchen ſie anbetetz deſto beſſer für den, deſſen Glück vollkommen iſt, und dem die Wirklichkeit nur eine roſenfarbene Zukunft darbietet! Allein im Ganzen gibt es mehr deſto ſchlimmer, als deſto beſſer. „Gut! hier iſt ein Eingang. pochen wir und pochen wir ſtark...“ Man öffnet ein Fenſter im zweiten Stock: ein Rnpf mit einer Baumwollenmütze erſcheint, um in die Straße zu blicken: „Wer iſt da?. was wollen Sie?— Wollten Sie mir gefälligſt die Wohnung von Jungfer Liſe, Feinwäſcherin, anzeigen..— Daß die Peſt Sie erſticke, Sie und Ihre Wäſcherin!. ſah man je etwas Aehnliches? Um ein Uhr Morgens ein ganzes Haus auf⸗ zuwecken, um nach einer Adreſſe zu fragen!— Es iſt eine dringende Angelegenheit.— Wenn vie Wache vorüberginge, ließe ich Sie einſtecken— zahrhaftig! und ich, ich werde, wenn Sie nicht ſchweigen, Steine nach Ihren Fenſterſcheiben werfen.“ Der Herr zog ſich zurück und ſchloß ſein Fenſter, indem er Guſtav mit vollem Herzen zum Teufel wünſchte. Unſer Held ging, ohne ſich dadurch entmuthigen zu laſſen, etwa fünfzehn Schritte weiter und klopfte an eine andere Thüre. „Dieſesmal,“ ſagte er,„wollen wir mit mehr Gelaſſenheit klopfen; wir wollen ſuchen, die Bewohner nur nach und nach aufzuwecken.“ Panl de Kock X. ——————— 98 Er läßt den Hammer einer kleinen grünen Hausthüre leicht fallen; man öffnet ſogleich ein Fenſter im erſten Stock. „Diesmal,“ ſagte Guſtav,„ſchlief man nicht, oder man hat einen ſehr leichten Schlaf!— Biſt Du es, mein Freund?“ fragte eine junge Frau mit ſanfter Stimme.—„5o hö noch ein Abenteuer.. Wohlan... wir wollen ſehen, was daraus werden will; und unſer Unbeſonnener antwortet mit einem dumpfen Ja.— Es iſt recht böſe, ſo lange Zeit auf Dich warten zu laſſen!.. Du weißt wohl, vaß mein Mann auf der Wache am Waſſerſchloß iſt... und daß er ſeinen Poſten nicht verlaſſen wird, um bei ſeiner Frau zu ſchlafen warte.. ich will Dir den Hausſchlüſſel hinunterwerfen, denn ich kann nicht hinabgehen, ich bin im Hemd.“ Die kleine Frau zieht ſich vom Fenſter zurück und Guſtav kratzt ſich hinter'm Ohr, ſehr unſchlüſſig über das, was er thun ſoll:„Eine junge Frau, deren Stimme ſehr ſanft iſt und die euch mitten in der Nacht erwartet, während ihr Mann beim Waſſerſchloß Schildwache ſteht! Dies iſt ſehr verführeriſch... aber kurz, dieſe Dame erwartet nicht Guſtav, und wenn ſie ihren Irrthum wahrnimmt, wird ſie verwirrt, untröſtlich ſein; dann, wenn der Freund nachher kommt, wie es zu vermuthen iſt, wird dies wohl eine andere Geſchichte geben! man müßte ſich wieder ſtreiten, ſchlagen, ein Haus durcheinander bringen. nein!. dies wäre eine Tollheit, und gewiß, ich darf den Hausſchlüſſel nicht annehmen.“ zum Theil Urſache dieſes ſchönen Entſchluſſes war. Ein junger Frau in einem Aufzug, der ihm nicht ſteht, mit einem zerſchlagenen 6.— 3 Stutzer fühlt den Muth nicht in ſich, ſich das erſte Mal einer Das iſt die Schlußfolge der Betrachtungen Guſtav's: nun, 3 ich denke, es iſt ein ſehr geſetztes Benehmen füt einen jungen Mann, der für einen Bruder Liederlich ausgeſchtieen wird: aber unter uns glaube ich, daß die kleine Eigenliebe unſeres Helden ¹ 99 Auge und geſchwollener Naſe vorzuſtellen; der erſte Eindruck könnts ihm nicht günſtig ſein, und wenn man gewohnt iſt, Eroberungen⸗ zu machen, ſetzt man ſich nicht freiwillig der Gefahr aus, daß man einem in's Geſicht lacht. Die kleine Dame erſcheint wieder am Fenſter; ſie bindet ein Sacktuch um einen Schlüſſel und will das Ganze Guſtav zuwerfen, als dieſer ſeine Stimme ganz kenntlich vernehmen läßt „Wollen Sie gütigſt meine Entſchuldigungen genehmigen, Madame; aber ich glaube, daß wir uns beide täuſchen.— Großer Gott!.. er iſt es nicht!...— Ich bitte ſehr, Madame, ent⸗ fernen Sie ſich nicht, ohne mich zu hören...— Mein Herr, Sie werden Dinge glauben... mein Bruder iſt es, den 3 er⸗ warte... und da er mit meinem Manne entzweit iſt... dies iſt der Grund, aus dem ich dieſen Augenblick gewählt ptte, mit ihm zu ſprechen.— Madame, ich zweifle nicht an dem, was Sie mir ſo eben ʒet haben!... Sie können überdies auf meine Verſchwiegenheit rechnen. Sie ſehen, daß ich einiges Vertrauen verdiene, weil ich den Hausſchlüſſel, den Sie mir herabwerfen wollten, wenn ich mich nicht kenntlich gemacht hätte, nicht ange⸗ nommen habe. Dies iſt wahr, mein Herr.. Wollen Sie alſo gefälligſt ſagen, ob Sie in dieſer Straße ein junges Mädchen, — Feinwäſcherin, kennen...— Eine kleine Brünette 2— „Madame.— Etwas bluiternarbig?.— Richtig.— Dies z die kleine Liſe.— Ganz recht, Madame. Sie kennen ſie?— Ja, mein Herr; ich bin eine ihrer Kunden... Ah! das heißt... nein, mein Herr, ſie kennt mich nicht. ſie waſcht für eine meiner Freundinnen.“ „Gut,“ ſagte Guſtav,„die Dame fürchtet, ich möchte ihren und ihres Gemahls Namen erfahren. Madame, könnten Sie mir die Nummer ihres Hauſes ſagen? ſie iſt es, die ich ſuche: ich habe ihr etwas ſehr Dringendes mitzutheilen.— Die Nummer weiß ich nicht, aber ich kann Ihnen das Haus 100 Sie, mein Herr, rechts, nach der Straße Sainte⸗Foy Ach Himmel! eine Patrouille!.. Es iſt mein Mann!... Hier fuhr die Dame, die ſich herausgebeugt hatte, um Guſtav die Wohnung Liſens zu bezeichnen, ſchleunigſt in ihr Zimmer zurück, deſſen Fenſter ſie ſehr ſchnell verſchloß. Guſtav dreht ſich um; er erblickt in der That eine Patrouille der Nationalgarde, die aus der Straße Boucherat herauskam und gerade auf ihn zuging. Einer der Soldaten der Patrouille war der Ehemann der kleinen Dame, und hatte ſeinen Korporal ge⸗ beten, die Runde durch die Straße Charlot ziehen zu laſſen, weil es einem ſehr lieb iſt, den andern Tag zu ſeinen Nachbarn ſagen zu können: Ich habe euch dieſe Nacht bewacht. Aber der Ehemann hatte von Ferne ſeine Frau am Fenſter erblickt, wie ſie mit einem Manne ſprach, deſſen Haltung ver⸗ dächtig war; er verläßt ſeine Reihe und lauft auf Guſtav zu, indem er ſchreit:„Zu mir, Korporal, ſchnell!“ Guſtav ſah die Patrouille auf ſich zukommen und iſt unſchlüſſig, ob er ſie erwarten ſolle: der Ehemann iſt bei ihm, ergreift ihn beim Kragen und befiehlt ihm, auf die Wachſtube zu folgen. Unſer Held antwortet ihm durch einen Fauſtſtoß, der den armen Mann auf einen Eckſtein wirft; hierauf lauft er gegen das andere Ende der Straße. Der Korporal befiehlt ſeinen Soldaten, den Fliehenden zu verfolgen, aber Guſtav geht ſchneller als Leute, die Flinte, Säbel und Patrontaſche haben und nicht gewohnt ſind, Alles dies zu tragen; überdies hat er keine Luſt, ſeine Nacht auf der Wachtſtube zu enden. Er erblickt auf ſeinem Wege einen Haus⸗ gang, deſſen Thor nicht verſchloſſen iſt; er tritt ein, wirft die Thüre hinter ſich zu, und klettert immer vier und vier Stufen eine Wendeltreppe hinan, die er bei hellem Tage nicht hinauf⸗ gegangen wäre, ohne zwanzigmal auf ſeine Füße zu ſehen Um der Patrouille zu entgehen, würde er Daͤcher erklimmen und anf Dachrinnen laufen. Wenn der Kopf erhitzt iſt, berechnet man 101 nichts mehr und man macht Dinge, die man bei kallem Blute nicht zu unternehmen wagen würde. Guſtav hält endlich an... er war in den Manſarden ange⸗ langt und mußte wohl anhalten; es waren keine Stufen mehr zu erſteigen. Wo wird er hingehen 7... Er weiß es ſelbſt nicht.. Er drückt auf gut Glück eine Thüre vor ſich auf: ſie öffnet ſich... und Guſtav weicht zurück und entfernt ſich, weil es Orte gibt, die man, ohne helle zu ſehen, vollkommen errathet. Die Patrouille, welche Sh verfolgte, hatte das Haus bemerkt, in dem er ſich verbarg. Sie pochte ihrerſeits an der Thüre des Eingangs und forderte die Bewohner auf, zu öffnen und ihr den Schuldigen auszuliefern. Aber die Bewohner beeilten ſich nicht, auf die Einladung des Korporals zu antworten. Guſtav hoͤrte im ſechsten Stock den Lärm, den man in der Straße machte; er ſteigt in den fünften Stock hinab; er will noch weiter hinab⸗ gehen, um an der Hausthüre zu unterhandeln.... Eine wohl⸗ bekannte Stimme ſchlägt an ſein Ohr:„Ach, mein Gott! welchen Lärm macht man dieſe Nacht in der Straße! Es iſt nicht möglich, zu ſchlafen!...“ Sie iſt's! ſagt unſer Held; ich bin Fersttet! Er pocht an eine Thüre in der Gegend, von wo die Stimme berfam.„Wer klopft?...— Ich bin es, Liſe... Guſtav iſt es öffne mir ſchnell....— Guſtav? Die kleine Wäſcherin ſpringt von ihrem Beite herab und eilt, ihre Thüre aufzuſchließen.... Sie ſtößt einen Schrei des Schreckens aus, als ſie den jungen Mann ſieht, den ſie unter dem ent⸗ ſtellenden Anzug nicht erkennt. Dieſer tritt ſchleunigſt ein, ſchließt die Thüre wieder ſorgfältig hinter ſich zu und wirft ſich auf das Bett Liſens, indem er ausruft:„Hier bin ich endlich gerettet!... Ich trotze hier ber Wachtſtube, den Ehemännern und den Patrouillen“. Liſe hat ihre Nachtlampe genomnen, welche ſie dem Geſicht 102 Guſtavs näher bringt:„Aber wahrlich, er iſt es!..— Ja, zum Henker, ich bin es.... In der That, ich muß auf den erſten Anblick ſehr unkenntlich ſein!...— Ach, mein Gott!.. in welchem Zuſtand!... Ein ganz ſchwarzes Auge das Geſicht voll Blut!... Und dieſe Kleider!. Ach! welche Ab⸗ ſcheulichkeit für einen jungen Mann comme il ut Wenn Du Alles wüßteſt, was mir zugeſtoßen iſt!... Aber halt... hörſt Du ſie wie Tgube an die Thüre klopfen?. — Alſo wegen Deiner macht man dieſes Gepolter da?— Ja, meine liebe Freundin; ich habe Unordnung nach La Vilette ge⸗ bracht, Giferſucht in dem Herzen eines Schreinergeſellen erregt, Verzweiflung in das Gemüth eines Neuvermählten und Feuer an das Hemd ſeiner Frau gebracht!...— Ach, mein Gott! der liederliche Menſch!... Sie haben ſich alſo geſchlagen!..— Ja, und Du ſiehſt, daß man, obwohl Sieger, doch verwundet ſein kann...— Aber dieſe Leute, welche an das Thor klopfen... —Laſſen wir ſie klopfen.— Was wollen ſie denn?— Mich feſtnehmen es iſt eine Nachtrunde, die ich in Galopp geſetzt habe, weil... Ah! ja ſo, ſage mir, kennſt Du in dieſer Straße, zweihundert Schritte von hier, eine verheirathete Dame, die im oberſten Stock wohnt, oberhalb einer kleinen grünen Thüre?— Ja, ohne Zweifel, dies iſt Madame Dubvurg?— Iſt Madame Dubvurg hübſch?— Sehr hübſch! ein ſchelmiſches Geſicht..— eine aufgeworfene Naſe.— Ah, Teufel, wenn ich all' dieſes früher gewußt hätte und ihr Mann?— Er iſt ein Mann von vierzig Jahren, ein ſüßliches Herz!. er trägt immer Jabots!.. — Ah! er trägt Jabots... er trägt noch etwas Anderes, wie ich glaube.— Wie ſo denn?... Kennſt Du Madame Dubourg? — Keineswegs! würde ich ſie in der Straße ſehen, ich erkennte ſie nicht wieder. Doch laſſen wir dies horch. hoörſt Du noch klopfen?2..— Nein...— Da ſie ſahen, daß man ihnen nicht ontwortete, haben ſie ſich entſchloſſen, wegzugehen, ich war deſſen 10³ gewiß.— Aber warum liefen ſie Dir nach?— Ich werde Dir Alles dies erzählen.— Laß ſehen... ich muß Dir auf Dein Auge und Deine Naſe warme Umnſchläge legen.. denn Du biſt in einem Zuſtand..— Du erwarteteſt mich nicht, iſt es nicht 5 wahr, Liſe?— O gewiß...— Es iſt ſehr glücklich für mich, 3 daß Du allein biſt...— Wie, allein? wohne ich nicht allein?— Ja!.. ja!.. aber dies hindert nicht. man em⸗ pfängt zuweilen Beſuche, die ſich ein wenig ſpät in die Nacht hinein verlängern.— O! mein Herr, ich empfange keine ſolche Beſuche... Ah! wahrhaftig*...— Sieh einmal!. dieſe er⸗ ſtaunte Miene!..— Du biſt alſo jetzt ſehr ſittſam?.— Bin ich es nicht immer geweſen?— O freilich; aber man kann ſehr ſittſam ſein und doch eine kleine Bekanntſchaft haben... — Nein, nein, ich will keine kleine Bekanntſchaften mehr.., die Männer ſind zu falſch!.. zu treulos. als daß man ſie lieben ſollte.— Du haſt ſehr Recht, meine liebe Freundin Nimm Dich in Acht... Du machſt mir mit Deinem Branntwein und Deinem Waſſer das ganze Geſicht naß..— Das große Unglück! ſind Sie nicht ſehr glücklich, daß man Sie pflegt, daß man Ihre Wunden verbindet. wenn es für Andere iſt? Ah, der Bruder Liederlich!. Ihr Oheim hat ganz Recht, mit Ihnen 3 zu zanken!— WMeinſt Du? arme Liſe!. liebſt Du mich„ nicht mehr?.— Ich wünſchte es ſehr! aber ich liebe Sie immer wider meinen Willen denn Sie verdienen nicht, daß man Theil an Ihnen nimmt!.. Weg, endigen Sie, mein Herr, laſſen Sie mich ich werde Ihnen Alles dies in's Geſicht werfen!— Potz tauſend! mein Geſicht hat nichts mehr zu fürch ten.. Du biſt reizend ſo.. im Nachthäubchen.— Pfui! Pfui! Ach! welcher Dämon!... Herr Guſtav, ich werde böſe— Du haſt glänzendere Augen, als gewöhnlich— Vor Zorn glänzen ſie.. Ei nun! was machen Sie denn?— Du ſiehſi es, ich kleide mich aus„— Und warum? —— 104 um mich zu Bette zu legen, wahrſcheinlich.— Ah! Sie wollen ſich zu Bette legen? Gut, dies wäre ungenirt...— Wollteſt Du, daß ich die Nacht hindurch aufbliebe? ermüdet, wie ich bin, wäre ich morgen todt...— Aber er thut, wie er ſagt!.. und ich wo werde ich mich hinbegeben?...— Nun, neben mich, denke ich.— Ei, warum nicht gar?... Das wäre hübſch!. wenn Sie mir wenigſtens verſprächen, ordentlich zu ſein!... Nun allerdings. weil der Herr ſo ermüdet iſt, darf ich nichts fürch⸗ ten. Ei! ich glaube, er ſchläft ein... legen wir uns ſchnell z Bei Elftes Rapitel. Man macht Bekanntſchaft mit Madame Dubourg. Nach einer ſo züchtig zugebrachten Nacht, als es bei einem Mann von zwanzig Jahren und einer Frau von neunzehn(die nicht verheirathet ſind) der Fall ſein kann, wachte Guſtav auf; Liſe war ſchon aufgeſtanden: ſie blies ihr Feuer an, um ihre Milch zum Sieden zu bringen und Guſtav eine Taſſe S an⸗ zubieten. „Meine liebe Fenn was machſt Du da?— Sie ſehen wohl, daß ich Kaffee für Ihr Frühſtück mache..— Ich danke Dir; ich liebe den Kaffee ſehr; wenn man aber gelaufen iſt, ſich geſchlagen, die Pattouille auf den Ferſen und eine hübſche Frau als Wirthin gehabt hat, muß man etwas Stärkenderes, als Kaffee zu ſich nehmen, Da, nimm meine Börſe, die in dieſem groben Blauen Kittel iſt, geh zum Wurſter, zum Spezereihändler und zum Mezger; laß Hammelsrippchen, Kalbfleiſch, friſches Schweine⸗ fleiſch, Bratvürſte, Würſte, Cervelas, Schinken, Käſe, und he⸗ ondets Wein den beſten, welchen Du findeſt, herbeibringen.— Ach in Gott! welches Frühſtüͤck!... Während ich abet hat! er kann nur ſehr ſchlechte Rathſchläge ertheilen!— Glaubſt Du?.. In Wahrheit, Liſe, Du wirſt ſtark in der Moral! wenn Dich mein Oheim hörte, ſo bin ich ſicher, daß er ſich mit Dir ausſöhnte; er, der Dich für eine kleine Herum⸗ zieherin hält...— Ah! Ihr Oheim denkt dies von mir!... es ſteht ihm gut an, dieſem alten podagriſchen Affen, von Andern böſe zu ſprechen!... wenn ich ihn ſehe, kratze ich ihm die Augen aus!..— Ein wenig Achtung für meinen Oheim, Jungfer Liſe!..— Alter Fuchs ohne Schwanz! nicht im Kriege hat er alle ſeine Rheumatismen gefangen..— Jungfer Liſe!... — Ah! er heißt mich eine Herumſtreicherin!.. er ſoll es mir bezahlen!...— Wirſt Du bald zu Ende ſein?— Drum will ich nicht, daß man ſich erlaubt, etwas über meine Aufführung zu ſagen!...— Richtig, es wäre eine Abſcheulichkeit!— Ich, die ich ſo ſittſam bin!... die nicht ausgeht und Niemand bei ſich ſieht!..— Es iſt wahr, Du lebſt wie eine Veſtalin.— Und zu ſagen, ich ſei...— Ha ſo, zum Henker, jetzt iſt es genug!. wenn man den verwundbaren Punkt eines Frauen⸗ zimmers berührt hat, ſo gibt es keinen vernünftigen Grund mehr, der ſie zum Ende bringen kann. Du wirſt alſo zu Olivier gehen. — Und wo wohnt er jetzt, Ihr Olivier?— Straße des Petites Eeuries, hei der Vorſtadt Poiſſonniére..— Ich werde ihn um Kleider für Sie bitten?— Ja; Du erzählſt ihm, was mir zu⸗ geſtoßen iſt..— Ah! ich werde ihm nicht ſagen, daß Sie die Nacht bei mir ieirh haben! ſicherlich nicht.— Nein, Du wirſt ihm ſagen, daß ich dieſen Morgen gekommen ſei.. furz, Du kannſt ihm ſagen, was Du willſt; aber denke daran, daß ich einen Frack, einen Hut, ein Paar Beinkleider und Stiefel brauche— und ich ſoll Alles dieſes tragen?— Du nimmſt einen Phnnutſunär, wenn Du willſt; ich müßte fürchten, daß Benvit, mein Diener, erkannt würde und daß man ihm nach⸗ ginge— Wohlan, 6 will Ihre Aufträge beſetg öff 108 während meiner Abweſenheit Niemand.. es würde mir Nach⸗ theil bringen, wenn man einen jungen Mann bei mir, und zwar in den Hoſen und dem Kamiſol, die meinen Kunden zugehören, fände.— Sei ruhig; komme, wer da wolle, ich öffne nicht. aber was ſoll ich während Deiner Abweſenheit thun, um mir ie Langeweile zu vertreiben?...— Suchen Sie in dieſer Commode nach, Sie werden Bücher finden... und zwar ſolche, die hübſch unter⸗ haltend ſind: Jean Shogar; Faublas; mon Oncle Thomas; Victor; Enfant de ma femme...— Es iſt gut, ich werde Alles dies ſehen; aber beeile Dich, ich bitte Dich darum.— Ja, ja, ich will mich beeilen, werden Sie nicht ungeduldig.“ Liſe küßt Guſtav, ſchiebt ihren Schlüſſel in die Taſche und geht in die Straße des Petites⸗Ecuries. Unſer junger Mann, der allein geblieben iſt, durchblättert die Romane, liest einige Seiten, ſteht auf, geht im Zimmer auf und ab, blickt durch das Fenſter, ob die Kleine zurückkommt; aber das Fenſter geht auf die Dächer, man kann nicht in die Straße ſehen. Guſtav wird ungeduldig, findet die Zeit zu lang und bedenkt nicht, daß es von der Straße Charlot in die des Petites⸗ Feuries weit iſt, und daß man überdies Zeit braucht, um die Toilette eines jungen Mannes nach der Mode zu vervollſtändigen. Man klopft leiſe an die Thüre...„Machen wir kein Ge⸗ räuſch,“ ſagte Guſtav;„denken wir an unſer Verbot.“ Man klopft noch einmal... man ruft: Sie, Jungfer Liſe.. ich bin es, es iſt Madame Dubourg. „Madame Dubvurg!“ ruft Guſtav i„o! meiner a ich will ſie fennen lernen: laſſen wir dieſe Gelegenheit nicht en ſchlüpfen.“ Er eilt an die Thüre, öffnet derjenigen, mit der et eine nächtliche Unterredung gehabt hat und deren Geſicht er zu ſehen brennt. Madame Dubourg fürchtete die Folgen, welche ihr e in der vergangenen Nacht haben fonnte, und war jener Herr ſei, der zart genug war, den Hausſchlüſſel einer jungen Frau zurückzuweiſen, und vriginell genug, um des Morgens um ein Uhr die Adreſſe einer Wäſcherinzzu erfragen. Um einige Nachrichten über ihn zu erhalten, mußte ſie natürlich zu der Perſon gehen, nach der er fragte, und die gerade für Madame Dubourg wuſch; unter Frauen ſagt man ſich tauſend kleine Dinge, die ein Mann nicht wiſſen darf:; man hoffte alſo, Jungfer Liſe zum Schwatzen zu bringen und ihr hierauf die größte Verſchwiegenheit zu empfehlen, wenn der fragliche Herr von ſeiner Unterredung mit einer Dame des erſten Stocks oberhalb der kleinen grünen Thüre geſprochen hätte. Madame Dubourg macht eine Bewegung der Verwunderung, als ſie Guſtav erblickte, den ſie indeß nicht erfannte, weil ſie bei Nacht ſeine Züge nicht hatte unterſcheiden können, obgleich eine Laterne nicht weit von ihrem Hauſe war; allein die Laternen ſind wahrſcheinlich nicht gemacht, um zu leuchten, weil man nur ſo viel Oel hineinthut, als gerade nöthig iſt, um zu verhindern, daß man gar nichts ſieht. Madame Dubourg konnte nicht vermuthen, daß der Herr, der um ein Uhr des Morgen mit Jungfer Liſe ſprechen wollte, um ein Uhr Nachmittags noch bei ihr ſein werde; indeß wußte ſie nicht, ob ſie eintreten ſollte, weil eine Frau ſich wohl beſinnt, ehe ſie mit einem Herrn im Nachtwamms allein bleibt. Allein Guſtav ladet die Dame mit ſehr höflichem Tone und möglichſt verſtellter Stimme ein, einen Angenblick zu warten, ſie verſichernd, Jungfer Liſe werde bald heimkommen. Madame Dubourg tritt ein und ſetzt ſich; nachdem Guſta ſ ganz nach Luſt betrachtet hatte, nimmt er ſeine natürliche Stimme wieder an, und fragt, ob ihr Mann ſeinen Sturz an einen Eckſtein noch fühle und ob ihr Bruder ſie noch lange Zeit hahe warten laſſen. Madame Dubourg verwirrt ſich, wird blaß blict Guſtav an und verbirgt ihr Se in ihtem Laſchutuch. „Ach, Madame!“ ſagte Guſtav zu ihr,„ſeien Sie überzeugi, daß meine Abſicht nicht iſt, Ihnen Kummer zu verurſachen; ich bedarf ſelbſt zu ſehr der Nachſicht, als daß ich mir erlauben ſollte. die Handlungen Anderer zu tadeln. Was müſſen Sie von einem jungen Manne denken, der bei Nacht an alle Thüren klopft, ſich bei Tag bei einer Wäſcherin verbirgt... und in welchem Anf⸗ zug?... An mir iſt es, Madame, von Ihnen Vergeſſenheit für meine Thorheiten nachzuſuchen, und Sie zu bitten, mich nicht nach dem Schein zu beurtheilen.“ Dieſe Rede beruhigte Madame Dubourg; ſie zog ihr Taſchen⸗ tuch von ihrem Geſichte weg und blickte Guſtav lächelnd an. Einiger Mahle, der Folgen ſeines geſtrigen Kampfes, ungeachtet, gefiel er ihr ſehr gut; ſie ſah auch aus ſeiner Art ſich auszudrücken, daß er kein Menſch ohne Erziehung ſei; und ein Mann, der zu leben weiß, iſt an Liebesabenteuer gewöhnt und mißt ihnen nicht mehr Wichtigkeit bei, als ſie verdienen. „Ich ſehe wohl, mein Herr,“ fagte Madame Dubourg,„daß wir uns kennen ſollten... Ich dachte indeß nicht daran, Sie hier wiederzufinden.. ich ſtelle mir vor, daß Sie in Folge einer, für einen jungen Menſchen wohl entſchuldbaren, Unbeſonnenheit hier ſind. Ich kann keine ſchlechte Meinung von Ihnen haben... wollen Sie auch gefälligſt überzeugt ſein, daß mein Bruder es war, den ich dieſe Nacht erwartete...— Ich zweifle nicht daran, Madame; allein ich finde ihn ſehr glücklich, eine ſo liebenswürdige Schweſter zu haben!...— Es iſt mir leid, daß die Patrouille Sie verfolgt hat... aber mein Mann iſt grauſam darin.. er ſieht überall Diebe!...— Die Ehemänner ſind alle ſo!...— Ich war entzückt, als ich erfuhr, daß man Sie nicht feſtgenommen hatte!— Ich glaube es.— Ich glaube, man ſoll heute kommen und ſich in dem Hauſe erkundigen, ob man Sie geſehen hat.— O! ſeien Sie ruhig, man wird mich nicht mehr hier finden Ich habe zu meinem Manne geſagt, daß ich mich au's Fenſier 111 geſetzt hätte, um Luft zu ſchöpfen, da ich mich unwohl fühlte. und daß ein Unbekannter mich nach ſeinem Wege gefragt hätte⸗ Ich hoffe, Jungfer Liſe weiß nicht...— Nein, Madame!. ſie ſoll nichts erfahren.— Alsdann habe ich nicht mehr nöthig, auf ſie zu warten, denn ich geſtehe Ihnen frei, daß ich zu ihr gekommen bin, ſie über dieſen Gegenſtand auszuholen.— Ich vermuthete es, Madame, und deßhalb wünſchte ich, Sie völlig zu beruhigen.— Adieu, mein Herr; wenn ich Ihnen einmal in irgend etwas nützlich ſein kann, ſo bitte ich Sie, mich nicht zu vergeſſen.— Sie vergeſſen! Madame! Sie dürfen nie fürchten, vergeſſen zu werden.“ Madame Dubourg macht Guſtav eine zierliche Verbeugung und will ſich eben wegbegeben, als Jungfer Liſe mit einem Pack unter dem Arm heimkommt. Sie bleibt ſtehen, blickt Guſtav an, der ſich in die Lippen beißt, und Madame Dubvurg, die erröthet. „Was will Madame? was verlangt Madame?“ fragt die kleine Wäſcherin mit ſpöttiſcher Miene.—„Mademviſelle, ich wollte wiſſen.. ob die Jabots meines Mannes gefältelt ſind.— Die Jabots Ihres Mannes?... Sie wiſſen wohl, Madame, daß ich ſie Ihnen nie vor fünf Uhr bringe..— Es iſt wahr. allein er ißt in der Stadt zu Mittag, und hat keine weiße ich will ſie mitnehmen, wenn Sie die Zeit nicht haben... hier ſind ſie, glaube ich? Madame Dubourg nimmt drei Jabots, welche ſie auf einer Tafel ſieht, ballt ſie zuſammen, ſchiebt ſie in ihren Beutel und eilt geſchwind hinweg, ohne auf das Schreien Liſen's zu hören, die in der Hausflur ihr nachruft, daß ſie die Jabots eines Künſtlers vom Cafs Apollon für die ihres Ehemannes mitnehme. „Ah! Herr Guſtav!“ ſagt die Kleine, wieder in die Stube tretend,„ich weiß nicht, was Sie mit dieſer Dame machten; allein ſie iſt ſehr verwirrt; ſie weiß nicht mehr, was ſie thut.— Wie kannſt Du ſolche Gebanken haben, Liſe?— Wahrlich! — dies wäre ganz erſtaunlich!. aber ich hatte Ihnen verboten, zu öffnen...— Ich hatte geglaubt, Deine Stimme zu hören.— Lügner... Sie kennen Madame Dubourg, ich wollte darauf wetten...— Ich! dies iſt das erſte Mal, daß ich ſie ſehe.— Und Ihre Fragen von heute Nacht, glauben Sie denn, daß ich ſolche vergeſſen habe?.. Aber ich werde um vier Uhr zu ihr gehen; dies iſt die Stunde, wo ihr Mann zu Hauſe iſt; ich werde ſehen, ob er in der Stadt zu Mittag ißt, und wenn ſie mich belogen hat..— Liſe, Sie ſprechen immer Böſes von Andern; Sie ſchonen Niemand, und Sie wollen, daß man nichts über Sie ſage!... Aber ich bemerke Ihnen zum voraus, daß, wenn Sie dieſer Dame, die ich für ſehr ehrbar halte, irgend etwas Unangenehmes zu machen ſuchen, ich böſe mit Ihnen werde und in meinem Leben nicht mehr mit Ihnen ſpreche!..— Das große Unglück! man wird den Herrn entbehren können!.. ich muß ihn bei mir finden, wie er liebelt mit einer Spröden, die keine zwei Liards werth iſt!... und ich ſoll vollends nichts ſagen. dies wäre bequem!... Ich weiß wohl, daß Sie Maitreſſen von allen Größen und allen Farben haben; aber ich will nicht, daß ſie kommen und Sie in meinem Hauſe aufſuchen ſ e heiratheten Frauen! ach! ſie haben eine Frechheit!. es ſcheint, daß ihnen Alles erlaubt iſt; ſie ſollten erröthen und vor Scham vergehen, ihre guten Kerls von Ehemännern zu betrügen!... Ein lediges Frauenzimmer iſt wenigſtens ihre eigene Herrin!... ſie kaun den Kopf frei erheben!.. Während Jungfer Liſe ſprach, kreidet⸗ ſich Guſtäv an, nicht ohne auf die Nochläſſigkeit Olivier's und die Dummheit Benvit's zu fluchen. Man ſchickte ihm in der That ein Paar Beinkleider mit Reitſtiefeln, ſowie eine Tuchweſte, und es war Sommer. „Hat Olivier dieſe Kleidungsſtücke gewählt?“ ſagte endlich Guſtav zu Liſe—„Nein, Ihr Freund war nicht zu Hauſe, ich habe nur Ihren Bedienten geſehen.. Benvit; ach! welche ein 113 fältige Miene er hat! er hat mir dieſes Paket gegeben.— Ich wundere mich nun nicht mehr über die Wahl der Gegen⸗ ſtände.— Ah! ah! wie drollig Sie ſind!.. Sie haben das Ausſehen eines Dorfbräutigams... dieſer Frack iſt Ihnen zu kurz.— Es ſcheint, der Schlingel hat es abſichtlich ge⸗ than, ich glaube wahrhaftig, er hat mir einen ſeiner Fräcke ge⸗ ſchickt... er ſoll mir dieſen Streich da bezahlen aber es iſt beſchloſſen, daß ich verkleidet von hier weggehen ſoll... will die Jungfer jetzt gehen und mir einen Wagen holen?— Ja, mein Herr, und ich will ſehen, ob Madame Dubourg Sie an der Thüre erwartet.“ Liſe geht weg und kommt bald mit einem Fiaker wieder. „Adieu, Jungfer Liſe,“ ſagt Guſtav.—„Adieu, Bruder Lieder⸗ lich. Ei denn! er ginge fort, ohne mich zu küſſen!— Ich glaubte, Sie ſeien böſe über mich!.. Adieu, meine liebe Freundin beſuche mich bei Olivier.. Du weißt die Adreſſe? — Ah, gut, ja! ich werde ſo geradezu zu jungen Leuten gehen!.. man würde ſchoͤne Dinge darüber ſagen!. um welche Zeit werde ich Sie antreffen?..— Potz tauſend! des Morgens. Du weißt wohl, daß ich ſpät aufſtehe.— Gut, ich werde kom⸗ men, Sie aufzuwecken.“ Guſtav geht die fünf Stockwerke hinab, ſteigt in den Fiaker, der an der Thüre auf ihn wartet, und läßt ſich zu Olivier führen. Bwölftes Kapitel. Ein Gaſtmahl junger Leute.* Hlivier war ein junger Mann von Guſtav's Alter Da er frühe feine Eltern verloren hatte, war er zu bald Herr ſeiner Handlungen geworden. Er liebte vas Spiel, den Wein und die Weiber; er wurde in einer Verwaltung angeſtellt, wohin er gegen Paul de Köit. N. 8 werde Dir Alles erzählen, was mir zugeſtoßen iſt; es wird Di 1¹4 vas Ende der Monate ſehr regelmäßig ging, weil man ſich dem Zahlungstag näherte; ſobald er aber ſein Geld eingenommen hatte, hielt er ſich vom Bureau fern und man ſah ihn manchmal acht Tage lang nicht dort. Seine Oberen gaben ihm häufig Ver⸗ weiſe, die ihn für vierundzwanzig Stunden geſetzt machten. Da er, wenn er wollte, ſchnell 3 gut arbeitete, ſo war man nachſichtig gegen ihn. Olivier war zu Hauſe, Sz aus dem Wagen ſtieg: er erblickte ihn vom Fenſter aus und ging ihm, aus vollem Halſe lachend, entgegen:„Hier bin ich,“ ſagte Guſtav;„ich fürchtete, nimmer bis hieher zu gelangen!...— Ha! ha! ha!— Nun denn! was haſt Du denn zn lachen?— Betrachte Dich im Spiegel„Auf Ehre, Du biſt unbezahlbar... Komm, ſo einen Gang durch's Palais⸗ Royal zu machen.. man wird Dich für einen Neuangekommenen halten. Du wirſt die Eroberung aller Nymphen der Galerie de bois machen.— Der Schlingel von Benoit hat mir dieſen Anzug zugeſchickt. Benoit!— Hier bin ich, Herr.— Willſt Du mir ſagen, warum Du mir Deinen Frack ſtatt des meinigen zugeſchickt haſt?— Ah, Herr!... dies iſt eine Schelmerei: als ich nach Paris kam, fürchtete ich, Ihr Oheim möchte mich ſehen und ich hatte Ihren Frack ange⸗ zogen, um nicht erkannt zu werden..— Ah! Du haſt meinen Frack angezogen! dies iſt ſehr angenehm für mich...— Ich wollte auch ein Paar Ihrer Hoſen anziehen, aber ich konnte nicht hineinkommen. ſie waren mir zu enge..— Dies iſt Schade!.. Ei, Benoit, i bitte Dich, keine von dieſen Schelmereien zu chen; es gefällt mir durchaus nicht. Mein lieber HOlivier, Du mußt mich beherbergen.— Du weißt wohl, daß Du hier wie zu 6 Hauſe biſt: ich habe drei Zimmer, es wird für Jeden von uns eines geben— Ich möchte, daß mein Oheim, ehe ich wieder vor ihm erſcheine, ſeinen Heirathsplan vergeſſen hätte Ach! i beluſtigen. Ei, haſt Du die Pferde verkauft?— Ja, ſogleich. — Sehr theuer?— Ja, nicht übel... Wir werden ſpäter dar⸗ über abrechnen... Kleide Dich an und gehen wir zum Eſſen... Ich will hier zu Mittag eſſen, ich werde eine Zeitlang nur bei Nacht ausgehen..— Du haſt alſo ziemlich Furcht vor Deinem Oheim?— O! er ſpaßt nicht.. und ich muß ſeinem Zorn aus⸗ weichen. Benovit, geh zu einem Traitenr und laß ein Mittageſſen herbringen. Wirſt Du den Verſtand haben, ein Mittageſſen für Zwei zu begehren?— Ah! was das betrifft, ſo werden Sie zu⸗ frieden ſein, Herr... wenn man mich aber unterwegs ſieht?.. — Rimm dieſen alten Carrick über Dich her, drücke dieſen großen Hut in die Augen... So iſt's recht.. Du ſiehſt aus wie ein alter Jude. Geh zum beſten Traiteur und beeile Dich.“ Allein mit ſeinem Freund geblieben, erzählte ihm Guſtav einen Theil ſeiner Abenteuer, wobei er indeß über ſeine Beziehun⸗ gen zu Frau von Berly wegging. Obſchon leichtſinnig, wußle unſer Held doch das Geheimniß beglückter Liebe zu bewahren, wenn es ſich um eine Frau handelte, deren Ruf geſchont werden mußte. Er machte gerne Eroberungen, aber er hatte den geſun⸗ den Verſtand, nicht von allen denen zu ſprechen, die er gemacht hatte. Er unterſchied ſich darin ſehr vortheilhaft von jenen faden Geſellen, die überall von ihrem Liebesglück und den Gunſtbezeu⸗ gungen, die man an ſie verſchwendet, ſprechen; aber man muß der Wahrhaftigkeit dieſer großen Verführer mißtrauen: die, welche ſich am meiſten rühmen, ſind faſt immer die, welche am wenig⸗ ſten zum Ziel gelangen. Für einen Unbeſtändigen hatte Guſtav Grundſätze; er hatte den Frauen nie andern Kummer gemacht, als den, daß er ſie be⸗ trog Er galt für einen Bruder Liederlich; war er aber nicht entſchuldbarer, als der, der unter heuchleriſchem Aeußern über eine Frau zu triumphiren ſucht und ihren Ruf zu Grunde richtet, wenn ſie ſeinem Verlangen nicht nachgibt? Solche Menſchen ſinb zu l⸗ 116 gemein in der Welt; das ſind die wahren ſchlechten Subjekte. Man kann Unbeſtändigkeit, Leichtigkeit und Leichtſinn entſchaldi⸗ gen; aber Heuchelei und Verleumdung ſi ſind Laſter niedriger und verdorbener Seelen. Benvit kommt zurück, gefolgt von dem Aufwärter eines Trai⸗ teurs, einem Zuckerbäcker, einer Auſternhändlerin, einem Wein⸗ wirth und einem Limonadier. Jeder brachte mit, was er für das Mahl dieſer Herren lieferte.„Peſt!“ ſagte Guſtav,„es ſcheint mir, daß ſich Benoit für die etwas einfache Küche der Madame Lukas entſchädigen will; wohlan, halten wir dieſes prächtige Mahl! ein andermal jedoch wollen wir Iym zur Vorſorge die Karte deſſen machen, was wir wünſchen.“ Während des Eſſens theilt Olivier ſeinem Freund mit, daß et in ſeinem Hauſe mit einer Dame Bekanntſchaft gemacht habe, die Perlen auffaſſe,(enfile des perles)“ und welcher er einigen Unterricht in der Guitarre ertheile, weil die Dame die Muſik ſehr liebe und ihn demnächſt in eine bürgerliche Geſellſchaft führen ſolle, wo man Liebhaber⸗Concerte gebe. „Zum Henker!“ ſagt Guſtav,„ein Liebhaber⸗Concert, das iſt meine Sache; Du weißt, daß ich auf der Violine eine Sonate vom Blatt weg ſpiele; ich riskire ſogar bisweilen das Terzett von Raſetti. Du wirſt mich mitnehmen. Ich muß mich ohne⸗ hin über meine unglücklichen Liebesabenteuer zu zerſtreuen ſuchen.“ Nach dem Eſſen machte Olivier der Dame mit den Perlen den Hof und Guſtav ging in der Straße du Sentier ſpazieren. Er fragte nach dem Haus des Herrn von Berly; man bezeichnete es ihm, und er erging ſich einige Zeit vor dem Hofthor, nach den Fenſtern ſehend, ob er Julie erblicke; aber er gewahrte Nichts. „Wenn ſie wüßte, daß ich vor ihrem Thore auf und ab gehe,“ ſprach er,„ſo würde ſie irgend ein Mittel finden, herauszuko Das Wort enller hat im Franzöſiſchen auch eine erotiſche Bedeutüng Anm. d. Ueberſ. — men, um mit mir zu ſprechen!. Wenn ich nur das gute Mäd⸗ chen ſehen könnte, das mir ihr Billet überliefert hat!.. aber ich kann nicht in das Haus eintreten!. ich könnte dadurch Julie neuen Unannehmlichkeiten ausſetzen.“ Guſtav kehrte zu Olivier zurück. Mehrere Tage gingen auf dieſe Art hin. Unſer Held ging nur des Abends aus, um in der Straße du Sentier ſpazieren zu gehen; Olivier ging des Morgens, legte ſeinen Hut auf ſein Bureau, kam dann als Nach⸗ bar zurück, um ſeiner Schülerin auf der Guitarre den Hof zu machen. Dieſe Herren lebten koſtbar, um ſich von der Lange⸗ weile ihres regelmäßigen Betragens zu befreien. Das Geld wurde ausgegeben, aber man verdiente keines; Olivier nahm nur den vierten Theil ſeines Gehaltes ein, die übrigen drei Viertel wur⸗ *„ den unter ſeine Gläubiger vertheilt. Guſtav fing an, ſeinem Gelvbeutel auf den Grund zu ſehen, aber er zählte auf Olivier, der das aus den Pferden erlöste Geld haben mußte. Zudem konnte der Oberſt nicht immer böſe ſein: ſchon hatte ihm ſein Neffe einen ſehr ehrfurchtsvollen, unterwürfigen Brief zugeſandt, in welchem er von ſeiner Liebe für Frau von Berly als von einer Leidenſchaft ſprach, die ſeinen Verſtand bis auf den Punkt verwirrt habe, daß er in das Schlafzimmei dieſer Dame, die ſeine ſtrafbaren Gefühle nicht getheilt, eingedrungen ſei. Guſtav ſchmeichelte ſich nicht, daß ſein Oheim durch dieſe Lüge ſich täu⸗ ſchen laſſen werde, allein es war ſeine Schuldigkeit, Frau von Berly zu entſchuldigen und Dasjenige zu beſtätigen, was ſie ihrem Gemahl geſagt hatte. Guſtav begann ſein Leben ſehr einförmig zu finden, als man eines Morgens, nachdem Olivier ausgegangen war, an die Thüre flopfte und Benvit der Jungfer Liſe öffnete. Die Kleine war im Wichs: ſie hatte ihren roſenfarbenen Hut aufgeſetzt, ihr garnirtes Kleid und einen großen Shawl angezogen, und Niemand konnte aus ihrer Kleidung und Haltung errathen, 118 daß ſie nur eine Feinwäſcherin ſei. Aber es gibt nichts Trügeri⸗ ſcheres in Paris, als den Anſchein!.. Man kann im Theater zwiſchen zwei Männern ſitzen, deren Tilette ganz dieſelbe iſt; ihr Einkommen iſt alſo ungefähr gleich? Durchaus nicht: der Eine iſt Diviſionschef in einem Miniſterium, der Andere iſt Kammerdiener und klopft in einem Hötel garni die Kleider aus. Die Weißzeug⸗ haͤndlerin trägt Kaſchemire, die Spezereikrämerin Federn, das Nähmädchen Hüte, der Haarkünſtler einen Umwurfmantel, der Kellner einen Jabot. Es iſt Schade, daß man nicht auch eine Stimme kaufen kann, wie man ein Halstuch kauft! Dann wür⸗ den wir keine Schnapsſtimme unter einem Sammthut hervorkom⸗ men hören. Doch Geduld, dies kommt vielleicht auch noch. „Hier bin ich, mein Herr,“ ſagte die Kleine!„ich will Ihnen einen Beſuch machen, ich halte Wort.— Meiner Treu, meine liebe Freundin, Du konnteſt zu keiner gelegeneren Zeit kommen, ich ſtellte melancholiſche Betrachtungen an... Deine Gegenwart gibt mir meine Heiterkeit wieder..— Sie denken nach? dies wäre alſo das erſte Mal!.— Höre doch, Alles nimmt ſeinen Anfang; ich werde alt.— Der Greis von einundzwanzig Jahren!.— Du witſ den Tag bei mir zubringen?.— Recht gerne...— Du wirſt bei mir Mittag eſſen? Olivier erſchreckt Dic nicht?— Ich möchte lieber mit Ihnen allein ſein; weil es aber in ſeiner Wohnung iſt...— Und dieſen Abend werde ich Dich nach Hauſe begleiten: iſt es ſo ausgemacht? — Sie wiſſen wohl, daß ich Alles thue, was Sie wollen.— Du biſt zum Entzücken; laß Dich küſſen..— Hören Sie doch auf! Ihr Bedienter blickt auf uns!... Vor dem Eſſen muß ich aber meiner Tante noch einen Beſuch machen. Ich gehe jetzt ſogleich hin, um Sie alsdann nicht mehr zu verlaſſen— Geh' und kumm nicht zu ſpät wieder.“ Liſe geht fort und Guſtav ruft Benvit herbei: D mußt us heuie ein köſtliches, feines und leckeres Mittageſſen be⸗ 121 haſt Du ungefähr?— Ja, Herr. ich habe wohl... ja, ich habe ungefähr etliche und dreißig Sous...— Dummkopf!. und er nennt dies Etwas!... werden wir eine hübſche Mahlzeit mit Deinen dreißig Sous geben? Wenn Du wenigſtens nur Genie hätteſt, um irgend einen glücklichen Ausweg zu finden Aber mit einem Bedienten wie Du, kann man wohl ver⸗ hungern!...“. Olivier ging im Zimmer auf und ab, indem er zuweilen mit dem Fuß auf den Boden ſtampfte und das Glück und die Rou⸗ lette verfluchte. Guſtav zerbrach ſich den Kopf, um auf Mittel zu ſiünen, wie er ſich ein Mittageſſen verſchaffen könnte, und Benoit ſtand unbeweglich vor den beiden jungen Männern und erwartete die Befehle, die ſie zu geben belieben würden. Plötzlich heiterten ſich Guſtav's Geſichtszüge auf.„Mein Freund!“ ſagte er zu Olivier,„wir werden zu Mittag eſſen.. in Wahrheit, ich weiß zwar noch nicht gerade, wie wir unſere Mahlzeit bezahlen werden, aber das Hauptſächlichſte iſt jetzt, daß wir eſſen. Du weißt, daß ich vor einem halben Jahre, während des Aufenthalts meines Oheims auf dem Lande, allein in Paris zurückblieb; ich ging manchmal in eine Reſtauration zum Eſſen, die von einer fleinen Zuckerſüßen von ſechzig Jahren gehalten wird, welche ſechs Fuß im Umfang, einen Arm wie ein Herkules und ein Jubi⸗ läums⸗Geſicht hat. Dieſe liebenswürdige Dame hat die jungen Leute ſehr gerne; ſie blickte mich ſehr wohlgefällig an, lächelte, wenn ſie mit mir ſprach, und wenn ich auf's Comptoir ging, machte ſie mir ſtets den Antrag, nur für mehrere Tage zuſammen zu bezahlen. Ich war damals bei Geld und habe ihre verbind⸗ lichen Anerbietungen nicht benützt; heute aber will ich ihren guten Billen auf die Probe ſtellen: ich gehe zu ihr hin; ich ſtelle mich, als komme ich ſo eben vom Lande an, habe einige Freunde zu bewirthen, und überlaſſe mich hinſichtlich der Leitung dieſer Sache ganz ihrer Gefälligkeit. Die gute Dame wirv, geſchmeichelt durch 122 mein Vertrauen in ſie, Alles geben, wach ich will... Ich werde ein entzückendes Mahl beſtellen, und wenn es gegeſſen iſt, werden wir auf die Mittel denken, es zu bezahlen.— Richtig! Dein Einfall kommt von der Vorſehung. Dies erinnert mich gleichfalls an die Nichte eines Zuckerbäckers, mit der ich in freundſchaftlicher Beziehung geſtanden bin, während ich ihrem Oheim Deviſen für ſein Zuckerwerk machte; ich bin ſicher, einen ſchönen Nachtiſch in Backwerk und dergleichen zu erhalten.— Wohlan, dies iſt vor⸗ trefflich; beeilen wir uns, zu beſtellen, was wir zur Bewirthung unſerer Schönen nöthig haben... Ich riskire dieſen Damen zu Liebe viel, ich gehe beim hellen Tage aus, auf die Gefahr hin, von dem lieben Onkel erblickt und erkannt zu werden...— Gut!... Du wirſt ihm dieſen Morgen nicht gerade begegnen.— Ich über⸗ laſſe mich meinem Schickſal k. Die jungen Leute wollten ausgehen, Benvit hält ſie zurück.— „Meine Herren.. es ſcheint mir, daß für das Eſſen noch Etwas fehlt...— Was denn?— Sie haben keinen Wein— O! der Schlingel hat Recht! dies iſt die Hauptſache... Wie ſoll man welchen bekommen?.. Kennſt Du die Frau, die Tochter oder die Nichte eines Weinwirths, Olivier?..— Pfui doch, mein Freund! ich habe meine Eroberungen immer in einer höheren Region ausgewählt.— Meiner Treu, in dieſem Augenblicke zöge uns eine kleine bürgerliche Leidenſchaft für eine Weinwirthin aus der Verlegenheit! ein Mittageſſen ohne Wein das wäre nicht luſtig...— Der Kaffeewirth hier gegenüber wird uns Bier geben.— Ein hübſches Getränk, um Einen guten Muths zu ma⸗ chen!— Wir ſagen den Damen, es ſei Laerymä Chriſti.— Sie werden ſich vadurch nicht irre führen laſſen!..