* 1 eträg 5 fier wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. ⸗ Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 5 Seih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und S der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und * ——— N ———————— auf 1 Monat: 1M— f. 1 W 50 Pf 2 Mk. f. „„ 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Vücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ½ Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſ2 Erſatz des Ga Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage eſieſeht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weitergerleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Deutſchlunds Volhsirieg gegen Franhreich oder Die bleiche Frau von Mainz. Hiſtoriſche Erzählung des deutſch framzſſſchen Feldzuges im Jahre 1870. „ Von * Chryſ. Krauſe. —— Vierter Band. * BPer Ludwig Zulius Beymann. 6 — — 35— 41. Kapitel. Das deutſche Kaiſerthum. Die Nachricht, daß der General Chanzy vom Prinzen Friedrich Carl und dem Großherzog von Mecklenburg geſchlagen worden war, gelangte bald in das königliche Hauptquartier zu Verſailles und wurde von da aus dem geſammten Deutſchland bekannt gemacht. Auch die um Paris ſtehenden Truppen erfuhren davon, und der Jubel war unbeſchreiblich. Eben hatten dieſe wackeren Krieger das Weihnachtsfeſt fern von den Ihrigen gefeiert, da ſchien es ihnen nun, als ſendeten die Kameraden von der Loire⸗ armee ihnen eine nachträgliche Feſtfreude, die ſie nicht dankbar genug aufnehmen konnten. Es war gerade in dieſer Zeit geweſen, wo ſie es mitten in den beſtändigen Gefahren doch anerkennen mußten, daß ihre Stellung eine gewiſſermaßen bevorzugte war, denn während die anderen Truppenkörper ſich auf langen Märſchen ermüdeten, agen ſie meiſt in ihren Quartieren und brauchten nur ſelten die kalten Winternächte unter freiem Himmel zuzubringen. Da man ſie immer zu finden wußte, ſo kamen die heimiſchen Liebesgaben bei ihnen weit pünktlicher an, als bei denen, welche an jedem Tage ihr Quartier wechſelten, und ihre Verpflegung konnte deswegen eine beſſere ſein. Wer den Vorpoſtendienſt hatte, der wußte gewiß von An⸗ trengungen und Gefahren zu reden, wer beſtändig auf der Hut gegen das mörderiſche Geſindel der Franktireurs ſein mußte, wer die oft ſoblutigen Kämpfe gegen die Pariſer Armee durchzu⸗ fechten hatte, der dutfte mit dem vollſten Rechte den höchſten Lorbeer beanſpruchen, aber es gab dazwiſchen gemüthliche S unden, die den übrigen Soldalen nur zu oft ſehlten. D. V. Th. II. 23 Rings um Paris herum leuchteten die feſtlich geputzten Chriſtbäume, die größten und ſchönſten bei dem Kronprinzen von Preußen, der alle höheren Offiziere, die vom Dienſte abkommen konnten, bei ſich verſammelte, weil er ja nicht daheim ſein konnte. Dazu waren in Verſailles alle Läden offen, man konnte für Geld Alles haben, und ſo beſchenkten ſich die Freunde unter⸗ einander, und tauſend kleine Scherze erfreuten die tapferen Streiter, und tauſend Neckereien gaben Anlaß zur Heiterkeit und Luſt. Ein paar Ausfallgefechte, welche die Franzoſen in dieſer Zeit riskirten, erhöhten nur noch die gute Stimmung, denn jedes Mal blieben unſere Truppen Sieger. Dazu hatten auch die Bewohner der nächſten Umgebung Vertrauen zu ihnen gefaßt. ſie waren aus den Verſtecken hervor wieder an das Tageslicht gekommen und fürchteten nichts mehr, weil ſie ſahen, daß die Deutſchen alles, was ſie gebrauchten, baar bezahlten und ſtete beſcheiden in ihren Anſprüchen waren, ja in ihrer Gutherzigkeit oft noch die verarmten Franzoſen unterſtützten. Das frohe Feſt erneuerte ſich zum neuen Jahre. In ganz. Frankreich iſt es Sitte, ſich nicht zu Weihnachten, ſondern zu Neujahr zu beſchenken, und da brachte manche Miethstochter mit verſchämten Wangen der Eingquartierung eine Kleinigkeit und wäre es nur ein Backwerk geweſen, und die Soldaten ſchenkten wieder den Kindern Räſchereien und den Erwachſenen, ſoweit die Kaſſe reichte etwas Nützliches. Die Photographen in Ver⸗ ſailles und den andern Orten machten in dieſer Zeit gute Ge⸗ ſchäfte, denn Mancher wollte ſein Bild zum Andenken in Frank⸗ reih laſſen, die Anderen wünſchten es von da aus den Lieben in die Heimat zu ſchicken. Und nun kam nach ſo frohen Tagen die höchſte Freude, ein Sieg, der es der franzöſiſchen Loire⸗Armee für immer un⸗ möglich machte, zur Befreiung von Paris herbeizueilen. Obgleich nun von und nach Paris faſt täglich Luftballons oder Tauben ſlogen, ſo hielt man es in dem deutſchen Hauptquartier doch für möglich, daß die Nachrichten von den Riederlagen des Generals Chanzy dort noch nicht bekannt ſeien, und Graf Moltke meldete es r ki S 2— ) 3 es daher dem General Trochu und zeigte ihm an, daß es ihm recht ſein würde, wenn einer der franzöſiſchen Offfziere herüber käme, um ſich von der Lage der Loire⸗Armee zu überzeugen. Der General Trochu lehnte dieſes höfliche Anerbieten in ſehr kühler Weiſe ab und that, als glaubte er nicht im Entfernteſten an die Möglichkeit einer Niederlage ſener Armee, auf welche Frankreich ſo große Hoffnungen gebaut hatte. Dennoch wagte er länger als vierzehn Tage keinen ferneren Ausfall, und auch die Forts unterhielten ein verhältnißmäßig geringes und ſeht un⸗ ſchädliches Feuer. Während aber hier für einige Zeit Ruhe war, bereiteten ſich daheim in dem lieben Vaterlande die wichtigſten Dinge vor. Deutſchland hatte geſehen, wie groß es durch ſeine Einigkeit ge⸗ worden war, und wünſchte einem ſo glücklichen Zuſtande ewige Dauer zu verleihen. Die Südſtaaten, Bayern, Würtemberg und Vaoden, erklärten freiwillig ihren Anſchluß an den bisherigen norddeutſchen Bund. Doch noch mehr. Die geſammten Fürſten Deutſchlands erkannten an, daß dieſes neue ſo herrlich geeinigte Deutſchland eines gemeinſamen Oberhauptes bedurfte, und wer wäre dazu berufener geweſen, als König Wilhelm von Preußen?. Denn erſtens war er der älteſte aller Monarchen der deutſchen Staaten, ein langes Leben reich an Thaten, reich an ſchmerz⸗ lichen und freudigen Erfahrungen lag hinter ihm, und dazu beſaß er noch die volle Kraft der Iugendlichkeit die friſcheſt Begeiſterung für das Wohl und die Größe des Vaterlandes, unermüdlichen Thatendrang, wo es galt, Deutſchland frei und groß zu machen und ihm Macht und Anſehen in allen Ländern zu gwinnen. Aber er hatte noch mehr. Er hatte einen Sohn, der der würdige Erbe ſo hoher Glücksgüter war, auf den man mit eben ſo viel Hoffnung blicken konnte, wie man auf ihn ſelber mit Vertrauen ſah, er hatte Bismarck, den genialſten und krügſten Staatsmann der Zetztzeit, an ſeiner Seite, hatte vortrefflich geordnete Finanzen und ein Heer, deſſen Organiſation ſeines Gleichen ſucht. Dem jungen und für alles Edle und Schöne hochbegeiſterten König Ludwig dem Zreiten von Bayern ſchwebte zuerſt der Gedanke vor der Seele, das deutſche Kaiſerreich wieder auferſtehen zu ſehen, wie es zur Zeit der Ho enſtau en ſo groß und herrlich geweſen war. Die Sage Ling, daß der alte Friedrich Rothbart, der im Fluſſe Saleph ertrank, als er in das gelobte Land zog. um das Grab des Herrn von der Entweihung durch die Türten zu erritten, nicht tedt war, ſondern im Kyffhäuſer ſaß, wo ihm der Bart lang durch den ſteinernen Tiſch gewachſen war. Nicht eher ſollte er von ſeinem langen Schlaf erwachen, als lis Deutſchla d einig und frei geworden ſei. Dieſe Zeit war ge⸗ kommen, Friedrich Rochlarts Reich, das Reich der Hohenſtaufen, war neuerſtanden durch das Lohenz llern ſche Königshaus, und ſämmtliche Fürſten Deutſchlands nebſt den drei freien Städten vereinigten ſich, das Reich zu proklamiren. Der hochherzige König von Bayern bat ſie ſämmtlich dazu um ihre Zuſtimmung, und es war kein Einziger, der nur den leiſeſten Widerſpruch erhoben hätte. Da wurde denn beſchloſſen, dem greiſen König Wilhelm unverzüglich die deutſche Kaiſerkrone anzubieten. Der norddeutſche Reichstag aber hatte auch noch ein Wort mit hin inzureden, denn der neue Staatenbund machte manche Verä derungen der Berf ſſung no hwendig. Doch auch hier begrüßte man den glückl chen Gedanken des Königs Ludwig mit gro)em Jubel, und eine D putation dieſer Verſammlung wurde nach Verſailles geſchickt. Der Präſident des norddeutſchen Reichstages, Simſon, ſtand an der Spize dieſer Deputation, we che trotz der kriegeriſchen Verhältniſſe ohne Gefährdung durch Frankreich reiſte. Die mei en Eiſenbahnen beſanden ſich ſchon in dem Beſitze der Sieger, und wo ein Ueberfall der Franklreurs zu befürchten ſtand, da beeilten ſich die Kommandanten der deutſchen Armeekorps, den Herren ein ſicheres Geleit zu geben. die aus ihrem Auftrag kein Hehl zu machen brauchten Ueberall, wo deutſche Herzen ſchlugen, empfing man die Bo⸗ ten ſolch einer Glückverheißung wie mit offenen Armen, und die freudige Stimmung vermehrte ſich, je näher ſie Paris kamen. — — — 357— Hier aber gab es doch einen Angenblick der Gefahr. Sie mußten an den Forts vorbei, die keinen Augenblick aufhörten, ihr Feuer auszuſpeien. O, wie viel ärger hätten ſie getobt, w enn ſie gewußt hätten, was dieſe ſo ein ach ausſehenden Leute mit ſich führten! Es war die deutſche Kaiſerkrone, es war des Vaterlan es Einigkeit und Glück, zu deſſen Träger ſie ſich ge⸗ macht hatten. Doch kamen ſie ungefährdet in Verſailles an und meldeten ſich ſogleich bei Seiner Majeſtät dem König Wilhelm und bei dem Kanzler des deutſchen Bundes. Der König wohnle nicht in dem prächtigen Schloſſe von Verſales, er hatte in dem Hauſe der Präfektur einige zwar be⸗ queme, doch keineswegs verſchwenderiſch eingerichtete Zimmer be⸗ zogen. Satt deſſen aber war das ganze untere Stockwerk des Schloſſes für die Vrwundeten eingerichtet, einige Aerzte und Krankenpflegerinnen wohnten da, und einige Militairbeamten hatten ihre Bureux dort aufgeſchlagen. Die oberen Prunkge⸗ mächer ſtanden aber leer und unbenutzt Der König, welcher ſich mitten unter ſeinen Soldaten befand, konnte unmögli) die Deputation empfangen, ohne daß es von Mund zu Mund gegangen wäre, daß Berliner Herren ſoeben an⸗ gek mmen ſeien, und daß ſie ſicherlich Großes brächten. Selten nrverirrte ſich ein Zeitungsblatt bis zu den Soldaten, ſie wußten nur wenig von der Heimat und ihren Verhältniſſen, und um ſo lebhafter war das Intereſſe an Allem, waz das Vaterland betraf, für deſſen Glück ſie ſo blutig ſtritten. Da war es denn ein doppelt erhebender Augenblick, als plötzlich die Kunde ſich verbreitete: Deutſchland's Einigke t iſt feſt begründet, Deutſchland iſt wieder ein Kriſerreich, wie unter F iedrich Rothbart, aller Hader, alle Zwietracht iſt für immer be⸗ graben, und innig ſchließen ſich Norden und Süden aneinander zu einem großen herrlichen Staatenbunde. Das zuckte dur)) alle Adern. Wer konnte, lief nach Verſailles, um die Deputation zu ſe en. Da erblickte man den Grafen Bismarck, auf deſſen Geſicht ſich hohe Befriedigung malte, da ſah man den Kronprinzen in vertraulichem Geſpräche mit dem Präſidenten des Reichstages, da erſchien auch der König, demüthig, als beuge er ſich unter Sen Willen Gottes, der ihm ſo hohes Glück beſcheerte. Er empfing die Deputation inmitten ſeiner Brüder, in Ge⸗ genwart ſeines Sohnes und der Miniſter, welche er bei ſich hatte Mit jener gewinnenden Freundlichkeit, die ihm eigen iſt und die dem Alter und der Eröße ſo wohl anſteht, trat er den Herren entgegen und vernahm, was ſie ihm Freudiges zu ſagen hatten. Sichtlich bewegt reichte er dem Präſidenten die Hand, aus deſſen Mund die Geſinnung eines ganzen Volkes zu ihm redete. Dann ſammelte er ſich einen Augenblick und hielt einen längere An⸗ ſprache an die Deputation. — Indem Ich Sie hier auf fremdem Boden empfange, ſagte er, iſt es Mein erſtes Bedürfniß, der Dankbarkeit gegen die göttliche Vorſehung Ausdruck zu geben, deren wunderbare Fügung uns hier in der alten franzöſiſchen Königsſtadt zuſammenführt. Gott hat uns Sieg verliehen in einem Maße, wie Ich es kaum zu hoffen und zu bitten wagte. Und dann fuhr er weiter fort: — Mit tiefer Bewegung hat Mich die durch Seine Majeſtät den König von Baiern an Mich gelangte Aufforderung zur Her⸗ ſtellung der Kaiſerwürde des alten deutſchen Reiches erfüllt. Sie, Meine Herren, bringen Mir im Namen des norddeutſchen Reichs⸗ tages die Bitte, daß ich Mich dem an Mich ergangenen Rufe nicht entziehen möge. Ich nehme gern aus Ihren Worten den Ausdruck des Vertrauens und der Wünſche des norddeutſchen Reichstages entgegen. Aber Sie wiſſen, daß in dieſen, ſo hohe Intereſſen und ſo große Erinnerungen der deutſchen Nation be⸗ rührenden Frage nicht Mein eigenes Gefühl und nicht Mein eige⸗ nes Urtheil Meine Entſchlüſſe beſtimmen kann, nur in der ein⸗ müthigen Stimmme der deutſchen Fürſten und freien Städte und in dem damit übereinſtimmenden Wunſche der deutſchen Nation und ihrer Vertreter werde ich den Ruf der Vorſehung erkennen, dem ich mit Vertrauen auf Gottes Segen folgen darf. Das waren einfache und beſcheidene Worte, die in ganz Deutſchland ihren Nachhall fanden, ſie tönten mächtig wieder von dem Königsſchloß zu Verſailles bis in die niedrigſte Hütte, — 359— ſie klangen nach, wo nur ein Herz für Deutſchlands Größe ſchlug. Die kleinlichen Schranken welche bisher Norden und Süden unſeres Vaterlandes getrennt hatten, waren an dieſem denkwürdigen achtzehnten Dezember gefallen, und es war, als habe Gott unſerer Heimat ein reiches Freudengeſchenk zur frohen Weihnachtszeit geben wollen, indem er die ſchönſte Krone auf das Haupt des⸗ jenigen Fürſten ſetzte, der ihrer am würdigſten war. Der Tag wurde im ganzen Lager auf das Feſtlichſte be⸗ gangen, und in den nie endenden Geſchützdonner der franzöſiſchen Forts klang es mit unauslöſchlichem Jubel hinein: Es lebe der deutſche Kaiſer, es lebe der Kaiſer Wilhelm der Erſte! Wo ſich der Kronprinz zeigte, dem die Deputirten gleich nach dem Könige ihre Aufwartung machten, da wurde er mit lautem Hurrah begrüßt, wo der Graf Bismarck ſich ſehen ließ, da dankte man es ihm, daß ſeine Staatsklugheit ſo Großes zu Wege gebracht hatte. Die Franzoſen, welche dieſes nicht endenwollende Hurrah und Vivat mit anhörten, vermochten es ſich nicht zu erklären, und es wurde ihnen angſt bei dem Jubel ihrer Feinde. Trochu aber wollte den Beweis liefern, daß er Richts von den böſen Nach⸗ richten glaubte, welche ihm von der Loire⸗Armee zugekommen waren, und daß er noch immer die Hoffnung hegte, die feindlichen Belagerungsheere zu durchbrechen. Am einundzwanzigſten De⸗ zember verſuchte er einen erneuten Ausfall, der ſich dieſes Mal gegen die Stellung der preußiſchen Garden und der Sachſen richtete. Die Franzoſen brachen wieder mit ihrem gewöhnlichen Un⸗ geſtüm hervor und warfen ſich mit einer ſolchen Verſchwendung von Pulver und Blei auf die Belagerer, daß dieſe auf einen Augenblick zurückwichen, doch nur, um die Angreifer deſto näher kommen zu laſſen. Kaum hatten ſie dieſen Haufen Natio⸗ nalgarden und Linie dicht vor ſich, ſo fuhr eine Salve wie da Donnerwetter unter ſie und räumte gewaltig auf, dann ging es mit Huſſah drauf lös, die Gewehre eingelegt, die Bajonnette gefällt, das war ein Anlauf, dem Nichts Stand halten konnte. Die Franzoſen wichen, die Garden und die Sachſen hinterher, und Schuß auf Schuß, doch ging nicht einer fehl, ſie fielen, im Rücken verwundet, ſie liefen, was ſie laufen konnten, und entgingen doch nicht ihrem Geſchick, zuletzt warfen ſie die Büchſen fort und ergaben ſich, es waren mehr als tauſend Männer, die ſo arg mit ihrem Heldenmuthe geprahlt hatten, und die ſich jetzt ganz kleinlaut und mit geſenkten Köpfen in das deutſche Lager führen ließen. Und das war auch ganz gut ſo, denn ſie fürchteten ſich we⸗ niger vor der Gefangenſchaft als vor dem ſpöttiſchen Selächter ihrer Landsleute, denn an Hohn und Spott ließen es die Pariſer trotz ihrer ſehr unglücklichen Lage niemals fehlen. Fortwährend wurde dieſer Ausfall durch das Feuer der Forts unterſtützt, und es iſt lächerlich und dennoch wahr, daß allein auf das fünfte Armeekorps dreihundertundfünfzig Granaten ſielen, von denen nur eine einzige Verwundung hervorgebracht wurde. Dieſes unnütze Schießen koſtete die Franzoſen numenlos viel Geld, aber es war Niemand da, der die Finanzen des Landes in Schutz genommen hätte. Frankreich ſollte nun einmal tief in den Abgrund des Unglücks hinein gerathen, und dazu half Alles, der Unverſtand ſeiner Volksführer, die ſchlechte Ordnung der Truppen, der Mangel an Achtung vor den Offizieren, die tollen ſozialiſtiſchen Ideen, die in allen Köpfen ſpukten, die be⸗ ſtändige Furcht vor der Wiederkehr der Herrſcher aus dem Hauſe Napoleons, aus dem der Orleans und Bourbonen, endlich der vis in das Unſinnige geſteigerte Haß gegen die Preußen. Denn in dieſem Namen faßten ſie ihre ganze Feindſchaft zuſammen, es waren nicht die Deutſchen, die ſie verfluchten, ſie hatten die nächſten Grenznachbarn, die Badenſer und Pfälzer ganz gern gemocht, aber die Preußen mit ihrem unüberwindlichen König, mit ihrem Bismarck, der ihnen zu klug war, mit ihrer Militaireinrichtung, die ſie nicht nachmachen konnten, die haßten ſie als die Urſache alles ihres Unglücks. Aber Gott vernimmt nicht die Flüche eines bethörten Volkes, er ſegnete Deutſchland durch den frommen, den großen deutſchen Kaiſer Wilhelm. ——— k—————— S——— N 42. Kapitcl. In der Gewalt des Wütherichs. Taleb hatte ſein Opfer zu dem Wagen zurückgeſchleppt und weckte den Eſel mit einem gewaltigen Fußtritt ſehr unſanft aus ſeinem Schlafe, die beiden Frauen folgten ihm ziemlich ängſtlich nach, Margot ſann über ihren Plan nach, der ihr noch nicht recht gefallen wollte, und Liſette zitterte vor dem Mohren, deſſen Zärtlichkeit ihr faſt ebenfo ſchrecklich erſchien als ſeine Wuth. Der Afrikaner warf den unglücklichen Grafen wie ein Bündel zur Erde, dann wandte er ſich an die Alte. — Laß das Weib los, ſagte er, und die Frauen fingen an aufzuathmen. Taleb ſetzte ſich nach Art der Türken mit kreuzweis verſchränk⸗ ten Beinen auf die Erde nieder, und Liſette näherte ſich ihm mit ſchmeichleriſchen Mienen. — ESi, lieber Taleb, ſagte ſie, wie bin ich froh, Dich wieder zu ſehen! Weißt Du, als Du mit der Mutter gar nicht wiederkamſt, da wurde mir angſt um Dich, da machte ich mich auf, um Dich zu ſuchen, und nun finden wir uns ſo ganz un⸗ erwartet zuſammen. — Heuchleriſche Katze! ſagte Taleb verächtlich und ohne ſie anzuſehen. — Ja, ſchilt mich nur aus, fuhr ſie fort, ich hätte ſchon warten können, aber da die deutſchen Soldaten herbeikamen, und nun, ich wollte Dir doch ſo gern die Treue bewahren, Du häßlicher Taleb Du. Der Schwarze ließ ſich von ſolchen Reden nicht ſo leicht fangen, wie ſie dachte. — Geh, ſagte er, Deiner Strafe entgehſt Du nicht! — Was hat ſie denn verbrochen? fiel ihMm Margot in die Rede. Sie war ganz allein, Huſſein, der dumme Eſel, war ge⸗ S2 gangen, um uns zu ſuchen, ſollte ſie nun in der einſamen Gegend ſitzen bleiben, bis ſie ſchwarz wurde, wie Du? Auf die Knie ſollteſt Du ſinken und ſie um Verzeihung für Dein grobes Benehmen bitten. — Weiber haben vor den Männern zu zittern und zu knieen rief er. — Ja, bei Euch zu Lande, lachte Margot. wo ein Jeder zehn Frauen haben kann. aber ländlich, ſittlich, bei uns iſt es anders. — An das Zittern wenigſtens denke ich nicht, rief Liſette, obgleich ihr angſt genug um das Hers war. Sie ergriff ihre Mutter bei den Schultern und drehte ſich mit ihr im Tanze herum, dann hüpfte ſie an Taleb heran und ſchlug ihm mit der Fußſpitze die Pfeife aus dem Munde, ſie ſprang über den ächzenden Grafen Bellegarde hinweg und drehte ſich wie ein Wirbelwind. — Bravo, bravo! rief das alte Weib. Iſt es nicht ein Götterkind, meine Liſette? Dieſe Grazie dieſe Leichtigkeit! Ja, das ſoll ihr mal Eine nachmachen! Als ſie noch ein kleines Kind war, hätte ich ſie können in's Ballet ſchicken, ſo zierlich tanzte ſie ſchon, ſpäter hatte ſie Luſt, Funſtreiterin zu werden, aber ich ſagte: Laß es gut ſein, Liſettchen, Du kriegſt noch einen Grafen, der Dir Pferde und Wagen hält, und richtig, ſo iſt es gekommen, für meine Liſette iſt kein Prins gut genug, und ſeht mal den Turko do, der nicht einmal in die Hände klatſcht, wenn ſolch ein Mädchen vor ihm tanzt. — Trau Einer dem Weibsvolk! brummte Taleb, das iſt leicht mit den Füßen, leicht mit der Zunge! Halt ſtill, Du Ta⸗ rantel, und höre, was ich Dir ſage! Liſet'e hielt mit Tanzen ein und ſetzte ſich ihm gegenüber. In drolliger Weiſe ahmte ſie ſeine Stellung nach, ſie kreuzte die Beine, lehnte ſich an einen Baumſtamm und faltete die Arme über die Bruſt. — Wie kommſt Du zu dem da? fragte Taleb und wies verächtlich auf den Grafen Bellegarde. — Frage ihn lieber, wie er zu mir kommt, verſetzte Liſette ſchnip⸗ pi u V zu li 1 6 3* — 4% — 363— viſch. Ich habe ihn wahrlich nicht geſucht, denn ſeine Nähe hat mir noch wenig Glück gebracht, er kam durch Zufall an minen Wagen, und ich ließ ihn aus Mitleid darunter ſchlafen. — Das iſt gelogen! rief der Mohr. Du haſt Dich mit ihm beſtellt. — So dumm kann nur ein Lfrikaner ſein! rief ſie mit lautem Lachen. Ich komme von Paris her, er war in Chanzys Armee nahe bei Le Mans, und da ſollen wir uns Sſek haben! O über die eiferſüchtigen Türken! — Ich will ein Ende mit ihm machen, ſagte Taleb, zum zweiten Male entgeht er mir nicht. Geh und hole Holz, altes Weib. — Holz? fragte Margot; wozu? zum Frühſtück? — Ja, lachte er, und zeigte ſeine ſpitzigen raubthieränlichen Zähne, ich will einen Braten machen. Geh, thu, was ich Dir befehle. 3 — Thus nicht, Mutter, fiel Liſette ein, er hat dir gar nichts zu befehlen, der grobe Burſche, wir wollen ihn franzöſiſche Höf⸗ lichkeit lelren. Plötzlich ſprang Taleb in die Höhe, in ſeiner Hand blitzte eine Piſtole. — Ver iſt hier der Herr? brüllte er mit donnernder Stimme. Zittert vor mir! Weiber ſind zum Gehorchen da, hier wie in meinem Lande! Du biſt des Todes, wenn Du nicht kenlie meinen Willen thuſt! Liſette ſiel ihm in den Arm. — Du biſt ſchwarz wie der Teufel und ebenſo bös, ſagte ſie lachend und klopfte ihm ſeine Wange, beruhige Dich, Du Wehrwolf, es ſoll ja geſchehen! Ich ſelber habe Hunger und Durſt! Laß doch ſehen, was wir an Vorräthen beſitzen, ein bis⸗ chen Kafe, das iſt Alles, was ich noch habe. Taleb trat an den Wagen heran, da lag unter dem Stroh eine Cigarrentaſche mit Bellegardes Wappen, er kannte es, denn es befand ſich auf den Sachen, welche er ihm früher abgenom⸗ men hatte. — Siehſt Du, daß Du eine Lügnerin biſt! rief er. Sollte — 364— er nicht in der Nacht zu Dir herangekommen ſein, nur um unter dem Wagen zu ſchlafen? Wie kommt denn das Ding hier herein? — Sehr einfach, verſetzte Liſette frech. Ich hatte Luſt, eine Cigarre zu rauchen, wie ich es lange gewöhnt bin, ich bat ihn um eine, denn mein Vorrath iſt zu Ende, und er gab mir die ganze Taſche. — Schlange! brummte Taleb in ſich hinein und konnte ſie doch nicht der Unwahrheit überführen. Liſette ſuchte mit Angſt nach dem Kaffe und vermochte ihn nicht zu finden. Sie zitterte für den Grafen. Sollten denn alle ihre Hoffnungen zerſtört werden? O nein, ſie wollte und mußte ihn erretten. Endlich fand ſie einen Topf, und ſingend ſtrich ſie den Schnee von den Zweigen, um Waſſer zum Früh⸗ ſtück zu holen. Dazwiſchen kam die Wutter wieder und brachte ein Bündel Reiſig, doch war es wenig, und das Wenige war naß. Taleb ſchalt ſie mit groben Worten. — Iſt das Dein Gehorſam, Du altes Thier? rief er. Wart, ich will Dir Beine machen! Damit ergriff er einen Stab und wollte auf die Frau ein⸗ hauen, aber Liſette fing ſeinen Arm auf. — Wie, Du Ungeheuer, Du willſt Deine eigene Schwieger⸗ mutter ſchlagen! rief ſie. Weißt Du nicht, daß, wer der Tochter gefallen will, es mit der Mutter halten muß? — Laß mich, Du Here! ſchrie er und wollte ſie von ſich abſchütteln, aber Liſette hing ſich nur um ſo feſter an ihn. — Schwiegermutter, kicherte ſie, bringt dem Teufel das beſte Futter. Sieh doch, wie ſie läuft, was kann man von alten Beinen mehr verlangen? Nun ſetz Dich ſtill dahin, und rühre Dich nicht mehr, bis das Frühſtück fertig iſt. Siehſt Du, ich mache ſchon das Feuer an, aber langſam wird es gehen, weil das Holz voll Schnee iſt. Taleb brach einige Aeſte von den Biumen und warf ſie ihr zu. Indeſſen er damit beſchäftigt war, näherte ſich Liſette dem Grafen und flüſterte: — Geduld und Muth, ich rette Dich, aber Du mußt mich auch zur Gräfin machen. — mi be — 365— — So wahr ich lebe. verſetzte er ebenſo leiſe, nur rette mich, Liſette, rette mich! Das Holz begann endlich zu ſchwehlen, und dampfte ganz entſetzlich, Liſette mußte huſten, indem ſie hineinblies, darüber vernahm Taleb nicht das leiſe Geſpräch. Margot brachte mehr Holz herbei und warf es auf die Gluth, es war bald ein hoher Brand. Taleb ſteckte zwei ſtarke Aeſte in die Erde, legte einen andern quer darüber und hing an dieſen cden Topf mit dem Schnee, dabei trieb er Margot, noch immer mehr Holz herbei zu ſchleppen. Das heiß gewordene mit Kaffe verſetzte Waſſer, Branntwein und Brot bildeten das Frühſtück der Drei. Liſette, die den Turko in guter Laune halten wollte, ſchwatzte, ſang und lachte, und Margot unterſtützte ſie dabei. Es war Talebs Stolz, daß das Mädchen ſeiner Wahl von Grafen und Fürſten begehrt worden war, und Margot, die das wußte, erzählte von dem Luxus, an welchen ihr Kind gewöhnt geweſen war. — Welch ein Engel iſt ſie doch, rief die zärtliche Mutter, ſaß ſonſt auf ſeidenen Polſtern, und iſt jetzt ganz luſtig, obgleich ſie auf einem kalten Stein hockt! Was doch die Liebe thut! Weißt Du noch, wie Du mit dem Prinzen wie hieß er doch gleich? auf den Ball fuhrſt? Die Prinzeſſin Flora holte Dich ab, ſie war ſchön, die Prinzeſſin, obgleich nicht. halb ſo ſchön wie Du. Sie hatte weißen Krepp an mit Roſen und Brillanten, und Du trugſt roſa Seide mit Spitzen und eine ſo lange Schleppe. — Wer war die Prinzeſſin Flora? fragte Taleb. — O lachte Liſette, nichts Beſſeres als ich, wir gaben uns ſolche Titel zum Spaß. Es war dumm, daß ſie das ſagte, und ſie fühlte es ſogleich. Eine wirkliche Peinzeſſin, das hätte ihm gefallen, jetzt aber fürch⸗ tete er, es möchte mit dem Grafen eben auch nur ein Spaß ge⸗ weſen ein. Um ſo mehr hatte er Luſt, ſeine üble Laune an dem auszulaſſen, Ler da ſo elend vor ihm lag. E ſchm ichelte ihn, daß ein vornehmer Herr vor ihm, dem armen Turko⸗ zitterte, und an dieſem Unglückſeligen hatte er ſeine Schwſter zu rächen, hatte er ſeine Eiferſucht zu kühlen Der ſtarke Branntwein war ihm zu Kopf geſtiegen, und die Adern ſeiner Stirn lagen roth auf der ſchwarzen Haut. Liſette zitterte, als ſie den Blick voll Rachluſt ſah, den er auf Belle⸗ garde warf. Er riß den Baumwaſt herunter, an welchem der Topf hing, und warf ihn auf die Erde, dann häufte er Holz auf die Flammen Und welke Blätter, ſo daß es glühte und qualmte, und ein dicker, grauer Rauch empor wirbelte. — Wozu das? wagte Liſette zu fragen. Willſt Du den Wald anſtecken? Er antwortete nich, er nahm den Grafen, deſſen Hände und Füße noch immer zuſammengebunden waren, und ſteckte den Stab hindurch, dann hob er ihn auf, um ihn über die beiden in der Erde befe ligten Aeſte über das Feur zu hängen. — Taleb, Taleb! ſchrie Liſette auf, was willſt Du thun? — Einen Braten machen, lachte der Wütherlch. — Aber das iſt gräßlich! rief ſie und wollte ihn zurück⸗ halten, er ſtieß ſie von ſich, ſeine ſchwere Fauſt traf auf ihren Buſen, und mit einem lauten Schwerzensſchrei taumelte ſie zurück. Jetzt nahm Margot den Kampf mit ihm auf, wußte ſie doch, taß Hektor, wenn ſie ihn rettete, ihre Tochter heirathen würde. — Taleb, rief ſie, wenn Du das nicht läßt, ſo ſchreie ich bis die Peußen kommen! — und ich werfe Dich in dieſelbe Gluth hinein, verſetzte er und knirſchte mit den Zähnen. Sie ſtellte ſich vor das Feuer, doch mit einem Fuſtritt ſchleuderte er ſie bei Seite. Unterdeſſen hatte Liſette den wüthenden Schmerz überwunden, denn ſie ſah, was ſie zu retten vermochte, das Piſtol des Grafen Hektor, welches unter dem Wagen liegen geblieben war⸗ als er entfloh. Sie ergriff es und ſprang vor Taleb hin. — Zetzt zittere vor mir, rief ſie, denn Du biſt des Todes! Taleb ſchleuderte den Grafen zur Erde, um ſich auf Liſette zu werfen Dieſe drückte das Piſtol auf ihn ab, aber der Schuß der ungeübten Hind ging fehl. Taleb ergriff ſie und warf ſie —— uf ſie na we um Je ſi da de V — N auf die Erde, da ſprang Margot wie eine Furie auf ihn los, ſie packte ſeine Haare, ſie krallte ihre Nägel in ſein Fleiſch, ſie trat ihn mit den Füßen. Auch Liſette ſuchte ſich ihrer Haut zu wehren und ſo rollten ſich die Drei wie en Knäuel auf der Erde umher aber Talebs Stärke überwand die ſchwachen Weiher. — Was iſt das? He! aufgeſtanden! So rief plötzlich eine Stimme. Liſette jauchzte auf, Margot ließ den Afrikaner los, dieſer taumelte empor — Welch eine Schmach! rief der eben Ankommende, ein Mann, der ſich mit Weibern rauft! Es war ein würtembergiſcher Unteroffizier, der das rief. Jetzt winkte er ſeinen Leuten, die lachend das ſeltſame Schau⸗ ſpiel mit anſahen. — Bindet mir mal den ſchwarzen Kerl! befahl er. Aber da liegt ja noch Einer! Heda! Was iſt denn mit dem? — Rettet mich, er wollte mich ins Feuer werfen! ſtöhnte der Graf. — Ein franzöſiſcher Offizier? Gute Beute! Ihr Alle ſeid Gefangene! Die beiden W iber werden in den Wagen geſetzt und fortgebracht, die Männer bindet, den Einen vorn, den Andern hinten an das Fuhrwerk feſt. Du ſetzſt Dich darauf und fährſt, Ihr Andern bewacht mir den Türken, es ſcheint ein ſauberer Ealgenvogel zu ſein! Und nun vorwärts Marſch! Damit ſetzte ſich die Streifpatrouille in Bewegung. Liſette konnte mit dieſer Wendung nur zufrieden ſein, doch war ſie bleich und legte oft die Hand auf die Selle, wo Talebs Fauſt ihr einen ſo furchtbaren Stoß beigebracht hatte, der Schmerz wollte nicht nachlaſſen. Margot blickte ſcharf um ſih, ſie ſann auf Flucht und Rettung. Zum Glück für den Grafen Hektor ging der Eſel ziemlich langſam, denn die Todesangſt hatte jenen, faſt getödtet, und ſeine Arme und Beine, die ſo lange feſt aneinander gebun⸗ den geweſen waren ſchmerzten, als wären ſie zerbrochen. Nur mit der größten Anſtrengung ſchleppte er ſich hinter dem Fuhr⸗ werk her. Taleb mußte vorn gehen, damit ihn der Führer des Wagens beſtändig vor den Augen hatte. Die Soldaten hatten ——————————— ——— * ——.— ————— — 368— ihn nicht ohne Mühe g bunden und entwaffnet, denn er war rieſenſtark und wehrte ſich bis zum letzten Augenblick. Zetzt wae er in der G walt ron unerbittli en Feinden. Er ſah lein Rettungsmittel aus dieſer Noth. Der Graf, das war ja kar. mußte gegen ihn ausſagen, die Fra en konnten ſeinen Mord⸗ verſuch nur beſtätigen, er war alſo verloren. Seine einzige Hoffnung beſtand darin, daß es Würtemberger waren, die ihn gefangen hatten dieſe wußten wenisſtens nicht, was er gegen den Grafen Iſſelhorſt unternommen hette. Faſt bereute er es, ſich mit Margot verfeindet zu haben, die Alte war ſchlau und hatte ihn ſchon einmal gerettet. Er warf inen Blick auf ſie, aber ſie ſtreckte ihm die Zunge heraus, als geichen, daß ſie ihn haſſe und verachte⸗ Auch von ihr hatte er alſo das Schlimmſte zu erwarten. Da verſank er in dumpfes Brüten. Die Türken glauben an Vorherbeſtimmung. War es n den Sternen geſchrieben, daß er hier ſeinen Untergang finden ollte, ſo mußte er ſich wohl oder übel darein ergeben, und den⸗ noch wogte in ſeinem Herzen die ungekühlte Rache, die Qual der iferſucht, denn er liebte Liſetten mit all der thieriſchen Wuth, die n ſeinem Weſen lag, er wollte ſie ſich ganz zu eigen machen, ſie ollte vor ihm zittern, ihn als ihren Herrn verehren und ſeine Sklavin ſein. Jtzt wußte er, daß ſie ihn haßte und daß ſie Alles thun vürde, um ihn z verderben. Der Zug ging nicht lange durch en Wald, bald war die Landſtraße erreicht, wo andere Soldaten u ihnen ſtießen, welche die Gegend nach Franktireurs abgeſucht zatten, und ſo vermehrte ſich der Zug, der wieter nach der Ge⸗ zend von Paris zurückging, zu einer ganz anſeynlichen Menge. deſ rüſ 3w Kö das ver lebe gen Lüf lan den der Fi die Zei wu der U ein ——————— 43. Kapitel. Der Berg Avron. Konnten es denn die Franzoſen nicht ſatt bekommen? In⸗ deſſen ſich unſere Krieger zu dem letzten entſcheidenden Schlage rüſteten, bereiteten ſie neue Ausfälle vor. Die Wahnſinnigen! Zwanzig Mal geſchlagen, kamen ſie immer wieder, um ſich blutige Köpfe und zerſchoſſene Glieder zu holen. Hätten ſie bisher nur das Geringſte ausgerichtet, ſo ließe ſich eine ſolche Hartnäckigkelt verſtehen, ſo aber war es unbegreiflich, warum ſie unnütz Menſchen⸗ leben opferten. Es kamen Nachrichten genug aus Paris, die von dem dortt⸗ gen Elend Kunde gaben. Wo man einen Ballon durch die Lüfte fliegen ſah, da wurde Jagd auf ihn gemacht, und oft ge⸗ lang es, die waghalſigen Leute herabzuholen, die es wagten, ſich dem ſteucrloſen Himmelsraume anzuvertrauen. Da fand man denn Briefe in reicher Menge. Zwar enthielten ſie nicht die ganze Fülle ihres Unglücks, ſie prahlten noch immer mit Reichthümern, die ſie nicht beſaßen, und dennoch merkte man es aus einer jeden Zeile, daß dieſer Belagerungszuſtand eine unerträgliche Laſt wurde. Die Sterblichkeit ſtieg von Woche zu Woche und nahm eine un⸗ geheure Ausdehnung an, vorzäglich erlagen Greiſe und Kinder der ſchlechten, unordentlichen Koſt, die Fleiſchrationen wurden im⸗ mer kleiner, und die ſchönſten Waldungen wurden umgehauen, um nur das nothwendige Brennmaterial zu beſchaffen, und dennoch dachte Niemand an Kapitulation, und dennoch ſprachen ſie von Richts als von dem Kriege bis auf das Meſſer. Am einundzwanzigſten Dezemer hatte die pariſer Beſatzung einen Ausfall gegen die preußiſchen Garden verfucht, und ſchon um Zweiundzwanzigſten brach ſie abermals hervor und ging D. V. Sh. M. 2¹ — 370— m der Marne entlang, um den Flügel des ſächſiſchen Armee⸗ korps anzugreifen. Es waren zwei feindliche Brigaden, ſie hatten ſich heimlich hervorgemacht und hofften durch Ueberrumpelung zu ſiegen. Plötzlich und ehe noch irgend Jemand es dachte, ſahen ſich die ſächſiſchen Bundesgenoſſen mit einem Kugelregen über⸗ ſchüttet. Indeſſen ſammelten ſie ſich in aller Eile und hiel⸗ ten den erſten Angriff aus, obgleich er furchtbar heftig war und manches Menſchenleben koſtete. Doch als von Paris her noch neue Truppen heranzogen, wichen die Sachſen ein wenig zurück. Das gab den Feinden friſchen Muth. Mit einem furchtbaren Geſchrei ſtürzten ſie den Sachfen nach, doch dieſe machten plötzlich Kehrt und hatten nun ihre Angreifer unmittelbar vor ſich; das war es eben, was ſie beabſichtigten. Es kam zu einem hitzigen Gefecht, welches zwar den Kampf nicht beendigen, aber aufhalten ſollte, denn die Ankunft von Ver⸗ ſtärkungen war bereits gemeldet worden. Plötzich donnerten Kanonen von beiden Seiten her. Es waren würtembergiſche Batterien, welche die Franzoſen von Rechts und Links angriffen und ſie zum Rückzuge nöthigten. Und dieſer Rückzug wurde durch einen Strom von Blut bezeichnet, welchen die Feinde hinter ſich zurückließen. Schneller als ſie zu laufen vermochten, flogen ihnen die Kugeln nach und verhinderten Manchen am weiteren Laufen. Sie ſfielen getroffen hier und da, oder wurden von den verfolgenden Sachſen überholt und zurückgeführt Deſſen weigerten ſie ſich niemals. Gefangen werden, das hieß, Eſſen die Fülle bekommen, welch' ein Glück für dieſe hungri⸗ gen Burſche, die ſeit vielen Tagen Richts im Leibe hatten, als die Furcht vor den verhaßten Deutſchen. Und dieſe hatten die Abſicht, ſich noch viel verhußter zu machen. Kaum war das heilige Feſt vorüber, das uns an die Geburt des Gottesſohnes erinnert, deſſen erſtes Gebot die Liebe zu den Brüdern iſt, da begann die Belagerung von Paris in einen neuen Abſchnitt ein⸗ zutreten. Wahrlich, das hieß nicht gegen die Gebote Gottes fehlen, denn je eher und je energiſcher der Sache ein Ende gemacht wurde, um ſo eher wurde dem Blutvergießen Einhalt gethan, um tis 1 weld war nen der E ben zwa frül Anr hat um ſche ſeit hol ein , um ſo eher wurden die unglücklichen Weiber und Kinder in Pa⸗ ris von dem Hungertode gerettet. Die gewaltigen Kanonen, mit welchen man die Franzoſen zur Vernunft zurückzuführen dachte, waren mit unſäglicher Mühe endlich an Ort und Stelle gekom⸗ men und ſollten unverzüglich ihre Thätigkeit beginnen. Die Soldaten ſtellten die ſchweren Zuckerhüte auf, die mit der Spitze voran in die Geſchützröhre hineingeſchoben wurden. Es gehörte ſchon Kraft dazu, dieſe großen Wurfgeſchoſſe zu he⸗ ben und zu tragen, doch waren es meiſt Zwölf⸗ und Vierund⸗ zwanzigpfünder, die zunächſt in Anwendung kamen. Die Beſchießung begann am ſiebenundzwanzigſten Dezemoer früh beim Morgengrauen und richtete ſich zuerſt auf den Berg Avron, um den herum die Franzoſen Befeſtigungswerke gebaut hatten. Sechsundſiebenzig Geſchütze ſtanden ihm gegenüber und um ſie ganz heimlich dahin bringen zu können, hatten die Deut⸗ ſchen eine Liſt gebraucht. Der Wald war durchſichtig geworden, ſeitdem er ſein Laub verloren hatte, auch mußte man ihn aus⸗ holzen, damit die großen Kanonen hindurch konnten. Damit dieſe nun verdeckt ſtanden und vom Berg Avron aus nicht bemerkt wurden, pflanzten ſie täglich einige wenige Ge⸗ ſträuche, die ſie hinten fortnahmen, vorn hin. Dies geſchah ſo unmerklich, daß es gar nicht zu ſehen war, und dennoch wurde die Wand von Zweigen immer dichter und dichter, und endlich, als der Schnee darauf fiel, ganz undurchſichtig. Viel ſchneller aber, als ſie entſtanden waren, fielen die Sträucher plötzlich um und zeigten die feuerſpeienden Schlünde der deutſchen Ge⸗ ſchoſſe. Bei Raincy und Montfermeil ſtanden ſie auf dem rechten Ufer der Marne, bei Noiſy le Grand auf dem linken, alſo im Oſten der Stadt Paris. Das Feuer wurde vom Flateau des Berges Avron her in der ſtürmiſcheſten Weiſe erwiedert. Es gab ein Knallen, daß weit umher die Fenſterſcheiben ſprangen, und viele der Artilleriſten auf mehrere Tage taub blieben, während aber die franzöſiſchen Kugeln faſt alle fehl gingen, zielten unſere Kanoniere ſo ſicher, daß jeder Schuß traf. 24* — 372— Zwei Tage lang dauerte dieſer furchtbare Kampf mit nur ganz kurzen Unterbrechungen, dann endlich wurden die franzöſi⸗ ſchen Kugeln ſeltener, und endlich verſtummte das Feuer gãnzlich. Das war der erſte Triumph, welcher über die Pariſer Forts davon getragen wurde. Der Berg Avron iſt keins der unbedeutendſten Feſtungswerke, und dennoch war er zum Schweigen gebracht wor⸗ den. Weit blickte er über das Land und zeigte den Belagerern ſeine gefährlichen Feuerſchlünde, jetzt war er nur noch eine zer⸗ ſchoſſene Ruine, und gleich ihm ſollte bald auch Frankreichs bis⸗ her ſo ſteigender Waffenruhm nichts weiter ſein, als eine vor der deutſchen Kriegskunſt dahinfinkende Macht. Doch noch ein zweiter Sieg wurde an dieſem Tage in das Buch der Geſchichte verzeichnet. Der Verg Avron deckte bisher den Bahnhof von Noiſy le Sec, von welchem aus die Bahn nach Mühlhauſen und nach Straßburg geht. Dieſer Bahnhof wurde nun angegriffen, die franzöſiſche Artillerie, welche zu ſei⸗ nem Schutze in der Nähe von Bondy kantonirte, wurde vertrieben, und alles Feinde, die ſich ſonſt noch in der Nähe fanden, zer ſtieb⸗ ten vor den ſiegreichen Waffen. Wie mag den Franzoſen zu Wuthe geweſen ſein, die dort oben auf der flachen Spitze des Berges ſaßen und von feindlichen Kugeln umſauſt wurden, als ob ein Schwarm Sperlinge rings um ſie her flog? Sie halten ſich auf ihrem dreihundertundſunfzig Fuß hohen Feſtungswerk für ſicher gehalten, nun kreuzten ſich darauf die deutſchen Ku⸗ geln und machten ihnen den ferneren Aufenthalt unmöglich. Noch hatten ſie frellich Geſchütze genug, doch dieſe gaben ihnen keinen Schutz, und auch die naheliegenden anderen Forts ſchienen ihnen keine genügende Deckung zu ſein. Deshalb brachten ſie ſo viel Kanonen als möglich vom Berg Avron herab und in Sicherheit, und entfernken ſich, ohne weiteren Abſchied zu nehmen. Am neunundzwanzigſten Dezember wurde darauf der Verg von dem königlich ſächſiſchen Armeekorps beſetzt. Das war immmerhin eine gefährliche Ehre, die ihnen da⸗ durch zu Theil wurde, denn wie leicht war es möglich, daß die fortzehenden Franzoſen Minen gegraben hatten, um die Sieger ha U g U ——— —— — 373— in die Luft zu ſprengen. Zum Glück fand ſich von ſolchen Bos⸗ heiten nichts vor, doch als die Sachſen in die Erdwerke eindran⸗ gen, fanden ſie noch zwei Vierundzwanzigpfünder, Lafetten, Ge⸗ ſchütze und Gewehre, ja auch ſelbſt Todte vor, die ſie in der Eile ihres Rückzuges nicht mehr hatten begraben können. Man erſah daraus, wie ſchnell es mit dieſem Rückzuge gegangen ſein mußte. Ihr Verluſt war jedenfalls ein ganz gewaltiger, denn außerdem, daß ſie die Ehre eingebüßt hatten, und daß nun der Be⸗ weis geliefert war, wie die anderen Forts ſich auch nicht beſſer halten würden, als dieſes, außer alledem, was ſie hatten zurücklaſſen müſſen, waren ihnen auch noch viele Leute gefallen und verwundet. Auf der Seite der Deutſchen, an denen alle feindlichen Ku⸗ geln vorbeigingen, war dagegen der Verluſt ein höch ſt geringer, und nur ein paar Soldaten waren mehr oder weniger verletzt worden. Die guten Pariſer hielten b's dahin ihre Forts für ſo unüberwindlich, daß ſie die Deutſchen verſpotteten, die ſich an dieſen hohen Mauern und Zinnen die Zähne ausbeißen ſollten, doch bald wurden ſie eines Beſſeren belehrt. Machte ſie das klug? O nein. Der Berg Aoron war gefallen, aber es waren ja noch ſo viele andere Feſtungswerke da, was war denn alſo zu fürchten? Die proviſoriſche Regierung dagegen gerieth in furchtbare Wuth und erklärte das Bombardement für einen un⸗ erhörten Frevel und für einen Akt der brutalſten Barbarei. Was würden ſie gethan haben, wenn das Kriegsglück ſie zu uns geführt hätte? Gewiß, dieſe edlen Leute hätten uns mit Roſen ſtatt mit Kanonenkugeln beworfen. In dem deutſchen Hauptquartier nahm man natürlich von dem albernen Proteſt der franzöſiſchen Regierung keine Notiz und ließ ruhig weiter ſchießen, aber die Pariſer wollten ſolch eine Dreiſtigkeit um jeden Preis verhindern. Am dreizehnten Januar machten ſie einen großen Ausfall gegen die Stellungen der Garden bei le Bourget und Drancy gegen das elfte Korps bei Meudon und gegen das bayriſche Korps bei Clamart. Sie fingen das ſehr giftig an, ſie kamen nämlich in der Nacht, um die Feinde zu überraſchen. Indeſſen waren dieſe auf Alles vorbereitet und ſtanden ſchon völlig gerüſtet da, als die — 374— Franzoſen ſie noch in tiefem Schlafe vermutheten. Jagten ſie aber die Garden zurück, ſo hieben ſie die Bayern, Thüringer und Heſſen vollends zuſammen, daß ihnen Hören und Sehen verging. Es war eine Luſt zu beobachten, wie die frechen Buben da⸗ vonliefen, weit ſchneller, als ſie gekommen waren, nahmen ſie ihren Rückzng, und es war gut, denn die Deutſchen hätten nichts übrig gelaſſen, wenn nicht die Flucht eine ſo ſchleunige geweſen wäre. Die Nacht war bitter kalt, ſolch ein Laufen und ſolch ein Verfolgen erwärmt doch ein bischen. Als der Morgen kam, ſah man erſt, was für Arbeit geſchaffen worden war und wie viel Leichen im Schnee lagen, die Krähen flogen rings umher, die mochten auch hungrig ſein, denn rings war Alles wie in ein weißes Sterbehemde eingehüllt. Ach, wie ſehnten ſich die deutſchen Krieger, dem Feldzuge cin Ende zu machen, wie freute ſie ein jeder Kampf, weil er ſi doch dem Ziele näher brachte! Ganz Deutſchland ſehnte ſich nach dem Frieden. Es war ja nicht um des Ruhmes willen, daß unſere Soldaten in das Feld zogen, es war um das Vater⸗ land zu ſchützen. Doch nun nach ſo vielen Siegen und auch nach ſo vielen ſchmerzlichen Verluſten an tapferen Kameraden wünſchte ein Jeder die Segnungen des Friedens herbei, ſehnte ſich ein Jeder zurück nach Haus und Hof, nach Weib und Kind. und nach dem bürgerlichen Gewerbe. Aber es ſollte ihnen noch lange nicht ſo gut werden, es lagen noch ſchwere Tage vor ihnen. Doch getroſt! Mit der Gewißheit des Sieges wird die Geduld nicht allzuſchwer, galt es doch, die Franzoſen gründlich zur Vernunft zu bringen, damit der Friede ein dauerhafter werde, und ihnen das Wiederkommen wenigſtens für einige Zeit verleidet würde. Nachdem am dreißigſten Dezember bereits mehrere Kom⸗ pagnien bis zu dem Dorfe Rosny vorgedrungen waren, begann von hier aus die Beſchießung der Oſtforts Nogent, Rosny und Noiſy. Das dauerte dieſes Mal nicht lange, denn ſchon am erſten Tage des neuen Jahres ſtellten dieſe Befeſtigungen ihr Feuer ein, nur das ſtärkſte von ihnen, Nogent. hielt ſich etwas länger, verſtummte aber endlich auch am zweiten Januar. Perg Kug Bom Vett abge Luft für Di im ga vre unt ſich ern Ku — 375— Die ganze Oſtfront von Paris, die bis dahin von dem Berg Avron aus beherrſcht geweſen war, wurde nun von deutſchen Kugeln beſtrichen, und gleich darauf begann auch im Süden das Bombardement, die Sache ging alſo nun rüſtig vorwirts. Das Wetter war dabei herrlich, und neun Grad Kälte ſchienen unſeren abgehärteten Soldaten durchaus niht unbequem zu ſein. Die Luft war klar und ließ auch die Ferne deutlich erkennen, was für die Sicherheit des Zielens von dem größten Nutzen ſein mußte. Dazu verhinderte der Feind durchaus nicht, daß die Batterien im Süden der Stadt mit Kanonen beſpickt wurden, und ſo be⸗ gann am fünften Januar die Beſchießung der Forts Iſſy, Van⸗ vres und Montrouge. Außerdem wurden aber auch die Verſchanzungen bei Villejuif und Point du Jour angegriffen, und einige Kanonenboote, die ſich erfrechten, die Deutſchen zu beſchießen, wurden dafür ziemlich ernſthaft gemaßregelt. Von zwei Seiten her flogen alſo die Kugeln nach den Feſtungswerken hin. Es war intereſſant, zu ſehen, wie die ſchweren Zuckerhüte durch die Luft ſauſten. Mit einem ſchwirrenden Tone fliegen ſie dahin, bohren ſich mit ihrer Spitze in das ihnen beſtimmte Ziel, als ob ein gefährliches Inſekt herbeiſchwebt und ſeinen giftigen Stachel todtbringend einſenkt. Dann ein Knall, eine Rauchwolke, ein Emporfliegen von Erde, Steinen, menſchlichen Gliedern, ein Aufſpritzen von Sand und Blut, ein wildes Ge⸗ ſchrei dort drüben, ein Hurrahruf auf dieſer Seite, und gleich darauf ein neues gleich ſicher treffendes Geſchoß, und fort und fort, bis das Werk der Zerſtörung vollendet iſt! Dann oberhalb der Geſchoſſe kleine, zart gefiederte Wölkchen, die in der blauen Luft emporſteigen und ſich kräuſeln, ſo leicht, ſo ſchön, als ſchwebten mit ihnen die aus der irdiſchen Hülle vefreiten Seelen zu Gott empor. Der Nebel dichtete ſich, ehe noch die Arbeit vollendet war, doch da man einmal ſein Ziel kannte, war der Erfolg dennoch ein günſtiger. Nur vier Mann ließen ihr Leben dabei, und vier Offiziere und elf Soldaten wurden verwundet. Endlich, als am ſechsten Januar auch das zweite Pariſer — 5— Fort, Iſſy, zum Schweigen gebracht worden war, entſchloſſen ſich die deutſchen Heerführer, die Beſchießung auf das Kräftigſte fortzuſetzen. Am ſiebenten Januar ſchwieg auch das Fort Vanvres zeit⸗ weis, und am achten geriethen die Kaſernen des Forts Mont⸗ rouge in Brand.—— Dieſes Fewaltige Feuer dauerte bis zum Morgen und erhellte ſchauerlich die weite Gegend, in der hier und da die Blitze der abgefeuerten Kanonen aufleuchteten. Unaufhörlich brüllten die Geſchütze, die Racht ſelbſt brachte keine Ruhe, weil das Feuer das Ziel erhellte. Nur als am folgenden Tage dichter Rebel eintrat, wurde vas Schießen behindert, ſetzte ſich jedoch ſehr bald von Neuem fort. Die Franzoſen antworteten nur mäßig, ſie ſchienen dieſe Art der Kriegsführung doch ſatt zu haben, denn allzunahe rückten ihnen die Kugeln auf den Leib. Das Fort Iſſy, welches ſein Feuer nach und nach wieder aufnahm, wurde ſo arg beſchoſſen, daß auch hier die Kaſernen in Brand geriethen, aber wiederum trat Nebel ein, der jede Fernſicht und damit jedes ſichere Zielen verhinderte. Den armen Leuten, welche in den Vorſtädten von Paris nahe den beſchoſſenen Forts wohnten, wurde nun auch ſeelenangſt. Ihr Zuſtand war freilich auch entſetzlich. Von dem heftigen guftdruck, welchen die Geſchoſſe verurſachten, waren ihnen alle Fenſterſcheiben geſprungen, ſo daß die eiſig kalte Luft durch die Zimmer ſtrich, dazu flogen ihnen die Granatſplitter in die Stuben hinein oder fielen glühend auf die Dächer und bedrohten ſie mit einer Feuersbrunſt. Die unglücklichen Menſchen, von denen Viele vor Schrecken erkrankten, retteten ihre letzten beweglichen Habe in die nördlich gelegenen Stadttheile hinein, wo ihnen Quartiere angewieſen wurden, ſie ahnten nicht, daß es vald auch da nicht mehr geheuer ſein ſollte. Zwar fuhren die Franzoſen neue Ge⸗ ſchüte auf und verdoppelten ihr Schießen, doch erreichten ſie damit herzlich wenig, bis ſie endlich einen neuen großen, den letzten, Ausfall wagten. nt⸗ Ute der die et rde lem gen lle hen mit nen abe iere icht Ge⸗ mit ten. — *4. Kapitel. Das Gebet zum Schutzgeiſt. Als Schack taumelnd vor Trunkenheit bis zu dem Hauſe der Herzogin Mntaolto gekommen war, befanden ſich die Frauen bereits dort und ſchrien und lärmten vor der Thür. Helene blickte ängſtlich zum Fenſter hinaus. — Ach Gott, ſagte ſie, das ſind die armen Frauen aus Belleville, gewiß leiden ſie Hunger und Durſt, und unſere Vor⸗ räthe ſind ſchon ſo ſehr zuſammen geſchrumpft. Wenn dieſer unſelige Belagerungszuſtand noch lange dauert, ſo werden wir nicht wiſſen, auf welche Weiſe wir uns und unſere Armen ſättigen ſollen. — Das darf uns nicht hindern, ſchon jetzt allen Denen zu geben, die Noth leiden, verſetzte die edle Idung. — Aber wenn wir nun ſelber nichts zu eſſen haben? fragte Margarethe. — Fürchte Nichts, mein Kind, antwortete ihr die Mutter. Gott ernährt die Sperlinge unter dem Himmel, er wird uns nicht darben laſſen. Und dann hört Ihr es ja, daß die Deutſchen bereits die Forts beſchießen, es kann nicht lange dauern, bis Paris dieſen unſinnigen Widerſtand aufgiebt, dann ſind wir frei. Dann eilen wir hinaus, wie Vögel, denen man den Käfig öffnet. — O ja, ſagte Margarethe. Hier iſt es abſcheulich. Man ſieht nichts als Elend, es ſollen ſchon Leute verhungert ſein, und der Leichenwagen rumpelt den ganzen Tag über durch die Straßen. Ich habe nun ſchon ſeit vielen Monaten nicht mehr gelacht, wie ich ſonſt lachte, als Arthur und Richard noch hier waren, und als der Papa noch freundlich gegen uns war. Ach, liebe Mama, wird es denn jemals wieder ſo hübſch werden, wie es damals war? — Wir wollen das Beſte hoffen, mein Liebling. Ihr Veide — 378— ſeid noch ſo jung, Euch lacht noch das Leben, und es iſt ſo reich an Freuden, wie an Schmerzen Helene hatte während dieſes Geſpräches am Fenſter geſtanden, jetzt unterbrach ſie ihre Tante. 2— O ſieh doch, ſagte ſie, das iſt entſetzich. Dieſe bleichen Frauen ballen die Fäuſte gegen mich. Was können ſie haben? — Sie haben Hunger, verſetzte Iduna. Geh, nimm die Brote, die ich habe backen laſſen, und vertheile ſie unter dieſe Unglücklichen. peiden Mädchen eilten hinaus und traten bald unter den Haufen der Weiber, die ſich durch Schimpfen und Toben in immer größere Wuth hinein geredet hatten. — Wozu geben ſie denn mehr Almoſen als Andere, rief die Eine, wenn ſie nicht ein böſes Gewiſſen hätten? — Ja, ja, antwortete eine Zweite, ſie wollen uns an ſich locken, damit ſie uns um deſto ſicherer verrathen können. — Die Reichen meinen es niemals gut mit den Armen be⸗ hauptete eine Dritte, wenn ſie uns Gutes thun, ſo geſchieht es nur, damit ſie uns los werden. — und weil ſie uns fürchten, rief die Erſte wieder. Aber ſte ſollen auch Urſache dazu haben! — Als ſie noch täglich beim Kaiſer waren, gaben ſie nicht halb ſo viel an uns ab. Ja, damals hatten ſie auch noch Sol⸗ daten zu ihrem Schutze. — Heute können ſie ſich nicht wehren, wenn wir uns an ihnen rächen. O, rächen wir uns! Was! unſere Kinder verhun⸗ gern und erfrieren und ſeht doch, wie der Rauch da aus dem Schornſtein ſteigt! — Oho, ſie backen und braten, während wir Noth leiden! — Die Verrätherinnen! — Die Heuchlerinnen! — Fort mit ihnen, man muß ihnen beweiſen, daß wir ſte N durchſchauen! — Wir müſſen ihnen die Larve vom Geſichte reißen⸗ So ging es weiter, und immer lauter tobte die Menge, — Wart, ich komme mit Dir! rief Margarethe, und die ———— — 379— immer ſchrecklicher kreiſchten und ſchimpften die Frauen. Plötzlich öffnete ſich die Thür des Hauſes, und Helene trat mit Marga⸗ rethe heraus. Ein jedes der jungen Mädchen trng einen Korb mit Broten. — Ihr habt Hunger, ſagte das Fräulein Helene, Fleiſch haben wir nicht mehr, aber dieſes Brot ſchickt Euch meine Tante. — Ha, ſie wollen uns den Mund ſtopfen— ei, da müßte es doch etwas beſſeres ſein, als trockenes Brot! riefen ihr die W.eiber entgegen und lachten ſie höhniſch an. Helene erbleichte, ſie zog Margarethen feſter an ſich und bot noch einmal den Frauen ihre Gabe an. — Ich ſage Euch ja, daß wir kein Fleiſch mehr haben. — So gebt uns Eures, rief eine der Furien und hielt ihr die geballte Fauſt vor das Geſicht. Helene wich zurück und wollte wieder in das Haus treten, aber die Weiber verſperrten ihr den Weg. — Ei, ſeht doch, ſo denkt ſie ſchon mit uns fertig zu ſein? — Hat das glatte Geſichtchen ſchon genug von unſerem Anblick? Wartct vielleicht da drin der Schatz? Wohl gar ein Deutſcher? Sie hat einen deutſchen Liebſten! Pfui über ſie, die Verrätherin! So tobend umringte ſie die Menge, krampfhaft hielt ſie Margarethen feſt, um das Kind nicht zu verlieren, aber die frechen Weiber drängten ſie von der Hausthür fort. Da ging dieſe auf, und Iduna erſchien in ihrer ganzen Hohheit und Würde, in ihrer unnennbar liebenswürdigen Sanftmuth. — Ihr habt wohl Recht zu klagen, ſagte ſie zu den Frauen, denn Ihr leidet ſchrecklich. Doch nur Geduld, bald wird dieſe Einſchließung ein Ende haben. — Da hört Ihr es! ſchrie eine der Furien. Geſteht ſie es nicht, ſelber ein, daß ſie die Stadt den Fremden verräth? — Zerreißt ſie, ſteinigt ſie! — Sie und die Mädchen! Sie wurden ergriffen und hin und hergezerrt. Den Unglück⸗ lichen kam keine Hilfe, denn Alles, was Waffen trug, befand ſich — 380— m dem Kampfe gegen die Deutſchen Idunas Gewand war zerriſſen, Helene blutete an der Stirn. Da drängte ſich ein Mann durch die Menge, den die Meiſten kannten, und vor dem die her⸗ zoglichen Frauen bebten. — So recht, meine Damen, rief er, immer nur drauf los! Wißt Ihr, wer ſie ſind? Ich will es Euch ſagen. Die Frau da, die ſich Herzogin nennen läßt, verräth Euch an Napoleon, und die Mädchen ich bin ein unglücklicher Vater! Mir hat der Schurke, der Montalto, meine Tochter genommen und ſie ins Waſſer geworfen! So groß müßte meine Beate jetzt ſein, wie die da iſt, aber viel hübſcher, tauſend Mal hübſcher als das Affengeſicht. Jetzt bin ich allein, darum muß ich ſaufen, ich will meine Tochter wieder haben! Er ſtürzte auf Idunu zu, die von zweir Weibern gehalten wurde, ſie ſchauderte unwillkührlich vor ſeinem Anblik und vor ſeinem Geruch zurück, doch faßte ſie ſich. — Haben Sie Ihr Kind durch mich verloren? fragte ſie mit Würde. — Nein, ja, ſtammelte er, Ihr Mann, als er es mit dem Fräulein von Undentino hielt.. ich will mein Kind wieder haben, Sie müſſen mir meine Tochter wieder geben! — O könnte ich es! ſeufzte Iduna. — Da haſt du eine andere dafür: lachte eins der Weiber und ſchleuderte ihm Helene zu, die fiel auf ihre Knie und barg ihr Geſicht in den Händen. Er ſah mit trunkenen Blicken auf ſie herab. — Ha ha, demüthig iſt ſie wenigſtens: Run gut, ich will ſte nehmen! — Auch noch die andere dazu? fragte das Weib und zerrte Margarethen herbei. Dieſe ſtand trotzig da. — Meinetwegen! ſagte ſie, mein Schutzengel wird mich vor Euch retten, wie er mich ſchon einmal gerettet hat! — Seht den Trotzkopf! ſchrie es von allen Seiten, aber Margarethe ließ ſich nicht einſchüchtern und blickte mit funlelnden Augen um ſich. lauteft ſie n nicht nichl worte ſchwe von d es vo kamer die a nehm warer nenpſ weſen gelro ſürn den d und erſta Vwe die! die hina ſe w hatte Suh behut wor lann her⸗ los! da, und tder ins wie das will alten r e ſi dem vieder zeiber barg aul zerr e aber — Villſt du nur eine Tochter haben? Schack? fragte die lauteſte der Frauen, nimm ſie doch alle beide! — Za, rief der Trunkenbold, ich bin ein unglücklicher Menſch, ſie ſollen mich pflegen, und der Teufel ſoll ſie holen, wenn ſie nicht zärtlich gegen mich ſind. Hierher, du Balg, und küſſe mich! Die Aufforderung war an Margarethe Perichtet, ſie beant⸗ wortete ſie mit einer Ohrfeige, die laut ſchallte. Wüthend ſtürzte Schack auf ſie los, doch noch ehe der ſchwere Schlag ſeiner Fauſt ſie getroffen hatte, befreite ſich ʒdunan von den ſie haltenden Weibern und riß ihr Kind an ſich, um es vor Mißhandlungen zu retten. Das aber machte den Pöbel wüthend. Andere Männer kamen hinzu, die gar nicht einmal wußten, um was es ſich handle, die aber ihren Bekannten beiſtanden, weil es gegen einige vor⸗ nehme Frauen ging. Es war ein Glück, daß die Zeiten vorüber waren, in denen man in Paris die Ariſtokraten an die Later⸗ nenpfähle hing, denn das wäre offenbar Idunas Schickſal ge⸗ weſen. Jetzt ſank die Unglückliche von mehreren furchtbaren Hieben getroffen ohnmächtig auf das Straßenpflaſter nieder. — Ins Haus, ins Haus! rief der tolle Schwarm, und ſie ſtürmten durch die offen gelaſſene Thür und tobten gleich Raſen⸗ den durch die Gemächer. Da hingen noch die Bilder des Kaiſers und der Kaiſerin, ſie wurden herabgeriſſen und mit den Füſßen zerſtampt, da lagen deutſche Bücher und Noten, ſie lieferten den Beweis, daß die Herzogin es mit den Feinden hielt. Sie zerſchlugen de Spiegel, die Marmortiſche, ſie warfen die koſtbarſten Porzellangefäße in das Kaminfeuer, ſie brannten die ſeidenen Vorhänge an und ſchütteten die Betten zum Fenſter hinaus. Was ſie nicht zu zerſtören vermochten, das beſchmutzten ſie wenigſtens, um es für ewig unbrauchbar zu machen. Wozu hatten denn die Reichen dieſe weichen Teppiche, dieſe Bilder und Statuen, wenn doch die Armen hungerten? Die Unſinnigen, ſie bedachten nicht, wie viele Hände arbeitslos bleiben würden, wenn man den Luxus aus der Welt verbannte, wie alles geiſtige Stre⸗ — n— ben gehemmt wäre, wenn ein Jeder nur an das Nothwendige und nicht auch an das Schöne dächte. Während ſie ſo beſchäftigt waren und zerſtörten und ſtahlen, entſtund draußen ein großer Lärm. Truppen, die ſich gegen die Deutſchen verſucht hatten, kehrten in die Stadt zurück und brachten ihre Verwundeten heim. Schreiend liefen die Straßenjungen nbenher, denn wirklich ſahen die Leute nicht wie ſiegreiche Krie⸗ ger aus, ſie waren über und über beſchmutzt, und zitterten vor Kälte und vor Müdigkeit. Jetzt hatten ſie noch den Hohn und Spott der Menge zu ertragen. Als die Weiber merkten, daß es draußen etwas zu ſehen gab, ließen ſie von ihrem Zerſtörungswerke ab, ſie rafften in Eile zuſammen, was ſich gebrauchen ließ, und liefen den Soldaten nach. Dabei bemerkten ſie nicht, daß die Herzogin Montalto, welche ſie ohnmächtig auf der Vortreppe ihres Hauſes verlaſſen hatten, nicht mehr da war. Vielleicht hatte ſie ſich in irgend ein Hospital geſchleppt? Schack hatte die beiden Mädchen mit ſich fortgezogen, er hielt an jeder Hand eine, und zog ſie durch die S raßen. Helene glaubte vor Scham in die Erde ſinken zu müſſen, ſie, die niemals ohne Begleitung ausging, was in Paris für junge Mädchen höherer Stände gans unſchicklich iſt, mußte ſich hier in zerriſſenen Kleidern, ohne Hut und Handſchuhe, an der Seite eines zerlumpten Trunkenboldes zeigen. Und damit noch nicht genug. Schack, dem es darauf ankam. ſie zu demüthigen, rief und ſang mit lauter Stimme die abſcheulichſten Unanſtändig⸗ keiten. Er hielt ihren Arm unter ſeinen gepreßt, ſie durfte nicht einmal ihr Geſicht verbergen, das in Schamröthe glühte. — Sceht mal meine Tochter, rief er den Vorübergehenden zu, ein ſchmuckes Mädel, und ich gebe ſie billig! Margarethe, die auf ſeiner anderen Seite ging und den Sinn ſeiner Reden noch weniger verſtand als Helene, fühlte weit mehr Zorn als Beſchämung. Ihre Nägel krallten ſich in Schack's Hand, bis ſie blutete, und dabei betete ſie eifrig zu ihrem Schutzgeiſt — Tauſend Mal lieber Ratten und Schnecken, ſagte ſie, als in N lieber beiden bald u A die be Bentu Helene efriſc wich wie di gſchli euchte zögert Helen dem werde Golt Wi wir Not beſc würd teu ingſ ſo v üchſ hein geſch den lt in — 383— eine Nacht bei dieſem ekelhaften Menſchen. Du mußt mich retlen, lieber Gott, denn ich muß zu meiner Mutter zurück, die ja ihre beiden Söhne verloren hat. O lieber Schutzgeiſt, komm, komm bald und hilf Helenen und mir! Aber der Schutzgeiſt erſchien nicht, ſtatt deſſen führte Schack die beiden Mädchen in jene Spelunke hinein, wo der Pater Venturo ihn aufgeſucht hatte, hier verſetzte er ein Kettchen, welches Helene am Halſe trug, und ließ ſich Branntwein geben. Das erfriſchte ihn wieder, denn er fühlte, daß alle Kraft von ihm wich, ſobald der Fuſel in ihm verdampfte. Er ahnte es ſo wenig, wie die beiden Mädchen, daß der Pater Venturo ihm ſacht nach⸗ geſchlichen war. Jetzt trat der Zeſuit herein, und ſeine Augen leuchteten vor Freude. Margarethe kannte ihn wohl. O warum zögerte ihr Schutzengel ſo lange, warum errettete er ſie nicht? Helene ſaß ſtumm in einem Winkel und verhüllte ihr Geſicht in dem Taſchentuche. — O Gott, dachte ſie, laß mich ſterben, ehe ich unwürdig werde, Reinholds reines Bild in meinem Herzen zu tragen, o Sott, gieb mich nicht der Verzweiflung preis, laß mich nicht zweifeln an Deiner Vaterhuld, o gieb mir den Tod, vielleicht wird er das arme Mädchen beweinen, das in der gräßlichſten Noth allein an Dich, mein Gott, und an ihn denkt! Warum war Rafael Gambi fern, warum hatte ſie keinen Beſchützer in dieſer großen Stadt? — Wenn das mein Vater wüßte, dachte Margarethe, wie würde er herbeieilen, um uns zu retten, doch kein Vater, kein Freund, kein Schutzengel und kein Geliebter erſchien, und immer ängſtlicher wurde es den Mädchen. Es kamen Leute herein, die ſo verwildert ausſahen, daß ihnen ſchauderte. Einen der häß⸗ lichſten von dieſen Strolchen winkte Schack an ſich heran. — Der thut es, ſagte er grinſend zu dem Pater, der lange heimlich mit ihm geſprochen hatte. — Für Geld thu ich Alles, ſo wahr ich Jakob heiße. — Schack wird es Dir ſagen, ſprach der Pater, und iſt es geſchehen, ſo findeſt Du morgen früh hier hundert Francs. — 384— — Hundert Franes iſt recht wenig, meinte Jakob und kratzte Ich in den ſchmutzigen Haaren, es ſind ja zwei. 8 Gut, ſagen wir hundert und fünfzig. = Das thuts nicht, zögerte der, die Kleine ſieht wie eine wilde Katze aus, die kann Einem zu ſchaffen machen. Zwei⸗ hundert, das iſt die richtige Summe. — Du biſt theuer, Jakob, aber es mag ſein. Alſo mor⸗ gen früh. — Um acht Uhr. Aber wo ſoll es vor ſich gehen? — Bei Schack. Er wird ſich betrinken, nachher heißt es, daß er es im Rauſche gethan hat. — Gut ausgedacht, beim Teufel. Ich komme um Mitternacht. — Warum nicht früher? — Weil ich da noch ein kleines Geſchäft zu beſorgen habe, es handelt ſich um einen Juwelierladen. Freilich, jetzt kauft Niemand Goldſachen, aber man muß an ſpätere Zeiten denken. Aber wiſſen Sie, es iſt ſchade um die beiden Mädchen, feine Kinder, und die ſollen beide. — Beide für zweihundert Franes. — Gut., es ſoll geſchehen. Margarethe hatte wenig von dem Geſpräch vernommen, aber ſie erſchrak bei der Bewegung, welche Jakob machte, indem er ſie anſah, er fuhr ſich mit dem Zeigefinger über die Kehle, und der Pater Venturo ſchloß das Geſpräch mit den Worten: Beide für zweihundert Franes. Das machte ihr Angſt, der Mann ſah ſo fürchterlich aus, ſie dankte Got', als er gleich nach dem Paler daronging. Schack hatte ein Glas Vranntwein nach dem andern hinuntergegoſſen und taumelte jetzt empor. — Es iſt gut, lallte er, kommt mit nach Haus. Ihr müßt doch mein Palais kennen lernen, ſeidene Sopha's glebt es da und Goldrahmſpiegel, und auch einen Kantſchuh für unartige Kinder. — Nein, rief Margarethe ſchaudernd, Deine Merderhöhle! — Was? ſchrie Schack, Du wogſt es, mein Haus Mörderhöhle zu nennen? Wart, ich will Dich! ich gehe nicht mit in eine AMeieeiik.iie ſeine er üb Kind, kein! nicht ware Dieſ ihrn buch mal und hän lom wen Ma lan mur Schu daß he —) ra ie eine 3wei⸗ otb⸗ t es, nacht. habe, kauſt nken. feine — 385— 4. fiel auf ſie herab, er traf nicht ſchwer, denn ſeine Hand zitterte, und als ſie ihn vor die Bruſt ſtieß, taumelte er über einen Tiſch. — Wer kann uns zwingen, mit Dir zu gehen? rief das Kind, und Heldenkühnhat ſchwellte ihre junge Bruſt, Du haſt kein Recht über uns! Komm, Helene, folgen kann er uns ja nicht, komm ſchnell mit hinaus. Aber Schack rief laut um Hilfe, Jakob und ſeine Genoſſen waren fort. Es fand ſich jedoch der Wirth mit ſeinem Weibe. Dieſe nahm Partei für die armen Mädchen, die ſich bittend vor ihr niederwarfen aber der Mann war anderer Meinung. — Ei, was geht uns der Zank an? rief er, gleich fort mit Euch Allen es iſt längs Polizeiſtunde, und unſereins will auch mal ausſchlafen. Haſt genug geſoffen, Schack, nimm Deine Töchter und geh meinetwegen mit ihnen zum Teufel. Da iſt die Thür! Schack war hocherfreut, er ergriff die Mädchen bei den Händen. — Ihr Rangen ſagte er, Ihr ſollt ſchon Eure Strafe be⸗ kommen, denkt nicht, daß Ihr es mit einem Kinde zu thun habt, wenn Ihr mich ärgert, thu ich es allein, ich bin ein ehrlicher Mann und ein guter Kerl, aber zweihundert Franken, ah, die kann ſich der Schack ja wohl auch verdienen. Alſo vorwärts, marſch, und nicht gemuckſt! Die Mädchen folgten, Helene faſt ſinnlos vor Angſt und Scham, Margarethe glühend vor Zorn und ſtets nach ihrem Schutzgeiſt ausſchauend. Sie kamen in die ſchon menſchenleere Straße, hier in dieſer abgelegenen Gegend waren ſie noch niemals geweſen, ſie wußten, daß ſie ſich niemals wieder zurückfinden würden, und wenn auch wo war Iduna, und beſaßen ſie noch ein Haus, war nicht ihre Heimat durch räuberiſche Hände zerſtört? D. V. Lh. n. hlic 45. Kapitel. 3 thei Der deutſche Kaiſer.. 3 7 är Der achtzehnte Januar war von jeher ein Freudentag für dae die preußiſchen Lande, es war der Tag, an dem ſich der erſte Se König von Preußen in Königsberg die Krone aufgeſetzt hatte. Dieſen Tag hatte der neugewählte deutſche Kaiſer dazu nal auserſehen, um ſich in feierlichſter Weiſe vor aller Welt in ſeiner g hohen Würde darzuſtellen. Noch niemals hat ein ſolches Feſt unter ſolchen Umſtänden ſtattge funden. zu Hier in dem feindlichen Lande, welches er als Sieger durch⸗ we zogen hatte, war ihm die Krone angeboten worden, die ihm den Na erſten Rang unter allen deutſchen Fürſten verlieh, er feierte die Wiederbelebung des deutſchen Kaiſerreichs auf franzöſiſchem„ Boden, fern von der Heimat, und mitten in den Jubel des hohen i Feſtes hinein drang der furchtbare Ton der Geſchütze, die gegen ſi einander donnerten, drang der Schmerzensſchrei der Verwundeten e und Sterbenden, die ihr Blut dahin gegeben hatten, um dieſes theure deutſche Land zu ſchützen und zu ſchirmen. Die Sage geht, daß der große Hohenſtaufe, Kaiſer Friedrich 5 der Erſte, der Rothbart genannt, nicht geſtorben iſt, als er im 8 heiligen Lande nach dem Bade im Fluſſe Saleph erkrankte. Er kehrte, wenn auch nur im Geiſte, nach Deutſchlands Gauen zurück und wohnt nun ſchon ſeit Jahrhunderten tief in dem Kyffhäuſer⸗ n berge. Sein Bart wurde ſo lang, daß er rings um den Tiſch wuchs, auf welchem ſein ſchweres Haupt ruht, denn der Kaiſer ſchläft und wird nicht eher erwachen, als bis Deutſchland wieder 3 einig iſt und frei. Sein Schlaf iſt zu Ende. Der Geiſt des alten Rothbart ſ kann ſich zur Ruhe begeben, ſein Banner, das dreifarbige Zeichen der germaniſchen Kaiſer, flattert wieder durch die Lüfte, und ſeine Krone ſchmückt ein würdiges Haupt.— für tſte zu ner Fet ch⸗ den ierte chem ohen Khen delen jeſe drich t im Et utit äuſe⸗ xi ſiſet vieder hbort eichen ſeine — —— 5 — 387— Aber weit glücklicher als jener Hohenſtaufe, kann Der, wel⸗ cher heute das deutſche Banner ſchwingt, auf ſeine Völker nieder⸗ blicken Jener Friedrich kämpfte ſein Leben lang, theils in Italien, theils in dem gelobten Lande. Unſer Kaiſer Wilhelm gehört uns ganz, ſein Herz wird nicht durch Eroberungsgelüſte in fremde Länder gezogen, ſein eigenes Reich groß und frei zu machen, das allein iſt ſein Wunſch, ſein Streben, und Gott gab ſeinen Segen dazu. Wären es nicht kriegeriſche Zeiten geweſen, ſo hätte die An⸗ nahme der Kaiſerwürde vermuthlich in Frankfurt am Main ſtatt⸗ gefunden, wohin alle früheren Kaiſer gingen, um unter unendlichen Feierlichkeiten in dem ſogenannten Römer die Krönung vornehmen zu laſſen. Dorthin zog auch vor ſechszig Jahren der Letzte, welcher dieſe Würde beſaß, die unter der Herrſchaft des erſten Napoleon ein Ende nahm. Kaiſer Franz von Oeſterreich. Doch weil jener ſchlaue Herrſcher der Franzoſen kein einiges deutſches Reich dulden wollte, ſo mußte das deutſche Reich ſich einigen auf jenem Boden, ja, in demſelben Schloſſe, das er und ſein Nachfolger bewohnten und wo Alles noch an ihn erinnert. Sonderbare Wendung des Schickſals! Als Knabe hatte der Kaiſer Wilhelm die tiefen Leiden ſeiner Eltern mit empfunden, als ſie im Kriege gegen Frankreich ihr halbes Reich verloren, als Jüngling war er in Paris eingezogen, welches ſich vor den Siegern beugte, als Greis hatte er dort die Werke der Induſtrie betrachtet, die auf Louis Napoleons Veranlaſſung ausgeſtellt wurden, und jetzt in der letzten Hälfte eines thaten⸗ und ereig⸗ nißreichen Lebens befand er ſich abermals vor den Thoren der franzöſiſchen Hauptſtadt, die ſich noch immer einbildete, ihm Trotz bieten zu können Die Prunkgemächer des Schloſſes zu Verſailles eröffneten ſich, den neuen Kaiſer zu empfangen. Dieſes Schloß war von Ludwig dem Vierzehnten gebaut, demſelben, welcher durch Schlau⸗ heit und Ränke Elſaß und Lothringen an ſich zu reißen wußte. Heute ſahen dieſe Mauern den Mann, deſſen Muth die von 25* — 388— Deutſchland losgelöſten Provinzen wieder erobert hatte. Alles, was jener prunkſüchtige König an Herrlichkeiten beſaß, häufte er in dieſem Schloſſe zuſammen. Hoch und ſtattlich ragt der Bau, von Unten bis Oben mit Marmorſäulen. Marmortreppen und Marmorbildſäulen erfüllt, die Wände ſind behangen mit den pracht⸗ vollſten Bildern, und die Decken mit Stuck, reich vergoldeten Verzierungen und bildlichen Darſtellungen überladen. Der große Spiegelſaal, ein impoſanter Raum, der zweihundert und zwanzig Fuß lang und vierzig Fuß breit iſt und nach den großen Gärten von Verſailles hinaus liegt, war dazu auserſehen worden, als Feſtſaal für die Verkündigung des deutſchen Reiches zu dienen. Die Vermeſſenheit der Selbſtvergötterung der Franzoſen tritt in keinem Raume des Schloſſes üppiger hervor, als gerade in dieſem Saale. Die Deckenbilder ſtellen die Erniedrigung Hollands, Spaniens und vor Allem Deutſchlands durch die Franzoſen vor. Welch' merkwürdige Schickſalsfügung, daß gerade in dieſem Saale die Niederwerfung Frankreichs und die dauernde Größe Deutſch⸗ lands durch die Wiederaufrichtung der deutſchen Kaiſerwürde be⸗ ſiegelt werden mußtel Für die Einleitung der Feier war Abends vorher beſchloſſen worden, daß der Kronprinz ſich von ſeinem Hauptquartier aus zu Pferde, gefolgt von ſeinem Stabe, in die Präfektur begeben, und von hier aus den Kaiſer die Pariſer Straße entlang, wie die Hauptſtraße von Verſailles heißt, in das Schloß geleiten ſollte. Die ungünſtige Witterung verhinderte jedoch dieſen Feſtzug. Der Kronprinz fuhr doher andern Tags, ſeinen Generalſtabschef Blumenthal an ſeiner Seite und ſeine Adjutanten im Gefolge, die zum Haupiquartier commandirten Feldgendarmen. Preußen, Würtem⸗ erger, Badenſer und Bayern an der Spitze, und einen Zug vom 2. ſchleſiſchen Dragonerregiment Nro. 8 hinter drein, nach dem Schloß, um hier in der Säulenhalle des öſtlichen Eingangs ſeinen Erlauchten Vater zu empfangen. Auf dem Schloßhofe ſtand, ebenſo wie vor der Hauptwache, als Ehrenwache eine Compagnie des 7, Königsgrenadierregiments mit der Fahne.„ Der Kaiſer verließ ſein Hauptquartier Schlag 12 Uhr. feſte che entf entſ alle die geſ vo vo die Kr det nel ſte Pe —„— ritt dö, or. gale ſch be⸗ ſſen aus hen wie iten zug. chef die rtem⸗ 3¹9 nach ng hofe eine — 389— Wer die Auffahrt fürſtlicher Herrſchaften bei Hof⸗ und Staats⸗ feſten nur aus Friedenszeiten kennt, bleibt von dem Bilde, wel⸗ ches die Pariſer Straße in Verſailles am Kaiſertage darbot, weit entfernt. Die großen am nahen Bahnhofe gelegenen Magazine entſandten auch an dieſem Tage ihre mächtigen Ladungen von allerhand Proviſionen auf vier⸗ und ſechsſpännigen Wagen an die vor Verſailles lagernden Truppentheile, und wie es täglich geſchah, zogen die von Soldaten getriebenen Pferde über die vornehme Straße. Wenn auch Alles Platz machte, ſobald die voranreitenden Feldgendarmen ſichtbar wurden, ſo hatten doch die Wagen des Kaiſers ſich durch das dichteſte Gewühl des Kriegslebens durchzuwinden, um das Schloß zu erreichen Vor dem Schloſſe angekommen, ließ es ſich der Kaiſer auch heute nicht nehmen, die Wache der Ehrentruppen zu beſichtigen. Während der Kaiſer, umgeben von den Prinzen, den Für⸗ ſten, Generalen und Miniſtern, noch einige Augenblicke in den Vorzimmern der Feſträume verweilte, hatte ſich in dem Saale, wo die Feierlichkeit ſtattfinden ſollte, dem Spiegelſaal, die Ver⸗ ſammlung folgendergeſtalt geordnet: An dem Mittelpfeiler mit der Südſeite, die nach dem Park geht, rechts und links von dem einer rothen Decke bekleideten Altar, welcher als Symbol das Zeichen des Eiſernen Kreuzes trug, ſtanden die Truppen, welche die Fahnen nach Verſailles begleitet hatten. Die Fahnen ſelbſt, von den Fahnenträgern gehalten, hatten ihren Platz auf einer Eſtrade an der ſchmalen Oſtſeite des Feſtraumes. Es waren 5 Fahnen des Garde⸗Korps, begleitet von 12 Fahnen⸗Unteroffizieren. Ferner waren aufgeſtellt: 18 Fahnen des 5. Korps, 10 Fahnen des 1. bayeriſchen, 8 Fahnen des 2. hayeriſchen, 10 Fahnen des 6. Korps, 5 Fahnen von der 21. Diviſion des 11. Korps, im Ganzen alſo 56. Die Würtember⸗ ger die zur Maas⸗Armee gehörten, hatten keine Fahnen geſtellt, wohl aber eine größere Anzahl von Offizieren deputirt. Auf der nördlichen Langſeite des Saales ordneten ſich die Offiziere, jedoch ſo, daß der Mittelraum vor dem Altar frei blieb. Die Zahl der anweſenden Offiziere betrug zwiſchen 500 und 600. Die Offiziere der verſchiedenen Truppentheile hatten — 390— ſich ſo zu rangiren, daß bei dem Vorbeimarſch vor dem Kaiſer die ganzen Bataillone vereinigt blieben. Bald nach 12 ½ Uhr trat der Kaiſer in den Feſtſaal ein während ein Sängerchor, zuſammengeſetzt aus Mannſchaften des 7., 47. und 58. Regiments, das„Jauchzet dem Herrn alle Welt“ anſtimmte. Der Kaiſer nahm in der Mitte vor dem Altar Aufſtellung, im Halbkreiſe um den Kaiſer die Prinzen und Fürſten: der Kronprinz, Prinz Karl und Adalbert von Preußen, der Kronprinz und Prinz Georg von Sachſen, die Großherzöge von Baden, Weimar und Oldenburg, die Herzöge von Koburg, Meiningen und Altenburg, die Prinzen Otto, Luitpold und Leo⸗ pold von Bayern, die Prinzen Wilhelm und Auguſt, ſowie die Herzöge Eugen der Aeltere und Eugen der Jüngere von Wür⸗ temberg, die Erbgroßherzöge von Weimar, Mecklenburg⸗Schwerin und Strelitz, die Erbprinzen von Meiningen, Anhalt, die Fürſten von Schaumburg⸗Lippe und Schwarzburg⸗Rudolſtadt, der Erbprinz von Hohenzollern, der Landgraf von Heſſen, der Herzog von Auguſtenburg, die Fürſten von Wied, Putbus, Lynar, Pleß, die Prinzen von Reuß, Croy, Biron von Kurland. Hinter den Fürſten und ihnen zur Seite ſtanden die Generale und Miniſter. An der Spitze des linken Flügels der Bundeskanzler, ſowie der Haus⸗Miniſter Freiherr von Schleinitz rechts Staatsminiſter Del⸗ brück, Wirkl. Geh. Legations⸗Rath Abeken, Geh. Legations⸗Rath von Keudell, General von Fabrice, Präfekt von Brauchitſch, die Generale Graf von Moltke, von Hinderſin, von Boyen, von Alvensleben, von Kirchbach, von Tümpling, von Blumenthal, von Stoſch, von Podbielski, von Kameke, Prinz Kraſt von Loön, von Hoffmann, von Schimmelmann, Hausmann, von Haake, chowski, Stein von Kaminsky, die bayeriſchen Generale von Hartmann, von Walter, von Lutz von Bothmer, der würtem⸗ bergiſche General von Baumbach, der badiſche von Neubronn, der weimariſche von Egloffſtein, der engliſche Militär⸗Bevoll⸗ mächtigte General Walker, der ruſſiſche von Guern, der bayeriſche Hohenlohe, von Sandrart, von Schmidt, von Voigt⸗Rhetz von Herkt, Henning von Schönhoff, von Schachtmeyer, von Mala⸗ —. — 391— von Freyberg, der würtembergiſche von Faber, der engliche Ab⸗ geſandte Herr Odo Ruſſel. Nach dem Chorgeſang ſang die Gemeinde einen Vers des Chorals:„Sei Lob und Ehr“. Dann folgte die Liturgie, in der gewöhnlichen für den Militärgottesdienſt üblichen Form und darauf die Predigt über den Text aus Pſalm 21.— Kaiſer Wilhelm ſtand in ſeiner gewohnten ernſten, würde⸗ vollen und milden Erſcheinung, während er die Rede des Geiſt⸗ lichen hörte, unter der bekannten Inſchrift, die König Ludwig XIV. von Frankreich in dieſem Saale hatte anbringen laſſen: Nur der König regiert! Mit Recht verwies die Predigt, an dieſen Wahlſpruch des despotiſchen Königthums anknüpfend, auf das„Mene, tekel, upharsin“ der Schrift, das die verwegene Selbſtüberhebung un⸗ fehlbar in den Staub herniederzieht. In großartigen geſchicht⸗ lichen Vergleichen bewegte ſich die ganze Rede. Es war wie ein Symbol für den hochgeſegneten und wun⸗ derbar in ſich abgeſchloſſenen Lebenslauf König Wilhelms, daß bei der Proklamation des Kaiſers unmittelbar hinter dieſem auf⸗ gepflanzt waren die Fahne, über der er, bei ſeinem Eintritt in die Armee, den Dienſteid geleiſtet hat, und das Banner des Königs⸗Regiments mit dem in dieſem Feldzuge die erſten ſieg⸗ reichen Truppen in die feindliche Stadt— Weißenburg— vor⸗ ſtürmten. Nachdem der Geſang:„Nun danket Alle Gott“ und der Segen die kirchliche Feierlichkeit beendet hatten, ſchritt der Kaiſer durch die Reihen der Verſammlung auf die Eſtrade zu, verlas vor den Fahnen die Urkunde der Verkündigung des Kaiſerreichs und gab dann dem Bundeskanzler den Befehl zur Verleſung der „Proklamation an das deutſche Volk“. Mit lauter Stimme rief darauf der Großherzog von Baden:„Se. Majeſtät der Kaiſer Wilhelm lebe hoch!“ Unter den Klängen der Volkshymne ſtimmte die Verſamm⸗ lung dreimal begeiſtert ein. Der Kaiſer umarmte dann den Kronprinzen, den Prinzen Karl und die ihm nahe ſtehenden Fürſten. Dann ließ der Kaiſer — 392— die Deputationen der Offiziere an ſich vorüber paſſiren und ging an den Reihen der im Saale aufgeſtellten Truppen entlang. Die Muſikkorps hatten ſich inzwiſchen in dem an die Galerie öſtlich anſtoßenden Friedensſaal aufgeſtellt. Sie begrüßten den Kaiſer, als Er, von den Prinzen, Fürſten und Generalen be⸗ gleitet, den Feſtraum verließ, mit dem Hohenfriedberger Marſch. „ Die Offiziere folgten dem Kaiſer, die Fahnen wurden von den begleitenden Mannſchaften in Empfang genommen. Bei dem Feſtmahl, das der Kaiſer den deputirten Offizieren gab, wechſelten Toaſte auf den Kaiſer, das preußiſche Herrſcher⸗ haus, die deutſchen Fürſten, das Vaterland. Militärmuſik ſpielte die Volkshymne, ſowie die Wacht am Rhein,“ in deren Melodie der geſammte Chor der Offiziere einfiel. Die Truppen erhielten ein Geldgeſchenk von einem Thaler für jeden Mann. Aber— es lebt ſich ſchnell im Kriege; raſch vollzieht ſich das Leid, raſch der Senuß. Schon am Rachmittag verließen die Deputationen Verſailles, um ſich zu ihren Kommando's zurückzu⸗ begeben, und Abends ging Alles im Hauptquartier wieder ſeinen gewohnten Gang.“ Der Kaiſer verſammelte, wie jeden Abend, einige höhere Offiziere um ſich zur Theegeſellſchaft, und beim Kronprinzen verweilten die deutſchen Fürſten. So verfloß der Tag, an welchem das deutſche Kaiſerreich, der Traum der deutſchen Jugend und die Hoffnung der deutſchen Männer, in größerem Glanz und größerer Macht als je in der Königsreſidenz des niedergeſchmetterten Feindes deutſcher Einheit, dicht vor den Thoren der feindlichen Hauptſtadt, wieder aufge⸗ richtet wurde. pe de ver wa ſter doo den der un ern 3 1 Ueberlegenheit ſich gegenüber und hielt ihr Stand, bis durch das 46. Kapitel. Der Marſch nach le Mans. Die Truppen, welche ſch unter dem Oberkommando des geldmarſchalls Prinzen Friedrich Karl befanden, hatten am Ende des Dezember ihren Marſch nach le Mans begonnen.* Freilich verſuchten die Franzoſen, ſie am Fortſchreiten zu verhindern, doch waren das nur vergebliche Anſtrengungen.* Ein größeres Gefecht hatte der Oberſtlieutenant von Bolten⸗ ſtern gegen bedeutend überlegene feindliche Infanterie zu beſtehen. doch zog er ſich in der glänzendſten Weiſe aus der Affaire, in⸗ dem er ſeine vier Kompagnien zu einem Schützenſchwarm auflöſte, der ſich mit jubelndem Hurrah auf die Franzmänner warf und ſie gänzlich in die Pfanne hieb. 4 Das brachte ihm zweihundert und dreißig unverwundete Gefangene ein, darunter elf Offiziere; doch als er nun zu ſeiner Armee zurückeilt, da erfährt er, daß die Brücke bei les Roches von den Feinden genommen, und die halbe Kompagnie, welche ſie bewachen ſollte, vertrieben iſt. Da war nun guter Rath theuer, denn feindliche Infanteriemaſſen folgten ihm auf dem Fuße. Kämpfend mußte er ſeinen Rückzug nehmen, und der Tapfer⸗ keit ſeiner Soldaten gelang es, das linke Loire⸗Ufer glücklich zu erreichen und ſich nach Vendome zu begeben. Von Mittag an hatten dieſe braven Truppen fortwährend und unter großen Ge⸗ fahren gekämpft, und erſt um elf Uhr in der Nacht gelangten ſie wieder in das Quartier. Das iſt gewiß ein ſtarker Beweis von der Ausdauer der Soldaten, denen die Offiziere mit dem beſten Beiſpiel voran⸗ ſeuchteten. Der Lieutenant Bachmann, der die beiden zu den Kompagnien gehörigen Geſchütze leitete, that das Weſentlichſte, um den Rückzug zu decken. Er hatte eine vier⸗ bis fünffache — 394— häufige Schießen ſeine Kanonen unbrauchbar geworden und acht Mann und neun Pferde gefallen waren. Eine zerbrochene Deichſel wurde mitten in dem Gefechte mit einer Ruhe reparirt, als be⸗ fände man ſich ganz gemüthlich in der Schmiede, jetzt wurden vor jede Kanone zwei Pferde geſpannt, und im Galopp ging es mitten durch den Kugelregen der Feinde hindurch, und das Glück war ihnen günſtig. So in der letzten äußerſten Noth gab er ſeine Geſchütze nicht auf, denn der Artilleriſt hängt an ſeiner Kanone, wie der Fahnenträger an ſeiner Fahne, und läßt erſt mit dem Leben davon ab. Auch bei Vendome wurden die Deutſchen durch überlegene franzöſiſche Streitkräfte angegriffen, aber ſie wieſen die Feinde zurück und ſchickten ſie mit blutigen Köpfen heim. Der General Chanzy hatte ſein Hauptquartier in le Mans aufgeſchlagen. Dieſe Stadt liegt an der Sarthe, einem Rebenfluſſe der Loire, und hat fünf und vierzig tauſend Einwohner. Sie bildet einen der wichtigſten Knotenpunkte in dem nordweſtlichen Frank⸗ reich, denn hier ſammeln ſich die Eiſenbahnen von Paris, Rennes, Angers und Tours. neber die Sarthe führen drei große ſteinerne Brücken, und außerdem noch eine, die in Ketten hängt. Ein Hügel von hundert und fünfzig Fuß Höhe beherrſcht den ganden Ort und das Thal, in welchem der Fluß läuft. Die Wichtigkeit des Ortes machte ihn zum Kampfplatz der beiden ſtreitenden Armeen. Es lag viel daran, gerade dieſe Flußübergänge und vor⸗ züglich die Eiſenbahnen zu beſitzen, die es den Franzoſen noch immer möglich machten, Paris nach glücklichen Gefechten zu er⸗ 1 reichen. i Der General Chanzy hatte demnach hier ein bedeutendes Heer zuſammengezogen, und unter ihm kommandirte der General Faures, derſelbe, den Faidherbe in der Leitung der Nord⸗Armee erſetzt hatte. Zetzt führte er das brrtagniſche Korps, das mit zu den beſten Truppen gezählt wurbe. Der Großherzog von Mecklenburg war dieſes Mal nicht ſo glücklich, die tapferen Bayern in das Gefecht zu führen, nur ſeine pa un ne zu vo — ne de n det det nk⸗ oße igt. den der or⸗ och et⸗ e etal me 13 t 5 — 395— paar norddeutſchen Diviſionen befanden ſich unter ſeiner Leitung. und von des Prinzen Friedrich Karl Armee war das dritte und neunte Korps die Loire aufwärts gezogen, um gegen Bourbaki zu kämpfen, deſſen mit Chanzy die Deutſchen vorausſetzten. Die Franzoſen wußten das und meinten, die Streitmacht des Großherzogs ſei zu ſehr geſchwächt. Darauf begründeten ſie ihren Schlachtplan. Der General Chanzy wollte ſich auf ihn werfen und ihn vernichten, während zu gleicher Zeit Bourbaki die Loire⸗ gegend verlaſſen, heimlich und ſchnell gen Oſten marſchiren und der über Dijon vordringenden Werder'ſchen Armee den Garaus machen und die Feſtung Belfort entſetzen ſollte. Daß der General⸗Feldmarſchall Prinz Friedrich Kart auch noch da war, das ſchien Herr Gambetta, der dieſen Plan aus⸗ geſonnen hatte, gar nicht mehr zu wiſſen, er war aber da und ließ es bald genug die Franzoſen merken, daß er nicht der Mann war, über den man hinwegſehen konnte. Er warf ſich mit aller Wucht auf Chanzy. Am ſechsten Januar nahm der Prinz das Städtchen Nogent⸗le⸗Rotrou und am folgenden Tage St. Calais. Ihm kam dabei der Großherzog von Mecklenburg von Nordoſten her entgegen, und nun vereinigte ſich die ganze Streitmacht an der Straße von Azay. Südlich von Vendome erlangten ſie Fühlung mit dem Feinde, und früh am Morgen des Sechſten marſchirte ein Theil der zwanzigſten Diviſion auf der Chauſſee von Bendome nach St. Amand, ein anderer nach Montoire am Flüßchen Loir, der nicht mit der Loire zu verwechſeln iſt. Bei St. Amand kam es hier zu dem erſten Zuſammenſtoß. Das dritte Armeekorps bildete die Mitte der Aufſtellung, das neunte den rechten Flügel und die Reſerve. Die Chauſſeen nach Paris, nach Epuiſay und nach le Mans ſowie der Wald, der ſich öſtlich vom Dorfe Azay hinzieht wurden beſetzt. Bei Ven⸗ dome befindet ſich eine halb verfallene Burg, die Jahrhunderte alt ſein mag und von der die Leute viel Geſpenſ ten zu erzählen wiſſen. Jetzt beſtieg der General⸗Feldmarſchall den noch ziemlich ——— ————— — ,;;——˖ñÜ˖ÜYÜ+˖FÜFY—̃ÜOÜ+ÜY — 2 396— feſten Thurm nd richtete ſein Fernglas auf die Segend, die er ganz überſehen konnte. Von hier aus leitete er die Schlacht mit Hilfe des Generalſtabs⸗Chefs von Stiehle, indem er feine Adjutanten bald hier, bald dorthin ſchickte, um den einzelnen Führern ſeine Befehle mitzutbeilen. Die übrigen Stabsoffiziere ſtanden um den Fuß des Thurmes herum und freuten ſich des ſonnig hellen Wintertages, der es ihnen geſtattete, die Truppenbewegungen deutlich zu überſehen. Um elf Uhr hatte der Kampf an der Straße, oie nach Pa⸗ ris führt, begonnen, und die Schlacht begann von Seiten der Franzoſen mit der Heftigkeit, mit welcher ſie ſich immer in das Feuer ſtürzten. Doch bald drangen die Deutſchen Truppen auf ſie ein. In der Nähe von Azay entwickelte ſich ein ſchrecklicher Ar⸗ tilleriekampf, der ungefähr eine Stunde lang dauerte, bis der Feind ſich zurück zog, weil ſeine Geſchütze unbrauchbar geworden waren. Immermehr enwickelte ſich der Kampf udd immer grä⸗ ſere Ausdehnungen nahm er an. Mit der größten Ordnung zogen die deutſchen Truppen dem Feinde entgegen, es war die Infanterie, welche jetzt den Hauptantheil an der Arbeit hatte. Der Feind zog ſich in den Wald zurück und ſuchte Deckung hinter den Hecken und in den Dörfern. Von den Hügeln bei Montoire und les Roches donnerten die Kanonen der Franzoſen herab und mußten mit ſtürmender Hand genommen werden. Ueberall wurden die Fe nde zurückge⸗ dräöngt, nur auf dem linken Flügel waren die Fortſchritte unſerer Truppen geringer, weil die Kavallerie ſich in dem unebenen und mit Waſſer durchzogenen Terrain nicht zu entfalten ver⸗ mochte. Es hatte am Tage vorher gethaut und geregnet, jetzt war es wieder kalt, und die Abhänge waren äußerſt glatt, den⸗ noch gelang es auch bier, wenn auch langſamer und mit größe⸗ rer Anſtrengung, den Feind zurückzudrängen. Als der Tag vorüber war, endete das Gefecht mit verhält⸗ nißmäßig ger ngen Verluſten auf unſerer Seite. Es waren drei⸗ bis vierhundert Mann gefallen, das iſt freilich ſchmerzlich, doch der Erfolg des Kampfes war auch ein Opfer werth. Die Fran⸗ z de ſe en m en en e⸗ der ri⸗ ng die ung ten der ret en er⸗ e e⸗ 3 äl⸗ rei⸗ och taſ⸗ ————*— ————— zoſen hatten einen unendlich bedeutendere Verluſt zu beklagen, denn ſie waren zum Rückzuge genöthigt und die Deutſchen folg⸗ ten ihnen und hetzten ſie zu Tode. Mehrere Tage lang reihte ſich Gefecht an Gefecht. Der Ge⸗ neral⸗Feldmarſchall ging nach Epuiſay vor, wo ſich der Wald von Vendome ausbreitet, hier überſchritt er das Schlachtfeld ſeiner ganzen Länge nach, und wahrlich, wer ein ſolches ſieht, dem muß ein ſtarkes Herz im Buſen klopfen, wenn es nicht brechen ſoll vor dem Wehe eines ſolchen Anblicks. Das Blut war zu Eis erſtarrt und ſtand in dem Acker und da, wo die Granaten tiefe Löcher in die Erde geriſſen hatten. Da lagen ſteif gefrorene Leichen, meiſt von Franzoſen, doch hat⸗ ten auch viele Brandenburger hier den Tod gefunden und wurden von den Kameraden in die kalte fremde Erde gebettet. Als ſie dann weiter gingen und den ſo theuren Gräbern vielleicht für immer den Rücken kehren mußten, da fanden ſie überall auf den Straßen Barrikaden, hingeworfene Baumſtämme, aufgeriſſe Steine und andere Hinderniſſe, mit welchen die Fran⸗ zoſen den Siegesmarſch ihrer Feinde zn hemmen gedachten. An vielen Stellen lauerten die Soldaten des General Chanzy oder die Franktireurs im Hinterhalte und feuerten auf die Vor⸗ überziehenden. Dann hielt man ein Strafgericht mit den fe gen Meuchelmördern, die hinterrücks tödteten, und bei ſolchen Cele⸗ genheiten wurde nur ſelten Pardon gegeben. An der Braye⸗Linie entſpann ſich ein heftigeres Gefecht, doch endete es damit, daß die Deutſchen ihren Marſch ruhig fortſetzen konnten. Das Wetter ſetzte diefen Märſchen große Schwierig⸗ keiten entgegen. Es iſt nichts Angenehmes, durch den Schneeſturm dem Wind entgegen zu gehen, wenn man in jedem Augenblick von Kugeln begrüßt werden kann. Doch jagten die Deutſchen ihre Feinde immer vor ſich her und ließen ihnen ſo wenig Raſt, wie ihnen ſelber gegönnt wurde. Bei Ardenay wurde wieder allge⸗ meiner und mit großer Erbitterung gekämpft, denn ſchließlich wird ein Jeder ärgerlich, wenn er bei ſolcher Witterung den fortwäh⸗ rend fliehenden Franzoſen nachlaufen muß. — 398— Auch hier zogen die Franzoſen den Kürzeren. Es waren kie Berliner, die bei Ardenay kämpften. Der General Chanzy be⸗ richtete über das Gefecht an die republikaniſche Regierung und ſtand ſein Zurückweichen ein: — Es ſtand mir, ſchrieb er, jenes furchtbare fünfunddrei⸗ ßigſte Füſilier⸗Regiment gegenüber, welches der Oberſt Rothma⸗ ler befehligt. Ein beſſeres Lob konnten ſich wohl die mit Spreewaſſer Ge⸗ tauften nicht wünſchen, als dieſe Anerkennung ihrer von Seiten des feindlichen Generals. Der Wald von Bouloire wurde jetzt die letzte zuſtuchtsſtätte der Franzoſen und hier wurden ſie aufgeſtöbert nud in großen Maſſen gefangen genommen. Zwei Mitrailleuſen mit vollſtän⸗ diger Beſpannung wurden dem Prinzen Friedrich Karl in ſein Hauptquartier gebracht. Dabei gab es noch fortwährend Gefechte, bisweilen verthei⸗ digten ſich die Franzoſen mit großer Hartnäckigkeit, denn es galt für ſie Gefangenſchaft oder Sieg. Vor der Gefangenſchaft fürch⸗ teten ſich die Truppen der Chanzy'ſchen Armee ſehr. Wenn un⸗ ſere Soldaten in ihre Hände fielen, ſo ließen ſie es an Schimpf⸗ reden und ſchlechter Behandlung nicht fehlen, ja, es kam vor, daß ſie deutſche Krieger, deren ſie ſich zufällig bemächtigt hatten, für Geld ſehen ließen. Wie konnten ſie nun von Seiten der Sieger etwas beſſeres erwarten, als was ſie ſelber thaten? * Sie ahnten nicht, wie gut ihre Verwundeten in den deut⸗ ſchen Lazarethen verpflegt wurden, und daß man ſie zu Weih⸗ nachten ganz eben ſo beſchenkt hatte, wie die Einheimiſchen, ſie kannten nicht den milden Sinn unſerer Frauen, die in den ge⸗ fangenen Unglücklichen keinen Feind, ſondern nur den leidenden Mitmenſchen erblickten. Was wiſſen ſie auch von der tiefen Be⸗ müthlichkeit, die dem germaniſchen Charakter eigen iſt, ſie, die Söhne der großen Nation, die nur allein nach Ruhm ſtrebt? S en„„— ———— S. S viet F 3 — r 47. Kapitel. Die Verwirrung. Während der General Feldmarſchall immer weiter vorrückte, bewegte ſich auch der Großherzog von Mecklenburg mit ſeiner Armee von Charters aus weiter und bildete den rechten Flügel der Aufſtellung. Auch er hatte fortwährend kleine und größere Gefechte zu beſtehen, auch ſeine Soldaten mußten beſtändig auf der Hut ſein gegen die Angriffe verſteckter Feinde. Bis nach Le Ferté hin erſtreckte ſich der linke Flügel von General Chanzys Armee, und ihn in Schach zu halten war die Aufgabe des Groß⸗ herzogs. Um dieſen Flügel an Ort und Stelle feſt zu nageln und für die militairiſchen Pläne Chanzys unbrauchbar zu machen lieferte ihm der Großherzog bei la Ferteé ein großes Gefecht, welches wohl den Namen einer Schlacht verdient. Die naßkalte Witterung und das Schneeſtürmen hatten einem klaren Froſtwetter Platz gemacht, und die Soldaten freuten ſich an der hellen Luft, die zwar recht kalt aber doch der Näſſe weit vorzuziehen war. Der Fußboden war ziemlich hoch mit Schnce bedeckt, ſo daß man kaum wußte, ob man ſich auf ebenem Wege oder Ackerboden befand, und der Froſt machte dieſe weiße Fläche glatt, bis die Stiefeln der ſtarken Krieger ſie zuſammenſtampften. Es war ihnen friſch und froh zu Muthe, als ſie am Morgen in das Gefecht zogen, ſie ſangen aus voller Bruſt das herzige Lied: Lieb Vaterland kannſt ruhig ſein! und dazwiſchen tönte wieder das tief traurige; Morgenroth, Morgenroth, leuchteſt mir zum frühen Tod! Für den General Chanzy galt es, ſeinen Rückzug mit Ehren und ohne von dem Feinde verfolgt zu werden, bewerkſtelligen zu können, noch hielt er Le Mans, doch der General Voigts⸗ Rhetz ging ihm dahin nach und griff ihn haſtig an. Bald wurde der Kampf allgemein, und ſtundenweit vernahm — 400— man den furchtbaren Donner der Geſchütze. Was mochten ſich die unſchuldigen Thiere denken, die aus ihrem Winterſchlafe aufgerüttelt wurden, wenn es mit Feuer und Schrot durch den Wald raſſelte? Die armen Sperlinge verbrannten mit den Dächern, an denen ſie ihr Neſt gebaut hatten, die Schwalbe wird im Frühling ängſtlich umherſchwirren und die Hütte ſuchen, an deren Dachfirſt ſie ihr Neſt ſonſt ſo friedlich baute. Heut galt es, dem Feinde ſeine Rückzugslinie abzuſchneiden, das war die Aufgabe, die ſich der General Feldmarſchall ſelber ſtellte. Gelang es, Chanzy an dem Marſche nach Paris zu verhin⸗ dern, ſo konnten ihn die beiden Feldherrn, der Prinz Friedrich Karl und der Großherzog in die Mitte nehmen und vernichten. Am zwölften Januar ſollte die Entſcheidung ſtattfinden. Seit langer Zeit befanden ſich die Truppen in beſtändiger Bewegung und in fortwährender Aufregung, ſeit langer Zeit verging faſt kein Tag ohne Kampf. Oft waren die Märſche furchtbar be ſchwerlich, oft machte das böſe Wetter das Biwak zur Qual, da es doch eine Erholung ſein ſollte nach furchtbaren Anſtrengungen. Durch eine Flankenbewegung, die mit der größten Schnellig⸗ keit aber auch mit der höchſten Odnung ausgeführt werden mußte, gelang es, Le Mans zu umgehen, wo ſich das Centrum des Feindes befand. Chanzy ließ ſich täuſchen, er ahnte nicht, wie nahe ihm der Gegner war, ahnte nicht, daß er ſich wie in einer Falle befand. Als ihm darüber die Augen aufgingen, da ſah er deuſſche Soldaten, wohin ſein Auge blickte, vor ihm, hinter ihn, zur Rechten wie zur Linken, überall blitzte es von feindlichen Waffen, überall drohte ihm Tod und Verderben. Er fühlte ſich bereits verloren, doch nur kämpfend wollte er fallen. Das Schla htfeld lag vor ihm ausgebreitet. Das Ackerland iſt dort in großen Quadratflächen mit Hecken umgeben, hinter denen blutig geſtritten wurde. Zoll für Zoll gewannen ihm die deutſchen Krieger ab, ſie zeigten ihm in jedem Augenblicke die geiſtige Ueberlegenheit ihrer Führer, den wunderbaren Muth der Soldaten. Die Deutſchen eröffneten eine heftige Kanonade gegen ie og den aht not wa Di ten ſet 10 n An jut en, eits nd ter ——————— — 401— die vorgeſchobenen franzöſiſchen Poſitionen, bis dieſe ſich zurück⸗ zogen. Sehr unvorſichtigerweiſe hatte Chanzy ein Korps zwiſchen den Flüſſen Loire und Loir gelaſſen, es wurde von der Armee abgeſchnitten. Schon dies waren bedeutende Schwächungen, doch noch brauchten die Franzoſen nicht den Kampf aufzugeben, es war dies nur ein Vorſpiel zu dem, was noch kommen ſollte. Die Deutſchen lagen ſcheinbar in ihren Biwaks, als beabſichtig⸗ ten ſie den angefangenen Kampf erſt am nächſten Tage fortzu⸗ ſeten, aber der General⸗Feldmarſchall hatte es anders beſchloſſen. In der Mitte der Nacht brach plötzlich ein furchtbarer Ka⸗ nonendonner los. Es flammten weit und breit auf den Feldern, in den Dörfern, in allen Häuſern der Städte Lichter auf. Es waren mobiliſirte Nationalgarden, welche den erſten Angriff zu ertragen hatten, und wie ſchlecht ertrugen ſie ihn! Der Himmel färbte ſich roth im Flammenſchein der Wachtfeuer, die Erde vom Blute der Kämpfenden Eine furchtbare Verwirrung war plötzlich in die Franzoſen geworfen worden, die Offiziere konnten ſich auf kein Kommandowort beſinnen, die Soldaten dachten nur an die Rettung ihres Lebens, es waren ſchauerliche Augenblicke. Wer hatte es den Deutſchen geſagt wo gerade Chanzys ſchwächſter Punkt war, wer hatte ſie gelehrt, in welcher Weiſe ſie ihn am leichteſten vernichten konnten? Grauſig iſt ein Kampf in der Nacht, wenn durch das Dunkel die Blitze der Geſchoſſe auflodern, wenn der Tod im Finſtern herankommt und doch darum nicht weniger ſchnell, nicht weniger Die ſchreienden Flüchtlinge ſtürzten ſich in die Stadt Le Mans hinein und verbreiteten dort eine unbeſchreibliche Verwirrung. So mochte es bei der Zerſtörung Zeruſalems ſein. Jammernd und händeringend liefen die Weiber umher, die Kinder krochen aus den Betten und ſchrien laut, ein Jeder gab ſich für verloren. ſchon dachten ſie an Plünderung, an Mord und Todtſchlag. Unterdeſſen hielt der General Chanzy in aller Eile einen Kriegsrath ab Die Diviſionsgenerale erkannten einſtimmig an, daß die Deutſchen ſie umzingelt und überrumpelt hätten, das D. V. Th. UI. 26 jedoch war noch das kleinſte Unglück, das größte beſtand in der Auflöſung aller Ordnung. in dem offen ausgeſprochenen Unge⸗ horſam der Soldaten gegen die Befehle ihrer Vorgeſetzten. Jetzt gab es nichts mehr, als den Rückzug, aber wie ihn bewerkſtelligen? Auf dem Fluſſe lagen Kanonenboote mit ſchweren Geſchützen. vieſe mußten die Deutſchen fern zu halten ſuchen, indeſſen die Franzoſen ſich auf die Höhen von St. Georges zurückbegaben. Laut donnerten die Kanonen, in der Stadt läutete es un⸗ aufhörlich Sturm, die Nationalgarde ſammelte ſich wieder, da⸗ zwiſchen raſſelten Wagen, liefen Flüchtlinge, ſchrieen Verwundete eine gräßliche Scene der Verwirrung! Tauſende von fran⸗ zöſiſchen Verwundeten wurden aus den Ambulanzen fort nach der Siſenbahn geſchafft, um ſie aus dieſen Gefahren zu erretten. Plötzlich ein furchtbares Krachen, als ginge die Welt aus ihren Fugen! Auf Anordnung der Behörden hat man zwei Brücken, die über die Sarthe führen, geſprengt. Es war ein Stück des Wahnſinns, denn helfen konnte es im Augenblick gar nichts, höchſtens das ſichere Verderben um etwas verzögern. Doch nicht genug damit. Wollten die Soldaten nicht mehr von ihrem Pulver Gebrauch machen, ſo mußte es in anderer Weiſe verwendet werden. Der Eiſenbahnviadukt, der über die Sarthe geht, wurde unterminirt, um gleichfalls in die Luft ge⸗ ſprengt zu werden. Deſſen ungeachtet gingen die Deutſchen auf die Stadt los, während die Franzoſen ſie verließen. Roch waren dieſe im Beſitz der Eiſenbahn und dampften auf und davon. Das war ein Treiben! Sie drängten ſich in die Wagen, ſie ſchlugen ſich um die Plätze, die Dächer der Coupés waren mit Hunderten von Soldaten beſetzt, ſie hingen ſich an die Thü⸗ ren, ſie hockten auf den Trittbrettern, ſie kletterten auf die Lo⸗ komotive.