——.=— S— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und rahſiſſer Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: S für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr 50 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten“ haben für Hin⸗ und Zurückſendung der üe auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Schon begann in der Hauptſtadt ſich das drückende Gefühl des Belagerungszuſtandes bemerkbar zu machen. Wem es möglich war, der wanderte aus und ſuchte ſich in friedlicheren Gegenden ein zeitweiliges Unterkommen. Die Herzogin Iduna von Montalto wollte ſich den Gefahren nicht entziehen die ihr in Paris drohten. Ihr Mann war ein warmer Anhänger des abgeſetzten Kaiſers geweſen, und alle Per⸗ ſonen, die mit dem Herrſcherhauſe in Verbindung ſtanden, waren bei dem Volke verhaßt. Mit Iduna jedoch ſtand es anders, ſie hatte ſich durch unzählige Wohlthaten die Liebe der Armen er⸗ worben, und kaum von ihrer ſchweren Krankheit geneſen, gab ſie den Befehl Mehl, Reis, Hülſenfrüchte und Kartoffeln einzukaufen, Fleiſch in Salz zu legen, Fiſche zu trocknen und Alles vorzube⸗ reiten, um die Unglücklichen unterſtützen zu können, die zu arm waren, ſich Vorräthe anzuſchaffen Helene half ihr bei dieſen from⸗ men Beſtrebungen: dennoſeit kurzer Zeit fühlte ſich ihr Schützling Rafael Gambi kräftig genug, um ihrer Pflege nicht mehr zu be⸗ dürfen. — Laſſen Sie mich fort, bat er ſie, Ihr Vaterland iſt in Gefahr, und ich fühle mich verpflichtet, es vertheidigen zu helfen. — O nein, bat Helene, ſtürzen ſie ſich nicht in dieſen ver⸗ D. V. Th. II. 1 ———— —— — zweifelten Kampf, als Italiener haben Sie es nicht nöthig, die Waffen zu ergreifen, Niemand kann Sie dazu weswegen alſo wollen Sie ein Heer vermehren, das ohne Sie ſtark genug ſein wird, Paris zu vertheidigen? — Ich habe hier gelebt, verſetzte er, ich habe in dieſen Kunſthallen ſtudirt, die Freuden dieſer Stadt genoſſen, und ihre Bürger waren meine Freunde. Legt mir das nicht die Verpflich⸗ tung auf, Paris vertheidigen zu helfen, da es in Noth iſt? Sehen Sie auf Garibaldi, den größten Mann meines Vaterlandes. Zuch er ergreift die Waffen für die Republik. Ich würde mich an ihn anſchließen, wenn ich Sie nicht ſchutzlos wüßte. Ich bleibe hier um Ihretwegen. Wenn die nordiſchen Barbaren hier herein dringen, dann ſollen Sie und die Herzogin nicht allein auf den Beiſtand Ihrer Bedienten angewieſen ſein, dann will ich Ihnen mit meinem Leben die Dankbarkeit bezahlen, die ich Ihnen ſchuk⸗ dig bin. — Ich fürchte dieſe nordiſchen Barbaren nicht, erwiederte Helene lächelnd, gehört doch Reinhold von Iſſelhorß zu ihnen. — Es giebt Ausnahmen, ſagte der Maler. Wären alle Deutſche wie Reinhold, wir hätten nichts von ihnen zu befürchten. Aber leſen Sie in den pariſer Zeitungen von den Grauſamkeiten, die ſie überall ausüben. Nichts iſt ihnen heilig, ſie ſchänden die Kir⸗ chen, ſie plündern und morden in wahrhaft kannibaliſcher Weiſe. — Iſt das auch Alles wahr, was die Zeitungen berichten? fragte ſie. — Ich ſehe keinen Grund, daran zu zweifeln, verſebte der junge Mann, denn ihre Berichte ſtimmen überein. Freilich ent⸗ ſchuldigt der Krieg Vieles, aber das herriſche Weſen dieſor Deut⸗ ſchen, ihr ſtolzes Zurückweiſen aller Friedensvorſchläge, ihr rück⸗ ſichtsloſes Vordringen, nachdem ſie erklärt haben, nur mit dem Kaiſer, nicht mit dem Volke Krieg zu führen läßt ſich auch das entſchuldigen? — Ich weiß es nicht, ſagte das Fräulein, ein Mädchen, wie ich, verſteht wenig von ſolchen Dingen. Dennoch ſcheint es mir, als ſeien die Deutſchen nicht blos durch den Kaiſer zum Kriege gereizt worden, und daß ſie ihn nun mit aller Kraft fortſetzen, ſcheint mir ein etſ mei beß ſein ſie! ihre wün den wuß den hatt ihre ihree Grü ſchla wefe ſie m ſchwe kehre war, einen injg nd Sshr das läny wird nen. mir, einen Brief ihres Oheims erhalten Snicht unbillig zu ſein. Oder glauben Sie, das der Graf Iſſelhorſt einer unwürdigen Sache ſeinen Degen leihen würde? — Reinhold kämpft für ſein Vaterland, das iſt ſeine Pflicht, verſetzte Rafael, ich aber hoffe mehr zu thun, indem ich Frankreich meinen Arm anbiete, denn mir ſcheint es edel, dem Unterliegenden beizuſtehen.„ Helene drang nicht länger in ihn. Zwar zitterte ſie für ſeine immer noch ſchwache Geſundheit, ſie zitterte noch mehr, wenn ſie dachte, daß Reinhold, ihr Seliebter, vielleicht durch die Hand ihres Freundes ſterben ſollte. Ihr Herz war wie zerriſſen. Sie wünſchte den Franzoſen den Sieg und hätte doch um keinen Preis den jungen Grafen in Gefangenſchaft, verwundet oder todt ge⸗ wußt, ſie betete für Reinhold und rechnete es ſichfaſt für Sünde an, denn es war ja der Feind Frankreichs, deſſen Leben ihr ſo lieb war. Mit Iduna wagte ſie nicht von ihren Sorgen zu ſprechen, hatte dieſe doch deren ſelber genug. Iduna war noch ſchwach von ihrer Krankheit. Dieſe hatte zum Glück die ſanfte Schönheit ihres Geſichts nicht zerſtört nur hier und da zeigte fich ein kleines Grübchen in der Haut, und dieſe war noch fleckig von dem Aus⸗ ſchlag, der nur langſam verſchwand. Beſſer wäre es für ſie ge⸗ weſen, wenn ſie in einen ruhigen Aufenthalt gekommen wäre, aber ſie wollte Paris nicht verlaſſen, weil immer noch die freilich fehr ſchwache Hoffnung in ihr lebte, daß ihre Söhne zu ihr zurück⸗ kehren möchten. Rur Helene wußte, daß dieſe Hoffnung eitel war, doch wollte ſie ſie nicht gänzlich zerſtören. gelene hatte — WMein geliebtes Kind, ſchrieb er ihr, ich habe nach dem einzigen Mittel geſucht, die unglückliche Iduna zu verſöhnen, ach, und mein Suchen war vergeblich! Ich habe kein⸗Weib, keine Söhne mehr, ich habe nur noch ein mit Schmach bedecktes Leben, das mir zur Laſt iſt. Dem Vaterlande will ich es weihen, ich kämpfe für Frankreich, ſei es Kaiſerreich, ſei es Republik, es wird mich durch einen ehrenvollen Tod für meine Mühen beloh⸗ nen. Lebe wohl, Helene, und wenn Du es vermagſt, vergieb es mir, aber weine nicht, wenn Du von meinem Ende vernimmſt, 1 ——— denn dieſes Ende iſt der einzige Wunſch Deines unglücklichen Onkels— Hermann Montalto. Dieſen Brief hatte Helene vor ihrer Tante geheim gehalten, um ſie nicht zu betrüben, und auch daß ſie den Herzog gefehen hatte, ſagte ſie ihr nicht. Unterdeſſen ſammelten die Bürger von Paris noch in den letzten Tagen vor der gänzlichen Einſchließung ſo viel Lebens⸗ mittel als möglich, um ſich gegen Hungersnoth zu ſchützen obgleich Niemand glaubte, daß die Belagerung länger als einige Wochen dauern könne. Aber es zeigte ſich noch eine andere und ſehr große Schwierigkeit. Abgeſchnitten von jeder Verbindung mit der Außenwelt, wußte man nicht, wie es draußen um den Krieg ſtand. Die Poſten waren von den Deutſchen aufgehoben worden und beför⸗ derten keine Briefe mehr zu den Armeen und in die Provinzen, man mußte alſo ſeine Zuflucht zu anderen Verbindungsmitteln nehmen. Hierzu diente vor allen Dingen die Taubenpoſt. Dieſe zarten und zärtlichen Thiere beſitzen den wunderharen Raturtrieb, ſich immer dahin zurückzufinden, wo ſie geboren und aufgezogen wurden, es iſt wie ein Heimweh, das ſie immer wieder zu ihrem erſten Schlage zurückzieht. Nun führte man die Tauben nach Brüſſel oder nach anderen Orten, befeſtigte ihnen alsdann ein ſehr feines, ſehr klein beſchriebenes Papier unter dem Flügel und ließ ſie fliegen. Sie ſtiegen aus ihrem dunklen Käfig empor, kreiſten erſt niedrig, dann höher und höher durch die Luft, als müßten ſie erſt ſehen, wo ſie ſich befänden, und flogen dann in ſtetigem Fluge und ohne auszuruhen die weite Strecke nach Paris zurück. Nahte ſich ihnen kein Habicht oder Geier, ſanken ſie nicht unterwegs vor Ermattung zu Boden, ſo gelangten ſie nach unglaublich kurzer Zeit an dem Orte ihrer Beſtimmung. Das Blättchen, das ſie ſich nicht fortnehmen ließen, weil ſie bei der Ankunft bis zum Tode ermüdet waren, war gewöhnlich ſo fein be⸗ ſchrieben, daß es nur vermittelſt eines Vergrößerungsglaſes ge⸗ leſen wurde. War es auf dieſe Weiſe möglich, Nachricht pon draußen zu bekommen, falls nicht eine feindliche Kugel die hochfliegende Taube erreichte. ſo fehlte doch noch ein Mittel, Menſchen aus Paris und wieder dahin zurückzubefördern. Auch dies ſollte ge⸗ funden werden. Schon in den früheſten Zeiten hatten ſich die Menſchen bemüht, ein Mittel zu entdecken, um ſich in die Luft er⸗ heben zu können. Sie beneideten die Vögel, die ſich ſo frei im Aetherraum bewegten, ſie machten ſich Flügel von Wachs erhoben ſich auf Blaſen, die mit Luft gefüllt waren, aber all dieſe Ver⸗ ſuche blieben ganz unfruchtbar, bis im Jahre ſiebzehnhundert zwei und achtzig zwei franzöſiſche Brüder, Namens Montgolfieri, den Luftballon erfanden, der ſich durch Einfüllung einer Gasart, die leichter iſt, als die uns umgebende Luft, erhebt. Dieſe Erfindung wurde nachher bedeutend vervollkommnet, doch niemals gelang es, das Luftſchiff zu ſteuern, man mußte es den Winden überlaſſen. Und nicht das allein. Das Herabfallen des Luftballons verurſachte jedes Mal bedeutende Schwierigkeiten. Das Gas, mit welchem die ſeidene Kugel angefüllt iſt, entweicht nicht gänzlich, ſie iſt deswegen immer noch leichter als die Atmos⸗ phäre und flattert über der Erde, ohne feſt darauf zu haften⸗ Nun wirft man Stricke heraus, und iſt glücklich wenn Menſchen da ſind, die ſie faſſen und halten, ader wenn man einen Anker um einen Baumſtamm werfen kann, fällt der Ballon aber auf den Ocean nieder, oder in die Hände der Feinde. was dann? In beiden Fällen ſind Diejenigen, die ſich in der Gondel befinden, verloren. Schon von Metz aus hatte man Ballons mit Briefen aufſteigen laſſen jetzt aber nutzte man dieſe Erfin⸗ dung noch ganz anders aus. Gambetta, dem Alles daran lag neue Heere zu ſchaffen und ſie den Deutſchen gegenüberzuſtellen, ſuchte nach Mitteln, Paris zu verlaſſen. Er verſuchte es, ſich verkleidet durch die Belage⸗ rungslinie zu ſchleichen, doch überall begegneten ihm feindliche Soldaten, und zufrieden mußte er ſein, unerkannt wieder zurück⸗ kehren zu können. Da faßte er den allerdings muthigen Entſchluß durch die Lüfte zu fliegen. Er ſtieg empor, begleitet von den Beifallrufen aller Pariſer. So weit es ging, ſah man ihm mit Opernguckern und Fernröhren nach bis er entſchwand. Aber die Luft war ſtill, kein Wiudhauch zeigte ſich, und ruhig ſchwebte das Schifflein über das Land, über die feindlichen Armeen, über Flüſſe und Seen dahin. Endlich landete er in Amiens, weit genug von den Deutſchen entfernt, um ſich in Sicherheit fühlen zu können. Von hier führte die Eiſenbahn den kühnen und ehrgeizigen Mann nach Tours, wo von nun an der Sitz der Provinzialabtheilung der Regierung war. Jetzt war ſein ganzes Beſtreben darauf gerichtet, die Fran⸗ zoſen zu einem allgemeinen Widerſtande gegen die Deutſchen aufzuſtacheln. Er verſchrieb von Amerika her eine große Anzahl von Hinterladungsgewehren, kleidete Mannſchaften ein, ernannte Offiziere, machte Kriegspläne und ſuchte die Steuern einzutreiben, um möglichſt viel Geld beiſammen zu haben. Seine unermüdliche Thätigkeit, ſeine Vaterlandsliebe hätten ſelbſt den Feinden Achtung eingeflößt, wenn er nicht Alles, was er Gutes ſtiftete, durch ein maßloſes Lügenſyſtem wett gemacht hätte, mit dem er ſeinen Landsleuten Sand in die Augen zu ſtreuen ſuchte. Jede Niederlage verwandelte ſich in ſeinen Berich⸗ ten zum glänzenden Siege, er verhieß Bazaines Ankunft vor Paris, als Metz ſchon gefallen war, er ſuchte den Muth der Franzoſen durch grenzenloſe Prahlereien aufzuſtacheln, und wurde nicht müde, die Feinde verächtlich darzuſtellen. Solch ein Benehmen verſtößt gegen alle Sittlichkeit, und läßt ſich in keiner Weiſe rechtfertigen. Mit Wahrheitsliebe wäre Gam⸗ betta ſelbſt im Unglück ein großer Mann geweſen, doch ſeine Lügen ſtempelten ihn zum elenden Prahlhans ohne inneren Werth. Dennoch fehlte es nicht an Leuten, die ſich an ihn an⸗ ſchloſſen, das that auch der alte Cremieux, der mit ihm in Tours war, das that Bourbaki, dem er ein Kommando gab, das that ſogar Garibaldi. An ſeinen Freiſchaaren hatten die Franzoſen in dem Aufſtande gegen Rom im Jahre achtzehnhundert ſieben und ſechzig zum erſten Male ihre Chaſſepots verſucht, und dennoch zögerte er nicht, dieſelben Franzoſen als ſeine Brüder zu begrü⸗ ßen. Lange Zeit war ſein Wahlſpruch geweſen: Rom oder den * Tod! Jetzt fiel die heilige Stadt faſt ohne Schwertſtreich dem König Victor Emanuel zu, aber er nahm keinen Antheil an die⸗ ſem Freigniß, ſondern begrüßte laut die Republik. Als Gene⸗ ral eines vollſtändig geordneten Heeres hat Garibaldi niemals Großes geleiſtet, nur als Führer von Freiſchaaren hatte er ſich ausgezeichnet. Dies erkannte auch Gambetta und machte ihn zum Oberbefehlshaber aller irregulären Truppen in Frankreich. Das erregte jedoch die Eiferſüchteleien der übrigen franzö⸗ ſiſchen Generale, vorzüglich Cambriels, und nach langem Gezänk hielt es Guiſeppe Garibaldi endlich für gerathen, ſich ſeinem eigenen Vaterlande ſo nah als möglich anzuſchließen Ueber die Alpen kamen ihm einige italieniſche Flüchtlinge zur Hilfe, die daheim nichts zu verlieren hatten, die Schweiz vermochte nicht, ein paar tollkühne Abenteurer davon zurückzuhalten, daß ſie ſich an ihn anſchloſſen, die Uebrigen waren hergelaufene Menſchen aus allen Nationen, von denen Jeder nur ſeinen eigenen Vortheil ſuchte Sie verlangten dus Recht, ihre Offiziere ſelbſt wählen zu dürfen, aber auch dieſen leiſteten ſie keinen Gehorſam In den Bergen fanden ſie weder ſo viel Nahrung, als ſie wünſchten, noch die erſehnte Beute, um die es ihnen hauptſächlich zu thun war. Ihre Bewaffnung war anfangs die ſchlechteſte von der⸗ Welt, Uniformen beſaßen ſie nicht, und da ſie alle Sprachen der Welt redeten, verſtanden ſie ſich kaum untereinander. Garibaldi ſelber war alt, krank und unfähig, ſolch' einen Haufen in Ordnung zu halten, ſeine Söhne Riceiotti und Me⸗ notti, und ſein Schwiegerſohn Canzio plagten ſich mit ihnen ab, und in den Gefechten, in denen ihnen der General von Werder ſtets Schaden beibrachte, richteten ſie gar nichts aus, bis Bour⸗ baki ſeine Armee den Deutſchen entgegenwarf, in der thörichten Abſicht den General von Werder nach dem Elſaß zurückzudrängen und dann in Deutſchland einzubrechen. Viel gefährlicher als dieſe Garibaldianer waren die Frank⸗ tireurs oder Freiſchützen. Sie trugen keine Uniform außer der Hoſe mit dem rothen Streifen, ſonſt hatten ſie die blaue Blouſe des Landmanns an und thaten ſo unſchuldig, als wären ſie friedliche Bürger, bis ſie den Deutſchen aus einem Hinterhalte beikommen konnten. Es giebt keine Gemeinheit, die dieſe Men⸗ ſchen ſich nicht gegen die Deutſchen erlaubten, ſie ſchoſſen aus dem Verſteck, fielen wie Räuber über die Soldaten her, verkrochen ſich, wenn ſie verfolgt wurden, in Schränke und Betten und ſtachen daraus hervor, verſchütteten die Brunnen oder ver⸗ darben das Waſſer, und warfen die Büchſe fort und geberdeten ſich wie einfache Bauern, ſobald ihnen die deutſchen Soldaten auf den Leib rückten. Im Felde ſtanden ſie gar nicht, ſie waren wie Katzen die aus dem ſicheren Verſteck hervor auf ihre Beute ſpringen, man konnte ſie nicht vertilgen, denn ſie wuchſen wie Pilze aus der Erde, riſſen die Schienen der Eiſenbahnen auf, hieben die Pfeiler der Brücken ein und gruben breite Rinnen über die Chauſſeen. Die Erbitterung der deutſchen Soldaten gegen dieſe Schur⸗ ken überſtieg bald alles Maß. Lagen ſie Nachts im Quartier, ſo ſchlichen die Franktireurs herbei, beſetzten das Dorf, warfen Feuer in die Häuſer oder ſchoſſen die aus dem Schlafe Aufge⸗ ſchreckten hinter einem Zaun hervar zu Boden. Das waren Gam⸗ bettas leichte Hilfskorps, denen er alle möglichen Freiheiten und nur den einzigen Befehl gegeben hatte, den Feinden ſo viel Schaden als möglich zuzufügen. Sie haben dieſem Befehl in vollem Maße Folge geleiſtet. Doch auch die regelmäßigen Truppen kämpften jetzt mit weit größerem Muthe als früher. Bei Paris arbeitete Alles an den Befeſtigungen der Stadt. Die Künſtler und Gelehrten wie die einfachen Handwerker, Alle legten Hand an, um Schanzen zu graben, Wälle aufzuwerfen und Mauern zu bauen. Aus den Forts knallte faſt beſtändig ein ganz wüthendes Geſchützfeuer hervor und beläſtigte die Vorpoſten. Es giebt im Kriege Nichts, was mehr die Sinne aufregt, als der Vorpoſtendienſt. Da ſteht der Soldat auf einer freien Wacht oder höchſtens durch einen Baumſtamm geſchützt. Drüben donnern die Kanonen. Jeden Schuß zeigt er mit lauter Stimme an, damit die Kameraden ſich decken oder doch flach auf die Erde werfen können, er ſelber aber ſteht inmitten des Kugelregens feſt und unbeweglich, das Auge auf den Blitz des Geſchützes gerich⸗ — 9— tet, umbrüllt, umziſcht von dem Krachen und Toben der ein⸗ ſchlagenden Granaten. Sie fahren in den feuchten Thonboden hinein und werfen eine Fontaine von Erde auf; die weit umher⸗ ſpritzt, die Splitter fliegen vmnher, und vernichten Alles, was ſie erreichen. So geht es ſtundenlang, bis die Ablöſung ksmmt, die oft nur eine Leiche findet. Aber im Rücken dieſer Vorpoſten graben und ſchaufeln die Kameraden, ſie werfen Erde auf und arbeiten ſich wie Maul⸗ würfe immer weiter, immer näher an den Feind heran. Wie durch Zauber entſteht Parallele auf Parallele, heimlich, ohne daß es ein Menſch ahnt. Die Arbeit geſchieht in der Nacht, die Bäume, die ſchon kahl werdenden Sträucher decken ſie endlich bringt man Kanonen in die Schanzgräben hinein... es iſt ein Rieſenwerk, das nach und nach entſteht. Aber es blieb nicht ohne Störung. Der General Ducrot, der die Forts kommandirte, unterhielt vorzüglich vom Berg Va⸗ lerien aus ein haſtiges Feuer. Die Deutſchen nannten dieſen Berg den Onkel Baldrian und ſpotteten über ſein unnützes Spektakeln, aber es ſollte ernſter kommen. Hatten ſich die Kavalleriſten bei Rambouillet mit Frankti⸗ reurs herumgeſchlagen, ſo gab es bald darauf ein heftiges Ge⸗ fecht der Bayern im Walde von Hilarien. Der General von Alvensleben wurde am Fuße verwundet, aber der weit ſtärkere Feind mußte weichen. Aus dem kleinen Orte les Alluets wurde auf die Deutſchen gefeuert, das mußte gerächt werden. Mit Infanterie, ſogar mit Artillerie trieben ſie die Franzoſen fort, die Häuſer brannten, man brauchte keine Leichen zu begraben, denn ſie verkohlten in der Gluth, aber auch hier zogen die Fran⸗ zoſen den Kürzeren. Trochu machte Ausfälle bei Bagneux, Chatillon und Clamont, aber die Baiern widerſtanden ihm auf das Tapferſte, obgleich ihre Verluſte mehr als dreihundert Mann betrugen. So ging es fort. Man mußte beſtändig auf der Hut ſein, denn jeder Augen⸗ blick konnte neue Gefahren bringen. Bisher waren es die ſüd⸗ lichen und weſtlichen Forts, welche die meiſte Thätigkeit entwickel⸗ ten, die übrigen blieben mehr oder weniger unthätig⸗ —— Jeden ſolchen zurückgeſchlagenen Ausfall verkündigte Trochu ganz in Gambetta's Art und Weiſe als einen großen Sieg, und die Pariſer glaubten ihm, und hofften noch immer auf Entſatz durch Bazaine, bis eines Tages die bittere Enttäuſchung, die Nachricht von der Kapitulation von Metz kam. 2. Kapitel. Die Verlorene. Es lagen Verwundete an der Heerſtraße, doch Niemand getraute ſich hinaus, die Unglücklichen in das Lazareth zu holen. Die Kugeln des Berges Valérien beſtrichen den Weg, und in großen Mengen ſpieen die Kanonen der Rothhoſen Granaten aus. Da war es ge⸗ fährlich, ſich hinauszuwagen, und dennoch konnte man die zer⸗ ſchoſſenen Brüder nicht hilflos ihrem trüben Schickſal über⸗ laſſen. — So will ich es denn mit Gottes Hilfe wagen, ſagte die bleiche Frau von Mainz und knüpfte ſich ihr Schleiertuch feſter, denn es wehte ein ſchneidend ſcharfer Herbſtwind, und die Bäume ſtreuten ſchon ihr gelbes Laub auf den Weg. — Aber wie wollen Sie es anfangen, die Kranken hierher zu bringen? fragte ſie der Arzt des Lazareths. — Es können nicht allzuviele ſein, verſetzte ſie, denn es war nur eine Streifpatrouille, die von den Franzoſen beſchoſſen wurde. Ich weiß aber Einen, den ich nicht umſonſt bitten werde, mir bei einem gefährlichen Unternehmen ſeinen Beiſtand zu leihen. — Und dieſer Eine bin ich! rief eine muntere Stimme Ich ſehe, ich komme zur rechten Zeit. Da ſind meine beiden Arme, ganz geſund und ganz zugeheilt, da iſt mein Bischen Menſchen⸗ verſtand, und nun ſagen Sie, was ich thun ſoll. Maria Fiſcher reichte dem Maſchinenbauer ihre Hand. — Ich weiß, daß ich auf Sie bauen kann, Friſchmuth, ſagte ſie. Schaffen Sie eine Bahre herbei, wir müſſen die Verwundeten noch vor Nacht in Sicherheit bringen. — Eine Bahre, meinte Friſchmuth. Und da faſſen Sie wohl an einem Ende an, und ich nehme das andere? Nein, ſo geht es denn doch nicht. Die Frauen ſind nun mal immer unpraktiſch. Das iſt doch klar, daß wir Beide allein die Sache nicht fertig kriegen, ſelbſt wenn die franzöſiſchen Kanonen, die eben ſo ſchwatz⸗ haft ſind wie ihre Herren, nicht mit hinein reden. Aber warten Sie nur, ich habe einen guten Freund, der ſchon mit angreift, wo es was Nothwendiges zu thun giebt. Nehmen Sie Waſſer, Wein⸗ und was Sie ſonſt brauchen, um die Kranken zu erfriſchen, ich bin in fünf Minuten wieder hier. Gabriele nickte ihm ſchweigend zu, und Friſchmuth lief davon, um in der kürzeſten Zeit mit der Bahre zurückzukommen, an der ihm Heinrich Becker tragen half. Der Sachſe befand ſich nun ſchon ſeit einiger Zeit dicht vor Paris, wo die Armee ſeines Kron⸗ prinzen allen Gefahren trotzte und die vielen Entbehrungen, welche die Belagerung ihr auferlegte, mit der heldenmäßigſten Ausdauer trug. Der ſonſt etwas ſchwächlich ausſehende junge Mann war jetzt braun von dem häufigen Aufenthalt in freier Luft, und auf ſeinem Geſichte zeigte ſich jener Ausdruck von Entſchloſſenheit und feſtem Mannesſinn, den alle Krieger mit der Zeit annehmen, und der ihr ſchönſter Schmuck iſt. Er hatte genug von der bleichen Frau von Mainz gehört, um ſie wie ein höheres Weſen zu verehren, und war ſogleich bereit, in ihrem Dienſte ſein Leben zu wagen. — Nun, ſagte Wilhelm, für etwas Uebernatürliches halte ich ſie eben nicht, was ſie auch von ihr ſchwatzen mögen, Ich habe ihr oft genug die Hand gegeben und weiß, daß Blut darin fließt, darum glaube ich auch nicht, wenn die Leute erzählen, daß Niemand ſie hat eſſen oder trinken ſehen, und daß ſie ſtatt zu ſchlafen betet. — Ja, ſo ſeid Ihr Berliner, fiel ihm Heinrich eifrig in das Wort, Ihr glaubt an Nichts. Je mehr Ihr bezweifelt und in Ab⸗ rede ſtellt, um ſo klüger dünkt Ihr Euch. — — Laß das nur gut ſein, lachte Friſchmuth, wir glauben doch an Gott und ſtellen es keineswegs in Abrede, daß es Menſchen giebt, die die Hölle zehnfach verdiont haben. Aber komm, wenn Du überhaupt dabei ſein willſt, denn mag Maria Fiſcher ſich von Brot oder von göttlichen Gedanken nähren, varten will ich ſie nicht laſſen. Somit langten die beiden Freunde in dem Lazarethe an, und Gabriele war ſogleich bereit, ihnen zu folgen. Es hatte am Morgen vom Valérien aus ein ſo heftiges Schießen ſtattgefunden, wie die Franzoſen dies alle Tage unterhielten, mehr, wie es ſchien, um ihr Pulver und Blei los zu werden, als um dem Gegner Schaden zuzufügen. Dieſes Mal war eine unglückliche Streifpatrouille dem Feuer zu nahe gekommen, oder die Pariſer hatten ein neues Geſchütz aufgefahren, deſſen Tragweite größer war, als die der früheren, kurz, ein Hagel von Kugeln ſauſte plötzlich auf die unbefangen Dahinmarſchirenden nieder warf Mehrere todt, Andere verwundet zu Boden, und die Uebrigen entflohen der Gefahr, indem ſie unter den Schutz der Bäume ſprangen. Die Franzoſen begnügten ſich jedoch keineswegs mit dieſem leichten Siege ſie fuhren fort zu ſchießen, und knallten noch ſtundenlang weiter, während die unglücklichen Verwundeten vor Schmerzen und Todesangſt ſchrieen, denn rings um ſie her tobten die Granaten und begruben ſie bei lebendigem Leibe mit der aufgewühlten Erde. Das war eine fürchterliche Lage, aus der ſie ohne Frage längſt ſchon befreit worden wären, wenn nicht gerade der größte Theil der in der Rähe liegenden Truppen abgezogen geweſen wäre, um bei dem Schanzengraben zu helfen. Bis zum Abend hin warteten die Verſchmachtenden auf di Heimkehr ihrer Brüder, aber dieſe mußten die helle Mondnacht benutzen, um ihre Arbeit fortzuſetzen. So blieb es denn einer Frau überlaſſen das Werk der Barmherzigkeit an ihnen auszuüben. Wäre Wilhelm Friſchmuth nicht zufällig in das Lazareth gekommen, um Maria Fiſcher zu ſehen, ſo würde er Nichts von der traurigen Begebenheit erfah⸗ en haben, nun aber war er gleich zur Hilfe bereit, um ſo mehr als er die Frau über Alles verehrte, die ihn zu dieſem Liebes⸗ dienſte aufforderte, Sie gingen ſchweigend und möglichſt in den Schatten ge⸗ drückt, damit die Franzoſen in dem Fort ihre Nähe nicht ahnten. Dieſe mußten doch endlich gemerkt hahen, daß ihr Feuern ganz vergeblich war, denn ſie ſtellten es ein und gaben nur noch von Zeit zu Zeit einen Schuß ab. Dies war für die drei Freunde ſehr günſtig. Sie kamen bald zu der Stelle, wo ein klägliches Winſeln ihnen die Gegen⸗ genwart der ſchwer Leidenden anzeigte. Maria Fiſcher machte ſich gleich daran, die Wunden zu verbinden und die lechzenden Zun⸗ gen der Schmachtenden mit Waſſer und Wein zu benetzen. Friſch⸗ muth und Heinrich unterſuchten indeſſen die ſtumm und ſtarr Daliegenden, um zu wiſſen, ob noch ein Lebensfunken in ihnen ſei, und ſo beſchäftigt, merkten ſie es nicht, daß eini⸗ e ſchwarze Geſtalten nicht weit von ihnen in das Dunkel des Baſe hineinhuſchten. — Es ſind noch ſechs am Leben, endlich die Fürſtin zu dem Maſchinenbauer, wir werden ſie nicht zu gleicher Zeit fortbringen können. — Dann nehmen wir ſie nach einander, erwiederte Friſch⸗ muth, der Weg iſt nicht ſo weit, daß man ihn nicht zwei Mal machen könnte. — So legt erſt dieſe beiden auf die Bahre, bat Gabriele, ſie bedürfen der ſchnellſten Hilfe. — Aber Sie kommen gleich mit? fragte Wilhelm. — RNein, ich bleibe, um noch die letzten Verbände anzulegen, verſetzte die Krankenpflegerin. — Oho, das wäre gefährlich, rief Wilhelm allein laſſe ich Sie hier nicht! — Was hätte ich zu fürchten? ſagte Maria mir wird Nie⸗ mand etwas zu leide thun, und vor den Sun mich. Gott. — Der ſchüht immer, ic tenne ſe beſſer, Friſch⸗ muth. Kommen Sie mit uns, ich gehe nicht ohne Sie. — Und doch es ſein, verſetzte ſie mit mildem Ernſt. Dieſe beiden Leute können bald ſterben, wenn man nicht eiligſt die Kugeln entfernt, deren Bleigehalt ihnen das Blut vergiftet, jene Andern aber laſſen ſich nicht transportiren, ehe ich ihnen nicht die Wunden verbunden und die zerſplitterten Knochen ent⸗ fernt habe. Sie ſehen, es iſt keine Zeit zu verlieren, eilen Sie, in einer Viertelſtunde holen Sie die heiden Anderen, und ich folge Ihnen dann und bereite auch für die zwei Letzten die Betten. Friſchmuth ſchüttelte den Kopf. — Allein kann ich Sie nicht laſſen die Sache iſt zu gefähr⸗ lich, ſagte er, eher mögen zehn Soldaten ſterben, ehe ich Sie in die Hände der Franktireurs fallen laſſe. — Sagte ich Ihnen nicht, daß Gott mich ſchützt? fragte Gabriele und drängte ihn zum Fortgehen. Heinrich Becker zupfte ihn am Aermel. — Da hörſt Du es ja, daß ſie unter göttlichem Schutz ſteht, ſagte er leiſe, komm nur, es wird ihr Nichts geſchehen. Noch immer zögerte der Berliner, aber endlich mußte er wohl dem Drängen nachgeben, um ſo mehr, als auch die beiden Verwundeten im Namen ihrer Frauen und Finder um Rettung flehten. Er hob die Bahre auf, und ging mit Heinrich Becker davon, aber faſt bei jedem Schritte wandte er ſich nach Maria Fiſcher um, die er im Mondenlichte deutlich ſah, wie ſie bei den Verwundeten kniete und ihnen Linderung in ihren verſchaffen ſuchte. Eine Viertelſtunde ſpäter kamen die beiden Soldaten wieder mit leerer Bahre zurück, um zwei andere Kranke zu holen, aber welch' eine Stille empfing ſie da, wo noch kurz vorher der Schmer⸗ zensſchrei der Unglücklichen ertönte? Waren alle Leiden be⸗ ſchwichtigt, ſeit Maria Fiſcher ihre milde Hand daran gelegt hatte? Ein Schauder lief über Friſchmuths Rücken. — Maria! rief er mit halblauter Stimme. Nichts antwortete ihm. — Maria! wiederholte er lauter, doch ſtill blieb es ringsum. — Sie wird, ohne uns zu erwarten, in das Lazareth zurück⸗ gegangen ſein, bemerkte Becker. Wilhelm antwortete ihm nicht, er ſprang auf einen der Leiden zu ——— M2 ————— 2 2—— igſ tet en nt ie, lge Männer zu, die eben noch von Gabrielen verdunden worden waren, und ein Schrei der Wuth entfuhr ſeinen Lippen er näherte ſich dem Zweiten... Gott, Gott? hier war Entſetzliches ge⸗ ſchehen! Da lagen die Männer, die Augen weit und ſchrecklich auf⸗ geriſſen, den Mund wie zu einem letzten Verzweiflungsſchrei ge⸗ öffnet, und Jedem klaffte in dem Halſe eine tiefe Todeswunde.. — Maria! rief Wilhelm, und eine nie gekannte Angſt preßte ihm die Bruſt zuſammen, wo iſt Maria? Heinrich wußte ihm keine Antwort zu geben, er ſtand mit gefalteten Händen wie erſtarrt bei dem Anblick eines ſo ſcheußlichen Verbrechens da. Die Verwundeten, die Kranken hatte man getödtet, nicht einmal um ſie zu berauben, nein, einzig nur um der Luſt willen, die der Mord dieſen entmenſchten Seelen bereitete. Friſchmuth faßte ſich in die Haare. — JZetzt helfe mir Gott, daß ich dieſen Halunken auf die Spur gerathe, knirſchte er in ſich hinein. O, wenn ich ſie nicht allein gelaſſen hätte! Das werde ich mir niemals vergeben! — Aber vielleicht iſt ſie in Sicherheit, wandte der Sachſe ein. — Ja Sicherheit? rief Wilhelm. Glaubſt Du, daß die Schurken, die arme Kranke abſchlachten, ſich davor ſcheuen, ein Weib zu tödten oder zu... Nein, ich kann es nicht ausdenken, alle Schuld fällt auf mich, auf mich allein. O Maria, Maria, warum mußte ich Dich verlaſſen! So hatte ihn Heinrich noch niemals geſehen. Der ſtarke Mann zitterte und lehnte ſich an einen Baum, um nicht umzu⸗ finken; er hörte nicht auf die gutgemeinten Troſtworte ſeines Freundes, er preßte die Fauſt gegen die Stirn und ſtöhnte laut. Plötzlich raffte er ſich empor. — Ja, ſagte er mit wieder feſt gewordener Stimme, ich weiß nicht, wo ich ſie ſuchen ſoll, aber das weiß ich, daß ich ſie ſuchen werde, ſo lange mich meine Füße noch tragen. Geh' zu⸗ rück, Heinrich, erzähle im Lazareth, was wir geſehen haben, die Todten müſſen wenigſtens ein anſtändiges Begräbniß bekommen, dafür ſorge, und dann geh zu dem Grafen Iſſelhorſt und ſage N ihm, Maria Fiſcher ſei verſchwunden, aber ich will Himmel tauſend Teufel, ich weiß nicht was ich will Geh. geh, es muß Alles ſchnell geſchehen, ſo lange das Feuer des Baldrian noch ſchweigt. Der Graf wird mich bei meinem Regiment be⸗ urlauben, bin ich in drei Tagen nicht wieder da, ſo ſtreicht mich von der Liſte. Adieu! Mit dieſen Worten ſprang er feldeinwärts. Heinrich ſah ihm voller Betrübniß nach, dann kehrte er kopfſchüttelnd in das La⸗ zareth zurück. Hier erregte die Nachricht von Maria Fiſchers räthſelhaftem Verſchwinden die größte Beſtürzung. Sie war ſo allgemein ver⸗ ehrt worden, daß ein Jeder um ſie trauerte und klagte. Die Kranken, die ſonſt ihre Pflege genoſſen, hielten ſich für verloren, ſeitdem ſie fort war, die Aerzte entbehrten der treuen and niemals müden Helferin, Allen war ſie ein Beiſtand, eine milde Tröſterin geweſen, und jetzt. Wo ſollte man ſie ſuchen, welche Maßregeln ergreifen, um Nachricht von ihr zu erlangen? Niemand wußte nach welcher Himmelsgegend hin man Boten ausſchicken ſollte, und in dieſer Verlegenheit und bei der ſtets er⸗ neuten Frage, was denn hien thun ſei, geſchah endlich gar⸗ nichts, denn Riemand wußte, was geſchehen müſſe. Der Lieutenant Graf Reinhold von Iſſelhorſt war tief betrübt, als er das Verſchwinden der edlen Frau wernahm, aber ganz von ſeinem Dienſt in Anſpruch genommen, vermochte auch er keine Hülfe zu bringen. Die Nacht verging, der folgende Tag brachte abermals eins von jenen Gefechten, die vor Paris jetzt ſchon gebräuchlich waren, Artilleriegefechte, während die Infanterie eifrig und heimlich ſchanzte, und die Kavallerie Angriffe auf die Franktireurs in den umliegen⸗ den Dörfern machte. Der zweite Tag glich dem vorhergegangenen mit geringen Abwechslungen, die Arbeit und die Gefahren des Augenblicks ließen Alles vergeſſen, was nicht znnächſt lag. Heinrich Becker vergaß nicht einen Augenblick ſeinen Freund, den er verloren geben mußte, Reinhold Iſſelhorſt trauerte tief um jene Frau, die ihm ſe ul ſeit ihrer erſten Begegnung die regſte Theilnahme eingeflößt hatte, und ſo kam der dritte Tag und verging, und Wilhelm Friſchmuth wie Maria Fiſcher mußten unter die Todten gerechnet werden. 3. Kapitel. Das Wiederfinden. Wit verbiſſener Wuth hatten die Offiziere der Beſatzung von Metz die Feſtung verlaſſen. Sie mußten ihr Ehrenwort geben, in dieſem Kriege nicht mehr gegen Deutſchland zu kämpfen und durften dann hingehen, wohin ſie wollten Glücklich prieſen ſie Bourbaki und Andere, denen es gelungen war, zu entkommen, ehe dieſer Schwur den Degen in der Scheide feſſelte. Nicht mehr gegen Deutſchland kämpfen konnten ſic, denen die Wuth im Her⸗ zen kochte, ſie, deren Eitelkeit auf das Tiefſte verletzt war? Sie hätten ſich gerne eingeredet, daß ſie nicht beſiegt worden waren, und daß nur der Hunger ſie gezwungen hatte ſich dem Feinde zu ergeben, doch zu deutlich ſprachen die Thatſachen gegen dieſe Täuſchung. Die Soldaten wurden als Kriegsgefangene nach Deutſchland geführt. Viele von ihnen hatten in dem fürchterlichen Heißhunger, der ſir quälte, Alles hinabgeſchlungen, was ihnen die Gutmüthig⸗ keit ihrer Gegner gab. Dadurch waren bei ihnen ſchlimme Krank⸗ heiten ausgebrochen, ſie litten an Magenerweichung, und ihre Ver⸗ dauung war auf lange Zeit geſtört. Zum Glück fanden ſie in den deutſchen Lazarethen die ſorg⸗ ſamſte Pflege und noch nach Monaten wurden Einzelne von ihnen gleich kleinen Kindern mit Semmel und Milch genährt, während Viele in Folge der erlittenen Beſchwerden nach großen Leiden dahin ſtarben. Aehnlich ging es mit den Pferden in Metz als traurige Ge⸗ rippe irrten ſie ohne Zaum und Zügel in den innerhalb der Forts gelegenen Ortſchaften umher und knabberten an den Zweigen der Bäume und an allen Zäunen. Für wenig Groſchen konnte man ſich ſolchen Gaul erſtehen, aber es gehörte Geduld und Vorſicht dazu, ihn wieder heraus zu füttern. Schon ehe Metz fiel, hatten die deutſchen Kaufleute auf Veranlaſſung ihrer Regierungen Le⸗ bensmittel dahin gebracht, damit dem dringendſten Mangel in mög⸗ lichſt kurzer Zeit abgeholfen würde. So ſanken dann endlich die Preiſe des Brotes und Fleiſches, die Bäcker bekamen wieder Mehl, die Schlächter Veh, und nach und nach regelten ſich die zerrütteten Verhältniſſe, während die von den Siegern eingeſetzte Verwaltung der Stadt ſich alle nur erdenkliche Mühe gab, geord⸗ Zuſtände wieder herzuſtellen. Auch bei Madelon war wieder Troſt und Heiterkeit einge⸗ fehrt Betty die unermüdlich Thätige, arbeitete noch immer wacker bei dem fremden Gaſtwirth. Sie ſcheute ſich vor keiner Arbeit, ob ſie auch noch ſo ſchwer und noch ſo niedrig war. Jetzt aßen nicht mehr franzöſiſche Offiziere auf Borg an der Tafel des Hotels, ſondern Deutſche, die Alles bei Heller und Pfennig bezahlten, jetzt tönte nicht mehr wüſtes Geſchrei von trunkenen Herren und loſen Dirnen, und Betty brauchte nicht das Zuſam⸗ mentreffen mit deutſchen Männern zu fürchten, die gegen die hübſche Magd zwar freundlich doch niemals zudringlich waren. Und oft, recht oft ſteckte ſie ihr reizendes Köpfchen durch die Thür und betrachtete die fremden Offiziere, doch ſtets zog ſie es mit einem Seufzer wieder zurück. Ach, die Beiden, die ſie ſuchte, waren nicht unter den Spei⸗ ſenden Jeden Abend, wenn ſie zu Madelon und Beate zurück⸗ kehrte, fragte dieſe ſie heimlich: — Weißt Du nichts von ihnen? Immer wieder mußte das arme Mädchen eine verneinende Antwort geben. Auch Beateſ wäre gar zu gerne mit ihr gegan⸗ gen, ſie ſchämte ſich, ſo müßig zu ſein und von dem Verdienſte ihrer Schweſter zu leben, doch Betty meinte, zum Scheuern, Rü⸗ ben putzen und Kartoffeln waſchen ſei Beate vie! zu fein und —„ eder die etze ord⸗ ge⸗ mer ner fel nnig nen am⸗ ren. hür mit pei⸗ rüch zart, ihr käme das beſſer zu, da ſie von rüſtigerer Geſundheit ſei und dergleichen Beſchäftigung liebe. Madelon gab ihr Recht. Beate, ſo beſtimmte ſie, ſolle bei ihr bleiben, nähen und ausbeſſern, aber ſich nicht auf der Straße zeigen. So ſaß denn das arme Mädchen in dem kleinen Zimmer und überließ ſich ſchwermüthigen Gedanken, bis plötzlich die Thür aufging, und ein Langerwarteter hereintrat. Es war Peter, der blaß und abgezehrt ausſah. Beate flog ihm an den Hals. Mit einem Male hatte ſie vergeſſen, daß ſie in dieſem Manne, den zu ſcheuen hatte, welcher zum Mörder ihres Geliebten hatte werden wollen. Wie das Un⸗ glück ſie näher an Madelon gebracht hatte, deren mütterliche Zärt⸗ lichkeit für beide Mädchen wohl anerkannt werden mußte, ſo vergaß ſie auch bei Peters Anblick alles Andere und dachte nur an die Leiden der Trennung, und was er erduldet haben mußte, um ſo hager und ſo bleich zu werden. Der alte Mann hatte ſich unter großen Beſchwerden von Straßburg nach Metz zurückbegeben. Zetzt war er glücklich, wie⸗ der bei den Seinen zu ſein. Was gab es da nicht alles zu er⸗ zählen! Welche Leiden waren ärger geweſen, die der Bürger von Straßburg oder die der Berölkerung von Metz? Es läßt ſich nicht entſcheiden. Alle hatten Maßloſes erduldet. Peter erzählte mit Schaudern von den Geſangenentransporten, denen er begegnet war, er ſchilderte, wie ſeine Landsleute in zer⸗ riſſenen Schuhen, mit Säcken auf den Rücken, in denen eiligſt zuſammengeſtohlener Plunder ſteckte, ihren Führern folgten, er ſchilderte auch die Ordnung, Reinlichkeit und den pünktlichen Ge⸗ horſam der deutſchen Soldaten. Das beſtätigte auch Betty, die nach Hauſe kam und ſich nicht weniger als Beate über des Groß⸗ vaters Rückkehr freute. Er ließ es ſich behagen, daß ihn die Mädchen bedienten, hatte er doch lange genug darben müſſen und nur Roth und Elend geſehen. — Und was nun, fragte ihn Madelon, nachdem er ſich erfriſcht hatte. — Was nun? erwiederte er. Abreiſen ſo ſchnell als mög⸗ 6 lich, zurück zu unſerem Felſenſchloß. Der Elſaß wird frei werden von Feinden, wenn dieſe ſich nach Paris hinziehen. Wir ſind nirgends ſo ſicher wie da, und droht uns irgend eine Gefahr, nun gut, ſo gehen wir nach Deutſchland hinüber, man wird uns da am wenigſten ſuchen. Die beiden Mädchen erſchraken. Betty warf einen ſchnellen Blick auf Beate, dieſe verſtand ihre Schweſter. Als die beiden Leute ſich zur Ruhe begeben hatten und ſchliefen, flüſterte Beate leiſe: — Du haſt ihn geſehen? — Ja, verſetzte dieſe, er lebt, er iſt hier. — Und wir müſſen morgen ſchon fort, klagte Beate. Aber erzähle mir, waren ſie es beide? — Nein, gab Betty zur Antwort, es war nur der Lieutenant. — Und er erkannte Dich? — Er mußte wohl. Ich trug eine Platte mit Flaſchen und Gläſern in das Speiſezimmer, da ſah ich ihn, und obgleich ich ſo lange ſchon nach ihm ausgeſchaut hatte, erſchrak ich doch ſo hef⸗ tig, daß die Gläſer klirrten und zitterten. Da ſprang er hinzu, nahm mir das Brett aus den Händen und flüſterte: — Sie hier. o, ich wußte es wohl und ſuche Sie ſchon lange! — Alſo Dich ſuchte er, ſeufzte Beate, alſo Du biſt die Glückliche, die ihm gefällt. — Das glaube ich kaum, verſetzte die Schweſter. — Aber bitte, erzähle weiter, was ſagte er noch? — Was noch? Nun, nichts mehr. Er fetzte ſich mit den andern Herren zu Tiſche, und ich hoffe, daß es ihm gut ge⸗ ſchmeckt hat. — Und iſt das Alles?. — Nein, nicht Alles. Der Nachmittag verging mir lang⸗ weilig genug, ich konnte doch nicht beſtändig an der Thür ſtehen und nach ihm gucken... vorzüglich weil er ohne ſeinen Gefähr⸗ ten den Reiter war. Endlich ging er ſort. Nun, dachte ich, ſind wir grade eben ſo klug, wie zuvor. Aber es ſollte anders kommen. Auf⸗ —.——— der Straße fand ich ihn, er ſtand wie eine Schildwache an en nd der Ecke. hr,— Und was ſagte er? ns— Sehr wenig, das kann ich Dich verſichern. Er trat an mich heran, und grüßte ſo höflich, als wäre ich noch das Burg⸗ en fräulein von Schloß Falkenſtein und nicht die Magd in der n Reſtauration zur Jungfrau von Metz. te— Und was ſprach er? Betty, du folterſt mich! 1 — Er ſagte— aber ich darf es vielleicht nicht wiederholen denn es wird Dich eitel machen. — O, Du biſt unausſtehlich! — Ja, das glaube ich, meint er auch, wenigſtens im Gegen⸗ 1 ſatz zu Dir. —— er— Nun, wenn Du nichts beſſeres zu thun weißt, als mich zu quälen, ſo laß mich lieber ſchlafen. 2— Das ſollſt Du auch und zwar recht ſüß, denn entzückend 6 d muß es ſich träumen laſſen, wenn man ſich geliebt weiß. — Alſo liebt er mich? §— Das hat er mir nicht geſagt. u, Betty, himmliſche, einzig liebe Betty, was hat er denn geſagt? n— Ei, wenn ich die himmliſche Betty bin, nun ſo muß ich ja wohl dieſes Beiwort zu rechtfertigen ſuchen. Er fagte alſo, e was er ſchon einmal geſagt hatte, und dieſe Wiederholung fand ich überflüſſig, er ſagte: O wie lange habe ich Sie geſucht! und dann fügte er hinzu: Iſt Ihre Schweſter hier? ¹ — Das ſagte er, Betty, Du täuſcheſt mich doch nicht? 3— Wenn Du mich unterbrichſt, kann ich nicht weiter erzählen. 11— O bitte, bitte, erzähle weiter. — Nun, ich bejahte dieſe Frage. Freilich iſt auch Be⸗ 1 ate hier, ſagte ich. — Aber ſie wird mir zürnen, ſagte er, denn ich ließ ſie im . Stiche, als ſie damals im Schloſſe um meine Hilfe bat. Siehſt Du, das habe ich nun von meiner Gutmüthigkeit, den Zettel damals hatte ich geſchrieben, und nun hält er meine Handſchrift für Deine.— — Nein, er ließ den Zettel fallen. — Sieh, das weißt Du noch ſo genau? Er ließ ihn fallen, weil eine innere Stimme ihm ſagte, der kommt von Betty und nicht von Beate. Ich antwortete auch etwas ſchnippiſch: — O die Gefahr, die wir damals fürchteten, war nicht ſo groß. Da ſah er mich mit ſeinen dunklen Augen an.. weißt Du, daß er recht ſchöne Augen hat, Beate? — Ja, ich weiß es, aber weiter, weiter! — Ich ſah ihn natürlich wieder an. — Wie gerne möchte ich mich vor Ihnen rechtfertigen, ſagte er aber wenn und wo könnte ich Sie und Fräulein Beate ohne Zeugen ſprechen. — Himmel! ich hoffe, Du haſt ihm nicht ein Stelldichein bewilligt? — Gewiß habe ich das gethan. — Wir gehen morgen in die Kirche am Markt, ſagte ich, nun, das war doch deutlich genug auch verſtand er mich gleich, verbeugte ſich tief mit der Hand an der Mütze, und ſo trennter wir uns. — Betty, Betty, Du biſt ein leichtſinniges Mädchen ein Stelldichein und noch dazu in der Kirche! — Es iſt ein Glück, daß Madelon uns wenigſtens geſtattet, Beten zu gehen. Ja, Beate ich bin leichtſinnig, mir ſchaubert vor dem Gedanken an Schloß Falkenſtein. Weit lieber will ich hier Töpfe und Teller ſcheuern, als wieder da oben in der Ein⸗ ſamkeit ſitzen. Beute, ehe ich wieder dahin zurückgehe, lieber laufe ich davon. — Um Gotteswillen, Betty, Du wirſt doch nichts Unſchickli⸗ ches unternehmen! — Sicherlich nicht, aber ich weiß jetzt, daß ich im Stande bin, mir mein Brod ſelber zu verdienen, ich bin nicht ungeſchickt und arbeite, gern, ich habe kochen gelernt, ja ja, ich denke, daß der Aufenthalt in Metz nicht unnütz für mich war. Komm mit mir, Beate, ich ernähre Dich und mich von meiner Hände Arbeit. —— — — —— — Und Peter, und Madelon, denen wir ſo viel Dankbar⸗ keit ſchuldig ſind? — Das ſage ich mir Alles ſelbſt, aber ſind wir nicht jung, lacht uns nicht das Leben, iſt es nicht unſere Pflicht, uns den ſchrecklichen Verhältniſſen zu entziehen, in denen uns von unſeren Angehörigen Tod und Verderben droht? Du haſt den Namen des Herzogs von Montalto gehört? — Was ſoll es mit dem? Madelon ſchauderte indem ſie von ihm ſprach, weißt Du noch, wie wir ſie belauſchten? — Ich fürchte ihn nicht. Es war wohl die Rede von ihm unter den franzöſiſchen Offizieren, und keiner verſagte ihm die Achtung bis auf den Grafen von Bellegarde. O, wie ich aufpaßte, wenn ſie von ihm redeten, mir war es jedes Mal, als ſagte mir eine Stimme: Zu dem mußt du gehen, der wird dich und Beaten erretten. — O mir iſt angſt bei dieſen Plänen! — Schlafe, liebes Herz. Mongen ſprechen wir den Herrn Lieutenant, vielleicht auch... Gute Racht! Laß Dir den Schlaf nicht durch mein Geſchwätz rauben. Denke an einen Freund, der bereit iſt. Dir ſein Leben zu opfern... gute Nacht!.. Und während die Mädchen Arm in Arm einſchbefen, ſaß Peter neben Madelon. — Ich zweifelte faſt, ob ich ſie noch am Leben ſinden würde, ſagte er, Du warſt feſt entſchloſſen, ſie zu tödten, wenn Du ſie nicht länger ſchützen könnteſt. — Ach, meine Kraft iſt gebrochen, verſetzte ſeine Freundin. Und dennoch... wenn eine von ihnen ihr Herz einem Manne geſchenkt hätte, gewiß Peter ich würde ſie nicht geſchont haben. Aber ſie denken an keine andere Verbindung, und das ſichert ihnen das Leben. Ja Du haſt Recht, wir müſſen in die Ein⸗ ſainkeit zurück, wir müſſen Alicens Schätze bewachen und ſie ſelber. — Warum haſt Du Betty in die Gefahr hinaus gelaſſen? Das Mädchen iſt hübſch, und die Offiziere ſind lüſtern. — Ich fürchte nichts für Betty, ſie bedarf der Freiheit und wird ſie nicht mißbrauchen. Ich ſuchte nur Beaten zu ſchützen, — weil ihr träumeriſcher Sinn ſie leicht zur Liebe leiten kann. iſt glücklich in der Thätigkeit, und denkt an nichts Anderes. — Auch iſt nichts zu fürchten. Der Herzog von Montalto war in Sedan bei dem Kaiſer, wahrſcheinlich iſt er noch bei ihm. Morgen in aller Frühe will ich das Nöthige zu unſerer Abreiſe vorbereiten. Wir gehen dann ſchon vor dem Abend nach den Vogeſen zurück. Dort allein gehören uns die Kinder ganz. Betty ſoll keine Küchenmagd mehr ſein, das ſchickt ſich nicht für ſie. Wir ſind im Herbſte, der Winter wird vergehen, und der Frühling bringt den Tag, an welchem alle Mitglieder der Familie Undentino zuſammenkommen ſollen, um die Erbſchaft zu heben, die nur der erhalten kann, der den Ring mit den drei Steinen beſitzt. — Du weißt, daß die Erbſchaft an eine beſtimmte Perſon fällt. — Wenn ſie den Ring beſitzt, aber verlaß Dich darauf, ſie beſitzt ihn nicht. Es iſt die Nichte des Kardinals Antonio Uden⸗ tino, eine Fürſtin Donato, welche älleinige Erbin ſein ſoll. Ich habe jedoch Erkundigungen über ſie eingezogen und weiß, daß ſie längſt todt iſt. Nun fällt das Geld an alle Familien⸗ mitglieder oder an dasjenige allein, das den Ring aufzu⸗ weiſen hat. — Ich weiß es das iſt der Ring, den Antonina ſo ſchmerz⸗ lich ſuchte, er iſt verloren. — Nein, er iſt geſtohlen, und der ihn ſtahl.. — War jener ſchändliche Montalto? — Keineswegs. An dieſem Verbrechen iſt er unſchuldig. Der ihn ſtahl heißt Joſep) Brondini. Aber woher weißt Du dies Alles, und warum ſagſt Du mir es erſt jetzt? — Weil der Tag der Entſcheidung noch ferne war, der Tag, an welchem wir Alice nach Paris führen müſſen. An dieſem Tage wird unſer langjähriges Werk ſich krönen, an dieſem Tage erhal⸗ ten wir unſern wohlverdienten Lohn. Madelon konnte es kaum faſſen, daß Peter plötzlich ſo ent⸗ ſchieden zu ihr ſprach, von dem ſie bisher gewohnt gewoſen war, Betty — 25— oaß er ſich ganz von ihr leiten ließ und ihr kaum zu wider⸗ ſprechen wagte. Aber das Verhältniß hatte ſich ſeltſam genug geändert. Einmal in die Welt zurückgekehrt, fühlte ſich der alte Mann bald wieder heimiſch darin und trat ſicher auf. Madelon dagegen hatte ſich ſo gänzlich von dem Leben mit Anderen entwöhnt, daß ſie ſich ſelber wie verſchüchtert vorkam und unſicher war in Allem, was e unternahm. Selbſt von Betty ließ ſie ſich mit Sanftmuth leiten, denn Alles war ihr fremd, ſie war wie ein Blinder, der e ſich in ſeinem eigenen Zimmer gut zurechtfindet, aber hilflos iſt, ſobald er in einen andern Raum eintritt. Was ihr Peter von dem Ringe ſagte, machte ſie höchſt ſtutzig. Wie war es möglich, daß der Gefährte ihrer Einſamkeit ſo lange ein Geheimniß vor ihr verborgen halten konnte? Wer war jener Joſcph Bronditi, und woher wußte Peter, daß er den Ring geſtohlen hatte, von dem es ihr bekannt war, daß Anto⸗ nina Undentino ihn als ihr höchſtes Kleinod ſchätzte? Unter ſolchen Gedanken und mit der größten Sehnſucht nach der Rückkehr in das Felſenſchloß ſchlief ſie ein, ſie ahnte nicht, daß ⸗ ihr Aufenthalt in Metz Alles umgewandelt hatte, und daß ſich das Herz de Jugend, wenn es einmal in dem Hauche der Freiheit geathmet hat, niemals wieder zurüchwingen läßt in den tyranniſchen Druck enger Verhältniſſe. 4. Kapitel. — Der Betrug des Teufels. Es war ein kalter Herbſttag, als ſich eine bleiche Jammerge⸗ ſtalt von ihrem Lager erhob umd wankend ihre erſten Schritte verſuchte. Es war der Jeſuit Venturo, der ſich langſam von ſeiner gefährlichen Krankheit erholte und in matten Gangen durch das Zimmer ſeine Kräfte prüfte. Noch immer befand er ſich in dem Spital, in welches er gleich nach ſeinein Sprunge in das Waſſer gebracht worden war, und wurde mit andern dürftigen Kranken zugleich verpflegt. Wer ihn aus dem gewiſſen Tode, in den er ſich in halbem Wahnſinn geſtürzt hatte, befreite, wußte er nicht, aber mit tiefem Schauder dachte er an die Erſcheinung jenes längſt geſtorbenen Mannes, der ihm hier zum zweiten Male vor die Augen getreten war. Damals im Kloſter, als dieſer Mann ſich zum Schutzengel der kleinen Margarethe gemacht hatte, beſaß der Pater Venturo noch den Muth, Alles für eine Täuſchung ſeiner Sinne zu erklä⸗ ren und ſich einzureden, eine bloße Aehnlichkeit habe ihn getäuſcht. Jetzt war das anders. Als ſein Retter aus dem Fluſſe ſich über ihn beugte, fühlte er ſeinen Athem, den warmen Athem einer lebendigen Bruſt.. und dennoch war er todt, geſtorben durch ihn, tief, tief begraben, er allein wußte, wo. Ha, wenn der aus ſeiner Gruft wiederkehren konnte, wie ſtand es denn mit jenen Anderen? Er dachte mit Grauſen, daß ſie ſämmtlich vor ihn hintreten möchten, ihn um⸗ ringen, ihn zerreißen und ſeine Seele hinaufzerren vor Gottes Thron. Wenn Alphons Donato zum Leben auferſtände wenn An⸗ tonina Undentino ihn als den eigentlichen Urheber ihres Todes anklagte, wenn Gabrielens Kind... ſie ſelber... er wagte nicht, es auszudenken. Alphons Donato... Er ſelber hatte die Mörder gedungen, die ihn anfielen, als er im Genuß des höchſten Glückes neben ſeiner jungen Gattin einherritt, er hatte ihn geſehen, wie er todt und entſtellt dalag, er hatte ſelber den Befehl gegeben, die Leiche in einen der mit ewigem Schnee ge⸗ füllten Abgründe der Abruzzen zu werfen. Aber die Todten ſtehen auf, die Todten erwachen zu neuem Leben, die Todten zeigen ihm ihr drohendes Angeſicht. Wie hatte er gefrohlockt, als ihm der ſchändliche Plan gelang, durch welchen Francesko und Emanuel, die Brüder des Kardinal Undentino, vernichtet wurden. Er ſelber hatte ſie als Aufrührer, als Gari⸗ baldianer, als Hochverräther bei der Regierung angeklagt, da —— ſchickte dieſe ihnen Häſcher nach, Francesko ſtarb, und ſeine Leiche lag in der Gruft des Schloſſes, aus welchem Gabriele ſo ſpurlos verſchwunden war, Emanuels von Seethieren zerfreſſener, von Tang und Moraſt bedeckter Körper faulte unbeerdigt, bis ſich Venturo an dem Anblick ſeines ertrunkenen Feindes ſattſam erlabt hatte. Da konnte kein Zmeifel herrſchen, das waren ſeine dunklen Haare, das ſein Bart, das die Kleidung, die er bei ſeiner Flucht getragen hatte, die Uhr, die Kette, das Notizbuch... es fehlte Nichts, um zu beweiſen, daß dieſer verweſte Reſt eines edlen Mannes wirklich und in der That Emanuel Undentino war. Und dennoch... die Todten ſtehen auf, die Todten kehren wieder. Drei Mal war er, der Emanuel Undentino ſo ſprechend glich, an dem Bette des Paters erſchicnen, während dieſer in furchtbaren Leiden ſeinem Ende entgegenſah, drei Mal hatte er über ihm das Wort geſprochen; lebe, lebe um Böſes zu thun, Gott wird es doch zum Segen führen. Und jedes Mal war der Pater nach ſolch' einem Beſuch ge⸗ kräftigt aus tiefem Schlummer erwacht, als ob ein Zauber in dem Blicke des Mannes gelegen hätte, der die entfliehenden Lebensgeiſter in ſeiner Bruſt feſſelte. Jetzt war er geneſen, wenn auch noch ſchwach, aber er merkte es wohl, daß die Wärter und die übrigen Kranken ihn mit Blicken des Abſcheu's betrachteten. Sein Geſicht, das ſchon immer einem Todtenkopf geglichen batte, war gräßlich entſtellt von den tiefen Narben, welche die Pocken hineingeriſſen hatten, ſcharlachrothe Flecken breiteten ſich über die zuſammengeſchrumpfte Haut aus, und ſeine Augen, deren Blick ſchon durch ſeine Bosheit abſchreckte, waren roth und triefend. geworden. Aber was that ihm das, was kümmerte ihn das Wohlge⸗ fallen oder der Abſcheu der Leute? In ſeiner Bruſt lebte nur Eine verzehrende Leidenſchaft, es war der Ehrgeiz. Sein Orden mußte zu noch immer größerem Anſehen, zu immer ausgedehnterer Macht gelangen, ſein Orden mußte den päpſtlichen Stuhl beſetzen und von ihm aus die Welt regieren, und er, er fühlte ſich berufen, die Herrſchaft zu ergreifen und ſeinem Willen Alles unterzuordnen. Dieſer Gedanke, die ſtolze Kirche, den alten edlen kathoh⸗ ſchen Glauben, als Gottes Stellvertreter zu beherrſchen, dieſer bei einem ſolchen Sünder frevleriſche Gedanke, der ihn ſchon erfüllt hatte, ehe er noch in den Orden der Jeſuiten eintrat, hielt ihn auch jetzt noch aufrecht, doch war er noch fern von ſeinem Ziele, und eine koſtbare Zeit war verſtrichen, ohne daß er ſie hatte benutzen können. Die Vernichtung der Undentinos, der Beſitz des ungeheuren Vermögens, welches ſich infolge jenes Teſtaments unter die ſämmtlichen Mitglieder zerſplittern ſollte, war nur eine Stife zu jenen Würden, die er zu erreichen trachtete. War er reich, konnte er ſeinen Orden fürſtlich beſchenken, ſo mußte ſich dieſer dankbar erweiſen. Wie aber ſtand es nun? Wochen waren vergangen, und er wußte nichts von dem Kardinal, nichts von dem Herzog von Montalto, nichts von den übrigen Theilhabern an dem Schatze. Und ſeine Papiere, die er ſo ſorglich und mit ſo gren⸗ zenloſer Anſtrengung in dem Kamin ſeines Zimmers verborgen hatte, waren ſie noch vorhanden, hatte keine diebiſche Gewalt hatte nicht die zerſtörende Macht des Feuers ſie vernichtet? Dieſe Papiere ſollten, wenn die Erbſchaft an den Kardinal Antonio Undentino fiel, dieſen zwingen, ſie an den Pater abzutreten, denn ſie bezeugten, daß er es war, der ſeine Brüder, Francesko und Emanuel, tödten ließ, daß er dem Fürſten Donato Mörder nach⸗ ſchickte und daß er ſeine Nichte Gabriele, die Tochter Franceskos, in ein Gefängniß einſperrte, indeſſen er ihr Kind bei Seite ſchaffte. Ueber alle dieſe Unthaten hatte der Pater mit der größten Mühe die Nachweiſe und Zeugenausſagen geſammelt. Daß er den ſchwachen Kardinal dazu beredet und getrieben. zählung von Alice Undentino's Raub und Tod, wie Iſidor ſelber ſie aufgeſetzt hatte, da ſtand es auch ſchwarz auf weiß, daß Emanuel todt war. und dennoch. die Begrabenen kehren wieder, die Leichen erheben ſich aus S und erſcheinen den Lebendigen, um ihre Seelen zu ängſtigen.— Der Pater ſaß auf ſeinem Bette und ſtützte ſein ſcheußliches Haupt in beide Hände. Sier war er an einem Scheidewege; was das ſtand freilich nicht darin, aber da war die ſchriftliche Er⸗ — —— — ſollte er thun? Umkehren von dem einmal betretenen Wege die längſt gefaßten Pläne aufgeben und ſich mit reuigem und zer⸗ knirſchtem Herzen zu Gott wenden? O, es ſoll ja Barmherzigkeit im Himmel ſein für einen Sünder, der ſich bekehrt! Doch nein, er war zuweitgegangen, um noch den Heimweg zur Tugend finden zu können. Seine Bruſt war wie angefreſſen von jenem hölliſchen Feuer des Ehrgeizes, dem er ſo viel Sünden zum Opfer gebracht hatte, wie war dies Feuer zu löſchen, und womit ſollte er die Lücke in ſeinem Innern ausfüllen? Nein, nein, wer ſo viel Sündenlaſt auf ſich genommen hat, der muß ſie tragen bis an das Ende, der muß mehr und mehr Böſes auf Böſes häufen, bis ihn die Schwere ſeiner Schuld erdrückt. Der Teufel hatte ſich ſeiner bemächtigt, da gab es kein Entrinnen, da war es nicht mehr möglich, ſich den hölliſchen Krallen zu entziehen. Mit einem tiefen Seufzer richtete ſich Venturo empor. — Vorwärts ſagte er, da liegt das große Ziel, die Krone der Welt, um die ich ſchon ſo lange ringe, verſunken iſt mir das Paradies der Unſchuld, ich darf nicht daran zurückdenken, ich muß weiter, immer weiter! Endlich nach langem, ungeduldigem Harren erhielt er die Erlaubniß, das Hospital zu verlaſſen, er war geheilt, aber er wankte noch matt wie ein Trunkener einher.. Wie ſchienen ihm die Straßen von Paris ſo fremd, es war während ſeiner Krankheit Alles anders geworden. Statt der kaiſerlichen Garde ſtanden Bürger in Uniform vor den Schilderhäuſern. Die hohen Fenſter der Gemächer, in wel⸗ chen Rapoleon und Eugenie gewohnt hatten, waren geſchloſſen, die öffentlichen Gebäude hatte man gegen mögliche Angriffe der Feinde verwahrt, die Fenſter der Muſeen waren mit Sandſäcken zugedeckt, damit keine Kugel der Belagerer die Kunſtwerke zerſtör⸗ te. Viele Häuſer ſtanden leer und wie verödet, in anderen waren die Läden geſchloſſen, und nur die Erdgeſchoſſe wur⸗ den noch von den Portiers bewohnt, die in Paris nirgends⸗⸗ fehlen dürfen. An den Läden vermißte man die koſtbaren Luxus⸗ gegenſtände, die ſonſt die Kaufluſt der Reichen anlockten, und vor — 56— den Buden der Bäcker und Fleiſcher drängten ſich hungrige Leute. Von Zeit zu Zeit zogen Nationalgardiſten durch die Straßen, alte Männer, die ihr Gewehr mit ſtummer Entſchloſſen⸗ heit trugen, neben jungen Burſchen, die wie zum Tanze gingen, ſcherzten und lachten. Schon fing die Einſchließung an ſich ſchmerzlich fühlbar zu machen Die Mütter weinten über die theuren Brotpreiſe, die Kinder wurden blaß und hager, und die Hoſpitäler füllten ſich mit Kranken an. Aber in jeder Bruſt glühte die feſte Ent⸗ ſchloſſenheit, Alles anzuwenden, um Paris zu halten. Es war der Muth, den ein Nachtwandler beſitzt, der auf dem Firſt der Dächer ſpazieren geht, erweckt man ihn, ſo ſtürzt er jählings herab. So waren dieſe Menſchen wie von einem allgemeinen Wahnſinn ergriffen. Vor ihnen lag die Hungersnoth, die Seuche, ſie aber ſcherzten und lachten ſich die Sorgen fort. Warum auch nicht? Paris ſchien unbeſieglich. Trochu erließ jeden Tag eine neue Anſprache an das Volk und verſicherte, daß die Feinde nächſtens gänzlich vertilgt ſein würden. Bazaine war freilich zum Verräther erklärt, doch was that das? Gambetta hatte Armeen neu aus der Erde geſtampft. Da war Garibaldi mit ſeinen beiden Söhnen und ſeinem Eidam, ſie hatten ſich in das Jura⸗Gebirge geworfen, welches die Grenze zwiſchen Frankreich und der Schweiz bildet, und ſuch⸗ ten von dort aus den Deutſchen allen möglichen Schaden zuzu⸗ fügen, obſchon der alte Garibaldi faſt gelähmt war von Rheu⸗ matismus und ſich in einer Sänfte tragen ließ, und obgleich ſeine ſehr ſchlecht bekleideten und noch ſchlechter bewaffneten Soldaten die herbſtliche Kälte abſcheulich fanden. Da war der General Aurelles de la Paladine, den Gambetta dazu beſtimmt hatte, die Armee des Prinzen Friedrich Karl zu ver⸗ nichten, ſobald dieſer Metz verließ, um ſich mit den vor Orléans lie⸗ genden Truppen des Großherzogs von Meklenburg zu vereinigen, da war Bourbaki, der in Bourges eine Armee bildete, mit der er Aurelles zu Hülfe kommen ſollte. War erſt einer der großen deutſ hen Truppen⸗ körper über den Haufen geworfen, dann mufte es den franzöſiſchen Generalen ein Leichtes ſein, in Deutſchland einzubrechen jenen — 1 — erſten Plan des Kaiſers Napoleon zu verwirklichen und an dem Frieden feindlichen Lande eine furchtbare Rache auszuüben, bis end⸗ lich der in Berlin diktirt werden konnte. Das waren die Träume, mit denen jeder Pariſer ſich trug, das war der Wahnſinn, in welchem dieſe bethörten Leute inmitten der ſchrecklichſten Gefahren wandelten. Noch war die Noth nicht in ihrer ſchlimmſten Geſtalt an ſie herangetreten, noch gab es Lebensmittel in Menge, ob ſie gleich etwas theuer wares, und noch war man vor allen Dingen einig, wenngleich nur einig im Vertrauen auf Unmögliches. Aber ſchon hatte eine beſtimmte Partei ihre Stimme erhoben, es waren diejenigen Leute, denen Gambetta und Favre noch lange nicht weit genug gingen, und die in der tollſten Verblendung den Umſturz alles Beſtehenden verlangten. Dieſe rothen Republikaner verlangten die Abſchaffung alles Eigenthums, der Staat ſollte jedem ſeiner Bürger Arbeit und Verdienſt geben, Noth und Ar⸗ muth ſollten für immer ein Ende haben, und das Volk ſokte ſich ſelber regieren. Venturo ſah einen Trupp dieſer Leute in wildem Geſchrei durch die Straßen ziehen Den Einen dieſer Männer kannte er, es war ein ſchon ältlicher Handwerker Namens Schack, es war derſelbe, deſſen Kind in jener Nacht verloren gegangen war, wo der Herzog von Montalto ſein erſtes Weib, Antonina Unden⸗ tino erſchlug. Der Mann war offenbar betrunken, er tobte laut und taumelte hin und her. Rochefort hatte dieſes Geſindel bei dem Bau der Barrikaden angeſtellt, doch gefiel ihnen die Arbeit ſchlecht, obſchon die Stadt⸗ verwaltung ſie gut bezahlte. Venturo ging weiter. Er bemerkte wohl, daß die Leute ihn mit Ekel betrachteten und ſcheu vor ihm auswichen, trug er doch noch die Spuren einer anſteckenden Krankheit auf ſeinem Geſichte. Aber dieſe Krankheit hatte nicht ihn allein befallen, er mußte wiſſen, ob ſein Plan gelungen war, ob die Herzogin von Mon⸗ talto noch lebte, ob Margaretha, ihre Tochter, angeſteckt worden war, und ob die Wundſalbe, die Rafael Gambi auf ſeine Ver⸗ 3 ankaſſung erhalten hatte, ihre tödtliche Wirkung nicht verfehlt hatte. Er begab ſich zu Montalto's Haus, ein Trupp Menſchen ſtand davor und ſchien auf etwas zu warten. Venturo durfte ſich nicht unter ſie miſchen, denn Alle wichen vor ihm zurück, aber er ſtellte ſich unweit auf und wartete gleichfalls. Da öffnete ſich die Thür des ſtattlichen Gebäudes, und Iduna, Helene und Mar⸗ Zarethe traten heraus. Sie trugen Körbe, die mit Eßwaaren angefüllt waren, und vertheilten dieſe Speiſen unter die Bedürf⸗ tigen. Der Pater ſah mit ſtummer Wuth, daß Iduna in ihrem ſchönen Geſicht nur noch wenig röthliche Flecke trug, die es gar nicht entſtellten. — Oho, dachte er, ſind ſelbſt die Pocken parteiſſch und un⸗ gerecht? Warum machen ſie mich zum Gegenſtand des Abſcheu's, warum verſchonen ſie dieſes Weib, das ich vernichten muß, es koſte, was es wolle? Und dieſes Mädchen, dieſes Kind! Sie Alle entgingen bisher meiner Wuth. Ja, ich war krank doch jetzt bin ich geſund, und Ihr ſollt fühlen, was es heißt, einen Venturo zum unerbittlichem Feind zu haben. Siehe da, dieſe Frauenzimmer trauern nicht einmal um den ſchönen Maler, das iſt ſeltſam, ich hoffe doch, daß mir wenigſtens bei dem mein Plan gelungen iſt. In dieſem Augenblick trat Rafael Gambi aus dem Hauſe heraus. Er trug die kleidſame Uniform der pariſer Bürgergar⸗ diſten und begrüßte die Herzogin und Helene mit herzlichem Hand⸗ ſchlag, während Margarethe ſich an ſeinen Arm hing und mit dem Griffe ſeines Degens ſpielte. — Hüte Dich vor Gefahren, mein lieber Sohn, ſagte Iduna, denke, daß ich Dich an Kindesſtatt angenommen habe, und daß Du eine Mutter und zwei Schweſtern beſitzeſt, deren Schutz und Troſt Du in dieſen ſchweren Zeiten ſein mußt! Rafael küßte ihre und Helenens Hand und Margarethens reine Kinderſtirn und entfernte ſich mit ſchnellen Schritten. He⸗ lene ſah ihm lange nach. — Ach, dachte ſie, wenn er Reinhold träfe und mir Nach⸗ richt von ihm brächte Als die Armen geſpeiſt waren, zogen ſich die edlen Wohl⸗ thäterinnen wieder zurück, Venturo aber biß ſich auf die bleichen Lippen. — Alſo Alles, Alles mißglückt! rief er voller Wuth, und dennoch war mein Plan ſo gut erſonnen, und ich baute ſo feſt daruuf. Teufel, Teufel, ſo hältſt Du mir Dein Wort? Gab ich Dir darum meine Seele, ſchickte ich darum ſo viele andere ohne Ablaß und Sakrament zur Hölle hinab? Du haſt mich ſchändlich betrogen ſchändlich, o ſchändlich! Er lief in ſeine Wohnung, ſie ſtand noch leer, denn Nie⸗ mand wollte den Raum beziehen, in welchem ein Pockenkranker geweſen war. Mit einem Satz ſprang er zu dem Kamin und unterſuchte den Verſteck, er fand das Verborgene. Mit einem Schrei der Freude riß er die Papiere hervor. — Und ich werde ſie dennoch vernichten, rief er mit ſtol⸗ zem Triumphe und überflog die Blätter, um ſich zu vergewiſſern, daß ihm kein einziges fehlte. — Der Kardinal ein dreifacher Mörder, ſagte er, der Her⸗ zog Montalto gleichzeitig zweimal vermählt, bis er das eine Weib ermordete, ha, ſtolze Iduna, Du Krone aller Frauen bald zeigt es ſich, daß Deine Ehe ungültig iſt, daß Deine Kinder Ba⸗ ſtarde ſind, daß Du des Herzogs Kebsweib biſt! Sieg, Sieg! die Hölle hat mich nicht verlaſſen, Sieg, Sieg! der Teufel ſteht mir bei. 5. Kpite Die Eiferſucht. Liſette war jetzt übel daran. Der vornehme Herr, der ſie bisher inmitten des EFlends einer belagerten Stadt mit Glanz und Luxus umgeben hatte, war in die Gefangenſchaft nach Deutſchland gegangen, und da ſie ſich niemals gut auf das Spa⸗ ren verſtanden hatte, ſo ſah ſie ſich plötzlich mittellos und ohne Hilfe. In dieſer Verlegenheit verſuchte ſie ein paar Mal ihr Glück bei den deutſchen Offizieren, dieſe Herren aber, obgleich ſie im Allgemeinen weiblichen Reizen eben nicht abgeneigt ſind, hat⸗ ten doch gerade jetzt zu vie! Ernſteres zu thun, als daß ihnen Zeit geblieben wäre, ſich mit Lifetten zu vergnügen. Vit Schrecken ſah das leichtfertige Mädchen ſich allein. Ihre Kammerjungfer, die ihren Zuſtand wohl durchſchaute, bat um ihren Lohn, Liſette zog ſchnell die Geldtaſche hervor, aber ſie war leer. Da wurde das Mädchen grob. Das hätte man davon, wenn man bei ſo Einer diente Liſette warf ihr einige koſtbare ſeidene Roben zu, deren Werth den ausbedungenen Lohn um das Zehnfache überſtieg und entließ die Dienerin, den Kutſcher bezahlte ſie mit einem goldenen Ringe, den Bedienten ſchickte ſie mit all den Kleidungsſtücken fort, die ihr letzter Anbeter bei ihr zurückgelaſſen hatte, und nun war ſie allein und hatte Zeit, nach⸗ zudenken, was nun zu thun ſei. Sie lag auf ihrem Sopha, ſtreckte die Füße, die in goldge⸗ ſticten Pantoffeln ſteckten, über die untere Lehne des Divans aus, kreuste die Arme über dem Kopfe, der auf einem Atlaskiſſen ruhte, und rauchte dazu eine jener Papiercigargtten, an deren Duft ſich die Pariſer Damen der Halbwelt erfreuen. Sie wollte nachdenken, Entſchlüſſe faſſen, vernünftig überlegen, aber es fiel ihr nichts Geſcheutes ein. Gewohnt, ſich nur von den Eingebungen des Augenblicks leiten zu laſſen, hatte ſie es niemals verſtanden, ————— — — c c—— und a⸗ ne ihr at⸗ len 35 ſich einen Plan für ihr Leben zu bilden, ſie dachte nicht über den folgenden Tag hinaus und hatte genug damit zu thun, an gegenwäutigen Tage die Zeit in der leichtſinnigſten Weiſe todtzuſchlagen. Sie ſann darüber nach, wo ſie das Geld gelaſſen hatte, das ſie für die dem Grafen Bellegarde geſtohlenen Papiere erhalten hatte Sic wußte es nicht mehr. Etwas hatte ſie für ein Kleid ausgegeben, deſſen Ankauf ihr Geliebter ihr verweigert hatte. Mit dieſem Kleide war das Kammermädchen fortgegangen, etwas* hatte ſie einer verhungernden Frau geſchenkt, doch das war nur wenig geweſen, etwas, und das war mehr, hatte ſie für über⸗ zuckerte Früchte und andere Naſchwaaxen verausgabt, auf den Reß konnte ſie ſich nicht mehr beſinnen, und das Nachdenken machte ihr Kopfſchmerzen. Sie war gans zufrieden, als ſie darin durch die Wirthin geſtört wurde, die ihr ſagte, daß ſie, weil das Fräulein do.) wohl ausziehen würde, einen Miethszettel an das Fenſter gehängt habe, und daß ein preußiſcher Offizier da ſei, um die Wohnung anzuſehen. Liſette nickte mit dem Kopfe, ohne ſich aus ihrer bequemen Lage zu erheben, und ließ den Fremden eintreten. Dieſer ſtutzte über ihren Anblick. Sie trug weite rothſeidene Hoſen, die am Knöchel über weißen ſeidenen Strümpfen ſchloſſen. Darüber hatte ſie einen langen vorn offenen Schlafrock von ge⸗ blümtem Seidenzeuge an und auf den wilden Locken ihres Hauptes ſaß ein kleines Häubchen von Spitzen und Bändern. — Ich bedaure ſehr, wenn ich ſtöre, ſagte der erſtaunte Lieutenant. 3 — Bitte ſich nicht zu geniren, ſagte Liſette, ohne ſich zu be⸗ wegen. Iſt Ihnen eine Cigarre gefällig? — Ich danke, ich rauche nur im Freien, verſetzte jener und ſah ſich im Zimmer um, wo Kleidungsſtücke, Waffen, und Eßwaaren wild durcheinander lagen, die Reitpeitſche über dem Chignon, ein Maskenanzug über das Bet geworfen Karten in der Theekannt türkiſche Pfeifen, die in einer Krinoline ſteckten. — Wundert Sie dieſe Unordnung? fragte das Mädchen Ich habe heute früh alle meine Leute entlaſſen, und die Kammer⸗ jungfer iſt davongegangen, ohne aufzuräumen. Der Offizier lachte. — Ich finde das Alles ſehr genial ſagte er. Das Zimmer und ſeine ſchöne Herrin ſcheinen mir trefflich zu einander zu paſſen. Liſette nahm das Wort für eine Schmeichelei und fühlte ſich dadurch veranlaßt, einen Blick auf den Lieutenant zu werfon, und dieſer Blick wurde ihr gefährlich. Langſam zog ſie die Füße von der Sophalehne herab und ſaß und ſchaute mit einem Gefühl, wie ſie es niemals vorher gekannt hatte. Wie war er ſchön, dieſer junge Mann, der da ſo ruhig und feſt ihr gegenübör ſtand, wie reizte ſie dieſes jugendliche Geſicht voll Leben und Geſundheit, geiſtreich und eindlich zugleich, männlich feſt und doch ſo voll Sutmüthigkeit. — WVollen Sie meine Wohnung und mich dazu? fragte ſie ihn. — Ich darf nur die Wohnung nehmen, verſetzte er und ein Lächeln ſpielte über ſeine Züge, das Uebrige wäre gegen das Dienſtreglement: Keine Frauen im Felde heißt es bei uns. — Weil Ihr Bären, Unthiere ſeid! rief ſie und warf ärger⸗ lich ihre Cigarre fort, wir hätten ſo hübſch beieinander leben können. — Das glaube ich nicht, erwiederte der Offizier mit mehr Ernſt. In dieſem Wirrwar von Kleidern und anderen Dingen ſehe ich keinen Platz für meine ſchriftlichen Arbeiten, meine ma⸗ themathiſchen Berechnungen, meine Kriegsſtudien und Rechnungs⸗ bücher. — Ich weiß ſchon, mit Euch Deutſchen iſt nichts anzufan⸗ gen, ſagte Liſette ärgerlich und ſprang auf. Aber nur einen Augenblick Geduld, ich packe ein und mache Ihnen und Ihrer Mathematik, Ihren Karten und Rechnungsbüchern Platz. Damit holte ſie einen Koffer unter dem Bette hervor und warf Alles hinein, was ſie erfaſſen konnte, Kleider, Stiefeln, Porzellan, Bücher, Schmuckſachen, Silbergeſchirr, Kämne ge⸗ — machte Blümen und was ſonſt noch da war. amüfirte das, und er half ihr dabei. — Da iſt ein Portrait, ſagte er und ſchob es ihr hin. — Oh mein vorletzter Anbeter, verſetzte ſie und ſchleuderte es in den Koffer. — Hier ein Tabackskaſten. — Hinein damit. — Hier ein paar Reiterpiſtolen... — Laſſen wir ſie unter dieſen Balltleidern verſchwinden. — Aber die dazu gehörigen Stiefeln? — Mögen ihrem Herrn nach Deutſchland nachnandern! Und die Stiefeln flogen durch das offene Ferſter hinaus Jetzt kamen Whiſtmarken, Kravatten, Photographien, Bänder, 3 1 Spieldoſen, Fächer, Strümpfe, Pomadenbüchſen dran. Die beiden Leutchen warfen Alles mit Lachen in den Koffer hinein, den e Lieutenant amüſirte dies köſtlich, er half bei dieſer neuen Art des Aufräumens unter lautem Gelächter. Hier flog ein Haarzopf durch n die Luft und unter die anderen Siebenſachen, dort traf ein Aſch becher ſein Ziel mit der Genauigkeit mit welcher deutſche Artille⸗ riſten überhaupt zu zielen verſtehen, Viſitenkarten bedeckten den ⸗ öußboden, Schminke wurde verſchüttet und ſtäubte umher. n Als der Koffer voll war, ſtieg Liſette hinein, und ſtampfte die Sachen nieder, um neuen Raum zu gewinnen, es knackte unter 3 hr ihren Füßen, doch danach fragte ſie nichts. Endlich, als nichts 3 mehr auf Stühlen und Tiſchen lag, als zerriſſene Billets, Spiel⸗ g⸗ karten, Reſte von Zucker und Kuchen, Taback, Streichhöl er, Pfau⸗ ſ⸗ enfedern, Briefmarken, Ballbouquets und dergleichen Zeug, nahte ſich Liſette dem jungen Mann, und legte ihre beiden Hände auf ſeine Schultern. Den Lieutenant en— So hat mir noch Keiner gofallen, ſagte ſie. Gewiß, ich ret bin ein gutes Mädchen, ſtoßen Sie mich nicht von ſich. Er fah ernſthaft in ihr hübſches doch ſchon etwas verlebtes f ud 1 Geſicht, dann verſetzte er lächelnd: n 1— Die alten Römer hatten ein Sprüchwort, melches fagte: Wo der Kriegsgott herrſcht, muß der Liebesgott weichen. Wir Deutſchen dürfen nicht gegen unſer Reglement handen. — Ihr Deutſchen ſeid Kannibalen! rief ſie und ſtampfte mit dem Fuße auf. Gut denn, ich ziehe aus, ich verlaſſe Metz aber aller Welt will ich es ſagen, daß eine Nation, wie die deutſche, vom Erdboden vertilgt werden muß. Pfui, über dieſes Volk von Wölfen und ungeſchlachten Bäreni Mit dieſen Vorten zog ſie ärgerlich den buntblumigen Schlafrock aus und ſtand nun in den rothen Hoſen, die Bruſt leicht von einem weißen Leibchen bedeckt, da die Haube nahm ſie vom Kopfe und warf ſie zu den übrigen Sachen, die Haare ordnete ſie, indem ſie mit allen zehn Fingern hindurch fuhr und die ohne⸗ dies wirren Locken noch mehr verwirrte, dann warf ſie ein dunkles Seidenkleid über die rothen Hoſen, ergriff ſchnell Hut und Shawl und wollte hinaus⸗ — Wozu dieſe Eile? fragte der junge Offizier. Ich bitte Sie, hier zu bleiben, bis ich mein Gepäck hergeholt habe. Draußen regnet es in Strömen, Sie können unmöglich fort. Liſette ſah dieſe Worte als eine Art von Einlenkung an. — Soll ich bleiben, bis Sie wiederkommen? fragte ſie. — Gewiß, verſetzte er unbefangen. Ich weiß ſelbſt nicht einmal, wann ich dieſe Wohnung beziehen werde, und wollte ſie mir nur für alle Fälle ſichern. Leben Sie wohl, mein Fräulein. wenn ich genöthigt bin dieſes Ich werde Ihnen Beſcheid geben, gimmer mit den Ihnen verhaßten Karten und Plänen zu be⸗ ſetzen. Er wollte hinaus Liſette ſprang auf ihn zu, faßte ihn beim Kopfe und küßte ihn auf beide Backen. — Du biſt doch ein reizender Junge, rief ſie und warf dem Fortgehenden einen Kußfinger nach. Dann rief ſie die Wirthin herbei. — Wer iſt der bärbeißige Deutſche? fragte ſie. — Hier iſt ſeine Karte, verſetzte die Frau, leſen Sie ſelbſt. Liſette nahm das Blatt und las: horſt, Veutenant in der reitenden Artillerie. — Ah. ein Graf, ſagte ſie, das hätte mir gans gut gepaßt, aber dieſe Deutſchen thun ja⸗ als cnge ihnen der Bart aus wenn ein Madcher ſie küßt. Aber bübſc. 4t er das muß wahr ſein, Ottomar, Graf von Iſſel⸗ —— un —— darf ich herein kommen? 3 * welche Augen, welch ein Schnurrbart! Ich glaube ſo hat mir kein Mann gefallen, ich glaube, in den könnte ich mich verlieben Pah, Unſinn! ich und verlieben! Still, ich muß an meine Zukunft denken, denn bei dieſem deutſchen Ungeheuer blüht ſie mir nicht. Arme Liſette, ſo ſchlecht iſt es Dir lange nicht gegan⸗ gen und grade der gefiel mir ſo gut! Hätte ich nur den Franz nicht fortgeſchickt, der würde doch wenigſtens für mich ge⸗ ſorgt hahen! 3 Sie ſah zum Fenſter hinaus, ès regnete in Strömen, die Leute kamen aus dem Gottesdienſt zurück, denn es war Sonntag. Es amüſirte ſie, zu ſehen, wie die Frauen ihre Kleider ſo unge⸗ ſchict aufhoben, um ſich nicht zu beſchmutzen, und wie die deutſchen Soldaten ſo ehrbar mit dem Gebetbuch in der Hand gingen. Plötzlich ſchrie ſie auf. Die beiden Mäßchen dort kannte ſie, es hlich waren Beate und Betty, dieſelben die ihr den Grafen Hektor von Bellegarde abſpenſtig gemacht hatten, dieſelben, denen ſie trotzdem noch ihre Gutmüthigkeit bewies, indem ſie ſie aufforderte, mit ihr zum Ball zu gehen. Und neben ihnen nein, das war zu arg! Neben ihnen ein junger Artillerie⸗Lieutenant, der⸗ ſelbe, den ſie vor einer Stunde geſprochen hatte, der Graf Otto⸗ mar von Iſſelhorſt. O, übet dieſe Tugendſpiegel! Thun ſie nicht unſchuldig, wie die lieben Engel und ſchnuppen ihr ſchon den zweiten Liebſten fort! Ach, gerne hätte ſie ihnen den franzöſiſchen Grafen gelaſſen, der ihr zuwider war, aber dieſer Deutſche geßiel ihr beſſer, als ihr je einer gefallen hatte, nein, das konnte das wollte ſie ihnen nicht vergeben. Ein Geräuſch erſchreckte ſie und indem ſie ſich umwandte, fuhr ſie mit einem Aufſchrei zurück. Durch den Spalt der Thür blickte ein ſcheußliches Geſicht herein, ein Neger, wie es ſchien, denn ſeine Farbe war faſt ſchwarz aber häßlicher, als alle Neger ſind, abſtoßend durch den chieriſch⸗wilden Ausdruck ſeiner Züge und durch das grinſende Lachen das zwei Reihen ſpitzer, raub⸗ thierähnlicher Zähne zeigte. — Liſettchen! flüſterte der Mohr und winkte mit der Hand, 40— Liſette bebte, wie hätte fie ihm den Eintritt verſagen dürfen da ſie nur zu gut wußte, daß er ihn hätte erzwingen können. Der Mann wand ſich durch die Thür und krümmte ſeinen Rücken vor dem Mädchen. Sein Anblick war ihr noch widerwärtiger im Vergleich zu Ottomars Schönheit. — Liſettchen, ich komme von Deiner Mutter, der guten, lie⸗ ben, alten Margot. — Meine Mutter, ſagte das Mädchen, ſchickt Dich zu mir? — Za, ja, kicherte er, wir lebten einige Zeit in demſelben Hauſe und waren gute Freunde. Aber ich wollte durchaus nach Metz weil ich hier ein Geſchäft mit dem Grafen Hektor von Belle⸗ garde abzumachen hatte, da ſagte ſie zu mir, Taleb, ſagte ſie, geh zu meinem Kinde, meinem Liſetichen, und ſage ihr, ſie ſoll Dich lieb haben, und Dir Alles anvertrauen, denn es giebt keinen treueren Kerl unter der Sonne als Talab, der Turko. Liſette ſtarrte ihn an, ſie konnte ſich an den ſchauf erhaften Ausdruck dieſes ſchwarzen Geſichtes gewöhnen. — Gewiß, dachte ſie, wenn es einen Teufel gieln ſo muß er ausſehen, wie dieſes Scheuſal. Was denkt denn meine Mut⸗ ter, indem ſie mir ihn auf den Hals ſchickt! — Guter Freund! ſagte ſie dann zu ihm, Du ſcheinſt hier an die Unrechte gekommen zu ſein, denn erſtens bin ich nicht Li⸗ ſettchen, ſondern Fräulein Liſette, und zweitens kann ich nichts für Dich thun und verlange nicht, daß Du etwas für mich thuſt, daxum geh lieber gleich wieder, grüße meine Mutter und ſage ihr, ich wünſche, daß es ihr gut gehe. — Alſo ſtolz grinſte er, ei, man darf ja ſtols ſein, wenn man ſchön iſt und Erafen zu Anbetern hat, Aber, Fräulein Li⸗ ſette, darum iſt doch eine ehrliche Haut, wie der Taleb, nicht zu verachten. Sehen Sie, wenn Sie zu mir ſagen: Taleb, der da iſt mir im Wege. ein Stich von meiner Hand. und er iſt nicht mehr da, oder Sie möchten das Kreuz vom höchſten Kirch⸗ thurm hahen, für einen freundlichen Blick holt es Taleb für Sie herunter. Za, ja, ſo iſt er, der Türke, zwar ein Bißchen ſchwarz im Geſicht, aber was thut es, Fräulein Lisette hat ja ſo viel Weiße zu ihren Füßen liegen ſehen. Und an Geld fehls es nicht, —— * 41 es klappert in allen Taſchen, klirr! klirr! Das itt ein ſchöner Klang! Hier ſteckt genug, um Sie vierſpännig fahren zu läſſen. hier habe ich ſoviel, um Sie mit Brillanten zu bedecken, und was will ich denn dafür? Ein Bißchen Liebe, ein Bißchen Freund⸗ lichkeit für den ehrlichen Turko, den guten, treuen Taleb! Das war ein förmlicher Antrag, aber Liſette ſchauderte da⸗ vor zurück. — Und wenn ich nun Rein ſage? fragte ſie. — Oho Sie ſagen nicht Nein, erwiderte er uud richtete ſich höher empor. Warum denn duch? Sie ſind ja allein und haben keinen Freund. Was iſt der Plunder da in dem Koffer werth? Kein Jude giebt Ihnen etwas dafür. Wo wollen Sie denn hin? Der Weg nach Paris iſt weit, und hinein kommen Sie nicht, weil die Deutſchen davor liegen, hier aber iſt nichts mehr zu holen. Alſo ſchlagen Sie ein, Liſettchen, nehmen Sie den guten, den reichen Taleb. Liſette überlegte. Er hatte Recht, ſie war ohne Schutz und arm. Was ſollte ſie anfangen? Vielleicht gelang es ihr, ſich an das Mohrengeſicht zu gewöhnen, wie ſie ſich an Bellegardes Häß⸗ lichkeit und an ſein mürriſches und mißtrauiſches Weſen gewöhnt hatte. — Ich will mir die Sache überlegen, ſagte ſie. — Was iſt da zu überlegen? fragte er dringender. Ein Mäd⸗ chen wie Sie, braucht einen Mann, und bei allen Teufeln, ich bin einer. Hätten Sie mich geſehen in den letzten Schlachten. Ich ſtand nicht in den Reihen, aber ich kämpfte, wie meine Landsleute. Da kamen die Deutſchen und dachten im Sturm⸗ ſchritt unſere Kanonen zu nehmen, aber die Schlange züngelte unter dem Gebüſch hervor, der Tiger ſprang ihnen mit einem Satze an die Kehle. Ich kroch wie eine Schlange, und mein Dolch traf, wohin ich zielte, ich ſprang wie ein Tiger, und meine Krallen packten ihre Beute; vie Sterbenden auf dem Schlacht⸗ felde waren nicht ſicherer vor mir als ihre Pfleger... o Taleb iſt gut, ſehr gut aber er kann anch böſe ſein, ſehr böſe Es lag etwas ſo furchtbar Drohendes in ſeinem Blick daß Liſette davor ſchauderte. Wie ſolkte ſie ſich der Gewalt dieſes „ Halbmenſchen entziehen wie ſeiner Verfolgung entriunen? Sie verwünſchte ihre Mutter, die ihr ſolch' ein Unthier zugeſchickt hatte ſie ſann auf Rettung und fand keine. — Laß uns eſſen und trinken, Taleb, ſagte ſie endlich, dabei werden wir uns kennen lernen. Wir ſind noch jung, und haben keine allzu große Eile, was heute nicht geſchieht, kann morgen ʒ um deſto luſtiger geſchehen. Talcb war mit dieſem Vorſchlag ganz einverſtanden, er rief die Wirthin und gab ihr Geld genug um ein reichliches Mittags⸗ eſſen und guten Wein herbeizuſchaffen. Liſette bemerkte dabei, daß er wirklich die Taſchen ganz voll Geld hatte, und das reizte ſie, denn ſie liebte nicht das Geld, aber ſie mochte nicht leben ohne den Luxus, den man ſich durch Geld verſchaffen kann. Sonderbarerweiſe erſchien ihr Taleb plozlich weniger häßlich, ſie ſah ſeine große herkuliſche Geſtalt, ſein blitzendes Auge, und ver⸗ glich dieſe Kraft und Größe mit den kleinen und hageren Figuren der meiſten vornehmen Franzoſen, die durch ihr wüſtes Leben ſchon in früheſter Jugend altern 3 Hätte ſie nicht Ottomars Bild in friſcher Erinnerung gehabt, ſie würde vielleicht leichter auf Talebs Vorſchläge eingegangen ſein, nun aber wandte ſie thr Geſicht mit Schauder von dem ſeinigen, wenn ſie an die liebenswürdigen Züge des deutſchen Grafen dachte. Das Eſſen kam, und ſie ließen es ſich beide ſchmecken. Ta⸗ leb fragte nach dem Grafen Bellegarde und nach Huſſein, ſeinem Bruder. Liſette wußte zufällig, daß Huſſein⸗ der nur Bedienter war, aber nicht zur Armee ſelber gehörte, der Gefangenſchaft glücklich entgangen nrar und ſich noch in Metz aufhielt. Der Gedanke, daß Taleb der Bruber eines Mannes war, den ſie oft genug mit gar tiefer Nichtachtung behandelt hatte, ſchreckte ſie noch mehr von ihm zurück. Dennoch erheiterte ſie ſich bei dem Wein, ihr ganzer Leichtſinn erwachte, ſobald ſie nur die Gläſer klirren hörte, und wie in Erinnerung an die noch kürzlich genoſ⸗ ſenen Freuden ſtimmte ſie ein helles Liedchen an deſſen mehr als übermüthige Weiſe den Mohren entzuckte Das war ein Mädchen nach ſeinem Herzen, ſchön und vor⸗ — — ——— E. „ ——— nehm und doch umgänglich und nicht ekel, die mußte er die Seine nennen, und was konnte dem Willen eines Mannes wi⸗ derſtehen, der Kraft in den Armen, Geld in der Taſche hatte. und deſſen Gewiſſen vor keiner Schandthat zurückbebte. Liſette ſang und wiegte ihre Glieder üppig in einem Arm⸗ ſeſſel. Taleb lag vor ihr auf den Knieen und bedeckte ihre Hand mit Küſſen, da öffnete ſich plötzlich die Thür, und der Graf Ot⸗ tomar von Iſſelhorſt trat herein. Jetzt fühlte das Mädchen, daß es noch zu erröthen im Stande ſei. Mit ſolch einem Anbeter erblickt, von ihm erblickt zu werden, der einen tiefen⸗ Eindruck in ihrer Bruſt zurückgelaſſen hatte, das war ihr furchtbar. Faſt verle⸗ gen ſtieß ſie den Turko von ſich und trat dem Grafen entgegen — Sie wollen Ihr Zimmer beziehen? fragte ſie. — Keineswegs, antwortete Ottomar, ich komme, Ihnen zu ſagen, daß ich Ordre habe, ſogleich abzumarſchiren, und daß ich Sie bitte, dieſes Zimmer, welches ich beim Miethen auf einen WMonat im Voraus bezahlt habe, ſtatt meiner zu bewohnen. — Sie gehen ſchon wieder, ſagte Liſette, wie ſchade, trinken Sie doch erſt ein Glas Wein mit mir. — Ich danke, bemerkte Ottomar mit einem lächelnden Blick auf Taleb, Sie ſind in guter Geſellſchaft, in der ich Sie nicht ſtören möchte. — Pah, ſagte ſie, nur ein Freund meiner Mutter, mit dem ich ſonſt nichts zu theilen habe, als dieſes Mittagseſſen, alſo bleiben Sie getroſt bei mir. — Mich ruft der Dienſt, entſchuldigte ſich der Graf. Man hat viel zu thun vor dem Abmarſch. Leben Sie wohl, mein Fräulein. Sie reichte ihm die Hand, ohne ihn zu küſſen. Leben Sie wohl, Herr Graf von Iſſelhorſt, ſagte ſie traurig. 