— Wir könnten ſo⸗ gar ein paar Bowlen Punſch erhalten.— Man trinkt keinen Punſch zu Geſpicktem!— Wir laſſen ihn mit Wein machen— Geh zum Teufel!— Ach, Guſtav, ein göttlicher Einfall. Wir werden Wein erhalten, Bordeaur und Champagner Willſt Du mir Benvit anvertrauen?— Ol ich überlaſſe ihn Dir; mach! mit ihm, was Du kannſt.“ Guſtav eilt zu der dicken Mama, die eine Reſtauration hält; Olivier bleibt mit Benvit zurück, deſſen er ſich zu bedienen ge⸗ denkt, um Wein zu erhalten. Der große Bengel blickt mit er⸗ ſtaunter Miene den Freund ſeines Herrn an, welcher ein hübſch zuſammengelegtes Halstuch, einen ſehr langen Frack, eine kurze Weſte anzieht, ſeine Haare ganz glatt kämmt, die Naſenſpitze mit rother Schminke einreibt, eine Reitpeitſche nimmt, Kamaſchen an⸗ legt, einen ſpitzigen Hut aufſetzt, und ſich in dem Spiegel auf eine dumme und unverſchämte Miene einſtudirt. „Will der Herr vielleicht Komödie ſpielen?“ fragt endlich Benvit.—„Ja, ſo was dergleichen; nun bin ich eoſtümirt; jetzt iſt an Dir die Reihe, Benvit...— Wie, mein Herr, Sie wollen mich auch verkleiden?— Schweig und gehorche. Zieh dieſe alten Lederhoſen an, die mir in beſſeren Zeiten zum Reiten gedient haben.— Mein Herr, ich werde nie hinein kommen..— Doch, doch; es dehnt ſich aus.. Nimm dieſe rothe Weſte.. dieſe Nankingjacke, die ich Morgens trage, und bedecke Dich mit dieſer kleinen Kappe... Mein Herr, ich erſticke darin..— Deſto beſſer, dies muß ſein; Du ſiehſt dann ſchon eher einem den Ufern der Themſe Entlaufenen gleich... merke auf, Benoit, und mache nichts verkehrt...— Ich bin ganz Ohr, mein Herr.— Ich bin ein Mylord, und Du biſt mein Jockey!..— Was iſt das, mein Herr, ein Mylord?— Dies iſt ein Engländer, der nach Paris kommt, um die Denkmäler, Theater, Spielhäuſer und Mädchen zu beſehen: man erfennt ſie leicht in den Straßen an ihrer poſ⸗ ſierlichen Haltung, in den Schauſpielhäuſern an ihrer erſtaunten Miene; beim Spiel an ihrem Fluchen; bei den Mädchen an ihren Guineen.— Ach! ja, Herr ich habe neulich deren zwei in der Straße de Gchiquier geſehen, die vor Freude weinten, als ſie zwei kämpfende Hähne erblickten„. Sie ſagten, wie ſie dieſe beiden Thiere einander das Geſicht zerfleiſchen ſahen, dies erinnere ſie an ihr Vaterland.— Nun gut, Benoit, Du mußt Dir eine engliſche Haltung geben; Du mußt mir zu einem großen Wein⸗ haͤndler folgen Vergiß nicht, wenn man mit Dir ſpricht, nichts Anderes zu antworten, als yes.— Ves?— Ja, auf Alles, was man Dir ſagen mag, yes und immer yes.— Iſt das hinreichend, mein Herr?... O! dies iſt leicht zu behalten.— Das iſt noch nicht Alles; wenn ich weggehe, bleibſt Du bei dem Kaufmann, bis ich oder Guſtav Dich dort holen; wenn Du ohne unſere Er⸗ laubniß zurückkommſt, ſo erhältſt Du fünfundzwanzig Stockſtreiche, verſtehſt Du?— Ich werde nicht zurückkommen, mein Hert.— Du erhaͤltſt deren fünfzig, wenn Du unſere Adreſſe gibſt. Alſo bedenke dies Alles: Du wirſt nicht hieher zurückkommen?..— Nein, mein Herr! und immer yes, wenn man mich fragt.— So iſt es. Folge mir, Benvit!“ Olivier geht aus dem Hauſe; Benoit folgt ihm, indem er mit ſeinen Lederhoſen kaum gehen konnte, ſeine Mütze tief in den Kopf drückte und in ſeinem Gedächtniß die erhaltene Lektion durch⸗ ging; der arme Teufel war unruhig: die Stockſtreiche und die engliſchen Manieren quälten ihn ſehr; Olivier koſtete es viele Mühe, ernſthaft zu bleiben, wenn er das Fratzengeſicht ſeines Jockey anblickte. Auf einem Platze, wo Fiaker hielten, angekommen, ſteigt Olivier mit Benoit in einen Wagen und befiehlt dem Kutſcher, indem er etwas engliſch radebrechte, ihn zu einem der erſten Wein⸗ händler von Paris zu führen. Der Kutſcher peitſcht ſeine Roſſe und man fährt weg; unterwegs ruft er Benoit noch einmal ſeine Verhaltungsregeln, von denen er nicht abweichen darf, in's Ge⸗ vächtniß. Man hält vor einem Weinladen an. Olivier ſteigt ab und tritt in das Magazin ein, ſich hin und her ſchaukelnd und auf den Bauch klopfend; Benoit hinferdrein, mit ausgeſpreizten Beinen und niebergeſchlagenen Angen. Unſer Leichtfuß ſpricht 125 einige engliſche Worte, und da die Kaufleute ſehr gerne mit den Fremden zu thun haben, ſo iſt man ſehr eifrig um den My⸗ lord her. „Ich wollen ein hübſches Korb Wein, um zwei Mylords meiner Freunde zu bewirthen, if you please.— Wein, Mylord? wir haben von allen Qualitäten und allen Ländern. von allen Altern..— Geben Sie mir vöm beſten und älteſten, if you please; ich ſehe nicht auf den Preis.— Sie werden zufrieden ſein, Mylord... Wie viel 7— Wir ſein drei, I will neun Flaſchen: drei Bord eaune, drei Champagner... in ein Korb.— Ja, My r Muſſirenden Champagner? — Ves, I will, daß der Pfropf in's Geſicht ſpringt.— Er wird ſogar an die Zimmerdecke ſpringen, Mylord.— ls it good? Man beeilt ſich, die neun Flaſchen Wein in einen Korb zu legen und in den Wagen zu tragen; der Kaufmann legt dem My⸗ lord ſeine Rechnung vor, der keine Schwierigkeit wegen des Preiſes macht, aber auch nicht in die Taſche greift. „Ich habe meinen Beutel im Hötel gelaſſen; Herr Kaufmann, laſſen Sie einen Ihrer Jockeys mit mir gehen, um die kleine Summe in Empfang zu nehmen, il vou please.— Ja, Mylord, dies kann leicht geſchehen. Franz, geh mit dieſem engliſchen Lord, Du wirſt ſechzig Franken für die neun Flaſchen erhalten. Mylord, ich bitte Sie um Ihre Kundſchaft...— 1 will oft von Ihnen kaufen, Herr Kaufmann. Good morning. Benvitſon, folge mir. Benvitſon folgt Mylord, ohne die Naſe in die Höhe zu heben; man ſteigt mit Franz, der ſich vor Mylord nicht zu ſetzen wagt, in den Fiaker. Olivier hatte dem Kutſcher geſagt, er ſolle ihn gegen die elyſäiſchen Felder hinführen. Als man einige Zeit gefahren war, ſchlug ſich Mylord vor die Stirne, wie Einer, er etwas Wichtiges vergeſſen hat; hierauf befahl er dem Kut⸗ her, anzuhalten. „Mein Freund,“ ſagte er zu Franz,„ich habe die Haupt⸗ ſache vergeſſen; ich brauche ſechs Flaſchen ſpaniſchen Wein, gehen Sie ſchnell und holen Sie ſie mir, mein Jockey wird Sie be⸗ gleiten; Sie kommen alsdann mit ihm in das Hotel des Mylords. Benvitſon, gehe mit dieſem jungen Kaufmann.— Ves.“ Franz macht nicht die geringſte Schwierigkeit, den Wein im Wagen zu laſſen, da er den Jockey des Mylord als Pfand hat. Er, ſowie der Jockey ſteigen ab und beeilen ſich, aus dem Magazin ſpaniſchen Wein her plen. Olivier, des Hausknechts t läßt ſich an das Thor Saint⸗Martin führen; hier ſte us, nimmt einen Commiſ⸗ ſionär, läßt ihn ſeinen Weinkor gen und kommt zu Guſtav zurück, dem er mit triumphirender Miene ſeinen Beaune, ſeinen Bordeaux und ſeinen Champagner zeigt. „Wie Teufel haſt Du es gemacht, um dieſen Korb voll Wein zu erhalten?“ fragt Guſtav ſeinen Freund. Olivier erzählt ihm, welches Mittel er ſo eben in Anwendung gebracht, und den guten Erfolg ſeiner Verkleidung. Guſtav ſchüttelte den Kopf und ſchien mit der Schelmerei Olivier's gar nicht zufrieden zu ſein⸗ 3„Weißt Du,“ ſagte er endlich,„daß das, was Du ſo eben ge⸗ than haſt, durchaus nicht delikat iſt?.— Warum denn?— Sich verkleiden, um Wein zu kaufen, den man nicht bezahlen will!— Doch, doch, ich will ihn gerne bezahlen, und der Beweis iſt, daß ich ein Pfand zurückgelaſſen habe.— Ein ſauberes Pfand! dieſer Dummkopf von Benoit!— Mein Freund, ſo dumm er auch ſein mag, ſo iſt ein großer Bengel von zwanzig Jahren doch wohl ſechzig Franken werth.— Aber er wird uns verrathen⸗ — unmöglich; ich habe ihm ſeine Lektion gegeben. Geh, ver⸗ banne Deine unnöthigen Skrupel; ich verſpreche Dir, Benvit aus⸗ zulöſen; ſobald ich Etwas von meinem Monat empfangen habe. — Alsdann wird er lange im Verſatz bleiben.— Aber Du ſprichſ nichts von dem, was Du gethan haſt?— Ol wir werden 127 prächtiges Eſſen erhalten!.. Fiſche, Gebratenes, Beigerichte, nichts wird daran fehlen.— Mein Freund, es iſt nicht delikat, ein Mahl zu verzehren, das man nicht bezahlen kann.— Welcher Unterſchied!... man gibt mir freiwillig Kredit!... Die dicke Mama hat mir das Anerbieten gemacht, mir auf monatliche Rech⸗ nung zu liefern...— Auf monatliche Rechnung!... ach, mein Freund! welchen Fund haſt Du da gemacht! Noch elf freiwillige Traiteurs und wir ſind für's ganze Jahr in der Koſt.— Geh', höre mit Deinen Tollheiten auf, wir wollen den Tiſch decken; unſere Damen werden nicht mehr lange ausbleiben.. Ach! biſt Du doch linkiſch!... Du weißt nicht einmal einen Teller hin⸗ zuſetzen... Was werden unſere Schönen denken, wenn ſie nicht einmal einen einzigen Diener bei uns ſehen?— Sie werden denken, daß wir unſere Leute fortgeſchickt haben, um freier zu ſein, um uns ungehindert der Frende und Zärtlichkeit zu überlaſſen.. ſie werden uns ſogar vielen Dank dafür wiſſen.— Du ſiehſt Alles von der guten Seite. Aber ich fürchte, der Tölpel von Benvit möchte uns Dummheiten machen...— Still man flopft...— Blicke durch das Schlüſſelloch. Iſt's das Mittag⸗ eſſen?— Nein, es iſt meine Nachbarin.“ Die kleine Nachbarin wird eingelaſſen; ſie tadelt ſich ſelbſt zuerſt über ihre Unbedachtſamkeit, zu ledigen Leuten zum Mittag⸗ eſſen zu kommen; aber dieſe Herren verſprechen, recht artig zu ſein, und beruhigen ſie durch die Mittheilung, ſie ſei nicht die einzige Dame bei dem Mahle. In der That läßt auch Jungfer Liſe nicht auf ſich warten; als ſie ein Frauenzimmer erblickt, ver⸗ zieht ſie ein wenig das Geſicht, aber ihr Aerger vergeht, als ſie ſieht, daß die Nachbarin nicht Guſtab zu Lieb herabgekommen iſt. Der Traiteur kommt endlich, gebeugt unter der Laſt von Fiſch⸗ ſpeiſen, Geſpicktem und Beefſteak; man beeifert ſich, ihn der her⸗ beigebrachten Schüſſeln zu entledigen, bedeckt mit denſelben die Tafel und gibt ſich ohne Rückhalt dem Appetit und der Heiterkeit hin. Während dieſe Herren und Damen bei Tiſche ſind, wollen wir ein wenig ſehen, was der arme Benoit machte, der von Olivier in Benvitſon, den engliſchen Jockey umgewandelt worden war. Franz marſchirte die elyſäiſchen Felder hinab in Begleitung ſeines Gefährten, der ſich wohl hütete, ſeine Zähne auseinander zu thun, aber Olivier, den Weinkorb und die Lederhoſen im Stillen verfluchte. Franz verſucht die Unterhaltung anzuknüpfen, allein Benvit antwortet nur yes auf Alles, was man ihm ſagt, und der Wein⸗ handlungsdiener gibt ein Geſpräch auf, das er allein unterhalten muß. Man langt endlich im Laden an, Franz ganz außer Athem und Benvit roth wie ein Hahn, weil er vorausſieht, daß die Sache eine ſchlechte Wendung für ihn nehmen muß. „Iſt Mylord mit ſeinem Wein nicht zufrieden?“ fragt der Kaufmann, als er Benoit erblickt.—„Ves,“ erwiedert dieſer.— „Das nicht,“ ſagt Franz,„Mylord hat den Wein noch gar nicht probirt, aber er hat ſich unterwegs erinnert, daß er noch ſechs Flaſchen ſpaniſchen Wein brauche, und wir kommen, ihn zu holen. — Noch ſechs Flaſchen ſpaniſchen Wein!... Aber von welchem?.. — Mylord hat nichts weiter geſagt.— Wiſſen Sie, Herr Jockey, welchen Ihr Herr am meiſten liebt?— Ves.— Iſt's der Madera, der Teres oder der Malaga?— Ves und immer ves.— Ah! ich verſtehe, es iſt der Malaga.. Da iſt, was er bedarf.. Hier, Franz, nimm dieſen Korb.. Du wirſt nun neunzig Franken ſtatt ſechzig erhalten.. Wohnt Mylord weit entfernt?— Ves.— Im KHötel des Mylords,“ ſagte Franz, den Korb ergreifend.. „Wohlan, gehen Sie voraus, Herr Benoitſon, ich folge Ihnen.“ Aber Benvitſon, der nicht mehr wußte, was er thun ſollte, weil OHlivier ihm verboten hatte, ſeine Adreſſe zu geben, und bei Ver⸗ meidung von Stockſtreichen zu ſeinem Herrn zurückzukehren, ant⸗ wortet Franz nicht und bleibt wie ein Stock mitten im Höfe ſtehen, „Weiß dieſer Jockey vielleicht ſeinen Weg nicht mehrf“ fragte 129 der Kaufmann ungeduldig;„wo iſt das Hötel des Mylords, mein Freund?— Ves.— Der Teufel hole ihn mit ſeinen Jes. Es ſcheint, daß dieſer Jockey nicht franzöſiſch verſteht. Wie ſoll man jetzt wiſſen, wo ſein Herr wohnt?.. Ah! es iſt ohne Zweifel im Hötel Meurice, wo die reichen Lords abſteigen?— Ves.— Gut! ich habe es glücklicherweiſe errathen: Franz, geh ſchnell mit Herrn Benvitſon in's Hötel Meurice.— Ja, mein Herr.“ Franz begibt ſich wieder auf den Weg, man iſt genöthigt, den Jockey in die Straße zu ſchieben, damit er neben dem Haus⸗ knecht des Weinhändlers hergeht; endlich gibt er nach und be⸗ gleitet Franz mit ſaurer Miene. Man kommt am Hötel Meurice anz Franz macht ſeinem ſtillſchweigenden Begleiter Zeichen, ob er das Hötel erkennt, Benoit läßt ein Dutzend yes hören. Der Diener tritt ein und fragt nach den Gemächern von Mylord. Der Hausvogt erwidert ihm, daß es etliche und zwanzig Lords im Hötel gebe, und daß er ſich beſſer erklären müſſe; Franz ſchiebt Benoit vor ſich her und ſagt, daß er nach dem Herrn dieſes großen Jockey frage; der Hausvogt betrachtet Benvit genau und antwortet, daß er ihn nie geſehen habe, daß man überdies im Hotel vorzüglich ſpeiſe, und daß die Lords, die es bewohnen, nicht gewohnt ſeien, ihren Wein außerhalb holen zu laſſen. Franz iſt wüthend; er blickt Benvit mißtrauiſch an, fragt ihn, ob ſein Herr in dieſem Hötel oder in einem andern Stadt⸗ theil wohne. Der Jockey antwortet auf Alles, was man ihn fragt, nur mit yes. Der Hausvogt bricht in lautes Lachen aus, und Franz, ſehr ärgerlich über ſein Hin⸗ und Herlaufen, ſtößt Benoit vor ſich her und verliert ihn nicht aus dem St wäh⸗ rend er zu ſeinem Herrn zurückkehrt. Der Weinhändler wird zornig gegen Franz, als er ihn mit dem Jockey zurückkommen ſieht: er fängt an zu fürchten, von einem Spitzbuben hintergangen worden zu ſein, und zieht die Ehrlichkeit Mylords in Zweifel; es gibt i in England ſo Paul de S R. 9 gut als anderswo; dieſer Gedanke beunruhigt den Kaufmann, der Benvit vergebens drängt, ſich zu erklären und die Wohnung ſeines Herrn anzuzeigen; endlich findet er ein Mittel, die Wahrheit zu erfahren; es fällt ihm ein, daß ein Herr in ſeinem Hauſe wohnt, der engliſch verſteht; durch ihn wird man Antworten aus dem Jockey herauszubringen wiſſen. Franz holt eiligſt den Nachbar herbei, der augenblicklich erſcheint, um Benvit auszufragen. Aber umſonſt dringt man in den Jockey mit engliſchen und franzöſiſchen Fragen, er läßt nicht von ſeinem ves ab, und man kann nicht die geringſte Belehrung über ſeinen Herrn aus ihm herausbringen. Der Weinhändler ſieht, daß er betrogen worden iſt; allein er muß Jemand haben, der es büßt, und Benvit ſoll in's Gefängniß abgeführt werden. Schon packt Franz den falſchen Benvitſon am Kragen, als ein Militär in den Hof des Hauſes tritt; bei ſeinem Anblick erlangt Benoit die Sprache wieder; er ſchreit, weint, geberdet ſich wie toll und wirft ſich dem Oberſten Moranval zu Füßen. Der Oberſt ging in das Haus des Kaufmanns, um einen alten Kameraden zu beſuchen, als er das Schreien Benvit's hörte; er fragt ihn, wo ſein Neffe iſt? Der Kaufmann fordert ſein Geld —und erklärt den Vorfall. Der Oberſt, der einen Theil der Wahr⸗ heit errathet, zahlt dem Kaufmann den Betrag ſeines Weines, ſpricht für den Diener gut, gibt Franz ein Trinkgeld, damit er die Sache nicht auspoſaunen ſoll, und entfernt ſich mit Benoit, durch den er endlich Nachricht über Guſtav zu erhalten hofft. Dreizehntes Kapitel. Noch eine Torlyelt unſere jungen Leute hatten Benoit und ihre Gläubiger pet geſſen: ganz in dem Vergnügen lebend, mit zwei jungen, hübſ 131 und liebenswürdigen Damen bei Tiſche zu ſein, überließen ſie ſich der ausgelaſſenſten Luſtigkeit, welche ihre Schönen theilten; man ſang, lachte und ſprach Alles, was einem in den Kopf kam; man war liebenswürdig, ohne es ſein zu wollen: man hatte Geiſt, ohne Anſpruch darauf zu machen; man war boshaft, ohne bös⸗ artig zu ſein. Hie und da raubten dieſe Herren ihren Nachbarinnen einen Kuß, aber nichts weiter: die Mädchen wußten die allzu unternehmenden Hände der jungen Leute ſchon in Ordnung zu erhalten, und ſie thaten wohl daran; damit ein Feſt luſtig ſei, darf es nicht in Liederlichkeit ausarten. Man war am Nachtiſch; der Propf des Champagners war an die Zimmerdecke geflogen(wie es der Weinhändler dem Mylord verſprochen hatte), der Wein ſchäumte in den Gläſern und das— verlende Getränke brachte die ſchon etwas begeiſterten Gäſte vollends in Hitze, als einige ſtarke Schläge an die Thüre Guſtav mitten in einer barchiſchen Strophe unterbrachen. Die jungen Leute blickten einander an, ungewiß, ob ſie öffnen ſollten; die Damen betrachteten die Herren und ſuchten in ihren Augen den Grund ihrer Unruhe zu leſen. Man pocht von Neuem: „Nun, nun, meine Herren,“ ſagt Jungfer Liſe,„hören Sie nicht?“ —„Freilich hören wir,“ ſagte Guſtav,„aber wir wiſſen nicht, ob wir Antwort geben ſollen... Es iſt vielleicht irgend ein läſtiger Beſuch— Ah! ich errathe! eine Dame, welche dieſe Herren beſuchen will, und man fürchtet, daß ſie uns hier finde. Ich will öffnen, ich; ich will dieſe Schönheit, deren Zorn man fürchtet, kennen lernen...“ Jungfer Liſe, die niemals hört, was man ihr ſagt, wenn es ſich um etwas handelt, das ihre Neugierde reizt, eilt in das Vorzimmer und will, der Bitten Guſtav's und Olivier's unge⸗ achtet, die Eingangsthüre öffnen, als ſich ein wohlvernehmliches Fluchen im Gange hören läßt und den Entſchluß der Kleinen ändert, die blaß und zitternd zu Guſtav zurückkommi. 132 „Ach, mein Gott! das iſt der alte Brummbär, der Oberſt!.. — Wie, mein Oheim?..— Er ſelbſt!... Ol ich habe ſeine Stimme wohl erkannt!...— Ach, mein Gott!.. er wird mich dieſen Morgen in der Straße geſehen haben!... Was iſt zu machen, Olivier?...— Zum Henker! er mag klopfen, ſo lange er will, wir machen nicht auf.— Ihr Oheim iſt alſo ſehr böſe?“ fragt ihrerſeits die kleine Nachbarin.—„Ach, Madame! er iſt nur zornig... er iſt boͤſe auf mich, weil ich mich nicht mit einer jungen Spröden, die er mir beſtimmte, verheirathet habe... Hören Sie, wie er klopft?... Horchen wir auf; ich glaube, er ſich „Wollt Ihr aufmachen, tauſend Bomben!(ſchreit der Oberſt Moranval durch die Thüre herein) wenn Ihr nicht aufmacht, ſo trete ich die Thüre ein...“ „Ach, mein Gott!... er wird thun, was er ſagt!...“ ruft Liſe, in das Zimmer eilend, um dort einen Ort zu ſuchen, der ſie den Blicken des Oberſten entziehen könnte, den ſie wie das. Feuer fürchtet. 6 Guſtav reibt ſich die Stirne und ſinnt auf ein Mittel, ſeinem Oheim auszuweichen; die kleine Nachbarin zittert bei der Stimme dieſes Oberſten, den man ſo ſehr zu fürchten ſcheint, und Olivier gießt mehrere Gläſer Champagner hinab, um ſeine Gedanken zu ſammeln. „Wohlan, es iſt nur ein Mittel zu verſuchen,“ ſagt Guſtav, indem er ſeinen Frack, ſeine Weſte und ſein Halstuch auszieht. —„Was wollen Sie denn thun 7“ fragen die Damen.—„Mich in's Bett legen.— Sich in's Bett legen! in unſerer Gegen⸗ wart!.. wie abſcheulich!...— Meine Damen, in dringenden Fällen ſchlüpft man über ſolche Kleinigkeiten hinweg.. Zudem behalte ich meine Unterhoſen an, und Sie werden nichts ſehen⸗ was Sie jetzt abſcheulich zu nennen belieben..— Mach, de Du mit dieſer Diſſertation fertig wirſt,“ ſagte Olivier, — 133 haſt Du vor?.— Ich bin im Bett, todkrank: ſeit geſtern wachſt Du bei mir...— Gut! ich verſtehe, aber dieſe Damen? — Ach! man muß ſie für einen Augenblick verbergen..— Ja.. aber wo? keinen Schrank, der groß genug wäre.. Ah! das kleine Cabinet à Panglaise; es faßt leicht zwei.. Der Oberſt wird ſie dort nicht ſuchen.— Gut! Sie geben uns da einen hübſchen Nachtiſch!“ ſagte die Nachbarin.—„Was mich betrifft,“ fällt Liſe ein,„ſo gehe ich gerne: die Ankunft des Oberſten hat mir ſchon die Kolik verurſacht.— Es wird nicht für lange ſein, meine Damen; aber, ich bitte, laſſen Sie uns den lieben Oheim beſänftigen...— Wohlan, weil es ſein muß... wollen wir in dieſes Cabinet à l'anglaise eintreten. Geben Sie mir wenigſtens kölniſch Waſſer, Herr Olivier.— Hier, Madame.“ Die beiden Frauenzimmer verbergen ſich in dem Cabinet, das ſich hinter dem Bett Guſtav's befindet; Olivier ſchafft ſo ſchnell, als es ihm möglich iſt, die Ueberbleibſel des Mahles und die vier Converts auf die Seite; hierauf geht er, während Guſtav eine baumwollene Schlafmütze über den Kopf zieht und ſich tief unter die Decke ſteckt, mit einem Sacktuch in der Hand und mit em⸗ pfindſamer Miene auf die Thüre zu und ſchließt dem Oberſten Moranval auf. ₰ Der Oberſt wurde ungeduldig und wollte el tohung in's Werk ſetzen, als Olivier vor ihm erſchien. Sie ent⸗ ſchließen ſich doch endlich, mir aufzumachen, mein Herr! Wiſſen Sie wohl, daß es ſehr unanſtändig iſt, ſo lange klopfen zu laſſen 7.. — Herr Oberſt, es ſtand Ihnen frei, nicht vor der Thüre zu bleiben— Ja, Ihr hofftet, ich werde fortgehen; ich zweifle nicht varan.. Ich hatte mich zu erkennen gegeben, mein Herr, und Sie hätten ſollen..— Ebendeßhalb, Herr Oberſt, öffnete ich nicht.— Wie, Sie wagen.— Es geſchah, um Ihre Gefühle zu ſchonen...— Meine Gefühle! wir wollen dieſes Wort aus dem Spiele laſſen. Wo iſt Mein Nefe?.— 8 Pst!.— Was ſoll das heißen?..— Pst! ich bitte!.. — Was verſtehen Sie unter Ihrem Pst?.. Ich will meinen Neffen ſehen..— Sie ſollen ihn ſehen, Herr Oberſt... wollen Sie mir gefälligſt in das zweite Zimmer folgen.. und auf den Zehenſpitzen gehen, ich bitte Sie darum!...— Machen Sie ſich über mich luſtig, Herr Olivier?— Ach, mein Herr! es iſt mir gar nicht um's Lachen zu thun... dieſer arme Guſtav ſehen Sie, hier iſt er, Herr Oberſt, ſehen Sie, in welchem Zuſtand!...“ Der Oberſt kommt vor das Bett, in welchem ſich Guſtav das Geſicht mit getrockneten Feigen rieb(während ſein Freund ſeinen Oheim unterhielt), damit ſeine Geſichtsfarbe gelb und todtenfahl werde. Der Oberſt ſah ſeinen Neffen erſtaunt an; Olivier kehrt ihm den Rücken und drückt ſeinen Lachreiz hinab, den ihm der Anblick des beſudelten Geſichts von Guſtav verurſacht. „Was hat er denn?“ ſagt endlich der Oberſt, ſeinen Neffen mit ziemlich ungläubiger Miene genau betrachtend.—„Was er hat, Herr Oberſt?.. eine Gehirn⸗Entzündung, die bösartig werden zu wollen ſcheint.— Eine Gehirn⸗Entzündung!.. ſeit wann?..— Seit.. geſtern..— Und um ſeine Entzündung zu heilen, haben Sie dieſen Morgen, als Engländer verkleidet, dler um eine Partie Wein betrogen?...— Herr muck iſt ein wenig ſtark... und wenn mein Freund — Zum Henker, mein Herr, ich glaube nicht mehr an Jh Mährchen.. man heilt keinen Kranken mit Cham⸗ pagner.— Auch hatte ich ihn für mich ausgenommen, mein Herr, damit ich Kraft bekomme, bei meinem Freunde zu wachen.— Und dafür laſſen Sie ſeinen Diener im Verſatz?...— Wir hatten kein anderes Pfand anzubieten.— Dieſen armen Kerl dem Unglück ausſetzen, in's Gefängniß geworfen zu werden!...— Hert Oberſt, Patrvelus hat ſich für Achilles tödten laſſen; Orpheus geht für 6 ſeine Frau in die Hölle; der heilige Vincenz de Paula ließ ſich für Leute auf die Galeeren ſchmieden, die es ſicherlich nicht werth waren; und Herr Benoit kann wohl für ſeinen Herrn im Gefängniß ſchlafen.— Es iſt weder von Patrvelus, noch von Orpheus die Rede!. ſondern von meinem Neffen, der, Dank ſei es Ihnen, Herr Olivier, nichts mehr als dumme Streiche macht..— Ah, mein Herr Oberſt, Sie ſchmeicheln mir!...— Spricht er nicht mehr?..— Er iſt gerade in einer augenblicklichen Erſchöpfung, einer Folge des Anfalls, den er ſo eben gehabt hat...— Was Teufel hat er denn auf der Haut?...— Nichts.. dies iſt die Wirkung des Fiebers.— Haben Sie einen Arzt herbeigeholt?... — Noch nicht, Herr Oberſt...— Was! wenn Ihr Freund krank iſt...— Herr Oberſt, wir haben kein Geld, um die Arzneimittel zu bezahlen, die er ohne Zweifel verordnen wird..— Welchè Aufführung!... kein Geld, um zu leben!..— Herr Oberſt, dies paſſirt täglich ſehr ehrenwerthen Leuten.— Dies ſollte Ihnen, der Sie ein Amt haben, nicht paſſiren... Ich will übrigens die Wahrheit erfahren. Gehen Sie, Herr Olivier, und holen Sie mir einen Arzt— Einen Arzt! zu was? Tauſend Schwadronen! die Frage iſt ſonderbar!... Gehen Sie, mein Herr, ich will wiſſen, ob mein Neffe ſo krank iſt, als Sie mir ſagen; und für alle Fälle werde ich ihn nicht aſſen.. Welche Unordnung!.. Kleidungsſtücke am Boden!. Teller unter den Tiſchen!..— Ich habe eine Katze, Herr Oberſt.— Pröpfe.. und. ah! ah!. was iſt dies hier?.. haben Sie auch für Ihre Katze dieſen Frauenzimmerbeutel unter den Seſſel gelegt, Herr Olivier?..— Ah! mein Gott! ich finde ihn alſo endlich!.. dies iſt der Arbeitsbeutel meiner Schaffnerin; ſie hat ihn dieſen Morgen zwei Stunden lang geſucht! die arme Fanchette! ſie glaubte ihn in der Straße verloren zu haben..— 2! Sie huben eine Hanshälterin, die eine Taſche von Maroquin mit Stahlſchloß trägt?— Ja, Herr Oberſt; o!. es trägt ſie jetzt Jedermann, ſie ſind ſehr allgemein geworden...— Sehr gut! Wohlan, mein Herr, verlieren Sie keine Zeit ich werde bei meinem Neffen bleiben, ſo lange Sie abweſend ſind..— O! bemühen Sie ſich nicht, die Frau des Thürhüters wird heraufkommen und ihm ab⸗ warten; zudem glaube ich, daß er ſchläft.— Ich will es ſo, mein Herr, und tauſend Patronen! ich werde Ihnen beweiſen, daß ich Charakter beſitze.“ Der Oberſt wurde böſe; es war nicht möglich, ihn zu einem andern Entſchluß zu vermögen.„Meiner Treu,“ ſprach Olivier bei ſich,„Guſtav und unſere Kleinen mögen ſich aus der Sache ziehen, wie ſie können, ich habe gethan, was ich vermochte, jetzt mache ich mich aus dem Staube.“ Guſtav befand ſich bei dem Geſpräch des Oberſten mit Olivier gar nicht behaglich: er war zwanzigmal daran, in Lachen aus⸗ zubrechen; aber er hatte an ſich gehalten in der Hoffnung, daß ſein Oheim nicht bleiben werde. Als er ſah, daß Olivier weg⸗ gegangen war und der Oberſt mitten im Zimmer ſaß, verlor er den Muth und war auf dem Punkte, Leintücher und Teppiche von ſich zu werfen; er befürchtete auch, die beiden Frauenzimmer im kleinen Cabinet möchten Geräuſch machen; um die Aufmerkſamkeit des Oberſten gbzulenken, entſchloß er ſich, mit ihm zu ſprechen, und um Geſpräch einzuleiten, ſtieß er einen kläglichen Seufzer aus. „Ha, ha! ſagte der Oberſt,„Sie ſchlafen nicht mehr, Herr Guſtav?— Wie, Sie ſind es, mein Oheim?— Ja, mein Yeffe Sie erwarteten mich wohl dieſen Abend nicht!.. ich geſtehe, daß ich Sie ohne Benvit hier nicht aufgeſucht hätte.. — Ah! Benoit. hat Ihnen geſagt.— Ja, nachdem er zwanzig Stockſtteiche als Belohnung für ſein Stillſchweigen, und das Verſprechen des Doppelten, wenn er mich belüge, erhalten hatte.— Armer Benoit! er hat noch keinen andern Sold empfangen, ſeitdem er bei mir iſt.— Es ſcheint mir, daß Sie 8 das Delirium nicht mehr haben, mein Herr?— Mein Oheim, ich fühle mich für den Augenblick beſſer; morgen werde ich die 137 Ehre haben, zu Ihnen zu kommen, wenn mir meine Kräfte er⸗ lauben, zu gehen.— Nein, mein Herr, Sie werden Abend zu Fuß oder im Wagen mit hingehen... Ich la durch Ihre Krankheit nicht täuſchen, und... was höre ich? man möchte ſagen..— Es iſt nichts, mein Oheim es iſt die kleine Dogge Olivier's, die ihre Nothdurft verrichtet..— Eine kleine Dogge! eine Katze! Ihr habt alſo alle Thiergattungen hier? — Olivier liebt die Thiere ſehr..— Teufel! welchen Ton!.. Hat denn Euer Hund den Durchfall?...— Ja, dieſes arme Thier hat zu viel Milch getrunken...— Iſt er denn aber unter Deinem Bett... Ich glaube, man riecht es bis hieher... — Wenn Sie die Güte haben wollen, Zucker zum Verbrennen zu holen, mein Oheim?.. Zum Verbrennen! auf was? an dem Licht, ohne Zweifel. aber Dein Freund kommt lange nicht zurück..— Es iſt Abend, er wird Niemand zu Hauſe getroffen haben.— Vorwärts, Guſtav, kleide Dich an und folge mir.— Ich verſichere Sie, mein Oheim, daß ich nicht die Kraft dazu haben werde, und ich kann kaum...— Zum Teufel, auf! ich höre Geräuſch. Diesmal iſt's keine klein gees iſt in dieſem Cabinet.. Der Oberſt geht auf das Cabinet zu; Guſtav richtet ſich zum Sitzen auf, und um ſeinen Oheim zurückzuhalten, vergißt er, daß er nur halb ausgekleidet iſt; der Oberſt, der die Hoſen Guſtav's gewahr wird, zweifelt nicht mehr, daß er durch neue Lügen hintergangen worden ſei; um ſich Gewißheit daricher zu verſchaffen, eilt er, der Bitten ſeines Neffen ungeachtet, auf das Cabinet zu; er will es öffnen, allein man hat von innen den Riegel vorge oben. „Ha ha,“ ſagte der Oberſt,„dies iſt wahrſcheinlich die Haus⸗ hälterin des Herrn Olivier, die ihren Beutel in dem Cabinet a langlaise ſucht? Ich bin aber neugierig, dieſe arme Fanchette fennen zu lernen, und ſollte ich bis morgen hier Pleiben, ſo ſtehe ich dafür, daß ſie nicht herauskommt, ohne daß ich ſie ſehe.“ 138 Drohung erſchreckt die beiden jungen Frauenzimmer, dem kleinen Cabinet eingeſchloſſen faſt erſtickten. Schon hatte die kleine Nachbarin, welche den Flacon mit kölniſch Waſſer ausgeleert hatte, während Liſe ihrer Kolik Linderung verſchaffte, herausgehen wollen; aber die kleine Wäſcherin, die den Oberſten ſehr fürchtete, hatte ihre Gefährtin zurückgehalten, indem ſie ihr ein ſchreckenvolles Bild von dem Oheim Guſtav's machte, und ihr die Gefahren übertrieb, die man laufe, wenn man ſich ſeinem Zorn ausſetze. Das Schamgefühl, in einem ſolchen Schlupfwinkel gefunden zu werden, hielt die kleine Perlenauffaſſerin zurück, und die Furcht beſtärkte Liſe in ihrem Entſchluß. Indeß befanden ſich beide äußerſt unbehaglich, als Guſtav, der das Unangenehme ihrer Lage errieth, ſich großmüthig für ſie opferte. Er ſteht auf, zieht in einem Augenblicke Halstuch, Weſte und Frack an, dann geht er auf ſeinen Oheim zu und kündigt ihm an, daß er bereit ſei, ihm zu folgen.„Ah, Schlingel!“ ſagte der Oberſt,„Du biſt alſo von Deinem Fieber ge Mein Oheim, ich ſetze mich Ihrem ganzen Zorne aus, wie Sie ſehen; geſchieht für zwei intereſſante, reizende und un⸗ ſchuldige n, die ſich in dieſem Cabinet nicht beluſtigen werden ich opfere mich für ſie ich erwarte Sie, mein Oheim.— Ich ſollte, ehe ich fortgehe, dieſen unſchuldigen Kinder⸗ chen, die ſich in dem Cabinet zweier liederlichen Jungen verbergen, noch die Ruthe geben; ich will ihnen aber diesmal noch Gnade angedeihen laſſen Vorwärts, Marſch, mein Herr, wir wollen eilen, wegzugehen: Ihre Schönen müſſen gelb wie Citronen und geräuchert wie Häringe ſein.“ Guſtav nimmt ſeinen Hut und verläßt mit dem Oberſt das Gemach, während er noch einen letzten Blick auf das Cabinet a langlaise wirft. Vierzehntes Rapitel. Zu lang oder zu kurz.* Guſtav wäre nun wieder bei ſeinem Oheim; er macht ſich auf einen tüchtigen Verweis, auf ernſtliche Vorwürfe über ſein vergangenes und gegenwärtiges Betragen gefaßt; auch du, lieber Leſer, glaubſt, der Oberſt Moranval werde ſchreien, fluchen und eine Strafpredigt halten!... Es iſt dem aber nicht ſo; der Oberſt ſagt kein Wort zu ſeinem Neffen; jeder zieht ſich in ſein Zimmer zurück, ohne ein Wort an den Andern zu richten. Woher kam dieſe Veränderung in dem Benehmen des Oberſten? vielleicht wollte er ſich unnöthiges Hin⸗ und Herreden erſparen; vielleicht hatte er wie mauche Leute ſo Vieles zu ſagen, daß er nicht wußte, wo er anfangen ſollte; vielleicht endlich, und ich glaube, daß hierin der wahre Beweggrund ſeines Stillſchweigens liegt, fürchtete er, das Zipperlein möchte ihm in den Magen fallen. Guſtav wußte nicht, was er von der Mäßigung ſeines Oheims denken ſollte; aber er war feſt entſchloſſen, ſich dieſer Nachſicht würdig zu machen, und deßhalb blieb er acht Tage zu Hauſe, führte ſich muſterhaft auf, ging nur ſelten aus, arbeitete einen großen Theil des Tages, und legte ſich früh zu Bette. Der Oberſt ſagte kein Wort, beobachtete aber ſeinen Neffen; er fing an zu fühlen, daß man mit einem Charakter wie Guſtay der Gelaſſenheit und Bitte nachgibt, während man ſich gegen Gewalt und Herrſchaft empört.„Es ſei,“ ſprach der Oberſt,„ich will gelaſſen ſein und nicht mehr ſo viel ſchreien; Guſtav iſt ein iunger Menſch: er iſt leichtſinnig, aber gefühlvoll; er liebt die Frauen, ich habe ſie ehemals auch geliebt und würde ſie wohl noch lieben, wenn mein Zipperlein und meine Rheumatismen es mir erlaubten: ehe wir Andere ſchmälen, ſollten wir uns an das erinnern, was wir ſelbſt gethan haben. Wir wollen nur zu 140⁰ verhindern ſuchen, daß Guſtav ſchlechte Bekanntſchaften mache, was der Ruin junger Leute iſt, und dann verheirathen wir ihn, wenn es ſich irgend thun läßt; denn da der Eheſtand das Grab der Tollheit, der Liebe und der Vergnügungsſucht iſt, ſo muß Guſtav nothwendigerweiſe vernünftig, geſetzt und ordnungsliebend werden, wenn er ſeine Frau ſchreien, ſeine Leute ſich zanken und ſeine Kinder weinen hört; ein kleines Concert, das in der That ſehr geeignet iſt, das Lachen und die Liebe zu verſcheuchen.“ Guſtav fing an vor lauter Solidität zu berſten, und um ſich die Langeweile zu vertreiben, ſuchte er aus Benoit, dem er bei ſeiner Rückkehr zu ſeinem Oheim eine leichte Züchtigung beige⸗ bracht hatte, um ihn die engliſchen Jockeys beſſer ſpielen zu lehren, einen brauchbaren Burſchen zu machen. Allein Benvit war nicht dazu geboren, der Kammerdiener eines jungen Menſchen zu werden, der auf Liebesabentener ausgeht; er verſtand nichts von Intriguen, und Guſtav vergeudete ſeine Zeit und ſeine Lektionen, als ihn ſein Oheim eines Morgens zu ſich in ſein Cabinet bitten ließ. Guſtav beeilte ſich, zu gehorchen; er trat zu ſeinem Oheim mit der Achtung und Unterwürfigkeit eines Neffen, der keinen Heller mehr in der Taſche hat. „Guſtav,“ ſagte der Oberſt,„es ſcheint mir, daß Du an⸗ fängſt, ein wenig ordentlich zu werden. Du mußt des verſchwen⸗ deriſchen Lebens, das Du bis jetzt geführt haſt, müde ſein. Um Deinen Kopf vollends klug zu machen, komme ich auf meinen erſten Gedanken zurück; ich will Dich verheirathen.— Wieder, mein Oheim; haben Sie eine andere Gattin für mich ausgeſucht? — Nein; ſieh, ich will Dir die Wahl laſſen; ich glaube, Du wirſt mir für dieſe Willfährigkeit Dank wiſſen.— Ja, mein Oheim; Sie ſind ſo gütig... aber wo werde ich eine Frau wählen?— In den Geſellſchaften, die Du mit Deinem Olivier und Deinen Griſetten beſuchſt, ſicherlich nicht. Du ſollſt mit mir in ehrbare Häuſer gehen, dort wirſt Du hübſche Frauen finden; 141 Du wirſt Dich beſtimmen und heirathen.— Wohlan, mein Oheim, ſo ſei es.“ Guſtav begleitet ſeinen Oheim in mehrere Geſellſchaften, wo er in der That Frauenzimmer findet, die ihm gefallen, die er aber nicht heirathen möchte. Wenn Herr Moranval ſieht, wie ſein Neffe bei einer neuen Schönheit zuvorkommend iſt, wie er den Galanten ſpielt, ſie mit den Augen verfolgt, ſo hält er ihn für verliebt und fragt ihn beim Nachhauſekommen über ſeine Geſinnungen aus:„Nun, Guſtav, jene große Blondine gefällt Dir?— Ja, mein Dheim; ſie iſt luſtig, liebenswürdig, geiſtreich..— Haſt Du Luſt, ſie zu heirathen?— Nein... ſie hat zu viele Anſprüche im Kopf; als ſie ſich mit mir unterhielt, ſuchte ſie ſich Andern hörbar zu machen; ſie ſprach laut, um die Aufmerkſamkeit zu feſſeln; kurz, ſie iſt kokett! und ich mag keine kokette Frau heirathen.— Und wie findeſt Du jene kleine Brünette, der Du ſo viel Süßes geſagt haſt?— Reizend! ſie beſitzt Grazie, Anſtand.. eine ausdrucksvolle Stimme..— Willſt Du ſie heirathen?— Nein, nicht.. ſie ſang mit einem jungen Manne ein Duett und legte einen Ausdruck hinein!... Mein Oheim, eine Jungfrau, die wirklich noch Jungfrau iſt, könnte nicht ſo viel Ausdruck in ihren Geſang legen!...— Die Andere aber, welche ſo lebhaft, ſo ausgelaſſen war, die ſo gut tanzte?.— Ah! dieſe da, ſie iſt ſehr verführeriſch!..— Du liebſt ſie?— Wie ſollte man ſie nicht lieben? ihre boshaften Augen ſagen ſo viel! ſie lacht mit einer Zierlichkeit!... und ihr Tanz!. welche Leichtigkeit!.. welche Anmuth!.. welche Genauigkeit in ihren Schritten!...— Ah! dieſe alſo wird Deine Frau werden? — Meine Frau!.. Gott bewahre mich!. ſie liebt den Tanz zu ſehrz ſie ſucht den Beifall Desjenigen zu erwerben, der ſich am beſten dreht, und ich will kein Herz durch Luftſprünge etwerben!. — Tauſend Patronen! Guſtav, Du biſt ſehr ſchwer zu verhei⸗ rathen.— Geſtehen Sie, mein Oheim, daß ich in Allem Recht habe, was ich über jene Frauenzimmer geſagt?— Du findeſt alle Frauen kokett!— Sie ſind es mehr oder weniger; aber im Allgemeinen haben alle Frauenzimmer Neigung zur Koketterie, einen ſehr natürlichen, ſehr entſchuldbaren Hang, bei einem Ge⸗ ſchlecht, das ſeinen Reizen die Hulbigungen verdankt, die man dem Verdienſt und der Tugend nicht immer darbringt. Die Frauen müſſen daher erſt zu gefallen ſuchen, damit ſie ihre Herrſchaft gründen; dies thun ſie auch von ihrem Frühling an bis in ihren Winter.— Sie haben Recht, tauſend Schwerenoth! und wir betrügen ſie in allen vier Jahreszeiten unſeres Lebens. wie nennſt Du das...— Das iſt Verführung! mein Oheim.— Ah! das iſt Verführung, wenn Du ſechs Maitreſſen auf einmal haſt; wenn Du Dich der erſten Brünette, die Dich anlockt, hin⸗ gibſt, wenn Du der Mutter und der Tochter, der Gebieterin und der Kammerfran, der Marquiſe und der Näherin zu gleicher Zeit den Hof machſt, das iſt Verführung!.. das ſieht teufelmäßig der Liederlichkeit gleich. Ja, mein Neffe; die Männer ſind lieder⸗ lich, Verführer, wenn Du willſt; und Du mehr als ein Anderer; wirf Dich daher nicht mehr zum Sittenrichter der Frauen auf und ſchätze Dich glücklich, wenn ſie noch ſo gütig ſind, Deine — Alfanzereien anzuhhren und Dir nicht in's Geſicht zu lachen, wenn Du tiefe Seufzer ausſtoßeſt.— Mein Oheim, ich verſichere Sie, daß ich Niemand bekrittle.— Nun genng davon! Willſt Du Dich heirathen, ja oder nein?— Ja, mein Oheim, wenn ich eine vollkommene Frau gefunden habe.— Machſt Du Dich über mich luſtig? die Vollkommenheit liegt nicht in der Natur. Wir werden alle mit Fehlern geboren, welche durch die Erziehung gemildert h gute Lehren entwurzelt werden können; aber ich bin r Anſicht Derjenigen, welche behaupten, daß wir gut wie Lämmer Znd ſüß wie Honig auf die Welt kommen. Würde man, wenn dies der Fall wäre, ein Kind von zwei Jahren mit den Fien ſtampfen und vor Zorn in Ohnmacht fallen ſehen? Sind 1 143 es die Liebkoſungen ſeiner Mutter, die Sorgfalt ſeiner Amme, welche ein anderes mit vier Jahren zum Lügner, Dieb, Schlecker und Starrkopf gemacht haben? Wir werden mit Fehlern geboren, aus denen Laſter werden, wenn die Erziehung und Aufſicht ſie nicht abgewöhnt haben. Es folgt daraus aber nicht, daß wir beim Größerwerden entſchuldbar ſind, wenn wir uns den Neigungen, die wir von der Natur haben, hingeben; wir haben alsdann den Verſtand, der uns erleuchten und uns zum Führer dienen ſoll. Deſto ſchlimmer, wenn wir ſeinen Rath nicht hören wollen. Wenn uns aber die Klugheit öfters zurückhält, ſo reißt uns die menſch⸗ liche Schwachheit zuweilen fort: es iſt daher unmöglich, voll— kommen zu ſein. Wo ſollen wir die weifen Menſchen finden, die allen ihren Leidenſchaften gebieten? Ich gehe vergeblich bis zur Erſchaffung der Welt zurück, ich finde dort jenes goldene Zeitalter, von dem uns die Dichter geſprochen haben und was jede Generation die gute alte Zeit genannt hat!.. der erſte Menſch hatte eine kokette Frau, und Jwei Söhne, von denen einer den andern um⸗ gebracht hat; die Nachkommen Kains und Abels haben ſich ſo gut aufgeführt, daß Gott genöthigt war, ihnen die Sündfluth zu ſchicken. Die Nachkommen Noa's haben ſich beſtändig unterein⸗ ander bekriegt. Soll man nach Aſten, in die Zeit der Semiramis das goldene Zeitalter verlegen?.. Welche Maſſe von Laſtern umfaßten nicht jene berühmten Städte Ninive, Babylon, Perſe⸗ polis, Ekbatana! Und jenes ſo gerühmte Griechenland, das nur aus kleinen Königreichen beſtand, die immer bereit waren, ſich untereinander zu zerfleiſchen, die ſteis Tyrannen oder Schurken zur Beute wurden! Ariſtokratie, Demokratie, Oligarchie, Parteien, Kriege, Verrätherei, mit dem prahleriſchen Namen Freiheit ge⸗ zierte Sklaverei, war jenes Griechenland! Oder finden wir bei den Romern die Vollkommenheit?... Wenn ſie in den Künſten iſt, ſo war ſie wenigſtens ſehr weit von ihren Sitten entfernt. Ihre Republik bietet nichts dar, als Schlachten, Metzeleien, 144 Decemvirn, Tribunen, Revolutionen, Ackergeſetze; beſtändige Diktaturen, Verbannungen: der Purpur der Cäſaren zeigt uns nur einen Titus gegen viele Tiberius, Nero, Kaligula, Caracalla. „Waren die Römer unter den Päbſten glücklich? Ich ſehe den Sohn eines armen Weingärtners zur höchſten Würde gelangen: Sirtus V. ſetzt ſich auf den päbſtlichen Stuhl und erfüllt die Welt mit dem Ruf ſeiner Größe; er verſchoönert Rom, errichtet Mo⸗ numente; aber er vermehrt die Abgaben, das Volk iſt unglücklich und verarmt: Sirtus V. wird mehr gehaßt als bewundert. „Nennt man die Zeit des Ritterthums das goldene Zeitalter? Es war ohne Zweifel ſchön, für ſeine Schöne eine Lanze zu brechen und ſich der Vertheldigung der Damen zu weihen; allein ich ſehe in jenen ſchönen Zeiten die Bauern von den Lehensleuten, die Lehensleute von den Krippenrittern, die Krippenritter von den Oberlehensherren ausgezogen, und die Oberlehensherren von den Mönchen beraubt; ich ſehe, wie eine junge Braut gezwungen iſt, ihre Jungferſchaft einem brutalen Burgherrn zu opfern, und wie Menſchen, Leibeigene genannt, von andern Menſchen ſo behandelt werden, wie der Prophet Eliſa die armen Knaben behandelte, welche ihn Kahlkopf ſchimpften. Hat man etwa unter Heinrich IV. die gute alte Zeit gekannt? Es war wirklich der Wunſch dieſes großen Mannes, ſein Volk glücklich zu machen; und wenn es nur von ihm abgehangen wäre, ſo hätten die Franzoſen damals das gol⸗ dene Zeitalter kennen gelernt. Aber Aufruhr, Bürgerkriege, Fa⸗ natiker, Vergifter, Meuchelmorder beunruhigten die Regierung Heinrichs W., der, wie Heinrich II., um's Leben kam. „Wo ſoll ich nach dieſem guten König die gute Zeit und das goldene Zeitalter aufſuchen... und jene Vollkommenheit und be⸗ ſtändige Weisheit, die es gar nicht gibt?