— In le Mans ſelber kam es zu einem Straßenkampfe, die Rationalgarden ſuchten die Stadt noch zu vertheidigen, und eine Anzahl von Matroſen war toll genug, ſie bei dieſem Vorhaben zu unterſtützen. Die Sache wurde ſchnell beigelegt, doch ver⸗ mehrte ſie nur die furchtbare Erbitterung, welche die Franzoſen, der ſtt en? die aus zwi ein gar nehr deret die t ge⸗ auf ften agen waren Zhi⸗ e Po⸗ 6 eine haben ver⸗ — 403— gegen die Sieger empfanden. Es war von dieſen keiner ſeinee Lebens ſicher, denn die Franktireurs mordeten mit wahrer Wol luſt. Selbſt die Aerzte und Krankenträger wurden nicht geſchont, denn mitten in ihrem heiligen Berufe ereilten ſie die heimtückiſch abgeſchoſſenen Kugeln, und es mußten ſtrenge Maßregeln ergrif⸗ fen werden, um das Leben der deutſchen Soldaten zu ſichern. Dieſe nichtswürdigen Meuchelmörder, die eben noch nach deutſchen Herzen zielten, warfen die Büchſen fort, ſobald ſich ihnen die Sieger nahten und gebehrdeten ſich wie harmloſe Land⸗ leute, denen nichts ferner lag, als eine Theilnahme an dem Kampfe. Oft glaubte man ihren heuchleriſchen Verſicherungen, wenn ſich aber Zeugen fanden, dann wurde auch nicht lange mit ihnen gefackelt, obſchon ſolch ein Geſindel eigentlich keinen Schuß Pulver, ſondern höchſtens den Strick werth iſt. Auffallend war es, daß ſich hier zum erſten Male in dieſem Kriege die Franzoſen für geſchlagen erklärten. Der General Chanzy konnte die Thatſache dieſes Mal nicht ableugnen, denn er hatte nicht weniger als ſechszehntauſend Mann als Gefangene in den Händen der Sieger gelaſſen, und dazu waren ihm zvölf Geſchütze, zum Theil Mitrailleuſen, ſechs Lokomotiven und zwei⸗ hundert Wagen abgenommen worden.—— Gambetta war außer ſich, als er von dieſer Niederlage er⸗ fuhr, er ſchäumte vor Zorn, denn dieſe Armee, die wie aus dem Richts entſtanden war, hatte er als ſeine Schöpfung betrachtet, dieſe Offiziere, die ſich ſo ganz unfähig bewieſen, hatte er an⸗ geſtellt, dieſen Kriegsplan hatte er erſonnen. Auch jetzt noch wollte er nicht davon laſſen. Er betrachtete le Mans als den Schlüſſel zu Paris und ſchwur, er wollte achtmalhunderttau⸗ ſend Mann ausſchicken, um dieſen Ort wieder zu erobern. Zum Glück beſaß er keine achtmalhunderttauſend Mann, und die Sache mußte unterbleiben. Es wurde ſogar behauptet, er ſei ſelber bei dem Beginne der Schlacht gegenwärtig geweſen, als aber Alles ſchief ging, und keiner der Offiziere mehr Rath wußte, da habe er die Armee für verloren gegeben und wenig⸗ ſtens ſein eigenes koſtbares Leben gerettet. 26* — 404— Der ſiegreiche General⸗Feldmarſchall ruhte nicht auf ſeinen Lorbeeren, denn ſein Werk war nicht ganz vollendet, er wollte ganz mit Chanzys Armee fertig werden. So gab es denn zunächſt eine Verfolgung der Flüchtigen, denen man nicht die Zeit laſſen wollte, ſich wieder zu ſammeln. Der General von Schmidt creilie noch bei Chapille eine Diviſion, nahm ihr vierhundert Ge⸗ fangene ab und hetzte ſie auseinander. Sie flohen, wie eine Heerde Gänſe, unter die ſich ein Hund begiebt, hierhin und dort⸗ hin und ließen alles im Stiche, was ſie bei ſich hatten. Am vierzehnten wurde dann noch das Lager von Conlie beſetzt. Dieſes große Kriegstheater hatte der Kaiſer Louis Napolen er⸗ bauen laſſen, um ſeine Armee, wie in dem Lager von Chalons in Scheinkriegen auf wirkliche Eroberungszüge einzuexerziren. Wie weit jedoch iſt Schein von Wirklichkeit verſchieden! Hier ſah man eine Menge zierlicher überaus bequem eingerichteter Zelte für Offiziere und Soldaten, hier gewöhnlen ſich die Trup⸗ pen daran, den Krieg als ein bequemes Handwerk anzuſehen bei dem es weder an Nahrung noch an Raſt fehlen darf, hier lieferten die Generale Schlachten gegeneinander, die in derſelben Schule nach denſelben Grundſätzen ausgebildet waren und hielten es für eine Unmöglichkeit, daß irgend ein gonialer Feldherr ihnen in anderer Weiſe entgegentreten könnte, hier war aber Alles auf den Theatereffekt berechnet, Alles nur Spiel, doch grade dieſes Spiel hatte Frankreich ſo bitter getäuſcht, daß es ſich ein⸗ bildete, das erſte Heer der Welt zu beſitzen, während es nicht einen einzigen wahrhaft tüchtigen Offizier beſaß. ₰ In dem Lager von Conlie waren ungeheure Vorräthe von Waffen, Munition und Proviant aufgeſpeichert, was Alles in die Hände der Sieger fiel, doch dieſe gingen noch etwa vier Mei⸗ len weiter nach Beaumont und nahmen noch vierzig Munitionswa⸗ gen und machten tauſend Gefangene, die nicht einmal eine ernſte Gegenwehr verſuchten, und ſo fort, ſtets neue Beute, ſtets neue Gefangene, bis ihre Zahl über zweiundzwanzigtauſend ſtieg, dazu kamen noch tauſend beladene Fahrzeuge, die auf der Bahn er⸗ obert wurden, und dann die Ehrenzeichen, die Adler und Fahnen * bie hu ur di nen Ulte enn Zeit nidt Ge⸗ eine rt⸗ An ſeht er⸗ ons — 405— die Kanonen und Mitrailleuſen. man wußte kaum, wo man ſo viele Gaben des Kriegsglücks laſſen ſollte. Freilich hatten auch wir traurige Verluſte zu beklagen, denn hundertundfünfundſiebzig Offiziere und dreitauſendzweihundert und drei Mann waren gefallen. Am meiſten hatten dieſes Mal die Brandenburger gelitten, und von dieſen das zwanzigſte Re⸗ giment, deſſen erſtes Bataillon am Morgen nach der Schlacht nur noch zwei Offiziere und zweihundert und zweiunddreißig Mann betrug. Um die Eiſenbahn nach Paris nicht gänzlich aufzugeben, zog ſich Chanzy mit den Trümmern ſeiner Armee nach Alengon zu⸗ rück, von wo aus ſich Schienenwege nach Cann, Rennes und Pa⸗ ris erſtrecken. Die letztere Stadt zu befreien, war er freilich nicht mehr ſtark genug, aber er konnte ſich mit ihrem Heere, wenn daſſelbe einen glücklichen Ausfall machte, vereinigen und ſie unterſtützen, das war immer noch eine Hoffnung, doch auch ſie ſollte vereitelt werden. Die Soldaten waren von einem ſolchen Schrecken erfüllt, daß ſie nirgends mehr Stand hielten, ſie erklärten offen, ſie woll⸗ ten ſich nicht mehr zur Schlachtbank führen laſſen, ſie drohten ihren Offizieren mit Meuterei, ſie wendeten die Waffen gegen ſie und dieſe ſelber fühlten ſich ſo wenig ſicher, daß ſie lieber ganz das Befehlen aufgaben, da ſie doch keinen Gehorſam zu erzwingen vermochten. Kaum näherten ſich die Deutſchen der Stadt Laval, als die Franzoſen die Waffen wegwarfen und ſich dem General von Schmidt ergaben. Alengon wurde nach einem leichten Gefechte in der Nacht vom ſechszehnten zum ſiebenzehnten Januar beſetzt, und abermals wurden zweitauſend Gefangene gemacht, Chanzys ſo große und ſo pomphaft angekündigte Armee zerſtob wie Staub vor dem Winde, und der General⸗Feldmarſchall Prinz Friedrich Karl ſah plötzlich keinen Feind mehr vor ſich. Zwar gab es noch hier und da kleine Gefechte, zwar wurden hier und da noch Franktireurs ergriffen und erſchoſſen, doch zu einem ernſten Kampfe konnten ſich die geſchlagenen und gänzlich — 406— entmuthigten Franzoſen nicht mehr aufraffen. Golt hatte ge⸗ richtet. Wohin die Deutſchen kamen, überall in Frankreich begegnete ihnen Unbildung, Unſitte, da war nicht Zucht noch Ordnung in den Familien, da war keine Liebe zur Arbeit. Die Frauen dachten nur an Putz und vernachläſſigten ihren Hausſtand, der im Schmutz unterging, und vernachläſſigten ihre Kinder die gar keine Erziehung genoſſen, die Männer ſuchten allein nach ſinnlichen Genüſſen, und von geiſtigem Streben, von Bildungsdrang, von geſittetem Vereins⸗ leben, von Verbindungen zu Zwecken der Belehrung und zur Hebung der Erwerbsthätigkeit fand man in ganz Frankreich keine Spur. Daß ein ſolches Volk, ein Volk ohne rechte Religiöſität und ohne Sittlichkeit, untergehen mußte, das war nur eine Folge der eigenen Verderbniß. Wohl uns, daß in den Herzen unſerer Bürger ein wackres Streben herrſcht, ein Ringen nach den höchſten geiſtigen Gütern, ein Erkennen der Eottheit, die ſich in unſerem eigenen Buſen offenbart, die laut durch die Stimme des Ge⸗ wiſſens zu uns ſpricht und die uns nach ſich zieht zu Licht und Wahrheit und zur Erkenntniß deſſen, was recht und ſchön iſt und was den Menſchen veredelt, beſſert und über das Gemeine erhebtl 48. Kapitel. Die Todesangſt. Der Tiſchler Schack war ſchwer betrunken, und dennoch hielt er die Handgelenke der unglücklichen Mädchen feſt in ſeinen beiden Fänſten. Es war an kein Entrinnen zu denken, und mit Entſetzen ſahen ſie Schonde und Tod vor ihren Augen. Mar⸗ garethe hatte Helenen ein Zeichen gemacht, welches dieſe nur zu gut verſtand, ſie wußten es Beide, daß jener Wütherich einen „„ — 407— Strolch empfohlen hatte, der ſie in der Stille der Nacht ermorden wollte, und daß der Pater Venturo ihn dazu gedungen hatte. Warum ſollte ſich auch der ſchändliche Jeſuit bei dieſem Handel vor ihnen in Acht nehmen? Der Tod verſicherte ihn ihrer Verſchwiegenheit, und das Meſſer des Mörders traf ſicher. O ſterben müſſen, ſo jung ſchon ſterben müſſen! Margarethe hatte ſo inbrünſtig zu ihrem Schutzengel gebetet, aber er erſchien ihr nicht, Helene dachte mit ſo heißer Sehnſucht an Reinhold und daß ſie ihn niemals wieder ſehen ſollte, niemals ihm ſagen dürfte, wie treu ſie ihn geliebt hatte.. Die Nacht war finſter und kalt. Hin und wieder begegnete ihnen ein betrunkener Mann, ein frech blickendes Weib. Konnte ihnen von denen Hilſe kommen? Ach nein, es grauſte ihnen vor dieſen gemeinen Menſchen ebenſo wie vor Schack, deſſen bloßer Geruch ihnen Uebelkeit verurſachte⸗ Der Trunkenbold war luſtig, er ſang und wechſelte mit den Vorübergehenden Reden, von denen die Mädchen nichts verſtanden Endlich kamen ſie in ſeiner Wohnung an, wenn man ſolch einen Raum eine Wohnung nennen darf. Es war die dunkelſte Gegend des ärmſten Viertels in Paris. Die Häuſer ſahen aus, als ſeien ſie es müde, ſo viel Elend, ſo viel Sünde zu umſchließen, als möchten ſie zuſammenfallen und all dieſen Auswurf des Menſchengeſchlechts begraben. Die Armuth iſt rührend und poetiſch, wenn ſie ſich mit der Tugend verbindet, dann ſchmückt ſich ſelbſt die beſcheidenſte Hütte mit dem Glanze der Reinlichkeit, dann ſind ſelbſt Lumpen und Scherben durch Ordnung verziert, ſind auch die Fenſter mit Papier verklebt, ſo mangelt doch nicht das Töpfchen mit der Blume, die zu ihrem Unterhalte nichts bedarf, als ein Paar Tropfen Waſſer und eine pflegende Land, ſind auch die Kinder in ſchlechte Kleider gehüllt und gehen die Füßchen nackt auf dem kalten Pflaſter, ſo find doch Geſicht und Hände ſauber und die Reinlichkeit erhält den Körper geſund ſelbſt bei der ſchlechteſten Nahrung. Doch ſehet hier den finſtern Hof, durch welchen Schack ſein Opfer führte! Ein peſtilenzialiſcher Eeruch empfing die Eintre⸗ tenden, und ihre Füße glitten aus auf dem ekelhafteſten Unrath. — 408— Ein Beib ſtolperte ihnen voran dem Hinterhauſe zu und grüßte mit ſchamloſen Worten den Rachbarn, der ſich ſo feine Geſellſchaft zur Racht mit nach Hauſe brachte, ſie nahte ſich den Mädchen und ftreichelte ihre Wangen mit ſchmutzigen Händen, ihr Rock hing ihr in abgeriſſenen Fetzen um die Lenden, die Füße traten auf niedergetretene Schuhe, die grauen Haare ſtanden wild unter einer Haube hervor, die niemals die Wäſche geſehen haben mochte. — Jachbarin bat Schack, Sie könnten wohl ſo gefällig ſein und mir für dieſe jungen Damen ein paar Betten geben. Die Frau lachte laut auf. — Betten, rief ſie, holt ſie Euch vom Leihamt, was braucht Ihr Betten? Dankt Gott, wenn Ihr Stroh habt und was zu freſſen. Stroh könnt Ihr kriegen, ließe ſich eine Suppe davon fochen, es wäre auch ſchon zum Teufel gegangen, denn der holt ja Alles und uns zuletzt auch noch! — Run alſo Stroh, bat Schack, man muß mit Allem zu⸗ frieden ſein. Hätte ich meine Tochter bei mir, ſo ginge es mir beſſer, aber ſo bin ich ein unglücklicher Mann. Dies war mit der Zeit Schacks ſixe Idee geworden, und imnner kam er wieder darauf zurück, daß ſeine Tochter hätte für ihn arbeiten müſſen.. Das Weib holte ein Paar Bündel Stroh und warf es den Wädchen zu, die davor ſchauderten, auf dem unſauberen Lager zu liegen, doch wagten ſie keinen Widerſpruch. Mit der ſchweren Laſt auf den Armen mußten ſie vier ſteile Treppen hinaufſteigen. und Schack folgte ihnen fluchend nach. Unten ging es noch, doch als ſie höher kamen, war die Treppe nur noch eine Stiege ohne Geländer ſie mußten ſich an den Stufen feſthalten, um nicht herunter zu fallen, wohin es ging, ſie wußten es nicht, denn rings um ſie her war Alles finſter. Kamen ſie an einer Thür vorbei, ſo hörten ſie drinnen Schnarchen oder lautes Gezänk, Kinder wimmerten nach Nahrung und Wärme und die Väter fluchten ſie in den Schlaf. Die Mäd⸗ chen ſahen, daß ihnen kein menſchliches Weſen nahe war, auf — 409— deſſen Hilfe ſie hätten hoffen dürfen, ſie befahlen ihre Seelen Gott und baten um ein gnädiges Ende. Zuletzt kamen ſie oben an. Schack ſtieß eine Thür auf und ſtrich ein Zündhölzchen an. Welch ein Aufenthalt! Vier nackte Wände, mit unzüchtigen Bildern übermalt, ein kleines Fenſter, durch deſſen zerbrochene Scheiben der Wind pfiff, ein Licht, das in einer geborſtenen Flaſche ſteckte, ein Tiſch, der aus Mangel an Füßen gegen die Wand lehnte, ein elender Schemel und ein bißchen Stroh mit einer ekelhaft ſchmutzigen Decke darauf, das war Schacks Wohnung. — RNa, da ſind wir! rief er, indem er hineintaumelte. Ele⸗ eant iſt es nicht aber gemüthlich, Schlafſtube, Arbeitszimmer, Speiſeſaal, Geſellſchaftsſalon, Alles in Eins! Ich will nicht be⸗ haupten, daß die Gardinen in der Wäſche ſind oder die Teppiche beim Fleckenreiniger, wer klug iſt, verachtet den Luxus. An Spinnen fehlt es ohnedies nicht, die jede Ecke mit ihren Geweben verzieren, und wenn es in der Nacht raſchelt, ſo fürchtet nichte, es find nur die Mäuſe, aber ſie halten ſich nicht bei mir auf, ſie wiſſen, daß es hier nichts für ſie giebt. Da werft das Stroh in jenen Winkel und legt Euch darauf, es iſt ſpät und verflucht kalt dazu bin ich müde. Na, ich denke feſt zu ſchlafen Er warf ſich auf ſein elendes Lager, und bald bewies ein lautes Schnarchen, daß die Macht des Branntweins in ihm eine jede andere Regung unterdrückte. Er wußte, daß während er ſchlief, in ſeinem Namen ein Mord geſchehen ſollte, daß man ihn am nächſten Morgen mit Blut beſudelt vor die Gerichte führen würde, aber er achtete es nicht der Rauſch entſchuldigte ihn, klagte man ihn der doppelten Blutſchuld an, was that das? Er war ſinnlos betrunken nach Hauſe gekommen, das hatten Zeugen geſehen, und Niemand konnte ihn für Thaten, die er be⸗ wußtlos gethan hatte, verantwortlich machen. Die Mädchen ſaßen feſt aneinander geſchmiegt auf dem Stroh und zitterten vor dem Augenblick, der ihnen den Tod bringen ſollte. — Laß uns fliehen, bat Margarethe, ich fürchte mich ſo ſehr. —— Ach, ſeufste Helene, wohin ſollen wir gehen? wir wiſſen — 410— nicht Beſcheid in dieſer abgelegenen Gegend, und dann, haben die Bewohner dieſes Hauſes uns nicht mit Schack zuſammen ein⸗ treten ſehen, und werden ſie uns nicht feſthalten, ſobald ſie unſere Flucht bemerken? Dann aber verſchlimmert ſich nur noch unſer Loos, und zu dem Tode werden ſie grauſige Qualen hinzufügen. — So ſollen wir hier warten, bis jener Mann kommt und uns abſchlachtet? — Wenn Gott es ſo will, Margarethe, was können wir armen Mädchen dagegen thun? — Fliehen, ſo lange noch eine Hoffnung bleib⸗ — Ach, wir kommen nicht einmal die Treppe hinunter, Du haſt es ja gehört. wi⸗ ſte knarrt. barrte, als wir das ſchwere Stroh trugen, ſie znarrte unter Schacks taumelnden Tritten, aber ſie wird nicht knarren, wenn wir leicht hinunterſchlüpfen. O⸗ Helene, komm., laß uns dem letzten Hoffnungsſchimmer nicht entſagen! dieſe Angſt iſt zu entſetzlich. O, Du fürchteſt Dich nicht, das macht, Du haſt keine Mutter, die ſich um Deinetwillen zu Tode grämt. — Du haſt Recht, um Deiner Mutter willen muß ich es verſuchen, Dein Leben zu erretten, denn um meinetwillen wird Riemand ſich zu Tode weinen. — O doch, SHelene, ich mag nicht allein leben, ich will mit Dir fliehen, oder mit Dir ſterben. — Komm, Schack ſchläft feſt. laß uns eilen. Gott, wenn uns der Mörder nur nicht ſchon auf der Treppe begegnet! Sie ſtanden auf und ſchlichen ſich hinaus. Die Thür beſaß kein Schloß, denn zu ſtehlen gab es hier nichts, es hinderte ſie kein Riegel an der Flucht, Schack hatte ſich auf die Wachſam⸗ keit ſeiner Hausgenoſſen verlaſſen, denn die Verbrecher, die ſich jeden Augenblick in der Gefahr befinden, von der Polizei er⸗ griffen zu werden. haben leiſen Schlaf. Aber als die armen Flüchtigen die erſte Treppen ſtufe betra⸗ ten, knarrte dieſe ſo laut, daß ſie fürchteten, daß ſelbſt Schack davon erwacht ſein könnte. Helene wollte umkehren, die Todes⸗ furcht jedoch gab Margarethen die Kraft, ſie von der thatenloſen Srgebung in ihr Schickſal zurückzuhalten. en 3 er 0 ri Du ſie icht nU. nhſ hn es vird mit e eſuf i er⸗ ete⸗ iht odes⸗ loſen Av — 41— Das Kind legte ſich mit dem Leibe und der Bruſt auf die Leiter, umklammerte mit den Händen die beiden Seiten derſelben und ließ ſich ſo daran hinuntergleiten. Helene folgte dem Bei⸗ ſpiel. Eo war ein gefährliches Unternehmen, denn tieſe Dunkelheit umgab ſie, und nur durch Taſten gelangten ſie von einer Treppe zur anderen. Faſt waren ſie unten. Sie konnten nun gehen, denn hier waren die Stufen feſter, aber was ſie erbeben machte, das waren nicht ihre Schritte, das waren die eines Mannes, der hinaufſtieg. O. wie ihre Herzen bebten, ein kalter Schauder ſie überlief. Das war ihr Mörder. Sie drückten ſich in den Vorſprung einer Thür denn ſie konnten ihm ſonſt nicht ausweichen. Er ſtieg an ihnen vorbei, ſo dicht, duß ſie ihn athmen hörten, daß die Spitze des Knittels, den er in der Hand hielt, ihre Kleider berührte. Welch ein Augenblick der gräßlichſten Angſt! Sie meinten, ihr eigener Herzſchlag müſſe ſie verrathen, der Mörder aber merkte nicht die Nähe ſeiner Opfer, er ſtieg weiter hinauf. Es öffnete ſich eine Thür und eine Stirme Rist⸗ leiſe: 5 — Wer da?—— — 3 will zu Schac, er iß doch oben? ſagte der Mann.—— — Oben mit zwei Dirnen und beſoßen wie ein Schwein, war die Antwort. Dann ſchloß ſich die Thür, und der Mann ſtieg weiter hinauf. Als ſeine Schritte vehalten, n die Mädchen die Treppe hinunter, athemlos, von Todesgrauen gehetzt. Sie durcheilten den Hof, ſie gelangten auf die Straße, nach links, nach rechts, es war gleich viel, nur fort, nur fort. Noch war Alles ſtill, es gab keine Arbeit in Paris, es gab keine fleifigen Arbeiter, die früh an ihr Geſchäft gingen, und doch mußte die Nacht bald vorüber ſein, eine Nacht, in welcher das Schießen nicht aufgehört hatte. Dieſer furchtbare Donner der Kanonen war ein Glück für die beiden Die Straßen waren leerer als ſie ſonſt 1 ——— — 412— zu ſein pflegten, denn die Verkäufer von Milch und Waſſer⸗ die ſonſt mit ihren Karren ſchon früh nach Paris kamen, zeigten ſich nicht, ſchon lange gab es keine Landmilch mehr in der Stadt, und an trinkbarem Waſſer, das ſonſt von den Dörfern rings umher herbei gebracht wurde, war großer Mangel. Deshalb blieben die Frauen länger als ſie ſonſt zu thun pflegten, in ihren Woh⸗ nungen, während die Männer als Soldaten dienten oder neu⸗ gierig auf den Wällen ſtanden und zuſahen, wie von den Ports aus die Kanonen aufblitzten. Wie wäre es ſonſt nicht aufgefallen, daß zwei junge, leicht bekleidete Mädchen in athemloſer Haſt durch die Gaſſe liefen? Sie beſannen ſich nicht lange, ſie bogen bald um dieſe, bald um jene Ecke, immer hoffend, daß ſie doch endlich dieſem Straßen⸗ gewirr entkommen mußten, doch ſchien es endlos zu ſein. Nach einem Tage voller Bekümmerniß, nach einet Nacht voll Todes⸗ grauen fühlten ſie ſich endlich ſo erſchöpft, daß ſie ſich nur noch mit der größten Mühe weiter zu ſchleppen vermochten. Schon lichtete ſich der Himmel, war es die Morgenröthe. war es eine Feuersbrunſt, die ihn erleuchtete? Sie ſahen deut⸗ licher um ſich, doch was ſie ſahen, flößte ihnen Entſetzen ein. Sie befanden ſich in einer engen, ſurchtbar ſchmutzigen Gaſſe, vor ihnen lag ein altes, halb zerfallenes Haus, ein offener Thorweg. deſſen Thürflägel längſt geſtohlen und verbrannt worden waren, führte in einen düſteren Hof und dieſer in ein Hintergebäude ach, welch ein Schrecken! ſie waren nach langem Laufen an derſelben Stelle angelangt, von der ſie vor einer halben Stunde entflohen waren. Und wäre es nur das allein geweſen. Eben traten zwei Männer aus dem Hofe, der eine mit dunklem und verwildertem Haar und Barte, lebhaft zankend und ſchimpfend, der andere mit taumelndem Gange, noch halb im Schlafe oder Rauſche.. Sie kannten beide. Es war Schack und jener wüſte Menſch, der dazu gedungen war, ſie zu ermorden. Wohin vor ihnen entfliehen? Die Gaſſe war ſo ſchmal, kein anderes Haus war offen, es gab keinen Ausweg, keine Rettung! G — 2(3 —— wei rtem dere ſch kin un9! — 413— So hatte denn Gott ihr Verderben beſchloſſen. ſo muhten ſie denn den Mördern in die Hände fallen! Gräßlich, gräßlich! Aber vielleicht wurden ſie nicht von ihnen bemerkt, denn die beiden waren in heftigem Streite. — Kann ich dafür, daß meine Thür kein Schloß hat, rief Schack, wo ſollte ich ſie denn anbinden, an das Stroh etwa? Ich habe geſchlafen, ich bin an Allem unſchuldig, wer kann mir einen Vorwurf machen? — Du verſoffenes Vieh! ſchalt ihn der Andere, da bringft Du mich um den ſchönen Verdienſt. Die Sache wäre ſo leicht geweſen, während jetzt.. ſag ſelbſt, wie ſoll ich ſie jetzt faſſen ſelbſt wenn wir ſie finden? Wohin ſollen wir ſie locken? Es war Alles ſo gut überlegt, denn der Jeſuit iſt ſchlau, das muß man ihm laſſen! Aber.. Das Wort ſtockte ihm in der Kehle, denn plötzlich trafen ſeine Blicke auf die Mädchen, die zitternd wie Espenlaub an ein Haus gedrückt ſtanden. Schack taumelte auf ſie zu. — Aha, ſagte er, die ſind nicht weit gekommen, können ſich wohl nicht von mir trennen, haben mich wohl ſo licbl Mit dieſen lachenden Worten ergriff er Helenens Hand. Sie wehrte ſich nicht, ſie ergab ſich ihrem ſchrecklichen Looſe wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank führt. Anders Margarethe. Der Tag dämmerte herauf, es mußten ja Menſchen in der Nähe ſein, und nicht Alle waren Räuber und Mörder Sie wehrte ſich unter den Fäuſten des Mannes, der ſie packte, ſie ſchrie aus voller Kehle um Hilfe, aber der Richtswürdige erßickte ihr den Ton in der Kehle. Er legte ſeine Hand auf ihren Mund, er drückte ihren Kopf feſt an ſich und preßte ihr ein Tuch zwiſchen die Zähne, dann zog er ſie mit ſich. Riemand ſchien ſie gehört zu haben, oder war man in dieſer vorrufenen Gegend ſo ſehr an nächtliche Ruheſtörungen gewöhnt., daß kein Menſch auf den Angſtſchrei der gemord ten Unſchuld hörte? — Wohin? fragte Schack. — Zu Dir hinauf, antwortete ſein Gefährte. — O nein, rief der Trunkenbold. Es haben mich Leute — 414— geſehen, geſchieht es nun bei mir, ſo bin ich der Mörder und kann mich nicht mit dem Schlaf der Unſchuld entſchuldigen. — Ich mache es leiſe ab, und Du ſchläfſt bald wieder ein. — Geht nicht, die Sache iſt zu verdächtig, nein, ich thu es nicht und will auch nicht dafür geſtraft werden. Das iſt Deine Sache. Gut, Margots Keller iſt in der Nähe, der ſteht leer. Schaff mir nur die Mädchen dahin, das Uebrige will ich ſchon ſelbſt beſorgen.—— Damit war Schack zufrieden. Er zog Helene mit ſich fort, ſie betete eifrig, nicht mehr um ein ſanftes Ende, denn ſie wußte, daß ihr Gott ſolche Gnade nicht gewährte, aber um ſeine himm⸗ liſchen Freuden nach dieſen Qualen ihres irdiſchen Lebens. Margarethe ſtemmte ſich mit aller Macht gegen ihren Führer, der hielt ihre beiden Hände ſo feſt, daß das Blut aus den Fingerſpitzen ſpringen wollte, und der Schmerz faſt uner⸗ träglich war. Und weiter ging es durch die leeren Gaſſen. Da wurde das Schießen draußen ſtärker, hier und da öffnete ſich ein Fenſter, ein ängſtliches Geſicht blickte heraus und ſah nach dem blutigen Schein am Himmel. Herr Gott, es brennt in den Forts! Plötzlich vernahm man ein furchtbares Krachen. Eine Bombe war in die Straße hineingefallen und zerplatzte mit lautem Dröhnen. Die Eiſenſplitter flogen nach allen Seiten hin, Fenſter⸗ ſcheiben klirrten, Thüren brachen aus ihren Fugen, Kalk und Steine, Mörtel und Holz praſſelten herab. Gräßlich kreiſchten die Weiber auf, die aus chrem Schlaf emporgeſchreckt wurden. Ja, ſo hatten ſie es vorhergeſehen. Die Preußen ſchoſſen auf die Armen, das war Verrath, die Mittel⸗ loſen ſollten niedergemacht werden, darum fielen gerade bei ihnen die Granaten ein, die Vornehmen verſtanden ſich trefflich mit den Preußen, ſie retteten ihre Paläſte und gaben die Hütten der Armuth preis. Schreiend und halb bekleidet, gefolgt ron den heulenden Kindern, ſtürzten die Weiber aus den Häuſern, die ihnen keinen Schutz gewährten. urde ier, gen mbe tem ſter⸗ und hlaf Die itel uen den der den inen — 415— Es war nicht Angſt, nicht Schmerz, es war Wuth, was ſie entfſammte. Das Wort Verrath wurde überall gehört, Verrath hieß es nach jeder verlorenen Schlacht, nach jeder übergebenen Feſtung, Verrath hieß es auch hier. Schack und ſein Begleiter konnten nicht durch die Schreien⸗ den dringen. Wieder ſauſte einer der ſchrecklichen Zuckerhüte herein und zerplatzte auf dem Dache eines Hauſes, deſſen Ziegel und Splitter weit umher geſchleudert wurden. Gräßlich war das Geſchrei der Menge, die ſich in jedem Augenblick vermehrte, da taumelte eine Frau heran, ein Balken hatte ſie getroffen, ſie hielt ihr Kind auf dem Arme, einige Schritte ging ſie mit wan⸗ kenden Füßen, dann ſtürzte ſie vorne über.. eine Leiche. — Verrath, Verrath! brüllten und heulten die Weiber, Verrath, knirſchten die Männer. — Und da habt Ihr die Verräther! rief der Mann, welcher Margarethe gepackt hielt und ſchleuderte ſie mitten unter die Raſenden. Ein Freudenſchrei ertönte, ſie hatten ein Opfer, gleichviel was für eins, und dieſes Kind erkannten Einige von ihnen, der Pater Venturo hatte es ihnen bezeichnet, es war die Tochter der Herzogin von Montalto, der Verrätherin. Kaum fühlte Margarethe ihre Hände frei, als ſie ſich das Tuch aus dem Munde riß, Helene, die Schack losgelaſſen hatte, ſprang zu ihr hin, die beiden Mädchen umklammerten ſich und erwarteten Arm in Arm den Todesſtreich, Helene mit geſenktem Haupt, Margarethe mit leidenſchaftlich erhobener Hand. — Gott, mein Gott! rief ſie, warum ſendeſt Du mir nicht zum zweiten Male Deinen Engel? — Hier iſt er! antwortete eine tiefe Stimme, und in dem⸗ ſelben Augenblicke fühlten ſich die armen Opfer von zwei kräftigen Armen umſchlungen, ein weiter Mantel ſank über ſie herab, ſie glaubten ſich wie von einer Wolke umhüllt, ſie ſahen es nicht, daß ihr Beſchützer zwei Piſtolen vor ſich hin hielt, vor der die rohe Bande erſchrocken daſtand, ſie ſchmiegten ſich eng an die Bruſt ihres Retters, der langſam mit ihnen zurückwich, bis ſie die Thür eines der beſſeren Häuſer erreicht hatten. Dieſe Thür — 416— öffnete ſich wie von ſelbſt, ſie traten hinein ſie waren gerettet. Der Mann ſchlug den Mantel auseinander. — Ja, Du biſt es, Du biſt mein Schutzengel! rief Mar⸗ garethe und warf ſich vor ihm auf die Kniee, die ſie mit Leiden⸗ ſchaft umklammerte. Helene richtete nur einen Blick auf ihn, dann ſchloſſen ſich ihre Augen ſie war ohnmächtig geworden. Der Mann hob ſie auf und trug ſie fort, Margarethe folgte ihm mit Dankesjubel im Herzen. Sie durchſchritten das Haus, ſie traten in eine an⸗ dere Straße, dort gingen ſie in ein kopellenartiges Gebäude. Der Mann öffnete eine Fallthür. — Steigt hinab, ſagte er, die Erde oben iſt voller Greuel, dort unten findet Ihr Ruhe und Frieden, wie im Grabe. Helene hatte ſich etwas erholt, ſie ſtiegen langſam die Stufen hinunter, er ſchloß die Thür hinter ihnen und folgte ihnen nicht. Als ſie unten angekommen waren, ſahen ſie, daß ſie ſich in den Katakomben befanden, denn Waſſer rieſelte durch die Gänge, und ſehr hohe Gewölbe, in denen nur hier und da eine Heffnung matten Lichtſchimmer herein fallen ließ, bildeten den feſten Bau. Hier ſollten ſie Schutz finden und hier fanden ſie, was ihnen in dieſen traurigen Tagen als das höchſte Glück er⸗ ſchien, hier fanden ſie Iduna, die Herzogin von Montalto, wieder. 49. Kapitel. Bapaume. Von allen franzöſiſchen Generalen war unſtreitig Faidherbe der kühnſte und klügſte. Es iſt nicht zu leugnen, daß er in ſei⸗ nem Heere auf die ſtrengſte Ordnung ſah und mit unerbittlichem Eifer jeden kleinen Verſtoß gegen den Gehorſam zu rügen wußte ——— tiet. tur⸗ en⸗ Uel, fen nen ſich eine den k er⸗ alto, — 419— von vorne losgehen und eine Entſcheidung herbeigeführt werden würde. Dieſe Ahnung erfüllte ſich ſehr ſchnell. Faidherbe bildete ſich ein, er habe einen Vortheil über ſeine Feinde errungen, und dieſen Vortheil wollte er nicht wieder aus der Hand geben. Acht Bataillone deutſcher Infanterie beſetzten die Stadt Ba⸗ vaume und die nächſte Umgebung derſelben, doch. da die Stärke der Bataillone ſehr geſchmolzen war, ſo ließen ſich nicht mehr als viertauſendfünfhundert Mann mit ſechsunddreißig Geſchützen zu⸗ ſammenbringen. Links von dieſer doch nur geringen Macht ſtand der General von Goeben in Miramont an der Bahnſtrecke von Arras nach Amiens, den rechten Flügel befehligte der Prinz Al⸗ brecht, Neffe des Kaiſers Wilhelm mit drei Batterien reitender Artillerie und der Garde⸗Kavallerie⸗Diviſion. Er hatte ſein Hauptquartier in Equancourt, von wo dis Straßen von Cambrois nach Bapaume und der Feſtung Peronne aus gehen. Auf dieſer letzten Straße befand ſich auch die Re⸗ ſerve. Die Franzoſen begannen wieder mit einem Angriff auf Ar⸗ ras, der Vorſtadt von Bapaume. Riemals war die franzöſiſche Artillerie ſo gut bedient worden, wie in dieſer Schlacht, ſie zeigte ſich der deutſchen ebenbürtig, ſie zielte vortrefflich und vergeudete kein unnützes Pulver, wie dies ſonſt der Fall war. Bald wurde das Treffen allgemein. Bapaume war in Feuer und Rauch eingehüllt. Rings krachte und donnerte es, rings ſauſten die Kugeln, ſchmetterten die Trompeten, ſchrieen die Kämpfenden, es war, als ob die Elemente gegen einander kämpften. Eine Kälte von mehr als acht Graden wurde beſei⸗ tigt durch das Feuer, welches überall emporloderte. Auf der Straße nach dem Orte Albert, wo die Zitadelle von Bapaume liegt, wurde das dreiunddreißigſte Infanterieregi⸗ ment faſt aufgeriebrn, aber es ſetzte ſeine Reſte in einer Wind⸗ mühle feſt und rächte blutig die gefallenen Brüder. Der Prinz Albrecht Sohn ließ ſeine Geſchütze tauſendfachen Tod ſpeien, während er ſelber an der Spitze der Huſaren 27* den feindlichen linken Flügel von Fremicvurt aus angriff. Die Garde⸗Huſaren wurden auf der Straße nach Cambrai geſandt, um den rechten Flügel gegen etwaige Angriffe von dieſer Seite her zu decken. Da wurde gemeldet, daß zwei franzöſiſche Infanterieregimen⸗ ter mit einer Schwadron Kavallerie gegen den rechten Flügel im Anzuge ſeien. Der Prinz hatte keine ähnliche Truppen ihnen entgegen zu ſtellen und die Erfahrung lehrt, daß nicht immer die Reiter gegen das Fußvolk im Vorlheil ſend. Hier aber mußte aus der Noth eine Tugend gemacht wer⸗ den, wußte es doch der kommandirende Offizier, daß ſeine Hu⸗ ſaren eben ſo gut öu ſchießen als zu reiten wußten. Er ließ eine Schwadron abſitzen, die Pferde wurden nach hinten gebracht, und der Rand des Dorfes wurde beſetzt. Als die Feinde anrückten und nur auf Kävallerie gefaßt waren, wurden ſie von einem lebhaften Feuer aus den Karabi⸗ nern begrüßt. Dies machte ſie ſtutzig⸗ ſie glaubten, dahinter müßten furchtbare Maſſen Infanterie ſtecken, und um ſich nicht vergeblich zum Opfer zu bringen, machten ſie Kehrt und begaben ſich auf den Rückzug. Sogleich ſprangen die Huſaren wieder auf ihre Pferde und jagten den Flüchtigen nach, ſo weit ſie Deckung durch ihre Geſchütze hatten. Unterdeſſen drang der General Graf Groeben von Miramont aus gegen den fran öſiſchen rechten Flügel vor. Er machte eine Schwenkung und erſchien plötzlich in dem Rücken des Fei des⸗ Hier fuhr er ſeine Kanonen auf und begann einen heft'gen An⸗ griff. Das warf einen furchtbaren Schrecken in Faidherbes Armee hinein. Er ließ ſeine Leute wenden, um den Feinden Front zu doch um der Gefahr zu begegnen, mußte er von der n Flügel führen, und dadurch bis dahin ſtark beſchoſſen bieten, Mitte aus Truppen nach dem recht⸗ gab er Bapaume frei, das er hatte. Hier in der Stadt herrſchte eine namenloſe Verwirrung. Granaten ſchlugen in alle Häuſer ein, und die Flintenkugeln durchbohrten die Wände, ſo daß die Soldaten ſie nicht mit Un⸗ —— aßt bi⸗ iter icht uf un9 iont eine des An⸗ 1 der urch oſſen rung u geln tU⸗ ———— 421 recht mit einem von Pockengruben entſt Uten Geſicht rer⸗ glichen. Die unglücklichen Einwohner lefen ſchreiend umher, ſie, die friedlichen Bürger, ſahen ſich plötzlich mitten in den furchtbarſten Kampf hineingeriſſen. Viele ſanken getroffen dahin, Frauen wurden erſchoſſen, Kinder kamen unter den Hufen der Pferde um, es war eine gräßliche Vernichtung. Das Blut ſtürzte an den Gebäuden in die gzhe aus den Kirchen von den Thürmen, aus den Sälen des Stadthauſes, überall hervor blitzte dae Feuer der Zündnadelgewehre und der Kanonen, denn vor der Ueberzahl der Feinde hatte die neun⸗ undswanzigſte Brigade die Vorſtadt Arras aufgegeben und die Stadt ſelber beſetzt. In Arras verbarrikadirten ſich die Franzoſen, aber die Jä⸗ ger vertrieben ſie wieder und riſſen die Barrikaden ein. Prinz Albrecht focht hitzig auf der rechten Flanke, aber der hartnäckige Feind wollte nicht weichen. Als der Tag ſich neigte, nahmen die Franzoſen ihre alte Stellung auf den Straßen von Arras und Douai wieder ein. Die Verluſte waren auf beiden Seiten ganz ungeheuer geweſen, doch blieb der Sieg dieſes Mal ent⸗ ſchiden den Deutſchen. Faidherbe hatte den Muth verloren, ſich auf einen ferneren Kampf mit ihnen einzulaſſen, er zog ſech hinter den Fluß Somme zurück und ſuchte ſeine Verſprengten an ſich heran zu ziehen und ſeine Regimenter wieder zu formiren. Pls der Morgen des vier⸗ ten Januar kam, war man auf deutſcher Seite auf einen Wie⸗ derbeginn des Kampfes vorbereitet doch ſahen es Offiziere wie Soldaten für ein großes Glück an, daß kein Feind mehr da war. Die Deutſchen hatten ganz furchtbare Verluſte erlitten Sie hat⸗ ten den dreißigtauſend Franzoſen nur zehntauſend Mann Infan⸗ terie entgegen geſtellt, und nur im Geſchütz waren ſie beſſer ver⸗ ſehen, als die Feinde. Daß die Deutſchen dennoch das Schlacht⸗ feld behaupteten, daß die Franzoſen deſſen ungeachtet weichen mußten, iſt gewiß ein rühmliches Zeichen für Jener Tapferkeit. Doch war der Erfolg der Schlachten bei Bapaume kein ſo glän⸗ ₰ zender, wie wir es gewünſcht hätten, das ſo reichlich vergoſſene Blut hatte keinen entſcheidenden Sieg bewirkt. Der General Faidherbe zog ſich in ſein Feſtungsviereck zurück, und die Deutſchen gingen über die Somme, um dort eine feſte Stellung zu ſuchen, denn ſie erwarteten einen erneuten Angriff der Franzoſen und fühlten ſich nicht ſtark genug, ihm ohne eine geſicherte Poſition zu begegnen. Doch geſchah in den nächſten Tagen jedoch nichts; dagegen ſuchten die Feinde den deutſchen Truppen an einer anderen Stelle Schaden zrzufügen. In der höchſt wichtigen Hafenſtadt Havre, am Ausfluſſe der Seine, und in der Umgegend kommandirte der franzöſiſche General Roye über zahlreiche Mobilgarden. Es war ihm gelungen, gande Maſſen von Franktireurs in den Wäldern zu verbergen, und dieſe ſchwarze Bande ſetzte ſich in der Nähe der Stadt Rouen feſt. Dieſes Geſindel glich einem Mückenſchwarme, es waren die verächtlichſten Feinde, ſie entflohen bei jedem ernſten Angriff und fügten hinterrücks den argloſen Leuten Schaden zu. Sie geberdeten ſich wie Soldaten, hatten Fahnen, Kanonen und regelrechte Bewaffnung, aber eigentlich waren es nur Räuber, vor denen ihre eigenen Landsleute mehr zitterten, als vor den Deutſchen) Solch eine gemeine Art der Friegsführung empörte alle Ge⸗ müther und rief eine furchtbare Erbitterung hervor. Es war den Deutſchen höchſt willkommen, daß der General von Bentheim ten in das Wespenneſt hineinführte. Im Walde la Londe, ſie mit griffen ſie ſie an und vertilgten ſie faſt am linken Seineufer. gänzlich. Die Deuſſchen gaben dieſes Wal keinen Pardon, ſo heftig war ihr Zorn gegen dieſe Brut, und während eine Unmaſſe von Todten den gefrorenen Boden bedeckte, wurden nur fünf hundert Gefangene gemacht. Dafür aber nahm man ihnen noch drei Fahnen und zwei Kanonen ab. Was übrig blieb, entfloh in heller Flucht waldeinwärts, doch der Major Preinitzer verfolgte die Mörderbande, jagte ihr noch zwei Geſchütze mit den dazu ge⸗ hörigen Munitionswagen ab und machte zahlreiche Gefangene. Da ſah man. was die Franzoſen an dieſer Wehrkraft hatten. — — — 423— Aus verſtecktem Hinterhalt hervor ſchoſſen ſie dreiſt genug, doch einem geregelten Angriff vermochten ſie nicht zu widerſtehen und liefen davon, als ob der Teufel ſie jagte. Dies geſchah bei der weſtlichſten Abtheilung der erſten Armee, während die öſtlichſte durch einen überaus kühnen Handſtreich Rocroy, die nördlichſte Feſtung des Ardennen⸗Departements, eroberte. Hier in der Feſtung ſchmachteten acht deutſche Gefangene. Die Beſatzung war ſtolz auf ihren Beſitz, und alle Einwohner der Stadt kamen und ſtarrten ſie an, als ob es Wunderthiere wären. Zwei von ihnen waren der Spionage verdächtig, und obgleich ſie durch ihre Papiere beweiſen konnten, daß ſie mit Liebesgaben nach Frankreich gekommen waren, machte man ihnen doch den Prozeß und verurtheilte ſie zu Pulver und Blei. Die armen Menſchen ſtanden Todesqualen aus und ſahen in dem trübſten Muthe ihrer Hinrichtung entgegen, da plötzlich erſchienen deutſche Truppen, die Feſtung iſt umzingelt; ehe es die Beſatzung ahnt, dringen Ulanen herein und erklären Rocroy für genommen; Schrecken ergreift die Mannſchaft, ſie glauben ein gewaltiges Heer dicht vor den Mauern und ahnen nicht, daß ſie einige Kavalleriſten zum Beſten haben. Doch, jetzt nahen in der That zahlreiche deutſche Truppen, ſie fordern die Feſtung zur Uebergabe auf, und dieſe hat nicht die Kraft, zu widerſtehen. Die Gefangenen werden befteit, ſie weinen Freudenthränen und danken Gott und ihren Errettern, Geſchütze, Fahnen und viele Waſſen fallen in die Hände der Sieger. Dies geſchah am fünften Januar, und ſchon am zehnten ergab ſich die ungleich wichtigere Feſtung Peronne, welche für die känſtigen Thaten der deutſchen Nord⸗Armee einen feſten Stütz⸗ dunkt abgab. Vier tauſend Mann ergaben ſich den Siegern, die in der Eitadelle ſelbſt viele Vorräthe don Lebensmitteln. Pulver und Blei fanden. — 50. Kapitel. St. Quentin. Wichtige Veränderungen traten bei der Nordarmee in der Mitte des Januar ein. Der General von Manteuffel wurde von ſeinem Kommando abberufen, um ein anderes an der Schweizer Grenze zu übernehmen. Statt ſeiner übernahm der General von Goeben die Nord⸗ armee, und dieſen erſetzte wiederum der General von Bentheim. Schon bei der Schlacht von Bapaume hatten wir Gelegenheit, den General von Goeben rühmend zu erwähnen, die Soldaten liebten ihn, wie kaum einen zweiten Führer, und der Kaiſer ſchenkte ihm das vollſte Vertrauen⸗ Die Lebensſchickſale dieſes Helden waren ſeltſam genug und reiften in ihm einen feſt entſchloſſenen Charakter. ohne die Weich⸗ heit ſeines Herzens zu vernichten Er iſt im Jahre achtzehn hundert und ſechszehn geboren und trat, als er kaum achtzehn Jahre alt war, in die preußiſche Armee, wo er bald zum Seconde⸗ lieutenant avancirte. Doch gab es damals in Preußen tiefen Frieden, und den thatendurſtigen Jüngling trieb es. ſich kriegeriſche Lorbeeren zu erringen. Er ging nach Spanien und zeichnete ſich in der Armee des Don Carlos aus. Von Natur ſtrebſam, beſaß er weit mehr Bildung und Kenntniſſe, als die ſpaniſchen Offiziere, und dadurch gelang es ihm; ſchnell Oberſtlieutenant zu werden Doch eine ſchwere Ver⸗ wundung hemmte ſein Vorwärtsſchreiten, die Liebe zur Heimat erwachte mächtig in ihm, vorzüglich weil das Vaterland gerade damals tüchtiger Männer bedurfte. Er trat wieder in die preußiſche Armee ein. Im Jahre ſechszig ging er nach Marocco und machte dort den ſpaniſchen Krieg mit, einen Krieg, der voll von den romantiſchſten Aben teuenr, aber auch voll von den entſetzlichſten Grauſamkeiten war 425— Nach Preußen zurückgekehrt, focht er mit großer Auszeichnung gegen die Dänen, im Kriege gegen Oeſterreich kommandirte er bei Dermbach, Kiſſingen, Aſchaffenburg und Tauberbiſchofsheim. In Frankreich leitete er den Angriff auf die Spicherer Höhen, half dann Metz belagern und wurde Oberbefehlshaber. der Nordarmee. Als ſolcher ſollte er einem ſo höchſt bewegten und thatenreichen Leben die Krone auſſetzen. Die Stellung der Preußen war eine überaus günſtige, da ſie ſich auf die Feſtung Peronne ſtützen konnten. Dieſe Feſtung liegt an der Somme, einem an ſich nicht gerade bedeutenden Fluß, der in der Nähe von St. Quentin entſpringt und einen Bogen nach Norden macht, zwiſchen deſſen Wölbung die Eiſenbahn von Ham nach Amiens geht. Innerhalb dieſes Bogens, alſo zwiſchen Amiens und Peronne, ſtand der General von Goeben ſo ſicher, daß Faidherbe nicht den Much in ſich fühlte, ihn von vorne anzugreifen. Der franzöſiſche Feldherr befand ſich in einer bedenklichen Lage, wohin er ſich auch wenden mochte, überall ſah er Gefahren. Der Verluſt von Peronne war nicht zu verſchmerzen, die Unter⸗ ſtützung, welche er von dem General Roye erwartete, blieb aus, weil ſich dieſer von Bentheim hatte ſchlagen laſſen, er ſah, wie er es auch anfangen mochte, er konnte es nicht gut machen, und doch mußte er handeln, denn Gambetta drängte ihn, und ſeine Soldaten, die er ſonſt gut genug im Zaum und Zügel hielt, ſehnten ſich nach einem beauemeren Leben und einer angenehmeren Art der Kriegsführung. Es mochte von allen Möglichkeiten, welche vor ihm lagen, die allertraurigſte ſein, daß er ſich endlich nach vielem Grübeln entſchloß, ſüdöſtlich auf St. Quentin zuzugegehn. Dachte er vielleicht, dieſen Weg unbemerkt machen und dem General von Goeben in den Rücken fallen zu können? Die leichte Kavallerie, die überall umherſchwärmte, brachte bald genug die Kunde in das deutſche Lager, daß die Franzoſen aufgebrochen ſeien. Zetzt zögerte der deutſche Feldherr keinen Augenblick. Während Faidherbe St Quentin beſetzte, machte er einen Rechts⸗ abmarſch nach Oſten und überſchritt die Somme. Es war am zehnten Januar, als er Fühlung mit den fran⸗ zöſiſchen Vortruppen erhielt. Dieſe ſtanden bei Bauvoir, zwei Meilen weſtlich von St. Duentin. Der General ließ ſie ſogleich angreifen und warf ſie zurück, indem er ihnen eine Kanone und fünfhundert Gefangene abnahm. Flüchtig und tief erregt kamen ſie in St. Quentin an, und was ſie von dem heftigen Anprall der Deutſchen erzählten, warf den Schrecken unter die übrigen Soldaten und ließ Faidherbe ſein Schickſal vorausahnen. Am Neunzehnten begann nun der General von Goeben einen ernſten Angriff gegen die Stellung des Feindes. Zwiſchen Ham und St. Quentin zieht ſich ein Kanal hin, an welchem die dem Feldherrn beigegebenen Sachſen ſtanden, der Graf Lippe kommandirte ſie, der General von Barnekow lag in St. Simon, der Graf von Groeben zwiſchen Tertry und Ham. Früh um Morgen gingen die Sachſen, drei Kavallerieregi⸗ menter, etwas Artillerie und ein Jägerbataillon, von La Fere aus auf der Straße von St. Quentin vor, dahin rückte auch die ſechszehnte Diviſion unter Barnekow, die Reſerve und der Stab des Generals von Goeben verfolgten die Straße, welche über Douchy und Fluquieres nach St. Quentin führt, ebendaſelbſt hin dirigirte der General Graf von Groeben ſeine Truppen über Marleville. Von vier verſchiedenen Punkten alſo nahten ſich furchtbare Heeresmaſſen dem franzöſiſchen Feldherrn, dem bei dieſem Anblick der Kopf zu wirbeln begann. Die von dem General von Barne⸗ kow geführte ſechszehnte Diviſion gelangte zuerſt in das Feuer und zwar zwiſchen den Dörfern Grugis und Neuville. Hier ſtanden die Franzoſen in ſehr feſter Stellung und hielten tapfer Stand. Das Gefecht wurde hitzig. den Preußen wurden Hilfstruppen nachgeſchickt, die ſie wacker unterſtützten, doch waren die Verluſte ungeheuer, das neunzehnte Regiment allein büßte dreihundertundfünfszig Mann ein. Lange dauerte der Widerſtand der Feinde, doch endlich gelang es, ſie zu verdrängen, und die Dörfer wurden von den Unſrigen beſett. Den Ort Savy nahm der General Kummer ohne Schwertſtreich. Die Franzoſen hatten die gegenäberliegenden Höhen veſetzt, und hier „—. vet te bli re⸗ uer und uhen zen, nent der gen. Dn Die hie — 427— ſtärmte das Grenadier⸗Regiment Kronprinz hinauf, trotz Kartät⸗ ſchen und Mitrailleuſenkugeln, machte die feindliche Artillerie rieder und eroberte mit lautem Hurrahrufe die Geſchütze. Rechts von Savy kam es zu einem intereſſanten Reiterge⸗ fechte. Nur bei Sedan hatten ſich franzöſiſche und deutſche Ka⸗ valleriſten ſo herrlich gemeſſen, wie hier. Die Unſrigen gingen ſo recht mit Jubel in den Kampf. Die Franzoſen benannten alle deutſche Reiterei mit dem Geſammtnamen Ulanen, dieſe machten dem Schreckensbilde Ehre, welches man ſich allgemein von dieſen furchtbaren Leuten entwarf. Mit dem Worte der Ulan kommt! jagten die Mütter ihre Kinder zu Bett, und was es nur Schreckliches geben konnte, bezeichnete man mit dieſem Namen. Die Einen wollten wiſſen, ſie gehörten einer ganz beſonders wilden Nationalität an, die Andern behaupteten, es ſeien ſchwere Verbrecher, die man begnadigte, indem man ihnen befahl, in Frankreich ſo viel als möglich zu ſengen und zu er⸗ morden, hätte ein Dritter verſichert, ſie ſeien Teufel aus der unterſten Hölle, die Satanas den Deutſchen zur Hilfe geſchickt hat, er hätte auch dafür gläubige Seelen gefunden. Freilich waren ſie überall, man ſah ſie an allen Orten zugleich und hier, unter dem Rittmeiſter Rudolphi fochten ſie mit einer Luſt, als gälte es ein Spiel und nicht einen ernſten blutigen Streit. Ulanen waren es allerdings nicht, ſondern Huſaren, doch das blieb ſich für die Angſt der Feinde gleich ſi⸗ nannten ſie. wie immer, Ulanen. Die Franzoſen waren Dragoner, ſie truge mächtig große weiße Mäntel, die gegen die Kälte gut ſein mögen, beim Fechten aber hindern. Die weite Kapuzze, die über den Kopf gezogen wird, hindert ſie, zu ſehen, was ſeitwärts geſchieht das überflüſſig lange Zeug flattert den Pferden vor die Augen und macht ſie ſcheu, die Bewegung der Arme iſt gehemmt, man ſah es deutlich was ein alter Soldatenwitz behauptet, im Kampfe nützt der Mantel nichts, wenn er nicht gerollt iſt, denn in dem gerollten Mantel fängt ſich manche Kugel auf, aber der flatternde mag wohl recht maleriſch ausſehen, läßt aber jeden Hieb und Stich durch. Die Dragoner henahmen ſich denn auch ſehr unbehilflich ——— — — 428 ihren ſchnellen und gewandten Gegnern gegenüber, und als ſie ſich endlich zur Flucht wandten, ſetzten ihnen dieſe den Degen in die Rippen und verfolgten ſie bis unter den Schutz ihrer Infanterie. Am äußerſten linken Flügel ging während deſſen der Graf von Groeben mit dem Oberſten von Witzendorf gegen das Dorf Hohenau vor und perjagte den Feind, der ſich in die Wälder jenſeits der Straße von St. Quentin und Vermaud hinzog. Dieſe mußten geſäubert werden. Das war dann eine Arbeit für die Infanterie, doch ſie wurde in dem Gefühl des Sieges⸗ bewußtſeins gethan, das über alle Mühen hinweghilft, die Franzoſen waren aus ihrer urſprünglichen Stellung ganz fort gedrängt und bildeten ene zweite Linie, die nicht weniger gut poſtirt war, als die erſte. Doch ehe ſie ſich da völlig feſt⸗ geſetzt hatten, wurden ſie ſchon wieder von den deutſchen Truppen angegriffen, Platz für Platz wurde ihnen abgerungen, ſie mußten jeden Ort aufgeben, an dem die Feinde ihnen gegenüber ſtanden. Zuletzt waren ſie in die Rothwendigkeit verſetzt, ihren linken Flü⸗ gel einzuziehen, um die Mitte zu verſtärken, dann öogen ſie ſich langſam und immer noch kämpfend auf St. Quentin zurück, wo ſie ſich ſammelten. Man muß ihnen Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. Sie hiel⸗ ten ſich tapfer, und der Graf von Groeben befand ſich in nicht geringer Gefahr, als eine Anzahl Bataillone plöthlich in ſeiner Flanke erſchienen. Ihnen Stand zu halten, dazu war der Graf in dieſem Augenblick nicht ſtark genug, er ging alſo ruhig und in gleichem Schritte weiter, als hätte er die Feinde gar nicht bemerkt. Dieſe ſtutzten, ſie bildeten ſich ein, der Graf könne unmög⸗ lich ſo gleichgültig an ihnen vorüber gehen, wenn er nicht eine vedeutende Macht hinter ſich hötte, und aus Furcht vor dieſer Macht ließen ſie ihn ruhig ziehen und die vor ihm liegenden Dörfer beſezen. Schrecklich war der Kampf in dem deutſchen Cntrum Die Franzoſen beſetzten eine Höhe nach der andern, um nach dem partnäcigften Widerſtande von einer jeden verdrängt zu werden. Auj hie reg an die es ein U es fuf s ſi gen ihret Gruf Dorf älder Urbeit ieges⸗ die gut feſt⸗ uypen ußten mden. Fli⸗ ie ſich wo ehieh ch in oʒch dajl ging einde mmð t eine dieſer genden Die h den weren 4— Auf dem Wege nach Ham ſteht ziemlich hoch eine Windmühle, hier ſtanden die feindlichen Batterien und feuerten einen Kugel⸗ regen hinunter, der ſo dicht fiel, daß er ſchrecklichen Schaden anrichtete. Starke Maſſen von Infanterie und drei Batterien beſetzten die Höhen. Wäre das Fußvolk plötzlich herabgeſtürmt, ſo hätte es die untenſtehenden Maſſen erdrücken müſſen, doch zu ſolch einer Heldenthat ſchwangen ſie ſich nicht empor, ſie warteten viel⸗ mehr bis die Deutſchen zu ihnen hinaufeilten, und das thaten ſie und achteten das Herabpraſſeln der Kugeln nicht mehr, äls ob es Hagelkörner geweſen wären. Da, als ihnen die Bajonnette der Zündnadelgewehre ſchon faſt in den Rippen ſaßen, zogen ſie ab. An derſelben Stelle pflanzten die Deutſchen ihre Kanonen auf und wendeten die, welche ſie den Franzoſen abgenommen haben, den früheren Be⸗ ſitzern nach. Aber drüben auf der nächſten Höhe ſaßen die Feinde abermals Poſto, und abermals mußte ihre Stellung mit ſtür⸗ mender Hand genommen werden. Endlich geriethen die Fran⸗ zoſen ſo' ins Weichen hinein, daß ſie nun an keiner Stelle mehr Stand hielten. Um ſechs Uhr ſetzte ſich das cheiniſche Jägerbataillon in der Vorſtadt von St. Ouentin feſt, um ſieben Uhr wurden die in den Straßen in aller Eile errichteten Barrikaden ange⸗ griffen, und hier kam es noch zu einem erbiterten und blutigen Streit. Es kämpft ſich nirgend ſo grauſig als in den engen Straßen einer Stadt, wo ſonſt friedliche Sinwohner mit eingreifen in das Gefecht, wo jedes Haus, jedes Fenſter den Tod auswirft, wo jede Kugel, die auf den Feind gezielt iſt, ein unglückliches Weib, ein unſchuldiges Kind zu treffen vermag. Die Leute ſetzten Lichter an die Fenſter, um den Kampf zu beleuchten, der da unten in den Gaſſen tobte. Zum Glück dau⸗ erte er nicht allzu lange. Das ein und vierzigſte Regiment ver⸗ trieb die Franzoſen von den Barrikaden, und um halb acht Uhr war St. Quentin von den Deutſchen beſetzt. In regelloſer Flucht bewegten ſich die Feinde auf Cambrai und Guiſe zu, während — 430— noch der Prinz Albrecht Sohn den Bahnhof ſtürmte und beſetzte. So war die Schlacht gewonnen, die Ehre des Tages gebührt dem Gencral von Goeben, der eine große Meiſterſchaft in dem ſchnellen Bewigen ſeiner Truppenmaſſen bewies. Er hatte in dem Gene⸗ ral Faidherbe keinen verächtlichen Gegner ſich gegenüber, denn von allen franzöſiſchen Feldherrn war er der eizige, dem die Deutſchen Ofſiziere niemals die Achtung verſagten. Dennoch ſchoſſen ſeine Artilleriſten dieſes Mal ſehr ſchlecht, und ihre Kugeln ſchlugen oft drei bis vierhundert Schritte hinter ihrem Ziele ein. Nur dadurch erklärt ſich der verhängnißmäßig geringe Verluſt der Deutſchen, er betrug vier und neunzig Offi⸗ ziere und etwa dreitauſend Mann. Dafür waren neuntauſend Gefangene gemacht worden, mehr als zweitauſend Verwundete fand man in der Stadt, und der Geſammtverluſt der Franzoſen muß mindeſtens auf fünfzehntauſend Streiter geſchätzt werden. Faidherbe vermochte es nicht, ſeine zerſtreuten Soldaten wieder zu ſammeln, der Schrecken vor den Deutſchen hatte ihnen jede Kampfluſt genommen, ebenſo wie Chanzy ward er ein Feld⸗ herr ohne Heer, und die Kapitulation der Feſtung Longwy, am fünfundzwanzigſten Januar, wobei zweihundert Geſchütze und vier⸗ tauſend Gefangene in die Hände der Sieger ſielen, vollendete die Niederlage der franzöſiſchen Streitmacht im Norden des Landes. Faidherbes Armee war die zweite, welche gänzlich vernichtet worden war, aber die Franzoſen entmuthigte das noch nicht, es blieb ihnen Bourbaki, es blieb ihnen Garibaldi, und Trochu, der geſchworen hatte, niemals in die Kapitulation von Paris zu willigen. Sie hofften immer noch, die Wahnſinnigen, ſie hofften und rannten blindlings in ihr Verderben. Jeder Tag, um den ſich der Krieg verlängerte, koſtete das unglückliche Land große Summen Geldes und erſchwerte die Friedensbedingungen, welche die Sieger ſtellten. O, wie gerne wären Favre und Thiers jetzt auf die Forderungen zurückgegangen, welche der Graf Bismarck in Fer⸗ rie es ſtellte, aber es war zu ſpät! Unſäglich viel Blut war ſeitdem ge nic ei ſetzte. t dem tellen Zene⸗ denn die lecht, inter näßig ſend ndete zoſen n. daten hnen eld⸗ am vir⸗ ndete des ichtet det 3 zu und nſch nmen iege E ʒu⸗ dem — 431— gefloſſen, der Wohlſtand des Landes war auf lange Zeit ver⸗ nichtet, doch die Franzofen hofften immer noch und dachten an keine Unterwerfung. 51. Kapitel. Die Verſprengten. Es war furchtbar. Durch die Wälder irrten ſie, wie ge⸗ ſcheuchtes Wild, in die Dörfer ſchlichen ſie ſich bei nächtlicher Weile und bettelten um ein Stückchen Brot, wo ſie deutſche Sol⸗ daten ſahen, boten ſie ſich ihnen ſelber als Gefangene an und weinten bitterlich, wenn ſie zurückgewieſen wurden. Das war Chanzy's berühmte Armee, das waren die ſtolzen Krieger, die Parteigänger des Todes, die Rächer des Vater⸗ landes. Kein elenderer Anblick iſt zu denken. Mit ſtierem Blick, mit erfrorenen Händen und Füßen, Haar und Bart furchtbar ver⸗ wildert, die Kleider in Lumpen, ſo irrten ſie heimatlos umher. Aus den Städten wies man ſie mit Hohn und Spott, waren ſie doch geſchlagen, waren ſie doch geflohen, in den Dörfern ſchloß man die Thüren vor ihnen, als ſeien ſie verpeſtet, und rief die Deutſchen herbei, um die eigenen Landsleute zu vertreiben. Be⸗ gegneten ſie einem Haufen von Franktireurs, ſo murden ſie be⸗ ſchimpft und geſchlagen, und ach, die Unglücklichen fonnten ſich nicht zur Wehre ſetzen, denn es fehlte ihnen an Kraft, die Waffen zu führen, es fehlte ihnen an Selbſtvertrauen, weil es ihnen an Selbſtachtung fehlte. Nur ein Gefühl blieb in der Bruſt dieſer abgeſtorbenen WMenſchen friſch und lebendig, es war der Haß auf Diejenigen, die ſie in ſolches Elend gebracht hatten. Der Verſchmachtende, der ſeine brennende Zunge mit Schnee benetzte und ſeinen Hunger mit Baumrinde ſtillte, wurde wieder lebendig, wenn er an die Urheber ſeines Unglücks dachte, und ſchwor ihnen blutige Rache. Keiner der Offiziere durfte ſich mit dem Abzeichen ſeines Ranges ſehen laſſen, wenn ihm ſein Leben lieb war. Schon als die Schlacht bei le Mans ein trauriges Ende nahm, waren viele von ihnen durch die Kugeln ihrer eigenen Soldaten gefallen, denn war es nicht ihre ſchlechte Leitung, die an allem Unglück Schuld war? Wer hieß Chanzy ſich ſo falſch ſtellen, daß er umzingelt werden konnte, warum ſorgten ſeine Offiziere nicht beſſer für die Verpflegung ihrer Leute, warum ſammelten ſie ſie nicht jetzt, wo ſie in dem eigenen Vaterlande gleich verſchlagenen Schiffbrüchigen umherirrten? Wenige nur waren mit dem General zuſammen davon ge⸗ lommen, und dieſe Hand voll Menſchen nannte ſich noch jetzt eine Armee, die Uebrigen ſtreiften umher. Zum Theil ſcheuten ſie ſich, in ihre Geburtsorte zu gehen, zum Theil waren die Orte, in die ſie gehörten, von den Feinden beſetzt und geſtatteten ihnen keine Rückkehr. Es blieb ihnen alſo nichts übrig, als ein erneuter Anſchluß an Gambettas Truppen, das hieß erneuter Krieg, erneutes Geſchlagen⸗ werden, oder Gefangenſchaft. Sie wußten es jetzt, das dies von den beiden Uebeln das kleinſte war. Nur wenige Offiziere, und nur diejenigen, welche es verſtanden hatten, ſich bei ihren Leuten beliebt zu machen, wagten ſich unter die Flüchtlinge und ſuchten ſie zu ſammeln. Zu dieſen gehörte Leo Rellac. Er hatte ſtets für das Wohl⸗ ergehen der Soldaten geſorgt, ſo weit ihm das möglich war, des⸗ wegen liebten ſie ihn ganz beſonders. Als Republikaner hatte er bis zu dem letzten Augenblick gehofft, Gott werde dem neuen Staat den Sieg verleihen, es war eine Täuſchung, und jetzt ſuchte er zu retten, was ſich retten ließ. Der General Chanzy hatte ſeine Unfähigkeit, ein Heer zu leiten, nur zu deutlich bewieſen, Rellac hoffte auf Bourbaki. Der Plan Bousbaki's war kühn, er wollte aus der Mitte des von Feinden beſeßzten Frankreichs heraus nach Deutſchland le we de zoſ ſei vie eder und ben nde die alſch ſeine rum mde Re⸗ e euten ndie teten n agen⸗ dies ziete ihren und ohl⸗ des⸗ hatte neuen jet er zu Mi ————————— — — 433— durchdringen, wollte die dort gefangen gehaltenen franzöſiſchen Soldaten an ſich ziehen, denn in jeder Feſtung mußte er Lands⸗ leute finden, die nur auf ſeinen Wink warteten, um ihre Be⸗ wachung niederzumachen, ſich zu bewaffnen und ihn in den Beſitz der feſten Plätze zu ſetzen, in jeder Stadt lagen gefangene Fran⸗ zoſen, die den Schrecken um ſich her verbreiten, und ihn bei ſeinem Vordringen unterſtützen konnten. Einmal über die Grenze, war der Sieg ihm gewiß, ein Heer von wenigſtens dreimalhunderttauſend Mann ſtand dort für ihn auf, während die Deutſchen ihre Armeen in Frankreich hatten und ſich ihm unterwerfen mußten. Das war es, was Bourbaki beabſichtigte, das war es, worin ihn Rellac unterſtützen wollte. Es galt nichts weiter, als nur den General von Werder und ſeine Armee zerſchmettern, dann war die Sache ſo gut wie gethan. Leo Rellac war unermüdlich, er ſammelte die zerſtreuten Soldaten und ſchickte ſie nach dem Süden, wo Bourbaki ſich befand, er holte ſich ſelber von Gam⸗ betta Geld; um die Soldaten zu unterſtützen und ihnen das, was ihnen am meiſten fehlte, Schuhzeug, zu verſchaffen. Unter die⸗ ſen Beſtrebungen waren ihm ſeit der Niederlage bei le Mans ehrere Tage vergangen, als er einſt durch den Wald ging und im Dickicht einen Mann liegen ſah, der ganz in ſeinen Mantel eingehüllt war er hielt ihn für einen Todten und achtete nicht eiter auf ihn, doch hielt ihn ein tiefer Seufzer wie an den ußboden feſt gebannt 8 Dieſer Seufzer kam ſo us der ganzen Fülle des Elends, ⸗ er drückte eine ſo grenzenloſe Klage aus, daß Rellac ſich des Mitleids nicht zu erwehren vermochte. Zufällig hatte er etwas Brot, ein Fläſchchen mit Wein und Geld bei ſich, denn raſtlos durchſtreifte er die Gegend, um die Flüchtlinge zuſammen u rufen.§ Da meinte er nun hier einen ſolchen gefunden zu haben. Aber vielleicht war er verwundet, vielleicht galt es nur, einem Halb⸗ todten den Weg in das Jenſeits zu erleichtern. Auch das ſchon war ein verdienſtliches Werk, denn die Republik, ſo ſagte ſich D V CLh. I. 28 2 2 £ S — 434— Rellac muß ſich aller ihrer Söhne annehmen. Er trat an den Mann heran und rüttelte ihn. — Ermuntern Sie ſich, Freund, ſagte er, find ſie ver⸗ wundet? Der Mann richtete ſich empor, ein todtenbleiches Geſicht blickte Rellac enigegen zwei Augen, die wie im Wahnſinn ſtierten, ſahen ihn an. Rellac ſchauderte. — See hier, Montalto! rief er, muß ich Sie denn immer wieder finden, um Sie ſtets aufs Neue zum Kampfe für das Vaterland aufzurufen. — Laſſen Sie mich ſterben! ſtöhnte der Herzog von Montalte und ſank mit dem Geſichte auf die Erde zurück. — Man ſtirbt beſſer und würdiger für das Vaterland, ſagte der Republikaner Ermannen Sie ſich, Oberſt Hermann, es gilt aufs Neue zu kämpfen. Sie ſehen bleich aus, Sie bedürfen der Nahrung, hier iſt Brot, nehmen Sie dieſes Fläſchhen, es ent⸗ hält Burgunderwein. Der wird Ihnen neue Kraft verleihen. Montalto wies das Dargebotene zurück. — Laſſen Sie das, ſparen Sie es für Einen, der es Ihnen dankt, wenn Sie ſein Leben verlängern; ſeitdem wir geſchlagen, ich meine, ſeitdem wir zum letzten Male geſchlagen wurden, iſt kein Biſſen über meine Lippen gekommen. Ich bin am Ende meiner Leiden. Verlaſſen Sie mich, Rellac, ich brauche keinen Zeugen für meinen Tod. — O ich verlaſſe Sie nicht, ich rufe Sie zum dritten Male in den Dienſt der Republik! Unſere Sache iſt noch nicht verlo⸗ ren, eine neue Sonne wird für uns aufgehen, ein neuer Ab⸗ ſchnitt in dieſem Kriege beginnen Das Unglück wird ſich in Segen verkehren, und als Sieger werden Sie Ihre Heimat, Ihre Familie wieder ſehen. — O niemals, niemals! — Das Blut, das für das Vaterland vergoſſen wird, rei⸗ nigt von aller Schuld. Iſt es Ihr eigenes oder fremdes, was da an ihre Stirne klebt? — Kaum weiß ich es ſelber, die geiſtigen Qualen übertau⸗ her un leb nit zu che ße De ſär zu ge e hun hal dur en et⸗ le * E — 435— ben die des Körpers, ich weiß nicht, ob ich am Blutverluſt oder an der Verzweiflung ſterbe. — Sie ſollen leben, Montalto, um Ihre Schuld zu ſühnen, leben, um das Vaterland zu befreien, das Ihrer bedarf. Das ſagten Sie mir früher ſchon, ach, und iſt es mir mit aller Aufopferung gelungen, die Armee vor dem Verderben zu erretten? — Chanzy iſt ein unfähiger Menſch, ein Schwachkopf. Ich verſpreche Ihnen ein eigenes Kommando, wenn Sie es annehmen wollen. — Und wo? — Im Herzen Deutſchlands Silen Sie, es iſt keine Zeit zu verlieren, Sie müſſen noch heute zur Armee gehen. — Nach Deutſchland? Soll ich Frankreich, das Land, in wel⸗ chem ich ſo viel Böſes that, nicht wieder ſehen? — Dort mögen Sie Kommandant in irgend einer eroberten Seſtung werden, dort mögen Sie dem unwürdigen Volke der „ Deutſchen die Segnungen der Republi mittheilen. Silen Sie dech— ſtärken Sie ſich ſchnell, der Wald hier fängt ohnedies an, unſicher zu werden, die Feinde zeigen ſich überall, in allen Dörfern zittert man vor den Ulanen, Sie mögen im nächſten Augenblick gefan⸗ gen dahin geſchlppt werden, wohin ich Sie bitte freiwillig zu gehen Der Herzog griff nach der Flaſche und leerte ſie auf einen 8 g. — Das ſtärkt, ſagte er und nahm das Brot, das er ſchnell verz hrte. Jetzt bin ich bereit, rief er, was iſt zu thun? — Sie kennen das Köhlerhütthen dort drüben am Berge? — Ja. — Dort werden Sie bei dem Ei bruch der Nacht zwei⸗ hundert Soldaten finden, die Sie 31 Bourbaki's Armee zu leiten haben. Ich fo ge Ihnen dahin in wenig Tagen. Boulbali wi.d durch mih erfahren, daß er ſich Ihnen ganz vertrauen kann, ich werde mit Gambetta von Ihnen reden, ohne Ihren wahren Na⸗ — 436— men zu nennen, denn er würde Ihnen nicht trauen, wenn ur wüßte, daß Sie ein Freund des Kaiſers waren. Sie erhalten dann den Rang eines Diviſionsgenerals und kämpfen zunächſt gegen die Armee, welche Belfort belagert und gegen die auch Ga⸗ ribaldi ſicht. Gambetta iſt mein Freund, er wird mir glauben, wenn ich Sie ihm als einen tapferen und klugen Offizier ſchil⸗ dere. — Gut, ſagte der Herzog, der Gedanke, weit, weit fort von hier zu gehen, erfüllt mich mit neuem Lebensmuthe, richten Sie Alles ſo ein, wie Sie es für gut finden, ich will die Soldaten zum Siege führen.- Rellac reichte ihm die Hand und ging, der Herzog begab ſich zu der Köhlerhütte. Hier fand er die Verſprengten, die ſich zuſammen gefunden hatten, um aufs Neue zu kämpfen. Ehe noch der Abend kam, empfing er einen Brief von Rellac. — Alles iſt mit Gambetta vereinbatt, ſchrieb er ihm, wie wir uns verabredet haben. Gehen Sie mit Ihren Leuten, ſobald die Nacht eintritt, nach dem Dorfe Vilette, dort finden Sie ſechs⸗ hundert Mann und das nöthige Geld. Munition und Waffen werden Ihren an Ort und Stelle geliefert werden. Wus konnte der Herzog mehr verlangen? Er ordnete ſeine Leute. Es waren viele darunter, die ihn kannten und ſchätzten, denn unter allen Offizieren war er der umſichtigſte geweſen und hatte das Leben ſeiner Leute am meiſten geſchont. Ging es einmal nicht ohne Führer ſo war ihnen der Oberſt Hermann noch der liebſte, und um ſie zu ermuntern, verſprach er ihnen in Deutſchland reiche Beute und Rache an ihren Beſiegern. Ein neuer Muth beſeelte den Herzog, er fühlte ſich wohler in einer Thätigkeit, die ſein ganzes Weſen in Anſpruch nahm. Jetzt befand er ſich nicht mehr in der untergeordne en Stellung eines Mannes, der nur zu gehorchen hat, und der ſelbſt die un⸗ verſtändigſten Befehle für gut halten muß, weil ſie von dem Oberſtkommandirenden ausgehen, jetzt durfte er ſelber anordnen, ſelber das Geſchic der Schlachten leiten helfen. Das war etwas ganz Anderes, das gab ihm zu denken, das gab ihm eine Verantworclchfeit, die ihn in ſeinen cigenen Augen — hob hät me ind ſein alten ich Ga⸗ ben, chib von Sie daten egab ſich Ehe wie obald ſechs⸗ uffen ſine ätzten und 9 es mann ihnen ohler ahn ellung ie un⸗ dem rdnen⸗ e un —————— hob. O, wie freute er ſich auf den erneuten Kampf, wie gerne hätte er jetzt ſchon den Deutſchen gegenüber geſtanden, denn er meinte ihnen ihre Weisheit abgelernt zu haben und ſie beſiegen ni Seine Wangen rötheten ſich, ſeine Pulſe klopften ſchneller, indem er es dachte. Um keinen Augenblick zu verlieren, ließ er ſeine Leute ſogleich exerzieren, ſie mußten ſich in den ſchnellen Bewegungen üben die er ſo oft an den Deutſchen bewundert hatte. Aber die Soldaten thaten es ungern, die Anſtrengung ſchien ihnen zu groß, und wenn der Herzog nicht offenem Wider⸗ ſpruch begegnen wollte, ſo mußte er von dem Vorhaben ablaſ⸗ len, die Einühung ſchon jetzt zu beginnen. Er hatte ja auch noch Zeit damit. Für heute gab es noch einen Marſch von faſt einer Meile bis zu dem Dorfe, und von dort aus ſollte es vielleicht ſogleich weiter gehen, da mußten die Männer geſchont werden, und deswegen gönnte er ſich und ihnen Ruhe bis zum Abend, der kalt und ſtürmiſch hereinbrach. Dann ordnete er ſie, ſo gut er es vermochte, und führte fie mit großer Vorſicht durch den Wald, denn die feindlichen Truppen befanden ſich noch ganz in der Nähe, und es war zu befürchten, daß ſie das kleine Häuflein der Franzoſen überfielen und gefangen mit ſich ſchleppten. 52. Kapitel. Hinter den Gräbern. Eine Stunde lang ſchrit der derzog von Montalto ſchwei⸗ gend an der Spitze ſeiner Landsleute dahin. Wenn Alles ſo gelang, wie Leo Rellac es ihm geſagt hatte, wenn dieſe ſchönen Pläne ſich verwirklichten, wenn er der Retter ſeines Vaterlandes werden könnte, dann, ja dann gab es noch eine glückliche Zukunft — 438— für ihn. Dem ſiegreichen Feldherrn durfte Niemand frühere Ver⸗ ſchuldungen vorwerfen, ſein Name ging dann gereinigt auf ſeine Kinder über, und Iduna, nun, Iduna liebte ihn, ſie war ein Weib, und ein Weib verzeiht gerne, wo ihr Herz zu Gunſten des Angeklagten ſpricht, ein Weib wird leicht geblendet durch Glanz und Ruhm o Alles konnte, Alles mußte noch gut werden. Jetzt lag ſein Schickſal in ſeinen Händen, gewiß, e wollte es zum Glücke leiten, er hatte viel gelernt in dieſem Kriege, was er gegen ſeine Lehrmeiſter anzuwenden gedachte, was er ſpäter ſein eigenes Volk lehren wollte. Eine begeiſterte Gluth entzün⸗ dete ſeine Bruſt, mit Gewalt wies er alle Sorgen von ſich fort, um ſich ganz der Hoffnung zu widmen, die ſo ſchön vor ihm aufleuchtete.⸗ Darüber aber vergaß er nicht die nöthige Vorſicht. Er ſchickte eine Patrouille voraus, zwei andere zu den Seiten und gab ihnen den Befehl, ihm ſogleich Anzeige zu machen, ſobald ſich irgend etwas Verdächtiges regte. Am Anfange war Alles til rings umher, nur die dürren Aeſte knarrten im Winde, und von Zeit zu Zeit krächzte ein überſättigter Rabe in ſeinem Reſte auf, oder eine durch den Lärm der Schlachten aus ihrer gewöhn⸗ lichen Ruhe erweckte Eule, die ihre gewohnte Stätte nicht wieder zu finden vermochte, flog kreiſchend um die Häupter der Sol⸗ daten. Da plötzich vernahm das aufmerkſam horchende Ohr des Herzogs des Gebell eines Hundes. Er zuckte zuſammen. Das war das Zeichen, welches er mit den als Patrouille ausgeſchickten Soldaten verabredet hatte. Es war alſo Gefahr in der Nähe, vielleicht eine mächtige Ueberzahl von Feinden o! ihm war angſt um ſeine Hoffnungen, und ſein Herz klopfte faſt hörbar in ſeiner ſonſt ſo männlichen⸗ ſo an allen Schmerz gewöhnten Bruſt. Er ließ ſogleich Halt machen und erwartete den Rapport ſeiner Leute, dieſe kamen in athemloſer Haſt. — Rehmen Sie ſich in Acht, rief der Unterlieutenant ihm zu, es nahen Preußen, es müſſen viele ſein, ich hörte ihre Schritte, ich ſchlich mich näher heran, da fingen ſie an zu fingen re Ver⸗ f ſeine ar ein zunſten durch h gut wollte e was ſpäter entün⸗ h fort rihn t und ſobal r Alle⸗ e ind n Neſte genöhn t wieder r Sol hr des a war ſchikten Wh⸗ hn hůrhut wöhnten upport rie ihre — — 439— o ich kenne die Melodie, ſie haben ſie oft während der Schlachten angeſtimmt. Und dabei war es mir, als ob ich in der Ferne Kanonen raſſeln hörte. In der That, die Gefahr iſt fürchterlich, was fangen wir an? — Welchen Weg nahmen die Deutſchen? fragte der Herzog. — Sie müſſen ganz dicht hier vorbeikommen, ich fürchte, es bleibt uns nichts übrig, als ſchleunigſte Flucht. So lautete die wenig tröſtliche Antwort. Indem kam auch die andere Patrouille zurück, welche zur Seite abgeſchickt worden war. Auch ſie meldete das Herannahen eines preußiſchen Heer⸗ huufens. Der Herzog beſann ſich. — Seht Ihr die Erdhaufen dort? fragte er. — Ja, verſetzte der Lieutenant, es iſt friſch aufgeworfene Erde, dort müſſen viele Leichen begraben liegen. — Dieſe Hügel können auch die Lebenden beſchirmen, ſagte Montalto. Streckt Euch dahinter auf die Erde, reißt Gebüſche heraus und duckt Euch dahinter, es kommt Alles darauf an, daß uns Niemand ſieht, und zum Glück iſt die Nacht dunkel genug. — Und wenn ſie nahe genug ſind, ſchießen wir? fragte Jener. — O nein, wir laſſen ſie vorüberziehen, ohne ſie anzugreifen, es wäre Wahnſinn, wollten wir es mit einer Ueberzahl auf⸗ nehmen. Uns winkt ein höheres Ziel, und ich will keinen Tropfen franzöſiſchen Blutes unnütz vergießen. Das ſchien den Soldaten vernünftig zu ſein, und ſie be⸗ folgten die Weiſung. Jeder riß ſich einen Baumaſt herunter oder ſteckte ein Paar kahle Aeſte in die lockre Erde, eine Schild⸗ wache wurde ausgeſtellt, um die Ankunft der Feinde zu melden. Wohl dachte Montalto daran, ſich lieber vor ihnen zurück⸗ buziehen, doch konnte er an einer anderen Stelle ganz dieſelben Gefahren laufen, da war es beſſer, ſie hier vorüber zu laſſen, dann hinter ihrem Rücken den Warſch fortzuſetzen und ſo das Ziel in größerer Sicherheit zu erreichen. Dennoch waren es angſtvolle Augenblicke, als er mit ſeinen Leuten hinter den Erdhügeln lag. Hier hatte er weniger von der Annäherung der Deutſchen zu befürchten, denn durch die — 440— aufgeſtellten Aeſte und Büſche ſchien es, als ließe ſich da ſchlecht durchkommen. während fünfzig Schritte davon der Weg eben und freier war. Die Leute mußten die Pfeifen und Cigarren ausgehen laſſen und erhielten Befehl, bei Todesſtrafe nicht zu ſprechen oder durch ſonſt ein Geräuſch ihre Rähe zu verrathen. Es war ſo ſtill, daß man ſein eigenes Herz klopfen hörte. Sie lagen hinter den Leichenhügeln, ſelbſt ſtill wie Leichen da, es war bitter kalt und der Fußboden war mit Schnee bedeckt, der, indem er ſchmolz, in die Kleider der Soldaten eindrang und ſie durchnäßte Einem deutſchen Soldaten hätte das wenig ausgemacht, doch dieſe verwöhnten Franzoſen fühlten ſich im höchſten Grade unbe⸗ haglich und verwünſchten dieſe Lage. Unterdeſſen nahten ſich di⸗ deutſchen Truppen. Ein Marſch in der Nacht iſt immer unange⸗ nehm, vorzüglich in einem fremden Lande, wo hinter jedem Strauch ein Franktireur ſitzen kann. Die Dunkelheit drückt alle Male die Stimmung der Soldaten herab, und nur ein friſches Lied vermag ſie wieder zu heben. Solch ein Lied konnte hier nicht ſchaden, die Feinde, wenn ſie irgendwo verſteckt lagen, ſollten es wiſſen, daß man nichts fürchtete und gegen jede Gefahr auf der Hut war Während alſo die Mannſchaften ſangen, hatte der Offizier die Augen überall, ſpähte nach jeder Seite aus und war auf das geringſte Geräuſch aufmerkſam. Er hatte dazu alle Urſache, denn ob er gleich noch ſehr jung war, ſo verſah er doch ſchon die Pflichten eines Hauptmanns, denn ſeine beiden Vorgeſetzten waren in der letzten Schlacht gefallen, und ſeine Oberen ſchenkten ihm unbedingtes Vertrauen, weil er ſich deſſen werth gemacht hatte. Das eiſerne Kreuz, dieſer ſchöne Orden, welchen der Kaiſer für die Tapferſten geſtiftet hatte, ſchmückte ſeit einigen Tagen ſeine Bruſt, denn bei Le Mans hatte der General⸗Feldmarſchall ihn öffentlich belobt und den Grafen Ottomar Iſſelhorſt einen ſeiner beſten Offiziere genannt. Die Soldaten liebten ihn, weil er immer freundlich und doch zu gleicher Zeit ſtrenge war, er hielt auf Ordnung in Allem, was den Dienſt betraf, aber außerhalb des Dienſtes erlaubte er het und ſſen oder ſo inter r kalt molh doch unbe⸗ ch die unge⸗ jedem tale riſches lagen zefoht fiiet f das denn waten nihm hotte ſer für ſeine ul ih ſeinet und Allem ubte er — 441— Jedem gerne, was überhaupt'zu erlauben war, und nahm ſelber Theil an der Heiterkeit ſeiner Leute, die in ſeiner Gegenwart niemals in Rohheit ausartete. Seine Vorgeſetzten blickten mit Intereſſe auf ihn, denn ſie ſahen wohl, daß in dieſem Lieutenant das Zeug' zu einem tüch⸗ tigen General ſteckte, er ſelber aber blieb ſtets beſcheiden und ließ es ſich nicht merken, daß ſeine Gedanken nur allzu oft mit den Hoffnungen auf eine glückliche und friedliche Zukunft an der Seite eines reizenden Weibchens beſchäftigt waren. Jetzt marſchirte er an der Spitze ſeines Zuges, während die zu demſelben gehörigen Geſchütze den etwas weiteren Weg auf der Landſtraße machten, er hatte den kürzeren gewählt, um noch vor ihnen an Ort und Stelle zu ſein und ihr Auffahren leiten zu können. Sein Unteroffizier, ſonſt ein friedlicher Schuhmacher, jetzt ein kühner Soldat, ging neben ihm, mit den Händen in den Taſchen ſeines Mantels, den Kragen hoch hinauf gezogen und den Bart voll von Reif. Sonderbar! murmelte er zwiſchen den Zähnen. — Was denn, Schulze? fragte der Graf Ottomar. — Ich meine nur, es iſt ſonderbar, daß überall Schnee liegt, und da drüben ſieht es ſo ſchwarz aus, verſetzte der Schuſter — Das iſt natürlich, verſetzte der Lieutenant. In dieſem Walde war das Gefecht hitzig genug, Tags darauf wurden die Leichen zuſammen getragen und dort beerdigt. — Ja, es iſt toll! Erſt machen wir ſie todt und dann müſſen wir ſie auch noch begraben. Ich dächte doch, dafür könnten ſie allein ſorgen. Aber Herr Lieutenant, ſonderbar iſt es doch, denn ich war auch dabei, als ſie eingebuddelt wurden, und da war es ringsum ganz kahl, aber jetzt ſtehen Sträucher da her⸗ um, die werden doch nicht mitten im Wintkr düs der Erde ge⸗ ſchoſſen ſein. — Nein, Schulze, ſchwerlich! Aber was ſchließen Sie daraus? — Richts, Herr Lieutenant, aber ſonderbar bleibt es doch. —————— — 442— — Gut, Unteroffizier Schulze, nehmen Sie zwei Mann mit und durchſuchen Sie mir das Gebüſch da. — Mit zwei Mann..., na, Herr Graf, das iſt doch nur Ihr Spaß? — Fürchten Sie etwas? — Als ob man das Gefindel nicht kenntel — Gut, ſo will ich ſelber hingehen und nachſehen. — O, dann komme ich auch mit, was Einer wagt, wagt Schulze auch, dafür heiße ich mit Vornamen Friedrich Wilhelm. Aber vorſichtig, Herr Lieutenant, immer vorſichtig! Der Graf rief ſich noch einen der Soldaten heran, denn drei Deutſche nehmen es immer mit einem Haufen Franzoſen auf, eine ſonſtige Vorſicht hielt er nicht für nöthig. Daß Schulzens Bemerkung ganz richtig geweſen war, hatte er ſelber ſchon gedacht, auch ihm war es aufgefallen, daß die Erdhügel plötzlich mit Ge⸗ büſch bewachſen waren, die dunklen Maſſen, die den Himmel verdüſterten, hatten ſich verzogen, und bei dem Leuchten des Schnees ſah man ziemlich deutlich in die Ferne. Mit ſchnellen ſicheren Schritten nahten ſie ſich den Erdhaufen. Das war nichts Großes, denn wenn von dort aus auf ihn geſchoſſen wurde, ſo wußte Ottomar gut genug, daß ſeine Leute ihn furchtbar rächen würden. Es rührte ſich nichts hinter den Gezweigen, doch bemerkte Ottomars ſcharfer Blick, daß der Schnee weg getreten war und daß viele Menſchen gerade bis dahin gegangen ſein mußten. Ihm fiel die Stille auf, wären es Franktireurs geweſen, ſie hätten ſicherlich nicht ſo lange Ruhe gehalten. Jetzt war es vielleicht beſſer, ſe in Frieden zu laſſen, gleich den Leichen, hinter deren Gräbern ſie Schutz geſucht hatten, aber wer ſtand ihm dafür, daß ſie ihn nicht bei ſeinem Weitergehen von hinten angriffen? Er war ſür das Leben ſeiner Leute ver⸗ antwortlich und mußte ſich um jeden Preis Gewißheit verſchaffen Schulze ſchlich ſich auf den Fußſpitzen vorwärts, dann kam er zu Ottomar zurück. — Ja, Herr Graf, flüſterte er, es ſtimmt, ſie ſtecken da⸗ hinter. mit nur gt em. enn wf. en cht mel des llen chen rkte und ſen. ſe leich aber ehen vel⸗ ffen u da⸗ — 443— — Woher wiſſen Sie das? fragte der Lieutenant. — ₰, ein Schuſter wird doch wohl wiſſen, was ein Stiefel iſt, und daß die Stiefel, da allein liegen ohne die Beine drin, das laß ich mir von ſolchen verfluchten Franzoſen nicht weiß⸗ machen. — Und die Stiefeln haben Sie geſehen? — Leibhaftig, Herr Lieutenant. — Es iſt gut, ich verlaſſe mich auf Ihre Augen, Schulze. Kommen Sie zurück. — Aber wir werden Sie doch da vorſtochern? — Gewiß. Ich weiß jetzt, daß es nicht allzu viele ſein können. — Gut, die kaufen wir uns. Ottomar ging zu ſeinen Leuten und gab ſeine Befehle, er theilte ſie in drei Theile und ließ ſie von vorn und von den Seiten an die Erdhügel heran laufen, doch hatte der Herzog von MWontalto die Gefahr bemerkt und dachte ihr zu begegnen. In⸗ dem ſich die Preußen nahten, wurden ſie mit einer vollen Salve empfangen. Das gab mehr als eine Verwundung, doch gingen auch viele Kugeln fehl, und manche fuhr durch den Mantel, ohne den Mann zu treffen, der ihn trug. Doch kaum hatten die Franzoſen abgeſchoſſen, als ſchon die Feinde auf ſie los ſprangen, noch ehe jene wieder zu laden ver⸗ mochten, hatten ſich die Deutſchen über ſie hergeworfen, ſie brauchten nicht die Fenerwaffe, ſie ſtürzten ſich nur ſo plötzlich auf die Liegenden, daß dieſe keine Zeit behielten, ſich empor zu richten, dann ſetzten ſie ihnen den Säbel auf die Bruſt. — Ergebt Euch oder Ihr ſeid des Todes! Welch eine Wahl, und wie konnte ſie zweifelhaft ſein? Dem Einen wurde das Gewehr entriſſen, die Andern gaben es frei⸗ willig ab. Es war das Werk weniger Minuten. In der Finſter⸗ niß glaubten die Franzoſen eine große Uebermacht vor ſich zu haben und wagten keinen Widerſtand, nur einer kämpfte wie ein Verzweifelter, nur Einer ſuchte den Tod, nur Einem ſchien das Leben eine Pein und die Geſangenſchaft die ſchlimmſte aller Strafen. Er focht mit Ottomar von Iſſelhorſt die Säbel klirr⸗ ——— — — 444— ten aneinander, Schweiß und Blut kroff von ihren Stirnen. Wo der Herzog von Montälto ſchlüg, da parirte der Graf, wo dieſer einen Hieb fühtte, da beugte ihm der Franzoſe vor. End⸗ lich gelang es dem jüngeren, noch rüſtigeren Manne, dem durch ſo viele Leiden Geſchwächten den Degen aus der Fauſt zu rin⸗ gen. Der Herzog riß ſich den Rock auf. — Tödten Sie mich! rief er. — Bei uns iſt das Morden nicht im Gebrauch, verſetzte Ottomar und ſchleuderte die eroberte Waffe weit von ſich. — Ich will nicht leben! ſchrie er und ſtampfte mit dem Fuße auf, ich will nicht Ihr Gefangener ſein! — Ich bedaure, daß Sie es ſind und daß ich Sie nicht zum zweiten Male zu retten vermag, antwortete der Graf. — Zum zweiten Male? rief der Herzog und faßte ſich an die Stirn. Wäre es möglich. jener junge Offizier, der mir das Leben rettete. o ich danke es Ihnen nicht, wenn Sie es waren! — Ich ehre jedes Unglück, wie ich die Tapferkeit verehre, aber ich kenne meine Pflicht. Sie ſind mein Gefangener, und achten Sie wohl darauf, ich werde Sie ſtreng bewachen laſſen. damit Sie mir nicht entſchlüpfen. Unteroffizier Schulze, Sie ſtehen mir für dieſen Offizier. — Der kommt nicht fort, ſagte der Schuſter darauf können Sie Gift nehmen, den will ich ſchon verſohlen, wenn er Miene macht, ſich auf die Socken zu machen. Ottomar ordnete auf's Neue ſeinen Zug und ſetzte ſeinen Weg fort. Dieſes Mal wurde es ihm ſehr ſchwer, ſeine Pflicht zu erfüllen. Die große Tapferkeit des Herzogs hatte ihm ſchon früher ein lebhaftes Intereſſe eingeflößt, da ſie bei den Franzoſen ſelten zu finden war, auch dieſes Mal hätte er ihn gerne gerettet, wenn es möglich geweſen wäre, aber es war nicht möglich, ohne ernſte Pflichten zu verletzen. e Montalto ging in ſtummer Verzweiflung dahin. Er hatte ſich mit Hoffnungen geſchmeichelt, doch alle hatte ein grau⸗ ſames Geſchick vereitelt. So war denn ſein Loos entſchieden, er war gefangen, er mußte nach Deutſchland wandern, wohin er dach ſal! Näg perl 66 ein dert ger ihr die kun ſe und Ale ſch M le dat ſei der ge oh Ar kon ſch hab — 445— dachte als Sieger zu ziehen. O, es war ein furchtbares Schick⸗ ſal! Seine Fauſt krampfte ſich auf der Bruſt zuſammen, ſeine Nägel gruben ſich tief in ſein Fleiſch, er wollte durch einen kör⸗ perlichen Schmerz die furchtbare Qual ſeiner Seele betäuben. Es war vergeblich. Gegen Morgen kamen ſie in das Quartier, und ihm wurde ein anſtändiges Zimmer und ein gutes Bett angewieſen. Das wun⸗ derte ihn. Er wußte, wie ſeine Landsleute die deutſchen Gefan⸗ genen behandelten, wie dieſe Unglücklichen beraubt wurden, wie ihnen ſelbſt die Finger abgeſchnitten worden waren, von denen die Ringe nicht ſchnell genug herunter gehen wollten. Hier war es anders. Noch ehe die Soldaten ſelber Nah⸗ rung zu ſich nahmen, wurde ſchon für die Gefangenen geſorgt, ſie bekamen warme Suppe, eine Streu, um darauf auszuruhen, und ſelbſt Cigarren, um ihre Leiden fortzurauchen. Der Herzog ſchlief nicht, er horchte auf jedes Geräuſch. Alles ging ſtill und ordentlich zu. Die Schildwächen löſten ſich ſchweigend ab und wünſchten ſich nur leiſe eine gute Nacht, die Adjutanten kamen und brachten mitten in der Dunkelheit ihre Meldungen, die Pferde wurden geſt iegelt und gefüttert, als ob es heller Tag geweſen wäre, und dabei vernahm er keinen Lär⸗ men, kein Fluchen, keinen Zank, wie in dem Lager ſeiner Lands⸗ leute. Am nächſten Morgen weckte ein einziges Signal alle Sol⸗ daten, und ſie erſchienen im Nu zum Appell. Er ſah es von ſeinem Fenſter aus, und tiefer Schmerz erfüllte ſeine Bruſt bei dem Vergleiche mit der ſcheußlichen Unordnung, die bei ſeinen Landsleuten herrſchte. Jetzt wußte er, warum ſie ſo oft geſchla⸗ gen worden waren. Bald kam der Unteroffizier Schulze zu ihm und fragte ihn, ob er Kaffe haben wolle. Es lag etwas ſo Gutmüthiges in der Art des ſchlichten Mannes, daß der Herzog ſich nicht enthalten konnte, ihm freundlicher zu antworten, als es anfangs ſeine Ab⸗ ſicht wat. — Na es iſt gut, ſagte der Schuhmacher, wenn Sie Kaffe haben wollen, dann will ich es dem Grafen Iſſelhorſt ſagen, — denn der läßt fragen, ob Sie wohl ſo gut ſein möchten und mit ihm frühſtücken, ihm wäre es gleich, was es giebt, wenn es nur was Warmes iſt. Dem Grafen Iſſelhorſt.. den Herzog durchzuckte es bei dieſem Ramen, er entſann ſich des verwandtſchaftlichen Verhält⸗ niſſes, in welchem er zu ſeinem Bezwinger ſtand. Wie ſeltſam ſind doch die Fügungen des Schickſals, der jüngere Mann ſtand dem älteren als Sieger gegenüber, der Neffe ſeinem Onkel.. Und Ottomar nahte ſich ihm mit der liebenswürdigſten Beſchei⸗ denheit und fragte, ob er irgend etwas zur Erleichterung ſeines Schickſals zu thun vermöchte. — Können Sie mich frei machen? fragte der Herzog. — Das kann ich leider nicht, ſo ſehr ich Ihre Tapferkeit ſchätze, Herr Oberſt Hermann. — Wer ſagte Ihnen meinen Namen? — Ich erfuhr ihn von Ihren Leuten. — Ich will Ihnen einen anderen nennen, Herr Graf, einen Namen, um deſſenwillen Sie vielleicht eine Nachſicht üben, die Sie nicht bereuen ſollen. — Ich zweifle, daß irgend Etwas mich dazu bringen könnte, gegen meine Pflicht zu fehlen. — Kennen Sie den Herzog Montalto? — Ich weiß von ihm. Mein Bruder Reinhold fand in ſeinem Hauſe in Paris freundliche Aufnahme, wir ſind ver⸗ wandt. — O, um dieſer Verwandtſchaft willen retten Sie den Her⸗ og von Montalto, retten Sie ihn, Graf Iſſelhorſt, damit er nicht m Verzweiflung ſtirbt.. — Ich verſtehe Sie nicht der Herzog — Der Herzog bin ich! — Welch ein Schickſal. doch ſelbſt, wenn ich es dürfte, ſch rönnte Sie nicht befreien. Ihre Gefangenſchaft iſt gemeldet, Sie ſind aufgeſchrieben, der Zug, mit welchem Sie nach Deutſch⸗ land gehen ſollen, iſt beſtimmt, es iſt kein Entrinnen möglich⸗ — Keins ſo bin ich verloren! O, Fluch meinem Da⸗ ſe o, wäre ich niemals geboren! Otto ihm ßru mung nach Herz bei ken. wol Ahe der freun nahe tach hetun A d h had 6o Sieg⸗ war c un)d die 5 rkeit nen die nter vel⸗ er⸗ 6 tf. det ſc⸗ do⸗ — 147— Der Schmerz tobte furchtbar in der Bruſt des ſtarken Mannes, Ottomar ſah es mit der tiefſten Theilnahme, aber er vermochte ihm nicht zu helfen. Die Gefangenen waren ihren Siegern in Frankreich zur Laſt, denn es war ſchwer, für ſie die nöthige Rah⸗ rung zu finden, deswegen beeilte man ſich, ſie ſobald als möglich nach Deutſchland zu ſchaffen. Schon am Abend ſollte ſich der Herzog an einen größeren Zug von Denen anſchließen, die ſich bei und um le Mans ergeben hatten. Er ſaß in ſtummem Brü⸗ ten. Ottomar fragte ihn, ob er Briefe an ſeine Gemahlin ſchicken wolle, doch er verneinte es mit einem heftigen Kopfſchütteln. Am Abend beſtieg er ohne Widerſtand das Coupé, zu welchem ihn der Graf ſelber geleitete. Nur dumpf beantwortete er ſeine freundlichen Worte und bemerkte es nicht, daß ein Bauer ſich nahe an ihn herandrängte und ihn wie mit Neugierde be⸗ trachtete. ——— — 53. Kapitel. * Schreckliche Strafe. Das war ein Jubel unter den Soldaten, die um Paris herum lagen. Die Kaiſerproklamation wurde von allen Deutſchen als der Schlußſtein des neuen, herrlichen Einigfeitswerkes begrüßt. Jetzt erſt war Deutſchland, was es ſein ſollte, ein einiges von Hader und Zwietracht befreites Heimatland für alle ſeine Söhne.