4 — — Leihbibliothek. deutſcher, engliſcher und fruzſiſchß Literätur von Ednard Oltmann in Gießen, ſe Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teiß und Jeſebedingungen. 1otlensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von MWorgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 5 hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zürückerſattet wird 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bczahlt werd und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 7 2—————— auf 1 Monat: Mi. Pf 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf⸗ 6 5 Answärtige Abonnenten haben für Hin und Zurückſendung zer Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 20.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſebt und, wird 1 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen Fſ der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ff ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5 Deutſchland's„ oder Die bleiche Frau von Mainz. Hiſloriſche Erzählung des deutſch-franzöſiſchen Feldzuges im Jahre 1870. Von Chryſ. Krauſe. —l— Zweiter Band. Berſin. Tudwig Zulius Heymann. — 52. Kapitel. Das öde Dorf. Der Ulan warf einen mitleidsvollen Blick auf die drei Ge⸗ ſtalten. — RNein, ſagte er, wie Ihr da ſeid, macht Ihr keine andert⸗ halb Meilen zu Fuß. Uebrigens erſtrecken ſich die Feſtungswerke von Metz ziemlich tief in das Land hinein, es könnte leicht kommen, daß Euch die Rothhoſen oder marodirendes Geſindel begegnete. Das iſt die ſchlimmſte Sorte, ſie leben vom Kriege wie die Geier vom Aas. Kommt nun, ich will Euch lieber unter meinen Schutz nehmen. Meine Schecke iſt lammfromm, aber weichmäulig, Sie fönnen getroſt aufſitzen, Maria Fiſcher, den einen Jungen nehmen Sie hinter ſich, ich marſchire mit dem andern nebenher, und nach einer Weile wechſeln wir die Burſchen um, ſo bringe ich Euch bis zu unſeren Vorpoſten. — Aber Sie wollten zu Ihrem Armeekorps! — Es erwartet mich da Keiner ſo früh, ſehen Sie doch, meine Hand iſt ja noch dick verbunden, mit einem anderen Pferde ginge es nicht, aber die Shecke verſteht mich ſchon. Alſo ohne Umſtände hinauf. 8 Gabriele war glücklich und dankerfüllt, ihr war die Hilfe ſo unerwartet gekommen. Der gutmüthige Reitersmann, in wel⸗ chem wir längſt ſchon Wilhelm Friſchmuth, den Maſchinenbauer, erkannt haben, hob ſie auf das Pferd, Arthur ſaß hinter ihr und ſchlang ſeine Arme um ihren Nacken, ſein Kopf ruhte auf ihrer Schulter, und ſie trug freudig die Laſt und dachte an den Knaben, den ſie für ihren Sohn hielt, und dachte daran, daß auch er die Leiden des Krieges zu tragen hatte. Dieſes Kind, dem gerade jetzt die Kaiſerkrone von dem Haupte geriſſen wurde, beſchäftigte ſie Tag und Nacht, ſie hatte gehört, wie ſern vermeintlicher Vater ihm die Feuer taufe hatte geben laſ⸗ — ſen und ſchauderte davor zurück. Jetzt diente ſie einer ihm feind⸗ lichen Macht, aber ſie verpflegte Dutſche und Franzoſen mit gleicher Aufopferung. Noch waren die Lazarethe nicht vollſtät dig eingerichtet, es fehlte an ſo manchem, das Alles erſetzte die licbevollſte Aufmerkſamkeit, Wer Maria Fiſcher in ihrem ſchwarzen„eide, mit dem Schlei⸗ ertuche über den hellbraunen Haaren ſah, der hielt ſie für eine Nonne, für die Schweſter irgend eines geiſti*en Ordens, ſie wiederſprach dem nicht, war es doch echte Frömmig trieb, die ſchwerſte Arbeit auf ſich zu nehmen und vöe keinem Schrecken zurückzubeben. Wenn die Wunden ſo furchtbar eiterten, daß man Gefäße unterſetzen mußte, um die ekelhaft riechende Flüſſigkeit aufzufangen, wenn ſie ſchlecht verbunden waren und ſcheußliches Gewürm da⸗ raus hervorkroch, wenn Fieberwahnſinn die Leute ergriff und ſie Worte ausſtießen, vor denen ihr Gefühl ſchauderte, ſie trug Alles mit Sanftmuth und gläubigem Sinne. Ihre milde Sprache beru⸗ higte die Aufgeregten, ihre weichen Hände verurſachten keine Schmerzen wenn ſie die Binden löste und die Charpie entfernte. Aus manchen Augen leuchtete ein Hoffnungsſtern, wenn ſie ſich dem Bette näherte, manche Seele wandte ſich wieder zu Gott, dem lange vergeſſenen, und bereitete ſich auf ein würdiges Ende vor. Gab es dann einen Augenblick der Rahe, den Andere eif⸗ rig ſuchten, ſo hatte ſie noch zu arbeiten und zu ſorgen. Sie wuſch die ſchmutzigen Binden und Compreſſen, damit kein Man⸗ gel an reiner Leinewand entſtände, ein widerwärtiges Geſchäft, dem ſich nicht leicht Jemand unterzieht, ſie zupfte Charpie, ſtopfte Kiſſen, nähte und beſſerte Beſchädigtes aus, half auch wohl in der Küche bei der Bereitung der Speiſen. Sie war der Engel des Lazareths, ſo nannten ſie die Aerzte, ſo nannten ſie die Kranken. Doch konnte ſie nicht lange an demſelben Orte verweilen, denn ſie gehörte zu denen, die ſich die doppelt ſchwere Aufgabe geſtellt hatten, den Armeen zu folgen, und die Verwundeten gleich auf dem Schlachtfelde zu verbinden und zu erquicken. 6 Wilhelm Friſchmuth wußte das, er hatte ſo viel Gutes von ——— fri zu er er ſie da 1 cher die — 455— Maria Fiſcher gehört, daß er ſtolz darauf war, auch etwas für ſie leiſten zu können. Er war in den letzten Tagen nicht ſo heiter geweſen, wie er es ſonſt zu ſein pflegte, vor ſeiner Seele ſchwebte das Bild eines allerliehſten Mädchens mit reizenden Grübchen in den friſchen Wangen und Fellen Augen. Aber dieſe erſt ſo munteren Augen waren trübe geworden, obſchon er es verſucht hatte, mit den ſeinigen zu ihnen zu rede, Endlich hatte ſie ſie gar nicht mehr zu ihm auf⸗ geſchlagen, uis die rothe Unterlippe zog ſich ſo trotzig in die Höhe, da er wohl merkte, ſie war ihm böſe. Aber was ſollte er thun? Einem deutſchen Soldaten geht der Dienſt über Alles, er konnte nicht mit ihr reden, obſchon er dem Wagen, in welchem ſie ſaß, ſo nahe war. Jetzt war ſie für immer für ihn verloren, das wußte er wohl. Zwar vermuthete er ſie in Metz, aber er mußte der Armee des Kronprinzen folgen, welche direkt nach Frankreich hinein marſchirte. Auch durfte er Nichts vom Frieden hoffen, denn er wußte nicht einmal ihren Namen, wußte nicht, ob ſie wirklich in Metz geblieben war, und konnte ſie doch nicht vergeſſen und ihr liebes Bild nicht aus ſeiner Bruſt verbannen. Zetzt ſehnte er ſich herz⸗ lich nach Zerſtreuung, nach Schlachtgewühl und all den Höllenlärm, den die Gefechte mit ſich bringen. Deswegen konnte er es nicht in dem Lazareth aushalten und wollte, obſchon ſeine Hand ihn noch heftig ſchmerzte, wieder zurück zu ſeinem Korps. Langſam führte er das Pferd und plauderte dabei mit Ri⸗ chard in gebrochenem Franzöſiſch. Bald erfuhr er von dieſem, daß er einer franzöſiſchen Marketenderin entlaufen war. — Hol ſie der Teufel, dieſe alten Hexen, rief er, wir haben bei uns auch ſolche Sorte. Zwar, Kinder ſtehlen ſie nicht, aber ſie verkaufen den ſchlechteſten Fuſel für ſchweres Geld und locken den armen Burſchen den letzten Heller aus den Taſchen. Wenn ich aber Deiner alten— wie heißt ſie doch? Margot, ich will mir den Namen merken, wenn ich der alten Margot einmal be⸗ gegne, ſo will ich ihr einen Gruß von Dir ſagen, den ſie ſobald nicht wieder vergeſſen ſoll. Sie mochten eine Stunde lang gegangen ſein, Richard ſaß jett auf dem Pferde und ſchmiegte ſich nicht weniger herzlich an — 456— Gabriele, als es bisher Arthur gethan hatte. Da kamen ſie an einigen halb verfallenen Hütten vorbei. Es brannte kein Licht hinter den geſchloſſenen Fenſterladen, und die Leute mochten ſchla⸗ fen oder geflohen ſein. Kein Hahn krähte dem Morgen entgegen, kein Vieh brüllte in den Ställen, Alles machte den Eindruck der Hede und Verlaſſenheit. Doch nein, dort aus dem Hinterhauſe drang ein lichter Schein, der Laden ſtand halb offen, man. keinen Lauſcher in dieſer menſchenleeren Gegend. Vorſichtig führte Friſchmuth ſein Pferd an den Hütten vor⸗ über, es mochten Nachtvögel darin verſteckt ſein, denen er hier allein mit einer Frau und zwei ſchutzloſen Knaben nicht zu begeg⸗ nen wünſchte. Er ließ die Schecke auf weichen Boden treten, damit ihr Hufſchlag ſich nicht bemerklich machte und leitete ſie an dem erleuchteten Fenſter vorbei. Gabriele, die von ihrem erhöhten Sitze im Stande war, in das Zimmer zu blicken, ſiieß plötzlich einen Schrei aus. Die drin⸗ nen mochten ihn nicht gehört haben, wenigſtens achteten ſie nicht darauf, aber Friſchmuth ſchüttelte etwas unmuthig den Kopf und wollte e Da legte ſie ihm die Hand auf die Schulter. — O nur einen Augenblick, nur einen Augenblick! bat ſie. Er guckte nach dem Fenſter hin, es war unten durch Bretter verſchlaſſen und nur nach oben zu halb geöffnet, ſo ſah er nichts, aber die Augen der Fürſtin hafteten mit unnennbarer Spannung an dem, was drinnen vorging. Es ſaß ein altes Weib an einem ſchlechten halb zerfallenen Tiſche. Auf dem Kopfe hatte ſie eine rothe Mütze, wie die Turkos ſie tragen, rothe Beinkleider und eine blaue Jacke bildeten ihre ſeltſame Bekleidung, der zahnloſe Mund lachte und ſog dabei an einer kurzen Pfeife, ſie war wider⸗ wärtig häßlich und gemein. Neben ihr ſaß ein noch junger Mann, der vor ſich einen ganzen Haufen von Ringen, Uhren, Geldtaſchen, Medaillons und dergleichen koſtbaren Gegenſtänden hatte und ſie zu ordnen ſchien, und mit dem Rücken zu Gabrielen gewandt ſtand ein Anderer, deſſen Geſtalt von einem weißen langen Rock bedeckt war, ſein dunkles Haar wallte ihm lockig herab, ſein Wuchs war hoch und edel, und auf dem linken Arme trug er das heilige Kreuzeszeichen auf einer weißen Binde. Er hielt ein der uf un alte bri ge Ga de zul de ſch ha ſi ko fü 7 — g⸗ it M — einen Ring in der Hand und ließ, wie es ſchien, den Edelſtein, der ihn verzierte, in dem Licht der elenden Lampe ſchimmern, die auf dem Tiſche brannte. Es war ein ſeltſamer Gegenſatz. Dieſer Mann, ſo vornehm und ſtolz in dieſer elenden Hütte, dieſe Koſtbarkeiten auf einem alten wackligen Tiſch, dieſes Weib in Männerkleidern... Ga⸗ briele blickte wie erſtarrt darauf hin. Das war derſelbe, den ſie jetzt wieder fand, nachdem ſie ihn in Nacht und Nebel vergeblich geſucht hatte, derſelbe, der ihrem einzig geliebten, ewig verlorenen Gatten ſo ſprechend ähnlich ſah, daß ſie meinte, er ſei aus dem Grabe auferſtanden. Ungeduldig mahnte Friſchmuth zur Fortſetzung der Reiſe, ſie aber konnte die Blicke nicht von ihm abwenden, konnte ſich nicht losreißen von dem Anblick, in welchem ihr ganzes verlorenes Jugendglück wieder auflebte. Da plötzlich warf der Mann den funkelnden Ring unter die äbrigen Kleinodien, das Weib ſchien zu ihm zu ſprechen, er aber wandte ſich mit einem Achſelzucken um.. jetzt fiel das Licht der Lampe ſcharf auf ſein Geſicht, und dies Geſicht war Gabrielen zugekehrt. Aber ach, ſo ſicher ſie die Züge ihres geliebten Todten wie⸗ dererkannte, ſo fremd, ſo kalt erſchien ihr dieſes Antlitz. Sie ſchauderte zuſammen. Iſt er es, iſt er es nicht? Ach, es geſchehen keine Wunder, Alphons Donato war todt, in ihren Armen hatte er ſeinen Geiſt ausgehaucht, die Räuber hatten ſeine Leiche in einen Felsſpalt geworfen,— das konnte ſie ſich nicht oft genug wiederholen. Sie ließ die Hand ſinken, die ſie bittend auf Withelm Friſch⸗ muths Schulter gelegt hatte. Er war zufrieden, endlich fortzu⸗ kommen, und leiteke ſeine Schecke weiter. Doch kaum waren ſie fünfzig Schritte von der Hütte entfernt, als plötzlich ein Schuß hinter ihnen her knallte. — Den Teufel auch, das wird ernſthaft! rief Friſchmuch. etzt Schecke, gehe vorwärts, ich muß wiſſen, was das iſt. — Um Gottes willen, bat Gabriele, ſetzen Sie ſich keiner Gefahr aus! 458— — Dazu bin ich ja hier, das bringt der Krieg ſo mit ſich, lachte er und gab dem Pferde einen leichten Schlag, ſo daß es im Trabe davon ging. Jetzt trat er hinter einen Baumſtamm und lugte ſcharf aus. Es war ſchon ziemlich hell, obgleich man nichts von der Sonne ſah, die hinter dicken Wolken ſtand. Um das alte Gemäner herum ſchlichen drei Geſtalten, die eine große im weißen Rock ent⸗ fernte ſich nach der entgegengeſetzten Seite, die beiden anderen ſchlichen ſich an dem Hauſe entlang; er ließ ſie herankommen, dann feuerte er mit ſeinem Reiterpiſtol. Der Mann ſchrie auf, er mußte ſtark verwundet ſein. — Franz, Franz, rief die Frau und warf ſich über ihn. Gleich aber ſprang ſie empor, die Fauſt hob ſie drohend gegen den Ulanen auf. — Warte Satansbrut, das rächt die Mutter Margot, das rächt ſie fürchterlich! Dacht ich doch, der Franz ſollte noch ein⸗ mal meine Liſette kriegen; da ſchickſt du ihm den Tod! Aber hüte dich, hüte dich, die alte Margot ſpeit auf dich! Die Worte waren im Tone ſchäumender Wuth geſprochen. Friſchmuth zog ſich langſam und den Blick ſcharf auf das Weib geheftet zu ſeinem Pferde zurück. Da ſah er noch vier bis fünf Kerle aus den Hütten treten, Alle waren bewaffnet. — Jetzt gilt es! dachte er, wandte ſich um und lief ſeiner Schecke nach. — Vorwärts, nur ſchnell weiter, rief er Gabrielen zu, retten Sie ſich und die Kinder, denken Sie nur an eiligſte Flucht; der Weg ührt links um die Weiden herum! Gabriele zauderte. Sollte ſie den treuen Helfer in der Noth verlaſſen? Und doch, was konnte ſie zu ſeiner Hilfe thun? Herz. — Wo iſt Arthur? rief er ihr nach. Gabriele blickte ſich um, der Knabe war bei Wilhelm Friſch muth geweſen. — Arthur, Arthur! rief er voller Schrecken und wagte es — Da plötzlich fiel es dem jungen Manne ſchwer auf das denn alle Deut fende tend Er dacht briel eilte Satt heg h, es dennoch nicht, umzukehren, denn ſchon knallte es hinter ihm, die alte Margot trieb die Strolche an. — Haut ihn todt, ſtecht ihm die Augen aus, er iſt ein Deutſcher, reißt ihm das Herz aus dem Leibe! ſo klang ihre kei⸗ fenbe gellende Stimme. Und plötzlich jauchzte ſie auf. — Ich habe ihn, ich habe einen der Affen wieder! Jetzt ſiel es Wilhelm ein, was Richard ihm von der Marke⸗ tenderin geſagt hatte, bei der ſie ſo üble Tage verleben mußten. Er wollte den armen Jungen nicht im Stiche laſſen — Hätte ich nur wenigſtens mein Pferd und meine Lanze, dachte er. Da vernahm er ein luſtiges Wiehern dicht hinter ſich. Ga⸗ briele war mit Ri hard abgeſtiegen, und das frei gewordene Pferd eilte zu ſeinem Herrn. Mit einem Satze war Friſchmuth im Sattel. — Jetzt ſollt Ihr ſehen, was ein Ulan iſt, ſagte er und legte die Lanze ein. Die Bauern krochen hinter die alten Zäune. — Das hilft Euch nichts, da ſtöbere ich Euch ſchon vor, lachte er ihnen entgegen. Die zweite Piſtole ſteckte noch geladen in der Halftertaſche, da blitzte ein Schuß, er ging dicht an ſeinem Bein vorüber. — Gut, jetzt weiß ich, wo du biſt, ſagte der Soldat und ſchoß durch den Zaun, ein lautes Gebrüll verkündete ihm, daß er gut getroffen hatte, das alte Lattenwerk praſſelte auseinander. — Jetzt blos noch vier, das macht ſich ſchon, meinte der Ulan. Der umfallende Zaun hatte die Kerle bloßgelegt. Hei, wie fuhr er mit der langen Lanze unter ſie, ein Schuß ging los, doch ehe er traf, lag ſchon der Schütze röchelnd am Boden, die Spitze der Pike war ihm durch den Hals gegangen, das Fähn⸗ lein färbte ſich blutigroth. Da riſſen die Andern aus, er aber ſprengte ihnen nach, die Schecke nahm den alten Zaun mit einem prächtigen Satz und die Lanze fuhr einem der Flüchtlinge zwiſchen die Schultern Aber plötzlich fuhr das Thier zurück, für Friſchmuth war es ein Glück [2 — 460— daß er es nur mit den Schenkeln regierte, er wäre ſonſt offenbar hintenübergeſtürzt, jetzt rettete es ihn, daß er die Weichmäuligkeit ſeines Pferdes ſchonen gelernt hatte Was war das Hinderniß, das ſich ihm entgegenſtellte? Ein Strick, der quer über den Hof gezogen war, die beiden übrigen Burſchen ſprangen hinüber und verſchwanden. Es wurde ſeltſam ſtille. — Da lauert Verrath, ſagte ſich der Ulan, aber getroſt, ich muß den Jungen wieder haben, bei der alten Hexe laſſe ich ihn nicht. Er ritt von der andern Seite um das Haus, er kam an das erteuchtete Fenſter, da lag noch das Geld auf dem Tiſche, und Margot zog den ſchwer verwundeten Franz Godard hinein. So⸗ gleich ließ Friſchmuth eine Kugel über ihren Kopf dahin ſauſen, im nächſten Augenblick riß ſeine ſtarke Fauſt die Fenſterladen herab. Die Alte ſtürzte ſich über das Geld her und ſuchte es zu verſtecken. — Behalte Dein Gut, rief Wilhelm ihr zu, aber den Jungen giebſt Du mir wieder. Sie grinſte ihn an. — Das könnte Euch gefallen! Meinen Affen brauche ich allein und kriege wohl auch noch den zweiten dazu. — Das iſt entſchieden des Teufels Großmutter, dachte der Ulan, aber nur Geduld... was haſt du, Schecke? Das Thier war unruhig geworden, Wilhelm blickte umher, da leuchtete ein Flintenſchuß, ein Knall, die Kugel ſtreifte ſeine Schulter, ein heftiger Schmerz durchzuckte ihn. Doch faßte er ſich ſchnell. — Das iſt am linken Arm, wo ohnedies die Hand nichts taugt, ſagte er zu ſich, aber rächen muß ich es doch. Er that es mit der Spitze ſeiner Lanze, dann ſah er wieder in das Fenſter hinein, die alte Margot war verſchwunden, mit ihr das Geld, welches auf dem Tiſche gelegen hatte. — Arthur, Arthur! rief Wilhelm Friſchmuth. Ein lauter Aufſchrei antwortete ſeinem Rufen. Es ging die — Thir bleich er auf ein E ſürzte Kind und dieſet loſen den( wjede ches groß ige Kne Bru lebte na — 6 R Thür der Hütte auf, der Knabe taumelte hervor, er war todten⸗ bleich und drückte beide Hände gegen ſeine Bruſt, ſo ſchwankte er auf Friſchmuth zu, doch als er ihn faſt erreicht hatte, ürze B ein Strom von ſchwarzem Blut aus ſeinem Munde. er 1 ſtürzte zur Erde nieder. W— Ha, das iſt ſchändlich! rief der Ulan, ſie hat das arme Kind ermordet! O Gott, das Weib gieb mir in meine Hände, und ich will es ſo ſicher dem Teufel überliefern, wie Du Dich hn dieſer Kindesſeele erbarmen wirſt. Mit dieſen Worten ſtieg er von ſeinem Pferde, hob den leb⸗ 4 loſen Körper des Knaben empor und legte ihn vorſichtig über nd den Sattel und Hals der Schecke, dann ſchwang er ſich ſelber öo wieder auf und nahm das Kind in ſeine Arme. Das Blut, wel⸗ en ches von ſeiner Schulter rieſelte, miſchte ſich mit dem, das in en großen dunklen Tropfen auf Arthur's Lippen ſtand. — Was wird Marie Fiſcher ſagen? fragte er ſich mit trau⸗ u rigem Kopfſchütteln. Er fand ſie mit Richard hinter den Weiden verſteckt. Der en Knabe war außer ſich über den Tod ſeines ſo heiß geliebten Bruders, Gabriele nahm das Kind an ihre Bruſt, als ob es noch lebte, und küßte die erkaltende Stirn. ich— Armer Knabe, ſagte ſie, wie biſt Du ſo ſchön, ſo ſanftl O daß ich Dich retten könnte... der— Ich aber, rief Wilhelm Friſchmuth, wie es auch kommen mag, ich will Dich rächen! er, ine ſich ſt 53. Kapitel. Der Eilmarſch. m Bis zu dem Jahre fünfzehnhundert und zweiundfünfzig war Metz eine deutſche Stadt geweſen und noch heute wird in der ganzen die Gegend viel deutſch geſprochen, das erleichterte den Soldaten un⸗ — ſerer Armeen das Leben ſehr bedeutend, dennoch ſollten ſie es inne werden, daß auch dieſer Boden nur wieder mit deutſchem Blute zurückgekauft werden konnte, und ſie Alle haben keinen Augenblick gezaudert, r Leben daran zu ſetzen, Sachſen, Heſſen, Hannovera⸗ ner, Schleswig-Holſteiner, Oſt⸗Preußen, Alle kämpften hier den großen Wettſtreit um die Palmen des Ruhmes, ſie Alle zeigten ſich des deutſchen Namens würdig, den ſie gemeinſam führen. Das Elſaß hat ſeine urſprüngliche Nationalität viel reiner bewahrt, als Lothringen, und dennoch zeigt ſich auch hier der Kern der Bevölkerung noch ganz deutſch. Man darf es nicht vergeſſen, daß das franzöſiſche Reich nicht weniger als zweihun⸗ dert und dreißig Quadratmeilen deutſchen Gebiets mit eintauſend vierhundert und ſiebenundzwanzig Gemeinden und einer Million dreimalhundert und ſechzigtauſend Einwohnern beſaß, und daß es dieſe Landſtriche meiſt durch die niedrigſten Schliche und Ränke erworben hat. Dennoch haben ſich deutſcher Sinn und deutſches Familienleben erhalten, und die Sitten ſind nicht fo zerfreſſen von dem Sifthauche des Franzoſenthums, wie da, wo der Pari⸗ ſer Einfluß ſich bemerkbarer macht. So finden wir es auch in Metz. „Die Metz und die Magd— Haben dem Kaiſer den Tanz verſagt!“ das ſangen die Soldaten, als Kaiſer Karl der Fünfte die jungfräuliche Feſtung nicht erobern konnte, das letztere Wort bezieht ſich auf die weibliche Geſtalt, die in dem Stadtwappen von Metz prangt. Sie hat ſich gut gebettet, dieſe ehemals deutſche Magd, die Moſel fließt in einer Breite von fünfhundert Fuß an ihr vorbei und dient ihr als Spiegel, aber auch die Seille eilt herbei, um ſich ihr dienſtbar zu machen. Ringsum erhebt ſich ein ungleiches Wald⸗ und Hügelland, welches nach Frankreich zu höher und ſchrof⸗ fer hinaufſteigt, nach Deutſchland hin ſanfter abfällt. Nach Nor⸗ 5 ſteig ſch den zu erweitert ſich das Flußthal, da wo die Eiſenbahn nach Thi⸗ onville führt. Nordöſtlich führt eine Chauſſee über St. Prinat, weſtlich eine über Mars la Tour, nach Süden ſetzt ſich die Eiſenbahn nach Straßburg fort, während grade nach Oſten ein 2 Fohr Köni 6 det K nete mußte Bürg ungl gräb nen ches, eine liebe werb auf nur ſonß Sig aller Tuch tünß ie a Reit ſond haft ſeln nen gãn ſeltl ds übe un — 463— Fahrweg nach St, Avold leitet, wo ſich das Hauptquartier des Königs von Preußen befand. 3 So feſt war ſchon vor alten Zeiten die Lage des Ortes, daß der Kaiſer Otto der Große ſie mit unter die vier Städte rech⸗ nete, die ſeinen Landen als Schutzwehr gegen ieden Feind dienen mußten, es war eine der vornehmſten deutſchen Reichsſtädte, ihre Bürger genoßen des höchſten Anſehens, und Karl des Großen unglücklicher Sohn, Ludwig der Fromme, wählte ſie zu ſeinem Be⸗ gräbnißorte. Herrlich ragt der St. Stephansdom, und in ſei⸗ nen heiligen Mauern wurde das Grundgeſetz des deutſchen Rei⸗ ches, die goldene Bulle beſchworen. Mit dieſem Glanze war es nun freilich vorbei, ſeitdem Metz eine franzöſiſche Stadt geworden war. Viele reiche Bürger wollten lieber deutſch bleiben und wanderten aus, im Handel und Ge⸗ werbe wurde Metz bald von andern Städten überflügelt, es hörte auf, ſeinen Glanz in der Macht ſeiner Bürger zu ſuchen und war nur noch eine franzöſiſche Feſtung. Fruchtbar und maleriſch wie ſonſt erſtrecken ſich noch immer die von Weinreben umſchlungenen Hügelketten an der Moſel entlang, Raps und Färbeſtoffe, Getreide aller Arten baut man mit echt deutſchem Fleiße, dazu werden Tuche und andere Wollenwaaren, Nadeln, Waffen, Spiegel und fünſtliche Blumen in verſchiedenen Fabriken in vorzüglichſter Gü⸗ te angefertigt, und es iſt kein Wunder, daß dem franzöſiſchen Reiche an dem Beſitze dieſes lothringiſchen Hauptplatzes ganz bo⸗ ſonders lag, vorzüglich, da es von hier aus einen überaus leb⸗ haften Handel namentlich mit Süddeutſchland unterhielt. Die beiden Flüſſe Moſel und Seille bilden verſchiedene In⸗ ſeln, die mit ſchattigen Parken bedeckt ſind, in denen Springbrun— nen glätſchern, Bildſäulen ſtehen und ſich die reizendſten Spazier⸗ gänge entlang ziehen, von hier blickt man in das lachende Mo⸗ ſelthal und über die grünenden Hügel. Tritt man aber in das Innere der Stadt, ſo findet man alterthümliche Kirchen und Häuſer, die noch aus dem zwölften Jahrhundert ſtammen. Aber über Alles ragt der mächtige Dom hervor mit ſeinem dreihundert und fünfzig Fuß hohen Thurme und ſeinen herrlichen Glasmale⸗ reien. Die Stadt ſelbſt liegt auf dem rechten Moſelufer, doch — 464— breitet der Fluß hier verſchiedene Arme aus, auf denen die Schiffe vorüber ſegeln, denn hier iſt es, wo die Moſel zu einem ſchiff⸗ baren Strome wird. An den Feſtungswerken haben die Franzoſen Jahrhunderte lang gearbeitet, ſie ſind noch wichtiger geworden durch die Eiſen⸗ bahnen, die hier münden und Metz mit Paris verbinden, während eine andere angefangene über Chalons noch nicht fertig iſt, große eiſerne Brücken führen hier, noch inmitten der Feſtungswerke, über die Mofel und nur, wer Metz beſitzt, iſt auch im Stande, ſich die⸗ ſer Verbindungsmittel zu bedienen. Weil nun Metz für einen jeden Feind uneinnehmbar ſchien, ſo errichtete man gerade hier alle nur möglichen Magazine mit Waffen, Pulver und anderen Kriegsgeräthen. Und außerdem ſchien die Stadt gegen jede Noth geſichert zu ſein, weil unterirdiſche Kanäle ihr noch außer dem Flußwaſſer reichliches und friſches Trinkwaſſer aus den Bergen zuführten. Die Franzoſen ahnten nicht, daß ſie ſelber mit allen ihren Kriegsvorräthen in der Feſtung eingeſperrt werden ſollten Es war der Plan des Feldmarſchall Canrobert, die Moſellinie anz aufzugeben und ſich nach der Maas zurückzuziehen, um ſich dort mit der Armee zu vereinigen, an deren Spitze Mac Mahon neben dem Kaiſer Louis Napoleon ſtand. Dieſer Plan war jedenfalls ſchlau genug erdacht, denn die franzöſiſche Macht wäre alsdann ſtark genug geweſen, um den Deutſchen erfolgreich Widerſtand leiſten zu können. Der Oberſtkommandirende Marſchall Bazaine ging darum auf dieſen Plan ein. Dazu aber mußte er Metz verlaſſen können, und dies war nicht ſo leicht gethan, wie geſagt. Schon rückte die Avantgarde des Prinzen Friedrich Karl von Pont à Mouſſon nach Verdun vor, denn Alles kam jetzt darauf an, die Vereinigung der feindlichen Armeen zu verhindern. Dieſe Aufgabe war ſchwer, aber die Leute, denen man ſie anvertraute, waren ihr gewachſen. Der Kronprinz ging ſüdlich auf Nancy zu, um hier das Feld gegen Mae Mahon zu decken, der alte Stein⸗ metz marſchirte von Norden aus gerade auf Metz los, und feſter noch ſchloß Friedrich Carl ſeine Truppen um Metz zuſammen. Die Soldaten, welche unter dieſem Anführer ſtanden, wuß⸗ ten Un e mi nic wei ger ſer de gi ne un ge br die⸗ —— — 465— ten wohl, daß es harte Arbeit geben würde, hatte man doch den Ungeſtüm kennen gelernt, mit dem er ſchon in Böhmen ins Feuer gegangen war. Jetzt ließ er ſeine Leute in Eilmärſchen vorwärts marſchiren, denn es galt, die Moſel zu beſetzen, damit Bazaine nicht hinüber konnte. Da gab es weder Ruhe noch Raſt, weiter, weiter ging es, und man wartete nicht, bis das Eſſen gar geworden war, wer Fleiſch hatte, begnügte ſich, es weich zu klop⸗ fen und zu ſalzen, es ſchmeckt auch ganz gut, wenn man ſtatt des Salzes Pulver hineinreibt. Glücklich, wem der Labetrunk in der Feldflaſche nicht aus⸗ ging. Wer von Weitem die Moſel rauſchen hörte, wer mit bren⸗ nender Kehle darauf zu eilte und nach Waſſer verlangte, um den unerträglichen Staub hinunterzuſpülen und neue Lebenskraft zu gewinnen, für den war es eine harte Prüfung. Die Sonne brannte glühend heiß, kein Schatten erquickte die eilenden Wande⸗ rer, das Torniſter drückte und ſcheuerte den Rücken, die Stiefeln wur⸗ den zu einer unerträglichen Qual für die ſchmerzenden Füße, in Strömen rann der Schweiß von den ſtaubbedeckten Stirnen, und ſo am Ufer ſtehen, vor ſich das Waſſer rieſeln ſehen und nicht hinunter dürfen... Da verwünſchte mancher in ſich hinein die Strenge der Dis⸗ ziplin und dankte doch nachher Gott, daß er feſt geblieben war. Ein kalter Trunk nach ſolchem Marſch giebt den Tod, deswegen dieſes unerbittlich ſtrenge Geſetz. Aber es war nicht das einzige Leid auf dieſem Wege. Solche Gewaltmärſche halten nur ſtarke WMänner aus. Hier und da ſah man Einen matt werden, die Füße wollten nicht mehr Takt halten. Da ſtimmte Einer ein friſches Lied an, es fielen Andere ein, die Melodie ermunterte etwas, es ging wieder auf ein Weilchen. Oft auch wurde Schweigen geboten der Feind mochte in der Nähe ſein, dann wurde das Marſchiren noch beſchwerlicher. Und der arme Menſch, den ſchon vorher die Kraft verlaſſen hat, ſchwankt mit brechenden Knieen und glanzloſen Augen da⸗ hin. Wohl nimmt ihm ein gutmüthiger Kamerad für einige Zeit das Gewehr ab, doch nützt das nicht viel, er kann nicht fort, D V. 30 — 466— die Anderen treten ihm auf die Hacken, er ſtolpert weiter, endlich iſt es aus, er taumelt aus der Reihe, oder ſinkt mit einem tiefen ſchmerzlichen Seufzer zu Boden nieder.. Die Andern werfen einen feuchten Blick des Mitleids auf den Unglücklichen, aber Nie⸗ mand vermag ihm zu helfen, ſie müſſen weiter, immer weiter. Und da liegt er am Boden, die Nachfolgenden ſteigen über ihn hinweg, oder es zieht ihn Einer bei Seite, ſein brechendes Auge folgt den Dahineilenden... ſo findet ihn der Abend, kühl ſinkt die Nacht herein, ihm bringt ſie keine Erquickung er fühlt die letzten Kräfte ſchwinden, die Zunge lechzt, ein einziges Glas Waſ⸗ ſer, ſo wenig in gewöhnlichen Zeiten, vermöchte ſein Leben zu erretten, ach es iſt Niemand da, der es ihm reichen könnte, fern⸗ hin verhallen die Tritte ſeiner Kameraden, noch ſchleicht ein Fuß⸗ franker oder Uebermüdeter an ihm vorbei und ſieht ihn kaum, er kann nicht ſchreien, nicht um Hilfe rufen... ſo Endet ihn der Feind und ſchleppt ihn mit ſich fort, ſo findet ihn... der Tod und kühlt ihm die verzehrende Gluth. Der Arme, er ſtirbt dahin ohne etwas für ſein Vaterland geleiſtet zu haben, ein ungerühm⸗ tes Opfer für die große Sache. aber Gott wird richten! Doch unnütz waren die Eilmärſche wenigſtens nicht geweſen. Die Armee kam gerade zur rechten Zeit. Bazaine wollte ſo eben eine Abtheilung ſeiner Truppen mit der Eiſenbahn fortſchicken, als die Deutſchen eine drohende Stellung annahmen, ſogleich dampfte der Zug zurück und verkroch ſich in den Feſtungswerken von Metz aber die Uuſeren nahmen von dem Moſelübergang Beſitz. Es zieht ſich eine Verbindungsſtraße von Metz nach Verdun, dieſe den Franzoſen abzuſchneiden, war das nächſte Ziel, es mußte gelingen, wenn man zur rechten Zeit da war nämlich ehe Bazaine ſelber den Weg für ſich benutzte. Da hieß es wahr machen, was Moltke geſagt hatte, da hieß es ſiegen durch die Ge⸗ ſchwindigkeit der Füße. Und ob auch Hunderte unterwegs liegen blieben, die Andern kamen zur richtigen Zeit der Eifer mit dabeizu ſein, belebte ſie Alle, wer auch nur eine Spur von Kraft in ſich fühlte, der raffte ſich zuſammen, leuchtete doch ein glänzendes Ziel ihnen Allen vor den Augen. Doch trotz der grenzenloſeſten Eile und über⸗ men nich Hen ware nicht lite war ſein Pf nich eber Mu fent ſt ohn niſt ode ſol ſ wa lich ha ger di ſi w 3i al ſ dich efen rfen ter. ihn uge ſ die Waſ⸗ nzu fern⸗ ßuß⸗ er der Tod ahin hw⸗ eſen. eben icken. gleich erken rgang rdun, 6 6 ehe wahr e Ge⸗ liegen ſein ühlte⸗ jhnen — 467— menſchlicher Anſtrengung vermochte der Prinz Friedrich Karl nicht, vor dem zwölften Auguſt an Ort und Stelle zu ſein. Hier zeigte ſich der wunderbarer Geiſt, der unſere deutſchen Heere belebte. Sie litten unſäglich, dieſe tapferen Truppen, ſie waren bis zum Tode ermattet, hungrig und durſtig, ſie wußten nicht, wohin man ſie führte, aber ſie vertrauten Denen, die ſie leiteten. Kein Wort der Klage wurde laut. Es muß ſein, das war der ganze Troſt, den Einer dem Andern gab, warum es ſein mußte, danach fragte man nicht, denn des Soldaten erſte Pflicht iſt der Gehorſam. Auch litten die zunächſt Vorgeſetzten nicht weniger. So mancher milchbärtige Sekondelieutenant, der eben erſt aus dem Kadettenkorps gekommen oder bisher von Mutter und Schweſtern verhätſchelt worden war, lief ſchweißtrie⸗ fend neben ſeinen Leuten her, ſo mancher Stubengelehrte, der ſich ſonſt vor einem kalten Luftzug fürchtete und die Sonne nicht ohne blaue Brille anſah, keuchte jetzt unter dem ſchweren Tor⸗ niſter und beneidete ſeine Kameraden, die ehrliche Handwerker oder Landleute waren, um ihre geſunde Kraft. Doch, wenn man ſolch' ſtrenge Disziplin ſchon an den Preußen rühmen muß, die Jahre lang daran gewöhnt ſind und dieſe ſtraffe Art der Krieg⸗ führung von Schleswig⸗Holſtein und von Böhmen her kennen was ſoll man zu den Bundesbrüdern ſagen, denen es neu iſt, daß in der Soldatenjacke alle Standesunterſchiede ſchwinden. Wahr⸗ lich, die Haltung dieſer braven Truppen iſt über alles Lob er⸗ haben. Was gehen die Bayern, Würtemberger, Sachſen, Thürin⸗ ger, Badenſer und Heſſen pretßiſche Feldherren an, ſie kennen ſogar die preußiſchen Prinzen kaum vom Anſehen, nicht einmal als Feinde hatten ſie ihnen gegenüber geſtanden, und dennoch vertrauten ſie ſich ihnen und ihrer Leitung, und keine Stimme des Unwillens wurde laut, weun die frühere bequemere Ordnung in der ſtrengen Zucht aufging. Solch eine Hingabe an die gemeinſame Sache iſt groß, iſt erhaben. Sie thaten Alle ihr Beſtes in dieſem unvergleichlichen Kampfe, allein das Höchſte leiſteten Diejenigen, welche aus Feinden Preu⸗ ßens zu ſeinen innigſten Freunden wurden, weil es galt das ge⸗ — 468— meinſame Vaterland in einer furchtbaren Gefahr zu ſchützen. Es war ein großer Wettkampf, ein Jeder ſtrebte nach Auszeichnung, Nord⸗ und Süddeutſche überboten ſich in Heldenmuth und Aufopferungs⸗ fähigkeit,— das gemeinſam vergoſſene Blut bildet ein unauf⸗ lösliches Band der Zuſammengehörigkeit, und Deutſchlands Ein⸗ heit wurde auf Frankreichs Schlachtfeldern durch Bayern, Sachſen, Würtemberger, Badenſer und Heſſen erkämpft.— Indem ſie die Franzoſen beſiegten, erweiterten ſie den Norddeutſchen Bund, er kann eben als ſolcher nicht mehr beſtehen, das ganze Deutſch⸗ land ſoll es ſein, ſo weit die deutſche Zunge klingt, und niemals wieder ſoll ein Zwiſt die deutſchen Herzen auseinanderreißen. Und ſo ging es weiter nach der Moſel hin. Hier und da fing man einen Ueberläufer ein, heimlich ſandte man Spione aus, unaläſſig wurde Bazaine und jede ſeiner Bewegungen beobachtet. So erfuhr man denn als ziemlich ſicher, daß dieſer ſich überaus beeilte, Metz zu verlaſſen. Er kannte das Herannahen des feind⸗ lichen Heeres und zitterte davor; bald erfuhr er auch, daß es nicht nur eine einzige Armee war, die ſich ihm näherte. Dadurch wuchs ſeine Gefahr. Er mußte fort, mußte die Fühlung mit Mac Mahon wiedergewinnen, oder Alles war für ihn verloren. Deshalb ſchickte er Kundſchafter aus, welche ihm über das Herannahen der Armee des Prinzen Friedrich Karl berichten ſollten. Was ſie ver⸗ kündigten, klang ziemlich troſtreich: der Prinz war noch nicht da. Bazaine athmete auf. Er, Canrobert, Leboeuf und die ihnen untergebenen Generäle ordneten in Eile ihre Truppen. Es war eine Luſt für die Einwohner von Metz, als ſie ſich zum Abmarſche anſchickten. Freilich fürchteten ſie ſich vor den Deutſchen, doch wie hätte die Laſt deutſcher Einquartierung größer ſein können, als die Qualen, die ihnen ihre eigenen Landsleute bereiteten? Dieſe waren eben die Herren der Stadt, Niemand durfte ſich wei⸗ gern, ihnen Alles zu geben, was ſie verlangten, ach und wie un⸗ geſtüm verlangten ſie es. Vor der Liederlichkeit der Offiziere war kein Mädchen ſicher, und die Ehegatten fürchteten für ihre Frauen, wie die Väter für ihre Töchter. Bazaine ſelbſt ging mit dem böſeſten Beiſpiel voran. Er ſchrieb faſt unerſchwingliche Lie⸗ ferungen aus, die Bürger mußten an die Armee Lebensmittel, Hem f delte den pelte liche Söl zu alle ten gab in ſ Rat ſthi die Ge ſw M tö St erol ver ſi and war Nord⸗ ngs⸗ muf⸗ Ein⸗ ſen, die d er uſch⸗ mals d da ais. ſchtet. eraus feind⸗ nicht wuchs ſohon halb der vel⸗ t da. hnen war rſche doch men, eten? we⸗ eun⸗ ziere ihre 9 mit Lie⸗ nittel — 469— Hemden und Strümpfe geben, und Nichts konnte gut genug ſein. Daß viele der Bewohner von Metz lieber deutſch als fran⸗ zöſiſch ſprechen, gab den meiſten Anlaß zum Streite, man behan⸗ delte dieſe armen Lothringer, als ob ſie im Einvernehmen mit den Feinden wären und ſtrafte ſie für ihre Herkunft durch dop⸗ pelte Zahlungen und durch vermehrte Einquartierung. Alle öffent⸗ lichen Gebäude wurden vom Militär mit Beſchlag belegt, in den Sälen der Schulen ſtanden Pferde, das Bürgermeiſteramt wurde zu einer militairiſchen Kanzlei gemacht, im Theater belegten ſie alle Plätze für ſich und ihre Dirnen, und wehe dem hochgeſtell⸗ ten Bürger, der dieſen nicht alle Achtung erwieſen hätte. So gab man den Wunſch zu erkennen, ein Feſt zu feiern, ein Feſt in ſolch einer Zeit! Und dennoch mußte es geſchehen. Der große Rathhausſaal wurde herrlich geſchmückt, die Feldmarſchälle er⸗ ſchienen in ihren prächtigen Uniformen, die Militärmuſik ſpielte, die Damen waren in den glänzendſten Toiletten. Aber wer die Geſichter der hochgeſtellten und reichen Civiliſten ſah, wie ſie ge⸗ zwungen zu dem Feſte gingen, dem ward nicht luſtig dabei zu Muthe. Die Zudringlichkeit der Offiziere empörte die Bürger⸗ töchter, außerdem nahmen dieſe geſchlagenen Soldaten die erſten Stellen an der Tafel ein und prahlten mit Lorbeeren, die ſie erſt erobern wollten. Dies geſchah an dem Tage, an dem man Metz verlaſſen wollte, Friedrich Karl war noch weit, Bazaine hielt ſich für ſicher, er ließ ſeine Offiziere tanzen... aber bald ſollte ihnen anders dazu aufgeſpielt werden. 54. Kapitel. Pange und Mars⸗la Tour. Der Abmarſch der franzöſiſchen Truppen von Metz ſollte unter allen Umſtänden verhindert, ihre Verbindung mit Mae Mahon entſchieden vereitelt werden. Man paßte bei den Deut⸗ ſchen ſcharf auf. Demnach bemerkte die Avantgarde der Armee des Generals Steinmetz ſchon am NRachmittage des vier⸗ zehnten Auguſt, daß unter den im Schutze der Feſtung liegenden Truppen eine auffallende Bewegung begann. Sie mel⸗ deten dies ſogleich ihren Offizieren, und dieſe richteten die Fern⸗ gläſer auf jenen Punkt hin. Welch eine herrliche Erfindung ſind dieſe langgeſtreckten Röhren mit den kleinen Stückchen Glas, ſie bringen uns die Sterne des Himmels nahe, ſie zeigten uns auch⸗ was die Rothhoſen da drüben vorhatten. Dieſe fühlten ſich ſehr ſicher unter dem Schutze ihrer Feſtungswerke, die rings herum zerſtreut liegen, was konnten ihnen die Deutſchen anhaben? Ge⸗ müthlich packten ſie ihre ſieben Sachen zuſammen, die Lokomotive war geheizt, mit Marſchiren brauchte man ſich nicht abzuquälen, es ging Alles ganz bequem, und das Beſte war, daß Friedrich Karls Armee ſich noch nirgends zeigte. Ja aber Steinmetz war da, der alte Eiſenbart, und als man ihm von jenen verdächtigen Be⸗ wegungen der Franzoſen Meldung machte, ging ein Zucken über ſein Geſicht er richtete ſich empor, mit Einem Male war eine jede Spur von Alter aus ſeinem Weſen verſchwunden, munter und friſch wie ein Jüngling ſprang er auf ſein Pferd, ritt zu den Vorpoſten, um ſelber zu ſehen, um was es ſich handelte. Wohl wußte er, daß der Neffe ſeines Königs unterwegs ſei, um ge⸗ meinſchaftlich mit ihm den Marſchall Bazaine in Schach zu hal⸗ ten. Doch konnte er es nicht über ſich gewinnen, ruhig auf ihn zu warten, während ſich die Franzoſen zum Abmarſch rüſteten. Er ſchickte zunächſt die Weſtfalen unter General Goltz voraus, das iſt ein kerniges Volk, dem er den erſten Angriff ſchon anver⸗ trauen konnte, wirklich packten ſie die Franzoſen mit Ungeſtüm an, und kaum war zwiſchen ihnen das Gefecht entbrannt, ſo rückten fünf Diviſionen ihnen nach. Einer ſolchen Macht gegenüber ſah ſich Bazaine genöthigt, nun auch mehr Truppen in das Feuer zu ſchicken, obgleich ihm ein ſolcher Zwiſchenfall im Augenblick der Abreiſe ſehr unbequem ſein mochte. Bald knallten die Geſchütze von beiden Seiten, und heftig entbrannte der Kampf. Die Fran⸗ zoſen, die gleichſam zu Hauſe waren befanden ſich in der gün⸗ ſtigſten Lage. Vor ihnen erſtreckten ſich die zu der Feſtung ge⸗ hörenden Schützengräber. Die Deutſchen mußten jedes dieſer Hind wo ſ Eile ſchſ Stel ſchoß hen. Roth Dos ihrer gewt und Erfo weite drin Flig Man gräb ſch rotl Sch von durz gone ſche fan gl N gew Sie die ich das iet⸗ ung mel⸗ ern⸗ ind ſie uch, ſehr rum Ge⸗ tive len, rich war Be⸗ über jede und den ohl ge⸗ hal⸗ ihn eten. qus, wer⸗ ſtüm cten ſah er zu der hütze ran⸗ gůn⸗ dieſer — 471— Hinderniſſe nehmen, die Gräber füllten ſich mit Blut und Leichen, wo ſie zu breit waren, um hinüber zu ſpringen, ſchleppte man in Eile einige Todte herbei, füllte damit die Gräben aus und baute ſich ſo eine ſchauerliche Brücke. Die Artillerie hatte eine paſſende Stellung genommen, über die Köpfe ihrer Infanterie hinweg ſchoß ſie auf die Franzoſen und riß große Lücken in ihre Rei⸗ hen. Jetzt tanzten ſie noch einmal, dieſe vergnügungsſüchtigen Rothhoſen, aber weniger luſtig als mit den Damen von Metz. Doch ließ auch dieſe jungfräuliche Feſtung den tiefen Baßton, ihrer Geſchütze vernehmen. Es blieb beim Brummen, die ſchlecht geworfenen Granaten wühlten ſich in die Erde, krepirten hier und ſprühten eine Menge Staub empor, das war der ganze Erfolg. So ging das blutige Geſchäft bis zum Abend. Immer weiter mußten die Franzoſen zurückweichen, immer ſtürmiſcher drängten die Deutſchen nach. Da verſuchte der feindliche linke Flügel noch einen Stoß, aber unter Trommelwirbel ging ihnen Manteufel entgegen, erſtürmte eine ganze Reihe von Feſtungs⸗ gräben und zwang die Franzoſen zur Flucht. Eiligſt zogen ſie ſich in die Feſtung zurück, deren Thore ſich hinter der letzten rothen Hoſe verſchloſſen. Die Deutſchen verblieben auf dem Schlachtfelde und zeigten ihre Nähe durch Kanonenkugeln an, die ſie von Zeit zu Zeit in die Feſtung warfen, deutſche Patrouillen durchſtreiften das Schlachtfeld, die Höhen hielten litthauiſche Dra⸗ goner, den Karabiner in der Fauſt, beſetzt. Die meiſten Verluſte hatte die zweite Diviſion des oſtpreußi⸗ ſchen Armeekorps erlitten. In beſonders gefahrvoller Lage be⸗ fand ſie ſich gegen ſieben Uhr Abends, wo auf ihrem linken Flü⸗ gel faſt alle Offiziere gefallen waren. Aber ihr Befehlshaber, General von Bentheim, verlor den Muth nicht. Als er einen Soldaten mitten im heißen Kampf⸗ gewühl ruhig ſeine Eigarre rauchen ſah, rief er ihm zu: Geben Sie mir auch Feuer! zündete ſich eine Cigarre an und führte, die Cigarre im Munde, den Degen hoch emporhaltend, ſeine ge⸗ lichteten Reihen, die ihrem General jauchzend folgten, wieder in das Gefecht. Es war ein erhebendes Schauſpiel, die deutſchen Truppen — 472— nach dem Kampfe auf dem blutgetränkten Schlachtfelde biwakiren zu ſehen. Tauſende von Lagerfeuern ſendeten ihre rothe Glut zum Himmel und warfen ihren Schein auf die abziehenden fran⸗ zöſiſchen Kolonnen. Im Lager wurde Wirbel geſchlagen, es folgte das Gebet, und gleich darauf brach mit Donnergewalt, vieltau⸗ ſendſtimmig geſungen,„die Wacht am Rhein“ los. Es war ein Augenblick der hellſten Begeiſterung und gleich⸗ zeitig ein Lobgeſang, dem Schutzgeiſt der deutſchen Waffen gewid⸗ met, der ihnen ſo treulich zur Seite geſtanden. Im Mondlicht ragten in der Richtung nach Courcelles die Gebände des Schloſſes Chateau de Colombe empor. Der Wald, welcher beide umrahmt, lag im tiefſten Frieden, und doch hatte dort eben erit ein mörderiſcher Kampf ſtattgefunden⸗ 2 Hunderte von Todten, meiſt Franzoſen, füllten die Gräben der Chauſſee, auf der ſie das Vordringen der Deutſchen vergeb⸗ lich aufzuhalten bemüht geweſen waren. Sie hatten ihren Eifer mit dem Tode bezahlen müſſen. Wäre ihre Stellung eine auch noch ſo gedeckte geweſen, ſie konnten den Kugeln der deutſchen Schützen nicht entgehen. Die Mehrzahl der getödteten Franzoſen hatte Schußwunden am Kopf. Auch in der Ebene und im hüge⸗ ligen Theile der Gegend war erbittert gekämpft worden. Maſſen⸗ gräber am Fuße der Höhen, in denen viele Hunderte ſchlummer⸗ ten und welche noch für neue Gäſte offen gelaſſen waren, ließen die ganze Größe des Kampfes erkennen, ebenſo die Menge wegge⸗ worfener Wnffen, die den Boden bedeckten. Von den Schlöſſern wehten die Fahnen der Johanniter; alle Räume der elegant möblirten Gebäude füllten Verwundete, und endloſe Wagenzüge führten immer noch neue Opfer des blutigen Kampfes herbei, deren Unterbringung kaum noch möglich war. Dabei fehlte es am Nothwendigſten; erſt nach einigen Stunden konnte man die dringendſten Wünſche der Verwundeten be⸗ friedigen. 4. Das war das Treffen bei Pange oder Courcelles, zwar nur ein Vorläufer der ungleich bedeutenderen Kämpfe, die ihm folgen ſollten, aber doch ernſt und blutig genug. General von Steinmetz hatte ſeinen Zweck vollſtändig durchgeſetzt Ba auf hrach mach dehn. man iren lut ran⸗ lgte au⸗ eich⸗ wid⸗ die ld, hatte üben cgeb⸗ Eifer auch ſchen zoſen hüge⸗ ſen⸗ mer⸗ eßen 9e alle und tigen wal. nden be⸗ r nul olgen eſett — — 473— Bazaine konnte an dieſem Tage das linke Moſelufer nicht errei⸗ chen, er war gezwungen, in Metz zu bleiben und ſeinen Abmarſch aufzuſchieben, da das Treffen ſeine Armee in arge Unordnung ge⸗ bracht hatte. Aber ſchon an dem folgenden Tage, dem fünfzehnten Auguſt, machte Bazaine einen abermaligen Verſuch, ſich durchzuſchwin⸗ deln. Es war dies der ſogenannte Napoleonstag, an welchem man in Frankreich die Geburt des erſten Kaiſers mit großem Ge⸗ pränge zu feiern pflegt, gerade dieſes Datum hatte ſein elender Neffe ſich zu ſeinem Einzuge in Berlin auserſehen, und gerade heute war es, wo ſein Heer ſich auf einem ſchmählichen Rückzuge befand. Die Franzoſen waren dieſes Mal vorſichtiger, ſie marſchir⸗ ten direkt auf Verdun zu und ſchienen nicht zu ahnen, daß ſie damit gerade dem Feinde in die Hände liefen. Indeſſen ging es mit dieſer Bewegung nach rückwärts nicht ſehr ſchnell, und ſchon am ſechszehnten trat ihnen der Prinz Friedrich Carl entgegen. Er hatte das bergige Moſelland haſtig durchſchritten, doch ſo ſehr er ſich auch beeilt hatte, es waren erſt die Spitzen ſeiner Armee, die er den Franzoſen entgegenſtellen konnte. Dennoch zögerte er keinen Augenblick, den Weitermarſch der Letzteren zu verhindern. Indeſſen iſt es für übermüdete Soldaten keine kleine Aufgabe, ſich noch vor dem Eſſen dem Feinde gegenüber zu ſtel⸗ len, hier aber war der Feind mehr als doppelt ſo ſtark, und langſam nur konnten die übrigen deutſchen Truppen heranrücken, da ihnen die Hügel mit ihren tiefen Einſchnitten den Weg ver⸗ ſperrten. Bald entbrannte der Kampf. Er konnte noch nicht mit der vollen Heftigkeit geführt werden, da die deutſche Macht noch zu gering war. Noch handelte es ſich nur darum, die Franzoſen am Weitergehen zu verhindern, ſie zum Stillſtand zu zwingen und zu ermüden, bis die übrigen Regimenter angekommen wären. Dieſe folgten dem Donner der Kanonen, dem knatternden Krachen der Zündnadelgewehre. Jetzt fühlte ſich Keiner ermüdet, Alle brann⸗ ten vor Kampfbegierde, alle Anſtrengungen waren vergeſſen, man wußte es nun, warum man ſo viele Strapazen ertragen hatte, man — 474— wußte auch, daß man zur rechten Zeit gekommen war⸗ Welch eine Ehre, hier mit einzuſtehen für die große deutſche Sache, mit läny einzugreifen in dieſen Heldenkampf. Sechs Stunden lang hielten lung die zuerſt angelangten Truppen, es waren Brandenburger, den Shun 3 Feind auf ſeinem Wege feſt, die Franzoſen kämpften mit dem det g Mucthe der Verzweiflung, es galt ihnen Alles, zu den Ihrigen zu Afrika kommen, denn allein fühlten ſie ſich einem ſolchen Feinde gegenüber ihr 0 zu ſchwach, ſie mußten ihm gemeinſam mit Mae Mahon begegnen, ſie z wenn nicht jede Hoffnung auf Sieg entſchwinden ſollte. Doch ſtanden die deutſchen Truppen unerſchütterlich wie er n Mauern ihnen gegenüber, und zu ihren Seiten plänkelten Ulanen dulch und Dragoner und fügten ihnen den bitterſten Schaden zu. Wo der d ſich die Lanzen zeigten ſank den Franzoſen der Muth, die Turkos hund ſrochen auf der Erde fort und warfen in aller Eile die Waffen n 42 ſnt ſie küßten die Füße der muthigen Reiter und baten flehentlich un Gnade. Wem fiel es ein, ſie unnütz zu tödten? Man mußte das die Lumpengeſindel zuſammen hinter die Front treiben, damit es ſich fün päterhin in deutſchen Feſtungen gütlich that und in deutſchen Lazarethen von weichen Frauenhänden pflegen ließ. Ag Von Worgens acht Uhr an bis Nachmittags vier Uhr von kämpfte das brandenburgiſche Kdrps allein gegen die gewaltige ſind Uebermacht, gegen eine bis zur Verzweiflung gehende Tapferkeit ſeren der Franzoſen, gegen ihre Mordinſtrumente— da trat das han⸗ ſchi növerſche Armeekorps unter General v. Voigts⸗Rhetz auf dem linken Flügel gegen den rechten der Franzoſen in den Kampf. Tur Hier ſtand die franzöſiſche Garde, die ſich mit einer ihres alten Rufes würdigen Tapferkeit ſchlug. Uuen Die ſchneidigen Angriffe und die treffliche Führung des han⸗ ni növerſchen Korps waren über alles Lob erhaben aber die Ent⸗ der ſcheidung konnte erſt durch eine Entſendung der Garde⸗Dragoner⸗ Kei Brigade über Mars la Tour in die rechte Flanke des Feindes Stn ermöglicht werden. Es galt, die Mitrailleuſen zum Schweigen zu bringen, deren kn. Kugelregen Alles, was in ihre Schußlinie kam, umwarf. Hei, wie Krie ſprengten die Reiter darauf zu, wie hieben und ſtachen ſie nach rechts und nach links, wie ſtürzte Alles vor ihnen nieder! n mit lten den em z iber en, wie nen Wo rios weg um das ſich chen Uhr tige rkeit han⸗ dem myf. ten han⸗ Ent⸗ oner⸗ indes deren wie nach S— 475— Tiefer Schrecken ergriff alle franzöſiſchen Gemüther. Dennoch kämpften ſie tapfer. War es vorhin das Gefühl der Verzweif⸗ lung, das ſie in den Kampf trieb, ſo war es jetzt die Furcht vor Schande Beſiegt, aber und abermals beſiegt, ſie, die Mitglieder der großen Nation, ſie, die erſten Soldaten der Welt, die in Aſien, Afrika und Amerika gekämpft hatten. O, das war zu viel für ihre Eitelkeit, ſie gingen mit der Blutgier reißender Thiere los, ſie zeigten ſich als Schakals und Hyänen. Seht, wie der Kerl auf Händen und Füßen kriecht, kaum iſt er neben ſeinem Opfer, ſo ſpringt er empor und ſtößt ihm den Dolch in ſeine Gurgel. Dort liegt ein Todter, unbefangen ſteigt der deutſche Soldat über ihn hinweg, da zuckt ein Meſſer in der Hand der vermeintlichen Leiche, und in den Unterleib getroffen, ſinkt der Krieger hin. Sie thun, als wären ſie auf der Flucht, dann ſtehen ſie, als wollten ſie ſich ergeben, doch kaum ſind ihnen die Dragoner nahe genug, da kracht es von allen Seiten, da ſtürzen Roß und Mann zuſammen. So litten die todesmuthigen Gardereiter bei ihrer blutigen Jagd ganz fürchterlich. Auch die Kavallerie⸗Brigade des Generals von Bredow, ein Käraſſier⸗ und ein Ulanen⸗Regiment, die drei feindliche Treffen durchbrach, und ein Theil der Ziethen'ſchen Hu⸗ ſaren, welcher zwei franzöſiſche Bataillone niederritt, hatten ent⸗ ſetzliche Verluſte. Ja, es war ein opferreicher Tag, der Tag von Mars la Tour! Unzählige Todte bedeckten das Schlachtfeld, und als am Abend der Donner der Kanonen verſtummte, ließ ſich ein anderer, weit ſchmerzlicherer Ton vernehmen. Es war das Gewinſel der Sterbenden, der furchtbare Schmerzensſchrei der Verwundeten. Kein Ohr, das jemals dieſen Ton vernommen hat, wäre im Stande, ihn jemals wieder zu vergeſſen. Aber in aller dieſer Noth und unter den gräßlichſten Schmer⸗ zen erhob und belebte ein ſtolzes Gefühl die Bruſt der deutſchen Krieger: ſie hatten geſiegt! Die Deutſchen behaupteten das Schlachtfeld, todmüde ſchlie⸗ fen ſie unter Sterbenden und Leichen. Der Marſchall Bazaine — 476— war zurückgewieſen. Zwar hatte er ſich nicht dazu entſchließen 3 können, ſich wieder nach Metz hineinzubegeben, doch nahm er ſein di 1 Lager nur eine Meile von dieſer Feſtung entfernt. Hier, wo finde die Hügel zu Bergen wuchſen, ſuchte er ſich die geſichertſten 36 Thalſchluchten aus, mußte er doch immer fürchten, daß ihm die it d Feinde auf's Neue die Reiſe ſtörten. iſe Von hier aus erließ er einen Schlachtbericht an den Kai⸗ het ſer, der ihn ſofort nach Paris ſandte. Er hütete ſich, die volle u Wahrheit zu ſagen, meldete, daß ſein Unternehmen ſo gut wie ge⸗ glückt wäre, rühmte den Geiſt und die Tapferkeit ſeiner Soldaten xile über Alles und verſicherte, er habe ſich nur in die Nähe von Metz E zurückgezogen, um ſich mit neuer Munition zu verſehen. Dies freilich mochte richtig ſein, denn überall, wo die Franzoſen ſchoſſen, verknallten ſie eine Unmaſſe von Pulver und Blei, und es ging ein halbes Dutzend von ihren Kugeln fehl, ehe einer von unſeren Sol⸗ daten ſich den Feind ausgeſucht hatte, den er ſicher in das Herz traf. 3 Bedenkt man nun, daß jede Granate wenigſtens zwanzig Thaler, jede Kanonenkugel zum mindeſten fünf koſtet und daß das verhältnißmäßig bis zu dem Pulver und Blei der Hinterla⸗ dergewehre hinunter geht, ſo wird man einen kleinen Begriff von der Verſchwendung bekommen, welche die Franzoſen mit ihrer Munition trieben. Wie bei Wörth, fand man auch hier Haufen von weggewotfenen Patronen, und deutlich ſah man es, daß keinem 3 von dieſen Soldaten das Intereſſe des Siaates am Herzen lag, 1 denn ſie vergeudeten im Kleinen, wie es ihre Offiziere im Gro⸗ ßen thaten. Als der Morgen nach der Schlacht trübe und regneriſch her⸗ 1 einbrach, erſchien allen deutſchen Kriegern unerwartet der greiſe ² König Wilhelm auf dem Schlachtfelde. Sein Anblick erfreute und erfriſchte jedes Herz Wie konnte ein junger Burſche über Ermüdung klagen, wo ſolch ein alter Herr die härteſten Anſtren⸗ ſc gungen nicht ſcheute?. Der König ließ ſich von den Märſchen und Strapazen der d Truppen berichten und ſtaunte ſelber über ihre Ausdauer, dann beſuchte er das Schlachtfeld und ließ ſich über die Stellung der 3 beiden Armeen Mittheilung machen, er ging in die Lazarethe, die 3 an 5 1 atü —— icen man ſchleunigſt in Mars la Tour ſelber eingerichtet hatte, und zu ſin den vorläufigen Verbandſtellen, welche ſich ganz in der Nähe be⸗ S fanden, und ermunterte die Kranken durch ſeinen Zuſpruch. Dann te gab er Befehle für die Verpflegung der Geſunden und arbeitete 3 die mit dem alten Moltke an den Kriegsplänen der folgenden Tage. Dieſe ſollten entſcheiden, was man bei Mars la Tour eingeleitet Kui⸗ hatte, denn man hatte den Feind zurückgedrängt aber nicht ge⸗ vole worfen. ie ge⸗ Was Truppen überhaupt zu leiſten im Stande waren, das daten leiſteten unſere Soldaten gewiß im vollſten Maße, doch der gro⸗ Met ßen Armee des Marſchall Bazaine den Garaus zu machen, dazu vis war der eine Kampf nicht ausreichend geweſen. Indeſſen genügte oſſen, für den ſpäteren Verlauf der Ereigniſſe der erreichte Erfolg voll hing ſtändig. Er war gezwungen worden, ſich näher auf Metz zurückzu⸗ E ziehen, ſeine Verbindung mit Mac Mahon war verhindert, und die deut⸗ zf. ſchen Truppen hatten in den Bergen Poſto gefaßt. Das war es, mig was deutſche Zähigkeit und Ausdauer erreicht hatte, das war es, d deß was den Tag bei Mars la Tour ſo überaus wichtig machte. Der tetl⸗ deutſche Soldatenwitz nannte ihn die Schlacht Marſch retour, und f von retour mußten die Franzoſen in der That. ihrer 3 aufen keinem n lag, 6ro⸗ 55. Kapitel. geſe Gravelotte. freute über Der Marſchall Bazaine hatte nach Paris berichtet, daß er nſnen ſchon in wenigen Stunden den Kampf auf's Neue aufnehmen würde, indeſſen ging das nicht ſo ſchnell, wie er es dachte. Von nder Metz her zog er neue Verſtärkungen an ſich heran, verſah ſich aus dann den dortigen Vorräthen reichlich mit Munition, ſammelte ſeine g de zerſtreuten Truppen und ſuchte ſich die beſten Stellungen aus. de Fatürlich konnte er keinen Augenblick daran zweifeln, daß die — 478— Deutſchen den Kampf ſo bald als möglich wieder beginnen würden, er kannte ſie nun genau genug, um das zu wiſſen. 6 Man hatte in Frankreich vor dem Kriege den Werth der . deutſchen Kriegskunſt arg unterſchätzt. Freilich hatten die Preußen in Schleswig⸗Helſtein und in Böhmen geſiegt ſo ſagten die eit⸗ len Franzaſen, aber das war ſelbſtverſtändlich, da ihnen ſchlecht einexerzirte Truppen und unfähige Generale gegenüberſtanden. Das war eine Dreiſtigkeit, denn die Oeſterreicher ſind weit tapfe⸗ rer und beſſer geführt geweſen, als die Franzoſen in dem jetzigen Kriege. Doch behauptete das anmaßende franzöſiſche Volk, hier wäre die Sache ja ganz anders, welche Armee vermöchte der fran⸗ zöſiſchen zu widerſtehen, und welcher Herrſcher wäre mit ſol⸗ chen Feldherrn'umgeben, die überall nur Lorbeeren errungen hatten. Auch glaubte es Niemand in Paris, daß Mac Mahon ge⸗ ſchlagen worden ſei. Ihre Zeitungen ſprachen ja nur von Siegen, 8 und die amtlichen Berichte beſchönigten jede Niederlage. Die ſo ſchmählich getäuſchten Leute ſteckten Fahnen zu den Fenſtern hin⸗ aus und erleuchteten ihre Häuſer, als Bazaines Siegesdepeſche ankam 6 ganz Paris war im Jubel und Jeder wußte ganz genau, daß in weni⸗ gen Stunden der größte Theil der deutſchen Armeen vernichtet ſein würde. Es kann es eigentlich Niemand faſſen, warum die Regie⸗ rung das Volkmitſolchen Unwahrheiten hinhielt, einſt mußte die Stunde doch kommen, in welcher ſich die Wahrheit enthüllte, und was war nicht alsdann von dieſem unruhigen Volke zu fürchten, das ſich ſo arg betrogen ſah. Doch bis jetzt arbeiteten ſie noch Alle wacker an dieſem tollen Lügenkram, der Kaiſer und ſeiue Gene⸗ rale, die Zeitungſchreiber und Alle, die es beſſer wiſſen konnten. Kamen auch Deutſche, Engliſche und Belgiſche Zeitungen genug nach Paris, die ſämmtlich von deutſchen Siegen berichteten, ſo hatten ſie es doch Schwarz auf Weiß, meldeten es ja Bazaine ſelber, däß er nur noch Munition holen wolkte, um morgen gans gewiß den Prinzen Friedrich Karl zu vernichten und ſeine Armee in alle Winde zü zerſtreuen. Unterdeſſen ſuchte ſich der feindliche General die bequemſte Stellung aus, er lehnte ſich mit dem Rücken gegen Metz. wahrſcheinlich, um im Rothfalle gleich wieder in das ſichere ———— Loch Weſt nevil und kaum verga Tod reite ſaß doch dem leiten rechte der und Nol nit Ren In ſeluf dun. ſchlu men Pol it Ba grb der hier Um dan Bis ürden, h der eußen ie eit⸗ ſchlecht nden. tayfe⸗ ſetzigen rwäre fran⸗ it ſol⸗ hatten. on ge⸗ iegen, Die ſo mn hin⸗ ankam nweni⸗ xet ſein Regie⸗ Stunde id wos n das ch Ale Gene⸗ nnten. genug ten ſo Voz ine en ganz ig Armet echt inſte ſichere — 479— Loch hineinſchlüpfen zu können, ſeine Front richtete er nach Weſten und Süden und breitete ſeine Armee zwiſchen St. Privat, Ver⸗ neville und Gravelotte aus, ſo befand er ſich wie in einer Feſtung, und durfte wohl auf dieſe Stellung trotzen, die ihn ſtark und kaum überwindlich machte. Uuter dieſen Vorbereitungen war der ſiebzehnte Auguſt vergangen. Die Unſrigen hatten ihn dazu benutzt, ſich auszuruhen, ihre Todten zu begraben und ſich auf einen neuen Kampf vorzube reiten. Daß Bazaine noch hundert und vierzigtauſend Mann be ſaß, erſchreckte die tapferen Krieger nur wenig. Mit einem wahren Hochgefühl erfuhren ſie, daß der König Wilhelm nicht blos bei dem nächſten Zuſammentreffen zugegen ſein, ja, daß er ſelber es leiten wolle. Er ließ alle Truppentheile, die ſich noch auf dem rechten Moſelufer befanden, über den Fluß gehen, wo ſich ſchon der größte Theil der Armee des Prinzen Friedrich Karl befand und berief das Königlich ſächſiſche Korps heran. Dieſe tapferen Krieger waren ſoeben erſt nach Pont à Mouſſon gekommen und brannten vor Vegierde, ſich nicht nur mit den Franzoſen zu meſſen, ſondern auch den Preußen zu zei⸗ gen, daß fie ihnen die Palme des Ruhmes ſtreitig machen könnten. In Eilmärſchen gingen ſie und die Garden auf das linke Mo⸗ ſelufer und erreichten glücklich die Straße zwiſchen Metz und Ver. dun. Auch der alte Steinmetz ſchickte ſeine Soldaten hin, ſie ſchlugen Pontonbrücken über den Fluß, und die Ingenieure beka⸗ men Arbeit. Bis an die Hüften ſtanden ſie im Waſſer und legten Balken auf Balken, Balken auf Balken, das ging mit einer Schnellig⸗ keit, die an das wunderbare greuzte. Wie fügte ſich der eilige Bau, wie paßten ſie die mächtigſten Holzſtür an einander, wie avbeiteten Säge und Hammer! Da ſtand manch ein Zimmerman, der als Soldat diente, kopfſchüttelnd dabei und dachte, doß ſich hier was lernen laſſe. Aber war die Brücke, die ſo ſchnell entſtand, auch ſicher? Um das zu prüfen, gingen erſt die ſchnellen Erbauer hinüber, dann ſchickte man die leichte Kavallerie voraus, es krachte ein Bischen, mancher Balken fügte ſich jetzt erſt ein, aber es hielt. — 480— Nun kam die Infanterie. Die Muſik voran ſchritten ſie munter und lachend hinüber. O welche Luſt, auf den Feind zu marſchi⸗ ren, welche Luſt, die Kraft der Arme, den Muth der unerſchrocke⸗ nen Heldenſeele zu erproben! Der König hielt drüben mit ſeinem Stabe, der Graf Bismarck in der weißen Uniform mit ſeinem unbeweglichem Geſichte, neben ihm Moltke mit den großen durchbohrenden Augen, und dann die übrigen Generale und Adjutanten, die unabläſſig hin und her⸗ ſprengten, die Befehle zu allen Regimentern brachten und neue zu holen eilken! Ein lautes Hurrah begrüßte den Monarchen, er dankte Allen, vorzüglich den Sachſen, er mochte vielleicht gerade auf ihren Geſichtern die heißeſte Kampfbegierde leſen. Die Garden waren auf Waldwegen links abmarſchirt, um dem Feinde in die Flanke zu fallen. Sie wollten zeigen, daß ſie nicht blos Staatspüppchen der Armee ſind, und gingen mit Unge⸗ ſtüm darauf los. Sie begannen den Kampf der von Stunde zu Stunde wuchs. Je höher die Sonne ſtieg, um ſo hitzger wurde das Gefecht, als es Mittag war, erfolgte der Angriff auf St. Privat. Wir nann⸗ ten es ſchon früher eine feſtungsähnliche Stellung, die Bazaine zwiſchen hier und Gravelotte eingenommen hatte. Da galt es zu ſtürmen, und wie ſtürmten die Garden! Heftig wogte der Kampf hin und her, ſchrittweiſe nur kamen die Garden vorwärts, ihre Offiziere wurden niedergemäht, ihre Mannſchaften ſanken reihenweiſe nieder, denn das maſſenhafte Feuer, mit dem ſie von den wohlverſchanzten Franzoſen empfangen wurden, war ſchrecklich. Bis auf fünfzehnhundert Schritk“ wurde der ganze Umkreis der franzöſiſchen Stellung mit Bleigeſchoſſen förmlich übergoſſen. Da hallte von links, von Norden her, mächtiger Kanonendonner, die Garde unterſchied, daß es deutſche Geſchütze waren, deren eherner Mund zu dem Feinde ſprach. Es waren die Sachſen, welche ſich unter Führung ihres helden⸗ müthigen Kronprinzen auf den rechten Flügel des Feindes war⸗ fen, ſie ſtürmten mit einer ſolchen Gewalt heran, daß die Franzo⸗ ſen weichen mußten. Zwar waren die Opfer ungeheuer Unzählige bluteten auf —— dem mar por den verſe von Grä ira ten ühr Ver aus velo Rhe kern Gra höh vor hin gere Gli hat ſ6 deu ſöß hat oh Ta ein Po zoſt munter chroce⸗ smarc neben nn die d her⸗ d neue en, er gerade irt um daß ſie Unge⸗ wuchs. ht als nan⸗ Bazaine alt es gte der rwärts. ſanken ſe von reclich. eis der tgoſſen· donnel, deren helden⸗ s war⸗ Franzo⸗ ten au — 481— dem Schlachtfelde, auch General von Kraushaar fiel hier, doch manch brechendes Auge blickte verklärt zu der lichten Sonne em⸗ por, beleuchtete ſie doch den Sieg. Die Franzoſen wichen vor den ſächfiſchen Helden von St. Privat zurück, das feſtungsähnlich verſchanzte Dorf, ein gänzlich zerſchoſſener Trümmerhaufen, wurde von den Sachſen und den neu vorſtürmenden Garden genommen. Gräßlich war der Kampf unter den rauchenden und zuſammen⸗ krachenden Häuſern, aber ſein Ende war Sieg, Sieg der verein⸗ ten ſächfiſchen und preußiſchen Waffen. Inzwiſchen drängten die übrigen Truppen gegen Verneville und Gravelotte vor, gegen Verneville noch ein Theil der Garde und das neunte Armeekorps, aus den kernigen Schleswig⸗Holſteinern beſtehend, gegen Gra⸗ velotte das ſiebente und achte Korps, die ſchneidigen Weſtfalen und Rheinländer, von einzelnen Abtheilungen von Oſtpreußen, Mär⸗ kern und Hannoveranern unterſtützt. Hier auf dem hügeligen Boden war es keine Kleinigkeit, den Granaten und Mitralleuſen entgegenzutreten. Zede dieſe Erder⸗ höhungen mußte einzeln genommen werden, jede färbte ſich roth von Blut. Es ſtieg ſich ſchlecht hinauf über die ſchlüpfrige Erde hinweg. Dort floß das Blut in kleinen Bächen hernieder, da gerann es zu Klumpen, dozwiſcen lagen einzelne menſchliche Glieder, wie ſie die platzenden Granaten vom Körper abgeriſſen hatten. Es war ein langer, furchtbarer Kampf. Schon ſenkte ſich die Sonne, und noch war hier, auf dem rechten Flügel der deutſchen Armee, keine Entſcheidung erzielt. Die furchtbaren Vor⸗ ſtöße der Franzoſen, welche hier ihre beſten Truppen aufgeſtellt hatten, wiederholten ſich unabläſſig, ſo oft und ſo blutig ſie auch abgewieſen wurden. Näher und näher rückte das Nachtdunkel, das Schickfal des Tages hing daran, daß auch auf dieſem Theile des Schlachtfeldes ein vollſtändiger Sieg erfochten werde. Es war nach dem Schlachtplan feſtgeſetzt worden daß die Pommern zur Entſcheidung des Kampfes gegen Abend auf dem Schlachtfelde eintreffen ſollten. Als nun die Vorſtöße der Fran⸗ zoſen, die hier in bedeutender Uebermacht ſtanden, gegen unſere D V. 31 482 ermatteten dünn gewordenen Truppen immer wilder und häufiger wurden, ward das erregte Hinſchauen des Generals von Moltke nach Süden, von woher das pommerſche Armeekorps kommen mußte, immer unruhiger. Endlich, im raſcheſten Vorwärts, aber nicht einen Augenblick zu früh, erſchienen die Pommern, Moltke ihnen ſofort ent⸗ genen. Wie er bei ihnen anlangt und die Vorderſten, das in aller Welt bekannu Geſicht erkennend, ſeinen Namen weitergaben, zieht er raſch den Degen, ruft kurze Worte in die Reihen und ſprengt dann hoch zu Roſſe weit voraus den Höhen zu. Eine unbeſchreibliche Begeiſterung erfüllt die wackeren Trup⸗ pen. Durch die tiefen Kolonnen hindurch zieht ſich ein tauſend⸗ ſtimmiges Hurrah.„General Moltke führt uns ſelbſt in's Hand⸗ ge enge!“ heißt es unter den Offizieren. Man eilt ihm nach, der Sturmſchritt der Pommern wird zum Wettlauf. Nun wird auch bei den übrigen Truppen erneut Sturm ge⸗ blaſen. Sie ſammelten ſich noch einmal, ſie biſſen die Zähne über⸗ einander, die Trompete klingt, immer vorwärts, Sieg oder Tod, ott ſei mit Weib und Kind, auf Kameraden, wir müſſen ſie uns da herunter holen! So zieht es fort zu dem verzweifelten Angriff und ha— die Feinde weichen! Nur weiter, weiter, laßt ſie nicht zum Stehen kommen, nur nach, immer nach! Das war ein Lauf über die Hügel, durch Thal und Wald! Die Sonne warf ihre letzten Strahlen auf ein ſchreckliches Bild. Die Feinde flohen; blutig vom Scheitel bis zur Sohle, mit Staub vedeckt, doch die Augen leuchtend vor Siegesfreude, ſo folgten unſere Truppen. Als General von Moltke von ſeinen Adjutanten aus dem Feuer geholt wurde, war der Sturm ſchon im Weſentlichen vollbracht. Der berühmte Feldherr ritt gemeſſenen Schrittes der Sele zu, wo er ſeinen Monarchen vermuthen mußte. — Majeſtät, der Sieg iſt unſer, der Feind zieht ſi ſch zurück! Mit rieſen geſchichtlich gewordenen Worten trat er vor Kö⸗ nig Wilhelm hin, der ihn freudig umarmte. tere 3ugd decte Baze verh ſwo gen ßein date ger lte ten ic ler icht ngt g⸗ ber⸗ ſie ten ald! ild. aub ten dem ichen — 483— Als die Nacht gänzlich hereingebrochen war, wurde die wei⸗ tere Verfolgung der Franzoſen aufgegeben. Manchem kam das ungelegen, war es doch eine gar ſeltene Jagd, die Jagd auf Feinde des Vaterlandes. Noch ſah man nicht, was man geleiſtet hatte, die Nacht be⸗ deckte mit ihrem Mantel Todte und Sterbende, ſie hüllte auch Bazaine's Schmach in ihren dunklen Schleier ein. Er floh und verkroch ſich in Metz. Noch beſaß er hundert bis hundert nnd zwanzigtauſend Mann, das wäre unter der Führung eines tüchti⸗ gen Generals genug geweſen, um es mit einem noch ſo ſtarken Feinde aufzunehmen, aber Bazaine verſtand es nicht, ſeinen Sol⸗ daten Begeiſterung für das Vaterland einzuflößen. Freilich, wenn ſie in Deutſchland geweſen wären, wenn er ihnen Plünderung erlaubt und reiche Beute verſprochen hätte, dafür wären ſie wohl noch einmal in das Feuer gegangen, hier aber war nichts zu holen als blutige Köpfe, und davon hatten ſie ſchon genug. So kehrten die geſchlagenen Großſprecher in die Feſtung zurück. Die Bürger, die ſich gefreut hatten, ſie los zu ſein, mußten ihren Aerger über das Wiederfehen verſchlucken. Kaum waren die Prahler aus der feindlichen Schußweite, als ſie ſchon wieder die Herren ſpielten und alles Gute für ſich ver⸗ langten. Für Deutſchland war die Schlacht bei Gravelotte ein großer Sieg, denn nun war die Vereinigung der beiden franzöſiſchen Armeen verhindert, es kam jetz nur noch darauf an, Bazaine in Metz feſtzuhalten, bis er ſich ergab. Dies war freilich kein angenehmes Geſchäft. Indeſſen hatte man einen mächtigen Bundesgenoſſen, den Hunger, der bald ge⸗ nug in Metz einziehen mußte, wenn man es nur eng genug um⸗ zingelte. Es war ein großartiger Anblick, unſere Truppen auf dem Schlachtfelde biwakiren zu ſehen. Der nahe Wald lieferte das Holz zu unzähligen Wachtfeuern, um welche die Soldaten herum⸗ lagen. Fernhin ſah man noch gleich Schatten die franzöſiſchen Flüchtlinge dahin huſchen, doch dachte Niemand mehr daran, ſie ſ — 484— zu verfolgen, denn die Ermüdung hatte Alle übermannt. Vom Morgen bis zur Nacht hatten ſie im Feuer geſtanden da ſchmeckt die Ruhe ſelbſt auf ſolch einer Lagerſtätte füß. Plötzlich ertönt Trommelwirbel, die Soldaten ſpringen empor und entblößen ihre Köpfe. Es iſt ein ſtilles Gebet, welches ſie zu Gott dem Herrn em⸗ porſenden, es kommt aus der innerſten Tiefe der Bruſt: Vater, Dich loben wir, Vater, wir danken Dir! ſo murmeln die Lippen, iſt es doch ein großes Gefühl, dem Tode, der uns aus vielen tauſend Feuerſchlünden entgegendonnerte, glücklich entgangen zu ſein. Und die Verwundeten... ſo manches Auge ſchließt ſich unter dieſem Gebet, ſo manches von Schmerz erdrückte Gemüth rafft ſich empor zu neuer Hoffnung... Und auf einmal bricht es wie Jubel auf aus vielen tauſend Fehlen, und jauchzend, voller Zuverſicht, klingt es durch alle Winde, hallt es von allen Hügeln: Lieb Vaterland magſt ruhig ſein— Feſt ſteht und treu die Wacht am Rhein! Das iſt ein Augenblick der Begeiſterung, die Krieger ſtürzen ſich in die Arme, ſie, die noch eben getödtet haben, ſie, die noch von dem Blute der Feinde geröthet ſind, ſie weinen voller Luſt, die hellen Thrä⸗ nen rinnen in den ſe tbigen Bart, die Hände falten ſich noch einmal! Ja, Gott hat Großes gegeben, das Vaterland iſt ge⸗ rettet, treu ſtand und feſt die Wacht, die es beſchützte! Und nun ſteigt der Mond empor und beleuchtet das weite Todtenfeld, und won den Hügeln blicken einſame verlaſſene Schlöſſer herab, romantiſch ſchön und ſtill inmitten dieſes wild bewegten Treibens. Da leuchtet hier und da im bleichen Strahl ein bleiches Geſicht. Die Hohlwege ſind mit Leichen angefüllt, Hunderte liegen beiſammen, der großen Mehrzahl nach Franzoſen, aber auch die Deutſchen hatten furchtbar gelitten. Und welch' eine Zerſtörung rings umher! Die Dörfer St. Privat, Verneville und Gravelotte in Trümmern, hier umgeſtürzte Kanonen, dort zerſchmetterte Mu⸗ nitionswagen, deren Inhalt explodirte. Zerſchoſſene Bäume hemmten oft den Weg, Kanonen ohne Pferde und ohne Mann⸗ ſchaft, ganze Haufen Leichen, weggeworfene Flinten, ein tolles Dur her hogl Kreu Sch der Un hri bis Kra Kre tinc wir mit ſ Zi om neckt önt em⸗ en, elen S* — 48 Durcheinander, als hätte der Wind alle dieſe Dinge im Wirbel herumgetrieben und plötzlich über das Feid zerſtreut. Und von Weitem leuchteten helle Fenſter, doch icht zu be⸗ haglicher Einkehr. Dort haben die Johanniterritte das rothe Kreuz aufgepflanzt In aller Eile ſind die Betten aufgeſchlagen, Schmerzenslager für Verwundete oder Sterbende. Schnell macht der Eine dem Andern Platz man hat hier keine Zeit, dem Tod⸗ ten die gehörige Achtung zu erzeugen, denn immer neue Kranke bringen die Truppen herbei, andere ſchleppen ſich ſelber mühſam bis dahin, die Aerzte ſind bleich vor Arbeit und Aufregung, die Krankenpfleger eilen hin und her, die Herren mit dem rothen Kreuze theilen ihre Befehle aus. Noch drängt ſich Alles durch⸗ einander, aber bald wird der Tod die Reihen lichten, und dann wird ſich Ordnung finden. Vorſichtig hatte man einem jeden Soldaten ein Täfelchen mit ſeinem Namen mitgegeben, jetzt wurde es dadurch leichter, die Gebliebenen in die Verluſtliſten zu bringen. Mancher rettete ſich das Leben durch das Verbandzeug, welches milde Frauen jedem Einzelnen noch beim Ausmarſch aus der Heimath zugeſteckt hatten. Von den Bewohnern Lothringens we⸗ auf keine Hilfe zu hoffen. Aus Furcht vor den Deutſchen hatten ſie faſt ſämmtlich ihre Wohnſitze verlaſſen und waren in die Feſtung geflüchtet. Uud dennoch hatten ſie Nichts zu befürchten. Die Soldaten erhielten ihre Rahrung aus den Proviantkolonnen, und keinerlei Kriegsſteuern wurden erhoben. Zwei Schreiben welche der König an die Lothringer erließ, verſcherten ſie des beſten Schutzes, ſofern ſie ſich nur jeder Handlung enthielten, die den Truppen Schaden bringen könnte. Jede Lieferung wurde baar bezahlt, ſomit hätten die Leute ſchon zufrieden ſein können, wenn nicht die Furcht alle Seelen ergriffen hätte. 56. Kapitel. Ein verhängnißvoller Brief. Es war Mac Mahon gelungen, ſeine zerſtreuten Truppen zu ſammeln. Unbehelligt von den Deutſchen beſetzte er die Feſtun⸗ gen Toul, Verdun, Thionville und all die übrigen in dieſem Theile Frankreichs und ſchuf den Feinden eine ganze Kette von Hinderniſſen auf ihrer Siegesbahn. Mit der Hauptmacht aber zog er ſich auf Napoleon's Befehl zurück. Die Zeitungen nannten das eine Konzentration nach rückwärts. Louis Napoleon war am ſechszehnten Auguſt aus Metz nach Verdun geflohen, wobei er faſt den Deytſchen in die Hände gefallen wäre. Es war dem Kaiſer lieb, die belgiſche Grenze ganz nahe zu haben, denn er traute inen eigenen Umerthanen nicht. Durch ein überaus ſchlau er⸗ fundenes Regierun yſtem hatte er die Franzoſen ſchlechter und ſchlechter gemacht. Bei ihnen galt nicht mehr der grade Weg als der Beſte, ur und Eigennutz führten zu Aemtern und Eh⸗ renſtellen. Den Chrlichen war jeder Weg verſchloſſen, doch wer ſich für Geld erkaufen ließ, der wurde befördert. In die Stelken der höchſten Richter, der Räthe, der Senatoren ſetzte der Kaiſer lauter feile und ehrloſe Geſellen, denen nichts an der Würde ihres Amtes noch an der Reinheit ihres Gewiſſens lag und Alles an Genuß, Wohlleben und Reichthum. Dieſe Menſchen kannten ſich untereinander und verachteten ſich gegenſeitig, ſie begegneten ſich vor der Welt mit allen Zeic en der Ehrerbietung und tröſteten ſich im Geheimen mit dem Gedanken, daß ſie nicht aM Schufte waren, ſondern viele Ihresgleichen hatten. So verderote der Schlechteſte von Allen ſeine Untergebenen, machte ſie ſittenlos und raubte ihnen den Begriff von Ehren⸗ haftigkeit, der jedem anſtändigen Manne die Richtſchnur für ſeine Handlungen abgeben ſoll. Und zwanzig Jahre lang trugen die Franzoſen dieſes unwürdige Joch, zwanzig Jahre lang ſahen ſie iRlel — 487— das Land ausſaugen, ſahen ſie die Gemüther ihrer Kinder ver⸗ giften, die wichtigſten Sittenlehren entweihen und eine Zeit des völligen Unterganges vorbereiten. So weit glaubte ſich der Kaiſer indeſſen noch nicht, als er ſich bei Mac Mahon's Armee einfand und an ihrer Spitze in Sedan einzog. Er hielt Heerſchau über ſeine Truppen und war im Allgemeinen zufrieden. Die meiſten Regimenter lie⸗ ßen ſich noch in genügender Stärke ordnen, bei den übrigen tröſtete er ſich mit den Gedanken, daß Bazaine die Trümmer nach Metz gezogen haben würde. Ihm ſelber aber ging es deswegen nicht beſſer. Die furchtbare Anſtrengung der letzten Tage, die ei⸗ lige Reiſe nach Metz und non dort aus hie her hatte ſeine alten Leiden wieder hervorgerufen, dieſe Leiden, welche nicht nur die Folge ſondern auch die gerechte Strafe eines verliederlichten Lebens waren. Unter entſetzlichen Schmerzen lag e⸗ in dem Stadtſchloſſe auf dem weichſter Sopha, welches ſeine Kammerdiener hatten herbeiſchaffen können, umgeben von unzähligen Medizinflaſchen Salben, pritzen, Umſchlägen. die alle Linderung verſchaffen ſoll⸗ ten und keine Wirkung meh uf ſeinen geſchwächten Körper aus⸗ übten. Dieſe Qualen machten ihn unmuthig gegen ſeine Umge⸗ bung, gegen das Schekſal, gegen ſich ſelbſt. Die Kaiſerin war nicht da, die es ſonſt ſo gut verſtand⸗ ihm läſtigen Beſuch und nnangenehme Geſchäfte fern zu halten. Sie liebte ihn nicht, denn ie konnte ihn nicht achten. Er war ihr ſo wenig treu, daß ſie auch Glaubte, ſich nicht geniren zu brauchen, aber ſie wußte es — wohl, daß ſie nichts war ohne dieſen Maan⸗ und darum that ſie alles, um ſein Leben zu erhalten und angenehm zu machen. Auch vermißte er ſie jetzt wirklich, ebenſo wie ſich der Knabe Lulu nach ihr ſehnte. Das arme Kind wußte nicht, wr es bleiben ſollte. Die Generale thaten, als ob ſie Gott weiß wie beſchäftigt wären die Damen ſchäkerlen einen Augenblick mit ihm und wandten ſich dann zu intereſſanteren Herren, er kam ſich furchtbar überflüſſig vor, er hatte gar nichts zu thun und keinen einzigen Spielkame⸗ raden, er ſehnte ſich nach den Söhnen des Herzogs von Montalto, mit denen er ſonſt ſo gern zuſammen war und fragt⸗ ihren Va⸗ ter mehr als zehn Mal nach ihnen. — 488 Was ſollte der dem Prinzen erwiedern? Wenn er ſagte, er habe die Knaben in Penſion gegeben, dann wo te Lulu wiſſen, ob ſie noch nicht geſchrieben hätten, und wie ſie ſch da geſielen. Zedes Wort, ſo unſchuldig es gemeint war, ſchien dem elenden Herzeg ein Stich in das Herz zu ſein, er war froh, als Lulu zu ſeinem Vater zurückkehrte. Dieſer lag auf einem Polſterſtuhl, die Beine mit einem ſammtenen Teppich bedeckt, vor ihm ſtand ein Tiſch, und auf dieſem lagen unzählige Berichte. Er las mit ſteigender Ungeduld, hier meldete ein Bürgermeiſter, daß die Ulanen in ſeine Stadt godrungen ſeien und eine Kriegskontribution von ſo und ſo viel tauſend Franks erpreßt hätten, dort war ein Zug mit Lebens⸗ mitteln, die für die Armee beſtimmt waren, fortgenommen worden, dieſe, jene kleine Stadt war genommen, dieſes, jenes reiche Dorf eingeäſchert. Er zerknitterte die Verluſtliſten ſeines Heeres in den Händen, es ſtand manch' ein Name unter den Todten, den er ſchmerzlich bedauerte, aber er war mit Ehren in das Grab geſun⸗ ken, während den auf der Flucht Gefangenen die Schande folgte. Auch die deutſchen Zeitungen lagen vor ihm, neben den franzöſiſchen. Dieſe ſprachen von nichts als von Siegen der franzöſiſchen Waffen, von dem guten Geiſte der Truppen von der Liebe zu dem Kaiſer, er wußte das Alles beſſer. Wie viel er verloren hatte, das erfuhr er genauer aus den feindlichen Berichten, ſo viel Gefan⸗ gene, ſo viele Adler, ſo viele Mitrailleuſen... er war außer ſich. Je weiter er las, um ſo ſchneidender wurde der Schmerz in ſeinem Leibe, ſeine Beine wurden ſchwer wie Bleiklumpen, eine Beängſti⸗ gung ſtieg ihm bis in die Bruſt hinauf, und vor ſeinen Augen flimmerte es. Da meldete ihm der Kammerdiener den Herzog von Magenta, und noch ehe er eine Antwort zu ertheilen vermochte, trat Mac Mahon in das Zimmer. — Ich bin leidend, lieber Herzog, ſagte der Kaiſer und hofte ſich dadurch den unbequemen Beſuch deſto ſchneller vom Halſe zu ſchaffen. — Leidend, ſagte Wac Mahon, das find wir Alle. Wer unter uns vermöchte dieſe Schmach mit gleichgültigem Herzen an⸗ zuſehen? habe b ſie Jedes erzeg inem eine Liſch, ender ſeine nd ſo bens⸗ rden, Dorf den n er eſun⸗ Olgte. ſchen. fen, uiſer, das efan⸗ ſich. inem gſi⸗ ugen Mat ffte, ſe zu Wer an⸗ — 489— — Dieſe Schmach werden wir mit Blut abwaſchen, tröſtete ihn der Kaiſer. — Riemals, wenn es ſo weiter geht! rief ſein Marſchall. Das iſt kein Heer, das iſt eine Heerde unbezähmter und unbe⸗ zähmbarer Wilden. Sehen Sie auf Deutſchland, da folgt Alles ein und demſelben Befehle, hier thut Jeder, was er will. Ich kann meine Ordres geben, aber niemals bin ich ſicher, daß ſie befolgt werden, meine Adjutanten, anſtatt in jedem Augenblick für mich bereit zu ſein, ſitzen bei ihren Geliebten, die Soldaten lungern betrunken herum, die Bürger ſind außer ſich, der klagt über verletztes Eigenthum, jener fordert die Unſchuld ſeiner Toch⸗ ter zurück. Iſt das Mannszucht? Vor dem Feinde ging es noch, aber wir ſind im eigenen Lande, wir ruiniren unſer eige⸗ nes Fleiſch und Blut, das iſt die Vernichtung Frankreichs, das iſt der Untergang, das Verderben! Der Kaiſer hatte ſich höchſt unmuthig auf ſeinem Stuhle gekrümmt. — Dieſe Truppen, ſagte er, ſtanden lange unter Ihrem Kommando. Weſſen Schuld iſt es, wenn ſie nicht beſſer gewöhnt ſind? — Meine etwa? fuhr Mac Mahon auf. Haben Sie mir nicht die Offiziere geſchickt? O es war eine Luſt zu kommandiren, als wir noch in Rußland und in Italien waren! Jetzt traut Keiner dem Andern, Jeder widerſpricht dem Willen ſeines Vorgeſetzten, und dabei ſtehen wir einem Feinde gegenüber, wie wir ihn nie⸗ mals furchtbarer vor uns hatten! — Dieſen Feind, ſagte der Kaiſer, hat mein großer Onkel zu wiederholten Malen geſchlagen. — Ja, damals! rief der Marſchall. Aber wir ſind in der Kriegszucht zurückgegangen, und ſie ſind fortgeſchritten, ſie über⸗ flügeln uns in Allem. Ich kenne dieſe Deutſchen, ich ſah ihre Paraden in Berlin, ihre Manöver, das geht wie durch ein Uhrwerk regiert, Alles leitet dieſelbe Triebfeder, während bei ns Aber wen klagen Sie an? fragte der ungeduldige Mo⸗ narch. — Sie Majeſtät, verſetzte Mac Mahon trotzig. Warum widerſprachen Sie meinen Anordnungen? Ich wollte mich auf den Feind werfen, wie ich war, er ſelber hat bei Forbach und bei Wörth gelitten, dazu war es kaum die Hälfte ſeiner Macht, die uns entgegen ſtand. Aber Sie zogen es vor, hierher zurück zu gehen, das iſt ein Fehler, der ſich niemals wieder gut machen läßt. — Unſere Armee war in der Auflöſung begriffen, verſetzte Louis Napoleon, der ſich nur mit großer Mühe ruhig zu erhal⸗ ten vermochte, wir mußten uns ſammeln, der aufgeregte und zur Furcht geneigte Sinn der Soldaten mußte wohl zur Ruhe kommen.. — Kein Soldat iſt zur Furcht geneigt, wenn er Vertrauen zu ſeinen Führern hat, widerſprach ihm der Herzog von Magenta. Hätten Sie mir Alles überlaſſen aber während ich große Thaten vollbringen möchte, zwingen Sie uns zum Müßiggang. Die Stille dieſer Feſtung entnervt die Leute, ſie hören Nichts von draußen.. — Es iſt nichts Gutes von da zu hören! ſeufzte der Kranke. — Aber ſie wollen wiſſen, wie es um das Land ſteht, dem ſie dienen, behauptete der Herzog. Dieſen Turko's iſt es gleich⸗ gültig, wer ihnen den Sold zahlt, aber ob ſie wie Schlachtvieh in den Kampf geführt werden oder ob ihnen die Hoffnung auf Beute winkt, das unterſcheiden ſie ſehr wohl. Uud unſere Franzoſen, o es iſt eine Schmachl ſie lernen hier zum erſten Male kennen, was es heißt, beſiegt zu ſein. In Amerika, wo Sie Tauſende opferten, da waren es Fremde, Kannibalen, die ihnen gegenü⸗ ber ſtanden, und ſie ſtarben unbeſiegt, ein Opfer des Vertathes hier iſt es anders, mit dieſen verachteten Deutſchen, denen wir ſo trotzig gegenüber traten, die wir zum Kampfe zwangen und. die uns wie eine Heerde Hammel vor ſich hertreiben! — Ich weiß wirklich nicht, an wen Sie dieſe Klagelieder richten! rief der Kaiſer, der an einen ſolchen Ton in ſeiner Um⸗ gebung nicht gewöhnt war. — An Sie, Majeſtät, denn ich habe ganz beſtimmte Wünſche ja Forderungen auszuſprechen. Ich verlange das Kommando, zu welchem Sie mich ernannt haben! — Und beſitzen Sie es etwa nicht? e3 j Muſ Pohi nicht uns verg vor hül die ein im Del pf — — Nein, dieſer Rückzug lag nicht in meinem Feldzugsplan. es iſt ein Fehler, zu dem Sie mich zwingen. Wir ſind in einer Mauſefalle. Werden wir hier geſchlagen, ſo iſt es aus mit uns. Wohin wollen Sie gehen? Die belgiſche Regierung geſtatttet uns nicht, mit Waffen in der Hand die Grenze zu überſchreiten, vor uns haben wir die Deutſchen, hinter uns ein Volk, welches Alles vergeben wird, nur keine Niederlage. Wir mußten vorwärts. vorwärts unter allen Umſtänden. Statt deſſen ziehen Sie die Hälfte Ihrer Armee hierher zurück und keilen die andere zwiſchen die Feſtungswerke von Metz ein! — Metz iſt unüberwindlich, und Bazaine wird es verſtehen, ſich die Feinde vom Leibe zu halten. — Glauben Sie es? Die Feſtungswerke von Metz umfaſſen ein paar Dörfer, ein paar Weiler, und dennoch wird Metz nicht im Stande ſein, ſich gegen Hun ersnoth zu ſchützen, wenn die Deutſchen es ringsum einſchließen. — Bazaine wird nicht darin bleiben, er wird Ausfälle ma⸗ chen und den Feind vernichten. — Haha, ſchöne Hoffnungen! Auch wir werden einen Aus⸗ fall machen, ſobald ſich die deutſchen Armeen bis hierher gezogen haben werden, man wird uns zurückſchlagen... — Woher dieſer p. tzliche Mangel an Vertrauen? — Woher? Ich will es Eurer Majeſtät ſagen. Es fehlt an Waffen, an Munition, an Allem. Die Truppen ſind ſchlecht ver⸗ pflegt weil treuloſe Lieferanten Mehl und Fleiſch geſtohlen ha⸗ ben, ſie find ſchlecht bewaffnet, weil unzählige Vorderlader, die zu Chaſſepots umgearbeitet werden ſollten, verſchwunden ſind. Für uns giebt es nur noch ein einziges Rettungsmittel: Wir müſſen uns auf die Verzweiflung verlaſſen. Geben Sie mir die Truppen, in drei Tagen ruͤcke ich dem Feinde entgegen und falle ihm bei Metz in die Flanke, indeſſen der Warſchall Baz ine aus der Fe⸗ ſtung hricht und ihn von vorne angreift. Das iſt mein Vor⸗ ſchlag, das wäre eine Heldenthat, wie die Geſchichte ſie noch nicht verzeichnet hat Ein einziger Sieg, und unſere Truppen werden unbe⸗ zwinglich ſein durch Selbſtvertrauen, noch eine Niederlage und Frankreichs Vernichtung iſt entſchieden, entſchieden durch Sie. — 492— Wählen Sie jetzt, ich überlaſſe dieſe Angelegenheit dem Ermeſſen Eurer Majeſtät. Der Varſchall verbeugte ſich tief und verließ dann mit feſtem, ſchallendem Schritte das Gemach. Der Kaiſer war außer ſich. So wagte es ein Mann zu ihm zu reden, der ihm Alles verdankte! War er denn noch der gefürchtete Herrſcher Frankreichs, oder hatte man aufgehört, ihn zu beachten, weil er hier krank im Lehnſtuhl ſaß? Aber das ſollte anders werden. Er hatte Mac Mahon groß gemacht, er konnte ihn ſtürzen. Zu dem Herzog von Mon⸗ talto hegte er das vollſte Vertrauen, der war ihm treu ergeben. ihn wollte er zu der höchſten Stelle erheben, ihm das Kommando der ganzen Armee anvertrauen. der vor ihm liegenden noch uneröffneten Briefe fiel. Er erkannte ſogleich das Siegel der pariſer Polizei. Was mochte die ihm zu berichten haben? Er nahm den Brief und entfaltete ihn, er war von dem Präfekten Pietri. Dieſer meldete Beruhigendes über die Seſinnung und Stimmung der pariſer Bevölkerung, dann fuhr er folgendermaßen fort: Aber ſo hofſnungsvoll die hiefige Einwohnerſchaft auch bisher in die Zukunft blickte, wie würde ſie ſchäumen, wenn ſie erführe, auf welche gewiſſenloſe Weiſe einige habſüchtige Generale die ihnen anvertrauten Staatsgelder ver⸗ ſchwendet haben. Es iſt mir ſichere Kunde davon geworden, daß in dem militairiſchen Depot, welchem der Herzog von Montalto vorſteht, allein mehr als vierzigtauſend Gewehre fehlen. Schlim⸗ mer noch ſieht es mit den Mundvorräthen aus. Wo ife das Mehl geblieben, aus dem man auf vier Wochen Brot zu backen dachte, wie ſteht es mit dem Salz, der übrigen Dinge gar nicht zn gedenken? Der Herr Herzog von Montalto iſt ſicherlich ein großer General, und als ſolcher der Gnade Eurer kaiſerlichen Majeſtät würdig, aber ich fürchte, daß die ſtrafende Göttin der Gerechtigkeit ihm die Lorbeeren entreißen vird, die er ſich auf den Schla htfeldern zu erwerben denkt, um Rechenſchaft für an⸗ vertrautes Gut von ihm zu fordern Und das war der Mann, dem Louis Vapoleon ſein ganzs Er war im Begriffe, nach dem Diener zu klingeln, der ihm den Herzog von Montalto rufen ſollte, als ſein Blick auf einen 6 Geſchit er ſelbe Umgeb nu Be alödann klage zu auf ihn den W zog vo Kuiſer Genera höſes( wenwi ſonſt? D waren Vih einen annte d war über dann de ſie einige Geſchick in die Hände legen wollte! O vor einem Diebſtahl hätte er ſelber nicht zurückgebebt, ſolche Kleinigkeiten verzieh er ſeiner umgebung, aber er fürchtete den Polizeipräfekten. Wenn dieſer nach Beendigung des Krieges die Sache ruchbar machte, wenn er alsdann den Herzog von Montalto nicht vor einer peinlichen An⸗ klage zu retten vermochte, ſo fiel ein großer Theil der Schmach auf ihn und ſein Regiment, und das mußte in jedem Fall vermie⸗ den werden. Indem er noch darüber nachdachte, ließ ſich der Her⸗ zog von Montalto melden, und wurde ſogleich vorgelaſſen. Der Kaiſer warf einen ſcharfen Blick auf die veränderten Züge ſeines Generals. — In der That, dachte ec, ſo ſieht ein Mann aus, der ein böſes Gewiſſen hat, Pietri hatte Recht, mich zu warnen. Aber wenn ich ihm nicht länger trauen kann, wem ſonſt wem ſonſt? Des Herzogs Fragen nach dem Befinden ſeines Gebieters waren aufrichtig gemeint. Mac Mahon hatte es nicht für der Vühe werth gehalten, daſſelbe zu thun. — Aber Si Montalto, ſagte der Kaiſer, Sie ſehen nicht wohl und nicht heiter aus. — Die Arbeit der letzten Tage. erklärte der Herzog. — Ich weiß, fiel ihm Napoleon in das Wort, Sie ſind der eifrigſte meiner Generäle. Ja, wenn Alle ſo thätig wären, es wäre beſſer um uns beſtellt. — Es iſt Keiner unter uns, der nicht Eurer Majeſtät ganz ergeben wäre und Frankreichs Größe über Alles ſetzte. — Mehr oder weniger, lieber Herzog, ich bin nicht von der Anhänglichkeit eines Jeden gleich feſt überzeugt, es giebt Leute, bei denen die Habſucht jedes andere Gefühl erſtickt, und die ſich nicht entblöden anvertraute Gelder zu unterſchlagen, Maga⸗ zine zu plündern und heimliche Unterſchleife zu treiben FIſt Ihnen unwohl, lieber Herzog? — O nein, nein, ſtammelte der unglückliche Mann ich bin in mehreren Nächten in kein Bett gekommen, die Müdigkeit— ich fühle es erſt jetzt, überwältigt mich. — 494— — Sie ſind in der That zu eifrig, ſagte der Kaiſer, ich werde Inen eine weniger bedeutende Stellung geben müſſen, damit Sie Gelegenheit finden, ſich zu ſchonen. — O, es bedarf deſſen nicht. Der Dienſt in einer Feſtung giebt immer Zeit genug zur Ruhe. — Und zum Rachdenken.. Aber ſagen Sie mir, Mon⸗ talto, was haben Sie für Nachrichten von Paris? Ich meine von Ihrer Familie, denn im Uebrigen erſpart man mir Nichts von allem Unangenehmen, was da vorgeht... was macht Ihre liebenswürdige Gemahlin, und wiſſen Sie, daß Lulu mich be⸗ ſtändig bittet, ihm Ihre Söhne zu Kriegskameraden zu geben? Der arme Burſche fühlt ſich etwas unbehaglich unter ſo vielen ernſthaften Leuten, Sie ſollten ſich ſeiner erbarmen und Ihre Knaben kommen laſſen. — Ich habe ſie in eine Penſion gegeben, ehe ich Paris verließ. — Ah, warum das? Geriethen ſie ſchon zu Hauſe nicht gut genug? — Ich wollte der Herzogin die Mühe erſparen, ein paar wilde Knaben zu erziehen. — und auch darüber habe ich Klagen hören müſſen, Ihre Frau zieht ſich von dem Hofe meiner Gemahlin zurück, das iſt nicht recht, die Kaiſerin liebt die ſchöne Herzogin von Montalto, — Iduna iſt kränklich und flieht die große Geſellſch aft. — Ach, ſagen Sie mir, lieber Herzog, wie viel Gewehre wa⸗ ren in Ihrem Depot, als wir Paris verließen? — Fünfundvierzigtauſend.. Montalto mußte ſich an ei⸗ nen Stuhl halten, um nicht umzuſinken. Die ſcharfen Augen des Kaiſers ſchienen ihn zu durchbohren. — Zu welchem Regimente ſind dieſe fünfundvierzigtauſend Sewehre gekommen? fragte er. — Zum Theil zu den Zuaven.. andere waren noch nicht zu Chaſſepots umgewandelt... ich übergab die Arbeit einem Büchſenmacher. bei der Beeilung unſerrs Abmarſches weiß ich freilich nicht.. — Schon gut, ſchon gut. Man ſagt mir, es fehle an Waf⸗ ſen i iſt w ſchlfe Vidig 1 paar Ihre iſt to. we⸗ hren. uſend nicht einem weiß — 495— fen, ich ſehe, daß wenigſtens von Ihrer Seite Alles in Ordnung iſt, wie es ja auch Ihre Bücher angeben müſſen. Legen Sie ſich ſchlafen, lieber Herzog, Sie ſind in der That auf dem Punkte, von Müdigkeit umzufallen. Der Herzog von Montalto ging mit wankende Knieen hin⸗ aus. Er war entdeckt, er war verrathen, woher ſonſt dieſe Fragen? Der Kaiſer blickte ihm nach. — Pietri hat Recht, ſagte er, das iſt ein Schuldiger, und noch dazu Einer, den ſein Gewiſſen drückt. Nein, einem Schwäch⸗ ling kann ich mein Loos nicht anvertrauen ich muß Mac Mahon ſchonen, der hat wenigſtens die Liebe des Heeres. Wie ſchade um den Herzog! Er war ein guter Geſellſchafter, und Eu⸗ genie zeichnete ihn aus. Es könnte auch noch Alles gut gehen, wenn der Polizei Präfect nichts wüßte, aber ſo werde ich ihn ſchwerlich halten können. Schade, ſchade, ich hätte den Herzog nicht für ſo ſchwach gehalten! Nein, mit dieſem Manne kann ich Mac Mahon kein Schach bieten. 