5 Er ging. — Ha! der Graf von Iſſelhorſt, rief Taleb, den Namen 1 will ich mir merken, das iſt noch Einer, dem ich mein Meſſer in die Kehle jagen werde denn ich merke er hat Eindruck auf Sie S gemacht, Sie ſchämen Sich meiner vor ihm. Wie, ich bin nur ein Freund Ihrer Mutter, mit dem Sie ſonſt nichts zu theilen haben? Ei, das wollen wir ſehen! Iſt Ihnen der Mohr zu ſchwarz, ſo mögen Sie glauben, daß er Sie bleich machen kann, wie eine Leiche! Hierher, Dirne, und küſſe mich, oder! Die Bewegung war ſo drohend, daß Liſette ſich zitternd in eine Ecke des Zimmers zurückzog, aber er folgte ihr, ſeine ſtarken Hände packten die ihrigen, ſein widerwärtiges Geſicht näherte ſich ihrem vor Schrecken halb offenen Munde. — Hier iſt die Wahl, ſagte er, Liebe oder Tod, ſchreck⸗ licher Tod! Mapitel. Franzöſiſche Feſtungen. Straßburg hatte ſich bald wieder von der Belagerung er⸗ holt. Der Schutt war aus den Straßen weggeräumt worden, die Läden, ſoweit ſie nicht zerſtört waren, wurden wieder geöffnet. Zahlreiche Fremde, welche die Neugierde nach der bombardirten Stadt zog, durchwogten die Straßen und füllten die theilweiſe niedergebrannten Gaſthöfe. Landleute führten Gemüſe und Fleiſch in die ausgehungerte Stadt, Marketender ſaßen an allen Ecken. Die Bevölkerung ging einträchtig mit den Eroberern einher. In den Kaffeehäuſern erzählten die Einwohner den Soldaten von den Leiden, die ſie ausgeſtanden hatten. Die Schrecken der letzten Wochen waren ſo furchtbar geweſen, daß man das bloße Auf⸗ hören des Bombardements als eine Wohlthat empfand, über welche man Alles Andere vergaß. Die Erbitterung der Straßburger gegen die Deutſchen war bei weitem nicht ſo groß, als man gefürchtet hatte, und wie bei den Deu gö del als Del dol W dem entſetzlichen Jammer zu erwarten ſtand. Man ſprach über Deutſchland mit Ausdrücken der Achtung. Die Elſäſſer empfinden eine gewiſſe Genugthuung über die glänzenden Erfolge der deutſchen Waffen Sie waren wegen ihrer deutſchen Abſtammung von den Franzoſen doch immer gleichſam als Niedrigerſtehende behandelt worden. Jetzt aber hatten die Deutſchen bewieſen⸗ daß ſie tüchtiger ſind als die Franzoſen und das gereichte den Elſäſſern zur aufrichtigen Freude, die ſie veran⸗ laßt, ſich ihres deutſchen Urſprunges mit Stolz zu erinnern. General Werder hatte ſich bei der Kapitulation ſehr mild gegen Sttaßburg gezeigt, es wurde der heimgeſuchten Stadt kei⸗ nerlei Contribution auferlegt. In kurzen Zwiſchenräumen fielen außer den Hauptplätzen ne Reihe kleinerer Feſtungen in Metz und Straßburg nun auch ei die Hände unſerer Truppen, die zwar nicht ſo wichtig waren wie jene beiden großen Waffenplätze, doch aber immer eine gewiſſe Bedeutung hatten. Da war zuvörderſt Toul⸗ die Feſtung, welche die Ranzig nach Paris berherrſcht. Der Kommandant der Feſtung, Schwadronschef Huc, übergab ſeinen Platz nach verhältnißmäßig kurzer Beſchießung dem Groß⸗ herzog von Mecklenburg, welcher die Belagerungstruppen be⸗ fehligte. Sechs Wochen nur hatte die Belagerung gedauert, und mit der Beſitzergreifung dieſer Stadt gewannen die deutſchen Truppen die wichtigſte Eiſenbahnverbindung mit Pariz. Da der Kronprinz von Preußen den Befehl ertheilt hatte, die Stadt möglichſt zu ſchonen, ſo begnügten ſich die Deutſchen mit der Beſchießung der Wälle und erſt als ſich hartnäcger Widerſtand zeigte, flogen einige Brandgranaten auf die Kaſernen und ſetzten dieſe unter Feuer Dieſe Brandgranaten gleichen äußerlich gewöhnlichen Bom⸗ wenn ſie jedoch aufſchlagen, ſo entladen ſie aus ihrem die etwa die Länge eines Fin⸗ Straße von ben, Innern mehrere eiſerne Röhren, gers haben, und in denen eine leicht entzündliche Maſſe enthalten — — 46— iſt, die indem ſie dur weit umher ſpritzt. Noch während dieſes Brandes zu verſchiedenen Malen aufgefordert, te er es immer noch bis ihm vom arg zuſ⸗ zten. Dennoch hielt er ſich ehrenvoll bis auf die letzte Bomb, bis auf das letzte Brot Toul hatte furchtbar gelitten, bis endlich die weiße Fahne von der Spitze des Domes her⸗ ahwvehte. wurde der Kommandant Huc ſich zuergeben, doch verweiger⸗ Michelberge aus die Granaten Die Fahne war ſo klein, daß man anfangs nicht genau zu unterſcheiden vermochte, ob ſich nicht ein rothes Kreuz darin be⸗ finde, wodurch ein Gebäude als Hospital oder Verbandſtätte be⸗ zeichnet zu werden pflegt. Indeß ließ ſich bald aus anderen Anzeichen ſchließen, daß dadurch die Abſicht der Belagerten ange⸗ deutet werden ſollte, wegen der Uebergabe zu unterhandeln. Der Großherzog von Mecklenburg ſchickte demnach deß Oberſten von Krenski, welcher ſpäterhin noch verſchiedene Be⸗ lagerungen befehligte, an den Kommandanten von Toul ab und in wenigen Stunden war die Kapitulation von beiden Sei⸗ ten unterzeichnet. Das Feuer der Belagerungsbätterieen hatte ſchrecklich ge⸗ wirkt, und als endlich die deutſchen Soldaten in die eroberte Frſtung einzogen, war das Bild der Zerſtörung, das ihnen dort begegnete, ein ſehr umfangreiches. Faſt alle Kaſernen und Magazine, ſowie ſämmtliche Häuſer der öſtlichen Vorſtadt waren in Flammen aufgegangen. Wenige Tage nüch der Kapitulation von V Schlettſtadt den dertſchen Belagerern. Dieſe wurden durch Ban⸗ den von Franktireurs arg geneckt. In dem Geſtrüpp des Haardt⸗ waldes, der ſich bis zum Rhein hinzieht, hauſte dieſes Geſindel und ſchoß linterrücks guf die unbefangen dahinziehenden Solda⸗ ten, verfolgte man aber dieſe Kerle, ſo flüchteten ſie ſich in die nächſten Dörfer, verſteckten ihre Gewehre und traten in ihren blauen Kitteln ſo unſchuldig heraus, als ſeien ſie friedliche Land⸗ leute, denen nichts ferner lag, als Kriegführung. Datauf uun ging der General von Schmeling ernſtlich tetz ergab ſich auch gegen . die Kraft des Stößes in Bränd geräth, — ic e Schlettſtadt vor, deſſen Kommandänt Graf Reinach die Uebergabe verweigerte, Neu Breiſach, ſo meinte der deutſche General, könne noch warten bis die Reihe auch an dieſen Platz kam. Schlettſtadt litt ſehr unter dem kräftigen Bombardement, doch ten als zu dem Grafen Reinach ein Parlamentair kam, um mit ihm zte über die Bedingungen der Uebergabe zu verhandeln, antwortete er ſtoſz: Meine Bedingungen ſind die Kanonen. Dieſen prahleriſchen Ton kannte man bereits an den Herren Franzoſen, es wurde preußiſche, bairiſche und badiſche Feſtungsartillerie von Straßb rg herbeigeſchafft, und drei Landwehr⸗Bataillone rückten unter dem dur ger⸗ Befehl des Oberſten Oſtrowski heran, während die geſammten . Geſchütze vom Oberſt⸗Lieutenant von Scheliha kommandirt wurden. So konnte die Sache denn ernſtlich losßchen Es wurden 3 Parallelen gebaut, die freilich viel Arbeit machten, weil der Bo⸗ 3 den beſonders hart iſt, und weil Has feindliche Feuer da⸗ Graben 1 F oftmals unterbrach. Zum Glück ſchoſſen die Franzofen ſchlecht, aber als die deutſchen Geſchütze an die ihnen beſtimmten Plätze gebracht worden waren, eröffneteß ſie ein ſo wirkſames Feber, . daß bald die weiße Fahne auf den Wällen von Schlettſtadt wehte Freilich erbat ſich der Graf Reinach anfangs nur einen vier⸗ undzwanzigſtündigen Waffenſtillſtand, doch mußte er bald klein beigeben, denn ſchon die als Unterhändler in die Feſtung ent⸗ ſandten Offiziere fanden darin ein grelles Bild der Unordnung. Die meiſtentheils betrunkene Beſatzung plünderte gemeinſam mit dem Straßenpöbel die Magazine, ſteckte Häuſer in Brand und ſſchleppte das Pulver herbei, um den Kommandanten und ſeineh* . Stab in die Luft zu Die franzöſiſchen Offiziere konnten 1 ſich keinen Gehorſam mehr verſchaffen und freuten ſich, daß der Graf Reinach am vierundzwanzigſten Oktober Schlettſtadt an den General von Schmeling übergab. Zweitauſend Gefangene und hundertundzwanzig Geſchütze fielen dadurch in die Hände der Sieger die ſich nun, nach einem feierlichen Einzuge in das eroberte Schlettſtadt, Neu Breiſach zuwenden konnten. Die erſte preußiſche Reſerve⸗Diviſion, die ſchon mehrere Truppentheile zu der Belagerung von Belfort hatte hergeben ——,—Ü 46— müſſen rückte vor die bereits umſchloſſene Feſtung und die durch die Kapitulation von Schlettſtadt frei geworden Artillerie nahm hier unter ihrem Oberſtlieutenant von Scheliha die neue Ar⸗ beit auf. Die Belagerung dieſer Feſtung war jedoch mit mehr Schwie⸗ rigkeiten verknüpft, als die vorige. Die Garniſon war viel ſtärker und die Feſtungswerke ſind bedeutender und beſſer an⸗ gelegt. Etwa zweitauſend fünfhundert Schritt von Neubreiſach entfernt, liegt das Fort Mortier ganz nahe am Rhein. Es that den Belagerern bedeutenden Schaden. Das ſteinige Terrain machte das Ausgraben der Parallelen ſehr mühſam, dazu kam noch, daß der Mond, ſonſt ein erwünſchtes Licht der Nächte, jetzt ſo hell ſchien daß man von der Feſtung aus jede Bewegung der Deutſchen genau beobachten und ſie in ihrer Arbeit be⸗ ſtändig unterbrechen konnte Unter dieſen Umſtänden uno bei der Kälte der Nächte war der Vorpoſtendienſt beſonders unan⸗ genehm, dennoch erlahmte die Kraft der Belagerer nicht. Die badiſche Artillerie ſchoß mit glänzendem Erfolge aus drei Batterien auf das Fort Mortier bis vor ihrem ſicheren Zielen die Kanonen der Franzoſen nach und nach verſtummten. Einen vollſtändigen Sturm wartete der Kommandant dieſes Forts, Capitain Caſteli, nicht erſt ab, ſondern erklärte ſeine Abſicht, ſich zu ergeben. Er that es in ehrenhafter Weiſe, denn von den ſieben Geſchützen, die ihm zu⸗ ertheilt waren, hatten die Badenſer ſechs unbrauchbar gemacht. Jetzt war auch nicht länger an der Uebergabe von Neubreiſach zu zweifeln, ſie erfolgte bald darauf am zehnten November, und der Major von Kretſchmann überbrachte dem General von Schmeling die Bedingungen, unter welchen ſich der franzöſiſche Oberſtlieutenant von Kerſar den Deutſchen ergab Hundert Of⸗ fiziere und fünftauſend Mann wurden dadurch kriegsgefangen, aber die Soldaten, dieſer Feſtung verließen ihren Poſten in der beſten Ordnung und in würdiger Haltung. Es waren meiſt El⸗ ſäſſer, oft Burſchen von ſiebzehn oder achtzehn Jahren, denen die weinenden Anverwandten noch unterwegs ein Stück Wurſt oder einige Groſchen zuſteckten. Neubreiſach bot, gleich allen dieſen eroberten Feſtungen, einen tranrigen Anblick dar, denn auch hier ————— . — hatte das Feuer gewüthet, und auch hier hatte die Thorheit der abziehenden Vertheidiger Unmaſſen von Lebensmitteln, Waffen und Vorräthen aller Art zerſtört, um ſie nicht in die Hände der Feinde fallen zu laſſen. Für die Deutſchen war der Eindruck um ſo ſchmerzlicher, als es ja Landsleute waren, die ſie hier ſahen, und die ihnen mit Thränen iu den Augen klagten, daß ſie ſämmtlich an den Bettelſtab gekommen wären. Eine andere Feſtung, die ſich in derſelben Zeit ergab, war Verdun Dieſer Platz war für die deutſche Kriegsführung von der größten Bedeutung, denn über ihn geht die Verbindung zwi⸗ ſchen den preußiſchen Rheinprovinzen und Paris. Durch die Ka⸗ pitulation von Metz und Verdun wurde die Verpflegung der Truppen bedeutend erleichtert und eine ſchnelle Zufuhr neuer Soldaten ermöglicht. Hier waren es meiſt Preußen, welche die Feſtung unter dem Oberſten von Dannenberg belagerten, und da die Stadt nicht allzu lange mit der Uebergabe zögerte, ſo litt ſie nicht ſo viel wie die vorhergenannten Orte. Die deutſchen Kanonen feuerten nur auf die Feſtungswerke und ſchonten die Stadt und insbeſon⸗ dere die herrliche Kathedrale, ſo weit als möglich, dennoch be⸗ merkte man unzähliche Spuren von Granaten in den Häuſern. Intereſſant war den hineinziehenden deutſchen Offizieren der Stall der afrikaniſchen Jäger, in welchem ſich die köſtlichſten arabiſchen Pferde befanden, ſie waren leicht zu bekommen, denn die Unſri⸗ gen nahmen ſich nicht die Zeit, ſich ihrer zu bemächtigen, und buchſtäblich herrenlos liefen ſie auf dem Kaſernenhofe umher man brauchte nur zuzugreifen, um dieſe theuren Thiere zu er⸗ langen und das hätte wohl Mancher gethan, wäre er nur im Stande geweſen, Hafer und Heu herbeizuſchaffen. Von allen franzöſiſchen Feſtungen erlangte Verdun die gün⸗ ſtigſten Kapitulationsbedingungen, keine Kriegskontribution, keine Geldrequiſition wurde ihr auferlegt, alle öffentlichen Beamten, Ei⸗ vil⸗ und Handelsgerichte durften ihre Thätigkeit ganz ungehindert weiterführen, und die Kriegsmaterialien und Vorräthe aller Art wurden dem General von Gayl unter der Bedingung überliefert, U. 4 — —— daß ſie nach dem Abſchluß des Friedens an Frankreich zurücker⸗ ſtattet würden. Die Garniſon wurde als kriegsgefangen erklärt, aber Mobilgardiſten und Nationalgarde blieben, nachdem ſie ent⸗ waffnet worden waren, frei, ſelbſt die Gendarmerie blieb von der Gefangenſchaft ausgeſchloſſen und behielt ihre Pferde. Das war in der That ſehr edelmüthig gegen überwundene Feinde gehandelt, dieſe zeigten ſich jedoch wenig dankbar, denn anſtatt die Waffen, die man ihnen ließ, niederzulegen, ergriffen ſie viele von ihnen trotz ihrer gegebenen Zuſage zu abermaligem Kampfe gegen die Deut⸗ ſchen und ſuchten ihnen jeden möglichen Schaden zuzufügen. Inzwiſchen war eine Landwehr⸗Diviſion unter dem General von Treskow im Ober⸗Elſaß überall ſiegreich vorgedrungen. Zwi⸗ ſchen Colmar und Belfort ſtellten ſich ihr verſchiedene Abtheilun⸗ gen jener Freiſchaaren entgegen, die unter dem Befehl Garibaldis ſtanden. Dieſe aus hergelaufenem Geſindel beſtehenden Truppen kannten nicht die heiligen Gebote des Krieges, ſie hatten keine Liebe zu dem Lande, für welches ſie ſtritten, denn ſie gehörten ihm nicht an, ſie fühlten ſich gegen andere franzöſiſche Armeen zurückgeſetzt, waren erbärmlich bekleidet und mit den Waffen ver⸗ ſehen, die man für die Franzoſen für zu ſchlecht hielt. Deswegen bemächtigte ſich ein tiefer Mißmuth dieſer Leute, und ſie ließen ihn an den Feinden aus, die unglücklich genug waren, in ihre Hände zu fallen. Dieſe fand man oft nach den Gefechten ausgeplündert und mit abgeſchnittenen Ohren und Naſen vor, eine Niederträch⸗ tigkeit, welche die Freiſchaaren mit dem größten Vergnügen zu üben ſchienen. Der General von Werder, einer der tüchtigſten Feldherrn der deutſchen Heere, beſaß leider nicht Truppen genug, um dieſes Geſindel mit Einem Schlage niederzuwerfen. Ueberall, wo er ſich zeigte, ſtoben ſie vor ihm auseinander, und wo man ſie nicht ver⸗ muthete fügten ſie heimlich Schaden zu. Es war ein Krieg gegen Räuber und Wegelagerer, aber kein ehrlicher Kampf. Während der General von Werder nun bemüht war, friſche Truppen herbeizuziehen, umſchloß der General von Treskow Belfort, der Oberſt⸗Kommandant des Platzes, Denfert, war jedoch ent⸗ S ker⸗ irt nt⸗ der war elt die rotz ut⸗ ral wi⸗ un⸗ dis pen ine ten en ihn ent ſchloſſen, ihn zu halten, und wirklich ſetzte er dieſe Abſicht länger durch, als man es erwarten durfte. In der Mitte des November war bis auf den ſüdlichen Theil des Elſaß das ganze öſtliche Frankreich in die Hände der Sieger gefallen: Straßburg, Metz, Toul, Marſal, Vitry, Sedan, Laon, Lützelſtein, Lichtenberg, Weißenburg, Soiſſons, Verdun, Schlett⸗ ſtadt und Neubreiſach waren nach größeren oder geringeren Kämpfen zur Uebergabe gezwungen worden, während Pfalzburg, Bitſch und Thionville, Mezieres, Montmédy, Longwy, Belfort und Paris noch immer hartnäckig widerſtanden, bis endlich auch ihnen die Stunde ſchlagen ſollte, in welcher die Uebermacht der deutſchen Kriegskunſt und der Hunger ſie zwangen, dem Beiſpiel der Uebri⸗ gen zu folgen und ſich der Großmuth der Sieger anheim zu geben. Durch die Eroberung ſo vieler feſten Plätze murden eine Menge deutſcher Truppen frei, die ſich nun anderweitig verwen⸗ den ließen. Welch ein Glück für dieſe Tapferen, welche Monate lang vor Metz gelegen hatten, daß ſie nun endlich wieder in Bewegung kamen! Der Aufbruch wurde mit Jubel begrüßt. Es waren Viele unter ihnen, die, ſeitdem ſie die Heimat verließen, in keinem Bett geſchlafen hatten, Andere, denen es in Wochen nicht möglich war, die Kleider zu wechſeln. Das Zeug faulte buchſtäblich auf dem Leibe, vnd die Angehörigen vermochten nicht, den Schaden zu er⸗ ſetzen, weil die Poſten nicht im Stande waren, die Menge der Liebesgaben zu bewältigen, die täglich nach dem Kriegsſchauplatz abgeſchickt wurden. Das Gewicht der Poſtpakete mußte daher ſehr beſchränkt werden, und ſo geſchah es denn, daß manchet Sol⸗ dat ein Beinkleid in zwei, ein wollenes Hemd in drei oder vier Theilen erhielt und es erſt zuſammenheften mußte, um es tragen zu können. Um ſo größer wurde der Eifer der Frauen im ganzen deut⸗ ſchen Vaterlande, da war keine weibliche Hand, die nicht für die tapferen Vaterlandsvertheidiger nähte und ſtrickte. Ganze Eiſen⸗ bahnzüge wurden mit den eiligſt geſammelten Liebesgaben bela⸗ den und alle deutſchen Städte wetteiferten darin wer das Meiſte 4* ———————— ———— ———————————————— — 52— und das Beſte ſchicken könnte, da die ſchnell hereinbrechende Herbſt⸗ zeit und eine ganz ungewöhnlich ſchlechte und naßkalte Witterung das Auftreten ſchlimmer Krankheiten befürchten ließ. Für die Bedürfniſſe des Magens ſorgten die Erbswurftfa⸗ briken, die täglich tauſende von Portionen lieferten, und außerdem ſchickten die Bäcker ungeheure Maſſen an Zwiebacken, die, in heißes Waſſer gelegt, ein ganz erträgliches Nahrungsmittel geben, und für die Brauer bedurfte es nur einer freundlichen Bitte, um ſie zur Sendung von vielen Fäſſern Bier zu veranlaſſen. So ſorgten der Staat und die Einzelnen in edlem Wetteifer, und dennoch ließ ſich nicht jeder Mangel heben, waren es doch zu Viele, die die Noth der Zeit empfanden, und mußte doch auch für die zurückgebliebenen Frauen und Kinder geſorgt werden. Auch aus HOeſterreich, deſſen deutſche Provinzen, trotz der Hetzereien mancher ihrer Zeitungen, in ihren Sympathien feſt zu den deutſchen Waffen ſtanden, kamen wiederholte große Sendun⸗ gen von Charpie und Erfriſchungen für die Verwundeten, und von Geld für die Hinterbliebenen der gefallenen Helden. Volks⸗ verſammlungen und Vereine in Wien, Graz, Marburg und Linz erklärten feierlich vor Europa, daß ſie Angeſichts des frevleriſch von Frankreich heraufbeſchworenen Krieges im Herzen treu zu ihren deutſchen Brüdern hielten, ihnen innigſt den Sieg wünſchten und von der Einigung Alldeutſchlands die ſegensreichſten Folgen für die deutſchen Bewohner Oeſterreichs erhofften. So zeigte ſich Deutſchöſterreich in dieſer Zeit ernſter Prü⸗ fung auf die rühmlichſte Weiſe deutſch, ihre Brüder, die Bürger des neuen deutſchen Reiches, werden deſſen dankbarlich für immer eingedenk bleiben. Es war ganz natürlich, daß ein jeder deutſche Soldat es em⸗ pfand, wie er nicht allein ſtand, ſondern das ganze deutſche Va⸗ terland hinter ſich hatte, das bereit war, ihn, wenn er Invalide wurde, zu unterſtützen, und, wenn er ſtarb, für Weiber und Kin⸗ der Sorge zu tragen. Mit ſolch einem Bewußtſein laſſen ſich Noth und Gefahren leichter ertragen, und in der That wurde —— en en er et n⸗ a⸗ de ⸗ ich de — 53— lein Einziger mattherzig, ſie kämpften Alle mit Freudigkeit und friſchem Muthe, galt es doch einem großen und ſchönen Zweck, der Befreiung des deutſchen Vaterlandes. 7. Kapitel. Der Krieg zur See. Inbeſſen die Truppen des geeinigten Deutſchlands von Sieg zu Sieg eilten, drohte unſerem Lande von anderer Seite her eine, wie es ſchien, ſehr bedenkliche Gefahr. Frankreich beſitzt eine ſehr anſehnliche Kriegsflotte. Mit ihr war ſchon der erſte Napoleon nach Egypten gezogen, um hier Eroberungen zu machen, die ihm herzlich ſchlecht gelangen, mit ihr hatte er gegen die Engländer gekämpft und manche Siege errungen, freilich auch große Nieder⸗ lage erlitten. Seitdem hatte man die Flotte um viele Dampfſchiffe vermehrt und jene eiſernen Ungeheuer bauen laſſen, die man Monitor nennt. Dieſe gewaltig großen Fahrzeuge ſind mit den ſtärkſten Eiſenplatten bedeckt, die ſchwerlich von einer Kugel durchſchlagen werden können. In der Mitte des Schiffes befindet ſich ein dreh⸗ barer Thurm, der einer Feſtung gleicht und in welchem nur kleine Löcher ſind, um hinaus zu ſchießen und von dort aus den Feind zu beobachten. In dieſen Thurm und in die unteren Schiffs⸗ räume begeben ſich die Marineſoldaten. Große Kanonen ſtrecken ihren verderbenbringenden Schlund aus den Schießlucken heraus und ſpeien Pulver und Blei auf Alles, was ſich naht, dazu ſind dieſe koloſſalen Fahrzeuge mit einer Dampfmaſchine verſehen, die ſie fortbewegt, da ſie viel zu ſchwer ſind, um ſich dem Winde überlaſſen zu können, ein künſtlich eingerichtetes Steuerruder lenkt ihren Lauf, und an ihrem Vordertheil haben ſie oft ein rieſiges me⸗ ——— ——————— tallenes Horn, und was ihnen zu nahe kommt, das fahren ſie in Grund und Boden. Solche Panzerfregatten hatte man in dem letzten amerika⸗ niſchen Kriege erfunden und zum Verderben der Feinde angewandt, und jetzt, da man dieſe Erfindung noch bei weitem vervollkom⸗ net hatte, verſprachen ſich die Franzoſen ungeheuren Rutzen von dieſen Schiffen. Deutſchland bietet an der Nord⸗ und Oſtſee eine weitgeſtreckte Küſte dar, an welcher ſich wichtige Städte befinden, Bremen, Lübeck und Hamburg wie Stettin, Danzig und Königsberg ſind für unſeren Handel von der äußerſten Wichtigkeit, gelang es, dieſe Haupt⸗ häfen zu blokiren und dem Feſtlande die Zufuhr von Colonialwaaren abzuſchneiden, gelang es hier ein Kriegsheer auf den feſten Boden zu werfen, das von jeder dieſer Städte aus in wenig Stunden in Berlin ſein konnte, ſo war Deutſchland in ſeinem Herzen an⸗ gegriffen, es mußte ſeine Truppen aus Frankreich zurückrufen, um den Angriffskrieg in eine Vertheidigung zu verwandeln, und der Vortheil blieb dann gewiß auf der Seite der Franzoſen. Dies ſah man auch bei uns voraus, und deswegen wurden die Lichter auf den Leuchtthürmen ausgelöſcht, um den Feinden nicht den Weg zu zeigen. Die Häfen wurden durch eingeſenkte Höllen⸗ maſchinen, ſogenannte Torpedos, unfahrbar gemacht, es wurden Netze ausgeſpannt, in die ſich die Schrauben der Dampfſchiffe verwickeln mußten, und der General Vogel von Falkenſtein, der zum Gouverneur der Küſten ernannt worden war, beſetzte die Küſten, wo man zunächſt den Angriff erwarten mußte, mit ſtarken Truppenmaſſen. Die franzöſiſche Flotte war von Cherbourg ausgelaufen. Ehe ſie dieſen Hafenplatz verließ, war noch die Kaiſerin Eugenie dorthin gegangen und hatte eine Anrede an die Kapitäne und Matroſen gehalten, in welcher ſie ihr Vertrauen zu dieſer unüber⸗ windlichen Seemacht ausſprach. Dies geſchah auf der Fregatte la Surveillante am drei und zwanzigſten Juli, und ihre Worte wurden mit ſtürmiſchem Entzücken aufgenommen und mit lautem Hurrah erwidert. Wohl hatten dieſe Seeleute allen Grund, auf Ruhm und Sieg zu hoffen. Deutſchland zuſammen hat nicht ein en. nie und e⸗ tte rte auf Zehntel ſo viel Schiffe wie Frankreich. Da waren mehr als ſechs⸗ zig gepanzerte Schraubendampfer, darunter ſechs große Linien⸗ ſchiffe, dann vierzehn gepanzerte Fregatten mit über tauſend Kanonen bewaffnet. Dazu kamen noch zweihundert ungepanzerte Schraubendampfer mit faſt fünf tauſend Kanonen, endlich fünfzig Raddampfer und hundert Segelſchiffe, die auch zuſammen wenig⸗ ſtens drei tauſend Kanonen beſaßen. Und was hatten wir, um es dieſer furchtbaren Macht ent⸗ gegen zu ſtellen? Drei und vierzig Dampfſchiffe mit drei hundert einunddreißig Geſchützen elf Segelſchiffe mit einhundert und neun und fünfzig Kanonen, und ſechsunddreißig Kanonenſchaluppen und Jollen mit acht und ſechszig Geſchützen. Rechnet man die Panzer⸗ fahrzeuge, den Arminius, Friedrich Karl, Kronprinz und König Wilhelm mit hinein, ſo ergiebt ſich doch nur die winzige Zahl von neunzig Schiffen mit fünf hundert und acht und fünfzig Kanonen. Zum guten Glück beſitzen unſere Seeküſten durch ſcharf her⸗ vorſpringende Klippen und weit in das Meer hinausreichende Un⸗ tiefen einen natürlichen Schutz der durch die Torpedos oder un⸗ terſeeiſchen Minen noch vermehrt wurde. Dieſe Torpedos ſind Gefäße von Eiſenblech, die waſſerdicht und ganz mit leicht ent⸗ zündlichem Pulver, dem ſogenannten Dynamit, gefüllt ſind. Durch einen Zünder, deſſen eines Ende bis an das Land reicht, kann man dieſes Pulver, ſobald ein Schiff ſich naht, mit dem Funken einer Elekriſirmaſchine berühren, und ſeine Exploſion zerſtört ſelbſt ſchwere eiſerne Panzer. Zum Oberbefehlshaber der franzöſiſchen Flotte hatte der Kaiſer Napoleon den Admiral Graf Bouet⸗Willaumez ernannt. Dieſer ſchon ältere Mann hatte ſich bereits in den Krimkriegen ausgezeichnet, auch rühmte man ihm viel Tapferkeit und Edelſinn nach, ſpäter leitete er das Belagerungsgeſchwader gegen Oeſter⸗ reich in dem adriatiſchen Meere, wo es jedoch zu keinem größe⸗ ren Seegefechte kam, um ſo mehr hoffte er jetzt, ſich gegen die kleine deutſche Flotte billige Lorbeeren zu erringen. Der Admiral der deutſchen Flotte iſt ein Vetter des Königs Wilhelm, der Prinz Adalbert. Ihm verdankt man die Entwick⸗ lung der preußiſchen Marine, die ſich gegen die afrikaniſchen Riff⸗ —= 56— piraten und in dem däniſchen Kriege hervorthat. Indeſſen leitete der Prinz dieſes Mal nicht ſelber das Geſchwader. Wie er ſchon in dem Kriege von achtzehnhundert ſechs und ſechszig im Land⸗ heere mitgefochten hatte, ſo ſchloß er ſich auch jetzt dieſen Trup⸗ pen an, und überließ das Kommando zur See dem Vice⸗Admi⸗ ral Jachmann, der im ſchleswig⸗holſteinſchen Kriege ſeine Tüch⸗ tigkeit bei Jasmuud bewieſen hatte. Wie ſchon zur Landarmee einjährige Freiwillige geſtrömt waren, ſo eilten auch Viele herbei, um den Seekrieg mitzumachen. Der General Vogel von Falkenſtein forderte ſelber zum Eintritt in die Marine auf, und nicht unvernommen verhallte ſein Ruf, ja ſelbſt Frauen boten ſich ihm an, um die Bewachung der Küſten und die Pflege der Verwundeten mit zu übernehmen. Es zeigten ſich bereits kurz nach Ausbruch des Krieges fran⸗ zöſiſche Fahrzeuge vor unſeren Küſten, aber ſie blieben anfangs in anſtändiger Entfernung. Doch bald verbreitete ſich das Ge⸗ rücht, der dunch ſeine Räubereien in China verrufene Graf Palikao wäre an der Spitze eines großen Heeres bereit, in der Oſtſee zu landen, was dann freilich einige Beſorgniß zu erregen ver⸗ mochte. Am zweiten Auguſt glaubte man den Augenblick gekommen, denn eine große Abtheilung der franzöſiſchen Flotte wurde vor Friedrichshafen geſehen, ging an Seeland vorbei. paſſirte den Belt und wurde am folgenden Tage ſchon von Kiel aus beob⸗ achtet. Unſere Marine begrüßte dieſen Anblick mit eben ſo viel Freude, wie die Kaufleute und die friedlichen Bewohner der Fiſcher⸗ dörfer Beſorgniß fühlen mochten. Aber es kam zu nichts, die Franzoſen wagten nirgends eine Landung. ungeachtet ſie ſich ſo ſehr in der Minderzahl befanden, liefen die deutſchen Schiffe doch von Wilhelmshafen aus und durch⸗ kreuzten die halbe Nordſee. Aber ſie fanden keinen Feind. Wohin waren dieſe ſtolzen Schiffe verſchwunden, warum ſtellten ſie ſich nicht ihrem kampfbegierigen Gegner? Waren ſie doch bei weitem nicht alle nach der Oſtſee gegangen. Sie ahnten es wohl, daß im Kampfe wenig Gewinn für ſie zu holen ſein würde. Lieber beſchränkten ſie ihre Heldenthaten darauf, ein — 57— paar Kauffarteiſchiffe zu nehmen und die Fracht mit ſich fort zu führen oder die Küſtenbewohner zu erſchrecken. Am neunten Auguſt zog ein zweites Geſchwader an Dover vorbei und krette bei Helgoland. Der Viceadmiral Fourichon ſetzte den Gouverneur davon in Kenntniß, daß die deutſche Nord⸗ ſeeküſte im Blokadezuſtand ſei. Unſere kleine Oſtſeeflotte begann inzwiſchen auch Jagd auf die Franzoſen zu machen. Die Grille, eigentlich nur ein Luſtſchiff des Königs von Preußen, die Kanonenboote Drache, Blitz und Salamander nahten ſich unerſchrocken dem übermächtigen Feinde, und es entſpann ſich ein Gefecht, bei welchem auf beiden Seiten ziemlich viel Pulver verknallt wurde. Vier Panzerfregatten, eine Korvette und ein Aviſo, ſo ſtark war die franzöſiſche Streitkraft, wären freilich leicht im Stande geweſen, die preußiſchen Fahrzeuge zu kapern. Der Graf Walderſee, der dieſe befehligte, wagte es dennoch, ſich den eiſernen Ungethümen zu nahen. Die Grille ging voraus und neckte den Franzmann durch zahlreiche Schüſſe aus kleinen gezogenen Zwölfpfündern. Das zierliche Schiff, welches mit könig⸗ licher Pracht ganz von Mahagoniholz gebaut und leicht wie eine wirkliche Grille iſt, ſchwebte gleich einem gefallſüchtigen Mädchen über die Wellen dahin und lockte die ſchweren franzöſiſchen Schiffe nach ſich, bis ſie in das Feuer des Salamanders hineingerathen waren. Einmal hier, eilten auch Blitz und Drache herbei. Der Graf Walderſee hißte nun auf der Grille eine Flagge auf, die in der den Seeleuten geläufigen Sprache die Erlaubniß gab, daß jeder Kapitain nach eigenem Ermeſſen den Feind angreifen dürfe. Was konnte erwünſchter ſein? Jetzt gab es ein Geplänkel, bei welchem den Franzoſen angſt und bange wurde. Die kleinen leichten Schiffe tanzten um die großen herum, die Seeartilleriſten ſchoſſen, ohne zu fehlen, und eine Granate, die der Salamander grade auf das Deck einer feindlichen Fregatte ſchleuderte, brachte unter der Bemannung eine ſichtliche Verwirrung hervor. Doch nun ſchienen die Franzoſen wirklich Ernſt machen zu wollen. Dieſesmal freilich verſchwanden ſie eiligſt im Nebel der Abendſtunde, aber Tags darauf erklärten ſie auch die ganze — Oſtſee in Blokadezuſtand, das heißt, ſie ließen kein Handelsſchifſ mehr ungehindert aus den deutſchen Oſtſeehäfen heraus. Dies erſchwerte freilich den Handel recht empfindlich, aber allzugroß war der Schaden denn doch nicht zu nennen, und nur wenige Fahrzeuge hatten das Pech, gekapert zu werden. Am zwei und zwanzigſten Auguſt beſtand die„Nymphe“ ein kleines Gefecht nahe der puziger Wiek, einem Meerbuſen, der bei Danzig liegt. Auch dieſes Mal gab es ein heftiges und gut gezieltes Feuer gegen eine weit überlegene Anzahl franzöſiſcher Schiffe, die hier Blokade ausüben wollte. Die Nymphe ſchoß ſo ſicher daß ſie den feindlichen Fregatten ihre Takelage zerſtörte, ihre Granaten platzten auf den Verdecken der franzöſiſchen Schiffe und tödteten die Mannſchaft, und dieſe zweite Niederlage rechneten ſich die Franzoſen mit ſo gutem Glauben als einen Sieg an, daß einige Tage darauf in den augeſehenſten pariſer Zeitungen Fol⸗ gendes zu leſen war: Man theilt mit daß geſtern auſ dem Marine⸗ miniſterium die Rachricht über England eingelaufen iſt, daß Dan⸗ zig bombardirt und beſetzt, die preußiſche Flotte genommen und betr hliche Beute gemacht worden ſei. So wurde auch zur See von den Franzoſen gelogen. Da es möglich war, daß die Erfolge der deutſchen Waffen und die Vernichtung von Napoleons Kaiſerreich auf die Haltung der franzöſiſchen Flotte einen Einfluß übten, ſo erachtete es der Ge⸗ neral Vogel von Falkenſtein für angemeſſen, dem feindlichen Ad⸗ miral Mittheilungen über dieſe Thatſachen zukommen zu laſſen, die ihm noch fremd ſein mochten. Der Prinz von Heſſen begab ſich alſo an Bord des Danfſchiffes Schwalbe zu der bei Helgo⸗ land ankernden franzöſiſchen Nordſeeflotte, brachte ihm Zeitun⸗ gen und zugleich die Anzeige, daß, da die Franzoſen deutſche Handelsſchiffe gekapert hätten, die franzöſiſchen Kauffahrer nun 3 auch von uns nicht länger geſchont werden würden. Der Ad⸗ miral antwortete ziemlich kühl und ſtolz, doch während man nun erwartete, er werde ſich zum Angriff rüſten, verblieb er in ſeiner Unthätigkeit, ja, im Anfang des September verließ die feindliche Flotte die Nord⸗ und Oſtſee und wurde unſichtbar. Von nun an leuchteten wieder die Lichter auf den Thürmen, — 5 die Handelsſchiffe fuhren wieder unbehelligt ihres Wegs, die Häfen wurden frei gemacht, und unſere Kriegsſchiffe ſuchten ver⸗ geblich nach einem Feinde, mit dem ſie ſich ſo gern gemeſſen hätten. Durch Vermittlung der amerikaniſchen Geſandtſchaft in Berlin erfuhr man endlich am ſechzehnten September, daß die Blokade der Elbe und Weſer aufgehoben ſei, und dies war das Ende des Seekrieges, denn hin und wieder wurden zwar auch noch ſpärer franzöſiſche Kriegsſchiffe in den deutſchen Gewäſſern aber immer nur auf Tage geſehn, dann verſchwanden ſie ſpurlos. Doch woher kam es, daß dieſe Flotte ſich ſo ſchnell zurück⸗ zog? Mit ungeheurem Prunk war ſie von Ccherbourg ausgezo⸗ gen, große Thaten hatte ſie in Ausſicht geſtellt, und Deutſch⸗ lands Handel hatte vor ihr gezittert. Doch als ſie ſich in See befand, da zeigte es ſich, daß dieſe herrlich aufgetakelten Schiffe keineswegs taktfeſt waren. Wie bei der Landarmee, ſo hatten auch hier Einzelne ſich auf Koſten der Allgemeinheit bereichern wollen. Hier fehlte es an Proviant, dort waren die Fahrzeuge nicht ſeetüchtig, bei andern bemerkte man, daß die Bemannung nicht genügte, und wo es Matroſen genug gab, zeigte ſich wieder ein Mangel an Munition. Dazu bewies ſich der Graf Bouet— Willaumez als ſchwach und willenlos, und aus Furcht, Alles zu verlieren, wagte er gar nichts. Endlich trat noch ein anderer Umſtand hinzu. Als in Frankreich die Republik erklärt worden war, und Alles dahin ſtrebte, den heimiſchen Boden ſo ſchnell als möglich von den Feinden zu ſäubern, da fehlte es an kampfgeübten Soldaten. Sogleich dachte Gambetta an diejenigen, welche ungebraucht auf der See ſchwammen, und er berief die Flotte zurück, ſtellte die Mehrzahl der Marinetruppen in das Landheer ein und bewaffnete eine Anzahl von Kanonenbooten, die auf der Loire, Marne und Seine den Deutſchen großen Schaden zufügen ſollten. So löſte ſich denn der ſo ſtolz angekündigte Seekrieg in Nichts auf, er hat den deutſchen Küſten ſo gut wie gar keinen Schaden zugefügt. Einige weggenommene Fahrzeuge müſſen beim Friedensſchluß reichlich erſetzt werden, Menſchenleben ſind faſt gar nicht zu be⸗ klagen, es bleibt aber für uns jedenfalls ein doppelter Gewinn — 66— zu verzeichnen, denn erſtens hat ſich die Wichtigkeit der deutſchen Marine zum Schutz des Handels deutlich herausgeſtellt und dann iſt der Beweis geführt worden, daß unſer geeinigtes Vaterland zu Land und zu Waſſer einem jeden Feinde, er komme, von wo er will, gewachſen iſt. Lieb' Vaterland, magſt ruhig ſein, Treu ſteht die Wacht nicht nur am Rhein! 8. Kapitel. Die Rache. Es war eine tief dunkle Nacht. Der Wind pfiff kalt und ſchneidend, der Regen fiel in großen Tropfen herab. Solch eine Nacht iſt wohl geeignet zu heimlichen Unternehmungen, doch ſchlecht zur Reiſe in ein fremdes Land. Die bei Metz gefangene franzö⸗ ſiſche Armee ſtampfte frierend und fluchend auf dem Bahnhofe umher. Die Offiziere ſaßen in den Wartezimmern und tranken heißen Punſch, und die Soldaten, welche zur Begleitung beſtimmt waren, harrten ungeduldig auf den Augenblick der Abreiſe, der ſie, wenn auch nur auf kurze Zeit, in das geliebte Vaterland zu⸗ rückbrachte. Da trat ein Mann aus dem Bahnhofsgebäude heraus. Seine Geſtalt war klein und ſchmächtig, aber ein weiter Regenmantel umhüllte ſie. Vorſichtig blickte er nach allen Seiten, und als er bemerkte, daß Niemand auf ihn Acht gab, ſchlüpfte er in den tie⸗ fen Schatten eines Wagenſchuppens hinein. Gleich darauf vernahm er das Signal zum Einſteigen. Die franzöſiſchen Offiziere und Mannſchaften traten auf dem Perron zuſammen, die Namen wurden verleſen, und die Solda⸗ ten beſtiegen die für ſie beſtimmten Wagen, in denen ſie von deutſchen Kriegern bewacht wurden. ——— —— 2 ——— — — 8 5 — 61— Man hatte in Metz die Beſtimmung getroffen, daß alle Offi⸗ ziere frei ſein ſollten, wenn ſie ihr Ehrenwort geben, in dieſem Kriege nicht mehr gegen Deutſchland zu kämpfen. Hier waren noch die meiſten bei ihren Truppen, weil ſie faſt ſämmtlich ihr Vaterland verließen und nach England, Belgien oder der Schweiz gingen. Warum hielt ſich alſo der ſo heimlich verſteckt, deſſen hleiches Geſicht von Zeit zu Zeit aus dem Schatten des Wagenſchuppens hervortauchte, um die Abfahrt zu belauſchen? Endlich war Alles in Ordnung, die Lokomotive ließ ihren ſchrillen Ton vernehmen, und der Zug dampfte davon. Da trat der Mann aus ſeinem Verſteck hervor, ein heiſeres Gelächter ſandte er den Dahinfahrenden nach dann wickelte er ſich feſter in ſeinen Mantel und wollte in das Wartezimmer zurückgehen. Aber der Wächter ſchloß ſoeben die Thür. — Heut Nacht geht kein Zug mehr, ſagte er. — Kann ich nicht hier den Morgen abwarten? fragte Jener. — Das iſt verboten, war die Antwort, wir haben deutſche Beſatzung, die ſtreng auf Ordnung hält. — Teufel, murmelte der Andere, das iſt eine verfluchte Nacht, um ſich im Freien herumzutreiben. Aehnliches mochte auch die Schildwache denken, die ſich vor dem heftig ſtrömendem Regen in ihr Häuschen zurückgezogen hatte. Der Mann ſchlich ſich leiſe wie eine Katze dahinter vorbei, er mußte an Heimlichkeiten gewöhnt ſein und gut Beſcheid wiſſen. Der Zaun war nicht hoch, aber glatt von der Näſſe, er ſchwang ſich hinüber und ſtand im freien Felde. Drüben ſchimmerten einige Lichter, welche die Nähe der Stadt andeuteten, auf der anderen Seite erſtreckte ſich der tief ſchwarze Wald. Es blieb keine Wahl. In die Stadt durfte er nicht, denn ſie lag voll von Feinden, er ſuchte alſo den Wald zu gewinnen. Das Kornfeld war nicht geſchnitten worden, und doch ſah man keinen Halm, ſo feſt hatten die Hufe der Roſſe die goldene Saat niedergetreten. Der Mann ging quer hindurch, Es war ein beſchwerlicher — 55— Weg. Der aufgeweichte Boden hing ſich an ſeine Stiefeln, ſein Fuß machte tiefe Eindrücke in die lehmige Erde, und das Waſſer, das in allen Ritzen ſtand, fpritzte um ihn her. So oft er auf dem ungleichen Boden ausglitſchte, entfuhr ein furchtbarer Fluch ſeinen Lippen. Die Kälte erſtarrte ihn faſt, und ſeine Kleider lagen ſchwer wie Blei auf ihm. Dennoch ging er weiter, wenn auch ſeine Schritte ſich nach und nach verlangſamten, und eine faſt nicht mehr zu überwältigende Müdigkeit ſich ſeiner bemächtigte. Endlich war der Wald erreicht, ein kühner Sprung über den ganz mit Waſſer angefüllten Graben, ein beſchwerliches Hinaufklettern auf einen Hügel, deſſen Boden glatt war von den herabgefalle⸗ nen Nadeln der Fichten, und er hatte ſein erſtes Ziel erreicht. Auf einen umgeſtürzten Baumſtamm ſetzte er ſich nieder und ruhte ſich aus. — Hol der Teufel dieſen Regen, ſagte er zu ſich ſelber, oder will uns etwa dieſe Sündfluth zur Hülfe kommen, um die verdammten Deutſchen aus Frankreich fortzufagen? Mich friert bis in das Mark der Knochen hinein, während vielleicht das Vieh, der Huſſein, ſich bei Schnaps und Braten gütlich thut. Die Peſt auf dieſe Türkenſeele, die jetzt vielleicht ſchon mein ganzes Feld⸗ gepäck verfilbert hat! Mir läge nicht viel daran, nur die Papiere, die Montaltos Schuld beweiſen, muß ich zurückhaben, muß die Mittel haben, dieſen Menſchen zu verderben. In der That, ich habe wenig Glück in der Liebe. Helene mochte mich nicht, und nach Beaten habe ich geſchmachtet wie ein Narr, ohne meinen Zweck zu erreichen. Iſt denn der Graf Hektor von Bellegarde keine annehmbare Partie für ſolch einen Grasaffen? Aber ich will nicht mehr daran denken. Von den Deutſchen bin ich frei, ſie haben mein ſchriftliches Ehrenwort, und ich habe den Willen, mich den Teufel was drum zu ſcheeren. Denke ich auch micht daran, mein Leben für die Republik zu opfern, ſo will ich doch dieſen Degen tragen, um ihn dem Herzog Montalto auf die Bruſt zu ſetzen, bis er mir Napolsond'ors genug ausſchwitzt, um mich für den Verluſt ſeiner albernen Nichte zu entſchädigen. Vorwärts alſo! dieſe Gegend iſt mir bekannt genug, lag doch hier das Schloß meines Vaters, bis es nach ſeinem Tode in die Hände der Wuche⸗ — ſein ſer f Fluch eidet venn faſt igte. gunh ttern lle⸗ und lbet, die riert ieh Pſt eld⸗ iere, die ich und inen rde frei len ſcht och rüſt nich ärts 63— rer fiel. Das nächſte Dorf iſt noch zwei Meilen von hier, habe ich dort das Glück, den Deutſchen nicht abermals in die Hände zu fallen, ſo gewinne ich die Eiſenbahn, und bin übermorgen bei unſerer Armee. Er ſtand auf und reckte ſeine Glieder, die ſteif vor Kälh waren, dann ſetzte er ſeinen Weg fort und ging tiefer in den Wald hinein. Plötzlich fühlte er ſeine Füße wie von Stricken umſchlungen, er wollte zurück und ſehen, was das war, aber die Beine glitten unter ihm aus, er fiel auf die Erde, und ein hefti⸗ ger Schmerz am Kopfe beraubte ihn der Beſinnung. Als er erwachte, befand er ſich in einem höhlenartigen Ge⸗ wölbe. Er lag auf einem Bett von Moos, eine flackernde Lampe brannte neben ihm. Dies und daß ſein Kopf ihn ſchmerzte und alle ſeine Glieder wie gelähmt waren, dies war Alles, was er in der ſonſt ſtillen und dunklen Höhle bemerkte. Doch nun raſchelte es neben ihm in dem trockenei. Laub doch nun beugte ſich ein dunkles Haupt über ihn, ein Haupt, deſſen Anblick ſo ſchrecklich war, daß er voll Entſetzen die Augen ſchloß. Das häßliche ſchwarze Geſicht mit den wolligen Haaren und dem Ausdruck von Rohheit und Grauſamkeit grinſte über ihm und nickte dann einem anderen Manne zu, der in der Ecke lag Dieſer kam herbei. — Er lebt, Huſſein, ſagte der Mohr. — Ja, er lebt, aber wie lange? verſetzte dieſer. — Schläft Liſette? fragte der Erſte wieder. — Ganz feſt, antwortete Huſſein, auch kann ſie bis dahin nichts hören, laß uns eilen, Taleb, mach ſchnell ein Ende. — Schnell.. das wäre nur der halbe Spaß Auf dieſe Gelegenheit habe ich mich lange gefreut, Taleb will ſie bis auf den letzten Tropfen ſeines Herzblutes genießen. Ja, weißer Graf, denkſt Du noch an die Schweſter des Mohren, an Zuleika, die ſchöne Türkin? Ei, gefiel ſie Dir noch, als ſie dalag, aufge⸗ ſchwollen, grün und blau im Geſicht und ſchwarze Verweſungs⸗ flecke auf der Bruſt, gefiel ſie Dir, als ſie ihr kleines Kind vor Deine Füße warf, dieſes Kind das doch ein Gräflein von Belle⸗ garde war? Hektor war von kalten Schaudern überlaufen. Er wollte —— ſich emporrichten, aber er war gefeſſelt, ſein Blick ſchweifte voller Entſetzen von Taleb auf Huſſein, von Huſſein auf Taleb. Von keinem durfte er Mitleid erwarten. Ja, er gedachte an Zuleika, die Schweſter des Mohren. O der Thorheit, daß er ihre Brüder nicht tödten ließ, als er das ſchöne Weib zur Geißelung verdammtel Wuth und Angſt, gräßliche Todesangſt, bebten in ſeinem Herzen, und kalter Schweiß perlte auf ſeiner bleichen Siirn. Taleb ſchwang das Seil mit der bleiernen Kugel, welches er dem Grafen um die Füße geſchleudert hatte, die Kugel ſauſte durch die Luft und fiel auf Hektors Schenkel, daß er aufſchrie vor raſendem Schmerz Die beiden Brüder brachen in ein hölliſches Gelächter aus. — Das iſt noch nichts, noch gar nichts, grinſte Taleb, Glied für Glied und Zoll für Zoll will ich Dich zu Tode martern. Was Du, was Deinesgleichen den Meinigen gethan, das will ich tauſend⸗ fach an Dir rächen. Haſt Du meinen Bruder Huſſein mit Füßen getreten, wie? Nun, ich trete Dich auch mit Füßen, ſo, ſo, ſo! Und der eiſerne Abſatz des Stiefels ſchlug auf Hektors ge⸗ feſſelten Leib, und das Blut trat unter die geriſſene Haut, aber die Unmenſchen befriedigte der Anblick ſeiner Qualen nicht, und Talebs ſtarke Hand ergriff ſeine Geißel und ſchlug mit Unbarm⸗ herzigkeit auf ſeinen Feind. — Das iſt für meine Schweſter, ſagte er, dann kommt das langſame Dahinſterben meines armen Vaters und endlich der Flammentodt der Mutter. Ha, Du haſt es ja mit angeſehen, war es nicht luſtig, wie das alte Weib ſo hell aufloderte, und wie die Soldaten es in das Feuer zurückſtießen, möchteſt Du das nicht auch durchmachen? Eine Liebe iſt der andern werth, und dieſe Racht iſt kalt, da werden Dir die Kohlen gut thun, wie mir die Bruſt vor Freude ſchwillt, weil ich Dich in meiner Gewalt habe. Der Graf gab ſich für verloren. Alles, was er erſehnte, war ein ſchnelles Ende. Jetzt entſann er ſich, daß die Neger⸗ ſtlaven wenn ihnen ein jedes Mittel fehlte, ihren Leiden ein Ende zu machen, die eigene Zunge hinunterſchluckten, er verſuchte es, auf dieſe Weiſe ſeinen Peinigern zu entgehen, aber es gelang ihm e nich ſch oon da — 65— nicht. Schlag auf Schlag fiel auf ihn herab, er fühlte, wie ſein Blut an ihm hinunterrann, die Zähne drückte er feſt zuſammen, er wollte den Angſt⸗ und Schmerzensſchrei in ſeiner Bruſt zurück⸗ halten vergeblich! die Qual entpreßte ihm ein dumpfes Stöhnen, ein Wonnelaut für die Ohren ſeiner Feinde. Jetzt fiel ihm ein, mit welcher maßloſen Rohheit er ſeinen Bedienten behandelt hatte, und doch war es Hyſſein, auf den er mit flehenden Blicken ſah, während Taleb in der tollſten Luſtig⸗ keit die grauſamſten Martern für ihn erſann. Wie lange dauert es, bis die Seele aus dem menſchlichen Körper herausgequält iſt? Als Taleb ſpäter feurige Kohlen auf Hektors gegeißelte zerriſſene Glieder ſchüttete, glaubte er zu ſterben, aber er lebte noch, lebte, um neue Leiden zu erdulden. O, warum machte der Schmerz ihn nicht beſinnungslos, nicht wahnſinnig? Er ſträubte ſich in ſeinen Banden, ohne ſie zerreißen zu können, er mußte die ſchrecklichen Vorbereitungen ſehen, die jeder neuen Qual vorangingen, bis ihm das Blut aus Mund und Naſe floß. — Jetzt in das Feuer mit ihm, ſagte Taleb, ehe es zu ſpät wird, brennen, lebendig brennen muß ich ihn ſehen, ſonſt iſt meine Rache nicht gekühlt. Huſſein hieb die Stricke durch, das Feuer wurde Zeſchürt, es brannte lichterloh. Sie riſſen den Grafen empor, aber er konnte nicht ſtehen und ſank ohnmächtig zurück. Zum erſten Male ent⸗ ſchwanden ihm die Sinne, für einen Augenblick empfand er nichts oon jenen gräßlichen Leiden, die hölliſche Bosheit ihm bereitete. Da tönte draußen ein heller Klang. Taleb ſtutzte. — Teufel und Hölle, ſagte er, was iſt das? — Soll ich nachſehen? fragte Huſſein. — Nein, befahl ſein Bruder, erſt laß uns ein Ende mit hm machen. Sie riſſen ihn abermals empor, er ſtöhnte laut. 8 draußen abermals, heller, n ernehmen. — Das ſind Soldaten, Deu D. V. ch. I) Da tönte äher, fremde Stimmen ließen ſich tſche, flüſterte Taleb, die verder⸗ — 66— ben mir das beſte Spiel. Aber wartet, Schurken, der Turko wird ſich an Euch rächen, Peſt und Tod, das vergißt Taleb nicht. Er durfte es nicht wagen, ſeinen Vorſatz auszuführen und den Grafen zu verbrennen, denn der Rauch und üble Geruch hätten ihn verrathen müſſen. So befahl er ſeinem Bruder, das Feuer auseinanderzureißen und ſchnell zu erſticken. Huſſein warf Erde und Steine darüber. Indeſſen kniete Taleb bei Hektors zerfetztem Körper und drückte beide Hände um ſeinen Hals. Das bläulich bleiche Geſicht wurde roth, dann violett, die Augen traten ihm glaſig und ſtier hervor, die verzerrten Lippen öffneten ſich In dieſem Augenblick ſtreckte ſich eine Hand in den Eingang der Höhle hinein. — Seht, da ſind ſie..1 — Ei du Hallunkengeſindel, tönte eine tiefe Stimme, da finden wir Euch ja bei guter Arbeit. Nein, Herr Lieutenant, das müſſen Sie ſehen! So was iſt doch noch nicht dageweſen! Es war ein Deutſcher Unteroffizier der Artillerie der dieſe Worte ſprach, ihm folgte der Graf Ottomar von Iſſelhorſt mit mehreren Soldaten. Talebs Hände ließen Hektor los, der ſchwer, gleich einer Leiche, auf den Boden fiel. Jetzt war es an der Reihe der Turkos, zu beben und zu zittern. — Bindet die Schurken! befahl Ottomar“ Es geſchah, ohne daß die Mörder den geringſten Widerſtand gewagt hätten. — Jetzt vorwärts! rief der Lieutenant, wir haben keine Zeit zu verlieren, und was wir hier zurücklaſſen, iſt wohl nichts, als eine Leiche. Da tauchte auf einmal eine weibliche Geſtalt vor ihm auf, vor der er mit Ekel und mit Verachtung zurückwich. Es war Liſette, die ſich klüglich im Hintergrunde verborgen gehalten hatte, als die Turko's ihren wahnſinnigen Rachedurſt an dem Grafen Bellegarde ſtillten. — Den laſſen Sie nur ruhig hier, ſagte ſie, auf Hektors Körper zeigend, Freunde waren wir niemals, aber wir kannten uns doch gut, es iſt mir lieb, daß Sie ihn dieſem Mordgeſindel entriſſen haben. Nun will ich ihn hier begraben. Gehen Sie — s ten del E nur, ich bedarf dazu keiner Hilfe, und ein Spaten iſt da. Sehen Sie, ich bin ein ſchlechtes Mädchen, das weiß ich wohl, und Sie thaten ganz recht daran, daß Sie nichts mit mir zu thun haben wollten, aber ſo ſchlecht bin ich doch nicht, daß ich einen Mann unbegraben verfaulen laſſe, der mich mit Sammt und Seide bekleidet hat. Dttomar kommandirte ohne zu antworten: Rechts um kehrt! und marſchirte mit ſeinen Leuten und den beiden Gefangenen davon. Die Hände waren ihnen auf den Rücken zuſammenge⸗ bunden, ſie gingen mit geſenkten Köpfen, ſie wußten wohl, es war der gewiſſe Tod, dem ſie entgegengeführt wurden. Anch wurden weiter nicht viel Umſtände mit ihnen gemacht, ein Strick war bald zur Hand, und Bäume gab es genug. Bald baumelte Huſſein an einem Zweig, Taleb an dem andern einer mächtigen Fichte, und die Soldaten zogen ſingend davon. Manch' einer warf noch einen Blick auf die zuckenden Körper zurück, manch' Einer ſchauderte bei dem Gedanken an ſolch' einen Tod, aber die Raben, welche alsbald die Gehängten um⸗ kreiſten, hofften umſonſt auf ihre Beute. Liſette war ein Stein vom Herzen gefallen, als ſie ſich von Taleb befreit ſah. Mit dem Meſſer in der Hand hatte er ſie ſich unterworfen, und ſie zitterte vor ſeinem bloßen Blick. Die leicht⸗ ſinnige Dirne, die es gewöhnt war, unzählige Anbeter um ſich zu verſammeln, mußte dem ſcheußlichen Neger gehorchen, der ſtolz darauf war, die Liebſte des Grafen Bellegarde ſein eigen zu nennen. Wie ſchauderte ſie vor ſeinen Liebkoſungen zurück, wie bebte ſie, ſo oft er drohend zu ihr ſprach! Sie wagte es nicht, ſich ihm zu widerſetzen, als er ſie aus Metz führte und in dieſe Höhle brachte, ſie mußte für ihn kochen und die gemeinſten Dienſte verrichten, ſie, die ſonſt nur zu befehlen brauchte, um zehn Be⸗ diente ſpringen zu laſſen, und dafür behandelte er ſie mit ſo herriſcher Miene, daß ſie zehnmal ihr Leben verwünſchte. Doch noch lebte in ihr die Hoffnung, ihrem Tyrannen zu entfliehen. Er hatte gedroht, ſie zu tödten, wenn ſie nicht ſeinen Willen thäte, dafür glaubte ſie ein Recht zu haben, ihn dem 5* ——————————— — 68— Galgen, den er wohl verdient hatte, durch Anzeige bei den Deutſchen zu überliefern. Dem war er nun ohne ihr Zuthun verfallen. Aber war ſie darum glücklicher? Sie kniete neben dem leb⸗ loſen Körper des Grafen Bellegarde, ſie lauſchte und glaubte, ihn athmen zu hören. Wenn ſie ſich jedoch täuſchte, wenn ſie eine Leiche begraben mußte, was wurde dann aus ihr? Ach, warum war Franz Godard nicht hier, der einzige Mann, der ſie in Wahr⸗ heit liebte, warum konnte ſie ſich nicht zu ihrer Mutter flüchten, ein Mutterherz, und wäre es ſelbſt von Sünden befleckt, iſt ſtets dem Kinde eine treue Zufluchtsſtätte... Sie aber war allein, ganz ganz allein... und vor ihr lag der bis zur Unkenntlichkeit entſtellte Körper eines Mannes, den ſie niemals geliebt hatte, und deſſen Leben ſie jetzt mit ihrem eigenen Blute hätte erkaufen mögen, nur um ſich nicht ſo furchtbar einſam in der Welt zu fühlen. 9. Kapitel. Die Einwohner von Belleville. Gabriele Donato kniete bei den Verwundeten, denen ſie Linderung in ihren Leiden zu verſchaffen ſuchte. Ein Ton erſchreckte ſie, ihr war es, als riefe eine leiſe Stimme ſie beim Namen. Ach, dieſen ſelben Laut hatte ſie vernommen, als ſie mit gebro⸗ chenem Herzen Paris verließ un? an der Seite ihres ſtrengen Oheims nach Italien zurückkehren mußte, dieſer ſelbe Laut hatte ſie gerufen, als ſie in den Kellern des Schloſſes in den Abruzzen umherirrte. Sie wußte es, es war ihr Schützer, ihr Erretter, es war ein Weſen, welches übernatürliche Gewalt und übernatürliches Wiſſen beſitzen mußte, und das in wunderbarer Weiſe ihr Schick⸗ ſal beherrſchte. — Gabriele! ſo rief es noch einmal. Sie blickte empor, doch ſah ſie nichts. Die Racht hatte ſich —„ — 8 — defer geſenkt, dichte Nebel ſtiegen empor, umhüllten das Feld und ſießen die Forts von Paris Maſſen wie große, ſchwarze Waſſer er⸗ ſcheinen, die formlos und unheimlich daſtanden. — Gabriele! erklang es zum dritten Male. — Ich komme! antwortete ſie, legte die letzte Binde um die Wunde des letzten Leidenden und erhob ſich. Aber wohin ſollte ſie gehen? Sie ſah nichts als Nebel, der ſich hier zuſammenballte und dort wieder zerriß, um einen klaren Blick in das weite Feld zu gewähren. — Wo biſt Du, mein Freund, mein Schutzgeiſt? fragte ſie. — Hier bin ich, folge mir! verſetzte die Stimme, und eine xalte Hand ergriff die ihrige und zog ſie mit ſich fort, tief, tief hinunter, ſie wußte nicht, wohin. Kaum war ſie entſchwunden, ſo ſchlichen ſich zwei Geſtalten herbei, ſie gingen leiſe und gebückt, ſie ſchlichen ſich durch die Todten, die da lagen, und als ſie die Verwundeten ſahen, bück⸗ ten ſie ſich zu ihnen herab, und riſſen ihnen das Haupt an den Haaren zurück. — Gnade, Gnade! ſtammelten die bebenden Lippen. Ein heiſeres Gelächter war die Antwort. Ein Meſſerſtich in die Gurgel... das war die Gnade, die ſie übten. Endlich, nachdem ſie ihr grauſiges Werk bis zu Ende vollbracht hatten, entſchwanden ſie in dem Nebel, wie ſie gekommen waren, leiſe, vorſichtig, mehr kriechend als gehend, unheimliche Gefährten der Nacht, die keines guten Menſchen Freund iſt...... Unterdeſſen folgte Gabriele, nichts Böſes fürchtend, ihrem räth⸗ ſelhaften Führer. Sie ahnte nicht, wo ſie war. Ein Gebüſch hatte ſie aufgenommen, dann ſtieg ſie eine Treppe hinab, dann ging ſie, wie es ihren tönenden Schritten ſchien, durch einen ge⸗ wölbten Gang, und endlich ſtand ihr Führer ſtill. — Gabriele! ſagte er, Du haſt meinen Willen ausgeführt. Eine ſegenbringende Wirkſamkeit iſt der Unthätigkeit gefolgt, der Du Dich allzu lange übergabſt, Du haſt gewirkt, gearbeitet zum Heil der leidenden Menſchheit. Ich bin mit Dir zufrieden. Es iſt genug. Du magſt zur Ruhe zurückkehren. — O nein, bat die Fürſtin, dieſe Thätigkeit iſt mein Glück — 70— geworden, jede Linderung, die ich den armen Kranken verſchaffe, lindert auch meine eigenen Leiden. Du haſt den Todten nicht vergeſſen? fragte er mit weichem Tone. — Wie konnte ich das? rief die unglückliche Wittwe. Noch immer ſteht mir ſein Bild vor den Augen, wie er ſo ſchön, ſo lebensfriſch, ſo hoffnungsmuthig neben mir herritt, und dann.. in dem nächſten Augenblick... O, er iſt todt, er fiel vor meinen Augen. ſage mir, warum mich ſein Geſpenſt verfolgt? — Sein Geſpenſt? — Und was ſonſt? Ich ſah ihn zuerſt in Mainz. Er ſchwebte geiſterhaft an mir vorüber, die Wellen trugen ihn hin⸗ weg, ehe ich noch die Arme nach ihm ausſtrecken und ſeinen lie⸗ ben Namen rufen konnte. — Und dann? — Dann ſah ich ihn zum zweiten Male auf dem Schlacht⸗ felde. Seine Geſtalt zerrann vor meinen Blicken in dem Glanz der Sonne, als ſei dieſe lichte Erſcheinung in ihren Urquell zu⸗ rückgekehrt. — Und zum dritten Male? — Da war es beſtimmter. Ich konnte ihn einem Freunde zeigen und ihm ſagen: Suche ihn! — That er es? — Er that es, doch die Antwort, die er mir brachte, war dunkel und unbeſtimmt. — Wie lautete ſie? — Er zögerte anfangs mit der Sprache, endlich geſtand er mir, daß er den, deſſen Ehrenhaftigkeit mein höchſter Stolz ge⸗ weſen war, unter Schurken und Leichenräubern erblickt hatte. Wehe mir! ich ſelber habe ihn geſehen, wie er den Raub durch ſeine Finger gleiten ließ! Dies hohe Bild der edelſten Männlich⸗ keit entweiht, entwürdigt durch den Umgang mit den Hyänen der Schlachtfelder!.. — Glaube nicht dem Schein, er mag Dich täuſchen. — Ich weiß, daß Alles Täuſchung iſt. Alphons Donato iſt todt ich ſah ihn fallen, ſterben. „ — — Die Todten können auferſtehen! — Ja, die Heiligen der Kirche, ich weiß es. — Auch Andere. Du weißt, daß Dein Vater und Dein Oheim neben Garibaldi kämpften. — Ich weiß es. — O, Garibaldi! beſſer wäre es für ſeinen Ruhm geweſen⸗ wenn er damals gefallen wäre, wie ſie. Er war ein Held, er war der Befreier Italiens.. was iſt er jetzt? Ein ſchwachköpfi⸗ ger Narr. Iſt Alphons, Fürſt Donato, als der Gegenſtand Deiner heißeſten Liebe geſtorben um aufzuerſtehen als.. — O halte ein, ſchmähe nicht ſein Andenken! für mich bleibt er todt, geſtorben als mein geliebter Gatte. — Und der, den Du wieder geſehen haſt? — Mag eine Aehnlichkeit mich getäuſcht haben, ich weiß es nicht. Nur das ſteht mir feſt: Alphons kann nie ein Böſewicht ſein. — Haſt Du nach dem Ringe geſucht, der Dich mit ihm ver⸗ band? — Nein. — Du haſt Unrecht gethan. Dieſer Ring bedingt Dein und der Deinigen Glück. — Ich weiß es, doch wo ſollte ich nach ihm ſuchen? — Ueberall. Der Winter kommt und vergeht, die Sonne wird ſich heben, am erſten März verkünden wärmere Lüfte den Frühling. Dann muß der Ring in Deinen Händen ſein, oder Alles iſt verloren. — Ich Unglückſelige.. wo finde ich den Ring, wo finde ich mein Kind? — Sei getroſt, Gottes Auge ſieht Beides, Du findeſt un⸗ verhofft, was Du nicht zu ſuchen verſtandeſt. Höre mich an. Die⸗ ſer Gang führt in die Katakomben von Paris. Es ſind dies weite, unterirdiſche Gänge, die ſich unterhalb der ganzen Stadt erſtrecken. In ihnen fließt das unſaubere Waſſer ab, durch ſie reinigen ſich die Straßen von ihrem Unrath. Aber nicht das allein. Die Katakomben ſind ganz ſo gebaut, wie Paris, man findet da dieſelben Gaſſen, dieſelben Plätze, wie oben wieder. Ein eiſernes ⸗ = 7— Gitter läßt von Zeit zu Zeit ein mattes Licht hineinfallen, ſonſt erleuchten Fackeln und Lampen dieſe Räume, in denen die Luft ſchwer und dumpfig iſt. Nur wenig Ausgänge führen von den Katakomben in das freie Feld hinaus. Dieſe Ausgänge ſind nur den wenigſten Leu⸗ ten bekannt. Das Vorhandenſein von dem, durch welchen ich Dich führte, muß Dir ein ſtrenges auf Deine Seele gebundenes Geheimniß ſein, das Du Niemand verrathen darfſt, verſprich mir tiefes, heiliges Stillſchweigen. — Ich verſpreche es. — Und ich glaube Dir, denn Du biſt nicht, wie andere Frauen. Da Dir der Weg nun bekannt iſt, ſo wirſt Du ihn ge⸗ hen ſo oft Du meiner bedarfſt. Sieh hier her, ein Stein liegt da, wo ich Deine Hand hinhalte. Es iſt der fünfte Pfeiler von der Stelle, an welcher der Boden eben zu werden beginnt. Nimmſt Du dieſen Stein fort, ſo findeſt Du eine Glocke, die mich, ſo oft Du ſie anſchlägſt, herbeirufen wird. Jetzt aber folge mir. Er ging voraus, und Gabriele ſchritt hinter ihm her. Sie kamen durch lange Gänge, in deren Mitte Waſſer floß. Von oben fiel von Zeit zu Zeit ein mattes Licht herein, daran erkannte ſie, daß es Tag geworden war, aber ſie ſah auch die hehre Geſtalt ihres Führers, der mit langſamen und gemeſſenen Schritten vor ihr herging. Nach einer Stunde ſtiegen ſie wieder hinauf, der Mann öffnete eine Fallthür und leitete Gabrielen durch ein Keller⸗ gewölbe. Jetzt ſtiegen ſie noch eine Treppe hinauf, und nun vernahm Gabriele ſchmerzliches Stöhnen und Aechzen. Sie befanden ſich an dem Eingange von einem der Lazarethe, die man in Paris eingerichtet hatte, um die bei den Ausfällen Verwundeten zu pflegen. Mehrere ſehr elegant gekleidete Damen gingen zwiſchen den Betten auf und ab, vertheilten fromme Schriften und Zucker⸗ werk, aber es ſchien der Fürſtin, als beſchäftigten ſie ſich zumeiſt mit denjenigen Kranken, die höheren Ständen anzugehören ſchienen, während die ärmeren Verwundeten des troſtreichen Zuſpruchs entbehrten. Verſchiedene Aerzte liefen hin und her, einige ſtießen hl — e—— — 73— bisweilen ziemlich unſanft mit den Damen zuſammen, die überalk im Wege ſtanden. Gabrielens Führer, deſſen edles Geſicht ſie jetzt erſt in voller Klarheit ſah, wies auf einen der älteren Aerzte. — Sieh auf dieſen Mann, ſagte er, erkennſt Du ihn, es iſt der Doktor Bernard. Gabriele ſah ihn an, doch in ihrer Seele lebte keine Erinne⸗ rung für den Arzt und ſie ſchüttelte ihr Haupt. — So habe ich mich getäuſcht und bin um eine ſchöne Hoff⸗ nung ärmer, ſprach ihr Führer. In dieſem Augenblick ſtreifte der Doktor Bernard an ihnen vorüber, ſein Blick fiel auf das bleiche Geſicht der Fürſtin, doch zeigte keine Bewegung ſeiner Züge, daß er ſich ihrer in irgend einer Weiſe erinnerte. Betrübt ſchüttelte der Mann ſein Haupt und führte Gabrielen hinweg. Doch kaum hatte ſie das Lazareth verlaſſen, als ihr Der⸗ jenige entgegentrat, deſſen Anblick ihr mehr als der Tod verhaßt war. Der Pater Venturo zeigte ihr ſein ſcheußliches Geſicht, dieſes Geſicht, das einem Todtenkopfe glich und um ſo entſetzlicher ausſah, als es noch entſtellt war von rothen Flecken, an denen die Haut abblätterte. Erſchrocken faßte Gabriele die Hand ihres Beſchützers. Dieſer Mann, der ihr Verderben beſchloſſen hatte, von dem ihr ſo unnennbar viel Böſes gekommen war, erſchien ihr wie ein Abgeſandter der Hölle. Sie wollte fliehen. Mit Schrecken und Grauſen ſchmiegte ſie ſich an ihren Begleiter an und flüſterte: — Das iſt der Mann mit dem Todtenkopfe, das iſt der Verderber. Der Pater hörte dieſe Worte, und ſie fielen wie ein Fluch auf ſeine Seele. Ihm ſchien es, als zerbräche die Natur ihre ewigen Geſetze. Da war nicht der allein, der Emanuel Undentino, von deſſen Tod er ſo genaue Kunde hatte, täuſchend glich, da war auch jenes Weib, welches auf ſeine Veranlaſſung zum Ver⸗ hungern verdammt worden war, und das unmöglich lebendig dem feſten Schloſſe der Undentinos entgangen ſein konnte. Sie ſtanden und ſtarrten einander an, ſie fürchteten ſich gegenfeitig und fühlten nicht die Kraft in ſich, dem ſchauerlichen Anblick zu entfliehen. Da drängte ſich ein neues Ereigniß zwiſchen ſie. In Paris giebt es ein Viertel, in dem nur Armuth und Elend zu Hauſe iſt, und dieſes Viertel trägt wie zum Spott den Namen Belleville, d. h. ſchöne Stadt. Das Laſter, welches der Strafe zu entrinnen hofft, flüchtet ſich dorthin, die Schande verhirgt ſich hinter den morſchen Mauern der halbzerfallenen Gebäude, in jenen finſteren Kellerräumen ſchmiedet man böſe Pläne zu nächtlichem Einbruch, der Dieb ſucht dort ſeinen Hehler, der Mörder ſeinen Geſellen, Schmutz und Dunkelheit umhüllt dort das Verbrechen. Aus dieſen engen Gaſſen wälzt ſich jetzt ein langer Zug von hageren, zerlumpten Geſtalten. Sie, die das Rechte nie gekannt und nie geübt, ſie fordern jetzt ihr Recht. An ihrer Spitze gehen einige jener Redner, die überall in Frankreich die Stimme erheben um Unordnung zu ſtiften und Zwietracht zu ſäen. Dieſe Redner donnerten gegen die deutſchen Feinde wie gegen die ſelbſtgewählte Regierung, ſie hetzten Alle gegen Alle auf. Es war Niemand da, der den Verirrten ſagte, daß wir Alle zur Arbeit berufen ſind, die Einen mit dem Geiſte, die Andern mit der Hand, es war Niemand da, der ſie zu Vernunft und Sitt⸗ lichkeit, zur Mäßigung und richtigen Schätzung auch der Feinde aufgemuntert hätte. Die Worte ihrer Verführer klangen verlockend in ihre Ohren. Schreiend zogen ſie durch die Straßen, ſie wollten zu dem Stadt⸗ hauſe gehen und ihr ſogenanntes Recht verlangen. Die Regierung zauderte, ob ſie die aufgeregte Maſſe mit Verſprechungen beruhigen oder durch Chaſſepots zuſammenſchießen laſſen ſollte. Zu dem Letzteren hatte ſie keinen Muth. Es wurden alſo Verheißungen gemacht, ſie ſollken, wenigſtens für die Zeit der Belagerung täg⸗ lich ihre Nahrung haben. Im Triumphe zogen ſie ſich dieſes Mal zurück, ſie, die wenige Tage vorher eins der Regierungsmitglieder ſchwer, andere leichter verwundet hatten. Der Sieg mußte gefeiert werden und die Branntweinflaſche machte die Runde. Da taumelte einer der ——— —— — ſchon halb berauſchten Bewohner der berüchtigten Vorſtadt gegen den Pater Venturo an; dieſer erkannte dieſes aufgedunſene Ge⸗ ſicht, hatte er es doch kürzlich geſehen, es war Schack. Auch er erkannte den Pater. — Ohol rief er, da iſt ja der Betbruder! Oho, wo blieb denn mein Kind, meine kleine Beate? Bin ich nicht ein unglück⸗ licher Vater? Sie gaben mir zweihundert Franecs für mein Töch⸗ terchen. he, Betbruder, iſt es nicht ſo? Wo ſind ſie denn geblieben, dieſe zweihundert Franes? Alles durch die Kehle, Alles in den Schlund, wie es im Liede heißt, das iſt dem Menſchen geſund, trala! Aber jetzt will ich mein Kind wieder haben, ich will mein Recht, mein Kind iſt mein Recht ſie iſt nicht er⸗ trunken, meine Beate, es iſt Alles erlogen, ſie haben ja das Geld dazu, wer Geld hat, kann Alles, lügen, ſtehlen und kleine Kinder ins Waſſer werfen! Ha, Betbruder, wo iſt mein Kind, ich bin ein unglücklicher Vater, ich will mein Kind wieder haben! So lallte der betrunkene Strolch. Sonſt ein ehrbarer Mann, war er heruntergekommen, ſeitdem er ſich für reich hielt. Zwei⸗ hundert Francs, das, meinte er, könne niemals ein Ende nehmen. Er arbeitete nicht mehr, ſein Weib ſtarb im Elend, er ſelbſt ergab ſich dem Trunke. Schon zwei Mal war er wegen verſuchten Dieb⸗ ſtahls im Polizeigefängniß geweſen, jetzt, da er ſchon zu ver⸗ trunken war, um noch arbeiten zu können, ſelbſt wenn er Luſt dazu verſpürt hätte, jetzt gehörte er mit zu den tollſten Schreiern unter den Bellevilliten. Glaubte er ſich doch durch die Vor⸗ nehmen furchtbar gekränkt, denn ſie hatten ihm ſein Kind für Geld abgekauft, und dieſes Kind ſollte ertrunken ſein, er wußte das nicht genau. An dem Tage, an welchem er die kleine Leiche auf der Polizeiwache erblickte, fing ſeine Trunkſucht an, er ſah das blaſſe Geſichtchen wie durch einen Schleier, war es ſeine Tochter, war es die der vornehmen Dame, die mit ihm in demſelben Hauſe wohnte, er wußte es nicht zu ſagen, alſo bejahte jer Alles, was man ihn fragte, und ſo wurde die kleine Leiche als Beate Schack, Tochter des Tiſchlers Schack, auf dem Armenkirchhofe beerdigt. Und jetzt ſehnte ſich dieſer Unwürdige nach ſeinem Kinde, nicht als ob er es geliebt hätte, nein, weil er einer Pflege bedurfte, und er hielt ſich in ſeinem Vaterrecht für gekränkt, weil er ſeine Toch⸗ ter verkauft hatte.... Der Strom von Menſchen hatte Venturo von Gabrielen und ihrem Begleiter getrennt. Dieſer zog die Fürſtin mit ſich fort und in die Katakomben zurück. Doch kaum dort angelangt, vernahmen ſie ein dumpfes Donnern. Es waren die Kanonen des Berges Valérien, die ihre Stimme erſchallen ließen. — Jetzt kannſt Du nicht hinaus, ſagte der Mann zu der Fürſtin. Der Ausweg des Ganges iſt dem feindlichen Feuer aus⸗ geſetzt, es wäre Dein Tod, wenn Du Dich in das freie Feld wagteſt. — Wohin aber ſoll ich gehen? fragte ſie. — Bleibe hier, verſetzte ihr Beſchützer, dieſer Aufenthalt iſt ſicher und geheim, dort iſt ein Lager, daneben findeſt Du Eß⸗ waaren. Ruhe Dich aus, arme Gabriele, Dein Körper bedarf der Stärkung, Dein Geiſt der Erfriſchung nach ſo vielen Leiden, ſchlummere ſüß, in kurzer Zeit werde ich Dich abholen. Gabriele befolgte den Rath, wirklich fühlte ſie ſich bis zum Tode erſchöpft und ſchlief lange, lange Zeit. Als ſie erwachte, brannte die kleine Lampe noch, die auf dem Tiſchchen in der Mauer ſtand. Sie ſah ſich um. Es war eine Riſche des hohen Gewölbes, in der ſie ſich befand, ein beweglicher Stein verſchloß dieſen kleinen Raum. Neben der Lampe lag ein Buch, es ent⸗ hielt Gebete und Lieder, an denen ſie ihr Gemüth erbaute. So verging ihr eine lange Zeit, ſie meinte, es müßten Tage vorüber ſein aber ſie gefiel ſich in der Einſamkeit und merkte wohl die Jürſorge ihres Schützers, denn das Lämpchen füllte ſich, während ſte ſchlief, und Obſt, Brot und Wein waren zu ihrer Erfriſchung vorhanden. Gabriele ward ſtill und wohl zu Muthe. Ja, jener edle Mann hatte Recht, Geiſt und Körper bedurften der Ruhe nach ſo vielen Anſtrengungen, und ſie genaß dieſe Ruhe mit der innig⸗ ſten Dankbarkeit, da er, dem ſie wie ein Kind gehorſam folgte, ſie ihr auferlegt hatte. 10. Kapitel. Die Kriegsgefangenſchaft. Wilhelm Friſchmuth war hinweg geſtürmt, ohne zu Iſſen wohin er wollte. Heinrich Becker eilte ihm nach, dogamiten er ihn nicht mehr ein und vermochte ihm nicht, wie er es gmonſcht hatte, ſeinen Beiſtand anzubieten. Daß Maria Fiſcher Franzoſen gefangen worden ſei, unterlag für den Maſchineer auer keinem Zweifel. Zwar ſchrieben es die Genfer Verträge, dürich welche die Krankenpflege geregelt wurde, vor, daß Niemand in der Ausübung der heiligen Pflichten für die Verwundeten geſtört werden ſollte, indeſſen hatten die Franzoſen dieſe Verträge ſo oft ſchon unbeachtet gelaſſen, daß Wilhelm beſtimmt glaubte, es ſei auch dieſes Mal ſo geweſen. Er entſann ſich, wie ſie in ein Lazareth eingedrungen waren und Alles mit in die Gefangenſchaft geſchleppt hatten, was nur zu gehen vermochte, er entſann ſich, wie ſie Aerzte auf dem Schlacht⸗ felde erſchoſſen hatten, und daß ſie nichts thaten, um die ſcheuß⸗ lichen Mordverſuche an wehrloſen Verwundeten zu verhindern. Er fluchte nicht ſchlecht in ſich hinein, indem er durch das Feld grade auf das Fort zulief. Was er da wollte, wußte er ſelbſt noch nicht genau, jedenfalls aber fragen, ob eine Kranken⸗ wärterin gefangen worden war. Die Kanonen ſchwiegen ſchon ſeit einiger Zeit, und beſchützt von dem ſich verdichtenden Nebel, gelangte Friſchmuth bis dicht an das Fort und ſah die Vorpoſten neben ihren Wachtfeuern Karten ſpielen. — Es iſt doch in Alledem kein Schick, brummte er in den Bart hinein. Bei uns iſt Alles Auge und Ohr, und Jeder hält ſch für verpflichtet, aufzupaſſen als ob er der Kommandant ſelber wäre, und dieſe rothhoſigen Jungen da laſſen mich auf zwanzig Schritt heran und merken es nicht einmal. Aber endlich merkte ihn die Schildwache doch, ſchlug an und rief ihr Qui vive? — Daß Du die Motten kriegſt, dachte Wilhelm, ich dachte ſo unvermuthet unter ſie zu treten, aber wartet nur, Euch will ich doch mal zeigen, was ein rechter Berliner iſt. Damit ſchlenderte er grade auf die Schildwache zu und pfiff mauc igez ungen die Wacht am Rhein. ab Fanzoſen erſchien das denn doch ſeltſam, er ſetzte die 5 Jehind glaubte, es melde ſich ein Ueberläufer, wie das Andi icher Seite bei unſeren Vorpoſten täglich geſchah. Aber ne eern waren aufmerkſam geworden, ſprangen empor und wm Zten den Maſchinenbauer, als hätten ſie niemals einen deutſchen Soldaten in der Nähe geſehen, und waren nun äußerſt begierig zu wiſſen, ob er beißt. Wilhelm dagegen guckte ſich die Franzoſen ganz ungenirt an und ſuchte dann das Franzöſiſch zu⸗ ſammen, das er verſtand. — Hört einmal, ſagte er, da hinten ſtehen zwanzig von mei⸗ nen Kameraden, denn wie ihr ſeht, ich bin Ulan. — Ah, ein Ulan, ein Ulan! wiederholten fie und traten näher zu ihm heran, denn grade die Ulanen waren es geweſen, die ihnen den meiſten Aerger bereitet, wenn ſie auf ihren ſchnel⸗ len Pferden überall und nirgends waren., Richt ſo dicht heran! bat Friſchmuth und winkte ihnen mit der Hand, in reſpektvoller Ferne zu bleiben. Wir Ulanen ſind alle mit Pulver gefüllt und gehen leicht in die Luft. Das verſtanden ſie nun freilich nicht, aber es war ihnen doch bange wegen der zwanzig Anderen, die noch da ſein ſollten. Jetzt rückte Friſchmuth mit ſeiner Angelegenheit hervor, er ſuchte deut⸗ ſich zu machen, daß eine Krankenpflegerin gefangen genommen ſei, und verlangte zu wiſſen, ob ſie ſich in dem Fort befände. Die Leute verſtanden ihn nicht oder wußten wirklich nichts von Maria Fiſcher, aber ſie waren dreißig bis vierzig, und hier ſtand nur ein einziger Ulan, während die zwanzig anderen vielleicht noch weit waren. Es ließ ſich alſo billiger Ruhm erwerben, wenn ſie dieſen feſthielten. Ein Winken und Ziſcheln unter ihnen fing bald an, dem Maſchinenbauer verdächtig zu werden. Zetzt dachte er an ehrenvollen Rückzug oder an Kriegsliſt. — Gut, ſagte er, wenn die Dame nicht hier bei Euch durch⸗ gekommen iſt, ſo habe ich weiter nichts hier zu ſuchen, alſo gute Nacht. Damit drehte er ſich um und ſang mit ſeinen kräftigſten Baßtönen: — Auf, auf, Kameraden, auf's Pferd, aufs P 1 Seinen Zweck freien Abzuges erreichte er jedoch damit nicht, plötzlich fühlte er ſich von hinten ergriffen, vier ſtarke Arme hiel⸗ ten die ſeinigen feſt, ein paar Kerle entwanden ihm ſeinen Ka⸗ rabiner und den Säbel, ein anderer zog ihm den Revolver aus der Taſche. Wilhelm ſträubte ſich nicht, denn das hätte ihm doch zu nichts geholfen, er lachte vielmehr. — Ra, ſagte er, Ihr ſeid doch nicht ſo dumm, wie Ihr aus⸗ ſeht, wenn Euch Einer gerade in die Hände läuft, kriegt Ihr ſo⸗ gar einen Gefangenen! Nehmt Euch nur mit den Waffen in Acht, ſie ſind geladen. Die Franzoſen verſtanden den Spott nicht, neugierig betrach⸗ teten ſie das Hinterladungsgewehr und den Säbel, Friſchmuth aber ſetzte ſich auf die Erde und nahm die Karten auf. — Spielen kann ich auch, ſagte er und warf etwas Geld auf den Raſen. Wer macht mit? Es fanden ſich Einige bereit dazu. — Ja, meinte er wieder, aber nicht mit trockener Kehle, ich muß Euch ſagen, bei uns geht es verflucht knapp zu, alle Tage nur drei Erbswürſte, das iſt zu wenig zum Leben und zum Ster⸗ ben! Aber Branntwein haben wir genug. Da iſt die Flaſche. Auf Eure Geſundheit! Er zog die Feldflaſche heraus, trank und reichte ſie dem Nächſten, der ſich auch nicht lange bitten ließ. So war die Ka⸗ meradſchaft hergeſtellt, aber es ſollte nicht lange ſo gut gehen. Die Ablöſung kam, ein verſchlafener Offizier übernahm däs Kom⸗ mando und ordnete die Soldaten, der Gefangene wurde unter⸗ ſucht, Geld und Uhr nahm man ihm fort und führte ihn in das Fort, wo ein großer Raum für diejenigen beſtimmt war, die als Ueberlänfer eingebracht werden würden. Bis jetzt hatte ſich noch keiner gemeldet, aber ſie ſahen Friſchmuth für einen ſolchen an, und hielten ſeine wiederholte Nachfrage nach der gefangenen Krankenwärterin für einen Vorwand. Anders urtheilte der Kapitän, der ihn verhörte. Dieſem ſtand es feſt, daß der Deutſche ein Spion ſei, den man augen⸗ blicklich erſchießen müſſe. Er berichtete darüber an den Major, und dieſer war auch für das Erſchießen, nur als ſein Schreiber ihm ſagte, es ſei viel⸗ leicht richtig, daß der General Trochu den Gefangenen ausfragte, beſchloß er, mit dem Erſchießen bis zu dem nächſten Tage zu warten. Friſchmuth wurde alſo in das Gefängniß zurückgeführt und hatte Zeit, über ſeinen tollen Streich nachzudenken. Was hatte er denn nun Maria Fiſcher genutzt? Wie wollte er ſie von hier aus befreien? Das war es, was ihn am meiſten verdroß. An das Todtgeſchoſſenwerden dachte er wenig. Wer ſich ſeit Monaten in beſtändiger Lebensgefahr befindet, achtet es nur ge⸗ ring, daß er morgen abermals vor die Kugel ſoll, auch hoffte der Berliner ſich noch heraus zu reden, wie Reinecke Fuchs, als er ſchon den Strick am Halſe fühlte. Aber ſo unnütz ſein Leben laſſen zu ſollen, das wurmte ihn. Er ſaß in der dunklen Zelle und biß ſich ärgerlich an den Nägeln herum, und endlich ſchlief er ein und exwachte erſt, da es ſchon heller Tag war und lauter Waffenlärm vom Hofe aus ertönte. Er wollte hinaus ſehen, doch das Fenſter war ſo hoch an⸗ gebracht, daß es ihm nicht möglich war, etwas Weiteres als den Himmel zu erblicken, der dieſes Mal wieder voll von Regenwolken hing. Dennoch ſchloß er aus dem Durcheinanderreden vieler Stimmen, daß es ſich um etwas Beſonderes handeln müſſe. Bald vernahm er Schüſſe, es war der Berg Valérien, der ſeine brummige Stimme erſchallen ließ, und lauter wurde auch das Leben rings um ihn her. — Das iſt nun wieder ſo ganz anders, wie bei uns, ſagte en da hört man kein lautes Wort, wenn es in den Kampf geht unt ma Y der ho eru und die Todesfurcht iſt es doch wahrlich nicht, die uns ſo ſtumm macht, aber das Gefühl für Ordnung und Gehorſam. Kanonen raſſelten auf die Wälle, Kommandoworte ertönten. Wilhelm merkte endlich, daß es ſich um einen Ausfall handelte, der von Paris aus befohlen ſein mußte. Für ihn war es eine harte Geduldsprobe, er ſaß hier hinter Schloß und Riegel und erwartete, todtgeſchoſſen zu werden, während ſich draußen ſeine Kameraden ſchlugen und Ehre erwarben. Der Kanonendonner wurde ärger. Jetzt tönten auch Flinten⸗ ſchüſſe darein, er glaubte die Zündnadeln von den Chaſſepots unterſcheiden zu können. Um den Sieg war ihm nicht bange, der blieb den Deutſchen gewiß genug, aber nicht dabei ſein zu können, das wurmte ihn. Plötzlich fiel ſein Auge auf etwas Schwarzes, das an der Erde lag, es war ein abgebrochener Nagel, die Spitze fehlte ihm, und doch hätte ſich Friſchmuth nicht ſo ſehr gefreut, wenn er hunderttauſend Thaler gefunden hätte. — Wozu bin ich Maſchinenbauer? fragte er ſich, jetzt wird es ſchon gehen. Das Schloß an der Thür war feſt, aber er ſchob den Ragel mit aller Gewalt hinein und arbeitete es glücklich aus dem Holze los. Das Lärmen des Kleingewehrfeuers, durch das der tiefe Ton der Kanonen brummte, machte ſeine Beſchäftigung unhörbar. — Man muß die Sache nur verſtehen, ſagte er zu ſich, die Schraube geht hier durch, faſſe ich nur ein Gewinde, ſo drehe ich ſie ſchon heraus. Und welche Freude, als das gelang! Draußen wurde das Schießen immer lauter, und er hörte jetzt auch ein Gewimmer, welches ihm deutlich ſagte, daß Verwundete in das Fort hinein⸗ gebracht worden waren. Leiſe drückte er das Schloß heraus, der Riegel ließ ſich fort⸗ ſchieben, da er mit der Hand durch die Heffnung faſſen konnte. Run ſtand er in dem langen Gange einer Kaſerne. Plötzlich geſchah ein furchtbares Krachen, es war, als ob die Erde in ihren Fugen erbebte, und in dem nächſten Augenblick D. V. Th. II. 6 5 praſſelte es herab, Schutt, Steine, Staub ein Chaos der Zerſtörung. — Feuer, Feuer! riefen zehn Stimmen. — Um Gotteswillen, die Verwundeten verbrennen! ſchrien andere. In der That ſchlugen die Flammen empor. Eine Granate war auf dem Dache explodirt und hatte gezündet. Hell ſchlugen die Flammen heraus. Friſchmuth ſprang auf den Hof, der mit zerbrochenen Steinen bedeckt war. Niemand achtete auf ihn. Da fiel eine zweite Granate herein. — Gut geſchoſſen! jubelte er auf. Die Franzoſen ſtiebten auseinander, um ihr Leben zu retten, er ſelber lief an die Bruſtwehr, unter ihm war ein Graben, mit einem Satze war er unten, mit vier kräftigen Stößen durch das Waſſer am jenſeitigen Ufer. Ein Angſtſchrei aus dem Fort ver⸗ kündigte ihm die Zerſtörung, welche die Granate angerichtet hatte. Jetzt galt es zu laufen, um aus der Schußweite der Franzo⸗ ſen zu kommen. Das Gefecht war hitzig, die Kugeln ſauſten um ihn her, er lief ſchnell wie ein Haſe, das Gebüſch war errreicht, hier konnte er verſchnaufen. Es lagen Flinten genug umher, ſchnell bewaffnete er ſich, jetzt war er kein Flüchtling mehr, jetzt war er wieder Soldat, wenn auch nicht in gewohnter Weiſe zu Pferde mit der Lanze in der Hand. Aber er ſah, daß es nicht Preußen waren, die kämpften, an den hellblauen Uniformen erkannte er die Bayern. Wie hielten ſich die, keine Mauer ſteht feſter, kein Blitz zuckt raſcher, es war eine Luſt, ſie zu ſehen. Wilhelm ſchwenkte ſein weißes Taſchentuch, ſie winkten ihm⸗ denn ſie erkannten den Ulanen, obſchon er den Tſchako verloren hatte. Aber indem er zu ihnen hineilen wollte, faßte ihn plötzlich eine ſtarke Hand und zog ihn ſo ſchnell jauf die Seite, daß er ſtolperte. — Donnerwetter, was iſt das? rief er. z — Na, ſehn's denn die Granate nicht? fragte eine fre⸗ hche Stimme.* — Ah, danke ſchön, die habe ich nicht bemerkt. — Wo kommens denn her ſo in der Eile? fragte der Bayer weiter und legte dabei an. So, dem hab ich's gegeben, fügte er dann hinzu und ſetzte die Flinte ab, der ſchießt nit mehr. Friſchmuth ſah ſich ſeinen Retter an. Niemals hatteer einen ſchöneren Menſchen geſehen, aufß dieſem Geſichte blühten die Roſen der Geſundheit trotz der Anſtrengungen des Krieges, er war hoch, ſchlank und doch voll und kräftig in allen Gliedern, in Locken hing ſein braunes Haar um die freie Stirn, und die blauen Augen blitzten unter dem Helm hervor. Dazu klang die ſüddeut⸗ ſche Sprache ſo traulich aus ſeinem Munde, es lag eine ſo herzige Gemüthlichkeit in Allem, was er ſagte, daß ſich der Berliner un⸗ willkürlich zu ihm hingezogen fühlte. Die Bekanntſchaft ſchloß ſich in einer Pauſe des Gefechtes noch enger durch die Flaſche, die ihm der Bayer reichte. — Trinkens nit zu viel uf emol, ſagte er, es iſch nix mit dem Branntewein, Bier wäre weit beſſer. — Das glaub' ich ſchon, verſetzte Wilhelm, wenn man ein Fäßchen bei ſich haben könnte, bayeriſch Bier geht durch die ganze Welt. — Und baieriſche Treue dazu, meinte Jener und lud wieder. Jetzt ſchoſſen ſie zuſammen, bis der Abend kam. Das Ge⸗ fecht war glücklich beendigt, die Franzoſen ſahen ſich in ihr Fort zurückgetrieben, ſie hatten viele Waffen und Gepäckſtücke zurückgelaſſen. — Kamerad, ſagte Friſchmuth zu dem Bayern, wir müſſen uns öfter ſehen. — Möcht' ſchon, aber der Dienſt. — Ei, hier ſind wir ja Nachbarn, ich ſtehe da drüben, jen⸗ ſeits des Waldes. — Da wirſt Du heut Nacht nicht mehr hinkumme, es ſind die verflixte Franktikeurs in dem Gebüſch. — Kann ich bei Euch bleiben? — Gewiß, wenn Du fürlieb nehmen willſt. Es iſt Alles wie im Feld, man muß ſich's nit kümmere laſſe, wenn es nit geht wie daheint. 6* — Ja, wir ſagen auch, überall gut, aber am beſten bei Muttern.. — Jo, i hob auch ein', die an mich denkt. Komm⸗ mit, Kamerad, ich will Dir von ihr erzählen.. Das war dem Berliner ganz recht, das Weſen ſeines neuen Bekannten geſiel ihm je länger, je beſſer. Er fand in ihm gerade das, was ihm ſelber abging, die Gemüthlichkeit und das Zufrie⸗ denſein ſelbſt unter unbequemen Verhältniſſen. Sie blieben die Nacht über beieinander, und am andern Morgen war Wilhelm Friſchmuth ſchon ſo begeiſtert für ſeinen ſüddeutſchen Freund, der ein ſchwäbiſcher Bayer war, daß er laut erklärte, er hätte ſich in Thomas Wildberger verliebt und könne nun nicht mehr von ihm laſſen. Thomas erwiederte dieſe Zuneigung nicht in derſelben Weiſe. Das äußerlich ſcharfe und abſprechende Auftreten des Berliners war ihm im erſten Augenblicke faſt zuwider, und erſt nach und nach merkte er daß hinter dieſer ſchroffen Außenſeite ein warmes Herz und ſtrenge Rechtſchaffenheit wohnten. Der folgende Tag brachte neue Kämpfe, und Friſchmuth, der wohl wußte, daß Reinhold von Iſſelhorſt ihm einen Urlaub von drei Tagen erwirkt hatte, blieb bei den Baiern und erlangte die Erlaubniß mit ihnen gegen die Franzoſen gehen zu dürfen. Dabei beobachtete er ſeinen Freund. Dieſer feuerte ſo ſicher und ſo gelaſſen, als hätte er die Aufgabe, nach der Scheibe zu ſchießen, und erfülle hiermit ſeine Pflicht. Der Berliner dagegen begleitete jeden Schuß mit einem Witz oder einer der bei ihm zu Lande gebräuchlichen Redensarten. Thomas Wildberger ſah das erſt mit Verdruß, dann mit Lachen, es war doch auch etwas werth, mitten im Kugelregen die Laune nicht zu verlieren, wenn aber eine Granate dicht bei ihnen platzte, daß ſie ſich in Eile auf die Erde warfen, und Wilhelm Friſchmuth nichts dazu ſagte, als: das paßt mir nicht ſo ermahnte ihn Thomas, daß es doch wohl in ſolcher Ge⸗ fahr weit beſſer ſei, ein Gebet zu verrichten, da man ja nicht wiſſen könne, ob Gott nicht ein Ende mit uns machen wolle. Friſchmuth nahm die Vermahnung gerne an, doch als die nächſte Chaſſepotkugel dicht an ihm vorüber ſauſte, war er gleich wieder mit einem: Jo nich ſehen! bei der Hand. Indeſſen — ſchloß ſich die Freundſchaft immer enger, bis ſich der Ulan ge⸗ nöthigt ſah, ſeinen bairiſchen Landsmann zu verlaſſen. Ihm war das Herz ſchwer um Maria Fiſcher, die er nun für ver⸗ loren anſehen mußte. Thomas begleitete ihn. Sie gingen Arm in Arm am Waldſaume entlang, und Wilhelm erzählte von der bleichen Frau von Mainz, und daß er ſich ſchäme, ſo unverrichteter Sache zurück zu kommen. — Schau, ſagte Thomas, da kommt Eine, auf die Deine Beſchreibung paßt. Da drüben im Wald. aber da ſind die verflixten Franzoſen auch ſchon dabei! — Das iſt ſie, das iſt Maria! rief Wilhelm. Thomas, die müſſen wir einholen! — Ja, wenn es ginge! aber fünf, ſechs, acht Rothhoſen, das iſt ein biſſel für uns Zwei. — Und wenn es zwanzig wären, ſo ließe ich ſie ihnen nicht, es kann ja nur ein Leben koſten, und das iſt ſie ſchon werth. Wirklich war Gabriele von acht Franzoſen umringt, die fie als Spionin betrachteten, denn plötzlich waren ſie aus dem Gebüſch hervorgetreten, ganz in der Nähe ihrer Vorpoſtenlinie. Einen Augenblick wichen ſie zurück vor ihrem bleichen, geiſterhaften Geſichte und vor der Würde ihrer Erſcheinung, dann aber faßten ſie ſich und wollten ſie mit ſich fortziehen. Gabriele konnte ſich nicht wehren, ſie, ein ſchwaches Weib unter acht bewaffneten Männern, aber ſie hetete zu Gott um ihre Errettung, und Gott ſchickte ihr Hilfe. Mit einem furchtbaren Geſchrei lief Friſchmuth auf ſie zu, Thomas in gleicher Weiſe neben ihm her. — Vorwärts Kameraden, da ſind die Schurken, ſtellt Euch hinter die Bäume, wenn ich Feuer kommandire, darf kein Einziger mehr auf den Füßen ſein! So rief der Maſchinenbauer in ſchlechtem Franzöſiſch, und die Rothhoſen gingen wirklich in die Falle, mit der ſie getäuſcht werden ſollten. Baiern und Preußen zuſammen, das erſchreckte ſie, und ſchleunigſt ergriffen ſie die Flucht. Die beiden Deutſchen jagten ihnen ein paar Kugeln in den Rücken, dann ergriffen ſie Gabrielens Hände und zogen ſie mit ſich fort in das Gebüſch hinein. Hier gaben ihnen die Bäume — 6— Schutz, und hier hielt Friſchmuth und rief: Unſere Liſt gelangl Wir ſind zwei, Maria, und ſchrieen für Zehn! Aber nun ſagen Sie mir in aller Welt, wo kamen Sie hin und wo kommen Sie her? — Laſſen Sie mich darüber ſchweigen, verſetzte die bieiche Frau, ein Schwur ſchließt mir die Lippen zu, aber ich danke Gott, daß ich wieder bei Denen bin, welche die gute Sache vertheidigen. 11. Kapitel. Vor Paris. Seit dem neunzehnten September war Paris umſchloſſen. Im Weſten und Süden ſtand die dritte Armee unter dem Kron⸗ prinzen von Preußen, im Norden und Oſten hatte die Maasarmee ihre Quartiere genommen, und ihr Anführer, der Kronprinz Albert von Sachſen, wohnte in Groß Tremblay. Schon war es den Deutſchen gelungen, ſich der Uebergänge über die Seine zu bemächtigen und auch die Flußverbindung mit der Stadt abzu⸗ ſchneiden, ſo daß dieſe von keiner Seite her Bufuhr erlangen konnte. Schon bei der Unmſchließung am neunzehnten hatte ein Gefecht ſtattgefunden, in deſſen Folge eine große Aufregung in Paris entſtand. Die von den Baiern geſchlagenen Soldaten kamen ohne Waffen und in der größten Beſtürzung zurück und liefen ſchreiend durch die Straßen. Die Zurickgebliebenen waren außer ſich, ſie überhäuften die Flüchtlinge mit Schimpf und Spott, An⸗ dere empfanden ſolchen Schrecken, daß ſie Alles für verloren gaben. Der General Trochu gerieth in die furchtbarſte Wuth. Es war vorzüglich ein Zuavenregiment, welches ſich feige gezeigt hatte. Zur Strafe dafür ließ er zweihundert Mann erſchießen. In einer ſeiner vielen Anſprachen forderte er dann die Bürger von Paris auf, ſtandhaft zu bleiben, und verhieß ihnen den Sieg. Er P ⸗ . L. et i ſollte eine Feſtung ſein. verſchwur ſich hoch und theuer, daß er die Stadt niemals über⸗ geben würde und verſicherte, daß alle Anſtalten getroffen ſeien, um die Feinde ihr ſicheres Verderben finden zu laſſen. Zu gleicher Zeit begann eine fabelhafte Thätigkeit in Paris. Alles was Waffen zu tragen vermochte, das exercirte oder ſtand Wache. Rationalgardiſten und Mobile wetteiferten miteinander. Die Forts wurden mit Kanonen geſpickt, und jedes Haus der Stadt Man ſprach von Minen, durch welche die deutſchen Truppen in die Luft geſprengt werden ſollten, die Katakomben, ſo hieß es, ſeien mit Pulver angefüllt. Täglich machte man neue Erfindungen. Man baute Geſchütze die auf Lokomotiven in's Feld gefahren wurden, verfertigte ein überaus leicht entzündbares weißes Pulver und änderte die alten und ſchlechten Gewehre, um Hinterlader daraus zu machen. Bei Clamart⸗Chatillon wurden in großer Eile neue Befeſtigungswerke angelegt, fielen aber ſchon bei dem erſten Gefechte in die Hände der Deutſchen, die ſich nun ihrerſeits dort verſchanzten. Zehn Tage brauchte der General Trochu, um ſich von ſeiner erſten Schlappe zu erholen. Am dreißigſten September machte er alsdann einen neuen und ſehr gut berechneten Ansfall auf mehrere Stellungen der Einſchließungsarmee zu gleicher Zeit. Der General Vinoy leitete dieſes Gefecht. Er brach aus drei Forts zu gleicher Zeit los, doch merkte man bald, daß an beiden Seiten nur Scheinangriffe ſtattfanden, während er ſich mit aller ſeiner Macht auf die Mitte warf. Hier bei Villejuif, Che⸗ villy, Thiais und Choiſy begann der Kampf mit Tagesanbruch. Der Kronprinz von Preußen, welcher ſich eben auf dem Wege von Verſailles nach Ferrières befand, vernahm kaum den Kano⸗ nendonner, als er den Wagen verließ und das erſte beſte Or⸗ donnanzpferd beſtieg, um ſich an Ort und Stelle zu begeben, doch ſchon hatten ſeine Truppen die ſchwerſte Arbeit hinter ſich. Die Franzoſen befanden ſich ſchon wieder auf einem beſchleu⸗ nigten Rückzuge. Sie ließen zweihundert Todte auf dem Kampfplatze zurück, während ſie die Verwundeten mit ſich fort ſchleppten, wahrſcheinlich, damit dieſe keine Ausſagen machten, die den Stand ihrer Angelegenheiten zu verrathen vermochten. Es waren 88— Infanterieregimenter geweſen, einige Mobilgardiſten und eine Ab⸗ theilung Marinetruppen. Dieſe Letzteren hatten ſich am Beſten gehalten. Jetzt aber begann für unſere Soldaten eine andere Art von Krieg, als die, welche der General Trochu ihnen bereitete. Die Bewohner der um Paris liegenden Ortſchaften zeigten ſich meiſt ſehr feindſelig gefinnt. Viele von ihnen waren ganz davon gegangen und hatten vorher alles Eßbare fortgeſchafft oder zerſtört. Andere weigerten ſich, ſelbſt für gutes Geld Lebensmittel zu verkaufen, und wieder Andere lockten die Leute zu ſich hinein, um ſie alsdann heimlich zu morden. Gingen die Unſrigen guten Muthes in ein Dorf hinein, ſo fielen Schüſſe aus den Häuſern, lagen ſie im Walde auf Vor⸗ poſten, ſo knallte es hinter ihnen aus dem Dunkel hervor, und ſie mochten Gott dafür danken, daß die Franzoſen ſo ſchlecht ſchoſſen. Endlich ſah ſich der Kronprinz von Preußen genöthigt, einen Erlaß an die franzöſiſche Bevölkerung zu richten, die auf allen Bürgermeiſtereien bekannt gemacht und von allen Kanzeln herab verleſen wurde. Er machte jede Stadt und jedes Dorf, in welchem ſich deutſche Truppen befanden, für das Leben dieſer Leute verant⸗ wortlich und zwar ſo, daß ſämmtliche Einwohner mit Gut und Blut für die Sicherheit der Soldaten einzuſtehen hatten. Die nächſte Veranlaſſung zu dieſem ſtrengen Befehl war eine Schandthat ſondergleichen geweſen. Die Kavallerie⸗Brigade raſtete bei Dugny, und die Leute, die von weitem Marſche ſehr ermüdet waren, quartierten ſich ein, ſo gut es ging. Auf der Chauſſee nach St. Denis lag eine Meierei. Hier kamen ſpät in der Nacht vierzig Mann an. Zehn fanden im Erdgeſchoß Quartier, fünf und zwanzig auf dem Heuboden, und die Uebrigen blieben in den Ställen bei ihren Pferden. Doch dieſe fanden nur kurze Ruhe, denn noch mitten in der Nacht begannen die Roſſe unruhig zu ſtampfen und zu wiehern. Der Lärm nahm überhand, und als ſich die ſchlaftrunkenen Leute mit Mühe aufrafften, um nach der Urſache dieſes Tobens zu ſehen, bemerkten ſie eine drückende ber die der ten en ind cht en en ab — 689— Hitze und faſt erſtickenden Qualm. Sie ſtürzten hinaus, da ſtand das Haus in Flammen, ſie riefen ihre Kameraden. doch ſchon hatte das Feuer den Heuboden ergriffen, und nur fünf Leute konnten ſich retten, indeſſen die Uebrigen ein ſchreckliches Ende fanden. Zwei Soldaten wurden außerdem im Stalle von den herab⸗ fallenden Balken getödtet, viele mehr oder weniger verletzt, doch als ſie in gerechtem Zorne nach den Schändlichen ſuchten, die ſolch ein Unheil angerichtet hatten, da erfuhren ſie, daß der Meier mit Weib und Kind gleich nach vollbrachter That nach Paris ge⸗ flüchtet war. Doch noch im Laufe des Vormittags fand man ihn, und die Soldaten hieben ihn in Stücke, als gerechte Strafe für den Mord von dreißig braven Leuten und neun Pferden. Das ſtärkſte der Forts, welche Paris beſchützen, iſt das des Berges Valérien. Eine Zeit lang verhielt es ſich ſehr ruhig, und die Soldaten erzählten ſich, es lägen da lauter Anhänger des Kaiſers Napoleon, welche hofften, Bismarck werde dieſen wieder auf den Thron ſetzen, und deswegen nichts Feindliches gegen die Belagerer vornähmen. Plötzlich, am fünften Oktober, veränderte der Onkel Baldrian, wie ihn die Deutſchen nannten, ſein friedliches Anſehn und be⸗ gann eine ſtarke Kanonade gegen die Erdarbeiten, die unſere Truppen bei Sövres und St. Cloud angefangen hatten. Indeſſen ſchoſſen die Kanonen ſchlecht und aus zu großer Entfernung. Auch hatten ſich die Deutſchen wohlweislich hinter Erdwällen ver⸗ ſchanzt. So arbeiteten ſie ruhig weiter, ohne irgend welchen Schaden zu erleiden.. Es war aber ſichtbar, daß Trochu ſich viel von dieſer Be⸗ ſchießung verſprochen hatte, denn er ließ ſie durch einen Lüft⸗ ballon beobachten, der nur leider ſo hoch am Himmel hing, daß die Zündnadelgewehre ihn nicht zu erreichen vermochten. Eine Zeit lang herrſchte nun verhältnißmäßig Stille um Paris, bis es plötzlich den Franzoſen einfiel, das Schloß St. Cloud in Brand zu ſchießen. Dieſes Schloß, welches durch ſo viele geſchichtliche Ereigniſſe wichtig geworden war, enthielt noch außerdem eine Menge der — 5 ſeltenſten Kunſtgegenſtände. Werthvolle Statuen und Gemälde, eine koſtbare Bücherſammlung und viele Geſchenke fremder Mo⸗ narchen, die hier aufbewahrt wurden, bedrohten die Franzoſen ſelber mit dem ſichern Untergang. Für einen jeden Menſchen, der Sinn für die Erzeugniſſe der Kunſt hat, mußte das ein Schmerz ſein. Der Kronprinz von Preußen befahl ſeinen Soldaten, zu retten, was ſich retten ließ, und ſie thaten es, ſelbſt unter Gefahren. Da ſah man die herr⸗ lichſten Vaſen vorläufig in Ställen untergebracht, Bilder ſtanden gegen die Wand eines Heubodens gelehnt, Möbel auf den Haus⸗ fluren. Der Tiſch wurde gerettet, auf welchem der Kaiſer Louis Napoleon die Kriegserklärung gegen Deutſchland unterzeichnet hatte, und der König Wilhelm nahm ihn ſelber als Andenken zu ſich in ſein Hauptquartier, aber unzählige andere geſchichtliche Merkwürdigkeiten gingen unwiderbringlich verloren. Nicht weit von St. Eloud liegt die berühmte Porzellanmanu⸗ faktur von Ssvres. Die Stadt, die ſich zwiſchen beiden feindſi⸗ chen Armeen befand, hatte ſich vertrauensvoll an den Kronprin⸗ zen von Preußen gewandt und um ſeinen Schutz gebeten. Jetzt erſchien auch der Direktor der Manufaktur und bat, die Kunſt⸗ ſchätze, die ihm zur Aufbewahrung anvertraut worden waren, zu ſichern. Dieſe Schätze beſtanden in den Modellen zu prachtvollen Vaſen und Statuen, in herrlichen Malereien, wie die Franzoſen ſie von jeher ſo gut zu machen verſtanden und in vielen chineſiſchen und japaneſiſchen Muſtern. Alles wurde ſo gut, wie möglich, ge⸗ borgen, und doch ließ ſich nicht verhindern, daß Vieles zerbrach und verloren ging. Nach der Mitte des Oktober wurde eine größere Regſamkeit unter Trochu's Armee wahrgenommen. Der General hatte ſeine Truppen einexercirt, ſeine Kanonen aufgeſtellt und meinte nun, den Deutſchen gewachſen zu ſein. Doch kam es erſt am ein und zwanzigſten Oktober zu einem ernſthaften Kampfe. Anfangs ſchien es, als ſei ein Angriff auf Sövres be⸗ abſichtigt, denn ſchon am frühen Morgen begann ein heftiges Schießen nach dieſem Oete. Gleichzeitig feuerte der Berg Valérien auf aut auf Marly, und ſeine Kanonen ſprachen immer das lauteſte, wenn auch nicht das entſcheidendſte Wort. Als jedoch dieſes Donnern und Krachen ziemlich nutzlos zwei Stunden lang gedauert hatte, verſtummte es endlich, und eine neue Scene begann. Zwiſchen Meudon, dem Schloſſe des Prinzen Napoleon Bonaparte, Sévres und St Cloud befanden ſich die Stationsorte der Kanonenbote, und wurden zumeiſt durch das Fener des Valerien gedeckt, jetzt ſetzten ſie ſich in Be⸗ wegung und richteten ihre Geſchoſſe namentlich auf Sèvres, wo eben an der Verpackung der Kunſtſachen gearbeitet wurde. Zu gleicher Zeit nahm auch der Onkel Baldrian ſein Gebrüll wieder auf. Er beſaß die Rieſenkanone Frankreichs, die einzige, die ſich mit den Kruppſchen ſchweren Belagerungsgeſchützen meſſen konnte. Auf dieſes Signal wurden die in und um Verſailles ſtehen⸗ den Truppen alarmirt, und zugleich liefen die Bewohner dieſes Städtchens herbei, und freudige Hoffnung ſtrahlte auf allen Ge⸗ ſichtern. Dieſes Mal, ſo dachten die Franzoſen, war ihrem Trochu der Sieg gewiß. Freilich durften ſie ihre Schadenfreude nur durch ihr Mienenſpiel verrathen, doch dieſes ſprach deutlich genug. Etwa vierzehn Bataillone franzöſiſcher Infanterie machte jetzt einen Ausfall gegen das Städtchen Bougival. Dort, ſo ſchien es, erwarteten ſie keinen Widerſtand und als ſie ihn doch fanden, warfen ſie ſich nach links, um unſere Stellungen bei Malmaiſon anzugreifen. Auch hier befindet ſich eines jener reizend gelegenen mit dem feinſten Geſchmack ausgeſtatteten Luſtſchlöſſer, welche die franzö⸗ ſiſchen Könige zu bauen liebten. Der herrliche Park erſtreckt ſich über ein hügeliges Terrain bis zu dem ſogenannten Kaiſersweg, der nach Paris führt. Hier war es, wo von vier Uhr an ein heftiger Kampf ſtattfand. Die Franzoſen wagten ſich bis an den Saum des kleinen Gehölzes heran, doch hielten ſie den immer ſicher zielenden Schüſſen unſerer Soldaten nicht Stand. Freilich ſtand ihnen kaum der dritte Theil von der Zahlenſtärke ihrer eigenen Krieger entgegen, doch zeigte ſich hier, wie überall, das Uebergewicht un⸗ ſerer Soldaten in dem beſſeren Schießen uud vorzüglich in der —— Kaltblütigkeit und der zähen Ausdauer inmitten der größten Gefahren. Der Kampf war kurz, aber heftig. Bald zogen ſich die Franzoſen wieder unter den Schutz ihrer Kanonen zurück. Dieſe Kanonen, ſo groß ſie auch ſein möchten, leiſteten auch dieſes Mal nur wenig. Die Granaten, die das Gewicht von ſechs und achtzig bis neunzig Pfund hatten, platzten oft ſchon in der Luft und kamen ganz wirkungslos herab. Die Zahl unſerer Verwundeten war daher verhältnißmäßig ſehr gering. Doch weil der Valérien noch immer fortfuhr, dieſe Kugeln auszuſpeien, ſo glaubte man auf einen neuen Vorſtoß gefaßt ſein zu müſſen, es wurde aber dieſes Mal nichts weiter daraus, und man mußte ſich mit hundert franzöſiſchen Gefangenen begnügen, zu denen noch zwei Mal ſo viel Verwundete kamen. Der König Wilhelm und ſein Sohn beſuchten noch am Nach⸗ mittag das Gefechtsfeld und betrachteten die Gegend von dem Bogen der Waſſerleitung von Marly aus, von wo man eine weite Rundſchau genießt. Ein neuer Ausfall beunruhigte unſere Truppen in der Nacht vom neunzehnten zum zwanzigſten Oktober, doch galt er nur den Vorpoſten. Gegen Mittag des Einund⸗ zwanzigſten drang der Feind, unterſtützt von ſeiner Feldartillerie von Neuem vor. Der Onkel Baldrian liegt auf einem ſchmalen von dem Bogen der Seine umſchloſſenen Stück Landes, welches Nanterre heißt. Hier iſt ein treffliches Feld gleichzeitig zur Ent⸗ wicklung wie zur Deckung größerer Truppenmaſſen. Weſtlich von Paris ziehen ſich die bewaldeten Höhen von Garches und Bou⸗ gival, und gegen den letzteren Ort war es, daß ſich dieſes Mal der Hauptangriff der Feinde richtete. Wiederum betrachtete der König Wilhelm das Fortſchreiten des Kampfes von der Marly⸗ Waſſerleitung aus, und wohl mag ſich ſein Herz in ſtolzer Freude gehoben haben, als er ſeine Soldaten ſo tapfer fechten ſah. Dieſe Waſſerleitung dient ſonſt nur dazu, die Fontainen von Verſailles zu ſpeiſen, heute hatte ſie einen beſſeren Zweck. In den Einſchnitten, in den Wäldern und Gehölzern, in Dörfern und auf Straßen kämpften die Truppen, die Einen mit der Wuth der Verzweiflung, die Andern mit der ruhigen Uehe zu Anc gen unn übe öfte der No bis nur deu nic gra un ke l Ueberlögenheit, die ihre Hauptſtärke bildete. Da war es nicht zu verwundern, daß ſich der Sieg Denen zuneigte, die jeden „ Angriff in geſchloſſenen Reihen zurückwieſen, während im jenſeiti⸗ gen Heere eine Unordnung herrſchte, die jedes Zuſammenwirken 8 unmöglich machte. 