* So weit die deutſche Zunge klingt, drangen Freudenlieder und Siegesklänge aus allen Kehlen, die Kaiſerkrone war das goldene Siegel, welches den Bund der Einigkeit für immer ſchloß, fortan war an keine Trennung mehr zu denſen. — Die Sage geht daß einſt ein Engel vom Himmel ßerabſtieg und dem Kaiſer Karl dem Großen ſelber das Reichsſchwert in die Hand ſegte. Seit nralten Zeiten exiſtiren die Kleinodien, mit — 448— denen ſich die deutſchen Kaiſer ſchmückten, doch haben ſie ſeltſame Schickſale durchgemacht und wurden während der unruhigen Zei⸗ ten des Mittelalters von Ort zu Ort geſchleppt, ſelbſt bis nach Ungarn hinein, wo ſie lange blieben. Die Krönung ſelber fand nicht immer an demſelben Orte ſtatt, zuerſt in Aachen, ſpäter in Frankfurt, in dem Gebäude, welches der Römer heißt. Im Jahre vierzehnhundert und vierundzwanzig kamen die Reichsklei⸗ nodien nach Nürnberg, und die Herrn dieſer Stadt erhielten das Ehrenrecht, ſie bei einer jedesmaligen Kaiſerkrönung in feierlichem Aufzuge berbeizutragen. Sie beſtehen aus verſchiedenen Stücken. Da iſt zuerſt die Krone, die aus acht goldenen mit unge⸗ ſchliffenen Edelſteinen und Heiligenbildern bedeckten Schilden beſteht, über die ſich ein breiter Bügel von hinten nach vorn wölbt, den hoch über der Stirn ein Kreuz überragt. Dieſe Krone iſt ſieben und ein halbes Pfund ſchwer und ſo weit, daß ſie inwendig mit rothem Sammt ausgepolſtert werden mußte. Dann kommt das ſchon erwähnte Reichsſchwert, in einer goldenen, mit Juwelen überdeckten Scheide und an einen goldenen Gürtel, ferner das Reichsſzepter, ziemlich einfach und ſchwerfällig in vergoldetem Silber gearbeitet, der Reichsapfel, der mit Edel⸗ ſteinen und einem Kreus geſchmückt iſt, die Handſchuhe von pur⸗ purrother Seide, auf welche Perlen, blitzende Steine und der Reichsadler eingeſtickt ſind, der Krönungsmantel, ringsum mit arabiſchen Inſchriften umgeben, das Wamms aus vio lettem Atlas, ein Ueberwurf aus weißem Atlas und endlich die Sandalen, die mit Gold verziert ſind. Alles dieſes befindet ſich jetzt in der kaiſerlichen Schatzkammer zu Wien, wohin man es von Nürnberg aus rettete, damit dieſe Koſtbarkeiten nicht in die räuberiſchen Hände des erſten Napoleon fielen. Der jetzige deutſche Kaiſer bedarf nicht dieſes veralteten Schmuckes, der ein Angedenken an vergangene Zeiten iſt. Nicht nach rückwärts will er ſeine Blicke lenken, ſondern in eine große und ſchöne Zukunft hinein, die alles Abgeſtandene von ſich weiſt. Die Kämpfe des Rittelalters, die Fehden der Vaſallen gegen den Lehnsherrn, die blutigen Religionskriege ſind iſame Zei⸗ nch fand ſpäter Im ndas lichem unge⸗ Hiden orn Krone daß ſr einer denen Edeb n plr⸗ d der m mit olettem dalen umme donit erſten dieſes Zeiten pern in andene den de⸗ ege ſnd — 449— für ewig überwunden, und aus der Aſche des Vergangenen erblüht die Einigkeit der Fürſten, die Brüderlichkeit der Völker. Man mußte ſie ſehen, dieſe ſtarken Krieger, wie ſie ſich in die Arme ſanken und Freudenthränen weinten, wie Preußen und Vayern, Sachſen und Würtemberger, Bruſt an Bruſt lagen und allen früheren Hader vergaßen. Jetzt erſt wußten ſie es, was des Deutſchen Vaterland iſt, das ganze Deutſchland ſoll es ſein. das einige, das jedem äußeren Feinde zu widerſtehen vermag... Das Gerücht von den Feſtlichkeiten, die in Verſailles ſtatt⸗ fanden, hatte auch Thomas Wildberger und Heinrich Becker herbeigezogen. Sie hatten den berliner Maſchinenbauer nicht wieder geſehen, ſeitdem ſie ſich den Turko und das alte Weib hatten entſchlüpfen laſſen, ſie hatten ihn vermieden, denn ſie fürchteten ſeinen Spott, war ihnen ſelber doch die Sache äußerſt unangenehm geweſen. Zetzt war einige Zeit darüber vergangen, Friſchmuth hatte die Freunde nicht aufgeſucht, und dieſe ſuchten auch ihn nicht, ſie fanden ihn aber zufällig auf dem Felde draußen vor der Stadt. wo das reizende kleine Gehölz ſich zu dem Waſſer hinzieht. Friſchmuth war übellaunig genug, er ſehnte ſich nach Arbeit. Bei den Kämpfen der letzten Zeit hatten die Bayern und Würtemberger mit den Sachſen die meiſte Arbeit gethan, er ſelber war ſo ziemlich müßig geweſen, und das machte ihn verdrießlich. Er dachte an die freudloſe Zukunft, die vor ihm lag. Hätte er wenigſtens noch die beiden Jungen gehabt, wie gerne hätte er Vaterſtelle an ihnen vertreten, aber wo mochten ſie ſtecken? Monate waren vergangen, und er hatte nichts von ihnen gehört. Auch Marie Fiſcher fragte nicht mehr nach ihnen, auch ſie hatte die Hoffnung aufgegeben, Arthur und Richard wieder zu ſehen, und bedauerte den Verluſt der Kinder faſt ebenſo ſchmerz⸗ lich, wie den ihres eigenen Sohnes. Sie aber lebte in beſtän⸗ diger Arbeit, während Friſchmuth ſich ſchmerzlich langweilte. D. V. Th. II. 29 ———— — — 450— O wenn er jetzt an dem Amboß geſtanden hatte, wie möchte lu er auf das Eiſen ſchlagen, daß die Funken ſtoben, wenn es jett n wieder gegen die Franzoſen ging, wie ſehnte er ſich darnach S hineinzuhauen! Nur Thätigkeit verlangte er, er konnte ohne Ar⸗ 0 beit nicht leben, er mußte ſchaffen. Beim Müßiggang kamen 3e ihm zu viele Gedanken, die er mit Gewalt von ſich weiſen mußte, n und mit dieſen Gedanken mochte er nicht zu ſeinen Freunden gehen, denn er kam ſich ſelber unausſtehlich vor. Doch jetzt, als ne ſie ihm ſo plötzlich entgegentraten, ging ihm bei ihrem Anblick 5 plötzlich das Herz auf. ft — O Thomas, Thomas, rief er, warum läßt Du mich ſo lange allein? m Der Bayer ſah ihn etwas zweifelhaft an, er war auf Spott und Hohn gefaßt und vernahm jetzt einen Ausruf ſchmerzlichen un Vorwurfs. i — Bei uns gabs Arbeit, verſetzte er. — ZJa, ich weiß, ſagte Friſchmuth, Ihr nehmt uns den Ruhm he weg, nun, ich gönne ihn Euch, aber wenn ich denke, Thomas, un daß doch wohl bald der Frieden kommt, und daß wir uns dann e niemals wieder ſehen werden, dahn, lieber Junge, kommt ₰ es mir wie ein Unrecht vor, daß ich ſo wenig von Dir habe. 8 — Ach, ſchwatz nit ſo, meinte Thomas, Du thuſt ja, als ov es einen Abſchied fürs Leben gälte. Komm Du nur mal. in unſer Oberland, da iſt es gar ſchön, man ſieht ſo grad in v die Berge hinein, und die ſteigen ſo prächtig zum Himmel hinauf, ſ daß man denkt, man könnt da gleich zum lieben Gott kommen. e So ſchön kann es doch bei Euch nit ſein. x — Rein, freilich, ſo ſchön iſt es nicht, antwortete Friſchmuth, aber man muß eben zufrieden ſein. Auch Ihr in Dresden habt es beſſer. — Das wyill ich meinen! rief Heinrich, mein Sachſen iſt ein ſchönes Land, und die Elbe fließt ſo ſtolz und prächtig hin⸗ durch! ha — Za, ja, ſeufzte Wilhelm, ſo wird es wohl kommen. Ihr geht in Eure Heimath zurück und freut Euch an der Natur und an guten Menſchen, und ich ſitze allein an der Maſchine und öchte jett nach At⸗ men ußte, nden als nblic nich Spott lichen uhn mas, dann omm¶ be. a alt mul ad in inuuf nmen muh n heht ſen iſ sh Iht nt und u ⸗ ——— —.—— — 451— komme kaum das Jahr einmal hinaus in den ſtaubigen Thier⸗ garten. Abends geht es in irgend einen Verein, wo ſie über Staats⸗ oder Gemeindeangelegenheiten disputiren und zanken, und von da zurück in die einſame Stube, höchſtens, daß man ſich mal Zeit nimmt, ein gutes Buch zu leſen, das iſt dann Alles, was man vom Leben hat. — Da denk ich es beſſer zu machen, lachte Wildberger, ich nehme mir ein friſches Weibchen, ſo eins recht nach meinem Herzen, ich kenne ſie ſchon und denk, wenn ich heim komme und frage: willſt mich? ſie ſagt nit nein. — Sie müßte mürriſch ſein, wenn ſie es thäte, rief Friſch⸗ muth. — Und ich, ſagte Becker, ich bin ſchon ſeit Jahren verlobt, und nun werde ich Werkführer in unſerer Fabrik, und da kann ich gut eine Familie ernähren. riſchmuth ſeufzte tief. Die beiden Freunde ſahen das Le⸗ ben ſo heiter vor ſich liegen, ihnen winkten Liebe und Glück, und er o es war bitter. Indeſſen fiel es ihm nicht ein zu klagen, er faßte ſich männlich zuſammen, nur daß es ihm war, als ſchwebe das Bild jenes geliebten Mädchens wie ein ferner Schatten an ihm vorüber, während er einſam zurückblieb. Sie waren unter dem Geſpräche tiefer in das Gehölz hinein gekommen. Die Luft war kalt aber ſtill, ein blauer Nebel lag über den kahlen Bäumen. Wilhelm ſtarrte darauf hin, da ſchien es ihm, als huſchte eine Geſtalt und gleich darauf noch eine andere durch die Geſträuche. Er legte ſeine Hand auf Wildbergers Arm. — Sieh Thomas, was iſt das? Der ſah ſchärfer hin. — Straf mich Gott, murmelte er, das ſind ſie. — Wer? fragte Heinrich ganz verwundert. — Nach nach! ſchrie Thomas, die müſſen wir wieder haben. Friſchmuth hielt ihn zurück. — Laß ſie laufen, ſagte er, ſie entgehen dem Teufel doch ————— — 452— nicht. Solch ein Lumpengeſindel fällt früher oder ſpäter von ſelber in das Net. Nur wiſſen möcht ich, wie ſie wieder hierher zurückkommen. — RNein, rief Thomas und riß ſich von ſeinem Freunde los. Zum zweiten Male laß ich ſie mir nit wieder entgehen. — Sei kein Narr, lachte Friſchmuth, die ſind Dir zu ſchnell⸗ füßig, huſch, ſind ſie durch das Gehölz. Aber ringsum ſind Soldaten, ſie müſſen es verdammt pfiffig anfangen, wenn ſie da glücklich durchkommen wollen. — Still, was iſt das? unterbrach ihn Heinrich. Es knackte in den Zweigen, ſie ſahen ſcharf hin, denn nur zu leicht konnte ein Franktireur vom Hinterhalte aus auf ſie zie⸗ len. Doch bemerkten ſie nichts von ſolch einem Schufte, ſtatt deſſen flog ein weibliches Weſen mit wehendem Röckchen und flatternden Haaren ziemlich dicht an ihnen vorbei und folgte dem Laufe der beiden Anderen, ihr ſtürzte in übergroßer Haſt ein Mann nach. — Oho, rief Wilhelm, was zu toll iſt, iſt zu toll; giebt es denn hier die wilde Jagd? Stillgeſtanden, Ihr da! Damit ſprang er dem fliehenden Weibe in den Weg, breitete beide Arme aus und vrerſperrte ihr die Möglichkeit, zu ent⸗ kommen. — Halt! rief er, wo wollt Ihr hin? Heiliges Donnerwetter, iſt das nicht die Liſette? Wart, Vögelchen, Dich hätten wir, da wird ja die alte Hexe auch nicht allzu weit ſein. Munter, Heinrich, hol uns mal den Burſchen dal Der Mann, welcher Liſetten folgte, hatte bei dem Anblick der drei Soldaten einen Seitenſprung gemacht um ihnen zu ent⸗ ſchlüpfen, Thomas und Heinrich eilten ihm nach, er ſchien er⸗ müdet zu ſein, denn er lief mit großer Anſtrengung und plötz⸗ ucch ſtürzte er über eine Baumwurzel und mußte es dulden, daß die Beiden ſich auf ihn warfen und ihn banden. Liſette ſträubte ſich nicht, als Wilhelm ſie bei der Hand ergriff. — Dich kenne ich, ſagte ſie und warf den Kopf in den Nacken, Du biſt der preußiſche Grobian, dem ich ſchon einmal begegnet bin. an ni ur Ur von echer los. nell⸗ find ſe da 1nur ie zie⸗ ſott und edem ſt ein iebt es reitete en rwe tter, wir, d zeinrich Anbt zu ent⸗ hien e⸗ d ylüt⸗ ben daß in den inml — 453— — und dem Deine liebe Mutter das Haus über dem Kopf anſteckte, fiel er ihr in die Rede. — Du biſt ein Flegel, ſagte ſie verächtlich. Aber denke nicht daß ich mich fürchte. Die Würtemberger hatten uns gefan⸗ gen genommen. Wie wir hierher kommen, hören wir Muſik und Freudengeſchrei. Da wollte ein Jeder wiſſen, was los ſei, und die Meiſten liefen hin. Sogleich ſchnitt meine Mutter dem Taleb die Stricke durch, der warf ein paar von den Soldaten über den Haufen, ich befreite den Grafen und fort ging es. — Den Grafen? fragte er, welchen Grafen? — Run, den da, verſetzte ſie ſchnippiſch. Er ſieht freilich im Augenblick nicht ſehr vornehm aus. Wie ihm die Glieder ſchlottern, es giebt nichts Elenderes unter der Sonne, als einen Mann, der keinen Muth hat. Die andern Drei kamen eben zurück, und Hektor von Bellegarde ging zwiſchen ſeinen beiden Wächtern, die ihn feſt beim Kragen hielten. Kaum bemerkte Liſette den Baiern, als ſie ſich von Friſchmuth losriß, auf ihn zuſprang und beide Arme um ſeinen Nacken ſchlang. — Ach, Du ſchöner Junge, rief ſie, verſtoß mich nicht, ich bete Dich an, o laß mich bei Dir! Er ſchüttelte ſie von ſich ab. — Laß nur, ſagte er, dazu iſt jetzt nicht Zeit, ſei geſcheut, komm nur mit, gegen Frauensleute geſchieht hier nichts Böſes. Sie ſenkte den Kopf und legte mit ſchmerzhaftem Zucken die Hand auf den Buſen. — Wenn Du nur wüßteſt, ſagte ſie, wie weh es mir thut da drin im Herzen und hier außen an der Bruſt, aber Ihr Män⸗ ner habt ja kein Mitleid mit einem armen Mädchen. — Vorwärts Marſch! kommandirte Friſchmuth, und ſie gin⸗ gen der Stadt zu. Der Graf Hektor von Bellegarde hielt den Kopf tief auf die Bruſt geſenkt, ſeine finſter zuſammengezogenen Augenbrasen beſchat⸗ teten die wüthenden Blicke, ſeine Lippen waren zuſammeng preßt, die Wangen erdfahl. So ſollte er vor den deutſchen Siegern itſcheinen, ein Gefangener, die Hände cuf den Rücken gebunden. — 454— Und was war ſein Loos? Stellten ſie ihn vor ein Kriegsgericht, ſo konnte der Spruch nicht anders als auf Erſchießen lauten. Ihn ſchauderte bei dem bloßen Gedanken, er ſann auf Flucht, doch je mehr ſie ſich der Stadt näherten, um ſo größer wurde die Anzahl der Soldaten, die ſich da herum bewegten, es war an kein Entrinnen zu denken. Plötzlich trat ein junger Offizier an Friſchmuth heran. — Was habt Ihr denn da für einen Fang gemacht? fragte er. — Ei, Herr Graf, verſetzte Wilhelm, das iſt die Tochter des Weibes. das uns beiden ſo warm eingeheizt hat, und das da nun ich weiß es noch nicht, es ſoll ein vornehmer Herr ſein, wie die Dirne behauptet. Der Offizier trat an den Gefangenen heran, der ſcheu und wüthend zugleich emporblickte. — Wie? rief er, der Graf von Bellegarde! Dieſer erzitterte, er erkannte Reinhold von Iſſelhorſt. O, was hätte er darum gegeben, ihn vernichten zu können. Rein⸗ hold war tief bewegt, er nahm Wilhelm bei Seite. — Friſchmuth, ſagte er leiſe, wie wenn Sie den Menſchen da laufen ließen? — Wie, wenn ich ein Eſel wäre, platzte der heraus. Mag der Auditeur ſehen, wie er mit ihm fertig wird, ich habe es ſatt, in beſtändiger Gefahr vor dieſer Teufelsbrut zu ſein. Und hätte ich denn ein Recht, ihm die Freiheit zu geben, fuhr er ſanfter fort, da er offenbar franzöſiſcher Offizier geweſen iſt? — Es iſt wahr, antwortete Reinhold, Sie müſſen Ihre Pflicht thun. Liefern Sie ihn ab, ich werde ſpäter nach ihm ſehen. Mit dieſen Worten entfernte er ſich, und die beiden Gefan⸗ genen wurden vor den Auditeur gebracht. Dieſer wußte wohl den Grafen unterzubringen und ließ ihn nach kurzem Verhör einſchließen, doch für Weiber gab es in dem Gefängniß keinen Raum mehr. Aber Liſette war krank, ſie klagte nicht über Schmer⸗ zen, doch ſah man es ihr an, daß ſie furchtbar litt. Selbſt Friſchmuth fühlte ſich von dem ſchmerzhaften Ausdruck ihrer Züge icht ten. ucht. urde war zier cn chter das err und H, ein⸗ hen Nog ſatt hätte ftet hre ihn efan⸗ wohl rhör inen mer⸗ elbſt 3üge — 455— bewegt und ſchlug vor, ſie in das Lazareth zu begleiten, wozu der Auditeur ſeine Einwilligung gab. Dort wurde ſie in Gegen⸗ wart Marias unterſucht, der Arzt ſchüttelte bedenklich den Kopf. — Das iſt eine ſchlimme Sache, ſagte er, irgend ein heftiger Stoß hat eine Verhärtung in der Bruſt hervorgebracht, eine augenblickliche Operation allein kann hier noch Rettung bringen. — Nimmermehr! ſchrie Liſette auf, o nein, nein, tauſend⸗ mal lieber ſterben! Der Arzt kehrte ſich mit Achſelzucken weg, er hatte mehr zu chun, Maria Fiſcher verſuchte es, der Unglücklichen Troſt und Muth einzuſprechen, es war vergeblich, Liſette wollte verzweifeln, ſie fluchte auf Taleb, der ſie in ſolches Elend gebracht hatte, ſie ſchwor, daß ſie ſich niemals dem Meſſer des Arztes überliefern würde. Maria fühlte tiefes Mittleid mit ihr. In der Hoffnung, dieſe in Sünden erſtarrte Seele zu Got zurückzuführen, nahm ſie ſie in ihr eigenes Zimmer auf und pflegte ſie, als ob es ihre Schweſter geweſen wäre. Wohl fühlte Liſette die unendliche Güte, aber ſie empfand nichts als Furcht, grenzenloſe Furcht vor dem ſchmerzhaften Tode, der ihr drohend nahte. 54. Kapitel. Der neunzehnte Jannar. Wir haben ſchon von ſo manchem Ausfalle berichtet, den die Franzoſen wagten. um die Stadt Paris zu befreien, doch ledes Mal endete unſere Darſtellung mit dem Siege der deutſchen Waffen. War es denn nicht ein furchtbarer Gegenſatz? Drinnen in der Stadt wüthete der Hunger, der bleiche Tod hielt ſeine Ausleſe und nahm Weiber und Kinder mit ſich in die Dunkelheit des Grabes. Die Leichenwagen hörten nicht auf, durch die Straßen zu raſſeln, und Ni mand folgte den Verſtorbenen, die — 456— man nicht bemeinte, die man benedden mußte, denn ſie waren ſchrecklichen Leiden entronnen. Mit bleichen Wangen und hohlen Augen gingen die Leute umher, eher Geſpenſtern als Menſchen ähnlich, ſchreckliche Krankheiten zeigten ſich in Folge der man⸗ gelhaften und ungeſunden Nahrung. Dieſen waren die Augen entzündet, Jene zitterten an Händen und Füßen, hier zeigten ſich ekelhafte Ausſchläge, dort verzehrende Fieber. Dazu beſaß man auch ſelbſt die nothwendigſten Dinge nicht mehr. Die Schlächter verkauften das Fett der ſchlechteſten Thiere für ſchweres Geld, um die Speiſen genießbar zu machen, und in Folge da⸗ von konnten die Seifenſieder ihr Geſchäft nicht mehr betreiben. Die Wäſcherinnen arbeiteten nicht mehr, und reine Hemden wurden zu einem Luxusgegenſtande. Der Mangel an Sauberkeit war es vorzüglich, der furchtbares Elend verurſachte. Schließlich rührte Niemand mehr eine Arbeit an, es lag Alles darnieder, die Frauen kochten nicht, weil ſie weder Holz noch Kohlen beſaßen, und nur die Tiſchler hatten noch zu thun, denn es konnten nicht Särge genug fertig werden. Wie anders dagegen draußen im feindlichen Lager! Die franzöſiſchen Soldaten, die in den Forts ſtanden, vernahmen mit Erſtaunen das Hurrahrufen und den jubelnden Geſang der Deutſchen. Ja, gewiß, ſie feierten ein Freudenfeſt, ſie jauchzten und muſizirten, während die Pariſer weinten und wehklagten. Mehr war nicht nöthig, um den Wahnſinn noch heller zu ent⸗ ſlammen, der ohnedies alle Leute in der Stadt ergriffen hatte. Mitten in ihrem Elend ließen ſie nicht von der Hoffnung, nicht von dem tollen Plane ab, die Deutſchen dennoch zu beſiegen. Der General Trochu mußte endlich dem ungeſtümen Drängen nachgeben und einen neuen Ausfall unternehmen, er ſah ſein Ende voraus, er ſah voraus, daß wieder unzählige Leichen den Erdboden bedecken würden, daß wieder die geſchlagenen Franzoſen plutend nach Paris zurückkehren mußten, und dennoch dennoch gab er nach und beſtimmte den folgenden Tag, den neunzehnten Januar, zu einem abermaligen Verſuche. Es war dies der größte Ausfall, den er noch unternommen hatte. Schon während der Nacht bemerkte man innerhalb der nen len hen un⸗ gen ſich on Die wü der hzien gien. ent⸗ atte. nicht ngen ſein den zoſen nnoch hnten b der — 457— Forts eine lebhafte Bewegung, und die deutſchen Soldaten be⸗ reiteten ſich auf einen arbeitsvollen Tag vor. Dieſes Mal regte es ſich auf der Süd⸗ und Südweſtſeite, es galt alſo den Preußen, die bei St. Cloud und Verſailles und in dem Walde von Garches lagen, es galt dem vierten und fünften Korps. Um acht Uhr des Morgens ſchienen endlich die Vorbereitun⸗ gen der Franzoſen beendigt zu ſein, denn nun ſtrömten ſie in großen Maſſen aus den Forts heraus. Nun zeigte ſich auch in Verſailles reges Leben. Die Bürger ſahen mit ſpöttiſchen Blicken, wie die Kanonen auf dem großen Platze beſpannt wurden und wie die deutſchen Soldaten ausmar⸗ ſchirten. Immer ſtanden fie mit Paris in Verbindung und hatten Kunde von jedem Ausfall, den Trochu unternahm. Sie ſteckten Fähnchen und Blumenkränze auf oder gaben telegraphiſche Zeichen durch den Rauch, der aus gewiſſen Schornſteinen aufſtieg. Dieſes Mal ſchienen ſie ganz beſonders voll von Hoffnungen zu ſein, und auf jedem Geſichte erglänzte die Schadenfreude, und es war nöthig, ihnen eine Bewachung in der Stadt zu laſſen, damit ſie ihrem Jubel nicht in unerlaubter Weiſe Luſt machten. Unterdeſſen rückten die Garde⸗Landwehr⸗Regimenter in die Stadt ein, und gleich darauf eine ganze Diviſion Bayern, welche ihre Kantonnements bei Sceaux und Bievres verließen, um den Preußen beizuſtehen. Der Feind entwickelte eine Streitmacht von wenigſtens hunderttauſend Mann, denen zu begegnen doch nicht ganz leicht war. Der Kampf begann bei Sévres in der Nähe der Porzellanmanufaktur, dehnte ſich aber bald über Meudon, Garches, St. Cloud, Vaucreſſon, Malmaiſon, Bsugival und andere Orte hinweg, ſo daß die Gefechtslinie eine höchſt bedeu⸗ tende war. Auch die Deutſchen führten eine große Streitmacht in das Feld, die den zahlreichen Kanonen und Mitrailleuſen Stand halten ſollte. Wehe dem, der in den Regen ſolch eines Mordinſtruments gerieth, ihm durchlöcherten Dutzende von Kugeln den Leib! Die deutſchen Soldaten haßten dieſe Mamſellen ſo furchtbar, daß ſie ihnen gegenüber ſtets den wüthendſten Sturm unternahmen. Das Donnern der Geſchütze war furchtbar. Selbſt nicht bei — 4568— Wörth und Sedan vernahm man ſolch ein erſchütterndes Lär⸗ men, und viele von den Kanonieren wurden für mehrere Tage taub. Das waldige und unebene Terrain geſtattete es den deutſchen Artilleriſten nicht, ſchnell genug aufzufahren, es ſah ſich alſo zunächß die Infanterie dem ganzen Feuer der Feinde ausge⸗ ſetzt. Furchtbar hatten die fünften Jäger zu leiden, welche die Montretoutſchanze, gegen welche die Franzoſen nicht weniger als fünf Mal ſtürmten, eiſern hielten, trotzdem die Feinde, wenn ſie zurückge⸗ ſchlagen wurden, mit neuem Eifer drauf los gingen. Endlich überließen ſie dieſe Schanze gänzlich den Feinden, lag doch für das Allgemeine nur wenig daran, und die Ehre war ja durch ſolch eine zähe Ausdauer gerettet. Faſt zwei deutſche Meilen weit krachte und donnerte es unaufhörlich. Schauerlich ſtiegen de Flammen der in Brand geſchoſſenen Dörfer empor, und Pulverdampf und Rauch erfüllten die Luft ſo ſehr, daß ſich ſelbſt nahe liegende Gegenſtände nicht mehr unterſcheiden licßen. Endlich hatten auch die preußiſchen Batterien Stellung ge⸗ funden und feurrten nun mit der größten Sicherheit, vorzüglich auf die vorgeſchobenen Vatterien des Mont Valérien. Es ent⸗ wickelte ſich ein großartiger Artilleriekampf. bei welchem die Fran⸗ zoſen eine Unmaſſe Pulver verknallten. Von den Höhen zwiſchen Chaton und Carriére aus ſchoſſen die Deutſchen dagegen und richteten unter den Feinden cin furchtbares Blutbad an, die Belagerungsbatterien halfen dabei und deutlich unterſchied man den tiefen Ton der Kruppſchen Rieſenkanonen, die auch ihr Wert mit drein redeten. Der Feind, das ſtellte ſich immer klarer heraus, beſaß eine wenigſtens dreif che Uebermacht, und dennoch mußte er geworfen werden. Die Deutſchen zogen ſich hinter die Verſchanzungen und Verhaue, die in den letzten Monaten aufgeworfen worden waren. und feuerten von hier aus ſo ſicher, daß eine jede Kugel ihren Mann traf. Die Franzoſen ſtürmten dagegen, doch fanden ſie den ſicherſten Tod Sie ſahen die Ihrigen reihenweis fallen und bebten zurück. Die Infanteriſten ſtanden ſich gegenüber, nur getrenut durch eine dichte Wolke von Pulverdampf, in der es beſtändig Lir⸗ Tage den ſich she⸗ die ſinf udge⸗ ndlich ſr durch Zrand illten nicht 9 9e iglich en ßran⸗ und n die man eine worfu n und nm n tuf herſten hebten — 459— blitzte, umtobt von dem gräßſichſten Lärmen, dem Donnern, Toſen, Angſtgeſchrei, Hurrahrufen. Trompet nſignale, Winſeln und Röcheln, Degengeklirr und Kommandoworte klangen in wildeſter Weiſe durcheinander. Es war, als ob die Hölle ihren Schlund eröffnet hätte und Tod und Verderben ausſpiee. Die Erde bebte weit umher, und in den Ortſchaften klirrten alle Scheiben. Hoch ſpritzten Fon tainen von Blut empor, und wieder wühlten die Granaten ſich in den Boden ein und warfen Maſſen von Sand und zerbröckeltem Geſtein herauf, mit dem ſie die Leute überſchütteten. Hoch in den Lüften ſauſte es, die Kugeln flogen hierhin und dorchin und ſuchten ſich ihr Ziel, wie Vögel ſchwärmte es über die Erde dahin. Und ſtumm und emſig, geſchäftig in grauſigem Schweigen, gehen die Träger umher, die Bahre beſchwert mit jammernden Verwundeten, ſie heben dieſen, jenen auf die Andern bitten um Gottes willen, auch ſie mit zu nehmen, es iſt unmöglich, für Alle zu gleicher Zeit zu ſorgen. Bald kommen Andere, das rothe Kreuz am Aermel zeichnet ſie aus, inmitten des wilden Schlach⸗ tengewühls iſt ihre Ruhe, ihr feſtes ſicheres Auftreten wie ein Wunder, ſie allein ſcheinen den Tod nicht zu bemerken, der Allen droht. Nun werden Gefangene eingebracht, erſt einige, dann viele, endlich ganze Haufen, von wenigen Soldaten geleitet. Dazwiſchen cückt nun auch die Garde Landwehr, die einen vierſtündigen Marſch gemacht hat, mit Hurrahruf in das Gefe ht. Singend gehen die Truppen an ihre Arbeit, wie viele werden daraus geſund zurückkommen? Heftiger wird das Gefe ht, die Deutſchen müſſen ihren errungenen Vortheil, wahrnehmen, die Feinde wanken, man muß ſie zum Weichen bringen. Das gelingt, doch nur mit ſchwerer Mühe, und unter herben Verluſten. Doch vor⸗ wärts, ohne den Tod zu ſcheuen! Wer denkt an ſich in ſolch einem Augenblick? Nur das Eanze hat man vor Augen, nur die Kampfesluſt, die Liebe zum Vaterlande macht alle Pulſe höher Hopfen! So geht es Stunden, ganze Stunden lang. Es fühlt Kei⸗ — 460— ner eine Spur von Müdigkeit, es weiß Keiner, daß es draußen kalt iſt, der Dampf hüllt ſie ein, das Gefecht macht ihnen heiß genug, votzüglich, wo es Mann an Mann geht, wo ſie ſich gegen einander drängen, ſtoßen, ſich wüthend Aug in Auge ſehen. Doch endlich weichen die Feinde auf allen Punkten, ſie laſſen Todte, Sterbende und eine Anzahl von Gefangenen bei den Siegern zurück, ſie denken nicht daran, die Verwundeten mit ſich fort zu führen, iſt es doch ſchwer genug, das eigene Leben zu erretlen! Welch ein Gewühl! Die Vorderſten, die nicht mehr den Deutſchen Stand halten können, ſtürzen ſich auf ihre eigenen Landsleute, dieſe werden von dem Schrecken mit ergriffen, ſie weichen, fliehen! Vergeblich rufen ſie die Offiziere an und ſuchen ihren Muth zu entflammen, es iſt umſonſt, der Schrecken wird allgemein, da giebt es kein Halten mehr, ſie fliehen und laſſen den Deutſchen abermals den Sieg. Es war Nacht, als der Kampf ein Ende nahm, die Trup⸗ pen kehrten in ihre Quartiere zurück, und die tapfern Bayern, denen der Weg bis in die Kantonnements von Sceaux und Bièv⸗ res zu weit war, wurden bei den Preußen untergebracht, ſo gut es ging. Denn wer draußen keine Müdigkeit empfunden hatte, der ſank jetzt einem Todten ähnlich zur Erde hin und ſchlief ein, war es auch auf kalter, feuchter Erde. So ſchliefen die meiſten der Soldaten, die heut ſo ruhm⸗ reich geſtritten hatten, ſie lagen im Biwak, die Einen in dem aufgewühlten Erdreich, die andern in Blutlachen. Der legte ſeinen Kopf auf den Leib eines todten Pferdes, Jener baute ſich eine Wand gegen den Wind von Leichen auf. Noch lag der Pulverdampf in grauen Wolken auf der ganzen Gegend, und die Wachtfeuer brannten nur matt und trübe. Von Zeit zu Zeit ſtöhnte ein verendendes Roß auf, oder Verwundete wimmerten leiſe nach Hilfe, nach Waſſer, o nur nach einem Tropfen Waſſer. Dann wieder klang es wie ein Gebet dazwiſchen, bisweilen wie ein gräßlicher Fluch.. Als der Morgenwind die dunkle Wolle zertheilte, breitete ſich ein furchtbares Schauſpiel aus. Leichen, ſoweit das Auge zu ſen hi uge bei nit ben nehr nen ſie hen wird ſen Zeit rten ſſet. hen ſch e — 461— ſchauen vermochte, Blut und abgeriſſene Glieder, Knochen und Fetzen Fleiſch, hier ein Menſch ohne Kopf, dort ein zerſchmettertes Haupt fern von dem Rumpfe, und dazwiſchen weggeworfene Waffen, Munition, umgeſtürzte Karren, zerbrochene Laffetten, und in den Dörfern eine Zerſtörung, als habe ein Erdbeben Alles durcheinander gerüttelt, und nur das Chaos übrig gelaſſen. Am Morgen ritt der Kaiſer Wilhelm über das Schlachtfeld, ſein anerkennender Blick erfriſchte die ermüdeten Truppen, ſie hatten ihre Pflicht gethan, an ihren Händen klebte Blut, doch kein in Sünde vergoſſenes, die Schuld kommt nur auf die, welche dieſen gräßlichen Krig verurſachten.. Jetzt erwartete man die Fortſetzung des blutigen Streites für den nächſten Tag, doch zeigten die Franzoſen keine Neigung, ſich abermals mit den Feinden zu meſſen. Der General Trochu ließ vielmehr durch einen ſeiner Offiziere den Erafen d'Hériſon, um einen achtundvierzigſtündigen Waffenſtillſtand bitten, damit er ſeine Todten begraben könne. Der Kronprinz, an welchen dieſes Geſuch erging, wies den Antragſteller an den Kaiſer und Moltle, und dieſe bewilligten die Waffenruhe für einige Zeit, doch keinen Stillſtand in dem Kampfe, denn gerade jetzt ſollte das Schluß⸗ werk des großen Belagerungskrieges gegen die Stadt Paris be⸗ ginnen. 55. Kapitel. Eine Schlachtenreiſe. Auf Befehl des Kaiſer Wilhelm verließ der General von Manteuffel die Nord⸗Armee und übernahm das Kommando im Süden. Da er vorzugsweiſe Kavalleriegeneral iſt, ſo konnte er grade hier beſonders gute Dienſte leiſten, und den General von Werder, dem die Arbeit zu ſchwer wurde, unterſtützen. Doch che — 462— er noch an dem Orte ſeiner aruen Beſtimmung anlangte, geſcha⸗ hen im Elſaß bedeutungsvolle Dinge. Wir verließen den Gene⸗ ſi ral von Werder vor Belfort, in deſſen Nähe er ſich ein Schlacht⸗ n feld ſuchte, um den ihm folgenden Bourbaki gründlichſt von ſeiner e Wuth, nach Deutſchland durchzubrechen, abzukühlen. Er hatte reizendes Thal, in welchem das Oertchen Hericourt liegt. Weit ſe umher erſtrecken ſich die im Sommer ſo herrlich grünenden Vor⸗ berge der Vogeſen und des franzöſiſchen Jura, vom Horizonte ſtei en gleich einem blauen Nebel die immer höher hinanſtreben⸗ d. den Gebirge auf, und friſche Waldbäche ſpringen fröhlich plau⸗ auch das Kommando des unter ihm vom General von Treskow 3. befehligten Belagerungskorps von Belfort übernommen, deſſen . einer Theil bereits bei Arcey ein ſiegreiches Gefecht gegen bour⸗ di 4½ bakiſche Soldaten beſtanden hatte, wodurch dieſe an weiterem e Vordringen verhindert wurden. Dieſes Detachement beorderte der r General von Werder bereits am dreizehnten Januar zu ſich zurück 9 und beſetzte nun die waldreiche Gegend rings um Belfort. 5 Der Fluß Luxienne ergießt ſeine klaren Wellen durch ein 3 dernd in die Niederung hinein. Jetzt war das Bild ein anderes Schnee bedeckte die Wal⸗ dungen, durch welche die Krähen und Raben krächzend flogen. Eiſig ſtarrten die Gipfel der Berge, gletſchergleich ragten ſie in die tief herabhängenden Wolkenſchichten hinein, und dichter Nebel umhüllte die Ferne. Die Flüſſe waren zum Theil gefroren, die Landſtraßen ſchlüpfrig von Eis, und nur die Herzen der deutſchen Krieger blieben warm und ſonnig inmitten dieſer rauhen Natur. Jetzt wurden die Dörfer Saulnot, Champey, Countenans und Hericourt von ihnen beſetzt und ebenſo die Höhen, welche das ganze Thal und zugleich die Feſtung Belfort beherrſchten. Von Montbeliard bis Hericourt wird dieſes Thal durch die Eiſenbahn durchſchnitten, welche von Beſancon nach Velfort führt und dicht an dem Lupienne entlang läuft. Dahinter erhebt ſich das Terrain teraſſenförmig, nach Montbeliard zu mit tiefen Einſchnitten, welch⸗ der kleine Fluß in natürlicher Weiſe und, künſtlich hergeſeolli, der Eiſenbahndamm bilder Re⸗ e ner te ein eit or nte on icht ain — 463— Zenſeits bieten weite jetzt mit Eis bedeckte Wieſen eine gün⸗ ſtige Gelegenheit, große Heeresmaſſen zu entfalten. Hierher wa⸗ ren die deutſchen Truppen zurückgegangen, und Bourbaki rechnete es ſich als ein großes Glück an, daß er die Feinde zum Weichen gezwungen hatte. Er ahnte nicht, daß er, indem er ihnen folgte, in eine Falle lief. Der General von Werder war feſt entſchloſſen, grade hier in dieſer überaus günſtigen Stellung eine Schlacht zu erzwingen. Sein Centrum komiandir'e der General von Schmeling bei He⸗ ricourt, der größere Theil der Artillerie hatte auf dem Wege nach Luze zu Stellung genommen und zwar auf einer jener bereits erwähnten Teraſſenſtufen. Baſſurel und der Bahnhof waren von nur zwei Bataillonen beſetzt, aber der Kommandant kannte ſeine Leute und wußte, daß ſie ſich nicht verdrängen laſſen würden. Montbeliard und die dahinterliegenden Höhen waren von der badiſchen Brigade Zimmermann heſ tzt und die BVeſatzu ng des Schloſſes dieſes Ortes beſtand aus zwei Kompagnien Landwehr unter dem Major Olszewski, bei Bethoncburt aber kommandirte der General von Debſchütz den linken Flügel der Vertheidigungs⸗ linie. Bourbaki ſchien ſehr erfreut zu ſein, ſich mit ſeinen deutſchen Feinden meſſen zu können, obſchon er unmöglich die Feſtigkeit ihrer Stellung zu verkennen vermochte. Er wagte es nicht, den rechten Flügel zuerſt anzugreifen, bei dem neben dem General von der Goltz der General von Degenfeldt befehligte, denn da⸗ hinter ſtand als Reſerve die badiſche Brigade unter General⸗ Lieutenant von Glümer. Die Hauptreſerve aber kommandirte General von Keller in den Verliefungen der Feſtungsbatterien bei Les Baragues. Hier nun und bei ſolcher wahrhaft großartigen Aufſtellung begann eine Schlacht, die eigentlich aus einer ganzen Reihe von Schlachttagen beſtund. Es wurden von beiden S iten einzelne Vorſtöße gemacht, doch galt es dem deutſ hen General, ſich in der einmat genommenen Stellung feſt zu behaupten. Dies konnte geſchehen, indem der vorzüglichſte Stützpunkt, Hericourt in ſeinen Händen blieb, fiel dieſer Ort, ſo war alles für ihn ver⸗ — 464— loren, denn es durfte aus der Kette ſeiner ſo herrlich poſtirten treitmacht kein Glied fehlen, ohne daß es den Feinden möglich geweſen wäre, ſie zu durchbrechen. Die Soldaten waren nun ſchon ſo kriegsgewohnt, daß ſie die Pläne ihrer Generale verſtanden, ob ſie ihnen gleich nicht mit⸗ getheilt wurden. Sie merkten ſchon von ſelbſt, um was es ſich handelle und warum ſie hier eine lebendige Mauer bilden ſollten. an der Bourbaki's Macht abprallen mußte. Darum ſtand ein Jeder ſo feſt auf ſeinem Poſten, darum beſeelte daſſelbe Gefühl alle Krieger, ſie vor allen Andern, ſie waren die Wacht an Deutſch⸗ lands Grenze und. das Vaterland konnte ruhig ſein, ſie ſtanden treu und feſt. Die feindlichen Streitkräfte hatten ſich ſchon am zwölften, dreizehnten und vierzehnten Januar mit den Deutſchen gemeſſen, doch waren es nur kleinere Vorpoſtengefechte geweſen, die für das Ganze keine allzu große Bedentung hatien. Dennoch bewie⸗ ſen ſie alle Male die Ueberlegenheit des deutſchen Geiſtes über den franzöſiſchen. Doch war Bourbaki's Macht nicht zu unter⸗ ſchätzen, er beſaß nicht weniger als hundert Geſchütze, die theils franzöſiſchen, theils engliſchen Urſprungs waren, dazu hatte er auch zwei Mitrailleuſen, auf die er ganz beſondere Hoffnungen ſetzte. Dieſe ſtellte er anfangs Montbeliard gegenüber auf, wo ſie doch nicht ſoviel Schaden anzurichten vermochten, als man hätte glauben ſollen, doch konnte er ſie da nicht laſſen, denn er zog ſie immer dahin, wo ihm die Gefahr am größten ſchien. Vor ſeiner gewaltigen Artillerie mußten die deutſchen Infanteriſten bei Couthenans und Luze weichen, und dieſe Geſchütze entwickelten ſich nun auf den unſeren Stellungen gegenüberliegenden Höhen in ſchrecklicher Weiſe. Ein Hagel non den größten Geſchoſſen ſauſte durch die Lüfte und richtete furchtbaren Schaden an, ohne jedoch die tapferen Ktieger zu weiterem Lurückgehen zwingen zu können. Vom Morgen bis zum Abend wogte die Schlacht des erſten Tages, bis noch beim Sinken der Sonne ein furchtbarer Kampf entbrannte, bei dem die Goltz ſche Infanterie bei Chagey ſich blutige Lorbeern erwarben So ging es auch an dem folgenden Tage. nit⸗ fühl tſch⸗ ſe ten, ſſen, für ewie⸗ über nter⸗ ſeils et ngel ſi hůtle 00 Vor ielien öhen poſſen ohne en zu t des barer ſih 209e Schrecklich wüthete der Kampf, aber er brachte den Franzoſen keinen Nutzen, all ihr Bemühen prallte ab an den feſten Stel⸗ lungen und mehr noch an den feſten Herzen der deutſchen Kämpfer, doch gab es auch dieſes Mal große Opfer und viel wergoſſenes Blut. Die Zahl der Verunglückten mehrte ſich auf eine ſchrecen⸗ erregende Weiſe, und immer noch ſchwankte die Palme des Sie⸗ ges zwiſchen den beiden Heeren. Drei große Verbandplätze waren eingerichtet worden, der eine für den rechten Flügel in Chalonvillars, der andere für den linken in Chatenois und der für die Mitte in Brevilliers. Da gab es Arbeit vollauf, und vorzüglich hatten die Krankenträger zu thun, die mitten im ſtärk⸗ ſten Kugelregen die Verwundeten aufhoben und forttrugen. Hätte man ſie dort gelaſſen, ſo wären Roß und Reiter über ſie hinweggegangen. In der ſtürmiſchen Sluth des Gefechtes iſt es mitunter nicht zu verhindern, daß die Räder der Kanonen über die krachenden Gliedmaßen der hilflos Daliegenden hinweg gehen, daß diejenigen, die ſich zu erheben trachten, umgeriſſen werden von dem Schwalle der Dahinſtürmenden. Oft richtet ein reiterloſes angeſchoſſenes Pferd das ſchwerſte Unglück an, es bäumt ſich wild empor, es ſchlägt mit den Füßen auf, es rennt im raſenden Laufe dahin und reißt Alles, was ihm entgegenſteht, mit ſich fort, es tritt auf die Verwundeten und zermalmt ſie, es Pringt gefährliche Unordnung in die Reihen der Soldaten. Die Krankenträger haben deswegen den Befehl, ein jedes verwundete Pferd ſogleich zn tödten. Es iſt dies einer der Liebes⸗ dienſte, zu denen ſie berufen ſind, denn es rettet nicht nur die Menſchen, es befreit auch das arme Vieh von ſeiner Qual. Bei einer ſehr ſtrengen Kälte lagerten unſere Truppen im Freien. Der Wind blies in das Wachtfeuer, das weit mehr qualmte als erwärmte, die vorderſten Linien mußten ſich ſogar dieſen ſchwachen Troſt verſagen, denn ſo nahe ſtanden ihnen die Feinde, daß ſie jede Bewegung zu erkennen vermochten Doch in der Verne loderten die Biwakfeuer hoch auf und erhellten die Nacht und leuchteten gluthroth über den weißen Schnee der Berghöhen D. V. Th. I. 30 — 466— und über das weit ausgebreitete Land, über dem die Kriegsfurie iyre graßliche Fackel ſchwang. Das waren traurige Stunden, doch ermüdet von der ſchweren Arbeit und leider mit leeren Magen, ſchliefen die So ldaten doch, ob ihnen auch die Glieder ſteif gefroren waren, die Hitze des Karpfes macht ſie wieder geſchmeidig. Als ſie am ſechs⸗ zehnten Januar erwachten, bedeckte ein dichter Nebel die ganze Gegend und wogte mit dem herabgedrückten Pulverdampf durch Iſt die Luft rein, ſo ſchwebt der Rauch der Geſchüse das Thal. als zierliche Wölkchen zum Himmel empor, doch ballt er ſich bei ſchlechtem Wetter zuſammen und verhüllt die Gegend mit einem zuen Schleier. Gemäth der Soldaten trübe ſtimmt. Sie ſind im Felde überhaupt mehr als bei der häuslichen Arbeit von dem Wetter abhängig. Iſt die Luft heiter, ſo hört ſie lachen und ſingen gleich den Lerchen, die in den Sonnen⸗ der den Blick in die Ferne erſchwert und das man ſie chein hineinfliegen, doch nichts wirkt unangenehmer als ein dichter Rebel bei dem man die Bewegungen des Feindes nicht zu ſehen cben wollte Bourbaki benutzen. Er begann einen Hauptangriff auf unſere Stellung bei Baſſurel⸗Bethoncourt. Seine Infanterie⸗Kolonnen drangen aus dem Walde hervor und werfen ſich mit ſtürmiſcher Haſt auf die Deutſchen. Dieſe merk⸗ eu die Gefahr erſt, als ſie ihnen ſchon ganz nahe war, doch batten ſie ſich längſt darauf vorbereitet, und der Anprall der Vds Frauzoſen wurde abgewieſen. Dies war zwiſchen neun und zehn Uhr des Morgens, und ſchon am Mittag erneuerte ſich dieſelbe Scene mit demſelben Mißgeſchick für die Franzoſen. Sie hatten augenſcheinlich gehofft, kier durchbrechen zu können, aber ſie trafen auf Krieger, die wie Kelſen im Meere ſtanden. Doch hartnäckig auf ſeinem Plan be⸗ garrend, verſuchte Bourbaki zum dritten Male ſein Glück, als es eben vier Uhr ſein mochte und der trübe Wintertag ſich bereits neigte. Es gelang ihm auch jetzt noch nicht, etwas Anderes zu Die Linie des Eiſenbahndammes wurde durch die Bataillone Tilfit, Wehlau. Inſterburg und Dan⸗ gewinnen als blutige Köpfe. — c— ie och ite hs⸗ nze ie hei dos ichen hört nen⸗ chter hen inen ourt. und merl⸗ doch d und ſelben i — 467— zig vertheidigt, denen noch das badiſche Detaſchement Zimmermann die rechte Stärke gab. Auf der Berghöhe ſtand die erſte badiſche Brigade, verſtärkt durch die unter dem Befehl des Generalmajors Keller ſtehende Hauptreſerve und gegen ihre Tapferkeit verſuchten es die Franzoſen vergeblich, den Durchbruch durchzuſetzen. Hatten ſie gehofft, gerade hier eine ſchwache Stelle zu finden, ſo war es eine Täuſchung, die Deutſchen wichen nicht um eines Zolles Breite, ſie ließen dem Feind keine Lücke offen, und der General von Glümer, der ſie kommandirte, konnte aus vollem Herzen ſeine Truppen loben, die ſo ſtandhaft ausgedauert hatten. Doch war dies nicht der einzige Kampf des Tages. Auch gegen Hericourt verſuchte Bourbaki einen Maſſenvorſtoß gegen den rechten Flügel der General von Werder'ſchen Wmee. Hier hatte er ſoviel Truppen beiſammen, daß die Uebermacht eine achtfache war, vor der die Badenſer ſich fechtend zurückzogen. Die Racht brach darüber herein, und das Feuer ſchwieg allmählich, doch nicht die Arbeit. Was bei Hericourt an Land verloren worden war, das mußte wieder gewonnen werden. Der General Keller erhielt dazu den Auftrag. Die dritte Brigade ſetzte ſich daher mitten in der Nacht in Bewegung und überraſch'e nach einem ziemlich ſtarken Marſche den Feind in ſolcher Weiſe, daß er ſich zurückziehen mußte und die Deutſchen wieder ihre Stel⸗ lungen gewannen. Als der nächſte Tag hereinbrach, hatte ſich das Wetter ge⸗ ändert, es fiel ein dichter Thauregen, der durch die Kleidungs⸗ ftücke drang und die Leute bis auf die Haut durchnäßte, die Wege wurden ſchlüpfrig, und das Waſſer ſtand in allen Furchen, ein höchſt unbehaglicher Zuſtand für Diejenigen, die nun ſchon ſeit vielen Nächten kein warmes Bett und keine warme Suppe gehabt hatten. Bourbaki konnte es nicht verſchmerzen, daß ihm der G neral Keller ſeine ſo mühſam eroberte Stellung wieder abgenommen hatte. Er begann in der frühen Morgenſtunde das Gefecht noch einmal, für einen Augenblick durfte er ſogar hoffen, ſeine Feinde zu vertreiben. Doch eben nur für einen Angenblick Aber nals 30* . ——————— S——— — 468— zurück getrieben, mußte er Chenebier den Feinden laſſen, die ſich nun ſiegreich in den Beſitz der ganzen Gegend ſetzten. Drei Tage lang hatte das Kämpfen gedauert, und alle Bemühungen der Franzoſen, die Linie der Deutſchen zu durch⸗ brechen, waren vergeblich geweſen. Sie mußten die Hoffnung aufgeben, hier hindurch und zu ihrem Ziele zu gelangen und ſahen ſich zum Rückzuge genöthigt. Bourbaki hielt dabei gute Ordnung in ſeinem Heere. Unter dem Schutze ſeiner zahlreichen Kanonen und während eines hef⸗ tigen Schießens machte er noch einen letzten Vorſtoß gegen Heri⸗ court, der aber nur ſeinen Abzug decken ſollte. Aber ſeine Ge⸗ ſchoſſe waren ſchlecht gerichtet und verurſachten nur wenig Schaden. Eine einzige Granate nur fiel ſo unglücklich mitten unter die Ba⸗ denſer, daß ſie ein und zwanzig Mann tödtete oder verwundete, die anderen gingen meiſt fehl und machten, wie der Soldatenwitz lautete, Löcher in die Natur. Auch bei Autuncourt wurde an dieſem Tage noch gekampft, doch diente dieſes Gefecht auch nur als Maske für den Rückzug. Was war aus Bourbaki's ſchönen Plänen geworden? Er hatte wenigſtens drei⸗ bis viertauſend Mann verloren. Seine Ver⸗ wundeten ließ er ohne jegliche Pflege auf freiem Felde liegen. wenn ſie ſich nicht ſelber zu den erbärmlich eingerichteten Ver⸗ vandplätzen ſchleppten, und dieſe Verbandplätze fand man in ven nächſten Tagen zwar voll von halb verſchmachteten Kranken, von denen nur wenige verbunden worden waren, doch ſonſt gänzlich ohne Schutz und Fürſorge. Da gab es keine Arzeneien, kein Verbandzeng, ja, nicht ein⸗ mal Lebensmittel. Alles mußte die menſchenfreundliche Barmherzigkei der Sieger herbeiſchaffen, die im Innerſten bei der Rohheit einer Ralion erſchauderten, welche Diejenigen, die ſich für ſie opfern. dahinſterben läßt, wie das Vieh. Und wäre es nur das geweſen. So weit g. 22 Ent⸗ gttlichung di ſer Armee, unter der ſich freilich auch viele Aus⸗ linder befanden, daß man bei dem Aufſammeln der Leichen mehrere preußiſche Landwehrmänner fand, denen die Ohren und die Raen abgeſchntten worden waren. Roch andere Be ialitä⸗ e te er be ih iht ſch alle urch⸗ mung und — 469— ten, die ſie verübten, ſind zu ſcheußlich, als daß man ſie w'eder⸗ erzählen möchte. Da dieſe Verſtümmelten in der Nähe von Mont⸗ beliard gefunden worden waren, ſo befahl der General von Werder den Stadtbehörden, ſie feierlich zu beerdigen. Das kam ihnen ſonderbar vor, denn ſie dachten nicht einmal daran, die Leichen ihrer cigenen Landsleute zu begraben. Doch ſollten ſie noch eine andere, ſtrengere Lehre empfangen. Es war von dem Sch oſſe Montbeliard aus auf die Deu ſchen geſchoſſen worden, zur Strafe dafür hatte die Stadt eine Kontribution von fünfzigtauſend Franks zu bezahlen. Solche Maßnahmen mögen den Einzelnen ſehr hart treffen, aber ſie ſind unerläßlich in einem Lande, wo man überall der haarſträubedſten Gemeinheit begegnet. 56. Kapitel. Der Selbſtmord. Daß die Franzoſen auf allen Punkten ihren Rückzug ange⸗ treten hatten, wurde erſt am Morgen des achtzehnten Januar erſichtlich, denn da fand man ſeine hauptſächlichſten Stellungen gerä mt. Natürlich gab der General von Werder nun auch ſeinen Standpunkt auf und ging zur Verfolgung des Feindes über. Dies war nicht ſo leicht zu bewerkſtelligen, denn es lag dem General Bourbaki daran, Zeit zu gewinnen, um ſeine Mu⸗ ni ion und andere Vorräthe in Sicherheit bringen zu können, er hielt deswegen die Deutſchen durch eine Menge kleiner Gefechte auf, wohei es ihm gar nicht darauf ankam, daß ſeine Lzute Blut und LrKhließen, wenn ſie nur ſeinen Rückzug deckten. Die Arriere⸗Garde hatte denn auch genug damit zu thun⸗ ſich die Deutſchen vom Leibe zu halten. Dieſe hatten gegen die Gemeinheit ihrer Feinde einen furchtbaren Haß gefaßt und gingen gleich Racheengeln auf ſie los. Es war aber auch zu ——— —— viel. Wer einmal ſeinen todten Kameraden, der ſo treu an ſei⸗ ner Seite gefochten hat, verſtümmelt ſieht, dem wallt wohl das Blut auf gegen die frechen Leichenſchänder, und er vertilgt ſie, as ob es gift'ge Thiere wären. Doch obg eih in der Schlacht Niemand geſchont wurde, ſo fanden doch vie Gefangenen ſtets Mitleid. Wer ſih ergab und die Waffen ſtreckte, der war kein Feind mehr, und wer verwundet dalag, der war ein Bruder, dem die beſte Unterſtützung zu Theil wurde. Oft war in den Lazarethen kein Raum für die deut⸗ ſchen Kranken, weil zu viel franzöſiſche da waren, denn unſer Verluſt betrug nur wenig mehr als zwei Drittel von dem der ranzoſen, obgleich es mit ihrer Artillerie ſo viel reichlicher be⸗ elt war, als mit der deutſchen. Was Werders Heer in der dreitägigen Schlacht geleiſtet und gelitten hat, iſt mit goldenen Lettern in das Buch der Weltge⸗ hichte eingezeichnet. Drei Tage ohne Ruhe und Raſt, in be⸗ ſtändiger Todesgefahr, in beſtändigem Kampfe, und dabei ohne ausreichende Lebensmittel, die ſich beim beſten Willen nicht be⸗ ſchaffen liefen, und während einer furchtbaren Kälte das iſt faſt übermenſchlich. Die Offiziere theilten aber alle Strapazen ihrer Mannſchaf⸗ ten und litten mit ihnen, und das thut viel, um den guten Geiſt in den Truppen zu erhalten. Es ging eben keinem beſſer, es mußte es ein Zeder durchmachen, und die ſchlimmſte Aufgabe haben nicht Diejenigen, welche die Arbeit thun, ſondern die, welche dafür die Verantwortung tragen. Darum gebührt auch dem General von Werder das höchſte F F. 1* Lob, der mit bewundernewerther Umſicht die Schlachttage leitete.. Der beſte Beurtheiler für ſoldatiſche Größe, der Kaiſer Wilh lm, erkannte das im vollem Maße an, er ſandte dem General das Eichenlaub zu dem Verdie ſtorden, den er bercits ſeit dem Feld⸗ zuge von achtzehnhundert ſechs und ſechszig beſaß, und. was noch weit ſchöner war, er ſandte ihm da folgende Telegramm: Ihre beldenmüthige dreitägige ſiegreiche Vertheidigung Ihrer Po⸗ ſinon, e'ne kelagerte Feſtung im Rücken, iſt eine der größten Waffe tharen aler Zeiten Ich ſpreche meinen königlichen Dank, und tge⸗ he⸗ hne be⸗ a haſ⸗ uten ſet, ahe ie, hſe tete. lm, das eld⸗ was um Po⸗ ſun anl — 471— meine höchſte Anerkennung aus, und verleihe Ihnen das Groß⸗ kreuz des rothen Adler⸗Ordens mit Schwertern als Beweis dieſer Ancrkennung. Ihr dankbarer König Wilhelm. Auch an die Kaiſerin⸗Königin Auguſta telegraphirte der deutſche Kaiſer: Werder gebührt die hoͤchſte Anerkennung und ſeinen tapferen Truppen. Und dieſe höchſte Anerkennung ſollte denn auch den tapferen Truppen zu Theil werden, ſie freuten ſich nicht nur des kaiſerli⸗ chen Lobes und der Ehren, deren ſie in ihrem General genoſſen dieſer ſelber erließ folgenden Armeebefehl: Das vierzehnte Ar⸗ meekorps und die um Belfort vereinigten Truppen haben durch ihre außerordentlichen Leiſtungen im Ertragen von Strapazen größter und undankbarſter Art, ſo wie durch ihre glänzende Tapferkeit dem Vaterlande einen Dienſt geleiſtet, den die Geſchichte gewiß zu den denkwürdigſten Ereigniſſen des ruhmreichen Feld⸗ zuges zählen wird. Es iſt uns gelungen, den ſehr überlegenen Feind. der Belfort entſetzen und in Deutſchland einfallen wollte, aufzuhalten und ſodann ſiegreich abzuweiſen. Mögen die Trup⸗ pen, auf deren Leiſtungen die Augen Deutſchlands gerichtet wa⸗ ren zuwörderſt in dieſem Erfolge einen Lohn für ihre Mühe er⸗ plicken. Der Dank ſeiner Majeſtät wurde mir bereits allergnä⸗ digſt übermittelt. Meine aufrichtigſten Glückwünſche für dieſe ruhmreichen Tage vom vierzehnten bis achtzehnten Januar füge ich hinzu. gez. von Werder. Wäh.end ſich dies ſo würdig gerühmte Armeekorps bei der Verkolgung der Feinde befand, überſtieg der General von Man⸗ teuffel mit den Pommern und Weſtphalen das Gebirge Cote d'Or ünd langte bei Fontaine Frangaiſe und Dampierre an. Hier erſt erfuhr et, daß ſein Vorgänger im Kommando ſchon die ſchwerſte Arbeit gethan hatte und beſchloß, ihm dabei zu helfen. Er wollte der Armee Bourbaki's den Weg nach Lyon und Befangon verlegen. um ihr ſo jeden Ausweg zu verſperren. Rach Frankreich konnte der geſchlagene Feldherr dann nicht mehr zurück, denn von allen Seiten ſtarrten ihm feindliche Waffen ent⸗ gegen, es blieb ihm dann nur noch ein einziger Ausweg, und der führte ihn ins Verderben! ———. — 472— Bourbaki war wohl ſchon im Voraus von der Unmöglich'eit überzeugt geweſen, die deutſchen Linien zu durchbrechen, wenig⸗ ſtens mußte ſchon der erſte Schlachttag ihn darüber deutlich be⸗ lehrt haben, aber Gambetta ſchickte ihm t glich aufs Neue den Befehl, den Durchgang zu erzwingen, und ſo lange Bourbaki bei ſeinen eigenen Truppen keinen Widerſtand fand, mußte er wohl gehorchen. Jeßt ſah er ſich geſchlagen, jetzt befanden ſich ſeine Truppen in offener Empörung gegen ihn. Hätte er ſie zum Siege geführt, er wäte ihr Abgott geweſen, da er ſie wie zur Schlachtbank ge⸗ trieben hatte, nannten ſie ihn einen Schafsko pf, ja, einen Verräther. Wie ſtolz hatte er nicht ſeinen Feldzug angefangen! Frank⸗ reich hoffte auf ihn, Alles war bereits verloren, nur er ſtand noch, da bewegten ihn die tollkühnſten Pläne, er träumte von Glück und unſterblichem Ruhme, und vor ſeinen Augen ſchwebte die Kaiſerkrone, die in Blut getauchte Kaiſerkrone des erſten Na⸗ poleon. Von ſolcher Höhe, und wäre ſie auch nur eine Hoffnung bis zu der tiefen Schmach, in die ihn ſeine Riederlage ſtürzte, ſank er ſo tief, daß Schwindel ſein Gemüth ergriff. Wohin er ſah, für ihn gab es keine Rettung. Tber er hatte groß ſein wollen, ſo mochte er denn wenigſtens nicht klein endigen. Es giebt ſeine erbärmlichere Rolle, als die eines geſchlagenen deld⸗ herrn. Sonſt gehorchten ihm zahlreiche Leute, und ein Wink ſeines Fingers führte ganze Regimenter in den gewiſſen Tod. Jetzt kehrten die Soldaten die Geſichter fort, wenn er ſich nahte, und reiite Offziere ſtellten ſich taub, wenn er etwas befahl. Die Fremden vorzüglich fan en ein Vergnügen darin, ihn zu verhöh⸗ nen, ſie ſangen Lieder auf ihn, und gaben ihm Spitznamen„ er verſtand es nur halb, aber das Blut ſtockte ihm in den Adern vor Beſchämung. Nun, auf ſeinem erzwungenen Rückzuge, meldeten ihm ſeine Vorpoſten, daß neue Feinde üder das Gebirge geſtiegen ſeies. So war ſcine Rückzugslinie abgeſchnitten, denn mit ſeinen unzw⸗ friedenen und ungehorſamen Truppen konnte er ſich in kein neue Schlacht einlaſſen. Da fußte ihn Verzweiflung, er übertrug das Kommands — 473— ſeiner Armee dem General Clinchant, und während man draußen Spottlieder auf ihn ſang, ging er in ſein Quartier und ſchoß ſich eine Kugel in den Mund. Doch ach... war es die Liebe zum Leben, die ſeine Hand zittern machte, war es ein fürchterlicher Zufall die Kugel zerſchmetterte ihm einen Theil der Kinnlade und tödtete ihn nicht. Von dem Schuſſe erſchreckt, eilten ſeine Adjutanten herbei, ſie fanden ihn, wie er, gräßlich entſtellt und faſt wahnſinnig vor Schmerz aufs Neue laden wollte. Warum verhinderten ſie ihn daran, ſeinem elenden Daſein ein Ende zu machen? Sie ent⸗ wanden ihm die Wuffe, die Aerzte kamen, ihn zu verbinden, doch er riß ſich die Tücher herab, er wollte ſterben, wollte ſeine Schande, Fronkreichs Unglück, nicht überleben. Nur mit Mühe ließ er ſich beruhigen. Doch nun tobte das Fieber in ihm, oder war es wirklich Wahnſinn, was ihn ergriffen hatte? Er machte verz veifelte Anſtrengungen, ſich aus den Armen ſeiner Wärter zu befreien, er tobte und raſte und kommandirte dazwiſchen ſein Heer, und das Alles, während draußen ſeine ge⸗ ſchlagene Armee den letzten Schritt machte. Sie befand ſich auf dem Wege nach Beſangon, doch rückte die deutſche Südarmee mit einer kühnen Rechtsſchwenkung gegen den Doubs nach Dam⸗ pierre zu und das zweite Armeekorps beſetzte Dole am einund⸗ zwanzigſten Januar. Dabei wurde die Eiſenbahn zerſtört, um den Franzoſen die Möglichkeit eines ſchnellen Entrinnens zu rauben, und zw ihundertunddreißig mit Lebensmitteln und Ar⸗ meevoräthen beladene Wagen ßelen in die Hände der Sieger. Die Zeit war vorbei, wo die Franzoſen allerlei Luxusgegen⸗ ſtände und Frauenputz mit ſich ſchleppten, doch fanden ſich auch hier Dinge, an welche unſere Krieger nicht dachten, bei denen es ohne Lack und Wichſe, ja oft ſelbſt ohne Seife abging. Für die Franzoſen bot die Eiſenbahn ein bequemes Mittel, Zwieback und Chocolade fortzubringen, was denn unſeren Soldaten, die ſo viel entbehren mußten, zu Gute kam. Nun wurde der Fluß Doubs, deſſen Uebergänge unzerſtört geblieben waren, überſchritten, und der wichtige Straßenknoten Quingey wurde beſetzt. Damit war die Eiſenbahnverbindung — zwiſchen Beſangon und Lyon unterbrochen. In Beſangon aber befanden ſich noch vicle Franzoſen, und dieſe verſuchten einen Vorſtoß gegen die deutſchen Truppen bei Dannemarie, wurden jedoch ſehr entſchieden abgewieſen, obgleich es ſich herausſtellte, daß ſie immer noch die Uebetzahl hatten. Jetzt galt es wiederum, eine ſo feſte Kette zu bilden, daß die Feinde keinen Ausweg fanden, als den einzigen auf neutrales Gebiet, wo ſie unſchädlich wurden. In Dijon, der wichtigſten Stadt des Departement Cote d'or befand ſich immer noch Garibaldi mit ſeinen Truppen, und die deutſchen Feldherrn mußten ihn wohl für ſehr unſchädlich halten, da ſie ihn ſo lange ſchonten. Er und ſeine Söhne hatten ſich während des ganzen Feldzuges durch üichts ausgezeichnet, als durch grenzenloſe Frechheit. Namentlich hatte Menotti dem General von Werder gedroht, er werde allen Gefangenen, die ſich in ſeinen Händen befänden, Ohren und Naſen abſchneiden laſſen, worauf ihm dieſer erwiederte, das ſtände cllerdings in ſeiner Macht. indeſſen würde er dafür die zehnfache Anzahl von Franzoſen erſchießen laſſen. Das rettete denn den Deutſchen, welche zufällig in die Gewalt der Feinde gefallen waren, die nothwendigen Beſtandtheile ihrer Geſichter, doch konnten ſich die Italiener nicht das Vergnügen verſagen, ſie Todesan ſt ausſtehen zu laſſen, indem ſie ihnen jeden Tag ihre Hinrichtung für den folgenden ankündigten. So lange der General von Werder alle ſeine Truppen ge⸗ braquchte, ſtand nur der General⸗Major von Kettler mit anderthalb pommerſchen Regimentern und acht Kanonen den Freiſchärlern gegenüber und konnte mit einer ſo geringen Streitmacht nichts Rechtes ausrichten. Zetzt war das anders, man brauchte Dijon, und da mußte Garibaldi wohl oder übel weichen. Die Brigade Kneſebeck und die badiſche Brigade Degenfeldt nebſt der Kavallerie des Oberſten von Williſſen vereinig'en ſich mit dem General⸗ Major von Kettler unter dem Hauptkommando des General⸗Lieu⸗ tenant Hann von Weyhern, der am ſiebenundzwanzigſten Januar von Pesmes gegen Dilon abückte. Ein bloßer Rekognoszirungsvorſtoß wurde hier ſchon zu einem blutigen Gefechte, bei welchem fünfhundert Gefangene ge⸗ —. en, lich gen nen ge⸗ alb ern hu jon⸗ gade llerit erul⸗ Lier⸗ nuor ege — 475— macht wurden Man ſchätzte dabei das Faribaldiſche Korps auf fünfundzwanzigtauſend Mann, die zwanzig ſchwete Geſchütze bei ich hatten. Der General von Kettler hatte ſchon wiederholte Angriffe auf Dijon gemacht, ohne jedoch die Stadt nehmen zu tönnen, dennoch erzielte er damit einen großen Vortheil, denn Garibaldi hielt ſich ſelbſt für ſo bedeutend, daß er glaubte, es ſtände ihm eine bedeutende Macht gegenüber. Um nun dieſer nicht in die Hände zu fallen, ſaß er in Dijon mäuschenſtill und that nichts, Bourbaki zu unterſtützen. Vielleicht wollte aber auch der alte Haudegen ganz allein gegen die Feinde fechten, um ganz allein allen Ruhm zu erndten, nur daß er ſich darauf ein bißchen lange beſann. Jetzt wurde der Angriff auf Dijon ernſtlicher, und Garibaldi ſah ſich genöthigt, mit ſeiner ganzen Streitmacht hervor zu rücken. Es kam zu einem ſehr ernſten Gefechte, denn die Freiſchärler kämpften mit dem ganzen Fanatismus, den ihnen der alte Italiener eingeſtößt hatte, und die Deutſchen hatten mit vollem Rechte eine furchtbare Wuth gegen ſeine Bande. Garibaldi verlor ſeine beſten Offiziere, aber auch dem einundſechszigſten pommerſchen Regimente paſſirte ein ſchweres Unglück. Als nämlich nach be⸗ endigtem Kamp'e die Leichen und Verwundeten aufgenommen wurden, fand man im Walde den Fahnenträger todt und ohne ſeine Fahne. Es war die einzige, die während des ganzen Krieges verloren gegangen war, und tiefer Aerger bewegte die braven Pommernherzen, daß grade ihnen, die ſich immer ſo brav gehalten hatten, ſolch ein Mißgeſchick zuſtoßen mußte. Daß die Fahne tapfer vertheidigt worden war, bewieſen ſechs Leichen, die rings um den Fahnenträger lagen Beim Sturme auf die Mauern von Diſon ſollte ein Gehöft genommen werden, da lief der Sekonde⸗Lientenant Schultze mit der Fahne in der Hand voran, aber er fiel, ſogleich ergriff der Lieutenant von Puttkammer dus Wahrzeichen, und im nächſten Augenblicke ſank auch er. So die nach ihm kommenden Offiziere, bis end ich die Fahne in einem Haufen von Blut und Leichen lag. Da fanden ſie Menotti Ga⸗ ribaldi's Soldaten und brachten ſie im Triumphe zu ihrem An⸗ führer. Später beſaß dieſer aber doh An ſand genug, dieſes ſo —— —— — 476— unrechtmäßig gewonnene Siegeszeichen zurückzuſchicken. Doch während es ſchien, als ob Garibaldi ſich noch lange zu halten gedãchte, verließ er Dijon, als der General Hann von Weyhern mit ſeinen Verſtärkungen heranrückte. Am erſten Februar zog er von Dijon nach einem leichten Geplänkel ab und verſchwand. Er war auf das Kriegstheater getreten, wie ein mit großen Zetteln angekündigter Schauſpieler, den deſſenungeachtet das Publikum ausziſcht. Als er ſah, daß er nichts auszurichten vermochte, um die Franzöſiſche Republik zu retten, da entfernte er ſich, und Niemand bedauerte ſeinen Abgang. Dijon wurde vön den Deutſchen Truppen beſetzt, und damit war den franzöſiſchen die letze Möglichkeit genommen, ſich auf Lyon zurückzuziehen, ſie mußten näch Oſten hin. Immer war es ihr Plan geweſen, über die Grenze zu dringen, hier be⸗ fanden ſie ſich dicht daran, nur war es nicht die Deutſchlands. ſondern die der Schweiz eines neutralen Gebietes. Hätten dieſe Schweizer Republikaner ſich mit jenen verbunden, dann freilich wäre ihre Sache noch einmal aufgelebt doch ſollte es anders kommen. 57. Kapitel. Die Büßerin. Liſette war wüthend auf Taleb, deſſen roher Fußſtoß ihr ſo grenzenloſe Qualen bereitet hatte. Was ahnte jener Afrikaner von den zarten Ruckſichten, die ein gebildeter Mann dem ſchwa⸗ chen Geſchlechte ſchuldig iſt. Die Frauen ſind wie Blumen, die man nur zart anfaſſen darf, wenn man ſie nicht beſchädigen will. ₰ Liſettens Baſen hatte jener Stoß einen Schmerz her⸗ vorgerufen, der mit jeder Stunde zunahm, ſie fühlte ein Feuer d ihr faner chwo⸗ die 1 hel⸗ eutt — 477— darin brennen, das ſie verzehrte, und dennoch hatte ſie nicht den Muth, ſich einer Operation zu unterwerfen. Maria Fiſcher redete ihr freundlich zu, ſie ſah es täglich, wie die verunglückten Soldaten mit wahrhaft bewundernswürdi⸗ gem Gleichmuthe ſtill hielten, wenn ihnen ein Arm oder ein Bein abgenommen wurde. Da fuhr das ſcharfe Meſſer des Arztes durch das Fleiſch, da ſägte ein überaus feines Inſtrument den Knochen durch, dann wurden mit einer kleinen Zange die Adern herausgezogen und einzeln zugebunden, darauf ſuchte man die Blutung der allzu feinen Gefäße zu ſtillen und legte den Verband über die wohl ausgewaſchene Wunde. Solch eine Operation iſt furchtbar ſchmerzhaft und wenn ſie nicht mit aller Vorſicht geſchieht, wenn eine Ader ſich wieder öffnet oder der Brand zu der Wunde tritt, ſo iſt es um das Leben des Kranken geſchehen. Dennoch erlitten Hunderte von Unglücklichen dieſes Leid und mußten noch dazu den Verluſt eines Gliedes beklagen, ohne das ſie vielleicht für immer arbeits⸗ unfähig und verdienſtlos wurden. Das was Liſette durchmachen ſollte war gewiß nicht weniger ſchmerzhaft, doch, da ſie ohnedies ſcho fuſchtbar litt, ſo hätte ſie weniger das Leiden einer Stunde gefürchtet, als die Entſtel⸗ lung ihres Körpers. Deswegen weigerte ſie ſich hart äckig, Ga⸗ brielens gütigen Vorſtellungen nachzugeben, und deswegen machte die verzehrende Krankheit die ſchnellſten Fortſchritte. Zum Glück gab es in dem Lazarethe keinen Spiegel, ſonſt hätte ſie mit Ent⸗ ſetzen geſehen, wie bleich ihr Geſicht geworden war, wie einge⸗ fallen ihre Züge, und wie von Schmerz verzehrt. Ohne Maria Fi⸗ ſchers Bitte hätte ſie nicht dort bleiben dürfen, doch dieſe fromme Frau hoffte die Seele des verdorbenen Mädchens durch milde Belehrung zur ewigen Seligkeit führen zu können und gab ihr deswegen eine Lagerſtatt in ihrem eigenen Zimmer. Da ſah Liſette nun, wie die bleiche Frau von Mainz ſo ſegensreich wirkte und wie tauſend Herzen ihr dankten. Hier ſp ach ſie einem Leidenden Troſt ein, dort ſchrieb ſie für einen Anderen einen Brief an die Seinen. Dieſen fütterte ſie, als ob es ein Keines Kind geweſen wäre, Jenen leitete ſie bei ſeinem — 478— erſten Verſuche, auf Krücken zu gehen. Für einen jeden hatte ſie ein mildes Wort, einen tröſtenden Blick, und Jeder achtete ſie gleich einen höheren Weſen. Das Alles ſah Liſette und verglich ſich ſelber mit Maria Fiſcher. Wo fand ſie denn Achtung, wem chat ſie denn wohl, welche Leiden konnte ſie mildern? Sie hatte bisher nur dem Vergnügen gelebt, und als dieſes von ihr wich, beſaß ſie gar keinen Halt mehr im Leben. Das fühlte ſie erſt jetzt und es machte ſie grenzenlos unglücklich. Ein paarmal ver⸗ ſuchte ſie zu lachen und zu ſingen, und die alte Liſette zu ſein aber mitten in dieſen Verſuche brach ſie in einen Strom der bitterſten Thränen aus, denn der ewig brennende Schmerz in ihrer Bruſt mahnte ſie an den Tod... und das was dahinter kommt. Bisweilen auch nahm ſie Gabrielens Gebetbuch zur Hand und ſuchte Troſt in den frommen Worten, aber ihre Gedanten haf⸗ teten nicht bei den ernſten Lehren des Chriſtenthums, ſie konnte ſich nicht ſammeln und nicht den Veg zu Gott finden An Gabrielens Arbeiten mochte ſie keinen Theil nehmen. denn ihr ſchauderte vor der Berührung der Kranken, und von einem Sterbebeltte entſloh ſie mit dem größten Entſetzen. fürchtete ſie doch den Tod mehr als die Sünde graute ſie ſich doch vor den talten ſtarren Leichen und vor der Einſamkeit des dunklen Gra⸗ bes! Ruhelos ging ſie hin und her, zu keiner Beſchäſtigung fähig, ſie ſtreifte durch den mit Schnee bedeckten Garten oder verſuchte einen weiteren Spaziergang, wenn ihre matten Füße ſie tragen wollten. Begegneten ihr alsdann Soldaten, ſo wandie ſie das Geſicht fort. Sie hatte keinen Scherz mehr auf den Lippen und keinen Frohſinn mehr im Herzen, ſie war krank, todikrank die Unglückliche! Thomas Wildberger trat an ſie heran und redeie zu ihr in ſeiner gemüthvollen, freundlichen Weiſe, da fabte ſie ſeine Hand. — Siehſt Du, ſagte ſie. Dich hätte ich lieben können wie mein Leben, und um Deinetwillen wäre ich ein ordentliches Weib geworden. Das iſt nun vorbei. Aber wenn ich todt bin, dann komm einmal zu meinem Grabe und bete für die arme Liſette die nicht beten gelernt hat! — tte e ſe g wem atte ich erſt vel⸗ ſein in — 479— Er verſprach es tief gerührt, und als er ſie verlaſſen harte, ſchlich ſie waurig, die Hand auf die ſchmerzende Bruſt gedrückt, in ihre Wohnung zurück. — Pſt, pſt, Liſettchen! rief es hinter einer halbzerſchoſſenen Mauer hervor. Sie blieb ſtehen und ſah faſt mit Abſcheu das häßliche Ge⸗ ſicht ihrec Mutter über die Steine blicken. Dennoch trat ſie heran. — Was willſt Du hier? fragte ſie, wenn Dich die Deutſchen erkennen, geht es Dir ſchlecht, denn ſie wiſſen es, daß Du mit Taleb und Hektor Bellegarde zuſammen warſt. — Cben um den komme ich, flüſterte die alte Margot. Hör⸗ mal, wir müſſen den Grafen befreien, wenn ſie ihn todtſchießen, kann er ja mein Töchterchen nicht heirathen. Liſette lächelte ſchmerzlich. — Wer denkt daran, ſeufzte ſie, damit iſt es aus, Mutter, aus für immer! — Und warum denn, Liebchen? forſchte die Alte. — Warum? weil ich krank bin, ktank zum Tode, ſagte das Mädchen. Sieh her, in meiner Bruſt brennt es Tag und Nacht, keinen Augenblick gönnt dieſer vernichtende Scherz mir Ruhe, ich leide furchtbar, und Du ſprichſt mir von Hochzeit? 3— Ach, Kind, das iſt ja nichts Schlimnes, tröſtete Margot. ſo etwas kommt und vergeht. Du braucht nur den nächſten Vollmond abzuwarten, dann machſt Du drei Kreuze über die 1 Stelle und ſagſt drei Mal den Spruch, den ich Dich lehren will, und wenn Du das drei Nächte lang gethan haſt, dann iſt Alles wieder gut. Bis dahin ſtreiche warmes Hel auf, das lindert die Schmerzen. — Glaubſt Du. Mutter, daß das helfen kaun? fragte Liſette zweifelhaft. — Das hilft gewiß, verſicherte dus Weib, ich habe es tau⸗ end Mal geſehen. Aber jetzt hilf mir den Grafen befreien, Senn ſonſt ſchießen ihn die verdammten Preußen todt. — Laß ihn todtgeſchoſſen werden, rief Liſette, iſt er önch — — 480— die Haupturſache meines Unglücks! D Mutter, wenn ich am Leben bleibe, ſo will ich doch nicht mehr ſein, wie ich war! — Was das für dumme Gedanken ſind! lachte die Alte, das kommt, wenn man ſich unwohl fühlt. Sind erſt die Schmer⸗ zen vorbei, dann wird mein Liſettchen Frau Gräfin ſein, und dann ſoll es luſtig zugehen. Liſette ſchüttelte den Kopf. — Doch wieder auf den Grafen zu kommen, fuhr Margot fort, Du biſt ja in dem Lazarethe. Ich habe dem Grafen ge⸗ rathen, daß er ſich krank ſtellt, dann, wenn ſie ihn in das Laza⸗ reth ſchicken, ſo läßt Du ihn heimlich hinaus, für eine deutſche Uniform will ich ſorgen, es liegen ja nach jedem Gefechte Leichen genug auf der Erde. So kommt er fort, und iſt erſt Paris offen, dann wird gleich Hochzeit gemacht. — RNein, Mutter, ſagte Liſette, damit mag ich nichts zu thun haben. Ich bin in dem Lazarethe liebevoll genug aufge⸗ nommen worden, ſie gaben mir Alles, was ich gebrauche, und Maria Fiſcher erträgt es geduldig, wenn ich in der Nacht ſtat zu ſchlafen, weine. Und da ſollte ich Verrath üben und einen ſo böſen Menſchen entſchlüpfen laſſen? — Ach er iſt gar nicht ſo bös, kicherte Margot, den Deut⸗ ſchen thut er ſchon gar nichts, dazu iſt er viel zu feige. Denk nur dran, daß es Dein Bräutigam iſt. Wonon willſt Du denn leben, wenn ſie Dich hier fortlaſſen? Und dann, wenn Du Frau Gräfin Bellegarde biſt, ſo hat Taleb das Nachſehen, während er ſo nicht aufhören wird, Dich zu verfolgen. Liſette ſchauderte bei der Rennung dieſes Namens. — Wo iſt Taleb? fragte ſie. — Taleb, Huſſein auch, wir halten Haus da drüben, wo wir damals ſchen wohnten, verſetzte Margot. Die beiden Brüder ſind wie eingefleiſchte Teufel. Jeden Tag gehen ſie hinaus in die Wälder, und jede Nacht kommen ſie mit Beute heim. Sie fallen die allein gehenden Soldaten an, ſie morden die Schild⸗ wachen, ſie plündern die Leichen. Es iſt eine Satansbrut, aber Geſchick ſteckt drin, und noch niemals ſind ſie mit leeren Händen zurückgekommen. — argot n ge⸗ Laza⸗ uiſche eichen Paris his zu aufge⸗ und ſat einen deu⸗ Denl denn u Frau end er en, wo Bride uus in . Sie Sijil⸗ t ober — 481— — Das iſt gräßlich, ſagte Liſette, o wie ich dieſe Unmen⸗ ſchen haſſe. — Sag das nicht, Kindchen, lachte Margot, der Taleb iſt ein ſchlauer Burſche, der es noch einmal weit bringen kann. Wenn es mit dem Grafen nichts iſt, ſo iſt jener immer noch zu brauchen, ein bißchen roh freilich, doch daran gewöhnt man ſich. — Gute Nacht, Mutter, ich muß nach Haus. — Und mit dem Grafen thuſt Du doch, um was ich Dich bat? — Nein, Mutter, ich thu es nicht, es wäre ein Verrath an Maria Fiſcher, wenn ich, ihre Schutzbefohlene, ſo etwas unter⸗ nähme. — Und Du thuſt es doch, lachte ihr die Alte nach. Gute Nacht, Kind, und vergiß nicht den Vollmond.“ Liſette ging in trüben Gedanken hinein. O wie Alles ſie anwiderte, was ihr die Mutter geſagt hatte. Sie ſollte die Frau des Grafen werden, den ſie verabſcheute, oder gar die des Turco, den die Alte ſelbſt einen Teufel nannte. Nein, lieber ſterben. Was war ihr jetzt der Glanz und Reichthum, für den ſie ſonſt ihre Unſchuld verkaufte? Kein ſeidenes Kleid konnte ſie in ihren eigenen Augen vor der Schande verhüllen, die auf ihr lag, kein noch ſo koſtbarer Schmuck ihr den Schmerz in ihrem Buſen ſtillen. Wohl ſah ſie, wie achtungsvoll man Maria Fiſcher begegnete, wohl wußte ſie, mit welchen Blicken man ſie dagegen betrachtete. Thomas Wildberger hätte ſich geſchämt, ſie zu heirathen, aber für einen Taleb war ſie gut, wenn ſich der Graf Bellegarde nicht zwingen ließ, ſie zu ſeiner Frau zu machen. O, wenn ſie das früher gewußt hätte, wie anders würde ſie ihr Leben geſtaltet haben. Sie ſehnte ſich zurück nach ihrer Jugend und nach Franz Godard, der ſie ſo zärtlich liebte, wie nachher kein Anderer, und den ſie elend gemacht hatte. Sie fühlte ſich gedrungen, Maria Fiſcher ihr ganzes Leben zu beichten, aber konnte eine ſo edle Frau ſie verſtehen und in den Abgrund von Verworfenheit blicken, in dem ſie gelebt hatte? Liſette hätte niemals gedacht, daß man ſich ſo unglücklch D. V. Th. II. 31 — 482— fühlen kann, und wo ſollte ſie denn Troſt finden? Als ſie in das Lazareth zurückkam, brachte man eben einen neuen Kranken herein. Der Mann ſah gelbbleich im Geſichte aus und ſchien vor Mattigkeit kein Glied bewegen zu können. Ein Offizier begleitete ihn und redete mit dem Arzte. — Iſt er verwundet? fragte der. — O nein! verwundet eben nicht, aber krank, ſo krank, daß an keine Unterſuchung zu denken iſt, weil er ſchon bei den erſten Fragen in Ohnmacht fällt. Jedenfalls iſt es ein ehemaliger fran⸗ zöſiſcher Offizier, und wir würden ihn in die Gefangenſchaft nach Deutſchland ſchicken, wenn es möglich wäre, ihn zu transportiren. Entlaufen wird er Ihnen nicht, dafür bürgt ſein Zuſtand. — Sonderbar, meinte der Arzt, das Auge hat noch viel Feuer und blickt ſo forſchend umher, ich bin doch begierig zu wiſſen, was ihm fehlt. Wie heißt er denn? — Er nennt ſich Graf Bellegarde, oder vielmehr das Mäd⸗ chen, welches mit ihm zuſammen ergriffen wurde, nannte ihn ſo. Er will ein Gutsbeſitzer ſein. und niemals die Waffen getragen haben, weil er an großer Nervenſchwäche leidet, davon glaubt man natürlich nur die Hälfte, denn es fand ſich ein Brief in ſeiner Taſche, in welchem ſich ſkandalöſe Dinge über einen ge⸗ wiſſen Herzog von Montalto befinden, und dieſer Brief iſt über⸗ ſchrieben: An den Kapitain Grafen Hektor von Bellegarde und unterzeichnet P. Venturo. — Gut, wir werden ihn unterſuchen und beobachten. Für verſtellte Kranke iſt hier kein Raum, auch wird ſich das leicht herausſtellen. — und das Mädchen haben Sie auch als Patientin hier, wie ſteht es mit der? — Sie hat den Krebs an der Bruſt, ihr Zuſtand iſt hoff⸗ nungslos, da ſich die Närrin nicht zur rechten Zeit operiren ließ. Der Offizier ging, und Hektor befand ſich in dem Lazarethe, von wo er ebenſo ſchnell, wie damals, zu entfliehen hoffte. Seine Augen ſuchten nach Liſette, doch ſchnell, ohne ihn anzuſehen, ſchlüpſte ſie an ihm vorüber. Sollte ſie ihn im Stiche laſſen? ſie in anken nvor leitete daß etſen fran⸗ tnch rüiren. h viel rig zu Nid⸗ ihn ſo tragen glaubt ie in nen gl⸗ t über⸗ de und Fir leicht it lof⸗ vperiten a inrelhe 3 Nun wohl, ſo mußte er ſeine Rolle ohne ſie zu ſpielen verſuchen, und er zweifelte nicht daran, daß es ihm gelingen würde die gutmüthigen Deutſchen zum zweiſen Male zu übertölpeln. Was aber hatte die Dirne, die Liſette, vor, daß ſie mit rothgeweinten Augen herumging? Er ſan te ihr einen furchtbaren Fluch nach, als ſich die Thür hinter ihr verſchloß. Nun begann der Arzt ihn zu langwei en. Er mußte ſich unterſuchen laſſen, mußte gehen, athmen und zuletzt erleben, daß der Doktor kopf⸗ ſchüttelnd erklärte, an dieſem Menſchen fände er keine Krankheit. Sogleich ſank er um, ſeine Glieder wurden ſteif, ſein Athem un⸗ hörbar er war ohnmächtig. Mehrere der jüngeren Aerzte traten binzu und beobachteten das. — Sehen Sie, meine Herren, das iſt einer der intereſſan⸗ teſten Fälle von Starrkrampf, ſagte der Doktor, und um ſeine Lippen ſpielte ein ſeltſames Lächeln. Geben Sie einmal das Kohlenbecken her, Maria Fiſcher, es liegt ein Eiſen darin. Wenn dieſer Kranke nicht in einer Minute die Augen aufſchlägt, werde ich ihn mit dieſem Eiſen unter der Fußſohle brennen. Sie werden ſehen, was das für Wirkung thun wird. 4 Sie ſahen es nicht, denn ehe noch die Minute vorüber war, ſchrug der Graf mit einem tiefen Seufzer die Augen auf, und die Aerzte brachen in ein ſchallendes Gelächter aus. — Heut Nacht mag er hier bleiben, ſagte der Oberarzt, aber morgen ſpaziert der ſaubere Herr wieder in das Gefängniß zurück. ch denke, vom Starrkrampf habe ich ihn für immer kurir Der Graf war außer ſich vor Wuth, aber er that, als ob er das, was Jene in deutſcher Sprache redeten, nicht verſtanden hätte und ſtellte ſich ſehr matt und ſchwach. Doch als ihn die Aerzte verließen, da fing er an, ſeine Pläne zu machen, denn heute, heute noch mußte gehandelt werden, wenn er ſich aus der Gefangenſchaft befreien wollte. Wenn nur mit der Dirne, der Liſette, etwas anzufangen war! 58. Kapitel Der Anfang vom Ende. In der franzöſiſchen Süd⸗Armee herrſchte eine furchtbare Verwirrung. Alles lief kopflos durcheinander, und Niemand be⸗ ſaß den eigentlichen Befehl. Nur die Furcht vor den Deutſchen und vor der Gefangenſchaft hielt dies Heer noch zuſammen, das in alle vier Winde zerſtiebt wäre, hätten es nicht ringsum die Feinde umgeben. Die Soldaten rebellirten ganz offen gegen die Offiziere und weigerten ſich, aufs Neue in den Kampf zu gehen, der für ſie gleichbedeutend war mit der Schlachtbank. Mit Wuth zerſchmetterten ſie die Büchſen gegen die Baumſtämme, oder ſaßen in dumpfer Verzweiflung und ſtierten gedankenlos vor ſich hin. Kein Menſch erſah einen Ausweg aus dieſem Wirrſal. Wohin ſollten ſie fliehen, wo ſich vor den Angriffen der Deutſchen verbergen? Sie hatten furchtbar gelitten, haufenweis waren die Kameraden rings um ſie her gefallen. Die drei Schlachttage waren verheerend für ſie geweſen, und dazu hatten ſie Hungeß, und Kälte zu ertragen, ſie, die meiſtens dem Süden angehörten, ſie, denen man von nichts als Sieg und Beute geſprochen hatte. Was gab es denn nun für ſie? Aus ihren bürgerlichen Ver⸗ hältniſſen waren ſie geriſſen worden, um Soldaten zu werden. kamen ſie zurück, ſo fanden ſie ihre Dörfer verwüſtet, ihre Aecker zerſtampft, ihre Habe vernichtet. Frankreichs Wohlſtand war für lange Zeit dahin, und es bedurfte einer weiſen Regierung, um die Schäden wieder gut zu machen, welche der Krieg geſchlagen hatte. Hier galt es nicht nur die Wege und die Eiſenbahnen wieder herzuſtellen und die tauſenderlei Streitigkeiten zu ſchlichten, die bei der allgemeinen Verwüſtung die Frage nach dem Mein und Dein herbeiführte. Hier galt es aus dem ſchrecklichen Strafgericht Gottes manche gute Lehre zu ziehen, einzuſehen, daß Vieles faul war im Staate der Frat ode mur wei pie do — 485— Franzoſen, daß ſie von unten auf einer beſſeren Bildung bedurf⸗ ten, daß zuerſt ihr ſittliches Bewußtſein verbeſſert werden mußte, ehe ſie der Freiheit werth waren, nach der ſie ſtrebten. Denn Freiheit iſt ein gefährlich Gut in den Händen halb oder gar nicht gebildeter Nationen, ihr wahrer Segen erwächſt nur in der ſittlichen Thätigket des Volkes. Polen ging unter, weil alle Adligen herrſchen wollten, Frankreichs erſte Revolution trieb das Land einen Napoleon in die Hände, weil der Abſchaum der Nation zuletzt allein die Gewalt beſaß. uſche Nur wo ein ſittliches Gefühl in dem Bürgerſtande lebt, wo das der Sinn für Ordnung und Geſetzmäßigkeit mit dem für Frei⸗ m die heit Hand in Hand geht, nur da gedeiht das wahre Wohl des en die Volkes. Davon waren, davon ſind die Franzoſen noch weit gehen, entfernt, und darum erkannten ſie es nicht, daß dieſer ſchreckliche Vi Krieg ihnen eine Zuchtruthe für frühere Sünden und eine Buße oder ſein ſollte, auf welche die Beſſerung zu folgen hat. ſch Jetzt, da ſie des Kampfes überdrüſſig waren, hielt der Ge⸗ zinſul neral Clinchant, welcher nach Bourbaki das Kommando übernom⸗ uſe men hatte, es für gerathen, ſich gegen die Grenze der Schweiz 6 de zurückzuziehen. Dort beſaß er einen ſtarken Anhalt an den Ge⸗ birgen und war vor jeder Gefangennahme durch die Deutſchen 0.. Dieſen Plan, den die Verzweiflung eingab, durchſchaute hung der General von Manteuffel, und war im Voraus überzeugt. chörten daß er die Feinde bei Pontarlier finden würde. nhut⸗ Seine Rekognosecirungstruppen beſtätigten das, und darum Vet⸗ ordnete er ſeine Truppen ſo, daß ſie aus der weiten Linie, durch nden welche ſie Bourbaki den Weg nach Lyon verlegt hatten, ſich im Vtt Vorſchreiten immer dichter aneinandergezogen, bis ſie ſich in der Nähe von Pontarlier zuſammentrafen. Sie gingen über die und 5 Straßen von St. Gorgon, über Arbois, Pont d'Héry und Frasne, g während ein Detaſchemem die Gebirgsſtraße bei les Planches nicht beſetzt hielt. Am Nacmittag erreichte die Avantgarde bereits und di Pontarlier, üherzeugte ſich von der Anw ſenheit der Franzoſen eneine und wurde ſogleich mit ihnen in ein heftiges Gefecht verwickelt. e i Den Feinden war es wie ein Wunder. Wohin ſie ſich tte 2 wandten, überall fanden ſie dentſche Truppen. Das mußte das gate * — 486 Werk des Satans ſein, es konnte unmöglich mit rechten Dingen zugehen. Selbſt hier, wo ſie ſich für den Augenblick ſicher glaubten, ſelbſt hier ſtürmten dieſe entſetzlichen Leute auf ſie ein, die immer Sieger blieben, und warfen ſie nach einem hartäckigen Kampfe um die Dörfer Lombacourt und Chaffois auf Pontarlier zurück. Der Schrecken war furchtbar, nur ein einzigev Offizier der Fran⸗ zoſen hatte bis zum letzten Augenblicke Stand gehalten, und dieſer war erſt ſeit zwei Tagen in der Armee, nur er allein ſchritt den Soldaten vorauf, warf ſich gleich einem Löwen dem Feinde entgegen und kämpfte, als ob der Tod auf dem Schlacht⸗ felde ſein einziges Streben ſei. Als das Gefecht ſo heftig wurde, daß ſie ſich Mann an Mann gegenüberſtanden und mit einander ran⸗ gen, ſah er ſich von einem dichten Haufen von deutſchen Solda⸗ ten umgeben, aber er hieb ſich hindurch, und grade in dieſem Augenblicke wurde zum Sammeln geblaſen, der Kampf war zu Ende, und ein kühner Sprung über den Graben rettete ihn vor Gefangenſchaft. Drüben ſank er wie gebrochen zuſammen. — Abermals ein verlorener Tag, ſtöhnte er laut, abermals und immer wieder geſchlagen! D Gott. o Gott, giebt es denn keine Rettung? Lange lag er ſo, die Arme anf der kalten Erde gekreuzt, das Haupt tief darin verborgen, dann richtete er ſich empor. — Weiter, Montalto, ſagte er, weiter auf Deinem qual⸗ vollen Wege! Du ſuchſt vergeblich die Ehre oder den Tod. kämpfe denn, kämpfe und waſche Dich rein in Feindesblut! Mühſam ſtand er auf, ihm war es, als läge Blei in ſei⸗ nen Gliedern, er ſtützte ſich auf ſeinen Degen, indem er auf Pon⸗ tarlier zuſchritt. Da kam ihm ein kleiner Trupp deutſcher Soldaten entgegen. — Ah. noch ein Gefangener! rief der Offizier lachend. Drauf Mack, und halt ihn feſtl Der Hund ſprang an dem Herzog empor und bellte laut, dieſer wehrte ihn mit einem Fußtritt ab, dann hob er den De⸗ gen, um ſich zur Wehre zu ſetzen. — Aha, rief der Lieutenant, das iſt der Oſfizier, deſſen X un di — als enn das un ſei⸗ on⸗ ſher end⸗ laut, L⸗ ſſen — 487— apferkeit ich vorhin ſchon bewundert habe. Dennoch muß ich um Ihre Waffen bitten. — Nehmen Sie lieber mein Leben! verſetzte Jener mit düſterer Stimme. In dieſem Augenblick flüchtete ſich ein kleiner Haufe von Franzoſen vorüber. — Dürfen wir uns die holen? fragten die Soldaten 8 — Meinetwegen, ſagte der, wenn ſie Euch nicht zu ſchnell⸗ füßig ſind. Die Deutſchen liefen davon den Flüchtlingen nach, denn es war ein Vergnügen, Gefangene einzubringen. Der Lieutenant ſtand plötzlich allein dem Herzog g genüber, und fragte ſich, wer denn nun in der Gewalt des Andern ſei. Den Franzoſen hatte er gleich einem Wüthenden kämpfen ſehen er ſelber hielt ſich weder für feig noch für ung ſchickt, und doch mochte er es hier nicht gerne mit einem Gegner aufnehmen, wo es keinen offenen Kampf, ſondern ein Duell ohne Zeugen galt. In dieſer Verle⸗ genheit faßte er ſich ſhnell, er zog ſein Notizbuch aus der Taſche, reichte dem Herzog mit einer höflichen Verbeugung ſeine Karte und ſagte lächelnd: — Es hat mich ſehr gefreut, die Bekanntſchaft eines ſo tapferen Offiziers zu machen, und herzlich will ich wünſchen, Ihnen niemals wieder in einer Lage zu begegnen, die ſo wenig Angenehmes für Sie hat. Wo es auf friedlichem Boden geſchieht, werde ich immer gern bereit ſein, Ihnen zu dienen. Wenn Sie die Güte haben wollen, mir Ihren Namen zu ſagen? — Meinen Namen, anwortete Montalto, ich habe ihn ausgelöſcht. Findet min mich unter den Todten, ſo wird man auf das Kreuz über meinem Hügel die Worte General Hermann ſetzen, erhält mir jedoh das Schickſal dieſes fluchwürdige Daſein, dann ja, dann ſoll Niemand je erfahren, wer jener Unglückliche war, der für Frankreichs Ehre blutete und ſeine eigene nicht rein zu waſchen vermochte. Er kehrte ſich ſchnell um und ging. Der junge Lieutenant ſah ihm lange mit befremdetem Kopfſchütteln nach. Plötzlich fühlte der Herzog die Karte in ſeiner Hand und las ſie beim 7 — 488— Schein der untergehenden Sonne. Auf dem geglätteten Papier ſtand: Eugen, Graf Iſſelhorſt, Kandidat der Rechtswiſſenſchaften. — Wieder ein Iſſelhorſt, dachte er, muß ich denn dieſen Brüdern immer und überall begegnen, und wo ich ſie ſehe, habe ich ihren Edelmuth zu bewundern! Schrecklicher Krieg, der Bluts⸗ verwandte einander gegenüberſtellt, der uns zwingt, diejenigen zu tödten, die wir als Freunde achten und lieben möchten! Als er zu ſeinem Quartier zurückkehrte, fand er dort eine furchtbare Beſtürzung. Die Franzoſen hatten in dieſem Gefechte ſiebzehn Kanonen und fünftauſend Gefangene verloren. Noch ließ ſich dieſer Schaden nicht ganz überſehen, doch war er groß genug, um ſich ſchon im Augenblick merkbar zu machen. Dazu waren die Deutſchen auf allen Punkten vorgeſchritten, zwei Ge⸗ nerale wurden vermißt, und man hatte große Urſache zu glauben, daß auch ſie in die Hände der Sieger gefallen waren, und grade an Offizieren herrſchte ein ſolcher Mangel, daß man ihren Ver⸗ luſt ſehr ſchmerzhaft empfand. Koch hielten die Franzoſen Frasne, doch ſchon am folgenden Abend drangen die Deutſchen auch hier ein, verjagten die Feinde nach einem nur kurzen Gefechte, beſetzten den Ort und machten abermals dreitauſend Gefangene. Und war auch das noch nicht Elend genug? Am Einunddreißigſten wurde nach einem lebhaften Gefechte bei Vaux der Straßenknoten St. Marie genommen, der den Franzoſen überaus wichtig geweſen war, und wo jetzt die Deutſchen ihren Nachſchub bequem heranziehen konnten. Das Schickſal der Armee war entſchieden, es war das der kaiſerlichen Truppen bei Sedan, es war Ergebung, Gefangennahme.. Hatte ſolch eine Schmach die Franzoſen auf Befehl des verhaßten Napoleon treffen können, ſo durften doch Republikaner nicht in dieſer Weiſe handeln, ſonſt mußte man von ihnen ſagen, daß ſie nicht beſſer ſeien, als ihre Vorgänger. K Das Kaiſerhaus konnte zu Grunde gehen, deswegen beſtand doch Frankreich noch, aber die Republik, das war das Land, das Wort bedeutete die Zuſammengehörigkeit aller Franzoſen, und ier ſen abe its⸗ gen eine chte och roß oh ben, rade Ber⸗ den ide hien nicht echte den hen der hei eine leon eiſe eſſer and das — 489— wenn auch ſie nichts leiſten konnte, ſo war es aus mit Frank⸗ reich, aus für immer. Das fühlte der Herzog von Montalto mit tiefem, bitterem Schmerze. Er ſah die Rathloſigkeit der Offiziere, den Mangel an Gehorſam und an Kampfesluſt bei den Soldaten, und gab ſein Vaterland für verloren. Wie durch ein Wunder war er wieder zum Heere gekommen. Als Kriegsgefangener ſaß er in einem Wagen der Eiſenbahn, ihm gegenüber ein preußiſcher Offizier. Der Zug war mit franzöſiſchen Soldaten überfüllt, die lachend, ſingend und gemeine Späße machend ihre Heimath verließen. Er allein ſaß trübe und in ſich geſenkt, er antwortete wenig auf das freundliche Zureden ſeines Begleiters ſtarr blickte er auf Frankreichs ſchneebedeckte Felder, auf die verbrannten Dörfer, auf die menſchlichen Gebeine, die hier und da aus dem lockeren Boden hervorſtarrten. — Unglückliches Land, du biſt verloren, dachte er, die Blüthe deines Reichthums iſt geknickt, dein Ruhm geſunken, nur eine gewaltige Erhebung vermag dich zu erretten, doch wo iſt der Mann, der ſie hervorzurufen vermöchte? Bin ich es? O nein, ein ſchuldbeladenes Haupt darf nicht nach Lorbeern verlangen, eine blutbefleckte Hand iſt nicht würdig, die Fahne Frankreichs zu ſchwingen Ach und wir haben Niemand, Niemand, der es vermöchte, gleich jenem erſten Napoleon, die ganze Nation zum Kriege zu entflammen, unſer Volk iſt ſittenlos und feige geworden! Die Reiſe war nicht ſehr gemüthlich. Der preußiſche Offizier fror und langweilte ſich ſeinem ſtummen Begleiter gegenüber. Auf einer der Stationen ſtieg er aus, um den Zug entlang zu gehen und nachzuſehen, ob Alles in Ordnung war. Die Thür des Wagens blieb geſchloſſen, Schildwachen gingen nahe bei ihm auf und ab, es war dafür geſorgt, daß Niemand entſchlüpfte, doch ſtanden die Fenſter offen, um die Luft von dem Tabacksrauch zu entleeren, der ſich in dem Wagen angeſammelt hatte. Da flog plötzlich ein ſchweres und dunkles Packet zu dem Herzog hinein. Die Schildwache mochte ſich grade umgewandt haben und bemerkte es nicht. Der Herzog wollte den Kopf zum Fenſter hinaus ſtecken, um nachzuſehen, wer ihn ſo ſeltſam be⸗ ſchenkte, doch ſah er in demſelben Augenblick ſeinen Reiſegefährten — 490— zurückkommen und hatte nur noch Zeit, den Ballen mit dem Fuße unter die Bank zu ſchieben. Der Offizier wickelte ſich in ſeinen Mantel, drückte ſich in die Polſter und ſchlief ein. Als ihn Montalto gleichmäßig athmen hörte, bückte er ſich vorſichtig, um den Ballen zu unterſuchen. Er fand die Uniform eines preußiſchen Jägers Hirſchfänger und Mütze fehlten nicht, es war Alles in Ordnung. Jetzt wußte er, was er zu thun hatte. Er kleidete ſich ſo leiſe wie möglich um und es gelang ihm, dies zu bewerkſtelligen, ohne daß der Offizier erwachte. Wäre er munter geworden, er hätte ihn mit der Waffe durchbohrt, jetzt dankte er Gott dafür, daß er ihn vor einem neuen Morde behütete. Als er fertig war, warf er ſeine eigenen Sachen unter die Bank, hüllte ſich feſt in ſeinen Mantel, ſteckte die Mütze in die Taſche und behielt das Käppi auf, ſo daß der Offizier, als er erwachle und ſich zu recken begann, nichts von Alledem bemerkte, was vorgegangen war. Kaum konnte Montalto die Zeit erwarten, bis ſie wieder an einer Station anlangten. Zu ſeiner großen Freude ſtieg der Offizier abermals aus, und kaum war er hinaus, ſo warf der Herzog ſeinen Mantel ab, vertauſchts ſeine Kopfbedeckung mit der grünen Mütze und trat auf den Perron, als ob er dahin gehörte. Niemand fand das auffallend, er aber bemerkte wohl, wie der Offizier zurück kam und ſchlich ſich um die Ecke. Bald war ſeine Flucht entdeckt worden, die Soldaten ſuchten ihn, er aber verkroch ſich in einen Schuppen und wartete mit klopfendem Herzen. Endlich raſſelte der Bahnzug wieder ab, er war gerettet. Dreiſt trat er hinaus und ging quer durch das Feld in den Wald hinein. Doch nun erſt begannen ſeine Gefahren. Kaum war er im Gehölze, als ihn ein Kerl mit ſchwarz gefärbtem Geſichte anfiel und ihn zu Boden ſchlug. Sogleich ſprangen noch drei, vier andere hinzu und hieben auf ihn ein. Er redete ſie franzöſiſch an, doch was half ihm das, viele der deutſchen Soldaten ſprachen dieſe Sprache ſo gut wie die eigene, und er trug preußiſche Uniform. Sollte er ihnen ſeinen wirk⸗ c — 491— lichen Namen nennen? O nein, er hatte es ſich geſchworen ihn nicht zu verrathen. Da fiel es ihm zum Glück ein, daß er ſein Notizbuch zu ſich geſteckt hatte. Dies wurde ſeine Rettung. Nur einer der Strolche verſtand zu leſen, ihm wurde es mit Mühe klar, daß dieſer Mann, den ſie todtſchlagen wollten, vielleicht wirklich ein geflüchteter franzöſiſcher General ſein könnte, da er Briefe an den Oberſten Hermann bei ſich führte. Sie ſchleppten ihn mit ſich, obſchon er blutete und ſich kaum auf den Füßen zu halten ver⸗ mochte. Hatten ihn die Deutſchen mit allen nur möglichen Rückſichten behandelt, ſo mußte er unter der Rohheit ſeiner eigenen Landsleute leiden. Gezogen, geſtoßen, mit den Gewehr⸗ kolben geſchlagen kam er endlich zu einem Hauſe, wo eine ganze Bande von dieſem Geſindel hauſte, die unter dem Deckmantel der Vaterlandsvertheidigung raubte und plünderte. Es waren noch einige jener Mordgeſellen darunter, die ehemals unter der Anführung des Todten geſtanden hatten. Jetzt war der Pole Iwan ihr Anführer. — Wen bringt Ihr da? Einen Preußen? Ha, brave Bur⸗ ſchen, der kommt zur rechten Zeit, um unſere Brüder an ihm zu rächen Wißt Ihr, daß dieſe ſchändlichen Deutſchen wieder ſechs von uns gegen eine alte Mauer geſtellt und erſchoſſen haben? Aber ſie ſollen es büßen, die verdammten Hunde! Bringt einen Strick herbei, ich will dieſen Burſchen an einen Baum binden und mich daran freuen, wie er langſam verhungert. — Aber Hauptmann, fiel einer der Männer ein, dieſer Menſch behauptet, er ſei ein Franzoſe und Oberſt in Chanzy's Armee geweſen. — Ah pah, das kann ein Jeder ſagen! Wie will er es beweiſen? — Durch dieſe Papiere. — Die er irgendwo geſtohlen hat. Aber laß ſehen. Hm! Ein Brief des General Chanzy, ein Zettel, unterzeichnet Leo Rellac„Kerl, wo haſt Du dieſe Brieftaſche her? Der Herzog biß ſich auf die Lippen, ihn ſchauderte vor der Rohheit dieſer Menſchen, ſie ſchienen ihm wie wilde Beſtien, die — 492— Gambetta losgelaſſen hatte, damit ſie die Feinde vernichteten, und die ſich nur mit Blutgier auf ihre eigenen Herren warfen. Wür⸗ devoll richtete er ſich empor. — Ich bin der Oberſt Hermann, ſagte er, und in dieſer Verkleidung entflohen, um als General in Bourbaki's Armee einzutreten. Ich verlange, daß Ihr mich dorthin führen laßt. Das iſt nicht weit, verſetzte Jvan. Ich bin doch begierig zu ſehen, ob das Lüge oder Wahrheit iſt. Zwei von Euch ſollen ihn hinbringen. Aber das ſage ich Dir, haſt Du mich getäuſcht ſo laß ich Dich bei den Beinen aufhängen und Feuer unter Dei⸗ nem Kopfe anmachen. Der Herzog zuckte verächtlich die Achſeln. Wenig Stunden darauf befand er ſich bei dem Heere, wo ihn Viele kannten und wo er mit Freuden aufgenommen wurde, denn damals lebte noch Hoffnung in den Herzen der Franzoſen. Und jetzt, jetzt nach kaum drei Tagen des Kampfes an der Schweizer Grenze jetzt war Alles verloren! 