57. Kapitel. Die ſchwarze Peſt. Der Pater Ventro hatte eine qualvolle Nacht zugebracht. Stets ſtand das Bild jener Mannes vor ſeiner Seele, den er ge⸗ mordet hatte, und der jetzt der Schutzengel e es dem Tode geweih⸗ ten Kindes geworden. Der ſchlaue und hinterliſtige Jeſuit war wenig geneigt, an Geſpenſter zu glauben. Unruhig ging er in ſeinem ärmlichen Zimmer auf und ab, er ärgerte ſich über ſich ſelber. — Offenbar, ſagte er, war es nur eine Aehnlichkeit, die mich täuſchte, er iſt ja längſt todt, ich war dabei, als er ſtarb, ich weiß es genau, daß kein Teufel ihn dem naſſen Grabe zu entreißen — 456— vermöchte. D über ihn, über Franzesko Undentino und über Alphons Donato, den fürſtlichen Gemahl Gabrielens, bin ich beru⸗ higt, meine Vorkehrungen waren gut genug etofſe ich ſchob ſie bei Seite. Aber dennoch, wer war der Mann, der mich mit des Todten Augen anſah... o ſo blickte er auf mich, als er mich unter den Mördern erkannte! Ich kenne dieſen Blick, ich ſehe ihn oft des Nachts, und immer habe ich ihn Trotz geboten.. bis auf heute... Wer war der Mann, wie kam er in das Keller⸗ gewölbe hinein? Ich habe an alle Wände geklopft es war Nichts zu entdecken, Alles ſtill, nur die Ratten ſcheuchte ich aus ihren Löchern Wer war der Mann, warum trug er gerade des Todten Züge? Warum warf er ſich zum Beſchützer des Kindes auf? O er wirb es nicht erretten. Mein Plan iſt zu gut angelegt. Ich habe Zeit, ich brauche nichts zu übereilen, laßt nur erſt den Krieg vorüber ſein. Die Knaben hat man mir geraubt... o über die Dumm⸗ heit, als ob ich nicht wüßte, daß ſie bei der Hexe, der Margot, weit ſicherer dem Verderben entgegen gehen, als bei dem Doktor Vally! Iduna ſtirbt ohne mein Zuthun an gebrochenen Herzen, Helene iſt eine Braut ohne Bräutigam, ihr Ruf iſt verdorben, und ich will noch mehr dazu thun. Warum verpflegt ſie auch den ialieniſchen Maler? Dieſer ſcheint ſich zwar zu erholen, aber der Apotheker, der ihm die Wundſalbe bereitet, iſt mein Freund, von morgen an wird die Wunde brennen, ſchmerzen, eitern, Niemand wird ſich erklären können, wie das kommt, bis endlich unter namenloſen Qualen der Tod eintritt. Wer bleibt noch? Gabriele.. Sie iſt verſchollen. Der Herzog von Montalto? Er ſucht ſelber den Tod... O in weniger als drei Monaten werde ich mit ihnen Allen aufgeräumt haben, und wenn tauſend Schutzengel ſich mir entgegen ſtellen ſollten... Aber wer war der Mann? Ich werde nicht eher ruhig werden, bis ich es weiß... Der kreuzt meine Pläne! Die⸗ ſes unermeßliche Vermögen, ich muß es haben, für meine Zwecke. woch glaubt der Kardinal Undentino, daß ich ihn zum alleinigen erben machen werde, doch irrt er ſich jämmerlich. denn ich, ich habe Höheres im Sinn, und wie es auch fei, ich werde es vollenden... Unter ſo unruhigen Gedanken ging er in dem engen Raum umher. Die Fage nach jener wunderbaren Erſcheinung trat immer — — ———. über eri⸗ mit nich ihn bis ler⸗ ichtz ren wirb nigen habe Raum mmer —. 497 wieder vor ſeine Seele Was wußte dieſer Menſch— wenn es ein Menſch war— von Venturo's ſchrecklicher Vergangenheit, warum befahl er ihm ſo entſchieden, Margarethe ihrer Mutter zurück zu geben? 1 Als der Morgen kam, war der Pater Venturo entſchloſſen, dieſem Befehle keine Folge zu leiſten, er wollte nicht abgehen von dem einmal gefaßten Plan. Margarethe ſchonen, das hieß auch ihrer Mutter neues Leben wiedergeben, und war Iduna im Be⸗ ſitze ves einen ihrer Kinder, ſo konnte ihr leicht Muth und Kraft wachſen, nach ihren Knaben zu ſuchen, Helene zu beſchützen und alle dieſe mit ſo hölliſcher Schlauheit erfundenen Pläne zu durch⸗ kreuzen. Nein, Margarethe mußte ſterben langſam, wie er es zuerſt beabſichtigt hatte, oder, wenn es ſein mußte, ſchnell und plötzlich. Am nächſten Morgen begab er ſich in das Kloſter. Ein Wort der Aebtiſſin, die ihm gänzlich ergeben war, genügte den Beiden, ſich in ihren Abſichten zu verſtändigen. Das kleine Mädchen hatte dieſe Nacht in einem weichen Bette und doch lange nicht ſo ſüß ge⸗ ſchlummert, wie in den Armen ihres Fiie Jetzt hoffte ſie, zu ihrer Mutter zurückgeführt zu werden, doch erhielt ſie auf ihre Fragen keine Antwort, und der Abend kam heran, ohne daß ſich ihr die Pforten des Kloſters geöffnet hätten. Sollte ſie wieder in den Keller hinunterſteigen? Sie war dazu bereit, wenn nur ihr Beſchützer wieder da war. Indeſfen waren die andern Kinder zur Ruhe gegangen nur Mutgarethe ſaß noch in einem dunklen Winkel des großen Eß⸗ ſaales. Vielleicht hatte man ſie vergeſſen, es war kalt in dem großen hohen Raum, die Lampe flackerte und erkoſch dann gänzlich, das Kind ſchlich ſich in den matten Schein, der durch das Fenſter hereinbrach, und fand es hier noch unheimlicher als in dem Ratten⸗ keller. Bisweilen war es ihr, als huſchten Anheimliche Geſtalten an ihr vorüber, ſie ſchloß die Augen zu und konnte doch nicht ſchlafen, ſie zitterte vor Grauſen und Entſetzen. Jetzt ſchlug es Zwölf. Die Glockentöne drangen ſchauerlich zu ihren Ohren, ſie wollte beten aber es ging nicht ſo gut wie D. B 32 —— ſonſt, immer wieder ſchreckte ſie empor. Da vernahm ſie ein ängſtliches Winſeln. Anfangs konnte ſie es ſich nicht erklären, dann verſtand ſie, daß die Thür zu deim Krankenzimmer geöffnet ſein mußte. Hier lag ein unglückliches Kird. Die Nonnen hatten in ihrer Gegenwart von ihr geſprochen. Die Kleine hatte die ſchwarzen Pocken, die in Paris, wo man faſt gar nicht impft, noch jetzt wüthen. Ihr ganzer Körper war mit eiternden Geſchwüren bedeckt, die Augen waren erblindet es war kein Theil des Körpers, der nicht eine große ekelhafte Wunde geweſen wäre. Und wie außen ſo innen. Zunge und Hals, Alles war von den ekelhaft riechenden Blattern bedeckt, es war die Verweſung bei lebendigem Leibe. Die übrigen Kinder wurden von der Unglücklichen ſo fern als möglich gehalten, die Nonnen ſelber ſcheuten ſich, in das Zimmer zu treten, auch gab es für die arme Kranke keine Hilfe mehr, man mußte ſie ruhig ſterben laſſen, denn die vereiterte Kehle ließ keine Nahrung mehr hindurch, und Medizin blieb wirkungslos. MWargarethe hatte bei der Schilderung dieſes Zuſtandes ein kaltes Entſetzen empfunden. Jetzt hörte ſie die Unglückliche ächzen, ſie faltete ihre Hände und betete für die Leidende. Da wurde plötzlich das Zimmer aufgeriſſen, und eine Nonne trat mit raſchen Schritten herein. Es war eine große Frau mit harten Zügen und ſtrengem Blick. Alle Kinder fürchteten ſie, denn ihr lag es ob, diejenigen, welche ſich eines Vergehens ſchuldig gemacht hatten, zu ſtrafen, und ſie that es mit unbarmherziger Strenge. ſ Margarethe, du hier, rief ſie mit erſtaunter Miene, hat man Dich vergeſſen? Warte, ich will Dir ein Bett gebon, zwar allein kannſt Du dieſe Nacht nicht liegen, aber bei Käte iſt Platz. Käte, das war das pockenkranke Mädchen. Ein ſtarrer Schau⸗ der ergriff Margarethe. — O nicht zu Käte, o nicht zu der, bat ſie mit herzzerrei⸗ ßenden Jammertönen, laß mich hier, ich will nicht ſchlafen, o nur nicht zu Käte! Aber die Nonne achtete nicht auf ihr Jammergeſchrei. Mit ihren ſtarken Armen hob ſie das zitternde Kind empor, riß ihm ſchnell die Kleider vom Leibe, trug es in das Krankenzimmer und ſen. die den Maſſ Puſt aus und kein von tete, und zuk Fli M kon der ihre kam kan iren, ffnet tten die noch iren ets, wie haft gem fern das Hilfe Kehle 6los. ein n vurde ſchen ügen g es atten, untet Bett 499— und legte es nackt neben das winſelnde. gräßlich entſtellte We⸗ ſen. Die Lampe brannte hell, Margarethe ſah mit Entſetzen auf die röchelnde Kranke, ihr Kopf war groß und unförmlich gewor⸗ den wie ein Kürbiß, das Geſicht war nur eine eiternde, blutige Maſſe, der Mund ſtand offen und ließ die mit großen weißen Puſteln bedeckte Znnge ſehen, ein unerträglicher Geruch drang aus ihrer Kehle. Die Ronne zog das Deckbett über Margarethe — Zetzt wehe dir, wenn du Dich heraus wagſt, ſagte ſie und verließ das Zimmer. Margarethe lag ſtill vor Grauſen und Entſetzen und wagte kein Glied zu rühren, aber ſie konnte die Blicke nicht abwenden von dem ſcheußlichen Anblick, den ihr die Lampe ſo grell beleuch⸗ tete, und immer mußte ſie denken: Morgen liegſt Du ſelber ſo da, und es iſt Niemand, der dir Waſſer reicht, um den inneren Brand zu kühlen. Da ſah ſie neben dem Bette ein Glas mit einer weißen Flüſſigkeit ſtehen, in welcher ein Pinſel ſteckte, ſie dachte, es möchte Medizin ſein und netzte die Lippen der Sterbenden damit. Es konnte dem unglücklichen Mädchen keine Linderung mehr bringen, dennoch fühlte ſich Margarethe beruhigter, indem ſie etwas für ihre elende Bettgenoſſin zu thun vermochte. Als der Morgen kam, ging Kätens Winſeln in ein Röcheln über. Margarethe kannte dieſe Laute nicht, aber ſie fühlte ſich von Fnrcht durchſchau⸗ ert. Immer mußte ſie auf den ſchrecklichen Ton hören, bis er plötzlich ausſetzte, dann wieder begann und wieder ausſetzte und endlich verſtummte. — Jetzt ſchläft ſie, dachte das Kind und fühlte ſich beruhig⸗ ter. Schon zeigte ſich die Sonne am Himmel, draußen läuteten die Glocken zur Frühmeſſe. Margarethe hoffte, die Nonne werde kommen, und ihr ihre Kleider bringen, doch kam ſie nicht. Schon hörte ſie, wie die Kinder zum Frühſtück in den Eßſaal gingen, und wie die Nonnen ſangen, doch ihr brachte Niemand Etwas. Die Käte lag ſo ſtill und ſchlief ſo feſt, ſie konnte ihr jetzt keine Arzenei einträufeln, die Augenblicke wurden ihr zu Stunden, die Minuten zu Ewigkeiten. . 32* — 500— Endlich kam die Nonn. Margarethe richtete ſich empor. — Fäte ſchläft, ſagte ſie, jetzt wird es beſſer mit ihr werden. Die Ronne lachte, dann riß ſie die Leiche aus dem Bette und warf ſie in einen Kaſten, den ſie herbei zog. H. wie ent⸗ ſetzlich ſah der Körper aus o daß Krankheit ſolch eine furchtbare Zerſtörung hervorzubringen vermag. Die eiternden Pocken waren aufgebrochen und Maden krochen daraus hervor, der Geruch war ſcheußlich. Die Nonne ſchlug den Deckel des Kaſtens zu und ſtieß ihn mit dem ßuße zum Zimmer hinaus, wo ihn die Diener nahmen, um ihn ſchnell zu verſcharren. — Darf ich nun aufſtehen? fragte Margarethe ſchüchtern. — Ei bewahre, Du haſt ja die Pocken, lachte die grauſame Frau.* Margarethe erbebte. Alſo, was ſie ſo eben geſehen hatte, ſollte auch ihr Schickſal ſein? Noch waren ihre Augen hell, noch ſah ſie keine Puſteln auf ihrer Haut, ſie ſollte alſo hier liegen bleiben und abwarten, bis die gräßliche Krankheit ſie nach und nach ergriff, bis ſie zu einer gedunſenen, ekelhaften Maſſe würde, wie Käte es geweſen war? O dieſes Loos war entſetzlich! Kaum hatte die Nonne das Zimmer verlaſſen, als Marga⸗ rethe aus dem Bette kroch, ſie hüllte ſich in ein Tuch welches ſie da fand, es mochte Käten gehört haben und ſetzte ſich in einen Winkel, um zu weinen. Da kam die Nonne wieder und mit Peitſchenſchlägen und Fußtritten jagte ſie das verzweifelnde Kind in das ekelhafte Bett zurück. Da war es aus mit Margarethens Muth, ſie weinte laut, ſie rief nach ihrer Mutter, nach ihrem Schutzengel, ſie bat zu Gott, ihr zu helfen, bis ſie endlich in Schlaf verfank, denn ſelbſt im tiefſten Elend ſchict Golt dem Kindesalter den tröſtenden und erguicenden Schlummer, den er dem Herangewachſenen und im Unglück Gereiften entzieht. Als Margarethe erwachte, ſtand die böſe Nonne vor ihrem Berte und neben ihr der Jeſuit Venturo, jener Mann, den ſie mehr und wir nur gr eine ver wird N v de de aren wal men, noch iegen und de, — 501— mehr als Alles fürchtete, derſelbe der ſie ihrer Mutter entriſſen und hierhergebracht hatte. — Sie ſind überzeugt, daß dieſe Racht keine vergebliche war? fragte er. — O, wie wäre das möglich, rief die Nonne, hätten Sie nur die Leiche geſehen, ich denke, Sie riechen es noch, ehrwürdi⸗ ger Herr, daß ſie nicht eben ganz ſauber war. Sch ließ ſie wie einen Hund verſcharren, ſonſt hätte ſie uns das ganze Kloſter verpeſtet. — Aber das beweiſt nicht, daß Margarethe.. ebenſo ſein wird, meinte Venturo. — O, fürchten Sie Nichts, keine Krankheit iſt anſteckender, und eine Nacht in demſelben Bette und jetzt noch auf demſelben Laken; das hilft ſchon. — 4s iſt gut, kleiden Sie das Kind an, ich erwarte Sie.— Die Nonne befolgte den Befehh; Margarethe wurde aus dem Bette genommen, ſie konnte nicht allein ſtehen, ſo ſchwach fühlte fie ſich, und ihre Beine wankten. Sie fragte auch nicht mehr, was man mit ihr vorhatte, ſie war gleichgültig gegen Alles ge⸗ worden. Als ſie fertig war, führte die Nonne ſie zu dem Pater Venturo, doch dieſer ſcheute ſich, ihr die Hand zu reichen und ließ ſie vor ſich her die Treppe hinuntergehen. Vor der Thür des Kloſters hielt ein Miethwagen, der Jeſuit ſtieg mit dem Kinde ein und befahl dem Kutſcher, ſie zu dem Hauſe der Herzogin von Montalto zu fahren. Noch geſtern hätte Margarethe vor Freude aufgejauchzt, wenn ihre Rückkehr zu der geliebten Mutter ſo nahe geweſen wäre, jetzt ſaß ſie ſtumpf da, ſie ſah nicht den blauen Sonnenhimmel, nicht die munteren Leute, die ſich auf den Stra⸗ ßen drängten, ſie ſah nur die todte Käte und dachte Nichts, als daß ſie bald ebenſo daliegen würde, und fragte ſich⸗ ob ihre Mut⸗ ter ſie auch gleich einem Hunde würde verſcharren laſſen. Dem Jeſuiten war unheimlich zu Muthe. Er rückte ſo viel, als er vermochte, von dem kranken Kinde fort und öffnete alle Fenſter des Wagens um friſche Luft hindurchzulaſſen. An den kleidern des Kindes haftete noch jener widerwärtige Geruch, welchen — 502— Kätens Krankheit hinterlaſſen hatte und der das Gift weiter ver⸗ breitete. — Welch ein Fehler iſt es, dachte er, daß man weder bei uns in Italien, noch in Frankreich die Pockenimpfungzwangsweiſe ein⸗ führte, für mich wäre es jetzt ein Troſt, wenn ich einen Schutz gegen dieſe ekelhafte Krankheit hätte. Freilich behauptet man, das Impfen helfe auch nicht für immer, und man müßte es meh⸗ rere Male wiederholen. Nun, wenigſtens habe ich die Freude, die ſtolze Herzogin und ihr ganzes Haus gründlich zu verpeſten, wer weiß, ob es nicht bald um Helenens feine Haut geſchehen iſt, ob nicht bald Iduna todt neben ihrem Kinde liegt? Man muß das Beſte hoffen! Unter ſolchen Gedanken kam er mit Margarethen vor dem Hauſe der Herzogin an. Auch hier ließ er das Kind allein aus⸗ ſteigen und voraufgehen, mit boshafter Freude bemerkte er, daß die Kleine nicht lebhaft die Stufen hinaufſprang, daß ſie ſchwankte und ſich an das Treppengeländer halten mußte. — Ach, Fräulein Margarethe, Sie wieder hier, aber wie bleich! ſo rief der alte Diener ihr entgegen. Margarethe begrüßte ihn nur mit einem ſanften Kopfnicken, ſie ging zu dem Zimmer ihrer Mutter und öffnete es. Iduna ſtieß einen Freudenſchrei ans, kaum vermochte ſie es, dem gelieb⸗ ten Weſen entgegen zu eilen. — Mutter, rief Margarethe, liebe Mutter, ich bin krank, ich habe die Pocken. Iduna ſchloß ſie in ihre Arme und bedeckte ſie mit Küſſen! — Mein Kind, mein einziges geliebtes Kind, daß ich Dich wieder an meine Bruſt drücke, o Gott ſei gelobt, daß er Dich mir wieder giebt. — Sie erhalten Ihre Tochter aus meiner Hand, Fran Her⸗ zogin, ſagte der Jeſuit und freute ſich dieſer todbringenden Zärt⸗ lichkeit. Auf Befehl des Herrn Herzogs von Montalto, Ihres Gatten, brachte ich das kleine Fräulein in ein Kloſter, aber ich holte ſie ſogleich heraus, ſobald ich erfuhr, daß dort eine an⸗ ſiecen wmirt Soh Eie ſein 2 daß väh nit Por ſchn dern Me d die lei ha ſein ver die un un ber⸗ r bei ein⸗ chutz nan, meh⸗ ude eſten, hehen Man wie icen, duna lieb⸗ k ich mit Dich Dich Her⸗ Zärt⸗ hres er ich — 503— ſteckende Kranlheit ausgebrochen ſei, ich war überzeugt, daß ich mir dadurch Ihre Dankbarkeit erwerben würde.. — Dankbarkeit. Ihnen? rief Iduna, und ein Blitz von Stolz flammte in ihren ſonſt ſo ſanften Augen auf. Verlaſſen Sie mich, mein Herr! Mag der Herzog von Montalto Ihnen ſein Vertrauen ſchenken, ich werde es Ihnen nicht Dank wiſſen, daß Sie mir mein blühendes Kind in ſolch' einem Zuſtande zu⸗ rückbringen. Fort aus meinem Hauſe, Elender! Mit dieſen Worten kehrte ſie ihm den Rücken und verließ mit Margarethen das Zimmer. — Warte nur, knirſchte der Zeſuit hinter ihr her, dieſe Worte vergeſſe ich Dir nicht. Er ging hinweg, hohnlachend und froh, aber ſein Kopf ſchmerzte, und eine beſondere Mattigkeit lag in ſeinen Glie⸗ dern 58. Kapitel. Der Geheimnißvolle. Selbſt inmitten des tiefſten Elends giebt Gott bisweilen dem Menſchenherzen einen Augenblick von Seligkeit, der ihn für kurze Zeit alle Leiden vergeſſen läßt. Solch einen Augenbück genoß die Fürſtin Gabriele Donato, als ſie in Arthurs Bruſt das leiſe Aufglimmen des ſchon erloſchenen Lebens wahrnahm. Sie hatte das Kind mit ſich in das Lazareth genommen und ſaß an ſeinem Lager. Wilhelm Friſchmuth, deſſen Schulterwunde ſo eben verbunden worden war, ſtand zu ſeinem Haupte und kühlte ihm die Fieberhitze durch feuchte Tücher, und Richard hielt ſeine Hand, und große Thränen rannen aus ſeinen Augen. — Na, Junge, fing der Maſchinenbauer endlich an, ſag uns mal ehrlich, wie es mit Euch ſteht. Daß Ihr der alten H⸗e fortgelaufen ſeid, verdenk ich Euch nicht weiter, das hätte ich auch gethan, wer aber ſind Eure Eltern? — O bitte fragt mich nicht, bat Richard. — Fürchtet Ihr Euch etwa, weil Ihr Franzoſenkinder ſeid? rief der Ulan. Das iſt uns ganz gleichgültig. Meine Schecke iſt auch ein Franzoſe, und doch habe ich mich dran gewöhnt. Alſo heraus mit der Sprache, wer ſeid Ihr? Richard warf einen flehenden Blick auf Gabriele. Er und ſein Bruder hatte es ſich feſt vorgenommen, den Namen des Va⸗ ters zu verſchweigen, der ſie von ſich geſtoßen hatte. — Was hilft es auch, wenn wir verſichern, daß wir die Söhne des LHerzogs von Montalto ſind? fragten ſie ſich. Nie⸗ mand wird es uns glauben, denn wer könnte vorausſetzen, daß er uns hier ſo hilflos umher irren ließe? Es iſt weit beſſer, daß wir es verſchweigen, man würde uns nur für Lügner halten und uns als ſolche verachten. All ihr Bemühen war dahin gegangen, ſich bis nach Paris, bis zu ihrer Mutter durchzubetteln. Dieſe, ſie wußten es wohl, würde ſie nicht ſo leicht von ſich weiſen. Ach, und wie ſehnten ſie ſich nach ihrer liebevollen Pflege! Zwar, ſeitdem ſie ſich ber Maria Fiſcher befanden, war es ihnen, als hätten ſie eine zweite Mutter gefunden. Gabriele's ſanftes Weſen that ihnen um ſo mehr wohl, als es das volle Gegentheil zu Margots roher und gemeiner Art und Weiſe bildete. Sie fühlten ſich geſichert, als ſie mit dem Kopfe auf ihrem Schooße einſchlummerten und hinter ihr auf dem Pferde ſaßen. Auch zu dem biederen Soldaten, der ſo tapfer dreingeſchlagen und Arthur bis hierhergebracht hatte, be⸗ ſaß Richard volles Vertrauen, aber der Ulan war einer der ge⸗ fürchteten Feinde des Vaterlandes, für welches der Herzog von Montalto kämpfte. Der Knabe hatte mit ſo vieler Erbitterung von den Deutſchen reden hören, daß er glaubte, ein gleicher Haß müſſe auch bei ihnen gegen die Franzoſen herrſchen. — Erfahren ſie wer wir ſind, ſo dachte er mit einer Vor⸗ ſicht, die weit über ſeine Jahre hinausging, ſo werden ſie uns als Bürgſchaft behalten und unſern Vater zwingen, ſich ihnen um unſeretwillen zu ergeben. Verleugnet er uns dann zum zwei⸗ ten Fall 6, 5, ten ſ Jun Mn chur ende dem möc mut N —— ten Male, ſo ſtehen wir als Lügner da, und in dem anderen Falle wird man es ihm verdenken, wenn er vielleicht aus Liebe zu ſeinen Söhnen dem Kaiſer Schaden bringt. Nein, beſſer iſt es, zu ſchweigen, wenn man uns auch für undankbar hal⸗ ten ſollte! Nun drang aber der Ulan ſo ſehr in ihn, daß der arme Junge nicht wußte, was er anfangen ſollte. Aber Gabriele kam ihm zu Hilfe. — Laſſen Sie ihm Zeit, bat ſie, indem ſie ſich an Wilhelm wandte. Das arme Kind hat ſo viel gelitten. Sie aber haben ihn und ſeinen Bruder vom Hungertode errettet, Sie haben Ar⸗ thur mit Gefahr Ihres eigenen Lebens bis hierher gebracht, voll⸗ enden Sie nun Ihre Wohlthaten gegen die beiden Knaben, in⸗ dem Sie nicht länger nach Dingen fragen die ſie verheimlichen möchten. — Aber dieſe Verheimlichung iſt ja Unſinn! verſetzte Friſch⸗ muth. Wir ſind in ganz kurzer Zeit in Paris. Ich könnte die Jungen mit mir hin nehmen, wenn ich wüßte, an wen ich ſie da abliefern ſol Was nützt die Geheimnißkrämerei? Hör' zu, Ri⸗ chard, wenn Du mir jetzt nicht die volle Wahrheit ſagſt, ſo liefere ich Dich als Gefaugenen aus und dann ſchicken ſie Dich nach Spandau oder ſonſt wo hin. — O, nein, nein! bat der Knabe, laßt mich wenigſtens bei meinem Bruder. — Sei ruhig, Richard, er meint es nicht ſo böſe, tröſtete ihn Maria Fiſcher. Arthur iſt krank, ſeht nur, wie mühſam ſeine Bruſt ſich hebt Wenn er verſtünde, was Ihr hirr redet, denkt nur, wie es ihn aufregen möchte! Nein, lieber Friſchmuth, ſo lange der Knabe ſo leidend iſt, dürfen Sie ihn nicht von ſeinem Bruder trennen, und wenn Sie fürchten ſollten, daß es mit der Vergangenheit dieſer Kinder eine unredliche Bewandtniß hat, ſo bitte ich Sie, mein Zeugniß anzunehmen. Ich kenne ihre Mutter, es iſt eine der edelſten Frauen in Paris, und ſie iſt keine Fran⸗ zöſin, man ſagte mir, ſie ſtamme aus meinem„ſte ſtamme aus Italien. Gabriele hielt zur rechten Zeit inne, ſonſt hätte ſie es ver⸗ — 506— rathen, daß auch ſie eine Italienerin war. Schon erzählte man ſich die ſeltſamſten Dinge von der bleichen Frau von Mainz, die Einen glaubten, fie ſei eine hochgeſtellte Deutſche, die Andern er⸗ zählten, ſie ſei ihrem Gatten in den Krieg gefolgt, der gleich bei dem erſten Treffen gefallen ſei. Manche wußten ganz genau, es ſei eine aus einem ungariſchen Kloſter entſprungene Nonne, und diejenigen, welche ſich am klügſten dünkten, hatten es gar herausgebracht, ſie ſei eigentlich ſchon vor vielen hundert Jahren geſtorben und wieder aufgelebt, und büße jetzt ihre ehe⸗ maligen Sünden ab, die ſie im Leben begangen hatte, und die ihr im Grabe keine Ruhe ließen. So käme ſie immer wieder, wenn es in Deutſchland einen großen Krieg gäbe, auch wüßte ſie es alle Male voraus, wenn eine Schlacht geſchlagen würde, und ſei alsdann bereit, den Verwundeten zu helfen, wer aber unter ihrer Pflege ſei, der ſtürbe nicht. Gabriele wußte nichts von all dieſem unvernünftigen und abergläubiſchen Geſchwätz Friſchmuth aber hatte davon gehört, und obgleich es ihm nicht einfiel, daran zu glauben, ſo war er doch feſt davon überzeugt, daß es mit Maria Fiſcher eine eigene Bewandtniß haben mußte Ihr ganzes Weſen war ſo ſeltſam, es leuchtete ein ſo wun⸗ derbarer Schimmer in ihren großen blauen Augen, ſie war ſo milde und dabei unermüdlich thätig in ihrem mühevollen Lie⸗ beswerke, ſie wußte in jedem Augenblick das Rechte zu thun, und verſtand es ſo gut, ſelbſt die aufgeregteſten Gemüther zu beruhigen und jedem Troſt und Hoffnung einzuflößen, daß ſelbſt der Ber⸗ liner Maſchinenbauer, der ſich doch ſonſt nicht leicht Sand in die Augen ſtreuen ließ, ganz von ihr eingenommen war und ſich ihrem Einfluſſe nicht zu entziehen vermochte. Wenn ſie dabei war, ſprach er leiſer, und nahm ſich vor dem Fluchen in Acht, das er ſich in dem rauhen Kriegstreiben ein wenig angewöhnt hatte. Er konnte böſe werden, wenn andere Soldaten ſich nicht entblödeten, in ihrer Gegenwart unanſtändige Ausdrücke zu gebrauchen, auch merkte er bald, daß ſolche gemeine Menſchen ſogleich verſtummten, wenn ein Blick aus Gabrielen's Augen ſie traf, daß jeder Zank ———— 5—— — —— —— verſtummte, wenn ſie dazu kam uud ⸗ Alle in ihr ein höheres Weſen erkannten. Als echtes Berliner Kind hatte er ſch zwar gewöhnt, ſo ziem⸗ lich Alles zu bezweifeln und an nichts zu glauben, was nicht grade in der Bibel ſtand, und war ſonſt ziemlich leicht mit den be⸗ liebten Redensarten bei der Hand, mit denen ſich ſeine Landsleute in jeder Lage zu helfen wiſſen, doch wenn Maria Fiſcher ihn ein⸗ mal verweiſend oder, wie jetzt eben, bittend anſah, dann half es ihm nichts, daß er ſich ſelber zurief: Bangemachen gilt nicht, und wie ſie ihn jetzt bat, die Fragen nach den Eltern der Kinder zu unterlaſſen, da dachte er wohl: dies Alles iſt mir Schnuppe, aber er verſtummte darnach und verſparte ſich die Forſchungen auf ein anderes Mal. Mit feinem weiblichen Gefühle hatte Gabriele die Herkunft der beiden Knaben errathen. Nud wenige Male zwar hatte ſie dieſelben in Geſellſchaft des Prinzen Lülu geſehen, aber ihre Züge hatte ſie nicht vergeſſen und auch nicht das, was ihr über Iduna erzählt worden war. Jetzt ſehnte ſich ſich danach, mit Richard von ihrem Sohne reden zu können, aber zugleich beſchäf⸗ tigte ſie ein anderer Gedanke. Der Mann, der ihrem geliebten Gatten ſo wunderbar ähnlich ſah, ſtand im Verkehr mit Margot, jenem ſcheußlichen Weibe, wel⸗ ches ſie bei Wörth mit ihrer Tochter hatte reden hören. Was ſie damals von ihr vernommen hatte, beſtätigte ihr nicht nur, daß Arthur und Richard, die Sohne des Herzogs von Montalto, ihren Eltern geraubt ſeien, ſie wußte auch, daß Margot ein entſetzliches Geſchäft, den Leichenraub, brieb. Und mit dieſem widerwärtigen alten Weibe ſtand jener Mann in Verbindung, für den ſie ſo viel Intereſſe hegte! Sie ſchau⸗ derte bei dem Gedanken, daß er, der die geliebten Züge ihres Alphons trug, ſich zu ſo verwerflichem Geldverdienſte herzugeben vermochte. Jetzt da Wilhelm Friſchmuth etwas ärgerlich aufſtand, denn die Zeit war um, in welcher er Arthurs Stirn zu kühlen hatte, jetzt glaubte ſie, ihn verſöhnen zu müſſen, denn ſie meinte, ſie hätte ihn gekränkt, indem ſie ſeiner Neugierde Einhalt gebot. So trat ſie mit ihm vor das Zelt hinaus, in welchem die Schwer⸗ — 508— kranken lagen. Sie wollte ihm heimlich anvertrauen, wer die von ihm geretteten Kinder waren, doch in demſelben Augenblick erblickte ſie wieder jenen Mann im weißen Rocke mit dem rothen Kreuze auf dem Arme. Zitternd legte ſie ihre Hand auf die des Ulanen. — Der Mann dort, ſehen Sie den Mann? fragte ſie mit bebenden Lippen. — Wohl ſehe ich ihn, es muß ein Johanniter ſein, werſetzte Friſchmuth, etwas betroffen von ihrer Aufregung. — Ich ſah ihn geſtern Nacht bei der alten Margot, er han⸗ delte um Leichenraub„ folgen Sie ihm„ ich muß wiſſen, wer er iſt„ ich bitte Sie, folgen Sie ihm nach! Sie hatte wit bebenden Lippen geſprochen, doch kaum war das Wort von ihrer Zunge, als ſie es bitter bereute. Sie hatte, ohne es zu bedenken, eine furchtbare Anklage auf den Fremden geworfen, der ihr doch ſo lieb geworden war durch eine Aehnlich⸗ keit, die vielleicht nur ſie ſelber fand. Friſchmuth faßte nur dieſe Anklage auf. — ₰ da ſoll ihn ja der. er vollendete den Satz nicht. Seien Sie ruhig, den faſſe ich, ſagte er zu Gabrielen, ſolches Diebsgeſindel darf nicht ungeſtraft bleiben, da muß ich gleich hinter her.— Er ſprang drein, Gabriele rief ihm nach„ vergeblich! Er hörte ſie nicht mehr. Was hatte ſie gethan? Auf Leichen⸗ raub ſtand Todesſtrafe, und hatte ſie den Mann dem Tode über⸗ liefert, der doch die Züge ihres Gatten trug? Ihr war es, als hätte ſie dieſen ſelber getödtet. Mit wankenden Schritten taumelte ſie in das Lazareth zurück. Indeſſen lief Friſchmuth in aller Eile über den Weg, da faßte ihn eine ſtarke Hand. — Ei Herr Jeſus, Wilhelm biſt Du es denn wirklich? —, kleiner Dresdner, wo kriegt Dich denn das Wetter hier⸗ her? rief der Ulan und blickte ihn verwundert an. — Das Schlachtenwetter, ja, das iſt ein böſes Ding, ich wollte, ich wäre daheim! ſeufzte der Andere. — Weßhalb ſo weichmüthig, Dresdner? Biſt ja ſonſt ein kouragirter Kerl. Ich ſagte oft zu Weinlich: Wo der Heinrich Becker hinſchlägt, da wächſt kein Gras mehr. wie heln Stite bei Ka gek duß ſchei nie wen das ieb de geft wir Iht ner ſich von licte reuze nen. mit ſetzte han⸗ iſſen, war hatte, mden nlich⸗ — 505— „ — Na Du, die Franzoſenrücken find noch nicht halb ſo hart, wie Eiſen, und das iſt man doch gewohnt. Aber ſag mal, Wil⸗ helm, Du biſt doch nicht verwundet? — Zwei Mal, aber das thut nichts, es iſt bloß die linke Seite. Nun ſag aber, wie kommſt Du hierher? — EGi, wir liegen ja hier herum, ſeitdem wir die Franzoſen bei St. Privat zerklopft haben. Es war Dir ein mörderiſcher Kampf! Da kann Einer lachen, der mit geſunden Gliedern fort⸗ gekommen iſt. — Ah, bei St. Privat, allen Reſpekt! Ich habe gehört, daß Ihr da Wunderdinge geleiſtet habt. — Wunderdinge nun eben nicht, entgegnete der Sachſe be⸗ ſcheiden, man thut ſeine Schuldigkeit. Du mein Gott, ich hätte nie gedacht, daß ich einmal Menſchenblut vergießen müßte, aber wenn man mitten drunter iſt, da kommt es Einem vor, als wäre oas ganz in Ordnung, und da heißt es dann gleich, je mehr, je beſſer. — Das wußt ich wohl, daß Du nicht hinten bleiben wür⸗ deſt, ſanfter Heinrich, ich habe auch ſchon im Lazareth nach Dir gefragt. — Ja, wenn Ihr Berliner nicht gar ſo ein ſpöttiſches Volk wäret, ich erzählte Dir wohl — Nein, bei Gott, ich ſpotte nicht, Heinrich, ich weiß, was Ihr Sachſen für das Vaterland geleiſtet habt, mehr kann ja Kei⸗ ner thun, das exkennt auch Jeder an aber Heinrich haſt Du nicht hier herum einen langen Kerl geſehen mit einem weißen Rock und dem rothen Kreuz auf dem Arm? — Nicht daß ich wüßte — Siehſt Du, lieber Junge, hinter dem war ich eben her, als Du mich ankriegteſt, darum ſchien es Dir wohl, daß ich ein bißchen kalt und zerſtreut bin. — Wir kennen Euch Berliner ja, Ihr macht es Alle nicht beſſer, gemüthlich ſeid Ihr manchmal gar nicht. — Hat ſich was mit Gemüthlichkeit, wenn es ſich um Lei⸗ chenraub handelt! Ich muß den Kerl haben, Heinrich, oder der Teufel ſoll mich — 31— — So ſchildr' ihn mir nur, ich halt ſchon mit. — Kennte ich ihn nur felber, aber ich habe ihn nur von hin⸗ ten geſehen. dort ging er in das Dorf. — So laß uns nachgehen, ich habe nichts zu verſäumen. — Das iſt gut, Heinrich, komm Du mit mir, Du biſt ru⸗ higer und verſtändiger als ich. — Na, das find Schmeicheleien, von Euch Preußen denkt doch Jeder, daß er die Weisheit mit Löffeln gegeſſen hat. — Aergert Euch nur nicht immer über uns, wir ſind nicht ſo ſchlimm, wie Ihr glaubt. Komm, wir müſſen das Dorf ab⸗ ſuchen. Sie gingen Arm in Arm. Sie hatten zuſammen gelernt und kannten ſich lange, dann waren ſie auf der Wanderſchaft zu⸗ ſammengetroffen, und endlich ſuchte und fand ein Jeder Arbeit und Verdienſt in ſeiner Vaterſtadt. Der Dresdener war immer geneigt, das Leben ernſt zu nehmen, auch man mußte auf der Hut ſein, daß man ihn nicht beleidigte. Deswegen erklärte ihm Wilhelm Friſchmuth die ganze Geſchichte, erzählte, wie er Maria Fiſcher kennen gelernt und die Knaben gerettet hatte. Heinrich meinte zwar im Stillen das Meiſte dieſer Erzählung ſei Prah⸗ lerei, indeſſen hatte er ſeinen Jugendfreund doch ſehr lieb und half ihm treulich ſuchen. Dies war jedoch ein vergebliches Ge⸗ ſchäft denn nirgends ließ ſich der Mann mit dem weißen Rock entdecken Schon gaben ſie die Sache auf, ſetzten ſich vor die Thür der Schenke, ließen ſich Wein geben und erzählten ſich ganz gemüthlich von ihren früheren und neueſten Erlebniſſen. Der Dresdener bemerkte ſchon lange, daß ein Junge ein ſchwarzes Pferd von ſeltener Schönheit auf und abführte. Jetzt trat aus der Thür der Schenke ein hochgewachſener Mann in heller Klei⸗ dung. Beide Freunde ſahen ihn an, da traf ſie aus ſeinen dunk⸗ len Augen ein ſo leuchtender Blick voller Hoheit und Würde, daß ſie wie von demſelben Hefühle ergriffen aufſprangen und ſich verneigten. Der Mann dankte ihen mit vornehmer Freundlich⸗ keit dann ſchwang er ſich leicht in den Sattel des ſchönen Pfer⸗ des, gab ihm einen Schlag mit der Reitgerte und verſchwand im nächſten Augenblick. hin⸗ ru⸗ enkt nicht ah⸗ ernt tzu⸗ rbeit mer der ihm gria ich rah⸗ und Ge⸗ Roc die anz er zes aus Uei⸗ n de, ich ich⸗ er „d — dn— — Das iſt er! rief Wilhelm aus. — Wer? fragte ſein Freund⸗ — Der Mann mit dem weißen Rock, mit dem rothen Kreuz der Leichenräuber! — Der, Wilhelm? Biſt Du von Sinenl Haſt Du nicht den Anſtand, die Würde geſehen, Du ſelbſt ſtandeſt ja auf, um ihn zu grüßen, warf ihm Heinrich Becker ein⸗ — Ich, um ihn zu grüßen? Nein, um ihn zu ſufenl Was denkſt Du, ich habe es nicht nöthig, den erſten, den beſten zu grüßen. — Doch wemn er ſo atsſieht, wie der. Ein Leichenräuber iſt er gewiß nicht. darauf will ich ſchwören. — Und dennoch iſt er es, ich erkannte ihn an ſeiner Ge⸗ ſtalt, denn ſie hat mir's geſagt. — Sie, welche ſie? — Ach, Heinrich, Heinrich daß ich ihn laufen ließ... ich möchte mich prügeln! — Sei doch nur ruhig, er entfernte ſich ſo geſchwind, Du konnteſt ihn nicht packen. Aber Du findeſt ihn ſchon noch ei anderes Mal, oder ein Anderer hält ihn feſt, nämlich, wenn er wirklich ſo bös iſt, wie Du meinſt. — Der Troſt iſt wenig werth. Komm zurück, Heinrich, ich habe mich blamirt, das iſt Alles. — Und ſo was kann ein Berliner nicht aushalten. — Ach ſpotte Du nur noch, mir iſt danach. Schon einmal, denke Dir zwei Mädchen hatten uns gebeten: Rettet uns! und wir, wir zogen ab und überließen ſie ihrem Schickſal — Das iſt doch unmöglich! — Unmöglich und doch wahr. Ich weiß nicht mehr, wie ich bin, ich muß wieder zur Armee und in Thätigkeit kommen, der Aufenthalt im Lazareth bekommt mir nicht. — Sieh, ſonſt haſt Du mich ausgelacht, weil ich melancholiſ ch bin, jetzt wirſt Du es ſelber. Geh, Wilhelm, Sie haben Dich mir doch nicht ausgetauſcht? Unter dieſen Geſprächen waren ſie um das Dorf herum⸗ gegangen, da hörten ſie Pferdegetrappel. Als ſie um die Ecke — 512— bogen, ſahen ſie verſchiedene Leute zuſammen ſlehen, es waren Männer in ländlicher Kleidung, Bürger und andere, die zu dem gewöhnlichen Rock die Militairmütze trugen. Mitten unter ihnen hielt der Mann auf dem Rappen und ſchien ſeine Befehle aus⸗ zutheilen. Sie alle ſahen ihn ehrfurchtsvoll an und vertheilten ſich dann nach verſchiedenen Richtungen⸗ — Was iſt nun das wieder? fragte Wilhelm Friſchmuth, ſieht er nicht aus, wie das Haupt einer Bande, die auf nichts Gutes ausgeht? — Ja, freilich, die Leute haben etwas Unheimliches, aben ſei vorſichtig, Wilhelm, ſei vorſichtig. Wir ſind nur ihrer zwei. Ja, da haſt tDu Recht, aber. SKipit Rachbegierde. So ſchlag das Donnerwetter drein, ſtöhnt er nicht wie eine Frau in den Wochen? Schäme dich, du feiger Bengel, warum läßt du mich nicht ſchlafen? Es iſt eine Schande, ſolch ein lan⸗ ger geſunder Kerl wimmert, als ob es ihm an das Leben ginge, wo es doch nichts iſt, als ein bischen Blei in der Bruſt. Aber ich will fort! Was ſitze ich auch hier und langweile mich? So gut finde ich es überall, wie bei dir. Dann magſt du ſelber nach Waſſer laufen, du Lumpenkerl, und dir dein Eſſen kochen, ich hab es ſatt, mir das bischen Nachtrrhe zerſtören zu laſſen! Dieſe liebevollen Worte richtete die alte Margot an ihren Pflegling Franz Godard, welcher auf elendem Stroh in einem Winkel der halbzerfallenen Hütte lag und jämmerſich wimmerte. — Verlaß mich nicht, Mutter, bat er ſie, ich kann ja nicht aufſtehen, ich muß verhungern, wenn Du mir nicht Eſſen giebſt. — Nun ſo rerhungere meinetwegen, was nützt nir Den Lel Di den wo aus feld al du es i Ra verl zu9 los ſollt nich den Ein fir habe jede uns aber dar wil de Pa Der e wo waren u dem ihnen us⸗ elten e eine wurum n lan⸗ ginge Aber o gu 6 nach n ih ihren einem nerte. a nicht — 513— Leben oder Tod? rief ſie mit einem rohen Selächter. Ich habe Dich und Deine Heimlichkeiten ſatt. Erſt verſprachſt du mir gol⸗ dene Berge. Ifidor ſollte die Koſtbarkeiten verkaufen, des mußte wo möglich Milionen abwerfen. Ja, ich weiß ſchon, wo das hin⸗ aus ging! Die gute Mutter Margot, die liebe Mutter Margot, ſo hieß es hinten und vorne. Ihr wolltet mich auf die Schlacht⸗ felder ſchicken, hätten ſie mich gefaßt und gehängt, Euch wäre es allenfalls recht geweſen, denn dazu war ich gut genug. Ich dumme Pute lieferte auch ehrlich Alles ein, dachte der Iſidor meint es redlich zu mir, und auch der Franz Godard. Bald merkte ich, daß ſie mich an der Naſe herumführen wollten, aber meine Naſe iſt fein. Aus all den Verſprechungen wurde nichts. Ich verlangte nach meinem andern Mittelsmann, da hieß es die Sache ſei zu gefährlich. Endlich lockteſt du mich hierher, bei Metz, da ſollte es losgehen, da gab es wieder was zu verdienen, und dieſes Mal ſollte ſich Iſidor anſtändiger betragen. Ich hatte meine Affen nicht mehr, es war aus mit dem Marketenderweſen, ich ging auf den Schwindel ein und kam hierher. Was gab es? Blutige Köpfe! Daß ich den Schlingel, den Arthur, geſtochen habe, iſt noch das Einzige, was mich freut. Und nun ſitze ich hier und koche Thee für den Galgenſtrick, der mich bis hierher gelockt hat. Von Metz habe ich noch nichts bemerkt, als den fernen Kanonendonner, aber jeden Augenblick können die verfluchten Deutſchen kommen und uns aufheben. Dir zwar gönne ich den Galgen vom Herzen, aber für die Mutter Margot iſt ſolch' ein Holz nicht gewachſen, darum will ich machen, daß ich in Sicherheit komme, das will ich. — Aber Mutter, flehte der Verwundete, könnt Ihr Euch denn mit Recht beklagen? Ifidor verwahtt Euch das Geld in⸗ Paris, und der Mann mit dem rothen Kreuze. er — Schweig mir von Dem! Es iſt als ginge mit etwas, durch das Herz, wenn ich ihn ſehe oder auch nur an ihn denke., Der hat Augen wie ein Geſpenſt, und anſehen kann er Einen, es iſt, als müßte man gleich in die Kniee brechen. Franz, Franz, wo haſt Du den Menſchen gefunden? D. V. 33 — 514— — In der Nacht, im Walde, verſetzte der Kranke. Plötlich ſtand er vor mir, ich dachte, er ſei aus der Erde herausgewach⸗ ſen. Es war da ein fauler Eichbaum, das morſche Holz leuchtete ſeltſam, habt Ihr ſo etwas ſchon mal geſehen Mutter? Ihn beſchien es ſo bleich, ſo unheimlich„hu, mich friert, wenn ich daran denke aber ich faßte mich und blickte ihn ſcharf an den weißen Rock, die Binde mit dem rothen Kreuz, und das ſonderbare Geſicht mit den Augen ja, Ihr habt Recht, alle meine Sünden fielen mir ein, als ich ihn ſo groß und ſo ſeltſam beſchienen vor mir ſtehen ſah. — ch ſuche einen Ring. ſagte ex, ein weißer Opal iſt in der Mitte des Reifens, er ſpielt in tauſend Farben, zu ſeiner einen Seite iſt ein Rubin und auf der andern ein Smaragd. Kannſt Du mir dieſen Ring verſchaffen? 5 — Da müßte ich doch erſt wiſſen, wem er gehört hat, ant⸗ wortete ich ſo trotzig, wie ich es in meiner Angſt vermochte. — Er gehörte einem Todten⸗ ſagte der Mann. Suche ihn, es ſoll Dein Schaden nicht ſein. — Suchen Sie ihn ſelber, erwiederte ich ihm. Ich weiß ein Weib, das ſolche Koſtbarkeiten ſammelt, vielleicht hat ſie den Ring, Sie müſſen ſelbſt nachſehen. — Wo iſt das Weib? fragte er. — Dort drüben im Dorfe, gab ich zur Antwort, ich will zu ihr. — So begleite ich Dich, ſprach er und ſchritt auf dem ſchma⸗ len Wege voran. u ie ch hinterher und konnte kein Auge von ihm wenden. War es mir doch, als leuchtete er ſelber, wie der hohle Eichen⸗ ſtamm, blaß und flackerig, es war ein grauſiger Gang. Ich prachte ihn hierher, er ſah die Sachen an, die Ihr im Sacke tragt. der Ring war nicht darunter. Z — ch weiß es, unterbrach ſie ihn heſtig, und weiß auch, daß Du ein Eſel biſt. Du merkſt nicht, daß der Menſch uns auf die Spur kommen wollte. Solch einen Ring mit einem Opal einem Rubin und einem Smaragden giebt es in der ganzen Welt nicht. Er wollte blos wiſſen, ob wir wirklich goldene Sa⸗ chen hätten, darauf ging er hin, nnd zeigte uns an, das iſt Al⸗ ich ch⸗ ete hn nn 05 le ſam M ner ant⸗ hn, ein den hm den. chen⸗ 30 Sack auch. unꝰ Opal anzel Sc⸗ les. Aber ein ſolcher Schafverſtand, wie Deiner, begreift nichts und erräth nichts. Wir ſind hier keinen Augenblick ſicher, und wenn Du nicht gehen kannſt, nun gut, ſo gehe ich. — Ach Mutter, Mutter, ſeid barmherzig, bat Godard, laßt mich in dieſen Leiden nicht allein. O Gott wird es Euch lohnen. — Gott? lachte ſie hell auf, was habe ich mit dem zu thun? Der Teufel dankt es mir, wenn ich Dich eher zu ihm ſchicke, an den glaube ich eher. Meinſt Du, ich hätte noch nicht die rechte Uebung? Siehſt Du ſo nahm ich das Meſſer, wenn die Verwundeten dalagen, die Uniform riß ich auf, ſo wie ich jetzt Deinen Rock aufreiße, ein Stoß in das Herz — Mutter, Mutter! kreiſchte er auf, unfähig, vor Schreck und Grauſen auch nur ein Glied zu rühren. — Bin Deine Mutter nicht, hohnlachte ſie, könnte Dich nicht einmal als Schwiegerſohn gebrauchen, fort mit Dir zur Hölle, das iſt noch ein Gnadenſtoß damit Du hier nicht elend verſchmach⸗ teſt, während ich fortgehe. Starren Blickes, die Lippen halb geöffnet, blickte er auf ſie es war vergeblich. Die harte magere Hand traf unerbitt⸗ lich, was ihrem Zorne verfallen war. Das Meſſer blitzte. da plötzlich fühlte ſie ihren Arm gefaßt, erſchrocken ſah ſie hinter ſich, es lehnte ſich ein abſcheuliches Geſicht über ihre Schulter. Extappt, auf einem Morde ertappt, und durch ſo Einen... Jetzt war es an der alten Margot zu zittern. Und doch lachte der Mann ihr entgegen, und ſeine ſchwarzen Augen leuchteten hell auf Seine Hautfarbe war dunkel, faſt ſchwarz und ſtach grell ab von dem weißen Turban, der den Kopf bedeckte, von der hellblauen mit gelben Litzen beſetzten Jacke und von den rothen Beinkleidern, die puffig und weit bis zu den Knieen herab⸗ reichten. Die ſchwärzlichen und wulſtigen Lippen zogen ſich grin⸗ ſend auseinander und ließen zwei volle Reihen hervorſtehender Zähne ſehen, die Backenknochen traten ſtark aus dem Geſichte, die Naſe war platt und in zwei mächtig großen Löchern geöffnet, etwas furchtbar Rohes, eine wilde Leidenſchaftlichkeit, eine unbezähm⸗ bare Blutgier waren auf ſeinen Zügen ausgeprägt. 33* — 516— — Warum ſoll er ſterben? fragte er, auf Franz Godard deutend, und hielt noch immer Margots Arm. Seine Sprache klang rauh und heiſer, er ſprach das Fran⸗ zöſiſche nur gebrochen, aber in ſeinem Gürtel ſteckten die mäch⸗ tigen Hülfsmittel, durch die er ſich verſtändlich zu machen wußte, zwei große Piſtolen und ein haarſcharf geſchliffener Dolch. Mar⸗ got erholte ſich bald von ihrem Schrecken. Für ſie war der ſo unerwartet Eingetretene nur ein Turko, wie ſie deren ſo viele ſchon geſehen hatte. So Einer durfte ſie nicht den Gerichten übergeben. Was hatte er auch hier zu thun, warum war er nicht bei ſeiner Armee, gewiß war er geflohen, wie es ſo viele thaten, war während der Nacht in einem Graben geblieben oder hatte ſich todt geſtellt, um bei der nächſten Gelegenheit entwi⸗ ſchen zu können. — Sterben muß er doch, ſagte ſie und entzog mit einer heftigen Bewegung ihren Arm dem Griffe des Eindringlings, er iſt zum Tode verwundet, gerade in die Lunge hinein, darum bricht er auch ſo viel Blut aus. Es iſt ein Liebesdienſt, den ich ihm anthue, denn länger kann ich nicht hierbleiben und Maul⸗ affen feilhalten, bis ihn der Teufel geholt hat. — Bleib hier, ſagte der Turko und legte ihr ſeine ſchwarze Hand ſchwer auf die Schulter. Taleb iſt hungrig, mach Eſſen. — MWach es Dir ſelber, ſagte ſie verdrießlich und wollte ſich ihm abermals entwinden, er aber hielt ſie feſt. — Weiber haben zu gehorchen, wenn Männer befehlen, ſagte er, und ſeine Augen funkelten mit drohendem Ausdrucke. Mach Eſſen, oder Taleb wird Dich zu Karbonade zerhacken. — Ich habe Nichts, brummte die Frau noch immer trotzig. Da kehrte er ſeine Hoſentaſchen um und ſchüttete eine Hand⸗ voll Rüben auf den Fußboden. — Nun koch, ſagte er. Margot nahm grollend die Wurzeln auf und trug ſie in ihrer Schürze fort. Taleb hockte ſich neben Franz Godard nieder. — Bei uns müſſen die Frauen thun, wie wir wollen, grinſte er, Franzoſen ſind dumme Leute, dumm und ſchlecht. Taleb ſie w jenen nith rank De noch wir den ſch hat daf ein die Die dard ran⸗ te. lar⸗ ſo viele hten iele oder iner ard len, cht Taleb hatte eine Schweſter, ein Franzoſe hat ſie entehrt, denn ſie war weiß und ſchön, Taleb hat einen Bruder, und er dient jenem Schurken, aber Taleb wird ſeine Schweſter rächen, Taleb wird den Verführer tödten und ſeinen Bruder verachten. Franz konnte ihm nicht antworten, er fühlte ſich furchtbar krank und elend, ein brennender Schmerz wüthete in ſeiner Bruſt. Die Kugel, die ihm Wilhelm Friſchmuth zugeſandt hatte, ſteckte noch in ſeiner Lunge und bereitete ihm furchtbare Qualen. Ihm wäre der Tod eine Wohlthat geweſen, die ihn von ſeinen Lei⸗ den erlöſte, und dennoch fürchtete er ihn mehr als Alles. Es ftirbt ſich ſo ſchlecht und ſo ſchwer, wenn das Gewiſſen nicht Frieden hat mit Gott! Taleb ſah, wie er litt. — Mach auf, ſagte er und deutete auf das blutige Tuch, welches Godard's Bruſt umhüllte. — Mach auf, wiederholte er heftiger, als dieſer noch zögerte. Franz gehorchte mit Beben. Da beugte ſich der Afrikaner über ihn und beſah die klaffende Wunde, er fühlte nach der Kugel und ſchob und drückte ſie. Franz litt die furchtbarſten Qualen, er hätte den ſchwarzen Teufel morden mögen, der ſo kalt und grauſam ſeine Schmerzen vermehrte, doch war er zu ſchwach, um ſich zur Wehre ſetzen zu können. Nur ſchreien konnte er, bis ſeine Stimme zum Gekreiſch wurde, dann zum Gewinſel, dann endlich ganz verſtummte. Margot ſaß ruhig dabei in einem Win⸗ kel und ſchabte die Rüben, was war ihr der grauſige Ton, der ſich der Bruſt eines Gefolterten entrang? Zetzt warf ihr der Turko die Kugel hin, die er aus Godards Wunde geholt hatte. — Bring Waſſer, befahl er ihr. Sie gehorchte dieſes Mal ohne Widerrede, ſie hatte gemerkt, daß ſich mit dem Afrikaner nicht ſpaßen ließ. Bald brachte ſie einen Topf voll Waſſer. Taleb netzte das Tuch und legte es auf die Wunde, dann goß er den Reſt über Godard's Geſicht aus. Dieſer erwachte mit einem tief ſchmerzlichen Seufzer. — Franzoſen haben keinen Muth, ſagte der Turko verächt⸗ ich, Afrikaner beißen die Zähne zuſammen, wenn ſie lebendig ge⸗ — 518— röſtet werden. Franzoſen haben es mit uns verſucht. Geſpießt, gehängt geköpft o, ſie verſtehen es, Alles, Alles haben ſie an uns gethan. Geh. Allah wird ſie ſtrafen! Die Sonne brennt heiß bei uns. Sie ſtecken ſpitze Pfähle in die Erde und legen einen Unglücklichen darauf, die ſpitzen Pfähle dringen in das Fleiſch, dazu wird es aufgeſchlitzt. Und da liegt er, die helle Sonne ſcheint auf ſeine Augen⸗ ehe der Mittag kommt, ſind ſie roth wie Kohlen ehe es Nacht iſt, ſind ſie blind, und das Blut fließt über die Wangen. Die Hitze iſt groß Kein Tropfen Waſſer für die Zunge, die immer trockener, immer dicker wird, die Kehle brennt, die Bruſt ſteht in Flammen, die Haut ſpringt auf, als ob man Per⸗ gament verkohlen läßt, und das Gehirn verwirrt ſich, Blut läuft aus den Ohren, aus der Naſe. nnd nun die ſtechenden Thiere, die großen Bienen, die Skorpione, wie ſie bei uns zu Hauſe ſind o, ich ſah, wie ſie auf meines Vaters Hals ſaßen, die Adern traten dick wie Stricke hervor, er wälzte ſich auf ſeinem Marter⸗ pfühl und grub ſich nur die Pfahlſpitzen tiefer in das Fleiſch. Ich aber konnte nicht hin, weil die Schildwache es nicht gelitten hätte. Da ſtand ich und ſah ihn ſchwarz werden und blau, er war ein ſchöner Mann, nicht ſo dunkel wie ich, der ich von einer abeſſyniſchen Mutter ſtamme. Die hat auf andere Art ihr Ende gofunden. Das Haus brannte, ſie wollte hinaus, aber die Fran⸗ zoſen ſtießen ſie zurück, warum ſchrie ſie auch um Rache, weil ihres Mannes Tochter von einem franzöſiſchen Grafen geliebt wurde! Sie war ja nur ihre Stieftochter, nur meine Halbſchweſter wie Huſſein nur mein Halbbruder iſt, denn bei uns darf man viele Frauen haben. O als der Abend kam, und mein Vater den Thau nicht mehr fühlen konnte, der ihn benetzte, und als die Geier ſich auf ihn ſetzten, obgleich er noch zuckte, und als ich die halb verkohlte Leiche meiner Mutter ſah, und meine Schweſter, die todt am Boden lag..„ ſieh, da freute ſich Taleb denn es hieß in Frankreich gebe es Krieg, und ich müſfe mit. Ich wartete lange, lange, lange. Zetzt iſt es wahr geworden Taleb wird ihn morden, wird ihm das Herz aus dem Leibe reißen. Ich konnte ſt ſie mt en le weil — 519— ihn daheim nicht faſſen, es drohten zu ſchreckliche Strafen⸗ aber hier wird er mir nicht entgehen! — Wer? fragte Margot, die ſpeben Feuer auf dem Heerde gemacht hatte und mit mehr Lebensmiteln zum Vorſchein kam⸗ als ſie anfangs zugeben wollte. — Wer? rief Taleb, der Turko. Nun, wer denn anders als der Graf Bellegarde? — Hektor von Bellegarde? ſchrie die alte Frau und ſchlug die Hände zuſammen Das iſt ja der Liebſte von meinem Liſett⸗ chen! Sie ſind in Metz! Das liebe Kind ſchickte mir einen Bau⸗ ern mit einem Briefchen O ſie iſt ein Engel, meine Liſette. — Meine Schweſter war auch ein Engel, knirſchte Taleb. Iſt er in Metz? Nun ich werde ihn finden und wenn er in der Hölle wäre. — Aber wie kamſt du hierher? fragte die neugierige Alte. — Auf meinen Füßen, grinſte der Afrikaner. Taleb will ſich nicht in den Tod ſchicken laſſen von fremden Offizieren. Ha, und wie ſchießen die Deutſchen, das geht Piff Paff, und bei jedem Knall fällt Einer, dann nehmen ſie die armen Turkos gefangen und ſchleppen ſie fort, wohin, ich weiß es nicht. Nein, ich will nicht fort, wenn der Graf Hektor von Bellegarde in Metz iſt, ich ſchleiche um ihn her wie der Tiger um ſeine Beute, dann ein Sprung und ich ſchlage meine Zähne in ſein Fleiſch. Fluch und Hölle, wie ſollen meine Krallen ihn packen, wie will ich ihn halten, wie will ich es ihn auskoſten laſſen, was er meine Mut⸗ ter, meine Schweſter leiden ließ. Das arme Weib! Er lachte, als ſie zurücktaumelte in die Flammen, dann ganz bhrennend hervor⸗ ſtürzte und abermals mit Kolbenſtößen in das Feuer zurückge⸗ ſchleudert wurde, aber er lachte nicht, als Zuleika zu ihm kam, ſo bleich, ſo ſtill, und als ſie ihm zu Füßen fiel, nicht um zu bitten⸗ nein, dazu war ſie zu ſtolz, aber um zu ſterben. Sie hielt ihr Kind in der Schürze, dieſes Kind, welches er hatte erwürgen laſ⸗ ſen, ſie warf es ihm in das Geſicht. Er brauſte auf, er befahl ſeinen Leuten, ſie zu pettſchen. Sie gehorchten nur zu willfährig. Ich war bei der Korporalſchaft, die dazu kommandirt war Ich ſah es, wie ſie ihr die Kleider vom Leibe riſſen bis an den Gür⸗ tel Sie war ſchön, meine Schweſter Zuleika, es hätte ſie Mancher gerne errettet. Sie aber zeigte keine Furcht vor den Schlägen, keine Scham vor den Blicken der Männer, doch als man ſie nach dem Fleck hinführte, wo ſie gegeißelt werden ſollte, weil ſie es an Reſpekt vor einem kaiſerlichen Offizier hatte fehlen laſſen, da wandte ſie ſich nach ihm um und ſtreckte die Hand aus was wollte ſie damit ſagen, war es ein Winken, ein Drohen? Ich weiß es nicht, und plötzlich ſtürzte ſie zuſammen. Die Sol⸗ daten wollten ſie empor reißen, ſie aber lag bleich und ſtarr, ihr Haupt ſank nach hinten, ſie war todt. Hatte der Schrecken ſie getödtet? Sie glaubten es Alle, ich aber wußte es beſſer. Ich hatte auf ihrem Buſen zwei kleine blutrothe Fleckchen hemerkt. Die Leiche blieb liegen, wo ſie lag, in einer halben Stunde ſchwoll ſie grün und ſchwarz auf, ſie war ſonſt ſo ſchön, jetzt wurde ſie ſcheuß⸗ lich. o wie ſcheußlich! Ich wußte wohl, daß es ſo kommen würde, hatte ich ihr doch ſelber die giftigen Schlangen eingefan⸗ gen, die ſie ſich an die Bruſt geſetzt hatte. Es war Alles, was ich ihr geben konnte, Alles, um was ſie mich gebeten hatte. Da hättet ihr den tapferen Grafen zittern ſehen ſollen! Er meinte, es ſei die Peſt. Er ließ eine Erube graben, da wo ſie lag, und mit eiſernen Haken zogen ſie den entſtellten Körper hinein und warfen Erde darüber. Es weiß Niemand, wo ſie liegt, außer mir, denn ich will ſein Herzblut auffangen und auf ihr Grah träufeln, Fluch des Satans, das will ich Iſt das Sſſen fertig, altes Weib, Taleb hat Hunger, hat nichts gegeſſen gußer einigen rohen Rüben, ſeitdem er bei Vionville davon lief. Was macht es dem Warſchall Bazaine, daß er einen Turko weniger hat? Ich war nicht mit in Metz. Bei der Schlacht von Wörth hatte ich mich auf der Flucht verirrt, ſie ſteckten mich ahermals unter die Armee, es iſt das letzte Mal, ſie ſollen mich nicht wieder kriegen. Peſt und Donner, ſchenk ein, altes Weib, dein Schnaps iſt gut und brennt wie Feuer, noch mehr davon, Alte, noch mehr! Ha, Blitz und Element, ſo gut hat es mir lange nicht geſchmeckt! Sei ruhig, mit dem wird es bald beſſer werden, ſeitdem die Kugel heraus iſt! Franz Godard drückte ihm die Hand. aus, Rau geda unen alleir hatt Lebe Einh Ame und en, nimn Emi bit neh eine zehrt Die ſie uß⸗ vas Da es und nd nit, ehn, ltes hen em var ich nek. Peſt und und mit — 521— — Und bin ich wieder gefund, dann helfe ich Dir, denn auch ich habe es mit dem Grafen von Bellegarde vor. Taleb nickte ihm zu und ſtreckte ſich behaglich auf dem Fußboden aus, bald hrannte die Pfeife, die er aus der Taſche zeg, und als ihr Rauch entſchwunden war, ſchlief er zufrieden unter wilden Rache⸗ gedanken ein. 60. Kapitel. Troſt in Schmerzen. Erſt wenige Wochen hatte der Frieg gedauert, und ſchon war unendlich Großes geſchehen. Aber nicht den deutſchen Soldaten allein war es vergönnt, das Vaterland zu retten, nicht ſie allein hatten Schweiß, Blut und, wenn es Gott ſo beſchließt, das Leben dahin geopfert für Deutſchlands Freiheit und Peutſchlands Einheit! Sie thaten Alle, was ſie vermochten, Männer und Frauen, Arme und Reiche, die Begeiſterung hatte ſie Alle ergriffen, und Keiner dachte mehr an ſich allein Mit Thränen in den Au⸗ gen, doch ganz ergeben in die Nothwendigkeit ihres Schickſals, nimmt die Gattin Abſchied von dem Gatten, dem Beſchützer, dem Ernährer. Fortan ſoll ſie vielleicht gezwungen ſein zu harter Ar⸗ beit, oder, was oft noch ſchlimmer iſt, zur Annahme von Unter⸗ ſtütungen, fortan ſoll ſie allein die Verantwortlichkeit auf ſich nehmen für die Leitung des Hausſtandes und für die Erziehung der Kinder. Das iſt ein ſchweres Loos, aber ſie trägt es als eine bittere Rothwendigkeit, gegen die ſich nicht murren läßt, in die ſie ſich ergeben muß. Leidet ſie doch nicht allein, was ſie trifft, trifft auch tauſend Andere. Die Mutter ſieht den geliebten Sohn, die Braut den Bräutigam von dannen ziehen, aber ſie ver⸗ zehrt ſich nicht in unfruchtharen Thränen, ſie rafft ſich auf und beginnt eine ungewohnte aber wunderbar troſtbringende Thätigkeit. — 1522— Hat ſie nicht für das tägliche Brot zu arbeiten, ſo arbeitet ſie für die Bedürfniſſe der tapfern Krieger, die ihr Blut und Leben laſſen müſſen. Schnell errichtet man Vereine, die fürſtlichen Frauen aller deutſchen Höfe beeilen ſich, mit dem beſten Beiſpiel voran zu gehen, fehlt es doch an ſo Vielem, was nicht der Staat, was nur die werkthätige Liebe der Einzelnen zu beſchaffen vermag⸗ Den im Felde ſtehenden Soldaten ſendet man Erfriſchungen und ihren beſten Troſt, die Cigarren, nach. In jeder Stadt errichtet man Lazarethe, Zelte werden aufgeſchlagen, Krankenwärter und barmherzige der Pflege gewohnte Schweſtern angeworben, tauſend Hände ſind damit beſchäftigt, Charpie zu zupfen, hier und da vereinigt man ſich zu gemeinſamer Arheit. Die machen Fußlap⸗ pen, Jene machen leinene Hemden, Andere ſchneiden Bandagen, um die Wunden zu perbinden, hier werden Kompreſſen zuſammen gefaltet, dort Mützen für Kopfwunden bereitet. Es wird für das Kleinſte, für das Unbedeutendſte geſorgt. Und das geſchieht in allen Städten, in allen Dörfern faſt. Reiche Leute richten eine Baracke oder ein Zelt her zur Aufnahme von Verwundeten, Bür⸗ ger ſammeln Geld, Bürgerinnen öffnen ihre Speiſekammern und ſondern das heſte Eingemachte für die Kranken aus. Aus ent⸗ fernten Orten ſchickt man Verbandzeug und ſonſtige Lazaveth⸗Be⸗ dürfniſſe in das Centraldepot. Da bleibt Niemand zurück. Die reichen Handelsſtädte der Nord⸗ und Oſtſee üben dieſe ſchönen Pflichten in beſonders großartiger Weiſe. Hamburg und Bremen, Lübeck und Danzig, Stettin und Königsberg, und wie ſie alle heißen, Plle tragen dazu bei, und Jede giebt das Beſte, was ſie hat, und glaubt doch nicht genug gethan zu haben. Es herrſchte anfangs eine große Furcht por der franzöſiſchen Flotte, man meinte, ſie könne den ganzen deutſchen Handel brach legen und für lange Zeit vernichten. Doch bald ſtellte es ſich heraus, daß die Seemacht der Feinde ebenſo ſchlecht geleitet war, wie ihre Land⸗ armeen, die Schiffe zeigten ſich hier und da, krenzten an allen Kü⸗ ſten, kaperten einige ſchutzloſe Fahrzeuge und wagten ſich nirgends heran. Sie wußten es, daß alle Häfen mit Netzen verſehen wa⸗ ren, in denen ſich die Schrauben der Dampfſchiffe verwickeln, ſo daß ſie nicht zurück können, daß man gefährliche Sprenggeſchoſſe Lor den both eihl land ſchen die bald ken heil verg Fra dieſi Un in 2 Bün und friſ Rh fre Ber ſon den nit ertt Un Y nen men alle ſchte und daß Torpedo's genannt, verſenkt hatte, und daß man die Sichter in den Leuchtthürmen ausſöſche, damit ihnen der Weg bei Nacht ver⸗ borgen blieb. Die Lvotſen der Inſel Helgoland, die doch Unter engliſcher Herrſchaft ſtehen, zeigten ſich doch ihres deutſchen Vater⸗ landes würdig und erklärten einſtimmig, daß ſie keinem franzöſi⸗ ſchen Schiffe das Fahrwaſſer zeigen würden, und ſo blieb denn die gefürchtete kaiſerliche Panzerflotte ein bloßes Schreckbild, das bald alle Gefährlichkeit verlor, und der General Vogel von Fal⸗ kenſtein, der an den Meeresküſten kommandirte, bekam wenig Ar⸗ beit. Deſto eifriger ging es bei dem Landheere zu. Kein Tag verging in vielen Wochen, wo nicht neue Truppen den ſchon in Frankreich ſtehenden nachgeſchickt wurden. Ach und wie viel hatten dieſe armen Leute zu leiden, ehe ſie ihr Ziel erreichten. Es fehlte an Perſonenwagen für ſo Viele, man mußte ſie in Gepäck⸗ ja in Viehwagen transportiren. Das ſind große leere Räume ohne Bank, ohne jegliche Bequemlichkeit, ſie hängen nicht in Federn, und jede Erſchütterung macht ſich hier doppelt bemerklich. Mit friſchem Muthe ſteigen die Leute ein, ſie ſingen die Wacht am Rhein, jenen begeiſterungsvollen Geſang, der alle Herzen mit der freudigſten Zuverſicht durchbebt. Aber nun ſetzt ſich der Zug in Bewegung. Der Wagen iſt gedrängt voll, die heiße Sommer⸗ ſonne brennt auf das Verdeck, die Luft wird faſt unerträglich, obſchon die Mitte des Kaſtens geöffnet iſt. Hier legt ſich Einer, den das lange Stehn übermüdet, auf den Boden nieder, den Tor⸗ niſter unter dem Kopfe, aber die Erſchütterung wird zu einer un⸗ erträglichen Qual, er verſucht es mit dem Sitzen, aber je weiter unten, um ſo drückender iſt die Luft, da er ganz umgeben iſt von Menſchen. Der Kavalleriſt ſteht neben ſeinem ſtampfenden Pferde, der Infanteriſt darf Mantek und Gepäck kaum auf Augenblicke von ſich legen, um nicht bei der nächſten Halteſtelle oder beim Umſteigen zurück zu bleiben. Und ſo geht es ganze lange Tage, gualvolle heiße Nächte hindurch. Kaum ein Aufenthalt, keine Ruhe, keine Raſt. Das Geräuſch der Räder, die fortwährende Erſchütterung, die Ausdünſtung ſo vieker Menſchen, alles wirkt beklemmend auf die Leute ein, die längere Zeit ſo eingepreßt ſind Da ſaßen ſie mit ſtieren, glanzloſen Augen, überwacht und müde mit furchtbar ſchmerzendem Kopfe und lahmen Gliedern. Aber eine einzige Nacht des ruhigen Schlafes, und wäre es auch bei Mut⸗ ter Natur auf grünem Raſenbett, mit dem Himmel zum zudecken, und alle diefe ſchlaffen Geſtalten ſind wieder friſch und elaſtiſch, die Mühe iſt vergeſſen. und mit erneutem Muthe geht es dem Kampf ent⸗ gegen Indeſſen ſuchten hilfreiche Herzen auch dieſe Leiden zu er⸗ leichtern. Bald traten edle Frauen zuſammen, die es ſich zur Aufgabe machten, die durchziehenden Truppen zu ſpeiſen und zu erquicken. Man reichte ihnen Kaffee, Bier, Taback und Butter⸗ brot, ſelbſt die ganzen Rächte lang verblieben die Damen auf den Bahnhöfen, um die immer neu Ankommenden zu ſpeiſen und zu tränken. — Liebes Mamſellchen, noch eine Schrippe, und ich ſchlage Ihnen noch ein paar Franzoſen mehr todt, ſo bat ein braver Landwehrmann, und Niemand zweifelte, daß er auch ohne dieſe Bebesgabe ſeine Pflicht thun würde, denn gleicher Kampfesmuth beſeelte Alle. Doch nahmen dieſe Speiſungen einen andern Eharakter an, als die erſten Verwundeten vom Kriegsſchauplatz zurückkamen, mit ihnen die gefangenen Franzoſen. Jetzt war es nicht genug mit Eſſen und Trinken. Dieſe Unglücklichen, die oft ſchlecht ge⸗ nug verbunden waren, oder deren Verband ſich gelockert und verſchoben hatte, litten gräßliche Schmerzen, ſo ſehr man ihnen auch die Anſtrengungen der Reiſe zu erleichtern ſuchte. Man denke ſich mit zerſchoſſenen Gliedern auf einem raſſelnden Eiſenbahn⸗ woggon oder in Fieberhitze Stunden lang ohne einen Trunk Waſſer in ſortwährendem Geräuſch zu fahren, und das Tage und Nächte lang, fünfzig, achtzig, hundert Meilen bis zu den fernen Oſtſeeprovinzen. Da war es den mildthätigen Frauen und den edlen Män⸗ nern, die ſich mit ihnen verbunden hatten, ein heiliger Beruf, die Kranken zu verbinden, ſie gegen die Rachtluft mit warmen Sachen zu verſehen und ihnen ihren Zuſtand ſo erträglich wie möglich zu machen. Da erregten denn die erſten Gefangenen, vorzüglich die ſo eigenthümlich ausſehenden Turkos, das allge⸗ meine das vor d nur ſ hen, Vetlo w doch gangt ſonde undz laum ten ſi ten ſi als 5 ſe w land bis ob m golſe Große Deuß das ſtlech ſep Fru — 525— meine Aufſehen. So hatte man ſie ſich nicht vorgeſtellt, ein Je⸗ „d de. dankte Gott dafür, daß dieſe Menſchen nicht als Feinde in he das Land kamen, denn man ſchauderte vor dieſen wilden Augen, nt⸗ vor dieſen ſcheuen und zugleich frechen Blicken. Sie konnten ſich nur ſchwer verſtändlich machen, da ſie nur ſelten franzöfiſch ſpre⸗ 6 chen, aber oft boten ſie eine Epaulette oder einen Knopf zum 6 Verkaufe an, um ſich Geld zu verſchaffen. Man verſorgte ſie 6 mit dem Nothwendigſten und übte auch an ihnen Menſchenpflicht, 5 doch ſtets mit dem Bewußtſein, daß ſie anders mit uns umge⸗ 3 gangen ſein würden, wenn ſie die Sieger geweſen wären. 6 Ueberall fiel es auf, wie ungebildet nicht nur die Turkos, 6 ſondern alle Franzoſen ſind. Rur Wenige verſtanden zu leſen und zu ſchreiben, ſelbſt unter den Offizieren gab es viele, die ie kaum ihren Namen zu kritzeln vermochten. Mit Geographie wuß⸗ we ten ſie erſt recht nicht Beſcheid, dieſe leichtfertigen Menſchen hat⸗ ice ten ſich nicht einmal über das Land belehrt in welches ſie doch u als Herren einziehen wollten. Zuerſt behaupteten ſie, man führe ſie kreuz und quer auf den verſchiedenſten Umwegen, denn Deutſch⸗ land ſei gar nicht ſo groß, daß ſie ſo lange von der einen Grenze bis zu der andern fahren könnten, dann fragten ſie in Bresſau, u ob man nun bald die Oſtſee ſehen würde, und behaupteten, In⸗ ge⸗ golſtadt liege in der Türkei weil die Donau daran vorbeifließt. und Große Angſt hatten ſie vor der entſetzlichen Kälte, welche in nen Deutſchland herrſchen ſollte, ſie bildeten ſich in allem Ernſte ein, Ran das Eis thaue da nur uuf einige Wochen im Jahre. Ebenſo hn⸗ ſchlecht wußten ſie in der Geſchichte Deutſchlands Beſcheid, wo unk ſie Bildſäulen großer Mäuner ſahen, da thaten ſie die dümmſten und Fragen. Schon in dem preußiſch⸗ öſterreichiſchen Kriege war rnen behauptet worden, daß nicht ein Heer das andere, ſondern daß der geſchicktere Schulmeiſter den ungeſchickteren beſiegt hätte. Hier in⸗ zeigte ſich das auf's Neue. Die deutſche Bildung beſiegte die ruf. franzöſiſche Unwiſſenheit, denn Leute, die nichts kennen, als ſich men ſelbſt und rohen Genuß, verſtehen es ſchlecht, ſich einer allgemei⸗ wie nen Sache hinzugeben. nen, Unſere Jungen, die frühe ſchon die Geſchichte und Geogra⸗ Uge⸗ phie des Landes, in welchem ſie geboren ſind, kennen lernen, und 2— ſich ſpäter durch fleißiges Leſen und durch Bildungsmittel der Hanbwerksvereine, der Sonntagsſchulen, der Gewerbeinſtitute und dergleichen fortbilden, dieſe verſtehen, wenn ſie zu Männern her⸗ angewachſen find, um was es ſich bei ſolch einem Kriege handelt und warum ſie Blut und Leben einſetzen, da kämpfen ſie denn im Bewußtſein, mitzuwirken an der glorreichen Geſchichte unſeres Vaterlandes und ſich als die würdigen Enkel ihrer Vorfahren zu beweiſen. Aber welche Fortſchritte hat nicht auch die Welt in jeder Be⸗ ziehung gemacht! Sonſt, und noch zu Napoleon des Erſten Zeiten, geſchah gar nichts für die geordnete Pflege der Verwundeten. Hft la⸗ gen ſit hilftos an den Landſtraßen bis der Tod ihre Leiden en⸗ dite oder zufällig eine mitleidige Seel e ſich ihrer erbarmte. Oft wur⸗ den ſie noch lebendig begraben. mit den kalten Leichen zufammen in die gemeinſame Gruft geworfen. Waren ſie glücklich genug, in ein Lazareth gebracht zu werden, ſo folgte ihnen kein mitfüh⸗ londes Herz. Schlecht bezahlte Wärter thaten nur eben das Al⸗ lernothwendigſte. Unverbunden blichen ſie auch hier viele Tage lang das Eſſen ward für Alle gemeinſam gekocht, knapp, unzweck⸗ mäßig für die geſchwächten Krieger, oder ganz ungenießbar. Drängten ſich zu viele Bleſſirte in das Lazareth, ſo ſtieß man ſie urbarmherzig fort und verſchloß ihnen die Thür, obgleich ihr Jammergeſchei ringsum die Luft erfüllte. Bisweilen wurden ſie anf elenden Leiterwagen meitergebracht, ohne Kiſſen. 9 hne Decke, kauit einen Strohhalm unter den zerſchmetterten Gliedern, oder män gab ſie bei den umwohnenden Landleuten in die Pflege, die ftoh waren wenn der Tod ſie möglichſt ſchnell von der unbe⸗ qlemen Einquattierung befreite Die Lazarethe wurden von Liferanten verſorg, die nür allein ihren Vortheil ſuchten. Da fehlte es an Allem, Ddeſſen die unglücklichen bedurften, aber das Schlimmfte war das gräßliche Gefolge des Krieges, Ddie Seuche. Nün denke man ſich ſolch ein iberfülltes Krankenhaus mit wenigen und verdroſſenen Aerzten, mit Wännern, denen je⸗ der Schritt u viel iſt, mit einer Luft, die den Peſthauch in ſich trägt Bald vergiftet ſie Alles mas ſie berührt Die Aus⸗ ——— dünſir phus ganze Nieme Lozar ſchle dern — eilte mehr Fie brau terbr Kran bequ näch digſt Lich den geht ſchet Pie ſ ma ja( 5 6 — 527— el der dünſtung des faulen Eiters erzeugt Nervenfieber und Fleckenty⸗ eund phus, ein Pockenkranker überträgt das verheerende Gift auf ſeine nher⸗ ganze Umgebung, die Ruhr reißt unzählige Opfer hin, über die andelt Niemand ein Regiſter führt. So ſtarben ſie ohne Pflege im denn Lazareth, ſo verendeten ſie elend hiuter einer alten Mauer, ſo nſeres ſchleppten ſie ſich mit zerſchmetterten oder ſchlecht geheilten Glie⸗ en zu dern von Ort zu Ort, überall um Mitleid flehend und überall zurückgewieſen, bis auch ſie der Tod langſam uud qualvoll er⸗ er Be⸗ eilte So war es ſonſt, doch Gott ſei Dank, ſo iſt es nicht mehr. Ueberall öffnen ſich die Thore, überall findet ſich liebenolle ſchoh Pflege. Seitdem man weiß, daß Verwundete Kühle und Luft t la⸗ brauchen, ſeitdem man ſie in leinenen Zelten und Baracken un⸗ en en⸗ terbringt, iſt man geſicherter gegen anſteckende Krankheiten. Die twur⸗ Kranken werden auf dem Schlachtfelde von den Trägern Suuf mmen bequeme Bahren gehoben, mit Waſſer verſehen und zu der geng nächſten Verbandſtätte getragen, wo ſie die erſte und nothwen⸗ ufüh⸗ digſte Hilfe finden. Hier ſondert man ſie in Schwer⸗ und Ab Leichtverwundete, und ſchickt, die Erſteren in gepolſterten Eiſen⸗ 3 vahnwagen oder auf eigens dazu eingerichteten Feldbettſtellen zu den tiefer in das Land hineinliegenden Lazarethen. Zwar bct geht die erſte Arbeit nicht immer ſo ſchnell, wie es wohl zu wün⸗ e ſchen wäre, ſelbſt in Mars la Tour ſehlte es anfangs an t Wielem, vorzüglich an mediziniſchen Inſtrumenten, die erſt die 6 e Freigebigkeit der Bremer hinſandte, drei Schlachten waren ſich ſo ſchnell gefolgt, es gab plötzlich ſo viele Verwundete daß 5. man den größten Mangel an Betten, Decken, an Arzneimitteln, ja an Brot und Wäſſer hatte. Weit umher war kein einziges e Haus, welches nicht von ſeinen Bewohnern verlaſſen geweſen wäre, unt⸗ und kein Menſch war darin, der ſich bereit gefunden häkte hilfreiche 0 Hand zu leiſte. Es wax ein unendlicher Troſt, als endlich von i der Heimath her Wänner kamen, die das Nothwendige brachten. ih Da waten Studenten, die nicht ſelber kämpfen konnten und doch i, nicht müßig daheim bleiben mochten. Heilgehülfen ſowie Perſonen nhau aus allen Berufsklaſſen, denen die Krankenpflege oft ganz fremd en war, und die ſich dennoch ſchnell genug hinein fanden. Häufig bleiben ſie ſechs und dreißig Stundeu in der vollſten Thätigkeit 9 5 hätig und genoſfen dann erſt einer kurzen Ruhe, ſie hatten auch nicht die geringſte Bequemlichkeit, denn alles gaben ſie den Kranken. Sobald die Kranken unterſucht ſind, hängt man ihnen ein Täfelchen um, auf welchem die Art ihrer Verwundung bezeichnet iſt. Dies dient dazu, daß der nächſtfolgende Arzt gleich weiß, womit er es zu thun hat und nicht noch einmal eine Unterſuchung vorzunehmen braucht. Dieſe Unterfuchungen ſind oft der ſchmörz⸗ hafteſten Art. Oft gleitet eine Kugel weit von dem Orte ihres Eintritts fort und iſt ſchwer zu ſinden, dennoch kann man ſie nicht im Körper laſſen, weil durch das Blei eine Blutvergiftung entſtehen oder das ſchwere Metall auf einen edlen Theil drücken kann. Es iſt ſehr ſchwierig, eine ſolche verlaufene Kugel zu ent⸗ fernen, ohne dem Kranken die namenloſeſten Qualen zu bereiten. Iſt es geſchehen, ſo behandelt man ihn wie die meiſten Verwun⸗ deten nur mit Umſchlägen von kaltem Waſſer. Sehr ſchlimm war es, daß es ſo gänzlich an Eis fehlte, und daß ſelbſt Waſſer nicht immer friſch genug zu haben war. Der Verband iſt nämlich ſo oft zu erneuern, wie ſich Blut oder Eiter anſetzt. Dabei helfen dann vorzüglich die weichen Frauenhände, die die Binde ſo leicht heben, wie kein Mann es vermag. Hoch aber über ihnen Allen weht das rothe Kreuz auf weißem Grunde, das Zeichen der Krankenpflege im Felde. Zu Genf machten die verſchiedenen Staaten einen Vertrag, wonach ſie im Kriege die Verwundeten des Feindes ſo ſchützen und pflegen ſollten, als ob es die eigenen Landsleute wären. Es iſt bekannt wie wenig Frankreich dieſen menſchen⸗ freundlichen Vertrag gehalten hat. Den Deutſchen aber muß es zum Ruhme nachgeſagt werden, daß ſie in dem Kranken nur den leidenden Mithruder, nicht aber den Feind erblickten, auch auf ihn erſtreckte ſich die helfende Menſchlichkeit, auch er wurde theilhaftig der Liebesgaben, die aus frommen Herzen floſſen. Heilig iſt ihnen ein Jeder, der Zuflucht ſucht und findet unter dem rothen Kreuz! wit fahr gurr Vge Find und nge kiß gefi was ließ 30 hält wär tete auch anken. en ein ichnet weiß hung nrz⸗ chres an ſie iſtung ücken ent⸗ eiten. wun⸗ war nicht oft dann ſeben, weht flege einen indes zleute ſten⸗ e den f ihn aftig gi hen — 529 61. Kapitel. Die Wundſalbe. Die Herzogin Iduna von Montalto hatte ihr geliebtes Kind mit der mütterlichſten Zärtlichkeit an ſich gedrückt, ohne der Ge⸗ fahr zu achten, der ſie ſich damit ausſetzte. Sie entkleidete Mar⸗ garethe ſelber und bettete ſie weich, dicht neben ihrem eigenen Lager, ſandte auch ſogleich zu dem ihr befreundeten Arzte. Das Keind lag in heftigem Fieber und redete unruhig von den Ratten und der todten Käte, von dem Pater Venturo und ihrem Schutz⸗ engel. — Möchte er Dich immer umſchweben! ſagte Iduna und küßte die fieberheiße Stirne des Mädchens. Unterdeſſen kam der Arzt und vernahm mit Schrecken, daß Margarethe in einer Penſion geweſen ſei, in welcher ſolch' eine gefährliche Krankheit herrſchte. — Iſt das Kind geimpft? fragte er. — Ja, verſetzte die Herzogin. Ich wollte Nichts unterlaſſen, was im Stande wäre, meine Lieben vor Gefahren zu ſchützen, und ließ ſie deswegen impfen, obgleich man es hier kaum für nöthig hält, ſolche Vorfichtsmaßregeln anzuwenden. O, wie glücklich wäre ich wenn ich damit das Leben dieſes theuren Kindes ge⸗ rettet hätte. — Das haben Sie in der That, antwortete ihr der Doktor. das Kind fiebert ſtark, aber ich ſehe keine Spur von jenem Aus⸗ ſchlag wie aber ſteht es mit Ihnen, Frau Herzogin? — Was frage ich danach? rief Iduna mit einem Blick voller Freude, Margarethe wird geſund werden, und alles Uebrige iſt gleichgültig. — Doch nicht ſo ganz, meinte der Arzt mit Kopfſchütteln. Es war höchſt unrecht, Ihnen Ihre Tochter in das Haus zu brin⸗ D. V. 34 ————— — 5— gen, da ſie den Anſteckungsſtoff an ihren Kleidern mit ſich her⸗ tragen konnte. Man kann nicht vorſichtg genug ſein. — Deswegen ließ ich Helene nicht zu ihr, auch hat ſie genug mit ihrem Schützling Rafael Gambi, zu thun, deſſen faſt geheilte Wunde plötzlich ſehr ſchmerzhaft und ſchlimm ge⸗ worden iſt. — Ich werde nach ihm ſehen, antwortete der Doktor. Ihnen empfehle ich keine weitere Vorſicht, ich weiß, Sie würden ſie doch nicht üben. Aber verbrennen Sie Alles, was das Kind an ſich hatte, als es aus der Penſion zu Ihnen kam. Die Herzogin befolgte dieſen Rath. Sie ſaß bis zum Abend an Wargarethens Bett. Die Kleine wurde ruhiger, nachdem ſie von der Medizin genommen hatte, die ihr der Arzt verſchrieb, aber Iduna fühlte ihren Kopf ſchwer werden wie Blei, ein furchtbarer Schmerz zog durch ihre Glieder, und ihre Zunge war tocken und klebte am Gaumen, ſo oft ſie auch das Glas zum Munde führte. — Mein Gott, was ſoll das werden? dachte ſie mit Ent⸗ ſetzen. Willſt du mich denn noch von meinem Kinde trennen⸗ ſoll Helene ſchutzlos in dieſem Leben zurückbleiben, und ach, ſoll ich meine Söhne niemals wieder ſehen? Welch' ein Unglück! Und wer wird die armen Kinder vor ihrem Väter ſchützen, wer wird ſie lehren, fromm zu ſein und die Sünde zu fliehen? Mein Kopf, mein Kopf! o, wie er ſchmerzt! Ich fühle, daß meine Gedanken ſich verwirren, ich fühle, wie die Krankheit Beſitz von mir ergreift o, himmliſcher Helfer, beſchütze du meine Lieben! und während ſich die Herzogin von Montalto auf einen furchtbaren und ſchmerzhaften Tod vorbereitete, lag in einem an⸗ deren Zimmer ihres Hauſes ein Sterbender. Der Arst hatte dem italieniſchen Maler, Rafael Gambi, eine Wundſalbe verſchrie⸗ ben von der er hoffte, daß ſie die Heilung beſchleunigen ſollte. Aber kaum hatte Helene ſie ihm auf die kranke Stelle gelegt, als der Unglückliche einen brennenden Schmerz empfand. Er hielt ihn ſtandhaft aus. — Vielleicht, dachte er, ſoll gerade dieſer Schmerz zur Hei⸗ — ———— 3 ungf en Fr geheil Leben liehe ürhte Pung ich ſie weiw elet lich 5 liicht es an lieben niemn Eiſen ettra keit, ba S ch Schn Ame erſch nom nen ſie Und end ſie rieb. ein war zum Fnt⸗ nen ſoll ick! wer Mein neine Beſt neine inen 1an⸗ hatte ihri⸗ ollte. elegt hei⸗ Er — 531— lung führen. O, wie lunge ſehne ich mich ſchon danach, dieſen ed⸗ len Frauen zu vergelten, was ſie an mir thun. Bin ich erſt ganz geheilt, dann ſoll nichts mich davon abhalten, ihnen mein ganzes Leben zu widmen Ich liebe die Herzogin wie meine Mutter, ich liebe Helene wie meine Schweſter, aber ſie leiden beide. Zwar fürchtet Helene nicht mehr den Graf von Bellegarde, aber Iduna weint um ihre Kinder. Ich werde ſie ſuchen, und wenn ich ſie gefunden und ihr zurückgegeben habe, dann werde ich meinen Freund Richard von Iſſelhorſt aufſuchen und ihn mit Helenen vereinigen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ſchließ⸗ lich die Franzoſen in dieſem Kampfe ſiegreich bleiben werden, viel⸗ leicht wird mein Reinhold gefangen, vielleicht verwundet. wie es auch ſei, ich werde alles aufbieten, ihn aufzufinden und zwei liebende Herzen zu vereinigen. Ach, aber dieſe Schmerzen, noch niemals habe ich ſolches Brennen gefühlt, es iſt, als ob glühende Eiſen in meiner Wunde wütheten.. ſoll ich das noch länger ertragen? Muth, Rafael, Muth, es iſt eine Pflicht der Dankbar⸗ keit, die du zu üben haſt, ordulde dieſen Schmerz, der dich zur baldigen Heilung führt. Dieſe Frauen bedürfen eines männlichen Schutzes bedenke es wohl und harre aus⸗ Aber die Qual wuchs von Minute zu Minute, der wüthende Schmerz verbreitete ſich durch die ganze Bruſt und lähmte ihm die Arme. Als Helene vor das Ruhebett trat, auf welchem er lag, erſchrak ſie vor der Verzerrung ſeiner Geſichtszüge Gelblich war die Farbe unter ſeinen Augen, die einen ſeltſamen Glanz ange⸗ nommen hatten, und um die Lippen, die ſich von den Zähnen zurückzogen, bemerkte ſie grünliche Schatten. Entſetzen erfaßte das Mädchen. — Um Gotteswillen, was iſt Ihnen? fragte ſie und ergriff ſeine eiskalte Hand. — O, nichts, verſetzte der Jüngling und verſuchte zu lächeln, es iſt nur, daß die Wunde heute mehr als gewöhnlich ſchmerzt. — Und doch gab Ihnen der Arzt die Salbe, welche die Heilung beenden ſollte! rief Helene. 