— Mein lieber Oheim, Sie haben Salomo, der Weiſe genannt, vergeſſen.— Ah! zum Henker! eine Weisheit, wie dieſe, würde Dir wohl gefallen: dreihundert Weibet und ſiebenhundert Kebsweiber! Peſt! was we 145 dieſer Salomo für ein Mann! Aber ſiehe da, eine Rede, die mich weiter geführt hat, als ich wollte, und an Allem dem biſt Du Schuld. Du willſt eine vollkommene Frau! Du wirſt Dich alſo nicht verheirathen?— Verzeihen Sie, mein lieber Oheim; es genügt, wenn ich mich verliebe. Die, welche wir lieben, iſt in unſern Augen vollkommen.— Wenn Du mir dies bälder geſagt hätteſt, würdeſt Du mir das Geſpräch über die Vollkommenheit. das goldene Zeitalter und die gute alte Zeit erſpart haben. Suche alſo verliebt zu werden; ehemals war Dir dies ſo leicht.— Es iſt leicht, eine Geliebte zu finden aber eine Frau... Ah mein Onkel!...— Iſt eine Geliebte nicht eine Frau?— Freilich; aber...— Schläft man nicht bei der einen, wie bei der andern? — Ohne Zweifel.— Macht man nicht allen beiden Kinder? — Sicherlich: aber...— Geh mir vom Leib mit Deinem Aber... Du biſt nicht bei Sinnen, mein armer Guſtav!... Dieſe Herren, die alle Köpfe verrückt, Ehemänner zu Hahnreien und junge Mädchen unglücklich gemacht haben, ſind, wenn man ſie verhei⸗ rathen will, äußerſt ſtreng in der Wahl einer Frau. Geh, mein lieber Freund, obgleich Du in jede Liſt der Schönen eingeweiht biſt, wird Dich Deine Frau dennoch, wenn es ihr einfällt, be⸗ trügen, wie wenn Du gar nichts von dem Artikel verſtändeſt.— Ich habe nie daran gezweifelt, mein Onkel.— Ja, nun gut, in dieſem Fall wollen wir uns ſchlafen legen.“ Fünßehntes Rapitel. Wahre Liebe. Eines Abends, als Guſtav allein vom Theater zurückkam weil ſein Oheim nicht hatte ausgehen wollen, ſah er auf det Bank neben dem Hofthor von des Oberſten Hötel ein Frauenzimmer ſitzen. Ohne viel auf ſie Acht zu geben, wollle Guſtay in's Haus Paul de Kock X. 10 treten, und ſchon hielt er den Hammer zum Klopfen in der Hand, als ihn eine rührende Stimme zurückhielt. „Sie ſind es, Herr Guſtav, und Sie ſagen nichts zu mir?... — Großer Gott!... welche Stimme!..— Sie erkennen mich alſo nicht?.— Biſt Du es, Suzon?.— Ja, mein Herr, ich bin es, die arme Suzon— Und was willſt Du denn in Paris machen?— Sie beſuchen..— Mich beſuchen?..— Gewiß; ſeit zwei Stunden warte ich hier auf Sie. man hat mir geſagt, Sie ſeien ausgegangen, würden aber ganz ſicher nach Hauſe zurückkommen, und ich habe mich nicht von Ihrem Hauſe entfernen wollen.— Liebe Suzon!... Allein ich begreife nicht... mit wem biſt Du nach Paris gekommen?— Mit Niemand... — und Deine Eltern?— Ich habe ihnen nicht geſagt, daß ich fortgehe..— Wie! Du haſt ſie verlaſſen...— Sie wollten mich immer mit Nikolas verheirathen und ich mochte ihn nicht, weil ich fortwährend an Sie dachte. Geſtern hat man die Hochzeit auf Sonntag feſtgeſetzt.. und ich bin dieſen Morgen entflohen, um Nikolas nicht heirathen zu müſſen.— Wie erfuhreſt Du meine Adreſſe?— Herr Benvit hatte mir Straße und Hausnummer geſagt, und ich nahm mich wohl in Acht, nichts zu vergeſſen!.. Sind Sie böſe, daß Sie mich ſehen?..— Arme Suzon!... böſe, daß ich Dich ſehe!... ah! ich liebe Dich zu ſehr, als daß dies ſein könnte.. aber, indeß... was wollen wir machen?— Dies iſt ſehr leicht; ich bleibe bei Ihnen.— Aber Du mußt Wohnung, Schlafſtelle haben.— Ich ſchlafe bei Ihnen... Sie wiſſen wohl, wie damals, als Sie bei uns waren.— Wenn ich allein wärs, wäre dies ſehr leicht... allein ich wohne bei einem Oheim, und kann nicht thun, wie ich will.— 2 8 Guſtav, Sie lieben mich nicht mehr, ich ſehe es wohl! Sie jagen mich fort, Sie ſchicken mich von Ihnen weg!. Sie wollen noch immer, ich ſolle Nikolas Toupet heirathen 1..— Weine nicht, Suzon, weine nicht.. ich Dich wegſchicken! nein, nein 147 liebe Freundin... Du haſt eine Unbeſonnenheit begangen, als Du Deine Familie verließeſt; allein ich bin die erſte Urſache da⸗ von und ich werde Dich ſicherlich nicht verlaſſen. Indeß möchte ich gerne, daß mein Oheim nichts von dem Allem erführe. Wenn ich Dich verbergen könnte!...— O! ich thue Alles, was Sie wollen!... wenn ich nur bei Ihnen bin, bin ich zufrieden. — Ich will klopfen. ich laſſe die Thüre halb offen ſtehen; während ich mit dem Thürhüter ſpreche, trittſt Du ein und ſchlüpfſt hinten in den Hof... alsdann wollen wir ſehen, ob die Bedien⸗ ten im Bette ſind... Du verſtehſt mich doch?...— O! ſeien Sie ruhig.“ Guſtav fürchtete die Schwatzhaftigkeit des Thürhüters, welcher der Vater Benvit's und eben ſo dumm als ſein Sohn war. Unſer junger Mann klopft an, tritt ein, ſtellt ſich vor das Fenſter des Thürhüters, der ihm meldet, daß ein junges Mädchen da geweſen ſei und nach ihm gefragt habe; während dem tritt Suzon ein und ſchlüpft in den hintern Theil des Hofes. Guſtav macht die Thüre zu und ſucht die Kleine unter der Remiſe auf. „Hier wärſt Du nun in dem Hauſe,“ ſagte er zu Suzon, jetzt will ich Dich in mein Zimmer ſchaffen... wenn uns nur Nie⸗ mand auf der Treppe begegnet!“ Er nimmt ſie bei der Hand und geht eine Treppe hinauf, die an ſein und ſeines Oheims Zim⸗ mer führt. In dem Gang angelangt, bleibt Guſtav vor der Thüre ſtehen; er gewahrt in dem Vorzimmer, das zu ſeinem Schlafecabinet führt, Licht; er läßt Suzon einen Stock höher hinauf gehen und tritt in ſein Zimmer. Er findet Benoit auf einem Seſſel einge⸗ ſchlafen, ſeinen Herrn erwartend. Benoit wacht auf; er fragt Guſtav, ob er noch etwas nöthig habe, und will in ſeine Kammer hinauf, die auf dem Dachboden iſt; allein er würde auf der Treppe auf Stzon ſtoßen; man muß ihn duher im Gegentheil zum Hinabgehen bringen;„Benvit, ich will zu Nacht eſſen,“ ſagte Guſtav;„geh in die Küche und hole mir etwas.“ Benvit geht die Treppe hinab; unterdeſſen wird Suzon in Guſtav's Schlafzimmer geführt. Benoit kommt zurück und bringt Geflügel nebſt Wein; während er dies auf einen Tiſch ſtellt und Guſtav ihn antreibt, ſich zu tummeln, wirft Suzon, die ohne Licht im Gemach iſt, einen Seſſel um, indem ſie ſich niederzu⸗ ſetzen ſucht. Benvit erblaßt; das Geflügel, welches er auf einer Platte hat, fällt auf den Boden; er wagt nicht mehr, die Augen auf⸗ zuſchlagen; Guſtav weiß nicht, was er ſagen ſoll. „Haben Sie gehört, Herr?“ ſagte endlich Benvit zitternd... —„Ja, ich glaube gehört zu haben...— Es ſind Diebe in Ihrem Zimmer. und ich, ich bin eine ganze Stunde allein hier geweſen!... Ach, mein Gott!... wenn ich dies vermuthet hätte!...— Geh, Du träumſt, Benvit.— Wie, Herr! iſt dieſes Geräuſch von ſich ſelbſt geſchehen?— Es iſt ohne Zweifel der Hund meines Oheims.— O! Fidel iſt ſchon lange in ſeinem Häuschen. es ſind Diebe. ich will das ganze Haus auf⸗ wecken...— Hüte Dich wohl davor.. ich verbiete es Dir... geh in's Bett, Benoit.— Wie, Herr! Sie wollen allein hier bleiben?...— Geh in's Bett, ſage ich Dir, und wecke Niemand auf, oder ich jage Dich morgen zum Teufel.— Aber, Sie wollen alſo dieſe Nacht umgebracht werden, Herr?— Ich habe nichts zu befürchten. Du biſt ein Einfaltspinſel; geh fort und halt Dein Maul.— Wohlan, gute Nacht, Herr... ich will meinen Kara⸗ biner laden.. wenn Sie mich brauchen, rufen Sie mir ich thue dann mit meiner Flinte einen Schuß in die Luft, dies wird das ganze Hötel aufwecken.— Benvit, mache mir das Vergnügen, Deinen Karabiner nicht zu berühren, wenn Du nicht willſt, daß mein Stock morgen Deinen Rücken berührt. Geh in's Bett und ſchlaf“ 149 Benvit geht endlich fort und Guſtav iſt mit Suzon allein; er kann ſie ganz nach ſeinem Gefallen ſehen, mit ihr ſprechen, ſie küſſen; er findet, daß ſie ſeit ſeiner Abreiſe vom Dorf ſchöner geworden iſt und ſich noch mehr gebildet hat. Die Kleine läßt ſich umarmen, liebkoſen. Sie ſieht Guſtav wieder, er verſpricht ihr, daß er ſie nicht fortſchicken wolle; ſie iſt Weig und wünſcht nichts weiter. Die jungen Leute eſſen zu Nacht und Suzon zůhlt Guſtav ihre Reiſe; ſie iſt zu Fuß von Ermenonville nach Paris gekom⸗ men; ſie hat elf Stunden gemacht, beinahe ohne auszuruhen, ſo ſehr fürchtete ſie, nicht bald genug bei ihrem Freunde anzukom⸗ men; auch waren ihre Füße wund, ihre Glieder wie gerädert, allein unterwegs fühlte ſie die Mattigkeit nicht; die Liebe ver⸗ doppelte ihren Muth und ihre Kräfte. „Arme Kleine!“ ſagte Guſtav...„O, dieſes Mädchen hier liebt mich ſehr!.. Er wagte nicht, mit Suzon über den Schmerz zu ſprechen, welchen ſie ihren Eltern verurſache; er fühlte wohl, daß ſie Un⸗ recht gehabt habe, ſie zu verlaſſen, um ihn aufzuſuchen; konnte er ihr aber Vorwürfe machen, wenn ſie ihm einen ſo ſtarken Be⸗ weis ihrer Liebe gegeben hatte!...„Das Schickſal will es ſo,“ dachte Guſtav;„es ſtand geſchrieben, daß Suzon den Nifolas nicht heirathen ſollte, weil ich in Ermenonville geweſen war. Wohlan denn, wir wollen die Gegenwart genießen und uns nicht um die Zukunft bekümmern.“ Guſtav ließ Suzon bei ſich ſchlafen. Die Kleine fand in den Armen ihres Geliebten jene Liebesnächte wieder, die ſeither das Entzücken und die Qual ihres Lebens ausgemacht hatten. End⸗ lich ſchlief ſie glücklich und noch liebeglühender an der Bruſt Gu⸗ ſtav's ein; was ihn betrifft, ſo war er nicht eben ſo ruhig, als die Kleine, wenn er darüber nachdachte, was er mit Suzon machen und auf welche Weiſe er ſie den Blicken ſeines Oheims entziehen ſolle. Der Zorn des Oberſten würde ſchrecklich ſein, wenn er dies junge Landmädchen bei ſeinem Neffen fände; und wenn er erführe, daß dieſes Mädchen von Guſtav verführt, ſeinetwegen ihre Eltern und ihr Dorf verlaſſen hat, ſo wäre es noch viel ſchlimmer!... Wie es nun anfangen, um All dieſes zu vermei⸗ den?... Suzon zu ihren Eltern zurückſchicken, die ſie vielleicht mißhandeln würden! Ach! Guſtav fühlt, daß er nicht den Muth dazu habe.. Suzon, die ihn ſo ſehr liebt, Suzon, die ſo ge⸗ fühlvoll, ſo hübſch iſt!... Welches Herz vermöchte ſich freiwillig eines ſolchen Schatzes zu berauben!... das eines jungen Mannes von zwanzig Jahren vermag es nicht. „Ich will Suzon bei mir behalten,“ ſagte Guſtav,„ſie ſorg⸗ fältig verbergen; ich will meinem Oheim jede Spur zu verbergen ſuchen.. Und, meiner Treu, dann mag es dauern, ſo lange es ſein kann.“ Sechzehntes Rapitel. Der Tag der Widerwärtigkeiten. Als Guſtav erwachte, war es ſchon ſpät. Suzon ſchlief noch; elf Stunden zu Fuß machen und bei dem Geliebten ſchlafen! ein doppelter Grund, der Ruhe zu bedürfen. Unſer Held betrachtet die arme Kleine, die, um ihn zu ſehen, Freunde, Verwandte und das Dorf, in dem ſie geboren war, verlaſſen hatte; Guſtav ſtellte, ohne es zu wollen, melancholiſche Betrachtungen an: die Zukunft Suzon's beunruhigte ihn. Man klopft an die Thüre des Vorzimmers, Guſtav ſteht leiſe auf, um Suzon nicht aufzuwecken, und fragt;„Wer iſt da?— Ich bin es, Herr,“antwortet Benvit. —„Was willſt Du von mir?— Da der Herr gewöhnlich um acht Uhr aufſteht und es bald zehn Uhr iſt, fürchtete ich, die Diebe N möchten den Herrn umgebracht haben.. Und dann erwartet Sie bringſt.. Ueberdies. habe ich zwei Tauben gekauft, die ich 151 der Herr Oberſt beim Frühſtück.— Es iſt gut, ich werde kommen.— Geben mir der Herr Ihren Frack und Ihre Stiefel nicht?— Später; laß mich in Ruhe.“ Guſtav kommt zu der Kleinen zurück, die fortwährend Er weiß nicht, was er thun ſoll; ſein Oheim erwartet ihn, muß ſich alſo zu ihm begeben.. Allein, was wird machen?. Sie kann den Tag nicht mit Schlafen zubringen; ſie muß frühſtücken, zu Mittag eſſen.. Und Benvit.. Und wie ſoll man Suzon vor Benoit, der täglich das Zimmer und das Bett ſeines Herrn in Ordnung bringt, verbergen? Wenn Benoit kein Dummkopf wäre, würde man ihn in das Geheimniß ziehen, und er könnte die jungen Leute bedienen; aber es iſt nicht möglich, ihn zu gebrauchen. Er iſt nicht nur dumm, ſondern auch ſchwatzhaft und indiseret; er könnte gegen ſeinen Vater nicht ſchweigen, und wenn der Portier einmal von der Sache unterrichtet wäre, ſo wäre es ſo gut, als wenn man ſie im Hötel ausgetrommelt hätte. „Teufel!. ſagte Guſtav, während er ſich ankleidete, „dies bringt mich in Verlegenheit!... ſehr in Verlegenheit!.. Wir wollen damit beginnen, uns zu 3 Oheim zu begeben, die Thüre meines Schlafzimmers gut verſchließen, und Bepvit verbieten, etwas von dieſem Umſtand zu ſprechen... Wir werden alsdann ſehen, was mit Suzon zu machen iſt.“ 3 Als Guſtav angekleidet war, drückt er einen Kuß auf die Lippen ſeiner jungen Freundin, die noch immer in tiefen Schlaf verſunken iſt; hierauf geht er weg, dreht den Schlüſſel doppelt in der Thüre ſeines Schlafzimmers um, ſchiebt denſelben in ſeine Taſche und verfügt ſich zum Oberſten. Er findet Benoit auf dem Gange, vor ſeinem Vorzimmer auf ihn wartend. „Benoit, Du gehſt nicht in mein Zimmer..— Ei! — Es iſt nicht nöthig, daß Du darin Alles in Unordnung zähmen will, und Du würdeſt ſte mir ſcheu machen..— O nein, Herr, o! ich verſtehe mich auf Hausvögel!..— Ich will nicht, daß Du ſie berührſt...“ „Aber Ihr Bett, Herr, werden Sie Ihre Tauben es machen lehren?— Ich werde es ſelbſt machen, dies wird mich zerſtreuen... —Nun, das iſt nicht übel...— Und ich verbiete Dir, vor meinem Oheim, oder vor ſonſt Jemand im Hauſe, davon zu ſprechen. ſonſt... Du weißt, Benoit, daß ſich Deine Ohren leicht ziehen laſſen?...— O, Herr.. ich werde nichts ſagen. Es ſteht bei Ihnen, Ihr Bett ſelbſt zu machen, wenn es Sie freut!...— Das iſt ſehr glücklich!— Ich habe alsdann weniger Geſchäft!... das iſt Alles... und wenn der Herr auch ſeine Kleider ausklopfen und ſeine Stiefel putzen will...— Nein; Du kannſt in mein Vorzimmer eintreten, dort wirſt Du Alles ſinden.“ Guſtav geht zu ſeinem Oheim, der ihn zum Frühſtück er⸗ wartet. Der Oberſt war in Galla; Guſtav gab zuerſt keine Acht varauf; nach dem Frühſtück aber war er überraſcht, als er ſeinen Oheim ſich erkundigen hörte, ob das Pferd vor das Cabriolet ge⸗ ſpannt ſei. ₰„Sie werden ausgehen, mein Oheim?— Ja, Guſtav, und Du wirſt mitkommen.— Wie! ich?— Ohne Zweifel, Du wirſt mich begleiten; ich ſehe hierin nichts, das im Stande wäre, Dich ſo ſehr in Verwunderung zu ſetzen!...— Aber, mein Oheim.. ich wollte arbeiten dieſen Morgen...— Peſt! welche Liebe zur Arbeit! Doch Du haſt immer noch Zeit, Du kannſt morgen noch machen, was Du heute zu thun gedachteſt.— Indeß.. wenn es Ihnen gleichgültig wäre, ſo zöge ich vor...— Nein, ich will, daß Du mit mir gehſt. Vorwärts, das Pferd iſt ingeſpagnt wir wollen gehen.“ Guſtav folgt ſeinem Oheim in ziemlich übler Laune; er hofft iedoch mit einigen Beſuchen wieder loszufommen jinzwiſchen wird 1 153 5 Suzon vollends ausgeruht haben, und da ſie am Abend gut zu Nacht geſpeist haben, ſo kann ſie leicht die Zurückkunft Guſtav's abwarten.“ Man ſteigt in's Cabriolet. Der Oberſt kutſchirt und Guſtav ſieht mit Unruhe, daß man die Stadt durchſchneidet, ohne anzu⸗ halten, und daß man gegen die Barridre de l'Etvile zufährt: „Was machen Sie denn aber, mein Oheim?“ rief er ungeduldig, „Sie gehen über Paris hinaus?...— Ich weiß, wohin ich gehe, mein Neffe.— Wie! Sie führen mich auf's Land?...— Ich führe Dich in ein herrliches Haus, wo Du Dich ſehr beluſtigen wirſt, ich weiß es gewiß.— Und ich zweifle daran!— Das wollen wir ſehen Zudem kannſt Du mir wohl einen Ta opfern.. Dieſen Abend wirſt Du mir dafür danken.. — Dieſen Abend! aber wollen Sie mich denn bis auf den Abend feſthalten?— Vielleicht werden wir ſogan die Nacht bei Herr von Granciére zubringen.— Den ganzen Tag. die Nacht blei⸗ ben!.. o nein, ſicherlich nicht.“ Guſtav wurde blau vor Aerger, Ungeduld, Unruhe; er wollte aus dem Cabriolet herausſpringen und ſeinen Onkel im Stich laſſen; einige vernünftige Betrachtungen beruhigten ihn indeß ein wenig. Er konnte ſeinem Oheim nicht geradezu entgegen ſein und ihn ärgern. Wenn er auf die Straße ſprang, konnte er ſich ver⸗ wunden und daher nicht ſchneller nach Paris zurückkommen; man mußte alſo Geduld haben und eine günſtige Gelegenheit abwar⸗ ten, ſich bei Herrn von Grancisre durchzuſchleichen. „Ach, Suzon! arme Suzon!... was wirſt Du denken?.. was wirſt Du den ganzen Tag über anfangen?... Doch ich er⸗ zähle ihr, was mir zugeſtoßen iſt, ich küſſe ſie, ſie vergißt dann leicht die vergangenen Leiden.. und wird in meinen Armen Gnt⸗ ſchädigung für den Kummer des Tages finden.“ Auf dieſe Art ſuchte ſich Guſtav zu tröſten und Geduld zu gewinnen. Der Oberſt erzählte ihm die Heldenthaten des Herrn von Granciére, ſeines ehemaligen Kameraden und Waffengefähr⸗ ten; allein Herr von Moranval entfaltete vergeblich ſeine Bered⸗ ſamkeit in der Darſtellung der Schlachten, Stürme, Scharmützel, bei denen er ſich mit ſeinem Freunde befunden hatte; Guſtav hörte nichts von Allem, was ſein Oheim ſagte; er dachte nur an Su⸗ zon, die ſeinetwegen den Tag ohne Eſſen zubringen ſollte. S „Sind wir noch nicht bald angelangt, mein Oheim?“ fragte Guſtav, den Oberſt mitten in einer feurigen Erzählung unterbre⸗ chend.—„Ei, zum Henker, auf dieſe Art nimmſt Du alſo Theil an meinen Gefahren?.. Wenn ich von Feinden umgeben und am Kopf verwundet bin...— Sie befinden ſich aber wohl, mein Oheim wir ſind nicht mehr auf dem Schlachtfeld.. und wir ſind ſchon über Courbevvie hinaus— Was Teufel haſt Du denn heute?.. ich habe Dich noch nie ſo preſſirt ge⸗ hen Mein Oheim.. ich habe das Jucken in den Beinen... und das Fahren macht mir übel.— Wenn Du, wie ich, zwölf Stunden auf dem Schlachtfeld unter Todten und Ster⸗ benden gelegen wäreſt, würdeſt Du Dich nicht über Jucken in den Beinen beklagen!... Du haſt auch ohne Zweifel Krämpfe?.. Geh, beruhige Dich, wir ſind angekommen, dieſes ſchöne Haus zur Rechten gehört Herrn von Grancière.“ Guſtav berechnet, daß ſie ungefähr zwei und eine halbe Stunde von Paris entfernt ſind; mit einem guten Pferde kann man aber dieſen Weg in weniger als einer Stunde zurücklegen. Man ſteigt vor einem hübſchen Landhauſe ab. Der Bediente führt das Cabriolet in den Hof.„Spannen Sie nicht aus!“ rief ihm Guſtav zu.—„Doch, doch, ſpannen Sie aus,“ ſagte der Oberſt,„zum Henker, das Pferd wird Zeit haben, auszuruhen Guſtav beißt ſich in die Lippen und folgt ſeinem Oheim mit innerer Wuth. Man tritt in den Salon, wo ihn der Oberſt nem Freunde vorſtellt. Herr von Granciöre iſt ein liebens würdiger Mann, der Guſtav viele Höflichkeit bezeugt, welche di 15⁵5 nur mit zerſtreuter Miene und in unzuſammenhängenden Worten erwiedert. „Mein Freund,“ ſagte der Oberſt zu Herrn von Graneisre, „ich bitte Dich, meinem Neffen zu verzeihen; allein er hat Tage, wo er nicht weiß, was er thut, und meiner Treu, ich habe ihn Dir gerade in einem jener böſen Augenblicke hergebracht.“ Dieſer Spaß machte Guſtav erröthen; er bemüht ſich, ſeine Ungeduld zu mäßigen und es über ſich zu gewinnen, ſeine Qualen zu verbergen. Eine junge Frau von eleganter Haltung und rei⸗ zendem Geſicht trat jetzt in den Salon.„Ich ſtelle Ihnen hier meine Tochter vor,“ ſagte Herr von Grancisre,„meine liebe Eugenie.“ Der Oberſt ſtößt Guſtav, der gerade in den Garten hinab⸗ blickte, an, daß er die Tochter ſeines Freundes begrüßen ſolle. Dame gegenüber; bei einer Perſon, die guten Ton mit Schönheit linkiſch erſcheinen. Unſer Held wurde liebenswürdig, aufgeräumt, galant; er erlangt alle ſeine verſönlichen Vortheile wieder. Der Oberſt lächelt; er nähert ſich ſeinem Neffen und ſagt zu ihm: „Nun, biſt Du immer noch böſe, daß Du mit mir gegangen biſt?...“ Guſtav erwiedert nichts: er bewundert die reizende Eugenie; allein er ſeufzt, wendet ſich um, er denkt an die arme Suzon. Mehrere Einwohner aus der Stadt langten an; Guſtav be⸗ merkt, daß ſie Blumenſträuße haben und ſie der ſchönen Eugenie überreichen.„Gibt es denn hier ein Feſt?“ fragt er ſeinen Oheim. —„Ja, das Feſt der Madame Fonbelle.— Wer iſt Madame Fonbelle?— Die Tochter des Herrn von Granciete Eugenie.— Ah! ſie iſt verheirathet?— Nein, ſie iſt Wittwe und hat fünf⸗ auſend Franken Rente. Sie iſt nicht allein hübſch, ſondern efittet, gut, und voll Talent und Geiſt. Was ſagſt Du Guſtav dreht ſich um und befindet ſich einer jungen und hübſchen, und Anmuth zu vereinen ſcheint, will man nicht einfältig und 156 von All dem, Guſtav?— Ich ſage, daß man einer ſolchen Ver⸗ einigung aller guten Eigenſchaften nicht trauen ſoll; ich bin ſicher, Sie ſchmeicheln dem Gemälde ein wenig!— Du wirſt bald ſehen, daß es weit unter dem Original ſteht.— Und warum haben Sie mich denn nicht bälder der Madame Fonbelle vorgeſtellt, mein lieber Oheim?— Weil ſie in der Touraine wohnte und ich Dich nicht dorthin ſchicken wollte, damit Du Dich daſelbſt aufführteſt, wie bei dem armen Berly. O! ich weiß, weſſen Du fähig biſt!“ Die Geſellſchaft begab ſich vor der Mittagstafel in den Garten. Guſtav ſann auf einen ordentlichen Ausweg, davon zu gehen, aber er fand keinen. Plötzlich aus einem Hauſe weggehen, in dem man zum erſtenmal empfangen wird, hätte gegen alle Rege⸗ dos Anſtandes verſtoßen.„Ich muß durchaus hier zu Mittag vſen,“ ſagte er bei ſich ſelbſt;„aber nach dem Eſſen ſchütz* ein Unwohlſein.. ein Stelldichein vor... oder ſage ich auch ga Nichts und gehe durch, ohne daß man mich ſieht. Mein Oheim wird ſchreien, böſe werden! deſto ſchlimmer! Und Madame Fonbelle... was wird dieſe von mir denken? daß ich ein Original... ein Menſch ohne Lebensart, ohne Höflich⸗ keit bin!... Es iſt ſehr unangenehm, ſo von einer reizenden Frau beurtheilt zu werden; aber meine kleine Suzon erwartet mich!... Sie hat als Frühſtück und Mittageſſen nur das Ueber⸗ bleibſel unſeres Huhns von geſtern und es blieb nur noch der Rumpf!... Es iſt wahr, Suzon betet mich an, und wenn man ſehr verliebt iſt, nährt man ſich von Erinnerungen und Hoffnung.“ Guſtav ging in einer Allee des Gartens auf und ab, wäh⸗ rend er dieſe Betrachtungen anſtellte. Er erblickte Madame Fon⸗ pelle und ging auf ſie zu, in der Hoffnung, im Geſpräch mit worfen hatte, die Zeit minder lang zu finden. Es war ihm darum zu thun, recht liebenswürdig zu erſcheinen, und er vieſer Frau, von der ſein Oheim ein ſo ſchmeichelhaftes Bild ent⸗ 157 ehe er Abends plötzlich davonging, einiges Bedauern zurücklaſſen. Die Eigenliebe ſchläft niemals ein. Die Tochter des Herrn von Grancisre war ſehr verführeriſch: Geiſt, Anmuth, Heiterkeit, ein wenig Koketterie, viel Gefühl, ſo war Eugenie. Guſtav bezeugte ihr, welches Vergnügen es ihm machen würde, ihre Bekanntſchaft zu eultiviren; Eugenie verſicherte ihn, daß er ſowohl in Paris, als auf dem Lande ſtets willkommen ſei; ſie nahm lächelnd ſeine Complimente hin, ſeine Entſchuldi⸗ gungen für den Abend wollte ſie dagegen nicht gelten laſſen. „Nein, mein Herr,“ ſagte ſie,„Sie dürfen uns nicht auf dieſe Art verlaſſen; Sie werden dieſen Abend ohne Zweifel ein ſehr angenehmes Rendezvous verfehlen; Sie werden aber dieſes Opfer bringen und ich werde Ihnen Dank dafür wiſſen.“ Was ſoll man einer reizenden Frau ſagen, die uns mit ſo vieler Liebenswürdigkeit zurückhält und für welche man ſchon.. was? Liebe empfindet? wird man ſagen. Dieſer Teufels⸗Guſenv hat ein Herz, das ſich ſo leicht entzündet!... Und Madame Fonbelle beſitzt ſo viele Reize! Aber Suzon. die arme Suzon, die ſeinet⸗ wegen Alles verlaſſen hat!... O! beruhige Dich, lieber Leſer, er liebt Suzon immer noch; er hat Julie nicht vergeſſen; er wird noch mit Liſe ſchäkern; und glaube ja nicht, daß mein Held ein eingebildetes Weſen ſei!... Faſt alle Männer gleichen ihm; wir ſind nicht mehr in der Zeit, wo man nur Eine Schöne liebte (wenn es je eine ſolche Zeit gegeben hat); wir haben in der Ga⸗ lanterie große Fortſchritte gemacht; allgemein geſprochen, lieben wir das ſchöne Geſchlecht. Was die Liebe betrifft, ſo ſollen die Franzoſen hoch leben! Laſſet die Deutſchen ſeufzen, in der Stille mit ihrer Geliebten ſpazieren gehen und den Thau⸗ tropfen, der auf das letzte Herbſtblatt fällt, den Abendwind, der in den Felſen murmelt und in das Ohr eines leidenſchaftlichen Berzens den einem brennenden Munde entſchlüpften Liebesſeufzer — „und den Mond, der jene ſanfte und melancholiſche Farbe 158 verbreitet, die eine begeiſterte und betrachtende Seele erhebt und in ätheriſche Regionen verſetzt, bewundern. Laſſet die Engländer mit ihrer Geliebten ſich todtſchießen oder erhängen; die Holländer den Frauen in's Geſicht rauchen und Tabaksqualm ſtatt der Complimente zuſchicken; die Türken hübſche Geſichter einſchließen und unter die Aufſicht erbärmlicher Ver⸗ ſchnittener ſtellen, die immer ſogleich mit dem Dolch oder der ſeidenen Schnur bei der Hand ſind; laſſet die Spanier die Hälfte ihres Lebens mit Guitarreſpielen und Serenadenbringen todtſchlagen; laſſet die Ruſſen durch Knutenhiebe ihre Liebe an den Tag legen; die Schottländer ihre Frauen auf öffentlichem Markte verkaufen; die Hindu's eine Frau von zehn Jahren nehmen; die Araber das Geſicht verbergen und den Hintern zeigen; die Hottentotten ihren Körper bemalen, um zu gefallen; die Malaien die Naſe platt machen und die Ohren lang ziehen; laſſet die Italiener über ihr ſchönes Land das Feuer herablocken, das einſt Sodom und Gomorrha verzehrte, und das jetzt, ſtatt vom Himmel zu fallen, aus dem Krater des Veſuvs aufſteigt. Laſſen wir... laſſen wir Alles das, werdet ihr mir ſagen, und kommen wir auf Guſtav zurück, den wir bei Eugenien ge⸗ laſſen haben! Was macht er jetzt? Er reicht Madame Fonbelle den Arm und begibt ſich mit der ganzen Geſellſchaft auf einen Raſen⸗ boden, wo man die Tafel gedeckt hat. Iſt es Zufall oder Abſicht, unſer junger Mann befindet ſich am Tiſche neben Eugenien, und das Mahl kommt ihm nicht lange vor; doch hat es gegen drei Stunden gedauert und es iſt Nacht, als man in den Salon geht. Guſtav wirft die Augen auf eine Standuhr... O Himmel! es iſt acht Uhr!... Dazu die Zeit, bis man in Paris ankommt. Die arme Suzon muß untröſtlich ſein.. Ich muß fort.. Er wendet ſich um... Eugenie ſteht hinter ihm; ſie ergreift ſeine Hand und zieht ihn mit ſich fort zum Piano:„Ich weiß,“ ſagte ſi zu ihm,„daß Sie geſchmackvoll ſingen, daß Sie die Muſik 159 lieben; kommen Sie, wir wollen ein ſehr hübſches Nachtſtück verſuchen.“ Es iſt nicht möglich, abzulehnen; man muß Eugenien zum Piano folgen; man ſingt das Nachtſtück; hierauf ein Duett, dann eine Romanze: die ganze Geſellſchaft klatſcht Beifall, der Oberſt ſcheint entzückt; Madame Fonbelle danft Guſtav und ihre Augen haben einen Ausdruck von Gefühl!... Man könnte ſein Leben damit zubringen, ſie zu bewundern. Aber die Uhr ſchlägt... zehn.. Guſtav ſteht plötzlich auf.„Zehn Uhr!“ ſagt er,„und ſeit dieſem Morgen wartet ſie auf mich.“ Er gewinnt die Thüre des Salons, geht in den Hof hinab, fragt nach dem Cabriolet.. allein das Pferd iſt noch im Stall; Guſtav nimmt es, wirft ihm den nächſten beſten Zaum um, den er ſieht, und ohne Bügel, ohne Sattel ſteigt er auf, ſpornt es an und ſprengt mit verhängtem Zügel nach Paris. Er kommt in weniger als drei Viertelſtunden im Hof des Hötels an: das Pferd fällt an der Loge des Portier nieder, Vater Benvit ſtößt einen Schrei aus, ſein Sohn macht einen Sprung, Guſtav iſt nicht verwundet; er entledigt ſich des Pferdes, überläßt es den Dienern und drängt Benvit gegen die Küche. „Dieſes arme Pferd,“ ſagte Benvit ſeufzend,„es wird nicht mehr aufkommen!...— Benoit, bring mir ſchnell eine Paſtete, Geflügel, Wein, Backwerk herauf.— Eine Paſtete, mein Herr!... — Vorwärts... geh doch.. haſt Du mich nicht verſtanden?... Ol wie langſam biſt Du doch!“ Benvit begreift nichts von dem Appetit ſeines Herrn; er bringt langſam etwas Geflügel in einer Schüſſel herauf, Guſtav wartete vor ſeiner Thüre auf ihn:„Wie! Du bringſt nichts als das?— Da ich nichts zerbrechen wollte, Herr, ſo habe ich nur eine Schüſſel auf einmal genommen...— O Einfaltspinſel!... komm mit mir.“ Guſtav ſetzt die Platte mit dem Geflügel auf den Fußboden und geht mit Venoit nach der Küche. Er nimmt Alles, was er vorfindet: Backwerk, Gemüſe, Obſt, Wein; er beladet Benvit und trägt ſelbſt einige Platten. Benvit blickt Guſtav mit erſtaunter Miene an.„Es ſcheint, daß der Herr ſehr Hunger hat? Das geht Dich nichts an... Aber geh doch, verfluchtes Faul⸗ thier...— Herr, nehmen Sie ſich in Acht, Sie werden mir Etwas zerbrechen...“ Man ſteigt die Treppe hinauf; ein Hund kommt mit einem Stück Geflügel im Mund herab; es iſt Fidel, der die Schüſſel, welche Guſtav vor der Thüre gelaſſen, ausgeſpäht hat. Unſer Held wird wüthend.. er ſtampft mit dem Fuß.. ſchreit hinter Fidel drein... der in Angſt gejagte Hund läuft und verwickelt ſich in die Beine Benvits, der mit allen Schüſſeln auf die Treppe fällt und ſich das Geſicht mit Rahmkäſe bedeckt. Guſtav kann ſich nicht mehr halten. er iſt in Verzweiflung, er weiß nicht mehr, was er thun ſoll; endlich entſchließt er ſich, Benvit mit dem Kapaunen im Stich zu laſſen und begnügt ſich mit der Paſtete und einigem Obſt, er tritt in ſein Gemach, ſchließt die Thüre des Vorzimmers hinter ſich zu, ſchiebt den Riegel vor und dringt an den Ort, wo Suzon ſeiner wartet. Das kleine Landmädchen ſitzt bei dem Bette: ihr Sacktuch liegt auf ihren Knieen, ihre Augen ſind roth; ſie ſtößt einen Schrei aus, als ſie Guſtav erblickt, der auf ſie zukommt und ſie küßt. „Hier bin ich, Suzon, hier bin ich...— Ach! ich glaubte, Sie würden nicht mehr zurückkommen..— Ach, Suzon! Du haſt geweint...— Ja, beinahe den ganzen Tag.. doch ich ver⸗ ſichere Sie, ich habe kein Geräuſch gemacht..— Arme Kleine!.. Du haſt alſo nicht zu Mittag gegeſſen?— Zu Mittag eſſen! v ich habe keine Luſt mehr dazu.. dieſen Morgen hatte ich Hunger; aber mein Appetit iſt vorübergegangen!..— Du glaubteſt alſo, ich liebe Dich nicht mehr Ei freilich, weil Sie nicht mehr zu mir zurückkamen„es iſt ſchon lange, daß 161 weggegangen find!— Ach! die Schuld liegt nicht an mir. mein Oheim hat mich mitgenommen: wenn W wüßteſt, wie lange mir der Tag vorgekommen iſt!“ Guſtav log vielleicht ein wenig; allein es gibt Umſtände, wo eine kleine Lüge nothwendig und ſogar lobenswerth iſt: es wäre barbariſch geweſen, wenn er zu Suzon geſagt hätte: Ich bin bei einer reizenden Frau geweſen, mit der ich geſchwatzt und geſungen, und bei der ich die Zeit vergeſſen habe; doch war es ſo; wie man aber ſieht, iſt es nicht gut, jede Wahrheit zu ſagen. Guſtav ſtellte die Paſtete, den Wein, das Obſt vor Suzon auf einen Tiſch; er drängte die Kleine zu eſſen, ſie lächelte ihrem Freunde zu; ſie ſah an ſeinem Eifer, an ſeinem Bedauern, daß er ſie noch liebe; ſie vergaß die Qualen des Tages und aß, um Guſtav Freude zu machen. Guſtav ſann indeß nach, ſo lange Suzon ihr Mahl einnahm; er ſagte ſich:„Was heute vorgekommen iſt, kann noch oft vor⸗ kommen und bedeutende Unannehmlichkeiten nach ſich ziehen; man darf Suzon ihr Leben nicht in einem Zimmer zubringen laſſen, worin ſie es weder wagen darf, laut zu ſprechen, noch ſich zu bewegen, aus Furcht, gehört zu werden; zudem würde ſie krank, wenn ſie nicht ausgehen känn: man ändert nicht ungeſtraft ſeine Lebensweiſe; ein junges Mädchen, das gewohnt iſt, im freien Feld umherzulaufen, mit der Sonne aufzuſtehen, ſich viele Be⸗ wegung zu machen, wird die dicke und mephitiſche Luft von Paris, die in eine Ringmauer von zwanzig Quadratfuß eingeſchloſſen iſt, und welche ſie ſogar nicht einmal auffriſchen kann, ohne von den Leuten des Hötels geſehen zu werden, nicht ertragen. Und dann können die Reden Benvit's, dem das außergewöhnliche Benehmen ſeines Herrn Verdacht einflößen wird, bis zu dem Oberſten ge⸗ langen, und wenn er Suzon fände?.. Wohlan, es iſt entſchieden, ſie kann nicht im Hötel bleiben; man muß ihr ein kleines Zimmer miethen, das man ſauber möblirt; dort kann ſie flngen, ſwrechen 3 Paul de Koc. X. 14 162 friſche Luft genießen, und eſſen, wenn es ihr gut dünkt, und Guſtav beſucht ſie täglich Morgens und Abends. „Meine liebe Freundin,“ ſagt Guſtav zu Suzon,„ich habe ſo eben ein Mittel gefunden, wobei wir uns ohne Gefahr ſehen können: von morgen an miethe ich Dir ein hübſches Zimmer auf 5 den Boulevard's und richte Dich dort ein.. Suzon läßt ihr Glas und ihre Gabel fallen; ſie hört mit Aufmerkſamkeit, wie Guſtav die Annehmlichkeiten aufzählt, die ſie in ihrer neuen Wohnung genießen wird; als er geendigt hat, bleibt ſte noch immer ſtumm; aber zwei Thränenſtröme entfließen ihren Augen und ſie wirft ſich vor Guſtav auf die Kniee und blickt ihn mit bittender Miene an. Erſtaunt über eine ſolche Handlung, drängt ſie dieſer zu reden und will ſie aufrichten; ſie wehrt ſich, auf den Knieen bleibend, und ruft ſchluchzend aus:„Ich bitte Sie, ſchicken Sie mich nicht von. Ihnen fort.. Herr Guſtav! ich verſpreche Ihnen, daß ich Ihnen keinen Kummer mehr machen werde... ich eſſe den Tag hindurch nichts, dies iſt mir gleich; ich werde kein Geräuſch machen.. nicht mehr weinen.. Sie mögen ausgehen, ſo oft es Ihnen beliebt. nur jagen Sie mich nicht von Ihnen fort!— Was ſagſt Du, meine liebe Freundin? ich jage Dich ja nicht fort... es geſchieht, damit Du glücklicher biſt.. Du kannſt dann mit mir ausgehen...— Ich bleibe lieber in Ihrem Zimmer..— Ich werde Dich alle Tage beſuchen.— O! wenn Sie fortgingen, hätte ich zu ſehr Furcht, Sie nicht wieder zu ſehen, während Sie hieher immer wieder zum Schlafen nach Hauſe kommen müſſen.— Wenn aber mein Oheim Dich entdeckt..— Nun! dann wird es noch immer Zeit ſein, mich wegzuſchicken.. aber in dieſem Paris!... Ach! ich wäre verloren, wenn ich nicht bei Ihnen wohnte.“ Guſtan konnte die Kleine nicht anders betuhigen, als daß er ihr verſprach, ſie in ſeinem Zimmer wohnen zu laſſen.„Du will 163 es?“ ſagte er zu ihr,„bleibe hier: ich wünſche nur, daß wir nie dieſen Entſchluß zu bereuen haben.“ Dieſes Verſprechen gab Suzon alle ihre Heiterkeit wieder. Sie küßte Guſtav, lief in der Kammer umher, hüpfte, machte tauſend Tollheiten; ſie glaubte, von nun an ſei ihr Glück ge⸗ ſichert. Guſtav dachte nicht ebenſo; er wollte aber ihre Freude nicht ſtören, und ſchlief in den Armen Suzon's ein, indem er vielleicht zum erſtenmal bedauerte, daß die Vernunft nicht über die Liebe geſiegt hatte. Siebenzehntes Kapitel. Das geheimnißvolle Zimmer. Nach acht Uhr des Morgens klopfte Benoit an die Thüre ſeines Herrn. Guſtav ſteht auf und fragt, ohne zu öffnen, warum man einen ſolchen Lärm mache.„Der Herr Oberſt will Sie ſprechen,“ antwortet Benoit. Guſtav macht ſich auf einen Zank gefaßt. Er kleidet ſich an, ſchließt ſein Schlafzimmer zu und geht zu ſeinem Oheim. Benvit's Neugierde iſt ſehr gereizt, als er ſeinen Herrn wie am vorher⸗ gehenden Tage das Zimmer verſchließen ſieht; er wagt aber doch nicht, ſeine Fragen zu erneuern. „Tauſend Sapperment! mein Herr,“ ſagte der Oberſt, als er ſeinen Neffen erblickte,„werden Sie mir ſagen, welche Schwin⸗ delei Ihnen geſtern Abend durch den Kopf gefahren iſt? Sie laufen aus einem herrlichen Hauſe weg, wo man Ihnen tauſend Artigkeiten erweist, ohne nur der Herrin Ihre Huldigung darzu⸗ bringen, welche Sie in einem Augenblicke ſtehen laſſen, wo Sie ſie zu einer Sonate accompagniren ſollen!... Sie gehen durch, als wenn Ihnen der Teufel auf den Ferſen wäre! Sie be⸗ ſteigen ein Pferd, das nie anders als in der Lanne gelaufen iſt!... ein vorzügliches Pferd!. das mich vierzig Louisd'or gekoſtet hat, 164 und um Ihre Heldenthaten zu krönen, richten Sie mir das arme Thier zu Grunde!.. Sie fallen in den Hof wie ein Achtund⸗ vierzig⸗Pfünder; Sie ſchlagen die Scheiben an der Loge des Thür⸗ ſtehers ein und ſetzen Alles im Hauſe in Schrecken!.. Sie machen meinen Thürſteher(der ſchon ein halber Dummkopf war) beinahe zu einem ganzen Dummkopf, und dies Alles, um nach der Küche zu rennen! o! um eine Paſtete und ein Stück Geflügel zu eſſen!„ um den Küchenkaſten zu plündern, deßhalb beeilten ſie ſich ſo, nach Hauſe zurückzukommen! Ich begreife nichts davon. Sie hatten doch gut zu Mittag gegeſſen...— Mein Oheim, unterwegs hat mich ein unerträglicher Wolfshunger befallen..— Ei! tauſend Schwadronen!. iß, ſo viel Du willſt, das iſt Deine Sache; aber Du mußt mir mit Deinem Freßſieber meine Pferde nicht zuſammenreiten und in meinem Hauſe das Unterſte zu oberſt kehren.— Mein Oheim, hat Madame Fonbolle böſe über mein Weggehen geſchienen?.— Ol ſie iſt zu gut.. ſie iſt die erſte geweſen, die mich beſänftigte!... Du biſt ihr aber Deine Ent⸗ ſchuldigung zu bringen verbunden..— O! ich werde es thun, mein Oheim ich werde ſie beſuchen..— Und ich, ich muß ein anderes Pferd kaufen!... Ich geſtehe, daß ich glaubte, Du habeſt irgend eine vorübergehende Liebe im Kopf!.. ich dachte, Du habeſt uns ſo plötzlich verlaſſen, um einem niedlichen Bürger⸗ geſichtchen den Hof zu machen!. aber wie bin ich nicht erſtaunt geweſen, als ich beim Nachhauſekommen vernahm, Du ſeieſt hier in geſtrecktem Galopp angelangt, um zu Nacht zu eſſen!.. Peſt! was iſt das für ein Hunger!... Ah! ich bitte Dich, nimm ein andermal eine Poſtete und etwas Gefülltes in die Taſche, damit Du nicht mehr in den Fall kommſt, mir einen ähnlichen Streich zu ſpielen.“ Guſtav verließ ſeinen Oheim. Als er in ſein Zimmer zurück⸗ ging, traf er auf Benoit, dem er einige Ohrfeigen beibrachte um ihn zu lehren, wie man ſeinem Oheim Rechenſchaft von ſeinem — 165 Benehmen ablege. Benvit weinte, betheuernd, Fidel ſei allein der ſchuldige Theil, weil er um den Oberſten herumgerannt ſei und noch einen Theil von dem Kapaunen im Maul gehabt habe, den er vom Boden weggeſtohlen hatte. Nachdem Guſtav Suzon umarmt, nahm er ein Cabriolet und begab ſich zu Herrn von Granciére. Er ſah Eugenie und ent⸗ ſchuldigte ſich über ſein Verſchwinden am vorigen Abend. Man nahm ſeine Entſchuldigungen hin, beſpöttelte ihn aber über ſein Rendezvous: Guſtav glaubte wahrzunehmen, daß Madame Fonbelle empfindlich ſchien; er empfand darüber eine geheime Freude; er ſchmeichelte ſich ſchon, ihr nicht gleichgültig zu ſein; aber des Vergnügens, das er in ihrer Unterhaltung fand, ungeachtet, kürzte er ſeinen Beſuch ab und war vor vier Uhr im Hötel zurück. Er begab ſich eiligſt zu Suzon und verließ ſie den ganzen Tag nicht mehr. Er ließ Alles, was er zur Mittagstafel mit der Kleinen nöthig hatte, in ſein Zimmer kommen. Benvit war genng gezüchtigt worden, um keine Luſt mehr zum Plaudern zu haben; zudem kam er nie weiter, als bis in das Vorzimmer ſeines Herrn. Mehrere Tage verfloſſen auf dieſe Weiſe: Guſtav verließ das Hötel nur, um Madame Fonbelle Beſuche abzuſtatten, die mit ihrem Vater nach Paris zurückgekommen war, da die Saiſon vor⸗ über war. Seine Beſuche bei Eugenien ausgenommen, verließ Guſtav Sttzon gar nicht; er ging aus ſeinem Zimmer nur weg, um mit ſeinem Oheim zu frühſtücken oder zu Mittag zu eſſen, wenn dieſer zu Hauſe blieb. Der Oberſt war entzückt über die geregelte Lebensweiſe Guſtav's. Er machte ihm ſogar zuweilen Vorwürfe wegen ſeiner übertriebenen Arbeitsliebe.