59. Kapitel. Trochu's Abſetzung. ſchäft, das Aufräumen eines Schlachtfeldes. Bei Paris arbeiteten Tauſende mit allem Eifer, um die Spuren des letzten großen Ausfalls zu verwiſchen. Man grub weite und tiefe Gräben und legte die Leichen der gefallenen Kameraden ſchichtweis hinein. Wie verſchieden ſahen ſie doch aus! Wen der Tod plötzlich überraſcht hatte, der lag faſt mit lächelndem Geſichte da, die Augen oft wie im ſanften Schlafe geſchloſſen, doch, wer unter Leiden ſeinen Geiſt ausgehaucht hatte, bei dem zeigten ſich die Züge erſt gräßlich verzerrt, die Augen ſtarrten weit aufgeriſſen und mit dem erloſchenen Blick der Verzweiflung⸗ die Hände waren zuſammengekrampft, die Glieder Es iſt ein ſchauerliches Ge und eſer mee zu llen ſcht Dei⸗ den und lebte der eines Eifer. Nan Uenen ſt nit chlfe hutt Augen 1 1 Glieder — 493— verrenkt) Deutlich ſah man es hier, wie das Leben mit dem Tode gerungen hatte, wie es nur nach zähem Wiederſtande die irdiſche Hülle verließ, und wie es widerwillig dem ſchrecklichen Sieger Tod erlag. Mit ruhig ernſtem Geſichte ſtand der Unteroffizier an dem Grabe und verzeichnete in ſein Buch die Namen der Gefal⸗ lenen und die Art des Todes; Beides zu ermitteln, war nicht ſchwer, denn jeder Soldat trug ein Täfelchen mit ſeinem Namen und Heimatsorte auf der Bruſt. Was er an Werthſachen bei ſich hatte, das wurde als An⸗ denken für die Hinterbliebenen geſammelt, und ſorgfältig aufbe⸗ wahrt, dann ſchollerte die Erde auf die Leichen herab, die Kame⸗ raden ſprachen ein kurzes Gebet und gingen zu dem nächſten Haufen von Todten. Dieſe ſchmerzliche Arbeit konnte nicht vor⸗ ſichtig genug geſchehen, damit die volkreiche Stadt und ihre Um⸗ gebungen nicht unter dem Peſthauche der Verweſung zu leiden hätten war doch ohnedies Unglück genug über Paris hereinge⸗ brochen. Die Leichen der auf von Deutſchen beſetzten Gebieten ge⸗ fallenen Franzoſen wurden beſonders eingeſcharrt, Hier war es freilich unmöglich, die Namen der Verſtorbenen zu wiſſen, und manche Mutter, manche Braut mag wohl lange auf den geliebten Sohn oder Bräutigam gewartet haben, den ſie vielleicht unter den Gefangenen wähnten und der nun ſchon tief in der Erde ruhte, ein trauriges Opfer des Unverſtandes, der dieſen grauſigen Krieg begonnen hatte. Während nun bisher nur die menſchlichen Leichen in die Gruft gebettet wurden, ſcharrten die Train Solda⸗ ten auch die Pferde da ein, wo ſie krepirt waren, dann brachte man die zerbrochene Monitionskarren und Laffetten, die weggewor⸗ fenen und unbrauchbar gewordenen Waffen, die Torniſter, Käppis und andere Dinge die in großer Menge das Schlachtfeld bedeck⸗ ten, in Haufen zuſammen und zündete ſie an, ſo daß die Flammen hell aufloderten. Dieſe Feuer, die auf der ganzen Ausdehnung des Schlachtſeldes brannten, trugen weſentlich dazu bei, die Luft zu verbeſſern und die grauen Wolken zu zerſtreuen, die noch mmer auf der Wahlſtatt ruhten, als ob Gott ſelber ſie in einen Trauerflor einhüllte., — 494— Die Arbeit dauerte den ganzen Tag und noch den folgenden, doch ſchon am dieſem begann die Belagerung von Paris eine ganz veränderte Geſtalt anzunehmen. Bisher hatten die Deut⸗ ſchen die Stadt nur feſt umſchloſſen, um ihr die Zufuhr an Le⸗ bensmitteln und Mannſchaften abzuſchneiden, bisher hatten ſie ſich ruhig verhalten und abgewartet, bis die Franzoſen hervor⸗ brachen und ſie angriffen. Jetzt aber wurde es anders. Am einundzwanzigſten Januar begann die Beſchießung, welche ſchon in den letzten Tagen begonnen hatte, auch gegen St. Denis, einem der wichtigſten Punkte der Umgebung von Paris, und bald bemerkte man, daß es daſelbſt brannte. Wohl mag den Bela⸗ gerern bei dieſem Anblick das Herz geblutet haben, denn alle dieſe franzöſiſchen Ortſchaften ſind überaus reizend und intereſ⸗ ſant, durch geſchichtliche Erinnerungen an die glänzende Vergan⸗ genheit des Volkes. Zu gleicher Zeit begann das Feuern auf die Vorſtädte von Paris in verſtärktem Maße. Welch ein Zuſtand! Mitten in die Straßen der Städte fielen die Bomben und platzten und riſſen Häuſer und Menſchen entzwei. Schreiend ſtürzt ein Weib durch die Straßen von Paris, ihr erſchlagenes Kind in den Armen, ſie fordert Rache für den verlornen Liebling, ihr Jammer durchdringt die Lüfte. Vergeblich ſuchen ſie die Leute zu beruhigen. — Fort ſchreit ſie, fort! eilt hinaus auf die Mauern, ſchießt ſie nieder dieſe ſchändlichen Deutſchen, die das Kind im Mutterleibe nicht verſchonen! O gräßlich, gräßlich! Ich hatte es genährt, dieſe ganze Jammerzeit hindurch, mir ſelbſt vom Munde fortnahm ich das Brot, ich war ſo glücklich, daß es noch am Leben war, als ſchon ſo viele ſtarben. Und jetzt 0 ſeht doch, wie es da⸗ liegt, wie das Köpfchen blutet.. ach, ich werde es ewig vor den Augen haben, dieſes gebrochene Augenpaar, ich werde ewig den Preußen fluchen, die mir mein Kind gemordet haben! Ihr Geſchrei wurde übertönt, denn eben nahte ſich ein Zug von Bellevilliten, ſie ſahen ſchrecklich aus, Noth und Kummer lagen deutlich auf den bleichen Geſichtern und in den hohlen Wangen, aber die Augen erglänzten wie im Wahnſinn. Sie ſangen, nein, ſie brüllten den Schlachtgeſang der Franzoſen, ſie — den, eine Nut⸗ Le⸗ ſie vol⸗ Am chon enis, hald Bela⸗ alle tereſ⸗ rgan⸗ on ndie riſſen ducch n, ſie dringt it ſe e nicht dieſe m ich r, als es da⸗ ig vor e ewig n hig ummer hohlen Eie ſen, ſi waren nur zum Theil bewaffnet, doch ihre ſtarken Arme, und die Wuth, die aus ihren Blicken leuchtete, machten ſie zu einer ſchrecklichen Macht. Von der anderen Seite kamen Rationalgardiſten, g ſetzte Bürger, die ſonſt wohlhabend geweſen ſein mochten und die jetzt faſt Alles verloren hatten. Sie wollten mit den Bellevilliten reden, ſie zur Ruhe ermahnen, einige Männer traten vor ſie hin und redeten auf ſie ein, ſie aber tobten lauter und lauter. — Wir ſind verrathen! rief Einer von ihnen, Trochu verräth uns an die Preußen, er führt unſere Soldaten hinaus, nicht damit ſie ſiegen, nein, damit ſie todtgeſchoſſen werden. Warum fallen alle Granaten bei uns ein, warum ſchonen ſie die reichen Viertel? Iſt es nicht klar? Man will aufräumen mit den Armen, erſt tödtete man uns durch Hunger und Kälte, aber wir ſind an ein elendes Leben gewöhnt und ertrugen ge⸗ duldig alle Leiden. Da ſahen ſie, daß ihr Mittel nicht ſchnell genug wirkte, und nun begann das Bombardement und nun ſehen wir unſere Weiber, unſere Kinder mit ihrem Blut das Pflaſter färben! Der das ſprach, war ein ſtark knochiger Mann mit harten Zügen. Die Uebrigen riefen ihm Beifall zu. — Ja, fuhr er fort, laßt nur die Preußen hereinkommen, wir we den uns unſerer Haut zu wehren wiſſen, und Keiner ſoll die Stadt lebendig verlaſſen! Plötzlich entſtand eine Bewegung unter der Menge, ein Mann trat hervor, deſſen bleiches Geſicht, deſſen fanatiſches Auge Allen bekannt war. — Oh, Rochefort, riefen die Leute, laßt Rochefort ſprechen, hebt ihn empor, wir wollen ihn ſehen! Dieſer noch junge Menſch hatte durch ein Flugb'att, welches er die Laterne benannte, den Haß gegen Louis Napoleon furcht⸗ bar geſhütt, ſchon dadurch war er der Held des Volkes gewor⸗ den. Jetzt in dem Kriege ſtellte er ſich an die Spitze der ſoge⸗ nannten Bar ikadenkommiſſion, welche die St dt vertheidigen wollte. Zwei handfeſte Kerle hoben ihn ſich auf die Schultern, und — 0— die Uebrigen, unter die ſich viele Weiber miſchten, jauchzten ihm zu und ſchwenkten Tücher und Hüte. — Vivat, Rochefort, es lebe der Laternenmann! Der Gefeierte dantte. — Bürger! ſagte er, Ihr ſeid auf dem rechten Wege. Zu lange ſchon ermüdet man Eure Geduld durch eine ſchmähliche Art der Kriegsführung. Verrath und Schwäche nagen an un⸗ ſerem Glücke und drohen es gänzlich zu zerſtörgn. Aber wir werden es nicht dulden, daß das edle Volk von Frankreich, daß Paris, die Hauptſtadt der Welt in den Abgrund geſtürzt werde. Auf zum Stadthauſe, auf zur Kommandantur! Trochu muß uns Rede ſtehen, er muß ſich verantworten über dieſe letzte Nieder⸗ lage, welche ſchmachvoller war, als alle früheren. Fürchtet Euch nicht, denn Euch dem ſouveränen Volke muß er Rede ſtehen. — ZJa, rief es aus tauſend Kehlen, fort zu Trochu, nieder mit dem Verräther! Der Haufe wälzte ſich ſchreiend und ſingend durch di. Straßen und wuchs von Minute zu Minute an, die National⸗ garden verſuchten es vergeblich, der Unruhe zu ſteuern, ſie wurden bei Seite gedrängt, beſchimpft, ja, geſchlagen. Ein Haufen MWobilgarden, welcher beordert war, ſich den Bellevilliten entge⸗ genzuſtemmen, machte ſogleich Brüderſchaft mit ihnen, ſie tauſchten ihre Branntweinflaſchen gegenſeitig aus, ſie ſielen ſich in die Arme und riefen ſich ein Lebehoch über das andere zu. Die Weiber ſchrien dabei am tollſten, ſie waren unerſchöpflich im Erfinden von Schimpfwörtern gegen die Nationalgarden und fielen den Mobilen um den Hals und nannten ſie Brüder und treue Freunde. Rochefort und einige andere Volksmänner wurden von den Leuten getragen, von den Frauen mit Schmei⸗ cheleien überhäuft, und ſo ging es weiter unter fürchterlichem Geſchrei, in das die Kinder jubelnd einſtimmten denn es fehlte nicht an dem Heere der Straßenjungen, die den Zug pfeifend und kreiſchend begleiteten. Endlich gelangten ſte zu Trochus Wohnung und hier drängte ſich Alles hinzu, um Zeuge ſeiner Abſetzung zu ſein, die bei dem Volke beſchloſſene Sache war. Der Aufſtand kam ihm nicht 3u hliche un⸗ ir doß verde. ß uns ieder⸗ Gych n. nieder h di. ional⸗ urden fen entg⸗ uſchten in di jyfich n und und männet Sine erlichen ſchl fifind — 497— unerwartet. So lange der Krieg dauerte, war ein jeder ge⸗ ſchlagene General für einen Verräther erklärt worden, wie konnte er hoffen, dem gleichen Schickſal zu entgehen. Doch ließ er ſeine Thür von Nationalgarden und Linientruppen bewachen, und dieſe wehrten dem Volke den Eingang. Um deſto toller tobte die Menge. Waren ſie nicht das allgebietende, das ſouveraine Volk, mußte der General ſie nicht hören? Ha, wenn er nicht ein Verräther wäre, warum ſcheute er ſich, vor ihnen zu er⸗ ſcheinen? Seine Schuld war alſo erwieſen. — Heraus mit ihm! brüllten die Männer. — Holt ihn, zerreißt ihn, werft ſeine Leiche in das Waſſer! kreiſchten die Weiber. Es war ein furchtbares Drängen gegen die Thür, aber die Soldaten hielten die Chaſſepots vor und wehrten die Menge ab, die tobend hin und her wogte. Endlich trat einer der Redner vor und ſprach von der Treppe herab zu dem Volke. — Bürger, ſagte er, der General Trochu kann Euch nicht Alle in ſeiner Wohnung empfangen, erwählt eine Deputation, die mit ihm unterhandeln ſoll. Das Wort erfreute die Bellevilliten, es war ihnen alſo das Recht zugeſtanden, den General vor ihr Gericht zu fordern. Sie ſchrieen einige Namen, ein paar Haupturheber des Skandals drängten ſich vor und verlangten den Eintritt in die Zimmer des Generals, der ihnen auch geſtattet wurde. Trochu trat ihnen nicht ohne Würde entgegen. — Bürger, ſagte er, Ihr ſeid mit Recht traurig über Frankreichs Mißgeſchick, aber glaubt mir, daß ich keine Schuld daran trage. Ich gehe zu dem Stadthauſe, um meine Stellung als Oberkommandant der pariſer Armeen niederzulegen, folgt mir dahin und ſeht, daß ich zwar unglücklich, aber kein Ver⸗ räther bin. Die Leute waren mit dieſer Rede ſehr zufrieden, Trochu gab ihrem Unwillen nach und legte ſeine Stelle nieder, was konnten ſie mehr von ihm verlangen? Das Volk jauchzte Bei⸗ D. V. Th. II. 32 — 498— fall, als es das vernahm, und wälzte ſich nach dem Sitze der proviſoriſchen Regierung von Paris. Hier aber ſtanden Nationalgarden und Linienſoldaten und ſuchten die Freiheit der Berathungen zu ſchützen, doch ſie ver⸗ gaßen, daß es keine Regierungsgewalt in Paris gab außer der, de in den Händen des Volkes lag. Als ſie vor ihren Augen die Chaſſepots luden, flogen ihnen Steine an die Köpfe, und es bedurfte der ganzen Gewalt, welche die Volksredner beſaßen, um noch ärgeren Unfug zu verhindern. Rochefort und Flourens gaben ſich alle nur erdenkliche Mühe, die aufgeregten Gemüther zu beſchwichtigen und die Ordnung wieder herzuſtellen. Sie ver⸗ ficherten, daß nicht mehr Trochu das Oberkommando führe, daß er es an den General Vinoy abgegeben habe und nur noch Mitglied der Regierung ſei. Das beruhigte die Menge für den Augenblick, denn nun erwarteten ſie neue und kräftige Maßregeln gegen die Feinde. Sie verließen den Platz und wollten in ihre Quartiere zu⸗ rückkehren, da hörten ſie plötzlich ein Geſchrei. In einer Gaſtſtube hatte ein Mann verſchiedene Bemerkungen in ein Taſchenbuch eingeſchrieben, und ein neugieriger Burſche, der ihm über die Schulter ſah, hatte bemerkt, daß das, was er ſchrieb, nicht fran⸗ zöſiſch war. Sogleich theilte er das den anderen Gäſten mit. Was konnte der Mann anderes ſein, als ein preußiſcher Spion? Sie drangen auf ihn ein und verlangten das Buch zu ſehen, der Mann zog ein ſpaniſches Rohr aus der Taſche, an deſſen Ende ſich eine eiſerne Kugel befand, und ſchlug damit um ſich. Dieſe Waffe, ein ſogenannter Todtſchläger, reizte die Leute auf das Aeußerſte, ſie entwanden ihm das Mordinſtrument und ſchlugen ihn mit den Fäuſten. Vergeblich ſchrie er, er ſei ein Poliziſt, das verſchlimmerte nur noch ſeine Sache. Dieſe Menſchen, die oft genug Urſache hatten, die Gerech⸗ tigkeit zu ſcheuen, haßten nichts ſo ſehr, als die Polizei, welche im Vecborgenen nach Verbrechern ſucht und ihre Spur verfolgt, wie der Hund ein Wild. Auch waren ſie jetzt ſchon zu weit mit ihm gegangen, er mußte ſterben, damit er ſie nicht in das Ver⸗ derben ſtürzen konnte. Sie riſſen ihn auf die Straße. — eder und ver⸗ der, ugen d es „um urens nüthet e vel⸗ daß noch r den regen ere zl⸗ ſtſube nbuch „ die tfran⸗ en mit. Spion? en, der Ende Bie ut und ſei ein gerech welht veit mit s Per⸗ — 499— — Ein Spion, ein preußiſcher Spion! rief es von allen Seiten, die Weiber ſtürzten ſich auf ihn und riſſen ihm das Zeug vom Leibe, die Jungen zerrten an ſeinen Armen und Beinen, er fiel, ſie ſtießen ihn empor, er blutete über und über, und ſie verhöhnten ihn, ſein gräßliches Schmerzensgeſchrei erregte nur Jubel ſtatt des Mitleids. — Fort zum Waſſer, wir müſſen doch ſehen, ob die Preußen ſchwimmen können! hieß es. Der Unglückliche war halb todt. Sie ſchleppten ihn fort bis an das Ufer der Seine, hier banden ſie ihn auf ein ſchmales Brett und warfen ihn unter lautem Gelächter in den Strom. Aber das Waſſer trug ihn an das Land zurück. Da nahmen die entmenſchten Weiber Stangen und ſtießen ihn wieder hinunter in die Fluth, das Brett ſtülpte um, er verſchwand unter dem Waſſer und tauchte wieder auf, um abermals hinabgeſtoßen zu werden, ſo kam er drei Mal an die Oberfläche, und drei Mal jubelten die gräßlichen Menſchen auf und hieben mit den Stangen nach ihm, bis ihn der Strudel faßte und er den Strom hinab⸗ ſchwamm.. eine Leiche.. Selbſt Rochefort ſah ein, daß ſolch eine zügelloſe Grauſam⸗ keit die Pariſer in den Augen aller edeldenkenden Leute für ewig entwürdigen mußte, und ſuchte ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben. Er forderte ſie auf, Barrikaden zu bauen, und obgleich Arbeit ihnen nicht grade das war, was ſie ſich wünſchten, willfahrten ſie doch ſeinem Begehren. Es wurden Pflaſter aufgeriſſen, Steine herbeigeſchleppt, und bald wuchſen in vielen Straßen rieſenmäßige Feſtungswerke empor, die fürs Erſte keinen anderen Zweck zu haben ſchienen, als den, die Paſſage zu hemmen. Man mußte über die Barri⸗ kaden hinwegſteigen oder den dort wachehaltenden Bellevilliten einen Zoll bezahlen, für Fuhrwerke gab es keine Möglichkeit, durch die Straßen zu kommen, und die Leichenwagen— denn andere gab es kaum noch in Paris— mußten große Umwege machen. Doch begnügte ſich der Barrikadenkommiſſarius noch nicht 32* — 500— mit dieſen Vorſichtsmaßregeln, er ließ Häuſer durchbrechen, um für den Fall, daß die Preußen in Paris eindrängen, eine beſſere Vertheidigungsart zu ermöglichen. Jedes Haus ſollte eine Feſtung ſein, und alle Feſtungen ſollten mit einander in Verbindung ſtehen. Unter allen aber ſollten explodirende Kugeln liegen, um die Preußen, falls es ihnen gelang, die Häuſer zu beſetzen, in die Luft zu ſprengen. Der Plan war nicht übel, aber er ſcheiterte nicht ſowohl an dem Geſchrei der Bewohner, bei denen die Wände zuſammenge⸗ ſchlagen wurden, als an der Faulheit der Bellevilliten, welche dieſes Zerſtörungswerk beſorgen ſollten. Wer konnte das ſou⸗ veraine Volk von Paris zwingen, zu arbeiten? Das wochten von nun an die Reichen thun, ſie aber wollten ſchwelgen und ihr Leben genießen, zuvörderſt aber blutige Rache an den Preußen nehmen. 60. Kapitel. Ein Krankenzug. Die krie geriſche Unruhe der letzten Tage hatte dem Grafen Rein⸗ hold von Iſſelhorſt keine Zeit gelaſſen, ſich nach ſeinem gefangenen Feinde umzuſehen. Und dennoch drängte es ihn, mit Hektor von Bellegarde zu ſprechen. Er war ein Freund Montaltos ge⸗ weſen, ihm hatte der Herzog Helenens Hand beſtimmt, und war er dieſes Schatzes auch gänzlich unwürdig, ſo ſchien es dem jun gen Grafen doch furchtbar, daß Hektors Leben in dieſer Weiſe enden ſollte. Grade, weil er ihm im Zweikampfe gegenubergeſtanden hatte, grade weil er Urſache hatte, ihn zu haſſen, fühlte er ſich veranlaßt, ihn zu erretten, damit ſein Tod nicht ein Gefühl der Rache befriedigte, das in Reinholds reiner Seele keinen eußen Rein⸗ ene eltot s g. wol jün Beiſe nden ſich einen — 501— Raum hatte. Der Mann, der Helenens Gatte hatte ſein ſollen, konnte ihm unmöglich gleichgültig bleiben, denn wie ſollte er dem Herzoge entgegentreten, wenn er nach Hektor fragte? Und war denn nicht ſchon Blut genug vergoſſen worden und konnte das Blut eines, wie es ſchien, kranken Menſchen dem Vaterlande irgend etwas nützen, und warf es nicht einen Schein gemeinſter Rachſucht auf Iſſelhorſt, wenn er den Mann todtſchießen ließ, ohne einen Finger für ihn zu rühren, deſſen Leben er doch im Zweikampfe zu ſchonen für ſeine Pflicht gehalten hatte, und den ſein Zeugniß vielleicht zu retten vermochte? Wohl ſagte es ſich Reinhold, daß Bellegarde in dem ent⸗ gegengeſetzten Falle ſchwerlich in gleicher Weiſe gegen ihn gehan⸗ delt haben würde, doch liegt es nicht in der Art edler Naturen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, Hektor war krank, war ge⸗ fangen, war dem Tode nahe, und Reinholds Fflicht mußte es ſein, dem Unglücklichen Beiſtand zu leiſten, ſo weit er es ver⸗ mochte, oder wenigſtens ſeinen letzten Willen in Empfang zu nehmen. Die Angelegenheit des Grafen ſtand ſehr ſchlecht, das hatte er bereits erfahren. Daß Hektor leugnete, Offizier zu ſein, er⸗ regte Mißtrauen gegen ihn, denn erſtens trug er noch den Uni⸗ formrock, wenn auch ohne Abzeichen, dann bewies es ſein ganzes Auftreten, und endlich fand man bei ihm ein Papier, einen mit dem Namen Venturo unterzeichneten Brief, in welchem er als Capitain angeredet wurde. Hätte er offenherzig geſtanden, wer er war, ſo hůtte man ihn ganz einfach als Kriegsgefangen betrachtet und nach Deutſch⸗ land geſchickt. Doch lag Offenheit nicht in Bellegardes Charakter. Er ſuchte ſich durch Lügen herauszuſchwindeln, und das machte ihn verdächtig. Er war, ſo berichteten die Würtemberger, die ihn gefangen hatten, im Walde und in der übelſten Lage auf⸗ gefunden worden, er hatte kein Geld bei ſich und war mit Li⸗ ſetten zuſammen gefunden worden, als ſie dem Turko und dem alten Weibe nachliefen. Alles Grund genug, Verdacht gegen ihn zu hegen, und ging es auch nicht, wie Reinhold und Hektor ſelber befürchteten, ſo — 502— ſchnell an's Erſchießen, ſo mochte ſich doch die Unterſuchungs⸗ haft noch lange ausdehnen, und vor dem Kriegsgericht war ihr Ende vielleicht ein blutiges. Der Graf Bellegarde befand ſich in der übelſten Stimmung, als er auf dem Bette im Lazareth lag. Offenbar hatte er ſeine Lage ſehr verſchlimmert, indem er eine Krankheit vorgab, von der die Aerzte kein ſichtbares Zeichen an ihm fanden. Auch merkte er das ſpöttiſche Gelächter, mit dem die Wärter auf ihn wieſen, und nur Maria Fiſcher, die bleiche Frau von Mainz, blieb auch ihm ein rettender und tröſtender Engel. Sie reichte ihm Speiſe und Trank und bat ihn, zu ruhen, denn ſie bemerkte es wohl, wie es hinter ſeiner finſteren Stirne arbeitete, und daß er Pläne ſchmiedete und vor Wuth kochte. Für Gabrielens ſanftes Gemüth gab es bei den Leidenden keine Schuld. Sie richtete nicht, ſie half, wo ſie es vermöͤchte, und überließ die Strafe Eott, dem Allgewaltigen. Liſettens lei⸗ dender Zuſtand flößte ihr ſo viel Mitleid ein, daß ſie darüber den ſittlichen Ekel vergaß, welchen jedes reine Weib einem gefal⸗ lenen gegenüber empfindet, und auch der Graf ſchien ihr nur ein Gegenſtand des Bedauerns, denn offenbar litt er furchtbar, ſei es durch eine Krankheit, die die Aerzte nicht aufzufinden ver⸗ ſtanden, ſei es durch irgend ein ſeeliſches Uebel, das als Sorge oder als Reue auf ihm laftete. Sie ſtand an ſeinem Bette und ſprach milde Worte zu ihm. — Fierchten Sie nichts, ſagte ſie, die Deutſchen vergießen kein unnützes Blut, und Ihrem Leben droht ſicher keine Gefahr. neberdies werde ich den Oberarzt bitten, daß er Sie noch einige Zeit hier läßt, und ich weiß gewiß, daß er mir einen ſo kleinen Wunſch nicht abſchlagen wird. Seien Sie alſo getroſt. Dieſer Krieg kann nicht mehr lange dauern, und der Frieden bringt ja Allen Glück und Ruhe wieder. Gabriele ſeufzte, indem ſie dieſe letzten Worte ſprach. Allen1 Auch ihr? O nein. Wenn der Krieg vorüber war, wenn ihr Samariterwerk vollendet, das Lazareth geſchloſſen, ſie ſelber ent⸗ laſſen würde.. was dann? Die wenigen Freunde, die ſie ſich während dieſer Zeit erworben hatte, der Graf von Iſſelhorſt, — 16⸗ ng eine von ckte ſen auch peiſe läne 5 Wilhelm Friſchmuth und ſeine beiden Kameraden, die ſie ſo herzlich lieb gewonnen hatte, ſie Alle kehrten dann in ihr deut⸗ ſches Vaterland zurück, und ſie blieb einſam. Nach Paris mochte ſie nie wieder gehen, ihr grauſte vor der Rohheit, die dort herrſchte, vor der ſittlichen Fäulniß, die das ganze franzöſiſche Volk ergrif⸗ fen hatte. Ach, und wie ſehnte ſie ſich ſchon wieder nach jenem Unbekannten, der ihr Leben in ſo ſeltſamer Weiſe beherrſchte, und der ihr zu zürnen ſchien, weil ſie den Ring weggegeben hatte, an dem das Schickſal ihres Hauſes hing. Ihres Hauſes! Was lag ihr daran, was an dem Reichthum, den dieſer Ring ihr verſchaffen ſollte? War doch ihr Kind für immer verloren! Freilich, als Arthur und Richard ihr am Herzen lagen, da glaubte ſie, die furchtbare Wunde, die ihr der Verluſt ihres Sohnes geſchlagen hatte, ſei geheilt, und mit grenzenloſer Zärtlichkeit gab ſie ſich den Knaben hin, vorzüglich dem, der ihrer Pflege am meiſten bedurfte, denn nur das Mitleid konnte es ſein, das ihr den verwundeten Arthur um ſo viel lieber machte, als ſeinen Bruder. Hätte ſie die Knaben noch bei ſich gehabt, ſie hätte mit Freudigkeit in die Zukunft blicken können, nun aber ſtand ſie allein, ganz allein in der weiten Welt. Um ſo inniger ſchloß ſie ſich an die Kranken an, die ſie zu pflegen hatte, und ſie dankten es ihr mit Weinen und Segensſprüchen. Nur dieſer eine Mann, dieſer Graf Bellegarde, blickte finſter vor ſich nieder, und hatte kein Ohr für ihre Troſtesworte, kein Verſtändniß für die unendliche Milde, die aus ihrem Weſen ſprach. Maria Fiſcher bemerkte es wohl und ihr ſchauderte vor dieſem kalten und verſchloſſenen Manne. Da trat plötzlich Rein⸗ hold Iſſelhorſt zu ihr, und als ſie ſein ſchönes offenes Antlitz ſah, da war es ihr, als würde es wieder warm in ihrer Bruſt, als müſſe aus ſeiner Nähe Leben und Freudigkeit überſtrömen. — Wie lange habe ich Sie nicht geſehen! rief Reinhold und küßte ihre Hand. Wir haben Ihnen viel Arbeit bereitet in die⸗ ſen letzten Tagen! — Ja, verſetzte Maria, der große Ausfall der Pariſer hat unſer Lazareth gefüllt, es iſt kaum Raum genug für ſo Viele — 504— die der Pflege bedürfen, und die erſt halb Geneſenen werden fortgeſchickt, um ſchlimmer Kranken Platz zu machen — Za, ich weiß es, ſagte Reinhold. Es ſind vortrefflich eingerichtete Eiſenbahnwagen von Deutſchland hergekommen, in denen die Betten an Ketten aufgehängt ſind, damit auch nicht die leiſeſte Erſchütterung den Kranken ſchadet. Die berühmteſten Profeſſoren und eine ganze Schaar junger opferungsfreudiger Männer haben ſich vereinigt, den Leidenden ſo ſanft wie mög⸗ lich in die Heimat zurückzubringen, wo ihre Pflege eine beſſere ſein kann, als hier in dieſen überfüllten Räumen. — Die Kaiſerin Auguſta ſelber gab ihren Beifall für dieſe Ausleerung der Lazarethe zu erkennen, welche von Würtemberg zuerſt eingeführt wurden, beſtätigte Maria, und noch niemals ſind die Verwundeten ſo herzlich gepflegt worden, wie unter dem Schutze dieſer hohen Frau und der übrigen Fürſtinnen, die ihrem erhabenen Beiſpiel folgen. — Wann geht der Zug ab? fragte Reinhold, ich möchte ihn ſehen. — In wenigen Stunden, antwortete Maria. Der Graf Bellegarde horchte hoch auf. Hier war vielleicht eine Gelegenheit zu entfliehen. O er vertraute auf ſein Glück und auf ſeine Klugheit. Erſteres hatte ihn ſchon zwei Male aus Talebs grauſamen Händen errettet und... er wäre kein Fran⸗ zoſe geweſen, wenn er ſich nicht für unendlich ſchlauer gehalten hätte, als all dieſe plumpen Deutſchen Er wartete geduldig, bis die Zeit für ſeine Flucht heran tam Reinhold trat zu ihm und fragte nach ſeinem Befinden. doch erhielt er nur höchſt einſilbige, mürriſche Antworten. — Fürchten Sie nicht, einen Feind vor ſich zu ſehen, ſagte der deutſche Graf zu dem franzöſiſchen. Wir kämpfen gegen eine Ration, aber nicht gegen Einzelne. Mir iſt es vielleicht möglich⸗ in kurzer Zeit nach Paris hineinzukommen, und kann ich Ihnen dort in Etwas nützen, ſo wird es mich freuen, wenn Sie mir Aufträge geben. — Gut, verſetzte Bellegarde und ſah den Deutſchen mit einem Blicke des Haſſes und der Berachtung an, wollen Sie mir — —— rden fflich in nicht ſten iger mög⸗ eſſere dieſe berg mals dem hrem ihn leicht Glück ens ßran⸗ alten eran ſagle n eine Ihnen mit —— — 505— nützen, ſo rufen Sie das Mädchen herbei, mit dem ich gefangen genommen wurde, ich will allein mit ihr reden. Reinhold war über dieſe Bitte faſt erfreut. Des Kranken böſes Geſicht, ſeine finſtere Verſchloſſenheit hatten ihn genug ge⸗ ärgert. Jetzt war er froh, ſeine Pflicht gegen ihn erfüllt zu haben und gehen zu können. Er bat Maria Fiſcher, Liſette herbeizu⸗ rufen, und dieſe that es gerne. Liſette aber folgte nur unwillig der Einladung zu dem kranken Grafen, hatte ſie es ſich doch ge⸗ ſchworen, nicht die Hand zu ſeiner Flucht zu leihen, und daß es ſich um nichts Anderes handelte, ſah ſie wohl voraus, doch nicht daß der Mann, dem ſie zwei Mal das Leben errettet hatte, ſie mit Schmähungen überhäufen würde. — Nichtswürdige Dirne, ſagte er mit leiſer aber vor Zorn bebender Stimme, treibſt Du Dich hier frei herum und freuſt Dich noch, daß ich meinem Tode entgegen gehe? Das iſt der Dank, weil ich ernſtlich die Abſicht hatte, mich an Dich zu ketlen? — O nein, ſeufzte Liſette, dieſe Kette zerreißt der Tod. Sei nicht hart gegen mich, Hektor, denn ich bin krank, kränker als Du, und kann meinem Schickſal eben ſo wenig entrinnen. — So ſtirb, aber erſt hilf mir ins Freie — Wie könnte ich das anfangen? — Du mußt mir einem Rock mit einem weißen Bande und rothen Kreuz auf dem Aermel verſchaffen. — Das iſt unmöglich! — Die Aerzte legen doch ihre Paletots ab, wenn ſie hier arbeiten. — Ja freilich, aber.. — Kein Aber. Es wird dunkel, und Du ſchaffſt mir, was ich von Dir verlange, oder Alles iſt zwiſchen uns aus. — Ich kann nicht. — Und warum? — Weil es ein Diebſtahl wäre. — Hahaha! plötzlich ſo tugendhaftl Als ob man Dich nicht beſſer kennte! Aber geh! um nicht einen Rock zu nehmen, den ich in wenig Stunden zurückſchicken kann, opferſt Du mein Leben, — — wirſt Mörderin, um nicht Diebin zu ſein. Geh, geh nur! 3ch will Dir fluchen, wenn ich vor den Kugeln ſtehe. — Die fürchte ich nicht für Dich, die Deutſchen ſind gut, ſie tödten nicht unnütz. — und ich ſage Dir daß ſie mich tödten werden und Dich, denn ich werde ihnen Dinge über Dich ſagen. — Ein ſchnelles Ende wäre vielleicht ein Glück für mich! Der Graf knirſchte mit den Zähnen. So war denn nichts mit dieſem Mädchen anzufangen, und nicht Lockungen und kein Drohen konnte ſie bewegen, ihm beizuſtehen. Er ſah, wie ein Kranker nach dem anderen auf das Bett gelegt und hinausge⸗ tragen wurde, um die Reiſe nach Deutſchland anzutreten, dieſe Reiſe, welche er bisher ſo ſehr gefürchtet hatte und die jetzt ſeine einzige Rettung vor dem Tode war, der ihm drohte. Da ſchlich ſich mit den Krankenträgern ein altes Weib herein und legte ihre Hand auf den Arm von einem der Männer. — Den da, ſagte ſie und zeigt⸗ auf den Grafen, müßt Ihr beſonders vorſichtig aufheben, der Oberarzt hat mir befohlen aufzupaſſen, daß ihm ja nichts geſchieht. er Mann hielt ſie für eine der Pflegerinnen, denn ſie trug die weiße Binde mit dem rothen Kreuz um den Arm. — Na, ſagte er, denn ſoll er gleich mit fort. Doch als er ihn anſah, merkte er, daß es ein Franzoſe war. — Donnerwetter! rief er, was ſollen wir denn mit dem? Für ſo Einen können ſie ja hier allein ſorgen. — Ach, rief die Alte, es iſt ja nur, weil er eine ſeltene Krankheit hat, daran will der Profeſſor ſtudiren. Faſſen Sie nur ſchnell un. Nicht wahr, Liſette, wandte ſie ſich an das ſcheu dahei ſtehende Mädchen, Du weißt es auch, daß er mit fort ſoll? Liſette nickte nur leiſe mit dem Kopfe, ſie bewunderte die Schlauheit ihrer Mutter. Jeder Kranke wurde beſonders aufge⸗ ſchrieben, jeder wurde von den Beamten beſonders bezeichnet. Doch weil die alte Frau es mit ſoviel Beſtimmtheit ſagte, daß auch dieſer mit ſollte, glaubten es ihr die Träger. Sie wickelte den Grafen ein, als müſſe ſie ihn ganz beſonders gegen den Rachtforſt ſchützen, und ſo wurde er hinaus gebracht, doch kaum — 507— war er in das überaus bequem und zweckmäßig eingerichtete Bett gelegt worden, und kaum hatten ſich die Leute abgewandt, ſo wälzte er ſich zur anderen Seite des Lagers hinaus, öffnete leiſe die Thür des Waggons und eniſchlüpfte. Aber wohin? Links brannten helle Gaslampen, überall ſtan⸗ den Schildwachen, und die Aerzte und Lazarethbeamten liefen hin und her. Wohin er auch blickte, er ſah keinen Verſteck. In ſeiner Verlegenheit kroch er unter die Räder des Eiſenbahnwagens und wartete hier in einer höchſt unbequemen und geduckten Stellung. Die Zeit wurde ihm furchtbar lang, und er ſah nicht ab, wie er der Gefahr entrinnen ſollte Ein Ruck des Dampfzuges konnte ihn tödten, doch lieber wollte er hier ſterben, als wieder in die Hände der Deutſchen fallen, die ihn jetzt, da er geflohen war, gewiß noch ſchärfer be⸗ handelten. Er hörte, wie ſie von ihm ſprachen, wie es ſogleich entdeckt worden war, daß ſein Bett leer ſtand, wie man nach ihm ſuchte, und wie die Krankenträger den Wagen bezeichneten, in den ſie ihn gelegt hatten, und in dem er nicht mehr zu finden war. In ſeiner Angſt kroch er zwiſchen den Rädern weiter nach rück⸗ wärts, und hoffte, das Ende des Zuges erreichen und von dort entſchlüpfen zu können. Er ſchob ſich mit den Händen und den Knien, den Kopf konnte er kaum einige Zoll hoch erheben, und dabei hörte er mit Grauſen das Pfeifen und Ziſchen der Loko⸗ motive, das eine baldige Abfahrt verkündigte. Wenn ſich der Zug in Bewegung ſetzte, ſo ward er vielleicht zerſchmettert. Ach! und Wagen reihte ſich an Wagen, und es war, als wollten ſie kein Ende nehmen, er kroch und kroch, er ſchob ſich gleich einem Krebs zu⸗ rück, doch immer noch vernahm er ganz in ſeiner Nähe Stimmen, ſah er Lichter auf und abgehen, und getraute ſich nicht aus ſei⸗ nem Verſteck heraus. Dazu machte ihn die Anſtrengung todtmüde, er mußte öfters ruhen und kam nur höchſt langſam weiter, ſeine Hände ſeine Kniee bluteten, ſeinen Kopf hatte er ſich ſchon zu mehreren Malen heftig geſtoßen, indem er ihn zu hoch erhob. Er konnte nicht ſehen, ob er denn nun endlich an dem Schluß der Wagenreihe angelangt war, und eine furchtbare Angſt bemäch⸗ tiate ſich ſeiner. 508— Schrill und laut pfiff die Lokomotive war es das Sig⸗ nal zu ſtinem Tode? Denn zermalmten ihn nicht die Räder, ſo konn'e ihn der Luftdruck tödten. Und doch konnte er dieſe An⸗ ſtrengung nicht weiter fortſetzen. Die Schwäche, welche er vorhin in dem Lazareth erheuchelt hatte, er fühlte ſie jetzt. Sollte er ſich für verloren geben? O nein, noch einmal verſuchte er es, noch um eines Wagens Länge ſchob er ſich zurück, dann ſank er keuchend mit dem Kopfe auf die ausgeſtreckten Arme. In dieſem Augenblicke pfiff es wieder, es gab über ihm ein Krachen, bei dem er erbebte, der Zug hatte einen Ruck gemacht. Gelang es ihm jetzt noch, zwiſchen den Wagen zu entſchlüpfen? Es war unmöglich, denn zu beiden Seiten war es dunkel, und er entſann ſich der Böſchungen, die neben dem Schienenſtrang ſchroff aufſtiegen und jede Flucht unmöglich machten, einmal, weil die forteilenden Wagen ihn an der ſteinernen Wand zer⸗ drückt hätten, und dann, weil man ihn von dem Innern dieſer Wagen aus hätte entdecken müſſen Nein, für ihn gab es lkeinen Weg, als den ſchon be gonnenen. Er wollte es noch einmal verſuchen, er ſtrengte ſich furchtbar an, und kam doch nur wenig von der Stelle. Und jetzt ein lauter, durchdringender Piiff dann ein Ge⸗ roſſel, das ihm betäubte, eine erſtickende Angſt, ein namenlofes Grauſen... Er lag glatt ausgeſtreckt, das Geſicht dicht auf dem Boden, und über ihm fuhr es dahin gleich der wilden Jagd. die Sinne vergingen ihm, und dennoch hörte er den ſchrecklichen Lärm, lange lange. ihm ſchien es unaufhörlich. Ein fürchterlicher Schmerz tobte in ſeinem Kopfe, es wirbelte darin, ihm war es, als hauſe es wie Wahnſinn in ſeinem Gehirn. Doch endlich wurde es ſtiller, die Luft hörte auf, ihm den Athem zu verſetzen, die Nacht lichtete ſich um ihn her, er wagte es, den Kopf zu erheben.. 0 Glück! Weithin fuhr der Eiſenbahnzug, er lag auf der Mitte zwiſchen den Schienen, die Wagen waren über ihn hinweggegangen, ohne ihn zu berühren, er war gerettet! Und noch mehr als das! Die Leute⸗ die auf dem Perron geſtanden hatten, liefen zurück, der Stadt zu, die Lichter ver⸗ Sig⸗ r ſo eAn⸗ orhin lte er r es. n er m ein macht. pfen und ſtrang inmal⸗ d e⸗ dieſer leinen chbar in Ge⸗ enloſs d dlichen Ein daorim hn den hr der en, die erron ſr we — 509— ſchwanden, und vorſichtig ſtand er anf, Doch ſeine Glieder waren wie zerſchlagen. Er ſchleppte ſich eine Zeit lang weiter auf der Bahn, dann kletterte er an det Böſchung in die Höhe. 61. Kapitel. Der Waffenſtillſtand. Furchtbar war die Wirkung der Geſchoſſe, die aus den Rie⸗ ſenkanonen heraus donnerten. Die ihnen nahe ſtanden, wurden oft auf Wochen taub durch die allzu ſtarke Erſchütterung des Trommelfells, und manch Einem zerplatzte es, ſo daß er für immer das Gehör verlor. Weit nach Paris hinein flogen die vernichtenden Kugeln und richteten dort ſchrecklichen Schaden an. Zwar verwahrten die Pariſer ihre Hauptgebäude, ſo gut ſie es vermochten, ſie vernagelten die Fenſter der Bildergalerien und bedeckten die Dächer mit naſſer Leinwand, um ſie vor Feuer zu beſchützen. Wo früher der bleiche Hunger gewüthet hatte, da fllackerten ja die rothen Flammen hervorg rufen durch Granaten, da tobte jetzt, ſchlimmer als alles Schlimme, das der Feind zu ſenden vermochte der Aufruhr in den Gemüthern. An jedem Tage erlagen neue Opfer den zerſpringenden Kugeln, den bre⸗ chenden Balken, Frauen und Kinder trug man als Leichen durch die Straßen, um den Haß gegen die Preußen noch heller aufzu⸗ ſchüren, und noch immer dachte das Volk an keine Ueber⸗ gabe. Gambetta war ja noch am Ruder, und Favre vertröſtete ja noch immer auf die Hilfe, die durch Jenen von Außen kom⸗ men ſollte, hatte ſich auch das dumpfe Gerücht von Chanzy's Niederlage verbreitet, wußte man auch, daß Faidherbe geſchlagen war, ſo ſetzten die Leute doch noch ihr Vertrauen in Bourbaki und ſeinen Genoſſen Garibaldi. — 510— Trochu war abgeſetzt. und der General Vinoy genoß für den Augenblick das volle Vertrauen ſeiner Landsleute, doch uls er ſeine Truppen beſah, da ſank ihm der Muth, denn erſtens war die pariſer Armee furchtbar zuſammengeſchmolzen, und zweitens bewieſen die Soldaten und Nationalgarden nur höchſt wenig Luſt zu kämpfen. An Todten ſchon war der Verluſt höchſt be⸗ deutend geweſen, was man an Verwundeten beſaß, ließ ſich gar nicht überſehen, weil die meiſten ſich in den deutſchen Lazarethen befanden, Tauſende aber waren in die Gefangenſchaft gewandert, und was noch übrig blieb, ſah demſelben Schickſal entgegen. Unter dieſen Umſtänden ließ ſich der Krieg unmöglich weiter führen. Zwei Armeen waren gänzlich verloren, die dritte hielt ſich kaum noch an den Grenzen des Landes.. wie ſollte da Paris, das ausgehungerte, von allen Seiten beſchoſſene Paris noch länger widerſtehen? Die Herren von der Regierung ſahen das auch ſelber ein, und Jules Favre, der ſo ſtolz erklärt hatte, es würde kein Zollbreit Landes und kein Stein einer Feſtung abgetreten werden, mußte ſich zu neuen Unterhandlungen ent⸗ ſchließen. Leicht mag ihm die Sache nicht geworden ſein, hatte er doch zu fürchten, daß die Franzoſen ihn ebenſo als einen Verräther verſchreien würden, wie Mac Mahon, wie Bazaine, wie Aurelles de Paladine, Chanzy⸗ Faidherbe und alle Uebrigen. Auch war Graf Bismark durchaus nicht geſonnen, mit ihm allein zu unter⸗ handeln, denn wer hatte ihm denn ſeine Stellung gegeben, wer hatte ihn erwählt? Im entſcheidenden Augenblicke hatte er die Zügel der Regie⸗ rung ergriffen, und Niemand machte ihm das undankbare Amt ſtreitig, um aber einen für das ganze Land bindenden Frieden abſchließen zu können, dazu bedurfte er geſetzlicher Vollmachten, und dieſe konnte ihm nur eine Verſammlung von Abgeordneten des Volkes verleihen. Damit jedoch das Volk wählen konnte, mußte zuerſt die Hauptſtadt des Landes geöffnet ſein, und auch dann noch hatte die Sache ihre große Schwierigkeit, da viele Hunderttauſende doch räther relles wal unter⸗ wer egie⸗ e Ant ſieden achten dneten hie hatte vſende — 511— ſich außerhalb Frankreich's in deutſcher Gefangenſchaft befanden und folglich nicht an der Wahl theilnehmen konnten. Es handelte ſich alſo fürs Erſte nur darum, einem Waffen⸗ ſtillſtand herbei zu führen, während deſſen die Wahlen ſtattfinden ſollten, und, nachdem eine Regierung gewählt worden war, den Frieden zu ſchließen.. Auch in Deutſchland ſehnte man ſich auf das Herzlichſte nach den Segnungen des Friedens. Es hatten ja ſchon ſo viele Herzen Monate lang in den bängſten Sorgen geſchlagen, ſo viele Augen die heißeſten Thränen geweint, es mußte nun genug ſein Deutſchland war überreich an Siegen, es durfte den Frieden beſtimmen und ſeine Forderungen ſtellen. Das ſtolze Frankreich war gedemüthigt und hatte wohl für lange Zeit die Luſt verloren, ſeine räuberiſchen Hände nach dem Rhein hinaus zu ſtrecken, deſſen Wacht es kennen gelernt hatte. Der Zweck des Krieges war demnach erreicht, und dazu ſollte jetzt noch unnöthigerweiſe ein Tropfen Deutſchen Blutes fließen? Die Nachricht von den Einleitungen eines Waffenſtillſtandes erweckte Jubel in allen deutſchen Herzen. Väter und Mütter, Gattinnen, Bräute und Kinder athmeten erleichtert auf, da ſie die Gefahr für ihre Lieben vorüber glaubten, und wer einen theuren Angehörigen verloren hatte, den tröſtete der Gedanke, daß nun das Werk vollendet ſei, an dem er ſo wacker mitgearbeitet, für das er ſein Leben da⸗ hingegeben hatte. Doch ſollte ſich die Sache nicht ſo ſchnell be⸗ endigen, wie es ſich die hoffnungstrunkenen Herzen dachten. Schon während des Waffenſtillſtandes verſtummte das Feuer der Forts von Paris wie das der Wälle, und auch die deutſchen Artilleriſten gönnten ſich Ruhe. Es war ein wunderbares Gefühl, als nach dem ſchon ſeit Wochen unausgeſetzten Knallen und Donnern plötzlich in der Nacht vom ſechsundzwanzigſten zum ſiebenundzwanzigſten Januar tiefe Stille eintrat. Die Luft, die nun endlich wieder klar und milde geworden war, erbebte nicht mehr von den Schüſſen, erfüllte ſich nicht mehr mit Pulverdampf, es war, als ſchwebe bereits der Engel des Friedens über den Fluren, als ſchmelze vor ſeinem Lächeln der — o512— Schnee hinweg, als müßten unter ſeinem weichen Flügelſchlage die Blüthen eines neuen Glückes emporſprießen. Am achtundzwanzigſten Januar wurde dann endlich der Waffenſtillſtund von dem Grafen Bismarck und Herrn Zules Favre unterzeichnet, er ſollte drei Wochen lang dauern und zu Waſſer und zu Lande gelten, nur die noch Widerſtand leiſtende Armee im Süden Frankreichs und die Feſtung Belfort, die hart⸗ näckig jede Uebergabe verweigerte, waren von den Segnungen des Waffenſtillſtandes ausgeſchloſſen, über den der Kaiſer und König Wilhelm an die Kaiſerin Königin Auguſta folgendermaßen telegraphirte: Dies iſt der erſte ſegensvolle Lohn für den Patrio⸗ tismus, den Heldenmuth und dieſchweren Opfer. Ich danke Gott für dieſe neue Gnade; möge der Frieden bald folgen. Von nun an räumten die Franzoſen die Forts, und die Deutſchen zogen darin ein. Sie fanden zwar Lebensmittel genug, während in Paris ſo großer Mangel daran herrſchte, aber ſonſt die furchtbarſte Unordnung. In den Kaſematten war ein ſo furchtbarer Schmutz und die Luft war ſo verpeſtet, daß man alle nur möglichen Mittel anwenden mußte, um ſie zu reinigen, und die Soldaten, die ſie leider beziehen mußten, vor anſteckenden Krankheiten zu ſchützen. Noch lagen dort unbeerdigte Leichen, noch fand man Verwundete in einem beklagenswerthen Zuſtand, Waoffenvorräthe die an anderen Orten fehlten, und dabei Mangel an Munition, die wieder wo anders reichlich vorhanden war. In dem Fort des Berges Valérien fand man auch eine rieſige Kanone, die einem lang ausgezogenen Operngucker glich und ge⸗ waltige Bomben zu ſpeien verſtand, nur daß dieſe Bomben bei dem ſchlechten Zielen der Franzoſen immer fehl gingen. Das war ein Feſttag, als ſich die Thore von Paris zum erſten Male nach ſo langer Zeit öffneten. Die Leute ſtrömten in Maſſen heraus und ſuchten Lebens⸗ mittel zu kaufen, aber in der ganzen Umgegend war nichts zu haben, denn Alles hatten die Bewohner bei Seite geſchafft, oder es war ſchon ſrüher von den Belagerungstruppen aufgezehrt lage der ules d zu ende at⸗ ngen und aßen rio⸗ 3 den d die nug ſonſt ſo man igen, nden ichen, and, ngel war. ieſge d ge⸗ nbei zum hens⸗ ts z odet ezehrt — 35313— worden. Es half den armen Pariſern wenig, daß ſie die Frei⸗ heit hatten, ſich zu verproviantiren. Noch aren alle Eiſenbahnen im Beſitz der Deutſchen, uno dieſe mußten ſich denn entſchließen, ſelber für Herbeiſchaffung von Lebensmitteln zu ſorgen. So ernährten die Sieger die Beſiegten in der großmüthigſten Weiſe, und dieſe ſchienen ziemlich zufrieden zu ſein und freier zu athmen, ſeitdem ſie dem ſchrecklichen Schießen und dem grauenvollen Hunger entronnen waren. Die Soldaten und Mobilgarden lieferten die Waffen ohne Widerſtand ab, und nur die Nationalgarde bezog die Wachen in der Stadt und übernahm die Verpflichtung für die Aufrechthaltung der Ordnung, die auch zunächſt nicht bedroht ſchien. Rings um Paris herum entſtand nun ein überaus lebhafter Verkehr, und wer die Deutſchen ſo vertraulich mit den Franzoſen reden und lachen ſah, der ahnte kaum, daß dieſe Leute ſo eben noch blutigen Krieg geführt hatten. Dennoch durfte kein deutſcher Soldat nach Paris hinein, denn ſo oft hatten die Einwohner der Hauptſtadt Frankreichs den Belagerern Tod und Verderben ge⸗ ſchworen, wenn ſie es wagten, den geheiligten Boden von Paris zu betreten, daß man keinen Einzelnen den möglichen Gefahren ausſetzen mochte, die vielleicht dort drohten. Das war denn freilich eine harte Entbehrung. Da lag ſie, die ſchöne Stadt, die ſich gewiß ein Jeder gern beſehen hätte, und nun durfte Keiner hinein, durfte ſich kein Andenken von dort mitbringen und mußte hier in müßiger Ruhe verharren. Denn das Schwert ruht, wenn die Feder zu thun hat. Es war jetzt an den Staatsmännern, ihre Kunſt zu zeigen und aus dem dreiwöchentlichen Waffenſtillſtand einen lange dau⸗ ernden Frieden zu machen. Die Franzoſen ſchrieben ſogleich Wahlen aus und beriefen eine Verſammlung von Volksvertretern nach Bordeaux. Nur vierzehn Tage lang ſollten die Vorbereitungen dazu dauern, und wirklich bewies Herr Jules Favre die größte Schnelligkeit in Allem, was ihm oblag und zeigte, wie ſehr ihm daran lag den Frieden zum Abſchluß zu bringen. Was aber ſagte Gambetta dazu? — 514— Im Anfange war er außer ſich und wüthete gegen die Feig⸗ linge, die zum Frieden riethen. Er glaubte ſich noch immer fähig, den Krieg fortzuſetzen, ſo lange noch die Süd⸗Armee beſtand. Er wollte die Trümmer von Faidherbes und Chanzy's Heeren ſammeln und eine neue Streitmacht daraus bilden. Die Abſicht war gewiß, ſo weit ſie aus der Liebe zum Vaterlande hervorging, nicht zu tadeln, nur daß ihm dabei allerlei Unglück paſſirt Ein Lieferant, der ihm Stiefeln für die Soldaten liefern ſollte, fand es billiger, die Sohlen ſtatt von Leder von Pappe zu machen, was wirklich im erſten Augenblick nicht bemerkt wurde, und bei der Lieferung von Lebensmitteln fanden ſo viel Unter⸗ ſchlagungen ſtatt, daß ſich daraus die größte Unzufriedenheit unter den Soldaten entwickelte. Jetzt, wo ziemlich alle Franzoſen von dem Kriege, in welchem ſie beſtändig geſchlagen wurden, mehr als genug hatten mußte ſich Herr Leon Gambetta wohl oder übel entſchließen, auch ſeinerſeits den Waffenſtillſtand anzu⸗ erkennen, doch ſetzte er ein Wahlgeſetz durch, nach welchem weder Louis Napoleon, noch irgend ein Mitglied irgend eines abgeſetzten Herrſcherhauſes je gewählt werden dürfte. Und noch mehr. Wer jemals ſolch einem Herrſcherhauſe gedient hatte, ſei es als Ver⸗ waltungsbeamter oder perſönlich, als Miniſter, Offizier oder Hoflieferant, der ſollte von der Wahl ausgeſchloſſen ſein für immerdar. Damit ſollte bezweckt werden, daß in der ganzen Verſammlung Niemand es wagte, ſeine Stimme für Jemand zu erheben, der Luſt empfände, ſich auf Frankreichs Thron zu ſchwingen, weder die Bourbons, noch die Orleans, noch auch die Familie Napoleon ſollten in Frankreich je wieder geduldet werden, und wie man früher den verbannten Prinzen nicht geſtattet hatte, in der Armee mitzufechten, damit ſie ſich keine Anhänger erwärben, ſo ſollten ſie auch jetzt ausgeſchloſſen bleiben. Dieſe Furcht vor den Leuten, welche Gambetta Tyrannen nannte, war ſelbſt nichts Beſſeres als Tyrannei. Auch proteſtirte der Graf Bismarck gegen ſolche Wahlbe⸗ ſchränkung, und auch Herr Favre trat dagegen auf. Leon Gam⸗ ie Feig⸗ immer Armee hanzys . Die rlande nglück liefern Pappe wurde, Unter⸗ denheit nzoſen urden, wohl anzl⸗ weder ſetzten —— — — 515— betta ließ ſich jedoch nicht ungeſtraft widerſprechen, und da er einſah, daß er ſeinen Willen trotz aller ſeiner Reden nicht durch⸗ zuſetzen vermochte, ſo legte er ſein Amt als Miniſter des Krie ges nieder und ging davon. Die Wahlen fielen denn auch ganz gemäßigt aus, denn Alles ſtrebte nach dem Frieden, aber dieſer Frieden ſollte zugleich die franzöſiſche Republik begründen. Und daran mochte ſie wohl Niemand verhindern, Frankreich hat allerdings viel Unglück mit ſeinen Königen und Kaiſern gehabt und wird ohne ſie vielleicht beſſer fortkommen, wenn es einigermaßen Vernunft angenommen hat in ſo velen herben Lehren, die dieſer Krieg ihm gab. Der Graf Bismarck erklärte, ihm und ganz Deutſchland ſei es vollkommen gleichgültig, welche Regierungsform ſich Frankreich geben wolle, ſofern kein Nachbarſtaat darunter zu leiden hätte, und ſo ſchwanden für Louis Napoleon, für Eugenia und ihren Sohn die letzten Hoffnungsſtrahlen, und Frankreichs Kaiſerthron war, wenigſtens ſo weit ſie auf des Grafen Bismarck Unter⸗ ſtützung gerechnet hatten, für ſie verloren. 62. Kapitel. Der geheimnißvolle Brief. War denn der unglückſelige Herzog von Montalto dazu verdammt, ſtets nur den tiefen Fall Frankreichs vor Augen zu haben? Kaum war er unter Lebensgefahren aller Art bei der Armee angekommen, die er ſuchte, ſo erkannte er, daß auch hier nur Entſittlichung und Schwäche herrſchte. O wie viel ſchöne Hoff⸗ nungen hatten ihn bis hierher begleitet! Ein neues Leben ſollte ſich vor ihm aufthun, eine glücklichere Zukunft ihm entgegen lächeln. Und nun. 33* 33 Der General Clinchant war nicht der Mann, der an Bour⸗ baki's Stelle zu ſiegen vermochte, ſeine Hand beſaß nicht die Macht, die ſo gänzlich aller Ordnung entlaufenen Soldaten in Zaum und Zügel zu halten. Er ſelber war rathlos. Von der Niederlage in Paris waren nur unbeſtimmte Ge⸗ rüchte bis zu ihm gedrungen, aber konnte er ſie bezweifeln, da während des ganzen Krieges ſich keine andere Nachricht beſtätigt hatte, als die von verlorenen Schlachten? Ein furchtbarer Schrecken hatte Feldherr und Armee ergriffen, die Soldaten weigerten ſich laut, ſich noch fernerhin als Kano⸗ nenfutter gebrauchen zu laſſen und Smi Clinchant ſah ein, daß ſie Recht hatten. Was half es ihm, den Deutſchen abermals zum Gefechte entgegen zu treten? Er wußte es ja voraus, welches das Ende aller ſeiner Anſtrengungen ſein mußte. Leichen und wieder nur Leichen, Schande über Schande, das war die Folge aller An⸗ ſtrengungen dieſer ſonſt ſo großen Nation. Er berieth mit ſeinen Offizieren, er beſchwor ſie, ihm mit ihrem Rathe beizuſtehen. als ob ſie nicht ſelber rathlos geweſen wären. Sollten ſie dem Beiſpiele Napoleons folgen und ſich als Kriegsgefangene ergeben? Nimmermehr! Man hatte ſchon zu viele Verräther in dieſem unſeligen Kriege gebrandmarkt und vielleicht für immer unfähig gemacht, die Waffen für das Vaterland zu führen. Sie wollten lieber das Schlimmſte erdulden, als ſich den großmüthigen Siegern in die Arme werfen. Aber zu ihrem Glücke gab es noch einen anderen Ausweg, und dieſen zu betreten, entſchloß ſich der General Elinchant, obſchon mit ſchweren Herzen. Dort wo nach Oſten hin die blauen Berge ragten, wo in unabſehbarer Folge die Schneegipfel zum Himmel emporßiegen, dort lag neutrales Land, dort lag eine Republik... die Schweiz. Mußten die Nachbarn nicht Frankreichs Heer mit Ehren aufnehmen, ſollten die Repu⸗ blikaner nicht Mitleid fühlen mit den Kämpfern für die Freiheit? Doch kannte man die Selbſtſucht und Härte, mit welcher oft die Beſiegten grade von Denen behandelt werden, auf die ſie die beſten Hoffnungen ſetzen durften. Bour⸗ h die ten in te Ge⸗ 1, da ſtätigt grifen. Kano⸗ h ein, efechte Ende er nur er An⸗ ſeinen ſehen 06 ſeligen emacht lieber ern in einen enetal Oſten Land hbern Reyi⸗ oft de ſe de — 517— Wer im Unglück iſt, findet wenig Freunde, und es iſt ſo bit⸗ ter um Hilfe zu betteln, wenn man ſich ſelber nicht zu helfen gewußt hat. Clinchant wollte wenigſtens kein Mittel unverſucht laſſen, ſich aus ſeiner Lage zu befreien. Die deutſchen Generale ſchickten ihm die Aufforderung, ſich zu ergeben, durch ſie erhielt er Zeitungen und telegraphiſche Depeſchen, die es ihm klar genug machten, daß es für ihn keine Möglichkeit des Sieges gab, denn ſeine Armee war die letzte, die Frankreich beſaß. Doch eben deswegen wollte er ſie dem Vaterlande erhalten. Er unterhandelte mit dem General von Manteuffel über Waoffenſtillſtandsbedingungen, doch dieſe wurden zurückgewieſen, denn man traute den Franzoſen nicht. Dann begann er von Kapitulation zu reden, doch waren die Bedingungen, welche er ſtellte, ſo frech, daß es den deutſchen Generalen nicht einfiel, ſie anzunehmen. Und jetzt, da ihm nach zweitägigen Unterhandlun⸗ gen alle Hoffnung auf einen vortheilhaften Vertrag abgeſchnitten worden waren, jetzt endlich entſchloß er ſich dazu, den letzten Schritt zu wagen, durch den er hoffte, nicht nur ſich die Ehre, ſondern auch dem Vaterlande eine große Armee zu erretten. Nun ſandte er zu den ſchweizer Militair Behörden unv er⸗ klärte, daß er bereit ſei, auf das neutrale Gebiet überzutreten und dort die Waffen zu ſtrecken. Damit freilich entging er der Gefangennahme, und ſollte der Krieg noch weiter geführt werden, ſo konnten ſich ſeine Soldaten heimlich durch die Bergpäſſe wieder in ihr Vaterland zurück ſchleichen und dort aufs Neue kämpfen nämlich, wenn ſie Luſt dazu hatten. Die Nachricht von dieſen Plane verbreitete ſich mit wunder⸗ barer Schnelligkeit unter den Truppen. Welch ein Glück, ſie ſollten endlich die erſehnte Rettung vor Gefahren finden, ſie, die ſo lange unter beſtändigen Gefechten gelebt hatten, ohne ein Dach über ihrem Haupte, ohne eine Streu, um darauf zu ruhen, ſie, die verwöhnten Söhne der ſüdlichen Gegenden, die jetzt die ſtrengſte Winterkälte zu ertragen hatten Es war ein Jubelgefühl in faſt jeder Bruſt, als ſie heim⸗ lich und verſtohlen das Lager verließen und über die Berge — 518— gingen. Sechszigtauſend Krieger unternahmen den Weg ſechs⸗ zigtauſend geſunde kampffähige Soldaten verließen den Kriegs⸗ ſchauplatz, nahmen Flinten und Munition, Kanonen und ſonſtige Kriegsvorräthe mit ſich und überließen den Siegern ihr Land. O wie anders hatte es ſich Montalto gedacht, als er von einem Ueberſchreiten der Grenze träumte. Da ſollten die franzöſiſchen Soldaten als ein Schrecken des Nachbarvolkes dahin ziehen und das Verderben nach Deutſchland hineintragen. Jetzt war es anders. Nicht in dag feindliche Gebiet, nein, auf den neutralen Bo⸗ den traten ſie hilfeflehend wandten ſie ſich an die Schweizer, die an dem Kriege nicht betheiligt waren, und übergaben ſich ihrem Edelmuthe. Welch eine Schmach für ein noch ſo bedeutendes Heer! Und dabei waren es nur die beſten ſeiner Truppen⸗ die Elinchant auf dieſe Weiſe in Sicherheit brachte. Garibaldi und ſeine Fremdenlegion zog eines anderen Weges, und Niemand dachte daran, ihn feſt zu halten. Eine ſtarke Abtheilung von Soldaten war dazu beſtimmt, den Rückzug der franzöſiſchen Ar⸗ mee zu decken, wurde jedoch von den Deutſchen angegriffen und aus Pontarlier vertrieben Hier und bei La Cluſe, wohin er ſich zurück zog, kam es noch zu einem hitzigen Gefechte, denn hier, war der Paß durch en die Franzoſen wollten und mußten und den ihnen die Zwei Forts beſchützten dieſen Ue⸗ bergang, aber trotzddem ſie ihr Feuer ausſpien, kämpften die deut⸗ ſchen Krieger mit einer wahren Luſt, wußten ſie es doch, daß ſie von nun an die Herren in Lande blieben. Freilich verloren ſie dabei faſt vierhundert Mann und muß⸗ ten beim Einbruch der Nacht das Gefecht aufgeben, ohne die Flucht der Franzoſen verhindern zu können, doch eroberten ſie eine große Maſſe von Munition, Wagen und Lebensmittel nebſt vielen Waffen und machten viertauſend Gefangene. In der That befanden ſich die geſchlagenen Soldaten in einem furchtbar elenden Zuſtande, und das mag öu ihrer Ent⸗ welch Feinde zu verlegen dachten. ſeth⸗ tiegs⸗ nftige nd. n des Hond — 519— ſchuldigung dienen. Für die Erneuerung ihrer Kleidungsſtücke war ſeit langer Zeit nichts geſchehen, und ihr Schuhwerk war vollkommen zerfetzt und ließ Eis und Schnee durch große Löcher ein, dazu ſtarrten die Leute vor Schmutz, und obgleich ſie noch Lebensmittel genug beſaßen, wurde ſo ſchlecht für ſie geſorgt, daß die meiſten ganz abgezehrt und jammervoll ausſahen. Da⸗ von war freilich ihr ſchlechtes Verhalten der Hauptgrund, denn die Bauern gaben viel lieber den Deutſchen zu eſſen und zu trinken, weil ſie Alles bezahlten und ſtets höflich waren, als den Franzoſen, die Alles umſonſt verlangten und nahmen, was ſie kriegen konnten. Auch mit der Bewaffnung ſah es nicht überall gut aus, Die Armee war Gambetta zu ferne und darum verſah er ſie ſo ſchlecht, daß manche von den als Soldaten eingereihten Frank⸗ tireurs keine Chaſſepots, ſondern nur ſchlechte Musketen beſaßen, und Andere gar mit Piken und Senſen fochten. Das war die natürliche Folge der Maſſenaufgebote, die Gambetta anbefohlen hatte, Leute beſaß er genug, aber was nützten ſie ohne gehörige Bewaffnung und ohne gute Führung? Schon als Bourbaki bei Hericourt zu dem vierten Sturm aufrief, ſchrien ihm die Leute entgegen: Geben Sie uns Brot, Schuhe und gute Waffen, oder gehen Sie zum Teufel! Und grade Diejenigen, welche der Armee eine weſentliche Hilfe ſein ſollten, die Freiſchärler, ſchadeten ihr am meiſten. Der alte Garibaldi ſchien gänzſich von ſeinem angemaßten Feldherrngenie verlaſſen zu ſein und machte die dümmſten Streiche. Niemals wußte er, wo ſich die Feinde befanden, und ließ ſich mehr als einmal umgehen und von den übrigen Truppen abſchneiden. Dabei aber prahlte er fortwährend von Siegen über die Deutſchen und ließ Feſte zu Ehren der Soldaten feiern. — Nun gut! redete er ſie einmal in einem Tagesbefehl an, Ihr habt die Ferfen der ſchrecklichen Soldaten Wilhelms geſehen, ihr jungen Söhne der Freiheit, Ihr habt eine ruhmreiche Seite in den Jahrbüchern der Republik beſchrieben, Ihr habt die krie⸗ geriſcheſten Truppen der Welt beſiegt. Selbſt die Franzoſen fanden dieſe Sprache lächerlich und — 520— äußerten laut ihr Verachtung über den alten ſchwachköpfigen Mann und ſeine Bande von Abenteurern. Als Alles verloren war, verkrümelten ſich dieſe jungen Söhne der Freiheit ganz ſachte hinter den Ferſen der ſchrecklichen Soldaten Wilhelms und gingen über die Alpen in ihr Vaterland zurück. Am erſten Februar nahm der General von Manteuffel ſein Hauptquartier in Pontarlier, während die Brigade Goltz den Marſch gegen den Jura fortſetzte, um die dort noch befindlichen franzöſiſchen Soldaten unſchädlich zu machen. Die meiſten ergaben ſich freiwillig, und ließen ſich mit Plai⸗ ſir gefangen nehmen, entkamen ſie doch dadurch dem Hunger, der Kälte und der Lebensgefahr. Viele Geſchütze wurden hier erbeutet, zwei Generale und mehr noch als fünfzehntauſend Gefangene fielen dabei in die Hände der Sieger, dazu Fahnen und Waffen, Bekleidungsgegenſtände und Verpflegungsmaterial, zahlreiche Fuhrwerke und Pferde, Mitrailleuſen und Kanonen. Das war ein gründliches Aufräumen, und dem Kampfe war wenigſtens an dieſer Stelle vollſtändig ein Ende gemacht. Dieſe große Armee, die Anfangs aus einhundert und fünfzigtauſend Mann beſtanden hatte, war jetzt vollkommen aufgelöſt und jeder Widerſtandsfähigkeit beraubt. Was noch davon übrig geblieben war, fand in der Schweiz eben auch nicht die allerfreundlichſte Aufnahme, denn wie hätte man dieſe Menge halbverhungerter Menſchen gerne ſehen können, die über und über von Ungeziefer wimmelnd, vor Schmutz ſtarrend, in Lumpen eingehüllt und ohne einen Pfennig Geld ankamen, um ſich bei den reichen Schweiöer Bauern umſonſt ſatt zu eſſen. Hatten dieſe es auch bisher gern mit den Franzoſen gehal⸗ ten, jetzt, da ſie ihnen ſo nahe kamen, wünſchten ſie ſie weit fort und gaben ihnen nur, was eben nöthig war, aber keinen Deut darüber. So waren ſie freilich vor den feindlichen Kugeln ſicher, der Gefangennahme waren ſie entronnen, aber ihr Loos war nicht we⸗ öpfigen jungen lichen terland el ſein iz den dlichen it Flai⸗ unge, dmehr Hände nſtände Pferde e war Dieſe tuuſend d jeder eblieben nblihſe ingerter geßtefer d ohne chweizer gehal ſi weit keinen — 521— niger drückend, und Mancher von ihnen zerſchmetterte ſeine Büchſe an den Felſen, ehe er ſie den Schweizer Behörden ablieferte. Der Herzog von Montalto mochte nicht das Jammerloos theilen, als ein Hilfeflehender die Almoſen einer neutralen Macht zu erhalten. Als die franzöſiſche Armee bei Berrieres über die Grenze ging, zog er ſeine Uniform aus und vertauſchte ſie mit der Blouſe eines Landmanns, ſeine Waffen warf er in den Strom, und mit dem Gefühl eines unſäglichen Schmerzes trennte er ſich von den Soldaten, wie von der letzten Hoffnung ſeines Lebens. Was nun mit ihm werden ſollte, er wußte es nicht, fragte auch nicht danach. Wie er allein auf einem Stein ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt, das Herz voll Sorgen und Kummer, da erwachte mitten in ſeinem Elend eine grenzenloſe Sehnſucht in ihm, eine Sehnſucht, die ſein ganzes Weſen wie mit unwiderſteh⸗ licher Gewalt hinriß. Er wollte, er mußte Iduna, ſein Weib, wiederſehen, er mußte ſeine Söhne ſuchen und ſie an die Mutterbruft zurückführen, und dann, wenn er ſein Haus beſtellt und wenigſtens gegen ſeine Familie die ſchwere Schuld geſühnt hatte, dann wollte er die langentbehrte Ruhe ſuchen und Frieden in der Stille des Grabes. Kräftig richtete er ſich empor. Hier lag ein Ziel vor ihm, das zu erreichen Gott ſelber helfen mußte. Er wollte den Pater Venturo zwingen, ihm ſeine Kinder wieder zu geben. was kümmerte es ihn noch, was die Welt von ihm dachte und ob ſeine Ehre vor den Leuten beſtand, hatte er nur ſein Weib verſöhnt, war nur Iduna milder gegen ihn geſtimmt, ſo konnte er beruhigt ſterben. Er nahm den Wanderſtab und machte ſich auf den Weg, da trat ihm ein Mann entgegen, den er nicht kannte und den er niemals geſehen hatte. — Sind Sie der Herzog von Montalto? fragte er. Der Angeredete vermuthete eine Botſchaft von Leo Rellac und bejahte die Frage. — Gut, verſetzte Jener, ſo habe ich dieſen Brief an Sie abzugeben. — 522— Er reichte ihn hin, und indem Montalto ihn ergriff, war er ſchon um eine Felſenecke verſchwunden. Der Herzog entfaltete das Blatt. — Seien Sie am erſten März in Paris, um zwölf Uhr Mittags wird der alte Daniel Ihnen ſagen, was zu thun iſt. Er las es mit Erſtaunen. Der Brief hatte keine Unterſchrift, die Hand war ihm fremd. Und woher kannte ihn der Mann, der ihn gebracht hatte, wie kam er von Paris aus bis hierher, von Paris, das noch ringsum von Truppen umſchloſſen war und aus dem höchſtens Ballonbriefe aufſteigen konnten? Das Alles war ihm im höchſten Grade räthſelhaft, aber ver⸗ geblich zerbrach er ſich den Kopf über das Unerklärliche. Er nahm bei einem Landmann für einige Tage ein beſcheidenes Quartier, denn jetzt mehr als je fürchtete er in die Gewalt der Feinde zu fallen. Erſt als er vernahm, daß der Waffenſtillſtand bei Paris beſchloſſen worden war, ſetzte er ſeine Reiſe dahin fort. 63. Kapitel Im tiefſten Elend. Seitdem vor Paris der Woffenſtillſtand beſchloſſen worden war, hielt ſich Wilhelm Friſchmuth kaum noch vor Ungeduld. Seine Schecke mußte es empfinden, wenn er ſie über die Felder jagte, denn dann ging es in vollem Galopp über Gräben und Hecken, über Wieſen und Landſtraßen. Dieſes Mal ſetzte er über die Eiſenbahn, die dicht an Verſailles vorbei geht, und lenkte ſeitwärts nach der Stadt zu, denn ſein Pferd hatte über und über geſchwitzt. — Armer Burſche, ſagte er und klopfte ihm den Hals, von Dir muß ich mich auch trennen, wie von Manchem was mir war et f Uhr ſchrift, thette. s noch üchſtens er ver⸗ nahm Lartier, inde zu pur worden geduld Felder en un er über dlenke nd über s, von vas mr hier lieb geworden iſt, aber ehe ich Dich an den Sandkarren kommen laſſe, lieber ſchieße ich Dir ſelber eine Kugel vor den Kopf und wollte faſt, es thäte mir ein guter Freund denſelben Dienſt. Was will ich denn noch in Berlin? Aus den gewohn⸗ ten Verhältniſſen bin ich doch nun einmal heraus, und gefallen wird es mir wohl nie wieder. Es iſt was Verfluchtes um ſolch ein Junggeſellenleben, und doch möchte ich um keinen Preis eine Frau nehmen, die mir nicht gefiele. Bliebe ich beim Militair. pah, man kommt ja doch nicht über den Wachtmeiſter hinaus, und da iſt mir mein bürgerliches Gewerbe lieber.. es wäre mir nur, weil ich dann die Schecke behalten könnte„Aber ſtill! was iſt denn da los? Es war eben nichts beſonderes. Ein paar Soldaten brach⸗ ten einen Gefangenen herbei. Friſchmuth ritt heran und ſah den Mann, er ging tief gebückt, die Hände waren ihm auf den Rücken zuſammengebunden, der Anzug war beſchmutzt und an mehr als einer Stelle zerriſſen. — He, Kameraden, wen habt Ihr denn da? fragte der Maſchinenbauer. — Eine Beſtie von einem Kerl, verſetzte Einer von den Leuten. Wir fingen ihn geſtern Nacht, als er ſich da auf der Eiſenbahn herumtrieb, wo wir die Waocht hatten. Trau Einer den Franzoſen und wenn ſie zehnmal von Waoffenſtillſtand reden. Denken Sie ſich mal, Wachtmeiſter, wir bringen alſo die Kanaille in unſere Bahnwärterſtube, geben ihm auch noch was zu eſſen, und in der Nacht, wie wir da drin auf der Streu liegen und ſchlafen, da guckt die Schildwache ins Fenſter hinein unnd ſieht, wie der Burſche da ſich vorſichtig aufrichtet, wie er ſich zu un⸗ ſerem Gefreiten hinſchleicht und ihm das Meſſer wegnimmt, mit dem der ſich ſein Kommißbrot geſchnitten hatte. Die Schild⸗ wache kriegt Angſt und klopft an die Scheiben, aber ehe noch Einer von uns aufwacht, hat der Kerl ſchon das Fenſter auf und iſt hinaus. Die Schildwache ſchießt hinterher, trifft aber nicht. Wir nun hinaus und nach, das gab eine Jagd! Wir kriegten ihn denn auch, denn er ſchien ziemlich matt zu ſein, aber wie wir ihn wieder zurückſchleppen, ſtieß er dem Gefreiten ſein eigenes ————————— ——..———— —— — — 524— Meſſer bis an den Griff in den Unterleib. Na, nun können Sie denken, daß es ihm nicht geſchenkt wurde, aber er wehrte ſich wie ein Verrückter, helfen konnte es ihm doch zu nichts. Einen gab er noch einen Stich ins Geſicht, der die ganze Backe aufriß, einen Andern traf er in den Arm, die heimtückiſche Kröte. Von ſolch einem Hallunken verwundet zu werden, wenn ſchon Waffen⸗ ſtillſtand iſt und man denkt, man iſt aus der Gefahr! Wir hätten ihn gleich todtgeſchlagen, aber der Krieg iſt ja aus, und da wird man ja doch wieder nachdenklicher! Aber ſein Theil hat er gekriegt, und da drin wird er wohl das Uebrige bekommen, wie er es verdient hat, der Hund! Die Schildwache ſchwört, wenn ſie nicht an das Fenſter geklopft hätte, er hätte uns Alle erſtochen. Friſchmut) ſah den Gefangenen an, ſein Geſicht war von Schmutz entſtellt, die Haare hingen ihm unordentlich über die Stirn. — Hm, ſagte er, den Burſchen kenne ich, habe ihn ja ſelbſt das erſte Mal Nummer Sicher gebracht als er mit der Dirne, der Liſette, davonlief. Haltet ihn feſt, Kameraden! Der iſt Euch wie ein Aal und ſchlüpft zwiſchen den Fingern weg. Ich will doch in der Stadt nach ihm fragen Die Leute nickten ihm zu und ſetzten ihren Weg fort, Friſch⸗ muth ſprengte in ſein Quartier zurück. Es ging ihm jetzt recht gut, ſeitdem er Wachtmeiſter geworden war er hatte einen Bur⸗ ſchen, der ihn bedient haben würde, wenn er es nicht vorgezogen hätte, ſich ſelber zu bedienen, er hatte ein gutes Quartier und nicht zu viel zu thun, und in ſo fern hätte er nicht zu klagen gehabt, dennoch ſeufzte er tief, indem er ſeine Schecke trocken rieb. Als er aus dem Stall trat, kam ihm der Graf Iſſelhorſt entgegen. — Ei, Friſchmuth, rief er und ſtreckte ihm die Hand hin, ich gratulire zum eiſernen Kreuz! — Zum eiſernen Kreuz! fragte der ganz verwundert. Das iſt denn doch wohl nur für Höhergeſtellte, und wenn Unſereins es bekommen ſoll, muß er mehr gethan haben als ich. Sie ſich inen friß, Von ffen⸗ Vir und lhat men, vört, Alle von die nja der Der weg. riſch⸗ recht Bur⸗ ogen und lagen ocken horſt Dus ns es * SR — 525— — Sie haben grade genug gethan, denk ich, verſetzte Reinhold. — Genug thut, wer ſeine Pflichten beſorgt, das bringt noch keinen Orden ein, dazu gehört noch was mehr. — Und iſt es nicht mehr, daß Sie ſich in jedem Gefecht ausgezeichnet haben, daß Sie mehr Gefangene gemacht haben, als viele Andere und daß... — Genug, Herr Graf, eitel machen Sie mich doch nicht, dazu bin ich Gott ſei Dank nicht dumm genug Aber was die Gefangenen betrifft, ſo habe ich heute Einen geſehen, den Sie kennen. — Und wen denn? — Ei den franzöſiſchen Grafen, der mit der Liſette zu⸗ ſammen war. — Unmöglich, ich hörte, er ſei irrthümlicherweiſe mit dem letzten Krankenzuge nach Deutſchland gekommen. — Den Burſchen kenne ich und möchte jetzt nicht in ſeiner Haut ſtecken, bei ſolchem Gelichter hilft die Nachſicht zu nichts, da müſſen Pulver und Blei Vernunft lehren. Der Menſch hat drei von unſeren Leuten verwundet, indem er entfloh. — Das iſt ſchlimm, ſchon der Fluchtverſuch wird ihn das Leben koſten. Ich will nach ihm ſehen. — Thun Sie das, Herr Graf, obgleich er keinen ſchönen Anblick abgiebt es iſt ohnedies eine widerwärtige Kreatur. Aber ſagen Sie mir doch, mit dem eiſernen Kreuz war es nur Ihr Spaß, nicht wahr? — Warten Sie die Sache ab. Sie ſind dazu vorgeſchlagen, das weiß ich. Uebrigens ſchreibt mir mein Bruder Ottomar, daß er es auch erhalten hat. — Ihr Bruder Ottomar. und ſchreibt er ſonſt nichts? — Nur, daß er hofft, Paris zu ſehen, ehe der Feldzug ganz zu Ende iſt. Adieu, Friſchmuth! Das war ein Hoffnungsſtrahl. Wenn Ottomar kam, brachte er vielleicht Nachricht über die beiden Mädchen. Wilhelms Herz klopfte höher, indem er es dachte. Es war ihm keineswegs — 526— gleichgültig, ob er das eiſerne Kreuz erhielt oder nicht, ſolch ein Orden mußte wohl verdient ſein, und ihn freute es, daß ſeine Vorgeſetzten ihn für würdig hielten, ihn zu bekommen. Vielleicht auch ſah ihn Betty lieber, wenn er ihr mit dieſem Schmuck ent⸗ gegen trat. Es litt ihn nicht zu Hauſe, und da das Wetter wunderbar ſchön nnd frühlingsmäßig geworden war, ſo machte er ſich auf, um ſeinen Freund Heinrich Becker zu beſuchen. So oft er zu den Sachſen kam, erfreute ihn die Ordnung und Ge⸗ ſittung, die in ihrem Lager herrſchte. Auch heute fand er wieder die Leute in freundlicher Unterhaltung oder bei einem unſchuldi⸗ gen Spielchen, nur Becker war nicht zu ſehen, und faſt reute es ihn, den weiten Weg vergeblich zurück gelegt zu haben, da er ſeinen Freund nicht fand. Endlich wurde er nach einem kleinen Hauſe gewieſen, wo er ſich aufhalten ſollte, und als er dahin ging, kam ihm Heinrich geſchäftig entgegen und hätte ihn faſt nicht bemerkt, wenn Friſchmuth ihn nicht angerufen hätte. — Ei der Tauſend, ſagte er, da biſt Du jaz jetzt wart einen Augenblick auf mich, ich bin gleich wieder dal — Wohin denn ſo eilig, fragte der Berliner. Darf ich nicht mit kommen? — Das kannſt Du ſchon, wenn es Dich nicht genirt, ich will Milch holen. — Milch! haſt Du vielleicht ein Kind zu päppeln? — Nein, aber einen Kranken zu pflegen. — So, dazu ſind doch die Lazarethe, denk ich. — Die ſind nur fürs Militär. Mein Kranker iſt aber kein Soldat. Ich will Dir's erzählen. Siehſt Du, ich duſele da neulich durch das Feld, da höre ich hinter der Hecke was winſeln. Ich denke, es iſt ein V rwundeer und forſche genauer hin, da fängt es an zu ſprechen, franzöſiſch freilich, aber ich verſtand es doch. Der Menſch betete ganz Zu es mir zum Herzen ging. Ich dachte, da liegt ein Sünder, dem will der liebe Serr⸗ gott vielleicht durch Dich S zukommen laſſen, Gottes Wege ſind ja mitunter ſonderbar. Ich gehe alſo hin, und finde da einen Menſchen, dem der Jammer ſo recht vom Geſicht abzuleſen war. Nun dacht icht wenns mit dem Todtſchlagen doch end ich h ein ſeine lleicht k ent⸗ etter achte Ge⸗ vieder huldi⸗ te es er einen dahin einen pill — 527— zu Ende iſt läßt ſich hier vielleicht ein Leben tten, für ſo viele, die darauf gegangen ſind. Ich helfe alſo dem armen Burſchen auf die Beine und nehme ihn mit in mein Quartier. Geld hatte ich grade von Haus geſchickt bekommen, nun wußte ich doch, wie ich es anwenden ſollte. Aber als ich den Doktor holte, da gab der mir ſchlechten Troſt. Das iſt die Schwindſucht, ſagte er, das kann nicht mehr lange dauern, ſolch ein Kranker ſchleppt ſich lange hin, tröſtet ſich ſelber mit falſchen Hoffnungen, und dann iſt es mit Einem Male vorbei. Ich weiß wohl er hat ganz Recht. Retten kann ich ihn leider nicht, aber ſeine letzten Tage erleichtern, das kann ich. — Du biſt ein guter Kerl, Heinrich, wenn es viele ſolche gäbe, wäre es beſſer in der Welt. — Das iſt mir lieb, daß Du das findeſt, ich dachte ſchon, Du würdeſt mich auslachen, denn im Grunde iſt es ein Franzoſe und auch vielleicht ein ſchlechtes Subjekt, wer weiß? — Kauf Du ihm darum doch Milch, Heinrich. Hat er Böſes gethan, ſo iſt er ja ſchon beſtraft genug. Becker holte die Flaſche mit der Milch von einer Bäurin und trug ſie ſorgſam in der Bruſt⸗ taſche nach Hauſe, damit ſie warm blieb, wie ſie von der Kuh kam, dann führte er ſeinen Freund zu dem Kranken, dem er die Flaſche hinreichte. Der lag auf dem Bette, ein Bild des Leidens, abgemagert und bleich, und kaum fähig, ein Glied zu rühren. Dankbar drückte er ſeinem Wohlthäter die Hand und trank die Milch mit ſichtlichem Wohlbehagen. — JZetzt geht es wieder beſſer, nicht wahr? fragte Heinrich und rückte ihm die Kiſſen zurecht. — O ja, es geht mir ganz gut, antwortete der mit heiſerer Stimme, ich hoffe, ich kann bald weiter gehen. — Wohin willſt Du denn, Kamerad? fragte Wilhelm. — O ſagte der Kranke, ich habe oft gedacht, ich müßte ſterben, aber nein, noch bleibt mir was zu thun übrig, und immer habe ich gute Menſchen gefunden, die ſich meiner annahmen, da⸗ mit ich am Leben bliebe und noch thun könnte, was recht iſt. — Sag uns das doch, vielleicht können wir Dir helfen, bat Friſchmuth. Der Kranke richtete ſich empor. — 528— — Kennen Sie den Herzog von Montalto? fragte er und ſeine Augen leuchteten lebhafter. — Ich nicht, verſetzte Wilhelm, aber ich weiß, daß der Graf Iſſelhorſt ihn kennt. — Können Sie in ſeinem Hauſe in Paris einen Brief an ihn abgeben? — Wenn ich hineinkomme, ſoll es gewiß geſchehen. — Ich will an ihn ſchreiben. — Das wird Dich angreifen, Franz⸗ unterbrach ihn Becker, laß das für jetzt noch. Paris iſt noch nicht offen, es hat noch Zeit. — Es iſt auch nicht nöthig, beruhigte ſich der Kranke, ſagen Sie es ihm oder ſeiner Gemahlin mündlich, daß das Kind An⸗ tonina's lebt... ich weiß es gewiß. daß Peter Godard, mein Großvater, es gerettet hat. Iſidor weiß darum er ſoll den Doctor Bernard fragen... o meine Bruſtl — Das will ich ſicher beſtellen, verſprach Friſchmuth. — und wenn ich ſterben ſollte... ſagen Sie dem Herzog, daß er mir verzeihen möchte. Der Sodtie — Welcher Todte? — Der Mann mit dem weißen Mantel und dem rothen Kreuz. er hat es mir vorausgeſagt, daß ich in wenig Mo⸗ naten eine Leiche ſein werde. — Der Mann mit den ſeltſam durchdringenden Augen? Ach, jetzt fällt es mir ein, warſt Du nicht dabei, als er bei einem alten Weibe nach Ringen ſuchte? — Ja nach dem Ringe mit dem Opal, dem Smaragd und dem Rubin.. — Ich ſah es durch das Fenſter. Jetzt erkenne ich Dich wieder. Aber ſag, was weißt Du von dem Manne? — Nichts gar nichts, als daß er ein Zauberer iſt, dem ſich Alles beugen muß. — Und haſt Du ſonſt noch Aufträge — Ach ja, an ein Mädchen, Namens Liſette. — Liſette? — Kennen Sie die? und Graf f an Becker, t noch ſagen dM⸗ odard, er erzog rothen ig Ro⸗ ugen? er hei und Dich ten ſih — 5%3— — O ſo ziemlich, ſie war bei dem Erafen Bellegarde — Dann ſagen Sie ihr, daß ich ſienoch einmal ſehen möchte. — Eut, ich bringe ſie Dir her, pielleicht morgen ſchon⸗ — Ich danke Ihnen. Wenn ich ſterben muß.. o, ich werde beruhigt ſterben, wenn ich Liſetten noch einmal geſehen habe, ſie war ſehr hart gegen mich, ich will ihr ſagen, daß ich ihr vergebe, ich will ſie bitten, daß ſie ein heſſeres Leben führt. Bringen Sie mir Lifetten bald. ach meine arme Bruſt, giebt es denn noch Hoffnung für mich? Heinrich Becker beruhigte ihn, ſo gut er es vermochte. Keine Mutter pflegt liebevoller ihr Kind, als dieſer wackre Menſch den ihm ganz fremden Kranken pflegte. Wilhelm war ganz ge⸗ rührt von ſo viel Theilnahme. — Wer verdient denn nun den höchſten Orden? fragte er ſich, indem er nach Hauſe ging, ich gewiß nicht, aber wenn für den braven Sachſen nicht einſt ein beſonderer Platz im Himmel bereitet wird, ſo habe ich gar keine Hoffnung, hinein zu kommen. 64. Kapitel. Das Fodesurtheil⸗ In Kriegszeiten macht man futzen Froteß. Der Graf Hek⸗ tor von Bellegarde war auf der Flucht ergriffer worden, er hatte drei Soldaten verwundet, den einen davon ſogar lebensgeſährlich er war des Todes ſchuldig. Das wußte er ſelher nund der letzte Reſt ſeines Muthes entſchwand. Er ſaß ſtumm und ſtarr in ſeinem Gefängniß, das Haupt tief auf die Bruſt gebeugt, die Augenbrauen finſter, zuſammengezogen. Was war aus ſeinen Racheplänen geworden! Der Herzog Montalto war frei und alle⸗ oie Beweiſe ſeinet Schuld waren ihm entzogen worden, Helene S P 25 II. 34 — 530— heirathele einen Andern doch was kümmerte das ihn in dieſem Augenblick? Er dächte nur an ſich, nur an die Möglich⸗ keit, ſich vor dem ſichern Tode zu erretten. Vor ſeinen Fenſtern ſtand ein Doppelpoſten, auf dem Gange ſchilderte ein Soldat. Es war an kein Entrinnen zu denken, und dennoch wollte er nicht ſterben, nicht durch die Kugeln preußiſcher Soldaten ſterben. Warum nur ſcheute er ſo ſehr den Tod? Zitterte er vor der Un⸗ ſterblichkeit und vor dem ewigen Richter? O nein, er hätte Jedem in das Geſicht gelacht, der ihm geſagt hätte, es gäbe jenſeits des Grabes ein anderes Leben, eine ewige Vergeltung. Ueber ſolch einen Glauben war der aufgeklärte Franzoſe längſt hinweg und nannte ihn Ammenmärchen, gut, um kleine Kinder damit ar⸗ tig zu machen. Aber hat denn die Vernichtung etwas ſo Schreck⸗ liches? Er fragte es ſich ſelber und antwortete mit Nein! und dennoch, dennoch überlief es ihn eiskalt, indem er an den Tod dachte, an die neun Flintenläufe, die ſich auf ſein Herz richteten, und das Kommandowort, den Knall.. Es ſchüttelte ihn wie ein Fieberſchauer. Wenn es darum doch wahr wäre, wenn ſeine böſen Thaten ihm nachfolgten über das Grab. Pah! fort mit ſolchen thörichten Gedanken, müſſen ſie ſich denn immer und immer wieder aufdrängen? Eine furchtbare Unruhe bemächtigte ſich ſeiner. Er dachte an die Menſchen, die er ſelber hatte um das Leben bringen laſ⸗ ſen dort in Afeika, wo es nicht darauf ankam, ob ſolch ein Tür⸗ kenhund da war oder nicht, er dachte an Talebs Schweſter und wie furchtbar entſtellt ſie ausſah, als ſie als Leiche vor ihm lag, er dachte„und rings um ihn her ſchwebten die Geſichter von Sterbenden. Auf dieſem las er die grenzenloſe Todesangſt, die er ſelber empfand, auf jenem die Wuth gegen den Mörder, alle ſchienen Rache gegen ihn zü ſchreien. Ihm war es⸗ als ob Furien ihn geißelten, er ſprang empor er hätte mit dem Kopfe gegen die Wand laufen mögen, doch faßte er ſich, denn er wollte es nicht merken laſſen wie ihm war! Zetzt riof er ſich hellere Bilder in die Seele zurück. Die hn in enſtern Zoldat. Ute er erben. t Un⸗ Jedem jenſeitz Ueber hinweg nit ar⸗ Schtec⸗ und en od ichteten hn wie Thoten ſe ſch dachte gen la ⸗ in Lir⸗ ter und . lag hte von ſchenen rien ihn n 5e e nicht — 531— alle Margot hatte ihn ſchon einmal befreit, wie wenn ſie wieder käme? Aber ach da war er im Lozareth, deſſen Thüren offen ſtan⸗ den, und jetzt befund er ſich hinter Schloß und Riegel. Liſette ſie hatte ſich von ihm abgewandt, auf die war nicht zu eſſen und außer dleſen Beiden, die er mit falſchen Hoffnungen geködert hatte, wer blieb ihm noch. O Niemand, Niemand! Er beſaß keinen einzigen Fre nd, nur bittere, wüthende Feinde. Und dennoch gab es noch einen Troſt, die Deutſchen waren ja ſo gutmüthig dumm, vielleicht dachten ſie gar nicht daran, ihn hinzurichten, vielleicht ſchickten ſie ihn gunz einfach in die Gefan⸗ genſchaft. Dieſe wäre ihm jetzt ſo erwünſcht geweſen, wie er ſie früher ſcheute, als er in Frankreich bleiben wollte, um ſeine Rache an Montalto nicht zu verſäumen. O wie bereute er es jetzt, nicht gleich von Metz aus nach Deutſchland gegangen zu ſein! Es war zu ſpät. Doch jetzt raſſelte es an ſeiner Thür, er fuhr empor brachte dieſes Geräuſch ihm Rettung oder den Tod? Es war ein Soldat, der ihn zum Verhör rief. Was konnten ſie denn noch wollen, hatte er ihnen denn nicht trotzig genug geantwortet? Noch einmal trat er vor das Kriegsgericht und jetzt, um ſein Urtheil zu vernehmen. Er ſtand vor ſeinen Richtern, doch ſah er ſie nicht, vor ſeinen Augen ſchwebten dunkle Wolken vorbei, es wirbelte um ihn, ſein Herz pochte, als wolle es die Bruſt zerſprengen, ſeine Pulſe flogen, und es war ihm ſo kalt, ſo kalt, und mitten in ſeiner halben Bewußtloſigkeit vernahm er jedes Wort ſo deutlich, daß ſich nicht daran zweifeln ließ. — Graf Hektor von Bellegarde, las der General Auditeur: Nachdem Sie der Gefangenſchaft bei Metz unter dem Bruche Ihres Ehrenwortes entronnen ſind und wieder Dienſte in der franzöſiſchen Loire⸗Armee genommen haben... — Wer ſagt das? fiel der Graf ein, und ſeine blauen Lippen bebten. denn er ahnte das Ende. 34* — 532— — Das ſagt ein Mädchen Namens Liſette, war die nieder⸗ ſchmetternde Antwort. — Die Dirne! knirſchte der Graf zwiſchen den Zähnen hervor. — Nachdem Sie wieder Dienſte in der franzöſiſchen Loire⸗ Armee genommen haben, fuhr der General⸗Auditeur fort, ſind Sie gefänglich eingebracht und im Vertrauen auf Ihr abermali⸗ ges Ehrenwort dem Lazaxeth übergeben worden, aus welchem es Ihnen gelungen iſt zu entſpringen. Alsdem haben Sie auf die Soldaten, welche Sie feſtnahmen, einen Wordyverſuch gemacht, haben ſpäter drei von iſſe Soldaten mehr oder minder gefähr⸗ lich verwundet, weswegen Sie vor ein Kriegsgericht geſtellt und zum Tode durch Erſchießen verurtheilt worden ſind. Der Graf erbebte. Alſo doch! Und keine, keine Rettung! Was noch folgte, er verſtand es nur halb. Er wurde gefrag, ob er noch Entſchuldigungsgründe vorzu⸗ bringen hätte, die ihn vielleicht der Gnade des Kaiſers würdig machten, ob er ſeinen letzten Willen aufſetzen wolle, ob er einen Prieſter verlange oder ſonſt Jemand zu ſprechen wünſche. Er verneinte Alles. Als er in ſein Ceſängniß zurückkam, ſank ex wie gebrochen auf ſein Lager. Lange lag er ſo in ſtummer namenloſer Qual. Dann fiel es ihm plötzlich ein, daß die Stunde ſeiner Hinrichtung ihm nicht genannt worden war oder daß er ſie nicht gehört hatte. Er durfte alſo in jedem Augenblick dazu abgerufen werden, er hatte alſo nicht einmal den Troſt, noch wenige Stunden ſein eigen zu nennen. O, das war gräßlich! Er ging in dem engen Raume auf und ab und horchte auf jedes Geräuſch. Wenn ſich im Gange etwas rührte, meinte er, es ſeien die Soldateu, die zum Exſchießen kommandirt waren, wenn vör dem Fenſter ein Schatten vorüber zog, ſchrak er zuſam⸗ men und meinte, es ſeien ſeine Henker. Speiſen, man ihm brachte, verſuchte er, aber 2 würgten ihm in der Kehle, er wollte zu dem Schließer redon.. volhl⸗ ürdig einen rochen Qual chtung gehött erden, n ſein horchte meinte wareh zuſh⸗ redeoh⸗ * — 533— doch konnte er keinen Ton hervorbringen. Er mochte nicht fra⸗ gen, wann ſeine Todesſtunde angeſetzt ſei und bebte doch in je⸗ dem Augenblick daß ſie ſchon geſchlägen hatte. Welch' eine Qual! Er verwünſchte ſein Leben und fürchtete ſich doch ſo gren⸗ zenlos vor dem Tode. Der kalte Schweiß perlte an ſeiner Stirn, ſeine Lippen bebten, er ließ ſich Wein kommen, und goß ihn ſchnell hinunter, aber er erregte nur noch mehr feine Fantaſie, die ihm die grauſigſten Bllder vormalte. Da klirrte der Riegel. Jetzt alſo, jetzt! Er wich zurück, er wollte ſich zur Wehre ſetzen, wollte ſich nicht willenlos dem Tode überliefern. Das war Wahnſinn, er ſagte es ſich ſelber, beſſer, weit beſſer war es, mit Anſtand zu ſterben, doch ſterben, ſterben o es war zu gräßlich. Nein, nein er wollte, er konnte es nichts. Die Thür öffnete ſich es waren nicht die ſchrecklichen Soldaten, es war Einer, den er wohl am wenigſtens erwartet hatte, es war der Graf Reinhold von Iſſelhorſt. — Verzeihen Sie, ſagte er ſehr ernſt, wenn ich Augenblicke unterbreche, die Ihnen gewiß ſehr koſtbar ſind. Doch drängt mich die Pflicht, Sie zu fragen, ob Sie keinen Auftrag an Die⸗ jenigen hinterlaſſen, die Ihnen im Leben nahe treten ſollten. In Bellegarde e wachte der Trotz aufs Neue, als er ſah, daß ihm noch nicht das Ende nahte.— — Rit dieſer Frage haben Si⸗ mich ſchon einmal inkommo⸗ dirt, ſagte er barſch, ich döchte, das wäre genug. Reinhold hörte nicht auf den ſchroffen Ton, er fühlte ſich einem Sterbenden gegenüber, den er ſchonen wollte und mit deſſen unverbereiteter Seels er das innigſte Mitleid empfand. — 3ch will mich Ihnen nicht aufdrängen, ſagte er, doch glaube ich, daß Niemand ſo allein in der Welt ſteht, daß ſein Herz nicht in der Todesſtunde um irgend ein geliebtes Weſen trauerte. Haben Sie Jemand, dem ich Ihren letzten Gruß bringen kann, ſo vertrauen Sie mir. — Meinen Fluch, brach Hektor hervor, meinen dreifachen Fluch dem Herzog von Montalto, meinen Fluch dem albernen Mädchen, das meine Hand verſchmähte, meinen Fluch Ihnen — 534— ſelber. das iſt das Vermächtniß, welches ich in Ihre Hände lege. uße 5 — unglücklicher! rief Reinhold⸗ und mit einem Herzen voller Haß wollen Sie vor Ihren ewigen Richter treten? — Ich habe mir den Beſuch eines Prieſters verbeten, per⸗ ſetzte Bellegarde, ich vergaß mir auch den Ihrigen zu wrbitten⸗ denn ich konnte nicht ahnen, wie mich Ihre zudringliche Freund⸗ ſchaft bis in den Tod verfolgen würde. — Ich gehe, ſagte Reinhold.“ Ich ahnte nicht, daß Ihnen em Wort der Theilnahme ſo verhaßt ſein könnte. Vielleicht beſinnen Sie ſich noch anders. Sie werden mich morgen früh ſehen und mir vielleicht dann ein milderes Wort ſagen⸗ Er verbeugte ſich und ging. — Alſo morgen früh! dachte Bellegarde, alſo noch eine Nacht, eine ganse, lange Nacht in dieſen Oualen. Und doch.. kann eine Racht nicht Hilfe bringen? Margot, Margot! ich wollte Dich in Gold faſſen wenn Dein ſchlauer Kopf ein Rettungsmittel! erſinnen könnte! Doch dieſe Unterredung hat mir gut gethan, ſie hat mich aufgeregt, ich fühle mich beſſer; freier. Ich wid etwas eſſen. 6 e n Er thot es, und während ihm die Speſſen jett leichter durch die Gurgel gingen, überlegte er, ob er, nicht unrecht gethan hatte, den Grafen ſo ſchroff zurück zu weiſen. Wenn Iſſelhorſt ihm ſelber die Hand zur Rettung reichte, er, der ſein Feind war und ſein Nebenbuhler! Aber es war zu ſpät, und doch— der deutſche Offiier kam ſicherlich in guter Abſicht, er ließ ſich vielleicht bethören⸗ Wenn ihm Hektor eine gefühlvolle Geſchichte erzählte, vielleicht von einem Weibe, das er heimlich liebte und das er noch einmal nur vor ſeinem Tode ſehen wollte, oder von einem Kinde, das elternlos blieb wenn er ſtarb„er zweifelte nicht, daß Reinholds gutes Herz ihm dann allen Beiſtand leiſten würde, ſelbſt gegen ſeine Pflicht als Oifier. Dieſer Gedanke machte ihn faſt heiter. Er nahm ein Stück Papier, ſchrieh darauf die Worte: varne md — Vergeben Sie einem Sterbendep, ich verlange dringend Hände herhen „wel⸗ itten, eund⸗ Vnen ielicht n früh h eine och 9 wollt mittel gethan⸗ c will durch n hatte reichte wal Iu n gwet 4or eine be dus Loe wenn . gen ihn ſicht a in gů vung — 535— nach Ihnen und Ihrem Beiſtand— unterzeichnete mit ſeinem vollen Namen und rief den Soldaten, um ihn mit dieſer BVotſchaft zu dem Grafen Iſſelhorſt zu ſenden. Er wartete vergeblich kange Zeit. 5 Wie doch die Stunden ſo langſam entſchwinden wenn man allein und gefangen iſt! Und doch war jede Minute dieſes qualvollen Daſeins Leben, und er klammerte ſich daran feſt mit aller Macht ſeiner Scele. n Das Fenſter ſtand offen, denn auf die kalten Fieberſchauer war ihm eine Gluthhitze gefolgt Da ſtog ein Stein herein, um den ein ſchmaler Streifen Papier gewickelt war. Er trat damit zur Lampe und las, was mit undeutlicher und ſchlechter Schrift geſchrieben war: — Alles vergeblich, nur Hoffnung auf Mord. Viel Glück dazu. M. Das war Margot. Alſo auch ſie wußte keinen Rath als dieſen fürchterlichen, und wie ſollte er ihn ausführen, waffenlos, wie er war. Doch nein, er war es nicht mehr, ein neuer, ſchwerer Gegenſtand flog durch das Fenſter, offenbar mit eine Schleuder von weither geworfen, es war ein Dolch, der in einer ledernen Scheide ſteckte. Vellegarde erhob ihn mit einem Ausruf der ſrende. — Zetzt mag der Graf Iſſelhorſt kommen, frohlockte er, gewiß ſoll er nicht lebendig dies Eefängniß verlaſſen. O Margot, ich wßte es wohl, daß Weiberliſt über Teufelsliſt geht. Und das thut ſie nur, weil ſie hofft, daß ich Liſetten heirathen werdt. D die Närrin! Einmal frei, will ich Dir zeigen, daß ich nicht daran denke, mein gräfliches Blut mit ſo gemeinem zu verbinden! Doch wo bleiht der Graf? Die Nacht muß ſchon weit vorge⸗ ſchritten ſein in ihrem Schutze werde ich mich retten. O Sofßf⸗ nung Hoffnung wie entzückſt Du meine Seele! Horch, es ſchlägt! Zehn Uhr! Um elf bin ich frei. Da raſſelt es ſchon wieder an meiner Thür. Wer iſt da? Mein Opfer. Ich will es mit ſo ſchönen Redensatten ködern, daß es ſich mir ſo ſanft hingeben ſoll, wie ein Schaf dem Scheerer Doch nein, das iſt nicht ſein Schritt. 