9 Die Franzoſen verloren mehr als hundert Gefangene und nd überdies zwei Feldgeſchütze, vor Allem aber den Muth, ſich noch öfters in ſolche Gefahren zu wagen. Es trat für jetzt eine Zeit 3 der Ruhe ein, ſelbſt dje Forts, die ſonſt meiſtens in den frühen 3 Morgenſtunden und ſpät Nachmittags oder am Abend von zehn bis elf ihre Stimmen ertönen ließen, ſtellten ihr Feuer ein, und t nur die äußerſten Feldwachen ſchoſſen noch, ſo oft ſie einen ſo deutſchen Soldaten ſahen, was aber unſere Pioniere durchaus nicht daran verhinderte, ihre Schanzen und Parallelen weiter zu ch⸗ graben und der Stadt immer näher zu kommen. em ne re , id⸗ tie 12. Kapitel. en 6 Neue Gefahren. nt⸗ on Wie unbeſtändig iſt doch ein Mädchenherz. Beate hatte ſich l⸗ feſt vorgenommen, am Sonntag nicht in die Kirche zu gehen, ul und doch ſtand ſie vor ihrem kleinen Spiegel und ordnete ihr r reiches Haar und fragte ſich, ob ſie wohl ſchön genug ſei, um einem Manne geſallen zu können. de Als dann Madelon fragte, ob ſie nicht hingehen wollte, . um der heiligen Jungfrau für Peters glückliche Rückkehr zu dan⸗ n ken, da erklärte ſie ſich gleich bereit dazu und ging mit der ſtill lächelnden Betty fort. z Die Kirche war der einzige Ort, an welchen Madelon die n Mädchen gehen ließ. Es ſchmerzte ſie tief, daß ſie hatten auf⸗ wachſen müſſen, ohne einen geregelten Religionsunterricht zu empfan⸗ 94 gen, und das ſie nicht einmal gefirmelt waren. Jetzt ſuchte ſie das Verſäumte nachzuholen, indem ſie die Kinder ſo oft als möglich zum Gebete ſchickte, ſie ſelber aber getraute ſich nicht hin. denn ſie hatte nicht den Muth, zur Beichte zu gehen und dem Prieſter einzugeſtehen, was auf ihrem Gewiſſen lag.. Gabrie⸗ lens Mord und der Vergiftungsverſuch gegen die beiden Deutſchen und gegen die ihr anvertrauten Mädchen. Das Gleiche war mit Peter der Fall, auch ihn freute es, daß aus dem Herzen der Unſchuldigen Gebete für ihn zum Himmel emporſtiegen, während er mit Schrecken an ſein vielleicht nahes Ende dachte. So hatten denn Beate und Betty wenigſtens in dieſer Be⸗ ziehung Freiheit, und, wie die Vögel aus dem verhaßten Bauer, ſchlüpften ſie in die friſche Luft hinaus. Metz hatte ſich ſehr ver⸗ ändert, die ganze Stadt gewann ein anderes Anſehen⸗ ſeitdem die Deutſchen darin waren, Alles ordneten, Alles regelten, der Roth abhalfen, die Armen unterſtützten, die Geſetze zur Geltung brachten. Viele der Soldaten ließen ſich durch die Kirchenglocken zur Andacht rufen, ſteht uns doch das Heilige näher, wenn wir dem Fode ſo dicht in das Auge blicken müſſen, doch keiner heftete ſeine Blicke auf die beiden Mädchen, wie es ſonſt die Franzoſen gethan hatten, und ſie gelangten unbehindert in das Gotteshaus. Wie war es da ſo ſtill, ſo feierlich! Betend lagen die an⸗ dächtigen Chriſten auf ihren Knieen, und mit den Wolken des Weihrauchs ſtieg ihr gläubiges Flehen zu Gott empor. Ottomar von Iſſelhorſt, der die ſchönen Kinder in die Firche hatte eintreten ſehen, hütete ſich wohl, ihre Andacht zu ſtören. Er kam ſoeben von Liſette. O, wie anders berührte ihn jetzt Beatens Anblick, als ſie, die dunklen Wimpern tief ge⸗ ſenkt, das ſchöne Köpfchen über das Buch geneigt, ſo ſtill, ſo fromm und engelsrein hinkniete. — Ja, dachte er, in dieſer Seele iſt keine Sünde. O. os muß ein Glück ſein, an der Hand eines ſolchen Engels durch das Leben zu wandeln. Betty war gewiß nicht minder fromm, und doch ſchlug ſie⸗ ma dol M dem ung zur dem ftete ſen aus. des — S manchmal die Augen auf und überflog die Schaar der knieenden Soldaten, weil ſie hoffte, einen darunter zu finden, den ſie kannte, doch immer ſenkten ſich ihre Blicke wieder, ach, unter allen dieſen Menſchen ſchlug für ſie kein liebendes Herz, und das ihrer Schweſter gehörte ihr auch nur noch halb. — Gut, ſagte ſie zu ſich ſelber, ich bin darum doch noch nicht arm, es bleibt mir Gott und die Pflicht. Die Pflicht wird mir dieſes Leben ausfüllen, und Gott wird mir im jenſeitigen gnädig ſein. Mag Beate über ſich ſelber beſtimmen, ich gehe wicht wieder nach Schloß Falkenſtein zurück, und... ich denke, ſie wird es auch nicht thun. Als der Gottesdienſt vorüber war und ein Jeder, geſtärkt und durch das Gebet gekräftigt, die Kirche verließ, näherte ſich der junge Graf den Mädchen. — Mein Fräulein, ſagte er, ſich höflich verbeugend, ich war geſtern ſo glücklich, Ihre Schweſter zu begrüßen, geſtatten Sie mir heute, Ihnen zu ſagen, wie glücklich ich bin, Sie wieder zu finden. Beate ſtützte ſich zitternd auf Bettys Arm, ihre Wangen glühten, und Scham und Liebe machten ſie unendlich reizend. Ottomar empfand ganz den Zauber ihres Weſens. — Zürnen Sie mir auch nicht mehr? fragte er. — Wie könnte ich das? verſetzte ſie, ſeitdem ich weiß, daß Sie einer heiligen Pflicht zu folgen hatten. — Ja, einer heiligen Pflicht, doch, während ich ſie erfüllte, habe ich nicht einen Augenblick aufgehört, an Sie zu denken. Es iſt möglich, daß auch jetzt das Schickſal mich von Ihnen reißt, doch, wohin Sie auch gehen werden, ich will Sie ſuchen, ſobald dieſer Krieg zu Ende iſt, und ſobald ich wieder mir ſelbſt gehöre. Betty ſchob die Unterlippe in die Höhe. So hatte ſie ſich das Stelldichein nicht gedacht, ſie hatte geglaubt, es würde gleich ſehr praktiſch von Flucht und Heirath geredet werden, und jetzt fanden ſich die beiden Liebesleutchen nur zuſammen, um ſich wieder zu trennen. — Beate, fuhr Ottomar fort, darf ich hoffen, daß Sie den Feind Ihres Vaterlandes, daß Sie den Unbekannten nicht von — — ſich weiſen, wenn er ſich Ihnen mit einem Herzen voller Lrebe und.. ich darf es ſagen„voller Rechtſchaffenheit naht? Ein Blick aus ihren Augen, ein Blick, der ihm das ſchönſte Glück verhieß, gab ihm die Antwort. Sie reichte ihm die Hand, die er an ſeine Lippen drückte. — Ich muß fort, ſagte er fort zum Appel, der Dienſt iſt unerbittlich. Vielleicht verlaſſe ich Metz heute noch. Sobald der Frieden geſchloſſen iſt, werde ich Urlaub nehmen, um meinen Bruder aufzuſuchen, der vor Paris ſteht. Laſſen Sie mich hoffen, daß ich Sie dort finde. Wo nicht, ſo kennen Sie meinen Namen, mein Vater lebt in Mainz, falle ich, oder liege ich verwundet in irgend einem Lazareth, ſo wird er Ihnen Auskunft zu geben wiſſen, bedürfen Sie des Schutzes, mein Bruder Reinhold wird ihn Ihnen gewähren, er iſt ehrenfeſt und zuverläſſig. Verlaſſen Sie Frankreich nicht, wenn nicht die äußerſte Nothwendigkeit es erfordert. Leben Sie wohl, Beate, ich traue auf Gott und die Liebe wir werden uns wiederſehen! Er eilte davon und bekämpfte die Rührung in ſ einer männ⸗ tich ſtarken Bruſt. Beate blickte ihm nach, bis Betty ſie davon zog. — Nein, ſagte dieſe, einmal bei einem zärtlichen Stelldichein geweſen und nie wieder! Wie, bin ich denn ein Schatten, ein Duft, ein Nichts, daß er mich nicht einmal bemerkt? Konnte er mir geſtern nachgehen, warum hatte er heute keinen Gruß, nicht einmal einen Blick für mich übrig? O, über die Männer! Für ſo ſchlecht hätte ich ſie doch nicht gehalten! Aber wart nur, ich will mich ſchon noch rächen. Du wirſt Frau Gräfin, und ich, paß auf, ich verdrehe noch einmal einem Herzog den Kopf. Heute will ich noch in der Küche arbeiten, aber nächſtens mein Gott, ſo weine doch nicht, Beate. Dieſe konnte ihr Herz nicht bezwingen, es war zu voll von Liebe und Schmerz. Sie ſind alle ſelbſtſüchtig, dieſe zärtlichen Leutchen, das mußte die arme Betty empfinden. Ottomar hatte ſie nicht beachtet. und Beate hörte Nichts von allem, womit Betty ſie aufzuheitern ſuchte. Als ſie zu Madelon und Peter zurückkehrten, erklärte ihnen 3 — ) — —) 97— Erſtere, daß ſie beſchloſſen hätten, am folgenden Tage abzureiſen. Das kam Beaten ganz gelegen, was ſollte ſie noch in Metz, wenn Er fortging? Betty dagegen war wenig mit dem Plan einverſtanden. Madelon und Peter dachten nicht daran, nach Paris zu gehen, auch vernahm man, daß dieſe Stadt bereits umſchloſſen war. Dennoch wollte und mußte Betty ihre Schweſter dahin führen, 5 denn Beatens Glück lag ihr vor Allem am Herzen. Aber durfte ſie ſich dem Willen des Mannes widerſetzen, den 2 ſie als ihren Großvater bisher geachtet und geliebt hatte? Das 3 war unmöglich. Sie wußte, daß Madelon ſie mit Gewalt zurück⸗ g halten würde, wenn ſie es wagte, ihren eigenen Weg zu gehen, denn für Madelon waren die beiden Mädchen nur Kinder, die ib ſich gängeln laſſen mußten, wie es ihr beliebte. E Betty beſchloß daher, ſich zu fügen und unterwegs die Gele⸗ i e genheit zur Flucht zu ſuchen. Schnell wurde gepackt aber es ging di mit der Abreiſe nicht ſo leicht, denn alle Eiſenbahnen waren von deutſchen Truppen beſetzt. Peter wollte nach der Schweiz, er w⸗ fand den Bahnhof von Soldaten eingenommen. ſe Da beſchloß er nach dem Süden Frankreichs zu gehen. Auch auf dieſer Straße begegnete er den Soldaten der Feinde, die ſich ein nach der Loire begaben. Beate freute ſich der Zögerung, denn ein mitten in der Menge deutſcher Krieger bemerkte ſie Ottomar und et konnte noch unmerklich einen Blick mit ihm austauſchen. Doch. ch indem ſie ſich den letzten Gruß zuwinkten, trat plötzlich ein Sol⸗ Fir dat an Peter heran. ich— Hoho! rief er, Dich ſollte ich doch kennen, biſt Du es ich, nicht, um den ich Strafe gekriegt habe? Haſt Du nicht als Spion opf geſeſſen und biſt davon gelaufen, ich glaube durch den Schorn⸗ ſtein? Aber warte, Burſche, dieſes Mal entgehſt Du mir nicht! Fort mit mir zum Auditeur! von Madelon war außer ſich, ſie rang die Hände wie in Ver⸗ hen zweiflung, Betty und Beate ſtanden ſtart vor Schrecken. Doch. at. half dem alten Mann all ſein Sträuben nichts. Der Soldat, ech der ſeine Ehre retten wollte, indem er den entwiſchten Spion V T. 7 wieder einbrachte, hielt ihn lfeſt am Kragen und zog ihn mit ſich fort. Vergeblich fuchte Beate nach Ottomar, um ſeinen Beiſtand zu erflehen, vergeblich ſchalt Madelon auk die Grauſamkeit der Deutſchen. Der Bahnzug dampfte ab, ſis blrben zurück, ach, wohin, wohin ſich wenden 2 Sie konnten nicht wieder nach Metz, denn die Wohnung, die ſie verlaſſen hatten, war ſogleich vom Militair eingenommen worden, doch wo ſollte Peter ſie wieder finden, oder wo ſollten ſie erfahren, welches Schickſal den Unglücklichen traf? Dieſes Mal freilich war Madelon nicht ohne Mittel geblie⸗ ben, Peter hatte ihr, um neue Noth zu vermeiden, von dem Gelde gegeben, welches er ſich aus Schloß Falkenſtein geholt hatte, doch ſelbſt mit Geld ließ ſich nicht fortkommen, wo alle Wege ver⸗ ſperrt waren. Da ſchien ihnen endlich ein Zufall zur Hilfe kommen zu wollen. Betty bemerkte einen Bauerwagen, der eben langſam in die Chauſſee einlenkte. Freudig ſprang ſie darauf zu und rief den Mann an. Er war bereit, ſie für einen freilich ſehr hohen Fuhrlohn mit ſich zu nehmen, und die Frauen überlegten nicht lange, ſie beſtiegen das Gefährt, der Mann hob ihr weniges Ge⸗ pãck hinauf, und fort ging es auf dem geebneten Wege, welchen der Bauer jedoch bald verließ, um in den Wald einzubiegen. Betty fragte ihn, warum er die gerade Straße nicht ver⸗ folgte und erſtaunte, als er, der bisher höflich und gefällig ge⸗ ſchienen hatte, plötzlich in ganz verändertem Tone antwortete, das ginge ſie nichts an er führe, wo es ihm beliebte. Die drei Frauen wechſelten einen erſchrockenen Blick. Erſt jetzt bedachten ſie, daß es gefährlich für ſie war, ſich in ſo unruhigen Zeiten einen fremden Menſchen anzuvertrauen. Wenn er ſie hier in dem ihnen gans unbekannten Walde ausſetzte, wenn er ſie ihrer Baarſchaft beraubte, wenn er ſie gar mordete Schreck⸗ liche Bilder traten vor ihre Seele. Ach, ſeit Monaten hatten ſie von nichts als Elend und Blutvergießen gehört, ſie waren ſo hilflos, ſo ganz in die Hand ihres Führers gegeben, ſie bebten hen ver⸗ ge⸗ das Erſ und zitterten und wollten es ſich nicht merken laſſen, daß ſie Furcht hatten. Betty, die es wohl verſtand, ſich den Anſchein eines Muthes zu geben, den ſie nicht beſaß, plauderte ſo viel und unbefangen wie möglich, und endlich, als ſie von Madelon und Beate nur einſilbige Antworten erhielt, begann ſie ein Liedchen zu ſingen. Da wendete ſich der Bauer verdrießlich nach ihr um. — Halt Dein unnützes Mundwerk ſtill, herrſchte er ſie an. Willſt Du uns die Deutſchen auf den Hals ziehen, alberne Dirne2 Erſchrocken ſchwieg ſie ſtill. Der Mann mochte nicht Unrecht haben, doch ſah ſie nun, daß ſie ſich in einer doppelten Gefahr befanden. Waren die Feinde in dieſer Gegend, was hatten ſie alsdann nicht von ihnen zu fürchten, die eben noch den armen Peter mit ſich fortgeſchleppt hatten? Aber mehr als die Deutſchen ängſtigte ſie ſich vor den Franktireurs, die nur auf Mord und Plünderung ausgingen. Ihr Herz klopfte heftig, und doch wußte ſie, daß Beate noch weit größere Furcht empfand, und das Madelon ſich ganz hilflos fühlte. Lachend klopfte ſie darum dem Bauer auf die Schulter. — Oh, guter Freund, ſei nicht böſe, ſagte ſie, einem armen Mädchen, wie ich, das nichts beſitzt als ein frohes Herz und zwei Hände, die ſich nach Arbeit ſehnen, iſt ſchon ein Lied zu gönnen, das über die augenblickliche Noth hinweghilft. Aber ich will ſtill ſein wie ein Mäuschen, wenn Du meinſt, daß die Deut⸗ ſchen uns etwas zu leide thun könnten. — Oder wir ihnen! brummte der Mann in ſich hinein. Sie fuhren eine Strecke weiter. Betty zog Beatens Kopf an ihre Bruſt und bat ſie, zu ſchlafen. Doch dieſe zitterte zu ſehr, als daß ſie hätte Ruhe ſinden können. Plötzlich horchte der Bauer hoch auf, dann ließ er einen lauten Pfiff ertönen, ein anderer antwortete ihm dann noch ein zweiter, dritter aus größerer Nähe. Jetzt ſprangen fünf bis ſechs Kerle aus dem Geſträuch her⸗ vor ſie waren in blauen Blouſen, doch mit Flinten und Piſtolen 7* — 00 bewaffnet. Einer ſchwang ſich vorn hinauf und ſetzte ſich neben den Bauer, mit dem er ſchnell und heimlich redete, zwei Andere kletterten zu den Frauen empor und nahmen ohne Umſtände dicht neben ihnen Platz die Uebrigen liefen in den Wald zurück, nach⸗ dem ſie mit ihren Kameraden einige Worte in einer durchaus unverſtändlichen Sprache gewechſelt hatten. Die Burſchen redeten nicht mit den drei Reiſenden, ſie mach⸗ ten nur untereinander einige freche Bemerkungen über die Schön⸗ heit der Mädchen, die ſich zitternd aneinander ſchmiegten. So ging es fort, wohl eine Stunde lang. Dann tönte wieder ein Pfiff, der Wagen hielt im dichteſten Gebüſch, die Männer ſprangen herunter, und der Bauer herrſchte die Frauen anl! — Kommt mit! rief er rauh. Was ſollten ſie thun? Sie mußten wohl oder übel gehorchen. Madelon bebte für ihre Schützlinge weit mehr als für ſich, Beate war mehr todt als lebendig, und nur Betty behielt noch einen Schein von Heiterkeit, ſie bat die Kerle, für ihr Gepäck Sorge zu tragen, und erzählte ihnen, daß ſie nach Tours wolle, wo ihre Großmutter für ſie und ihre Schweſter Dienſte als Mägde wiſſe. — Dienſte als Mägde, lachte der Bauer, nun, meiner Treu, dazu ſieht wenigſtens Deine Schweſter viel zu fein und zimperlich aus. Wozu denn auch dienen? Hübſche Mädchen, wie Ihr, können es ja bequemer haben. Aber hinein mit Euch, hinein! Er ſtieß ſie vor ſich her in eine Höhle hinein, deren Eingang von niederhängendem Epheu und dornigem Geſtrüpp ganz ver⸗ deckt war. Doch kaum trat er ſelber in denſelben dunkeln Raum, als er verwundert um ſich blickte. — Teufel, ſagte er, was iſt denn das? — Still, ſtill, erſcholl eine Stimme, er lebt noch, ich fühle ſein Herz ſchlagen. Die Augen der Mädchen hatten ſich erſt nach und nach an das dämmrige Licht in der Höhle gewöhnt, und jetzt erſt be⸗ merkten ſie, daß ein weibliches Weſen, in der ſie mit Schrecken Liſette erkannten, neben einem wie todt dahingeſtreckten Manne kniete und ſeinen Kopf auf ihrem Schoße hielt. — 101— — Was iſt das? fragte der Bauer, wie kommſt Du in unſere Behauſung? t— Eure Behauſung? gegenredete ſie und ſah ihn ſcharf und ohne ein Zeichen von Furcht an. Nun, es ſcheint, daß dieſe 6 Wohnung viele Miether beſitzt. Seit geſtern Nacht war ich hier mit zwei Schurken, die der Teufel braten mag. Dieſen Sterben⸗ 7 den ließen ſie mir zurück, das iſt das Kurze und das Lange von der Sache. Im Uebrigen beneide ich Euch Eure Behauſung gar nicht, es fehlt ja an Allem, nicht einmal ein Sopha iſt da, von te Teppichen und Kronleuchtern gar nicht zu reden. Aber hat Einer er von Euch ſeine Flaſche mit nicht allzuverwerflichem Fuſel gefüllt, ſo bitte ich ſchön darum. u Der Mann reichte ihr das Verlangte, und ſie benetzte die ge Lippen des Verwundeten mit dem Getränk, es ſchien ihm gut nd zu thun, denn er athmete tief auf, wenngleich ſeine halbgeſchloſſe⸗ die nen Augen ſich nicht öffneten. Unterdeſſen waren auch die ande⸗ ren Männer hereingekommen und ſahen mit Erſtaunen, daß ſich te bereits Leute in ihrer Höhle befanden. — Macht Platz, ſagte der Eine, dieſer Ort iſt nicht für Euch. eu, Fort, oder wir ſpießen Euch durch und durch. ſich— Still, Paul, nur nicht zu hitzig, warnte der Andere, dies hr, find Perſonen, die ich kenne und die auch dem Hauptmann be⸗ kannt ſind. Laß den Todten entſcheiden, was mit ihnen zu ng thun iſt. er⸗— Der Pole hat Recht, meinte der Dritte. Der Todte m muß gleich hier ſein. Hört Ihr nicht ſein Pferd wiehern? Richtig, er kommt! Sie eilten hinaus, man ſah es deutlich, daß ſie in ihrem ihl Hauptmann immer noch ein Weſen ſahen, das über alle Maßen mächtig war. 13. Kapitel. Die Zufluchtsſtätte. Der Hauptmann trat mit ruhig feſten Schritten in die Höhle, ſeine Leute folgten ihm mit abgezogenen Mützen uud mit tief gekrümmten Rücken. Er war bleich, und unbeweglich waren ſeine Zü⸗ ge, als ſein Blick die anweſenden Frauen und den noch immer wie todt daliegenden Grafen Bellegarde überflog, dann trat er auf Betty und Beate zu, die dicht an einander geſchmiegt ſtumm da⸗ ſtanden, legte ſanft ſeine Hände auf ihre Stirnen und ſagte: — Fürchtet Richts! Das Wort drang wie Himmelsbalſam in ihre Seelen hinein. Sie wagten es, zu ihm empor zu blicken, ſie ſahen in ein Geſicht voll Edelmuth und Trauer. Seine ſchön geſchnittenen Züge erinnerten ſie an die Bilder der jugendlichen Heiligen, die das Leben für Nichts achteten um die Palme der ewigen Seligkeit zu gewinnen, und die ſchon hie⸗ nieden mit den Engeln verkehren, weil ſie ihnen ähnlich ſind. Nein, von dieſem Manne konnte ihnen kein Unheil kommen, ſie fühlten ſich in ſeiner Nähe wie geborgen, wie gerettet aus fürchter⸗ licher Gefahr. Die wilden Männer, die ſie hierhergeleitet hatten, durften ihnen nichts mehr anhaben, und wieder lächelte die Hoffnung ihrem Herzen. Der Hauptmaun blickte lange in die Angen der Mädchen, es war, als könnte er in ihren Herzen leſen, wie in einem aufge⸗ ſchlagenen Buche, und was er las, ſchien ihn zu befriedigen. Darauf wandte er ſich zu Liſette, die noch immer neben dem Grafen kniete, doch der Kopf deſſelben war von ihrem Schoße auf die Erde hinabgeglitten, und das Blut tröpfelte daran her⸗ unter. — Du verſiehſt den Dienſt des barmherziaen Samariters „+ — 6—— —— — 103— ohne Barmherzigkeit, ſagte der Hauptmann. Nimm dieſes Fläſch⸗ ſchen, waſche die Wunden des Unglücklichen mit ſeinem Inhalt und gieße einige Tropfen auf ſeine Lippen. Es iſt dem Grafen Hektor von Bellegarde nicht beſtimmt, in dieſer Weiſe zu ſterben. Beate erſchrak, als ſie den Namen hörte. Bis jetzt hatte ſie in dem entſtellten Menſchen, der leiſe ſtöhnend dalag, nicht jenen eleganten Stutzer erkannt, der ihr ſo eifrig nachgeſtellt hatte. Der Hauptmann blickte auf Madelon, Sie ſenkte vor ſeinen forſchenden Augen den Blick in das Haupt. — Schuldbewußtſein! ſagte er leiſe, doch wie mit Donner⸗ tönen drang dieſes Wort in ihre Seele ein. Er kehrte ſich hinweg und nahm an dem Tiſche Platz. — Eure Meldungen! ſagte er zu den Männern. Jean trat vor. — Wir haben zwei Turkos abgeſchnitten, die von den Deutſchen aufgehängt worden waren. — Ihr habt ſehr unrecht daran gethan, verſetzte der Todte. Dieſe Männer ſind Schurken. Blickt auf ihn, den ſie gemordet haben, fragt jenes Weib ſie haben den Tod zehnmal ver⸗ dient. Wie aber kamen die Deutſchen hierher? — Sie hatten die Eiſenbahn verlaſſen und wollten quer durch den Wald, um die Andern deſto ſchneller anzutreffen, die ſchon vorausgegangen waren. Ich wies Ihnen den falſchen Weg. — Falſcher Mann! rief der Todte. Ich wußte es, ich ver⸗ langte nur das Geſtändniß Deiner Schuld aus Deinem Munde zu vernehmen. Die eigenen Lippen ſollten Dich anklagen. Doch was Du Böſes thateſt, wendete Gott zum Euten, er rettete den Grafen Bellegarde. Sprich Du, Paul. — Hauptmann, nach dem Ringe haben wir ſchon ſeit Mo⸗ naten vergeblich geſucht, er iſt nicht zu finden. — Du irrſt, er iſt gefunden, unterbrach ihn der Todte. — So, nun deſto beſſer, ſo brauchen wir ihn nicht länger zu ſuchen, verſetzte Paul. Ich brachte die Frauen hierher. — Falſch wie Dein Kamerad! rief der Hauptmann. Sie ——— — — 104— vertrauten ſich Dir an, ſie ſetzten ihre Hoffnung auf Deine Treue, ſie übergaben ſich Deinem Schutz.. und Du haſt ſie getäuſchtl Iſt es nicht genug, daß ich Euch die Schlachtfelder preis⸗ gab? Pfui über Euch! Ihr rettet die gerecht Beſtraften vom Tode und mordet die hilfloſe Unſchuld. Pfui über Euch! Die Männer drehten ihre Mützen in den Händen herum, die Anklage machte ſie nicht reuig, aber verlegen. Der Haupt⸗ mann warf ihnen eine volle Börſe zu. — Da iſt Euer ausbedungener Lohn, ſagte er, und mit dieſer letzten Bezahlung zerreiße ich die Gemeinſchaft zwiſchen mir und Euch. Von heute ſind wir geſchieden, geſchieden wie Gutes von Böſem, Feuer von Waſſer geſchieden iſt. Geht Eure Straße, ſie wird Euch ſicher genug zum Pfuhl der Hölle führen.. geht! Die Leute hoben das Geld auf, wogen die ſchwere Börſe in der Hand und wandten ſich der Thür zu, doch nur langſam und zögernden Schrittes. Endlich drehte ſich Paul um. — So geht es denn doch wohl nicht, Hauptmann, ſagte er. Bis jetzt haben wir gehorcht, wie gut abgerichtete Hunde, und mit einem Male ſollten wir weggejagt werden? — Ja, fügte Jean hinzu, ſeitdem der Ring gefunden iſt, braucht man uns nicht mehr und giebt uns den Abſchied ohne Kündigung. Die Andern ſtimmten mit Murren ein. — Fürs Davonſchicken iſt doch der Lohn nicht reichlich genug, meinte Einer. — Und die Frauen gehören uns, fiel Paul ein. — Das verſteht ſich! beſtätigte ein Zweiter, die Frauen und was ſie bei ſich haben. — Ja, und der Graf da, ſeine Taſchen werden auch nicht ganz leer ſein, wie ich hoffe. Sie waren zu Achten gegen Einen, was konnte er ihnen anhaben? Zu fürchten hatten ſie ihn ferner nicht, denn er war nicht mehr ihr Hauptmann. So gewann der Trotz die Uebermacht in ihnen. Paul ging auf den Grafen Bellegarde zu und faßte k. ten var — 105— ihn ſo unſanft beim Arm, daß der Unglückliche einen lauten Schrei ausſtieß, Zwei näherten ſich Beaten und Betty. Da richtete ſich plötzlich der Unbekannte empor. — Zurück, Geſindel! donnerte er mit ſo mächtiger Stimme, daß die Höhle daran wiederhallte. Dann ergriff er Paul bei dem Kragen, ſchwenkte ihn empor und ſchleuderte ihn wie ein Federball dem Ausgange der Höhle zu, die Andern erwarteten kein gleiches Schickſal, wie geſchlagene Hunde zogen ſie ſich knur⸗ rend zurück, doch nur um ſich im nächſten Augenblick zu ſammeln. — Was! find wir nicht noch Sieben, was! haben wir nicht das Recht auf unſerer Seite? Darf er uns noch befehlen? Vor⸗ wärts, macht ein Ende mit ihm! Zu den Todten mit dem Todten! Der Mann ſtand mit übereinandergeſchlagenen Armen, die Frauen flüchteten ſich hinter ihn. Er ſah es deutlich: Seitdem die ſchlechten Burſchen nicht länger ihren Vortheil durch ihn fan⸗ den, lebte kein Gefühl der Pflicht in ihrer Seele mehr, und ſie brachen in offene Empörung gegen ſeinen Willen aus. — Leiden wir das? rief Jean und zeigte auf Paul, der ohnmächtig, und, wie es ſchien, mit gebrochenen Gliedern dalag. — Nein, vorwärts, ſchlagt ihn nieder, tödtet ihn, den Tod⸗ ten! ſo rief es wild durcheinander. Der Fremde ſtand unbeweglich, doch als ſich ihm der Vor⸗ derſte nahte, ſchlug er ihm die Fauſt vor die Bruſt, daß er zurück⸗ taumelte und ein Blutſtrom aus ſeinem Munde ſtürzte, gleich darauf traf er einen Zweiten ſo ſcharf unter das Kinn, daß er ſich vor Schmerzen krümmte und ſeine Zähne ausſpie. Das aber reizte nur die Wuth der fünf Uebrigen. Der eine ſchoß ſein Piſtol auf ihn ab, doch die Kugel ſauſte an ihm vor⸗ bei. Der Fremde ſtand einen Augenblick wie unſchlüſſig da, plötzlich fühlte er den Griff eines Degens an ſeiner Hand. Es war Betty, welche ihm die Waffe reichte, er ſchwang ſie wuchtig. nerton. — 106— — Verloren iſt, wer ſich mir naht! rief er mit Don⸗ Ein neuer Schuß war die Antwort. Wars Zufall, war es der ſichtbare Schutz Gottes die Kugel klirrte gegen den erho⸗ benen Degen, dieſer bog ſich durch die Gewalt des Anpralls nach hinten, und matt geworden fiel das Geſchoß zur Erde nieder. Die Leute ſtutzten. — Er iſt ein Zauberer, ſagten ſie, habt Ihr es geſehen, wie er die Kugel mit dem Degen auffing? Fort, fort, es iſt unſer Verderben, wenn wir uns widerſetzen, fort, fort, er hat den Ring, der ihn unverwundbar macht. Sie ſtürzten hinaus. Der Hauptmann ſtand ſtumm mit hoch erhobener Waffe und blickte ihnen nach, dann ließ er den Arm ſinken. — Den Ring! ſeufzte er in ſich hinein. O Gott! habe ich ein Recht, ſie anzuklagen, da ich ſelber zum Lügner an ihnen ge⸗ worden bin, denn ach den Ring.. ich habe ihn nicht! Er legte die Hand über ſeine Augen, ein tiefer Schmerz ſchien ihn zu durchbeben, und auf ſeinen Lippen titterte der Name: Gabriele! Die Frauen betrachteten ihn mit Staunen und Theilnahme. Er aber faßte ſich und wandte ſich zu Liſette. — In einer Stunde, ſagte er, wird ein Fuhrwerk hier ſein, welches dieſen Kranken zu dem nächſten Lazarethe bringt. Fürchte nichts für ihn. Keine ſeiner vielen Verwundungen iſt tödtlich, die Rache hat ihr Ziel nicht erreicht. — Wo bleibe ich denn aber nun? fragte Liſette mit ängſt⸗ ücher Miene. — Geh zu Deinen Landsleuten, verſetzte er, Du findeſt ſie, wenn Du dieſen Kranken begleiteſt. Ihr Andern folgt mir. Er ging hinaus, ohne ſich umzuſehen, Madelon, Beate und Betty ſchritten ihm nach. Draußen blickte er nach ſeinem Pferde es war verſchwunden. — Schurken und Diebel ſagte er verächtlich. Auch der Wagen war fort, auf welchem ſich noch das Gepãck der Frauen befand, ſie konnten es leicht verſchmerzen, denn Ma⸗ de eir pid M⸗ — 107— delon hatte die Vorſicht gebraucht, ihr Geld in ihre Kleider einzunähen. Der Mann ging ihnen voraus durch den Wald, der ſchon ganz finſter geworden war. Plötzlich ſauſte eine Kugel durch ſeinen Hut. Er ſchien es nicht zu beachten und ſetzte ſeinen Weg ohne Zögern fort.) Dieſer Weg war durch die Fußtapfen vieler Männer be⸗ zeichnet, denn es war derſelbe, den Ottomar von Iſſelhorſt mit ſeinen Leuten gegangen war. Sie kamen an dem Baum vorüber, an welchem Taleb und Huſſein gebaumelt hatten, bis die Leichenräuber ſie abſchnitten, dann lenkten ſie ſeitwärts auf einen ſchmalen Pfad, der ziemlich ſteil hinaufführte. Hier begegnete ihnen ein alter Mann, mit dem der Unbekannte einige Worte wechſelte. Sogleich verſchwand jener in den Gebüſchen. Sie gingen wohl zwei Stunden lang. Madelon ſtützte ſich auf ihre Pflegekinder, denn ſie zitterte vor Ermüdung und innerer Aufregung. Wo führte der Fremde ſie hin? Sie wußte es nicht. Und wie ſollte Peter ſie wiederfinden, wie ſollte ſie etwas über ſein Schickſal erfahren? Das Herz war ihr ſehr ſchwer, ſie fühlte ſich wie einen Spielball in der Hand des Schickſals. Deſto zuverſichtlicher ſchritten Betty und Beate einher. Sie vertrauten dem Manne, der ſie geleitete, ſie fühlten ſich ſicher unter dem Schutze deſſen, den Gott ſelbſt beſchützte. Es war Mitternacht, als ſie bei einem Schloſſe anlangten. Es war ſtill, wie dazumal, als Arthur und Richard hier ein⸗ traten, und wie dazumal ſtieg, wie durch einen Zauberſchlag, die mit Eßwaaren beſetzte Tafel aus dem Fußboden empor. Für die Mädchen war dies ein höchſt erwünſchter Anblick. Betty machte ſich gleich dabei, das trefflich gebratene Huhn zu zer legen, ſie entkorkte die Weinflaſche, ſchnitt das Brot und that ganz, als ob ſie die Wirthin dieſer ſeltſamen Häuslichkeit ſei. Der Mann ſaß dabei, ohne zu eſſen, doch ſchien es ihn zu freuen daß ſeine Gäſte den regen Appetit der Jugend bewieſen. Es fehlte an nichts, um dieſen zu befriedigen, das Mahl ſchien — 108— ganz für Damen zubereitet zu ſein: Geflügel, ſüßer Wein, weißes Brot und kleine Obſtkuchen, das war ganz und gar nach Beatens und Bettys Geſchmack, und als der Mann endlich einen Vorhang aufhob und ihnen eine Treppe zeigte, die zu ihren Gemächern führen ſollte, da blieben die Mädchen einen Augenblick vor ihm ſtehen, und Beate ſank auf ihre Kniee nieder und bat: — O, ſegne mich, ehe ich zur Ruhe gehe, denn mit Dir iſt Gott! Er legte ihr die rechte Hand auf das Haupt, ſeine Linke hielt Betty, ſie knieete nicht nieder, doch küßte ſie dieſe rettende, ſchützende Hand und ſagte leiſe: — Ich will auch für Sie beten. — Thu das, mein Kind, ſagte er, denn ich bedarf der Hilfe, die von Oben kommt! Schlaft wohl, ihr ſchlaft in Unſchuld und Vertrauen, und Gottes Engel werden bei Euch ſein. Madelon wagte nichts zu ſagen, ſie fühlte es wohl, daß der Fremde ſie als eine Sünderin erkannt hatte, und ihr Herz erbebte vor Reue und Scham. Schweigend folgte ſie ihren Pfleglingen zu den für ſie be⸗ reiteten Zimmern. In ihrer Seele ſtand es feſt, ſie wollte dem Manne Alles ſagen, denn ſie hielt ihn für ein höheres Weſen, und durch ein offenes Geſtändniß hoffte ſie ſich ſeine und Gottes Verzeihung zu erwerbenn Kaum hatte ſie das Zimmer verlaſſen, ſo ſchlug der ſeltſame Mann ſeine beiden Hände vor ſein Geſicht. — Der Ring, ſtöhnte er, der Ring.. wann werde ich ihn finden? Tag auf Tag vergeht ich ſuche ihn vergeblich. O himmliſche Mächte, habe ich mich darum mit dem Auswurf des Menſchengeſchlechtes verbunden, bin ich der Genoſſe von Die⸗ ben und Mördern geworden, um doch ſo fern dem Ziel zu ſein? Wer hilft mir aus dieſer Nacht der Verzweiflung, wer zeigt mir, wo ich ihn ſuchen ſoll? Mein Leben habe ich daran geſetzt, ein ſchauderhaftes Unglück zu verhüten, die Böſen zu entwaffnen und der Unſchuld zum Siege zu verhelfen, doch Gott ſtößt dieſes Opfer zurück, er nahm mir Alles, was ich beſaß, das höchſte, ſchönſte Glück der Erde, er nimmt mir jetzt den letzten Hoffnungs⸗ ſtrahl dem ſen, ttes ſen, icht. ich lich. urf Die⸗ einf mir, ein und eſes ng⸗ — 109— Eine Thräne entrollte ſeinen Augen, tief ſeufzte er auf, dann öffnete er eine Thür und betrat ein matterleuchtetes Gemach. Hier ruhten auf demſelben Bette zwei Knaben, ihre Wangen waren ſanft geröthet, ein Lächeln umſpielte ihre Lippen. Der Mann küßte ſie auf die Stirn. — Nein, ſagte er, ich will nicht verzweifeln, nicht Gott an⸗ klagen, er gab mir Troſt, ich bin nicht mehr allein, dieſe beiden Knaben jene holden Mädchen ſie werden es mich vergeſſen laſſen, daß ich einſt hoffte, ein Weib und zärtliche Kinder an meine Bruſt zu drücken. Gott ſei gelobt, ich bin noch nicht ganz arm, ich kann noch lieben, kann noch die verfolgte Unſchuld ſchützen. Er ging hinaus und ſchloß die Thür, als er ſein eigenes Zimmer betrat, ſank er auf einem Betſchemel nieder und kniete lange, lange in Betrachtung und ſtummem Gebet „ 14. Kapitel. Le Bourget. Hei, wie das knatterte und knallte, Schuß auf Schuß, Kugel auf Kugel, und alle in die leere Luft hinein! Wahrhaftig die Franzoſen, die ſonſt ſo geſchickt in Allem ſind, verſtehen ſich furcht⸗ bar ſchlecht auf das Schießen! Man ſagte, ſie litten ſchon Mangel in der Stadt Paris, doch an Pulver und Blei ſchien es ihnen noch nicht zu fehlen, denn beſtändig krachten ihre Kanonen aus den Forts, beſtändig ſchoſſen ſie auf die Vorpoſten, und beſtändig gingen ihre Schüſſe vorbei. Unterdeſſen richteten ſich die deutſchen Soldaten ein, ſo gut es ging. Die Belagerung, ſo ſchien es, würde von langer Dauer ſein, und der Herbſt brachte ſchon recht bitter kalte Tage mit ſich — 110— und Nächte, in denen der Reif an den Bäumen und an den Schnurrbärten der Vorpoſten hing. Da hieß es denn Geduld haben und die gute Laune be⸗ wahren. Erſt nach dem Fall von Toul wurde es möglich, ſchweres Geſchütz von Deutſchland her bis Nanteuil an der Marne zu bringen. Hier aber ſprengten die Franzoſen einen Tunnel und zwei Brücken, und das ſchaffte dann wieder einen Zeitverluſt, der Manchem recht unbequem wurde. Auf dem Eiſenbahnhof zu Nanteuil wehte eine ſchwarze Flagge mit einem weißen P, ſie be⸗ deutete, daß hier Pulver aufgeſpeichert lag, mit dem man ſich in Acht zu nehmen hatte, denn es waren nicht weniger als dreitau⸗ ſend Tonnen, von denen eine jede hundertundfünf Pfund enthielt. Während außerdem in den Speichern und Wagenſchuppen noch ganze Berge von Fäſſern mit Pulver und Raketen lagerten, konnte man im Freien die großen Granaten ſehen, die wie Zucker⸗ hüte geformt ſind. Nicht weit davon ſtanden die Kanonen, und unter dieſen zeichneten ſich die großen Mörſer aus, deren nach vorn zugeſpitzte Geſchoſſe mehr als zwanzig Pfund Sprengpulver enthalten und zwei Centner wiegen. Daneben erblickte man kurze und lange Vierundzwanzigpfünder und endlich Zwölf und Sechs⸗ pfünder. Ein jeder Kugelhaufen enthielt ſechshundertſechsund⸗ dreißig Geſchoſſe, und alle zuſammen bedeckten einen Flächenraum von etwa zehn Morgen. Es gab außerdem eine Unmaſſe von Körben, von denen ein jeder ſolch einen Zuckerhut enthielt. Seitwärts lagen Schichten von Balken, auf denen die allzuſchweren Geſchütze vorwärts geſchoben werden, ferner gußeiſerne Tröge, um das Blei darin zu ſchmelzen, das zu der Bekleidung der Granaten dient, endlich unzählige Kanonenräder, und Hacken, Spaten, Karren und Sandſäcke für die Pioniere. Nun denke man ſich, welche Arbeit es machen mußte, ſolch gewaltige eiſerne Maſſen zur Achſe fortzuſchaffen. Die ſüdliche Straße ward von den Franzoſen unſicher gemacht, denen man ſo koſtbares Kriegsmaterial nicht in die Hände fallen laſſen konnte, es war alſo nöthig, es auf Umwegen fortzubringen. Oft ging es Berg auf, Berg ab, oft mußten beſondere Brücken gebaut oder die bereits vorhandenen geſtützt werden, damit ſie nicht unter der den be⸗ glch arne nnel luf, fzu be⸗ h in itau⸗ jielt. noch rien, cer⸗ und nach lver urze echs⸗ und⸗ aum von ielt. eten röge der en, ſlc liche nſo nnte, ging oder — 111— Laſt zuſammenbrachen. Zweitauſend Pferde arbeiteten Tag für Tag, denn allein für einen Vier und zwanzigpfünder waren deren zwölf erforderlich. Run kam dazu noch der ganze Wagentrain: Vorrathslafetten, Munitionskarren. Hebezeuge, und vor allem die Pulvervorräthe ſelber. Das Alles auf⸗ und umzuladen war ein Rieſengeſchäft. Zur Belagerung von Straßburg allein waren 630,134 Pfund oder etwa ſechstauſend Tonnen Pulver verbraucht worden, für die von Paris rechnete man ungefähr das Hundertfache. War man nun erſt vor Paris angekommen, ſo mußte dieſe ganze Laſt von Geſchützen, Munition und Wagen aufgeſtapelt und in Magazinen untergebracht, dann an die betreffenden Truppen vertheilt werden. Man war genöthigt, kugelfeſte Laboratorien einzurichten, Gießöfen und Werkſtellen aller Art zu erbauen und Alles ſo zu ordnen, daß man es im Falle einer plötzlichen Ueber⸗ rumpelung ſogleich bei der Hand hatte. Daneben wurde das Terrain auf das Sorgfältigſte gemeſſen, die Entfernungen wurden genau beſtimmt, damit man beim Zielen ſicher ging, und erſt als alle dieſe Vorarbeiten beendigt waren, die noch dazu beſtändig durch den Kugelregen der Franzoſon unter⸗ brochen und behindert wurden, erſt da konnte man zu einer wirk⸗ lichen Belagerung ſchreiten. Als Engländer, Franzoſen und Italiener gemeinſam die ruſſiſche Feſtung Sebaſtopol angriffen, gebrauchten ſie dazu ein volles Jahr. Um wie viel größer muß die Kriegskunſt der Deut⸗ ſchen ſein die eine ſo gewaltig befeſtigte Stadt, wie Paris, in wenigen Monaten zu erobern vermochten. Wohl blutete Manchem das Herz, daß er ſolch eine herrliche Weltſtadt durch die Thorheit ihrer Einwohner der Zerſtörung ausgeſetzt ſah. Der König Wil⸗ helm ſelber hoffte noch immer, die Pariſer würden das klügere Theil erwählen und ſich freiwillig ergeben, aber ſie thaten es nicht. Oft ſtand er auf Bellevue, einer ſich ſteil über Sévres er⸗ hebenden Anhöhe. Von hier aus konnte er die ganze Gegend überblicken, links den Mont Valérien, mit ſeinen ſtarken und doch in zierlichen Formen gebauten Befeſtigungen, dann das reizende — 112— Gehölz von Boulogne, welches Trochu faſt gänzlich hatte abhauen laſſen und jenſeits des blauen Waſſerſpiegels der vielfach gekrümm⸗ ten Seine, die herrliche Stadt mit der weltberühmten Kirche Notre⸗ Dame, dem großen Invalidendom, dem mächtigen Triumphbogen des erſten Kaiſers, der Vendomeſäule und vielen anderen weit⸗ hin ſichtbaren Baulichkeiten. Das Alles ſah der König Wilhelm jetzt von Ferne, wie er es oft in der Nähe bewundert hatte, wenn er ſich als Gaſt des Kaiſers Napoleon in Paris befand. Jetzt war er da mit ſeinen Truppen, um dieſelbe Stadt zu belagern. Wenn er des Morgens aus ſeiner Wohnung trat, verab⸗ ſäumte er niemals, ihnen ſeinen Gruß zu ſagen. — Guten Tag Soldaten! rief er ihnen zu, und guten Tag, Majeſtät! ſcholl es ihm aus vielen Kehlen entgegen. Oft unterhielt er ſich mit ihnen und erkundigte ſich nach ihrem Wohlbefinden. Eines Tages fuhr er hinaus, um die Auf⸗ ſtellung der Geſchütze zu ſehen, da begegnete ihm eine Abtheilung Gardelandwehr. Es waren Berliner Kinder, die eben Kartoffeln ausgegraben hatten, doch kaum bemerkten ſie den greiſen Monar⸗ chen, der ſie freundlich grüßte, als ſie Säcke und Spaten fort⸗ warfen und den Wagen umringten. Der König ſprach mit ihnen, belobte ſie, daß ſie ſich vor Straßbung ſo gut gehten hatten und gab den ihm Zunächſtſtehenden die Hand. Doch nun wollte ein Jeder dieſe Auszeichnung genießen, Jündert Hände ſtreckten ſich ihm entgegen, bis er endlich lachend ſagte: — Na, Kinder, nun laßt es gut ſein, ich habe heut noch mehr zu thun. Und wie freundlich er ſich ſeinen Soldaten bewies, ſo treu⸗ lich ſorgte er auch für die Verwundeten. Fand er während ſei⸗ ner Reiſe ein gutes Bett für ſich aufgeſchlagen ſo fragte er je⸗ des Mal, ob nicht ein ſolches im Lazareth fehlte, und merkte er da irgend einen Mangel, ſo ſchickte er ſein eigenes Lager hin und begnügte ſich mit ſeiner Feldbettſtelle. Häufig beſuchte er nament⸗ lich in Verſailles die Verwundeten, ließ ſich von ihnen berichten, wo ſie die Kugel ereilt hatte, erkundigte ſich nach dem Verlaufe ihrer Heilung und ſchickte ihnen Wein und andere Erfriſchungen. Das ganze Erdgeſchoß des Schloſſes, eine große Menge von men mm⸗ otre⸗ ogen writ⸗ helm Nnn Jezt gern. erab⸗ Tag Auf⸗ ilung ffeln nar⸗ ſor⸗ hüen und e ein ſich noch treu⸗ dſei⸗ er j⸗ fe er und ment⸗ chten, rlaufe ngen — 113— Gemächern und offenen Galerien, war der Krankenpflege ein⸗ geräumt worden, und dadurch wurde eine zu große Anhäufung von Verwundeten verhindert, konnte auch ſtets die friſcheſte Luft hereingelaſſen werden. In dem herrlichen Park ſah man denn die Geneſenden umhergehen und ſich an den köſtlichen Ausſichten erfreuen Um dabei die hiſtoriſch denkwürdigen Räume zu ſcho⸗ nen, die Ludwig der Vierzehnte erbaut hat, waren die Wände in Manneshöhe mit Brettern beſchlagen worden über denen die breiten Goldrahmen der Bilder hinweg ſahen. Johanniterritter und barmherzige Schweſtern verſahen hier den Liebesdienſt, ganz gleich, ob es deutſche oder franzöſiſche Verwundete waren, die ihrer Hilfe bedürfen. Nicht ſo weich, wie dieſe, waren die Soldaten draußen im Felde gebettet. Viele waren in den umliegenden Ortſchaften einquartiert, doch mußten ſie gegen ihre Wirthsleute auf der Hut ſein, denn oft genug waren dieſe ihnen feindlich geſinnt. Die Vorpoſten bauten ſich Hütten aus Baumzweigen, Moos und trockenem Laub, An⸗ dere richteten ſich in den Schanzgräben ganz gemüthlich ein. Aus dem zerſtörten Schloß St. Cloud und aus anderen mehr oder weniger der Vernichtung preisgegebenen Gebäuden trug man Mö⸗ bel herbei und ſtaffirte ſich damit das gewählte Lokal ſo gut als möglich aus. Fehlte es an Brennmaterial, ſo mußte wohl ein ſchon halb vom Feuer angefreſſener Schrank mit koſtbarer Schnitzerei her⸗ halten, man wählte da nicht lange und nahm, was man bekom⸗ men konnte, denn Noth kennt kein Gebot. Nahrungsmittel gab es genug, Erbswurſt erſetzte das Fleiſch, und aus der Heimat kamen Liebesgaben in Menge. Mitten in dieſe verhältnißmäßige Ruhe fiel plötzlich wieder ein recht ernſthaftes Gefecht. In dem Dorfe Le Bourget lagen deutſche Soldaten, als plötzlich eine große Ueberzahl von Fran⸗ zoſen erſchien, die Unſrigen hinausdrängte und Beſitz von⸗ dem Orte nahm. Dies geſchah am achtundzwanzigſten Oktober. Na⸗ türlich konnte das nicht gelitten werden und bereits zwei Tage darauf rückten fünf Batterien der Corpsartillerie heran mit eini⸗ 8 — 114— gen Gardebataillonen, die als Reſerve dienten. Das Terrain war überaus ſchwierig. Le Bourget liegt nördlich von Paris, öſtlich von St. Denis. Die Franzoſen hatten den Hurcgkanal, der hier vorbeigeht, abge⸗ ſtaut und dadurch eine Ueberſchwemmung veranlaßt, aus der nur einzelne, hoch gelegene Orte wie Inſeln hervorragten. Die Vor⸗ poſten der Garden zogen ſich längs der Höhen hin, die dieſe Sündfluth umgaben, und durften dabei das Feuer der Feinde nicht achten, und nun begann die Beſchießung von Le Boprget. Doch dieſe wollte nicht gelingen, denn das Dorf iſt durchweg maſſiv gebaut, und die Franzoſen flüchteten ſich in die Keller hinein und beläſtigten von hier aus die Unſrigen. Dazu liegt Le Bourget in der Schlußlinie mehrerer pariſer Forts, was dann die Sache noch bedeutend erſchwerte St. Denis, Fort Eſt und die übrigen ließen es auch nicht an Kugeln fehlen, die auf die Deutſchen herabhagelten, in dem Dorfe ſelber hatten ſich aber die Rothhoſen trefflich verbarrikadirt, und alle Häuſer waren in Vertheidigungszuſtand geſetzt. In drei Colonnen rückten die Garden zum Angriff vor ein Artillerie Bataillon des Regiments Königin Auguſta in der Mitte, dazu drei vom Regiment Königin Eliſabeth gingen über Pont Tolon, und rechts über Dugny zwei Bataillone von den Kaiſer Franz Garde⸗ Grenadieren, links aber zwei Bataillone von den Kaiſer Alexan⸗ der Garde⸗Grenadieren. Sie überſchritten den Moleretbach, um ſich in den Beſitz der Dorfausgänge zu ſetzen und den Feinden den Rückzug auf St. Denis und Paris abzuſchneiden. Sechstauſend Franzoſen waren aber da, um dieſe Abſicht zu verhindern. Das Gefecht begann am Morgen um acht Uhr mit Geſchützfeuer, das von den Höhen von Garges, Dugny, le Blanc⸗Mesnil und Aulnay her auf Le Bourget gerichtet wurde, dann rückten die Regimenter vor. Die vom Kaiſer Alexander hatten„den weiteſten Weg zu machen und brachen deswegen zu⸗ erſt auf. Es ging anfangs ganz gut, ſie brachten ihre Batterien bei dem Weiler bEgliſe in Stellung und überſchritten unter ihrem Schutz den Moleretbach, ohne ſich dabei an den Feind zu kehren. So erreichten fie die Straße ſüdlich von Le Bourget, vertrieben „ß ſhleur Hand — er ſe Stun der dieſe der kine der her Gr wat hatt ſpre un ſie Je de V rrair enis. abge⸗ nur Vor⸗ dieſe einde urget. hweg deller liegt dann und auf aber nin Uerie drei und arbe⸗ on⸗ um inden bſicht Uhr igny, urde nder zü⸗ erien hren hren. ieben ℳ — 115— die Franzoſen aus ihren Verſchanzungen und jagten ſie in die ſchleunigſte Flucht. Gleich darauf kam es in dem Dorfe ſelber zu einem blutigen Handgemenge. General⸗ Lieutenant von Budritzky hatte, nachdem er ſeine Leute hierhergeführt, die Fahne örgriffen, um ſie zum Sturme zu führen. Dieſer Sturm koſtete ſchwere Opfer. Jedes Haus war eine kleine Feſtung. Dennoch gelang es der brillanten Tapferkeit der Garde, feſten Fuß zu faſſen. Bei dieſer Gelegenheit fiel ganz in der Nähe des General⸗Lieutenants, der unverwundet blieb, der Oberſt von Zaluskowsky. Indeſſen kam auch das Regiment Königin Auguſta an. Eine Abtheilung wollte eben in eins der Häuſer eindringen, als der Graf Waolderſee ſie davon zurückhielt, denn aus den Fenſtern heraus wehten weiße Tücher, das Zeichen der Unterwerfung. Der Graf, der erſt kürzlich von einer ſchweren Verwundung erſtanden war und noch als kaum Gcheilter ſich wieder zum Dienſte geſtellt hatte, ritt gegen das Haus vor, um ſelber mit den Franzoſen zu ſprechen, da traf ihn eine meuchleriſch abgefeuerte Kugel, die ihn augenblicklich todt zu Boden ſtreckte. Ein Offizier eilte herbei, um ihn in ſeinen Armen aufzufangen, doch ehe er noch den Ober⸗ ſten erreicht hatte, fiel er ſelber tödlich getroffen nieder. Dieſe Schandthat reizte die Truppen zu grenzenloſer Wuth. Jetzt gab es kein Erbarmen mehr. Mit furchtbarer Erbitterung ſtürmten ſie in die Häuſer und vernichteten Alles, was ſie mit den Waffen in der Hand trafen. Da floß das Blut von allen Wänden herab, es war kein Zimmer, in dem nicht Leichen über Leichen gelegen hätten. Doch hatten auch wir große Verluſte zu beklagen. Die Re⸗ gimenter der beiden Königinnen verloren dreißig Offiziere und vierhundert Mann, dafür hatten ſie aber ſchon am Mittag ein tauſend zweihundert unverwundete Gefangene gemacht. Sicherlich hatten die Franzoſen die Abſicht, ſich in Le Bourget feſt zu ver⸗ ſchanzen, denn ſie hatten eine Menge Proviant dahin bringen laſſen, der jetzt in die Hände der Sieger fiel. Dieſe erhielten von 8* —,.——ů ihrem Kommandanten, dem Prinzen Auguſt von Würtemberg, eine glänzende Belobung und den Dank ihres königlichen Herrſchers. — Vertrauensvoll, ſo ſchloß er dieſe gerechte ihrer Heldenthaten, kann man ſolchen Truppen die ſchwierigſten Aufgaben übertragen. In Paris erregte die Niederlage bei Le Bourget eine furcht⸗ bare Aufregung. Das Volk ſtürmte gegen die Regierungsmänner, nahm ſie gefangen und ſchloß ſie im Stadthauſe ein. Es kamen dabei faſt lächerliche Scenen vor. Picard und Simon wurden an Stühle gebunden und durchgewalkt. Auf Jules Favre wurde ſogar geſchoſſen, abe die Kugel ging fehl. Gegen dieſe Zügel⸗ loſigkeiten erhob ſich aber die Nationalgarde. Am Abend befreite ſie den Kommandanten Trochu, Jules Favre und Ferry wieder, und unterdrückte den Aufſtand, welchen vorzüglich Flourens an der Spitze der Bewohner der Vorſtadt Belleville veranlaßt hatte. In aller Eile bildete dieſer einen Wohlfahrtsausſchuß nach Art des während der erſten großen Revolution beſtehenden Convents, und eine Communal⸗Verwaltung der Stadt Paris. Das Alles wurde jedoch durch die Nationalgarde unterdrückt und beſeitigt, man ſteckte nun die Rädelsführer dieſer Bewegung ein und ſtellte ſomit für den Augenblick die Ruhe wieder her. Dies geſchah am Morgen des dritten November, alſo drei Tage nach dem Gefecht bei Le Bourget. In Folge dieſer Ereigniſſe beſchloß die republikaniſche Re⸗ gierung, die ſich von jetzt an Regierung der nationalen Verthei⸗ digung nannte, die pariſer Bevölkerung über ſich abſtimmen zu laſſen. Fünfmalhundertſiebenundfünfzigtauſend neunhundert ſechs und ſiebenzig Stimmen ſprachen ſich gegen zwei und ſechzigtauſend ſechshundert und acht und dreißig zu Gunſten der beſtehenden Einrichtung aus. Inzwiſchen erwarteten die in der Stadt Ein⸗ geſchloſſenen fortwährend mit Beſtimmtheit, daß die neugebil⸗ deten franzöſiſchen Armeen herbeikommen würden, um die Haupt⸗ ſtadt des Landes aus einer Lage zu befreien, die von Tag zu Tage drückender und unerträglicher wurde. Würdigung Löſung der — rg eine ſcherz migung ng der furht⸗ nänner, fmen wyurden wurde Zůgel⸗ efteite wieder ns an unlaßt nach vent Wes ſeit igt ſelle hm efecht thei⸗ zu zund ſend nden ebil⸗ upt⸗ z — 119— In der preußiſchen Heeresabtheilung ſtand das ſtattliche pommer ſche Füſilier⸗Regiment Nr. 34 in Brigade neben dem 30 Infanterie⸗Regiment mit ſeinen flinken und dabei ausdauernden Bergleuten vom linken Rheinufer. Mit den breitſchulterigen Dra⸗ gonern aus der Oderniederung ſtreiften unermüdlich bei Tag und Racht auf trefflich gehaltenen Roſſen die thüringiſchen Huſaren unſerem Herreszuge durch das feindliche Land voran. Bei den Bauern ging ihnen der Schrecken vor den Ulanen voraus; ſie be⸗ wahrheiteten auch hier das Wort des Gefangenen auf Wil⸗ helmshöhe von dem undurchdringlichen Schleier, der unſere Kriegs⸗ unternehmungen verhüllt. Dazwiſchen raſſelten außer den badiſchen drei Reſerve⸗Batterien vom Regiment Feldzeugmeiſter, die bald ihre guten Treffer in Granaten und Shrapnels ſehr nützlich ver⸗ werthen ſollten. Dieſes ſo zuſammengefügte kleine Heer unter dem Oberbefehl des Generals von Werder ſetzte ſich in den erſten Oktobertagen nach den Vogeſen in Marſch. Die erſten Marſchtage glichen einer romantiſchen Heerfahrt. Das ſchöne Wetter, der blaue Himmel, die reichen Landſchaften des Elſaß, wo die Rebe mit reifen Trauben jedes Bauernhaus in den ſchmucken Dörfern umrankt, die klaren Bergwaſſer, die aus anmuthigen Thälern antgegenrieſeln, durch welche ſich unſere glitzernden Colonnen auf guten Straßen bergauf und ab wanden: Alles belebte den allgemeinen Frohſinn. Selbſt auf anſtrengenden Märſchen in Staub und Hitze verſtummten nicht die heitern Sol⸗ dacenlieder. Bei Grand Fontaine in einer engen Bergſchlucht boten die nächtlichen Biwakfeuer unſerer Feldwachen ein Bild, des Pinſels eines Salvator Roſa würdig⸗ Hoch an den Bergwänden über dem langgedehnten Orte, wo weiland die Chaſſepot⸗Fabrikation geblüht hatte, lagerten un⸗ ſere müden Soldaten, ein wenig Stroh unter ſich, auf den feuch⸗ ten Bergwieſen. Der Flammenſchein ſpielte auf den Gewehrpy⸗ ramiden, darüber ſtarrten ſchweigend die dunklen Tannenwälder empor, in denen unſere Poſten und Patrouillen gute Wacht hiel⸗ ten, Alles vom bleichen Licht des Vollmondes ker der über der Schlucht aufging. — 120— Im Morgengrauen des nächſten Tages zogen die Kompag⸗ nien ſingend in ſo ſchnellem Tritt die Schlangenwindungen des höchſten Bergpaſſes hinauf, daß die Pferde kaum Schritt zu hal⸗ ten vermochten. Man traf eine Baumbarrikade nach der andern, von Franktireurs angelegt, von den badiſchen Pionieren jedoch bereits wieder aufgeräumt. Die mächtigſten Baumrieſen waren nutzlos quer über die Straße gefällt und boten jetzt mit ihren durchſägten Kronen einen Anblick des Bedauerns dar. Jetzt ging es noch ſteiler in das Land franzöſiſcher Zunge hinab. Neugierig gafften die Einwohner die Bataillone an, die mit rauſchender Regimentsmuſik abwechſend in ſtraffer Haltung durch die aufgeſchreckten Dörfer marſchirten. Die badiſche Diviſion, welche der General von Beyer befehligte, kam eher in's Feuer, als die übrigen Truppen des Werderſchen Korps. Es war am ſechsten Oktober, als der badiſche General von Degenfeld, der von Straßburg aus nach den Vogeſen marſchiren wollte, bei Epinal auf doppelt ſo ſtarke franzöſiſche Streitkräfte ſtieß, die vierzehntauſend Mann ſtark waren, nnd, theils aus Linientruppen, theils aus Mobilgarde beſtehend, von dem General Dupré kommandirt wurden. Trotzdem er die Uebermacht deutlich genug erkannte, fürchtete ſich der General von Degenfeld keineswegs davor und griff die Franzoſen blitzſchnell an, aber ſie hielten Stand. Sechs Stunden lang wüthete der Kampf um das Dorf Epinal herum, endlich wurde dieſes nebſt noch zwei anderen Ortſchaften von den helden⸗ kühnen Badenſern mit dem Bajonnett genommen. Freilich ver⸗ loren ſie dabei zwanzig Offiziere und vierhundert und zehn Mann, doch flochten ſie blutige Lorbeeren in den Kranz ihres Ruh⸗ mes ein. Die Franzoſen büßten mehr als das Doppelte an Mann⸗ ſchaften ein, und die Badenſer erbeuteten zahlreiche Waffen. Dieſer Kampf gegen eine doppelte Uebermacht wird denk⸗ würdig in der Geſchichte daſtehen. Und dieſe Tapfern wußten ihren Sieg zu behaupten und zu vervollſtändigen, und die Auf⸗ gabe, welche dem General von Werder geſtellt war, würde nament⸗ lich durch die Beihilfe ſo treuer Bundesgenoſſen auf das glän⸗ npag⸗ des u hal⸗ ndern, jedoch waren ihren Zunge die altung hüge, Korps. eneral ogeſen zöſiſche nnd n ürchtete tiff die tunden endlich helden⸗ ch ver⸗ Monn, Rih⸗ Mann⸗ Baffen. denk⸗ wußten ie Uu⸗ unent s zln⸗ In Lyon und im Juragebirge hatten die Generale Cambriels und Keller Truppen zuſammengezogen, mit denen ſie ſich auf die Armee des Generals Werder werfen und ſich, wo möglich, nach Deutſchland durchſchlagen wollten, um eine furchtbare Rache an ihren Feinden auszuüben. Garibaldi ſollte die Vorhut über⸗ nehmen und einen Verſtoß gegen Baden verſuchen. Für den kleinen Krieg, in welchem ſich dieſer Freiſchaarenfüh⸗ rer ſchon in Italien und Amerika ausgezeichnet hatte, hielt man man dieſe gebirgige Gegend für ganz geeignet. Eine zweite ſogenannte Oſt Armee ſollte ferner noch in Lyon gebildet werden und eine dritte in Orleans, die vorzüglich den Zweck hatte, die Belagerer im Rücken anzugreifen und Paris zu befreien. Alle dieſe Streitkräfte verdankten die Franzoſen der uner⸗ müdlichen Thätigkeit Gambetta's. Er ließ Waffen aus Amerika kommen, alle jungen Leute Frankreichs wurden, ohne vorher lange exerzirt zu haben, in die Uniform geſteckt. Kanonen wur⸗ den gegoſſen, kurz es geſchah Alles, um den Widerſtand ſo ener⸗ giſch als möglich durchzuführen. Worauf ſich aber Gambetta vorzüglich veriteß, das waren die Freiſchaaren der Franktireurs, denen er es an das Herz legte, den Deutſchen ſo viel als möglich und durch jedes mögliche Mittel zu ſchaden. Damit trat ein Zuſtand ſchauderhafter Geſetzloſigkeit ein, der Mord wurde geheiligt, weil er fürs Vaterland geſchah, Diebſtahl und Raub waren fortan erlaubte Handlungen. Von nun ab war nicht Weg noch Steg auch nur für einen Augenblick ſicher. Die Chauſſeen wurden abgegraben, ſo daß Reiter und Fuhrwerke, die ſie des Nachts paſſirten, in tiefe Gräben fielen, auf den Dorfſtraßen errichtete man Verhaue, und zahlreiche Eiſenbahnzüge verunglückten, weil die Schienen aufge⸗ riſſen oder durch große Steine unfahrbar gemacht wurden. Dieſe ſo nothwendigen Verbindungsmittel nun mußten auf das Strengſte bewacht werden, die angeſehenſten Bürger der benachbarten Städte wurden als Geißeln auf die Lokomotive ge⸗ ſtellt, und endlich wurde bekannt gemacht, daß alle in der Nähe i — 118— einer Unglücksſtelle befindlichen Dörfer eine Strafe von fünfhundert bis tauſend Thalern tragen ſollten und eine ſtarke Einquartierungs⸗ laſt bekommen ſollten. Solche Maßregeln waren nothwendig, wo jeder Bauer ſeine Flinte beſaß, um aus dem ſichern Verſteck heraus auf die Deutſchen zu ſchießen, und wo die Regierung beſtändig zu dem wüthendſten Haſſe gegen die deutſchen Feinde aufreizte, die doch nur, von den Franzoſen gezwungen, dieſen Krieg begonnen hatten. 15. Kapitel. Die Badenſer im Feuer. Während die Armee von Lyon und die Loire⸗Armee ſich aus regulären Truppen und Mobilgarden bildeten, war man auch deutſcherſeits nicht unthätig in dem Zuſammenziehen neuer Streit⸗ kräfte. Die Truppen, welche bisher vor Straßburg unter dem tapferen General von Werder gefochten hatten, theils Badenſer, theils Norddeutſche, erhielten die ſchwierige Aufgabe, durch das Vogeſengebirge gegen die Lyoner Armee, alſo gegen Garibaldi, Cambriels und Eremer zu ziehn, und von der Armee des Kronprinzen wurde ein Theil abgezweigt und unter das Kommando des bairiſchen Helden, General von der Tann, geſtellt, um die Loirearmee in Schach zu halten. Dieſes Corps beſtand aus Baiern und Preußen. In wenig Tagen war das Werder ſche Armeecorps, das vier⸗ zehnte, aus der badiſchen Diviſion und preußiſcher Linien⸗Infanterie, ſo wie Rerſerve⸗Cavallerie und Artillerie gebildet. Neben den Regimentern aus Süddeutſchland, nur durch Wappen und Cocarde an Helm und Mittze unterſcheidbar, marſchirten die Nord⸗ deutſchen. Gn 8u üh zah hel ind un ko kl U in hundert erungs⸗ et ſeine utſchen endſten on den me ſich n auch Streit⸗ ter dem adenet, urch do⸗ wibaldi, ee des mmando um die nd aus as vier⸗ f anterie, ben den en u ie Nold⸗ — 123— Gnade, kein Erbarmen, da gab es Zorn und gerechte Strafe. Zuletzt war es rheiniſche Infanterie, welche die Verfolgung uͤbernahm und viele Gefangene mittrieb, die gleich großen Heerden zahmer Thiere ganz munter in das deutſche Lager trabten. Hier beklagte man den Verluſt von drei Offizieren und hundert Mann, indeſſen die Feinde zwei Stabsoffiziere, dreizehn Oberoffiziere und hundertachtzig Mann allein Todte hatten. Die große Brücke über den Oignon könnte davon erzählen, welche Heldenthaten am zwei und zwanzigſten Oktober hier ge⸗ ſchahen. Da donnerte die Artillerie ihr gewichtiges Wort mit hin⸗ ein, und der Major Unger führte das dritte badiſche Infanterie⸗ Regiment zum Sturmangriffe vor. Aus allen ſeinen Stellungen wurde der Feind vertrieben, das Dorf Cuſſey wurde mit dem Bajonnett genommen. Das war ein Kampf! Einen Augenblick hörte man keinen Schuß, denn mit eingelegter Waffe ging es gegen die Franzoſen los, ſo dicht heran, daß, wo eine kühne Hand in die Flinte griff, ein Ringen Mann an Mann entſtand. Die Feinde flüchteten ſich in den Wald hinein, um von hier aus möglichſt ungeſehen eine ſteile Höhe zu erklimmen, auf der ſie nach Beſangon gelangen wollten. Um ſchneller da hinauf zu kommen, warfen ſie Gewehre, Torniſter, Munition von ſich und kletterten wie die Gemſen, doch die Kugeln ſauſten ihnen nach, und allein vier und ſechszig Verwundete ſtürzten wieder zurück, indeſſen zweihundert unverwundete Gefangene in die Hände der Sieger fielen. Als die Spitze des fünften badiſchen Regimentes ſich dem Dorfe Auxon näherte, erhielt ſie Feuer von der Artillerie, die in Etagen über einander auf den Bergen aufgeſtellt war. Geſchütze des ſchwerſten Kalibers befanden ſich darunter. Doch auch die Deutſchen beſaßen Kanonen, und dieſe ſchoſſen weit beſſer und erfolgreicher, denn die Franzoſen zielten immer zu hoch und richte⸗ ten gar nichts aus. Inzwiſchen war auch der übrige Theil des Werderſchen Korps unter dem Befehl des Generals von Werder ſelbſt in anſtrengenden Märſchen herangerückt und kam am zweiundzwan⸗ —————— ——— — — 124— zigſten Oktober grade zurecht, um in den Kampf bei Beſangon, den die tapfern Badenſer führten mit einzugreifen. Gegen Mittag lagerten die Werderſchen Truppen bei ſchönem Sonnenſchein im Biwak an der Straße; vor ihnen wallte der Geſchützddampf in den bekannten weißen Wölkchen auf, da die Uebergänge über den Oignon von der badiſchen Diviſion foreirt wurden. Der Befehl zum Abkochen ward gegeben. Luſtig trabten die Schaaren der Waſſerträger mit den Kochgeſchirren klappernd daher; andere gingen auf's Holzfaſſen aus. Da kam höherer Ge⸗ genbefehl. Doch die Aufſchiebuug des Mittagmahls aus dem Feldkeſſel trübt nur auf einen Augenblick den unverwüſtlichen Humor der leichtblütigen Soldaten. Bald treiben ſie wieder ihre gewohnten Lagerpoſſen. Endlich gegen vier Uhr Nachmittags kam der lang erſehnte Befehl zum Vorrücken. Eine Schwadron Dragoner ſitzt auf, und bald verkünden dichte Staubwolken in weiter Ferne ihr ſchnelles Vorreiten; auch Batterien raſſeln dahin. Die Bataillone der Infanterie eilen ſpäter ebenfalls dem Kampſplatze entgegen, der jetzt vvn Rauchwolken aus drei Dörfern in ſeinem weiten Umfange bezeichnet ward. Sie paſſiren ein Dorf. Eine Scheune liegt bereits voll Verwundeten, meiſt Franzoſen, deren noch immer an ihnen vor⸗ übergetragen werden. Auf der Straße, beſonders an der Brücke, ſind Franktireurs, Mobilgarden, Infanteriſten und Zuaven bunt durcheinander in zahlreichen Gruppen und verſchiedenſter Lage todt dahin geſtreckt; Gewehr⸗und Monturſtücke überall zerſtreut. Auf der Wieſe bewacht man einen Haufen Gefangener, 15 Offf⸗ ziere, darunter 3 Bataillonschefs, und 150 Mann ſind von den Badenſern eingebracht wurden. Ein ſchönes Schlößchen ſeitwärts im Dorfe ſteht in lichten Flammen. Hinter dem Dorfe biegen die Bataillone links ab. Ihre Patrouillen durchſtöbern alle Gebüſche. Sie ziehen einen marti⸗ aliſch blickenden älteren Offizier hervor, von dem einer unſerer jungen Lieutenants einen prächtigen Säbel erbeutet. Geſchrei und Gelächter vorn„Die ſtellten ſich nur todt!“ hört man rufen, meon, hönen ſte det a die foreirt trabten vpernd er Ge⸗ ldkeſſel r der ohnten ſehnte und hneles ne der det fange ts voll n vor⸗ Brück, bunt Loge ſtreut. Off den wärt⸗ Ihre mart⸗ unſerer eſchrei rufen, — 121— zendſte gelöſt. Es galt die Verbindungslinie zwiſchen Deutſch⸗ land und Paris zu erhalten, um den ſo weit in Feindesland vorgeſchobenen Armeen Lebensmittel, Munition und friſche Mann⸗ ſchaften zuzuführen; es galt einen jeden Einfall der Franzoſen in das ſüdweſtliche Deutſchland zu verhindern und die Lyoner Armee ſo feſt zu halten, daß von ihr den übrigen republikaniſchen Herren keine Hilfe kommen konnte. In den Tagen nach dem glorreichen Gefecht bei Epinal rückte der General von Werder mit ſeinen Truppen weiter vor und ſtellte die Verbindung zwiſchen Epinal und Luneville her, wodurch er ſich gegen die Ueberfälle vom Süden her ſicherte. Dies geſchah unter einer Reihe ſiegreicher Kämpfe, bei welchen die Franzoſen eine ganze Menge Gefangene, Waffen und Geſchütze einbüßten. Durch dieſe Gefangenen erfuhr man, daß es um Garibaldi's Korps herzlich ſchlecht beſtellt war, er ſelber litt furchtbar an Rheumatismus, ſo daß er oft nicht zu Pferde ſteigen konnte und ſich einer Sänfte bedienen mußte. Dazu fehlte es ſeinen Soldaten an Allem, was zur Kriegführung nothwendig iſt. Die Eiferſucht der franzöſiſchen Generale hatte dafür geſorgt, daß dieſe meiſt aus Fremden zuſammengeſetzte Legion ganz erbärmliche Gewehre erhielt, an Pulver und Blei und noch weit mehr an Lebens⸗ mitteln herrſchte der ſichtbarſte Mangel, daher kam es, daß die Leute, wo ſie ſich zeigten, wie hungrige Wölfe über die Vorräthe der Bauern herfielen und von dieſen gefürchtet und verachtet wurden. Sah man die Deutſchen oft mit Vergnügen kommen und mit Trauer ſcheiden, weil ſie durch baare Bezahlung Verdienſt in das Land brachten und ſich vorzüglich mit den deutſchredenden Elſäſſern freundlich zu ſtellen wußten, ſo erregte das ſchmutzige und diebiſche Geſindel nur Aerger und Verluſte. Am zweiundzwanzigſten Oktober fand ein abermaliger Zu⸗ ſammenſtoß der Werderſchen Korps mit der neu gebildeten ſogenannten Oſt⸗Armee ſtatt. Dieſe ſtand damals unter dem General Cambriels. Es war ein hartnäckiges Gefecht, denn Jeder wußte, worauf es ankam. Wäre es den Franzoſen gelungen, das — 122— deutſche Heer zu durchbrechen, ſo hätte ſich ſein Gegner zum Retter Frankreichs gemacht. Doch dazu kam es zu unſerem Glücke nicht. Cambriels wurde vielmehr über den Fluß Hignon auf Beſangon zurückge⸗ worfen, und erlitt bedenkliche Verluſte. Die überaus tapfere badiſche Diviſion, welche unter General von Beyer kämpfte, mußte auf dem Marſche von Veſoul bis zum Oignon dem Feinde Schritt für Schritt abringen. Das Terrain iſt durchweg hügelig. Stieg man getroſten Muthes eine Anhöhe hinauf, ſo wurde man oben von den gegenüberliegenden Höhen aus mit Mitrailleuſen⸗ kugeln empfangen. Dann ging es im Sturmſchritt durch das Thal über Gräben, Bäche und Flüſſe und jenſeits hinauf, um in gewaltigem Anprall Alles über den Haufen zu werfen, was nicht ſchon beim bloßen Anblick ſo kühner Streiter entfloh. Nichts ſetzte den Badenſern unüberwindliche Hinderniſſe ent⸗ gegen, ſie machten es wahr, daß der männlich feſte Wille, ver⸗ bunden mit Klugheit und zäher Ausdauer, Alles vermag. In der Nähe der Dörfer Rioz und Etuz verſuchte der Ge⸗ neral Cambriels, ſeine Leute zu feſterem Widerſtande gegen das Vordringen der Badenſer anzufeuern. Ihm ſtand anfangs nur die Vorhut unter dem General von Degenfeld entgegen, der allerdings nicht ſtark genug war, die Franzoſen zu werfen, doch hielt er mit großer Geſchicklichkeit das Gefecht hin, bis die beiden Infanteriebrigaden Prinz Wilhelm von Baden und von Keller anlangten und ihn unterſtützten. etzt wurde der Kampf ganz gewaltig hitzig, die Franzoſen erhoben ſich mit dem Trotz der Verzweiflung, doch half es ihnen zu Nichts, ſie mußten zurück, immer weiter zurück, aus dem Dorfe Auxon⸗Deſſus trieben ſie die Badenſer hinaus und in den Dignon hinein, in dem ſchon ſo manche Leiche ſchwamn Von da an war es eine Hetzagd. Hei, wie ſprangen die rothen Hoſen über das Feld, die Badenſer hinterher, und Schuß auf Schuß! Am Beſten hatte es, wer ßch ergab, die gutmüthigen Süddeutſchen thaten Keinem etwas zu Leide, der die Waffen ſtreckte, doch wehe Denen, welche widerſtanden, da gab es keine h li Al eir ¹ ſe de drü aue F drü geg En ſe der J der ein her⸗ Bat deät nerq ter zun mbriels urückge⸗ tapfere mußte de man ileuſen⸗ ch das f um was ue ſſe ent⸗ le, vet⸗ er Ge⸗ en das nur n der doch beiden Keller nzoſen ihnen Dorfe ignon en die Schuß thigen uffen keine und wirklich ziehen unſere fiinken Burſchen, die in durchlaß gucken, drei Franzoſ Graben hervor. Jetzt erreichten die Bataillone hübſchen Schloß, Chateau Chatandre, liegt. Der Abhang fällt ſteil in Wein Wieſenthal ab, das in allmäliger Erhebung zum jenſeitigen Abhange anſteigt, der, terraſſenförmig mit Wald bedeckt, von einer unſertigen Eiſenbahn tief durchſchnitten und mit einem Dorfe auf hohem Felſenabſturz gekrönt iſt. Rechts neben dem Schloſſe entwickelte ſich nun ein Artilleriekampf mit einer gegen⸗ über am Waldrande aufgefahrenen feindlichen Batterie. Die Regiments⸗Commandeure hatten die Bataillone bereits ſehr günſtig aufgeſtellt, um emem Hervorbrechen des Feindes ih der linken Flanke aus einem Dorfe mit einer Brücke davor zu begegnen. Da bringt ein Stabsoffizier den Be drüben zu nehmen. Die Bataillone aus dem weiten Wieſengrunde aufſteig Feind richtet ſeine Batterie auf ſie. Die Granaten und Shrapnels ſchlagen in die hinteren Compagnieen ein. Die Abenddämerung bricht herein; da funkelt der ganze Waldſaum drüben vom Chaſſepotfeuer, das mit fieberhafter Haſt ab⸗ gegeben wird— und immer höher ſteigt die Spannung. Endlich ſauſten auch die erſten Granaten der deutſchen Artillerie, ſie ſchlugen glücklich ein. Der unheimliche glitzernde Feuerſtreifen der Chaſſepots wird dunkel an den Stelle Jetzt wird i jeden Waſſer⸗ en unverſehrt aus einem naſſen ein Plateau mit einem das über einem Wehr bergen nach dem breiten fehl, die Batterie da tauchen bald in den enden Abendnebel. Der ein lautes Hurrrah! Sie ſind an einander! herein! Die feindlichen Batterieen Batterieen ſchweigen. deckt das Schlachtfeld, d Mit dem Beginn Das Dunkel bricht ſind verſtummt; auch unſere Das Gewehrfeuer erſtirbt. Dunkelheit as in deutſchen Händen bleibt. der Nacht gab der kommandirende Ge⸗ Auf dem rechten Flügel neral Befehl, zum Biwak zu gehen. — 126— nahmen die Sieger Stellungen in denſelben Orten, die ſie den Feinden abgerungen hatten. Am folgenden Tage verſuchte man nun, zu erforſchen, wie ſtark und wo ſich der Feind befand, doch ließen ſich unſere Heerführer für den Augenblick in kein ernſtliches Gefecht ein, weil ſie nicht wiſſen konnten, welche Uebermacht ihnen die Franzoſen entgegen zu werfen hatten. Am vier und zwanzigſten zogen die Deutſchen über La Cha⸗ pelle auf Gray zu und ſammelten ſich hier zu neuem Angriffe. Dieſe Truppenbewegungen geſchahen wie am Schnürchen mit der größten Ordnung und Sicherheit, und nirgends wurden ſie durch den Feind beläſtigt. In Gray erhielt der Oberſt⸗Lieutenant von Hartmann die Stelle eines Kommandanten, dann ging es weiter bis Mirebeau. Auf dieſer Straße jedoch hatten die Franzoſen Verhaue ge⸗ macht und die Chauſſee quer über breit aufgegraben, ſo daß es für Pferde und namentlich für Artillerie äußerſt ſchwierig wurde, vorwärts zu kommen. Barrikaden befanden ſich an allen Dorf⸗ eingängen, und in jeder Hütte ſteckten Franktireurs. Das war der Beginn des ſogenannten kleinen Krieges. Di⸗ Bauern hatten ſich in Maſſe bewaffnet und erwarteten die Deut⸗ ſchen, um ſie aus dem Hinterhalte hervor zu vernichten. Der General Cambriels hatte nämlich nicht weniger gelogen, ſeine Herren Kollegen, und ſeine Niederlage, ſeine Flucht nach Beſafthon wurde von ihm als großer Sieg auspoſaunt. Das glaubte das dumme Volk und freute ſich darcüf, die flüchtigen Feinde zu ſpießen und zu plündern. Das Bataillon Wolf vom zweiten badiſchen Infanterie⸗Regimente traf mit dieſem Pöbelhaufen zu⸗ ſammen, Schon der herrliche Anblick der Truppen, lauter kräftige, jugendlich ſchöne Geſtalten, erregte das Erſtaunen der Franzoſen. Konnten geſchlagene Soldaten ſo ausſehen? Doch mehr noch erſchreckte ſie die Luſt, mit welcher die Badenſer auf ſie losgingen. Mit ſolchen Banden kämpft man nicht, man züchtigt ſie. Es war ein luſtiges Gefecht. Mancher Bauer kam mit einer Tracht Prügel davon, wenn er ſchön um Vergebung bat, wo ſich aber zu ihnen reguläre Truppen geſellten, da gab es keinen Spaß mehr, mit blutigen Köpfen wurden ſie zurückgetrieben und mußten fünfzig fäl ter Leu lan ſie den te nan d, doch ſtliches rmacht neriße mi der ie durch ant von weiter aue ge⸗ daß es wurde, Dorf⸗ 5 b dit e Deyt⸗ n. Der Aſein ſchon hte das inde u zweiten fen zu⸗ täftigen mpoſen. hr noch fünſi 24 — 127— unverwundete Geſangene und die Bagage von faſt hundert Mann in den Händen der Badenſer laſſen. An demſelben Tage hatte das badiſche Leibregiment noch Gelegenheit, ſich unter ſeinem Führer, dem Oberſten von Wech⸗ mar, ganz beſonders auszuzeichnen. Bei Eſſertenüe ſtießen dieſe braven Soldaten mit den Franzoſen zuſammen. Das Bataillon Hoffmann hatte die Ehre, ſie anzugreifen, und mit einem gewal⸗ tigen Anprall warf es ſich auf die Feinde. Dieſe hiclten nur im Anfange Stand, ihre Führung war erbärmlich, denn leicht gelang es den Badenſern, ſie zu umgehen und in der Front und im Rücken zugleich anzugreifen. Da war es um ſie geſchehen. Fünfhundert Gefangene fielen in die Hände ver Badenſer, die ſelber nur den Verluſt von ſiebzehn Mann zu beklagen hatten. Doch als man dieſe vermeint⸗ lichen fraazöſiſchen Soldaten bei Licht beſah, da zeigte es ſich, daß es eigentlich Bauern waren, die ſich zuſammen gerottet hat⸗ ten, um die Deutſchen zu vertreiben. Solch ein Verfahren war gegen ieden Kriegsgebrauch, auch waren die Landleute genugſam vor jeder feindlichen Handlung gewaxnt worden. Dieſes Mal nun mußte man ein ganz augen⸗ fälliges Beiſpiel liefern, um das bethörte Volk vor ähnlichen Un⸗ ternehmungen zurück zu ſchrecken. Wohl mag es ſchwer ſein, Leute zum Tode zu verurtheilen, die ſich zur Entſchuldigung ihrer Verbrechen auf die heiligſte der Pflichten, die Liebe zum Vater⸗ lande, berufen; doch ſahen die Befehlshaber ein, daß ſie nur durch die äußerſte Strenge die Sicherheit ihrer eigenen Soldaten zu er⸗ halten vermochten. So wurde denn eine Anzahl der mit den Waffen in der Hand ergriffenen Leute vor ein Kriegsgericht geſtellt, dieſes er⸗ klärte ſie für ſchuldig, und am achtundzwanzigſten Oetober wurden ſie zu Are erſchoſſen. Der geſchlagene Feind hatte ſich auf die Stad Dijon zurück⸗ gezogen, und die Badenſer fanden fürs Erſte Niemand, mit dem ſie ſich hätten meſſen können. Die Dörfer waren meiſt verlaſſen, oder nur Weiber und kleine Kinder blieben darin zurück, indeſſen die Männer als Franktireurs auszogen. 4 — 128— Mürriſch genug wurden die Beſieger empfangen, wo ſie ſich zeigten, beweinte doch manche dieſer Frauen ihren eigenen Gat⸗ ten unter den Hingerichteten. Dazu kam ein faſt unaufhörlich ſtrömender Regen, der das Marſchiren furchtbar erſchwerte, und die Straßen waren durch jedes nur mögliche Mittel unwegſam gemacht. Doch trotz aller dieſer Schwierigkeiten beſetzte die Kolonne des Prinzen Wilhelm von Baden Mirebeau, nahm die Feldpoſt des Feindes gefangen und ſchob ihre Vorhut bis nach Dijon vor. Hier vermuthete man den Feind und machte ſich auf einen her⸗ ben Strauß gefaßt. Doch ſtellte es ſich heraus, daß ſich die Fran⸗ zoſen abermals weiter rückwärts konzentrirt hatten, und General von Beyer dachte deshalb die Stadt ſchnell in Beſitz nehmen zu können. Hier in Dijon münden drei Eiſenbahnen, während die Deutſchen ſich von der einen Seite her der Stadt näherten, brausten von den drei anderen zahlreiche feindliche Korps heran und ergriffen zum zweiten Male Beſitz von dem Orte. Dijon liegt an dem Zuſammenfluß von zwei kleinen Gebirgs⸗ flüſſen, hinter ihm erhebt ſich eintauſendachthundert Fuß hoch der Berg Affrique; es iſt die Hauptſtadt der Provinz Cöted'or und als ſolche der Sitz zahlreicher Civil⸗ und Militairbehörden, zu⸗ gleich aber auch als Knotenpunkt von drei Eiſenbahnen wichtig. Die Stadt hat vierzigtauſend Einwohner, die viel Gewerbefleiß beſitzen, und der Handel iſt ſehr bedeutend. Man ſieht daraus, wie viel den Deutſchen daran gelegen ſein mußte, ſich gerade dieſes Ortes zu bemächtigen. Die Sache ſchien ſich überaus günſtig anzulaſſen, ſo lange ſie vermuthen durften, daß Dijon von den Franzoſen geräumt ſei, indeſſen ſollte es ganz anders kommen, als man dachte. Der General Werder marſchirte in dem guten Glauben, Dijon durch die Badenſer ohne Schwertſtreich nehmen zu können, nach Gray zu, während die Brigaden Prinz Wilhelm und von Keller den Vor⸗ marſch auf die Provinzialhauptſtadt antraten. Die letztere Brigade hatte dabei einen Gewaltmarſch von fünf Meilen durch aufgeweichten Lehmboden und über die beſchwerlichſten Weghinderniſſe fort zu machen. Früh um fünf Uhr, als die Soldaten aufbrachen, regnete N fer die ſie ſich n Gat⸗ ſtörich und die emacht. olonne eldpoſt n vor. en her⸗ e Fran⸗ eneral nen zu nd die herten, un und ebirgs⸗ ch der rund n zl⸗ wichtig. efleiß elegen Sache uthen ſollie Dijon Grih Vor⸗ rigade eichten ort zu egnete — 129— es in Strömen vom Himmel herab; es war kalt, das Frühſtück war eben auch nicht allzuüppig geweſen, und die Leute fröſtelten und ſchüttelten ſich wie im Fieber. Dazu hatten ſie hier über Gräben zu ſetzen dort Barrikaden einzureißen und an anderen Stellen Bäume wegzuſchaffen, die quer über die aufgeweichte Straße geworfen waren. Doch das Alles hinderte ſie nicht in ihrem muthigen Vor⸗ gehen. Um halb elf Uhr meldete der Oberſt von Wechmar, der die Avantgarde kommandirte, daß kleine feindliche Korps die Hö⸗ hen beſetzt hätten, indeſſen verkrochen ſie ſich bald, da ſie ſahen, daß die Badenſer ihre Geſchütze auf ſie richteten. Ebenſo ſchnell wurden Banden von Franktireurs beſeitigt, die ſich in dem Dorfe Couternon eingeniſtet hatten. Erſt bei St. Apolinaire ſetzte ſich der Feind wirklich zur Wehre, die Artillerie nahm Stellung gegen ihn, und die Kaval⸗ lerie ſuchte ihn zu umgehen. Der fränzöſiſche Oberſt Fauconay feuerte ſeine Truppen mächtig an, und dennoch war es grade die von ihm befehligte Mitte, welche zuerſt durchbrochen wurde. Er überlebte dieſe Niederlage nicht, zum Tode getroffen ſank er dahin. Kräftiger widerſtanden die beiden Flanken, ſie hatten in mehreren ſteinernen Bauerhäuſern und auf Höhen Poſto gefaßt und mußten hier vollkommen belagert werden. Vos Dijon liegt ein Schloß, Mont Muſard, mit einem herrlichen Park. Die zurückgebliebenen Franzoſen retteten ſich hier hinein und fühlten ſich hinter den hohen ſteinernen Mauern wunderbar ſicher, doch welche Mauern konnten wohl dem Helden⸗ muthe der Badenſer zu hoch ſein? Als kräftige Turner hielten ſie einander den Rücken hin, ein Satz hinauf, oben ein Ueber⸗ ſchwenken, dann ein muthiger Sprung, und über weite Raſen⸗ flächen, zwiſchen Bäumen und Geſträuchern trieben ſie die Roth⸗ hoſen hervor und jagten ſie in die Vorſtädte hinein. Das ſchien die Feinde grenzenlos zu erſchrecken. Gegen Soldaten, die ſo etwas wagten, die gleichſam durch die Luft zu fliegen ſchienen, ließ ſich kein Widerſtand mehr leiſten. Mehr Glück hatten die Franzoſen auf dem linken Flügel, hier drangen 9 —— — 130— ſie ſogar vor, doch zwei Compagnieen des Leibregiments ſtanden ihnen entgegen und lieferten ihnen ein hartes Gefecht. Auf beiden Seiten war die Erbitterung groß und auf bei⸗ den Seiten hatte man ſchwere Verluſte zu beklagen. Dennoch gelang es den Badenſern, den Feind zurück zu werfen. Noch einmal ſetzte er ſich hinter dem Damm der Eiſenbahn nach Auxonne feſt, und der General von Beyer wurde genöthigt, ſeine ganze Kraft zu entwickeln und ihnen die Brigade Prinz Wilhelm entgegen zu ſtellen. Dieſe Grenadiere warfen ſich in die Vorſtädte St. Nicolas und St. Michel, die Batterien und die Kavallerie der Brigade Keller ſauſte heran, die Höhen um Dijon wurden genommen und mit unſeren Geſchützen beſetzt, Alles war in der glühendſten Thätigkeit, jedes Auge flammte, jedes Herz entbrannte in heißer Kampfbegier, und vorwärts, unaufhaltſam vorwärts, ging es im Siegeslauf. Doch kaum in die von dem niedrigſten Pöbel bewohnten Vorſtädte gekommen, zeigten ſich ihnen neue und unerwartete Hinderniſſe. Aus allen Fenſtern flogen Flintenkugeln entgegen. von allen Dächern fielen Steine auf ſie herab. Die Straßen waren mit Barrikaden verſperrt, das Pflaſter war aufgeriſſen, Weiber ſelbſt hatten die Waffen ergriffen oder begoſſen ſie von oben herab mit kochendem Waſſer und ſiedendem Oel. Selbſt aus ſolchen Gebäuden, die ſich unter den Schutz des rothen Kreuzes im weißen Felde geſtellt hatten, fielen Schüſſe, und deutſche Aerzte und Krankenträger wurden mitten in ihren Liebeswerken verwundet. Als die Vorſtädte genommen waren, ſah man ſich erſt vor den Mauern und mit Waſſer angefüllten Gräber der eigentlichen Stadt. Wälle und Befeſtigungswerke ſtanden hier noch von al⸗ ten Zeiten her und wurden in der Eile zur Vertheidigung herge⸗ richtet. Auch hier gab es noch eine ſchwere Arbeit zu thun. Indeſſen war es faſt dunkel geworden, und die Truppen, welche vom frü⸗ hen Morgen an auf den Beinen waren, ſanken faſt um vor Hun⸗ ger und Uebermüdung, auch mochte ſich der Genera! von Beuer Stro moð gen ldte ſen hino ren Leu ßeu einz nun Pio noch vel W un na gen Die hel ſter ſtanden auf bei⸗ dennoh enbahn öthigt, Prinz Nicolas Brigade ommen Nendſten heißer es im vohnten wartete nigegen⸗ Straßen getiſen⸗ ſie von hut des Schi n ihren erſt vor entichen vn al⸗ gherge⸗ Indeſſen 0U fri⸗ vor Hun⸗ n Benet — 131— dem Haß der Bevölkerung gegenüber nicht auf einen nächtlichen Straßenkampf einlaſſen. So ſchwer es ihm auch ankommen mochte, er mußte den Befehl zum Rückzuge geben. Dieſer Rückzug geſchah langſam, Schritt für Schritt, ſie tru⸗ gen ihre Verwundeten mit ſich fort, damit die Feinde ſie nicht tödteten und ſteckten die Häuſer, aus welchen am meiſten geſchoſ⸗ ſen worden war, in Brand. Kaum war der letzte deutſche Mann hinaus, ſo begann ein furchtbares Donnern. Die Kanonen wa⸗ ren gegen die Vorſtädte gerichtet und ſandten ihre Brandgeſchoſſe gleich rächenden Geiſtern in die Wohnungen der heimtückiſchen Leute hinein. Erſt als bereits viele Theile der Stadt in hellem Feuer ſtanden, befahl der General von Beyer, dieſe Beſchießung einzuſtellen. Im Scheine dieſer Flammen lagerten die deutſchen Truppen nun in den halb zerſtörten Ortſchaften rings umher, nur die Pioniere und die zu ihrem Schutze kommandirten Soldaten hatten noch zu ſchaffen, ſie erhielten den Auftrag, die Eiſenbahnen und Telegraphenleitungen zu zerſtören, damit die Franzoſen keine Zu⸗ fuhr an neuen Mannſchaften bekommen konnten. Dies geſchah unter dem Befehl des Major Wentz Der General von Beyer nahm in Varois Quartier, wohin auch hundert und vier gefan⸗ gene Franzoſen gebracht wurden. Aber die Beſchießung Dijons hatte die Einwohner der Stadt auf das Aeußerſte erſchreckt. Drinnen mag es wohl eben ſo hitzige Wortkämpfe gegeben haben, wie ſie mit Pulver und Blei geführt wurden. Die Fabrikanten und Induſtriellen zitterten für ihr Eigen⸗ thum, der Rath dachte an das Wohl ſeiner Bürgerſchaft, die Sol⸗ daten wütheten, doch mußten ſie den eigenen Landsleuten weichen, als ſie ſich noch nicht für geſchlagen von den Feinden erachteten. Um neun Uhr zogen die Bewohner von Dijon auf dem Rathhausthurme die weiße Flagge auf, und zu gleicher Zeit ver⸗ ließen die franzöſiſchen Truppen ſo ſchnell wie möglich die Stadt. Dieſe kapitulirte noch in derſelben Nacht mit dem Prinzen Wil⸗ helm von Baden und dem General von Beyer, der Bürgermei⸗ ſter ſtellte vor, daß Dijon ſelbſt ſich nicht an der Vertheidigung bethei⸗ 9* — 132— ligt habe, und daß nur der gemeinſte Pöbel der Vorſtädte es ge⸗ wagt, Feindliches gegen die Deutſchen zu unternehmen. Die Folge dieſer guten Worte war denn auch ein Vertrag, wie die Stadt ihn ſich unter ſolchen Umſtänden nicht beſſer hätte wünſchen können. Des republikaniſchen Präfekten, der den Plebs zu ſeinen Schandthaten aufgereizt hatte, bemächtigte man ſich noch in der Nacht und ſchaffte ihn nach Deutſchland. Am andern Worgen zogen dann unſere Truppen zum zweiten Male in Dijon ein, und dieſes Mal war Alles ſtill und friedlich um ſie her. Der Freiherr von Gemmingen wurde Kommandant der Stadt, und ſeine erſte Sorge war die Beſtattung der Todten und die Ver⸗ pflegung der Verwundeten. Unter großen Ehrenbezeigungen be⸗ grub man den franzöſiſchen Oberſten Fauconay, die tapferen Ba⸗ denſer aber, die hier ſo Großes geleiſtet hatten, genoſſen nur kurze Erholung, denn neue Kämpfe und neue große und herrliche Siege ſtanden ihnen bevor. 