„Mein Freund,“ ſagte Herr Moranval zu ſeinem Neffen,„man muß nicht immer in Ertreme verfallen: ehemals warſt Du leichtſinnig, ſchwärmteſt in der Stadt herum, verführteſt den ganzen Tag einen Höllenlärm, jetzt ſchließeſt Du Si in Dein Zimmer ein und rührſt Dich nicht mehr vom Platz! Du 166 beiteſt zu viel!... Du wirſt Dich krank machen!... und der Beweis hievon iſt, daß Du, Deiner Solidität und Deines regel⸗ mäßigen Lebenswandels ungeachtet, durchaus nicht ſtärker wirſt! Du haſt im Gegentheil eine blaſſe, verzogene Miene, hohle.. eingefallene Augen!. man möchte, wenn man Dich ſteht, glauben, Du bringeſt alle Nächte auf Bällen oder mit Liebes⸗ abenteuern zu!...— Mein Oheim, das Studium ſtrengt eben⸗ falls ſehr an.— Ei, zum Henker! ſo ſtudire nicht ſo viel! das wiederhole ich Dir unaufhörlich. Geh' mit mir in Geſellſchaft und verſchließ Dich nicht in Dein Zimmer, um bei Büchern und Papier einzutrocknen.“ Die Zeit ſollte wirkſamer handeln, als die Rathſchläge des Oberſten; Guſtav leiſtete Suzon noch oft Geſellſchaft; um aber vie Stunden auszufüllen, die man nicht unaufhörlich zu Liebes⸗ ſcenen verwenden kann(trotz der Luſt, welche dieſe Frauen und Jungfern dazu hätten), lehrte Guſtav die Kleine leſen und ſchreiben, worin ſie bei dem Schulmeiſter von Ermenonville(der auch nicht von erſter Stärke war) nur einige Lektionen gehabt hatte; und um ihrem Geliebten zu gefallen, lernte ſie die ganze Zeit, welche ſie allein war. Dieſe Augenblicke wurden täglich länget. Suzon war ſehr hübſch, ſehr ſanft, ſehr liebevoll: aber Guſtav ſah ſie ſo viel er wollte; er fand ſie bei Nacht wieder, wurde von ihren Liebkoſungen überhäuft, jetzt ſah er bei ihr oft nach der Uhr und fand Vorwände, um auszugehen; dann ging er zu Madame Fonbelle. Hier fand er die Zeit zu kurz: Eugenie nahm indeß die Huldigungen Guſtav's nur mit Scherz auf; ſie lachte, wenn er ſeufzte, ſie änderte das Geſpräch, wenn er von ſeinen Gefühlen redete, ſie ſpottete über ihn, wenn er traurig und gedankenvoll war. Aber durch dieſes ein wenig kokette Be⸗ nehmen hindurch entdeckte Guſtav Regungen von Gefühl, von Zärklichkeit, die man ihm zu verbergen ſuchte, die man aber dem Ange eines Liebenden nicht leicht entzieht. — ⸗ 167 Suzon machte Guſtav nie einen Vorwurf über ſeine häuſige Abweſenheit; ſie ſeufzte, wenn er ſich entfernte, ſie weinte, wenn er lange nicht zurückkam; ſowie ſie ihn aber in das Vorzimmer eintreten hörte, trocknete ſie eiligſt ihre Augen ab, drängte ihre Thränen zurück und zeigte Guſtav nur ein ſanftes und lachende Geſicht.§ Der Oberſt wußte, daß ſein Neffe häuſig zu Herrn von Granciöre ging; er ſah mit Freude die Liebe Guſtav's zu Eugenien entſtehen; er zweifelte nicht daran, daß dieſe neue Leidenſchaft Schuld an der glücklichen Veränderung ſei, die in dem Benehmen ſeines Neffen vorgegangen war. Er hatte mit ſeinem Freunde von ſeinen Wünſchen und Hoffnungen geſprochen, und Herr von Grancisre hatte erwiedert, daß ſeine Tochter vollſtändig Herrin über ihren Willen ſei, und ſich verheirathen könne, wenn es ihr gutbünke. „Somit,“ ſagte der Oberſt bei ſich ſelbſt,„wird es gehen, wie ich wünſche; denn Guſtav muß Eugenien gefallen, er beſitzt Alles, was dazu nöthig iſt, und ſie wird ihn heirathen, weil ſie zu ſittſam iſt, um ihm nachzugeben, ohne vaß ſie ſeine Frau iſt, und es iſt langweilig, beſtändig zu verweigern, was man im Grunde ſelbſt zu gewähren wünſcht.“ Suzon hatte nach den Wünſchen Guſtav's einen Brief an ihre Eltern geſchrieben, der den Ausdruck ihrer Reue wegen des Kummers, den ihnen ihre Flucht hatte verurſachen müſſen, ent⸗ hielt; ſie ſchrieb ihren Fehltritt auf die Abneigung gegen Nikolas, an den man ſie verheirathen wollte; ſie ſagte, daß ſie in Paris ein Unterkommen gefunden habe, ſie gab aber keine Adreſſe an, mittelſt deren man ihr hätte Antwort zuſenden können; denn ſie fürchtete, man möchte kommen und ſie von der Seite Desjenigen reißen, den ſie nicht verlaſſen wollte. Als eines Morgens der Oberſt gegen ſeine Gewohnheit im Hofe auf⸗ und abging und ein Pferd unterſuchte, das er neulich erſt gekauft hatte, glaubte er von der Remiſe her den Namen ſeines . 168 Neffen ausſprechen zu hören. Er tritt an die Wandung und hört, ohne geſehen zu werden, folgendes Geſpräch zwiſchen Benvit und ſeinem Vater, die das Cabriolet des Oberſten putzten. „Du ſagſt alſo,“ mein Sohn,„Guſtav wolle nicht mehr, daß man in ſein Cabinet eintrete?— Nein, gewiß, er will es nicht!. er hat es mir ſogar verboten!...— Und wer macht denn ſein Bett wer fegt bei ihm aus?..— Ah! ei, das weiß ich nicht Er hat, wie er mir ſagt, zwei Tanben gekauft, und beluſtigt ſich damit, ſie zu zähmen.. Mit dieſen Vögeln ſpielt er den ganzen Tag, während ſein Oheim glaubt, er ar⸗ beite.— Bah! er zieht Vögel auf. in ſeinem Alter!... dies iſt es alſo, Benvit, was ich manchmal hinter den Vorhängen ſeines Fenſters ſich bewegen ſah, wenn er ausgegangen war... — Oh! dies iſt's! aber dieſe Vögel müſſen tüchtig freſſen und Wein trinken; denn Herr Guſtav braucht eine hübſche Portion!... Und Paſteten!.. Geflügel!.. Obſt! Kuchen!— Iſt es aber nicht eher ein Affe, Benvit, den er im Geheimen aufzieht, um dem Herrn Oberſten zum Nenjahr eine Ueberraſchung zu be⸗ reiten?..— Ah! es iſt möglich! Es muß ein Affe ſein oder zwei; denn ich höre auch zuweilen Seſſel hin⸗ und herrücken. und einmal unter Anderem habe ich geglaubt, es ſei ein Dieb!. Sicherlich hätten Vögel kein ſolches Geräuſch gemacht. Ich wäre ſehr begierig, genau zu wiſſen, was es iſt.— Und ich auch. „Zum Henker! ich werde es erfahren, ich,“ ſagte der Oberſt ganz leiſe, ſich von der Remiſe entfernend„Affen, die Geflügel und Wein brauchen!... O! darunter ſteckt etwas. Und jene außer⸗ ordentliche Liebe zum Studium, welche Guſtav angekommen iſt!. Bin ich von ihm angeführt worden?... Das wollen wir ſehen.“ Der Oberſt war nicht der Mann, der es aufſchob, ſich über eine ſo ſeltſame Thatſache aufzuklären, die tauſend Vermuthungen in ihm erregte. Er geht hinauf nach dem Zimmer Guſtav's; er —— will einfreten, die Thüre iſt zugeſchloſſen.„Nun,“ ſagte er, —— —— 169 „Benoit lügt nicht, aber ich werde doch ſehen, was man allen Augen verbergen will.“ Er geht hinab und läßt den Diener ſeines Neffen vor ſich kommen. „Wo iſt Dein Herr, Benoit?— Herr, er iſt ausgegangen. — Haſt Du den Schlüſſel zu ſeinem Zimmer? ich muß etwas darin holen...— Ich... Herr?.. nein, ich habe ihn nicht.“ Benoit wird roth und verwirrt.„Geh', beruhige Dich,“ ſagte Herr Moranval zu ihm,„ich weiß, daß Du bei den Tollheiten Deines Herrn nicht mit im Spiele biſt; er findet Dich zu dumm, um Dich zu ſeinem Vertrauten zu nehmen.— Dies iſt wahr, Herr Oberſt.— Geh', hole mir eine Beißzange und einen Haken⸗ ſchlüſſel...— Wenn der Herr Oberſt einen Schloſſer wollten?.. — Nein, ich kann ihn entbehren; thu', was ich ſage und ſchweig.“ Benvit bringt dem Oberſt, was er verlangt, und folgt Herrn Moranval, der nach der Wohnung ſeines Neffen geht; aber an dem Vorzimmer angekommen, dreht ſich der Oberſt um und befiehlt Benoit, ſich zu entfernen, was er mit Bedauern thut, denn er iſt ſehr neugierig, zu ſehen, was ſich in dem Schlafzimmer ſeines Herrn befindet. Der Oberſt verſteht beſſer, eine Thüre einzutreten, als ein Schloß aufzumachen; doch dreht er das an Guſtav's Zimmer ſo gut, daß es ihm gelingt, die Schrauben loszumachen; der Riegel gibt nach... er iſt in dem geheimnißvollen Zimmer. Vergebens blickt er aber nach allen Seiten umher, er ſieht weder Affe noch Vogel. Indeß liegen Kleidungsſtücke, die Guſtav nicht zugehören können, auf dem Fuß des Bettes.„Es iſt ein Frauenzimmer hier geweſen,“ ſagte der Oberſt,„aber wo Teufels iſt ſie hingekommen?... Als er dieſe Worte vollendet, fallen ſeine Blicke auf eine Vertiefung zwiſchen dem Kamin und dem Fenſter, wo ſich Suzon hinter einem Lehnſtuhl niedergekauert hatte. Der Oberſt erblickt 170 die Kleine; er bleibt unbeweglich vor dem Mädchen, die ihrerſeits die Augen nicht aufzuſchlagen wagt. „Was Teufels machen Sie da, meine Kleine?...“ ſagte der Oberſt endlich, die Sprache wieder gewinnend. Aber Suzon ſchloß die Augen und rührte ſich nicht. Der Oberſt rückt den Lehn⸗ ſtuhl weg und ergreift die Hand der kleinen Bäurin, die wie ein Eſpenlaub zittert. „Gehen Sie... beruhigen Sie ſich.. ich werde Sie nicht freſſen. Antworten Sie mir, Kleine... und reden Sie beſonders die Wahrheit..— Ja, mein Herr.— Was machen Sie in dem Zimmer meines Neffen?— Ich wohne bei ihm, mein Herr.— Ah! Sie wohnen bei ihm!... Ich ſehe nur Ein Bett in dieſem Zimmer...— Ich ſchlafe bei ihm, mein Herr.— Dies iſt ſehr gut!... Und ſeit wann währt dieſe ſaubere Wirthſchaft?— Seit ſechs Wochen, mein Herr.— Wie! ſeit ſechs Wochen ſind Sie in dieſem Zimmer?.. Sie gehen nie aus?— O nein! nie, mein Herr; ich hätte zu viele Furcht, man möchte mich ſehen.— Was treiben Sie denn den ganzen Tag?...— Wenn er da iſt, blicke ich ihn an, ſpreche mit ihm, küſſe ihn... Wenn ich allein bin, lerne ich leſen und ſchreiben.— Potz tauſend, aber Sie müſſen oft allein ſein, denn ſeit einigen Tagen geht er viel aus; und vieſe Lebensart langweilt Sie nicht?— Nein, mein Herr, ich denke immer an ihn, ich warte ſtets auf ihn... und ich weiß wohl, daß er zurückkommen wird.“ Der Oberſt blickt Suzon an: ihre Anmuth, ihre natürliche Einfalt entwaffnen ſeinen Zorn; er beginnt von Neuem mit Fragen. „Wo haben Sie die Bekanntſchaft meines Neffen gemacht?— In Ermenonville, mein Herr, er hat bei uns gewohnt.— Ah! er hat bei Ihren Eltern gewohnt, und als Dank für ihre Gaſtfreund⸗ ſchaft hat er ihre Tochter verführt und entführt!— O! er hat mich weder verführt noch entführt, mein Herr, vies iſt von ſich ſelbſt gekommen! Ich bin zufällig in ſeinem Zimmer geweſen und 171 dann haben wir einander ſogleich geliebt...— Und ihr habt ſogleich bei einander geſchlafen?— So iſt es, mein Herr.— Ei, es ſcheint mir, daß dies in Ermenonville ebenſo ſchnell geht, wie 5 in Paris. Warum haben Sie aber Ihre Heimath, Ihre Familie verlaſſen?— Ach, mein Herr! man wollte mich an Nikolas Toupet, den ich gar nicht liebe, verheirathen!.. Ich wäre ſehr unglücklich geweſen!... Und dann dachte ich alle Tage an Herrn Guſtav, und ſtarb faſt vor Kummer, daß ich ihn nicht mehr ſah...— Und wenn Ihre Mutter vor Kummer über die Flucht ihrer Tochter ſtürbe? wenn ihre Flucht ſie in's Grab brächte?...— Ach, mein Herr! ſprechen Sie mir nicht ſo.“ Suzon fing an zu ſchluchzen. Der Oberſt war äußerſt be⸗ wegt; er ging im Zimmer auf und ab, ſtampfte mit dem Fuß, blickte auf Suzon, ſtand ſtille und fluchte auf ſeinen Neffen. Nach Verfluß eines Augenblicks kam er auf die Kleine zu . und ergriff ſie bei der Hand: „Nun, mein Kind, ſeien Sie ruhig, weinen Sie nicht mehr, und hören Sie mich an. Ich werde Ihnen keine Vorwürfe über Ihr Benehmen machen, Sie ſelbſt haben die ganze Unſchicklichkeit deſſelben nicht gefühlt!... Sie haben nur nach Ihrem Herzen gehandelt, und was man auch ſagen möge, ſo ſoll man ſich immer von ihm leiten laſſen; das Ihrige hat Sie diesmal nur zu dummen Streichen getrieben. Sie können hier nicht länger wohnen... Es iſt ſchon viel, ſechs Wochen hier zugebracht zu haben.. Nun, weinen Sie nicht ſo ſehr, tauſend Schwabronen, oder ich werde böſe!.. Sie werden dieſes Hötel verlaſſen.. Ach, mein Herr.. nehmen Sie mich als Ihre Magd. ich will Sie bedienen.. ich will arbeiten..— Nein, bei Gott!... Eine Magd wie Sie brächte mein ganzes Hötel in Verwirrung!... Und glauben Sie, Guſtav würde zufrieden damit ſein, Sie unter meinen Leuten zu ſehen? Nein, mein Kind, Sie müſſen aus dieſem Hauſe weg: dieſe Sache iſt abgemacht. Wollen Sie jetzt in Paris hleiben, nicht, welche Ihr für ſie vergießt.“ erfahren iſt, als gewiſſe Fräulein, die bei ihren Eltern wohnen Sruzon ſagt nichts mehrz ſchüchtern ſieht ſie Herrn Möranval an 172 ober zu Ihren Eltern zurückkehren?...— Ach, mein Herr! ſchicken Sie mich nicht in mein Dorf zurück, man würde mich zur Strafe mit Nikolas Toupet verheirathen.— Potz Henker! Sie vetabſcheuen dieſen Nikolas ſehr; und doch würde das Sie, wenn Sie den Frauen von Paris glichen, nicht hindern, zu„ aber hievon iſt nicht die Rede. Sie werden nicht nach Hauſe zurückkehren, ich gebe es zu; allein ich will Sie irgendwo unterbringen und Sie ſchreiben an Ihre Mutter, wo Sie ſind. Sehen wir... wo Teufel kann ich Sie hinthun?..— Dies iſt mir gleichgültig, mein Herr; weil ich nicht mehr bei ihm bin, kann ich auch nicht mehr glücklich ſein..— Pah!... Pah! das iſt Alles nur Kinder⸗ geſchwätz; die Liebe vergeht, meine Kleine, und wenn Sie mehr Erfahrung hätten, würden Sie fühlen, daß die Liebe Guſtav's ſchon.. Kurz, man lebt nicht von der Liebe und man muß an Ihre Zukunft denken. Mein Neffe iſt ein leichtſinniger Kerl, der Sie Ihre Jugend in ſeinem Zimmer hätte verkümmern laſſen.. während er.. Ach! zum Henker! die Manner verdienen die Thränen Der Oberſt weiß nicht, wozu er ſich entſchließen ſoll; er be⸗ ſinnt ſich, was er aus Suzon machen ſoll, die er im Hötel weder behalten will noch kann, für die er aber zu ſorgen entſchloſſen iſt, weil er eingeſehen hat, daß, obgleich ſie in dem Zimme eines Junggeſellen wohnte, das junge Bauernmädchen doch wenige und wartet, daß er über ihr Schickſal verfüge. Der Oberſt geht aus dem Schlafziinmer und öffnet die Thüre des Vorzimmers, um Benvit herbeizurufen... Aber er hat nicht nöthig, ſich dieſe Mühe zu geben; der Thürſteher und ſein Sohn ſind an die Treppe ge⸗ lehnt, in Erwartung, daß der Oberſt mit den Merkwürdigkeiten, die ſie äußerſt begierig zu ſehen ſind, aus den Zimmern ſeines Neffen herausfomme. 173 Herr Moranval ſieht ſie mit ſtrengem Blicke an.„Was macht Ihr da?“ ruft er ihnen barſch zu.—„Herr Oberſt... wir... wir erwarten Ihre Befehle,“ antwortet der Thürſteher, indem er unterthänig ſeine Baumwollenmütze abzieht.—„Sagt lieber, daß Ihr wartet, bis ich aus dieſem Zimmer herausgehe, damit Iht ſelbſt eintreten könnt, um den Affen, den mein Neffe hier einge⸗ ſchloſſen hat...— Es iſt alſo ein Affe, Herr Oberſt?...— Gehen Sie in Ihre Loge; ich liebe die Naſeweiſe nicht.“ Der Oberſt ſchiebt den Portier fort, dieſer ſeinen Sohn, und Beide entfernen ſich beſchämt, daß ſie überraſcht worden ſind, und mißvergnügt, daß ſie nichts geſehen haben. Herr Moranval begibt ſich zu Madame Duval, der Frau, die mit der Beſorgung der Wäſche des Hauſes beauftragt iſt und in einem kleinen Zimmer des Hötels wohnt. Madame Duval iſt weder neugierig noch ſchwatzhaft, auch dient ſie dem Oberſten ſeit zehn Jahren. „Madame Duval,“ ſagte der Oberſt, in das Zimmer der Alten tretend,„ich habe ein junges Mädchen unterzubringen; zeigen Sie mir irgend einen Laden, wo die Art des Handels ſo iſt, daß ein Mädchen weder unaufhörlich in den Straßen von Paris umherrennen, noch die gemeinen Witze der Kaͤufer anhören muß.“ „Herr Oberſt,“ erwiederte Madame Duval nach kurzem Nach⸗ ſinnen,„ich kenne nur Madame Henry, Tabuletkrämerin in der e aux Ours; ſie liefert mir, was ich für das Hötel brauche, und hat mich gerade neulich gefragt, ob ich ihr nicht Jemand ver⸗ ſchaffen könne.— Und iſt Ihre Madame Henry ehrbar?— Ja, mein Herr; ſie iſt Wittwe; ſie iſt eine junge heitere Frau, ſie geht am Sonntag in's Theater, übrigens iſt ſie ſolid und em⸗ pfängt keine verdächtigen Beſuche..— Sehr gut... Ich will die Kleine zudem weder in ein Kloſter noch zu einer griesgrämigen Spröden bringen!.. Ich will, daß ſie arbeite und ſich dann auch 174 Vergnügen mache, nichts iſt gerechter. Madame Duval, holen Sie mit einen Fiaker und ſchicken Sie ſich an, mich zu Madame Henty zu begleiten.— Aber Herr Oberſt, ich muß ſie wenig⸗ ſtens vorher davon in Kenntniß ſetzen...— Dies iſt unnöthig. Sie kennt Sie? ſie muß mich mindeſtens dem Namen nach kennen, weil ſie für mein Haus Lieferungen macht, und das muß genügen. Gehen Sie, Madame, Sie laſſen den Fiaker in den Hof kommen und er ſoll gerade an der Mitteltreppe anhalten.“ Madame Duval geht fort. Der Oberſt begibt ſich wieder zu Suzon.„Vorwaͤrts, meine Kleine, packen Sie Ihre Habſelig⸗ keiten zuſammen, und ſchicken Sie ſich an, mir zu folgen.— Wie, mein Herr. heute?...— Augenblicklich.— Aber ich muß auf ihn warten... damit ich Abſchied von ihm nehme.— Nein! dies würde ſehr unpaſſend ſein; Sie müſſen ſich im Gegentheil vor ſeiner Zurückkunft entfernen.— Ach, mein Gott!. was wird er ſagen, wenn er mich nicht mehr findet?..— Ich werde ihm ſagen, daß ich Sie weggebracht habe.— Es wird ihm vielen Kummer machen!...— Er wird fühlen, daß ich Recht habe.— Er wird ſehr in Zorn gerathen!...— Zum Henker! das möchte ich ſehen.“ Suzon weint, iſt untröſtlich; ſie bittet, auf Guſtav warten zu dürfen, der Oberſt iſt unerbittlich.„Aber,“ ſagte ſie ſchluchzend, „wird er mich wenigſtens beſuchen!.. Werden Sie ihm ſagen, wo ich bin?— Ja,“ verſetzte der Oberſt, der ſie nicht völlig zur Verzweiflung bringen wollte,„ja, mein Kind, Sie werden ihn wiederſehen, wenn Sie vernünftiger ſind, wenn Sie ſich gut auf⸗ führen.“. Dieſe Verſicherung ſtillt Suzon's Schmerz ein wenig; ſie trocknet ſich die Augen, macht aus dem, was ihr Guſtav, ſeit ſie bei ihm iſt, gekauft hat, ein kleines Paket und erwartet die Be⸗ ſehle des Herrn Moranval. Ein Wagen rollt in den Hof und hält hart an der Treppe 175 an.„Wir wolln hinabgehen,“ ſagte der Oberſt. Er nimmt Suzon an der Hand; noch einmal wirft ſie den Blick auf das Zimmer zurück, das ihre Welt war: ihr Buſen ſchwillt, ihre Kniee brechen; aber ſie hält, um den Oberſten nicht aufzubringen, ihre Thränen zurück. Der Fiaker iſt unten, der Kutſchenſchlag geht auf, der Oberſt läßt die Kleine einſteigen; er ſetzt ſich neben ſie, und läßt Ma⸗ dame Duval auf die andere Seite ſitzen. Er läßt die Fenſter⸗ ſcheiben herab und befiehlt dem Kutſcher, ſie in die rue aux Ours zu führen. Der Wagen fährt aus dem Hötel: die Herren Benvit, Vater und Sohn, waren in der Straße dem Thor gegenüber; ſie hoben die Köpfe in die Höhe, ſtreckten ihre Hälſe aus, um zu entdecken, was man im Fiaker wegbringe, allein Suzon iſt durch Mabame Duval und den Oberſten verdeckt, ſie können ſie nicht erblicken; ſie haben nichts von ihren verſtohlenen Blicken, als einige Kothſpritzer. Man langt bei Madame Henry an. Die Tabuletkrämerin iſt ſehr überraſcht, den Herrn Oberſten Moranval, Madame Duval und ein junges Mädchen mit verweinten Augen, die ſich kaum auf den Füßen halten kann, bei ſich eintreten zu ſehen. „Madame,“ ſagte der Oberſt,„Sie haben von Madame Duval eine Ladenjungfer verlangt, ich bringe Ihnen hier eine. Sie iſt ſehr traurig, wie Sie ſehen, aber ſie wird Ihnen ihr kleines Herzeleid erzählen: zuerſt werden Sie ſie bedauern, ihr hierauf Vernunft einſprechen, und mit der Zeit wird ſich Alles geben. Ich empfehle Ihnen Jungfer Suzon, an der ich vielen Antheil nehme. Da ſie noch nichts verſteht, und Sie erſt die Mühe auf ſich nehmen müſſen, ſie zu bilden, ſo gebe ich Ihnen hier fünfundzwanzig Louiéd'or für die Unterhaltungskoſten des erſten Jahrs. Antworten Sie, Madame, iſt Ihnen dies genehm?“ „Mein Herr,“ ſagte Madame Henry, etwas erſtaunt über die Schnelligkeit, mit welcher der Oberſt die Angelegenheiten be⸗ 176 trieb,„gewiß genügt mir Ihre Empfehlung und⸗ der Madame Duval, um Mademviſelle bei mir aufzunehmen... wenn ſie nämlich bei mir bleiben will.—„Ja, Madame,“ ſagte Suzon ſeufzend,„ich thue Alles, was man will.“ „Wohlan, ſo iſt die Sache abgemacht,“ ſagte der Oberſt zu Madame Henry,„ich empfehle Ihnen dieſes Kind, das nur den Fehler hat, zu gefühlvoll zu ſein, nochmals. Auf Wiederſehen, Kleine: Madame Duval wird mir oft von Ihnen Nachricht geben, und wenn Sie ſich gut halten, werde ich Sie nicht verlaſſen. Adieu, morgen werden Ihre Eltern wiſſen, daß Sie an einem Orte ſind, über den Sie nicht zu erröthen haben.“ Der Oberſt entfernt ſich, Suzon bei Madame Henrh zurück⸗ laſſend. Wir werden das kleine Landmädchen ſpäter wieder finden. Zuerſt wollen wir erfahren, was Guſtav that, während man ihm ſeine Schlafgenoſſin raubte. Unſer Held hatte einen Theil des Tages bei Madame Fon⸗ belle zugebracht; als er wieder in das Hötel zurückkam, waren die Herten Benoit, Vater und Sohn, in ſeinem Zimmer, das ſie vurchſtöberten; wie ſie den Fiaker mit dem Oberſten fortrollen ſahen, hatten die beiden Diener berechnet, daß ſie Zeit haben, in das Gemach Guſtav's hinaufzugehen; ſie hatten die Thüre des geheimnißvollen Zimmers offen gefunden und ſuchten in allen Ecken, ob ſie nicht etwas gewahr würden, das ſie auf die Spur deſſen führen könnte, was in dieſem Zimmer verborgen gehalter Guſtav geht nach ſeiner Wohnung; zu ſeinem Erſtaunen findet er die Thüre ſeines Zimmers offen; er glaubt, es ſei Ver⸗ geßlichkeit von ihm. Er tritt ein.. aber an der Stelle Suzons ſieht er den Thürſteher, der in einer großen Commode herumfucht, und Benoit, der auf den Knieen liegt und unter das Bett ſieht⸗ „Was macht Ihr hier?“ ruft Guſtav aus wie ſeid Ihr hier hereingekommen?.. Antwortet doch, Elende!“ 1 177 Der Thürſteher und ſein Sohn fanden keine Entſchuldigung und blieben ſtumm: Guſtav packt Benvit bei einem Shr und ſchüttelt ihn tüchtig:„Willſt Du mir ſagen, Schlingel, wo ſie jetzt iſt?— Wo ſie iſt, Herr?— Was man mit ihr gemacht?...— Was man mit wem gemacht hat, Herr? wir haben Ihre Tauben nicht geſehen!...— Ich habe ſie geſucht, Herr, ſagte der Portier zitternd.—„W acht es kurz, wer hat dieſe Thüre aufgemacht?.— Ihr Herr Oheim, er iſt aber ganz allein eingetreten.. Er hat einen Fiaker kommen laſſen..— Und er hat ſie, mitgenommen?...— Allem Anſchein nach, Herr! Er hat Etwas mitgenommen, das iſt gewiß, wir aber nichts ſehen können.— Packt Euch.“ Der Thü her und ſein Sohn wünſchen nichts weiter, als ſortzufumm n. Guſtav ſucht in ſeinem Zimmer, ob Suzon nicht etwas Schriftliches hinterlaſſen hat; er findet aber nichts: es iſt geſchehen, Suzon iſt für ihn verloren. Er liebte ſie aber nicht mehr, wird man ſagen, er langweilte ſich bei ihr, er verließ ſie, um zu Eugenien zu gehen.. Ja, wenn Suzon bei ihm war, empfand er nicht mehr jenes Entzücken, jene Trunkenheit, welche die Liebe charakteriſiren; er ließ ſie einen Theil des Tages allein; kaum zu ihr zurückgekommen, ſuchte er einen Vorwand, ſie auf's Neue zu verlaſſen. allein ſeit ſie nicht mehr da iſt, ſeit man ſie ihm genommen hat, fühlt er ſeine Liebe wieder erwachen; er brennt, ſie wieder zu ſehen, mit ihr zu ſprechen, ſie in ſeine Arme zu ſchließen!.. Das iſt die Bizarrerie des menſchlichen Herzens, wie ein gewiſes Lied ſehr gut ſagt: Was man nicht hat, das möchte man, Und was man hat, gefüllt nicht mehr. —————— 178 Achtzehntes Rapitel. Eine eheliche Racht. Guſtav geht in Verzweiflung über den Verluſt Suzon's, in die er wieder verliebt geworden iſt, ſeit ſie nicht mehr bei ihm wohnt, aus ſeinem Zimmer in den Hof hinab und ſchickt ſich an, die Stadt zu durchlaufen, indem er verſuchen will, den Schlupf⸗ winkel aufzufinden, wohin der barbariſche Oberſt(denn man it immer ein Barbar, wenn man unſern Leidenſchaft ntgegen⸗ tritt) das junge Landmädchen gebracht hat. S3 Allein die Stadt iſt ſo groß! und wenn wan nicht iß, nach welcher Seite man ſeine Schritte lenken ſoll, ſo iſt es wahr⸗ ſcheinlich, daß man vielen Weg vergeblich macht. Guſtav W keine hundert Schritte gethan, als er anhält, in's Blaue inein⸗ ſieht und ſich fragt, wohin er gehen ſoll: da er durchaus keine Antwort auf dieſe Frage fand, blieb er ungewiß mitten in der* Straße ſtehen, empfing, ohne Acht darauf zu haben, die Rippen⸗ ſtöße der Vorübergehenden, die es ſehr übel nahmen, daß ein großer junger Mann mitten auf öffentlicher Straße unbeweglich ſtehen blieb, und die, wenn er noch länger in dieſer Stellung beharrt hätte, ſich wahrſcheinlich um ihn her zuſammen gerottet haben würden, um zu erfahren, weßhalb er in die Höhe blicke, wo man nichts ſehe; denn in Paris iſt man entſetzlich neugierig und maulaffig: zwei Hunde, die Händel haben, ein Menſch, der aus der Naſe blutet, eine Dame, die, wenn ſie ihr Kleid in die Höhe hält, ihr Strumpfband ſehen läßt, ein Beſoffener, des niederſtürzt, ein Kind, das ſchreit, weiter braucht es nicht, um zweihundert Perſonen zuſammenzutreiben. Plötzlich wird Guſtav durch eine Stimms, die ſeinen Namen ausſpricht, aus ſeinen Betrachtungen gezogen. Dieſe Stimme iſt aus einem gelben Fiaker hervorgekommen, der ſich ſo ſchnell ent A —,— fernt, als es zwei alte Mähren im Stande ſind, die nie anders trabten, als ein nach der Stunde bezahlter Kutſcher. „Ei!“ ſagte Guſtav,„ein Fiaker!. und ich glaube, Benovit hat mir geſagt, er ſei gelb.. eine Stimme, die mir ruft... und eine mir wohlbekannte Stimme! Sie iſt es, Suzon iſt es, die mein Oheim wegführt; vorwärts, wir wollen dem Wagen folgen. wenn es Nacht wäre, würde ich hinten aufſteigen, aber am hellen Tage kann ich es nicht; was liegt daran, ich werde ſie nicht aus dem Geſicht verlieren... gehen wir aber nicht zu nahe an den Kutſchenſchlag, um den Blicken des Oberſten aus⸗ zuweichen.“ Der Fiaker fährt aus der Stadt in die Vorſtadt du Temple. „Aha,“ ſagte Guſtav,„man will ſie auf dem Lande verbergen; vielleicht führt man ſie ſogar nach Ermenonville zurück;. aber ſicherlich werden dieſe zwei armen Pferde eine ſolche Reiſe nicht machen; man wird anhalten müſſen, und während deſſen kann ich Gelegenheit finden, mit Suzon zu ſprechen.“ Der Wagen fährt in der That über die Barriére hinaus, die große Straße von Belleville hinan. In dem Dorfe angelangt, wendet er ſich links, ſchlägt eine nach den Feldern führende Straße ein, und hält vor einem ziemlich hübſchen Hauſe ſtill. Guſtav hält ebenfalls; er drückt ſich an eine Thüre, etwa fünfzig Schritte von da; er blickt umher, um allen Blicken auszuweichen. Zwei Damen und ein junger Mann ſteigen aus und treten in das Haus. Die Damen haben große Hüte, die ihr Geſicht verbergen; Guſtav hat aus der Entfernung ihre Züge nicht unter⸗ ſcheiden können, aber er fängt an zu befürchten, daß er ſich ge⸗ täuſcht hat: keine jener Damen hat die Haltung und den Anzug Suzon's; es iſt indeß möglich, daß der Oberſt der Kleinen eine andere Kleidung hatte geben laſſen, um ſie unkenntlich zu machen; allein der Oberſt befindet ſich nicht in dem Wagen und wer iſt dieſer junge Mann?. man würde ihm das kleine Bauernmäbchen — 180 nicht anvertraut haben; nun, es iſt gewiß, vaß ſich Suzon nicht in dem Fiaker befand und daß unſer Held von der Straße Mont⸗ martre an bis nach Prés⸗Saint⸗Gervais einen vergeblichen Spaziergang gemacht hat. Guſtav war ſehr übler Laune, ſeine Zeit auf dieſe Art ver⸗ loren zu haben. Die Damen und der junge Mann waren in das Haus getreten, der Fiaker wieder zurückgefahren, und unſer Held ſtand in der kleinen Straße des Champs, unentſchloſſen, was er thun ſollte. „Man hat indeß meinen Namen genannt!.. eine der Damen kennt mich alſo!... übrigens iſt dies nichts zum Verwundern; ich kenne deren ſelbſt ſo viele... daß ich manche vergeſſe!. ich möchte aber doch wiſſen, wer die Perſonen ſind, die in dieſes Haus gingen.“ So denkend, näherte ſich Guſtav dem Hauſe und blickte durch vie Fenſter; er ſuchte durch die Vorhänge hindurch ein bekanntes Geſicht zu entdecken. Er glaubte ein Fenſter öffnen zu hören; bald ſprach eine ſanfte Stimme ſeinen Namen auf's Neue aus. Dieſe Stimme iſt die nämliche, die er ſchon gehört hat; o! dies⸗ mal iſt kein Zweifel mehr, eine dieſer Damen kennt ihn, und er kehrt ſicherlich nicht nach Paris zurück, ohne ſie zu ſehen: ſchon tritt er an das Hofthor, er ergreift den Hammer, will klopfen, ohne indeß zu wiſſen, nach was er fragen ſoll; aber dieſelbe Stimme hält ihn zurück: „Klopfen Sie nicht, ruft man ihm zu, gehen Sie längs der Mauer hin, um die linke Ecke herum und warten Sie an der kleinen Thüre!“ „Teufel! ein Geheimniß,“ ſagt Guſtav,„eine Mauer. eine kleine Thüre!... das gleicht einer Scene aus einem Melv⸗ dram! wohlan, thun wir, was mau uns vorſchreibt; ich will meine Heldin kennen lernen!“ Guſtav geht die Straße hinab, um die Ecke links herum; er folgt der Mauer weiter und ſieht endlich eine kleine Thüre; hier bleibt er ſtehen. Er blickt über dieſe Mauer hin, die ſich ſehr weit fortzieht, ſieht aber nur die Wipfel mehrerer Obſtbäume oder Lilienſträuche; er vermuthet, daß die zu den Häuſern gehörigen Garten⸗Anlagen durch dieſe Mauer verſchloſſen ſind. Er lehnt ſich an die kleine Thüre und erwartet mit Ungeduld, in den Garten eingelaſſen zu werden; endlich vernimmt er die Schritte eines Nahe⸗ kommenden... die Perſon geht ſchnell.. es muß ein Frauen⸗ zimmer ſein.. er glaubt ſelbſt das Rauſchen eines Kleides zu unterſcheiden.. er fühlt, daß ſein Herz ſtärker ſchlägt.. woher dieſe Gemüthsbewegung?.. iſt die Ankommende vielleicht alt oder häßlich? aber ſie iſt vielleicht auch ſchön, und im Zweifels⸗ falle bleibt man gerne bei der angenehmſten Idee ſtehen; und dann dieſes geheimnißvolle Weſen, dieſe Stimme— Alles zu⸗ ſammengenommen hat etwas Reizendes, das die Einbildungskraft in Bewegung ſetzt. Ei, mein Gott!... in den wichtigſten Augen⸗ blicken des Lebens regen uns die Begebenheiten nur im Ver⸗ hältniß der Lage an, worin wir uns gerade befinden; die Träume unſerer Einbildungskraft neigen unſer Gemüth zur Liebe, zur Freude oder zum Schmerz; es gibt Augenblicke, wo wir nur weinen möchten, andere, wo wir Alles roſenfarben erblicken; und wie man auf einem Maskenball ſich oft für einen kleinen Domino entflammt, deſſen Züge man nicht unterſcheiden kann, ſo konnte Guſtav wohl auch fühlen, daß ſein Herz für die ſchlug, deren leichte Tritte er auf dem Sande der kleinen Thüre näher kommen hörte. Endlich öffnet man dieſe kleine Thüre; Guſtav tritt in den Garten und drückt nicht Suzon, ſondern Frau von Berly in ſeine Arme. Die erſte Bewegung ſollte der Liebe geweiht ſein; nachdem ſie ſich aber lange umarmt gehalten hatten, ſtellten Guſtav und lie tauſend Fragen aneinander. Unſer Held kam von der Ueber⸗ 182 raſchung, welche ihm die Erſcheinung Juliens verurſachte, lange nicht zurück.„Ei, ei, Guſtav, Sie hatten meine Stimme nicht erkannt?“ ſagte Frau von Berly ſeufzend.„Aber in der That.. es iſt ſchon ſo lange, daß Sie mich nicht geſehen haben!. Sie hatten mich vergeſſen!... Undankbarer!.. und während ich jeden Augenblick des Tages an Sie dachte, war Ihr Herz von einer andern Frau eingenommen; die Augenblicke, die ich ſeufzend zu⸗ brachte, brachten Sie damit zu, Andern den Hof zu machen!.. Ach!.. dies ſind alſo jene Schwüre, welche heilig ſein ſollten!... Aber was ſage ich?.. hatte ich ein Recht, auf die Ihrigen zu zählen?“ Julie vergoß Thränen; Guſtav wußte nicht, wie er ſich ent⸗ ſchuldigen ſollte, denn er fühlte, daß er ſtrafbar war, und doch hatte der Anblick Juliens in ſeinem Herzen die Gefühle wieder erweckt, die ſie ihm ehemals einflößte. Allein eine Frau, die uns liebt, iſt leicht zu tröſten! Frau von Berly war die erſte, die ſich Guſtav wieder näherte.„Verzeihen Sie mir dieſe Vorwürfe, mein Freund, ich bin unvernünftig, daß ich ſie Ihnen mache! konnte ich hoffen, daß Sie fern von mir die Liebe nicht kennten?. doch Sie ſagen mir nichts.. hätten Sie mich wirklich ganz und gar vergeſſen?— O nein! aber ich fühle, daß ich ſehr gefehlt habe..— Lieben Sie mich noch, Guſtav?— Mehr als je.— Nun gut! ſo ſprechen wir nicht mehr von Ihrem Unrecht; die Vorwürfe, die man ſich ſelbſt macht, haben weit mehr Wirkung, als die, welche man hört.— Geliebte Julie! wie gut ſind Sie!. ich verdiene wahrlich ſo viel Großmuth nicht.— Sie ſind mir keine Verbindlichkeit dafür ſchuldig!... wenn ich Sie liebe, ſo geſchieht dies ganz wider meinen Willen!.. ich hatte dieſes Gefühl überwältigen wollen; die Liebe iſt aber wie der Reich⸗ thum; häufig behandelt ſie die, welche ihrer am wenigſten werth ſind, wie verzärtelte Kinder.“ Guſta umfing Julien mit ſeinen Armen; er bedeckte einen. reizenden Buſen, den ſeine Hand von dem neidiſchen Tuche befreit hatte, mit Küſſen, in ſeiner Gluth wollte er ſich ſchon für eins Trennung von mehreren Monaten entſchädigen; allein Julie ſetzte ſeinen Unternehmungen ein Ziel.„Was machen Sie, mein Freund? bedenken Sie, wie ſehr Sie mich bloßſtellen!...— Sind Sie nicht allein?— Man kann jeden Augenblick kommen!... ich bin ſogar nicht einmal in meinem Eigenthum!... Sie haben alſo die Dame, die bei mir war, nicht erkannt?— Nein, gewiß nicht, da ich ja Sie ſelbſt nicht erkannt hatte. Und wer iſt dieſe Dame? — Aurelie, die Nichte meines Mannes, welche Sie hätten hei⸗ rathen ſollen, und die ſeit ſechs Wochen an jenen großen jungen Mann, der bei uns im Wagen ſaß, verheirathet iſt...— Wäre es möglich?..— Bei ihnen bin ich, hier dieſes Landhaus ge⸗ hört ihnen. Ich bringe zuweilen aus Gefälligkeit acht Tage hier zu; und zudem iſt mir fern von Ihnen Alles gleichgültig, ich mag in der Stadt oder auf dem Lande ſein. Aber ich befürchte, Madame Frémont oder ihr Gatte möchten meine Abweſenheit be⸗ merken. Und wenn man Sie bei mir ſähe?.. Aurelie iſt bös⸗ artig!. ich wäre verloren.— Was iſt zu machen?.. ich kann mich indeß nicht entſchließen, Sie zu verlaſſen. Kommt Herr von Berly dieſen Abend hieher?— Nein, er bleibt bis Sonntag in Paris.— Es iſt erſt Donnerſtag, ich kann bei Ihnen bleiben..— Ich wohne in dieſem Pavillon, den Sie ſehen.. links. mitten im Garten...— Gut!... geben Sie mir den Schlüſſel, ich will mich dort verbergen und Sie erwarten..— Ach, Guſtav!.. wenn Aurelie... wenn ihr Gatte..— Sie lieben mich nicht mehr ſo ſehr, Julie!..— Böſer!.. hier, nehmen Sie dieſen Schlüſſel!... hüten Sie ſich aber wohl, daß man Sie nicht ſieht!..— Rechnen Sie auf meine Klugheit. — Ich kehre in den Salon zurück. ich werde Kopfweh haben, und ſie ſobald wie möglich verlaſſen..— Sehr gut ich er⸗ warte Sie.“ 0 337 184 Frau von Berly entfernt ſich durch eine Allee, die nach dem Hauſe führte; Guſtav ſchlägt den Weg nach dem Pavillon ein, den man ihm bezeichnet hat. Dieſes mitten im Garten vereinzelt ſtehende Gebäude beſteht aus einer Parterrewohnung, einem Stock⸗ werk und einer Terraſſe darüber, auf welcher man ein Teleſcop aufgeſtellt hat, das man nach Belieben auf die Umgegend richten kann. Guſtav gelangt in den Pavillon, hat aber nicht nöthig, von dem ihm eingehändigten Schlüſſel Gebrauch zu machen, denn die Thüre ſteht offen; eine Treppe führt in den obern Stock und auf die Terraſſe, neben dieſer Treppe befindet ſich die Thüre zu dem Gemach zu ebener Erde. „Wohnt ſie im erſten Stock oder zu ebener Erde?“ fragt ſich Guſtav;„übrigens.. was liegt daran, wo ich ſie erwarte? ſie hat mir geſagt, daß ſie in dieſem Pavillon wohne, und wahr⸗ ſcheinlich wohnt ſie allein hier, weil ſie den Schlüſſel dazu hat. Wir wollen alſo unten hineingehen; ich werde gleich ſehen, ob das Zimmer zu ihrem Empfang eingerichtet iſt.“ Der Schlüſſel iſt an der Thüre; Guſtav öffnet und erblickt ein hübſches, elegant möblirtes und neu ausgeſchmücktes Zimmer. Er tritt ein, in der Ueberzeugung, daß dies das Zimmer der Frau von Berly ſei, das man zu ihrer Aufnahme eingerichtet habe. Cs fehlt in der That nichts in dem Gemach; ein elegantes Bett, Sopha, Spiegel, Doppelvorhänge, nichts iſt vergeſſen, um dieſes Zimmer zu einem reizenden Aufenthalt zu machen. Guſtav unter⸗ ſucht Alles; zu ſeinem Erſtaunen ſieht er hinten im Alkov einen Spiegel;„Teufel!“ ruft er aus,„welche Ausgeſuchtheit! welche Künſtelei!.. Ehemals kannte Julie Alles das nicht!. Nun, dieſer Aufenthalt iſt ein Boudoir; es iſt der Ort, wie er einer hübſchen Frau zuſteht. Gewiß das Gemach der Madame Frémont muß dieſem nicht gleichen!. dieſe ſprode Aurelie, welche die Augen nie gegen einen Mann aufſchlug und die unſchulvigſten „ erſaunt aufſteht und aufmerkſamer horcht. Scherze mit Aerger aufnahm, muß in ihrem Eheſtand ſehr drollig ſein!... Sie muß aus ihrem Gemache Alles, was die Sinne reizen und die Schamhaftigkeit erſchrecken kann, verbannen. Ich bedaure ihren Gemahl!... Nichts iſt mürriſcher, als eine Spröde... in Geſellſchaft wenigſtens; doch wäre ich neugierig geweſen, zu erfahren, wie ihre erſte Hochzeitnacht vorübergegangen iſt.“ Nachdem Guſtav das Gemach bewundert hat, ſtößt er die Thüre wieder zu und wirft ſich in einen Lehnſeſſel. Hier ruht er aus, bis Julie zu ihm kommt; er läßt die Begebenheiten des Tages in ſeinem Kopfe vorübergehen und er kann ſich nicht ver⸗ hehlen, daß er nicht aus dem Hötel weggegangen iſt, um bei Julien zu ſchlafen, und daß er Suzon in der Wohnung der Frau von Berly nicht finden werde. Arme Suzon! wäreſt du jetzt vergeſſen?... Nein, Guſtav gibt ſich das beſtimmte Verſprechen, ſeine Nachforſchungen fortzuſetzen und das Aſyl, wohin der Oberſt die Kleine gebracht hat, zu entdecken; allein ein oder zwei Tage Verzug werden in dem Erfolg ſeiner Schritte nichts ändern; dies wird im Gegentheil den Erfolg erleichtern: wenn man ſieht, daß Guſtav gar keinen Verſuch macht, die Kleine wiederzufinden, wird man das Mädchen weniger bewachen; ſie wird ihrem Geliebten Nachrichten geben können; ſo denkt wenigſtens unſer Held in dem Schlafzimmer der Frau von Berly. Aber, wird man mir einwenden, er dachte nicht ſo, als er aus dem Hötel ſeines Oheims wegging, als er auf gut Glück durch die Straßen rannte und dem gelben Fiaker bis Belleville nachlief; dies iſt möglich, aber Andre Zeit, andrer Sinn! Es war ſchon lange Nacht, Guſtav ward ungeduldig in ſeinem Lehnſtuhl und ſehnte ſich nach Frau von Berly; endlich ſtrahlt ein Licht im Garten und kommt dem Pavillon näher. Bald ſchlägt ein verworrenes Geräuſch von Stimmen an Guſtav's Ohr, welcher Er unterſcheidet, wie ſich die Stimme Aurelien und pi⸗ ⸗ 186 vermiſchen. Wahrſcheinlich haben Berly bis zum Pavillon begleiten chkeit ſo weit trieben, in das Zimmer einzutreten? dies wäre möglich... die Stimmen kommen näher... man muß für jeden Fall der Gefahr zuvorkommen, und da Guſtav keinen andern Schlupfwinkel ſieht, verkriecht er ſich unter das Bett, wo er ſich nicht lange aufzuhalten hofft. Man iſt am Fuße der Treppe angelangt; was man ſpricht: „Wie, Aurelie, Sie wollen in dieſem Pavillon ſchlafen?— Ja, meine Tante; ich habe ihn in der letzten Woche beſonders dazu herrichten laſſen— Welche Tollheit!.. Sie waren ſo gut in dem Zimmer, das auf die Straße geht!— Meine Frau hat ſolche ſonderbare Einfälle: ſie hat dies Alles gethan, ohne mich um Rath zu fragen!...— Ich hoffe, mein Herr, daß es mir freiſteht, zu ſchlafen, wo es mir beliebt?— Ohne Zweifel, liebe Frau, aber..— Aber, aber ich ſage Ihnen, daß wir hier viel beſſer wohnen werden.— Indeß iſt dieſer Pavillon feucht, Aurelie..— Sie ſchlafen gut darin, meine Tante?— Ja, aber im Erdgeſchoß.— Ich fürchte die Feuchtigkeit nicht.. Sehen Sie, meine Tante, wie ich das Gemach habe einrichten laſſen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnet Aurelie die Thüre und kritt ein; Julie folgt ihr zitternd; ſie fürchtet, Guſtav, dem ſie zu ſagen vergeſſen hatte, daß ſie im erſten Stock wohne, möchte ſie im untern Zimmer erwarten; doch ein einziger Blick beruhigt ſie: er iſt nicht da.„Wohlan, bleiben Sie alſo hier, weil es Ihnen ſo gefällt,“ ſagte ſie;„ich will mich in's Bett legen ich habe Kopfweh! Ach! ich ſehe voraus, daß ich morgen ſpät aufſtehen werde.“ Und Frau von Ber ſchnell in ihr Zimmet hinauf zu kommen, eines Monnes mit der Juliens die Neuvermählten Frau von wollen; wenn ſie aber die Höfli Guſtav kann hören, ly verläßt Aurelien und ihren Gatten, un wo ſie Guſtav zu finden gla. — Aber der arme Guſtav war untröſtlich ut vas er ſich geflüchtet hatte, das Geſpräch hatte ihn S er ſich in dem Schlafzimmer von Herrn und Madame Frémont befinde. Die beiden Ehegatten ſchließen ſich ein und legen ſich in's Bett, es gibt alſo keinen Ausweg mehr zum Entkommen; glücklich noch, wenn er nicht entdeckt wird! denn wie könnte er ſich alsdann entſchuldigen?.. es wäre ihm nicht einmal möglich, für einen Dieb zu gelten, weil Aurelie ihn kennt: Julie wäre alſo bloß⸗ geſtellt!... Wohlan, man muß unter dem Bett bleiben und ſich glucklich ſchätzen, wenn ihn Niemand hervortreibt. Guſtav legt ſich der Länge nach auf den Rücken, ruft die Vorſehung an, daß Herr und Madame Frémont nicht unter das Bett ſehen, ehe ſie ſich niederlegen, wie dies bei furchtſamen Seelen der Fall iſt, und wartet in größter Stille und ohne daß er ſich zu bewegen oder zu athmen wagt, bis der Zufall oder die Liebe ihm erlaube, aus ſeinem Verſteck hervorzugehen. Madame Frémont wickelt ihre Haare auf, der Ehemann ent⸗ kleidet ſich:„Wahrlich,“ ſagt Guſtav,„ich werde in die Geheim⸗ niſſe des Ehebetts eingeweiht werden; ich rechnete darauf, dieſe Nacht der Liebe zu pflegen, nun werde ich hören, wie es Andere thun; dies iſt zwar ein Unterſchied; ich werde aber vielleicht hin⸗ ſichtlich der Erfahrung dabei gewinnen; man muß ſich darein er⸗ geben.