8 — 536— Er war es wirklich nicht, noch hielt den Grafen Iſſelhorſt ſein guter Genius zurück. Als der Bote zu ihm gekommen war⸗ erfuhr er durch ſeinen Burſchen, daß Reinhold von dem Ulanen⸗ wachtmeiſter Friſchmuth abgeholt worden ſei, nm die Kanonen in den ſoeben von den Franzoſen geräumten Forts zu ſehen. Doch konnte dieſe Beſichtigung nur kurze Zeit dauern, und gleich nach ſeiner Rückkehr ſollte der Graf den Zettel des Gefangenen erhalten. Bellegarde war zufrieden. Er zweifelte keinen Augen⸗ blick an Reinholds Kommen. Er warf ſich auf ſein Bett und wartete mit Geduld und froher Siegeszuverſicht auf ſein Opfer, das ſicherlich in die geſchickt geſtellte Falle lief. 65. Kapitel, Seltſames Zuſammentreffen. Nicht lange ließ es dem Herzog von Montalto Ruhe und Raſt, es drängte ihn mit Gewalt nach Paris und zu den Sei⸗ nen. Zetzt, wo er nicht mehr zweifeln konnte, daß Frankreich gänzlich beſiegt war jetzt wo es mit der Waffenarbeit ein Ende hatte, jetzt blieb ihm nichts mehr übrig, als ſein Haus zu beſtel⸗ len und Friede mit ſeiner Gemahlin zu machen. Freilich drohten ihm noch immer Gefahren, wenn er in die Hände der Deutſchen fiel denn die Süd⸗Armee, zu der er, wenn auch nur auf wenige Tage gehört hatte, war nicht mit in den Waffenſtillſtand einbe⸗ griffen, und die Gefangenſchaft war das Mindeſte, was er zu befürchten hatte, wenn er als Offizier erkannt wurde, doch über⸗ wog die Sehnſucht jede andere Rückſicht, und was kümmerte es ihn, welches ſein Ende war, wenn er nur erſt Idunn verſöhnt hatte? Er beſaß eine anſtändige Kleidung, wie ſie die Landbeweh⸗ ner tragen, denn die ſchon in Verruf gekommene blaue Blouſe ſſelhorſt n war, Ulanen⸗ anonen ſehen. gleich ugenen Agen⸗ it und Dyft, ſe und en Sei⸗ anlteich nEnde bruhen Nuſſchen fweri d einb⸗ 3 er zu ib merie 65 ſihit bewlh⸗ Bloiſe — 537— der Franktireurs mochte er nicht anzſehen. Er nahm ein Bündel mit etwas Wäſche und begann ſeinen Weg zu Fuß. Ueberall fand er feindliche Truppen und immer aufs Neue lernte er den Unterſchied zwiſchen den Deutſchen und ſeinen eigenen Landsleu⸗ ten kennen. Es war ihm klar, daß in dieſem Kriege Bildung, Ordnung und Geſetzmäßigkeit geſiegt hatten über Unſitte, Zügello⸗ ſigkeit und Selbſtſucht. Seinem Fortkommen legte Niemand et⸗ was in den Weg, als er erzählte, er habe liebe Verwandte in Paris, und es drängte ihn, zu ſehen, wie es mit ihnen ſtand, und ſie mit ſich fortzunehmen. Die Sache war ſo natürlich. Nur die wenigſten Briefe, die durch den Luftballon vor Paris aufſtiegen, gelangten an den Ort ihrer Beſtimmung. Ferne Angehörige blieben Monate lang in der tödtlichſten Angſt, und ſo war es vorauszuſetzen, daß, ſobald die Thore der Hauptſtadt ſich öffneten, viele Familien Er⸗ holung in den Provinzen ſuchen würden, und daß von dort her viele Verwandte und Freunde kommen mußten, um die Ihrigen aus jenem Zuſtande der Noth zu erlöſen, oder auf friſchen Grä⸗ bern zu weinen. Wann Paris geöffnet werden würde, das wußte man freilich in dieſem Augenblicke noch nicht, wo erſt über die Waffenſtillſtandsbedingungen verhandelt wurde und wo man Anſtalten traf, um die konſtituirende Verſammlung zu wählen. Doch ließ ſich das in der Nähe beſſer abwarten, und deswegen eikte Montalto hin, und deswegen gaben die deutſchen Sieger, die ihn nach ſeinen Abſichten fragten, ihm allen möglichen Vorſchub. Oft konnte er die Eiſenbahnzüge benutzen, die ſonſt nur für das Militair beſtimmt waren und ſo ſah er ſich, wenn auch mit Aufenthalt und Unterbrechung, doch dem erwünſchten Ziele näher kommen. Eines Tages jedoch fehlte ihm jede Fahrgelegenheit, denn ſeitdem der eigentliche Kampf aufgehört hatte und die Truppen kommandirt wurden, die mit Beſchlag beiegten Provinzen Frank⸗ deichs zu beſetzen, fand daſelbſt eine ſehr lebhäfte Bewegung ſatt die alle Fahrmittel in Anſpruch nahm. Montalto war arum nicht ſehr bekümmert. Paris war noch nicht offen, das — 538— wußte er durch die Deutſchen er kam alſo noch zur rechten Zeit dorthin. Was er allein zu fürchten hatte, das waren die Ban⸗ den von Franktireurs und andere Buſchklepper, die die Wälder unſicher machten. Denn ſeitdem Gaumbetta dieſes Geſindel nicht mehr untexſtützte, legte es ſich auf Diebſtahl und Mord⸗ Es waren ſo viele brot⸗ und heimatlos geworden, es waren ſo Vielen die Häuſer über den Köpfen abgebrannt, die trieben ſich nun, da das Wetter milder geworden war, in den Wäldern her⸗ um, übernachteten in Höhlen und Schluchten oder in Hütten, die ſie ſich aus Reiſig erbauten, und lebten von dem, was Bet⸗ telei und Stehlen ergab. Montalto führte keine Waffen bei ſich, um ſich den Deutſchen nicht verdächtig zu machen er beſaß nur einen feſten Knotenſtock, mit dem er ſich wohl gegen einen An⸗ griff vertheidigen konnte, dex aber nichts ausrichtete, wenn ſein Gegner Schußwaffen beſaß. Er hielt ſich daher ſo viel als mög⸗ lich fern von den Landſtraßen. Allein es drängten ihn Hunger und Müdigkeit in ein Dorf, das einzige, das noch unverwüſtet nahe am Wege lag. Doch ſah es in der Nähe nicht ſo heiter aus, wie er es ſich vorgeſtellt hatte, als er den girchthurm von weitem ſah. Keine Kuh brüllte ihm entgegen kein Hund ſprang an ihm empor, und die weni⸗ gen Frauen und Kinder, die er ſah, gingen mit ſcheuen Blicken an ihm vorüber, denn ſie vermutheten in Jedem, der nicht ein deutſcher Soldat war, einen Bettler.. Montalto ſuchte nach der Schenke. Da bemerkte er, daß in dem ganzen Dorfe keine Fenſterſcheibe ganz war. Die Kugeln waren nicht hineingeflogen, aber der ſcharfe Lufidruck und die furchtbare Erſchütterung hatten ſie zerſprengt. Er konnte alſo in die Zimmer hinein ſehen, ſelbſt ohne nahe heranzutreten. Aus einer der Stuben drang ihm lebhaftes Geſpräch entgegen. Das wat die Schenke, denn die Gläſer klirrten, und in dem Hofe ſtand ein kleiner Wagen mit einem Pferde davor. Doch ehe der Herzog da hinein trat, wollte er wiſſen, ob er ſich auch nicht in Gefahr begab, er trat an das Fenſter, deſſen Scheiben zum größten Theil mit Papier beklebt waren, und horchte — Von wem ſollen wir es denn nehmen? fragte eine Stimme Zrit Von⸗ gälder nicht aren nſich 1 hur⸗ ütten⸗ Bet⸗ ſich nur An⸗ ſeiſ möh⸗ ult weni⸗ licen ht eln daß ugeln d die lſo in Lu D ön h nicht zum limme —— in barſchem Tone. Die Deutſchen ziehen fork, das iſt unſer Unglüch die bezahlten doch noch. — 3ch bitte Euch doch! rief ein Anderer dagegen, acht Franken für ein Mittagbrot! Und was war es weiter als Fleiſch von einem Frepirten Pferde, — Was, macht Ihr mein Eſſen ſchlecht? kreiſchte ein Weib dazwiſchen. Was eſſen ſie denn in Paris? Fpin die wären für Euch guch noch gut genug. — Hätte ich nur das Geld, ſagte der Gaſt, 3 wollte es Euch gerne geben, aber ich bin ja ſelber ſo arm. Da ſeht den Schelm! rief der Wirth, iſt arm und will ſich ſatt eſſen, jetzt, wo Jeder Gott dankt, wenn er nur nicht verhungert. — Und da iſt ihm noch Pferdefleiſch zu ſchlecht! ſchrie ſein, Weib dazwiſchen. Der Mann bat, es war vergeblich. — Schlag ihn doch gleich todt, den Lumpen! rief die Frau, iſt ſpotiarm und will nicht bezahlen. — Ich will ja bezahlen, nur nicht ſo viel, denn wie ſoll ich ſonſt bis nach Paris gelangen? Montalto hatte Mitleid mit dem Geprellten, war es ihm doch ſelber oft genug ſo gegangen, daß ihm enorme Preiſe für ſchlechte Waare abgefordert worden waren. Er trat in die Schenke und fragte, was es zu eſſen gäbe. Der Wirth machte ihm kein freundliches Geſicht, er Sre te in dem Fußwanderer wieder ſo Einen, der billig leben wollte, aber der Herzog legte eine kleine Summe Geldes auf den Tiſch und fragte: — Was könnt Ihr mir dafür gehen? — Brot haben wir nicht, antwortete der Wirth, denn die Mühle auf dem Berge iſt zerſchoſſen und verbrannt, die Kartoffeln ſind aufgezehrt. Eier giebt es in ganzem Dorfe nicht, denn die Hühner ſind alle. Ueberall, wohin man geht, um einzukaufen, giebt es nichts als Mangel, die Hungersnoth wird uns bis zu der nächſten Ernte Alle unter die Erde bringen, es iſt ein Elend! Wer iſt daran Schuld, wer, als nur dieſe Preußen, die Alles —— wegaßen, denn weil ſie bezahlten, ſo kriegten ſie auch Alles, kriegten ſo viel, daß wir mit leeren Mäulern zurückgeblieben ſind, und da will noch ſolch ein alter Lumpenkerl ſich hier fatt eſſen und nur die Hälfte bezahlen. Aber ich will ihn! 36 — Beruhigen Sie ſich, ſagte der Herzog, für den alten Mann übernehme ich die Zeche. Man ſieht es ihm ja an, daß ihm der Weg ſchwer wird.„ Der Alte warf ihm einen dankbaren Blick zu, unb während die Wirthslelte hinaus gingen, um noch ein Stück von dem Pferdefleiſch zu holen, rückte er dem Herzog näher und fagte: — Sie denken, ſie können Geld aus mir preſſen, weil ich ein Fuhrwerk habe, mit dem ich hergekommen bin. Aber ich und mein Pferd, wir ſind beide elend genug daran. Lange ſchon ſind wir unterwegs, und nur ſekten Shen wir uns einen To, Ruhe gegönnt. — Und warum nicht? fragte der Herzog. — Weil ich ſuche, was nicht zu finden iſt, ſeufzte der alte Mann! Wollt Ihr mein Fuhrwerk mit benutzen, ſo fahre ich Euch gerne, es iſt mir gleich, wohin. — Ich will nach Paris.. wenigſtens bis nach Verſailles. — Mir auch recht, finden netde ich ſie doch nicht mehr, da iſt es ja gleich, wo ich ſie fuche. Dem Herzog war es ganz erwünſcht, daß er eine Fahrgele⸗ genheit fand, er ſättigte ſich, ſo gut es ging, an ſchlechtem Fleiſch und noch ſchlechteren Rüben, ließ auch dem Pferde Futter geben, zahlte und beſtieg mit ſeinem neuen Reiſegefährten das Fuhrwerk. Der Alte führte die Zügel! doch bemerkte Montalto, daß er ihn beſtändig anſah. — Was ſtarrt Ihr mir in das Geſicht? fragte er endlich, komme ich Euch etwa bekannt vor? — Es iſt nur eine Aehnlichkeit, ſtotterte der Alle. Freilich, wenn man Jemand in vierzehn Jahren nicht geſehen hat, ſo mag er ſich recht verändern, und doch, wie ich Sie betrachte, doch waren ſeine Augenbrauen grade ſo gezogen, und grade ſo ver⸗ ächtlich ſchaute er drein. — Er? welcher Er? kriegten d und en und alten daß htend n dem te: weil ich ber ich Lange z einen re ich ſoiles. ehr, da hrgele⸗ lechtem ßuter n das mialto, ut ſo doch — 541— — Ein Mann, der ſich und den Seinen viel Uebles zuge⸗ fügt hät. Sie ſind es nicht, denn wären Sie es, ich ſäße hier nicht an Ihtet Seite. — Ein Wänn, der ſich und den Seinen viel Uehles zuge⸗ fügt hat! wiederholte Montalto. Der bin ich doch! Wollt Ihr mich deswegen von Eurem Fuhrwerk weiſen, wohl, thut es, es wäre nur die geringſte Strafe? — O nein, man wird kindiſch, wenn män alt wird. Ich kann mich kaum wieder in der Welt zurecht finden und glaube oft, ich ſehe Geſpenſter. Dazu dieſer Krieg! Ich darf mich nicht über die Deutſchen beklagen. Sie hatten mich als Spion feſtgenommen, aber als ſie ſahen, daß nichts gegen mich vorlag, ließen ſie mich laufen und gaben mir inein Geld und, was ich ſonſt beſaß, zurück. Aber dennoch haben ſie mir das größte Leid zugefügt, denn als ich wieder frei war, da waren die Kinder verſchwunden, die ich bis dahin wie meinen Augapfel gehütct hatte. Wohin ſind ſie gekommen? Ich habe ſie überall grſucht, in den Vogtſen und in Metz in jeder Stadt, in jedem Dorſe immer vergebens, immer vergebens! Bielleicht ſind ſie in Paris ich weiß es nicht, das weiß ich nur, daß jch ſie ſuchen werde, bis ich ſie oder mein Grah gefunden habe. Es kag etwas tief Trauriges in den Reden des alten Mannes, das Montalto rührte. — Wer ſind die Kindet, die Ihr ſucht? fragte er. — 3wei Mädchen, eins davon meine leibliche Enkelin, die andere von vornehmer Abſtammung. Beide ſind hübſch und unerfahren, wettt Madelon nicht über ſie wacht — Madelon ich kannke ein Mädchen dieſes Namens, auch ſie pflegte ein Kind 0 Alice! 5 Der Herzog hatte es wie im Traume geſprochen, und als ob plötzlich vor ſeiner Seele eine halb vergeſſene Erinnerung wieder auftauchte. Der alte Mann wurde aufmerkſam. — Alice? fragte er, was iſt es mit Alice? — O nichts, fagte Montälto und ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn. Die Alice, die ich meine, iſt todt, und von Madelon habe ich niemals wieder gehört, — Der Mann ſah ihn ſcharf an, er Litert. War es denn wirklich möglich! Dieſe Aehnlichkeit hatte ien cht getäuſcht, es war Der, den er von allen Menſchen am eiſten ſcheute, es war der Herzog Hermann von Montalto! Faſt entſielen ihm vor Schreck die Zügel, doch faßte er ſich. — Von ſolchen Dingen weiß ich nichts, ſagte er, die Mädchen die ich ſuche, heißen Beate und Betty. Aber lieber Herr, dort drüben geht die Eiſenbahn entlang, wie, wenn ich Sie bis zu dem Bahnhofe brächte, und Sie führen dann weiter? Der Herzog war damit einverſtanden, das Fuhrwerk ſeines alten Gefährten ging ihm ohnedies zu langſam. Er ſchlug ihm vor, es zu verkaufen und mit ihm nuch Chalons an der Marne zu fahren, doch lehnte Jener es ab, indem er vorgab, er wollte unterwegs noch Erkundigungen nach den verlorenen Kindern anſtellen. Als Montalto ihn verlaſſen hatte, ohne zu ahnen, daß es Peter Godard war, der an ſeiner Seite geſeſſen hatte, hob dieſer ſeine Hände zum Himmel empor. — O all ihr Heiligen! rief er aus, iſt es denn möglich! Der ſtolze ſchöne Herzog, Antoninas Geliebter ſo gebeugt, ſo ge⸗ altert, ſo von Schmerz und Gram niedergedrückt! Das iſt die Hand der ſtrafenden Gereehtigkeit! Aber er denkt noch an Alice, er fühlt noch Reue, er ſcheint ſich gebeſſert zu haben„ vielleicht fände ſie an ihm einen Vater„ aber Madelon wird es niemals zugeben, niemals! Montalto hatte ihn nicht erkannt, das machte ihn ſicher Er verfaufte ſeinen Wagen für wenig Franks, und ſein ſchon ſehr abgetriebenes Pferd an einen Schlächter und beſaß nun Geld genug, um leben zu können, bis Paris ſich öffnen würde. Freilich mußte er ſich ſehr einſchränken, denn er beſaß nichts we eiter, und von dem einzigen Kleinod, welches er tief verborgen bei ſich führte, ſo tief verborgen, daß es ſelbſt bei der Gefangennahme nicht bei ihm gefunden worden war⸗ hätte er ſich ſich getrennt, und wenn es ſein Leben gekoſtet hätte. 3 es denn ſcht, es eute, es len ihm er, die er lieber ich Sie iter rk ſeines lug ihn Marne r wollte Kindern daß e nönicht ſh s iſ di an Alice vielleicht wird es ſ ſcher, in ſchon un Geld ßrilch iter⸗ ud hei ſch ennahne gerennt 66. Kapitel⸗ Belfort. Es iſt bereits erwähnt worden, daß die Feſtung Belfort den Angtiffen der deutſchen Belagerer heftigen Widerſtand entgegen⸗ ſetzte. In der Stadt feuerte der Präfekt Groſſeau die Bevölke⸗ rung zum Haſſe gegen die Feinde an und in der Eitadelle kommandirte der Oberſt Denfert mit ganz beſonderem Helden⸗ muthe. Dieſe Citadelle, das Schloß Belfort, liegt auf einem Felſen des Vogeſengebirges ſo unerreichbar für die Geſchoſſe, daß die Geduld der Velagerungstruppen einer harten Prüfung unterwor⸗ fen wurde. In der Umgegend hatte ſich die deutſche Landwehr mit den Franktireurs herumzuſchlagen, dann verſuchten es wieder Mobilgarden, hier durchzubrechen und unter dem Schutze der Feſtung nach Deutſchland vorzudringen, endlich geſchahen auch von der Feſtung aus mehrere Ausfälle, namentlich gegen das öſtlich von der Feſtung gelegene Dorf Beſſancourt oder Biſchingen, wo mit großer Hitze gekämpft wurde Freilich trieben die Landwehrmänner ihre Feinde alle Male mit blutigen Köpfen und unter bedeutenden Verluſten zurück, aber ſie ſelber hatten auch viel zu leiden, und was das Schlimmſte war, ſie ſahen es ein, daß ſie mit der Sache auch nicht um einen Schritt vorwärts kamen. Da behalte Einer ſeine Geduld, wenn da drüben die Fe⸗ ſtung auf ihrem Berge ſo ſicher liegt, wie ein Vogel in ſeinem unerreichbaren Reſte. Kugeln fliegen zu Hunderten heraus, und keine kann mit Sicherheit hineingeworfen werden. Draußen nah⸗ men die Deutſchen den Feinden einige feſte Stellungen ab, ſie umſchloſſen die Feſtung ſo eng es ging, aber ſie konnten es doch nicht verhindern, daß ſie Lebensmittel erhielt und Munition, wo⸗ mit der Präfeckt Groſſeau ſie reichlich verſorgte;, und ſo verging — 544— Tag für Tag, und immer noch war kein Ende vom Liede abzu ſehen. Aber während die Soldaten nicht wenig fluchten, fiel unermeßlich viel Schnee vom Himmel her auf ſie herab und wurde ihnen faſt ebenſo unbequem wie die Kugeln. Niemals vielleicht war der Winter in den Vogeſen ſo rauh geweſen als in dieſem Jahre. In den Bergen fing ſich der Wind und umſauſte die Schildwachen und Vorpoſten, denen Arme und Füße erſtarrten Dazu war die Nahrung auch nicht die allerbeſte, und oft ſehnten ſich die Leute nach Hauſe zu Mut⸗ tern und zu ihrem warmen Ofen, den man ſonſt gar nicht genug zu ſchätzen gewußt hatte. Doch während ſie nur mit Mühe die friſche Laune aufrecht erhielten, begannen großartige Arbeiten Von Weſten her, von den Höhen von Eſſort und Bauillier, begann die Veſchießung des Platzes. Die Granaten flogen ſicher ihrem Ziele zu, ſie ſchloſſen auch mancher Kanone der Franzoſen den Schlund, aber ſie richteten nichts Rechtes aus, und bald ſah man ein, daß auch dieſes Feuern die Feſtung nicht zum Follen bringen würde. Es gab dazu nur ein Mittel, und dieſes war äußerſt ſchwierig. Etwa tauſendachthundert Schritte von dem Schloſſe Belfort entfernt, erheben ſich ein Paar Bergkuppen welche das Volk die Perches nennt Die eine dieſer Perches iſt höher als die andere, aber beide beherrſchen mehr oder weniger die Citadelle, und deswegen mußte man ſie zu gewinnen ſuchen und dort die Ge⸗ ſchütze aufpflanzen. War das geſchehen, dann aber uur erſt dann konnte man unter dem Schutze dieſer Kanonen die Laufgräben eröffnen. Achtundzwanzig Geſchütze eröffneten ihr furchtbares Feuer gegen die Feſtung, und dieſes Feuer wurde während der Wonate Dez mber und Januar faſt peſtündig fortgeſetzt. Mach⸗ ten die Franzoſen einen Ausfall, wie ſie es 5. Bl am elften Dezember thaten, ſo wurden ihnen jedesmal Gefang ne abge⸗ nommen, und geſchlagen liefen ſie unter die Deckung ihrer Ka⸗ nonen zurück. Die vereinz t liegenden Feſtungswerie fielen nach und nach in die Hände der Belagerer, ſohne daß dieſe dadurch die Kapitulation eczwingen konnten⸗ t So oft auch der Oberſt Denfert aufgefordert wurde ſich — —— — — 545— zu ergeben, immer wies er dieſe Zumuthung entſchloſſen von ſich. Da erfolgte in der Nacht vom ſiebenten zum achten Januur die ſil Erſtürmung von Danioutin, einem feſten Dorfe nahe dem und Schloſſe. Die Landwehrleute, denen ſchon lange der Gedulds⸗ faden zerriſſen war, gingen mit wuhrer Wuth auf den Feind los rau) und hieben ſo kräftig auf ihn ein, daß ſie zwei Stabsoffiziere, der ſechszehn Offiziere und über ſiebenhundert unverwundete Gefan⸗ denen gene mit ſich nehmen konnten. Am zwanzigſten Januar ſtürmten nicht ſie alsdann das Dorf Pérouſe, und wieder zeigten die Land⸗ Mut⸗ wehrleute den feſteſten Willen, die Sache zu Ende zu führen, aber genug die Feſtung Belfort war noch feſter und ſpottete aller Anſtren⸗ e die gungen. eiten Nun waren die Pioniere in voller Thätigkeit Mitten in ilhet. die Berge hinein gruben und ſprengten ſie Läufgräben und war⸗ ſcher fen hohe Schanzen auf, um die Arbeiten zu decken. Es war ein moſen unſäglich mühevolles Geſchäft. Was Bergleute in Jahren vollen⸗ bald den, das mußte hier durch die Gewalt der Sprengmittel in wenig tzm Wochen fertig gebracht werden. Schießbaumwolle und Dynamit dieſes riſſen denn auch die Felſen auseinander, daß es krachteo Aber durch das nun eintretende Thauwetter ſchmolz der ghon Schnee auf den Berghöhen und floß in Strömen herab. Die lh di Leute ſtanden bis zumhalben Leibe in eiskaltem Waſſer und 6 gruben und hackten, da durfte Keiner müßig bleiben, denn wer i nicht arbeitete, erſtarrte zum Eisklumpen, und nur die regſte 6e Thetigkeit ſchühte vor Erkältung und ihren üblen Folgen. Kamen dm die armen Menſchen dann an die wieder kalt gewordene Luft, ben ſo froren ihnen die Kleider am Leibe feſte und da war kein Ofen, g 6 um ſich daran zu trocknen, kein Bett, um drin. auszuſchwitzen, und Mancher holte ſich den Rheumatismus für das ganze Leben. 3 W dieſen ſo mühſam herausgegrabenen Laufgrähen arbei⸗ teten ſich die Soldaten denn endlich bis zu den Perches hin, und 1 1 dieſe wurden am ſiebenundzwanzigſten Januar angegriffen. . ih⸗ Pommern und Weſtpreußen, gewiß ſtarke und tapfere Soldaten, rer 8 quälten ſich vergeblich ab, die Bergkuppen ön nehmen, ſie waren n 3 ſo feß, daß ihre Bemühungen ſcheiterten. Heimlich, in der dadu D. V. Th. II. 35 e — 546— Dunkelheit der Nacht, waren die Deutſchen herangerückt und dach⸗ ten den Platz zu überrumpeln, aber der Kommandant Denfert war nicht unvorbereitet und empfing die Angreifenden mit einem wahren Hagel von Kugeln. Da gab es Granaten und Chaſſe⸗ vots, Bomben und Spitzkugeln, man konnte die verſchiedenſten Sorten in den Leib hineinbekommen, und wirklich waren die Ver⸗ luſte der Deutſchen ſo ungeheuer, daß von dem Bataillon Schneide⸗ mühl nur dreihundert und elf Mann dienſtfähig blieben. Das war ein ſchlimmer Erfolg, auf den Niemand vorbereitet war. Und nun kam noch hinzu, daß ſich von Paris her die Nachricht verbreitet hatte, daß dort Waffenſtillſtundsunterhandlun⸗ gen eingeleitet worden ſeien. Dort alſo hatten ſie ſchon die Degen in die Scheide geſteckt, dort durften ſie ſich an ihren Siegen erfreuen, während ſich hier die armen Leute vergeblich an dieſer Feſtung die Zähne ausbiſſen. Das war eine harte Auf⸗ gabe! Aber ein deutſcher Krieger murrt nicht, wenn die Arbeit auch noch ſo hart iſt, ſobald es gilt, das Vaterland zu verthei⸗ digen. Auch muß es dieſen Truppen zum Ruhme nachgeſagt werden, daß kein Laut der Klage unter ihnen laut wurde, und daß ihr Eifer, die Feſtung zu erobern, nur noch zunahm. Wenige Tage ruhten die Tapferen aus, während die Pioniere die Gräben und Schanzen noch verbeſſetten, dann begann der Kampf aufs Neue. Es war am achten Februar, als die Perches abermals geſtürmt wurden, und wider alles Erwarten war dieſes Mal die Sache ganz leicht, und nach wenig Stunden wehte auf Bergkuppen die ſchwarzweiße Fahne. Hatten die Franzoſen eingeſehen, daß ſich dieſe Plähe nicht halten ließen, oder waren ihre eigenen Verluſte ſo bedeutend ge⸗ weſen, daß ſie es auf keinen zweiten ſolchen Kampf wollten an⸗ fommen laſſen? Wir wiſfen es nicht. Genug die Deutſchen be⸗ ſetzten die Plätze und nahmen die feindlichen Kanonen, von denen viele ſchon durch die Franzoſen unbrauchbar gemacht worden waren. Damit war es denn erreicht, daß man eine Höhe ge⸗ nommen hatte, von der müs ſich die Eitadelle mit Erfolg be⸗ ſchießen ließ. Selbſt die Unſrigen ließen der Tapferkeit des Oberſten Den⸗ id dach⸗ Denfert t einem Chuſſe⸗ denſten ie Ver⸗ chneide⸗ rhereitet het die anblun⸗ hon die m ihren eblich an ute Auf⸗ ie Aheit verthei chgeſagt de und PVrrig Gräben upf auf abermuls eſes Nal auf“ ihn niht uend g ollten an⸗ iſien be von henen worden Siſ g⸗ folg bi⸗ Pen⸗ rſen Den — 54— fert die vollſte Gerechtigkeit widerfahren. Als Kommandant der Feſtung hatte er die Verpflichtung übernommen, ſie bis zu dem letten Augenblick zu vertheidigen, und wahrlich, er that es mit großer Unerſchrockenheit und mit dem löblichſten Eifer für eine freilich verlorene Sache. Daß ihm die Deutſchen die Zeitungen zuſchickten, die über den Waffenſtillſtund berichteten, von welchem allein die Süd⸗Armee und die Feſtung Belfort ausgeſchloſſen waren, machte ihn ſeinen Vorſätzen in keinem Augenblicke untreu, und als die deutſchen Artilleriſten ſich in den beiden Perches feſtſetzen wollten, beſchoß er ſie auf das Lebhafteſte, ohne ſich an den halben Frieden zu kehren, der bei Paris beſchloſſen worden war. Doch als er erfuhr, daß auch die letzte franzöſiſche Armee verloren ſei, und daß ſich eine ſo große Streitmacht auf neutrales Gebiet geflüchtet hatte, da mußte er wohl ſeine Sache als ver⸗ loren betrachten, denn was half es ihm, Belfort zu halten, wenn Frankreich beſiegt war? Gewiß mit ſchwerem Herzen unterwarf er ſich den Befehlen der proviforiſchen Regierung, die ihn ſelber zur Uebergabe aufforderte, damit dem Friedensſchluſſe kein Hiſ⸗ derniß mehr im Wege läge, aber glücklicher als viele ſeiner Vor⸗ gänger rettete er wenigſtens die volle Achtung der Sieger. Am ſechszehnten Februar kapitulirte der Oberſt Denfert⸗Rö⸗ cherau, wie er ſelbſt laut und öffentlich erklärte, nicht bezwungen, ſondern nur in Folge des Befehls, der ihm von Paris aus zu⸗ ggangen war, und die Drutſchen erkannten dieſe Thätſache an ind geſtatteten ihm und ſeiner aus zwölftauſend Mann beſtehen⸗ den Feſtungsbeſatzung freien Abzug mit allen militairiſchen Ehren. Er brauchte weder die Wafſen abzuliefern, noch die vorhandenen Vorräthe an Pulver und Blei zu übergeben, ſeine Truppe wurde aufgelöſt, doch ohne daß man die Offiziere vereidigte, nicht wieder gegen Deutſchland zu kämpfen. Wäre nicht damals ſchon der Frieden ſo gut wie geſichert geweſen, man hätte freilich nicht ſo günſtige Bedingungen ſtellen können, jetzt freuten ſich ſelbſt die Feinde, daß ſie das Recht hatten, ſo viele Tapferkeit gebührend zu ehren. Der Oberſt Denfert und ſeine Offiziere wurden von 6 35* — 548— den Deutſchen auf das Beſte empfangen, und dieſe boeilten ſich, ihnen jede Beguemlichteit zur Verfügung 3u ſtellen, deren ſie nach Monate langer Einſchließung gewiß bedurften. Denn ſicher ich hatten ſie furchtbar zu leiden gehabt, als ſie ſich immer enger und enger umzingelt Jahen und ihnen ſo viel als möglich die Lebensmittel abgeſchnitten wurden⸗ i, Aber auch die Belagerer genoſſen mit wahrer Wonne dieſen Augenblick. Es liegt etwas wunderbar Beruhigendes darin, wenn nach dem fortwährenden Schießen endlich Stille eintritt. Das Gefühl, geſichertezu ſeim und die ſchlimmſten Gefahren des Krieges überſtanden zu haben⸗ wirkt beſeligend auf die Soldaten ein. Jetzt haben ſie keinen Feind mehr, jetzt möchten ſie es ihren frü⸗ heren Gegnern beweiſen, daß aller Bwiſt, alle Feindſchaft ent⸗ ſchwunden iſt, und daß ſie die Wunden zu heilen wünſchen, die ſie ſelber geſchlagen haben⸗ 1 Richts vergißt ſich ſchneller als überſtandene Strapazen. Sobald man nur eine Nacht darüber ausgeſchlafen hat, fühlt man ſich wieder friſch und muthig. So ging es anch hier. Was die Landwehrleute bei der Belagerung von Belfort erduldet hatten, war gewiß ſehr ſchlimm. Aber nun war es überſtanden, das Wetter wurde heiter, die Gefahren waren vorüber, ſchon ſangen die Vögel wieder auf den noch dürren Zweigen, und friſcher Muth beſeelte jede Bruſt. Es war ja Frieden, und dieſe braven Leute, von denen die meiſten verheirathet waren und Kinder hatten, freuten ſich unendlich auf die Rückkehr in die Heimat. Dazu wußten ſie es, daß dieſes ſchöne Elſaß, welches ſie mit erobern geholfen hatten, deutſches Eigenthum ſein und bleiben ſollte, die ſchönſte Errungenſchaft dieſes großen Krieges, der ganz Deutſch⸗ land einig machte. 1 0t5 Am achtzehnten Februar hielten die deutſchen Truppen ihren Einzug in die Feſtung Belfort, die ihnen ſo lange wider⸗ ſtanden hatte. Das war ein ſchöner Tahl Dort drüben lagen die Perches, von denen aus die Eitadelle beſchoſſen werden ſollte und wo das Blut vieler tapferer Männer gefloſſen war, die Abendſonne vergoldete ihre Bergſpitzen, als ob ſie verklärt wären, und die letten Strahlen ruhten ſo weich darauf, als en ſih ſie nach ſichet ih er enger glich di dieſen n wenn Dus Krieges tten ein. ren frü⸗ aft ent⸗ hen, di tupen⸗ ihlt mn Wus die thatten Rn du m ſungln her Nuth en Pi, r habten⸗ erobern ſclu de Deiſſi⸗ giuppe wider⸗ hen lagen n werden ſſen wal, erllitt uuf, ab — 549— ſendeten durch ſie die verklärten Geiſter ihre Grüße herab. In“ der Stadt läuteten die Glocken zum Gebete, ein hinimliſcher Friede ſchien ſich auf die Erde herniederzuſenk⸗nß brächts er doch in ſeinem Gofolge Freiheit und Frühling und wahres Völker⸗ glück Wohlſtand und Gedeihen; Einigkeit und Kreft. Denn wb ein Volk allein nach der Segnung wahret Bilbung ſtrebt, wo die Regierung nichts, als nur das Wohletgehn der Staats⸗ bürger bezwockt, da fehlt auch Gottes Segen— und ſicherlich, er wird ſein. 367 Raßftel. vu⸗ Die⸗wll enc un eſto n Der Graf von Iſſechorſt⸗ wat mit Wilhelim Friſ chwütth nach dem Berge Valérien gegatiön, nicht nure um die Rioſenkanone zů ſehen ſondirn um ſich bon dent Mäſchinenbauer verſchiedene Geräthſchaften erklären zu laſſen, durch welche dieſe Kanone ſich beehe Ueß Rehöts wat ernbegierig, und Friſchmüth ver⸗ ſtans ös, mit Beſcheidetheit zu lohren Er prẽhl mit“ Kufe en, die zu ſeineni Fache gehörten. n Freilich tieb er ſein Handwerk nicht bloß als einch Gew e, er hatte ein wirkliches Inlereſſe dafür, er ſah mit Fteude, wie der Vienſch ſich die Raturktäfte unterthänig machen ünd durch Datpf und! Maſchinen ſo viel Segensreiches hetvorzubtingen⸗ vermag. Die Berechnungeft die dazu nothwendig ſind, hatte er⸗ ſich ſo diel als möglich zureihen gemacht ja,des war ihm ſchon gelungen, weſentliche Verbeſſerungen an von den i er bettieb, hetbrzuht inden. DPas Gettiöbe der Räder, das Drohen zt Wuzen, dns nif und Rirderſenken der Stempel doſerofuſt wunderbare We⸗ chunisinus der Lokbntlveit bewegt, Dampffchiffe treibt, Wnſſer — 550— hebt und Stoffe webt, dieſe Kraft. die den Arm des Menſchen erſetzt, damit ſein Geiſt Zeit gewinne, ſich zu bilden, er hatte geſucht, ſie zu begreifen und zu benutzen. In früheren Jahren hatte er ſich oft ein Kapital gewünſcht, um einmal ſelber ſ affen zu können, da er aber kein Vermögen beſaß, und Alles, was er war und was er gelernt hatte, ſeinem eigenen Fleiße verdankte, ſo waren ihm ſo ehrgeizige Pläne längſt entſchwunden, und er freute ſich⸗ wenigſtens mitgearbeitet zu haben, wenn aus der Werkſtatt etwas Großes hervorging, und wurde nicht eitel, wenn die Ingenieure und Werkführer bisweilen auch ſeinen Rath mit zuzogen und das ſchwierigſte Geſchäft ihm anvertrauten. Tief erſchüttert war er von dem Krankenlager des unglück⸗ lichen Franz Godard zurückgekommen. Unterwegs begegnete ihm ſein Major. Er ſtand ſtill und machte Front. — Nun, Wachtmeiſter Friſchmuth, redete ihn dieſer an, Sie haben alſo auch das eiſerne Kreuz bekommen, ich gratulire dazu. — So weit iſt es wohl noch nicht, ſagte Wilhelm, ich be⸗ komme zwar ſchon den zweiten Glückwunſch dazu, aber das Glück ſelber bleibt noch aus, wüßte auch nicht, wie ich es verdient hãtte. — Na, dann nehmen Sie es unverdient hin! rief der Major. Beſcheidenheit iſt auch eine Tugend, aber die Ihrige muß doch wohl zu groß ſein, denn der General hat Sie ſelber vorgeſchlagen, und ich habe auch mein Wort dazugegeben. Morgen früh wer⸗ den Sie wohl das Nähere darüber hören. — Ich ſage Ihnen meinen beſten Dank, Herr Major, wenn es noch eine Gelegenheit gäber eine Auszeichnung zu verdienen⸗ wollte ich ſie mir gewiß zu nutze machen. — Es iſt ſchon beſſer ſo! nickte der Major und ging weiter. Friſchmuth freute ſich doch, daß ihm ſolche Ehre zutheil wurde, aber er ſagte ſich zugleich, daß es nicht eiſerne Kreuze für Alle geben könne, und daß wohl Mancher noch gerechtere An⸗ ſprüche daran zu machen habe als er. Doch weil ihm im Au⸗ Minſchen er hatt ewünſcht, ermögen ſeinem e Pläne geabeitt ing, und hisweilen chift ihn ungůt⸗ nete ihm an Sie graulte 6 du Sd verdient et Majt. nuß doch eſilen üen ſor wenn verdienen und ging re uhel Kreu⸗ fin cure i n in 1 — 551— genblick das Herz davon voll war, ging er zu dem Grafen Iſſel⸗ horſt, es ihm mitzutheilen, und dieſer freute ſich, ihn mit nach dem Berge Valérien nehmen zu können. Es war ſpät, als ſie von dort zurückkehrten, und ſo aßen ſie miteinander Abendbrot in einer Reſtauration und kamen erſt nach zehn Uhr zu Reinholds Wohnung zurück. Hier ſtand der Burſche vor der Thür. — Warum ſchläfſt Du nicht ſchon, redete Reinhold ihn an, warteſt Du auf mich? — Ja, Herr Graf, ſagte der, es iſt ein Zettel da, den ich Ihnen noch heute abgeben ſoll. — Laß ſehenl rief Reinhold und trat in das Zimmer, wo der Burſche ſagleich Licht anzündete — Bleiben Sie doch noch, lieber Friſchmuth, wandte ſich der Graf an dieſen, der eben gehen wollte, wer weiß, was die Bot⸗ ſchaft enthält, ich bin doch wirklich neugierig Friſchmuth trat mit hinein, und der Graf las, was Belle⸗ garde ihm geſchrieben hatte. — Sehen Sie, ſagte er, indem er Wilhelm das Papier hinreichte, das iſt doch ſeltſam, denn, wie ich Ihnen erzählte, nahm mich der Gefangene ſehr ſchlecht auf, wies mich faſt mit Abſcheu von ſich, und jetzt, ſo kurze Zeit darauf, bittet er drin⸗ Gend um meinen Beſuch. — Und jetzt werden Sie nicht hingehen, ſagte Friſchmuth und warf das Papier auf den Tiſch. — Dürfte ich einem Sterbenden etwas übelnehmen? fragte Reinhold. O nein, Friſchmuth, dieſen Rath würden Sie ſelber nicht befolgen, wenn Sie in meiner Stelle wären! Ich habe mich ihm ja angeboten, falls er meiner bedarf. — Und er hat Sie zurückgewieſen, damit, denke ich, ſollte die Sache zu Ende ſein. Wilhelm ſagte es mit einiger Heftigkeit. Reinhold ſah ihn verwundert an. — Ich verſtehe Sie nicht, ſagte er, warum wollten Sie denn nicht begreifen, daß es meine Pflicht iſt das Teſtament eines Sterbenden in Empfang zu nehmen, da Sie mir doch noch vor — 552— Kurzem von jenem Schwindſüchtigen erzählten, der Ihr ganzes Mitleid in Anſprüch nimmt“ 0 — Na ja, das würde ſo eine gutmüthige Seele, wie Becker odör Wildberger, auch nicht verſtehen, lachte Wilhelm ich fage es Ihnen abernes iſt doch ein Unterſchied. Wenn einer jetzt grob gegen mich iſt und in dem nächſten Augenblick bittet er demüthig um meine Hilfe, ſo ſchließe ich daraus, daß er ſich die Sache überlegt hat und daß er meiner bedarf⸗. — Eben das hoffe ich, unterbrach ihn Reinhold, ich wünſche ja, ihm nüchlich ſein zu tönnen⸗ nE — Solch einer Kanaille! brach Wilhelm los. Denkem Siö denn, dus( etwas Gutesciſt; was er won Ihnen will? — Im Angeſicht des Todes mag ihm die Reue kontmon, antwörtete der Graf. nadi— —Die käme ein bißchen ſpät⸗ gief Friſchmuth sbor Angſt mag er haben und ſich durch Ihre Hilfe herausſchwindeln wollent Solch einem Kujon iſt Mles zuzutrauen! Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Graf, der Fuchs legt Ihnen eine Schlinge! — Friſchmuth Sie ſind nůtriſch, lachte Reinhold was ſoll der gefangene Menſch mir anhaben können, wirklich ich bogreife Sie nicht; Sie ſind doch ſonſt ſo nerſtändigt bim münn nc— Es iſt ſchon gut, ſagte Wilhelm man wird jauſehen — Gehen Sie nach Hauſe und ſchlafen Sie die Griller) aus bat der Gtaf, morgen ſehen wir uns wieder. ön— Da trat der Maſchinenbatter dicht vor ihn hin. ſanc dnn — mnd dus ſage ich Ihnen, Herr Lieutenant⸗ vief er ohne mich gehen Sie nicht zu dom Schurken 10 lo ſniE — Was fällt Ihnen ein, ſagte Reinhold, er hat mir! Auf⸗ träge zu geben, die er in Bhter Gegenwart gewiß zurückha ket wird. — und wenn Sie mich fortjagen, beſtand Wilhelm, icht vevlaſſe Sie nicht! i in p mllie Der Graf trat einen Schritt zurück. dnuttist Das iſt zu wirl; ſagts er und richtete ſich gemeſſen empor, ſchubitte Sie jetzt dringend, mich zu verlaſſen⸗ Auf Wiederſehen, Waſtmeiſter Friſchmuth. lon 1 1 2 innn r gunzes ie Becker ſage es eht grob müthig e Sache Fnünſch nlen Si kommen bet Agſ wollen e ſich in was ſol bori ſcheh eGrilin n er ohne nir W richnlun ſnemtn en ſf ihe Vilhelm zuckte zuſammen, Das war nicht dio Soruche die er von Reinhold gewohnt war, aber er faßte ſich, machte die Honneurs, wandte ſich kurz um und verließ mit klirrendem Säbel die Stube. Reinhold fühlte in dem nächſten Augenblick ſchon Reue, hatte er doch den Mann beleidigt, der ihm das Leben gerettet hatte. Aber dieſer Mann maßte ſich das Recht an ihm ſeinen Rath nufzudringen, und ſolch ein Zwang war nicht zu duldem Er war feſt entſchloſſen, zu dem Grafen Belegarde zu gehen er wollte ſich nicht daran hindern laſſen, denn er hielt es für ſeine Pflicht, den Wünſchen eines Menſchen nachzukommen der nur noch wenige Stunden zu leben hatte. Schnell warf er ſeinen Paletot über; Friſchmuth ließ ſich wohl morgen wieder verſöhnen, hatte er es doch auch nicht bös gemeint und nuſein gutes Recht vertheidigt. Solch ein kleiner Zwiſt, wie er⸗ zwiſchen ihnen ſchon einmal naelmen war, kann der Sealit nicht ſchaden. Ereilte zu⸗ Gefängniß. Es war Uhwe tund Alles war ſtill, nur aus dem einen der aben gelegenen und nicht vergitterten Fenſter ſchien noch rin Licht, denn man mochte dem Verurtheilten nicht ſchon jetzt die bii terniß des Grabes das ihn erwartete. Reinhold meldete ſich vzi Wechthagnpen und. zeigte Bellegardvs Zettel vor, Dem jungen allgemein geachteten Offi⸗ wurde der Zutritt zu dem Gefangenan nicht verweigert. und 1Braf ſtieg die Treppe hinauße Aber auf dem Gange begeg⸗ nete er drei Schildwachen, und faſt kum es ihmldächerbch npr daß Wilhelm Friſchmuth grade hier eine eGtfaht ür ihn ten konnte⸗ Be Legarde. ieinen Sit und frohlockte, er verbarg das Meſſer auf ſeiner Bruſt ex hatte die Spitze geprüft ſie war ſcharf genug, Iſſelhorft ſollte fallen, ohne deinen Laut von ſich zu gebennerzwußte, wie die wilden Arabepn ſich aufeihr Onfer ſtürzten und es mit einem ſicheren Stich ermorde⸗ ten. ſo wallte epſich nufrſeine Beute werfen und in nweniger als einer Stunde war er frei. Er hätte aufjauchzen mögen bei — 554— dieſem Gedanken, doch mußte er ſich faſſen und dem Grafen mik einem ernſten Geſichte entgegengehen. Dieſer trat raſch herein. — Es freut mich, ſagte er, daß Sie doch noch nach mir verlangen, worin kann ich Ihnen dienen? — Es iſt ſehr gütig, daß Sie ſich meiner Bitte fügten. antwortete der Verurtheilte. Wenn man dem Tode ſo nahe iſt, wie ich es bin, ſo denkt man raſch und faßt ſchnelle Entſchlüſſe. Ich will nicht unverſöhnt aus dem Leben gehen. Setzen Sie ſich, Herr Graf, und hören Sie mich an. Reinhold ſetzte ſich neben das Bette, der Graf nahm ihm gegenüber Platz, den Tiſch rückte er etwas bei Seite, ſo daß er ſich in jedem Augenblicke auf ſein Opfer werfen konnte. Die Lampe brannte ziemlich trübe, das Fenſter war geſchloſſen, und vor der Thür, der Bellegarde den Rücken zudrehte, vernahm man deutlich den Schritt der Schildwachen, die hin und wieder ein Wort mit einander wechſelten oder leiſe vor ſich hin pfiffen. — Wen betriſſt das, was Sie mir ſagen wollen? fragte Reinhold, der, nichts Böſes ahnend, ſeinen Paletot aufknöpfte, denn die Luft in der Zelle kam ihm ſchwül vor. Das Licht ſchien flackrig auf Bellegardes gelbgrünes Geſicht, und Reinhold war es, als leuchteten ſeine Augen unheimlich wie in Fiebergluth oder Wahnſinn... — Laſſen Sie mich zuerſt eine Frage an Sie richten, bat der Gefangene, um ſein Opfer ſicher zu machen Sie lieben Fräulein Helene von Montalto? — Hat das etwas mit Ihrem Teſtament zu thun? gegen⸗ redete Reinhold. — Ich möchte zuerſt Gewißheit über diefen Punkt haben ſprach Hektor mit leiſer Stimme, es liegt mir viel daran. — Nun denn, antwortete Iſſelhorſt, warum ſollte ich mich einer Neigung ſchämen, von der Sie das Geheimniß mit in das Grab nehmen werden. Ja, ich liebe das Fräulein, aber ich auch, daß ich bei ihr keine Gegenliebe finde. — Sie wiſſen alſo, daß die Nichte des Herzogs von Mon⸗ talto in einem ſtrafbaren Verhältniß mit dem Maler Gambi lebt? en mit herein. uch mit fügten uhe iſt, hlüſe en Sie hu ihn daß er e. Die en und vernchn d wieder piifen. 7 fragte fnöpfte . Grſcht, nhmlih en, bt je liebe gegen zcben n. ic nich it in dos ich viß on Wn⸗ nbi lebt' — 555— — Das iſt Verleumdung! rief Reinhold, ich kenne beide und weiß, daß ſie unſchuldig ſind. — Und dennoch müſſen Sie mir glauben, verſetzte Hektor Er wohnt nicht umſonſt mit ihr unter demſelben Dache. — Still davon! befahl der Deutſche, ich will es einem zum Tode Beſtimmten vergeben, daß er ſpricht, was er allein vor Gott zu verantworten vermag, doch mag ich nichts weiter darüber hören, und ich vermuthe, daß Sie mich nicht bloß deswegen hierher beſtellt. — Nein rief Bellegarde, nicht nur deswegen, ich beabſichtige noch etwas Anderes, und hier iſt es! Er ſprang empor, ein Meſſer blitzte in ſeiner Hand, ehe Reinhold ſich zu bewegen vermochte, hatte er ſich auf ihn ge⸗ ſtürzt und ſeine Kehle mit einem ſo furchtharen Griff erfaßt, daß dem Unglücklichen im Augenblicke die Sinne ſchwanden; vergeblich machte er eine ſchwache Anſtrengung, ſich zu befreien, es wurde ſchwarz vor ſeinen Augen, er fühlte die Schwere einer Centnerlaſt, die ſich auf ihn ſtürzte, er ſank zu Boden nieder. Eben ſchlug es Mitternacht. war es ſein Grabgeläute, das ſo ſeltſam vor ſeinen Ohren tönte und warum war Alles nun ſo ſtill, ſo ſeltſam ſtill, und warum floß ſein 5 — Schurke, niederträchtiger Schurke! rief eine kräftige Stimme, und zwei Hände packten den Grafen Bellegarde und riſſen ihn empor. Das Meſſer entfiel ſeiner Hand, die Spitze ſteckte in den Dielen und der Griff zitterte, wie Hektor, als er ſeinen Plan geſcheitert ſah. — Her, Kameraden, faßt die Kanaille, bindet ihm Hände und Füße! Dacht ich es doch, daß es ſo kommen würde! O, für ſolch einen Höllenbraten iſt eine Kugel viel zu gut, an den Galgen müßte er Herr Graf, um Gotteswillen, Herr Grafl Gieb mir Waſſer, Kamerad! O, ſchlagen' Sie die Augen auf! Schrei hinaus, laß den Doktor holen, wir müſſen ihn in das Lazareth bringen! Ach Gott, Herr Graf, ermuntern Sie ſich doch endlichl Eine ſeltſame Angſt hatte Wilhelm Friſchmuth dem Grafen — 356— nachgetrieben. Anfangs freilich tobte der Sorn nicht wenig Mäg draus werden, was will, Jachte èr, ich will mich nicht drum kümmern! n uhAher er Fämmerte ſich doch datum, er ging zu dem Gefängniß und erbat ſich vie Erlaubniß, zu dem Sdafen Bellegarde zu gehen. Zum erſten Male in ſeinem Leben“ Hückte er durch ein Schlüſſelloch und legke ſein Ohr an eine Thür⸗ Verſtehen konnte er nicht was ſie da drin leiſe mit einander ſprachen, aber er ſah, wie hiötzlich Bellegarde empor ſprang und ſich auf Reinhold warf. Da rief er nach dem Soldaten, der den Schlüffel zu der Fhär hatte und zum Glücke in der Rähe war, doch nun fuchte ſeſer nach dem Schlüſſel, nun ſchloß trnauf, nuh ſchob er den einen Riegel fött uns nun den tnderm Friſchmitth dachte, wahtſunig zi werdeßt bor Angſt uhtd Ungeduld und äls et endlich hinkin ſtürzto, da laß Bellegatbe auf Reinhold und würgie iht, und'in friner Sand zückte bas Meffer näch Reikholds Kehle. Welch vin Augehhlch Der Mörder wütde ergriffen und gebutden, bet das Opfir lag ſtart und kakt, regüngslt und ohit Pulsſchlag da. Flfchmuth wollte vozweifeln. H. wathm war er zu fpät geköͤmnien? Lektte ſtürzten hertei, ſe Alle ſahrn, welch ein ſchändlicher Verrath hier verübt werden föitte Bellekarb? wurds verhört, er gab krotzig zue däß es ſeine Abſicht war, den Gtafen Iſſelhorſt zu tödten und in ſeiner Uiform zu fliehen.—— Dieſeii hüllte Friſchmuth ein und ttig ihn mit Hilfe eines Kgmeraden in dqs Lgzareth. Welch ein Jammer! Der eben noch ſo friſche, ſö dein Krankenbette weſcheg Mätia Fiſcher ihm in aller Eile be⸗ reitete, und der Aizt, der ihü unerſüchte ſchüttelte raurig den Kopf. Bem Maſchinenbnuer liefen große Thränen in den Bart hinein, er konnkte eg ſich nicht vergeben, daß ef nicht gegen Reinholds Willen fräher ſchon ji das Gefängniß eingedrungen war. Reinhold tödt.. ihm war, als könne er un niemals wieder frgh und glücklich ſein n Fr biühende Jüngling läc ang ausgeſtreckt auf — weni) il nich fängniß de zu rch ein lonnt aber et teiſhold zu der ſuchte et den dachte, ls t würgie Kehle und zs und ſ. H hei, ſ werden e ſeine n ſeinet ſ eines er öben reci auf bite be⸗ utig de den Bitt i ge0 ehrung mna — 3 68. i Der Graf Heltor von Bellegarde lag auf ſeinem Belte, ſtarke Stricke feſſelten ſeine Arme und ſeine Beine, und wie zum Ueber⸗ fluſſe war er noch an das Bettheſtell gebunden Ein Soldat ſaß ihm gegenüber und hielt die geladene Flinte zwiſchen den Knieen. Er konnte kein Glied bewegen nur ſeine blutunterkaufenen Augen irrten umher, und hätte er mit ſeinen Bicken morden können, es wäre kein Leben von ihm verſchönt geblisben. Welch eine Wuth! Der ſo ſchlau angelegte Plan wär alſo mißglückt, war auch der Graf erwürgt was half es ihm? Gräßlich war der Fluch, den er auf Wilhelm Friſchmuth ſchleuderte der ihm das Geligen feiner That zerſtört hatte. 4 5 So mußte er denn alſo ſterben, ſo gab es keinen Ausweg! Gräßlich, gräßlicht Die Minuten rännen dahin, kangſam freilich, doch eine jede zählte ſich von ſeinem Leben ab Bald mußte der MWorgen kommen. eine furchtbare Angſt bemächtigte ſich feiner, feine Pulſe flögen, ſein Athem keuchte, das Bett wurde ihm zur Solterbank.. O, wore es nur erſt vorüber, wäre er nur erſt todt! Und doch wenn er es dachte wie er daliegen follte, kalt und ſtarr, eine Leiche, und ſein Geiſt... er hatte niemals an Unſterblichkeit der Seele geglaubt, aber wenn wir⸗ dennoch ewig leben ſollten, leben mit dem Bewußtſein der Schuld, leben unter unendlichen Strafen„ Dieſer Gedanke machte ſein Blut in die Adern ſtocken, er bebte vor Furcht und Grauſen. Der Soldat, der ſo ſeelenrühig ihm gegenüber ſaß, nickte ein, ſein Köpf ſank auf die Vrüſt, dann fuhr er empor und rieb die ſchlaftrunkenen Augen. Wie konnte dieſer Menſch ſo ruhig ſein, während er in jeder Minute einen ſchrecklichen Tod erlitt, denn ſo zu leben, ſo zu leiden iſt weit furchtbarer als das Sterben, und dennoch hätte man — 558— ihm die Wahl gelaſſen, er hätte lieber in dieſen Qualen ausge⸗ halten, nur nicht ſterben, nur nicht ſterben, leben unter jeder Be⸗ dingung o, nur nicht ſterben! Aber laut und deutlich hörte er die Uhr in der Taſche ſei⸗ nes Wächters picken, und durch die Stille der Nacht klang es ihm wie die mahnende Stimme ſeines Gewiſſens: Bedenke Dein Ende, bekehre Dich, Unſeliger, rufe Gottes Barmherzigkeit an, ehe es zu ſpät iſt! 0 Ein Aufſchrei entrang ſich ſeiner gepreßten Bruſt, ein Schrei, ſo furchtbar, daß der Soldat emporſprang. — Was wollen Sie denn? fragte er⸗ — Waſſer, gieb mir Waſſer! ſtöhnte der Graf⸗ Der Mann lehnte ſein Gewehr an den Stuhl an, und reichte dem Gefangenen den Becher dar, dieſer konnte nicht trinken indem er lag, er hob ihm den Kopf empor und unterſtützte ihn. Der Graf ſchielte nach dem Degen an der Seite des Deutſchen, ein Stoß damit in das Herz ſeines Wächters, und er war frei. Aber ſeine Arme waren gefeſſelt, er konnte ſie nicht bewegen⸗ Er trank lange und langſam. — Dieſe Stricke, ſagte er, zerſchneiden mir das Fleiſch, ich pitte Dich, binde ſie mir etwas lofer. Der Soldat ſchüttelte den Kopf. — Das geht nicht, ſagte er, es dauert auch nicht mehr lange. o1 C und er holte die ſchwere ſilberne Uhr heraus und ſagte wie tröſtend: — Zetzt iſt es drei. um ſechs kommt das Komnndo und um ſieben iſt es heller Tag. Er mochte es nicht ausſprechen, daß alsdann die Hinrich⸗ tung ſtattfinden ſollte, aber der Graf verſtand ihn wohl. Er zählte nach: von drei bis vier bis fünf, bis ſechs„das waren drei Stunden, o in drei Stunden konnte er weit ſein, wenn es ihin gelang, ſeinen Wächter zu bethören. — Soll ich denn, begann er wieder, dieſe Schmerzen ſo lange aushalten? Ihr Deutſchen ſeid ein grauſames Volk. S0 bi de — — — n ausge⸗ jeder Be⸗ aſhe ſ⸗ lang es nke Dein geit an, in Schrei an, und t rinkn ütt ihn⸗ Deutſchen, war frei. hewehen⸗ icht nihr ub ſiht ndo ud pinii⸗ Er wohl das ein⸗ weit ſ — 559— bindet man höchſtens ein Stück Vieh, aber nicht einen Menſchen, dem ohnedies der Tod gewiß iſt. — Das geht mich nichts an, verſetzte Jener und gähnte, ich habe es nicht gemacht, ich darf es auch nicht aufmachen. — Das verlange ich auch nicht, erwiederte der Gefangene, nur ein bißchen lockerer ſollſt Du dieſen Strick machen. Ich möchte nicht unmännlich zu der Hinrichtung gehen, aber jetzt er⸗ ſtarren mir die Glieder, ſo daß ich ſie nicht werde gebrauchen können. — Ja, dann will ich den Wachtmeiſter rufen, ſagte der Soldat, wenn der es thun will, mir kann es ja recht ſein. Damit war aber dem Grafen nicht gedient. — Nein, ſagte er, laß das! Kommen die Andern herbei, ſo werden ſie glauben, daß ich mich verſtelle. Ich will ausharxen, aber wenn mir auf dem Wege zu der Hinrichtung Landsleute begegnen, dann will ich es ihnen ſagen, wie die Deutſchen mit ihren Gefangenen umgehen, — Ze nachdem ſie es verdienen, verſetzte der Soldat, aber es ärgerte ihn doch, daß der Graf ſo übel von den Deutſchen ſprach, und er verſuchte es, die Stricke zu lockern, ohne ſie auf⸗ zubinden. In Bellegarde tobte die Furcht vor dem Tode, er war entſchloſſen, Alles zu wagen, und wenn es das Aergſte ge⸗ weſen wäre. Kaum fühlte er den Strick an ſeiner rechten Hand etwas ge⸗ lockert, ſo zog er ſie mit Gewalt aus der Schlinge, ergriff den Säbel des Soldaten und jagte ihn ihm durch den Leib, ehe dieſer nur einen Schrei auszuſtoßen vermochte, dann zerhieb er ſeine Stricke und ſprang empor. Der Leiche riß er die Uniform vom Leibe und kleidete ſich in aller Eile um, dann legte er den Kör⸗ per, den er mit ſeinen eigenen Kleidern bedeckt hatte, in das Bett hinein, band ihn ſeſt und erwartete die Ablöſung, die um vier Uhr kommen ſollte. O wie langſam verging ihm jetzt die Zeit, die Flügel zu haben ſchien, als er noch vor dem Tode bebte. 1t Jetzt ſollte ſie ihm die Freiheit bringen Er hatte den Sä⸗ bel und das geladene Zündnadelgewehr, damit vermochte er — 560— mancher Gsfahr zu trotzen, ine Nebrigen mußte die Liſt ihm helem Als die Ablöſung kam, that er ſehr verſchlufen und zeigte muf den ſtarren Körper hin, indem er durch Geberden andeutete, daß auch er ſchliefe und daß man ihu nicht wecken möchte⸗ Ein Andeter ſetzte ſich auf den Schemel dem Bette gegenüber, und er verließ vas Gefüngniß mit frohlockendem Gemüthe, ſties die Treppe hinab und trat in das Freie Wie athmete er auf, ais er ſich von der friſchen Luft unweht fühlte, aber es war nur ein einziger Augenblick des Glückes, denn plötzlich ſtand ihm Derjenige gegenüber, den er für ſeinen böſen Dämon anſah, Wilhelm Friſchmuth, der Ulanen⸗Wachtmeiſter. 6loS — Kamerad, ſagte er, Du kommſt von dadrin, weißt Du nicht, ob ich den franzöſiſchen Grafen ſprechen könnte, ehe er zur Hinrichtung geht? Weiß nicht, verſetzte Bellegarde und wollte voruber⸗ aber das Wört war dem Maſchinenbauer aufgefallen, gehen, prach es wie ein Franzoſe und nicht mit deutſchem denn er ſ Klunge⸗ Mißträuiſch ging er ihm nach — Es war doch Einer von Deiner Kompagnie der bei ihm Wache hielt, fing er wieder an und ſah ihm dabei ſcharf in das todtenbleiche Geſicht. Jetzt galt es, Bellegarde fühlte ſich erkannt, er mußte um ſein Leben kämpfen, und theuer wollte er es verkaufen. Rit Blitzesſchn⸗lle drehte er das Gewehr um und rannte mit dem Baſonnett auf den Maſchinenbauer los, aber dieſer ſprang zur Seite und ergriff den Lauf. — Dacht ich es doch, rief er, die Kanaille iſt nicht todt zu kriegen!. Kräftig zog er an dem Eewehr, Bellegarde wollte es halten, da ging es los der Schuß fuhr in das gegenüberliegende Haus, ſo daß der Mörtel von der Wand herab bröckelte. Jetzt emriß ihm der ſtärkere Mann mit einem Ruck die ungefähvlich gewor⸗ dene Waffe, hob ſie empor und ſchlug den Flüchtigen damit zu Voden. of Aber der Schuß hatte Leute herbeigerufen, ſte ſtürben aus blen xit nif andeutute hte. egenübet, the, ßies er auf et es wol ſtund ihn an nſuh weljt Du che et dir orüer uſgfallen duiſchen xbä ihn avf in dus mußſte un ufen⸗ Rit e e6 halun ende hu ni hub⸗ damit 5 15 fürh 4 — 561— den Häuſern und ſahen mit Erſtäunen, wie zwei preußiſche Sol⸗ daten ſich blutig rauften. Zufällig war der Major dabei, der Friſchmuth vor wenigen Stunden zu dem eiſernen Kreuz beglück⸗ wünſcht hatte. — Wie, ſagte er mit voller Empörung, ſolch ein Streit inmitten der Nacht und auf offener Straße. das hätte ich wenigſtens von Ihnen niemals erwartet, Waochtmeiſter Friſchmuth. Sie gehen ſogleich in den Arreſt und werden doxt das Nähere hören. Daß es unter dieſen Umſtänden mit dem eiſernen Kreuz nichts iſt, verſteht ſich wohl von ſelbſt, für Raufereien giebt es keine Ehrenzeichen. — Zu Befehl, Herr Major, ſagte Friſchmuth trotzig, ich habe mich nicht nach dem Kreuz gedrängt, aber beſſer hatte ich es doch verdient, als dieſe Zurechtweiſung. Ich gehe in den Arreſt und bitte nur daß Sie dieſen Schurken da ſogleich in das Gefängniß zurückbringen laſſen, aus dem er entlaufen iſt. Das ſchien dem Major ſeltſam. Der Wachtmeiſter kehrte ſich kurz um und ging auf die nächſte Wache, wo er ſeinen Sä⸗ bel abgab, aber den noch immer bewußtlos daliegenden Graſen ließ der Major von einigen Leuten aufheben. Wie konnte ein Soldat in voller Uniform und mit ſeinen Waffen aus dem Ge⸗ fängniß entlaufen ſein? Das war entſchieden unglaublich Ja, traue nur einer den Leuten! Den Friſchmuth hatten alle ſeine Vorgeſetzten gern gemocht, und jetzt erwies er ſich als ein Rauf⸗ bold und als ein trotziger Lügner, Beides verdienten ſcharfe Strafe. Aber was nun mit dem Verwundeten machen dem das Blut langſam von der Stirn herabfloß? Man that wohl jeden⸗ falls am beſten, wenn man ihn in dem Lazareth abgab und ſich dann im Gefängniß erkundigte. Bellegarde, der halb zu ſich gekommen war, vernahm mit Freuden, wohin es ging. So gewann er wenigſtens Zeit, alſo war noch nicht Alles verloren. Doch als der Major in das Gefängniß kam, vernahm er mit Schrecken, was dort ge⸗ ſchehen war. Der Soldat, der bei dem Grafen Bellegarde die Wache halten ſollte, litt an Neugierde. Da lag der Gefangene 36 ————— — 562— ein Taſchentuch über das Geſicht gedeckt, ſtarr und ſteif da und ſchlief. Er ſchlich ſich heran, ſonderbar, man hörte keinen Athem, er blickte auf die Erde und gewohrte einen dunkeln Fleck. und auch auf dem Bette ſah er rothe Tropfen. Das war doch ſonderbar. Dazu hatte er den Grafen vor⸗ her geſehen und ihm ſchien es, als ob er viel dunklere Haare gehabt hatte, als da unter dem Tuche hervorſahen. Plötzlich fiel es ihm ein, daß der Kamerad ihm auch ſo fremd erſchienen war, und daß er nicht geredet ſondern nur Zeichen gemacht hatte. Jetzt hielt es ihn nicht länger! Mit Vorſicht hob er das Taſchentuch an einem ſeinen Zipfel empor und ſah... das bleiche Geſicht einer Leiche. Da faßte ihn Entſetzen, er lief zu der Thür und pochte ſo lange, bis ſie von Außen geöffnet wurde. — Na, was iſt denn ſchon wieder los? fragte die Schild⸗ wache in mürriſchem. Tone. — Der Graf, der Graf, ſchrie der Andere, er iſt ausgebro⸗ chen, da drin liegt Müller und iſt todt! Jeſus Maria, iſt das entſetzlich! Sein Rufen zog Leute herbei, bald wurde die Flucht ent⸗ deckt, und als der Major ankam, vernahm er bereits, wie Un⸗ recht er dem braven Friſchmuth gethan hatte. Sogleich wurde der Entſprungene aus dem Lazareth zurück⸗ geholt. Auch dort war er bereits erkannt worden, denn Aerzte und Wärter entſannen ſich ſeiner verſtellten Krankheit und ſeiner Flucht. Mit blutigem Schädel wurde der Graf Bellegarde wieder in das Gefängniß zurückgebracht. Zwei Mordverſuche in einer Nacht machten ihn gefährlich. Jetzt legte man ihm Ketten an und ließ ihn durch zwei Soldaten bewachen. Hektor war faſt bewußtlos vor Wuth und Todesangſt. Er ſah nun endlich ein, daß alle Fluchtverſuche vergeblich waren. Da lag die Leiche eines braven Burſchen, den er ſeiner Liebe zum Leben geopfert hatte, eine alte Mutter war⸗ tete daheim auf ihn und war ſchon froh und dankerfüllt, daß ihr lieber Sohn alle Schlachten glücklich überſtanden hatte, jetzt ſollte ſie ihn dennoch beweinen möſſen. ———— if da und ſen Athem Fleck, und ufen vor⸗ ere Haate Plöhlich erſchienen icht hatte. nen Zipfil Da faßte e bis ſie ausgebro⸗ ucht en „wie Un⸗ elh zurit⸗ enn Nerzte und ſeiner de wieder in einer purh zwe Pulh und uhnerſuhe ſchen den utet war⸗ rfüllt di zute — 563— Und was hatte dem Grafen ſein Tod geholfen? Das Blut, das ſeiner Kopfwunde entſtrömt war, hatte ihn machtlos ge⸗ macht, er raſte nicht mehr gegen die Nähe des Todes, er zit⸗ terte nur, wie ein Kind, dem einé Strafe droht, der es ſich nicht zu entziehen vermag. Faſt wahnſinnig vor Furcht ſtarrte er vor ſich hin, ſeine Lippen waren blau und bebten, ſein Athem hob ſich mühſam, nud in ſeinem Geiſte lebte kein Gedanken mehr, nur banges Grauſen und namenloſe Furcht. Die Sonne erhob ſich am Himmel, die letzte, die er ſehen konnte. Eine Abtheilung Soldaten trat herein, mit ihr ein Prieſter, Bellegarde wurde aufgefordert, ſich zu erheben, der Prieſter fragte ihn, ob er beichten wolle, er verneinte es, auch nach dem heiligen Abendmahl bezeigte er kein Verlangen, doch bat er um Wein und ſtürzte ihn ſchnell hinunter, denn er fühlte, daß ſeine Füße ihm den Dienſt verſagten, und wollte ſich Muth geben. Er bemerkte es wohl, wie Alle ihn mit ſchauderndem Ent⸗ ſetzen anſahen, denn er war graugelb im Geſichte, und ſeine Hände fingerten ängſtlich an den Ketten herum. Aller Mannesmuth verließ ihn, als die Offiziere hereinkamen, und zwei Soldaten mußten ihn ſtützen, damit er nicht zuſammenſank. Der Geiſtliche ſprach ein kurzes Gebet, dann nahmen ihn die Soldaten in ihre Mitte, und hinaus ging es, hinunter und auf den weiten Hof, wo dicht vor einer Mauer ein Sandhaufen lag. Die Thore ſtanden offen, einige Männer und ſelbſt ein paar Frauen traten herzu, um die Hinrichtung mit anzuſehen, denn ſchnoll hotte ſich das Gerücht von dem, was in der Racht in dem Gefängniß ge⸗ ſchehen war, durch die Stadt verbreitet, und unter den Franzoſen gab es Neugierige genug, die den kecken Menſchen zu ſehen wünſchten, der zwei Mordthaten begangen hatte, um ſein Leben zu erreteen. 69. Kapitel. Der Weg zum Tode. Nichts ſchmerzt tiefer als Ungerechtigkeit, unter der wir zu leiden haben. Wilhelm Friſchmuth lag auf der Pritſche in der Wachtſtube und hätte gerne geſchlafen, wenn es ihm nur möglich geweſen wäre. Aber nun wogten die Gedanken in ſeiner Bruſt, und ſie waren keineswegs erfreulicher Natur. Die hölzerne Bank, die ihm oft als Bett gedient hatte, war ihm noch niemals ſo hart vorgekommen, wie in dieſer Nacht, die kein Ende nehmen wollte, und weit ſehnte er ſich forr Es war ihm nicht einmal ſo ſehr um den Verluſt des eiſer⸗ nen Kreuzes. Zwar war es ihm, ohne daß er es ſich geſtehen wollte, eine hohe Freude geweſen, daß grade ihm dieſe Auszeich⸗ nung zu Theil werden ſollte, und daß ſeine Vorgeſetzten ihn be⸗ merkt und ihrer für würdig erklärt hatten. Er dachte nicht ohne Stolz daß er Betty beſſer gefallen würde, wenn ſeine Bruſt mit dieſem ſchönen, allein für dieſen Frieg geſtifteten Orden geſchmückt wäre. Aber dieſe ſelbſtſüchti⸗ gen Träume traten weit zurück hinter der Sorge um Reinhold von Iſſelhorſt. Er hatte ihn im Lazareth bewußtlos verlaſſen, ob todt er wußte es nicht. Maria Fiſcher, die ſich eifrig um den Grafen bemühte, hatte ihm geklagt, daß es an Eis fehlte, um das Blut niederzuziehen, was durch den heftigen Drik auf ſeiner Kehle im Kopfe zu ſtecken ſchien. Eis mußte es in dem Fluſſe noch geben, Schnee wenigſtens war gewiß noch auf den Höhen vor⸗ handen, und darum war Friſchmuth hinausgeeilt, um welches herbeizuſchaffen.. Das war nun freilich vereitelt, und Reinhold mochte ſterben, während er hier als ein Arreſtant lag. O wie langſam verrinnen die Stunden einer ſchlafloſen Nacht! Friſchmuth konnte keinen i he in det rmöglich er Bruft anh emals ſo nehmen des eiſer⸗ geſtchen Quceich⸗ ihn be⸗ gefalen ir dieſen lbſtſicht⸗ geinhod todt nGrafen dus Blut ner hehl uſe no hen vo . velh⸗ hum e e inen — 565— der Soldaten bitten, für ihn zu thun, wozu er ſelber nicht fähig war, denn keiner durfte die Wache verlaſſen, bis die Ablöſüng kam. u Dann freilich hatte es ihm Einer zugeſagt, aber konnte er ſich darauf verlaſſen, daß der ſchlaftrunkene Menſch ſein Wort halten würde? Zum erſten Male in ſeinem Leben empfand Wil⸗ helm das furchtbare Gefühl, welches in dem Worte Gefangen⸗ ſchaft liegt. Eingeſchloſſen, der freien Bewegung beraubt ſein, nicht ſelbſtändig über ſich verfügen können, o das iſt fürchter⸗ lich, ſelbſt wenn man unſchuldig leidet, aber wehe dem, den auch noch das eigene Gewiſſen anklagt und der den irdiſchen wie den himmliſchen Richter zu fürchten hat! So wälzte er ſich denn ſtundenlang auf der Bank en bis es endlich am Himmel dämmerte, und ein Tag anbrach, der für ihn ſo viel entſcheiden ſollte. Die Ablöſung kam, und er beſchwor noch einmal den Soldaten, Eis in das Lazareth zu ſchaffen und Maria Fiſcher zu ſagen, warum er es nicht ſelber brächte. Es wurde hell. Er ſah nach der Uhr. In kurzer Zeit ſollte Graf Bellegarde zur Hinrichtung geführt werden, aber was kümmerte es Wilhelm jetzt, ob der Schutke erkannt war und ob er ſich gerettet hatte oder ſeinem Ende entgegen ging. Plötlich erſchien eine Ordonnanz. — Iſt der Wachtmeiſter Friſchmuth hier? fragte der Soldat. — Hier, verſetzte der und erhob ſich. — Befehl vom Major, meldete der Soldat weiter, dem Wachtmeiſter Friſchmuth ſogleich ſeinen Säbel wiederzugeben und ſich beim Appell zu melden. Friſchmuch ſprang empor, riß ſeinen Säbel von der Wand und lief, ohne ein Wort zu ſagen davon, indem er ihn unter⸗ wegs umſchnallte. — Alſo frei, ſagte er zu ſich, Gott ſei Lob und Dank, das hätte ich keine drei Tage ausgehalten! Haben ſie den ent⸗ laufenen Grafen wieder gefunden? Na, mir ſoll es recht fein, wenn nur Reinhold unterdeſſen nicht geſtorben iſt! — 566— Als er weiter ging, ſah er das Gefängniß, und wie Leute auf den Hof gingen, da wollte er doch wiſſen ob Bellegarde unſchädlich gemacht würde, und ſo ſehr es ihn ſonſt anwiderte, Hinrichtungen mit anzuſehen, trat er doch in den Hof und ſtellte ſich zu den Leuten grade da hin, wo Hektor vorüber mußte. Er erſchien mit geſeſſelten Händen, bleich als ob er ſchon eine Leiche wäre, zitternd und kaum fähig, ſich auf den Füßen zu erhalten. Dieſer Menſch der ſo kaltblütig mit dem Leben Anderer geſpielt hatte, verlor alle ſeine Kraft, als es ihm an das eigene ging. Seine Augen irrten umhex ohne irgend etwas zu ſehen, ſeine blauen Lippen bebten, als ob ſie ſprechen wollten, ſeine Kniee wankten. Plötlich fiel ſein Blick auf einen Landmann, der ruhig mit über die Bruſt gekreuzten Armen daſtund. Da fuhr neues Leben in ihn hinein, ein Blitz des Haſſes ſprühte aus ſeinen Augen, ſeine Züge verzerrten ſich und mit ziſchender Stimme rief er: — Den feſſelt, den mordet, er iſt ein Offizier des Kaiſers, er iſt der Herzog Montalto! Dieſer erbebte. Zuſällig war er hierhergelommen, daß es gerade ſein Todfeind war, deſſen Hinrichtung er mit beiwohnen ſollte, erſchütterte ihn tief. Aber nun nahte eine wirkliche Gefahr. Wenn man jhn einſetzte, er konnte es ja nicht leugnen, daß er von Sedan entflohen war und daß er danach noch lange gegen die Deutſchen gekämpft hatte. O mit wie vieler Mühe war er bis hierher gelangt, und jetzt ſollte vielleicht Alles vergeblich ſein, jetzt ſollte er vielleicht für lange, vielleicht für immer von ſeinem Ziele getrennt werden. Friſchmuth pernahm wohl den Namen, den er kannte, Reinhold hatte ihn genannt, als er ihm erzählte, wie ſich ſeine Freundſchaft mit Raſuel Gambi geſloſſen hatte, er war geſpannt zu ſehen wie ſich die Sache entwickelg würde Wontalto; erwi⸗ derte kein Wort auf Bellegardes Be ſch ld gungen, er ſtand wie Einer, der ſich in ſein Schickſah ergab, wie es auch fommen wochte, doch ſah Bellegarde mit Freude, daß er ſosteib witu en zwri Soldaten genommen wurde l Das war das letzte Glück, welches S rhe wie Leuie Bellegrde anwiderte, und ſtelle ußte. er ſchon en Fößen dem Leben 6 ihm an end etwas nwollten, ruhig mit eues Leben en Augen rief er: Kaiſerb, daß es beiwohnen he Gefohr. n doß er nge gegen r er bis blich ſein. on ſeinem t kanntt ſih ſin r gpun ſo er iand V ochte, en i 1 — 567— wurde das Glück der Bosheit und des unverſöhnlichen Haſſes. Er ging jetzt mit feſteren Schritten zu dem Erdhaufen hin, denn ihn ermahnte die Eitelkeit, ſich vor ſeinem Feinde nicht ſchwach zu zeigen. Der Auditeur trat zu ihm heran. — Im Angeſicht des Todes dem Sie nahe ſind, ſagte er, frage ich Sie, was haben Sie gegen den Herzog von Montalto auszuſagen? — O viel, grinſte Hektor, eine ganze Reihe von Verbrechen. Geben Sie mir das Leben auf wenige Tage, und ich will Ihnen Enthüllungen machen.. — Die wir einem Menſchen, wie Sie ſind, nicht glauben werben, verſetzte der Beamte. Im Namen des Königs! Bellegarde ſah ſeine Sache verloren. Die Wache blieb hinter ihm zurück, als er auf dem Hügel ſtand, brachen ſeine Kniee ein, der eine der Soldgten legte ihm eine Binde über die Augen, dann kommandirte der Offizier Feuer! Neun Schüſſe knallten, der Graf ſprang empor, taumelte einen Augenblick und ſtürzte dann todt zur Erde nieder. Sogleich hoben ihn die Soldaten auf und legten ihn in ein bereit gehaltenes Loch Die Erde ſchollerte über ihn herab.. Montaitos ſchlimmſter Feind war begraben. Niemand weihte ihm eine Thräne, nur ein altes Weib in zerlumpten Kleidern weinte und fluchte vor ſich hin⸗ — Er hätte meine Liſette geheirathet ſagte ſie ich hätte ihn dazu gezwungen, aber nun iſt Alles vorbei, und warum? Immer dieſer deutſche Graf, immer dieſer Ulan! Hätte ſie doch das Feuer verzehrt, als wir ihnen ſo gut einheizten. Ach, meine arme Liſette, wer weiß, ob ſie noch jemals eine Gräfin wird! Damit ſchlich ſie ſich hinweg. Friſchmuth trat an den Her⸗ zog heran, der feſt in würdiger Haltung daſtand. — Kennen Sie nicht den Grafen Reinhold von Iſſelhorſt? fragte er. Der Herzog erſtaunte. Zum dritten Male begegnete ihm dieſer Name. Er erwiederte mit einem kurzen Ja. — Nun, fuhr der Wachtmeiſter fort, wenn der Graf noch lebt, ſo iſt wenigſtens Einer da, der Sie kennt und etwas für — 568— Sie thun kann, nämlich, wenn Ihre Sache nicht allzu ſchlecht ſteht. — Sch hoffe auf Gott, verſetzte der Herzog. Friſchmuth eilte hinweg, indem Montalto in das Gefängniß geführt wurde, das eben noch ſein ärgſter Feind verlaſſen hatte. Er zitterte nicht, er war entſchloſſen, die vollſte Wahrheit zu geſtehen. Konnte man es übel deuten, daß ein Franzoſe für ſein Vaterland kämpfte? Er hatte ja kein Ehrenwort gegeben oder gebrochen, was er gethan hatte, war in offenem Kriege geſchehen, und wie ſehr er ſich auch mit Schuld überladen fühlte, hier, in dieſem Falle ſprach er ſich ſelber frei und hoffte, daß es auch Andere thun würden, ſobald er die ganze Sachlage ohne Verdrehung und Umſchweife bekannte. Unterdeſſen war Wilhelm Friſchmuth in das Lazareth geeilt, um den Grafen Reinhold zu ſehen. — Lebt er? rief er ſchon von weitem Maria Fiſcher zu. — Er lebt, verſetzte dieſe, doch befindet er ſich noch immer nicht außer Gefahr. Der Druck auf ſeinen Hals war zu heftig. Ein Aderlaß hat ihn wieder zu ſich gebracht, und ſein erſtes Wort war der Name Helene, dann aber fragte er ſogleich nach Ihnen. Gehen Sie zu ſeinem Bette, es wird ihn beruhigen, wenn er Sie ſieht. Der Maſchinenbauer ging hin und trat ſtumm an das Bette, auf dem der ſchöne Jüngling lag. Wie ſah er bleich und entſtellt aus! Auf ſeinem entblößten Halſe zeigten ſich deutlich zwei blaurothe Spuren, es waren die Flecke, die Bellegardes Griff darauf zurückgelaſſen hatte, als er ihn würgte. Er ſtreckte dem Wachtmeiſter matt ſeine beiden Hände entgegen. — Sind Sie böſe auf mich, Friſchmuth? fragte er. Dieſer ergriff die Hände, beugte ſich über ſie und preßte auf jede einen Kuß. Dann, indem er mit Gewalt die Thränen niederkämpfte, ſagte er: — Davon ſpäter! Zum Auszanken bleibt uns immer noch Zeit, wir können uns bis dahin überlegen, wer den Anfang machen ſoll. — Alles Unrecht iſt auf meiner Seite, rief Reinhold, denn ga hel in ut Fte ral 5— ich verſprach Ihnen, nie wieder Etwas entſchieden gegen Ihren Rath zu thun. — Das habe ich freilich nicht ſo ſhroff aufgefaßt, lachte Friſchmuth. Aber nun hören Sie die Beſcheerung. Der Graf Bellezarde iſt zum Teufel gegangen, und dieſes Mal in aller Wirklichkeit, aber dafüt giebt es einen anderen Gefangenen, für den Sie ſich mögen, ohne daß ich es Ihnen wider⸗ rathen werde. — Und wer iſt es7 — Nannten Sie mir nicht einmal den Herzog von Montalto? — Um Gotteswillen... was iſt mit dem? — Wie es ſcheint, ſteht die Sache verdammt ſchief. Belle⸗ garde klagte ihn noch vor ſeinem Tode an, er war Offizier des Kaiſers? — Ja, und einer ſeiner Lieblinge. — Das iſt bös! Bei Sedan mußte er wohl ſein Ehrenwort gegeben haben, nicht wieder gegen die Deutſchen zu kämpfen, und das hat er gebrochen. — Iſt es nur das? fragte Reinhold erleichtert, denn ihm ſiel ein, was Leo Rellac ihm Fünchterliches über dieſen Mann geſagt hatte. — Nur das? fragte Friſchmuth ſehr nerwundert. Ich denke, ſein Ehrenwort zu brechen, das iſt genug, um Einen zum Schurken zu machen. — Wird man das jetzt noch ſtrafen, da der Krieg vorüber iſt? fragte der Graf — Das weiß ich nicht, Jedenfalls habe ich aber e3 war vielleicht eine Dummheit... ich hab ihm ſefugt. daß Sie alles Möglihe thun werden um ihn zu rotten. — Und ich werde es thun, ich danke Ihnen, Friſchmuth. Wollen Sie gleich zu ihm gehen? — Ich muß zu meinen Leuten und dann zum Appell. — Ah, des eiſernen Kreu es wegen. — Damit iſt es aus, das kriegt ein Anderer. — Aber wie das? — Zetzt nichts von mir, dazu iſt ſpäter Zeit. Sch komme —— wieder, ſobald ich frei vom Dienſte bin und hoffe Sie dann ſchon wohl zu finden. — Leben Sie wohl, lieber Freund. So trennten ſich die Beiden, und Reinhold von Iſſelhorſt behjelt Muße genug, über das nachzudenken, was Friſchmuth ihm geſagt hatte. An der Wahrheit von Leo Rellacs Worten konnte er nicht zweifeln. So war alſo Montalto ein Mörder! Zwar ronnten die deutſchen Gerichte nicht beſtrafen, was in Frankreich gegen einen Franzoſen geſchehen war, aber wenn nur ein Wort von dieſer gräßlichen That verlautete, ſo war Montaltos Ehre für immer verloren, ſo mußte namenloſes Elend auf ſeine Gattin, auf ſeine ganze Familie kommen, Reinhold fühlte, daß ſeine Liebe zu Helenen dadurch nicht erſchüttert wurde, denn ſie war ja rein und unſchuldig, aber er beklagte ſie tief und ſchmerzlich, ſie und die edle Iduna. Hätte er nur aufſpringen und zu dem Gefangenen hineilen können! Aber er fühlte ſich ſehr ſchwach von der überſtandenen Ohnmacht und von dem Blutverluſte, auch bemerkte Maria Fiſcher ſeine Aufregung, als ſie ihm einen Brief brachte, der ſoeben für ihn abgegeben worden war. Er erzählte ihr daß ein ihm bekannter Wann, der Herzog von Montalto, gefangen worden ſei, und erſtaunte nicht wenig darüber, daß Maria heftig erſchrak.— — O arme Iduna! rief ſie aus, welch ein Leiden für Dich und Deine Kinder! — Sie kennen die Herzogin? fragte Reinhold. — Ich.. hobe ſie einmal geſehen, ſtotterte die bleiche Frau. Doch leſen Sie den Bricf, ein Landmann brachte ihn, er mag wichtig ſein. Reinhold entfaltete das Blatt, das nur wenige Worte enthielt. — Am erſten März, ſo ſchrieb eine ihm unbekannte Hand, wird Paris offen ſein. Donn begeben Sie ſich um die Mittagsſtunde dorthin, und man wird Ihnen das Haus zeigen, in welchem der alte Daniel Sie erwartet. Der Brief hatte keine Unterſchrift. Wer konnte ihn geſchrie⸗ ben haben? aut lau wa B nn leiche ihn, Worte wird n der ſchri⸗ — 571— —= Das iſt ſonderbar, ſagte Gabriele, höchſt ſonderbar, denn auch ich erhielt dieſelbe Einladung. Damit zog ſie aus ihrer Taſche ein Blatt, das nur wenig Worte enthielt, die ſie nicht laut zu leſen wagte. Der Brief lautete: — Gabriele! Um die Mittagsſtunde des erſten März er⸗ warte ich Dich bei Daniel! Dein Freund und Beſchützer. 70. Kapitel. Auf Urlaub. Seitdem Chanzys Armee auseinander gejagt worden war, hatten die Deutſchen Truppen, die ihm gegenüber ſtanden, wenig zu thun. Einen großen Theil davon ſchickte man deswegen mehr nach dem Norden zu, um Fühlung mit Goebens Armee zu be⸗ kommen, Andere wurden nach Paris gezogen, und wieder Andere hielten die Städte beſetzt. Dieſer Dienſt war der langweiligſte, es gab wenig Arbeit, und dabei mußten die Deutſchen Soldaten beſtändig auf ihrer Hut ſein, denn immer noch zeigten ſich ganze Banden von Franktireurs, manche von den Feſtungen, die man beſette, waren unterminirt, und große Vorväthe von Pulver zeigten an, daß die Franzoſen ſehr ernſtlich mit der Abſicht umge⸗ gangen waren, den Verrath von Laon auch anderwärts ins Werk zu ſetzen. Mit ihren Miethsleuten vertrugen ſich die Deutſchen faſt immer ſehr gut, denn die Franzoſen waren ganz erſtaunt, daß ſie mit ſo vieler Beſcheidenheit auftaten und mit Allem zufrieden waren. Freilich, wo ſich offene Bosheit zeigte, wie dies micht allzuſelten der Fall war, da verſtanden auch die Deutſchen keinen Spaß und ließen ſich nicht allzu viel gefallen, wo es aber — 572— einigermaßen anging, da zeigte ſich bald ein ganz freundſchaft⸗ liches Verhältniß. Die an Arbeit gewöhnten Soldaten freuten ſich, ihren Wir⸗ then behilflich ſein zu können. Hier beſſerte ein Landwehrmann einen zuſammengeſchoſſenen Zaun aus, dort holte ſich ein wacke⸗ rer Krieger noch ein paar Kameraden herbei, um eine einge⸗ ſtürzte Mauer wieder aufzurichten oder ein Dach neu zu decken. Da wurde im Hofe aufgeräumt, das unbrauchbar gewordene Holz wurde zum Feuern klein gemacht, der Stall ausgebeſſert, der Garten umgegraben, und das Alles, ohne daß dafür eine andere Belohnung beanſprucht wurde, als ein freundliches Geſicht. Viel ließ ſich ja nicht verlangen, wo der Krieg ſo arg gewüthet hatte. An Lebensmitteln war faſt überall Mangel, was dage⸗ weſen war, hatten die Soldaten längſt ſchon aufgezehrt, und jetzt theilten ſie mit ihren Wirthsleuten, was ſie geliefert bekamen, das harte, den Franzoſen anfangs ungenießbare Kommißbrot und die Erbswurſt. Liebesgaben kamen jetzt auch hier in reichlicher Fülle an, und es war alle Male ein Feſt, wenn es hieß, daß einer von den ſogenannten Liebesonkels da wäre. Da bat dann der Eine um ein Stück Seife, der Andere brachte frohlockend ein neues Hemd nach Haus, der Dritte freute ſich über ein Taſchentuch, auf dem die berühmte Zuſammenkunft des Kaiſers Napoleon mit dem König Wilhelm bei Sedan gedruckt war, und die Fran⸗ zoſen ſtaunten über dieſe Gaben. Daß man von Deutſchland her ſo viele gute Sachen ſchickte, ſchien ihnen räthelhaft, das Alles gab es in Frankreich auch, man brauchte es ſich nur zu nehmen, und daß die Deutſchen es nicht nahmen, daß ſie im Gegentheil öfters die eben erhaltenen Geſchenke mit ihren Wirthen theilten, das ſchien ihnen unglaub⸗ lich Sie freilich hätten es anders gemacht, wenn ſie nach Deut⸗ ſchland gekommen wären. Es war jedenfalls beſſer ſo. Für die Offiziere, die gar nichts zu thun hatten, war dieſe Zeit des Abwartens faſt noch langweiliger als für die Soldaten, die ſich beſchäftigten, wie es eben ging. Ein Jeder wurde benei⸗ det Dite bra erz run Rieſ hohe Sor lich es mir Va ſwei laſſ Arr Liel Tal 6 ön mi — 573— det der auf den wirklichen Kriegsſchauplatz beordert wurde. ſchoft Ottomar von Iſſelhorſt ſollte es nicht ſo gut haben. Zwar brauchte man vor Paris Kanonen genug, aber diejenigen, welche Pr⸗ er zu befehligen hatte, waren nicht groß genug um als Belage⸗ mann rungsgeſchütze gebraucht werden zu können, wo die Kruppſchen wad⸗ Rieſengeſchoſſe allein wirken mußten. Doch war es ihm eine einge⸗ hohe Freude, als er den Befehl erhielt, zu dem Manteuffelſchen Korps zu ſtoßen, nur als er dort ankam, befand ſich die feind⸗ liche Armee ſchon gänzlich auf der Relirade, und auch hier gab ordene es keine Arbeit mehr für ihn. beſſert Dennoch war es ihm lieb, daß er ſich wiederum dem Elſaß eine näherte. Es zog ihn freilich auch zu ſeinem Bruder Eugen, von zeſicht. dem er lange nichts gehört hatte, aber die Hauptſache war ihm, wüthet daß er hoffte, dort etwas von ſeiner Beate zu erfahren. Seinen dage⸗ Bruder mußte er lange ſuchen, bis er ihn fand, und als er end⸗ und lich erfuhr, wo ſich der luſtige Lieutenant aufhielt, da ſtaunte er, amen denn laum war der Krieg vorbei, ſo dachte Eugen ſchon wieder t und an die Zerſtreuungen und Freuden des Friedens. Er hatte ein Soldatenſtück geſchrieben, in dem auch ſein Hund Mack ein⸗ ean, Rolle mitſpielen ſollte, und wollte es zu dem Geburtstage ſeines on Negimentskommandanten aufführen laſſen. Sie probirten in r Eine einer Bauernſtube, die voll von Tabakrauch war. Zwei Unter⸗ neue offiziere hatten ſich als Mädchen verkleidet und ihren weiblichen ent, Rollen ſelbſt die Bärte zum Opfer gebracht, die Andern dekla⸗ polen mirten ſo tapfer und ſo laut, wie ſie bisher geſchoſſen hatten, zun⸗ Mack ſprang dazwiſchen und bellte, und ſein Herr ſaß mit noch zwei Kameraden hinter großen Bierkrügen und hielt die ausge⸗ ſtitu laſſenſten Reden an ſeine Schauſpieler? u—— Aber Unteroffizier Müller! rief er, wenn Sie ſo mit den uſchen Armen um ſich ſchmeißen, iſt kein Menſch vor Ohrfeigen ſicher, Gefreiter Schulze, ſteht jemals ein Mädchen ſo breitbeinig ihrem Lie haber gegenüber? Feldwebel Lehmann, Sie haben das meiſte Talent, von Ihnen kann Mack was lernen. Die Sache wird ſich machen, noch ein paar Dutzend Proben; und wir wollen den biſ⸗ Franzoſen beweiſen, daß wir ſpielen können, wenn wir auch nicht . mit uns ſpielen laſſen! . heni — 574— Wirklich arbeiteten Alle mit dem größten Eifer, und mancher Schweißtropfen rann ihnen dabei von den Stirnen herab, bis Eugen laut in die Hände klatſchte, und auch die beiden anderen Offiziere Bravo riefen. Da eben trat Ottomar herein. Eugen ſprang auf, packte ihn bei den Schultern, wirbelte ihn ein paar⸗ mal im Kreiſe herum und rief: — Goldjunge, geliebteſtes Bruderherz, biſt Du es wirklich? Und laß doch ſehen! Zwei Arme, zwei Beine, ein Kopf! Alles, was zu einem Artillerieoffizier nothwendig iſt, nichts weggeſchoſſen, nichts abhanden gekommen! Weißt Du, daß iſt eigentlich un⸗ dankbar gegen unſeren Alten, er hat ſich ſo verdient um das Lazarethweſen gemacht, daß wenigſtens Einer von uns ſeine Werke benutzen ſollte! Ich ſelber habe nur einen Schuß in's Bein be⸗ kommen, der meiner Hoſe ein größeres Loch gemacht hat, als mir, die iſt verloren für immer, ich aber lebe noch und freue mich, daß ich es Dir verſichern kann! Ottomar lachte, unterbrechen ließ ſich der Strom von Eugens Rede doch nicht. Jetzt mußten ihm die Soldaten das Stück vorſpielen, das er ſeinem Bruder zu Gefallen entzückend fand, und das wenigſtens luſtig genug war, doch freute er ſich, als er endlich allein mit dieſem ſein konnte, um ihn zu einem ver⸗ nünftigen Worte zu bringen. Arm in Arm gingen ſie in Eugens Quartier, wo ſogleich ein Abendbrot beordert wurde. — Nun ſag mir mal, fing der luſtige Lieutenant an, nach⸗ dem er die Cigarre angezündet hatte, was geſchehen denn da für Zeichen und Wunder? Geſtern bringt mir ein Landmann den ich übrigens nicht ſelbſt geſehen habe, einen Brief, in dem ich aufgefordert werde, mich am erſten März in Paris zu ſtellen. Der Wiſch hat nicht einmal eine Unterſchrift, auch kenne ich um und bei Paris Niemand als unſern Reinhold, und dieſes Ideal männlicher Würde hätte doch wenigſtens ſeinen Namen darunter geſetzt. — Das iſt allerdings eigenthümlich, erwiederte Ottomar⸗ denn auch mir iſt ſolch ein Schreiben zug gangen ich hoffte, die Perſon zu kennen, die mir dies Stelldichein beſtimmte, aber da Du auch dazu aufgefordert biſt... den lön vor wel Dir Wi di mi iſ un zuri mit mo hef len ſ F I cher hi eren ugen alt⸗ ich? Mes, ſſen, un⸗ das erke al frele gens tüc and, vet⸗ gens noc⸗ den m ich ellen⸗ um ʒdinl unter omal die er da — 575— — So biſt Du aus Deinen Himmeln gefallen! unterbrach ihn Eugen. Ich merke es, Du hoffteſt auf eine Dame. Wie⸗ Ottomar, Arme und Beine haſt Du behalten und das Herz ver⸗ loren, an eine Feindin verloren? Pfui über Dich! Aber ſag⸗ mal, iſt ſie ſehr hübſch? — Ich hoffe, ſie Dir zeigen zu können, doch bis dahin vet⸗ ſchone mich mit Fragen, laß uns lieber überlegen, wie kommen wir nach Paris? — So denkſt Du wirklich, der Einladung Folge zu leiſten, ſelbſt wenn ſie von keiner Dame kommt? — Wenn es möglich iſt, ja, ich befürchte aber, daß man uns keinen Urlaub geben wird. — Warum nicht? Hier giebt es nichts mehr zu thun, ſeit⸗ dem die Franzoſen in die Schweiz gegangen ſind, und mein Stück können die Leute ohne mich ſpielen. Noch haben wir acht Tage vor uns, und die Eiſenbahnen ſind im Gange. Morgen gleich melde ich mich um Urlaub und Du thuſt desgleichen⸗ — Es wird mir ſchwerer werden, ihn zu bekommen, als Dir, weil ich Offizier von Beruf bin, meinte Ottomar, indeſſen will ich es verſuchen. Das ſage ich Dir jedoch voraus, daß Du die Reiſe mit einigen Umwegen machen wirſt, wenn Du ſie mit mir gemeinſam machen willſt. — Mir gleichgültig, rief Eugen, wenn nur das Ziel Paris iſt! Mir kann der Urlaub nicht fehlen, denn die Schußwunde an meinem Bein iſt noch offen, weil ich darum nicht vom Dienſt zurückbleiben mochte. Wär ich ein Franzoſe geweſen, ſo hätte mich der Verluſt eines drei Zoll langen Stückes Fleiſch inkom⸗ modirt, denn beim Weglaufen iſt ſo was hinderlich, aber wir ſtanden feſt, und da ging es. Ich ſage Dir, die Badenſer haben gefochten, daß es eine Luſt war, zu ſehen! — Wie bei uns die Bayern, antwortete der VBruder. — Und von den Würtembergern, Heſſen, Hanſeaten, Mek⸗ lenburgern, Thüringern und Sachſen wird auch das Rühmlichſte geſprochen, ſagte Eugen, am Ende haben wir Alle das eiſerne Kreuz verdient, und Papa mag ſich freuen, daß er drei geſunde Jungen mit drei Kreuzen zurück bekommt, wenn auch dem Einen — 576— davei ein Stück Fleiſch und dem Andern ſein Herz verloren gegangen iſt. Na, öieh nur kein Geſicht, ich rede nichts weiter davon. Morgen melde ich mich zum Urlaub, und wenn ſie ihn mir verweig rn, ſo verlange ich meiner Wunde wegen entlaſſen zu werden. Dir giebt Deine keinen ſo guten Vorwand, aber ſieh nur; was ſich thun läßt. Damit trennten ſich die Brüder, und ſchon am nächſten Tage ſandten ſie ſich Nachricht zu. Eugen hatte den erwönſchten Urlanb ohne Weiteres erhalten, für Hitomar dagegen war die Sache viel ſchwieriger, und ſein Wunſch konnte ihm erſt erfüllt werden, als ſich bei Verlängerung des Waffenſtillſtandes dieſer auch auf den ſüdöſtlichen Theil Frankreichs erſtreckte. Dies geſchah am dreiundzwanzigſten Februar, und am fünf⸗ undzwanzigſten reiſten die beiden Grafen ab, doch nicht nach Paris. Ottomar wollte Beaten da ſuchen, wo er ſie zuerſt geſehen hatte. Er glaubte, daß ſie ſich jetzt, wo jener Theil des Elſaß faſt von Truppen entblößt war⸗ wieder auf das Felſenſchloß zurückgezogen hätte, und nüt ſüßen Hoffnungen im Herzen eilte er dorthin. Wie viel ſchöne Erinnerungen erweckte nicht Alles, was er hier ſah, in ihm! Dort ſtand noch die Mühle, bei der er zuerſt Wilhelm Friſchmuth geſehen hatte, dort lag der Berg, den er mit ihm hinangeſtiegen war. Jetzt hätte er den Weg gern allein gemacht, um ſich ganz dem Gedanken an die Geliebte ſeines Herzens hinzugeben, aber Eugen ließ ſich nicht davon abhalten, ihn zu begleiten, und lief ſcherzend und lachend neben ihm her. — Sch bin doch neugierig, wohin das gehrl rief er. Suchſt Du Dein Liebchen unter den Thieren des Waldes, oder giebt es hier irgend eine Höhle, in der ein Zauberer wohnt, der ſie gefangen hält? Hat ein Rieſe ſie entführt, oder wird ſie von einem feuerſpeienden Drachen bewacht? Jedenfalls haſt Du ſie Dir nicht aus niederem Stande erwählt, ſie iſt hochgeboren, denn Du holſt ſie von der Spitze eines Berges, der ſteil genug iſt, um mich und mein angeſchoſſenes Bein müde zu machen. — So geh zurück und warte auf mich antwortete Ottomar. — Das ſiele mir ein! rief Eugin. O nein, bei dieſer Da zu Geſ Bel Sil ſih tig erſte nes Get wuf cher Entz beie viell lieg war unh Läd das halb und dau und Zer loren veiter e ihn aſſen aber hſten ſcn r die rfüllt dieſer fün⸗ nach zuerſt il des ſchoß eilte o6 zur en e gllein ſeine julten, nhel. Suchſt giebt der ſi ie von Lu ſi denn ug iſ ttomat dieſt — 577— Dame bin ich auch betheiligt und nicht wenig neugierig auf die Schwägerin. Ich habe ſogar ſtark die Abſicht, ſie Dir abſpenſtig zu machen, wenn ſie mir gefällt, was ich von Deinem guten Geſchmack erhoffe. Aber, ſage mal, iſt es noch weit? — Rein, verſetzte der Lieutenant, dort lichtet ſich ſchon der Wald, dann kommt eine ſteinige Fläche, und auf dieſer liegt das Schloß, umgeben von einem lieblichen Garten. — Ob es da auch etwas zu eſſen giebt, oder nährt man ſich nur von Liebe? fragte Eugen. Sein Bruder blieb ihm die Antwort ſchuldig, denn zu mäch⸗ tig drangen die Erinnerungen auf ihn ein, war es doch ſeine erſte wahre Liebe, die er hier gefunden hatte, und ſolch ein rei⸗ nes Gefühl erſaßt das ganze Herz ſo tief und innig, daß der Gedanke daran nie völlig der Bruſt entſchwindet. Und Ottomar wußte ſich wieder geliebt, er wußte, daß die ſüße Beate mit glei⸗ cher Sehnſucht ſeiner wartete, er malte ſich den Augenblick de Entzückens aus, wenn ſie ſich wiederſahen und ihre Liebe l bekennen durften, vielleicht war ſie droben in dem Felſenſch vielleicht trennten ihn nur noch wenige Schritte von i Aber als er aus dem Walde trat und das Schloß liegen ſah, da preßte es ihm das Herz zuſammen. Im war Falkenſtein ein düſterer Ort geweſen, jetzt ſah es v unheimlich aus. In den Fenſtern war' leine Scheibe Läden knarrten, nur noch halb in den Zargen hängend, das Thor ſtand offen, und in dem Hofe lag unter S halb geſchmolzenem Schnee zertrümmertes Geräth, Zeug, und zerbröckeltes Glas. Das Feuer nußte ſchrecklich g haben, denn es ſchien, als ob die Letzten, die hier hauſten, Abziehen das Verderben hinter ſich laſſen wollten. Schwarz ſtanden die feſt gemauerten Wände, aber die Ba ken lagen dazwiſchen und waren verkohlt, die Decken eingeſtürzt die Treppen zuſammengefallen. Es war kaum möglich, in d Haus zu dringen, ſo hoch lag Schutt darin, und wo einſt Bett und Beatens ſorgloſe Kindheit vergangen war, da herrſch Zerſtörung und wilder Verfall. D V Th II. — 578— Nachtvögel, die von dem Kriegslärm aus ihren Neſtern geſcheucht worden waren, hatten hier eir ſchützendes Dach gefun⸗ den und kreiſchten in den Zimmern, die ſonſt von dem Geſange der lieblichen Mädchen widerhallten, und als Ottomar ſich mit Mühe den Eingang durch die Thür verſchafft hatte, da ſah er, daß ein großer Theil des oberen Stockwerkes zuſammengeſtürzt war, ſo daß Steinhaufen und Geröll den Weg zu den Kellerräu⸗ men verſperrten, und ein weiteres Vordringen in das Haus nicht ohne Gefahr geweſen wäre. Ottomar ſeufzte ſo tief; hier freilich hatte er ſein Liebchen vergeblich geſucht, aber wo, wo ſollte M ſie finden? Hätte ſie ſich auf ſeinen Wunſch nach Mainz begeben, ſo würde ſein Vater ihm Nachricht geſchickt haben. Es blieb ihm alſo nur eine letzte Hoffnung, er mußte nach Paris dort, mußte er ſie ſuchen und wenn er ſie nicht fand o er konnte dieſen Gedanken nicht ausdenken, ein furchtbarer Schmerz durchzuckte ſeinen Buſen, d mit einer Thräne im Auge wandte er ſich zum Rückwege. — Das war eine ſchöne Promenade, ſcherzte Gugen, als ſie wieder unten ankamen, hinauf ging es auf Koſten meines geines zwar ſchlecht, doch es ging aber herunter, da ſich noch beſſer, das Glitſchen auf dem gethauten Schnee vorwärts, bald auf den Knieen, bald auf den Ellen⸗ olch ein Verliebter merkt davon nichts, der geht wie ein dler immer ſicher ſeinen Weg, aber ich, der ich keinen Herzen, aber eine große Leere im Magen empfinde, ich nzig Mal gefallen, ohne daß mein Herr Bruder ſich nach ngeſehen hat, und hätte ich mich nicht immer ſelbſt wieder brgerappelt, ich glaube, ich läge noch da oben zwiſchen den nnen. Jetzt glaube ich wirklich, was die Leute ſagen⸗ daß das Schloß dem Teufel gehört, denn verteufelt ſchlecht hat es mir ben gefallen, und der Weg iſt wahrhaft hölliſch. Haſt Du noch hr ſolche Vergnügungspartien zu machen, Ottom ar? — Nein, verſetzte dieſer, wir reiſen molgen früh nach 6 ſehr lieb⸗ gähnte Eugen und legte ſich zu ſtern gefun⸗ ſange mit h er, türzt wu⸗ Haus ebchen ſie ſich r ihn lette n und niht Buſen, gwehl⸗ als ſie meis ter, du Schner Ellen⸗ wie ein einen nde ich ſc nuch wieder n den daß da e mil 9u noch ih nach ſö i — 579— ſanftem Schlummer nieder, indeſſen Ottomar noch lange unter quälenden Gedanken wach blieb, denn ach ſollte er Beaten jemals wiederſehen. 