347* — 522— — Sie wird ſie beenden, antwortete er, doch in recht ſchmerzhafter Weiſe. Indeſſen, wes thut das, wenn Sie deſto eher der Mühe überhoben ſind, die Sie mit mir häben? Helene ſchüttelte den Kopf und ſetzte ſich zu ihm, um ihm vorzuleſen, doch von Zeit zu Zeit warf ſie ängſtliche Blicke auf ihn. Nein, ſo konnte keine Heilung beginnen. Er warf ſich hin und her, ſeine Glieder zuckten, ein Schauder ging durch ſeinen Körper. Helene war außer ſich, hatte ſie ihm doch ſelber den Verband aufgelegt, der ihm ſo gräßliche Qualen verurſachte. In wenig Augenblicken ſah ſein Geſicht aus, wie das eines greiſen Mannes, tiefe Falten zogen ſich über Stirn und Wangen, und ſeine Haut ward runzelig und aufgeſprugen. Hätte der Pater Venturo es geſehen, wie mächtig das Gift wirkte, welches ein von ihm bs⸗ ſtochener Apotheker unter die Wundſalbe gemiſcht hatte, die auf Rafaels Bruſt lag, wie befriedigt wäre er geweſen. Der unglückliche junge Mann trug ſeine Schmerzen mit Hel⸗ denmuth, glaubte er doch dadurch ſeine Geneſung zu fördern. Eine Zeitlang bemühte er ſich, dem zu folgen, was das Fräulein von Montalto ihm vorlas, doch ſchwanden ihm die Sinne, und wenn er wieder zu ſich kam, ſo bemerkte er erſt, daß der Schmerz ihn zeitweis des Verſtandes beraubte. Helene merkte das, denn über ihr Buch hinweg warf ſie beſtändig ängſtliche Blicke auf ihren Schützling. Was war das für eine Arzenei, die durch ſolche Leiden helfen ſollte? Entſchloſſen ſprang ſie empor. Rafael war bewußtlos, ſie riß ihm den Verbund ab, den ſie ſelber angelegt hatte, nah mdie Kompreſſen mit der Salbe und warf ſie in's Kaminfeuer, welches trotz des Sommers brannte, denn die Zimmer waren ohne Sonne, und der Auguſt des Jahres achtzehnhundert und ſiebzig glich einem Herbſt. Jetzt aber lag die Wunde offen vor ihr da. Noch am Morgen hatte ſie ſie faſt geheilt geſehen, nun war ſie ungeheuer erweitert, die Ränder waren breit und ſchwarz, und einzelne Tropfen dunklen ſchwarzen Blutes guollen daraus hervor. geir ſole ger hin und ſind Raſ be un Me Wo die kehr und Thr ſan Hi die näl ihr ter auf zel⸗ n. lein der rkt⸗ icht nei ang den und nte, res lag aſt der e Was iſt das? fragte ſich das Mädchen, hat ſich der Doktor geirrt, als er ſein Rehept verſchrieb? Wie konnte ſeine Arzenei ſolch' eine Wirkung hervorbringen? Ach, er ſtirbt, er, den ich gerettet zu haben glaubte, er ſtirbt um meinetwillen, und ich, ich bin ſeine Mörderin. Gott! ſchon liegt er gleich einer Leiche da, und wie entſtellt ſind ſeine ſonſt ſo ſchönen Züge, wie trocken ſind die bläulichen Lippen, wie verzerrt der Mund, wie ſpitz die Naſe. Himmel, was fang ich an, o heilige Jungfrau Maria, beſchütze ſein Leben, laß mich nicht den Gedanken mit mir herum⸗ tragen, daß er geſtorben iſt, weil er mich gegen einen gemeinen Menſchen vertheidigte. Unfähig, ſich ſelber zu helfen, griff ſie wenigſtens zu dem Waſchbecken und kühlte die brennend heiße Wunde. Rafael ſchlug die Augen auf. Seine Beſinnung, die immer mehr entſchwand, kehrte ihm auf einige Augenblicke wieder, er faßte Helenens Hand und drückte ſie mit ſchmerzhaftem Ausdruck an ſeine Bruſt. Ein Thränenſtrom floß aus des Mädchens Augen auf ihn herab, dann ſank ſie neben ihm auf die Erde nieder, ſie hatte ja keine andere Hilfe, als die von Gott kommt, an ihn wandte ſie ſich im heißen Gebet. Da öffnete ſich die Thür. Mit einem Freudenſchrei fuhr ſie empor es war der Arzt. 62. Kapitel. Der Kampf mit dem Tode. Helene hatte ſich nicht an ihre Tante wenden können, weil dieſe ihr ſtrenge hatte verbieten laſſen, ſich ihrem Zimmer zu nähern. Sie verſtand dieſes Verbot nicht. Die Diener ſagten ihr, Margarethe ſei zurückgekehrt, ſie lief in aller Eile, um ihre Couſine zu begrüßen, deren Spielgefährtin und freundliche Leh⸗ rerin ſie bisher geweſen war, da ſcheuchte ſie abermals ein ſtren⸗ ger Befehl ber Herzogin zurück. Sie hatte ſich das nicht erklä⸗ ren können War Iduna böſe auf ſie, dieſe gute Tante, die doch ſonſt mitten in ihren Leiden ein liebreiches Wort einen Gedanken voller Theilnahme und Mitgefühl für ihre ſchöne Nichte hatte? Womit konnte ſie die edle Frau beleidigt haben? Sie ſann nach und fand Nichts, worüber ſie ſich hätte Vorwürfe machen müſſen. Roch geſtern Abend trennten ſie ſich ſo freundlich, und Iduna küßte ſie auf die Stirn. — Du biſt mir der letzte Troſt, den Gott mir ließ, hatte die Herzogin geſagt, ich habe ſo viel verloren, aber Du bleibſt mir. Und jetzt, ſo etwas war noch nie geſchehen, jetzt verbot ihr die Tante den Eintritt in ihr Zimmer, jetzt geſtattete ſie ihr nicht, ihre wiedergefundene Coufine zu umarmen. Helene weinte vor Schmerz, und da ſie nicht wußte, was ſie anfangen ſollte, ſo ging ſie zu Rafael Gambi, um ihm vorzuleſen, und fand ihn gleich einem Sterbenden. O das war hart für ein ſo junges und wei⸗ ches Gemüth! Helene fühlte ſich wie aufgelöſt im Schmerz, und es war ihr ein unnennbarer Troſt, als ſie den Arzt, den Freund des Hauſes, den Rathgeber der Tante, erblickte. — Kommen Sie, rief ſie ihm entgegen, kommen Sie und ſehen Sie, welch eine Wirkung Ihre Wundſalbe gethan hat. Welch ein Mißgeſchick! Ich glaubte ihn ſchon gerettet und nun„1 Der Arzt näherte ſich dem Bette und warf einen Blick auf den Kranken. — Was iſt das? murmelte er, ein hölliſches Bubenſtück oder eine nicht zu entſchuldigende Nachläſſigkeit. Wo iſt das Pflaſter, welches ich verordnete? — Ich habe es in das Feuer geworfen, dieſes unglückliche Pflaſter, verſetzte das junge Mädchen. — Welch' ein thörichtes Beginnen, verwies ſie der Arzt. Ich hätte im Augenblick erkannt, ob es nach meinem Rezept gemacht war, oder ob es, wie ich vermuthe, ein ſicher wirkendes Gift enthielt. — Ein ſicher wirkendes Gift! ſchrie Helene auf. Alſo muß er ſterben? — Der Unglückliche! ſeufzte der Arzt, ſterben unter ſolchen Ou ger noc wei ließ Kni war nos Ar ſch du ſin he wi we — Qualen! Ja, fügte er hinzu, indem er die Wunde mit dem Fin⸗ ger befühlte, das Gift fraß ſich tief hinein, vor einer Stunde wäre noch Rettung möglich geweſen. — Und jetzt, und jetzt? fragte ſie, und ihre vor Entſetzen weit geöffneten Augen hingen an den ſeinigen. — Jetzt habe ich keine Hoffnung mehr, ſagte der Arzt und ließ die Decke über die gräßliche Wunde fallen. Helene ſank vor ihm auf die Kniee. — O laſſen Sie ihn nicht hilflos ſterben, flehte ſie und klammerte ſich an ſeine Hand, er iſt ſo jung, ſo talentvoll, ſo gut, verſuchen Sie Alles, Gott wird Ihnen lohnen, nur ſo, nur ſo laſſen Sie ihn nicht ſterben. — Armes Kind, verſetzte der Doktor, Sie bitten um Unmög⸗ liches, ich ſagte Ihnen ja, daß es vor einer Stunde noch möglich geweſen wäre, ihn zu retten.. jetzt iſt es zu ſpät. — Verſuchen Sie es dennoch, bat ſie und umſchlaug ſeine Kniee, vielleicht giebt uns die Himmelskönigin ihren Schutz O, warum denn verzweifeln, da noch Leben in ihm iſt? Gott thut noch Wunder! — Nein, Gott thut keine Wunder mehr, antweortete der Arzt. Und wiſſen Sie, was Sie bitten? Jetzt ſtirbt er dahin, die ſchlimmſten Schmerzen ſind überſtanden, er iſt bewußtlos, noch kurze Zeit und er wird fiebern.. beruhigen Sie ſich, das dauert nicht lange, der Tod wird ihn ruhig machen. — Ach, das iſt gräßlich! ſtöhnte das unglückliche Mädchen. — Gräßlich, bejahte er, aber es iſt vorbei, ehe die Sonne ſinkt. Wenn ich aber das Mittel verſuchte, welches noch vor einer Stunde ſein Leben erhalten hätte, wiſſen Sie, Helene, daß kein Teufel grauſigere Martern zu erſinnen vermag, als ich ihm jetzt dadurch bereiten würde, daß ſelbſt die abgefeimteſte Rachgier eines böſen Menſchen, die weit ſchlimmer iſt als teufliſche Bos⸗ heit, nicht dieſe unſäglichen Qualen erſonnen haben könnte, und wünſchen Sie nun immer noch, daß ich es anwende, nutzlos an⸗ wende? — D Gott, ſeufzte ſie und bang ihr Geſicht in ihren Hän⸗ den und dennoch dürfen wir ihn nicht hilflos ſterben laſſen — 536— Vor einer Stunde.. o warum ſchickte ich nicht zu Ihnen? Ich fühle, daß ich das nicht ertrage, ich werde wahnfinnig, und mein ganzes Leben lang wird mich der Gedanke umſchweben; er ſtirbt, er ſtirbt, für Dich, vor einer Stunde noch war er zu retten geweſen... und jetzt! Sie ſank mit dem Geſichte auf den Teppich. Der Arzt be⸗ trachtete ſie mit tiefer Rührung, dann beugte er ſich noch einmol über den Kranken und fühlte ſeinen Puls. — Es iſt zu ſpät, ſagte er leiſe vor ſich hin, aber dennoch, verſuchen wir es, iſt es doch ein Gewinn für die Wiſſenſchaft, wenn man weiß, bis zu welchem Erade menſchliche Nerven halten. Langſam ging er zu dem Klingelzuge und ſchellte. Ein Be⸗ dienter erſchien. — Bringen Sie ein Kohlenbecken mit glühenden Kohlen und etwas Watte, befahl er. Der Bediente gehorchte im Augenblick. Der Doktor ent⸗ blößte die Bruſt des Leidenden völlig, dann riß er die weiche Baumwolle auseinander und band ſie zu einem fingerdicken Ring zuſammen, dieſen tauchte er, bis er ganz damit durchzogen war, in eine Flüſſigkeit, die er bei ſich trug, und die langſam und ölig aus der Flaſche tropfte, den Ring legte er alsdann auf die Wunde und zwar ſo, daß er den ſchwärzlichen Rand derſelben ganz umſchloß, in die blutige Höhlung aber tropfte er etwas von dem OHel. Es mußte einen furchtbaren Schmerz hervor⸗ bringen, denn Rafael fuhr aus ſeiner Bewußtloſigkeit empor und ſtöhnte auf. Das hörte Helene, die immer noch auf der Erde lag. — Gehen Sie, Kind, ſagte ihr der Doktor für Ihre Nerven iſt ſolche Operation nicht gemacht, gehen Sie und ſchicken Sie mir einen von den Bedienten. — Nein, verſetzte das Mädchen und ſtrich ſich die aufge⸗ löſten Haare von der Stirn zurück, er ſtirbt für mich, und ich ſollte nicht einmal dabei ſein? Laſſen Sie mich nur immer hier, wo ſollte ich auch hin? Meine Tante weiſt mich von ſich⸗ mein Geliebter iſt fern... er, der da ſtirbt, war mein Freund, er wäre mein Beſchützer geworden... o Gott, wie bin ich doch ſo clend! vel uch wo ſcg Iw ßlä Flü ale der riec ßer zup die lich we M Der Doktor zog langſam ein Feuerzeug aus der Taſche und rieb ein Streichhölzchen an. Helene, die vor ihm kniete, beob⸗ achtete das, ohne es zu begreifen. Zetzt zündete er die Baum⸗ wolle an, die er auf die Wunde gelegt hatte, ſie brannte nicht ſogleich, es gehörte Mühe dazu, ſie zum Flammen zu bringen. Zwei, drei Mal goß der Operateur neue Tropfen aus ſeinem Fläſchchen darauf, zwei, drei Mal ächzte Rafael, wenn die ſcharfe Flüſſigkeit die Wunde berührte. Helene ſchauderte, aber ſie faßte alle ihre Kraft zuſammen. — Nehmen Sie das Streichhölzchen, befahl ihr der Arzt, halten Sie es hier gegen die Watte, ich will es auf der andern Seite verſuchen. Sie gehorchte mit Zittern, wußte ſie doch, welche Qualen ſie dem Unglücklichen bereitete. Die Baumwolle brannte, ein häßlich riechender Qualm ſtieg daraus empor. Es war ein Ring von Feuer, der ſich auf Rafaels Bruſt entzündet hatte. Der Doftor zupfte einzelne Flocken Baumwolle ab und warf ſie darauf, um die Gluth länger zu unterhalten. Der Unglückliche ſtöhnte gräß⸗ lich, er fuhr aus ſeiner Bewußtkoſigkeit empor, die ſtieren Augen weit aufgeriſſen, das entſtellte Geſicht voller Entſetzen auf den Arzt gewendet. — Halten Sie ſeine Arme, binden Sie ihn! befahl der Arzt. Sie ergriff einen Shawl und wand ihn um ſeine Arme und um die Lehne des Ruhebettes, er brüllte auf vor Schmerz das waren keine menſchlichen Laute mehr, das war, als ob ein verwundeter Stier ſeine Schmerzen austoben möchte. Langſam warf der Doktor Flocke auf Flocke in das Feuer auf ſeiner Bruſt, ſie flackerten auf, ſchwarze Tropfen Blutes drängten ſich hervor und verſiegten wieder in der Gluth, der Geruch von verbranntem Menſchenfleiſch, ein unvergeßlich widerwärtiger Geruch erfüllte das Zimmer. Helene glaubte ohnmächtig zu werden, ſie hielt ſich feſt an der Rücken⸗ lehne des Ruhebetts. — D Gott, ſagte ſie leiſe, darf ich nicht nach Chloroform ſchicken giebt es kein Mittel, dieſe Qualen zu lindern? — Sie find nothwendig, um den Nerven nene Thätigkeit zu geben, antwortete gelaſſen der Arzt. Zetzt ſind wir auf de — 538— Snochen, der Rand iſt fortgebrannt, das vergiftete Fleiſch vom Feuer verzehrt. Solche Kuren wenden die afrikaniſchen Wilden an, wenn eine giftige Schlange ſie gebiſſen hat und ſie zucken nicht dabei, ich habe es von ihnen gelernt die Wiſſenſchaft muß bei den Kindern der Natur in die Lehre gehen Sehen Sie den Unterſchied zwiſchen Europäern und afrikaniſchen Wilden. Sie bereiten ſich ſelber ſolch ein Gegenmittel und rauchen gemüthlich dabei, aber dieſer Unglückliche verliert den Verſtand. Virklich hatte eine Art von Raſerei den Italiener ergriffen, er wälzte ſich auf dem Lager, ſein Aechzen war gräßlich mit an⸗ zuhören, alle ſeine Sehnen ſpannten ſich an, und Helene glaubte, er würde in dieſen Qualen ſterben. Der Doktor nickte bei⸗ fällig. — So recht, ſo recht, ſergte er, das Blut ſteigt in die Schlä⸗ fen, die Lippen ſind nicht mehr bleifurbig, das iſt immerhin ein gutes Zeichen, der Tod wird kommen ohne Raſerei, und der Puls geht heftig, ſehr heftig, aber er ſtockt nicht Jedenfalls überſteht er die Operation⸗ — Und wird er leben? fragte Helene mit Beben — Leben? rief der Doktor ganz verwundert. Sagte ich Ihnen denn nicht, daß es ſel einer Stunde zu ſpät ſei? — O, Gott! rief ſie, und alle dieſe Schmerzen. — Sie wollten es ja ſo, Fräulein, ich gab Ihren Wünſchen nach. Sehen Sie, die Baumwolle iſt ausgebrannt, der Knochen liegt weiß und klar da, der Rand der Wunde, wir Mediziner nennen es die Lippen, iſt ſchön gereinigt, aber wer ſagt Ihnen, daß das Gift nicht ſchon durch die Adern gegangen iſt und den ganzen Organismus zerſtört hat? Angenommen felbſt, daß ſein Blut langſam ſloß, weil er ſtill lag, ſo braucht es doch nur fa⸗ bekhaft kurze Zeit, um den Kreislauf durch den ganzen Körper zu machen und das Gift, welches hineinkam, überall hin zu ver⸗ breiten. Dies iſt, wie ich mit Beſtimnrtheit annehme, hier ſchon vor einer Stunde geſchehen, alſo wäre es überflüſſig; wenn ich Sie mit leeren Hoffnungen vertröſten wollte. — 2eber warum bereiteten Sie dem Unglücklichen dieſe na⸗ menloſen Schmerzen? Sie ihre und ben Re geö und war Ny iſ du die A eche Kre — n — Weil Sie es verlangten, mein liebes Kind, und weil Sie immer geglaubt hätten, es ſei etwas verſäumt worden, wenn ich nicht dies letzte Mittel angewandt hätte — O, du allgütiger Gott, ſo bin ich nicht allein an ſeinem Tode Schuld, ſo wird mich das Andenken dieſer Qualen, die ihm um meinetwillen bereitet wurden, ſo wird mich ſein Jämmer⸗ geſchrei bis an mein Ende verfolgen! Aber ſehen Sie denn nicht, Doktor, daß ich dieſe Gedanken nicht ertragen kann? — Es erträgt ſich Vieles, Helene, glauben Sie es mir. Blicken Sie auf Ihre Tante, die Ihnen mit dem Beiſpiel eines vergleichlichen Heldenmuthes voranleuchtet. — O, meine Tante hat ſich nichts vorzuwerfen, ſie iſt ein Engel gegen ihre ganze Umgebung, während ich, o ich Unglückſelige, während ich nur Schmerz und Tod um mich her verbreite! — Aber Ihrer Tante iſt furchtbar viel Uebles widerfahren. Sie wiſſen, daß ſie ihre Söhne nicht mit reiner Mutterliebe an das Herz zu drücken vermag, denn nur der Eine iſt Fleiſch von ihrem Fleiſch und Blut von ihrem Blut, während der andere... und es liegt ein ſchweres Geheimniß auf der Geburt dieſes Kna⸗ ben, und nur um es zu enthüllen, kam ich von meinen weiten Reiſen zurück. 18 Helene hörte ihn nur halb, was kümmerte es ſie in dieſem Augenblick, ob Richard oder Arthur ihr wirklicher Vetter war. Sie ſah auf den Kranken, der mit gebrochenen Augen, mit halb geöffneten Lippen wie ohnmächtig dalag. Er ſchrie nicht mehr, und dennoch mußte er noch furchtbar leiden, denn ſein Geſicht war von Schmerzen verzerrt und gräßlich entſtellt. Helene löſte den Shawl, mit welchem ſie ſeine Arme gebunden hatte, und küßte leiſe ſeine Stirn. Er fühlte es nicht, er hatte keine Empfin⸗ dung von dieſer Berührung der reinſten jungfräulichen Lippen, die ihn noch vor einigen Stunden beglückt haben würde. Der Arzt ſetzte ſich an den Tiſch und verſchrieb ein Stärkungsmittel. So wenig Hoffnung er hegte, den Unglücklichen am Leben zu erhalten, ſo gedachte er doch ſeiner Pflicht, die ihm gebot, jedem Kranken ſo lange beizuſtehen, wie noch Odem in ihm iſt. Dann klingelte er nach dem Bedienten. Die verſtörte Miene dieſes — 540— Menſchen, den er in die Apotheke ſandte, fiel ihm nicht auf, wohl aber entſann er ſich, daß mit der Wundſalbe, welche er ver⸗ ſchrieben hatte, ein ſträflicher Irrthum, wenn nicht ein Ver⸗ brechen geſchehen ſein mußte. Er rief den Diener noch einmal zurück und ſchärfte ihm ein, das Rezept in eine andere Apotheke zu tragen. Dies geſchah. Der bleiche und zitternde Bediente brachte die Arzenei zurück und der Doktor flößte ſie ſelber dem Kranken ein. O, es ſind ſchrecklich qualvolle Stunden, die ein weiches Gemüth an ſolch einem Schmerzenslager verbringt. Der an Lei⸗ den aller Art gewöhnte Arzt ſah in dem vor ihm liegenden jungen Manne nur einen Gegenſtand für ſein Studium, er verſuchte, wie weit in dieſem Falle dieſes oder jenes Mittels reichte, und ob es auch den regelrechten Verlauf der Krankheit den genügenden Ein⸗ fluß hätte. Helene dagegen ſah mit thränenden Blicken auf Ra⸗ faels Züge, ſie erbebte, ſo oft er zuſammenzuckte, ſie wuſch das Blut von ſeiner Wunde mit zitternden Händen ab und hätte ihr eigenes dahinfließen laſſen, um ihm zu helfen. Er wurde freilich ſchwächer, ſie ſah es. Eine grenzenloſe Furcht vor ſeinem Ster⸗ ben ergriff ſie, noch niemals hatte ſie einem Todeskampfe beige⸗ wohnt, jetzt zitterte ſie davor, ſtarb Rafael doch um ihretwillen und durch ſie. O, gräßlich gruben ſich dieſe Minuten in ihr Ge⸗ fühl ein, ſie wußte, daß ſie die Erinnerung daran niemals per⸗ lieren könnte. Der Doktor fühlte alle fünf Minuten den Puls des Kran⸗ ken, dann blickte Helene in ſeine Augen, doch gaben ſie ihr kei⸗ nen Troſt. Abermals ſchickte er den Bedienten fort, dieſes Mal in ſeine Wohnung. Er kam mit einem Käſichen zurück. Helene ſah mit Angſt, daß der Arzt eine Menge überaus feiner und zier⸗ licher Inſtrumente auspackte. Dieſe kleinen Scheeren waren von dem beſten Stahl, dieſe Meſſerchen und Zangen glänzten, dieſe gläſernen Röhrchen waren höchſt ſauber, dennoch blickte Helene mit Entſetzen darauf hin, ſollten ſie ihrem Kranken neue ſchrec⸗ liche Qualen bereiten? Da beugte ſich der Doktor über ſie. — Helene, ſagte er leiſe, haben Sie Muth? Sie ſah ihn mit ihren großen blauen Augen ſtarr an, ihre ——— ohl er⸗ nal ee n 5 ei⸗ en ihr ich M⸗ ge⸗ jer⸗ on ſe ne ec⸗ — 541— Lippen zittern, aber ſie antwortete nicht ach ſie natte keinen Muth, den Unglücklichen noch weiter leiden zu ſehen ietzt ba ſie nicht ferner um ſein Leben, ſie fehte nur zu Gott, daß er ihr den Glauben an ſeine Güte nicht rauben möchte. — Helene, begann der Arzt auf's Neue, ich verlange ein Opfer von Ihnen ſind Sie bereit, es zu bringen? — Für ihn? Sie fraate es nicht, ſie deutete nur auf Ra⸗ fael hin. — Ja, für ihn, beſtätigte der Arzt. Helene winkte tumm mit dem Kopfe. — Stehen Sie auf bat er und ſie erhob ſich aus ihrer knieenden Stellung. Jetzt führte er ſie zu dem Fenſter durch welches die letzten Strahlen der Sonne drangen, und hieit ihre Hand in ſeiner. — Ich verlange Ihr Blut, ſagte er. — Nehmen Sie es, gab ſie mit Feſtigkeit zur Antwart. — Helene. rief er bedauernd, von heute ab Sie kein Kind mehr, wie Sie es bisher waren, Sie ſind ievem Geſchick gewachſen, dieſer Augenblick macht Sie zur Heldm... Ich frage nicht mehr, ob Sie ſich ſtark genug fühlen, ich weiß es, ich vertraue auf Sie, ich hoffe für ihn. Das letzte Wort fiel mie ein Lichtſtrahl in ihr Herz ihre Hand zi terte nicht mehr in ſeiner, ſie richtete ſich muthig empor. Der Doktor nahm ein Meſſer und ritzte ihr die Ader des Armes auf. Das herausquellende Blut fing er in einer Spritze auf, deren Glasröhre fein wie eine Nadel zulief. Helene hatte nicht gezuckt, jetzt verband der Doktor ihren Arm noch nicht, er empfahl ihr nur, die Wunde mit dem Finger zuzudrücken, er ſelber aber ſteckte die Spitz des Glasröhrchens unter die Haut von Rafaels rechten Arm und ſpritzte ihm das friſche und geſunde Blut in die Adern. Dies wiederholte er noch zwei Mal, dann wickelte er ein Band um Helenes Wunde. — Wird er leben? fragte ſie ihn. — Das weiß ich nicht, verſetzte der Arzt. Wir Menſchen „ — 16 thun was wir können, und müſſen Alles Uebrige Gott überlaſſen In dieſem Angenblicke ſtürzte der Bediente herein. — Kommen Sie ſchnell, Herr Doktor, rief er, die Frau Herzogin ſtirbt. Der Arzt folgte ihm in Eile. Helene lief athemlos hinter ihm her. Iduna war von ihrem Lehnſeſſel herabgeſunken und lag neben dem Bette ihrer Tochter, ihr Geſicht war dick und mit ſchwärzlich rothen Flecken bedeckt, ein Fieberſchauer ſchüttelte ihre Glieder. — Ach, ſagte der Bediente, wir hatten nicht den Muth, ſie aufzuheben, denn ſeitdem wir Fräulein Margarethens Kleider verbrennen mußten, dachten wir erſt, daß es ſich um eine anſtek⸗ kende Krankheit handelte, und fürchteten uns ſo ſehr. — Entfernt Euch Alle, befahl der Arzt, tragt das Kind her⸗ aus und ruft eine barmherzige Schweſter... die Frau Herzogin hat die ſchwarzen Pocken Das Zimmer murde geräumt, nur der Arzt blieb bei Iduna. Helene kehrte zu Rafael Sambi zurück. Als ſie an ſein Bett trat brach ſie ohnmächtig zuſammen. 63. Kapitel. Der nächtliche Ueberfall. Rancy, die deutſchen Soldaten nennen es Nanzig wie es im Mittelalter hieß, iſt eine der hübſcheſten Städte, die man ſich denken kann, wie Lothringen eine der fruchtbarſten Provinzen Frankreichs iſt. Im Oſten wird es durch die Vogeſen gegen jeden Wind geſchützt, im Veſten hebt ſich der Argonnerwald, und beide Gebirgszüge werden faſt im rechten Winkel durch niedrigere Berg⸗ zetten verbunden, gegen Norden aber bietet der rauhe Ardennen⸗ wald eine Wehr gegen die Stürme die vom Pol her ſauſen, und gebi 5 „ du Pfl un ſoc hef big und weiterhin flacht ſich das Land in dem vulkaniſchen Eifel⸗ gebirge bis zu der niederländiſchen Tiefebene ab Es iſt herrlich da, wie in einem Garten Gottes, die milde Luft befördert den Pflanzenwuchs, die reichen Wälder ziehen die nothwendige Feuch⸗ tigkeit der Luft herbei, und zahlreiche Flüſſe die ſich in die Moſel ergießen, bewäſſern reichlich den Boden. o Der Marſchall Mar Mahon hatte, beyor et nach Sedan mar⸗ ſchirte, die Abſicht, Nancy zu halten, nachdei er von Wörth zurück⸗ gedrangt worden war, indeſſen gab er dieſen Plan wieder auf. Es ſchien ihm nicht geheuer, ſich in einem Orte feſtzuſetzen, wel⸗ chen die Deutſchen leicht umzingeln konnten, er wollte ſich die Freiheit der Bewegung bewahren. Aber ſein Plan ging noch immer dahin, ſich durchzuſchlagen und im Rücken der deutſchen Armeen, die jetzt ſämmtlich auf fränzöſiſchem Boden ſtänden, in Deutſchland einzubrechen. Dieſen Plan vereitelte der Eigenſinn des Kaiſers. Kaum hatte dieſer Metz verlaſſen, weil er fürchtete, dort eingeſchloſſen und unfähig zum Regieren gemacht zu werden, als er ſich anmaßte, Alles nach ſeinem Kopfe thun zu wollen. — Gehen wir nach Deutſchland, ſo haben wir Feinde vor und Feinde hinter uns, ſagte er nicht mit Unrecht. Aber das iſt noch nicht Alles. Die feindlichen Armeen, die ſich in Frankveich befinden, werden ſich alsdann, ohne genügendem Widerſtande zu begegnen, auf Paris ſtürzen, das Volk wird ſeinen Kaiſer ankla⸗ gen und behaupten, daß es verlaſſen und verrathen ſei, das Ende nom Liede wird die Revolution ſein. Viel beſſer iſt es, wir blei⸗ ben hier und halten mit einer Hand die Deutſchen, mit der andern unſere eigenen Unterthanen in Schach. Wit ſolchen Befürchtungen zwang der zaghafte Kaiſer den Marſchall Mac Mahon, ſich noch weiter zurück zu ziehen. Es war dies für einen kampfluſtigen General keine leichte Sache, und wohl erklärt ſich die Entrüſtung, die nicht er allein, die alle Offiziere ſeiner Armee fühlten, als ſie noch weiter hinter n Argonnerwald zurück mußten. Noch konnten ſie ſich dazu der bequemſten Verkehrsmittel bedienen, doch mußten ſie Eile anwen⸗ den denn der Kronprinz von Preußen drang ſchnell vor, beſetzte Nancn und ergoß den Strom ſeiner Heereswogen durch Lothrin⸗ — —— 544— zen, um in die Champagne einzubrechen Das war ein froher Siegeslauf, wohin man blickte, man ſah nur heitere Geſichter. Im Hauptquartier ging es luſtig zu, wußte man doch, daß der Krieg, wenn er ſich gleich noch in die Länge ziehen ſollte, doch ſo gut wiel gewonnen war. Fleißig arbeitete der blonde Königs ſohn mit den Chef ſeines Generalſtabes, dem General von Blumen⸗ thal, er hatte Künſtler und Gelehrte bei ſich, um den Kriegszug in jeden⸗ Beziehung auszubeuten Dort ſaß ein Maler mitten unter den Soldaten und zeichnete, da nahm ein Feldmeſſer das Terrain auf, an einem andern Orte errichtete ein Photograph in Eile ſeine Maſchine und Dunkelkammer, und die Zeitungsſchreiber hockten auf den Feldſteinen um die begierigen Zeitungsleſer mit den neueſten Schlachtberichten und Schilderungen zu verſehen. War man dann nach beſchwerlichem Marſche am Abend in das Quartier gekommen, hatte ſich der Stab und was dazu gehört, im Gaſthof untergebracht, ſo freuten ſich die Truppen, wenn um neun Uhr der Zapfenſtreich begann, wenn die Muſiker zu ammentraten und einen Choral blieſen, wobei ein Jeder mit ſtillem Seufzer nach Hauſe an die Seinen dachte, und wenn dann die Wacht am Rhein ſo ſchmetternd klang und all' die andern herzerhebenden Melodien, die deutſchen Lieder⸗ die ein Jeder kennt, ein Jeder liebt. Doch wenn nun die Wachtfeuer brannten, die braven Soldaten ſich in die Mäntel wickelten und mit dem Tor⸗ niſter unter dem Kopfe einſchliefen, als lägen ſie auf weichen Flaumfedern, dann winkte die ſüße Ruhe doch nicht Allen. Patrouillen wurden ausgeſandt, um nachzuſehen, ob auch kein Ueberfall zu befürchten ſei, und die Schildwachen ſtanden auf ihrem Poſten und riefen einem jeden Herannahenden ihr Werda zu und ſchoſſen, ſobald ſich etwas Verdächtiges zeigte. Auf einem olchen Wachtdienſt ſoll es geweſen ſein, wo der tapfere Füſilier Kutſchke, deſſen wahren Namen Niemand weiß, ſein Lied dichtete, das bald auf Aller Lippen war. Ein einſam ſtehender Soldat hatte etwas im Gebüſch herum riechen ſehen, er rief ſein Werda, doch nur ein grunzendes ui, ui! ward ihm zur Antwort da glaubte er es mit einem Franzoſen zu thun zu haben, ſchoß und traf ein fettes Schwein. Dieſer ſchnurrige Vorfall begeiſterte den poetiſchen Füf her alle Lun zwa i o kon len Me doe hei die ſor ſie te ſei rdo nem iſer tete ldat rdo, ubte f ein ſtn — 545— Füſilier zu dem bekannten Vers: Was kraucht da in dem Buſch herum, Ich glaub' es iſt Napolium, und bald ſang man es in allen deutſchen Gauen, ſo weit die deutſche Zunge klingt. Richt ohne Gefahr wagt man ſich Rachts in feindlichem Lande in das Dunkel der Wälder hinein. Die Argonnen find zwar nicht hoch, aber vielfach zerklüftet und wildromantiſch. Das empfand Reinhold von Iſſelhorſt, der, gefolgt von einem kleinen Trupp Soldaten, auf höheren Befehl als Patrouille aus⸗ zog. Es war eine herrliche Nacht, der Mond ſchien hell, man konnte weithin ſehen, wenn nicht gerade hohe Eichen ihren dunk⸗ len Schatten warfen. Im Walde hieß es vorſichtig ſein. Mac Mahon hatte nicht alle ſeine Leute geſammelt, es war eine Wenge von Marodeurs zurückgeblieben, hergelaufenes Geſindel, das vom Kriege lebt und nicht kämpft, ſondern mordet, nicht ar⸗ beitet, aber plündert und ſtiehlt. In den Dörfern durfte ſich dieſes Geſindel nicht zeigen, ſo lange es Tag war, die Bauern ſorgten ſelber für Ordnung. wenn es galt, die eigenen Hühner⸗ ſtälle zu beſchützen, aber Nachts ſchlichen ſie ſich zu den einzeln ſtehenden Häuſern, nahmen, was ſie bekommen konnten, und wuß⸗ ten es ſo geſchickt einzurichten, daß das Volk oft glaubte, es ſeien die Deutſchen geweſen, die den Backofen ausgeräumt, oder ſich zu einem fetten Braten verholfen hatten. Fand man ſie beim Stehlen, dann freilich wurde nicht lange gefackelt, für ſolches Ge⸗ ſindel gehört ſich nur der Strick, aber ſchlimmer war es, wenn man ihnen im Walde allein begegnete, und ſchon waren Fälle von unerhörter Gräuſamkeit vorgekommen, mit der ſie ſich vor Verrath geſichert hatten, wenn ſie ihre Schlupfwinkel entdeckt ſahen. Deswegen gingen Reinhold von Iſſelhorſt's Leute mit gela⸗ denen Gewehren, und der Lieutenant ſelber trug den Revolver in ded Taſche. Sie gingen am Rande des Waldes entlang und ſahen nichts, manch Einer ſchielte hinüber nach dem Wachtfeuer und meinte, da ſei es beſſer, da könne man ſich bequem hin⸗ ſtrecken. Reden durften ſie nicht, ſelbſt die Cigarre hatte Graf Iſſelhorſt verboten, weil ihr Feuer ſie hätte verrathen können, er ſelber ging ſchweigend voran D. V 35 — 546— Plötzlich bog er in den Wald ein. Das ſchien den Leuten ſin denn doch Unſinn zu ſein. Steckten diebiſche Kerls da im Ge⸗ W püſch ſo mochte man ſie drin laſſen, da thaten ſie höchſtens den Haſen ein Leid an, dennoch mußten ſie gehorchen, der Unteroffi⸗ zier aber trat an Reinhold heran und fragte leiſe: iö — Muß das ſein? 4 — Freilich! antwortete der und wies auf die Erde. Der Unteroffizier blickte ſcharf hin, er ſah Fußtapfen. Es h mußten mehrere Leute hier gegangen ſein, denn er bemerkte Spu⸗ ren von Stiefelabſätzen, und wahrſcheinlich hatten ſie ſchwer ge⸗ ſi tragen, denn die Spuren hatten ſich tief in die Erde eingedrückt. i So gingen ſie wohl eine Stunde lang, es war kein Pfad, aber 3 eine gexade Richtung durch das Thal, die Fußtapfen dienten 4 zum Wegweiſer. Zetzt blieb der Lieutenant ſtehen und gab ſei⸗ nen Leuten ein Zeichen anzuhalten. — Was hat er vor, flüſterten ſie unter ſich, ich glaube, er ſi fieht Geſpenſter. ſ — Wartet auf mich, flüſterte Reinhold dem Unteroffizter zu, di und ſchlich ſich durch die Bäume. 3 — Darf ich nicht mit? fragte der. — Nein, war die kurze Antwort. Die Leute ſtanden. Sie hatten Vertrauen zu ihrem Führer, er hatte ſich ihnen in mehreren Kämpfen gezeigt. Mit Löwen⸗ muth war er gegen den Feind gezogen, mit eigener Hand hatte b er eine Kanone genommen, die Bemannung ſiel unter den Strei⸗ chen ſeiner Leute, das hatte ihm Rutzen und Ehre gebracht, das hatte ihm die Liebe ſeiner Leute geſichertt, und nicht das allein. Sie wußten, daß er Alles mit ihnen theilte, daß er nicht eher einen Biſſen Brot nahm, ehe ſeine Mannſchaft verſorgt war, er beſuchte ſie in ihren Quartieren und ſah nach ob es 8 ihnen an nichts fehlte, er biwakirte mit ihnen unter Gottes freiem i Himmel, beförderte ihre Briefe in die Heimath und brachte ihnen 4 ſolber die Antworten, er war mit einem Worte nicht nur der Be⸗ fehlshaber, ſondern auch der Freund ſeiner Soldaten. Ja, wenn ſie ſ alle ſo wären, hieß es oft wenn er ſich ſo gütig zeigte, und des⸗ wegen zitterten ſie jetzt für ihn, als ſie ihn im Dunkel des Waldes ver⸗ euten Ge⸗ den roff⸗ Spu⸗ k ge⸗ rückt. aher enten h ſei⸗ e, er er zu, ührer, öwen⸗ hatte Strei⸗ racht, dus nicht ſorgt b es reiem ihnen Be⸗ mn ſe d des⸗ 6 vel⸗ — 547— ſchwinden ſahen. Es war ihre ängſtlichſte halbe Stunde, die Zeit wurde ihnen lang. — Sollen wir ihn nicht ſuchen gehen? fragten die Leute. Der Unteroffizier verbot es, der Lieutenant hatte Warten befohlen, dem mußte gehorcht werden. So warteten ſie noch, aber mit ſteigender Ungeduld. — Sie ſchlagen ihn todt, meinten die Soldaten, und wir ſtehen hier müßig, und wenn ſie uns morgen frägen, wo wir unſern Lieutenant gelaſſen haben, ſo ſtehen wir da, wie die Maulaffen, und wiſſen nicht, was wir ſagen ſollen. Ja und ge⸗ rade ſo einen, ſolchen kriegen wir nicht wieder. — Noch eine Viertelſtunde, begütigte ſie der Unteroffizier, fommt er dann nicht, ſo ſuchen wir den Wald ab, und wehe, wer uns entgegenkommt, bis dahin verhaltet Euch ruhig, Kinder, der Graf iſt klug, er wird ſich nicht in Gefahr einlaſſen. Abermals mußte gewartet werden, ein häßliches Geſchäft im dunklen Wald, der voll von Gefahren ſtecken konnte. Die Zeit war um, eine Stünde faſt verfloſſen, der Unteroffizier ſchickte ſich an, die Soldaten zum Abſuchen der Gegend zu ordnen, da rauſchte es plötzlich im Gebüſch. — Werda? fragte der Unteroffizier. — Kommt, aber leiſe, flüſterte es herüber. — Iſt er es? fragten ſich die Männer. — Sicherlich, war die Antwort, er hat was vor, gewiß et⸗ was Tollkühnes, das iſt ſo ſeine Art. — Rein, er iſt überlegt und ruhig, meinten Andere, man kann ſich auf ihn verlaſſen. Reinhold von Iſſelhorſt gab das Zeichen zum Schweigen. Die Soldaten hielten das Gewehr in einer Hand und den Säbel mit der andeven feſt, ſie hüteten ſich vor jedem Geräuſch. Der Lieutenant führte ſie über einen Berg, dann ſteil hinunter, plötz⸗ lich ſahen ſie Lichtſchein, und nun bog er die Zweige auseinander und deutete hinab. Da ſaßen wohl funfzehn bis zwanzig Männer, vor ihnen lag ein großer Haufen Gewehre, ein Feuer brannte mitten im 35* — 548— greiſe, ſie redeten überaus lebhaft mit einander. Einer, der den Deutſchen den Rücken zuwandte, ſchien ſie begütigen zu wollen, ſie aber mochten nicht auf ihn hören. Reinhold gab ſeinen Leuten ein Zeichen, und feſter faßten ſie die Gewehre. Plötzlich rief er Hurrah! und ſtürmte die ſchroffe Felswand hinunter, grade unter die Sitzenden, die Soldaten wie ein Wetter hinterdrein. Wie fuhren die Leute auseinander, wie entſetzt blickten ſie auf dieſe Ueberraſchung! Piff. Paff! ſo ging es unter ſie, da lag der Eine, da krümmte ſich der Andere. — Reißt das Feuer auseinander, befahl Reinhold. Es geſchah. Doch nun hatten ſich die Franzoſen geſammelt, ſie grif⸗ fen nach den Gewehren und nahmen ſie verkehrt in die Fauſt. Die Schlucht war eng, die Kohlen dampften, Schuß auf Schuß knatterte, aber die Feinde leiſteten verzweifelte Gegenwehr, wuß⸗ ten ſie doch, warum es ſich handelte, und tauſendmal beſſer ſtirbt es ſich im Kampf als an einem Baumaſt. Die Deutſchen fochten mit dem Bajonnett, die Franzoſen ſchlugen mit den Flintenkolben drein, das Blut ſpritzte hoch auf, es war ein ſchreckliches Gemetzel, ſchon lagen acht Kerle todt auf der Erde, aber auch einige Deutſche taumelten blutend gegen die Felswand, da ſtürzten die Uebrigen mit Wuth auf die Franzoſen ein, dieſe wichen, war es ein Felſenſpalt, der ſie aufnahm, hatte ſie die Erde verſchlungen? Plötzlich waren ſie fort, nur die Lei⸗ chen blieben zurück, und die Flinten, die auf der Erde lagen. Reinhold ſtürzte ihnen nach er fand nur Felswände, dicht bewachſen. — Iſt das Zauber? fragte er. Wohl weiß ich daß man im Mittelalter von Rieſen und Drachen fabelte, die hier in die⸗ ſem Walde hauſen ſollten, aber können jetzt auch noch Wunder geſchehen? Kopfſchüttelnd wandte er ſich zu ſeinen Leuten zurück. Es war nöthig, die Verwundeten zu verbinden, das geſchah, ſo gut es ging, nur für den Einen mußten ſie eine Bahre von Baum⸗ äſten flechten, dann nahm ein Jeder von ihnen ein paar von den Gewohren als Siegesbeute mit ſich, die übrigen befahl Reinhold an den Baumſtämmen zu zerſchlagen damit ſie den Feinden nicht dienen könnten. Jetzt aber hieß es Vorſicht gebrauchen. Lang⸗ ie W uſt. huß uß⸗ irbt ſen uf die ſen atte Lei⸗ gen ſen. non die⸗ nder gut um⸗ den hold nicht an ſam ging es durch den Wald. Der Lieutenant ging voran er war auf einen Ueberfall gefaßt. Plötzlich blieb er ſtehen. — Aufgepaßt... da kommt etwas! Es knatterte, ein Schuß fuhr dicht neben ihm in die Blätter! Reinhold ſprang vor. Er hatte das Blitzen des Pulvers geſehen, er wußte, wo die Kerle ſteckten; die Soldaten warfen die unnützen erbeuteten Flinten weg, es ging aufs Neue in den Kampf. Der Mond war hinter Wolken gegangen, nur die Gewehre blitzten. Solch ein Kampf iſt ſchrecklich. Sie waren ſich ſo dicht und ſahen ſich nicht. Der Lieutenant ſprang vor, mitten in das Gebüſch hinein, er faßte einen Feind, es war ein Ringen Bruſt an Bruſt, da knallte ein Schuß aus dem Revolver. — Lieutenant, Lieutenant! rief es hinter ihm. — Hurrah für Deuſchland! war ſeine jubelnde Antwort. Aber ſchon faßten ihn zwei im Nacken. Reinhold war ſtark und gewandt, er dachte an die Uebungen auf dem Turn⸗ platze, aber hier wäre er evlegen, hätte nicht ſein Unteroffizier dem einen den Schädel zerſchmettert, doch blieben noch genug, ſie ſchienen Verſtärkung bekommen zu haben. Das war ein furchtbar wildes Fechten, ſie umſchlangen ſich, ſie drückten ſich gegen die Baumſtämme, ſie würgten einander. Mit einem Male trat der MWond in aller Klarheit aus den Wolken, er beleuchtete ein grau⸗ ſiges Schauſpiel. Rings Blut, Leichen, röchelnde Verwundete. Der Graf rief ſeine Leute bei Namen, ſo manchen vergeblich, er konnte nicht nach ihnen ſehen, ſo arg bedrängten ihn die Feinde. Wie waren ſie dahin gekommen? Sie waren den Abhang her⸗ untergerutſcht und peen drüben in dem engen Wege auf ihre Beute gelauert. Aber nichts widerſteht dem Heldenmuthe deutſcher Krieger. Sie ſchmetterten die Feinde zu Boden, jetzt, da ihnen der Mond leuchtete, ſahen ſie, daß ihnen weniger Feinde, aber immer noch die Ueberzahl gegenüberſtanden. Was thut es, wenn Einer es mit Zweien aufnehmen muß? Hier lag ein wüthend ausſehender Mann auf der Erde, und ein braver Soldat band ihm die Fäuſte zuſammen, den Strick dazu trug Jeder in der Taſche um die Sterbenden kümmerte ſich Keiner. Keiner auch in dieſem Augenblicke um den Andern ſonſt hätten ſie geſehen, in welcher ſchrecklichen Gefahr ihr Lieutenant ſich befand. Er kämpfte mit dem Muthe eines Löwen, aber mit ver⸗ gehenden Kräften, das fühlte er ſelber und mochte doch nicht um Hilfe rufen. Wohl bluteten ſeine drei Gegner, aber ſie waren noch ſtark genug, ihn zu tödten. Er lehnte mit ſeinein Rücken an einem Eichſtamm, die Füße ſtanden feſt und geſpreitzt über einem verwundeten Kameraden, die Zähne hatte er ſo feſt auf die Unterlippe gebiſſen, daß ſie blutete, ſo hieb, ſo ſtach er um ſich. Der Eine taumelte zurück, der Degen war ihm durch den Hals gefahren, doch der Zweite hob die Klinge, der Dritte paste ihn bei den Beinen. ein einziger Augenblick, und der Hieb ſaß feſt in ſeinem Schädel. da fuhr das Eiſen empor. — Nein, den tödtet Ihr nicht! rief eine kräftige Stimme. — Verräther, Verräther! brüllten die Andern auf. — Was geht's Euch an, wenn ich ihn ſchütze? Und plötzlich ſtürzen drei, vier deutſche Soldaten vor und hauen ihren Lieutenant heraus, und ſchlagen nieder, was ſie vor ſich ſehen und machen, was noch lebt, zu Gefangenen. Reinhold aber liegt in den Armen eines Freundes und jubelt auf: — Dank, Leo Rellac, innigen, beſten Dank! 64. Kapitel. Die Hinrichtung. Reinhold von Iſſelhorſt befahl ſeinem Unteroffizier, die Soldaten und ihre Gefangenen aus dem Wald zu führen, er ſelber blieb mit Leo Rellac zurück und folgte den Seinigen in einiger Entfernung nach. — Rimm meinen Degen, Reinhold, ſagte der Franzoſe und zog die Waffe aus dem Gehänge, ich bin Dein Gefangener!— Du mein — 551— n Sefangener, Du, mein Freund, mein Lebensretter? rief der Graf und faßte Rellac's Hand Nein, Du biſt frei, wenn Du es nicht r⸗ ſelbſt für beſſer hältſt, die kaiſerliche Uniform mit der deutſchen m zu vertauſchen. 3— Und mich zum Ueberläufer zu machen! Nein, Reinhold ſo 6 elend ich mich fühle, das kann, das darf ich nicht. *— Aber erkläre mir, wie kommſt Du zu jenen Menſchen, die offenban das ſchlechteſte Geſindel ſind? — es giebt bei uns nicht viel beſſeres. — Das iſt nicht Dein Ernſt, die Franzoſen kämpfen gut, wären ihre Generäle ſo klug und geſchickt, wie die Soldaten tapfer ſind, 6 ſo mhte uns Deutſchen der Sieg nicht leicht werden. 5— Du willſt mich tröſten, Reinhold, aber ich weiß es beſſer. öre mich an. Ich kehrte zu der Armee des Marſchall Mac Mahon zurück, nachdem ich Dir bei Deiner Flucht behülflich ge⸗ weſen war. 5 6 5 — O, ich werde Dir das niemals vergeſſen. Es war eine abenteuerliche Fahrt. Das bleiche Weib, welches wir geleiteten, 3 flößte mir die lebhafteſte Theilnahme ein wo mag ſie ſich jetzt befinden, dieſe Marie Fiſcher? — Ich habe ſie nicht wieder geſehen, ich befand mich ſchon am nächſten Tage wieder bei meinem Regimente, wir wurden un⸗ ter das Commando des Herzogs von Montalto geſtellt. — Geht es ihm gut, empfängt er Nachrichten von den Sei⸗ nen, weißt Du, wie es Helenen geht? — Nichts weiß ich. Der Herzog iſt ein wilder Mann von fieberhafter Thätigkeit. Oft meine ich, es ſei Wahnfinn, der aus ſeinen wildrollenden Augen leuchtet. Und nun höre ein gräßli⸗ ches Geheimniß. — Um Gotteswitlen, was werde ich vernehmen? — Wir waren auf dem Marſche, ich ging als Drdonnanz zu dem Herzog, man ſagte mir, er ſei bei dem Zahlmeiſter ih er 3 folgte ihm dahin, ich ſtand vor der Thür und öffnete ſie, lautlos or d bewegte ſie ſich in ihren Angeln, ich ſah, wie der Herzog ſich allein in dem Zimmer befand, und wie er ein weißes Pulver o in ein Glas Waſſer ſchüttete. Da faßte mich ein ſtarres Stau⸗ ———— — 552— nen, was konnte er vorhaben? Der Zahlmeiſter kam, er war ſchwer betrunken, ich wartete vor der nur halb geſchloſſenen Thür, ich ſah, wie der Herzog dem Manne das Waſſer zu trinken gab wie er auf ſein Bett taumelte, wie der Mörder, ja Reinhold, der Mörder dos Glas an dem Waſchtiſche reinigte, wie er dann ruhig und ſicher davon ging und nicht nach Hilfe rief. Du ſchauderſt, Reinhold? Denke Dir, wie mir war, mir, der ich die That hätte verhüten können, wenn ich den Muth gehabt hätte, mich dem feigen Meuchelmörder entgegen zu werfen! — Helenens Oheim und Vormund... das iſt gräßlich! — Und noch mehr. Ich ging hinunter, und hatte Richts geſehen, als die Vergiftung und den jähen Tod, denn der Schild⸗ wache ſtehende Soldat fing ein Geplauder mit mir an, doch ſollte mir Alles klar werden Nachdem ſich die erſte Aufregung in mir etwas gelegt hatte, und der Herzog in ſein Quartier zu⸗ rückgekehrt war, begab ich mich dahin, das Vorzimmer ſtand offen und war leer, auf dem Tiſche lag eine ſehr bedeutende Summe Geldes. Ich ging wieder hinaus, um den Kammerdie⸗ ner zu ſuchen, der mich bei dem Herzog melden ſollte. In dieſem Augenblick ging ein Mann an mir vorbei, den ich nur zu gut kenne, der Graf Hektor von Bellegarde, die Schildwache ließ ihn ungehindert hinein. Er blieb nicht lange, gleich darauf führte mich der Kammerdiener hinein und meldete mich ſeinem Herrn, dieſer rief hinaus, er ſei ſchon im Bette, ich ſolle den Bericht auf den Tiſch legen, er habe keine Eile. Ich that es das Geld war verſchwunden Reinhold, dieſe beiden Männer ſpielten gemeinſchaftliches Spiel, der Eine mordete, um dem An⸗ dern den Raub zuzuwenden. — Das iſt furchtbar, Leo! — Der Tod des Zahlmeiſters erregte wenig Aufſehen, wir ſetzten am nächſten Morgen unſern Marſch fort. Sollte ich ent⸗ decken was ich geſehen hatte? Wer hätte es mir geglaubt? Aſ⸗ ſab, der türkiſche Bediente des Gemordeten, war in den Dienſt des Herzogs getreten, auch ſchien er von Nichts zu wiſſen. Ich ſchwieg alſo. Ein ſeltſamer Zufall führte mich mit dem Herzog näher zuſammen. Es war im Gefecht, er kämpfte niit dem Muthe ſt 0 5 he eines Mannes, der den Tod herbeiſehnt, mir aber ſchien ein ſol⸗ ches Ende zu gut für einen Meuchelmörder. Ich ſah ihn mitten. unter Feinden, er wehrte ſich tapfer und wäre doch unterkegen, wenn ich ihm nicht zur Hilfe geeilt wäre. In dieſem Augenblick erſchien ich mir wie ſein böſer Engel, ich retttete ihn, um ihn vielleicht einem furchtbaren Schickſal aufzubewahren. Der Herzog hatte mich bemerkt am anderen Tage ließ er mich zu ſich rufen und befragte mich über den Geiſt meiner Kameraden, und ob man ihnen ein Opfer an Ausdauer und Blut zumuthen dürfe. Ich antwortete unbefangen, und bald merkte er es, daß er es nicht mit einem jener gemeinen Soldaten zu thun habe, die vom Kriege leben, denen Plündern und Stehlen über Alles geht. Seit dieſer Zeit gebraucht mich der Herzog zu allerlei Geſchäften. — Und Du läßt Dich gebrauchen, Du, der edle Mann von dem Meuchelmörder und Giftmiſcher? — O Reinhold, was ich erfahren habe, iſt fürchterlich. Dir kann ich es ſagen, was mir das Herz abdrückt. Du kamſt als Sieger in dieſes Land, das ich liebe, für das ich Verbannung und tauſend gräßliche Leiden ertragen habe, und das verlo⸗ ren iſt. — Noch nicht, Leo, der Krieg hat eben erſt begonnen, wer weiß, wie er endet. — Ich weiß es, er kann nur enden mit Frankreichs gänz⸗ licher Vernichtung. Ich bin Republikaner, Du weißt es, wir Franzoſen ſind es meiſt Alle. Ihr liebt Eure Fürſten, wie Ihr Eure Eltern liebt, als eine Beſtimmung Gottes, bei uns iſt es anders, unſere Beherrſcher ſind unſere Bedrücker, darum kann nur das Volk allein herrſchen. Dennoch nahm ich die Wafſen⸗ nicht für den Kniſer, nein für mein Vaterland, das ich verthei⸗ digen wollte Reinhold, was habe ich geſehen? Rein, ich werde den Herzog von Montalto nicht vercathen, denn er wenigſtens meint es gut mit unſerem Lande, aber wohin ich ſehe, Beſtech⸗ lichkeit, Hinterliſt, Verrath und Knechtsſinn. Mir blutet das Herz bei dieſem Anblick. Ja, Reinhodl, mein Vaterland iſt ver⸗ loren, wenn es nicht dieſen abgefeimten Schurken, den es auf einen Thron geſetzt hat, fortjagt und zur Republik wird. — 554— — Das wird Zank genug geben, denn ein Jeder wird herr⸗ ſchen wollen. — Glaube das nicht, wir haben noch tüchtige Männer, der Herzog von Montalto ſelber, obſchon er ſich einer ſo grauſigen That ſchuldig machte, widmet ſich ganz allein dem Lande, er iſt unermüdlich thätig und ſpendet große Summen, um die fehlen⸗ den Waffen herbei zu ſchaffen. Es ſind grenzenlos viele Flinten weggeworfen worden, als die Armee vor Euch entfloh, dieſe auf⸗ zukaufen, iſt die Abſicht des Herzogs, und dabei bin ich ihm behülflich. — Ach, alſo dadurch kamſt Du in die ſchlechte Geſellſchaft, in welcher ich Dich fand? — Ja, Du machteſt mir den Kauf zu nichte, mit wunder⸗ barer Tapferkeit verſprengteſt Du dieſe Bande, Reinhold, Du wä⸗ reſt werth, ein Republikaner zu ſein. — Ich bin es aber nicht. — Weißt Du, was es heißt: das iſt der Inbegriff aller Bürgertugend! Wenn nur ein Dutzend ſo heldenkühner, auf⸗ opferungsfähiger Männer ſich an die Spitze des Staates ſtellen und zum Kampfe gegen die deutſchen Bezwinger auffordern, ſo hat Eure letzte Stunde geſchlagen. Komm zu uns, Reinhold, und werde ein Republikaner! Sie waren an den Ausgang des Waldes gekommen und ſahen drüben die Wachtfeuer leuchten. Reinhold blieb ſtehen. — Hier trennen ſich unſere Wege, ſagte er und reichte dem Franzoſen die Hand zum Abſchiede. Dieſer hielt ſie bittend feſt. — Du willſt mich nicht gefangen nehmen, ſagte er, und weißt doch, daß Dir Strafe droht, wenn Du mich laufen läßt? — Bon meinen Leuten verräth mich Keiner, verſetzte der Graf. — O könnte ich das von uns ſagenl rief Leo, wie froh wären unſere Leute, wenn ſie Gelegenheit fänden, ihre Offiziere los zu werden⸗ — Bei Euch iſt Vieles anders, Weniges beſſer aber bei uns. — Es wird beſſer werden in dem neuen freien Staate, deſſen Bürger Du werden ſollſt. — Der neue freie Staat, zu deſſen Bürger ich mich bekenne, das iſt das geeinigte Deutſchland. — — — 555— — So ſollen wir uns hier trennen? — Vielleicht für immer, Leo, unſere Wege wie unſere Ge⸗ finnungen gehen zu weit auseinander. Auch ich liebe die Freiheit, auch ich verachte die abgelebten Standesunterſchiede. Die Bildung iſt es, die uns Alle gleich macht, ob wir mit den Händen oder mit dem Gehirn arbeiten, ob wir Arbeitskraft oder Geld beſitzen. Deswegen haben wir Schulen, es kann da Jeder lernen, ſo viel in ſeinen Kopf hineingeht. Was uns noch an guter Staatsein⸗ richtung fehlen mag, das wird aus dieſer allgemeinen Volksbil⸗ dung ganz natürlich, ohne Ueberſtürzung hervorgehen. Es iſt ja Nichts in der Welt vollkommen, das wiſſen wir genau genug, aber wir ſtreben danach zuerſt uns ſelbſt und dann den Staat zu beſſern und nicht umgekehrt, wie ihr es macht. Du ſiehſt, lieber Freund, an mir gewinnſt Du Dir keinen Bürger für Eure Republik, die mir ein Mann anpreiſt, wie Du, der ſich nicht entblödet, Geſchäftsträger für einen Giftmiſcher zu ſein. — Reinhold, Du biſt hart, wüßteſt Du nur, wie dieſer Mann für die Ausrüſtung der Armee arbeitet und was er leiſtet, — Was kann aus ſo unreinen Händen Gutes kommen? — Wir nehmen das Gute, wo wir es finden. — Leb' wohl, Rellac. Kommſt Du eher nach Paris, als ich, ſo gehe zu dem Fräulein von Montalto und ſage ihr, daß ich an ſie denke. Leb' wohl, aber falle mir nicht zum zweiten Male in die Hände; denn ich würde Dich nicht wieder ſchonen können. Leo fiel ihm mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit um den Hals und dankte ihm für ſeine Freilaſſung, Reinhold blieb dei dieſem Ausbruche eines leidenſchaftlichen Gefühls ziemlich kühl und folgte dann ſeinen Soldaten mit ſehr eiligen Schritten, um ſie noch vor dem Lager zu erreichen. Dies war nicht ſchwer, denn mit den Verwundeten und Todten kamen ſie nicht eben ſchnell von der Stelle. Es war dem jungen Mann nicht leicht um das Herz. Daß ſeine Freundſchaft mit Leo Rellac aus war, fühlte er deutlich genug die Aufgeregtheit des Franzoſen widerſtand ſeinem ruhigen Sinne, und ſeine republikaniſche Geſinnung vermochte er nicht zu theilen. Aber was ihn am meiſten bewegte, das war der Gedanke an Helene und die edle Herzogin von Montalto, ſeine 13 — 556— Verwandten. Dieſe beiden Frauen an einen Schurken geſchmiedet zu wiſſen, bekümmerte ihn tief, und mehr als je freute er ſich darauf, in Paris einzuziehen. Dies konnte, wie ein Jeder anndhm, durchaus nicht lange dauern. Der Kronprinz fand in ſeinem Weitermarſch ſo gut wie gar keinen Widerſtand. Er verließ die reizende Stadt Nancy, durchzog Lothringen und befand ſich bald in der Champagne. Doch trotz des Siegesjubels, der alle Herzen durchbebte, trotz der unendlichen Heiterkeit, die dieſen Vormarſch begleitete, konnte Reinhold von Iſſelhorſt nicht von den Gedanken an die Verbre⸗ chen eines ihm verwandten Mannes loskommen. Auferzogen in den Grundſätzen der ſtrengſten Ehrenhaftigkeit, war es ihm furcht⸗ bar, in ſeiner eigenen Familie ein Mitglied zu wiſſen, das allen Begriffen der Sittlichkeit Hohn ſprach. Und gerade dieſem Manne war das Schickſal des Mädchens anvertraut, welches er liebte. D, was hätte er nicht darum gegeben, ſie von Paris fort und in das Haus ſeines Vaters holen zu dürfen, aber das war für den Augenblick unmöglich. Zwei Tage waren vergangen, ſeitdem er ſich von Lev Rellae getrennt hatte, und in tiefen Gedanken ging er neben ſeiner Com⸗ pagnie durch die lachenden Fluren. Ringsumher prangten die Hügel im Rebenſchmuck, die Trauben fingen ſchon an durch⸗ ſichtig zu werden, und es mußte ſtrenger Befehl gegeben werden, daß Keiner von den noch unreifen und ungeſunden Früchten aß. Das Volk der Champagne iſt heiter und aufgeweckt, es herrſcht ein munterer Geiſt überall, wo man Wein baut und trinkt. Den Norddeutſchen mochte er im Elſaß und Lothringen nicht ſo gut ſchmecken wie das gewohnte und geliebte bayriſche Bier, doch hier, wo er ſchmeckt und prickelt und die heiterſte Stimmung her⸗ vorruft, mundete er Allen ganz vortrefflich, und man bedauerte nur, daß die Quelle nicht reichlicher floß. Reinhold's Stimmung konnte auch der Champagner nicht erheitern, er ſaß eben und ſchrieb an ſeinen Vater, als ihm ein Kamerad auf die Schulter klopfte und in munterer Weinlaune erzählte, es ſei ſo eben ein Spion eingebracht worden, der ſo⸗ gleich gehängt werden ſollte. Solche Scenen fehlten grade noch, —— — — 557— um den jungen Grafen zu verſtimmen, er ſah mit Mißfallen, daß viele von den Leuten hinliefen, um den Spion zu ſehen. Da trat ein Unteroffizier an ihn heran. — Hören Sie, Herr Lieutenant, flüſterte er ihm zu, die Sache kann doch eklig werden. — Welche Sache? fragte der, ohne von ſeinem Briefe auf⸗ zublicken. — Ich meine damit den Spion, fuhr der Mann fort. — Für den Kerl jedenfalls, aber wer bedauert ſo Einen? verſetzte Reinhold. — Sie haben ihn alſo nicht geſehen? — Ich? Gott bewahre mich davor, zu ſo Etwas zu gehen! — Es iſt auch beſſer ſo, wenn er Sie ſieht, möchte er viel⸗ leicht hoffen, Sie helfen ihm zum zweiten Male durch. Ich? Reinhold blickte empor, der Unteroffizier ſaß auf einen Wagendeichſel und rauchte ſeine Cigarre. Was meinen Sie eigentlich, Wilke? — Na, Herr Lieutenant, Sie ließen den Menſchen laufen, der Ihnen das Leben rettete, das find ich ganz in der Ordnung., und die Leute meinten auch, weniger hätten Sie nicht für ihn thun können. Wir haben ſo auch Lob genug für die Gefangenen gekriegt, die wir mit uns brachten, was kam es da auf einen mehr oder weniger an? Aber verdient hat es der Schurke nicht, denn erſtens hat er ſpionirt, was an ſich ſelbſt ſchon eine Gemeinheit iſt, und zweitens hat er Waffenankäufe gemacht und alſo unſerer Armee wiſſentlich Schaden zugefügt. Beides iſt bewieſen, und darum wird er gehängt. Reinhold ſprang auf. Rellac ein Spion, Rellac ge⸗ hängtl Er fühle kaum Freundſchaft für den Mann, deſſen Grundſäge und Handlungen den ſeinigen entgegen gingen, aber dieſer Mann war ſein Lebensretter, dieſer Mann hatte im Ge⸗ fängniß, wie auf der Flucht mit ihm ſchreckliche Schickſale ge⸗ theilt und jetzt ſollte er eines ſcheußlichen, eines entehrenden Todes ſerben! Er beſann ſich nicht lange, nahm ſeine Mütze, tnitterte den Brief zuſammen, ſteckte ihn in die Taſche und lief davon. Der — 556— Unteroffizier folgte ihm nicht ohne Staunen. Leo Rellac war ſo⸗ eben zum zweiten Male verhört worden. Er hatte nichts ausge⸗ ſagt. Man verlangte zu wiſſen, in weſſen Auftrag er die Waffen kaufen wollte, doch er blieb ſtumm. Man fand bei ihm Auf⸗ zeichnungen über die Stärke des Heeres, die Anzahl der Kanonen, die Nämen der Commandanten, man fand Anweiſungen auf Geld, in die er nur die Summe und die Namen zu ſetzen hatte, um ſie als Bezahlung für die Waffen zu geben, er hatte nicht allein Chaſſepots und Säbel gekauft, ſondern auch die Landleute veran⸗ laßt, Lebensmittel in die Feſtungen zu bringen. Daß ſolche Handlungen nur mit dem Tode beſtraft werden konnten, verſtand ſich ganz von ſelbſt. Rellac ſelber war darauf gefaßt, ſein Geſicht war bleich aber vollſtändig ruhig, er ſchied ungern von dem Leben, deſſen Zukunft er ſich mit den herrlichſten republikariſchen Träumen ausgemalt hatte, aber er ſchied als Mann. Reinhold ſah es, er ſah, wie die Vorbereitungen zu ſeinem Tode getroffen wurden, und ihm blutete das Herz. Was konnte er thun, um dieſen Männ zu retten? Er ging zu dem General, der eben das Urtheil über ihn ausgeſprochen hatte und der dem jun⸗ gen Lieutenant wohl wollte. — Exellenz, ſagte er, es ift eine ſeltſame Fügung, daß ich dieſen Menſchen da kenne. Erellenz, ich weiß es, er iſt ein Träu⸗ mer ein Narr, aber ein Mann von der ſtrengſten Re htlichkeit. — Das nennen Sie Rechtlichkeit? lachte der alte Herr, dann ſind alle Kundſchafter rechtliche Leute, dann lade ich ſie mir alle zu Tiſche ein und ſammle mir ihre Photographien in ein Ver⸗ brecheralbum. — Exellenz, giebt es kein Mittel, dieſen Mann zu retten? — Giebt es ein Mittel, durch den Himmel zu fliegen? Sagen Sie mal, wo haben Sie denn Kriegszucht gelernt, wenn Sie nicht wiſſen, daß man Spione hängt? — Ich weiß es, Exellenz, aber ich hoffte auf Gnade. — Die mag der Herrgott üben. Reden Sie kein Wort mehr, oder ich kommandire Sie und Ihre Leute zur Wache bei der Hin⸗ richtung. — Ich würde meine Leute nicht gern unter einen Galgen ſtel⸗ gen len, wenn es aber zum Erſchießen ginge, dann wäre ich ſtolz, Euerer Exellenz zeigen zu können, daß ich mein Herz zu bezwin⸗ gen weiß. — Na, darauf will ich es ankommen laſſen. Wo iſt mein Adjutant? Herr der Spion wird erſchoſſen, Lieutenant Graf Iſſelhorſt übernimmt die Exekution. Und jetzt laſſen Sie Alles recht ordentlich zugehen, ſchießen können Ihre Kerls ja, das weiß ich. 1 t 16 Damit drehte ihm der alte Graubart den Rücken und über⸗ ließ Reinhold ſeinen Empfindungen. Der ſuchte ſich neun von den Leuten, auf die er das meiſte Vertrauen ſetzte, aus, dann ging mit ernſtem Geſicht aber in vollkömmen militairiſcher Haltung er mit ihnen auf den angewieſenen Platz. Hier ſtlutirte er vot dem Verurtheilten der zwiſchen einer Wache ſtand, dann trat er zu ihm heran und redete leiſe einige Worte, die Keiner ſonſt ver⸗ . Leo Rellac ſah ihn an und nickte ſtumm mit dei Kopfe. wollte ihm die Augen verbinden, er litt es nicht, er tichtete mit dem Ausdruck der Schwärmerei auf Reinhold von orſt. Der Geiſtliche trat zu dem Spion und ließ ihn ein kurzes Gepet ſprechen, dann kommändirte Reinhold Eins Zwei, Drei! Neun Schüſſe knallten. Der Hingerichtete ſtürzte vornüber und blieb ſteif und ſtarr In diefem Augenblick donnerten gunz nahe Schüſſe. 8 0 — Der Feind, der Feind, vorwärts zu den Wafſen! Es war ein Augenblick der Aufregung, aber er war kurz Ein Jeder wußte, was er zu thun hatte, in fünf Minuten ſtanden Alle in Reih' und Glied, und vorwärts ging es im mit den ranzoſe en. 5 „ — —————— ————— 5 65. Kapitel. Das Waſſer der Seine. Der Pater Venturo ſah ſeinen Plan gelingen. Der Bote, welchen er zu wiederholten Malen in das Haus der Frau Her⸗ zogin Iduna von Montalto ſchickte kam gegen Abend zu ihm zurück und verkündigte ihm die erwünſchte Nachricht: der Maler Rafael Gambi wär todt, die Herzogin ſelber lebensgefährlich, ja hoffnungslos erkrankt. — So ſind denn endlich Zwei bei Seite geſchoben, lachte der Zeſuit in ſich hinein, ſo komme ich endlich meinem Ziele nã⸗ her, ſo werde ich endlich in dem Golde der Undentino's wühlen können. Dennoch machten ihn dieſe Gedanken nicht heiter. Ein ver⸗ zehrender Kopfſchmerz plagte ihn, und Fieberſchauer überrieſelten ihn bald mit Hitze, bald mit Kälte. Unruhig ging er in ſeiner Dachkammer auf und ab. Er wohnte ärmlich; der Mann, der es wagte, einem Kardinal und einem Herzog ſeine Befehle vor⸗ zuſchreiben, der das Schickſal einer reichen und vornehmen Familie in Händen hielt, gönnte ſich kaum das Nothwendigſte. Draußen war ein windiges und regneriſches Wette, es ſauſte durch die zerbrochenen Fenſterſcheiben, die hier und da mit einem Streifen Papier zugeklebt waren, welche die von außen eindringende Feuch⸗ tigkeit loslöste. Sein Bett beſtand nur aus einem elenden Stroh⸗ ſack und einer ſchlechten wollenen Decke, ſein ganzes Hausgeräth aus einem wackligen und von den Würmern zerfreſſenen Tiſch. zwei Stühlen, die unſicher auf ihren Beinen ſtanden, und einem Bücherbrett welches neben religiöſen Schriften nur einige Werke über die Geſchichte des Jeſuitenordens enthielt. Eines dieſer Werke nahm er herunter und las mit Vergnügen, wie auf Anſtif⸗ ten der Geſellſchaft Jeſu König Heinrich der Dritte von Frank⸗ reich und ſein Nachfolger, Heinrich der Vierte, den das Volk den — ote her⸗ ihm Uer achie ni⸗ hlen vel⸗ elten einer der vol⸗ milie ußen die eifen zeuch⸗ zoh⸗ ith Liſch inem Kerke dieſet nſif⸗ zronk⸗ lt den N Sie in ein Kran 65 zu verſuchen. Halb angetrunken kam er aus einer liederlichen Geſellſchaft nach Hauſe und ſang im Angedenken an die vergnügt verlebten Stenden ſein Lieblingsliedchen. Der Pater ſtand auf, es koſtete ihn eine furchtbare Anſtren⸗ gung, dennoch erhob er ſich und ging taumelnd zu der Thür, die er öffnete. — He, altes Geſpenſt, was giebt es? fragte der neue Dok⸗ tor, im Begriff, den Mann, der ihm im Dunkeln entgegentrat, bei Seite zu ſchie ben. — Kommen Sie zu mir, keuchte der Pater, ich bin krank. — Ah bah, rief Jener, ich muß ausſchlafen, morgen gehe ich zur Armee ab, da iſt es wohl Zeit, zu Bett zu gehen! — Helfen Sie mit, bat der Pater und faßte ſeinen Arm, um Chriſti willen, ſtehen Sie mir bei. Der junge Mann ſuchte ihn abzuſchütteln. — Fort da, alte Unke, rief er, laß Dich kuriren von wem Du willſt, oder fahre zum Teufel! — Ja, ächzte Venturo und klammerte ſich feſter an den Dok⸗ tor an, aber nicht ohne Sie, ich habe die Pocken, das macht den 4 Weg zur Hölle nicht leicht, aber kommen Sie mit, es ſoll mir ein Troſt ſein, Ihnen eine ſolche Erbſchaft zu hinterlaſſen. Dem Mediziner ſchauderte es vor der Nähe dieſes Mannes, deſſen Athem ſeine Wangen berührte, er fühlte ſich plötzlich er⸗ nüchtert und ſeine Pflicht fiel ihm ein. — Gut, ſagte er ich komme zu Ihnen, wir wollen ſehen, ob es ſo ſchlimm mit Ihnen ſteht, wie Sie ſagen. Mit dieſen Worten trat er in Venturo's Zimmer, hier brannte das Licht in einer geborſtenen Flaſche, der Doktor nahm es und leuchtete damit in des Paters Geſicht. — Alle tauſend Teufel! rief er, das iſt ſtark! Herr, gehen kenhaus, und ich will mich mit Chlor aus⸗ räuchern! 3 — Nein, krächzte der Jeſuit, Sie müſſen mich retten, ich kann nicht ſterben, hören Sie, ich kann nicht! Denken Sie auf Mittel. Sie ſind des Todes, wenn Sie mir nicht beiſtehen! — Unſinn! rief der Andere und wollte ſich entfernen, oſſern — 566 geht es mich an ob Sie ſterben wollen oder nicht? Laſſen Sie mich hinaus, gegen Ihre Krankheit iſt kein Kraut gewachſen. — Keinen Schritt! rief Venturo und ſtellte ſich vor die Thür, die er mit ſeinem Rücken deckte. Sie müſſen bleiben. Den⸗ ken Sie, erfinden Sie, was Sie wollen, foltern Sie mich, nur retten Sie mein Leben! Den jungen Mann ſchauderte es vor dem Anblick des Pa⸗ ters, der widerwärtig und entſetzenerregend ausſah. Die Fieber⸗ gluth gab ihm die Kraft, ſich aufrecht zu halten, aber ſeine Glieder zitterten. Der Mediziner dachte, ihn leicht überwinden zu können, faßte ſeinen Arm und wollte ihn zu dem Bette ziehen, um dann zu entſchlüpfen, aber der Pater Venturo taumelte gegen ihn, ſeine blutige und mit den aufſpringenden Geſchwüren bedeckte Stirn fiel gegen die Wange des jungen Mannes, ſeine Arme ſchlungen ſich um ſeine Bruſt. Der Arzt hatte in den Studien, die er gemacht hatte, viel Scheußliches geſehen, er war es gewohnt, mit den geſchwollenen und halb verweſten Leichen der Selbſtmörder umzugehen und ſie zu zerſchneiden, er bewahrte mehr als einmal ſolche Leichen in ſeinem Schlafzimmer, und wenn ſeine Kameraden bei ihm tranken, putzte er die ſtarren Förper aus, ſetzte ſie mit an den Tiſch und trieb Kurzweil mit ihnen, er hatte Krankheiten aller Arten geſehen, auch die, welche den Menſchen ſchon bei ſeinem Leben zu einem faulenden Kadaver machen, und niemals hatte ihn geſchaudert, aber dieſer Anblick, die Nähe dieſes gräßlich entſtellten Menſchen, der ſich mit der Kraft der Verzweiftung an ihn und an das Leben anklammerte, erregte in ihm ein namenloſes Grauſen, das er nicht zu überwinden vermochte. Er rang mit ihm und wollte ſich von ſeinen Armen befreien, aber es gelang ihm nicht, feſter und feſter ſchloß ſich der Pater an ihn an, ſeine Wange lag an der des jungen Mannes, und der verpeſtete Athem miſchte ſich mit dem ſeinigen. Es war ein Kampf, als ob Leben und Tod mit einander im Handgemenge wären. Endlich ſiegte die Kraft des Jünglings über die des Lranken, er ſtieß ihn von ſich, und der Pater taumelte auf ten Bett. reich en en, ind en em ert, en, ben icht ien, ter und ein enge des auf — 567— — Rette mich, rette mich, ſtöhnte er, indem er hinſank. Der Doktor athmete auf, er war die Laſt los, aber nicht das Grauſen. Schnell ging er zu der Thür. Da aber ſprang der Pater noch einmal empor. — Rette mich, rette mich! kreiſchte er. — Gut! ſagte der Mediziner und warf einen Blick voll Haß, Verachtung und Entſetzen auf den Unglücklichen. Von den Pocken will ich Dich retten. Geh hin, bald erhebt ſich die Sonne, der MWorgen iſt friſch und kalt, wirf Dich in das Waſſer, ein kaltes Bad treibt den Ausſchlag zurück. Das iſt der beſte Rath, den ich Dir geben kann. Wit dieſen höhniſch geſprochenen und boshaft gemeinten Worten verließ er das Zimmer und ſchloß ſich in dem ſeinigen ein, um ſich gegen die Anſteckung, ſo viel es möglich war, durch Räuche⸗ rung zu ſchützen. Der Pater blieb allein. Ein kaltes Bad, das letzte Mittel ja, das war es, das konnte noch helfen! Aber hatte er die Kraft, bis zu der Bade⸗ ſtelle zu gelangen? Es mußte verſucht werden. Drei Mal ſchwankte er zu der Thür, drei Mal mußte er ſich wieder ſetzen, weil es ihm ſchwarz vor den Augen wurde, weil ein wüthender Schmerz in ſeinen Gliedern riß. Endlich gelangte er bis zu der Treppe, er ſtolperte hinab, es ſchien ihm, als ſtiege er in den Höllenpfuhl hinunter. Draußen that ihm die friſche Luft wohl. Der Regen ſtrömte herab und wuſch ſeine glühend heiße Stirn. Oft lehnte er ſich gegen die Mauer eines Hauſes und achtete es nicht, daß die Dach⸗ traufe ſich über ihn ergoß. Dann taumelte er wieder weiter, er wußte es, daß ihm die Sinne ſchwanden, daß er wic im Traum ging. Die Straßen waren ſtill und menſchenleer, die Gaslichter flackerten im Winde, das ſah er wohl, doch nur wie durch einen Nebel, nur ein Gedanke ſtand klar vor ſeiner Seele: Ich habe mich dem Teufel angelobt, wenn ich geneſe, bin ich ſein! Das hatte für ihn nichts Schreckliches, es war ein Mittel, zu ſeinem Zwecke zu gelangen, und an dieſem Zwecke hi mit aller ſeiner Kraft. Zetzt ſchauderte ihn vor Kä wußtloſigkeit die anfangs nur auf Minuten ei ——————————— längerte ſich jetzt, er wußte nicht, wie lange. Taumelnd ging er die Straße entlang und jetzt befand er ſich an dem Fluſſe. Die Seine war mit Fahrzeugen bedeckt. Hier hinein zu ſpringen war gefährlich, denn leicht konnte man unter ein Schiff gerathen und beim Auftauchen mit dem Kopf dagegen ſtoßen. Aber die öffentliche Badeſtelle war weit von der Stadt entſernt und in der Nacht geſchloſſen. Er ging bis zu der Brücke von Arkole Sie iſt nach einem Siege des erſten Kaiſers Napoleon genannt. Prächtig wölben ſich die Bogen von dem einen Flußufer bis zu dem andern, breite Fußſteige führen zu beiden Seiten entlang, hohe Gaskandelaber erleuchten ſie. Er ſah den Platz wo Tag für Tag ein Bettler zu ſitzen pflegte, wie war der Bettler zu beneiden, die nächſte Sonne ſollte ihn wieder da finden, während er.. Trübe lehnte er an dem Geländer und blickte hinunter in das kohlſchwarze Waſſer, in welches der Regen hineinplätſcherte. Was zögerte er noch, war es hier nicht ſo gut, wie wo anders? Noch einmal erhob er ſein Haupt. — Teufel, rief er laut, ich halte mein Wort, rette mich und ich bin Dein! Und mit einer Kraft, die er ſich ſelbſt nicht zugetraut hätte, ſchwang er ſich über das Geländer und ſtürzte ſich in die kalte Fluth. Er fühlte, wie das Waſſer über ihm zuſammenſchlug, fühlte, wie er unterſank und wieder empor tauchte, er ſchnappte nach Luft, es war ihm, als müſſe er erſticken, dann faßte ihn Be⸗ wußtloſigkeit, er breitete die Arme aus, ſie faßten, er wußte nicht Als er erwachte, lag er auf einem Bette, aber es war nicht das ſeinige. Alles um ihn her war ihm fremd, fremd auch die⸗ ſes ſeltſame Gefühl von Schwere, welches in ſeinen Gliedern lag, als ſeien ſie zu Stein geworden. Auf ſeiner Stirne lag ein furcht⸗ barer Druck, er konnte die Lider nicht heben, mit Mühe nur öffnete er die ſchmerzenden Augen. Da ſah er, was er am lieb⸗ ſten nicht geſehen hätte. Ueber ſein Angeſicht reigte ſich ein an⸗ vurrm hleich, milde, ernſt und feſt. O nur zu gut erkannte er Kanken, erse gehörten keinem lebenden Weſen an. Ihn ſchau⸗ ten Bett. nung eines Geiſtes, dem er hier zum zweiten nd itte, alte lug, ple Be⸗ icht nicht die⸗ lag cht. nur lieb⸗ e er hau⸗ ——— —— 665— Male begegnete. Aber der Geiſt drohte ihm nicht, wie er es er wartet hatte, ſein Auge blickte nicht finſter, es lag kein Verlangen nach Rache auf ſeinen Zügen. So hatte er ihn geſehen, als er die kleine Margarethe in ſeinen Armen hielt, ſo ſah er ihn jetzt, und mit einer Stimme, die aus einer anderen Welt zu fommen ſchien, ſprach er zu ihm. — Lebe, Joſeph Brondini, lebe, um das Böſe aus zuführen wozu der Teufel Dich berief, oder um Dich zu Gott zu bekehren, wenn Du das vermagſt. Der Kranke erzitterte, aber es war vor Freude. Er ſollte leben, ſollte ſein Werk vollenden, dieſes Werk der Bosheit und der Finſterniß, hinter dem ihm Macht, Ehren und Würden wink⸗ ten. Es war ein wunderbares Gefühl der Hoffnung, das ihn durchsuckte auf einmal wichen ſeine Schmerzen, und beruhige ſchloß er ſeine Augen zu einer langen Bewufßtloſigkeit. ———— 66. Kapitel. 3 Der Spion. Wilhelm Friſchmuth trennte ſich in ziemlich vbdriehlicher Stimmung von ſeinem Freunde Heinrich Becker. — Wer weiß, ob und wann wir uns wiederſehen, ſagte er. Meine Wunden ſind vielleicht noch lange nicht heil, und doch wird mir jede Minute hier zur Ewigkeit. Ihr Andern könnt lachen, Ihr Sachſen vorzüglich, denn jetzt ſeid Ihr im Kampfe und könnt fortfahren, Euch auszuzeichnen. Sie ſagen, Euer Kronprinz iſt ein General, wie einer von unſeren beſten, und ich will es ſchon glauben, ſo ſoll ja auch der bayeriſche General von der Tann ein vorzüglicher Feldherr ſein. Nun, Gelegenheit, das zu beweiſen, wird ſich ſchon noch mehr finden. Wir ſind ja erſt um Anfang, 66 kommt noch beſſer. Wär ich nur erſt wieder dabei, ich muß ſchloſſern — 5 cht mir dickes Blut. r fechten, das müßige Herumlungern ma kriege die dummen 8 kommt mir ſelber komiſch vor, aber ich Gedanken nicht aus dem Kopfe, vorzüglich nicht an das hübſche Madchen na. ich erzähle Dir davon ein andermal. Und höre. Bruder, wenn Du dem Weißrock mit dem rothen Kreuz irgendwo begegneſt ſo nimm ihn auf's Korn, richtig iſt die Sache mit dem jedenfalls nicht. Becker reichte ihm herzlich die Hand. — Run gehab Dich wohl, alter Junge, ſagte er, und konnte faſt die Rührung nicht unterdrücken, Du haſt ja Deinen Schmiß weg, vielleicht trifft es Dich nun nicht mehr, aber ich, wer weiß. wo ſie mich einſcharren. — Pah, Unfinn, wer wird ſo etwas denken? Gute Nacht, Bruder Sachſe, beim Einzug in Paris ſehn wir uns wieder. Das waren die Worte, mit welchen ſich die beiden Freunde trennten. Heinrich Becker ging in ſein Quartier, um noch zur rechten Zeit beim Appell zu ſein, Friſchmuth ſchlenderte trübſeliger, als es ſonſt ſeine Art war, dem unweit gelegenen Lazareth z'. Da bemerkte er, daß viele Soldaten ſich zuſammendrängten, ihn kümmerte es weiter nicht, bis der Haufen ſich löſte und ein Mann unweit von ihm vorbeigeführt wurde. Zwei Soldaten hielten ihn an den Armen feſt, er war todtenbleich und zitterte am ganöen Leibe. Vielleicht ein Spion oder ein Dieb, dachte der Maſchinenbauer und zuckte doch plötzlich zuſammen, denn indem der Gefangene ſich umwandte, erblickte er ein ihm bekanntes Geſicht Seine erſte Bewegung war, dem Zuge zu folgen, um zu ſehen, um was es ſich handelte, da faßte plötzlich eine Hand ſeine Schulter. — Friſchmuth, Friſchmuth, ſind Sie es wirklich? — Gewiß, Herr Graf, aber da— haben Sie ihn ge⸗ ſehen? — Jo, er iſt es. Sie haben ihn alſo auch erkannt? — Was werde ich nicht? Solch ein Geſicht vergißt ſich nicht ſo leicht Aber was iſt mit ihm? — Weiß ich es? Jedenfalls ein Verbrechen. — Das müſſen wir wiſſen. Kommen Sie mit? Mt — 571— — Unter allen Umſtänden, aber Sie, Friſchmuth, Sie ſind verwundet? — Pah, das iſt nicht der Rede werth, obgleich es mich hier feſthält, während mein Regiment Gott weiß wo iſt. Da bringen ſie ihn zu dem Auditeur, es muß ſich um etwas Ernſtes handeln. — Aber wo ſind die Anderen, wo iſt das alte Weib? — In Metz vermuthe ich jetzt. Gehen Sie voran, Herr Graf, man wird Sie doch hinein laſſen. — Ja, aber folgen Sie mir. Das war ein unverhofftes Zuſammentreffen zwiſchen Wil⸗ helm Friſchmuth und dem Grafen Ottomar von Iſſelhorſt. Die⸗ ſer hatte ſich bei der Armee des General von Steinmetz wieder eingefunden und die blutigen Kämpfe von Metz mitgemacht. Es war dort herum ein weites Lager von Soldaten aller Truppengattungen, meiſtens Sachſen und Preußen, die gute Ka⸗ meradſchaft zuſammen hielten. Rings um auf allen Dörfern lagerten ſie und biwakirten auf den Feldern, ſtets in der Er⸗ wartung, daß die Kämpfe des vergangenen Tages ſich wieder erneuern ſollten. Metz, das wußte ein Jeder, rühmte ſich ſeiner Uneinnehmbarkeit, aber Niemand glaubte, daß ſich Bazaine und Leboeuf dort einſchließen würden, man erwartete einen neuen Ausfall und war ſicher, dann die Franzoſen total zu ſchlagen. Es lag ein Troſt in dieſem Gedanken, denn Alles drängte nach Pa⸗ ris hin, und kein Einziger hegte den Wunſch, ſich lange bei einer Belagerung aufzuhalten. Der General von Werder ſtand vor Straßburg und beſchoß die Stadt die mit Hartnäckigkeit verthei⸗ digt wurde, ſollte ſich ein ſolcher Fall hier ereignen, ſo war das ſicherlich Keinem erwünſcht, denn Alle beneideten diejenigen Trup⸗ pen, die zuerſt in die Hauptſtadt Frankreichs einziehen ſollten. Schon auf dem Marſche hatten ſich hier und da Lazarethe für die Verwundeten und Kranken gebildet, die ſich unmöglich fortbringen ließen, auch verpflegte man dort Diejenigen, welche Ausſicht hatten, bald wieder der Armee folgen zu können. Die Uebrigen ſchickte man nach Deutſchland zurück. Die Eiſenbahnen waren wie ſonſt von Truppenzügen ſo jetzt von Verwunde⸗ „——————————— — 572— ten beſetzt. Ueberall fanden ſie Erquickung, und in jedem Laza⸗ rethe die ſorgſamſte Aufnahme. Die Betten waren aufgeſchlagen, warme Speiſen waren bereitet, wo ſie nur anlangten, und dennoch wie ſchmerzlich waren oft dieſe Weiſen, wie tönte oft das jäm⸗ merliche Winſeln der Leidenden in das Geraſſel der Lokomotive hinein, noch lange nicht ſchnell genug ging für die von Schmerzen Gepeinigten, die ſich nach Ruhe ſehnten, ſowie für die im Ficber Liegenden, die nach einem kühlenden Trunk verlangten. In den Lazarethen, die ſich in Mars la Tour und andern nahe bei Metz befindlichen Orten befanden, war noch nicht Alles ſo, wie es ſein ſollte, es fehlte noch viel, um den Verwundeten die Erquickungen zu bieten, die ihnen erwünſcht, ja nothwendig ge⸗ weſen wären, denn die letzten Tage hatten eine Menge von Lei⸗ denden gemacht, die alle nach Hilfe verlangten. Da meldeten ſich die unbeſchäftigten Soldaten freiwillig zur Krankenpflege, ſie brachten oft von weit her Waſſer herbei, halfen in den Küchen, ſorgten für die Reinlichkeit und begruben Diejenigen, welche ihren Wunden erlagen. Auch Ottomar von Iſſelhorſt übte ſolche Lie⸗ besdienſte. Das war eine traurige Arbeit, aber ſie erhob durch das Bewußtſein, daß man dadurch den Kamcraden hülfreich ſei. Gab es jedoch wie eben jetzt, irgend etwas zu ſehen, ſo lief Alles herbei und freute ſich über die erwünſchte Zerſtreuung Es war ein alter Mann, welchen die Vorpoſten eingebracht hatten, er ſchlich ſich ängſtlich an ihnen vorbei, und ſeine fcharfen grauen Augen blickten unter den buſchigen Braunen ſcheu und ſchüchtern hervor. Auf die Fragen, die man an ihn richtete, wußte er keine beſtimmte Ausſage zu machen. Er kam aus Metz⸗ das gab er zu, weswegen? das mochte er nicht ſagen. Es gefil ihm da nicht, er fürchtete eine längere Belagerung und ſuchte für ſich und ſeine Familie nach einem paſſenderen Aufenthaltsort. Das klang ſehr unbeſtimmt und folglich ſehr verdächtig Deswegen ſchickten ihn die Vorpoſten in das Lager. Hier, von den Soldaten umringt, die geſchwärzt von Staub und Pulver⸗ dampf ſo recht wild ausſehen mochten, wurde der alte Mann im⸗ mer ängſtlicher, er ſchien das Böſeſte zu befürchten und zitterte mit gefalteten Händen. Doch that ihm Niemand etwas zu Leide. i 6 en nur daß er zu dem Auditeur geführt wurde, der ihn zu verhören hatte. Auch hier drängte ſich eine Menge von Neugierigen mit hinein, und das ohnehin niedrige und enge Zimmer wurde bald gedrückt voll. Als der Graf Ottomar von Iſſelhorſt vor dem Hauſe ankam konnte er kaum hindurch, ſo dicht war es belagert. Dennoch be⸗ zeugte man Reſpekt vor ſeinen Epauletten und ließ ihn vorbei, aber an der Thür hielt ihn die Schildwache auf. — Ich darf Niemand hineinlaſſen. — Dieſer Ulan und ich, antwortete Ottomar, wir glauben den Gefangenen zu kennen und wünſchen unſere Ausſage zu machen. — Ja das iſt etwas Anderes, meinte der Mann, dann ge⸗ hen Sie nur durch ſonſt Niemand. Damit waren alle diejenigen zurückgewieſen, welche gehofft hatten, ſich mit dem Artillerielieutenant und dem Ulan zuſammen einſchleichen au vonnen. Die Beiden etraten das Zimmer, in welchem der alte Mann verhört wurde Setzt ſahen ſie ihn zum zweiten Male, ganz recht, das war der Peter, der ihnen in dem Felſenſchloß in den Vogeſen das Gift hatte reichen wollen. Wo kam er her uno was war aus den Mädchen geworden? Er wurde gefragt ob er ein Bürger von Metz ſei. — O nein, verſetzte er wir haben hbisher auf dem Lande gelebt. — Und wo da? — In den Vogeſen. — Wie heißt der Ort? — Es war, es war ein Häuschen unweit von Wörth. Die Antwort kam etwas ſtockeno heraus. — Es war Schloß Falkenſtein, des Teufels Hauptquartier, flüſterte Wilhelm dem Lieutenant zu. — Still, antwortete oer reiſe um der Mädchen willen müſ⸗ ſen wir ihn ſchonen. — Wovon habt Ihr da gelebt? lautete das Verhör weiter. — Er wir hatten eine Kuh ein paar Hühner und einen Garten — Wie groß iſt Eure Familie? .—— E——— — — — b4— — Ich, mein Weib und zwei Töchter. — Verdammt hübſche Mädel, ergänzte Friſchmuth leiſe, vor⸗ züglich die mit den Grübchen in den Backen. — Und die befinden ſich in Metz? — Ja, aber ungern; ich wollte heraus zu kommen ſuchen. — Weswegen? — Weil die Offiziere den Mädchen nachſtellen. — Wie viel Soldaten befinden ſich in Metz? — Das weiß ich nicht, jedenfalls mehr, als mir lieb ſind. — Beſinnen Sie ſich! Es wird weſentlich von Ihren Aus⸗ ſagen abhängen, ob wir Sie freilaſſen oder nicht. — O, laſſen Sie mich frei, um die Frauen zu beſchützen, an mir ſelber liegt mir nichts. Glauben Sie mir, ich bin kein Spion und thue Niemand etwas zu Leide. — Das wiſſen wir beſſer, murmelte Friſchmuth. — Still doch! tomar, es handelt ſich um die Mädchen. — Sie waren Stadt, Sie müſſen wiſſen, wie viele Soldaten der Marſchall Bazaine hat. — Ich weiß die 3ht nicht, jedenfalls ſind es ſehr viele, wenigſtens hunderttauſend. Der Kaiſer hielt Revue ab. — Wie lange war der Kaiſer da? — Bis kurz nach dem Treffen von Pange, dann reiſte er heimlich und eilig ab. — War er beliebt? — Man hatte keine andere Hoffnung, als auf ihn. — Und wohin denken Sie Ihre Familie zu führen? — Ich wollte dahin zurück, woher wir gekommen ſind. Wir glaubten, die Vogeſen ſeien jetzt von Truppen geräumt. — Das iſt ein Irrthum. — So ſchicken Sie mich nach Metz zurück. — Um dort Ausſagen über unſere Heeresſtärke zu machen? — Ach, was ſollen die armen Kinder anfangen ohne mich? — Das iſt ihre Sache. Der Mann bleibt hier und wird bewacht. Dieſe letzten Worte waren an die Soldaten gerichtet. Peter ſchüttelte trauervoll den Kopf und folgte langſam dem Unteroffi⸗ vor⸗ n. us⸗ an ion hen. iele iele, e er Bir en wird ßeter rofj⸗ ich? — d— bier der ihn in das Gewahrſam zu bringen hatte Die Uebrigen verliefen ſich nach allen Seiten hin, die Meiſten hegten Mitleid mit dem alten Mann, deſſen Miene nicht ohne Würde war. Friſchmuth ging neben dem Artillerie⸗Lieutenant her. — Da find wir ſchön klug geworden, ſagte er. — Warum nicht? Wir wiſſen jedenfalls, wo ſie ſind, ver⸗ ſetzte Ottomar. — Ja, und daß die franzöſiſchen Offiziere ihnen nachſtellen. — Es iſt zum Verzweifeln. Wiſſen Sie, Friſchmuth, wir müſſen mit dem Manne ſprechen. — Meinen Sie, die Beſtie wird zahm ſein, ſeitdem ſie ge⸗ fangen iſt? Ich glaube das Gegentheil. — Dennoch müſſen wir es verſuchen. Ich will mit dem Offizier ſprechen, der ihn zu bewachen hat. Das that er, und es wurde ihm ni cht ſchwer, ſich den Ein⸗ laß zu Peter Godard zu verſchaffe ſaß trübſelig allein. Von dem Eſſen, welches man ihm war n wenig ver⸗ zehrt, offenbar quälten ihn drückende Sorgen, und ſein ſchweres Haupt war in die Hand geſenkt. — Guten Abend, Peter, kennen Sie mich noch? fragte der Lieutenant, indem er zu ihm trat. Peter blickte empor, ſein Geſicht erhellte ſich nicht. Von dieſen beiden Männern war er bei einem Vergiftungsverſuch er⸗ tappt worden, was durfte er von ihnen Gutes hoffen? Dennoch grüßte er ſie, aber fremd und kalt. — Das war ſchön da oben in dem Schloſſe Falkenſtein, fuhr Ottomar fort und ließ ſich dem Gefangenen gegenüber auf einen Schemel uieder. Peter ſeufzte. Jetzt ſah er, daß ſein früherer Aufenthalt verrathen war. Was ſollte er beginnen? Drinnen in Metz war ihm das Leben zur Hölle geworden. Gewöhnt an Einſamkeit und Ruhe, ſah er ſich plötzlich in das wildeſte Treiben hinaus⸗ geſchleudert. Die Mädchen, die ihm und Madelon auf die Seele gebunden waren, ließen ſich nicht mehr behüten. Die franzö⸗ ſiſchen Offiziere waren einmal auf ihre Schönheit aufmerkſam geworden und beläſtigten ſie mit ihren Zudringlichkeiten, vorzü glich — 576— war es der Graf von Bellegarde, der nicht abließ, ſie zu verfol⸗ gen. Andererſeits drängte ihnen Liſette ihre Freundſchaft auf, die ſie nicht zurückweiſen konnten weil ſie dem liederlichen Mädchen Dankbarkeit ſchuldig waren. Gezwungen hatten ſie den Ball be⸗ ſucht, welchen die Stadt den Offizieren gab, ſie waren unter den ſchönen Damen die ſchönſten geweſen, ſie hatte man vor Allen aus⸗ gezeichnet. Zwar konnten ſie nicht tanzen, aber ſie ſahen ſich ſchnel die Schritte ab und fanden ein unendliches Vergnügen daran, ſich in dem Takte der Muſik zu wiegen, während Madelon für ihre Schützlinge zitterte und bebte. Aber als die Herren genug Wein getrunken hatten, fingen ſie an Reden zu führen, die Beate und Betty nicht verſtanden, und bei denen ſie doch errötheten, ohne zu wiſſen warum. Da preßte der eine zärtliche Küſſe auf Beaten's Hand, da ſchloß der Andere ſeinen Arm in glühender Zärtlichkeit um Betty's ſchlanken Wuchs, den Mädchen wurde bange um das Herz, ſie fingen an zu zittern und ſich fort zu ſehnen. Vergeblich ſuchten die Herren ſie zum Trinken zu nöthigen, ſie berührten das Glas nur mit den Lippen, war ihnen doch ohnedies heiß genug. Der Graf Hektor von Bellegarde trieb ſeine Werbung ſo weit, daß Liſette anfing ernſtlich eiferſüchtig zu werden, und war taktlos genug, ihrem Liebhaber Vorwürfe darüber zu machen. Dieſer wies ſie mit ſchroffen Worten von ſich. Da wandte ſie ſich an die beiden Mädchen und kündigte ihnen laut ihre Freund⸗ ſchaft auf. — Geht, Ihr Zierpuppen, ſagte ſie mit ſchriller Stimme, daß alle Umherſtehenden es hören konnten. Ich weiß was ich bin und achte mich nicht höher, als ich geachtet werden muß, aber niemals werde ich einem armen Mädchen den Verdienſt weg⸗ nehmen, wie Ihr es thut. O das nennt man anſtändig ſein das rümpft wohl das Näschen über ſo Eine, wie ich bin, und iſt ſo kokett, und wirft mit ſüßen Blicken um ſich, bis an jedem Finger Einer hängen bleibt. Pfui über die Tugend, ich bin ein dreiſtes Mädchen und ſage es frei heraus, wer ich bin, aber Ihr, ihr thut, als ob Ihr vom Himmel gefallen wäret, und habt es doch hinter den Ohren! — 577— o l⸗ So ging es weiter mit Anklagen und Verleumdungen. Di⸗ armen Kinder hätten vor Scham in die Erde ſinken mögen. Da hen ſprang der Graf von Bellegarde vor ſie hin. — Fort mit Dir, Du Katze! nief er Liſetten zu, pack Dich aus meinen Augen, zwiſchen uns giebt es keine Freundſchaft mehr, und daß Du Dich nie wieder in meinem Hauſe ſehen läßt, bis Du dieſe Damen auf Deinen Knieen um Verzeihung gebeten haſtt Liſette warf den Kopf in den Nacken, aber ſie ging davon und trank ſo viel Champagner, wie ihr die Offiziere einſchenkten. Dafür erzählte ſie ihnen, wie ſie die beiden Fräulein in dem Zim⸗ gen mer des Grafen Hektor von Bellegarde gefunden hatte und wußte den, die Angſt der armen Mädchen ſo drollig nachzuahmen, daß ſich Da die Lacher auf ihre Seite wandten, und Beate und Betty mit der gar ſeltſamen und mißtrauiſchen Blicken betrachtet, von den Da⸗ nen men des Bürgerſtandes aber völlig geflohen wurden an Sie dankten Gott als es ihnen endlich geſtattet war, ven ren Ball zu verlaſſen, aber auch jetzt verfolgte ſie der Graf mit den Schmeicheleien und Bitten bis ſich Beate an Madelons. Betty an Peters Arm hing und ſchnell entfloh. weit Von dieſer Zeit an fühlten ſie ſich nicht mehr ſiher in Metz, war einſamer noch als in dem Felſenſchloſſe der Vogeſen, ſaßen ſie in hen. einem Hinterſtübchen und zitterten vei dem Kanonendonner der ſfolgenden Tage. Die Thore der Stadt hatten ſich geöffnet, um und⸗ verſprengte Flüchtlinge hinein zu laſſen Dies benutzte Petet. Er wollte ſehen, ob es möglich wäre, durch di⸗ feindliche Armee hin- daeß, durch bis nach dem Elſaß zu gelangen und von dort vielleicht in bin die Schweiz zu entkommen. Aber eein Plan mißlang. Man hielt aber ihn für einen Spion, man nahm ihn gefangen, er ſollte Dinge weg⸗ ausſagen, die er nicht wußte und um die er ſich niemals befüm⸗ ſein mert hatte, denn was ging ihn die Stäcke des Bazaineſchen und Heeres die Menge der Kanonen an. dem So war er denn bis in dieſes Gefängniß gekommen, ohne Hoffnung, es zu verlaſſen Vielleicht zogen die Deutſchen weiter Ihr und ſchleppten ihn mit ſich, vielleicht betrachteten ſie ihn als Spion eund ſchoſſen ihn todt.. es waren traurige Gedanken in wel⸗ D. V. 37 —,————— 5* —— — 578— chen die beiden jungen Männer ihn unterbrachen. Und nun, zum Ende alles Unglücks, erſchienen dieſe Beiden, die von dem Felſen⸗ ſchloſſe wußten. Wenn ſie ausſagten, wo ſie ihn zuerſt getroffen hatten, wenn ſie bezeugten, daß er ſie hatte vergiften wollen, ſo war er verloren, und Madelon blieb mit den Mädchen ſchutz⸗ los zurück. Er hatte ſich ſo lange von der Welt entwöhnt, daß er faſt ſchüchtern geworden war, und keine Antwort auf des Lieutenants Anrede zu finden vermochte. Dieſer aber ſchlug ihm treuherzig auf die Schulter. — He alter Mann, ſagte er, nur nicht den Kopf hängen laſſen! Wir Deutſche thun ſo leicht Keinem ein Unrecht an, es wird auch mit Euch nicht ſo ſchlimm werden. — und überdies, fügte Wilhelm hinzu, könntet Ihr Euch aus uns gute Freunde machen. — Nun ja, lachte der Maſchinenbauer. Was droben vor⸗ fiel, ſoll vergeſſen ſein wenn Ihr wollt, wir bekümmern uns nicht um Euch und um Euer Weib⸗ aber die beiden ſchönen Kin⸗ der, die Ihr bei Euch verberget, damit jetzt die Herren Rothhoſen ihr Spiel mit ihnen treiben, die thun uns leid, und wir möchten ſie wohl aus Metz erretten, wenn es anginge. Peter warf einen ſcheuen Blick auf den Sprecher. Er fürchtete die Theilnahme der Deutſchen noch viel mehr als die Zudringlichkeit ſeiner eigenen Landsleute. Störriſch ſchwieg er. — Sind es Eure Töchter? fragte Ottomar. — Das kümmert Niemand, war die trotzige Antwort. — Alter Freund, wir meinen es gut, fuhr der Lieutenant fort, wir möchten Euch und dir jungen Damen retten, bedenkt das wohl. — Laßt mich in Ruhe, wies Peter ihn zurück. Was liegt an mir? die Mädchen nun, für die laſſe ich Madelon ſorgen. — Kann Madelon allein ſie gegen die Offüziere ſchützen? fragte der junge Mann mit Beſorgniß. — Sie kann ſie ſchützen, und wäre es am Ende nur, in⸗ dem ſie ſie tödtete, ſprach Peter. n vor⸗ 1uns Kin⸗ hoſen nöchten Er s die ger tenant bedenkt 6 liegt ſudelon davon — — Das iſt ſchauderhaft! rief Ottomar, aber Friſchmuth ſchlug ſich auf das Bein. — Fange mir Einer was mit dieſem Teufelspack an! rief er. Mord, Gift und Dolch, das iſt bei ihnen ſo gang und gäbe, als ob unſer Eins ſich eine Cigarre anſteckt. Aber laß uns nur erſt in Metz ſein, altes Kameel, da holen wir uns die Dirnen ſelber, und Du ſollſt ſehen, daß wir ſie gegen Deine zärtliche Vater⸗ oder Großvaterliebe zu ſchützen wiſſen. — Nein, ſeid vernünftig, bat Ottomar. Wir können Euch helfen von hier fortzukommen, nur redet offen zu uns. — Ihr mir helfen, lachte Peter auf. Geht, Ihr ſeid falſch wie Katzen. Metz hat die Thore wieder geſchloſſen, ich weiß es, Ihr helft mir nicht hinein. — Doch, verſetzte der Lieutenant, wenn wir ſelbſt hinein⸗ kommen. — Das hat gute Wege, Ihr könnt lange warten, bis ſich die jungfräuliche Feſtung ergiebt, und ſo wahr ich nicht dem Teufer ſondern Gott diene, nicht eher ſollt ihr die Mädchen zu ſehen be⸗ fommen. Die beiden Männer ſahen, daß mit dem ſtörriſchen Alten nichts anzufangen war Sie gingen ziemlich kleinlaut von dannen und trennten ſich mit traurigem Händedruck, denn einem Jedem lag das Schickſal der Mädchen am Herzen. Doch hatten ſie ſich verabredet, ſich am nächſten Morgen wieder zu finden, um zu ver⸗ nehmen, welches Urtheil über Peter geſprochen werde. Als ſie je⸗ doch zu dem Hauſe kamen, in welchem er gefangen gehalten wor⸗ den war fanden ſie die Wache in großer Aufregung, denn auf die wunderbarſte Weiſe, Allen unerklärlich, war der Spion entflohen. — Und da behauptet er noch, dem Herrgott und nicht dem Teufel zu dienen! ſagte Wilhelm Friſchmuth und ging ärgerlich 67. Kapitel. Die Einſchließung von Metz. Sechshundert und ſechsundzwanzig Offiziere und mehr als ſiebenzehntauſend neunhundert Mann von der deutſchen Armee — o das war viel edles Blut, das die Fluren bei Mars la Tour und Gravelotte gedüngt hat. Welch einen Anblick bot dieſes Schlacht⸗ feld dar! Leiche bei Leiche, Verwundete neben Sterbenden.. ſo war die ganze Gegend bedeckt, gepflaſtert mit menſchlichen Kör⸗ pern und verendenden Pferden und Maulthieren. Und dennoch war es nicht genug des Blutvergießens. Es waren Wunder der Tapferkeit geſchehen, und dennoch ſollten ſie noch übertroffen werden. Die Stabswache des Marſchall Bazaine war über den Haufen geritten worden, ſeine Verluſte übertrafen die der Deut⸗ ſchen wenigſtens um das Doppelte, und dennoch verzweifelte er nicht. Iſt es zu glauben, daß man ſich in Paris dieſe für unſere Waffen ſo glorreichen Schlachten als Sieg anrechnete daß man Fah⸗ nen zu den Fenſtern hinaushing und aufjubelte, weil der tap⸗ fere Bazaine, der Liebling der Armee, der würdige Anführer, der lorbeergekrönte Held die Deutſchen beſiegt habe, um ſich zu Mac WMahon, durchzuſchlagen, was nur noch nicht genug gelungen war, und mit ihm vereint einen entſcheidenden Handſtreich auszuführen. Die ſächſiſchen und preußiſchen Truppen biwakirten wie wir es bereits geſagt haben, auf dem Schlachtfelde. Von dem Gewimmer rings umher läßt ſich keine Schilderung machen, ſolche Töne prã⸗ gen ſich Demjenigen, der ſie einmal gehört hat, tief und unaus⸗ löſchlich in das Gedächtniß ein. Aber es gab ein Mittel, die Lei⸗ denden zu ſtärken, und dieſes Mittel beſtand darin, daß man ih⸗ „ nen von den Siegen und von den Heldenthaten der Waffenbrü⸗ der erzählte. Solcher Heldenthaten gab es ſo viele, daß auch noch an den folgenden Tagen das Geſpräch darüber nicht ausging. Da — — als mee Tour lacht⸗ moch r der tofen den Deut⸗ Ue e unſere Fah⸗ tah⸗ r der E hren. vir es immer e pri⸗ unau⸗ di Lei⸗ an ih⸗ enbri⸗ och an do — 581— hörte man von den weißen Küraſſieren, die Franzoſen nannten ſie die Küraſſiere des Herrn von Bismarck, weil er gewöhnlich ihre Uniform trug. Mitten unter dem ſtärkſten Granaten⸗ und Kartätſchenfeuer hatten ſie mit einer Unerſchrockenheit ſonder Gleichen gefochten, ein braber Offizier, von Campbell iſt ſein Name, entreißt einem der franzöſiſchen Standartenträger den kaiſerlichen Adler, da fährt ihm eine Kugel durch die Hand, und das eroberte Feldzeichen entſinkt ihm. Aber ſogleich wird es von einem Zweiten ergriffen— ein feindliches Geſchoß fährt ihm durch die Bruft. Da ſpringt ein Dritter hinzu und ergreift die ver⸗ goldete Stange, er hält ſie feſt, aber nun bricht das Feuer auch auf der anderen Seite los, die braven Küraſſiere mußten weichen oder unterliegen, doch nein, es giebt ein Drittes, und das iſt es was ſie erwählen. Alles vor ſich niederſtechend und hauend ſchlagen ſie ſich durch, es fallen Viele, Manche werden gefangen, weil ihnen das Pferd unter dem Leibe zufammenbricht. Die Mehrzahl der Offiziere iſt verwundet, das Opfer iſt groß, aber groß auch der Erfolg. Betroffen von ſo vielem Helden⸗ muth, erſchrocken, verwirrt weichen die Feinde, Infanteriemaſſen dringen in die von den Küraſſieren geriſſenen Lücken, zerſtören die feindliche Schlachtordnung und bringen den Franzoſen furcht⸗ bare Verluſte bei. Ueberhaupt hatte die Kavallerie einen großen Antheil an dem Siege. Wild wie ein Wirbelwind ſprengte ſie mitten in den Regen der Kartätſchen und Mitrailleuſen, Sattel auf Sattel leert ſich, das Blut fließt in Strömen, die Reiter keu⸗ chen und ſchwitzen, von unten bis oben ſind ſie mit Blut, mit Fleiſchfetzen, mit Gehirnmaſſe beſpritzt, was iſt es, das ſo heiß über ihre Wangen rinnt, iſt's eine Thräne? Nein, Thränen wer⸗ den fließen, wenn man vernimmt, wie ſich die weißen und bunten Uniformen roth färbten mit Blut, wie die Fähnlein der Ulanen⸗ lanzen troffen, wie die Leute unkenntlich waren durch den war⸗ men Lebensſaft, der ihnen Stirne und Wangen überſpritzte. Hier fällt ein Offizier vom Pferde, feine Leute fangen ihn in ihren Armen auf, aber wer hat Zeit, ſich mit ihm zu befaſſen? Da nimmt ihn Einer vor ſich auf ſein Pferd und geleitet ihn an einen ruhigeren Ort und bettet ihn, ſo gut es geht. —.