“ Indeß wurde das Geſpräch der beiden Ehegatten nicht in dem Ton der Zärtlichkeit geführt:„Schnüren Sie mich auf, mein Herr, ich bitte Sie.. Machen Sie doch voran!... Ach! wie linkiſch ſind Sie!...— Liebe Frau, es hat einen Knopf... — Schneiden Sie den Schnürneſtel ab; ein Nichts ſetzt Sie in Verlegenheit!.— So, es iſt geſchehen...— Das iſt ſehr glücklich! ich glaubte, Sie würden nie damit zu Ende kommen!.. Wie! Sie ſetzen eine Baumwollenmütze auf?.— Ohne zweifel.— Ach! wie ſchlecht Ihnen dies ſteht! Wie mit!— Dies hält mich warm, und ich will imnmer, von dem man ſagt, daß es feucht ſei, mich nicht erkälten.— Ach mein Gott! Sie ſind ſchon wie die Alten... Ziehen Sie nicht auch ein Flanell⸗Leibchen an!...— Jo, dies werde ich ſogleich thun, denn es bewahrt vor vielen Krankheiten. — Ich glaube, daß daraus nichts wird!.. welche Sucht!.. Was mich betrifft, ſo mag ich nicht zu einem Paket Flanell in's Bett liegen!.. dies würde mir die Haut aufritzen.— Man trägt nicht überall Flanell, liebe Frau.— Ah! das iſt Schade!“ Madame Frémont legt ſich zu Bett.„Peſt!“ ſagt Guſtav bei ſich ſelbſt,„welch' eine Frau!.. für eine Spröde iſt es ſehr ſonderbar, daß ſie die Flanell⸗Leibchen nicht liebt!.. Was! dieſes Mädchen. welche die Augen beſtändig niederſchlug, wenn ſie mit einem Manne ſprach!... Traut daher dem Schein!“ „Nun! mein Herr, haben Sie bald Ihre fünfzehn Gänge gemacht? werden Sie ſich dieſen Abend bald niederlegen?— Hier bin ich, meine Frau: ich ſehe nach, ob die Läden gut ver⸗ ſchloſſen ſind...— Haben Sie Furcht vor Dieben?— Nein, aber ich fürchte die Zugwinde, und auf dem Lande bekommt man leicht einen ſteifen Hals!...— Ach, mein Gott! Herr Frémont, wenn Sie mir vor unſerer Heirath geſagt hätten, daß Sie Furcht vor Zugwinden und ſteifen Hälſen haben.., und daß Sie ein Flanell⸗Leibchen und eine baumwollene Nachtmütze tragen, da hätte ich mich noch beſinnen können!... In Wahrheit... man wird durch den Schein ſehr betrogen!... Sie ſpielten den Groß⸗ prahler. den Ausgelernten, den Unermüdlichen, den Eiſeufreſſer! und Gott weiß, was daran iſt!...— Madame, ich denke, daß man ſich der ſoliden Eigenſchaften wegen heirathet.— Die Eigenſchaften! aber wo ſind denn Ihre ſoliden Eigenſchaften, mein Herr?.. Vorwärts, legen Sie ſich in's Bett.“ Frémont bläst das Licht aus und nähert ſich ſeiner lieben Hälfte.„Wie, mein Herr!, Sie haben das Licht ausgeblafen? Sittlichkeit ſprechen!.. Sie zankten mich, wenn ich den Sen 189 — Gewiß, Madame; Sie wiſſen wohl, daß ich nicht gewohnt bin, das Licht zum Schlafen brennen zu laſſen.— Zum Schlafen!. ach! ja. dies iſt ſehr wahr!.. Sie ſind nicht gewohnt...— Wie! das macht Sie böſe, meine liebe Freundin?— Ach, wie linkiſch!... es iſt wohl der Mühe werth, daß ich einen Spiegel in meinen Alkov ſtellen laſſe!...— Einen Spiegel!.. ich denke nicht, daß Sie ſich bei Nacht eines Spiegels bedienen wollen?.. — O nein, mein Herr, ich ſehe wohl, daß dies Alles bei Ihnen vergeblich iſt.“ Herr Frémont legt ſich zu Bett, ſeine Frau ſagt nichts mehr; Guſtav hatte viel Mühe, den Lachreiz zurückzudrängen, den ihm das eheliche Geſpräch verurſacht hatte. Fünf Minuten lang unter⸗ bricht man das Stillſchweigen nicht; doch ſchlief man nicht ein, denn Guſtav hörte, daß man ſich oft im Bett umdrehte. Endlich ergreift Aurelie das Wort wieder: „Ha ſo, mein Herr, wollen Sie auf dieſe Art einſchlafen?... — Ja, ich denke, daß es nicht zum Verwundern iſt, wenn ich einſchlafe.. ich bin dieſen Morgen viel in Paris herumgelaufen... ich bin ſehr müde.— Sie ſind müde!.. dies iſt Alles, was Sie mir zu ſagen haben!.. Ich bin nicht müde, mein Herr, ich, und ich bin nicht der Meinung, doß es ſo vorübergehe...— Aber, meine Frau, geſtern...— Geſtern!... Seht doch, eine ſchöne Sache, um ſich zu rühmen!... wie, mein Herr, nach ſechswöchentlicher Ehe führen Sie ſich auf dieſe Art auf!... dies iſt abſcheulich!.. es iſt entſetzlich!... wir werden uns trennen, wenn es ſo fortgeht...— In Wahrheit, Madame, Sie ſetzen mich in Erſtaunen!... Ich hätte, als ich Sie heirathete, nie⸗ mals geglaubt, daß Sie eines Tages eine ſolche Sprache führen würden!. während Sie, Madame, doch in Geſellſchaft ſo zurück⸗ haltend ſind, auf den ſtrengſten Anſtand halten und imm oder der große Schreiber an Papg f 190 nicht, daß man in die komiſche Oper gehen könne, Joconde oder die gerächten Frauen zu ſehen! Sie ſchickten zwei Kammerfrauen fort, weil ſie zu ausgedrückte Formen hatten, und eine Köchin, weil ſie die Augen nicht niederſchlug, als ſie die Suppe und das Rindfleiſch auftrug,— und nun machen Sie mir heute Vor⸗ 3 würfe, weil ich nöthig habe, ein wenig auszuruhen!..— Ei, mein Herr! was hat Alles, was Sie mir da vorgeleiert haben, mit den Pflichten der Ehe gemein?.. In, ohne Zweifel, ich liebe die Schicklichkeit in Geſellſchaft!. aber ich weiß wohl, warum man ſich verheirathet. die Religion gebietet uns, uns den Wünſchen unſeres Gatten hinzugeben ihnen ſelbſt zuvor⸗ zukommenz. ſie erlaubt uns, die Freuden des Eheſtandes zu ge⸗ nießen, indem wir Weſen nach unſerem Bilde zeugen; Sie ſind ein Gottloſer, mein Herr, der die Befehle Gottes nicht befolgt. — Nun, Madame, keinen Zorn!.. Sie wiſſen wohl, daß ich Sie zürtlich licbe..— Sie ſagen es, dies it Alles.— Ach! ich habe es Ihnen oft bewieſen.. umarmen wir ein⸗ ander, meine liebe Freundin, und ſchließen wir Frieden— Wahrhaftig. ich bin zu gut, daß ich Ihnen nachgebe ach! was machen Sie denn? Hier konnte Guſtav die Fortſetzung des Geſpräches nicht mehr verſtehen; das Krachen des Bettes hinderte ihn, die Worte Aureliens zu vernehmen, allein an der Gluth, die ſie in ihre Reden zu legen ſchien, konnte er ſich nicht enthalten, einen Augen⸗ blick die Stelle zu beneiden, die Herr Frémont einnahm. Ueunzehntes Rapitel. Julie verliert ihre Schönheit und Guſtav ſeine Hoſen Das Beſpräch der beiden Ehegatten war zu Ende; die Stille der wurh⸗ durch die Ausrufungen Aureliens nicht ge⸗ 191 ſtört; man drehte ſich nicht mehr im Bette um, woraus Guſtab ſchloß, daß man eingeſchlafen ſei. Er beſchloß, dieſen Augenblick zu ſeinem Entkommen zu benützen; er konnte auf keine günſtigere Gelegenheit hoffen. Wenn er den Tag abwartete, würde es ihm ſchwerer werden, die Blicke der Dienerſchaft zu vermeiden; man mußte daher den Schlaf der Eheleute benützen. Guſtav ſchleicht ganz leiſe auf Händen und Füßen hervor; ſo gelangt er in die Mitte des Zimmers; er ſteht auf und geht, die Hände vorwärts geſtreckt, auf die Thüre zu; ſchon iſt er ganz nahe bei derſelben, als ſeine Füße an ein Tabouret ſtoßen, das ſeine Hände nicht fühlen konnten; auf dieſes Tabouret war ein Waſchbecken geſtellt, das mitten in das Zimmer rollt; das Ge⸗ räuſch weckt die beiden Ehegatten auf. „Wer iſt da?“ ruft Herr Frémont; Guſtav ſieht, daß es nicht mehr Zeit iſt, umherzufühlen, man muß Reißaus nehmen; er findet die Thüre, öffnet ſie ſchnell und ſteigt die Treppe hinauf, während Aurelie aus vollem Halſe ſchreit: Diebe! Hülfe!.. und Frémont nach ſeiner Flinte läuft. Guſtav langt im erſten Stocke an, er klopft an die Thüre, er ruft Julien mit halblauter Stimme; aber man antwortet nicht und Frémont kommt aus ſeinem Zimmer heraus; er wird die Treppe heraufſteigen, Guſtav einholen und ihm vielleicht eine Kugel durch den Kopf jagen, ein Umſtand, dem man ſich nicht ausſetzen darf; wie ihm entgehen? unſer Unbeſonnener geht die weitere Treppe hinauf; die auf die Terraſſe gehende Thüre ſteht offen, er tritt ein und ſchließt die Thüre hinter ſich zu; hier wäre er alſo für einen Augenblick in Sicherheit; allein Frémont weiß, daß er ſich auf die Terraſſe geflüchtet hat; er läuft die Treppe hinauf und ruft ſeine Diener zuſammen, en 16 ſeint S im Hemd in den Garten rettet. 5 Warum hatte aber Julie Guſtav nicht ufpntt— Weil 5 gerade nicht in ihrem Zimmer war. S .„ 192 mitten in der Nacht nicht in ihrem Zimmer?— Dies wird mir ſehr leicht zu erklären ſein. Als Frau von Berly in ihr Zimmer hinaufging, glaubte ſie Guſtav gewiß dort zu finden: wie groß iſt aber ihr Erſtaunen, Riemanden zu ſehen! ſie blickt überall herum, in den Cabinetten, den Schränken und ſogar im Bett; fein Guſtav!... wo kann er ſein? ſie ſteigt auf die Terraſſe, er iſt nicht dort; aber wo iſt er denn 2. ſie iſt in das Zimmer ihrer Nichte eingetreten, ſie weiß, daß er dort nicht iſt; Julie begreift das Benehmen Guſtav's nicht; ſie öffnet das Fenſter, blickt in den Garten, horcht, huſtet ſehr 5 ſtark. Niemand erſcheint. „Nun,“ ſagte ſie,„die Zeit wird ihm zu lang geworden ſein.. er wird weggegangen ſein, doch nein, Guſtav wird mich nicht auf dieſe Art verlaſſen haben... vielleicht hat er befürchtet, in dem Pavillon geſehen zu werden, und es vorgezogen, mich im Garten zu erwarten.. denn er muß irgendwo ſein... durch⸗ 1 ſuchen wir den Garten.“ Julie nimmt ein Licht, geht leiſe die Treppe hinab, um Herrn und Madame Frömont keinen Verdacht einzuflößen, und durchſucht jedes Bosquet, jeden Strauch, indem ſie Guſtav, der vamals unter dem Bett Aureliens lag, mit halblauter Stimme ruft. Der Garten war ſehr groß und Julie hatte erſt die Hälfte durchſucht, als das Schreien Frémont's und ſeiner Frau an ihr Ohr ſchlug: Sie hält zitternd inne:„Er iſt entdeckt,“ ſagte ſie; wir ſind verloren!...“ Frau von Berly beſchleunigt ihre Schritte gegen den Pavillon; beim Einbiegen in einen Baumgang wirft ſich Aurelie in ihre Arme:. „Ach, meine Tante! retten wir uns, es iſt ein Dieb in Sauſe.— Ein Dieb?— Ja, meine Tante.. haben Sie es nicht gehört?..— Doch, und deßhalb bin ich in den Garten ßerabgekommen— Es iſt ein Glück, daß Sie ihm nicht be⸗ J 193 gegnet ſind, er iſt jetzt auf der Terraſſe..— Biſt Du deſſen aber ganz ſicher?..— O! gewiß; er war unter meinem Bett ver⸗ borgen!.. ach, mein Gott!... und Herr Frémont hat mich.. Ach! wenn ich es gewußt hätte!... aber, meine Tante, gehen Sie doch nicht dorthin; ſie nähern ſich dem Pavillon.. dieſer Menſch könnte uns einen Piſtolenſchuß von der Terraſſe her zuſchicken.“ Frau von Berly hörte Aurelien nicht und ſetzte ihren Weg gegen den Pavillon fort; ſie langt dort an, öffnet die Thüre und ſtößt einen Schrei aus, als ſie einen ganz ſchwarzen Menſchen mitten in ihrem Zimmer erblickt.. ihr Schrecken verſchwindet aber bald; dieſer ſchwarze Mann iſt Guſtav, der, um in ihr Zimmer zu gelangen und von der Terraſſe zu entkommen, keinen andern Ausweg gefunden hat, als ſich durch den Kamin herab⸗ zulaſſen. „Wie, Sie ſind es?.. armer Guſtav!... wie er ausſieht!... — Es iſt noch ein großes Glück, daß ich dieſes Mittel gefunden habe, ihnen zu entſchlüpfen!..— Was werden ſie aber denken, wenn man Sie nicht auf der Terraſſe findet?...— Daß ich in den Garten geſprungen ſei...— Ach! es kommt mir ein Einfall ja ich höre ſie.. Frau von Berly öffnet ihr Fenſter, Herr Frémont kam gerade mit ſeinem Gärtner, ſeinem Kammerdiener und drei oder vier Nachbarn, die er glücklich aus den Betten gejagt, und die ſich dazu verſtanden hatten, ihm zu folgen, um den Dieb feſtzunehmen. Dieſe Herren trugen Fackeln und Flinten; ſie wollten auf die Terraſſe, Frau von Berly hielt ſie zurück: „Der Dieb hat ſich gerettet.. ich habe ihn von der Terraſſe herab in den Garten ſpringen und über dieſe Mauer hinausſteigen ſehen.— Sind Sie deſſen gewiß, meine Tante? dieſe Mauer iſt indeß ſehr hoch. dieſes Spali icht eſtiigt Solche Leute ſind ſo eißtfüßig! i Paul de Kock. X. „meine 194 Herren,“ fagte Aurelie,„durchſuchen Sie immerhin den Pavillon und die Terraſſe.“ „Potz tauſend!“ fagte Guſtav,„hier werden ſie mich nicht ſuchen, hoffe ich... beſonders wenn ich in Ihrem Bette bin.“ Hiemit kleidet er ſich aus und legt ſich in's Bett; Julie thut daſſelbe. Man kommt eilends die Treppe herab... man klopft ſtark an ihre Thüre..„Oeffnen Sie.. öffnen Sie.. meine Tante!“ ruft Herr Frémont...— Und warum denn?...— Der Dieb muß in Ihrem Zimmer oder im Kamin ſein... wir ſind gewiß, daß er durch daſſelbe herabgekommen iſt.. der obere Theil des Kamins iſt zerbrochen...— Ei, mein Herr! ich ſage Ihnen, daß Niemand in meinem Zimmer iſt.. ich werde es doch ſehen. — Er iſt verſteckt, meine Tante; öffnen Sie oder Sie ſind ver⸗ loren..— Aber, mein Herr, ich bin ganz nackt.. warten Sie doch einen Augenblick.“ Julie kleidet ſich wirklich vollends aus; ſie ſteckt die Kleider Guſtav's zwiſchen ihre Matratzen und nähert ſich der Thüre:„Ich will Ihnen aufmachen, meine Herren.. kommen Sie aber nicht augenblicklich herein; laſſen Sie mir Zeit, mich wieder in mein Bett zu legen, ich bitte Sie varum— Ja, meine Tante, öffnen Sie.“ Julie öffnet die Thüre und legt ſich wieder zu Guſtav in's Bett, ver ſich ſo klein als möglich macht und ſich an einem Ort zuſammenkauert, von dem man ſicherlich nicht vermuthen durfte, daß ſich der Dieb dahin geflüchtet habe. 4 Frémont, die Diener und Nachbarn treten mit vorgehaltenen Gewehren ein; ſie durchſüchen alle Ecken, blicken in vas Kamin, ſchießen zwei Piſtolen in daſſelbe hinauf.„Sie ſehen wohl, daß er nicht hier iſt,“ ſagte Frau von Berly;„er wird im Hinab⸗ ſpringen von der T faßi Aurelie, die a ett meiner Tante verſteckt wäre?.. ſe das Kamin beſchädigt haben.— Ei,“ r Thüre geblieben war, ihrerſeits,„wenn Man ſieht unter das Bett... Niemand.—„Wenn ich Ihnen ſage, daß ich ihn rechts habe über die Mauer ſetzen ſehen.— Es konnten aber Mehrere ſein, meine Tante.— Kurz, es iſt keiner hier, und ich hoffe, daß man mich ſchlafen laſſen wird.— Schlafen. wie, meine Tante, Sie denken an's Schlafen, wenn wir von Dieben umgeben ſind?...— Da ich ſicher bin, daß ſie nicht mehr im Hauſe ſind, fürchte ich nichts mehr.— Wohlan, meine Herren,“ ſagt Frémont zu ſeinen Nachbarn,„wir wollen eine genaue Nachſuchung im Garten anſtellen.— Aber, mein Herr,“ ſagt der Gärtner ſeinerſeits,„wenn der Dieb in den Garten rechts geſprungen iſt, ſo wird er bei Herrn Courtand, dem Schulmeiſter hier nebenan eingefallen ſein.— Dies iſt richtig. man muß zu Herrn Courtand gehen und ihn aufwecken; es gelingt uns vielleicht, den Schlingel zu packen.“ Die Herren ſchicken ſich an, fortzugehen; Aurelie hält ſie zurück:„Und ich, meine Herren, wollen Sie mich verlaſſen?... ich habe keine Luſt, allein in dieſem Erdgeſchoß zu bleiben.. man dürfte nur die Läden eindrücken...— Kommen Sie mit uns, Madame— Ich werde ſo fortgehen!.. v Himmel. dieſe Herren haben nur ſchon zu viel geſehen... Ach!... ich will bei meiner Tante bleiben, ſie hat Muth; bei ihr werde ich nicht ſo viel Furcht haben.. Wollen Sie, meine Tante, daß ich bei Ihnen ſchlafe?..— Welche Narrheit!...— Ach! ich bitte Sie, meine Tante... Gehen Sie, meine Herren; aber laſſen Sie uns den Gärtner als Schildwache zurück.. er wird unten bleiben.“ Die Männer gehen fort, ſtellen den Gärtner zur Bewachung Lor dem Erdgeſchoß auf, mit dem Befehl, beim erſten Lärnm ſchießen, und eilen, Herrn Cvurtand aufzuwecken, Aurelie Zimmer der Frau von Berly zurücklaſſend. Die Lage Guſtav's war peinlich: in jedem andern Aus hätte er aus ſeiner Stellung Nutzen gezogen, jetzt durft ein neuer Tantalus, die Güter nicht genießen, die ſi 196 ⸗ boten; unſer Held beſaß nicht die Tugend des heiligen Robert von Arbriſſel, der zwiſchen zwei jungen Mädchen ſchlief, um ſein Fleiſch zu kreuzigen und ſo dem Teufel Trotz bot(welcher ihn immer zuletzt in Ruhe ließ). Guſtav war vom böſen Geiſte beſeſſen und vermochte ihn nicht zu bekämpfen. Du ſelbſt, geneigter Leſer, wäreſt an der Seite einer ſchönen Frau, wenn du nicht anders das Verfahren des Origenes nachahmteſt, ganz ſicherlich ebenſo in Verſuchung gerathen, wie mein Held. Julien ward es noch übler zu Muthe als Guſtav; ſie ſah ſchaudernd auf Aurelie, die damit beſchäftigt war, ein Tuch um ihren Kopf zu binden und ſich anſchickte, das Bett ihrer Tante zu theilen; noch einen Angenblick und Madame Frémont wird Alles entdecken... das Bett iſt hart an der Wand, es iſt daher nicht möglich, hinten hinab zu ſchlüpfen. Was alſo machen? wohlan.. ein großes Mittel; man muß öfters Alles auf's Spiel ſetzen, um Etwas zu retten!. Julie ſteht in dem Augenblicke auf, wo Aurelie ſich niederlegen will, ſie nimmt das Licht, das dieſe auf das Nachttiſchchen ſetzte. Wo gehen Sie denn hin, meine Tante?..— Ich habe ein Geräuſch zu hören geglaubt.. ich glaube, daß dieſe Herren nicht in jene große Commode geſehen haben..— Ach, meine Tante! Sie machen mich zittern... gehen Sie nicht näher. wenn wirflich Jemand darin wäre?...— Nun, man muß ſi ſich davon überzeugen..— Aber warten Sie doch, ich will den Gärtner in Kenntniß ſetzen...“ Aurelie öffnet die Thüre und ruft dem Gärtner; während ſie Rücken dreht, legt Julie Feuer an Papiere, die ſich in dem befinden und tritt dann Madame Frémont näher. Der kam herbei, bereit, auf den Dieb zu ſchießen.„Ich habe eſehen,“ ſagte Frau von Berly,„ich habe mich geirrt.. macht nichts, meine Tante, laſſen Sie ihn noch uchen.“. 197 Der Gärtner tritt in das Zimmer und erblickt einen dichten Rauch, der aus der Commode herauskommt.— Ah, Teufel! meine Damen, hier iſt etwas ganz Anderes!... der Dieb hat Feuer bei Ihnen angelegt..— Feuer!— Ach! ich Unglückliche, ich habe es gethan, als ich die Commode durchſuchte, ein Funken wird herunter gefallen ſein...— Retten wir uns, meine Tante, retten wir uns. der Rauch erſtickt mich ſchon!„ Der Rauch das Zimmer auszufüllen; Aurelie ſpringt die Treppe hinab, indem ſie durchdringende Rufe ausſtößt: der Gärtner läßt ſeine Flinte da und eilt fort, Waſſer zu holen: Julie iſt endlich mit Guſtav allein, der aus dem Bette ſpringt und ſich in ihre Arme wirft. „Retten Sie ſich, mein Freund, Sie haben nur einen Augen⸗ blick. großer Gott, welche Nacht!...— Liebe Julie!. und ich vin Schuld daran...— Gehen Sie ſchnell fort.... wird uns erſticken.— Ich muß doch meine Kleider nehmen.. ich kann mich ſo S entfernen— Ich bitte, gehen Si⸗ zuerſt aus dieſem Zimmer— Ich ſoll Sie verlaſſen!.. Man ſieht hier nichts mehr.. ich habe ſie, glaube ich — Gehen Sie hinab.. hier iß Schlüſſel zur kleinen Thüre.. Adien Guſtav. retten Sie ſich„ Julie ſchiebt Guſtav zum Zimmer hinaus, das ſchon voll von Rauch war. Der Gärtner kam aber gerade mit zwei Waſſer⸗ eimern herauf; er ſieht einen jungen Menſchen mit einem Paket entfliehen und zweifelt keineswegs, daß dies der Dieb ſei, den man ſucht; da er keine Waffen hat, ihn zu bekämpfen, ſo ſetzt er den einen Eimer auf die Erde und ſchüttet den andern über Guſtav aus; dieſer, eingenetzt bis auf die Haut, ſtößt ſeinen Gegner zornig der Pärhr v das leichgewicht er weg, dem e Por n glück cherwei Fueli⸗ ſchon Keit davon entfernt; er 198 der kleinen Thüre führt, öffnet ſie und beſindet ſich endlich im freien Felde; zum zweitenmal ſetzt er beinahe nackt über Hecken, Stauden und Gräben, und abermals iſt es wegen Julien, daß er ſich in dieſer ärgerlichen Lage befindet.„Ach, dies iſt vorbei,“ ſagt unſer Held mit den Zähnen klappernd,„ich werde mich einem ſolchen Abenteuer nicht mehr ausſetzen! dieſe Frau kommt mich zu theuer zu ſtehen!... Als Guſtav einen Büchſenſchuß vom Hauſe des Herrn Frémont entfernt iſt, hält er an und macht ſich an's Ankleiden; aber neues Mißgeſchick, ſtatt ein Paar Hoſen findet er ein Schnürleibchen, einen Unterrock ſtatt einer Weſte und ein Kleid ſtatt eines Fracks; turz, es ſind die Kleider Juliens, die er für die ſeinigen gehalten hat; ein um ſo natürlicherer Irrthum, als Julie die Kleider Guſtav's zwiſchen die Matratzen ihres Bettes geſteckt und die ihrigen, ſtatt der andern, auf den Seſſel gelegt hatte. Mitten im Rauch, der nicht mehr erlaubte, die Gegenſtände zu unterſcheiden, hatte Guſtav genommen, was auf dem Seſſel war, ohne die Kleiderverwechs⸗ lung gewahr zu werden. „Man ſagt, daß es einen Gott der Liebenden gebe,“ ſprach Guſtav, indem er ſich den Unterrock von weißem Perkal und das Kleid von grauem Taffet um den Leib knüpfte;„allein es ſcheint mir, daß ſich der Teufel in dieſer Nacht in meine Angelegenheiten gemiſcht hat. Wohlan.. ich will eine Frau ſein, weil ich nichts Anderes ſein kann; ich geſtehe, daß mir dieſe Verkleidung für den Augenblick durchaus nicht zuſagt: wenn man vurch und durch naß iſt, erſetzen ein Unterrock von Perkal, ein Kleid von Taffet und eine Tüllhaube einen Frack und Tuchhoſen nicht. Wenn es nur wenigſtens Sommer wäre... wir ſind aber im Monat März! Welcher Einfall, bei dieſem Wetter auf das Land zu gehen! Zum Henker!.. ich hatte wohl nöthig, dieſem Fiaker zu folgen ach! es war wegen Suzon!. Was Tenfels macht man mit alben dieſen Schnüren?,. Ich muß wie ein waß Beiüſch. 1 „ 199 ausſehen.. zum Unglück fängt der Tag an zu grauen. Ach! welche Nacht! bei einer reizenden Frau im Bett liegen, ohne Auf dieſe Art eingenetzt, geräuchert und zugerichtet zu werden! Ah, mein Oheii! wenn Sie mich in dieſem Zuſtande ſehen wür⸗ den.. und Madame Fonbelle, der ich alle Tage ſchwöre, daß ich geſetzt, ordentlich, beſtändig ſei!... Zum Teufel mit den Schnür⸗ neſteln.. und den Bändern... Beeilen wir uns, um vor hellem Tage nach Paris zu kommen; denn wenn man mich ſo würde man mich auf die Polizei⸗Präfektur führen.“ Während unſer Held am Rand eines Grabens zwiſchen einem Johannisbeerſtrauch und einigen Kartoffelſtöcken ſitzend, an ſeiner neuen Toilette arbeitete, ſetzte ſich Fran von Berly den größten Gefahren für ihn aus: Julie war hinter Guſtav, als ihn der Gärtner von Kopf bis zu den Füßen begoß; endlich ſieht ſie ihn ſeinen Gegner niederwerfen und den Garten gewinnen. Er iſt gerettet, ſagte ſie:; aber bald mäßigt ein Gedanke ihre Freude: ſeine Kleider ſind zwiſchen den Matratzen verborgen; hätte er ſich geirrt?... hätte er mein Kleid für einen Frack genommen? der Unglückliche! in dem Zuſtand, in den ihn der Gärtner verſetzt hat, wird er eine Krankheit davon tragen, wenn er ſich nicht ſehr ſchnell warm ankleiden kann. Dies ſind die Gedanken, die ſich in Menge in dem Gehirn Juliens durchkreuzen; ſie faßt alsbald einen kühnen Entſchluß; die Frauen berechnen die Gefahr nicht, wenn es ſich um den Gegenſtand ihrer Neigung handelt, und Frau von Berly iſt überzeugt, daß Guſtav zu Grunde geht, wenn er zu ſner Bedeckung nur ein Kleid und einen Unterrock hat. Sie geht die Treppe wieder hinauf; die Flamme g in einem Zimmers u um ſich, aber das 200 der Rauch iſt erſtickend ein Flammenwirbel erreicht ſie; ihre Haare, die in Unordnung umherhängen, ſind bald verzehrt; ſie verliert den Muth„ vor der Treppe fällt ſie nieder mit dem Ausruf: Armer Guſtav! Julie wäre verloren geweſen, wenn der Gärtner, der wieder aufgeſtanden war und ſich von der ihm durch den Sturz verur⸗ ſachten Betäubung wieder erholt hatte, nicht zu ihrer Hülfe her⸗ beigekommen wäre. Der brave Mann ſteigt mit dem einzigen, ihm noch übrigen vollen Waſſereimer die Treppe herauf: er ſieht Frau von Berly am Boden, er nimmt ſie in ſeine Arme, trägt ſie in den Garten hinab, und ſchüttet ihr ſein Waſſer über den Kopf, um das Feuer in ihren Haaren zu löſchen. In dieſem Augenblicke kam von allen Seiten Hülfe herbei: Aurelie hat ihren Mann gerufen; Frémont und ſeine Diener hatten die ganze An⸗ ſtalt des Herrn Coprtand aufgeweckt. Die Nachbarn kamen mit Waſſer herbei, es gelang bald, des Feuers Meiſter zu werden, die Möbel des Zimmers im erſten Stock waren verbrannt und mit ihnen die Kleider Guſtav's. Frau von Betly kam wieder zu ſich, aber ſie litt nſehlich; ihr Geſicht war überall verbrannt: ſie ſollte ihr ganzes Leben die Spuren dieſer Wunden tragen. Aurelie ſtieß einen Schrei aus, als ſie ihre Tante ſah: Julie ergab ſich in ihr Schickſal...„Ich werde häßlich ſein,“ ſagte ſie,„er wird mich nicht mehr lieben!.. indeß iſt mein Herz immer daſſelbe!.. aber er wird ſich wenig⸗ ſtens nicht mehr wegen meiner bloßſtellen und ich werde meinen Pflichten nicht mehr untreu werden.“ Julie verlor in der That alle ihre Reize; 2 wu dem geſtraft, wodurch ſie geſündigt hatte! Gerechte Ordnung der Dinge dieſer Welt, mein Zwanzigſtes Rapitel. Ein Auftriitt in der Courtille.“ Die Haube auf dem Ohr, den Schnürleib als Weſte ange⸗ zogen und vorn zugemacht, den Unterrock auf einer Seite hängend und das Kleid im Koth ſchleppend, marſchirte Guſtav mit großen Schritten in der Hauptſtraße von Belleville. Der Tag erſchien, und im weiblichen Koſtüm muß man Abenteuer vermeiden, be⸗ ſonders in dem Quartier der Courtille, dem gewöhnlichen Aufent⸗ halt der Trunkenbolde. Guſtav wünſchte ſich Glück, an der Lie⸗ besinſel vorüber zu ſein; er verdoppelte die Schritte, mühſam ſein Kleid mit der einen und ſeinen Unterrock mit der andern Hand in die Höhe haltend, und häufig genöthigt, beide loszulaſſen, um nach ſeiner Haube zu greifen, die der Wind fortzunehmen drohte. Zum Unglück für unſern Helden hatte Herr Favori, Wilder des großen Salons von Calot und als Sänger bekannt in den ſchönen Geſellſchaften von Kokoli, Belle⸗en⸗Cuiſſe, Salon⸗de⸗Flore und andern, wie auch wegen ſeines Talents auf der Pauke und wegen ſeines prächtigen Tenors beliebt, mit Jean⸗Jean Courtevointe, Tam⸗ bour in der Kaſerne des Maronniers, einen Streit gehabt wegen der Jungfer Nanon Dur⸗à⸗Cuire, majorennen Jungfrau und eigens etablirten Händlerin mit rothen Eiern, die durch die Lebhaftig⸗ keit ihrer Augen alle Herzen der Gäſte des Herrn Desnoyer ent⸗ zündete, jedoch feſt in ihren Grundſätzen und ihrer Tugend, wie in ihren Holzſchuhen war. Herr Favori, Schönſprecher und großer Beſchwatzer junger Mädchen, beſaß tauſend Mittel, die unſchuldigen Schönheiten, die er ſeiner Huldigungen würdig hielt, zu feſſeln; er ſang mit verführeriſcher Grazie die Romanze vom Schöpſenfuß oder ⸗ * „Die Courtille iſt ein Vergnügungsort der untern Voltstlaſen 1 d. neperf. Klage über Abraham's Opfer. Er ging alle Wochen in das Theater des Funambules, um ſich in der Pantomine zu bil⸗ den, und von Zeit zu Zeit in das Kafé des Avengles, um kleine Opern⸗Arien zu lernen. Nanon liebte die ſchönen Künſte, beſonders die Muſik; ſie ſchlug auf ihrem Fuß wärmer den Takt, wenn Favori eine ge⸗ fühlvolle Strophe ſang, und that es doppelt bei Eröffnung der Karavanen, wenn der ſchöne Wilde ſie auf ſeinen Pauken ſpielte. Favori hütete ſich aber wohl, die gute Stimmung Na⸗ non's zu vernachläſſigen; er flog zu ihr in den Zwiſchenakten des Dienſtes. Er ſetzte ſich neben ihrem Kram nieder und lehrte die ſchöne Händlerin: 0 Pescator dell' onda Fideli. Dieſe zaube⸗ riſche Arie verrückte Nanon den Kopf und ſie ſang vor ſich hin; 0 Pescator, mochte ſie harte Eier ſchälen oder einen Häring kochen. 3 Herr Jean⸗Jean Courtepvinte belugte die ſchöne Händlerin der junge Tambour ſang weder Pescator, noch Roman⸗ zen der Boulevards; aber er ſchaufelte ſi ſich mit Grazie, wenn er jei Trommel trug; die Trommelſchlägel rollten in ſeinen Händen mit bewundernswürdiger Behendigkeit hin und her; er ließ die kleinen Pfeifer ſpielen, wenn man die Cvurtille herabkam, und oft hielt er vor dem Stande mit rothen Eiern an, um den Zapfen⸗ ſtreich zu ſchlagen. Manon war tugendhaft, wie ich ſchon die Ehre gehabt habe, Ihnen zu ſagen; aber ſie war für zuvorkommendes Betragen em⸗ pfänglich, und vielleicht ſtolz, den beiden ſchönſten Männern des * Arondiſſements Liebe einzuflößen. Sie lächelte dem Militär zu; ſie bewnhrte ihm Eier auf, welche ſie für ihn beſonders gelb gefärbt hatte(eine Galanterie, welche die ganze Reinheit und Unſchuld Manon's bewies). Sie ſtand ſtille, wenn der Zapſenſtreich vor⸗ üher kam, und Jean⸗Jean Courtepointe ermangelte alsdann pie⸗ ſ Frommelſchlägel in die Luft ſpringen zu laſſen. e mehr, der junge Tambour war im Tanz ebenſo Band X. Seite 203. Sn Jean Courtepointe gibt der ſchönen Nanon eine Walzerſtunde in einem ver des Herrn Desnoyer. 203 als Favvri im Geſang. Courtepointe hatte von einem Hanswurſt der Seiltänzer das Walzen gelernt und walzte jeden Sonntag und Montag in dem großen Salon von Desnoyer mit größter Voll⸗ kommenheit; man drängte ſich, um ſeine Schritte zu ſehen, und ſelbſt die Schweizer ließen ſeinem Talent Gerechtigkeit widerfahren. Nun fand Jungfer Nanon viel Geſchmack an dem Walzer, einem grazienhaften Tanze, deſſen Gefahren ihr ehrliches Herz nicht fannte. Herr Courtepointe hatte ſich als Lehrer angeboten, man hatte es angenommen und man übte ſich jeden Abend bald bei Calot bald bei Desnoyer, bis man Fertigkeit genug hätte, ſich auf die Liebesinſel zu wagen. Man kann ſich wohl denken, daß Favori die Bemühungen Courtepointe's nicht mit gutem Auge ſah. Mit Tigerblicken ſchlich er um ſeinen Gegner her; er fühlte ein Jucken, dem Tambour Fußtritte zu geben; er wollte ihm ſeine Trommelſchlägel im Ge⸗ ſicht entzwei ſchlagen; allein Nanon wußte durch einen majeſtäti⸗ ſchen Blick den Jähzorn des Wilden im Zaum zu halten und mit einem Wort die Wuth ſeines eiferſüchtigen Zorns zu ſtillen. „Favori,“ ſagte ſie zu ihm, die Hand in die Seite ſtem⸗ mend,„ziehen Sie meine Tugend nicht in Zweifel, ſonſt breche ich jede Verbindung in Geſang und Reden ab; wiſſen Sie, daß ein Mäd⸗ chen von meiner Eſphäre walzen kann, ohne Fehlſchritte zu thun.“ Favori ſchlug die Augen nieder, ſtieß einen Seufzer aus, ergriff Nanon's Hand, küßte ſie, näherte ſich der Waänge ſeiner Schönen, die er ebenfalls küßte, empfing zuweilen eine Ohrfeige als Belohnung ſeiner Kühnheit, und entfernte ſich mit weniger erbittertem Herzen. Jean⸗Jean wollte gleichfalls einige Freiheiten nehmen, wenn er Schritte machen ließ; aber Nanon hatte Zähne und Nägel: eines Tages zerkratzte ſie die Naſe Cvurtepointe's, und vo dieſem Augenblicke an blieb der Tambour in den Grenzen der Ehrfurcht. Dieſer Stand der Dinge konnte indeß nicht von Dausr ſein; 204 die Nebenbuhler warfen einander drohende Blicke zu, zuweilen entſchlüpften ſogar unhöfliche Worte ihren Lippen; Nanon hatte Mühe, ſie zurückzuhalten; vergebens warf ſie ihnen Tugend und gute Sitten unter die Naſe; dieſe Herren waren nicht ruhig; denn Nicht immer will die Frau das Gute. Favori und Jean⸗Jean kannten einander gegenſeitig als ent⸗ ſetzliche Verführer, die die Tugend mehrerer bis dahin für unem⸗ pfindlich geltender Schönheiten zu Falle gebracht hatten; ſie durften daher den Reden der ſtrengen Nanon nicht trauen; denn die Grauſamſte hat ihre ſchwachen Augenblicke; man braucht nur dieſe Augenblicke zu benützen!.. das Fleiſch iſt ſchwach, und der Böſe, der Verſucher, der Dämon, kurz der Teufel, wie es beliebt, ihn zu nennen, liebt das Fleiſch der Jungfrauen und hübſchen Mädchen ſehr; denn hiedurch bringt er ſo viele Seelen vom Himmelswege ab, um ſie den Pfad ihrer Verdammniß ein⸗ ſchlagen zu laſſen. Eines Abends, während Favori, in ſein Koſtüm als Wilder eingehüllt, die zahlreichen Zuſchauer, die den Salon Calot's an⸗ füllten, mit einer Scene, der Schmerz eines Karaiben fern vom väterlichen Herde genannt, regalirte, machte Herr Jean⸗Jean Courtepointe der ſchönen Nanon den Vorſchlag, in einem der Zimmer des Herrn Desnoyer eine Walzerſtunde zu nehmen. Nanon geht darauf ein; ſie fing an, eine gewiſſe Feſtigkeit 2 zu erlangen und hoffte, am folgenden Sonntag ihre Anmuth vor einer glänzenden Verſammlung zu entfalten. Man geht in eines der Zimmer im erſten Stock hinauf, und Nanon, ihren ſtrengen Grundſätzen treu, läßt Fenſter und Thüre öffnen, damit Herr Jean⸗Jean ſich keine unanſtändige Berührung erlaube. Der Tambour ließ eine Flaſche weißen Wein heraufbringen; Nanon nimmt ein Glas davon an, hieraus läßt ſich nichts fol⸗ gern, und Jean⸗Jean ſetzt bei jedem neuen Reigen das Glas an. Sei es, daß der Wein ſeine Wirkung that, oder daß die Lei 3 205 denſchaft des Tambour in ihrer letzten Periode angelangt war, er fühlte ſich von außergewßhnlicher Gluth verzehrt: er erfand rei⸗ zende Schritte, bildete ſie mit vollkommener Vollendung aus, und lächelte ſeiner Schoͤnen mit ſehr wollüſtigem Ausdruck zu; Nanon, vom Wein erhitzt, durch das Talent ihres Tänzers angefeuert, und ihrem Meiſter Ehre zu machen entſchloſſen, übertraf ſich gleichfalls ſelbſt und drehte ſich wie eine Negertrommel in den Armen ihres Tambour. Alber der tarpejiſche Felſen liegt neben dem Kapitol und der große Salon Calot's dem Desnoyer's gegenüber; Favori, den die Liebe und Eiferſucht bis auf den Schauplatz ſeines Ruhmes ver⸗ folgten, erblickt durch das Fenſter hindurch Nanon, wie ſie ſich an der Seite ſeines Nebenbuhlers ſchaukelte. Dieſes Schauſpiel macht ihn wüthend: er wirft drei Taburets um, die eine wilde Hütte vorſtellen, und einen Beſenſtiel, mit einem Fliegenwedel gekrönt, der einen Palmbaum völlig anſchaulich machte; er ſpringt mit ſeiner Keule in der Hand über ſeine Pauken weg, ſetzt über Bänke, ſteigt über Tiſche, zerbricht Gläſer, wirft einen Invaliden, der ſeinen halben Schoppen trank, und zwei Auvergnaten, die ihr Brod mit Knoblauch rieben, auf die Naſen; er drängt und ſtürzt Alles nieder, was ſich auf ſeinem Wege befindet; er ſteigt immer vier und vier Stufen die Treppe hinab, durchſchneidet die Straße und tritt wie ein Raſender bei Desnoyer ein; ſein falſcher Bart, der ihn vierundvierzig Sous gekoſtet hat, fällt auf den Boden, er bemerkt es nicht; ſeine Tricothoſen zerreißen unterhalb des Bauchs, nichts hält ihn auf!... es handelt ſich darum, ſich an einem verhaßten Nebenbuhler zu rächen; er geht die Treppe hin⸗ auf. langt oben an, befindet ſich zwiſchen Nanon und Courte⸗ pointe, gerade als dieſer eine Figur zeigt, in der man einander umarmt, und der Tambour küßt nur den Magen Favori's, der ſeine furchtbare Keule in die Höhe hält, und die Angen wie ein Theater⸗Tyrann umherrollen läßt. „Unglücklicher!... was wollen Sie thun?“ ſagt Nanon mit pathetiſcher Stimme, indem ſie den Arm des Wilden, der bereit iſt, ſeinen Gegner zu ſchlagen, zurückhält.—„Es iſt nun lange genug, daß Sie ſich mit dieſem elenden Rataplan im Kreiſe drehen... dies muß ein Ende nehmen, und er ſoll das Gewicht meiner Keue fühlen.“ 2 Courtepointe war tapfer; er ſeht ſeinen Tſchako auf das linke Ohr, legt die rechte Hand an ſeinen S Säbelgriff, und weicht, ſich auf die Zehenſpitzen ſtellend, drei Schritte zurück, um ſeinen Gegner zu meſſen. „Wen nennſt Du Rataplan, ſchlechter Wilder aus der Straße Coquenard?... glaubſt Du mir Furcht zu machen mit Deinem Karapagrſcht. habe ich Deine Unterrichtsſtunden in der nach⸗ ahmenden Saemnie und Deinen Peste qu'a tort unterbrochen? Ich werde mit der Jungfer walzen, ſo lange es ihr gefällig iſt. — Du wirſt nicht mehr tanzen!...— Ich werde tanzen, Fiſi!“ Die Keule wird aufgehoben, der Säbel gezogen; Blut wird fließen!... Manon ſchreit, weint; man hört ſie nicht; ſie wirft ſich zwiſchen die Kämpfenden, man ſtößt ſie zurück; ſie rauft ſich die Haare aus, man läßt ſie machen; ſie ſinkt auf einen Seſſel in Ohnmacht, man gibt nicht darauf Acht; der Seſſel weicht, Nanon fällt, ihr Unterrock bleibt hängen, ein bloßer Hinterbacken kommt zum Vorſchein... die beiden Nebenbuhler halten plötz⸗ lich inne. „Nicht hier,“ ſagt Courtepointe,„dürfen wir unſern Streit ausfechten, morgen vor Tages⸗Anbruch werde ich auf den Bonle⸗ vards außerhalb der Barriere ſein— ſagt Favori. Jetzt treten dieſe Herren näher zu Nanon; fie ſchlagen ihren Unterteck herab, ſetzen ſie auf eine Bank, ſpritzen ihr ein Glas Eſſig unter die Naſe und entfernen ſich, ſo wie ſie die Ste wieder erlangt hat. 207 Aber ſei es, daß Nanon das Bewußtſein nicht völlig verloren hatte, ſei es, daß ſie die Abſichten ihrer beiden Verfolger errieth, ſie erſchien den andern Tag beim Stelldichein, im Augenblicke, wo Favori und Jean-Jean, jeder mit einem eiſenbeſchlagenen Stock bewaffnet, ſich anſchickten, einander anzugreifen.„Höret mich zuerſt an!“ ſagte Nanon, gegen die beiden Kämpfer vortretend, „Ihr könnt Euch hernach ſchlagen, wenn Ihr durchaus wollt. Ich bin die Urſache Eurer Streitigkeiten; meine Unſchuld hat mich irre geführt, indem ſie mich zu unziemlichen Schritten verleitete; ich hätte mit einem Tambour nicht walzen und mit einem Wilden nicht ſingen ſollen. Ihr ſeid beide tapfer, dies iſt bekannt: Euer Ruf ſteht feſt; ich will den meinigen wieder herſtellen, welchen Eure Galanterien bloßgeſtellt haben... Ich willige ein, einen von Euch zu heirathen... wenn Ihr die Waffen ſtreckt.“ hinntt⸗ rufen Favori und Jean⸗Jean zu gleicher Zeit aus, indem ſie ihre Stöcke auf die Seite werfen.„Wählen Sie, wir liegen zu Ihren Füßen.“ „Einen Augenblick, meine Herren, ſteht zuerſt auf, denn die Schreiber an der Barriére könnten aus Euren Stellungen boshafte Folgerungen ziehen. Ihr ſeid beide ſchöne Männer, Ihr ſeid liebenswürdig, Ihr ſeid verführeriſch!... und ich ſchwanke zwi⸗ ſchen Euch beiden; der Zufall mag darüber entſcheiden. Hier iſt ein Fünfzehnſousſtück, nehmt es, und ſpielt es auf Wappen oder Schrift: wer gewinnt, erhält meine Hand, und der Andere darf nicht weiter Groll mehr haben, als ein Maikäfer.“ „So ſei es,“ wiederholen die beiden Liebenden. Favvri nimmt das Fünfzehn nſousſtück und ſtellt ſeinem Gegner die Frage. „Wappen!“ ruft Jean⸗ Jean aus:„von dieſer Seite her muß Nanon mein Feuer erwiedern.“ Das Stück fliegt in die Luft; Favori und Jean⸗Jean liegen auf dem Boden ſie verſchlingen das Geldſtück mit den Augen.. „Wappen iſt's!“ ruft Courtepointe aus, und mit einem 208 Satz iſt er in der Höhe, um vor Nanon auf die Kniee zu ſinken. Favori iſt niedergedonnert; endlich aber ergibt er ſich und als Ehrenmann tritt er auf das Liehespaar zu und vereinigt Nanon ſelbſt mit dem Tambour. Alles küßt einander und man ſchlägt den Weg nach dem ſchönen Salon des großen Saint⸗ Martin ein, um den Morgen dem Vergnügen zu weihen und ein gehaltvolles Frühſtück zu ver⸗ zehren. Es iſt kaum Tag, allein die Garküchen an der Courtille ſind zu jeder Stunde offen. Courtepointe, der regalirt, läßt zehn Pfannen auf das Feuer ſetzen, drei Milchſchweine umbringen, ſechs Tauben rupfen, und Wein zu fünfzehn Sous auftragen. Man gibt ſich der Freude hin und die künftigen Eheleute über⸗ häufen einander mit zärtlichen Liebkofungen. Favori iſt unfähig, ſeinen Verpflichtungen untreu zu werden; er hat aber ein Herz, und ſo oft Jean⸗Jean die Wange Nanon's küßt, fühlt er ſein armes Herz brechen. Um ſich zu zerſtreuen und ſeinen Schmerz zu erſäufen, nimmt er tüchtige Züge: aber der Wein löſcht ſein Feuer nicht aus; er vermehrt es im Gegentheil und verdoppelt ſeine verliebte Glut. Was alſo thun? das Schauſpiel der beiden glücklichen Liebenden fliehen? dies thut Favori; er verläßt den Saal, zündet ſeine Pfeife in der Küche an, und will vor der Thüre Luft ſchöpfen. Ein Frauenzimmer kommt mit ſtarken Schritten durch Belle⸗ ville herab: ihr etwas verwahrloster Aufzug, die Haube auf dem Ohr und das bis an die Strumpfbänder aufgeſchürzte Kleid ſtechen dem Wilden in die Augen, der, wie man weiß, in ſehr zärtlicher Laune war. Favori gewahrt das twas ſtarke aber ſehr verhältnißmͤͤßige Bein, den ſchlanken Wuchs, die Angen, welche keine Schüchternheit ausdrücken und welche der Weindunſt ihn anziehend finden läßt. „Dies wäre meine Sache,“ ſagt der Wilde und folgt Guſtav (denn man hat ihn an ſeiner Kleidung und erkennen müſſen) auf dem Fuße. 209 „Auf ein Wort und ein Glas Wein,“ ſagt Favori, ſich ſeiner Schönen nähernd.—„Geh Deiner Wege!— Sie ſind zu reizend, als daß man Sie allein gehen laſſen ſollte..— Geh Deiner Wege, Du langweilſt mich.— Ich bete Sie an ich habe einen Thaler mit Ihnen zu verthun— Geh zum Teufel!“ Favori läßt ſich nicht abweiſen; er geht neben Guſtav her und kneipt ihn in den Hintern; dieſer wendet ſich um und gibt ihm eine Ohrfeige. „Ho ho!