2 71. Kapitel. Mutter und Tochter. Es war Alles gut gegangen, weit über Erwarten gut, und Wilhelm Friſchmuth lief zu dem Lazareth, um es dem Grafen und Maria Fiſcher mitzdtheilen. Als er zum Appell gekommen war, hatte ihn der Oberſt vor die Front kommandiren laſſen, dort hielt ihm der Major eine Anſprache, ſagte ihm, daß geſtern Nacht der Schein gegen ihn geſprochen habe, und daß er ſich freue, ſeine gute Meinung über ihn behalten zu können. Dann wurde ihm mit noch zwei Anderen unter belobenden Worten das eiſerne Kreuz übergeben. Es iſt doch ein ſeltſames Gefühl, wenn man ſolch ein kleines an ſich wenig koſtbares Ding auf ſeiner Bruſt hängen hat, man fühlt ſich wie gehoben, ausgezeichnet vor Andern, man hat erreicht, was ja ein Jeder erſtrebt, die Anerkennung edel geſinnter Menſchen. Dieſer Orden, der in den großen Franzoſenkriegen der Jahre achtzehnhundert dreinzehn, vierzehn und fünfzehn geſtiftet worden war, galt ſchon damals als die höchſte Ehre im preußiſchen Heere, und vor einem Soldaten, der es trug, mußten die Schildwachen ſalutiren, als ob es ein Offizier geweſen wäre, und alle Krieger bis zum Lieutenant hinauf mußten ihn zuerſt grüßen. So ſchön wußte der König Friedrich Wilhelm der Dritte die Tapferkeit zu ehren, aber er belohnte ſie auch, indem er dieſen ſo ausgezeichneten Soldaten bis zu ihrem Tode ein Jahrgehalt auszahlen ließ. 395 — 580— Auch in dieſem Kriege galt das eiſerne Kreuz als eine hohe Auszeichnung für beſonders tapferes Verhalten, aber hatte nicht ein Jeder nach beſten Kräften gethan, was er vermochte, hatte nicht ein Jeder Blut und Leben freudig in die Schanze geſchla⸗ gen für das Vaterland? Und doch konnte der Orden nur Einzel⸗ nen zu Theil werden, und es war ſchwer, hier gerade die Aller⸗ würdigſten ausfindig zu machen, wo doch Alle faſt gleiche Ver⸗ dienſte beſaßen. Da mag es denn oft vorgekommen ſein, daß ſich einer zurückgeſetzt fühlte, und daß ein Anderer mit weniger Verdienſt mehr Glück hatte. Eine That, vor den Augen eines Offiziers vollbracht, wurde glänzender anerkannt, als eine, die vielleicht Wenige geſehen hatten. Dies läßt ſich aber nicht ändern. Oft auch fehlte es an Kreuzen für alle Diejenigen, die von den Offizieren dazu vorge⸗ ſchlagen wurden, und es mußten Einzelne zurückgeſtellt werden, ein Loos, welches dann die Jüngſten und die im Rang und in der Dienſtzeit Zurückſtehenden traf. Die mußten ſich dann freilich mit dem Bewußtſein gethaner Pflicht begnügen, doch folgte wohl manch ſchwerer Seufzer der Enttäuſchung. Wilhelm Friſchmuth wußte das Alles ſehr gut, und obgleich er ſich mit ſeinen Vorgeſetzten immer trefflich ſtand und zu man⸗ chem Dienſte benutzt wurde. den man Anderen nicht anvertrauen mochte, ſo hatte er ſich doch bisher keine Rechnung auf den Orden gemacht und begnügte ſich mit dem Avancement. Die Leute, die er zu beaufſichtigen hatte, liebten ihn alle und fühlten ſich faſt mitgeehrt, daß grade ihr Wachtmeiſter das Kreuz bekommen hatte, er lud ſie zum Abend in die Schenke ein, wo man das frohe Ereigniß bei einem Glaſe Bier feiern wollte, natürlich mußten Wildberger und Heinrich Becker mit dabei ſein, und Friſchmuth war in froher Aufregung und verſprach ſich ein luſtiges Feſt nach einem freilich ſchweren Gange. Er hatte dem armen„ranz Godard verſprochen, ihm Liſet⸗ ten zuzuführen, dieſe wußte noch nichts von der Anweſenheit ihres erſten Jugendgeliebten, aber wohl war ſie betrübt genug, denn ihre Mutter war bei ihr geweſen und hatte ihr ſchreiend und wehklagend des Grafen Bellegardes Tod erzählt, und wie jetzt hohe e nicht hatte ſchle Einzel⸗ Aller⸗ Prr⸗ daß veniger wurde eſchen es on vorge⸗ werden, und in freilich wohl u mu⸗ ertrauen nHrden ute, die ſich faſt nhatte 5 frohe mußten iſchut ges 5e n Liet it ihres denn nd und wie jih — 581— alle Hoffnung verloren ſei, daß ſie jemals eine vornehme Dame werden würde. — Mutter, verſetzte Liſette, glaube es mir, mich nimmt Einer, der mächtig iſt und über Alle herrſcht. Ein bißchen graulich ſieht er aus, und ich habe auch nicht wenig Furcht vor ihm, aber hin⸗ ein muß ich doch in ſeine Arme, das iſt nun mal nicht anders. — Liſette, rief Margot, von was redeſt Du denn? — Ich rede vom Tode, Mutter. Siehſt du denn nicht, wie treu ich ihm bin? Seitdem ich weiß daß ich ihm angehöre, ſchmücke ich mich nicht mehr und putze mich nicht, ich mag nicht mehr tanzen und nicht mehr lachen, ich denke nur an ihn. Wenn es mir mitunter ſchrecklich iſt, daß ich ſo ſchlecht gelebt habe, ſo weine ich wieder, Gott wird es ja wohl verzeihen denn er weiß, wie ſchlecht ich erzogen worden bin. — Soll das etwa ein Vorwurf ſein? ſchrie Margot auf; habe ich Dich nicht zur Kirche und in die Kinderlehre geſchickt wie, Du ſchlechte Dirne, habe ich Dich nicht geliebt, wie nur eine Mutter ihr Kind lieben kann, und nun dankſt Du es mir ſo! Sie brach in einen Strom von Thränen aus, und Liſette ſuchte ſie zu beruhigen. — Ja, das iſt wahr, Mutter, ſagte ſie, geliebt haſt Du mich, und darum bin ich Dir auch nicht böſe, weil Du mich auf den ſchlechten Weg geleitet haſt. Geliebt haben mich ja eigenclich nur zwei Menſchen, Du und der Franz, und ich, ich habe keinen geliebt, denn der Einzige, der mir hätte gefallen können, der ſchöne Baier, kam mir doch zu ſpät in den Weg. Nun iſt es aus! Wenn man ſo viel leidet, wie ich leide, wird man recht ernſthaft. — Aber Du wirſt doch wieder geſund und friſch werden, behauptete Margot, es geht ja ſchon beſſer mit Dir, ich ſehe es ja, Du haſt ſchon ganz rothe Backen. — Vom Fieber, ja, antwortete das Mädchen. O du ſoll⸗ teſt ſehen, wie gut Maria Fiſcher gegen mich iſt, wie ſie mich pflegt, wie ſie für mich betet, weil ich es nicht verſtehe. Das iſt ein Engel, Mutter, dieſe bleiche Frau. Wie ſie arbeitet, und ſtets nur für Andere und ſo ganz ohne Klage, Tag und Nacht, ohne Zerſtreuung, ohne Vergnügen... Ich habe niemals ge⸗ v 16 wußt, was Tugend iſt, aber ſeitdem ich ſie kenne, weiß ich es. ih — Ach, Liſette, Liſette, Du biſt mir ausgetauſcht, ſchluchste 2 Margot, wo iſt denn mein luſtiges Mädchen geblieben? Sonſt 6 warſt Du ſo allerliebſt in Deinem Uebermuth, und Alle hatten Dich gern, jetzt ſprichſt Du wie ein Prediger. Und das ſoll ich mit anhören, ich Deine alte Mutter, o du brichſt mir das Herz ſt entzwei! n — Weine nicht, Mutter, bat Liſette. Sieh lieber, wie Du zu einem anſtändigen Leben kommſt. Verlaß Huſſein und Taleb, die Böſewichter, geh wieder nach Paris, Dein Lumpengeſchäft wird Dich ernähren. — Za, ſo komm wenigſtens mit mir! flehte Margot. v — Ich, nein, ſeufzte die Tochter, ich bleibe hier, lange kann es ja ohnedies nicht währen. Lebe wohl, Mutter, glaube es mir, ich bin Dir dankbar, weil Du mich liebteſt, was kannſt Du dafür, daß es ſo kommen mußte? Lebe wohl, und ſuche mich nicht wieder auf. Sie ging hinweg. Margot blieb ſtehen und ſah ihr nach. — Das hat man nun davon, wenn man ein Kind trägt und nährt und erzieht, rief ſie, vor Aerger mit den Füßen ſtamp⸗ fend, das iſt der Dank für meine Mühe! Sollte ſie ſich nicht ein bißchen zuſammen nehmen, mit der Krankheit kann es ja ſo ſchlimm nicht ſein! Hätte ſie mithelfen wollen, den Grafen hãt⸗ ten wir ſchon frei bekommen, und er mußte ſie zur Frau nehmen trotz Krankheit und Allem. Aber ich bin eine unglückliche Frau! Von Huſſein und Taleb fortgehen... wie gerne, wenn ich nur 3 ſonſt ein bequemes Unterkommen hätte, eine Zuflucht für meine alten Tage, wenn wenigſtens die beiden Jungen noch für mich arbeiteten! Aber halt, der Herzog Montalto iſt hier, laß doch ſehen, was ſich mit dem anfangen läßt. 4 Dieſer Gedanke belebte ſie wieder, und etwas ermuthigt ging ſie davon. Liſette wollte in das Lazaret) zurückkehren, aus dem ihre Mutter ſie abberufen hatte, da ſah ſie den Wacht⸗ meiſter Friſchmuth den ſie haßte, weil er Thomas Wildberger — ———— s ge⸗ es. luchte Sonſt hatten oll ich Hert ie Du Taleb, eſchift e kann ube es kannſt e nich noch d igt ſtamp⸗ nicht ez ju en hät⸗ ehmen Frou! ich nr nein ir nich v nuthig hren⸗ Vacht⸗ dberger — 583— vor ihr gewarnt hatte. Sie wollte einen Umweg machen, um ihm nicht zu bege gnen, doch Wilhelm trat grade auf ſie zu. — Sie ſuche ich eben, ſagte er. — Wie komme ich zu der Ehre? fragte Liſette und warf den Kopf in den Nacken. Es lag etwas von ihrer ehemaligen Art und Weiſe in dem ſchnippiſchen Tone, in dem ſie zu ihm ſprach, aber ſo drollig wie ſonſt kam es doch nicht heraus. — Eine Ehre ſoll es nicht ſein, erwiederte der Wachtmeiſter, nur ein Auftrag, den ich an Sie auszurichten habe. — Etwa von dem Scheuſal, dem Grafen Bellegarde? fragte das Mädchen. O, ich bin Ihnen dankbar, daß Sie die Welt von dieſem ekelhaften Gewürm befreit haben. Das iſt wenigſtens ein gutes Werk, deſſen Sie ſich rühmen dürfen. — Ein zweites iſt, daß ich Thomas Wildberger vor Ihnen warnte, dachte Friſchmuth, aber er ſprach es nicht aus, denn ihr bleiches Geſicht that ihm wehe. Sie trug ein abgelegtes Kleid von Maria Fiſcher, ihr ſchö⸗ nes Haar war glatt geſcheitelt, da war keine Spur mehr von jener gefallſüchtigen Toilette von ehemals, keine Schminke, kein Reismehl, kein Schnürleib über der kranken Bruſt, Liſette war ein Bild des Erbarmens, ſelbſt wenn man ſie nicht in ihrem früheren Glanze geſehen hatte. Wilhelm war zu gutmüthig, um ſich dem traurigen Eindruck verſchließen zu können, er wußte, daß ſie krank war und merkte nur zu wohl, daß auch ihre Seele litt. Die Arme, konnte ſie doch den Weg zu der verſöhnenden Reue nicht finden, den ihr Maria ſo deutlich zeigte. Liſette bedauerte ein ſchlecht angewandtes Leben und ein klägliches Ende, aber noch war kein Strahl himm⸗ liſcher Klarheit in ihre ganz von weltlichen Lüſten eingenommene Seele gefallen. — Kennen Sie einen Mann namens Franz Godard? fragte Friſchmuth. — Ob ich ihn kenne, rief Liſette, es war mein erſter Anbe⸗ ter, ſo was vergißt ſich nicht! — Nun, der wenigſtens iſt Ihnen treu geblieben, lächelte — 584— Wilhelm, denn von ſeinem Sterbebette aus verlangt er noch nach Ihnen. — Nach mir? fragte ſie. Iſt es möglich, könnte Franz vergeben haben, was ich böſes an ihm that, noch vor Kurzem dort in dem Schloſſe, wo ich ihn zum letzten Male ſah. O der Franz iſt gut! Als wir uns liebten, da lag es nur an mir, ihn zu einem fleißigen Arbeiter und mich zu einer braven Frau zu machen. Ja, ich habe ihm viel böſes zugefügt, dem armen Franz! — So machen Sie es jetzt wieder gut, ermahnte Friſchmuth, gehen Sie zu ihm, ich ſelber will Sie hinführen, ſagen Sie ihm ein paar freundliche Worte, der arme Burſche leidet furchtbar, und was er jemals verbrochen haben mag, das hat er durch dieſe Krankheit gewiß abgebüßt. — Wie? Durch Krankheit und Schmerzen büßt man Sünden ab? Glauben Sie das? O ſo wäre ja auch für mich noch Hoff⸗ nung, eine Heilige zu werden! Ich will Sie begleiten, Herr Wecht⸗ meiſter, ſobald ſie es wünſchen. Der arme Franz! Er wird keine Freude haben, wenn er mich wieder ſieht. Vor zehn Jahren war ich weit hübſcher... ach, noch vor zehn Wochen.. Gleich⸗ viel! Wann wollen wir gehen? — In einer Stunde, ich hole Sie ab. — Gut, ich werde bereit ſein. Damit trennten ſie ſich, und Wilhelm miethete einen Wagen, weil er Liſetten nicht den weiten Weg wollte zu Fuß machen laſſen. Er fuhr ſelber, und Liſette ſaß neben ihm und plauderte, um wenigſtens einigermaßen die Schmerzen zu vergeſſen, die ſie fortwährend quälten und ihr nicht einen einzigen frohen Augen⸗ blick ließen. — Sie müſſen wiſſen, ſagte ſie, daß ich mit dem Franz zuſammen aufgewachſen bin, er war damals Schloſſer, ich arbei⸗ tete in einer Blumenfabrik, aber allzuſehr haben wir uns Beide nicht angeſtrengt. Wir gingen Abends zum Tanze, o, wie tanzt es ſich ſo ſchön, wenn man ſechszehn Jahr alt iſt! Franz hatte immer Geld, und wenn es ihm ausging, dann holte er neues —„————— n Franz kurzem ſ ur an braven dem hmuth, ie ihn htbar, durh ünden Foff⸗ Bicht⸗ keine Johten Gleich⸗ Wugel, nachen udette, die ſi Augen⸗ Franz ube⸗ Beide e tanz 6 hatte neues — 585— von ſeinem Vater. Denn das iſt eigentlich ein Geheimniß, aber jetzt, da der arme Junge ſtirbt, kann ich es ſchon ausplaudern, daß er eigentlich von vornehmer Geburt iſt, ſein Vater iſt ein Herzog, ein ſtolzer Offizier des Kaiſers Napoleon. — Der Herzog von Montalto? unterbrach ſie Wilhelm. — Sie wiſſen es alſo bereits? fragte das Mädchen. Nun, das iſt mir lieb, dann kann ich Ihnen das Andere auch ſagen. — Sprechen Sie nur getroſt, ermunterte er ſie, ich ſage es nicht weiter. — Der Herzog, fuhr Liſette fort, iſt zwar Franzens Vater, aber er wollte nicht viel von ſeinem Sohne wiſſen und weigerte ſich öfters, ihm Geld zu geben, wenn dieſer es verlangte. Da faßte Franz den Gedanken, ſich an ihm zu rächen. Ein Menſch, namens Iſidor, war ihm dabei behilflich. Der Herzog hatte eine Liebſchaft mit einer bildſchönen Italienerin gehabt, dieſer raubten ſie ihr Kind, und das arme Würmchen ſoll in der Seine er⸗ trunken ſein. So erzählte es mir Iſidor ſelber. Es war ein ſchlechter Mann, dieſer Iſidor, und ich mochte mich nicht mit ihm einlaſſen, obgleich er oft viel Geld beſaß. Da, es waren einige Jahre vergangen, kam er zu mir, als ich grade in dem Lum⸗ penkeller meiner Mutter war. — Liſette, ſagte er, hilf mir, und ich will Dir zehn Gold⸗ ſtücke geben. — Für zehn Goldſtücke thu' ich Manches, antwortete ich lachend. — Und was ich bitte, iſt ſo leicht zu thun, fuhr er fort und zog ein Käſtchen aus der Taſche, das etwa handgroß und von Blech war. — Sieh, ſagte er, ich habe mich mit meinem Herrn, dem Doktor Bernard, überworfen, aber ich weiß ein Geheimniß, das ihn mir in die Hände liefert. Es iſt längere Zeit her, da war ich mit ihm bei der Entbindung einer Dame, deren Geſicht ich erſt am Tage nachher zufällig ſah, und es war ſchön, dieſes Geſicht wie das eines Engels. Das Kind, ein Knabe war es, ſollte ſterben, ich aber rettete es, heimlich habe ich es noch in derſelben Racht mit einem kleinen Punkt von unvergänglicher — 586— blauer Farbe gezeichnet und zwar grade auf der linken Schulter, aber davon weiß mein Doktor nichts und auch nicht, wohin ich das Kind getragen habe. Fürchte nichts, Liſette, ſetzte er hinzu, als ich ihn mit erſchrockenen Blicken anſah, dem Jungen geht es 6 gut genug, ein Kind fürs andere, man hat doch auch ein Gewiſſen. — Das bezog ich damals darauf daß durch Iſidor das kleine Mädchen der Italienerin ertrunken war, aber er ließ mich zu keine Frage kommen. 5 — Nun habe ich mich mit dem Doktor Bernard gezankt, ſagte er, denn ich verlangte Geld für meine Verſchwiegenheit, 8 und er ſagte mir, ich möchte nur immerhin die ganze Sache erzäh len, wo ich wollte, ihm könne das keinen Schaden bringen. Er hatte darin nicht ganz Unrecht, aber weil er mich mit ſoviel Strenge entließ, wollte ich mich rächen und nahm ihm ein Ding, ſ das er ſorgfältig verwahrt hielt, und das ſollſt Du mir ver⸗ ſt ſtecken, bis ich es wieder von Dir zurückfordere, es mag über 2 kurz oder über lang ſein. Ich nahm das Käſtchen. v — Was iſt denn darin? fragte ich neugierig. — Pah, erwiederte er, ein Ring, nichts weiter, aber ſein ſ Verluſt wird den alten Fflaſterkaſten ſchmerzen, das weiß ich. Bei Dir ſucht ihn Niemand, nur laß es nicht Deine Mutter wiſſen, damit ſie ihn nicht zu ſich nimmt. Ich reiſe heute noch nach Deutſchland, und wenn ich wiederkomme, will ich meinen Schatz von Dir wieder fordern. Ich verſprach ihm Alles, was er verlangte, und vergrub heimlich das Käſtchen, ohne es zu öffnen, in der linken Ecke des hinterſten Kellers bei uns. Aber Iſidor kam nicht wieder, es zu holen, obſchon ich ihn hinterher noch oft in Paris bei dem Grafen Bellegarde geſehen habe. Meine Mutter warf große Säcke voll Lumpen auf die Stelle, wo das Käſtchen begraben lag, und auf dieſen Lumpen ſchliefen ſpäter die beiden ſüßen Jungen des Herzogs von Montalto. — Die Jungen des Herzogs von Montalto? fragte Friſch⸗ muth und horchte hoch auf, wie kamen die in den Lumpenkeller? — Es war wieder eine von Iſidors Bosheiten. Gott weiß, —— chulter hin ich hinzu eht es wiſſen. kleine uch zu eunkt enheit Sache tingen. ſoviel Ding, ir ver⸗ üher er ſein eiß ich Mutter te noch meinen etgrub e des „ zu ei dem groe egruben ſtn — —— — 587— warum er meiner Mutter die Jungen brachte! Sie waren aller⸗ liebſt, vorzüglich Arthur, der Blonde. — Und Richard, der Schwarze, fiel Friſchmuth ein, und ſein Herz klopfte laut in ſeiner Bruſt. — Die kennen Sie auch? fragte Liſette ganz verwundert, und wiſſen Sie, wo die armen Burſchen geblieben ſind? — Ich weiß es nicht, verſetzte Wilhelm, aber ſobald ich nach Paris komme, will ich mir den Schurken, den Iſidor, aufſuchen. — Den gebe ich Ihnen preis, lachte Liſette, es iſt ein ge⸗ riebener Taugenichts, aber ich kenne noch ſchlimmere. — Und wen? fragte er. — Der böſeſte von Allen iſt ein Zeſuit, der ſich Venturo nennt. Können Sie den einmal in die Hölle hinunter befördern, ſo läßt Satanas doppelt einheizen. Pfui über ſolch ein häßliches, ſchmutziges Heuchlergeſicht! Ich kenne ihn, er war Bellegardes Lehrer, und der Schüler hat gut profitirt. ⸗ — Da ſind wir bei den Sachſen, ſagte Friſchmuth. Nun will ich Sie mit Ihrem Jugendfreunde allein laſſen, ich fahre noch zu Thomas Wildberger, und hole mir den, dann kehren wir zu⸗ ſammen nach Verſailles zurück. 72. Kapitel. Das Sterbebett. Liſette ging zu Franz Godard, indeſſen Wilhelm Friſchmuth Heinrich Becker aufſuchte und ihm mittheilte, daß er das eiſerne Kreuz erhalten habe und daß heut Abend dieſem frohen Ereigniß zu Ehren gekneipt werden ſollte. Heinrich freute ſich herzlich und neidlos über das Glück ſeines Freundes und erzählte ihm, daß Franz ſehr krank ſei und wohl nur noch kurze Zeit zu leben haben würde. — 588— — Ra, ich will ihn denn auch bis zum Tode pflegen, ſagte er trübſinnig, im Lazareth nehmen ſie ihn ja doch nicht auf, weil er nur krank und nicht verwundet und auch kein Militair iſt. Ich kann doch den armen Wurm nicht auf der Straße ſterben laſſen. — Nein, das kannſt Du nicht, Du gute Seele, erwiederte Wilhelm, aber ſorge dafür, daß die Beiden da drin ſich nicht allzuſehr aufregen, ſie ſind wohl beide dem Tode gleich nahe. Sei bereit, ich denke in anderthalb Stunden wieder mit Thomas hier zu ſein und hole dann Dich und Liſetten ab. Damit beſtieg er das leichte Fuhrwerk und fuhr davon, Heinrich mochte nicht in die Stube gehen, wo ſich die beiden Jugendgeſpielen wiederfanden, beſcheiden ſetzte er ſich draußen auf die Bank und harrte geduldig, bis er gerufen wurde. Unter⸗ deſſen war Liſette zu Franz eingetreten, der in ſeinem Bette lag, denn das Fieber hatte ſeine Kräfte verzehrt, und er vermochte nicht mehr zu ſtehen noch zu gehen. Als er das Mädchen er⸗ blickte, welches er ſo lange und ſo maßlos geliebt hatte, ſchrak er zuſammen, denn es war nur Liſettens Schatten, der zu ihm hinzuſchweben ſchien. Wie ſah ſie bleich aus, wie war ſie geal⸗ tert, er hätte es niemals gedacht, daß ſolch eine Schwermuth ſich auf dieſe ſonſt ſo munteren Züge legen könnte! Liſette trat an das Fußende ſeines Bettes, und als ſie ihn da liegen ſah mit den hohlen Wangen und den großen Augen, die in Fieberhitze glänzten, da brach plötzlich ein Strom von Thränen, wie ſie ſie bis dahin nie gekannt hatte, aus ihren Augen, und fie ſchluchzte laut. — Liſette, ſagte er mit ſeiner heiſeren Stimme, die ſchon wie aus dem Grabe hervor zu klingen ſchien, das iſt doch ſchön von Dir, daß Du noch zu dem armen kranken Franz her⸗ kommſt!* Sie ſetzte ſich neben das Bett und legte ihr Geſicht in ſeine Kiſſen, bis ihre Thränen aufhörten zu fließen, dann trocknete ſie ſchnell die Augen. — Ich bin eine Närrin, ſagte ſie, was hilft es uns zu weinen, unſer verlorenes Leben kommt doch nicht wieder zurück! — ſagt t auf ſilitair Straße iederte h nicht nehe. homas davon⸗ beiden waußen Unter⸗ tte lag, tmochte hen et⸗ ſchrak z ihm e geob uch ſich ſie ihn Augen, m von Augen ie ſchon ſchön n hel⸗ in ſin⸗ nete ſie uns zu zuil! — 589— Ach, Franz, weißt Du, wie ſchön es war, wenn wir des Nachts zum Balle gingen, o ſolch ein Cancan! Und wie die Champagner⸗ pfropfen flogen, und wie wir jauchzten und lachten. Ach, Franz, ſo werden wir niemals wieder lachen, das iſt nun vorbei und für immer! Könnte ich es Dir nur ſagen, wie weh es mir hier in der Bruſt thut, das brennt, die Hölle iſt nicht heißer, und Tag und Nacht, ohne Aufhören, ohne Milderung. Der Doktor hat geſagt, ich müßte daran ſterben.. fürchteſt Du Dich vor dem Tode, Franz? — O ja, ich fürchte mich, aber wir können ja noch wieder geſund werden, was wiſſen denn die Aerzte? — Armer Franz, haſt Du noch Hoffnung? — Warum nicht? Heinrich redet mir ſo freundlich zu, noch heute ſagte er, ich ſähe beſſer aus, ich müßte nur noch mehr eſſen, ach und ich eſſe den guten Menſchen arm, er pflegt mich mit Milch und Eiern, als ob ich ſein Kind wäre. — Ja, die Deutſchen ſind gut, ſelbſt Friſchmuth iſt jetzt ganz freundlich gegen mich. Und hatte er nicht Recht, als er ſeine Kameraden vor mir warnte? Denn ich war ein ſchlechtes Mäd⸗ chen, Franz, und Dich habe ich auch unglücklich gemacht. — O nein, Liſette, nicht Du, mein eigener Leichtfinn war es, ich hätte die Arbeit lieben ſollen, anſtatt ſie zu haſſen, wie ich es that, aber wer gab mir denn Unterweiſung? Schlechte Schulen bilden ſchlechte Menſchen. Meine Mutter hatte mit ihrem Kram zu thun und kümmerte ſich nicht um mich, und ſeitdem mein Großvater ſpurlos verſchwunden war und mein Schweſterchen mit ihm, hatte ich Niemand, der ſich meiner annahm, als Dich allein. — Ach und wozu habe ich Dich verführt, wie viel Geld haſt Du um meinetwillen unrechtmäßig verdienen müſſen! Dein Vater, der Herzog, weiß davon ein Lied zu ſingen. — Ich bin mit ihm ausgeſöhnt. O, hätte er früher jemals ſo freundlich zu mir geſprochen, hätte er ſich jemals um meine Erziehung bekümmert, aber ſo ließ er mich wild aufwachſen, ſich zur Qual und Schande, obgleich ich doch von ſeinem Blute bin und ſo gut ſein Sohn wie Arthur und Richard. — 590— — Weißt Du von den Knaben? — RNein, ich habe ſie nicht wieder geſehen und wagte es nicht, dem Herzog zu bekennen, daß ſie durch mich und Iſidor geraubt worden ſind. Die armen Kinder, ſie mögen längſt ſchon umgekommen ſein. Ich habe drei Kinder meines Vaters auf dem Gewiſſen, denn auch das kleine Mädchen der Italienerin ſtarb, ich ſelber ſah, wie es auf dem Waſſer ſchwamm ein ſchauerlicher Anblick o Liſette was iſt ein Krankenbett, wenn man ein gutes Gewiſſen hat? Aber ſo nächtelang dazuliegen, gefoltert von böſen Gedanken, um⸗ geben von Spukgeſtalten, die immer wieder kommen. das iſt gräßlich, das iſt die Hölle ſchon hienieden! — Ich kenne das, ſeufzte das Mädchen. Und dann die Angſt vor dem Jenſeits! — Liſette, bat Franz ſprich nicht davon, es iſt zu ſchrecklich. Ein heftiger Huſtenanfall brach plötzlich los und drohte ihn zu erſticken. Als Heinrich Becker, der unter dem Fenſter ſaß, das hörte, eilte er hinein. Liſette ſaß ganz erſchrocken neben dem Bette und ſah, wie der Aermſte keuchte, wie er die Hände ſo ſchmerzlich gegen die Bruſt drückte, wie ihm die thränenden Augen faſt aus dem Kopfe heraustraten. Heinrich aber eilte hinzu, richtete den Leidenden empor und befeuchtete ſeine Lippen mit ei⸗ nem milden Safte, er redete ihm gut zu, verſicherte, daß der böſe Huſten bald vergehen würde, daß der Frühling Alles beſſer machen müſſe, er ſprach, als ob er ein Kind in ſeinen Armen hielte, und kindlich glaubte Franz, was ſein edler Wohlthäter ſprach. Doch als der Huſten ſich gelegt hatte, war er ſo ſchwach, daß er nicht mehr zu ſprechen vermochte, und einer Leiche ähnlich, lag er da. Liſette ſah es mit Schaudern, ſie wünſchte Friſchmuth herbei, damit er ſie von hier fortholte, denn was ſollte ſie bei dem Kranken, dem ſie nicht zu helfen wußte, ſie verſtand ſich nicht auf hülfreiche Dienſtleiſtungen, wie Maria Fiſcher ſie übte und wie Heinrich Becker ſie in ſeiner unendlichen Gutmüthigkeit ver⸗ richtete, und ihr grauſte vor dem ſchrecklichen Anblick ihres Jugend⸗ geſpielen, deſſen Athem nur noch ein Röcheln war, und deſſen Bruſt ſich nur mit der äußerſten Mühe hob und ſenkte. — es nicht, t worden men ſein. nn auch ees auf o Liſette en hat? ken un⸗ das iſt * nn die chreclich. ohte ihn e ſiß, en dem nde ſo Vgen hinzu nit ei⸗ daf der beſſet Armen lihüter ſchwa, ihnlih ſnu ſe be ſch nicht e und eit ver⸗ zugend⸗ deſſen — 591— Zetzt dachte ſie daran, wie oft ſie grauſam gegen ihn geweſen und wie ſie ihn noch zuletzt in jenem Schloſſe kalt verlaſſen hatte, aber der rechten Reue öffnete ſich darum doch nicht ihr Herz. Heinrich Becker kochte beruhigenden Thee für den Kranken und ſorgte dafür, daß ihm in ſeiner Abweſenheit nichts fehlte. So verging ziemlich eine halbe Stunde, für Liſette ſchien es eine Ewigkeit zu ſein. Da endlich raſſelte der Wagen die Dorfſtraße entlang, er hielt vor dem Hauſe und erleichtert athmete ſie auf, als Friſchmuth und Thomas Wildberger hereintraten. — Nun, wie geht es? fragte Wilhelm und hielt dem Kran⸗ ken ſeine Hand hin. Dieſer konnte die ſeinige nicht heben, eine furchtbare Schwäche laſtete auf ihm. Liſette ſtand auf, um zu gehen. — Adieu, Franz, ich komme bald einmal wieder, ſagte ſie und legte ihre Finger auf ſeine. Da hielt er ſie feſt. — Rein, bleib, bleib, ſtirb mit mir, ſagte er mit röchelnder Stimme, und ſeine bisher halb geſchloſſenen Augen öffneten ſich groß und geſpenſtiſch ſtarr. — Nein, antwortete ſie und ſuchte ihm ihre Hand zu ent⸗ ziehen, bleiben kann ich nicht, laß mich fort, Franz. — Bleib, bleib, bat er und klammerte ſich an ſie, ich habe Dir ja noch nichts geſagt... — O ein anderes Mal, das hat ja Zeit, verſetzte Lifette faſt ungeduldig. — Auch jetzt, auch in dieſer Stunde verläßt Du mich, wim⸗ merte der Sterbende, o das iſt grauſam! Mein ganzes Leben habe ich Dir zum Opfer gebracht, jetz, jetzt komml der Tod... jetzt ich fühle es.. Liſette... bleib bei mir! Sie wollte ſich ihm entziehen, und wie ſie ihm ihre Hand zu entreißen dachte, riß ſie ihn mit empor, doch hielt er ſich mit faſt übernatürlichen Kräften an ihr feſt. — Liſette, keuchte er, Liſette verlaß mich nicht, laß mich nicht allein ſterben! Es war ein furchtbarer Anblick. Auf dem entſtellten Geſichte des Sterbenden malte ſich eine namenloſe Angſt, ſeine Augen öffneten ſich weit und geiſterhaft, grauſes Lächeln zerrte ſeine blauen Lippen auseinander. — O Du biſt ſchlecht! rief er mit mehr Kraft, als er bisher beſeſſen hatte, und um ſolch einer Dirne willen opferte ich mein Leben! Stirb, wie ich ſterbe, verlaſſen, einſam, ſtirb in Ver⸗ zweiflung! — Still, ſtill, bat Becker, Du regſt Dich zu ſehr auf, ſie meint es ja nicht ſo böſe! Siehſt Du, ich bleibe bei Dir, ich verlaß Dich nicht, nur mußt Du artig ſein, guter Franz, und nicht viel ſprechen! Damit winkte er heimlich ſeinen beiden Freunden, ohne ihn zu gehen, doch als ſich Liſette mit ihnen der Thür zuwandte, da riß ſich Franz plötzlich aus Beckers Armen, hoch richtete er ſich empor. — Sie geht, ſie geht, kreiſchte er, ſtirb in Verzweiflung! Ein Strom von Blut ſchoß aus ſeinem Munde, er ſank in Heinrichs Arme zurück, ein paarmal röchelte er noch dumpf auf, dann ſtreckte er ſich lang aus. er war eine Leiche. Liſette legte die Stirn gegen die Wand, ihr ſchauderte, ſie konnte das Blut, ſie konnte den Todten nicht ſehen. Stirb in Verzweiflung! Dieſes Wort mit dem unbeſchreiblichen und unver⸗ geßlichen Tone des ſelber in Verzweiflung Dahinſterbenden gerufen, tönte noch immer gräßlich in ihren Ohren wieder. Ha, ſo zu ſterben. ein kalter Schauder überlief ſie, wild tobte der Schmerz in ihrer Bruſt, fie fühlte wie der Tod, der eben ſein Opfer zu ſich geriſſen halte, die kalte Hand auch nach ihr aus⸗ ſtreckte, ſie brach zuſammen in unſäglicher Qual... Von den drei Männern bekümmerte ſich keiner um ſie. Becker wuſch das Blut von Franzens Mund, und Friſchmuth ſchob eine Tiſchplatte zurecht, um die Leiche darauf hinaus zu tragen, denn ſie konnte nicht in dem Zimmer bleiben, in welchem Heinrich ſchlief. Liſette hörte das Geräuſch, aber ſie blickte nicht auf. Die drei Deutſchen redeten leiſe wie in heiliger Scheu vor dem Tode. Ja, das war etwas anderes, als wenn ein Mann in blühender Geſundheit von der Kugel getroffen ſinkt. Hier hatte das bleiche Gerippe mit der Senſe ſeine ſcheußlichſte Geſtalt „— rie ſeine er bishet ich mein in Ver⸗ ſcht auf Dir, ich anz und ohne ihn uwandte, richtete er iſung ſunt in mpf uf derte, ſie Stb in d unt n gerufen u he, ſoz tobte der eben ſein ihr rm ſi⸗ rſtn hinus h n wle bite i gur Sche — 593— angenommen und hatte die Farbe der Verweſung über ſein Opfer aus gebreitet. Franzens Züge waren furchtbar entſtellt, die aufgeriſſenen Augen wollten ſich nicht ſchließen, die Lippen bedeck⸗ ten nicht mehr die gelblichen Zähne, es war, als läge die Ver⸗ zweiflung auf dieſem erſtarrten Geſichte. Die kräftigen Krieger ſelber ſchauderten, indem ſie ihn an⸗ ſahen. Wilhelm und Thomas trugen ihn hinaus und legten ihn auf den Hausflur, Heinrich deckte ein Laken über ihn, dann kam er wieder in die Stube zurück, öffnete das Fenſter und ordnete ein wenig die Sachen. Man ſah es ihm an, daß ihm das Herz voll war von Thränen. Friſchmuth trat auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. — Nun, Heinrich ſagte er, Du haſt Gutes an dem Manne gethan, das wird Dir hoffentlich der Herrgott nicht unbelohnt laſſen. — Ja, ſagte Thomas und ergriff die Hand des Freundes, jede gute That trägt gute Früchte. Was ging Dich der Menſch an? Du haſt wie ein Samariter an ihm gehandelt, das iſt ſchön und edel. Heinrich winkte den Freunden zu ſchweigen und deutete auf Liſette hin die immer noch in der Ecke des Zimmers lag. Friſch⸗ muth warf einen zornigen Blick auf das Mädchen, die beiden Anderen ſahen ſie mit tiefem Mitleid an. — Doch nun genug, rief Wilhelm. Wir haben ſeit Mona⸗ ten ſo viel Leichen geſehen, daß dieſe uns nicht allzutief betrüben darf, kommt mit mir! Eine Zerſtreuung wird Dir gut thun, Heinrich. — O nein, laßt mich hier, bat dieſer, mir iſt nicht nach Zerſtreuungen zu Muthe. — Mir duch nicht, fügte Thomas hinzu, ich meine, ich muß das Geſicht immer noch vor mir ſehen. — Ei ſo laßt den Weichmuth, rief Wilhelm, wer weiß, wie oft wir uns noch zuſammen finden werden? Kommt und helft mir mein Feſt feiern; denn ich denke doch, daß der Lebende noch mehr Anrecht an Euch hat als der Todte, und beſſer iſt D. V. Th. II. 38 ——— — 594— es, die Freude des Freundes theilen, als das Ende eines Fremden zu beklagen. — So ein Berliner hat kein Herz im Leib, ſagte Wildberger. Wie kann man in ſolch einem Augenblick an Kneiperei denken? — Ich denke, daß ich Euch mit Gewalt entführen werde, wenn Ihr nicht gutwillig folgt, ſagte Wilhelm. Was könnt Ihr denn dem todten Mann noch nützen? Heinrich muß gleich Urlaub für die Racht nehmen, wie Du auch gethan haſt, Thomas, er darf nicht mit der Leiche im demſelben Hauſe bleiben, und mor⸗ gen begraben wir den Franz gemeinſam und ſetzen ihm ein Denk⸗ mal, nicht wahr? — Ja, das wollen wir thun, meinte Becker. — Und am libſten ſetze ich Deinem Edelmuthe eins, rief der Ulan, aber jetzt vorwärts, das Pferd muß wieder in den Stall zurück, ich bitte Euch⸗ kommt! Die Freunde ließen ſich überreden, denn ſie ſahen wohl ein, daß Friſchmuth Recht hatte. Im Kriege gewöhnt man ſich an den Gedanken eines ſchnellen Podes und betrauert ihn weniger ſchmerzlich als in ruhigen Zeiten, auch hatten ſie ja dieſen Verſtorbenen nicht früher gekannt, und ſo entſchloſſen ſie ſich, den trüben Eindruck abzuſchütteln und Friſchmuths Einladung Folge zu leiſten. — Kommen Sie! rief dieſer Liſetten, milder geſtimmt, zu, und das Mädchen ſtand äuf und ging mit verhülltem Geſicht hinter den Soldaten her. Als ſie an der Leiche vorbei⸗“ kam, die auf der Hausflur lag, ſchauderte ſie zuſammen und eilte hinaus, dann hockte ſie auf dem Wagen für ſich allein, ohne zu ſprechen, ohne ſich zu bewegen. O⸗ das waren ſchmerzliche Gedanken, die ihre Bruſt durchbebten! Von dieſen drei Män⸗ nern, die da ſo ruhig und freundlich mit einander ſprachen, fühlte ſie ſich tief verachtet, und ſie hatte es verdient, daß ſie kein Wort an ſie richteten und über ſie hinwegſahen, als wäre ſie nicht da. Franz Jodard war mit einem Fluche für ſie geſtorben, er, der nur in der Liebe zu ihr gelebt hatte, fremde Hände drückten ihm die Augen zu, fremde Herzen trauerten um ihn, und ſie hatte keine Thräne für ſein Ende, ſie dachte nur an ſich und ob auch bo o ne hat i 595— tenden ſie einſt ſo ſcheußlich ausſehen und ſo ekelhaft riechen würde, und ob der Fluch, der gräßliche Fluch, ſich an ihr erfüllen ſollte. bergert. Von Jugend an allein dem Leichtfinn hingegeben, war ſie denken! nicht fähig, ihre Bruſt einem tiefen und warmen Gefühle zu nwerde, erſchließen. Sie hatte es mit Recht ausgeſprochen, daß ſie nie⸗ unt Ihr mals einen Menſchen wahrhaft geliebt habe, wie ſollte ſie Gott Urlaub lieben lernen, der ſich uns ja in ſeinen Geſchöpfen offenbart? ms e Und dennoch ſchauderte ſie vor der Einſamkeit znrück, in der ſie nd mor⸗ lebte. in Denk⸗ Was Heinrich Becker für Franz geweſen war, das war Ma⸗ ria Fiſcher für ſie, aber wenn Maria ſie verließ was dann? Sie mochte es nicht denken, ſie ſtellte ſich vor, daß es ſchön ſein u, ref müßte, wahnſinnig zu werden und nichts von ſich zu wiſſen. in den Der Weg kam ihr vor wie eine Unendlichkeit, und doch, wenn ſie urückkam, was ſollte ſie anfangen, was, als die Hand gegen eſchen die ſo furchtbar ſchmerzende Bruſt drücken und zittern, zittern guiege vor dem Tode, der allein ſie von ihren Leiden zu evlöſen ver⸗ Lodes mochte? Zeiten m und——— teln und nt l iln 73. Kapitel. vorbe⸗ 3 2 k Der Friedensvertrag. 2 Der Waffenſtillſtand wurde allgemein als der ſichere Vor⸗ Ni⸗ bote des Friedens angeſehen. Was konnte auch die Franzoſen drei fihle noch fernerhin zum Kampfe treiben, da ihnen die Macht genom⸗ 4 z men war, ſie glichen Vögeln, die einen zu hohen Flug gewagt nicht hatten und die nun matt und mit gebrochenen Flügeln zur Erde reſ mut niederſanken. er d. Bis dahin hieß die Loſung: Krieg bis aufs Meſſer! Kein jiun huu Fußbreit Landes, kein Stein einer Feſtung ſollte abgetreten werden, d ſie — ů— — 596— Frankreich mußte ſeine Ehre wahren, ſeinen Ruhm behalten, Frank⸗ reich mußte das erſte Land der Welt, das ewig unbeſiegte ſein. Aber die Franzoſen fingen an, anders zu denken, nachdem ſie erlebt hatten, daß ſie in ſo vielen Schlachten nicht ein einziges Mal Sieger geblieben waren, ſie ſahen das Elend ihres Landes, die Noth, die immer mehr und mehr um ſich griff und die ſie zwang, ſich zu Opfern zu entſchließen, die bis dahin keiner von ihnen für möglich gehalten hatte. Was in Frankreich vorzüglich fehlte, das war eine feſte, einheitliche Regierung, eine Gewalt, welche im Stande war, die Zügel mit feſter Hand zu ergreifen und das ſchwankende Schiff in das richtige Fahrwaſſer zurückzu⸗ führen. Dieſe Hand eben fehlte. Gambetta, der eine kurze Zeit hindurch faſt allmächtig ge⸗ weſen war, hatte das Vertrauen verloren, ſeitdem das Volk ein⸗ ſah, daß all' ſein Streben und Arbeiten ihm nicht zum Siege verhalf. Oft hatten ſchon die Prinzen aus dem Hauſe Orleans ſich vordrängen wollen, ſie ſtellten ihren Degen und ihr Leben dem Vaterlande zur Verfügung und behaupteten, es in der uneigennützigſten Abſicht zu thun. Aber es traute ihnen Niemand, und ſie mußten unverrichteter Sache zurückkehren und einſehen, daß ihre Zeit noch nicht gekommen war. Daß man den Kaiſer Louis Napoleon und ſeine Gemahlin los geworden war, das erſchien Allen als ein Glück. Frankreich hatte ſo viel von ſeinen Herrſchern zu leiden gehabt, daß man ſich weder nach den al⸗ ten noch nach neuen Tyrannen ſehnte, und von allen Regierungs⸗ formen hatte die Republik entſchieden die meiſten Anhänger. Aber es gab auch hier wieder ſehr verſchiedene Parteien. Die Einen wollten die Republik nach Art der amerikaniſchen mit einem auf wenig Jahre zu wählenden Präſidenten an der Spitze, mit einem aus dem Volke gewählten Senat und bürgerlicher Ge⸗ meindeverwaltung. Die Andern dagegen verlangten die Sache ſo eingerichtet zu ſehen, wie ſie zur Zeit der franzöſiſchen Revolution in den Jahren ſiebzehnhundertfünfundneunzig bis achtzehnhundert geweſen war⸗ dazu bedurfte es keines Präſidenten, der ſich leicht zu viel Gewalt anmaßen konnte, dazu bedurfte es eines Miniſteriums, das der — n Frank⸗ iegte ſein. achdem ſi neinziges s Lundes, d die ſi einer von vorglich ie Gewalt 1 ergreifen zurücz⸗ nüchüg ge⸗ Volk ein⸗ zum Siegt ſe Hrleuns ihr Leben B in der Riemund d öwhen den Kiſer wat dus von ſeinen ach den a zegierung⸗ inge Purtin niſten ni der Spi rlchet — 597— Nationalverſammlung in jedem Augenblicke verantwortlich iſt, und an deſſen Spitze ein in jedem Augenblick abſetzbarer Chef der ausführenden Macht ſich befindet. Dieſe höchſt bewegliche Einrichtung, die dem Parteigezänke allen nur erdenklichen Spielraum offen ließ, erſchien den Geſin⸗ nungsweiſe der Franzoſen am allerangemeſſenſten. Die Wahlen zu der ſogenannten Conſtituante oder NationalVerſammlung wurden auf den achten Februar ausgeſchrieben, obſchon ſich auch hier ein heftiger Widerſpruch fand. Denn erſtens war Paris noch umſchloſſen, und ſeine abgeſperrten Einwohner konnten des⸗ wegen ihre Stimmen nur ſchwer abgeben, zweitens befanden ſich mehrere Hunderttauſend wahlberechtigte Männer in deutſcher Ge⸗ fangenſchaft, die nicht mit wählen konnten, und endlich lebten die Franzoſen noch unter feindlicher Herrſchaft, waren alſo nicht ganz frei und hatten bei der großen Kürze der Zeit keine Muße, Wahl⸗ kandidaten zu berufen und anzuhören. Demnach konnten keine neuen Größen hervortreten, und man hatte nur die Auswahl unter altbekannten Namen, von denen man nicht einmal genau wiſſen konnte, ob ſie der republikaniſchen Regierung wirklich mit Herz und Sinn zugethan ſeien. Die Zei⸗ tungen erhoben denn auch ein furchtbares Geſchrei und ſchimpften nicht wenig auf den Druck, welchen die Deutſchen auf die Wahl⸗ freiheit, ausübten, und behaupteten, daß keine der abgegebenen Stimmen irgend welche Gültigkeit habe, da die Hauptbedingungen einer wichtigen Abſtimmung, Allgemeinheit und Freiheit, nicht vor⸗ handen ſeien. Der Spektakel wuchs von Tag zu Tag, und das Schimpfen und Schelten auf die Sieger wurde endlich ſo arg, daß Graf Bismark ſich genöthigt ſah, darüber bei Herrn Favre Verwahrung einzulegen. Der unterdrückte nun die lauteſten der Schreier, aber das machte die Sache eben nicht beſſer. Die Franzoſen thaten, als habe es niemals ein grauſameres Verfahren gegeben, als das der Deutſchen, die es ſo ruhig mit anſahen, wie Frankreich ſich eine ihm beliebige Staatsform gab, als ſei es unerhört, daß man im Kriege Gefangene mache, als müſſe man es an Deutſchland rächen, daß achtzigtauſend Franzo⸗ — 598— ſen auf ſchweizeriſches Gebiet übergetreten waren. Der eiſerne Graf Bismark lachte und ſagte— wie man ſich erzählt: Wenn ſie es uns zu arg treiben, bringen wir ihnen ihren Kaiſer wieder! Maßlos, wie die Franzoſen in Allem ſind, waren ſie es auch in ihrem Schimpfen, und konnten es damit doch nicht verhindern, daß die Wahlen in ziemlicher Ordnung vor ſich gin⸗ gen. Es war gewiß ein gutes Zeichen für die allgemeine Sehn⸗ ſucht nach Frieden, daß man meiſtentheils gemäßigte Männer be⸗ rief. Zwar wurde auch Gambetta gewählt, Rochefort, der Later⸗ nenmann Victor Hugo, der Paris das Auge der Welt genannt hatte, und noch Andere dergleichen wilde und wirre Köpfe, zwar bekam auch Garibaldi eine genügende Anzahl Stimmen, ohne je⸗ doch einen Sitz in der Nationalverſammlung einzunehmen, weil ihn dieſe als Ausländer nicht duldete, aber ſonſt waren es meiſt gemäßigte Männer, die berufen wurden und die den ſogenannten rothen Republikanern die Spitze bieten konnten. Am zwölften Februar begaben ſich nun dieſe Herren nach Bordeaux, um dort die Sitzungen zu eröffnen, denn dieſe Stadt lag ferne von allem Kriegstreiben, war frei von feindlicher Be⸗ ſatzung und groß und mächtig genug, um der Verſammlung in Falle der Noth einen Schutz bieten können. Hier bildete ſich auch das neue Miniſterium, in welchem Jules Favre die auswärtigen Angelegenheiten übernahm, und deſſen Präſident Herr Thiers wurde, den man zu gleicher Zeit zum Friedensunterhändler ernannte, für das Amt eines Finanz⸗ miniſters aber wollte ſich nicht ſo leicht eine paſſende Perſönlichkeit finden, denn Alle ſcheuten ſich, ſo gänzlich zerrüttete Geldverhält⸗ niſſe zu ordnen, vorzüglich, da ſich vorausſehen ließ, wie auch der Frieden große Opfer an Geld erheiſchen wurde, aber endlich fand ſich doch dazu Einer, der ſich der Sache unterfing. und nun konnten die eigentlichen Friedensverhandlungen beginnen. Aber dieſes Mal zog der Herr Reichskanzler Graf Bismark ſchärfere Saiten auf als in Ferridres, hatte Zu es Favre noch vor kurzer Zeit den Frieden billig kaufen können, ſo mußte Frankreich jetzt für die Unbeſonnenheit büßen, mit der es einen er eiſerne nen ihren n ſie es och nicht ſch gin⸗ ne Schn⸗ änner be⸗ der Later⸗ t genannt vfe zwat ohne je⸗ nen, wil es meiſt genunnten ren nach mlung in welchem ahm und iher Zeit z Finanß⸗ rſoniei eldnechil⸗ wie qu ber ndli Lungn ſlet ou u es Favr⸗ ſo mußte r im — 599— nutzloſen Widerſtand verlängert hatte, bis es ſelber daran zu Grunde ging. Der Sieger hatte ein Recht, ſeine Bedingungen zu ſtellen, und als Vertreter der Deutſchen Nation war der Graf Bismark verpflichtet, dieſe Bedingungen ſo einzurichten, daß durch dieſelben ein dauerhafter Frieden erzielt wurde. Hätte man Frankreich in ſeiner ganzen Macht belaſſen, was wäre die natürliche Folge geweſen? In kurzer Zeit, in höchſtens drei bis fünf Jahren, beſaßen ſie wieder Kräfte genug, um abermals die Hand nach der Rheingränze ausſtrecken zu können. Dies mußte ihnen verwehrt haben. Der Feſtungsgürtel im Elſaß und in Lothri gen mußte Deutſch ſein, um Deutſchland zu ſchirmen, das Volk an der Grenze mußte wieder zurückgeleitet werden zu der großen S ammutter Germania, der ein fremder Eroberer es ent⸗ fremdet hatte, denn nur durch eine Schwächung Frankreichs konnte ein einiges und ſtarkes Deutſchland ſich neben dem Glück im Innern auch den Frieden nach Außen bewahren. Für die ſo hart bedrängten, ſo tief in ihrem Wohlſtande erſchütterten Franzoſen war das freilich ein furttbares Opfer, und es mag dem alten Thiers manche ſchlafloſe Stunde bereitet haben, che er darein willigte, doch endlich war es beſchl ſſen. Elſaß und Lothringen, ſo weit es wirklich deutſch war, mußte abgetreten werden, dagegen behielt Frankreich die Feſtung Bel⸗ fort, aber es hatte auch noch eine Kriegsentſchädigung von fünf Milliarden Francs zu bezahlen, und bis dieſe entrichtet war, ſoll⸗ ten deutſche Truppen den ftanzöſiſchen Theil Lothringens und die Ehampagne beſetzt halten und in der Nähe ven Paris eine Truppenmacht bis zur Bezahlung der erſten Rate ſtehen laſſen. Damit hatte man denn Frankreich in den Händen, denn der Frieden war nicht vollſtändig, ehe nicht alle ſeine Beding ngen erfüllt waren, und fehlte auch nur ein Francs an der beſtimmten Summe, ſo konnte der Krieg ſogleich aufs Neue beginnen. Es wa en dies aber erſt die Friedensbedingungen, die vorläufig feſtge⸗ ſetzt wurden, nicht der Frieden ſelber, doch konnte dieſer, wie jeder Verſtändige einſah, nicht lange auf ſich warten laſſen, denn die Franzoſen mußten ja Alles thun, um die fremde Beſatzung loszuwerden, die ſie zu ernähren hatten. — 600— Ueber dieſen Vertrag nun erhob ſich natürlich abermals ein furchtbares Geſchrei in der Preſſe und in a len Verſammlungen, die Conſtituante in Bordeaux aber beſtätigte, wenn auch mit ſchweren Seufzern, Alles, was Herr Thiers abgemacht hatte, und ſomit war der Krieg beendigt. Doch nun begann eine neue Frage alle Gemüther zu bewe⸗ gen. Manate lang lagen die deutſchen Truppen vor Paris, ſoll⸗ ten ſie abziehen, ohne es betreten zu haben? Dann war zu befürch⸗ ten, daß die Franzoſen ſagten, ſie ſeien nicht beſiegt worden, weil ihre heldenmüthig vertheidigte Hauptſtadt von feinem feind⸗ lichen Fuße betreten worden ſei. Und war man es nicht den Soldaten ſchuldig, die ſo lange und mit ſo vieler Ausdauer das Belagerungswerk betrieben hatten, daß man ihnen nun auch das Ziel ihrer Anſtrengung in der Nähe zeigte? Es galt hier nicht einen eitlen Triumphzug, es galt nur, den Beweis zu liefern, daß man ſich als Sieger erklärt habe und als ſoſcher geachtet ſein wolle. Der Widerſpruch von Seiten der Franzoſen war furcht⸗ bar heftig. Sie hielten ihre Nationalität für entehrt, ihre heilige Hauptſtadt für entweiht, wenn ein feindlicher Fuß ſie betrat, ſie riefen das Volk auf, dieſe Schmach nicht zu dulden und das Aeu⸗ ßerſte zu thun, um Paris, das groß⸗ Paris, das Herz der Civi⸗ liſation zu beſchützen. Auch wurde nicht wenig von dem Wider⸗ ſtande geredet, welchen die tief verhaßten Preußen dort finden ſollten, jedes Haus ſollte Tod und Verderben über ſie ergießen, ihr Fuß ſollte auf nichts als Torpedos treten, ihr Haupt auf Pulverminen ruhn, und Gift ihre Nahrung ſein. Das waren freilich ſhlechte Ausſichten für die Deutſchen, indeſſen hatten dieſe in ſo manchen Schlachten dem Tode keck in das Auge geſehen, daß ſie ihn auch hier nicht fürchten mochten, und ungerächt konnte er wahrlich nicht bleiben. Noch war ja Frankreich, das im Augenblicke entwaffnete Frankreich, mit ſiegreichen Truppen üb rſchwemmt, ein einziger Verſuch des Verrathes, gleich dem zu Laon, und das Verderben brach über das ganze Land herein, und Wuth und Ingrimm ſchwangen ihre Fackeln. So ſtanden die Verhältniſſe am ſechsundzwanzigſten Februar mals ein nlungen, auch mit ite und u bewe⸗ i6 ſoll⸗ befürch⸗ worden, m feind⸗ nicht den uer das uch das et nicht liefern, htet ſein r furht⸗ heilige rat, ſie das Mel⸗ der Ci⸗ Wider⸗ t fnden ergießer, upt u waren ten dieſe geſehen t onnte t wuffnete einziger zerderten Ingtimm ßibrun — 601— des Jahres achtzehnhundert und ein und ſiebenzig. Ganz Deutſch⸗ land fühlte ſich in der freudigſten Bewegung, als der Telegraph die Kunde von dem glorreichen Frieden in die Heimat brachte. Ueberall flatterten Fahnen, überall durchleuchtete feſtliche Illum⸗ nation die Nacht. Es war ein Tag der höchſten und reinſten Freude, ein rechter Ehrentag des deutſchen Volkes, das ſich ſo ſtark und treu im Kampf erwieſen hatte. Der Kaiſer und König Wilhelm aber ſchrieb in ſeiner tiefen Beſcheidenheit an ſeine Gemahlin: Der Herr der Heerſchaaren hat überall unſere Unternehmungen ſichtlich geſegnet und daher dieſen ehrenvollen Frieden in Seiner Gnade gelingen laſſen. Ihm ſei die Ehre! Aber er fügte auch noch hinzu: Der Armee und dem Vaterlande mit tief erregtem Herzen Meinen Dank! So war es geſchehen. Mit Gottes gnädiger Hilfe und durch die einmüthige Kraft des deutſchen Volkes war das Vaterland befreit vom feindlichen Angriff, geeinigt für jede künftige Noth und Gefahr und bereit zum gemeinſamen Streben nach den Seg⸗ nungen wahrhafter Volksfreiheit, die allein aus echter Volksbil⸗ dung hervorzugehen vermag, und an der ein Jeder in ſeiner Weiſe mitarbeiten ſoll zum eigenen Glück und zu des geliebten Vater⸗ landes Heil und Segen! 74. Kapitel. Das Begräbniß. Das kleine Feſt, welches Wilhelm Friſchmuth ſeinen Freun⸗ den und den Soldaten ſeiner Korporalſchaft gab, fiel heiter ge⸗ nug aus, denn Alle gönnten ihm die empfangene Auszeichnung und gaben ſich mit ungeſtörtem Frohſinn den Freuden eines ge⸗ ſelligen Beiſammenſeins hin, das durch kein rohes Wort und durch keinen unzarten Scherz getrübt wurde. Thomas Wildber⸗ — 602— ger und Heinrich Becker vergaßen beim Glaſe ſchänmenden Biers die traurigen Eindrücke, welche Franz Godards ſchrecklicher Tod in ihnen zurückgelaſſen hatte, und lachten und ſangen bis tief in die Nacht hinein. Am ernſteſten war der Wirth ſelber. Er hatte ſich zwar über des Grafen Iſſelhorſt Befinden beruhigende Nachrichten ein⸗ geholt, doch trat ihm gerade leut der Gedanke an ſein künftiges einſames Lehen oft und mit der drohendſten Geſtalt vor die Seele. Er fühlte es, wie ſchwer ihm der Abſchied von ſeinen beiden Freunden werden würde, und wie es nichts gab, was ihm für den Verluſt Erſatz zu bieten vermochte. Er hatte ſich ſo ſehr nach dem Frieden g ſehnt, und jetzt, da er da war, fürchtete er ſich davor, in die alten und nicht mehr gewohnten Verhältniſſe zurückzukehren. Nur mit Gewalt vermochte er es, ſich von dieſen Gedanken loszureißen und wenigſtens heiter zu ſcheinen, obſchon er es nicht eigentlich war. Thomas und Heinrich blieben die Nacht über bei ihm, und was in ſeinen Kräften ſtand, das that er, um ſie auf das beſte aufzunehmen. Die Wirthin mußte ihre beſten Betten hergeben, und am Morgen Kaffe und Kuchen beſchaffen, Cigarren bolte er ſelber und ſchonte dabei ſeine Geld⸗ börſe nicht, er lief geſchäftig hin und her, brach'e dieſem ein Kiſſen, Jenem einen Aſchbecher, nöthigte zum Eſſen und zum Trinken, und hätte die lieben Freunde gerne noch lange bei ſich behalten, wenn nicht eine ernſte Pflicht ſie abberufen hätte. Franz Godards Leiche ſollte der Erde übergeben werden. Sie gingen gemeinſam hin, um Alles zu dem Begräbniß vorzu⸗ bereiten, und während Heinrich zum Küſter und Todtengräber lief, begaben ſch Wilhelm und Thomas zu einem Tiſchler und ließen ein hölzernes Kreuz verfertigen, ſie halfen ſelber dabei, damit es bald bereit ſei und trugen es ſelber auf den Kirchhof hinaus, wo eben ſchon das Gab gegraben wurde. Dann ſchaff⸗ ten ſie den einfachen Sarg in Heinrichs Wohnung und betteten den Todten hinein. Sein Geſicht hatte jenen wilden entſetzlichen Ausdruck ver⸗ loren, der es geſtern ſo ſehr entſtellte. Die Zuge waren ſchlaffer geworden, die Augen ließen ſich nun ſchließen, die Lippen en Biers Tod in ef in die ſch zwer ſten ein⸗ ünftige⸗ vor die n ſeinen hts gab Er hatte da war, wohnten res ſich ſcheinen, h blieben nd das in mußt⸗ Kuchen we Grld⸗ in Kiſſen, Trinken behalten, werden. voth⸗ tengiber chlet ud r dobei, ichf nn ſtyf⸗ hetrten rud ver⸗ e warel die Lypn — 603— zuſammendrücken. So ſah er friedlich, ja faſt heiter aus, und in ein weißes Hemd gekleidet und mit einem weißen Linnen bedeckt hatte er das Anſehn eines ſanft Schlummernden. Heinrich, der beim Pfarrer und beim Ortsvorſteher geweſen war kam endlich zurück und freute ſich über die Sorgfalt ſeiner Freunde. Dieſe ſchloſſen den Sarg, ſetzten ihn auf eine Bahre und trugen ihn ſelber hinaus auf den Kirchhof, wählend Hein⸗ rich als einziger Leidtragender folgte. Er war in Wuth über die Hartherzigkeit der Franzoſen. Weil der Todte nicht zu der Gemeinde gehörte, hatten ſie ihm kein Begräbniß auf Gemeindekoſten geben wollen, kaum daß ſie ihm den Platz auf dem Kirchhofe umſonſt bewilligten. Was geht er uns an? Das war es, was Ortsvorſtände, Geiſtliche, Todten⸗ gräber erwiederten, als Heinrich bat, einem unglücklichen Lands⸗ manne ein ehrliches Begräbniß gewähren zu wollen. Die drei Deutſchen mußten denn Sarg und Kreuz, Sterbehemd und Todtengräber ſelbſt bezahlen, und ſie thaten es gerne, um dem Verſtorben n den letzien Dienſt erweiſen zu können. Als der Hügel über ihm aufgeworfen und das Gebet ge⸗ ſprochen worden war, ſitzten ſie das Kreuz in die Erde, beſtrichen es mit ſchwarzer Farbe und ſchrieben mit weißer den Namen Franz Godard und den Tog ſeines Todes darauf. Die hintere Seite des ſchlichten Denkmals trug die Worte: Dem Angedenken an einen Unglücklichen g widmet von Heinrich Becker aus Dresden, Thomas Wildberger aus Oberbayern und Wilhelm Friſchmuth aus Berlin. So war das Werk vollbracht, und die drei Freunde ver⸗ ließen den Kirchhof der dicht hinter dem Otte lag ſie nahmen ihr Mittagseſſen gemeinſam in der Schenke ein und ſprachen beim Glaſe Landwein von den Erinnerungen, die der Krieg ihnen hinterlaſſen würde. — Wenn mich was nergelt, rief Thomas, ſo iſt es der Gedanke an unſere Dummh it von damals. Du haſt uns nit gehänſelt, Wilhelm, das war ſchön von Dir, aber verdient haben wir es nit, daß Du die Sach ſo gleichmüthig nahmſt. Sie hatten Dich doch verbrennen wollen, das alte Weib und der — 604— ſchwarze Teufel, Du hätteſt ihnen zehn Mal den Tod wünſchen müſſen, aber bös biſt Du doch nit auf uns geweſen. — Ach was liegt daran, lachte Wilhelm, das iſt wie mit den Fliegen, zehn ſchlägt man todt, und die elfte ſetzte ſich Einem grade auf die Naſe. So iſt es hier. Es ſteckt ſoviel ſchlechtes Geſindel in Frankreich, daß es nicht darauf ankommt, ob auch noch das alte Weib mit ihren Liebſten dabei iſt, uns werden ſie ja hoffentlich nichts mehr anhaben, ſeitdem der Krieg vorbei iſt. — Ich hab aber viel von Diebereien und Leichenraub gehört in letzter Zeit, meinte Wildberger, und da denk ich immer, es ſind am letzten Ende wieder und immer wieder die. Weißt, ich trau ihnen alles Schlimme zu, die Alte iſt ſo pfiffig, ſo ganz, wie ich mir des Teufels Großmutter denken thu. — Ei, laß ſie laufen, rief Wilhelm, ſie ſind all mit einander nicht das Denken werth, nicht ſie und nicht die Liſette, das Töchterchen der alten Hexe. S ht Ihr die herzloſe Dirne? Sie dachte nur an ſich ſelbſt, ihr war es gleichgültig, ob der arme Franz ſtarb oder nicht, ſie wäre nicht bei ihm geblieben. — Sei nicht zu hart, bat Heinrich, es giebt Menſchen die ſich vor Todten fürchten. — Ja, wenn ſie kein gutes Gewiſſen haben, meinte Wilhelm. Maria Fiſcher ſchliefe wohl mit zehn Leichen in derſelben Stube, ohne ſich zu graulen. Die hat gewiß keinem Lebenden je ein Leids gethan, darum ſcheut ſie auch die Todten nicht. Aber ich muß zurück, ich habe heut noch Dienſt. — Und ich begleite den Thomas, ſagte Heinrich, denn bei mir kommt es mir ſo einſam vor, ſeitdem Franz fort iſt. Somit trennten ſich die Freunde, und während zwei von ihnen dem Walde zugingen, ſchlenderte Wilhelm Friſchmuth zum Orte hinaus. Sein Weg führte ihn an dem Kirchhofe vorüber, und es ſiel ihm ein, daß er nachſehen köante, ob auch der Todtengräber ſchon ang fangen habe, den Hügel zu glätten und abzuſtechen, wie er es ihnen verſprochen. Indem er zwiſchen den Gräbern entlang ging, bemerkte er vor dem zuletzt geſchloſſenen einen Mann, der mit übereinander geſchlagenen Armen auf die wünſchen wie mit tze ſich kt ſoviel kommt, ſt uns rRrieg henraub immer, Weißt. o ganh einander tte, das Sie r arme hen NM Bilhelm. Stube⸗ n je ein gber ic denn t iſt vei von uth zun vorübel uch der ten und zW ſchen loſſenen uf di — 605— friſch aufgewühlte Erde hinſtarrte. In der Meinung, es ſei der Knecht des Todtengräbers, ging er auf ihn zu und erſtaunte, als ihm der Mann ein bleiches, von Thränen überſtrömtes Geſicht entgegenwandte, ein Geſicht, das er kannte nnd hier nicht zu ſehen erwartete. — Ei, Herr Herzog, redete er ihn an, das freut mich daß Sie wieder frei ſind. Der Mann ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn. — Ja, ich bin frei, antwortete er, die Preußen hielten mich nicht länger auf, als ich ihnen offen und ehrlich erzählte, wie es ſich bei der Kapitulation von Sedan fügte, daß ich kein Ehren⸗ wort zu geben noch zu brechen brauchte. Daß ein Franzoſe für Frankreich kämpft, kann ihm ja nicht als Verbrechen angerechnet werden. — Und überdies iſt der Krieg zu Ende, verſetzte Friſch⸗ muth. — Und Sie ſind die Sieger, ſagte Montalto. O, Sie be⸗ ſiegen uns in Allem, ſogar in der Großmuth! Wer ſind die drei Männer, welche dieſen Unglücklichen, der da ruht, beſtattet haben? Ich möchte es ihnen danken. — Gar keine Urſache dazu! ſprach der Wachtmeiſter. Zwei von ihnen ſind zwar prächtige Jungen, aber um des Dankes willen thaten ſie nichts für den Franz, nicht mal für Gottes Lohn, ſon⸗ dern ganz einfach, weil ihr braves Herz ſie dazu drängte, Gutes zu thun. — Wie war ſein Tod? fragte der Herzog mit dumpfer Stimme. — Er wäre ſanft genug geweſen bei ſolcher Pflege, ant⸗ wortete Friſchmuth, doch regte ihn noch zuletzt die Hartherzigkeit einer Dirne auf. Jetzt ruht er ſanft... Aber ſagen Sie mir, Herr Herzog, haben Sie den Grafen Iſſelhorſt geſehn? — Nein, gab Montalto zur Antwort. Ich ſuchte ihn in ſeinem Quartier auf, aber er war nicht da. Jetzt denke ich, mich weiter von Paris zu entfernen, bis es mir möglich iſt, hinein zu gelangen. Ich fürchte, neuen Verhören ausgeſetzt zu ſein. — Eben deswegen hätten Sie bei uns bleiben ſollen, wo — 606— man Sie bereits verhört hat, meinte Wilhelm. In der Umgegend werden Ihnen die Deutſchen nur ſchwachen Schutz gegen Ihre eigenen Landsleute gewähren können, und dieſe grade ſind es, welche gegen ehemals kaiſerliche Offiziere am meiſten erbit⸗ tert ſind. — Das iſt wahr, ſagte der Herzog. Es iſt an der Tages⸗ ordnung den Mann zu haſſen, den man noch vor ſo kurzer Zeit 1 auf ſeinem Throne beſtätigte. — Darüber zu ſprechen, iſt nicht meine Sache, erwiederte Friſchmuth, doch rathe ich Ihnen, nicht fortzugehen, ehe Sie den Grafen Reinhold von Iſſ lhorſt geſehen haben, der großen An⸗ theil an Ihrem Schickſal nimmt. Sie kennen wohl auch Maria t Fiſcher? — Mein, der Name iſt mir fremd, ſagte Montalto. — So, ich dachte, weil ſie von Ihrer Frau Gemahlin ſprach, erwiederte der Ulan. Ich kehre nach der Stadt zurück. — So geſtatten Sie mir, mit Ihnen zu gehen, bat Mon⸗ talto, denn Sie haben Recht, ich will den Grafen noch einmal aufſuchen. Sie gingen mit einander, und Friſchmuth wählte den nähe⸗ ren Weg durh den Wald. Er fühlte ſich darch die Nähe des Herzogs ſeltſam bewegt, merkte man es dieſem dich an, wie tief ihn der Tod ſeines Sohnes erregt hatte. Er war mit Franz verſöhnt, das diente ihm jetzt zum Troſte, und dennoch konnte er es ſich nicht verhehlen, daß dort in kalter Erde, beſtattet von fremden Hinden, ein Menſch ruhte, dem er das Leben gegeben hatte und dem er in dieſem Leben kein treuer Vater, kein leiten⸗ 1 der Freund, kein wohlmeinender Ra hgeber geweſen war. Wie 1 oft, wenn Franz Godard mit unverſchimten Forderungen an ihn 1 heran trat, hatte er den eigenen Sohn todt gewünſcht, wie oft ſich der leidenſchaftlichen Aufwallung geſchämt, die ihm das Leben 1 gab. Und jetzt... Alles hitte er darum gegeben, wieder git machen zu können, was er an ihm verbrochen hatte, jetzt, da es zu ſpät war! — Aber, fragte er ſich dann wieder, warum klagt mich denn mein Gewiſſen ſo laut an? Soſche Vech iltniſſe wiederholen ſich mgegend en Ihre find es, n erbit⸗ Tages⸗ ſer Zeit wiederte Sie den jen An⸗ Mario n ſprach Mon⸗ einmal nnhe⸗ ähe des wie tief t Fruni bonnte tet von egeben leiten⸗ . Wie an ihn vie vft Leben der git be eb h denn len ſi — 607— nur allzuoft, und thut nicht ein Mann genug, wenn er eine Jugendthorheit mit Geld abbüßt? Godards Mutter hatte ſich verheirathet und lebte zufrieden, ohne mich zu behelligen, was gab dem Sohne das Recht, ſich an mich zu drängen, der ich ihm doch fremd bleiben wollte? Die Stimme der Natur verwarf aber ſolche Einwände, die Mon⸗ talto ſich machte. Dieſer Mann war von ſeinem Blute geweſen, ob er es auch verleugnen wollte, und dieſes Blut bildete eine Verwandtſchaft, die ſich nicht zerreißen ließ. Was man in's Leben ruft, das ſoll man im Leben ſchützen! So ſprach in dem Herzog die nur zu ſpät erwachte Stimme des Gewiſſens, und tiefe Reue durchbebte ſeine Buuſt, als er ganz zufällig vor dem Grabe des Sohnes ſtand, den er erziehungslos und ohne Halt in die Welt hinein geſtoßen hatte. Um ſo tiefer rührte es ihn, daß dieſer Sohn noch im Tode ſo treue Freundſchaft und Hilfe gefunden hatte, und noch dazu bei den Feinden ſeiner Nation. Daß der Mann, an deſſen Seite er ging, mit dazu gehörte, dachte er ſich wohl, und glaubte einen von jenen Söhnen eines vornehmen Hauſes in ihm zu ſehen, die, wie er wußte, in der preußiſchen Armee oft in niedriger Rang⸗ ſtellung als Gemeiner oder Unteroffizier dem Vaterlande dienten. In dieſem Glauben fühlte er ſich vorzüglich dadurch beſtätigt, daß Friſchmuth öfters von dem Grafen Iſſelhorſt ſprach und genau mit ihm bekennt zu ſein ſchien. Als ſie durch den Wald gegangen waren und wieder auf das Feld traten, hörten ſie ein Geſchrei, dann lief ein Mann an ihnen vorüber und gleich darauf ein Anderer, dann wieder⸗ holte ſich das Rufen und Friſchmuth glaubte die Stimme zu erkennen. Er wurde aufmerkſam. — Wollen Sie hier bleiben? fragte er den Herzog, ich muß wiſſen, was es da unten giebt. — RNein verſetzte der, ich ziehe es vor, Sie zu begleiten, zwar bin ich ohne Waffen, kann Ihnen pielleicht aber doch dienen. Sie gingen den Stimmen nach, doch ſahen ſie anfangs nichts. Der Boden fiel nach dem Flußufer zu ziemlich ſteil ab, — 608— und als der Maſchinenbauer immer ängſtlicher werdend dorthin eilte, erblickte er einen Knäuel von Menſchen, die ſich auf dem abſchüſſigen Boden wälzten. — Hollah, Thomas, biſt Du das? rief er und ſprang mit einem Satze hinzu. Wildberger erhob ſich, und Friſchmuth er⸗ ſchrak, als er ihn anſah, denn er war ſeltſam verändert. Sein lockiges Haar hing ihm wild und in Strähnen über die erhitzte Stirn, auf der Schweißtropfen perlten, ſeine hellblaue Uniform war ihm halb vom Leibe geriſſen und zeigte die Spuren eines Ringkampfes, und ſeine Bruſt flog von athemloſem Laufen. — Nun ſag mal, Menſch, was haſt Du vor? rief Wilhelm aus. Wildberger zeigte auf einen Klumpen, der vor ihm in der ſchlammigen Erde lag. — Dieſes Mal entläuft es mir nicht wieder, das ſteht feſt, ſagte er mit heiſerem Lachen. Indem erhob ſich Heinrich Becker, und ſein Anblick war nicht weniger wild als der des Bayern. — Na, ſagte er, tief Athem ſchöpfend, jetzt iſt es uns end⸗ lich gelungen. — Aber was denn? fragre Friſchmuth ganz verwundert. — Ja, ſiehſt Du, begann Wildberger und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn, als uns der Turko und das alte Weib davon gelaufen waren, da nahmen wir es uns feſt vor und ſchworen es ſogar, daß wir die Beiden wieder haben mußten. Nun haben wir ihnen lange aufgelauert, denn wir wußten, daß ſie in der Nähe lagen und allerlei Schandthaten verrichteten, aber kriegen konnten wir ſie nicht. Nun endlich hatte ich es ausgekundſchaftet, wo ſie ſteckten, und als ich Dich mit dem Heinrich vorhin verließ, da rief ich noch ein paar Kameraden, und wir umſtellten das Neſt. Aber die Vögel waren ausgeflo⸗ gen. Wir alſo nach, und richtig, wir fanden ſie, als ſie eben eine Leiche aus der Erde gruben, der ſie das Zeug vom Leibe zogen, an dem ſchon das verweſte Fleiſch mit Blut und Maden kleben blieb. Hei wie ſie liefen, als wir heran kamen! Wir natürlich hinterher, es ging quer durch den Wald, ſie wollten id dorchin auf den prang nit hmuth er⸗ r Sein ſe erhitzte e Uniſorm uren eines ufen. f Vilhelm m in der ſrht fiſ, war nicht uns end⸗ undert. ſich den alu Wib vor und nmuften⸗ ßten⸗ doß rrichteten⸗ ich es nit den ameraden ausgeſlo⸗ ſe eben n Leibe d Voden en! Bt ie wollen — 609— wieder heim, das merkten wir und verlegten ihnen den Weg. Jetzt ſind ſie beide gebunden, der Mohr und der andere Turko, und dieſes Mal entlaufen ſie uns nicht, das alte Weib aber haben die Andern ſchon mit fortgeſchleppt. Friſchmuth lachte. — Sollte man wohl meinen, ſagte er, daß zwei ſo engels⸗ gute Jungen, wie Ihr ſeid, ſo lange die Rache im Herzen tragen können? Aber Ihr habt ganz Recht. Ich würde es ebenſo machen, nur haltet ſie dieſes Mal feſter. — Fürchte nichts, rief Heinrich, dieſes Mal entgehen ſie uns nicht. Wir bringen ſie zu den Bayern, weil die ſchon die alte Hexe haben, und weil es am nächſten iſt. Du ſollſt ſchon noch von ihnen hören. Mit dieſen Worten riß er Huſſein empor, der an mehreren Stellen blutete und furchtbar bleich ausſah. Seine Hände waren gebunden, und zwiſchen den Füßen befand ſich ein Strick, der ihn zwar nicht am Gehen, doch am Laufen verhinderte. Taleb wollte ſich anfangs nicht erheben, er lag wie ein Knäuel zuſam⸗ mengerollt auf der Erde, unter ſeinen dunklen Lippen hervor fletſchte er wüthend die Zähne, und ſeine Augen rollten wild im Kopfe herum. Thomas mußte ihn mit Gewalt emporreißen. — Soll ich mitgehen? fragte Friſchmuth, der Talebs Liſt und ſeine ungeheure Muskelkraft fürchtete. — O nein, antwortete Thomas, thu nit, als ob Du uns nit trauteſt. Man macht nie zwei Mal dieſelbe Dummheit. Willſt Du aber herüber kommen, wenn ſie todt geſchlagen werden, ſo ſollſt Du willkommen ſein Damit gab er dem Mohren eine Schlag über die Schulter, um ihn zum Gehen anzutreiben. Taleb widerſetzte ſich dem Zwange nur einen Augenblick, dann dachte er, daß Widerſtand vergeblich ſei, wo vier Männer ihm gegenüber ſtanden, und ging, wohin Thomas ihn zog, aber er ſpie vor ſich aus und murmelte Flüche. Friſchmuth ſah ihm nach. Der gekrümmte Rücken, der tief geſenkte Kopf, der ſchleppende Gang, Alles erinnerte ihn S h I. 39 — 610— an eine ſchleichende Hyäne, die auf ihre Beute lauert. Er traute ihm nicht und beſchloß, ſich morgen ſchon nach ihm umzuſehen, denn er fürchtete für ſeine Freunde. 75. Kapitel. Die eiſerne Gitterthür. Wilhelm Friſchmuth hatte ſich getäuſcht, als er meinte, Taleb und Huſſein könnten ſich befreien, denn ſie waren feſt gebunden und konnten die Arme nicht bewegen, den Strick aber, der um ihre Füße ging, hielten Heinrich und Thomas feſt und trieben die Gefangenen mit Stockſchlägen zur Eile an, wenn dieſe zögerten. Mit Menſchen, die ſo viel Rohheit beſaßen, wie diefe beiden Afrikaner, konnte man eben nur umgehen wie mit dem Vieh. ſie verdienten kein Mitleid, denn ihre Sünden ſchrieen nach Rache. Das wußten die beiden Freunde wohl, die, ſonſt ſo gut und ſo nachſichtsvoll, dieſes Mal feſt entſchloſſen waren, die beiden Schurken ihrer Strafe zu überliefern. Der Prozeß konnte nur kurz ſein, denn als ſie mit den Kameraden zuſammentrafen, die das alte Weib, die Mutter Margot, gefangen hatten, da erzählten ihnen dieſe von den vielen geraubten Sachen, die bei den Strolchen gefunden worden waren. Von manch Einem, den man lange ſchon vermißte, erhielt man jetzt erſt Kunde, da ſich Dinge, die ihm gehörten, in Talebs und Huſſeins Räuberhöhle fanden. Wehe Demjenigen, der in die Hände dieſer Böſewichter fiell Ein ſchneller Tod war das größte Glück, das er erflehen durfte, denn ihre Freude war es, die Opfer zu martern, ehe ſie ihnen das Leben nahmen. Bei den Bayern, wo Thomas und Heinrich die Verbrecher ablieferten, fehlte es an einem paſſenden Gefängniß. Freilich Er traute umzuſehen, ne Laleb gebunden t, der um nd trieben enn bdieſe wie dieſe e wit dem en ſchen o gut und die beiden onnte mr trafen, i * erʒöhlien e bei den n den mn ſich nin ſu hen durfte, ze ſe in perbrech⸗ ril⸗ b —6 beſaß man ein Militörarreſtlokal, doch war es kein ſicherer Aufenthalt für ſchwer Angeſchuldigte, denn die wenigen Arres⸗ tanten, die es enthielt, dachten nicht an Flucht, und es bedurfte daher keiner feſten Thüren und Schlöſſer. Dieſe beiden Schurken aber mußte man ſicher ſetzen, und dazu war es nicht ganz leicht, eine paſſende Räumlichkeit zu finden. Endlich, nachdem ſie einige Zeit hatten warten müſſen und nachdem ſie verhört worden waren, brachte man ſie in das Stadthaus. Hier befanden ſich im zweiten Stockwerk einige unbenutzte Zimmer. In dieſe wurde eine Streu gebracht, man ſtellte in jedes einen Schemel und einen Tiſch, gab jedem der Gefangenen einen Krug mit Waſſer und ein Brot, legte vor eine jede Thür noch einen feſten, eiſernen Riegel, poſtirte eine Schildwache davor, und glaubte nun ganz ſicher zu ſein. Die Zimmer lagen dicht neben einander und zwar ſo, daß ſich Margot in einer Art von Entrée befand, von wo aus man nach rechts zu Taleb, nach links zu Huſſein gelangen konnte. Da die Thüren jedoch alle abgeſchloſſen und die Riegel mit Vorhängeſchlöſſern verſehen waren, ſo vermochte die alte Frau es nicht, zu ihren Mitgefangenen zu gelangen. Kaum war ſie jedoch allein, als ſie ſchon den Schemel an die Wand rückte, die dem Raume zunächſt war, in welchem ſich Taleb befand. Hier klopfte ſie leiſe und in beſtimmten Zwiſchenräumen an. Er antwortete ebenſo. Die Alte huſtete, er that desgleichen, um ihr zu verſtehn zu geben, daß er ſie gehört hatte. So war die Verbindung hergeſtellt, aber ſie wagte es nicht, zu ihm zu reden, aus Furcht, daß die Schildwache ſie hören möchte Eifrig ſann ſie auf ein Mittel ſich ihm verſtänd⸗ lich zu machen, denn ſie zweifelte nicht, daß ihrer gemeinſamen Schlauheit ein Fluchtverſuch gelingen müßte, aber es galt dabei die größte Eile, denn ſchon das erſte Verhör hatte es ihnen bewieſen, daß wenig Gutes für ſie zu hoffen war. Sie ſuchte in dem Zimmer umher, aber ſie konnte keinen Gegenſtand finden, der ihr zu ihrem Zwecke behilflich hätte ſein 39* — 612— können, es gab keinen Nagel, kein Meſſer, überhaupt kein ein⸗ ziges Werkzeug. Doch plötzlich leuchteten ihre Augen auf. An dem Fenſter⸗ brett ging eine blecherne Rinne entlang, beſtimmt, das Regen⸗ waſſer abzuleiten, wenn dieſe ſich abreißen ließ, ſo war ihr geholfen. Sie verſuchte es, aber es gelang nicht. Die Rinne lag feſt an der Wand, und ſie hatte kein Mittel, ſie loszubrechen. Wie ſie auch mit den Nägeln arbeitete, ſie gab nicht nach, doch ob auch das Blut ihr von den Händen lief, ſo gab ſie doch den Verſuch nicht auf. Endlich gelang es ihr, das Blech zu biegen, und nun begann für ſie eine neue Hoffnung. Was ſich biegt, das kann auch brechen. 2 Sie bediente ſich ihres Holzſchuhs, um mit mehr Gewalt darauf drücken zu können, und nach anderthalbſtündiger Arbeit gelang es ihr, ein ſcharfes Stück von dem Blech abzureißen. Jetzt begab ſie ſich wieder an die Thür und fing an, oberhalb des Schloſſes in das Holz zu bohren. Sie wählte dazu die Stelle, wo die Füllung eingeſetzt war, und das morſche Holz bröckelte langſam unter dem ſcharf kratzenden Blech ab. Da hörte ſie zu ihrer größten Freude, daß auch vyn der anderen Seite an der Thür gearbeitet wurde. Nun hatte ſie Muth. Es war ihr gelungen, ein kleines Loch zu bohren, und darin drehte ſie das Blech wie einen Quirl herum und erweiterte es ſomit. Es dauerte nicht allzu lange, bis eine Oeffnung entſtanden war, durch welche die beiden Gefangenen ſich mit einander verſtindigen konnten. — Bohre mehr ſeitwärts, ſagte Margot, wir müſſen das Schloß heraus haben. — Liegt vorn auch eins? fragte Taleb. — Ja, aber ohne Riegel, war die Antwort. Von dem Loche aus ſchnitt ſie nun hinunter, als ob ſie ſägte, es ging der Faſer des Holzes nach und war ein zwar langweiliges doch nicht ſchweres Geſchäft. Dazwiſchen konnte ſie auch mit Taleb ſprechen. — Arbeitet Huſſein? fragte ſie. t kein ein⸗ m Finſter⸗ us Regen⸗ war ihr ne g feſt chen. Mie doch ob e doch den zu biegen, hr Gewalt iger Arbeit abureißen. oberhalb dazu die orſche dob b. ch von ſe n hatte ſie ohren, und emweitert Oeffnuns — 5 niſſen das ar ein zwo hen tonn — 613— — Ja, war die Antwort, aber nicht an dieſer Thür. Jetzt war auch Talebs Eiſen durch das Holz gedrungen, und nun ließ ſich die Füllung heraus drücken. Schon war die Deffnung groß genug, daß ſie ſich ſehen konnten. Die beiden ſcheußlichen Geſichter grinſten ſich mit freudigem Lachen an. — Was haſt Du denn, goldener Taleb? fragte Margot. — Einen Nagel, ſagte der, und ein Stück von einem Krug, das ſchneidet aber ſchlecht. — Glaubs wohl, verſetzte die Alte, aber jetzt faß' hier herein, das Holz wird ſchon nachgeben. — Wenn es nur nicht zu laut kracht! — Warte, ich wills Dir ſagen, wenn die Schildwache fort geht. So, jetzt iſt ſie ſo weit, daß ich ihren Schritt kaum noch höre. Zieh nur, ich drücke. Er zog, die Füllung fiel aus der Thür. — Jetzt hebe mich hinein, bat Margot. — Das Loch iſt zu ſchmal, antwortete er. — O nein, ich mache mich ſchlank wie einen Aal, ſo, ich ſteige auf den Schemel, nun faſſe mich in Deine Arme— oh meine Hüften! Aber es geht! Und es ging wirklich. Jetzt waren ſie bei einander, und es galt, ſich mit Huſſein in Verbindung zu ſetzen. Das war nicht ſchwer, ſie arbeiteten gemeinſam, und in kurzer Zeit gab auch dieſe Thür nach, und Taleb ſteckte ſeinen ſchwarzen Kopf durch das Loch. — He Huſſein, was haſt Du zu Wege gebracht? fragte er. — O es geht gut, war die freudige Antwort. Dieſe Thür geht auf einen Bodenraum. — Vortrefflich, verſetzte Taleb, ſo gehen wir über die Dächer. Wart, ich komme hinein. Er riß mit der ganzen Gewalt ſeiner herkuliſchen Muskeln an der Thür, und dieſe krachte, ein zweiter Stoß, und er ver⸗ mochte hindurch zu gehen. Margot ſchlüpfte ihm nach, ſie nahm den Waſſerkrug und trank. — Vergeßt Euer Brot nicht, ſagte ſie, es iſt zwar ſchlecht, aber man kann es gebrauchen. O, ich wußte es wohl, daß wir — 614— den Weg finden würden und fürchtete mich gar nicht. Die Deutſchen ſind ja ſo dumm, die merken nichts. Der arme Belle⸗ garde wäre jetzt auch ſchon längſt frei und könnte noch lange leben, wenn er nicht mitten in der Stadt geweſen wäre. Für uns iſt es weit beſſer, wir können gleich in das Freie und über den Fluß, Kähne finden ſich ſchon am Ufer. — Ja, aber dann weit weg, ſagte Huſſein, denn an dieſe Sefangenſchaft will ich denken. — Haſenherz! lachte Margot, ohne Gefahr kein Vergnügen! Wie wollen wir die Deutſchen auslachen, wenn wir erſt draußen ſind, aber ich denke, wir müſſen die Nacht abwarten. Dieſer Anſicht war Taleb auch, obgleich Huſſein am liebſten gleich davongelaufen wäre. Sie durchſägten auch noch die dritte Thür, an welcher Huſſein ſchon gearbeitet hatte, wenn auch nicht ſehr erfolgreich, denn das kleine Loch, durch das er auf einen leeren Bodenraum blickte, genügte noch nicht zum Hinauskommen. Jetzt aber gaben die Bretter nach, und ſie betraten gemeinſam den dicht unter dem Dache gelegenen Raum. Die Balken liefen ſchräg hinauf, und ſtarke Pfeiler ſtützten ſie da, wo ſie ſich trafen, die Fenſter waren hinausgebaut und ſo klein, daß an eine Flucht durch ſie hindurch nicht wohl zu denken war. Inſoweit ſah alſo die Sache keineswegs erfreulich aus. Sie gingen weiter. Es lag viel altes Gerümpel umher, zerbrochene Stühle und Tiſche, dann Akten und Papiere in großen Kiſten. — Man könnte Feuer anmachen, meinte Taleb, und beim Löſchen entfliehen. Aber Huſſein wandte dagegen ein, daß ſie dann wohl zuerſt verbrennen würden. Der Boden führte um drei Seiten des Gebäudes herum und nur die vorderſte, auf welcher ſie geſeſſen hatten, war gleich einem Giebel erhöht. Thüren fanden ſich jedoch nicht, außer ſolchen, die in einzelne Verſchläge gingen, und es gab nur eine einzige Treppe, die mit einer ſtarken eiſernen Gitterthür verſchloſſen war. Den drei Flüchtlingen ſank der Muth. Sie hatten keine Feile, um die Stangen zu durchſchneiden, ſie ſahen keinen Ausweg, icht. Die me Bell⸗ h lange ire. Für und über an diiſe ergnügenl tdraußen nliebſten die dritte auch nicht uf einen skommen. emeinſam ſen cbout ud t nohl z erfreulih l umher apiere in und heim u e zeiten des ſe geſiſen unden ſih inge 3 eiſernen ten lin n Auswi — 615— und doch drängte die Zeit, denn es war bereits ganz finſter geworden, und ihre Flucht konnte entdeckt werden, wenn man bei der Ronde auch in ihr Gefängniß kam und die Thüren erbrochen fand. Die Gefahr wuchs in jedem Augenblicke. Verfolgte man ſie hier, ſo war an kein Entrinnen zu denken, und Alles war verloren. Die beiden Afrikaner fluchten hunderttauſend Teufel herbei Margot ſpähte überall umher, ſie maß die Breite und Höhe der Fenſter und war der Meinung, daß es nicht unmöglich ſein könnte, ſich da hindurch zu zwängen. Taleb wußte das beſſer. Wo ein ſchmiegſamer Frauenkör⸗ per hindurch geht, da findet der feſtere eines Mannes keinen Ausgang. Seine rieſigen Schultern waren viel breiter als Mar⸗ gots magere Hüften. Nein, das war keine Möglichkeit, man mußte es anders verſuchen oder die Hoffnung auf Flucht gänzlich und für immer aufgeben. Er rüttelte mit aller ſeiner Kraft an den Eiſenſtangen der Thür, aber ſie ſchienen ganz feſt zu ſein, und oben und unten gingen ſtark vernietete Bänder entlang. Da kam Huſſein auf einen anderen Gedanken. Die Thür reichte oben nicht ganz bis zur Decke hinauf und unten berührten die Stäbe nicht die Die⸗ len. Wenn es möglich war, ſie zu heben, ſo gelang es vielleicht, darunter durchzukriechen, und einmal die Treppe hinab, konnte es nicht ſchwer ſein, aus dem Hauſe zu ſchlüpfen, jeder von ihnen ſollte ſich dann auf eine der Schildwachen werfen, ſie zu Boden ſchlagen und ſchnell hinaus in das Freie ſpringen. Margot ſah, daß die beiden Männer bei dieſem Plane nicht einen Augenblick lang an ſie dachten, ſie war verloren, wenn ſie ſich nicht ſelber zu helfen wußte, und ſie beſchloß, ſelbſtſtän⸗ dig zu handeln. Die Thür hob ſich allerdings in ihren Zargen, aber nicht ſo hoch daß es leicht möglich geweſen wäre, hindurch zu kommen, auch waren die Stangen ſo dicht neben einander, daß wenigſtens drei herausgebrochen werden mußten, um einen bequemen Ausweg zu perſchaffen, und dennoch gab es kein an⸗ deres Mittel. Beid⸗ Brüder erfaßten eine der Stangen und zogen daran, indem Taleb, der ohne Frage der Stärkere war, — 616— das Knie unten dagegen ſtemmte. Sie bog ſich die Thür gab nach aber ſie brach nicht aus dem Schloſſe, wie ſie es erwartet hatten. Dennoch war zwiſchen zwei Stangen ein größerer Zwiſchenraum entſtanden. Jetzt verſuchten ſie daſſelbe bei der zunächſt befind⸗ lichen. Einige Minuten der furchtbarſten Anſtrengung, und das zerroſtete Eiſen krachte und brach⸗ die Männer ſtürzten rücklings zur Erde nieder, aber ſie erhoben ſich ſchnell. Was that ihnen ein leichter Fall? Doch als ſie zum dritten Mal ihr Heil ver⸗ ſuchen wollten, da eilte Margot herbei. — Ich höre Menſchen, flüſterte ſie athemlos, es raſſelt mit Waffen, gewiß, wir ſind entdeckt. — Das wäre der Teufell rief Taleb. Schnell, Huſſein, die dritte Stange muß heraus! — Laßt mich da durchſchlüpfen, bat die Alte, für mich iſt es weit genug. — Das fehlte, ſagte der Mohr und ſtieß ſie unſanft zurück. Willſt Du unten die Soldaten aufmerkſam machen, daß ſie uns erwarten, wenn es gelingt, hier hinaus zu kommen? Vorwärts, Huſſein, dieſe Stange muß brechen. Aber ſie brach nicht, ſie bog ſich nur unter dem gewaltigen Druck der nervigen Arme. Da hörten ſie das Nahen von Schritten. Das waren Soldaten, Deutſche, das war der Tod! Die Männer ſtanden wie erſtarrt. Sie hatten keinen Ausweg. Margot be⸗ nutzte dieſen Augenblick, ſie nahm die Röcke zuſammen, zog die Schultern nach vorn, und geſchmeidig wie ein Aal ſchlüpfte ſie durch die Heffnung und verſchwand. — Hebe die Thür, bat Huſſein, ich krieche durch, du ſollſt ſehen, daß es geht, und bin ich draußen, helfe ich Dir. Taleb hob die ſchwere Thür, ſo viel er es vermochte, Huſ⸗ ſein quetſchte ſich durch, ging es nur erſt mit dem Kopfe, der Körper folgte ſchon nach. Die Todesangſt gab ihim Muth. Die Stangen riſſen ihm die Wange auf, er achtete es nicht, ſchon war der Kopf hindurch da nahten Lichter, einen Augenblick, und ſte waren entdeckt, verloren. Taleb erſchrak, er dachte nur an ſich, er ließ die Thür ſinken, ein dumpfer, gräßlicher Schrei er⸗ tönte, er wußte, daß er ſeinen Bruder getödtet hatte, aber jetzt gab nach t hatten. henraum t befind⸗ und das tücklings ut ihnen Heil ver⸗ raſſelt mit Hiſſein, mich iſt ft jurüc. ſie uns orwärts, gewaltigen Schriten ie Minnet largot nb⸗ 300 3 luft ſie du ſolſt ℳ5 de ſopfe hn n Muh niht nbld un e nul un Schr et⸗ aber ic 5617 war nicht Zeit, darüber nachzudenken. Wo Margot hindurch ge⸗ kommen war, mußte er auch durchkommen können. Er ſchob den Kopf durch die Heffnung, ſie war zu klein ſelbſt nur für ſeinen Schädel, dennoch preßte er ſich mit Gewalt vorwärts, hinter ihm raſſelten die Waffen der Soldaten, vor ihm lag Freiheit und Leben, doch war es nicht Hoffnung, es war Verzweiflung, was ihn antrieb, ein Ruck und er war hindurch, was ihm vorher eine Unmöglichkeit ſchien, es war gelungen, aber er ſah nichts, und ein furchtbarer Schmerz umnebelte ſeine Sinne, er taumelte der Treppe zu, ſtolperte in einen Winkel hinein und blieb dort liegen. Die Schildwachen fanden die Gitterthür, fan⸗ den Huſſein, der mit zerſchmettertem Rückgrat darunter lag, ſie zogen ihn hervor, er athmete noch, ſeine Qualen mußten furcht⸗ bar ſein, denn als man ihn aufhob, ſtieß er ein Gebrüll aus, das nichts Menſchliches mehr an ſich hatte. Der Offizier ließ ihn mit möglichſt viel Schonung hinunter⸗ tragen, aber war es möglich, dieſen blutigen und zerfetzten Kör⸗ per zu berühren, ohne ſeine Leiden auf das fur htbarſte zu ver⸗ mehren? Wo aber ſteckten nun die anderen beiden Flüchtlinge, wo war der Neger, wo war das alte Weib? Entflohen ſie durch die Gitterthür, wie eine Blutſpur vermuthen ließ, obſchon die Kleinheit der Heffnung zwiſchen den Stangen es faſt unglaublich erſcheinen ließ, ſo war es nur dann möglich, ihnen nachzufolgen, wenn man den Schlüſſel beſaß. Der Offizier ſchickte zwei Mann hinunter, um dieſen Schlüſſel zu holen, ſie gingen durch die Räume, welche Margot und den Turkos als Gefängniß gedient hatten, und kamen auf der anderen Seite zurück, um die Gitterthür von außen aufzu⸗ ſchließen. Nirgends hatten ſie eine Spur von den Entkommenen entdeckt. Die Blutſpur, die ſich in der Nacht nicht gut verfolgen ließ, leitete jedenfalls nicht die Treppe hinab, es war räthſelhaft, aber von Taleb und Margot zeigte ſich keine Spur. Der Offi⸗ zier ſtellte ſtarke Schildwachen an alle Ausgänge der Treppen und des Hauſes, denn hatten ſie ſich irgendwo verſteckt, ſo mußten Hunger und Durſt fie doch endlich hervortreiben, und das konnte ja abgewartet werden. — 76. Kapitel. Ein ſanfter Tod. Wie war die Luft ſo milde und warm! Schon ſproßte das erſte Grün an den Sträuchern und Bäumen, die Erde, die ſo lange mit Schnee und Eis bedeckt geweſen war, ſchmückte ſich bereits mit zarten Hälmchen und duftigen Frühlingskräutern, und Schneeglöckchen und Veilchen erhoben die lieblichen Angeſichter, als wollten ſie nachſehen, ob draußen auch Alles geheuer ſei, ob auch kein roher Tritt, kein Hufſchlag wilder Roſſe ihrem zarten Leben ein Ende machen könne. Die Vögel waren von ihren Reſtern vertrieben und flohen vor dem rauhen Kriegsgetümmel, jetzt aber kamen ſie wieder hervor, der kecke Spatz baute ſich ſchon ſein Neſt, wüſt und lie⸗ derlich, wie es in ſeiner Art liegt, und meinte, daß, wenn der Krieg auch Allen Alles genommen habe, für ihn doch jedenfalls genug übrig blieb; der Fink und die Amſel ſangen wieder um die Wette und die Lerche wunderte ſich, daß ſie den Acker noch nicht beſtellt fand, in deſſen Furchen ſie zu niſten pflegte. Durch das ſonnige Feld gingen zwei Mädchen Arm in Arm und lauſchten auf das Gezwitſcher und folgten mit den Augen den ſpielenden Mückchen. Ja, Frankreich iſt ein geſegnetes Land, goldig glänzt der Himmel, wenn in dem kalten Norden Deutſch⸗ lands noch graue Wolken hängen und friſches Grün bedeckt die Fluren, ehe es noch bei uns zu ſproſſen beginnt. Die rauhen Oſtwinde halten die Gebirge ab, die gleich einer Schutzwehr durch das Land ziehen, dem warmen Hauche von Süden aber öffnet ſich der Meerbuſen von Biscaya, und laue Fluthen umſpielen den ganzen Weſten, und alle Winde, die von dorther wehen, bringen befruchtende Feuchtigkeit und milde Wärme. Doch wie oft unter dem ärmlichen Kittel ein biederes Herz ſchlägt, während das glänzende Gewand eine unredliche Bruſt — roßte das die ſo ückte ſih tern und ngeſichtet er ſe ob m zutten 15 flohen e wieder und lie⸗ wen der ſcdemls vieder um Alet noch ſte. m in tes Deuiſch⸗ hedelt di e rauhen wihr ut bet ifn umſpielen deres hel icht m — 619— bedecken mag, ſo iſt es auch hier. Der reiche Segen Gottes ſpiegelt ſich nicht wieder in den Tugenden derer, die ihn empfan⸗ gen, indeſſen Deutſchlands arbeitſame Söhne im Schweiße ihres Angeſichts und bei ſtrenger Pflichterfüllung frei bleiben von Wol⸗ luſt und von Verſuchung. Aber daran dachten die Mädchen nicht, als ſie ſo langſam dahinwandelten. — Um dieſe Zeit, ſagte die Eine, bl i die Veilchen noch nicht auf Schloß Falkenſtein. ₰ — Nein, verſetzte die Andere, dus ug zu poc — Ob wir es jemals wiederſehen werden? hob ZJene nach einer Pauſe wieder an. — Ich ſehne mich nicht danach, antwortete ihre Gefährtin. — Doch waren wir glücklich! Gewiß, ich will es immer in dankbarem Angedenken behalten, was Madelon und Peter an uns thaten. Der arme Peter, wo mag er ſein, und was würde er ſagen, wenn er erführe? — Glücklich in Schloß Falkenſtein! O du mein Gott, Beate, ich muß doch ein recht ſchlechtes Mädchen ſein! — Aber warum? — Dir will ich es beichten. Denn erſtens, wenn ich an das alte Felſenneſt denke, möchte ich lieber ins Waſſer ſpringen, als wieder dahin gehen, zweitens bin ich lange nicht traurig ge⸗ nug um meines Großvaters Verluſt, und drittens wenn ich ihm und Madelon auch noch ſo dankbar ſein möchte, ſo fällt es mir immer wieder ein, wie ſie uns und jene beiden deutſchen Soldaten haben tödten wollen.. und dann die Frau, deren Sachen wir fanden ſiehſt Du, ich möchte es weit lieber für immer vergeſſen, aber kann ich es denn? — Doch ſollteſt Du es können, ich wenigſtens denke nicht mehr daran, ſondern nur an das Gute, das ſie uns thaten. — Aber Du denkſt doch noch an Ottomar? — Wie könnte ich anders, iſt er doch die ſchönſte Hoffnung meines Lebens! — Und dieſe Hoffnung wollten ſie morden! O, ich haſſe das Geheimniß, das auf unſerer Geburt liegt, ich mag keine vornehme Dame ſein noch werden. Warum haben ſie uns nicht — 620— einfach auferzogen, wie alle anderen Menſchen, wozu war die⸗ ſes Verborgenhalten das doch zuletzt nichts half, und ſie nur in Sünden ſtürzte? 5 — Du ſiehſt, wie milde unſer Wohlthäter über ſie urtheilt, willſt Du ſtrenger ſein als er? — O er iſt gütig gegen Alle, und dennoch zitterte Made⸗ lon vor ihm, als ſie ihn zuerſt ſah. — Aber er hat vergeben, und ſo thu' Du auch. Indem ſprangen zwei muntere Jungen auf ſie zu. — Sieh, Betty, rief der Eine, was ich hier habe, es iſt ein Vogel. — Pfui, ſagte ſie bös, wie kannſt Du nur ſolch ein un⸗ ſchuldiges Thierchen quälen? Gleich läßt Du es fliegen. — Ja, lachte er, wenn Du mir einen Kuß giebſt. — Du Narr, ſchalt ihn das Mädchen, wer ſchon ſo früh küßt, bekommt keinen Bart. — Darauf will ich es ankommen laſſen, rief der kecke Burſch. Aber Betty ereiferte ſich. — Ein anſtändiges Mädchen küßt nur, wen ſie heirathet. — Pah, denn muß ich freilich Verzicht leiſten, ſagte der Knabe, denn Dich heirathe ich nicht, Du biſt mir zu alt. — Was, ich zu alt? rief ſie. — ZJa, für mich, verſetzte er, biſt ja mehr als zwei Jahr älter als ich. Nun küſſe aber den Vogel, er will ſich bei Dir bedanken, daß ich ihn frei laſſe, da haſt Du ihn. Betty nahm das erſchrockene kleine Thierchen, küßte es leiſe und öffnete dann die Hand, es zögerte einen Augenblick, ob es von der angebotenen Freiheit Gebrauch machen ſollte, dann flog es munter davon, ſetzte ſich auf einen Baumaſt und ſchmetterte in die Luft hinein. — Sörſt Du, ſagte der Junge, der erzählt es dem lieben Gott, daß Du ſo gut gegen ihn warft. — O nein, verſetzte ſie, jetzt, da er ſich ſicher weiß, ſchilt er Dich aus und nennt Dich einen Taugenichts, der nichts beſſer kann, als alle Leute necken und quälen. — 621— war di⸗— Ja, Dich quäle ich am liebſten, lachte er, komm mit und ſe nur ſpiele Verſteck mit uns.* — Bewahre, geh lieber zu Beate. e urtheilt,— Ach, die iſt viel zu ernſthaft, die thut es nicht. Komm nur weil Du es doch einmal mußt. Heda, Arthur, ich habe e Made⸗ einen Vogel fliegen laſſen und einen anderen gefangen, der ſoll mir nicht entlaufen. Jetzt fort in den Garten! Er hatte ſie bei beiden Händen gefaßt und zog ſie mit ſich fort, Arthur folgte jubelnd nach. Nun ging es an das Spiel, ſun Betty ließ ſich nicht leicht finden, aber war ſie einmal entdeckt, ſo mußte ſie ſich auslöſen, dann warfen ſie den Federball und Reifen, und ihr heiteres Gelächter klang bis zu dem Fenſter ein un⸗ hinauf, an welchem Beate ſtand. 6 Sie hatte die kranke Madelon mit Medizin verſehen und röt freute ſich, daß ſie nun ruhiger war. Seit mehreren Wochen iſſ lag Madelon im Bette und glaubte ſelber nicht an ein Beſſer⸗ kde werden. Dem Manne, der ſie ſo gütig bei ſich aufgenommen, S hatte ſie ihr ganzes Herz ausgeſchüttet und ihm Alles gebeichtet, was ihr Gewiſſen bedrückte. Ach, es war ſo ſchwer allein zu tragen, und die Kinder konnten ſie ja noch nicht verſtehen. Der heirathet. Mann aber verſtand ſie, ja er wußte ſchon im Voraus, was ſie ſigte der ihm ſagen wollte. Dann aber, als ſie ſich Alles von der Seele alt. heruntergeſprochen hatte, tröſtete er ſie mit milden Worten. — Sie thaten Ihre Pflicht Madelon, ſaſte er, denn Ihnen hat wei Ihr Antonina ihr Kind anvertraut, aber dieſe Pflicht verſtanden Sie h be Dit falſch. Sie ſtrebten Gottes Willen entgegen. Als er Ihnen eine Frau ſandte, die im Namen der Undentinos kam, haben Sie te es lie dieſelbe getödtet, anſtatt auf den Fingerzeig zu achten, der Ihnen ob e von oben herab kam, das war Ihre große Schuld Anſtatt die dann ſog beiden Mädchen für das Leben zu erziehen, für welches Gott die ſchntert Menſchen ſchuf, haben Sie die Kinder in Einſamkeit groß werden laſſen. Zum Glück haben ſie gute natürliche Anlagen. Beatens pem ieben Herz folgt der Führung Gottes, die ſie zu einem, wie ich hoffe, würdigen Manne treibt, und Bettys friſcher praktiſcher Sinn wi. ſtit ſtrebt nach Arbeit und freier Thätigkeit. Aber Gott iſt gütig, er icht bſ ieht auf die gute Abſicht, nicht auf den verkehrten Weg Fürch⸗ — 622— ten Sie nichts, er wird Ihnen nicht die Pforten ſeines Himmels verſchließen, er wird den Kinde Antonkna's nicht vorenthalten, was ihm gebührt. Dieſe Worte hatten Balſam in Madelons Bruſt gegoſſen, und ſie fühlte, daß ſie ruhig ſterben könnte, ſelbſt wenn es ihr nicht gelang, ihren alten Gefährten, Pater Godard, wieder zu ſehen. Aber warum war dieſer ſeltſame Mann, der ihr ſo ſüßen Troſt geſpendet hatte, ſelber traurig? Oft ſaß er in tiefſter Schwermuth da, und nur wenn Beate Klavier ſpielte und Betty mit ihrer klaren Stimme ſang, wenn die Knaben in ihrer friſchen Weiſe zu ihm hintraten, nur dann erheiterte ſich ſeine trübe Stirn. Betty ſchaffte unabläſſig im Hauſe und ſorgte für die Be⸗ quemlichkeit Aller. Kam ſie dann an ſeiner Thür vorüber und ging ſie leiſe auf den Fußſpitzen, um ihn nicht zu ſtören, ſo hörte ſie wohl ſein ſchweres Seufzen. — O Gott, mein Gott, rief er, die Zeit verrinnt, und ach ich habe nicht gefunden, was ich ſuche. Weh mir. Ich ſuchte es raſtlos, in Sünde und Tod.. es war vergeblich. Da er⸗ gab ich mich in Deinen Willen und wartete... Mein Gott, mein Gott, wie iſt das Warten ſchwer, wie ängſtigt mich eine jede Minute, die mich dem Ziele näher führt, vor dem ich ſtehe, ohne es erreihen zu können. Dieſe Kinder.. ich habe ſie in Schloß Falkenſtein geſucht und fand ſie nicht, Du ſelber haſt ſie mir geſandt, ſo ſende mir nun auch den Ring, durch den ich beglücken könnte! Das hörte Betty, und eine Thräne der Rührung trat in ihre Augen bei dieſem Ausdruck eines tiefen Schmerzes Wem aber galt er, was hatte ſie, was hatte Beate mit einem Ringe zu thun? Bettys Charakter neigte nicht zu Gr beleien, und ſo ſchlug ſie ſich die Gedanken an ihres Wohlthäters Unglück ſchnell aus dem Sinn, aber ſie that Alles, um ihm die Häuslichkeit behag⸗ lich zu machen, ſie ſorgte für Arthur und Richard und ſchalt ſie halb ſtreng und halb drollig aus, wenn ſie allzu übermäthig waren, ſie pflegte die kranke Madelon, nahm dem alten Diener die Arbeit ab, und hatte für Jeden ein heiteres Wort und einen 3 Se Te Ke vert dov immels halten goſſen, es ihr er zu ſüßen tiefſter etty mt frſcen trübe ie Be⸗ er und en ſo nd ach ſuhr da r⸗ Got ich eine ſiehe e ſie in hnt ſe den ich trat in Fem Ring⸗ und ſo nell als tbeheh chalt ſie mithi Dien in 623 Scherz. Doch verſchlechterte ſich Madelons Zuſtand von Tag zu Tag, und der Arzt, der herbeigerufen wurde, ſchüttelte trübe den Kopf. — So geht es Vielen hier zu Lande, ſagte er, die ſeeliſche Aufregung dieſer letzten Zeit war zu groß, zu nervenerſchütternd, das wirkt auf den Förper zurück, und wer nicht Kraft genug be⸗ ſitzt, das nothwendige Gleichgewicht wieder zu erlangen, der geht an dieſem Uebermaße von Gemüthsbewegungen zu Grunde. So ſchien es auch mit Madelon zu ſein. Sie fieberte ſtark, und oft ſchauderten Betty und Beate, wenn ſie in der Nacht an ihrem Bette ſaßen und vernahmen, was ihre Pflegerin ſprach. Da ſah ſie die unglückliche Antonina blutend zur Erde ſinken, da rief ſie laut um Hilfe, weil das Kind ertrank, da war es ihr, als liefe ſie dem bleichen Weibe nach, und der unterirdiſche Gang wollte kein Ende nehmen, und als Geſpenſt ſchwebte Gabriele vor ihr her und lockte ſie hinab in den Abgrund der Hölle, vor dem ſie zurückbebte und dem ſie doch nicht zu entfliehen vermochte. Den beiden Mädchen wurde aus dieſen wildverworrenen Reden Vieles klar. Sie verſtanden, daß eine von ihnen die Tochter einer reichen aber unglücklichen Frau ſei, daß man ſie entführt habe, und daß in Schloß Falkenſtein ein Mord begangen ſei, um das Geheimniß ihrer Anweſenheit zu bewahren. Was mehr? Sie wagte es nicht zu fragen, ſie wußten nicht, welche von ihnen die Urſache von ſo vielem Unglück war, und zitterten davor, es zu entdecken. Madelon wurde etwas ruhiger, nachdem ſie dem edlen Manne, der ſie bei ſich aufgenommen hatte, ihr ganzes Herz ausgeſchüttet und jede ihrer Thaten gebeichtet hatte, aber ſie fühlte nun auch, daß ihr Ende nahe ſei, und daß die beiden Mädchen ohne ſie und ohne Peter hi flos in der Welt zurückblieben, wenn dieſe gütige Hand, die ſie jetzt beſchützte, ſich von ihnen zurückzog. Der hohe Mann beruhigte ſie darüber. — Bleib ruhig, ſagte er zu ihr. Die Kinder habe ich an mein Herz genommen, und können ſie es auch nicht ganz erfüllen, ſo lindern ſie doch einigermaßen den tiefen Schmerz, der es durchwühlt. Ich werde Arthur und Richard ihren Eltern wieder⸗ N — 624— geben, aber Beate und Betty werde ich bei mir behalten, bis ſich Männer für ſie finden, denen ich ſie mit Vertrauen übergeben kann. Sei ruhig, denn ich wahre ihre Rechte gleich den mei⸗ nigen, und ſie find eng miteinander verwoben. Vielleicht giebt mir ein Gott um dieſer Kinder willen, was ich ſo lange und ver⸗ geblich ſuchte. Ich dachte Lände, die mit Blut befleckt ſind, dazu zu benutzen, ein Kleinod ſeltenſter Art aufzufinden, wer weiß, ob es nicht der Unſchuld vorbehalten iſt, es mir zu geben. Du haſt ſchwer geſündigt, allein Deine Abſicht warſ gut. Liebe zu Deiner unglücklichen Herrin, Liebe zu ihrem Kinde ver⸗ leitete Dich, Thaten zu thun, die Du um Deiner ſelbſt willen nicht unternommen haben würdeſt. Das entſündigt Dich, das verſöhnt Dich mit Gott... Stirb in Frieden! Seine Worte fielen wie Balſam in Madelons Seele. Ja, nicht aus Eigennutz hatte ſie Mord verſucht, nur um das Kind, um Alice zu retten, wie ſie es ihrer Herrin verſprochen hatte. Wo war Peter, der Gefährte ihrer Einſamkeit, der Mitwiſſer aller ihrer Thaten? O wenn ſie ihn noch einmal hätte ſehen können! Aber es ſollte nicht ſein. Ihre Kräfte ſchwanden und ſie bat Gott um ein gnädiges Ende. Wie ſchön leuchtete das Abendroth in ihr Fenſter hinein, mit wie mildem Glanze neigte ſich das himmliche Geſtirn! Hätte fſie doch mit ſeinen letzten Strahlen ſanft vergehen können! Beate und Betty ſaßen an ihrem Bette und hielten ihre Hände, ein ſanftes Lächeln ſchwebte auf den Lippen der Sterbenden, denn ſie wußte, daß ſie die Kinder nicht ohne Schutz zurückließ, ob ſie gleich den Mann nicht kannte, dem ſie ihr Liebſtes anvertraute. Da trat er in das Gemach ſeine hohe Geſtalt, ſein wunderbar edles Geſicht erſchien wie verklärt in den letzten Strahlen der Sonne, die ſich darauf ſammelten. Er hob die Hände betend empor. — Vater im Himmel, ſprach er mit feierlicher Stimme, empfange Du, was aus Deinem Hauche hervorging, die Seele dieſes Weibes, empfange ſie gereinigt und geheiligt durch Buße und Reue, öffne ihr die Pforten Deines Paradieſes und laß ſie verklärt und beſeligt durch Deine Himmel ſchweben. Uns aber, die wir noch hienieden wandeln, die wir ſuchen, die wir ſtreben, 00 ihr ihr u bis ſich ergeben en mei t giebt nd ver⸗ t find n wer ugeben. Liebe de ver⸗ willen ch das le. J Kind hatte. vitwiſſer te ſehen din und tete dos ze nigt n khien ſchen ſchwebte ſie die rat er in Stmm de Si Buße d laß ns ob ſnin — 625 uns, Herr und Gott, laß finden, was uns tröſtet, und giebſt Du ihr den Frieden, verleihe uns Gerechtigkeit——— Amen! Die Augen der Sterbenden hingen an ſeinen Lippen, und wie er jetzt die ausgeſtreckten Hände auf Bettys und Beatens Stirnen ſinken ließ, die unwillkürlich auf ihre Kniee gefallen waren, da hob ſie ſich langſam und mit einem glückſeligen Lächeln im Bett empor. — Amen, Amen! flüſterte ſie wie in himmliſcher Verklärung, dann ſank ſie langſam zurück, und mit einem leiſen Seufzer entfloh ihre Seele der irdiſchen Hülle. Der Mann nahm ein Kreuz von der Wand und legte es ſanft auf Madelons Bruſt, leiſe deckte er ſeine Hand auf ihre Augen, die ſich von ſelber wie zum Schlafe ſchloſſen, dann winkte er den beiden Mädchen, die tief bewegt folgten. Zwei Tage darauf wurde ſie begraben, ein Kreuz erhob ſich auf ihrem Hügel, auf dem die Worte ſtanden: Sie war getreu bis in den Tod, darum wird ſie die Krone des ewigen Lebens empfangen, denn Gott vergiebt den Reuigen. Jetzt begannen die Thränen der beiden Mädchen erſt recht u fließen, aber ſie galten nicht ſowohl dem Tode, ſondern der Trennung, fühlten ſie es doch nun erſt recht tief, wie aufopfernd Madelon für ſie geſorgt hatte, welch ein Opfer es für ſie und Peter geweſen war, die Welt und alle ihre Freuden zu fliehen, um in der Einſamkeit des Felſenſchloſſes Falkenſtein ein Kind zu bergen, das nicht ihr eigenes war. 5 Aber lange Trauer war ihnen nicht geſtattet. Der edle Mann, den ſie nun unter dem Namen kannten, den ſein alter Diener ihm beilegte, und den ſie nur den gnädigen Herrn hießen, rief ſie und die beiden Knaben zu ſich und kündigte ihnen an, daß er beabſichtige, ſie nach Paris zu führen. Arthur und Richard jubelten auf. Sie ſollten Paris, ſollten ihre Mutter, Margarethe, Helene wieder ſehen, ſollten vielleicht ihren Vater wieder gütig finden... das war Seligkeit! Aber auch Beate erröthete tief vor Freude, denn durfte ſie nicht hoffen. in Paris mit Ottomar von Iſſelhorſt zuſammenzutreffen? Ack 40 Sr — 626— und doch fühlte ſie ſich beklommen! Sie hatte in den letzten Monden ſo Mancherlei vom Leben und ſeinen Verhältniſſen kennen gelernt. Wenn ſie arm und von niederem Stande war, wenn Betty das vornehme Mädchen, ſie die Tochter einer armen Wittwe war... wie durfte ſie hoffen, daß ein Graf ihr ſeine Hand reichte? O, wenn ſie das dachte, ging ein tiefer Schmerz durch ihre Bruſt, denn ſie fühlte, daß ſie ohne Ottomar kein Glück auf Erden finden würde. Uund ſollte denn Betty ſeine Hand gewinnen? Ach, Betty liebte ihn ja nicht, wie ſie ihn liebte, und nur um ſeinetwillen wünſchte ſie, eine Undentino zu ſein. Darum bangte ſie vor einer Reiſe, zu der ſich Betty mit aller Luſt anſchickte und die ihrer aller Ge⸗ ſchick entſcheiden ſollte. 