—— 1* ——————— 1 — 582— Ftur Glbuld, wir find bald fertig dann hole ich Sie. — Schon gut, mein Sohn, denkt nicht an mich, fahrt nur ſo fort. Ein Anderer nimmt für ihn das Commando, doch auch er fällt hin, da kommt ein Dritter, Vierter, Fünfter, endlich führt ein blutjunger Lieutenant den Zug, aber es geht darum nicht weniger kräftig ins Feuer, die Truppen haben ja ihre Offiziere zu rächen. O, der Marſchall Bazaine wird an die Tage von Mars la Tour und Gravelotte denken, in denen die Kerntruppen der fran⸗ zöſiſchen Armee aus den feſteſten Stellungen der Welt nach Metz zurückgeworfen wurden und jeden Ausweg auf Chalons und Paris zu verloren. Gleich einem eiſernen Ringe ſchloſſen ſich die deutſchen Trup⸗ pen um Metz⸗ unentrinnbar ward Bazaine mit ſeiner zahlreichen Armee in dem großen Waffenplatze feſtgehalten, und ob er auch ſeinen Soldaten mit der Hoffnung ſchmeichelte, durch einen ſtür⸗ miſchen Ausfall die deutſche Linie durchbrechen und ſomit der Zer⸗ nirung entgehen zu können, ſo wußten doch die deutſchen Heer⸗ führer und vielleicht er ſelbſt, welches Schickſal ſeiner und ſeiner Armee harrte, ein Geſchick, das wohl hingehalten aber nicht ver⸗ mieden werden konnte. Als Wilhelm Friſchmuth ſich in das Lazareth zurückbegab, welches jetzt voll von Verwundeten lag, trat ihm Maria Fiſcher in großer Aufregung entgegen. — Was iſt los? fragte er, iſt Arthur kränker geworden? — O nein, verſetzte ſie, es geht gut mit dem Knaben, aber ich muß fort. — Wohin, Sie, die hier Allen ein Troſt iſt? Rein, Sie müſ⸗ ſen hier bleiben! rief der Maſchinenbauer und legte ſeine ſtarke Hand auf ihre kleine und zarte Rechte — Wie gerne bliebe ich⸗ ſeufzte ſie, aber ich darf nicht. So⸗ eben ließ mich der Oberarzt zu ſich rufen und kündigte mir an, daß ich ſogleich der Armee des Kronprinzen zu folgen habe. — Das iſt ja ſchauderhaft, brach Wilhelm los. Wie wollen Sie es denn anfangen, allein durch ein Land zu reiſen, das voll von Soldaten iſt? Zwar unſere Leute werden Ihnen nichts anhaben, nur ein iger en. 6 la ran⸗ Metz aris tup⸗ ichen auch ſir Zet⸗ Ner⸗ ſeiner t vet⸗ egobe iſcher 7 aber miſ⸗ ſtarle So⸗ ir an, wollen 5 voll haben — aber dieſe Schwefelbande, die Franzoſen, ſind den Teufel nichts werth, und wenn ſie ein Frauenzimmer zu ſehen bekommen.. — Es iſt mir nicht um meinetwillen, verſetzte Gabriele, ich fürchte keine Gefahren, und außerdem werde ich nicht ohne Schutz zu reiſen brauchen, aber Richard wurde hier nur geduldet, weil ich für ſeinen Unterhalt ſorgte. Jetzt, wo das Lazareth über⸗ füllt iſt, wird man den geſunden und kräftigen Knaben nicht länger hier laſſen. Was aber ſoll aus ihm werden, wenn er ſich von Arthur trennen muß, und wenn Niemand da iſt, der ſich ſchützend des armen Kindes annimmt? — Da haben Sie Recht, daran dachte ich nicht, ſagte Friſch⸗ muth kopfſchüttelnd. Aber was iſt da zu machen? Arthur iſt noch zu krank, um fortgebracht zu werden. — Friſchmuth, ſagte die Fürſtin, und ergriff ſeine Hand, Sie haben die Kinder gerettet, Ihnen verdanken ſie das Leben, wollen Sie ihnen Vater ſein, bis ich im Stande bin, ſie ihrer Mutter zurückzugeben? — Ja das wollte ich ſchon, meinte Wilhelm und kratzte ſich hinter dem Ohr, aber ich bin ja nicht frei. In ein paar Tagen denke ich wieder zur Armee zu gehen, dann treffen wir uns viel⸗ leicht wieder. Das Beſte wäre ſchon, Sie bäten um Erlaubniß, noch eine Woche hierbleiben zu dürfen, bis dahin iſt Arthur wohl ſchon beſſer und kann die Reiſe machen, dann gehen wir alle zu⸗ ſammen fort. — Ach freilich, verſetzte die Fürſtin, es wäre mir ein Troſt, Arthurs Geneſung abwarten zu dürfen, aber die Herren Johan⸗ niterritter beſtimmen, wer in den verſchiedenen Lazarethen dienen ſoll, und wir müſſen gehorchen gleich den Soldaten. — Wie wäre es, wenn Sie ſich krank ſtellten? fragte er. — Babe ich ein Recht zu lügen? — Pah, eine Nothlüge. — Es iſt doch immer gelogen. — Aber was fangen wir denn an? Reden Sie noch einmal mit dem Oberarzt, er weiß ja, was er an Ihnen hat, er wird Ihnen ſolch einen einfachen Wunſch nicht abſchlagen. — Ich will es thun, aber ich weiß, es wird vergeblich ſein. — 584— Sie täuſchte ſich nicht. Die Kriegsgeſetze ſind ſtreng, ſie verlagen den äußerſten Gehorſam. Maria Fiſcher ſollte im Lazareth durch eine andere Perſönlichkeit erſetzt werden. Es hatten ſich viele junge Männer aus den beſten Familien Deutſchlands zum Laza⸗ rethdienſte gemeldet, meiſt angehende Mediziner, Studenten aller Art, und alle waren begeiſtert für ihre Sache. Nun glaubte man, die höchſt anſtrengende Pflege der Schwerverwundeten ſei für Frauen zu ſchwierig, und gerade hier, wo die Leiden oft herzzer⸗ reißender Art waren, hatten manche der Frauen ſich wirklich ſchwach gezeigt, ſie ſollten deßhalb alle und ſchleunigſt durch Männer er⸗ ſetzt werden, und deswegen mußte Maria Fiſcher fort, ſo ungern der Oberarzt ſie auch entbehrte, ſo ſchmerzlich die Kranken ihr mildes Weſen, ihre troſtreichen Reden auch vermißten. Es ging ein Wagen voll Leichtverwundeter, die wieder dienſt⸗ tauglich geworden waren, zur Armee des Kronprinzen ab, ihnen gab man einen anderen Wagen mit, in welchem ſich die Kran⸗ kenpflegerinnen befanden. Der Abſchied, welchen die Fürſtin von den Kranken nahm, war überaus rührend; ſo Manchem war ſie im Leben der letzte Troſt geweſen. Aber weit ſchmerzlicher noch war ihre Trennung von den beiden Knaben. Wilhelm Friſchmuth ſtand dabei, als ſie Arthur immer und immer wieder umarmte. Ach, wer konnte den armen Jungen beſſer pflegen, als ſie ſelbſt, weſſen Hand war zarter und leichter, wenn es galt, den Verband zu löſen und wieder neu anzulegen? Jetzt zeigte ſie dem Maſchinenbauer, wie er es zu machen hatte, denn nur ihm allein wollte ſie das Kind überlaſſen. Wilhelm Friſchmuth machte ein ſehr trauriges Geſicht. Er empfand für Maria Fiſcher eine Ehrfurcht und Zuneigung, die er ſich ſelber kaum zu erklären vermochte, für ihn war ſie ein Weſen höherer Art, er hätte es nicht gewagt, ein leichtferuges Wort in ihrer Ge⸗ genwart zu ſagen, es ſchien ihm, als ſei Alles geheiligt, was ſie berührte, Alles gut, was ſie that. Jetzt ſchmerzte es ihn tief, daß er ihre wohlthuende Nähe entbehren ſollte. Die Sorge für die Knaben hätte er gerne über⸗ nommen, aber er war unfähig für ſie zu thun, was er o gern en für het ter e⸗ ſie h ber⸗ ern —— — 585— gethan hätte. Ihn feſſelte der Dienſt. Mußte er fort, was wurde aus Arthur, was aus Richard? Das Lazareth war ſo voll, es fehlte ſo ſehr an Platz, daß man die Leichtverwundeten ſo ſchnell wie nur möglich fortſchaffte, ſo konnte es ihm an jedem Tage gehen, denn ſeine Wunde heilte raſch, weil er jung und kräftig war und ſein Blut nicht durch liederlichen Lebenswandel verdorben hatte. Das wäre ihm anfangs ſehr erwünſcht geweſen, jetzt ärgerte es ihn faſt, daß er früher geſund ſein ſollte als Arthur. Traurig begleitete er Maria Fiſcher bis zu dem Wagen. — Ich bitte Sie recht ſich der Kinder zu erbarmen, ſagte ſie zu ihm, ich weiß, Sie werden für ſie thun, was in Ihren Kräften ſteht! Gott gebe uns ein frohes Wiederſehen. Damit ſtieg ſie auf den Wagen. Von da aus reichte ſie ihm noch einmal die Hand. Er wußte ſelbſt nicht, wie es kam, daß er dieſe Hand an ſeine Lippen drückte und daß er eine Thräne in ſeinen Augen fühlte. Lange. ſah er dem Wagen nach, bis auch der Staub, welchen er aufgewirbelt hatte, verſchwand. Richard nahm er zu ſich auf ſein Zimmer, den ganzen Tag über ſaß er bei Arthur und pflegte ihn, kaum daß er einmal vor die Thür trat, um friſche Luft zu ſchöpfen. Was er erwartet hatte, geſchah ſchon am zweiten Tage. Es wurde ihm angezeigt, ſeine Wunde ſei ſo gut in der Heilung begriffen, daß er getroſt ab⸗ reiſen könne. Der Ulan Wilhelm Friſchmuth fluchte nicht wenig und mußte doch gehorchen. Er ging zunächſt zu ſeiner Schecke, die er in der Nähe bei einem Bauern untergebracht hatte, und überführte ſich davon, daß ſie wohlauf ſei. Dann lief er hinüber nach Cour⸗ celles, um den Lieutenant Grafen Ottomar von Iſſelhorſt zu ſu⸗ chen. Es dauerte lange, bis er ihn fand, die Truppen ſchloſſen ſich immer enger um Metz, die Artillerie, zu welcher Ottomar ge⸗ hörte, wurde mehr vorgeſchoben, denn das Bombardement konnte alle Tage beginnen, ſo waren die beiden guten Kameraden ziemlich weit auseinander gekommen. Endlich gelang es dem Ulanen, den Lieutenant zu finden, als er grade mit ſeinen Kameraden beim X —— — 586— Kartenſpiel ſaß. Friſchmuth machte die Honneurs vor ihm, er aber ſprang empor. — Ah, Sie hier, ſuchen Sie mich?— — Zu Befehl, Herr Graf, ich wünſchte Sie zu ſprechen, verſetzte der Ulan, und legte die Finger an den Tſchacko. — Gut, ich komme, ſagte Ottomar, gab die Karten einem anderen Offizier und eilte zu Wilhelm— Was giebt es, fragte er eifrig, haben Sie etwas von den Mädchen entdeckt? — Nicht die Spur, Herr Graf. — Oder von dem Entflohenen? — Habe kaum noch an ihn gedacht. Es iſt etwas Anderes, was mir auf der Seele liegt. — Nun alſo was? — Herr Graf, möchten Sie nicht ein Kind haben? Ottomar lachte hell auf. — Oder lieber zwei? fuhr Wilhelm zu fragen fort. — Weiter fehlte mir nichts! rief der Lieutenant und lachte noch mehr. — Lachen Sie nicht, Herr Graf, die Sache iſt ernſthaft. Ich gehe morgen früh zu meinem Regiment. — Ah, das iſt mir lieb⸗ da werde ich Ihnen einen Brief an meinen Bruder Reinhold mitgeben, der jetzt wieder bei der Armee des Kronprinzen iſt, der gute Junge hat ſo lange Nichts von mir gehört“ — Ja, Herr Graf. aber die Kinder, ich kann Ihnen nicht helfen, Sie müſſen die Kinder nehmen. — Muß ich? Nun das iſt ſchlimm, ein Lieutenant als Amme.. aber ernſthaft, Friſchmuth, was iſt es mit den Kindern? Die Frage kam dem Maſchinenbauer gelegen, er erzählte die ganze Geſchichte und ſchilderte das Elend der beiden Jungen, die er halbverhungert gefunden hatte, ſchilderte den Kampf mit der alten Margot und den heimtückiſchen Bauern und ſchloß damit, daß er Ottomar bat, Richard zu ſich zu nehmen und da⸗ für zu ſorgen, daß die beiden Knaben, wenn Arthur wieder her⸗ ) — 587— geſtellt ſei, ihm nachgeſchickt würden, damit er ſie Maria Fſcher zu überliefern vermöchte. Dieſem Verlangen konnte der junge Graf nicht widerſtehen, denn lebhaft intereſſirte ihn Alles, was Wilhelm ihm erzählt hatte. — Ich beſitze zwar nur ein höchſt elendes Quartier, ſagte er indeſſen bin ich gern bereit, es mit den Knaben zu theilen, der mag dann ſelber nach feinem Bruder ſehen, für den ſich wohl nichts thun läßt, ſo lange er ſich noch unter den Händen der Aerzte befindet. Iſt er geneſen, ſo ſchreibe ich es Ihnen, und eine Gelegenheit, die Jungen ſicher nach Paris zu befördern, wird ſich leicht finden, wenn Ihr Glücklichen dann ſelber dort ſeid, indeſſen wir uns hier an Metz und ſeinen Feſtungswerken die Zähne ausbeißen. Wilhelm athmete freier auf, wußte er doch nun die Knaben geborgen. — Sie beneiden uns, ſagte Wilhelm mit wiedergewonnener geter Laune, und haben doch beſſere Ausſichten als ich. Da hin⸗ ter den Mauern und Thürmen von Metz ſitzen unſere beiden ſü⸗ ßen kleinen Elſäßer Mädchen, wenn die Feſtung erſtürmt iſt, ge⸗ hen Sie ganz bequem hin und holen ſich die Eine heraus, wäh⸗ rend ich nicht weiß, ob ich die Andere jemals wieder ſehen werde. So geht es im Kriege, hier die Liebe, da der Haß, hier möchte man küſſen, da muß man morden, hier lieber gleich Hochzeit ma⸗ chen, da vielleicht in's Gras beißen! — Beruhigen Sie ſich, lachte der Graf, wenn ich die Mad⸗ chen eher ſehen ſollte, als Sie, ſo will ich Ihr Freiwerber ſein, und am Ende ſchlägt Sie die Kleine nicht aus. — Das thut Sie doch, ereiferte ſich der Maſchinenbauer, und um ſo mehr, wenn Sie ihrer Schweſter den Hof machen. Denken Sie doch, die Eine ſollte einen Grafen zum Anbeter ha⸗ ben, und die Andere ſich mit einem einfachen Handwerker begnü⸗ gen wäre das wohl möglich? — Aber der einfache Handwerker kann heirathen, wen er will, meinte Ottomar, indem er ernſter wurde, während der Graf tauſenderlei Standesvorurtheile zu bekämpfen hat. Indeſſen iſt es unnütz ſich darüber ſchon ietzt den Kovpf zu zerbrechen. —— —— — Ja wahrhaftig, ſchloß Friſchmuth, vorzüglich⸗ da man nicht weiß, wie ſich die Mädchen zu den franzöſiſchen Offizieren ſtellen. Donnerwetter, mir ſteigt das Blut in die Stirn, ſo oft ich an die frechen Hallunken denke! Nun gute Nacht, Herr Graf, morgen mit dem Früheſten trabe ich davon. Meine Schecke wird Augen machen, für die iſt die faule Zeit vorbei. — und auch für Sie, meinte Ottomar und reichte ihm die Hand. Werden Ihre Wunden Sie nicht am Kämpfen hindern? — Na, man beißt die Zähne zuſammen, ſo muß es gehen. Gute Nacht und ſorgen Sie nur für die Jungen! So trennten ſie ſich wie alte treue Freunde. Gefahren und Abenteuer bringen die Menſchen ſchnell zuſammen. Am andern Morgen nahm Wilhelm ſchnellen Abſchied von Arthur und Ri⸗ chard, er wollte ſich nicht weich machen und ſtellte ſich deswegen härter, als er war, ein paar Kameraden begleiteten ihn, die Einen auf Leiterwagen, die Andern zu Pferde. Sonderbar, ihr Geplauder war ihm heute faſt unleidlich. Er guckte ſich die Fe⸗ ſtungswerke von Metz an, ſo lange er ſie ſehen konnte, dann gab er ſeiner Schecke einen leichten Schlag und trabte den Uebri⸗ genj voraus. Hier in der waldigen Gegend ſtiegen ihm alte Erinnerungen auf. Der Weg führte ihn durch daſſelbe zerſchoſſene und ver⸗ brannte Dorf, in welchem er den Kampf mit der alten Margot und ihren Kumpanen beſtanden hatte. Sollte die alte Marketen⸗ derin da noch hauſen? Vorſichtigerweiſe zog er ſeinen Revolver heraus und lud ihn, dann verſuchte er, ob der Säbel loſe genug in der Scheide ſaß, und ob die Lanze noch ſpitz genug war. Als er Alles in Ordnung fand, betrachtete er die verfalle⸗ nen Hütten und erkannte die, in welcher der arme Arthur von Margot verwundet worden war. — Sie ſoll mir nicht zum zweiten Male begegnen, brummte er in ſeinen Bart hinein, wir kämpfen zwar nicht mit Frauenzim⸗ mern, aber der alten Hexe den Garaus zu machen, das kann un⸗ möglich unrecht ſein. Das Dorf ſah öde aus. und dennoch beſchlich ihn jetzt ein eigen Er hatte wahrlich Muth genug⸗ chümliches Gefühl. Nan e ute un⸗ nug — 589— aber der Schecke die Sporen zu geben, das wäre ihm doch ſchimpf⸗ lich vorgekommen, er ließ ſie vielmehr langſam gehen und pfiff leiſe vor ſich hin. Da war es ihm, als raſchele etwas hinter der Hecke, es konnte ein Thier ſein, vielleicht auch der Wind, der in den Blät⸗ tern flüſterte.. dennoch ſchielte er ſcharf hin. Da ſah er plötzlich ein häßliches ſchwarzes Geſicht über der grünen Schlehdornwand hervorblicken, und in demſelben Augen⸗ blicke ſauſte eine Kugel haardicht an ihm vorbei. Die Schecke machte einen Sprung auf die Seite, Friſchmuth ſaß feſt im Bügel. Er ritt dicht an die Hecke heran, hob ſich in dem Sattel, um zu ſehen, wer dahinter ſteckte und hielt den Zeigefinger an den Drük⸗ ker ſeines Revolvers, einer Waffe, die er gegen ſeine langen Pi⸗ ſtolen eingetauſcht hatte. Merkwürdigerweiſe ſah er Nichts. Da lenkte er das Pferd um die Hecke herum, und in demſelben Augen⸗ blick ſauſte eine zweite Kugel daher und riß ihm die Kokarde von dem Tſchake. — So, ſagte Friſchmuth, indem er ſie fallen ſah, jetzt gilt es Preußenehre, das muß gerächt werden. Hätte ich nur einen einzigen braven Kerl hier, ſo einen, wie den Heinrich Becker zum Beiſpiel, wir nähmen das ganze Raubneſt aus. Niederträchtiges Geſindel das, zu ſchießen und ſich nicht mal ſehen zu laſſen. In der That ließ ſich nichts ſehen, aber er hörte abermals jenes leiſe Rauſchen in der Hecke, und ſchärfer hinblickend ſchien es ihm, als ob etwas Weißes ſich unter den Zweigen bewegte. Er zog die Lanze heraus. — Wart, Kanaille, Dich will ich herausſtöbern, ſagte er und ſtach auf's Gerathewohl in die Hecke hinein. Es raſchelte ſtärker, aber noch immer zeigte ſich nichts. Wil⸗ helm ließ darum nicht ab, die Lanze fuhr hier und da hin, end⸗ lich traf ſie etwas Weiches. Da wurde es lebendig, wie eine Schlange kroch es aus dem Gebüſch hervor, es wand ſich auf dem Bauche, und Friſchmuth erkannte einen Turko, deſſen zerfetz⸗ ter Turban ihm deutlich zeigte, was er mit der Lanze getroffen hatte. Der Kerl war ſchwarz wie der Teufel, ſeine wilden Augen blitzten wie die einer Tigerkatze, und gleich einer ſolchen ſprang er ——— m—————— 2———————— — 590— plötzlich auf ſeine Füße und war mit einem Satze bei dem Rei⸗ ter; ein haarſcharfer Dolch blitzte in ſeiner Hand, er zückte ihn gegen den Leib des Ulanen. Die Schecke ſchien eine Ahnung von der Gefahr ihres Herrn zu haben, ſie machte einen Seitenſprung, und der Dolch glitt an dem Sattelknopfe ab. — Zetzt, ſchwarze Beſtie, wehre Deine Haut, wenn ſolch ein Fell Dir lieb ſein kann! rief Friſchmuth und legte die Lanze ge⸗ gen ihn ein. Der Turko lief, dann kehrte er ſich plötzlich um und ſchoß ſein Piſtol ab, die Kugel flog an Wilhelms Ohr vor⸗ bei, der Turko rettete ſich hinter einen Zaun. — Verfluchte Heidenſeele, rief der Maſchinenbauer, Dich jage ich zum Satan, ſo wahr mir Gott hilft! So ſprengte er ihm nach, aber der Weg war mit Steinen beſät, das Pferd ſtolperte zwiſchen dem verfallenen Gemäuer, es wäre geſtürzt, wenn Friſchmuth es nicht emporgeriſſen hätte. Das geſchah aber dieſes Mal ohne Berückſichtigung ſeiner Weich⸗ mäuligkeit. Die Schecke bäumte ſich auf und ſchlug mit den Fü⸗ ßen empor, Friſchmuth hatte Mühe, ſich zu halten, ſo toll hatte er das Thier noch niemals geſehen. Er wollte in den Hof hin⸗ ein, die Schecke zog zurück, den Zügel durfte er nicht mehr gebrau⸗ chen, die Sporen machten das Pferd nur noch unwilliger, unter⸗ deſſen pfiffen zwei, drei, vier Kugeln an ihm vorbei, er hatte es mit einem überlegenen Feinde zu thun, er mußte zurück. Rück⸗ wärts ging die Schecke augenblicklich, ſie lief wie der Wind, Friſchmuth biß ſich vor Wuth in den Schnurrbart und fluchte fürchterlich auf das Franzoſenpferd. So ritt er ſeinen Reiſege⸗ gefährten entgegen. Dieſen erzählte er in ſtürmiſcher Eile, was er ſoeben erlebt hatte und bat ſie, die verfallenen Hütten zu durchſuchen. Aber die Männer erklärten ihm, daß ſie waffenlos ſeien und erſt Gewehre und Munition wieder zu bekommen hät⸗ ten, wenn ſie ſich beim Regiment als geheilt meldeten. Wüthend drehte er ihnen den Rücken zu und mußte doch einſehen, daß ſie Recht hatten. Aber es waren ihnen Soldaten mitgegeben worden, um ſie zu geleiten, ſo ſollten dieſe ihm beiſtehen. Allein getreu ihren vorgeſchriebenen Befehlen, ſagten ſie, daß ſie dazu nicht einmal — 591— e die Erlaubniß hätten. Würden ſie angegriffen, dann freilich ſeien hn ſie bereit, ſich zur Wehre zu ſetzen, aber ſelber anzugreifen ſei ihnen nicht geſtattet. Alſo auch hier keine Hilfe. .— Zetzt warte, Schecke, ſagte Friſchmuth und warf das Pferd herum, du haſt mir das Leben gerettet, und das vergeß ich dir nicht, willſt du jetzt aber nicht wie ich will, ſo ſfind wir darum ein doch geſchiedene Leute. So jagte er abermals in das Dorf hinein, und zu dem um verfallenen Zaun. Aber hier bemerkte er, warum das Pferd ſo wild geworden war. Wie damals ſchon waren Bindfaden über den Steg geſpannt die es am Vorwärtskommen gehindert 0⸗ ae hatten. Friſchmuth zog ſeinen Säbel und hieb das Hinderniß entzwei. Zetzt erkannte er auch die Hütte wieder, es war dieſelbe vn in der damals Margot hauſte. Er ſchoß eine Kugel durch das 5 Fenſter hinein. Es blieb ſtill. Hier lauerte offen der Verrath. te Er ritt rings um das Haus, es war wie ausgeſtorben, nur ein i⸗ ſchwacher Rauch, der aus dem Schornſtein ſtieg, bewies ihm, daß i⸗ dennoch Menſchen hier wohnen müßten. atte Da ſchien es ihm, als höre er ein leiſes Geräuſch jenſeits hin⸗ der Mauer, die ehemals die Giebelwand gebildet haben mochte au⸗ und jetzt zerfallen war. Er richtete ſich im Sattel empor und ter⸗ blickte hinüber, aber er ſah nur Schatten, die in das Innere des e Hauſes zurückhuſchten. Sogleich bückte er ſich zu dem Fenſter üd⸗ hinab und richtig! hier kauerte Margot an dem Heerde, neben nd, ihr ſaß ein bleicher Mann auf einem alten Stuhl, und der Mohr, chie mit dem er gekämpft hatte, ſtand nicht weit davon»ind rollte ege⸗ ſeine glühenden Augen. was— Ah, dachte Friſchmuth, ſind es nicht mehr als drei, ſo ju kann ich es ja wagen. nlos Und er ſprang von dem Pferde, ſtieß die Thür auf und hät⸗ trat hinein. Margot ſchrie laut auf. Für ſo tollkühn hatte ſie end den Mann denn doch nicht gehalten. ſie— Kennt Ihr mich noch? fragte der Ulan, ich denke der da den, hat ein Angedenken an mich behalten. hren Franz Godard, auf welchen er zeigte, zuckte zuſammen und mal verſteckte die Flinte, die er in den Händen dielt. In ganz Frank⸗ — 592— teich hatte ſich das Gerücht verbreitet, die deutſchen Ulanen ſeien gar keine Menſchen, man könne ſie nicht verwunden, es habe eine eigene Bewandtniß mit ihnen, und beſſer ſei es jedenfalls, dieſen gefährlichen Leuten ſo fern wie möglich zu bleiben. Das dachte auch Franz Godard, aber Margot war anderer Meinung, ſie winkte dem Turko und trat dann dreiſt vor Friſchmuth hin. — JZa, ziſchte ſie ihn an, du biſt es, der mir meine Affen geſtohlen hat, wo ſind die Jungen geblieben? Sie erwartete keine Antwort auf dieſe Frage, ſie wollte nur den Feind beſchäftigen, der ſo unerwartet bei ihr eindrang. Aber Friſchmuth war vorſichtig und ließ den Turko nicht aus den Au⸗ gen, der ſtand, wie es die Art ſeines Stammes iſt, mit lauernden Mienen, dann ſprang er urplötzlich auf Friſchmuth los, aber der empfing ihn mit einem Schlag des flachen Säbels auf den Arm⸗ mit welchem er den Dolch ſchwenkte, und dieſer Schlag war ſtark genug, ihm den Arm zu lahmen, ſo daß die Waffe ihm entglitt. — So, ſagte Friſchmuth, nun habe ich Dich, Du ſchwarzes Nilpferd. Her die Hände, oder ich jage Dir eine Kugel durch Deinen dicken Schädel. Fürchte Dich nicht, ſolch wildes Gethier wie Du biſt, tödtet man nicht, man läßt es lieber für Geld ſehen. 2 Mit dieſen Worten band er dem erſchrockenen Taleb die. Fäuſte auf dem Rücken zuſammen. Der ließ den Kopf hängen und ſagts kein Wort, aber Margot winkte ungeduldig Franz Godard zu, den Augenblick zu benutzen und den Deutſchen todt zu ſchießen, indeſſen hielt es der Kranke für gewiß, daß keine Kugel ihn treffen könnte, war er doch ein Ulan und folglich kugelfeſt. Darum konnte Wilhelm Friſchmuth ſeinen Gefangenen ungeſtört hinwegführen. Draußen waren ſoeben die andern Reiſegefährten angekommenen, und als ſie den kecken Sieger ſahen beneideten ßie ihm den Fang nicht wenig, Taleb wurde unter⸗ ſucht und ſeiner Waffen, deren er mehrere unter ſeinen weiten Kleidungsſtücken verbarg, beraubt, dann band man ihm auch die Füße und legte ihn in eine Ecke des Leiterwagens, er knurrte wie ein Leopard, der nur den richtigen Moment ablauert, um ſich mit einem wüthenden Satze zu befreien. Wilhelm Friſchmuth ritt ne de un 7) S—= cS 2 S S— — — — 593— en be neben dem Wagen her und theilte ſein Brot und ſeinen Brannt⸗ ls, wein mit dem Gefangenen. So gelangten ſie nach einer ermü⸗ as denden Fahrt ſpät am Abend in das ihnen beſtimmte Quartier , und zu dem linken Flügel der kronprinzlichen Armee. ur er* u⸗ 68. Kapitel. en Das Licht der Angen. n, art Graf Ottomar von Iſſelhorſt hatte dem Maſchinenbauer it Friſchmuth ſein Wort gehalten. Schon am Morgen nach Wilhelm's e Abreiſe kam er in das Lazareth und beſuchte Arthur. Die lei⸗ dende Miene des blonden Knaben erregte ſeine Theilnahme, mehr iet aber noch gefiel ihm der friſchere und kräftige Richard. Die ed Knaben trennten ſich ungern von einander, war es doch das erſte WMal, daß ihre Schickſale auseinandergingen. Indeſſen ge⸗ wöhnte ſich Richard bald an ſeinen neuen Beſchützer. Ottomar war jung und heiter und beſchäftigte ſich gerne mit dem Knaben, er. ließ ihn mit ſich ausreiten, lehrte ihn fechten und turnen, gab ihm auch mitunter in der Geſchichte des deutſchen und franzöſiſchen Volkes ganz ernſthafte Stunden, aber die meiſte Zeit verbrachte 15 Richard doch an dem Bette ſeines Bruders, deſſen Geneſung ziemlich langſam vor ſich ging. Endlich durfte Arthur das Bett Perlſſen und mit Richard und Ottomar zuſammen ſpazieren gehen, Schon ſah der junge Graf mit Bedauern die Zeit herannahn, in welcher er ſich von ſeinen Schutzbefohlenen trennen ſollte. Die 3 Belagerung von Metz hatte etwas ermüdend Langweiliges. Die 6 Deutſchen lagen im weiten Kreiſe um die Feſtung herum die de Meiſten fanden in den ſchon überfüllten Dörfern kein Quartier n. mehr und biwakirten Nacht für Nacht. Dazu war das Wetter w ſi ſehr ſchlecht geworden, es regnete in Strömen von dem ewig t D. V. 38 = 584.— grauen Himmel herab, die Erde war aufgeweicht und ſchlammig, und die Uniformen der Soldaten zeigten nur zu deutlich die Spuren des beſtändigen Aufenthalts in freior, oft ſchneidend kalter Luft. Zwar konnte man ſich damit tröſten, daß es auch Anderen nicht beſſer ging, aber dieſer Troſt half wenig gegen die eigenen Leiden. Vor Straßburg lag der General von Werder mit ſeinen Korps nun ſchon ſeit dem Beginn des Feldzuges. Die Stadt wurde beſtändig beſchoſſen. ohne daß der die Feſtung komman⸗ drende General Uhrich ſich entſchloſſen hätte, ſie zu übergeben. Das war auch hier eine langweilige Zeit, die Soldaten blickten nach der Spitze des Münſterthurms, die maß ſo viel als möglich ſchonte, und berechneten, wie viele Häuſer ſchoh abgebrannt ſein müßten, die Offiziere halfen ſich mit Kartenſpielen und Pauchen. Indlich begannen die Schanzarbeiten, die anfangs eine willkom⸗ mene Abwechslung boten, ſpäter aber gar läſtig wurdeßt. Es wurden Gräben gegraben und Pavallelen aufgeworfen. DieLeute ſtanden bis an die Kniee, oft bis zum Leibe in naſſer Erbe jund ließen den Regen über ſich dahin fließen. Das war ein böſes Geſchäft, denn auch von Innen fühlte man ſich nicht gehörig er⸗ wärmt. Zwar kamen Liebesgaben in Menge an, aber wer nach Kaffe und Taback ſchmachtete, echielt wohl ſtatt deſſen eine wollene Leibbinde, und wem die Strümpfe von den Füßen faulten, den erfreuten die Seinigen durch Fleiſchextrakt. Und dennoch waren es herrliche Tage, wenn ein ſolcher Transport ankam, dann liefen die Soldaten herbei wie die Kinder zum Weihnachtsbaum, aber am beglückteſten war immer, wer Nachrichten aus der Heimath erhielt, dicke Feldpoſtbriefe, die außerdem mit Eßwaaren angefüllt oder vollgeſtopft waren mit wollenen Bekleidungsgegenſtänden. Es gehörte eine ſtarke Natur dazu, ſolche Anſtrengungen auszuhalten. Sie ſtanden tagelang in den Gräben und warfen Erde auf, während die Kugeln über ihre Köpfe dahinſauſten, und wenn die Racht kam, arbeiteten Andere bei dem lichten Scheine der prennenden Häuſer. Wer aber abgelöſt war, dem winkte kein weiches Bett, er mochte ſich glücklich preiſen, wenn die Scheune, in der er tag, wenigſtens nicht allzuſehr vom Winde durchſtrichen wurde. 0 ig die lter ren men tadt dn⸗ en. ckten glich hen. om⸗ Kute und ſe nah ene den aren dann aum nuth füllt nden. ten. auf ndie der eiches er er urde — 605— War Manchem fehlte es an einer wollenen Decke, er lag auf bloßer Diele, oft auf Steinen, öfters noch auf kalter, naſſer Erde, den Porniſter als Kopfliſſen, den Mantel als Decke, und wenn er ſich morgens erhob, war es ihm, als gehörten ihm ſeine Glieder nicht, ſo ſteif und kalt waren ſie geworden. Dennoch, und trotz aller dieſer Leiden entſchwand den braven Soldaten nicht der Muth, wußten ſie doch, daß bie in der Stadt weit Aergeres zu dulden hatten, Beſtändig flogen die Granaten hinein, fielen auf die Dächer oder mitten in die Straßen, krepirten da und zer⸗ ſtörten Alles, was ſich in ihrer Nähe befand. Zahlloſe Menſchen wurden auf dieſe Weiſe getödtet. Die unglücklichen Leute fühlten ſich in ihren Wohnungen nicht mehr ſicher, ſie flüchteten in die Keller hinunter, aber der Regen ſtrömte unaufhörlich herab, das Grundwaſſer ſtieg, die Keller füllten ſich mit ſchmutziger Feuchtig⸗ keit. Von oben her drohten Granaten, von unten brachte das Waſſer unheilbare Krankheiten. Dazu wurden die Lebensmittel knapp. es fehlte ſchließlich an Allem, ſelbſt an Trinkwaſſer, denn die Belagerer gruben den Rhein ab. wodurch freilich für einen Augenblick in Straßburg ein Ueberfluß an Fiſchen entſtand, die ſich plötzlich auf dem Trockenen ſahen, was aber die Noth der Einwohner auf das Aeußerſte vermehrte. Es war eben die harte Nothwendigkeit des Krieges, unter der ſie ſeufzten. Richt ganz ſo ſah es um Metz aus. Hier hätten Schanz⸗ arbeiten nichts gefruchtet, denn die Feſtungswerke liegen ſo zer⸗ ſtreut um die Stadt herum, daß man meilenweite Gräben hätte ziehen müſſen. Auch wußte man, daß in der Stadt noch keine Noth herrſchte. Dieſe Feſtungswerke ſchließen nämlich verſchiedene Dörfer ein, die ihren Vorrath an Getreide, Früchten und Vieh in die Stadt lieferten, auch gelang es Bazaine mehrere Male, ſich ganze Heerden von Rindern einzufangen. Wer ein Fernrohr beſaß, der konnte die fetten Ochſen gemächlich auf den grünen Wieſen weiden ſehen, ein Anblick, der manchen ſonſt ſanftmüthi⸗ gen Soldaten in hellen Zorn verſetzte. Erſt langſam, nach und nach gelang es, den Gürtel ſo feſt zu ziehen, daß auch nicht das Geringſte an Lebensmitteln in die Stadt hinein kommen konntr. 38* — 596— Aber auch außerdem war der Zuſtand in Metz weit erträglicher als der in Straßburg. Hier wurde nicht die Stadt beſchoſſen, ſondern alle Granaten, Bomben, Kartätſchen und wie die Mordinſtru⸗ mente ſonſt heißen mögen, richteten ſich allein auf die Forts und wurden auch nur von dieſen erwiedert. An Waſſer fehlte es nicht, denn die Moſel ließ ſich nicht ableiten, auf den Dörfern baute man ſchnellwachſendes Gemüſe und heimſte das Obſt ein, das gerade in dieſem Jahre überaus gut gerathen war, kurz, Alles deutete darauf, daß Bazaine die Belagerung recht lange aus⸗ Jalten könnte. Indeſſen glaubte Niemand daran. Wie die Pa⸗ ciſer der feſten Zuverſicht lebten, der Marſchall werde ſich zu Mac Mahon durchſchlagen, ſo hofften das auch die Deutſchen, ihnen wäre die blutigſte Schlacht weit lieber geweſen, als dieſe Ruhe⸗ Es war wirklich ermüdend, beſtändig auf die Stadt zu ſchauen, die ſo ruhig da lag, als ob es draußen keinen Krieg gäbe. Be⸗ ſtändig donnerten die Kanonen, beſtändig befand man ſich draußen wie innerhalb der Forts in Todesgefahr, aber was küm⸗ merte das die Stadt? Es konnte zum Verzweifeln bringen, wenn man die Glocken ſo friedlich läuten hörte, als ſei Alles in der ſchönſten Ordnung, wenn man Militairmuſik vernahm, oder gar einige geputzte Damen durch das Fernglas zu erkennen vermochte. Nichts iſt ſchrecklicher als Unthätigkeit, das fühlten die Krieger, wenn ſie mit immer verdrießlicher werdenden Geſichtern umher⸗ lungerten. Nur die Artilleriſten hatten zu thun, für die Uebrigen gab es nur Lebensmittel einzutreiben, einen Zug Ochſen einzu⸗ fangen, der ſich in die Stadt ſchmuggeln wollte und kleine Ge⸗ fechte mit den Franzoſen zu beſtehen, die ſich aus ihrem ſicheren Verſtecke vorwagten. Acht Tage, nachdem Wilhelm Friſchmuth abgereiſt war, hatte dieſer Zuſtand noch lange nicht das höchſte Maß von Unbehag⸗ lichkeit erreicht. Noch war das Wetter nicht allzu ſchlecht, man hoffte auf einen hellen und ſonnigen Herbſt, wenn auch der Auguſt unter Wind und Regen zu Ende ging. Ottomar von Iſſelhorſt ſuchte nach einer Gelegenheit, die Knaben fortzuſchicken die er doch am liebſten ganz bei ſich behalten hätte. Wenn ihm der Dienſt Zeit ließ war es ihm die liebſte Zerſtreuung, ſich mit — —.— — — 597— öhnen zu beſchäftigen, und jetzt ſollte er ſelber dafür ſorgen, — daß ſie ihn verließen. Aber ſo hatte er es Wilhelm Friſchmuth 7 verſprochen. Er ſchrieb ihm, daß Arthur hergeſtellt ſei, und daß derſelbe mit Richard zu ihm kommen werde. Freilich war es un⸗ ſicher, ob dieſer Brief den Maſchinenbauer erreichen würde, denn ich die Armee des Kronprinzen befand ſich auf dem Marſche unt ſchwelgte in dieſem Augenblice in der Champagne bei dem ſüßen und ſchäumenden Weine. Eine Gelegenheit, die Knaben unter Me ſicherem Geleite fortzuſenden, fand ſich nicht, er gab ſie alſo dem n Kurier mit, der die Briefe beförderte, denn noch waren die Poſten Lr⸗ nicht gehörig eingerichtet. Vue Sie beſtiegen nach einem ſehr zärtlichen Abſchied das kleine hnen Wägelchen, in welchem der Kaſten mit den Briefſchaften ſtand, — hockten ſich darauf nieder und fuhren einer ſehr ungewiſſen Zu⸗ men kunft entgegen. Be⸗ Kaum hatten ſie das Lager um Metzhinter ſich, als plötzlich Schüſſe en rings um ſie her knallten Zehn ſtarke Kerle in Bauernkleidung ſpran⸗ üm⸗ gen aus dem Walde hervor und umringten den Wagen; ſie riſſen wenn die Knaben heraus und wollten ſich der Briefkiſte bemächtigen, der in welcher ſie Geld vermuthen mochten, während der Kurier ſie gor nur mühſam mit ſeinem Säbel abwehrte. Welch ein Schrecken ochte. für Arthur und Richard! ege Die Knaben flohen in Eile, ohne zu wiſſen, wohin. Von ferne nhet⸗ hörten ſie Schüſſe wechſeln, der Wagen raſſelte davon, ſie liefen igen hin, zu ſehen, wer ihn geleitete, ſie ſahen ihn in aller Eile den inzu⸗ Fahrweg entlang rollen, die Bauern ſtoben nach der andern Seite, Ge⸗ einige deutſche Soldaten, die zufällig zu Hilfe gekommen waren, heren hinter ihnen her, und bald war Alles aus ihren Augen ent⸗ ſchwunden. hatt Da ſtanden ſie nun Hand in Hand allein auf der öden ehag⸗ Fahrſtraße, verlaſſen, ſchutzlos, ohne Hilfe, ohne Troſt. Was man ſollten ſie anfangen? Nach dem Lager von Metz zurückkehren? der Ach, ſie wußten, daß ſie da nicht bleiben konnten, denn ſchon von hatte es zu viel Aufſehen gemacht, daß der Graf Iſſelhorſt die icen beiden franzöſiſchen Knaben zu ſich genommen hatte. Weiter ihm gehen, allein in dem vom Kriege aufgeregten Lande, unter tau⸗ mit —,—ᷓjũů ‧ÜÜ ů“ ꝓů 5 ———————— — 598— ſend Gefahren? Es blieb ihnen kein anderes Mittel, ſie mußten Maria Fiſcher ſuchen, ihre beſte Freundin, die ihre Mutter kannte, die ihnen verſprochen hatte, ſie zu dieſer zurückzubringen. Ja, weiter gehen wollten ſie, bis ſie die Armee des Kron⸗ prinzen von Preußen erreichten. Sonderbar, ſie, die Söhne ei⸗ nes kaiſerlichen Senerals, ſuchten Schutz bei den Feinden ihres Vaterlandes. Der Graf von Iſſelhorſt hatte einem Jeden von Ihnen etwas Geld geſchenkt, damit hofften ſie weiter zu kommen, ſie brauchten nicht um Nahrung zu bitten, ſie konnten ſich ihre Bedürfniſſe ſelber kaufen. Auch mit Kleidungsſtücken waren ſie verſehen, denn in den Schlachten um Metz war vielerlei Zeug er⸗ obert worden, das als herrenloſes Gut betrachtet wurde, bis die Verhältniſſe mehr und mehr geordnet wurden, doch mochte Ottomar ſeine Schützlinge nicht in franzöſiſche Uniformen ſtecken, er gab jeden die grauen mit dem rothen Streifen verzierten Bein⸗ kleider gefallener preußiſcher Soldaten, die der Regimentsſchneider für die Knaben kleiner ſchnitt, und darüber trugen ſie die blauen Blouſen der Landleute im Elſaß und Lothringen, den Kopf aber bedeckten runde Strohhüte. Für die Jugend giebt es Nichts als Hoffnungen. Mit Geld in der Taſche dachten die Knaben ihr Ziel erreichen zu können. Der Weg war nicht zu verfehlen, denn ſie befanden ſich auf der Landſtraße, vor ein paar Nächten un⸗ ter freiem Himmel bebten ſie nicht zurück, ſie wollten kleine Ta⸗ gereiſen machen, weil Arthur noch ſchwach war, und in den Dör⸗ fern, die ſie treffen würden, Nahrung für den ganzen Tag ein⸗ kaufen. Mit ſolchen Plänen ſchritten ſie getroſt vorwärts. Der Tag neigte ſich ſchon, und es war wie gewöhnlich feuchtes und win⸗ diges Wetter. Dennoch ſchritten ſie muthig aus, ſie hatten ſich Stöcke geſchnitten und wanderten rüſtig weiter. Von Zeit zu Zeit begegneten ihnen Landleute oder auch Flüchtlinge, die die Grenze zu erreichen ſuchten, ſpäter wurde es ſehr einſam. Sie fingen an, müde zu werden, als ſie in der Ferne Hütten er⸗ blickten. Die Nähe eines Dorfes kam ihnen ſehr gelegen, hier woll⸗ ten ſie ein Nachtlager erbitten, hier hofften ſie Speiſe und Trank — 599— n zu finden. So gingen ſie auf die verfallenen Häuſer zu. Es t, war ſonderbar ſtill, keine Kuh brüllte im Stall, kein Huhn flat⸗ terte auf, je näher ſie kamen, um ſo mehr ſchauderten ſie vor der Zerſtörung, die hier gewüthet hatte. — Das iſt ſchade, ſagte Richard, wir finden ſchwerlich eine 5 Lagerſtelle in dieſen zerf⸗hoſſenen Hütten. *— Aber ein Obdach finden wir, verſetzte Arthur hoffnungs⸗ 3 voll, und das iſt ſchon viel werth. Der Himmel iſt ſchwarz, ge⸗ * wiß giebt es zur Nacht wieder Regen, da iſt es gut, daß wir ſe geſchützt ſein werden. So dachte auch Richard. Feſt überzeugt, daß kein lebendes Weſen ſich in den Hütten befand, gingen ſie auf die zu, welche noch am beſten erhalten ſchien, ob auch die Giebelwand umge⸗ h ſtürzt war. Die wacklige Thür hing loſe in den Angeln, Arthur 8 drückte ſie auf und trat in das halbdunkle Gemach. Aber welch' 6 ein Schrecken! Er ſah diejenige, die er mehr fürchtete als Alles, er ſah Margot, die am Heerde kauerte und in die Kohlen blies. 6 Schnell wollte er ſich zurückziehen, aber Franz Godard hatte ihn ber bemerkt. Wie der Blitz ſprang er auf die Kinder zu. 15— Margot! Margot! rief er, ſieh, was ich hier habe! Welch ir ein Glück, Margot, es ſind Deine Affen! Sie ſchnellte aus ihrer hockenden Stellung auf und eilte auf n die Knaben zu ſie faßte Richard bei der Schulter und verſetzte 2 ihm mit ihrer knöchernen Hand ein paar tüchtige Ohrfeigen. 5— Nichtsnutziger Schlingel! keifte ſie das iſt für das Da⸗ in⸗ vonlaufen. Und Du, wandte ſie ſich an Arthur, Du noch leben⸗ dig, ei, dieſes Mal will ich mich beſſer vorſehen, warte nur, die ag alte Mutter Margot läßt nicht mit ſich ſpaßen! in⸗— Gnade, Mutter, Gnade und Barmherzigkeit! flehten die ſch Knaben. zu Margot lachte laut auf. die— Barmherzigkeit mit Euch? Habt Ihr mir nicht mein Sie ſchönes Geſchäft verdorben, Ihr Taugenichtſe? et⸗ Aber ich will mich an Euch rächen, habe ich Euch doch ijetzt in meiner Gewalt, den Teufel will ich ſehen, der Euch aus ol⸗ meinen Händen reißen ſoll. Hierher, Franz, binde mir die Jun⸗ ank — 600— gen da an den Schornſtein feſt, dort liegen die Stricke, ich will mein Müthchen an ihnen kühlen, die verfluchten Rangen ſollen es mir büßen, daß ſie mich um den Verdienſt gebracht haben. Franz Godard befolgte den Befehl, er ſchlang einen langen Strick um die Knaben und band ihnen die Hände ſo ſcharf zu⸗ ſammen, daß ſie vollkommen hülflos waren. Nun holte Margot eine lange Weidenruthe und ſchlug mit unglaublicher Kraft und ſtets wachſender Wuth auf die Rücken der armen Kinder, denen ſie die Kleider vom Leibe geriſſen hatte. Arthur und Richard wanden ſich winſelnd in den Stricken. Schlag auf Schlag fiel auf ſie nieder, ihr weißes Fleiſch färbte ſich blutroth, dunkle Strei⸗ fen zogen ſich über ihre Haut, die mit Blut unterlief. — Ha ſo ſo, gute Arbeit, ſchönes Geſchäft! rief es da⸗ zwiſchen. Es war Taleb, der Turko, der eintrat. — Wo kommſt Du her, Turko? rief Margot. Wie biſt Du dem Ulanen entkommen, der Dich gefangen nahm? — Was geht das Dich an? fragte Taleb grinſend. Aber was haſt Du hier vor? — Schlechte Arbeit für meine müden Arme, verſetzte Margot ärgerlich und warf die Ruthe bei Seite, meinſt Du, ich hielt das ſo lange aus, wie ich möchte. Da geh Du hin, Du ſchwarzer Hund, und mache die Sache beſſer. — Was haſt Du mit den Burſchen? fragte der Mohr. — Was ich habe? rief die Alte in hellem Zorn, dieſe Ben⸗ gel ſind mir zur Erziehung übergeben, ich nahm ſie mit mir, hielt ſie wie meine eigenen Kinder, das nichtswürdige Geſindel! O weißt Du, was ſie thaten? ſie liefen mir davon, nicht einmal, nein, zwei Mal, liefen davon mit den Deutſchen. O, ich will Euch die Seelen aus dem Leibe prügeln, ihr Gezüchte! Wieder griff ſie zu der Ruthe. — Wer ſind die Eltern? fragte Taleb. — Vornehmes Volk, verſetzte Margot und ſchwang das Marterinſtrument⸗ — Dann ſchlag ſie nicht todt, mach' Geld draus, rieth der Afrikaner. — 601— ill— Lieber Rache als Geld, antwortete Margot. A en— Am liebſten beides, grinſte der Turko. Komm, laß Dich bedeuten. en— Was meinſt Du? fragte Margot und ſetzte ſich zu dem 4 z Mohren nieder, indeſſen die Knaben in Todesangſt ihrem Schick⸗ 4 t ſal entgegen harrten. nd— Eltern lieben ihre Kinder, wie ſie auch ſein mögen, be⸗ an lehrte ſie Taleb, ich weiß das, und ich weiß auch, was mein ard Vater that, als der Sohn eines franzöſiſchen Offiziers mich ge⸗ fel ſchlagen hatte, geſchlagen, Margot, wie Du die Jungen da ſchlugſt, ei⸗ nur daß ihre Haut weiß iſt, und meine iſt ſchwarz, aber es ſchmerzte nicht weniger, und das Blut rann mir den Rücken hinunter. ba⸗— Und was that Dein Vater? fragte die Marketenderin ungeduldig. 3 — Er lockte den Buben an einen einſamen Ort, fuhr der 5 du Turko fort, da brannte ein Feuer, grade ſo wie hier, und in dem Feuer lag ein ſpitzes Eiſen, grade ſo wie dort der Brat⸗ — Und was weiter? drängte ihn Margot. go— Und er nahm den Burſchen, erzählte Taleb, und band ihn feſt und ergriff das Eiſen und ſtach es ihm in die Augen. — Bravo bravo! rief Margot und klatſchte in die Hände. in die Augen, in beide Augen, o, das iſt gut, das rächt, das kühlt in beide Augen, ſagſt Du, Taleb. — Hier ſind es gar vier, lachte der Mohr und zeigte ſeine weißen Zähne, und das Eiſen, dünkt mich, iſt heiß genug, — Aber Mutter, fiel Franz Godard ein, bedenkt, daß ich es de war, der Euch die Knaben brachte, ich und Iſidor, ſchont ſie „ doch, Mutter, damit wir ſie ihrer Mutter wiedergeben können, m die zahlen gewiß gut für ſie, wenn wir ſie ihr unverſehrt zurück⸗ geben. — Wird auch zahlen miſſen, wenn ſie ſie blind wiederkriegt, grinſte der Afrikaner. dus— Geht es Dich was an? herrſchte Margot dem jungen Mann entgegen. Wns hab ich denn nach Dir zu fragen? Muß der ich Dich nicht ſchon ſeit Wochen füttern und nähren, Du unnützer ————— — 3 ———————— — 602— Schlingel Du, und was habe ich davon? Seitdem Du den Schuß in der Lunge haſt, läßt mir Dein Huſten nicht Tag nicht Nacht Ruhe. und grade weil es Dich ärgert, grade darum will ich die Jungen blind machen. Komm her, halt mir den Jungen feſt, ganz feſt, ſag ich Dir. — Aber Wutter! wagte Franz noch einmal einzuwenden. Sie ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße. — Daß Dich das Wetter! rief ſie, willſt Du noch nicht ſtill ſein, Du Bettelfack, ſtill gehalten, oder Du ſollſt ſehen, wie es Dir ergeht! Jetzt aber begannen die unglücklichen Kinder zu bitten und zu flehen, es hätte einen Stein erweichen mögen, ihre Seelenangſt zu ſehen, doch Margot blieb ungerührt, und Taleb lachte laut auf. O welch ein Schatz ſind doch die Augen! Sie hatte es vor⸗ her nicht gewußt, jetzt da ſie das Licht verlieren ſollten hätten ſte tauſend Mal lieber das Leben dahin gegeben. Denn was konnte künftig ihr Schickſal ſein? Sie waren abhängig von je⸗ nem grauſamen Weibe, niemals durften ſie ihrer Mutter den Schmerz bereiten, ſie ſo zu ſehen, niemals ihrem Vater begegnen, dem ihr Anblick ein beſtändiger Vorwurf ſein mußte. — O tödtet uns, tädtet uns ſogleich, baten ſie, macht ein Ende mit uns, nur blendet nicht unſere Augen! — und nun grade! rief Margot. Ihr hättet es gut haben können, wenn Ihr bei mir geblieben wäret, jetzt ſollt Ihr erfah⸗ ren, wie ſchlecht es Euch geht, weil Ihr davon gelaufen ſeid. Hei, das Eiſen glüht, halt feſt, Franz, Du feiger Schlingel, oder ich brenne Dir meine Befehle auf die Stirn, her mit den Augen! Deine ſind ſchwarz, Richard, mein Herzblatt, werden bald roth ſein, ja, guck mich nur an, präge Dir mein Bild ein, daß Du es nicht vergißt, es iſt das letzte, das Du zu ſehen kriegſt. — 1 3 1 6 3 69. Kapitel. 4 Der weiße Teufel. i— Halt! donnerte es plötzlich!. Es war ein Ton, der mächtig durch alle Seelen zitterte. Margot erſchrack und ließ das erglühende Eiſen ſinken, Taleb ſprang auf und zückte ſeinen Dolch, nd Franz ließ das Haupt des unglücklichen Richard los, und die gſt Knaben athmeten auf. Draußen ſank die Sanne blutig roth ut hinab, die Thür war aufgeriſſen und mitten in dem glühenden Schimmer ſtand die hohe ſchlanke Geſtalt eines Mannes. Sein or⸗ Haupt war entblößt, und lange dunkelbraune Locken rollten um ten daſſelbe herab, um ſeine Schultern hatte er einen weißen Mantel in as maleriſchem Faltenwurf geſchlungen, und ſeine Hände waren da⸗ ſe⸗ rein gehüllt. den— Was ſoll es? fragte Margot, die ſich ſchnell wieder faßte, en, was wollt Ihr hier? — Böſes verhüten! verſetzte der Fremde, ohne ſich zu be⸗ ein wegen. — Bekümmert Euch um Eure eigenen Angelegenheiten, ent⸗ ben gegnete ihm das Weib, hier habe ich zu befehlen, hier herrſcht h⸗ nur mein Wille. hei,— Gottes Macht geht darüber, ſagte der Mann, er ſendet ich mich. Löſe die Stricke! ent Dieſe letzten Worte waren an Franz Godard gerichtet, der oih ſich beeilte, ihnen zu gehorchen, aber Margot ſprang dazwiſchen und hielt ihm die Hand feſt. — Daß du dich nicht unterſtehſt! Wer iſt denn der Menſch der ſchon zum zweiten Male kommt? He, iſt es wieder um den Ring mit dem Opal in der Mitte und dem grünen und rothen Stein an den Seiten? Macht, daß Ihr hinaus kommt, ſage ich, oder Taleb wird Euch lehren, wie man am ſchnellſten zur Hölle fährt! ——————— — 604— Der Mann ſah ſie an, er antwortete ihr nicht, aber ſein Blick ruhte ſo ernſt, ſo durchdringend auf ihr, daß ſie erzitterte, ohne zu wiſſen warum. Es lag etwas ſo Befehlendes in dieſer ruhigen Haltung, daß es unwillkührlich Ehrfurcht einflößen mußte. Margot fühlte ſich tief davon durchdrungen, das Eiſen entſank abermals ihrer Hand, es war erkaltet, wie verwirrt ſtrich ſie ſich über die feuchte Stirn. Taleb ſah die Wirkung, welche das Eintreten des Fremden hervorgebracht hatte, und verlachte ſie. — Sie iſt ein wildes Weib, ſagte er zu ſich, aber ein Weib kann niemals, was ein Mann vermag. Wenn er todt daliegt, wird ſie es ſelber nicht begreifen können, warum ſie ſich hat von ihm in das Bockshorn jagen laſſen. Ich will ihr zeigen, was zu thun iſt. Damit ſchlich er ſich hinter den Mann, nnd wollte ihm eben den Dolch in den Rücken ſtoßen, als dieſer ſich blitz⸗ ſchnell umwandte und ihm mit dem Degen, welchen er unter dem Mantel trug, den Dolch aus der Hand ſchlug. — Meuchelmörder! ſagte er leiſe und mit dem Tone tiefſter Verachtung. Taleb ſchlich ſich zur Seite, wie ein geſchlagener Hund, er wollte den Dolch aufheben, abet der Fremde ſetzte ſeinen Fuß darauf. — Beeile Dich, ſagte er zu Franz Godard, welcher noch damit beſchäftigt war, die Kinder loszubinden. Als dieſe ſich befreit fühlten, eilten ſie zu ihrem Erretter, ſanken vor ihm nie⸗ der und umfaßten ſeine Kniee wie Hilfeflehende. Der Mann umhüllte ſie mit ſeinem Mantel, einen letzten Blick, der mehr traurig als ſtreng war, warf er auf Margot und Taleb, und verließ dann die Hütte. Die Nacht hatte ſich herabgeſenkt, es war dunkel drinnen, als ſich die Thür ſchloß, leiſe ſchlich ſich Franz Godard hinaus. Eine Zeitlang ſtanden die Beiden ſtumm und mit geſenkten Blik⸗ ken, dann ſtieß Margot heftig das Eiſen mit dem Fuße von ſich, und ein furchtbarer Fluch drang über ihre Lippen. Der Afrikaner ſchlich ſich ſcheu herbei. — Margot, flüſterte er, was war das? — Weiß ich es? rief ſie unmuthig und warf den Schemel Ul — 605— ſein rte um denn ſie mußte etwas haben, woran ſie ihre Wuth aus⸗ eſet laſſen konnte. te.— Ich will es Dir ſagen, Margot, ſagte er heimlich das ſank war der weiße Teufel. ſich— Der weiße Teufel? lachte ſie grimmig auf. Oho, der Teu⸗ das fel iſt immer ſchwarz, ſo ſchwarz wie Du. — Rein, da irrſt Du Dich, bei uns weiß man das beſſer, eib flüſterte er zitternd, es giebt zwei Teufel, einen ſchwarzen und egt einen weißen. Der ſchwarze, der iſt nicht ſo ſchlimm, ſo lange von wir noch leben, er freut ſich, wenn wir ihm was zu Gefallen thun, was aber aus ſeiner Hölle kommt er nicht heraus. Der weiße dage⸗ gen, der ſpukt durch die Welt, ſiehſt Du, grade ſo wie jetzt, der hn iſt überall, der hindert Alles. Hat Einer etwas gethan und denkt, bliz⸗ die Sache iſt gut abgelaufen, ſo freut ſich der ſchwarze Teufel, dem aber der weiße, der verräth Alles, der macht alle Pläne zu nichte, der bringt uns in's Unglück, der reißt uns das Herz aus dem Leibe ſſer mit Gewiſſensangſt. Ich habe es geſehen, wir hatten in Algier einen Kommandanten, hui, das war ein Kerl, Blut, Blut und er nichts als Blut wollte er ſehen. Da wurde geſchlagen, gehenkt, uf. und todtgeſchoſſen, er war nicht zufrieden, wenn er nicht an jedem noch Wochentage wenigſtens Einen hatte, der dran glauben mußte, und ſch Geld mußten ſie geben, und ihre Frauen und Töchter, und wer nur ni⸗ ein Wort darein redete, den ließ er mit großen Kugeln an den ann Füßen auf einen Balken binden, und wenn er vorüberging und uhr ihn ächzen hörte, dann pfiff er dazu und lachte, und ſagte, eine und beſſere Muſik wiſſe er gar nicht. Soweit brachte er es mit dem ſchwarzen Teufel, er hatte Geld die Fülle und Ordensſterne und n, alle Tage gut zu leben, aber da wurde er krank, und nun kam s. der weiße Teufel, und der ſaß an ſeinem Bette und plagte ihn, gli⸗ daß er Angſt bekam und ſich die Haut von dem Geſichte kratzte. Vier Männer mußten ihn halten, denn die Geiſter von denen, die ſü⸗ er hatte tödten und martern laſſen, riſſen ihn heraus und jagten ihn durch die Zimmer, er ſchrie wie ein Beſeſſener und dazwiſchen„fiff es, wie er gepfiffen hatte, wenn die Gemarterten ſtöhnten und ächzten. enel Die um ihn waren ſchauderten und ſchütteiten ſich vor Entſetzen. Und in einer Nacht ſprang er doch aus dem Bette, da jagte — 606— ihn der weiße Teufel, und er lief durch das Schloß und bis in das Gefängniß, wo keiner mehr war, ſeitdem er krank lag ſie ſuchten ihn überall und endlich fanden ſie ihn unter demſelben Balken, an den er die Leute hatte mit Kugeln an den Füßen hängen laſſen, aber ſein Geſicht ſtand im Nacken, denn der weiße Teufel hatte ihm das Genick umgedreht, und ſo gräßlich ſah er aus, daß ſie ein Loch gruben, wo er lag, und ihn einſcharrten. — Du biſt ein Narr mit deinen Teufeln, höhnte ihn Mar⸗ got, wir Chriſten haben nur einen und das iſt grade genug. Aber ſiehſt Du, wenn er jetzt käme, mit Leib und Seele ſollte er mich holen, nur daß er mir die Jungen wiedergäbe. O nicht die Augen allein, Glied für Glied wollte ich ihnen abbrennen, e är⸗ gert es mich, daß ich wie ein Oelgötze daſtand, als er mir dre Schlingel fortnahm. Lauf, Taleb, lauf und ſieh zu, welchen Weg ſie genommen haben. — Das hhilft mir nichts, die ſind weit weg, der weiße Teufel kann ja durch die Luft fliegen. — Gehorche, Du Turkovieh! keifte Margot, bring mir den Franz her, ich muß etwas haben, woran ich meine Wuth auslaſſen kann, hinaus, Du Heidenhund, ich will dich lehren, an den echten Teufel zu glauben, und lebendig ſoll er Dich holen, wenn Du nicht gehorchſt. Taleb ſchlich ſich hinaus. Obgleich er ſich ſonſt nicht grade vor dem alten Weibe fürchtete, war er doch noch ganz unter dem Eindruck deſſen, was ihm eben ſo höchſt wunderbar erſchienen war, daß er es noch nicht zu faſſen vermochte. Als er vor das Haus trat, ſah er nichts von dem ſeltſamen Fremden, nichts von den Knaben noch von Franz Godard, wohl aber hörte er von Weitem kriegeriſche Muſik. Es waren durch⸗ ziehende Truppen, die nach dem Takte der Trommel und Pfeifen marſchirten, es konnten eben nur Deutſche ſein, denn die franzö⸗ ſiſche Militairmuſik klang anders. Schmetternd klang es, die Soldaten ſangen und plauderten luſtig genug aber Taleb ver⸗ kroch ſich ſchüchtern, und warf Blicke tiefen Haſſes auf die Vor⸗ überziehenden. —„ „ 5 — ben eg ſfel den ſen ſen nde em nen men vohl ch⸗ fen izö⸗ die ver⸗ or⸗ — 607— — Margot, ſagte er, die Straße wird zu belebt, wir müſſen uns ein anderes Obdach ſuchen. — Ja, wo? fragte ſie Wüßte ich nur, wo meine Tochter iſt, und ob es meinem Liſetichen gut geht. — Komm mit nach Metz Margot, grinſte er, da drinnen ſitzt der, dem ich das Herz aus dem Leibe reißen muß, da ſitzt er mit Deinem Liſettchen. Und weißt du, daß ich das Mädchen hei⸗ rathen werde? Die Liebſte des Grafen Hektor von Bellegarde iſt grade ein Biſſen für Taleb, den Turko. — Ja, ſie wird Dich! lachte Margot, mein Liſettchen iſt ein Zuckerpüppchen, ſo fein, ſo zierlich, der iſt Jeder zu ſchlecht, der ſie nicht in Gold faſſen kann. Und die will ein dicker ſchwarzer Kerl, wie Du biſt, heirathen, ſolch eine häßliches Mohrengeſſcht mein weißes Engelchen mit den rothangemalten hübſchen Backen! O, den Gedanken laß Dir vergehen, damit iſt es nichts. Taleb ballte die Fauſt. — Das wollen wir doch einmal ſehen, murrte er vor ſich hin, was für den Grafen Bellegarde gut genug war, mag für Taleb, den Turko, höchſtens zu ſchlecht ſein. Soll ſich die Grafen⸗ liebſte nicht freuen, wenn ſie noch ehrlich unter die Haube kommt? Etwa weil ich ſchwarz bin? Ha, ich will es ihnen zeigen, daß ich nicht nur die Farbe mit dem Teufel gemein habe, ſie ſollen noch Alle vor mir zittern, auch dieſes alte Weib hier. Geht ſie doch mit mir um, als hätte ſie mir zu befehlen, als wäre ich zu ſchlecht, ihr die Schuhe zu putzen. Aber wartet die Sache foll anders kommen, als Ihr denkt, und Ihr werdet zu Talebs Füßen lie⸗ gen und ſeinen Speichel lecken. Der fremde Mann hatte die beiden Knaben mit ſich her⸗ ausgeführt. Er hielt ſie unter ſeinem Mantel, und ſie ſchmiegten ſich an ihn und fühlten ſich geborgen und glücklich. O, wie wohl that es ihnen, als ſeine Arme ſich um ſie ſchlangen, als ihr Haupt ſich an ſeine Bruſt lehnte. So gingen ſie mit ihm eine kurze Strecke, dann ſchlug er den Mantel auseinander, ſie blickten ſich um, die verfallenen Hütten waren verſchwunden, ſie befanden ſich in einer Gegend, die ſie nicht kannten, vor ihnen zag der Wald, der an den Hügeln hinaufſtieg, hinter ihnen das — 608— Thal, durch welches ſich die Landſtraße ſchlängelte, auf der ſie militairiſche Muſik vernahmen. An einem Baume ſtand ein ſchwarzes Pferd, nicht weit davon graſte ein anderes, beide wa⸗ ren mit den Zügeln an den Aeſten befeſtigt. Der Mann ſchritt auf den Rappen zu. Da trat Franz Godard zu ihm heran, der ihnen nachgeſchlichen war. 5 — Rehmt mich mit Euch, bat er, ſie werden mich tödten, weil ich Euch gehorchte und nicht der Mutter Margot. Der Fremde blickte ihn an⸗ — Der. Tod iſt Dir gewiß genug, ſagte er mit tiefer Stimme. — Ihr meint weil ich krank bin, verſetzte Godard. Ich hatte einen Kampf mit einem Ulanen, er ſchoß mir eine Kugel in die Bruſt, die Wunde iſt äußerlich geheilt, aber die Lunge iſt noch krank. — und das böſe Gewiſſen im Herzen? unterbrach ihn der Mann. Franz ſah ihn erſchrocken an. Woher wußte er ſeine Qualen? — Ich kenne die Knaben, ſagte er ich weiß, wem ſie ange⸗ hören, ich will ſie ihrer Mutter wiederbringen. — Du warſt ihr Dieb, antwortete der mit dem weißen Mantel, ein Anderer wird das geſtohlene Gut zurückerſtatten. — Ja, aber wer? fragte Franz. — Dein Richter! war die bedeutungsvolle Antwort. — Ach, bat der Unglückliche, laßt mich nicht hier, allein kann ich nicht fort, ich bin zu ſchwach, nehmt mich mit und ſeid barmherzig. — Mit den Böſen habe ich keine Gemeinſchaft, ſagte Jener. Nimm das Pferd, flieh, wohin Du magſt, ich will Dir nicht nach⸗ blicken, will nicht wiſſen, welche Straße Du nimmſt. Eile, ehe die Nacht kommt, die Dir Gefahren bringen wird. Franz dankte und beſtieg das Pferd, der Fremde ſetzte ſich auf den Rappen, er hob Arthur zu ſich hinauf und nahm ihn vor ſich, Richard ſaß hinter ihm und ſchlug die Arme um ſeinen Nacken. Sie gedachten der Racht, in welcher ſie ſo abwechſelnd mit Maria Fiſcher geritten waren, und wiederum kam jenes ſüße Gefühl von Sicherheit über die beiden Kinder. e. 30 gel der n ge⸗ ßen ein ſeid nel. ach⸗ ehe Ihr Begleiter redete nicht zu ihnen, nur von Zeit zu Zeit trieb er ſein Pferd durch ein leiſes Schnalzen der Zunge an, die Knaben lehnten an ihm in halbem Schlaf, der Mantel umhüllte Arthurs zurtere Geſtalt, indeſſen Richards dunkle Locken ſich mit denen ſeines Beſchützers miſchten. Franz Godard trabte nach der anderen Seite hin. Seine Lage war die übelſte von der Welt, denn er beſaß keinen Pfennig. Alles, was er beſeſſen hatte, hatte ihm Margot abgenommen, und vorbei war es mit ſeinen Träumen von Reichthum und Wohlleben. Zu ſeinem Unglück hatte ſich Franz in den Kampf mit Wil⸗ helm Friſchmuth eingelaſſen, denn ſeitdem er krank und hilflos war, machte ihn das alte Weib vollends zu ihrem Sklaven. Darum dankte er Gott, daß er ihr entflohen war. Aber wie elend lag nun ſeine Zukunft vor ihm, und was ſollte er beginnen? Unwiderſtehlich zog es ihn nach Metz wo, wie er wußte, Liſette ſich befand. Er liebte das ſchlechte Mädchen trotz ihres ſünd⸗ haften Lebenswandels wie ein Raſender und konnte den Ge⸗ danken nicht ertragen, ſie ganz dem Grafen von Bellegarde zu überlaſſen. Er haßte ihn faſt ebenſo ſehr wie Taleb ihn haßte, und ſeine Bruſt ſchwoll von Rachegedanken, wenn er ſich ſeiner erinnerte. Nach Metz, nach Metz! Das war Alles, was er in die⸗ ſem Angenblicke wünſchte und dachte. Was er da wollte, er wußte es ſelber nicht. Arm und krank, wie er war, hatte er wenig Hoffnung, Liſettens Gunſt wieder zu erwerben, und doch ſehnte er ſich nach ihr und hätte ſich von ihr mit Füßen treten laſſen, nur um in ihrer Nähe zu ſein. Er war in der Gegend nicht fremd und hoffte, ſich in die Feſtung einſchleichen zu können. Bald verrieth ihm ein faſt unerträglich werdender Geruch die Nähe des Schlachtfeldes von Vionville. Das Blut, welches in ſo reichen Strömen gefloſſen war, daß die Erde es nicht hatte aufſaugen können, war zu dunklen Klurpen zuſammengeron⸗ nen und in Fäulniß übergegangen, dazwiſchen lagen noch menſchliche Glieder, dazwiſchen ſchimmerte es weißlich von Gehirn⸗ maſſe und Mark. es war ein ſchauerlicher Anblick für Einen, der einſam in der Nacht ſolch' eine Stätte betritt. D. V. 39 — 610— Franz Godard hielt ſich nicht bei ſolchen gefühlrollen Gedan⸗ ken auf, er hatte Anderes im Sinne. Hier in den dichten Wäl⸗ dern, in den Gräben und zwiſchen den zu Boden geſtampften Getrei⸗ defeldern mußten noch Leichen liegen. Wenn er Glück hatte, konnte er einen guten Fund thun, und ihm lag Alles daran, nicht mit leeren Händen vor Liſette zu treten. Deswegen ſcheute er ſich nicht vor dem ſchauderhaften Geruch. Er ſtieg von ſeinem Pferde, leitete es am Zügel hinter ſich her und ſuchte. Lange durchſtrich er ſo die öde Gegend, die ein Jeder mied. Es gab ſo viele rohe Menſchen, die vom Kriege lebten, daß das Schlacht⸗ feld ſchon gänzlich abgeſucht war, auch hatten die deutſchen Sol⸗ daten hier biwakirt und gleich am nächſten Tage die Todten begraben, die Ausbeute konnte folglich nur gering geweſen ſein, aber hielt dies das räuberiſche Geſindel ab, ſeine Hyänen⸗ arbeit zu verrichten? Wehe dem Unglücklichen, den jene ſcheußlichen Todtenſchänder in einem einſamen Walde, hilflos und unfähig ſich weiter zu bewegen, fanden, ſein Ende war nahe, und froh mochte er ſein, wenn ſie es mit einem Meſſerſtiche in den Hals ſchnell abmachten. Aber es gab grauſame Schurken unter ihnen, die den ver⸗ ſtümmelten Feind noch peinigten, die ihn peitſchten, bis er es verſuchte, auf dem zerſchoſſenen Bein zu ſtehen, die ihm Feuer⸗ brände in den Rücken ſtießen, bis er verzweifelte Anſtrengungen machte, ihnen zu entfliehen, die ihm die Augen ausbohrten und ihm den Leib aufſchnitten, um ſein Herz heraus zu reißen. Ja. die Franzoſen ſind ein grauſames Volk, ſie finden Freude an den Qualen Anderer, es liegt etwas Beſtialiſches in ihnen trotz ihrer äußeren Glätte und Geſchliffenheit. Haben ſie nicht in den Reli⸗ gionskriegen gräßliche Thaten verübt, haben ſie nicht während der großen Revolution um die Guillotine herumgetanzt? Auch jetzt zeigten ſie ſich blutdürſtig, auch jetzt zitterte ein Jeder, der ſich allein unter Vielen befand, die ihn als Feind betrachteten. Selbſt Godard, obſchon er ſelber ein Franzoſe war, hätte nicht gewünſcht, einem ſolchen Leichenräuber zu begegnen, denn ſie ſind wie rei⸗ ßende Thiere, jemehr Blut ſie geſehen haben, jemehr verlangen ſie danach. Darum ſpähte er nach allen Seiten, hier nach den — 1— dan⸗ Todten, auf deren Erbtheiler hoffte, dort nach den Lebenden, vor Vib denen er ſich ſcheute. etrei⸗ Da ſtieß ſein Fuß an einen Gegenſtand, es war ein Revol⸗ utte ver, eine jener ſiebenläufigen Piſtolen, die in Amerika gebräuchlich nicht find und auch in dieſem Kriege vielfach benutzt wurden, er unter⸗ eer ſuchte die Waffe, ſie war vollſtändig geladen. Zetzt konnte er nem feſter auftreten, er hatte ein Mittel ſich zu vertheidigen. Und nge ferner noch ſchien ihn das Slüc zu begünſtigen⸗ er ließ ſich von gb dem Geruche leiten, gleich einem Geier, der dem Aas nachfliegt. at Tiefer in den Wald eindringend, fand er drei Leichen neben⸗ Sol⸗ einander, es waren zwei Franzoſen und ein Deutſcher. Sie muß⸗ ten wüthend gekämpft haben, der Säbel des Zuaven ſaß in den ſin Eingeweiden des Deutſchen, aber auch ſeine Feinde waren gefallen Einer mochte einige Schritte weiter getaumelt ſein, dann war er mit dem Geſicht auf die Erde gefallen und hatte ſich lang aus⸗ geſtreckt, der Andere hatte einen mächtigen Hieb über den Schädel, i der das Gehirn bloslegte und die Stirn bis zu der Naſe E ſpaltete. Bei dieſen das wußte Franz Godard, war nichts zu holen, aber der Deutſche war ein Offizier. Ueber ſein Geſicht war ein Haufen ſchwarzer Ameiſen gekommen und hatte es gänzlich auf⸗ * gefreſſen, es war ein ſcheußlicher blutiger Klumpen, auf dem die Thiere wimmelten, die ſelbſt in der Nacht ihre Arbeit nicht ein⸗ gen ſtellten. Und dieſe Nacht war licht genug, um das ſehen zu laſſen n ein grauſiges Todtengräberamt, das hier von den Inſekten do verrichtet wurde. den Franz Godard ſchauderte nicht davor, er bückte ſich ſchnell und riß die Uniform des Todten auf. In der Brufttaſche ſteckte el⸗ das Notizbuch, es war dick von Papieren, daneben die Geldbörſe ber mit ziemlich viel kleiner Münze. Die goldene Uhr an einer fein ezt gearbeiteten Kette wurde eine willkommene Beute. Dann ging c es weiten An der rechten Hand ſteckte ein Siegelring und am bſt Goldfinger das Zeichen ehelicher Bande, aber auch die Hand, die ht, noch den Degen umſchloß, war von Ameiſen zerfreſſen, und das Fleiſch ſpritzte weit umher als Godard die Ringe abriß. en 39* en *————— ———————————,—— — 612— Vergnügt erhob er ſich, er war mit dem Erfolge ſeines Suchens zufrieden und dachte weiter zu gehen. Da plötzlich ſpran⸗ gen aus dem Gebüſche drei Kerle hervor, bärtig, zerlumpt, in zerfetzten und beſchmutzten Kitteln und bis an die Zähne bewaffnet. — Ha, Leichendieb, warte, dich haben wir, her mit der Beute, oder du biſt des Todes! Da packte eine Fauſt ſeine Schulter, die andere ſeinen Arm und vor ſeinen Augen blitzte das Meſſer. Dennoch faßte er ſich zuſammen. — Hoho, Kameraden, fragte er, habt Ihr das Geſchäft ge⸗ pachtet, darf nicht ein Anderer auch jagen, wo Ihr den beſten Braten ſchon vorweg genommen habt? — Ja, das fehlte, daß hier ein Jeder kommen könnte, was bliebe zuletzt für uns? ſo riefen die Hyänen der Schlachtfelder, und ihre wilden Mienen verkündigten dem Ergriffenen nichts Gutes. — Aber, ſagte er mit ſo gleichmüthigem Tone als möglich, vier finden mehr als drei. Dieſe Leiche da habt Ihr nicht ge⸗ funden, denn ſonſt hätten die Ameiſen nicht ſo bequemes Spiel gehabt. Im Uebrigen habt Ihr gut aufgeräumt, und da Euer Geſchäft jedenfalls beſſer war als das meinige, und da ich bereit bin als guter Kamerad mit Euch zu theilen, ſo... Die Männer ſahen ſich untereinander an, die Fäuſte, die Franz Godard gepackt hielten, wurden weniger ſchver. — Willſt du zu uns gehören? fragte der Eine. — Ich verlange nichts Beſſeres, war die Antwort. — Gut, ſo ſollſt du dein Leben behalten, aber merke es Dir, es darf Keiner etwas für ſich behalten, es muß Alles ge⸗ theilt werden. — Das iſt gewiß, ſo mag ich es gern. — Ich bin der Anführer, ich heiße Martin, wir ſind unſerer achtzehn, lauter entſchloſſene Kerle. Du mußt ſchwören, daß du bei uns bleibſt. — Das ſchwöre ich. — Und uns niemals verräthſt. — Ein Schurke, wer es thäte! — 613— 3— Und dann, es iſt Einer, der über uns ſteht, wir nennen n⸗ ihn den Unbekannten, er trägt das rothe Kreuz auf dem weißen in Mantel. t.— Oho, den kenne ich. e, Du kennſt ihn? — Wenn er ein bleiches Geſicht hat und lange lockige Haare u und Augen, vor denen es Einem über den Rücken rieſelt, ſo kenne ch ich ihn. — Du kennſt den Unbekannten. es iſt gut, Du biſt e⸗ der Unſrige. en 06 er, 70. Kapitel. g. Das Treffen bei Beaumont. . Während die Marſchälle Bazaine, Leboeuf und Canrobert ni ſich in Metz hatten einſchließen laſſen, ſetzte Mac Mahon ſeinen Rückmarſch fort. Aber nicht nach Paris ging er, wie man ie es in den deutſchen Heeren erwartet hatte, ſondern nach der bel⸗ giſchen Grenze hinauf. Ihm folgte der Kronprinz von Preußen mit ſeinem Heere, jetzt⸗wurde noch eine vierte Armee gebildet, die meiſtens aus Sachſen und Thüringern und außerdem aus den 5 preußiſchen Garden beſtand, und an ihre Spitze trat der Kron⸗ prinz des Königreichs Sachſen. Dieſe beiden gewaltigen Heeres⸗ 6. maſſen rückten nun in ſo geſchloſſenen Reihen vor, daß Mac Mahon nicht mehr daran denken konnte, nach Metz zum Entſatze Bazaine's durchbrechen zu können. Dieſer Marſch geſchah mit — einer an das Unglaubliche grenzenden Schnelligkeit. Ehe die Franzoſen ſich zu beſinnen vermochten, hatten ſie ſchon Fühlung mit ihren Feinden bekommen. Der König Wilhelm befand ſich bei den Truppen und ſchon am neun und zwanzigſten Auguſt befand ſich ſein Hauptquartier in St. Menehould neun Meilen von ——————— ————————— * ————————— — 614— Sedan entfernt. Der Weg wurde durch viele kleine Gefechte bezeichnet und intereſſant gemacht. So war das Dorf Voucy von franzöſiſcher Infanterie beſetzt. Es waren meiſt Turkos und Pompiers, die da lagen und den armen Dorfbewohnern eine furchtbare Laſt waren. Zwei preußiſche Huſaren⸗Escadrons, die das merkten, hatten nicht geringe Luſt, ſich wieder einmal mit den verſchrieenen Afrikanern zu meſſen, die ſie freilich ſchon bei Wörth und Weißenburg kennen gelernt hatten. Sie ſaßen ab und zogen die Degen, ſo ging es in das Dorf hinein. Die Franzoſen verſchanzten ſich in den Häuſern und ſchoſſen aus je⸗ dem Fenſter, aus jeder Bodenluke. Das erbitterte die braven Huſaren. Nun ging es von Hütte zu Hütte, wo ſich die Leute nicht ergaben, wurden ſie in den Zimmern, auf den Heuböden niedergemacht, wo die Bauern ſie verſtekten, räucherte man ſie heraus. Bald brannte das Dorf an allen Ecken. Da liefen die rothen Hoſen nach allen Winden. Aber nun ſaßen die Huſaren auf, und die Jagd ging los. Schaarenweis wurden ſie auf den Dorfplatz zurückgetrieben und hier entwaffnet. Aber man mußte Vorſicht gebrauchen. Da warf ſich ſolch ein Kerl hin und ſtellte ſich todt, aber nahe ſich ihm nur Einer, gleich hat er den Chaſſe⸗ pot in der Hand und jagt ihm eine Kugel in den Leib. Oder er thut, als wolle er die Waffe abgeben, und im nächſten Augen⸗ blick hat ſie der Sieger in den Rippen. Die Huſaren waren auf ſolche Streiche vorbereitet und wußten ſich vor der Gefahr zu wahren, ſie machten eine bedeutende Anzahl von Gefangenen und faßten zwei von Mac Mahons Generalſtabs⸗Offizieren ab. Und an demſelben Tage ſtieß die Avantgarde des ſächſiſchen Armeekorps bei Nouart mit franzöſiſchen Truppen zuſammen und hieb ſie zu nichte, ſie bemächtigten ſich der Eiſenbahn, die von Thionville nach Paris führt, und ſchnitten damit den franzöſiſchen Truppen jede Zufuhr von der Hauptſtadt her ab. Am ſieben und zwanzigſten Auguſt hatte eine ſächſiſche Colonne, beſtehend aus dem dritten ſächſiſchen Reiterregimente, einer Schwadron des achtzehnten Ulanenregiments und der rei⸗ tenden Batterie Zenecker bei Buſancy ein glänzend ſiegreiches Gefecht gegen ſechs Schwadronen franzöſiſcher berittener Jäger, ——— — 615— t bei welchem in einem wilden Handgemenge und Einzelkampfe der franzöſiſche Kommandeur, Oberſt⸗Lieutenant de la Porte, . ſchwer verwundet und gefangen wurde, ſowie Mannſchaften und „ Pferde theils todt, theils verwundet in unſere Hände fielen. ie Auf ſächſiſcher Seite wurden der Rittmeiſter von Hartling und i einige Reiter verwundet. ei Indeſſen waren dies nur kleine Vorſpiele der großen Ereig⸗ niſſe, die noch folgen ſollten. Es war am neun und zwanzigſten 3 Auguſt, als die Sache ernſter zu werden begann. War denn Mac Mahon gänzlich von ſeinem vielgerühmten Feldherrngenie verlaſſen, als er ſich auf dem linken Ufer der Maas bei Beau⸗ G mont aufſtellte? Das war jedenfalls höchſt unvorſichtig, denn es fehlte ihm an einer geſicherten Rückzugslinie. Allerdings hatte 3 er es nur auf Befehl des Kriegsminiſters Palikao unternommen, Ba⸗ ſe zaine in Metz zu entſetzen und ſich mit ihm zu verbinden, das die heißt, die deutſchen Armeen der beiden Kronprinzen zu durchbre⸗ e chen, vor Metz den Prinzen Friedrich Karl und den General von en Steinmetz zu ſchlagen und den in der Feſtung eingeſchloſſenen ſr Truppen die Hand zu fernerem Vorgehen zu reichen. Da dieſer lte Plan aber auf dem Papier ſehr ſchön ausſah, befreundete ſich Mac ſſe⸗ Mahon trotz ſeines anfänglichen Widerſtrebens auch mit demſel⸗ det den. Er legte ihn dem Kaiſer vor und dieſer genehmigte ihn en⸗ vollſtändig, wünſchte er doch weiter nichts als Sieg, Sieg und ren wieder Sieg. Auf dem Herzog von Magenta beruhte in dieſem ahr Augenblick die ganze Hoffnung Frankreichs. Zwar war er ſchon nen einmal von dem Kronprinzen von Preußen geſchlagen worden, ob. aber um ſo mehr glaubte man, daß er künftig vorwärts gehen chen werde, wie ein angeſchoſſenes Wild ſich mit der Kraft der To⸗ und desangſt dem Jäger ſtellt. Aber Mac Mahon wußte wohl, wa⸗ von rum ihm das Herz ſo ängſtlich in dem Buſen klopfte. Es fehlte hen ſeiner Armee nicht mehr als an Allem. Immer deutlicher ſtellten ſich die gewaltigen Unterſchleife heraus, deren ſich die meiſten ho⸗ ſche hen Offiziere ſchuldig gemacht hatten. Der Marſchall wußte es nte, voraus, daß er keinen Feldzug auszuhalten vermöchte, der auch re⸗ nur einige Wochen dauerte. Er hatte keinen Hafer für die Pferde, iches und das Brot für die Soldaten war ſchlecht und ungenießbar, iget⸗ — 616— die Waffen befanden hich in einem durchaus unzureichenden Zu⸗ ſtande, manche Regimenter waren nicht einmal mit Hinterladern verſehen, denn die Chaſſepots, die man in England beſtellt hatte, waren noch nicht angek⸗mmen. Eben ſo ſchlecht ſah es mit den Monturen aus. Bei Wörth war ein ungeheures Kriegsmaterial in die Hände der Deutſchen gefallen, welches ſich nun nicht ſo ſchnell erſetzen ließ. Aber das Schlimmſte war die Muchloſigkeit, welche die Truppen und ihre Leiter ergriffen hatte. Sie waren geſchlagen und immer wieder geſchlagen worden, ihre beſten Füh⸗ rer hatten ſich als unfähig bewieſen, und die Feinde, die man ihnen vor dem Kriege als ſo verächtlich und leicht zu beſiegen geſchikdert hatte, bewieſen ſich tapfer wie Löwen, ausdauernd im Kampfe, unermüdlich in der Verfolgung. Da ſchwand das Ver⸗ trauen auf die eigenen Offiziere, wenn ſie ſahen, wie die der deut⸗ ſchen Truppen überall voran waren und gleich den gemeinen Sol⸗ daten kämpften, während man ſie gleich Schlachtvieh in den dichteſten Kugelregen trieb, indeſſen die Offiziere hin⸗ ter der Front blieben und ihr Leben wahrten. Hatten ſie gute Stellungen, und die hatten ſie faſt immer, da ſie ſich faſt überall den Ort ſelbſt ausſuchen konnten, an dem ſie die Angreifer erwarteten, ſo ſchien es ihnen faſt wie ein Wun⸗ der, daß ſich die Deutſchen mit einer ſo entſetzlichen Gewalt auf ſie warfen und Alles, was ſich ihnen widerſetzte, unaufhaltſam mit ſich fortriſſen. Und was hatten ſie auch für ein Intereſſe an dem Siege? Ihren Kaiſer liebten ſie nicht, und die Erhaltung ſeines Thrones war ihnen gleichgültig. Die Einen wären lieber bei einem der vertriebenen Herrſcher geblieben, die Andern ſehn⸗ ten ſich danach, gar keinen König zu haben und die Republik auszurufen, die Afrikaner kümmerten ſich viel darum, wer in dem Tuilerienpalaſte ſaß, den Meiſten war der Krieg zuwider, weil er keine Beute verſprach, ſie ſehnten ſich nach Hauſe. Der Her⸗ zog Mac Mahon kannte dieſe Stimmung der Armee. Er hatte Alles gethan, um ihren Zuſtand erträglicher zu machen⸗ aber es war ihm nicht gelungen. Die Franzoſen marſchiren ſchlecht. Die weiten Wege, die ſie bis nach Sedan gemacht hatten, ermüdeten ſie nollends und nahmen ihnen die gute Laune, ihr Schuhwerk —————— S— — — — 617— hatte bereits ſehr gelitten, denn von ihrer ganzen Montur iſ nichts auf die Dauerhaftigkeit berechnet. Die weiten Hoſen bleiben an jedem Baumaſt ſitzen, reißen ein, die Käppis verlieren ſich leicht, da ſie kein feſtes Sturmband haben, und Lederzeug beſitzen ſie ſo gut wie gar keins. Viele von ihnen ſahen ſchon jetzt wie Straßenräuber aus und zeigten ſpottwenig von jener an den Fran⸗ zoſen ſo viel geprieſenen Eleganz. Auch gehören für die Afri⸗ kaner Seife und Waſſer zu den Bedürfniſſen, die ſich am leichte⸗ ſten entbehren laſſen, die Bärte wachſen ihnen ohnedies, wie ſie wollen, und nur die Mohamedaner genügen den Pflichten, welche ihr Glaube ihnen vorſchreibt, indem ſie bei ihren täglichen Gebeten Waſchungen vornehmen, die freilich mehr der Sitte als der Rein⸗ lichkeit zu Gute kommen. Schon in den letzten Tagen des Auguſt hatten die deutſchen Heere den Marſchall Mac Mahon ſo feſt umſchloſſen, daß er ſich nur durch eine große Schlacht zu retten vermochte oder unter⸗ liegen mußte. So befand er ſich in einer ähnlichen Lage wie ſein Kollege Bazaine. Wohin er blickte, er ſah nur Feinde, das ganze Land im Oſten und Süden war von ihnen bedeckt, und nördlich befand ſich die Belgiſche Grenze, die er, weil dieſes König⸗ reich ſtrenge Neutralität bewahrte, an der Spitze einer bewaffneten Wacht nicht überſchreiten durfte. So ſah er ſich in die mißlichſte Lage gebracht, es gab für ihn kein Zurück mehr, es gab nur ein Vorwärts durch Kugelregen, Lanzenſpitzen, Bajonette und Zünd⸗ nadelgewehre. Vielleicht hatte er grade das beabſichtigt, um ſeine Soldaten durch die Noth in das Feuer zu treiben, denn er ver⸗ hehlte ſich die Muthloſigkeit nicht, in der ſie ſich befanden. Es war am dreißigſten Auguſt, an dem ſich der erſte ernſte Zuſammenſtoß der feindlichen Truppenmaſſen ereignete. Dieſer Tag begann für das Hauptquartier der dritten Armee mit den Klängen der württembergiſchen Militärmuſik. Einige Kompagnien des ſiebenten württembergiſchen Infanterie⸗Regiments, die durch Cenuc zogen, um die Straße der großen Heereswan⸗ derung auf Beaumont zu erreichen, begrüßten den preußiſchen Kronprinzen in ſeinem Feldlager mit einer Morgenmuſik. Es wurde ein Kriegsmarſch intonirt, die entfaltete Fahne — 618— wehte ihren Gruß für den heraufziehenden Tag. Man konnte ſich keine würdigere, keine feierlichere Einleitung des bevorſtehenden Kampfes denken. Nachdem die Franzoſen von Rheims ſich zurückgezogen und, als das Korps Mac Mahon's in die Stellung zwiſchen der Aisne und den Ardennen eingerückt war, in der Hauptſtellung von Vouziers dem Angriff durch die vierte preußiſche Kavallerie⸗Divi⸗ d ſion nicht Stand gehalten hatten, mußte der Fall in's Auge ge⸗ faßt werden, daß ihr linker Flügel ſeine Rückzugslinien gegen die belgiſche Grenze hin ausdehnen, vielleicht ſelbſt in dem Uebertritt auf neutrales Gebiet ſeine Rechnung ſuchen werde. Dem ent⸗ ſprechend wurde von Seiten der deutſchen Heerführer der Ent⸗ ſchluß gefaßt, den Feind auf dem linken Ufer der Maas wenn möglich zum Kampf zu zwingen. Früh um zehn Uhr, nachdem ſchon vorher ein großer Theil des Hauptquartiers, beſonders des Generalſtabes aufgebrochen war, verließ der König von Preußen Grandpré, um ſich zunächſt auf Buzancy zu begeben, wo, wie es wenigſtens anfänglich hieß, 3 die Pferde beſtiegen werden ſollten. Doch ſtellte ſich dies als un⸗ richtig heraus, indem der König und ſeine nächſte Umgebung die Wagen noch nicht verließen, ſondern in denſelben zunächſt bis zu einem Höhepunkt blieben, von wo aus man einen Theil des zu erwartenden Schlachtfeldes überſehen konnte. Es war nach Zwölf, als man den erſten Kanonenſchuß hörte, doch blieb es auf dieſer Seite— dem linken Flügel der deutſchen Stellung, ruhig und bald brach der König mit ſeinem Gefolge nach einer anderen Stellung auf, von wo man beſſer das Cen⸗ trum und die rechte Seite der Stellung überſehen konnte. Das Ter⸗ rain iſt von Buzancy an wieder ſtark wellenförmig. Links und rechts ſind ausgedehnte Wälder. Sommeurthe liegt in der Liefe eines Thales; zwiſchen dieſem und dem Thal, in welchem 1 das Dörſchen Vaux liegt, erſtreckt ſich ein Höhenrücken, der zun⸗ genförmig gegen Norden ausläuft. Auf dem höchſten Punkte, hinter welchem der Rücken ziemlich ſteil abfällt,(ein Kreuz, Eiſen auf Sandſtein, wie es hier vielfach vorkommt, ſteht auf dem Abhange), nahm der König ſeine Stellung. 