16. Kapitel. Die Marketenderin. Das war ein friſches, luſtiges Soldatenleben vor Parls Wer hätte das Leben ernſt nehmen mögen, da es vielleicht ſo kurz war! Es galt, es fröhlich zu genießen, die Sorgen in den Wind zu ſchlagen und auf Gottes Vatergüte zu vertrauen. Die Poſten, die nun ganz geregelt waren, brachten Nach⸗ richten und Gaben der Liebe aus der Heimat. Ja, das Vaterland erkannte es an, was dieſe braven Leute da draußen thaten und litten, und zeigte ſich dankbar dafür. Und ſie, inmitten des ſtärk⸗ ſten Kugelregens verloren nicht die muntere Stimmung. Zwar zog ſich die Belagerung in die Länge, Wochen und Monate ſchon lag man da in Verſailles und in den anderen te es ge⸗ Vertag ſer hät⸗ en Plebs ſich noch andern Dijon r. Dir dt, und die Ver⸗ gen he⸗ ren Ba⸗ ſen nur hertliche Fart eicht ſo in den nNn⸗ nierland un und es fürk⸗ Ortſchaften, und manche Freundſchaft mit den Eingeborenen hatte ſich angeſponnen, indeſſen machte man ſich nach und nach darauf gefaßt, den Winter hier zuzubringen und galt auch manch ein ſchwerer Seufzer den Lieben daheim, die allein und in Sorgen die langen Abende vertrauerten, ſo verſchwanden doch ſolche Gedanken ſchnell bei der beſtändigen Aufmerkſamkeit auf die Bewegungen des Feindes. Daß es in Paris ſehr ſchlecht beſtellt war, das erfuhr man draußen durch die armen Menſchen, die ſich bis an die deutſchen Vorpoſten heranwagten, um ſich auf den Feldern Kartoffeln und Rüben auszugraben. Für ein ihnen zugeworfenes Stück Kommis⸗ brot waren ſie höchſt dankbar, ob es gleich aus Feindes Hand kam, während doch in all den Ballonbriefen, welche man auffing, ſtets mit dem Ueberfluß an Lebensmitteln geprahlt wurde. Das kannten wir jedoch ſchon von Metz her, wo auch immer von einer Fülle guter Dinge die Rede war, die nur in der Einbil⸗ dungskraft und nicht auf dem Tiſche der Schreiber zu finden waren. Den Deutſchen fehlte nichts, ſie bekamen reichliche Nahrung aus ihrem Vaterlande nachgeſchickt, und wer Geld hatte, konnte ſich dazu noch kaufen, was ihm gefiel. Die franzöſiſchen Händler machten daher ganz ebenſo gute Geſchäfte, wie die deutſchen Marketender, wenn ſie Cognac, Wurſt oder kleine Fleiſchpaſteten herbei brachten. Da kam ein ſeltſames Fuhrwerk daher, ein offenes Wä⸗ gelchen, bepackt mit Fäſſern, Körben und Kannen, und darauf ſaß ein Mädchen und ließ das Füßchen gar zierlich herunterhän⸗ gen, ſo daß man die dralle Wade in dem feinen weißen Strumpf bis zu dem rothen Knieband hinauf ſehen konnte, auf den wild herumflatternden Locken trug ſie ein Soldatenmützchen, die blaue Jacke war, gleich der eines Turko, mit gelben Schnüren beſetzt, und der ſcharlachfarbene Rock war kurz genug, um nichts von den Reizen eines zierlichen Wuchſes zu verdecken. Vor dem Wagen trabte ziemlich verdroſſen ein Eſelein dcher, und ein altes Weib ging daneben, Dielt das Grauſchimmelchen — — — 134— am Zaum und fluchte nicht wenig, wenn es nicht ganz nach ihrem Willen ausſchritt. — Donnerwetter! ſagte Wilhelm Friſchmuth, die Hexe da muß ich kennen, weiß der Teufel, wo ich das Galgengeſicht ſchon geſehen habe. Thomas Wildberger ſtand daneben. — Fluch' doch nicht ſo gottesläſterlich, ſagte er, ſieh nur, das Madel iſt fein. — Ach, ſcheer Du Dich hier nicht um die feinen Mädels, warnte Wilhelm, dieſe Franzöſinnen ſind gar gefährliche Dinger, das cancanirt und ſcharmuzirt, bis es einen ſo ehrlichen Kerl, wie Du, um den letzten Groſchen gebracht hat. — Wilhelm hat Recht, warf Heinrich Becker ein, es iſt nichts mit den Franzöſinnen, ich liebe nur mein Sachſen, wo die ſchönen Mädchen wachſen. — Na, für Dich wird wohl die Allerſchönſte bald ausge⸗ wachſen ſein, lachte Friſchmuth, aber ſagt mir bloß, woher ich die alte runzlige Schachtel kenne? Unterdeſſen war das Marketendermädchen mit einem Sprunge vom Wagen herabgehüpft und ergriff eine Weinkanne, mit der ſie zu den deutſchen Soldaten kam, um für wenig Geld ihr ſchlechtes Getränk zu verkaufen. Alle ihre Bewegungen waren dabei ſo herausfordernd und gewandt, daß Thomas Wildberger ihr mit den Augen folgte, während der Berliner kein Auge von der Alten zu verwenden vermochte, die den Eſel ſchlug und die Fäſſer und Körbe ärgerlich hin und her warf. — Hol mich der Teufel, brummte der Maſchinenbauer, wenn das nicht die alte Hexe iſt, die Arthur und Richard gefangen hielt! O, wenn ſie die armen Jungen wieder in ihre Gewalt bekommen hat, dann wart, du Hexe, lieber will ich dich lebendig braten, als dir das kleinſte Stückchen von den beiden Bengeln laſſen. Indem näherte ſich ihm das hübſche Mädchen. — Iſt Ihnen Wein gefällig? fragte ſie in ihrem gebroche⸗ nen Deutſch. — Scheinſt ja ſelber ſehr gefällig zu ſein, antwortete er ziemlich mürriſch. au ch ihrem beg da cht ſchn eh nur Midels, Dinger, en Kerl, ſt nichts ſchönen ausge⸗ ich de prunge mit der Held ihr waren rger ihr on der nd die wenn fangen Gewalt lebendig nlaſſen. broche⸗ tete er — 135— Sie verſtand ihn nicht, ſie ſah auf Thomas Wildberger, und augenſcheinlich gefiel ihr der ſchöne Bayer ſehr wohl, denn mit gefallſüchtigem Lächeln reichte ſie ihm den Becher dar. Thomas trank und griff dann nach ſeiner Geldtaſche — O nein, flüſterte ſie, von Ihnen nehme ich kein Geld. — Ich muß doch den Wein bezahlen, meinte er. — Ja verſetzte das Mädchen mit einem übermüthigem Lachen, häßliche Brummbären, wie der Preuße da, bezahlen mit Silber, ſchöne Knaben, wie Sie, mit einem Kuß. — Nun, lachte er, wenns Madel ſüß und der Wein ſauer iſt, dann gleichts ein Kuß wieder aus, man kommt doch wieder zu einem guten Geſchmack. Da haſt'n Schmatz. Damit faßte er ſie um die ſchlanken Hüften und küßte ſie. Nach franzöſiſcher Art wollte ſie ihm nur die Wangen hinreichen, doch er verſtand die Sache beſſer und gab ihr einen herzhaf'en Kuß auf die Lippen. Sie ſah ihn freundlich an. — Du gefällſt mir, flüſterte ſie ihm zu. Komm zu mir, ich habe Dir viel zu ſagen. Damit eilte ſie davon. Wilhelm Friſchmuth hatte dieſe kleine Begebenheit mit ziemlich viel Aerger angeſehen. Für ſolch eine Dirne ſchien ihm ſein Freund tauſend Mal zu gut, und als ein Anderer ſeinen Neid über ſo viel Liebesglück unumwunden aus⸗ ſprach, da wandte er ſich davon und ſchlenderte zu der Alten hin, die ſchon von einen ganzen Haufen Soldaten umgeben war, die alle tranken, aßen und ſehr theuer dafür bezahlten. Jetzt, da er ſie in der Nähe ſah, war er überzeugt davon, daß es Margot war, aus deren Händen er Arthur befreit hatte. Er ſtellte ſich ihr gegenüber, um zu erforſchen, ob auch ſie ſich ſeiner erinnerte. Dies ſchien jedoch nicht der Fall zu ſein, denn ſie reichte ihm wie den Uebrigen ganz unbefangen die Eßwaare dar. Endlich, als ſich die Zahl der Hungrigen etwas vermindert, trat er zu ihr heran. — Iſt es ihre Tochter, das muntere Mädchen da? fragte er. — Mein Liſettichen, mein Herzblättchen! rief ſie, und ihre Züge verklärten ſich in freudigem Stolz. Nicht wahr, die iſt fein, — 136— ſo recht für einen Grafen und ſie ſoll auch wieder einen haben, wenn wir nur erſt wieder in Paris ſind. — Ja, das meine ich auch, erwiederte der Maſchinenbauer und ſtrich ſich ſeinen langen Bart. Für ſolch ein beſchwerliches Geſchäft iſt das Mädchen doch zu nett. — O, ſie iſt ein Engel! verſicherte die Mutter. Als wir uns zufällig wieder trafen, es war bei dem Lazareth, in das ſie einen Verwundeten brachte, die gute Seele, da ſagte ſie gleich, Mutter, ſagte ſie, ich gehe mit Dir, es giebt kein Leben außer Paris, ſagte ſie, ich werde nicht eher wieder luſtig ſein, bis ich in Paris Cancan tanzen kann. — Nun, luſtig ſcheint ſie mir jetzt ſchon zu ſein, meinte Wilhelm und blickte auf Liſette, die ſich an den Arm des Bayern gehängt hatte und ſehr munter mit ihm plauderte. Thomas ließ ſich das gefallen, aber Friſchmuth zog ein ſchiefes Geſicht, er war faſt eiferſüchtig darauf, daß ſein neuer Freund ſo ſchön mit einer franzöſichen Dirne that. Auch dem Sachſen war das nicht recht, aber er faßte die Sache nicht ſo ernſt auf. Er geſellte ſich zu dem Pärchen, Scherz und Lachen er⸗ klang rings umher, die Andern drängten ſich herzu und nahmen Theil an der Fröhlichkeit. — O Ihr deutſchen Bären! rief Liſette, könntet Ihr wenig⸗ ſtens tanzen! — Ei, das können wir ſchon, erklang die Antwort aus zwanzig Kehlen. — Ja, aber wie? fragte das Mädchen. So, mit dem Stock auf dem Rücken, trumm und dumm, ſo könnt Ihr es wohl. Sie ahmte dem Bären nach, der ſich zum Takte der Muſik bewegt, es ſah ſo komiſch aus, es hörte ſich ſo lächerlich an, wie ſie brummte und knurrte, daß Alle ein ſchallendes Bravo riefen. — Aber ſeht! begann ſie plötzlich, wir Franzoſen, die wir keine Bären ſind, wir tanzen ſo. Und nun flog ſie leicht wie eine Feder und ſchnell gleich einem Kreiſel auf und nieder. Dem Bayern gab ſie im Vorüberſchweben einen Kuß, dem Sachſen ſchlug ſie mit der Spitze ihres Fußes die Pfeife aus dem el —— haben, enbauer verliches Als wir das ſie e Reich n außer bis ich meinte Boyern zog ein n neuer ch dem ſo ernſt hen er⸗ nahmen wenig⸗ rt a nStock Wufi an mie riefen⸗ di wir 1 gheich ß, dem us den — 131— Munde, ſie wirbelte umher, das Röckchen flog im Winde, der Oberleib wiegte ſich in den Hüften, die halb geöffneten Lippen athmeten Lüſternheit. Endlich warf ſie ſich heißerglüth an Wild⸗ bergers Bruſt. — Schau, ſagte der, man muß ſich nicht zu viel thun. — Rein, riefen die andern Soldaten, ſo können wirs frei⸗ lich nicht. — Ich will es Euch lehren! rief ſie. Da ſtell Dich hin, ich ſinge! Jetzt komm mir entgegen, ich bücke mich und Du ſpringſt über mich hinweg! — O pfui, ſo tanzt man nicht bei uns! rief Thomas ganz entſetzt. — Richt? fragte ſie. Bei Euch tanzt man ohne Luſftigkeit, bei uns iſt Alles heiter. Siehſt Du, die Dame ſetzt den Hut des Herrn auf, dann umfängt ſie ihn mit der Schleppe ihres weiten Kleides, er ſchwenkt ſie hoch, hoch empor. verſuch' es doch einmal, es geht ganz leicht. Der treuherzige Bayer verſuchte es freilich, doch hatte er kaum den Muth, die ſchlanke Taille zu umſpannen, und ſie lachte ihn aus. Friſchmuth war dazu getreten, er ſah mit ſchlecht ver⸗ hehltem Zorne, welch ein Gefallen ſeine Kameraden an dem un⸗ anſtändigen Tanze hatten, endlich brach er los: — Schämt Ihr Euch nicht, ſolche Gemeinheiten von einer franzöſiſchen Dirne zu lernen? fragte er. Jagt doch die Vettel zu ihrer Mutter zurück, die jedenfalls die ſchmutzigſte Hexe iſt, die jemals mit dem Teufel nach dem Blocksberg reiſt. Liſette warf ihm einen Wuthblick zu, die Uebrigen meinten, ihn ginge es nichts an, wenn ſie ſich amüfirten. — Nun, ſagte er, wenn Ihr Luſt habt, als Errungenſchaft dieſes Krieges allerlei Unſittlichkeiten mit nach Hauſe zu bringen, mir kann es recht ſein. Nur Dich, Thomas, bitte ich, laß Dich von dieſer pariſer Schlange nicht bethören, für die iſt ein Burſche Deiner Art zehn Mal zu gut. — Haſt recht, ſagte der Bayer, es iſt nix mit den Franzö⸗ ſinnen, unſere Madels daheim können nicht Cancan tanzen⸗ aber ſie küſſen auch nicht den Erſten Beſten. ¹ * — 138— — Ja, ſagte Becker, laßt uns lieber ein luſtig Soldaten⸗ ſtückchen erzählen, das iſt geſcheidter, als die abgelebte Dirne zu hofiren. — Nun ſo erzähl was! rief einer der Soldaten. Du weißt ja immer hübſche Geſchichten und kannſt ſprechen wie ein Buch, wenn Du bei Laune biſt. Heinrich ſtrich ſich lächelnd den Schnurrbart. — Kennt Ihr ſchon die Zeitungsreiſe unſeres Lieutenants Hoffmann? fragte er. — Die Zeitungsreiſe? ſagten die Soldaten. Was ſoll das heißen. Erzähle, Becker, erzähle! — So wißt, ſprach dieſer, in unſerer Kompagnie ſteht ein Lieutenant Hoffmann, der war neulich auf Vorpoſten. Nun hatte ihm unſer Diviſionsgeneral jüngſt ſcherzweiſe geſagt: Können Sie mir nicht wenigſtens einmal eine franzöſiſche Zeitung verſchaffen? und er hat ſich das zu Herzen genommen. Vorgeſtern früh alſo nimmt er ſich einen Unteroffizier der Compagnie, auf den er ſich verlaſſen kann, und ſchleicht ſich mit dieſem auf dem Bauche durch die feindlichen Vorpoſten bis zur Feldwache. Als die Feldwache des Offiziers und des Sergeanten anſichtig wird, feuert ſie mehrmals auf Beide. Dieſe rückten in⸗ deß immer näher, und die franzöſiſchen Poſten glaubten erſichtlich, die Herren ſeien die Spitze einer Compagnie, die ihnen auf dem Fuße folge, und ſo ergriffen ſie eiligſt die Flucht. Lieutenant Hoffmann kannte die Gegend genau. Er wußte, daß in einem Landhauſe noch ein Engländer wohne, der trotz des Krieges ſeine Wohnung nicht verlaſſen habe. Er tritt in das Haus und findet den Engländer, den er mit geſpannter Piſtole begrüßt, gerade beim Frühſiück. — Eine pariſer Zeitung oder das Leben! ruft er dem Er⸗ ſchrockenen zu, der ihm ſofort die neueſte Nummer überreicht, und ſtolz und glücklich ob des erbeuteten Blattes treten Beide den Heimweg an, den ſie ohne Fährlichkeit zurücklegen. Das nennt man jetzt die Zeitungsreiſe. Die Soldaten brachen in ein ſchallendes Gelächter aus. — Bravo, bravo, riefen ſie, das war hübſch! 25 Adaten⸗ irne zu u weißt Buch enantz oll das eht ein nhatte en Sie haffen? ier der ch mit is zut anten ten in⸗ chtlich f dem wufte des et mit m Er⸗ t und den nennt — 139— — Aber wer war denn der Unteroffizier, den der Lieutenant Hoffmann mitnahm? fragte einer. — Was intereſſirt Euch das? fragte Becker lachend. — Oh, ich merke ſchon, rief der Frager, Du biſt es ſelbſt geweſen, Becker. — Ja, ja, Becker war's, das ſieht ihm ähnlich! riefen ſie, Becker hoch, der Zeitungsreiſende ſoll leben! — Gebt Euch zur Ruh, Kinder, ſchmunzelte Heinrich. Wenn Ihr recht artig ſeid, erzähl' ich Euch nächſtens noch etwas Hübſcheres. Er faßte Wilhelms einen Arm, Thomas nahm den anderen, und ſo gingen ſie mit einander fort. Die anderen Soldaten zeigten nun auch nicht die mindeſte Luſt mehr, ſich weiter mit Liſetten einzulaſſen, und gingen auseinander. Es war die Zeit des Zapfenſtreichs, dabei verrichtet ein Jeder ſein Gebet, ein Jeder denkt an die Lieben daheim, und daß er ihrer und des Vaterlandes, für das er zu kämpfen hat, würdig bleiben muß. Liſette ſah ſich plötzlich allein. Thränen der Wuth traten in ihre Augen, ihre Hände ballten ſich. Hätte ſie den Berliner faſſen können, ſie hätte ihn erwürgt. Jetzt ging ſie zu ihrer Mutter zu⸗ rück, die eben den Reſt ihres Krams einpackte. Sie hatte gute Geſchäfte gemacht und war in der beſten Laune. um ſo mehr ärgerte ſich Liſette, ſie klagte der alten Margot, daß ihr der junge Mann in der hellblauen Uniform ſo gut ge⸗ fallen habe, und daß er gewiß bei ihr geblieben wäre, wenn ſich nicht der große ſtarke Menſch mit dem lange Barte hineingemiſcht hätte. — Der? fragte Margot und blinzelte nach ihr hin. Iſt mir es doch, als kennte ich ihn. Ja, das iſt derſelbe, der mir meine Affen entführt hat. Ei, der will mir mein Liſettchen ärgern? Aber wart, Dich will ich faſſen, die alte Margot hat noch Zähne und Nägel. Mit Dir nehme ich es noch auf. Komm nur, mein Täubchen, wir wollen fort. Morgen kommen wir wieder, dann gieße ich Quaſſia in den Branntwein, da ſollſt Du ſehen, wie ſie — 140— Geſichter ſchneiden werden. O. wenn ich ſie doch Alle, Alle ver⸗ giften könnte! Liſette ſchwang ſich auf den Wagen, und ſie fuhren davon, von Ferne ſcholl ihnen ein Choral nach, den die Deutſchen Mili⸗ tairmuſiker ſpielten. Doch waren ſie noch nicht weit gekommen, als ihnen ein Werda! entgegenſchallte. Margot bat um die Er⸗ laubniß, durch die Vorpoſten gelaſſen zu werden. — Nichts da! hieß es, bei Nacht paſſirt man nicht. Sie wolkte ſich an den Offizier wenden, doch auch das wurde ihr verweigert. Die Nacht war kalt, und doch blieb ihr nichts Anderes übrig, als ihre Zuflucht im Walde zu ſuchen. Sie lenkte den Eſel dahin. Die Bäume hatten ſchon den größten Theil ihres Laub⸗ ſchmuckes herabgeſchüttelt und gewährten wenig Schutz gegen den Wind. Traurig knarrten die Aeſte, dazu donnerten von Ferne die Schüſſe aus dem Fort Iſſy. Da, wo es am dichteſten und geſchützteſten zu ſein ſchien, machte Margot Halt und hüllte ihr liebes Töchterchen in wollene Decken ein, um es gegen den Froſt zu ſchützen. Liſette ſeufste ſchwer. — Ach, ſagte ſie, ſonſt ſchlief ich auf ſeidenen Polſtern und war nicht zufrieden, wenn mir die Kammerfrau die Chokolade zu früh an das Bett brachte. Ich glaubte, das herrliche Leben könne niemals ein Ende nehmen, ach, und jetzt, hu! mich friert! ieb mir einen Cognac, Mutter, um mich zu erwärmen! Margot reichte ihr das Glas. — Sei ruhig, mein Püppchen, ſagte ſie, das dauert gar nicht lange, ſo haſt Du einen ſchönen Prinzen, der Dich in Sammt und Seide kleidet. — Glaubſt Du? fragte Liſette. Heut habe ich mit deutſchen Soldaten kokettirt, und dennoch gefiel ich keinem. Ach, Mutter⸗ wenn ich alt und häßlich werde, wie Du, was fange ich dann an? Pfui doch, wie abſcheulich ſchmeckt dieſer Schnaps, ich glaube wirklich, es iſt ſchon Quaſſia darunter.. Mutter, was fange ich an, wenn ich alt und häßlich bin? — Ei, kicherte Margot, was wir Alle anfangen, wenn das = Alter habe ler! lg ftiere dien Aug den und bis tiß ihre Del ſe ger geb Au So wie vel cwon, Mili men, Et⸗ — 141— Alter kommt, wir werden ſolide, und wenn wir nichts gefpart haben, ſo arbeiten wir.. — Arheiten! rief Liſette, gar wie Du, in einem Lumpenkel⸗ 2 ler! Ha ha, das fehlte mir! O, lieber gehe ich in das Woſſer! — Still doch, bat die Mutter, das ſind böſe Gedanken. Da leg Dich nieder, ich wickle Dir die Füßchen ein, damit ſie nicht frieren. Du biſt jung und ſchön, Du kannſt noch viel Geld ver⸗ dienen. Gieb es mir nur, ich hebe es Dir auf, dann haſt Du s, wenn Du es brauchſt. Liſette drückte ſich in die Ecke des Wagens und machte die Augen zu, aber ſie konnte nicht ſchlafen, ſie mußte beſtändig an den ſchönen Bayern denken, und ob er ſie zu ſeiner Frau machen und mit ſich nehmen möchte. Dieſer Gedanke verfolgte ſie noch bis in den Traum hinein, doch trat der Berliner dazwiſchen und riß ſie fort, als ſie mit Thomas vor dem Altare ſtand, und tra ihren Kranz mit Füßen.. Margot hatte ſich neben den Eſel gelegt, denn da ſie keine Decke außer der, die ſie Liſetten gegeben hatte, beſaß, ſo wärmte ſie ſich an dem Grauſchimmel, doch nicht lange follte ſie der Ruhe genießen, denn es raſchelte in dem dürren Laube, und leiſe, gebückt ſchleichend gleich einem Raubthiere, das in dem nächſten Augenblick zum Sprunge anſetzen will, kam es aus dem hervor geſchlichen und näherte ſich ihr. 1 17. Kapitel. Immer noch vor Paris. Da lag ſie nun, die herrliche Stadt. Deutlic ſah man im Sehnſucht ſtrebte hinein, und feſt verſchloſſen waren ihre Pforten, wie die Schwelle des Paradieſes bewacht von feurigen Schwertern! —————————————————————————————— Sonnenſcheine ihre Thürme ragen, ihre Paläſte ſtrahlen, ach, die — 142— Wohl mußte es hart ſein, darauf hinzublicken und nie ſein Ziel zu erreichen, doppelt hart, wenn alles Glück des Lebens hinter jenen Mauern lebte, wenn Liebe und Verlangen dahin drängten, wo Haß und Rachbegierde die Wache hielt. Reinhold von Iſſelhorſt ſtand täglich auf den Höhen, die Paris umgeben, er dachte an Helene, an Iduna, ach und tauſend Grüße ſandte er der Geliebten zu. Ahute ſie ſeine Nähe, zitterte ſie für den Feind ihres Vaterlandes? O, wie mochte die Un⸗ glückliche leiden! Die Gefangenen berichteten von der entſetzlichen Theurung aller Lebensmittel, von dem Mangel an Brennmaterial, von der unruhigen Stimmung des Volkes von Belleville.. und Helene befand ſich inmitten aller dieſer Beſchwerden, ſie, ein zartes, ſchwaches Mädchen! Wenn ſie krank würde vor Angſt und vor Sehnſucht nach ihm, wenn ſie ihn für todt hielt er mochte es nicht denken, und dachte doch an nichts Anderes. Wohl ſah er es ein, daß ſich die Belagerung nicht beſchleu⸗ nigen ließ, und doch quälte ihn eine namenloſe Ungeduld. Nur wenn er zu Maria Fiſcher ging, wurde ihm wohler, beſaß ſie doch den Balſam für alle Wunden, die ſanfteſte chriſtliche Er⸗ gebung, die ſie allen Leidenden mitzutheilen wußte. Ihre Rückkehr war in dem Lazareth mit Jubel begrüßt worden, und als ſie mit ruhiger Beſtimmtheit erklärte, ſie wolle nicht ſagen, wo ſie dieſe letzten Tage zugebracht habe, wagte es Niemand, mit Fragen in ſie zu dringen, und ſtill und unbehelligt ſetzte ſie ihre ſchwere Arbeit fort. Ihr blieb dabei ein wunderbarer Troſt. Sie wußte ſich in der Nähe ihres Beſchützers, und was hatte ſie zu fürchten, wenn er da war, in deſſen Obhut ſie ſich befand? Reinhold von Iſſelhorſt brachte faſt ſeine ganze freie Zeit bei ihr zu, oder er unterhielt ſich mit Wilheim Friſchmuth. Der junge Graf hatte als Landwirth eifrige Studien gemacht und viele Länder bereiſt, um Kenntniſſe einzuſammeln, dennoch ver⸗ ſchmähte er es nicht, ſich Belehrung zu erbitten, wo er ſie finden konnte. Er ſah ein, daß der Landbau ſich immer mehr und mehr auf mehr ſten als Dre auch füſſ wäß 6ef Run hinz die am Han wob unte W unt übr fran nen Aus war von ran Tuu ſce ſad tin — 143— in Ziel auf die Maſchinenarbeit gründen mußte, da ſich ihm leider immer hinter mehr Kräfte entziehen. Wilhelm Friſchmuth wußte mit den neue⸗ ängtn. ſten Erfindungen trefflich Beſcheid, denn er trieb ſein Handwerk als ein denkender Menſch. Er kannte die beſten Dampfpflüge, n, die Dreſchmaſchinen und andere dergleichen Hilfsmittel, er hatte ſich uiſend auch um die Art und Weiſe bekümmert, in welcher man das über⸗ itert früſſige Waſſer von den Feldern ableitet oder durch Röhren Be⸗ ie Un⸗ wäſſerungen des trockenen Bodens herſtellt. Ueber alles dieſes führten die beiden jungen Leute lange eurinz Geſpräche, die Beiden zur Belehrung und zum Vortheil gereichten. von der Nun kamen auch noch Thomas Wildberger und Heinrich Becker pelene hinzu. Jener kannte die Brauerei aus dem Grunde und gab ju, die beſte Unterweiſung, wie man in der Oekonomie die Maiſche 5 vot am zweckmäßigſten verwendet und wie Viehzucht und Brennerei nqhe Hand in Hand gehen müſſen. Friſchmuth zeichnete Maſchinen, e wobei ihm Heinrich Becker behilflich war, und ſo entſtand denn je⸗ unter den vier Männern ein reger geiſtiger Verkehr. zur Erhielten ſie Briefe und Zeitungen ſo theilten ſie ſich die⸗ ſelben mit, hatten ſie gute Bücher, ſo laſen ſie ſich einander vor, h und in dieſer Weiſe füllten ſie die Stunden, die ihnen der Dienſt e 6. übrig ließ, auf das Rützlichſte aus. 2 Doch nahm der Dienſt ſie freilich ſehr in Anſpruch Die franzöſiſchen Forts hörten nicht auf, ihre lauten Stimmen erts⸗ ſogen⸗ nen zu laſſen, und jeden Augenblick mußte man auf einen neuen emund Ausfall vorbereitet ſein. Dieſer ließ denn auch nicht auf ſich ezt ſe warten. Trochu wurde von ſeinen Leuten arg gedrängt, die Stadt ſch w von ihren Belagerern zu befreien, ihm freilich lag nur wenig da⸗ wenn ran ſich abermals ſchlagen zu laſſen, er hoffte auf Entſatz, der ihm von außen kommen ſollte. Aus Tours ſandte Gambetta eie 3i Tauben, welche zwar keine Friedenszeichen, wohl aber die Ver⸗ ſicherung brachten daß die neu gebildeten Armeen ſich der Haupt⸗ t und ſtadt nahten, und daß der Sieg gewiß ſei wenn Paris nur noch ch ver⸗ kurze Zeit aushielte. Am meiſten hetzten zum fortgeſetzten Kampfe die Zeitungen „ — 144— der feuerrothen Republikaner, hirnverbrannte Organe halbverrück⸗ ter Männer. Eines ihrer Häupter, der bekannte Rochefort, war Präſident der Barrikadenkomiſſion, welche den Auftrag hatte, die Straßen von Paris zu verſperren, damit die Deutſchen, wenn ſie etwa eindrangen, ſich Zoll für Zoll zu erobern hatten. Dieſer Barrikadenbau wurde äußerſt künſtlich und geſchickt ausgeführt, ſo künſtlich, daß die franzöſiſchen Soldaten, wenn ſie einen Ausfall machten, nur in dünnen Linien herauskamen, und ihre Spitzen längſt von den Deutſchen Truppen zurückgeworfen waren, ehe ſie ihre ganze Macht entwickelt hatten. So rührig ſich aber auch Rochefort bei dem Barrikadenbau bewieſen hatte und als wie großer Deutſchfreſſer er ſich auch ge⸗ berdete, wenn es Ernſt wurde, rettete er, wie jeder der Haupt⸗ ſchreier, ſeine Haut zuerſt. Es war der gewöhnliche Ausweg dieſer elenden Prahlhänſe⸗ ſich bei der Ambulanz beſchäftigen zu laſſen, da ſie wußten, die Deutſchen ſchoſſen auf Verwundetenträger nicht, es war alſo keine Lebensgefahr dabei. Trotzdem drehte Rochefort, der ſich auch bei einer Ambulanz hatte einſchreiben laſſen, an dem Tage, wo der erſte blutige Ausfall bei. Le Bourget ſtattfand, ſofort am Thore wieder um, als er die Gewehre knallen und die Kanonen brummen hörte. — Ich kann kein Blut fließen ſehen, ſagte er zu ſeinem Rebenmann, indem er nach der Stadt zurückeilte. So waren die Großſprecheriſcheſten die Feigſten, ſie fürchteten für ihren Körper und hielten ſich im Hintergrunde, reizten aber unabläſſig zum Widerſtande an. Dieſer Widerſtand war freilich ſchwer, weil das Fleiſch ſo knapp geworden war, daß man ſich mit dem der Pferde begnü⸗ gen mußte. Nun erfordert es freilich die Gerechtigkeit, den Pa⸗ riſern zuzugeſtehen, daß ſie dieſe Beſchwerden mit der größtmöglich⸗ ſten Selaſſenheit ertrugen. Pferdefleiſch, an das man nicht ein⸗ mal Butter und Speck thun kann, wäre für uns Deutſche ein abſcheuliches Eſſen. Dort war es anders. Von jeher verſtanden ſich die Fran⸗ oſen Spr toffe die freil hot Re verrück⸗ räſident Straßen eetwa eſi chict nn ſie en und eworſen denbau auh g⸗ Haupt⸗ hlhänſe ten, die ſo keine Unbulam der um hörte ſeinen inhtten en cber Fleſſch ſi de begni⸗ den P⸗ migl⸗ iht n⸗ uſche 6 ie hn⸗ — 145— . zoſen vortrefflich auf die Zubereitung der Speiſen, und ein altes Sprichwort ſagt dort: Mit einer guten Sauce eſſe ich den Pan⸗ toffel meiner Großmutter. So geſchah denn auch jetzt Alles, um die elendeſten Speiſen ſchmackhaft zu machen. Die Preiſe waren freilich auch danach, und für ein gutes Mittageſſen gab man ſo viel aus, wie ſonſt die Ernährung für mehrere Monate koſtete Die Armen kamen dabei natürlich am ſchlimmſten fort, ſie hatten nicht einmal Kartoffeln, um ihren Hunger zu ſtillen. Schon von Mitternacht an ſah man die unglücklichen Weiber in langen Reihen vor den Läden der Bäcker ſtehen, um ein kärgliches Stückchen Brot zu erlangen. Das Fleiſch wurde rationsweiſe ausgetheilt, wo es nicht auslangte, half man ſich mit Katzen, Hunden und Ratten. Dieſe letzteren zu eſſen, dazu konnte nur der ſchlimmſte Hunger verleiten, denn erſtens ſind dieſe Thiere Fleiſchfreſſer, die wir ohnedies nicht zu unſerer Nahrung zu nehmen pflegen, zweitens leben ſie in dem widerlichſten Schmutz, und drittens ſind ſie es, aus deren Leib die Trichinen in den Körper des Schweins und dadurch wieder in den unſrigen übergehen. Dennoch wurde es in Paris Mode, fette Ratten zu eſſen. Man fing ſie aus den Kloaken, aus den Rinnſteinen heraus und richtete ſie ſo appetitlich wie möglich zu, aber die ſchlauen Thiere erkten es bald, daß ihrem Leben Gefahr drohte, und verliefen ſich, ſo daß auch dieſer Braten ſelten wurde. Vortrefflich, ſo behaupteten die Feinſchmecker, war Eſelsfleiſch In Italien iſt dieſe Speiſe nichts Ungewöhnliches, und die Gſelswurſt, Salami genannt, gilt dort für eine Delikateſſe. Auch in Paris, wo man viel Eſel und Maulthiere hält, war ein Braten von ſolch einem Grauſchimmel ſehr geſucht. Aber die Noth trieb zu noch Schlimmerem. Die Thiere des zoologiſchen Gartens wurden an den Meiſtbietenden verkauft und furchtbar theuer bezahlt. So konnte man denn Bärenkeulen und Rennthierſchinken oder auch fette Stücke vom Slephanten, Neshorn und Kameel, von Lama und Antilope, Papageien und Rieſen⸗ D. V. Th. II. 10 ——— — 14 b— ſchlangen bekommen, falls man nämlich darauf Appetit und zu ſeiner Befriedigung das nöthige Geld beſaß. Mehr aber noch als der Mangel an Rahrungsmitteln drückte der an Holz und anderem Brennmaterial. Es war doch nicht möglich, das Fleiſch roh zu eſſen, doch weder zum Heizen noch zum Kochen waren Kohlen oder Torf vorhanden. Die Aermſten machten ſich kein Gewiſſen daraus, Bauzäune umzureißen und fortzuſchleppen oder aus leerſtehenden Häuſern Thüren und Möbel zu entführen. Schrecklich war es für die kleinen Kinder, die vor Froſt erſtarrt auf den Straßen kauerten, für die Mütter, die für ihre Säuglinge weder Milch noch einen erwärmenden Hauch in der erſtarrten Bruſt beſaßen. Täglich mehrte ſich die Zahl der Todesfälle. Oft fand man erfrorene Menſchen an die Mauern der Häuſer gelehnt, öfters noch Kinder, die mit hohlen, erlöſchenden Augen dahin taumellen, zu matt, ſich auf den ſchwankenden Füßen zu erhalten. Die Hospitäler waren mit Kranken überfüllt, und auch ſie beſaßen nichts, um die entſchwindenden Lebensgeiſter zu feſſeln, auch hier, fehlte es an Allem, an paſſender Nahrung, an warmen Zimmern, an Arzenei. Da hätten die Tiſchler ihren Verdienſt gefunden, wenn ſie die Särge für ſo Viele gemacht hätten, aber ſie zogen es vor, ihr Holz zu verkaufen, damit die Ueberlebenden ſich an ſeiner Gluth wenigſtens für kurze Zeit erwärmten. Auch in dem Hauſe der Herzogin von Montalto kannte man die Noth. Iduna gab den Armen ſo reichlich, daß ſie ſelbſt faſt Mangel an dem Nothwendigſten litt. Sie konnte nicht mehr das ganze palaſtähnliche Gebäude heizen laſſen, und ihr Mittagsmahl beſchränkte ſich auf zwei Gerichte. Den größten Theil ihrer Die⸗ nerſchaft hatte ſie entlaſſen, die Männer, um unter die Mobil⸗ garden zu gehen, die Frauen, um Paris zu verlaſſen oder Krankenpflege zu übernehmen, ſie ſelber und Helene arbeiteten mit unermüdlichem Fleiße, bald Zeug für eine arme Wöchnerin, vald Verbandgegenſtände für die Verwundeten. Das gaus verließen ſie faſt gar nicht mehr, denn auf den Etre ie dem Ga ſein wuß Fran lag ver ſch die lich ſe bei die Pe dn niten doch Heizen Die reihen und Froſt ir ihre n der d man öſters mellen, Die eſaßen ch hit mmern, un ſe 6 vol, ſeinet e man ſ ſeſt hr das gonhl e de Vbl n oder heiteten hnctin⸗ u du Straßen war es unruhig, und jeder anſtändige Menſch fürchtete die Rohheiten der Bewohner von Belleville. So erfuhren ſie venn nur noch durch den Doktor Bernard und durch Rafael Sambi, wie es draußen ſtand. Der Doktor freilich widmete ſeine ganze Zeit den Verwundeten und Kranken, deswegen wußte er auch am Beſten, wie elend es um die Vertheidigung Frankreichs ſtand. Wer krank und hilflos auf dem Schmerzens⸗ lager liegt, der ſchwindelt nicht mehr. Die Nähe des Todes vernichtet alles Scheinweſen und Komödiantenthum, und dieſe zer⸗ ſchoſſenen Menſchen berichteten mit Grauſen, wie furchtbar ihnen die Deutſchen gegenüberſtanden, und wie bei dem unerſchütter⸗ lichen Widerſtand, auf welchen ſie bei jedem Ausfall ſtießen, für ſie das letzte Heil nur in der Flucht zu finden war. Freilich bildete ſich der Doktor Bernard ein, daß die Hauptſchuld bei dieſen Niederlagen auf die Offiziere fiel. Nur wenige von dieſen genoſſen das Vertrauen ihrer Leute. Viele hatten abtreten müſſen, weil man von ihnen glaubte, daß ſie mit dem Feinde in Verbindung ſtanden. Ein ähnliches Schickſal war dem Herzog von Montalto zu⸗ geſtoßen. Als er ſich der Republik zur Verfügung ſtellen wollte, wies man ihn zurück. War er doch anerkanntermaßen ein treuer Anhänger des Kaiſers Louis Napoleon geweſen, mußte man doch befürchten, daß er die Truppen zum Kampfe für dieſen verhaßten Mann und ſeinen Thron gebrauchen möchte. Der Doktor Bernard war der letzte Menſch geweſen, mit welchem der Herzog in Paris geſprochen hatte. Wie ein Ver⸗ zmeifelter war er zu ihm gekommen, um Nachrichten über das Befinden ſeiner Gattin einzuziehen. Als der Arzt ihn darüber beruhigt hatte, war er davon gegangen, Niemand wußte, wohin. Im Lande zeigte ſich noch eine ſtarke Partei für den Kaiſer, und ſchon begannen die Vorboten eines gräßlichen Bürgerkrieges. Leute, die man für Republikaner hielt, wurden von den wilder⸗ regten Bauern ergriffen und gemißhandelt. Ein junger Adliger unterlag ihrer Wuth, ſie riſſen ihn mit eiſernen Haken zu der Dritsobrigkeit, die ihn nicht zu ſchützen vermochte, ſie verurtheilten 10 —————————————————— — 148— ihn zum Flammentode und bedeckten den ſchon halb Lebloſen, vor Furcht und Grauſen Zitternden, mit Holz, das nur langſam ſchwehlte und ihm einen gräßlich qualvollen Tod bereitete, indeſſen ſeine Peiniger um dieſe Marterſtätte her tanzten und ſangen. An einem andern Orte riſſen ſie die verdächtigen Magiſtrats⸗ mitglieder hervor. Einer von ihnen wurde mit einem Stein ge⸗ worfen, ein Schuß zerſchmetterte ihm den Arm, und an dieſem Arme, der zerfetzt und blutig war, aus dem die Knochenſplitter hervorſtarrten, zerrten ſie den Unglücklichen durch die Straßen, warfen ihn in das Waſſer, und als ihre Wuth ſich noch nicht gelegt hatte, holten ſie den immer noch Lebenden wieder heraus, um ihn aufs Neue zu foltern, bis er unter namenloſen Leiden ſeinen Geiſt aufgab⸗ Solche Dinge, die unſer Jahrhundert entehren, geſchahen in Frankreich von Franzoſen gegen des Landes eigene Bürger. Man urtheile, wie ſie gegen ihre Feinde verfuhren. Der Doktor Bernard erfuhr dies Alles durch ſeine Kranken, und er prophezeite für ſein Vaterland einen gräßlichen Bürger⸗ krieg, ähnlich dem, welcher die große Revolutian begleitete. Er zitterte deswegen auch für Rafael Gambi, denn er war Idunas und Helenens letzter Schutz. Als Italiener hatte er nicht nöthig, für Frankreich zu kämpfen, ja, die Deutſchen konnten ihn, wenn er in ihre Hände ſiel, todt⸗ ſchießen laſſen, gleich einem mit den Waffen in der Hand ergrif⸗ fenen Bauern. Auch beſaß Rafael Muth. Wenn er ſich zu weit vorwagte, wenn er ſein Leben oder ſeine Freiheit verlor, ſo hinter⸗ ließ er die hilfloſen Frauen inmitten einer wildbewegten Volks⸗ menge, dem Mangel preisgegeben, ſie, die niemals die Noth ge⸗ kannt hatten, und wenn Paris fiel, wenn die Sieger, wie der Doktor erwartete, plündernd, mordend, raubend in die Stadt drangen ſo war kein Menſch da, der das Leben und die Ehre edler Weiber vertheidigen konnte. Auch Rufael ſelber dachte an die Schutzloſigkeit der Herzogin und ihrer Nichte. Die Bewohner von Belleville, die unzählige Wohlthaten von Iduna genoſſen hatten, zogen lärmend vor ibr Haus und verlangten Geld und Nahrungsmittel. 5 c— — — ebloſen, angſam indeſſen gen. iſtrats⸗ ein ge⸗ dieſem ſphtter traßen, ch nicht heraus, Leiden hen in Mun tunken, ürger⸗ . Et Idunas mpfen todt⸗ ergti⸗ zu weit hintet⸗ Volls⸗ h ge vie der Stdt E tzogin ʒühlige ot i — 149— — Sind Sie nicht von unſerem Schweiß fett geworden? rief ein betrunkener Mann, der ſich ihnen vorauf drängte. Hat der Kaiſer, verflucht ſei ſein Name! ſie nicht mit Geld über⸗ ſchüttet? Wir wollen ihnen den Ueberfluß abzapfen. Sie denken, genug zu thun, wenn ſie uns ein Almoſen hinwerfen, wie man den Hunden einen Knochen hinwirft, aber wir werden nicht dumm genug ſein, uns damit zu begnügen. Was? ſie eſſen ſich ſatt und ſitzen in warmgeheizten Stuben, und wir ſollen frieren und hungern? Nein, einmal muß doch Gerechtigkeit kommen, und giebt ſie uns Gott nicht, nun gut, ſo nehmen wir ſie uns ſelber. Hinein in das Haus da, heraus mit den Weibsbildern und mit ihrem Gelde! Jetzt iſt der Tag, wo abgerechnet werden muß! Wir drehen die Sache um, von nun an werden ſie arbeiten, und wir werden eſſen und trinken, ja trinken. ein Hurrah für das befreite Frankreich! Der das rief, war ein Tiſchler namens Schack, ſeit einigen Wochen der Hauptſchreier unter den Bellevilliten. Wo er ſich zeigte, lief ihm der rohe Pöbel nach und ſtimmte in ſeine unver⸗ ſchämten Forderungen mit ein. Dieſes Mal rettete noch die Rationalgarde das Haus der Herzogin von Montalto vor der Plünderung. Aber der Tiſchler, der vor der bewaffneten Macht entfliehen mußte, hob drohend ſeine Fäuſte gegen die Fenſter auf. — Euch kann ich mit einem Worte verderben, knirſchte er. Hätte ich es nur ſchwarz auf weiß, daß es ein Montalto war, der mich um meine kleine Beate brachte, und wär er nur ſelber hier! Aber nur Geduld, es kommt der Tag, wo er mir mein Kind nach ſeinem ganzen Gewicht in Gold bezahlen ſoll, der Schurke, der mich zu einem unglücklichen, verlaſſenen Vater gemacht hat. Rafael Gambi war nicht in Paris geweſen, als ſolche Angſt über Diejenigen hereinbrach, die er als ſeine Familie anſah. Er war außer ſich, als er davon vernahm, und doch gab es keinen Ausweg aus ſolcher Noth. Niemand konnte Paris anders als vermittelſt eines Luftballons verlaſſen. Doch hoffte er immer noch, ſich mit der Gewalt der Waffen einen Weg mitten durch die Feinde zu bahnen. Der General Trochu erließ täglich Anſprachen an das Volk von Paris und log ihm vor, es ſtände Alles zum Beſten. Wirklich belebte ein eigenthümliches Vertrauen alle Herzen. Erfuhr man doch, daß Gambetta große Armeen gebildet hatte, die unter den Generalen Farre, Aurelles de la Paladine und Bourbaki beſtimmt waren, die Hauptſtadt zu befreien. In jedem Augenblick erwartete man die frohe Kunde von der Niederlage der Deutſchen. Schon erzählte man ſich, daß der Prinz Friedrich Karl erſchoſſen ſei, der Kronprinz von Preußen todtkrank, Bismarck ermordet, ja mit Beſtimmtheit wurde ver⸗ ſichert, die Preußen hätten heimlich einen Sarg nach Deutſchland geſchafft, in welchem Moltke's Leiche lag. Dieſen genialen Chef des Generalſtabs ſahen alle Franzoſen als den böſen Dämon an, dem die Gewalt in die Hände gegeben war, die große Nation zu demüthigen. Mit menſchlicher Kraft, ſo urtheilten ſie in ihrem namenloſen Stolz, war es nicht möglich, Frankreich zu beſiegen, es mußte alſo mit ganz übernatürlichen Dingen zugehen, und war Moltke wirklich todt, ſo konnte den Generalen Aurelles und Bourbaki der Sieg unmöglich fehlen. Doch an dieſem Siege wollten die Pariſer auch ihren Theil haben, und deswegen drängten ſie den General Trochu zu neuen Ausfällen. Auch Rafael Gambi ſtrebte danach, ſich vor den Augen der Herzogin von Montalto auszuzeichnen, er beklei⸗ dete Offiziersrang und war unermüdlich im Einexerziren der Truppen. Dieſe zeigten ſich auch ſehr eifrig, alle Männer griffen zu den Waffen, Gelehrte und Künſtler ſchätzten, wie ſie ſagten, ihr Leben nicht zu hoch, um es dem Vaterlande nicht zum Opfer zu bringen, und ein Geiſt der Einmüthigkeit beſeelte angeblich Alle zugleich, aber in Wahrheit waren ſie untereinander entzweit und verfeindet. Endlich wagte Trochu einen abermaligen Ausfall. Es fing ſchon ſo ſehr an Leben zmitteln zu fehlen an, daß ihm Alles daranlag, ſich welche zu verſchaffen. Das war dem Marſchall Bazaine mehr als einmal gelungen, warum ſollte nicht auch Zto kön nit in Fl vo he n durch as Volk Virklich hr man ſter den eſtimmt de von daß der Preußen rde ver⸗ uiſchland en Chef mon an, Nation nihren eſiegen, v. und les und n heil neuen 0r den hellei⸗ ren det ʒiifen ſgen n Oyſer ulwit uöfa n Ae urſchal ht auch — 151— Trochu, der ſich nicht geringer achtete, eine Heerde Ochſen erobern können? Alle ſeine Leute wußten, daß es ſich darum handelte, Frauen und Kinder vor dem Verhungern zu beſchützen. Anfangs hatte man geglaubt, durch die Katakomben Nahrungs⸗ mittel hereinſchaffen zu können, dann verbreitete ſich das Gerücht, in dieſen unterirdiſchen Gängen ſeien große Maſſen von gepökeltem Fleiſch, eingemachten Gemüſen und anderen guten Dingen vorräthig, um ſie im Falle der Noth unter das Volk zu ver⸗ theilen. Das Alles erwies ſich als trügeriſch, es waren nicht mehr Lebensmittel da, als die Händler gutwillig und für enorm hohe Preiſe herausgeben wollten, die Regierung beſaß wenig oder nichts und hatte keinerlei Fürſorge geübt, als ſie die Belagerer heranrücken ſah. Alles Geſchrei über die Verproviantirung war eben nur Geſchrei geweſen und nur Privatleute hatten ſich aus Spekulationswuth große Vorräthe angeſchafft und zogen jetzt einen ungeheuren Gewinn daraus. An Mehl und Hülſenfrüchten war nur das vorhanden, was ſich noch in den Kaſernen als Bedarf der kaiſerlichen Soldaten fand, jetzt wurde es an das Volk vertheilt, um den ärgſten Belle⸗ vwilliten das Maul zu ſtopfen, es galt alſo neue Nahrung herbei⸗ zuſchaffen, und das war jedenfalls einen Ausfall werth, von dem ſich Trochu freilich nicht viel mehr verſprach, als blutige Köpfe. Indeſſen ſtanden ihnen auch dieſes Mal die Deutſchen ſchlag⸗ fertig gegenüber. Von unſeren Vorpoſten aus wurde eine jede Bewegung des Feindes ſo genau beobachtet, daß die Franzoſen uns jedes Mal vollkommen bereit fanden, ſo oft ſie es wagten. es mit uns aufzunehmen. Die Abſicht des heutigen Angriffs war nicht ſchwer zu errathen, wußte man doch draußen ganz gut, wie es drinnen ſtand, und gelitten durfte es nicht werden, daß die Pariſer ſich ſelber und ihrem Widerſtande neue Nahrung gaben. Bald begann das Gefecht— erſt mit Kanonen, dann mit Chaſſepots gegen deutſche Hinterlader und endlich in faſt unmittel⸗ — ——— — 152— barer Nähe, mit der Erbitterung, die auf beiden Seiten nur zu natürlich war. Aber die Franzoſen mußten weichen, und einmal auf dem Rückzuge begriffen, glaubten ſie ihn nicht ſchnell genug bewerk⸗ ſtelligen zu können. Rafael Gambi feuerte ſeine Leute durch ſein Beiſpiel und ſeinen begeiſterten Zuſpruch an, doch hatte eine namenloſe Angſt die Franzoſen ergriffen. — Die Ulanen, die Ulanen! riefen ſie und nahmen Reißaus. Er warf ſich ihnen entgegen. — Steht, Feiglinge! rief er mit donnernder Stimme. Aber ſie hörten ihn nicht mehr. Die Einen ſtürmten an ihm vorbei, die Andern riefen ihm Schimpfworte zu, alle Bande des Gehor⸗ ſams waren gelöſt, ein Jeder dachte nur an ſich, nur an die Rettung des eigenen Lebens. Rafael war außer ſich er ſah, daß Alles verloren war, und daß Paris, das hungernde, ſo ſchlecht vertheidigte Paris ohne Zweifel in wenigen Wochen die Beute der kühnen Sieger werden würde. Was ſollte er nun beginnen? Fliehen, wie die Anderen? Er konnte ſich nicht dazu entſchließen, allein Stand halten 2 es wäre ein Wahnſinn geweſen. Plötzlich ſah er ſich umringt, umdrängt von deutſchen Sol⸗ daten, er erkannte genau die hellblaue bayriſche Uniform, die dunkle preußiſche. Jetzt galt es nicht mehr zu kämpfen, jetzt galt es nur noch mit Ehren zu ſterben. Er ſcheute nichts mehr, als die Gefangenſchaft, hatte man doch in Paris ſchreckliche Geſchichten von den Demüthigungen erzählt, welche man in Deutſchland den fortgeſchleppten Franzoſen auferlegte. So ſchoß er ſeinen Revolver auf die Feinde ab und ſuchte dabei den Rückzug, aber ſeine Kugeln gingen fehl und näher kamen ihm die Sieger. Da zog er ſeinen Degen und focht mit der Wuth der Ver⸗ zweiflung, er focht tapfer, doch ohne Mäßigung und ohne den ſicheren Blick, der dazu nothwendig iſt, denn zu heftig kochten Haß und Rachbegierde in ſeiner Bruſt, er dachte an die Her⸗ vi ſe link wu dun ſchw der nr zu uf dem bewerk⸗ el und Angſt nohmen Aber vorbei, Gehor⸗ an die ch daß ſchlecht Beute ndeten? en„ n Sol⸗ rm, die et galt r, als chichten nd den dſht nihet et Ver⸗ ne den ochten die hu⸗ — 153— zogin, an Helene, an die ſchutzloſe kleine Margarethe, und daß ſie eine Beute der Belagerer werden ſollten, nach cechts und links ſandte er ſeine Streiche, er ſah Blut emporſpritzen und wußte nicht einmal, ob es ſein eigenes war, er fühlte einen dumpfen Schmerz an der Stirn, vor ſeine Augen legte ſich eine ſchwarze Wolke, er hatte nicht mehr die Kraft, den Arm zu heben, der die Klinge führte, er taumelte, er ſank.... 18. Kapitel.— Bayriſcher Sturmmarſch. Von der Armee des Kronprinzen von Preußen war ein Theil abgezweigt und unter das Kommando des bayriſchen Ge⸗ nerals von der Tann geſtellt worden; es war dies das erſte bayriſche Korps, das ſich mit der zweiundzwanzigſten preußiſchen Diviſion vereinigte und zu dem ſich die Kavallerie⸗Diviſion unter dem Prinzen Albrecht von Preußen geſellte. Dieſe Armee war dazu beſtimmt worden, der durch Gambetta neu gebildeten ſogenannten Loire⸗Armee entgegenzutteten und zu verhindern, daß dieſe irgend welche Schritte that, um Paris zu befreien. Wo dieſe Truppen ſich aufhielten, hatte man zu er⸗ forſchen geſtrebt, und ſuchte nun einen Ort, von wo aus ihnen der meiſte Schaden zugefügt werden konnte. Hierzu ſchien die Stadt Orleans ganz geeignet. Wer kennte ſie nicht aus unſeres Schillers Meiſterwerk, wer hat ſich nicht begeiſtert gefühlt, wenn er las, wie der unſterbliche Dichter, die von Gott begnadigte Hirtin vor unſere Augen führt, welche um ihres Königs willen Männerkleidung anlegt, die Stadt Orleans von ihren Belagerern befreit, Karl den Siebenten zu Rheims krönt uud Frankreich von den Engländern errettet. Auch jetzt faſelte man von einem —— Franzoſenmädchen, welches die Stelle Johanna's einzunehmen ſuchte und eine zweite Jungfrau von Orleans werden ſollte, aber die Zeiten der Wunder ſind vorbei, und eine ungerechte Sache findet keine wahre Prophetin. Dennoch war es für unſere Krieger ein ſelt⸗ ſames Gefühl, als ſie jener Stadt entgegenzogen, in der Johanna d'Arc ſo Großes geleiſtet hat, bis ſie den kraſſen Undank ihres Königs erfahren mußte und anders, als Schiller es darſtellte, endete, verlaſſen von den Ihrigen, dem Haſſe der Engländer und Burgunder preisgegeben, hinausgeſchleppt auf einer Kuhhaut, und öffentlich auf dem Markte von Rouen verbrannt. Das iſt das Loos des Schönen auf der Erde, ſagt unſer Dichter in einem anderen ſeiner Trauerſpiele. Aber die Nachwelt hat gerechter über ſie gerichtet, Johannas Bild prangt in Marmor und zu Pferde auf dem ſchönſten Platze der Stadt Orleans. Dieſe liegt in der Landſchaft Beauce, welche man die Korn⸗ kammer von Paris nennen kann, ſo fruchtbar iſt ihr Boden, im Gegenſatz zu dem ſchlechten und trocknen der ſüdlich von der Loi⸗ re liegenden Gegenden. Was die Franzoſen an nutzbringenden landwirthſchaftlichen Erfindungen beſitzen, vortreffliche Waſſer⸗ leitungen und Kanäle, Mühlen und Dampfmaſchinen aller Art, Fabriken und Manufakturen, welche die Bodenerzeugniſſe an Ort und Stelle verarbeiten. Alles findet ſich hier vereinigt und macht die Gegend zu einer überaus reichen und glücklichen. Hier münden außerdem die Eiſenbahnen von Nantes, Bordeaur, Tou⸗ louſe und die franzöſiſche Centralbahn, welche Lyon mit Paris verbindet. Prächtig fließt die Loire, der größte Strom Frankreichs da⸗ hin, auf ſeinem linken Ufer zahlreiche große Nebenflüſſe in ſich aufnehmend und von den herrlichſten Wäldern begleitet. Zwei große Brücken ſind über ihn geſchlagen, von denen eine jede zwei Millionen Franks gekoſtet hat, hätten die Deutſchen ihre Bogen geſprengt, ſo würden ſie den Süd⸗Armeen das Vorgehen auf Paris faſt unmöglich gemacht, ſich ſelbſt aber eine jede Verbindung mit dem Innern des Landes abgeſchnitten haben, denn nur auf dieſem Wege war es möglich, die ſchweren Artillerieſtücke ——— wo vie Ger war gen nſuchte eZeiten et keine ein ſelb ohanna k ihres rſtellte, et und ut und iſt das einem er über Pierde Korn⸗ en, im er Li⸗ genden Vrſſer⸗ ler Art, an Ort t pit To⸗ paris hs da⸗ in ſih 3wei de wi gohen en uf indung n nut uü zu befördern, die ein leichterer Vau nicht zu tragen im Stande iſt. Ueberdies iſt Orleans eine Stadt von ſiebzigtauſend Ein⸗ wohnern und einer der erſten Handelsplätze Frankreichs, es hat viele bedeutende Bauwerke und große Kaſernen, dazu Wein, Obſt, Gemüſe und Vieh in ſolcher Menge, daß unſere Truppen ſicher waren, daſelbſt keinen Mangel leiden zu müſſen, ſelbſt wenn ſie genöthigt ſein ſollten, längere Zeit dort zu verweilen. Zwiſchen der Seine und der Loire befindet ſich eine ſehr gut angebaute und ſtark bewaldete Hochfläche, über welche die Eiſenbahn nach Paris geht, ſie berührt die Stadt Etampes, die ganz reizend in einer von vier Flüßchen durchflutheten Sbene liegt. Im Süden von Etampes traf der General von der Tann zuerſt mit den Franzoſen zuſammen. Die hier gebildete franzöſi⸗ ſche Armee nahm eine beſondere Stellung in der Wehrkraft der Republik ein. Sie beſtand nicht aus eigentlich regulairen Truppen, denn ohne vorheriges Einexerciren waren die Leute bewaffnet und in Uniform geſteckt worden, doch unterſchieden ſie ſich auch weſent⸗ lich von den ungeordneten Haufen der Franktireurs und nannten ſich daher Partiſans, was ſo viel als Parteigänger bezeichnen mag. Als ſolche ſtellten ſie ſich der republikaniſchen Regierung in Tours zur Verfügung und leiſteten einen feierlichen Eid, Frank⸗ reichs Freiheit bis zu dem letzten Blutstropfen zu vertheidigen. Gambetta begeiſterte ſie mit glühenden Worten und ſicherte ihnen zur Belebung ihres Eifers einen anſehnlichen Sold zu. Doch weil ſchon die meiſten Männer in das Heer eingereiht waren, ſo beſtanden dieſe Partiſans meiſt aus ganz jungen Bürſchchen oder aus älteren Leuten, welche nicht mehr dienſtpflichtig waren und ſch freiwillig zur Fahne ſtellten. Daß eine ſo beſchaffene Truppe keinen kräftigen Widerſtand zu leiſten vermochte, ſah wohl ein Jeder ein, nur Gambetta nicht. der das Lob der Loire⸗Armee mit voller Kehle auspoſaunte und einen jeden Soldaten als einen Helden und Vaterlandsbefreier yinſtelie. 3. ——————— ——————— — 156— So ſchwach und unfähig, wie ſie ſelber, war auch ihre Be⸗ waffnung. Sie trugen das Miniègewehr, welches mit den Chafſe⸗ pots oder den deutſchen Hinterladern keinen Vergleich aushalten kann. Auch an einer zweckmäßigen Bekleidung fehlte es ihnen. Die Kälte war ſchon ſehr empfindlich, ſie aber beſaßen weder wollene Strümpfe noch wollene Hemden, und ihr Schuhwerk litt bei den fruchtloſen Märſchen in dem ſchweren Lehmboden ganz entſetzlich. Wo ſie hinkamen, verweigerten ihnen die eigenen Landsleute die Aufnahme, denn ſie fielen wie hungrige Wölfe über das Eß⸗ bare her und nahmen, was ſie kriegen konnten. Das erbitterte die ländlichen Bewohner und ſie ſchloſſen ihre Häuſer noch feſter vor den Partiſans, als vor den Deutſchen zu, von denen ſie auch noch fürchteten, daß ſie die Beköſtigung der Truppen an ihnen rächen möchten. Und wie denn Gambetta in Allem, was er that, etwas Ueber⸗ ſpanntes beſaß, ſo gab er den Partiſans auch eine ſeltſame Tracht, die eher an das Theater, als an das wirkliche Leben erinnerte. Sie trugen einen kurzen, ſchwarzen Rock, um den Leib war eine blutrothe Schärpe gewickelt, kurze, ſchwarze Beinkleider und Ga⸗ maſchen. Den Kopf bedeckte ein Filzhut mit breiter Krämpe, der allerdings den Regen abhielt, doch von dem flachſten Säbelhiebe durchlöchert wurde, und auf dieſem Hute prangte die Inſchrift: Parteigänger ven Gers. Die Hauptleute zeichneten ſich dabei vor den gemeinen Soldaten durch die Größe ihrer Hüte aus, die jene der Uebrigen um das Vierfache übertraf. Bei Etampes hielten dieſe Leute ſchlecht Stand und wurden mit leichter Mühe über Pithiviers nach Orleans zurückgedrängt wobei ſie ſchon eine ziemliche Anzahl von Gefagenen verloren. Nur zwei Batterien hatten ſehr feſte Stellungen eingenommen und widerſtanden dem Anprall der Bayern, doch da ſie von den Ihri⸗ gen nicht unterſtützt wurden, mußten ſie endlich doch zurückweichen und ließen drei Geſchütze in Stich. Schon bei dieſem Vorſpiek größerer Gefechte zeigte es ſich, wie wenig ſich Gainbetta auf die Loire⸗Aumee verlaſſen konnte. Die Leute warfen Waffen und Bagage fort und liefen, was ſie — 157— laufen ronnten. Die luſtigen Bayern lachten nicht weniger über das Springen der ſchwarzen Hoſen, wie ſie früher über das der rothen gelacht hatten, ſie ſtülpten ſich die breitkrämpigen Hüte über ihre Helme und ſchützten ſich damit Hals und Nacken vor Schnee und Regen. Freilich hatte man es bei Etampes nur mit den Vorpoſten der Loirearmee zu thun gehabt, die Hauptmacht ſollte man erſt ſpäterhin kennen lernen. An dem Tage nach dieſem eben erwähn⸗ ten Gefechte, den zehnten October, ſtießen die feindlichen Truppen bei Artenay abermals aufeinander, und diefes Mal artete der Rückzug der Parteigänger, die ſo feierliche Eide geſchworen hatten, zu ſterben oder zu ſiegen, in die wildeſte Flucht aus. Zwar wur⸗ den ſie verfolgt und zahlreiche Gefangene brachte man ein, doch verſchwand die Loire⸗Armee plötzlich, als ob ſie von der Erde weg⸗ geblaſen worden wäre oder ſich in Maulwurfslöcher verkrochen hätte, und ungehindert ſetzte der General von der Tann ſeinen Vormarſch auf Orleans fort. Doch nun, am elften Oktober, zeigte ſich, wo die Feinde hingekommen waren. Man hatte geglaubt, es bei Artenay mit der ganzen Stärke der Loire Armee zu thun zu haben, dies war ein Irrthum, denn abermals hatten die Franzoſen nur detaſchirte Korps vorgeſchoben, während ſich die Hauptmacht jenſeits des Waldes von Orleans hinter Schanzwerke und Erdwälle zurück⸗ gezogen hatte und in gut geſicherten Stellungen den Angriff der Baiern und der zweiundzwanzigſten Diviſion erwartete. Von hier aus beherrſchten die Franzoſen die Brücke über die Loire, auf deren Beſitz es den Deutſchen am meiſten ankam. Schon am Morgen um zehn Uhr begann der Kampf mit Gewehr⸗ feuer. Die vierte bayriſche Brigade und die zweiundzwanzigſte preußiſche Diviſion bildeten die äußerſten Flügel und wetteiferten in Tapferkeit und zäher Ausdauer miteinander. Hier hatten die Südländer Gelegenheit, denen vom nord⸗ deutſchen Bunde zu beweiſen, was ihr Muth vermochte, und daß ſie es den beſten Truppen der Welt gleich, ja ſogar noch zuvor zu thun verſtanden. Und ihre Arbeit war nicht leicht, denn die Franzoſen beſaßen „ ——— S — — —.———————————— vierzig Geſchütze und ſparten weder Pulver noch Blei, ihre Stellungen ſchienen uneinnehmbar zu ſein, und dennoch mußten ſie weichen. Die todesmuthigen Bayern ſtürmten gegen die Weinberge in welchen ſich die Feinde feſtgeſetzt hatten, beſonders auf zwei bis drei Batterien, die auf einem waldigen Hügel jenſeits Artenny aufgeſtellt waren und die ganze Gegend beherrſchten. Und auch dieſe widerſtanden nicht dem Heldenlauf der Süddeutſchen, die mit eingelegtem Gewehr flink und gelenkig wie Gemſen über die Hügel dahin eilten und ſich dann mit einer unwiderſtehlichen Ge⸗ walt auf die erſchrockenen Feinde warfen, die Alles, was ſie bei ſich hatten, im Stiche ließen, um nur die Freiheit und das Leben zu retten. Doch das gelang nur Wenigen, denn ſehr Viele bueben auf dem Schlachtſelde und ſehr Viele führte man gefangen mit ſich fort. Es waren Soldaten aller Regimenter, darunter auch xine Anzahl päpſtlicher Luaven, die Italien verlaſſen hatten, um ch in den Dienſt ihres franzöſiſchen Vaterlandes zurück zu begeben, auch vier oder fünf franzöſiſche Jäger-Bataillone, ſonſt die beſten Infanteriſ ſten, zeigten ſich hier ganz kopflos. In der wil⸗ deſten Flucht ſchoſſen ſie ihre Gewehre in die Luft ab und ver⸗ wundeten ſich mitunter gegenſeitig. Um fünf Uhr Nachmittags retirirten ſie nach Orleans zu. Es dunkelte bereits, und die Verfolgung mußte mit der größten Vorſicht geſchehen, damit die ſiegreichen Truppen in keinen Hinter⸗ halt fielen. Das Terrain war höchſt uneben, und die durch allzu⸗ glänzende Erfolge tollkühn gemachten Saldaten konnten leicht ver⸗ unglücken, wenn die Vorgeſetzten ihrem Muthe nicht Zügel ange⸗ legt hätten. Auch zeigte es ſich ſpäterhin, daß dieſe Vorſicht ſehr gerechtfertigt war, denn die Loirebrücke war von den Franzoſen urterminirt worden und würde ſicher von ihnen in die Luft geſprengt worden ſein, wenn ſie nicht zu eilig davon S wären. Die Stadt Orleans entſchloß ſich zur Uebergabe, ſobald ſe die erſten Granaten ziſchen hörte. Dem Bürgermeiſter wurde leſohlen, ſogleich alle Häuſer erleuchten zu laſſen, und, als dies geſchel Ttuy ſogle ſeuer gen) feirli zurü und dazu üſch ſeine frühe Eüde zend Kaua Unte ſoge verte ſame Prle Von und Aure lung due äne Vig ſchw Gene i ihre mußten inberge uf zwei Artenny d auch en die übet die hen Ge⸗ ſie bei s Leben ben uuf nit ſch uch zine um h egeben ie der wi⸗ nd vel⸗ n hl. größte hinte 5 alzu⸗ icht ver⸗ ſcht ſihr „nnzoſen die Lun gelaufen bald ſt wurdt als dies — 159— geſchehen war, zogen gegen acht Uhr am Abend die erſten deutſchen Truppen in die Stadt ein, und alle öffentlichen Gebäude wurden ſogleich von ihnen beſetzt. Bald loderten die deutſchen Wacht⸗ feuer auf den Plätzen und beleuchteten das Standbild der einſti⸗ gen Retterin Frankreichs, jenes Hirtenmädchens, das ſo ernſt und feierlich auf die deutſchen Krieger herniederblickte. Die beſiegte Loire⸗Armee zog ſich auf das jenſeitige Flußufer zurück, ihr Kommandant, der General von Motterouge, hatte vor und in Orleans zehntauſend Mann an Todten und Verwundeten dazu auch drei Geſchütze verloren. Gambetta war wüthend auf ihn, weil er ſein Vertrauen ge⸗ täuſcht hatte, und ſetzte ihn mit Schimpf und Schande ab. An ſeine Stelle trat der General Aurelle de la Paladine ein ſchon früher bewährter Feldherr. Die deutſchen Truppen hatten nicht die Aufgabe, tiefer in den Süden Frankreichs einzudringen, nachdem ſie ſich bisher ſo glän⸗ zend bewährt hatten, nur der Weg nach Tours wurde von der Kavallerie beſetzt, ohne daß auf dieſe Stadt ſelber ein Angriff unternommen worden wäre. Hier befand ſich immer noch wie ſogenannte republikaniſche Nebenregierung, aber ſie fing an, ſich verteufelt unbehaglich zu fühlen und dachte bereits un eine heil⸗ ſame Ortsveränderung. 3 Während nun der General von der Tann mit ſeinen Baiern in rleans verblieb, ging die zweiundzwanzigſte preußiſche Diviſion nach Chateaudun. Pieſe Stadt wurde mit Sturm genommen. Von hier aus warfen ſich die deutſchen Truppen auf Chartres und rückten bis nach Dreux vor. Inzwiſchen aber bildete ſich die Loire Armee durch die Thätigkeit Aurelle de la Paladine's auf's Neue und zog bedeutende Verſtär⸗ kungen aus dem Süden Frankreichs und aus Lfrika heran. Zuletzt grbot der General über ſechszigtanſend Mann, allerdings eine bedeutende Macht, da er in Orleans nur achzehntauſend Baiern ſich gegenüber hatte. Für dieſe wurde nun die Lage ſchwierig. Sie ſahen ſich von allen Seiten her bedroht, und der General von der Tann war klug genug, lieber einen ehrenvollen Rückzug zu unternehmen, als ſeine Leute dem ſicheren Berderben — 160— preiezugeben. Dies geſchah jedoch erſt, nachdem er ſich voll⸗ ſtändig von der Ueberlegenheit des Feindes überzeugt hatte. Er ging ihm bis Beaugancy entgegen, um ſich nicht in Orleans einſchließen zu laſſen, hier zwang er ſie zum Kampfe, doch da er ſie in feſten Stellungen und gewaltig zahlreich fand, zog er ſich fechtend zurück und fügte den Franzoſen, die ihn verfolgten, bedeutenden Schaden zu. Dies geſchah in dem Walde von Marchenoir. Ein Infanterieregiment war unterdeſſen in Orleans zurück⸗ geblieben, die Uebrigen wagten ſich im Schutze der Dunkelheit dem Feinde entgegen, ſtießen jedoch erſt am nächſten Morgen um ſieben Uhr auf die Franzoſen, deren Avantgarde unter dem Ge⸗ neral Polhes von Vendöme her kam. Im Laufe des Vormittags geſchah alsdann der Angriff, und den ganzen Tag über wehrten ſich die kühnen Bayern heldenmüthig gegen den überlegenen Feind, dem ſie großen Schaden zufügten. Erſt mit dem Dunkelwer⸗ den, und als die franzöſiſchen Angriffscolonnen ſich zurückgezogen hatten, begann auch der General von der Tann auf St. Peravy zu gehen, um dort Verſtärkungen heranzuziehen. Es geſchah dieg mit dem ſtarken Bewußtſein, daß die Feinde trotz ihrer Ueberzahl zuerſt das Feld geräumt hatten, es geſchah, ohne daß Aurelle de la Paladine es gewagt hätte, die Bayern zu verfolgen, ber als einen gewaltigen Sieg rechnete er es ſich an, daß er am Abend Orléans beſetzen konnte, aus welchem die letzten Deutſchen ausgerückt waren, wo aber leider mehr als tauſend Verwunde und Kranke zurückbleiben mußten, weil man ſie den Gefahren des Transports nicht ausſetzen mochte. Vier und eine halbe Meile hinter Orleans in Toury verei⸗ nigte ſich der General von der Tann mit der aus Chartres zu⸗ rückkehrenden zweiundzwanzigſten preußiſchen Diviſion und der Kavallerie des Prinzen Albrecht, und da noch von Paris her der Großherzog von Mecklenburg mit den Würtembergern und der ſiebzehnten norddeutſchen Diviſion zu ihm ſtieß, fühlte er ſich ſtark genug, es mit dem muthigſten Feinde aufzunehmen. Den Oberbefehl dieſer neugebildeten Armee legte er nun in die Hände des Großherzogs nieder, der wohl niemals beſſere Truppen zu leiten hatte, als dieſe, denen kein Hinderniß zu groß keine diene er iſ nicht leiſe auf! Frie keine wuf nah Feſ ſpie ſorg ber Nali Sin hat von und ſchö ſe h vol⸗ Er ging ſchlehen in feſten fechtend utenden enoir. zwüc⸗ unkelheit rgen um dem Ge⸗ rmittags wohrten rlegenen nkelwer⸗ cgeogen Nerab geſchch o5 ihret ohne doß erfolgen⸗ er am deutſchen wundel Gefuhren vere⸗ ctres zl⸗ und du zi her te ur ſi .* s befu⸗ z g — m — 161— keine Mühe zu ſchwer war, wenn es galt, dem Vaterlande zu dienen und ſich unſterblichen Ruhm zu erwerben. Dieſer Ruhm, er iſt ihnen reichlich zu Theil geworden, Deutſchland wird es nicht vergeſſen, was ſeine ſüddeutſchen Söhne in dieſem Kriege leiſteten, und hell leuchtet in den Annalen der Geſchichte das Blatt, auf welchem ihre Kämpfe verzeichnet ſtehen. 19. Kapitel. Der Graue. Höchſt elend ſah es in dem franzöſiſchen Lager aus. Im Frieden, ſo lange das Kaiſerreich beſtand, hatten die Soldaten keine Noth gekannt, ſie ſchliefen in bequemen Zelten, die Bauern mußten ſie, ſo gut ſie konnten, ernähren, und zu ihrem Vergnügen nahmen ſie ihre Frauen oder ihre Lieblingsthiere mit ſich in das Feld. Da ſcholl der ganze Platz von Muſtk und Gelächter, ſie ſpielten, tanzten, ſangen und ließen den Kaiſer für das Uebrige ſorgen. Das war nun anders geworden. Hatten ſie ehemals gedacht, der Sieg müſſe ihnen von ſelber zufallen, weil ſie die große Nation waren, ſo lehrte ſie jetzt die Erfahrung, daß es ſchwerer Kämpfe bedürfte, um nur nicht gänzlich zu unterliegen. Gambetta, der dieſe neuen Heere in das Leben gerufen, hatte ihnen vielerlei vorerzählt von republikaniſchen Tugenden, von freudigem Opfertod, von Ausdauer, Aufgeben des eigenen Selbſt und von dem Kampfe bis auf's Meſſer. Das hörte ſich ganz ſchön an, die Worte floſſen ihm ſo leicht von dem Munde und ſie erwärmten alle Herzen, obgleich ſich Mancher fragte, warum Gambetta nicht ſein eigenes Leben einſetze. Wie aber ſo oft, ſah auch hier die Wirklichkeit ganz anders D. V. Th. II. 11 — 162— aus, als die Schilderung. Voller Begeiſterung ließen ſich die Franzoſen einkleiden, Alle riefen wie aus einem Munde und wie aus einem Herzen: Es lebe die Republick! Und mit Stolz blickte Gambetta, der Krigsminiſter, auf ſeine große Nation, der er zum Retter und Heiland werden wollte. Sah er dann noch irgend ein zaghaftes oder ungläubiges Geſicht, ſo half er mit ſeinen gewöhnlichen Prahlereien nach, er berichtete ihnen von den ungeheuren Siegen der übrigen Heere, und daß es nur noch einer letzten Anſtrengung bedürfe, um die verhaßten Deutſchen für immer von dem franzöſiſchen Boden wegzufegen. Und die Leute glaubten es ihm, aber dieſe letzte Anſtrengung, zu welcher er ſie aufforderte, ſollte ihnen furchtbar werden. Es genügt nicht, Heere in das Leben zu rufen, die größere Kunſt iſt die, ſie zu erhalten. Auf feindlichem Boden hätten ſich dieſe Truppen durch Plündern ernährt, hier, wo die eigenen Lands⸗ leute Keller und Böden vor ihnen verſchloſſen hielten, und wo ſie nur heimlich ſtehlen, aber nichts mit offner Gewalt nehmen durften, hier wo die Regierung ſie zur Stärkung ihres Muthes auf die Beute verwies, die ſie den Deutſchen abjagen ſollten, hier war ihr Zuſtand äußerſt kläglich. Da drüben ſtanden die kräftigen wohlgenährten Feinde, die gelenkigen Sachſen und Heſſen, die rieſengroßen, breitſchultrigen Hannoveraner, Weſtphalen und Pommern, die ſchönen rothbäckigen Thüringer, Baiern und Schwaben und all die übrigen herrlichen Söhne der Mutter Germania, ihnen ſchien es an Richts zu man⸗ geln, die Uniformen waren ein bißchen verſchoſſen, doch ſonſt, fehlerlos, die Geſichter ſtrahlten von Muth und ſtrotzender Ge⸗ ſundheit, ſie waren unermüdlich im Kampfe, unermüdlich bei den anſtrengendſten Märſchen. Wie anders dagegen hier. Die Kleidung dünn und dürftig, ungenügend, ach, und das Schlimmſte es fehlte ihnen das Vertrauen, die ſicherſte Stütze des Soldaten. Waren die Deut⸗ ſchen zu jeder Stunde bereit, ihren Führen zu folgen, weil ſie„ wußten, daß man ſie nicht umſonſt in Anſpruch nahm, ſo mußten die Sold loſſe gerte wate hörte Ka ſpro ren, Rich ſtech weiß Mor Fran die wel lp es daß hen ſeine die Bre leer dhe ſen die ſch die nde und it Stolz tion, der äubiges ch er n Here um die Boden rengung, den. Es Kunſt iſt ſch dieſe Lunds⸗ und wo nehmen Muches n ſollen, nde die hultigen herrichen zu man⸗ 5 ſonf nder Ge⸗ bürftig, un . ſie* — 163— die franzöſiſchen Offiziere allerlei Künſte gebrauchen, um ihre Soldaten zum Gehorſam zu bewegen. Dieſe wollten ſich nicht durch nutzloſe Märſche ermüden laſſen, und nachdem ſie einige dergleichen gemacht hatten, wei⸗ gerten ſie ſich, noch fernerhin durch den dicken Lehmboden zu waten. Ein Offizier konnte viel reden, worauf keiner ſeiner Soldaten hörte, aber er mußte beſtändig darauf vorbereitet ſein, lauten Klagen und Vorwürfen zu begegnen, oft ſelbſt deutlich ausge⸗ ſprochenem Widerſtande. Meiſt waren es Südländer, die hier zuſammengelaufen wa⸗ ren, und man befand ſich Ende Oktober, die Luft war in den Nächten eiſig kalt, der Regen fiel in feinen Tropfen dicht und ſtechend nieder, und am Morgen war das ganze Lager mit feinene weißen Reif bedeckt. Der deutſche Soldat wickelt ſich in feinen Mantel und ſchläft ganz gut, wenn ihn auch friert, aber der Franzoſe beſaß nur eine kleine wollene Decke, die ihn nicht gegen die Kälte des Bodens und nicht gegen die Feuchtigkeit des Him⸗ mels ſchützte. Hei, wie ſie fluchten, wenn ſie mit zitternden Gliedern und klappernden Zähnen um das Wachtfeuer herum lagen! Zelte gab es nicht mehr. Schon bei Metz hatte man die Erfahrung gemacht, daß ſie ſich bei einem eiligen Rückzuge nicht ſchnell genug abbre⸗ chen ließen. Gambetta rechnete darauf, daß jeder Bauer bereit ſein würde, ſeinen Soldaten ein Obdach zu geben, das war ein Irrthum, wie ſo Manches, was er ſich in den Kopf geſetzt hatte. Froren nun die armen Burſchen zu ſehr ſo halfen ſie ſich durch ſtarken Branntwein. Jedermann weiß, welch eine Wirkung geiſtige Getränke bei leerem Magen hervorbringen. Am Morgen war der größte Theil der Soldaten betrunken. Es wurde zum Sammeln gebla⸗ ſen, da kamen ſie taumelnd herbei, die Einen halb verſchlafen, die Anderen höchſt aufgeregt, ſchimpfend, lachend, fluchend. Ein deutſches Herz hat keine Ahnung von den ſcheußlichen 11* — — 164— Gemeinheiten, die dieſe verſoffenen Leute ſich als Witze zuriefen, und denen jedes Mal ein ſchallendes Gelächter folgte. Nun hieß es endlich: Vorwärts Marſch! aber der war auf die Erde gefunken und ſchnarchte ſeinen Rauſch aus, Jener ſchlug ſich noch erſt die Pfeife an, hier ſtanden Einige um die Marketenderin herum, dort handelten Andere um ein Schwein, welches ſie noch vor der nächſten Schlacht verzehren wollten. Es dauerte Stunden lang, bis endlich Alle marſchfertig waren. Die Offiziere liefen hin und her, redeten hier gut zu, donnerten dort und drohten da, Lärm und Geſchrei, grobe⸗Worte und Gelächter ertönten von allen Seiten. Jetzt ſetzte ſich der Zug in Bewegung, aber wie! Die Leute hatten ja nicht Marſchiren gelernt, ſie hielten nicht Reih und Glied, der Eine ſiieß den Anderen mit dem Gewehr, dann gab es Zank und Balgerei, die den ganzen Haufen in Unordnung brachte, und wieder mußten die Offiziere einſchreiten. Einer von Allen zeigte ſich thätig dabei, er fluchte nicht. — Soldaten, rief er, denkt an Euer Vaterland, an Eure Pflicht, denkt, daß Ihr Republikaner ſeid! Ein Jeder von Euch iſt ein Theil des großen Landes, welches wir Frankreich nennen, Frankreich, unſere Mutter, die alle ihre Söhne in das Feld ruft, um ſie und ihre Ehre gegen freche Eindringlinge zu ſchützen! Und dieſe Fremden, ſollen ſie über uns ſpotten? O nein, zeigt Euch nur heute noch ſtark, ſeid Männer wenn auch nur für dieſen einen Tag, und Euer Ruhm wird mit demantenen Lettern unter die Sterne verſetzt werden! Denkt, wie Eure Vorväter, die Römer, kämpften und daß ſie durch Ausdauer, Nüchternheit und Gehorſam die Welt eroberten, denkt.. Er konnte nicht weiter reden. Anfangs hat'en ſeine Worte einen guten Eindruck gemacht, dann, als die Solda en nur Phraſen vernahmen, die ſie ſchon oft gehört hatten, drehten ſie ſich ab und gaben dem Redner Spitznamen und machten ihre Witze über ihn. — Gambetta der Kleme! rief ihm Einer zu. — Hört, hör! ſchrie ein Anderer, die Römer waren nüch⸗ tern hätten wir doch all den Schnaps, den jen⸗ Eſel nicht tranken! — Hie ſrei mir hras ſoll nich alle nied beir ber iche hab in n Nat hin lihe war pirt natt bt riefen, Nun ie Erde ich noch enderin ie noch ſijerig gut hu Vorke eLeute Zank ſe und igle 1 Eurt U Euch nennen, ld tuft hütenl heigt ur für Lettern rvler. eruhei Vorle bhruſel ab und e ihn⸗ nüch 1nicht 5 — 165— — Still doch, brüllte ein Dritter darein, er will uns ja unter Hie Sterne verſetzen. — Nun ja, weil uns auf der Erde die Deutſchen den Platz ſrreitig machen, lachte ein Vierter. Der Offizier ſah ſehr trübe drein. — Sind das Republikaner! ſeufzte er. O wie herrlich ſchwebte mir die Hoffnung vor! Als bei Sedan das Kaiſerreich zuſammen⸗ brach, da hoffte ich, ein Tempel der Freiheit und Brüderlichkeit ſollte ſich in unſerem Lande erheben, die Tyrannei ſchien mir ver⸗ nichtet, das Volk ſollte ſeine lang entbehrten Rechte erlangen, und, allen Menſchen gemeinſam, ſollte das Glück auf Frankreich her⸗ niederlächeln. Wie habe ich mich getäuſcht! Sind dieſe rohen betrunkenen Menſchen der Freiheit werth, ſind das die Arme, die beruſen ſind, die Heiligen aus ihrem Himmel zu uns herabzu⸗ ziehen und an dieſes Land zu feſſeln? O Gott, o Gott! wie viel habe ich gelitten, doch kein Schmerz grub je ſich tiefer, nagender in meine Bruſt als der, verzweifeln zu müſſen an der eigenen Nation! Er hatte ohne es zu wiſſen und zu wollen, laut vor ſich hingeſprochen. — Und doch ſagte eine tiefe Stimme, iſt es noch ſchmerz⸗ licher, an ſich ſelber verzweifeln zu müſſen. Der Offizier blickte erſtaunt empor. Der mit ihm redete, war ein gemeiner Soldat, er mußte in der Racht im Freien kam⸗ pirt haben, denn ſeine Uniform hing voll Koth, ſein Gang war matt, und auf dem Geſichte welches zum größten Theil ein dich⸗ ter Bart bedeckte, lag eine tiefe, ſchwermuthsvolle Traurigkeit. — Wer ſind Sie? fragte der Offizier mit Erſtaunen, kennen Sie mich? — Ich kenne und ſchätze Sie, verſetzte der Soldat laſſen Sie mich darum verſchweigen, wer ich bin. — Rein, rief Jener, ich muß es wiſſen, ich habe Sie ſchon geſehen! O dieſer unſelige Krieg ſcheint mir ſo lang, als wäre ich während ſeiner Dauer zum Greiſenalter gelangt und ſähe Alles, was davor liegt, nur noch gleich einer halbvergeſſenen ————— ——— — 166— Erinnerung aus der Kindheit. Aber ich muß wiſſen, wer Sie ſind. — Ich bin nicht mehr, der ich war, antwortete der Soldat. Fragen Sie mich nicht mehr, Herr Rellac, ſagen Sie mir lieber, was Frankreich zu hoffen hat. — Zu hoffen? rief der Offizier. Nichts und Alles. Die Hoffnung lieg: in der Republik. Sie ſehen die Heere, welche Gambetta aus dem Richts hervorzauberte. — Sch ſehe ſie, verſetzte der Soldot mit einem bitteren Lächeln. — Die Republik muß ſich ihre Kinder erziehen. — Man ſoll den Kindern kein Spielzeug geben, das ſie nicht zu benutzen verſtehen und mit dem ſie ſich ſelbſt verletzen können. — Nie wird uns die Republik ſo blutige Wunden ſchlagen, als das Kaiſerreich geſchlagen hat. — Laſſen Sie uns von unſeren Gegnern lernen, ſie ſind mächtig und groß auch ohne Republik. — Aber auch ſie verlangen nach noch größerer Freiheit und Einigkeit. — Sie wird ihnen werden, weil ſie ſich ihrer würdig zu machen wiſſen. — Sie führen die Sache unſerer Feinde mit vielem Eifer und kämpfen gegen ſie? — Ich bin Franzoſe, aber ich war in Deutſchland und kenne deutſche Bildung. Wiſſen Sie, warum wir geſchlagen worden ſind? Weil unſere Offiziere unwiſſend und ſittenlos ſind, und weil unſer Volk jeder Bildung entbehrt. Hören Sie mich an. Ich bin in der Verkleidung eines Bauern von Paris nach Tours gegangen, ich habe die deutſchen Heerlager geſehen... dort überall Ordnung, Sitte, Gehorſam, hier nun, Sie wiſſen es ſelber. Doch warum? Jene Soldaten leſen Zeitungen und gute Bücher, unſere trinken und ſpielen, und kaum der Zehnte kann ſeinen eigenen Namen ſchreiben. An ſeiner Unbildung geht Frankreich unter, durch ſeine Volksſchulen iſt Deutſchland groß. — Ich gebe nichts auf dieſe Art von Kenntniſſen, wenn nur die L ſteher nun ein ſrim denke run zu ſchne müh Gen anfa Stu Beſi ſen Mo wir nur heut Vir entz uns und ſon dere ſch, ern wer Sie r Soldat. mir lieber, les. Die re, welche n bitteren das ſie ſt verlehen ſchugen n ſe ſinb uih und rürdig it elen Efet lund und gſlagn enlos ſind⸗ Sie ni Puris u hen Sie 5 nun ʒehne dung ght nd guo wenn mur — 167— die Leute die Republik lieben und die Männer zu wählen ver⸗ ſtehen, die ſich an ihre Spitze ſtellen ſollen. Der Soldat zuckte die Achſeln. Der Heereshaufen befand ſich nun ſchon ſeit einigen Stunden unterwegs, und es ging querfeld⸗ ein über aufgeweichten Ackerboden, während der Regen hernieder⸗ ſtrömte. Die Leute froren, und man konnte es ihnen nicht ver⸗ denken, daß ſie ärgerlich waren. Die Vorderſten ſtanden ſtill und verlangten Raſt und Nah⸗ rung, letztere war nicht vorhanden, und zur Ruhe war die Gefahr zu nahe und der Boden zu naß. Die böſe Stimmung theilte ſich ſchnell den Uebrigen mit, ſie ſtanden Alle ſtill. Die Ofſiziere be⸗ mühten ſich vergeblich, Ordnung in die Sache zu bekommen. Der General ſelber erſchien und hielt eine Anſprache an die Leute, die anfangs von gutem Eindruck zu ſein ſchien. — Kinder, ſagte er, da drüben ſteht der Feind, in einer Stunde könnt Ihr ihn erreichen und beſiegen, dann ſeid Ihr im Beſitz alles deſſen, wovon er ſich jetzt mäſtet, und Ihr wißt, die⸗ ſen verdammten Deutſchen fehlt nichts, während Ihr an Allem Mangel leidet. — Ja, ja, erſcholl es aus dem Haufen. Aber warum haben wir nichts? Weil Keiner für uns ſorgt! — Ei, ſo ſorgt ſelber für Euch, verſetzte der General. Kommt nur vorwärts, dieſes Mal ſchlagen wir ſie auf das Haupt, und heute Abend habt Ihr Eſſen die Fülle und gute Quartiere. — Ja, wer uns das verbürgte! rief ihm ein Trotzkopf zu. Wir ſind heute marſchirt, geſtern und vorgeſtern, die Schuhe ſind entzwei und voller Waſſer, und unſere Röcke und Hoſen kleben uns am Leibe, nun noch eine Stunde und dann ſich ſchlagen, und dann zuletzt wieder geſchlagen werden, und kein Quartier ſondern Prügel.. das hält der Teufel aus. — Er hat Recht, er hat ganz Recht, beſtätigten die An⸗ — deren. Der General hielt nur mit Mühe on ſich, Leo Rellac war außer ſich, da trat der Soldat vor, deſſen Bekanntſchaft dieſer ſoeben erneuert hatte. — Soldaten! rief er, hört auf die Stimme eines Kamera —— — ————— den. Ich war bei Euch in dieſen letzten ſchweren Tagen, ich er⸗ trug alle Strapazen, warum? Weil ich auf die Schlacht hoffte und auf den Sieg. Jetzt ſind wir den Feinden nahe, unſere Of⸗ fiziere verſichern es uns, wie, und wir ſollten umkehren? Glaubt nicht die ganze Welt, daß es aus Furcht vor den Deutſchen ge⸗ ſchieht, wenn wir uns jetzt weigern, in den Kampf zu gehen? Nein, Freunde, das iſt nicht der Zeitpunkt, matt zu werden, die⸗ ſes Mal laßt uns noch fechten, dieſes Mal werden wir den Lohn für unſere Mühen erlangen. — Bravo, gut geſprochen! riefen die Männer, aber wenn es wieder ſchief geht, was dann? — Ihr braucht ja nur zu wollen, antwortete der Soldat, eine einzige Anſtrengung, zwei bis drei Stunden ernſten Wider⸗ ſtandes, und der Feind iſt eingeſchüchtert, er erkennt, welch' ein Heldenmuth ihm gegenüberſteht und zieht ſich zurück, wie ein Hund, der über dem Diebſtahl ertappt wurde. Jetzt iſt es an der Zeit zu beweiſen, ob Ihr tapfere Soldaten ſeid oder nicht! Vor⸗ wärts, Kameraden, es lebe Frankreich! — Es lebe Frankreich! riefen die Soldaten, warfen die Ge⸗ wehre über die Schulter und ſchickten ſich zum Marſchiren an. Der General befahl dem Lieutenant Leo Rellac, ſich den Na⸗ men des tapferen Sprechers zu merken. Der ſchüttelte ihm herzlich die Hand. — Sie haben ſich um das Vaterland und um die Republik verdient gemacht, ſagte er mit Wärme, ich danke Ihnen in mei⸗ nem Namen und in dem aller Freunde Frankreichs. — Uund wenn wir abermals geſchlagen werden, verſetzte der Sol⸗ dat, ohne den Händedruck zu erwiedern, was dann? Glauben Sie, daß es genügen wird, ihnen dann abermals eine Rede zu halten? — Vber wir werden nicht geſchlagen werden, die gute Sache muß ja ſiegen, und die gute Sache, das iſt die Republik. — Hoffen wir es. — Ihren Namen, Kamerad, ich bitte Sie darum. Sie ha⸗ eine Auszeichnung wohl verdient, ſie ſoll Ihnen nicht voventhal⸗ ten werden. Sol gebl ver 6 in d mer ihre des Leb ſcho die pl auf wir da ſie wü hat ich er⸗ t hofte ſere Di⸗ Glaubt hen ge⸗ gehen? n die⸗ en Whn wenn es Soldat, 1 Wider⸗ elch ein wie ein an der tl Vor⸗ . die Ge⸗ n un den Ve⸗ lte ihn giepubli in nei⸗ derSol⸗ Glauben Rede zu ute 6oche Sie ho⸗ 169 — Mein NRame iſt ausgelöſcht, ich habe keinen mehr, die Soldaien nennen mich den Grauen, weil mein Haar und Bart gebleicht ſind vor Sorgen und... Kummer. Sie haben mich vergeſſen, Lieutenant Rellac, möchte die ganze Welt es thun ℳ ich habe nichts mehr mit ihr zu ſchaffen. Rellac mochte nicht länger in ihn drängen. Sie gelangten in den Wald und nahmen hier Stellungen ein. Die Soldaten merkten ſchnell, daß ſie gedeckt und ſicher ſtanden, und das erhöhte ihren Muth. Anfangs ſchien auch Alles gut zu gehen, die Hitze des Kampfes, der ſich bald entſpann, erweckte auch die ermatteten Lebensgeiſter der Leute, ſie ſchoſſen ſich warm und glaubten ſich ſchon ihres Sieges gewiß, als ein plötzliches Getümmel ausbrach. Während ſie ſich in der Front ziemlich gut ſchlugen, hatten die Deutſchen eine Flankenſchwenkung gemacht, und fielen ihnen plötzlich in die Seite. Der Flügel warf ſich in toller Beſtürzung auf die Mitte der Aufſtellung und erregte hier eine arge Ver⸗ wirrung. Immer näher kamen die Feinde, immer ſchrecklicher wurde das Gemetzel. Die riſſen aus, die warfen die Waffen fort und gaben ſich gefangen, Sterbende fluchten auf den Unverſtand, der ſie in dieſes Elend geführt hatte, jammernde Verwundete wünſchten ihren Offizieren alle die Leiden, die ſie zu ertragen hatten. Alle waren außer ſich über die eigenen Führer. In dem Walde wurde von den Deutſchen ein Treibjagen gehalten, es galt ſo viel Gefangene als möglich mit zurückzubringen. Die Sache war nicht ſchwer. — Die Deutſchen werden uns wenigſtens nicht verhungern laſſen, meinten die Franzoſen und ergaben ſich, wofür ſie oft einen Schluck aus der Flaſche oder ein Stück Brot eintauſchten. Die Racht beendete erſt die Verfolgung. Es war ſchon völlig dunkel, als Leo Rellac durch den Wald irrte. Der Gefangennahme war er glücklich entgangen, jetzt ſuchte er danach, ſich mit dem Reſte der Seinigen zuſammen zu finden. Die Sache war gefährlich, denn in jedem Augenblicke konnte — 170— ihm ein Feind begegnen, die Ulanen ſchweiften überall umher, ſie, die Schnellſten der deutſchen Soldaten. Es war ein ſchauer⸗ licher Weg. Durch den nächtlichen Wald ertönte das Wimmern und Schreien der Verwundeten, denen er keine Hilfe Pringen konnte, er wußte kaum, nach welcher Himmelsrichtung er gehen mußte; und wenn er die Seinigen wiederfand, welch einem Elend ging er da entgegen! Plötzlich ſtieß ſein Fuß an einen Gegenſtand, er glaubte einen Todten liegen zu ſehen, doch ein tieſer Seufzer belehrte ihn, daß Leben in dieſem Kötper war⸗ — Wer da? fragte er leiſe. Da richtete ſich ein Mann empor, deſſen Geſicht auf der Erde gelegen hatte, und an dem langen Barte erkannte er den Soldaten, den ſie den Grauen nannten. — So ſind Sie glücklich der Gefahr entronnen? fragte er. — Glücklich? ſtöhnte der Mann, o, ich ſuchte den Tod, er war mein heißeſtes Verlangen! Sterben, mein Gott, warum läßt Du mich nicht ſterben, unbekannt und unbeweint, namenlos . Sehen Sie.. es liegen da ſo Viele.. warum ich nicht mit ihnen kalt, ſtumm, gefühllos.. todt! — Kommen Sie, rief der Offizier, hier iſt es gefährlich zu bleiben, die Ulanen können in jedem Augenblicke hier ſein! Der Mann ſtand auf, langſam und taumelnd ging er neben dem Republikaner her, ſein Käppi hatte er verloren, und ſein Haar flatterte im Winde. Plötzlich traf ihn ein Strahl des Mon⸗ des, der von Zeit zu Zeit aus den zerriſſeren Wolken brach. — Ha, rief Rellac, jetzt erſt erkenne ich Sie! ungl ücklicher wie kommen Sie in dieſe Uniform? Der Soldat blickte ihn trübe an. — Als ich mich dem neuen Staate zu Verfügung ſtellte, ſagte er, verachtete man mich um um meiner Vergangenheit willen, die man nur halb kannte. Sch floh aus Paris, ich kam unter gräßlichen Gefahren bis nach Tours. Dort trat ich in das Mi⸗ litair, ich, berechtigt, den höchſten Rang in dem Heere einzuneh⸗ men, ich fühlte mich ſtolz, dem Vaterlande als gemeiner Soldat dienen zu können. Was konnte ich auch beſſeres verlanaen. ich ——————— ſuch Sie nich ni umher, ſchauer⸗ immern hringen gehen Elend eeinen n deß uf der er den gte el. Tod, er warum menlos um ich rlich 3u rneben nd ſen 6 Woſ⸗ h iclichel ſell willen⸗ * unter 6 Ni nnch⸗ Soldut naen —— — — 171— ſuchte ja nicht Ehren und Würden, ich ſuchte allein den Tod. Sie ſehen, wie er mich flieht! So erzählt die Sage von dem ewigen Juden, der ſo ſchmerzlich nach Ruhe verlangt und der nicht ſterben kann. Wiſſen Sie, Rellac, was es heißt, leben zu müſſen, wenn man mit Schuld beladen iſt? — Unglücklicher! rief der Offizier, ich kenne dieſe Schuld, doch ſpreche ich Sie frei davon im Namen des Vaterlandes, dem Sie dienen, Ihr Blut, auf dem Kampfplatz vergoſſen, wird Sie entſühnen, faſſen Sie Muth, Herzog von Montalto, noch iſt nicht Alles verloren, für Frankreichs Sache kämpfen Vaterlandsliebe und Verzweiflung... 20. Kapitel. Der Generalfeldmarſchall. Wahrhaftig, der alte Molkte verſtand es trefflich, ſeine Pläne zu entwerfen, indeſſen Paris belagert wurde, indeſſen der Gene⸗ ral von Werder im unteren Elſaß, der Großherzog von Meck⸗ lenburg an der Loire kämpfte, rückte die Armee des Prinzen Friedrich Karl, die bisher vor Metz gelegen, nun, da ſich dieſes ergeben hatte, tief in Frankreich hinein, um daſelbſt das Heer in Schach zu halten, das Gambetta dazu beſtimmt hatte, unter dem Befehl des General Aurelles de la Paladine Paris zu befreien, und welches das Korps des Großherzogs von Mecklenburg allein nicht angreifen konnte. Unter der ſchon ſo herrlich bewährten Anführerſchaft des Prinzen Friedrich Karl ſtanden Preußen und Heſſen neben der Cavallerie⸗Diviſion von Hartmannn. Die Mitte wurde von dem dritten Corps gebildet, der rechte Flügel vom neunten und der linke von dem zehnten. Dieſe drei marſchirten auf verſchiedenen Straßen, hielten aber beſtändig die Verbindung unter einander ——— —— — 172— aufrecht und theilten ſich Alles mit, was ſie un über die Stellung des Feindes erfuhren. Am dritten November verließ der Prinz Friedrich Farl Naney und ſtieß in Commerey nieder zum Hauptquartier, dieſes wurde am Vierten nach dem Städtchen Ligny verlegt. Hier hatten ſich bereits die Bayern feſigeſetzt und bildeten die Veſatzung. Es wurde ihnen die Ehre zu Theil, die Wache vor der Wohnung des Reffen König Wilhelms zu beziehen. Wohl mochten ſie ſtolz darauf ſein, denn in Anbetracht der großen Ver⸗ dienſte, welche ſich der Prinz bei der Velagerung von Metz er⸗ worben, hatte der König ihn und den Kronitzen zu Feldmar⸗ ſchällen ernannt Dieſe Würde ue vorher niemals ein Prinz des königli⸗ chen Hauſes bekleidkt, es war alſo eine gans beſondere Auszeich⸗ nung, welche dieſen beiden Helden damit zu Theil wurde, und ſie erkannten ſie mit freudigem Stolze an, aber auch alle ihre Sol⸗ daten fühlten ſich zugleich mit ihren Feldherrn geehrt. Schon von Commeey aus führt der Weg durch die Ausläufer des Argonnenwaldes. Hier verengten ſich die Straßen und liefen bisweilen ganz ſchmal zwiſchen den Höhenzügen dahin. Mit großer Befriedigung genoſſen die deutſchen Soldaten des Anblicks einer ſelten ſchönen Natur. Gelb und röthlich färbten ſich die Blätter der Bäume, und in den Gärten ſenkten ſich die Zweige unter der Laſt hochrother Aepfel und ſaftiger Birnen. Das Wetter zeigte ſich überaus gönſtig und milde, und warm ſchien die Soune herab, als wolle ſie von der Erde, die ſie dem Winterſchlafe überlaſſen mußte, einen recht innigen Ab⸗ ſchied nehmen. Dazu waren die Straßen in einem ſo vortref⸗ lichen Zuſtande, daß man die Mühe des Marſchirens kaum em⸗ pfand, und die Landbewohner, die in den Deutſchen die beſten Käufer für ihre Eßwaaren beſaßen, kamen ihnen mit Brot Eiern und Früchten entgegen oder empfingen ſie freundlich unter ihrem Dache. Seitdem der Kronprinz hier durchgekommen war, um ſich nach Sedan zu begeben, hatte man in dieſer Gegend keine feind⸗ lichen Soldaten mehr geſehen, die Leute hatten alſo keine Urſache zu klagen, denn ihnen brachte der Krieg mehr Verdienſt als Noth. md Lund beleb Eie den ng freut vorz Nove recht über Bro oft e gleid det Voh ſtell vuß man ſche zurũ ſeur Nied ihne auf verm lag Biwe ung hr her die Ferl dieſes ildeten Wache en Ver⸗ ſetz e⸗ eldmar⸗ ſnigli⸗ useich⸗ und ſe re Sob zläufer d hefen n. Nit Anblis ſic die Zweige e, und e di en W⸗ vormn⸗ um e e beſen iern und 1 Dache um ſch e feind⸗ urſache 6 ſolh und an Lebensmitteln gab es die Fülle, dazu auch den guten Landwein, der, wenn man ihn müßig genießt, erheitert und belebt. Und erheitert und belebt marſchirten die Truppen vorwärts. Sie hatten die lange, langweilige Belagerung von Metz überſtan⸗ den und waren glücklich, wieder in Bewegung zu kommen, ſie ſangen ihre ſchönen deutſchen Lieder, ſcherzten und lachten und freuten ſich auf die Gelegenheit, ſich gleich ihren Brüdern her⸗ vorzuthun. In Montieren Saut, wo ſich das Hauptquortier am fünften November befand, und in den zunächſt liegenden Orten zeigte ſich recht der franzöſiſche Gewerbfleiß. Ueberall ragten Schornſteine, überall drehten ſich Maſchinenräder. Es iſt meiſt Eiſen und Bronze, die hier verarbeitet wird, und dieſe Induſtriedörfer haben oft eine Bevölkerung von mehr als tauſend Einwohner und gleichen kleinen hübſchen Städten. Bei dem Beſitzer eines dieſer Eiſenwerke nahm denn auch der General⸗Feldmarſchall Quartier und erfreute ſich an dem Wohlſtande der Leute, die Alles thaten, um ihn zufrieden zu ſellen, und recht traurig ausſahen, als er wieder weiter ziehen mußte. Die Märſche waren nicht ganz ohne Beſchwerden, wenn man an das Gepäck denkt, welches ein jeder Soldat mit ſich ſchleppt und ſo wurde denn, nachdem ſie täglich drei bis fünf Meilen zurückgelegt hatten, in Joinvllle ein Ruhetag gehalten. Doch ſchon auf dem Wege hierher vernahm man Geſchütz⸗ feuer. Das dritte Korps war auf Franktireurs geſtoßen, die ihre Niederträchtigkeiten ungeſtraft zu üben dachten, aber ſie wurden ihnen arg verſalzen, die Preußen gingen mit ſolcher Erbitterung auf ſie los, daß ſiebenzig Franktireurs todt blieben und vierzig verwundet wurden, während ſie ſelber gar keine Verluſte zu be⸗ klagen hatten. Freilich that es den Preußen hinterher leid, daß ſie gezwungen geweſen waren, ſo hart mit den Kerlen zu verfahren, denn dieſe ungebildeten Menſchen ſchienen ſehr gegen ihren Willen die Waffen ergriffen zu haben, mit denen ſie ſich auch ſchlecht genug ver⸗ — —.——— — 174— theidigten. Ihr Maire und die republikaniſch geſinnten Fabrilbe⸗ ſitzer hatten ihnen mit Höllenſtrafen gedroht, wenn ſie nichtzfür das Vaterland kämpften, ja, der Präfekt ſelber hatte verſichert, er würde ihnen die ganzen Ortſchaften niederbrennen laſſen, wenn ſie nicht gegen die Preußen gingen. Nun wurden von Denen, die von den Haufen übrig ge⸗ blieben waren, noch Mehrere in Joinville verhaftet, unter dieſen der Maire. Es wurde glimpflich genug mit ihnen verfahren, man war ſo gütig, ſie als Mobilgardiſten anzuſchen und als ſolche in die Gefangenſchaft zu ſchicken, während ſie doch hätten als Mörder todt geſchoſſen werden müſſen. Wie glücklich hätten dieſe Menſchen hier leben können, wenn ſie der Vernunft Raum gegeben hätten! Das Städtchen Joinville, ehemals ein Beſitzthum des orleaniſtiſchen Königshauſes, liegt prachtvoll zwiſchen den Bergen und hat eine ſo reiche Induſtrle, daß dem fleißigen und geſchickten Arbeiter gewiß nichts mangelt, wenn er da friedlich lebt, für den Augenblick ſchien es aber den Leuten lieber zu ſein, mit der Flinte auf der Schulter Franktireur zu ſpielen, als an der Eſſe zu ſtehen und Eiſen zu bearbeiten. Der Durchzug der deutſchen Truppen gewährte ihnen überdies eine große Wohlthat, denn die Eiſenbahn, welche ſich von der Oſtbahn abzweigt und über St. Dizier nach Joinville führt, wurde von den Pionieren wieder in fahrbaren Zuſtand gebracht, und ſomit dem Verkehr der beſte Vorſchub geleiſtet. Dieſe Bahn diente nun aber auch dazu, den deutſchen Trup⸗ pen, die ſich im Innern Frankreichs befanden, Proviant nachzu⸗ führen, und war deswegen auch für uns von großer Wich⸗ tigkeit. Am achten November rückte das Hauptquartier weiter vo⸗ und erreichte nun die berühmten Gegenden, in welchen unſere Väter gegen den erſten Napoleon gekämpft hatten. Zum zweiten Male ſtanden ſich hier die Deutſchen und Franzoſen entgegen. Seit dem Jahre achtzehnhundert und vierzehn hatten dieſe Gegen⸗ den keine feindlichen Truppen mehr geſehen, jetzt faßte Schrecken die Bewohner, als ſie vernahmen, daß der gefürchtete Prinz mit ſeinen Preußen heranrückte. Sie ſtanden an den Landſtraßen oder als 1 nickt als Liede ruſch lomr yf mei den doch Vat wel deu lon unſi dur Fri ſet Kür Ha ſein voll ſch ſel zw gus ihr ein ma ir Fabrilbe⸗ nicht für verſichert, en, wenn brig ge⸗ ſer dieſen hren, und a h htten eu, wehn ʒoinvill⸗ ſes leg Induftk mangelb aher den anktireur ei. überdies von der le führ, gebrach en Zn⸗ nocl⸗ rVih eiter vo n uſt m wweilen enigeen⸗ ſe Gegel⸗ Siyeiin prin nů ndſuhin oder blickten ängſtlich hinter den Mauern ihrer Gärten hervor, als die Trupen vorüberkamen, doch als dieſe ihnen freundlich zu⸗ nickten, und Geld zeigten, um dafür Lebensmittel einzuhandeln, als ſie das geſittete Betragen ſahen und die ſchönen deutſchen Lieder hörten, da ging ihnen das Herz auf, und freudig über⸗ raſcht bezeigten ſie nun den Deutſchen die ſorglichſte Zuvor⸗ kommenheit. Indeſſen ſo willkommen den Soldaten auch ein längerer zufenthat in dieſen herrlichen Gegenden und unter einer wohl⸗ meinenden Bevölkerung geweſen wäre, hier durfte Niemand raſten, denn es gab höhere Ziele, die keinen Aufſchub duldeten, galt es doch, mit einzugreifen in den Kampf für die Freihaltung des Vaterlandes von einem maßlos eitlen und beutegierigen Feinde. Ueberall in Deutſchland kannte man das Lügengewebe, mit welchem Gambetta den Franzoſen Sand in die Augen ſtreute, deutſche Siege allein konnten es zerreißen, deutſche Siege allein konnten den bethörten Leuten ein Licht darüber aufſtecken, daß unſittliche Mittel niemals zu einem guten Ziele führen, und daß durch Lügen keine wahre Größe zu erlangen iſt. Darum mußte die Armee des Prinzen und Feldmarſchalls Friedrich Karl weiter, immer weiter. Ihr heldenmüthiger Führer ſetzte ſich am zehnten November an die Spitze des oſtpreußiſchen Küraſſier⸗Regimentes Nummer drei, erſte Kavallerie⸗Diviſion von Hartmann, und hielt mit dieſen und mit der heſſiſchen Diviſion ſeinen Einzug in Troyes. Dies geſchah nicht ohne Zweck. Die Franzoſen ſind an prunk⸗ volle Schauſtellungen ſo ſehr gewöhnt, daß ſie überall, wo ſolche fehlen, zu dem Glauben gelangen, es ſei nichts dahinter. Nun ſehen die Soldaten, die Monate lang vor Metz gelegen hatten. zwar nach den Begriffen eines jeden verſtändigen Menſchen prächtig aus, denn Kampfesluſt und ernſter Mannesſinn leuchteten aus ihren Augen, und von geſunder Kraft und Tüchtigkeit ſtrotzte ein jedes Glied, doch Staat ließ ſich freilich nicht mit ihnen machen. Der Lehmboden, der ſich beim Schanzen und beim Biwa⸗ ziren an die Uniformen geſetzt hatte, ließ ſich nicht gänzlich fort⸗ — 176— bürſten, ohne Farbe und Wolle mit wegzunehmen, die Stiefeln hatten lange keine Wichſe gemerkt, die Knöpfe zu putzen war wenig Zeit übrig geblieben, und das Lederzeug bedurfte dringend einer neuen Lackirung. Mit den Küraſſieren war es etwas Anderes. Ein bischen Schlemmkreide und ein paar Stunden Zeit, und die Küraſſe glänzten im Schein der Sonne und um ſo heller, wo ſich eine Scharte zeigte, die eine feindliche Klinge hineingeſchlagen hatte, die Pferde wurden ſauber geſtriegelt, Schwänze und Mähnen ſchön glatt gekämmt, und ſo ſahen die Männer ganz parademäßig aus, und die Bewohnerinnen von Troyes blickten verwundert auf die prächtigen, kräftigen Geſtalten, auf die leuchtenden Augen und glänzenden Bärte. So hatten auch die Heſſen ihr Beſtes gethan, um ſich vor den Franzoſen zeigen zu können, die Leute ſtrahlten von Frohſinn und Heldenmuth, die Fahnen wehten, die Waffen blitzten, und kriegeriſche Muſik ging ihnen voran und blies die luſtigſten Weiſen.. Das war ein Jubel, ja ein Ehrentag! Auf dem Platze vor der ehrwürdigen alten Kathedrale hielt der Prinz und ließ ſeine Soldaten an ſich vorbeimarſchiren, das ging Mann an Mann, Glied an Glied, als würden ſie Alle nur durch ein und dieſelbe Kraft in Bewegung geſetzt, und es war ja auch ein und dieſelbe Seele, ein und derſelbe Wille, der ſie antrieb, ihr Beſtes zu thun, um Deutſchland groß und einig zu machen. Die Bewohner von Troyes erkannten das an. In früheren Zeiten hatten gerade in dieſen Gegenden die Kämpfe gewüthet, welche der erſte franzöſiſche Kaiſer führte, noch lebten Viele, die ſich jener Noth entſannen, Einige, die ſie ſelber mit durchgemacht hatten. Welch ein Unterſchied zwiſchen ſonſt und jetzt! Ehemals herrſchte das Sprüchwort: Den Krieg muß der Krieg ernähren, und damit öffnete ſich der Willkür, der Erpreſſung, der Raubſucht Thür und Thor. Jetzt, ſeitdem die Welt geſitteter geworden iſt, iſt es gerade die Aufgabe der gebildeten Völker, aus dem Kriege, wenn er nun doch einmal nicht zu vermeiden iſt, wenigſtens ſeine ſchlimmſten eiret ſtun Dutſ e n die 5 Hande gehöre dlle 2 walch pfun Nahr Pie viel ge len ner bl hat mo voll uf an wie heiß aui Stiefeln uen war dringend in bischen Küraſſe ſich eine gen hatte, Mähnen rademäßig ndert auf ugen und nſich vot Frohſnn en und luſihſten ßlahe vor ieß ſeine mn Munn bieſelbe dieſelbe z thun, früheren genühet Piele die igeneiht bhen rnähren, ſuſicht gen n er nun himnſen — 177— Schrecken zu verbannen und Diejenigen zu ſchonen, welche un⸗ ſchuldig an ſeinen Urſachen ſind. Das haben denn auch die Deutſchen in dieſem Kriege redlich gethan, ob die Franzoſen, wenn es umgekehrt gekommen wäre, ebenſo gehandelt hätten, iſt ſehr die Frage. Sie ſcheinen noch nicht darüber klar zu ſein, daß Handel, Gewerbe und Aderbau nicht mehr einem Volke allein an⸗ gehören. Seitdem es ſo mannigfache Verkehrsmittel giebt, find alle Länder eins auf das andre angewieſen, und ein Unglück, welches dieſes betrifft, wird auch von jenem gleich ſchwer em⸗ pfunden. Und nicht nur in materieller Beziehung allein. Wir tauſchen Rahrung des Körpers und Nahrung der Seele gegenſeitig aus. Wie viele Erfindungen verdanken wir nicht den Franzoſen, wie viel gute Beiſpiele ſie nicht den Deutſchen, uns nützt ihr guter Geſchmack, wie wir ihnen gerne unſere tiefere Sittlichkeit mitthei⸗ len möchten. Dies waren die Gedanken, die einen jungen Artillerieoffizier in ſei⸗ ner Seele bewegten, als er auf die ſchöne Kathedrale von Troyes blickte. Dieſer junge Mann war Ottomar von Iſſelhorſt. Er hatte ſich den Kriegerſtand abs Beruf erwählt und hoffte doch mit Sehnſucht auf den Frieden. Elſaß und Lothringen, ſo ſagte man allgemein, ſollten deutſch werden, er freute ſich deſſen, doch voll ſeligſter Hoffnung ſchwoll ſeine Bruſt, wenn er gedachte, daß er ſich aus dem neu gewonnenen Lande die Braut holen ſollte, an der ſein ganzes Weſen hing, und die ihm in allen Kämpfen wie ein ſchützender Engel vor den Augen ſchwebte. Beate, das heißt zu Deutſch die Geſegnete.. ſie ſollte, ſo war ſein Traum, auch ihm zum Segen ſeines ganzen Lebens werden. 