77. Kapitel. Die Uebereilung. Der Herzog von Montalto hatte den Grafen Reinhold von Iſſelhorſt nicht aufgefunden, weil dieſer ſich noch im Lazareth befand. Doch beſſerte ſich ſeine Geſundheit unter Maria Fiſchers ſorgſamer Pflege ſehr ſchnell, ſeine Kräfte kamen wieder, und er fühlte ſich von Neuem friſch und thatkräftig. Jetzt zauderte Wilhelm Friſchmuth nicht länger, ihm den Herzog zuzuführen, und wohl war es ein für beide Theile tief erſchütterndes Wieder⸗ ſehen. Reinhold hätte den ſonſt ſo ſtattlichen Mann faſt nicht wieder erkannt,“ gebeugt und ſo gealtert erſchien er ihm jetzt, und der Herzog ſtand beſchämt vor dem jungen Verwandten den er ehemals nur wenig beachtet hatte, und der jetzt ſiegreich, mit Orden geſchmückt und in der ganzen wiedergewonnenen Fülle jugendlicher Kraft, ihm gegenüber ſtand. Doch kürzte Reinhold £ die di un un zu ihn V de der bij bi ſei — 627— letten die erſten peinlichen Augenblicke ab, indem er dem Herzog erzählte, nſſſen wie er vor nicht langer Zeit durch Rafael Gambi Nachricht über war, die Damen ſeines Hauſes erhalten hatte. armen Montalto freute ſich deſſen, und nun zog Reinhold auch ſeine Wilhelm Friſchmuth mit in das Geſpräch. hmerz— Es freut mich, ſagte er, daß Sie dieſen meinen Freund thein und Lebensretter bereits kennen. Ich habe ihm viel zu verdanken und hoffe, das mir noch Gelegenheit geboten wird, ihm in Elwas liebte zu vergelten, was ich ihm ſchuldig bin. — Iſt der Herr Militair von Beruf? fragte der Herzog. Reiſe, — Nein, ſagte Friſchmuth, den es lange ſchon genirte, daß ihn Montalto für etwas Vornehmeres hielt, als er war, ich bin Maſchinenbauer und lebe von der Arbeit meiner Hände. — Wobei aber der Kopf nicht zu gering angeſchlagen wer⸗ den darf, fiel ihm der Graf lachend in das Wort. — Die Hände, verſetzte Friſchmuth, haben arbeiten gelernt, der Kopf dagegen beſitzt nichts, als was er von Natur hat, ein bißchen Menſchenverſtand, aber dem Magen würde es übel gehen, wenn er ſich auf ſolch einen Kopf verlaſſen wollte, er hat mehr Vertrauen zu den Händen, und weil ſie den ganzen Menſchen bisher ernährt haben, ſo bin ich ſtolz darauf, Handwerker zu ſein, wie Andere ſtolz ſind, wenn ſie in ihren Gehirn geiſtreiche Gedanken ausbrüten. r Ge⸗ ld von Dieſe Sprache war dem Herzog neu, denn in Frankreich beſchäftigt ſich zwar der Arbeiterſtand ſehr viel mit Politik, aber er verkehrt nicht mit Perſonen höherer Stände, und Montalto ud zn meinte, daß wenn nicht dieſer ſchlichte Menſch dem Grafen Iſſel⸗ fſhren, 3 b 6 ſihn⸗ horſt das Leben gerettet hätte, dieſer ihn ſchwerlich bei ſich ſitzen laſſen würde. Er fühlte ſich jedoch nicht veranlaßt, in derſelben iht Weiſe freundlich mit einem Manne aus niederem Stande zu ver⸗ ſt 3 kehren, und Wilhelm bemerkte es anfangs nicht, daß er über ihn n 3 hinweg ſprach und daß er ſich nicht bedankte, als er ihm ein zur el Erde gefallenes Taſchentuch aufhob, aber Reinhold bemerkte es, 6 und erſt dadurch, daß er ſich öfters an ihn wandte, wurde zül 40* n einhod — 628— Friſchmuth auf das iſtokratiſche Benehmen des vornehmen Mannes aufmerkſam. — Und das iſt der Vater von Franz Godard, dachte er, den es ſo tief zu rühren ſchien, daß wir ihn begraben haben. Aber wart, ich hätte Dich geſchont, jetzt ſeh ich, daß Du es nicht vördienſt. Weiß der Kukuk, ſolch eingewurzelter Hochmuth läßt ſich nicht vertilgen, und wenn man ihn mit Stumpf und Stiel ausgerottet zu haben denkt, kommt er doch immer wieder. Es könnte mir nun zwar gleichgültig ſein, aber ärgern that es mich doch, und wäre es nur um den Grafen. Ich gebe es ihm aber noch ſo wahr er vornehm iſt, und ich ein armer Teufel bin. So ging er denn nicht davon, wie er es anfangs beabſich⸗ tigt hatte, ſondern wartete eine kleine Pauſe im Geſpräche ab. und ſagte dann: — Als wir Franz Godard beerdigten, Herr Herzog, wurde ich lebhaft an Ihre beiden Söhne erinnert, die ich faſt zu glei⸗ cher Zeit mit dem Verſtorbenen kennen lernte. Wiſſen Sie, wo ſie ſind? Der Herzog erſchrak ſo heftig, daß Friſchmuth, noch ehe er ausgeſprochen hatte, bedauerte ſich in dieſer Weiſe gerächt zu haben. Sein Geſicht wurde plötzlich todtenbleich, ſeine Lippen zitterten. — Meine beiden Söhne! ſtammelte er. — Sie waren in böſer Geſellſchaft, fuhr der Maſchinen⸗ bauer etwas beruhigender fort, und als Arthur, der blonde, ver⸗ wundet war, pflegte ihn Maria Fiſcher, dann nahm ſich der Graf Ottomar der Kinder an, und verſprach, ſie mir her zu ſchicken, aber vergeblich habe ich auf ſie gewartet, und lange ſchon fehlt mir jede Nachricht von ihnen — Meine Kinder! rief Montalto und ſchlug die Hände vor das Geſicht, meine armen Kinder! Ausgeſtoßen, der Barmherzig⸗ t fremder Menſchen überlaſſen o Gott„wo ſind ſie? — Beruhi Bruder wird in dieſen Tagen hier herkommen und Ihnen Nach⸗ richt über die Knaben geben. Sie ſich, Herr Herzog, fiel Reinhold ein, mein w de ar re — 629— nehmn Friſchmuth hätte ſich ohrfeigen mögen. Er wollte dem hoch⸗ müthigen Manne nur zu verſtehen geben, daß er denn doch nur chte er, ein Menſch ſei, und jetrt mußte er ſehen, wie er ein krankes haben. Herz auf das Tiefſte zerriſſen hatte. Jetzt mußte er zu tröſten es nicht ſuchen, wo er ſelber keinen Troſt wußte. th läßt— Gewiß, ſagte er, die Knaben finden ſich wieder, da wir d Stiel Frieden haben, wer weiß, ob der Graf Ottomar ſie nicht mit er. Es ſich bringt. es mich MWontalto ſchüttelte trübſinnig den Kopf und ſtand auf, um bet zu gehen. Friſchmuth hätte ihn gern begleitet, um ihm noch bin ferner Hoffnung zuzuſprechen, doch merkte er es wohl, wie der eabſich⸗ unglückliche Mann die Einſamkeit ſuchte. he ch. Als er am Abend vom Dienſt in ſein Quartier zurückkam, war wiederum der Erſte, der ihm entgegentrat, der Herzog von wurde Montalto. Auch dieſer hatte ſich Vorwürfe genug gemacht, denn zu gl war nicht der Mann, den er ſo geringſchätzig behandelt hatte, ie, wo der Wohlthäter ſeines unehelichen Sohnes, der Beſchützer der armen Knaben, die er in das Elend geſtoßen hatte? Jetzt trat er ch che reumüthig auf ihn zu. ei Sie haben es geſehen, Herr Wachtmeiſter, ſagte er, wie Lppen tief mich die Erinnerung an meine Kinder ſchmerzt, doch bitte ich Sie, ſchonen Sie mich nicht, ſagen Sie mir Alles, was Sie von den Knaben wiſſen, ein jedes Wort wird mir wichtig ſein und mich zum Danke gegen Sie verpflichten. Friſchmuth hielt es nun für das Beſte, Alles zu erzählen was ſich mit den Knaben begeben hatte, er begann damit, wie er Maria Fiſcher mit ihnen gefunden hatte, berichtete von der Hütte, in welcher Margot lebte, und von dem Manne, der bei ihr nach einem Ringe ſuchte, der mit einem rothen, einem weißen und einem grünen Stein geſchmückt war. nd( Dies fiel dem Herzog beſonders auf. Einen ſolchen Ring nhet beſaß ja Antonina, er ſelber hatte ein Blatt Papier in ſeine Kapſel gelegt, das die Worte enthielt: Antonina Undentino iſt mein eheliches Weib, Alice Montalto mein geliebtes Kind. Das war der Ring, den er vergeblich mit Daniel geſucht hatte, und ——— — 630— ſetzt ſpähte ein Anderer, ein Fremder nach demſelben Kleinod? Wie konnte das zuſammenhängen, wer war der Mann, der ſich in die Familiengeheimniſſe der Undentinos einmiſchte? Seine Seele war furchtbar bewegt. Ein Anderer ſuchte den Ring, den er ſchon lange für verloren gegeben hatte, ein Anderer hatte ihn vielleicht gefunden, um ihn gegen ihn und gegen die Seinigen zu benutzen. Wurde es bewieſen, daß er mit Antonina vermählt war, als er Iduna heirathete, ſo war dieſe letzte Ehe ungültig, ſo waren ſeine Kinder Baſtarde! Sollte auch noch dieſes Leiden auf die arme Iduna kommen, ſollte ſie, die ehrſamſte aller Frauen, jetzt nur ſeine Konkubine ſein? Er war außer ſich, aber er unter⸗ drückte ſeine Gefühle. — Könnte ich nur das Weib ſprechen, das meine Söhne mit ſich in den Krieg ſchleppte, ſagte er. — Dazu iſt vielleicht Rath zu ſchaffen, antwortete Friſchmuth, wenn man ſich eilt. Es iſt dieſelbe, die mit den beiden Turkos zuſammen gefangen genommen wurde, iſt ſie noch am Leben, ſo wird man Ihnen wohl geſtatten, ſie zu ſprechen, nur müſſen Sie bald hin, denn Sie wiſſen, im Kriege fackelt man nicht lange, und wird bei uns Deutſchen auch nicht leicht ein altes Weib er⸗ ſchoſſen, ſo wird ſie doch vielleicht in irgend ein Zuchthaus geſteckt, wo ſie ſchwer aufzufinden iſt. — Wollen Sie mich morgen früh dorthin begleiten? fragte Lontalto. — Ganz gern, verſetzte der Maſchinenbauer. Morgen früh ſtehe ich zu Ihrem Befehl. Damit war der Herzog einverſtanden, denn allerdings war es ſchon für dieſen Tag zu ſpät. So wanderten ſie denn an dem folgenden Tage gemeinſam hinaus. Jetzt, wo Friſchmuth glaubte, ſeine Uebereilung von geſtern wieder gut machen zu müſſen, war er ſehr milde gegen den unglücklichen Vater, er ſprach ihm von ſeinen Söhnen, erzählte, wie ſie beide ſo lieb und gut waren, und wie freundlich Maria Fiſcher ſich ihrer angenommen hatte. So entſtand denn auch in Montalto der Wunſch, die bleiche Frau vog Mains kennen zu lernen, um ihr perſönlich zu danken was ſie än ſeinen verlorenen Knaben gethan hatte. Je mehr er mit ) — 631— leinod! dem Maſchinenbauer ſprach, um ſo mehr erſtaunte er über das der ſich richtige Urtheil und den graden Verſtand dieſes Mannes, und er begriff, weswegen der Graf von Iſſelhorſt ihn ſeinen Freund hte den nannte. lnderet— Und iſt es nicht ein Glück, dachte er, einen Freund, wie inigen dieſen, zu beſitzen, der uns nicht ſchmeichelt, der mit ſittlicher Kraft tmählt ſtets nur nach dem Rechten ſtrebt und uns aneifert, das Gute gülüig zu ſuchen? O, hätte ich einen ſolchen auf meinem Lebenswege Leiden gefunden, es wäre beſſer für mich geweſen! ſauen, Endlich kamen ſie in den bayriſchen Quartieren an, und der unter⸗ erſte Menſch, der ihnen entgegentrat, war Thomas Wildberger. Aber Friſchmuth erſchrak, als er ihn ſah, denn der ſchöne Jüng⸗ ne wit ling war bleich und, wie es ſchien, furchtbar erregt. — Wos haſt Du, Thomas? fragte der Berliner und faßte ihn bei beiden Schultern, was geht denn bei Euch vor? — O es iſt entſetzlich, ſtammelte der Bayer, es ſchaudert mich, wenn ich daran zurückdenke! — Aber was iſt denn entſetzlich? rief Friſchmuth. Ich bitte Dich, lieber Junge, faſſe Dich und dann erzähle. Wildberger ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn. — Heute Nacht, ſagte er mit Anſtrengung, ſind die beiden Turkos mit dem alten Weibe entflohen. — Wenn es weiter nichts iſt? lachte der Andere, das iſt ja Sh nicht ſchlimm. Ich dachte mir es gleich, daß die nicht zum Er⸗ nſrih ſchießen ſtill halten würden. — Ja, aber das iſt nicht Alles, fuhr Thomas fort, ich habe wat ſie geſehen.. 2 — Aha, ſie ſind alſo wieder erwiſcht, nun wird man fie wohl feſter halten, ſagte Friſchmuth, der immer noch nicht ver⸗ loubt⸗ ſtand, was denn ſeinen Freund ſo furchtbar bewegte. m n— WVilhelm, bat dieſer, ich bitte Dich um Alles in der Welt, n von lache nit, wenn ich zittre, ſieh', das macht mich wüthend, das m halt ich nit aus. ju— Za, lieber Zunge, antwortete dieſer, ich will gern mit 4. Dir zittern, wenn ich nur erſt weiß, weswegen, aber die 5 wa er nit — 632— und das Wiederergreifen ron drei Taugenichtſen iſt doch kein Grund dazu. — Hätteſt Du ſie nur geſehen, wie ich ſie ſah! rief Wild⸗ berger. Ich ſag es Dir, in dieſem Kriege gab es ſchreckliche Ver⸗ wundungen und Leichen genug, aber ſo etwas Schauerliches hab ich nicht erblickt. Hör nur, ich hatte es heut früh vernommen, daß die Drei ausgekniffen waren und daß man ſie überall ſuchte, ich geh alſo hin, da trugen ſie eben den einen Turko herunter. Gott, wie ſah er aus, das Geſicht war ſchwarzblau, die Augen ſo gräßlich... o dagegen war es nichts, als Franz Godard ſtarb. — Sm, nur weiter, bat Friſchmuth und winkte ihm, damit er in des Herzogs Gegenwart nichts von dem Verſtorbenen redete. — Es war noch halb dunkel, als ſie den ſchlottrigen Kör⸗ per forttrugen. Es war noch Leben in ihm, aber wie mußte er leiden, er winſelte und ächzte, und wie ſie ihn auf den Karren hoben, ſtieß er einen Schrei aus, den ich noch zu hören glaube, ſo gräßlich klang er durch die Luft. — Du biſt zu weich, Thomas, erzähle nicht weiter, wenn es Dich ſchmerzt. — Nein, jetzt mußt Du Alles wiſſen. Wie ich daſtehe und noch ſchaudere, da ruft einer von den Soldaten: — Schau doch, iſt das'ne Katz? Wir Andern ſehen hinauf, da klettert oben auf dem Dach das alte Weib umher. Offe bar hatte ſie ſich durch eine der Lucken gezwängt und dachte unbemerkt und während es noch dämmrig war, auf das nächſte Haus zu kommen und ſich durch den Schornſtein zu retten. Da ſchlägt die Schildwacht an. — Zurück, ruft der Mann, oder ich ſchieß! Das Weib will wieder zu dem Fenſter ſie mag erſchrocken ſein, weil ſie ſich entdeckt hat, wir ſtanden Alle unten und ſchauten, als ob es eine Nachtwandlerin wäre, da geht ſie oben auf dem Firſt entlang. — Zurück oder ich ſchieß! ruft die Schildwache noch einmal und zielt. — 63 ein Sie eilt nach dem Fenſter, es waren nur noch zwei Schritt, da kracht plötzlich ein Schuß, es war nicht aus der Flinte, die Yild⸗ auf ſie angelegt war, es muß zuſällig eine losgegangen ſein. Sie e Ver⸗ aber iſt wohl erſchrocken, da fängt ſie an zu ſchwanken. s hab— Hock Dich hin, ruf ich ihr zu, denn ich zitterte ſchon, nmen, und hätt ich es gekonnt, ich hätte ſie herabgeholt, ſie aber will ſuchte, doch noch zum Fenſter, ſie ſtreckt die Hand danach aus, da tunter. gleitet ſie aus und rollt das ſchräge Dach entlang. wir Augen dachten, die Traufe würde ſie halten, doch nein, ſie rollt herab, zodard ſie überſchlägt ſich, und ehe wir noch etwas zu ihrer Rettung thun können, fällt ſie ſchwer wie Blei zwiſchen uns nieder. hamit— Und ſie iſt todt? benen— O nein, ſie lebt, aber wie! der ganze Körper iſt geſchun⸗ den, kein Glied, das nicht zerbrochen wäre. Als wir ſie aufho⸗ n För⸗ ben, dachten wir, ſie hätte es überſtanden, aber nein, ſie athmete uſte er noch. Der Turko war geſtorben, als wir in das Lazareth arten trugen, ich wollte, ſie wäre auch ſchon erlöſt. — Du guter Thomas, ich glaube, Du beweinſt die Leiden dieſes nichtswürdigen Weibes, das uns Allen nur Böſes gethan hat. nnho 1bb — Häör weiter, das iſt noch nicht Alles. te und— Noch nicht Alles... und was kann es noch geben? — Ich komme von dem Lazareth zurück, da ſuchen ſie im Stadthaus noch immer nach dem Dritten, dem Mohren. — Aha, Freund Taleb, es ſollte mir leid thun, wenn den nicht auch ſeine Strafe ereilt hätte. — Ich ſtieg mit hinauf und kam mit den Andern auf den Boden, wir guckten überall umher, wir ſtöberten durch alle Win⸗ kel, endlich ſchreit Einer: — Hoho, da iſt er! — Wir alſo hin... Siehſt Du, Wilhelm, wenn ich hun⸗ rocken dert Jahre alt werde, vergeß ich den Anblick nicht. Er ſaß in hauten einem Verſchlag auf der Erde und hielt ſich die Haut von ſeinem uf den Kopf mit beiden Händen feſt, denn als er durch die Eiſenſtangen kroch, hat er ſich geſchunden, daß Haut und Haare ihm über Augen inml und Naſe fielen, blutige, ſcheußliche Fetzen lagen auf dem ſchwarzen —— — 634— Geſichte. Sein linkes Ohr lag neben ihm, vom Kopfe losgeriſſen, ſeine Augen waren blutig roth, und die Zähne klapperten ihm im Munde. Der Offizier befahl, es ſollte ihm einer ein Tuch um den Kopf binden, um die abgeſchundene Haut feſt zu halten, es wollte erſt keiner daran, endlich nahm ich mein Sacktuch und band es ihm um die Stirn, er half ſelber dabei, dann ließ er ſich binden, wie ein Kind. Als ſie ihn fortführten, ſah er noch einmal riach dem Ohr, dann ſpuckte er aus... ich mag es nicht denken, was ihm jeder Schritt für ein Schmerz geweſen ſein muß, aber er ſchwankte nicht. Unten führten ſie ihn in das Verhör, ſie fragten ihn, ob er hätte fliehen wollen und ob er gedacht hätte, Menſchenblut zu vergießen. — Lieber fremdes als eigenes, ſagte er und verzerrte den Mund wie zu einem ſcheußlichen Lachen. Da ließen ſie ihn hinausführen. Er ſtand feſt, und als ſie ihm die Augen verbinden wollten, da riß er ſich mein Sack⸗ tuch herab, und wie ihm die dicke blutige Haut über die Augen fiel, ſagte er: — Da iſt ja ſchon Binde genug, macht es kurz und gut! Aber ſie hatten Alle ein Zittern und Entſetzen, und wie ſie ſchoſſen, gingen ihm vier Kugeln durch den Körper, er aber wälzte ſich auf der Erde herum und brüllte wie ein Stier. Nun wurde friſch geladen und dann traten drei Mann vor und da war es aus mit ihm... — Du haſt Recht, Thomas, ſagte Friſchmuth mit Schaudern, das iſt entſetzlich. hie her ſchn zu Kn glei kun gel die zar ſie ab Nu Und geriſen. en ihn in Tuch halten, uch und ließ er et noch mag es geweſen in das ob er rbe den nd als in Sac⸗ Augen gut! wi ſie wiljie wurde „da udern 78. Kapitel⸗ Verfehlte Hoffnung. So waren denn die beiden grauſamen Afrikaner von ihrem Schickſale ereilt worden, und Gottes Gerechtigkeit hatte ſie ſchon hienieden für ihre ſchwerr Sünden büßen laſſen. — Unter dieſen Umſtänden, wandte ſich Friſchmuth an den Serzog Montalto, haben Sie Ihren Weg vergeblich gemacht, denn ſchwerlich werden Sie im Stande ſein, die alte Margot nach dem zu befragen, was Sie zu wiſſen wünſchen. — Und doch möchte ich diejenige ſehen, die meine armen Knaben ſo grauſam behandelte, verſetzte der unglückliche Vater. — Verſuchen wir denn zu ihr zu gelangen, ſagte ſein Be⸗ gleiter, vielleicht lebt ſie noch, doch wenn ſie Ihnen keine Aus⸗ kunft mehr zu geben vermag, wenn der Tod ihr bereits die Zunge gelähmt hat, ſo wollen wir zurückkehren und Liſetten aufſuchen, die Ihnen ſicherlich keine Antwort ſchuldig bleiben wird. Sie gingen, begleitet von Thomas Wildberger, in das La⸗ zareth und fragten nach Margot. Die Alte lebte noch, doch lag ſie bewußtlos und mit zerſchmetterten Gliedern da. — Sie kommt wohl ſchwerlich wieder zu ſich, ſagte der Arzt, und ich werde nichts thun, ſie aus dieſer Ohnmacht zu erwecken. Ihr Körper iſt ſo arg beſchädigt, daß ſie unmöglich leben kann, da wäre es Grauſamkeit, wollte ich ſie zu dem Bewußtſein ihrer Lage zurückrufen. Die drei Männer traten an das Bett, auf dem ſie lag. Nur das Geſicht war vom Blut gereinigt, die Kleider hatte man ihr gelaſſen, um ihre gebrochenen Glieder nicht zu bewegen. Sie lag wie in tiefem Schlafe, nur von Zeit zu Zeit ſtöhnte ſie auf und murmelte einzelne, unverſtändliche Worte. Montalto betrachtete ſie mit tiefer Erſchütterung. — Das iſt die Frau, dachte er, die meine armen Kinder — 636— zepeinigt hat, ader habe ich denn weniger grauſam an ihnen ge⸗ vandelt, ich, der ich ihr Vater bin? Habe ich ſie nicht hinausge⸗ ſtoßen in das Elend, habe ich ſie nicht einem Schickſal preisge⸗ geben, bas ſie zuletzt bis zu dieſem Weibe brachte? O, mein iſt die Schuld, mein iſt die tiefe, ſchmerzliche, ewige Reue! Indem er auf ſie blickte, ſchlug Margot plötzlich die Augen auf. — Ah, der ſchöne Herzog, murmelte ſie faſt unverſtändlich. wo iſt denn der Graf Bellegarde, wo iſt denn meine Liſette? — Habt Ihr an Liſette etwas zu beſtellen? fragte Wilhelm Friſchmuth, ſo ſagt es, ich denke ſie heut noch zu ſehen. — Sag ihr, ziſchelte Margot, ſie ſoll einen Grafen kriegen, einen reichen, ſag ihr das. — Ich will es ihr ſagen. antwortete Jener. Und ſonſt nichts ⸗ — Dann will ich bei ihr wohnen, fuhr Margot fort, und ſpazieren fahren und in's Theater gehen, nicht wahr? — Aber halt, Margot, ſagte Friſchmuth, wer brachte doch die Knaben des Herzogs von Montalto zu Euch? — Möchteſt es wohl gerne wiſſen, wie? grinſte das Weib. — Ich geb Euch zehn Thaler, wenn Ihr es mir ſagt. — Nun für zehn Thaler kann ich es ſagen, es war Iſidor, er hatte ſie dem Schuldirektor Vally geſtohlen, er und Frans Godard, da brachten ſie ſie zu mir, die Affen. 0 ſie hatten es gut bei mir.. aber Du.. ich vergeß es Dir nicht, Du ockteſt ſie fort. Zetzt gieb zehn Thaler her. oder ich will Dich Friſchmuth zog das Geld aus ſeiner Taſche, und ſie wollte danach greifen, aber die gebrochenen Arme verſagten ihr den Dienſt, und mit Stöhnen ließ ſie ſie ſinken. — Waſſer, ächzte ſie, oder lieber Branntwein, aber ſtarken pfui über das fade Geſöff. ich hab es mein Lebenlang nicht gemocht. Du biſt mein böſer Engel, Preuße, wo haſt Du meine Jungen gelaſſen? Den Taleb kann der Teufel nicht holen iſt ja ſelber einer, für meine Liſette iſt der zu ſchwarz, die muß einen Grafen haben. Fort mit dem Preußen, fort, fort, fort! all ſen ge⸗ ausge⸗ reisge⸗ ein iſt Augen ändlch. tte Milhelm kriegen, ch und te doch dot, d Fran hatten e) 5 Du ich ril ſi wollt en Dienſ ſurke er nichl lanl gu min nuß in — 637— So raſte das ſterbende Weib in ihren Schmerzen, dann wieder ſtöhnte ſie auf, dann fing ſie an unzüchtige Lieder zu ſingen, dann fantaſirte ſie wieder von dem Grafen Bellegarde und von Iſidor, der ihr die Kinder brachte. Montalto wandte ſich mit tiefem Ent⸗ ſetzen ab, und Friſchmuth ſteckte ſein Geld wieder ein — Ich will es ihrer Tochter geben, ſagte er, die wird es brauchen können, die alte Margot bekommt wohl Alles, deſſen ſie noch bedarf, umſonſt, denn Särge ſind immer vorräthig. Sie gingen hinaus. Wildberger war bis in das Innerſte erſchüttert. Er ſelber hatte dieſe drei Menſchen gefänglich einge⸗ bracht und ſah nun, wie entſetzlich ſie endeten. Sollte er ſich darüber einen Vorwurf machen? Gewiß nicht. Aber ſein weiches Herz blutete doch bei dem Anblick ſo gräßlicher Leiden und eines ſo unbußfertigen Todes. Er mochte Friſchmuth nicht begleiten, wie der es ihm vorſchlug, und ſo kehrte dieſer mit dem Herzog allein zurück, um Liſetten aufzuſuchen. Sie ſaß in dem Park hinter dem Lazareth, ein graues Tuch hatte ſie dicht um ſich gezogen, und die Hand lag auf der ewig ſchmerzenden Bruſt. Aber mehr als ihre Leiden drückte ſie die Verachtung, mit der ihr von Seiten aller Derer begegnet wurde, die ſie achten mußte. Seitdem ſie mit den drei Soldaten von Franz Godards Sterbebette zurückgekommen war, ſeitdem ſelbſt Thomas Wildberger ſie keines mitleidigen Blickes mehr würdigte, fühlte ſie ſich wie ausgeſtoßen aus der menſchlichen Geſellſchaft. Maria Fiſcher, ſonſt ſo ſanft und ſo geduldig, gab ihre Beſſerungsverſuche auf und überließ ſie ihren eigenen Gedanken, die Aerzte betrachteten ſie als eine Närrin, die ſich durch eine Operation hätte können helfen laſſen, ehe es zu ſpät war, und die Kranken beachteten ſie nicht. Niemand redete mit ihr, Niemand fragte mehr nach ihren Leiden, ſie war allein, furchtbar einſam unter ſo vielen Menſchen, ſie war allein, weil ſie es nicht verſtan⸗ den hatte, ſich Mitgefühl und Achtung zu erwerben. Deshalb erſchrak ſie faſt, als die beiden Männer auf ſie zutraten. — Liſette, begann Friſchmuth, ich bringe Ihnen eine trau⸗ rige Nachricht. ———————————————— — 638— — Für mich giebt es nichts trauriges mehr, antwortete ſte mit trüben Kopfſchütteln. — Doch das vielleicht noch, fuhr er fort, Ihre Mutter hat einen böſen Fall gethan und liegt im Sterben. Wohl ihr, ſeufzte das Mädchen, da hat ſie es eher über⸗ ſtanden als ich. — und wollen Sie nicht zu ihr gehen? fragte der Wacht⸗ meiſter. — Warum? gegenredete ſie, Sie wiſſen es ja, daß ich den Tod fürchte, ſelbſt meinen eigenen, obſchon er mich von dieſen Leiden erlöſen wird. — Ihre Mutter ſchickt Ihnen dieſe zehn Thaler, ſagte er und reichte ihr den Schein.“ — Ich danke, verſetzte Liſette. Nun kann ich meinen letzten Wunſch befriedigen. — und welcher iſt das? fragte Friſchmuth. — Ich dachte eben, wie ich einſt in einem roſenrothen Kleide mit Perlen im Haar zum Balle ging, lächelte ſie ſchmerzlich. Alle fanden mich bezaubernd, und ich war glücklich, o Gott wie glücklich! Nun möchte ich in einem ſolchen Kleide und mit Perlen im Haar begraben werden, und Perlen bedeuten Thränen, es wird ja Niemand welche vergießen, wenn ich ſterbe. — Welch ein närriſcher Gedanke! rief Wilhelm. — Immerhin, antwortete ſie, ich habe mich niemals für vernünftig ausgegeben, laſſen Sie mich ſein, wie ich bin, bis an mein Ende. — Gut, mir kann es ja recht ſein, ſagte er, hier der Herr Herzog von Montalto wünſcht von Ihnen zu wiſſen, wer Ihrer Mutter die Knaben brachte. — Iſidor war es mit Franz Godard, das erzählte ich Ihnen ja. — Mein eigener Sohn, ſeufzte der Herzog. O Gott, wie bin ich ſo furctbar dafür beſtraft, daß ich ihn nicht zu einem beſſeren Menſchen erzog! Als der Herzog von Montalto mit Wilhelm zu dem Grafen Iſſelhorſt kam, traten ihnen zwei junge Offiziere entgegen. Der ein ner ha Fri ſtel Kin erſo Bri kenr pre Do He de Fre get ſpe mit N öl ee ſte er hat über⸗ Wocht⸗ ich den dieſen er und lehlen Kleide erzlich. it wie Perlen s nird 6 fir his an er herr Iht hle ih ott, mi einem Grufin 2 — 639— eine, ein Artilleriſt, kam mit ausgeſtreckten Armen auf den Maſchi⸗ nenbauer zu. — Wie freue ich mich, Sie wiederzuſehen, rief er, o, ich habe Ihnen viel, ſehr viel zu ſagen! Friſchmuths Augen leuchteten auf. — Sie wiſſen, wo ſie ſind? flüſterte er. — Nein, ich weiß nichts, antwortete Jener, aber ich hoffe. — Und die Knaben? fragte Friſchmuth weiter. — Keine Spur, verſetzte der Lieutenant, aber wir haben Frieden, und nun hindert uns nichts, jede Nachforſchung anzu⸗ ſtellen. MWontalto hatte dieſe Worte gehört, er zuckte zuſammen. Keine Spur von ſeinen Knaben! O, wie ſollte er vor Iduna erſcheinen! Reinhold ſtellte ihm die beiden jungen Offiziere als ſeine Brüder Ottomar und Eugen vor. — Gieb Dir keine Mühe, rief der Letztere, dieſen Herrn kenne ich bereits, er hat es uns bewieſen, daß es auch tapfere Franzoſen giebt. Komm her, Mack und mach deine Reverenzl Das Vieh bildet ſich nämlich nach ſeinem Herrn und achtet den Heldenmuth ſelbſt in ſeinem Feinde. Sie ſind nicht mit nach der Schweiz gegangen, Herr General, das war jedenfalls geſcheidt, denn ſchließlich iſt es egal, ob man ſich von den neutralen Freunden oder von den fatalen Feinden entwaffnen läßt! Reinhold unterbrach den Schwall dieſer Worte, weil er befürchtete, daß ſie den Herzog verletzen könnten, und dieſer verließ die Brüder bald, um ſie ihren vertraulichen Mittheilungen zu überlaſſen. Dazu kam es jedoch nicht, denn Eugen ſchwatzte und lachte ſo viel, daß Ottomar endlich Wilhelm Friſchmuth mit ſich hinauszog, um ihm zu erzählen, wie er in Metz Beaten getroffen hatte, und daß er hoffe, ſeine Braut in Paris oder ſpäter in Mainz zu ſinden. Friſchmuth empfing dieſe Nachricht mit herzlicher Theilnahme, doch nicht ohne ſchmerzliche Empfin⸗ dungen. — Ja, ja, dachte er, ſolch ein Graf hat das Recht gradaus zu gehen, er riskirt keinen Korb. Wie ginge es mir, wenn ich — 640— vor Betty ſtände, die vielleicht eine vornehme Dame iſt, ich glaube, ich würde roth wie ein Schulbube, der Obſt gemauſt hat, und getraute mich kein Wort hecvorzubringen. Himmel⸗ kreuzdonnerwetter! Ich möchte fluchen, wenn ich denke, daß die Beiden nächſtens Hochzeit machen, und ich das Nachſehn habe. Wundern ſoll es mich nicht, wenn nächſtens in der Spree ein langer Fiſch ſchwiinmt, und wenn darauf unter polizeilichen Nachrichten ſteht: Todt im Waſſer gefunden der Maſchinenbauer W. F. augenſcheinlicher Selbſtmord, Urſache unbekannt. O Betty. Betty! 79. Kapitel. Die beiden Ringe. In Paris hatte die Hungersnoth aufgehört, ſeitdem der Waffenſtillſtand beſtätigt worden war, denn die großmüthigen Sieger ſorgten ſelbſt dafür, daß Lebensmittel aller Art herbei⸗ gebracht wurden. Zwar war noch Alles ſehr theuer, und man bezahlte die Kartoffeln ſtückweis, doch wurden für die Aermſten Speiſeanſtalten hergerichtet, und ſomit gewann denn das ſchon halb verhungerte Volk ein anderes und beſſeres Anſehen. Doch hatte dieſe Zeit der Noth furchtbar entſittlichend auf viele von dieſen Unglücklichen eingewirkt. Wer nichts zu eſſen hatte, der trank wenigſtens ſoviel er konnte, und da der Wein theuer, und Bier nur wenig vorhanden war, auch durchaus kein Licblings⸗ getränk der Franzoſen iſt, ſo halfen ſie ſich mit Branntwein und gewöhnten ſich ſomit an die Trunkenheit. Wer halb oder ganz berauſcht iſt, der fühlt weder Hunger noch Kälte, und für wenig Geld konnte man ſich über die Leiden hinweghelfen, die den Feiglingen im nüchternen Zuſtande uner⸗ träglich ſchienen. Der Schnaps wurde der helfende Engel der ihr St ern nit geön bis hab Stä Jug Elte Bra an ſolch ſtille Soh einſt ſchle Rein glüc ſein wiede die e war, Fam Triu drei ſoga noch was iſ it gemauſt immel⸗ aß die c) enbauet Betth e de nüthigen herbe⸗ d man lernſten ſchon ele von tte, der er, und — ichling⸗ vein und — 641— Pariſer, ihm opferten ſie ihr Geſundheit, ihren häuslichen Frieden, ihr Leben. Männer, Weiber und KFinder taumelten durch die Straßen oder lagen ſinnlos betrunken auf den Hausfluren erwachten ſie dann... o, ein ſolches Erwachen iſt ſchrecklich! Wer hat ſie nicht geſehen, dieſe gedunſenen blaſſen Geſichter mit den ſchlaffen Zügen und den glaſigen Augen, wie ſie gedankenlos vor ſich hinſtarren und mit ſchwerer Zunge lallen, bis ſie neuen Fuſel auf das verlöſchende Geiſtes licht gegoſſen haben, wer ſchauderte nicht, wenn er durch die Straßen großer Städte ging, vor jenen bleichen Kindern, denen ſchon in frühe⸗ Jugend der Stempel der Gottähnlichkeit genommen iſt, weil ihre Eltern ſie im Rauſche erzeugten und ernährten, weil ſie mit Branntwein in den Schlaf gelullt wurden, und weil es ihnen an geſunder, blutreinigender Koſt fehlt. In Paris ſtarben Unzählige an den Krankheiten, welche ſolche Ausſchweifungen erzeugen. Franz Godards Mutter, eine ſtille Frau, die an nichts dachte als an ihren Kram, war ihrem Sohne vorausgegangen, ſie, die kaum noch wußte, daß ſie auch einſt eine Tochter beſeſſen hatte. Und wer nicht an den Folgen ſchlechter Ernährung ſtarb, den rafften die Pocken dahin, denn Keiner dachte daran, ſich oder ſeine Kinder durch Impfen vor dieſer entſetzlichen Krankheit zu ſchützen. Der Pater Venturo hatte nun ſelbſt die Folgen davon glücklich überſtanden. Noch bedeckten tiefe, unauslöſchliche Narben ſein Geſicht, aber es hatte die gelbe ihm eigenthümliche Farbe wiederbekommen, und die feuerfarbenen Flecke waren verſchwunden die es ſo gräßlich entſtellten. So wenig es ihm bisher gelungen, war, ſeinen Zweck zu erreichen und ſämmtliche Mitglieder der Familie Undentino zu vernichten, ſo ſiher rechnete er auf ſeinen Triumph. Sie lebten noch, lebten vielleicht Alle, die Montaltos, die drei Grafen Iſſelhorſt, Rafael Gambi, Franz Godard, vielleicht ſogar die Tochter des Herzogs, Alice, vielleicht ſogar. wer mochte es wiſſen? Gabriele, die ſchon längſt verſchollene.. was kümmerte es ihn? Er hatte ſeine Nachforſchungen angeſtellt, D. V. Th. I. 41 — 642— und ſeitdem Iduna mit ihrer Tochter und Richte auſ rächſelhafte Weiſe verſchwunden war, befand ſich— er wußte das genau — kein einziges Mitglied der Familie in Paris, und Paris war noch imuer von den Deutſchen umſchloſſen und nahe war der Tag an welchem die Entſcheidung eintreten mußte. Er beſaß die Vollmacht des Kardinals Antonio Undentino, durch welche er im Stande war, die Erbſchaft für den einzigen noch vorhandenen Abkommen dieſer Familie zu erheben, und feſthalten wollte er dieſes Geld, daß auch nicht ein Heller davon in die Hände dieſes letzten Erben gelangte, während er ſich dadurch Ruhm und Ehrenſtellen in ſeinem Orden erkaufte. Und hatte er ſie etwa nicht verdient, war ſeine Arbeit nicht groß geweſen, hatte er ſein Gewiſſen nicht ſchwer genug belaſtet? Gewiß, dieſer Triumph gebührte ihm wenn nicht von Rechts⸗ ſo von Teufels wegen, und ſchon an dem Tage, ehe er ſein Glück mit Händen faſſen wollte, ſchlich er ſich um das Haus und betrachtete es mit dem Wonnegefühl eines glücklichen Beſitzers. Ach, hinter dieſen grauen Mauern, dieſen trüben Fenſtern ſchlug ein banges Herz! Auch der alte Daniel wußte es, daß von der Familie Undentino Niemand in Paris war. Wohin war Gabriele gekommen, ſie, die er vor allen Andern liebte, der er ſo lange Zuflucht gewährt hatte? Wo mochte der unglückliche Herzog ſein qualvolles Leben beendet haben? Es ließ ihm keine Ruhe. Noch einmal mußte er nach dem Ringe ſuchen, noch einmal alle Winkel des Hauſes durchſtöbern. Die ganze Nacht hindurch wandelte er mit der Laterne vom Boden zum Keller, vom Garten zum Hofe, er ſcharrte die Erde auf, erbrach die Fußböden, rückte die Möbel ab und kratzte den Kalk von den Wänden.. Alles vergeblich, Alles ver⸗ geblich! Es war eine bange, ſchwere Nacht. Er dachte nicht an den Schlaf, raſtlos trieb es ihn umher, und doch, was wollte er denn? Wenn ſich der Ring fand, der Alicens eheliche Geburt bewies, ſo wußte er ja nicht, ob Alice noch lebte, und lebte ſie, wer wollte es beweiſen, daß ſie wirklich Antonina's Tochter und nicht ein untergeſchobenes Kind ſei? hſelhafte s genau zaris war war der ndentino, einzigen ben, und ler davon h dadurch lnd hatte geweſen, Gewiß ſo von Glick mit betrachtete ßenſtern es daß PVohin iebte der ngüclihe nach dem rne vom die Eide d nt es ve⸗ tan den wollte e e ßebut und ebte Lochle — 643— Aber dieſer Ring, den er ſuchte, war i i Haupterbin aller et in 4. unermeßlichen Vermögens ſetzte, es war ein zweiter, mit ic Steinen, der ſtatt der Kapſel nur zwei Buchſtaben. der Ring, den Gabriele ſo unbedacht fortgegeben hutte Ring, der ſie an Alphons Donato band. Nur durch z. Ring konnte ſie ſich zur unumſchränkten Beſitzerin alles Nachl ihrer Vorfahren machen, wie nur durch den anderen dem g dinal Antonio das Recht beſtritten werden konnte, dieſen S an ſich zu reißen, denn lebte noch das genc Kind ſei 4 Schweſter Antonina, ſo hatte es gleiche Anſprüche wie er wurden dann auch die übrigen Familienmitglieder umgangen durfte er ſich doch nicht in den Beſitz des Geldes ſetzen he nicht bewieſen war, daß ſich kein anderer gleich naher Verwandt des Erblaſſers fand. Das war es, was auch den zweiten Ri 6 mit Montaltos Handſchrift ſo wichtig machte, und das war ihn ſo eifrig ſuchte. s ſchlug Mitternacht, als es an di klopfte. Daniel glaubte zu träumen, S dieſer Stunde bei ihm einfinden, in dieſer Stunde, wo ein ſich von dem andern ſchied, und wo der erſte Wärz begann lange und unter ſo ſchrecklichen Beängſtigungen erwartet Anfangs beſchloß er, nicht auf das Klopfen zu achten, aber konnte es nicht einer der Erben ſein, konnte ihm nicht jetzt von außen her der Schatz gebracht werden, den er ſo hatte? Er öffnete den Fenſterladen ein und blickte hinaus, da ſtand ei im Fi i ſ ein Mann, den er im Finſtern nicht — Wer da? fragte er. 5 des Kardinal Undentino mach auf! lautete Daniel ſah, daß er ſich verrathen hatte, durfte er, der ſich ſo lange taub geſtellt hatte, das Klopfen beachten? Doch wozu noch dieſe Vorſicht, da in weniger als zwölf Stnnden Alles 6 41* — 644— ſchieden ſein mußte? Er ging hinunter und öffnete, doch als er den Ankömmling in das Geſicht leuchtete, erſchrak er, denn es war der Pater Venturo, der ſo viel Elend über Antonina wie über Gabriele gebracht hatte. — Was, ſo ſpät? fragte er und verſuchte ihm den Eingang zu verſperren. — Mach keine Umſtände, rief Venturo, ich ſah Licht, ich weiß, was Du ſo emſig ſuchſt, armer Thor, es iſt vergeblich, leg Dich ſchlafen, auf daß Du morgen bei Kräften biſt, wenn ich Dich aufrufe, mir die Papiere zu übergebenl — Eher übergebe ich ſie den Flammen, ſprach Daniel vor ſich hin. — Nun höre, Du Tauber, fuhr der Pater fort. Morgen Mittag um zwölf Uhr wird kein einziges Mitglied der Familie Undentino hier ſein, kein einziges, hörſt Du? Du weißt auch, daß wer ſich nicht perſönlich ſtellt oder ſich durch Vollmacht vertreten läßt, ſein Anrecht verwirkt hat, ich aber werde hier ſein und ich habe die Vollmacht, das ſage ich Dir ſchon jetzt, damit du keinen Augenblick zögerſt, Deine Pflicht zu thun! — Hoffen Sie nichts, Pater Venturo, ſagte Daniel, Sie werden das Geld nicht erhalten.—— — Und warum nicht? fuhr dieſer auf. — Weil es noch für wenige Stunden unter meiner Obhut iſt, verſetzte der alte Mann, ſehen Sie, da unten im Keller ſteht eine ſchwere eiſerne Kiſte, ſie enthält den Pariſer Antheil des Vermögens der Undentino und iſt mit unermeßlichen Schätzen angefüllt, aber auch mit Pnlver. Ein Schwefelfaden leitet bis in mein Zimmer, und ehe ich dulde, daß die Erbſchaft der Undenti⸗ nos in Ihre Hände fällt, werde ich den Schwefelfaden an⸗ zünden.. — Das wirſt Du nicht thun! ſchrie der Pater, und die Wuth begann in ihm zu kochen. — So wahr mir Gott helfe, betheuerte Daniel. — So helfe mir der Teufell rief Venturo und ſprang dem alten Mann an die Gurgel. Dieſer wehrte ſich, aber dem Zeſuiten gab die Wuth eine fur ge wi ihr ſein bi kre S — 645— als er furchtbare Kraft. Wie, ſollte er die Frucht all ſeiner Bemühun⸗ nn es gen in Dampf aufgehen ſehen, da er ſich ſo nahe ſeinem Ziele a wie wähnte? Nein, jetzt, jetzt gleich mußte er ſich in den Beſitz des Geldes ſetzen, ehe es die Tollheit des Alten ihm entzog, und um ngang ihn unſchädlich zu machen, mußte er ihn tödten. Aber auch Daniel beſaß Kräfte, die man ſeinem Alter und ſ ich ſeinem gekrümmten Rücken nicht zugetraut hätte, er rang mit dem eblich Pater, ſie waren beide ohne Waffen, ſie hielten ſich bei den Ar⸗ wenn men gepackt und ſuchten die Füße als Waffe zu benutzen. Ven⸗ turos ſcheußliches Geſicht keuchte dicht neben dem des treuen Die⸗ el vor ners, der das Eigenthum ſeiner Herrſchaft ebenſo hartnäckig ver⸗ theidigte, wie ein Hofhund das Haus vor den Dieben verwahrt. ſorgen 8 Und er hatte den Vortheil, den Boden genau zu kennen, amilie auf dem er kämpfte, mit Gewalt drängte er den Pater tiefer h daß hinein in den dunklen Hausflur, er ſtieß mit dem Fuße eine Thür rireten auf, dann wandte er ſeine letzten Kräfte an, der Pater mußte nd ich zurückweichen, Finſterniß umfing ihn, plötzlich fühlte er den Bo⸗ keinen den unter ſich wanken, er verlor das Gleichgewicht und ließ mit einer Hand von Daniel ab, dieſer gab ihm einen letzten Stoß, Se ſchwerfällig fiel der Jeſuit die Stufen hinunter, überſchlug ſich und lag wie zerſchmettert auf kalter feuchter Erde. Er hörte noch, daß ſein Gegner oben über ihm die Thür in das Schloß warf und mit ſchlürfenden Schritten von dannen r ſtht ging. Er lag lange in halber Bewußtloſigkeit, dann erhob er ſich, als eben die matten Strahlen des neuen Tageslichtes durch 1ies ein Fenſter fielen, welches hoch oben in der Mauer des Kellerge⸗ in wölbes angebracht war. Es mußte eine Art von Holzſtall ſein, ndent⸗ in dem er ſich befand, denn altes Geräth und zerſchlagene Fäſſer qn⸗ und Kiſten lagen im Winkel aufgeſpeichert. Sollte er hier gefangen bleiben, bis Alles vorüber war, bis das unermeßliche Vermögen in andere Hände übergegangen nd die. 2 oder vernichtet war? Er war wüthend, und ſeine langen Nägel krallten ſich in die eigene Bruſt, denn durch einen körperlichen gten Schmerz wollte er die Qual ſeines Geiſtes betäuben. Es war umſonſt. in In jedem Augenblicke glaubte er die Exploſion des Pulvers h — 646— zu hören, das ſeinen erhofften Reichthum vernichten ſollte, aber hatte ihn denn der Teufel, auf den er baute, wirklich verlaſſen, gab es denn keinen Ausweg für ihn? Er rüttelte an der Thür, ſie war feſt verſchloſſen, er blickte zum Fenſter hinauf, ach, das Licht, das durch die mit Spinneweben umflorten Scheiben fiel, war trübe, und dennoch konnte er bei ſeinem Schein den Zeiger ſeiner nhr erkennen, der unerbittlich vorwärts ging. Noch war es nicht Mittag, noch fehlten zwei Stunden, jetzt nur noch eine ... doch welch ein Lärmen auf der Gaſſe, welch ein Laufen und Geraſſel, wie von Waffen, was konnte das bedeuten? O hier zu ſein, einſam und gefungen, und keinen Troſt zu haben als den, gegen ſich ſelber wüthen zu können.. es war die Hölle auf Erden, und Venturo litt alle ihre Qualen und fluchte dem, der ſie ihm bereitet hatte. 80. Kapitel. Der erſte März 1871. Das war ein herrlicher Tag, und mit goldenen Lettern wird er in das Buch der Geſchichte eingeſchrieben werden, das ſchon ſo reichlich angefüllt iſt mit Thaten deutſchen Ruhmes und deut⸗ ſcher Tapferkeit! Herrlich ging die Sonne auf, als wollte auch ſie das Ihrige dazu beitragen, dem Feſte Glanz zu verleihen und die Herzen mit Freude zu beleben. In dem Lager rings um Paris begann es ſchon frühe, ſich zu regen, da putzte man ſich wie zum Ball, da eilten die Soldaten, ihre Uniformen zu bürſten und, wo es nöthig war, auszubeſſern, da wurden Knöpfe und Waffen geputzt, da wurde das Lederzeug friſch auflakirt, die Pferde geſtriegelt, die Helmbüſche gekämmt, die Stiefeln gewichſt, und die Leute ſelber ſchmückten ſich, als wäre jeder ein Bräutigam und wolle dem Liebchen ſoviel als möglich gefallen, und wer e aber etlaſſen, Thir, ch, das en fiel, Zeiger och war och eine Laufen ten? O haben var die ſuchte ſchon id deut⸗ te auc verleihen man ſih n bürſe und — 647— monatelang nicht an den Spiegel gedacht hatte, der ſtand jetzt davor, beſchnitt ſich den Bart, ſcheitelte das Haar und lachte ſeinem eigenen Bilde voller Freude entgegen. Und dennoch ging es weder zum Feſte noch zum Schmauſe, und dennoch konnte dieſer Tag furchtbare Gefahren bringen und die ſo ſchön geputzte Uniformen mochten mit Blut beſudelt werden! Die Pariſer hatten ſich ergeben? Nein! Nach ihrer eignen Meinung hatten ſie es nicht gethan! Nur Trochu, nur Thiers und Favre hatten die Kapitulation unterſchrieben, nur der Verrath übergab die Hauptſtadt Frankreichs den Siegern! Doch kein deutſcher Fuß ſollte die Straßen von Paris betreten! Wie oft hatten ſie das geſchworen, und wie viel Barrikaden hatte Rochefort bauen laſſen. Es wurde von Minen gefabelt. durch welche die preußiſchen Soldaten in die Luft geſprengt werden ſollten, und die ganze Bevölkerung wollte die Waffen angreifen, um das Eindringen der Feinde zu verhindern. Denn niemals ſollten fremde Sieger den Boden dieſer geheiligten Stadt betreten, und ihre Gaſſen, die ſich ſo oft roth färbten von dem Blute der eigenen Bürger, ſollten auch das der Deutſchen trinken, wenn ſie es wagten herein zu kommen. Alſo vor den Thoren ſollten ſie umkehren, ſie, die mit ſo gewaltigen Opfern einen Rieſenkampf beendet hatten, ſie, die großmüthig den Geſchlagenen Speiſe und Trank und Hilfe jeder Art verſchafften, ſie ſollten in heiliger Scheu zurückbeben, als ob ſie ſich ihres Sieges ſchämten, ſie, die in keiner Schlacht gezittert hatten, ſollten zittern vor einem gemeinen Pöbel, dem Abſchaum der Niedrigſten unter den Franzoſen? O nein, ſo war es nicht gemeint. Grade jetzt mußte man es ihnen beweiſen, wer die Macht beſaß, mochten ſie Minen und Torpedos legen, mochten ſie ſich jedes Verra hes bedienen, ſie konnten es nicht verhindern, daß die Sieger ihren Triumphzug durch Paris hielten. Die Zeitungen forderten zur Ruhe auf, aber ſie ermahnten mgleich das Volk, die Häuſer und Fenſter zu verſchließen. Nie⸗ mand ſollte ſich auf den Straßen noch auf den Balkons ſehen laſſen, die Deutſchen ſollten wie durch einen Kirchhof ziehen, und — 648— kein Zeichen vom Leben ſollte es ihnen beweiſen, daß es in Paris Beſiegte gab. Die Läden ſollten geſchloſſen ſein, und Niemand ſollte ihnen Lebensmittel noch ſonſt etwas verkaufen, und kein Wort durfte mit ihnen gewechſelt werden. So lautete der von den Zeitungsſchreibern gegebene Befehl, doch war die Neugierde ſtärker als der Gehorſam. Ein Jeder wünſchte denn doch die Soldaten zu ſehen, unter deren Belage⸗ rung man ſo viel gelitten hatte. Freilich waren in den letzten zwei Tagen ſchon ganze Schaaren hinausgezogen, um die gefürch⸗ teten preußiſchen Bären, wie ſie ſtets alle Norddeutſchen nannten, die ſchönen hellblauen Bayern, die ſchwarzen Braunſchweiger, die ſchlanken zierlichen Sachſen und die kräftigen Würtemberger, Heſſen und Badenſer zu betrachten, doch gab es noch Viele, denen der Anblick neu war, und die doch auch Luſt hatten, ihn zu ge⸗ nießen. Die Frauen vorzüglich blickten nicht ohne Wohlgefallen nach den ſtattlichen Kriegern, denen die langen Bärte ſo gut ſtanden, und die ſo ganz verſchieden waren von den windigen Franzoſen in ihren rothen Hoſen und blauen Jacken. Schon am Morgen verbreitete ſich die Nachricht, daß der Kaiſer Wilhelm eine Heerſchau abhalten wolle, und daß der Kron prinz auch dabei ſein würde. Dieſer ſtand ſeltſamer Weiſe bei allen Franzoſen in beſonderer Gunſt, ſie nannten ihn nie anders als„unſer Fritz“, und ob ſie gleich bös genug auf alle Uebrigen zu ſprechen waren, ſo ſagte doch Niemand etwas Nachtheiliges von dem preußiſchen Königsſohn, deſſen hohe Geſtalt und blon⸗ des Haar den Frauen ebenſo gut gefiel, wie ſein leutſeliges Weſen die Männer führ ihn einnahm. Deſto verhaßter war ihnen der Eraf Bismark, denn Alles, was ſie zu erdulden hatten, ſchrieben ſie ſeiner Staatskunſt zu. Da ſtanden ſie nun und ſahen mit zu, wie ſich auf der Rennbahn am Gehölz von Boulogne zahlreiche Truppen unter klingendem Spiele verſammelten. Die Muſiker der preußiſchen Korps mit ihren rothrn Pferdhaarbüſcheln blieſen die luſtigſten Weiſen, dann auch das wunderbar durch alle Herzen dringende Lied:„Heil Dir im Siegerkranz! und„die Wacht am Rhein!“ Dann kam der Kaiſer, eine hohe Heldengeſtalt, die auf alle n Paris tiemand nd kein Sefehl, n Jeder Belage⸗ n letten gefürch⸗ nannten, hweiger, mberger, e denen nzu ge⸗ lgefallen ſo gut vindigen daß der der Kron Beiſe b e anderz hebrigen theiiges nd blor⸗ euſelge var ihnen n hatten auf der pen unter uſigſtel pringend Rhein auf — 649— Franzoſen einen mächtigen Eindruck machte. So freilich ſah ihr Napoleon nicht aus, der Mann mit den dünnen Füßen und dem gelben Spitbubengeſicht. Hier paarte ſich natürliche Würde mit der herzlichſten Freundlichkeit, das greiſe Haupt, die kraftvolle Geſtalt, die Sicherheit, mit der er ſein Pferd lenkte, die Ehrfurcht, die ihm von allen Seiten dargebracht wurde, und die Beſcheiden⸗ heit, mit der er ſein Glück aus Gottes Hand empfing, Alles wirkte bedeutend und achtunggebietend auf die ſtaunende Menge. Und unter ſeiner Umgebung, welch vornehme Namen, welch edle Geſtalten! Hier der Kronprinz und Prinz Georg von Sach⸗ ſen, dort die Prinzen von Bayern und Würtemberg, der alte Woltke, der General Blumenthal und viele andere Fürſtlichkeiten und hohe Offiziere. Das ſechste und das elfte norddeutſche Armeekorps und das zweite bayriſche defilirten vor dem Kaiſer vorbei, der über den herrlichen Anblick dieſer Truppen freudig erſtaunt war. Nach ſo viel Schlachten und ſo viel Anſtrengungen hatten dieſe Soldaten die vollſte Kraft bewahrt, und aus ihren Augen ſtrahlte ein Heldenmuth und eine Siegesluſt, die wohl dem greiſen Feldherrn gefallen mußten. Das war ein Hurrah aus vollſter Seele das ſie dem Kaiſer zujauchzten, er hatte ſie zum Kampf und Sieg geführt, und noch waren ſie in jedem Augenblick bereit, ihr Leben für ihn und für das theure Vaterland in die Schanze zu ſchlagen. Dreißigtauſend Mann zogen an ihm vorbei, eine ſtatt⸗ liche Macht, und als die Parade beendet war, da marſchirten ſie weiter nach Paris hinein. ſie zogen durch die Hauptſtraße mit Muſik und wehenden Fahnen, doch nicht als übermüthige Sieger und ſtolze Unterdrücker, ſondern heiter, als ob ſie den Beſiegten die Bruderhand reichen wollten. Das klingende Spiel zog ganze Schaaren von Franzoſen herbei, die Kinder liefen den Soldaten nach und freuten ſich an den blanken Waffen, die Frauen wollten„unſern Fritz⸗ ſehen, die Männer blickten erſt düſter drein, dann, als ſie bemerkten, daß es nicht auf eine Demüthigung abgeſehen war, folgten auch ſie mit ſichtlicher Bewunderung dem glänzenden Zuge und zeigten — 650— ſich untereinander die hervorragenden Perſönlichkeiten, die ſie nach ihren Bildern gut genug kannten. Die Truppen bezogen in den elyſéeiſchen Feldern am Tro⸗ kadero und in den angrenzenden Stadttheilen Quartiere, doch da ſie noch immer nicht recht dem Frieden trauten, ſo gingen ſie nur mit Vorſicht aus. Alle Läden waren geöffnet, und alle Kaufleute machten gute Geſchäfte, denn ein jeder Soldat wollte den Seinen daheim ein Andenken an Paris mitbringen. Damit durfte nicht lange gezögert werden, denn nur kurze Zeit verblie⸗ ben die Truppen in Paris, am nächſten Tage ſchon wurden ſie von anderen abgelöſt, weil ſo viele als möglich die Freude ge⸗ nießen ſollten, die Stadt zu ſehen. Die Franzoſen verhielten ſich im Allgemeinen ſtill, und da die Deutſchen ſich ſehr klug benahmen und jeden Anlaß zur Streitigkeit höchſt ſorgfältig vermieden, ſo ſtanden ſie ſich mit ihren Quartiergebern auf das beſte, und nirgends hörte man von einem Streite. Die Pariſer, die nun einmal in Aufregung waren, zankten untereinander, und hätten die Deutſchen ſich im Minde⸗ ſten in ihre Streitigkeiten gemiſcht, gewiß, es würde zu ſchwerem Händel gekommen ſein. Das wurde glücklich vermieden. Zwei Tage lang dauerte die Okkupation der Stadt, denn am dritten März um zehn Uhr rückten die letzten Truppen aus und durch⸗ ſchritten den herrlichen Triumphbogen mit donnerndem Hurrah. Dieſes ſchöne Bauwerk hatte ſich der erſte Napoleon nach einem Vorbilde errichten laſſen, welches die alten Römer einem ihrer Kaiſer erbauten. Herrlich ragte es in die blaue Luft hinein und durch ſeine Wölbung ſchritten die deutſchen Soldaten in dem freudigſten Siegesjubel. Der Kaiſer weilte nicht lange in der Stadt, er kehrte nach Verſailles zurück und kam erſt am Elften wieder von dort nach Langchamps, um daſelbſt wieder eine Parade abzuhalten. Dieſes Mal waren es die Garde⸗Regimenter, die an dem kaiſerlichen Herrſcher vorüberzogen. In der Front befand ſich aber auch die Garde⸗Landwehr⸗Diviſion neben der eigentlichen Garde, lauter herrliche, ſtattliche Geſtalten, die größten und ſchönſten Männer de ei kli ſch wi fü ſe nuch m Tro⸗ e doch gen ſe d alle wollte Damit verbli⸗ rden ſi Ude ge⸗ und da laß zur ſih mit n von waren, Ninde⸗ hwerem 3wei 1 drilten d durch⸗ zurrnh. n n reinemn thinein in dem it n ort nai Dieſes ſſerlien er uc . lauti NRnntt — 651— des deutſchen Heeres, deren Anblick auf die Franzoſen ſichtlich einen bedeutenden Eindruck machte. Laufen doch ſchon daheim die Frauen und Mädchen an die Fenſter, wenn die Militairmuſik er⸗ klingt, wenn die Helmbüſche wehen, die Pferde ſich bäumen, die ſchmucken Soldaten ſo ſtolz und ſiegesgewiß dahinſchreiten, wie mußte es nicht erſt hier ſein! Manch' eine zierliche Franzöſin fühlte, das nicht nur Paris, ſondern auch ihr Herzchen erobert ſei, und ungezählte Seufzer folgen den abziehenden Helden in ihre ferne Heimat nach. Ja freilich kann nur der Mann den Weibern wahrhaft ge⸗ fallen, der im Bewußtſein ſittlicher Kraft vor ſie hintritt. Ein Vergleich mit den durch Liederlichkeit entnervten Franzoſen fiel ſehr zum Vortheil den Deutſchen aus. Das waren nicht die nordiſchen Bären, als welche man ſie verſchrieen hatte, das waren die kräftigen Söhne Germanias, ſtark im Kriege, mild und arbeit⸗ ſam im Frieden, die würdigen Träger des Ruhmes und der künftigen Größe des Vaterlands. Als der wahrhaft prachtvolle Vorbeimarſch der Truppen vor ihrem kaiſerlichen Herrn vvrüber war, verſammelte dieſer die Kommandeure der einzelnen Korps um ſich und hielt an ſie eine Anſprache, die alle Herzen begeiſterte. Der greiſe Herrſcher ſprach in den wärmſten Worten und ſichtlich bewegt ſeine Aner⸗ kennung für die Leiſtungen der Gardekorps aus, aber auch zu gleicher Zeit ſeinen Schmerz, ſo Viele von den tapfern Offizieren zu vermiſſen, die ihr Heldenmuth und Kampfeseifer zu weit in die Gefahr geführt hatte, daß man ſie ſchwer verwundet oder als Leiche vorfand. Solche Thaten, wie ſie in dieſem Kriege ſo oft geſchehen waren, verdienen nicht nur das Lob aus höchſtem Munde, ſon⸗ dern auch den ewigen Ruhmeskranz, den die Geſchichte flicht. Der höchſte Adel hatte mit dem Bürger und dem Bauer gewett⸗ eifert in großartiger Opferluſt, in reiner Hingabe an das Vater⸗ land, es gab Familien, die drei, vier hoffnungsvolle Söhne betrauerten, Familien, denen die Stammhalter gefallen waren und deren alte Namen erloſchen. Aber ſie klagten nicht, hatten ſie doch dem Vaterlande ihr Liebſtes hingegeben. — 652— Aber wer Offizier, alſo von Beruf Soldat iſt, muß dem Tode auf dem Schlachtfelde unerſchrocken entgegenſehen, anders iſt es mit dem friedlichen Bürger, dem einfachen Landmann, der nicht nach Ruhm verlangt, der gerne daheim im hohen Alter ſtirbt, wenn zahlreiche Enkelkinder ihn umgeben, liebende Söhne und Töchter ſeine Augen zudrücken. Sein Opfer iſt das größere, wenn er den Heimatsheerd verläßt und ſtatt des Handwerkszeugs nach dem Schwerte greift, vielleicht bringt er keine äußern Ehren⸗ zeichen mit nach Haus, als nur die Medaille im Knopfloch, wohl ſchmerzt noch hin und wieder die erhaltene Wunde, und langſam nur kommt die Arbeit wieder in den rechten Fluß, und doch be⸗ reut er es nicht, ſein Blut verſpritzt zu haben, denn über Alles geht dem edlen Mann die Liebe zu der deutſchen Heimat, und er verſteht es, wenn Friedrich Schiller ſagt: An's Vaterland, an's theure, ſchließ dich an, das halte feſt mit deinem ganzen Herzen, hier ſind die ſtarken Wurzeln deiner Kraft. Und in dieſem Sinne ward der große Kampf vollendet, der Sieg errungen, mit freudiger Zuverſicht kehrten die Truppen aus Paris zurück. Deuſchland iſt einig, und ſeine Einigkeit erwarb ihm dieſes hohe Glück, des Feindes Hauptſtadt zu betreten, kein Feind wird jemals unſeren Boden betreten, ſo lange ein Geſchlecht von gleicher Kraft, von gleicher ſittlicher Größe ſeine Grenzen vertheidigt, die Wacht ſteht nicht nur am Rhein und von wo aus immer ein Angriff drohen mag, er wird ſie feſt finden, feſt und treu, und Du, lieb Vaterland, kannſt ruhig ſein! 81. Kapitel. Zwölf Uhr. Es war am Morgen des erſten März, als Wilhelm Friſch⸗ muth in ſtürmiſcher Eile zu den drei Grafen Iſſelhorſt kam, bei denen er den Herzog von Montalto fand. kom Ant deſ beg mich mü da in nach Fr die ten unt mi ſich = — de nders n der Mler Söhne ößere, eugs Ehren⸗ wohl ngſam h he⸗ E „nd erland gonzen der naus erwarb n, bin ſchleht renzen wo aus eſt und ßrlſch⸗ — 653— — Haben Sie die Erlaubniß, nach Paris zu gehen? rief er Ottomar entgegen. — Ja, verſetzte der, wir haben ſie für uns Beide be⸗ kommen. — Und einen Wagen fragte Friſchmuth weiter. — Noch nicht, aber der wird ſich beſchaffen laſſen, war die Antwort. — Schwer, wie ich befürchte, meinte der Wachtmeiſter. In⸗ deſſen gewähren Sie mir eine Bitte. — Natürlich! rief der Graf, nur heraus damit. — Maria Fiſcher bat mich, ſie heut Mittag nach Paris zu begleiten, berichtete Wilhelm, aber ich muß zur Parade, ich dachte mich frei macheu zu können, aber es geht nicht, wir Dekorirten müſſen eben mit, ſo kann ich Marias Wunſch nicht erfüllen und da wollte ich Sie bitten... — Aber das verſteht ſich ja von ſelbſt, fiel ihm Ottomr in die Rede, ich werde ſie abholen. Aber Sie folgen uns doch nach. — Ich bleibe die Nacht in Paris, ſagte Friſchmuth, die Franzoſen haben ja mal vor uns Ulanen den meiſten Reſpekt, die Narren, als ob wir was Beſſeres könnten und gethan hät⸗ ten als die Andern Alle. Vielleicht ſehen wir uns dennoch. — Nein, erwiederte Ottomar, ſo iſt es nicht gemeint. Wir ſind in geheimnißvoller Weiſe in die Stadt und in ein beſtimm⸗ tes Haus beſtellt worden, was es da geben kann, ahnt Keiner von uns. Ich brauche Ihnen nicht erſt zu verſichern, daß wir uns nicht grade fürchten, indeſſen waren Sie uns ſchon ſo oft mit Ihrem Rathe nützlich, daß wir Sie gemeinſam bitten wollten, mit uns zu kommen. — Was kann ich Ihnen helfen? lachte Friſchmuth, wenn es ſich darum handelte, eine Maſchine aufzuſtellen, ja, dann könnten Sie mich brauchen, aber ſo. — Gleichviel, antwortete der Graf, Sie thun uns den Ge⸗ fallen, vertreten Sie einmal Vaterſtelle an uns, denken Sie, daß Sie unſer Vormund ſind, Sie haben den Reinhold und mich — 654— oft genug zur rechten Zeit gewärnt, thun Sie es auch dieſes Mal, falls es Ihnen nothwendig ſcheint. — Aber die Parade! wandte der Wachmelſter ein. — Was thut das? fragte Ottomar, die iſt noch vor Mittag zu Ende, und Sie ſind beritten. Reinhold wird Ihren Oberſten bitten, daß er Ihnen auf zwei Stuuden Urlaub gibt, ſobald die Parade aus iſt. Maria Fiſcher nehme ich unter meinen Schutz, und ſo treffen wir uns denn mit gewohnter Pünktlichkeit. — Es iſt gut, ich komme, ſchloß der Wachtmeiſter und eilte davon, Montalto aber näherte ſich dem Lieutenant. — Sie wollen nach Paris, ſagte er, auch mich ruft ein Geſchäft dahin. iſt es Ihnen recht, wenn ich für uns alle den Wagen beſorge? — O gewiß, rief Ottomar, nur wird es nicht leicht ſein, denn ich fürchte, daß Friſchmuth Recht hat, alles Fuhrkwerk iſt mit Beſchlag belegt, ſeitdem die Verbindung mit der Hauptſtadt wieder hergeſtellt iſt, und uns liegt viel daran, zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu ſein. Montalto eilte hinaus, doch ſo viel er auch ſuchte, es fand ſich kein Wagen. Die Zeit verging, die Truppen waren längſt ausgerückt, und noch immer irrte der Herzog vergeblich umher und ſuchte nach einem noch ſo ſchlechten Fuhrwerk. Wollte man ſich ſelbſt entſchließen, zu Fuß zu gehen, ſo war es jetzt bereits zu ſpät, um noch zur rechten Zeit anzu kommen. Jetzt ſuchten auch Ottomar und Eugen, es half ihnen nichts. Gabriele wartete mit Ungeduld, ja mit Angſt, ſie mochte die Stunde nicht verſäumen, welche ihr Rettungsengel ihr beſtimmt hatte, aber ach, es waren keine Pferde, es war kein Wagen in Verſailles aufzutreiben, der ſie an Ort und Stelle hätte bringen ö Unterdeſſen hatten auch Reinhold von Iſſelhorſt und der Wachtmeiſter Friſchmuth mit ziemlich viel Ungeduld der Parade beigewohnt. Was ihnen ſonſt ein Vergnügen geweſen wäre, dieſes herrliche militairiſche Schauſpiel, der Anblick des Kaiſers, der Kronprinzen von Sachſen und Preußen und aller der übri⸗ gen Fürſten und berühmten Perſönlichkeiten, heute beachteten chen welt ſind Ma ihre nach wie die⸗ de Je ſcht eh in gen ſen ſie ſ, iſt de di dieſes Mittag berſten ald die Shut, er und uft ein le den ht ſein, werk iſt uptſtadt en Zeit es fond Engt umher ſo wal ſommen. nicht chte die beſtinnt hringen und de r Porui n vir giſers der ihn encht“ — 655— ſie das viel weniger die Truppen marſchirten ihnen viel zu lang⸗ ſam, die Zeit flog viel zu raſch. Mehr als zwunzig Mal ſahen ſie heimlich nach der Uhr und zitterten, weil die Zeiger ſo ſchnell von Minute zu Minute gin⸗ gen. O das ſind peinliche Augenblicke, wenn man gezwungen iſt, zu bleiben, wo doch Gefahr im Vorzuge ſein kann! Immer neue Regimenter defilirten an dem Kaiſer vorbei, er redete mit den Offizieren, er lobte dieſen und jenen Truppentheil ganz be⸗ ſonders, dann Alle im Allgemeinen. Friſchmuth mußte ſich zu⸗ ſammen nehmen, um nicht ſein Pferd empfinden zu laſſen, wie ihm die Ungeduld in allen Fingerſpitzen kribbelte. Was war denn das für ein ſeltſames Stelldichein, zu wel⸗ chem die Grafen Iſſelhorſt und Maria Fiſcher geladen waren, welch ein Zuſammenhang konnte zwiſchen dieſen Perſonen ſtatt⸗ finden? Er wußte es nicht anders, als daß ſie die bleiche Frau aus Mainz ſei, und da ſie niemals von ihrer Vergangenheit noch von ihren Verwandten geſprochen hatte, ſo hatte er auch niemals da⸗ nach gefragt. Sollte ſich die Beziehung von dort herſchreiben, wie kam es, daß ſie ſich erſt in Paris offenbarte, und woher dies Drängen auf das Einhalten einer beſtimmten Stunde? Endlich hatten denn auch die Ulanen ihren Vorbeiritt vor dem Kaiſer vollendet, und Friſchmuth athmete etwas freier auf. Jetzt konnte er fort, denn er hatte von Reinhold das Urlaubs⸗ ſchreiben empfangen. Er ſah ſich nach dieſem um. Noch fehlten zehn Minuten an Mittag, wie war es möglich, in ſo kurzer Zeit in die Stadt und bis zu dem ihnen bezeichneten Hauſe zu gelan⸗ gen? Maria Fiſcher war es, die den Wachtmeiſter dorthin gewie⸗ ſen hatte. — Ich weiß nicht, wer die Grafen nach Paris beruft, hatte ſie zu ihm geſagt, doch da ihnen kein beſonderer Ort angewieſen iſt, ſo folgen Sie mir an den, welchen ich Ihnen bezeichnen will, iſt es für die Grafen nicht der rechte, ſo wird Derjenige, der ſie berief, ſie auch dort aufzufinden wiſſen, doch ſagt es mir mein Herz, daß die Hand, welche mein Leben ſo wunderbar lenkte, dieſelbe iſt, die meinen Freunden ſchrieb, vielleicht damit ich nicht ſchutlos im Leben bleibe, denn das Lazareth wird in wenigen — 656— Tagen aufgelöſt, und ich habe keine Heimat und keinen Führer, als ihn allein, der mich um zwölf Uhr nach Paris beruft. 3 Jetzt ritt Friſchmuth hinter der Fronte eitlang und ſuchte nach Reinholds Regiment, es ſchien ihm eine Ewigkeit, bis er es fand, dann ſuchte er wieder nach dem Grafen, dieſer war bereits fortgeritten. Friſchmuth ſtieß einen Fluch aus. Wieder waren . Pre fünf Minuten vergangen. i Sollte er allein nach der Stadt? Es war jedenfalls das mir! — Herr Graf, begann Friſchmuth, es wird nun bald mit dem Feldzug ganz zu Ende ſein, dann kaufen Sie ſich wohl an, einzig Richtige, denn Reinhold mußte ihm bereits voraus ſein. Er gab ſeinem Pferde die Sporen, und dieſes flog wie der bin Wind ſo ſchnell dahin. Da ſprengte von der andern Seite her ein Reiter auf ihn zu, und durch die dichte Staubwolke hindurch ſil. erkannte er Reinhold. er 5— Ich ſuche Sie überall! rief ihm der Graf entgegen. n 1— und ich Sie! verſetzte Wilhelm. Wir kommen zu ſpät. — Eilen wir, noch haben wir drei Minuten. Aber ſo ſchnell ging es nicht, wie ſie dachten, der Weg war voll von die Menſchen, die die Parade und den Einzug der Truppen ſehen d 3 wollten, und ſie mußten langſam weiter. Sie ſahen einander*6 voll Ungeduld an, aber ſie ſprachen kein Wort darüber, was hätte es auch geholfen? nicht wahr? — Ich denke es wohl, gab Reinhold zur Antwort, ich habe— ſo meine beſtimmten Pläne. — NRun ſehen Sie, fuhr der Wachtmeiſter fort, wenn Sie ein Gut haben, brauchen Sie doch auch Pferde. Mir iſt um meine Schecke bange, kommt ſie in unrechte Hände, ſo geht es Ser dem armen Thiere ſchlecht, kennt man ſie aber, und weiß Einer, Sie die Schecke zu ſich nähmen, theuer wird ſie ja nicht ſein. — Gut, verſetzte Reinhold, ich kaufe ſie, doch unter der Bedingung, daß Sie das Pferd als Geſchenk von mir annehmen. — Dank ſchön, lachte der Ulan, wenn das gingel Einen 6 wie weichmäulig ſie iſt, ſo kann es kein beſſeres Pferd geben. 7 Sehen Sie, Herr Graf, es wäre mir ein rechter Troſt, wenn i e ßührer, ft. d ſuchte bis er es r bereits warel falls das s ſein. wie der Seite het hindurh gen. zu ſpit Abet ſo voll von en ſehen einander vos hitte hald nit wohl an i he venn Sie iſt un geſt eiß bint td geben oſt wenn ſein umier der nnehm Eine — 657— Kanarienvogel könnte ich mir allenfalls halten, aber einen Snul — ðriſchnuth wie oft habe ich Ihnen geſagt, daß Sie bei mir bleiben! — Und wie oft habe ich Ihnen darauf erwidert, daß ich Ihre Güte wohl zu ſchätzen weiß, aber daß es nicht angeht, ich bin Maſchinenbauer und will es bleiben, ich verſtehe nichts An⸗ deres und will kein Pfuſcher ſein. Das hat mich bisher ernährt, das wird mich ferner nähren, und um das Gnadenbrot zu eſſen, bin ich noch nicht alt genug. Reinhold antwortete nicht, denn eben bogen ſie in eine ſtille Straße ein, wo die Pferde wieder ausgreifen konnten. Dort lag das Haus, Wilhelm erkannte es an den grauen Mauern und an dem Gartenzaun, denn ſo hatte es Maria Fiſcher ihm beſchrieben. Er ſprang von ſeiner Schecke herab und klopfte an die Seitenpforte. Dieſe ging wie von ſelber auf, ſie führten die Pferde in den Garten, in welchem eben die erſten Knospen der Geſträuche keimten, hier banden ſie die Pferde an und ſtiegen zu der Hausthür hinauf, ſie war unverſchloſſen, und ſie betraten einen dunklen Hausflur, von dem aus nach allen Seiten zu Thüren in verſchiedene Gemächer führten. Reinhold öffnete die erſte, beſte. eben ſchlug es Mittag ſie kamen zur rechten Zeit... Unterdeſſen hatte auch der alte Daniel in Angſt und Unruhe den Mittag herannahen ſehen. Die Zeit verſtrich und von den Erben der Undentinos zeigte ſich Niemand. Er lag auf ſeinen Knieen und betete. — Mein Gott! rief er, ſo viele Jahre habe ich meinen Herren die Treue bewahrt, ſoll denn das nun der Lohn für ein langes, einſames Leben ſein, ſoll ich denn nun ſehen, daß dieſer unter Schmerzen bewahrte Schatz in falſche Hände übergeht? Wo ſind ſie, denen dieſes Geld gebührt, hat denn der Tod ſie Alle dahingerafft? O Gabriele, Du wareſt würdig, Schätze zu erhalten, denn Du lätteſt ſie zum Wohlthun verwendet, o Montalto, Du hätteſt Dich damit losgekauft von den Qualen Deines Gewiſſens, o, ihr unſchuldigen Kinder, ſollt denn auch D. V Ch. II. 42 — 658 Ihr leiden unter den Sünden Eurer Väter? Die Zeit verrinnt. Hier iſt der Schwefelfaden, hier ſind die Zün ölzer, eine kleine Flamme vernichtet die Schätze, vernichtet dieſes Haus, mich und jenen Schändlichen, den ich unſchädlich gemacht habe. Soll ich die That vollbringen, der vielleicht die bittre Reue folgt, und bin ich ſo lange ein treuer Hütet geweſen, um zuletzt dies mir anvertraute Gut allen Denen zu entziehen, die möglicherweiſe nur ein unglücklicher Zufall verhindert, ſich zur rechten Stunde einzuſtellen? Gott, mein Gott, warum legſt Du eine ſo ſchwere Wahl auf meine Seele? Aber giebt es noch eine Wahl? Lebt Gabriele, ſo fehlt ihr der Ring, ohne den ſie ſich nicht in den Beſitz des Geldes ſetzen kann, und lebt ſie nicht, und iſt der Kardinal der einzige Erbe... ja, dann thue ich ein gutes Werk, dann iſt es meine Fflicht, das zu vernichten, was ich behütete, denn lieber ſoll es Keinem dienen, als zu unwürdigen Zwecken verwandt werden. Horch, es ſchlägt.. eins, zwei o wie mein Herz erbebt Gott.. noch iſt es Zeit.. noch eine Sekunde... neun, zehn, elf.. Seine Hand griff nach den Zündhölzern, aber ſie faßten ſie nicht, ein Nebel umflorte ſeine Augen.. ſo war denn Alles verloren, um das er ſo lange geſorgt und gebangt hatte? Da wurde plötzlich die Thür aufgeriſſen, und herein ſtürzte der Pater Venturo, er ſprang auf den Alten zu, er entriß ihm das Feuerzeug. — Rein! rief er triumphirend, mein alles Geld, mein der Schatz der Undentinos! — Niemals! hallte eine tiefe Stimme nach! Der Pater ſtand einen Augenblick wie erſtarrt. Wer hatte dieſes Wort geſprochen? Er war allein mit Daniel, und der alte Diener lag auf ſeinen Knieen, das Geſicht in beiden Händen verborgen, vor ihm der Schwefelfaden, den er nicht mehr zu entzünden vermochte. So war es denn Gottes Wille, o es war ſchwer, furchtbar ſchwer, ſich ihm ohne Murren zu unterwerfen! Der Pater Venturo hatte ſich mit der äußerſten Mühe aus ſeinem Gefängniß befreit. Mit den Holzſtücken, die er gefunden, hatte er ſich eine Leiter bis zu dem Fenſter hinaufgebaut, war hing als ſein riefe eben Au ern F5 F ein len verrinnt. ne kleine mich und Soll ich l9t und dies mir iheweiſe Stunde ſo ſchwere hl Lebt ht in den iſt der utes Wer, hehütete n 3welen o wie noch eine faßten ſe enn W atte Du der Pater mein der Ver hatt d de un„ 1 en Hindi mehr o es vu ſrwerfen Nihe a — 659— hingusgeſtiegen und hakte das ihm wohlbekante Haus betreten, als die Uhr ſoebegzzur Mittagsſtunde aushob. Eine teuflichs Freüde ſprühte aus ſeinen Augen, er hatte ſein Ziel erreicht, und wenn zehntauſend Stimmen ihn Niemals riefen, was kümmerte es ihn? Noch ſummte die Glocke, die eben die Mittagszeit ausgeſchlagen hatte. — Den Schlüſſel her! rief er und riß den alten Mann empor, ich will mein Geld, mein Geld will ich, her mit dem Gelde, koſtet es mich doch meine Seele! Daniel erbebte, dumpfe Verzweiflung durchwühlte ſeine Bruſt, mit einem Schrei, der in der gepreßten Kehle erſtarb, riß er die Schlüſſel von ſeinem Gürtel ab und ſchleuderte ſie mitten in das Zimmer hinein. — Geſchehe denn, was will, dachte er, Gott ſieht es, daß ich nicht anders kann! Der Pater ſtürzte ſich auf die Schlüſſel wie ein Habicht auf ſeine Beute. — Mein Geld, ſchrie er, ich will mein Geld! 82. Kapitel. Die Auferſtandenen. — Halt! donnerte eine mächtige Stimme! Erſchrocken blickte ſich Daniel um, und mit einem lauten Aufſchrei ſank er in ſeine Knie. Im Zimmer ſtand ein hoher, ernſter Mann mit dunklem Haar und Bart, das ſchon von weißen Fäden durchzogen war, eine hehre Milde lag auf dieſen Zügen, ein tiefer Ernſt, eine unwiderſtehliche Gewalt. Venturo taumelte und mußte ſich an einen Schrank feſthal⸗ ten. Das war der Mann, deſſen Leiche er ſelber geſehen hatte, 42* —— ———— — 660— von Würmern und Seethieren zerfreſſen, von Tang und Schlamm beſchmutzt, das war derſelbe, den die ihren Schutzgeiſt genannt hatte, derſelbe, der ſich übör ihn beugte, als er in wilden Fantaſien im Pockenhauſe lag. Gab das Grab ſeine Todten wieder, um ihm die Frucht aller ſeiner Anſtrengungen zu entreißen? Er fühlte es, hier galt es, die ganze Kraft zuſammenzunehmen, wenn nicht Wahnſinn ihn erfaſſen ſollte, und wenn er ſich den Beſitz nicht wollte ent⸗ reißen laſſen, auf den er ſo lange gehofft hatte. Er richtete ſich empor. Und ſandte die Hölle ihre Teufel, er war bereit, es mit ihnen aufzunehmen. Der Mann trat in die Mitte des Zim⸗ mers. — Ich, Emanuel Undentino, ſagte er mit tiefer und feier⸗ licher Stimme, lege Beſchlag auf die Erbſchaft meiner Väter zu Gunſten meiner Nichte, der Fürſtin Gabriele Donato. — Du lügſt, kreiſchte Venturo dazwiſchen, Emanuel Unden⸗ tino iſt todt, und lebte er noch, ſo hat erkein Recht zu leben, die Ferichte haben ihn für todt erklärt, Emanuel Undentino iſt eine Leiche, was haben Leichen mit Schätzen zu thun? Der Mann warf einen Blick der tiefſten Verachtung auf den Pater. — Wohl, Joſeph Brondini, ſagte er, Du weißt es, daß ich todt bin, und doch ſuchte ich Dich heim in jener Nacht in dem Abruzzengebirge, als Du neue Mordthaten ſchmiedeteſt, Du weißt es, denn Du ſelber wollteſt meinen Tod, und Deine Helfershel⸗ fer waren geſchickt genug. Dennoch entging ich ihnen, ich lebe, Joſeph Brondini, lebe, um die Unſchuld zu ſchützen vor allem Böſen und vor Dir. — Was, grinſte Venturo, ſo waren die Leute, die ich nach Euch ausſchickte, Lügner, ſo war es nicht Eure Leiche, die ich am Strande ſah? — Ich ſelber zog ihr meine Kleider an. — Meinetwegen, was kümmert es mich? Ihr ſeid für todt erklärt, Ihr könnt nicht erben. — Aber Gabriele Undentino, die Fürſtin Donato, kann es. — Wie, lebt die auch? rinn eine u Em auf brie gegl ſe leiſe war ſten ged keit Al Du Lei der Na lag lich ſchi wir Schlamm he ihren ugte, als e Frucht ier galt Johnfinn ollte ent⸗ htete ſich t es mit des Zin⸗ nd feier⸗ Väter zu 1 Unden⸗ eben, die iſt eine auf den daß ich t in dem Du weit elferzhel ich lebe, ot allem ih n die ic — 661— — Sie lebt, und hier iſt ſie! Der Mann winkte, und Maria Fiſcher trat herein. Sie trug diehfchlicht ſchwarze Kleidung der Krankenpflege⸗ rinnen, aber ein ſanftes Lächeln umſpielte ihre Lippen, und mit einem freudigen Blick begrüßte ſie den alten Diener, der ſich ihr zu Füßen warf und ihre kleinen Hände küßte. — Dies iſt die Erbin der Undentino'ſchen Güter, ſagte Emanuel. Venturo erbebte, aber er faßte ſich. — Hat ſie den Ring? fragte er mit ziſchendem Tone, doch ehe noch Emanuel zu antworten vermochte, that ſich eine Thür auf, und ein anderer Mann trat herein, bei deſſen Anblick Ga⸗ briele zitterte vor Schauern der Luſt. O jetzt erkannte ſie ihn wieder den heißgeliebten, den todt⸗ geglaubten Gatten, von dem ſie ſo lange getrennt war und den ſie ſo ſchmerzlich beweinte! Wie war er ſchön, obgleich die Jahre leiſe Furchen auf ſeiner Stirn gezogen hatten, wie hoch und edel war ſeine Geſtalt, wie ſanft ſein Blick! Er breitete die Arme aus, und mit einem Ausruf der ſüße⸗ ſten Luſt ſank ſie an ſeinen Buſen, und feſt hielt er ſie an ſich gedrückt, die lang Vermißte, und in einem Augenblick der Selig⸗ keit war alles Leid vergeſſen. — Kennſt Du mich, Joſeph Brondini? fragte der Fürſt Alphons Donato. An der Seite meiner geliebten Gattin ließeſt Du mich durch Meuchelmörder erſchießen. Sie warfen meine Leiche in einen Felſenſpalt, aber Gott rettete mein Leben. Mitten in den Gebirgen lebt eine Gemeinde frommer Chriſten, die ſich Wal⸗ denſer nennen. Einer von dieſen Einſiedlern, Simion iſt ſein Name, fand mich, als ich für todt auf der Tiefe des Abgrundes lag. Er trug mich in ſeine Hütte und pflegte mich mit unend⸗ licher Sorgfalt, und ich genaß von meinen Wunden, aber der ſchwere Fall hatte mein Gehirn erſchüttert, meine Gedanken ver⸗ wirrten ſich, ich konnte das Wahre nicht mehr von dem Scheine unterſcheiden. Lange lebte ich in geiſtiger Dämmerung, doch treu gepflegt von dem, der erſt mein Retter und dann mein Diener war. Jahre vergingen, ich dachte an mein Weib, aber wie durch einen — 662—„ Nebel erblickte ich Gabrielens liebliche Geſtalt, doch war ich nicht unglücklich, ich wußte ja, daß es wieder Ta für mich werden würde, und es ward Tag. Da ſing ich an brielen zu ſuchen. Ich durchreiſte Italien, es war vergeblich. Da kam ich an jenes Schloß, das dem Kardinal Undentino gehört, und in welchem ſich die Familiengruft befindet. Das Schloß war einſam, und ich irrte troſtlos umher, da lief ein Fuchs mir über den Weg und verlor ſich in eine Felſenſpalte, ich wurde aufmerkſam, ich, durchſuchte den Ort und gelangte in das unterirdiſche Gewölbe in dem die Särge der Undentinos ſtehen. Hier fand ich die Leichen der Voreltern meines Weibes, und ich fand mehr noch, ein Papier, welches mir das Geheimniß der Erbſchaft entdeckte, die heute hier erhoben werden ſollte, und die Gabrielen, meiner Gattin, zufallen muß, wenn ſie den Ring beſitzt, der mit dreifar⸗ bigen Steinen verziert iſt; ich forſchte weiter nach ihr und fand ſie nicht. Aber mein treuer Diener hat einen Bruder, den er in Paris aufſuchte, und dieſer Bruder iſt Daniel, treu wie er, ein Mann im beſten Sinne des Wortes. Daniel erzählte ihm, daß Gabriele, die lange Jahre bei ihm gewohnt hatte und kurz vor⸗ her aus Paris entflohen war, noch lebte, doch daß unſer Kind verloren ſei, er erzählte ihm von dem Ringe Antonina's, den er vergeblich ſuchte, und ſo erfuhr ich Alles. Seitdem habe ich unabläſſig nach meiner Gattin und nach dem Kleinod Antoninas geforſcht, ich fand wohl Schätze, die von größerem Werthe ſind, allein den Ring habe ich nicht gefunden. — So iſt die Erbſchaft dennoch mein! rief der Pater Ven⸗ turo mit hölliſcher Freude. — Seht erſt die Schätze, die ich fand, ſagte der Fürſt und öffnete die Thür, durch welche Beate und Betty, Arthur und Richard hereintraten doch aus einer anderen Thür eilte Jduna herein. — Meine Kinder, rief ſie, meine geliebten Kinder! O Gott, welch eine Gnade verleihſt Du meinem Mutterherzen! Arthur und Richard warfen ſich mit Jauchzen an den Buſen der Herzogin, die ſie mit Freudenthränen benetzte. Welch eine Scene des höchſten Glückes, das ſich nur über edle Menſchen r ich nicht ch werden zu ſuchen. an jenes welchem ſam und den Weg lſam ich Gewölbe d ich die mehr noch entdecte n, weiner nit dreifar⸗ und fand den er in je er, ein ihm, daß kurz vol⸗ uper hind ines, den n habe ich Antoninas erhe ſind ßuter Ven⸗ Firſt und ch u eilte Pun dn Biſt Pelh än Nunſth — 663— herabzuſenken vermag. Hier ſtand der Fürſt Donato, er hielt ſeine geliebte Gattin an ſeine Bruſt gedrückt, und Gabrielens rechte Hand rulhſt in der ihres Oheims, des edlen Emanuel Un— dentino, Iduna herzte ihre Knaben, doch dieſe riſſen ſich von ihr los, um Maria Fiſcher, ihre Freundin und Erretterin, zu begrü⸗ ßen und um die Mutter mit dem Fürſten Alphons bekannt zu machen und ihr Beaten und Betty zu zeigen. Die Glücklichen ahnten es nicht, daß hinter ihnen ein ſtum⸗ mer Mann ſtand, die Hand auf das Herz gelegt, ausgeſchloſſen von der Gruppe der Fröhlichen, vereinſamt, weil er ſich unwürdig fühlte, theilzunehmen an dem Jubel. Aber Helene Montalto und Margarethe, die mit der Herzogin zugleich eingetreten waren, ſchmiegten ſich an ihn und bedeckten ſeine Hände mit Küſſen. Da ſtürzte ein Strom von Thränen ans ſeinen Augen, er ſank auf ſeine Kniee nieder, er breitete ſeine Arme aus. — Iduna, o, vergieb mir! Die edle Frau war tief gerührt. Die Liebe, die ſie ehemals zu ihrem Gatten gehabt hatte, erwachte aufs Neue, als ſie ihn reumüthig zu ihren Füßen ſah, doch wie ſie die Hand nach ihm ausſtreckte, da fuhr der Pater Venturo dazwiſchen. — Ei, Herr Herzog rief er, umarmen Sie doch Ihre Konkubine, denn das iſt ſie! Waren Sie etwa nicht mit Antonina Undentino rechtmäßig getraut? Ich ſelber ſegnete die Ehe ein, und Sie hatten ſie noch nicht durch den Tod gelöſt, als ſchon Iduna Ihre Gattin wurde. Freilich dürfen hier auch uneheliche Kinder miterben, und es iſt ſchade, daß Alice, ihre älteſte Tochter, ertrunken iſt — Sie lebt, fiel ihm Alphons Donato in die Rede, und ſie iſt hier! — Iſt hier? ſchrie Venturo auf. O nein, die wenigſtens erſteht nicht von den Todten, ſie iſt ertrunken, Iſidor hat es mir bezeugt. — Und ich zeuge gegen ihn, rief ein alter Mann, der jetzt hervortrat, ich, Peter Godard, der ſie rettete, Alice Montalto lebt als des Herzogs cheliches Kind, und zum Beweiſe meiner Worte ſeht hier den Ring mit den drei Steinen! Welch eine Ueberraſchung! Der Ring, der ſo lange vergeb⸗ — 664— lich geſuchte Ring, er war da, Peter Godard hatte ihn ſelbſt vor Madelon ſorgfältig verheimlicht. Als er die kleine Alice mit ſich fort trug, nahm er auch dieſen Ring iht ſich, und ſelbſt Daniel, der ihn ſo lange vergeblich ſuchte, wußte es nicht. Ven⸗ turo, der den Herzog zu dem Verbrechen gegen ſeine erſte Gemah⸗ lin aufgeſtachelt hatte, dieſer Schändliche war es, der den Ring geſtohlen hatte, aber als er gekommen war, um Alicen zu rau⸗ ben, ſchlich er ſich allein in das Haus, indeſſen Iſidor und Franz Godard draußen warten ſollten, er wollte das Kind an ſich rei⸗ ſen, aber Peter widerſtand ihm, da, ohne daß es der Pater bemerkte, entfiel ihm das Kleinod, welches er beſtändig bei ſich trug, um es in jedem Augenblick als Zwangsmittel gegen den Herzog gebrauchen zu können, Peter bemerkte es, er ergriff den Ring und verbarg ihn ſorgfältig, er übergab Madelon die kleine Alice und ſeine Enkelin, die ihre liebſte Spielgefährtin war, er ſelbſt ſuchte die Feinde zu täuſchen, indem er das Kind des Tiſchler Schack auf ſeine Arme nahm, und dieſes Kind ging ver⸗ loren für das ſeiner Herrin, es ſiel ihm aus dem Arue in das Waſſer und es ertrank, während er ſelber ſich durch Schwimmen rettete. Als Peter Godard das Alles jetzt erzählte und wie er die beiden Mädchen mit Madelons Hilfe auf dem Schloſſe Falkenſtein aufgezogen hatte, da waren auch die übrigen Mitglieder der Familie Undentino hereingetreten. Ottomar von Iſſelhorſt be⸗ grüßte Beaten mit einem glühenden Liebesblick, den ſie nur ſchüchtern doch innig erwiederte, Reinholds Augen hafteten auf Helenens lieblicher Geſtalt, o wie durch Zauberkraft fühlte ſie ſich zu ihm hingezogen, Rafael Gambi begrüßte den Grafen mit einem herzlichen Händedruck, und Eugen, der von allen Anweſen⸗ den nur Wenige kannte, hatte tauſend Fragen auf den Lippen, für die er kein offenes Ohr finden konnte. Nur Einer ſtand ſchüchtern in einen Winkel gedrückt, obſchon Zaghaftigkeit ſonſt gar nicht in ſeiner Art lag. Das war Wilhem Friſchmuth. Reizender war ihm Betty niemals erſchienen als jetzt, da ſie ihn verſtohlen anlächelte und leiſe erröthete, aber er faßte ſein Herz zuſammen. Dl ſel thu geh ben ſieh ſch che zitt ſch 3äl Sti es wie ſtu n ſelbſt e Alie d ſelbſt t. Ven⸗ Gemah⸗ n Ring u rau⸗ 1d Franz ſch rei⸗ r Puter hei ſich en den riff den ie kleine war ir ind des ing vel⸗ in das vimmen er die ilfenſtein der der orſt be⸗ ſe nur un auf hle ſi afen nit mweſen⸗ Lippen obſchn Vilhen — 665— — Sie haben Dich mit hergeſchleppt, ſagte er zu ſich, damit Du ihnen einen guten Rath ertheilen möchteſt, nun gieb Dir ſelber einen und der heißt: drücke Dich ſacht hinweg. Was thuſt Du denn hier? Sie ſind Alle von derſelben Familie, ſie gehören Alle zu einander und ſind vornehmen Standes oder alt⸗ bewährte Diener. Du allein biſt hier das fünfte Rad am Wagen, ſieh zu, wo der Zimmermann das Loch gelaſſen hat und ver⸗ ſchwinde, denn bleibſt Du noch länger, ſo brennt Dich das Mäd⸗ chen mit ihren Augen todt! Aber Betty dachte nicht daran, ihm ein Leids zu thun, ſie zitterte vielmehr um ſeinetwillen, denn ſie bemerkte es wohl, ob⸗ ſchon ſie that, als ob ſie gar nicht nach ihm blickte, wie er die Zähne zuſammenbiß, und wie finſter ſich die Falte auf ſeiner Stirn vertiefte. Was konnte er denn nur haben? Sie verſtand es nicht, aber es ärgerte ſie, daß er ſich ſo gar nicht freute, ſie wiederzuſehen. Daniel athmete auf. Da war alſo der Ring, den er ſo lange vergeblich geſucht hatte, der es bewies, daß Antonina ein eheliches Weib war. Aber der Pater Venturo lachte grell auf. — Bravo! rief er, das iſt ein herrliches Beweisſtück! Seht nur nach, in dem Ringe iſt eine Kapſel, und darin ſtehen die Worte: Antonina Undentino iſt mein eheliches Weib, Alice mein geliebtes Kind, und wie nun, Frau Herzogin, kann Ihr Gemahl zwei Frauen auf einmal gehabt haben, und was ſind Sie denn, wenn Antonina ihm vorher angetraut war? Iduna glaubte in die Erde ſinken zu müſſen. Vor den Augen ihrer Kinder ſchalt man ſie eine gemeine Frau? Wie in ſtummer Verzweiflung rang ſie die Hände. Montalto erhob ſich. — Schändlicher Kügner, rief er, Du, Du allein biſt an all meinem Unglück ſchuld! Hab ich es doch erſt zu ſpät erfahren, daß Du die prieſterlichen Weihen noch nicht empfangen hatteſt, als Du mich mit Antonina trauteſt. Ich und ſie, wir heiratheten uns in gutem Glauben an Dein Wort, aber als ich erfuhr, daß Du ein niederträchtiges Spiel mit uns getrieben hatteſt, da war es zu ſpät, es wieder gut zu machen, denn meine Liebe zu Anto⸗ aber ——— — 666— nina war erkaltet, weil ich Iduna kennen gelernt hatte. Darum hat Dieſes Papier in dem Ringe keine Gültigkeit, denn das Datum beweiſt, daß Du damals noch kein Recht hatteſt, Trau⸗ ungen vorzunehmen, und Iduna iſt vor Gott und der Welt die rechtmäßige Herzogin Montalto, und ihre Kinder ſind ehelich erzeugt. — und wäre es ſo, grinſte der Zeſuit, ſo verlache ich doch Euch Alle, denn dieſer ſo lange geſuchte und jetzt ſo überflüſſige Ring iſt nicht da, durch welchen Gabriele Donato die Erbſchaft haben kann, der trägt freilich auch einen weißen Stein zwiſchen einem rothen und einem grünen, aber er hat keine Kapſel. — Gabriele, wo iſt der Ring, durch den Du mir angetraut wurdeſt? fragte der Fürſt ſeine Gattin. — Wehe mir, ſeufste dieſe, ich beſitze ihn nicht mehr! — Nicht mehr Deinen Trauring? fragte der Fürſt Alphons mit Erſtaunen; wo kann er geblieben ſein? — Vergieb mir, bat die bleiche Frau. Ich wollte unſer Kind erretten, ich gab den Ring dem Arzte, der mich entbunden ich habe ihn niemals wiedergeſehen, nicht ihn und nicht ſeinen Diener, der den Knaben forttrug. O ich weiß, wo unſer Kind iſt, Glanz und Herrſcherpracht umgaben es, das arme Kind und jetzt, geſtürzt, enterbt! — Enterbt, wie Sie, Frau Fürſtin! rief Venturo. Ohne den Ring keine Erbſchaft, ſo ſteht es geſchrieben. O, ich will großmüthig ſein, ich laſſe Ihnen eine volle Stunde Zeit, ſchaffen Sie bis dahin nicht den Ring herbei, dann nehme ich das Geld für den Kardinal Antonio Undentino in Empfang Länger hielt ſich Wilhelm Friſchmuth nicht. Er war den Geſprächen mit fieberhafter Aufregung gefolgt, denn er konnte ſich nicht entſchließen, Betty's Anblick zu fliehen und wollte doch nicht an ſie denken, darum lauſchte er und ſuchte den ganzen ſeltſamen Zuſammenhang zu verſtehen. Aber nun wandte er ſich plötzlich um und verließ das Zimmer, er ſlürzte nach ſeiner Schecke, er warf ſich darauf und mit Blitzesſchnelle jagte er davon. Sein Thier ſchien ihn zu verſtehen, es eilte wie der Wind N Darum denn das ſt Trau⸗ Velt die id ehelich ich doch berflüſſige Erbſchaft zwiſchen pſel angetraut tAhhens Me unſer entbunden und niht vo unſer an Kind Ohne ro. Oh i wil it, ſchnfin das 6eh wor den e fonnte wolt doc den gene ſich ndie er ſinet n jige 15 Miſ e der — 667— dahin, die Häuſer flogen an ihm vorbei. um ſich in Paris zurechtzufinden, wenn er hineinkommen ſollte, hatte er ſich früher ſchon einen Plan der Stadt gekauft und ihn fleißig ſtudirt, jetzt kam ihm das zu ſtatten. Dort lagen die Tuilerien, dieſes herr⸗ liche Gebäude, dort war das Louvre in ſeiner düſteren Pracht, drüben der Dom der Invaliden, in dem die Aſche des erſten Napoleon ruht, da die Kirche unſerer lieben Frauen, eins der herrlichſten gothiſchen Bauwerke, jenſeits ragte die Vendomeſäule mit der Statue des erſten Kaiſers, hier ſtand der Triumphbogen, durch den die Truppen gezogen waren.. er achtete das Alles wenig, er ſah kaum die wunderſchönen Boulevards, das Mars⸗ feld, den Juſtizpalaſt, er hatte kein Verſtändniß dafür, daß Paris eine der ſchönſten Städte der Welt iſt, vor ſeinen Augen ſchwebte Bettys Bild, in ſeinem Herzen lebte Gabrielens Leid. So hieß alſo eigentlich Maria Fiſcher, und ſie war eine Fürſtin, eine vornehme Frau, ſie, die ſich ſo ganz der Pflege der Armen und Kranken gewidmet hatte, die nicht nach Glanz und nur nach Tugend ſtrebte, wie er ſie verehrte, dieſe bleiche Frau, wie er den ſanf⸗ ten Roſenſchimmer bewunderte, den die Liebe auf ihre bleichen Wangen gerufen hatte, bis der Gram ihn wieder verwiſchte; was hätte er nicht darum gegeben, ſie immer ſo roſig zu ſehen! Ja, wäre es nur möglich geweſen, dem Jeſuiten den Hals um⸗ zudrehn, Wilhelm Friſchmuth hätte es mit Vergnügen gethan, doch ſo trieb er nur ſeine Schecke, und ſie ſchien es zu fühlen, daß ſie bald von ihm ſcheiden ſollte, denn ſie trug ihn wie mit Liebe und gehorchte ſeinem leiſeſten Winke. Arme Schecke, aumer Reiter, werdet Ihr nach der Trennung beide unglücklich ſein, und ein freudloſes Leben, Gott weiß wie lange, dahinſchleppen müſſen? Eine Stunde Friſt! Mit teufliſchem Hohne hatte der Pater Venturo dieſes Wort geſprochen... eine Stunde Friſt, was konnte ſie helfen? Der Ring war verloren, und Niemand ahnte, wo man ihn ſuchen ſollte, der Ring hätte Gabrielen zur Univer⸗ ſalerbin des Vermögens gemacht, jetzt, da er fehlte, fiel die Haupt⸗ maſſe dem Kardinal Undentino zu, und ein geringer, wenn auch — 668— immerhin noch ziemlich bedeutender Antheil zerſplitterte ſich unter die übrigen Erben. Venturo gönnte ihnen auch das nicht einmal. Mit giftigen Blicken betrachtete er die drei Grafen Iſſelhorſt, die ihm Eindringlinge ſchienen, ohne jede Berechtigung als die, welche ihnen eine entfernte Verwandtſchaft gab, den Maler Rafael Gambi, der gleichfalls nur weitläufig mit der Familie Undentino zuſammenhing, und jenen Emanuel, an deſſen Tod er ſo gewiß geglaubt hatte, und der, ebenſo wie der Fürſt Donato, gleichſam aus dem Grabe auferſtanden war, um ihm die Früchte aller ſeiner Bemühungen ſtreitig zu machen. Sie ſaßen in trauter Gemeinſchaft und ſchienen es faſt ver⸗ geſſen zu haben, daß es ſich um gewaltigen Beſitz handelte. Der Fürſt Alphons konnte ſich nicht ſatt ſehen an den geliebten Zügen ſeines Weibes, Iduna betrachtete ihren Gatten mit Blicken tiefen Mitleids, denn ſie las auf ſeinen Zügen namenloſen Schmerz, den ihre Liebe und ihre Vergebung nicht auszulöſchen vermochten. Reinhold von Iſſelhorſt hatte ſich nicht an Helene Montalto heran⸗ gewagt, aber Rafael Gambi, der ja der Vertraute ihrer Liebe geweſen war, nahm ihn hei der Hand und zog ihn zu ihr. Ottomar lehnte in einer Fenſterbrüſtung neben Beaten, die ihm ihre Hand nicht entzog, Eugen lief hin und her, und machte Bekanntſchaften und erkundigte ſich nach dieſem und Jenem, ſelbſt Daniel und Peter Godard hatten ſich Viel zu ſagen, und nur zwei von Allen klieben allein, es waren Betty und Venturo. Der Zeſuit ſaß in einer Ecke und berechnete, wie groß ſein Antheil blieb, ſelbſt wenn er davon den FPflichttheil abgeben mußte, ihn ärgerte jeder verlorene Groſchen, und ſein Herz war voll Gift und Galle. Hätte er ſie alle vernichten können, wie ſie da vor ihm ſaßen, wie gerne hätte er es gethan, aber ſeine Blicke tödteten nicht, und er konnte es nicht begreifen, warnm ſie glück⸗ lich waren, da ſie doch einen ſo furchtbaren Verluſt erleiden ſollten. Dieſer verſchuldete Herzog, dem kein Stein von ſeinem Hauſe gehörte, dieſe drei Grafen, die zumeiſt auf ihren eigenen Verdienſt in Arbeit und Staatsämtern angewieſen waren, dieſer Emanuel, deſſen Erbtheil längſt von ſeinem Bruder mit Beſchlag belegt worden war, dieſe Helene ohne Mitgift, und Alice, das uneheliche Kin nich hatte fühl wein von dem ſie kein vo Fr „ Se ihr 8 da 8 ich unber einmal. ſſelhorſt, als die, Maler Famile ſen Tod Donoto. e Früchte faſt ver⸗ te Der n Zügen en tiefen Schmerz⸗ mochten lo heran⸗ er Liebe hr. ahn die nd machte und nur nturo. gwß ſin abgeben Herz wal nie ſe ine Blide ſe gic⸗ erleden lem huſ vordent ßnunu — 669— Kind eines verarmten Vaters.. ſie Alle ſchienen das Geld für nichts zu achten, für das er die ewige Seligkeit dahingeopfert hatte. Aber es gab noch ein anderes trübe geſtimmtes Herz. Betty fühlte ſich allein, und es war ihr ſo beklommen, als hätte ſie weinen mögen. Während die beiden anderen jungen Mädchen von Glück und Liebe ſtrahlten, ſaß ſie ganz ſtill, die Hände in dem Schooß gefaltet. Arthur und Richard plauderten neben ihr, ſie hörte kein Wort davon. — Was wird denn nun aus mir? fragte ſie ſich und wußte keine Antwort zu finden. Es ſchien, als wäre ſie vergeſſen worden, als gehörte ſie gar nicht hierher, wo Niemand ſich um ſie bekümmerte. Solches Gefühl des Ueberflüſſigſeins hatte ſie nie vorher empfunden, gab es denn Niemand, der ſie lieb hatte, Niemand, der ein theil⸗ nehmendes Wort an ſie richtete? — Es iſt ein Troſt, dachte ſie, Alice Undentino bin' ich nicht, denn ſonſt würde doch Jemand von den Verwandten mit mir reden. Aber bald ſah ſie, daß Veate auch nur mit Ottomar ſprach, und es kamen ihr neue Zweifel. — Nur das nicht, nur kein vornehmes Fräulein, ſagte ſie. Wenn ſie mich in ſeidene Kleider ſtecken und mir hinten ein Chignon und eine lange Schleppe anmachen, geh ich lieber in das Waſſer. Herr Gott, wie iſt es langweilig, ſo ſteif dazuſitzen, der gröbſte Strickſtrumpf könnte mich retten, ich hätte doch wenigſtens die Finger zu bewegen und bekäme etwas fertig, während ich jetzt ſchreien möchte für Ungeduld und Langerweile. Eugen trat zu ihr heran und ſchwatzte ihr allerlei Zeug vor, aber er erhielt einſilbige Antworten, denn Betty hatte keine Freude an ſeinen Scherzen. Ihr ſchwoll es immer höher in der Bruſt, ſie ſagte es ſich wohl, daß ſie Beate ihr Glück aus voller Seele gönnte, daß ſie die hetzlichſte Theilnahme für die Freude ihres edlen Wohlthäters hegte, aber wie konnte ſe es ändern, daß ſich Thränen in ihre Augen drängten und Seufzer ihren Buſen hoben. — 670— Solch' eine Stunde kann furchtbar lang werden. Eugen erzähl e ihr, wie ſie nach einem Wagen geſucht hätten, bis plötz⸗ lich ein ſächſiſcher Soldat, Heinrich Becker, ſie aus der Noth errettet hatte, indem er von weither ein Fuhrwerk herbeiholte, das er ſelber lenkte. Sie hörte, wie Helene es Reinhold und Gambi erzählte, daß ſie tagelang unter der Erde gelebt hatte, ſie, Iduna und Margerethe. — O das war eine ſchöne Zeit, ſagte Helene, wir hatten ſo viel gelitten, daß uns die Ruhe gut that, und Emanuel Un⸗ dentino verſtand es, uns den Aufenthalt zu verklären. Während draußen noch Barrikaden erbaut wurden, lebten wir in himmliſchem Frieden, ach, und er gab uns ſo ſüßen Troſt und verhieß uns eine ſo glückliche Zukunft! Tante Iduna ſeufzte, aber ich dachte an Reinhold und hoffte! Ja, ja, ſie hofften Alle, nur Betty nicht, denn ihr ſchien es, als hätte für ſie das Leben keine Roſen, als läge vor ihr ein rauher Pfad voller Dornen und Beſchwerden. Die Zeit verrann, Venturo ſah mehr als einmal nach der Uhr und konnte nicht begreifen, daß von allen Anweſenden Niemand nach demtkoſtba⸗ ren Ringe ſuchte, an deſſen Beſitz doch ſo Vieles hing. Schon waren drei Viertelſtunden vergangen, und noch immer ſchwelgten ſie in der Freude des Wiederſehens, und Emanuel erzählte Ga⸗ brielen, wie er ihr heimlich überall hingefolgt ſei, um ſie vor den Bosheiten Venturos zu ſchützen, und wie es ihm gelungen war, ſie und Margarethe und ſpäterhin auch Helene und die Herzogin unter ſeine Obhut zu nehmen, wie er ſelber die Briefe an alle Verwandten geſchrieben hatte, die ſie hierherberiefen, nur nicht an den Fürſten Alphons und ſeine Schutzbefohlenen, da er von ihrem Aufenthalt nichts wußte und nicht ahnte, daß eine glückliche Schickung Gabrielens Gatten am Leben erhalten hatte. — Und ſo, ſchloß er, habe ich auch unabläſſig nach Deinem Ringe geſucht, doch fand ich ihn nicht. Ich konnte den Namen des Arztes nicht erfahren, durch welchen Du entbunden worden warſt und der den Ring von Dir erhalten hatte. Meine Nach⸗ forſchungen bei allen Juwelieren blieben vergeblich, es hatte ihn Niemand gekauft, Niemand geſehen. Aber tröſte Dich, Gabriele, — nich gew er lag ſein zum Wa ſor Uh Er Dii ſhl Un! Eugen er Noth lte, das Gombi Iduna r haten mel Un⸗ mliſchen ieß uns h iachte verrann nicht ba⸗ Schon chwelgen ihle Go⸗ vor den igen vul 55 alle nicht an von ihren gull ch Liinel en Non den en n Vch — 671— nicht der Reichthum verleiht das Glück, nur die Tugend kann es gewähren. Montalto, der dieſes Wort vernommen hatte, ſeufzte tief, er wußte, wie Recht Emanuel hatte. Von allen Anweſenden lag ihm am meiſten an der Erbſchaft, denn ſie hätte die Zukunft ſeiner Gattin und ſeiner Kinder geſichert und Helenen wenigſtens zum Theil dasjenige erſetzt, was er ihr veruntreut hatte. Jetzt war es vorbei. Venturo richtete ſich empor, ein grinſendes Lachen flog über ſein ſcheußliches Geſicht. Die Stunde war vorbei, die Uhr ſetzte zum Schlagen ein und ſeine Sache war gewonnen. Er rieb ſich vergnügt die Hände. — Hole den Kaſten, Daniel, rief er, nein, warte, ich will Dich begleiten, mach hurtig, er muß hier oben ſein, ehe es ſchlägt. Daniel warf einen bekümmerten fragenden Blick auf Emanuel Undentino. Dieſer neigte ſein Haupt.