3 ——————— — 619— Von hier aus konnte man das ganze Gebiet der Schlacht, ſo weit es bei dem wellenförmigen Boden möglich war, über⸗ 5 ſehen. Die dunkelblauen Linien, welche den Himmel nach Rord⸗ oſt zu begrenzen, bezeichnen die belgiſche Grenze, welche von hier * in gerader Linie wenig mehr als zwei Meilen entfernt iſt. Es iſt ein wunderherrlicher Tag. Von der Höhe, auf der die deutſchen Heerführer ſtehn, hat man den ſchönſten Blick über * eine lachende Gegend. Bewaldete Berge wechſeln mit lieblichen Thälern ab, aus deren Grün freundliche Ortſchaften hervorſchauen. it Nach Norden zu erſtreckt ſich im Vordergrunde ein Gürtel von Wäldern, welche bis an den Fuß der Höhen im Süden ge⸗ n⸗ hen. Sie ſind, wie es ſcheint, etwas bruchartig und es fließt 8 auch ein kleiner Bach hindurch. Durch dieſe Wälder hatten ſich die von Nouart kommenden ſächſiſchen Truppen und die zweite Diviſton des erſten bairiſchen 3 Corps durcharbeiten müſfen, und ſie hatten es mit ſolchem Glück ſ gethan, daß ſie die Franzoſen in ihren Feldlagern bei Beaumont 5 vollſtändig überraſchten. Es war das Corps des Generals Failly,— n⸗ das in dieſer Weiſe überrumpelt wurde. Mit dem Fernrohr die konnte man deutlich die einzelnen verlaſſenen Zelte ſehen. Da zu das Zeltlager öſtlich von Beaumont liegt, ſs haben ſich die Fran⸗ zu zoſen über dſeien Ort zurückgezogen, und noch kämpft die Artille⸗ rie, wobei der Ort in Brand geräth, doch bleibt der Schauplatz t. des Brandes beſchränkt. n Links von Beaumont erheben ſich terraſſenförmige Hügel, größtentheils bewaldet. Ein beſonders breiter Rücken, unbewal⸗ n⸗ det, iſt durch einzelne Reihen von Poppeln gekennzeichnet. Hier er⸗ rücken die Batterien raſch vor, in jeder Stellung dauert der Kampf nur kurze Zeit, dann iſt es wieder ſtiller. Endlich iſt das Feld, er ſoweit es ſichtbar, von Franzoſen geräumt. Weiter hinten ſieht m man noch immer jene von Form ſo niedlichen Wölkchen, welche n⸗ die platzenden Granaten bilden. Unbeweglich bleiben ſie minuten⸗ te, lang an demſelben Punkte, während ſich aus ihnen ſchon lange en 1 das verderbliche Geſchoß entladen hat. en Plötzlich hört man ganz dicht bei dem Standpunkte der Heer⸗ führer Gewehrfeuer. Es ſcheint aus dem Dorfe unter ihnen zu — 620— kommen, wo doch ganz ungeſtört Kolonnen durchmarſchiren. Das Geräuſch iſt räthſelhaft— ein Offizier reitet hinab und bringt die Löſung: Es iſt die erſte bairiſche Diviſion unter Kommando des Generals Stephan, die dem Feinde entgegen rückt. Dieſelbe war in der vergangenen Nacht um St. Juvin konzentrirt geweſen und hat bereits einen ſechsſtündigen Marſch zurückgelegt. Sie hat den Befehl, bis Racourt, zwei Stunden füdlich von der Maas, vorzudringen. Nach einem zweiſtündigen Eilmarſch durch den herrlichen Forſt ſtieß ſie am Ausgang deſſelben auf die erſten Franzoſen. Verſprengte aus dem Gefeche von Beaumont, die ſich ohne vielen Widerſtand gefangen nehmen ließen. Kaum aus dem Walde heraus, formirte das zweite Regiment die Angriffskolonnen. Major Sauer führte das erſte, Major Dehn das zweite und Major Steurer das dritte Bataillon. Das letztere bildete die Avant⸗ garde. In Plänklerkolonnen ging's die Höhen hinauf. Major Steurer und ſein Adjutant, Oberlieutenant von Sprumer, mit geſchwungenem Säbel voran. Zwei, drei Salven empfingen die Heranſtürmenden, dann zog ſich der Feind zurück. Die Baiern ihm nach anf Raucourt zu. Von der gegenüberliegenden Höhe begann die feindliche Artillerie zu ſpielen, bald antworteten die bairiſchen Kanonen von der Anhöhe, die das zweite Regiment ſoeben von den feindlichen Vorpoſten geſäubert hatte. Links von dieſem kahlen Höhenabhange befindet ſich ein hübſches Gehöft, la Hannotharie, in einem Wäldchen. Das Haus iſt in Brand gerathen, und unheimlich leuchtet die rothe Gluth aus dem Grün des Waldes heraus. Es iſt drei Uhr geworden, und Alles iſt ſtill. Zwei Stühle ſind herbeigebracht worden, auf denen der König und ſein Bruder, Prinz Carl, Platz nehmen, und aus den königlichen Fouragen wird ein frugales Mahl aufgetra⸗ gen, das theils ſtehend, theils die Erde als Tiſch benutzend, eingenom⸗ men wird. Jetzt erſt kommen die erſten Depeſchen vom linken Flügel. Hauptmann Lemke vom Generalſtabe überbringt ſie dem Könige, den Alles umringt, um die guten Nachrichten zu vernehmen. Dann kommien ſolche auch von der andern Seite. Etwas vor vier Uhr beginnt die Kanonade von Neuem, jetzt faſt auf allen Punkten, di lic 11 1 1 ihrer Pfers Bald hörte es die Hügel hiüt Geſchützen, die Offiziers Es iſt nichts Leichtes, ſogleick und ſicher zu zielen. Plötzlich krachM über, ſie ſauſte unheimlich durch die Lüfte, ſie lichen Maſſen, ein Schrei, ein Aufſtäuben von Erde, S lichen Gebeinen... dann eine weite Lücke, ein verworrenes undherlaufen, bis eine neue Kugel einſchlägt und neue Verwir⸗ rung anrichtet. Sie treffen alle, es geht keine unnütz vorüber, es iſt, als ob eine jede ihre Anzahl von Menſchenleben verlangte und erhielt Und ſo Schuß auf Schuß. Wie das kracht und blitzt und wettert! Die Mitrailleuſe kann ſich dagegen nicht hal⸗ ten, die Leute, die ſie bedienen, ſinken dahin ſo auch die der anderen Geſchütze. Aber das Feuern hört nicht auf. Die Artilleriſten verſtändigen ſich durch Zeichen, nicht als ob ſie nicht zu reden ver⸗ möchten, ſondern weil ſie taub ſind von dem furchtbaren Lärm, der ſie umgiebt, das allzuſehr erſchütterte Trommelfell bedarf der Ruhe, um wieder ſeine Thätigkeit aufnehmen zu können. Aber die Ar⸗ beit oer feurigen Schlangen, die ihre ſchwarzen Kugeln ſpeien, erreicht ihren Zweck. Die feindlichen Geſchütze ſind demontirt, die Bedienung iſt vernichtet, weit umher ſieht man nichts als Leichen, er, ihr weit Bein Kopf noch zer⸗. ſten das ſes zu le Wun⸗ zen werden kitgeſchöpfe zu wein Kampfe? Sie ker Frechheit den Krieg de nach deutſchem Eigenthum t prahlten, daß ſie als Sieger durch Fhen wollten Sie allein trifft die Schuld, ſie ñ mit geſenkter Stirn vor Gottes Richterſtuhl zu treten Bdie Strafe für ihre Verbrechen hinzunehmen! Das Treffen bei Beaumont war ein Sieg der deutſchen Ar⸗ tillerie über die franzöſiſche. Endlich ging der Tag damit zu Ende, daß das vierte Armeekorps einen Angriff gegen die Mitte der feindlichen Stellung machte. Geſchwächt und entmuthigt durch das ſiegreiche Vordringen der Baiern und Sachſen, widerſtanden die Franzoſen dieſem letzten Schlage nicht mehr lange, es gab noch eine halbe Stunde, in welcher jede Sekunde durch den Tod eines Menſchen bezeichnet wurde, dann wichen die Feinde. Sie zogen ſich zum größten Theil nach Sedan zurück, aber ihre Haupt⸗ macht wurde bei Mouzon über die Brücke gedrängt, wobei ihnen die Sachſen ungeheure Verluſte zufügten. Hier artete ihr Rück⸗ zug in wilde Flucht aus, ſie retteten ſich, ſo gut es ging ſie waren froh das nackte Leben in Sicherheit bringen zu können lie⸗ ßen Alles was ſie bei ſich hatten. im Stiche. et. wo 3 Mech et unde Bein der 5 Kp der gu nh WMag ſ⸗ noch iſen beei das von t an dieſes e Wun⸗ werden öpfe zu e7 Sie Krieg enhm g r durch bſ AAbermals geſchla treten Das war ein Treiben in Sedan. Die Einwohner, hen M furchtbar unter dem Drucke der Einquartierung litten, hatten dop⸗ nit zu pelte Urſache, dem Kaiſer den Sieg zu wünſchen, denn erſtens Wite waren ſie Franzoſen, und dann hofften ſie, ihre Landsleute los tduch ö werden, ſobald dieſe dem geſchlagenen Feinde nachſetzten! Mit uden grenzenloſer Angſt vernahmen ſie das Knattern der Gewehrſchüſſe, 6 gb dann das Krachen der Kanonen, den ziſchenden Ton der Gra⸗ n Td naten. Der Lärm war ſelbſt in der Feſtung ſo betäubend, daß eSie die Fenſterſcheiben klirrten, die Thüren in den Angeln zitterten hut⸗ und die Spiegel von den Wänden fielen. O wer in ſolch' einem i ihnen ugenblicke krank im Bette liegt, wem das letzte ſtille Gebet zu rRü⸗ F unterbrochen wird v wuren e on jenen grauſenerregenden Tönen, er davor zittert, daß ſeine Leiche keine Ruhe finden wird im dli⸗ Sarge, und wer mit thränenden Augen an dem Sterbelager e geliebten Menſchen ſteht und ſieht wie ſich ſein Todeskampf ng und erſchwert durch die Unruhe, wie er aufſchreckt und 3. Ferfaßt hatte, rben empor⸗ ein ae, wo eine Mühle Waackernden Flügel von ſelbſt uu ſtanden, die Strohdächer der 4 en„e Thiere üfen ſchreiend durch die Gaſſen, nnte in den Ställen, es hörte Niemand auf ſein die es Gebrüll. Mit verſengten Flügeln ſprangen die Hüh⸗ ner umher, die Hunde ſuchten ängſtlich nach ihren Herren. die Menſchen aber ſtanden mit Thränen in den Augen; die Hände rathlos gefaltet und ſahen zu, wie ihre Habe verſanken. Wehe den Kranken, die ſich nicht zu retten vermochten, wenn Al⸗ les floh, ſie fielen dem ſchrecklichſten Schickſal anheim! Glücklich noch, wen der Rauch des brennenden Hauſes erſtickte, aber wer hilflos im Bette lag und die Flammen heranzüngeln ſah, bis ſie ſein Lager, bis ſie ihn ſelbſt erreichten, dem mochte wohl die letzte Stunde ſein, als hätte hienieden ſchon die Hölle ihn er⸗ 1 griffen, als hohnlachten die Teufel über ſeine Qualen und ſein 3 Angſtgeſtöhn.. Es war ein gräßliches Loos, das Viele traf. Welch eine Zukunft winkte denen, die ſolche Tage überlebten? 4 Als Bettler gingen ſie von Haus und Hof, von jetzt an hatten ñe ihr Brot zu erflehen, oder. zu ſtehlen. Der Krieg nahm ihnen Alles, auch den letzten Reſt von Tugend. un ni6t du 8. 6 ten ſich zu den Thoren für ſie, Aerzte gab es kaum, die wo es geſchah, da geſchah es mit Ut wurde das Nothwendigſte herbeigeſchaffs den Fluren der Häuſer, auf den Treppen. Kirchen. Und mehr und mehr kamen, und Alle ſünde gut um das Gefecht, mochte es doch kein daß er entflohen war. Dieſe Nachricht verbreitete Fr ſie ertönen mochte. Man telegraphirte ſie ſogleich an all 1 zöſiſchen Orte; aber der Nachmittag wurde zum Abend. waren es nicht mehr Verwundete, die herein zogen, da kamen aanze Haufen von Soldaten in ſtürmiſcher Eile ohne Waffen, ohne — tellen. Man n. um ſich aus⸗ felbſt den Verwun⸗ Fnmerniß wurde ihnen Wachen ließ, ſollte es doch 4 Penn erſt die Sieger da waren. Ne Armee ein, ſie die am Morgen noch Fhen hatten, o Gott, wie kehrten ſie zurück! Kt, mit geſchwärzten Geſichtern⸗ mit Blut be⸗ Augen niedergeſchlagen, frecher zeigten ſich ihre rümmerte ſie das Schickſal der Armee, wenn ſie heiler Haut dovongekommen waren und morgen wieder Wein konnten. Die Soldaten waren bis auf's Aeußerſte er⸗ Mert. Man hatte ſie in das Feuer gejagt, wo ſie des ſicheren Todes gewiß waren, ſie ſahen ihn vor Augen, und weigerten ſich vorzugehen; aber man trieb ſie nicht nur mit harten Worten, nein, indem man der hinten poſtirten Reihe befahl, auf ihre Ka 1 —————— — 627— raden zu ſchießen. So hatten ſie in der Gewißheit des Todes gekämpft, ſo⸗ waren Tauſende gefangen worden, ſo waren Un⸗ zählige gefallen, ſo hatten ſich Viele in die Wälder gerettet. Andere die Büchſen auf ihre eigenen Offiziere gerichtet. So hegten ſie gegen dieſe den bitterſten Groll im Herzen, Menſchenſchinder nannten ſie ſie, Dummköpfe, die erſt von den Deutſchen lernen müßten, wie man Kriege führt und ſeine Leute ſchont. Nur Einer beſaß ihre Liebe und ihr Vertrauen, das war der Herzog pon Montalto. Er war überall voran geweſen, er hatte ſich in das dich⸗ teſte Kampfgewühl geſtürzt, als ſuche er den Tod, er hatte ſeine Soldaten geſchont, und auch jetzt that er Alles, um ſie mit dem Nothwendigſten zu verſehen. Er ſorgte ſelber für ihre Bedürf⸗ niſſe, daß ſie Speiſe und Trank bekamen und ſich für ſpätere Schlachten ſtärken konnten, er beſuchte die Verwundeten und ſchickte ihnen Nahrung aus ſeiner eigenen Küche, er war raſtlos thätig und der einzige unter allen Offizieren, dem das Wohl ſeiner Leute ernſthaft am Herzen zu liegen ſchien. Freilich war das nur Schein. Senn der Herzog ſelbſt in der Racht aufſtand und Berichte durchlas oder Depeſchen abfer⸗ tigte, ſo geſchah es, weil die Sorgen ihn nicht ſchlafen ließen, und er ſich lieber mit allem Andern als mit ſeinen eigenen Ge⸗ danken beſchäftigte. Wenn er den Tag über ohne Unterlaß ar⸗ beitete und ſich beim Gefecht in den dichteſten Kugelregen ſtürste, ſo war es nicht Vaterlandsliebe, die ihn trieb, ſich der Sache doc„ ſeines Kaiſers zu widmen, es war vielmehr die ihn beherrſchende waan. Unruhe, die ihn zu ſolcher Thätigkeit antrieb, der heiße Wunſch en noch nach der Ruhe im Grabe, der ihn den Tod auf dem Felde der zrit Ehre ſuchen ließ. glut be⸗ Jetzt ſtand ihm etwas Schweres bevor, er ſollte dem Mar⸗ ſih ihr ſchall Mar Mahon als dem oberſten Kommandirenden der Armee venn ſi Rechenſchaft über das Verhalten ſeiner Truppen in der ver⸗ wiedet lorenen Schlacht ablegen. Der Marſchall war aber nicht in ſeinem erſe er⸗ Quartier, ein Bote des Kaiſers hatte ihn zu Louis Napoleon ſchre beſchieden. Dieſem grade in einem ſolchen Augenblicke entgegen⸗ erten ſch utreten, war für den ſtolzen Mac Mahon keine angenehme Auf⸗ * nein 40* Kam⸗ —.——L—————————— — 628— gabe, dennoch mußte er ſich dazu entſchließen, und er faßte all ſei⸗ nen Stolz und ſeinen Muth zuſammen, um nicht zu unterliegen. Der Kaiſer ging unruhig in ſeinem Zimmer auf und ab und fingerte auf ſeiner Bruſt herum, wie es ſeine Art war, wenn irgend etwas ihn lebhaft bewegte. Sobald er den Marſchall eintreten ſah, ging er ihm entgegen. — Alſo geſchlagen, abermals geſchlagen, Sie großer Held! rief er mit einer Stimme, die vor Erregtheit zitterte. Verflucht die Stunde, in der ich Sie zu meinem Marſchall machte, verflucht Sie ſelber, der Sie mich in das Unglück ſtürzen! Mac Mahon ſtand aufrecht und hielt den Blick der ſtechenden Augen des Kaiſers muthig aus. — Eure Majeſtät vergeſſen die Lage der Dinge ſagte er mit gewaltſamer Faſſung. — Die Lage der Dinge, in die Sie mich geſtürzt habenl ſchnaubte ihn Napoleon an. Wie ein Schulbube haben Sie ſich abermals von den Deutſchen auspeitſchen laſſen! Und in ſolchen Händen liegt Frankreichs, liegt mein eigenes Schickſal o es iſt um toll zu werden! Der Herzog erbleichte wie der Tod und zitterte ſichtlich. Dennoch ſprach er mit Faſſung: — Ich bitte Eure Majeſtät, nicht zu vergeſſen, an wen Sie dieſe Worte richten. Ich bin von königlichem Geblüte, meine Ahnen ſaßen auf dem Throne Irlands, während die Ihrigen aber abgeſehen davon.. Sagte ich es Ihnen nicht, daß es der ſchwerſte Fehler ſei, grade dieſen Ort zum Ausgangspunkt der Vertheidigung zu machen, habe ich es Ihnen verſchwiegen, daß Alles, was Palikao und Sie, der Kaiſer, anordneten falſch, grundfalſch war? Wir hätten müſſen auf Paris zurückgehen, dort in der noch jungen unbeſiegten Feſtung hätten wir die wichtige Stütze gefunden. — Ja aus der Hand der Revolution! warf der Kaiſer da⸗ vwiſchen. — Als Sieger hätten Sie keine Reselution zu fürchten ge⸗ habt, entgegnete Mac Mahon, als Beſiegter wfe⸗ Sie die Haupt⸗ * 633 ſei ſtadt nie wieder betreen. Das ſind die Früchte Shres Eigenfin⸗ n. nes, das iſt das Werk Ihrer Herrſchſucht. ud— Und das wagt einer meiner Offiziere mir zu ſagen? ſchrie nn Napoleon auf, und ſeine Augen blitzten vor Wuth. al Der Herzog warf ihm den Degen vor die Füße. — Ich wage es, aus Ihrem Dienſte zu treten, wage es, 5 Sie daran zu erinnern, daß ich reich genug bin, um unabhängig ſein zu können. Von dieſem Augenblicke an bin ich frei und Sie verlaſſe Sie. — Ja, wie die Ratten das ſinkende Schiff verlaſſen, in das ſie ſelber das Leck gefreſſen haben, knirſchte Louis Napoleon und ſtieß den Degen mit dem Fuße von ſich. Da öffnete ſich die Thür und herein trat der Herzog von * Montalto. Er kam dem Kaiſer gelegen. Mac Mahons ſtolze nl Unabhängigkeit hatte ihn bis auf das Aeußerſte gebracht, er dachte in Montalto einen Mann zu finden, der ihm ergeben war, weil er ſeiner bedurfte, und an dem er deswegen ſeine Wuth auslaſſen konnte. *— Ah, rief er ihm entgegen, noch einer von den Helden meiner Armee! Den Rock herunter, Sie tapferer Herzog, zeigen i, Sie Ihrem Kaiſer die Striemen der Schläge, die Sie ſich geholt haben! 3 Der Herzog ſtand ſtumm, ſein Haupt ſank auf die Bruſt. Für ſolch eine Anrede fehlte es ihm an Worten der Erwiederung. . Aber Mac Mahon kam ihm zu Hilfe. — Schmähen Sie nicht, rief er dem Kaiſer zu, wo Sie allein Vorwürfe verdienen! Sie ſaßen hier in Sicherheit, während en dieſer brave General ſein Leben für Sie einſetzte. Er hat Wunder ſ, der Tapferkeit verrichtet, er hat Alles gethan, um Ihren Fehler wieder gut zu machen und ſeine Soldaten hielten ſich ſelbſt den ige Sachſen gegenüber Stunden lang, bis ſie endlich auf Mouzon zurückweichen mußten. Schande demjenigen, der ſie verdient, der Herzog von Montalto verdient ſie nicht! — O rief der Kaiſer, der ſich kaum noch zu mäßigen wußte, 6“ Ihr ſeid Ale die erſten Helden der Welt! Ha, ha, ha! wie ſie p daſtehen, dieſe geſchlagenen Unüberwindlichen! Nur halh dieſe 2— —— 6 Frechheit den Deutſchen gegenüber, und der edle Königsſprößling, der weltberühmte Marſchall Mac Mahon, wäre der Retter Frank⸗ reichs geworden! Schade nur, daß die Kanonade ihn zum Still⸗ ſchweigen brachte, und daß er dem König Vilhelm gegenüber nicht denſelben Muth beſaß, wie vor ſeinem Kaiſer. Mac Mahon ballte die Fäuſte, er war bis in das Innerſte ſeines Herzens gekränkt und beleidigt. Wäre es ein anderer Mann geweſen, der ihm ſolche Dinge ſagte, er hätte ihm den Degen nicht vor die Füße geworfen, ſondern durch den Leib ge⸗ rannt. Jetzt begnügte er ſich damit, ſich kurz umzuwenden und mit hoch erhobenem Haupte den Saal zu verlaſſen. Der Kaiſer ſtampfte mit dem Fuße. Da eilte der Herzog von Montalto auf ihn zu und ergriff ſeine Hand. — O, ich flehe Eure Majeſtät an, rief er, entlaſſen Sie den Warſchall nicht in Ungnade, die Armee hängt an ihm, er iſt die letzte Hoffnung Frankreichs! — Die letzte Hoffnung? entgegnete der Monarch und ent⸗ zog ihm ſeine Hand, und wer bin ich denn, wer iſt mein Sehn? — O mein gnädiger Herrſcher, bat der Herzog retten Sie das Kind Frankreichs, ſchicken Sie den Prinzen nach L n⸗ nach England, wohin Sie mögen, nur hier kann er nicht„ieiben! — So iſt denn Alles verloren! ſagte der Kaiſer dumpf vor ſich hin. — Gott verhüte, daß ſolch ein Schreckensgedanke in meiner Seele Platz greife! entgegnete Montalte. Dieſe verlorene Schlacht iſt ein Unglück, aber ſie iſt nicht das Ende des Krieges. Noch ſind wir ſtark und mächtig genug, um es noch einmal mit den Feinden aufnehmen zu können, und wenn es uns alsdann gelingt.. Und wenn es uns alsdann wiederum mißlingen ſollte? fragte Napoleon mit leiſer Stimme. — Es wird nicht mißkingen, verſicherte der Herzog, wenn Sie nicht den Mann von ſich laſſen, der allein befähigt iſt, das Heer zu leiten. Durch wen wollen Sie ihn erſetzen, weſſen Name iſt von⸗ſo gutem Klange, wie der des Herzogs von Magenta? Oh, Majeſtät, machen Sie Ihren Frieden mit dem Feldmarſchall, laſſen Sie mich ihm dieſen Degen zurückbringen. en ie it⸗ n Sie vor ner t o0 den enn das ame nta hil — 631— — Haben Sie es gehört, wie ſtolz er mir erwieberte? fragte Napoleon. Soll ich, der Kaiſer, es dulden, daß er die Schuld aller Verluſte auf mich ſchiebt? Nehmen Sie das Kommando, Montalto, ich ernenne Sie zum oberſten Befehlshaber meiner Armee, ſchlagen Sie ſich durch bis zu Bazaine, retten Sie Frank⸗ reich und mich, und ich will Alles vergeſſen, was über Sie be⸗ richtet worden iſt, ich will Sie mit Ehren und Würden überhäufenl Einen Augenblick hatten des Herzogs Augen in ſtolzer Freude geleuchtet, aber als der Kaiſer von dem ſprach, was ihm berichtet worden war, ſank ihm plötzlich der Muth. Alſo war ſeine Schande ſchon offenbar geworden, alſo wußte der Kaiſer jetzt gewiß darum... Nein, mit unreinen Händen, mit beflecktem Namen, mit belaſtetem Gewiſſen durfte er nicht den Marſchallſtab ergreifen wenn er unterlag, wenn Frankreich durch ihn ver⸗ loren ging der Gedanke war zu furchtbar, nein nicht er durfte die Armee führen. 72. Kapitel. Feinde hier und drüben. In dieſem Augenblicke vernahm man draußen einen wüſten Lärm, das Geklirr von Waffen, die Fußtritte vieler Männer, und Stimmen, die laut und heftig durcheinanderſprachen. Der Kaiſer, welcher ſcharfe und beobachtende Blicke auf den Herzog von Montalto geheftet hatte, wurde aufmerkſam. Er ſchellte. Der Kammerdiener trat herein und meldete, daß ſämmtliche Offiziere der in Sedan befindlichen Truppen verſammelt ſeien und Seine Majeſtät zu ſprechen wünſchen. Was konnten ſie wollen? Dieſes laute Auftreten bedeutete nichts Gutes. Es war ſchon ſpät und keine Zeit mehr für Audienzen. Dennoch mußte ſich Louis Na⸗ poleon entſchließen, den Beſuch ſeiner Offiziere anzunehmen, waren — 632— ſie doch ſeine einzigen, ja, ſeine letzten Stützen. Mit bebender Hand ſtrich er ſich über das erdfahle Geſicht und über das blonde Haar und ſuchte ſeinen Zügen jene ſtarre Ruhe zu geben, die ſie ſonſt gewöhnlich zeigten. Die Offiziere kamen ſtürmiſch herein. So war es Napolon nicht gewöhnt, er ſah nicht mehr die gebeugten Rücken, nicht mehr die unterwürfigen Blicke, nicht mehr die beſcheidene Zurück⸗ haltung, die ihm ſonſt in den Tuilerien begegnet war. Jetzt traten ſie feſt auf, ſie kamen in den beſtaubten und beſchmutzten Anzügen, die ſie in der Schlacht getragen hatten, es war ihnen nicht der Mühe werth erſchienen, erſt noch Toilette zu machen, die hohen Reiterſtiefeln ſtampften den Fußboden, die Sporen klirrten, die Degen raſſelten, aber mehr als das erſchreckte ihn der trotzige Blick. Der Herzog von Magenta war nicht unter ihnen. Napoleons ſcharfes Auge überflog die Schaar der Anweſenden, er fand Keinen, durch den er den Marſchall Mac Mahon hätte erſetzen können. Zum zweiten Male hatte er dabei an Montalto gedacht, zum zweiten Male war ihm dieſer Mann, der ſo ganz unter der Laſt ſeines böſen Gewiſſens dahinſank, unfähig erſchienen. Er bedurfte ſeiner ganzen Kraft, um mit Würde den aufgeregten Offizieren entgegenzutreten, es gelang ihm, wenigſtens eine Ruhe zu erheucheln, von der er nichts in ſich fühlte. Die eine Hand auf dem Rücken, die andere in der Weſte trat er ihnen entgegen und fragte mit höflich kaltem Tone: — Was wünſchen Sie, meine Herren? Ein Gemurmel ging durch die Reihen, offenbar wußten ſie nicht, in welcher Weiſe ſie ihr Anliegen vorbringen ſollten. Der Kaiſer beobachtete ihre Verlegenheit mit einem höhniſchen Lächeln, dann wandte er ſich an einen alten Major, von deſſen Ergeben⸗ heit er überzeugt war und ſagte: 4— Reden Sie, Lagarde, was führt, Sie zu einer ſo, unge⸗ wöhnlichen Stunde zu mir her? — Majeſtät, ſtammelte der Offizier, wir haben eine traurige Botſchaft bekommen. — Sie meinen die verlorene Schlacht, unterbrach ihn der — — 633— der Kaiſer, Sie kommen, ſich zu entſchuldigen? Ach, ich klage Nir⸗ das mand an. Das Kriegsglück iſt gegen uns, das iſt ſchlimm, aber was heute verloren ging, kann morgen wieder gewonnen werden, 6 denn, meine Herren, ich zweifle nicht an Ihrer Vaterlandsliebe di und an Ihrer Hingebung für Ihren Kaiſer. t— Ja, ſagte der Major mit einem Achſelzucken, wenn es ⸗ wieder in den Kampf geht, wer ſoll uns führen? Eure Majeſtät t haben den Marſchall Mac Mahon entlaſſen. — Er warf mir ſeinen Degen vor die Füße. Wollen Sie, 6. daß Ihr Kaiſer ſich von ſeinen Generalen beleidigen laſſen ſoll? — Wir brauchen einen bewährten Feldherrn, wagte der 4 Major ihm zu entgegnen, und grade jetzt, wo wir im Unglück ſind, können wir den Marſchall Mac Mahon nicht entbehren. ihn Was ſollen wir den Soldaten ſagen? Ihr letzter Muth wird entſchwinden, wenn der Herzog von Magenta ſich von uns zu⸗ ons rückzieht. nd.— Sagen Sie den Soldaten, daß Ihr Kaiſer ſie führen den wird! cht Das Wort war ſtolz und ruhig geſprochen, aber die Wir⸗ der kung war eine andere, als ſie Louis Napoleon erwartet hatte. 6r Es war keine freudige Erregung, kein vertrauensvoller Blick, ſen kein Hurrah, wie er gehofft, ſie ſtanden mit zuſammengebiſſenen he Lippen, die Hand am Degenknopfe, die Waffen raſſekten unheim⸗ und lich, es war ein Moment des Stillſchweigens, der alle Seelen en bedrückte. Napoleon ſtand noch immer, die linke Hand auf dem Rücken, die rechte in der Weſte, und keine Miene, kein Zucken ſeiner Untergebenen entging ſeinen ſpähenden Augen. Endlich ſie unterbrach einer der älteſten Offiziere die Pauſe, ein Mann, der Der noch unter dem erſten Kaiſer gedient hatte und deſſen Geſicht eln tiefe Narben trug. en⸗— Eure Majeſtät wolken verzethen, ſagte er, wir bedürfen eines kriegsgewohnten und kriegsgewandten Führers. ge⸗— Ich denke beides zu ſein, warf ihm der Kaiſer entgegen. Der alte Mann zitterte nicht vor ſeinem ſtechenden Blick. rige— Ich würde das gern zugeben, wenn wir nicht hier, nicht in Sedan wären, ſagte er. der geſchehen! — 634— — Was heißt das? fuhr der Kaiſer auf, und ſeine Finger begannen ihr gewohntes unruhiges Spiel. — Wir ſind hier auf Befehl Euer Majeſtät, fuhr Jener ruhig fort, und leider führte er uns in dieſe Gegend, wir ſind von Paris abgeſchnitten, vor uns iſt der Feind, hinter uns ein Volk, welches die Waffen gegen ſeinen Herrſcher richten wird, ſobald wir noch einmal unterliegen. Eure Majeſtät, ich wieder⸗ hole es, wir bedürfen einer kriegsgewandten Führung. Ein Murmeln der Zuſtimmung zog durch die Verſammlung. Mac Mahon, Mac Mahon, der Name wurde erſt leiſe, dann lauter genannt. — Sie wünſchen den Herzog von Magenta zurück, ſprach der Kaiſer mit ſchwer verhehltem Unwillen, ſo mag er kommen, um meine Verzeihung zu erbitten. — Das wird er nicht thun, verſetzte der Offizier, ſeine Leute packen ſeine Bagage ein, er ſteht auf dem Punkte abzureiſen. Die belgiſche Grenze iſt nahe, er kann ſie in der Nacht überſchrei⸗ ten und läßt uns hier ohne Führer zurück. — So mag er gehen, ſagte der Kaiſer. — Alsdann geſtatten Eure Majeſtät, daß wir unſere Degen zu dem ſeinigen legen, erwiederte Jener, aufgeregt durch eine drohende Bewegung, die rings um ihn her entſtand. Mit einem Male waren alle Waffen entblößt. Wollten ſie ſie dem Kaiſer zu Füßen legen, wollten ſie ihn mit Gewalt zwin⸗ gen? Aber der Kaiſer ſtand feſt und wich nicht um eines Haares Breite zurück. — Alſo das iſt Ihre Treue, ſagte er mit Bitterkeit, es liegt Inen mehr an dem. Marſchall als an Ihrem Kaiſer? — Es liegt uns Alles an Frankreich, rief eine Stimme⸗ — Frankreich, es lebe Frankreich! fielen die Uebrigen ein. — Wir werden es retten! verſetzte der Kaiſer. — Retten kann es nur der Marſchall, rief der alte Offizier,„ wir verlangen ihn von Eurer Majeſtät zurück! Wir Alle ſeten Blut und Leben ein, von Ihnen verlangen wir dafür Nichts, als daß Sie den Herzog zurückrufen, aber ſchnell, ſogleich muß es en, gen ine ſie in⸗ res iegt ier als — 635— — ZJa ſchnell, ſogleich! riefen die Anderen, und ihre Haitung „ourde immer entſchiedener. Der Kaiſer wandte ſich an den Herzog von Montalto. — Nehmen Sie den Degen da, ſagte er, und bringen Sie ihn dem Herzog zurück, ſagen Sie ihm, ich wolle Alles vergeſſen, eine gewonnene Schlacht mag die Beleidigung abwachſen, die er mir angethan hat. Eilen Sie, ehe es zu ſpät iſt. Der Herzog verbeugte ſich tief, nahm den Degen auf und ging hinaus. Napoleon machte gegen die Offiziere eine Hand⸗ bewegung, die ſie entließ. Sie gingen mit feſten, klirrenden Schritten, wie ſie gekommen waren. Als die Thür ſich hinter dem Letzten Schloß, ſank der Kaiſer in einen Seſſel. — So weit iſt es gekommen! ſtöhnte er, nach zwanzig Jah⸗ ren der ſorgenvollſten Regierung weigern ſie mir den Gehorſam um dieſes Marſchalls willen. O, es iſt nicht ſeine Perſon, die ſie wollen, es iſt, das ſie mich entfernen möchten! Mein Stern iſt erblichen, dieſe Franzoſen, denen der Ruhm über Alles geht, können den Gedanken an unſere Niederlage nicht ertragen. Was bin ich nun? Ein Kaiſer, der nichts mehr zu befehlen hat, ein Herrſcher, dem ſeine Unterthanen den Gehorſam verweigen, noch eine verlorene Schlacht, und ſie werden mich ſteinigen, wie ſie mir ſoeben trotzten, werden mich mit Koth bewerfen, und Eu⸗ genie und mein Sohn... Da öffnete ſich die Thür. Mit lebhaft gerötheten Wangen trat der kleine Prinz zu ihm herein. — Ich will Dir gute Nacht ſagen, Papa, ſagte er munter. Sie behaupten, der Tag ſei nicht glücklich für uns geweſen, ich glaube es nicht. Du haſt mir immer geſagt, die Franzoſen könn⸗ ten gar nicht beſiegt werden, am wenigſten von den dummen und ungeſchlachten Deutſchen. Nicht wahr, Papa, Du ſagſt das noch? Der Kaiſer blickte mit tiefer Wehmuth auf den Knaben. — Armes Kind, ſagte er, es iſt nur zu wahr, wir haben die Schlacht verloren, Gott gebe, daß es nicht auch das Kaiſer⸗ reich ſei. — Ich verſtehe Dich nicht, ſagte Lulu. Nun jal wir waren in Metz und Du ſchalteſt die Marſchälle aus, aber ſeitdem ging doch Alles gut. Die Mama ſchreibt ſo zärtlich an urts und ſchickt uns die beſten Nachrichten aus Paris, und ich in den Zei⸗ tungen geleſen daß wir überall fiegen.— — Mein Sohn, das Kriegsglück iſt newwem Bir müſſen auf Alles gefaßt ſein.. — Ja, Papa, aber ich freue mich ſo ſehr auf Berlin. Hier ſcheint es mir, als ob die Leute gar nicht mehr ſo freundlich gegen mich wären wie ſonſt. — Armes Kind, laſſen ſie auch Dich das Unglück Deines Vaters entgelten?. Doch ſtill wer kommt? Es war der Herzog von Montalto. Er trat mit düſterer Miene ein, und ſeine zur Erde geſenkten Augen verkündeten nichts Gutes. Der Kaiſer ſchob den Prinzen ſachte von ſich fort. — Nun, fragte er, was ſagt der ſtolze Abkömmling der iri⸗ ſchen Könige? — Er ſtellt unerfüllbare Bedingungen, verſetzte Montalto. Er hat alle Offiziere für ſich und trotzt demnach. — Es käme darauf an, für wen ſich das Heer ausſpricht, warf Napoleon hin. — Dieſe Probe zu machen, wäre zu gefährlich. — Nun denn, was will er von mir? Soll ich ihn ſchriftrich in ſeiner Marſchallwürde beſtätigen? — Auch das genügt ſeinem Ehrgeiz noch nicht. Er behaup⸗ tet aber ich ſcheue mich, dieſe Forderung vor Euer Majeſtät auszuſprechen. — Reden Sie, ich bin auf Ales gefaßt. — Er behauptet, weil er ſeinen Degen Eurer Majeſtät über⸗ geben habe.... — Uebergeben? Nein, vor die Füße hat er ihn mir geworfen! — So müſſe er ihn von Eurer Majeſtät ſelber zurück⸗ erhalten. — Auch das nchl Heiliger Gott, auch das noch! Montalto zwanzig Jahre lang trage ich die Krone, zwanzig Jahre lang habe ing ict it ijer nes rer „ w⸗ ü e — ich mir den Augenblick vargeſtellt, in welchem das Volk meiner Herrſchaft gleich müde, und gleich undankbar gegen mich ſein würde, wie es gegen meinen großen Oheim war, ſeinem Willen wäre ich gewichen ſie wiſſen es Ale, daß ich es ſoeben erſt auf eine Ab⸗ ſtimmung über meine Regierung ankommen ließ. Aber dem Drucke derer nachgeben zu müſſen, die ich immer als die Stützen meines Thrones angeſehen habe, mich beugen zu müſſen vor einem Manne, den ich mit Würden und Orden überſchüttet habe, nein, Mon⸗ talto, das iſt zu viel, das kann ich nicht. — Und dennoch... die Sache iſt bekannt geworden, die Soldaten bemerken, daß der Herzog von Magenta Vorkehrungen u ſeiner Abreiſe trifft, die er durchaus nicht geheim zu halten gedenft. — Und die Armee giebt mich auf für dieſen Feldherrn, der ßch zwei Mal hat ſchlagen laſſen. — Die Soldaten hängen an dem Marſchall, das iſt natür⸗ lich, es würde ſie muthlos machen, wenn man ihnen den Führer nähme, auf welchen ſie vertrauen! Ein Gemurmel von Stimmen, welches man unten auf der Straße vernahm, unterbrach hier das Geſpräch. Der Kaiſer wurde aufmerkſam, der Prinz trat an das Fenſter und rief ganz erſchrocken: — Papa, die ganze Gaſſe iſt voll von Soldaten. — Ich weiß, was ſie wollen, verſetzte der Kaiſer, ſie ver⸗ langen nicht mein Blut, nicht mein Leben, ſie verlangen mehr, meine Ehre. — Majeſtät, bat Montalte, bedenken Sie, welchen Eindruck dieſer Zwiſt in Paris hervorbringen muß. Sellte in Folge der Entlaſſung des Marſchalls eine neue Niederlage entſtehen ſo wird. — Warum ſtecken Sie? ſs wird die Reveution ausbrechen, o, ich weiß es, ich kenne dieſes Volk. Ich ſtehe zwiſchen der Re⸗ volution und der Demüthigung. An mein Herz, Lulu, nur Dir bringe ich dieſes Opfer! Montalto ſagen Sie dem Herzog von Magenta, daß ich ihn erwarte. — 638— * Montalto verbeugte ſich und eilte hinaus, um ſchen unter⸗ wegs Die Soldaten zu beruhigen, deren Gemurmel immer lauter und drohender wurde. Der Kaiſer hörte es und war außer ſich. Mehr als zwanzig Jahre der Ränke und Hinterliſt hatten ihn nicht weiter gbracht, er war der Sklave ſeiner Untergebenen und mußte ſich ihrem Willen beugen. Alles hatte er daran geſetzt, die Krone zu erhalten, er war durch Blut und Leichen gewatet, um den Thron, den er ſich durch die niedrigſten Künſte der Beſte⸗ chung und Gemeinheit erobert hatte, zu bewahren, niemals hatte er Vertrauen zu dem Volke gehegt, aber die Armee hatte er für treu gehalten, weil alle Offiziere nur durch ihn Rang und An⸗ ſehn erhielten, jetzt wich auch dieſe letzte Stütze, jetzt ſtand er dicht vor einer Militairrevolution, der die noch ſchrecklichere in Paris auf dem Fuße folgen mußte. Was beginnen, wo Hilft finden gegen dieſe Mächte, die ihn Zleich hölliſchen Dämonen verfolgten? Er ging in dem Saale auf und ab, er hörte mit unterdrückter Wuth, wie tauſend Stim⸗ men Frankreich und den Herzog von Magenta hoch leben ließen, er dachte an ſeine Gemchlin, die in der Hauptſtadt vielleicht Aehn⸗ liches erlebte, und an ſeinen Sohn, dem er eine Krone erhalien wollte, deren Beſitz ihn elend machte. O warum hatte er dieſen unſeligen Krieg unternommen, warum war er hier! Vergeblich ſuchte Lulu ihn zu beruhigen, er hing ſich an den Arm ſeines Vaters und ſchmeichelte ihm, ſo gut es ging, Napoleon Ohr dafür, er ſah die Zukunft dieſes Kindes, und ſie war ine überaus traurige. In dieſen Gedanken unterbrach ihn die An⸗ kunft des Herzogs von Magenta. Er kam, gefolgt von allen Generalen, vsn ſeinen Adjutanten, es war wie ein Triumphzug. Der Kaiſer bemerkte mit wachſender Bitterkeit, daß die Offiziere jetzt Galauniform trugen und zufrieden und heiter ausſahen, als wären ſie ihres Sieges gewiß Er war froh, daß er ſich ſeit kanger Zeit deran gewöhnt hatte, Komödie zu ſpielen und ſeine innerſten Gedanken vor einem Jeden zu verbergen. Dieſe Macht kam ihm jetzt zuſtatten. Mit lächelnder Miene ging er auf Mac Mahon zu und reichte ihm die Hand. nter⸗ auter ſih. ihn und t die um Beſ⸗ hatte t für n⸗ dicht Paris ie ihn Saale Stim⸗ jen Aehn⸗ ʒulien disſen geblich ſines in Une e An⸗ allen ph ffißere m als hatte. einem Nit te ihm ——— — Wir ſind beide heftig geweſen, ſagte er, laſſen Sie uns das vergeſſen. Das Voaterland verlangt unſere ganze Thätigkeit, ich werde ſogleich den Kriegsrath zuſammenrufen laſſen und wünſche, daß der Herr Herzog von Magenta in ſeiner egenwart dieſen Degen zurücknimmt, den er wohl neeheſe für Frankreichs Ehre zu führen. — Es lebe Frankreich! ſchalklte es aus den Reihen der Offiziere. Niemand rief: es lebe der Kaiſer. Napoleon bemerkte es wohl, aber er that, als dächte er nicht an ſich ſelber. Der Kriegsrath währte bis lange nach Mitternacht, er beſchloß, ſobald als möglich eine Schlacht anzunehmen und ſich mit der äußerſten Anſtrengung auf den Feind zu werfen. Der Kaiſer verhielt ſich ſo ſchweigſam wie nie, er ſah furchtbar angegriffen aus. Als ſich die Herren endlich entfernten, um wenige Stunden der Ruhe zu genießen, kehrte der Herzog von Montalto noch einmal um. — Majeſtät, bat er, ſchicken Sie das Kind Frankreichs fort. — Sie ſetzen kein Vertrauen in die bevorſtehende Schlacht? fragte Napoleon. — Ich kenne die Feinde, verſetzte der Herzog, ich habe ihnen gegenübergeſtanden. Majeſtät, ſichern Sie das Leben des Prinzen! — Und an meines denken Sie nicht? fragte der Kaiſer. — Euer Majeſtät geſalbtes Haupt iſt heilig, antwortete der tretRathgeber, aber wenn ſich das Glück abermals gegen uns wedden ſollte, laſſen Sie den hilfloſen Knaben nicht zwiſchen ſei⸗ nen Feinden drüben und hier. — Montalto, ſagte der Kaiſer und reichte ihm die Hand, ich ſehe es, Sie ſind Vater, Sie fühlen wie ich. Ihnen vertraue ich Lulu an, die Grenze iſt nahe, und die Nacht iſt dunkel, ſchaf⸗ fen Sie ihn in Sicherheit. Der Herzog athmete erleichtert auf und eilte davon. Napolon blieb in den finſterſten Gedanken allein. So war es auch ſeinem Onkel, dem erſten Kaiſer, gegangen, als er, verlaſſen von Denen, die er mit Glanz und Ehre überſchüttet hatte, der Krone entſagen mußte, um auf der öden Felſeninſel ein Gefangener zu ſein. Der jetzige Regent Frankreichs hatte auf — 640— keine Großmuth von Seiten eines Feindes zu hoffen, den er auf das Aeußerſte beleidigt hatte, aber ſchrecklicher ſchien ihm noch die Rache eines Volkes für zwanzigjährige Unterdrückung. Er entſann ſich, wie die Pariſer Ludwig den Sechzehnten hingerichtet und Louis Philipp davon gejagt hatten, er dachte daran, durch welche Liſten und Ränke bei der letzten Volksabſtimmung die Mehrzahl der Stimmen ſich für ihn herausgeſtellt hatte. — Nein, dachte er, ich will lieber in Ketten auf einem oden Felſenſchloſſe den Reſt meines Lebens vertrauern, als mich dem Spotte und dem grauſamen Haſſe meiner eigenen Unterthanen bloß ſtellen! Unter ſolchen trüben Gedanken erwartete er den Morgen ohne Schlaf zu finden. 73. Kapitel. Die Schlacht bei Sedan. Hie bairiſche Armee hatte nach dem Siege bei Beaumont an een Ufern der Maas biwekirt, die Preußen und Sachſen rück⸗ ten am einundreißigſten Auguſt auf der Straße von Beaumont — Mouzen vor. Während die deutſchen Truppen ſich unter mühevollen Märſchen Stellung ſuchen mußten, gelang es den Franzoſen, ſich in der vortheilhafteſten Vertheidigungslinie außzu⸗ ſtellen. Die Ausdehnung von Mac Mahons Armee zog ſich von Sedan bis nach dem Dorfe Douzy, ſeine Mitte bildete Bazeilles. An der Maas entlang zieht ſich ein dichtbewaldeter Höhenzug, der ſich etwa viertauſend Schritt an den Ufern dieſes Fluſſes bis gegen Douzy erſtreckt. Dieſen Höhenzug hielten die Franzoſen beſetzt und vermochten von hier aus deas ganze unter ihnen lie⸗ gende Maasthal zu beſchießen. So war es ihnen möglich, das Vorrücken der Deutſchen ſchon von weit her zu erſchweren, ja, er auf och die ntſann et und welche ehrzahl u dn ch dem haßen orgen mumsnt nris⸗ Ument unter den auß⸗ ch von zeile. enzuh nzſen , das n, ju — weniger tapferen Truppen, uls dieſe beſaßen, unmöglich zu machen. Sie hielten ferner die auf den Abhängen dieſes Höhenzuges lie⸗ genden Dörfer Douzy, Bazeilles, Monpille, La Moncelle und andere beſetzt und gewannen dadurch gedeckte Stellungen, aus welchen es ſchwer ſein mußte, ſie zu vertreiben. Dieſen Vorthei⸗ len, welche die Beſchaffenheit des Bodens und ihre Kenntniß des eigenen Landes ihnen boten, verdankten es die Franzoſen, daß ſie die Schlacht ſechzehn Stunden lang halten konnten. Die Deut⸗ ſchen hatten Bazeilles gegenüber nur einen einzigen freilich ziemlich ſchroff aufſteigenden Hügel, der von der Aufſtellung des feindlichen Centrums nur durch die Maas und ein etwa tauſend Schritt breites Ackerland getrennt war, von hier aus konnten ſie Bazeilles beherrſchen und verſuchen, weſſen Stimme lauter tönte, die der Mitrailleuſen oder die der Bomben und Granaten. Da der Kampf rings um Sedan tobte, ſo ſtürmten die einzelnen Heer⸗ ſäulen derart, daß die Baiern, die Sachſen und die Preußen ge⸗ wiſſermaßen je eine Schlacht für ſich ſchlugen und gewannen, na⸗ türlich auf Grund des meiſterhaften Operationsplan, den das höchſte Kommando entworfen hatte, und der auch hier eine voll⸗ ſtändige Umgehung des Feindes in Ausſicht nahm. Die Stadt Sedan bietet den freundlichſten Anblick. Vorn ſteht eine hübſche, gelblich leuchtende Kirche, dahinter ſieht man lange Steinmauern mit Schießſcharten Baſtionen, mehrere Kaſer⸗ nen, Fabriken, eine Art Schloß. An beiden Endpunkten ſtößt die Stadt an Dörfer, im Nordweſten Cazel, von wo aus eine Schlucht nordwärts läuft. Ebenſo ſind im Oſten Dörfer. Sol⸗ cher Schluchten laufen mehrere von der Stadt aufwärts gegen die Wälder, welche die hinterliegenden Höhen bedecken, hinter denen ſich nochmals in der Ferne verblauende, dick bewaldete Bergrücken erheben. Dieſe Bergrücken verſchränken den Horizont nach Norden, während nach Weſt und Oſt der Blick weithin über fruchtbare Gefilde ſchweift. Die franzöſiſche Armee hatte am Morgen Sedan inne und ihre Aufſtellung in einem weiten Bogen nordwärts genommen. Gegen dieſe Stellung rückte nun die deutſche Armee von drei D. V. 11 — 64— Seiten an, von Weſten die Armee des Kronprinzen von Preußen, von Oſten Baiern, Sachſen und preußiſche Garde. Im Süden waren die nöthigen Maßregeln getroffen, um einen Durchbruch über die Maas zu verhindern. Hier ſtanden namentlich am Rande des zuerſt erwähnten Hügels bairiſche Batterien aufgepflanzt, welche den Brückenkopf in der Tiefe beſchoſſen und die Stadt vollkommen in der Gewalt hatten, da die Feſtung den modernen Geſchützen nicht Widerſtand leiſten kann und deshalb auch wenig oder gar nicht armirt war. Das ſächſiſche Armeekorps begann den Kampf gegen Mae Mahon, welcher bis zu ſeiner noch am Morgen erfolgten Verwun⸗ dung die feindlichen Kräfte kommandirte, bei Douzy nach 5 Uhr, und hatte drei bis vier Stunden lang die anfangs heftigen Ge⸗ genſtöße des Feindes auszuhalten, bis endlich das auf weitem Umwege in deſſen Flanke geführte preußiſche Gardekorps, dann eine bayriſche Armeeabtheilung unterſtützend eingreifen konnten. Run wurden die Franzoſen von der auf den umliegenden Höhen trefflich poſtirten Artillerie ſtark mitgenommen und über das Dorf la Moncelle immer weiter öſtlich um Sedan zurückgedrängt. Die Baiern hatten bei Remilly ſchon um vier Uhr Morgens einen wüthenden Kampf begonnen. Sie hatten ihre Artillerie unter dem Brigade⸗General Diedl auf jenem Hügel Bazeilles gegenüber aufgefahren, di⸗ Pioniere ſchlu⸗ gen mehrere Brücken über die Maas, und die erſte Diviſion des Tann'ſchen Korps ging hinüber. Das Dorf Bazeilles war mit fran⸗ zöſiſchen Truppen überfüllt, und es war nichts Leichtes, ſich einem Orte zu nahen, wo aus jedem Fenſter Flintenkugeln herausflogen. Ueberdies hatten ſich drei franzöſiſche Infanterieregimenter auf den Aeckern und Wieſen rechts von Bazeilles gelagert, ſie waren dumm genug, ihre Wachtfeuer nicht zu löſchen, und dieſe gaben der bairiſchen Artillerie ein dankbares Ziel. Welch' ein Schrecken, als plötzlich unter die im feſten Schlafe liegenden Truppen die Granaten einſchlugen! So früh hatten ſie keinen Angriff erwartek, ſie waren ſo entſetzt, daß ſie fürs Erſte an gar keine Vertheidigung dachten, ſondern wie Ameiſen, deren Bau man geſtört hat, blind durcheinanderliefen. Von drüben aus konnte man es durch das —— ußen, üden hbruch Rande flanzt Stadt ernen wenig Mat rwun⸗ Uhr. n Ge⸗ veitem dann nnten. höhen Dorf orgens dl auf ſchu⸗ n des fran⸗ einem logen⸗ 1 auf waren gohen recen, n die artet igun hlind h das — 643— Fernrohr ſehen, wie viel Mühe die Offiziere hatten, die erſchrocke⸗ nen Leute zu ſammeln und zu ordnen, doch ehe ſie ſich noch von ihrer unangenehmen Ueberraſchung erholt hatten, faßte ſchon der Oberſt Roth mit ſeinen Baiern feſten Fuß auf dem rechten ufer der Maas. Jetzt warfen ſich die Franzoſen mit dem Muthe der Verzweiflung auf ihn, ſie ſahen, daß es ſolchen Feinden gegenüber der heftigſten Gegenwehr bedurfte, um nicht gänzlich zu unterliegen, aber auch der hartnäckigſte Widerſtaud prallte an der Ruhe und Sicherheit der Baiern ab, die fuſchtbare Opfer brachten, und ſich den Boden Zoll für Zoll erkämpften. Dieſer Kampf war um ſo fürchterlicher, als er noch im Grauen des Morgens ausgefochten wurde. Die jedem Menſchen unheim⸗ liche Zeit zwiſchen Tag und Nacht, wo der Wind kalt weht, der Thau ein unbehagliches Fröſteln hervorruft, machte Viele für immer kalt. In einem Nebel von Thau und Pulverdampf bewegten ſich die Kämpfenden gleich Geſpenſtern, ein tiefes Grauſen begleitete dieſes Gefecht, plötzlich zerriß der dicke Qualm, wenn eine Kanonen⸗ kugel hindurchſauſte, um ſich gleich wieder um ſo feſter zuſammen zu ballen. Ein Jeder ſah nur das, wae ihm zunächſt war, nur den Feind, der ihm ganz nahe gegenübertrat, alles Andere war in Nacht und Rauch gehüllt und dunkel, wie die Zukunft Derer, die hier fochten. Sie athmeten freier, als die Sonne hervorbrach und ihre blutige Arheit beleuchtete. Aber nun vernahm man auch von rechts her heftiges Schießen. Mit einem Male ergoß ſich ein lichter Schein über das Schlachtfeld, es waren die Flammen von Bazeikles, welches die Bairiſche Artillerie in Brand geſchoſſen hatte Die Franzoſen hielten ſich trotz deſſen mit anerkennens⸗ werther Zähigkeit, ſie machten ihren Feinden den Sieg durchaus nicht leicht. In den Dorfſtraßen richteten ſie an allen Ecken Barrika⸗ den aus Wagen, Tonnen, Pflügen und Allem was ſie finden konnten auf, auch ein jedes Haus machten ſie zu einer Feſtung, die eingenom⸗ men werden mußte. Die Schüſſe, die aus einem Hinterhalt her⸗ vorkommen, erregen gewöhnlich in der Bruſt der Soldaten ein ge⸗ wiſſes Gefühl von Wuth. Die Bewohner, ſogar Frauen nahmen Theil an dem Kampfe. Alle Leidenſchaften ſchienen entfeſſelt. 41* — Die Beſtialität feierte ſchreckliche Orgien. Beim Rückzuge, zu dem die Baiern mehrere Male gezwungen waren, wurden zurückgelaſſene Verwundete von den franzöſiſchen Weibern in die brennenden Häuſer geworfen. Der Anblick ſolcher Gräuel veranlaßte die Soldaten zu neuem Vorgehen. Kein Pardon ward gegeben. Die Baiern gingen mit gefälltem Bajonnett in die Häuſer, ſuchten in Kellern und Böden, ſtachen in die Betten, ſchoſſen durch die Schränke, und was das Feuer nicht vernichtete, das zerſtörte dieſer erbitterte Kampf. Das war ein Ringen, Mann gegen Mann, wie er wüthender nicht geführt zu werden vermag und dazwiſchen brüll⸗ ten die in ihren Ställen verbrennenden Kühe, blökten jämmerlich die erſtickenden Schafe, heulten die Hunde, die ſich vergeblich von der Kette reißen wollten, ſchrieen die Frauen, die ſich mit ihrer letzten Habe in die Wälder hineinflüchteten. Die von den Baiern bedrängten Franzoſen hatten ſich unter⸗ deſſen auf den Kamm des bewäldeten Höhenzuges zurückgezogen. Bald nach ſieben Uhr war die ganze bairiſche Macht auf das rechte Maasufer gekommen und hatte ſich mit dem ſächſiſchen Armeekorps vereinigt. Da begann der Angriff gegen die Haupt⸗ ſtellung der Franzoſen, und gegen das, was ſich nun entwickelte, war freilich der vorhergegangene Kampf nur ein Kinderſpiel ge⸗ weſen. So weit ſich die Hügel ausſtreckten, ſah man keinen einzigen Franzoſen, ſo gut hatte ſich die Infanterie in den Wäl⸗ dern zu decken gewußt, und gerade im Centrum, wo die Hügel holzfrei ſind, hatte ſich die Artillerie poſtirt, und zwar ſo, daß man von den Geſchützen auch nicht das Mindeſte erblickte. Es war alſo ein Kampf gegen einen unſichtbaren Feind, aber deswe⸗ gen ein um ſo ſchrecklicher. Der Kronprinz von Sachſen ließ ſeine Truppen links von Douzy aus vorgehen und zwei Batterien auffahren, die Infanterie aber ging am äußerſten Flügel vor, während die Baiern bei Bazeilles eine Batterie Vierpfünder in die beſte Poſition brachten. Die Einſchnitte zwiſchen den Hügeln benutzte man zum Vorgehen auf der ſchrägen Ebene, wo es ſih nicht bequem machen- ließ, hieben die Pioniere Wege durch den Wald hindurch, ſo ſchlängelten ſie ſich ſo unbemerkt als möglich dem Feinde immer — —— den aſſene häuſer ten zu Baiern kellern ränke, er vie er nerlich h von t ihrer unter⸗ zogen. f das ſihn Haupt⸗ vickelte, el ge⸗ keinen Vi Higel daß S deswe⸗ 6 voh anterie m bei achten. rgehen machen ndurh imnet — dbad— näher und näher. Das ging jedoch viel langſamer, als man es gehofft hatte es fanden ſich der Hinderniſſe ſo viele, daß den ungeſtümen Angreifern Zeit und Weile lang wurde. Die ſächſiſchen und bairiſcher Batterien übernahmen dafür die Arbeit, die Kugeln flogen gleich Schwärmen ſchwarzer Unglücksvögel in die feindliche Stellung hinein, und unter ihrem Schutze rückten Baiern und Sachſen vereinigt vor. Dies geſchah ſo ziemlich unbeläſtigt, und das war auffallend, denn bisher hatten die Franzoſen überall, wo ſie kämpften, eine Unmaſſe von Pulver verknallt. Schon glaubte man, ſie hätten die Schlacht aufgegeben und ſich verſtoh⸗ len zwiſchen den Bäumen zurückgezogen, während ihre Nachhut nur noch zuin Schein hin und wieder eine Flinte abfeuerte. Es zeigte ſich aber dieſe unheimliche Ruhe bald genug als eine Kriegsliſt. Der Feind ließ die Baiern bis auf etwa ſechshundert Schritte herankommen und überſchüttete ſie dann plötzlich mit einem vollſtändigen Kugelregen. Es waren Mitrailleuſen, die ihr unaufhörliches Spiel begonnen hatten, aber auch die Chaſſepots unterſtützten ſie durch ihr Schnellfeuer. Das war ein furchtbarer Empfang, den die Baiern nicht hätten aushalten können. Es wäre Wahnſinn geweſen, ſich in grader Linie dieſen unermüdlichen Feuerſchlünden entgegen zu werfen, die tapferen Soldaten, denen ſchon furchtbare Verluſte bereitet worden waren hätten zurückweichen müſſen, und ſchon brach aus ihrem Verſteck hervor die franzöſiſche Infanterie und wollte die allzu kühnen Angreifer, deren Rückzug ſie erwarteten, verfolgen, als das vierte norddeutſche Armeekorps, das zur Armee des Kronprinzen von Sachſen gehörte, zur Unterſtützung eintraf. Fünf Regimenter rückten von drei Seiten her gegen die in dem Walde gedeckte Infanterie vor und griff ſie zu gleicher Zeit an. Die Franzoſen ſchoſſen wie blind und toll ins Blaue hinein, aber die Deutſchen bezeichneten ſich den Mann, welchen ſie auf das Korn nehmen wollten, und ihre Zündnadelgewehre fehlten nie. Immer neue Truppen rückten nach, die Schlucht zwiſchen den Bergen war voll von deutſchen Kiegenn. Kavallerie und Infanterie und zehn bis zwölf preußiſche Batterien. Um Mittag konnte man ganze Wolken von zurückgehender — 646— franzöfiſcher Infanterie auf dem Hügel zwiſchen Sedan und Floing ſehen, während eine preußiſche Batterie von St. Menges mit Granaten große Wirkung in den retirirenden Linien hervorbrachte. Der ganze Hügel war eine Viertelſtunde lang mit laufenden Franzoſen bedeckt. Eine halbe Stunde ſpäter ſah man eine an⸗ dere franzöſiſche Kolonne, die rechts von Sedan auf der Straße von Bazeilles nach dem Gehölze von La Garenne in vollem Rückzuge war. Zu gleicher Zeit etwa erſchien eine dritte franzö⸗ ſiſche Kolonne, die ſich über eine breite Grasfläche durch das Holz von La Garenne bewegte, unmittelbar jenſeit Sedan, ohne Zwei⸗ fel um die Vertheidigung der wichtigen Si von Bazeilles im Nordoſten der Stadt zu unterſtützen. Um 1 Uhr eröffneten die franzöſiſchen Batterien am Saume des Holzes von La Garenne und darüber ein kräftiges Feuer auf die vorrückenden preußiſchen Kolonnen, deren Abſicht es war, den Hügel nordweſtlich von La Garenne zu ſtürmen und dadurch den Schlüſſel der Stellung auf jener Seite zu gewinnen. Um 1 Uhr 5 Minuten begann noch eine andere franzöſiſche Batterie am Walde ihr Feuer auf die preußiſchen Kolonnen, die genöthigt waren, ihre Stellung zu wechſeln, um ſich dem Zielpunkte der franzöſiſchen Granaten zu entziehen. Gleich darauf ſah man preußiſche Tirailleurs auf dem Gipfel des Hügels von La Garenne oberhalb Torcy. Sie ſchienen nicht ſtark genug, und General Sheridan, der von der nordamerikaniſchen Regierung in's preu⸗ ßiſche Hauptquartier geſchickte, bekannte, berühmte Feldherr, rief: — Ach, die armen Teufel, ſie ſind zu ſchwach, ſie können niemals dieſe Poſition gegen alle die Franzoſen halten! Dies beſtätigte ſich bald, denn die Preußen wurden genö⸗ thigt, den Hügel herab zu retiriren, um Verſtärkung zu ſuchen, da die vorrückenden Franzoſen wenigſtens ſechs gegen einen waren. Aber in fünf Minuten kehrten ſie zurück, dieſes Mal ſtärker, dech immer noch in bedenklicher Minderzahl gegen die mächtigen fran⸗ zöſiſchen Kolonnen. — Hilf Himmel, ſagte General Sheridan, die franzöſiſchen Kürafſiere werden gegen ſie anſtürmen! Und wirklich formirte ſich ein Regiment franzöſiſcher Küraſ⸗ Foing es mit rachte. fenden ne an⸗ traße ollem ranpd⸗ Holz Zwei⸗ geilles Saume et auf r, den den uhr ö nöthigt fte der man arenne jeneral prell⸗ if: önnen gen⸗ ſuchen, waren. bech fran ſiſchen giriſ — 647— ſiere, Helme und Küraſſe im Sonnenſcheine funkelnd, in Schwa⸗ dronsſektion und ſtürmte den Abhang herunter gegen die preu⸗ ßiſchen Tirailleure. Ohne erſt Linie zu bilden, empfing die In⸗ fanterie die Küraſſiere mit einem überaus fürchterlichen Schnell⸗ feuer auf etwa hundertundfünfzig Schritte, ſo ſchnell als möglich ladend und in die dichten Maſſen feuernd. Zu Hunderten fielen Roß und Mann über den Haufen, und das Regiment ging viel ſchneller zurück, als es gekommen war. Im Augenblicke, als di⸗ Küraſſiere umwandten, gingen die muthigen Preußen ihnen in heißer Verfolgung im Doppelſchritte nach. So etwas iſt nicht oft in Annalen der Kriegsgeſchichte erzählt. Dann ging die franzöſiſche Infanterie vor und griff die Preußen an, die ruhig unter einem höchſt raſchen Feuer der Chaſſepots warteten, bis der Feind auf etwa hundertundfünfzig Schritte herangekommen war und ihm dann eine ſolche Ladung Blei zuſchickten, daß die Infanterie bald der Kavallerie folgte und hinging, wo ſie hergekommen war, das heißt hinter einen Höhen⸗ zug, etwa ſechshundert Schritte auf Sedan zu, wo die Tirailleurs ſie nicht treffen konnten. Um halb zwei Uhr machte ein neues Regiment franzöſiſcher Kavallerie, dieſes Mal berittene Jäger, einen anderen Verſuch, die Preußen zu vertreiben, die jede Minute verſtärkt wurden. Aber ſie erlitten daſſelbe Schickſal, wie ihre Genoſſen in den Stahl⸗ jacken, und wurden mit großem Verluſte zurückgejagt, während die Preußen die Gelegenheit benutzten, um ihre Linie um einige hundert Schritte der franzöſiſchen Infanterie näher zu bringen. Plötzlich theilten ſie ſich in zwei Hälften, indem ſie zwiſchen ſich eine Breſche von etwa hundert Schritten in ihrer Linie ließen. Bald war die Abſicht dieſer Bewegung zu erkennen, denn die kleinen weißen Dampfwolken von der Höhe hinter den Tirailleurs und die darauf folgende Bewegung in den dichten franzöſiſchen Maſſen zeigte, daß die Preußen es zu Stande gebracht hatten, ein paar Vierpfünder den ſteilen Aöhang hinauf zu ſchaffen und Feuer auf die Franzoſen zu geben. In dieſem Augenblicke muß bei der franzöſiſchen Infanterie etwas nicht in Ordnung geweſen ſein, denn anſtatt die Preußen anzugreifen, denen ſie — 648— 3 wenigſtens immer noch um das Doppelte überlegen waren, blie⸗ ben ſie in Kolonnen auf der Höhe und ſahen die Hoffnung, den Tag wieder zu gewinnen, vor ihren Augen ſchwinden. Dann verſuchte die Kavallerie nochmals eine Art von Angriff zu machen, aber wieder ohne Erfolg. Nochmals kamen die Küraſſiere her⸗ unter, diesmal gerade auf die beiden Feldgeſchütze los. Aber ehe ſie auf dreihundert Schritte an die Kanonen herangekommen wa⸗ ren, bildeten die Preußen Linie wie auf der Parade, warteten, bis fie auf fünfundſiebzig Schritte heran waren und ga⸗ ben ihnen dann eine Ladung, die die ganze führende Schwa⸗ dron niederzuwerfen ſchien, ſo daß ſie buchſtäblich den Weg zu den Kanonen für die Nachfolgenden hinderte. Nach dieſem letzten Angriffe, der vollſtändig mißlang, obgleich höchſt tapfer gedacht und ausgeführt war, wie auch die beiden vorhergehenden, ging die Infanterie ſchnell auf Sedan zurück, und in einem Augenblicke ſchwärmte der ganze Hügel von preußiſchen Tirailleurs, die aus der Erde hervorzuwachſen ſchienen. Nach dem letzten verzweifel⸗ ten Angriffe der franzöfiſchen Kavallerie ſagte General Sheridan: — Ich ſah niemals etwas ſo Verzweifeltes, ſo durchaus Thörichtes, es iſt der reine Mord. Nach dem Rückzuge der franzöſiſchen Infanterie avancirten die Preußen ſehr raſch, und nochmals wandten die franzöſiſchen Schwadronen und machten eine verzweifelte Charge. Es war aber ganz vergebens: die dünne blaue Linie hielt den wilden franzöſiſchen Anlauf bald auf. Es war ſehr auffallend, daß die Franzoſen weder Artillerie noch Mitrailleuſen auf dem Hügel hat⸗ ten zur Unterſtützung ihrer Infanterie. Die Stellung war ſehr wichtig und gewiß der Mühe werth, Alles anzuſtrengen, um ſie zu halten. Klar genug war es aber, daß die franzöſiſche In⸗ fanterie, nachdem ſie es einmal verſucht hatte, nicht mehr mit den Preußen anbinden wollte, und daß die Kavallerie ſie durch ihr Beiſpiel ermuthigen wollte. Durch den Rückzug der Franzoſen wurden die Baiern von dem heftigſten Anſturme frei, und konnten ebenfalls wieder vor⸗ gehen und Bazeilles feſthalten. Um Balan wurde von ihnen noch viel länger gefochten. Hier ſoll den Baiern zufolge der —„———. — blie⸗ den Dann achen, her⸗ ehe wo⸗ teten, gu⸗ hwa⸗ eg zu lezten dacht g die blice aus eiel⸗ idan: chaus cirten ſchen wat hat⸗ ſehr m ſie e I tden ihr von vol⸗ ihnen e der —— Kaiſer ſich einer aus den Trümmern verſchiedener Truppentheile beſtehenden Sturmkolonne angeſchloſſen haben, um mit ihr die Baiern zu vertreiben. Aber das Artilleriefeuer von den Höhen über dem Fluſſe und oberhalb des Weges kreuzte ſich bereits, und war für ſchwer zuſammengerüttelte Truppen zu ſtark. Spreng⸗ geſchoſſe und Kugeln regneten um den Kaiſer. Eine Granate explodirte in ſeiner Nähe und umhüllte ihn mit einer Staub⸗ und Dampfwolke. Die Offiziere ſeiner Umgebung drangen in ihn, ſich zurückzuziehen, und die Baiern rückten ſchnell vor und machten den Franzoſen das Glacis ſtreitig. Inzwiſchen war der Kronprinz von Preußen mit dem ekften, fünften und ſechsten Armeekorps über Ally und Floing oſtwärts bis Givonne und La Chapelle gedrungen, und vollendete ſo, den Garden die Hand reichend, die vollſtändige Einſchließung der Franzoſen. In dieſer Weiſe vor ſich und hinter ſich Feinde findend, ſahen die Franzoſen endlich die Unmöglichkeit ein, ſich durchzu⸗ ſchlagen. In großen Mengen wurden ſie umringt, von den Ihrigen abgeſchnitten und gezwungen, die Waffen zu ſtrecken. Auch langten von fünf Uhr Nachmittags ab große Trupps Ge⸗ fangene von allen Seiten in den deutſchen Quartieren an. Es waren Soldaten aller Waffengattungen, Zuaven, Turkos, In⸗ fanterie und Kavallerie, Franzoſen und Afrikaner. Aber ſo ſchnell ſich die Kunde von dem errungenen Siege durch alle deutſchen Truppen verbreitete, ſo ſchnell erfuhr man auch von den großen Verluſten die wir erlitten hatten. Die Baiern, welcho am Meiſten im Feuer geſtanden hatten, büßten allein mehr als dreitauſend Mann ein. Das war freilich ein nicht genug zu beklagendes Unglück und es trübte die allgememe Freude, die alle Diejenigen belebte, welche am Abend mit heilen Sliedern Jott für ihre Errettung aus ſolchen Gefahren dankten. Als uch die deutſchen Truppen wieder ſammelten, waren fretlich viele Regimenter arg gelichtet aber ein Blick auf die wenig⸗ ſtens die Zahl von fünfundzwanzigtauſend Mann betragenden franzöſiſchen Gefangenen tröſtete über die eigenen Verluſte, und in Jeder ſagte ſich, daß er mit beigetragen habe, einen entſchei⸗ — 650— denden Schlag gegen den Kaiſer Louis Rapoleon Bonaparte auszuführen. Der König Wilhelm und ſein heldenmüthiger Sohn ritten über das Schlachtfeld und wurden überall, wo ſie ſich zeigten, mit dem lauteſten Jubel begrüßt.*) Ebenſo warme Begeiſterung zollte man dem Kronprinzen von Sachſen, welcher nicht weniger zu dem Gelingen beigetragen hatte. Selbſt die Bauern aus den halb oder ganz zerſtörten Dörfern thaten wenigſtens ſo, als freuten ſie ſich, daß ihr Kaiſer geſchlagen und die franzöſiſche Einquartierung von ihnen genommen war, und brachten Lebens⸗ mittel aller Arten herbei, die ſie natürlich gut bezahlt bekamen. Einigen Soldaten gelang es, inmitten eines noch rauchenden Dorfes einen Schweinekoben zu entdecken, deſſen Bewohner bei lebendigem Leibe erſt geſengt und dann gebraten worden waren. Wer ſechzehn Stunden lang im Feuer geſtanden hat, dem mag der Magen ſchief hängen/ und mit der Auswahl der Lebensmittel nimmt man es in ſolchen Fällen nicht genau. Einer ſchnitt ſich mit dem Säbel ein gutes Stück von dem Thiere los und koſtete es, er fand es ganz köſtlich, das Fleiſch war mürbe und ſaftig, das Fett weiß und ſchmackhaft, nur an Salz fehlte es, aber davon führt jeder Soldat eine kleine Portion bei ſich, und ſo war es denn eine köſtliche Mahlzeit, die man hier mitten in Rauch⸗ und Pulverqualm hielt. Ein Offizier erzählte ſpäter, wie er einen deutſchen Soldaten geſehen habe, der, die Rechte in die zerſchoſſene Seite gepreßt, im Todeskampfe dalag. Plötzlich vernimmt er ein lautes Jubel⸗ geſchrei, ſein brechendes Auge ſieht die Kameraden, wie ſie die Mätzen ſchwenken, die Säbel zum Himmel erheben, wie ſie ſich unter Freudenthränen in die Arme ſtürzen... mit einem Male wird es ſeinen ſchon umflorten Sinnen klar, daß die Schlacht gewonnen iſt, er ſpringt empor, kerzengrade ſteht er da, ein lautes Hurrah entguillt ſeinen bereits erſtarrten Lippen, die Hände greifen in die Luft hinein, als ſuchte die Seele nach einer Leiter, um zu Gott emporzuſteigen, da ſtürzt ein Blutſtrom aus ſeiner *) Siehe das Prämienbild: Bregegnung. — 6— Wunde, er wankt, er ſinkt und liegt weit ausgeſtreckt öber einem e gefallenen Franzoſen das war ein ſchöner Todl! ohn Spät am Abend, als ſich der Kronprinz Friedrich Wilhelm ten, zur Tafel ſetzte, brachte er den erſten Trinkſpruch aus: Dem ung König und der Armee Die Offtziere ſtießen in Champagner an, ger war man doch in dem geſegneten Lande, wo der Wein goldgelb den mit ſilberner Krone ſchäumt, dieſes Fäßchen aber hatten tapfere as Dragoner erbeutet und ihrem Heerführer verehrt er mag gut ge⸗ ſche chmeckt haben nach einem ſo heißen und ſorgenvollen Tage. ens⸗ nen. rfes gem zchn ngen 74. Kapitel. nan den Der letzte Tag des franzöſiſchen Kaiſerreiches. 30 Die Baiern waren es, welche zuerſt durch ihre Gefangenen aubn die Kunde davon erhielten, daß nicht, wie man allgemein geglaubt nes hatte, Mac Mahon das franzöſiſche Heer anführte. Freilich war un er dazu beſtimmt geweſen, die Scharte von Wörth auszuwetzen, und den ganzen Tag, welcher zwiſchen der Schlacht bei Beaumont vn und der bei Sedan lag, hatte er dazu benutzt, ſeinen Plan zu ret entwerfen. Man muß es eingeſtehen, er hatte ſeine Sache nicht el⸗ ſchlecht gemacht. Es war kein übler Gedanke, eine ganze Armee 5 i unſichtbar kämpfen zu laſſen und den Tod unter die Feinde zu ſc ſenden, ohne daß ſie wußten, woher er kam. i. Die Sache wäre ihm auch jedem anderen Heere gegenüber Ui gelungen, aber mit den Deutſchen ließ ſich in dieſer Weiſe nicht u fertig werden. Verſpottete man ſie doch in Frankreich darum, daß ſie allzu gründlich ſind, jedem Dinge auf die Spur zu kommen id ſuchen und überall die Urſachen zu erforſchen ſtreben. Hier be⸗* wieſen ſie dieſe Eigenſchaften ſehr zum Nachtheil ihrer Feinde. 5 Schüſſe aus dem Walde! Ei, da müſſen wir doch nachſehen, wer da ſchießt! Mitrailleuſen auf den Bergen! Was, die müſſen eiter⸗ ſeiner — 652— wir uns holen, um die verfluchten Dinger genauer zu beſehen! Und ſo geſchah es denn, daß ſie nicht nur die Stellung der Franzoſen erkannten, ſondern daß ſie auch, um ſich ganz gründ⸗ lich darüber ins Klare zu ſetzen, rings um ſie herum gingen, bis ſie die Rothhoſen wie bei einer Haſenjagd in einen Kreis getrieben hatten. Stolz auf ſeinen Schlachtplan, hatte der Herzog von Magenta den Kampf begonnen, aber er hatte ihn nicht zu Ende führen können, denn ihn erreichte ſein Schickſal in Geſtalt eines Granatſplitters, der ihm in das Bein fuhr, indem er ſeine Trup⸗ pen zu einem Angriff auf Bazeilles führte. Dies geſchah ſchon früh am Tage. Er mußte das Schlachtfeld verlaſſen und ſich nach Sedan zurückziehen, um ſich verbinden zu laſſen. Der ihm zu⸗ nächſt folgende Offizier war der General Ducrot, er übernahm alſo das Kommando, wie ſich das von ſelbſt zu verſtehen ſchien. Da trat plötzlich der General Wimpffen zu ihm heran. — General, ſagte er, das Kommando unſerer Truppen übernehme ich. Ducrot ſah ihn verwundert an, Jener aber zog einen ver⸗ ſiegelten Brief aus der Taſche und übergab ihn dem neuen Befehlshaber. Dieſer Brief war von dem Kaiſer, er beſtimmte darin, daß, falls dem Herzog von Magenta ein Unfall zuſtoßen ſollte, der General von Wimpffen dazu beſtimmt ſei, das Kom⸗ mando zu übernehmen. Für Ducrot war dies ein harter Schlag, er fuhr mit heftigen Worten auf Wimpffen ein und verhehlte keineswegs den Unmuth, welchen er gegen den Kaiſer hegte. Die Offiziere nahmen Partei für und gegen ihn, es kam zu einem gereizten Wortwechſel, doch endlich wich Ducrot dem entſchieden ausgeſprochenen Willen des Kaiſers. Anfangs ſchien es auch, als ſei das Kriegsglück dem Gene⸗ ral Wimpffen günſtig, denn die Baiern wurden in ihrer Stellung hart bedrängt. Ihre Schlachtlinie erſtreckte ſich von Bazeilles bis Sedan, eine der Vorſtädte dieſer Feſtung iſt Balan, aber indem ſie bis hierher vordrangen, kamen ſie aus dem Schutze ihrer Ar⸗ tillerie heraus und in einen Hagel von Gewehrfeuer hinein, hier war es, wo ſie ihre geößte Tapferkeit entwickelten, aber auch hier erlitten ſie ihre größten Verluſte. Indeſſen dauerte der Vortheil — „— — — e— — —* — 653— hen! des General von Wimpffen nicht lange, der Kronprinz von der Sachſen hatte ſich mittlerweile zum Angriff gewandt und trieb die ünd⸗ Franzoſen wieder zurück, dadurch wurden die Baiern frei und bis jagten die Franzoſen, von denen Viele ſich in der wildeſten Flucht eben nach Sedan hineinwarfen. von Es waren ſchreckliche Stunden, welche der Kaiſer in dieſer nde Feſtung verlebte. Nachdem er es geſehen hatte, wie geringes eines Vertrauen ſeine Offiziere und ſelbſt die Truppen in ihn ſetzten, rur⸗ hatte er beſchloſſen, ſich von dem Kampfe fern zu halten, aber er ftüh hörte den furchtbaren Donner der Kanonen, das Praſſeln des nh Kleingewehrfeuers, und ſein Herz pochte ſtürmiſch. Wohl war er z⸗ es ſich bewußt, daß er hier ſeine letzte Karte ausſpielte. Eine uhn abermalige Niederlage Mac Mahons war die Auflöſung der cjen. Armee, war das Signal zur Revolution in Paris. Nichts war ihm fürchterlicher als dieſer Gedanke, er ängſtigte ſich vor der Wuth des Volkes, welches er elend gemacht hatte, er ſchauderte bei dem Gedanken an den Dolch des Meuchelmörders, dem ſchon zwei franzöſiſche Herrſcher, und vor dem Fallbeil, dem ſchon einer unterlegen war. ppen Nach Meh konnte er nicht gelangen, um ſich unter den Schutz von Bazäine's Heer zu begeben, ſeine Hauptſtadt war ihm ver⸗ ſchloſſen, die belgiſche Grenze konnte er höchſtens als Flüchtling . überſchreiten welch ein Ausweg blieb ihm, wenn Mac Ma⸗ zehle hon geſchlagen wurde? Immer lauter, immer näher donnerten die Kanonen. Seine Beängſtigung ſtieg von Minute zu Minute. Jetzt war er froh, daß er den Rath des Herzogs von Montalto befolgt und ſeinen Sohn in Sicherheit gebracht hatte, ſo lange hide es noch Zeit war. Die Vorſtädte von Sedan wurden angegriffen, die Kugeln Gen⸗ flogen in die Feſtung hinein und zündeten an verſchiedenen Stellen, vlung war offenbar, die Stadt konnte ſich nicht halten. Da litt es es bis ihi nicht länger in ſeinen Gemächern. Draußen vernahm man inden verworrenes Geräuſch, die Einwohner des unglücklichen Ortes et A⸗ klagten ihn laut an, er hörte Schmähungen auf ſich und ſeine n ji Regierung, wie er ſie niemals für möglich gehalten hätte. Da ch hier öffnete der Feſtungskommandant die Thore, um die Flüchtlinge hier zorthil — 654— einzulaſfen, ſie kamen ohne Waffen mit zerriſſenen und verbrann⸗ ten Uniformen, und auf allen Geſichtern lagen der Schrecken und die Angſt vor den Feinden. Der Kaiſer ließ ſich den Degen um⸗ gürten, er eilte hinunter und begab ſich unter die Soldaten. Kein freudiges Hurrah begrüßte ihn, er ſah es wohl, ſie hatten beides, Furcht und Achtung, vor ihm verloren. Dennoch redete er ſie an, er forderte ſie auf, das Vaterland nicht im Stiche zu laſſen, er befahl ihnen Waffen und Patronen zu geben, dann be⸗ ſtieg er ſein Pferd und ritt hinaus, gefolgt von den Soldaten, die gleichgültig gegen Alles geworden waren. Draußen fand er gänzlich aufgelöſte Regimenter, er rief die Offiziere auf und ſam⸗ melte die Truppen ſo gut es ging, dann ermunterte er ſie mit Bitten und Verſprechungen und ſtürzte ſich mit ihnen auf die Baiern. Bomben und Zündnadelkugeln pfiffen um ihn her, er achtete es nicht, Granaten platzten um ihn her, und ihre Splitter umwirbelten ihn mit unheilverkündendem Ziſchen. Er hätte hier ſterben mögen, tauſend Mal lieber ſterben als ſeine Krone verlieren, und dennoch bebte er vor dem Tode. Der Kampf war fürchterlich, die franzöſiſchen Regimenter löſten ſich auf, kein Soldat vernahm mehr die Stimme ſeines Offiziers, den Ton des Signalhorns, ein Jeder dachte nur an die eigene Sicherheit. Vergeblich bemühten ſich die Offiziere, die Mannſchaft zum Ste⸗ hen zu bringen, ſie wurden beſchimpft und verlacht, ja, bedroht. Der Kaiſer ſah, daß Alles verloren war, ſeine troſtloſe Miene entmuthigte vollends die Soldaten. Da bat ihn der Her⸗ zeg von Montalto faſt auf ſeinen Knieen, ſich aus der Gefahr zurückzuziehen, was ſollte er auch noch länger hier, um ſeine völlige Niederlage zu erblicken? Er winkte den Herzog bei Seite. — Eilen Sie nach Paris, ehe es zu ſpät iſt, ſagte er, hier iſt nichts mehr zu thun; ſagen Sie meiner Gemahlin, daß Lulu in Sicherheit iſt und daß ſie mir vergeben möge, was ich thun werde. Sie iſt klug, ſie wird ſich zu helfen wiſſen, ſagen Sie ihr, ſie möge für ſich und mich ſorgen, ich verlange nicht, daß ſie mein Schickſal theilt, aber daß ſie es lindert. Und noch eins, gehen Sie zu Margarethe Bellanger.. Sie wiſſen? ko gör ſe hl de di ſch Ge Si V for zu ge hi lau jie ſie hrann⸗ en und en um⸗ daten. hatten redete iche zu nn d⸗ daten, fand er d ſam⸗ ſie mit uf die n he nd ihre n. Er ſeine Sanf uf kein on des hecheit m Ste⸗ edroht. wftloſe Gefahr n ſeine j Seit. e hir Lulu thun ie iht daß ſe einz. — 635— — Ich weiß, verſetzte der Herzog, es iſt die Geliebte Eurer Majeſtät. — Ja, ich werde für ihr Kind ſorgen, wo ich auch hin⸗ kommen mag, ſie muß bei mir ſein. — Aber die Kaiſerin, wagte der Herzog einzuwenden. — Pah, ſie hat mir immer meine kleinen Zerſtreuungen ge⸗ gönnt, ſie wird es auch fernerhin thun. Eilen Sie, ehe die Deutſchen Ihnen den Weg verſperren. Montalto ſprengte davon. Wie unwürdig erſchien ihm die⸗ ſer Mann, der in dem Augenblick, wo Tauſende vor ſeinen Augen bluteten, wo er eine Kaiſerkrone verlor, an eine gemeine Dirne denken konnte, deren Verhältniß mit ihm in ganz Paris ſtadt⸗ kundig war! Dennoch war er bereit, den Befehlen zu gehorchen, die ihn ſeiner eigenen Gattin, nach der er ſich unbeſchreiblich zu ſehnen anfing, näher brachte. 3 Der Kaiſer kehrte nach Sedan zurück und ſchloß ſich in ſeine Gemächer ein, weil er das Volk fürchtete, welches ihm laut die Schuld an ſo vielem Unglück beimaß. Einen Augenblick glaubte Wimpffen, es ſei noch möglich, ſich durch die Feinde zu ſchlagen, aber ſo ſehr er ſich bemühte, ſo dringend er die Soldaten auf⸗ forderte, ſich mit ihm zu einem entſcheidenden Schlage zuſammen zu ſchaaren, es fanden ſich kaum zweihundert Mann, die bereit geweſen wären, ihr Leben zu wagen, um ſich einen Weg mitten durch die deutſchen Heerhaufen zu bahnen. Die Uebrigen er⸗ klärten, ſie ſeien lange genug Kanonenfutter geweſen, ſie ſchalten laut auf ihre Anführer, ſie wandten die Flinten gegen ihre Offi⸗ ziere ſie verweigerten den Generalen ſelbſt den Gehorſam und warfen lieber ihre Waffen den Deutſchen vor die Füße, als daß ſie ſich noch länger unnütz ihren Kugeln ausgeſetzt hätten. Und das geſchah nicht etwa aus Mangel an Muth, ſondern sur aus Mangel an Vertrauen zu denen, die ſie leiteten. Sie waren zornig und hungrig, denn es war in keinerlei Weiſe für ſie geſorgt werden, ſie ſahen, daß Sedan eingeſchloſſen war, was ſollten ſie noch länger kämpfen? Ihre Artillerie war verſtummt, und die deutſchen Batterien ſpieen von allen Seiten her Feuer, da ergriff ſie eine grenzenloſe Verwirrung, blind liefen ſie durch⸗ 1— 656— x einander, es war eine Scene der furchtbarſten Unordnung und ein Zeder ſchätzte ſich glücklich, der ſich als Gefangener betrachten konnte, was ihm wenigſtens das Leben ſicherte. Und über dieſe gänz⸗ 1 liche Auflöſung der franzöſiſchen Armee ergoß die Feuersbrunſt, 3 welche in Sedan immer weiter um ſich griff, ihren glühend rothen Schein. Die Bürger ſuchten zu retten und zu löſchen, die hilfloſen Verwundeten ſchrieen aus Furcht vor dem Verbrennen laut um Barmherzigkeit, die Weiber kreiſchten, einige Häuſer ſtürzten krachend zuſammen und begruben viele Menſchenleben unter ihren Trüm⸗ mern, es war, als ob alle Bande der Ordnung und der Geſetz⸗ mäßigkeit geſprengt wären, als herrſche nur noch Haſt und Rath⸗ lofigkeit, Verachtung und wilde Wurh. Unter dieſen Umſtänden ſah der General Wimpffen wohl ein, daß er Sedan aufgeben müſſe und daß Alles verloren ſei. Er ſtellte das dem Kaiſer vor⸗ und dieſer antwortete ihm mit einem ſtummen Achſelzucken. Was hätte er auch ſagen ſollen, wo Niemand mehr geneigt war, ſeine Befehle anzunehmen? Wimpffen eilte zu den Soldaten zurück, die ſich jetzt zum größten Theil in die Feſtung geworfen hatten. Der Generol Lauriſton erhielt den Befehl, als Parlamentair hinaus zu reiten, aber er getraute ſich nicht, die weiße Fahne durch die Menge der auf⸗ geregten und wüthenden Soldaten zu tragen, die laut über . Verrath ſchrieen. Schnell entſchloſſen band er ſein weißes Taſchen⸗ 1 tuch an eine Ulanenlanze und beſtieg damit den Wall. Ein 3 Trompeter ſtand neben ihm und blies aus Leibeskräften, aber in dem furchtbaren Lärm und Geſchrei und bei der noch immer fortdauernden Kanonade hörte ihn Niemand, achtete Keiner auf — — 4 —„ e c— e— „ thn. Da ließ Grneral Wimpffen die Thore der Stadt öffnen, und dies wurde für die Deutſchen die ſicherſte Kunde ihres Sieges. Das Feuern der Geſchütze verſtummte plötzkich, von Batai⸗ lon zu Bataillon lief mit Blitzesſchnelle die Nachricht daß Sedan ſich übergeben habe. So endete die Schlacht, doch nun erſt be⸗ gann die grenzenloſe Demüthigung, die den Beſiegten auferlegt wurde, nicht durch die Sieger allein, nein, durch ihren eigenen Unver⸗ ſtand, der ſie bis in dieſes Verderben geführt hatte. Ein Par⸗ gin lementair überbrachte dem Kaiſer noch an demſelben Abend die brunſt Bedingungen der Unterwerfung welche in dem Hauptquartier rothen des Königs Wilhelm ſchleunigſt aufgezeichnet worden waren, doch vergeblich wartete man auf den Boten, welcher das von dem floſen Kaiſer unterſchriebene ſo verhängnißvolle Blatt Papier zurückbrin⸗ ut um gen ſollte. Für die deutſchen Heerführer war es jedenfalls feſt⸗ uhend ſtehend, daß auch der letzte Reſt von Mac Mahons Armee zur Lrim⸗ Uebergabe gezwungen werden könne, aber in Sedan dachte man Geſet⸗ anders. Fuch⸗ Der Kaiſer hatte ſich, nachdem Wimpffen ihn verlaſſen hatte, abermals eingeſchloſſen, er fürchtete ernſtlich für ſein Leben, denn wohl mit einem wahren Wuthgeheul umxingten die Soldaten und Bür⸗ en ſei. ger ſeiye Wohnung. Da ſtürmte es die Treppen empor, der m n, Kaiſer bebte, er ſah ſein Schickſal vor Augen, aber es galt jetzt, ſolen,) die Komödie bis zu Ende zu ſpielen und wenigſtens den Schein hnen von Würde anzunehmen, da jeder ſittliche Halt, jedes Vertrauen gohn auf Gott, das dem Menſchen ſonſt immer im Unglück zur Stütze miſn wird, ſchon längſt aus ſeiner nur dem Niedriegen ergebenen Seele aher er gewichen war. et auf⸗ Es pochte an ſeine Thür, viele Fußtritte ließen ſich draußen ut über vernehmen. Iſhn⸗ Der Kaiſer öffnete, er ſah die Offiziere ſeiner Armee, die ihn 16n zu ſprechen verlangten. rob Himmel, welch' ein Anblick! innet Da ſtürmten ſie herein, dieſe Herren, die ſonſt von Salben 6 uf und Pommaden dufteten, deren Locken der Friſeur auf ihrem ifen⸗ Kopfe befeſtigt hatte, deren Bruſt und Waden von Watte waren, 6— und die Stunden gebrauchten, um ihren Anzug in Ordnung zu bringen. Wie aber ſahen ſie jetzt aus! Die Perrücke war oft guti⸗ mitſammt dem Käppi verloren gegangen, und die Watte hing Sehmn aus den Löchern der Beinkleider heraus, ihre Uniformen waren von unten bis oben mit Koth beſpritzt, ihre Geſichter faſt unkennt⸗ lich von Pulverdampf, Schweiß und Blut. Viele trugen blutige uf v Binden um Arme oder Stirnen Manche hinkten an einem Stocke, nhn 2 V. 12 — 658— aber Allen glühten die Augen voller Wuth, ſie ſuchten nach Jemand, vor dem ſie ihren Zorn ausſchütten konnten, und ſie fanden den Mann mit dem gelblichen Geſichte und dem ſtechenden ſcharfen Blick, vor dem ſie ſich nur allzulange ſchon gebeugt hatten. Es war ein Gewirr von Stimmen, ſie kamen um zu klagen, zr ſchelten, zu fordern, und Keiner verſtand den Andern. Napo⸗ levn ſtand ſtumm ihnen gegenüber, was ſollte er ſagen, wo Nie⸗ mand geneigt war, ihn anzuhören. Dieſelbe Verwirrung, die drau⸗ ßen auf dem Schlachtfelde geherxſcht hatte, ſpielte ſich auch hier ab.* Wimpffens Eintritt unterbrach die peinliche Scene, mit ihm zugleich erſchien der General Ducrot. Dieſer ſchlug ein lautes Gelächter auf. — Ich komme Eurer Majeſtät meinen verbindlichſten Dank zu ſagen, höhnte er, daß Sie mich der Schmach überhoben haben, Ihre Armee zu führen. Der General Wimpffen hat es trefflich gemacht, ein würdiger Feldherr, er weiß zu ſiegen oder zu ſterben, ſehen Sie doch, wie er daßeht, dieſer Mann, der ſo viel beſſer geeignet war, die Soldaten anzuführen⸗ als ich. O er hat ſie ſchön angeführt, und ich danke Gott daß ich nicht in ſeiner Haut ſtecke; den Ruhm, der Beſiegte von Sedan zu ſein, laſſe ich ihm gerne. Wüthend ſprang Wimpffen auf ihn zu, er hätte ihn erwürgt, wenn die Offiziere ihn nicht zurückgehalten hätten. Ein ſolcher Skandal in Gegenwart des Kaiſers war unerhört. Auch hieran erkannte Louis Napoleon, wie tief er geſunken war, denn man achtete ihn für nichts mehr. Mit großer Mühe nur gelang es ihm, ſeine Stimme vernehmlich zu machen. — Was verlangen Sie, meine Herren? fragte er. Aber wer ſollte antworten? Sie ſchrieen wild durcheinander. Die Einen wollten die Schlacht ſogleich aufs Neue aufnehmen, die Anderen riethen laut zur Flucht bei Nacht und Nebel, Dieſe jammerten, ſie hätten keine Lebensmittel, um die laut klagenden Soldaten zu ſättigen, Jene forderten die ſtrengſten Sttafen für die Frechheiten, welche ſich die Truppen gegen ihre Anführer er⸗ laubt hatten. — mand, n den harfen lagen, Napo⸗ o Nie⸗ drau⸗ ach it ihm lautes Donk haben, refflich erben, beſſer hat ſie Haut ch ihn würgt, ſolchet hieran n man ung 6 nunder. ehmen Liſe genden fen ſir huet — 655— Der Kaiſer verſicherte, er wolle alle dieſe Vorſchläge in die veiflichſte Erwägung ziehen und ſogleich Kriegsrath halten, er be⸗ daure nur, daß der treffliche Marſchall Mac Mahon nicht daran Theil nehmen könne. Indem langte der preußiſche Parlamentair an Seine Anweſenheit wirkte, was des Kaiſers Perſon nicht vermocht hatte, die Offisiere verſtummten plötzlich. Der Kaifer empfing das Papier, ohne es zu entfalten, und verhieß ſeine Ant⸗ wort, ſobald er ſeine Generäle vernommen haben würde. Damit war der preußiſche Offizier entlaſſen, die Uebrigen aber blieben und verlangten, die Kapitulationsbedingungen zu erfahren. Neuer Wirrwar, neues, lebhaftes Durcheinanderſprechen. Der Kaiſer beendete es, indem er ſich durch eine Nebenthür zurückzog, aber lange noch hörte er ſie ſchimpfen und fluchen. Da ſaß er nun, die beiden Ellenbogen auf dem Tiſche, den Kopf in beiden Händen, und grübelte über das Schreiben des Königs, er dachte, wie freundſchaftlich er dieſen Monarchen in Paris empfangen hatte, wie er oft mit ihm zuſammengetroffen war, und wie das leutſelige und gewinnende Weſen des preußi⸗ ſchen Herrſchers ihm ſichtlich alle Herzen erobert hatte. Jetzt ſollte er in demſelben Manne, mit dem er ſonſt an demſelben Tiſche geſpeiſt hatte, ſeinen Beſieger wiederſehen. Durfte er da noch auf dieſes ſelbe gewinnende und freundliche Lächeln hoffen, mußte ihm nicht ſtatt deſſen Stolz und befriedigter Ehrgeiz, Rachſucht und Hohn entgegentreten? Was hätte er gethan, wenn er den König non Preußen be⸗ ſiegt und gedemüthigt zu ſeinen Füßen erblickt hätte? Mit Hohn und Spott hätte er ſein weißes Haupt überſchüttet, hätte ihn vielleicht enttrohnt und in die fernſte, härteſte Verbannung geſchickt. Jetzt kam es anders, doch, wie ſchrecklich und dunkel lag ſeine Zukunft vor ihm! Da meldete man ihm, daß der Kriegsrath zuſammen getreten ſei. Wiederum mußte er ſich gewaltſam faſſen. Er hätte ſchreien und weinen mögen wie ein Kind, das man für ſeine Unarten abſtraft, er mußte eine Ruhe und Würde heucheln, von der nichts in ſeiner Seele war. 42* — 660— Und dieſer Kriegsrath! Welch ein Toben und Schreien, welch wüſtes Durcheinanderſprechen! Wimpffen rieth zur Ergebung, weil die Armee zu ſehr geſchwächt fei, um ſich noch länger zur Wehre ſetzen zu können, ſeiner Anſicht waren alle diejenigen Offiziere, die geſehen hatten, wie alle Bande des Gehorſams gelockert wa⸗ ren, und wie kein Anführer ſich ferner auf ſeine Truppen ver⸗ laſſen konnte. Dagegen ſprach Ducrot mit der größten Heftigkeit. Rückſichtlos, und ohne auf die Gegenwart des Kaiſers zu achten, erklärte er ſich für einen Republikaner. — Es iſt eine Schmach, wenn wir uns ergeben, rief er aus, da uns noch eine große Armee zur Verfügung ſteht! Da ſitzt die unſelige Urſache dieſes unſeligen Krieges, bindet dieſem Manne Hände und Füße, übergebt ihn ſeinen Feinden, laßt ſie Rache an ihm nehmen, und wir werden es ihnen danken, daß ſie Frankreich von einem Tyrannen befreit haben, ich aber will nach Paris eilen und die Republik ausrufen! Napoleon biß ſich den Schnurrbart und ballte die Fauſt, die er auf den Tiſche ſtützte, ſein ſtechendes Auge ſuchte in den Seelen der Anweſenden die Empfindungen zu leſen, welche dieſe Worte in ihnen erweckten. Manche mißbilligten Ducrots maß⸗ loßes Auftreten, aber Keiner hatte den Muth, ihm offen entgegen zu treten und den Kaiſer zu vertheidigen. Jetzt wußte Napoleon, daß es aus war mit ſeiner Herrſchaft, ſeine Macht war gebrochen, der Tag der Rache brach heran.... Er hörte nichts mehr von Dem, was die Herren beriethen. Die Meiſten waren für die Kapitulation von Sedan, aber in echt fran⸗ zöſiſcher Unverſchämtheit verlangten ſie Abzug mit vollen Waffen und ſchwuren, daß ſie ſich niemals zu Gefangenen der Deutſchen würden machen laſſen. Darüber verging der größte Theil der Nacht. Es blieben dem Kaiſer nur wenige Stunden der Ueberlegung und ach! wie qualvoll waren dieſe! Entſagen, das iſt ein hartes Wort. So⸗ viel Kämpfe, ſo viel Verbrechen, ſo viel gemeine Ränke und nun Es blieben ihm nur zwei Wege, auf beiden traten ihm unerbittliche Feinde entgegen. Er hatte die Wahl, ob er einen eigenen Unterthanen oder dem preußiſchen König erliegen 6 welch g, well Vehre ffiere rt wa⸗ nvet⸗ igkeit achten, t aus, n ſitzt dieſem ft ſie daß r wil Fauſt. n den dieſe muß⸗ gegen ſirn Die fran⸗ zufen tſchen lieben wie So⸗ und raten b er ligen — 651— ſollte. Er kannte ſeine Franzoſen zu gut, um nicht zu wiſſen, daß ſie ihn ihre ganze Rache würden fühlen laſſen, was durfte er von ihnen erwarten, als Gefängniß, Abſetzung... Hinrichtung! Nein, zieber wollte er von fremden Händen ſein Geſchick entgegennehmen, lieber die Großmuth ſeines Feindes, als die Barmherzigkeit, die Verachtung ſeiner eigenen Landsleute ertragen! Als die Sonne aufging, war ſein Entſchluß gefaßt, ein Ent⸗ ſchluß, der ihm furchtbare Selbſtüberwindung koſtete. Es war die ſchrecklichſte Demüthigung, die je ein Menſch zu tragen hatte, denn nachdem er ſelbſt den Krieg herbeigeführt hatte, ſollte er ſich der Großmuth des Siegers dahingeben. Sein Kammerdiener fand ihn, wie er ihn verlaſſen hatte, er ſaß auf ſeinem Lehnſtuhl, das ſorgenvolle Haupt in die Hand geſtützt, ſein Bett ſtand unberührt, ſeine Augen waren geröthet, ob vom Wachen oder vom Weinen, wer wußte es? Seine Adju⸗ tanten kamen, er hüllte ſich in dumpfes Stillſchweigen, Niemand ſollte erfahren, was er beſchloſſen hatte, damit Keiner es zu verhindern vermöchte. Auch fragte ihn Niemand nach ſeinem Vorhaben. In den Augen ſeiner Offiziere, in den Augen der Armee von Sedan war Louis Napoleon, der bisherige Kaiſer der Franzoſen, abgeſetzt. 