“ ſagt Favori,„man iſt ſtreng! dies iſt mir gleich, ich muß Dich beſitzen; ich habe es mir in den Kopf geſetzt, und ich werde Dich nicht auf Wappen oder Schrift ſpielen, weil man nicht ſoll ſagen können, daß mir dieſen Morgen alle Frauenzimmer an der Naſe vorbeigehen. Um nun nicht bei Dir durchzufallen, entführe ich Dich! Guſtav will ſich wehren, allein Favori, wie ein Herkules gebaut, hätte drei wie unſern Helden entführt; er nimmt Guſtav auf den Arm und trägt ihn im Laufe fort. Guſtav ſchreit, aber die Straße iſt noch verlaſſen, und überdies iſt man im Courtille⸗ viertel ſo ſehr gewöhnt, ſchreien zu hören, daß man nicht mehr darauf Acht gibt. Der Wilde eilte mit Guſtav in ſeinen Armen fort, ohne auf das Schreien und die Gegenerklärungen unſeres Helden zu hören, der Favori betheuerte, daß er ſich irre. Favori wollte in eine kleine Straße einlenken, an deren Ende ſeine Wohnung war, als zwei Bäuerinnen, die auf ihren Eſeln reitend Eier und Milch nach Paris brachten, aus der Straße hervorkamen, in die Favori ein⸗ trat; der Wilde, der ſie nicht hatte kommen ſehen, wirft ſich un⸗ geſtüm auf den erſten Eſel, der ihm aufſtößt, ſtürzt die Bäuerin von demſelben herab und läßt die Milch in die Goſſe laufen. Dieſer Zwiſchenfall erlaubt Guſtav, ſich für einen Augenblick ans den Armen des Wilden loszumachen; er ſteht auf und will fliehen.., Paul de Kot. X. 14. 2⁰ Favori läuft ihm nach, der Eſel der zweiten Bäuerin verſperrt Guſtav den Weg; unſer Held nimmt einen Anlauf, indem er leicht über die Körbe wegſetzen zu können hofft, er verwickelt aber ſeine Füße in das Kleid und fällt ſchwer auf die, für die Stadt⸗ bewohner beſtimmten Eier; der erſchreckte Eſel wirft ſich auf die Kniee und die Bäuerin rollt mit Guſtav mitten in einen See von Milch und zerbrochenen Eiern. Als unſer Held mit dem Eſel und den Bäuerinnen umſiel, hatte er gewiſſe Theile ſeines Individuums ſehen laſſen; denn Du weißt, Leſer, daß er in dem Pavillon Juliens ſeine Hoſen ver⸗ loren hatte; Favori ſieht nicht, was er ſuchte, und erblickt, was er nicht ſuchte. Nun kühlt ſich ſeine Glut ab, und er denkt an nichts mehr, als an die Flucht, um die angerichtete Verwüſtung nicht bezahlen zu müſſen. Die Bäuerinnen arbeiten ſich endlich unter ihren Eſeln her⸗ vor; ſie ſchreien Hülfe! Diebe! der Wilde iſt ſchon weit; ſie haben nur noch Guſtav, um die verſchüttete Milch und die zer⸗ brochenen Eier zu bezahlen; aber Guſtav hat ſich aufgerichtet, er wickelt ſeine Röcke um ſeinen Leib und läuft auf die Barriére zu. Die Bäuerinnen laſſen Eſel, Körbe, Milch und Eier im Stich⸗ um hinter Guſtav her zu laufen. Unſer Held hatte einen Vorſprung, er läuft durch die Bar⸗ ridre, eilt die Vorſtadt hinab; die Bäuerinnen verfolgten ihn, in⸗ dem ſie den Vorübergehenden zuriefen:„Haltet dieſe Diebin an, vie uns Eier und Milch zu bezahlen hat.“ Die Maulaffen ſprangen zuſammen, blickten Guſtav an, lachten und nahmen ihn nicht feſt. Die Sttaßenjungen liefen mit den Bäuerinnen fort; es war heller Tag; die Menge der Laufenden wurde immer größer und man war im Innern von Paris. Guſtav Ger fürchtete, von einer groben Volksklaſſe angehalten und der Gegenſtand allge⸗ meinen Hohngeſchrei's zu werden) belebt ſeinen Muth und lauft miit Stannen erregender Eilfertigkeit. Er läßt die Bäuerinnen 211 und Neugierigen ſehr weit hinter ſich, ſchlägt auf gut Glück den nächſten beſten Weg ein; geht die Straße du Temple hinab, wendet ſich rechts, eilt wieder hinab, macht mehrere Kreuz⸗ und Querwege; endlich hält er von Mattigkeit erſchöpft an: eine junge Frau öffnete ihren Laden, er tritt bei ihr ein und wirft ſich auf den erſten Stuhl, den er gewahr wird, ehe die erſtaunte Kauf⸗ mannsfrau Zeit gehabt hat, eine Frage an ihn zu richten. Einundzwanzigſtes Rapitel. Irrthum; Suzon verloren. „Ich bitte Sie, Madame, retten Sie mich!.. bringen Sie mich in Sicherheit vor den Verfolgungen aller dieſer Canaille... — Aber in Wahrheit... Madame.. mein Herr aber ich weiß nicht, was Sie ſind!...— Ich bin ein leichtſinniger Burſche, Madame; doch ſonſt bin ich nichts; Sie können mich ohne Furcht bei Ihnen aufnehmen.— Ach, mein Gott!.. dieſe Stimme... dieſe Züge... doch ja, Sie ſind es... es iſt Herr Nikolas Toupet!...— Wie!... Sie ſind Madame Henry! die hübſche Tabuletkrämerin der rue aux Ours...— Ich bin es ſelbſt, mein Herr!... Ach! das ſonderbare Zuſammentreffen!... aber dieſe arme Kleine... ach! eilen wir ſehr, ſie in Kenntniß z ſetzen Madame Henry läßt Guſtav in dem Laden zurück und geht in den erſten Stock, wo ſie mit dem jungen Mädchen, das man ihr anvertraut hat, ſchläft. Erſt ſeit dem vorhergehenden Tage war Suzon bei Madame Henry; aber zwei gefühlvolle Herzen ver⸗ ſtehen ſich ſchnell. Die Tabuletkrämerin war in einem Alter und hatte ein Aeußeres das geeignet war, Liebe einzuflößen; ſie mußte daher gegen die durch dieſe Leidenſchaft erzeugten Fehler nachſichtig ſein. Suzon hatte nicht alle vieſe Betrachtungen an⸗ 2¹2 geſtellt; ſie hatte aber Madame Henry nach dem Weggehen des Oberſten und der Dienſtfran in's Auge gefaßt; ſis hatte zu weinen angefangen; die kleine Tabuletkrämerin hatte ſie getröſtet, indem ſie nach der Geſchichte ihrer Leiden fragte; die ſanfte Stimme der Madame Henry erregte Vertrauen; wenn man von dem Geliebten fern iſt, iſt es ein Troſt, von ihm zu ſprechen; Suzon hatte offenherzig alle ihre Abenteuer erzählt. Madame Henry hatte Suzon beklagt, hierauf bei dem Namen Nikvlas Toupet, den die Kleine nicht heirathen wollte, einen Schrei der Verwunderung ausgeſtoßen. „Ich kenne aber dieſen Nikvlas Toupet, ich habe mich mit ihm in La Villette bei einer Hochzeit befunden.— Iſt er nicht in Wahrheit häßlich, linkiſch, dumm?— Nein, im Gegentheil, er iſt ein hübſcher Junge, liebenswürdig, geiſtreich.. er tanzt zum Entzücken.— Nikolas? er hüpfte nie im Takt er iſt ſchwerfällig!... er weiß kaum en avant deux zu machen!— Sie ſpaßen! er war der ſchönſte Täͤnzer bei der Hochzeit!— Er iſt feigherzig wie ein Haſe!— Feigherzig. er hat einen Schreinergeſellen, der Händel mit ihm ſuchte, durchgeprügelt!.. er hätte die ganze Welt geſchlagen, wenn man ihn hätte machen laſſen!— Er hat ſich alſo ſehr verändert!. haben Sie aber gewiß Nikolas Toupet geſehen?— Gewiß, Nikolas Toupet von Ermenonville, der die Tochter des Herrn Lukas heirathen ſollte!.. O, er iſt's!... aber er wird mich nicht heirathen! ich will lieber ſterben, als ſeine Frau werden!...— Ah gut! ich bin nicht Ihrer Anſicht, und wenn er mich liebte, mich, ſo würde ich ihn gerne heirathen!..— Ah, Madame! wenn Sie Herrn Guſtav, den Neffen des Oberſten Moranval kennten, würden Sie ſehen, welcher Unterſchied zwiſchen ihm und dem häßlichen Nikolas iſ!.— Ich habe den Neffen des Herrn Oberſten nie geſehen, er kann ſehr hübſch ſein; aber ich werde nie zugeben, daß Niko⸗ las hüßlich ſei!“ 3 2¹3 Man blieb in den Anſichten getheilt, wiewohl Madame Heury, genau genommen, der Anſicht Suzon's war; allein dieſe Damen kannten die Schelmerei Guſtav's nicht. Suzon, die nach der Erzählung ihrer Abenteuer etwas ruhiger war, hatte Madame Henry verſprochen, ihren Rathſchlägen zu folgen, und klug und unterwürfig zu ſein. Man hatte einander Freundſchaft und Ver⸗ trauen zugeſchworen. Suzon ſuchte ihren Muth zu befeſtigen; ſie rechnete auf das Verſprechen des Oberſten, der ihr geſagt hatte, ſie werde Guſtav wiederſehen. Indeß hatte die Kleine die ganze Nacht mit Weinen zugebracht: es war das erſte Mal ſeit ihrer Abreiſe von Ermenonville, daß ſie fern von Guſtav ſchlief; wie lang kam ihr dieſe Nacht vor! wie langſam verſtreicht die Zeit fern von dem, was man liebt! Den andern Morgen ſtand Madame Henry, welche das Schluchzen Suzon's gehört hatte, ganz leiſe auf, um die Kleine, welche ſo eben aus Ermattung eingeſchlafen war, nicht aufzu⸗ wecken. Sie ging allein herab, um den Laden aufzumachen; hier war es, als Guſtav plötzlich eintrat. Die Tabuletkrämerin glaubte Suzon von der Ankunft Des⸗ jenigen, den ſie fortwährend für Nikolas Toupet hält, in Kennt⸗ niß ſetzen zu müſſen. Sie geht zu der Kleinen hinauf und theilt ihr mit, daß Der, den ſie verabſcheue, unten ſei.„O Himmel!“ ruft Suzon aus;„ach, Madame! ich bitte Sie darum, ſagen Sie ihm nicht, daß ich bei Ihnen bin.. er kommt ohne Zweifel, mich aufzuſuchen?— Ich weiß noch nicht, weßhalb er kommt... er iſt verkleidet... als Frau...— Als Frau! das ge⸗ ſchieht, um mir tein⸗ ſo große Furcht zu machen!...— Fürchten Sie nichts, ich werde ihm nicht ſagen, daß Sie bei mir ſind; ich habe Sie in Kenntniß geſetzt, damit Sie nicht herabkommen.. Vleiben Sie hier.. Nun, warum zittern? ich ſage Ihnen, et hts erfahren Sie. Radame geht wieder zu herab. iſt 2¹4 aber nicht beruhigt; die Ankunft des Nikolas bei der Tabuletkrä⸗ merin iſt in den Augen der Kleinen ein Beweis, daß ihr Zukünf⸗ tiger ſie noch heirathen will: ſie ſteht auf, kleidet ſich an; ihr Kopf iſt in Bewegung, es ſcheint ihr immer, als hörte ſie Niko⸗ las die Treppe herauf kommen, mit jedem Augenblicke nimmt ihr Schrecken zu: ſie macht in Eile ein Paket aus ihren Habſeligkei⸗ ten, öffnet ganz leiſe die Thüre, ſchleicht durch eine geheime Treppe, die in den Hausgang führt, herab; dieſer Hausgang geht auf die Straße, Suzon ſchlüpft auf die dem Laden entgegenge⸗ ſetzte Seite, eilt dann mit einem leichten Paket unter dem Arm fort; ſie weiß nicht, wohin ſie geht, allein ſie glaubt Nikolas zu entfliehen!... Guſtav ruhte im Laden aus, ohne zu vermuthen, daß er ſich ſo nahe bei Suzon befinde. Er ſah mit Vergnügen, daß man ſeine Spur verloren hatte. Madame Henry kam zurück.„Ma⸗ dame,“ ſagte Guſtav zu ihr,„Sie müſſen mir einen großen Dienſt leiſten, nämlich mir Männerkleider verſchaffen; denn ich kann in dieſem Koſtüm nicht bleiben.— Ich möchte Sie gerne verbin⸗ den,“ ſagte Madame Henry,„allein ich bin jung und halte auf meinen Ruf. Was würde man von mir in dem Viertel denken, wenn ich Mannskleider entlehnte oder kaufte? Zudem, mein Herr, könnten Sie ſich nicht bei mir umkleiden.— Haben Sie nicht ein Ladenzimmer?— Ja, aber vom Laden aus würde man Sie ſehen; es kann jeden Augenblick Jemand kommen; dies wäre ſehr unan⸗ ſtändig!— Sie ſchlafen in einem andern Zimmer?— Dorthin können Sie nicht: ich habe ſehr bösartige Nachbarn auf meinem Boden; dieſe könnten Sie ſehen 1... und was würde man ſagen?. 3 — Alſo wollen Sie, Madame, daß ich in dieſem bizarren Aufzug fortgehe, daß alle Gaſſenbuben mir nachlaufen, daß die Wache mich feſtnimmt?— Ich fönnte Ihnen zuerſt entgegnen: Warum haben Sie dieſe Verkleidung genommen?— Ach, Madame, die umſtände beherrſchen uns!. wir ſind das Spielzeng der Be⸗ 3 2¹⁵ gebenheiten!... Dieſer geht aus, um in der Stadt zu Mittag zu eſſen, er findet ſeinen Freund todt und geht zu einem Begräb⸗ niß; Jener begibt ſich auf den Ball; während er in den Hof hin⸗ abgeht, löst ſich ein Ziegel vom Dach, fällt ihm auf den Kopf, unſer Mann wird in ſeine Wohnung zurückgetragen; ſtatt zu tanzen, hütet er das Bett; ein Anderer glaubt den Abend in einer angenehmen Geſellſchaft zuzubringen, er geht wohlgeſchmückt aus und wird von einem Wagen mit Koth beſpritzt; vom Kopf bis zu den Füßen beſchmutzt, iſt er genöthigt, nach Haus zurückzu⸗ fehren, er findet ſeine Frau, die ihn nicht erwartete, und mit einem Vetter Ecarté ſpielt; der Herr liebt weder den Vetter noch das Ecarté; er ärgert ſich, wird übler Laune: der Vetter entfernt ſich, jetzt macht die Frau ihrem Mann eine Scene, ſie nennt ihn ungeheuer, Tyrann, wirft ihm ſeine Eiferſucht vor; ſie hat Ner⸗ ven⸗Anfälle, der arme Ehemann iſt genöthigt, in die Apotheke zu rennen, Aether und Orangenblüthegeiſt zu holen, und bringt ſeinen Abend, den er mit Boſtonſpielen und Punſchtrinken aus⸗ zufüllen hoffte, mit der Pflege ſeiner Frau zu. Machen Sie alſo hiernach noch Pläne!.. Was mich betrifft, Madame, ſo kann ich Sie verſichern, daß ich geſtern, als ich aus meiner Wohnung ging, nicht daran dachte, daß ich heute als Frau dorthin zurück⸗ kommen werde!. allein das Feuer hat meine Kleider verzehrt, und wiewohl ich in dieſen ſehr wenig Grazie beſitze, ſo habe ich es doch für ſchicklicher gehalten, mich mit einem Kleide zu be⸗ decken, als ganz nackt zu bleiben; ich habe meine Eigenliebe dem Anſtand geopfert; dies iſt der Grund, aus dem ich mich verkleidet habe, ohne daß wit im Carneval ſind. Alſo, Madame, bin ich noch ſo tadelnswerth in ihren Augen?— Etwas weniger ohne Zweifel! Sie kommen demnach jetzt nicht von Ermenonville?— WVon Ermenonville!... und was wollen Sie, daß ich dort machen ſollte?...— Wohnen Sie denn nicht mehr bei Herrn Lukas?.. — Bei Herrn Lukas! ach! ich ſehe wohet Ihr Irtthum 8 6 2¹6 fummt!.. allein ich muß ihm ein Ende machen. Sie werden mich abermals zanken!... mich ſehr unbeſonnen finden!. Vernehmen Sie, daß ich nie Nikolas Toupet geweſen bin..— Wie, mein Herr!... Sie ſind nicht...— Nein, Madame, ich hatte dieſen Namen angenommen, da ich bei der Hochzeit, auf die mich Herr Ledru geführt hat, nicht bekannt ſein wollte.. — Wäre es möglich!... daher kommt es alſo, daß dieſe arme Suzon feſt behauptete, Nitolas Toupet ſei..— Suzon!. Suzon! ach! meine liebe Madame Henry, kennen Sie ſie vielleicht?— Ja, mein Herr, ich kenne Suzon..— Klein, gut gebaut, friſch, hübſch?... Ach, Madame Henry! wo iſt ſie? ich bitte Sie!.— Sie ſie geſehen? wiſſen Sie, wo man Sie eingeſperrt hat?.— Ei, mein Gott, welche Lebhaftigkeit! welche Ausbrüche!.. aber kurz, wer ſind Sie denn, weil Sie nicht Nikolas Toupet ſind?— Der, dem Suzon Alles geopfert, der, für den ſie Verwandte, Freunde, Heimath verlaſſen hat... Guſtav... der Neffe des Oberſten Moranval.. — Sie, Guſtav! ach! ich htte es ahnen ſollen!— Wäre Sm bei Ihnen?.. ja ich bin es gewiß, ich ſehe es an Ihrer Verlegenheit... Sie fürchten, mein Oheim möchte Ihnen Vor⸗ würfe machen, wenn Sie mich mit ihr ſprechen laſſen aber er wird nichts davon erfahren.. ich muß ſie ſehen... nur fünf Minuten... und ich gehe...— Ah! ich ſehe wohl, daß man Ihnen nachgeben muß.. denn Sie würden irgend eine neue Follheit machen erwarten Sie mich, ich will ſie rufen.“ Madame Henry geht in ihr Zimmer. Wie groß iſt aber ihr Erſtaunen, als ſie Suzon nicht mehr findet! ſie durchrennt das Haus, ruft, erkundigt ſich bei den Nachbarn: vergebliche Mühe! Die Kleine war ſchon weit. Die Tabuletkrämerin in Be⸗ ſtürzung wieder zu Guſtav herab. „Ach mein Gott!.. hier iſt wieder eine e Suzon iſt fort!„ſie iſ nicht mehr bei mir.—— Fort! S. 217 Wie, ſeit ich bei Ihnen bin?— Ach! ich errathe den Grund ihrer Flucht; ich war hinaufgegangen, ſie von der Ankunft des⸗ jenigen in Kenntniß zu ſetzen, den ich für Nikolas Toupet hielt; ſie glaubte, man komme, ſie zu holen!..„ſie iſt entflohen, um nicht mit dem Mann zurückzukehren, den ſie verabſcheut...— Arme Suzon!. ich bin es abermals, der Dein Unglück verur⸗ ſacht!... wo iſt ſie?. ohne Geld!... ohne Hülfsmittel!. in einer Stadt, die ſie nicht kennt!... was wird aus ihr werden?... — Tröſten Sie ſich, Herr Guſtav; ſie wird zu mir zurückkom⸗ men, ich hoffe es, und ich verſpreche Ihnen, Sie es wiſſen zu laſſen.— Möchten Sie wahr ſprechen können! Wollten Sie mir gefälligſt einen Wagen verſchaffen; ich will mich in's Hötel führen laſſen...— Was wird Ihr Onkel ſagen, wenn er Sie ſo gekleidet ſieht?— Er wird ſchreien, wird zornig werden, und ſich am Ende beſänftigen. Wenn ich den Anzug gewechſelt habe, werde ich mich auf den Weg begeben, um Suzon aufzuſuchen!... und ich ſtehe dafür, daß es allen Fiakern der Stadt nicht gelingen wird, mich von meinem Wege abzubringen.“ Madame Henty holte einen Wagen herbei, Guſtav barg ſich tief in demſelben, und ließ ſich, nachdem er der gefälligen Tabu⸗ letkrämerin gedankt hatte, nach dem Hötel des Oberſten führen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Heiraths⸗Projekt. Guſtav ſteigt im Hof des Hötels ab, beſiehlt dem Thür⸗ ſteher, den Kutſcher zu bezahlen, und ſpringt nach ſeinem Zim⸗ mer. Benoit und ſein Vater waren ſtarr vor Staunen bei dem Fiaker ſtehen geblieben. Guſtav, den man ſeit dem vorigen Tage nicht geſehen hat und der als Frau verkleidet wieder erſcheint! welcher Gegenſtand zu Vermuthungen für Bediente! Während der 218 Thürſteher den Kutſcher bezahlt, beeilt ſich Benvit, dem Oberſten zu hinterbringen, daß ſein Neffe ſo eben mit einem kothigen Unterrock, einem zerriſſenen Kleide und einer in Eiergelb getauch⸗ ten Haube nach Hauſe gekommen ſei. Der Oberſt hatte Guſtav ſeit ſeiner Unterredung mit Suzon nicht geſehen; er zweifelt keineswegs, daß ſein Neffe die Nacht mit Aufſuchung des jungen Landmadchens zugebracht habe, und hatte eine ſehr derbe Strafpredigt in Bereitſchaft, durch welche er den jungen Mann wieder zur Vernunft zu bringen hoffte. Er wußte aber nicht mehr, was er denken ſollte, als er vernahm, ſein Neffe ſei als Frauenzimmer gekleidet nach Hauſe gekommen. Der Oberſt geht zu Guſtav hinauf, in der Abſicht, ihn für ſeine ungeregelte Lebensweiſe tüchtig abzukanzeln.. Guſtav lag im Bett: er hatte ſich vorgenommen, den Tag zum Aufſuchen Su⸗ zon's zu verwenden; aber das Schickſal ſollte ihn abermals ver⸗ hindern, ſeine Abſicht durchzuführen: der Waſſereimer des Gärt⸗ ners, die Flucht im Hemd im freien Felde, das leichte Taffet⸗ kleid, und das gezwungene Laufen von der Barriöre de Belleville bis in die rue aux Ours, hatten die Geſundheit unſeres Helden völlig zerrüttet, welcher den von Homer beſungenen Helden, die, weil ſie unbezwinglich, auch immer Sieger waren, nicht glich. O du brauſender Achill, der nur an der Ferſe verwundbar war (wovon der griechiſche Dichter nichts eingeſteht)! du, wilder Philoktet! deſſen Pfeile nicht verfehlen konnten, gerade zum Ziel zu gelangen; du, beredter ulyſſes! der ſo gut alle Geſtalten an⸗ zunehmen wußte; du ſtolzer Agamemnon! der du deine Tochter erwürgen ließeſt, um dir die Götter günſtig zu machen; du ver⸗ führeriſcher Paris! der von Venus beſchützt war; und du kühner Telemach! den Minerva in eine Wolke hüllte, wenn du vich im Handgemenge befandeſt, ich wünſche Euch Glück, den göttlichen Homer begeiſtert zu haben; in unſerer Zeit wären eure Fanfaro⸗ naden keine Heldenthaten mehr; um zum Kampfe zu gehen, be⸗ 2¹9 dürfen wir keines Talismans, wir glauben überdies nicht mehr daran, und unſere Soldaten laufen mitten in einem Hagel von Kugeln zum Kampf und Sturm, ohne den Schlangenſtab des Merkur oder den Schild der Minerva anzurufen. Guſtav hörte alſo die Predigt ſeines Oheims an, ohne ihn zu unterbrechen; denn das Fieber hatte ſeine Geiſteskräfte er⸗ ſchlafft, und unſere ſchwache Maſchine iſt den Gebrechlichkeiten des Lebens ſo ſehr unterworfen, daß das größte Genie ſelten ſeine Ueberlegenheit bewahrt, wenn es krank iſt: Karl XII., der muih⸗ vollſte, der unternehmendſte Mann ſeines Jahrhunderts, ließ ſich wie ein Kind von dem Schlachtfeld von Pultawa wegtragen, weniger gebeugt durch ſeine Niederlage, als durch ſeine Verwundung; und der wilde Cromwell, vor dem ſeine ganze Umgebung zitterte, wurde, wie man ſagt, leichter zu behandeln, als er einen Fieber⸗ anfall hatte. Der Oberſt gewahrte den Zuſtand ſeines Neffen; jetzt hörte er mit ſeinen Vorwürfen auf, er vergaß ſeinen Zorn und ſchickte nach einem Arzt. Nach Verlauf einer Stunde kam der Doktor herbei. Er unterſuchte Guſtav, befühlte ihn, ließ ſich die Zunge zeigen, betrachtete ſeinen Urin und erklärte mit vieler Ernſthaftig⸗ keit, daß man wahrſcheinlich den andern Tag die Krankheit kennen werde, die auszubrechen im Begriff ſei. Den andern Tag machte ſich die Krankheit dem Doktor kennt⸗ lich, der den Oberſt belehrte, daß es eine Bruſtentzündung ſei. Der Oberſt war in Verzweiflung, denn ſo ſehr er ſeinen Neffen zankte, liebte er ihn doch ſehr; er erklärte dem Arzt, daß er, wenn Guſtav ſterbe, ſich eine Kugel durch den Kopf jage; der Doktor empfahl ſich dem Oberſt und kam nicht mehr in's Hötel zurück; er fürchtete, die Urſache eines Selbſtmords zu werden. Herr Moranval berief andere Aerzte, fragte die ganze Fakultät um Rath; endlich war Guſtav nach ſechswöchiger Gefahr gerettet; aber die Geneſung ward ſehr langwierig. Als er wieder im Stande 990 war, ſeine Gedanken zu ſammeln und im Zimmer umherzublicken, dachte Guſtav an Suzon; er befahl Benvit, ſeinen Oheim um einen Beſuch zu bitten. Der Oberſt ergab ſich augenblicklich in die Wünſche ſeines Neſfen.„Endlich biſt Du gerettet,“ ſagte Herr Moranval, Guſtav umatmend.—„Ja, mein Oheim; aber ſie, was iſt aus ihr ge⸗ worden?— Wer ſoll das ſein, ſie?— Dies iſt Suzon, das arme kleine Mädchen, das ich in meinem Zimmer verborgen hielt, und das Sie aus demſelben wegnahmen, um es zu einer Tabulet⸗ krämerin zu führen; ſie iſt von Madame Henry weggelaufen, weil ſie mich für Nikolas Toupet hielt!.. Was wird in dieſer unge⸗ heuren Stadt aus ihr geworden ſein?...— Ich weiß es nicht, und das Verſchwinden dieſes Mädchens hat mir vielen Kummer gemacht!.. doch kurz, ich bin nicht daran Schuld. Liebſt Du dieſe junge Bäuerin immer noch?— Ja, mein Oheim, mehr als je!...— und Eugenie, Madame Fonbelle?.— O! dieſe iſt ſehr liebenswürdig, aber ſie liebt mich nicht; hat ſie ſich nach mir erfundigt, ſeit ich krank bin?— Gewiß, und ſogar ſehr oft.— Wirklich?.. ach! wenn Suzon es gewußt hätte, wäre ſie ge⸗ ommen, mich zu pflegen.— Nun, vergiß Suzon, die nicht mehr an Dich denkt, und denke an Eugenie.— Suzon denkt nicht mehr an mich! o! Sie beurtheilen ſie ſchlecht, mein Oheim; ſie iſt unfähig, zu wechſeln.— Du ſagſt ſelbſt, daß Abweſenheit die. Liebe löſche?..— Ja, wenn ſie leicht iſt.— Daß die Frauen⸗ zimmer unbeſtändig ſeien.— Ach! Suzon iſt nicht von Paris.— Haſt Du Dich als Frau verkleidet, um ſie wieder zu finden?— WMein Oheim, ſechs Wochen im Bett laſſen Zeit zu denken!. Ich habe Betrachtungen angeſtellt, ich habe alle Frauen, die ich fenne, verglichen.. der Vortheil iſt auf Seiten Suzons ge⸗ plieben.— Dies hindert nicht, daß Du, wenn Du Suzon beſäßeſt, ihr in einem Monat untreu wäreſt.— Ich glaube nicht, mein Oheim.— und ich bin deſſen gewiß. Aber werde geſund, und 221 wenn Du alsdann in der That vernünftig biſt, ſo wirſt Du auf die vergangenen Tollheiten verzichten und Dich verheirathen, damit Du nicht verſucht biſt, neue zu begehen.— Ah, mein Oheim! Sie ſind ein ſchrecklicher Eheſtifter!“ Guſtav genaß nur langſam; jeden Tag ließ ſich Madame Fonbelle nach dem Geſundheitszuſtand des jungen Kranken erkun⸗ digen; Guſtav war empfänglich für dieſe Aufmerkſamkeiten, und nach und nach machte das Andenken an Suzon dem Bilde Eugeniens Platz. Endlich war Guſtav im Stande, auszugehen. Sein erſter Beſuch war bei Madame Henry:„Haben Sie Suzon wieder ge⸗ ſehen?“ fragte er ſie, in ihren Laden tretend.—„Ach, mein Herr! wie ſehr ſind Sie verändert!...— Antworten Sie mir, Madame Henry, wiſſen Sie, was u geworden iſt?— Ich habe ſie, ſeit Sie als Frau verkleidet in meinen Laden ge⸗ kommen ſind, nicht mehr geſehen.— Armes Kind! wo iſt ſie denn jetzt?..— Bei ihren Eltern vielleicht— Ach! ich wünſchte es.. und was hat mein Oheim geſagt?.— Er iſt böſe geworden, hat mich gezankt. allein ich habe ihm die reine Wahrheit erzählt, und er hat wohl geſehen, daß die Schuld nicht an mir lag.“ Guſtav entfernt ſich traurig von Madame Henry und begibt ſich zu Madame Fonbelle; Eugente läßt die ganze Freude hervor⸗ brechen, welche ihr ſeine Wiederherſtellung macht, und bezeugt ihm die zärtlichſte Theilnahme; Guſtav findet Eugenien noch ver⸗ führeriſcher, und kommt in das Hötel zurück, indem er an das Lieblings⸗Projekt ſeines Oheims denkt. Als er aus dem Wagen ſteigt, um in ſeine Wohnung zu treten, findet Guſtav ſeinen Portier, wie er ſich mit einem kleinen Savoyarden, der ſein Fußſchemelchen an das Thor des Hötels geſtellt hat, herumſtreitet. „Was hat Ihnen denn dieſes Kind gethan!“ 7“ fragt Guſtav. —„Mein Herr, er hat ſeine Wichſe⸗Niederlage an mein Hofthor geſtellt... dies macht Schmutz!... man gibt ſich Mühe, zu ſäubern, und dieſer Schlingel kommt nur ſo her und verunreinigt mein Pflaſter!... ſehen Sie, wie ſchwarz er iſt!. es ſcheint, daß er nicht bloß die Schuhe putzt, ſondern auch die Kamine ſest Der kleine gute Kerl ſchlug den Kopf nieder und antwortete nicht.—„Warum wollen Sie dieſes Kind wegjagen, Herr Benoit, wenn es ſeinen Lebensunterhalt an dieſem Platze gewinnt? die Straße iſt frei.. ich will, daß er da bleibe.— Aber, Herr... — Schweigen Sie. Nimm, Kleiner, dies iſt für Dich, ich will Dir Glück bringen.“ Guſtav wirft dem kleinen guten Kerl einen Thaler zu und entfernt ſich, indem er den Savoyarden ſehr vergnügt und den Portier ſehr verblüfft zurückließ. Unſer Held wurde wieder geſund; er hatte mit ſeiner Ge⸗ ſundheit auch wieder ſeine Lebhaftigkeit und ſeinen Liebeseifer erlangt. Eugenie war der Gegenſtand ſeiner Wünſche; er brachte faſt ſeine ganze Zeit bei ihr zu; er machte ihr unermüdlich den Hof. Eugenie erwiderte die Liebe Guſtav's, allein ſie gewährte ihm nicht die geringſte Gunſt und ward böſe, ſobald er aufhörte, geſetzt zu ſein. Guſtav mußte auch, um Eugenien zufrieden zu ſtellen, ſeine alten Bekanntſchaften abbrechen. Keine Liſe, keinen Olivier, keine Untreue und keine leichtſinnigen Streiche mehr; dies waren die Bedingungen, die Eugenie ihrem Geliebten auferlegte. Sie mußten jedem Andern ſehr natürlich erſcheinen, für Guſtav waren ſie aber ein wenig hart. Indeß hatte unſer Held, der fortwährend bezaubert war, geſchworen, ſeine Verſprechungen zu halten, und Eugenie hatte Guſtav ihre Hand zugeſagt. 6 „Dieſe Dame iſt etwas anſpruchsvoll,“ ſagte Guſtav zu⸗ weilen, wenn er nach Hauſe zurückging.„Sie hat dieſen Abend 223 üble Laune gegen mich an den Tag gelegt, weil ich mit einer Andern geplaudert habe, ſo lange ſie Muſik machte; ich kann indeß nicht in Geſellſchaft bleiben, ohne zu ſprechen, wenn ich nicht für einen Dummkopf oder einen Pedanten gelten will... Eugenie iſt eiferſüchtig!. allein dies iſt ein Beweis von Liebe, man muß ihr daher verzeihen.“ Der Oberſt war entzückt, als er ſah, daß ſein Neffe ſich verheirathen werde; ſchon war die Zeit feſtgeſetzt; der Plan dieſes Bündniſſes war kein Geheimniß mehr, und Guſtav begleitete Madame Fonbelle überall hin. So oft Guſtav nach Hauſe kam, fand er den kleinen Savoyarden vor ſeiner Thüre. Der gute kleine Kerl grüßte ihn und verließ ſeinen Platz erſt, nachdem er ihn hatte heimkommen ſehen. Noch drei Wochen, und Guſtav wurde den Gatte Eugeniens: der Oberſt bildete ſchon ſeine Pläne für das Glück der künftigen Ehegatten; Herr von Grancidre war bei den Plänen ſeines Freundes betheiligt; Eugenie machte Ankäufe von Kleidern, Stoffen, Bän⸗ dern, und Guſtav ſeufzte und fand die Zeit lang. Noch vrei Wochen!.. aber wie viele Begebenheiten können in dieſem Zeit⸗ raum ſich zutragen! Dreiundzwanzigſtes Rapitel. Weiberränke; Fiferſuchtz unheilvolle Begegnungen. „Sie werden mich dieſen Abend zu Frau von Saint⸗Clair begleiten?“ ſagte Eugenie eines Morgens zu Guſtav;„man macht dort Muſik und ſeit langer Zeit wünſcht dieſe Dame Sie zu hören. — Ich liebe Ihre Frau von Saint⸗Clair nicht; dieſe Frau da überhäuft Sie mit Freundſchaftsbezeugungen, mit Ergebenheits⸗ bethenrungen, mit übertriebenen Gomplimenten„ glauben Sie 2²4 aufrichtig, daß ſie denkt, was ſie ſpricht?— Sie wiſſen wohl, Guſtav, daß ich die Geſellſchaftsverbindungen ſo anſchlage, wie ſie es in der That werth ſind, und Frau von Saint⸗Clair iſt in meinen Augen eine einfache Bekanntſchaft. Allein ihre Cirkel ſind glänzend; man unterhält ſich dort(was in zahlreichen Kreiſen ſelten iſt), weil man jene ſteife Etikette, jenes kalte Ceremonienweſen, welche die Heiterkeit tödten und das Vergnügen verſcheuchen, nicht findet. Kommen Sie hin; es wird Ihrem Oheim und meinem Vater Vergnügen machen. Ich, ich will es; ſo lange wir nur Liebende ſind, kann ich befehlen; aber einmal Eheleute!. dann bin ich es, die immer zu Ihrer Verfügung ſein muß. Sehen Sie, Guſtav, wenn ich an die Veränderung denke, welche die Ehe in das Betragen der Männer bringt; ach! ich zittere zum voraus... Mein Freund, wir ſollten uns nicht heirathen...— Welche Tollheit!.. Sie wiſſen, wie ſehr ich Sie liebe... und Sie halten mich für fähig, mich zu ändern!...— O! für ſehr fähig! ich bin jetzt ſo glücklich!.. warum nicht bei dem bleiben, ſind 2..— Nein, nicht! wenn Sie mir nicht alle Rechte atten einräumen.— Ach, Guſtav, Sie bedenken nicht; gerade dieſe dem Ehemann eingeräumten Rechte ſind es, welche haͤufig die Liebe und das Vergnügen verſcheuchen! wenn ein Gatte im Gegentheil nicht mehr Recht hätte, als ein Geliebter, dann würde der Eheſtand, der Zeit zum Trotz, die Reize des erſten Tages behalten.— Meine liebe Eugenie, Sie werden mich keineswegs bekehren; Sie müſſen entweder meine Gattin oder meine Maitreſſe ſein..— Zuweilen liebt man weder die Eine noch die Andere: man behält eine Maitreſſe aus Gewohnheit und eine Frau aus Nothwendigkeit bei. Nur eine Freundin kann hoffen, immer mit Vergnügen geſehen zu werden. Ich möchte nur eine ſolche für Sie ſein; aber ich fühle für Sie Liebe! das iſt ſehr Schade.— Zwiſchen zwei Perſonen verſchiedenen Geſchlechts ſieht man ſelten Verbindungen, die nur aus Freundſchaft beſtehen, —— 22⁵ außer wenn dieſes Gefühl die Folge innigerer Beziehungen wird. — Wohlan, ich werde Ihre Frau ſein, Guſtav; aber ich bin eiferſüchtig!... und ich will nicht, daß ſich Ihre Liebe bald in Freundſchaft verwandle... Ich habe wahrhaftig Furcht, Ihr Unglück zu machen!. je näher der Augenblick kommt, je mehr fühle ich, daß ich anſpruchsvoll, unruhig werde...— Sie werden nie ſo weit kommen, bösartig zu werden!.— Nein, aber ich liebe Sie vielleicht zu ſehr!.. und dies iſt ein großer Fehler!.. Ach, mein Freund! wie viele Frauen haben kein anderes Unrecht in den Augen ihrer Männer!— Ich werde nicht wie dieſe Männer ſein.— Auf dieſen Abend, Guſtav! ich will an meine Toilette denken.“ Guſtav kam in's Hötel zurück. Er denkt unterwegs über die Betrachtungen Eugeniens nach: er glaubt, daß er nie aufhören könne, ſie zu lieben; er fürchtet nicht, daß ſie eines Tages ſein Unglück machen könne; aber er wird ſich verheirathen. Sich verheirakhen! er, der ſo oft dieſes Band in's Lächerliche gezogen, der ſo viele Witze über die Ehemänner gemacht, der ihnen mehr als einen Streich geſpielt und die Bürde ihres Mißgeſchicks ver⸗ größert hat; er ſelbſt wird den Titel Gatte führen, den er hundert⸗ mal mißkannt und verhöhnt hat! Dieſer Gedanke quält ihn: nachdem er die Andern in Schrecken verſetzt hat, zittert er für ſich ſelbſt: par pari refertur, dieſes Ariom macht ihn traurig. Alſo, meine Damen, dies iſt eine Nachahmung der evangeliſchen Moral:„Was ihr nicht wollt, daß Andre Euch khun ſollen, das thut ihnen auch nicht!“ Von dieſem Grundſatz ausgehend, beſtraft man bei einigen Nationen und insbeſondere bei den Wilden die Verbrecher durch die Strafe der Wiedervergeltung; ein ſehr weiſes eſetz, das auch bei allen civiliſirten Völkern in Kraft ſein ſollte. Guſtav kam alſo, beinahe melancholiſchen Gedanken hinge⸗ n, nach Hauſe. Ver ſeiner Thüre erblickt er den kleinen oyarden, der, auf dem Eckſtein ſitzend, ein Sacktuch vor den Paul de Kock, X. 15⁵ G 26 Augen hielt und von Schmerz niedergebeugt ſchien.„Was haſt Du denn, mein Freund?“ fragt Guſtav den kleinen Kerl. Der Savoyarde antwortete nicht und fuhr fort zu ſchluchzen. „Herr,“ ſagte Benvit, zu ſeinem Gebieter tretend,„ich will Ihnen ſagen, was es iſt: als ich ſo eben mit meinem Vater plauderte, haben wir von Ihrer bevorſtehenden Heirath geſprochen.. von Ihrer Gemahlin... von den Kindern, welche Sie bekommen... von den Hoſen, welche Sie an dieſem Tage anziehen werden...— Ah! Du ſprichſt von Allem dem mit Deinem Vater?— Ja Herr, weil ich, da ich Ihnen Ehre machen will, einen alten Degen kaufen und umhängen ſoll, um in die Kirche zu gehen... und da ich jung bin... wenn Sie wollen, daß ich das Opfer ein⸗ ſammle...— Geh, Benvit, hör' mit Deinen Dummheiten auf... und laß Dir beſonders nicht einfallen, einen Degen anzuziehen... — Ah! mein Vater ſoll ſich für den Tag der Ceremonie den Zopf abſchneiden laſſen.. und einen Titus tragen; Sie wiſſen wohl, Herr, daß er jetzt Taubenflügel hat...— Wirſt Du bald zu Ende ſein?..— Jetzt komme ich daran, Herr, wir waren alſo an den Koſtümen für Ihre Hochzeit. Dieſer Savoyarde tritt ziemlich vertraulich auf uns zu und fragt, wer die Perſon ſei, die ſich verheirathen ſolle. Ich hatte Sie nicht ſobald genannt, als er blaß.. roth.. gelb. geworden iſt.. das heißt, er war immer ſchwarz: aber durch den Ruß hindurch, der ihn bedeckt, habe ich geſehen, daß er die Farbe wechſelte; und ſeit dieſer Zeit hat er angefangen zu heulen wie Sie ſehen. Ah! ich ſehe wohl, was es iſt; er fürchtet, Ihre Frau Gemahlin möchte ihn zu häßlich finden, um ihn an dieſer Thüre zu laſſen..— Benoit..— Mein Herr?— Geh fort.“ Benvit entfernt ſich, indem er den Savoyarden zum Teufel wünſcht, da ihm dieſer kleine Gewinne entzieht, weil Guſtav de kleinen Kerl oft Aufträge ertheilt: der kleine Savoyarde entle6t ſich derſelben immer beſſer, als Benvit, und perſteht ſehr. — 2 was Guſtav ihm ſagt, wiewohl er gewöhnlich ſeine Befehle mit geſenkten Augen und ohne ein Wort zu ſprechen empfängt. „Woher kommt Deine Traurigkeit, mein Freund?“ fragt Guſtav, indem er dem jungen Commiſſionär ein Zeichen gibt, ihm in den Hof des Hötels zu folgen:„fürchteſt Du, man möchte Dich von Deinem Platz wegſchicken? beruhige Dich; wenn ich mein Haus einrichte, nehme ich Dich zu mir, Du wirſt wein kleiner Jockey. Gefällt Dir dies?... Der kleine Kerl antwortet nicht; aber er ergreift Guſtav's Hand, küßt ſie zu wiederholten Malen und entfernt ſich ſchnell. Guſtav iſt gerührt; er begreift nichts von dem Schmerz und der Zuneigung, welche ihm der arme Junge bezeugt; aber bald ver⸗ drängt die Erinnerung an Eugenie und ſeine Heirath den Savoyar⸗ den aus ſeinem Gedächtniß. Der Abend iſt gekommen; Guſtav holt Eugenien und ihren Vater ab. Der Oberſt will nicht ausgehen; er fühlt wieder leichte Schmerzen vom Zipperlein. Man begibt ſich zu Frau von Saint⸗ Clair. Die Geſellſchaft war zahlreich; Guſtav wird mit vieler Höflichkeit empfangen; aber unſer Held glaubt in den Augen der Frau von Saint⸗Clair den Ausdruck einer tückiſchen Freude zu leſen. Dieſe Dame, obgleich nicht ſehr hübſch, machte viele An⸗ ſprüche; in den Abend-Cirkeln des Herrn von Granciére hatte ſie Guſtav ſo viele Aufmerkſamkeit, ſo auffallende Auszeichnungen bezeugt, daß er ihre Gefühle leicht errathen konnte; aber Frau von Saint⸗Clair gefiel ihm keineswegs; er hatte ſich daher ge⸗ ſtellt, als verſtehe er ſie nicht; indeß fürchtete er mit Recht ihren Groll; die Frauen verzeihen es einem Manne, den ſie nicht lieben, daß er ihnen den Hof macht; ſie können aber dem nicht verzeihen, den ſie auszeichnen, und der ihre Liebe nicht erwidert. Der Glanz der Wachskerzen, die Toiletten, die Muſik, Alles gab der Verſammlung das Anſehen eines Feſtes. Guſtav blickt mit Unruhe unter den im Salon ſitzenden Damen We ob er 228— nicht irgend einer Bekanntſchaft begegnet. Da er ſchon weiß, wie eiferſüchtig Eugenie iſt, will er ihr Kummer erſparen. Glücklicher⸗ weiſe erblickt er keine genaue Bekanniſchaft; er iſt ruhiger. Eugenie, deren ſchöne Stimme man kennt, iſt bald am Piano, und Guſtav, der ſie noch nicht accompagniren ſoll, ſetzt ſich auf einen Seſſel, der zwiſchen einer beinahe ihr ganzes Geſicht verbergenden alten Wittwe und einer Dame mit großem Hute noch leer ſteht. Eugenie ſieht, wohin ſich Guſtav ſetzt, ſie lacht ihm hierauf zärtlich zu. „Wohlan,“ ſagt er,„ſie iſt zufrieden;“ er zweifelt jetzt keines⸗ wegs, daß die Dame mit dem großen Hute häßlich ſei. Während man ſingt, richtet Guſtav einige bedeutungsloſe Worte, einige jener Phraſen, die man in Geſellſchaft auszutauſchen gewohnt iſt, und die weder den Geiſt noch das Herz ermüden, an ſeine Nachbarin. Doch die Dame mit dem Hut antwortet nicht: „Das iſt ſonderbar,“ ſagt Guſtav leiſe bei ſich;„es iſt doch in Geſellſchaft Gebrauch, denen, die mit uns ſprechen, Antwort zu geben, und ich habe dieſer Dame nichts geſagt, was ſie beleidigen könnte ſollte ſie taub ſein?. ſollte es auch eine Großmama Er ſtreckt den Kopf etwas vorwärts und ſucht unter den Hut zu ſehen; es iſt eine junge Frau, allein ſie iſt nicht hübſch; ihr Geſicht iſt kupferig und ſcheint durch Schmarren und Narben ver⸗ wüſtet. Guſtav dreht ſich um, entſchloſſen, das Wort nicht mehr an ſeine ſtillſchweigende Nachbarin zu richten, als eine ſehr ſanfte, wohlbekannte Stimme unter dieſem Hute hervorkommt; ſie ſagt nur die Worte:„Es iſt alſo wahr, Guſtav, daß Sie mich nicht erkennen?...“ und dieſe Töne haben bis im Grunde von Guſtav's Herzen wiedergehallt; er dreht ſich ſchnell, ein Schrei will ihm entfahren. die nämliche Stimme läßt ſich hören:„Nehmen Sie ſich in Acht, Gnſtav, man hat Augen auf uns...— Wie, es iſt keine Tänſchung Sie ſind es, meine liebe Julies— Ja, ich bin es, es iſt immer noch Julie, obgleich ſie unke Zimmer zurück, Ihre Kleider zu ſuchen; ſchon hielt ich ſie in der Frau von Saint⸗Clair kennt Herrn Desjardins, ſie wird durch ihn rfahren haben, daß Sie mich hemals beſuchten 229 iſt!...— Ach, meine Freundin! verzeihen Sie mir!. bin Ihnen darum nicht böſe, Guſtav; warum ſ 1 icht böſe werden?.. ich weiß, wie ich jetzt bin..— Aber durch welchen Unglücksſtern?.. welche Krankheit iſt Ihnen denn zugeſtoßen?.. — Es iſt keine Krankheit. Erinnern Sie ſich noch jener ſchreck⸗ lichen Nacht, wo ich ſo viele Mühe hatte, Sie aus dem Pavillon zu retten. Sie wiſſen, welches Mittel ich anwandte.. Sie hatten aber keine Kleider, ſich zu bedecken, und der Gärtner hatte einen Eimer voll Waſſer über Sie ausgeleert!.. ich ging in mein Hand, ich wollte Ihnen auf den Ferſen folgen. als ich, vom Rauch erſtickt, die Beſinnung verlor. Das Feuer ergriff meine Haare.. man rettete mich.. aber ich war nicht mehr dieſelbe!.. — Liebe Julie!. und für mich!.. Unglücklicher! ich mußte all' Ihr Unglück verurſachen!..— Mein Freund, ich beklage mich nicht!. ich hatte Fehler begangen, ich mußte beſtraft werden!.. — Ach, Julie! wie viele Frauen ſind ſtrafbarer als Sie, und ſind es nicht geworden!..— Ich habe Ihre Liebe verloren. aber ich hoffe, Ihre Freundſchaft zu bewahren.— Sie iſt Ihnen erworben für das Leben.— Guſtav, Sie müſſen mir in dieſem Angenblicke einen Beweis davon geben.— Sprechen Sie!— Ich halte darauf, das wenige Glück zu bewahren, das mir bleibt, und deßhalb darf die Ruhe meines Gatten nicht geſtört werden.. in einem Augenblicke wird er kommen„.— Hieher?— Ja, er iſt ſeit dem unheilvollen Tage noch nicht mit Ihnen zuſammenge⸗ troffen!.. Ach, Guſtav!. ich fürchte dieſes Zuſammentreffen!.. ich bitte Sie, mir dieſen Kummer zu erſparen!.. bedenken Sie, welche boshafte Folgerungen man nicht ermangeln würde, aus den Worten zu ziehen, die Herrn von Berly entſchlüpften, wenn er ₰ Sie ſähe! ich merke jetzt die Falle, die man mir gelegt hat: — Sie haben * 230 dieſe Dame hat irgend einen unangenehmen Auftritt vorbereitet; es gibt nur ein Mittel ihn zu vermeiden, ich werde gehen.— Ach, mein Freund! wie ſehr wäre ich Ihnen verbunden; ich weiß, daß Sie mit der hier ſind, die Sie heirathen ſollen und die zu verlaſſen Ihnen peinlich ſein muß... allein dieſes Opfer iſt das letzte, welches Sie mir bringen werden. Sie werden Eugenie wiederfinden! und Julie iſt auf immer für Sie verloren. 5 — Theure Julie! möchte ich Ihnen durch größere Opfer beweiſen können, daß ich der Anhänglichkeit, die Sie für mich an den Tag legen, nicht unwürdig bin! Adieu, ich entferne mich; möchten wir uns an einem Orte wiederfinden, an dem man die Freiheit hat, ſich den Ergießungen ſeines Herzens hinzugeben!“ Guſtav drückt Julien zärtlich die Hand und ſteht auf, um die Thüre des Salons zu gewinnen. Frau von Saint⸗Clair folgte allen Bewegungen Guſtav's; ſie ſteht vor ihm, als er aus dem Salon gehen will.„Ei wie!“ ruft ſie ſo, daß Eugenie es hören muß,„Sie verlaſſen uns ſchon?— Nein, Madame,“ antwortet Guſtav, ſeinen Zorn unter⸗ vrückend,„ich will ein wenig Luft ſchöpfen...