5%—— 12 21. Kapitel.„ Weiberliſt. Der Aufſchrei erſtickte, als ſie ihre Kehlen gefaßt und mächtig zuſammengedrückt fühlten, Liſette und ihre Mutter bebten vor Entſetzen, ſie fühlten, daß ihre letzte Stunde gekommen war. Dicht über das Angeſicht des ſonſt ſo leichtfertigen Mädchens beugte ſich Talebs widerwärtiges Geſicht, ſie fühlte ſeinen Athem, ſie ſah ſeine ſpitzigen Zähne, als ob ſie bereit wären, ſich in ihr Fleiſch einzuhauen, ſie dachte an all' die gräßlichen Qualen, die er den Grafen Bellegarde hatte erdulden laſſen, und jeder Nerv in ihr zuckte vor Grauſen und Furcht. — O Gott, o Gott... wo biſt Du? So lange vergeſſen in Genuß und Sünde, wie finde ich Dich in dieſem ſchrecklichen Augenblicke, wo Du allein zu helfen vermagſt? Sie dachte es nicht, ihr war, als ob ein Anderer es für ſie dächte, als wäre es das ſchlimmſte ihrer Leiden, daß ſie nicht ein⸗ mal ein höheres Weſen kannte, zu dem ſie hätte aufſchreien dür fen in ihrer namenloſen Angſt. Taleb weidete ſich an ihren Qualen. — Hab ich Dich wieder, Liebchen? fragte er höhniſch. Wie, etzt gefalle ich Dir beſſer, hab mich ja ſehr verſchönert, ſeitdem wir uns zuletzt geſehen haben, ſieh nur den blaurothen Strich an meiner Kehle, ein hübſches Halsband, das mir die Preußen als Andenken hinterlaſſen haben. Aber Taleb wird es auch nicht vergeſſen, er gedenkt es jedem Preußen. Wie Vielen, meinſt Du, duß ich ſchon mit dieſem Daumen die Augen ausgedrückt, denen ich mit dieſem Meſſer die Kehle abgeſchnitten habe? Liſette ſah das Meſſer blinken, ſie ſchloß die Augen, um nicht das Entſetzliche zu ſehen, und riß ſie wieder auf, aus Furcht, der Streich möchte ihr unerwartet kommen. — Biſt mir davongelaufen, fuhr der Reger fort, dachteſt vielleicht mich mit auter Manier losgeworden zu ſein? Ei ſo⸗ ſün ſol Ho dich wu Gli det gl d mächtig ebten vot war Dicht beugte ſich nſe ſch ihr Vliſſch die er den erw in ihr e vetgeſen chrelichen es für ſe ſie nicht ein⸗ hreien dir en Dualen⸗ t ſeiden nEtrit n reußen als meinſt Du, rict drn ſchnell läßt Taleb nicht fahren, was ſein iſt, und Dich hat er ja ſo lieb, Du kleines Schätzchen mit den großen Augen! Es lag etwas Grauſiges in dieſer Zärtlichkeit. Seine ſchwere Hand drückte ſtärker und ſtärker auf ihre Kehle, ſein Dolch blitzte dichter und dichter vor ihren Blicken. Was hatte er vor? Sie wußte es nicht. Kalter Schweiß perlte auf ihrer Stirn, all ihre Glieder bebten. Beſſer befand ſich Margot. Kaum war ſie unter Huſſeins Griff aus dem Schlafe aufge⸗ ſchreckt, als ſie ſich ihm mit aller Kaft zu entwinden ſuchte, ſie kratzte mit ihren zehn Nägeln in ſein Geſicht ein, ſie ſtieß ihm mit dem Fuße vor den Bauch, ſie ſpie ihm in das Geſicht, und ſo ge⸗ lang es ihr, ihre Kehle von ſeiner Hand zu befreien und ſich mit den Waffen, die einem alten Weibe zu Gebote ſtehen, gegen ihn zu vertheidigen. Eine Fluth von Schimpfreden floß ihr von dem Munde, es gab nichts Schlechtes und Unſauberes, womit ſie ihn nicht ver⸗ glich. Dabei hieben ihre knochigen Fäuſte unauhörlich auf ihn ein, und ſo dicht fielen die Schläge, daß Huſſein ſich nicht dage⸗ gen zu wehren vermochte. — Teufelsbraten, knirſchte er und faßte mit Schmerz nach ſeinem Auge, auf das ſie eben ihre ſcharfen Knöchel geſchleudert hatte, warte, Du Racker, Dir ziehe ich lebendig das ſchrumplichte Leder vom Leib. Plötzlich hielt ſie inne und ſtemmte beide Arme in die Seiten. — Weißt Du nun, wer die Margot iſt? lachte ſie. Nun dann komm und laß uns Frieden machen. Pfui doch, eine Dame zu ſchlagen, iſt das ritterlich? Da der andere Schwarze, der weiß, wie gut die Margot iſt, wenn man ſie zu nehmen weiß, aber ſie kann auch bös ſein, verteufelt bös! Heda, Taleb, iſt das eine Art, mit meinem Täubchen umzugehen, weißt Du nicht, daß ſie Prinzen und Grafen zu Anbetern gehabt hat? — Und den Taleb dazu, der gefiel ihr am beſten, höhnte er, darum möchte ſie auch, daß er ſo lieb gegen ſie wäre, wie gegen den Grafen von Bellegarde. Die Preußen hingen uns auf, mich und Huſſein, die Raben hätten viel darnach gefragt ob das Fleiſch 12* — ———.—————— — 180— ſchwarz oder weiß überzogen iſt, ihnen ſchmeckt jedes Aas. Aber die Franktireurs, die Hyänen der Schlachtfelder, die Bande des Todten, hei, die machten uns wieder lebendig, und da ſchwur ich es mir: Rache an jedem Preußen, Rache an ihr, denn Du weißt es nicht, Margot, daß ſie einen Preußen bei ſich hatte, daß ſie mich um eines Preußen willen fortſchicken wollte, und diefer Preuße war derſelbe, der mich hängen ließ. — Gnade, Gnade! ſtöhnte das unglückſelige Mädchen. Von jetzt an will ich nur Dich lieben, nur Dir allein angehören. — Pah, ich kenne die Sprache, habe ſie ſchon einmal ge⸗ hört, das Weibervolk iſt falſch, wie die Schlangen in meiner Heimat, die züngeln und ſind ſo bunt, ſo glatt und ſtechen doch aber man tritt ſie mit dem Stiefelabſatz todt. — Gnade, guter, lieber Taleb! Gnade! ächzte Liſette auf's Neue. Margot hatte ſich von Huſſein losgeriſſen, der ſich ärgerlich ſeine zerkratzten Hände beſah. Mit ihren Zahnſtummeln hatte ſie ihn blutig gebiſſen, was er mit aller ſeiner Manneskraft und mit allen ſeinen Waffen nicht zu verhindern vermochte. Jetzt warf ſie ſich über Taleb her, denn ihr Muth war noch lange nicht beſiegt. Sie hing ſich an ſeinen Arm. — Sieh doch den Turko! lachte ſie ihn an, ſchwarz wie der Teufel und eben ſo nichtsnutzig. Erſt thut er mit der Mutter ſchön, dann hält er es mit der Tochter, aber wart, die Margot iſt eifer⸗ ſüchtig auf ihren lieben Schatz. Weißt Du noch, wie wir ſo gut miteinander haushielten? — Geh fort Vettel! ſchrin er ſie an und wollte ſte von ſich ſchütteln, aber Margot wich ihm nicht, ſie wußte, es galt das Leben ihres Kindes, des einzigen Weſens, das ſie liebte. — Sei vernünftig, Taleb, flüſterte ſie ihm zu, ſolch ein feines Ding mordet man nicht, man heirathet es. — Za, wallte der Mohr auf, als ob ich ihr nicht zehnmal zu ſchlecht wäre, Taleb der Turko. Taleb der Neger, das iſt frei⸗ lich kein Graf, kein hübſcher Lieutenant, das iſt nichts für Fräu⸗ lein Liſette, und darum iſt Fräulein Liſette auch nichts für mich, aber wo Taleb nicht liebt, da rächt er ſich. — — Das ſoll auch geſchehen, ziſchelte Margot, aber erſt ſpäter. Komm, guter Taleb, ich will Dir ein Geheimniß anvertrauen. komm doch, alter Junge, Du wirſt lachen! Taleb wurde neugierig. So ſehr er Margots Tyrannei und Herrſchſucht ſcheute, ſo ſehr achtete er ihre Schlauheit. Sie, Li⸗ ſette und er. das war der ſchöne Traum, der ihn nach Metz geführt und dem der Strick der preußiſchen Soldaten faſt ein Ende gemacht hatte. Jetzt ließ er ſich von der Alten etwas ab⸗ ſeits leiten. — Was giebt es? fragte er. Margot kiherte. — O, es iſt ſo hübſch, es freut mich ſo, flüſterte ſie. Die Liſette iſt ſeit einiger Zeit unwohl. Noch geſtern ſag ich, Liſett⸗ chen, ſag ich, was wird denn da draus? Und weißt Du, was ſie ſagt? — Mutter, ſagt ſie, ich glaube, wenn was draus wird, ſo iſt es halb ſchwarz und halb weiß.. verſtehſt Du wohl, Taleb? Richt wahr, das haſt Du nicht gedacht? — Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich das verſtehe! rief der Mohr. — Sieh doch, fuhr Margot fort, wie ſie da kniet und zittert, das arme Kind, pfui, wie kann ein Mann ſeine kleine Frau ſo erſchrecken, und noch dazu in ſolch einem Zuſtand. Und glaube⸗ mir, ſie hat Dich ſo lieb. — Ach ſchwatz Du die und mich lieb haben, ja, da müßt ich anders ausſehen! — Na, das könnte freilich nichts ſchaden, aber auf's Aeußere giebt ſie ohnedies nichts. Mutter, ſagte ſie noch heute zu mir, ſiehſt Du, ſo eine Zierpuppe wie der Graf Bellegarde ge mir gar nicht, es muß ſo ein echter, rechter man ordentlich Reſpekt hat. Der trieben, ſonſt hätten wir ganz gut der iſt ja gleich wie die Piff, Paff, daß man k er nur ein bißchen — Ha, und' — Gewiß meine ich es, eine Mutter muß doch ſo etwas wiſſen. O, wie ich mich auf das Enkelchen freue! — Aber wenn Du mich betrügſt. — Sei kein Dummkopf! Unſer Vorcheil geht zuſammen. Sieh meinen Karren, das iſt Alles, was ich habe, und die Liſette iſt eben auch nicht reicher, man muß ſehen, wie man zu Gelde kommt. Bei den Deutſchen iſt nicht viel zu holen, die halten zu ſtreng auf Ordnung, man muß immer erſt den Kampf abwarten oder wo einzelne Patrouillen ſind. Noch neulich habe ich Dich vermißt. Vier Offiziere lagen in einem einſamen Hauſe, wohl eine Viertelſtunde von den andern entfernt, ich lauerte lange ſchon, da ſah ich, wie zwei fortgingen, ich ſchlich mich hin, ich guckte durch's Fenſter, die beiden Andern ſchliefen. Ich alſo ſo leiſe wie ein Mäuschen hinein. Mit einem Stich wäre es abgemacht geweſen, aber in dem Augenblicke hörte ich Stimmen, ganz nahe. Ein Preuße kam mit mehreren Andern; ſie nannten ihn Graf Iſſelhorſt. — Iſſelhorſt, der, mit dem Liſete ſo ſchön that? — Ach, Unſinn, wie käme der hierher? — So war es ſein Bruder oder Verwandter, gleichviel, ich werde ihn mir merken... wo iſt das Haus? — Da unten an dem Waſſer, ich zeige es Dir. Aber jetzt komm und beruhige die Liſette. Dazu war Taleb bereit. Die ſchlaue Frau hatte ihn gut genug betrogen. Zetzt kramte ſie aus ihrem Karren Branntwein und Brot hervor und richtete ein Frühſtück an, während Taleb ſeinen Frieden mit Liſette machte. Dieſe fühlte einen grenzen⸗ loſen Abſcheu vor ſeiner Gegenwart und wollte die Winke nicht verſtehen, die ihr die Mutter gab. 2 iett ſchmolle nicht mehr und gieb Deinem ja doch, daß Du ihn lieb haſt und tragen wird. Komm, Huſſein, n es donnert, wir wollen geht auf! Da drüben ſt darin ſind, wird Bro ihr wn gef vo v ammen. e Liſette uGelde alten zu bworkn ich dic e wohl ge ſchon. h gucte ſo biſe bgemacht nz nh. hn Gruf iel ich Aber jezt ihn gut anntwein nd Tulb greneu⸗ h Deinen wn Hochzeit gemacht. Da, Taleb, trink auf das Wohl Deiner Braut. Liſette erbebte unter ſeinen Liebkoſungen, doch ein Blick auf ihre Mutter zeigte ihr, daß die Gefahr noch nicht ganz vorüber war. Sie Talebs Frau, der Gedanke, an dieſes wilde Scheuſal gefeſſelt ſein zu ſollen, war ihr fürchterlich, er aber merkte nichts von ihrer Angſt. Seine Seele brütete über anderen Rache⸗ plänen. Sie blieben den Tag über beiſammen, und als er am fol⸗ genden Morgen Abſchied von Liſette nahm, die es mit innerm Abſcheu litt, daß er ſeine ſchwulſtigen Lippen auf ihren Mund drückte, da befahl er Huſſein, bei ihr zu bleiben, und Margot, ihn zu dem Hauſe zu führen, wo ein Graf Iſſelhorſt wohnte. Raub und Mord, das war es, was ihn lockte, und Margot kannte ihn, und hatte ihm nicht umſonſt von jenem einſam ge⸗ legenen Häuschen erzählt. Die Dorfbewohner waren geflohen, und deutſche Soldaten bewohnten die Hütten und hatten ſich darin ſo wohnlich wie möglich eingerichtet. An Geſchirr fehlte es am wenigſten. Seitdem die Fabrik in Sévres halb eingeſchoſſen worden war, hatte man Taſſen, Teller, Schüſſeln, Vaſen im Ueberfluß und umſonſt. Ueberdies ſtand es den Siegern frei, ein jedes Haus, welches ganz ohne menſchliche Bewohner war, als ihr Eigenthum anzuſehen, ſo trug man denn aus denen, welche nicht als Quartier belegt wurden, die Möbel in die übrigen hinein. Was in St. Cloud aus den Flammen gerettet worden war, diente wo anders noch, und in ärmlichen Bauerſtuben ſah man ſeidene Portiéren, gewirkte Teppiche, goldgeſtickte Kiſſen oder aus⸗ geſtopfte Paradiesvögel. Auch die vier Offiziere, die hier zuſammen wohnten, hatten es ſich ſo behaglich wie möglich gemacht. Was ſie an Wein und Eßwaaren beſaßen oder aus der Heimat geſchickt erhielten, das theilten ſie, die Burſchen kochten den Kaffee, die Herren brauten ſich ſelber den Punſch, wurden ſie abkommandirt, ſo nahmen Andere die Stelle ein, genoſſen dieſelben kleinen Bequemlich⸗ ſ —————— — F N — 184— zeiten und verſahen denſelben gefährlichen Dienſt bei der Vor⸗ poſtenkette. Reinhold von Iſſelhorſt befand ſich hier ſeit noch nicht Hlan⸗ ger Zeit. Er hielt gute Kameradſchaft mit ſeinen Gefährten und ahnte nicht, duß ihm außer den Feinden da drüben in den Forts von Paris noch ein anderer heimtückiſcher und gefährlicher Feiud entgegenſtund. Margot und Taleb ſchlichen um das Haus und ſahen, wie niedrig ſeine Fenſter, wie ſchlecht verriegelt ſeine Thü⸗ ren waren. Hiet fürchtete man keinen Dieb, gab es doch Schutz⸗ wachen ringsumher. Dieſe richteten ihre Augen auf Alles, und Margot und Taleb getrauten ſich deswegen nicht aus dem Gehölz hervor und beſchloſſen, die Nacht abzuwarten. Indem ſie das überlegten, trat Reinhold mit einem Ulanen aus dem Hauſe heraus, die beiden ſprachen eifrig miteinander, und als ſie ſich trennten, reichten ſie ſich die Hände. — Za knirſchte der Turko, das iſt der Iſſelhorſt, er ſieht ſeinem Bruder ähnlich, nur lichtere Haare hat er, aber ich will ſie ihm mit Blut färben. Hab mir auf die Liſette Acht, das ſage ich Dir, Margot, wenn Du mich getäuſcht haſt, ſoll kein Teufel je ärgere Qualen erſonnen haben, als ich ſie Dir und ihr be⸗ reiten will. Sie that heut ſchüchtern und ſpröde, ſie mag ſich fürchten, meinetwegen! Es iſt gut, wenn das Weibsvolk Reſpekt hat, aber heut Nacht, wenn ich hier fertig bin, dann ſoll ſie mir entgegenkommen, dann ſoll ſie mir ſchmeicheln und hätſcheln, das ſage ihr, denn Taleb läßt nicht zum zweiten Male mit ſich ſpaßen. Halt, ſtill! ſiehſt du den Mann da durch das Gehölz gehen? — Nein, du irrſt Dich, ich ſehe Richts. — Weil du eine Nachteule biſt und blind bei Tage. Warte hier, ich bin gleich wieder da. Er eilte hinweg, Margot ſetzte ſich auf eine Baumwurzel und überlegte. Sie kannte Taleb und konnte ſich ſeine Wuth vorſtel⸗ len, wenn er ſich getäuſcht ſah. Einmal war es ihr gelungen, die Gefahr abzuwenden, wie ſollte ſie es anfangen, ihre Liſette für immer von dem Unthier zu befreien? Plötzlich lachte ſie hell auf. Es gab ein Mittel, und freudig hent ſin To neh ihr paat Vor⸗ t ilan⸗ n und Forts ßeiud und Vhi Schut⸗ und 6ehöb Alanen under, ſeht will ſage Lrfil hr he⸗ g ſich Reſpelt ie nit ien nit ſi 6ehölz gn nd orel n, die te füt — 185— wie ein Kind, klatſchte ſie in ihre Hände, dann hob ſie ſie dro⸗ hend gegen die Stelle, wo der Turko unter den Bäumen ver⸗ ſchwunden war. O, wie ſie ihn haßte, ihn, der ihre liebe ſchöne Tochter zu beſitzen ſtrebte, ihren Schatz, den ſie kaum den vor⸗ nehmſten Herren gegönnt hätte. Taleb kehrte wieder, er zeigte ihr mit der einen Hand den blurigen Dolch, mit der andern ein paar Silbermünzen, ſein Geſicht ſtrahlte vor Mordgier, und ſeine ſpitzigen Zähne glänzten gleich denen einer wilden Katze unter den ſchwulſtigen Lippen hervor. — Mehr hatte er nicht bei ſich, der Preuße, ſagte er und warf dem alten Weibe das Geld in den Schooß, aber es war mir auch nicht darum. Wie ich ihm von hinten an die Kehle ſprang, wie ich ihn rücklings überwarf, wie ich ihm erſt die bei⸗ den Augen ausſtach, daß ſie ausliefen, als ob er weinte, und wie der Dolch in ſeine Kehle fuhr, daß der rothe Kragen noch röther wurde das war eine Luſt, ha, das erfriſcht dem Turko das Herz! Du hätteſt ihn ſehen ſollen, Margot, ein Bürſchchen wie Milch und Blut, kaum achtzehn Jahre alt, ſchlich ſich vielleicht ſo heimlich zum Liebchen. hei, den Spaß habe ich ihm verdorben! Taleb treibt ſeine Rache ins Große, alle Preußen ſind ihm verfallen. Geh jetzt zu Liſette, Margot, ſage ihr, ſie ſoll ihren Mann lieb haben.. oder! Und höre! ſei heute Racht hier an derſelben Stelle, dann geht es da drüben zu dem Grafen Iſſelhorſt. — Ja wohl, verſetzte die alte Frau, ich werde nicht fehlen, denn weißt Du, guter Taleb, wer der Ulan war, mit dem er ſo freundlich ſprach? — Nun? — Derſelbe, der Franz Godard verwundete, der mir den Arthur entführte. ſiehſt Du, Taleb, wenn du dem die Augen ausſtichſt und die Zunge aus der Kehle reißeſt, ſiehſt Du, die Hände wollt ich Dir dafür küſſen, und Liſette ſollte Dich lieb haben, müßte ich ſie auch mit Ruthen zu Dir treiben. — Er iſt ein Preuße, ich werd es nicht vergeſſen. Auf heute Racht, Margot.— — —— Sie trennten ſich. Taleb ging waldein, Margot ſchnitt ihm Geſichter nach. — Ja ja, ſagte ſie, zum Morden biſt Du gut genug, das it Dein Handwerk. Ein Menſchenleben für die lumpigen Gro⸗ ſchen nun warum nicht? Iſt es doch ein Feind. aber der.. er ſoll ſich hüten, dem hetze ich die wilde Beſtie, den Taleb, auf den Hals, er ſoll ſehen, ob er auch dieſes Mal mit ihm fertig wird. O wie ich ihn haſſe, den Ulanen⸗ der mir meine Affen entführtel Heut Nacht, freu' Dich auf heut Nacht, Margot.. erſt der Graf Iſſelhorſt, dann der Ulan, und zum guten Schluſſe die dumme Beſtie, der Taleb, das arabiſche Vieh, das ſich ein⸗ bildet, mein Liſettchen wäre für ihn geſchaffen freue Dich auf heute Nacht, Margotl 22. Kapitel. Getrübte Freundſchaft. Als Reinhold von Iſſelhorſt ſich von dem Maſchinenbauer Pilhelm Friſchmuth trennte, der ihn in der erſten Hälfte des Morgens aufgeſucht hatte, ging er noch einmal, um nach ſeinen Leuten zu ſehen, damit ihnen nichts fehle, und der Dienſt, der grade jetzt ſo wichtig war, in keiner Weiſe verſäumt würde. Erſt dann ſchlug er ſeinen Weg nach dem Lazarethe ein, in welchem Maria Fiſcher mit der treuſten Liebe ihre Kranken pflegte. Auf dieſem Wege überlegte er noch einmal, was ihm ſeit geſtern begegnet war. Die Franzoſen hatten abermals einen Ausfall gemacht. Die Vorpoſten meldeten ſogleich die erſte Be⸗ wegung, die ſie auf den gegenüberliegenden Forts bemerkten, und im nächſten Augenblicke ſchon ſtanden Sachſen, Bayern und Preu⸗ ßen zum Kampfe bereit und in der freudigſten Erregung da. Sie wußten, es galt für die Feinde, ſich Nahrungsmittel zu ver⸗ „ ug dos n Gre⸗ aber tie, den nit ihm ne Afen 0t Schuſe ſich ein⸗ ue Dich ſchaffen. Seit lange ſchon war das arme Volk mit Säcken be⸗ laſtet aus der Stadt gekommen und hatte angefangen, auf den Feldern Kartoffeln und Rüben auszunehmen. Zeigten ihnen die Vorpoſten ihre Zündnadelgewehre, ſo erhoben ſie flehend die Hände brachten auch wohl ihre Kinder mit und ſtellten die blei⸗ chen Kleinen wie zum Schutze vor ſich hin. Shr ganzer Anblick war ſo mitleiderregend, der Hunger ſprach ſo deutlich aus ihren Zügen, daß die mitleidigen Soldaten ſich nicht dazu entſchließen konnten, ſie zu verjagen. Oft winkten ſie ihnen mit einem weißen Taſchentuche zu, näher heranzukommen, und wenn ſie es ſchüchtern wagten, weiter vor zu gehen warfen ſie ihnen ihr Kommisbrot oder eine Erbswurſt zu, über die ſie mit der Gier hungriger Hunde herfielen und tauſend Zeichen der Dankbarkeit machten. Freilich geſchah es auch bieweilen, daß ſich die Hungrigen über ſolche Felder hermachten, deren Früchte für den eigenen Gebrauch der Soldaten beſtimmt waren. Dann ließ man ſie wohl die Säcke füllen, und wenn ſie beſcheiden waren, geſtattete man ihnen auch, ihr Theil davonzutragen, nahmen ſie aber zu viel, ſo genügte es, daß die Schildwache das Gewehr erhob, und ſogleich warfen ſie die vollen Säcke fort und ſprangen ſchnell wie die Haſen davon und in die Stadt hinein. Oft auch kamen ſie ganz ungenirt heran, winkten mit ihren Tüchern und unterhielten ſich auf das freundſchaftlichſte mit den Belagerern. Hierbei war es freilich auch nur auf Bettelei ab⸗ geſehen, der„arm hungrik Franzos bat den lieb Bruder Deutſch um ein petit Stück Brot,“ und der liebe Bruder ließ ſich ſelten vecgeblich bitten, führte er doch nicht Krieg mit wehrloſen Bür⸗ gern, mit Frauen und Kindern. Dieſer Verkehr wurde aber ſehr ſtreng verboten, ſobald die neuen Waffenſtillſtandsverhandlungen, von denen wir ſehr bald reden werden, an dem maßloſen Eigendünkel der großen Nation geſcheitert waren. Wohl ſahen die deutſchen Feldherrn ein, Haß es ſehr ſchwer werden würde, die Forts von Paris mit Sturm zu nehmen, aber es blieb ein Bundesgenoſſe der Belagerer, der Hunger. Dieſes bleiche, hohläugige Geſpenſt war bei der ärmeren — 188— Klaſſe in Paris ſchon lange eingekehrt und forderte täglich ſeine Todesopfer, hätten die Pariſer auf ſeine mahnende Stimme ge⸗ hört, ſie wären eher zu Verſtand gekommen, ſie aber wollten ab⸗ warten, bis die Gefahr auch an die Reichen herantrat, und trat⸗ ten auf die Vorräthe, die noch vorhanden waren und mit denen ſie gut haushielten, auf daß ſie deſto länger andauerten. Dieſen mächtigen Bundesgenoſſen nun wollten die Belagener nicht ſchwächen, indem ſie die armen Leute fütterten. Es war ſchwer, ſie zurückweiſen zu müſſen, ſelbſt denen, welche dazu den Befehl gaben, blutete das Herz dabei, und doch ſind im Kriege ſo ſrenge Maßregeln unerläßlich. Der Hunger alſo war es, der die Franzoſen zu dem neuen Ausfall getrieben hatte. Sie kämpften hitzig, Deutſche wie Franzoſen. Da begann die Flucht dieſer Letzteren, die Ulanen plänkelten umher und mach⸗ ten Gefangene, und wer ſich nicht ergab, den kitzelten ſie mit den Spitzen ihrer Lanzen. Auch Wilhelm Friſchmuth war bei dieſem Geſchäfte, aber er hatte die Augen überall, denn ſo weit es ging, ſah er ſich auch nach den Freunden um. Von Thomas Wildberger wußte er. daß er dabei war, der that ſeine Schuldigkeit, das ſtand feſt, Gott ſchützte auch wohl den braven Jungen, und Heinrich Beckers Corps war diesmal nicht dabei, für den brauchte er nichts zu fürchten, aber wo iſt der Graf Iſſelhorſt, ihm war er an dem ganzen Tage noch nicht begegnet? Da plötzlich ſah er einen Haufen ſich um einige Franzoſen ſchließen, die ſich verzweifelt zur Wehre ſetzten. Drei fielen, Einer hielt ſich noch allein. Reinhold iſt dabei, er hat es ſoeben mit den Uebrigen zu thun gehabt, ſeine Klinge raucht von Feindesblut.. da ſieht er den, der ſich noch hält, ein Schrei entfährt ſeinen Lippen. — Rafael, um aller Heiligen willen, Rafael! Ein Blick trifft ihn, ein letzter, ſchmerzlicher Blick trifft ihn, der Jüngling ſinkt zu Boden, Reinhold wirft ſeinen Degen fort und beugt ſich über den leblos Daliegenden. Der Krieg iſt ſchrecklich, er löſt die Bande der Menſchlichkeit, die Geſetze der Ratur, erdrücktdem Bruder gegen ſeinen Bruder die Waffe me Va ſch ſie don ni ich ſeint mnt ze⸗ nd te it denen elageret Es war daz den Kige ſo dn die begen nd nach⸗ nit den aber er ſch au u e und feſt geders an den runſen en, binet nh hn nft ihn egen fort noch zu retten ſein. — 189— in die Hand. Rafael, Rafael! er küßt die bleiche ſchöne Stirn— iſt er todt? Es rinnt kein Blut.. o dieſe Wunden ſind die gefährlichſten die ſich nach innen ergießen— Rafael, Rafael! Vergeblich iſt der Ruf, der Kampf tobt weiter, er muß fort und ſeine Leute führen, ihn ruft die Pflicht, und da liegt er, der Freund, der Verwandte, den vielleicht im nächſten Augenblick die Hufe der Roſſe zertreten. — Ha, Friſchmuth, Friſchmuth, Sie ſendet Gott! — Was giebt es denn, Herr Graf? — Sehn Sie den jungen Mann? Er iſt mein Freund, mein Verwandter, eilen Sie, retten Sie ihn mir, fort mit ihm zu Maria Fiſcher, ich habe keine Zeit, wir ſehen uns ſpäter! Die Worte waren in fliegender Eile geſprochen, und mit ge⸗ ſchwungenem Säbel ſpringt der Lieutenant ſeiner Kompagnie nach und führt ſie weiter zur Verfolgung der Flüchtigen. Wilhelm ſtieg vom Pferde und betaſtete den Körper des ihm anvertrauten Jünglings. — Ob er noch lebt? fragte er ſich, ich glaube es kaum, und den ſoll ich retten, während da herum noch ſo viele Kameraden liegen, die der Hilfe vielleicht weit mehr bedürfen? Sag ich's den Krankenträgern, ſo lachen ſie mich aus, bring ich ihn allein fort, ſo denkt vielleicht Einer, ich mache mich aus dem Feuer da⸗ von. Na, Herr Graf, für dieſen Auftrag bin ich Ihnen nicht eben dankbar, indeſſen will ich mein Möglichſtes thun. Damit nahm er den Körper auf und trug ihn an einen Zaun, hier legte er ihn hinter eine Pferdeleiche, deckte den Mantel eines todten Soldaten über ihn und ſchwang ſich dann wieder auf, um weiter zu eilen und neue Gefangene einzubringen. Es dunkelte bereits, als zum Sammeln geblafen wurde, dabei begegnete er wieder dem Grafen. Der trat haſtig an ihn heran. — Was ſagt Maria? fragte er, hofft ſie, daß er noch lebt? — So weit ſind wir noch nicht, verſetzte Friſchmuth etwas verdrießlich. — Wie, Sie haben ihn nicht zu ihr geſchickt oder getragen? — Fürchten Sie nichts, wenn er noch lebt wird er ſchon —————————— ————— —— — 190— Reinhold war außer ſich, zum erſten Male ſchwoll ihm das Herz vor Zorn gegen Wilhelm Friſchmuth, und dieſer Zorn machte ihn ungerecht. Der Ulan durfte ebenſowenig unverwundet vom Kampfplatze gehen, wie der Lieutenant, das bedachte er nicht und ging mit der tiefſten Bekümmerniß und noch tieferem Unwillen im Herzen zu ſeinem Quartier zurück. So bald er frei war, be⸗ gab er ſich auf das Schlachtfeld und ſuchte nach Rafaels Leiche, doch fand er wohl die Stelle, wo der Jüngling gekämpft hatte, aber ſeinen Körper fand er nicht. Er fragte die Kranken⸗ träger, ſie wußten nichts von ihm, er ging in das Lazareth, doch hier waren Aerzte und barmherzige Schweſtern ſo beſchäftigt, daß ſie ihm nicht Rede ſtanden. Tief betrübt begab er ſich heim, da begegnete ihm auf's Neue der Maſchinenbauer. Reinhold kehrte ſich ab, denn er fühlte, daß er nur harte Worte für ihn auf den Lippen hatte, und Wilhelm zuckte die Achſeln und dachte: — Schade, dieſe vornehmen Herren ſind ſich doch alle gleich, wenn man nicht nach ihrer Pfeife tanst, gleich nehmen ſie es krumm. Meinetwegen! Wir aus dem Volke können ſie ent⸗ behren, ſie nicht uns... und doch! die Iſſelhorſts waren anders, der und ſein Bruder Ottomar, ich hatte ſie beide ſo lieb, als ob ſie meinesgleichen wären, es thut Einem doch weh, wenn man dafür ſo gelohnt wird! Er durfte wohl ſo bitter empfinden, denn jedenfalls hatte er ſeine Pflicht gethan. Kaum aus dem Gefecht gekommen, und ohne ſich Raſt oder Speiſe und Trank zu gönnen, hatte er ſich aufgemacht, um nach dem Franzoſen zu ſehen, er fand ihn, wie er ihn verlaſſen hatte, leblos und ohne merkharen Pulsſchlag. Dennoch, und obſchon er von ſeinem Tode überzeugt war, lud er ihn ſich auf die Ach⸗ ſeln, dem ſtarken Manne wurde es nicht ſchwer, den ſteifen Kör⸗ per zu tragen, doch daß er ihn ſo ohne Hoffnung trug, das ſchmerzte ihn. Er hatte in Rafael Gambis edles, ſchönes Geſicht geblickt und verſtand nun die Trauer. welche Reinhold über den Tod dieſes jungen Mannes empfand. In dem Lazarethe war Ales ſchon in voller Thätigkeit, und Maria Fiſcher, die bleiche ihm das orn machie undet vom nicht und Unwillen war, be⸗ glämpft e Franſen⸗ reth doch äſügt daß ihn aufs denn e ale gleich ehmen ſie un ſe m ren anderz iub al b wenn mun ls hate. Frau, ſpendete Allen Troſt und Hilfe. Wilhelm zupfte ſie leiſe um Rock. — Sehen Sie mal, wen ich da bringe, ſagte er zu ihr, es iſt ein Freund von unſerem Grafen. — Von Reinhold von Iſſelhorſt? fragte ſie und warf einen theilnehmenden Blick auf den Bewußtloſen. — Ja wohl, verſetzte der Maſchinenbauer, ich hoffe wenig für ihn, aber wenn man Einen lieb hat, liegt ſchon an der Leiche was. Der Graf wird für ſein Begräbniß ſorgen. Damit legte er ihn auf ein leeres Bett, warf noch einen letzten Blick auf das bleiche Geſicht und ging, um nicht den Aerz⸗ ten und Krankenpflegern hinderlich zu ſein. Maria Fiſcher öffnete Rafaels Uniform und legte die Hand auf ſein Herz, ſie fühlte keinen Schlag, doch war ſeine Bruſt noch warm. Ein Arzt, den ſie her⸗ beirief, ſchlug ihm die Ader, da zuckte es in ſeinem Geſicht, die geſchloſſenen Augen öffneten ſich und ſanken gleich wieder zu. Als Friſchmuth am nächſten Morgen ganz früh in das La⸗ zareth ging, um ſich nach ihm zu erkundigen, lag er noch immer bewußtlos, doch nicht mehr mit der Steifheit eines Todten denn ſeine Glieder waren loſe und gebogen, ſeine Lippen halb ge⸗ öffnet, ſeine Hand war warm. — Nun, ſagte Wilhelm zu Maria Fiſcher, es ſcheint ja beſ⸗ ſer mit ihm zu gehen, als ich dachte. — Es iſt eine Nervenlähmung., die, wie ich hoffe, leicht vor⸗ übergeht, verſetzte ſie. Eine Kugel, die unmittelbar an einem Menſchen vorbeiſauſt, bringt oft durch den bloßen Luftdruck ſolch eine Wirkung hervor, und dieſer junge Mann ſcheint kaum von einer gefährlichen Krankheit erſtanden zu ſein, denn auf ſeiner Bruſt fand man eine tiefe, furchtbare Narbe. — Alſo hoffen Sie ihn zu retten? — Ich hoffe es zu Gott. — Das will ich doch gleich dem Grafen melden. Ich war zwar geſtern fuchswild gegen ihn, aber heute ſoll es vergeſſen ſein. Es iſt zu dumm. Die ganze Nacht habe ich mich darüber geärgert, daß der Graf ſo gegen mich war, und jetzt, da es Tag iſt, ſcheint es mir, als wenn der ganze Aerger unnütz geweſen wäre, hätte ich ihm gleich geſagt, Herr Graf, ſo und ſo, wir wä⸗ ren auch über Nacht die beſten Freunde geweſen. Wiſſen Sie, es iſt doch ſchwerer, zur rechten Zeit reden, als zur rechten Zeit ſchweigen, denn das Maul halten, das kann jeder Schafskopf, aber ein geſcheutes Wort da ſprechen, wohin es gehört, das.. nun ich glaube, das lernt Wilhelm Friſchmuth ſein ganzes Le⸗ ben lang nicht. Gabriele reichte ihm lächelnd die Hand. — Aber Ihnen will ich doch etwas ſagen, fuhr er fort. Sie ſtrengen ſich zu ſehr an. Wie Sie bleich ſind, Maria! Wenn Sie krank würden.. Ich bitte Sie, ſchonen Sie ſich. — Sehen Sie dieſe Kranken, verſetzte ſie milde. Wie könnte ich bei dieſem Jammer an mich ſelber denken! Die ganze Nacht über war ich beſchäftigt. Da ſchreit Einer vor gräßlichen Schmerzen, ein Anderer jammert, daß ihm der Arm abgenommen iſt, mit dem er für Weib und Find gearbeitet hat. Der weint nach ſei⸗ ner Mutter, Jener flucht auf Gott und die Welt es iſt ſo ſchrecklich, daß mir das Herz brechen möchte, und doch ſehe ich es ſchon ſeit Monaten und weiß, daß gerade Diejenigen am meiſten um ihre Zukunft im Leben beſorgt find, die bald genug vor Got⸗ tes Thron ſtehen werden, und daß die am ärgſten ihre Schmer⸗ zen beklagen, die am ſchnellſten wiederhergeſtellt ſein werden. Leben Sie wohl, lieber Freund, ich darf mich den armen Leiden⸗ den nicht lange entziehen. Sagen Sie dem Grafen, daß ich für das Leben ſeines Freundes ſtehe. Mit dieſem Troſt eilte Wilhelm davon und kam dahin, wo Reinhold von Iſſelhorſt grade jetzt wohnte. Zu ſeiner Freude traf er ihn allein und blieb in militairiſcher Haltung an der Thüre ſtehen. — Sie, Friſchmuth? fragte der Lieutenant. — Ja, Herr Graf, ich melde mich bei Ihnen als ein reuiger Sünder. — O ſtill davon, bat Reinhold und ſtreckte ihm die Hand hin. Ich habe etwas Unvernünftiges verlangt, was Sie nicht leiſten konnten, das habe ich nachträglich erſt eingeſehen. Wir wollen nicht mehr davon reden. das ma wir wi⸗ Sie es ten Zeit aflopf . zes Le⸗ ort. Sie Vem e lönnte ht über hmerhen, iſt nit nuch ſi⸗ i ſo he ih 6 weißen vor Got⸗ Schnel⸗ werden. ⁰ Leiden⸗ ſ ih ſir — 5— — Doch, Herr Graf, reden müſſen wir noch davon, denn das war meine Schuld, daß ich Ihnen nicht gleich die Sache klar machte. Ich komme deswegen ſo früh. — Kommen Sie nur deswegen? — Nicht bloß um meinetwillen, obſchon ich Ihnen auch mittheilen wollte, daß ich Unteroffizier geworden bin. — So, das freut mich, da ſieht man wieder, daß bei uns jedes Verdienſt anerkannt wird. — und dann ſoll ich Ihnen von Maria Fiſcher ſagen„ — Von Maria Fiſcher.. was denn? — Daß ſie für das Leben Ihres Freundes gut ſagt. Reinhold ſprang auf und faßte den Maſchinenbauer bei beiden Schultern. — Meines Freundes.. rief er, Sie wiſſen, wo Raſael iſt, er lebt, er wird wiederhergeſtellt werden? — Za ja, Herr Graf, das Beſte davon hätte ich Ihnen ſchon geſtern Abend ſagen können, wenn Sie mich nicht ſo ſtolz angeſehen hätten, und wenn ich nicht ſo dumm geweſen wäre, Ihnen das übel zu nehmen, wobei Sie doch ſo Unrecht gar nicht hatten, denn Sie wußten nicht, daß ich den jungen Mann in das Lazareth getragen habe. — Friſchmuth, ſehen Sie, Friſchmuth, das vergeſſe ich Ihnen nie Wir müſſen Freunde bleiben, geben Sie mir Ihre Hand darauf. Sie ſind wenig älter als ich, aber Sie kennen das Leben tauſend Mal beſſer, ich habe ſchon viel von Ihnen gelernt, ich werde noch mehr von Ihnen lernen, wenn meine Pläne ſich ver⸗ wirklichen. Ich bin kein Narr, der Standesunterſchiede kennt, wo das Herz ſo wacker ſchlägt, wie bei Ihnen, glauben Sie es mir, die Stunden, die ich mit Ihnen und Ihren Freunden verlebt habe, werden für unſer aller Zukunft nicht vergeblich verfloſſen ſein. Doch jetzt zu meinem Rafael. kommen Sie mit mir? — Nein, Herr Graf, ich habe Dienft. — Dann auf ein baldiges Wiederſehen, lieber Freund, ich erzähle Ihnen dann, warum ich den ſchönen Jungen ſo herzlich liebe, dem Sie das Leben erhalten haben. D. V. Th. II. 13 — 194— Mit dieſen Worten trennten ſich die Beiden, und keiner von ihnen ahnte, daß Rachgier und Mordluſt wie zwei böſe Geiſter hinter ihnen herſchwebten und nur die Nacht erwarteten, um ſich auf ihre Beute zu ſtürzen. Wilhelm war überfroh. — Es iſt doch ein Prachtburſche, der Reinhold, ſagte er zu ſich, faſt habe ich ihn noch lieber als den Ottomar, obgleich auch dieſer, der beſte Junge von der Welt iſt. Ja, wenn ſie Alle ſo wären! Was meint er mit der Zukunft? Ach geh, wer denkt im Kriege an die Zukunft? Zede Kugel kann ihr ein Ende machen. Zukunft. ja, wenn es da ein hübſches junges 2 18 gäbe mit Grübchen in den Backen. Still, ſtill, denk nicht daran, die iſt wohl für immer für Dich verloren, und ſo gut gefällt mir ſicher keine wieder. Pfui, ſind das Gedanken für einen Ulanen⸗Unteroffizier? Wenn der Krieg aus iſt, dann geht es wieder an die Arbeit, dann wird geſpart und zuſammen⸗ gekratzt, bis ein paar hundert Thälerchen beiſammen ſind, um eine kleine Maſchinenbauerei anzulegen, ganz klein, der Borſig hat auch nicht beſſer angefangen, und Dreyſe, der berühmte Zünd⸗ nadelerfinder, war auch nicht mehr als ich. Es kommt Alles nur darauf an, daß man Fleiß und Geſchick beſitzt, dann geht es ſchon vorwärts, freilich, das gehört auch dazu, daß der Herrgott Einem Geſundheit und ganze Glieder läßt, ach und gäbe er noch eine Frau dazu, wie die... Donnerwetter! Da bin ich wirklich ſchon wieder bei dem Mädel. Ei ſo ſoll doch.. In dieſen Gedanken unterbrach es ihn, daß er ein Raſcheln in dem Gehölz vernahm, vorſichtig ſchlich er ſich hin, duckte ſich hinter einen Erdwall und bemerkte von dieſem Verſteck aus, daß ein ſchwarzer Kerl an ihm vorbeiſchlich⸗ den er zu kennen glaubte. Der Mohr ging ſo gebückt, wie eine Katze, die den Rücken einzieht, wenn ſie auf Mäuſe ausgeht. Wilhelm blickte ihm nach. — Dir will ich auf die Finger ſehen, ſagte er leiſe. Der heute und vorgeſtern das alte Weib mit der liederlichen Tochter, das iſt eine Geſellſchaft, vor der man ſich in Acht nehmen muß, und da ſchleicht er ſich zu den Vorpoſten hin Ja, komm Du mir nur in den Weg, ich brenne Dir die ſchönſte Kugel auf das ſchwarze Fell, Du ekelhaftes Stück von einem Teufel. iner von e Geiſter im ſih te et zu eich auch Alle ſo et dent ein Ende ges 1 enk nicht ſo gut anien fir ſt, dunn uſammen⸗ ſnd, um er Borfig ute Zünd⸗ ut Alles ann geht r herrgott e er nch 6 nirklich 1 gſcheln zuct ſch aus, deß n glubt en Rücen ihn nach. ſt M Lochtert n muß omm t me 3,1 gugel au ufel — 185— Taleb verſchwand hinter den Hügeln, Friſchmuth ging an ſeinen Dienſt, ihm ſagte keine Ahnung, daß der Dolch des Turko auch für ihn geſchliffen war, er fuhr fort, an eine glückliche Zu⸗ kunft zu denken. Von Ottomar wußte er nur wenig, in ſeinen Briefen an Reinhold erwähnte er nichts von dem Abenteuer in dem Vogeſenſchloſſe, vielleicht hatte er es bereits vergeſſen. Wil⸗ helm Friſchmuth wäre froh geweſen, wenn er es auch vergeſſen hätte. z— 110 23. Kapitel. Waffenſtillſtandsverhandlungen. Während in Paris die aufgeregte Volksmenge laut nach Kämpfen verlangte, während Gambetta und ſeine Anhänger den Krieg bis an das Meſſer fortſetzen wollten, wünſchten doch die gemäßigter und vernünftiger denkenden Franzoſen ſehnſüchtig den Frieden herbei. Frankreich war geſchlagen, wer Augen hatte, der mußte das ſehen, wer ſich nicht mit ganz hochtönenden Phra⸗ ſen den Kopf verdrehte, der konnte ſich dieſer traurigen Wahrheit nicht verſchließen, doch die rothen Republikaner gaben es noch immer nicht zu, noch immer prahlten ſie mit Siegen, die keine waren, noch immer erklärten ſie einen jeden General, der ſich ſchlagen ließ für einen Verräther. Seitdem ſie Bazaine verloren geben mußten, bauten ſie ihre Hoffnung auf Aurelles de la Paladine, der Sieg an der Loire ſchien ihnen gewiß. Die Bayern hatten Hrleans geräumt, das war das Zeichen ihrer Niederlage und eines großen franzöſiſchen Triumphes. Nach ihrem Ermeſſen ſtand Alles vortrefflich, wenn nur Paris ſich hielt. Den deutſchen Feldherrn ließen ſich ihre Künſte leicht 13 6 — 196— abmerken, an Soldaten, an Waffen fehlte es keineswegs, wer hätte da an dem Siege der Republik zweifeln dürfen? Und doch geſchah es, geſchah inmitten der Hauptſtadt Frankreichs, die bisher in allen politiſchen Bewegungen den Ton angegeben hatte. Schon am dreizehnten und achtzehnten Sep⸗ tember hatte der Graf Bismark von Rheims aus die Bedingun⸗ gen dargelegt, unter welchen das ſiegreiche Deutſchland zum Frieden geneigt ſei. Er verlangte zunächſt eine Sicherheit gegen künftige Eroberungsgelüſte der Franzoſen und fand dieſe in der Abtretung der Grenzprovinzen mit ihren für uns ſo wichtigen Feſtungen, Straßburg und Metz. Zugleich erklärte er, es ſei für das deutſche Intereſſe ganz gleichgültig, welche Regierungsform ſich Frankreich geben wolle. Die auf Grund dieſer beiden Schriftſtücke geführten Verhandlun⸗ gen mit Jules Favre hatten zu keinem Reſultat geführt, weil dieſer Herr verſicherte, keinen Zollbreit Landes und keinen Stein einer Feſtung abtreten zu wollen. Späterhin, es war am achten Oktober, wurden die diploma⸗ tiſchen Verhandlungen wieder aufgenommen, und der Vertreter der auswärtigen Angelegenheiten der Nebenregierung in Tours, Chaudordy, hatte die Kühnheit, zu behaupten, daß Frankreich nie⸗ mals Eroberungsgelüſte gefühlt habe, dieſes Frankreich, das ſchon ſeit Beginn dieſes Jahrhunderts beſtändig nach dem Rhein ver⸗ langte. Die preußiſche Regierung konnte eine ſo unerhörte Unwahr⸗ heit unmöglich mit Stillſchweigen übergehen und veröffentlichte unter dem zehnten Oktober eine Entgegnung darauf. In dieſer ſehr ruhig gehaltenen Schrift gab der Kanzler des norddeutſchen Bundes ſeinen Feinden die heilſamſten Rathſchläge, er machte es ihnen klar, wie ihre Lage ſich bedeutend verſchlimmert habe, ſeit⸗ dem Herr Favre die Friedensunterhandlungen abgebrochen, und daß Deutſchland nun erſt recht keinen Grund beſitze, von ſeinen ohnedies mäßigen Forderungen abzuſtehen. Er erinnert ſie alsdann an die gewerbliche Noth, welche ein bis zum Aeußerſten geführter Krieg mit ſich bringen müſſe, und verſichert ihnen, daß ein jeder Widerſtand vergeblich ſei, da Straß⸗ wer auptedt den Ton n Sep⸗ edingun⸗ Frieden inföge Abtretung eſtungen, ſe ganz n wolle. handlun⸗ hrt, weil en Stein diyloma⸗ Pertreter n Tour reich nie⸗ as ſchon hein vel⸗ Unwahr⸗ fentlcht⸗ n dieſer deutſchen nochte e abe, ſit — 137— burg und Toul gefallen, Paris cernirt und die deutſche Heeres⸗ macht bis zu der Loire vorgeſchoben ſei, er warnt ſie vor den unſinnigen Zerſtörungen der Eiſenbahnen, Kanäle und Brücken, die dem Lande furchtbare Schäden zufügte, ohne das Weitergehen der ſiegreichen Truppen zu verhindern, während nach der Ueber⸗ gabe von Paris ein herbeiſchaffen von Lebensmitteln fühlbar er⸗ ſchwert werden müſſe, und die Hungersnoth eine unausbleibliche Folge dieſer blinden Zerſtörungswuth ſein werde. Das Alles war ſo ruhig, deutlich und ſo voll von menſch⸗ licher Rückſicht dargeſtellt, als ob nicht ein Feind, ſondern der beſte Freund Frankreichs zu ihm ſpräche, und dennoch machte es auf die bethörten Franzoſen nur einen ſehr ſchwachen Eindruck. Schon am zwölften Oktober erſchien eine neue Note des Herrn von Chaudordy, worin er damit prahlt, daß es der Hauptſtadt keineswegs an Lebensmitteln und dem Lande keineswegs an Sol⸗ daten fehle, daß dagegen die deutſchen Armeen durch Schlachten und Krankheiten immer mehr zuſammenſchrumpften, daß der lange Aufenthalt im Felde ſie entſittliche, daß keiner dieſer Krieger ſpäter für ein bürgerliches Geſchäft zu brauchen ſein werde. und daß bei der Zerſtörung der Kommunikationswege der Hunger unter den feindlichen Truppen bald größer ſein werde, als in Paris. Nach dieſem unſinnigen Gewäſch ließ auch Herr Jules Favre ſeine Stimme vernehmen. — Deutſchland, ſagte er in tiefem Schmerz, verfolgt kalt das Werk unſerer Vernichtung, es verwüſtet Frankreichs Boden, brennt ſeine Dörfer nieder, erſchießt ſeine Einwohner und vernichtet da⸗ durch den hohen Begriff, welchen Europa bisher von deutſcher Sittlichkeit gehegt hat. Wahrlich! ruft er aus, ich möchte nicht unſer Unglück mit einem Glücke vertauſchen, welches zu ſolch einem Preiſe errungen iſt. Wir mögen unterliegen, aber die Geſchichte wird unſere Größe anerkennen, und die europäiſchen Mächte werden nicht umhin können, einem ſo ungerechtfertigtem Blutver⸗ gießen Einhalt zu thun. Wirklich ſchien es, als ob England zu dieſer Einmiſchung bereit ſei denn der in Berlin anweſende Geſandte der Königin Viktoria brachte allerlei Vermittlungsvorſchläge, auf welche der . 1 ——— — 198— eiſerne Graf ganz kurz antwortete, er ſei zu jedem Vergleiche gern bereit, wenn die franzöſiſchen Regierungsmitglieder erſt Ver⸗ nunft annehmen würden. Nun tauchte aber immer wieder auf's Neue die Frage auf: Ja, mit wem ſollen denn die deutſchen Regierungen Frieden ſchließen? Die Herren von der proviſoriſchen Regierung hatten ſich ſelber in ihr Amt geſetzt und blieben darin, weil man keine anderen Leute hatte, durch die man ſie hätte erſetzen können, wenn ſie aber einen Frieden unterzeichneten, wer ſtand dafür, daß das ganze Land ihn anerkannte? Deswegen hatte ſchon Favre beantragt, es ſolle eine conſti⸗ tuirende Verſammlung gewählt werden, welche eine neue republi⸗ kaniſche Regierung zuſammenſetzte, und mit dieſer ſollten dann die Verhandlungen ſtattfinden. Dazu hätte der König Wilhelm gerne ſeine Zuſtimmung ge⸗ geben, aber Paris war belagert, und wie konnte das Land ſeine Vertreter wählen ohne die Hauptſtadt, und wie konnten die in Paris gewählten Vertreter dieſe Stadt verlaſſen, ohne daß ſie ſich den Gefahren einer Reiſe durch die Löfte ausgeſetzt hätten? Herr Thiers, der ſoeben eine höchſt vergebliche Rundreiſe durch alle europäiſchen Staaten gemacht hatte, um bei den gekrönten Häuptern Mitgefühl für Frankreichs Schickſal zu erregen, Herr Thiers, der jetzt neben Jules Favre das Vertrauen aller ge⸗ mäßigten Franzoſen beſaß ließ ſich bei dem Grafen Bismark melden. Dieſer war natürlich gern bereit, ihn zu empfangen, er ge⸗ währte ihm freies Geleit und ſorgte für jede Bequemlichkeit. Auf ſeiner Reiſe nach Tours und Verſailles war er in Orléans von dem General von der Tann mit der liebenswürdigſten Gaſtfreund⸗ ſchaft aufgenommen worden, er hatte die bayeriſchen Truppen geſehen und vor ihren herrlich kräftigen Geſtalten und der Ordnung, die unter ihnen herrſchte, den größten Reſpekt bekommen. Ein bayri⸗ ſcher Stabsoffizier hatte ihn als dann bis Arpajon begleitet, wo der alte Herr ſein Nachtquartier nahm. Dieſe kurze Reiſe hatte ihm mehr genützt als die weite zu den Höfen Englands, Oeſterreichs und Rußlands, dort hatte er nur leere Worte, höfliche Redens⸗ or de — e c — ergleiche erſt Ver⸗ ge auf: Frieden hatten un keine können, d dafüt, conſti⸗ republ⸗ en dann ung ge⸗ t5 ſeine die in doß ſe ten? tundreiſe ekrönten Helt ller ge⸗ gismark er ge⸗ nlichkei. Orleans feu⸗ gſhen ng 5 . bayri⸗ wo der atte ihn feni⸗ Rrdenl⸗ — 199— arten vernommen, hier hatte er geſehen, daß ein ganz unbezwing⸗ licher Feind ſeinem Vaterlande gegenüber ſtand. Er war klug genug, die deutſche Heerführung mit der Franzöſiſchen vergleichen zu können, ach und wie ſehr fiel dieſer Vergleich zum Nachtheile ſeiner Landsleute aus! Voll von dieſem Eindrucke begab er ſich nach Verſailles, und hier beſtärigte ſich bei den andern deutſchen Truppen alles Günſtige, was er bei den Bayern über die deutſche Kriegszucht geſehen hatte. Die Unterredung mit dem eiſernen Grafen war nur kurz, denn ſie beſtund in einem Privatgeſpräche. Herr Thiers beſaß nämlich durchaus keine Vollmacht zu irgend einer Unterhandlung, und um ſich dieſe zu holen, begab er ſich nach Paris. Wie mag ihm zu Muthe geweſen ſein, als er die Veränderungen wahrnahm, die mit der Stadt des Luxus und des Vergnügens vor ſich ge⸗ gangen waren! Er kannte Paris, als er unter dem orleaniſtiſchen Könige Miniſter war, er kannte es, als ſich Barrikaden in allen Straßen aufthürmten, er kannte es unter dem Glanze des zweiten Kaiſerreichs, und immer war es Paris, die Stadt voll Leben und Bewegung, voll Heiterkeit und Vergnügen geweſen. Aber jetzt kein Wagen rollte durch die verödeten Straßen, keine geputzte Menge drängte ſich in dem Gehölz von Boulogne, die Theater waren geſchloſſen, die Ballſäle zu Laza⸗ rethen eingerichtet. Von den Schaufenſtern waren alle Luxusge⸗ genſtände verſchwunden, der Blumenmarkt, ſonſt eine Zierde von Paris, war wie abgeblüht, die Krämer legten nicht mehr ihre Delikateſſen zur Schau aus. Mit hervorſtehenden Rippen keuchten die wenigen Pferde, die man noch ſah, Hunde zu halten, das wäre eine Sünde geweſen, wo kaum die Menſchen ſich ſättigen konnten, kaum daß hier und da noch ein Kanarienvogel ſein Leben friſtete. Und an den meiſten Häuſern waren die Läden geſchloſſen, die Fenſter heraus⸗ genommen und durch Bretter erſetzt, das Straßenpflaſter zerſtört, und Barrikaden verſperrten die Wege. Nur die Leichenträger hatten genug zu thun, denn ſchon war die Sterblichkeit ganz ungeheuer. Bei ſolch einem Anblick kann ſelbſt der ſtärkſte Mann ſich ——— ————— † 14 1 1 ) — 200— nicht der Thränen enthalten, es mögen traurige Unterredungen geweſen ſein, die Herr Thiers mit Jules Favre, Trochu und den anderen Herren von der Regierung hatte. Als er Paris wieder verließ, begleitete ihn ein Oberſt des franzöſiſchen Generalſtabs nebſt mehreren Offizieren bis zu der Cernirungslinie. Diesſeits empfing ihn der Major von Winterfeld vom großen Generalſtab mit einem Offlzier des königlichen Hauptquartiers, und die in Sdvres liegenden Offiziere vom preußiſchen Vorpoſten⸗Kommando machten vor ihm die Honneurs. Die Unterhaltung wurde ſogleich lebhaft, denn die franzöſiſchen Herrn fragten ſehr eifrig nach Neuigkeiten und ſchienen doch gar nicht geneigt zu glauben, was ihnen berichtet wurde. In Paris lauteten die Nachrichten ſo ganz anders und ſo viel tröſtlicher, da war es jedenfalls geſcheuter, den eigenen Landsleuten Vertrauen zu ſchenken, als den Feinden. Solche abſichtliche Unwiſſenheit konnte man nur bedauern, auch war es ja nicht nöthig, die Wahrheit von Thatſachen zu behaupten, die ſich bald genug klar herausſtellen ſollten. So kehrten denn die Offiziere mit der Ueberzeugung in ihre Stadt zurück, daß nächſtens Garibaldi und die Loire⸗Armee kommen würden, um Paris zu befreien, Herr Thiers aber begab ſich zu dem Grafen Bismarck. Die Unterhandlungen mit dieſem dauerten von dem dreißigſten Oktober bis zum ſechsten November, ſie wurden meiſt unter vier Augen geführt, und gewiß mußte es höchſt intereſſant geweſen ſein, dieſe beiden ſo geiſtreichen und ſo gewiegten Staatskünſtler miteinander reden zu hören, weil jedoch ein Jeder von ihnen auf dem einmal gefaßten Entſchluſſe beſtand, ſo konnten die Verhand⸗ lungen zu keinem günſtigen Ziele gelangen. Herr Thiers verlangte mit der Unverſchämtheit, die alle auch die beſten Franzoſen kennzeichnet, daß die Deutſchen ihnen einen Waffenſtillſtand bewilligten, damit eine conſtituirende Verſammlung gewählt werden könne, um aber hierzu dem Volke die vollſte Freiheit zu geben, ſollte Paris geöffnet werden. Zu der Gewährung des Waffenſtillſtandes war Graf Bis⸗ mark ſogleich bereit, Thiers verlangte ihn zuerſt auf fünfund⸗ zwanzig, ſpäter auf achtundzwanzig Tage und behauptete, dies rredungen und den is wieder teralſtabs Diesſeits eneralſtab ud die i ommando de ſogleih frig nach ben, was s und ſo n eigenen Solche war es pien die denn die nichten⸗ puri zu mart riſigſen unter vier geweſen slünſtler ihnen uf Prchund⸗ alle auch nen eiſen mnlung gref Bit⸗ Verlangen nur auf Wunſch der neutralen Mächte zu ſtellen, er forderte aber zugleich, daß Paris verproviantirt würde. Damit wäre denn die Frucht aller ſeit zwei Monaten gemachten Anſtren⸗ gung vollſtändig aufgegeben geweſen, und man befand ſich wieder grade wie vor der Einſchließung von Paris. Selbſt Herr Thiers mußte einſehen, daß das ein ſtarkes Verlangen an einen bisher immer ſiegreichen Belagerer war, er berieth ſich noch einmal mit Jules Favre und dem General Tro⸗ chu, doch dieſe beſtanden hartnäckig auf ihrem Kopfe und behaup⸗ teten, daß ein Waffenſtillſtand ohne Verproviantirung von Paris gar nicht zu denken ſei. Somit wäre denn der mächtige Bundes⸗ genoſſe der Belagerer, der Hunger, beſeitigt geweſen die Speku⸗ kation war gut, doch ſtieß ſie bei Herrn von Bismark auf einen zu entſchiedenen Willen, wollten die Franzoſen keinen Fußbreit Erde opfern, nun, ſo ſollte auch kein Tropfen deutſchen Blutes auf Frankreichs Boden unnütz gefloſſen ſein. Von Anfang an war es wohl den Unterhändlern kein rechter Ernſt mit der Sache geweſen, ſonſt hätten ſie keine Bedingungen geſtellt, die ſie ſelber als unannehmbar erkennen mußten. Alles lief darauf hinaus, vor den neutralen Mächten, England, Oeſter⸗ reich und Rußland, den Schein zu retten, daß Frankreich nach dem Frieden verlange. Dieſes hochmüthige Volk mußte noch tiefer gedemüthigt werden, ehe es zu Kreuze kroch. Vorbei war es für jetzt mit allen Hoffnungen auf Frieden, und die Feindſeligkeiten wurden von beiden Seiten auf das Lebhafteſte wieder aufgenommen. Herr Thiers glaubte aber ſein Verhalten in dieſer Angelegenheit noch vor den Augen der Regierungen wie vor denen der ganzen Welt rechtfertigen zu müſſen, er that es in einer Weiſe, die na⸗ türlich fein genug angelegt war, um denen, die nicht tiefer zu blicken vermochten, Sand in die Augen zu ſtreuen. Ich habe, ſchließt er dieſen Bericht, alle Anſtrengungen aufgeboten, um meinem Vaterlande die Wohlthaten des Friedens wiederzugeben, des Friedens, welchen es verloren hat durch die Fehler einer Re⸗ gierung, deren Existenz einzig und allein der Fehler Frankreichs iſt, und allerdings iſt es ein großer und kaum wieder gut zu ———————— — ———————— ——— — 252— machender Fehler, wenn ſich ein Land eine ſolche Regierung giebt und ihm ſeine Geſchicke ohne ſelbſtſtändige Kontrole anvertraut. Sehr amüſant iſt es, die Bedingungen kennen zu lernen, welche der alte ſchlaue Diplomat ſtellte, ein anderer als der Graf von Bismark wäre ihm wahrſcheinlich in die Falle gegangen, doch hier ſtand ihm ein zu kluger Gegner gegenüber, der alle ſeine Schliche ſchnell durchſchaute. Wäre es nach Herrn Thiers gegangen, das Blättchen hätte ſich ſchnell zu Gunſten Frankreichs gewendet, ſie hätten während des achtunzwanzigtägigen Waffen⸗ ſtillſtands immer munter fort rekrutirt und exerzirt, hätten Waffen und Munition angeſchafft und es den Deutſchen ſehr verargt, wenn, ſie auch nur die nothwendigſten Lebensmittel herangezogen hätten. Nicht Paris allein, alle feſten Plätze ſollten verproviantirt werden, und für die Hauptſtadt allein verlangten ſie vierunddreißig tauſend Ochſen, achtzigtauſend Schafe, achttauſend Schweine, fünf⸗ tauſend Kälber, hunderttauſend Centner Salzfleiſch, dreißigtauſend Centner Hülſenfrüchte, dazu das nöthige Futter für ſo viel Vieh, dazu hunderttauſend Tonnen Steinkohlen, fünfmalhunderttauſend Klaftern Holz und Gott weiß, was ſonſt noch. Wie man ſieht, wußten die Leutchen, was ſie wollten. In Deutſchland war man über das Scheitern der Waffen⸗ ſtillſtandsverhandlungen durchaus nicht troſtlos, das Volk ſcheute nichts mehr als einen faulen Frieden und vertraute auf ſeine Regierungen, daß ſie die Ehre des Vaterlandes zu ſichern wiſſen würden. In Frankreich dagegen war die Aufregung allgemein. und die Parteiintereſſen traten wieder äußerſt lebhaft hervor. Die rothen Republikaner erhoben die Fahne der ſozialiſtiſchen Demo⸗ kratie immer höher und höher, denen in Marſeille ging ſelbſt Gambetta lange nicht kräftig genug vorwärts, ja, ſie klagten ihn an, ein Feind des Volkes zu ſein und ſtellten einen Preis auf ſeinen Kopf. In Lyon, wo das Verhältniß zwiſchen den reichen Seidenfabrikanten und ihren armen Arbeitern ein ſehr feindliches iſt, erhoben ſich dieſe Letzteren und bildeten eine Vereinigung, um alles Eigenthum abzuſchaffen. An beiden Orten und noch an vielen anderen mußte die bewaffnete Gewalt einſchreiten und Ordnung ſtiften. So kämpften mitten in dem Kriege gegen den äuß p chi no hat V Fr die der übe der ung gieb ertraut. u lernen, der Graf egangen, der alle n hies rankreichs Vuffen⸗ nVoffen verargt ngezohen oviantirt nddreißig ne fünf⸗ guuſend rttauſend an ſiht Vuffen⸗ tſhu uf ſeine n wiſen lgemein⸗ r. Die Dem⸗ 9 ſelbſ gien ihn reis ou richen — 203— äußeren Feind die Parteien gegen einander und zerfleiſchten ſich gegenſeitig es war, als ob alles Elend zugleich über das be⸗ thörte Volk hereinbrechen ſollte, aber dieſe Erfahrungen genügten noch lange nicht, es zu Verſtand zu bringen, und das Verderben hatte ſeinen Fortgang. Mit haſtigen Schritten eilte Reinhold von Iſſelhorſt dem Lazarethe zu, er lief nicht, er ſprang, ihm war es, als habe die Freude, Rafael gerettet zu wiſſen, ihm Flügel verliehen. Und dieſe Freude war nicht ohne Selbſtſucht. Er ſollte nicht nur den Verwandten, den Freund begrüßen, er hoffte auch Rachrichten über Helene einziehen zu können, und ſein Herz ſchlug höher in dem Gedanken an das geliebte Mädchen. Wie ſchien ihm der Weg ſo weit! Die Luft war kalt, aber er fuhr mit der Hand über die Stirn, welche glühte, über die Augen, die weit heller leuchteten, als die herbſtliche Sonne. Von Allem, was ihm begegnete, ſah er nichts, er bemerkte micht das alte Weib, welches ihm nachſchlich, nicht die junge Dirne, die auf dem Marketenderkarren ſaß und freche Blicke um ſich warf, indeſſen dicht hinter ihr, wie zur Bewachung, ein Afrikaner kauerte. Solche Kerle ſah man jetzt wenig, es war bei Metz und Sedan und früher ſchon bei Wörth gut unter ihnen aufgeräumt worden, und wer nicht bereits in Frankreichs Erde lag, der mochte ſich deutſche Feſtungen anſehen. Wohl ſchwerlich wurden ſie ver⸗ mißt, ſic hatten ſich als Soldaten ſehr ſchlecht bewährt; warum auch nicht? ſie kämpften ja nur, weil ſie mußten, ſie hatten keine Idee von der Urſache des Krieges und ließen ſich wie Hunde auf unſchuldige Haſen hetzen, aber nicht gegen Löwen gebrauchen. Als ihnen Deutſchlands Heldenſöhne entgegenſtanden, da duckten ſie ſich und ſchlichen ſich bei Seite oder krochen herum, wie die Schlangen, deren giftiger Zahn unvermuthet trifft. Un⸗ zählige Scheußlichkeiten wurden durch ſie verübt, ſie mordeten mit kalter Luſt, nur um des Mordens willen, und um zu rauben, zu ſtehlen und ſich an dem Gewinſel der Sterbenden zu ergötzen. Huſſein, der hinter Liſette hockte, wie ein Kettenhund, der eine geſchmeidige Katze bewacht, hatte ſich an Margots Branntwein gütlich gethan, feine Augen glotzten ſtarr und gläſern, und ſeine — 204— Zunge lallte gemeine halb franzöſiſche halb arabiſche Lieder. Lt⸗ ſette fühlte ſich höchſt unbehaglich in ſeiner Nähe, ihre Blicke ſchweiften nach dem ſchönen Bayern umher, doch fand ſie ihn nicht, Margot dagegen bemerkte wohl den jungen Grafen, der an ihr vorübereilte, ohne ſie zu ſehen. Er kam zu dem Lazarethe, er fand ſeinen Freund.. Ra⸗ fael Gambi hatte ſich von ſeiner ſchweren Ohnmacht erholt und ſaß auf ſeinem Lager, das Haupt traurig in die Hand geſtützt. Er dachte, daß er gefangen ſei, daß die Deutſchen ihn weit hin⸗ weg in ihr Land ſchleppen würden, und daß die Herzogin von Montalto ſchutzlos zurückblieb. Ihm wollte das Herz brechen vor Betrübniß, er mußte ſeine ganze Kraft zuſammennehmen, um nicht aufzuſchreien vor Schmerz. Wie lebhaft malte er ſich es aus, wie die Truppen nach Paris kamen, geſchlagen, abermals geſchlagen, und wie Helene am Fenſter ſtand und auf ihn wartete, wie Iduna Speiſen für ihn bereiten und ſein Lager ordnen ließ, damit er ſich nach der Arbeit ſtärken könnte. Und wenn ſie dann lange, lange Zeit vergeblich auf ihn gehofft hatten wie dann die Angſt ſich ihrer bemächtigte, wie ſie den Diener ausſchickten, nach ihm zu fragen, wie von Sekunde zu Sekunde ihre Herzen banger klopften, bis ſie die Nachricht empfingen, daß er gefangen ſei, daß auch ihr letzter Troſt verſchwunden wäre——— Schrecklich hatte es ihn berührt, als die Bewohner von Belle⸗ ville ſich um das Haus der Herzogin geſammelt hatten, er kannte jenen rohen Patron den betrunkenen Tiſchler Schack, er wußte, was zu befürchten fiand, wenn ſich dieſer Tumult erneuerte. Iduna zu weich, zu nachgiebig, ſie vermochte es nicht, dem tobenden Haufen zu widerſtehen... Gott, Gott! war es denn nicht zum Verzweifeln, gab es denn kein, auf dieſer weiten Erde kein einzi⸗ ges Mittel, zwei ſchutzloſe Frauen vom Verderben zu errotten? Ihn tröſtete es nicht, daß Maria Fiſcher ſich ihm mit ſanf⸗ ten Worten nahte, er hatte kein Gefühl für die Leiden der Un⸗ glücklichen, welche ihn umgaben, er ſah nur, daß Gefangene an dem Fenſter vorübergeführt wurden, um nach Deutſchland geſchickt gleit lige kön Da Ihn den ſie Au faſt kein br eder. Lr hre Blike ihn nicht er an ihr rholt und d geſtütt. weit hin⸗ ogin von rechen vor hen, um ppen nch wie Helene veiſen für nach der lung dt ſch ihrer zu fugen pften, bis uch iht von gell⸗ lunnte er wußte⸗ r. Iun n vobenden nit in eein enh⸗ mten ſanf⸗ — 205— zu werden und dachte, daß vielleicht morgen ſchon ſein Weg der gleiche ſei. Was ihn erwartete, er fürchtete es nicht, er hatte eine hei⸗ lige Verpflichtung übernommen, und ſie nicht bis zu Ende führen können, das machte ihn faſt wahnſinnig vor ohnmächtiger Wuth. Da plötzlich ſtand Reinhold vor ihm, Reinhold ſein Freund. Ihm war, als ginge die Sonne für ihn auf. Sie lagen ſich in den Armen, ſie jauchzten und weinten vor Freude, dann ſaßen ſte nebeneinander auf dem Lager, Hand in Hand, und Auge in Auge. — Du biſt gerettet, mein Rafael, welch ein Glück! — Rette mich, Reinhold, rette mich! — Was haſt Du vor, was erſchreckt Dich? — Die Gefangenſchaft.. Reinhold, errette mich davor! — Das iſt unmöglich. Aber Du wirſt Deutſchland ſehen, faſt könnte ich Dich darum beneiden, fürchte nichts, Dir wird kein Härchen gekrümmt werden. — Ich denke nicht an mich! — An wen denn ſonſt? — An Iduna, an Helene. — afael, was macht Helene? — Sie wartet auf mich, ach, wenn ich nicht wiederkehre„ Reinhold rette mich. Ein tiefer namenloſer Schmerz zog durch die Bruſt des Grafen. Sie wartet auf Rafael, ſie iſt unglücklich, wenn er nicht wiederkehrt! Was konnte einfacher ſein? Sie liebte ihn. Armer Reinhold! Doch ſtill! ſei ein Mann, ein Krieger lernt kämpfen, ſogar gegen die eigene Leidenſchaft. Der Italiener hatte ſich an ſeine Bruſt geworfen. Reinhold hielt ihn lange ſo. Da trat die Fürſtin Donato zu ihnen heran. — Iſt Ihr Freund krank? fragte ſie. — Er leidet, verſetzte der Graf. — Woran? fragte die bleiche Frau, giebt es kein Mittek? — Doch kennen Sie eins, ihn nach Paris zurückzu⸗ bringen? — Und wenn ich eins kennte? 13 1 1 1 3 3 18 — 206— — O dann retten Sie ihn, retten Sie ein edles, ſchönes Mädchen, das ohne ihn verloren iſt. Jetzt blickte Gambi empor. Zum erſten Male weilten ſeine Augen auf Gabrielens Geſtalt. Sie ſtand vor ihm wie ein Weſen aus höheren Welten, ſo bleich, ſo überirdiſch ſchön. ſanft wie ein Engel, den Gott ſelbſt zum Troſt der Leidenden hernieder⸗ ſendet. Unwillkürlich beugte er ein Knie vor ihr und hob die Hände flehend zu ihr auf. — Wer iſt das Mädchen? forſchte ſie. — Es iſt Helene, die Nichte der Herzogin von Montalto. — Ich kenne die Herzogin. — Iſt es möglich, Sie, Maria, Sie kennen die Herzogin? — Hoffte ich doch, ihr ihre Söhne zurückgeben zu können. — O, ihre Söhnc, ſie beweint ihre beiden Knaben ſtündlich, ſtammelte Gambi, mich hat ſie ſtatt ihrer angenommen, damit ich Helene und Margarethe beſchütze... und ich bin hier! — Helfen Sie ihm, bat Reinhold und ergriff ihre Hand, helfen Sie ihm, Maria. Sie nickte mit dem Kopfe. — Ich kann es nicht allein, ſagte ſie, ich bedarf der Beglei⸗ tung bis in die Schußlinie der Feinde hinein. — Aber das iſt gefährlich, rief der Graf. — Ich weiß es wohl verſetzte Gabriele, doch giebt es keinen anderen Weg. — Und wie lernten Sie ihn kennen? fragte Reinhold. — Das iſt ein Geheimniß, ich darf es nicht verrathen. Laſſen Sie uns die Dunkelheit abwarten und begleiten Sie mich alsdann, ſoweit ich es Ihnen geſtatte. — Darf ich Friſchmuth mitnehmen? — Er ſoll mir willkommen ſein. Doch jetzt verlaſſen Sie das Lazareth, wir erwarten Seine Majeſtät. — Ich gehe. Lebe wohl, Rafael, hoffe auf Maria, gewiß, ſie wird Dir ihr Wort halten. Sobald es dunkelt, bin ich wie⸗ der hier. Er ging. So fröhlich er gekommen war, ſo traurig ſchlich er mit ſchönes le weilten hn wie ein chön. ſanft hernieder⸗ d hob die Rontalto. Hergin? zu lnnen. en ſtündlich nen danit hier! der Leg⸗ inhold hen. Laſſen erlaſen 5 rin guß tin ich m⸗ rourig ſtu „ er zurück. Er ſuchte den Ulanenunteroffizier auf und theilte ihn mit, was die bleiche Frau ihnen verheißen hatte. — Wenn mich Maria ruft, bin ich immer bereit, ſagte der aber ängſtlich iſt mir die Geſchichte doch, ich weiß noch, wie mick damals die verfluchten Kerls zu packen kriegten. Es iſt ſchon beſſer, wir nehmen die andern Beiden auch mit. Darunter waren natürlich Heinrich Becker und Thomas Wild⸗ berger verſtanden. Alle fanden ſich am Abend vor dem Lazarethe ein. Wohl war ſich Gabriele bewußt, daß ſie eine That vollbrachte, die ihr zum Verderben gereichen konnte. Es durfte kein Menſch nach Paris hinein, der über den Stand der deutſchen Truppen Auskunft zu ertheilen vermochte. Und nicht nur das allein. Ra⸗ fael war gefangen, und es ſtand ſchwere Strafe darauf, einen Gefangenen zu befreien. Dennoch wollte ſie es um Idunas willen wagen, kannte ſie doch den Schmerz einer Mutter, die vergeblich nach ihrem Kinde ſuchte. Sie ließ den jungen Künſtler in ihr Zimmer treten, und hielt ihn da bis zum Abend verborgen, Niemand bemerkte ſeine Abweſenheit in der freudigen Erregung, welche das Erſcheinen des Königs hervorrief, und als ſie ihn am Abend rief und ihm den Mantel eines deutſchen Soldaten und die Feldmütze brachte, da bereute ſie es, daß ſie auch den Grafen Iſſelhorſt und Wilhelm Friſchmuth in ein Unternehmen mit hineingezogen hatte, das ſie ſelber für ſtrafbar erkannte. Die vier Männer fanden ſich zur rechten Zeit ein, man ſah ſie ſo oft bei der bleichen Frau, daß es nicht auffiel, wenn ſie auch jetzt mit ihr die friſche Abendluft genoſſen. Reinhold's Of⸗ fiziersrang öffnete ihm und ſeinen Begleitern den Weg durch die Vorpoſten. Es war finſter genug, Niemand bemerkte, daß ſie noch weiter gingen. Drüben ſchwiegen die Geſchütze nach der geſtrigen Nie⸗ derlage, es war als ob die Franzoſen erſt wieder zu Kräften kommen wollten, um den Spektakel auf's Neue anfangen zu können. Jetzt rieth Friſchmuth Stillſchweigen an, damit kein Feind ihre Anweſenheit merkte, ſie trugen die Waffen in ihre Mäntel eingewickelt und traten leiſe auf. Reinhold hielt Rafael an der — —.—— — 208— Hand, den Glücklichen, der zu Helenen zurückkehren durfte, den ſie mit Sehnſucht erwartete. So kamen ſie bis zu der Stelle, wo Maria Fiſcher damals die Verwundeten verbunden hatte. Hier bat ſie die Freunde, im Schatten der Gebüſche zu verweilen. — Wartet eine Stunde lang auf mich, flüſterte ſie, kehre ich alsdann nicht zurück, ſo geht in Eure Quartiere. — Sie verlaſſen? rief Friſchmuth. Ei was, ich mache es wie Münchhauſens Teckel, der lag noch nach einem Jahre an derſelben Stelle und wartete auf den Dachs, ich gehe nicht heim ohne Sie. — Auch nicht, wenn ich Sie darum bitte? fragte die bleiche Frau. — Sehen Sie mich nicht ſo an, ſonſt verſpreche ich Alles, was Sie wollen und halte es am Ende doch nicht. Gehen Sie mit Gott, Maria, und kommen Sie ſchnell wieder, das iſt jeden⸗ falls das Beſte. Sie ging und zog Rafael mit ſich fort, die Stelle war ihr gut genug im Gedächtniß geblieben, ſie fand die Stufen, fand die Pfeiler und zählte bis zu dem fünften. Es war tief dunkel um ſie her, ſie taſtete nach dem Steine, unter welchem die Glocke⸗ lag, da faßte eine Hand die ihrige, und erſchrocken ſchrie ſte laut auf. — Fürchte Nichts, ſagte eine ihr wohlbekannte Stimme, ich bin da, ich erwartete Dich. — Und weißt Du, wen ich bringe? — Ich weiß es, es iſt ein Mitglied der Familie Undentino. Habe Dank für ſeine Rettung. — Dir übergebe ich ihn voll Vertrauen. Doch nun laß mich zurückgehen. — Das iſt unmöglich. Hörſt Du das Lärmen? Es ſind die Forts, welche ſoeben wieder Feuer zu ſpeien beginnen, es wäre Dein Tod, wenn Du Dich jetzt gerade hinaus wagteſt. — Aber die Freunde warten auf mich, ſie ſind verloren, wenn ſie um meinetwegen zu lange zögern. — Sie ſind klug und werden ſich zu ſchützen wiſſen. Gabriele wagte keinen Einwand mehr zu machen, ſie ergab . urfte, den der Stelle, atte. Hier veilen. „kehre ich mache es hre e nicht hein die hleiche ich Mez. Gehen Sie ʒ iſt jeden⸗ le war iht fen. fand tef dunkl die Gloi⸗ ſihre ſe inm, ih 1 Undenbino⸗ n i ni 66 ſnð eginen 5 ugteſt dvetlret, — — 209— ſich darein, hier zu warten, bis die Gefahr vorüber war, dies oauerte jedoch länger als zwei Stunden. Ihr Beſchützer hatte ihr anempfohlen, auf ihn zu warten, bis er wiederkäme, dann ergriff er Rafael Gambi bei der Hand und führte ihn fort. Da ſaß ſie nun in Finſterniß und ſchauerlicher Einſamkeit, dumpf hallte in den weiten Gängen der Donner der Kanonen, und die Erde ſchien zu beben, die Gewölbe über ihr drohten zu⸗ ſammen zu ſtürzen bei dem fürchterlichen Lärm. Gabriele taſtete ſich weiter. Nicht einmal durch die Oeffnun⸗ gen, die nach der Straße führten, ſchien ein Strahl von Licht herein, denn in Paris beſaß man keine Steinkohlen mehr, um Gas fabriziren zu können, dennoch fand ſie ſich zurecht und ge⸗ langte bis zu jener kleinen Zelle, in welcher ſie zwei Tage lang einſam gelebt hatte. Hier wußte ſie Beſcheid. Es ſtand ein Büchschen mit Zünd⸗ hölzchen auf einem Eckſtein, ſie entzündete eines und erblickte bei ſeiner plötzlichen Helle die Lampe, die mit Oel gefüllt war und bald freundlich brannte. Jetzt wurde ihr wohler, nun jene Finſterniß, die ſie bedrückt hatte, verſchwunden war, ſie blickte ſich um, da war das Lager, auf welchem ſie geruht hatte, da war auch der Tiſch, auf dem ein offenes Gebetbuch lag, und daneben ein Heft. Neugierig, wie alle Frauen ſind, konnte ſie ſich nicht ent⸗ halten, einen Blick auf die Seiten zu werfen, und mit ſteigendem Intereſſe las ſie die Worte: Leiden und Verbrechen der Familie Undentino. — Iſt es unrecht, ſo fragte ſie ſich, kann es unrecht ſein, wenn ich dieſe Blätter leſe, ich, ein Mitglied dieſer Familie, ich, die ich mit theilhabe, wenn auch nicht an den Verbrechen, ſo doch an den Leiden meines Stammes? O nein, nicht umſonſt liegt mir die traurige Geſchichte hier vor den Augen, ich will ſie ganz kennen lernen, denn ich habe ein Recht dazu. Sie ſetzte ſich an den Tiſch und las, wie Bianka, die un⸗ glückliche Verführte, einen gräßlichen Fluch über Undentino und 14 — 210— ſein ganzes Geſchlecht ausſtieß. Er, deſſen Ende in dem finſtern Kerker ſeines Kloſters ſchrecklich geweſen ſein muß, war der Letzte ſeines Stammes, aber er hinterließ zwei Söhne, uneheliche, un⸗ glückliche Kinder, auf denen der Fluch der einen, die ungeſühnte Blutſchuld der anderen Mutter laſtete, die nie erfahren ſollten, wie wortbrüchig ihr Vater gegen Bianka, gegen ihre Stiefmutter, ja gegen die heilige Kirche geweſen war. Aber das Vermögen, welches die Verwandten, die vor dem Sünder geſtorben waren, ihm hinterlaſſen hatten, war höchſt bedeutend und wuchs noch, indem ſich Niemand fand, der Kapital oder Zinſen für ſich in Anſpruch genommen hätte. Da trat der alte Diener auf, der die beiden Knaben erzogen hatte und verlangte für ſie den Titel und die Reichthümer der Undentinos, aber zu gleicher Zeit machte auch das Kloſter, in dem ihr Vater geſtorben war, ſeine Anrechte geltend und wollte die Erbſchaft antreten. Hierüber entſtand ein langer Streit. Der Stamm war ſo edel und ſo alt, daß der Großherzog von Toskana, ſein Landesherr, wünſchte, ihn erhalten zu ſehen, wäh⸗ rend er doch der Kirche ihre Rechte nicht entziehen mochte. Da⸗ rüber vergingen Jahre auf Jahre, die beiden Brüder waren alt geworden und lebten in der bitterſten Feindſchaft, denn Biankas Sohn, der in der Hoffnung auf großen Beſitz nicht arbeiten ge⸗ lernt hatte, trieb in dem Schutze der italieniſchen Gebirgswälder das freie Räuberleben, während der Sprößling jener böſen Stief⸗ mutter, die zu gleicher Zeit die Geliebte des ſchändlichen Mannes war, mit den griechiſchen Seeräubern verkehrte und, wie man behauptete, ſogar zur mohamedaniſchen Religion übergegan⸗ gen war. Da traf es ſich, daß beide an den gemeinſchaftlichen Gräbern ihrer Mütter zuſammenkamen, beide alt, beide krank und lebens⸗ ſatt. Vorbei iſt es mit allem Haſſe, wenn vor uns nichts liegt als eine offene Gruft. — Geh, ſagte der Seeräuher, ich habe lang genug dem Sturm getrotzt, ich bin müde, ich will ſterben, wo unſer Vater ſtarb, und die Kirche ſoll von mir jene Schätze erben, die wir ihr ſo lange ſtreitig gemacht haben. ⸗ m finſtern der Letze eliche, un⸗ ungeſühnte n ſollten tiefmutter, Permögen, en warth. uchs noch für ſih in en erzogen hümer der er in den wollte die it herzog von hen wil⸗ ochte Do⸗ waren olt n Liunlas rheiten ge⸗ irgenülder n Nunne wie mon 7 hetgegan⸗ en Gräberm und len⸗ nis ſegt — 211— — Nimmermehr! rief der Andere. Ich habe ein edles Fräulein entführt, und ihr Sohn ſoll den Glanz des Hauſes er⸗ neuern, das wir entehrt haben. Keinen Groſchen davon den Pfaffen! So ſtritten ſie mit Worten, bis ſie zu den Schwertern griffen, da klirrte es über den ſtillen Gräbern, da hörten die Geiſter der Verſtorbenen Kampfgeſchrei und gräßliche Flüche, da ſpritzte rothes Blut über den grünen Raſen, und zum Tode getroffen ſank der eine Bruder zu Boden. Der Andere ſchauderte. Er ſah, wie ſich der Fluch erfüllte, den ſeine Mutter im Wahnſinn ausgeſtoßen hatte. Nacht um⸗ nebelte ſeine Sinne, und als er erwachte, da that er, was der von ihm Gemordete hatte thun wollen, er ging in dasſelbe Kloſter, welches den Eidbruch an ſeinem Voter gerächt hatte und gab ihm die Hälfte ſeines unermeßlichen, durch Räubereien aller Art ins Ungeheure angewachſenen Vermögens. In dem Beſitze des anderen Theils beſtätigte der Fürſt ſeinen Sohn und ſeine Tochter, und dieſer Nachkomme des Brudermörders war der Großvater des Kardinals Undentino und ſeiner Brüder Emanuel und Franzesko, der Urgroßvatter Gabrielens. Von Geſchlecht zu Geſchlecht breitete ſich der Fluch aus. Die Fürſtin las mit Entſetzen, wie der Kardinal Antonio, auf⸗ gehetzt durch einen ſchändlichen Diener Namens Joſeph Brondini, ſeine Brüder hatte tödten laſſen, damit er ſich in den Beſitz ihres Geldes zu ſetzen vermochte, welches ihm zur Staffel dienen ſollte, auf der er die höchſten Würden zu erlangen hoffte. Mochte jedoch ſein Vater dies vorausgeſetzt haben, mochte dieſen der Gedanke beſeelen, daß zu viel Geld und Gut dem Men⸗ ſchen keinen Segen bringt, er hatte verfügt, daß zwanzig Jahre nach ſeinem Tode, am erſten März des Jahres achtzehnhundert einundſiebzig, ſein ganzer Nachlaß unter alle, ſelbſt die unehelichen Nachkommen der Undentino's getheilt werden ſolle, falls Gabriele vorher ſtarb, daß aber dieſe alleinige Erbin würde, wenn ſie lebte und Nachkommen beſitze. Dies hatte folgenden Grund. Der alte Herr kannte ſeine 147* ——— —.,—— — 212— Söhne, er durchſchaute Antonios wankelmüthiges Herz und ſah, daß Franzeskos und Emanuels Edelmuth wohl geeignet ſeien, den Fluch von ſeinem Geſchlechte abzuwaſchen. Franzeskos Frau, aus einem der edelſten Geſchlechter entſproſſen, ſchien ihm eine Bürgſchaft für das Herz ihrer einzigen Tochter zu ſein. Bei ih zumal wenn ſie Nachkommen beſaß, durfte er hoffen, daß ſein Nachlaß gut aufgehoben ſei. Gelangte er nicht in ſeinen Beſitz, ſo ſollte er ſich lieber in viele Theile zerſplittern, als in den Händen eines böſen Menſchen der ganzen Menſchheit Nachtheil bringen, und weil ſie alle von einem Baſtard abſtammten, ſollten auch die Baſtarde bedacht werden. Aber damit ſich kein Betrug einſchleiche, machte er die Bedingung, daß ſeine Enkelin nur dann das Erbe zu erheben vermöchte, wenn ſie einen koſtbaren Ring vor⸗ zeigte, der es bewies, daß ſie die richtige Erbin der Unden⸗ tinos ſei. Als Gabriele das geleſen hatte, da erſt wurde es ihr klar, warum ihr Beſchützer ſie ſo dringend aufgefordert, nach dem Ringe zu ſuchen, den ſie zur Rettung ihres Sohnes fortgegeben hatte. Aber ſie trauerte nicht um das Kleinod, was half es ihr, da ſiekeine Nachkommen mehr beſaß? Ach, ihr grauſamer Onkel hatte ihr Alles genommen. Von ihrem Gatten war ſie durch ge⸗ dungene Mörderhände für ewig getrennt worden, um keine Familie zu haben, ihr Kind war ihr entführt worden, und ſelbſt ihr Anrecht an einen Theil des Vermögens hatte er von ihr verlangt. Zu ſolchen Liſten verführt die Menſchen die Begierde nach Beſitz, während doch Zufriedenheit ſo ſelten grade unter goldnen Dächern wohnt. 1 und ſch, gnet ſeien, 3kos Frau, ihm eine Bei ihr, daß ſein en Beſitz ls in den Nachtheil n ſollten in Betrug nur dann Ring vor⸗ rUnden⸗ ihr klar, nach dem rtgegeben fes ihr ner Onk durch ge⸗ e ßunilie r Anrecht ngt u —— 24. Kapitel. Schreckliche Gefahren. Die Freunde hatten längere Zeit auf Maria Fiſcher gewartet, doch endlich ſah Reinhold nach der Uhr. — Es iſt ſpät, ſagte er, die Stunde iſt längſt vorüber, was thun wir nun? Da drüben ſchießen die Franzoſen, die Granaten fallen immer dichter, wir finden keinen Schutz, ja kaum die Möglichkeit der Rückkehr. — Ich wenigſtens muß fort, ich habe Nachtdienſt von Mitternacht an, ſagte Heinrich Becker. Ich denke, ich ſchleiche mich da um die Schanze herum, da ſcheint es mir noch am ſicherſten zu ſein, nachher kommt der Graben, es liegt Reiſig darüher, o aber ich finde ihn ſchon, den gehe ich entlang, und ich denke wohl, die Herren Kameraden kommen mit mir. — Ich wenigſtens begleite Sie, verſetzte Reinhold von Iſſel⸗ horſt. Der Dienſt iſt die Hauptſache im Felde, doch ich hoffe, wo Maria Fiſcher ſchon einmal ſicher geweſen iſt, da wird ihr auch heute keine Gefahr mehr drohen. Kommt alſo Alle, wir haben ja verſprochen, eine Stunde lang ſie zu warten, und anderthalb ſind ſchon vorbei. Thomas Wildberger erhob ſich, und die drei Männer ſchickten ſich nun zum Gehen an, nur Wilhelm Friſchmuth lag noch auf die Erde geſtreckt und richrte ſich nicht. — Nun, Friſchmuth? fragte ihn der Graf, wollen Sie uns nicht begleiten? — Ich denk nicht daran, brummte der vor ſich hin. — Doch wiſſen Sie, um was Maria Fiſcher Sie bat? fuhr Graf fort. — Gebeten hat ſie mich darum, aber verſprochen habe ich ihr nichts, ſo viel ich weiß, verſetzte Wilhelm. Gute Nacht, Herr — 214— Graf, kommen Sie geſund nach Haus, ich liege hier bequem und warte noch ein Bißchen. — Das iſt gefährlich! bemerkte Reinhold, ſehen Sie doch, wie die Granaten fliegen! — Was gehn die mich an? fragte Friſchmuth, um die Gra⸗ naten bin ich nicht hier, aber um Maria Fiſcher — Komm doch, bat Thomas, weiß Gott, wo ſie ſein mag. — Komm doch, bat auch der Sachſe, ſie hat ſich ſchon einmal wieder eingefunden, wo Du faſt Dein Leben für ſie ein⸗ gebüßt haſt. — Mein Leben, lachte Wilhelm, hab ich behalten und einen Freund dazu gekriegt, das Alles und noch viel mehr verdanke ich Maria, da iſt es wohl in der Ordnung, daß ich auch für ſie etwas thue, und hier bequem auf der Erde zu liegen, das iſt doch wirklich kein zu ſchlimmes Opfer. — Ei ſo laßt den Eigenſinn! rief Heinrich Becker, mit ſo einem Vrliner iſt nichts anzufangen, der hat die Weisheit mit Löffekn gögeſſen, iſt klüger als wir alle und weiß genau was man zu den Granaten ſagen muß, damit ſie Einem nichts thun! Wilhelm antwortete nicht, er zog nur den Mäntel feſter um ſich, Reinhold bat ihn noch, ihm Nachricht zu bringen, falls Maria Fiſcher wiederkäme oder wenn er erführe, wie es um ſeinen Freund Rafael Gambi ſtand. Wilhelm verſprach das mit einem ſtummen Kopfnicken, dann, als ſich die Drei ſchon entfernt hatten, richtete er ſich auf und rief ihnen nach. Heinrich drehte ſich um. — Na, du norddeutſcher Allerweltsweiſer, kommſt du doch mit? fragte er. — Dieſes weniger, verſetzte Friſchmuth, aber da ich nun einmal die Weisheit umſonſt habe, will ich Euch auch was da⸗ von ſchenken. Geht Ihr da grad aus bis zur Schanze, ſo kommt Ihr in unſere Schußlinie. Ihr müßt rechts hinter die Gebüſche kriechen, von da geht links am Hügel, da wird es noch ſicher ſein. — Er hat Recht, beſtätigte Reinhold, wir wollen den Rath befolgen. Kommen Sie nur geſund nach, Friſchmuth. „. em und e doch, ie Gra⸗ tmag. ſchon ſie ein⸗ d einen erdanke für ſie iſt doh nit ſo ſeit nit s man ſter um Moria ſeinen dann, uf und u doh nun as da⸗ ſomm ebiſche ſicher — Keine Sorge um mich, ſagte der, die Granaten haben wohl was beſſeres zu thun, als ſich grade bis zu mir zu bemühen, und trifft mich eine, nun, ſo geht es mir eben, wie es ſchon manchem beſſeren Burſchen ergangen iſt, und ich habe ſchon manchmal die Kugeln dicht um mich her pfeifen hören, wo ich mir unnützer vorkam als eben hier. So lag er denn unbeweglich, man hätte ihn für einen Baum⸗ ſtamm halten können. Von dem Fort aus ſauſten die Kugeln, er unterſchied genau, ob es volle waren oder explodirende Geſchoſſe, die ziſchen nicht, ſie pfeifen mit unheimlichem Tone, dann, wenn ſie niederfallen, iſt es, als ob Waſſer in einem Keſſel kocht, und plötzlich kracht es laut, und wieder ſauſt es in der Luſt 2 — Es iſt grad, als ob im Sommer, wenn man ſein Nachmit⸗ tagsſchläfchen halten will, die Fliegen um Einen her ſummen, dachte Friſchmuth. Einen Augenblick lang klingt es, als ſtrömte Dampf aus dem Ventil der Lokomotive, dann ziſcht es hier und dorthin ſchlägt hier und dorthin ein, die Erde ſpritzt in die Föhe, das Holz zerſplittert, welke Blätter ſprühen durch die Lut, und glücklich, wenn nicht Fetzen menſchlichen Fleiſches, wenn nicht rothes, warmes Blut weit umher geworfen wird... Der Maſchinenbauer fühlte ſich ziemlich ſicher an ſeinem Platze. Er lag in einer Mulde, rings um ihn her die vom Regen aufgeweichte Erde. Nur ſelten flogen Granatſplitter über ihn hinweg, er achtete es nicht, er war müde, die letzte Nacht hatte er nicht geſchlafen, den Tag über war er auf den Füßen geweſen, jetzt kam es über ihn, als ob das Donnern da drüben nur ein Schlummerlied wäre. Eine Weile kämpfte er gegen die Schläfrigkeit an, endlich aber ſchloſſen ſich ſeine Augen gegen ſeinen Willen, er hörte das Krachen der Kanonen nur noch wie aus weiter Ferne, dann war es ihm, als ſei es das Hämmern in dem Maſchinenraum, und er ſtand an der Eſſe und ſchmiedete. was? Ein eiſer⸗ nes Kreuz.. es ſchwebte im Traume rieſengroß vor ihm. war es zu einem Grabhügel, war es für ſeine eigene Bruſt, er wußte es nicht, er ſtand am Feuer und ſiehe, da blickte Bettys lachendes Geſicht aus den Flammen. — 216— — Jetzt ſoll es ein Trauring werden ſagte er und ſchlug ſärker auf den Amboß. — Wo denkſt du hin? fragte ſie, ich bin ja eine Gräfin, und dabei zeigte ſie ihm die ſchelmiſchen Grübchen in ihren. Backen. Er wußte nicht, trieb ſie Neckerei oder war es Wahrheit, da plötzlich fühlte er ſeine Stirn berührt, er wachte auf, öffnete die Augen und gewahrte Maria Fiſcher, die ſich über ihn beugte. — Gott ſei gelobt, daß Sie leben! ſagte ſie. — Wer weiß, wie lange? rief er und richtete ſich empor. Bei dieſem kalten Fußboden kann man den allerſchönſten Rheuma⸗ tismus kriegen. — Aber warum warteten Sie noch auf mich? — Hab ja nichts beſſeres zu thun, verſetzte er und zog ihre Hand an ſeine Lippen und küßte ſie, wie man ein Heiligenbild küßt, mit Inbrunſt und Verehrung. Ei, rief er dann luſtig, die da drühen haben aufgehört zu ſpektakeln, da kommen wir ſicher zurũck Stützen Sie ſich auf mich, Maria, ſo, ich führe Sie, hier iſt keine Gefahr mehr. Sie gingen miteinander, bis Gabrielens Fuße langſamer ausſchritten, denn ſie war todtmüde von den Anſtrengungen der letzten Tage, Wilhelm merkte es wohl. — Jetzt will ich Sie tragen, ſagte er, Sie ſind leicht, und ich bin ſtark genug, um mit jedem andern Eſel um die Wette zu traben, ſehen Sie, ich nehme Sie wie ein Kind in meinen Arm. Er that es wirklich und ſchritt leicht und ſchnell mit ſeiner Bürde dahin, ſie dachte, wie er auch Arthur ſo gehalten hatte, und fühlte ſich ſicher in ſeinem Schutze. Erſt bei den Vorpoſten ſetzte er ſie nieder, damit die Burſchen keine ſchlechten Witze mach⸗ ten, wie er meinte, als er ſie bis zum Lazareth gebracht hatte, nahm er ihr noch das Verſprechen ab, bis zum andern Morgen zu ſchlafen ſie gab es freiwillig, denn Mitternacht war längſt vor⸗ über, und der Morgen nicht mehr weit. Für den Ulanenunteroffizier gab es keine lange Ruhe mehr. Beim Anbruch des Tages mußte er ſeine Leute wecken und das piten Stunt Reink ßiſch wech hn hut ſch Bos — Beu 7 Bbr ein. Lag ſchle ein war H Nä nal eile der war ſrt noch verj daß kon jud Klu ſchlug Grifin, ihren eit da ete die egte. empor. heum⸗ og ihre genbild ig die ſcher hier gſamer en der tund Vette neinen ſeinet hatte⸗ poſten nach⸗ nuhn en 5 vol⸗ mehr d du Putzen der Pferde beaufſichtigen, das konnte höchſtens noch zwei Stunden hin ſein, und dieſe wollte er benutzen, um dem Grafen Reinhold von Iſſelhorſt den erwünſchten Beſcheid über Maria Fiſchers Rückkehr zu bringen. Er ging ganz ungehindert an den Vorpoſten entlang und wechſelte hier und da einige Worte mit den Kameraden, dann kam er in den Wald, und hier mußte er ſchon etwas auf ſeiner Hut ſein, denn es fehlte nirgends an ſchlechtem Geſindel, welches ſich trotz aller Vorſicht ſo nahe als möglich heranſchlich, um ſeine Bosheit auszuüben. Schon am Morgen hatte Wilhelm Friſchmuth mit einiger Beunruhigung an das einſam gelegene Haus gedacht, in welchem der junge Graf von Iſſelhorſt wohnte, jetzt fiel ihm das wieder ein. Die Anweſenheit der alten Marketenderin im preußiſchen Lager, das unheimliche Wohrengeſicht des Turko, ſein Heran⸗ ſchleichen durch das Gebüſch, das Alles fiel ihm urplötzlich wieder ein und beunruhigte ihn ſeltſam. Doch ſprach er ſich ſelber Troſt ein, Reinhold von Fſſelhorſt war ja nicht allein in jenem Hauſe, es wohnten da noch andere Offiziere, und einige von den Burſchen mußten ſich immer in der Nähe ihrer Herren aufhalten. Auch waren die Schildwachen ſo nahe, daß me wenigſtens einen Schuß hören mußten und herbei⸗ eilen konnten, ſobald dort irgend eine Gefahr drohte. Dennoch konnte er nicht ganz ruhig werden. Es mochte an der Uebermüduna liegen, denn ſein Schlaf auf der kalten Erde war weder lang noch erquickend geweſen, nur traumloſer Schlummer ſtärkt wirktich. Was er im Schlaf geſehen hatte, ſchwebte ihm immer noch vor Augen, ſo oft er es auch mit einem unwilligen: ach, Unſinn! verjagen wollte. Das Kreuz, welches ſo groß geworden war, daß es nicht ſeine Bruſt, wohl aber ſeinen Grabhügel bedecken konnte, kümmerte ihn weniger als Bettys lachende Worte. — Sie eine Gräfin! das wäre der Teufel! Nun ja, etwas Beſonderes mußte es ſchon mit ihr ſein, wie wäre ſie ſonſt in das Schloß gekommen. Er fühlte ſein Blut kochen bei dem bloßen Gedanken an die Kluft, die zwiſchen ihm und einer Gräfin lag. Freilich durfte er ———— — einen Grafen ſeinen Freund nennen, aber das hatte auch beſon⸗ dere Gründe, und überdies fügt der Krieg die Menſchen ſeltſam zuſammen, wer weiß, was der Frieden daran ändern ſollte, er kannte Welt und Menſchen und wußte, daß ſich Gleich und Gleich immer am beſten zuſammenfügt. — Eine Gräfin nähme ich nicht zur Frau, dachte er, ſelbſt wenn ſie mich wollte, denn hinterher, da wäre es doch an allen Ecken und Enden nicht recht. Im Grunde bin ich doch ein ziem⸗ lich einfacher Kerl, kann kaum meine Mutterſprache richtig ſprechen und ſchreiben, und das iſt doch das Mindeſte, was man verlangen kann. Was ich in der Schule an Geſchichte und Geograpbie ge⸗ lernt habe, iſt längſt vergeſſen, na, das ſchadet nicht viel ich hab's nachgeleſen und weiß allenfalls Beſcheid, dazu mußten die Nächte herhalten, wenn bei Tag die Arbeit drängte, aber in den andern Wiſſenſchaften, der Naturkunde, der Kunſtgeſchichte und all dem übrigen Zeug, da ſieht es trübſelig aus, ich habe nicht mehr davon los, als man bei einem Vortrag im Handwerker⸗ und Bildungsverein aufſchnappt. Damit kann man ein tüchtiger Maſchinenbauer ſein, und ich hoffe, ich bin einer, man kann auch ſeine Frau glücklich genug machen... nur darf es keine Gräfin ſein, die Engliſch und Franzöſiſch parlirt und Klavier klimpert, mit einem Worte keine, die ſich ihres Mannes ſchämen würde, wenn ihm der Schniepel nicht nach der allerfeinſten Mode ſäße. Nein, nein, damit bin ich fertig, für eine Gräfin bin ich zu ſchlecht öder zu hüt. Die Cigarre war ihm ausgegangen, er wollte ſich eine neue anzünden, aber er unterließ es, denn er wußte, daß ſie ihm doch nicht ſchmecken würde. Er ging über naſſes Laub, das nicht raſchelte, indem er es berührte. Die Nacht war um ſo finſterer, je mehr ſie ſich dem Morgen näherte, doch die Gewohnheit, be⸗ ſtändig aufmerkſam zu ſein, welche alle Soldaten im Kriege an⸗ nehmen, das leiſeſte Geräuſch zu beobachten und überall Gefahr zu vermuthen, verließ ihn auch bei ſeiner augenblicklichen üblen Laune nicht. Er vernahm ein leiſes Kniſtern, ſo leiſe, daß es vielleicht nur von einem Raben herrührte, der ſich ſchlafend auf einem ch beſon⸗ n ſeltſan ſol, er ind Gleich er ſelbſt an allen ein zem⸗ g ſprehen verlangen rapbie ge⸗ ich habs 3½ ie Nächte en andern dall dem icht mehr rjer⸗ und tüchtiget aun auch ne Grifin inpert en würde, ode ſie zu ſchecht ene nele ihm doch dos niht fnſter heit, he iege n⸗ efahr en üblen auf einem Aſte wiegte, aber dieſer Ton wiederholte ſich und nicht an der⸗ ſelben Stelle, er ging weiter, ging vor ihm her. Das wunderte ihn. Niemand' durfte ſich um dieſe Zeit den Vorpoſten nahen, als wer das Loſungswort wußte, und das wußten nur Wenige, ihm ſelber hatte es Reinhold zugeflüſtert. Indeſſen mochte es einer der Offiziere ſein, die mit Reinhold zu⸗ ſammen wohnten, und dann hatte es ja keine Gefahr. Dennoch folgte er dem Geräuſch ſo leiſe als möglich, da ſah er etwas Weißes ſchimmern. Seine Augen waren ſcharf, ſie durchdrangen das Dunkel, und ebenſo genau hörte er jetzt, daß es mehr als zwei Füße waren, die da gingen, und daß ſie vorſichtig ſchlichen. Da duckte er ſich ſeitwärts hinter die Gebüſche, watete dann durch einen Graben, deſſen Schlammwaſſer ihm bis über die Kniee ging, lief eilig durch den Wald und ſich bald vor holds Haus. Es ſah eben nicht ſchön aus, ſchon manche Kugel hatte das Dach berührt, von dem die Ziegel niedergepraſſelt waren, die wenigſten Fenſterſcheiben waren noch ganz, und viele, die nicht mehr in dem Rohmen halten wollten, waren durch Papier erſetzt oder mit Brettern vernagelt, was aber draußen an Zäunen und Scheunen, an Ställen und Verſchlägen geweſen war, das hatte man längſt nach und nach zerklopft und in den gewaltigen Ofen geſchoben, denn jedes leere von den Bewohnern verlaſſene Haus oder Gehöft wurde als herrenloſes Gut betrachtet. Wilhelm Friſchmuth näherte ſich dem Fenſter und verſuchte hineinzublicken, drinnen war es dunkel. Er legte das Ohr an das Papier, und vernahm kein Athemholen. Vielleicht war die Stube leer, vielleicht ſchlief auch nur Einer darin, und ſo ſanft, da man ihn nicht hörte. Er ſtieg die wohlbekannte Treppe hinauf und ſuchte nach den Burſchen, ja, die Streu war leer, Niemand war zu finden. Das war ihm ängſtlich. Er ging wieder hinunter, doch noch ehe er in Reinholds Zimmer trat, vernahm er ein Geräuſch, dann einen unterdrückten Schmerzensſchrei, ihm wurde angſt, ſchnell drückte er die unverſchloſſene Thür auf. ————— . 1 1 60 3 34 6 11 1 . 