75. Kapitel. Kaiſer und König. Indeſſen hatte man in dem deutſchen Hauptquartier mit einiger Ungeduld auf die Antwort gewartet, welche der Kaiſen jenem Offizier ertheilen ſollte, der am geſtrigen Abend die Kapi⸗ tulationsbe dingungen nach Sedan getragen hatte. Dieſe Antwort ließ ſich lange erwarten. Da lag die Feſtung, noch ſah man den Rauch der verbrannten Häuſer darüber ſchweben, und hier 662— lagerten die deutſchen Truppen, ungeduldig und kampfbegierig auf das Ergebniß der geſtrigen ſiegreichen Schlacht wartend. Endlich wurde beſchloſſen, daß Sedan beſchoſſen werden ſollte, wenn bis dahin der Kaiſer nicht auf die Kapitulationsbe⸗ dingungen des oberſten Kriegsherrn der Deutſchen einging. Schon richtete man die Mörſer, ſchon wurden die Munitionswagen herangefahren, und öfters ſind wohl niemals die Uhren aus der Taſche gezogen worden, um nachzuſehen, wie viele Minuten noch an der feſtgeſetzten Friſt fehlten. Der Kaiſer Napoleon der Dritte verſchob jedoch ſeine letzte Beſchlußfaſſung immer noch. Er hielt eine Rundſchau ab, er wagte es, ſich ſeinen Soldaten zu zeigen. Hier und da tönte ihm ein ſchwaches:„Es lebe der Kaiſer,“ entgegen, ſonſt begegnete er nur dumpfem Stillſchweigen, und wenn er den Rücken wandte, ſo tönte ihm leiſes oder lautes Fluchen nach. Er beſtieg die Wälle und überſah die Gegend. Rings umher, ſo weit das Auge reichte, nur feindliche Truppen, welche die Stadt von allen Seiten umſchloſſen und bereit waren, den Kampf aufs Neue aufzunehmen. Da ſank der letzte Hoffnungsſchimmer, mit welchem er ſich bisher noch geſchmeichelt hatte. Er ließ ſeinen Wagen anſpannen, und, von den wenigen Offizieren begleitet, auf welche er glaubte, ſich verlaſſen zu können, fuhr er nach Donchery. Dort hielt er an und ſchickte ſeinen Adjutanten in das preußiſche Hauptquartier. Der Adjutant fragte nach dem Grafen Bismarck, und man zeigte ihm ſein Quartier. Die weiße Parlementairflagge bahnte ihm den Weg durch das Lager, aber als er zu dem Hauſe gekommen war, vernahm er, daß der preußiſche Staatsminiſter noch im Bette lag und nach den Anſtrengungen des letzten Tages der Ruhe pflegte. Die Nachricht von der Anweſenheit eines kaiſerlichen Ad⸗ jutanten trieb ihn ſchnell genug aus den Federn. In Eile kleidete der ſich an, aber da er es nicht liebte ſich mit ſo viel Gepäck zu beladen wie die franzöſiſchen Offiziere, ſo fehlte es ihm an der nöthigen Galakleidung, und er hatte nichts als den dunklen Kü⸗ raſſierwaffenrock mit gelbem Kragen und eben ſolchen Aufſchlägen, dazu die weiße Feldmütze. Er legte dieſe Sachen an und fand gierig erden nsbe⸗ Schon agen der noch letzte er ihm gnete ndte, nher, tadt aufs ſich men, ubte, ſte tier igte ihn men Bette Ruhe idete k zu der Ki⸗ — 663— den Adjutanten, der ihm in kurzen Worten mittheilte, der Kaiſer ſei in Donchery und wünſche über die Kapitulationsbedingungen perſönlich mit ihm zu ſprechen. Sogleich eilte der Graf dahin. Der Kaiſer ſaß noch in ſei⸗ nem Wagen, aber ſobald er den Grafen ankommen ſah, ſtieg er aus und trat ihm entgegen. Der Miniſter verbeugte ſich tief und mit entblößtem Haupte. Napoleon forderte ihn auf, ſich zu bedecken. — Sire, verſetzte der Graf, ich empfange Eure Majeßt wie ich meinen königkichen Herrn empfangen würde. Bei dieſen ſo höflichen Worten konnte Rapoleon eine Miene der Verwunderung nicht unterdrücken. — Wo können wir uns ſprechen? fragte er. Graf Bismarck zeigte auf eine kleine Hütte, die ganz in der Nähe war und einem armen Weber angehörte. Er trat zuerſt hinein, um zu ſehen, ob ſich darin ein geeigneter Raum fand, aber das Zimmer im Erdgeſchoß war ſchmutzig, und die ganze Familie hatte darin geſchlafen. Zwiſchen Betten und Webeſtüh⸗ len, die freilich raſteten, ließ ſich keine ſo hochwichtige Unterhand⸗ lung führen, er ſtieg alſo die Treppe hinauf, die eher einer Hühnerſtiege glich, und ſah, daß es auch oben nicht einladender war. So kam er denn wieder herunter. Napoleon hatte ſich unterdeſſen auf einen Stein geſetzt. Nach den furchtbaren Aufregungen der letzten Tage und nach der ſchlafloſen Nacht fühlte er eine Schwäche über ſich kommen, die ihn faſt der Gedanken beraubte, dennoch durfte er den Grafen davon nichts merken laſſen. Dieſer bat den Weber, zwei Stühle herauszubringen, und ſo ſaßen dieſe beiden hochberühmten und doch ſo ganz verſchiedenen Männer einander gegenüber, und von oben herab guckte der We⸗ ber auf ſie herunter, ohne die Unterhaltung zu verſtehen, die in. deutſcher Sprache geführt wurde, und ohne zu wiſſen, daß es ſich um das Schickſal zweier Völker handelte, und daß vor ſeinem Hauſe ſeines Kaiſers Sturz beſiegelt wurde. Der Graf, welcher immer noch die äußerſte Höflichkeit gegen den Kaiſer beobachtete, ſaß zu ſeiner Linken, die Offiziere gingen — 66 unterdeſſen in dem Felde ſpazieren und betrachteten die deutſchen 1 deereshaufen, die nicht weit davon ihr Frühſtück kochten. v Das Geſpräch der beiden Männer muß höchſt wichtig gewe⸗ ſo ſen ſein, leider ſind wir nicht im Stande, es wörtlich wiederzu⸗ geben, da kein Zeuge dabei geduldet wurde, aber ſeinen Inhalt können wir mittheilen. u Der Graf drang zunächſt darauf, Frieden zu machen, aber ei der Kaiſer verſicherte ihm, er habe keine Macht, dem Marſchall h Mac Mahon oder Bazaine den Befehl zur Uebergabe ihrer 4 Armeen zu ertheilen, es hänge Alles von ſeiner Gemahlin ab,. denn die Kaiſerin Eugenie ſei Regentin und habe allein zu be⸗. ſtimmen, ob der Krieg noch weiter fortzuſetzen ſei oder nicht. Darauf erklärte der Bundeskanzler, unter ſolchen Umſtänden, ſei 3 1 5 eine jede politiſche Unterhaltung mit dem Kaiſer Napoleon überflüſſig, auch ſei die Zuſammenkunft mit dem König Wilhelm, die der Kniſer dringend zu wünſchen ſchien, ganz zwecklos. Auf dieſer beſtand jedoch Napoleon. Nun forderte Bismarck, es ſolle zunächſt die Kapitulation von Sedan unterzeichnet werden, aber auch das verweigerte der Kaiſer. Da mag denn der Graf doch etwas ärgerlich geworden ſein, daß man ihn ſo nutzlos aus dem Bette hatte holen laſſen, jedenfalls erzählte er hinterher, die Un⸗ terredung habe angefangen ziemlich hitzig zu' werden, und die Lage beider Herren ſei ſchwierig geweſen. Er endete alſo das fruchtloſe Hin und Herreden indem er verſicherte, er wolle dem König, ſeinem Herrg, mittheilen, daß er den Kaiſer geſprochen habe, und Napoleon kehrte zu ſeinem Wagen zurück, wo er ſich mit ſeinen ihm treu gebliebenen Offizieren berieth. In Folge dieſer Berathung wurde um halb zwölf Uhr die Kapitulation von Sedan unterſchrieben, und zwar durch die Ge⸗ nerale von Moltke und von Wimpffen, ſie lautete: Die Garniſon und Armee von Sedan ergiebt ſich als kriegsgefangen und wird nach Deutſchland geſchickt. Die Offiziere werden gegen Ableiſtung ihres Ehrenwortes, in dieſem Kriege icht mehr gegen Deutſchland dienen zu wollen, in Freiheit geſett. Sämmtliche Pferde und Geſchütze und alle Munition wird ausgeliefert. —————————— tſchen gewe⸗ derzu⸗ Inhalt aher ſchall ihrer in ab, u he⸗ nicht. n ſei oleon helm, nat, rden. doch dem Un⸗ d die dus önig unò inen Ge⸗ als iziere riege iheit wird — * 1 5 — 665— Erſt als dieſes hochwichtige Schriftſtück unterzeichnet worden war, bewilligte der König Wilhelm dem Kaiſer die erbetene Zu⸗ ſammenkunft, ſie fand in einem Buſch ſtatt, der ſich gegen die Maas abdacht. Hier, unfern von Sedan, ſteht ein reizendes Luſt⸗ häuschen, das wie ein kleines Schloß ausſieht. Es iſt gans neu und höchſt geſchmackvoll gebaut, und man genießt von da aus eine entzückende Ausſicht über den Fluß und die Stadt bis hinauf zu den bewaldeten Hügelreihen. Seine Gaptenanlagen gehen bis an die Fahrſtraße heran und duftet von farbigen Sommerblumen aller Arten. Treibhäuſer liegen an dem Schlöß⸗ chen ſelbſt, und man glaubt ſich in eine ſüdliche Gegend verſetzt, wenn man hier unter Palmen und Springbrunnen ruht. Dieſe liebliche Beſitzung, Bellevue, zu deutſch: ſchöne Ausſicht genannt, war zum Orte des Stelldicheins zwiſchen dem Kaiſer und dem Könige erwählt worden. Um zwei Uhr langte der deutſche Kriegesherr in Begleitung eine Sohnes und Thronerben daſelbſt an, der Generalſtab und eine Kuiraſſiereskorte folgte ihm, und der Zug ſah ſtattlich und ürdig aus, als er an dem Waſſer entlang dorthin ritt, und die glänzenden Epauletten und Helme, die blanken Degenknäufe und Ordensſterne in dem Lichte funkelten. Von der anderen Seite kam der Kaiſer. Auch er war von den Offizieren ſeines Stabes gefolgt, und eine Kavallerieeskorte begleitete ihn. Welch ein Wiederſehen zwiſchen den beiden Mo⸗ narchen! Der Kaiſer bewahrte nur mit der größten Mühe jene gekünſtelte Ruhe und Würde, die nicht aus ſeinem Herzen kam, auf den Zügen des preußiſchen Königs lag jene gewinnende Lie⸗ benswürdigkeit, jenes Lächeln voller Wohlwollen, mit dem er ſich alle Herzen erobert. Die beiden Monarchen zogen ſich in eines jener entzückenden Gewächshäufer zurück, um ſich unter dier Augen zu beſprechen, aber ſie ſahen nichts von den ausländiſchen Pflanzen, ſie empfan⸗ den nicht den Duft der Hrangenbäume, ſie hörten nicht das leiſe Plätſchern des Springbrunnens, ſie dachten Beide an die Ver⸗ gänglichkeit des irdiſchen Glückes. Der König hatte ſich zu dieſer Unterredung erſt in Folge eines Briefes begeben, welchen der — 6 Kaiſer geſchrieben und ihm durch ſeinen Generaladjutanten Reille geſchickt hatte. Dieſer Brief begann mit den Worten: Da es mir nicht gelungen iſt, an der Spitze meiner Truppen zu ſterben, ſo lege ich meinen Degen zu Eurer Majeſtät Füßen nieder. Er hatte ſich alſo ſelber als Gefangener erklärt. Der König ſchilderte ſelbſt ſein Begegnen mit dem Beſiegten in einem Briefe an ſeine Gemahlin. Wir waren beide ſehr bewegt, ſchrieb er Was ich Alles ewpfand, nachdem ich noch vor drei Jahren Napoleon auf dem Gipfel ſeiner Macht geſehen hatte, kann ich nicht beſchreiben! Welch ein ergreifender Augenblick, der der Begegnung mit Rapoleon! Er war gebeugt, aber würdig in ſeiner Haltung und etgeben. Ich habe ihm Wilhelmshöhe bei Kaſſel als Aufenthaitsort gegeben. Dieſer Brief ſchließt mit den ſchönen Worten: Gott helſs weiter! Es war für Alle, die dabei waren, für Alle, zu denen die Kunde von dieſem Ereigniß kam, die höchſte uebokaſchungß Deutſchlands Einwohner die reinſte Freude. E sSübelruf erfh alle deutſchen Städte und Länder, kein Herz bh ebei dieſcn ſo vernehmlichen Schickſalsſpruch. Gott felber h hiet den Mann, der ſo lange ſein Volk unterjocht hatte, demüthigt, wie ſelten vor ihm ein Herrſcher es war, Rüd Er, dem Nichts ſo ſehr an dem Herzen lag, als Deutſchlands Glück und Deutſchlands Einigkeit, er nahm in Ehrfurcht den Kranz des Ruhmes, den ihm der Gott der Schlachten auf die greiſe Stirne drückte. Wie klang es mit Donnertönen durch die Luft, das freu⸗ dige Viktoriaſchießen! Alle Herzen waren froh und dankerfüllt, alle Fenſter wurden erleuchtet, es war ein Feiertag durch alle deutſche Gauen! Auch in der Umgegend von Sedan empfand man ſo. Die Bewohner der Dörfer ſtellten Lichter an die Fenſter und illuminirten, ſo gut es ging, denn Frankreichs Herrſcher war beſiegt, aber Frankreichs Söhne waren von ſeinem ſchmachvollen Joche befreit. Die deutſchen Soldaten zündeten Freudenfeuer an und jubelten laut, ſie umringten den Wagen des Königs und hätten ihm die Pferde ausgeſpannt, wenn er es gelitten hätte. Aber er trug ſein Glück Reille ruppen Füßen König Briefe Mes f dem Velch Er 3 geben. weiterl en die r, vh et, den ief ge⸗ rdem c und des Stirne freu⸗ erfülb, ch ale Die nirten, aber befreit. belten Pferde 6lit in Demuth und ohne Ueberhebung. Dem feindlichen General Mac Mahon war die tiefe Schmach erſpart wordpn, ſeine eigene Unterwerfung und die ſeiner Armee zu unterzeichnen er lag krank an ſeiner Wunde, und der General von Wimpffen ſchrieb ſtatt ſeiner ſeinen Namen unter ein Pavier durch welches die Hälfte der franzöſiſchen Streitmacht die Waffen ſtrecte. Und Napolegn? Bis er Sedan verließ, trug er Käppi und Interimsunbrmiieß Biviſionsgenerals, dazu den Stern der Ehren⸗ legion auf der Bruſt. Seln Geſicht ſah müde und abgeſpannt aus und zeigte tiefe Linien unter den Augen, die übrigens Alles wahrnahmen, was um ihn her vorging. Neben ihm ſaß ein Offizier. Die Pferde waren des kaiſerlichen Marſtalles würdig, und der Kutſcher ſo elegant als käme er von einer Spazierfahrt. Der Kaiſer hatte die Hand am Schnurrbart, aber Geſicht und Hand waren ruhig. P Regen ſiel in Strömen herab und übergoß den Wagen und das zahlreiche Gefolge, welches aus franzöſiſchen und dereſchen Offizieren beſtand. Zehn bis elf kaiſerliche Wagen und ſechzig Sattelpfere vildeten das Ende des Zuges, ſchwarze Huſa⸗ röm begleiteten deß Kaiſer über die belgiſche Grenze. So verließ Louis Napoleon ſein Land, dem Aeußern nach zwär ungebeugt von en Schlägen des Schickſals, aber das Herz von bitteren Qualen zerriſſen. Unaufhörlich brütete er über die Zukunft Sie hatte ſich ihm bis jetzt üheraus günſtig ge⸗ ſtaltet durfte er hoffen, ſie werde es fernerhin thun? Der König war ihm nicht als ſtolzer Sieger entgegengetreten, ſondern ganz krfüllt von tief ſchmerzlichen Gefühlen, der Kronprinz hatte ihm ſehe Ehrfurcht bezeugt, und die deutſchen Offiziere und Sol⸗ daten betrachteten ihn mit einem Reſpekt, wie er ihn in der letzten Zeit unter ſeinen eigenen Truppen nicht gefunden hatte. Er durfte ſich unter den königlichen Schlöſſern dasjenige auswählen, in welchem er ſeinen Wohnſitz aufſchlagen wollte. Er entſchied ſich für Wilhelmshöhe, wo ſchon ſein Onkel luſtige Tage unter gemeinen Weibern und nichtswürdigen Männern verlebt hatte. Dort konnte er in Ruhe über ſein Geſchick nachdenken, ſick von den ſchweren Sorgen ſeiner Regierung erholen und neue Pläne erſinnen, um wieder zu Glanz und Ehren zu gelangen. So bekümmerte ihn nur noch der Gedanke an ſein Weib und an ſeinen Sohn, aber auch dieſer Gedanke belaſtete ihn nicht ſehr.* Was war ihm Lulu, wenn er ihn nicht mehr als den Erben ſeines Thrones zu betrachten hatte, und was war ihm Eugenie, 6 3 neben welcher er eine ganze Reihe von Geliebten bis zu der Margarethe Bellanger gehabt hatte die er ſich nach Wilhelms⸗ 6 höhe nachkommen ließ? i Der König von Preußen richtete eine Anſprache an die in ſeinem Hauptquartier anweſenden Fürſtlichkeiten und dankte ihnen für den Sieg, zu welchem ſie beigetragen hatten, er richtete ſeine Worte vorzüglich an den Kronprinzen von Sachſen und an die Prinzen Luitpold von Baiern und Wilhelm von Würtemberg, denen er die Hand reichte. — Allerdings, ſagte er, iſt unſere Aufgabe mit dem, was ſich unter unſern Augen vollzieht, noch nicht vollendet, denn wir wiſſen nicht, wie das übrige Frankreich es aufnehmen und beur⸗ theilen wird. Darum müſſen wir ſchlagfertg bleiben, aber jetzt ſchon meinen Dank Jedem, der ein Blatt zum B und 38 Ruhmeskranze unſeres Vaterlandes hinzugefügt! Aehnliches ſprach er auch zu den höheren Offizieren, die er di am dritten September zur Tafel geladen hatte. Dieſer Tag, der⸗ ſelbe, an welchem Napoleon nach Wilhelmshöhe reiſte, war für die deutſche Armee ein Feſt⸗ und Ruhetag, den ein Jeder aus ſ vollſtem Dankesjubel heraus feierte. An der königlichen Tafel ging es während des Feldzuges immer ſehr einfach zu, und man be⸗ 3 5 8 gnügte ſich mit dem gewöhnlichen Tiſchwein, wie ihn das Land lieferte. Aber heute befahl der König, Champagner zu kredenzen, „. und er ſelber erhob das Glas und brachte den tief ergriffenen F Anweſenden ſeinen Glückwunſch dar. — Wir müſſen heut aus Dankbarkeit auf das Wohl meiner braven Armee trinken, ſagte er. Sie, Kriegsminiſter von Roon, E haben unſer Schwert geſchärft, Sie, General von Moltke, haben k. es geleitet, und Sie, Graf Bismark, haben ſeit Jahren durch die Leitung der Politik das Vaterland auf ſeine jetzige Höhe gebrachtl So ſprach der Monarch, der bei Allem, was Großes geſche⸗ hen war, nicht einen Augenblick an ſich ſelber dachte, ſondern im eib und cht ſehr. n Erben Eugenie, zu der ilhelms⸗ die in te ihnen te ſeine an die emberg, m, was enn wir d heur⸗ ber jett r⸗ und die et ag der war für der aus fel hing nan be⸗ 6 And idenzen grifenen lmeinet Roon, haben urch de ebruht geſch⸗ 5 65 Gefühl der tiefſten Dankbarkeit zunächſt Gott und dann Denen die Ehre gab die ihm als Rathgeber und Gehilfen in ſeinem großen Werke zur Seite ſtanden. Welcher Unterſchied zwiſchen dem Sieger und dem Beſiegten! Hier tiefe Demuth und wahrhafte Beſcheidenheit, dort ein lieder⸗ lich verkommenes Gemüth, das niemals aufhören wird, neue Ränke zu ſchmieden, um durch die Künſte der gemeinſten Selbſtſucht den Wiedergewinn einer Herrſchaft zu erſtreben, deren es ſich ſo gänzlich unwürdig gezeigt hat. 76. Kapitel. Das Ehrenwort. Es war ein unglaublicher Anblick. Achtzigtauſend Mann, die geſund und kampffähig waren, ſollten die Waffen vor den Siegern ſtrecken, ſo wollte es die Kapitulation von Sedan. Sie ſtanden in dumpfem Schweigen, die Einen knirſchten die Wuth nd Schande in ſich hinein, den Andern war Alles gleichgiltig. Dieſe zerſchlugen in einem Anfall von Raſerei ihre Waffen an dem nächſten Baumſtamm, Zene lachten, ſangen und tanzten. In Anbetracht der großen Tapferkeit, welche dieſe Armee be⸗ hatte, war es den Generalen und Offizieren geſtattet war⸗ di, ihre Waffen zu behalten, nur mußten ſie ihr Ehrenwort Alg in dieſem Kriege nichts Feindſeliges gegen Deutſchland oder die v ztñernehmen. Die Soldaten aber ſollten ihre Chaſſe⸗ und anderen Waffen ablegen und den Siegern einhän⸗ . Es war eine Ehre für die bairiſchen Truppen, daß grade ſo furchtbar in der Schlacht von Sedan zu kämpfen und wollte en hatten, dazu beſtimmt waren, die erſte Bewachung der u e zu übernehmen. Der General von der Tann befeh⸗ Parkeiteerbei und ſorgte auch für die Verpflegung der Franzoſen, — 670— indem er durch die Eiſenbahn große Züge voller Lebensmittel in herbeiſchaffen ließ. Dies war eine nothwendige Fürſorge, denn b die unglücklichen Soldaten waren durch ihre eigenen Offiziere ſo 5 ſchlecht verſorgt worden, daß ſie hungrig wie Wölfe waren und d über alles Eßbare mit einer grenzenloſen Gier herfielen. Die ge Abführung der Gefangenen geſchah in zwei großen Linien, die ge eine über Etain, die andere über Pont à Mouſſon. Es war ein er ſeltſamer Anblick. Dieſe Männer, denen die höchſte Schmach ſi angethan war, die einem unverwundeten Soldaten im Felde zu⸗ ſ gefügt werden kann, waren ganz der Großmuth ihrer Beſieger d überläſſen und gingen einer Zukunft entgegen, von der ſie Nichts n ahnten. Ungebildet, wie ſie es meiſtens ſind, wußten ſie nicht V wohin, noch wie weit man ſie führen würde. Müßig lagen ſie ſi da und warteten, bis auch an ſie die Zeit der Abreiſe kam. Anders verhielt es ſich mit den Offizieren. Dieſe lebten in gen beſtändiger Furcht vor ihren Leuten und baten oft himmelhoch um deutſchen Schutz. Wollte man doch an jedem unter ihnen † Si die Schande der Kapitulation, die ſchlechte Führung, den Verrath, über welchen Alle ſchrieen, rächen. V Es ſtellte ſich heraus, daß ſchon während der Schlacht drei⸗ N ßigtauſend Gefangene gemacht worden waren, dazu kamen eine Unmaſſe von Geſchützen, ſie wurden reihenweiſe neben einander be geſtellt und bedeckten einen fabelhaft großen Raum. Die Offizier durften gehen, wohin ſie wollten, verließ man ſich doch a. 1 Di Ehrenmort. Viele zogen es vor, dem Kaiſer in die Gefe den frinem Tiſche ſatt zu eſſen. Er nahm das gerne an, was ſiv als ein Opfer anrechneten, hatte er doch nun eine Art vore ſtaat um ſich, die ihn ſeine verlorene Größe weniger ſchme⸗ X— ſchaft zu folgen, um ſo auch fernerhin gut zu leben und ſié vermiſſen ließ.— Der Warſchall Mac Mahon gehörte nicht zu Lörs Schmarotzer, war er doch reich genug, um unabhä⸗ genp können. Noch lag er krank und unfähig ſich zu ben* 5 war es mit dem General Ducrot. Er ſelber Kaiſer gegenüber als Republikaner dargeſtellt unk, ong darnach, den politiſchen Traum, an welchem er mit“ 5 ebensmitel orge, denn Offijiere ſo waren und ſielen. Die Einjen, die Ss war ein te Schmach elde zu⸗ er Beſieger ſie Nicht ſie nicht lagen ſie ſe kan. lbten in himmlhoch uter ihnen en Vetnth hucht drä⸗ kamen eine n einander 18 ie Ofſien 6e Geſch und ſi us fi rt von ſchme — 671— in das Leben zu rufen. Frankreich, das von ſeinem Tyrannen befreite, durfte ſich nach ſeiner Meinung niemals wieder einem Herrſcher unterwerfen, und er ſelber wollte Alles daran ſetzen, die Republik in das Leben zu rufen. Dem ſtand aber eins ent⸗ gegen. Er hatte ſein Ehrenwort gegeben, nichts Feindſeliges gegen Deutſchland oder die Deutſchen zu unternehmen. Frei war er, und doch fühlte er ſich gefeſſelt, er hatte Waffen und durfte ſie nicht gebrauchen, er haßte die Feinde ſeines Landes und mußte ſchwören. Lange bewegte ſich ſein Gemüth zwiſchen dem Zwange, den ihm ſein Schwur auferlegte, und der Neigung, die ihn zu fer⸗ nerem Streite zog Unmuthig, in ſich ſelbſt zerriſſen, ging eren dem Walde umher. Er war allein, und ſeine Empfindungen mußten ſich Luft machen. — Was ſoll ich thun? rief er aus, ſoll ich dieſes erzwun⸗ gene Ehrenwort brechen, oder mich zu ſeinem Slkaven machen? — Rein, antwortete eine tiefe Stimme, keiner von Frankreichs Söhnen darf ein Sklave ſein! Der General blickte ſich um, er ſah Niemand. Hatte der Wald Zungen bekommen, die ihm auf feine Frage antworteten? Noch einmal wollte er es verſuchen. — So ſoll ich mich losſagen von dieſem Schwur, der mich bedrückt? rief er. — Den Schwur ſprach nur die Lippe, nicht das Herz, er⸗ Dieſe es wie aus der Ferne. dem— Aber meine Ehre.. 2 fragte der General. — Sie liegt in Frankreichs Heil, waſche ſie rein in dem wistte, das für die Republik fließen muß. d— Ja, ich will es, ich bin dazu entſchloſſen, rief Ducrot. Aber wer iſt es, der mir dieſen Rath ertheilt? — Ein Republikaner, erwiederte die Stimme. — Kann ich Dich ſehen? — Ich werde Dir folgen. Ducrot verließ den Wald, ſein Entſchluß war gefaßt, er wollte verſuchen, ſich nach Metz durchzuſchlagen und mit Bazaine zu kämpfen. Er ließ ſein Pferd ſatteln, ſteckte Geld und Koſt⸗ barkeiten in die Taſchen ſeiner Kleider und ritt davon. Da trat — ————— ——— — 672— ihm ein Trupp preußiſcher Ulanen entgegen. Sie grüßten, wie es ihnen befohlen war, den franzöſiſchen General er dankte und ritt weiter. — Soll mich der Teufel holen, ſagte einer der Ulanen, wenn der da nicht böſe Gedanken im Schilde führt. Habt Ihr ge⸗ ſehen, wie er die Lippen zuſammenkniff? Ja, traue Einer die⸗ ſen Kerls. Ihr Ehrenwort geben ſie Alle, aber nachher? Wißt Ihr, Kameraden, dem Burſchen reite ich ein bischen nach. Die Andern lachten, aber ſie waren es zufrieden, und der nlan, Wilhelm Friſchmuth, ſetzte dem General nach. Er folgte ihm bis an den Wald. Dort bog der Franzoſe um. Richt lange dauer⸗ te es, ſo trat aus dem Gebüſch ein franzöſiſcher Soldat, den Friſch⸗ muth bei dem Dämmerlichte nicht gut erkennen konnte, obgleich Gang und Geſtalt ihm ſeltſam bekannt vorkamen. Doch ſah er deutlich genug, wie die Beiden mit einander redeten, und wie dann der Soldat das Pferd des Generals vorſichtig über einen Graben leitete. um ſo aufmerkſamer folgte er von Weitem. Es ſtand bei ihm feſt, daß der General ſich heimlich aus dem Staube machen wollte. Ueber den Graben ſetzte ſeine Schecke mit Leichtigkeit, aber nun beſtieg auch der Soldat ein Pferd, welches an einen Baumſtamm ge⸗ bunden war, und beide Franzoſen ſprengten im Galopp davon. Friſchmuth hinterher. — Schießen darf ich nicht, ſagte er, denn am Ende kann er ja hingehen, wohin er wilh, aber er hat Piſtolen bei ſich, die ſind doch nicht zum Spaß. Er ſcheint es nicht allzu ernſt mit ſeinem Ehrenwort zu nehmen, der Herr General. Na, uns wird er darum doch nicht viel thun, und mir kommt es jetzt mehr auf einen Anderen an. Da lichtete ſich der Wald, die Sonne trat aus Wolken her⸗ vor und beleuchtete die beiden Reiter. — Dacht ich es doch, ſagte Wilhelm, das iſt der Leo Rellac. Dem Kerl hat der Graf Reinhold von Iſſelhorſt das Leben ge⸗ rettet, indem er den Soldaten bei ſeiner Füſilirung abgebiſſene Patronen zugeſteckt hat, und das belohnt Rellac nun damit, daß er ausreißt und ſich der Gefangenſchaft entzieht. Seitdem ich den Grafen Reinhold kennen gelernt habe, weiß ich um dieſe Ge⸗ 3— en wie nkte und en wenn Ihr ge⸗ ner die⸗ 1 WVißt . und der olgte ihm ge dauer⸗ en Ftiſch⸗ ſeich Gang r deutlich dann der en kitete. ihm feſt. e. vobe in befieg ſtnm ge⸗ dunon de kann ſich di ern nit uns nid ſezt nehr ollen her 0 Rellot Leben 9. abgebiſen damit d eidem ndieſt 6 — 673— ſchichte, er hat ſie mir ſelbſt erzählt. Aber warte, du Ausreißer, ſo ungeſtraft geht es denn doch nicht. Wirklich hatte Friſchmuth die Bekanntſchaft Reinholds ge⸗ macht indem er ihm Grüße von ſeinem Bruder Ottomar brachte. Dann trafen Beide bei den Gefangenen in Beaumont zuſammen, und da war es, wo Reinhold und Rellac ſich wiederſahen. Reinhold hatte es nicht erwartet, daß der, dem er das Le⸗ ben gerettet hatte, es benutzen würde, noch ferner die Waffen gegen Deutſchland zu führen. Der Republikaner ſchlug die Au⸗ gen nieder und that, als ſehe er ſeinen Retter nicht, und dieſer wandte ihm mit Verachtung den Rücken, und in ſeiner Aufregung erzählte er dem Maſchinenbauer, was geſchehen war. Deswegen hätte diefer jetzt Alles darum gegeben, die Flüchtlinge einzuholen, aber er hatte ihnen einen zu großen Vorſprung gelaſſen und ſah bald, wie ſie um die Waldesecke herum verſchwanden. Aergerlich kehrte er um und ritt nach Sedan zurück. Auf dem Wege begegnete ihm Reinhold von Iſſelhorſt. Friſchmuth ſtieg von ſeinem Pferde, ſchlang ſich den Zügel um den Arm und ging neben dem Grafen hin, dem er erzählte, was er ſoeben geſehen hatte. Der Graf ſchüttelte den Kopf. — Dieſe Leute ſind unverbeſſerlich, ſagte er, ſie werden kämpfen, ſo longe noch ein Tropfen Blut in ihnen iſt. In ihrem Haß gegen Deutſchland vergeſſen ſie Alles, was ihnen heilig ſein ſollte Ehre und Familie, Glaube und Sitte. Ich möchte darauf ſchwören, Friſchmuth, daß wir noch einen harten Kampf mit ihnen werden zu beſtehen haben. Unter ſolchen Geſprächen waren ſie bis an die Stadt gekom⸗ men, die Beide noch nicht betreten hatten, jetzt gingen ſie hinein, nachdem Friſchmuth ſeine Schecke draußen einem Kameraden an⸗ vertraut hatte Sedan iſt kein häßlicher Ort, obgleich die Straßen, wie die in einer jeden Feſtung, etwas ſchmal ſind. Aber ſobald man das Innere betrat, überfiel Einen ein faſt unerträglicher Geruch. Die Häuſer trugen die Spuren maſſenhafter Einquartierung, die meiſten waren von den Franzoſen gänzlich geplündert worden. D. V. 43 — 674— und w ſie nicht gleich Alles erhalten hatten, was ſie verlangten, da haiten ſie ihre Rache an Spiegeln, Stühlen und Betten ausgelaſſen. Vor den Thoren waren die Baiern aufgeſtellt ge⸗ weſen, die den aus der Stadt einzeln herauskommenden Soldaten die Waffen abnahmen, und ſchon dieſe hatten entſetzlich gelitten, unter der ſchlechten Luft, die in Sedan herrſchte. In den Stra⸗ ßen reichte der Schmutz bis über die Knöchel. Alles lag wild und wüſt durch und über einander. Küraſſe und Helme, zer⸗ ſchmetterte Chaſſepots, zerbrochene Adler, unter altem Gerümpel und Geräth. An einer Stelle lag ein Soldat, der durch Unvorſichtigkeit am Morgen erſchoſſen worden war, noch unbeerdigt. Pferde ohne Sättel und Zäume liefen durch die Gaſſen und ſpritzten den Schmutz hochauf. In den Lazarethen jammerten die franzöſiſchen Verwundeten, denen zu ihrer Pflege Alles fehlte, ſie ſchrieen vor Hunger, Vielen waren die Wunden noch nicht einmal verbunden, und die weißen Knochenſplitter ragten aus dem zerriſſenen Fleiſch hervor. Durch die Straßen irrten halbverhungerte Kinder herum und bettelten um einen Biſſen Brot, denn die Soldaten hatten Alles aufgezehrt oder bei ihrem Abzuge mitgenommen. Dort balgte ſich ein Dutzend Hunde um irgend eine Beute. Als der Graf mit Friſchmuth dazu kam, ſah er mit Ekel, daß es ein Pferdeleichnam war, an dem ſie nagten. Das Feuer, welches hier gewüthet hatte, brachte wenigſtens das Gute hervor, daß es die Luft reinigte, die vollkommen verpeſtet war. Die Anweſen⸗ heit von ſo vielen Menſchen hatte ſie für lange verdorben. Dieſes Feuer hatte mehr Schaden angerichtet, als die Kugeln, die nur wenige Häuſer beſchädigt hatten. Das Scheußlichſte war die Unmaſſe von Betrunkenen, die alle verſicherten, ſie hätten ſich den Rauſch zur Ehre der Preußen angetrunken. Manche lagen vollkommen unbeweglich auf der Straße, und die Vorſbergehenden ſtiegen über ſie hinweg. Die deutſchen Soldaten hatten viel zu thun, um da Ordnung zu ſtiften, ſie reinigten die Luft, indem ſie Feuer anzündeten, uno brachten Aerzte und Krankenpfleger in die Lazarethe. Reinhold 0 be 08) W rlangkn, Betten eſtellt ge⸗ Soldaten gelitten, n Stra⸗ lag wild lme, zer⸗ erümpel ſichtgkeit rde ohne tzien den nöſſcen ieen vor hunden, n Fheiſch tum und en Alls e Beute⸗ duß e welches daß e nweſen⸗ Dieſes die nur nen, die preußen auf der g. Die nung en, 1 neihb 675 von Iſſelhorſt und Wilhelm Friſchmuth hielten ſich nicht lange bei dieſen ekelhaften Eindrücken auf, ſie verließen die Stadt, der Eine, um Maria Fiſcher aufzuſuchen, die den Verwundeten von Sedan ihre Pflege angedeihen ließ, der Andere, um abermals, wie er es ſeit mehreren Tagen ſchon that, zu fragen, ob Niemand zwei Knaben geſehen habe, die er erwartete 77. Kapitel. Die Abſetzung. Der Herzog von Montalto hatte das Schlachtfeld verlaſſen, nachdem er mit dem Kaiſer Napoleon geſprochen hatte. Für ihn gab es da nichts mehr zu thun, die franzöſiſche Armee war in der vollſten Auflöſung begriffen, und vorzüglich hatten jene Trup⸗ pentheile gelitten, die der Herzog ſelber führte, denn mit einer Todesverachtung, die aus ſeinem von Reue und Scham zekriſſenen Innern entſprang, warf. er ſich und ſeine Soldaten zu wieder⸗ holten Malen dem Feinde entgegen und wich erſt dann, als ihm die Truppen entſchieden den Gehorſam verweigerten. Jetzt ſprengte er auf ſeinem ſchnellen Roſſe querfeldein. Daß man ihm dies als Flucht auslegen konnte, war ihm gleich⸗ gültig, ihn ſchmerzte es nur, daß er den Tod nicht gefunden hatte, der allein ihn von ſeinen Leiden zu erlöſen vermochte. Und den⸗ noch ſg verdüſtert er war, ſo ſchwebte doch ein Bild vor ſeiner Seele, auf das er mit Hoffnung blickte. Er ſollte nach Paris, ſollte Iduna, ſeine edle Gattin, wiederſehen. Würde er den Muth haben, ihr gegenüber zu treten, durfte er, wie ſonſt, ihr Haus als das ſeinige betrachten? Ehemals, wenn er von Reiſen oder aus dem Kriege nach ſeiner Heimath zurückkehrte, fand er Thür und Treppe mit Blumen geſchmückt, und ſeine Ge 2 43* — 676— mahlin eilte ihm mit den Kindern entgegen und hing an ſeinem Halſe und dankte Gott für ſfeine Wiederkehr. Jetzt war das anders. Ihn konnten nicht mehr ſeine Knaben umjauchzen, und ſeine Gattin, die er tödtlich beleidigt hatte, wandte jetzt ihr Ange⸗ ſicht für immer von ihm ab. Hatte er auch das Recht, mit ſeiner Hand, die Meuchelmord verübt hatte, ihre reine Rechte zu erfaſſen, durfte der Giftmiſcher, der Dieb es wagen, ſich ihr zu nahen? Ihn ſchauderte. Nein, er wollte Iduna nicht wiederſehen und nicht die Beweiſe ihrer nur allzu gerechten Verachtung entgegen nehmen. Er konnte den Weg nicht ohne Unterbrechung machen. Oft flüchtete er ſich in die Wälder, wenn eine ferne Staubwolke ihm das Herannahen von Soldaten anzeigte. Da zos er ſeinen Rock aus, ſchnitt die Epauletten vom Rocke, löſte ſeine Ordensſterne ab und ſteckte ſie in die Taſche. So mochte man ihn für einen gewöhnlichen Soldaten halten, der aus Furcht vor den Zündnadelgewehren dem Schlachtfelde entflohen war. Aber auch das gewährte ihm keinen Schutz Als die Nacht hereinbrach, ſah er plötzlich Ulanen auf ſich zuſprengen, die ſich weit von Sedan fortgewagt hatten, um Gefangene einzutreiben. Im Augenblick war er umringt. Einer nahm ſein Pferd beim Zügel, der Andere ließ ſich ſeine Waffen ausliefern, die er, der Uebermacht weichend, willig geben mußte. So ging es mit ihm fort, wieder nach Sedan zurück. Unterwegs trafen ſie noch mit anderen Gefangenen zuſammen, die zum Glück nicht von dem Re⸗ gimente des Herzogs waren, ſie kannten ihn nicht und achteten nicht auf ihn, er aber ſchämte ſich ihres unwürdigen Benehmens und ihrer Luſtigkeit, mit welcher ſie ihre Riederlage ertrugen. Alle wurden in eine Scheune hineingetrieben, ein Infanteriſt blieb bei ihnen, ein anderer ſtand als Schildwache vor der Thür, zehn bis zwanzig Soldaten lagerten ſich im Freien, um die Wache abzulöſen, dann vertheilte man Kommißbrot und Waſſer unter die Gefangenen und überließ ſie alsdann der Ruhe. Bald ſchnarchte Alles, nur der Herzog vermochte kein Auge zu ſchließen. Er ſpähte umher Ueber ihm befand ſich ein Fenſter in der Scheune, deſſen hölzerner Laden offen ſtand. Hier wäre eine Flucht möglich ge⸗ an ſeinem war das hzen, und ihr Ange⸗ chelmow ftmiſcher, Nein er ihrer nur den Wey ch in die dhen von hnitt die nd ſteckte öhnlichen hren dem die Nacht die ſich zutreiben. erd beim eer, der nit ihm noch mit dem Re⸗ achteten nehmens ugen. nfantet er Thür ie Vache unter die chnarchte r ſpihle n, deſſen iglich ge weſen, aber der Infanteriſt lehnte mit geladenem Gewehr an der Mauer und betrachtete mit ſchlaftrunkenem Blicke die Gefangenen. Es waren qualvolle Stunden, die der Herzog verbrachte. Bei dem Scheine des Kiehnſpahns, der ſein flackriges Licht über die Scheune verbreitete, maß er die Höhe des Fenſters und überlegte, wie leicht es ſei, ins Freie zu gelangen. Der Zufall ſollte ſeine Wünſche befördern. Zwei Mann Soldaten traten als Ablöſung herein, der, der bisher die Wache ge⸗ habt hatte, ging ihnen bis zu der Thür entgegen dieſen Augen⸗ blick benutzte der Herzog, mit einem Satze war er oben und ſprang zu dem Fenſter hinaus. Es war die Seite, auf welcher keine Soldaten lagerten. Vor ſich ſah er das weite freie Feld, aber er hatte nicht den Muth zu entlaufen, denn er wußte, daß die Kugeln ihm folgen würden. Deshalb ſchlich er ſich um die Scheune herum, dahinter ſtand ein Backofen, der leer und kalt war, denn die Bewohner des halb verbrannten Dorfes waren geflüchtet. Der Herzog kroch in den Backofen hinein, er tappte im Finſtern herum, da ſtolperte er über einen Gegenſtand und fiel, er faßte um ſich her, und ſeine Hand ergriff das kalte Geſicht eines Todten. Ihn ſchauderte nicht, er ſah die Rettung vor ſich. Der Leichnam war bekleidet, und der Herzog zog ihm ſchnell das Zeug vom Leibe. Er ahnte nicht, daß es ein Bauer war, der den ſchänd⸗ lichſten Verrath geübt hatte. Mit ſcheinheiliger Freundlichkeit hatte er ſich der verwundeten Deutſchen anzunehmen geſucht und ſie, ſobald er allein mit ihnen war, mit einem Dreſchflegel todtgeſchlagen. Das hatten einige brave Sachſen geſehen und, voller Wuth über ein ſo unmenſchliches Verfahren, hatten ſie ihm ein Dutzend Kugeln durch den Leib gejagt. Dennoch war er nicht ganz todt, und als er ſich allein ſah, kroch er in den Backofen, wo er unter gräßlichen Schmerzen ſtarb. Der Herzog legte ſein zerfetztes Beinkleid und ſeine blaue Blouſe an, dann wagte er ſich hinaus. Die Soldaten riefen ihn heran, er erzählte ihnen, daß er hier gewohnt habe, bis das Dorf in Brand geſteckt worden ſei, und daß er gekommen wäre, — 678— um nachzuſehen, ob nicht noch etwas zu retten ſei. Die ehrlichen Deutſchen glaubten ihm die Lüge, bedauerten ihn von Herzen, ja, ſie beſchenkten ihn ſogar, die Einen mit kleiner Münze, die An⸗ deren mit Cigarren oder einem Stück Brod und Speck. Er nahm es mit Dank an und ging davon. Als der Morgen kam, wuſch er ſeine Blouſe von Blut rein, das Waſſer der Maaß, zu welchem er ſich niederbückte, erquickte ihn wunderbar. Weiter ging nun die Reiſe querfeldein, bald zu Fuß, bald auf einem Bauerwagen, endlich konnte er die Eiſenbahn benutzen. Da athmete er auf, er war der Gefahr entronnen und ſicher, ſein Ziel zu erreichen. Am Morgen kam er in Paris an, er be⸗ gab ſich ſogleich zu der Kaiſerin. Aber hier zeigte ſich eine neue Schwierigkeit. Die Schildwache wollte den zerlumpten Bauer nicht in das Schloß hineinlaſſen, obgleich er verſicherte, die neueſten Nachrichten von dem Kriegsſchauplatze zu bringen. Da trat zu⸗ fällig einer der Kammerdiener heraus, er erkannte den Herzog nicht, aber dieſer eilte auf ihn zu und gab ihm einen der Ordens⸗ ſterne, die er von ſeinem Rocke losgeſchnitten uud ſorgſam ver⸗ ſteckt hatte. Mit dieſem Erkennungszeichen begab ſich der Kam⸗ merdiener zu ſeiner Gebieterin, die auf das Heftigſte erſchrak. Ein Bote, der ſo vermummt von dem Kriegsſchauplatze kam, konnte unmöglich Gutes verkündigen. Sie ließ den Fremden ſo⸗ gleich vor ſich, und dieſer betrat mit wankenden Schritten den Palaſt, in welchem er die glänzendſten Feſte mitgemacht hatte, in denen die vornehme Pariſer Geſellſchaft ihren höchſten Luxus ent⸗ faltet hatte. Damals war die Kaiſerin Eugenie die erſte der Frauen, die Beherrſcherin der Sitten und der Moden. Frei von jedem Zwange gab ſie das Beiſpiel leichtfertigen Benehmens und einer maßloſen Verſchwendung, während ſie doch eine Frömmig⸗ keit heuchelte, die mit ihrem Hange zu Vergnügungen wenig zuſammenſtimmte. Eugenie war noch immer ſchön, ſelbſt in dieſem Augenblicke, wo ſie, den glänzenden Ordensſtern in der Hand, mit ſchnellen Schritten und ängſtlich pochendem Herzen auf den Bauer zutrat, der ſich tief vor ihr verneigte. hrlichen hen ja, die An⸗ rnahm t rein, cuickte bold zu ſenbahn ſicher, et be⸗ ich eine Bauer neueſten rat zu⸗ herzog Ordens⸗ am vel⸗ r Kan⸗ rl. be lam, den ſo⸗ len den ite, in us en⸗ rſte der Frei von ens und rimmi⸗ nwenig chnellen zutrut — 679— — Wem gehörte dieſer Orden? fragte ſie eilig. — Des Kaiſers Gnade verlieh ihn mir, verſetzte der Ein⸗ tretende. Da betrachtete ihn die Kaiſerin ſchärfer⸗ — Iſt es möglich, Sie hier, Herr Herzog, und unter dieſer Verkleidung...? O, was bedeutet das, welch ein neues Unglück iſt geſchehen? — Mich ſchickt der Kaiſer, verſetzte Montalto, er bittet ſeine Gemahlin, auf ihre und ſeine Zukunft bedacht zu ſein. — So iſt Alles verloren? rief Cugenie aus, Alles? — Die Deutſchen haben geſiegt, beſtätigte der Abgeſandte, die Armee iſt demoraliſirt, die Offiziere erklären ſich offen gegen den Kaiſer, ſie laſſen die Republik leben... o meine gnädige Herrin, fliehen Sie, ehe es zu ſpät wird, ehe dieſe entſetzlichen Rachrichten ſich in Paris verbreiten! — Ich fliehe nicht, verſetzte Eugenie, das hieße, ſich im Vor— aus für überwunden erklären. Rein, ich bleibe. Was wollen ſie mir thun? Sie werden ein Weib nicht für das Unglück unſerer Waffen büßen laſſen. Ich will Paris für meinen Gemahl und meinen Sohn erhalten. — Dieſe Abſicht iſt heldenmüthig, iſt groß, rief Montalto, aber denken Sie an das Schickſal Marie Antoinettens, die man einkerkerte, mit Schimpf und Schande überhäufte und endlich hin⸗ richtete, denken Sie, daß Ihr Gemahl, daß Ihr Sohn Ihrer bedarfl — Mein Gemahl! ſagte die Kaiſerin und ein verächtliches Lächeln glitt über ihr Geſicht. Wenn er ſeiner Krone freiwillig entſagt, ſo bedarf er meiner nicht. Hier war ich die Mitträgerin ſeiner Würde, eine Puppe, die er dem Volke zeigen konnte; fern von mir wird er ſich mit Margarethe Bellanger beſſer amüſiren Unſer Vermögen iſt lange ſchon nach England in Sicherheit ge⸗ bracht. Kann er es ertragen, ein enttrohnter Kaiſer zu ſein, ſo mag er ſich Zerſteuung ſuchen, wo er will. — Aber Ihr Sohn! warf Montalto ein. — O mein Sohn! rief Eugenie, ich dachte einen mächtigen Herrſcher aus ihm zu machen, ich ſah in ihm den Herrn Frank reichs! O all Ihr Heiligen des Himmels, habe ich nicht genug — — 680— für ihn und für mich gebetet, habe ich nicht in der Kapelle der MWutter Gottes zum Siege eine ewige Lampe geſtiftet, und unzäh⸗ lige Meſſen leſen laſſen? Und Gott hat mich nicht erhört. Nein, ich kann dieſer Größe nicht entſagen, die mich bisher ſo ſüß umgab. Iſt mein Gemahl feige genug, ſich den Deutſchen als Gefangener hinzugeben, ich, ich werde dem Geſchicke Trotz bieten, ich will ihm zeigen, daß ein Weib mehr Muth beſitzt, als er. — Aber die unglückſelige Nachricht von der verlorenen Schlacht wird ſich ſchnell in Paris verbreiten, ſagte der Herzog. Jeder Augenblick kann die Revolution herbeibringen, ja, mir iſt, als hörte ich ſchon das dumpfe Murmeln des Volkes. Die Kaiſerin trat an das Fenſter. — Sie irren ſich, ſagte ſie, Alles iſt ruhig. Man muß den ſchlimmen Berichten zuvorkommen und ſchnell eine Depeſche ver⸗ öffentlichen, die Alles in dem ruhigſten Lichte darſtellt. Eilen Sie, Herr Herzog, dieſe lächerliche Verkleidung abzulegen, ich, die Regentin Frankreichs, bedarf Ihrer als eines treuen Rathgebers, und nebenbei geſagt, die ſchmutzige Blouſe ſteht Ihnen gar nicht. Der Herzog verbeugte ſich und wollte gehen, — Sie waren noch nicht bei Ihrer Frau? rief ſie ihm nach. Man ſagt mir, die Gefahr ſei vorüber, aber häßlich genug wird die arme Iduna ausſehen. Ich fürchte, Herr Herzog, ſie darf von jetzt ab noch weniger auf Ihre Treue hoffen, als ſonſt. Montalto ging mit einer abermaligen Verbeugung. Was war das? Er hatte ſo gar keine Nachricht von ſeiner Familie erhalten, daß er bei dieſer Mittheilung auf das Heftigſte erſchrak. Eugeniens leichtfertige Sprache in ſolch' einem ernſten Augen⸗ blick berührte ihn furchtbar. Das alſo war die Frau, zu deren Rettung er unter Gefahren herbeigeeilt war. Als er hinauskam, ſah er das Volk zur Deputirtenkammer drängen. Es ging ein dumpfes Gerücht von einer abermaligen Niederlage des franzöſiſchen Heeres, man wollte das Nähere wiſ⸗ ſen, die Miniſter befragen, und die Aufregung wuchs von Minute —zu Minute. Die Abgeordneten hatten die größte Mühe, ſich Bahn durch das Volk zu brechen, um in den Saal zu gelangen, das elle der d unzih⸗ . Nein, r ſo ſüß hen als e Trotz beſiht, Schlacht Ieder iſt als muß den che vet⸗ Eilen ſch die thgebers. ar nicht hn nach ug wird ſe duf nſt. Wos ßanile ugen⸗ u deren ammet maligen ert niſ Minute Behn en, das ganze Haus, Flur und Treppe war von Männern aller Stände beſetzt, und Frauen drängten ſich herbei und klagten laut, man führe ihre Gatten und Söhne zur Schlachtbank, man opfere Frankreich, man verrathe das Volk. Die ſchrecklichſten Schmähungen ließen ſich vernehmen, wäre der Kaiſer dageweſen, man hätte ihn zeriſſen. Jetzt traf die Wuth des Pöbels zunächſt die Miniſter. Als Palikao ſich dem Sitzungs⸗ ſaale näherte, wurde er mit einem furchtbaren Geſchrei empfangen. Nieder mit Palikao nieder mit dem Verräther Frankreichs, hängt ihn auf, ſchlagt ihn todt, wie er unſere Brüder in das Verder⸗ ben gejagt hat! Noch ärger bewies ſich der Unwille gegen den Herzog von Gramont, der nicht mehr Miniſter aber noch Depu⸗ tirter war. Er war es vorzüglich, der den Krieg herbeigeführt hatte, er mußte dafür verantwortlich gemacht werden. Auch als die Sitzung begann, zeigte ſich die gewaltigſte Aufregung. Mit ſo ſtürmiſchen Reden, mit ſo leidenſchaftlichen Bewegungen können nur Franzoſen gegen einander losgehen. Die Miniſter ſollten Nachricht, ſollten Rechenſchaft geben. Sie verfuchten es, abermals zu lügen, und die verlorene Schlacht von Sedan als einen Sieg darzuſtellen, aber ſchon waren Briefe da, welche die Gefangennahme des Kaiſers meldeten. Welch eine Schmach! Nicht der Gewalt der Waffen hatte er ſich ergeben, frei⸗ willig war er zu dem König von Preußen gegangen und hatte ihm ſelber ſeinen Degen gebracht. Das war Verrath, er hatte Frankreich an die Deutſchen verkauft, der Krieg war nur ein Vor⸗ wand geweſen. Aber wehe den Schändlichen, die ſolches wagten, wehe den Miniſtern, die dazu riethen, wehe Allem, was an dieſem Kaiſer hing! Immer lauter wurde das Geſchrei, immer leidenſchaftlicher drangen die Abgeordneten auf die Miniſter ein, immer wilder ſchrie draußen das Volk. Ollivier und Gramont ſuchten zu ent⸗ kommen, man bemerkte es kaum in der allgemeinen Aufregung. Man verlangte die förmliche Erklärung, daß der Kaiſer Napoleon Bonaparte der Dritte abgeſetzt und für ewig der Krone Frank⸗ reichs unwürdig ſei. Niemand wagte es, für ihn zu ſprechen, keine einzige Stimme — erhob ſich zu ſeinem Gunſten, und Palikao hatte nicht einmal den Wuth zu einer Vertheidigung ſeiner Politik gefunden. Er ſchickte ſchnell einen Boten zu ſeiner Frau und ließ ſie bitten, das Koſt⸗ barſte, was ſie beſaß, einzupacken und ſchleunigſt Paris zu ver⸗ laſſen, er ſelber flüchtete ſich in ein Privathaus und blieb da, bis ihm die Nacht geſtattete, heimlich zu entkommen. Der Herzog von Gramont verließ ſich auf ſeinen Rang und ſeinen zuſammengeſtohlenen Reichthum. Was konnte man ihm anhaben? Seine Schätze lagen in der Bank von England. Doch ließ er noch an demſelben Abend große Möbelwagen voller Kiſten zu der Eiſenbahn fahren, die nach dem Hafen Havre führt, um ſeinen beſten Beſitz in Sicherheit zu bringen. Ein tiefer Schrecken ging durch ganz Paris, kein Herz blieb ruhig, keine Hand vermochte es, bei der Arbeit zu verbleiben. Ein furchtbarer Haß gegen Alles, was Deutſch war, ergriff alle Franzoſen. Die Unglücklichen welche ſich durch ihke Sprache als Ausländer verriethen, wurden geſchlagen, geſtoßen, verwundet um ausgeplündert, mit den gemeinſten Verbrechern zuſammen in die Gefängniſſe gebracht zu werden. Man nahm ihnen ihre Klei⸗ dung und ließ ſie Züchtlingsjacken anziehen, ſie litten Hunger und Durſt, es war ihnen nicht geſtattet, an ihre Familien zu ſchreiben, ihre Verhältniſſe zu ordnen, Gott mußten ſie danken, wenn ſie mit heiler Haut, doch ohne einen Groſchen in der Taſche, über die Grenze gebracht wurden. Sie ließen Hab und Gut zurück, den ſterbenden Vater, das Weib in Kindesnöthen, und jede Hoffnnng auf Verdienſt und geſicherten Lebensunterhalt, und wie Verbrecher führte man ſie bis zu der Eiſenbahn, nachdem ſie unſägliche Leiden erduldet hatten, und unterwegs beſchimpfte und ſchlug ſie der gemeine Pöbel, ohne daß die Polizeigewalt es ver⸗ hinderte. Indeſſen erklärten die Deputirten der Linken feierlich die Ab⸗ ſetzung des Kaiſerreiches, ſie eilten zu dem Stadthauſe, und die Hauptführer erklärten ſich hier für eine vorläufige Regierung und Frankreich für eine Republik. Das Volk jauchzte auf bei dieſem Namen, die Trauer über die verlorene Schlacht und über Frank⸗ reichs Niederlage verwandelte ſich plötzlich in lauten Jubel Dieſe „„— — nal den ſchicte s Foſt zu vel⸗ Rang e man ngland voller Havre blie bleiben. iff alle he als rwundet men in re Klei⸗ Hunger iien zu danken, Znſche d Gut n. und alt und hden ſe fte und es vel⸗ die Ab⸗ nd die ng und j dieſen rn⸗ l. Hieſe Männer, welche, als der Kaiſer über ſich abſtimmen ließ, ihr Ja in die Urne warfen und ſich mit ſeiner Regierung einverſtanden erklärten, jauchzten jetzt der Republik zu und hätten ſie ihn dage⸗ habt, ſie würden ihn in tauſend Stücke zerriſſen haben. Jetzt ſtellten ſie Lichter an die Fenſter, trugen Fahnen herum, ſangen Freiheitslieder und verfluchten Napoleon und Eugenie Gegen die neue Regierung, die ſich aus eigener Machtvollkommenheit einſetzte, fand ſich kein Widerſpruch, beſtand ſie doch aus den Männern, die immer ſchon die eifrigſten Gegner des Kaiſers ge⸗ weſen waren. Da war Rochefort, der der Revolution mit ſeiner Zeitung: die Laterne vorangeleuchtet hatte. Da war der alte Thiers. der ehemalige Miniſter des Königs Louis Philipp, der beſonders auf die Befeſtigung von Paris hingearbeitet hatte. Damals wollte man die Revolution im Innern in Schach halten, jetzt dachte man ſchon daran, dieſe Thürme und Mauern zur Verthei⸗ digung gegen die Deutſchen anzuwenden. Da war Jules Favre, ein Mann, an deſſen Ruf kein Tadel klebte, ein begeiſterter und entſchiedener Republikaner, da war Cremieux, ein Israelit, der ſich der allgemeinſten Achtung erfreute; da war Gambetta, ein feuriger Mann, faſt noch ein Jüngling, aber voll der glänzendſten Beredſamkeit und von unermüdlichem Eifer für ſeine politiſche Ueberzeugung, und endlich Trochu, dem die Vertheidigung von Paris bereits durch den früheren Kriegsminiſter Palikao über⸗ tragen worden war. Zu dieſem geſellten ſich noch Magnin, als Miniſter des Ackerbaus, Dorian, als der der öffentlichen Arbeiten, Jules Simon, als Vertreter der geiſtlichen Angelegenheiten, und einige andere. Sie Alle genoſſen das Vertrauen des Volkes in der Hauptſtadt, in den Provinzen kannte man ſie kaum und wußte wenig von ihnen, aber Paris, das iſt Frankreich, und Paris blies ſich auf in maßloſem Stolz, und ſeine Schriftſteller nannten es das Herz der Welt. Aber dieſes Herz zuckte wie im Krampfe, und ſeine unruhigen Schläge erſchütterten den Frieden der Welt. Die Kaiſerin Eugenie war in großer Aufregung zurückge⸗ blieben, als der Herzog von Montalto ſie verlaſſen hatte. Noch glaubte ſie in echt weiblichem Eigenſinn, an ihrem Glanz und ihrer Größe feſthalten zu können, und dazwiſchen fragte ſie ſich 6 wieder, ob ihr der Herzog noch immer ſo liebenswerth erſchiene, wie ſonſt, und ob ſie, die ſich von jetzt ab als Wittwe betrachten durfte, ihm fernerhin ihre Gunſt ſchenken ſollte. In dieſen hin und herwogenden Gedanken fand ſie der Fürſt Metternich, der Geſandte des Kaiſers von Oeſterreich. Er und ſeine Gemahlin waren lange Zeit die liebſte Geſellſchaft für das kaiſerliche Paar geweſen, denn Beide waren unerſchöpflich in luſtigen Schwänken, ſie wußten die amüſanteſten Aneldoten zu erzählen, kannten alle pariſer Klatſchgeſchichten, waren immer guter Laune, und vermieden Alles was an den Ernſt der Zeiten zu erinnern vermochte. Aber heute zeigte ſich die Miene des Fürſten keineswegs heiter. Mit ſchnellen Schritten trat er auf die Kaiſerin zu. — Sie noch hier! rief er aus, wiſſen Eure Majeſtät nicht, was in Paris vor ſich geht? Die letzten böſen Nachrichten find bekannt geworden, man weiß, daß der Kaiſer den unbegreiflichen Schritt gethan hat, ſich freiwillig als Gefangener zu ſtellen. — Richt wahr? fiel ihm Eugenie in das Wort, das iſt ein Thorenſtreich. O, wäre ich mit ihm in den Krieg gezogen⸗ das Alles wäre nicht geſchehen! — Doch was ihm mit ſeinem Willen begegnet iſt, ſagte der Oeſterreicher, das werden Sie gezwungen dulden müſſen, wenn Sie noch länger hier verweilen. — Wie? rief die Kaiſerin, ich ſoll fliehen, fliehen vor einem Pöbel, den ich verachte? Nimmermehr! Ich will beweifen, was ein Weib vermag. Ich habe Palikao, Trochu und Gramont hierher beſchieden, ſie werden im Augenblicke da ſein. — Sie werden nicht kommen, verſicherte Metternich. — Und warum nicht? — Weil es Thorheit wäre, wenn ſie Leben und Freiheit gegen den aufgeregten Volkshaufen wagten. — O, über dieſe Memmen, hätten ſie meinen Muth, ſie wüen nicht fliehen, ſie würden kämpfen. Glauben Sie, Fürſt, daß man ſo leicht eine Kaiſerkrone aufgiebt, wenn man ſte faſt zwanzig Jahre lang mit Würde getragen hat? — „ ſchiene, nachlen er Fünſt Er und ür das ſlich in oun M immer er Zeiten heiter. ät nicht, ſen ſind reiflichen en. 6 ſſ n gen, das ſt ſagie en, wenn or einem beweiſ eu, Gramont h. e, Pir ſie ſuß 685— — Man giebt ſie eher auf als daß man ſie ſich entrei⸗ ßen läßt. — Iſt es ſo weit? Die Zeiten ſind vorüber, in welchen man Königinnen in das Gefängniß ſetzte und hinrichtete, ich fürchte nichts, ich bin Regentin, und meine Hände ſollen die Zügel der Regierung ſtraff halten. Welch ein düſterer Geiſt beherrſcht Sie, lieber Fürſt, ſehen Sie hinaus, die Straßen ſind ruhig. Paris ſteht anders aus, wenn eine Revolution ſich vorbereitet. Ich lade Sie für heute Abend zu mir ein, ich und Ihre Frau, wir wollen Sie auslachen und des Kaiſers ſpotten, der es ſeinem Weibe überläßt, Paris in Ordnung zu halten. Jetzt iſt keine Zeit zu Spott und Lachen, ich beſchwöre Sie, ſehen Sie die Sachen ernſter an. — Wozu, wäre Gefahr vorhanden, ſo hätte mich der Poli⸗ zeipräfekt Pietri längſt benachrichtigt. Indeſſen werden wir hören, was Ollivier und der Herzog von Gramont ſagen werden. — Aber ich verſichere Eure Majeſtät, daß ſie Alle fortbleiben werden. Das Volk belagert den Saal der Abgeordneten, es verlangt, ja, es iſt toll genug, die Abſetzung des Kaifers zu verlangen. — Nennen Sie das Tollheit? Der Kaiſer hat ſich ſelbſt abgeſetzt, indem er ſeinen Degen in die Hände des Königs Wil⸗ helm legte. Ich aber bin Regentin, bin Kaiſerin, ich werde unter das Volk treten. Man ſoll ſogleich anſpannen, ich begebe mich in das Abgeordnetenhaus, mein Anblick wird ſie umſtimmen, ſie werden mir folgen wie die Lämmer. Wo iſt meine Kammerfrau? Ich will ſchwarzen Sammt anlegen und meinen einfachſten Schmuck, aber weiße Handſchuhe. Man ſoll nicht denken, daß ich in Trauer gehe, weil mein Mann gefangen iſt. — Ich bitte Eure Majeſtät, das Alles iſt viel zu gewagt. Laſſen Sie dem Volke Zeit, ſich zu beruhigen! — Und die Republik auszurufen? Rein, ich gehe. Wollen Sie mich begleiten? — Es iſt meine Pflicht, Eure Majeſtät zu beſchützen. Die Kaiſerin eilte hinaus, kurze Zeit darauf kehrte ſie wie⸗ der, ſie hatte die Morgentoilette mit einem ſchwarzen Sammt⸗ kleide vertauſcht, deſſen lange Schleppe hinter ihr herwallte in ihrem ßppigen röthlich blonden Haaren blitzte ein Diadem von Gold und kleinen Brillanten die Wangen trugen eine Roſenfarbe, die ihnen nicht eigenthümlich aber ſehr geſchickt angehaucht war, die Lippen glühten purpurn, ſie ſah ſchön aus in dieſer Aufregung, und wie zu einem Feſte wollte ſie ſich unter die ſtürmiſcherregten Maſſen des Volkes begeben. Der Fürſt Metternich, dem dabei ſehr angſt war, und der die garze Verantwortung fühlte, die auf ihn zurückfallen mußte, wenn ihr ein Unglück geſchah, reichte ihr zögernd den Arm, ſie aber lachte. — Soll ich Riechſalz kommen laſſen? fragte ſie. Ich fürchte, lieber Fürſt, es iſt Ihnen übel. — Fürchten Sie nichts für mich, aber Alles für ſich ſelber, verſetzte er.. Sie durchſchritten den Saal, der Kammerdiener öffnete ihnen die Thür. — Wenn der Warſchall Palikao und der Herzog von Gra⸗ mont kommen ſollten, ſo mögen ſie antreten, ſagte die Kaiſerin. —₰ Ich bitte Eure Majeſtät um Vergebung, antwortete der Maun der Herr Herzog iſt abgereiſt, ſein Lakei der mit mir ver⸗ nup iſt, berichtete es mir ſoeben — Der Feigling! rief Eugenie und ſtampfie mit dem Buße auf, aber Ollivier? — Ich höre ſoeben, daß ſeine Gemahlin zur Bahn gefahren iſt, erwiederte der Kammerdiener. — Sie ſehen, fiel der Fürſt ein, daß ſie Alle die Gefahren fürchten, welche dieſe Volkserregung mit ſich bringt. — Sie Alle ſind erbärmliche Menſchen. Kommen Sie! Die Kaiſerin wollte ihn mit ſich ziehen, da ſtürzte ihnen der Herzog von Montalto entgegen. Er trug noch die ſchlechte Blouſe, ſein ganzes Weſen zeigte die furchtbarſte Aufgeregtheit. — Es iſt Alles verloren! rief, er der Kaiſerin zu. Ich komme aus der Deputirtenkammer. Man hat die Abſetzung Louis Napoleons erklärt. Er und ſeine ganze Familie ſind des franzö⸗ ſiſchen Thrones für unwürdig erklärt worden. Das Volk flucht dem einſtmals ſo gefeierten Namen, das Militair ſelbſt ruft: es — leb ni walle in adem von zoſenfarbe, aucht war lufregung cherregten em hei ühlte, die ah, reichte ſch fürchte, ſich ſelber nete ihnen von Gra⸗ e Kaiſerin. ortete der lit mir vel⸗ dem buße ngefahren Gefahren n Siel! ihren e hte Blouſe 3 ung gu es fu Volk ſuct ſuft 3 — 687— lebe die Republik! Gramont und Palikao konnten dem Sturm nicht Stich halten, der Marſchall Palikao verſchwand plötzlich; man darf auf Keinen von ihnen rechnen. Das Volk drängt zum Pa⸗ laſte, es iſt kein Augenblick zu verlieren! Die Kaiſerin ſtutzte. Sie hatte ſich darauf gefreut, durch die Macht ihrer Schönheit den Aufruhr zu beſiegen. Strahlend wie eine Sonne wollte ſie in den Saal der Deputirten eintreten, ſie wollte eine Rede halten und erklären, daß ſie bereit ſei, an der Spitze der tapfern und unvergleichlichen Franzoſen den Krieg fortzuſetzen. Sie bedauerte nur, ihren Sohn nicht bei ſich haben zu können, weil es gewiß von großer Wirkung geweſen wäre, wenn ſie ihn vor den Augen von aller Welt mit Thränen an ihren Buſen gedrückt hätte. Zetzt aber mach' r die Schilderung bange, die der Herzog von Montalto in geflugelten Worten mit⸗ theilte. Ihr Gatte und ſein ganzes Geſchlecht abgeſetzt.... was hatte ſie alsdann noch zu hoffen? Zetzt erſt trat ihr das Trau⸗ rige ihrer Lage in voller Klarheit entgegen, bisher hatte ſie mit ihrem Unglücke geſpielt, nun ſah ſie, daß ſie mit ihm kämpfen, oder erliegen mußte. Aber ſo ſchnell giebt kein Weib einen Vor⸗ ſatz auf, der einmal ihrer Eitelkeit geſchmeichelt hat. — Was wollen ſie denn? fragte ſie nach kurzem Beſinnnen. Den Ruhm, die Ehre Frankreichs! Beides verſpreche ich ihnen. Ich kann eine zweite Jungfrau von Orleans ſein und mit dem Schwerte und der Fahne in der Hand vor ihnen hergehen. Ja, ich will ſie auffordern, vereint mit mir zu fechten und die deutſchen Eroberer zu verjagen. Glauben Sie, Herr Herzog, daß ſie es wagen werden, eine Dame, mich.. zu beleidigen? — Ich fürchte das Schlimmſte, verſetzte der Herzog, denn ich kenne unſer Volk, ich ſah zu, als Louis Philipp aus dieſem Palaſt vertrieben wurde, man hätte ihn hinausgepeitſcht, wenn er nicht freiwillig gegangen wäre. — Ja, ſagte Eugenie, die Tuilerien ſind eine ſchlechte Woh⸗ nung, in der man ſich nicht behaglich fühlt, weil man ſo leicht exmittirt werden kann, und dennoch ſcheidet ein Jeder un⸗ gern aus dieſen Räumen. Ich, meine Herren, ich will es wagen. — 688— den Platz zu behaupten, man wird ja ſehen, ob ſie den Muth haben, ſich an einer Kaiſerin zu vergreifen. In dieſem Augenblicke hörte man haſtige Schritte auf der Treppe. Eugenie wollte hinunter eilen, um ihren tollen Plan zur Ausführung zu bringen, aber der Polizeipräfekt Pietri ver⸗ trat ihr den Weg — Wohin? fragte er, und in dieſer Kleidung? Ich wollte ſchon vor Stunden hier ſein, aber ich mußte mich ſelber ſchützen. Es iſt vorbei mit unſerer Herrſchaft, der Kaiſer iſt gefangen, und das Volk hat ſich befreit. — Auch Sie, Herr Polizeipräfekt? rief Eugenie, hat denn heut Alles den Kopf verloren? — Den Kopf und die Krone dazu, Majeſtät, rief Pietri in einer Art von Galgenhumor. Man konnte das lange voraus⸗ ſehen, einmal mußte es ſo kommen, wohl dem, der ſein Schäf⸗ chen ins Trockne gebracht hat! Wohin befehlen Eure Majeſtät zu reiſen? — Ich gehe nicht fort! rief die eigenſinnige Frau. — Ein kühner Entſchluß, lachte der Polizeipräfekt. Doch warum ſollten Sie ihn nicht ausführen? Hier zwar wird man Sie nicht dulden, aber es giebt noch andere Schlöſſer, die gar nicht ſo übel ſind, nur daß die Thüren feſt verſchloſſen werden, und die ganze Unterhaltung aus einem Gefangenwärter und ſei⸗ nen Gehilfen beſteht. — Pfui. Pietri, rief die Kaiſerin, Sie ſind abſcheulich! — Und Sie ſind entzückend, antwortete er frech. Wer trägt die Schleppe mit ſolcher Würde wie die Exkaiſerin von Frankreich? Es könnten alle die noch feſtſitzenden Königinnen von Eurer Ma⸗ jeſtät lernen, wie man mit Würde von einem Throne herunter⸗ ſteigt. Indeſſen mache ich Eure Majeſtät darauf aufmerkſam, daß die Zeit drängt, ich habe mich niemals bemüht, ihr voraus zu eilen, und dennoch möchte ich nicht gern zurückbleiben, wenn hinter uns die Republik mit vollen Backen puſtet, denn ich verſichere es Ihnen, ſie nehmen den Mund furchtbar voll, es geht in Einem Athem. Der Kaiſer abgeſetzt, Thiers, Favre, Gambetta an dem — den Muth te auf der ollen Plan Pietri ver⸗ Ih wolle er ſchützen. gefangen, hut denn f Pietri in e vor⸗ ein Schi⸗ Majeftt 5 elt Doch wird man , die gar n wetden, er und ſei vlichl Ver rigt zrunkeich' Euret Me⸗ herunte⸗ , doß die zu eilen, intet un rſcher es in&nen — 689— Ruder! Denken Sie, Gambetta, dem wäre es ein helles Ver⸗ gnügen, eine Kaiſerin und noch dazu eine mit ſo ſchönem Nacken hinrichten zu laſſen! Eugenie ſchauderte, ſie kannte Leon Gambetta, ſie wußte, wie ſehr er dazu beigetragen hatte, nach den Schlachten bei Wei⸗ ßenburg und Wörth und nach dem Bekanntwerden der erſten franzöſiſchen Niederlagen das Miniſterium Ollivier zu ſtürzen. Seit Olliviers Rücktritt hatte der Marſchall Palikao das Mi⸗ niſterium übernommen, doch nur, um das Lügennetz mit welchem ſchon Gramont und Ollivier die Franzoſen umſponnen hatten, noch weiter auszubreiten. Ein unwürdigerer Mann konnte nicht leicht an der Spitze Frankreichs ſtehen, Alles an ihm war Falſchheit und die gemeinſte Selbſtſucht. Die Kaiſerin wußte das gut ge⸗ nug, und ſie erwartete weder von ihm noch von dem General Trochu, dem Kommandanten von Paris, irgend einen Schutz. Doch während ſie noch zauderte und daran dachte, ob es möglich ſei, den noch ſo jungen Leon Gambetta durch die Gewalt ihrer weiblichen Reize zu gewinnen, vernahm man von der Straße her wirres Geräuſch. — Da hören Sie, wie ich Recht hatte, rief Pietri, o ich bin noch Polizeipräfekt genug, um zu wiſſen, was dieſe Töne zu be⸗ deuten haben. Das Volk drängt ſich heran, man wird die Kai⸗ ſerin ſehen wollen, man wird ſie auffordern, eine andere Wohnung zu beziehen. Als die Gefahr in dieſer Weiſe heranrückte, da ſchwand der Muth, mit welchem Eugenie bisher geprahlt hatte. Eine tödtliche Angſt ergriff ſie plötzlich. — Ich will fliehen, ſagte ſie mit bebenden Lippen, ja ich will nach England, ſo ſchnell, wie möglich! Für die drei Männer war dieſes Wort eine Erleichterung, ſie Alle fürchteten den Leichtſinn, mit welchem die Kaiſerin ſich in die Gefahr ſtürzen wollte, jetzt verwandelte er ſich in bebende Angſt, das war ihnen recht. — Vor allen Dingen, ſagte der Polizeipräfekt, thun Sie, was Sie immer und überall am liebſten thun, machen Sie Toi⸗ P. V. 4¹ — 690— lette. Dieſes Kleid iſt ſchön und ſteht Ihnen vortrefflich, aber es iſt zu koſtbar legen Sie das einfachſte an, welches Sie beſitzen, ich will für einen Wagen ſorgen. Die Kaiſerin entfloh mit der Geſchwindigkeit eines gehetzten Rehs in ihre Gemächer, bald kam ſie wieder heraus, gefolgt von ihrer liebſten Kammerfrau, die ſie begleiten wollte. Sie trug ein braunſeidenes Kleid, einen kleinen ſchwarzen Kantenhut und einen dichten Schleier. Pietri war noch nicht zu⸗ rückgekehrt, und draußen mehrte ſich das Geräuſch. Unruhig trip⸗ pelte ſie hin und her, ihr Herz klopfte faſt hörbar, und die Frau, die eben noch eine Heldin ſein wollte, zitterte jetzt davor, erkannt und angehalten zu werden. Endlich erſchien der ehemalige Po⸗ lizeipräfekt. — Ich habe einen Miethwagen genommen, ſagte er, der hält hinten an dem Gitter des Schloſſes, denn vorne ſind alle Ausgänge von dem Volke umlagert. — Eilen wir! rief die Kaiſerin. — Sie haben doch nichts vergeſſen? fragte Pietri. — Ich fürchte mich, Gepäck mit mir zu nohmen, verſetzte die geängſtigte Frau, ich trage nur meinen Schmuck bei mir. — Und die Kronjuwelén, die von unermeßlichem Werthe ſind?. fragte der Polizeipräfekt. — Ach, an die dachte ich nicht, ſeufzte Eugenie, wird es nicht zu ſpät werden, wenn ich ſie holen laſſe? — Ich warne Eure Majeſtät davor, fiel der Herzog von Montalto ein, dieſe Juwelen gehören dem Staate. — Der Herr Herzog iſt ſehr gewiſſenhaft gegen Staatseigen⸗ thum, lächelte Pietri mit einen boshaften Blick, vor welchem Montalto erbleichte. Seine Schande war alſo bekannt, es war ſo weit mit ihm gekommen, daß die Polizei ihn als einen Verbrecher bezeichnete. Er hätte in die Erde ſinken mögen. Die Kaiſerin eilte in fieberhafter Aufregung davon Sie mußte durch eine lange Reihe von glänzend geſchmückten Zim⸗ mern gehen, und überall blickte ihr das eigne Bild aus großen Spiegeln entgegen, ach, jetzt war ſie eine Flüchtige, ach, ſie mußte alle dieſe He 8 hi — ber es beſihen, ehetzten t on warzen icht zu⸗ g trip⸗ Frau erkannt g pr⸗ der d ale ie die ſnd itd es 9 von tseigen⸗ velchen nit in ichnete. Sie n Zin⸗ piegeln le hieſe — Herrlichkeiten hinter ſich laſſen! Hier hatte ſie Komödie geſpielt, hier getanzt, hier war der Speiſeſaal, und hier empfing ſie mit ihrem Gatten fremde Geſandte. Sie lief durch die Bildergalerie, über den Marmorfußboden des Thronſaals hinweg, ſie lief ſo ſchnell, daß die Andern Mühe hatten, ihr zu folgen. Jetzt ging es die Treppe hinunter, und nun waren ſie an der Thür, die zu der Veranda führte, von wo aus ſie zu dem Wagen gelangen konnten. Aber dieſe Thür war verſchloſſen, und kein Augenblick blieb mehr zu verlieren. Der Bahnzug ging zur beſtimmten Zeit ab wenn ſie ihn verſäumte, war Alles verloren. Der Name Gambettas ſcheuchte ſie gleich einem Schreckgeſpenſte raſtlos fort und die Thür ließ ſich nicht öffnen, ſo ſehr die Männer daran rüttelten. Was half es? die Kammerfrau mußte zurückgeſchickt werden, um den Schlüſſel von dem Kaſtellan zu holen. Wenn dieſer Mann merkte, um was es ſich handelte, wenn er untreu war und ſie verrieth.. ach, auf wen denn konnte ſie ſich verlaſſen, ſie, die ſo viele Schmeichler und keinen einzigen Freund beſeſſen? Es waren tödtlich bange Minuten. Sie hörte auf die Schritte der Frau, die durch die Korridore eilte, ſie wartete in namen⸗ loſer Angſt auf ihre Wiederkehr. Draußen ſang das Volk die wilden republikaniſchen Lieder, wie es ſie geſungen hatte, als die Königin Maria Antoinette das Schaffot beſtieg. Eugenie ſchauderte, ſie hing ſich an den Arm des Fürſten Metternich und vermied die Blicke des ehemaligen Polizeipräfekten, die ſo ſpöttiſch auf ihr ruhten. Montalto ließ den Hahn des Revolvers knacken, den er unter ſeiner Blouſe verborgen trug, Metternich fragte ihn nach ſeinen Erlebniſſen in der Schlacht bei Sedan und hörte, wie tapfer die Deutſchen kämpften, und wie die Klugheit ihrer Anführer ihnen überall den Sieg ſicherten. So verging Minute auf Minute, lauter wurde es draußen, ſtille blieb es in dem Schloſſe. — Soll ich der Kammerfrau nachgehen? fragte Montalto — Warum nicht? rief Pietri mit ſeinem boshafteſten Blick. 44* — 5— Sie könnten neb nbei einen Blick auf die Kronjuwelen werfen, und ſehen, ob dieſer Staatsſchatz in Sicherheit iſt. Der Herzog verſtand dieſe Anſpielung, in den Augen des Poliziſten war er alſo ein gemeiner Dieb. O die Schande ſchlug ihm über den Kopf zuſammen und drohte ihn zu erſticken! Berne Schritte erſparten ihm die Antwort. Das Glück wollte der Kaiſerin wohl, die Kammerfrau brachte in athemloſem Lauf die Schlüſſel zu der Hinterthür. Sie traten hinaus, es war ſtille auf dieſer Seite des Schloſ⸗ ſes. Eugenie ſtieg ein, gefolgt von ihrer Dienerin, dem Fürſten Metternich und dem Polizeipräfekten, und nur Montalto blieb zurück, da ihm ſein zerlumpter Anzug nicht geſtattete, ſich mit in den Wagen zu ſetzen, aber er ſchritt dem Wagen haſtig nach. Der Kutſcher fuhr ſie durch das Gedränge des Volkes, die Pferde mußten ziemlich langſam gehen, und Eugeniens Herz ſchlug ſchnell. — Werde ich Frankreich wiederſehen, werde ich jemals wieden zu Glanz und Ehre gelangen? Dieſe Gedanken wogten durch ihren Buſen. Und rings um⸗ her ließ das Volk die Republik hoch leben und rief: — Nieder mit dem Kaiſer, nieder mit der Spanierin, nie⸗ der mit den Bonapartiſten Eugenie lehnte ſich ſo tief als möglich in die Polſter des Wagens zurück, ſie bebte am ganzen Leibe. Da erblickte ſie ein Straßenjunge und erkannte ſie. — Da iſt die Kaiſerin! rief er laut. Sie zuckte zuſammen, doch zu ihrem Glücke hörte Niemand auf ſeinen Ausruf. Der Wagen kam glücklich über den Platz, und der Knabe ahnte nicht, daß jener Mann in der zerriſſenen Blouſe ihn erwürgt haben würde, wenn er dieſe Worte noch einmal geſchrieen hätte. n werfen, lugen des ide ſchlug en! ick wollte ſem Vuf es Schloſ⸗ nFürſten lto blieb ch mit in ſig nach ie Pferde g ſchl. ſs wieder ings um⸗ rin ni⸗ lſer des te ſi ein Niemand en Plah erriſenen orte noh 78. Kapitel. Vor Straßburg. Welch ein Wonnegefühl durchbebt den Menſchen, wenn er ſich von einer ſchwierigen Lage befreit ſieht. Das empfand auch Peter Godard, als es ihm gelungen war, ſeiner Haft zu ent⸗ ſchlüpfen. Die deutſchen Soldaten hatten ſo angeſtrengte Märſche gemacht, daß man es ihnen nicht verdenken konnte, wenn ſie im Stehen ſchliefen, hier aber waren auch noch lange und gefahrvolle Kämpfe hinzugekommen, und ſo war es denn geſchehen, daß die Schildwache vor Peter Godards Thür ſich an die Mauer lehnte und einen Augenblick von dem, was um ſie her vorging, nichts hörte noch ſah. und dieſen Augenblick benutzte der alte Mann nud ſchlüpfte hinaus. Mit einer Gewandtheit, die man ſeinem Alter ſchwerlich zugetraut hätte, ſchlich er ſich durch das Lager, kroch zwiſchen den zuſammengeſtellten Zündnadelgewehren umher, und gelangte unter großen Gefahren aber glücklich in den Wald. Hätte ſein Fuß einen der Soldaten berührt, die in todtenähnlichem Schlafe aus⸗ geſtreckt an den Feuern lagen, ſo wäre es um ihn geſchehn ge⸗ weſen, hätten ihn die Wachen bemerkt, ſo würde eine Lugel ſeinem Leben ein Ende gemacht haben. Jetzt lag er in dem Dickicht und überlegte, was er ſollte. Nach Metz zurückzukommen, dafür war wenig Hoffnung vorhanden, lagen doch rings umher deutſche Soldaten. Zwar hoffte er ebenſo wie alle Franzoſen auf Bazaines Heldenmuth und Feldherrnklugheit, aber er fürchtete auch Alles für Alice Undentino, das ihm und Madelon anvertraute Kind, melches ſich jetzt hilflos in Metz befand, denn in der That hieß eines der beiden die Namen Betty und Beate tragenden Mädchen eigentlich Alice Undentino. Doch lag ihm jetzt noch etwas Anderes am Herzen. Er wollte nach dem Bergſchloſſe zurück und nachſehen, — 694— ob auch der Schatz von Falkenſtein noch nverſehrt geblieben war Um dies thun zu können, mußte er ſich freilich von Metz entfernen, aber was hätte es ihm auch genützt, hier zu bleiben, wo man ihn in jedem Augenblicke als den vermeintlichen Spion erkennen und todt ſchießen konnte? Mühſam trugen ihn ſeine Füße durch den Wald. Er folgte der Richtung, die ihm die aufgehende Sonne gab, oft ruhte er in den Bauerhütten, oft war er glücklich, wenn er ein Fuhrwerk benutzen konnte, deſſen Kutſcher ihn gutwillig mit ſich nahm Endlich gelangte er nach Wörth, und von da aus konnte er bereits die Spitzen des Schloſſes ſehen, in welchem er ſo lange friedlich gelebt hatte. Er ſtieg hinauf! Himmel, welch eine Veränderung! Der hübſche Garten war verwüſtet, die Thüren zu dem Schloſſe waren offen, und alle Zimmer waren ausgeräumt. Draußen lagen Stühle und Bilder, Betten und Küchengeräthe zertrümmert und zerſchlagen, drinnen waren die Wände mit Koth beworfen, die Fenſter zerſchlagen, die Tapeten heruntergeriſſen, die Spinde verbrannt und mit Flinten⸗ kolben eingeſtoßen, ſo hatten die Turkos gehauſt. Aber Peter Godard achtete wenig darauf. Er eilte hinunter in den Felſenkeller.. welch eine Freude, die Thür war unverſehrt! Aber dennoch befiel ihn geheime Angſt. Hier war es, wo Madelon jenes fremde Weib ermorden wollte. Noch ſchien es ihm, als ſehe er die hohe ſchlanke Geſtalt dahinlaufen in grenzenloſer Todesangſt, als hörte er noch ihre Seufzer und ihr herzerſchütterndes Flehen um Gnade. Wenn ihr Geiſt dort auf den Schätzen ſaß und ſie bewachte ihn ſchauderte, und dennoch durfte er nicht zögern. Mit einer Fackel, die er ſich aus einem zerſchlagenen Bettgeſtell gemacht hatte, leuchtete er ſich durch das Dunkel. Alles war ſtill, aber er er⸗ ſchrak, wenn eine Ratze ihm über den Weg lief oder wenn ein Spinnennetz unverſehens ſein Geſicht berührte. Endlich war er in jenem Raume, in welchem die Schätze verborgen lagen. Mit großer Anſtrengung hob er den ſchweren ganz mit Geld gefüllten Kaſten empor, er ſtand zwiſchen Steinen, und die Oeffnung, welche er einnahm war tif. Peter leuchtete E —— — 695— en war hinunter, ein Strahl von Freude glitt über ſein Geſicht. Er ntfernen, griff hinab und holte ein Käſtchen heraus, welches er öffnete, es man ihn enthielt ein weibliches Bildniß. nen und— Ja, ſagte er, es betrachtend, ſie war ſchön, unſere Herrin. Wie ſaß das Hütchen mit der ſchwanken Feder ſo ſtolz auf r folgte ihrem Haupte, wie ſchlank hob ſich ihre Geſtalt, wenn ſie zu vhie er Pferde ſaß! Dann flog ſie dahin wie ein leichter Vogel, und hrwet Keiner vermochte ihr zu folgen, Keiner als er allein, der ihr nhn Geliebter und.... ihr Mörder war! Wie iſt doch Alice ſo nnte er anders, zwar nicht weniger ſchön, aber ſo viel ſanfter und ſchüch⸗ o lange terner, als ihre Mutter war! Möchte ſie auch ein ſanfteres Schick⸗ ſal finden! ten war Er küßte das Bild, und ehe er es in das Käſtchen zurück⸗ nd clle legte, öffnete er auf ſeiner Rückſeite ein geheimes Fach. In Bilder, dieſem unbemerklichen Behälter lag ſauber in Seidenpapier ge⸗ winnn wickelt eine braune Locke neben einer ſchwarzen, und dann ein en de beſonders umhülltes kleines Ding, welches Peter in die tiefſte Flinten⸗ Taſche ſeines Rockes ſteckte. r piut— Mag Alles verloren gehen, ſagte er, wenn ich nur Dies errette. Ja, von dieſem Kleinod weiß ſelbſt Madelon nichts, aber ßreude eher laſſe ich mein Leben, als daß ich es von mir gäbe. 6. Mit dieſem feſten Vorſatze ſchloß er den Kaſten zu, ſtellte ihn wieder an ſeinen Ort, hob die Geldkiſte darüber und ver⸗ wahrte Alles ſo gut wie möglich. Er hatte ſich einige Eßwaaren . mitgebracht und ging in die Küche, um ein Feuer anzumachen und ſich eine Stärkung zu bereiten, dabei mußte er durch Madelons Stube, hier hatten die Turkos am ärgſten gehauſt, die Betten ihn waren aufgeſchnitten, und die Federn ſtäubten umher, die Kleider ſocel und die Wäſche, Alles war verbrannt, beſchmutzt, zerſchnitten, hot⸗ muthwillig zerſtört. er Er dachte, ok das in dem Zimmer der Kinder wohl ebenſo nn en ſei, doch als er es betrat, ſchien die Sonne hinein, und auf dem 8 Bette, in welchem die beiden Mädchen geſchlafen hatten, lag ein Sc Blumengewinde, welches die Buchſtaben A. U. darſtellte. Längft hweren waren dieſe Kinder des Sommers verwelkt, die Roſen hatten teinen⸗ ucht — 695 ihren Duft verloren und ihre Dornen behalten, die Blätter waren braun und verſchrumpft. Peter erſchrak heftig. A. U. das bedeutete Alice Undentino . wer konnte von ihrem Daſein wiſſen? Und dann, dieſe Blumen waren hierhergelegt worden, nachdem die Turkos ſchon fort waren, und kein anderer Zerſtörer war ſeitdem hier oben ge⸗ weſen, denn von allen Betten des Hauſes war nur dieſes eine noch unverſehrt. Er grübelte lange darüber nach, ohne ſich das Seltſame erklären zu können, aber als er den Blumenſchmuck aufhob, da erſtaunte er noch mehr, denn als ſich die beiden Buchſtaben, die nur loſe gelegen hatten, zu einem weiten Ringe auseinander⸗ bogen, ſah er in ſeiner Mitte drei Georginen, die noch friſch und farbenreich leuchteten, die mittelſte weißlich, die zur Rechten glü⸗ hendroth und die zur Linken mit friſch grünen Blättern bedeckt. Doch während er das verwundert betrachtete, zerfielen die Blumen in ſeinen Händen, und der Kranz löſte ſich auf. Was war das? fragte er ſich, glänzten dieſe ſchon toöten Blumen nicht in den Strahlen der Sonne wie ein Opal zwiſchen einem Smaragden und einem Rubin? Wer kann hier geweſen ſein? Er durchſuchte das ganze Haus.. vergebliches Bemühen! Es war keine Spur von der Anweſenheit eines Menſchen zu finden, der nicht die roheſte Zerſtörung ausgeübt hätte. Dennoch vermochte er es nicht, ſich über das Seltſame zu beruhigen. Drei Tage blieb er auf dem Schloſſe und erwartete die Wiederkehr des Menſchen, der dieſes Gewinde bereitet hatte, aber er blieb allein, ganz allein. Da ſtieg er wieder hinab. Zu ſeiner Freude bemerkte er, daß die Eiſenbahn wieder benutzt werden konnte. Freilich, nach Met ſelbſt konnte er nicht zurück, denn er vernahm von großen Kämp⸗ fen, die dort ſtattgefunden hatten, doch wollte er wenigſtens in der Nähe ſein, wenn die Franzoſen ſich ſiegreich durch die deut⸗ ſchen Heere ſchlugen, um Betty und Beate ſogleich in ſeine Arme ſchließen zu können. Er beſtieg alſo den Bahnzug. Doch ſchon auf der nächſten Station vernahm er, daß es nicht nach Metz zu, ſondern in entgegengeſetzter Richtung ging. So crlebte er denn Blätter ndentino n, dieſe s ſchon hen ge⸗ ſes eine eliſame o, d ben die inander⸗ iſch und ken len die ttobten zwiſchen en ſein? emühen! ſchen zu Dennoch Drel derkehr er blieb erkte et⸗ 6h nuch Käm⸗ ſens in edeut⸗ e Arme Met il er denn — ————— — * zum zweiten Male, daß ihn das Schickſal dahin führte, wohin er am wenigſten wollte. Er ſah ſich plötzlich in der Nikhe von Straßburg. Auch hier lagerten, deutſche Truppen, denn der General von Werder beſchoß die Feſtung nun ſchon ſeit Wochen. Peter er⸗ ſtaunte öber die Menge der Geſchütze und über das furchthutt Bombardement. Als er ſo daſtand und ſich fragte, was er nun thun. ſolle, trat ein blutjunges Börſchchen, ein Offizier, zu ihm heran.. — Ei, Alterchen, Sie ſchauen ſich ja die Sache ſehr bedenk⸗ lich an, ſagte er und zeigte nach Straßburg hinüber. — Bedenklich iſt es auch, verſetzte Peter, wenn man in mei⸗ nen Jahren fern' von der Heimath iſt. — Gehören Sie denn dahinein? fragte der junge Soldat. Peter wußte keine rechte Antwort zu geben, er bejahte die Frage mit einem Kopfnicken. — Nun, lachte Jener, das iſt leicht zu machen. Hinein laſ⸗ ſen wir einen Jeden, dem es aufs Verhungern ankommt, aber heraus Keinen mehr, denn das hieße dem Starrkopf, dem Gene⸗ ral Uhrich, die Sache erleichtern. Heut Abend ſchicken wir ihm wieder ſeine Portion Bomben und Granaten zu, ſetzen Sie ſich auf eine Kanonenkugel, und flugs ſauſen Sie hinüber. Peter runzelte die Stirn bei dieſem Geſchwätz und der junge Mann ſah wohl, daß es ſich hier nicht um Scherz handelte. — Na, Alterchen, ſehen Sie, vom elften bis zum ſiebzehnten Auguſt haben wir Straßburg eingeſchloſſen, bis unſer General von Beyer krank wurde, da ſchickte uns der König von Preußen den General von Werder, und nun fing die Sache ſchlimmer an. General von Decker befehligt die Artillerie, und der ſchießt nicht ſchlecht, das muß ich ſagen, aber auch der General⸗ major Mertens verſteht ſeine Sache, denn der iſt der Oberſte von den Ingenieuren. Anfangs waren die Straßburger noch ganz übermüthig, vorzüglich, weil ſie ſahen, daß wir es gut mein⸗ ten und nicht auf ihren lieben Kirchthurm ſchoſſen, aber immer enger zogen wir uns zuſammen, ſo daß kein Korn Getreide mehr in die Stadt kommt, und ſeit dem vierundzwanzigſten Auguſt ſchießen wir, daß uns ſelber die Ohren gellen. Wollen Sie mit — 698— zuhören? Es fliegen durchſchnittlich in jeder Minute fünf his ſechs Schüſſe, Vollkugeln oder Granaten, wie es eben kommt, nach Straßburg hinein. Peter erwiederte, daß es nicht ſeine Abſicht ſei, vor dieſe Stadt zu verweilen, aber einmal hier, fand er nicht ſo ſchnell die Möglichkeit, weiter zu gelangen. Die Reiſe hatte ſeinen angegrif⸗ fenen Körper ermüdet, er konnte nicht zu Fuße weiter kommen und mußte warten, bis ſich eine Gelegenheit dazu fand. Dies theilte er dem jungen Offizier mit. — Nun, ſagte der, wenn ich Ihnen behilflich ſein kann, ſo ſoll es gern geſchehen, fragen Sie nur nach dem Grafen Iſſel⸗ horſt, das bin ich nämlich, zwur der Jüngſte meines Stammes und erſt ſeit acht Tagen Lieutenant, aber mit dem feſten Vorſatze, nicht ohne das eiſerne Kreuz in die Studirſtube zurück zu gehen. Die lieben Verwandten zu Hduſe denken von mir, ich ſei ein Windbeutel, und es mag etwas Wahres daran ſein, aber wenn Sie etwas gebrauchen, was Ihnen der Windbeutel anſchaffen kann, ſo melden Sie ſich nur bei mir. Ich habe Alles, deſſen der Menſch bei einer ſo langweiligen Beſchießung bedarf, Eigarren, Thee und Cognac; dazu noch Geld in Fülle, ich glaube es ſtecken noch fünf harte Thaler in meiner Geldbörſe, und ebenſoviel habe ich verborgt, denn es iſt ſonderbar, ſie kommen Alle zu mir, wenn ſie etwas gebrauchen und ich gebe, bis nichts mehr da iſt. Alſo kommen Sie nur auch, Einer mehr ſchadet Richts. Hurrah, da geht das Bombardement wieder los, da muß ich dabei ſein. Und fort ging der geſprächige Jüngling, und Peter ſah ihm kopfſchüttelnd nach. — Da behaupten ſie immer, die Franzoſen ſeier. wätzig und leichtfertig, und ſolch ein Springinsfeld⸗ von höchſtens neun⸗ zehn Jahren dünkt ſich was mit ſeiner deutſchen Gelehrſamkeit. Indem wurde ſeine Aufmerkſamkeit auf einen Zuſammen⸗ lauf von Soldaten gerichtet. Das Schießen hatte eine Zeitlang aufgehört, doch richtete man jetzt die Kanonen aufs Neue, und durch die Reihen der deutſchen Krieger bewegte ſich ein ernſter Zug. Es waren Geiſtliche höheren Ranges. Viele von den Soldaten fielen auf die Kniee nieder und baten die Seelſorger ihre erth im bilt ind ſoll gen trill beg Fra Der bri ſchn mac Lini Bir bur um viel gez mit ein fall welt nich Dä mitt Nich litte Imn inn ger töd dor fünf his ommt, ot dieſe chnell die gegri⸗ kommen d. Des kann, ſo en Iſſel⸗ Stammes Porſatz, u gehen. ſei ein r enn ſen kann Menſch hee und noch fünf verborgt ſie etwas fommen geht das ſah ihm „mit ns neun⸗ ſonkit uſunmen⸗ Zeitlang deue, und in ernſet von den ztellorge . 4 — 699— ihrer Feinde um ihren Segen, den ſie nach Rechts und Links ertheilten. Sie waren Abgeſandte des Biſchofs von Straßburg, der im Namen der chriſtlichen Barmherzigkeit um Gnade für die Stadt bitten ließ. Der General von Werder war ſehr bereit, ſie zu gewähren, indeſſen ſtellte er die Bedingung, daß Straßburg ſich ergeben ſolle. Dazu war jedoch der Kommandant Uhrich durchaus nicht geneigt, und fo hatten ſich kaum wieder die Thore hinter den be⸗ trübten Männern geſchloſſen, als das Bombardement aufs Neue begann. Straßburg iſt eine der ſicherſten Feſtungen in ganz Frankreich und konnte den Angreifern noch lange Tretz bieten. Der Rhein und ſein Nebenfluß Ill umgeben die Wälle und bringen, wenn die Schleuſen aufgezogen werden, eine Ueber⸗ ſchwemmung hervor, die den Deutſchen große Schwierigkeiten machen mußte. Die Beſatzung beſtand aus achttauſend Mann Linieninfanterie und Artillerie, und außerdem hatte ſich unter den Bürgern eine Mobil- und Nationalgarde gebildet. Aber Straß⸗ burgs Befeſtigung gleicht nicht der von Metz und Paris, wo rings um die Stadt herum einzelne ſchußſichere Forts liegen, es ſind vielmehr nach alter Weiſe dicht um das Stadtgebiet herum Wälle gezogen, ſo daß, wenn dieſe beſchoſſen werden, die Einwohner mit in Lebensgefahr gerathen. Von den umliegenden Höhen konnte man vermittelſt eines Fernrohres ganz gut nach Straßburg hineinſehen und allen⸗ falls die Staatsgebäude, Magazine und Kaſernen bezeichnen, auf welche die Kugeln gerichtet werden ſollten. Das hinderte jedoch nicht, daß, trotz des trefflichen Zielens, viele Granaten auf die Dächer von Privathäufern fielen und da zerplatzten, daß manche mitten in die Straßen gelangten und Weiber und Kinder tödteten. Nichts vermag der Noth zu gleichen, welche die Einwohner er⸗ litten, ſie waren in keinem Augenblicke ihres Lebens ſicher. Immer neue, immer größere Geſchütze fuhren die Deutſchen auf, immer lauter donnerte es rings um die ſonſt ſo friedlichen Bür⸗ ger. Dazwiſchen krachten die zerſchmetterten Ziegelſteine herab und tödteten die Vorübergehenden, dazwiſchen flackerte das Feuer em⸗ vor und verzehrte das mühſam erworbene Eigenthum, es gab — 700— kaum noch ein Haus, in welchem nicht Verwundete oder Todte lagen. Mehr als einmal machten die Soldaten Ausfälle und ver⸗ ſuchten, ſich durch den Feind zu ſchlagen, aber immer wider⸗ ſtand ihnen der Heldenmuth der Deutſchen, ſie ließen Gefangene und Todte zurück und flüchteten ſich mit blutigen Köpfen wieder in die Stadt hinein, um von den Wällen aus das Bombardement auf die Belagerer fortzuſetzen. Dieſes Schießen war ſo ſtark, daß durch den dadurch entſtandenen Luftdruck faſt ſämmtliche Fenſterſcheiben zerplatzten. Die unglücklichen Leute, die ſich in ihren Wohnungen nicht mehr ſicher fühlten, denen die Granaten bis in die Zimmer flogen, flüchteten ſich in die Keller hinab. Aber nun ſtrömte der Regen in Strömen herab, und das Waſſer des Rheins ſtaute ſich durch die Dämme, welche die Belagerer gruben. Dadurch füllten ſich die Keller mit Waſſer. Man legte Balken und Bretter darüber und erhöhte ſie bei einem jeden Steigen der unſauberen Feuchtigkeit. Auf dieſen Brettern ſchwankte die Wiege des Säuglings, das Bett der Wöchnerin, das Sterbe⸗ lager des Kranken, es war ein entſetzlicher Zuſtand, und dennoch ſchätzte ſich glücklich, wer ſolch einen ſchußfeſten Aufenthalt beſaß. Peter Godard fühlte ſich unbehaglich unter den Deutſchen, deren Sprache er kaum verſtand und deren Freudigkeit ihn ärgerte. Es waren Nachrichten aus Metz gekommen. Die Deutſchen hat⸗ ten dic Franzoſen beſiegt, und lauter Jubel erſcholl in dem gan⸗ zen Lager. Aber noch mehr. Ein Kourier brachte die Siegesde⸗ peſche von Sedan. Der Feind geſchlagen, Lonis Napoleon ge⸗ fangen, das war eine Nachricht, die man feiern mußte. Am zweiten September in der Morgenfrühe hatten die Straß⸗ burger den ſtärkſten Ausfall gemacht. den ſie bisher verſucht hat⸗ ten, aber die Badenſer ſchlugen ſie ſiegreich zurück, und ihre Ar⸗ tillerie brachte das Geſchützfeuer der Wälle faſt gänzlich zum Schwei⸗ gen. Das war der Beginn des Tages, deſſen Ende die ewig denkwürdige Kunde aus Sedan bringen ſollte. Bis tief in die Nacht hinein hörte man in Straßburg die Belagerer jubeln und jauchzen, ſingen und muſiziren. Mit neuen Kräften ging es nun weiter an die Belagerungs⸗ arbe ſchn zun Me Pa Kon Ger ihn hei lan mo Ge ſcho bef e Todte und ver⸗ er wider⸗ mefangene wieder ardement ſo ſtrk ämmiliche e ſih in Granaten er hinab. as Woſſer Belagerer an legte em jeden ſcwankte s Sterhe⸗ d dennoch alt beſtß. Deutſchen⸗ n ärgerte. ſchen hat dem gun⸗ Siegesde⸗ oleon ge⸗ die Straß⸗ rſucht ha dihr l m Schwe⸗ üef in de jubeln um ngeun⸗ — 701— arbeiten. Dieſe wurden durch das ſchlechte Wetter bedeutend er⸗ ſchwert, die Pioniere genügten nicht, man mußte alle Soldaten zum Schanzen heranziehen, und ſie ſtanden bis an den Leib im Moder und ſchaufelten Erde auf. So zog man Parallele auf Parallele. Vielleicht jedoch war dieſe Mühe umſonſt, wenn der Kommandant Uhrich erfuhr, daß ſein Kaiſer gefangen ſei. Der General von Werder wollte ihm das zu wiſſen thun, er ſchickte ihm einen Trupp Gefangene zur Auswechslung. Dieſe Gelegen⸗ heit benutzte Peter Godard, er ſchloß ſich dem Troß an und ge⸗ langte in die Stadt hinein, wo er zu bleiben beſchloß, bis es ihm möglich wurde, ſich wieder mit Madelon und den beiden Mädchen in Metz zu vereinigen. Die Deutſchen bauten einen hohen Damm, um darauf die Geſchütze bis dicht an die Stadt fahren zu können. In die Mauer ſchoſſen die Badenſer Breſchen hinein, und einzelne Feſtungslünetten befanden ſich bereits in den Händen der Belagerer. Dies geſchah jedoch nicht ohne heftigen Kampf, und die Angreifer hatten unter dem Gewehrfeuer der Belagerten fiſt ebenſo zu leiden, wie dieſe unter den Granaten der Deutfchen. Täglich ſah man in der Stadt Rauchſäulen anfſteigen, aber auch täglich floß das Helden⸗ blut der deutſchen Krieger, die mit unermüdlicher Ausdauer ihre Arbeit fortſetzten. Seit Wochen waren ſie in kein Bett gekommen, hatten nicht einmal eine Schütte Stroh, um ſich gegen die Näſſe u ſchützen. Die Kleider faulten ihnen auf dem Leibe, die Stie⸗ seln waren ſchwer von Koth und preßten ihnen die Füße zuſammen. Wer da nicht eine felſenfeſte Geſundheit beſaß, dem fuhr der Rheumatismus in die Glieder, und die Ruhr raffte Viele dahin. Wer war beſſer daran, die Unglücklichen, die in der Stadt in naſſen Kellern ſaßen, oder die Krieger, welche draußen Nacht für Nacht auf kalter, feuchter Erde lagen, und am Tage nicht einmal das Zeug wechſeln konnten? Aber dieſe wenigſtens ſahen den Sieg vor ſich, und wenn ſie ſich beklagten, ſo geſchah es, weil ſie fürchteten, daß ihre Brüder Paris eher erreichen und zahl⸗ reichere große Thaten ausführen würden als ſie. Peter Godard bereute es bald recht ſehr, daß er ſich in Straßburg eingeſchlichen hatte Die Muthloſigkeit war allgemein, 702— ſah doch Jeder, daß ſich die Feſtung nicht auf die Dauer zu halten vermochte. Die Verwaltung machte bekannt, welche Keller bombenfeſt ſeien. Da ſaßen ſie zu fünfzig und ſechzig in einem engen und niedrigen Raume, die Fenſter und alle Ausgänge waren mit Miſt verſtopft, um das Einfallen von Granatſplittern zu verhüten. Nun denke man ſich dieſe Menſchen, die auf loſen Brettern hocken, unter ſich das Grundwaſfer, das ſo hoch ſtand, daß kleine Kinder darin ertrinken konnten, dicht über ihren Köpfen die ge⸗ wölbte Decke des Kellers, in welchem die Luft bald unerträglich wurde. Dazu ſtellu ſie, 4 ällzubald ein ſauchtuter Mangel an Lebensmitteln ein, vorzuglich fehlte es an Milch and da die Vütter in ihrer beſtändigen Todesangſt bald ihre Brüſte verſiegen fühlten, ſo ſtarben die Säuglinge maſſenweiſe aus Mangel an dieſem, für ſie unentbehrlichſten Nahrungsmittel. In öffentlichen Hallen ſpeiſte man diejenigen, welche obdachlos und arm waren, denn Verdienſt gab es nicht mehr, und zur Arbeit hatte Niemand Sinn und Muße. Nur die Tiſchler waren noch beſchäftigt, Särge anzufertigen— für Hunderte von Männern Frauen und Kindern, die in in ihren Betten, auf den Straßen oder auf dem Wege zur Kirche von Granatſplitern erſchlagen wurden. So unter namen⸗ letn Leiden kam der ſiebenundzwanzigſte September heran, der dieſem unerträglichen Zuſtande ein Ende machen ſollte. 