— — Der Kardinal, ſein Auftraggeber, iſt der Erbe, ſagte er, thu, wie er es Dir gebietet. Der Pater ſchwenkte die Vollmacht, welche ihm der Kardinal ausgeſtellt hatte, ſeine Wangen rötheten ſich, und mit Eile ſtürzte er in das Kellergewölbe hinab, wohin Daniel und Peter Godard ihm vorangegangen waren. — Es iſt vorbei, ſagte Emanuel, als ſie fort waren. Ich berief Euch hierher, um Euch reich zu machen, oder, was für edle Herzen mehr werth iſt, um Euch zu zeigen, wie der Himmel Gabrielens Tugenden zu belohnen weiß... es iſt vorbei. Gott hat es anders beſchloſſen. Nach dem Wortlaut des Teſtamentes erhält ein Jeder von Euch, Gabrielen und ihren Gatten ausge⸗ nommen, die Summe von zehntauſend Thalern. Ich brauche Euch nicht zu ermahnen, daß Ihr ſie gut anwendet, denn ich kenne Euch und vertraue auf Eure Tugend. Nehmt denn, was Gabriele nicht zu Theil werden ſoll, nehmt es und ſeit glücklich. — O nein, rief Reinhold, was haben wir für Antheil an dieſem Gelde, ihr muß Alles gehören, mit oder ohne Ring! — Ja wohl, beſtätigte Ottomar, mein Bruder hat ganz — 672— Recht, wir entſagen einem Vermögen, das uns durch Zufall an⸗ heimfällt und das ihr gebührt. — Ihr ſeid brave Jungen! rief Eugen. Ja, ich bin auch dabei, wenn es auf's Entſagen ankommt. — Und ich, fügte Rafael Gambi hinzu. — Und wir! ſagte die Herzogin mit ſchwacher Stimme. — So habe ich es erwartet! rief Emanuel. — Aber ich nehme dieſes Opfer nicht an, rief Gabriele aus, bin ich doch glücklich genug! Venturos Wiederkehr hemmte dieſen Streit des Edelmuthes. Er war den beiden Männern gefolgt, um ſich davon zu über⸗ zeugen, daß Daniel ſeinen Schatz nicht etwa vernichtete. Jetzt legte er die Hand auf die ſchwere Kiſte, welche in die Mitte des Zimmers geſtellt wurde, als es eben Eins ſchlug. — Im Namen des Kardinal Antonio Undentino, rief er mit triumphirender Stimme, erkläre ich, daß dieſes Geld ihm gehört! — Noch nicht! antwortete es ihm, denn hier iſt der Ring! Alle blickten mit Staunen empor. Es war Wilhelm Friſch⸗ muth, der mit hochgeröthetem Geſichte und athemlos in das Zimmer eilte und Gabrielen ein kleines blechernes Käſtchen hinhielt. — Da iſt er, ſagte er freudeſtrahlend, nehmen Sie ihn, Maria... oder Durchlaucht... ich bitte um Verzeihung. — Für Sie bleibe ich, was ich war, antwortete ſie und reichte ihm ihre Hand hin. Venturo ſprang auf wie eine angeſchoſſene Tigerkatze. — Den Ring, ſchrie er, ich will ihn ſehen, es iſt eine Fälſchung, ein Betrug! — Da iſt er, antwortete der Vachtmeiſter, öffnete das Käſtchen und ließ die Steine im Lichte funkeln. Wer noch daran zweifelt, der kann hier im Innern die Buchſtaben leſen. Nun denke ich, iſt die Sache entſchieden. — Sie iſt es, ſagte Emanuel, Gabriele Undentino, die Fürſtin Donato, iſt die alleinige Erbin dieſes Vermögens. — O mein Sohn, mein Sohn, ſchluchzte die bleiche Frau, — — den ſie Für der Fiſe balt chen von chen enin und in S in es dich ktay alle und als In chrg ſein den er ihn ſes erh fall an⸗ hin auch me. ele aus, lmuches. zu über⸗ e. Jett ſitte des rief er zeld ihm Ringl n Friſch⸗ in dos Käſchen ung. ſe und iſ eine nete das och daran Nn n. F — 673— denn was war ihr aller Reichthum ohne das geliebte Kind, dem ſie ihn nicht überlaſſen konnte? — Wie aber kommen Sie zu dem Ringe? fragte der Fürſt. — Seltſam genug, verſetzte Friſchmuth. Sier iſt mal wie⸗ der der Beweis geliefert, daß gute Thaten ſich belohnen. Maria Fiſcher, ich glaube, ich gewehne mir den Namen noch nicht ſo bald ab, die Frau Fürſtin hat ſich eines ſehr unwürdigen Mäd⸗ chens, namens Liſette angenommen, dieſe erzählte mir zufällig von einem Manne, der Iſidor heißt und der ihr ein Schächtel⸗ chen zur Verwahrung anvertraut hätte, welches er einem Arzte entwandte. Ich wußte, wo Liſette das Käſtchen vergraben hatte und ritt hin. Das Haus war leicht zu finden, aber es liegt halb in Trümmern. Ich kaufte in der Nähe einen Spaten und grub in dem Keller des Hauſes und nach fünf Minuten ſchon gelang es mir, den Schatz zu finden. Da iſt er, und nun Jeſuit, packe Dich, denn Du biſt der Blamirte! Venturo hatte das Geſicht in beide Hände gelegt, und ein krampfhaftes Schluchzen entrang ſich ſeiner Bruſt! Verloren, alles verloren! Das war zu viel! Was er Jahre lang erſonnen und erſtrebt hatte, verloren in dem Augenblicke des Triumphes, als er grade die Hand auf den ſo lange erſehnten Schatz legte. O das war der Hohn des Teufels, der ſtets ſein Opfer betrügt. In ſeinem Gehirn fing es an zu wirbeln. Wo waren nun ſeine ehrgeizigen Pläne, ſeine Hoffnungen auf die höchſten Würden in ſeinem Orden? Nicht ohne Mitleid konnten ihn die zarten Frauen ſehen, denn er litt furchtbar, aber Friſchmuth trat an ihn heran als er noch knieend vor der Geldkiſte lag, zog ihn empor und ſtieß ihn zur Thür hinaus, die er hinter ihm verſchloß. Ein ſo grau⸗ ſes Wehgeheul drang noch von draußen herein, daß alle Herzen erbebten. — So hat denn Gott für Gabriele entſchieden, ſagn Ema⸗ nuel, und ſie allein iſt die rechtmäßige Beſitzerin aller dieken Güter. D. V. Th U. 43 674— Gabriele blickte in dem Kreiſe der Freunde und Verwandten umher. — Ihr wolltet, ſprach ſie, um meinetwillen auf Euren An⸗ cheil verzichten, jetzt mag es mir geſtattet ſein mit Euch zu thei⸗ len. Zu viel Geld in meiner Hand bringt keinen Segen. Ich will Gutes thun, ſo viel ich es vermag, Ijr aber ſollt mir da⸗ bei helfen, indem ein Ider von Euch einen Theil dieſes Reich⸗ thums an ſich nimmt und damit in ſeinem Kreiſe wirkt und ſchafft. — So iſt es recht, beſtätigte ihr Gemahl, Gabrielens Ge⸗ danken ſind auch die meinigen, dieſes Geld wird mehr Segen bringen, wenn es Viele beſihen, als wenn es nur Eine zu ver⸗ walten hat. Gabriele hat die Schule der Leiden durchgemacht, ſie weiß, was es heißt, arm und hülflos im Leben daſtehen, jetzt ſieht ſie ſich von liebenden Freunden umgeben, die ihr nicht der Reich hum, die ihr die Tugend erworben haben. Das iſt ein Glück, welches ſich niht erkaufen läßt, denn reine Freuden ſind nicht für irdiſche Schätze feil. Nehmt darum, was ſie Euch bie⸗ tet, als ein Euch von Gott anvertrau es Pfand, mit dem Ihr Eutes thut zu ſeiner Ehre. — So iſt auch meine Anſicht, fügte Emanuel hinzu, und in dieſem Sinne berief ich Euch hierher. Gott fügte die Mitglieder dieſer Familie wunderbar zuſammen, und außer dem verlorenen Sohne, den Gott in ſeiner Varmherzigkeit abberufen hat, hege ich zu Jedem unter dieſen Anweſen en das Vertrauen, daß er ſich ſeiner Lebenspflichten bewußt iſt. Alphons und ich, wir wer⸗ den das Geld theilen und auch die treuen Diener nicht vergeſſen⸗ die zu unſeremn glüclichen Wiederfinden mit beigetragen haben. —— Verwandlen Euren U. ich zu hei⸗ egen 2 lt mir da⸗ tſes Reich wirit und rielens Ge⸗ mehr Sehn ine zu vel⸗ urchgemacht aſtehen, jett hr niht der Dus iſt ein euden ſind Euch bie⸗ t den 3hr hinzu und eVilide verlorenen hut he nen, deß 4 vetgeſin gen haben⸗ 63. Kapitel⸗ Der Ing des Herzens. Gabriele weinte ſtill vor ſich hin. — O Gott, ſeufzte ſie, um wie viel ſchöner und ungetrübter wäre mein Glück, wenn ich dem heißgeliebten Gatten unſeren verlorenen Knaben zuführen könnte! — Aber dazu iſt Hoffnung vorhanden! rief der Fürſt. Hat nicht dieſer wackere Mann den Namen des Arztes genannt, in deſſen Hände Du den Ring gelegt haſt, den er ſicherlich zurück⸗ erſtattet haben würde, wenn er ihm nicht entwendet worden wäre? Dieſer Arzt heißt Vernard, und wir werden ihn aufſuchen und von ihm erfahren, wo unſer Kind geblieben iſt! — Ach, klagte ſeine Gemahlin, ich fürchte, daß es uns auch dann nicht gelingen wird, den geliebten und ſo ſchmerzlich be⸗ weinten Knaben wieder zu erlangen, denn die Hände, die ihn feſthalten, ſind noch immer mächtiz genug, und auf ihm beruht die Zukunft Derer, die von der höchſten Höhe herab geſtürzt ſind. — Was meinſt Du? fragte Alphons. — Haſt Du es niemals gehört, ſagte Gabriele, daß die Kaiſerin Eugenie die Geburt eines Knaben nur vorgab, und daß es ein untergeſchobenes Kind iſt, dem der Thron Frankreichs be⸗ ſtimmt und vielleicht noch vorbehalten iſt? — Und Lulu, meinſt Du, wäre unſer Sohn? rief der Fürſt. O, dann freilich müßten wir ihn verloren geben, denn ſie werden Zeugen aufzubringen wiſſen, deren Ausſage die unſeren entkräftet! Doch ich hoffe noch, Gelebte, wir wollen nur erſt den Doktor Vernard beſorgen. Doch trotz dieſer tröſtenden Worte fühlte der Färſt Donato ſelber wenig Troſt. War es, wie ſeine Gattin wohl nicht ohne Recht vermuthete, lebte ihr Kind als kaiſerlicher Prinz, o ſo we Alles verloren, denn welche Gründe verſteht nicht ein ränkevolleg 43* —— S Weib aufzubieten, wenn es ſich darum handelt, einen frechen Betrug zu verdecken? Der blonde Knabe war nicht Eugeniens Sohn, dieſe Ueberzeugung ſtand in ganz Frankreich feſt. Die Kaiſerin, damals die Beherrſcherin der Moden, hatte den Ge⸗ ſchmack an bauſchigen Reifröcken und tonnenähnlichen Krinolinen aufgebracht, um glauben zu machen, ſie befände ſich in intereſ⸗ ſanten Umſtänden, welche die Nachkommenſchaft des Kaiſers ſicherten. In Paris fabelte man viel über die eigentliche Herkunft des Prinzen, und erfand die abenteuerlichſten Geſchichten darüber, doch Genaues wußte Niemand, und die Verſchwiegenheit der Aerzte und Diener mußte theuer erkauft ſein, da ſie ſo treulich gehalten wurde. Das bedachte der Fürſt Donato mit Bangen, denn war es nicht ſchrecklich, daß pielleicht ſein Sohn durch einen von aller Welt verachteten Vater, durch eine ſittenloſe Mutter erzogen werden ſollte, daß er vielleicht dereinſt ſeinem wirklichen Erzeuger Schande bereitete oder der Wuth eines Volkes anheim⸗ fiel, das den Stämm der Napoleoniden für ewig aus Frankreich verbannt hatte? Und durfte er hoffen, daß der Doktor Bernard ihm die Wahrheit ſagen würde, wenn ſeine Verſchwiegenheit ebenſo erkauft war, wie diejenige der Andern, und half es ihm etwas, wenn er die dem Arzte geſpendete Summe noch zu überbieten ſuchte? Ach, wie es auch ſein mochte, es gab keine Hoffnung, den Knaben wieder zu erlangen, und Gabrielens Herz, das fühlte er, mußte ewig an dieſer Wunde bluten. Arthur und Richard ſchmiegten ſich an ſie an und überhäuften ze mit Liebkoſungen, doch konnte ihr das den Anblick des genen Sohnes erſetzen? O nein, von allen Empſfindungen einer edlen Bruſt iſt die Mutterliebe die ſtärkſte, ſie verſiegt nicht, und die Zeit kann ſie nicht vermindern. Aber während ſich jetzt Alle um Gabriele verſammelten, um ihr für ihr großmüthiges Anerbieten, die Erbſchaft zu theilen, Dank zu ſagen, um ihr das tiefe Mitleid mit dem Verluſte ihres Sohnes auszuſprechen und ihre Hoffnung auf ſein Wiederfinden zu beleben, ſah Wilhelm Friſchmuth ſich plötzlich neben Betty⸗ n frechen ugeniens feſ. Die den Ge⸗ rinolinen n intereſ⸗ Kaiſer kunft des darüber, nheit der 9 treulich Bangen urch einen e Mutter wirllichen anhein⸗ Funleich ihm die it ebenſo etwus, äberbieten gofnunh ſihle ethäuften blic des ſndungen nelten⸗ eilen e uſe ih ederfnden Velth um — 677— die noch immer allein, aber nicht mehr traurig, in eer Fenſter⸗ niſche ſtand. Wie er dahingekommen war, das wußte er ſelber nicht, es mußte ihn wohl eine geheimnißvolle Macht zu ihr ge⸗ zogen haben, der ſich kein Widerſtand entgegenſetzen ließ. Zwar hatte er es ſich feſt vorgenommen, nicht mit ihr z reden, ehe er nicht mit Beſtimmtheit wußte, ob ſie auch keins vornehme Dame ſei, denn wozu ſollte er die Flamme in ſeinem Innern nähren, wenn ſie ihn nur verbrennen mußte, doch konn er dem Zauber nicht widerſtehen, der in dem Blicke lag, mit dem ſie ihn anſah, als er den Ring brachte. In dieſem Augenblicke ſchien er allein mit der bleichen Fürſtin beſchäftigt zu ſein, und dennoch durchglühten Bettys Augen ſein ganzes Weſen, und er fühlte eine ſtolze Freude, daß es ihm gelungen war, zu finden, was Alle vergeblich geſucht hatten, weil ſie es ſah, und weil ihre Wangen höher glühten, indem ſie ihn betrachtete. Zetzt ſtand er neben ihr, aber was ſollte er zu ihr fagen? In ſolchen Augenblicken das rechte Wort zu finden, iſt ſchwierig, und ihm lag Alles daran, ihr nicht zu mißfallen oder linkiſch und ungebildet zu erſcheinen. Frauen wiſſen ſich in ſolchen Fällen meiſt weit beſſer zu helfen, aber Betty ſchlug die Augen nieder und ſtand ihm nicht bei. Es war grauſam von ihr, denn ſie mußte es ſehen, wie der ſtarke, kräftige Mann zitterte und wie ſelbſt ſeine Füße ihm den Dienſt verſagten, ſo daß er am liebſten vor ihr niedergefallen wäre. Sollte er von ihrer erſten Bekanntſchaft reden? Ach da hatte er ſie ja ihrem Schickſal überlaſſen, und vielleicht zürnte ſie ihm deswegen noch immer. Dieſer Gedanke trieb ihm das Blut noch ſchneller zum Herzen, und in keiner Schlacht war ihm ſo bange geweſen wie in dieſem Augenblick. Dennoch konnte er unmöglich noch länger ſtumm neben ihr ſtehen und den Bart ſtreichen. Er nahm ſich zuſammen, wie ein Held. — Die arme Fürſtin, ſagte er, ich fürchte, daß ſte ihren Sohn niemals wiederfindet. Betty blickte ihn an. — Aber ſie hat ihren Gatten wiedergefunden, ſagte ſie, und Alles, was ſie ſonſt noch an Glück beßitzt, verdankt ſie Ihnen, — 678— und auch ich möchte es Ihnen danken, denn der durch Sie beglückte Fürſt iſt mein Retter und Wohlthäter. — Sie ſollten mir im Gegentheil böſe ſein, meinte er, denn ohne das Wiederfinden des Ringes würde vielleicht Ihr Erb⸗ ſchaftsantheil noch bedeutender ſein. — Hab ich denn Antheil an der Erbſchaft? fragte ſie. — Gewiß, antwortete der Verlicbte, und ſein Herz ſchlug Iin bis in den Hals hinauf, wenn Sie die Tochter des Herzogs Montalto ſind. — Ja aber bin ich es denn? fragte das Mädchen weiter. — Möchten Sie es nicht ſein? — hm keinen Preis der Welt. — Gefällt Ihnen der Vater nicht? Ich glaube, er iſt ſchlecht geweſen, aber er hat ſich geändert. — Meinetwegen, aber ich, ich paſſe nicht dazu, eines Herzogs Tochter zu ſein. — Wirklich nicht?.. und warum nicht? — Weil ich zu keiner vornehmen Dame geboren bin. Ich muß die Arme rühren, thätig ſein, wirthſchaften und ſchaffen. das kann keine hochadlige Dame, und ſollt ich mich einmal ver⸗ heirathen.. — Nun, was dann? — Ja, dann möchte ich auch keinen vornehmen Herrn, der mich auf den Ripptiſch oder auf das Präſentirbrett ſtellen möchte, einen rechtſchaffenen, praktiſchen Mann nüßte ich haben, einen, mit dem ich zugleich arbeiten und erwerben könnte, und der friſch in das Leben eingriffe, ohne lange zu grübeln und Grillen nach⸗ zujagen. — Betty... liebes Fräulein.. ich bin Sie ja nicht werth aber wenn Sie einwilligten.. wenn Sie meine Frau würden.. — Das, denk ich, müßte ſchön ſein. Er hätte unſinnig werden mögen vor Freude bei dem Blick, mit dem ſie ihm ſo treu und rein in die Augen ſah. Nein, da war keine Spur von eitler Gefallſucht, das war die kindlich fromme Hingabe eines Herzens, das der Schickung Gottes nicht wider⸗ ſeh ind ein ter ver hri offe Fa bra jan ha durch Sie er, denn Ihr Etb⸗ ſi. e ſchlug Heroh nweiter. iſ ſcheht es heros tn. 3 chufen⸗. einmul vr Herrn, der len nihl⸗ en einen de ſtiſh rilen n⸗ ie 1 Sie meine n Bl Nein, lich rm⸗ iht wů⸗ a n — 679— ſteht, und das keine Ziererei kennt. Er nahm ihre Hand, aber indem er ſeine Lippen darauf preſſen wollte, durchſchauderte ihn ein unſäglich trüber Gedanke. — Aber, ſagte er, wenn Sie nun doch des Herzogs Toch⸗ ter wären, und wenn Ihre Verwandten anders über Sie verfügten? — Fürchten Sie Richts, verſetzte Betty mit Herzlichkeit, mich bringt Nemand zu dem, was meiner Natur zuwider iſt. Und offen will ich es Ihnen ſagen: Als ich Sie zuerſt auf Schloß Falkenſtein ſah, da gefielen Sie mir, aber jetzt, als Sie den Ring brachten, da dahhte ich, der paßt für Dich, denn wenn die Andern jammern und ſich beſinnen, ſo handelt er. — und ih.. ſeitdem ich Sie zuerſt ſah, Tag und Nacht habe ich an Sie gedacht. — Das danke ich Ihnen, und dafür können Sie auch auf mich rechnen, wie es auch kommen mag. — Welch einen Schatz hat mir der Himmel in Ihnen gege⸗ ben, Betty, aber ich will ihn auch verdienen! Sehn Sie dort den Kaſten voll Gold, wir beide haben keine Hoffnung, jemals auch nur den hundertſten Theil davon zu beſitzen, aber arbeiten will ich für Sie, daß es Ihnen nie an etwas fehlen ſoll, und glücklicher wollen wir ſein, als alle reichen Leute auf der Welt, denn das verſpreche ich Ihnen, Sie ſollen immer Urſache haben, mich zu achten, und ich, ich will Sie lieben, Betty, Du liebes, einziges Mädchen. — Wo iſt Friſchmuth? fragte in dieſem Augenblick der Graf Ottomar. — Hier, zu Vefehl! fuhr dieſer plötzlich aus ſeinem Glücks⸗ taumel empor. — Ich erzählte ſoeben der Frau Herzogin Montalto, wie Sie ihre Knaben gerettet haben, ſagte der junge Mann, und ſie möchte Ihnen dafür danken. — Dazu iſt keine Urſache, ſagte der, ich hatte die Jungen lieb, und da thut man denn gerne was Uebriges. Das Beſte aber thaten Maria Fiſcher und der Graf Ottc nar. Daß aber Reinhold und Arthur Ihnen gehörten, das habe ich erſt vor wenigen Tagen erfahren. — Doch laſſen Sie mich Ihnen danken, bat Iduna und reichte ihm ihre Hand. O, das Glück eines Mutterherzens, das die vermißten Kinder wiederfindet, iſt ſo groß, daß nur ich allein von allen hier Anweſenden ganz den Schmerz der Fürſtin Donato zu würdigen weiß, denn ich habe ihn gleich ihr empfun⸗ den. Darum bitte ich Gott, daß er mir Gelegenheit geben möge, mich Ihnen dankbar zu beweiſen. — Dazu wird wohl keine Zeit ſein, ſelbſt wenn es nicht ſo ganz unnöthig wäre, lächelte der Wachtmeiſter. Ich muß nämlich den Grafen Reinhold daran erinnern, daß unſer Urlaub vorbei iſt, und daß wir in den Dienſt müſſen, ſonſt giebt es für ihn einen Verweis und für mich Strafe. — Sie ſehen, wie er ſich Ihrem Danke zu entziehen ver⸗ ſteht, ſagte Ottomar zu der Herzogin. Und ſo macht er es mit uns Allen, obgleich er mir und meinem Bruder Reinhold das Leben gerettet hat. — Man muß Mittel finden, ihm das zu vergelten, ant⸗ wortete Iduna. — Verſuchen Sie es lieber nicht, bat Ottomar, Sie wür⸗ den ihn kränken. Nur die Fürſtin vermag etwas über ihn, doch auch von ihr würde er kein Geldgeſchenk annehmen davon bin ich überzeugt. Friſchmuth war indeſſen zu Reinhold herangetreten, der ganz in ſein Geſpräch mit Helene vertieft war. — Herr Graf, ſagte er, es thut mir leid, aber ich muß Sie an den Dienſt mahnen. — Ah, Sie haben Recht, lieber Friſchmuth, aber iſt es denn wirklich ſchon ſo ſpät? — O ja, eine Naſe kann es ſchon geben. Wenn da draußen etwas losginge, und wir wären nicht dabei, das wäre unangenehm. — So muß ich fort, Helene, aber ich ſehe Sie noch heute Abend wieder. Vilhelm ging zu Betty. wi vo ate hie da we me ſa ker erſt vor una und ens, das ich allein Finſin emyfun⸗ en möge es nicht 3 muß t Urlaub giebt e ehen ver⸗ r es mit old das ſten, an⸗ Sie wür⸗ ihn do an bin ten, der muß Si e iſ dus vin vih het — 636— — Ich muß in den Dienſt, ſagte er, aber wo finden wir uns? — Weiß ich es? fragte das Mädchen, o, ich habe es ſatt, von Anderen abhängig zu ſein. Jetzt muß ich warten, wer Be⸗ aten und mich zu ſich nimmt. — Ich nehme Dich, ſobald ich kann, ſagte er und ſein liebevoller Blick bewies ihr, daß er die Wahrheit ſagte. Als er mit Reinhold davonritt, war den heiden Männern das Herz ſo voll, daß ſie nur wenige Worte mit einander wechſelten. Als ſie ſich trennten, reichte der Graf dem Wacht⸗ meiſter die Hand. — Sie haben meinen Bruder und mir das Leben gerettet, ſagte er, aber was Sie heute thaten, ſcheint mir noch viel dan⸗ kenswerther zu ſein. — Pah, lachte Friſchmuth, das lohnt ſich ſchon von ſelbſt. — Aber warum, fragte Reinhold, ſchlugen Sie das Ihnen angebotene Geld aus, es würde Ihre Zukunft begründen. — Was frag ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zu⸗ frieden bin, ſang der Wachtmeiſter, und zufrieden bin ich, jetzt weiß ich, was die Redensart, glücklich wie Gott in Frankreich zu bedeuten hat, iſt es mir doch, als wire ich gar nicht mehr auf dieſer Erde, als wäre der ganze Himmel mein. Doch davon ſpäter, Herr Graf. Zetzt hört das Vergnügen auf, und der Dienſt fängt wieder an. So trennten ſie ſich, während die übrigen Mitglieder der Familie Undentino noch beiſammen waren. Der Herzog Mon⸗ talto hatte bisher ſtumm und in ſich verſunken dageſeſſen. Wie hätte Iduna es ahnen können, wie weh ihr ſanfter Blick ſeinem ſchuldbeladenen Gewiſſen that! Denn ſie konnte ja nur den keinſten Theil ſeiner Verbrechen, ſie wußte nicht daß dieſe Hand, die ſie in ihren Händen hielt mit Blut befleckt daß ihr Gemahl ein Dieb und Mörder war! Er war an Leiden gewohnt, und ſeine Seelenpein wur ſo groß, daß er darüber körperlich Leiden zu vergeſſen pflegte. Zetzt aber wühlte ein brennender Schmerz in ſeine Bruſt, in ſeinen Schläfen pochte es ſo laut, daß er meinte, die Sinne müßten ihm darüber vergehen, und Fieber⸗ ſchauer durchbebten ihn. Iduna bemerkte es wohl, daß er litt, ſie meinte, er habe zu viel Anſtrengungen ertragen, und da ſich ihr großmüthiges Herz einmal zur Vergebung entſchloſſen hatte, bangte ſie um ihren kranken Gatten und bat ihn, mit ihr nach Haus zu gehen, damit ſie ihn pflegen konnte. Er aber richtete ſich empor. — Wo iſt meine Tochter? fragte er. Es ſoll mein erſtes Geſchäft ſein, ſie anzuerkennen, damit ein jeder Makel von ihrer Geburt genommen werde. Betty erzitterte, ſie wich ſcheu in die Fenſterniſche zurück. Wenn ſie des Herzogs Tochter war, wie konnte ſie die Frau eines ſchlichten Handwerkers werden? — Wo iſt Alice? fragte der Herzog noch einmal, will ſie den Vater nicht umarmen, der an ihrer unglücklichen Mutter ſo ſchwer geſündigt hat? Eine Pauſe entſtand, eine ſchreckliche Pauſe. Montalto ſank in den Seſſel zurück und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen⸗ Richard ſprang auf Betty zu. — Sei Du unſere Schweſter, ſagte er, mit Dir ſpiele ich am liebſten. — Die Frage, ſagte der Fürſt Donato, muß für den Augen⸗ blick noch unentſchieden bleiben. In vier Tagen iſt Alice Mon⸗ talto's Geburtstag. Die Mädchen feierten dieſes Feſt bisher gemeinſam, obgleich die Enkelin Peter Godards um einige Wo⸗ chen älter iſt, als ihre Spielgefährtin. Erſt an dieſem Tage, ſo habe ich es der ſeligen Madelon verſprochen, wird ſich das Ge⸗ heimniß enthüllen. Bis dahin bitte ich die Frau Herzogin, beide Mädchen zu ſich zu nehmen, ſie werden an ihr eine Mutter, an Fräulein Helene und Margarethe Schweſtern finden. Ich ſelber gedenke mit meiner geliebten Gabriele in dieſem Hauſe zu bleiben, bis wir den Doktor Bernard geſprochen haben. Erſt dann können wir einen Entſchluß über unſere Zukunft faſſen. ver er lit, d da ſih ſen halte, ihr nch er richtete nein erſtes von ihrer he zuric. die Frau l wil fe Nulter ſo nollo ſank nhänden⸗ ſpiele ich den Augel⸗ Aie peſ löhe inige W⸗ ge ſo das Ge⸗ ogin, beide Muter u 30 ſle zu hleiben erſ don 84. Kapitel. Vergebliche Hoffnungen. Paris war ruhig, aber es war die Ruhe eines Vulkans, in deſſen Inneren verderbliches Feuer kocht. Noch glimmte es tief verborgen, doch ſprühten die Augen Funken, doch klopften die Herzen wild und leidenſchaſtlich, doch war in jedem Augenblick ein furchtbarer Ausbruch zu erwarten. Indeſſen hielt die große Menge ſiegreicher Feinde die Stadt in Ordnung. Immer neue Truppen rückten herein, und bei dem geringſten Anlaß konnte dies ſo gedemüthigte Paris von außen her in Grund und Voden geſchoſſen werden. Doch ſtaunten die Einwohner ſelbſt über die Mäßigung der Sieger. Man hatte gefürchtet, ſie würden thun, was der erſte Napoleon überall gethan hatte, man glaubte, ſie wurden die öffentlichen Gebäude plündern, Kunſtwerke wegführen, Kaſſen ausleeren und Denkmäler zerſtören. Die koſtbarſten Gemälde waren ſchon im Voraus verſteckt worden, die herrlichſten Kleinoden hatten ſie tief vergraben. Aber zu ihrer größten Verwunderung fragte Niemand danach. Die Soldaten beſahen ſich die Tuilerien und das Louvre, aber ſie rührten nichts an und zeigten nicht nur Verſtändniß, ſondern auch heilige Ehrfurcht vor den herrlichen Schöpfungen des menſch⸗ lichen Geiſtes. Nur kurze Zeit konnten die Einzelnen in Paris verweilen, und nur das Wichtigſte und Intereſſanteſte beſahen ſie ſich. Noch gab es kein Theater, denn während der Belage⸗ rung waren die meiſten Künſtler geflohen, und die andern hatten in der Nationalgarde mit gekämpft, Paris war nicht mehr die Stadt der Vergnügungen, die Heiterkeit war entſchwunden, und wenn dieſe bleichen von langen Leiden von Hunger und von der Kälte abgemagerten Geſichter lachten, ſo ſah es faſt gräulich aus, denn es war nicht das Lachen der Heiterkeit, ſondern das — 684— eines wilderregten Geiſtes. Niemand konnte ſich dabei heimiſch fühlen, und nicht ſo ungern, wie ſie es anfangs geglaubt hatten, verließen die Deutſchen Paris. Auch der Graf Reinhold von Iſſelhorſt und Wilhelm Friſch⸗ muth waren wieder nach Verſailles zurückgekehrt und erfuhren dort, daß ihr Abmarſch nach der Heimat in nicht weiter Ferne lag. Der Graf hatte noch vorher Helenen geſprochen und bei ihrer Tante um ſie geworben. Iduna war glücklich, ihre geliebte Nichte einem ſo edlen Manne übergeben zu können, denn ſicher war das Weib geborgen, das ſich an eine ſo treue Bruſt zu lehnen vermochte. So war denn dieſes Paar beglückt und ſah einer himmliſchen Zkunft entgegen. Weniger gut erging es den beiden anderen Mädchen. Der Graf Ottomar konnte nicht um Beatens Hand anhalten, ehe er nicht wußte, ob er ſie ſich von dem Herzog von Montalto oder von Peter Godard erbitten ſollte. So oft er auch Beaten verſicherte, daß ſeine Liebe unverändert bleiben würde, wie ſich auch ihr Schickſal entſchiede, ſo ſehr zagte das arme Kind, denn würde Ottomars Vater in eine Verbindung willigen, die tief unter dem Stande ſeines Sohnes war? Nicht weniger ängſtlich war es Betty zu Muthe. Sie hatte den Wachtmeiſter nicht wieder geſehen und ſehnte ſich doch nach ihm. So gut die Herzog'n gegen ſie war, ſo liebevoll Helene und Margarethe ſie auch behandelten, ihr behagte es nicht in dem vornehmen Hausſtande Wenn ſie Stunden lang ſtill ſitzen muß te, war es ihr, als hielte ſie es nicht länger aus, als müſſe ſie davon laufen. Helene war Meiſterin im Klavierſpielen, Beate ſang mit klarer Stimme und nahm ſich vor, noch viel zu lernen, Betty liebte auch die Muſik, aber ſie mochte ihre Hände nützlicher gebrauchen als zum Klimpern, ſie ſang gerne, aber nicht nach Noten, ſondern frei wie der Vogel im Baum. Wenn die Bedienten ſo ungeſchickt waren, wenn der Koch das Eſſen ſchlecht zubereitet hatte, wenn die Kammerfrau über zu viel Arbeit klagte, ſo hätte ſie helfen, beſſern, mit eingreifen mögen, aber ſie durfte es nicht, denn das hätte ſich nicht für eine war. Der ſpin fant Zah und e3 1 wir län laſſ hatt nen ſc eine ſein Lieb unt nit Od ihn mi ewi Be die nie zur K heimiſch thatten nßriſch⸗ rfuhren et ßerne und bei geliebte nn ſcher ruſt zu und ſah es den icht um ſch von n ſolle. erändert ſo ſehr in ein Sohnes ie hatte och nch 1 Helene nit in il ſiten s miſſe rſpielen, r, woh nocht ſe ſans ogel in 685 eine Dame geſchickt, die vielleicht von herzoglichem Geſchlechte war. Doch konnte ſie ſich wenigſtens in einer Weiſe nützlich machen. Der Herzog Montalto war gefährlich erkrankt, der Doktor Bernard ſprach von einem Nervenfieber, das im Anöuge ſei. Mitunter fantaſirte er ſtark und ſprach verworrenes Zeug von einem todten Zahlmeiſter, von Gift und Mord, von Vaterlandsverrätherei und von der Furcht, enideckt zu werden. Iduna hörte das, ohne es recht zu verſtehen, aber ihr ſchauderte vor dem Sinne ſeiner wirren Reden. Wenn ſie ſich zu angegriffen fühlte, um noch länger bei ihm zu wachen, ſo mochte ſie die Diener nicht bei ihm laſſen, denn die Aufregung der Gemüther war ſo groß, und ſie hatte ſo trübe Erfahrungen gemacht, daß ſie ſich vor ihren eige⸗ nen Leuten fürchtete. Da war es ihr denn ein Troſt, daß Betty ſich erbot, bei dem Kranken zu wachen, und wirklich gewann ſie einen beruhigenden Einfluß auf ihn. Während Montalto oft vor ſeiner Gattin zurückſchauderte, als ſei er es nicht werth, ſo vel Liebe von ihr zu genießen, ließ er ſich gerne von Betty pflegen, und wenn ſie ihm ernſilich zuredete, ſtill zu liegen und alle un⸗ nützen Gedanken zu verbannen, ſo gehorchte er ihr bisweilen. Oder ſie ſang ihn in den Schlaf, wie ein kleines Kind, erzählte ihm allerlei heitere Geſchichten, wenn er wachte, und reichte ihm mit der größten Regelmäßigkeit die vorgeſchriebene Arzenei. Iduna ſah wohl, welch ein Glück es iſt, ſolch ein rühriges ewig heiteres Weſen um ſich zu haben und wünſchte oft, daß Betty des Herzogs Tochter ſein möchte. Vielleicht war es auch die Stimme der Natur, die ſie an ſein Krankenlager rief und ſie nicht ermüden ließ, wenn ſie auch tagelang die Augen nicht zum Schlafe ſchloß. Der Doktor Bernard ſah den Zuſtand des Kranken mit Kopfſchütteln. Das Fieber wuchs, ſo viel er auch dagegen ver⸗ ſchreiben mochte, ein brennender Kopſfſchmerz plagte ihn, und in Paris gab es kein Eis, um dieſe Leiden zu lindern, die ſich bis in das Unerträgliche ſteigerten. Hätte man ihn ſeelenruhig machen können, er wäre gerettet geweſen, aber in ſeinem gequälten Geiſte ſtiegen die Gedanker an ſeine Schuld empor, gleich Teuſeln, ————— 2 ————— — 686— die dem Höllenſchlund entſpringen, um die Verdammten mit ſich hinunterzureißen in den Abgrund des ewigen Verderbens. O, ſolche Leiden zu ſehen, und ihnen keine Hilfe bringen zu können, das iſt hart! Der Doktor Bernard empfand es in tiefſter Seele. Er hatte Gabrielen geſehen und in ihr die Frau erkannt, die er in Gegenwort ihres grauſamen Onkels von einem lieblichen Knaben entbunden hatte. Von ihm hatte die Fürſtin Donato gehofft, Nachricht über den Verbleib ihres Sohnes zu erhalten, aber der Doktor wußte von nichts. Damals, ſo ſagte er, ſtand ich in genauer Veziehung zu dem Leibarzt der Kaiſerin Eugenio. — Bernard, ſprach der Leibarzi zu mir, heut verlang ich von Ihnen einen Dienſt, den ich mit Gold auſwiegen kann, und der weder Ihnen noch Ihrem Gewiſſen ſchwer fallen wird. Es handelt ſich darum, eine von den Geliebten Napoleons, des kaiſerlichen Wüſtlings, zu entbinden und mir das Kind zu übergeben, falls es ein Knabe iſt. Die Mutter iſt vorberritet und wird wenig Umſtände machen. Leicht konnte ich die Sache ſelbſt beſorgen aber mich feſſelt mein Dienſt bei der Kaiſerin, und darum bitte ich Sie, mich zu ver⸗ treten, was Ihnen um ſo leichter werden wird, als vielleicht die Ratur ſich ſelbſt hilft, ſo daß es Ihrer Kunſt nicht bedarf. Die Summe, die er mir beſtimmte, war groß, und ich wider⸗ ſtand der Verſuchung nicht, denn ſchon damals zog es mich mächtig in frem de Länder, die ich ſpäter auch bereiſte. Indeſſen mißlang die Sache. Die Frau, die einen Knaben gebären ſollte, genas eines Mädchen, das bei der Geburt verſchied. Mir aber erſchien es als eine Schickung, daß ich zu Ihnen geru'n wurde. Ich glaubte, mich ganz auf den ſchlauen Schurken, den Iſidor, er⸗ laſſen zu können und übergab ihm das Kind, das dem Tode geweiht war. So glaubte ich ein gutes Werk zu thun, indem ich ſein zartes Leben erhielt. Ich ſendete Iſidor mit dem Knaben zu dem Leibarzt der Kaiſerin, doch wie erſtaunte ich, als ich von dieſem einen ſehr entrüſteten Vrief erhielt, worin er nich anklagte, ihn im Stich gelaſſen zu haben. Ich überhäufte Sſidor mit Vor⸗ wrrſen. Dieſer behauptete, das Kind richtig an Ort und Stelle gebracht zu haben. Ich wurde heftig, denn mich verdroß der Ve net gu de het Hä gl er er B Kr er be an en mit ſich bringen nd es in die Frau on einem ie Fürſin Zohnes zu ſo ſagte t Kiſerin ng ich von der weder andel ſch Wſtlingö⸗ ein Knube e machen ſich mein ich zu ver⸗ ielleicht de durf. ich wider⸗ n nißlan ſ geun er erſchen urde. 30 ſidon dem z inden er⸗ — 687— Verluſt des Geldes auf das ich um meiner Wiſſenſchaft willen gerech⸗ net hatte, und der Verluſt eines Freundes, der meine Rechtferti⸗ gung nicht einmal anhören wollte. Ich jagte Iſidor aus meinem Dienſte, und er rächte ſich dafür, indem er mir den Ring ſtahl, den mir die Fürſtin gegeben hatte. Ih konnte ihn deswegen nicht gerichtlich belangen, denn ich hatte keinen Veweis dafür in den Händen, daß er der Dieb war, überdies verließ er Frankreich gleich danach, und ich unternahm meine wiſſenſchaftliche Reiſe. So erfuhr ich weiter nichts von ihm, aber ich zweifelte nicht, daß er dennoch das Kind an Ort und Stelle gebracht und den Verdienſt ſelben eingeſteckt hatte, denn das war ihm zuzutrauen. So weiß ich denn nichts Sicheres über den Verbleib des Knaben und glaube mit Ihnen, daß er am kaiſerlichen Hofe erzogen worden iſt, und daß es ganz unmöglich ſein wird, ihn ſeinen rechtmäßigen Eltern zurückzugeben, weil dieſe kein Merkmal beſitzen, durch welches ſie beweiſen könnten, daß das Kind ihnen angehört. Gabriele war außer ſich. Die letzte Hoffnung war ihr entſchwunden. — Wo aber, fragte der Fürſt Alphons, iſt dieſer Iſidor geblieben, deſſen Zeugniß uns vielleicht von Nutzen ſein könnte? — Ich weiß nichts von ihm, antwortete der Doktor Bernard. Er war Sekretair bei dem Grafen Bellegarde und verließ danach Paris. Ich zweifle, daß er hierher zurückgekehrt iſt. Es iſt ein geriebener Schurke, der ſich ſein Geheimniß ſchwerlich würde entlocken laſſen, ſelbſt wenn es möglich wäre, ihn aufzufinden. So war es denn vorbei. Gabriele mußte für immer dem Glücke entſagen, ihr Kind an ihre Bruſt zu drücken. Und ſeltſam! Als ſie noch ganz allein war, als ſie den Gatten und den Sohn zu gleicher Zeit beweinen mußte, da wog der eine Schmerz den andern auf. Denn, als ſie ſich mit mütterlicher Zärtlichkeit an die Knaben des Herzogs von Montalto anſchloß, als ihre ganze Sorge durch die Verwundeten in Anſpruch ge⸗ nommen war, da empfand ſie weniger ihr eigenes Leiden. Doch jetzt, da ſie mit ihrem geliebten Alphons wieder vereinigt war, nun ſie hätte unendlich glücklich ſein können, jetzt fühlte ſie mit — 688— verdoppelten Schmerze den ſchrecklichen Verluſt, jetzt wußte ſie es, daß ſie niemals, nein niemals froh ſein würde, weil ihr der holde Knabe fehlte. Vergeblich verſuchte es Alphons, ſie zu tröſten. — Unſer Sohn, ſagte er, iſt, wenn er noch lebt, ſchon über fünfzehn Jahre alt. Haben böſe Eltern ihn erzogen, ſo kann es für uns kein Glück ſein, ihn wiederzugewinnen, denn den Verluſt ſeiner Tugend würden wir ſchmerzlicher bedauern, als den ſeines Lebens. Laß uns Gottes Gnade vertrauen, er gab uns ein tiefes Leiden, aber auch das hohe Glück des Wiederſehens. Meine heiße Liebe ſoll Dir den Sohn erſetzen, den wir als todt be⸗ trauern müſſen, und in ihr ſoll Dir ein neues Leben erblühen, Du mein angebetetes Weibl Doch Gabriele war für ſolchen Troſt nicht ſo empfänglich, wie ihr Gemahl es wünſchte. Sie fühlte es tief, daß die Liebe eines Vaters nie der der Mutter gleichen kann, die ſchon ihr Kind mit ihrem Herzblut nährte, ehe ſie ſein keimendes Leben fühlte, die Monate lang auf ſeinen Anblick hofft, bis ſie es denn mit tauſend Sorgen nährt und pflegt. Die Mutterliebe iſt die reinſte aller Empfindungen, weil ſie die naturgemäßeſte iſt, das wußte Gabriele, und darum konnte ſie nicht glücklich ſein, trotzdem ihr Gott ſo reichen Segen beſchieden hatte. Alphons betrachtete die bleiche Frau mit ſtillem Kummer und hatte keine Hilfe für ihren Schmerz, aber er beſchloß, ſie fortzuführen, ſobald es anging, und ſie auf Reiſen zu zerſtreuen, bis ſie genas. Ach, konnte ſie denn jemals von dieſem Leid geneſen? —————— jte ſie hr der ſie zu übet in es Jerluſt ſeine s ein Meine dt ke⸗ lühen. Liebe m ihr Leben denn „ das roht m rachtete ſe fir lb 16 85. Kapitel. Die Veränderung. Vier Tage waren vergangen. Der Zuſtand des Herzogs Montalto hatte ſich bedeutend verſchlechtert, und der Arzt gab nur noch ſehr ſchwache Hoffnung. Selten und immer ſeltener raten lichte Augenblicke bei ihm ein, die übrige Zeit quälten ihn die furchtbarſten Seelenleiden. Alles was er Böſes gethan hatte, ſtand ihm dann drohend vor der Seele und verſperrte ihm den Eingang in das Himmelreich. Er ſtieß ſeine Gattin von ſich, und nannte ſich unwürdig, in ihrer Gegenwart zu athmen, er wollte ſeine Kinder nicht ſehen, an denen er zum Verbrecher geworden war, und nicht Helenen, die er um ihr Erbtheil betro⸗ gen hatte. Und wenn ſie lieberoll zu ihm ſprachen, wenn ſie ihm ſagten, daß Alles vergeben, Alles vergeſſen ſei, ſo fuhr er wild empor. — Ja, wenn Ihr Alles wüßtet! rief er aus. Fort, fort. Ich gehöre nicht in die Gen einſchaft der Unſchuldigen und Reinen, fort, fort! Ueberlaßt mich meinen Qualen, es kann ſie mir Nie⸗ mand von der Seele nelmen, o und ſie laſten ſo ſchwer! Giebt es denn einen Gott? Ich habe nicht nach ihm gefragt, als ich im Glücke war, wird er nach mir fragen, da ich ſo weit von ſeinen Lehren abgewichen bin? O, laßt mich: Eure Liebe drückt den Stachel nur noch tiefer in meine Bruſt, weil ich ihker ſ⸗ unwürdig bin! Iduna weinte ſtille Thränen, doch nur Reinhold von Iſſe⸗ horſt verſtand allein, was das Gemüth des Herzogs bedrückt⸗ und bedauerte es faſt, daß Leo Rellac ihm ſo ſchreckliche Enr hüllungen gemacht hatte. Er beſchloß, Niemand em Wort davos zu ſagen, ſollte doch der Tod bald jene ſchrecklichen Verbrecher ſühnen, vor denen Reinholds edler Sinn zurückſchauderte Ge D. V. Th. LI⸗ 42 — 690— hatte die furchtbare Entſittlichung unter den Franzoſen kennen gelernt und empfand tiefes Mitleid mit der edlen Iduna, die ihren ſchuldbeladenen Gatten vergebend wieder an ihren Vuſen genommen hatte. Doch war die Herzogin voll von Sorgen. Es nahte der Tag, an welchem ihr Gemahl ſeine Tochter anerkennen ſollte, und ach, ſie wußte nicht, ob er im Stande ſein würde, den gerichtlichen Akt zu vollziehen. Jemehr ſie wünſchte, Betty bei ſich zu behalten, um ſo glühender war ihr Verlangen, ſie als rechtmäßiges Kind des Herzogs anerkannt zu ſehen. Sie ahnte nicht wie wenig Betty dieſem Wunſche entgegenkam, und wie wenig ſie ihn theilte. Seit jenem Tage, an welchem Friſchmuth ihr ſeine Liebe geſtand, hatte ſie ihn nicht wiederge⸗ ſehen. Reinhold und Ottomar kamen täglich in das Haus, der Eine als erklärter Bräutigam, der Andere als erklärter Anbeter, ſie allein blieb ohne ihren Freund und ſehnte ſich nach ihm. Sie hatte nicht den Muth, nach ihm zu fragen, und wußte nicht einmal, wo er ſich befand, aber ſie vertraute ihm und hoffte, er werde ſie nicht vergeſſen. — Gewiß, ſagte ſie zu ſich ſelber, wartet er den Tag der Entſcheidung ab, ehe er zu mir kommt, er will Gewißheit darüber, wer ſeine Braut iſt, er fürchtet vielleicht, daß das Leben in dieſem vornehmen Hauſe und der Gedanke, ſelber vornehm zu ſein, mir den Kopf verdreht. Aber ich mache mir gar nichts aus dem Reichthum und haſſe dieſes ſteife Leben. Ich freue mich, daß er das Geldgeſchenk zurückwies, welches die Fürſtin Donato ihm anbot, wir werden von unſerer Hände Arbeit leben, und wie freve ic) mich darauf, für ihn zu ſorgen, zu ſchaffen und zu ſparen! Und jetzt war der Tag der Entſcheidung da, Alice Montalto's achtzehnter Geburtstag, den beide Mädchen immer zuſammen gefeiert hatten, ohne zu wiſſen, welche von ihnen das Licht der Welt grade an dieſem Tage zuerſt erblickt hatte. Es iſt bei den Franzoſen nicht Sitte, daß man ſich bei dieſer Ge⸗ legenheit beſchenkt, dies geſchieht vielmehr am Namenstage, doch kommen Freunde und Verwandte, das Geburtstagskind zu en kennen duna, die ren Buſen nahle der ten ſollte, ede den Betly bei n, ſie als tgegenkam n welchem wiederg⸗ Haus, der er Anbeter, ußte nicht en Tug der it dariber Leben in ornehn iu gar nichts 36 freue zi ßürſtu rbeit leben, zu ſchufen da Ai chen in n ihnen hatte 6 diſer 6⸗ begrüßen, und deswegen fand ſich auch die Fürſtin Gabriele mit ihrem Gatten ſchon am Morgen ein, und die drei Grafen Iſſelhorſt, ſo wie auch Emanuel Undentino erſchienen zu gleicher Zeit, um ihren Glückwunſch darzubringen. Der Herzog ſchlief, Iduna konnte ihn alſo unter der Obhut ſeines Kammerdieners laſſen und befand ſich bei den Gäſten, als plötzlich die Thür ziemlich unſanft aufgeriſſen wurde, und der Wachtmeiſter Friſchmuth hereintrat. Er ſchien in großer Eile zu ſein, das Geſicht war lebhaft geröthet, und ſeine ſonſt ſo ſaubere Uniform ſaß unordentlich, der lange Schleppſäbel klirrte hinter ihm her, die Sporen raſſelten, und Alle blickten verwundert auf dieſes ungenirte Eintreten in ein ihm fremdes vornehmes Haus. Er ſchien das nicht zu bemerken, und indem er die Herzogin ſowie die andern Anweſenden kurz begrüßte, ging er auf Gabriele zu. — Sie haben mir Geld angeboten, Frau Fürſtin, ſagte er in kurzem Tone, jetzt bitte ich Sie darum, ich gebrauche ſehr ſchnell zweitauſend Thaler und erſuche Sie, mich nicht darauf warten zu laſſen. Die Fürſtin war erſtaunt. Er hatte ja jedes Geſchenk zurückgewieſen, wie kam er denn darauf, es jetzt in ſo ſeltſamer Weiſe zu fordern? — Gewiß, ſagte ſie, das Geld ſoll Ihnen nicht vorenthalten ſein. Wir kehren in einer Stunde in unſere Wohnung zurück, und dort ſoll Daniel es Ihnen auszahlen. — In einer Stunde! rief Friſchmuth, das dauert viel zu lange, ich muß es gleich haben, auf der Stelle! — Aber was bewegt Sie zu dieſer Eile? warf der Fürſt ein. — Ich darf es nicht ſagen, ſprach der Wachtmeiſter haſtig, geben Sie mir das Geld ohne zu fragen, oder wollen Sie durchaus wiſſen, wozu ich Ihr Geld verwende, nun gut, ſo will ich Ihnen ſagen, daß ich Schulden gemacht habe, die ich gleich, verſtehn Sie, g''ch bezahlen muß. — Das iſt übel, ſagte die Fürſtin mit ſanfter Stimme. — 692— Ich hoffte, Ihre Zukunft damit zu begründen und ſehe, daß Sie das Geld ſchlecht anwenden. —— Zukunft hin, Zukunft her, rief Friſchmuth und ſpielte un⸗ geduldig am Griff ſeines Säbels, das Geld muß ich haben, oder wollen Sie mir es verſagen, nun dann bitte ich um offene Erklärung. Iduna erhob ſich. — Es iſt nicht gebräuchlich, ſagte ſie, daß man zweitauſend Thaler bei ſich trägt, und ſchon das macht Ihre Forderung ungebührlich. Um uns jedoch und vor allem die Frau Fürſtin Donato von einer ſolchen Scene zu befreien, werde ich Ihnen das Geld geben. Damit ſtand ſie auf, öffnete einen Schrank und nahm zwei Scheine heraus, die ſie Gabrielen übergab. Friſchmuth ſtand indeſſen mit niedergeſchlagenen Augen und biß auf ſeinen Schnurrbart, nicht einen einzigen Blick warf er auf Vetty, die ſtumm und wie von einem böſen Traume befangen daſaß. Die Fürſtin Donato erhob ſich. — Herr Wachtmeiſter Friſchmuth, ſagte ſie, ich gebe Ihnen hier die zweitauſend Thaler, die Sie von mir fordern. Drei⸗ tauſend können Sie noch von Daniel beziehen. Ich werde Befehl geben, daß er ſie Ihnen auszahlt, ſobald Sie ſich bei ihm melden. Friſchmuth zuckte zuſammen. So hatte Maria Fiſcher niemals zu ihm geſprochen, es ſchnürte ihm faſt de Bruſt zu⸗ ſammen, kurz wandte er ſich um, und ohne zu grüßen verließ er das Zimmer. — Aber dieſes Benehmen iſt empörend! rief Iduna, ich werde meinen Leuten den Befehl geben, daß ſie dieſen Menſchen nie wieder hereinlaſſen! Sie ſprach es ſo laut, daß die Wotte Friſchmuths Ohren erreichten, indem er draußen das Geld einſteckte. Wie mochte ihm dabei zu Muche ſein! — Wer gab ihm das Recht, uns bis hierher zu folgen? fragte Rafael Gombi. — O, richten Sie ihn nicht zu ſcharf, erwiederte Reinhold. nic ihr ku we wo v0 b0 18 — daf Sie ielte un⸗ ben, oder m offene eitauſend orderung Fürſin Ihnen ahm zwei uth ſtund f ſeinen elth, die uß. Die be Ihen n. Drei⸗ rde Befehl hei ihm ja ßiſcher Bruf zl⸗ en verbeß dund ich Yrnſchen h Ohren je mit „ſulgent — — 693— Ich kenne Friſchmuth und weiß wie brav er iſt. Wenn er ſich jetzt grade unpaſſend benahm, ſo kann das nur eine augenblick⸗ liche Aufwallung in einem ſonſt ehrenwerthen Manne ſein. — Sie irren, rief ihm Rafael Gambi entgegen. Grade in ſolchen Momenten der Aufwallung tritt die rohe Natur des Menſchen zu Tage, während ſie ſich ſonſt verbirgt. Sahen Sie nicht den leidenſchaftlichen Blick, die Gier, mit der er nach dem Gelde griff? — O nein, antwortete Reinhold. Ich habe Gefahren mit ihm getheilt, ich habe ihn in Schlachten und bei weit ſchlimmeren Gelegenheiten beobachtet, und ſtets hat er ſich mir uneigennützig, klug und treu gezeigt. Ich kann ihn nicht ſogleich verurtheilen, weil er ſich eben rauh bewies, ich muß ihn ſprechen und erfahren, was ihn veranlaßte, ſo ungeſtüm hier einzudringen. — Nur, warf Iduna dazwiſchen, bitte ich, daß mein Haus von dieſem Manne nicht wieder betreten wird. Ich habe genug von den Rohheiten des Pöbels gelitten und wünſche nicht wieder mit ihm in Berührung zu kommen. — Dieſen Namen verdient Friſchmuth nicht, den ich tauſend Mal meinen Freund genannt habe! rief der junge Graf. Auch Gabriele nahm ſich Friſchmuths an. Da klang plötzlich ein angſtvoller Seufzer durch das Zimmer. Betty war aufgeſtanden und wankte nach der Thür. Hier ver⸗ ließ ſie ihre Kraft, ſie ſank in einen Stuhl und ſchluchzte krampf⸗ haft. Iduna eilte auf ſie zu und wollte ſie umarmen, ſie aber drückte die Hand der Herzogin von ſich fort. — Luft, Luft! ſtöhnte ſie ängſtlich. — Es iſt ein Weinkrampf, ſagte die Fürſtin. Hat ſie das öfters? — O nein, verſetzte Beate, ich habe ſie niemals ſo geſehen. Komm, Liebe, ich führe Dich auf unſer Zimmer, es wird Dir beſſer werden, wenn ich Dich aufſhnüre. Sie umfaßte ihre Schweſter, die ſich eilig von ihr fortführen ließ. Auf ihrem Zimmer angelangt, legte ſie ihr Haupt an Beatens Bruſt und ſchluchzte laut. — Aber um Gotteswillen, was haſt Du nun, Betty, fragte — 694— dieſe, ſei doch nur ruhig, ich bin ja bei Dir, o, und Du weißt, wie ſehr ich Dich liebe! Jetzt kamen auch die drei anderen Damen. Iduna brachte Riechholz, Gabriele reichte der Kranken Selterwaſſer. Sie war der Anſicht, daß die Krankenpflege bei dem Herzog dem jungen Mädchen geſchadet habe. Bettys Thränen verſiegten endlich, und matt lehnte ſie ſich in die Kiſſen des Kopfes zurück. 2 — Willſt Du nun ſchlafen? fragte Beate und küßte ſie. Die Schweſter nickte mit dem Kopfe, doch als Alle hinaus⸗ gegangen waren, da rief ſie Beaten zu ſich heran und nahm ihre beiden Hände. — Zetzt, ſagte ſie, wenn Du willſt, daß ich wieder Muth zum Leben gewinne, ſo rufe mir den Grafen Reinhold, und wenn er kommt, ſo laß mich mit ihm allein. — Was haſt Du vor? fragte Beate. — Gewiß nichts Böſes, verſetzte Betty mit mattem Lächeln, ich denke nicht daran, ihn Helenen abwendig zu machen, aber ich möchte ihn ſprechen. Ruf ihn mir heimlich, es möchte der Her⸗ zogin nicht recht ſein, wenn er zu mir in unſer Schlafzimmer kommt. Beaten ſchien das eben auch nicht ſchicklich, doch weil Betty es ſo dringend verlangte, ging ſie, Reinhold zu rufen. Sie begegnete ihm, als er eben fortgehen wollte, ſie bat ihn, zu Betty zu kommen, und er willigte ſogleich ein. So trat er zu ihr, ohne daß ſonſt Jemand ihn ſah, und Beate ließ ihn allein mit ihrer Pflegeſchweſter. Dieſe lag auf dem Sopha und reichte dem Grafen ihre Hand. — Setzen Sie ſich zu mir, bat ſie, und ſagen Sie mir Alles von Ihrer Bekanntſchaft mit... dem Wachtmeiſter Friſchmuth, den Sie ſo ſchön vertheidigten. Er that es, er ſaß an ihrem Ruhebett und ſprach von ſeinem erſten Begegnen mit dem Ulanen, von ſeiner Verehrung für Maria Fiſcher, von der herzlichen Zuneigung, die dieſe für ihn hegte, dann erzählte er von dem in Brand geſteckten Hauſe, und wie tapfer und umſichtig er ſich überall bewieſen hatte und ſo weiter bis auf die letzten Tage, in denen Reinhold ſo ganz v0! Fri Du weißt na brachte Sie war em jungen n endlich ißte ſie e hinaus⸗ nahm ihr⸗ ieder Muth hold und n Lücheln n. aber ich n der Her⸗ chlufimme weil Betch rufen. 6ie t ihn i trat er in allein und reicht ie nir Al ßiſhmih ſui Parhnn ie diſt Uien Hmſ 6 end hee u d ſo gnt 0 von ſeiner Liebe zu Helenen eingenommen war, daß er ſich um Friſchmuth nicht bekümmert hatte. Betty lag ſtumm und mit geſchloſſenen Augen da. Als er ſeinen langen Bericht vollendet hatte, reichte ſie ihm die Hand. — Je) donke Ihnen, ſagte ſie. Unendlich wohl haben Sie mir gethan. Ich habe geſehen, wie auch ein guter Menſch von Denen verkannt werden kann, die ſich von Jugend an gewöhnen, die Leute mehr nach äußeren Formen als nach dem Kern in ihrem Innern zu beurtheilen. Ich habe eine Lehre empfangen, die nicht ungenutzt bleiben ſoll, und weil Sie ſich auch heute noch Friſch⸗ muths Freund gena ut haben, ſo bitte ich Sie, ſeien Sie auch der meinige. Wie gern verſprach er ihr das, wenngleich er nicht begriff. weswegen ſie ſo viel Antbeil an dem Schickſal eines ihr fremden Mannes nahm. Als er fort war, legte ſich Betty bequem in die Kiſſen zurück. — Er hat mich nicht angeſehen, ſagte ſie leiſe, er mußte es wohl fühlen, daß er mir ſo nicht gefiel. Aber kann ich al⸗ bernes Mädchen denn wohl verlangen, daß der Mann, der mich zur Frau nimmt, ein ganz vollkommenes Weſen ſei? O nein, wir werden uns mit einander bilden, und uns gegenſeitig beſſer machen, darin beſteht ja auch wohl der Zweck der Ehe. Im Grunde habe ich mich jetzt eben weit ſchlechter benommen, als er, denn ich hätte ihm unbedingt vertrauen ſollen, ohne erſt Rein⸗ hold Iſſelhorſt über ihn auszufragen. O, er wird auch noch viel an mir zu erziehen finden! Unter dieſen Gedanken ſchlief ſie ein. Beate ſchlich ſich mehrere Male in das Zimmer und ſah mit Freude, daß die Wangen ihrer Pflegeſchweſter wieder geröthet waren, und daß ein liebliches Lächeln um den leiſe geöffneten Mund ſpielte. Ge⸗ wiß war es ein glücklicher Traum, der ſie umfing, und den wollte Beata nicht zerſtören. Indeſſen kam die Mittagszeit heran, und Bette erhob ſich und kleidete ſich mit Beatens Hilfe ganz gleich mit dieſer. Dann zog ſie ſie vor den Spiegel. — Nun ſieh da hinein, ſagte ſie, und ſage mir, wer iſt Alice Montaito? Aber giebt es da noch eine Frage? Dir ge⸗ — 696— bührt der Preis der Schönheit. Wie viel beſſer ſteht Dir das weiße Kleid, wie reizend ſchlingt ſich das blaue Band durch Dein Haar, wie ſchlank iſt Dein Wuchs. — Und, unterbrach ſie Beate, wie lieblich ſind die Grübchen in Deinen Wangen, wie glänzen Deine Zähne, Deine Augen— nämlich wenn ſie nicht geweint haben, wie voll und gerundet iſt Deine Geſtalt. — Ach, Beate, Veate, rief Betty leidenſchaftlich, mir iſt angſt, wenn ich daran denke.„all mein Glück iſt dahin, wenn ich des Herzogs Tochter binl — Und meines, ſeufzte die Schweſter, wenn ich es nicht bin. Aber müſſen wir uns nicht in Gottes Willen fügen? Und dann, Betty, wie traurig es uns auch im Leben ergehen mag, uns bleibt ein Troſt, wir werden uns immer lieb haben, nicht wahr? Sie fielen einander in die Arme und küßten ſich, dann gin⸗ gen ſie zu der Herzogin, die bereits auf ſie wartete. Vetty's Gewiſſen war nicht ganz rein, ſie hatte ein Geheimniß vor ihrer Schweſter, die nie eins vor ihr gehabt, hatte, aber die nächſte Bu⸗ kunft ſchon ſollte es enthüllen⸗ 86. Kapitel. Der verlorene Sohn. Die Herzogin von Montalto war tief betrübt und von ſchweren Sorgen bedrückt. Während Betty ſchlief, hatte der Her⸗ zog einen Anfall der furchtbarſten Raſerei gehabt. Er glaubte ſich noch im Feide, er ſah Bellegarde, der Geld von ihm verlangte, er hörte den Lärm des Gelages, von dem er den Zahlmeiſter rufen ließ. Dann wieder meinte er die Deutſchen anrücken zu ſehen, und ſeine eigenen Landsleute mußten unterliegen, weil eht Dir dus durch Dein die Grübchen e Augen— nd gerundet lich mir iſt dahin, wenn ich es niht igen? Und gehen mah, haben nich dann gin⸗ e. Ttth“ vor ihrer nichſe 3u⸗ i und n ate de pe⸗ er gubte verunge ʒuhlneifer weil liegen — 697— er ihnen die Waffen genommen hatte. Er wollte aufſpringen, kämpfen. drei Männer mußten ihn in dem Bette mit Gewalt zurückhalten, und er wehrte ſich gegen ſie mit der Kraft des Wahnſinns. Iduna zitterte, ſie ſchickte nach dem Doktor Bernard, und dieſer ließ dem Tobenden zur Ader. Als er ſein Blut fließen ſah, wurde er ruhiger, der furchtbaren Aufregung folgte eine grenzenloſe Abſpannung der Nerven. Er lag mit halbgeſchloſſenen Augen und antwortete auf keine Frage. War dieſe Ruhe ſchon der Anfang der ewigen, die ſeiner wartete? Dem Arzte ſchwand nun auch der letzte Hoffnungsſtrahl, er gab den Kranken für verloren und erfüllte die traurige Pflicht, ſeine Gattin auf dieſen Verluſt vorzubereiten. Er fand ſie gefaßter, als er es erwartet hatte. Iduna hatte während dieſer Krankheit einen tiefen Einblick in die Seele ihres Mannes gethan, und ſie wußte, daß ein Herz, das ſo von Ge⸗ wiſſensangſt und Furcht vor Entdeckung gepeinigt iſt, nur vor Gottes allbarmherzigem Gericht den Frieden wiederfinden kann. Das Leben konnte dem Unglücklichen keine wahre Freude mehr bieten, der Tod eröffnete ihm ſeine Arme und führte ihn zur ewigen Ruhe. ſollte ſie da wünſchen, daß der erlöſende Engel ihm ferne blieb? Sie hatte ihn heiß geliebt, als ſie ſeine Gattin wurde, ſie liebte ihn noch jetzt, wo ſie ihm ſo viel zu vergeben hatte, und aus Liebe wünſchte ſie ihn von ſeinen Qualen erlöſt zu ſehen. Aber es gab noch etwas Anderes. Wenn der Kranke nicht wieder zur vollen Beſinnung kam, wie war es möglich, daß er Alice als ſeine Tochter anerkannte? Er hatte es bisher ver⸗ ſäumt, ſein Teſtament zu machen, jetzt blieben ſeine Verhältniſſe ungeordnet zurück. Von den beiden Knaben war nur einer von ſeinem Blute, es hatte alſo nur einer das Recht, ſeinen Namen und Titel weiter zu führen, wenn der Herzog nicht auch den zweiten adoptirte. Das waren ſchwere Sorgen, die auf Idunas Seele laſteten, und von denen ſie mit Niemand reden mochte als nur mit dem Doktor Bernard, der ihr in Allem Recht gab ohne doch helfen zu können. — 698— Bei Tiſche war ein Jedes mit ſeinen eigenen Angelegen⸗ heiten beſchäftigt, und nur die drei Kinder plauderten munter miteinander. Bald darauf verſammelten ſich auch die anderen Freunde, um aus des Fürſten Donato und Peter Godards Mund zu vernehmen, welches von den beiden Mädchen Alice, die Tochter des Herzogs von Montalto, ſei. Eben wollte Gabrielens Gatte berichten, was er von Madelon vernommen hatte, als ein Bedienter hereintrat und den Wachtmeiſter Friſchmuth meldete. — Ich will ihn nicht ſehen! rief Iduna mit etwas gereiztem Tone. Will er uns wieder eine Skandalſcene bereiten und Geld erpreſſen, wie an dieſem Morgen? Weiſt ihn zurück und ſagt ihm, daß mein Haus für Seinesgleichen nicht offen ſteht. — Und dennoch müſſen Sie mich hören, ſprach eine tiefe, bebende Stimme. Es war Friſchmuth, der dem Bedienten gefolgt war und hinter der Herzogin in der Thür ſtand. — Wie! rief dieſe, bin ich nicht mehr Herrin in meinem Hauſe? — Sie ſind es, verſetzte der Wachtmeiſter mit Ernſt, aber Sie werden den Boten nicht hinausweiſen, der Ihnen wichtige Nachrichten bringt, Nachrichten, denen Sie Ihr Ohr nicht ver⸗ ſchließen dürfen, und die keinen Aufſchub erleiden. Es lag etwas ſo Feſtes, ſo Ehrfurchtgebietendes in ſeinem Tone, daß die Herzogin verſtummte. Sein Geſicht war bleich und ſah etwas ermattet aus, aber die Haltung war ſicher. Das Rachläſſige und Aufgeregte, was man am Morgen an ihm bemerkt hatte, war verſchwunden, die Uniform ſaß ihm wieder drall und ſauber, den Säbel hielt er in der linken Hand, den Tſchako in der Rechten. Reinhold trat an ihn heran. — Lieber Friſchmuth, ſagte er, möchten Sie nicht mit mir in das andere Zimmer kommen und mir dort ſagen, um was es ſich handelt? Die Herzogin iſt durch die Krankheit ihres Gatten nervös erregt, es könnte ihr ſchaden, wenn Sie — Fürchten Sie Nichts, unterbrach ihn Wilhelm, ich werde die Dame nicht lange mit meiner Gegenwart beläſtigen, doch Ungelegen⸗ en munter ie underen Godards chen Alice, Gabrielens te, ols ein meldete. gereiztem reiten und zurück und en ſtht ein tiefe twar und in meinem Brnſt ber en wichig⸗ in ſeinen war bleic icher Dus jn hemerkt drl und Lſch in ct mit mi in uz* hre⸗ Guin werde i ſigen di — 6659— was ich zu ſagen habe, muß geſagt, muß in ihrer Gegenwart geſagt ſein, denn es betrifft nicht die Fürſtin Donato allein. — Mein Kind, ſchrie Gabriele auf, ich ahne es, er bringt mir Nachricht von meinem Kinde! — Ja, ſagte er kurz. Der Fürſt faßte ſeine zitternde Gemahlin in ſeine Arme. — So ſprechen Sie! rief Iduna, nehmen Sie Platz und verzeihen Sie meine krankhafte Erregung. Er folgte der Einladung nicht, er ſtand und legte nur die Hand auf die Lehne des Seſſels. Sein Auge ſuchte Bettys Blick, und dieſe ſah ihn ſo klar, ſo voll Vertrauen an, daß es wie Sonnenſchein durch ſeine Seele ging. Was kümmerten ihn die Anderen, wenn ſie ihm blieb und Reinhold, der dicht zu ihm getreten war und voller Erregung aber auch wie ſchützend ſeine Hand ihm auf* Schulter gelegt hatte. — Soll! ie ganze Geſchichte erzählen, wie ſie geſchah? fragte Friſchmuth. — Ja, bat Gabriele, jedes Wort, das ſich auf meinen Knaben bezieht, iſt mir von Wichtigkeit. — Nun denn, begann der Wachtmeiſter, ſo müſſen Sie vergeben, daß ich auch von mir zu reden habe. Sobald ich nach Verſailles zurückgekehrt war, begab ich mich zu Liſette, die ich in einem elenden Zuſtande antraf, denn man hatte ſie aus dem Lazareth gewieſen, wo Maria Fiſcher ihr keinen Schutz mehr gewährte. — O die unglückliche! ſeufzte Gabriele. Ich will für ſie ſorgen. — Im Augenblicke leidet ſie keine Noth, verſetzte Wilhelm. Meine Freunde, der Brauer Thomas Wildberger und der Schloſſer Heinrich Becker haben mit mir etwas Geld zuſammengebracht, um ſie vor Mangel zu ſchützen, und die Aerzte ſagen, ſie lebe keine Woche mehr. Die Fürſen ſchlug die Augen nieder, als Friſchmuth dieſe Namen ausſprach. Arme Soldaten hatten gethan, woran ſie, die reiche und vornehme Frau, freilich in den Stunden langent⸗ behrten Glückes, vergeſſen hatt⸗. — Sch fragte Liſetten ne Sädors Snrenthalt, doch ver⸗ — 700— mochte ſie ihn mir nicht zu nennen, ich kam auf Urlaub nach Paris und forſchte überall nach ihm, doch ſtets vergeblich. Als ich von dieſen vergeblichen Wegen zurückkehrte, ſuchte mich Liſette in meinem Quartier auf. Es war ihr eingefallen, daß Iſidor mit einem Mädchen verkehrte, bei der er ſich vielleicht erfragen ließ. Am folgenden Tage nahm ich abermals Urlaub und begab mich zu dieſer ich gab ihr alles Geld das ich noch beſaß und erfuhr durch ſie, daß Ifidor noch in Paris ſei, und daß ſie ihn öfters des Nachts bei ſich beherbergte, Jetzt glaubte ich gewon⸗ nen zu haben, und ich verabredete mit ihr, daß ich am nächſten MWorgen, nämlich heute, mit Iſidor, dem ich ein gutes Geſchäft vorſchlagen wolle, zuſammentreffen würde. Doch als ich zum andern Male Urlaub verlangte, da wurde er mir entſchieden verweigert. Ich ging zum Hauptmann, er wies mich kurz zurück, ich lief zum Major, er bedauerte, mit mir keine Ausnahme machen zu dürfen, der Dienſt würde gelockert, wenn ein Jeder ſo oft davon gehen wollte. Ich eilte zum Oberſten ich wäre zum Ge⸗ neral, ja zum Kaiſer gegangen... endlich bekam ich den Zettel, doch nur auf vier Stunden, und jagte davon. Aber viel koſtbare Zeit war vergangen, und heute noch mußte ich Iſidor ſprechen denn ich wußte, daß er morgen Paris zu verlaſſen gedachte. Als ich mich dem Hauſe näherte, in welchem ich ihn treffen ſollte, bemerkte ich einen Pöbelauflauf. Schreiende Weiber, Männer in Lumpen gehüllt, umringten einen Mann, den ſie mit Schimpf⸗ reden und Fauſtſchlägen anfielen. Er ſah bleich aus, und an dem jüdiſchen Geſichtsſchnitt erkannte ich, wer der Elende war. Ich fragte einen beſſer ausſehenden Menſchen, und er erzählte mir, das ſei ein Spion, ein Verräther, der mit den Preußen verhandelte, der ihnen Paris überliefert habe, und ſein Name ſei Iſidor. Dabei ſchlug er mit den Uebrigen auf den Unglück⸗ lichen los, für deſſen Leben ich zitterte. Zum Glück nahmen ſich einige Nationalgardiſten ſeiner an, ich trat zu ihnen und beſchützte den Menſchen, der nun, von der kreiſchenden und tobenden Menge begleitet, in das Gefängniß geführt wurde. Ich folgte ihm dahin und ſuchte den oberſten Aufſeher auf. Dieſen bat ſchi mir in Geſchäftsangelegenheiten eine Unterredung mit Iſido zu1 Gel wol Eil aus Fů ſich kar ma liet vie zur ſol ſol ſein nij be Si en nach Al Liſette Iſidor fragen egab und e ihn ewon⸗ ihſen hieden rüc machen ſo oſt nGe⸗ Zettel oſbare prechen dachte ſolle, Nänner hinf⸗ nd an wor. relhen Name nglic⸗ en ſij henden folgt en bol ſd — — 701— zu verſtatten. Er weigerte ſich deſſen natürlich, da bot ich ihm Geld, und das machte ihn geſchmeidig. Für tauſend Thaler wollte er mich zu dem Gefangenen laſſen, aber er rieth mir zur Eile, denn in einer Stunde, ſagte er, kann er erſchoſſen oder aus der Stadt gebracht ſein. Ich lief in die Wohnung der Frau Fürſtin und fand ſie nicht, ich bat Daniel um Geld, er weigerte ſich, mir welches zu geben, obgleich er den Schlüſſel hatte, ich kam hierher, um die mir nöthige Summe zu erpreſſen, ich machte eine Skandalſcene, ja, denn ich wollte lieber als ein liederlicher roher Geſell vor Ihnen erſcheinen, als geſtehen, wozu ich das Geld brauchte, und dadurch in dem Herzen Maria Fiſchers der Frau Fürſtin Donato, Hoffnungen erwecken, die ſich vielleicht nicht erfüllten. So kam ich athemlos zu dem Gefängniß zurück und händigte dem Aufſeher tauſend Thaler ein. Dieſer ſagte mir, ich hätte kaum noch eine Viertelſtunde vor mir Iſidor ſollte verhört und gerichtet werden. Ich kam zu ihm. Er gab ſeine Sache keineswegs für verloren. — Kann Geld Ihnen helfen? fragte ich. — Geld und Liſt, verſetzte er. — Gut, ſagte ich, hier ſind tauſend Thaler für ein Geheim⸗ niß, das iſt gewiß nicht ſchlecht bezahlt. — Es kommt darauf an, was Sie zu wiſſen ſ fragte er dagegen. — Ich verlange zu wiſſen, wo Sie das Kind gelaſſeh ha⸗ ben, welches der Doktor Bernard Ihnen in jener Nacht übergab, Sie wiſſen ſchon, damals als er den Ring erhielt, den Sie ihm entwandten. Er lachte. — Wenn es weiter nichts iſt, die Sache hat keine Wichtig⸗ keit mehr für mich. Ich habe das Kind in die Tuilerien getra⸗ gen, um einen Prinzen daraus zu machen, aber ein Anderer war mir zuvorgekommen, denn dem Leibarzt war die Zeit lang geworden, und in der Ungeduld nahm er den erſten beſten Jun⸗ gen, der ihm geboten wurde, Kinder giebt es ja genug in Paris, und Mütter, die ſie ſo gern verkaufen, auch. Ich ging ſehr . — 702— ärgerlich zurück, da begegnete mir ein Dienſtmädchen, mit dem ich ein Liebesverhältniß hatte. Wohin ſo früh? fragte ich. — In die Apotheke, gab ſie zur Antwort. Die Frau Her⸗ zogin von Montalto iſt ſoeben von einem Knaben entbunden worden. Ich ließ ſie laufen, mir ſchoß ein Gedanke durch den Kopf. Dem Herzog von Montalto hatte ich Jahre früher ſeine Tochter genommen, ich konnte ihm dafür einen Sohn geben. — Und dieſen Sohn hatten Sie mit einem blauen Fleckchen auf der Schulter gezeichnet? unterbrach ich ihn. — Nun ja, fagte er, daß ich in meines Doktors Studirſtube rannte und den Jungen mit dieſem Fleckchen verſah, das eben hatte mich ſo lange aufgehalten, und ſo wurde aus dem Knaben ſtatt des Kaiſerlichen Prinzen ein Herzog. — Den Sie hinterher raubten und zu der alten Margot brachten, ſagte ich. — Du lieber Gott, ſeufzte er, was thut man nicht fürs Geld! Ich gab ihm die Tauſend Thaler. Nun aber waren die vier Stunden um, die ich Urlaub hatte, ich mußte zurück nach Verſailles, mußte meinen Dienſt thun und ſchlich mich dann durch die Wachen, um Ihnen zu ſagen, was ich erfahren habe. Niemand hatte Friſchmuth unterbrochen, ſie lauſchten in athemloſer Spannung. Jetzt erhob ſich die Fürſtin Gabriele, ſie ſchwankte auf Friſchmuth zu, ihre Wangen waren mit Thränen überfluthet, beide Hände ſtreckte ſie ihm entgegen: — Dank lieber, treuer Freundl Das waren die einzigen Worte, die ſie hervorzubringen ver⸗ mochte. Wilhelm nahm ihre kleinen weißen Hände und drückte Küſſe darauf. — Nun, ſagte ich es Euch nicht! rief der Graf Reinhold, an dem darf Keiner zweifeln, der iſt brav vom Scheitel bis zur Fußſohle! — Ich habe Sie verkannt, ſagte die Herzogin, verzeihen Sie mir! — Sie kennen nur den Pariſer Pöbel, erwieder'e ihr Friſch⸗ mnt dere Raf Han Bli vern geßn dieſ recht bem geſe Arr ſa — — it dem ich Frau Her⸗ en worden. den Kopf. e Tochter nFlecchen Stubirſube das ehen em Knaben en Morgot nicht fürs woren die urüt noh dann durch abe. nſihen in bri ſe i Shrinn ingen nen nd drücte Rinol itel bis zur ⁰ vihin n piſſt⸗ ——— — 703— muth, bei uns verſteht man unter dem Worte Volk etwas An⸗ deres, und ich bin ſtols darauf, dazu zu gehören. Sie drängten ſich Alle um ihn, Emanuel und Ottouar, Rafael, Eugen, Helene und Beate, und Jeder wollte ihm die Hand reichen, nur Betty hielt ſich zurück, aber ihr froher, ſtolzer Blick ſagte ihm weit mehr als all die Andern ihm auszuſprechen vermochten, ſie war mit ihm zufrieden, ſie hatte nicht an ihm gezweifelt, und er war glücklich. Aber die Zeit drängte ihn, für dieſes Mal war er ohne Urlaub davongeritten und mußte zur rechten Zeit beim Apell ſein, damit Niemand ſeine Abweſenheit bemerkte, Reinhold verſprach ihm ſeine Verwendung bei ſeinen Vor⸗ geſetzten. Was fürchtete ſich der»Wachtmeiſter auch vor etwas Arreſt, ſo lange ihm Bettys Augen lachten, und dann ſollte ſich da eben jetzt ſein ganzes Glück entſcheiden. 87. Kapitel. Die Brautwerbung. Die Herzogin Montalto ließ ihre beiden Söhne kommen. — Dieſer gehört Ihnen, ſagte ſie, indem ſie Arthur zu Gabrielen führte, ſeine Schulter trägt das blaue Zeichen. Die Fürſtin ſchloß ihn mit dem innigſten Glücke an ihren Buſen. Jetzt wußte ſie, warum ihr der blonde Knabe ſtets der Liebere geweſen war. O welch' eine Wonne lag in dieſer erſten Umarmung! Das liebe Kind war an die Bruſt ſeiner Mutter zurückgekehrt, fromm und unverdorben, aufgezogen von einer gleich zärtlichen Pflegerin, in körperlicher und geiſtiger Geſundheit, und was das Beſte war, voll heißer Liebe zu derjenigen, die ihn unter ihrem Herzen getragen hatte, voll Verehrung für ſeinen Vater, der ihm das Leben errettet hatte. IJduna zog ihren Richard nur um ſo feſter an ſich. Das alſo war ihr Fleiſch und Blut, ſie brauchte ſich nicht mehr mit Zweifeln zu quälen, ſie konnte ihn mit der vollſten Mutterliebe an ihren Buſen drücken. — Aber, fragte Richard, werde ich mich denn nun von Arthur trennen müſſen? — O nein, antwortete die Fürſtin Gabriele, indem ſie Iduna ihre Hand hinreichte, wir bleiben beieinander. — und ich heirathe Margarethen! jubelte Arthur. — Wer wird ſchon an's Heirathen denken, ſagte Helene, wenn man noch Knabe iſt. Unterdeſſen hatte ſich Wilhelm ſeiner Geliebten genähert. — Iſt es entſchieden? fragte er leiſe. — Noch nicht, verſetzte ſie ebenſo, aber mir iſt es nun gleich⸗ gültig, denn wer kann mich verhindern, dem Zuge meines Her⸗ zens zu folgen? — Wir ſind dem Entdecker unſeres Kindes eine große Be⸗ lohnung ſchuldig, ſagte der Fürſt Donato. Ich würde glücklich „ſein, wenn ich wüßte, wie ich ihm vergelten kann, was er für uns geleiſtet hat. — Ich halte Sie beim Worte, lachte Friſchmuth. — Verzeihen Sie mir auch, daß ich Ihnen fünftauſend Thaler bot? fragte Gabriele. — O, damit wäre ich auch nicht zufrieden, erwiederte er, ich verlange einen größern Schatz. Sie dachten an meine Zukunft, und aus Ihrer und der Frau Herzogin Hand erhoffe ich mein höchſtes Glück, das beſte Gut des Lebens zu empfangen. — So ſprechen Sie, rief Gabriele, dem Manne, der mir meinen Sohn wiedergab, werde ich keine Bitte abſchlagen! — und ich, fügte Iduna hinzu, werde Alles thun, um mein übereiltes Urtheil über Sie wieder gut zu machen. — O, das iſt herrlich, ſagte Friſchmuth, ſo werde ich denn keine Fehlbitte thun, wenn ich Sie um Fräulein Betty's Hand bitte? — Betty's Hand? fragte Iduna ganz erſchrocken. — Betch's Hand? ſagte auch Gabriele ſtaunend, aber wir wiſſen ja noch nicht einmal, wer Betty iſt! — ch wriß, daß ſie das liebenswürdigſte Mädchen iſt, rief zu quälen, ren Buſen nun von ſie Puna e Helene, nähert. mun glich⸗ neines Her⸗ große e⸗ he glůclic oo6 ſür füftuſnd wiederte* ine Zukint fr ich well en 1 agen thun, um en de ich denn and bit 1. z r wit d. ah f gen iß ule der Wachtmeiſter, und das genügt mir. Kommen Sie, Graf Reinhold, ſeien Sie mein Freiwerber, Sie haben oft gewünſcht, zu meinem Glücke mitthätig ſein zu dürfen. Und Sie, Graf Ottomar, Sie wiſſen es, wie lange ich Betty liebe, helfen Sie mir, ſie zu erlangen. — Aber wird Betty einwilligen? fragte Gabriele und ſah ſich nach ihr um. Das Mädchen hatte ſich hinter eine Gardine zurückgezogen, ihr Herzchen pochte heftig. Nein, das war ein unüberlegter Streich des ſonſt ſo klugen Mannes, warum wartete er nicht, bis Alles entſchieden war? Jetzt verdarb er vielleicht all ihr Glück durch ſeine Haſt. Eugen trat zu ihr. — Velch eine Ehre, ſagte er mit ſeinem gewöhnlichen loſen Lachen, Frau Wachtmeiſterin zu ſein. Nein, kommen Sie, Fräu⸗ lein, verloben Sie ſich in aller Eile mit mir, demit doch wenig⸗ ſtens eine jede von den drei Damen einen Iſſelhorſt hat, ich muß mich ſonſt am Ende noch mit Arthur um die kleine Margarethe zanken. — Gehen Sie, antwortete Vetty ſchnippiſch, Sie ſind mit dem Manne da nicht in Vergleich zu ſtellen. Reinhold beſand ſich in ſchlimmer Verlegenheit. Er hätte ſeinen Lebensretter ſo gerne glücklich geſehen, aber wenn Betty eine Herzogstochter war.... Dennoch fühlte er ſich gedrungen, für ihn zu ſprechen. — Frſchmuth iſt klug genug, ſagte er, um ſich eine Stel⸗ lung im Leben zn verſche ffen, die ihn über jede Sorge erhebt, und keine Frau ſteht ſo hoch, daß ſie nicht mit Achtung zu ihm hinaufſehen müßte. — Auch ich bin von ſeiner Ehrenhaftigkeit überzcugt, ſetzte Ottomar hinzu, und wenn er Betty liebt, ſo weiß ich gewiß, daß er ſie auch glücklich machen wird. Die Herzogin glaubte vergehen zu müſſen. Ein Arbei'er ihr Schwiegerſohn! Das war unerhört. — O Gabriele, bat ſie, fragen Sie Ihren Mann, wer Betiy iſt! D PV. Th. I. 415 ——————— — 706— — So Gott will, nicht Ihres Maunes Tochter, ſagte Friſchmuth. Ich kenne diee Vorurtheile, der Mann gilt Nichts, der Stand Alles, ihm bringt man ein jedes Opfer. Dem reichen Wüſtling über⸗ liefert man Herz Geſundheit und Leben des zarten Mädchens, die zarteſten Keime des jungfräulichen Weſens erſticken in den Armen eines ſittenloſen Menſchen, der ſeine Untugenden mit ſei⸗ nem Wappenſchilde bedeckt. Und das nennt man Sitte! O, wir aus dem Volke denken anders, bei uns knüpft das Herz die Bande, und die Treue befeſtigt ſie. Das ſind die Ehen, die das Gedeihen der Nachkommenſchaft, das Wohl des Staates begrün⸗ den, aus ihnen allein kann Segen entſpringen. Gabriele ging zu ihrem Gemahl. — Um Gotteswillen, ſagte ſie, welches von den Mädchen iſt Alice? — Das darf ich nur dem Herzog von Montalto ſagen, erwiederte der. Sie war niedergeſchlagen. Friſchmuth hatte ihr ſo viel Gutes gethan, und ſollte ſie ihm jetzt den einzigen Wunſch ver⸗ ſagen, den er hatte? Dennoch ſah ſie ein, daß den Vorurthei⸗ len der Welt gegenüber die Herzogin von Montalto unmöglich einen Arbeiter zum Schwiegerſohne haben konnte, und Iduna ſaß in ſtummer Verzweiflung da, was ſollte ſie ſagen, wie den Mann zurückweiſen, dem ſie ſchon einmal ſo bitteres Unrecht ge⸗ than hatte? Reinhold hörte nicht auf, für ihn zu ſprechen. — Es iſt meine Abſicht, ſagte er, mich in den neuerworbe⸗ nen Provinzen anzukaufen, das Elſaß bietet dem Landmann den fruchtbarſten Boden dar, dort denke ich mir einen hübſchen Grundbeſitz zu erwerben und mir von Friſchmuth landwirthſchaft⸗ liche Maſchinen bauen zu laſſen. Was ich damit verdiene, theile ich gerne mit ihm, Sie ſehen alſo, daß Betth's Loos an ſeiner Seite geſichert iſt. — Aber ſie ſelber wird nicht einwilligen, antwortete Iduna, der die Weigerung des Mädchens die letzte Zuflucht war. — Sie irren, Frau Herzogin, ſagte Betty, indem ſie hinter der Gardine vortrat, dieſem Manne gebe ich mit vollem Vet⸗ tral K —„.—— — 4 —— tßriſhuuth. trauen meine Hand und folge ihm, wohin er mich auch füh⸗ Stand Ales ren mag. ing ſer Friſchmuth legte ſeinen Arm um ſie.— So iſt es recht, nMidchns uns kann nichts mehr auseinanderreißen, denn wir ſind Eins. licken Auch erbitte ich mir Betty nicht als ein Gnadengeſchenk, denn den ni ſi⸗ ſie ſelbſt hat mir ihr Herz gegeben und wird es nicht zurück⸗ nehmen, wenn ihr auch eine Herzogskrone zufällt. Iduna ſchwieg, ſie hätte das Mädchen ſo gerne bei ſich be⸗ halten, jetzt mußte ſie dieſe Hoffnung für immer aufgeben. Ein Kammerdiener des Herzogs, der eben eintrat, entriß ſie ihren trüben Gedanken Er meldete, daß ſein Gebieter ſich von ſeiner Srmattung erholt habe und nach ſeiner Gattin und ſeinen gindern verlange. Iduna eilte zu ihm, und beide Hände ſtreckte er ihr entgegen. — Vergieb mir, ſagte er, ich hoffe, Gott wird mir vergeben, wenn Du es thuſt. — Von ganzem Herzen, antwortete ſie und küßte liebevoll ſeine feuchtkalte Stirn. — Ich fühle, daß es mit mir zu Ende geht, fuhr er fort, und möchte mein Haus beſtellen. O, wie ſchlecht habe ich im Leben für die Meinigen geſorgt, wie gerne würde ich ihnen ſter⸗ ſl den M Phon Kadchen alto ſagen, o unnihich und Wund — wie den bend meine Fürſorge beweiſen, aber ich habe mein, Dein und Helenens Vermögen verſchwendet, und ohne den Edelmuth der s Un 8 Fürſin Donato hinterließe ich Euch ohne Mittel hilfos arm. ſpr kannſt Du, können meine Kinder mir das verzeihen? i— Gewiß, verſetzte Iduna, ſie werden Dich beklagen und n für Dich beten. en Nun waren auch die übrigen Familienmitglieder hereingetreten, michſ und auch der alte Peter Godard, deſſen Zeugniß erhärten ſollte, nidiene 4 wer Alice von Montalto war, und der ſich am Tage vorher in Fürſt os un ſen Donato's Wohnung mit dieſem berathen hatte, folgte ſeinen beiden ma Zöglingen. Betty hielt Wilhelms Hand feſt in der ihrigen, als wollte* vorteie ſie nie wieder von ihm laſſen, und ſo umſtanden ſie ſchweigend„ t war zine und in tiefer Wehmuth das Lager des Herzogs. den ſie Es war ein Sterbender, der da ruhte, das unterlag keinem volen“ 45* —— 4 — 708— Zweifel mehr. Die furchtbaren Seelenkämpfe, die körperlichen Anſtrengungen, welche Montalto während der Kriegsmonate er, duldet hatte, mußten ſeinen Körper aufreiben, den ein ſittenloſes Leben ohnedies geſchwächt hatte. Jetzt war er nur noch ein Schatten ſeiner ſelbſt. Bleich, mit hohlen, aber unheimlich glän⸗ zenden Augen lag er in den Armen ſeiner Gattin, die ſein mat⸗ tes Haupt an ihren Buſen drückte. Nur noch kurze Zeit konnte der Geiſt dieſen erſterbenden Körper bewohnen, das ſah man deutlich an dem blauen Schimmer, der ſich über ſeine Schläfe legte, an den eingefallenen Wangen, der ſpitz hervortretenden Naſe. Seine Hände fuhren ängſtlich auf dem Deckbette herum, ſeine Stimme war heiſer, und er rang nach Athem, doch aus ſeinen Blicken leuchtete noch das volle Verſtändniß, und das Be⸗ wußtſein einer Schuld, die ihm über das Grab hinwegfolgte — Wo ſind meine Kinder? fragte er, und Iduna winkte Richard und Margarethe herbei. — Wir haben eine wunderbare Entdeckung gemacht, ſagte die Herzogin, der Wachtmeiſter Friſchmuth bringt uns die Ge⸗ wißheit, daß Richard unſer rechter Sohn, Arthur der der Fürſtin Donato iſt. — So ſegne ich Dich, mein Richard, ſagte der Kranke, folge den Rathſchlägen Deiner edlen Mutter und lebe ſo, daß Du nicht zu ſterben brauchſt, wie Dein unglücklicher Vater. Ich habe ſchwer an Euch geſündigt, meine Kinder, als ich Euch dem mütterlichen Buſen entriß, es war der ſchändliche Venturo, der mich durch Drohungen zwang, Euch an ihn auszuliefern. Ver⸗ gebt mir das. Die Kinder warfen ſich über ſein Vett und bedeckten ſein Eeſicht und ſeine Hände mit Thränen und Küſſen, bis Iduna, die allzugroße Aufregung fürchtend, ſie entfernte. — Und wo iſt Alice, meine älteſte Tochter? fragte der Herzog. — Noch weiß ich es nicht, antwortete ihm ſeine Gattin. Da trat Graf Ottomar Iſſelhorſt hervor. — Wer auch Bece ſein mag, ſagte er, ich erbitte mir ihre ——— nn Han ſah Ster — 700— örperlichen Hand, denn ich liebe ſie ſeit dem erſten Augenblick, wo ich ſie monute er ſah, und gewiß, ich werde ſie glücklich machen. ſittenloſes— Und ich, rief Friſchmuth und trat mit Betiy zu dem noch ein Sterbenden hin, ich liebe dieſes Mädchen und ſie willigt ein, 9 i lich glän⸗ meine Frau zu werden. Ich weiß nicht, ob ſie Ihre Tochter iſt ſein mt und ich ts darnach. Wollen Sie ehr Kind nicht als Her⸗ i nt zogin anerkennen, mir ſoll ſie doch das Höchſte und Beſte ſein, ah man und ich will ſie verehren als ein mir von dem Herrgott anver⸗ * 7 9 6 e Schläfe i trautes Gut. rtretenden— Wohl, Graf Ottomar, ſagte der Herzog, wenn Beate te herum meine Tochter iſt, ſo, wünſche ich ihr keinen edleren Gatten, als dot aus Sie aber Friſchmuth ℳ das Be⸗— Ich weiß, wer ich bin, Herr Herzog ſprach der, ich weiß, folgte. däe ris arme M aſchinenbauer kein Recht 5e ſich in die vor⸗ na winkt⸗ nehme Familie einzudrängen, aber es gicht etwas Höheres, als die Geſetze und Sitten der Welt, das. Si. Liebe, und Nicht⸗ ht ſagt⸗ kann zwei Herzen trennen, die feſt entſchloſſen ſind, aneinander⸗ die Ge⸗ zu hängen. Der Sterbende ſah ihn an. r ßürſin — Sind Sie es ucht fragte er, der den beiden Grafen gnk Iſſelhorſt das Leben rettete, beſchützten Sie nicht meine Knaben. ſo daß verdankt nicht Ihnen die Fürſtin Donato ihr Vermögen und tr. h) ihren Sohn? S h ben— Das iſt nichts, ihn der Wochimeiſter. Ich ro, der habe meine Schuldigkeit gethan, ein Schurke, wer anders han⸗ delt, das giebt mir keinen Anſpruch auf Betty's Hand, aber daß 8 ſie mich will, das macht mich entſchloſſen, ſie der ganzen Welt ſtreitig zu machen.— Wenn man ſo nahe am Tode iſt, wie ich. un ſin es bin, ſagte Montalto, ſo iſt es vorbei mit Vorurtheilen. Vin Wäre ich brav geweſen, wie dieſer Mann, Iduna wäre das 3 glücklichſte Weib geworden. Laß Betty jene Seligkeit genießen. te der die Dir nicht zu Theil wurde, Du Arme, wandte er ſich an ſeine Gattin, laß ſie mit Achtung und Stolz auf ihren Mann blicken, attin gieb ihm die Geliebte... wenn Betty unſere Tochter iſt. — Sie iſt es nicht, rief der Fürſt Donato. Ich empfing Madelons Geſtändniß. Durch eine Liſt errettete ſie die kleine —— — 710— Alice, indem ſie dieſe und die Enkelin Peter Godard' heimlich davontrug, Iſidor und Franz, welche ausgeſchickt waren, das Kind Antonina's zu rauben, ließen ſich täuſchen, als ſie auf Peters Armen ein kleines Mädchen ſahen, es war die Toch⸗ ter des Tiſchler Schack, der in demſelben Hauſe wohnte. Ma⸗ delon hat es bitter noch auf dem Todtenbette bereut, daß das unſchuldige Weſen zum Opfer gebracht wurde, es ſtarb, indem Peter, um ſich den Verfolgern zu entzichen, mit ihm in das Waſſer ſprang, wo es im Fallen ſeinen Armen entglitt und er⸗ trank. Die beiden allzutreuen Diener brachten die Kinder nach Schloß Falkenſtein und zugleich einen Theil des Geldes, wel hes Antonina beſaß. Dieſer Schatz liegt noch in den Kellergewölben des Schloſſes, er gehört Alice Montalto, er gehört Derjenigen, die unter dem Namen Beate aufwuchs⸗ tte. Mit einem lauten Freudenſchrei ſtürzte Betty an Friſchmuths Bruſt, dann riß ſie ſich los und umarmte ihren Großvater, der ſtill und mit gefalteten Händen in einer Ecke ſtand. Beate da⸗ gegen ſank vor dem Vette ihres Vaters nieder, der ihre Hand in die des Grafen Ottomar legte. — Laß nun den Notar kommen, ſagte er zu Iduna, denn ich fühle, daß es ſchnell zu Ende geht. Der Gerichtsbeamte war bereits benachrichtigt und erſchiet bald, in ſeiner Gegenwart erkannte der Herzog Alice Undenlino acs ſein rechtmäßiges Kind an und verfügte über alles, was er noch an irdiſchen Gütern beſaß, zu Gunſten ſeiner Gemahlin. Dann, als er mit zitternder Hand ſeinen Namen unter das Blatt geſetzt hatte, winkte er Allen, daß ſie ſich entfernen möchten, und ſte thaten es unter Thränen, denn ſie wußten, daß ſie ihn nicht lebend wiederſehen würden. Nur Iduna blich an ſeiner Seite und weinte ſlill auf ſein Kiſſen. — Meine Seliebte, ſagte er, laß mich Dir noch einen letzten Wunſch ausſprechen — Rede, ba ſie ihn, ich werde Alles thun, was Du verlangſt.— — Am Rande des Grabes, ſprach der Sterbende, ſieht man klar in die Vergangenheit und Zukunft, Frankreich iſt beſiegt, Fodard? Schon merkte man den Anfang davon, als noch Verſailles twaren beſetzt war. al ſi Der Haß gegen die Deutſchen hatte nachgelaſſen, aber die ie Toch⸗ Wuth gegen die eigene Regierung flammte hell und ſchrecklich e. Ma⸗ auf. Die Abgeſandten Louis Napoleons wühlten he imlich di daß das Leidenſchaften auf, andere wurden von den Prinzen Joinville d dun und Aumale geſchickt, um das Volk zu gewinnen, wieder andere in das arbeiteten für einen Communiſtenſtaat, freilich nur aus Ehrgeis und er⸗ und Eigendünkel. ider na Der Fürſt Donato und Emanuel Undentino ſahen wohl ein, welches daß der ſterbender Herzog mit klarem Blicke in die Zukunft geſehen hatte. Von dieſer erregten Volksmaſſe war das Schlimmſte zu befi irchten. Sie drangen darauf, daß wenigſtens die Frauen Paris ſbe 8 als möglich verließen, und ſchon hatte man be⸗ ſchloſſen, daß Ade zufammen nach Mainz gehen ſollten, wo der iſhnuthe ſ 2 ater, der alte Graf Iſſelhorſt mit Sehnſucht auf ſeine Schwiegertöchter 5, 2—„p: eae do⸗ wartete und ihnen das Hochzeitsfeſt auszurichten gedachte, als die Nachricht eintraf, daß der-Kardinal Antonio Undentino ge⸗ ſtorben ſei. Sein Ende war ſchrecklich geweſen. Auf einer Reiſe, die er ud in Begleitung von wenig Dienern machte, wurde er von Räubern daſcen angegriffen. Seine Leute ſetzten ſich zur Wehre, ſie wurd neni nie dergemacht, ihn ſelber führten die Böſewichter gefangen fich fort. Aber der Schrecken hatte den ſchon alternden gajl ſo heftig ergriffen, daß ſeine Sinne ſich zu verwirren us Blan Wahnſinn packte ihn, er fiel in Raſerei und tobte zun, und umgebung. Die Räuber, welche bisher gehofft hatt. nit hohes Löſegeld zu erpreſſen, wußten nicht, wie ſie. ſollten, denn er zerriß alle Stricke, die ihn banden. iner Slie ſich auf ſeinen Wächter ſtürzte, um ihn zu erdroſſeln, ſcho, 3 ni eine Kugel durch das Gehirn, und ſo endete der ſtolze gewn inen Mann, der ſogar mit der italieniſchen Regierung geheime Be⸗ ziehungen pflog, die den Papſt ſeines Thrones beraubte, und v der ſeine kirchliche Stellung als Kardingdadurch entehrte. un Dieſer Vorfall nöthigte Gabrielen Gatten, nach Italien zu gehen, um den Nachlaß des Kardinals in Empfang zu nehmen, ſſt eſb* — 716— den die Fürſtin dazu beſtimmte, Krankenhäuſer zu etbäuen, Iduna mochte ſich nicht von der ihr ſo werth gewordenen Freundin trennen, denn Arthut und Richard hingen mit der i⸗migſten Liebe aneinander, und baten dringend, ſie nicht aus einander zu Leißen. So blieb denn nur ein Mittel. Die drei Brautpaare ſollten ſogleich getraut werden, und dann die jungen Ehemänner ihre Frauen ſelber nach Mainz führen, wo ſie bleiben ſollten, bis ſich Reinhold und Friſchmuth ihrer Soldatenpflichten vollſtändig entledigt hatten. Für den Grafen Ottomar, der von Beruf Militair war, be⸗ durſte es dazu einer beſonderer Erlaubniß ſeines Kriegsherrn, und nicht ohne einige Mühe verſchaffte er ſie ſich. Iduna be⸗ ſtimmte den Tag der dreifachen Hochzeit, die nur im engſten Kreiſe geſeiert werden follte, doch als ſie mit deg Mſchinenbauer darüber ſprach, ſtieß ſie bei ihm auf einen unerwarteten Wider⸗ tand. — Das geht nicht, ſagte er, denn mein Stand iſt nicht der Wrige. Wenn ich Betty heirakhe, ſo will ich Ihren Großvater mit an den Tiſch ſetzen, und Peter Godard hat bisher nur immer hinter dem Stuhl ſeiner Herrſchaft geſtanden und in der Küche gegeſſen. — Dieſer Tag wird eine Ausnahme machen, lächelte die gin. Den Mann, der Alice mit Gefahr ſeines Lebens er⸗ werde ich immer hoch genug ſchätzem um ihn gern an Fiſche zu ſehen. er es iſt nicht das allein, fuhr Wilhelm fort, ich häbe reunde, die bravſten Jungen von der Welt, aber ein⸗ wie ich. Sie ſind mir in allen Gefahren zur Seite d ich denke, es kann kein Segen auf meiner Ehe nn ich Thomas Wildberger und Heinrich Becker nicht habe. Ich war mit Betiy geſtern bei ihnen, während die Frau Fürſtin Liſetten beſuchte, die Drei gefielen ſich gegenſeitig, aber mit Ihnen, Frau Herzogin, iſt es etwas Anderes, denn Sie ſind in Standesvoruncheilen geboren, die ich Ihnen ja auch nicht verdenke, aber unter denen ich meine liebſten Freunde nicht wil leiden laſſen. dune Freundin inigſten einander autpaare emänner ten, bis fündig war, be⸗ ghetrn, una he⸗ engſen nenbauer Vider⸗ richt der oßwatet her nur d in der helt di hens er⸗ gern un i habe ber ei⸗ ur Stit iner Ge ur nihi die Frau lig, ch den hi j auch ide nij —— —— — * E 8 Soſour& Srey Control Chart Cyan Sreen Nellow Red Magenta