3 13 — 220— — Herr Graf, rief er leiſe, Herr Graf, ſind Sie hier? Ein ruhiges, gleichmäßiges Athemholen war die Antwort, ach, er ſchlief ſanft, indem ſich eine vielleicht furchtbare Gefahr nahte. Der Unvorſichtige! Aber freilich, warum hatte Friſchmuth ihn nicht gewarnt, da er das Geſindel am Morgen ſchon bemerkt hatte? Zetzt ging er ſchnell aber vorſichtig nach dem Bette, um kein Geräuſch zu machen, eine Hand legte er auf des Schlafen⸗ den Schulter, die andere auf ſeinen Mund. — Still, ſagte er, ich bin es, Friſchmuth, Sind Sie allein? Reinhold richtete ſich verwundert empor. — Sie bringen mir Nachricht von Maria Fiſcher, das iſt ſchön von Ihnen. Sie iſt doch glücklich zurückgekehrt? — Darum handelt es ſich jetzt nicht. Sprechen Sie leife. Sind Sie allein? — Ja, die Offiziere ſind abkommandirt, aber mein Burſche iſt bei mir. Wilhelm trat an das Fenſter. Draußen in dem Hofe ſah er bei dem ungewiſſen Lichte der Nacht zwei Geſtalten über einem dunklen Gegenſtand knieen. Er ahnte, was das zu bedeuten hatte. Der Burſche war unter den Händen gemeiner Meuchelmörder gefallen, daher der unterdrückte Schrei, daher das Geräuſch, er hatte ſich zur Wehre ſetzen wollen, ſeine Kehle war zuſammengeſchnürt worden, ſein letztes verzweifeltes Ringen war nicht im Stande gewoſen, den Lieutenant aus ſeinem tiefen Schlummer zn erwecken. Reinhold von Iſſelhorſt hatte ſich aus dem Bette erhoben und die nothwendigſten Kleidungsſtücke angelegt. Wilhelm ſchlug Licht an. — Sie ſollen wenigſtens wiſſen, daß ſie erwartet werden, ſagte er. Noch immer verſtand der Graf erſt halb, wovon die Rede war, aber der Maſchinenbauer zog ihn in die Ecke des Zimmers. — Hüten Sie ſich, ſie ſchießen durch das Fenſter! In demſelben Augenblick knallte ein Schuß herein, er fuhr in die gegenüberliegende Wand. — Aber was iſt das? fragte Reinhold, wie komme ich per nich da R ko ie hol la gr hier? Antwort, re Gefahr Friſchmuth n bemerkt Bette, um Schlafen⸗ zie allein! t das iſt eit biſt. n Burſche Hofe ſaß bet einem habe. Der r gefullen, hutte ſih ngeſchrt n Stunde nerweden. oben und n ſchlu werden, die Rede er führ m i —— — 221— perſönlichen Feinden, denn Schätze wird man ſccherlich bei mi nicht vermuthen. — Darüber wollen wir uns jetzt nicht den Kopf zerbrechen, machen wir nur erſt den Vertheidigungsplan. Mit dieſen Worten nahm Friſchmuth einen großen Tiſch, auf welchem Karten und Zeichnungen lagen, ſtülpte ihn um, daß Dintenfaß, Papier und Bücher zur Erde rollten, und ſtellte ihn gegen das Fenſter, die Strohſäcke aller vier Betten warf er dann ſchnell darüber. — So, ſagte er, das ſchützt für den Augenblick gegen Schußwaffen, aber jetzt iſt die Frage, ob wir den Kampf hier innen oder draußen aufnehmen. — Laſſen Sie uns hier bleiben, rieth Reinhold, man hat mehr Sicherheit, wenn man den Rücken gegen die Mauer lehnt. — Meinetwegen, verſetzte der Andere, obgleich es mir nicht ſcheinen will, als ob ſolch' eine hölzerne Bude Sicherheit gewähren könnte. Die draußen ſind mir zu ſtill. Wüßte ich nur wenigſtens, wie viele es ſind, daß ſie ſich nur zu Zweien herwagen, kann ich kaum glauben, jedenfalls muß man auf jede Niederträchtigkeit ge⸗ faßt ſein. Er ging zu der Thür und wollte ſie öffnen, da merkte er, daß ſie von außen verſchloſſen war, er ſtieß mit dem Fuße da⸗ gegen, doch ſie gab nicht nach. — Aha, eingeſperrt, ſagte er, nun wird es wohl noch beſſer kommen. Aber wir werden ja ſehen, wer hier den Kürzeren zieht. Unterdeſſen-wollen wir den Kmeraden da draußen ein Signal geben. Damit erhob er ſein Piſtol und ſchoß es gegen die Thür ab. — Uns bleibt der Weg durch das Fenſter, meinte Rein⸗ hold. — Der iſt nicht ſicher, erwiederte Wilhelm, da draußen lauert Verrath, ſo wie Sie ſich zeigen, kann eine Kugel Sie be⸗ grüßen. — Was ſoll denn aber werden? fragte der Graf. ———— — 222— — Vielleicht kommt Hilfe von außen, vielleicht 1 Friſchmuth ſtockte, er horchte auf ein Geräuſch, das ihm äußerſt verdächtig vorkam. Doch hatte er ſich ſo etwas gedacht. Es kniſterte oben über ihnen; dann drang ein häßlicher Geruch in das Zimmer.. Auch Reinhold merkte bald, um was es ſich handelte. — Nein, ſagte er entſchloſſen, lebendig ſollen ſie uns hier nicht braten. Kommen Sie, Friſchmuth, wir müſſen die Thür ſprengen! Der Maſchinenbauer ſchoß ſein Piſtol gegen das Schloß ab, das wich, und das morſche Eiſen fiel in Stücken herunter, aber die Thür öffnete ſich nicht. Was konnte das ſein, woher hatten die Belagerer Zeit gewonnen, irgend einen ſchweren Gegen⸗ ſtand dagegen zu ſtützen? Wilhelm merkte es bald, es war nichts als ein Stein, den ſie unten hingeſchoben hatten, ſo daß die Thür ſich dagegen klemmte. Dies Hinderniß zu überwältigen war nicht eben ſchwer, aber indem er ſich mit der Schulter gegen die Bretter lehnte, um ſie aus den Angeln zu drücken, kniſterte es lauter über ihnen, Mörtel und Staub fiel von der Decke her⸗ unter, der Brandgeruch wurde immer bekäubender, und außen vernahm man das Geräuſch eines neuen, ſchweren Gegenſtandes, der gegen die Thür geſchoben wurde, um ihnen den Ausweg zu verſperren. — Friſchmuth, Friſchmuth, ſollen wir denn wirklich hier ver⸗ brennen? rief Reinhold aus. — Es ſcheint dies wenigſtens die Abſicht zu ſein, verſetzte dieſer und gab der Thür einen letzten, wüthenden aber unnützen Fußtritt. das ihn as gedacht cher Geruch was es ſih e uns hier die Thür us Schloß nherunter, in, wohet ren Gegen⸗ es war n ſo daß erwältigen er gegen niſterte es Dele her und außen enſundez⸗ usweg Iu hier be verſette unnizen 25. Kapitel. Ein Unglücklicher. Viel Elend gab es in Frankreichs ſonſt ſo reichen Provinzen, manch ein früher wohlhabender Mann war verarmt, troſtlos irrten Weiber und Kinder um ihre verbrannten Hütten und ſuch⸗ ten nach den letzten Reſten ihrer Habe; die Mütter rangen ver⸗ zweiflungsvoll ihre Hände über den Tod ihrer Söhne, deren Leichen auf fernen Schlachtfeldern moderten, Bräute klagten um ihre Geliebten, die in ein fremdes, unbekanntes Land gebracht worden waren, um fern von der Heimath und vielleicht ohne Pflege ihren Wunden zu erliegen, hilfloſe Kinder gingen traurig und hungernd die Landſtraßen dahin und ſuchten vergeblich nach einem mitleidigen Herzen, nach einer offenen Hand, die ihre Leiden wenigſtens auf einen Augenblick ſtillten, wohin man ſah, da gab es Thränen, Klagen, Verwünſchungen, ach und kein Troſt war für alle dieſe Leiden zu erhoffen, keine Hilfe winkte, wohin ſich auch der Blick der Armen richten mochte. Was hätten ſie untereinander für ſich thun können, da Keiner etwas beſaß, da Jeder mit der größten Beſorgniß in die Zukunft blickte und froh war, wenn er nur das nackte Leben aus der allgemeinen Bedrängniß retten konnte, was durften ſie von der Regierung hoffen, die genug zu thun glaubte, wenn ſie ein Land vertheidigte, welches dem Abgrund ohne Rettung entgegenging? Gambetta war voller Thätigkeit und gönnte ſich weder Ruhe noch Raſt. Er hatte buchſtäblich keine Zeit zum Eſſen, noch we⸗ niger zum Schlafen. Todtmüde ſank er zu kurzer Erholung auf ein hartes Lager, denn er verſchmähte eine jede Bequemlichkeit aber ſeine glühenden Gedanken vergönnten ihm nur kurze Raſt er fuhr empor, um neue Pläne zu faſſen, um neue Herzen zu dem Kampfe bis zum Aeußerſten durch Lügen zu entflammen. Sules Favre ſaß in Paris und hatte genug zu thun, die — 224— Klagen der Hauptſtadt anzuhören, für die er keine Hilfe wußte, Thiers, der alte Schlaukopf, bemühte ſich immer noch, von aus⸗ wärts Hilfe herbeizuziehen, die übrigen Mitglieder der proviſori⸗ ſchen Regierung waren mehr oder weniger nur die Werkzeuge Gambetta's, es blieb alſo Niemand, der ſich des armen Volkes erbarmt hätte, Niemand, der für die Zukunft der Wittwen und Waiſen Sorge trug. Indeſſen in Deutſchland einem jeden Soldaten, der im Kriege untüchtig zur Arbeit wurde, vom Vaterlund eine aus⸗ kömmliche Penſion zugeſichert wurde, indeſſen überall Sammlun⸗ gen für die Landwehrfrauen ſtattfanden, Gelder für die Lazarethe geſammelt wurden, indeſſen man Koncerte gab, Lotterien er⸗ richtete, um das Nöthige herbeizuſchaffen, und keine Hand müßig blieb, wo es galt die Noth zu lindern, welche die traurige Zeit herbeiführte, geſchah in Frankreich nichts für die Unglücklichen. Wohin ſollten ſie fliehen, denen das Obdach über dem Kopfe abgebrannt war, und wenn ſie nach dem Frieden wieder zu ihrer Heimatsſtätte zurückkehrten, wer gab ihnen die Mittel, die Hütte wieder aufzubauen, Wagen und Fflüge zu beſchaffen, Vieh zu kaufen und Knechte zu beſolden? Bei uns traten die Gutsbeſitzer zuſammen, um für diejenigen, welche im Felde ſtanden, die Arbeit verrichten zu laſſen, in den Städten bezahlte man die Miethe für die Landwehrfrauen, damit, wenn die Männer zurückkamen, nicht etwa das letzte Stück aus der Wirthſchaft in's Leihhaus gewandert war, man ſorgte dafür, daß es den Frauen nicht an Arbeit fehlte, unterſtützte die Wöch⸗ nerinnen, kleidete die Kinder und ſorgte für Brennmaterial und Licht. Von alledem gab es in Frankreich nichts. Daher kam es denn, daß die Männer ſich als Soldaten einkleiden ließe, um nur leben zu können, wozu ſie freilich nur die Verzweiflung, nicht die Liebe zum Vaterlande trieb, daß ſich die Frauen mit Stehlen und“ anderen Laſtern das Daſein zu friſten ſuchten, daß die Kinder bettelnd von Ort zu Ort zogen. Und was ſollte nicht erſt die Zukunft bringen! Schon bei den erſten Friedensverhandlungen hatten die Sieger außer einer Abtretung an Land noch eine ſehr bed Sp fal de fet do ſch ko kn J ife wufte, von aus⸗ proviſori⸗ WVerizeuge e Volkes twen und „der im eine aus⸗ Sammlun⸗ Lezurethe terien er⸗ nd mißig urige Zeit cklichen. em Kopfe zu ihrer Vih iu biejerigen n in den en, damit Stöd aus ie Wöch⸗ erial und jam e um nr nicht die hlen und i hinde ert die ndlungen eine ſehr bedeutende Summe Geldes gefordert, das war kurz nach Sedan. Später, als Paris bereits umſchloſſen, Straßburg und Metz ge⸗ fallen war, verdoppelte ſich dieſes Verlangen, und aus Millionen wurden Milliarden. Schenkte alſo Gott endlich dem unglücklichen Lande den Frie⸗ den, hofften die verarmten Bürger und Bauern Städte und Dör⸗ fer wieder aufbauen zu können und neues Vermögen zu erwerben, dann kam der Staat und belaſtete ſeine Angehörigen mit uner⸗ ſchwinglichen Kriegsſteuern, die noch nachträglich gezahlt werden müſſen. Einzelne Gemeinden, in denen Ungebührlichkeiten vorge⸗ kommen waren, hatten ohnedies große Contributionen zu geben, kurz jeder Verſtändige mußte es vorausſehen, daß Frankreich auf Jahrzehnte hin vernichtet war. Es iſt ein reiches, blühendes Land, ſein Boden iſt fruchtbar an Korn und Wein, ſeine Einwohner geſchickt in Allem, was ſie unternehmen, und lange noch wird man, was neuen Geſchmack und neue Moden betrifft, auf Frankreich blicken, aber es mangelt dieſem Lande verhältnißmäßig an Männern. Nehmen wir an, daß Louis Napoleon allein wenigſtens fünfzehn bis zwanzigtauſend Männer um ihrer politiſchen Ueberzeugung willen nach Afrika oder Cayenne verbannte, daß in dem Krimkriege, ſpäter in Italien und am allermeiſten in Mexiko ſein unnützer Eifer nach Ruhm Unzäh⸗ lige zur Schlachtbank geführt hat, ſo erklärt ſich ſchon daraus al⸗ lein, daß es in Frankreich an Arbeitern für Land und Gewerbe fehlt, und daß Ausländer dort für die meiſten Geſchäfte ſehr ge⸗ ſucht ſind, weil man bei ihnen nicht zu fürchten hat, daß ſie zum Militär eingezogen werden. Doch nicht das allein. Die Bevölkerung hat ſich aus noch nicht ganz erklärten Urſachen in den letzten Jahren durch Gebur⸗ ten auffallend wenig vermehrt, Frankreich iſt an Menſchen arm, und die, welche es beſitzt, hat der letzte Krieg elend gemacht. Seht jenes Dorf anl Von den Häuſern ſteht kein einziges mehr, die Dächer ſind zuſammengeſtürzt, die Mauern zertrümmert und von Kanonenku⸗ geln zerſchlagen, die Ernte des Jahres liegt zu Aſche verbrannt, 15 — 226— coth gefärbt iſt jetzt von friſchem Menſchenblut, was Menſchen nähren ſollte, die herrlichen Obſtbäume ſind geknickt, die Gärten mit Schutt und ſchwarzgebrannten Steinen für lange unfruchtbar gemacht, und über die Felder ſtampften die Pferde und zertraten die Raine und Marken, verſchütteten die Abzugsgräben und ver⸗ darben die Chauſſeen. Wie wird es hier in einem Jahre ſein? Wer giebt den Ar⸗ men Geld, ihre Häuſer wieder zu erbauen, wo finden ſie Hände, die ihnen dabei helfen, die den Boden wieder ebnen, die Trümmer entfernen und ackern, pflügen und ſäen, wer ſchlichtet die Strei⸗ tigkeiten, wo ſich zu einem Beſitz kein rechtmäßiger Beſitzer mehr findet, wer theilt das Mein und Dein, wer nimmt ſich der gänzlich verarmten Gemeindeglieder an und ſorgt für die Erzie⸗ hung der Waiſen? Das iſt der Blick in Frankreichs Zukunft... Wir wiſſen nicht, ob der Mann ſo trübe Gedanken hegte, der an der Landſtraße entlang ſchlich, jedenfalls ſchien er einer der Elendſten unter den Elenden zu ſein, denn ſeine wenigen Kleidungsſtücke waren gänzlich zerfetzt und beſchmutzt, der Bart war ſicher ſeit Wochen nicht geſchoren, das Haar war mit keinem Kamm, die Hand mit keiner Seife in Berührung gekommen. Wem auch nur noch der kleinſte Reſt von Selbſtachtung geblieben iſt, für den iſt Reinlichkeit das erſte Bedürfniß, es iſt der Luxus ſelbſt der Aermſten, und wo ſie fehlt, da ſinkt der Menſch zum viehiſchen Zuſtande herab. Daß dieſer Menſch ſie nicht mehr zeigte, das bewies, daß ihm ein jedes Gefühl für das Edlere und Schöne im Leben entſchwunden war, es bewies den letzten Grad menſchlicher Erniedrigung. Auch ſah man dieſe Verkommenheit an ſeinem matten, ſchlaffen Gange, an ſeinem gleichgültigen und gläſernen Blick, nur wenn er huſtete und die Hand wie unter einem tiefen Schmerz gegen die Bruſt drückte, nur dann wich ſeine Stumofheit einem Ausdruck der jammervollſten Klage. Dennoch ſchleppte er ſich weiter. Offenbar kam es ihm we⸗ nig auf den Weg an, denn am Meilenzeiger blickte er gedanken⸗ los empor und ſchlenderte dann fort. In dem verbrannten Dorfe hatte er in der noch warmen Aſche ſein Nachtlager gefunden, einige Rüben, die auf dem Felde ſtehen geblieben waren, und ein 3 Menſchen die Gärten unfruchbar nd zertraten en und ver⸗ ebt den Ar⸗ ſie Hinde, die Trümmer t die Strei⸗ ger Beſtzr nnt ſih der t die Erje⸗ Zukunft. mlen hegte ſen er einer ne wenihen der Bart wi ſew men. Ven gebleben iſt her Luyus Venſch um niht mehr ʒ Eller und letten Grod ſonnethtt gü ligen und nie unter m niß ſin ihm r gube mnten do gſnn ein 6 udi 227— Stückchen Kommisbrot in dem Beutel einer ſchon halb verweſten Leiche hatten ſein Leben bisher jämmerlich genug gefriſtet, wo er für die nächſten Stunden ſeine Nahrung, für die nächſte Nacht ſein Obdach finden würde, er wußte es nicht, kümmerte ſich auch nur wenig darum, denn ſchließlich war es gleichgültig, wo und auf welche Weiſe er ein Leben beſchloß, an dem ihm ſchon lange nichts gelegen war. Als es dämmerte, bemerkte er in der Ferne Wachtfeuer. Er ſah ſich um, nirgends ſtand ein Haus, nirgends ſah er die Mög⸗ lichkeit, ſich gegen die rauhe Nachtluft zu ſchützen, und ſein Huſten wurde ſtärker und quälender, je feuchter der Thau herabfiel. Drüben raſſelte der Eiſenbahnzug vorbei, er brachte den Deut⸗ ſchen Munition und Lebensmittel, er beinerkte das ſtumpfſinnig. und gleichgiltig war es ihm ob die Soldaten, die da am Walde lagerten, Feinde oder Franzoſen waren, er fragte ſich nur, ob ſie ihm geſtatteten, ſich an ihrem Feuer zu erwärmen, und dabei, er wußte es aus Erfahrung, war weit mehr auf die Deutſchen, als auf die eigenen Landsleute zu hoffen. So kam er zu den nächſten Poſten und bemerkte bald, daß es Franzoſen waren, denn ſie trugen die ſchwarze Uniform der Parteigänger, die jetzt unter Aurelles de Paladine ſtanden. Das Werda klang unfreundlich genug, er aber ließ ſich nicht davon zurückſchrecken. — Freund des Vaterlandes, Republikaner, antwortete er mit heiſerer Stimme. — Kommſt Du, um Dich anwerben zu laſſen? fragte der Poſten weiter. — Ja, wenn Sie mich nehmen wollen, erwiederte er. Warum nicht? In dieſer Noth war eine jede Hilfe willkommen, und zum Kanonenfutter iſt ſelbſt ſolch' ein Schatten von einem Manne noch gut genug. Aber von den Offizieren, bei welchen er ſich melden ließ, war auch kein einziger bereit, ihn in ſo ſpäter Stunde noch zu ſprechen, er ging zum Oberſten, zum Hauptmann, zum Major, es war vergeblich, die Herren waren alle beſchäftigt, 15 ———— — S 8 — —— Dieſe, ſich von der Schlacht des vorhergegangenen Tages auszuruhen, Jene beim Spiel, Andere in der Geſellſchaft von Damen. Trübſelig ſchlenderte der Mann durch das Lager, es war ja nicht um den Dienſt, er wußte es, ſie konnten ihn nicht ge⸗ brauchen, es war ihm nur um das Eſſen und die wollene Decke, um ſich gegen den Nachtfroſt zu ſchützen. Vergeblich bat er die Unteroffiziere darum. — Wir haben ſelber nichts uns fehlt es an Allem, lautete die mürriſche Antwort. Bei den Wachtfeuern war jedes Plätzchen beſetzt, er fand keinen Raum, um ſich zu erwärmen, und ihn ſchüttelte das Fieber. Endlich ſchlich er ſich bei Seite, ſeine Füße trugen ihn nicht mehr, er wankte zu emer entlegenen Stelle, um zu ſchlafen oder zu ſterben, ihm gleichviel. Da trat ein Soldat an ihn heran. — Biſt Du krank, Kamerad? fragte er. Das Mitleid, das in den Worten lag und mehr noch der Ton der Stimme berührte ihn ſeltſam, er ſchlug die matten Augen zu dem Manne auf, nein, das war ja nicht möglich, dieſer einfache Soldat mit ergrauendem Haar und Bart konnte ja nicht der Herzog von Montalto, konnte ja nicht„ſein Vater ſein. — Krank, ſagte er, krank und hungrig. Der Soldat holte ein Stück Brot aus der Taſche und gab es ihm. — Da nimm, ich habe nicht mehr! Starr blickte ihm der elende Menſch in das Geſicht. — Und Sie ſind es dennoch, flüſterte ſeine heiſere Stimme, unter taufend Verkleidungen wollte ich Sie erkennen, und Sie erkennen mich nicht, nicht Ihren Sohn, nicht Franz Godard? — Dul rief der Soldat, und ein Schauder überrieſelte ihn, Du hier, krank und. o Gott! wie arm, wie elend! Ja, Franz, ich bin der Herzog von Montalto, Dir will ich es nicht verbergen, iſt doch Dein Leben meine Schuld. Armer Franz! ich habe Dich gehaßt, ich habe mich Deiner geſchämt, jetzt macht uns das Elend gleich. Franz Godard nickte mit dem Kopfe. hät wö de Du mi es uszuruhen, nen. er es war n nicht ge⸗ lene Decke, hat er die em lautete , ct fand das ßicher. nicht nehr n oder z erun. r noch det die muten glich dieſer iomt ju „₰ ſein e und gab E und 6i odrd riſtlt ihn lend 3 ð 6 n ßun it nocht uns — 229— — Ja, das Elend, ſagte er, ich habe es kennen gelernt und hätte glücklich ſein können, wenn ich nicht Ihr Sohn geweſen wäre. — Ich verdiene dieſen Vorwurf von meinem Kinde! verſetzte der Herzog. — Nicht Sie trifft er, nein, mich, fuhr der Unglückliche fort. Da war die Gelegenheit, Geld zu erpreſſen, da ſah ich den der mich erzeugt hat, im Wohlleben ſchwelgen, und ich ſollte arbeiten! Sehn Sie, die Sünden der Väter vererben ſich auf die Kinder, es iſt jedes Wort wahr, was in der Bibel ſteht. — Aber wie biſt Du in dieſes Elend gerathen? — Durch eigne Schuld, natürlich, denn mit dem, was Sie mir gaben, hätte ich mir forthelfen können. Ich bin weit herum geweſen, ich war in England, als ich zurückkam, verlangte eine Schaar Beutelſchneider, welche die Schlachtfelder ablas, daß ich mich wieder an ſie anſchließe ſie hatten ihren Hauptmunn ver⸗ loren, das heißt, er wollte nichts mehr mit der Bande zu thun haben, da wählten Sie mich, nicht zum Hauptmann, ſondern nur zum Führer, um ihn zu zwingen, daß er mit ihnen ging. — Und that er es? — Er ſaß in ſeinem Schloß. Wir ſtiegen leiſe den Berg hinauf. Niemand, ſo dachten wir, könne unſere Nähe merken, denn plötzlich wollte ich einen Schlag gegen den Haupteingang führen, o, ich kannte ihn damals noch nicht, ihn, den ſie den Todten nannten, ich glaubte es nicht, daß er Kugeln mit dem Degen auffing, daß er die Zukunft voraus wiſſe, als er von mir geſagt hatte, ich würde nur noch wenige Monate leben, aber plötzlich, da ſtand er mitten unter uns, und da wußte ich, wer er war, denn ich hatte ſchon vorher vor ihm gezittert, wie ich nicht vor dem Teufel zittern werde, wenn er mich in ſeine Hölle holt. Er ſprach nicht, es war auch nicht nöthig, ſie krochen Alle wie begoſſene Hunde vor ſeinem bloßen Blick, und als dieſer Blick mich traf, Herr Herzog, da fühlte ich zum erſten Mal, daß es einen ewigen Richter giebt, und ich dachte an Sie und an.. das Weib, welches mich elend gemacht hat, und an die Menſchen, die uns gebrauchen und uns wegwerfen, wenn ſie uns für unnütze Knechte halten. ——— — 230— Aber die Andern, die wieder Muth gefaßt hatten, wollten nicht umſonſt gekommen ſein, ſie drangen gegen ihn vor, ich mußte wohl mit, da zeigte er mit dem Finger auf mich. — unglücklicher, ſagte er, iſt Dir der Tod nicht ſicher genug, Du trägſt ihn ja in Deiner Bruſt! Ich wankte zurück. Die Böſewichter aber erhoben ihre Waffen, um ihn zu erſchießen, in demſelben Augenblicke flatterte ein weißes Tuch über ihn herab, es war eine Fahne, auf der die Mutter Gottes abgemalt war in ihrem höchſten Glanze, das welterlöſende Kind im Arme, und unter dieſem Schutze, der ihm ſo ſichtlich vom Himmel kam, verſchwand der ſeltſame Menſch. Uns Alle überlief es wie ein heiliger Schauder, es wagte ſich Keiner mehr vor, und als der Wind die Fahne lüftete, ſahen wir die Thür des Schloſſes feſt verriegelt, und von jeder Seite ſtarrte uns der Lauf einer Kanone an. Von dieſem Tage an löſte ſich die Bande auf, denn Niemand mochte ſie führen Ich ging den Tod in der Bruſt, wie er es geſagt hatte, und die Reue um ein vergeudetes Leben dazu, ich litt Mangel an Allem, ſo oft ich mich als Soldat meldete, um nur das Daſein zu friſten, wieſen ſie mich als krank und un⸗ brauchbar zurück, ich bettelte, umſonſt, ſie waren ja Alle arm gleich mir, ich wünſchte mir tauſend Mal das Ende meiner Leiden herbei, jetzt aber freut es mich, daß ich es nicht früher fand, ich kann Sie wenigſtens um Vergebung bitten, was ich an Ihnen gefehlt habe. Der Herzog hatte, den Kopf in beide Hände geſtützt, dage⸗ ſeſſen, jetzt richtete er ſich empor. — unglücklicher, ſagte er, iſt es denn nicht meine Schuld, daß ich Dir das Leben gab, ohne für Deine Erziehung Sorge zu tragen? — O, meine Erziehung war die von Tauſenden, verſetzte Godard, nur daß ich das Vergnügen liebte und die Arbeit ver⸗ abſcheute. Doch genug von mir, was bringt Sie in dieſe ſeltſame Verkleidung? — Die Schuld! ſagte der Herzog mit dumpfer Stimme, ſie grade! beſchleunigt mein Ende, wie Deines. Aten nicht ich mußte cher genug re Waffen, ein weißes die Mutter elterlöſende ſo ſihtich Uns Ale einer mehr tdie Thir ſarrte uns n Wiemond wie er es dazu⸗ ich edeu, um l und u Me am iner Liden fun i an Wnen ſit doge⸗ ne Siub un Surg * veſhe gcheit ver eſe ſelunt ſe timm —— — 231— — Sie waren kaiſerlich, bemerkte der Sohn, und jetzt.. — Zetzt diene ich dem Vaterlande, erwiederte Montalto. Doch laſſen wir das, Franz, mich drückt ein anderes, furchtbares Verhängniß, Franz, wo blieb das Kind? — Das Kind? Beunruhigen Sie ſich darum nicht, das Kind iſt todt. Iſidor wollte mich bei dem Schurkenſtreiche mit benutzen, ich war betrunken und ahnte nicht einmal, gegen wen es ging, nur daß ich Ihren Namen hörte und beſchloß, eine Waffe gegen Sie daraus zu machen. Ich ſah den Mann, dem wir das Kind entreißen ſollten, wir waren Zwei gegen Einen, da ſprang er über das Geländer in das Waſſer hinunter, das weiße Kleidchen des Kindes trug es noch ein Weilchen, dann verſank es, der Mann ruderte weiter. Mich machte der Anblick nicht nüchtern, ich trank die ganze Nacht weiter.. ach, damals war ich geſund und glücklich.. und jetzt. — So weißt Du gewiß, daß es ſtarb? — Ich ſah es ſelbſt verſinken. — O Gott, auch dieſe Schuld auf meiner Seele, und ich hoffte noch! Da, Franz, nimm, was ich noch an Geld beſitze, geh, pflege Dich, und vergieb mir! Sie ſtanden einander gegenüber, dieſe beiden Männer, die ſich blutsverwandt waren und zwiſchen denen doch nur Haß und Eigennutz das Band gebildet hatte, das ſie aneinander feſſelte. Plötzlich breitete der Herzog die Arme aus, und Franz Go⸗ dard ſank hinein. Zum erſten Male lagen ſich Vater und Sohn an der Bruſt, Elend und Schuld hatte ſie, die ſtets Getrenn⸗ ten, vereinigt. Hätten ſie Beide in dieſem Augenblicke ſterben können, wie wohl wäre ihnen geweſen! ——————— 26. Kapitel. Offizier und Soldat. Ungefähr zweimalhunderttauſeud Mann waren bereits aus Frankreich in deutſche Feſtungen geführt worden. Am An⸗ fang mag es den Leuten ein ſchreckliches Gefühl geweſen ſein, wenn ſie ſich plötzlich wehr⸗ und waffenlos in den Händen ihrer Beſieger befanden und einer Zukunft entgegen gingen, die ihnen nichts Gutes zu verheißen ſchien. Die Wenigſten kannten Deutſchland, wie denn überhaupt die Geopraphie diejenige Wiſſenſchaft iſt, welche man in franzö⸗ fiſchen Schulen am allermeiſten vernachläſſſgt. Sie ſtellten ſich unſer Vaterland ſo kalt vor wie den Norden Rußlands und glaubten, daß man da auch Wölfe und Bären jagen könne. Die Oſtſee mußte nach ihren Vorſtellungen den größten Theil des Jahres über eingefroren und für die Schiffahrt undurchdringlich ſein, und Wallfiſche, ſo dachten ſie, zeigten ſich oft in der Nähe von Stettin und beunruhigten ſelbſt mecklenburgiſche Fahr⸗ zeuge. Der Name nordiſche Barbaren wurde von ihnen allen Deut⸗ ſchen, insbeſondere den Preußen gegeben, und feſt waren ſie da⸗ von überzeugt, daß bei uns kein Spürchen Bildung ſein würde, wenn wir es nicht aus Frankreich bekämen. Bei ſo eingewurzelten Vorurtheilen, war es denn natürlich, daß die Leute in den erſten Tagen ihret Gefangenſchaft höchſt niedergeſchlagen waren, wenn auch die wachthabenden Soldaten ihnen gut zuredeten und es weder an Lebensmitteln noch an Cigarren fehlen ließen. Doch bald änderte ſich die Anſicht. Kamen ſie erſt über franzöſiſche Landesſtrecken, ſo ſahen ſie nur Verwüſtung und Elend, und mit trüben ja, zornigen Blicken betrachteten die Ein⸗ wohner die geſchlagenen Soldaten, doch jenſeits der Grenze war — „—— its aus Un vn⸗ ſen ſein, en ihrer ie ihnen bechoupt franzb⸗ Uten ſih ds und u. Die hol des drngi er Tihe he jahr⸗ n Duut⸗ n ſie da⸗ it ſi goldaten noch 6 r über ung un die Ein⸗ nb vut ———— es anders, da wurden ſie auf jedem Bahnhofe wie langerwar⸗ tete Gäſte begrüßt und geſpeist, ſie erhielten Verbandzeug für ihre Wunden, warme Kleidungsſtücke und Nahrung in Hülle und Fülle, und das Alles umſonſt und mit der größten Zuvorkom⸗ menheit. Das wunderte ſie anfangs, ſpäterhin aber fanden ſie es natürlich, die ungebildeten Deutſchen mußten ſich ja freuen, Mit⸗ glieder der großen Nation zu ſehen, und Alles, was ſie dafür gaben, war nur ein ſchuldiger Tribut. Die Damen brachten ih⸗ nen Kaffee und belegtes Butterbrot und waren ſtols darauf, franzöſiſch mit ihnen reden zu können, natürlich! Alle Welt muß franzöſiſch können, damit die Franzoſen ſich die Mühe erſparen dürfen, fremde Sprachen zu erlernen. So hörten ſie bald auf, ſich als Gefangene zu empfinden, ſie zogen vielmehr gleichſam als Sieger ein und ſtellten ihre Forderungen. An ſchwarzes Brot ſind ſie nicht gewöhnt, ſie ver⸗ langten daher weißes, und wurden ungehalten, wenn man es ihnen verweigerte, auch behagte ihnen keine Arbeit, ſobald ſie ſich in irgend einer Feſtung oder in einem Feldlager häuslich eingerich⸗ tet hatten, begannen ſie zu ſpielen und zu tanzen, ihre ange⸗ borene Heiterkeit trieb ſie zu allerhand Poſſen, ſie zeichneten Karrikaturen, machten Verſe und ſuchten ſich Geld anzuſchaffen, indem ſie die Kokarden ihrer Mützen, die Knöpfe ihrer Uniformen verkauften. Nahe bei Berlin hatte man in Spandau ein großes Lager errichtet, und Herrn und Damen fuhren hinaus, um die leicht⸗ fertigen Franzoſen, die maleriſch dahingeſtreckten Turkos, die ewigbeweglichen Zuaven zu betrachten, dafür wurden dieſe reichlich mit Geld und Eigarren beſchenkt und gaben ſtatt deſſen oft kleine Bildchen, die ſo unanſtändig waren, daß man ſie nicht ohne ſittlichen Ekel zu ſehen vermochte. An ihre Niederlage glaubten ſie ſelbſt hier nicht wo ſie doch ſelber den beſten Beweis dafür bildeten, und kaum vernahmen ſie von der Republik und den neuen Heeren, welche Gambetta in's Leben gerufen hatte, als ſie tauſend Verſuche machten, ihren Wachen durchzubrennen und nach Frankreich zurückzukehren. * — 234— Hatte man ſie dann wieder in dem Gewahrſam, ſo gab es oft heftige Scenen, die Leute wurden aufſäſſig, verhöhnten ihre Wäch⸗ ter, ja, ſie gingen mit Knitteln und erhobenen Fäuſten auf ſie zu. In manchen Feſtungen kam es bis zum Blutvergießen, ſo zum Beiſpiel in Mainz, wo ein offener Aufruhr auszubrechen drohte, und wo man faſt jede Nacht Kanonen abſchießen mußte, ein Zeichen, daß wieder einige von den Gefangenen einen Flucht⸗ verſuch gewagt hatten. Bei ſolchen tollen Unternehmungen wurden die Soldaten von ihren Offizieren aufgemuntert, dieſe flohen oft in Frauenkleidung oder anderen Mummereien, ohne daran zu denken, daß ſie ihr Ehrenwort gegeben hatten, nicht mehr gegen Deutſchland zu kämpfen. Noch ſchlimmer war es mit denen, die noch in Frankreich zurückgeblieben waren. Der Graf von Bellegarde zum Beiſpiel hatte in einem deutſchen Lazarethe acht Tage lang ganz ohne Bewußtſein gelegen, und die barmherzigen Schweſtern wie auch die Aerzte und Krankenpfleger widmeten ihm die größte Sorgfalt. Endlich kam er wieder zu ſich. Von all den Wunden, welche ihm Taleb und Huſſein beigebracht hatten war keine durchaus tödtlich geweſen, was ſie lebensgefährlich machte, das war nur das Entſetzen, welches jeden Nerv lähmte, die grenzenloſe Angſt, die er empfunden hatte, bei der das Blut ſtockte und zu dem Herzen zurückdrängte. Jetzt, da eine lange Bewußtloſigkeit die Nerven beruhigt hatte, begannen die Wunden ſchnell zu heilen, und der Oberarzt des Lazareths ſprach ſchon davon, ihn nach Deutſchland zu ſchicken. Denn wohl hatte man an ſeiner Uniform und aus ſeinen Pa⸗ pieren erkannt, daß er mit zu der Armee von Metz gehörte und alſo wahrſcheinlich widerrechtlicher Weiſe in Frankreich zurückge⸗ blieben war. Zedenfalls war er jetzt gefangen und mußte dem⸗ nach das Schickſal ſeiner Kameradeu theilen. Davor aber grauſte dem Grafen Hektor von Bellegarde. Wie es ihm ſchon einmal, freilich ſehr zu ſeinem Schaden, gelungen war, zu entwiſchen, ſo ſann er auch jetzt auf ein neues Mittel, ſich der Reiſe in ein fernes ihm unheimliches Land zu entziehen. ch es oft hre Väch⸗ uſten auf ießen, ſo Jubrechen n mußte, en Fhcht⸗ ehmungen tert, dieſe ien, ohne ten nicht ßrunkrih n Beiſicl gonz ohne nnie auch Sorgfalt en, welche e durchaus s wur ur loſe Angſt nd zu dem n berchigt 9lernt zu ſchien· ſeinen Pr⸗ chörte in zidge⸗ mißte dem⸗ ober guſt on einmab wiſchen ſo Keiſ e in ein — 235— Für's Erſte ſtellte er ſich noch viel kränker, als er es in Wirklichkeit war, er ſchrie laut, ſo oft man ihn berührte, klagte über heftige Schmerzen in Bruſt und Rücken und weigerte ſich, das Bett zu verlaſſen. Nahe bei ihm lag ein anderer Kranker, ein afrikaniſcher Jäger. Dieſer junge Burſche war lebensgefähr⸗ lich verletzt worden, denn eine Kugel war ihm in den Einge⸗ weiden ſtecken geblieben, und eine andere war ihm durch die Schulter gegangen. Traurig lag er da, ein bleiches Bild des Elends, und ſchüttelte nur matt das Haupt, wenn ihn der Arzt verſicherte, daß es noch ganz gut mit ihm werden würde. Er' war des Grafen einziger Stubengenoſſe, wollte dieſer einen Flucht⸗ verſuch wagen, ſo konnte es nur mit Zuſtimmung oder unter Beihilfe des Zfrikaners geſchehen. Bellegarde verſtand ſeine Sprache, denn lange hatte er in jenem Lande gelebt, er redete alſo zu dem Kranken, ſprach ihm von ſeiner ſüdlichen Heimat, und daß es leicht ſein würde, ſie zu erreichen, ſobald man nur erſt aus dem Lazarethe ſei. — Ich habe Geld genug, ſagte er, könnteſt Du nur mit mir kommen, ſo gingen wir bis in die nächſte Stadt, dort bringt uns ein Kahn den Strom hinunter bis an das Meer, und ein Dampfſchiff fährt uns nach Afrika hinüber, wo die Palmen blühen, die Datteln reifen, wo die Beduinen frei durch die Wüſte jagen und den Löwen erlegen. — Ah, ſeufzte der Jäger, könnte ich dahin, könnte ich zu meiner Mutter! — Du könnteſt ſchon, verſicherte der Graf, Deine Beine ſind ja geſund genug, verſuch'es nur, aufzuſtehen. In der Nacht ſind alle Wächter in dem großen Krankenſaal, die Aerzte ſchlafen, bis ſie geweckt werden, Schildwache giebt es gar keine auf dieſer Seite, was iſt alſo leichter, als daß wir unſere Bettdecken zuſam⸗ men knüpfen und uns aus dem Fenſter hinunterlaſſen. — Nehmen Sie mein Laken, ſchlug der Jäger vor, aber laſſen Sie mich hier. O, wie ſehne ich mich nach meiner Hei⸗ math, aber ach, dieſe Wunden brennen zu furchtbar. Und dann, der Arzt verſpricht Beſſerung, wenn ich mich ruhig verhalte. und ich muß ihm wohl Glauben ſchenken. — Dem Arzte! lachte der Graf. Sei kein Narr Siehſt Du denn nicht, daß er nicht daran denkt, Dich geſund zu machen? Er iſt ein Deutſcher, ihm liegt daran, daß alle Franzoſen ſterben oder in die Gefangenſchaft kommen, ſonſt hätte er Dich längſt geſund machen können. Bleibſt Du hier, ſo ſtirbſt Du ſicherlich, kommſt Du aber mit, nun, Du weißt ſelber, wie gut Eure Aerzte es verſtehen, Wunden zu heilen. Das ſchien richtig, und der unglückliche junge Menſch glaubte ſeinem Verführer. Schwach und krank, wie er war, erhob er ſich auf des Grafen von Bellegarde Geheiß, band die durchſchnit⸗ tenen Laken zuſammen und ſah, mit welcher Leichtigkeit Hektor ſich daran zum Fenſter hinunterließ. Nun wollte er es auch ver⸗ ſuchen, aber die Schmerzen waren fürchterlich, es war ihm, als würden ſeine Eingeweide ihm aus dem Leibe geriſſen, da hing er mit dem geſunden Arme an dem Seile, die andere, die durch⸗ ſchoſſene Schulter konnte ihn nicht beim Hinabklettern unterſtützen, denn eine jede Bewegung verurſachte ihm die gräßlichſten Qualen. Er rief leiſe nach dem Grafen und bat ihn, ihm zu helfen, doch dieſer war bereits durch das Dunkel geſchlüpft. Was ſollte der Unglückliche nun beginnen? Wohl ahnte er, daß er ein Opfer der hinterliſtigſten Bosheit geworden war, denn hatte Bellegarde ihm nicht hundert Mal verſprochen, ihm beizuſtehen, und jetzt ließ er ihn hier allein, allein in dieſer Gefahr! O, wenn er im Stande geweſen wäre, dahin zurückzugehen, wo er die ſorgfältigſte Pflege genoſſen hatte und wo ihm Gene⸗ ſung in Ausſicht geſtellt worden war! Aber ſeine Kräfte reichten nicht dazu aus, ihn wieder zum Fenſter hinaufzuheben, eine Zeit lang glitt er langſam an dem Seile hinab, jdann plötzlich fußte ihn ein Schwindel, es wirbelte vor ſeinen Augen, und ſchwer und betäubt ſtürzte er zu Boden. Da lag er nun! Seine Wunden hatten ſich geöffnet, und das Blut ſtrömte daraus hervor. Der Fall hatte die Schildwache herbeigerufen, dieſe rief nach den Krankenträgern, es wurden Windlichter gebracht, und anfangs nahm man an, der Afrikaner habe ſich in einem Anfall von Wahnſinn zum Fenſter hinausge⸗ mn elle⸗ pflachſte ſo voller . Doch ziten mit tit ihm geſſen die ſehr 2 Leo beugte ſich zu ihm hinunter und flüſterte ihm den Namen des Herzogs von Montalto ins Ohr. Wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, ſprang Bellegarde empor. — Der hier und als was? — Als Soldat der Republik. — O und in meinem Bataillon, o herrlich! herrlich! — Der Unglückliche bedarf des Beiſtandes. Sie werden es nicht vergeſſen, was er für Sie gethan hat. — Fürchten Sie nichts, ich vergeſſe niemals, am allerwenig⸗ ſten, was ich dem Manne ſchuldig bin. Welch ein glücklicher Zu⸗ fall, ich ſehe meine ſchönſten Hoffnungen übertroffen. Dank Ihnen, Herr Lieutenant, daß Sie mir gleich bei meiner Ankunft dieſe Freude bereitet haben. Rellac erſtaunte. Er hatte nicht ſo viel warmes Gefühl in dem Grafen Bellegarde vermuthet, jetzt beruhigte er ſich über das Schickſal des Herzogs, denn er beſaß zwei treue Freunde. Es fehlte an Offizieren mehr noch als an Soldaten, der Herzog mußte die niedrige Rolle aufgeben, zu der ihn eine reue⸗ volle Selbſtquälerei verdammte, er mußte ſich an die Spitze des Heeres ſtellen und es zum Siege führen. Was kümmerte ſeine Vergangenheit? Jetzt war er der glů⸗ hendſte Vertheidiger des Vaterlandes, und als ſolchem gebührte ihm das Kommando. Rellac verließ bald die Geſellſchaft, deren leichtfertiger Ton ihn anwiderte. Wie konnten franzöſiſche Ofſiziere lachen und ſcherzen, wenn Frankreich ſich in ſolcher Gefahr befand? Am andern Morgen ſtellte der General den neuen Major ſeinen Leuten vor, und dieſer ließ ſogleich die Truppen exerziren. Da bemerkte er einen Soldaten, der ihm nicht gewandt genug ſchien. — He, Du da! rief er ihm zu, ſteh grad, oder dich ſoll der Teufel reiten! Der Mann zuate zuſammen, doch antwortete er nicht. Beim zweiten Male ging es nicht beſſer. Vortreten hieß es, und mit feſt zuſantengebiſſenen Lippen, mit ſinſter zuſammengezogener Stirn trat der Herzog von Montalto vor den Mann hin, der — ſein Feind war. Hektor von Bellegarde weidete ſich an dem An⸗ blick der Demüthigung. — Ich kenne dieſen Menſchen, ſagte er laut genug, daß Viele es hören konnten. Mag es ihm hingehen, daß er ein Kai⸗ ſerlicher iſt, ſo hat er ſich doch nicht als Spion unter uns ein⸗ zuſchleichen. — Ein Spion, ein Spion! rief es rings umher. — Siebt es hier keinen Ankläger gegen ihn, ſo trete ich als ſolcher auf, fuhr Bellegarde mit erhöhter Stimme fort. Einige von Ihnen mögen wiſſen, daß er in Sedan bei Louis Napoleon war, daß er aber vorher Flinten für eigne Rechnung verkaufte, daß er einen Zahlmeiſter ermordete, um ſeine Kaſſe zu berauben, daß er unſere Schlachtpläne den Preußen gegen baares Geld ver⸗ rieth, das wiſſen wohl nur Wenige unter Ihnen, denn wie könnten Sie ſonſt ſolch' einen Menſchen in unſerem Heere dulden? Ein lautes Murmeln ging durch die Gruppe der Offiziere, der Herzog ſtand mit geballten Händen. ſollte er ſtill dulden, ſpllte er dem Schändlichen an die Gurgel ſpringen, er wußte es nicht. Scham, Zorn. Reue umd Rachbegier kämpften in ſeinem Innern. In ſeinen Schläfen pochte es, als müßte das Blut hinausſpritzen, und rothe Strahlen ſchoſſen vor ſeinen Augen vorüber. Da— es war ein fürchterlicher Augenblick— da beſann er ſich, daß er nicht wehrlos war, er trug den Chaſſepot im Arm, und eine Kugel ſteckte im Laufe. Schnell riß er das Gewehr zur Schulter hinauf, doch in demſelben Moment wurde ſein Arm zur Seite geſchlagen, und beſinnungslos ſtürzte er hinten über. Aber Leo Rellac, der eine nur zu gerechte Rache verhindert hatte, eilte auf den Grafen Bellegarde zu. — Das iſt das Benehmen eines Feiglings! rief er. Kein anſtändiger Mann klagt einen Andern an, wo er ſich nicht ver⸗ theidigen kann. Dies alles gehört vor ein Gericht, wer erlaubt Ihnen, es vor den Soldaten auszuſprechen? — Und wer erlaubt Ihnen, ſo zu Ihrem Major, Ihrem Borgeſetzten zu reden? donnerte Bellegarde ihn an. Sind Sie ein Genoſſe ſeines Verrathes? an dem An⸗ genug dß er ein Kai⸗ er uns ein⸗ treie ich l ort. Einige is Napoleon g rerſafte u betauben, es Geld ver⸗ denn nit ſrem heert er Offjiere uden ſplle ſt es niht nem Inm. nausſpritin⸗ e D ſch nd ein iete Aber Le e eit uf — 241— — Nein, rief Leo, aber ich weiß, welchen Theil Sie an der Ermordung des Zahlmeiſters hatten! Wer nahm das Geld, welches in ſeiner Kaſſe gelegen hatte, wer. ich frage Sie, Herr Graf Bellegarde! Hektor knirſchte vor Zorn, ſeine Lippen wurden blau, wie die einer Leiche. Wüthend, gleich einem gereizten Tiger, ſprang er auf den Republikaner los und hätte ihn geſchlagen, wenn dieſer ihn nicht mit ſeinem Arme parirt hätte. Die andern Offiziere legten ſich in das Mittel. — Blut, rief Bellegarde, ich muß ſein Blut ſehen! — Ich befehle Ruhe! rief der General dazwiſchen. Welch' eine Scene vor den Soldaten! — In einer Stunde dort im Walde! rief der Graf ſeinem Gegner zu. — Sie werden mich finden! verſetzte Rellac trotzig. — Ein Duell, o das iſt famos! riefen die Offiziere, das giebt Abwechſlung! Alſo in einer Stundel 27. Kapitel. Das brennende Haus. Man kann ſehr viel Muth beſitzen, wenn man im freien Selde dem Feinde gegenüberſteht, und doch verzagen, wenn uns der Tod in ſchrecklicher Geſtalt entgegentritt, und wir kein Mit⸗ tel finden, uns dagegen zu wehren Wer da nicht zeigt, daß ihm das Leben lieb iſt, wer da behauptet, kein kaltes Grauſen zu empfinden, wer da ſich willenlos ergiebt, der iſt ein Blödſinniger oder ein Prahlhans. Reeinhold von Iſſelhorſt liebte das Leben, denn er war jung. Hatte er auch feine ſchonſte Hoffnung, die Hoffnung auf Hele⸗ D. V. Th. II. 16 — 242— ne's Beſitz aufgeben müſſen, ſo war ihm damit doch noch nicht jede andere entſchwunden, das fühlte er jetzt, wo es über ihn kniſterte, wo die Hitze bis zu ihm herunterdrang, der Rauch ihn faſt erſtickte. Hier gab es keinen Ausweg. Die Thür war verſchloſſen und hinter dem Fenſter ſtanden Mörder, hier war der Tod in ſeiner ſcheußlichſten Geſtalt, und keine, keine Hilfe Lebendig verbrennen! Wem ſchauderte nicht bei dieſem bloßen Gedanken, und ſie fühlten ſchon den Rauch der Gluth, die ſie verzehren ſollte Der junge Graf ſtand auf ſein Bett geſtützt, ſein Haupt war geſenkt. Er wäre ja gern da draußen geſtorben, auf dem Schlachtfelde mitten im Kampf und Pulverrauch aber hier durch die niederträchtigſte Gemeinheit, hier ſo eleno umkommen. Und dann noch Eins.. er riß auch Wilhelm Friſchmuth mit in ſein Verderben hinein. Zu ſeiner Rettung war er herge⸗ kommen, und ſollte nun mit ihm zu Grunde gehen! O, das war ſchrecklich, ſchrecklich! Der Maſchinenbauer trat an ihn heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. — Na, Herr Graf, ſagte er, noch nicht verzagen! Da iſt ja noch ein Loch offen! — Sie ſelber ſagten, daß uns Flintenſchüſſe vor dem Fenſter erwarteten, warf Reinhold ein. — Nun paſſen Sie auf, wie wir das machen, ſagte Friſch⸗ muth. Erſt löſche ich das Licht aus, dann ziehe ich vorſichtig und ſchnell die Matratzen da fort und ſpringe hinaus. — Ja, Friſchmuth, retten Sie ſich, ich würde es mir nie vergeben, wenn Sie um meinetwillen ein Unglück treffen ſollte. — Schon gut, ich dachte eben auch nur an mich. Alſo indem ich hinausſpringe, ſtehen Sie da hinter der venſtermauer mit der Piſtole, und wie Sie ſehen, daß auf mich ein Schuß tnallt, da ſchießen Sie hin. So todt werde ich ja auch nicht gleich ſein, daß ich nicht auch noch mit Einem fertig werden könnte, und da ich nur zwei Kerls geſehen kabe, ſo hoffe ich. Sie kommen noch nicht es über det Rauch erſchloſſen r Tod in Abendig Gedanken. vetzehren aupt war auf dem aber hier kommen. zriſchnuth er herge⸗ das war eron und du i jn m Fenſter ſchtig und 3 mir nie n ſolte ich. Mo nſernou „ Schu — — 243— — Wie, Friſchmuth, das ſollte alſo doch wieder ein Opfer ſein, das Sie mir bringen. — Ach was Opfer! Ich bin hergekommen, um Sie aus Gefahr zu erretten, und möchte gern, daß mir das gelänge, das iſt Alles. Nun paſſen Sie aber gut auf, es kommt Alles darauf an, daß Sie jetzt gut und ſicher zielen. Er blies das Licht aus und zog ſehr vorſichtig eine der Matratzen bei Seite, ſo daß er durch das Fenſter blicken konnte Da ſah er in der Dämmerung, wie ein altes Weib Reiſig dicht unter ihm zuſammentrug und anzündete. Der Qualm war faſt betäubend, denn das Holz war naß vom Regen — Verdammte Hexe, brummte Wilhelm, es wird mir ſchwer, auf ein Wer, zielen, aber wenn es des Teufels Großmutter iſt, thut man doch gut, ſie zu der Hölle zurückzubefördern! Er wartete geduldig, bis ſie zum anderen Male mit Holz herankam, dann ſchoß er ſein Piſtol auf ſie ab, ſie ſprang hoch empor, die Reiſer flogen ringsumher, ſie aber ſtürzte daxauf hin, wälzte ſich hin und her und ſchrie und jammerte laut. Wieder wartete der Maſchinenbauer, er hoffte, ihr Gefährte würde ſich zu ihr begeben, doch dies geſchah nicht. — Uebrigens habe ich ſie ſehr ſchlecht getroffen, meinte Friſchmuth, denn todt iſt die noch lange nicht, das macht, weil man keine Uebung hat auf*„uenzimmer zu ſchießen. Mit ſolchen Gedanken vertrieb ſich Friſchmuth die Zeit, denn angenehm war ſeine Lage keineswegs. Der zweite Kumpan deigte ſich noch immer nicht, er lag alſo auf der Lauer und jeden⸗ falls mit vielen Andern, jetzt zum Fenſter hinausſpringen, hieß in den ſicheren Tod gehen, auch bat Reinhold himmelhoch, Friſchmuth möchte ſich nicht zum Opfer bringen. Dem aber wurde das Warten zu lang. Der Qualm des unten ſchwehlenden Holzes wurde nun immer erſtickender, man konnte keinen Athemzug thun, ohne zu huſten, dazu knatterten aber die Balken, und der rothe Schein, der ſich über die Gegend verbreitete, zeigte an, daß das ganze Dach in Flammen ſtand. 16* — 244— — Nun, das müſſen die Vorpoſten doch ſehen, dachte Wil⸗ helm, und wagte aufs Neue auf Rettung zn hoffen. Da plötzlich ſtürzte ein großer Theil des Daches zuſammen Reinhold ſprang ſchnell genug bei Seite und entging glücklich der Gefahr, aber der Maſchinenbauer ſchüttelte ſich ärgerlich den Schutt von der Uniform, ein Fluch entſchlüpfte ſeinen Lippen. — Stehn die dummen Kerls auf Wache und ſehen nicht mal den Feuerſchein, brummte er. Unterdeſſen hatte ſich das Weib, es war Margot, immer heftiger auf der Erde herumgewälzt. — Taleb, Du Schwein, ſo ſchrie ſie, wirſt Du kommen, mir aufzuhelfen, Du Teufelsbraten Du! Ich habe es in der Hüfte, o das thut weh. und der ſchwarze Hund läßt mich hier verrecken, wie ei. Stück Vieh. Taleb gab keine Antwort. Er dachte nur'an ſeine Rache. Selbſt die Beute war er bereit, aufzugeben, aber er hatte den Ulanen erkannt, und dann den Graf Iſſelhorſt, es durfte ihm Keiner entgehen. Die Thür war feſt verſchloſſen, wollten ſie nicht erſticken oder verbrennen, ſo mußten ſie zum Fenſter hinaus, es galt alſo, Wache zu halten und ſie nicht entſchlüpfen zu laſſen, und ſo lag der Turko auf der Lauer, wie eine Katze, die der Maus ſchon gewiß iſt und ſich durch das Warten nur noch den Appetit verſchärft. Für die beiden Belagerten wurde der Zuſtand immer uner⸗ träglicher. Vergeblich hatte Friſchmuth gehofft, ſein Feind werde ſich zeigen, di ſer blieb gelaſſen in ſeinem Verſteck, aber mit gro⸗ ßem Gepolter ſtürzten Stücke von Mörtel und Kalk von der Decke herunter, das Haus war leicht gebaut und loderte hell auf, brennendes Holz und das flackernde Stioh, auf welchem oben auf dem Boden die Burſchen geſchlafen hätten, alles fiel durch die immer größer werdende Lücke herunter und verurſachte einen er⸗ ſtickenden Qualm. Reinhold trat mit den Füßen das Feuer aus, ſoweit es ihm möglich war, damit es ſich in dem Zimmer nicht ſelber verbreitete, doch ſchon ſchwehlten die Dielen, und es wollte nichts mehr hel⸗ ſen, daß er Waſſer darüber ausgoß. the Vi⸗ zuſammen lücklich der erlich den Lippen. ſehen nicht ot immer 1 kommen, es in der nich hiet eine Ruche hatte den durfte ihn un ſi nicht hnons, ¹ n zu laſſen, e. die der nch den im erde her mit grb⸗ l von der — 245— Friſchmuth ſtand noch auf ſeinem Poſten. Da draußen war ihm der Tod gewiß genug, denn da Margot ihre Stimme nicht allzu⸗ laut erhob, indem ſie nach Taleb rief, ſo ſchloß er daraus, daß dieſer ganz in der Nähe ſein mußte, und in zehn Schritt Entfer⸗ nung, ſo dachte der Maſchinenbauer, trifft ſelbſt ein Franzoſe. Fing er nun den Schuß in ſeinem eigenen Körper auf, wie konnte er hoffen, damit den Grafen Reinhold zu erretten? Der Mohr, das wußte er, war rieſenſtark, ſelbſt ohne Waffe war er dem jungen Deutſchen weit überlegen, und gelang es dem Gra⸗ fen nicht, ihn todt zu ſchießen, ſo war ſein Ende gewiß. Das überlegte Friſchmuth, und er fand ſeine Lage ſehr ver⸗ zweiflungsvoll. Dennoch drängte die immer ſtärker werdende Gluth zu einem Entſchluſſe. O, wie ſo ſchnell ſchießen uns die Gedanken durch den Kopf, wenn wir uns in Gefahr be⸗ finden! Er erinnerte ſich, daß er allein in der Welt ſtand, daß er keine Familie beſaß, und daß im Grunde an einem Leben wenig gelegen ſei, er fragte, ob ſeine Freunde ihn lange betrauern würden, er ſandte einen Seufzer zu jenem Mädchen, welches er lebte, ohne es genauer zu kennen, ein Lebewohl zu Maria Fiſcher. Alle, die ihm in der letzten Zeit nahe getreten waren, ſtan⸗ den wieder vor ſeiner Seele, als dürfe er nur die Hand aus⸗ ſtrecken, um ſie zu berühren. Wie mußte es Heinrich Becker und Thomas Wildberger ſchmerzen, daß ſie ihm in dieſer Gefahr nicht beizuſtehen vermoch⸗ ten! Und dann Ottomar von Iſſelhorſt möchte er die Braut finden, die er ſuchte! Und die beiden Knaben, Arthur und Richard ach, ſie waren ihm gewiß ſchön voraus gegangen in das Zenſeits, ſie, die Unſchuldigen, Reinen. konnte er eben ſo frei vor Gottes Richterſtuhl hintreten, wie ſie? Nun, zu den ſchlechten Menſchen, das fühlte er mit getröſte⸗ tem Herzen, gehörte er eben nicht, und Gott iſt ſo barmherzig, er wird auch ihm ein gnädiger Vater ſein.. Da wieder krachte es über ihm, der Dachſtuhl brach zuſam⸗ —————— — 246— men, Staub, Schutt und Rauch erfüllten die Stube bis zum Er⸗ ſticken. — Zetzt auf den Poſten, Herr Eraf, rief Friſchmuth, und für mich heißt es nun, wie wir Berliner ſagen: rin in's Ver⸗ gnügen! Er wollte hinaus ſpringen, Reinhold hielt ihn zurück. — Sie opfern ſich, ſagte er, das nehme ich nicht an, laſſen Sie mich zuerſt hinaus. — Nein, Sie kommen gleich nach mir, nur vorſichtig, und die Sache kann ſich noch machen. — Bleiben Sie! Giebt es denn kein anderes Mittel? — 5 ja! Da droben ſcheint uns ja ſchon der Himmel durch's Dach hinein, wenn wir durch das Loch fliegen können. ſind wir gerettet. Aber nun halten Sie mich nicht auf, die Sache hat Eile. — Friſchmuth, ein Wort noch, ich bitte Sie, wir ſterben Beide, denn wenn ich Sie überleben ſollte, ich könnte es mir nie⸗ mals vergeben, daß Sie als ein Opfer fielen. — Ach was Unſinn! Sie haben einen Vater und Brüder, für die müſſen Sie leben. Schaffen Sie was Ehrliches für das Volk, es geht den Arbeitern im Ganzen noch erbärmlich ſchlecht, thun Sie da, was an Ihnen iſt, was liegt denn ſchließlich an einem⸗ Kerl, wie ich bin? Verſprechen Sie mir das, Herr Graf? — Das verſpreche ich Ihnen aus vollſter Seele heraus, mit Ihnen oder ohne Sie.. mein Leben ſoll dem Nutzen meiner Mit⸗ menſchen gewidmet ſein.. — Nun ja, Ihnen will ich es glauben, und nun keine Ge⸗ fühlsduſeleien mehr... Vorwärts! die Ulanen kommen! Mit dicſen Worten ſchwang er ſich über das Fenſterbrett hin⸗ aus in's Freie, Reinhold folgte ihm unmittelbar. Draußen knallte ein Schuß, gleich darauf noch einer. mit furchtbarem Gepol⸗ ter ſtürzten die Steine und Balken des brennenden Hauſes durch⸗ einander, Rauch und Staub wirbelten in dem Dämmerlichte der aufgehenden Sonne, und plötzlich begannen auch die Kanonen des Onkel Baldrian wieder ihr lautes Gebrüll, der neue Tag verianate neue Leichen..——— u m Er⸗ und Verr⸗ loſen , und immel önnen. Sache ſterben ir nie⸗ Brüder, ür das ſchlech lich an Grof! us, nit Nit ne Gl⸗ rett hin⸗ nulli 6eyrl hrh chte der ononen we 20 — 247— Friſchmuth war nicht getroffen, aber er hatte bemerkt, woher der Schuß gekommen war, der Mörder hatte aus nächſter Nähe gezielt, und doch ſah er ihn kaum, ſo dicht verhüllte ihn der Qualm des brennenden Hauſes, den die ſchwere Regenluft zur Erde niederdrückte. Das war aber jedenfalls nicht einer, das war ein Knäul von mehreren Menſchen, die ſich da bewegten. Der Maſchinenbauer legte an, Reinhold that desgleichen, er brannte darauf, ſich an den niederträchtigen Schurken zu rächen. — Ei Du verfligte Kanaille, Du ſollſt ja gleich die Motten kriegen! ertönte es do — Heinrich, Heinrich! das iſt der Sachſe! rief Friſchmuth und ſprang vorwärts. — Nun ja, wir ſind's alle Beide, beſtätigte der, nun komm und hilf uns mal das Unthier binden, es ſtrampelt ja wie ein geſtochen Schwein. — Auch Du, Thomas! ſagte Wilhelm, welch ein Glück! Aber wo kommt Ihr denn her, liebe Jungen? — Schau, ſagte Wildberger, es war uns angſt um Dich. weil Du allein geblieben warſt, um auf die bleiche Frau zu warten. Da gingen wir noch in der Nacht in Dein Quattier, aber wer nicht da war, das war der Berliner. Das machte uns Sorgen wir ſuchten Dich, und weil Du verſprochen hatteſt, den Herrn Grafen Beſcheid zu geben, ſo dachten wir, Du möchteſt noch hier ſein So kamen wir denn und ſahen das Haus bren⸗ nen und merften Enrath, und da hörten wir auch das alte Weib jammern, uné wie wir näher kamen, fanden wir die ſchwarze Beſtie, die ſoll jetzt mit vors Kriegsgericht. — Na, die machen wir gleich ſelber alle, meinte Heinrich Becker, ſolch Ungeziefer muß man auf der Stelle vertilgen. — Biſt doch ſonſt ſo ſanftmüthig, beruhigte ihn Friſchmuth. — Ja, ſonſt, aber wenn ſie mir meinen lieben Freund ver⸗ brennen wollen, da kann ich auch fuchswild werden. Siehſt Du, ſo geht es mir mit Dir. Aergern thu ich mich über Dich faſt ſo oft, wie ich Dich ſeh. das macht, weil Du das Maul ſo vorweg haſt, aber thut Dir Einer was, dann merk ich doch, daß ich Dir gut bin. — 248— — Das wird wohl mit Norddeutſchland und Süddeutſch⸗ land grade ſo gehen, bemerkte Wildberger, zanken werden ſie ſich noch oft, aber ſie wiſſen es doch und haben es jetzt gelernt, wo ſie in Gefahr waren, daß ſie zuſammengehören, und das Einer für den Andern einſtehen muß. Unter dieſen Geſprächen hatten die drei Männer den Turko an Händen und Füßen gebunden, dann machten ſie ſich an Mar⸗ got. Der Graf Iſſelhorſt war der Anſicht, das alte Weib laufen zu laſſen, dagegen eiferte aber der Maſchinenbauer. — Die kenne ich, ſagte er, die behext Ihnen die Milch in der Kuh, es iſt keine Niederträchtigkeit, deren dieſe Schandvettel nicht fähig wäre. Ich will ſchon Dinge über ſie ausſagen, die ſie un⸗ ſchädlich machen ſollen, und Maria Fiſcher kann auch ein Liedchen von ihr ſingen. Nein, Madame, ſchneiden Sie nicht ſo tolle Ge⸗ ſichter, hier hat der Spaß ein Ende. — Aber Friſchmuth, bat Reinhold, ſie iſt verwundet. — Deſto beſſer, ſo läuft ſie uns nicht davon, verſetzte Jener. Haben Sie das nie gehört: wenn der Teufel nicht ein noch aus weiß, holt er ſich Rath bei einem alten Weibe. Dieſe verfluchte Here hat uns da in die Gefahr gebracht. Thut mir den Gefallen, Kameraden, liefert mir die Beiden ſicher ab, ich werde meine Ausſagen über ſie machen, ſo bald ich mit dem Dienſt ſertig bin, denn jetzt iſt es für mich die höchſte Zeit, wenn ich das Putzen nicht verſäumen will, Donnerwetter, man iſt doch nicht umſonſt Unteroffizier. Auf Wiederſehen, liebe Jungen, ich ſag Euch keinen Dank, aber wenn es Euch einmal eben ſo geht, dann zählt auf mich und vor allen Dingen, haltet mir die Beiden da feſt. „— üddeutſch⸗ en ſie ſich lernt wo das Einer en Turk an Pur⸗ eib laufen Vilh in vettel nicht die ſie un⸗ in Liedchen tolle Ge⸗ het. e Jener. oh u verſlucht nGefullen erde meint ſertig hin. dus Prhen t unſont zuch keinen uf ni ſeſ. vM 28. Kapitel. Die Höhlenbewohner. Franz Godard durfte nicht lange bei ſeinem Vater verweilen, ſo wohl es ihnen beiden auch that, daß ſie ſich gegenſeitig ihre Schuld geſtanden und um Verzeihung baten. Schon am nächſten Morgen wurde der Sohn vor den Hauptmann geführt und gleich nach einer oberflächlichen Muſterung für völlig untauglich zum Dienſte erklärt. Das wußte der Unglückliche voraus. itdem die Kugel aus Wilhelm Friſchmuth's Zündnadelka⸗ rabiner in ſeine Lunge eingedrungen war, hatte dieſe eine nicht mehr zu heilende Wunde erhalten. Zwar war das Blei durch Talebs hartes Drücken hinausgetrieben worden, aber die Stelle heilte nicht, und oft ergoſſen ſich daraus ganze Ströme von Blut, die ſeinen Körper ſchwächten und ihn einem frühen Grabe zuführten. Solch ein Menſch war ſelbſt als Kanonenfutter ganz unbrauch⸗ bar, denn er hielt nicht den kleinſten Marſch aus, wenn der Tor⸗ niſter ſeinen Rücken, das Riemzeug ſeine Bruſt beengte, unnütze Eſſer aber konnte man in der franzöſiſchen Armee nicht gebrauchen, und ſo erhielt Franz Godard die Weiſung, ſich ſogleich zu entfernen. Dies that er, ohne Abſchied von dem Herzog zu nehmen, der ſich im Dienſte befand. Sein Verlangen ſtand danach, wenn es möglich wäre, Paris zu erreichen. Dort oder wenigſtens in der Umgegend erhoffte er Aufnahme in icgend einem Kranken⸗ hauſe und einen ſanften Tod unter der mitleidsvollen Pflege der frommen Frauen, die ſich dem Dienſt der armen Kranken widmen. Sein Vater hatte den letzten Reſt ſeiner Baarſchaft mit ihm getheilt, er war alſo nicht ganz mittellos und brauchte nicht die Qualen des Hungers zu erleiden, doch war es nöthig, daß er überall, wo er unter Menſchen trat, ein Frankenſtück zeigte, denn aus bloßem Mitgefühl gab ihm Keiner etwas, dazu waren die Zeiten zu hart. Je mehr er ſich der Hauptſtadt näherte, um ſo drückender ſchien ihm der Krieg auf der Bevölkerung zu laſten. Die Gegend ward von den gefürchteten Ulanen durchſtrichen, und überall, wo ſie ſich zeigten, ging ihnen der Schrecken voran. Es genügte, daß zwei bis drei in eine Stadt einritten, damit der Bürgermei⸗ ſter ihnen mit der ganzen Stadtbehörde entgegenkam und ihnen jede Kriegsſteuer bewilligte, es genügte auch, daß ſie Lebens⸗ mittel für zwei bis dreihundert Mann verlangten, und Alles wurde ihnen ſo ſchnell wie möglich herbeigeſchafft. Die reichen Bauern da⸗ gegen hielten ihr Vieh und ihre Habſeligkeiten ſo heimlich ver⸗ ſteckt, daß es den auf Nahrung ausgehenden Soldaten oft unmög⸗ lich wurde, es zu finden. um ſo ſchlimmer ging es den Aermeren und Aermſten. Dieſe fanden für ihre einzige Kuh, für ihre wenigen Schafe nicht ſo leicht einen verborgenen Raum, und daher wurde ihr Vieh ſo leicht gefunden und fortgeführt. Welch' herzzerreißende Spenen zeigten ſich da! Verzweiflungsvoll lag ein Weib vor dem Offizier auf den Knieen und bat um Gotteswillen, ſie und die Ihrigen nicht gänzlich elend zu machen, hier ſtand ein hübſches Mädchen mit gefalteten Händen und hellen Thränen in den langen Augen⸗ wimpern und klagte, ihre Mutter ſei Wittwe und krank, und ſie hätten nichts als die Milch dieſer einzigen Kuh, dort winſelten Kinder und ſchlangen die kleinen weichen Arme um das Knie des Deutſchen, dem das Herz brechen wollte vor Mitleid, und der doch der ſtrengen Pflicht gehor en mußte. Franz Godard ſah das Unglück ſeiner Landsleute, er ver⸗ nahm den tiefen Jammerlaut, der ach nur allzudeutlich zum Herzen ſpricht, das ſich dem wärmeren Gefühl verſchließen muß. Leiſe näherte er ſich dem Offizier. — Würden Sie, fragte er, dieſen armen Menſchen ihr Vieh laſſen, wenn ich Ihnen das der Reichen verriethe? — Gern, verſetzte der, und wie ein Stein fiel es ihm von der Bruſt, ich brauche achtzig Stück Rindvieh, ich muß es yaben, und den! lann tire De ſi als he waren die drückender ie Gegend erall, wo genügte, ürgetmei⸗ nd ihnen e Lebens⸗ lles wurde auern da⸗ mlich ver⸗ ft unmöß⸗ Aernſten⸗ afe nicht r Veh ſo de Spenen mn Hffiiet je Ihrigen Midchen en Augen⸗ und ſe winſelten gni de⸗ und der e er ve⸗ utlich 1 eßen „. yoben⸗ —— r und natürlich nehme ich es lieber von den Begüterten als von den Armen. — Kommen Sie mit, bat Franz, ich denke, für achtzig Stück kann ich gut ſagen. Der Offizier winkte ſeinen Leuten, und ſie gingen mit dem Franzoſen, indeſſen die armen Weiber kaum zu hoffen wagten, daß ſie ihre Kühe behalten dürften. Doch noch hatten ſie das Ende des Dorfes nicht erreicht, als ſie hinter ſich einige Schüſſe vernahmen. Das war alſo Verrath. Der Offizier— wir wollen es gleich ſagen, daß es Reinhold von Iſſelhorſt war,— befahl einem von ſeinen Soldaten, den Franzoſen feſtzuhalten, er ſelber eilte, ſo ſchnell es ging, nach der Stelle, wo die Schüſſe gefallen waren. ihn er ſeine Leute im Handgemenge mit acht Frank⸗ tireurs. ie nichtswürdige Bande hatte gehofft, ſich an den Deutſchen für die Wegnahme des Viehs zu rächen, jetzt beſahen ſie ihren Schaden dafür. Mehrere waren gquerfeldein gelaufen, als ſie es merkten, daß man den Hinterhalt umſchloß, aus dem hervor ſie geſchoſſen hatten. Die Soldaten liefen hinterher über den Sturzacker und durch das Gebüſch, holten aber die leichtfüßigen Kerle nicht mehr ein. Die Acht dagegen wurden gebunden, entwaffnet und bewacht, und Reinhold fragte ſie, wo die reichen Leute aus dem Dorfe ihren Viehſtand geborgen hätten. Doch eher giebt ein Fels Antwort als dieſe Burſchen ſie ſahen trotzig drein und rührten ſich nicht. Reinhold kehrte zu Franz Godard zurück, er fand ihn ruhig auf einem Stein ſitzend. War er denn wirklich kein Verräther außer an den reichen Bauern? Faſt mußte es der Lieutenant glauben, denn das Weſen des Gefangenen war ruhig, und noch einmal erbot er ſich den Ort zu zeigen, wo ſich das Vieh befand. Er hatte bei ſeiner Wanderung zufällig die Stelle entdeckt, wo zwiſchen zwei Hügeln ſich Raum genug für eine Heerde Rinder befand. Vorn und hinten hatten die Leute Verhaue von Zweigen und dürrem Dornengeſtrüpp gemacht, damit das Bieh nicht hinaus könnte, und Niemand es von außen ſah. Nahten ſich deutſche Truppen, ſo trieben es die reihen Pächter und Bauern hier — 252— hinein und überließen es den Armen, ihr letztes Stück dahin zu geben, wofür ſie freilich einen Schein empfingen, doch Gott allein mochte wiſſen, wann er eingelöſt werden würde. Reinhold von Iſſelhorſt war hocherfreut, als er das Vieh erblickte. Das waren Prachtkühe, und die Euter ſtrotzten vor Milch. Sogleich ließ er den Verhau niederreißen und die Rinder heraustreiben. Es waren mehr, als er gebrauchte, und er be⸗ ſchränkte ſich auf das Nothwendige. Doch als er mit ſeiner Beute durch das Dorf zurückkam, ſtürzten die Beſitzer der Thiere mit Schmähungen über ihn her. Die Einen fluchten laut über die Deutſchen, welche den Krieg auf die unanſtändigſte Weiſe führten, die Anderen lachten und weinten vor Wuth. Alle waren in der furchtbarſten Aufregung, und der Graf ſah wohl, daß er ſich vor dieſen Menſchg in Acht nehmen müſſe. Aber mehr noch als auf ihn waren ſie f Franz Godard empört, war er doch der Verräther. Sie hätten ihn zerreißen mögen, und es giebt kein noch ſo häßliches Schimpfwort mit welchem ſie ihn nicht belegt hätten. Der Kranke flüchtete ſich unter den Schutz des Lieutenants. — Stehen Sie mir bei, bat er, ich bin ſchwach und kann mich nicht wehren. — Treten Sie unter meine Leute ſagte Reinhold, aber ant⸗ worten Sie nichts auf dieſe Beſchimpfungen. Franz gehorchte, und der Zug ſetzte ſich nun in Bewegung, doch fand es der Leutenant für nöthig, Vorſichtsmaßregeln zu ergreifen. Er ließ zwei Mann als Vorhut voran gehen, und die Treiber des Viehs mußten ſich zu beiden Seiten halten und ein ſcharfes A ge auf die Gegend richten. Als ſie aber an den Wald kamen, ſchickte er einen Unterof⸗ fißier mit einigen Mann ab, damit ſie nachſähen, ob nicht etwa Gefahr drohe. Bald mußten dieſe auf Feinde geſtoßen ſein denn man vernahm Schießen. Reinhold eilte hin und fand ſeine Leute im higen Gefecht mit Franktireurs, unter denen er die ehemaligen Beſitzer des Viehs erkannte. Es lag ihm ni ts daran, dieſe Menſchen zu iödten, er gab nur den Vechl, ſie unſchädlich zu machen. Sie ſtanden ück dahin zu h Gott allein er das Pieh ſtrotzten vor d die Rinder und er he⸗ mit ſeiner r der Thiere he den Krieg bhun und Aufregung ſchin At ſi f Franz Schinpfwort ank ſlich tete und kann lb, aber un Bewegung⸗ uhin hen und di§ nen Unt teroſ⸗ b niht we en ſin ——— — 255— ſich einander gegenüber Die Deutſchen hinter den Bäumen, die Franzoſen hinter Erdhaufen gebückt, wo hier ein Kopf ſich ſeit⸗ wärts bog, da pfiff eine Kugel an ihm vorbei, aber ſie ſchoſſen miſerabel und trafen nie, ſie ſelber aber verſtanden es ſo ſchlecht, ſich zu decken, ſo ſchlecht, daß ſechs Mann verwundet wurden, freilich alle nur leicht an Armen oder Beinen, die wurden dann entwaffnet und gebunden und mußten mit in das deutſche Lager. Ihre Wunden wurden nothdürftig verbunden, ſie mochten arge Schmerzen fühlen, aber was half es? Für ſolch' ein Geſindel bedarf es einer ſtarken Kur, um ſie von ihrer Dummheit zu heilen. Dieſe Schufte, die lieber die Armen Alles verlieren ließen, als daß ſie ſelber etwas von ihrem Reichthum opferten, glaub⸗ ten noch immer eine Heldenthat zu thun, indem ſie den Deutſchen auflauerten und ſie aus dem Hinterhalt hervor todtſchoſſen. Ohne Aufenthalt ſetzte Reinhold nun ſeinen Marſch fort, er hatte Vieh genug und einen kleinen Trupp Gefangener dazu, er konnte alſo mit ſeinem Tage zufrieden ſein, dennoch war ſein Herz nicht heiter, er bangte um ſeine Brüder. Sowohl der Prinz Friedrich Carl, unter deſſen Führung Ottomar ſtand, wie auch der General von Werder, unter welchem Eugen diente, hatten in den letzten Tagen ſchwere Kämpfe zu be⸗ ſtehen gehabt, und noch wußte er nicht, ob nicht einer von ihnen verwundet oder gar todt war. Er ſelber hatte keine Nachricht über Rafael Gambi's Rückkehr nach Paris, denn kaum war er zu ſeinen Leuten gekommen, als er den Befehl erhielt, ſogleich auf's Fleiſchfaſſen zu gehen. So hatte er denn den Turko und das alte Weib dem Sach⸗ ſen und dem Bayern überlaſſen müſſen und war nach einer ſchlafloſen Nacht ſogleich aufgebrochen, um einen langen und er⸗ müdenden Marſch zu machen, bei dem er wenig Lebensmittel für ſich und ſeine Leute fand. Seit drei Tagen war er unterwegs und freute ſich wenig⸗ ſtens, in ſein Quartier zurückzukommen, indeſſen waren ſie noch weit davon entfernt. Als ſie nach Saint Germain kamen, wo ſich viele Gerbereien befinden, ſahen ſie bereits die Arbeiten der Pioniere. Bis nach der Seine hin war die ganze Gegend mit — 254— arbeitenden Soldaten bedeckt, welche hier eine Straße anlegten und Schanzen aufwarfen. Dieſe trugen Reiſig herbei, jene walzten den Boden feſt, Andere gruben und mauerten, aber Jeder konnte ſeinen Platz, man hörte kein lautes Wort außer dem Kommando der Offiziere, die dieſe Arbeit leiteten, und ſo griff Eins in das Andere, und die Arbeit förderte wunderbar. Hier ſchnitten Einige Bohlen, dort kochten mehrere Soldaten neben den Zelten für die Offiziere, weiterhin ſah man einige Ba⸗ racken, in welchen die Leute die Nächte zubrachten. Franz Go⸗ dard glaubte einen Ameiſenhaufen zu ſehen, ſo emſig und geſchäf⸗ tig hatte er ſeine eigenen Landsleute niemals erblickt, und dazu ſah man es den Soldaten an, daß ihnen daran lag, ſchnell und gut zu arbeiten, denn je eher ſie fertig waren, je eher konnte die eigentliche Beſchießung von Paris beginnen, und dieſe, das ſagte ſich ein Jeder, mußte der Anfang vom Ende des Krie⸗ ges ſein. Jetzt ſenkte ſich der Weg öiemlich ſteil nach dem Fluſſe zu ab⸗ und ſie kamen zu einer Pontonbrücke, einem der Rieſenwerke der Pioniere. Welch eine Aust„gehörte dazu! Der Boden war ſo zäh, und dabei ſo von dem faſt beſtändigen Regen aufgeweicht, daß die Soldaten buchſtäblich in dem tiefen Koth einſanken, in dem jeder Fußtritt ein Loch machte, das ſich bald mit Waſſer an⸗ üllte. 5 Man muß das geſehen haben, um dieſe heldenmüthige Ausdauer dieſer Leute zu bewundern, die ſelbſt unter ſo einförmiger Be⸗ ſchäftigung niemals die gute Laune verloren⸗ Selbſt die Offiziere wohnten in elenden zugigen Bretterbuden und waren in beſtändi⸗ ger Thätigkeit. Die Pontonbrücke ſelbſt ruhte auf zweiundzwanzig gut verankerten Kähnen und war ſo feſt gebaut, daß ſelbſt Kano⸗ nen ſie ohne jede Gefahr paſſiren konnten. Reinhold ſchritt mit den Seinigen hinüber, aber der dienſt⸗ chuende Offizier wies Godard zurück. — Es darf kein Civiliſt paſſiren, ſagte er, ſelbſt wer Liebes⸗ gaben bringt, muß ſie am jenſeitigen Ufer abgoben. Reinhold legte ein gutes Wort fün ihn ein, ee wollte nach Cart zugle dener wurd einer Häuſ Menf Vog Vor erſte der ein, welch Die Org waht di die Tie übe 6 Ste Nr. än hac wu ſche für Do den St bli Ge nlegten n feſt, Platz fſiziere e, und oldaten ige Ba⸗ n Go⸗ geſchi⸗ d dazu ſhnl rkonnte ſe, u 3 Krie⸗ zu ab. ere d den war eweicht nlen, in ſſer an⸗ lusdauet er Be Offiiere peſün⸗ Mni ſſn x dinſ⸗ n giebes⸗ h noh — 255— Carriéres, um dort zu übernachten und ſeine Leute zu erfriſchen, zugleich hoffte er da auch die Gefangenen los zu werden, von denen einige an ihren Wunden litten und ſtark fieberten. Dies wurde denn endlich auch geſtattet. Der Weg von hier aus war einer Einöde zu vergleichen, nur ausgeräumte oder ausgebrannte Häuſer erblickte man, ſo weit das Auge zu ſehen vermochte, kein Menſch begegnete ihnen auf der Landſtraße, kein Hund, kein Vogel ſelbſt ließ ſich wahrnehmen. Zwei Wege lagen nur vor ihnen. Sie konnten vor den Vorpoſten vorbei oder hinter ihnen entlang gehen. Das erſtere ſchien gefährlich, da ſie alsdann leicht in die Schußlinie der franzöſiſchen Forts geriethen, ſo ſchlugen ſie denn den weiteren ein, denn ſie fürchteten ſich nicht vor dem räuberiſchen Geſindel. welches ſich hier herumtrieb und die Reiſe höchſt unſicher machte. Die Gegend wurde noch öder, als ſie ſich den Steinbrüchen von Orgemont näherten. Hier ruhte alle Arbeit, hier ſtanden keine Häuſer mehr, und wahrhaft unheimlich war die Stille. Von Zeit zu Zeit bemerkten die Soldaten thurmartige Mühlen, denen die Flügel fehlten, oder die großen Räder der Maſchinen, d welche die Steine aus der Tiefe emporgehoben werden, und in der Entfernung ragte die überall ſichtbare Spitze des Mont Valérien empor, aus der hervor as bisweilen blitzte und donnerte. Plötzlich begegneten ſie wieder Menſchen. Mitten in dem Steingeröll niſteten luſtige Vögel, die Magdeburgiſchen Jäger Nr. 4. Zum Glück ſtanden ſie da nur als eine Feldwache, denn ein längerer Aufenthalt in dieſer öden Gegend wäre höchſt unbe⸗ haglich geweſen. Eigentlich ſtanden ſie in Carrières, und hier wurde Reinhold mit ſeinen Leuten ſehr herzlich empfangen. Man ſchaffte Quartiere für die Leute, Ställe für das Vieh, Gefängniſſe für die geſunden, Lazarethbetten für die kranken Gefangenen. Doch am andern Morgen, welch ein ſeltſames Bild bot ſich da den Fremdlingen! Alle Häuſer dieſer kleinen Stadt ſind in die Steinbrüche hineingegraben, darüber wölben ſich mächtige Fels⸗ blöcke. Hier geht man durch langgewundene Höhlen von einem Gehöft zum andern, wo nie ein Strahl des Sonnenlichts hinein⸗ — 256— dringt, zwiſchen Geklüft und zackigem Geſtein leben die Leute, wie man ſich ſonſt wohl die Gnomen und Zwerge vorſtellte, mitten in dem Gebirge, doch ſchmelzen ſie darin kein Gold. Wunderbar ſchwer iſt es, in dieſen Tunneln ſich zurechtzufinden, hier öffnet ſich ein Thor, dort ſcheint ein Gang plötzlich aufzuhören, hat man aber ſcheinbar ſein Ende erreicht, ſo zeigt es ſich, daß hinter einem vorſpringenden Block ein neuer Weg ſich öffnet. Dazu liegt die Stadt ſo grade in der Schußlinie des Mont Valérien, daß, wo nur ein paar Soldaten bei einander ſtehn, eine Granate mitten unter ſie hineinfliegt, platzt ſie auf den Geſteinen, ſo dröhnt es furchtbar in den gewölbten Gängen vieder, und weit umher fahren die Splitter des Geſteins, aber dieſes gewährt auch guten Schutz und die Jäger fühlten ſich nicht allzu ungemüthlich in ihrem Bergwerk. Wo Staub ſich ſammelte, grünte ſelbſt hier und da ein Gras⸗ hälmchen, ſonſt zeigt die Felſenſtadt keine Spur von Pflanzen⸗ wuchs. Wie öde muß es da im Sommer ſein, wo man ſchon im Spätherbſte nach einem grünen Blättchen ausſchaute, und doch nahm ſich mancher dieſer Magdeburger ein Stückchen Stein mit nach Hauſe, ob es ihm auch noch Monate lang den Torniſter beſchweren ſollte, um es in friedlicheren Zeiten als Briefbe⸗ ſchwerer oder in Gold gefaßt an der Uhr zu tragen, wird uns doch Alles lieb woran eine wichtige Erinnerung ſich knüpft. Hier in der beſtändigen Lebensgefahr ging keinem von ihnen die gute Laune aus, und Reinhold lernte bald, was ſie mit den Bezeichnungen geoßes Schwein oder Ferkel meinten, die im Ge⸗ ſpräche oftmals vorkamen. Das Erſtere war der Onkel Baldrian auch Bullerjahn oder ſchlechtweg Onkel genannt, das andere die von ihm ausgeſendeten Granaten. Mitunter aber hören dieſe auf. zu grunzen, dann ſchoß der Onkel mit Schießbaumwolle. Auch die franzöſiſchen Vorpoſten konnte man von dort aus deutlich ſehen, nur durfte man ſich ihnen nicht zeigen, denn ſie knallten gleich darauf los, ſobald ſie eine deutſche Uniform er⸗ plickten. Rach dem Waſſer zu ſieht die Gegend auch nicht freund⸗ licher aus. Eine hehe und glatte Rohrart iſt das Einzige, was —— eute, wie e, mitten bar ſchwer et ſich ein man aber ter einem des Mont ſtehn, eine Geſteinen und weit vihrt auch genichich ein Gras⸗ nPflonzen⸗ mon ſchon und doch Stin mü n Tomiſtt nild in⸗ nüpft. nvon ihnen ſe nit den pie im Ge⸗ kel Luldtin andert d zi dieſe U olle n b u denn ſi vnfm ih ſeln da wächſt, doch verſtanden es die Jäger, ſich hübſche Eigarren⸗ ſpitzen daraus zu ſchneiden. Reinhold und ſeine Leute genoſſen trotz des Grunzens des alten Schweins der ſüßeſtens Nachtruhe, und als ſie am anderen Morgen aufbrachen, um nach dieſem Streifzuge nach der Gegend von Verſailles zurückzukehren, da war der Abſchied von den Höhlenbewohnern in Carrières ein ſehr herzlicher. Im Felde wie auf der Reiſe ſchließt man ſich leicht anein⸗ ander. Doch war der Graf erſtaunt, als Franz Godard um die Erlaubniß bat, ihn auch noch weiter begleiten zu dürfen. Er mochte es ihm nicht abſchlagen, denn der arme Kranke war ſo! ganz ein Bild des Jammers, und wer verſagt wohl dem einen Wunſch, der bald mit allen Lebenshoffnungen abgeſchloſſen hat?“ Unterwegs ließ er ſich von ihm erzählen. — Sie kennen unſer Land ja wenig, ſagte Franz, indem er neben dem Lieutenant herging, ich aber war in Metz und Straß⸗ burg. Wiſſen Sie, was die Leute da behaupten? Die Preußen, ſo ſagten ſie, denn wenn ſie etwas Böſes reden wollen, ſo ſprechen ſie immer nur von den Preußen, alſo, die Preußen hätten mit vergifteten Kugeln geſchoſſen. Und nicht das allein. Auf den Kirchhöfen hätten ſie die Kruzifixe aus den Gräbern geriſſen und die Engel, die darauf abgebildet ſind, zuſammengehauen und zer⸗ hackt und damit hätten ſie in die Stadt hineingefenert. — Unſinn, ſagte Reinhold, nur der dümmſte Pöbel kann an ſo etwas glauben. Hätten Eure Turko's nicht mehr Schur⸗ kenſtreiche begangen als unſere Soldaten, es wäre viel Blutver⸗ gießen erſpart worden. — Ich vertheidige ja die Turkos nicht, beſtätigte Godard, die meiſten ſind Schufte und feige Lümmel. Bei Wörth ſagten ſi, jetzt eſſen wir die Suppe, dann verſchlingen wir den Bismark, hinterdrein. Und wie kam es? — Der iſt ihnen wohl in der Kehle ſtecken geblieben, meinte der Graf. — Es iſt wahr, ſie hielten nicht Stand, fuhr der Kranke“ fort. Sie liefen davon und hielten ſich die Hände vors Geſiche D. V. Th. II. 17 —— — — 258— Ach die Bomben, nichts als Bomben! ſo ſchrien ſie und weinten wie kleine Kinder, aber kamen ſie durch ein Dorf, wo ihnen Niemand etwas thun konnte, ſo ſteckten ſie in jede Taſche ihrer weiten Hoſen eine Gans, und was ſonſt noch zu haben war, das konnte man nicht ſicher genug vor ihnen verſchließen. — Ich denke, es ſind nicht mehr zu viel von ihnen da, meinte Reinhold. — Die meiſten ſind wohl gefangen oder verwundet, nickte Franz, aber Gambetta hat ſich neue Truppen aus Afrika ver⸗ ſchrieben. Darunter ſind die Guns, die ihren Feinden mit Stricken nachjagen und ſie ihnen wie Schlingen über den Kopf werfen. — Wir werden auch mit ſolchen Beſtien fertig zu werden wiſſen, ſagte Reinhold. Am Abend ſpät kamen ſie in ihrem Quartier an. Die Heerde ſtattlicher Kühe gefiel den hungrigen Soldaten auf der Vorpoſten⸗ linie nicht wenig. — Dafür allein verdienten Sie ſchon das eiſerne Kreuz, lachte Friſchmuth, als er die Thiere ſah, aber den Burſchen da hätten ſie unterwegs laſſen können, ſolch franzöſiſches Geſindel haben wir hier ſchon im Ueberfluß. 29. Kapitel. Das zerſtörte Schloß. Franz Godard ſtaunte denn doch, als er die Fülle an Le⸗ bensmitteln ſah, die man in den deutſchen Lagern verbrauchte, und verglich dieſen Ueberfluß mit der unſäglichen Noth bei ſeinen eigenen Landsleuten, durch welche die Leute nothwendig zum Plündern und Stehlen getrieben wurden. Freilich ſorgte da Nie⸗ mand für Liebesgaben, und noch weniger fiel es dem Staate ein, die Solhaten auf ſeine Koſten zu ernähren. Bei uns war das einten ihnen ihrer das neinte n vel⸗ anders, wo man der Ueberzeugung war, daß das Kämpſen mit leerem Magen höchſt unvollkommen ſei. Es genügte nicht, daß in Berlin Millionen von Erbswürſten gefertigt wurden, die der Koch Grünberg erfunden hatte und die er, weil es an Därmen fehlte, in Pergamentpapier einſtopfen ließ. es wurden auch Fleiſchkonſerven gemacht, zu denen allein täglich bundert Ochſen ihr Leben laſſen mußten, die bis zum Abend ge⸗ ſchlachtet und zerhackt zubereitet, verpackt und verſchickt wurden. Vierhundert Fleiſcher waren dabei in der Anſtalt ſelbſt be⸗ ſchäftigt, das ſchon geſchlachtete Vieh zu zertheilen und von den Knochen abzulöſen, aus denen Bouillon in Tafeln gemacht wurde, das Fleiſch ſelber wurde nach ungariſcher Weiſe in rothem Ffef⸗ ſer als Gulaſch zugerichtet, das Rinderfile das Beſte am ganzen Ochſen, wurde geſpickt, die Zunge in Burgunderwein gekocht. Alles kam dann in luftdicht derſchloſſene Blechbüchſen, und wöchentlich wurden zwei Extrazüge damit nach Frankreich geſchickꝛ, von denen ein jeder zwei bis dreitauſend Eentner Fleſſchwuaren mit ſich nahm. Und dennoch war das nur wenig für den geſunden Appe⸗ tit von ſo vielen Soldaten, und ſchließlich war dieſe Fürſorge nothwendig, denn an Ort und Stelle war faſt nichts mehr zu haben, die Requiſitionen liefen nur höchſt ſelten ſo ertragreich ab wie der Streifzug Reinholds von Iſſelhorſt und die Marketen⸗ der verlungten die erſtaunenswürdigſten Preiſe für ihre alte und ſchlechte Waare. Das war nichts für die armen Soldaten, denn nicht ein Jeder kann eine Wurſt mit vier und einen halben Thaler bezahlen, oder gleich ein Zweigroſchenſtück für eine ſchlechte Ei⸗ garre ausgeben. Dazu kam noch eine andere Noth. Von Hauſe ſchickten die Angehörigen Geld. aber es war meiſtens in Briefe gepackt und daher Papiergeld, ſolches nahmen aber die Franzoſen gar nicht, die Marketender nur, wenn ſie mußten, und höchſtens an den kö⸗ niglichen Kaſſen wurde es eingewechſelt. So konnte man denn mit einem Hundertthalerſchein in der Taſche den bitterſten Hunger leiden, wenn grade ſonſt nichts zu 17* eſſen da war! Im Allgemeinen verſchmähten ſie nichts und machten Jagd auf die Haſen im Walde, auf wilde Enten, Kanin⸗ chen und alle genießbaren Thiere, wenn ſie herrenlos daher⸗ ſchritten. 3 Das bemerkte Franz Godard, und ſah die Ordnung und Ruhe, die Mäßigkeit der Soldaten, die Freundlichkeit der Offi⸗ ziere. Das war bei ſeinen Landsleuten Alles ganz anders ge⸗ weſen, ach und wie gerne wäre er hier geblieben, wenn man ihn nur geduldet hätte. Zwar als Spion ſah ihn Niemand an, denn da, wo er war, gab es nichts zu ſpioniren und in Verſail⸗ les gab es Franzoſen genug, die viel hätten verrathen können, wenn nicht Alles offen hergegangen wäre, aber dennoch litt man keinen Eiviliſten im Lager, der ſich nicht über ſeinen Stand und ſeine Beſchäftigung hätte ausweiſen können. So mußte er denn wieder weiter gehen, obgleich ihn ſeine Füße nicht mehr ſchleppen konnten O wie beneidete er die Ver⸗ wundeten, die in dem Schloſſe von Verſailles lagen! Sie waren ſo weich gebettet, die Säle waren ſo luftig und hoch, königliche Pracht umgab ſie und, was weit beſſer iſt, die ſorgſamſte Pflege, die mitleidsvollſte Hilfe. Wenn er da hätte ſterben dürfen! Aber er durfte es nicht, es wurden nur kranke Militairs aufgenommen, er mußte weiter, der Unglückliche, immer weiter. Eine unbeſtimmte Sehnſuchs yatte ihn nach Paris getrieben, vielleicht der Wunſch, ir den Armen ſeiner Mutter auszuruhen, um die er ſich ſonſt nur wenig beküm⸗ mert hatte. Jetzt dachte er an ſie und an ſein kleines Schweſterchen das ſchon ſo früh geſtorben war. Wenn ſie noch lebte, ſo dachte. er, ich wäre vielleicht um ihretwillen ein anderer Menſch geworden Er kam durch den Wald, ging über das Feld, gleichgiltig, wohin ſein Weg ihn führte. Da drüben ſtanden halb verbrannte Häuſer, da war doch wenigſtens ein Obdach gegen den kalten Herbſtwind Er wankte darauf zu, indem trat ein Mädchen aus dem Hauſe und ging in den Hof, er folgte ihr denn er hoffte, ſie werde ihm einen Biſſen Brot reichen Der Graf Iſſelhorſt hatte ihn zum Abſchied mit Geld be⸗ ſchenkt, aber er fürchtete ſich, es auszugeben, denn er wußte, daß —— —— ſeine Ver⸗ aren zchb iche ſlege⸗ nicht riter, hatte rmen efüm⸗ chen chte uden gilig anute kolten aus oft, d be⸗ —————— — 261— er noch nicht am Ende ſeiner Leiden war. Das Mädchen ſtand auf dem Hofe und warf einem Eſel Futter vor, er lehnte über den Zaun und ſah ſie von hinten. Dieſe graublonden Haare, dieſer Wuchs, dieſes gefallſüchtige Wiegen in den Hüften, Alles, Alles ſchien ihm bekannt.. Doch ehe er ſich noch überzeugen konnte, ob ne die war, für welche er ſie hielt, da faßte ihn ſein böſer Huſten. Das Mädchen wandte ſich nach ihm um. — Pfui, ſagte ſie, ein Bettler, und wollte in das Haus zurückgehen, er aber breitete die Arme nach ihr aus. — Liſette, ſtammelte er, kennſt Du mich nicht mehr? Sie ſah ihn ſchärfer an. — Das ſoll doch nicht etwa Franz Godard ſein? ſagte ſie mit Erſtaunen. — Ich bin es, Liſette, klagte er, o ich bin ſo eleno erbarme Dich meiner! — Gott ſchütze mich! rief ſie und ſchlug ein Kreuz über ſich, welch ein abſcheuliches Geſpenſt! O komm nur nicht heran ich fürchte mich vor Dir! Nein, Franz, lieber Franz, guter Franz, geh wieder weg, ich habe ohnedies nichts für Dich, geh, geh, mit uns iſt es ein für alle Mal aus! — Aus! ſagte er dumpf, aber ich gehe nicht. Du haſt mich elend gemacht, um Deinetwillen ward ich zum Verſchwender, zum liederlichen Schelm, um Deinetwillen habe ich Spionendienſte ge⸗ than, betrogen, ja, faſt gemordet und jetzt, jetzt ſtößt Du mich von Dir, als ob ich verpeſtet wäre. Mag Gott es Dir in Deiner Sterbeſtunde vergelten, was Du an mir thuſt. Er ſetzte ſich auf einen Baumſtumpf vor der Thür und ſtützte ſein müdes Haupt in beide Hände Hätte er jetzt ſein Leben von vorn anfangen können, o mit welcher Verachtung würde er dieſes Weib von ſich gewieſen, wie gerne würde er einen redlichen Er⸗ werb ergriffen haben, aber es war zu ſpät. O welch' ein gräßliches Wort, zu ſpät, ein verlorenes Daſein wieder zu gewinnen, zu ſpät, ſein Herz zu reinigen von Schuld und Todesgrauen. Und er hätte ſo glücklich ſein können, und war jetzt ſo elend, ſo tief, ſo entſetzlich elend! — —— B —— —,—— Liſette war in das Haus getreten und ſtöberte am Heerde, es ärgerte ſie, daß ihre Mutter ſchon ſeit drei Tagen ausblieb, ohne Nachricht von ſich zu geben. Das verwöhnte Töchterchen fand es höchſt unbequem, für ſich ſelber und gar für Huſſein ſorgen zu ſollen, den Taleb als Wächter zurückgelaſſen hatte. Jetzt war der Afrikaner fortgegangen, um Nachrichten über ſeinen Bruder einzuziehen, deſſen Ausbleiben ihn beſorgt machte. Liſette ſehnte ſich keineswegs nach dem Schwarzen, der ihr Furcht und Abſcheu einflößte, ſie dachte nur an den ſchönen Baiern, der ihr ganzes Herz gewonnen hatte. Da ſchoß ihr plötzlich ein Gedanke durch den Kopf. Sie war allein, und da draußen ſaß ein Mann, über den ſie früher die unbeſtrittenſte Herrſchaft ausgeübt hatte. — Wie, fragte ſie ſich, wenn Franz nicht ſo krank wäre, wie er ausſieht, wie, wenn er Dir zur Flucht verhülfe, wenn Du von hier fort zu dem Lager der Baiern gelangen und Dir den ſchönen Jungen gewinnen könnteſt? Das war ein Strahl von Soffnung, warum ſollte er nicht zur Wahrheit werden? Hier war ja jedenfalls nichts zu verlieren, Huſſein war grob gegen ſie und ließ es ſie vergelten, daß ſie ihn ſrüher als Bedienten behandelte, für ihre Mutter hatte ſie wenig Zuneigung, vorzüglich mißſiel ihr das einſame und genußloſe Leben. Schnell blies ſie die Kohlen auf dem Heerde an, machte Kaffee warm, der in der Blechkanne der Marketenderin ſtand, füllte ein Gläschen mit Branntwein und trug es hinaus, wo Franz immer noch ſaß. — Da, nimm, ſagte ſie, und ſtärke Dich, Du armer Franzl Er blickte empor. Wie ſah ſie jetzt ſo anders aus, wie läche te ſie ſo füß, da ſie doch vorher nur Abſcheu gezeigt hatte. Er nahm den warmen Trank und ſtärkte ſich' daran. — Frans, ſagte ſie, wohin gehſt Du denn eigentlich? — Weiß ich es? ſeufzte er. Ich hoffte nach Paris hineinzu⸗ kommen, aber das iſt unmöglich, ich muß hier bleiben. — Nur nicht hier! rief ſie, ehe ich zugebe, daß Dich der abſcheuliche Huſſein mißhandelt, lieber gehe ich mit Dir davon! Heerde. tzblieb, hierchen Huſſen hatte. ſeinen det iht ſchönen und da ittenſte wäre, nn Du ir den lte er hts zu gelten, Nuttet inſamt machte fund, „ wo Frunl nie hutte 4 b awonl — 263— Es iſt auch recht ſchön in der Umgegend, und die Deutſchen ſind gutmüthig genug, vorzüglich die Baiern. Haſt Du die Schlöſſer geſehen? O in Trianon da möchte ich leben! Die herrlichen Wagenin den Remiſen, die ſind mit Gold von oben bis unten bedeckt, und daneben hängen die Pferdegeſchirre in Glasſchrän⸗ ken, und das hölzerne Pferdchen habe ich auch geſehen, auf dem Lulu reiten gelernt hat. Welch' ein Glück, ſo reich zu ſein! Ich gäbe zehn Jahre von meinem Leben dafür, wenn ich eine Kaiſe⸗ rin wärel — Arme Thörin! ſeufzte Franz, ſſie aber fuhr fort zu ſchwatzen? — Aber ich will auch ſchon ſo zufrieden ſein, ſagte ſie, wenn ich nug von meiner Mutter und dem abſcheulichen Taleb fortkomme. — Deine Mutter hier? rief Franz, und Taleb, der Turko. O dann muß ich fort, dieſen Beiden darf ich nicht begegnen, o, wie ſie mich elend gemacht haben, o, wie ich unglücklich bin! Ich muß fort, Liſette, weit, weit fort! — Ja, Franz, das ſollſt Du auch, aber warte nur, ich be⸗ gleite Dich. Dort im Hofe ſteht der Wagen mit dem Eſel⸗ da fahren wir freilich nicht ſo bequem wie die Kaiſerin, aber doch gut genug bis es beſſer kommt. Franz konnte damit nur zuftieden ſein, denn er fürchtete ſich vor Margot und Taleb. Liſette war bald mit ihren Vorbe⸗ reituugen fertig, und Huſſein, der nach ſeinem Bruder ſuchen wollte, war noch immer nicht zurück, ſo wurde das Grauthier⸗ chen angeſpannt, was noch von Lebensmitteln vorhanden war, nahm das Mädchen ohne alle Umſtände mit ſich, und fort ging es, zwar ohne rechten Plan und ohne Ziel, aber doch munter genug in die Welt hinein, denn ließ ſich Paris auch nicht erreichen, ſo gab es doch dahinter noch Städte genug, in welchen Liſette hof⸗ fen durfte, ihr Glück zu machen, wenn ſie den Baiern nicht zu finden vermochte. Ueberall, wohin ſie kamen, ſah es kriegeriſch genug aus und die Straßen waren voller Truppen, unter denen das ver⸗ liebte Mädchen ſehr ſehnſüchtig nach dem ſchönen Thomas Wild⸗ — 264— berger ſuchte, oft genug glaubte ſie ihn zu ſehen, denn die blauen Baiern gefielen ihr faſt alle, aber doch waren es immer nicht ſeine großen ſchönen Augen, für die ſie ſogar ihren Hoffnungen auf Reichthum entſagt hätte. 5 Dort ſprengte ein Trupp Dragoner vorbei. Hei, wie die Waffen im Sonnenſtrahl blitzten! Die Leute ſaßen als wären ſie mit ihren Pferden zuſammengewachſen, in der rechten Hand die lange Piſtole, in der linken den Zügel, bereit zu Schuß und Schlag, ebenſo verwendbar, um auf die Feinde zu prallen, wie die gerühmten Ulanen und ebenſo flink bei der Verfolgung wie dieſe. 5 Da raſſeln Kanonen vorüber, die dunfel gekleideten Wächter des Todesſchlundes ſprengen hinterher, die Pulverwagen klappern über das holprige Pflaſter. Welch' ein Verderben birgt dieſer ſchwarze Kaſten, gefüllt mit Zuckerhüten, die dicht und ftiedlich neben einander ſtehen, aber wenn ſie dem Schlunde der Kanone entflogen, mit der Spitze aufſchlagen, an der ſich der Zünder be⸗ findet, da flammt das innen verſchloſſene Feuer auf und durch⸗ bricht die äußere Hülſe, wie ein Vulkan durch Felſen bricht, und ſchleudert tauſend Tode um ſich her. Doch fällt ſie unentzündet nieder, dann ſind die Soldaten gleich zur Hand, ſie graben ein Loch, tief genug, daß nicht einſt ein friedlicher Landmann hier einen Schatz zu finden hoffen darf und ſeinem ſchrecklichen Ende begegnet, und vielleicht für immer ſinkt der verhängnißvolle Zuckerhut unſchädlich in den Schooß der Erde⸗ Liſette ſtampfte mit den Füßen vor Ungeduld bei ſolchem Aufenthalt, aber ſie mußte warten, bis auch der letzte Mann an ihr vorüber war, denn der Krieg geht allem andern vor. Frei⸗ lich blickte auch manch' Einer recht ſehnſüchtig nach ihrem Karren, denn die Marketender ſind wichtige Leute, und die Kehle wird leicht trocken beim Reiten im Staube Endlich konnten ſie weiter kommen, und der Weg war wie⸗ der frei. Da lag vor ihnen ein reizendes Landhaus, doch aus den zerſchlagenen Fenſterſcheiben wehten zerriſſene Gardinen, um⸗ geſtürzte Bildſäulen lagen auf den Stufen der Veranda, auen nicht ngen ie die ären Hand und wie lgung pern dieſer mone r he⸗ urch⸗ vnd indet ein hier Ende ſwoll ſchen n an ßrei arren vird w aus ando⸗ 265— und eine ganze Reihe von koſtbaren Topfgewächſen lag im Haufen übereinander geworfen auf dem Raſenfleck vor der Thür. — Hier wollen wir übernachten, meinte Liſette, und hielt den Eſel an. — Wo denkſt Du hin? fragte Franz, es ſind Soldaten drin. — Eben deswegen, lachte die leichtfertige Dirne, da giebt es Vergnügen. Wirklich ſprang ſie herab und ging oreiſt auf das Schlöß⸗ chen zu. Ein berrlicher Park umgab es ringsum, mächtige Bäume ſtreckten ihre jetzt kahlen Aeſte zum Himmel empor, Marmorbecken waren beſtimmt, klare Fontainen in ſich aufzunehmen, Götter⸗ bilder blickten aus dem Dunkel der Taxushecken hervor. Liſette ſah das mit Gleichgältigkeit an, ſie war an Bilder der Zerſtörung gewöhnt, und es wunderte ſie nicht, daß in den großen Treibhäuſern keine Fenſterſcheibe mehr ganz war und daß das Holz der Einfaſſungen und Geländer abgebrochen war. Eine Schildwache, die gegen eine Marmorſäule lehnte, be⸗ merkte ſie kaum und warf nur einen Blick auf das Fäßchen mit Wein, welches ſie für alle Fälle um ihre Schultern gehängt hatte Sie eilte leicht die Stuſen hinauf die ehemals mit einem Teppich bedeckt geweſen waren, von dem jetzt nur noch Fetzen zu ſehen waren. Im Salon erſt fand ſie Leute. Hier brannte ein helles Feuer in einem Kamm, der von Bildhauerarbeit ſtrotzte, aber aus Mangel an Brennmaterial hatten die Leute haufenweis Bücher hineingeworfen, und das Papier flackerte hell empor, Trümmer von vergoldeten Armſeſſeln, Stücke von muſikaliſchen Inſtrumenten, Thüren von reich geſchnitzten Schränken lagen da⸗ vor aufgeſtapelt, um für die nächſten Stunden Wärme zu geben Die geſchmackvoll verzierten Ledertapeten hingen in Fetzen von den Wänden herab, die ſeidenen Polſter waren faſt unkenntlich⸗ geworden durch die Reiterſtiefeln, die darauf lagen, und über die Schultern von Alabaſterfiguren, die längſt keine Arme mehr hatten, hingen Torniſter und Säbel. — 266— Liſette wurde mit einem Freudenruf empfangen, denn auf ihren ſchwellenden Polſtern und bei dem lodernden Feuer hatten die Soldaten Durſt und Langeweile. Darauf hatte Liſette gerech⸗ net, ſie ſuchte nach Trinkgeſchirr, es fand ſich eine chineſiſche Vaſe, die Soldaten brachten ihre Blechkannen, ein paar Taſſen kamen auch dazu, und nun ſchenkte das Mädchen ein. Sle yatte, mit der allen Franzöſinnen eigenen ſchnellen Gabe der Auffaſ⸗ ſung, ſchon ziemlich viel Deutſch gelernt und wußte ſich zu ver⸗ ſündigen, vas Uebrige thaten ihre Blicke und Geberden — Hier habt Ihr gut aufgeräumt, ſagte ſie lachend und zeigte auf den zertrümmerten Spiegel. — O nein, nicht wir, verſetzte der Offizter das waren die Schurken, die Franzoſen ſelber, wir nehmen. was wir brauchen können, aber wir zerſtören nicht zum bloßen Vergnügen. wie dieſe Schwefelbanden von Franktireurs, die ſich hier herumtreiben. — O, Ihr ſeid reizende Menſchen, rief Liſette und ſchwang das Glas, alle deutſchen Soldaten ſollen eben, denn ich liebe ſie alle! Die Soldaten lachten und ſtimmten mit ein. — Kommt! Fagte das Mädchen, jetze will ich Euch Eins ſin⸗ gen. hört einmal zu! Ja. das war ein Geſang, ſo konnten es die deutſchen Har⸗ fenmädchen freilich nicht, verſtanden die Soldaten auch kein Wort, ſo merkten ſie doch was gemeint war, aus den drolligen Geber⸗ den, welche Liſette machte, bald hielten ſich die Leute vor Lachen die Seiten, ſo gut hatten ſie ſich in dieſem einſamen Schloſſe noch nich amüſirt. Plötzlich tra noch ein neuer Kamerad hinzu — Ach, Becker, riefen ihm die Andern entgegen das iſt gut daß Du kommſt heut iſt es hier mal luſtig. Becker ſah ſich um Die Kameraden ſaßen und hockten auf den Sophas und in den gepolſterten Seſſeln und in der Mitte des Saals ſtand Liſette und hatte ſich mit Kohle ein Bärt⸗ chen gemalt und eine Soldatenmütze aufgeſetzt und dazu ſang ſie, und that, als ob ſie ein betrunkener Nationalgardiſt wäre. Es auf hatten getch⸗ neſiſche Taſen hatte, zu ver⸗ d und ten die rauchen ie dieſe n. chwang liebe ins ſin⸗ n Har⸗ WVort, Geber⸗ Luchen chlofſe dus iſ hodlin in der Birt⸗ 1ſang re. 65 — 267— war zum Todtlachen, aber Heinrſch Becker lachte nicht, denn e⸗ kannte die Dirne. — Pfui, was gebt Ihr Euch mit ſo Einer ab, Iyr ſolltet Euch ſchämen! — Ach geh, Du Tugendſpiegel! riefen vie Andern, man wird doch nicht gleich an ſolcher Witzen ſterben. Wir ſind ja keine Schulmädchen. Weiter, Mädchen, weiter, kehre Dich nicht an ihn! — Nun, mir kanns recht ſein, brummte Heinrich, ich mache Euch keine Vorſchriften. Aber da unten im Flur iſt ein armer Menſch und iſt ſo ſchwach und krank, daß ich denke, er muß in jedem Augenblick ſterben, da wollt ich einen Teppich holen oder ein Stück Bett, damit er doch was zum Zudecken hat — Ach der Franz ſagte Liſette, den habe ich ganz vergeſſen! — Iſt er mit Dir gekommen? fragte Becker. — Ja, er war ehemals mein Schatz, lachte Liſette, aber es iſt lange her. — Und Du ſchämſt Dich nicht, ihn da unten verenden zu laſſen, wie ein krankes Vieh! rief Heinrich in glühender Empö⸗ rung. Pfui über Dich, Du liederliche Dirne! Das iſt nicht das erſt-Mal, daß ich Dich dabei finde, die deutſchen Soldaten zu verführen, aber wart nur, ich will Dir noch das Handwerk legen. Dir und Deiner ſauberen Mutter, die wir vorgeſtern Nacht beim Mordbrennen erta pt haben, ſie und ihren ſchwarzen Freund den Turko. So, nun amüſirt Euch weiter, ich habe hier nichts mehr zu ſuchen. Dann ging er hinaus und holte den kranken Franz In einem reizenden kleinen Kabinet, welches mit allen Luxus ausge⸗ ſtattet war, den die franzöſiſchen Damen lieben, ſtand ein Bett mit roſaſeidenen Kiſſen, die mit feinen Stickereien überzogen wa⸗ ren. Auf die Wände war der Liebesgott Amor gemalt, der ſich mit nackten Nymphen neckte, an der Decke hing eine Ampel von roſenrothem Glas, und die Vorhänge des Bettes waren von gleichfarbiger Seide und mit geſtickten durchſichtigen Stoffen um⸗ hüllt. Vaſen und kleine Marmorfiguren ſtanden auf dem zier⸗ — 268— lichen Kamine, und der Teppich ſchien ein weicher, mit Blumen überſäeter Raſen zu ſein. Hierher führte Heinrich Becker den armen Franz und half ihm ſelber in das Bett hinein, dann machte er Feuer im Kamin an, wobei er freilich in der Wahl das Brennmaterials eben ſo wenig zaghaft war, wie ſeine Kameraden, denn da es an Kiehn fehlte, ſo warf er ſchnell einige ſehr zierliche und elegante Kleider hinein, die bald luſtig aufflackerten und feuerte mit Fußbänken und hölzernen ausgelegten Käſtchen nach. Bei dieſem Feuer kochte er dem Kranken eine ſtärkende Fleiſch⸗ ſuppe und ſah mit Vergnügen, daß es ihm ſchmeckte und daß er bald in einen ruhigen Schlaf verfiel. Da ſchlief denn der mit⸗ leidige Krankenpfleger auch ſanft und ſüß im Lehnſtuhl ein. Drüben im Saal wollte die Luſtigkeit nicht ſo ihren Fort⸗ gang nehmen, wie ſie angefangen hatte. Den Leuten ſchien es doch ſchimpflich, daß ſie ſich mit einem ſo ſchlechten Weibsbild einließen. Die Meiſten gingen zur Ruhe, und Liſette mußte Gott danken, daß ihr endlich ein Nachtlager in einem Zimmer angewieſen wurde, durch deſſen zerbrochene Fenſter der kalte Nachtwind wehte. O wie verfluchte ſie den abſcheulichen Sachſen, ſie hatten ihn wohl erkannt, er war mit den preußiſchen Ulanen zuſammen ge⸗ weſen, der ſie von Thomas Wildberger trennte, und dafür bet ſie Rache, bittere Rache geſchworen! 