79. Kapitel. Das dunkle Haus. Der Herzog von Montalto erfuhr durch den Fürſten Metter⸗ nich, daß die Kaiſerin glücklich die Eiſenbahn erreicht hatte, auf welcher ſie nach Havre fahren wollte. Von dieſem Hafen aus telegraphirte ſie ihrem Freunde, als ſie das Schiff beſtieg, das ſie nach England trug. Dort traf ſie mit ihrem Sohne zuſammen. Das arme Kind, dem man bisher das Leben nur immer im ro⸗ ſigſt von hat des ſein ſein A gen ver ten Fan Prin lo Fi Yn vot we bah und keite ff wöh d Pr ſch Ka un die un bet ſein auer zu e Kellet neinem usgänge ttern zu zrettern ß Wne die ge⸗ rträglich ngel an da die erſiegen ngel an nlichen waren, iemand Sö Findern, m Vehe namen⸗ an der Metter⸗ un af fen aus ie drs ſunn tin 5 — — 703— ſigſten Lichte gezeigt hatte, war ganz verſchüchtert, als es plötzlich von ſo ſchweren Schickſalsſchlägen heimgeſucht wurde. Bis jetzt hatte man ihm von allen Seiten geſchmeichelt und ihn den Erben des ſchönſten Thrones der Welt genannt, jetzt ließ ihn ſelbſt ſeine Mutter hart an und befahl ihm, zu lernen und fleißig zu ſein, damit einmal etwas Geſcheidtes aus ihm werden könnte. Ach, das Geſcheidteſte ſchien ihm Kaiſer zu ſein, wie ſein Papa es geweſen war, er verſtand nicht, warum dies Alles ſich ſo plötzlich verändert hatte und unter den vielen neuen und traurigen Eindrük⸗ ken begann ſeine ohnedies ſchwache Geſundheit zu wanken. Indeſſen hatten auch die übrigen Mitglieder der napoleoniſchen Familie in aller Eile und Haſt Paris verlaſſen. Da war der Prinz Napoleon Bonaparte, dem die Franzoſen den Spitznamen Plon Plon gaben, und der ſich wohl hütete, ſein Blut an dieſen Krieg zu wagen, da war die Couſine des Kaiſers, die Prinzeſſin Mathilde. Sie fuhr ſo ſchnell ſie konnte davon, hatte aber doch noch vorher Zeit gefunden, ihre Sachen packen zu laſſen. Aber welch eine Unſchicklichkeit des rohen Pöbels! Als ſie zur Eiſen⸗ bahn gelangte, waren die Beamten muthig genug, ihre Koffer und Kiſten zu öffnen, und da fand man neben vielerlei Koſtbar⸗ keiten auch ſehr werthvolle Bilder, welche die kunſtliebende Prin⸗ zeſſin aus den öffentlichen Galerien entnommen hatte. Für ge⸗ wöhnlich nennt man ſo etwas Diebſtahl und ſteckt die Leute, die dergleichen thun, in das Zuchthaus. Hier ging es anders. Die 11 11 Prinzeſſin rutſchte mit Dampfesgeſchwindig von dannen, und Niemand dachte in der allgemeinen Aufregung daran, ſie zu verfolgen. So ſchnell entfernten ſich auch die Hofbeamten, die vertrauten Diener des Kaiſers und ſeiner Gemahlin, und Alle, die theilgenommen hatten an ſeiner Regierung. Der Tuilerienpalaſt ſtand leer, Hofdamen und Kammerherren, Lakaien und Kutſcher Sekretaire, Köche und wie die dienſtbaren Geiſter heißen mögen, ſie Alle zerſtiebten und wurden unſichtbar. Noch ſtanden die Zimmer, wie die hohen Herrſchaften ſie verlaſſen hatten, denn keine Hand hatte ſie berührt, ſeitdem der Kaiſer von Paris abgereiſt war. Deswegen fand man auch in ſeinem Schreibtiſch eine Menge der fkandalöſeſten Briefe, welche — 704— bewieſen, mit welcher Gemeinheit ſich ſonſt geachtete Perſonen von ihm hatten erkaufen laſſen, Briefe von Frauen, mit denen er auf vertrautem Fuße gelebt hatte, Briefe von Miniſtern, die von Geld⸗ unterſchlagungen zeugten, Briefe von Beamten, die es bewieſen, welche niedrigen Mittel man angewandt hatte, um bei der Abſtim⸗ mung die Mehrzahl der Zettel für den Kaiſer zu erlangen. Auch die auf den Krieg bezüglichen Papiere fanden ſich, daruuter eine Zuſchrift, die augenſcheinlich von einigen ſehr angeheiterten deut⸗ ſchen Spaßvögeln an den Warſchall Bazaine gerichtet und mit dem bei uns allbekannten Worte Ulk, was ſoviel als höherer Blödſinn heißt, unterzeichnet war Und der Marſchall und der Kaiſer hatten es geglaubt was jene Witzbolde ſchrieben, daß man ſie in Deutſchland mit offenen Armen aufnehmen würde. So weit ging es mit der Täuſchung, die dieſe Menſchen ſich ſelber durch ihre eigene Dummheit auferlegten. In dem Zimmer des Prinzen war auch noch Alles unverän⸗ dert. Da lag das Spielzeug, welches er ſo ſehr liebte, bleierne Soldaten, Säbel und Patronentaſche, Flinte und Piſtolen, Alles äußerſt zierlich und nur zum Scherz. da lagen die Bücher, aus denen er lernen ſollte, mit den zerbiſſenen Federn Armes Kind, dem man ſo viele Lügen vorgegaukelt hatte, bis ſein Blick für die Wahrheit ſich gänzlich trübte! Aber das Intereſſanteſte waren die Gemächer der Kaiſerin. Dort konnte man Toilettenkünſte lernen, von welchen andere Menſchen keine Ahnung haben. Unzählig waren die Flaſchen und Büchschen mit Pommaden und Schminken, Eſſenzen, um den Athem duftig zu machen, Hele, um der Haut Weichheit zu geben, weißer Puder für Hals und Arme, rothe Farbe für die Wangen und Lippen, ſchwarze, um die Wimpern der Augen zu färben und dem Blick mehr Glanz zu verleihen, und dann kleine Zungen, um überflüſſige Härchen auszureißen, Bürſten und Kämme aller Arten, Ragelſcheerchen ſo fein, als brauchte ſie ein Arzt zu den künſt⸗ lichſten Operationen, und noch viele andere Dinge, deren Zweck ſich ſchwer erkennen ließ. Da ſich das Garderobenzimmer eine Treppe höher befand, als das Gemach zum Ankleiden, ſo wurden die köſtlichen Gewänder durch eine künſtliche Vaſchinerie herunter — ——— en von wer auf n Geld⸗ ewieſen, Abſün⸗ Auch tr eine en deut⸗ und mit höheret und det daß man Se h ſelber nverän⸗ wirne n, Alles her aus es Kind gli für giſerin andere hen und n Ahen n weir und den gel en linß⸗ 8 gwot mer eine owue junte um er Arten — 705— Lelaſſen und wieder hinauf gezogen, man legte ſie Toſe über ein⸗ Art von Wägelchen und ließ ſie auf einer ſchrägen Bahn hin⸗ untergleiten. Alle dieſe Kleider waren von den koſtbarſten Stoffen, denn die Kaiſerin verſchwendete jährlich Tauſende, um ſich ſchön zu machen, und trug ſelten eine Robe mehr als ein Mal. Dann umgab ſie ſich mit ganzen Wolken von den feinſten Spitzen, mit blitzendem Edelgeſtein und glänzenden Perlen. Solch ein Anzug ſetzte viele Hände in Bewegung, aber er koſtete das Geld des Landes und den Schweiß der Bürger. Die Einrichtung der Zimmer war überaus geſchmackvoll, die Wände waren mit koſtbar gewirkten ſeidenen Stoffen bedeckt, und eben derſelbe Stoff umhüllte die Sophas und Polſterſtühle und hing an den Fenſterniſchen als Gardinen herab. Auf dem Schreib⸗ tiſche lagen neben den feinſten Federhaltern und Briefbeſchwerern auch die leichtfertigſten Bücher, und neben den Bildern der Heiligen ſah man halbnackte Weiber in den üppigſten Stellungen gemalt oder gemeißelt, kurz Alles bewies den ganz äußerlichen, nur auf Glanz und Sitelkeit gerichteten Sinn dieſer ſtolzen Frau. Der Herzog von Montalto, der das anſah, konnte es nicht begreifen, wie er ſich von ſolch einem gekünſtelten Weſen hätte umgarnen laſſen können, er dachte an Iduna und wie ſie ſo ganz anders, ſo innig fromm, ſo kindlich rein war, und wie ſie ihn ſo heiß geliebt hatte, bis er ſich dieſer Liebe gänzlich unwürdig erwies. Jetzt wagte er es, ſich an ſein Haus zu ſchleichen. Er trug noch die ſchlechte Blouſe, die ihn faſt unkenntlich machte, und ſein Bart und Haar war lang und wild gewachſen. Wie klopfte ſein Herz, als er dieſes Gebäude vor ſich liegen ſah, in welchem er der Gebieter ſein ſollte, und das er nicht mehr zu betreten wagte. Es war wunderbar ſtill. Die Gardinen aller Zimmer waren ge⸗ ſchloſſen, und in dem unterſten Geſchoß waren die Fenſter mit hölzernen Laden verſehen. Er hatte nicht den Muth, den Portier nach ſeiner Frau zu fragen, und doch, nach dem, was die Kaiſe⸗ rin ihm geſagt hatte, brannte er vor Ungeduld, zu wiſſen wie es mit Iduna ſtand. D. V. 45 ———— — 706— Da öffnete ſich die Thür. Schnell drückte er ſich in den Schatten einer Säule, um nicht geſehen zu werden. Helene trat heraus, gefolgt von einem Bedienten, der ein Gebetbuch trug. Sie ſah ſehr bleich, ſehr ernſt aus, und ihre Kleidung war ſchwarz. Montalto betrachtete ſie und den Mann, der ihr folgte, es war ein ihm fremdes Geſicht. Deswegen ging er den Beiden zur Kirche nach. Helene trat hinein, um zu beten, der Diener lungerte draußen herum. Da redete ihn der Herzog an. — He Freund, ſagte er, bei dem ſchlechten Wetter ſteht es ſich ſchlecht vor der Thür, da iſt es drinnen beſſer. — Ich bin kein Freund vom Beten, verſetzte der Bediente gähnend. — Ich auch nicht, erwiderte Montalto, es dient ſich ſchlecht bei frommen Leuten, da giebt es viele Ermahnung und wenig Biergelder. Bei wem ſeid Ihr denn? — Bei der Frau Herzogin von Montalto. — So, ah, den Namen kenne ich, eine wohlthätige Frau, und wie geht es mit ihr, warum iſt ſie nicht auch in der Kirche? — Weil ſie krank iſt. Heiliger Chriſt, hätte ich das vorher gewußt, ich wäre nicht in das Haus gegangen, drei Bedienten hat ſie angeſteckt, und das nennt ſich fromm! — Ihr ſollet mir das erzählen, ich höre gerne von den Vornehmen, wie wäre es, wenn wir da drüben ein Gläschen mit einander tränken? — Ja, wenn ich hier nicht warten müßtei — Ei das dauert noch eine ganze Zeit, kommt doch, Kame⸗ rad, ich bezahle es. Der Bediente ließ ſich überreden. Montalto führte ihn in die Schenke und ließ Wein bringen, doch, nachdem er an dem erſten Glaſe genippt hatte, ſuchte er einen Vorwand hinaus, und wieder an die Kirchthür zu kommen. Es war die rechte Zeit, denn ſoeben trat Helene heraus und ſah ſich ſchon nach ihrem Bedienten um. Junge Mädchen gehen in Paris niemals allein über die Straße, wenn nicht der Geld⸗ erwerb ſie dazu zwingt, und nun brach ſchon die Nacht herein und die Plätze und Gaſſen waren voller Menſchen, die ſich in der — 707,— atten größten Aufregung befanden, die Republik, Rochefort und Gam⸗ raus, betta hoch leben ließen und den Kaiſer und die Kaiſerin ver⸗ ſch fluchten. Da trat der Herzog zu dem ſchüchternen Kinde heran. e es— Helene, ſagte er, kennſt Du mich nicht? zr Sie ſah ihn ſtarr an, dann ſchrie ſie auf: Qt — Mein Onkel, Sie, und in dieſer Verkleidung? — Fürchteſt Du Dich vor mir, ſcheuſt Du Dich, mit mir ht es zu gehen? — O, mein, lieber, guter Onkel, ich bin ſo froh, daß Sie iente wieder da ſind, und gewiß, die Tante wird es auch ſein. Er zog ihren Arm durch den ſeinigen. hlecht— Erzählte mir von J una, ſagte er, indem er ſie durch eni ſtillere Straßen führte. — O ſie wird glücklich ſein, Sie wieder zu ſehen, entgegnete das unbefangene Mädchen. Wie haben wir uns um ihretwillen geängſtigt! Acht Tage lang war ſie in der äußerſten Lebensgefahr, iche und jetzt noch iſt ihr liebes Geſicht ſo gunz mit rothen Flecken orher bedeckt, daß die Kammerfrau alle Spiegel entfernt hat, damit ſie nhat ſich ſelbſt nicht ſieht. Ich durfte nicht zu ihr, aus Furcht vor der Anſteckung, ich ſollte fort auf's Land, aber ich trotzte der Gefahr, den hatte ich doch genug zu thun. Margarethe, ihre Gouvernante und n ich, wir ſaßen an Raphael Gambi's Bett und laſen ihm vor und. aber Sie wiſſen nicht lieber Onkel, daß Raphael todt⸗ krank war, und daß ihn unſer guter Doktor durch eine faſt wun⸗ — derbare aber entſetzliche Kur gerettet hat, wie er die Tante Iduna rettete, die jetzt außer aller Gefahr iſt. un— Gott ſei dafür gelobt! ſeufzte der Herzog. 6— O nun wird Alles wieder gut werden! rief Helene. Sie kehren nach Hauſe zurück „Sie bringen die Knaben wieder, nicht wahr? Die Tante hat ſo ſehr gelitten, als ihr alle ihre Kinder fehlten, gewiß, auch ohne die Pocken, die Margarethe ihr aus der Penſion mitbrachte, wäre ſie krank geworden vor Kummer. Doch jetzt, da Sie wieder hier ſind... eld⸗ — Sie darf es nicht wiſſen fiel ihr der Herzog in das 5 — 708— Wort, ſie ſoll nicht ahnen, daß ich ihr nahe bin und daß ich mich nach ihr ſehne! — Aber warum nicht? fragte Heleue. Was iſt denn vor⸗ gefallen? Sie nahmen ihr Arthur und Richard, Sie werden ſie ihr wiederhringen und gewiß, die gute Tante vergiebt Ihnen. — Ja, ich werde ſie ihr wiederbringen, obgleich ich auf keine Vergebung hoffe, weder auf die ihrige noch. auf Gettes... Er murmelte dieſe letzten Worte vor ſich hin, Helene verſtand ihn nicht. — Ich muß wieder in den Krieg, fuhr er etwas gefaßter fort, das Vaterland verlangt meinen Arm, mein Herz iſt bei Euch. Ich will gut machen, was ich verſchuldet habe, ſo weit es mir möglich iſt, ſage das Iduna, wenn ſie genugſam hergeſtellt iſt. um es vernehmen zu können. Dort iſt das Haus, lebe wohl, Helene. — Onkel, dieſes Haus iſt das Ihrige, warum ſcheuen Sie ſich, es zu betreten? — Laß das, liebes Kind, es giebt Leiden, für die Du kein Verſtändniß haben kannſt, und die keine Wunderkur des Doktors heilt. Leb wohl, ich gehe in den Krieg zurück, und wenn Du von meinem Tode hörſt, ſo beweine mich nicht, aber laß mir ein ſtilles, einſames Grab bereiten... lebe wohl! Er entzog ihr ſeinen Arm und verließ ſie mit ſchnellen Schrit⸗ ten, Helene ſah ihm mit Erſtaunen nach, dann eilte ſie in das Huus hinein. Der Herzog ging durch die von Menſchen über⸗ füllten Straßen. Die Freude über die Abſchaffung des Kaiſer⸗ reiches war eine allgemeine, die Fenſter wurden illumninirt, Fahnen und Blumengewinde hingen von allen Balkons herab, und das Volk wogte durch die Gaſſen und ſang Freiheitslieder, als ſei Frankreich ein für alle Male von jeder Gefaht befreit, weil der Mann und ſein Haus beſeitigt war, dem man jetzt alles Ueble zuſchrieb und den man für alles Unglück verantwortlich machte. Der Herzog ſah mit einen Blick der Verachtung auf dieſe Leute, die noch vor Kurzem mit gleich lautem Jubelgeſchrei den Kaiſer und ſeine Gemahlin begrüßt hatten. Jetzt warf man die Bild⸗ ſäulen Louis Napoleons um und entfernte ſeine Bilder aus den vor⸗ nſe en. eine ſand aßter huch. mit t iſt vohl. Q ein oktors nDu ir ein Schrit hes iher⸗ aiſer⸗ ahnen d das ls ſei il der leble Aute Kuiſer Pil⸗ den — 709— öffentlichen Verſammlungsſälen. An den Ecken der Straßen las man Anſprachen an das Volk, welche die republikaniſche Regie⸗ rung im Namen der Freiheit erließ, Rochefort, Gambetta, Favre und die übrigen Mitglieder des Miniſteriums wurden mit lautem Vivat begrüßt, wo ſie ſich zeigten, auf die Schultern gehoben und wie im Triumphe umhergetragen, und ganz Paris befand ſich wie in einem Wonnerauſche. Niemand fürchtete mehr die fremdlän⸗ diſchen Feinde, da man die im Innern wirkenden verbannt hatte, und das freie, das republikaniſche Frankreich mußte ſiegen! Der Herzog begab ſich zu dem Doktor Vally, wo er ſeine Söhne wußte, er zitterte, zu erfahren, daß ſie bereits dahingeſiecht ſeien, wie ſo viele der unglücklichen Knaben, die man dieſem Manne überließ. Er ſollte Schlimmeres erfahren. Der Doktor wußte nichts über den Verbleib dieſer Zöglinge. Ein Schauder überlief den Herzog, er gedachte jener Nacht, in welcher zwei Knaben bittend vor ihm knieten, und er ſie von ſich ſtieß, weil ein Nebel ſeine Sinne umdunkelte. Wenn es wirk⸗ lich ſeine Söhne geweſen wären, wenn er die Unſchuldigen hinaus gewieſen hätte in Elend und Tod, wenn er den Mord an ihnen zum zweiten Male auf ſein Gewiſſen geladen hatte.. Er ſtürmte fort, er eilte in die ihm bekannte Wohnung des Pater Venturo.. er war nicht zu Hauſe, Niemand wußte von ihm, Niemand hatte ihn geſehen. Wo ſollte er ſeine Knaben ſuchen, wo Nachricht über ſie einholen? Er preßte die Fauſt Legen die Stirn, in ſeinem Gehirn begann es zu wirbels, o dieſe Strafe war zu hart, zu hart! Troſtlos irrte er durch die Stra⸗ den, das Singen und Jauchzen that ihm unendlich weh, er ſuchte eine abgelegene Gegend, dort ſtand ein düſteres Haus an der Ecke einer Gaſſe, die ein hoher Gartenzaun bildete. Die Fenſter waren mit Läden dicht verſchloſſen, hier zeugte kein Licht, keine Fahne von Freude und Luſt, es war ſehr ſtill, ſehr unheimlich Der Herzog ſtieg die ſteinernen Stufen hinauf und klopfte an die Thür... 80. Kapitel. Die republikaniſche Regierung. Es waren waghalſige Männer, die es verſuchten ſich gerade in dieſer Zeit an die Spitze des franzöſiſchen Volkes zu ſtellen, denn gewiß iſt es niemals leicht, eine ſo aufgeregte und leiden⸗ ſchaftliche Nation wie Die franzöſiſche zu regieren, aber in dieſem Augenblicke thürmten ſich Hinderniſſe auf Hinderniſſe. Die Armee des Marſchall Mac Mahon befand ſich durch die Kapitulation von Sedan in Kriegsgefangenſchaft, und Frankreich beſaß in dieſem Augenblicke nur die des Marſchall Bazaine, die in Metz eingeſchloſſen war, und die Beſatzungen der Feſtungen, die ſich gleichfalls nicht verwenden ließen. Nun hoffte man zwar damals noch mit Beſtimmtheit, Bazaine werde ſich durchſchlagen und als Retter des bedrängten Vaterlandes auftreten, dieſer Wahn erwies ſich aber von Tag zu Tage als immer trügeriſcher. Es galt demnach, ein neues Heer zu bilden, das Volk zu bewaffnen und eine Bür⸗ gerwehr zu ſchaffen. Indeſſen erwies ſich der neuernannte Kriegs⸗ miniſter Leflö nicht als befähigt, ein ſo großes Werk zu Ende zu führen, wenigſtens wurde im Auslande von ſeiner Wirkſamkeit nichts bekannt. Anders verhielt es ſich mit dem Manne, welchen ſchon der Miniſter Graf Palikao zum Kommandanten der Feſtungs⸗ werze von Paris ernannt hatte. Der General Louis Jules Trochu hatte ſich durch verſchiedene militairiſche Schriften bereits einen bekannten Namen gemacht, und ſeine Werke ſind in alle europäiſchen Sprachen überſetzt worden. Bei Hofe war er niemals gut angeſchrieben, denn er verfocht ſehr unerſchrocken ſeine Anſichten gegen den Kaiſer, der Alles am beſten wiſſen wollte, und gegen deſſen umgebung, die ſich natürlich auf die Saite des Herrſchers ſtellte. Noch befindet er ſich in dem rüſtigſten Mannesalter, denn er iſt acht⸗ zehnhundert und zwanzig geboren. Er wurde in der Militair⸗ ſchule zu St. Cyr gebildet und diente dann längere Zeit in Algier, —— —. rade llen, den⸗ ſem rmee tion Metz ſich nals als wies nuch, Bür⸗ iegs⸗ 3 nkeit chen ng⸗ ule reit⸗ lle mul hten ſſen Noch acht itait⸗ iet, — 711— wo er ſich durch Rechtlichkeit und Muth auszeichnete. Auch an dem italieniſchen Feldzuge nahm er mit Ehre Theil, und als er ſein fünfundzwanzigjähriges Dienſtjubiläum feierte, ernannte ihn Der Kaiſer, vielleicht ſehr gegen ſeine eigene Herzensmeinung, zum Großoffizier der Ehrenlegion. Als der böhmiſche Krieg das ungeheuere Uebergewicht der preußiſchen Waffen über die oeſterreichiſchen bewies, ſah man auch in Frankreich die Nothwendigkeit ein, Verbeſſerungen in der fran⸗ zöſiſchen Heerführung einzuführen, und jetzt erſt erkannte man die Richtigkeit der Grundſätze, welche der General, damals noch Oberſt Trochu in ſeinen Werken über den Krieg aufgeſtellt hatte. Zetzt vertraute man ihm dieſe durchgreifenden Veränderungen an, aber bald zeigte es ſich, daß die alte Art, der alte Schlendrian zu tief eingewurzelt war. Ueberall berief man ſich auf den Kaiſer Napoleon den Erſten, als ob die Verhältniſſe nicht ſeitdem ganz andere geworden wären. Trochu gerieth mit den Anſichten der Hofpartei in argen Widerſpruch, er fiel gründlichſt in Ungnade, und als der Krieg gegen die Deutſchen ausbrach, übertrug man die Heeresleitung unfähigen Händen, und gab ihm kein Kommando. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Trochu kein Anhänger eines Kaiſers ſein konnte, der ſeine Verdienſte ſo arg erkannte, doch ſtellte er ſich auch nirgends als Republikaner dar, man glaubte vielmehr von ihm, daß er ſich zu jener Partei bekenne, die die verbannte Familie Orleans wieder auf den Thron zu befördern wünſche. Dennoch widmete er ſich mit dem entſchiedenſten Eifer der Aufgabe, welche ihm jetzt übertragen wurde, und bald ge⸗ wannen die Pariſer das vollſte Vertrauen zu ihrem Feſtungs⸗ kommandanten. Auch den Marineminiſter Fourichon behielt man von Palikaos Regierung her bei, indeſſen zeichnete ſich die fran⸗ zöſiſche Flotte in dieſem Kriege nur wenig aus und beſchränkte ſich darauf ein paar Handelsſchiffe fortzunehmen und bei Rügen ſowie ſpäter in der Havanna mit unſeren Schiffen einige Schüſſe zu wechſeln. Weit einflußreicher als dieſer Miniſter war der der auswärtigen Angelegenheiten. Jules Favre iſt achtzehn⸗ hundert und neun zu Lyon geboren, und war von ſeiner Jugend — 712 an ein ganz entſchiedener Republikaner. Er ſtudirte Rechtsgelehr⸗ ſamkeit, wurde während der Regierung Louis Philipps Advokat, und zeichnete ſich als ſolcher aus. Da er eine große, oft hinrei⸗ ßende Beredſamkeit beſaß, ſo wählte man ihn oft als Vertheidi⸗ ger, und als ſolcher mußte er meiſt politiſche Prozeſſe führen, doch trat er ſpäter von der Beamtenlaufbahn zurück. Während der Februarrevolution im Jahre achtzehnhundert acht und vierzig als man die Republik ausrief, wurde er General⸗Sekretair, doch⸗ ſobald Louis Napoleon ſich zum Präſidenten dieſer Republik machen ließ, trat Favre von ſeinem Poſten ab und zog ſich ganz von aller öffentlichen Thätigkeit zurück. Da geſchah es, daß ein Italiener Namens Orſini einen Mord⸗ anſchlag auf den damals ſchon zum Kaiſer erwählten Louis Na⸗ poleon machte, er wurde gefangen und vor die Richter geſtellt, ſein. Vertheidiger aber war Jules Favre, deſſen Beredſamkeit nie mächtiger zündete, als da er ſie für einen Republikaner an⸗ zuwenden hatte; er rettete zwar nicht den Mörder von dem Blut⸗ gerüſte, aber er deckte die Fehler und Schwächen der Regierung auf, die ihm das niemals verzieh. Seit dieſer Zeit wurde er immer wieder in den geſetzgebenden Körper gewählt, wo er den heftig⸗ ſten Widerſpruch gegen die Maßregeln des Kaiſers erhob, gegen die Beſetzung Roms, gegen die Expedition nach Mexiko, gegen die Unterdrückuug der Freiheit im Innern. Und dieſen Wider⸗ ſpruch belegte er mit haarſcharfen Gründen, er bewies genau, wie ſchlecht Louis Napoleons Regierung war, aber man hörte ihn nicht. Als der Krieg gegen Deutſchland ſich vorbereitete, gehörte er zu den Wenigen, die ſich mit Entſchiedenheit dagegen ausſpra⸗ chen wie er jetzt mit Entſchiedenheit dafür ſprach, daß Frankreich keinen Fußbreit Landes, feinen Stein ſeiner Feſtungen an einen fremden Eroberer abtreten dürfe. Leon Gambetta ſtammt aus einer genueſiſchen Familie und iſt achtzehnhundert acht und drei⸗ ßig geboren. Schon ſein Aeußeres verräth den Südländer, und ſein Blut rollt lebhaft und ungeſtüm. Sein oft ſchwär⸗ meriſch blickendes Auge blitzt auf, wenn er in Feuer geräth, und ſeine ſonſt ſanfte Sprache ward zu einem Donner, wenn er der Regierung ihre Fehler vorhielt. Auch er war ehe⸗ lehr⸗ olat, nrei⸗ heidi⸗ hren, rend erzig doch publik ganz Rord⸗ eſtellt, mit r an⸗ Blut⸗ erwW mmer heftig⸗ gegen gegel Widel⸗ u, wie te ihn uſprl⸗ nkreich einen mt aus 5 brei⸗ rind ſcwir⸗ h. und wenn n he — 713— mals Advokat, doch zog ihn die politiſche Laufbahn mächtig an. Als er das Alter erreicht hatte, in welchem er in den geſetzgeben⸗ den Körper treten durfte, ſtellte er ſich in Warſeille wie in Paris als Candidaten des unverſöhnlichen Widerſpruches mit der kaiſer⸗ lichen Herrſchaft auf. Sein feuriges Weſen, ſeine gluthvolle Sprache erwarben ihm viele Anhänger, und dieſer noch ſo junge Mann wurde bald zu einer politiſchen Berühmtheit. Wenig hervor⸗ ragend ſind die Miniſter Joſeph Magnin und Dorian, denn weder für öffentliche Arbeiten noch für den Ackerbau wär gerade jetzt der geeignete Zeitpunkt gekommen. Eben ſo wenig fand der ſonſt ſehr hoch geachtete Jules Simon Gelegenheit, ſich in Bezug auf das ihm übertragene Cultusminiſterium hervorzuthun. Es bleibt alſo noch Iſaak Cremieux zu erwähnen, ein alter Mann, der ſchon ſiebzehnhundert und ſechs und neunzig von jüdiſchen Eltern zu Nimes geboren wurde. In Frankreich legte man den Iſraeliten, welche Rechtswiſſenſchaft ſtudiren wollen, keine Schwie⸗ rigkeiten in den Weg, und ſo konnte ſich Cremieux als Advokat und Vertheidiger, und während der Revolution von achtzehnhun⸗ dert acht und vierzig als Juſtizminiſter auszeichnen. Späterhin gab er ſich mit ſehr regem Eifer den Intereſſen ſeiner Glaubens⸗ genoſſen hin, er war der Vorſitzende eines Vereins, der ſich iſrae⸗ litiſche Allianz nannte und als ſolcher beſuchte er noch in der neuſten Zeit Deutſchland, wo ſich ſeine ehrwürdige Erſcheinung namentlich in Berlin viele Freunde erwarb. Zetzt übernahm er aufs Neue das Miniſterium der Juſtiz doch mag ihm die ſchwie⸗ rige Aufgabe wohl ſchon manche Sorge gemacht haben. Die Weisheit der Alters ſtimmt ſchlecht zu dem raſtloſen Eifer der Jugend, Cremieux und Gambetta, das iſt wie Feuer und Waſſer. Mögen ſie beide daſſelbe wollen, ſo will es ſicher ein Jeder auf andere Weiſe, der Alte ſchilt den Jungen wegen ſeiner Maß⸗ loſigkeit, der Junge tadelt den Alten, weil ihm das zurück⸗ haltende Weſen zuwider iſt wie ſoll aus ſolchem Zwieſpalt Gutes entſpringen? Der bedeutendſte Mann in der Republikaniſchen Regierung, in der er übrigens keine feſte Stellung einnimmt, iſt jedoch Louis Adolph Tbiers. Er iſt im Jahre ſiebzehnhundert und ſieben und neunzig in Marſeille — * geboren, und ſeine Eltern waren ſo arm, daß ſie ihn nicht zur Schule ſchicken konnten. Der ſehr begabte Knabe hatte aber wohlhabende Freunde, die ſich ſeiner annahmen und für ſeine Ausbildung Sorge trügen, und er benutzte dieſe ihm dargebotene Wohlthat ſo gut, daß er ſchon mit achtzehn Jahren die Akademie zu Aix beſuchen konnte. Hier ſtudirte er die Rechtswiſſenſchaften und wurde Advorat. Das einförmige Studium genügte jedoch ſeinem raſtloſen Geiſte nicht er beſchäftigte ſich mit Geſchichts⸗ forſchungen, mit Politik und mit Nationalvekonomie, und fing an, ſich als Schriftſteller hervorzuthun. Bekannt iſt ſeine Geſchichte der franzöſiſchen Revolution, die ihm einen bedeutenden Ruf er⸗ warb. Bald trat er auch als Abgeordneter in die Kammer ein und wurde der Hauptanführer der freiſinnigen Partei. Mit einer außerordentlichen Beredſamkeit ausgeſtattet, machte er ſich ſeinen Gegnern furchtbar. Damals regierte noch der König Karl der Zehnte aus dem Hauſe der Bourbons, und um ſeine allerdings ſehr ſchlaffe Herrſchaft zu beſeitigen, gründete Thiers eine Zeitung., die viel dazu beitrug, den macht⸗ und willenloſen König zu ſtürzen und die Julirevolution herbeizuführen, durch welche Louis Philipp von Orleans auf den Thron kam. Thiers gehörte mit zu der Deputation, welche dieſem in der Schweiz als Lehrer lebenden Herzog die Krone antrug, und der ſo unerwartet zu einem Throne Berufene zeigte ſich ihm dankbar, indem er ihn zu ſeinem Staatsrath ernannte. Als treuer Freund des ſogenannten Bürgerkönigs ſtieg er nun von Stufe zu Stufe, bis er endlich mit dem bekannten Guizot zuſammen in das Mi⸗ niſterium eintrat. Er hatte jedoch ſelber ſo eifrig an der Beſei⸗ tigung eines franzöſiſchen Herrſchers gearbeitet, daß er jetzt für den anderen fürchtete. Um ſeinen Thron zu ſtützen, ſchlug er die Befeſtigung von Paris vor. Rings um die Stadt herum ſollte ſich ein Kranz von feſten Werken ziehen, die ebenſo geeignet waren, einem von außen kommenden Feinde Widerſtand zu leiſten, wie ſie ſich anwenden ließen, im Innern von Paris die Revolution zu bekämpfen. Indeſſen drang er mit dieſem Plane nicht ſo ſchnell durch, wie er es wünſchte, denn die Oppoſition, an deren Spitze er ehemals geſtanden hatte kehrte ſich nun gegen ihn ſel⸗ ber. Pri gen end 8hi bete Be laſſ Feie val ſer die wic Pla dur Kö vat ſeir wid geg neh din rer nig her der vo de ne ent geij Len zur ber eine tene mie ften och his⸗ an, ichte er⸗ ein inet inen der ng ng, M elche der der lbar eund uf Re eſe t für r die ſolle ren, wie ſtion t ſo deren ſih uRM Aen — 715— ber. Dennoch hielt er ſich in ſeinem Amte und wurde ſogar Präſident des Miniſteriums und leitete die auswärtigen Angele⸗ genheiten, bis es der Oppoſition in dem geſetzgebenden Körper endlich doch gelang, ihn zu ſtürzen. Jetzt, da der König anderen Rathgebern folgte, ſagte ihm Thiers die Freundſchaft auf, er trat wieder an die Spitze der li⸗ beralen Partei und griff die Politik des Hofes ſcharf an. Indem er die Geſchichte des Kaiſerreiches ſchrieb, erweckte er auf's Neue die Begeiſterung für Rapoleon Bonaparte, und auf ſeine Veran⸗ laſſung wurde die Aſche dieſes gewaltigen Eroberers unter großen Feierlichkeiten von St. Helena geholt und in Paris in dem In⸗ validenhauſe beigeſetzt. Er ahnte damals nicht, daß aus die⸗ ſer künſtlich erzeugten Liebe für den erſten Kaiſer ſich ſpäterhin die Berufung ſeines Reffen auf den franzöſiſchen Thron ent⸗ wickeln ſollte. Wieder in das Miniſterium berufen, nahm er den alten Plan, Paris zu befeſtigen, wieder auf und führte ihn glücklich durch, bis er ſich im Jahre achtzehnhundertundvierzig mit dem König Louis Philipp veruneinigte und wieder in das Pri⸗ vatleben zurücktrat, um ſich ſeinen geſchichtlichen Studien und ſeiner politiſchen Thätigkeit in dem geſetzggebenden Körper zu widmen. Er hatte jedoch das Miniſteramt nur niedergelegt, um gegen ſeine Nachfolger den entſchiedenſten Kampf wieder aufzu⸗ nehmen, und wie er ſchon ſo emſig dazu beigetragen hatte, Karl den Zehnten zu ſtürzen, ſo waren es vorzüglich ſeine Kammer⸗ reden, welche das Ende von Louis Philipps Regierung beſchleu⸗ nigten. Mit außerordentlicher Schlauheit verſtand er es von je⸗ her, der Eitelkeit der Franzoſen zu ſchmeicheln und ihnen mit dem Ruhm der großen Nation die Augen zu blenden. Die von ihm angeregte theilweiſe Befeſtigung von Paris ſicherte nicht den Königsthron, der im Jahre acht und vierzig ſtürzte. Thiers überdauerte auch dieſen Regierungswechſel, und dem neuen Kaiſer der Franzoſen trat er ebenſo als Oppoſitionsmann entgegen, wie ſeinen Vorgängern. Das Alter hat weder ſeine geiſtigen noch körperlichen Kräfte geſchwächt, ſein Blick iſt klar genug geblieben, um alle Fehler der Regierung zu durchſchauen, — 716— und darum erkannte er es auch als ein höchſt gewagtes Unter⸗ nehmen als Louis Napoleons thörichte Politik Preußen zum Kriege zwang. Drei Herrſcher ſah er auf Frankreichs Thron, und zweimal erlebte er das Ausrufen der Republik, doch bei keiner dieſer Gelegenheiten fehlte ſein gewichtiges Wort, und immer ſtand er an der Spitze ſeiner Partei. Noch ſei es uns geſtattet, bei dieſer von allem Nationalhaſſe freien Schilderung der unſerem Volke entgegenſtehenden Männer, einer hervorragenden Perſönlichkeit zu erwähnen, der wir ſpäter öfters begegnen werden. Es iſt dies ein Neugrieche, der jedoch in Frankreich das Licht der Welt erblickte; Bourbaki iſt ſein Name. Von ſeinen früheren Verhältniſſen weiß man wenig. Frankreich führte ſo viele Kriege und führte ſie oft unter ſo ſeltſamen Ver⸗ hältniſſen, das die meiſten ſeiner Generale mehr oder weniger Abenteurer ſind, die in die Armee eintraten, um ihr Glück zu machen, die Nichts zu verlieren, aber Alles zu gewinnen hatten, und deren ganzes Geſchick mit dem Glücke ihrer Waffen zuſam⸗ menhing. Bourbaki trat achtzehnhundertſechsunddreißig un⸗ ter die Zuaven. Es ſind die Regimenter, welche aus Fran⸗ zoſen und Ausländern in Afrika und nach afrikaniſchem Zu⸗ ſchnitte gebildet werden. Hier, wo der Krieg mit Halbwil⸗ den und gegen Halbwilde in der bekaunteu Weiſe oft un⸗ ter unmenſchlicher Grauſamkeit geführt wurde, fand er bald Gelegenheit, ſich auszuzeichnen. Er trat in die Fremdenlegion und ſtieg von Stufe zu Stufe, bis er ſich endlich als Chef dieſes aus hergelaufenem Geſindel aller Art beſtehenden Korps erblickte. In dem Kriege gegen die Kabylen zeichnete er ſich ſe ſehr aus, daß der kommandirende General dem Kaiſer darüber den ehren⸗ vokkſten Bericht abſtattete. Jetzt war ſein Ruf gemacht, und er verſtand es, ihn in der Krim und in dem italieniſchen Feldzuge noch feſter zu begründen. An die afrikaniſche Wildheit gewöhnt, ſieht er in dem Kriege Nichts als ein freudiges Einſtürmen, au den Feind ein blutiges Gemetzel und die Wolluſt, ſeinen Feind zu morden. In der Schlacht bei Gravelotte fand er wenig Ge⸗ zegenheit, ſich hervorzuthun. Bazaines Schlachtplan war ſo jäm⸗ merlich, daß er ganze Theile ſeiner Streitkraft unbenutzt ließ, während ihm Ku rat ſeh St die de + e— S Unter⸗ zn u n und keiner immer heſſe änner ſpätet jdoch Name. ankteih n Per⸗ veniger lück zu hatten wem⸗ i s Fran⸗ en 36 olbi⸗ oſt u⸗ er hald nlegion dieſes erbkn. ht a n ehren und ſeldu gewöhn zen a n ßeind enig 6 ſo jin vijnd 717— ihm doch das kräftigfte Zurückſtoßen des Feindes Noth that. So mußte denn Bourvaki das ruhmloſe Schickſal ſeiner Kriegskame⸗ raden theilen, er wurde in Metz eingeſchloſſen, aber wir werden ehen, in welch' einer abenteuerlichen Weiſe er ſich aus dieſer Stadt zu entfernen wußte Am fünften September verkündete die„amtliche Zeitung der franzöſiſchen Republik“ die Einſetzung der Regierung der National⸗Vertheidigung. Zugleich wurde die Polizeigewalt in Paris, die früher Pietri in Händen gehabt hatte, dem General Keratry übertragen. Am ſechſten erließ Jules Favre ein Rundſchreiben, in welchem er erklärte, daß die franzöſiſche Regierung entſchloſſen ſei, keinen Zoll breit Landes und keinen Stein einer franzöſiſchen Feſtung abzutreten. Er ſagt in dieſem Schriftſtück: Die Herrſchaft Louis Napoleons liegt am Boden, das freie Frank⸗ reich ſteht auf. Will der König von Preußen einen ſcheußlichen Krieg fortſetzen, der ihm ebenſo verhängnißvoll wie uns ſein wird, os ſteht ihm frei. Er übernehme dann auch die Verantwortlich⸗ keit vor der Welt und der Geſchichte. Ein ehrloſer Friede wäre für uns eine Vernichtung in kurzer Friſt. Wir werden nur wegen eines dauerhaften Friedens unterhandeln. Dabei iſt unſer Intereſſe das von ganz Europa. Aber ſollten wir auch allein bleiben, wir werden nicht wanken. Wir beſitzen eine entſchloſſene Armee, gut verſorgte Feſtungen, einen gut angelegten Feſtungs⸗ gürtel, und vor allem eine Zahl von dreimalhunderttauſend Soldaten, entſchloſſen bis auf den letzten Mann ſich zu halten. So hochtrabende Worte gebrauchte man, um ſich ſelber Muth und den Feinden Schrecken einzuflößen. Wo waren ſie denn, dieſe dreimalhunderttauſend Mann? Mehr als der dritte Theil ſteckte in Metz ein anderes Drittel war auf die übrigen Feſtun⸗ gen vertheilt und was übrig blieb, war muthlos und kampfes⸗ unluſtig. Aber ohne ſchönklingende Worte und Prahlerei thun es nun einmal die Franzoſen nicht. 81. Kapitel. Der Vormarſch auf Paris. Wckhrend die Armee des Prinzen Friedrich Karl mit einem Theile der erſten noch unter General Steinmetz ſtehenden bei Metz zurückblieb, um die Belagerung fortzuſetzen, ergriff König Wilhelm das Kommando des anderen Theils jener erſten Armee und führte ſie von Sedan weiter auf Paris zu. In derſelben Richtung aber auf anderem Wege führte der Kronprinz Friedrich Wilhelm die dritte, und nördlicher der Kronprinz Albert von Sachſen die vierte Armee. Dieſe letztere hatte den Vorſprung, während der Kronprinz von Preußen ſeinen Truppen, die, um von Chalons nach Sedan zu gelangen, einen weiten Umweg gemacht hatten, um bei dieſem entſcheidenden Schlage mitzuwirken, einige Ruhe gönnte. Der König ging von Donchery bei Sedan über Rethel nach Rheims, jener Stadt, in welcher die früheren Könige von Frankreich ſich krönen ließen. Hier hielt er am fünften September ſeinen Einzug. Die erſchrockenen Vewohner eilten zuſammen, um den ſiegreichen Fürſten zu ſehen, der ihr Geſchick in ſeinen Händen hielt, aber ſein freundliches Grüßen beruhigte ſie bald. Auf dem Wege dahin hatten die Truppen nur einmal Widerſtand gefunden und zwar in dem Dorfe Lavanre. Hier zeigte ſich der erſte Trupp ven Freiwilligen oder Mobilgarden. Sie ſchoſſen aus den Häuſern heraus auf die Einrückenden und verwundeten Ei⸗ nige. Sogleich ſtürzten ſich die über ſolch einen hinterliſtigen Angriff empörten Krieger in die Häuſer hinein und holten ſich das mobile Geſindel heraus. Da gab es denn ein ſchreckliches Strafgericht, nicht nur für die ſogenannten Franctireurs oder freien Schützen, ſondern auch über das Dorf, welches ſolche Schurken bei ſich geduldet hatte Man mußte einmal ein Beiſpiel kiefern, damit die Leute ſich künftig beſfer in Acht nehmen, ein Feuerbrand, auf das nächſte Strohdach geworfen, war ein furcht⸗ — bare Unt Bq nuc die den nich wol gen Kar Vut nun rch Jol Ko nei zau dan ner ein hin ſich Lei eiſ Mi ihr ſch einem ei Met zilhelm e und ichtung iheln ſen die d der zalons hai Ruhe Rethel K von tembet en um ſeinen erſtd ſich der en aus ten E⸗ rhligen en ſich 3 odel ſolh geiſpil en ein ſuh — 719— bares Denkzeichen, und als die Deutſchen weiter marſchirten, tönte ihnen noch lange das Wehklagen der abgebrannten Bauern nach. Ueberall wurden die waffenfähigen Männer davor gewarnt, ſich Feindſeligkeiten gegen die deutſchen Soldaten zu erlauben, überall machte man bekannt, daß die Konſkription aufgehoben ſei, aber die Leute ſollten doch erſt durch ihren eigenen Schaden klug wer⸗ den. Rheims füllte ſich mit Truppen an, es gab kein Haus, das nicht von unten bis oben voller Soldaten lag. Der König wohnte in dem erzbiſchöflichen Palaſte dicht neben der ehrwürdi⸗ gen Kathedrale, in welche die Jungfrau pon Orleans den König Karl führte, um ihn krönen zu laſſen, und vor der ihr eigener Vater ſie als Hexe verfluchte. Hier entſann ſich Mancher der wundervollen Schilderung dieſer Scene, die uns unſer Schiller gedichtet hat. Der König fuhr in einem offenen Wagen, und ſein Blick ruhte ſinnend auf dem herrlichen Bau, der aus dem dreizehnten Jahrhundert ſtammt, und viele Ueberreſte von Heiligen und viele Koſtbarkeiten enthält. Die Soldaten eilten in großer Menge hi⸗ nein, um da ihre Andacht zu verrichten. Sie knieten in dem zauberhaften Lichte, welches durch gemalte Fenſter fällt, und dänkten Gott für ihre bisherige Rettung und baten ihn, ſie fer⸗ nechin zu ſchützen. In dem erzbiſchöflichen Palaſte befindet ſich ein hoher Saal, in welchem die Bilder aller franzöſiſchen Könige hängen, hier verſammelte der Herrſcher Preußens ſeine Offiziere um ſich und ſprach ihnen feine allerhöchſte Zufriedenheit mit ihren Leiſtungen aus. Er redete noch zu ihnen, als drauſen in dem durch ein eiſernes Gitter von der Straße getrenntem Vorhofe rauſchende Muſik ihn unterbrach. Es waren die vereinigten Muſikkorps, die ihrem Könige ein Ständchen brachten. Die Einwohner von Rheims ſammelten ſich dabei in großen Haufen und lauſchten auf die Klänge von: Heil Dir im Siegeskranz, die Wacht am Rhein und Was iſt des Deutſchen Vaterland. Dabei zeigte ſich denn, wie gut es die Soldaten verſtanden hatten, ſchnelle Freund⸗ ſchaft mit ihren Wirthsleuten zu ſchließen, denn Viele hatust — 720— ſchon eine hübſche Dirne am Arm, und Manche ließen ein Kind auf ihrer Schulter reiten, um ihm die rothen Helmbüſche der Muſikanten und dort oben am Fenſter den alten Herrn zu zeigen, der ſo freundlich herniederblickte. Am anderen Morgen beſuchte der König die Kathedrale und beſah ſich die geſchichtlichen Merkwürdigkeiten der Stadt. Zu dieſen gehört der Gaſthof, in welchem die Familie der Jungfrau von Orleans logirte, während die Krönung Karl des Siebenten ſtattfand. Ein anderes wichtiges Gebäude iſt das Rathshaus. Dorthin brachten die Einwohner von Rheims ihre Waffen, die ſie auf Befehl des kommandirenden Generals binnen vierund⸗ zwanzig Stunden abliefern mußten. Es waren viele Gewehre, und leicht ließ ſich errathen, daß man ſich hier bereits auf eine Volkserhebung vorbereitet hatte. Dennoch blieb die Stadt ganz ruhig, die Läden, welche man anfangs geſchloſſen hielt, öffneten ſich wieder, und Soldaten und Offiziere machten ihre Einkäufe. Zwiſchen den Wirthen und ihrer Einquartierung entſpann ſich bald ein vertrauliches Verhältniß, man ſah ſie oft Arm in Arm durch die Straßen gehen, und als ſie ſcheiden mußten, geſchah es mit dem herzlichen Wunſche des Wiederſehens. Doch während hier die tapferen Krieger einer kurzen Raſt genoſſen, bereitete ſich an einem andern Orte eine abſcheuliche Schandthat vor. Der Herzeg Wilhelm von Mecklenburg rückte mit ſeine Kavalleriediviſion weiter vor und kam zu der Feſtung Laon. Er ſchickte den Ulanenlieutenant von Rohr als Parlamen⸗ tair in die Stadt und ließ den Kommandanten zur Uebergabe auffordern. Dieſer erbat ſich Bedenkzeit bis zum Nachmittag um vier Uhr, was man ihm bereitwillig zugeſtand. Als es nun ſo weit war, ſandte der Herzog den Oberſten von Alvensleben mit einem ſtattlichen Gefolge von Soldaten und einer reitenden Bat⸗ terie nach Laon und gab ihm die Kapitulationsbedingungen ſchriftlich mit. Doch wider Erwarten machte der Kommandant jetzt neue Schwierigkeiten und verlangte eine weitere Friſt, um ſich zu bedenken als er jedoch ſah, wie viele Truppen ſich um Laon ſammelten, und daß auch ein Jägerbataillon vor dieſer Stadt eintraf, entſchloß er ſich endlich zu dem ſchweren Schritt, unt na Tr um ſo alle fra he alle bei heſ ord und der Bl gel in Ma geg ßiie W gel un til die her un bli ſu Deu in Kind iſche der tzeigen rale und dt. Zu ungſrau iebenten thshaus. ſen, die vierund⸗ ewehre auf eine dt ganz öffneten inkäufe un ſich in Arm zen Ruß ſcheulihe r rückte hyſtun vlowen⸗ bergabe ittag 1h n ſo cben mit en Bu vungen nandant tiſt, um ſch umn t diſ Schriti — 721— und der Oberſt von Alvensleben kehrte in das Hauptquartier nach Eppes zurück und meldete, daß die Feſtung ſich mit allen Truppen und ſämmtlichem Armeematerial am nächſten MWorgen um elf ein halb Uhr übergeben wolle. Darauf rückte die Divi⸗ ſion in Laon ein, die beiden Batterien fuhren vor der Stadt auf, alle Straßen um die Feſtung herum wurden beſetzt, damit die franzöſiſchen Truppen nicht heimlich entweichen könnten und die Jäger ließen eine Kompagnie in den Vorſtädten, um dieſe zu beſetzen, eine andere marſchirte auf den Marktplatz und beſetzte alle Ausgänge der Eitadelle, und der Diviſionsſtab ging mit den beiden Brigadeſtäben und der vierten Kompagnie arglos in die Feſtung hinein. Vorräthe, Feſtungsgeſchütz Armeematerial, Alles ſollte hier ordnungsmäßig an die zur Empfangnahme beſtimmten Beamten und Offiziere abgeliefert werden. Am Eingange ſtand eine Wache der Mobilgarde und betrachtete die Eintretenden mit wüthenden Blicken. Sie wurde ſogleich entwaffnet und durch die Jäger ab⸗ gelöſt. Auf dem Hofe ſtand die Garniſon der Feſtung bereits in der Erwartung der Sieger, es waren ungefähr zweitauſend Mann Mobilgarde und ein Regiment Infanterie. Daß der Kommandant ſich mit ſo wenig Leuten einer ſolchen Uebermacht gegenüber nicht hielt, verdachte ihm Niemand. Die deutſchen Of⸗ fiziere traten ihm mit der größten Artigkeit entgegen und be⸗ grüßten freundlich ſeine Offiziere. Dieſe mußten ihr Ehrenwort geben, in dieſem Kriege nicht mehr gegen Deutſchland zu kämpfen und wurden alsdann mit allen ihren Waffen entlaſſen. Die Ge⸗ meinen dagegen mußten Gewehre und Säbel abgeben, die Mo⸗ bilgarde mußte ſich ſchriftlich verpflichten, nichts feindſeliges gegen die Sieger zu unternehmen, und konnte alsdann nach Hauſe ge⸗ hen, die Jufanterie dagegen betrachtete man als Kriegsgefangene und ſchickte ſie unter Bedeckung fort. Als dies geſchehen war, blieb der Kommandant mit einigen ſeiner Offiziere in dem Fe⸗ ſtungshofe zurück und unterhielt ſich ganz liebenswürdig mit den deutſchen Herren. Da plötzlich, als der letzte Mann der Mobilgarde das Thor D. V 16 722 der Citadelle hinter ſich hatte, erfolgte zwei Mal hinter einander ein furchtbares Krachen, es war, als bräche die Erde in ihren Fu⸗ gen zuſammen. Rauch und Staub wirbelten empor und hüllten die Anweſenden in eine undurchdringliche Wolke ein, dazwiſchen tönte ein gräßliches Aechzen und Schreien. So mag es ſein, wenn ſich plötzlich der Schlund der Hölle aufthut und Tod und Verderben ausſpeit. Es waren Augenblicke grenzenloſer Angſt. ſchrecklichſter Ruchloſigkeit. Was war geſchehen, wie ließ ſich dieſe plötzliche Finſterniß verſcheuchen, die ſelbſt das Nächſte unſichtbar machte, woher kam dieſes entſetzliche Jammergeſtöhn? Die Wolke vertheilte ſich, und... Himmel! welch ein An⸗ blick bot ſich dar! Der größte Theil der Citadelle war in die Luft geſprengt, wild und wüſt lagen die Trümmer übereinander, aus welchen dichter Rauch emporſtieg, ein Pulverqualm erfüllte die Luft, auf der Erde lagen verſtümmelte Menſchen, und nach allen Seiten waren Theile menſchlicher Leiber geflogen. die unglücklichen waren völlig auseinandergeriſſen, Arme, Beine, zer⸗ ſchmetterte Hirnſchädel, Blut und Fleiſchfetzen hingen in entſetzen⸗ erregenden Maſſen an den zertrümmerten Mauern.. Was war geſchehen? Man hatte den niederträchtigſten Verrath geübt! Nicht umſonſt hatte der Kommandant ſich zwei Mal Bedenkzeit erbeten, ſie war dazu benutzt worden, eine Mine unter das Pulvermagazin zu legen. Nun, da die Deutſchen ſich in dem Feſtungshofe ver⸗ ſammelten, hielt man ſie mit falſcher Freundlichkeit feſt, ließ den letzten Franzoſen hinaus und legte alsdann Feuer an die Mine. Der ganze Pulvervorrath, eine Menge Bomben und Granaten und ſämmtliche Patronen... Alles ging in die Luft. Die Zer⸗ ſtörung war entſetzlich. Krachend fielen die gewaltigen dicken Mauern zuſammen, knatternd explodirten noch nachher die Patro⸗ nen, die Bomben flogen umher wie Bälle, die muthwillige Kna⸗ ben werfen, große Steine ſauſten mitten in die Stadt hinein und über die Mauern hinweg, und die Unglücklichen, welche ſich in dem Hofe befanden, wurden von Schutt und Trümmern faſt be⸗ graben. Kaum Einer kam unverſehrt davon. Im Anfange ließ ſich der Schaden gar nicht überſehen, denn nicht nach Leichen vermochte man ihn zu zählen. Wer konnte nander en ſu⸗ hüllten wiſchen ſein, d und Angſt h dieſe ſchtbar in An⸗ in die nander, erfülle dnach M. M⸗ niſchen⸗ as war icht erbeten, nngin ſe vel⸗ eß den WMnt⸗ rannten die Zu⸗ n diden Patb⸗ ge Kn⸗ ein und ſch in ſne en dn punte — 723— aus dieſen zerfetzten Körpertheilen diejenigen erkennen, denen ſie einſt gehört hatten? Der Herzog Wilhelm war am Oberſchenkel verletzt, und daß ſeine Wunde nur leicht war, verdankte er dem Operngucker, den er in der Hoſentaſche trug und an welchem ſich die Gewalt, des Stoßes brach. Ein Hauptmann lag todt und gräßlich verſtümmelt auf dem Platze, viele andere Offiziere hatten ſtarke Quetſchungen erhalten, indem ſie von Mauerſtücken getrof⸗ fen und zu Boden geſchlagen wurden, auch dem Diviſionspfarrer war ein Stein gegen die Bruſt geflogen und hatte ihn ſtark ver⸗ letzt. Aber auch der franzöſiſche Kommandant der Feſtung, Ge⸗ neral Theremin d'Ham war ſelber ſchwer verwundet worden und ſtarb ſpäter unter gräßlichen Schmerzen, die er als eine gerechte Strafe hinnehmen mochte, wenn er die Urſache ſolcher Abſcheu— lichkeit wirklich war. Der Bürgermeiſter der Stadt wurde ver⸗ haftet, aber es ſtellte ſich heraus, daß wenigſtens er unſchuldig an dem Verrathe war, man ſchob endlich Alles auf einen Unter⸗ offizier, welcher die Schlüſſel zu dem Pulvermagazin beſaß und der ſeine That mit dem Leben büßte. Es war der blindeſte Nationalhaß, der dieſes Schreckliche herbeiführte, das überall, wo ſich die Kunde davon verbreitete. Grauen und Entrüſtung hervorrief. Der König war außer ſich und befahl eine ſtrenge Unterſuchung der Sache, aber wie konnte dieſe ſtattfinden, wo die Schuldigen ſich in der Racht des Grabes befanden? Der Kronprinz verweilte damals noch mit ſeinen⸗ Vater in Rheims und trug mit ihm dieſes ſchwere Leid, dane aber trennten ſich die beiden fürſtlichen Herren, und der Kror⸗ prinz ſetzte ſeinen Weg weiter fort. Alle Dörfer, die ſich auf ker Landſtraße befanden, wurden mit Infanterie beſetzt, damit die nachfolgenden Lebensmittel, Kriegsmaterialien, Lazarethe, Telegra⸗ phenabtheilungen und der Train ungehindert dem Heere zu fol⸗ gen vermochten. Bei Epernay wurde ohne Aufenthalt die Marne überſchritten. Man befand ſich jetzt in der Champagne, und hier bezog der Kronprinz ein ſtattliches Schloß, in welchem er mit ſei⸗ nem Hofſtaate wohnte und die Büreaus ſeiner Beamten aufſchla⸗ gen ließ. Nichts gleicht dem Reize, welchen dieſer Aufenthalk 46* — 724— darbot. Das dreiſtöckige Gebäude geſtattete einen weiten Blick über das anmuthige Marnethal. Die Rebengelände, von welchen man den ſchäumenden Wein gewinnt, ſenken ſich ſanft und all⸗ mälig ab und gehen in fruchtbare Wieſenflächen über. Weiterhin erſtrecken ſich dichte Eichen⸗ und Buchenwaldungen. Das Schloß ſelber iſt von den ſchönſten Gartenanlagen umgeben, und die Zim⸗ mer ſind mit großem Luxus und mit dem feinſten franzöſiſchen Geſchmack ausgeſtattet. Wer nach ſo ſchwerer Arbeit, nach ſo harten Kämpfen, nach ſo gräßlichem Blutvergießen hier raſten durfte, dem mochte es ſein, als habe ihn eine Zauberin in ihren Kreis gelockt, um ſeine Sinne mit Bildern des Wohllebens zu umne⸗ beln und ihm die Luſt an weiteren Kämpfen zu benehmen. Der Kronprinz von Preußen durfte ſich nicht den Süßigkeiten eines ſolchen Aufenthaltes hingeben, ihn trieb es unaufhaltſam weiter zu neuen Thaten und neuen Siegen. Das Hauptquartier des Königs folgte von Rheims nach Schloß Thierry in dem ſtärkſten Marſche, den eine Armee zu lei⸗ ſten im Stande iſt. Die Leute in Rheims und überall auf dem Wege ſtanden in Haufen bei einander und betrachteten den König Wilhelm und Herrn von Bismark, auf den ſie beſonders neu⸗ gierig waren, und den ſie ſich ſo ganz anders vorgeſtellt hatten. Gewöhnlich war der Ortsgeiſtliche bei ihnen und erklärte Alles, was er wußte oder wie er es ſich dachte. Die immer ſchöner werdende Gegend entzückte ein jedes Auge. Das Thal der Marne gleicht einem Garten, der Obſt und Wein in der üppigſten Fülle hervorbringt. Auf den Hügeln liegen die reizendſten Luſthäuſer, die ſich die reichen Weinhändler erbauen und mit allem Luxus ausſtatten. In den Dörfern herrſcht rege Thätigkeit, das Arbeiten wird den Leuten nicht ſchwer, wo ſich die Natur willig zeigt, das Beſte hervorzubringen. In den Städ⸗ ten ſieht man ſchöne grade Straßen, prächtige Promenaden, reich⸗ geſchmückte Läden. Der Handel mit Getreide, Wolle und Vieh iſt der blühendſte in Frankreich. Der Käſe von hier wird durch die ganze Welt verſchickt, ebenſo die eingemachten Früchte. Es iſt ein geſegnetes Land. Als der König ſein Hauptquartier nach Meaux verlegte, be⸗ — e ten Blid welchen und all⸗ Weiterhin Schloß die Zim⸗ nſiſchen nach ſo en durfte, en Kreis zu umne⸗ en. Der ten eines m weitet us nach e zu Ui⸗ auf dem den König ders nel⸗ Ut hatten. irte Me, des Aule und Wein eln liegen ler erbulen enſcht eg⸗ n den Städ⸗ den, wi und Pi wird du⸗ rücht⸗ 8 erlegle bu — 725— fand er ſich nur noch fünf deutſche Meilen von Paris entfernt, und hier ſollte ſich die Hauptmacht vereinigen. Nun aber begann die Wirkſamkeit der Rationalregierung ſich bemerklich zu machen. Ueberall fand man die Brücken zerſprengt, die Eiſenbahnen auf⸗ geriſſen, die Chauſſeen durch breite Gräben oder Verhaue unweg⸗ ſam gemacht. Dieſe kleinliche Maßregeln konnten zwar das Vor⸗ dringen der deutſchen Heere verzögern, aber es nicht verhindern. Deutlich zeigte es ſich, daß Frankreich jetzt noch keine neue Armee be⸗ ſaß, die es dem Feinde hätte gegenüber ſtellen können, denn die Scharmützel, die hier und da ſtattfanden, waren kaum der Rede werth. Die Vorpoſten kämpften ſchon zwei Meilen vor Paris, in der ſicheren Hoffnung, ſehr bald in dieſe Stadt einziehen zu können. Sie gingen am ſechszehnten September über die Seine, aber hier machte man ihnen den Vormarſch ſchwer, und ſie mußten ſich das entgegengeſetzte Flußufer durch heftige Kämpfe gewinnen. Aber es kämpft ſich gut, wenn man ſein Ziel ſo deutlich vor Augen ſieht. Unterdeſſen verließ der Kronprinz däs reizende Schloß Bour⸗ ſault und ging die Waldſtraße entlang, die über den Höhenkamm des linken Marneufers führt. Unterweges zeigte es ſich, welchen Schrecken die Ankunft der Deutſchen den Franzoſen bereitete, denn in den Städten nahe um Paris war Alles geflüchtet, was die Geldmittel dazu beſaß. Ganze Häuſer ſtanden leer, denn die franzöſiſchen Zeitungen hatten die Grauſamkeit unſerer Krieger ſo haarſträubend geſchildert, daß den armen Leuten gräulich Angſt geworden war. Dieſe Furcht ſchwand nun ſogleich, wenn man die gemüthlichen Baiern und Würtemberger ſah, die dem Kron⸗ prinzen folgten, wie die ſchöne und edle Geſtalt dieſes jungen Helden ſichtlich gefiel. Dem König gefiel es nicht in Meaux und er verlegte ſein Hauptquartier noch näher nach Paris, nämlich nach la Ferriéres. Hier langte er am neunzehnten September an. In tiefſtem Frieden lag die liebliche Gegend rund um ihn her, die ſchönſten Thäler wechſeln mit üppigen Weinbergen ab, und man wußte kaum, daß man im Kriege war. Die deutſchen Soldaten, die nicht an Müßiggang gewohnt — find, halfen ihren Wirthen bei der Weinleſe, was dieſe nicht we⸗ nig in Erſtaunen ſetzte. Es ſchien nach langen Mühen ein ſüßer Ruhepunkt erreicht zu ſein. Man hoffte, Paris werde ſich erge⸗ ben, ehe es die Schrecken einer Belagerung koſtete, man hoffte, denn am neunzehnten traf in dem königlichen Hauptquartier der Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten der proviſoriſchen Re⸗ gierung von Frankreich, Herr Jules Favre, ein. 82. Kapitel. In bitterer Noth. Keine Leidenſchaft durchwühlt zerſtörender des Weibes Bruſt als eiferſüchtiger Neid. Nach jenem Ball im Stadthauſe zu Metz wo Hektor von Bellegarde Beaten auffallend bevorzugt hatte, kannte ſich Liſette nicht mehr vor Bosheit. Sie machte ihrem Geliebten die heftigſten Vorwürſe, ſie häufte Schmähungen über Schmähungen auf Beate und Betty, ſie gerieth in eine ſo maß⸗ loſe Wuth, daß dem Grafen endlich die Geduld riß. — Fort aus meinem Zimmer, Du Schandmaul! rief er in hell aufloderndem Zorne. Wir ſind geſchieden für ewig! Was Du mir warſt, habe ich Dir reichlich bezahlt, jetzt ſuche Dir einen Anderen! Dieſe Worte erſchreckten das leichtſinnige Mädchen, ſo weit hatte die Sache denn doch nicht gehen ſollen. Freilich hielt ſich Liſette noch für hübſch genug, um zwanzig Anbeter zu finden, doch wollte ſie den einen nicht aufgeben, weil er das Geld nicht ſchonte, wenn es galt, ſie mit Flitterſtaat zu behängen, und weil ſie um ſeinetwillen das himmliſche Paris verlaſſen und ſich in das langweilige Metz hatte einſperren laſſen. Sie ſuchte demnach den Zwiſt beizulegen, ſie ſchmeichelte den häßlichen Grafen, ſie weinte ſeibſt und ſchwur ihm Liebe, die ſie nie empfunden hatte. — ht we⸗ ſüßer herge⸗ hoffe er der n Re⸗ — 727— Hektor blieb gegen alle dieſe Künſte der Gefallſucht un⸗ empfindlich, je heißer ſie flehte, um ſo ſchroffer wies er ſie zurück, er ſtieß ſie rauh von ſich, befahl ihr, ihre Sachen auf der Stelle zu packen, und hielt ſich noch für beſonders großmüthig, als er ihr eine Börſe mit Geld nachwarf. Liſette ballte die Fäuſte vor Wuth, als der Turko, Hektors Diener, ihre Kleider, Shawls, Schmuckſachen, Bänder, Fächer und Handſchuhe in einen großen Kaſten warf und hinaustrug, ſchäumend vor Aerger ſpie ſie auf die Schwelle, die ſie niemals mehr betreten ſollte, und Rache war ihr einziges Verlangen.. Dazu fand ſich die Gelegenheit. Das wilde Mädchen, dem jeder Anbeter gleich war, wenn er ſie nur gut bezahlte, fand bald einen anderen Schatz, ſo reich war er freilich nicht, wie ſie ihn ſich wünſchte, indeſſen hoffte ſie von Tag zu Tag aus Metz fort⸗ zukommen, und in Paris mehr Glück zu machen. Da ſprach ſie eines Tages ein Mann auf der Straße an. — Schönes Kind, ſagte er, liebſt Du das Geld? — Mehr als mein Leben! verſetzte ſie mit Gelächter. — Und willſt Du welches verdienen? — Wenn es nicht mühſam iſt, warum nicht? — Es iſt nicht mühſam. Du warſt ſonſt bei dem Grafen von Bellegarde? — Ja, aber wenn es Ihnen recht iſt, ſo nennen Sie mich Sie und Fräulein, ich höre das lieber. — Gut alſo, Sie waren ſonſt bei dem Grafen Bellegarde, Fräulein Liſette? Soüſt ja, ſonſt — Wiſſen Sie, daß er Papiere beſaß, die ſich auf den Her⸗ zog von Montalto bezogen? — Er hatte viel ſolches Zeug in ſeinem Pult, ich habe es oft geſehen, aber es intreſſirte mich nicht. — Wäre es Ihnen möglich, Fräulein Liſette, dieſe Papiere herbeizuſchaffen? — Für welchen Preis? — Was meinen Sie zu fünfhundert Franken? — Ich meine, tauſend wäre beſſer. —— — So ſagen wir achthundert. — Meinetwegen, ich bin ein gutes Mädchen und laſſe mit mir handeln. — Wann werde ich die Papiere bekommen? — Laſſen Sie mich nachdenken, heute Abend iſt Hektor im Offizierskaſino... morgen um dieſe Zeit ſollen Sie das Ver⸗ langte haben. — Und wo? — Hier, bei dieſer Kirche, und nur gegen baare Bezah⸗ lung. — Das verſteht ſich. Auf morgen alſo, Fräulein Liſette. — Auf morgen! So trennten ſich die Beiden. Der Mann verſchwand bald in der Dunkelheit, Liſette ging zu der Wohnung des Grafen Bellegarde. Sie wußte, daß dieſer mit ſeiner Liebe zu Beaten nicht weiter gekommen war und freute ſich darüber. Auf ihr ziemlich beſcheidenes Klingeln öffnete ihr der Turko die Thür. — Ei, die Liſette, ſagte er, na, das dachte ich gleich, daß Sie noch wieder kommen würden, aber hereinlaſſen darf ich Sie nicht. — Richt, und warum nicht, guter Huſſein, fragte ſie, waren wir nicht immer gute Freunde? — Ja, das war ehemals, als Sie noch das Regiment führten, jetzt ſind Sie abgeſetzt, und nun ſcheert ſich Keiner was um Sie, das geht mal ſo. — Hat der Graf eine andere? — Das nicht, aber er iſt verliebt wie toll, den ganzen Tag ſchwänzelt er um das Haus, wo ſein Schätzchen wohnt. So ver⸗ rückt habe ich ihn noch niemals geſehen. — Ach Huſſein, ich bin recht unglücklich! — Ja, das glaube ich ſchon, hier gab es gute Biſſen für Sie, und wenn Huſſein Liſettchen bat, ſie möchte doch auch mal für ihn was abfallen laſſen, hei, wie rümpfte ſie da das Näschen über den praunen Turko, der kaum gut genug war, ihr die Stiefelchen zu putzen. So was rächt ſich. ſei emit rim Ver⸗ ezah⸗ tte. hald rafen eaten die daß f ich waren iment wos n Lag 0 ve h mal äschen — 729— — Es thut mir auch leid genug, Huſſein, denn wahrhaftig, hübſcher als Dein Herr biſt Du gewiß. — Und könnte zwanzig ſolche haben, wie Sie ſind, wenn ich ſie nur bezahlen möchte. — Ich komme auch nicht um des Grafen willen her. — Alſo um meinetwillen? — Nein, Huſſein, ich kam um die kleine goldene Broche mit Bellegardes Haaren, die er mir geſchenkt hat und die hier ge⸗ blieben ſein muß. — Ich habe nichts gefunden!. — Doch, ſie fiel hinter mein Bett, ſuche ſie mir, guter Huſ⸗ ſein, ich warte indeſſen hier und ſehe mich da um, wo ich nicht mehr ſein darf. Huſſein nickte und ging hinaus, doch kaum hatte ſich die Thür hinter ihm geſchloſſen, ſo öffnete Liſette des Grafen Schreibpult mit einem Schlüſſel, den ſie beſaß und mehr als einmal ange⸗ wendet hatte, um voller Neugierde unter den Sachen ihres Freundes herumzuſtöbern. Sie fand die Papiere im Augenblick und ſteckte ſie in ihre Taſche, dann ſchloß ſie das Pult und war eben damit fertig, als Huſſein wieder eintrat. — Ich habe nichts gefunden, ſagte er, verdrießlich über das vergebliche Suchen. — O das thut mir leid, entgegnete Liſette, grade dieſe Broche war mir lieb. So muß ich denn gehen, Huſſein. Sage dem Grafen nicht, daß ich hier war, ich gönne ihm nicht die Freude, daß ich nach ſeiner Locke geſucht habe. — Weil ſie in Gold gefaßt iſt! rief der Turko lachend. Nein, verlaſſen Sie ſich darauf, durch mich erfährt er nicht, daß Sie hier waren, denn er würde mich aushunzen, und das geſchieht ohnedies oft genug. — Leb wohl, Huſſein, wir Beide bleiben doch gute Freunde. Sie warf ihm einen Kußfinger zu und eilte hinaus, indem ſie eins jener häßlichen franzöſiſchen Lieder trällerte, deren unan⸗ ſtändige Worte den Mund eines reinen Mädchens entweihen. Sie fand den Mann zur feſtgeſetzten Stunde und an dem be⸗ ſtimmten Orte. Das Geſpräch war kurz. Die Beiden tauſchten — 70 geld and Papiere aus und entfernten ſich dann ſchnell, um von Niemand geſehen zu werden. Liſette war ſehr zufrieden, denn erſtens hatte ſie Geld, und zweitens wußte ſie, daß der Graf Hektor Bellegarde vergeblich nach Beaten ſchmachtete. Das arme Kind verlebte mit Madelon und Betty traurige Tage. Die Angſt um Peter ließ ihnen keine Ruhe, und dazu wurde ihr Zuſtand in Metz von Stunde zu Stunde unleidlicher. Sie bewohnten ein kleines nach hinten zu gelegenes Quartier. Wadelon ſchlief in der Küche, die beiden Mädchen hatten ihr Bett in der Kammer aufgeſchlagen, das beſte Zimmer hatten vier Sol⸗ daten inner die in der Nacht lärmend und ſchwer betrunken nach Hauſe kamen, bei Tage ſchimpften und nach Eſſen und Trinken verlangten, und vor deren gemeinen Zudringlichkeiten die Mädchen ſich beſtändig eingeſchloſſen halten mußten. Sie hatten überhaupt höchſt traurige Tage, dieſe armen Kinder. O wie anders hatten ſie ſich das Leben vorgeſtellt, als ſie ſich vom Schloß Falkenſtein fortſehnten! Damals glaubten ſie. in der Welt nichts weiter als Freude, Luſt und Wonne und jetzt wären ſie gerne zurückgekehrt in die Einſamkeit ihrer kleinen Beſitzung, zu ihren Hühnern und Tauben, zu dem hübſchen Garten und ihren Büchern und Stickereien. Wenn ſie ſich zu Bette legten und wenn ſie am Morgen erwachten, bei Tag und bei Nacht, immer umdröhnte ſie der ſchreckliche Ton der Geſchütze, die bald näher und bald ferner ihre Kugeln auf die Feſtungs⸗ wetke ſpieen. Trommelnd und ſchreiend zogen die Soldaten durch die Stadt und machten jeden Ausgang gefährlich, und was das Schlimmſte war, die Lebensmittel fingen ſchon jetzt an. furcht⸗ bar knapp zu werden. Was bei den Kaufleuten an Mehl, Reis, Hülſenfrüchten und dergleichen Nahrungsſtoffen aufgeſpeichert lag, das wurde auf. es gäbe Bazaines Befehl mit Beſchlag belegt und gegen eine ſehr geringe Taxe non der Militairverwaltung angekauft. Dadurch ſtiegen für die bürgerlichen Bewohner die Preiſe ganz ungeheuer. Die Armen umlagerten die Läden der Bäcker, die das Brot immer kleiner machten, die Kinder ſuchten Kartoffelſchalen aus dem Kehricht kervor und rauften ſich mit den Hunden um eine Brotkruſte nvon denn Graf aurige dazu S. urtier. r Bett rSol⸗ n nach rinken ädchen rhaupt is ſie en ſo Wonne t ihret iſhen ſch zu ag und eſchübe⸗ odaven nd waꝰ furcht en und rde au gringe eUrne r flintt uft — 731— Die Landleute, welche in dem von den Feſtungswerken ein⸗ geſchloſſenen Bezirke wohnten, brachten immer weniger Milch und Butter zu Markte, denn theuer kauften ihnen die Schlächter das Vieh ab. Bald wußten die Mütter nicht mehr, womit ſie ihre ſchreienden Kleinen ernähren ſollten. Die Stadtbehörden errichte⸗ ten Speiſungsanſtalten für die Armen und ließen Pferde ſchlachten. Leboeuf gab ſelber die Roſſe ſeiner Soldaten her, weil er kein Futter mehr für ſie hatte, aber ihr Fleiſch ſchmeckte ekelhaft, weil es an Salz fehlte, um es gehörig zu würzen. Dieſes Leiden hatten auch Madelon und ihre Schutzbefohle⸗ nen zu tragen. Sie hatte ſich mit Geld verſehen, als ſie Schloß Falkenſtein verließ. Als aber⸗Peter den höchſt unklugen Ver⸗ ſuch machte, einen Ausweg aus Metz zu ſuchen, trug er den größ⸗ ten Theil dieſer Summe in ſeine Kleider eingenäht mit ſich fort. Madelon hielt gut Haus, und dennoch ſah ſie ihren kleinen Schatz immer mehr und mehr zuſammenſchmelzen. Wenn dieſe unglück⸗ ſelige Belagerung noch lange dauerte, wie ſollte ſie es anfangen ſich und die Mädchen zu ernähren? Sie kannte Niemand, ſie konnte nirgends borgen und ſchämte ſich, die öffentliche Wohlthätigkeit in Anſpruch zu nehmen. Es war ein Zuſtand, der mit jedem Tage ſchwerer auf ihr laſtete. Hätte es etwas zu verdienen gegeben, ſo würde keine von den Dreien die Arbeit geſcheut haben, was aber anfangen, wo jeder Verkehr ſtockte, und Alle ihr Geld ſo tief als möglich vergruben damit nicht die Feinde und noch weniger die eigenen Landsleute es fän⸗ den? Madelon trug ihr beſtes Kleid zu dem Pfandleiher, doch der Er⸗ lös ernährte ſie und die Mädchen nur wenige Tage, dann wanderten auch Betty's und Beate's Sachen auf das Leihamt. Die Gegenſtände waren an ſich ſelber ziemlich werthlos, und der Jude zahlte den geringſten Preis dafür. Madelon ſchränkte die Bedürfniſſe der unglücklichen Kinder noch mehr ein, aber ſie klagten darüber nicht. Die Eßluſt war ihnen ſchon lange vergangen, und ein Bischen Suppe genügte ihnen für den ganzen Tag. Mit bleichen Wan⸗ gen, mit müden Augen ſaßen ſie nebeneinander oder halfen Ma⸗ delon in dem kleinen Hausſtande. Oft redeten ſie dann von vergangenen beſſeren Tagen und — 732— wie ſie ſo thöricht geweſen waren⸗ ſich von Schloß Falkenſtein fort zu wünſchen. Ihre Angſt um Peters Schickſal ließ ihnen keine Ruhe, und dazwiſchen dachten ſie wieder an jene beiden jungen Männer, die einen ſo tiefen Eindruck bei ihnen zurückge⸗ laſſen hatten. Sie hatten ſeitdem viele andere geſehen, denn je⸗ der Blick auf die Straße zeigte ihnen eine Menge von Offizieren und Soldaten, aber ſonderbarerweiſe fühlten ſie ſich zu keinem von dieſen Franzoſen und Arabern ſo innig hingezogen, wie zu jenen Deutſchen. Ach, ſie hatten keine Hoffnung, ſie jemals wie⸗ der zu ſehen, und wagten ſich nicht mehr aus ihren Zimmern, aus Furcht, dem zu begesnen⸗ der ihnen nur zu gern aus ihrer ſchrecklichen Lage geholfen hätte. Da trat er eines Tages ganz unerwartet bei ihnen ein. Wie ſehr erſchraken die armen Mädchen bei ſeinem Anblick, wie aufgeſcheuchte Tauben wollten ſie entfliehen. Er aber hielt ſie zurück. — O bleiben Sie, meine Damen, bat der Zudringliche, bin ich doch glücklich, endlich zu wiſſen, wo Sie ſich verſteckt halten. — Herr Graf von Bellegarde, ſagte Beate mit Würde, wer hat Ihnen das Recht gegeben, in unſere Wohnung einzudringen? — Die Liebe verleiht jedes Recht, rief er mit Eifer aus und zog die Hände der Widerſtrebenden an ſeine Lippen. Ja, Fräu⸗ lein Beate, ich liebe Sie glühend, leidenſchaftlich, bis zur Raſerei. Was thun Sie hier in dieſen elenden Räumen? Ich bin reich, ich will Sie hinaus führen, Sie ſollen nichts von der Roth empfinden, die jetzt in Metz herrſcht, mit Leckerbiſſen will ich Sie ernähren, und Ihre ſchönen Glieder in Sammt und Seide hüllen. Sie, Ihre Schweſter, Ihre Großmutter, Alle follen glücklich ſein durch mich. Beate, können Sie meinen Bitten widerſtehen? Sie entriß ihm ihre Hände und eilte hinaus. Betty folgte ihr und verſchloß die Thür hinter ſich und ihrer Schweſter. Der Graf zog ein wüthendes Geſicht. — Die Gans, rief er, hier ſitzt ſie in dem dunklen Hunde⸗ loch und könnte es beſſer bei mir haben, als es Liſette gehabt hat. Aber ich weiß, daß es ihr ſchlecht geht, und gie Noth macht ſie ſchon noch kirre. nſtein ihnen beiden rückge⸗ nn je⸗ zieren tinm wie zu s wie⸗ mer s ihrer en ein. wie ielt ie . v alten de, wer tingen! us und öi goſetei 36 hin e Foch ich Sie hillen. lich ſin n „ folgie ub⸗ e ghi oih nuh — 735— Er zog o Karte aus der Taſche, auf welcher ſein Name und ſeine Wohnung ſtand. — Sie kommt ſchon, ſagte er mit boshaftem Lächeln, indem er das kleine Papier auf den Tiſch legte. Dann ging er hinaus. Beate fand die Karte und warf ſie voller Ekel in das Feuer des Heerdes. Ihr graute vor den An⸗ erbietungen dieſes Menſchen. Doch kaum war ſie allein, als ſich ein neuer ebenſo unerwünſchter Beſuch einſtellte. Es war Liſette, die in bauſchigem Seidenkleide hereinraſchelte. Ihr ſah man die Noth der Zeiten nicht an, ſie war überaus heiter und ganz mit Schmuckſachen bedeckt. — Alſo hier wohnt Ihr? rief ſie ganz vertraulich. Nun, ſchön und elegant iſt es eben nicht. Kommt zu mir, mein Salon iſt mit Atlastapeten und Atlasmöbeln ausgeputzt, und meinen Papagei füttere ich ſo gut, daß Ihr ihn beneiden könntet. Das macht, ich habe jetzt einen Fürſten zum Freunde. Und dacum be⸗ neide ich Euch den unausſtehlichen Grafen Bellegarde gar nicht mehr, es war auch albern von mir, daß ich eiferſüchtig auf Sie wurde, kleine Beate, ein Mädchen wie ich findet immer noch ihre Anbeter. Er war hei Ihnen, ich weiß es, er hat Ihnen Anträge gemacht. Nun, meinen Segen dazu, aber thun Sie nur nicht ſpröde. Wiſſen Sie was? Heut Abend iſt Offiziersball. Kommen Sie mit mir, ich gebe Ihnen von meinen Kleidern, und ehe das Feſt aus iſt, findet ſich auch für Betty eine Verſorgung. Die Mädchen ſchauderten und lehnten die Einladung mit Entſchiedenheit ab. — Ihr ſeid närriſch, lachte Liſette. Wovon lebt Ihr denn, in Metz iſt es nicht auszuhalten ohne Vergnügen, und Vergnügen hat man nur für Geld, und Gold nur von einem Anbeter. Geht doch einmal vor den Spiegel. Ihr ſeid ja ſchon ſo blaß und mager, daß ich den Vergleich mit Eurer Schönheit wirklich nicht mehr ſcheue. Ueberlegt es Euch, kommt auf den Ball, wir wollen tanzen, trinken und lachen. Nun, Ihr kommt doch? Sie rauſchte hinaus. Beate und Betty ſaßen in tiefem Schweigen nebeneinander. Als der Abend kam, hatte Madelon kein Mehl und kein Salz, um die gewöhnliche Suppe zu kochen, — 734— und alle Drei gingen hungrig zu Bette. Als Beate am andern MWorgen an dem Heerde ſtand, ſah ſie in der Aſche ein Stückchen von der Karte des Grafen Bellegarde und konnte noch darauf ſeine Adreſſe leſen. — Ja, ſagte ſie, das iſt das Mittel, Betty und Madelon vor dem Hungertode zu erretten, das einzige Mittel. Darf ich noch zögern, da die bittere Noth ſo nah an uns herantritt, o Gott, o du heilige, reine Jungfrau Maria.. darf ich noch zögern 2 Es war ein furchtbarer Kampf. Der Tag ſchlich elend da⸗ hin. Madelon war krank vor Sorgen und Kummer, Betty welkte ſichtlich, und Beate verglich ihr abgemagertes Geſichtchen mit Liſettens üppigen Wangen, ihr verſchoſſenes Kleidchen mit der glänzenden Robe der leichtſinnigen Dirne. Ein grenzenloſer Schmerz ergriff ſie. Konnte, durfte ſie die einzigen Weſen, die 1 ihr auf dieſer Welt angehörten, in Noth und Elend umkommen laſſen? Madelon trug das letzte Stück Wäſche zum Verſatz, der Erlöß reichte kaum für ein Paar Tage aus, wenn ſie ſich nur von Kartoffeln nährten, und was dann, barmherziger Himmel 16 was dann? Madelon fragte es ſich in dumpfer Verzweiflung, . Betty rang im Stillen nach einem Entſchluſſe, und Beate, Beale wußte, was ſie zu thun hatte... Heilige, reine Jungfrau Maria, giebt es denn keine Hilfe in dieſer bitteren Noth.. 83. Kapitel. Der Dodte. Es war eine ſüße Ruhe, die Richard und Arthur an der Bruſt ihres räthſelhaften Beſchützers genoſſen. Gerettet aus gräß⸗ lichen Gefahren, fühlten ſie ſich geborgen und befreit, und wie die Jugend ſtets ſo hoffnungsreich der Zukunft entgegenblickt, ſo 7 andern ücchen darauf adelon tritt o h noch nd da⸗ Bet ſchtchen en mit enloſer n, die ommen atz, der ſch nult hinnel weiflung, . Beale Wri, aus gß⸗ dni tiut ſo — 735— ſchien es ihnen, als ſei nun alles Unglück vorüber, als gingen ſie einem neuen Leben entgegen. Der Mann ſchien etwas Aehn⸗ liches zu empfinden, er drückte ſeine Lippen auf die Stirn des ſchlafenden Knaben, der an ſeinem Herzen ruhte. Ach, auch ihm hatte einſt die Hoffnung gelächelt, ein liebendes Kind an ſeine Bruſt zu drücken. es war vorbei. Aus Tod und Grabes⸗ nacht war er auferſtanden, nicht um zu lieben und glücklich zu ſein, nein um das Schwert der Rache zu ſchwingen, die unterdrückte Unſchuld zu erretten und für ein heißgeliebtes und verlorenes Leben Rechenſchaft zu fordern. Er lenkte ſein Pferd von dem breiten Fahrwege ab und trabte durch den Wald. Von Weitem vernahm er ein Pfeifen, das einen Jeden erſchreckt haben würde, er blieb ruhig und kalt. — Sie ſind bei der Arbeit, ſagte er zu ſich, die Hyänen jagen nach Leichen, die Raben folgen dem Zuge des Heeres, das ihnen ſeine Leichen überläßt. Scheußliche Umkehr der Natur! Die Vande der Menſchlichkeit werden zerriſſen, das Chriſtenthum in ſeinem göttlichſten Gebote entweiht, und trauernd verhüllt die ewige Barmherzigkeit ihr Angeſicht vor ſolchem Grauſen! Und noch immer hat ſich das Entſetzlichſte nicht erfüllt! Das Alles iſt ja nur ein ſchreckliches Vorſpiel von dem, was kommen wird. o Gott, mein Gott, läßt ſich denn dieſer Jammer nicht von Deinen Kindern wenden? Er blickte zu dem Monde hinauf, der hinter dunkle Wolken trat, und der Wind pfiff kalt durch die Aeſte. Der Mann ſeufzte tief und zog den Mantel feſter um die Knaben. JZetzt verließ er den Wald, und vor ihm lag eine öde Haidegegend, die fahl be⸗ leuchtet war von jenem ungewiſſen Schimmer, den die Nacht ver⸗ breitet, wenn ſie ſich ihrem Ende nähert. Einzelne Geſträuche ſtanden hier und da als dunkle Maſſen auf der Fläche, zur Rech⸗ ten erhoben ſich die wellenförmigen Hügel, zur Linken ſtreckte ſich der Wald bis zu dem Strome aus. Das Pferd ſchien müde zu ſein, hatte es doch eine dreifache Laſt zu tragen, der Reiter trieb es nicht an, er ließ es nach ſeinem Gefallen langſamer traben, es war ihm, als möchte er die Racht verlängern, die ihm, dem Einſamen, ſo ſüße Weſen an den Buſen legte. Richards Locken — 736— ſpielten an ſeiner Wange, wenn der Wind ſie lüftete, es war wie leiſe Küſſe, die ihn umſchmeichelten, und ſein Herz ſchwoll auf in ſchmerzlicher Erinnerung. — WMorgen werde ich wieder einſam ſein, ſagte er, ein König der Schurken, ein Beherrſcher des gemeinſten Geſindels, und mit ihnen gefangen, werde ich ihre gerechte Strafe mit zu theilen haben. Doch nein, wie könnte Gott meinen Tod wollen, ehe ich nicht mein Werk vollendet habe. In tiefe Gedanken verſunken, überkieß er es ſeinem Pferde, auszuweichen, wenn eine Leiche auf dem Wege lag, ein Munitions⸗ karren ihn verſperrte, oder weggeworfene Waffen bunt durchein⸗ ander lagen. Dieſe Haide hatten die Franzoſen überſchritten, als ſie ihre Hauptmacht bei Sedan ſammelten. Wer hier gefallen war, der verſchmachtete elend, und keine liebende Hand drückte ihm das brechende Auge zu. Wer kümmerte ſich um den gefal⸗ lenen Kameraden? Es war ein Mann weniger, der morgen zum Appell erſchien, das war Alles. Von den Wagen, an denen Rä⸗ der oder Achſe brach, hieb man die Stränge der Pferde los und ließ ihn liegen, wo er lag, bis Nachkommende das Hinderniß aus dem Wege ſchafften, und wer die Waffen von ſich werfen und ſeit⸗ wärts in die Büſche flüchten konnte, der hielt ſich für gerettet und geborgen. Was hält denn anders ſolche große Menſchenmaſſen zuſammen, als ein mächtig in allen lebender Gedanke? Hier gab es keinen. Sie haßten ihren Kaiſer, ſie verachteten ihre Führer, ſie hofften nichts vom Siege als Beute, ſie fürchteten das Schlimmſte von einer abermaligen Niederlage. Der Reiter ſah mit einem Blick voll Schmerz und voll Ver⸗ achtung auf dieſe Spuren eines Heereszuges. Wie anders hatte er es bei den Deutſchen geſehen! Kein Hälmchen knickten ſie an den Kornfeldern, an welchen ſie vorüberſchritten, ſie führten die Fußkranken auf Wagen mit ſich fort, ſie ſtachen die gefallenen Pferde ab und begruben ſie in Eile, ſie ſpannten ſich ſelber vor die Pulverwagen, wenn ſie keine Roſſe mehr hatten, um ſie zu ziehen, und hielten ihre Waffen ſo werth, wie jener Dichter, der ſein Schwert als ſeine Braut beſang. Das war natürlich, hatten ſie doch Alle die große Idꝛe der Zuſammengehörigkeit aller Deut⸗ ſö un öie ah de zuſ ge un die Ni ge Y zn N mit dat mi ric un d 5 zu war wie auf in König nd mit hahen. h niht Pferde nitions⸗ urchein⸗ ten, als gefallen brücke gefal⸗ falenen ber vor ſie h ter, der hultn deut — — 737— ſchen gegen einen frechen Feind, hatten ſie doch Alle das gleiche unerſchütterliche Vertrauen zu ihren Herrſchern und Leitern. Indem der Mann das dachte, vernahm er wieder jenes leiſe Pfeifen. — Aha, ſagte er, ſie ſind in der Nähe, o, ich bin gut be⸗ dient, und meine Bande iſt allezeit auf ihrem Poſten. Er hatte ſich einem dichteren Gebüſch genähert, vor ihm lag abermals der Wald mit ſeinem Dunkel, blutig roth färbte ſich der Himmel über dem Fluſſe, und fahlgraue Wolken ballten ſich zuſammen, um einen trüben und regenreichen Tag zu verkündi⸗ gen. Plötzlich ſprangen ſechs Kerle hinter dem Geſträuch hervor, alle waren bis an die Zähne bewaffnet, die Geſichter waren ſchwarz und unheimlich, die Augen leuchteten in grauſamer Luſt, es waren die Hyänen der Schlachtfelder, ſeit Wochen lebten ſie nur unter Leichen, der Anblick der Verweſung war ihnen zur Gewohnheit geworden, der Mord ihr Broterwerb, der Diebſtahl ihre Luſt. Mit ruhiger Hand drückten ſie die Kehle zu, die einen letzten ver⸗ zweifelten Angſtſchrei ausſtoßen wollte, ſie ſtießen lachend das Meſſer in die Augen, die ſich flehend auf ſie hefteten, ſie hätten mit Luſt die Herzen aus den Leibern geriſſen, wenn ſich Gold daraus hätte machen laſſen. Jetzt ſtürzten ſie ſich auf den einſamen Reiter. Was hielt er ſo ſorgſam unter ſeinem Mantel, es mußten Schätze ſein. Hurrah drauf! Nieder mit dem Manne, her mit ſeinem Gut! Die wilden Fäuſte griffen in die Zügel, das Pferd ſcheute und ſtand, der Mann zitterte nicht. — Herunter, ſchrie Einer, oder D mit dem, wo Du da mit Dir t rück, zwei roſige Knabengeß und blickten um ſich. — Kennt Ihr, Hut auf, um ihn heraus — 78 — Sie, Hauptmann, ja, wer kann denn das wiſſen? fragte einer der Keckſten unter ihnen. — Wer hat Euch geſtattet, Lebendige anzufallen? herrſchte ſie Jener an, das Aas allein gehört Euch, ſchändliche Hallunken. Diebsgeſindel ohne Treu und Glauben, wo iſt der Gehorſam, den Ihr geſchworen habt? — Ach, Hauptmann, das Geſchäft geht ſo ſchlecht, es ſind ſo Viele, wendete der Mordgeſelle ein. — So wartet nur! rief ſein Beherrſcher. Seht Ihr die Sonne aufgehen? Ehe ſie ſinkt, ſteigen Tauſende von Seelen zu Gott empor, verlieren ſich Tauſende von Seelen in der Hölle nefſten Schlund. Die Zeit erfüllt ſich die Zeit Eurer Herrſchaft wo iſt. die Bande? — Drüben im Walde, verſetzte der Strolch. — Ich will ſie ſehen, ſagte der Hauptmann. Voran, ic folge Euch. Nit geſenkten Köpfen ſchritten die ſechs Männer den Weg dahin, der Fremde ritt ihnen nach. Wer hatte ihm jene wunder⸗ bare Macht verliehen, vor der dieſe rohen Geſellen zitterten? Es wagte es Keiner, auch nur die Blicke bis zu ihm zu erheben. Aber je tiefer ſie ſich ſeiner Herrſchaft beugten, um ſo größer war die Angſt, welche die Knaben ergriff. Wer war dieſer Mann, der ſich zu ihrem Erretter und Beſchützer gemacht hatte? Unſchul⸗ dig, wie ſie waren, hatten ſie doch bei der Mutter Margot genug erfahren, um zu wiſſen, wie verrucht dieſe Leute waren, die bei Nacht auf die Schtfelder ſchlichen, die Leichen zu berauben. Df Lleidungen an, um ihr gräßliches Geſchäft ia trugen alsdann das heilige Zei⸗ euz im weißen Felde, oder eldgeiſtlichen, aber ſtatt Loſt zu ſpenden, be⸗ Kis Jenſeits hinü⸗ eid, ſie hatten 1Blicke voll Pie mit zu⸗ d fragte herrſchte unken, om den es ſind Ihr die peelen zu t Höle erſchit 1* ora, w, den Weh wundes en! 66 eben. er Mann Unſchul⸗ t genu die bei rauben. 5 biſtif ſilige 3t de 46 aber ſta nn b ſeis hu⸗ ſu hotten Llie v die mit zl⸗ — 739— Und einem ſolchen Menſchen waren ſie in die Hände gefallen, der Hauptmann dieſer ſchrecklichen Bande hatte ſich ihrer bemäch⸗ tigt, und ſie hatten Troſt und Schutz bei dem gefunden, deſſen Thaten ſie im Innerſten ihrer Seele verabſcheuen mußten! Der ſeltſame Fremdling las in ihren Gedanken, ohne daß ſie prachen, er fühlte, wie Richards Arme ſich von ſeinem Nacken loslöſten, und wie Arthurs Haupt ſich nicht mehr von ſeine Bruſt lehnte. Ein tiefer Schmerz zog durch ſeine Seele. Die Unſchul⸗ digen wollten nichts mit ihm zu thun haben, die Reinen ſchauder⸗ ten vor ſeiner Berührung zurück, ach, er wußte es ja, daß er keine Gememſchaft mehr mit den Lebendigen hatte, er, der ſich längſt ſchon zu den Verſtorbenen rechnete! Schweigend ritt er in den Wald hinein.