— Ol ich werde Sie nicht fortgehen laſſen.“ Während dieſer Zwieſprach ſpielt und ſingt die verwirrte Eugenie, die ganz mit dem beſchäftigt iſt, was Guſtav thut, ver⸗ kehrt. Dieſer will ſich von Frau von Saint⸗Clair losmachen, als wei Neuangekommene in den Salvn treten und ihm den Weg verſpetren. Große Ueberraſchung von der einen, Verlegenheit von ver andern Seite: dieſe beiden Perſonen ſind die Herren von Berly und Desjardins. Guſtav iſt regungslos ſtehen geblieben, Herr von Berly ſtößt einen Ausruf aus, der alle Blicke nach ſeiner Seite zieht. Desjardins macht große Augen und bereitet eine Phraſe vor. Frau von Saint⸗Clair freut ſich der Lage Guſtav's und der Qual Eugeniens. Bald ändert ſich die Scene; Julie hat ihren Gatten vot bem — Rufe aus. Jedermann laͤuft auf Julie zu; Herr von Berly allein ſicherlich!. Iſt es nicht wahr, meine liebe Eugenie, Herr Guſta hat ſeinen vollen Verſtand?“ 231 Kräfte verlaſſen ſie; ſie ſinkt in Ohnmacht und fällt auf ihre Nachbarin hin, eine alte Dame, die beſchäftigt iſt, mit ihrem Schvoßhund zu ſpielen; der Hund bellt; die Alte iſt in Verzweif⸗ lung, nicht über die Ohnmacht Juliens, ſondern weil ſie fürchtet, das kleine Thier möchte verwundet ſein: ſie ſtoßt durchdringende iſt unſchlüſſig, ob er ſich mit Guſtav oder ſeiner Frau beſchäftigen ſoll. Aber unſer Held fühlt, däß ſeine Gegenwart mehr als je gefährlich iſt, und nähert ſich Herrn von Berly:„Wenn Sie mich zu ſprechen wünſchen, mein Herr, ſo bin ich zu Ihren Befehlen, hier iſt meine Adreſſe.“ Mit dieſen Worten ſchiebt Guſtav ſeine Karte Herrn von Berly in die Hand und geht weg, ohne ihm Zeit zum Antworten zu laſſen. „Dieſer junge Mann iſt noch ein wenig närriſch,“ ruft Herr von Berly aus, indem er ſeiner Frau, die wieder zu ſich kam, näher trat.—„Närriſch, mein Herr!“ erwidert Frau von Saint⸗ Clair;„das iſt er nie geweſen!...— Verzeihen Sie mir, Madame, verzeihen Sie mir!... Ol er iſt es geweſen, und zwar ſtark. Zum Henker, ich weiß etwas davon, und meine Frau auch. Arme kleine Frau!. ich bin ſicher, daß ſie ſich übel befunden hat, weil ſie befürchtet, dieſes Zuſammentreffen möchte eine Scene herbeiführen... Ich ſollte mich mit Saint⸗Réal ſchlagen? Du weißt, Desjardins, daß ich geſagt hatte, ich würde ihn tödten. — Ja, ich erinnere mich ſehr gut, daß in dieſer Zeit ſogat. — Allein es iſt ausgemacht, ich werde mich nicht mit einem N ſchlagen!. es iſt nicht der Mühe werth; zudem hat meine Frau es mir verboten.— In Wahrheit, mein Herr, Sie irren ſich Madame Fonbelle war e außer Sianb, zu ſprechen. 232 Das plötzliche Weggehen Guſtav's, die von Herrn von Berly ge⸗ ſprochenen Worte und das Ohnmächtigwerden ſeiner Frau hatten Verwirrung und Eiferſucht in ihr Gemüth gebracht. Sie betrachtete Julien mit Untuhe, und begriff nichts von der ſo eben vorge⸗ fallenen Scene; um ihre Pein zu vollenden, richtete Frau von Saint⸗Clair tauſend Fragen an ſie, beunruhigte ſich über ihre Bläſſe, und mit jener hinterliſtigen Sorgſamkeit, welche die Ver⸗ legenheit Derer, die ſie empfangen, noch verdoppelt, ſuchte ſie den Kummer und den Unmuth Eugeniens zu vermehren. Den Tag nach dieſer Begebenheit begab ſich Guſtav früh zu Eugenien. Er machte ſich auf einige Vorwürfe gefaßt. Madame Fonbelle machte ihm keine. Aber ihre Manieren ſind verändert, ihre Laune iſt nicht mehr dieſelbe: kalt und zurückhaltend, ant⸗ „wortet ſie kaum auf die Zuvorkommenheiten Guſtav's, der nichts von dieſer Veränderung verſteht. Aufbrauſend, zornig, begehrt, fordert er eine Erklärung. Man beobachtet ein düſteres Still⸗ ſchweigen. Guſtav ſteht auf, er will ſich entfernen.„Mein Herr,“ ſagt endlich Eugenie,„ich gehe dieſen Abend in's Théätre frangais; wollen Sie mich gefälligſt dorthin begleiten?— Gerne, Madame; ich werde das Vergnügen haben, Sie abzuholen.“ „Was bedeutet dieſe Laune?“ ſagte Guſtav, als er zu ſeinem Oheim zurücktehrte; ſie ſcheint erzürnt und ſchlägt mir vor, ſie in's Theater zu begleiten!.. Wohlan, erwarten wit den Abend; ich werde vielleicht die Löſung dieſes Räthſels erhalten.“ „Wie geht's mit den Liebesangelegenheiten?“ fragte der Oberſt ſeinen Neffen;„ich hoffe, daß die Verlobung bald ſtattfinden wird 2— Meiner Treu, lieber Oheim, ich ſtehe für nichts mehr; Gugenie iſt ein ſonderbares Frauenzimmer!.. Ich glaube, daß irgend Jemand ſie gegen mich aufhetzt... Sie iſt über eine Sache. böſe geworden, die ſie nichts angeht... Und wenn ſie jetzt ſchon heimtückiſchen Schwätzereien glaubt, die man ihr votmacht, was wird es ſein, ah wenn wir einmal verheitathet ſind!— 233 Liebeshändel, ſonſt nichts!.. Morgen, dieſen Abend werdet Ihr nicht mehr daran denken.“ Guſtav begibt ſich nach der Tafel zu Madame Fonbelle; ſie erwartete ihn, man geht in's Schauſpiel. Der Weg wird ſtill⸗ ſchweigend zurückgelegt: Eugenie iſt traurig und ſcheint ſehr in Gedanken vertieft; Guſtav iſt gereizt durch das Benehmen Eugeniens, er ſucht die Unterhaltung nicht anzuſpinnen. Man langt an, man ſetzt ſich. Die Loge enthält noch andere Plätze, welche leer bleiben. Bald aber treten zwei Damen ein; die eine iſt Frau von Saint⸗Clair, die andere eine junge, ziemlich hübſche Frau, deren Geſicht Guſtav nicht unbekannt iſt: er ſuchte ſich ihre Züge in's Gevächtniß zurückzurufen, während ſich Eugenie auf dem Vorderſitz mit Frau von Saint⸗Clair unterhielt. Die Dame ſchien ihrerſeits bei dem Anblick Guſtav's überraſcht; ſie blicken einander an„ſie lächeln. ſie haben einander wieded erkannt. Die Perſon, welche Frau von Saint⸗Clair begleitet, iſt keine andere, als Madame Dubourg, dieſelbe, die bei Nacht, während ihr Mann auf der Wache war, ihren Bruder erwartete. Eugenie ſchien mit Frau von Saint⸗Clair in eifrigem Ge⸗ ſpräch begriffen: Guſtav glaubte einen Gruß wagen zu können.“ Madame Dubourg ſchien es unbekannt zu ſein, daß Guſtav mit Eugenien da war; ſie hatte angefangen, einige Worte an ihn zu richten, als ein Herr in die Loge trat. An der Art, wie er mit Madame Dubourg ſprach, erkannte Guſtav den Gemahl; es iſt der Herr, der immer Buſenſtreife trägt, und den er auf einen Eckſtein geworfen hat, um der Patrouille zu entweichen. Herr Dubourg iſt ein großer, anſpruchsvoller Mann; er lorgnettirt die Damen, indem er den kleinen Finger, an welchem ein Brillantring ſitzt, hin und her bewegt; er ſtellt ganz laut Betrachtungen über das Stück, den Verfaſſer und die Zu⸗ 234 während ernſthaft, und Frau von Saint⸗Clair hörte lächelnd auf Alles, was man ſprach. Wie, Teufel, wird man vielleicht fragen, wußte dieſe Frau von Saint⸗Clair, welche den Unfrieden zwiſchen Guſtav und Eugenien zu nähren ſcheint, daß Madame Dubourg unſern Helden fennt? Wie?.. Durch ihre Feinwäſcherin, welche, zum Unglück unſerer zukünftigen Eheleute, gerade die kleine Liſe aus der Straße Charlot iſt. Liſe war nicht bösartig, aber ſie ſchwatzte gerne und rächte ſich, wenn ſich Gelegenheit dazu bot. Frau von Saint⸗Clair hatte vernommen, daß Jungfer Liſe Herrn Guſtav ſehr gut kenne. Es hatte ſie nicht viel Mühe gekoſtet, dieſelbe auf den hübſchen jungen Mann, der ſo leichtſinnig war, zum Sprechen zu bringen: eine Griſette macht Parade mit ihrer Verbindung mit einem jungen Manne von Stand. Frau von Saint-Clair hatte durch Liſe das Abenteuer der Nacht, die Tollheiten Guſtav's mit der Patrouille, und den Morgenbeſuch der Madame Dubourg bei der kleinen Wäſcherin erfahren. Hiernach führt Frau von Saint⸗Clair ihre Batterien auf: ſte kennt Herrn und Frau von Berly; aber dies iſt nicht genug, es gelingt ihr, mit Madame Dubourg Bekanntſchaft anzuknüpfen. Seit langer Zeit brütete ſie Rache; ſie bereitete die Zuſammen⸗ treffen, die Kataſtrophen vor; ſie ſchrieb anonyme Briefe an Eugenien und hatte ſie von dem Aufenthalt Suzon's im Hötel unterrichtet, ein Umſtand, welchen die Reden Vater Benvit's ſie hatten ahnen laſſen, obgleich der Thürſteher ſelbſt hierüber keine Gewißheit hatte. Auf ſolche Weiſe zerſtörte Frau von Saint⸗Clair die Ruhe Eugeniens und erregte Zweifel und Schmerz in vem Herzen einer Frau, die ohnehin ſchon zu ſehr zur Eiferſucht ge⸗ ſtimmt war. und warum glle dieſe Schänvlichkeiten? Um ſich an 235⁵ der ſie verachtet hat, und an Eugenien, die ſle verabſcheut, zu rächen. Wenn man wiſſen will, wie weit die Hülfsquellen der Ein⸗ bildungskraft in Zerſtörung des Glücks einer Nebenbuhlerin gehen können, ſo forſche man in dem Herzen einer rachgierigen Frau nach. Es iſt aber noch nicht genug, die Perſonen einander gegen⸗ über zu ſtellen, man muß auch irgend eine heftige Scene herbei⸗ führen. Frau von Saint⸗Clair macht ſich daran: hiezu beginnt ſie mit Guſtav ein Geſpräch, das zuerſt auf gleichgültige Dinge fällt, das ſie aber bald auf andere Gegenſtände zu lenken weiß. „Herr Saint⸗Réal,“ ſagte ſie, Madame Dubourg boshaft anblickend,„ich hoffe, daß Sie ſich nicht von den Patrouillen verfolgen laſſen werden, wenn Sie verheirathet ſind?...— Was wollen Sie damit ſagen, Madame?..— Ah! man hat mir neulich eine Ihrer... bei einem ledigen jungen Herrn ſehr ent⸗ ſchuldbaren... Tollheiten erzählt... Ah! ich habe ſehr darüber lachen müſſen!...— Was iſt es denn?“ fragt Eugenie.—„Ein ſehr ſpaßhaftes Abenteuer: der Herr hatte ein nächtliches Rendezvous mit einer Dame... ich glaube in der Straße Charlot...— Ei, Madame, dieſe Geſchichte geht nur mich an, und..— Mein Gott!.. warum böſe werden, Herr Saint⸗Réal? Sie waren Herr Ihrer Handlungen... Kurz, während der Herr mit ſeiner Schönen ſpricht, die, ich glaube, im Zwiſchengeſchoß wohnte, geht eine Patrouille vorbei. der Gemahl war bei der Nationalgarde, er ſieht einen jungen Mann mit ſeiner Frau ſprechen er lauft auf ihn zu. verfolgt ihn...— Es iſt genug, Madame; ich weiß nicht, aus welcher Abſicht Sie dieſe Geſchichte preisgeben, aber ich erkläre, daß ſie ganz falſch iſt.— Falſch! ah, mein Herr! ich berufe mich auf Herrn Dubourg; er hat in der Straße Charlot gewohnt; er muß ſich an den Lärm erinnern, den Sie in jener Nacht in ſeiner Straße machten, wo Sie an alle Thüren klopften.“ 236 Hert Dubvurg ſprach ſeit dem Beginn der Erzählung der Frau von Saint⸗Clair kein Wort; er hörte jedoch ſehr aufmerk⸗ ſam zu und ſchien ſehr bewegt. Was Herr Dubourg am meiſten fürchtete, war, einfältig und als Geprellter dazuſtehen. Er glaubt in der Unterredung der Frau von Saint⸗Clair und Guſtav's eine angelegte Scene zu erblicken, um ihn zu myſtificiren; von nun an ſchwört er, Rache für dieſe Beleidigung zu nehmen, und nach⸗ dem er ſeiner Frau einen ſchrecklichen Blick zugeworfen hat, klopft er Guſtav auf den Arm und ladet ihn ein, ihm zu folgen. Madame Dubourg weint und iſt troſtlos, als ſie ihren Gatten mit Guſtav weggehen ſieht; Frau von Saint⸗Clair ſtellt ſich höchſt erſtaunt und fragt, was dies Alles bedeute. Eugenie ſpricht kein Wort, allein man ſieht, daß ſie leidet und ihre Qua⸗ len verbirgt. Indeß iſt Guſtav Herrn Dubourg gefolgt; ſie gehen aus dem Schauſpielhaus weg.„Kann ich erfahren,“ ſagt endlich Guſtav, „was Sie mir zu ſagen haben und aus welchem Grunde Sie mich ſo ſpazieren führen?— Sie wiſſen ſehr gut, mein Herr, daß Sie mich beleidigt haben.. Ich brauche Ihnen Dinge nicht zu er⸗ klären, welche Sie genau kennen; aber ich werde Sie lehren, daß man mich nicht in's Geſicht verſpottet. Einen Ehemann zum Hahnrei machen, iſt ſehr ſchlecht!... Wenn er wenigſtens nichts davon weiß, hat er nicht darüber zu erröthen; es ihm aber in Gegenwart von Zeugen zu ſagen! zum Henker, mein Herr, dies iſt zu ſtark!„. Und es kann nicht ſo hingehen!.— Mein Hörr, ich mache Ihnen bemerklich, daß ich kein Wort von all dem geſagt habe erſtlich, weil es nicht wahr iſt, und dann, weil ich, wenn es ſich auch ſo verhielte, doch nicht niederträchtig genug wäre, Ihre Frait Gemahlin auf ſolche Weiſe bloßzuſtellen. Man kann bei Racht an eine Thüre klopfen, ohne in Ihre Wohnun hinaufzugehen. Bedenken Sie doch, mein Herr, daß ei ſtigter Liebhaber keinen Lärm macht und ein ganzes Vier —— 237 dem Schlaf weckt.— Ah, der Herr geſteht, daß er es war?— Ja, mein Herr, aber ich kannte Ihre Frau Gemahlin nicht.— — So was ſagen Sie Andern, wahrhaftig!... Sie haben mich zum Hahnrei gemacht, mein Herr, die Sach⸗ it klar, allein Sie werden mir Rechenſchaft dafür geben.— Zum Teufel, mein Herr, müſſen Sie den Reden einer Frau, die nur Ehen zu verwirren ſucht, Glauben ſchenken?— Frau von Saint⸗Clair iſt eine ehr⸗ bare Frau und unfähig, etwas Unwahres zu ſagen. Gewiß, wenn ſie gewußt hätte, daß ich der Ehemann der Patrouille wäre, ſo würde ſie Ihr Abenteuer nicht in meiner Gegenwart erzählt haben. Allein dieſes Läugnen täuſcht mich nicht. Ich bin be⸗ trogen.. dies iſt ein Unglück, das vielen geiſtvollen Männern zuſtößt.— Aber, mein Herr...— Ich bin Hahnrei, mein Herr, dies iſt klar, wie der Tag...— Ei, mein Herr, ich ſage Ihnen“ ja nicht das Gegentheil! ſeien Sie es, ſo viel Ihnen gefaͤllig iſt, dies geht mich nichts an!— Mein Herr, Sie fügen neue Be⸗ ſchimpfungen hinzu.. Wir werden uns ſchlagen!..— Schlagen wir uns, damit es ein Ende nehme.“ Guſtav und Herr Dubourg kommen über ein Stelldichein auf den andern Tag überein. Der Ehemann kehrt in's Theater zurück und Guſtav bleibt in der Straße, unſchlüſſig, ob er wieder zu Eugenien gehen ſoll; er fürchtet, wenn er wieder in die Loge kommt, die Verlegenheit der Madame Dubvurg und die Freude der tückiſchen Saint⸗Clair zu verdoppeln; wenn er indeß Engenie, die allein mit ihm in's Theater gekommen iſt, nicht abholte, ſo wäre dies die offenbarſte Unhoflichkeit.„Kehren wir zurück,“ — ſagt Guſtav.„Arme Madame Dubourg! man muß geſtehen, daß ihr Gatte ein ſonderbarer Mann iſt! Er will durchaus Hahnrei ſein, und hält ſich dafür an mich! Zum Benker! ich habe unglück: ich habe viele Leute betrogen, die nichts davon bemerkt hahen, und nun zwingt mich ein Mann, deſſen Fran ich kaum fenne, zum Degen zu greifen!... Ah, Madame Dubourg! wenn 238 ſich Gelegenheit zeigt, werde ich ſuchen, Ihren Gatten nicht mehr zum Lügner zu machen.“ Guſtav läßt ſich die Loge öffnen, in der er war; allein Herr und Madame Dubourg ſind nicht mehr darin; Eugenie iſt fort⸗ Frau von Saint⸗Clair allein iſt zurückgeblieben. Sie dreht ſich, um Guſtav anzublicken; ſie ſpricht nichts, aber ſie lächelt, und dieſes tückiſche Lächeln drückt alle Gefühle ihrer Seele gut aus. Guſtav will losbrechen.. allein er hält ſeinen Zorn zurück, deſſen Anblick nur das Vergnügen dieſer ränkevollen Frau ver⸗ mehren würde. Er entfernt ſich, da er ſich nicht all dem Abſcheu überlaſſen komüite, den ihm Frau von Saint⸗Clair einflößt; er erinnert ſich daran, daß man ihr Geſchlecht achten ſoll, ſelbſt wenn die Perſon verächtlich iſt. pierundzwanzigſtes Rapitel. Duell.— Der kleine Savoyarde. Guſtav begibt ſich vom Schauſpielhauſe zu Madame Fon⸗ belle; er hofft, daß er ſie beſänftigen und ſich rechtfertigen könne. Aber die Kammerfrau bedeutet ihm, daß ihre Gebieterin Niemand empfangen wolle.—„Wie! nicht einmal ihren künftigen Gemahl? — Niemand, mein Herr; dies ſind die Befehle der gnädigen Frau.“ „Ah!“ ſagt unſer Held, zu ſeinem Oheim zurückkehrend, „ich bin noch nicht verheirathet!... Eugenie hat eine Eifer⸗ ſucht... Wegen Geſchichten böſe zu werden, die vor unſerer Verbindung vorgefallen ſind!... dies heißt gar zu empfindlich ſein Ich liebe ſie indeß und fühle, daß ich ihr treu ſein würde Sie glaubt dies nicht, weil ich im Ruſe der Flatterhaftig ſtehe!. allein ich bin beſſer als mein Ruf.“ Guſtav ſagt ſeinem Oheim nichts von dieſer nht —————————— 239 gebenheit, und den andern Tag ſteht er mit Anbruch des Tages auf, um ſich zu ſeinem Stelldichein zu begeben. Um den Schwätzereien Benvit's auszuweichen, iſt Guſtav entſchloſſen, denſelben nicht mitzunehmen. Da ihm aber das Glück zuwider ſein kann, ſo iſt es gut, Jemand bei ſich zu haben, der ihn nach Hauſe tragen kann; Guſtav nimmt ſich daher vor, ſich von dem jungen Commiſſionär begleiten zu laſſen, deſſen Eifer für ihn ſich nie verläugnet hat. Guſtav nimmt ſeine Piſtolen und geht aus ſeinem Zimmer. Jedermann ſchläft noch im Hötel, deſſen Hofthor geſchloſſen iſt. Man muß den Portier aufwecken: das iſt Guſtav ärherlich; indeß geht er vorwärts und klopft an das Fenſter, indem er befiehlt, daß man ihm das Hofthor öffne. Statt ganz einfach aufzuziehen, ſteht der Portier im Hemd auf, ſtreckt den Kopf aus ſeinem Fenſter und ſieht, wer ſo früh aus dem Hötel gehe. „Wie, Sie ſind es, Herr Guſtav?— Ja, ich bin es, Herr Benvit; öffnen Sie mir, ich bitte Sie...— Der Herr geht ſehr früh aus.. Sind der Herr Oberſt unwohl?... Iſt ſein Zip⸗ perlein wieder in den Magen geſtiegen?... Iſt?..— Mein Oheim ſchläft hoffentlich, und Ihre Fragen langweilen mich ſehr. Oeffnen Sie mir ſchnell, ich habe Eile.— Aber ich ſehe meinen Sohn nicht, um den Herrn zu begleiten... Benvit!... Benoit!.. — Ei, zum Henker! wenn ich Ihren Sohn nöthig gehabt hätte, würde ich ihn ſchon aufzuwecken gewußt haben.. Heffnen mir dieſes Thor.. Ich bin Ihr Geſchwätz endtich müde. Der Ton Guſtavs ließ keine Widerrede zu. Der öffnet, ſich in Entſchuldigungen ergießend, die Thüre. Unſer junger Mann iſt auf der Straße; er fürchtet, der kleine Savoyarde möchte noch nicht angekommen ſein; er wirft die Augen auf ſeinen gewöhnlichen Platz der gute kleine Kerl ſi itzt ſchon auf ſeinem Eckſtein, er ißt ein Stür Brod, das er mit Thränen benetzt; 240 Guſtav nähert ſich leiſe und klopft ihm auf die Schultern; der Sa⸗ voyarde, durch den Anblick Guſtav's verwirrt, trocknet ſeine Augen. „Wie, mein Freund, ich ſehe Dich immer weinen!. warum theilſt Du mir Deinen Kummer nicht mit?... Wenn Du im Elend biſt, wenn Deine Eltern unglücklich ſind, ſo nimm dieſen Beutel und ſchone ihn nicht! Ich habe oft Geld für Tollheiten verſchwendet, ich bin aber nicht geizig damit, um Unglückliche zu unterſtützen.“ „Ich brauche nichts,“ erwiedert mit halblauter Stimme der rleine Savoyarde, indem er die Börſe zurückſchiebt, die ihm Guſtav anbietet. Dieſer hat ein Gefühl, das er nicht zu erklären ver⸗ mag. Die Töne des armen Kleinen ſind ſanft wie Mädchentöne; ſie erklingen im Innerſten von Guſtav's Gemüth, der ſich in's Gevächtniß zu rufen ſucht, in welchem Zeitraum ſeines Lebens eine eben ſo ſanfte Stimme ſein Herz ſchon pochen machte. Aber die Zeit vergeht und man darf Herrn Dubourg nicht warten laſſen.„Folge mir,“ ſagt Guſtav zum Commiſſionär,„ich habe Dich nöthig.“ Dieſer ſteht ſogleich auf und geht dicht hinter unſerem Helden her, der den Weg nach der Wittwenallee in den elyſäiſchen Feldern einſchlägt. Dort ſoll ſich Herr Dubourg einfinden. Guſtav erblickt ihn in der That, wie er auf der Straße ſpazieren geht. Er läßt ſeinen kleinen Gefährten etwa hundert Schritte von Herrn Dubourg anhalten und beſiehlt ihm, an dieſer Stelle zu warten, bis man ihn holt. Der Savoyarde thut, was man ihm ſagt, und Guſtav geht auf Herrn Dubourg zu. „Ich bin in Verzweiflung, mein Herr, daß ich Sie habe warten laſſen.— Es macht nichts, mein Herr, ich bin ſo eben erſt angekommen. Haben Sie Piſtolen?— Ja Aber entfernen wir uns ein wenig, ich bitte Sie; es waͤre mir lieb, wenn dieſes Kind, das mir gefolgt iſt, uns nicht ſehen könnie. — Wie Sie wollen, mein Herr.“ Ml Man macht einige Schritte in eine andere Allee. Guſtav hält an; die beiden Gegner ſtellen ſich in Entfernung auf. „Schießen Sie, mein Herr,“ ruft Guſtav,„Sie halten ſich für beleidigt, an Ihnen iſt der erſte Schuß.“ Herr Dubourg läßt ſich nicht bitten, er ſchlägt auf Guſtay an, der in die rechte Seite getroffen wird; er fällt, und Herr Dubourg eilt auf ihn zu:„Nun, mein Herr, werden Sie endlich geſtehen, daß Sie mich zum Hahnrei gemacht haben?...— Nein, mein Herr, nein, ich werde eine Sache nicht zugeſtehen, die nicht wahr iſt; und ſterbend beſtätige ich Ihnen, daß Sie ſich irren.— In dieſem Fall, mein Herr, bin ich in Verzweiflung über das, was ſo eben vorgefallen iſt.. Ich will Ihnen einen Wagen und Ihren kleinen Kerl ſchicken.“ Herr Dubourg entfernt ſich und findet den kleinen Savoyar⸗ den ſehr in Unruhe: der Knall des Piſtols war bis zu ihm ge⸗ drungen, und er wollte zu Guſtav eilen, als Herr Dubourg ihm ſagte, daß ſein Herr verwundet ſei. Der arme Knabe fliegt als⸗ bald gegen den Ort, wo Guſtav zurückgeblieben iſt; er ſieht ihn auf dem Boden liegen und mit Blut bedeckt; er tritt ihm näher, will ihm beiſpringen, aber er hat nicht die Kraft dazu und fällt ohne Bewußtſein bei dem Verwundeten nieder. „Zum Henker!“ ſagt Guſtav,„ich habe da einen ſaubern Einfall gehabt, dieſes Kind mit mir zu nehmen, welches der An⸗ blick einer Wunde in Ohnmacht ſtürzt!... wenn ich ihm beiſtehen könnte! aber ich habe nichts bei mir... Ich fühle, daß ich nicht gehen kann.. und Niemand kommt vorüber es iſt zu frühe.. Wenn Herr Dubourg keinen Wagen findet, den er mir zuſchicken kann, ſo werden wir noch lange ohne Hülfe bleiben!..“ Guſtav ruft.. Niemand erſcheint; er will gehen und Leute ſuchen, aber ſeine Kräfte verlaſſen ihn und er fällt ſelbſt bewußt⸗ los neben dem kleinen Savoyarden nieder. Glickticherweiſe füt unſern Helden und ſeinen Gefährten war Paul de Kock. X. 242 Herr Benvit, der Portier des Hötels, eben ſo neugierig als ſchwatzhaft. Nachdem er das Hofthor aufgemacht hatte, rief er ſchnell ſeinen Sohn herbei. Dieſer war gerade aufgeſtanden, und eilt zu ſeinem Vater, den er wie ein Windſpiel in dem Hof auf und ab rennen ſieht, und der von Zeit zu Zeit durch das Fenſter ſeiner Loge, das auf die Straße geht, hinausblickt. „Was gibt es denn, Papa?.— Geheimniß, mein Sohn, Verdächtiges im Benehmen des Herrn Guſtav.. Er geht ſo eben wie wüthend aus dem Hötel.. ohne mich einer Antwort zu würdigen.. Sieh da unten iſt er.. er ſpricht mit dem kleinen Commiſſionär.— Ah wahrlich! dies iſt ſein Günſtling, Sie wiſſen es wohl.— Warte. hier geht er fort.. und der Savoyarde folgt ihm.. Benvit, es iſt Dein Herr, Du mußt ihm ebenfalls folgen. aber von Weitem.— Ich habe keinen Hut...— Nimm meine ſchwarzſeidene Mütze. Geh ſchnell, verliere ſie nicht aus den Augen.. Du ſagſt mir dann Alles, was Du bemerkt haſt.— Seien Sie ruhig.“ Benoit war alſo Guſtav und dem Savoyarden von ferne nachgegangen. Er hatte angehalten, als ſein Herr den kleinen Jungen hatte warten laſſen; er hatte den Piſtolenſchuß gehört; er hatte geſehen, wie Herr Dubourg ſich entfernte, und war auf ihn zugelaufen, um zu erfahren, ob ſein Herr verwundet ſei; auf die bejahende Antwort war er gegangen, einen Wagen zu ſuchen, und langte einige Minuten, nachdem Guſtav ebenfalls das Bewußt⸗ ſein verloren hatte, auf dem Kampfplatze an. Venvit bringt ſeinen Herrn mit Hülfe des Kutſchers in den Wagen, ſetzt ſich neben ihn und läßt den Fiaker wegfahren, ohne ſich um den guten Jungen, den er hülflos liegen läßt, zu be⸗ fümmern. Herr Benoit iſt rachgierig; es iſt ihm angenehm, ſich an Jemand, den er nicht liebt, rächen zu können. Die Dumm⸗ köpfe ſind gewöhnlich voll Groll; es iſt nur großen Seelen eigen, Beleidigungen zu vergeben und Böſes mit Gutem zu ver eiten 243 Man langt im Hötel an. Guſtav hat ſein Bewußtſein wieder erlangt; er wird von ſeinem Oheim empfangen, der in ſeinem Zimmer auf und ab ging, ſehr unruhig über ſeinen Neffen (denn der Thürſteher hatte Sorge getragen, ihm alle Begeben⸗ heiten des Morgens in vergrößertem Maßſtabe zu hinterbringen), und auf ſein Zipperlein fluchend, das ihn am Ausgehen hinderte. Glücklicherweiſe war die Wunde Guſtav's leicht und durfte keine Unruhe verurſachen. Erſt nachdem er hievon die Ueberzeu⸗ gung erhalten hatte, zankte der Oberſt mit ſeinem Neffen. Dieſer erzählte ſeinem Oheim Alles, was am vorigen Abend ſich zuge⸗ tragen habe, als man ihm einen Brief von Madame Fonbelle überbrachte. Guſtav las ihn und übergab ihn ſeinem Oheim. „Seid Ihr wieder verſohnt?“ fragte der Oberſt.—„Leſen Sie, mein Oheim, Sie werden ſehen, daß es nicht möglich iſt, mich zu verheirathen.“ Der Oberſt las folgenden Brief: „Wenn ich Sie heirathe, Guſtav, will ich weder Ihr noch mein Unglück machen. Ich fühle, daß ich Sie zu ſehr liebe, um glücklich mit Ihnen zu ſein. Ihr leichtſinniger und flatterhafter Charakter überliefert mein Gemüth unaufhörlich den grauſamſten Qualen. Seit zwei Tagen habe ich die Beweiſe Ihrer Unbeſtän⸗ digkeit erlangt, und die Vergangenheit läßt mich für die Zufunft zittern. Adieu. Julie, Dubourg, Liſe, die jungen Landmädchen werden Sie tröſten über den Verluſt Eugenien's.“ „Der Teufel hole die Weiber, die Liebenden, die Ränke und die Heirathen!..“ ſagte der Oberſt, den Brief von ſich ſchleu⸗ dernd;„aber es iſt auch Deine Schuld; Du machſt nichts als Dummheiten!...— Mein lieber Oheim, erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß ich dieſes Mal keineswegs ſtrafbar bin; eine bösartige Frau hat Alles gethan. Frau von Saint⸗Clair hat alle ſtattgefundenen Scenen veranſtaltet: ſeit langer Zeit ſuchte ſie mich um Eugenien's Herz zu bringen, es iſt ihr gelungen. Wenn aber Madame Fonbelle, ehe ſie meine Frau iſt, Alles glaubt, 244 was man Ihr gegen mich ſagt, ſo darf ich den Verluſt ihrer Hand nicht bedauern. Um glücklich zu leben, darf man keine Ge⸗ heimniſſe vor einander haben; man darf beſonders Denen unſer Ohr nicht leihen, die unſte Ruhe zu ſtören trachten.— Wenn Du in Eugenie ſehr verliebt wäreſt, würdeſt Du nicht ſo kalt ver⸗ nünfteln. Nun, ich ſehe, daß Du als Junggeſelle ſterben ſollſt. — Nein, mein Oheim, nein.. ich werde mich verheirathen; ich will Ihnen dieſe Genugthuung geben, und weil ich hier keine Frau finde, die mich will, nun, ſo werde ich mich, ſowie meine Wunde geheilt iſt, auf Reiſen begeben. Ich gehe in die Schweiz, wo man von den Frauen ſagt, daß ſie aufrichtig ſeien; nach England, wo ſie leidenſchaftlich lieben; ich werde die vier Welt⸗ theile beſuchen, wenn es ſein muß, und vielleicht am Ende eine Frau finden, die nicht davor erſchrecken wird, einen Leichtſinnigen zu heirathen. Aber mir fällt ein.. ich ſehe Benoit nicht!... Benovit!...— Hier bin ich, Herr!— Du haſt mich bewußtlos in den elyſäiſchen Feldern gefunden?— Ja, Herr.— Du haſt einen kleinen Commiſſionär bei mir ſehen müſſen... Der arme Kleine iſt in Ohnmacht gefallen, als er mich verwundet ſah... — Ah! der Savoyarde von der Ecke?— Ja, der kleine Sa⸗ voyarde.. Nun, antworte mir, was haſt Du mit ihm gemacht? — Ich, Herr, gar nichts!...— Wie, Schlingel, der Du biſt, Du haſt dieſes Kind verlaſſen, ohne ihm Hülfe zu leiſten?— Herr er iſt durchgegangen, ſowie er mich erblickt hat..— Durchgegangen!.. und er lag bewußtlos..— O! verzeihen Sie mir, Herr, er ſang, als ich mit dem Wagen angekommen bin.— Er ſang.. ſtatt Hülfe für mich herbeizuholen?. Benvit, Du lügſt!..— Der Herr darf nur meinen Papa fra⸗ gen, er wird Ihnen ſagen, daß ich gut erzogen bin, und daß — Benoit, wenn der Savoyarde heute nicht vor dem Hötel er⸗ ſcheint ſo jage ich Dich fort.— Aber, Herr“ Benvit ſuchte ſich zu entſchuldigen, als mau einen Lärm im 24⁵ Sof hörte; ein Bedienter meldete, daß der kleine Savoyar. ſo eben im Hötel angelangt ſei und mit Inſtändigkeit Herrn Guſtav zu ſehen verlange. „Er mag kommen,“ ſagte Guſtav. Der gute Junge eilt her⸗ bei; er ſtürzt vor dem Bette des verwundeten Jünglings nieder, ergreift ſeine Hand und bedeckt ſte mit Thränen. „O der kleine Duckmäuſer!“ ſagte Benvit ganz leiſe,„wie er den Scheinheiligen ſpielt! und dies Alles, um Jockey meines Herrn zu werden.“ Guſtav beruhigte den kleinen Commiſſionär über ſeine Ge⸗ ſundheit und fragte ihn aus, um zu erfahren, ob Benvit die Wahrheit geſagt habe. Während Guſtav den Savoyarden ausfragte und Benvit einen Vorwand zu ſeiner Entſchuldigung ſuchte, betrachtete der Oberſt den guten Jungen und ſchien ſehr in Gedanken verſunken. Benvit ward ausgezankt, der Savoyarde für ſeine Anhäng⸗ lichteit an Guſtav belohnt, und man ließ den Kranken ein wenig Ruhe genießen. Nach Verlauf von zehn Tagen war Guſtav's Wunde zuge⸗ heilt. Während dieſer Zeit hatte ſich der Oberſt nach dem Thun der Mavame Fonbelle erkundigt; er vernahm zu ſeiner Bekümmer⸗ niß, daß ſie nach einem ihrer Güter abgereist ſei. Dieſe Nach⸗ richt benahm ihm die Hoffnung, die Verbindung ſeines Neffen mit Eugenien wieder anzuknüpfen, denn Guſtav war nicht der Mann, der hinter einer Frau herlief, die ihn zu fliehen ſchien. So wie Guſtav wieder hergeſtellt war, dachte er an alle Zu⸗ rüſtungen für ſeine Reiſen; er war entſchloſſen, ſich auf einige Zeit aus Frankreich, wo Nichts ihn band, zu entfernen: er hatte Madame Fonbelle zu Gefallen alle ſeine alten Bekanntſchaften ab⸗ gebrochen; Julie hatte von den Liebeshändeln Abſchied genommen; die Operntänzerinnen verführten unſern Helden nicht mehr; die kleine Liſe hatte einen Hutmacher geheirathe und begnügte ſich 246 damit, ihren Mann in Wuth zu bringen; Suzon war verſchwun⸗ den; Olivier, der fortfuhr, zu ſpielen, ſtatt in ſein Bureau zu gehen, hatte ſeine Stelle verloren, und ſein Lebenswandel war ſo ausſchweifend, daß Guſtav, der bei ſeinen Tollheiten ſich ſelbſt noch achtete, einen Menſchen nicht mehr zum Geſellſchafter haben konnte, der nur Dirnen und ſchlechte Orte beſuchte; Guſtav hatte alſo nichts mehr, das ihn in Paris zurückhielt. Er theilte dem Oberſt ſeinen Entſchluß mit und dieſer billigte ihn, indem er hoffte, daß die Reiſen den Kopf ſeines Neffen reifen würden. Guſtav machte alle ſeine Zurüſtungen und verſtand ſich dazu, Benoit mitzunehmen, um ſeinem Oheim zu beweiſen, daß er nicht die Abſicht hatte, ſich neuen Intriguen hinzugeben; denn Benoit's Ruf war gemacht, man wußte, daß er zu nichts gut war, als bei Tiſche aufzuwarten und ein Pferd zu zäumen. Benoit war entzückt, Guſtav folgen zu dürfen, denn er hatte anfänglich gefürchtet, ſeinen Herrn möchte die Luſt ankommen, den kleinen Commiſſionär mitzunehmen; in ſeiner Freude ſprach er jeden Augenblick mit ſeinem Vater von ſeinen bevorſtehenden Reiſen, und trug Sorge, dies dem guten Jungen beſtändig in die Ohren zu trichtern, weil er wahrzunehmen glaubte, daß es ihm Kummer mache. Herr Benoit war ein abſcheulicher Trotzkopf. Der Tag der Abreiſe iſt gekommen. Der Oberſt will ſeinen Neffen bis Saint⸗Germain begleiten; er läßt ſein Cabriolet richten und Benvit wird mit den Pferden vorausgeſchickt, denn Guſtav will zu Pferde reiſen; dies iſt in der That die ange⸗ nehmſte Art, um ein Land, das man durchreist, genau kennen zu lernen. Beim Einſteigen in das Cabriolet ſucht Guſtav ſeinen kleinen Commiſſtonär, dem er Zeichen ſeiner Großmuth zurück⸗ laſſen will, mit den Augen; aber der Savoharde iſt nicht an ſeinem Platz; man ſieht ſogar weder ſeinen Schemel, noch ſeinen kleinen Sitz; Guſtav wundert ſich über die Abweſenheit des guten 247 rleinen Kerls, und es thut ihm leid, abzureiſen, ohne ihn noch geſehen zu haben. Das Cabriolet ſetzt ſich in Lauf. In zwei Stunden kommt man in Saint⸗Germain an. Der Oberſt ſchlägt den Weg nach dem Gaſthof ein, in den man Benoit beſtellt hat; ſchon iſt man nahe dabei, als ein Privatwagen, der ſchnell wie der Wind fährt, gegen das Cabriolet des Oberſten kommt; dieſer hat keine Zeit, ihm auszuweichen: der ungeſchickte Kutſcher ſtößt an das leichte Cabriolet, wirft es um und peitſcht ſeine Pferde, um ſich dem Zorn des Oberſten zu entziehen. Guſtav und ſein Oheim ſind auf die Seite gefallen; der Oberſt ſteht fluchend auf, er iſt nicht verwundet, Guſtav hat einen zerquetſchten Fuß: aber hinter ihnen laſſen ſich Jammertöne hören. Die eifrige Menge umgibt das Cabriolet. Der Oberſt erkundigt ſich, ob ſein Wagen im Fallen Jemand verletzt hat, und er gewahrt einen kleinen Savoyarden, den man hervorzieht und in den Gaſthof trägt. Guſtav ſtößt einen Schrei der Ver⸗ wunderung aus: er hat ſeinen kleinen Commiſſionär erkannt und vernimmt von den umſtehenden Leuten, daß das arme Kind hinten auf dem Cabriolet ſtand, als es umwarf. „Ich bitte, mein Oheim,“ ruft Guſtav aus,„laſſen Sie dieſem armen Kinde alle mögliche Hülfe angedeihen, während ich mir den Fuß verbinden laſſe.“ Der Oberſt fügt ſich den Wünſchen ſeines Neffen, er geht zum kleinen Savoyarden. Guſtav, der ſehr am Fuß leidet, wird in ein Zimmer geführt, und Benoit bringt ihm einen Zahnarzt, der es über⸗ nimmt, die zerquetſchten Füße in vierundzwanzig Stunden zu heilen. Guſtav, der gezwungen iſt, in einem Zimmer zu bleiben, ohne ſich zu rühren, wird ungeduldig, weil ſein Oheim nicht wieder er⸗ ſcheint; er brennt, Nachricht von dem kleinen Savoyarden zu erhal⸗ ten; er will Benoit nach ihm ſchicken, als Herr Moranval end⸗ lich in ſein Zimmer tritt. 248 Der Oberſt iſt blaß, verſtört; ſein Geſicht drückt eine ſolche Bewegung aus, daß Guſtav dadurch erſchreckt wird. „Was haben Sie denn, mein Onkel? was iſt vorgekom⸗ men?... wäre dieſer arme Knabe tödtlich verwundet?— Nein.. nein ſeine Wunde iſt leicht... es wird nichts ſein...— Wo⸗ her mag alſo dieſe Verwirrung kommen, in welcher ich Sie ſehe?... — Potztauſend! unſer Sturz hat mir wohl die Sinne ein wenig verwirren können!...— Sie waren aber nicht in dieſem Zuſtande, ehe Sie ſich zu dem kleinen Savoyarden begaben... Sie ver⸗ hehlen mir Etwas im Namen des Himmels, ſprechen Sie!... — Ei, zum Henker, ich verhehle Dir nichts!... was Teufels willſt Du denn, daß ich Dir ſagen ſoll? Der kleine gute Junge iſt beinahe nicht verletzt... die Furcht hat ihn aber des Gebrauchs ſeiner Sinne beraubt, morgen wird er nichts mehr davon haben. — Warum war er denn hinter unſern Wagen geſtiegen?— Weil er uns gefolgt war, wahrſcheinlich.— Gefolgt... in welcher Ab⸗ ſicht?— Ei, tauſend Schwadronen! in der Abſicht, ſpazieren zu fahren, ohne Zweifel. Weißt Du nicht, daß es Gewohnheit der kleinen Schlingel iſt, hinten auf die Wägen zu ſteigen?— Indeß, mein Onkel...— Ho ho, jetzt habe ich genug über dieſes Püpp⸗ chen; ich ſage, es fehlt ihm beinahe nichts; ich habe ihm Geld gegeben, um ſich heilen zu laſſen, Du darfſt Dich nicht mehr um ihn beunruhigen. Was Dich betrifft, ſo kannſt Du, da Deine Quetſchung nicht gefährlich iſt, Dich morgen wieder auf den Weg begeben. Adieu, ich kehre nach Paris zurück.— Wie! mein Oheim, Sie wollen mich in dieſer Herberge der Langeweile über⸗ laſſen? wer treibt Sie denn?. Sie werden eben ſo gut morgen nach Paris zurückkehren.— Ich ſage Dir, daß ich im Augenblicke abreiſe: wahrſcheinlich habe ich Gründe, nach Hauſe zurückzukehren; Du kannſt wohl einen Tag ohne Geſellſchaft in einer Herberge bleiben: da Du Europa durchreiſen willſt, iſt zu vermuthen, daß Dir dies öfters vorkommen wird. Adien; um⸗ 249 arme mich, Guſtav: Du haſt Geld, Empfehlungsbriefe für ver⸗ ſchiedene Länder; und überdies weißt Du, daß Du im Nothfall auf mich zählen kannſt; ich werde Deine Wechſel einlöſen, wenn Du Dich gut aufführſt. Reiſe, bemühe Dich, keine Tollheiten mehr zu machen, und wenn Du eine kluge, ſanfte und treue Frau findeſt, ſo bring ſie mit, ſie ſoll Dein Weib werden; aber rufe Dir ſtets in's Gedächtniß, daß ich auf dieſen drei Eigen⸗ ſchaften beſtehe.“ Der Oberſt umarmt ſeinen Reffen zärtlich und verläßt ihn; einige Augenblicke nachher hörte Guſtav das Cabriolet ſeines Oheims aus dem Gaſthof wegfahren. Guſtav fand etwas Außergewöhnliches in dem Benehmen des Oberſten; ſeine ſichtliche Gemüthsbewegung, als er zu ſeinem Neffen zurückkam; dieſer plötzliche Entſchluß, augenblicklich wieder abzureiſen, während nichts ihn nach Paris zurückrief: dies Alles ſchien ein Geheimniß zu verbergen. Guſtav ſuchte es zu errathen; vergebens zerbricht er ſich aber den Kopf, um den Beweggrund dieſer ſchnellen Abreiſe zu entdecken; er hofft den andern Tag glück⸗ licher zu ſein, wenn er den kleinen Savoyarden befragt. Nach der Tafel befiehlt Guſtav Benoit, ſich nach der Geſund⸗ heit des kleinen Verwundeten zu erkundigen. Der Bediente geht, kommt aber bald wieder zu ſeinem Herrn zurück.„Nun gut, Benvit, was macht dieſer arme Junge?— Ei, mein Herr, es ſcheint, daß es gut geht, weil er abgereist iſt!...— Abge⸗ reist!... Der kleine Commiſſionär, der dieſen Morgen verwundet wurde, iſt abgereist?.. geh, dies iſt nicht möglich.— Herr, ich ſage Ihnen nichts, als was man mich verſichert hat. es wundert mich ebenfalls ſehr! Aber, Herr, was das Sonderbarſte iſt, daß die Hausmagd mich verſichert hat, Ihr Herr Oheim habe ihn in ſeinem Cabriolet mitgenvmmen.— Mein Oheim hat den Savoyarden mitgenommen?— Ja, Herr, jaz er hat für ihn alle mögliche Sorge getragen... er hat nicht gewollt, daß irgend 250 eine andere Perſon ihm in den Wagen ſteigen helfe... kurz, dieſer kleine Rußbube muß ein Zauberer ſein, um ſich ſo gerade einen Oberſten zum Freund zu machen!.4 Guſtav war erſtaunt über das Benehmen ſeines Oheims; allein er maß dieſe letztere Handlung dem guten Herzen des Oberſten bei, der unter rauher Außenſeite eine gefühlvolle und mitleidige Seele barg. Den nächſtfolgenden Tag befand ſich unſer Held wohl genug, daß er zu Pferde ſteigen konnte, und er verließ Saint⸗Germain, um ſeine Reiſe anzutreten. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. WVelches einen Zeitraum von drei Jahren in ſich faßt. Statt der Straße nach Italien zu folgen, wie er ſich vorge⸗ ſetzt hatte, wendete Guſtav das Pferd und nahm ſeine Richtung gegen Ermenonville. Benoit, der die Straße nicht wieder erkannte, war ſehr neu⸗ gierig, zu wiſſen, wohin ſein Herr gehe. Er war etwas weniger ſchüchtern, als bei ſeiner erſten Reiſe mit Guſtav; er näherte ſein Pferd gerne dem unſeres jungen Reiſenden, aber er wagte nicht, ſich Fragen zu erlauben. Endlich langt man im Dorfe an. Benoit erkennt das Schloß, die kleine Brücke und das Haus des Vaters Lukas, vor welchem Guſtav anhält; er kann dem Wunſche nicht widerſtehen, zu er⸗ fahren, was ſie bei den Dorfbewohnern thun werden. „Herr, werden wir wieder hier wohnen?..— Du wirſt es ſehen.— Herr... werden Sie wieder das ganze Haus in Verwirrung bringen. die Kühe zum Durchgehen und die alten Weiber zum Schreien bringen?...— Benvit, ich werde thun, was mir gefällt. Wenn Du Dir wieder erlaubſt, mich auszu⸗ fragen, ſo ſchicke ich Dich nach Paris zurück.— Ich ſage nichts mehr, Herr.“ Guſtav tritt in den Hof des Hauſes; eine Bäuerin ſtößt einen Schrei aus, als ſie den jungen Mann erblickt: es iſt Marie⸗ Hanne, die Guſtav erkannt hat; dieſem iſt es ſehr lieb, daß er, ehe er die Familie Lukas ſieht, durch das Bauernmädchen erfahren kann, wie er aufgenommen werden wird; er macht dem dicken Mädchen ein Zeichen, zu ihm zu kommen. „Wie!.. Sie ſind es, mein Herr?... Ah! ich erwartete Sie kaum. nun iſt es bald ein Jahr, ſeit Sie gekommen ſind... ja es wird ein Jahr ſein in drei Monaten.. ungefähr um die Zeit der Pflaumen...— Sagen Sie mir, meine liebe Marie⸗ Hanne, wie man ſich hier befindet? Iſt man immer luſtig, zu⸗ frieden?..— O, mein Herr!... es hat ſich viel verändert, das dürfen Sie glauben!.. wahrlich, Sie wiſſen es nicht... Jungfer Suzon hat uns verlaſſen. Aber treten Sie doch ein, mein Herr, unſere Frau wird Ihnen dies Alles erzählen.“ Guſtav ſieht aus den Reden von Marie⸗Hanne, daß man nicht weiß, daß er die Urſache von Suzon's Flucht iſt. Er tritt in das Haus, wo er Vater und Mutter Lukas findet. Die Dorfbewohner empfangen ihn freundſchaftlich. Vater Lukas ſchwatzt etwas weniger, ſeine Frau ſpricht aber immer eben ſo viel; ſie erzählt Guſtav das Verſchwinden ihrer Tochter, Mutter Lukas weint, wenn ſie von Suzon ſpricht, und die Thränen der guten Frau fallen auf Guſtav's Herz zurück, denn er fühlt wohl, daß er ſie fließen macht. Ohne ſeinen Aufenthalt bei Lukas wäre das junge Mädchen im Dorfe geblieben; friedlich bei ihren Eltern, hätte ſie nie an andere Vergnügungen gedacht, und ihr Herz hätte den Gedanken, ſich von ihnen zu trennen, von ſich geſtoßen; aber die Gegenwart Guſtav's hatte Alles verändert, und die Mutter kam nicht auf den Gedanken, daß ſie mit dem Manne ſpreche, der den Kopf ihrer kleinen Suzon verrückt hatte. Guſtav war ſehr erſtaunt, als er vernahm, daß Suzon ſeit zwei Monaten ſehr häufig an ihre Eltern ſchreibe, jedoch ohne ihnen ihre Adreſſe in Paris zu geben, weil ſie immer noch fürchtet, man möchte ſie mit Nikolas verheirathen. 