30. Kapitel. Betrogene Gutherzigkeit. Heinrich Becker hatte keine angenehmen Träume, als er neben Franz Godards Bett ſchlief. Seit jener Nacht, in welcher eine ſo ſchreckliche Gefahr durch ihn und den braven Beiern von dem Gra war kein für er f Art beſt Fre ihm wie hat fun ſch bei wa bei Fri un rec zu lumen d half Kamin ben ſo Kiehn eider hänken leiſch⸗ daß er r mit⸗ ßort⸗ ien es bsbild mußte mmel kalte en ihn en ge⸗ neben et ein⸗ n dem — 269— Grafen Iſſelhorſt und Wilhelm Friſchmuth abgewendet worden war, hatte er den Letzteren nicht geſehen und ſehnte ſich auch nach keiner Begegnung mit ihm. Er war dem Maſchinenbauer von Herzen gut, weil er ihn für einen höchſt tüchtigen und zuverläſſigen Menſchen hielt, aber er fürchtete die Schärfe, mit der er über Alles urtheilte und ſeine Art, ſich luſtig zu machen auf Koſten Anderer. Mit einem Worte, er liebte in ihm den Mann und verabſcheute den Berliner, denn ſagte er, wir Sachſen ſind doch viel gemüthlicher. Dieſes Mal aber fürchtete er Friſchmuths Stichelreden ganz beſonders, denn er fühlte wohl, daß er mitſammt ſeinem lieben Freunde Wildberger einen dummen Streich gemacht hatte, den ihm Wilhelm Friſchmuth ſchwerlich vergeben konnte. Die Sache war nämlich folgende. Wär es ſo gegangen, wie Heinrich und Thomas in ihrem aufbrauſenden Zorn verlangt hatten, ſo hätten Margot und Taleb bald genug ihr Ende ge⸗ funden, wie ſie es verdienten, denn für ſolches Geſindel gehört ſich eine Kugel vor den Kopf. Aber dennoch war es ihnen beiden bei näherer Ueberlegung ſehr lieb, daß ſie nichts gethan hatten, was doch mehr oder weniger ein Mord geweſen wäre, denn die beiden Mordbrenner befanden ſich hilflos in ihrer Gewalt. Thomas war dem Turko in den Arm gefallen, als er auf Friſchmuth ſchießen wollte, Becker hatte ihn von hinten gepackt und umgeworfen, welcher anſtändige Menſch aber übt ſelber Ge⸗ rechtigkeit aus, wo es einen Richter giebt, der zu unterſuchen und zu urtheilen hat? Dies überlegten ſie erſt nachträglich und fanden, daß Friſch⸗ muth ganz recht gehabt hatte, indem er das Leben der Beiden noch für den Augenblick geſchont wiſſen wollte. In Verſailles war das Auditoriat, wo alle gerichtlichen Fälle abgehandelt wurden, es ging dort nach den Kriegsgeſetzen, und da war es eben nicht n befürchten, daß ein allzu mildes Urtheil geſprochen werden „möchte. 4 Taleb und Margot wußten das gut genug und zitterten ſchon vor dem Pulver und Blei. Doch da gab es kein Entrinnen. hatte ſich das Ende des Stricks, mit welchem der Turko hör mal, Du gehſt ja falſch, Du muß Händen und an einem Fuß gebunden war, um die Hand ge⸗ ſchlungen, Thomas führte die alte Margot, die ſtark hinkte und jämmerlich ſchrie Oſ genug befahl er ihr zu ſchweigen, weil ja das doch zu nichts helfen könne, aber ſie klagte dann nur um ſo lauter, und endlich warf ſie ſich mitten im Walde auf die Erde. — Ich kann nicht weiter! rief ſie. O dieſe deutſchen Schin⸗ derknechte! Schleppen ſie mich nicht wie ein Stück Vieh? O meine Hüfte! meine Hüfte! Die Feſt über Euch! Bin ich denn ein Schwein, daß Ihr mich woll. verbluten laſſen, hab eine Kugel im Fleiſch. und ſie treiben und ſtoßen mich armes altes Weib das ſo unſchuldig iſt, wie ein neugeboren Kind! Aber wartet, der Teufel wird es Euch ankreiden. Ihr ſollr ſchon dafür be⸗ zahlen, ihr Menſchenſchinder. ihr Bluthunde, Ihr Folterknechte! So ging es weiter mit Verwünſchungen und Schmähungen aller Art, und daber wälzte ſie ſich auf der Erde und ſpie um ſich — Es iſcht auch wahr, meinte Thomas leiſe zu Heinrich Becker, wenn wir verwundet ſind, wirds uns auch nit gut thun, wenn wir zu Fuße laufe müſſe. — Willſt Du ſie etwa tragen? fragte der Sachſe⸗ — Ja, ſergenug wär ich wohl dazu meinte der, und auf die Manier könnte ſie uns auch mit davonlaufe. Und dann⸗ hatt ſie auch keine Urſach, uns ſo gräßlich zu verfluchen, es ſchaudert Einem ja die Haut bei dieſem Gerede — Thu, was Du willſt, ſagte Becker; nur mach daß wir zur rechten Zeit an Ort und Stelle ſind, denn Du weißt, wir dürſen den Dienſt darum nicht verſäumen. Thomas folgte demnach dem Zuge ſeines edlen Herzens, er hockte ſich das alte Weib auf den Rücken und ging mit ihr weiter, die Andern folgten. Margot ſchien von dieſem Beweiſe der Güte auch ſehr gerührt zu ſein, ſie lobte den braven Menſchen. — So, ſagte ſie, das heißt handeln, wie ein anſtändiger Kerl, ein Franzoſe könnte es nicht beſſer machen. Ei, ſo gut bin ich lange nicht geritten, wenn das mein Liſettchen ſähe. Aber t etwas weiter nach links n lieg ſo lieb hie pl ſic mi er d ge⸗ und eil ja m ſo Erde. chin⸗ weine n ein Kugel Weib vartet, ür be⸗ echte! hungen d ſpie eimrich chun, r und d dann e 6 duß w en et nit ihr Beweiſt hraven indigen he in den Wald hinein, weißt Du denn nicht mehr, wo die Stadt liegt? Da drüben ſeh ich ja ſchon den Schloßthurm' — Ja, das mag ſchon ſein, verſetzte Thomas, wenn men ſo gebückt geht, verfehlt man leicht den Weg, die Andern ſollten lieber vorauf marſchiren. — Nein, geh nur, ich werde Dich ſchon zurechtweiſen, ſagte die Alte, und Thomas trug ſie tiefer in das Gehölz hinein. Plötzlich bekam er einen gewaltigen Stoß und fiel mit dem Ge⸗ ſichte auf die Erde, ihm war, als vergingen ihm die Sinne, ſo mächtig hatte ſeine Stirn gegen einen Baumſtumpf geſchlagen, er kam erſt gänzlich zu ſich, als Heinrich Becker ihn emporrichtete. + Was war denn das? fragte er ganz verwundert. — Es feht Dir doch nichts? rief Heinrich. Du haſt Dir doch keinen Schaden gethan? Mein Gott, wie habe ich mich —— erſchrocken.. da vorn der Abhang, ſieh nur, ſieh die Gefahne Thomas hatte die Hand an ſeine Stirn gelegt, die heftig ſchmerzte, er blickte vor ſich hin, da ſah er in einen tiefen Abhang hinunter, einen Steinbruch, wie es ſchien, der glatt und ſteil in die Tiefe hinabging, und unten floß ein ſchlammiges Waſſer, aber über den ſchmalen Steg, der über das Waſſer führte, liefen grad⸗ zwei Geſtalten, ein altes Weib und ein Mann mit ſchwarzem Geſichte. Da drüben aber ſtanden Franzoſen mit den Chaſſepots im Arm und machten ſich bereit, auf die deutſchen Soldaten zu ſchießen. — Ja, aber wo ſind wir denn? fragte Thomas Wildbergen ganz verdutzt. — Nun, daß wir falſch gingen, dachte ich mir längſt, ver⸗ ſetzte Heinrich, aber Du eilteſt ja mit der alten Hexe vorans, als jagte Dich der Teufel, und ich mußte das Türkenvieh hinterdrein ſchleppen, da, als ich Dich fallen ſah, mag ich ihn wohl vor Schrecken losgelaſſen haben, und in demſelben Augenblick kollerten auch ſchon die Beiden den Abhang da hinunter. 3 Thomas kratzte ſich den Kopf. — Sie waren doch Beide gebunden, ſagte er kleinlaut, wie nnen ſie denn nur ſo gut laufen? — Das Weib war doch nur an den Händen gebunden, ank⸗ — wortete ihm ſein Freund, und gewiß hat ſie ſich die Knoten mit den Zähnen aufgemacht, indem ſie ſo bequem auf Deinem Rücken lag. Bei dem Schwarzen mag ſich aber wohl der Strick am Fuß von ſelber gelöſt haben. — Ja, ſieh nur, ſagte der Bater, darum legte ſie ſich ſo ſchwer über meinen Nacken, daß ich den Kopf ganz tief halten mußte, das that ſie, damit ich nichts vom Wege ſah, aber Du hätteſt Dich doch umſchauen können, Du hatteſt ja nichts zn tragen. — Na, ich lief immer hiterdrein und hatte genug damit zu thun, den Kerl nachzuſchleppen, der gar nicht von der Stelle wollte. — Was machen wir denn aber nun? — Ja, was machen wir nun? Da hinunter können wir nicht wegen der Franzoſen, und ſchließlich wird es uns noch„ ſchwer genug werden, den Weg in unſer Quartier zu finden. — Das weiß der Deuxel, ich glaub, wir ſind lange ge⸗ gangen. — Ich weiß nicht, wie ſpät es iſt, ſeitdem eine Chaſſepot⸗ kugel mir in der Uhr ſtecken blieb. — Weißt, es iſt eine ganz fatale Geſchicht, der Berliner wird uns auslachen. Das kann ich ihm doch nicht ſagen, wie mich das alte Weib zur Erde warf, das glaubt er mir ja gar nicht. — Ja, ärgern thuts mich auch aber was läßt ſich machen. Sehen wir nur, mit heiler Haut zurückzukommen. Das war keine kleine Aufgabe, denn rings herum gab es kein Merkzeichen, nach dem ſie ſich hätten richten können. Zwar vernahmen ſie den Donner der Forts, indeſſen konnten ſie nicht unterſcheiden, welches es war, das ſeine Stimme erſchallen ließ. und in die franzöſiſche Schußlinie zu kommen, das hatte auch nichts Angenehmes. Dazu kam noch, daß ſie keinen Urlaub hatten und ſich daher einer Strafe ausſetzten, wenn ſie ſich aus dem Quartier entfernten, aber eine Strafe, und erhielte man ſie um der geringfügigſten Urſache willen, iſt für den Soldaten ein nmit tücken kam ich ſo alten Du danit Stelle wit noch epot⸗ wid wie gar hes war nicht ließ uuch tten dem um — 273— ſchmerzlicher Flecken, denn nur der ganz Unbeſtrafte darf auf eine Auszeichnung hoffen. Wildberger, der aus ſeiner bergigen Heimath her gewohnt war, ſich nach dem Stande der Sonne zurecht zu finden, behaup⸗ tete, ſie müßten nach Weſten gehen, Becker war anderer Meinung, denn ihm ſchien es, daß von daher der Schall der Kanonen klang, das mochte jedoch täuſchen. Sie ſtritten aber lange mit einander und waren ſchon im Begriffe, ſich zu trennen und einzeln ihr Heil zu verſuchen, als ſie eine Landſtraße entdeckten und bald darauf einen Wegweiſer, der nach Argenteuil zeigte. Nun wußten ſie Beſcheid, der Baier hatte Recht gehabt, und in weniger als zwei Stunden erreichten ſie ihr Quartier. Thomas Wildberger war nicht bemerkt worden, aber Becker er⸗ hielt von ſeinem Feldwebel einen Verweis, und nur weil ſeine Führung bisher muſterhaft geweſen war, entging er der Anzeige, durfte es jedoch fürs Erſte nicht wagen, Beſuche im preußiſchen Lager zu machen. Er erwartete nun, Friſchmuth bei ſich zu ſehen, dieſer kam jedoch nicht, und das nar für den braven Gachſen faſt eine Ge⸗ nugthuung. Wußte er noch gar nichts von der Flucht der Mord⸗ brenner, glaubte er ſie in ſicherem Gewahrſam? Jedenfalls mußte die Geſchichte herauskommen, und ſicherlich ging es dann ohne Spott und Hohn nicht ab, während doch die Beiden nichts gethan hatten, als was ihnen Ehre machte. Für alle Militairs um Paris herum war der Zuſtand ſchon längſt furchtbar nervenaufregend geworden. Sie befanden ſich in jedem Augenblick in der ſpannendſten Erwartung, nicht einen Moment waren ſie ihres Lebens ſicher, konnten bei Tag und Nacht alarmirt werden, und mußten fortwährend bereit ſein, dem Tode ins Auge zu ſehen. Dazu war rings umher ein Geſindel, welches ihnen nachging, wie die Raben dem verreckenden Thiere, Lumpenpack der ſchlimmſten Sorte, das nur vom Kriege lebte und überall ſtahl und mordete. Von Außen her kamen nur ſpärliche Nachrichten, und an ein regelmäßiges Zeitungsleſen war nicht zu denken. Niemand wußte . 18 — 274— genau, wie es bei den andern Korps ſtand, Niemand ahnte, wel⸗ chen Fortgang die Ereigniſſe hatten. Das Alles wirkte faſt erlahmend auf die Gemüther, und es gehörte ſtarke Manneskraft dazu, um icht die Geduld zu ver⸗ lieren. Nur Diejenigen, welche an der Spitze ſtanden, beſaßen den richtigen Ueberblick über Alles, was geſchehen war und ge⸗ ſchehen mußte, und ſo blickte man denn immer fragend in das ernſte Geſicht Moltkes, das wie ein verſchloſſenes Buch ausſah, oder holte ſich Troſt aus den heiteren Zügen des Königs von Preußen oder aus den ſchönen und edlen ſeines Sohnes. Nichts iſt ſo drückend wie Unthätigkeit. Die Pioniere wurden beneidet, weil ſie arbeiten konnten, wenn auch die Arbeit eine überaus ſchwierige war, die Andern mußten warten, und was giebt es Langwoiligeres auf dieſer Welt. So ging es auch Heinrich Becker, und er freute ſich faſt der Abwechſlung, die das Erſcheinen Liſettens und ihres kranken Be⸗ gleiters in dem Lager ſeines Regiments mit ſich brachte. Das überdachte er, als er ſich von dem Lager erhob, das er ſich neben dem Bett von Franz bereitet hatte. Sein Blick fiel auf den Kranken, der ſo bleich und ſtill da lag. — Ich will ihn hier behalten, dachte er, ſo hab ich doch wenigſtens etwas zu thun. Franz konnte es ſich nicht beſſer wünſchen, er, den ſeine eigenen Landsleute von der Thür ſtießen, den ſeine ehemalige Geliebte wie einen Hund behandelt hatte, den man nach Laune anlockt und fortjagt, er fand bei einem Feinde ſeiner Nation Mitleid und warme Menſchenliebe. Als Heinrich Becker hinunter kam, um mit den Kameraden das Frühſtück zu beſorgen, vernahm er, daß die franzöſiſche Dirne ſich heimlich davongeſchlichen hatte, aber ſeltſam! die Geldtaſchen einiger Soldaten waren mit ihr verſchwunden. Liſette rechnete ſich das nicht als Diebſtahl an, waren es doch Feinde, denen ſie ihr Eigenthum genommen hatte, und von Gam⸗ betta ſelber war der Befehl ausgegangen, dieſen ſo viel Schaden als möglich zuzufügen. Nach Franz Codard's Schickſal fragte ſie weiter nicht, 3 den dem mel ein ihr das ſe wel⸗ d es ber⸗ ſaßen d ge⸗ das tſch von urden teine was ſt der n Be⸗ Das teben f den doch genen liebte t und und raden Dirnt ſchen en e Gun⸗ tun —— denn was kümmerte ſie das huſtende Gerippe, der bleiche Menſch, dem man ſchon die Verweſung anroch? Jetzt bedurfte ſie ſeiner nicht mehr, hatte ſie doch ihr Fuhrwerk, hatte ſie doch Geld, und mit einem Leichtſinn, wie ihn nur eine Franzöſin beſitzt, fuhr ſie luſtig in die Welt hinein, dieſes Mal jedoch in der beſtimmten Abſicht, ihre Landsleute aufzuſuchen, denn mit den plumpen Deutſchen, das ſah ſie ein, konnte ſie niemals ihre Zwecke erreichen, ſo oft ſie auch mit Sehnſucht an den ſchönen Baiern zurückdenken mußte. 31. Kapitel. Wuth und Verzweiflung. Der Herzog von Montalto war ohnmächtig in ſein Quartier zurückgebracht worden, und nur ſehr langſam erholte er ſich wieder. Welch' ein entſetzliches Erwachen, als nach und nach das, was er hatte erleben müſſen, vor ſeine Seele trat! Nein, es war kein bloßer Traum geweſen, wie er es einen Augenblick zu hoffen wagte, er war beſchimpft, entehrt vor den Offizieren ſeines Regi⸗ mentes, vor den Soldaten! Das Geheimniß ſeines Namens, welches er bisher ſo ſorg⸗ fältig bewahrt hatte, der Graf von Bellegarde hatte es mit Hohn und Spott an die Heffentlichkeit geriſſen. Jetzt traf die Schuld und Schande nicht ihn allein, jetzt war ſie auf alle Diejenigen geworfen, welche dieſen fluchbeladenen Namen trugen, ſein Weib, ſeine Kinder, Helene. ſie Alle hatte er mit hineingeriſſen in den Abgrund ſeiner Schmach.. Er hielt den Kopf mit beiden Händen feſt, denn in ſeinem Gehirn tobte es wie Wahnſinn. Er konnte nicht in dieſer Un⸗ thätigkeit verharren, er mußte etwas Schreckliches thun. Vor 18* — 276— ſeinen Augen wogte ein Meer non Blut, war es ſein eigenes, war es das des Grafen, er wußte es nicht, er wußte nur, daß er hindurch mußte, daß darin allein die tiefe Entehrung ſich von ihm abwaſchen ließ. Sich mit dem Grafen Bellegarde ſchlagen„es wäre ſein heißeſter Wunſch geweſen, aber er ſah es voraus, daß Hektor ſich weigern würde, einem Mörder und Dieb im Zweikampf gegenüber zu treten Dann, was blieb ihm dann übrig, als abermals zu morden, als dem Grafen aufzulauern, ihn heimlich zu vernichten und ſeinen vielen Miſſethaten noch eine hinzuzufügen? Raubmörder, Meuchel⸗ mörder! klang es vor ſeinen Ohren, und der Schrei nach Rache verſtummte vor der Mahnung eines ohndies ſo ſchuldbeladenen Gewiſſens. Da fiel ein Strahl des Lichtes in ſeiner Seele Nacht. Der Tod ſühnt Alles. Ihn ſchauderte davor, das Zenſeits lag ſo dunkel vor ihm da, und ſeine Schrecken ſollten ewig ſein! O, wie hatte er dieſen Glauben verhöhnt, als er ſich noch in der vollen Manneskraft befand, und den Tod noch ferne wähnte, wie hatte er über Diejenigen geſpottet, die ſich mit ihrem Schöpfer zu verſöhnen ſtrebten, ehe ſie vor ſeinen Richterſtuhl hintraten. Jetzt verſtand er ihre Angſt, jetzt wußte er, was es heißt, wenn Chriſtus ſpricht: Weichet von mir, Ihr uebelthäter, denn ich kenne Euch nicht! Und dieſer Ewigkeit voll Höllenqualen follte er ſich freiwillig übergeben, ſollte mit einer letzten Schuld gegen Gott zu ihm hinübergehen? Er fühlte ganz die Schwere dieſer That. Sein Leben hatte Gott ihm auferlegt, damit er es würdig anwendete, und er wollte es von ſich ſchleudern, nachdem er den ſchlechteſten Gebrauch davon gemacht hatte.. Aber ſolch ein Tod allein war noch im Stande, ihn vor den Augen der Welt, wenn nicht ſchuldlos, ſo doch des Mitleids würdig darzuſtellen, denn ſo durchaus falſch denken die Menſchen, daß ſie meinen, es gehöre mehr Muth dazu, ſich ſelbſt den Tod zu geben, als ein neues und beſſeres Leben zn beginnen. Für den Herzog von Montalto war dieſes neue und beſſere Leben eine ger tre ge bri igenes, daß ich von ire ſein tor ſich enüber norden, ſeinen Neucheb Rache adenen Der lag ſo in der u we chöpfer aten. heißt nn i eiwillg u ihn Sein endete, chteſen or den itleid nſchen n Lod ſir Leben — 277— eine Unmöglichkeit, denn womit ſollte er die verlorene Ehre wieder gewinnen, womit ſeine Stellung in der großen Welt behaupten? Der einfache Mann hätte ſich neue Achtung verſchafft durch treue Arbeit und redlichen Verdienſt, der vornehme Herzog hatte genug gethan, indem er ſein Leben dem neuen Staat zum Opfer bringen wollte. Jetzt, da er ausgeſchloſſen war ſelbſt aus der Kameradſchaft mit dem hergelaufenen Geſindel, da Alle auf ihn mit Fingern wieſen, jetzt blieb ihm keine Zuflucht als das Grab. Er ſaß mit geſchloſſenen Augen auf ſeinem Bette und über⸗ legte das. Dann ſtand er auf, und ein tiefer Seufzer entfloh ſeinen Lippen. — Vielleicht, ſagte er, iſt doch der Tod Vernichtung für Leib und Seele zugleich man muß es hoffen, denn wäre es ſo, wie unſere Prieſter es lehren, es wäre ſchrecklich. Er nahm ſeinen Chaſſepot von der Wand, lud ihn ſcharf, ſeine Hand zitterte nicht dabei, denn er glaubte, ſich einer Roth⸗ wendigkeit gegenüber zu befinden, darauf ſchrieb er ein Wort des Abſchieds an Leo Rellac, als an den einzigen Menſchen in dem Heere, der mit Theilnahme zu ihm geſprochen hatte. Nun erhob er ſich. Die Sonne brach ſoeben aus grauen Wolken empor, der Himmel wurde wieder blau und heiter, die fernen Berge lagen wie Nebelſtreifen am Saume des Horizontes, und Vögel flatterten durch die Luft. Die Welt iſt ſchön für den, der davon ſcheiden ſoll. Er wollte niederknieen und ein letztes Gebet verrichten, ein letztes.. wie lange war es her, daß er nicht gebetet hatte, ſelbſt in den ärgſten Qualen ſeines Gewiſſens hatte er nicht den Muth gefühlt, ſich an Gott zu wenden, den er ſo oft geläugnet hatte. O wie arm fühlte er ſich jetzt, wie jeder Stütze beraubt, o wie ſehnte er ſich nach jenem wunderbaren Troſt, der den gläubigen Gemüthern aus dem Gebete quillt! Für ihn war dieſe Segensquelle verſiegt, er ſeufzte tief und griff zu dem Gewehr. Ein letzter Blick zu dem blauen Himmel hinauf, ein letzter Gedanke an Weib und Kind, dann nahm er den Lauf in den Mund und ſetzte den Fuß auf den Drücker. —,—————— — 278— — Montalto, was thun Sie, Montalto? Es war Leo Rellac, der es rief, ſeine Rechte ergriff das Gewehr, die Linke ſtützte den Herzog, der heftig erſchrocken war. — Laſſen Sie mich, ſtammelte er, der Tod allein kann mich von dieſer Qual erlöſen. — Der Tod... Unſinn, ſagte der Republikaner und ſetzte den Hahn des Chaſſepots in Ruhe, der Tod iſt die Zufluchtsſtätte der Feiglinge, Sie aber haben zu kämpfen, Sie ſind ſich und ihr Leben dem Staate ſchuldig, Frankreich, unſer geliebtes und ſo hart bedrängtes Vaterland bedarf Ihres Arges, es fehlt an Soldaten, mehr noch an Offizieren. Geſtern noch ſprach ich darüber mit unſerem neuen General. O er iſt ein kluger Mann, dieſer Au⸗ relles de Paladine, ich habe Sie ihm empfohlen, und er fragte nicht nach Ihrem Namen, der iſt auch gleichgültig, jetzt, da wir Alle Bürger der Republik ſind. Auf denn, Bürger Montalto, es gilt zu fechten, zunächſt mit dem Grafen von Bellegarde, und dann mit den Deutſchen. — Der Graf von Bellegarde rief der Herzog, willigt er ein, ſich mit mir zu ſchlagen? — Keineswegs, verſetzte Rellac, er weigert ſich deſſen ganz entſchieden. Duelliren, ſagte er, kann ich mich nur mit Meines⸗ gleichen. Mörder und Diebe hängt man, aber man verweigert ihnen den Ruhm, uns auf dem Felde der Ehre gegenüber zu ireten. Es iſt für uns Franzoſen ſchmachvoll genug, daß wir uns mit den erbärmlichen Deutſchen meſſen müſſen, um ſo mehr haben wir uns vor dem Abſchaum unſerer eigenen Nation zu wahren. — Das ſagte er, rief Montalto, und ſeine Fäuſte ballten ſich, als könne er damit ſeinen Feind zerdrücken. — Aber fürchten Sie nichts, beruhigte ihn Leo, ich habe ihn gefordert, und mir kann er das Duell nicht abſchlagen, denn meine Ehre, Gott ſei Dank, iſt rein, und ich bin Offizier. — O wäre ich es, wie Sie, er hätte nicht den Muth ge⸗ habt, mich ſo zu behandeln! ſeufzte der Herzog. — Sie ſind Offizier, antwortete der Andere, hier iſt Ihr Patent, der General hat Sie dazu ernannt. Leſen Sie ſelber⸗ Der nal um ſi ſi ſe zwW ff das war. nmich ſetzte sſtätte nd ihr ſo hart ldaten, er mit er Au⸗ fragte da wir lto, es und willigt gan Meines⸗ weigert bet zu aß wir mehr on z hollten habe 1 denn ge⸗ iſt Ihr ſelber Der Bürger Herrmann. ich nannte ihm bloß ihren Vor⸗ nahmen, in Anbetracht ſeiner vielfach bewieſenen Tapferkeit und umſicht... — Iſt es möglich! rief Montalto, dieſe Ehre nach der heu⸗ tigen Schmachl — Dieſe Ehre erlangte ich freilich ſchon vor der ärgerlichen Szene für Sie. Es kommt nun darauf an, daß Sie Gelegenheit ſinden, ſie zu verdienen. Für jetzt folgen Sie mir zum Duell, ſind Sie dabei auch nicht Kämpfer, ſo ſollen Sie doch mein Zeuge ſein. — Unmöglich! Ich kann dem Grafen Bellegarde nicht zum zweiten Male unter die Augen treten. — Was ſcheuen Sie denn, Sie ſind Offizier der Republik. Der General, ich weiß es genau, billigt nicht Bellegarde's ge⸗ häſſiges Benehmen, er wird Sie gegen neue Angriffe in Schutz nehmen. Vor allen Dingen aber ſchmücken Sie ſich mit den Ab⸗ zeichen Ihrer neuen Würde, die Soldaten müſſen ſogleich ſehen, daß Sie ihr Vorgeſetzter ſind, das wird allem Gerede den Mund ſtopfen. Der Herzog befolgte die Weiſung, die Epauletten waren ſchnell herbeigeſchafft, und Leo Rellac hatte den Muth, Arm in Arm mit dem ſo arg Geſchmähten nach dem Kampſfplatze zu gehen. Der Streit unter den Offizieren konnte nicht verfehlen, einen ſehr ſchlechten Eindruck auf die Untergebenen zu machen. Wie ſollte man Diejenigen achten, die ſich untereinander beſchimpften? Der General hatte es wohl vorausgeſehen und deshalb be⸗ fohlen, daß das Duell, welches er nicht verhindern konnte, in aller Verborgenheit ſtattfand. Eine lichtere Stelle im Walde war dazu auserſehen, und ſchon ging Hektor Bellegarde mit ſeinem Sekundanten und dem Arzte dort auf und ab, als die Beiden eintrafen. Kaum aber erblickte der Graf ſeinen Feind, als die Ader auf ſeiner Stirn dick anſchwoll. — Wie, rief er, dieſer Menſch wagt es abermals, ſich mir gegenüber zu ſtellen? Habe ich den Wurm noch nicht gänzlich — 280— zer'reten? Fort mit ihm, oder ich jage ihn mit Ruthenſtreichen hinweg! Das war zu viel für die Geduld des unglücklichen Mannes. O warum hatte Rellac ihn verhindert, ſich zu tödten, warum hatte er ihn gelockt mit der Vorſtellung des Ruhmes und der Würde? Seine Augen unterliefen mit Blut, weißer Schaum ſtand auf ſeinen Linpen, er ſprang wie ein gereizter Bär auf den Grafen zu. Dieſer erſchrak vor dem unerwarteten Angriff er hatte ge⸗ hofft, ihn ungeſtraft, wie am Morgen, vernichten zu können. Zetzt wich er um einige Schritte zurück, und ſein Sekundant wat ihm zur Seite, aber der Herzog ſah nicht die Gefahr, in welche er ſich ſtürzte, er hörte nicht Rellacs warnenden Zu⸗ ruf, mit dem Degen in der Fauſt drang er auf ſeinen Gegner ein, dieſer wehrte ſich nur ſchlecht und wich immer weiter zurück, Rellac wollte ſich zwiſchen die Kämpfenden werfen, Montalto ſtieß ihn bei Seite, vor ſeinen Ohren war ein Brauſen, es flimmerte vor ſeinen Augen, die Erregung der höchſten Leiden⸗ ſchaft bebte in allen ſeinen Nerven, er vernahm nicht das nahe Schießen, nicht die Trompetenſignale, jetzt hatte er ſeinen Feind erreicht, er ſchleuderte den Degen fort, er packte ihn mit den Fäuſten, Bruſt an Bruſt wollte er mit ihm ringen, Glied für Glied ihn morden. Da wurde das Schießen ſtärker, eine Ordonnanz kam mit Befehlen des Generals, Rellac rief ſie laut dem wüthenden Montalto zu, aber er hörte ihn nicht, er hielt den Grafen um⸗ ſchlungen, wie eine Rieſenſchlange ſich um den Leib des Stieres windet, Hektor vergingen die Sinne, jetzt bereute er es, den Herzog zu arg gereizt zu haben, denn er fühlte den Stachel ſeines Zornes, die glühenden Augen, die ſo nahe den ſeinigen funkelten, machten ihm Angſt, er fühlte ſich erliegen, ſeine Kraft entſchwand er ſank. — Die Feinde, die Feinde! Der Ruf klang fürchterlich, und Schuß auf Schuß in der dichteſten Nähe. — Lieutenant Herrmann, gedenken Sie an Ihre FPflicht! rief Leu in eilte geſc daf Het das lett den er Di wu d chen mes. rum der aum den wit en — 281— rief Leo Rellac und eilte davon, um ſich an die Spitze ſeiner Leute zu ſtellen. Das Wort wirkte wie ein Zauberſchlag auf den Herzog. Hier lag die Möglichkeit vor ihm, ſich auszuzeichnen und ſeine Ehre in Feindesblut rein zu waſchen. Er ſtieß den Grafen von ſich, der zur Erde taumelte, dann eilte er zu ſeinem Regimente. Die Soldaten hatten ſich bereits geſammelt und warteten auf ihren Führer, es fiel ihnen nicht auf, daß dieſer zögerte zu kommen, man war in dem franzöſiſchen Heere an keine Pünktlichkeit gewöhnt. Der Augenblick war gefahrvoll, was kümmerte es da, wer das Kommando führte, und ob der Mann, der jetzt die Epau⸗ letten trug, vor wenigen Stunden vor ihren Augen entehrt wor⸗ den war, genug, daß er feurige Worte zu ihnen redete, und daß er ſie aufforderte, ihm zu Sieg und Tod zu folgen. Zu Sieg und Tod„ ſie waren ihm beide gleich rwünſcht. Die Feinde hatten den Wald beſetzt, wie viele es waren, das wußte Niemand, ſie waren nach ihrer gewohnten Weiſe ganz überraſchend gekommen, jetzt galt es, ihnen die Stirn zu bieten. Der General traf ſeine Anordnungen ſchnell genug, die Truppen wurden auf die Hügel geſtellt und mußten die Ueber⸗ gänge der Loire decken. Es war viel Ueberſtürzung in dem plötzlichen Aufbruch, und die Leute ſahen ſich im Feuer, ehe ſie noch die rechte Beſinnung gewonnen hatten. Dem Lieutenant Herrmann war die gefährlichſte Aufgabe zu Theil geworden. Die Baiern hatten ein Dorf Loigny beſetzt, rechts floß der breite Strom, hinten erhoben ſich die Hügel, der Wald diente den Feinden zur Deckung. Da galt es, ſie zu vertreiben. Die Sache war zwecklos, das Dorf nützte den Franzoſen nichts, wenn ſie nicht auch die Brücke hatten, und die beſtrichen die Baiern mit ihrer Artillerie. MWontalto ſah es ein, aber er mußte den Befehlen des Vor⸗ geſetzten gehorchen. Das Glück war ihm günſtig. Er machte einen wüthenden Angriff auf das Dorf er warf ſich mit einer folchen Gewalt hinein, daß ſelbſt du Baiern einen Augenblick — 281— ſtutzig wurden, denn ſie hielten die Macht der Feinde für weit be⸗ deutender als ſie wirklich war. Nicht gewillt, um eines elenden Dorfes willen ſo viel Blut zu vergießen, zogen ſie ſich nach dem Walde zu zurück, und Mon⸗ talto beſetzte die Häuſer. So war der Sieg denn ſcheinbar ſein, aber nur ſcheinbar, er fühlte das ſelber. Er feuerte ſeine Leute an, die Brücke zu attakiren, aber die Kanonen der Baiern ſchützten ſie zu ſehr. Zwei Mal gelang es ihm, die Soldaten ins Feuer zu treiben, zwei Mal wurden ſie zurückgeworfen. Da nahm er Decküng in dem Dorfe, hier hatte der General unterdeſſen Geſchütze auffahren laſſen, aber ſie waren ſchlecht be⸗ dient. Monta lto ſtellte ſich ſelber an die Mitrailleuſe und richtete ſie. Die Baiern machten einen neuen Anlauf gegen das Dorf. nachdem ſie den Wald von Franzoſen geſäubert hatten. aber der Kugelregen, den der Herzog auf ſie ſandte, hielt ſie zurück. Schon glaubte er, zum zweiten Male geſiegt zu haben, da vernahm er dicht neben ſich krachende Schüſſe und lautes Aechzen. Die Baiern waren ihm in die Flanke gefallen. Jetzt war aller Widerſtand vergeblich, der General trieb ſelbſt zum Rückzuge an. Die ſiegreichen Deutſchen, denen es gelungen war, den Wald von Feinden zu ſäubern, ſich des Ueberganges über die Loire zu verſichern und das Dorf mit ſeiner ganzen Umgegend zu nehmen, fühlten ſich aber nicht mehr ſtark genug, neue Angriffe auf die Franzoſen zu verſuchen. Die Nacht brach herein und langſam gingen ſie über den Strom, um ſich mit ihrer Hauptmacht zu vereinigen. Von den Franzoſen wagte es Keiner, ihnen zu folgen, ſie dankten Gott, daß ſie wenigſtens nicht gänzlich vernichtet worden waren. Am ſpäten Abend beſetzte der franzöſiſche General zum drit⸗ ten Male das unglückſelige Dorf, nur um ſich der Regierung gegenüber den Sieg zuſchreiben zu dürſen. Doch ſelbſt wenn es ein Sieg geweſen wäre, was doch nin eine Riederlage war, ſo hatte er ihn nicht billig erkauft, denn eine Macht betrug das Dreifache des bairiſchen Korps, und als er am anderen Morgen ſein belle Gef ſein fehl au bef zog wu heil Ma der der Kh nic des zuge den die gend gife den den Goti drit rung nes t, ſo ſeine Truppen überſchaute, welche Verluſte hatte er trotzddem zu beklagen, wie viele ſeiner Soldaten hatten ſich den Siegern als Gefangene überliefert, um ihr Leben zu erretten. Das höchſte Lob verdiente der Lieutenant Herrmann für ſeinen Heldenmuth und die Umſicht, mit der er ſeine Leute führte. Der General ernannte ihn dafür zum Hauptmann, denn es fehlte gänzlich an Offizieren, mehrere lagen todt oder verwundet auf dem Schlachtfelde, andere wurden vermißt, und unter dieſen befand ſich der Graf Hektor von Bellegarde, der Feind des Her⸗ dogs von Montalto. Daß dieſer von ihm beſchimpft worden war wurde nur wenig geachtet, die Franzoſen, venen kein Ehrenwort heilig und bindend war, haben überhaupt andere Begriffe von Manneswürde, als wir, und außerdem waren die Anklagen, welche der Graf auf den Graubart geſchleudert hatte, keineswegs erwieſen, der Hauptmann Herrmann aber führte ſeine Leute mit Vorſicht und Klugheit, das dankten ſie ihm, und bald gehörte er, wenn auch nicht zu den beliebteſten, ſo doch zu den geachtetſten Offizieren des Korps. 32. Kapitel. Beaune la Rolande. Nachdem der Großherzog von Mecklenburg das Oberkom⸗ mando über die Truppen des Generals von der Tann übernom⸗ men hatte, wendete er ſich nach Vendome, um mit dem General⸗ Feldmarſchall Prinzen Friedrich Karl rechtzeitig Fühlung zu gewin⸗ nen. Unter dieſem heldenmüthigen Prinzen ſtanden Brandenbur⸗ ger unter dem General von Alvensleben dem Zweiten, Schleswig⸗ Holſteiner unter General von Manſtein und Hannoveraner unter General Voigts⸗Rhetz dazu die Kavallerie⸗Diviſion, welche der General von Hartmann führte. Dieſe Heeresmacht des Prinzen Friedrich Karl ſtieß am vier⸗ undzwanzigſten Rovember bei Beaune la Rolande auf die Fran⸗ zoſen, die unter dem General Michel in's Feld rückten. Die Bri⸗ gade Wedell hatte bei Beaune Stellung genommen, mit ihr eine heſſiſche Reiterbrigade. Tags darauf marſchirten zwei andere Di⸗ viſionen auf verſchiedenen Straßen von Montargis über Ladon und Corbeilles gleichfalls auf Beaune zu und führten ihre Ka⸗ nonen mit ſich. Hier hatte ſich der Feind in den Wäldern verſteckt und brach plötzlich daraus hervor, um die Deutſchen in einem ſtürmiſchen Anprall zu werfen, es waren wenigſtens fünfunddreißigtauſend Mann, während unſere Korps nur zehn bis zwölftauſend Mann ſtark waren. Durch dieſe Uebermacht wurde es den Franzoſen leicht, Ladon und Maiziöres beſetzen und über Boiscommun und St. Louge vorzuſtoßen, doch die deutſche Brigade Lehmann warf ſich mit ungeheurer Kühnheit auf Ladon und vertrieb die Feinde daraus, indeſſen General Valentim über Juranitte nach Maizieres ging, dort die Feinde verdrängte und ſich mit der Brigade Lehmann vereinigte. Schon dies waren glänzende Erfolge der deutſchen Macht, aber es ſollte noch beſſer kommen. Bei Bellegarde⸗Aury und Beaune⸗Ladon bildet die Straße einen Knoten und hier, wo von allen Seiten her kampfesmuthige Truppen heranrückten, entbrannte der Streit auf das Heftigſte. Aber die Franzoſen hielten auch dieſes Mal dem ausdauern⸗ den Feuer der Unſrigen nicht Stand, ſie mußten weichen und gegen Abend befand ſich Beaune in den Händen der Deutſchen. Hier vereinigten ſich alle Korps, die bisher im Gefecht geweſen waren, und da der Verluſt der Feinde ungleich bedeutender gewe⸗ ſen war, als der der Unſeren, ſo fühlten letztere ſich einem erneu⸗ ten Angriff wohlgewachſen, falls es den Herren da drüben noch einmal belieben ſollte, deutſches Pulver zu riechen. Vom Morgen bis zur finkenden Racht hatte dieſer Kampf bei Beaune la Ro⸗ lande gedauert, und die Anſtrengung, ſo viele Stunden lang ge⸗ gen einen weit überlegenen Feind zu kämpfen, war ungeheuer geweſer ter, de S braven brauch von Ge V nacht die g Beaur 6 einer mocht den eifer, der n Tode⸗ Stad Abſi zu fa rſt Helde ſelber undfü ſch m S von gewa de zine vier⸗ Fran⸗ e Bri⸗ r eine re Di⸗ Ladon eKa⸗ brach niſchen auſend Mann Ladon Louge ſch mit raus, ging. hmann Nacht. y und vo von rannte uer n und uiſchen⸗ eweſen gewe⸗ emt⸗ n 10 ſorgen la R⸗ ng ge⸗ gehele — 285— geweſen, dennoch war die Stimmung der Soldaten überaus yer⸗ ter, denn ſie hatten nur höchſt geringe Verluſte zu beklagen. So trefflich war die Führung geweſen, daß ſich unſere braven Leute nirgends allzuſehr dem feindlichen Feuer auszuſetzen brauchten, während die Franzoſen ungeheuer gelitten und hunderte von Gefangenen verloren hatten. Während aber unſere Truppen trotz der eiſig kalten Herbſt⸗ nacht ſanft und ſüß am Wachtfeuer ſchlummerten, ſammelte ſich die ganze franzöſiſche Loire⸗Armee zum erneuten Angriff auf Beaune la Rolande. Es war am Morgen um neun Uhr, als das Städtchen von einer dreifach überlegenen Streitmacht angegriffen wurde. Es mochten dies die beſten Soldaten des feindlichen Heeres ſein, denn der Vorſtoß erfolgte mit Schnelligkeit und mit jenem Gluth⸗ eifer, den die Franzoſen immer beim erſten Anlaufe bewieſen, und der nachher nur allzu bald erkaltete, um den Schauern der Todesfurcht Platz zu machen. Von drei Seiten ſtürzten ſie ſich Raubvögeln gleich auf die Stadt, und das Dorf Batilly wurde genommen. Sie hatten die Abſicht, unſere Truppen in der Seite und im Rücken zugleich zu faſſen und gänzlich zu vernichten. Der Plan war gut, aber er ſcheiterte an der Umſicht der deutſchen Offiziere und an dem Heldenmuthe der deutſchen Truppen. Das Städtchen Beaune ſelber war von der Brigade Wedell, vom ſechszehnten und ſieben⸗ undfünfzigſten Infanterie⸗Regiment beſetzt, und dieſe vertheidigten ſich mit bewundernswerther Kühnheit, wobei ſich namentlich die Sechszehner auszeichneten. An allen Ausgängen der Stadt hatte man hohe Barrikaden von umgeſtürzten Wagen, Steinen, Balken, Pflügen und... Leichen errichtet und jedes Haus wurde zu einer Feſtung um⸗ gewandelt. Jetzt rückten die Feinde heran, es geſchah in guter Ordnung, die Augen leuchteten, die Gewehre waren gefällt, der Schritt war lebhaft, als ginge es zum Tanze. Da plötzlich knattert ihnen kine Salve entgegen, kein Schuß geht fehl, ein Zeder trifft ſein ⸗ — 286— Ziel, und in Reihen ſind die Angreifer dahin geworfen und wälzen ſich ſchreiend oder wimmernd am Boden. Die Nächſtfolgenden gehen ſchon langſener, zaghafter, ſie ahnen, daß das Schickſal ihrer Kameraden auch ihnen zu Theil werden ſoll. Die Deutſchen laſſen ſie auf hundert Schritt heran, dann blitzt es hinter den Barrikaden, dann praſſelt es durch die Luft, und über die gefallenen Landsleute dahin ftür⸗ zen ihre Kampfgenoſſen und röcheln in ihrem Blute. So geht es zum dritten Male. Immer zögernder wagen ſich die Franzoſen in den gewiſſen Tod hinein. Wer möchte es ihnen verdenken? Endlich weigern ſie ſich entſchieden, einen neuen Verſuch zu machen. Jetzt ſollte die Attillerie den Angriff unterſtützen, und brennende Granaten flogen in das Städtchen hinein, das bald an verſchiedenen Orten brannte. Aber unſere Soldaten hielten aus trotz Dampf und Rauch, und obgleich glühende Balken um ſie rings her niederfielen. Solch einer Zähigkeit gegenüber gewannen die Franzoſen keinen Fuß breit an Terrain, aber ihre Verluſte waren ungeheuer. So dauerte der Sampf bis gegen vier Uhr, als endlich doch die Kraft der Belagerten zu ſchwinden begann. Da kam die Hülfe zur rechten Zeit, es war die fünfte Diviſion, die in das Gefecht mit eingriff, den linken Flügel der Franzoſen attakirte, den Wald de la Lou durchſtürmte und den Feinden ungeheure Verluſte beibrachte. gZwiſchen Beaune und Longnoni raſte der Kampf, die zehnten Jäger ſchoſſen bei dem Dorfe Corbeilles, als gälte es, Haſen zu treiben, mit Jauchzen warfen ſich unſere Soldaten auf die feindlichen Truppen, die nirgends mehr Stand hielten. Ein Wort genügte, eine Handbewegung, und das Leben war gerettet, aber wer zu ſtolz oder zu dumm war, die Gnade der Sieger zu erflehen, dem fuhr das Bajonnett in den Leib hinein, daß eine Fontaine von Blut daraus hervorſpritzte. Doch als am Abend dieſer gewaltige Kampf zum Abſchluß kam, und als die Feinde ſich in toller Flucht zurückzogen, da ſtellte ſich doch auch unſer Verluſt als ſehr bedeutend heraus. Sie freilich hatten an Todten allein elfhundert Mann zu beklagen, dazu fün fangene, oder ver mit ſo Beaune des Kum die Uebr De Nachmit barer 6 des Tug behaupt jurückdr muthigt Ve er auf! betta es Ritel u Er 1 Ruh begner ſen Nor winnen, nach Pi hang e bunm ſeinen griffen Veruße nſer Autan euſe li ba — —— und er, ſie Theil Schritt elt es flür⸗ 0 giht unzoſen nken? ſuch zu n und hielten en um runzoſen geheuer⸗ doch die ie Hůlfe Gefecht en Pub Perlufte eWhrt guf die en⸗ bn geretet r Eiege Abſchluß en⸗ heuu elage 0 ———.——— dazu fünftauſend Verwundete und ein tauſend ſechs hundert Ge⸗ fangene, aber auch von den— Deutſchen waren ſechshundert todt oder verwundet. So endete ein Gefecht, welches die Franzoſen mit ſo ſtolzen Abſichten unternommen hatten. Das Städtchen Beaune hatte furchtbar gelitten, und rings um dieſen Kernpunkt des Kampfes waren Leichen oder röchelnde Verwundete ausgeſtreut, die Uebrigen lagen in dem Walde de la Lou. Der General Feldmarſchall Prinz Friedrich Karl erſchien am Nachmittage ſelber auf dem Kampfplatze und beobachtete mit ſicht⸗ barer Freude die Erfolge ſeiner Truppen, auch war der Gewinn des Tages dieſer Anſtrengungen werth, denn die zweite Armee behauptete die Verpoſtenlinie, aus welcher die Franzoſen ſie hatten zurückdrängen wollen, und dieſe zogen ſich geſchlagen und ent⸗ muthigt auf Boiscommun und Bellegarde zurück. Wohl mußte der General Aurelles de Paladine einſehen, daß er auf dieſer Seite nicht durchzubrechen vermochte, um, wie Gam⸗ betta es wünſchte, Paris zu befreien, er mußte alſo auf andere Mittel und Wege ſinnen, um ſeinen Zweck zu erreichen. Er ließ alſo den Prinzen Friedrich Karl für den Augenblick n Ruhe und wandte ſich nach Weſten, um den Großherzog von Mecklenburg anzugreifen, der ihm als ein minder gefährlicher Gegner erſcheinen mochte. Dieſem war es gelungen, am dreißig⸗ ſten November Fühlung mit dem General⸗Feldmarſchall zu ge⸗ winnen, der nun das neunte Korps unter General von Manſtein nach Pithiviers dirigirte. Am erſten Dezember wollte der Groß⸗ herzog eine größere Rekognoscirung auf dem rechten Flügel der Franzoſen verſuchen, denn es iſt immer die Hauptſache, daß man ſeinen Feind genau kennt, ehe man ſich mit ihm einläßt. Aber ſchon auf der Straße von Chartres wurde er ange⸗ griffen. Die Franzoſen, welche ſehr wohl wußten, welch große Verluſte ihnen die Baiern beigebracht hatten, warfen ſich mit gren⸗ tenloſer Rachbegierde zunächſt auf diofe, und da ſie eine ungeheure Uebermacht beſaßen, ſo wurde es ihnen nicht ſchwer, die Süd⸗ deutſchen zrückzudrängen, die es ſich wohl verſprachen, dafür ihrer⸗ ſeits bald ihre Rache zu nehmen. Indeſſen hatten die Feinde doch nicht den Muth, den Baiern, — — 288— die ſich beſtändig fechtend zurückzogen, weiter als bis Loigny zu folgen. Hier blieben ſie ſtehen und freuten ſich eines ſo wohl⸗ feil erkauften Vortheils. Doch ſollte ihnen dieſer falſche Schimmer des Glückes nur auf einen einzigen Tag gegönnt ſein, denn ſchon am Zweiten griff der Großherzog von Meklenburg die Feinde mit verſtärkten Kräften an. Zetzt galt es, Loigny wieder zu nehmen, und wie wurde es genommen! Das war ein echter Waffentanz, ein jubelndes, jauchzendes Drauflosgehen. Die Franzoſen erſchraken heftig vor den fröh⸗ lichen Geſichtern ihrer Angreifer, denn ſie glaubten, ſo heiter könnten dieſe nur deswegen ausſehen, weil ſie ſchon des Sieges gewiß waren. Da half ihnen freilich denn kein Widerſtund mehr, und ehe ſie noch völlig geſchlagen waren, zogen ſie ſich bereits zurück, die Diviſion von Treskow hinterher und hetzte ſie Meilen weit und jagte ihnen eine Menge Gefangene ab. Zu gleicher Zeit gingen aber andere Franzoſen von Artenay gegen Norden und gelangten bis Oiſon. Hier ſchien die Sache noch einmal ſehr ernſthaft werden zu ſollen, doch als ſich auf Befehl des Prinzen Friedrich Karl be⸗ deutendere Streitkräfte zu entwickeln anfingen, ſchwand den Franz⸗ männern der Muth, ſie weigerten ſich, zu kämpfen und ſagten es ihren Offizieren gradezu, daß ſie es ſatt hätten, ſich von T*⸗ köpfen in's Feuer jagen zu laſſen, wo für ſie nichts weiler u holen ſei, als der gewiſſe Tod. Auelles de Paladine mußte ſich wohl oder übel entſchließen, die aufſäßigen Soldaten zurückgehen zu laſſen, er ſandte jedoch andere auf den Großherzog zu, die von Artenay über Poupry vo gingen. Heer ſtand ihnen jedoch der General von Wittich gegenüber, und der warf ſie zurück, wie Knaben im Spiel einen auf ſie geſchleu⸗ derten Ball zurückwerfen. Es war dies ein doppelter Sieg an ein und demſelben Tage, und die Franzoſen werden an Loigny und Artenay denken, obſchon ihnen unſererſeits friſche Trurpen entgegenſtanden, die des Kämpfens noch ungewohnt waren, näm⸗ lich Hanſeaten und Meklenburger, und die in den letzten Tagen durch d mender ſehr ge 2 überle kämpft zwei T ten Ve keit u 2 muthe ſite blic r men 9 geinick gedün len K Deum als n kenne den S übere waren Goor ghl und j befan Doch ermg ſchlie t5 Brihr und 1 bald vigny zu ſo wohl⸗ üces nur Zweiten erſtärkten und wie auchzendes den fröh⸗ ſo heüter es Sieges und che zrüc tie weit und Axtenah werden 3 Karl be⸗ den Fran⸗ dſugen e on 2 6 weile ¹ enſliſin doch ander ingen⸗ Be und — 289— durch die böſe Witterung, durch Mangel an Quartieren und wär⸗ menden Speiſen wie auch durch lange Märſche beläſtigten Truppen ſehr gelitten hatten. Deſto größer war ihr Ruhm, vorzüglich, weil ſie einen ſehr überlegenen Feind vor ſich hatten. Vom Morgen um acht Uhr kämpften ſie bis zum Abend hin, und die Gefechtslinie betrug faſt zwei Meilen. Ueberall blitzten Gewehre, knallten Schüſſe, jammer⸗ ten Verwundete. Die Baiern thaten gleichfalls Wunder der Tapfer⸗ keit, und ihnen gebührt ebenmäßig der Lorbeer des Tages. Die Franzoſen ſchoſſen wie toll, was ſie an wahrem Helden⸗ muthe fehlen ließen, das ſuchten ſie durch das Feuer ihrer Ge⸗ ſchütze zu erſetzen, ſie ſchadeten ſich am meiſten. Welch' ein An⸗ blick rings auf der weiten Strecke! Kein Dorf, das nicht in Flam⸗ men geſtanden hätte, kein Baum, deſſen Aeſte nicht von Kugeln geknickt geweſen wäre, kein Stück Ackerland, das nicht Blut gedüngt hätte, es war, als tobte ein Gewitterſturm, und unter al⸗ len Kampfestagen dieſes gewaltigen Krieges gehört der zweite Dezember mit zu den hitzigſten aber auch zu den glorreichſten. Bei Artenay wurde noch am Abend um ſieben Uhr gekämpft, als man den Feind nur noch an dem Aufblitzen der Kanonen er⸗ kennen konnte, als nur der ungeheure Brand von fünf Dörfern den Streitehden leuchtete. Der Mond erhob ſich in milder Pracht über eine Stätte voll Unglück und Grauſen, denn unſere Verluſte waren bedeutend, aber die der Franzoſen! Vor dem Schloſſe Goory wurden in langen Reihen die Gefangenen aufgeſtellt und gezählt, es waren nicht weniger als ein tauſend ſieben hundert und fünfzig, unter denen ſich ſogar ein unverwundeter General befand, ſieben Geſchütze waren gleichfalls in unſere Hände gefallen. Doch als ſich in der Nacht die Biwakfeuer entzündeten, und die ermatteten Sieger mit einem Dankgebete gegen Gott die Augen ſchließen wollten, da verbreitete ſich noch eine frohe Nachricht un— ter den Truppen. Es hieß, der Generat⸗Feldmarſchall Prinz Friedrich Karl habe dem Großherzoge gemeldet, daß er da ſei und mit ihm zuſammenwirken werde. Jetzt wehe Euch, Franzoſen, bald wird es um Gambettas ſtolzeſte Armee geſchehen ſein! D. V. Lh. M.—————— 19 33. Kapitel. Hrléans. Dem General Aurelles lag Alles daran, Orleans zu behaup⸗ ten. In den Kirchen lagen die Frauen auf den Knieen und fleh⸗ ten Gott und die heilige Jungfrau Maria um die Errettung ihrer Stadt an. Die Bildſäule Johannas, des Heldenmädchens, war von oben bis unten mit Kränzen behängt, welche kindliche Gemüther dort angeheftet hatten. Dieſe Kränze beſtanden in Ermangelung von Blumen aus buntem Schmelz und glitzerten hell im Sonnenſcheine. Was ſich an franzöſiſchen Truppen in der Nähe befand, wurde von den Einwohnern der Stadt auf das Beſte bewirthet und zum Kampfe ermuntert, es war die Haupt⸗ macht der Loire⸗Armee, die ſich hier zuſammenfand, während ein anderer Theil bei Montargis ſtand. Dieſe beiden Corps wollte der General vereinigen, um dann einen entſcheidenden Schlag ge⸗ gen die Deutſchen zu thun, doch zwiſchen beide Heeresabtheilungen ſchoben ſich die Deutſchen hinein und verhinderten ihrs Vereini⸗ gung. Dies war für die Franzoſen ein neues und ſchweres Un⸗ glück, auf welches ſie nicht gerechnet hatten denn wer konnte es ahnen, daß dieſe deutſchen Generale ſo genau wußten, wo ſich ihre Feinde befanden? Am dritten Dezember am Morgeg um ſieben Uhr verließ der Prinz Friedrich Karl ſein Hauptquartier in Pithivieres, und nicht lange darauf begann der Angriff von Stiten der Deutſchen. Zuerſt wurden die Franzoſen aus dem Dorfe Anas vertrieben, dann bekam das unglückliche Städtchen Artenay abermals deutſche Truppen zu ſehen, das der Feind geräumt hatte, und nun ent⸗ ſpann ſich ein hitziges und hartnäckiges Gefecht. Hier hatten ſich die Franzoſen in einem Dorfe feſtgeſetzt und wollten ſich mit aller Gewalt darin behaupten, aber die Holſteiner ſind ein hartnäckiger Stamm, das weiß ein Jeder. Sie warfen —— den 7 ſie in genor obett an de vorw Fh auf lauf ſi hina Dor nůch fors konn nich mer mö neu ſcht zuri war mii ſe ſie gen Gu Pa bio hau⸗ d fleh⸗ rettung dchens, ndliche den in itzerten en in uf das Haupt⸗ nd ein wolle lag g⸗ lungen gereini⸗ e Un⸗ mte e wo ſch nun er in Stiten ieben⸗ uie tzi und ſeinet wurfen — 291— den Feind aus der Windmühle von Anvillers heraus und fleckten ſie in Brand, dann ging es weiter nach Chevilly. Dieſes Dorf hatte der Großherzog von Mecklenburg bereits genommen und ſomit den Schlüſſel zum Walde von Orleans er⸗ obert. Jetzt zweifelte auf der Seite der Deutſchen Niemand mehr an dem Siege dieſes Tages. Kämpfend ging es vorwärts, immer vorwärts, die Franzoſen wichen, bald langſamer, bald in voller Flucht, die Deutſchen in drei großen Abtheilungen folgten ihnen auf den Ferſen nach. Es war keine eigentliche Schlacht, es war nur ein Sieges⸗ lauf mit Hinderniſſen. Hier und da ſetzten ſich die Franzoſen feſt, aber nirgends auf lange Zeit, und ſo wie ſie auf einer Seite hinausliefen, zogen von der andern die Deutſchen ein. Dorf für Dorf, Gehöft für Gehöft ſah erſt die lieben Landsleute und im nächſten Augenblick die ſchwitzenden, keuchenden Verfolger, die den forteilenden Feinden gar nicht geſchwind genug nachkommen konnten. So wäre das luſtig. genug geweſen, wenn die Anſtrengung nicht allzuſehr den Körper ermüdet hätte, im Eifer des Gefechtes merkt man ſie weniger, doch kaum tritt eine Ruhepauſe ein, ſo möchte ein Jeder umſinken vor Mattigkeit, und fühlt dennoch ein neues Feuer und friſche Kraft, ſobald er die Franzoſen vor ſich ſieht. Am Abend kehrte der Prinz Friedrich Karl nach Artenay zurück, wohin er ſein Hauptquartier verlegte. Für die Truppen war wieder ein Bett unter Gottes freiem Himmel aufgeſchlagen, weit und groß genug, um ganze Armeekorps aufzunehmen. Aber ſie achteten es nicht, daß das Lager etwas kalt und hart war, ſie ſanken hin und ſchliefen im nächſten Augenblicke ein. Gegen Morgen begann es bitter kalt zu werden. Das Re⸗ genwetter, welches mit ſeinem dunklen Nebel den Franzoſen zu Gute gekommen war, hatte ſich in Froſt umgewandelt, und die Verwundeten litten ſehr, denn das Blut gerann, und die Kälte brachte Entzündungen und vermehrte Schmerzen hervor. Wer da noch nicht verbunden war, dem ſetzte fich der Rheu⸗ 49* — — 292— matismus wohl für das ganze Leben in den Wunden feſt. Aber die Krankenträger und Krankenpfle gerarbeiteten mit allem Eifer, und halfen wohl den allermeiſten. Die Nachtruhe dauerte auch für die Unverwundeten nicht lange, denn ſchon am frühen Morgen erhielten ſie den Befehl, die Verfolgung des Feindes fortzuſetzen. Der Prinz Friedrich Karl begab ſich zu dem neunten Korps und leitete ſelber die Jagd, General von Blumenthal, womit nicht der Generalſtabschef des deutſchen Kronprinzen gemeint iſt, ſondern ein tapferer General gleichen Namens, drang in den Wald hinein und griff die immer noch ſehr ſtarke Stellung der Franzoſen an. Hier entſpann ſich ein äußerſt lebhaftes Gefecht, wobei Keiner weichen wollte, aber die ſechs und dreißigſte preußiſche Infanterie⸗ Brigade ließ nicht locker und zwang die Franzoſen, ihre Geſchütze im Stiche zu laſſen und davonzugehen. General Blumenthal nahm Cercottes, um welches ſeine fünf und dreißigſte Brigade tapfer kämpfte, und die ſechs und dreißigſte ging unterdeſſen eine Meile über St. Lie hinaus. Aber hier hatten die Franzoſen den Weg ſtark vepbarrika⸗ dirt und die Unſrigen mußten gegen dieſes Hinderniß anlaufen Auf demrechten Flügelwar der Großherzog von Mecklenburg porgegangen und hatte den Feind ganz allmählich nach Orleans zurückgedrängt Inſoweit hatten die Kränze auf der Reiterſtatue der Jungfrau Johanna geholfen, die lieben Landsleute kamen noch vor den Deutſchen wieder in die Stadt zurück, wenn auch ſtatt mit Lor⸗ beeren, mit ſehr blutigen Köpfen. Der Prinz Abrecht, Bruder des Königs Wilhelm, machte einige ſehr glänzende Relterangriffe und jagte die Feinde vor ſich her wie Spreu vor dem Winde Auch der linke Flügel war vorwärts gekommen, und ſo be⸗ fand ſich Alles in der lebhafteſten Bewegung, wobei es eine An⸗ zahl von kleineren Gefechten aber keine große und allgemeine Schlachtaufſtellung gab. Als der Abend herankam, war es, als hätten die Truppen das bekannte Spiel Wolf und Schafe ge⸗ macht, denn die Franzoſen waren bei ihrem Rückzuge immer feſter umſchloſſen worden, Orleans, auf welches ſie ſich zurückgezogen hatten, war im Norden, Oſten und Weſten cernirt, ſo daß den geſchl Süde und dem der E ſchle wehr zig geno gleis auf bere geſp bleil Hy erli der alle eine Ko ma lber die und uch für Norgen uſetzen. Korps t nicht ondern hinein en an. ngen vrängt nofrau r den t Lor⸗ Bruder grift ide ſo be⸗ ſe An⸗ emeine ul fe ge⸗ feſter ezoen den — 293— geſchlagenen Söhnen der großen Nation nur noch der Weg nach Süden übrig blieb. Dazu waren die beiden Brücken über die Loire beſetzt worden, und es war ſchwer einzuſehen, wie es möglich ſein würde, aus dem Mauſeloch zu entſchlüpfen. In der Nacht wurde die Ruhe der Soldaten durch immer neue Gefangene geſtört, die herbeige⸗ ſchleppt wurden oder ſich auch freiwillig ſtellten, es waren davon mehr als ſechszehntauſend. Außerdem hatten die Deutſchen nicht weniger als ſieben und ſieb⸗ nonen erobert, und auf der Loire waren vier Dampfſchiffe genommen worden, von denen ein jedes mit einemVierundzwan⸗ zigpfünder armirt war. Für dieſe werthvolle Beute wurden ſo⸗ gleich Matroſen aus Kiel herbeikommandirt, welche nun gansz luſtig auf der Loire entlang fuhren und den Feinden großes Aergerniß bereiteten. Bis hierher haben wir aber nur von Siegen und Erfolgen geſprochen, doch dürfen leider auch die Verluſte nicht verſchwiegen bleiben. Orleans war wieder erobert, aber ach, mit welchen Opfern! Der General von der Tann hatte furchtbare Verluſte erlitten, denn die allzugroße Kühnheit ſeiner Baiern hatte viele derſelben in den Tod geführt. Hundert und zwanzig Offiziere allein büßten ihre Tapferkeit mit dem Verluſte des Lebens oder eines ihrer Glieder. Aehnlich ging es auch bei den andern Korps, es gab der Leichen gar zu viele, und manche Mutter, manche Gattin oder liebende Braut, denkt mit bitteren Zähren an die Schlachten bei Orleans, wo ihr das Liebſte in die Grube ſank. 3 O welch ein Leiden: mitten in den Jubel des Vaterlandes, mitten in den freudigen Stolz auf cin Geſchlecht von Helden, welches den Uebermuth der frechen Welſchen beſiegt, klingt der Klagelaut der Wittwen und Waiſen, der Jammerton troſtlos Zurückgehliebener“ und wo die Freudenfahnen wehen, verbirgt ſich ſtill das ſchwarze Trauerkleid, der trübe Blick alter Eltern zärtlicher Geſchwiſter, und nicht einmal der Troſt bleibt den Troſt⸗ loſen, daß ſie am Grabe der theuren Leichen weinen dürfen, die ſo fern in fremder Erde modern, wo keine Hand den ſchlichten zig Ka — Hügel ſchmückt! O vorbei, vorbei mit dieſen jammervollen Gedan⸗ ken an die Leidensſaat, wenden wir uns wieder zu den noch le⸗ benden, zu den ruhmgekrönt vorwärtsſchreitenden Kriegern zurück. Nicht ohne Kampf ergab ſich Orleans. Die Diviſion Treskow erſtürmte die Eiſenbahn, die ſtark mit Feſtungswerken umgeben worden war, und das Manſteinſche Korps nahm mit bewaffneter Hand die Vorſtadt St. Johann. Nun wäre jeder fernere Widerſtand Wahnſinn geweſen, und Orleans entſchloß ſich zur Kapitulation, und vermied zu ſeinem Glücke die Erſtürmung, zu welcher ſich die deutſchen Truppen bereits an⸗ ſchickten. Doch in Anbetracht der Leiden, welche die Bewohner bisher ſchon zu erdulden gehabt hatten, fielen die Bedingungen dieſer Kapitulation ſehr gnädig aus. Die franzöſiſche Beſatzung durfte in der Nacht unbeläſtigt ihr Quartier räumen, da ihr dazu einige Stunden Zeit bewilligt worden waren, zugleich aber er⸗ hielt ſie die Benachrichtigung, daß ein erneutes Begegnen im freien Felde ihr ſehr verderblich werden würde. Wo ſie bisher gehauſt hatte, da zogen nun ſchnell die Sieger ein, und mancher ſchlief noch einige Stunden in dem noch warmen Bette, welches der entfliehende Feind wohl nur ſehr ungern verlaſſen haben mochte. Dieſe Ruhe dauerte jedoch nicht eben lange, denn ſchon beim Morgengrauen riefen die Trompeten zu neuem Aufbruch, weil es galt, die in aufgelöſter Flucht be⸗ griffenen Franzoſen gänzlich zu vernichten. Dieſes zu verhindern war nun das eifrigſte Streben des General Aurelles de Paladine. Am liebſten hätte er natürlich alle dieſe zerſtreuten Soldaten auf einen und denſelben Fleck beordert, um ſogleich neue Kadres zu bilden, es war dies jedoch ganz unmöglich, denn ſo ſehr hatten ſich ſeine Leute verlaufen, daß ſie den Rückweg zu ihm nicht wieder fanden. Was er aber noch an ſtreitbaren Männern beſaß, das ließ er in zwei vetſchi denen Richtungen weſtlich und öſtlich von Or⸗ leans zurückgehen. Dieſe Bewegung war von Gambetta anbefohlen worden, der ſich einbildete, Alles zu verſtehen, ja ſelbſt aus ſeinem ſicheren Lochz hean⸗ die Schlachtpläne angeben zu können. — mit ma fort Gedan⸗ och le⸗ riegern urk nit Mn rleans ice die its an⸗ wohner gungen ſtzun r dazu het el⸗ nen in n noch r ſeht nich npeten cht be⸗ n Fe rlaufen as leß on O⸗ ſeinen . jedoc —— — 295— A Wäre es nach dem General Aurelles gegangen, ſo hätte er ſich auf das linke Loireufer zurückgezogen, aber Gambetta wollte ihn mit aller Gewalt nach Paris vorſtoßen laſſen und befahl ihm, Orleans auch jetzt noch nicht ganz aufzugeben. Um ſich davon zu überzeugen, daß ſeine Willensäußerungen wirklich ausgeführt wurden, verließ der große Maulheld und noch größere Lügner Tours und kam bis zu dem Dorfe la Chapelle, aber hier hatte preußiſche Kavallerie den Weg verſperrt, und ein weiteres Vorgehen ſchien Uhm denn doch zu gefährlich zu ſein. Er kehrte alſo nach Tours zurück, und als er dort erfuhr, daß Orleans trotz ſeines oder vielmehr wegen ſeines Befehls in die Hände der Sieger gefallen war, da gerieth er in eine furchtbare Wuth und entſetzte den General Aurelles ſeines Kommandos. Der großen franzöſiſchen Nation ließ er aber ſogleich melden, es ſtände Alles ſehr gut, denn man habe jetzt zwei Loire⸗Armeen ſtatt einer, und zwar die erſte unter Bourbaki und die andere unter der Führung des Generals Chanzy, und beide hätten be⸗ deutende Verſtärkungen erhalten. Daß dies ein Schwindel war, mußte Jeder erkennen, der es mit angeſehen hatte, wie Aurelles ſein Heer in zwei Linien nach rückwärts ausreißen ließ. Bourbaki, der in der That das Kom⸗ mando der einen Linie übernommen hatte, ſetzte dieſe Bewegung fort und ging nach Bourges und Nevers, während Chanzy es wagte, weſtlich von Orleans zu bleiben, bis er in einer ganzen Reihe von Schlachten bis auf le Mans geworfen wurde. Er zog aus der Bretagne diejenigen Truppen als Verſtärkung heran, welche früher unter dem Grafen Keratry gedient hatten, einem General, der ſeine Entlaſſung hatte nehmen müſſen, weil es ihm nicht immer möglich war, Gambettas verrückte Befehle auszu⸗ führen. Ihm war, ſo behauptete Gambetta, bei Conlie ein großes Feldlager anvertraut worden, dieſes Lager beſtand aber nur aus einigen eilig und ſchlecht ausgeführten Befeſtigungen, hinter welchen dreißig bis vierzigtauſend Bauern lagen, die weder Waffen noch gehörige Nahrung, weder Munition noch Luſt zu kämpfen hatten. In Orléans ſchlug indeſſen der Feldmarſchall Friedrich Karl — 296— ſein Hauptquartier auf und ſchickte das dritte Armeecorps hinter Bourbaki her, während die übrigen Streitkräfte theils Orléans beſetzten, theils unter dem Großherzog von Mecklenburg den Fran⸗ zoſen kleine Scharmützel lieferten. Indeſſen ſollte es dabei nicht bleiben. Chanzy, ein echter Republikaner, ſetzte ſeine ganze Ehre daran, das Vaterland zu erretten, er warf ſich mit aller ſeiner Macht auf den Großherzog, und von dem ſiebenten bis zum zehnten Dezember lieferte er ihm eine ganze Reihe blutiger Schlachten, zu welcher die Deut⸗ ſchen ſehr viel Artillerie herbeiziehen mußten, um ſich des allzutrotzigen Gegners zu erwehren. Leugnen laßt es ſich nicht, daß unter Chanzy's Leitung ein neuer und beſſerer Geiſt in die Truppen kam. Er beförderte den Hauptmann Herrmann zum Oberſten, und dieſer ſowie der Kapitain Leo Rellac thaten ihr Möglichſtes, um die verlorene franzöſiſche Waffenehre wieder zu gewinnen. Dennoch vermochten ſie nichts gegen die Kriegsklugheit und den Muth der Feinde. Am ſiebenten Dezember warfen ſich die Deutſchen auf Beaugency, weſtlich von Meung trat ihnen ein franzöſiſches Korps mit ſechsundzwanzig Geſchützen entgegen, aber die tapfern Baiern jagten es zurück und nahmen hundert und zweiundſechszig“ Gefangene, eine Kanone und vier Mitrailleuſen. Darauf ging es weiter nach Beaugency. Hier und in dem Walde entwickelten die Feinde bedeutende Kräfte, aber ſie hielten den Baiern nicht Stand, und der Großherzog nahm Cravont, Beaumont und Meſſas. Dieſes Mal beſtand die Beute aus tau⸗ ſend Gefangenen und ſechs Geſchützen. Zwei Tage darauf, am neunten, verloren die Franzoſen dann noch verſchiedene Ortſchaften, und der wichtige Eiſenbahnkno⸗ ten Vierzon wurde von den Unſrigen beſetzt. Nach ſo vielen Kämpfen und Siegen wäre den tapferen Soldaten nun wohl ein Ruhetag zu gönnen geweſen, doch ſchon am Zehnten griffen die Franzoſen auf's Neue und mit verſtärkten Kräften an, ſie ſuchten die Sieger zu ermatten, doch dieſe bewieſen ihre Ausdauer in der herrlichſten Weiſe und ſchick⸗ ten die große Nation abermals mit blutigen Köpfen heim. Pre erob eiger zog. Ruh den Bat deut bew ſchlä hun Sch nied den bedt ſch wie kam mör nur war leh an ſich ſchö hat ern und wir Ve hinter Orléans n Fran⸗ echter and zu herzog, ferte er e Delt⸗ ſich des ung ein en und ſes, um it und nen ein n, aber ert und leuſen in den hielten gravont ns tal⸗ tanoſin bahnin⸗ uffenn voch d vit — 297— Zu gleicher Zeit kämpfte das neunte Armeecorps in Blois, die Preußen vertrieben den Feind aus Chambord, und die Heſſen eroberten fünf Geſchütze. Alle dieſe großen Gefechte waren eigentlich nur eine einzige Schlacht, die ſich durch vier Tage hin⸗ zog. Es that ein Jeder hierbei ſein Beſtes, aber der höchſte Ruhm gebührt für dieſes Mal den Hanſeaten und ihren Nachbaren, den Mecklenburgern. Beide leiſteten Unglaubliches, vorzüglich brachte die leichte Batterie Freſe, welche die Brigade unterſtützte, dem Feinde be⸗ deutende Verluſte bei. Welch ein kerniges Volk, dieſe Küſten⸗ bewohner! Mit Recht ſagt man von ihnen: Wo ſo Einer hin⸗ ſchlägt, da wächſt kein Gras! Die Franzoſen wiſſen davon zu berichten. Bis auf fünf⸗ hundert Schritte kamen ſie heran, wohl mancher fiel von ihren Schüſſen, aber die Rache blieb nicht aus. Wie eine Lawine her⸗ nieder praſſelt, ſo ſtürzten ſich die ſtarken Küſtenbewohner auf den Feind, aber ſie wurden umringt, in ihrer Minderzahl arg bedrängt, und hätten trotz ihres unglaublichen Heldenmuthes einen ſchweren Stand gehabt, wenn Deutſchland nicht ſeine Einigkeit be⸗ wieſen hätte. Die edlen Baiern waren es, die ihnen zu Hülfe kamen, ſie gingen vor, wie bei einer Parade. Vor ihnen ſtanden dichte Truppenmaſſen, die plötzlich ein mörderiſches Feuer eröffneten. Das kümmerte aber die Baiern nur wenig ſie gingen nur ein bißchen raſcher vor, und bald waren ſie mit den Franzoſen handgemein. Durch eine große nebermacht ſchlugen ſie ſich, bis Alles vor ihnen zerſtiebte. Als am Abend der Großherzog über das Schlachtfeld ritt, näherte er ſich der Batterie Freſe und zog vor ihr den Hut ab, gewiß eine ſchöne Huldigung, die ſolcher Tapferkeit gebracht wurde, aber ſie hatten Alle das größte Lob verdient, die Hanſeaten und die Bai⸗ ern ſtritten ſich nicht um den Lorbeer, denn Beiden war er gewiß, und wo die Geſchichte von der Schlacht bei Beaugency berichtet, wird ſie ihrer gedenken. Ganz ähnlich ging es in dem Walde Marchenoir, aber die Verluſte waren auch bedeutend. Die erſte Brigade der Baiern war furchtbar zuſammengeſchmolzen, und das ganze Tannſche — 298— 3 Korps wurde nach Orleans verlegt, um ihm die nothwendige Er⸗ gieſen holung nach ſo vielen Anſtrengungen zu gönnen. Die franzöſiſche geſond Artillerie hatte in dieſen Tagen ausnahmsweiſe gut geſchoſſen, führte . die bairiſchen Kanonen dagegen bewieſen ſich nicht dauerhaft ge⸗ von 4 . nug, und dadurch und aus ihrer ungeſtümen Tapferkeit erklären ſelber ſich dieſe enormen Verluſte. Dicer Am dreizehnten Dezember beſetzte der General Voigts— Rhetz fung mit den kühnen Hannoveranern die Stadt Blois, ohne Widerſtand wobei zu finden, und verfolgte von hier aus den Feind. Wieder gab es wurde eine ganze Reihe von Gefechten, und ein jeder Tag wurde durch neue und Wunder deutſcher Tapferkeit gefeiert. Die Hannoveraner ſchlugen lirte c ſich ihres alten Kriegsrufes würdig. Chanzy mußte die Hoff⸗ ſchen nung aufgeben, Paris zu befreien, und der unter Gambettas Veg Leitung ſtattfindende Kriegsrath beſchloß, daß er ſich auf die. le Mans zurückziehen ſolle. Mant Dies geſchah am ſiebzehnten Dezember, nachdem ſein Verſuch, achte die Loirebrücke zu ſprengen, vom zehnten Armeekorps vereitelt um worden war. Dieſes beſetzte Vendome faſt ohne Kampf, und bult verloren die Franzoſen auch hier mehrere Geſchütze. Der Groß⸗ dx herzog von Mecklenburg hatte nun wieder die Aufgabe, den Feind zug zu verfolgen, während der Feldmarſchall einen Theil ſeiner Armee ſther zurückhielt, um die Bewegungen des Feindes, der unter Bourbaki's ſan Leitung von Gien herkam, zu beobachten. h Vorp und; ſen Fran Gent Die Nordarmee. güt Wir ſind bisher der Armee des Prinzen Friedrich Karl ge⸗ ₰ folgt, doch ſind es nicht deſſen Kriegsthaten allein, welche 8 dieſen Feldzug verherrlichten. Nach der Kapitulation von Metz u war jene bedeutende Heeresmaſſe, welche zur Belagerung der 6 dige Er⸗ nzöſſche ſchoſſen haft ge⸗ erlläten —hetz derſund gob es ch neue ſchlugen mbettus auf die Verſuch vereitelt ſ und Groß⸗ en ßeind r emee urbali ſurl ge welche — 299— Rieſenfeſtung verwandt worden war, in zwei große Abtheilungen geſondert werden, deren eine der Feld⸗Marſchall nach der Loire führte und deren andere ſich unter der Oberleitung des Generals von Manteuffel nach dem Norden Frankreichs hin wendete. Metz ſelber blieb natürlich beſetzt, bald darauf wurde auch die Feſtung Diedenhofen, franzöſiſch Thionville genannt, nach kurzer Beſchie⸗ ßung dem Belagerungskorps des Generals von Kameke übergeben, wobei zweihundert Geſchütze und viertauſend Gefangene gewonnen wurden, und jetzt ging dieſes Belagerungskorps nach Möziéres, und wieder ein anderes nach Fère. Dieſe letztere Feſtung kapitu⸗ lirte am achtundzwanzigſten November, und damit war den deut⸗ ſchen Truppen die Eiſenbahn nach Laon geöffnet, und ſomit der Weg von Belgien nach Paris freigegeben. Jetzt, wo ihr Rücken gedeckt war, konnten die Generale von Manteuffel mit dem erſten Armeekorps und von Goeben mit dem achten Korps nach Amiens marſchiren, wo ſich die ſogenannte Nord⸗ Armee der Franzoſen befand. Dieſe ſtand anfangs unter Bour⸗ bakis Befehlen, als dieſer jedoch mit Chanzy zuſammen Aurelles de Paladine an der Loire erſetzen mußte, erhielt der ehemalige Fregatten⸗Kapitain Faurés ſeine Stelle. Es wurde von franzöſi⸗ ſcher Seite her behauptet, dieſe Armee ſei hunderttauſend Mann ſtark, wozu denn freilich auch vierzigtauſend Mann mobiliſirte Na⸗ tionalgarden unter General Eſtancelin zu rechnen ſind. Schon am dreiundzwanzigſten November begannen einzelne Vorpoſtengefechte bei Le Quesnell in der Nähe der Stadt Amiens, und folgenden Tages ſchlug man ſich bei Amiens ſelbſt mit gro⸗ ßem Eifer und günſtigem Erfolge für unſere Waffen. Aber die Franzoſen wurden durch dieſes erſte Mißgeſchick noch lange nicht klug gemacht, denn ſchon am ſiebenundzwanzigſten boten ſie dem General von Manteuffel eine Schlacht an. Es war zu ihrem Un⸗ glück. Die Generale von Manteuffel und von Goeben nahmen den Streit auf der ganzen Linie zwiſchen der Celle und der Somme auf, und beide Flüſſe färbten ſich purpurroth von Blut. Bei Amiens hatte der Feind ein verſchanztes Lager errichtet, doch beſaß er hier wenig Kavallerie, während unſere leichten Rei⸗ ter, das ebene Terrain benutzend, ihnen furchtbaren Schaden zu⸗ — 300— fügten. Doch kämpften die Franzoſen gut, und wenn ſie dennoch den Kürzeren zogen, ſo lag dies noch mehr an dem Ungeſchic der Offiziere als an dem Muthe der republikaniſchen Soldaten. Es waren zwei Korps aufgeſtellt, eins bei Amiens und das andere bei Corbie, beide waren zuſammen über vierzigtauſend Mann ſtark, aber dennoch widerſtanden ſie nicht den ſchwächeren Deutſchen, deren Züge aus jedem Hinterhalt hervorſchoſſen, deren Artillerie immer ſicher traf, und deren vierundvierzigſtes Regiment die Schanze bei Villiers Bretonneux mit dem Bajonnett nahm. Die Verluſte dieſes Tages waren aber auch höchſt bedeutend. Die deutſchen Armeen verloren nicht weniger als eintauſenddrei⸗ hundert Mann, und die Franzoſen dreitauſend Soldaten, neun Geſchütze und zwei Fahnen. Da ſich aber ein Theil der Feinde in ſein verſchanztes Lager zurückgezogen hatte, ſo vereinigte der General von Manteuffel ſeine Truppen noch näher um Amiens, um ſie daraus zn vertreiben. Es war jedoch dies Mal nur ein kurzes Infanteriegefecht nöthig, damit die Nord⸗Armee klein beigab, ſie zog ſich zurück, und ein kleiner zurückgebliebener Reſt kapitulirte, elf Offiziere, vierhundert Mann und dreißig Geſchütze nebſt bedeu⸗ tendem Kriegsmaterial fielen den Siegern anheim. Was nun von den Franzoſen bisher entkommen war, das wurde in der Richtung auf Arras hin verfolgt, wobei die dent⸗ ſche Nordarmee ſich immer weiter auf Rouen zu bewegte. Dieſe Stadt iſt eine der bedeutendſten im nördlichen Frankreich. Hier war es, wo die Jungfrau von Orleans den bittern Undank ihres Königs erleben mußte, dem ſie ſein Reich erhalten und die Krone auf ſein Haupt geſetzt hatte. Sie war in die Hände der Englän⸗ der und Burgunder gefallen, und dieſe ließen ſie grauſam hinrich⸗ ten, ohne daß Karl der Siebente etwas zu ihrer Rettung gethan hätte. Jetzt war die Stadt von einem vierzigtauſend Mann ſtarken Korps beſetzt, das aber bei der Annäherung der Deutſchen ſeine Vorpoſten ſehr vorſichtig zurückzog. Am vierten Dezember erſt erreichte der General von Göben ein feindliches Korps bei Forges und Buchy, warf es über den Haufen und nahm ihm elf Offiziere und vierhundert unverwundete Soldaten ab. Dieſe Märſche und ſchon dieſe ein Ru meiſt ſ und be L vielleich Der C der Fe Göben Gefahr marſch ſcch be Die D noch e legt w Mante Frane brauch Nicht bahna diente Roße ſchley war i huun und y durch Thier Feſtu ſinn 6 ſolten loren ſchiät dennoch ngſſchie ldaten. und das gtauſend wächeren n deren Regment nahm. edeutend. ſenddrei⸗ n neun 3 ßeinde nigte der Aniens nr ein nbeigab, pitulirte, ſt beder⸗ vat du die dent⸗ . Dieſe ihres — 301— dieſe Gefechte hatten aber die Truppen furchtbar angegriffen, und ein Ruhetag ſchien ihnen dringend nothwendig. Das Wetter war meiſt ſchlecht, und in dem ſchweren Boden litt das Schuhwerk und bedurfte ſehr der Ausbeſſerung. Wie war es aber möglich, ſich der Ruhe hinzugeben, wenn vielleicht der nächſte Augenblick ſchon wieder neue Gefahren brachte? Der General von Manteuffel beſchloß die Stellung und Stärke der Feinde auszuforſchen, und ſchickte das achte Armeekorps unter Göben den Höhenzug entlang, während das erſte in beſtändiger Gefahr eines Ueberfalls nur langſam durch das unebene Terrain marſchirte. Wie ſie indeſſen den Feind erblickten, da befand er ſtch bereits im vollen Abzuge vor den herannahenden Siegern. Die Deutſchen folgten ſchnell nach, und General non Göben beſetzte noch an demſelben Tage Rouen, wohin ſtarke Detachements ver⸗ legt wurden. Am ſechsten Dezember hielt auch der General von Manteuffel daſelbſt ſeinen Einzug und fand in den von den Franzoſen verlaſſenen Verſchanzungen noch acht ſchwere und ganz brauchbare Geſchütze vor. Am neunten wurde nun auch di⸗ Hafenſtadt Dieppe beſetzt. Nicht weit von Amiens war ein Theil der dritten preußiſchen Feldeiſen⸗ bahnabtheilung bei Ham beſchäftigt und fünfzig Mann Infanterie dienten zur Bewachung und zum Schutz. Doch plötzich fiel eine große Uebermacht von Franzoſen über die Argloſen her, und ſchleppte alle dieſe Leute mit ſich fort in die Gefangenſchaft. Das war ihnen denn nach ſo vielen Niederlagen eine großartige Genug⸗ thuung, ſie hatten doch nun auch gefangene Preußen aufzuweiſen und prahlten nicht wenig damit. Die armen Menſchen wurden durch ganz Frankreich geſchleppt und angeſtaunt, als ob ſie wilde Thiere wären. Ueberall, wo ſie raſteten, ſperrte man ſie in Feſtungen ein, wo ſie in den für die gemeinſten Verbrecher be⸗ ſtimmten Gefängniſſen liegen mußten. Ein Glück, daß dieſe Leiden nicht von langer Dauer ſein ſollten. Weil der General Faurés die Schlacht bei Amiens ver⸗ loren hatte, nahm Gambetta auch ihm das Kommando fort und ſchickte ihn zu der bretagner Mobilgarde, bei welcher Keratry auch ſchon geweſen war. Statt ſeiner wurde nun Faidherbe Höchſt⸗ — 30— kommandirender der Nordarmee. Dieſer hatte ſich ſchon früher in den franzöſiſchen Kolonien als ſehr energiſch bewieſen und ſchien auch jetzt dem guten Rufe, welcher ihm vorausging, Ehre machen zu wollen, es kam wenigſtens etwas mehr Zug in die ſchlappe Kriegsführung hinein, und ſelbſt die Deutſchen freuten ſich, daß ihnen die Feinde doch ſtanden und ſie nicht beſtändig genöthigt waren hinter ihnen her zu laufen. Mit großem Eifer vervollſtändigte Faidherbe ſein Heer und brachte es auf ſechszigtauſend Mann, darunter waren alte aus⸗ gediente Soldaten und viele Marinetruppen, auf die wohl noch am meiſten zu zählen war. Der General von Goeben zog ihm mit dem rheiniſchen Armeekorps entgegen und fand ihn bei der Brücke von Noyelles bei Querrieux. Das war eine Freude, als der ſchon lange geſuchte Feind nun endlich gefunden war. So lange nämlich Faidherbe noch an der Verſtärkung ſeiner Streit⸗ kräfte arbeitete, war er den Preußen vorſichtig ausgewichen, und vielleicht war es ihm auch jetzt nicht ſehr angenehm daß fie ihm gegenübertraten. Ueber die Somme hatten die Pioniere eine Brücke geſchlagen, weil die beſtehenden von den Franzoſen zerſtört worden waren. Ueber dieſe neue ging es auf v Hallu zu. Der General Faidherbe hatte ſich eine überaus günſtige Stellung ausgeſucht und mochte ſich wohl für unüberwindlich halten. Seine Flanke lehnte an die Somme, die Anhöhen, welche er beſet hielt, beherrſchten die ganze Gegend, und die vor ihm liegenden drei Dörfer waren ſtark verbarrikadirt. Dazu beſaß er fünfzig ſehr gute Geſchütze, und ſeine Marineſoldaten verſtanden ſich ganz wacker auf das Schießen. Dagegen hatte die preußiſche neunundzwanzigſte Brigade die un⸗ angenehme Aufgabe, die Dörfer Querrieux, Pont⸗Noyelles, Daours und Buſſy unter dem Kartätſchenregen dieſer Geſchütze zu nehmen und zu halten und dann die Höhen zu ſtürmen, auf welchen der Feind ſich befand. Die Dreiunddreißiger und die Fünfundſechsziger ſetzten ſich unter dem Schutze ihrer Artillerie in Bewegung. Da kracht plötzlich ein Schuß mitten unter fie hinein, und zehn Mann ſtürzen zu Boden.— Dorf im ein! ter, dreiw Mal Stüc allen den das hier ſten ſch an 9 wito und Fau Naf ein hat ße n Ziebt iieht fum und der in ftüher en und g Chre in die freuten eſtänig eer und lte aus⸗ ohl noch og ihn bei der de, als ar So Streit⸗ en, und ſie ihn ſchlagen nwaren. eidhecb⸗ d nocht e an die chten de ren furk e und Stjhn edie un⸗ nhnin elchen. zige ſeh — 303— Aber weiter, nur weiter ſo ſchnell als möglich, auf das Dorf los. In aller Eile werden hundert Gefangene gemacht und dann im Laufſchritt vorwärts. Ueber einen Bach geht es im Sprunge, ein Hagel von Chaſſepotkugeln fällt dicht wie Gewitteregen herun⸗ ter, denn der Feind will ſeine Dörfer nicht aufgeben, wird aber dreimal wieder zurückgeſchlagen und verſucht es nicht zum vierten Mal. In den Straßen krepiren die Granaten, und pfundſchwere Stücke Eiſen fahren in die Häuſer hinein. Jetzt brennt es an allen Ecken und Enden, und in das Donnern der Geſchütze, in den ſauſenden Ton der herniederziſchenden Geſchoſſe miſcht ſich das jammervolle Gewimmer verbrennender Hammel und Kühe. Und Schuß auf Schuß! Die ſchweren Zuckerhüte platzen hier und da, die Männer werfen ſich auf die Erde, um der ärg⸗ ſten Gefahr zu entgehen und ſpringen wieder empor und ſtürzen ſich wieder auf's Neue in den Kampf. Hier ringen ſie Mann an Mann, dann ſtürzen ſie einander in den Fluß lund ſinken oft mitſammen unter. Jetzt ſammelt ſich der Feind bei Pont⸗Noyalles und bricht in drei Linien hervor. Sie kämpfen mit dem Bajonnett, ſie würgen ſich mit der Fauſt, fünfmal dringen die Franzoſen in die Häuſer ein, fünf Mal werden ſie hinausgeworfen, das ganze Dorf iſt nur noch ein Flammenmeer, und die Soldaten gleichen den Teufeln, ſo hat ſie der Rauch geſchwärzt, ſo hat ſie das Blut entſtellt, denn ſie waten buchſtäblich in Blut, die Aufregung iſt fürchterlich, es giebt keine Schonung mehr und keine Gnade. Da rückt die Reſerve heran, und vor dieſen friſchen Truppen zieht ſich der General Faidherbe zurück, der Kanonendonner ver⸗ ſtummt, die Franzoſen haben Manteuffels Teufel kennen gelernt. Tauſend Gefangene fielen in die Hände der Sieger, und der nächſte Tag brachte neue hinzu, als die Franzoſen ihren Rückzug durch einige Gefechte zu decken ſuchten. Sie zogen auf Arras und Cambray zurück, um in den Schutz des Feſtungsvierecks an der belgiſchen Grenze zu kommen. Dieſes Feſtungsviereck wird gebildet durch Cambray, Valen⸗ eiennes an der Schelde, Arras und Douai an der Searpe, ſüd⸗ —— 304— lich davon liegt noch die kleine Feſtung Peronne, und im Norden der große Waffenplatz Lille, wo ſich die Stränge der bedeutend⸗ ſten Eiſenbahnen vereinigen. Hier ſammelte Faidherbe ſeine Truppen und zog neue heran, aber er erfuhr auch, was er vor⸗ her nicht gewußt oder nicht geglaubt hatte, die gänzliche Schwä⸗ chung der franzöſiſchen Streitkräfte. Am vierzehnten Dezember hatte Montmédy kapitulirt und fünfundſechszig Geſchütze und dreitauſend Mann ausgeliefert, am zweiten Januar ergab ſich Mezières mit hundertundſechszig Ge⸗ ſchützen und zweitauſend Mann, an verſchiedenen Orten hatten die Franzoſen durch kleinere Gefechte Mannſchaften und Kanonen verloren, ſo bei Louppré, wo der Oberſtlieutenant Peſtel mit ſeinen Ulanen den Mobilgarden drei Fahnen, zehn Offiziere und zweihundertunddreißig Mann abjagte, während ihm ſelber nur ſechs Mann verwundet wurden. Am ein und dreißigſten Dezember hatten fünf Bataillone der erſten Diviſion von Rouen aus einen Vorſtoß auf das linke Seine⸗ ufer gegen ſtarke aus der Gegend von Briare vorgehende feindliche Streitkräfte gemacht. Vor dem feurigen Angriff der Preußen warfen ſie ſich in das feſte Schloß Robert der Teufel hinein, doch die Deutſchen ſtürmten dagegen und eroberten dieſes feſtungs⸗ ähnliche Gebäude. Die Franzoſen verloren ſehr viel Leute dabei, darunter das Oberhaupt der dortigen Franktireurs, und hundert Gefangene. Es war dies einer der kühnſten Streiche, denn, um das Schloß zu ſtürmen, hatten ſie keine Kanonen und gingen mit Flinten und Säbeln darauf los. So war das Jahr 1870 für die Nordarmee zu Ende gegangen. Wie mancher brave Soldat hatte gehofft, das Weihnachtsfeſt im Kreiſe der Seinigen feiern zu können und ruhte nun ſchon ſtarr und kalt in der franzöſiſchen Erde, wie manche Mutter be⸗ reitete ihren fernen Liebling eine Gabe, auf die ſein letzter ſter⸗ bender Blick noch weilte, ehe er ſein Auge für immer dem Lichte der Welt verſchloß. Die Manteuffelſche Armee hatte keine Zeit, Feſte zu feiern, ſie ſchmückte keinen Baum, ſie hatte kein Weihnachtslicht, und nur dar unt röh ſich Fti Alt ein Wo fehl fel ne ſen doch S von ſchle dit nh bar ſorden utend⸗ ſeine r vor⸗ und rt, am ig Se⸗ hatten anonen el mit fiere ſilbe one der Seint⸗ wdlche ßreußen hinein eſung⸗ dabei hudert 5 m. n n en 0 fü niſfiſ n ſchon ter be⸗ et ſter⸗ n Lh — 305— die unheimlichen Flammen brennender Dörfer leuchteten in der Chriſtnacht. Auch die Liebesgaben, die ſonſt in ſo üppiger Fülle aus der Heimat eintrafen, konnten ſie nicht erreichen, denn da Faidherbe grade den vier und zwanzigſten Dezember dazu erwählt hatte, um von Amiens fort nach Arras zu gehen, ſo waren die deutſchen Truppen genöthigt, ihm ſchnell zu folgen und ihm wo möglich den Vorſprung abzugewinnen. Die beiden Feſttage waren denn unter anſtrengenden Mär⸗ ſchen und kurzer Raſt vorübergerauſcht, kaum daß man Zeit hatte, daran zu denken, wie ſchön jetzt daheim der Baum geſchmückt war und wie die Kinder jubelten, und wie die Bratäpfel in der Ofen⸗ röhre dufteten. O, daran denkt man wohl, wenn es kalt iſt und die Woh⸗ nung eben auch nicht die beſte ſein kann, und man denkt auch an die Freunde, die todt oder verwundet in Amiens zurückbleiben, wihrend man weiter muß und Gott allein wiſſen kann, ob man ſich jemals wieder an dem heiligen Abend erfreut. Am erſten Feiertage gab es denn doch wenigſtens eine Freude. Die Stadt Albert wurde genommen und eine Anzahl von Gefangenen wurde eingebracht, dann ging es weiter Am zweiten Feſttage gelangte die Nord⸗Armee nach Bapaume, wo geraſtet wurde, was auch ſehr noth that. An kleineren Gefechten fehlte es aber auch dabei nicht, wie wir das bei Robert den Teu. fel ſchon erwähnt haben, auch wurden faſt fortwährend Gefange⸗ ne eingebracht, die ſich zum größten Theil freiwillig ſtellten, weil ſie wohl einſahen, daß ſie unter Faidherbes ſtrengem Kommando doch dem gewiſſen Tode entgegengingen Doch erſt im neuen Jahre kam es wieder zu einer entſcheidenden Schlacht, die neun Stunden lang dauerte, es war die bei Bapaume, von der wir unſeren verehrten Leſern ſpäter berichten werden, ſie ſchloß ſich w rdig an die übrigen Siege unſerer braven Truppen, der Oſtpreußen und Rheinländer an, die ſich wahrhaft groß zeigten, nicht nur in dem Feuer der Kartätſchen, ſonden auch in der wunder⸗ baren Ausdauer, mit welcher ſie die härteſten Straazen ertruger. Die Kälte war jetzt bercits anf neun Grad geſtiegen, die D. V. Th. II. 20 — 306— Wege waren mit Schnee bedeckt, und wo Waſſer geſtanden hatte ging man wie auf einer Spiegelglätte, dazu flohen die Landleute, ſobald ſie die Soldaten nur von ferne ſahen und vergruben lieber ihre Lebensmittel, als daß ſie davon abgegeben hätten, ſelbſt für ſchweres Geld war oft kein Stückchen Speck zu haben, und wollte man ſich nur eine Suppe kochen, ſo war das Holz der Wälder ſo naß von Schnee, daß es nicht brannte. Die Klei⸗ der waren ſchon ſeit langer Zeit nicht gewechſelt worden, und litten ſtark von Schmutz und... Ungeziefer, das Hemd konnte nicht gewaſchen werden, weil die Bäche eingefroren waren und die Zeit beſtändig zu knapp war⸗ um ſich an eine Wäſcherin zu wenden, die Strümpfe waren an Hacken und Zehen offen und was das Schlimmſte war, der Magen knurrte oft vergeblich nach einem tüchtigen Stück gut zubereiteten Fleiſches. Jetzt aß man es halb gar aus dem allgemeinen Kochtopf heraus, ohne Meſſer und Gabel und mit Pulver ſtatt des Salzes und Pfeffers. Aber bei all dieſen Leiden ſank niemals der gute Muth der Oſtpreußen und Rheinländer, wußten ſie doch⸗ daß es nicht anders ſein konnte, und daß es bald beſſer werden würde. Das wunderbare Gefühl, zu ſiegen und dem Vaterlande Ruhm und Ehre und Freiheit zu erringen, half über alle Unbequemlichkeit hinweg, und ein Gedanke an die Franzoſen genügte, um jede Klage verſtummen zu machen. Wie mußten ſie nothleiden, die ſo wenig an Kälte gewöhnt ſind geſchlagen und immer geſchlagen zu ſein! 35. Kapitel. Im Walde von Marchenoir. Geſchlagen und immer wieder geſchlagen! Der Mann, der 1 vas rief ſtarrte mit dem Blick der Verzweiflung vor ſich hin. Da 1 lag ein Haufen von Leichen wild übereinander geworfen, es und die das troſtloſe Gefühl niederdrückte. waren gattur Leiche weitee glück ihn ſi Schlin ſchen ja ging geſteh hairi ſo 9 ande glor reich dun die legt om als woll Vir Köt n hatte ndleute, tgruben htten, haben, s Holz die Klei⸗ en, und lonnte ren und hetin zu nd was ach einen gochoyj E der gut Nß e⁵ en würde. de Ruhm ueniht ſ Klngt ſo weniß decril waren ſechs oder fieben, lauter Franzoſen und von allen Waffen⸗ gattungen, dort verröchelten ein Paar Verwundete und wieder Leichen, immer und immer wieder, ſo weit ſein Auge blickte, ein weites, unabſehbar weites Feld, beſät mit den Söhnen des un⸗ glücklichen Landes. Dort aber in dem Walde von Marchenoir, ihn ſchauderte, es zu denken, und dennoch war das nicht das Schlimmſte... o die Gefangenen, die er hatte hinwegziehen ſehen, die Einen ſtill verdroſſen, die andern tanzend und lachend, ja, ſie lachten, tanzten, indeſſen ihr Vaterland zu Grunde Bing Und er lebte noch und hatte doch den Tod ſo heiß herbei⸗ gefleht! O warum verſchonten nur ihn die immer ſicher zielenden bairiſchen Kugeln, warum durfte er nicht auch daliegen ſo ſtill ſo gefühllos, ſo fertig mit allen Qualen dieſes Daſeins! Ein anderer Offizier trat zu ihm heran. — Ich gratulire, Oberſt Herrmann, fragte er, Sie haben ſich glorreich gehalten, was wir heute gerettet haben, verdankt Frank⸗ reich vorzüglich Ihnen. — und was haben wir gerettet? ſagte der Graue mit dumpfer Stimme, die Schande, die ſich an unſere Ferſen hängt, die wir ſchon allzu oft den Siegern gezeigt haben. — Sie nehmen die Sache zu ernſthaft, Herr Oberſt, was liegt denn an dem bischen Waffenruhm, auf die Sache ſelber kommt es an, und die liegt in guten Händen. — In Gambettas Händen, der dieſen Tag der Schmach als einen glorreichen Sieg verkünden wird. O, Rellac, Rellac, wollen wir uns denn ſelber täuſchen, ſo wie er Frankreich täuſcht? Wir ſind verloren und mögen Gott danken, wenn der preußiſche König ſich nicht unſeres ganzen Landes bemächtigt. — Was fällt Ihnen ein? Das republikaniſche Frankreich iſt unbezwinglich, es müſſen ihm Krieger aus der Erde herauswach⸗ ſen, wenn es ſeiner Söhne bedarf. Dazu iſt Gambetta der rechte Mann, Sie ſehen welcher Geſchwindigkeit er neue Heere ſchafft. — O ja, aber dieſe Heere beſtehen aus unexerzirten Leuten, 20* — 308— die nicht vor dem Feinde Stand halten, während die Deut⸗ ſchen. — Es geziemt uns nicht, die Feinde des Vaterlandes zu loben, Herr Oberſt. — Und dennoch leben wir durch ihre Gnade. Wiſſen Sie, was mir geſchah? Ich ſtürzte mich mitten unter meine Leute, als ich ſie fliehen ſah, ich hieb mit der flachen Klinge auf die Feig⸗ linge ein, ich zwang ſie wieder in das Feuer zurückzugehen. — Wir wiſſen das, die ganze Armee erkennt Ihre Tapfer⸗ keit und Ihre Hingebung an. — Was liegt mir an deſer Anerkennung. Mitten in meinen Bemühungen ſah ich mich gegen eine Batterie der Feinde vorge⸗ drängt, aber dieſe Batterie feuerte nicht, es mochte ein Schaden an den Geſchützen entſtanden ſein. Plötzlich warfen ſich die Be⸗ dienungsmannſchaften auf mich, ich bin umringt, ich fechte wie ein Verzweifelter, um nicht gefangen zu werden, nein, um zu ſterben. Da packt eine Fauſt mein Handgelenk, der Degen wird mir entwunden, ich ringe vergeblich, ich beſchimpfe die Feinde, damit ſie mich tödten... es iſt umſonſt! Ein junger Offizier tritt an mich heran. Schont ihn, Leute, ſagte er mit gelaſſener Stimme, ſolch eine Tapferkeit verdient, daß man ſie ehrt. Die Leute gehorchen ihm auf das Wort, kaum daß Einer auf meine Epauletten zeigt. Das thut nichts, ſagt der junge Mann, Ihr ſeht ja, daß die franzöſiſchen Offiziere uns nicht mehr Schaden verurſachen, als die Soldaten. Was hatte er für Urſache mich zu ſchonen? Es mag Unrecht ſein, aber hätten mich die Feinde nicht umringt und gehalten, ich wäre ihm an die Kehle geſprungen, ſo tief verletzte mich dieſer Ton der ruhigen Ueberlegenheit. Da naht ſich mir der Offizier, er zieht ſein Notizbuch heraus, als ob er ſich nicht inmitten der tobenden Schlacht, ſondern in einem Ballſaale befände, und giebt mir ſeine Karte. Nehmen Sie das ſagte er, es wäre mir eine Schande, wollte ich das Leben eines ſo heldenmüthigen Mannes nicht ſchonen, man wild Sie gefangen nehmen, doch wo Sie in Deutſchland Einem aus meiner Familie begegnen, da wird er Ihnen ſeinen Beiſtand nicht verſagen, wenn Sie ih und e binden die St zu Se wir p ſchoſſe o wie Lund vom doch erſpih büſche ich u chat den C Ung mein Gene iſt ve ſch i geber bewe ander gefan Schle zun der( und Gene fimn üſt e Deut⸗ des zu en Sie, ute, als e Feig⸗ . Tuyfer⸗ meinen vorge⸗ Schaden die Be⸗ chte wie um zu en wird ßeinde, Offjrt laſſenet Die f meine n Ihr Schaden he nic Frinde rungel it Du ls ob einem Sie das n nes fungen wenn — 309— Sie ihm dieſe Karte zeigen. Damit ſchrieb er einige Worte darauf und entfernte ſich. — Und wie entkamen Sie der Gefangenſchaft? — Wie durch ein Wunder. Ich glaubte, ſie würden mich binden, dber ſie thaten es nicht, ich wurde mit Anderen hinter die Schußlinie geführt, der Haufen vermehrte ſich von Sekunde zu Sekunde, der Schlachtendonner verſtummte endlich, da hören wir plötzlich ein Schießen, es waren die Deutſchen, welche Viktoria ſchoſſen. Gleich darauf blieſen die Trompeter einen Choral.... o wie gerne wäre ich bei ſeinen Tönen hinübergegangen in das Land des ewigen Friedens! Die Deutſchen zogen ihre Mützen vom Kopfe und falteten die Hände, ſie beteten... Rellac, wer doch ſo fromm beten könnte, wie ſie. Ich betete nicht, aber ich erſpihte den Augenblick, in einem Satze war ich hinter die Ge⸗ büſche, die voll von Schnee lagen und mich bedeckten, hier kroch ich unter die Dornenſträucher, ſie ritzten mich blutig, doch was that mir das? Nach einer Viertelſtunde zogen die Deutſchen mit den Gefangenen ab, ſie vermißten mich nicht, ich war gerettet, langſam ſchlich ich mich bis hierher, ich zweifle, ob von allen meinen Leuten auch ein einziger kampffähig iſt, zweifle, ob es dem General gelingen wird, das Heer wieder zu vervollſtändigen. — Nun ja, ich muß es ſchon zugeben, das Dorf Beaumont iſt verhängnißvoll für uns geweſen und unſere Soldaten haben ſich in den Marchenorr zurückdrängen laſſen, Beaugency iſt aufge⸗ geben, und der Großherzog von Mecklenburg verfolgt uns. Aber was beweiſen alle dieſe Thatſachen? Nichts, als daß wir es an einer andern Stelle ver uchen werden. Ich beklage gar nicht die Leute, welche gefangen nach Deutſchland geführt werden, das ſind nur die Schlacken unſerer Armee, die ohnedies zu nichts gut waren, als zum Kanonenfutter, über dieſe Mobilgarden freilich iſt dem Feinde der Sieg leicht, aber wir haben Kerntruppen, echte Republikaner, und die werden kämpfen und ſiegen. Folgen Sie mir zu dem General, Montalto, doch bitte ich Sie, daß Sie Niemand Ihr be⸗ kümmertes Geſicht zeigen. — Sollen wir die Armee täuſchen, wie Gambetta Frankreich täuſcht? — 310— — Wir ſollen ſie ermuthigen, und dazu iſt jedes Mittel gut. Doch, ſagen Sie mir, wie heißt jener Deutſche, dem Sie das Leben zu verdanken glauben? Der Herzog von Montalto zog die kleine Karte hervor und las die Worte: Ottomar, Graf von Iſſelhorſt, Sekondelieutenant bei der preußiſchen Artillerie. — Ach, ſagte er, ich kenne den Namen, er gehört zu meinen Verwandten. — Auch ich kenne ihn, fügte Rellac träumeriſch hinzu. Sonderbar, daß wir beide unſer Leben den Iſſelhorſts verdanken. Doch gleichviel, ich gehöre dem Vaterlande an, und ſollte mir ſelbſt Reinhold begegnen, ich würde ihn tödten, denn er iſt ein Feind Frankreichs. Als die beiden Offiziere in das Ouartier des General Chanzy kamen, fanden ſie dort große Aufregung über Gambettas eigenwilliges Benehmen. Die Niederlage bei Meung, Beaumont und Beaugency konnte nicht geleugnet werden, doch warfen die Offiziere alle Schuld an ihrem Unglück auf den Kriegsrath, welcher von Tours aus die Schlachten leiten wollte. Jetzt war der Befehl gekommen, Vendome aufzugeben und ſich auf Le Mans zurück zu ziehen. Wieder ſpuckte in Gambetta der Plan, hinter dem Rücken des Feldmarſchalls Friedrich Karl nach Paris zu gehen. Jeder Militair ſah die Unmöglichkeit ein und ſie Alle ſchäumten vor Wuth, bis auf Leo Rellac, welcher als echter Republikaner noch immer auf den Sieg hoffte, denn Gott, ſo glaubte er, könne ja die große Nation unmöglich ver⸗ laſſen. Doch mußte ſich die Regierung der Republik in Tours nicht mehr behaglich fühlen, ſeitdem Orleans zum zweiten Male und jetzt für die Dauer von den Deutſchen beſetzt worden war, die ſämmtlichen Herren begaben ſich nach Bordeaux, und nur Gam⸗ betta blieb noch da, um dem Schauplatz der Kriegsbegebenheiten, die er mit einem Winke ſeines Fingers lenken wollte, näher zu ſein. Er begab ſich ſogar ſelber zum General Ehanzy, verließ ihn jedoch Verk 2 zem A daten, reiche, hedürf welche zu re Vor dadu ſaßer hatt als liege dieſ dj ſch ten wa r und tenant winen hinzu. danken. ſte mir iſt ein Generul nbetas aumont rfen die th den ind nbet ich Karl hit ein welcher ſe, den ic ver⸗ —— — 311— jedoch noch vor der Niederlage bei Meung, die vorzüglich ſein Werk war, in der feſten Zuverſicht, daß Alles ſehr wohl ſtand. Dann ging er zu Bourbaki nach Nevers, jedoch nur zu kur⸗ zem Aufenthalt. Ueberall hielt er begeiſterte Reden an die Sol⸗ daten, ſchmeichelte ihrem Ehrgeiz, nannte ſie die Retter Frank⸗ reichs, verſicherte ihnen, das Vaterland ſei ſtolz auf ſie, und es bedürfe nur noch einer geringen Anſtrengung, um die Deutſchen, welche ohnedies des Kämpfens müde wären, über den Haufen zu rennen. Viele von den Soldaten hörten mit Vergnügen ſo ſchöne Worte, denn wer läßt ſich nicht gerne loben? Sie bekamen dadurch noch etwas mehr Hochmuth, als ſie ohnedies ſchon be⸗ ſaßen, und verachteten tief die Deutſchen, die ja gar kein Recht hatten, gegen ſie zu ſtreiten. Dabei aber ließen ſie nicht weniger als ſechstauſend verwundete Franzoſen ganz hilflos auf der Straße liegen. Die Meiſten waren ſchon verſchmachtet, als die Unſrigen dieſes Weges zogen, die Uebrigen wurden durch die Krankenträger aufgehoben und in die Lazarethe geſchafft. Dieſe armen Men⸗ ſchen hatten furchtbar gelitten. Zwar war Thauwetter eingetre⸗ ten, aber der Boden, auf oder vielmehr in welchem ſie lagen⸗ war eiskalt und naß. Nun denke man ſich dieſe hilfloſen Menſchen mit zerſchmet⸗ terten Gliedmaßen, gequält von Fieberhitze und brennendem Durſt, gefoltert von den gräßlichſten Leiden, die nur die Phantaſie zu erſinnen vermag, verlaſſen von ihren Brüdern, einem gewiſſen und qualvollen Tode entgegenſehend. Und jetzt, als die Hilfe er⸗ ſchien, küßten ſie die Hände, die ſie verbanden, ſie weinten Freu⸗ denthränen und ſegneten die guten Deutſchen! Nur wenige von ihnen wurden gerettet, möchten ſie es niemals vergeſſen, in wie edelmüthiger Weiſe unſere Landleute das Gebot der heiligen Schrift beobachteten: Liebe Deine Feinde, thue wohl Denen, Die Dich haſſen und verfolgen. Unterdeſſen ging der General von Voigts⸗Rhetz nach Tours und traf dabei auf etwa ſechstauſend Mobilgarden, die ſoga Kavallerie und Artillerie bei ſich hatten, doch konnten ſie ſeinem — 312— heftigen Angriff nicht widerſtehen, ſie löſten ſich in wilder Un⸗ ordnung auf und liefen bis hinter Unſere liebe Frau von Oö zurück. Auch an der Loirebrücke bei Tours zeigte ſich Widerſtand, der aber gleichfalls ſchnell genug beſeitigt werden konnte. Da nun atch feindſelige Abſichten in der Stadt ſelber ver⸗ muthet wurden. ſo flogen etwa dreißig Granaten hinein, die hier und da zündeten, jedoch die Einwohner, welche Gambettas feurige Reden mit ſo vielem Entzücken mit angehört hatten, ließen den Muth ſinken, ſobald ſie feurige Kartätſchen ziſchen hörten, der Bürgermeiſter kam mit den Räthen der Stadt heraus und bat flehentlich um Gnade und Schonung ja, um eine deutſche Be⸗ ſatzung, welche ſie gegen die Feindſeligkeiten der eigenen Lands⸗ leute ſchützen ſollte. Es war aber nicht die Abſicht der deutſchen Leiter des Krieges, dieſen noch tiefer in das Land hinein zu tragen, Tours wurde demnach nicht beſetzt, nur die Eiſenbahn wurde zerſtört, um die Zufuhr der Truppen und Lebensmittel zur Loire⸗Armee zu erſchweren, und dann kehrten die Sieger zurück und vereinigten ſich wieder mit ihren Gefährten, die nach Blois, Vendome und Herbault gingen. Das Hauptquartier war in Blois, und von hier aus leitete der Prinz und Generalfeldmarſchall Friedrich Karl die ferneren ſiegreichen Schlachten. Schon hatte Chanzy jede Möglichkeit aufgeben müſſen, Paris zur Hilfe zu kommen, und Bourbaki hatte aufgegeben, ihm von Nevers aus darin beizuſtehen, ſondern war nach dem Südoſten zu gegangen, um Garibaldi bei dem tollen Plan zu helfen, durch das Elſaß nach Deutſchland hinein zudringen Jetzt wäre es noch Zeit geweſen, dem Blutver⸗ gießen Einhalt zu thun, jetzt hätte noch viel Unglück verhindert werden können, aber Frankreich, dieſes unglückliche mißgeleitete Frank⸗ reich ſollte nicht nur bis an den Rand des Abgrunds gebracht wer⸗ den, es ſollte durch eigne Schuld den Kelch der Leiden bis auf die Hefe leeren, ehe es ſich ſeinen Beſiegern ergab. dre tri fre fe ilder Un⸗ von Oö iderſtand, lber ver⸗ die hier s feurige eßen den ten der und bat ſche Be⸗ Lands⸗ eiter des Tours zerſtürt re⸗Armee einigten m und ind von ih Kurl n) jede en, und zuſthen uldi bei ſchlond Blutver⸗ chindert uFun⸗ cht wel⸗ quf die 36. Kapitel. Der nächtliche Ueberfall. Wer die gute Laune nicht verloren hat, der hat nichts ver⸗ loren! ſo dachte wenigſtens Eugen von Iſſelhorſt, der jüngſte der drei Brüder, und wirklich, es war die friſche und ewig unge⸗ trübte Laune allein, die ſo viel Strapasen ertragen haff. Im Elſaß war der Kampf weit verſchieden von dem in den anderen franzöſiſchen Provinzen, dort hatte man es mit den Armeen und höchſtens noch mit Franktireurs zu thun, hier aber beſtanden die feindlichen Truppen aus dem gemeinſten Raubgeſindel, und ihre Anführer waren um nichts be ſſer als die Rinaldo Rinaldini's oder Fra Diavolo's der früheren Zeiten. Solchem Geſindel gegenüber fühlte ſich der junge Student nicht mehr als Soldat, ſondern eher wie ein Offizier der Polizei, die den Strolchen und Buſchkleppern nachſtöbert, er wußte es jetzt genau, daß er für das Studium der Rechtswiſſenſchaften berufen ſei, denn in ſeinem Innern verdonnerte er Garibaldi mit ſeinen Söhnen und allem, was drum und dran hing, in das guchthaus hinein. Oft ſchauderte es ihn vor dieſen Kerls mit den rothen Blouſen, die über und über vor Schmutz ſtarrten, die pechſchwarzen Haare dieſer Italiener flogen ihnen wie Schlangen um den Kopf, die dunklen Augen blitzten, und wenn ſie eben einem armen Sol⸗ daten, der an nichts Böſes dachte, das Lebenslicht ausgeblaſen hatten, nur allein um ihn zu beſtehlen, ſo tnieten ſie im nächſten Augenblick vor einem Kreuz am Wege nieder und ſchlugen ſich die Bruſt und weinten über ihre Sündhaſtigkeit. Ein Jeder trug ein bleiernes Muttergottesbild an dem Hute oder auf der Bruſt, das von Prieſterhand geweiht war. doch trotz dieſes Zeichens göttlicher Reinheit und Mide mordeten und plünderten ſie nach Herzensluſt. Nichts war ihnen heilig. Die — 314— Frauen und Jungfrauen verkrochen ſich vor ihrer viehiſchen Roh⸗ heit, ſo gut ſie es vermochten, mit den Bauern und ſelbſt mit den franzöſiſchen Soldaten waren ſie in beſtändigem Zank, und ſo wie ihnen die Wuthadern an den Schläfen anſchwollen, hatten ſie auch ſchon das Meſſer in der Hand, das ſie nach ihrem Geg⸗ ner warfen, und wo es hintraf, tödtete es auch. Gelang es ihnen, einen Gefangenen zu machen, ſo war er verloren, denn wenn ſie ſelbſt ſein Leben ſchonten, ſo fanden ſie doch ein teufliſches Vergnügen darin, ihn zu verſtümmeln, und oft fand man auf dem Schlachtfelde die Leichen mit abgeſchnitte⸗ nen Naſen und Ohren, jedenfalls aber waren alle Todte, die ſie antrafen, ihres letzten Hemdes beraubt. Das war es, was Eugen in ſo grenzenloſen Zorn verſetzte, und ihm einen wahren Haß gegen die Garibaldiner einflößte, ſeine eigene Naſe, ſeine eigenen Ohren waren ihm lieb, er wünſchte ſie zu behalten, und es drängte ihn, die ſeiner Kameraden zu rächen. Uebrigens, obgleich der junge Mann noch immer ſeinen friſchen Humor beſaß, ſo war er doch ſchon bedeutend ſtiller und geſetzter geworden. Man ſieht nicht ſo viele Leiden, ohne an den Ernſt des Lebens gemahnt zu werden, man iſt nicht beſtän⸗ dig von Todesgefahren umgeben, ohne das Leben von einer an⸗ deren Seite anzuſehen. Dazu war er Offizier und daher für die Sicherheit ſeiner Mannſchaft verantwortlich, das war für ſeinen leichten Sinn eine gute Schule, er wußte es wohl, und verſprach ſich, davon zu pro⸗ fitiren. In der Nacht zum neunzehnten November lag er mit ſeinen Leuten und anderen preußiſchen Truppen zu Chatillon im Quartier und ſchlief ſo ſüß, wie man im Felde ſelbſt unter dem Donner der Kanonen ſchlafen lernt. Plötzlich zupft etwas an ſeinem Bette, unmuthig dreht er ſich um, aber die Störung wird ſtärker. — Still, Mac! rief er, denn es war ſein Hund, der ihn erweckte. Dieſen Hund hatte er auf ſeltſame Weiſe bekommen. Ein Dorf, er wußte nicht einmal mehr welches, brannte an allen Gcen, winſel weiß, wäre geling nug dort ganz entger von dem ſpra laſſe gel! him ſpre Pfo abe mich Le — 8£ —— Roh⸗ ſt nit und hatten Geg⸗ ar er den ſe und hnitte⸗ ie ſie ſetzte ſlößte, nſchte en zu einen und eſän⸗ r an⸗ iner eine pr⸗ nit im dem an wird ihn — 315 Scken, er ſtand an einem Hauſe und hörte drinnen ein Kind winſeln. — Armer Wurm, dachte er, das verbrennt da, und Gott weiß, wo die Eltern ſind! Soll man's dadrin umkommen laſſen, es wäre doch niederträchtig, ich will mir den Balg holen, vielleicht gelingt es mir. Er ſah ſich um und entdeckte eine alte Leiter, die lang ge⸗ nug war, um damit in das erſte Stockwerk hinauf zu ſteigen, dort drückte er ein Fenſter ein und ſtieg in eine Stube, die ſchon ganz voll Qualm und Gluth war. Ein Hund bellte ihm heiſer entgegen und ſprang an ihm empor, er ſtieß ihn mit dem Fuße von ſich. — um Deinetwillen komme ich gerade, ſagte er. Schnell riß er das Kind aus dem Bette und eilte wieder dem Fenſter zu, aber der Hund wollte auch gerettet ſein, er ſprang auf das Fenſterbrett, und als er ſah, daß Eugen ihn da laſſen wollte, und weil die Leiter an den meiſten Sproſſen Man⸗ gel hatte, ſo daß ein Menſch mit großer Vorſicht, aber kein Hund hinunter kommen konnte, ſo entſchloß er ſich kurz und gut, und ſprang dem Offizier auf die Schulter, wo er ſich mit allen vier Pfoten feſtzuhalten ſuchte. Eugen mußte lachen.“ — Das iſt ein echter Franzoſe, dachte er, dreiſt und frechz aber ſteh nur feſt, Du ſollſt Dein Vertrauen nicht umſonſt in mich geſetzt haben. Glücklich kamen ſie unten an, und der Hund ſprang auf die Erde und bellte vor Vergnügen. Was aber nun mit dem Kinde anfangen? Das Gefecht dauerte noch fort, wie ſollte er ſeine Leute führen? Und es auf die Erde zu legen und ſeinem Schick⸗ ſal zu überlaſſen, das ſchien ihm doch auch unthunlich, denn es war kalt und naß. In dieſer Verlegenheit winkte er einem der Krankenträger und übergab ihm das. kleine Weſen, um es mit ſich in das nächſte Lazareth zu nehmen, der Hund aber blieb bei ihm, er ſtieß ihn von ſich, er ſchlug ihn, es war vergeblich, das Thier das übrigens Kar nicht ſcheu war, ließ nicht von ihm, zu dem Kinde fand ſich ſpäterhin die Mutter wieder und war überglück⸗ —— — 316— lich, es am Leben zu ſehen, der Hund aber betrachtete den jun⸗ gen Grafen als ſeinen Herrn, an dem er mit rührender Treue hing. Eugen wollte ihn los ſein, er gab ihm nichts zu eſſen und nur Schläge, und dennoch kehrte das dankbare Thier immer wie⸗ der zu ihm zurück. Endlich gewöhnte er ſich an ſeine Ge⸗ genwart, vorzüglich, da er ſich nützlich zu machen verſtand, denn wenn es an Lebensmitteln fehlte, dann ging Mac auf die Jagd und brachte wilde Enten und Hühner herbei. Jetzt aber war der Graf ärgerlich auf ihn, denn Mac hörte nicht auf, ihn zn zupfen, ohne doch dabei einen andern Ton, als ein leiſes Knurren von ſich zu geben, endlich ſprang er ſogar auf das Bett. — Verwünſchte Beſtie! rief Eugen und richtete ſich verdrieß⸗ lich empor, da vernahm er ein leiſes Knarren, und Mac ſprang hinunter und an die Thür. Jetzt wurde der Graf aufmerkſam, er hörte Geräuſch, es war ein Waffenklirren und Aechzen von Verwundeten. In einem Augenblicke war er in den Kleidern. Was konnte es ſein? Das Geräuſch wurde ſtärker, und Mae bellte in ſich hinein und ſprang an der Thür hinauf, die verſchloſſen war. Kein Zweifel mehr, hier galt es Verrath! In der That, das Landwehrbataillon Unna und zwei Schwadronen eines Reſerve⸗Huſarenregiments lagen in dem Städt⸗ chen einquartiert, und die Garibaldiner waren in der Nacht über ſie hergefallen und hatten ſie in ihren Betten erwürgt, damit das Geſchrei der Sterbenden ſie nicht verriethe. Aber verzweiflungsvoll ſetzten ſich die Deutſchen zur Wehre, es wurde ein furchtbares Gemetzel. Hier packte ein ſtarker Soldat den frechen Meuchelmörder nnd ſtieß ihn mit dem Kopfe voran zum Fenſter hinaus, dort er⸗ ſtickten drei italieniſche Mordbuben einen Unglücklichen unter einem Haufen Betten. Die Ei wohner von Ehatillon waren in den nie⸗ derträchtigen Plan mit eingeweiht und leiſteten ihm allen nur mög⸗ lichen Vorſchub, ſie ließen die Menſchen herein und verſchloſſen die Thüren, wenn die Preußen entfliehen wollten, ſelbſt Frauen und Kinder halfen bei den Mordſcenen und reichten den Kann en jun⸗ r Treue ſen und ner wie⸗ ne Ge⸗ d denn u9d und er Gruf en ohne ſch erdrieß⸗ ſprang es war einem Das ſprang l mehr dwei Stüdt⸗ cht ibet mit das Vrhre lnördet dort el⸗ er einem den nit⸗ ur nõg⸗ ſchoſſ ßrou onn — 317— len die Waffen, mit denen ſie den Schlafenden die Kehlen durch⸗ ſchnitten. Es war kein Haus, in dem nicht Blut gefloſſen wäre, es rann in den Betten, in den Zimmern, auf den Treppen, die Kin⸗ der krochen in die Winkel und fürchteten ſich, denn ſie hatten die deutſche Einquartierung lieb gehabt und haßten die Italiener, die ihnen Alles fortnahmen, und ſie nicht auf den Armen trugen oder auf ihren Pferden reiten ließen. Die Finſterniß der Herbſtnacht begünſtigte die Schandthat, wer konnte Feind oder Freund unterſcheiden? Ein furchtbares Getümmel, ein verzwweifelter Todesſchrei, ein gräßliches Röcheln, und dazwiſchen das teufliſche Gelächter der Mörder und italieni⸗ ſche Flüche, Waoffengeklirr und das Wiehern der Pferde, die die Gefahr zu ahnen ſchienen. Alles machte dieſe Nacht zu einer der ſchrecklichſten, die über dieſen Krieg herabgeſunken waren.. Eugen von Iſſelhorſt hörte den leiſe ſchleichenden Schritt der Banditen auf der Treppe, er nahm den Revolver und trat an das Fenſter, es lag im erſten Stockwerk, doch ſchien ihm die Höhe nicht zu bedeutend. Er ſtieg auf das Fenſterbrett und wartete, denn unter ihm ſah er die Blouſen der Italiener Da erſchallte es an ſeiner Thür, ein Hammerſchlag und ſie wich, drei Kerle traten herein und Mac ſprang ihnen bellend und beißend entgegen. Eugen wandte ſich um, er ſchoß drei Mal und traf ſicher, dann beſahl er ſeine Seele Gott und ſprang hinunter. Da waren die Seinigen ſchon im Handgemenge mit den Blouſenmän⸗ nern, die ſie umringten, er hatte noch vier Schüſſe in ſeinem Re⸗ volver, aufſpringen und ſie abfeuern, war das Werk einer Mi⸗ nute, er achtete es nicht, daß er ſich im Sturz verletzt hatte, daß er blutete, er nahm den Säbel und hieb um ſich, während er ſeinen Leuten Kommandoworte zurief. Fechtend zogen ſie ſich zurück, manch Einer ſtürzte auf das Pflaſter hin und benetzte es mit ſeinem rothen Blute, aber auch die Italiener fielen. Der Kampf war grimmig, die friſche Le⸗ bensluſt, die Todesfurcht fochten mit dem finſteren Haß. Endlich war der Ausgang des Ortes erreicht, jetzt galt es — 318— noch eine verzweifelte Anſtrengung, man mußte den Feinden jede Verfolgung verleiden, da kommandirte Eugen Halt! er ließ laden, unterdeſſen kamen die Meuchelmörder ganz dicht heran, da plötzlich eine Salve, und ſie fielen in ganzen Reihen, um nicht wieder aufzuſtehen. Jetzt ging es in Eile nach Schloß Vilain, und hier fanden ſich auch die Huſaren ein, aber welch ein Verluſt! Hundert und zwanzig Mann und ſiebenzig Pferde waren in Chatillon eingebüßt worden, und glücklich, wer dort als Leiche lag glücklich, wen nicht die Grauſamkeit der Welſchen noch marterte und verſtüm⸗ melte...! Garibaldi war außer ſich vor Vergnügen, als er dieſe Woffenthat ſeiner Landsleute vernahm, er berichtete darüber an Gambetta, der dieſen Sieg als einen ungeheuren Erfolg hin⸗ ſtellte und Garibaldi bis in den Himmel erhob, ganz Frankreich blickte nun auf den alten Stegreifritter und erwartete von ihm ſeine Befreiung, aber dem Meuche mörder ſchenkt Gott kein dauerndes Glück, die Strafe folgt dem Verbrechen auf dem Fuße, ſie ſollte auch hier nicht ausbleiben. Als Eugen ſich in Sicherheit befand, entſann er ſich ſeines Hundes, den er nach Mac Mahon, dem geſchlagenen Feldherrn, benannt hatte, um anzudeuten, daß er in ſeiner Zudringlichkeit ebenſo frech geweſen war, wie dieſer. Jetzt that es ihm leid um das Thier, denn offenbar wäre er in ſeinem Bette ermordet worden, wenn Mac ihn nicht erweckt hätte. Jetzt waren die Beiden miteinander quitt, Lebensrettung für Lebensrettung, die unfrei⸗ willig geleiſtete Wohlthat war reichlich vergolten worden, aber wo war Mac? Gewiß hatten ihn die Feinde getödtet, und der brave Hund büßte ſeine Treue mit dem Leben. Armer Mac, es war ein häßliches Thier, aber treu und ergeben, es hötten manche Men⸗ ſchen von ihm lernen können, er war im ganzen Regimente be⸗ liebt geweſen, gerade wie ſein Herr, den ſie nur den luſtigen Lieutenant nannten, und wurde jetzt von Allen betrauert. Nach dem ungeheureu Siege von Chatillon war dem alten Freiſchaarenführer Garibaldi ſehr der Muth gewachſen, zwar konnte er ſich kaum über die Beſchaffenheit des Geſindels täuſchen, welches er zu fi neue un einen ſ D Söhne waren machte zum und 1 eine r tröſtet heit laßt nicht von Nn beg die beſt mu er lar grẽ ½ „ inden jede ließ laden, da plößlich icht wieder ier fanden udert und eingbüßt cklich wen d verſtün⸗ n als er te darüber Frfolg hiu⸗ ßranfreich von ihm Foltt kein den Fuſ⸗ ſch ſowes ßeldhern, ninglhit leid um e ermordet die veiden die unftei aber 0 tavt oud war ein nche Vu⸗ nent b⸗ en uſigen — er zu führen die Ehre hatte, doch hoffte er, Gambetta würde ihm neue und beſſere Truppen ſchicken, ſobald er nur noch ein mal einen ſolchen Sieg errungen hätte. Dabin ging alſo von jetzt an ſein ganöes Beſtreben. Seine Söhne Menotti und Ricciotti ſowie ſein Schwiegerſohn Canzio waren unermüdlich im Einexerziren ihrer Soldaten, aber dieſen machte das Waoffenhandwerk nur dann Vergnügen, wenn ſie es Kechtsumkehrt zum Plündern und Stehlen benutzen konnten, das R und Vorwärts Marſch war ihnen dagegen ſehr verhaßt, und in eine regelmäßige Reihe waren ſie nicht zu bekommen. Garibaldi tröſtete ſich darüber. — Sie ſind wie die Löwen der Wüſte, ſagte er, ihre Wild⸗ heit iſt ihre Stärke, laßt ſie die Feinde im Sprunge erwürgen, laßt ſie Blut trinken und ihr Fleiſch zerreißen, ſie lieben darum nicht weniger die Republik, welche groß werden wird durch ſie. In dieſen überſpannten Gedanken führte er ſeine Banden von Pasques her auf die Deutſchen zu. Dieſe waren entſchloſſen. den nächtlichen Meuchelmord ön rächen und brannten vor Kampf⸗ begierde. Der General von Werder, einer der ausgezeichnetſten dieſes großen Krieges, ließ die Bewegungen des alten Italieners beſtändig beobachten und war auf ſeinem Angriff vorbereitet, er muſterte ſeine Leute, o ja, auf dieſe ſtrammen Burſchen konnte er ſich verlaſſen, die hielten ſchon aus, wenn die Rothhemden tamen. Auf Menotti Garibaldi herrſchte dabei unter ihnen der größte Haß, denn nachträglich war es herausgekommen. daß er der den Ueberfall zu Chatillon kommandirt. es geweſen war, r, der aus ſeinen Soldaten Banditen und Pfui über einen Offizie Strolche macht! Nimmermehr wird er einen wahren Sieg er⸗ ringen! 37. Kapitel. General von Werder. Die Nacht brach herein. Sie waren alle auf den Kampf gefaßt, aber ſie erwarteten ihn, wie es ſich gebührt, in freiem Felde, Mann gegen Mann. Es ſollte anders kommen, Garibaldi's Mordgeſellen ſcheuten das Licht des Tages, und gleich wilden Raubthieren, die nur Nachts auf Beute ausgehen, warfen ſie ſich auf das Füſilierbataillon des dritten badiſchen Regimentes. Es war eine ungeheuer überlegene Anzahl von Soldaten, ſie kamen in ihren rothen Blouſen, mit ihren Galgengeſichtern nicht wie ein geregeltes Heer, ſondern wie ein Rudel Wölfe von allen Seiten ſchreiend und tobend herbeigelaufen. Dieſer Uebermacht gegenüber konnten ſich die Badenſer nicht halten und zogen ſich zurück, wo ſie bei dem Bataillon Unger Unterſtützung fanden. Die Italiener folgten ihnen nach, aber jetzt ließen ſie die Deutſchen bis auf fünfzig Schritte herankommen und gaben ihnen dann eine ſo kräftige Salve, daß gleich die er⸗ ſten Reihen gelichtet wurden. Nun Schuß auf Schuß, ein knat⸗ terndes Kleingewehrfeuer, bis die Feinde wichen! Aber ſie kamen wieder, ihre Offiziere mit hoch erhobenen Säbeln voran, und wieder derſelbe Empfang und wieder der noch eiligere Rückzug. Dies geſchah zum dritten Male, doch ſchon verlangſamte ſich der Schritt der Rothhemden, ſchon wurde es den Offizieren bange um den Erfolg ihres ſo ſchlau ausgedachten Unternehmens. Und wirklich wagten ſie ſich nicht zum vierten Male heran, ſie warfen Gepäck und Waffen von ſich und entflohen in aller Eile, es war, als ob rothe Teufel über das Feld dahin jagten. Die Badenſer ſchickten ihnen Kugeln nach, ſo weit es ging, aber die Dunkelheit der Naht verhinderte eine weitere Verfolgung, und für dieſes Wal kamen die rettenden Helfer der franzöſſchen Republik noch mit einem blauen Ange davon. ein nu Le ger der zuſ wo 3a ein ten der we wa als len ſie ſen der neh ſen ſpr ampf reiem Udis ilden ſich 65 men eein eiten nicht ngel aber nmen e et⸗ tnat⸗ amtn und ug ſan zieren mens. ſie gunh i — Am folgenden Tage, es war am ſieben und zwanzigſten November, hatten ſich die Freiſchärler noch lange nicht ſo weit er⸗ holt, um einen erneuten Angriff zu wagen, doch grade das wollte der General von Werder benutzen, er wußte, daß ſie ſich in Un⸗ ordnung ja in Auflöſung befanden, er mußte jetzt, grade jetzt einen entſcheidenden Streich gegen ſie ausführen. Mit drei Brigaden ging er gegen ſie vor aber er erreichte nur die Arriöregarde bei Pasques. Freilich ſetzten ſich die Leute zur Wehre, was aber vermögen ungeregelte Truppen gegen geregelte und geſchulte Soldaten, denn man ſage was man will, der größte Heldenmuth richtet nichts aus, wo die Maſſen nicht zuſammenwirken, und dieſe Maſſenwirkung iſt nur da möglich wo jedes Glied ſich ſo genau in das Ganze einfügt, wie ſich die Zacken in dem Räderwerk einer Uhr in einander fügen, ſo daß eine einzige Kraft ſie alle zu bewegen vermag. Der Angriff der Deutſchen war nicht eben hitzig, denn der General von Werder hatte guten Grund, ſeine Leute zurückzuhal— ten, er hatte nämlich der Brigade Keller den Auftrag gegeben den Feind zu umgehen, und dieſe Bewegung ſollte erſt ausgeführt werden, ehe er ſelber ihr im Rücken angriff. Aber die deutſchen Soldaten hatten zu viel an den Freiſchaaren zu rächen, und dieſe waren noch von dem geſtrigen Empfange her zu ſehr erſchrocken, als daß der Plan ganz znur Ausführung kommen konnte. Die Garibaldiner kamen zu früh ins Laufen und liefen ſo ſchnell, daß die Brigade Keller zu ſpät kam Ganze Stunden weit war die Landſtraße mit Torniſtern, Waffen Munition und einer Menge zur Laſt gewordener geſtoh⸗ lenen Dinge wie beſäet, und wer Zeit und Luſt gehabt hätte, ſie aufzuleſen, der hätte ſich eine ganze Woffenſammlung anſchaf⸗ fen können, denn das gehörte mit unter die Eigenthümlichkeiten der Garibaldiſchen Truppen, daß ſie alle mit verſchiedenen Ge⸗ wehren ſchoſſen, die Gambetta nach und nach hatte ankaufen laſ⸗ ſen, die meiſten jedoch mochten engliſchen oder amerikaniſchen Ur⸗ ſprunges ſein. Das Korps war alſo bei Pasques gründlichſt geklopft wor⸗ D. V. Th. II. 21 — 322— den, obgleich es wohl zehntauſend Mann ſtark war und Artillerie und Kavallerie beſaß. Die Verluſte an Mannſchaften waren dabei höchſt bedeutend, denn an Todten und Verwundeten fand man wenigſtens fünfhundert. Im Anfange hielten ſie noch gut Stand, als aber einmal die Flucht begonnen hatte, da wurde ſie auch ſogleich allgemein, und nun war kein Halten mehr. Intereſſant ſah es aus, wie die Reiter davon eilten, man glaubte im Circus zu ſein, denn dieſe Leute trugen einen ſeltſamen Anzug, ſie hatten nämlich rothe Hemden, wie auch die Infanterie, aber darüber einen weiten weißen Burnuß, deſſen Kapuze über den Kopf gesogen wurde und deſſen Mantelſtück beim Fliehen hinter ihnen herwehte. Selbſt Garibaldi überwand ſein Gichtleiden und beſtieg das Pferd, um den Kampfzu leiten, das mag dem alten Manne große Schmerzen bereitet haben und er hatte keinen anderen Vortheil davon als den, ſeine Schande in der Nähe zu ſehen. Als es aber ſchief mit der Sache ging, da machte er ſich mit ſeinem Ge⸗ neralſtabe davon, um nicht etwa gefangen zu werden. Die Gefangenen waren aber dieſes Mal ganz beſonders gemiſcht, denn außerdem, daß Leute aller Nationen dabei waren, Polen und Ungarn, Spanier und Irländer, fand man auch eine junge Dame darunter, welche den für ihr Geſchlecht zwar recht kleidſamen aber doch unbequemen Anzug eines Alpenjägers trug. Die Leute fabelten, ſie ſei Menotti Garibaldi's Geliebte und folge ihm in jede Gefahr, jedenfalls war es eine Engländerin, und der General von Werder ſchickte dieſe eigenthümliche Feindin unſeres Volkes wieder in ihre Heimat zurück, wo ſie wahrſchein⸗ lich jetzt an ihren Kriegsabenteuern ſchreibt. Sie war übrigens nicht das einzige weibliche Weſen, welches für die Franzoſen die Waffen ergriff, es waren hier und da ſchon einige ſolche Dämchen aufgetaucht, denen zur Jungfrau von Orleans nichts fehlte, als der göttliche Beruf, ohne welchen die Frauen immer gut thun werden, das rauhe Kriegshandwerk den Männern zu überlaſſen. Auf deutſcher Seite zählte man in dieſem Strauß nur acht Todte und dreißig Verwundete, gewiß kein großer Verluſt für ſoli ten der geſl Kri em dor un ſei un g Eu vr me un m ders aren, eine recht igers und erin, indin chein⸗ igens n die nihl . als thun ſen. — 323— ſolch einen glänzenden Sieg. Die italieniſchen Freiſchaaren erhol⸗ ten ſich nicht ſobald wieder von ihrer Niederlage, und Garibaldi, der ſich mit all ſeiuen Leuten nach den Bergen der Còte d'or geflüchtet hatte, bat dringend um Verſtärkung ſeiner Armee, da er die Schuld ſeines Mißlingens nur allein dem Mangel an Soldaten zuſchrieb. Für die Deutſchen war es aber nicht gemüthlich, mitten im Kriege keinen Feind vor ſich zu haben, Eugen von Iſſelhorſt empfand gleich den Andern jenen Druck der Unthätigkeir, und doch war grade ihm eine Freude zu Theil geworden, denn am Tage nach dem Kampfe bei Pasques ſprang plötzlich Mac, ſein Hund, ihm entgegen. Das arme Vieh ſah elend aus, es hinkte auf einem Bein, und an der Seite hing ihm ein großer Fetzen Fleiſch herunter, ſein linkes Auge war faſt aus dem Kopfe heraus geſchlagen und mit dunklem Blute unterlaufen, dazu mußte er lange nichts gefreſſen haben, denn der Leib war faſt zum Gerippe abgezehrt. Eugen freute ſich über ſeinen Anblick, als hätte er einen lieben Freund wieder gefunden. — Nein, alter Junge, ſagte er, jetzt trennen wir uns nicht mehr, ich vergeſſe es nicht, daß du mir das Leben gerettet haſt, und zum Dank für deine Treue kaufe ich dir gleich eine Wurſt. Dies geſchah, obgleich die Marketender ſich für ale Lebens⸗ mittel enorme Preiſe bezahlen ließen, doch Gagen bezahlte gern, und Mae fraß noch lieber. Danach mußte ihn der Regimenisfeid⸗ ſcheer verbinden, und von jetzt an war der uſtige Lieutenant von ſeinem Hunde unzertrennlich, und Mac zeigle ſich nicht nur als treues ſondern auch als ein geleheiges Thier und erhetterte das ganze Regiment mit ſeinen Kunſtſtücken, die ihm manchen guten Biſſen einbrachten. Am achtzehnen Dezember kam es denn endlich wieder zu einem größeren Gefechte. Wieder waren es die Badenſer, welche ſich blucige Lorbeeren erkämpften, die ihnen ewig unvergeſſen beiben werden. 2.* — 324— Südlich von Dijon liegt das kleine Städtchen Nuits, welches kaum mehr als viertauſend Einwohner zählt. Dicht dahinter erhebt ſich ein Berg, der wohl dreihundert Fuß hoch iſt, und von deſſen Gipfel man die ganze Gegend und vorzüglich die Straße von Chalons überſieht. Oeſtlieh von Nuits geht ein Ei⸗ ſenbahndamm entlang und durch das tief eingeſchnittene Thal der Meuzin, und jenſeits erheben ſich die Gebirge. Hielt nun der Feind die Stadt und den Berg beſetzt, ſo ließ ſich ihm von der anderen Seite her kaum beikommen, weil es unmöglich war, das Thal unter einem Hagel von Granaten zu durchſchreiten. Zetzt hatte Genan dort eine Armee von etwa zwanzigtauſend Mann aufgeſtellt, Mobilgarden, Franktireurs und Freiſchärler, und achtzehn Geſchütze bedrohten die heranna⸗ henden Deutſchen. Der franzöſiſche General Cremer wollte auf das noch von den Unſrigen beſetzte Dijon zu marſchiren, doch wünſchte der General von Werder einen Straßenkampf in der engen und winkligen Stadt zu vermeiden und zog es vor, ihm entgegen zu gehen. Am Morgen um halb acht Uhr ſetzte ſich der Vortrab von Longwin aus in Marſch, doch bald fielen die erſten Schüſſe auf ihre Kavallerie. Im Park des Schloſſes zu Saulon la Rue ſaßen die Franzoſen und hielten ſich für ſehr ſicher, aber die neunte Kompagnie des Leib-Grenadierregiments vertrieb ſie bald genug und verfolgte ſie, doch von dem Walde von Boncourt aus wurden ſie mit einem heftigen Feuer empfangen, dennoch wurde das Dorf Saulon geſtürmt. Während deſſen gingen auch von La Berchere aus die Kompagnien des Bataillon Hoffmann aus und bildeten den linken Flügel, weiterhin das Bataillon Gemmingen und die neunte und zehnte Kompagnie vom Batail⸗ lon Betz. Wohl müſſen dieſe Truppentheile mit Namen aufgeführt werden, denn was ſie leiſteten iſt werth, in den Blättern der Geſchichte eingetragen zu ſein. Das Terrain war vom Regen gönzlich durchweicht, drüben ſtanden die Feinde, lauter friſche Truppen mit ganz neuen Hinterladungsgewehren, die ſie aber nicht genug zu brauchen wußten. Das koſtete furchtbare Opfer, n auf Rue r die hald court nnoch auch nann nillon teib ndet Regen friſche — 325— doch die Badenſer ertrugen ſie mit unerſchütterlichem Heldenmuthe. Wie ein Meer ſich gegen einen Felſen drängt, zurückſchäumt und immer wieder vorbricht, ſo brachen dieſe tapferen Krieger gegen die Feinde los. Schrecklich war der Kampf um den Eiſenbahndamm. Die Franzoſen gingen drei Mal vor und wurden immer wieder zu⸗ rückgeſchlagen, dann ging es auf Nuits zu. Es wurde geſtürmt tauſend Kugeln flogen den Deutſchen entgegen, aber ſie achteten es nicht mit einem jauchzenden Hurrah! drangen ſie in das Städtchen hinein und beſetzten es. Doch die Franzoſen ließen ſich nicht verjagen, es wurde in den Straßen gekämpft, das Blut ſpritzte an den Mauern empor, Knochenſp itter, weiße Gehirnmaſſe klebte an den Fenſterſcheiben, die Pflaſterſteine waren glatt und ſchlüpf⸗ rig von dem rothen Saft, der in Strömen darüber floß Sieben Stunden lang währte der Kampf, der Prinz Wilhelm von Baden wurde, zum Glück nur leicht, verwundet, ſchwerer der General von Glümer. Die Bravour der Badenſer war über alles Lob erhaben. Die Franzoſen kämpften mit Anſtrengung, doch mußten ſie der geiſtigen Uebermacht der Deutſchen weichen. Viele von ihren Offizieren waren gefallen, mit ihnen mehr als tauſend Soldaten, ſechszehn Offiziere und ſiebenhundert Mann geriethen in Gefan⸗ genſchaft. Ein großes Munitionsdepot fiel in die Hände der Sieger, zahlreiche Gewehre und Geſchütze wurden erobert, aber es waren auch viele, ſehr viele der kühnen Deutſchen gefallen, und überaus große Verluſte hatten namentlich die tapferen Ba⸗ denſer zu beklagen. Was hatte nun den Gegner ſeine vortrefflich gedeckte Stel⸗ lung genutzt? Er mußte weichen und vermochte ſich fürs Erſte nicht wieder zu erholen. Die deutſchen Soldaten feierten das Weinachtsfeſt und Neujahr in ſtiller Gemüthlichkeit und im Ge⸗ danken an die Lieben daheim und an ſo manchen treuen Freund⸗ der hier ſein Leben allzufrüh beſchloſſen hatte. Das macht die Herzen ſchwer, die Augen naß, doch lernt man, ſich in Gottes Willen fügen. Iſt es doch auch erhebend, iſt es doch über Al⸗ les herrlich, zu ſiegen und ſich dem Vaterland zu weihen. — Wo es irgend möglich war, da brannte der Ehriſtbaum, und hatte man auch nichts daran zu hängen, nun, ſo hing man den Tabaksbeutel, die Pfeife an ſeine grünen Zweige und putzte ſie mit Ketten und Schleifen von weißem Papier. Wo Liebes⸗ gaben ankamen oder wo die Feldpoſt Briefe brachte, da war es eine große Freude, doch wurde ſie nicht Allen zutheil, denn trotz⸗ dem die Veranſtaltungen vortrefflich waren, blieb es doch eine Unmöglichkeit, alle Briefe und Geſchenke rechtzeitig zu über⸗ mitteln. Die Beſetzung des Landes durch die feindlichen Armeen, mehr noch die beſtändigen Anfälle der Franktireurs, dann der Umſtand, daß viele Eiſenbahnen im Augenblicke ganz unfahrbar gemacht worden waren, Alles kam zuſammen, um dieſes Heer ſo gut wie von der Heimat abzuſchneiden, während da, wo die Bahnlinien ſich ganz in den Händen der Deutſchen befanden, die Briefe und Gaben leichter vermittelt wurden. Wie herzlich wünſcht man ſich Glück zum neuen Jahr, wenn man ſich mitten in der Todesgefahr befindet! Der Sylveſter⸗ abend wurde, wo es irgend anging, mit einem Punſch oder Glüh⸗ wein gefeiert, denn der Wein war es, der am wenigſten man⸗ gelte. Da ſchallte in der nächſten Nähe des Schlachtfeldes, in der beſtändigen Erwartung neuer Gefahren, manch' heiteres Lachen, da tönten die ſchönen deutſchen Volkslieder, und die Geſänge der Studenten wechſelten ab mit den kriegeriſchen, am lauteſten aber klang der Schluß des Liedes vom deutſchen Vaterland, und Badenſer und Norddeutſche jubelten Bruſt an Bruſt. ——— ———— N du ute bes⸗ res een, der bar Heer die die enn ſter⸗ lih⸗ nan⸗ in hen, inge ſten und 38. Kapitel. Liſette. Liſette hatte das Schloß verlaſſen, in welchem ſie für eine Racht freundliche Aufnahme gefunden und fuhr jetzt planlos durch das Land. Nach Paris hinein zu kommen, das war ihr höchſter Wunſch, denn obgleich in ihrer Gegenwart oft genug von der Noth erzählt worden war, welche ſchon jetzt dort herrſchte, ſo glaubte ſie doch nicht daran. Paris, das iſt für einen jeden Franzoſen der Himmel. Kann denn im Himmel Hungersnoth herrſchen, kann man da gezwungen ſein, ſich von Ratten zu ernähren? Unmöglich! Es iſt Alles Lüge, nur das iſt ewig wahr, daß es kein Vergnügen giebt, außer in Paris. Wie luſtig hatte ſich Liſette die Fahrt nach Berlin vorgeſtellt, wie hatte ſie ſchon im Voraus über die plumpen „deutſchen Frauen gelacht, die dumm genug ſind, ſich alle Moden aus Frankreich zu verſchreiben, und die dann kaum wiſſen, wie ſie dieſe Bänder und Schleifen und Kinkerlitzchen mit Anſtand zu tragen haben. Ach, es war eine bittere Enttäuſchung, als ſie ſich in Metz eingeſchloſſen ſah, und dennoch, was war Metz im Vergleiche zu ihrer jetigen Lage? Dort hatte ſie wenigſtens Alles, deſſen ſie bedurfte im Ueberfluß, reiche und vornehme Anbeter, Diener, Wagen und Pferde und täglich neue Zerſtreuungen. Aber jetzt! Sie fuhr allein die Landſtraße entlang, von Zeit zu Zeit ſprengten deutſche Truppen an ihr vorbei und nemerkten ſie nicht einmal, obgleich ſie ihre Augen blitzen ließ, dann kam plötzlich eine Bande bewaffneter Bauern. Liſette wollte an ihnen vorbei, ſie aber hielten den Wagen an und unterſuchten ſeinen Inhalt, als ob Alles ganz ohne Frage ihnen gehörte. Noch befand ſich etwas Branntwein in dem Fäßchen, er war ſchnell genug ausgetrunken, die Würſte ſteckten ſie in die Taſche, ———————————— — — — — 328— das Brot, das ihnen bereits zu alt war, reichten ſie dem Eſel, der freilich hungrig genug ſein mochte, denn Liſette hatte nur an ſeine vier Beine, die ihr zur Flucht verhalfen, doch nicht an ſeinen Magen gedacht. Sie weinte vor Wuth, doch Weiberthränen rührten keinem Franktireur das Herz. Endlich war das ganze Fuhrwerk leer, die Körbe umgeſtülpt, die Fäſſer eingeſchlagen, die Teller zertrümmert, und jetzt zog die Bande ab, als habe ſie nur in aller Eile eine Pflicht erfüllt, die Pflicht der Selbſterhaltung. Liſette ſchimpfte ihnen nach und ballte die Fäuſte vor Zorn, doch ſehr vergeblich, der Eſel mußte es entgelten, daß ſeine Gebieterin nichts mehr beſaß, als die ge⸗ ſtohlenen und durchaus nicht gefüllten Portemonnais dreier deutſcher Soldaten. Sie fuhr die Landſtraße entlang immer weiter und weiter, es ging nicht eben ſchnell, aber ſie kam doch vorwärts. Mit⸗ unter ſchlief ſie ein, dann ſtand auch der Eſel ſtill und beſann ſich auf ſein trauriges Geſchick, doch wenn ſie erwachte, hieb ſie nur um ſo böſer auf ihn ein. Rechts und links lagen zerſtörte Dörfer, vernichtete Ackerfelder, niedergeriſſene Einzäunungen, auf⸗ geriſſene Brücken, das achtete ſie jedoch nur wenig, der Weg mußte doch ſchließlich irgendwo hinführen, und das that er auch, denn bei anbrechender Nacht ſah ſich Liſette vor Bievon. Die kleine Stadt lag ſo freundlich und einladend vor ihr, daß ſie bereits neue Hoffnung faßte, doch als ſie ſich den Thoren nahte, fand ſie dieſelben verſchloſſen, und kein Bitten, kein Flehen verſchafften ihr den Eintritt. Was nun thun? Sie gab dem Eſel einen neuen Hieb, und das geduldige Grauthier trabte fort und in die Nacht hinein. Die war kalt und finſter genug. Liſette lenkte ſeitab in den Wald wickelte ſich in ſo viel Decken, als ihr die Franktireurs gelaſſen hatten und ſchlief ein, der Eſel, den ſie abzuſchirren vergeſſen hatte, that ſtehend daſſelbe, er mochte von Diſtelfeldern träumen, indeſſen ſeine Herrin in glänzend geſchmückte Ballfäle hinein⸗ ſchwebte, in denen Alles hell und heiter war, bis auf Talebs ſchwarzes Geſicht, das ihr aus allen Spiegeln entgegenblickte. Der kalte Morgenwind erweckte ſie aus dieſem Schlummer iter. ann ſie örte auf⸗ Weg uch hr, den ten, und rein. ald ſin ſſen NeM ein⸗ — 329— und grade noch zur rechten Zeit, denn eben ſah ſie, wie ein Mann ſich an das Fuhrwerk heranſchlich Darin war jetzt freilich nicht viel mehr zu holen als ſeine Beſitzerin, die gar nicht abgeneigt war, ſich holen zu laſſen, denn für ein gutes Frühſtück hätte ſie jetzt viel dahingegeben, doch be⸗ obachtete ſie vorſichtig den Fremden, welcher immer näher heran⸗ kam. Jetzt war er bei dem Eſel, der ſich nicht rührte, jetzt guckte er unter den Plan und bemerkte das ſtill dalkegende Midchen. Und ſie ſah ihn. Ein weiter Burnus, wie ihn die Turkos tragen, bedeckte ſeine Geſtalt, und die Kapuze war tief über das Geſicht gezogen, das häßlich und verwildert genug ausſah. Dennoch glaubte Liſette einen rettenden Engel zu erblicken. Sie richtete ſich empor.. — Du hier, Hektor? fragte ſie lachend. — Was, Liſette? gegenredete er, welch ein Begegnen? Sag, haſt Du nichts zu eſſen? — Eine ſchöne Frage, wenn man ſeine Lebensretterin nach ſo langer Zeit einmal wieder ſieht. Aber ſteig ein, Hektor, und laß uns plaudern. Er beſolgte die Einladung und ſetzte ſich zu Liſette in den Wagen. — Nun erzähle, wo Du herkommſt? fragte ſie, ich glaubte, Du ſeieſt ſchon längſt todt. — Um es nicht zu ſein, bin ich eben hier, verſetzte er un⸗ muthig. — Glaubſt Du, daß mein ſchwacher Verſtand ſolche Worte begreifen kann? — Nun ſo höre, aber lache nicht, däs rathe ich Dir. — Und gerade das kannn ich nicht verſprechen, wenn ich nicht lache, ſo muß ich verzweifeln, und dazů ſcheint es mir doch noch zu früh. Aber ich will mir Mühe geben, meine Mundwinkel feſt zu halten. — Nun alſo, Du weißt, ich habe bei Metz ſehr tapfer ge⸗ fochten. — Das weiß ich eben nicht, aber wenn Du es mir verſicherſt, — 330— ſo will ich Dir mehr glauben, als Denen, welche das Gegentheil verſicherten. — Es ſind verleumderiſche Schurken, die das ſagten, ich habe memen Muth hundert Mal bewieſen. — Tauſend Mal, Hektor, ich war ja Zeugin, als Du Dich mit dem größten Heldenmuthe von den beiden Afrikanern halb todtſchlagen ließeſt. — Nun, wer das ausgehalten hat, der zittert gewiß nicht vor dem Tode. — Nein, nur vor dem Todtgeſchoſſenwerden. — Liſette, Du biſt unausſtehlich. — Was willſt Du, lache ich etwa? — Nun, kurz und gut, ich war in der Schlacht um Beau⸗ gency und Beaumont und im Walde von Marchenoir, aber ſollte ich mein Leben unnütz laſſen, oder mich in die deutſche Ge⸗ fangenſchaft begeben? — Da nahmeſt Du lieber die Flucht, mein tapferer Hektor, das kann ich Dir gar nicht verdenken, um ſo weniger, da es mir die Freude verſchafft, Dich wiederzuſehen. — Aber Du? — Ich, nun ich befinde mich in derſelben angenehmen Lage wie Du. Der Sperling, der da oben fliegt, weiß eher, wo er hin ſoll, als ich, und findet leichter ſein Futter. Der Wagen, der Eſel und wenige Groſchen, das iſt Alles, was ich auf dieſer Erde mein nennen darf, aber die Hoffnung habe ich darum noch nicht verloren. — Ja, aber wo bekommen wir etwas zu eſſen her? — Was meinſt Du zu Chocolade? — Die ware gar nicht ſo übel, aber Fleiſch würde ich vor⸗ ziehen. — Etwa ein Beafſteak? — Köſtlich, köſtiich, ich bitte Dich darum, Liſeite. — Wie wäre ich glücklich, Deinen Wunſch erfüllen zu können, doch ſeit geſtern Morgen habe ich nichts gegeſſen und zwar aus guten Gründen. — Ja, aber was anfangen? —„—— eil be ich alb icht u⸗ her Ge⸗ tor, mir age o er der örde nicht vor⸗ nen. aus — Den Muth nicht verlieren, komm mit mir in das nächſte Dorf. — Sehr gerne, denn, wenn Du mich auch dieſes Mal noch erretteſt, ich wäre im Stande.. — Mich zu heirathen? — Still, mit leerem Magen muß man keine Entſchlüſſe faſſen. Gieb mir die Zügel. Sie fuhren weiter und gelangten endlich in ein Dorf, wo ſie für alles Geld, welches Liſette beſaß, ein mageres Frühſtück erhielten, und abermals trat die Frage an ſie heran, was nun? Indeſſen hatte Liſette bedeutend an Zwerſicht gewon⸗ nen. Die Möglichkeit, Gräfin von Bellegarde zu werden, ſchwebte ihr wie ein ſchöner Hoffnungsſtern vor den Augen und warum nicht? Sie hatte ihm ja nicht umſonſt zum zweiten Mal das Le⸗ ben gerettet, daß ſie ihn auch beſtohlen hatte, bedachte ſie in die⸗ ſem Augenblicke nicht, und wenn es ihr einfiel, ei nun, es war ja nur eine gerechte Rache für die Beleidigung, welche er ihr angethan hatte, ſie zu verſtoßen. Der Graf hoffte, die franzöſiſchen Truppen würden ſich mög⸗ lichſt ſchnell nach Le Mans begeben, denn eine Begegnung mit ſeinen bisherigen Kameraden konnte ihm unter keinen Umſtänden erwünſcht ſein. Um dies zu vermeiden, ſuchte er Liſe ten zu überreden, daß ſie den Tag und die Nacht über im Walde blie— ben. Freilich gab es auch kaum ein anderes Mietel, denn alle Dörfer waren mit deutſchen Soldaten angefüllt, die zwiſchen der Belagerungsarmee von Paris und dem Heere des Prinzen Friedrich Karl die Fühlung herſtellten. Im Walde war es aber keineswegs angenehm, denn jeden Augenblick hatte man zu fürchten, daß Franktireurs das Fuhr⸗ werk als gute Beute betrachteten! Dieſe Bande war nicht beſſer als Diebe und Mörder, alle Geſetzlichkeit, alle Sitte hörte bei ihnen auf, und das Plündern war ihr Vergnügen. Wo ſie nichts Brauchbares fanden, da zerſtörten ſie wenigſtens, was vor⸗ handen war, und Frankreich mag noch viele Jahre an den Schä⸗ den zu leiden haben, die ſeine eigenen Landeskinder ihm zu⸗ fügten. — 332— Das abenteuernde Pärchen ſuchte ſich demnach den verſteckte⸗ ſten Winkel aus, um zu übernachten, der Graf von Bellegarde legte ſich unter den Wagen, Liſette ſchlief darin, das trug ſie ſchon gern in der freudigen Gewißheit, daß ſie einſt Frau Gräfin ſein würde. Ei, wie wollte ſie da ſtolziren, welch herrliche Kleider wollte ſie anlegen, und wie viele Anbeter ſollten ihr zu Füßen ſchmachten! Ob Einer darunter ſo ſchön war, wie der junge Baier.. ſie mußte es bezweifeln, für ihn wäre ſie durch's Fegefeuer gelaufen, doch da ſie ihn nicht haben konnte, begnügte ſie ſich mit dem häßlichen Grafen und ſeinem Titel, der ihr ſo⸗ gar die Hofkreiſe öffnen ſollte. Gegen Morgen ſing es an, bitter kalt zu werden. Sie wickelte ſich feſter ein, aber ſie fror und konnte den Schlaf nicht wieder finden, dazu raſchelte es ſeltſam im Gebüſch, grade als ob ein Thier dorin ſäße, es mochte ein Hirſch oder Reh ſein, welches da übernachtete, jedenfalls aber etwas Lebendiges, ja, ſpäterhin ſchien es ihr ſogar, als vernähme ſie ein Schnarchen, und ein Huſten...o ſicherlich, es waren Menſchen, die da ſchliefen. Wer mochte es ſein? Man wird ängſtlich, wenn man ſich von Gefahren umringt ſieht. Den Grafen durfte ſie nicht erwecken, das hätte ein Geräuſch verurſacht, welches verderblich für ſie wer⸗ den konnte, ſie beſchloß alſo ſelber nachzuſehen. Vorſichtig und leiſe ſtieg ſie von dem Wagen herab und näherte ſich auf den Fußſpitzen dem Gebüſche. Da, als ſie die Zweige auseinanderbog, erblickte ſie zwei Menſchen, die auf der Erde la⸗ gen und ſchliefen, beide waren in grobe wollene Decken eingehüllt⸗ der einen Geſtalt war ſie über den Kopf gezogen die andere hatte das Angeſicht entblößt, und dieſes Angeſicht war ſchwarz. Liſette ſchauderte. Offenbar waren die Beiden dahin ge⸗ kommen, als ſie bereits in den Armen des Schlafes lag, und hatten die Nähe des Fuhrwerks im Finſtern nicht bemerkt. Liſettens Herz pochte faſt hörbar. Wenn ihre Ahnung ſie nicht täuſchte, wenn dieſer ſchwarze Mann Taleb war ſfie zitterte. Auf den Grafen Hektor konnte ſie ſich nicht verlaſſen, er n aus ihr den abe die Bel Ta ſein den rief ren liel ren wa iwe de rle ige n t⸗ aite und ſie ie ſen er war ein Feigling, wo es auſ offenen Kampf ankam, und durch⸗ aus nicht ſchlau im Erfinden glücklicher Ausflüchte. Dennoch mußte ſie ihn wecken, denn ſie konnte nicht ihn und ihr Fuhrwerk zugleich im Stiche laſſen, ſo wenig ſie auch daran denken mochte, welchen Gefahren der Graf entgegenging, wenn er abermals in die Hände des grauſamen Turkos fiel. Sie legte ihm die eine Hand auf den Mund und rüttelte ihn mit der andern. Bellegarde fuhr erſchrocken empor, er wollte fragen, doch ſie ver⸗ ſchloß ihm mit angſtvoller Geberde den Mund, dann winkte ſie ihm zu ſchleunigſter Flucht. Hektor wies auf den Wagen und den Eſel, doch ſie ſchüt⸗ telte den Kopf, das Thier ließ ſich ja nicht einſpannen, ohne daß dabei ein Geräuſch verurſacht worden wäre. Der Graf, der die Gefahr noch nicht vollſtändig begriff und der ſie dennoch ebenſo wie Liſette fürchtete, ſtand leiſe auf und folgte ihr über den mit Schnee bedeckten Boden. Sie gingen einige Minuten lang, dann nahm das Mädchen ſeine Hand und zog ihn eilig mit ſich fort, immer tiefer in den Wald hinein. — Was giebt es? fragte er endlich. — Taleb, verſetzte ſie athemlos, haſt Du es nicht geſehen, Taleb lag dort, dicht neben uns, und ſchlief. — Iſt es möglich? rief er und ein Schauder rann durch ſeine Glieder bei der Erinnerung an die Qualen, welche er durch den Turko erduldet hatte. — Meinſt Du, ich werde umſonſt meine Equipage aufgeben? rief Liſette. Es war freilich nur ein Eſel, und der ging noch dazu verwünſcht langſam, aber beſſer iſt es doch, ſchlecht zu fah⸗ ren, als gut zu gehen. O, wie mich das Laufen ermüdet hat, lieber eine Nacht durch tanzen, als eine halbe Stunde lang rennen. — Und biſt Du überzeugt, daß es wirklich Taleb, der Turko war? fragte der Graf von Bellegarde, der noch immer zweifelte. — So überzeugt, verſetzte ſie, wie ich es davon bin, daß Du der undankbarſte Schurke wäreſt, wenn Du mich, die ich Dein Leben — 334— nun ſchon zum dritten Male errettete, nicht zur Frau Gräfin von Bellegarde machteſt. Er wollte ihr das eben zuſchwören, denn, was kam es ſchließ⸗ lich auf einen Schwur an? Da krachte es plötzlich hinter ihnen in den Zweigen, da hörten ſie ganz nahe ein Schnaufen und Keuchen, da brach Talebs unheimliche Geſtalt aus dem Dickicht hervor, und Margot folgte in athemloſeſtem Laufen. — Gott ſei uns gnädig! rief Liſette und blieb ſtarr vor Entſetzen ſtehen, der Graf griff nach ſeiner Piſtole, er ſpannte, zielte, ſchoß... und verfehlte ſeinen Gegner. Wie eine wilde Beſtie ſprang der Schwarze auf ihn zu, in einem Augenblick hatte er den leichten Franzoſen ergriffen, um und um gedreht und zur Erde geworfen, dann ſetzte er ſeinen Fuß auf die Bruſt des Ueberwundenen. — Denkt Ihr mir zu entlaufen? rief er mit donnerndem Tone. Wiſſet, ich bin Taleb, der Turko, die Welt ſoll vor mir zittern, wie Ihr zittert... Binde das Weibsbild, Margot! — Gnade für Liſette, Gnade für Liſette, Gnade für meine Tochter, liebſter, beſter Talebl — Wie, Du wagſt es, mir zu wiederſprechen, Du Vettel? Gleich gehorche, denn Du kennſt Talebs ſtarke Hand! Damit zog er einen Strick aus der Taſche und band dem Grafen die Hände und Füße zuſammen, dann ſteckte er einen Baumaſt hindurch und warf ihn ſich über die Schultern, wie ein Fleiſcher ein Kalb trägt. Der Graf litt gräßlich. Das Blut ſtockte ihm in den Gelen⸗ ken und verurſachte ihm raſende Schmerzen, ſein Kopf, der nach unten hing, wurde blutroth, aber das Schlimmſte war die Angſt, die ihn durchzitterte, denn er kannte die Unbarmherzigkeit ſeines Feindes und durfte nicht hoffen, ihm zum zweiten Male zu ent⸗ gehen. Liſette war beſſer daran. Ihre Mutter hatte ſie freilich ge⸗ bunden, aber nur mit einem Tuche, ſie ſprach ihr Muth und Troſt ein, und Liſette war ſehr geneigt, ſich tröſten zu laſſen⸗ Sie war eitel genug, zu glauben, daß der abſcheuliche Mohr bis über die Ohren in ſie verliebt ſei, und daß mit verliebten Narren leicht ferti gen um hab rem Tal ter z0g llag ter! heit ſc Lie we ihn ſei ihr Fu un dem mit vine — 335— fertig zu werden iſt, das wußte ſie aus Erfahrung. Im Uebri⸗ gen aber verließ ſie ſich auf die Schlauheit ihrer Mutter, und um dieſe auch für den Grafen zu gewinnen, flüſterte ſie ihr zu: — Rette ihn, Mutter, damit ich Frau Gräfin werde, und ich nehme Dich zu mir, und Du ſollſt es wie eine Königin haben. Margot zeigte ſchmunzelnd alle ihre Zahnſtummeln. Zu ih⸗ rem Lumpenkeller hatte ſie ſchon lange keine Luſt mehr, und von Taleb wollte ſie ſich um jeden Preis befreien, ſie nickte ihrer Toch⸗ ter zu, und nachdem ſie ihr einige Worte in's Ohr geflüſtert hatte, zog ſie das Mädchen hinter ſich her. Liſette wimmerte laut und klagte ihre Mutter der furchtbarſten Härte und Grauſamkeit an. — Rette mich, Taleb, rief ſie, rette mich von meiner Mut⸗ ter! Bin ich denn nicht Deine Frau, denke doch, daß Du mich heirathen wollteſt! Und nun duldeſt Du es, daß ſie mich mit ſich fort zieht, wie ein Stück Vieh! O pfui, iſt das Deine Liebe? Taleb hörte nicht auf ſie, er hatte ihr eine Strafe zugedacht, weil ſie nicht unter Huſſeins Obhut geblieben war, jetzt freute es ihn, daß ſie weinte, er ſah nicht, daß ſie ihm dazwiſchen hinter ſeinem Rücken Geſichter ſchnitt und Männchen machte. Margot wollte ſich darüber vor Lachen ausſchütten, ſie hatte ihren Plan ſchon fertig im Kopfe. So gelangten ſie zu dem Fuhrwerk zurück, bei welchem der Eſel noch ganz geduldig ſtand und ſchlief. 39. Kapitel. Würtembergs Ruhm. Noch immer widerſtand Paris den Belagerungsarmeen der Deutſchen, noch immer ließen ſich die Einwohner von den tollen. Reden der Volksführer die Köpfe verdrehen. — 336— — Die Straßen der Städte, ſagte der berühmte Dichter Viktor Hugo, mögen die Feinde verſchlingen, es öffne ſich jedes Fenſter in der Wuth, es ſpeie die Wohnung ihre Möbel, und werfe das Dach ſeine Ziegelſteine herab! Es mögen die Gräber ſchreien, man vernehme überall Gottes Stimme, überall ſchlage das Feuer aus der Erde, es werde jedes Geſträuch zu einem feurigen Buſch! Das Alles natürlich nur, um die Deutſchen zu vernichten, ſabald ſie es wagten, das geheiligte Paris zu betreten. Und das Volk, ja ſelbſt die Arbeiter, denen doch ſonſt vernünftiger Sinn und Menſchenverſtand nicht abzuſprechen iſt, vernahm mit Vergnügen dieſe aufgeregten Worte und vertraute auf Frankreichs Stern. Etwas praktiſcher war es, daß die Hauptſtadt drei Armeen beſaß, auf die es ſelbſt nach den erſten mißlungenen Ausfällen noch ſeine Hoffnung ſette. Der General Thomas, der die für den Felddienſt und die Wälle beſtimmten Truppentheile komman⸗ dirte, hatte noch dreimal hundert tauſend Mann National⸗ garden. Der General Ducrot, derſelbe, der nach der Kapitulation von Sedan ſein Ehrenwort gebrochen hatte, kampirte außerhalb der Stadt nahe den Forts und beſaß hundertundfunfzigtauſend Mann nebſt achtzig Feldgeſchützen und Mitrailleuſen und zwei Kavallerieregimentern G neral Vinoy beſetzte die Forts mit ſiebzigtauſend Mann der früheren Kaiſerlichen Garde und einigen Linienbataillionen. Dies waren jedenfalls die am beſten geſchulten Soldaten, denn die Natio algarde trug öwar die Uniform mit großer Eitelkeit, ließ ſich jedoch nur höchſt ungern zum Exerziren und zu ernſtem Kriegsdienſte heranziehen. Man darf die Rationalgarde nicht mit den Mobilen ver⸗ wechſeln. Erſtere ſind nur der Stadt Paris eigenthümlich und ſchmeicheln ſich, die ſchönſten Bürgerſoldaten der Welt zu ſein, was ſie noch lange nicht zu den tapferſten macht, die Andern dagegen ſtammen aus den Provinzen und ſind ſchlichte Bauern, denen das durch den Krieg angerichtete Unglück tief zu Herzen ging, Auch bewies ſich das in allen Gefechten, die Leiſtungen der Na⸗ hter des und äber lage nem hen, Und tiger mit eichs meen ällen für man⸗ mal⸗ ation thalb uſend zwei mit nigen ulten mit rjiren e und was gegen denen ging V tionalgarde waren unter aller Würde, und die Mobilen bildeten das Kanonenfutter und trugen alle Strapazen des Feldzuges, ohne die Ehren davon zu haben. Thiers war mit ſeiner Rundreiſe an den europäiſchen Höfen ebenſo mißglückt, wie mit den Friedensvorſchlägen, welche er dem Kanzler des deutſchen Reiches, dem Grafen Bismarck, machte. Es gehörte noch ſchlimmeres Unglück dazu, um die franzöſiſche Eitelkeit dahin zu führen, daß ſie ſich für geſchlagen erklärte. Noch immer lebte in der Pariſer Bevölkerung die Hoffnung auf die Loire⸗Armee, und für den Augenblick war der General Aurelles der Held des Tages. Um ihm nun entgegen zu arbeiten, ſo daß ſich die deutſchen Belagerungsarmeen zwiſchen zwei Feuern befanden, machte der General Trochu, der Kommandant der geſammten Pariſer Streit⸗ rräfte, verſchiedene Ausfälle. In ihm lebte die Hoffnung, ſich durch die Feinde hindurch zu ſchlagen, ſich hinter ihrem Rücken mit Aurelles zu vereinigen und dann mit verdoppelten Kräften den Kampf im freien Felde aufzunehmen. Dies ging ganz deutlich aus den übereinſimménden Ausſa⸗ gen der Gefangenen hervor, denn um die Thatkraft ſeiner Sol⸗ daten zu erhöhen, hatte Trochu ſie mit ſeinen Zielen bekannt ge⸗ macht. Zunächſt richtete er ſeinen Angriff gegen die deutſchen Truppen, welche an der Marne ſtanden. Am dreißigſten Rovember, alſo um dieſelbe Zeit, in der Prinz Friedrich Karl und der Großherzog von Mecklenburg gegen Aurelles vorgingen, begannen dieſe Verſuche, und ſie ſchienen des Er⸗ folges ſicher zu ſein, da ſie durch das Feuer der Forts unterſtützt waren. Die Marne macht, ehe ſie in die Seine. eintrit, einen großen Bogen nach Süden zu, und hier hatten die Franzoſen in der letzten Zeit verſchiedene Befeſtigungen angelegt, ſo daß ſie die Orte Adamville, La Varenne und die Brücke von Mesnil ganz beherrſchten. Etwas weiter zurück diente ein Wald zur Deckung, ſo daß die Stellung der Feinde eine überaus günſtige ſchien. Weſtlich zieht ſich die Kaiſerſtraße von Paris nach Fontaine 33 bleau, und verbindet die Stadt mit dem Fort Charenton, und nicht weit davon befindet ſich eine Anhöhe, der Berg Mesly. Hierher richtete ſich der erſte Angriff der Franzoſen, der zweite aber ging von der Stadt Nogent aus, welche an dem nördlichen Theil des Marnebogens liegt, und richtete ſich auf die Dörfer Brie, Villiers und Champigny. Dieſer ganze Theil der ſüdlichen Umgebung von Paris war von den deutſchen Truppen beſetzt, und zwar ſtanden bei Mesl) drei würtembergiſche Infanterie⸗Compagnien als Vorpoſten, die dem Andrange einer ſo zahlreichen Armee nicht gewachſen waren und ſich daher zurückzogen. Sogleich nahm der Feind den Berg Mesly ein, und manches Herz mag hier ſchon von Sieg geträumt haben, als auf dem Gipfel der Anhöhe zwei Batterien auffuhren. Das Feuer dieſer Geſchütze wurde jedoch von der würtembergi⸗ ſchen Artillerie wirkſam erwiedert, und eine würtembergiſche Di⸗ viſion wagte es, mitten in dem Kugelregen der Feinde die An⸗ höhe hinanzuſtürmen. Dies geſchah mit einer ſolchen Unerſchrockenheit, da, ein plötzlicher Schrecken die Franzoſen ergriff. Indeſſen die wackeren Schwaben von Weſten her hinaufliefen, jagten die Feinde wie toll und blind den Oſtabhanß hinunter, und ein ſchallendes Ge⸗ lächter folgte ihnen nach. 6 Doch ſollten ſie die StMiche der Schwaben noch in anderer Weiſe kennen lernen. Das preußiſche Regiment Colberg vom pommerſchen Korps ließ ſich von würtembürgiſcher Infanterie un⸗ terſtützen, umging die Franzoſen und fand ihre Reſerve in dem Walde zwiſchen Creteil und dertahn nach Paris. Hier befand ſich ein ziemlich abſchüſſiger Damm, hinter dem die Schützen la⸗ gerten. Es galt. die Reſerve darcn zu hindern, daß ſie mit in den Kampf eingriff, dies geſchah durch ein glänzendes Tiraileur⸗ gefecht. Ganze Reihen von Pariſer Infanteriſten wurden zu Bo⸗ den geſtreckt, ſo bald ſich nur einer zeigte, kollerte er auch ſchon als Leiche den Abhang hinab, bis dieſe dem Unglück geweihten Leute die Waffen wegwarfen und mit aufgehobenen Händen um Gnade flehten. Dreihundert Gefangene verdankten ihr Leben der Großmuth 7 varen Berg räumt derer von lh⸗ dem efand n d nit in ileur⸗ 1 Po⸗ ſchon ihien inden muth 33— der Sieger, die nur geringe Verluſte zu beklagen hatten, und der Feind zog ſich mitſammt ſeiner Reſerve zurück, da er wohl ſah, daß ſich hier nichts ausrichten ließ. Richt beſſer erging es ihm an der andern Seite. Bei Cham⸗ pigny und Villiers waren die Würtemberger an demſelben Mor⸗ gen durch die Sachſen abgelöſt worden, doch waren deren Vor⸗ poſten allein nicht im Stande, den Angriff der Feinde auszuhal⸗ ten und zogen ſich auf die hinter ihnen ſtehenden bedeutenderen Streitkräfte zurück. Das iſt bei einem Ausfall immer ſo, der Ausfallende kann immer ntit aller Macht auf einen Punkt zuſto⸗ ßen, indeß die Belagerer in einem dünnen, weiten Ringe um die Feſtung ſtehn, den erſten Stoß, bis ſie ſich zuſammengezogen ha⸗ ben, alſo mit ſchwachen Kräften abhalten müſſen. Die Franzoſen glaubten, die Deutſchen ſeien vor ihnen entflohen und beſetzten Villiers mit einem lauten Triumphgeſchrei. Kurze Freude! Die Deutſchen, welche ſich verſtärkt hatten, rückten wieder gegen Villiers vor, und hier entſpann ſich ein lebhaftes Gefecht, das mit jeder Minute hitziger wurde. Ein Jeer wußte, um was es ſich handelte. Die Franzoſen ſollten und mußten wieder in ihre Hauptſtadt zurückgedrängt wer⸗ den, man mußte ihre Macht ſoviel als möglich ſchwächen, damit ſie nicht noch oft ſolche Ausfälle wagten und zur Uebergabe gezwungen würden. Virklich gelang es den tapfern Sachſen, Villiers wieder zu nehmen, doch war unterdeſſen die Racht des kurzen Wintertages hereingebrochen, und noch behaupteten ſich die Franzoſen in den Dörfern Champigny und Brie. Das letztere iſt durch eine vortreffliche Art von Käſe berühmt, und ſchon deswegen verſprachen ſich unſere Soldaten, den Ort mit nächſtem wieder zu nehmen. Hätten Nie nur wie der ſtarke Kriegsheld Joſua der Sonne befehlen können, nicht unterzugehen, doch ſo mußten ſie das Gefecht abbrechen, weil ſich in der Dun⸗ kelheit Feind und Freund nicht unterſcheiden ließ. Die heldenmüthigen Würtemberger hatten bei dieſem furcht⸗ baren Kampfe allein achthundert Mann verloren, darunter beide Söhne des würtembergiſchen Miniſters Grafen Taube, hercliche —— — 340— blühende Jünglingsgeſtalten, was gewiß dafür ſpricht, daß ſich die Schwaben mit faſt zu großer Todesverachtung in den Kampf geſtürzt haben. Doch auch der General Trochu hatte eine Unmaſſe von Solda⸗ ten eingebüßt. So groß waren ſeine Verluſte, daß er am folgenden Tage, dem erſten Dezember, einen Parlamentair ſchickte und um einen Waffenſtillſtand bis um vier Uhr des Abends bitten ließ, damit er ſeine Verwundeten und Tohten in die Stadt bringen laſſen konnte, und ſo groß war die Zahl dieſer Gefallenen, daß, als ihm ſeine Bitte gewährt worden war, die Zeit lange nicht ausreichte, um alle dieſe Unglücklichen hereinzuholen. Er half ſich dabei ſchnell genug aus der Verlegenheit. Als die Friſt des Waffenſtillſtandes verſtrichen war, überließ er alle Bleſſirten, welche ſich noch auf dem Schlachtfelde befanden, ihrem Schickſal, das heißt, der Gnade und Barmherzigkeit der deutſchen Feinde. Die Würtemberger, welche ſich nicht nur ſo unvergleichlich tapfer ſondern auch im höchſten Grade edelmüthig bewieſen, laſen noch in der ſpäten Abendſtunde dieſe Unglücklichen auf und ließen ihnen alle Pflege angedeihen. Dies iſt gewiß doppelt anzuerkennen, da ſie ſelbſt ſo große Verlaſte zu beklagen gehabt hatten. Die armen Franzoſen hatten vierundzwanzig Stunden lang ohne jegliche Nahrung, ohne jeglichen Verband auf kalter naſſer Erde gelegen. Viele von ihnen waren verblutet, Andere hatten die Stummel ihrer Gliedmaßen in die Erde eingewühlt, Alle waren furchtbar leidend, denn ſelbſt eine kleine Wunde wird leicht ſchlimm, wenn die Kälte hinzutritt, und das Fieber ſteigt und wird zu einer namenloſen Qual, wenn der brennende Durſt keine Linderung findet. Die unglücklichen Menſchen nahmen naſſe Erde in den Mund, um ſich wenigſtens die Zunge zu kühlen, und dennoch ſchüttelte ſie der Froſt. Welche Wohlthat war es da, als ſiè ſich von ihren Feinden aufgehoben, verbunden, weichgebettet und mit nahrhaften Speiſen erquickt ſahen! Mancher Mann, dem, bei dem Gedanken an Weib und Kind da drinnen in Paris, Verzweiflung das Herz zuſammenſchnürte, gewann durch die menſchliche Hilfe der Würtem⸗ berger neue Lebenshoffnung und neues Vertrauen in Gottes Vatergäte wieder, und wo der Wahnſinn ſchon in den Schläfen ürzt Ada⸗ nden um ließ gen duß⸗ nicht Ab alle em ſhe hlich aſen eßen roße nten aren die eine und ber ften nen helz temn⸗ ſte ifen 341— pochte und wilde Fantaſiebilder vor den Augen vosbeiſchoſſen, da legte die Barmherzigkeit der edlen Schwaben lindernden Balſam auf die Wunden des Körpers und auf die Schmerzen der Seele. Dennoch gelang es nicht, alle dieſe Leidenden dem Leben zu erhalten, die Kälte war zu eiſig geweſen, und manch Einer, deſſen Wunde unbedeutend ſchien, ſtarb an den Schrecken einer ſolchen Nacht und eines ſolchen Tages, wo ſein Blut erſtarrte und aus den Füßen und Händen zum Herzen trat, er ſtarb vielleicht mit einem Fluche für ſeine unbarmherzigen Landsleute, mit einem Segensſpruch für die Milde der Würtemberger. Der Morgen des zweiten Dezember brachte neue Kämpfe und neue Wunden. Die Franzoſen durften Champigny und rie nicht behalten, das ſtand feſt. Schon um ſieben Uhr griff die erſte würtembergiſche Brigade in Verbindung mit den Sachſen Champigny an. Das geſchah mit der äußerſten Tapferkeit. Das Dorf wurde genommen, es war ein furchtbarer Kampf, allein die Deutſchen ſiegten. Doch plötzlich rückten neue franzöſiſche Truppen in das Feld, eine große Uebermacht ſtürzte ſich auf die Unſrigen, ſie mußten weichen, doch nur für kurze Zeit Bald hatten ſie ſich wieder geſammelt, und mit einer Zähigkeit, die man nur anzuſtaunen vermag, gingen die Würtemberger und Sachſen abermals auf das Dorf zu. Ihr Anprall war ſo gewaltig, daß die Feinde trotz chrer Stärke weichen mußten. Zum zweiten Male zogen die Unſrigen in Champigny ein, wenn auch die Verluſte dabei ungeheuer waren. Doch die Franzoſen beſaßen noch die Eiſenbahn, welche nach Paris führte, und von hier aus bekamen ſie abermals Ver⸗ ſtärkung. gu Mittag mußten die Deutſchen ſich abermals zurückziehen, und ſelten wohl iſt mit ſolch einer Wuth gekämpft worden, wie gerade hier. Aber die Würtemberger und Sachſen ließen nicht nach, ſie kehrten immer und immer wieder an ihre Aufgabe zurüt. Champigny beſitzen, das hieß, die Eiſenbahn nach Paris in den Händen haben. Als es drei Uhr war, hatten dieſe bewunderns⸗ werth Tapferen bereits einen Theil des Ortes wiedergewonnen und hielten ſich da. Nicht lange darauf ſtellte der Feind ſein Feuer — 342— ein, auch die Forts verſtummten, denn nun war auch den Süd⸗ deutſchen eine Verſtärkung durch die Pommern gekommen, und dieſe gingen in ziemlich grober Weiſe darauf los. Sie gedachten ihrer Väter, die, als ſie gegen den erſten Napoleon kämpften, die Flinten verkehrt nahmen und ſagten: dat flutſcht better! Auch dieſes Mal gingen ſie mit Kolben und Bajonnet auf die Franzoſen zu, ohne ſich an das Feuer der Forts zu kehren. An eine ſolche Behandlung waren die zierlichen Franzoſen nicht gewöhnt, ſie wichen zurück, ſogar ziemlich ſchnell, und ſchienen froh zu ſein, als ſie ſich wieder jenſeits der Schußlinie befanden. Ihr General, Ducrot, folgte ihnen nicht. Er hatte nämlich ge⸗ ſchworen, als Sieger oder gar nicht nach Paris zuräckzukehren. Das Erſtere war ihm durch den Heldenmuth der deutſchen Truppen unmöglich gemacht worden, doch die Furcht vor dem Spotte der Pariſer hindette ihn, auch dieſes Mal ſein Wort zu brechen, er blieb alſo draußen, und da er zufällig oder abſichtlich nicht auf dem Felde der Ehre gefallen war, ſo begab er ſich in die Forts, die ihm jedenfalls Schutz gewährten. So endete ein mit vielem Prahlen angekündigter Ausfall recht kläglich für die Ehre der pariſer Beſatzung. Nur die Linie und die Mobilen hatten gut gekämpft, doch unvergleichlich beſſer und ausdauernder die Deutſchen, welche auch diesmal in dieſem furchtbaren Kampfe, der in der Kriegsgeſchichte die Schlacht bei Villiers heißt, die Sieger blieben. Um dieſe jedoch am Vordringen zu verhindern, brachen die Franzoſen die Brücken hinter ſich ab, die ſie über die Marne geſchlagen hatten und benutzten dieſen ziemlich breiten Fluß als ein Bollwerk gegen die Feinde. Er ſchützte ſie nicht, ſie aber glaubten, die deutſchen Truppen ſeien viel zu ſchwach, um ſie mit Ernſt angreifen zu können, ſie hielten die abwartende Stellung der Belagerer für ein Zeichen von Ehrerbietung vor der herr⸗ lichen Stadt, welche der Dichter das Auge der Welt genannt hatte, ſie ahnten nicht, daß ſich in aller Stille das Werk vor⸗ bereitete, welches Frankreichs Eitelkeit zerſtören ſollte. Denn ſchnell und unbemerkt arbeiteten die Ingenieure und Pio⸗*ve an den Schanzhräben, und ſchon langte die gewaltige bet — 343— Hilfe an, auf die bisher gewartet worden war. Dieſe Hilfe ſchickte der Beſitzer einer großartigen Eiſengießerei und Maſchinen⸗ fabrik am Rhein, es waren die ſogenannten Krupp'ſchen Belage⸗ rungsgeſchütze, feuerſpeiende Ungeheuer von der gewaltigſten Länge und Tragkraft, es war die ſicherſte Vernichtung für Alles, worauf ſie ihren ehernen Schlund richteten. Eine jede ſolche Kanone herbeizuſchaffen war furchtbar mühſam, denn ihre Schwere erforderte es, daß neue Eiſenbahn⸗ wagen gebaut, Brücken geſtützt, Walzen gefertigt und neue Maſchinen erfunden wurden, um das Ungethüm fortzubewegen. Eben ſo mühevoll war es, ihr die nothwendige Munition herbeizuſchaffen, denn ihr Inneres war weit genug, um ganze Centner Eiſen in ſich aufzunehmen. Roch waren ſie nicht da, doch ihre Ankunſt wurde mit Sehnſucht erwartet, denn grade das Wort, welches ſie mit drein zu reden hatten, ſollte das ent⸗ ſcheidende ſein. Und eine andere Hilfe für die Belagerer beſtand und wuchs in der belagerten Stadt ſelber. Es war der Hunger, der immer mehr und mehr um ſich griff, es war der Geiſt der Empörung, veſſen Keime ſich zeigten, und der zu einer rieſigen Größe anzu⸗ ſchwellen drohte. Unglückliches Frankreich, du ſinkſt in den Abgrund hinunter, du ſtrebſt umſonſt, dich in dem Glanz früheren Ruhmes zu erhalten, es ſind deine Sünden, die ſich mit Centner⸗ ſchwere an dich hängen und in dein Verderben reißen! Unglück⸗ liches Frankreich, dein Stern iſt verblichen, und wilde Furien bereiten ſich ihre Fackeln über dir zu ſchwingen!———— 40. Kapitel. Die Volkswuth. Hatte der Pater Venturo ſeinen Zweck verfehlt? O nein, denn von allen Mitgliedern der Familie Undentino, welche an der Erbſchaft Theil nehmen ſollten, gab es in Paris nur noch vier, und dieſe hatte er in ſeiner Gewalt. Das Glück ſchien ihm beſonders günſtig zu ſein, es beförderte ſeine ſchwarzen Zwecke durch den Krieg. Der Herzog von Montalto ſtand im Felde und war vielleicht ſchon todt, ſeine Söhne waren verſchollen, Franz Godard und die Grafen Iſſelhorſt, ſie Alle befanden ſich außerhalb der Stadt, und Paris war feſt umſchloſſen und blieb es-hoffentlich noch lange Zeit, und Keiner von allen dieſen Erben konnte am erſten März an dem beſtimmten Orte ſein. Jetzt galt es nur, den Krieg noch in die Länge zu ziehen und unterdeſſen die in der Stadt befindlichen Familienmitglieder zu vernichten. Der ſchlaue Jeſuit benutzte dazu jedes ihm zu Gebote ſtehende Wittel. Durch die Hilfe ſeiner Ordensbrüder hatte er zu den erſten Bürgern der Stadt und zu den hochgeſtellteſten Offizieren Zutritt. Beſaßen auch dieſe Herren im Augenblick nur wenig Zeit, ſich mit geiſtlichen Dingen zu beſchäftigen, ſo hatten ſie doch Frauen, auf die ſich einwirken ließ, und dieſen nannte der ſchlaue Venturo den jungen Italiener Rafael Gambi als ein beſonderes Rüſtzeug Gottes, um die Feinde zu verjagen. Bald ſah ſich der junge Künſtler an die Orte geſchickt, wo die Gefahr am allergrößten war. Schon hoffte Venturo, er ſei todt, denn die Nationalgardiſten, welche er zu ſeinen Beichtkin⸗ dern zählte, berichteten ihm, daß er gefallen ſei, da plötzlich er⸗ ſchien er ganz unerwartet wieder und freute ſich über die ſchwie⸗ rigen Aufträge, die ihm zu Theil wurden. Doch verzweifelte Ventnro darum noch lange nicht, er hatte noch andere Mittel im Hinterhalte. de lde en, ſch jeb en alt ſen nde den ten nig — 345— Er begab ſich in jenes Arbeiter⸗Viertel, welches den Namen Belleville führt, hier ſchlich er durch die Straßen, die nicht mehr eng und winklig waren, denn der Kaiſer Louis Rapoleon hatte die ſchlechteſten Gaſſen niederreißen laſſen, und ſie bedeutend er⸗ weitert, nicht um dem Volke geſunde und luftige Wohnungen zu geben, ſondern ihm die Möglichkeit zu nehmen. ſich in den krum⸗ men Gängen und engen Höfen zu verſchanzen, falls es zu einem Aufſtande kam. Dennoch ſah man überall die traurigen Merkzeichen der Armuth. Seitdem der Preis der Lebensmittel in's Ungeheure geſtiegen war, hatten die unglücklichen Menſchen ihre letzte Habe verkauft, um nur das nackte Leben zu friſten. Wer nicht Soldat war, dem fehlte es gänzlich an Verdienſt. Die meiſten Läden waren geſchloſſen, die ſonſt ſo belebten Vergnügungslokale ſahen ernſt aus, wie Klöſter, in den Theatern wurde nicht mehr geſpielt, in den Werkſtätten nicht mehr geſchafft. Die Armen lebten von dem, was ihnen der Staat zuertheilte, ſie holten ſich auf der Mairie einen Zettel und bekamen dafür in den öffentlichen Niederlagen ein furchtbar ſchlechtes, kaum genieß⸗ bares ſchwarzes Brot, ein Stückchen Fleiſch und ein paar Hände voll Steinkohlen. Um das zu erlangen, ſtanden die Frauen oft vom Morgen⸗ grauen bis zum Dunkelwerden vor den Depots und zitterten vor Froſt auf dem kalten Schnee. Es war der traurigſte Anblick von der Welt. Sie hielten das bleiche Kind, das kaum noch die Kraft beſaß, zu ſchreien, an die Bruſt gedrückt, um es zu wärmen, ſie trippelten hin und her, um nicht zu erſtarren, erzählten ſich gegenfeitig die Größe ihrer Leiden und ſprachen ſich gegenſeitig Hoffnungen zu. In ihrem tiefſten Elend ſchmeichelten ſie ſich mit Rachegedanken. — Laßt ſie nur fommen, dieſe verfluchten Preußen, ſagten ſie, wir wollen ihnen die Herzen aus dem Leibe reißen und ſie aufeſſen. Warum wagen ſie ſich nicht in die Stadt hinein? Weil ſie uns fürchten, weil ſie es wiſſen, daß wir ſie mit ſieden⸗ dem Oel begießen und ihnen vergiftetes Waſſer reichen würden! — Ich bin ein armes Weib! rief eine häßliche Frau mit — 346— fliegenden Haaren, aber eher will ich verhungern, ehe ich die Flaſche mit Schwefelſäure verkaufe, die ich den Preußen ins Geſicht gießen will. — Und ich, lachte eine Andere, ich habe mir eine Spritze angeſchafft, und dann ſtehe ich hinter meinem Fenſter, wenn ſie vorbeikommen und rufe, und wenn ſie heraufſehen, piff, piff! da haben ſie das Pulver in den Augen, und ein Körnchen ge⸗ nügt ſchon, ſie blind zu machen! — Mir iſt es ſchlecht gegangen, klagte eine Dritte. Ich hatte Arſenik und freute mich ſchon, wie ich ihnen den beibringen wollte, da kommt mein kleines Mädchen und denkt es iſt Zucker und naſcht es mir aus. — Und iſt ſie geſtorben? fragte eine Andere. — O ich wollte die gottverdammten Preußen ſtürben Alle unter ſolchen Qualen, wie meine arme Babette. Das war ein Leiden! — Ich beklage ſie nicht, meine Zweite ſtarb ja auch, die Kinder halten die ſchlechte Nahrung nicht aus. Du wirſt Deinen Jungen auch nicht durchkriegen, Anna. Anna drückte das ächzende kleine Weſen an ihre Bruſt. — Das räche ich an den Preußen, knirſchte ſie in ſich hinein. Jetzt trat der Pater Venturo hinzu. Seitdem er von ſeiner Krankheit geneſen war, verſah er alle Dienſte bei den Armen umſonſt und ließ ſich weder Leichenreden bezahlen noch Beicht⸗ gelder geben. Dafür hingen die Weiber mit großer Liebe an hm, wenn auch die Männer ſein ſcheinheiliges Weſen nicht leiden mochten. Auch jetzt miſchte er ſich unter den Haufen der unglücklichen Frauen. — Ihr habt ganz Recht, ſagte er, es iſt eine Schande, daß Ihr hier ſtehen müßt, indeſſen zu Hauſe Eure Kinderchen frieren und hungern. Wer aber trägt die Schuld davon? Nicht der Staat, nein, der gewiß nicht, nur die Deutſchen ſind es, denen wir all unſer Unglück verdanken, und ich kenne Franzoſen, die ſich nicht entblöden, es mit den Feinden des Vaterlandes zu halten. h en ker uß — Pfui über die Niederträchtigen! riefen die Weiber, man nuß ſie öffentlich auspeitſchen! — O, Ihr werdet das nicht thun, denn grade ſie ſind es, welche ſich für Freunde der Armen ausgeben, ich kenne eine oornehme Dame, die täglich viele Suppen austheilt und doch wlit den Deutſchen unter einer Decke ſpielt. — Rennt ſie uns nur, Herr Pater, rief eine der Frauen, und Ihr ſollt ſehen, wie wir ihr auf offenem Markte die Kleider vom Leibe reißen und ſie mit Ruthen durch die Stadt peitſchen! — O Ihr müßt nicht ſo bös mit ihr verfahren, wenn ich ſie Euch nennen ſoll, bat der Pater und faltete die Hände. — Ei, wir wollen ſie nur nach Gerechtigkeit züchtigen, ant⸗ wortete ihm das Weib. Was, mit den Preußen unter einer Decke, und das ſollte man dulden? Rein, jetzt müſſen wir wiſſen, wer uns verräth! Sterben denn unſere Kinder umſonſt, hungern und frieren wir vergeblich? Den Namen. Pater Venturo, den Ramen! — Ja, den Namen, den Namen! kreiſchten und heulten die ibrigen Weiber. — Nun, ſagte der Jeſuit mit ſcheinheiliger Miene, da meine lieben Beichtkinder es ſo dringend von mir fordern, ſo muß ich mich ſchon entſchließen, Euch die Dame zu nennen, obgleich ich es ungern thue. Es iſt die Herzogin Montalto. — Die! meinte kopfſchüttelnd die Eine, das iſt ſchade, es iſt ſonſt eine gute Frau. — Mir hat ſie ſeit vier Wochen täglich Eſſen geſchickt, ver⸗ ſicherte eine Andere, und mein Kind hat ſie beſucht, als es krank war. Meinem Mann hat ſie Arbeit verſchafft. Meine alten Eltern ſind durch ihre Fürſprache in's Hospital aufgenowmmen worden. Und Fräulein von Montalto hat mir dieſes Tuch geſchenkt! Und mir dieſe warmen Schuhe! Dieſen Shawl hat ſie ſelber geſtrickt! So ging es fort, und eine Jede wußte etwas Rühmendes von der Herzogin und ihrer Richte zu ſagen. Der Pater gab daunn ſeine Sache noch nicht auf. — Sagte ich es Euch denn nicht, ſprach er mit heuchleriſch verdrehten Augen, dadurch eben wollte ſie die armen Leute zu⸗ traulich machen, um ſie ſpäter nur um deſto ſicherer den Deutſchen zu überliefern — Aber das wäre ja ſchändlich! rief eine Frau. — Das meine ich auch, liebe Frau Godard, nickte ihr der Pater zu. Wir leben in ſo traurigen Zeiten, da iſt es doppelt Sünde, wenn nicht Alle in Liebe und Eintracht zuſammenhalten. Sie, Frau Godard haben ſo viel Leiden kennen gelernt, ich weiß es ja, Ihr Sohn war ein Taugenichts, er mag wohl ſchon todt ſein? — Ich weiß nichts von dem Franz, murrte die Mutter. — Und Ihr alter Schwiegervater, diente er nicht bei dem Frjulein von Undentino? — Ein ſchönes Fräulein das! rief das Weib mit Gelächter, lebte mit dem Herzog von Montalto, meinem früheren Liebſten, es iſt ihr ſchon ganz recht, daß ſie ein elendes Ende fand. — Euer Schwiegervater hatte Euer Töchterchen zu ſich ge⸗ nommen, nicht wahr? — Ja, und als das Fräulein von Montalto todt an ihrem Kamin gefunden wurde da dachte der alte Natr, ſie könnten ihn in Verdacht haben und ℳ jief davon mitſammt meiner Kleinen. Nun, ich hatte meinen Kram von dem ich mich nähren mußte, und konnte ihm nicht nach laun, auch machte mir der Franz ſchon genug zu ſchaffen, ich ließ das Kind alſo dei dem Alien. — Da ſeht Ihr, was die Armen den Montaltos verdanken, fügte der Pater laut hinzu. Dieſe brave Frau hat dupch ſie den alten Vater und ihr Kind verloren, aber ſie erträgt ihr unglück ſchweigend und in Geduld, gerade wie Ihr es tragt, daß die Herzogin Euch an die Deutſchen verräth. — Rein, wir tragen es nicht, unſere Geduld iſt zu Ende, kreiſchten die Frauen, wir laſſen uns nicht den Preußen über⸗ lefern, nieder mit der Herzogin, nieder mit ihrer Richte! Der Pater kannte dieſes franzöſiſche Volk, das man durch ein Wort auf andere Gedanken bringen kann. Die Frau, die ihnen bisher eine Wohlthäterin geweſen war, erſchien ihnen plötzlich als eine Feindin, ſie glaubten dem Pater auf das Wort, ſ daß die Herzogin mit den Deutſchen in Verbindung ſtande, obſchon ſich das ourch michts beweiſer netz, und beſchloſſen, das blutig an ihr zu rächen. Das waren die ächten Nachfolgerinnen jener Damen der Fiſchhallen, die mit ihren Strickzeugen lachend dabei ſaßen, wenn während der erſten Revolution täglich Hunderte von Menſchen geköpft wurden, die der unglücklichen Königin Marie Antoinette ein Ochſenherz vorhielten und riefen: das iſt das Herz der Oeſterreicherin! Jetzt entſannen ſie ſich, daß oer Herzog Montalto einer der treuſten Anhänger des Kaiſers Louis Napoleon geweſen war und daß ſeiner Frau daran liegen mußte, dieſen Herrſcher wieder auf dem Throne zu ſehen, es ſtand alſo feſt, ſie war eine Ver⸗ rätherin, und ſogleich eilten ſie vor ihr Haus, um einen Akt der Rache an ihr auszuüben Der Pater rieb ſich vergnügt die Hände, er ſah ſeine Pläne auf das Schönſte reifen, aber er wollte ganz ſicher gehen. Darum begab er ſich in eine der abgelegenſten Gaſſen des ſchlechteſten Vier⸗ tels von Paris. Hier kannte er eine kleine und ſchmutzige Kneipe in die er eintrat, und wo er einen ſcharfen Blick um ſich warf. Das Licht in dem kleinen Schenkzimmer war ſo trübe, und die Luft mit Tabacksqualm und Ofenrauch angefüllt, daß er im erſten Augenblick den Mann nicht bemerkte, der an einem Tiſche ſaß und den Kopf auf beide Arme gelegt hatte. Das leere Schnapsglas, welches vor ihm ſtand, gab nur zu deutlich die Ur⸗ ſache ſeiner Schläfrigkeit an hellem Tage an. Der Mann war ekelhaft. Sein ſchon ergrauendes Haar hing in langen Strähnen über die ſchmutzigen Hände herab, die gefal⸗ tet zur Stütze der heißen Stirn dienten. Sein Rock war unſauber und nicht nur an den Ellenbogen zerriſſen, die Fetzen am Kragen bewieſen es, daß nicht Zeit oder Arbeit ihn ſo ſchlecht gemacht hatten, ſondern auch der Griff einer ſtarken Fauſt, ſei es die eines Poliziſten, ſei es bei einer Schlägerei geſchehen. Auf eine ſolche ſchien auch der ſtarke Knotenſtock zu deuten, der zwiſchen ſeinen Beinen lehnte. Von Wäſche war keine Spur 3 ihm zu bemerken, ein grober Shawl umgab den Hals, zeugte B aber das Alles ſchon von Verkommenheit, ſo war es ein Geruch von Branntwein, der ſeine Rähe faſt unleidlich machte. Der Pater ſah ihn mit einem Blick der tiefſten Verachtung an, dann beſtellte er bei der Wirthin zwei Gläſer Schnaps und legte dem Manne die Hand auſ die Schulter. — Ha, Schack, ſchlaft Ihr am hellen Tage? Der Mann richtete ſich ſchlaftrunken empor. — Ah, ſagte er, indem er ſich reckte, Sie ſind es? Pünkt⸗ lich wie der Teufel, wenn es ihm um eine arme Seele zu thun iſt. Verflucht! das Glas iſt ſchon wieder leer! Sie geben ſcheuß⸗ lich wenig Branntwein fürs Geld, ſeitdem Paris belagert iſt. — Hier iſt welcher, verſetzte der Pater und ſchob dem Trun⸗ lenbold eins der Gläſer zu, welche die Wirthin ihm brachte, ohne auch nur daran zu nippen. Schack dagezen hielt das Glas gegen das Licht, als wolle er ſich zunächſt an dem Anblick ſonnen, dann ſtürzte er es mit Eins hinunter. — So, ſagte er und ſchnalzte mit der Zunge, das giebt Kraft, und nun, warum wollten Sie mich ſprechen, Pater Fuchs? — Ich heiße Venturo. — Ach was, Sie find Zeſuit, und alle Jeſuiten ſind Füchſe, man muß ſich vor ihnen in Acht nehmen. — um ſolchen Unſinn zu hören, habe ich Sie nicht her⸗ beſtellt. — Nun, nun, ich ſpaße ja nur. Im Grunde bin ich der beſte Kerl von der Welt und habe noch nie ein Kind beleidigt. — 6ben von einem Kinde wollte ich mit Ihnen ſprechen. — Ach, kommt es auf die alte Geſchichte hinaus? Ich weiß es ja, Sie wußten darum, Sie hingen damals an dem Herzog, und wie oft habe ich Sie geſehen, wenn Sie abends um unſer Haus herum ſpionirten, und wie oft haben Sie mich ausgefragt, mit wem das Fräulein von Undentino umginge und was ſie machte. Wir Alle nannten ſie unter uns nur das Fräulein, ob⸗ ſchon der alte Peter Godard behauptete, ſie ſei ganz rechtmäßig verheirathet, ja, Sie ſelber hätten ſie getraut. Iſt das ſo, Pater Veniuro? „ „ e tung und n. weij zoh unſet rohi sſie ob⸗ nißiß pott — 351— Der Pater ſchob ihm auch das andere Slas hin, und Schack leerte es auf einen Zug. — Wie alt wäre wohl jetzt Ihre Tochter? fragte der Pa⸗ ter dann. — Meine Beate? laſſen Sie ſehen ſie war im Juli gebo⸗ ren, es ſind ſiebzehn Jahre her, jetzt wäre ſie ſiebzehn und ein halbes. — Und war das Find, welches Ihr als Leiche ſahet, wirk⸗ lich Ihr Kind? — Ja, warum wollen Sie nun das wiſſen, Herr Pater? — Weil ich Ihnen gerne dieſes Geldſtück zu verdienen geben möchte, Herr Schack. — Ach ſo, ja, die Zeiten ſind verdammt ſchlecht. Nun denn alſo, da Sie es ſo gut mit mir meinen, ſo will ich Ihnen die Wahrheit ſagen. Ja, das war wirklich meine kleine Beate. Ich hätte es nicht ſo genau gewußt, denn ich wollte mir den Schmerz vertrinken, ſehen Sie, aber meiner Frau ihre Schweſter lebte da⸗ mals noch, und die hatte das Kind lieb, und ging hin und ſah es ſich an und ließ es auch begraben, und die hat es mir unter Thränen geklagt, daß unſere kleine Beate todt war. Der Pater runzelte die Stirn. Es war alſo eine Möglich⸗ lichkeit, daß Schacks Kind geſtorben war, und daß Alice, Anto⸗ nina Undentinos Tochter, noch lebte. aber wo, aber wie? das war die Frage. Doch nahm er ſich jetzt nicht die Zeit, darüber nachzudenken — Damit iſt Ihnen ein ſchändliches Unrecht geſchehen Das Kind wurde doch ohne Frage auf Befehl des Herzogs von Mon⸗ talto in das Woſſer geworfen, ſagte er. — WMeinen Sie? fragte Schack. Ja, ſehen Sie, ich habe es niemals recht begriffen, warum eigentlich Peter Godard mein Kind mit ſich nahm, da er doch ſchon die kleine Betty hatte, ſeine Enkelin, die immer mit Alicechen ſpielte. — Das will ich Ihnen erklären. Der ſchlaue Herr, der Her⸗ zog von Montalto wollte alle Welt glauben machen, Alice Un⸗ dentino ſei todt, und um das zu beweiſen, mußte doch eine Kinder⸗ leiche da ſein. Die einzige Enkelin mochte Pater Godard aber nicht zum Opfer bringen, da ſchien ihm Ihre Beate gut genug dazu. — 352— — Meine Beate gut genug. wetter dreinſchlagen — Ich verſtehe ganz dieſen Zorn; wenn man Vater iſt, ſo liebt man ſein Kind. Aber der Herr Herzog liebte auch das ſei⸗ nige, und Sie ſehen wohl ein, daß ein Herzogskind ganz etwas Anderes iſt, als das eines Tiſchlers, wie Sie. — Das ſoll ich einſehen? Schwerenoth, wozu haben wir denn Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit? Ich will mein Kind wieder haben — So geht hin und verlangt es von der Herzogin Schack wollte aufſpringen, ſeine Beine verſagten ihm den Dienſt. — Zu der Herzogin, murmelte er. Der Pater unterſtützte ihn. — Es iſt die richtige Zeit, ſagte er. Der Mann nahm Ihnen das Kind, die Frau muß es Ihnen wiedergeben, oder. Sie nehmen ihres. Kourage, Schack, heut gilt es, die Weiber ſind da, ſie haben auch ein Hühnchen mit der vornehmen Dame zu pflücken, die Paris an die Deutſchen verrathen möchte. Sie ha⸗ ben Doppeltes zu rächen, Schack, Ihr Kind und Ihr Vaterland. Auf, Mann, Muth, fürchten Sie nichts Sie iſt ganz allein, der ſchöne Maler iſt draußen bei den Truppen, die eben laut ge⸗ nug knallen, um uns glauben zu machen, daß ſie ganz Deutſch⸗ land vernichten, die Bedinten ſtehen auf Wachtpoſten. Auf, Schack, heut Abend können Sie ein reicher und glücklicher Mann ſein, wenn Sie den Muth haben, furchtbare Rache anszuüben. — Ob ich den Muth habe! rief der Trunkenbold und ſchwang ſeinen Knotenſtock. Sie ſollen ſehen, wie ich mich räche! Was? meine Beate ins Waſſer ſchmeißen, damit ſein Kind ge⸗ rettet wird? Hoho, Herr Herzog, Sie ſollen an Schack gedenken! Er taumelte hinaus, der Pater ſah ihm nach. — Er iſt in Wuth, ſagte er, und das wird ihm Kratt eben O, ich hoffe, die Sache iſt gut eingefädelt und ſoll mir ijeſes Mal gewiß gelingen. Ei, da ſoll ja das Donner⸗ U „ D — — — ——— — —— e Soſour Sre Sorrof Shart 0 Cyan Green NVellow Red Magenta