6 „Sie hat ſehr Unrecht, das liebe Kind,“ ſetzt Mutter Lukas hinzu„Wahrlich, Nikolas Toupet. iſt verheirathet, er denkt nicht mehr an ſie. Was uns betrifft, nun, ſo waren wir im Anfang ihrer Flucht ſehr traurig und im Zorn; ſeit ſie uns aber ſo zärt⸗ liche Briefe geſchrieben hat, worin ſie uns ſehr um Verzeihung bittet für das, was ſie gethan hat, ach! meiner Treu, ich bin bereit, ihr zu verzeihen, und ich hoffe ſehr, daß ſie bald zurück⸗ kommen wird.“ „Sie iſt immer noch in Paris,“ ſagt ſich Guſtav,„und hat ſeit ihrer Flucht von der Tabuletkrämerin mich nicht zu ſehen ge⸗ ſucht? Suzon liebt mich alſo nicht mehr!.. Suzon hat es wie Andere gemacht! ſie hat die Vorſchläge irgend eines Wüſtlings angehört.. denken wir nicht mehr an ſie... ich bin ſehr dumm, daß ich glauben konnte, ein ſo hübſches Mädchen ſei treu ge⸗ blieben!... Vergeſſen wir ſie. möge ſie glücklich ſein können!...“ Der junge Mann verläßt das Haus, nachdem er Marie⸗Hanne Zeichen ſeiner Freigebigkeit zurückgelaſſen hat; er entfernt ſich von Ermenonville; allein er verſpricht ſich ganz leiſe, bei der Heim⸗ fehr von ſeinen Reiſen wieder dorthin zu gehen, um zu erfahren, ob Suzon endlich zu ihren Eltern zurückgekommen iſt. Guſtav begibt ſich geraden Weges nach Italien, ohne daß ihm irgend eine bemerkenswerthe Begebenheit aufſtößt. Er langt endlich in dem Vaterland der Cäſaren an, er beſucht das Capitol, die Peterskirche, die Gräber der Päbſte, er findet noch in den Trümmern der Tempel und Paläſte Zeichen von der Größe der Römer wieder, aber vergeblich ſucht er unter den Einwohnern die Spuren jenes ſtolzen und kriegeriſchen Volkes, er ſieht nur Bettler und Mönche, wo die Conſuln und Tribunen gelebt.„Und dies 253 hier ſind die Römer!“ ſagte Guſtav bei ſich ſelbſt, indem er dieſe erdfahlen und ſchmutzigen Menſchen betrachtete, die in den Straßen der Stadt umherſchwärmen, wo viele ihr Leben zubringen, ohne eine andere Wohnung zu haben, als eine Vertiefung zwiſchen zwei Eckſteinen, ohne eine andere Bedeckung, als einen durchlocherten und zerfetzten Mantel, ohne eine andere Nahrung, als in Waſſer gekochte Maccaroni. In Wahrheit, es iſt mir beinahe leid, daß ich nach Rom gekommen bin: ich verliere einen Theil der Täu⸗ ſchungen meiner Jugend, und ich fange an zu glauben, daß die einzige Frucht, welche man aus ſeinen Reiſen zieht, die Beur⸗ theilung des Unterſchieds iſt, der zwiſchen der Vergangenheit und der Gegenwart, zwiſchen den Träumen der Einbildungskraft und ver Wirklichkeit beſteht. Ohne Zweifel machen darum die Reiſen weiſer und bilden den Verſtand. Ich begreife in der That, daß Alles, was man ſieht, zu ſehr philoſophiſchen Betrachtungen Anlaß geben kann: eine Kirche, wo ein Cirkus war; ein Lotterie⸗Bureau neben dem tarpejiſchen Felſen; und Polichinells auf dem Platze, wo die Söhne des Brutus umkamen. Was würde dieſer trotzige Republikaner geſagt haben, wenn man ihm geweiſſagt hätte, daß ſein Vaterland eines Tages das der Taſchenſpieler, Hanswurſte und Marionetten ſein werde!... Guſtav verließ Rom ohne Bedauern; Benvit ſehnte ſich nach den Paraden zurück, womit er ſich in der Stadt beluſtigt hatte. Unſer Held beſuchte einen Theil Italiens, begab ſich hierauf nach Spanien, Portugal, Deutſchland, Polen und zuletzt nach England. Ueberall hatte unſer junger Mann Abenteuer; allein die Er⸗ zählung der Liebes⸗Angelegenheiten, die ſich faſt alle gleichen, würde wenig Reiz für den Leſer haben. Da, wo das Herz nicht mit im Spiele iſt, ſind die Verbindungen ſehr einförmig. Bei den Italienerinnen hatte Guſtav ſo zu ſagen nicht einmal nöthig, eine Erklärung zu machen, dieſe Damen erſparten ihm die Mühe; und was man auch von der Galanterie und Koketterie der Franzöſin —— 254 zumal von den ungebundenen Sitten der Pariſerinnen ſagen mag, ſo kann man dies doch nicht mit der Leichtfertigkeit vergleichen, mit der die Italienerinnen einen Liebeshandel anknüpfen. Indeß hatte Guſtav den Ruhm oder vielmehr das Unglück, heftige Leidenſchaften einzuflößen; er trug aus Italien einige Stiletſtiche davon und Benoit Erklärungen und Vorſchläge, die er ſich bei ſeiner Zurückkunft von ſeinem lieben Papa verdeutlichen zu laſſen hoffte. In Spanien ſpielte Guſtav Guitarre und liebelte durch kleine Fenſterläden. Er ging in die Predigt, die hübſchen Frauen zu bewundern und Blicke zu wechſeln; an der Thüre bot er Weih⸗ waſſer an, und alte Megären, welche man dort„Duenna“ nennt, und die hier Kupplerinnen heißen, folgten ihm in ſeine Wohnung und brachten ihm Liebesbriefe. In Spanien gibt es noch mehr Pracht und mehr Bettler als in Italien: die Extreme berühren ſich beinahe immer. Benvit, der nicht wußte, daß in dieſem Lande der Bettel ein Handwerk iſt, und die Bettler Leute, denen man nur mit Achtung begegnen darf, hatte eines Tages das Unglück, einen Bettel⸗ Sennor, der die Cariſtade von ihm verlangte, ein wenig grob zurückzuweiſen; alsbald ſtürmte eine Menge Bettler auf Benoit los; er ward geſchlagen, gewälzt, mißhandelt; als Guſtav ſeinen Diener mit einem Rudel Elender im Handgemenge ſah, fiel er mit Stockſtreichen über die Bettler her; nun wurde die Sache ernſthaft; Bettler zu ſchlagen! dies hieß die Gebräuche, Gewohn⸗ heiten, Privilegien der Spanier angreifen, und dieſe Leute ver⸗ ſtehen keinen Spaß, in Allem, was ihren Stolz berührt; ſie legen Stolz in Niedrigkeiten, Eigenliebe in Kindereien und Eigenſinn in Knabenſtreiche. Die Alguazils langten an; man führte Guſtav, Benoit und die Bettler vor den Herrn Corregidor. Der gnädige Herr gab der ſtolzen Canaille Recht, fand es ſehr ſchlecht, daß ein Einarmiger —————————— 25⁵ zwei Stockſtreiche erhalten hatte, und achtete nicht auf die einge⸗ brochenen Zähne und zerriſſenen Ohren Benvits; Guſtav fluchte, wurde zornig; der gnädige Herr wollte ihn gerade mit ſeinem Diener in's Gefängniß werfen laſſen, als glücklicherweiſe die Duenna von Madame dazu kam: ſie erkannte Guſtav für einen hübſchen jungen Mann, den ſie bei mancher Gelegenheit bedient hatte, und der die ihm geleiſteten Dienſte ſehr gut bezahlte. Sie nahm ihn in ihren Schutz, rettete ihn, und Guſtav verließ Spanien, da ihm ein Land entleidet war, in welchem die Geſetze nur für Inquiſitoren, Mönche, Cortes und Bettler gemacht ſind. In Deutſchland fand unſer Held liebenswürdige Frauen und rauchende Ehemänner. Er wohnte bei einer ſchönen Deutſchen, welche den Walzer mit Leidenſchaft liebte und jeden Tag irgend eine neue Figur erfand(denn in Deutſchland begnügt man ſich beim Walzen nicht bloß mit dem Drehen, wie es in Frankreich der Fall iſt). Die Wirthin Guſtav's ward nie müde; es war noch ärger, als mit Jean⸗Jean Courtepointe; während ſie walzte, machte ihr Gatte Muſik und Benoit nahm Unterricht in der Flöte bei dem Mädchen vom Hauſe, einer luſtigen Dirne, die alle Inſtru⸗ mente ſpielte, und an einem Quartett Theil nahm. Aber der Walzer ermüdete Guſtav und die Flöte machte Benvit ſehr mager. Unſer Held verließ Deutſchland mit der Ueber⸗ zeugung, daß die Frauen hier von erſter Stärke im Tanzen ſind, und Benvit war vergnügt, Muſiker geworden zu ſein.„Es iſt ein hübſches Land(ſagte er zu ſeinem Herrn), die Damen ver⸗ ſtehen einen ſogleich, ohne daß man deutſch kann; und die Männer! ſprechen Sie nur vor ihnen Haydn, Mozart aus, ſo reden ſie zwei Stunden fort, ohne Ihnen Zeit zum Antworten zu laſſen. — Wer hat Dich dies gelehrt?— Das dicke Mädchen, welches mich in der Flöte unterwies. Dies ſind die einzigen Worte, die ich deutſch gelernt habe, auch weiß ich nicht, was es ſagen will; allein, wenn Sie mit der Wirthin walzten, ſprach meine Flöten⸗ —— 256 ſpielerin mit dem Mann von Haydn und Mozartz o! alsdann nahm er ſeine Geige und hielt nur noch an, um zu trinken!.. ah! er war ein ſchrecklicher Muſiker!“ Guſtav ſchiffte ſich nach England ein. Benoit ließ ſich wäh⸗ rend der Ueberfahrt an ein Brett binden, damit er gewiß war, auf dem Waſſer zu ſchwimmen, wenn das Schiff unterginge. Man kam aber an, ohne einen Sturm erlitten zu haben. Benoit kam mit vier Tagen fortwährenden Erbrechens weg; er behauptete, als er aus dem Schiff ſtieg, daß ſeine Zunge um zwei Zoll länger geworden ſei. Der Aufenthalt in Großbritannien kann nur einem Manne gefallen, der ſein größtes Vergnügen in Pferderennen, Hahnen⸗ kämpfen, Wetten, Punſch und Plumpudding ſetzt. Ein Franzoſe muß es ſonderbar finden, wenn er beim Nachtiſch alle Frauen⸗ zimmer von der Tafel aufſtehen und die Männer ſich der Ausge⸗ laſſenheit hingeben ſieht, die ihnen der Crambambuli einflößt, ohne das Weggehen des ſchönen Geſchlechts zu bedauern, welches für ſie im Gegentheil das Zeichen zur Luſtigkeit iſt(wenn man über⸗ haupt das Vergnügen, zu trinken, bis man unter den Tiſch fällt, Luſtigkeit nennen kann). Der junge Reiſende fand die Wahl der engliſchen Spazier⸗ gänge ebenfalls traurig; in den Kirchhöfen geht man mit Vor⸗ liebe ſpazieren und erholt ſich von Arbeit und Geſchäften; in Wahrheit, die Gottesäcker ſind ſehr ſchön und man liest auf den Gräbern zuweilen rührende und öfters vriginelle Inſchriften. Allein man muß ein Engländer ſein, wenn ein ſolcher Spaziergang das Gemüth nicht zur Schwermuth ſtimmen ſoll; es iſt ein Gefühl, das man zuweilen gerne empfindet, dem man ſich aber ohne Ge fahr nicht zu oft hingeben darf. Guſtav bemerkte, bis zu welchem Punkte dieſes denkende Volk die Aufmerkſamkeit auf Nebendinge und die Genauigkeit in Her⸗ kommensſachen treibt. Man ſpottete in einem glänzenden Cirkel 257 über den jungen Franzoſen, weil er, wenn er ſehr warmen Thes trank, den Inhalt der Taſſe in die Untertaſſe goß und weil er ſeinen Löffel nicht in die Taſſe legte, wenn er nicht mehr trinken wollte.„Wenn die großen Geiſter ſich in kleinen Dingen bemerkbar machen,“ ſagte Guſtav,„ſo ſind die Engländer ſicherlich ſehr tiefe Denker. Ich wundere mich aber alsdann, daß man in der Ge⸗ ſchichte der Athenienſer, Spartaner und aller jener durch ihren Geiſt und ihre Tapferkeit berühmten griechiſchen Völkerſchaften nichts von der Art und Weiſe ſagt, wie ein Srn den Becher halten mußte, den man ihm vorſetzte.“ Benoit gewöhnte ſich an die Gebräuche Englands: er aß fünfmal täglich, trank den ganzen Tag hindurch Thee, und ſobald es Nacht wurde, Punſch. Schon ſah er ſeinen Körperumfang zu⸗ nehmen, und er hörte mit Kummer, daß ſein Herr ein Land ver⸗ laſſen wollte, wo man ſo gut lebte. Die jungen Miſſes waren hübſch, und in England genießen die ledigen Frauenzimmer eine große Freiheit; ſie können, ohne daß man es unanſtändig findet, allein mit einem jungen Manne ausgehen, mit ihm das Land, Schauſpiele, ſogar Bälle beſuchen; einmal aber verheirathet, welcher Unterſchied! ſie verlaſſen ihre Häuſer nicht mehr ohne ihre Gatten und geben ſich ganz der Sorgfalt für ihr Hausweſen hin. Doch konnte die Geſellſchaft der jungen Engländerinnen Frankreich bei Guſtav nicht in Ver⸗ geſſenheit bringen.„Weißt Du,“ ſagte er eines Tages zu Benoit, „daß wir nun drei Jahre abweſend ſind?— Drei Jahre, Herr!... Ach, Gott! wie wird mich mein Papa größer, dicker und ſchöner finden!— O! er wird Dich nicht mehr kennen..— Die Reiſen haben mich ſehr gebildet!...— Wir ſind acht Monate in Italien, ſechs in Spanien, ein Jahr in Deutſchland, drei Monate in Polen geblieben, und jetzt iſt es nahe an zwei Monaten, daß wir hier Beefſtenk und Roſtbeef eſſen. ich habe genug. Rechten wir die Zeit hinzu, welche wir zu vieſen verſchiedenen 8 de Kock. N. S — braucht haben, o! es iſt mehr als drei Jahre, daß wir abgereist ſind. Rüſte unſer Gepäck, Benvit; ich will zu meinem Oheim zurückkehren.— Wie Schade! ich fing an, recht gute Fauſt⸗ ſtöße zu ſetzen. Während ſeiner Reiſe hatte Guſtav oft Briefe von ſeinem Oheim empfangen. Der Oberſt war in eine ſehr ſchwere Krankheit gefallen, von der er endlich wieder hergeſtellt war. Er fragte ſeinen Neffen immer, ob er eine Frau gefunden habe; in jedem ſeiner Briefe legte er Guſtav Fragen über dieſen Gegenſtand vor; in ſeinen letzteren aber ſchrieb er, wie gerne er ihn wiederſehen möchte, und Guſtav wollte ſeine Rückkunft nicht länger aufſchieben. Ueber⸗ dies war unſer Held müde, in der Welt herumzulaufen. Wie Joconde, hatte er viele galante Abentener gehabt; wenn aber das erſte Jugendfeuer geloͤſcht iſt, ſo wird man der unvollkommenen Vergnügungen, die weder Herz noch Geiſt reizen, müde. Guſtav war nicht mehr jener Bruder Liederlich, der aus Fenſtern ſprang, ein ganzes Viertel aus dem Schlafe weckte und ſich mit der Wache herumſchlug; er war geſetzter, vernünftiger, beſonnener als ehe⸗ mals; und ohne daß er aufhörte, das Vergnügen und die Schönen zu lieben, fühlte er die Nothwendigkeit, ſeine Auswahl bei Be⸗ kanntſchaften zu treffen. Sein Gefühl, enttäuſcht über falſche Genüſſe, würdigte endlich die Süßigkeit einer wahren und gegen⸗ ſeitigen Liebe, ſowie die Vergnügungen der Achtung und Freund⸗ ſchaft. ₰ „Reiſen wir ab,“ ſagte Guſtav zu Benoit;„kehren wir nach Frankreich zurück. Ich werde meinen Oheim wieder finden, ohne ihm eine Frau meiner Wahl vorzuſtellen: meiner Treu, ich ge⸗ ſtehe, daß ich mich auf meinen Reiſen nicht ſehr damit beſchäftigt habe, eine zu finden. Es iſt entſchieden, daß ich eine Franzöſin jeder andern vorziehe: die Italienerinnen ſind zu glühend, die Spanierinnen zu eiferſüchtig, die Deutſchen zu walzluſtig, die Polinnen zu kalt, die Engländerinnen zu ſentimental.— Es iſt 259 wahr, Herr: ich geſtehe auch, daß ich außer der Flöte, den Marionetten und dem Plumpudding nichts ſehr Bemerkenswerthes in den Städten, die wir beſuchten, geſehen habe.“ Guſtav nahm Abſ ſchied von den Ufern der Themſe. Er ſchifte ſich auf dem Paketboot ein und langte bald in Calais n. Er lächelte vor Vergnügen, als er den Fuß auf die Muttererde ſetzte; er war begierig, ſeinen Oheim und ſeine alten Bekannten wieder zu ſehen; und Benoit glühte vor Ungeduld, ſeinem Vater Alles das erzählen zu können, was er gehört, geſehen, bewundert und wahrſcheinlich ſogar, was er nicht geſehen hatte. Sechsundzwanzigſtes Rapitel. Hatten Sie es geahnt? Guſtav hatte ſeinen Oheim von ſeiner Rückkunft in Kenniniß geſetzt; als er in Calais an's Land ſtieg, ſah er einen großen Kerl von gutem Ausſehen, der als Poſtillon gekleidet war und einen Brief in der Hand hielt, auf ſich zukommen.„Iſt der Herr nicht Herr Guſtav Saint⸗Réal?— Ja, mein Freund; was wollen Sie von mir?— Ich lauerte auf Ihre Ankunft, mein Herr; ich bin von Ihrem Herrn Oheim, dem Oberſten Moranval, abgeſchickt: ich ſoll Ihnen zuerſt dieſen Brief einhändigen...— Einen Brief von meinem Oheim? geben Sie ſchnell...“ Guſtav nimmt und liest: „Mein lieber Guſtav, Du mußt des Reiſens müde ſein und Dich freuen, in Paris einzutreffen; um Dich bälder zu ſehen, ſchicke ich Dir Germain, meinen neuen Reitknecht, mit einer guten Poſtchaiſe. Germain wird Dein Führer ſein und ich hh Di bald zu umatmen. 260 „Potztauſend! man kann nicht liebenswürdiger ſein,“ ſagte Guſtav,„und mein Oheim hat ſehr wohl daran gethan: ich bin genug auf dem Pferde geſeſſen; zudem iſt das meinige in Deutſch⸗ land drauf gegangen; ich werde in Paris wenigſtens wie ein großer Herr ankommen. Du haſt alſo eine Poſtchaiſe, Germain?— Ja, mein Herr, und ſie ſteht ganz gerüſtet.— Dies iſt ja aller⸗ liebſt: ſowie ich zu Mittag gegeſſen habe, reiſen wir ab.“ Guſtav läßt ſich von Germain in den Gaſthof führen, wo die Poſtchaiſe iſt, und nachdem er gut zu Mittag gegeſſen hat, ſteigt er mit Benvit in den Wagen, indem er Germain empfiehlt, ſchnell zu fahren. „Meiner Treu, Herr,“ ſagt Benvit, ſich ſeinem Gebieter gegen⸗ über ſetzend,„es iſt ſehr artig von Seiten Ihres Herrn Oheims, daß er uns einen guten Wagen mit einem Kutſcher geſchickt hat... Man iſt ſo ſehr bequem und wir werden wenigſtens ganz friſch in Paris ankommen.“ Guſtav antwortete Benoit nicht; er war in Betrachtungen verſunken; er dachte an alle Perſonen, die er in Frankreich ge⸗ laſſen hatte, und an die Veränderungen, welche drei Jahre in den Umſtänden hervorgebracht haben können. Den erſten Tag hielten die Reiſenden nur an, um zu eſſen und Pferde zu wechſeln. Guſtav war mit Germain ſehr zufrieden, der ihn ſchnell wie der Wind führte. Der zweite Tag neigte ſich zu ſeinem Ende; es fing an Nacht zu werden und Guſtav dachte mit Freude daran, daß er nicht mehr ſehr fern von Paris ſein müſſe. Er ſtreckt den Kopf aus dem Wagen. Es ſcheint ihm, daß er nicht mehr auf der Hauptſtraße ſei.„Germain, wo ſind wir? — Sechs Stunden von Paris, Herr; wir nähern uns Mont⸗ morency... Biſt Du ganz ſicher, daß Du den rechten Weg ein⸗ geſchlagen haſt?— O! ja, Herr; ich habe einen Nebenweg ge⸗ macht, der um Vieles abkürzt.— Wenn er uns irrführte, Herr,“ ſagte Benvit unruhig.—„Nun, Dummkopf, haſt Du nicht gar 261 Furcht?— Wahrlich, Herr, es iſt Nacht... ich ſehe keine Häuſer..— Siehſt Du immer Häuſer auf den Landſtraßen?— Weil wir aber, wie Sie ſagen, nicht auf einer Straße ſind.. — Schlaf oder ſchweig...— Herr, ich kann nicht ſchlafen, wenn ich mich fürchte.“ Germain fährt weniger ſchnell: bald hält er völlig an, um mit ſeinem Herrn zu ſprechen:„Herr, ich glaube, daß Sie Recht haben ich habe mich verirrt: ich kenne den Weg nicht mehr... — Werden wir die Nacht auf dem Fels zubringen?“ ruft Guſtav aus.„Fahr immer zu, Germain: an der erſten Wohnung fragſt Du nach dem Weg.— Aber, Hert, der Teufel miſcht ſich in's Spiel!... da hat ein's meiner Pferde die Eiſen verloren; es kann kaum traben, und wenn ich fortfahre zu galoppiren, könnte es ſich verletzen.— Zum Henker,“ murmelt Benoit leiſe vor ſich hin,„man muß recht dumm ſein, um die Eiſen ſeiner Pferde zu verlieren... Nun ſind wir da in einer ſaubern Lage!.. Guſtav weiß nicht, was er anfangen ſoll. Germain ſchlägt vor, auf Entdeckung auszugehen: er glaubt zur Linken Licht zu erblicken, er will nach dem Weg fragen.„Wenn es ein Haus iſt, wo man uns aufnehmen will,“ ſagt Guſtav,„ſo werden wir die Nacht dort zubringen, im Fall Du Dein Pferd nicht wieder be⸗ ſchlagen laſſen kannſt.“ Germain geht und kommt bald zu Guſtav zurück. Das Licht, das er wahrgenommen hat, kommt aus einem Hauſe von ſchönem Ausſehen, wo man gerne darein willigt, die Reiſenden zu be⸗ herbergen. „Gehen wir alſo, um Gaſtfreundſchaft zu bitten,“ ſagt Guſtav;„aber Du, Germain, Du ſuchſt bis in's nächſte Dorf zu kommen und einen Hufſchmied mitzubringen; ich verzichte nicht auf die Hoffnung, dieſe Nacht nach Paris zu gelangen.— Ja, Herr, zählen Sie auf meinen Eifer.“ Guſtav ſteigt vom Wagen, und von Benvit folgt, macht 262 er ſich gegen die gaſtfreundliche Wohnung, in der man ſie auf⸗ nehmen will, auf den Weg. Er ſieht ein hübſches Haus, das die Wohnung vermöglicher Leute ſein muß. Er klopft, eine bejahrte Frau ſchließt auf. „Man hat mir geſagt, Madame, daß der Herr dieſes Hauſes mir erlauben will, mich einige Augenblicke bei ihm zu verweilen, während man meinen Wagen wieder in Stand ſetzt?— Ja, mein Herr, ja, Sie können eintreten, ich will Sie führen.“ Die Dienerin läßt Guſtav und Benoit eine Treppe hoch ſteigen und öffnet ihnen die Thüre eines elegant möblirten Salons. Herr und Diener blicken um ſich und ſehen Niemand. Die Dienerin ladet Guſtav ein, auszuruhen und geht weg, indem ſie Licht zurück⸗ läßt. „Herr,“ ſagt Benoit, alle Möbel nacheinander genau betrach⸗ tend,„wir ſind bei Jemand von Stand.— Ich hoffe, daß wir den Herrn des Hauſes bald ſehen werden; es drängt mich, ihm zu danken.“ Die Dienerin kommt mit Erfriſchungen.„Werde ich das Vergnügen haben, Ihren Herrn zu begrüßen?“ ſagt Guſtav zu ihr.—„Mein Herr, eine Dame iſt es, die dieſes Haus mit ihrer Dienerſchaft bewohnt; ſie gibt den Reiſenden gerne Herberge, aber ſie ſpricht und ſieht ſie niemals.— Wie! ich werde Ihrer Ge⸗ bieterin meinen Dank nicht ſagen können?...— O! dies iſt un⸗ nöthig, mein Herr.— Noch ſie ſehen?— Sie will Niemand ſehen.— Dies iſt ſehr ſonderbar!..— Herr, hier iſt ein Ge⸗ heimniß,“ ſagt Benoit ganz leiſe zu ſeinem Herrn. Guſtav wollte noch einige Fragen machen, als man von außen einen großen Lärm hörte. Benvit macht einen Satz; die Dienerin geht hinab, um zu erfahren, was es iſt. Bald erſcheint Germain und geht mit zitternder Miene auf Guſtav zu.„Was iſt es denn, Germain?— Ach, Herr!.. Sie werden mich zanken. Ieh bin ſehr ungeſchickt... Glücklicherweiſe iſt es nicht 263 geſchehen, ſo lange Sie darin waren! doch iſt die Schuld nicht an mir!— Aber ſo erkläre Dich doch?..— Es iſt eine ver⸗ dammte Fahrleiſe, welche ich nicht geſehen habe!. Ich hielt eims meiner Pferde an der Hand, und während dieſer Zeit. krach!„ fällt die Poſtchaiſe auf die Seite— Was! der Wagen?— Ach mein Gott! Herr, er iſt verdorben!... Ein Rad zerbrochen die Achſe entzwei!— Nun ſind wir hübſch daran,“ ſagt Benvit, zornig mit dem Fuß auf den Boden ſtam⸗ pfend, während Guſtav lacht.„Was, Herr, dies bringt Sie zum Lachen?— Ich denke an den Einfall meines Oheims, mir Germain und eine Poſtchaiſe zu ſchicken, um mich bälder zu ſehen: meiner Treu, dies iſt gut gelungen!.. Aber bei All' dem.. wo werde ich die Nacht zubringen?— Hier, mein Herr,“ ſagte die alte Dienerin, die während der Erzählung Germain's zugegen war, zu Guſtav.„Ihr Wagen hat eine Reparatur nöthig, Sie können Ihre Reiſe nicht fortſetzen. In dieſem Hauſe aber wird es Ihnen an nichts fehlen und es wird meine Gebieterin keineswegs beläſtigen; ſie hat mir aufgetragen, Ihnen zu ſagen, daß Sie bleiben können, ſo lange es Ihnen beliebt... — Auf Ehre, Ihre Gebieterin iſt zu gütig.. Wohlan, weil ſie es gefälligſt erlauben will, ſo nehme ich für dieſe Nacht ihre verbindliche Gaſtfreundſchaft an.— Ich will Ihr Zimmer richten, mein Hert, ſo wie das Ihrer Diener... bald wird wan Ihnen das Nachteſſen auftragen.“ Die Dienerin entfernt ſich, und Germain folgt ihr, um ſeine Pferde und den Wagen in das Haus zu führen, denn es iſt zu ſpät, um noch in's nächſte Dorf nach Arbeitern zu gehen. „Weißt Du wohl, Benoit, daß die Beſitzerin dieſes Hauſes ſehr liebenswürdig iſt?“ ſagte Guſtav, ſich in einen Lehnſtuhl werfend.—„Meiner Treu, Herr, wir ſind ſehr glücklich, bei ſo verbindlichen Leuten zu ſein!...— Indeß ſehe ich hier etwas Ge⸗ heimnißvolles. Das meine Neugierde ſtachelt, ich geſtehe es Dieſe Dame, welche die Reiſenden ſo gut aufnimmt und ſich nicht zeigt!...— Drum ißt ſie häßlich, Herr.— Du glaubſt!.. Ich finde in ihrem Benehmen etwas Romanhaftes!.. Wenn ich noch in Italien wäre, würde ich in all' Dem ein galantes Albenteuer ſeßen! Wahrhaftig, wir ſind ſehr ſonderbar! wenn ſich Etwas unſern Blicken entzieht, brennen wir, es zu ſehen... Ich wäre entzückt, wenn ich dieſe geheimnißvolle Dame erblickte!...— Warten Sie, Herr... man kommt die Treppe herauf.. Ah! Herr ich ſehe Ah! dies iſt das Ausgezeichnetſte, was es gibt...— Was denn? eine hübſche Frau?..— Nein, Herr, das Abendeſſen, das man im anſtoßenden Saal aufträgt.— Die Peſt hole das Lecker⸗ maul mit ſeinem Abendeſſen!“ Die Dienerin tritt ein und meldet Guſtav, daß ihn das Abendeſſen erwarte. Guſtav geht in das Speiſezimmer und ſetzt ſich vor eine elegant ſervirte Tafel. Er richtet während des Eſſens neue Fragen an die Dienerin; dieſe ſcheint aber nicht geſchwätzig; Alles, was er aus ihr herausbringen kann, iſt, daß die Herrin des Haufes jung iſt und ein Kind hat. Das Mahl iſt zu Ende, die Dienerin führt Guſtav in ein hübſches Schlafzimmer und bemerkt ihm, daß ſeine Diener unter ihm ſchlafen werden, und daß er ſie leicht rufen kann, wenn er ſie nöthig hat. Guſtav iſt allein. Nach zwei in einer Poſtkutſche zugebrachten Tagen hätte er Ruhe nöthig haben ſollen; doch fühlt er keine Luſt zum Schlafen. Der Abend iſt ſchön, er öffnet ſein Fenſter. Der Mond iſt ſo eben am Himmel heraufgeſtiegen und erlaubt, die Gegenſtände zu unterſcheiden. Guſtav ſieht von ſeinem Fenſter einen Theil der Gärten des Hauſes; zur Rechten iſt ein Gebäude⸗ frügel, worin er Licht bemerkt; dort wohnt ohne Zweifel dieſe Dame, die für ihre rührende Gaftfreundſchaft nicht einmal Dank begehrt. Mit den auf das erleuchtete Fenſter gerichteten Blicken 265⁵ wünſchte unſer junger Mann in das Innere des Gemaches zu dringen; bald aber fühlte er ſich beſchämt über ſeine Nengierde: „Ei was!“ ſagt Guſtav bei ſich ſelbſt,„weil eine Dame ſich nicht darum bekümmert, ob ſie einen Fremden ſieht, erhitze ich mir den Kopf!. ich ſchaffe mir tauſend Chimären!.. Es iſt eine Schönheit! es iſt ein Wunderding!... Ei, mein Gott! es iſt wahrſcheinlich eine ſehr gewöhnliche Frau, welche Andern gerne nützlich iſt, aber die Geſellſchaft Derer, welche der Zufall zu ihr führt, nicht wünſcht. Es liegt hierin nichts Geheimnißvolles!. Und für einen Mann, der Europa durchwandert hat, erſtanne ich über Geringfügiges, ich, der ich vernünftig zu ſein behaupte!.. Legen wir uns zu Bett, dies iſt beſſer, als den Mond und das Gemach dieſer Dame zu betrachten.“ Guſtav hat ſein Fenſter geſchloſſen, als die Klänge einer Harfe bis an ſein Ohr dringen. O! meiner Treu! die Neugierde gewinnt wieder die Oberhand; er legt ſich wieder unter ſein Fenſter und horcht aufmerkſam. Man hat einen geſchmackvollen Vortrag; die ſpielende Perſon kann nicht ſehr fertig ſein; ſie überſteigt jene Schwierigkeiten nicht, welche Verwunderung erregen, ohne zu entzücken, allein ſie legt Anmuth und Gefühl in die Aus⸗ führung: bald miſcht ſich eine Stimme mit den Klängen des In⸗ ſtruments; man ſingt eine Romanze. Guſtav empfindet ein außerordentliches Vergnügen, indem et die unbekannte Dame hört, denn ſie iſt es ſicherlich: dies kann keine Andere ſein, weil die Dienerin geſagt hat, daß ihre Gebieterin allein das Haus be⸗ wohne. Aber ach! der Geſang hat aufgehört, die Stimme und die Harfe verſtummen. Guſtav horcht noch, er möchte ſie immer noch hören; nie hat die Muſik ähnliche ſüße in ihm erregt. Nachdem Guſtav vergeblich eine Stunde lang in der Hofnung gehorcht hat, noch einige Töne aufzufaſſen, legt er ſich endlich zu Bette; er iſt aber entſchloſſen, Alles zu verſuchen, um die Per⸗ 266 ſon, welche ſo gut ſingt, kennen zu lernen, und er entſchläft mit Gedanken an ſeine geheimnißvolle Wirthin. Den andern Tag iſt Guſtav frühe wach; er geht hinab und begegnet der Dienerin.„Meine gute Freundin, kann ich den Garten durchſtreifen?— Ja, mein Herr; o! Sie können überall hingehen, wo es Ihnen beliebt.— Richtet man meinen Wagen wieder her?— Ja, mein Herr; aber er wird heute nicht fertig werden.— Doch kann ich mir nicht erlauben, länger in dieſem Hauſe zu bleiben...— Warum denn nicht, mein Herr?— Dies hieße die Güte Ihrer Gebieterin mißbrauchen.— Durchaus nicht, mein Herr; ſie hat mir geſagt, ich ſolle Sie einladen, hier zu bleiben, bis Ihr Wagen in gutem Stande ſei.— Ich fürchte läſtig zu ſein... und weil ſie mich nicht empfangen will..— O mein Herr! dies macht nichts!... und es wird Madame Ver⸗ gnügen gewähren.. Ich will Ihr Frühſtück fertig machen.“ Die Dienerin entfernt ſich.„Das drollige Haus,“ ſagt Guſtav, in den Garten tretend;„man behandelt Einen vorzüglich, und will Einen doch nicht ſehen! Meiner Treu, wir wollen noch einen Tag bleiben: der Zufall kann mir dienen und mir dieſe Dame in den Weg führen.“ Als Guſtav einen mit reizenden Blumen eingefaßten Theil des Gartens betritt, erblickt er ein kleines Mädchen, das höchſtens drei Jahre zu haben ſcheint; es iſt hübſch wie die Liebesgötter, und lauft ſchon allein im Garten herum und pflückt Blumen, als ob es einen Strauß machen wollte. „Was machſt Du denn da, meine liebe Freundin?“ fragt 7. Guſtav, ſie küſſend.—„Ich pflücke Blumen für Mama,“ er⸗ widert das Kind lächelnd.—„Wo iſt denn Deine Mama?— Im Hauſe.— Liebſt Du ſie ſehr?— Ja... und meinen Papa auch.“ „Und ihren Vater auch!“ Teufel! dies iſt eine Antwort, 3 welche die Gedanken Guſtav's verwirrt:„dieſer Vater lebt alſo... * 267 warum iſt er nicht bei ſeiner Frau?.. Vielleicht iſt ſeine Ab⸗ weſenheit die Urſache, daß die Dame Niemand empfängt...“ Guſtav verſucht noch, die Kleine zum Sprechen zu bringen; aber das Kind iſt zu jung, um ſich gut ausdrücken zu können; und ohne ihm zu antworten, entſchlüpft es ſeinen Armen und ge⸗ winnt das Haus wieder. Guſtav kommt zum Frühſtück zurück; er denkt an das kleine Mädchen, deſſen reizende Züge ihm verworrene Erinnerungen zu⸗ rückrufen, und an die Stimme ſeiner Mutter, die bis in's Innerſte ſeiner Seele erklungen iſt. Er iſt düſter, träumeriſch; er berührt ſein Frühſtück kaum; Benvit ſucht vergebens ſeinen Herrn zu zer⸗ ſtreuen und ihn zum Sprechen zu bringen; Benvit iſt genöthigt, für Zwei zu eſſen; aber er entledigt ſich deſſen gut, denn er hat aus England die Gewohnheit, den ganzen Tag hindurch zu eſſen, mitgebracht. „Wie denn machen, um ſie zu ſehen?“ ruft Guſtav endlich aus, als er von der Tafel wegging.—„Wen denn, Herr?— Ei, zum Henker! die Herrin dieſes Hauſes.— Ah wahrlich! ich habe ſie geſehen, ich, Herr.— Du haſt ſie geſehen, Schurke! Du haſt ſie geſehen, und Du ſagſt mir nichts davon!— Ah, wenn ich ſage, daß ich ſie geſehen habe ſo heißt das, daß ich ſie von hinten geſehen habe, indem ſie durch die Hausflur ging, und daß ich gehört habe, wie ſie zu ihrer Magd ſagte, ſie ſolle ihr die Harfe in den kleinen Pavillon des Gartens bringen.— Sie hat dies geſagt?— Ja, Herrz o! ſte hat es geſagt.— Beim Teufel! alsdann werde ich ſie ſehen.“ Guſtav hat einen Pavillon im Hintergrund des Gartens be⸗ merkt. Dieſes Gebäude hat nur ein Erdgeſchoß, und durch die Jalouſieläden, womit die Fenſter verſehen ſind, muß man in's Innere blicken können. Unſer junger Mann. geht ſogleich in den Garten hinab; er nähert ſich dem Pavillon, er horcht; noch iſt Riemand da; um aber die junge Dame durch ſeine Gegenwart S 268 nicht zu erſchrecken, entfernt er ſich ein wenig und ſetzt ſich hinter eine dichte Hagenbuchenlaube. Bald hört er gehen; er biegt die Zweige leiſe auseinander und erblickt eine Dame, welche ein kleines Mädchen an der Hand führt; aber ein dicker Schleier bedeckt einen Theil ihres Geſichts, und ſie tritt in den Pavillon, ohne daß er ihre Züge unterſchei⸗ den kann. Guſtav geht dem Pavillon wieder näher; der Schlüſſel iſt in der Thüre; es wäre eine Unbeſcheidenheit, einzutreten, weil dieſe Dame Niemand empfängt; es iſt aber wenigſtens erlaubt, zu horchen, und dies thut Guſtav. Die Harfe ertönt: ein melancholiſches Vorſpiel läßt ſich hören; man ſingt eine Romanze, worin die Leiden eines von dem geliebten Gegenſtande entfernten Herzens dargeſtellt ſind. Guſtav iſt aufmerkſam; er ſucht ſich in's Gedächtniß zurückzurufen, wo er dieſe, ihn entzückende Stimme ſchon gehört hat. Er geht um den Pavillon herum; vergebens hat er verſucht, durch die Jalvuſien zu blicken.. überall ſind die Fenſter mit Vorhängen verſehen. Guſtav tritt näher, er macht ganz leiſe den Laden auf und ſeine Blicke dringen in's Innere des Pavillons. Indeß iſt er noch nicht ganz zufrieden: die junge Dame ſitzt ihm gegenüber, aber ſie wendet dem Fenſter, an dem er iſt, den Rücken zu, und er kann ihr Geſicht nicht ſehen. Das kleine Mädchen iſt auf den Knieen ſeiner Mutter und ſpielt mit Haaren.„Mama, ſingſt nicht mihe Du haſt Kummer... Du weinſt immer.“ Die junge n antwortet der Kleinen nur, indem ſie ſie mit Küſſen bedeckt; dann legt ſie ihr Sacktuch an die Augen. Guſtav zittert, er athmet kaum; es ſcheint ihm, daß die dieſer jungen Frau ſeinetwegen fließen. Die Kleine verläßt den Schooß ihrer Mutter:„Warte, warte. ſagte ſie;„Du weißt, daß ich Dich hindern kann, zu weinen.“ 269 Das Kind will ein großes, auf einem Seſſel aufgeſtelltes Gemälde nehmen, das Guſtav noch nicht bemerkt hat; die Kleine fann dies Gemälde, das beinahe ebenſo groß iſt, als ſie, kaum tragen; doch ſtellt ſie es vor ihre Mutter und ſchickt ihm Küſſe zu. Die junge Dame nimmt ihre Tochter wieder, küßt ſie und legt ſie vor dem Bilde auf die Kniee.„Bitte den Himmel,“ ſagt ſie,„daß Dein Vater mich noch liebt und daß er eines Tags zu uns zurückkommt.“ Guſtav kann ſeine Gemüthsbewegung nicht mehr bemeiſtern... Dieſe Stimme iſt ihm gut bekannt; er ſteigt auf das Fenſter, um das Portrait gleichfalls zu ſehen. er erkennt das wohlge⸗ troffene Bild. ſeine Kniee brechen... ſeine Thränen fließen... er iſt es, er iſt es wirklich, der auf dieſer Leinwand dargeſtellt iſt... allein dieſe Frau.. dieſes Kind... Er tritt in den Pavillon, er kommt näher.. kaum kann er ſeinen Augen trauen: es iſt Suzon, die vor ihm ſteht, ſich in ſeine Arme wirft und ihm ſeine Tochter darbietet... Er fällt vernichtet auf den Seſſel, den ſie einnahm.. ſein Herz hat die Kraft nicht, allen den Ge⸗ fühlen, die er empfindet, zu widerſtehen. Man öffnet die Thüre eines kleinen Cabinets und der Oberſt Moranval erſcheint:„Mein lieber Guſtav,“ ſagt er, heiter gegen ſeinen Neffen vortretend,„Du haſt wohl daran gethan, daß Du allein zurück⸗ gekommen biſt, denn ich bewahrte Dir hier eine Frau und ein Kind.“ Guſtav vermag noch nicht zu antworten: er hält Suzon und ſeine Tochter in ſeinen Armen, er bedeckt ſie mit Küſſen.„Wohlan, wohlan, beruhige Dich,“ ſagte der Oberſt lächelnd;„Du mußt ſehr ungeduldig ſein, zu vernehmen, wie es gekommen iſt, daß Deine kleine Bäuerin, welche Du in Paris verlaſſen hatteſt, dieſe nämliche Dame iſt, welche Talente beſitzt und den Geſellſchafts⸗ ton hat. Wenige Worte werden Dich mit der Sache bekannt machen: jener kleine Savoyarde, der ſich vor dem Thore meines Hötels eingerichtet hatte... war Suzon!.. 3 270 „Suzon!... ruft Guſtav aus;„und ich habe Dich nicht erkannt!...— Ach, mein Freund! ich war ſo ſehr entſtellt!. ſo ſehr geſchwärzt, daß Du mich nicht erkennen konnteſt; und vor Dir trug ich Sorge, nur ſehr wenig zu ſprechen!...— Und warum dieſe Verkleidung?— Um in Deiner Nähe zu ſein, um Dich jeden Tag zu ſehen, um Dich nicht zu verlaſſen!.— Arme Suzon!... wie viel Kummer habe ich Dir verurſacht!— Als ich von Madame Henry weglief, faßte ich dieſen Plan; ich verkaufte, ich vertauſchte Alles, was ich beſaß, gegen Savoyar⸗ denkleider. Ach! ich war Mutter!... ich trug die Frucht unſerer Liebe unter meinem Herzen, und wenn Du bei mir vorübergingſt, hatte ich große Luſt, mich in Deine Arme zu werfen und Dir Alles zu geſtehen; aber die Furcht, abermals von Dir getrennt zu werden, hielt mich ab, dem Drange meines Herzens zu folgen.“ „Die arme Kleine fürchtete mich,“ fuhr der Oberſt fort; „doch bin ich nicht ſo bös, als ich ſcheine. Suzon war uns ge⸗ folgt; als wir von Paris abfuhren, ſtieg ſie hinten auf unſer Cabriolet, das in Saint⸗Germain umgeworfen ward. Du mußt Dich erinnern, Guſtav, daß ich mich, um Deinen Wünſchen nach⸗ zugeben, nach dem Zuſtande des kleinen Savoyarden erkundigte. Denke Dir meine Ueberraſchung, als ich hierauf in jenem Kind das junge Mädchen erkannte, das mir ſchon ſo viele Theilnahme eingeflößt hatte! Ich ſtillte den Schmerz Suzon's; ſie wollte ſter⸗ ben, weil Du ohne ſie abreisteſt; ich tröſtete ſie, indem ich ſie, hoffen ließ, ſie werde Dich wiederſehen, und indem ich ihr ſchwur, 6 ich werde ſie nie verlaſſen. Indeß hütete ich mich wohl, Dir dieſe Begebenheit mitzutheilen; ich reiste augenblicklich nach Paris ab und nahm den kleinen Savoyarden mit mir. „Ich geſtehe, die Ergebenheit Suzon's, die Stärke und Auf⸗ richtigkeit ihrer Liebe, ihre Reinheit, ihre Jugend, Alles feſſelte mich ſchon an dies Mädchen. Ich ließ ſie in meinem Hötel wohnen und ihre Erziehung beſorgen. Sie lernte mit S 271 keit und legte all ihr Vergnügen darein, über Dich zuweilen mit mir zu ſprechen. Sie brachte dieſes kleine Mädchen zur Welt, das ich bald wie ſeine Mutter liebte, denn ſie beſaß ſchön ihre Sanftmuth und ihre Schönheit. Indeß erfuhr Suzon, daß ihre Mutter krank ſei; ſie verließ Alles, um zu ihr zu fliegen, und ich billigte dieſes Benehmen. Die Mutter Lukas ſtarb, indem ſie ihrer Tochter den Fehler verzieh, den ſie aus Liebe begangen. Suzon blieb in Ermenonville; ſie wollte ihren Vater, der nur ſte zu ſeinem Troſte hatte, nicht verlaſſen. Sie brachte acht Monate in ihrem Dorfe zu; nach Verfluß dieſer Zeit nahm ein bösartiges Fieber den guten alten Lufas hinweg. Ich war in Er⸗ menonville und zwang Suzon, mit mir zurückzukommen; ich hatte einige Mühe, ſie dafür zu beſtimmen, denn ſie wollte ihr Dorf und das Grab ihrer Eltern nicht verlaſſen; aber ich ſprach ihr wieder von Dir, und die Liebe trug den Sieg davon. „Kurz, mein lieber Guſtav, ich lernte die Tugenden und die lie⸗ benswürdigen Eigenſchaften Derjenigen, die ich aufgenommen hatte, mit jedem Tage mehr ſchätzen; eine heftige Krankheit hätte mich ohne die Sorgfalt, die Aufmerkſamkeit, die Hülfe Suzon's um's Leben gebracht. So viel Ergebenheit rührte mich, und ich fing an zu wünſchen, daß Du auf Deinen Reiſen keine Frau fändeſt, die Dich gänzlich feſſelte. Ich machte Suzon mit meinen Abſichten auf ſie be⸗ kannt.. Denke Dir ihre Freude!... Indeß bat ſie mich, Dir nicht von ihr zu ſprechen; ſie wollte Dich über Dein Herz ſchalten laſſen und Dich nicht hindern, neue Bande zu knüpfen. Aber mit welcher unruhe hörte ſie nicht Deine Briefe vorleſen, aus welchen ſie unaufhörlich zu entnehmen fürchtete, daß Du eine Wahl ge⸗ troffen habeſt! „Endlich haſt Du mir Deine Rückkunft angezeigt und ich habe Dir Germain geſchickt, den ich unterrichtet hatte, wie er Dich hieher bringen ſolle. Ich habe Deine Neugierde reizen wollen; ich fenne Dein Herz, Guſtav; aber ich habe geſucht, es lebhaft in S 272 Bewegung zu ſetzen, damit Du all das Glück, das ich Dir vor⸗ behalten habe, beſſer ſchätzeſt. Sei glücklich, mein Freund, ich gebe Dir ein reizendes Kind und eine anbetungswürdige Frau, bei welcher Du die Zeit nicht mehr lang finden wirſt; erſtlich, weil Du vernünftiger biſt, alsdann, weil ſie Talente beſitzt, welche das Innere eines Hausweſens verſchönern, und weil ihr Geiſt gebildet iſt, Du daher auch von andern Dingen, als nur von Liebe, mit ihr ſprechen kannſt... Dies iſt eine herrliche Unterhaltung, meine Kinder: allein man muß ſich immer Etwas in dieſer Beziehung zu ſagen haben, man muß ſich nicht gleich im Anfang erſchöpfen, und dies thatet Ihr während des erſten Aufenthalts Suzon's im Hötel.“ „Mein lieber Oheim!“ ſagte Guſtav, dem Oberſten an den Hals ſpringend, von nun an werde ich beſtändig ſein. Bei Su⸗ zon, Ihnen und meiner Tochter will ich das Glück finden, das ich im Strudel der Intrignen und Tollheiten vergeblich geſucht habe.— Mein Freund, die Jugend muß vertobt haben: Du haſt Dein Feuer weggeworfen, deſto beſſer; dies beruhigt mich über Deine Zukunft.“ „Ach, Guſtav!“ ſagte Suzon, die Hand ihres Freundes er⸗ greifend, ich hätte nie geglaubt, daß ich je ſo glücklich würdel... Wer hätte mir geſagt, als Du in unſer Dorf kamſt, daß ich Deine Frau würde...— Mein liebes Kind,“ ſagte der Oberſt, die beiden Liebenden vereinigend,„Sie haben mir bewieſen, daß Tugenden, Sanftmuth, Verſtand und Schönheit Geburt und Ver⸗ mögen erſetzen können.“ Erſtes Kapitel. Furcht, Schrecken, Unglück 5 5 Zweites Kapitel. Drittes Kapitel. Tante und Nichte Inhalt. Der Oheim und der Neffe Viertes Kapitel. Der Unterricht im Billard Fünftes Kapitel. Der Wendepunkt Sechttes Kapitel. Siebentes Kapitel. Achtes Kapitel. Eine Frau Uunder glaubte Der Teufel und die ſchwarze Kuh Ermenonville, Marianne, Suzon Meuntes Kapitel. Eine Hochzeit in La Villette.. ehnt's Kapitel. lftes Kapitel. Zwölfes Kapitel. Dreizehntes Kapitel. Noch eine Tollheit. 5 Vierzehntes Kapitel. Zu lang oder zu kurz 5 4 Irrthum; die Patronille, die kleine Wäſcherin Man macht Bekanntſchaft mit Madame Dubvurg Ein Gaſtmahl junger Leute.. Fünfzehntes Kapitel. Wahre Liebe 3 3 Sechzehntes Kapitel. Der Tag der Widerwärtigkeiten. Siebenzehntes Kapitel. Das geheimnißvolle Zimmer. Achtzehntes Kapitel. Eine eheliche Nacht Neinzehntes Kapitel Hoſen Zwatigſtes Kapitel. Ein Auftritt in der Courtille Einutdzwanzigſtes Kapitel. Irrthum; Suzon verloren. Zweiudzwanzigſtes Kapitel. Heirathsprojekt..„ Dreiudzwanzigſtes Kapitel. Weiberränke, Eiferſucht, Bergnungen. Vierunzwanzigſtes Kapitel. Duell; der kleine Savoyarde bönſunbwanzigſtes Kap faßt undzwuszigſtes Kapitel. Hatten Sie es geahnt? Julie verliert ihre Schönheit und Guſta von Geiſt würde machen, daß man an . unheilvpll itel. Welches einen Zeitraum von drei hren v ſeine 190 201 211 217 e 223 259 ſ ſ — 1 ſſ 8 9 10 11 3 14 1 6 . 8* * 5 ——