„Da flammte in helles Licht vor ihm empor, es war eine Fackel, die die Männer angezündet hatten, um das Dunkel zu erhellen. Sie hielten vor dem Eingange zu einer Höhle, die in den Hügel hineingegraben war, Baumäſte und trockenes Reiſig verhüteten das Niederſtürzen der ausgewühlten Erde, Moos bedeckte den Fußboden, und der Eingang, zu welchem die Männer leuchteten, war mit Dorngeſträuch und langen Epheuranken verſteckt. Der Mann ſtieg von ſeinem Pferde und gab es einem der Leute zu halten⸗ — Kommt herab, rief er den Knaben zu, und dieſe mußten wohl dem Befehle folgen. Langſam betrat der Mann den Raum, der durch ein Feuer erhellt war, welches auf einem ſteinernen Heerde brannte. An ei⸗ nem Tiſche ſaßen acht Männer, rauchten und ſpielten Karten, ſie ſahen erſtaunt empor, als jene Anderen zu ihnen traten. — Wer kommt? fragte Einer und griff nach ſeinen Waffen — Der Todte, antworteten diejenigen, welche dem Hauptmann hierher geleuchtet hatten. — Ah, der Todte, das iſt etwas Anderes, rief der Erſte wieder und ließ die Piſtole ſinken. Alle ſtanden auf und begrüßten den Eintretenden, man ſah es deutlich, daß ſie in ihm eine höhere Macht verehrten, der ſie unbedingt zu folgen hatten, ſo lange ſie ſich in ihrer Nähe be⸗ 47* — 740— fanden und von der ſie ſich los zu machen ſtrebten, ſobald ſie ſich aus dem Bereiche dieſer gebieteriſchen mächtigen Augen wußten. Der Mann trat mit der Miene eines Königs unter ſie. — Zwan, der Pole, ſagte er, ſind meine Befehle vollzogen? Der Gefragte näherte ſich ihm, bückte ſich tief und küßte nach Art ſeiner Landsleute den Saum ſeines Mantels. — Gewiß, Hauptmann, ſagte er mit unterwürfiger Miene, ich habe den Grafen Hektor von Bellegarde geſehen. — Und die Papiere? — Hier ſind ſie! Der Hauptmann nahm ein kleines Packet, welches Jwan aus ſeiner Mütze zog und durchblättterte es flüchtig. — Ah, ſagte er, da ſind alle Beweiſe des Verrathes, ich bin mit Dir zufrieden, Jwan. Der Pole grinſte, und zog ſich wi⸗der auf ſeinen Platz zurück. — Und Du, Jean? wandte er ſich an einen Zweiten. Jean war ein Franzoſe, er trat mit frecher Miene vor, die Hände ſteckten in den Hoſentaſchen, aber er nahm ßie heraus und ließ ſie herabhängen, als ein gebieteriſcher Blick des Hauptmanns ihm zeigte, daß ſolch ein unſchickliches Benehmen nicht zu dul⸗ den ſei. — Za, ſagte er, das Mädchen iſt Feuer und Flamme, ihr Liebſter der Graf, hat ſie um eine Andere verlaſſen, deswegen ſtahl ſie dem Grafen die Papiere, die Iwan Ihnen gab. — Wer iſt die Andere? fragte der Todte. — Oh, em blitzhübſches Ding, aber ſpröde, wie eine Nonne, mit der wird wenig zu machen ſein. Sie lebt mit ihrer Mutter und Schweſter eingezogen genug in Metz, und die Alte heißt Madelon. — und die Mädchen Beate und Betty... ich weiß.. der Graf liebt Beaten. — Sie wiſſen Alles, Hauptmann, Ihnen kann man nichts Neues ſagen. — Und dennoch frage ich Dich, Paul (S Se bel den G. da Fr ve B M m wi er un der ſy ſte de ald ſie Augen ſi. zogen! te nach Miene, van aus e ic n. vor, die ous und pmann me ihr eswegen e Rone Vut llt heiß e an nih 741— — Nach dem Herzog von Montalto? ſagte der Dritte, er iſt bei dem Kaiſer. — Rein, nicht nach dem, ich weiß, was ich von ihm wiſſen will, aber Leo Rellac 22 — Er hetzt die Soldaten auf; wenn Einer dem Kaiſer Scha⸗ den zufügt ſo iſt es dieſer Republikaner. — Haßt er den Herzeg? — Er haßt Alles, was an Rapoleen hängt, und Montalto verdankt dem Kaiſer Titel, Orden und Gold. — Er iſt durch ihn geſtiegen, er wird mit ihm vergehen. Seid aufmerkſam, die nächſten Tage werden Euch Arbeit geben, verſucht es Euch meine Zufriedenheit zu erwerben, und vor Allem ſucht nach dem Ringe. — Mit den drei Steinen, dem Opal, dem Smaragd und dem Rubin. o, wir werden es nicht vergeſſen. — Hier Euer Lohn! Der Hauptmann warf eine Börſe auf den Iiſeh), die von Gold ſtrotte. Mit Blicken voller Habgier ſtarrten die Männer darauf hin, der Fremde aber wandte ſich nach dem Ausgange. — Noch Eines, ſagte er, indem er ſtehen blieb Heute Nacht wird ſich bei Euch ein Mann gemeldet haben der ſich Franz Godard nennt, er nahm den Weg nach Metz, dort ſoll er verwendet werden, um die bewußte Angelegenheit des Grafen von Brllegarde zu betreiben. Er iſt ein Kind des Todes, nur wenige Monate ſind ihm auf dieſer Erde vergönnt, mag er ſie benutzen, meinen heiligen Zwecken zu dienen. Mit dieſen Worten ging er hines die Kneen fobgen ihm wie im Traume. Ste hatten bekannte Namen gehört, ſie hatten erfahren, daß ihr räthſebhafter Beſchützer ihren Vater kannte, und daß Nichts vor ſeinen Augen verborgen ſchien. War es denn ein Zauberer, in deſſen Händen ſie ſich befanden, und war die Macht, welche er ausübte, eine gute oder eine der Hölle ent⸗ ſprungene? Sie wußten es nicht. Ein ſeltſames, faſt unwider⸗ ſtehliches Gefühl zog ſie zu ihm hin, indeſſen eine geheime Angſt ſie wieder von ihm zurückſcheuchte. Wenn ſie ſein edles und ſchö⸗ nes Angeſicht ſahen, ſo fühlten ſie ſich gedrungen, ihn zu lieben, — 742— wie aber konnte ein Menſch deſſen ganze Erſcheinung ſo hehr, ſo edel war, ſich mit ſolchem Geſindel vereinigen? Der Fremde beſtieg ſein Pferd, er mochte die ſchwankenden Empfindungen erkennen, die in den Seelen der Knaben hin und herwogten, denn mit einem Blicke voll der unwiderſtehlichſten Freundlichkeit beugte er ſich zu ihnen herab und ſtreckte ihnen die Arme entgegen. Richard zögerte nicht einen Augenblick länger, ſchnell ſchwang er ſich auf das Pſerd, Arthur folgte ſeinem Bei⸗ ſpiele, und Beiden ſchien es, als göſſe die aufſteigende Sonne einen Heiligenſchein um das ſchöne Haupt ihres Beſchützers. Er redete nicht zu ihnen, er forderte ſie nicht auf, ihm Vertrauen zu ſchenken, ſie aber ſchmiegten ſich auf's Neue an ihn, und in Beiden ſtand es feſt, daß ſie geſichert waren an ſeiner Bruſt. Die Leichenräuber verneigten ſich tief, als ihr Hauptmann ſie verließ, und betrachteten ihn mit Scheu und Furcht, als ſei er ein höheres Weſen, dem ſie ſich zu unterwerfen hatten. Die große Summe Goldes, die er ihnen hinterlaſſen hatte, beſtätigte ſie in dem Glauben, der Mann verſtehe geheime Künſte, könne Gold aus der Erde hervorzaubern, Geheimes errathen, und die Zukunft vorher wiſſen. Sie nannten ihn den Todten, weil er mit den Lebenden Nichts gemein hatte, und erfanden ſich die Fa⸗ bel, daß er nach dem ſeltſamen Ringe ſuchen laſſe, weil in die⸗ ſem ein Zauber ſtecke, der ihm die Ruhe des Grabes verſchaffen ſollte. Das Pferd war gefüttert worden und ſchritt jetzt rüſtiger aus, obgleich es eine Anhöhe hinauf ging. Als die Sonne ſich am Horizonte gehoben hatte, erreichte der Hauptmann mit den Knaben ein altes Schloß, welches von ſeinen Bewohnern ver⸗ laſſen ſchien, weil ringsumher die Feinde lagerten. Kein Menſch empfing ſie in dem einſamen Gebäude, doch bedurfte es auch keiner Bedienung. Das Pferd ging allein in den Stall, welchen es kennen mußte, und deſſen Thür offen ſtand, der Mann ſchritt den Knaben voraus in einen großen einfachgeſchmückten Saal. Hier drückte er auf einen Knopf in der Wand, und ſogleich erhob ſich aus dem Fußboden eine Tafel, auf welcher ſich Milch, Brod, kaltes Fleiſch, Wein und Obſt befand. unt als wi p. Nah ſie in Sie ten got im der kehr drei in dre tra Pi laſ wa ber we ie hehr enden mund hſten n die nger, Bei⸗ Sonne Et rauen nd in ſt nann ſei Die ütigte könne nd die eil er ie Fo⸗ n die⸗ fin iget ſih t den Menſc au elchen ſchitt Sal — 743— Das war wie ein Zauber. Die Kinder aßen und tranken, und alles ſchien ihnen anders und viel, viel beſſer zu ſchmecken, als jemals vorher. War es der Hunger, der ihnen die Speiſen würzte, oder waren ſie übernatürlichen Urſprunges und deswegen ſo angenehm? Ihr ſonderbarer Wirth rührte Nichts von dieſen Nahrungsmitteln an, auch redete er nicht mit ihnen, doch als er ſie geſättigt ſah, da ſtand er auf, winkte ihnen und führte ſie in ein anderes Gemach, in welchem zwei Betten ſich befanden. Sie hatten in des That nichts ſo nöthig als Ruhe, denn ſie hat⸗ ten viel gelitten und die Striemen auf ihren Rücken, die Mar⸗ gots grauſame Hand ihnen geſchlagen hatte, ſchmerzten noch immer. Jetzt aber ſanken ſie auf die Kiſſen und ſchliefen bald den ſüßen Schlummer der Kindheit. Der Mann war unterdeſſen wieder in den Eßſaal zurückge⸗ kehrt, und nahm ein Meſſer von dem Tiſche mit deſſen Griff er drei Mal in kurzen Pauſen an ein Heiligenbild ſchlug, welches in einfachem Holzrahmen unten an der Wand hing. Sogleich drehte es ſich mit ſeiner Einfaſſung herum, und aus der Mauer trat ein alter Mann hervor. — So ſind Sie endlich wieder zurück, Excellenza? fragte er in italieniſcher Sprache. — Zurück, Simon, doch nicht allein. — Za, ich ſah die Knaben, wo haben Sie ſie hergenommen, gnädigſter Herr? — Gott hat ſie mir gegeben, er wird ſie mir nicht lange laſſen, läßt er mir doch kein Glück auf Erden. O, Simon, Simon, warum ließeſt Du mich nicht in meinem Grabe? — Gnädigſter Herr, Sie bedürfen der Ruhe, Ihr Lager iſt Bereitet — Ich kann nicht ſchlafen, Simon, hörſt du Nichts? — Nein, Herr! — Ich aber häre es, es iſt Kanonendonner. Wehe uns, wenn ſich die Schlacht in unſere Nähe wälzt! — Das könnte ſie nur, wenn die Franzoſen ſiegten, denn ſie ſtehen in Sedan. — Sie werden nicht ſiegen, Simon, Gott iſt mit der gerech⸗ — 744— ten Sache. Sieh, was ich hier habe. Es ſind Papiere, die ein eiferſüchtiges Mädchen dem Grafen Hektor von Bellegarde ſtah' und an mich ausliefern ließ. In dieſen Papieren liegen die Be⸗ weiſe von der Schuld der Herzogs von Montalto, den der Graf um jeden Preis verderben will, weil er ihm die Hand ſeiner Nichte verweigert, mit der der Graf verlobt war. Wenn ich dieſe Blätter vernichte, befreie ich Montalto von ſeinem Hauptankläger und mache ihn ſtraffrei. — O dann werfen Sie dieſe unglücklichen Papiere in das Feuer, gnädigſter Herr! — Rein, Simon, mein Amt iſt nicht das der Vergebung, ſondern das der Rache. hängt er nicht mit Banden der Ver⸗ wandtſchaft und der Liebe an den Undentinos? — Die Liebe ſollte ihn ſchuldfrei machen! — Sie war es, die ihn zum Verbrecher ſtempelte.. Aber das Schießen wird heftiger. — Ja, Herr, jetzt höre ich es auch, es ſind die Kanonen von Sedan, jetzt gilt es Frankreichs Schickſal, jetzt gilt es einen Kaiſerthron! — und mehr als das. Nimm den Pfropfen von der Eham⸗ pagnerflaſche, und der brauſende Saft ſchäumt empor, nimm Frankreich ſeinen Tyrannen, und Alles, was an republikaniſchen Schwärmereien, an ungezügeltem Freiheitsdrange in ihm lebt, wird aufbrauſen und ſeine Feſſeln zerſprengen, den Leidenſchaften werden die Zügel abgenommen, und weil es keinen Herrn mehr giebt, wird Jeder ſich zum Herrſcher machen wollen. O dieſer Donner! Sie ſchießen Frankreichs Kaiſerhaus zuſammen, und aus den Trümmern ſteigen die Furien des gräßlichſten Krieges empor, den unſer Jahrhundert geſehen hat, ein Krieg, der ewige Schmach auf den bringt, welcher ihn hervorrief! ſuch Dier risli und Luſ reu war Var ſie kon das nute es i wer herg ds hatt run auße Jede Klei Schn won ihun In Biſe einen einer diſe läger has bung Ver⸗ Aber nonen einen ham⸗ ninm iſchen ſebt otn nehr dieſet dus npor no 84. Kapitel. Ein franzöſiſcher Marſchall. Die franzöſiſchen Offiziere, welche in Metz eingeſchloſſen waren, ſuchten ſich das Leben ſo angenehm wie möglich zu machen. Der Dienſt war im Ganzen nicht ſchwer, denn der Marſchall Bazaine riskirte nur wenige Ausfälle, um ſich Lebensmittel zu verſchaffen, und ſo blieb denn noch Zeit genug zu Sang und Klang und Luſtbarkeiten aller Art. Noch konnte man in Herrlichkeit und Freude ſchwelgen, denn es fehlte an Nichts. Die Reſtaurateure waren freilich etwas theuer mit ihren Fricaſſe's Ragouts und Mayonnaiſen, und nur ungerne borgten ſie den Herren, die, während ſie ohnedies ſchlechte Zahler waren, leicht aus dem Leben gehen konnten, ohne ihre Rechnungen berichtigt zu haben, indeſſen waren das nur kleine Unannehmlichkeiten, die man in der nächſten Mi⸗ nute vergaß, die Hauptſache war das Vergnügen, und davon gab es in Metz genug. Was ſchor es die Herren, wenn die armen Hand⸗ werker mit gerungenen Händen und Thränen in den Augen um⸗ hergingen, daß jede Arbeit ſtockte, der Verdienſt immer geringer, das Brod immer kleiner wurde? Wer Lebensmittel im Vorrath hatte, der freilich konnte nicht klagen, denn je länger die Belage⸗ rung dauerte, um ſo leichter ließ ſich Geld daraus machen, aber außer dieſen Ausgaben für das Nothwendigſte ſchränkte ſich ein Jeder ein. Wem wäre es in den Sinn gekommen, ſich ein neues Kleid, ein anderes Möbel, Stiefeln oder Hut anzuſchaffen, Schuſter Schneider, Tiſchler und Hutmacher konnten alſo ſelber zuſehen, womit ſie ſich und die Ihrigen ernährten, wenn ihr Handwerk ihnen kein Brod mehr gab. Aber das war noch nicht genug. In jedem Hauſe lag Einquartierung, und die aß ſich zuerſt voll und dick, ehe der unglückliche Familienvater ſeinen Kindern einen Biſſen Brod reichen durfte. So oft der Marſchall Bazaine es wagte, einen Ausfall zu machen, jubelte jedes Herz, denn immer hoffte man, — 746— die luſtigen Gäſte loszuwerden und wieder Verkehr mit der Außenwelt zu erhalten, doch jedesmal kehrten die geſchlagenen Soldaten wie⸗ der in ihre Quartiere zurück, und je ſchlechter es ihnen draußen ergangen war, um ſo beſſer verlangten ſie es drinnen und die Bürger mußten bezahlen und ihr letztes Hab und Gut verkaufen und verſetzen. nur um die ewig tobenden und ſchreienden Sol⸗ daten zu befriedigen. Im Nordoſten der Stadt liegt das Fort St. Julien ſieben⸗ hundert und ſiebenzig Juß hoch. Seine Kanonen beherrſchen weit umher Peltre, das Gehölz von Grimont und das offene Feld. Dieſe Stelle ſchien dem Marſchall Bazaine die günſtigſte um einen Angriff auf die Belagerungstruppen zu machen. Aber ihm gegenüber hatten auch die Deutſchen ſich vorgeſehen. Ein Höhen⸗ zug führt an dem Strome entlang, auf welchem die Dörfer Chieulles, Vany, Fally und Servigny liegen. Hier waren Bat⸗ erien errichtet worden, und die braven deutſchen Krieger brann⸗ ten vor Begierde, ſie ſpielen zu laſſen. Dies geſchah am zwei und drei und zwanzigſten September. Kaum brachen die Fran⸗ zoſen aus dem Fort St. Julien hervor, als ihnen ſchon die Land⸗ wehrdiviſion von Kummer, das oſtpreußiſche und das weſtphäli⸗ ſche Corps gegenüberſtanden. Der Marſchall Bazaine rannte wie mit dem Kopfe gegen eine Mauer, ſo feſt ſtanden ihm die Bela⸗ gerer entgegen. Es war ein mächtiger Zuſammenprall von Trup⸗ pen, aber er war kurz. Unter dem gewaltigen und ſtets ſicher treffenden Feuer der deutſchen Batterien konnten die Franzoſen nicht einen Schritt vorwärts kommen. Sie waren wie ein rei⸗ ßender Strom hervorgebrochen, ſie kehrten in noch größerer Eile zurück. O wie ſie liefen, bis ſie wieder unter dem Feuer ihrer Kanonen waren, wie ſie ſich freuten, als ſie glücklich wieder in dem ſicheren Metz ſaßen! Die Deutſchen ſchoſſen hinter ihnen drein und riefen ihnen Spott und Hohn nach, aber ſie hatten auch ihren Aerger, denn während ihre Aufmerkſamkeit durch die⸗ ſes kurze Gefecht in Anſpruch genommen worden war, trieben an⸗ dere Rothhoſen eine ganze Heerde Rindvieh nach Metz hinein und ließen ſie, wie um die Belagerer zu necken, zwiſchen den Forts auf die Weide gehen, wo Niemand ihnen etwas anhaben konnte Ven war Vor von bind wrrk ben celle auf chen Die oban Pilt vor Fran ſend Abtl rien zu il date Ben hut geſt Vir ſe f nate lore Vyf ſchf ihner lege ſeßzt, Pelt — 747— Wenige Tage darauf fand bereits ein zweiter Ausfall ſtatt. Es war am ſiebenundzwanzigſten. In Courcelles waren bedeutende Vorräthe an Lebensmitteln aufgeſpeichert, und zahlreiche Heerden von Ochſen weideten da auf den fetten Triften. * Bazaine hatte ſich mit den Einwohnern von Peltre in Ver⸗ Sil bindung geſetzt, einem Dorfe, welches noch innerhalb der Feſtungs⸗ 5 werke von Metz liegt. Von hier aus ſollte die Beſatzung von Metz benachrichtigt werden, ſobald die Deutſchen die Straßen von Cour⸗ 6 celles frei ließen. Dies geſchah durch das Aufſtecken von Fahnen auf dem Kirchthurme. Die Belagerten ſahen das flatternde Zei⸗ bed chen und freuten ſich deſſen, aber ſie ſollten arg enttäuſcht werden. Die Deutſchen verſäumten keinen Augenblick die Pflicht der Be⸗ tihn obachtung, ſie ſahen im Nu die Fahne auf dem Kirchthurme von üe Peltre und wurden ſogleich aufmerkſam, doch noch ehe ſie ſich vorzubereiten vermochten, geſchah bereits der Ausfall in der den Franzoſen eigenen raſchen Weiſe. Es waren ungefähr zehntau⸗ ſend Mann, die mit einem Male herausbrachen, ſie kamen in drei e Abtheilungen aus verſchiedenen Forts hervor und führten Batte⸗ hru⸗ rien mit ſich. Zugleich hatten ſie die Eiſenbahn benutzt, die noch Lnd⸗ zu ihrer Verfügung ſtand. Ein ganzer Eiſenbahnzug voller Sol— phil⸗ daten brauſte bis nach Pelton hin und entlud ſich dort ſeiner te wie Bemannung Bel⸗ Auf der Höhe zwiſchen Mercy le Haut und Ars⸗Laquenery hatte ſich mittlerweile die deutſche Artillerie in großer Haſt auf⸗ ſi geſtellt und empfing die Feinde mit einem Schnellfeuer, deſſen nzpſen Wirkung verheerend war. Die Geſchoſſe waren ſo gut gerichtet, in eſie fuhren ſo gewaltig in die Franzoſen hinein, daß einzelne Gra⸗ e kil naten ganze Reihen auf einmal niederriſſen. Und dennoch ver⸗ ihrer loren dieſe noch nicht den Muth. Mit einer anerkennenswerthen der in Tapferkeit erſtürmten ſie Mercy le Haut, aber die Deutſchen, die hnen ſich für einen Augenblick von hier zurückziehen mußten, nahmen heten ihnen ſogleich dieſen wichtigen Poſten wieder ab. Das hier ge⸗ die⸗ legene Schloß brannte, von einigen Granatſchüſſen in Flammen ge⸗ en ſetzt, und gegenüber ſtiegen die Rauchwolken aus dem Dorfe hium Peltre empor. ſ Fünf Stunden lang kämpfte man mit vieler Erbitterung. Die ponn — 748— Forts St. Julen und Queleu ſprühten den Tod aus ihren Feuerſchlünden, und in der ganzen Linie zwiſchen dieſen beiden feſten Plätzen wogte die Schlacht. Der Prinz Friedrich Carl, welcher ſeit dem funfzehnten September auch die Armee des Ge⸗ neral von Steinmetz kommandirte, der als Generglgouverneur nach der Provinz Poſen verſetzt worden war, feuerte ſeine Truppen an, aber es bedurfte deſſen kaum. Die Franzoſen fochten, um ſich vor dem Hungertode zu erretten, die Deutſchenum das lang⸗ wierige Belagerungsgeſchäft endlich zu vollenden und, den Kame⸗ raden nach, zu neuen Siegen vor Paris zu eilen. Zwiſchen ein und zwei Uhr war der Kampf am lebhafteſten. Im Walde von Grimont machte man jeden Baum zur Bruſtwehr und bildete ſich Schutzwälle aus Leichen und abgeſchoſſenen Baum⸗ zweigen. Die Schützen waren hier auf ihrem Poſten ſie knallten die Franzoſen nieder, wie ſonſt das Wild des Waldes, ſie zielten nach den Köpfen der Turkos, wie nach dem Schwarzen in der Scheibe, ſie zielten ſicher und fehlten niemals. Das Feuer von den Forts wurde nach und nach langſamer, endlich verſtummte es ganz, die Franzoſen flüchteten ſich hinter ihre Forts, ſie hatten ungeheure Verluſte erlitten, aber ihren Zweck erreicht, denn mitten in dem hitzigſten Gefechte trieben ſie gans gemächlich eine Heerde von ungefähr vierzig Stück Ochſen ein. Auf der Seite der Belagerer war der Verluſt im Ganzen nur gering, man zählte wenig Todte aber viele Leichtverletzte. Die Feinde hatten aus großen Entfernungen geſchoſſen, und ihre Kugeln kamen meiſt ſchon matt zu ihrem Ziele. Doch trotz der großen Verluſte, welche der Marſchall Bazaine erlitten hatte, und trotz ſo häufiger Niederlagen entſchloß er ſich nicht, den Aufforde⸗ rungen zur Uebergabe nachzukommen, welche ihm der Prinz Frie⸗ drich Karl zu wiederholten Valen ſchickte. Endlich wagte es kein Parlamentair mehr, ſich der Feſtung zu nähern, denn ſelbſt die weiße Flagge der Unterhändler achtete man dort nicht und ſchoß hinterliſtig und meuchlings auf Diejenigen, deren Geſchäft die Ver⸗ mittelung des Friedens war. Bazaine kannte die Uebergabe der Armee ven Sedan, er kannte das Schickſal des Kaiſers, denn der Prinz hatte Gelegen⸗ ihnn beiden Carl, es Ge⸗ erneur uppen n, um s lang⸗ Kame⸗ fteſten. uſwehr Baum⸗ nallten zielten in der er von tummte hatten mitten Heurde Gen erlette. d ihre notz der e und ufowe ri⸗ dſco die V⸗ e 6ugo —— heit gefunden, ihm durch ausgewechſelte Gefangene Berichte und Zeitungen zukommen zu laſſen, die ihn erkennen ließen, daß an eine Vereinigung ſeiner Armee mit der Mac Mahons nicht zu denken war. Nun richtete ſich ſein Augenmerk auf Straßburg. Noch hatte dieſe Frſtung ihren hartnäckigen Widerſtand nicht aufgegeben. Aber gleich nach dem Gefechte von Mercy le Haut ſollte man auch hierüber anders belehrt werden. Bazaines Gemüth kochte vor Rachbegierde und Wuth. Er ging in ſeinem Zimmer auf und ab und knirſchte mit den Zäh⸗ nen. Wehe dem, der ſich ihm zu nahen wagte, er konnte einer niederſchmetternden Antwort ſicher ſein. Wirklich war ſeine Lage die übelſte von der Welt. Was nützte es ihm, daß man einige Dutzend Ochſen eingebracht hatte, das war wie ein Tropfen Waſſer auf einen heißen Stein, es reichte kaum aus, ſeine Armee zwei Tage langzu nähren. Und was dann? Schon ſchlachtete man die überflüſſigen Pferde. Zuerſt wurden ſie den Bürgern abgekauft, die ſich freuten, die Thiere los zu werden, die ſie nicht zu ernähren ver⸗ mochten dann nahm man ſie ihnen und den Bauern mit Gewalt. Die Feſtungswerke von Metz umſchloſſen einen Flächenraum von min⸗ deſtens zwei Quadratmeilen. Hätte man vorſichtig gewirthſchaftet und wäre man auf die Zukunft bedacht geweſen, ſo war es leicht, hier in den Feldern ſchnellwachſende Gemüſe und Hülſenfrüchte in Menge anzubauen. Statt deſſen aber brachte man zu Markte, was man beſaß, um es vor den Feinden und den diebiſchen Freun⸗ den zu wahren und dachte nicht daran, mit den Nahrungsmitteln zu ſparen, oder neue zu ſchaffen, weil man von einem Tage zum anderen den Entſatz der Feſtung hoffte. Aber von Uebergabe zu dem Marſchall Bazaine zu ſprechen, durfte Niemand wagen. Denn er ſchäumte vor Wuth, ſobald man auch nur die lei⸗ ſeſte Anſpielung darauf machte, er war entſchloſſen, mit Ehren vedeckt oder nur als Leiche Metz zu verlaſſen. So fand ihn der Geeral Bourbaki. Dieſer war der Sohn eines Mannes, der mit glühender Begeiſterung an dem glänzenden Genie des erſten Kaiſers Napoleon gehangen und ihm lange und treu gedient hatte. Auch den Sohn, den gegenwärtigen General, ſchmerzte es — 750— auf das Tiefſte, daß es grade ein Bonaparte ſein mußte, dem es beſtimmt war, ſeinen Degen in die Hände eines preußiſchen Königs zu legen, eines Königs, deſſen Reich der große Kaiſer erniedrigt und zerſtückelt hatte. In tiefem Schmerze trat er bei dem Marſchall ein. Dieſer ging ihm wild entgegen. — Geſchlagen, zurückgedrängt und wieder, wieder und wieder in dieſe verdammte Feſtung eingeſperrt! rief er, die Hände bal⸗ lend und mit Zügen, die der Aerger verzerrte. Werden wir denn in dieſer Mauſefalle ausdauern müſſen, bis es der Katze gefällig iſt, ihre Krallen auf uns zu legen? O, Bourbaki, warum lehrte man mich, daß es keinen Teufel giebt, kann ich doch nicht einmal meine Hoffnung auf den Böſen ſetzen! Meine Seele wollte ich ihm tauſend Mal verſchreiben, wenn er mich aus dieſek Lage brächte! — Sie und immer wieder Sie! verſetzte der General, und dennoch wiſſen Sie, daß der Kaiſer gefangen iſt, daß die Kaiſerin entfloh, daß man in Paris die Republik erklärt hat! — Mag man erklären, was man will, was kümmert es mich? knirſchte Bazaine. Will es der Kaiſer nicht beſſer haben, nun gut, ſo mag er es mit den Preußen halten. — Aber Frankreich? — Bedarf eines ſtärkeren Armes, als der Louis Napoleons iſt. O nur hinaus, nur nach Paris, und ich will ihnen zeigen, wie man das wilde Roß der Republik bei den Mähnen packt und ihm den Zügel zwiſchen die Zähne zwingt. — Das heißt, Sie möchten ſich der Regierung bemächti⸗ n — Wiſſen Sie, wes der erſte Napoleon, Ihr großer Held, gethan hat, als er ſah, daß Frankreich unfähig war, ſich republi⸗ kaniſch zu regieren? Er ſtellte ſich an die Spitze ſeiner Truppen, er umzingelte den Sitzungsſaal der drei Direktoren, des Senates, er machte ſich ſelber zum erſten Konſul, er, der ſiegreiche General, der Abgott der Soldaten. — Ja, er war aber eben der ſiegreiche Held, der Abgott der Soldaten! — Sie ſpotten, weil ich hier vergebliche Ausfälle gegen die gelin ob Par Derj ihne ſich bühr ihre der durc elber tei ind e ſe uns hat hun Eur me will. Var ren e, den ufiſchen Kiſet er hei wieder de bal⸗ ir denn gefülig lehrte einmal lte ich k Lage und giſerin nert es haben oleons und müi⸗ hel npubl⸗ ruppen enote i ggen —————— — 751— die Deutſchen mache. Aber einer dieſer Ausfälle wird mir gelingen, und an der Spitze meiner Leute, die mich lieben ja ja lieben, ob Sie gleich dazu ein höhniſches Geſicht ziehen, werde ich nach Paris gehen und dem republikaniſchen Drachen den Kopf zertreten. — Das ſoll mich freuen, wenn Sie es in dem Intereſſe Derjenigen thun, die berufen ſind, Frankreich zu beherrſchen. — Pah, was ſind mir dieſe Bonapartes? Weil Einer von ihnen groß war, ſollen darum alle Uebrigen das Recht beſitzen, ſich eines Thrones zu bemächtigen, der sur dem Würdigſten ge⸗ bührt? Die Franzoſen ſind das erſte Volk in der Welt, wer an ihre Spitze treten will, der muß nicht allein Muth und Kraft, der muß auch jenen göttlichen Funken der Genialität beſitzen durch den er alle Gemüther ſich zu eigen zwingt. — Und dieſen göttlichen Funken fühlen Sie in ſich elber? — Wer anders als ich kann dazu berufen ſein, Frankreich erretten? Mac Mahon hat ſich durch ſeine Niederlagen unmög⸗ ch gemacht und iſt überdies krank an ſeiner Wunde, Canrobert tein Hanswurſt, Leboeuf ein grober Flegel, die Andern alle ſind mehr oder weniger unbedeutend, wer alſo bleibt? Sagen Sie es ſelber, auf wem beruht die Hoffnung unſeres Landes? — Auf der Anhänglichkeit un den Namen desjenigen. der uns durch ſeine Siege zu der erſten Nation der Welt gemacht hat. Sie werden es dem großen Kaiſer nicht nachmachen, das Kunſtſtück, aus einem einfachen Soldaten der Beherrſcher von ganz Europa zu werden. — Wir werden ſehen. Einmal aus dieſer verfluchten Klem⸗ me befreit, werde ich beweiſen, was ich bin und was ich will. — Unterdeſſen klagen die Soldaten in den Forts über Mangel an zureichender Nahrung. — Die Lümmel, habe ich nicht eine Menge Pferde requiri⸗ ren laſſen, um ihnen die großen Mäuler zu ſtopfen? — Man gewöhnt ſich ſchwer an dieſes ſonſt nicht gebräuch⸗ liche Fleiſch. — Man muß ſich gewöhnen, ich werde ſie zu zwingen wiſ⸗ 752— ſen! Sand ſollen ſie beißen und Steine kauen, wenn ich es verlange. — Aber die Bürger von Metz klagen ganz entſetzlich, Alles iſt unerſchwin glich theuer, und das Meiſte ſchon für vieles Geld nicht mehr zu haben. 8 — Daß ſie mich mit ihren Krächzen in Ruhe laſſen, oder ich brate jeden Tag ein Dutzend von ihnen und gewöhne meine Soldaten an Menſchenfleiſch. — Hüten Sie ſich, die Dinge auf die Spitze zu treiben. — Und was habe ich zu fürchten? Meinen Sie, es werde ein Aufſtand gegen mich ausbrechen? Noch zittert Ales vor dem Namen Bazaine, und ich will ihn ſchrecklich machen, dieſen Namen! Bourbaki zuckte mit den Achſeln. Er war ein ſtrenger An⸗ hänger des Namens Napoleon und wünſchte denjenigen, der die⸗ ſen Namen trug, wieder auf Frankreichs Thron zu ſehen. Ge⸗ lang es jedoch nicht, Louis Napoleon wieder zum Beherrſcher Frankreichs zu machen, ſo fühlte er ſich ebenſo berechtigt, wie Einer, ſich des Regiments zu bemeiſtern. Für ihn wie für alle ſeine Geſinnungsgenoſſen war die kürzlich in Paris, Lyon, Mar⸗ ſeille und anderen bedeutenden Städten ausgerufene Republik nur eine Uebergangsſtufe zu einem neuen Kaiſerreich, an deſſen Spitze derjenige treten mußte, welcher den meiſten Muth und die größte Schlauheit beſaß. Bourbaki's ganzes Beſtreben ging von jetzt ab dahin, ſich mit dem Kaiſer oder noch beſſer mit der Kaiſerin in Verbindung zu ſetzen. Er traute mehr noch auf den fantaſtiſchen Sinn der herrſchſüchtigen und ehrgeizigen Frau, als auf den Mann⸗ der ſich freiwillig zum Gefangenen gemacht hatte. Durch die Zeitun⸗ gen, welche die Deutſchen in die Stadt hinein ſandten, um Ba⸗ zaine über das Schickſal Frankreichs zu belehren, wußte er, daß ſich Eugenie nebſt ihrem Sohne in England befand es galt alſo, ſich auf irgend eine geſchickte Art mit ihr in Verbindung zu ſetzen. Wie aber war das anzufangen, da Metz feſt eingeſchloſſen war? w wi ern üb der Zie ni ich es h, Alles les Geld n. oder wine iben. es werde vor dem n dieſen er An⸗ der die⸗ n Ge⸗ cherſhet igt wie ſir alle on Mul⸗ Republit an deſen und die erbindung Sinn der unn der zun⸗ deutſchen Soldaten mit vielem Zielen nichts nützte, und daß die — 753— Die unglücklichen Bewohner hatten ein ſchlaues Mittel er⸗ funden ihren draußen befindlichen Freunden und Anverwandten von ihrem Leben Nachricht zukommen zu laſſen. Mit der Erlaubniß des Marſchalls Bazaine ließen ſie einen kleinen Luftballon auf⸗ ſteigen in deſſen Schiffchen ſich ein Briefpacket befand. Dieſe Briefe die auf das beſte Poſtpapier und ſehr kurz geſchrieben wurden, mußten zuerſt den militairiſchen Behörden vorgelegt wer⸗ den, damit keine Nachricht die den Feinden zu dienen vermochte, aus der Stadt hinauskam, dann ließ man den Ballon fliegen und vertraute auf die Großmuth der Deutſchen, welche dieſe Briefe auf die Poſt geben würden. Dies geſchah in der That. Kaum ſah man in dem deutſchen Lager ſolch' einen ſeltſamen Vogel durch die Luft fliegen, ſo rich⸗ teten ſich die Flintenläufe darauf, eine Kugel durchlöcherte den Ballon, und das Gas entſtrömte der Oeffnung, der Ballon ſchrumpfte zuſammen und mit Blitzesſchnelle ſank das Luftſchiff herab. Was man aus all den Briefen erfuhr, die erſt durch die Hände der deutſchen Befehlshaber gingen, ehe ſie weiter befördert wurden, war im Grunde nur ſehr wenig, denn ſeine wahre Mei⸗ nung durfte in Metz Niemand ſchreiben. Bazaine ſelber ließ eine Anzahl von Briefen mit abgehen, in denen er mit der Fülle der Lebensmittel und der ungebrochenen Widerſtandsfähigkeit der Beſatzung prahlte, aber Niemand glaubte ihm die Lügen. Der Zuſtand in Metz wurde von Tag zu Tag unerträglicher, und während die unglücklichen Bewohner furchtbar litten, konnten die Belagerer draußen kaum die Zeit erwarten, ernſten Vorgehen kam. Tä über, ohne ſonderlichen S bis es zu einem neuen glich flogen Kugeln herüber und hin⸗ chaden anzurichten, täglich ſahen die Aerger, daß ihnen ihr gutes jungfräuliche Feſtung Metz noch nicht gewillt war, ſich zu ergeben.: ſen Lie 85. Kapitel. u Bl Das verlorene Kind. 5 . Wib Der Herzog von Montalto klopfte an die Thür des dunklen Hauſes, deſſen Fenſter mit dichten Holzläden verſchloſſen waren, hen aber ſo oft er auch den lautſchallenden Ton erneuerte, kein menſch⸗ ein liches Ohr ſchien ihn zu vernehmen, und die Pforte blieb ver⸗ So ſchloſſen. Da ſeufzte der Herzog tief er gedachte der Zeit, in nit welcher ſein Erſcheinen in dieſem Hauſe lange erwartet und mit Kir hoher Freude begrüßt wurde. Langſam wandte er ſich der Garten⸗. 3 mauer zu. Ach, dieſen Weg hatte ihn ehemals der ſche lmiſche di Liebesgott Amor gelehrt, wenn es ihn gelüſtete, ſein Mädchen zu überraſchen. ein Wie war das jetzt ſo anders geworden! Freilich, die graue er Mauer ſtand noch wie damals, der Epheu hing noch in dichten nrer 3 Ranken darüber hin, und hohe Bäume ſchütte lten die Wipfel im Her Abendwinde grade wie ſonſt. Aber ſein Herz klopfte nicht mehr unt voller Freude und Verlangen, er eilte nicht mehr zum Vergnügen und Genuß, der ſorgloſe Leichtſinn beflügelte nicht mehr ſeine ber Schritte. ber Er ſtand und maß die Mauer mit den Augen. Sonſt war ſie ihm niedrig vorgekommen, und er hatte ſie im Sprunge über⸗ hüpft, jetzt ſchien ſie ihm hoch und unerſteiglich. Dennoch wollte 6eh er hinüber. Drei Mal ſetzte er dazu an, drei Mal war es ihm unmöglich, hinauf zu kommen, und ſein Fuß glitt wieder zurück. Endlich raffte er ſeine ganze Kraft zuſammen, er erfaßte die Epheu⸗ eine zweige, klammerte ſich an ſeine zähen Ranken, ſtemmte den Ab⸗ ſatz ſeines Stiefels in eine Steinritze und ſchwang ſich empor. Jetzt war er oben, einen Blick warf er über den öden Gar⸗ ten, der ſonſt ſo heiter blühte und duftete, dann ließ er ſich an einem Baumzweige hinabgleiten, der an der Mauer herabhing. Wie war ihm Alles ſo bekannt und ſo vertraut! Nichts hatte En unklen waren, nenſch⸗ b ver⸗ eit, in nd mit arten⸗ miſche en zu graue dichten fel im t mehr gnügen r ſeine ſt war eüber⸗ wollte ihn byhe⸗ en L por. n Ga ſch abhin s heü — 755— ſich verändert. Dort ſtand die eiſerne Bank auf der er oft ko⸗ ſend mit ſeinem Lieb geſeſſen hatte, da waren die ſteinernen Liebesgötter, halb in Buchsbaum vergraben, der Springbrunnen, der längſt kein Waſſer mehr gab, die Lauben, Raſenbeete und Blumenrabatten. Aber Alles, was ihm ſonſt entgegengelacht hatte, war jetzt traurig, und der Garten erſchien ihm wie ein Kirchhof, in welchem all ſein Glück begraben lag! Er näherte ſich dem Hauſe, in welchem nur ein einziges Fenſter des Erdgeſchoſſes erleuchtet war, ihm ſchien es, als ob ein Schatten ſich davor bewegte. Er ging die Rampe hinauf. Sonſt war ihm die Geliebte dort entgegengehüpft, und hatte ſich mit glähenden Küſſen an ſeinen Hals gehängt, ſonſt hatte ſein Kind, ſein heißgeliebtes Kind, die Aermchen nach ihm ausgeſtreckt ſein Herz wollte brechen, indem dieſe Erinnerungen ihm vor die Seele traten. Er öffnete die Thür und trat in den Vorſaal. Hier ſaß ein alter Mann an einem Tiſche und las ein Zeitungsblatt, das er nach Art der Weitſichtigen weit hinter das Licht hielt. Ganz verſunken in ſeine Beſchäftigung hörte er das Eintreten des Herzogs nicht, bis dieſer ihm die Hand auf die Schulter legte, und ſprach: — Ich bin es, Daniel. Der Mann fuhr empor, und beſchattete ſich die Augen mit der Hand, um den ſpäten Gaſt zu ſehen. — Iſt es möglich! rief er. Sie, der Herzog von Montalto! Ja, ja, mein Gedächtniß iſt nicht ſo ſchwach geworden, wie mein Gehör, ich weiß noch Alles, Alles aber was ſuchen Sie hier? — Den Frieden! ſeufzte der Herzog. und ſank ermattet in einen Stuhl. Daniel hielt ſich die Hand an das Ohr. — Sie müſſen-vergeben, ich bin ſehr taub. MWontalto ſtützte die Stirn in beide Hände. Die Fülle ſeiner EmPfindungen hatte ihn völlig übermannt. Hier in dieſen Mauern genoß er fein höchſtes Glück, hier begann ſeine tiefe 48* — Schuld... und jetzt. arm. verzweifelt, krank an Körper und Geiſt kehrte er hierher zurück, denn er war heimathlos. Das Haus, das ſonſt ſein eigen hieß, durfte er nicht mehr betreten, ſeine Familie war nicht mehr die ſeine er fühlte ſich namen⸗ los elend, denn er beſaß nichts mehr, als ein von Schmerz und Reue zerfleiſchtes Gewiſſen. Daniel betrachtete ihn mit finſterer Miene. Da richtete ſich der Herzog empor. — Du weißt, daß ſie ſtarb? fragte er, ohne an Daniels verſtellte Harthörigkeit zu denken. Der alte Mann nickte mit dem Kopfe. — Du weißt, durch wen ſie ſtarb? fuhr Montalto fort. Daniel ſchlug die Hände zuſammen, ein tiefer Seufzer ent⸗ floh ſeiner Bruſt. Der Herzog ſank mit dem Haupte auf ſeine beiden Arme, die auf dem Tiſche ruhten, der alte Mann ſah ihn mit tiefer Verachtung an, dann ging er zu dem Wandſchrank, holte eine Flaſche und zwei Gläſer, füllte dieſe und reichte dem Herzog das eine hin. — Ja ſagte er, das iſt nun Alles längſt vergangen, und doch iſt es mir, als wäre es geſtern geweſen. Es war ein ſchönes Mädchen, unſere Antonina Undentino, ſo feurige Augen habe ich niemals geſehen. Ich weiß noch, wie der Pater Ven⸗ turo Sie traute. Mit dem hätten Sie ſich niemals einlaſſen ſol⸗ len, er war von Anbeginn ein Schuft. Aber Antonina war ſo glücklich, ſie flog mir an den Hals. — Zetzt wird mein Kind nicht ehrlos zur Welt kommen! ju⸗ belte ſie auf, und den ganöen Tag und die folgenden Wochen that ſie nichts als ſcherzen und ſingen. Und als ihre Stunde kam und ſie das Kleine gebar, gerade da, wo ſpäter ein anderes Kind das Licht der Welt erblickte, da gab es wohl keine glücklichere Mutter als Antonina. Aber es blieb nicht ſo. Ihre ſchönen Aucen füllten ſich mit Thränen. — Gnädige Frau, ſagte ich, es ſtehr nicht recht mit Ihrem Herrn Gemahl, er kommt jetzt weniger oft als ſonſt. Da lachte ſie mich aus. — Du biſt ein Narr, alter Daniel, rief ſie, du weißt nicht, wie lieb mich Herrmann hat, er kann nicht von mir laſſen, wie ich Köcper Das treten, lamen⸗ und nſterer daniels rt. et ent⸗ f ſeine ſch ihn chtunl, te dem n und war ein Augen er Ven⸗ ſen ſol war ſo unl ſ⸗ Pochen nde lun chihe ſchönen t Ihrem e n wie ich — — — 757— nicht von ihm, uns kann nur der Tod trennen. Ich ließ das gut ſein, aber Sie kamen ſeltener, und Antonina weinte öfter noch als vorher. Da zog ſie mich einmal mit ſich fort in den Garten hinaus. Unter dem blühenden Roſenbuſche lag ihr Kind in ſeinem ſeidenen Bettchen und lächelte ſüß im Schlafe. — Daniel, ſagte ſie, dies Kind hat keinen Vater mehr. Ich erſchrak heftig, ich dachte, es ſei Ihnen ein Unglück ge⸗ ſchehen, denn Antonina war ſo bleich, ſo bleich, und ihre ſonſt ſo feurigen Augen waren wie erlöſchende Kerzen. — Ich habe ihn zu ſehr geliebt, ſagte ſie, das ſtraft Gott, er war mir mehr als alle Heiligen des Himmels, und meine Se⸗ ligkeit lag nur in ihm. — Und hat er ſich dieſer Liebe unwürdig gemacht? fragte ich, und eine bange Ahnung machte mich zittern. — O nein, verſetzte ſie, es iſt nicht ſeine Schuld, wenn ihm eine Andere beſſer gefällt, als ich. Warum quälte ich ihn auch mit Eiferſucht? Aber Daniel, denk an mein Kind, wenn mich der Gram getödtet haben wird, ſorge für meine arme Alice. Das verſprach ich hoch und ſeierlich, aber ich ſtellte Nach⸗ forſchungen an und erfuhr, daß Sie, Herr Herzog, ſich anderweitig vermählt hatten. Das ſagte ich Antonina nicht, war ſie doch ohnedies unglücklich genug. Da kam eines Tages der Pater Venturo zu ihr und ſie ſprachen lange und lebhaft miteinander. — O rief Antonina, ich bin unſchuldig vor Gott, und mein Kind iſt nicht unehelich geboren, haben Sie uns nicht getraut nach allen Formen der heiligen Kirche? Der Pater lachte grell auf. — Es fehlte nicht viel, verſetzte er höhniſch, aber grade ge⸗ nug, um dieſe Ehe ungültig zu machen. Ich rathe Ihnen, ſuchen Sie ſich einen anderen Vater für Ihr Kind, es giebt ja noch gutmüthige Menſchen, die ſich einer ſchönen Frau annehmen, wenn ſie auch ſolch eine Vergangenheit gehabt hat. Antonina ſprang auf ihn zu, in ihrer Hand blitzte ein Meſ⸗ ſer, ſie war außer ſich, ſah ſie ſich doch verrathen, verſpottet. Der Pater wich ihr aus, ſie folgte ihm durch den Garten, bis er ihr durch die kleine Pforte entſchlüpfte. Am Abend war ſie wie zer⸗ brochen, alle ihre Lebenskraft war dahin. Da ließ ſie mich rufen. — Daniel, ſagte ſie mit matter Stimme, das Haus, in wel⸗ chen ich lebe, das Haus der Undentino's iſt entehrt durch meine Gegenwart. Unterbrich mich nicht, ſuche mir den Gedanken nicht auszureden, ich weiß, daß mein Kind keinen Vater, keinen Namen hat, und daß ich furchtbar betrogen bin. Nun kennſt Du das Kleinod, welches meine Mutter mir hinterließ. Dieſer Ring mit den drei Steinen, dem weißen zwiſchen einem rothen und einem grünen, war mein Trauring, er iſt mir fortgekommen, und ich weiß nicht, wo er geblieben iſt, denn ſeit Wochen ſchon habe ich dieſes Haus und den Garten nicht verlaſſen. Aber unter dem Opal in der Mitte befindet ſich eine heimlich verborgene Kapſel, und in dieſer liegt ein zartes Papierſtückchen, auf welches Mon⸗ talto mit eigner Hand die Worte geſchrieben hat: Antonina Undentino iſt mein eheliches Weib, Alice Montalto mein geliebtes Kind. Darunter ſteht ſein Name und das Datum unſerer Trauung. Dieſer Ring allein kann es beweiſen, daß ich mit ihm vor Gott verbunden war, er allein macht meine Tochter zur Er⸗ bin ſeiner und meiner Güter, zu einem Mitgliede unſerer Familie, er allein wäſcht die Schande einer unehelichen Geburt von ihr ab. Daniel, ſuche nach dem Ringe, ich werde in Verzweiflung ſterben, wenn ich ihn nicht wiederfinde. Ich verſprach das, und in derſelben Nacht verſchwand An⸗ tonina aus dieſem Hauſe, ihr Kind, ihren Kammerdiener Peter Godard und ihre Magd Madelon hatte ſie mit ſich genommen, ich wußte nicht, wo ſie geblieben war. — O, mir ſagte es jene boshafte Schlange, der Pater Ven⸗ turo, unterbrach ihn der Herzog, er war es, der mich überredete, mich des Weibes zu entledigen, welches das Glück meiner Ehe mit Iduna zu zerſtören vermochte. Daniel, Daniel, lebt Alice noch? — Ich weiß es nicht, verſetzte der Alte, der nicht mehr daran dachte, ſich taub zu ſtellen, rauh. Ich ſuchte nach dem Ringe, ſuchte lange, lange Jahre. vergeblich ich fand das Kleinod nicht. Antonina Undentino, die man eines Tages getöd⸗ ie zer⸗ tufen. in wel⸗ meine n nicht Namen v das ing mit einem und ich be ic er dem Kpſel Won⸗ itonina liebte⸗ Wetet nit ihn zur Er⸗ mili, on ihr weiflung n An⸗ Petel ommen er Ven⸗ ertedete, ner be Uie r daran Ringe nd do nü⸗ — ———— tet in einer kleinen Wohnung in der Cité fand, wurde an der Seitenmauer des Kirchhofs begraben, denn der Kardinal weigerte ſich, die Sünderin in das Erbbegräbniß ſeiner Familie bringen zu laſſen. Peter Godard und Madelon verſchwanden mit allem Gelde, mit allen Koſtbärkeiten, welche ihre Herrin beſeſſen hatte, ſie nahmen ein Enkelkind Peters, die Schweſter des Franz Go⸗ dard mit ſich, vermuthlich, um es für Alice Undentino auszugeben. — O ſie iſt todt, wehklagte Montalto. Man fand am fol⸗ genden Tage eine Kinderleiche in dem Waſſer der Seine. Die Leiche meines Kindes, das durch mich ſtarb, ſo wie mein Weib, meine Antonina.» — Es war nicht nur jenes kleine Mädchen, die Tochter der Hökerfrau an der Ecke, die damals mit Peter und Madelon ver⸗ ſchwand, noch ein anderes Kind, das eines Handwerkers, der in demſelben Hauſe wohnte, wurde vermißt. Der Mann behauptete nachher, es ſei ſeine Tochter geweſen, die man in dem Waſſer fand. Vielleicht war er von Peter beſtochen, denn er beſaß gleich darauf eine ziemlich bedeutende Summe Geldes. Und auch Go⸗ dard's Mutter grämte ſich keineswegs über den Verluſt ihres kleinen mit Alice gleichaltrigen Mädchens. Das führte mich zu dem Verdachte, daß man aus dieſer Kleinen eine vornehme Dame machen will. — Doch warum iſt das nicht bereits geſchehen, warum war⸗ tete man fünfzehn Jahre lang? fragte der Herzog. — Weil der Ring fehlt, der allein Alicens eheliche Geburt beweiſen kann. Die unglückliche Antonina hinterließ ſchriftliche Auf⸗ zeichnungen, die nach ihrem Tode ebenſo wie das Geld verſchwun⸗ den waren. Peter mag ſie für wichtig gehalten haben, aber vor Gericht gelten ſie nichts, während der Ring Ihre Handſchrift ent⸗ hält, er iſt es, auf den Alles ankommt, finde ich ihn nicht, und ach, wie lange ſchon habe ich ihn hier im Hauſe geſucht, ſo kann Ihnen Niemand die Doppelheirath beweiſen, und Ihre Tochter hat keine Anſprüche an Sie zu machen. — Keine Anſprüche, Daniel! O Gott, wenn ich ſie wieder⸗ finde, wenn ich mein Kind um Verzeihung anflehen könnte, weil ich ihm die Mutter erſchlug... ich glaube, ich fände Ruhe. — 760 ₰ Meinſt Du, Alice würde mich lieben, wenn ſie meine Reue ſähe meinſt Du, ich könnte wieder gut machen, was ich verbrochen habe? O Daniel, giebt es Barmherzigkeit im Himmel, Barmher⸗ zigkeit in der Seele eines Kindes, das ſeinen Vater am Abgrund der Verzweiflung ſieht? Daniel ſchüttelte den Kopf. — Franz Godard war bei dem Falle betheiligt? fragte er ſtatt aller Antwort. — Nein, nicht er allein, verſetzte der Herzog. Der Pater Venturo, der die Urſache von allem Elend iſt, hatte einen Juden mit Namen Iſidor beſtellt, um ſich des Kindes zu bemächtigen, welches in einem Kloſter erzogen werden ſollte. Peter aber ent⸗ floh mit der Kleinen unter dem Mantel, während ich mein Weib tödtete, er floh, weil er fürchten mußte, daß ich gegen mein Kind nicht weniger grauſam verfahren würde, als gegen mein Weib. Iſidor, den ich ihm nachſchickte, mochte es nicht allein mit ihm aufnehmen, er hatte ſich Franz Godard zur Hilfe herbeigeholt. Franz Godard, der damals noch beinahe Knabe war und es nicht ahnte, daß er der Sproſſe einer meiner Jugendſünden ſei und ſeine eigene Schwöſter rauben ſollte. Peter widerſetzte ſich anfangs nur ſchwach, doch als er ſeinen Enkelſohn zum Angriff auf ſich zukommen ſah, ſchien er in Wuth zu gerathen. Sie ſtanden auf der Brücke, es war eine finſtere Nacht, und Alles ſtill ringsumher. Peter konnte ſich nicht recht wehren, hielt er doch das Kind in dem Arme. Wohl ſah er voraus, daß er unterliegen mußte, da faßte er einen verzweifelten Gedanken. Mit einem Satze ſprang er über das Geländer in das Waſſer hinein, die Andern ſahen ihn unterſinken, wiederauftauchen und dann mit beiden Armen rudern. Er hatte alſo das Kind fallen laſſen oder von ſich geworfen, er hatte ſich allein gerettet, und Alicens Leiche fand man an dem folgendem Tage unter dem Floßholze. — Ihre oder die von Peter's Enkelin, bemerkte Daniel. — O nein, rief der Herzog, hätte Godard nicht das Kind, das Keind nicht ſeinen Bruder erkannt? un er ne ſol he zu te ül ſihe brochen umher⸗ bgrund ie er r Pater uden chügem ber ent⸗ in Kind Weib. nit ihn ipholt es nicht und ſeine qnfangs auf ſih nit und en hilt doß er anken. 6 Vaſet zu ub ind fclen t er dem et und — 761— — Die Angſt mag das verhindert haben, warf Daniel ein, und der Mantel, den Peter trug, verhüllte des Kindes Geſicht. — Um die Verwickelung noch unentwirrbarer zu machen, erkannte die Todtenſchau in der Ertrunkenen das Töchterchen je⸗ nes Handwerkers, ſagte Montalto. — Das beweiſt nur wenig, verſetzte der alte Mann, da ſolche Unterſuchungen oberflächlich genug ausgeführt werden, und der Handwerker beſtochen war. — Es iſt gut, meinte der Herzog, daß Franz Godard noch hente nicht weiß, daß es mein Kind war, um welches es ſich da⸗ zumal handelte. Iſt Alice todt, ſo iſt es nur erwünſcht, daß der Ring verloren iſt, denn dann kann ſich doch keine falſche Toch⸗ ter in mein Herz hineindrängen. Aber Daniel, haſt du dieſen Ring überall geſucht? — Ich habe den Garten umgegraben und das Haus von dem Boden bis in den Keller durchwühlt. O Peter und Madelon ſind ein heilloſes Diebsgeſindel, ſie ſtahlen das Geld, ſie werden auch den Ring geſtohlen haben. — Aber ſie kennen ſein Geheimniß nicht, denn die Kapſel iſt ſelbſt für ſcharfe Augen kaum zu entdecken, und das Papier iſt ſo klein und zart wie ein Hauch. — Helfen Sie mir ſuchen, Herr Herzog, vielleicht gelingt es Ihnen, das Verlorene zu entdecken. Montalto willfahrte dem Verlangen. Jeder der beiden Männer nahm eine Laterne, und ſie durchſtrichen das Haus. Wie viele Erinnerungen ſtiegen nicht in der Seele des Herzogs auf, er ſah das Zimmer, in welchem Antonina mit ihm gekost hatte, das Fenſter, an welchem ſie zuſammen ſaßen, wenn er ihr vorlas, die Niſche, in der ihr Arbeitstiſchchen ſtand, das Bett, in welchem ſie ſchlief. Ihm war es, als müſſe die Fülle aller dieſer Erinnerungen ihn erſticken. Er liebte Iduna als das reinſte weibliche Weſen, aber Antonina hatte er mit einer glühenden Leidenſchaft in ſeine Arme geſchloſſen, wie er ſie vorher und nachher nicht gefühlt. Wie hatte er ſie aufgeben können, an der all ſein Sinnen gehangen hatte! Er begriff ſich ſelber nicht. Stolz und Trotz hatten ihn verführt, anfangs wollte er die Ge⸗ 1 — 762— liebte damit reizen, daß er ſie eiferſüchtig machte, dann aber är⸗ gerte ihn dieſe Eiferſucht. Er wollte es ihr nicht geſtatten, ſich ein Recht über ihn anzumaßen, er wollte frei ſein, und ſo ſchüt⸗ telte er ihre ſüßen Feſſeln ab, und als der Pater Venturo ſeine böſen Verleumdungen über die Unglückliche ausſtreute, da gerieth er in Zorn, und mit Hohn und Wuth ſchleuderte er ſie von ſich, daß ihr Schädel gegen die Ecke des Kamins prallte, daß ſie blu⸗ tend und ſterbend zu Boden ſank. Ihm war, als ob er ſie immer noch ſähe, wie ſie die Arme flehend nach ihm ausſtreckte, und wie ſie dann mit aufgelöſten Haaren bleich, ſtarr und kalt dalag, nur noch der lebloſe Reſt des ſchönen üppigen Weibes, das er ſonſt in ſeinen Armen gehalten hatte. Die Nacht verging unter fruchtloſem Suchen, der Ring fand ſich nicht. Als ſie die Lichter in den Laternen verlöſchen ſahen, gingen ſie wieder hinunter. — Wollen Sie ſchlafen? fragte Daniel. — Ja, ſagte der Herzog, wenn Schlaf nicht längſt ſchon von mir geflohen wäre! Aber laß mich ruhen, Daniel, da wo mein Weib ſonſt zu ſchlafen pflegte. Daniel führte ihn zu Antonina's Zimmer, und Montalto ſank auf das Lager hin, verbarg ſein Geſicht in die Kiſſen und durchweinte den Reſt der Nacht. Als er am anderen Morgen verſtört zu Daniel trat, fühlte dieſer trotz ſeiner treu bewahrten Anhänglichkeit an ſeine einſtige Herrin Antonina Undentino ein gewiſſes Mitleid mit ihm. — Was werden Sie beginnen, Herr Herzog? fragte er ihn. — Ich werde, verſetzte dieſer, der Republik meinen Arm an⸗ bieten. — Der Republik? rief Daniel, Sie, ein ſo eifriger Anhänger des Kuiſers? — Das war ich, das bin ich noch, verſetzte der Herzog, aber der Kaiſer har ſich aus Frankreich zurückgezogen, und Frankreich iſt in Gefahr. Es wäre ſchmachvoll, wollte ich unthätig zu⸗ ſehen, wie Andere die Feinde von unſerem Boden verjagen. So ergreife ich die Waffen nicht für dieſe oder jene Regierungsform, ſondern gegen die Feinde unſeres großen Vaterlandes, an dem ich Dar gen wiel hab Nſ und bror nicht die ich noch Don ſein das Da⸗ Rot a Ha 6 her är⸗ o ſchüt⸗ to ſeine gerieth on ſich, ſie blu⸗ er ſie sſtreckte, nd kalt Weibes, ng fend ſchen on von vo mein Nontalto ſen und Morgen wahrten in ein et ihn. Nm a⸗ lnhänger aber nkreich — 763— ich viel wieder gut zu machen habe. Ich bin ein großer Sünder, Daniel, aber die Schmach, die auf mir liegt, will ich in dem ei⸗ genen Blute abwaſchen, und meinen Söhnen, wenn Gott ſie mir wiedergiebt, einen gereinigten Namen hinterlaſſen. Leb⸗ wohl, ðh habe heute von der ſchmerzlichſten Erinnerung meines Lebens Abſchied genommen, ich ſtürze mich auf's Neue in den Kampf. und unter Leiden und Gefahren will ich abbüßen, was ich ver⸗ Prochen habe Daniel ſah dem Forteilenden kopfſchüttelnd nach. — Faſt fünfzehn Jahre, ſagte er, ſind vergangen, ſeitdem er nicht hier war, der Elende, und fragt jetzt ſo eifrig nach Antonina die er gemordet hat, und nach Alice, die er rauben laſſen wollte. O ich ſehe es ihm an, den drückt noch andere Schuld, wie mich noch andere Sorgen drücken. Arme Gabriele, unglückliche Fürſtin Donato, was mag aus Dir, was aus Deinem Sohne geworder ſein? 86. Kapitel. Die Unterhandlung. Als der König Wilhelm auf ſeinem Wege nach Paris in das Schloß Ferriéres eintrat, rief er mit Erſtaunen aus: — Solch eine Pracht habe ich in keinem meiner Schlößer. Das kann ſich aber Unſereiner nicht erlauben! Das Schloß Ferrieres gehört nämlich dem pariſer Baron Rothſchild, dem reichſten Manne auf dem Feſtlande Europas. Dieſe in jeder Beziehung entzückende Beſitzung liegt„was witab auf der Oſtbahnſtrecke von Paris nach Meaux Man fährt von der Hauptſtadt Frankreichs etwa fünf Viertelſtunden bis zur betreffenden Eiſenbahnſttation und dann zu Wagen zwanzig Minuten bis nach la Ferrières. Der Weg dahin iſt paradieſiſch ſchön. Er führt „ — 764— durch einen wunderbar friſchen und lieblichen Laubwald und ge⸗ langt endlich durch eine breite und ſtattliche Allee zu dem Schloſſe. Dieſes erhebt ſich auf einer ſauften Anhöhe und iſt rings⸗ umher von den ſchönſten Parkanlagen umgeben, aus deren üppig grünen Raſenflächen ſich hohe Baumgruppen erheben. Ein eng⸗ liſcher Baukünſtler entwarf den Plan zu dieſem köſtlichen Aufent⸗ halt, er ſchuf zwei Pavillons, die durch breite Facaden mit ein⸗ ander verbunden ſind. Betritt man nur das Portal, ſo ſtaunt man ſchon über die Pracht der Marmorbildſäulen, welche den Vorflur ſchmücken. Von hier führt eine breite Doppeltreppe in eine Halle, die nach der Art der engliſchen Grafenſchlöſſer groß⸗ artig erbaut iſt. Zu beiden Seiten befinden ſich theils Salons, theils Schlafzimmer für die Gäſte des Hausherrn, für deren Dienerſchaft im Erdgeſchoß geſorgt iſt. Hier ſieht man auch den Flur der Jäger, der ſo eingerichtet iſt, daß, wenn die Herren ſich früh am Morgen zu dem waidmänniſchen Vergnügen ſammeln, keine der Damen durch das Gebell der Hunde, das Wiehern der Roſſe oder das Klirren der Waffen geſtört werden kann. Dieſes Erdgeſchoß iſt überhaupt zumeiſt den männlichen Bewohnern von Ferrières gewidmet. Hier kann man rauchen, Roulett und Billard ſpielen, hier ſich am Schachbrett ergötzen oder mit der Cigarre im Munde die Zeitungen leſen. Tritt man jedoch in die Halle zurück, ſo wird man ſogleich aus dieſer Abſonderung wieder in das allgemeine Leben zurück⸗ geführt. Dieſe Halle iſt eine Art von Muſeum. Sie geht durch zwei Stockwerke und erhält ihr Licht durch hoch oben angelegte Fenſter. In derſelben Höhe iſt ſie durch eine ringsumlaufende Galerie umſchloſſen auf welcher unzählige Koſtbarkeiten ausgeſtellt ſind, die der Baron Rothſchild theils ſelbſt auf ſeinen Reiſen ge⸗ ſammelt oder von anderen Reiſenden erhalten hat. Hier ſieht man köſtlich gewirkte Gobelintapeten, Vaſen aus Etrurien, Sta⸗ tuen, die noch aus der Zeit der alten Griechen ſtammen, chineſiſche Elfenbeinſchnitzereien, japaneſiſche Fächer, Gefäße von Gold und Silber, ſeltſame Waffen, ausgeſtopfte Vögel und noch tauſend andere ſelteme und koſtbare Dinge. Dazwiſchen ſind wunderſchöne geſch daß nachſ zu d eini ſonde Syn ben Das einen des äuße man den deut keln, Kro ächt Sta ſchn ſiſt auf Gun zen. und Tuh gen in d ii ben alz juſ und ge⸗ zu dem ſt rings⸗ n ippig in eng⸗ Aufent⸗ mit ein⸗ ſo ſtaunt elche den reppe in ſer groß⸗ Salons, ir deren uch den rren ſich owmeln. hern der Ziſes ewohnern ultt und nit der n zuüt⸗ chi duch angelegt mlaufende uzgeſeli Reiſen ge ir ſiht rien⸗ Ste⸗ cnſſi Gold und nderſtine — 765— geſchnitzte Schränke, in denen ſich gelehrte Bücher befinden, ſo daß man über einen jeden der vorhandenen Gegenſtände gleich nachſchlagen und Belehrung empfangen kann. Eine breite Thür führt zu der eigentlichen Haupttreppe und zu den höher gelegenen Stockwerken hinauf. Hier ſind die ganz einzig ſchönen Zimmer für die Familie des Barons und für be⸗ ſonders vornehme Gäſte. In einem Seitenflügel befindet ſich eine Synagoge, denn der Baron Rothſchild hängt dem jüdiſchen Glau⸗ ben an. Dieſer Tempel iſt einfach und in ernſtem Styl gebaut. Das Wandgetäfel iſt von dunklem Eichenholz, das Ganze macht einen ſehr würdigen und feierlichen Eindruck. Iſt nun das Innere des Schloſſes ein wahres Meiſterſtück des guten Geſchmackes, ſo überraſcht es um ſo mehr, als der äußere Anblick ſolch einen Glanz keineswegs verſpricht. Wenn man die Allee hinaufſteigt, ahnt man nur wenig von der ſtrahlen⸗ den Halle, den golddurchwirkten Tapeten, den mit Tigerfellen be⸗ deckten Seſſeln, den Spiegeln, in deren Rahmen Edelſteine fun⸗ keln, den Schränken von Schildpatt mit eingelegten Golde, den Kronleuchtern von geſchliffenem Bergkriſtall, den Galerien mit ächt ſilbernem Geländer und den überaus ſchönen Bildern und Statuen. Düſter und geſchmacklos ragen die Sckthürme empor, häßliche ſchwarze Dächer liegen darüber, aber ringsum wiegen ſich die friſchgrünen Kronen der Bäume, die lieblichſten Blumen duften auf der Treppe, Springbrunnen plätſchern luſtig rings umher. Die Gunſt des Klimas geſtattet es, ſelbſt tropiſche Bäume anzupflan⸗ zen. Hier ſieht man Wäldchen von Hrangen, deren Duft entzückt und deren goldene Früchte im Freien reifen, hier blüht der ſeltene Tulpenbaum neben den amerikaniſchen Nadelhölzern, Palmen wie⸗ gen ihre hohen Kronen und fächerartigen Blätter, Granaten glühen in dunklem Laube, und um den knorrigen Feigenbaum ſchlingt ſich üppige Rebe. Ein Teich, der rings mit Schilf und Rohr umge⸗ ben iſt, bildet den Anfangspunkt dieſer Anlagen, die nicht weniger als zwanzigtauſend Morgen oder etwa zwei Quadratmeilen um⸗ faſſen. Sie umſchließen die Meierei mit vielen Kühen, Hühnern und — 766— Tauben, die Faſanerie, in der die bunteſten Vögel ihr Gefieder ſpreizen, die Stallungen mit arabiſchen und engliſchen Pferden von großem Werthe, und die Wohnungen der verſchiedenen Gärtner, dazu die Gewächs⸗ und Palmenhäuſer und das Maſchi⸗ nenhaus für die Waſſerleitungen. Das Ganze gleicht einem Königsſitze, und wirklich ſind die Rothſchild's eine Großmacht in Geldſachen. und ohne ihre Bei⸗ hilfe kann kaum eine europäiſche Regierung ſertg werden, da ſie es ſind, die alle Anleihen vermitteln. Der Baron ſelber war nicht in rières anweſend, als der König Wilhelm dort ſein Hauptquat aufſchlug. Der hohe Herr fühlte ſich ſehr behaglich in den ſchönen Räumen und vor⸗ züglich in der überaus milden und geſunden Luft des Parks, gegen welchen der des babelsberger Schloſſes bei Potsdam aller⸗ dings keinen Vergleich auszuhalten vermag. Es war nicht ſchwer, das ganze Gefolge in Ferrières unterzubringen, denn es fehlte keineswegs an Platz, doch unerwartet erſchien noch ein aHerer Gaſt, das Mitglied der vorläufigen franzöſiſch republiteniſchen Regierung, Herr Jules Favre, welcher mit dem Grafen Bismarck über Krieg und Frieden zu unterhandeln wünſchte. Es verſteht ſich, daß man dieſen Vermittler im preußiſchen Hauptquartier mit allen Ehren empfing, aber Favre hatte keinen Sinn für den Luxus des Schloſſes noch für die reich beſetzte Tafel. Zu ſehr lag ihm Frankreichs Schickſal und Frankreichs Ehre am Herzen. Sein Erſcheinen war ein ſehr würdiges, denn Favre iſt ein ſtattlicher Mann mit überaus geiſtreichen Ge⸗ ſichtszügen, aber der Graf Bismark, der ihn von ſeinem Aufent⸗ halt in Paris her kannte, erſtaunte darüber, daß er ihn ſo furcht⸗ bar gealtert fand. Favre, der innige Freund ſeines Vaterlandes, hatte ſich Frankreichs Schickſal ſo ſehr zu Herzen genommen, daß er darüber in kurzer Zeit zum Greiſe geworden war. Er war von dem Geſandtſchaftsſekretair von Ring begeitet. Seine erſte Unterredung mit dem Kanzler des norddeutſchen Bun⸗ des dauerte bis Mitternacht, dennoch konnten ſich dieſe beiden Männer nicht einigen, und nach kurzer Ruhe nahmen ſie ihr Ge⸗ N. — ſprä ben den nich Jule ſcher Der Bed rich ledi deut erſch pun 0 ul für puf geb WVit Ueh fran er d niſc gebe für und hun Sie den Eur und Gefieder Pferden iedenen Muſchi⸗ ſind die hre Pei⸗ n da ſe als der et hohe und vor⸗ 3 Pars, mn aller⸗ ſchwer, s fehlte aeet iniſchen gnart reuiſchen ttr keinen beſee urkreichs wdig ichen Ge⸗ m ufent⸗ ſo fucht terlnde⸗ men doß begeite hen Bun⸗ eſe heiden ſe ihr en — 8 767— ſpräch an dem folgenden Tage um elf Uhr wieder auf, und blie⸗ ben bis um vier Uhr beiſammen. Aber es ging aus dieſen langen Unterhandlungen kein Frie⸗ den hervor Der Graf berichtete an den König, dieſer erklärte, nicht auf die franzöſiſchen Zumuthungen eingehen zu können, und Jules Favre reißte wieder ab, begleitet von einem würtembergi⸗ ſchen Offizier, der ihn bis über die Vorpoſten hinausbrachte. Der Graf Bismark Yatte ſich ſchon von Rheims aus über die Bedingungen ausgeſprochen, unter welchen Deutſchland mit Frank⸗ reich Frieden machen wollte ur — Wir können, ſager, die Forderungen für den Frieden lediglich darauf richten, daß wir Frankreichs Angriffe auf die deutſche, namentlich die ſchutzloſe ſüddeutſche Grenze in Zukunft erſchweren, indem wir dieſe Grenze und damit die Ausgangs⸗ punkte franzöſiſcher Angriffe weiter zurücklegen, und die Feſtun⸗ gen, mit denen Frankreich uns bedroht, als Bollwerke in die Ge⸗ walt Veutſchlands zu bringen ſuchen. Dns heißt mit anderen Worten, wir wollen und müſſen El⸗ ſaß und Lothringen mit den ſeſten Plätzen Straßburg und Metz für uns behalten. Aber die Franzoſen hatten geſchworen, keinen Fußbreit ihres Landes und keinen Stein ihrer Feſtungen fortzu⸗ geben. Das war ein großer und für jetzt noch unbeſieglicher Widerſpruch. Aber der Frieden ſcheiterte noch an einem anderen Uebelſtand. Die deutſchen Regierungen hatten die republikaniſche franzöſiſche noch nicht anerkannt. Der König Wilhelm erklärte, er dächte nicht daran, ſich in die inneren Verhältniſſe Frankreichs miſchen zu wollen, und welche Regierung ſich die Franzoſen auch geben möchten, das ſei für Deutſchland gleichgültig. Indeſſen ſei für jetzt die des Kaiſers Louis Napoleon die einzige anerkännte, und deswegen könne man nur allein mit ihr rechtmäßig unter⸗ handeln. Vernünftige Leute hätten nun eingeſehen, daß nach ſo vielen Siegen, nach ſo vielen eroberten Feſtungen kein günſtigerer Frie⸗ den als der von Bismarck vorgeſchlagene zu erlangen ſei. Ganz Europa war darüber einig, daß die deutſchen Forderungen mäßig und gerecht waren, aber die Franzoſen dachten anders über die⸗ — 768— ſen Punkt. Sie entſchloſſen ſich zu einem einmüthigen Widerſtande gegen die deutſchen Waffen. Noch immer faſelten ſie von dem unbezwinglichen Frankreich, und wenn ſie auch die Verpflichtung anerkannten, das von der früheren Regierung begangene Unrecht wieder gut zu machen, ſo ſtellten ſie doch die unannehmbarſten Bedingungen. Der König Wilhelm hatte, als er das feindliche Land betrat, erklärt, er kämpfe gegen den Kaiſer und nicht gegen die Nation, als nun der Kaiſer beſeitigt war, verlangte die Nation, daß die Deutſchen das Land räumten und ſie in friedlichem Beſitze deſſel⸗ ben ließen., Es wäre alſo all' dieſes edle Blut umſonſt vergoſſen gewe⸗ ſen! O nein, ſo darf ein König nicht das Leben ſeiner Unter⸗ thanen vergeuden, er führt die Seinen mit blutendem Herzen in die Schlacht, und nur, um mit ihrem Tode die Wohlfahrt und das Gedeihen des ganzen Landes zu erkaufen! Jules Favre ſah wohl ein, daß Frankreich einem ſolchen Gegner ſchließlich weichen müſſe, er wünſchte daher vor allen Din⸗ gen einen Waffenſtillſtand, aber ohne den Deutſchen irgend etwas dafür bieten zu wollen. Bald nach ſeiner Rückkehr aus dem preußiſchen Hauptquartier veröffentlichte er einen Bericht über ſeine Unterredung mit dem Grafen Bismarck. Hierin betonte er, der Kanzler habe die Abtretung des ganzen Elſaß, dann die Moſel⸗ linie mit Metz, den deutſchen Theil Lothringens und die Kriegs⸗ koſten verlangt, und am zweiten Tage der Unterhandlung habe er als Bedingung eines zwanzigtägigen Waffenſtillſtandes die nebergabe der Feſtungen Straßburg, Toul und Verdun gefordert. Dieſe Bedingungen hatte Favre unannehmbar und mit der Ehre Frankreichs nicht vereinbar gefunden und mußte erleben, daß einige Tage darauf Straßburg und Toul von ſelbſt den Sie⸗ gern in die Hände fielen. — Ich ſuchte den Frieden, ſagte er in dieſem Berichte, und fand den unbeugſamen Willen zu erobern und zu kämpfen. Ich wollte die Möglichkeit, Frankreichs Volksvertreter zu befragen, und erhielt die Antwort, Frankreich müſſe ſich dem Joche beugen. Ich erhärte dies und thue es vor Europa kund. Ferner ſchwur er, er ut den ſei deuti hau nun das Kit das niede Wut zum Wa über eine Sto Sto ber für dur wů Re das Inr Alle Au unt wol näh her ha gur erſtande on dem ſlichtung Unrecht nharſten dberat, Nation, daß die e deſel⸗ en gewe⸗ rUnter⸗ etzen in rt und ſolchen len Din⸗ nd etwas us dem ber ſine er, der ie Noſel rieg⸗ ng habe ndes die gerdert mit der erleben den SGi⸗ ihte und fen. gen 1 gen nd 1 ſhnn* — 769— er und ſeine Regierung hätten Alles gethan, um beiden Nationen den Frieden wieder zu geben. Seine Unterredung mit Bismark ſei nicht erfolglos geweſen, denn ſie habe vor allem jede Zwei⸗ deutigkeit vernichtet, worin Deutſchland ſich gefiel, indem es be⸗ hauptete, es bekämpfe nur Napoleon und ſeine Soldaten. Aber nun wiſſe man, was Deutſchland wolle. Dem gegenüber möge das ganze Land ſich erheben und Widerſtand bis zum Aeußerſten leiſten, denn Deuſchland führe einen Kampf r Gewalt gegen das Recht. Ein Theil der republikaniſchen Regierung hatte ſich in Tours niedergeſetzt und dieſer unterſtützte Favre's dreiſtes und verlogenes Wuthgeſchrei. Es war faſt lächerlich. Nachdem man Deutſchland zum Kriege gezwungen hatte, verlangte man, daß die Sieger die Waffen niederlegten und die Früchte des Kampfes den Beſiegten überließen. Dieſer echt franzöſiſche Hochmuth bedurfte in der That einer ſtrengen Züchtigung. Paris, der Hauptſitz dieſes maßloſen Stolzes, ſollte und mußte geſtraft werden, damit ein Frieden zu Stande kommen konnte, der Dauer verſprach. Deutſchland war bereit, die Waffen aus der Hand zu legen, aber nur, wenn es ſich für lange Zeit den Frieden geſichert hatte, und dies war erſt durch eine Schwächung Frankreichs möglich. In Paris herrſchte nach Favre's verunglückter Reiſe der wüſteſte Taumel. Man verſuchte es, die gemäßigte republikaniſche Regierung zu ſtürzen und die ſogenannte rothe Regierung an das Ruder zu bringen. Die unglückliche Stadt hatte in ihrem Innern ebenſo gefährliche Feinde, wie außen, aber darin waren Alle einig, daß ſie fechten wollten bis auf den letzten Blutstropfen. Auch in Lon uud Marſeille trug man die rothe Fahne umher und erklärte, der neu ernannten Regierung nicht gehorchen zu wollen. Welch ein Zuſtand! Und dabei rückten die Feinde immer näher, die Ulanen ſchweiften ſchon unter den Feſtungswerken um⸗ her, und der König von Preußen verlegte ſein Hauptquartier nach Verſailles. Trochu, der Kommandant von Paris, machte maßloſe Anſtren⸗ gungen. Zuerſt gelang es ihm, den Frieden im Innern der D. V. 49 — —,——— — 770— Stadt wenigſtens im Angeſicht der drohenoſten äußern Gefahr wieder herzuſtellen. Freilich ging das nicht ohne Blutvergießen ab, verſchiedene Perſonen wurden verwundet, andere gefangen geſetzt, Rochefort, der Laternenmann, der wohl einſah, daß ſeine Zeit noch nicht gekommen, ſchied aus der Regierung und Alles ſchaarte ſich um Trochu, der jetzt der Mann des Tages war. Er bewaffnete jeden Bürger von Paris, der die Waffen zu tragen vermochte, die Nationalgarde wurde eingerichtet, und was Hände hatte, arbeitete an den Befeſtigungswerken. Dazu ließen die Kaufleute ſo viel Eßwaaren wie möglich in die Stadt bringen. Kriegsmaterial wurde aus Amerika eingeführt und von Havre aus die Seine hinaufgeſchafft, Getreide kam von eben daher noch mehr lieferten Belgien und England. Es ſollte der Welt gezeigt werden, daß jeder pariſer Bürger ein Held ſei, bereit Wohl und Wehe, Leben, Gut und Blut dem Vaterlande zu opfern. Aber es gab auch Viele, die ſich ſolch einem Opfer nicht ausſetzen mochten. Wer es nur irgend konnte, der entfloh den Gefahren, welche eine ſolche Be⸗ lagerung mit ſich bringen mußte. Es war eine vollkommene Völkerwanderung. Die Armen freilich mußten wohl daheim bleiben, aber die Reichen gingen davon mit Weib und Kind, bis die Regierung jedes Haus, in welchem ſich kein Menſch mehr be⸗ fand, als Eigenthum des Staates erklärte. Das hielt denn wieder Manchen davon ab, nach England oder Brüſſel zu flüchten. Nun machte man die verzweifeltſten Anſtrengungen, um ſich gegen einen Angriff der Feinde zu ſichern. Trotzdem die Pariſer auf die Gewalt ihrer Feſtungswerke trauten, bereiteten ſie ſich auf einen Kampf in den Straßen von Paris ſelber vor Von einem Hauſe zum andern wurden die Wände durchbrochen, damit ein hartnäckiger Kampf in den Häuſern ſelbſt möglich würde in den unterirdiſchen Gängen, welche Paris durchziehen, ſammelte man Pulver, um allenfalls die Stadt in die Luft zu ſprengen⸗ und wo es nur irgend möglich war, errichtete man ſteinerne Barrikaden. Und das Alles war noch nicht genug. Die reizenden Luſtwäldchen, welche Paris umgaben, ließ der General Trochu theilweiſe niederhauen, damit die Feinde keinen Schutz darin fänden, uRb dem ſehe ſo foyn Poh gen ſo opfe tergießen 1 pariſe es n olche Be lommen l dahein Find bi mehr he ſelt denn ſicht⸗⸗ umn ſich e Puſ i ſe ſch vor Von en dw würde 5 ſum ſprenger ſen del reizen al W 3 findel⸗ — 771 und ſo fiel der ſchönſte Schmuck von Frankreichs Hauptſtadt unter dem Beil der Holzhauer. Es war ein Jammer, dieſe herrlichen Bäume dahinſinken zu ſehen, und noch dazu hieb man ſie einige Fuß über der Erde ab ſo daß die kahlen Stämme wie Leichenſteine daſtanden. Was konnten alle dieſe Anſtrengungen nützen? Paris war wie ein Wahnſinniger, der ſich ſelber zerfleiſcht und in den eigenen Ein— geweiden wüthet. Dieſe herrliche Stadt, ſo ſchön, ſo voll von Kunſtſchätzen, ſo prachtvoll durch die Prunkliebe ſeiner Herrſcher geſchmückt, opferte ſich in dem unſinnigſten Wahn der Zerſtörung. Eine namenloſe Wuth herrſchte in allen Gemüthern, ſie hätten ſich ſelber in die Luft geſprengt, nur damit kein Stein der Stadt in die Hände der Sieger fallen konnte, und Kampf, Kampf auf Tod und Leben, das war das Geſchrei, welches Tag und Nacht die Straßen durchtobte! 87. Kapitel. Die fenrigen Kugeln. Immer noch donnerten die Kanonen um Straßburgs Mau⸗ ern, immer noch ſträubte ſich der General, Uhrich die Feſtung zu übergeben. Tief betrübt über den Tod einer ſeiner Söhne, der bei Wörth gefallen war, glaubte er, ſeinen Tod nicht beſſer rä⸗ chen zu können, als indem er den Feinden ſo viel Schaden als möglich zufügte. Schelte ihn Niemand deswegen. Als Kommandant einer Feſtung hatte er ſich den ſtrengen Geſetzen zu fügen, welche befeh⸗ len, daß eine Kapitulation nur dann ſtattfinden darf, wenn Le⸗ 49* — . bO bensmittel oder Munition gänzlich erſchöpft ſind, nachdem man beides mit der größten Spar amkeit verwaltet hat, um die Ueber⸗ gabe deſto länger zu verzögern. Jeder Kommandant, ſo lauten dieſe Geſetze weiter, iſt ſtrafbar, welcher durch Feigheit, Nachläſ⸗ ſigkeit, Mangel an Vorſicht, Schwäche oder Zugänglichkeit für An⸗ erbietungen, die ihm Vortheile gewähren, ſeinen Platz übergiebt. Der General Uhrich erfüllte alſo nur ſeine Pflicht, indem er Straßburg ſo lange als möglich hielt. Die Einwohner der un⸗ glücklichen Stadt ſahen dies wohl ein und ſchakten ihm einſtim⸗ mig das Ehrenbürgerrecht. Wollten ſie damit das Intereſſe des Generals für Straßburg gewinnen, ſo verfehlten ſie dennoch ihr Ziel. General Uhrich war Soldat von dem Scheitel bis zur Fuß⸗ ſpitze, er hätte das letzte Haus zerſchießen laſſen, wenn es ihm damit möglich geweſen wäre, die Feſtung zu halten, und er hielt ſie, ſelbſt nachdem er das Ende vom Liede deutlich genug vor Augen ſah. In der Nacht vom neun und zwanzigſten zum dreißigſten Auguſt wurde gegen die Nordfront der Feſtung die erſte Paral⸗ lelè gezogen, nur ſechs bis achthundert Schritt von den feindlichen Werken entfernt. Dennoch erlitten die Deutſchen dabei keinen Verluſt, ſo heimlich betrieben ſie ihre Arbeit. Schon die nächſte Nacht ſah man die zweite Parallele entſtehen, die nur drei bis vier hundert Schritt von der Feſtung entfernt war. Nun baute man auch Belagerungsbatterien, man baute ſie inmitten eines heftigen Kugelregens. Wenn eine Granate niederfiel, ſo rief Derjenige, welcher ſie zuerſt ſah, ſeine Kameraden an, ſie liefen davon oder warfen ſich platt auf die Erde, bis das Geſchoß kre⸗ pirt war, bisweilen auch hatte Einer den ungeheuren Muth, die Kugel aufzuheben und in das Feld oder in den Fluß zu werfen, um ſich und ſeine Gefährten zu erretten. Worin beſtanden aber dieſe unter ſo großen Gefahren verrihteten Belagerungsarbeiten? Man grub zuerſt tiefe Gänge durch die Erde, warf dieſe an bei⸗ den Seiten auf und ſuchte in dieſen geſchützten Wegen der Fe⸗ ſtung ſo nahe wie möglich zu kommen. Dieſe Gänge führten an die Stelle, welche beſonders zur Beſchießung auserſehen war, ſo⸗ bald die Kugeln eine Breſche in die Mauer geſchoſſen hatten m man e Ueber⸗ o lauten Nahläſ⸗ für An⸗ ergiebt dem er der un⸗ einſtin⸗ eſſe des noch ihr ur Fuß⸗ es ihm er hiek 19 bor jigſten Porul ndlichen eeinen nächſe drei bis n haute eines ſo rjef e liefen hoß kre⸗ h, die werfen en ber rbeitn an ber der ſe⸗ rten on vor, ſo halten — — 773— konnte der Riß von hier aus erweitert werden, konnten die Sol⸗ daten von hier aus hineindringen. Dieſe Gräben ſind vier bis füͤnf Fuß tief, ſie ſchützen alſo die darin vorſchreitenden Krieger ziemlich gut und laufen mit den Feſtungswerken gleich, die an den Seiten aufgeworfene Erde dient ihnen als Deckung. In der erſten Parallele werden nun ſchwere Geſchütze aufgeſtellt und mit dieſen wird die Feſtung beworfen. Unter ihrer Deckung arbeitet man alsdann die zweite Parallele aus, die der Feſtung näher rückt und, wo es nöthig iſt, noch eine dritte. Hier wurde ſogar noch eine halbe darüber gemacht. Auf dieſe Weiſe gruben ſich unſere Soldaten gleich den Maulwürfen dicht an die Feſtung heran, ohne durch die Kugeln derſelben große Verluſte zu erleiden. Um ſo mehr litten ſie je⸗ doch von Wind und Wetter und von dem Grundwaſſer, welches in den Gräben aufſtieg. Der lehmige Boden ſetzte ſich gleich einer harten Kurſte um die Uniform und erſchwerte die Arbeit unendlich, manch braver Junge zog ſich hier eine tödtliche Erkäl⸗ tung zu. An der Feſtung befinden ſich vorſprengende, im ſpitzen Winkel gebaute Mauerwerke mit Schießſcharten, die man Lünetten nennt. Um dieſe herum zog ſich ein ziemlich tiefer Waſſergraben, der unſeren Leuten ſehr unbequem wurde, doch überwanden ſie auch dieſes Hinderniß. Mehrere kleine Ausfälle der Straßburger Beſatzung wurden ſiegreich zurückgeſchlagen, und die Rothhoſen zogen ſich mit blu⸗ tigen Köpfen in ihr Hungerloch zurück. Am zweiten September unternahm der General Uhrich einen größeren Verſuch, ſich durch⸗ zuſchlagen, er griff beide Flügel des Belagerungsheeres auf ein⸗ mal an, aber die badiſchen Grenadierregimenter widerſtanden ihm mit größtem Muthe und warfen ihn auch dieſes Mal auf die Feſtung zurück. Jetzt ſtanden nicht weniger als achtundneun⸗ zig große preußiſche Geſchütze vor Straßburg, und vierzig Mörſer vervollſtändigten dieſen Artilleriepark. Auf der anderen Seite hatten die Badenſer zweiunddreißig gezogene Kanonen, die von Kehl aus ſchoſſen, und acht Mörſer. Bis zu dem zwölften Sep⸗ tember war die dritte Parallele vollendet, und nun konnte die Sache losgehen — 7 In Straßburg hatten ſich lügenhafte Rachrichten von fran⸗ zöſiſchen Siegen verbreitet, die den Leuten neuen Muth gaben. Es wurden Zettel an die Ecken geklebt, durch welche man die Bürger aufforderte, ſich gegen die Feinde zu wehren. Waffen und Pulver wurde vertheilt. Ein paar Tage hatte man die Be⸗ ſchießung der Stadt eingeſtellt, das mag den Leuten neue Hoff— nung gegeben haben. Da fiel plötzlich ein Schuß, ein furchtbares Krachen folgte, die Granate hatte eingeſchlagen Holz und Steine flogen weit umher. Die Bürger legten naſſe Decken anf die Dächer, um ſie vor dem Feuer zu ſchützen, es war ein vergebliches Mühen. JZetzt Schuß auf Schuß. Es war Nacht, der Blitz der Kanonen leuch⸗ tete furchtbar durch die Dunkelheit, und jedem Knall folgte ſo⸗ gleich das knatternde Platzen der Granaten, das angſtvolle Weh⸗ geſchrei der Verwundeten und Sterbenden. Es brannte an ver⸗ ſchiedeneu Orten der Stadt. Man ſchrie Feuer, Feuer! aber Rie⸗ mand dachte daran, ernſtlich zu löſchen, ſie hatten alle den Kopf verloren, ein Jeder wollte nur ſein eigenes Leben retten. Die Menſchen flüchteten ſich in die Keller, die in ihrer Angſt losge⸗ riſſenen Pferde ſtärmten durch die Straßen, Kinder ſchrieen nach ihren erſchlagenen Eltern Balken ſtürzten krachend herab, Häuſer ſanken zuſammen, es war die gräßlichſte Zerſtörung, die furcht⸗ barſte Auflöſung aller geſelligen Bande, aller Vernunft, alles Vertrauens. Als der Morgen kam, waren die Straßen wie ausgeſtorben. Das Feuer hatte zerſtört, was es zu erreichen vermochte und ſank dann in ſich ſelbſt nieder. Noch immer tönt das fürchterliche Schießen, am Abend wird es zu einem unaufhörlichen Krachen. Die Häuſer, in deren Kellern die Leute ſich für ſicher hielten, brannten lichterloh, die fallenden Balken verſperrten ihnen den Ausweg, der Qualm erſtickte ſie. Eine Kirche brennt, die koſtbare Bibliothek, das Gymnaſium. Wer noch Beſinnung hat, begießt ſein Haus mit Waſſer. Glü⸗ hende Steine fliegen umher, verbrannte Menſchen ſchreien gräßlich und laufen mit flammenden Kleidern, durch die Straßen, bis ſie als ein Haufen ekelhaft riechender Aſche zuſammenbrechen„ on ftan⸗ gaben. nan die Vaffen die Be⸗ e Hoff⸗ n folgte en weit um ſe n. Jett n leuch⸗ olgte ſo⸗ le Weh⸗ an vel⸗ ber Nie⸗ en Woy n Die t losge⸗ en nach Büuſer ſe furcht⸗ ft ales ſtorben nd ſank nd wird Kellern allenden iite ſie naſium⸗ Gli⸗ gtji his ſe — 775— Ohne Aufhören fallen Brandgranaten in die ohnedieß bren⸗ nende Stadt, es iſt ein Toſen, Brauſen, Krachen, Ziſchen, als habe ſich die Hölle geöffnet und ſprühe Tod und Verderben aus ihrem Schlund empor. Der Tag verging ziemlich ruhig die nächſte Nacht aber brachte neue Schrecken. Aus allen Dächern ſchlug die Flamme zugleich empor, ein Feuermeer wogte über Straßburg. In Sile brachte man die verwundeten Soldaten in Sicherheit, die allein die feuer⸗ feſten Wände der Feſtung gewährten. So Nacht für Nacht. Immer grauſiger wird die Zerſtörung. Keine Fenſterſcheibe iſt mehr ganz, der erſtickende Qualm dringt durch alle Räume. Am Sonntag hielt man den Gottesdienſt in einem Keller ab, denn auch der Tag des Herrn iſt vom Lärm der Kanonen nicht frei. Wer fällt, wird begraben, wo man eine Stätte für ihn findet, in dem Hofe, im Garten, denn Zeder ſcheut ſich, den Weg bis zu dem Kirchhof zu machen. Zeder Augenblick iſt eine Lebens⸗ gefahr, hier ſtürzt ein Schornſtein zuſammen, dort fliegt ein Bombenſplitter durch die Luft. Dazwiſchen fiel die Gewißheit der Niederlage bei Sedan und vervollſtändigte das Unglück. Alſo alle dieſe gräßlichen Leiden ganz vergebens, Frankreich iſt nicht mehr zu retten, und Straßburg fällt mit ihm! Wer fliehen konnte, flieht der Schweiz zu doch nur Wenigen wird dieſes Glück zutheil. Am zwei nnd zwanzigſten nahmen die deutſchen Soldaten zwei Lünetten, am fünf und ſechs und zwanzigſten wurden meh⸗ rere Breſchen geſchoſſen, und der Sturm ſtand bevor. In dem deutſchen Lager war Alles darauf vorbereitet, da plötzlich, da ſah man darüber auf dem Münſter das lange ſchon erſehnte Zeichen, die weiße Fahne, wehen. Friede, Friede der unglücklichen Stadt, endliche Unterwerfung in die Hände des großmüthigen Siegers! O, warum erſt ſo ſpät, warum erſt, nachdem Wunden geſchlagen worden waren, die keine irdiſche Macht zu heilen vermag? Ein Parlamentair brachte einen Brief des General Uhrich an den General von Werder, in welchem er die Uebergabe der Feſtung auf Gnade und — — ungnade anzeigte. Welch eine Freude! Die deutſchen Soldaten ſteigen auf die Wälle, ſchwenken die Mützen und rufen ein don⸗ nerndes Hurrah! Die Franzoſen antworten nur matt auf dieſen Freudenruf. Da plötlich bricht es aus tauſend Kehlen hervor, das fromme, tief deutſche Lied: Lieb Vaterland magſt ruhig ſein, feſt ſteht und treu die Wacht am Rhein! Ja ſie ſtand feſt, nur durch die Umſtände gezwungen, mit blutendem Herzen warf ſie den Tod in die deutſche Stadt hinein, bereit, was an ihr iſt, die Wunden zu lindern, die ſie geſchlagen hat. Am Morgen um zwei Uhr unterzeichnete General Uhrich die Kapitulation. Siebzehntauſend ein hundert und elf Mann ſtreck⸗ ten die Waffen, außerdem vierhundert ein und fünfzig Offiziere. An anderen Tage wehte von dem Münſter herab die ſchwarz⸗ weiß⸗ rothe Fahne. Peter Godard ging raſtlos durch die Straßen. Als ein al⸗ ter Mann war er nach Straßburg gekommen, als ein Greis trat er heraus. Dort ſtürmte ihm ein Weib entgegen, ihre Haare waren aufgelöſt, ihre weit aufgeriſſenen Augen ſtierten wild um⸗ her, mit ausgeſtreckten Händen deutete ſie auf ein verbrann⸗ tes Haus. Warum ſtürzten jetzt noch die Balken herab, warum auf ihr Kind, ihr einzig geliebtes Kind? Sie hob die Leiche empor, die in ihren Armen ſchlotterte, ſie hatte keine Thräne für dieſes Unglück, draußen erſcholl endloſer Jubel, ſie aber ſank über dem erſchlagenen Kinde dahin. Dort ſitzt eine Andere; die Ellenbogen auf dem Knie, den Kopf in den beiden Händen wiegt ſie ſich unabläſſig hin und her. — Sie ſchießen noch, ſie ſchießen immer noch, wimmert ſie leiſe vor ſich hin. Mein Vater iſt todt, mein Liebſter, mein Sohn ach, Alles, Alles todt, ſie ſchießen, ach, und ſie ſchießen immer noch! Die Arme, der Schrecken hatte ihr den Verſtund genommen. Da gräbt man unter den Trümmern eines Hauſes einen menſch⸗ lichen Körper hervor. Halb verbrannt, mit geſchundenen, zer⸗ quetſchten Gliedern gleicht er kaum noch einem lebenden Weſen. Er winſelt, denn zum Schreien reicht ſeine Kraft nicht mehr aus, und dennoch leidet er gräßlich bei der Berührung ſeines wunden Soldaten in don⸗ f dieſen hervor, ig ſein, eſt, nur war ſe ihr iſt, hrich die n ſrec⸗ Offijere ſchwalz⸗ ein al⸗ eis trat te Ho wild um⸗ verbrann⸗ warum ie Leiche rine für ber ſun ete; die en wiegi nmert ſi rin Sohn e ſchießen enmmel n nenſc⸗ nen h⸗ n Veſen⸗ neht 3 wunden Leibes. Warum ließen ſie ihn nicht dahin ſterben, wo er lag? Dort zimmert ein Sohn eifrig an dem Sarge ſeiner todten Mut⸗ ter, eine platzende Bombe hat ſie getödtet, als ſie ihm Eſſen be— reiten wollte. Noth, Elend überall, welch ein Jammer, welch vine Zerſtörung! Vernichtet der Fleiß vieler Jahre das Erb⸗ theil guter Eltern, die Hoffnung für ſpätere Tage, Alles, Alles vorbei! Der General Werder nahm Stellung an dem Glaciswege, hinter ihm ſein Stab und die Landwehrregimenter. Von der Stadt aus, ſetzt ſich ein trauriger Zug⸗ in Bewegung. Die franzöſiſchen Offiziere haben Mühe, die Soldaten zum Marſchiren zu bringen. Der General Uhrich geht voran, ſein weißes Haupt beugt ſich unter der Laſt ſeines Unglücks. Langſam wie zur Beſtattung ſeines Ruhmes ſchreitet er durch das Thor, der Maire von Straßburg begleitet ihn und verläßt ihn erſt am Ausgange ſeiner Stadt. Welch ein Augenblick, als ſich die beiden Männer die Hände reichen. Thränen perlen in ihren Augen. die deutſchen Solda— ten grüßten Gewehr bei Fuß, der General Uhrich warf keinen Blick auf ſeine Ueberwinder. Seine Truppen gingen hinter ihm her. Die Gewehre, die ſie abliefern ſollten, zerſchlugen ſie an den Brückenpfoſten. — Wir ſind verrathen! riefen ſie, wir ſind nicht beſiegt, wir ſind betrogen und verkauft! Andere ſahen die Sachlage nicht ſo ſchlimm an, ſie gewan⸗ nen Vertrauen zu den deutſchen Kameraden, die ihnen Eigarren reichten und lachten ganz vergnüglich. Am würdigſten ſahen die Artilleriſten und Pioniere aus, ihre Haltung war ernſt und ſtill, aber hinter ihnen her wälzte ſich ein Haufen von Turkos und Zuaven, wild ausſehende Kerle mit braunen und ſchwarzen Ge⸗ ſichtern, im weißen Turban oder rothen Fez, bepackt mit Allem, was ſie in der Eile hatten zuſammenſtehlen können, betrunken bis zum Hinſinken, ein ekelhaftes Bild der Gemeinheit. Was ging ſie Frankreichs Erniedrigung an, ſie kämpfen nur für Frankreichs Geld. Jetzt kam die Kavallerie, doch ohne Pferde, denn ein tauſend achthundert und dreiundvierzig Roſſe waren bereits den Deutſchen überliefert worden. Sie hatten keine nöthig. Grade dieſer Truppentheil war furchtbar zuſammengeſchmolzen, es waren die traurigen Ueberreſte einer großen Armee. Der General von Werder ſtieg von ſeinem Pferde und em pfing die Offiziere mit großer Hochachtung. Es wurde ein Kreis um ſie gebildet, und die franzöſiſchen Herren verpflichteten ſich auf ihr Ehrenwort, die Waffen nicht mehr gegen die Deutſchen zu führen, dann ſchieden ſie unter den Verſicherungen der größten Hochachtung. Der General Uhrich ging nach der Schweiz, um ſeinen Sohn und Straßburgs Fall zu betrauern. Jetzt zogen die Deutſchen in die Stadt ein. Der General Mertens bemühte ſich auf das Eifrigſte einigermaßen Ordnung in die Zerſtörung zu bringen. Viel erſchlagenes Vieh verwsste unbeerdigt in den halb mit Trümmern bedeckten Höfen, menſchliche Körper fand man in ihren Betten erſtickt, andere in den Kellern verſchüttet. Jetzt wurden die verkohlten Balken fortgeſchafft, die Straßen⸗ dämme von Steinen und Mauerſtücken geſäubert, der Unrath fortgekehrt. Für die Verwundeten wurden zweckmäßige Lazarethe errichtet, vor allen Dingen aber mußte für die Reinigung der verpeſteten Luft geſorgt werden, die ſchreckliche Krankheiten erzeu⸗ gen mußte. Hierzu war vor allen Dingen Reinlichkeit nöthig die mit Schutt verſtopften Kanäle waren zu öffnen, der Abfluß wieder herzuſtellen. Die Soldaten griffen tapfer zu, und als der dreißigſte September, der Geburtstag der Königin Auguſta von Preußen kam, hielt der General von Werder ſeinen Einzug in die eroberte Stadt durch ſaubere traßen, ob auch die Häuſer keine Dächer hatten und aus den zerſchoſſenen Wänden die Fetzen der Tapeten herausflatterten. Vor grade zweihundert Jahren war die Stadt in franzöſiſche Hände gekommen, heute gelangte ſie zu ihren rechtmäßigen Beſitzern zurück. Der General hielt einen Dankgottesdienſt in der unver⸗ ſehrt gebliebenen evangeliſchen Kirche ab. Mehr als einhundert Häuſer waren abgebrannt, oder durch Kugeln gänzlich zerſtört, acht bis zehntauſend Menſchen irrten obdachlos umher, und gegen ſiebzehnhundert Civilperſonen waren ſchwer vernundet oder todt, darunter allein fünfzig Mitglieder der Feuerwehr, die in ihrem ſchweren Berufe geſtorben waren. Und wie viele haben uht eir zu vet Zu Au ber Hu ſch Waren und em in Kreis ten ſich eutſchen Rößten vei, um tt zogen bemühte erſtörung t in den per fund chüttet Straßen⸗ Unrath ureht gung der en ereu it nöthig er Wuß und as Auguſn Einzug inſ ie Fehen Johren grlong r unen inhunden zerſůrt nd gehn oder v in ihnn en n — 779— in dieſen Schrecken den Verſtand verloren, wie Viele hatten den Keim tödtli her Krankheiten erhalten, wie Viele trugen Schmerzen und Leiden für ihr ganzes Leben mit ſich hinweg! Und welche Schätze waren zerſtört! Die Magazine ausgebrannt, die Vorräthe für Jahre vernichtet. Doch das erſetzt ſich durch den Fleiß künf⸗ tiger Jahre, was ſich aber niemals erſetzen läßt, das ſind die Schätze der Bibliothek, die in den Flammen untergingen. Koſt⸗ bare Bücher, die nur einmalein der Welt vorhanden ſind, wurden ein Raub des Feuers, und dieſe Stadt, in welcher Guttenberg und ſein Gehilfe Peter Schöffer im Jahre 1436 die Buchdrucker⸗ kunſt erſann, ehe er nach Mainz ging, verlor die koſtbarſten Er⸗ zeugniſſe, die man dieſer Erfindung verdankt. Aber den Münſter hatte ein wunderbares Geſchick errettet, was an ihm beſchädigt war, ging leicht wieder herzuſtellen, und ganz Deutſchland wird däzu beitragen, dieſes herrliche Bauwerk zu erhalten und Straß⸗ burg in ſeinen tiefen Leiden mit Bruderarmen zu unterſtützen. S8. Kapitel. General Bourbaki. So feſt läßt ſich keine Feſtung umſchließen, daß es nicht einem kühnen Abenteurer gelingen könnte, hinein oder heraus zukommen Franz Godard befand ſich in Metz ehe er ſich deſſen verſah. Seine neuen Kameraden hatten ihn in die Uniform eines Zuaven geſteckt, und ſo ſchloß er ſich dem Zuge der von einem Ausfall mit blutigen Köpfen heimkehrenden Flüchtlinge an und vermehrte nun die Zahl der Unglücklichen, die da Noth und Hunger zu ertragen hatten. Ihn freute es, daß er Liſetten nahe war, und das Erſte, was er that beſtand in dem Suchen nach ihr. Er ſah ſie um⸗ ſchwärmt von mehreren Offizieren. Wahrlich, Liſette kannte weder 4 — 780— Mangel noch Langeweile, für ſie flog das Leben im ununter⸗ brochenen Taumel dahin, und ſie erkannte den kranken Mann nicht, den die Hufe ihrer Roſſe beſpritzten. Er trat ihr aber zum zweiten Male entgegen, als ſie, müde vom Genuſſe, ſpät in der Nacht heimkehrte. Da ſtand er gegen ihre Thür gelehnt und erwartete ſie. 4 — Liſette, ſagte er mit ſeiner heiſeren Stimme, kentſt Du mich wirklich nicht mehr?. — Gott ſei bei uns! rief ſie aus, Du hier, Franz? Wie biſt Du ſo bleich geworden? Hoffentlich nicht aus Liebesgram über mich? Komm mit hinauf, wir wollen plaudern. Er folgte der Einladung. Liſette wohnte wie eine Prinzeſſin, die Kammerjungfer, welche auf ihre Befehle wartete, mußte Thee machen und Kuchen und Zuckerwerk bringen. — Da, ſagte ſie, ein Stück Fleiſch wäre Dir vielleicht lieber, aber man muß ſich behelfen, wenn man in einer belagerten Stadt iſt. Und nun erzähle, wie es Dir ergangen iſt, ſeitdem wir uns zuletzt geſehen haben. Damit kauerte ſie ſich in die Ecke des Sophas, zog die Füße herauf und ſchlang die mit reichem Schmuck umgebenen Arme um ihre Kniee. — Liſette, ſagte er mit düſterer Miene und zeigte auf die ſilberne Theemaſchine, die goldenen Löffelchen, die Kryſtallſchaalen und ihr glänzendes Seidenkleid, Liſette, wer bezahlt das Alles? Sie lachte hell auf. — Ja, freilich, bei Dir hatte ich es nicht ſo gut, verſetzte ſie, nicht einmal bei dem Scheuſal, dem Grafen Bellegarde. Man muß immer höher hinauf. Ehemals war mir der Schloſſergeſelle lieb, wenn er mich auf den Maskenball führte, jetzt ſind mir Fürſten und Prinzen zu ſchlecht. Iſt Deine Taſſe nicht rein? Gieb her, ich will ſie auswiſchen. Und ſchnell nahm ſie die Schleppe ihres Kleides und be⸗ fleckte ſie mit dem Theereſte in Franzens Taſſe. Ihn ſchauderte vor dieſem Uebermuthe inmitten ſo großen Elends. — Sei nicht langweilig, Franz, ſagte ſie und warf in ſich die Kiſſen zurück. Du machſt ein Geſicht wie ſieben Tage Re⸗ ſie U pe un vo za tio rie wi de ic ſte leb ſch ununter⸗ n Mann ber zem t in der nt nd it Du 6 Vie besgram rinzeſſin ßte Thee ht lieber, en Studt wu W5 die Füße nen Mme eauf di lſchaalen Ales rerſehle de. Mn ugle ſind mr icht un und b⸗ ſchoudu ſch in 0 urf z Lug — 781— genwetter, nein, das Gleichniß genügt noch nicht, wie Metz im Belagerungszuſtande ich kenne nichts Aergeres, man möchte ſich die Ohren zuhalten bei dem ewigen Knallen, und dann die Unterhaltung... Die fluchen auf den Kaiſer, Jene bedauern ihn, die ſchwören auf die Republik, und Jene auf Bazaine... was iſt Deine Anſicht, Franz? — Ich war in den Kaſematten, erwiederte der. Die Noth der Soldaten iſt furchtbar. — Ja, lachte Liſette, ſie dürfen nicht mehr in die Stadt hinein. Die Bürger möchten das Ende vom Liede hören, für ſie ſind die Feinde Rettungsengel, wenn ſie nur die Thore aufmachen und Eſſen herbeiſchaffen. Sehen ſie nun, wie die Soldaten hun— gern, ſo wird der Lärm gar groß, darum hält man ſie ausein⸗ ander. Es iſt auch in der That wenig Hoffnung auf ſolch einen Haufen Schmalbäuche zu ſetzen. — Sie leiden mehr, als ſich ſagen läßt, fuhr Godard fort, ſie liegen zuſammengepfercht in niedrigen, dunklen Räumen, das Ungeziefer frißt ſie bei lebendigem Leibe auf, die Luft iſt peſtilenzialiſch, und die Nahrung ekelerregend. Es iſt Keiner unter ihnen, der nicht die Gefangenſchaft ſolch einem Zuſtande vorzöge. — Es muß doch ausgehalten werden, meinte Liſette. Ba⸗ zaine denkt an keine Uebergabe, er ſetzt die Leute auf halbe Por⸗ tionen und traut auf ſein gutes Glück. — Und unterdeſſen ſchwelgen ſeine Offiziere im Ueberfluß! rief Franz. O, das iſt verrucht! Weiß denn Keiner von ihnen, wie es draußen in den Forts ſteht? — Sie wiſſen es Alle, lächelte das Mädchen, aber wer kann denn helfen? Pfui doch, Franz Du machſt ein Geſicht, wie ein Pfaffe, dem eine Predigt im Halſe ſteckt und nicht heraus will, ich bitte Dich, verſchone meine Ohren! Hier heißt es, Hungers ſterben, oder luſtig leben. Ich habe das Letztere erwählt. Es lebe das Vergnügen! Gieb die Flaſche da her, es iſt Tokaierwein, ſchenk ein, ſtoß an und laß verderben, was nicht leben kann! Franz trank von dem feurigen Wein, aber er vertrieb ihm —82 nicht die düſteren Gedanken. Liſette war froh, als ihr trübſeliger Gaſt ſie endlich verließ. — Den muß ich los werden, ſagte ſie zu ſich ſelber. Ich habe ihn ſonſt recht lieb gehabt, aber jetzt iſt er zu langweilig geworden. Aber wie fange ich es an? O, er kommt morgen ſchon wieder, und da findet ſich Rath. Wirklich ſtellte ſich Franz am anderen Tage wieder bei ihr ein, denn wie mit magiſcher Gewalt zog es ihn zu ſeiner erſten Jugendliebe hin. Liſette hatte vornehmen Beſuch, ſie ließ ihn draußen lange warten und ſchicte ihm von ihrer Tafel Speiſen hinaus, die es bewieſen, daß man in Metz noch ſehr gut leben konnte, wenn man das Geld dazu beſaß. Plötzlich, als es ſchon dämmerte und Franz es müde wurde, das Jubeln und Lachen zu hören, welches aus dem Speiſeſaale zu ihm drang, ſchlüpfte ſie ſelber zu ihm hinaus. — Franz, ſagte ſie, verzeih⸗ daß ich Dich hier allein ſitzen laſſe, die Herren dadrinnen paſſen nicht für Dich, bis auf Einen, und der wird gleich bei Dir ſein. Ich habe Dich ihm empfohlen, Du mußt cuf alle ſeine Vorſchläge eingehen, hörſt Du, Franz! Und nun küſſe mich ſchnell, ich muß wieder fort. Franz küßte die Lippen die ſie ihm entgegenhielt, doch ohne Gluth Er hatte unter der Dienerſchaft ein Mädchen bemerkt das ſich nur in der Küche zu thun machte und ſowohl den Gäſten als auch den Bedienten ſcheu auswich. Seltſam zog ihn das Geſicht dieſes Mädchens an er glaubte es irgendwo geſehen zu haben und wußte doch nicht, daß er ihr irgendwo begegnet war. In dieſem Nachdenken unterbrach ihn ein Mann in der ſtattlichen Uniform eines Diviſionsgenerals. — Sie heißen Frans Godard? — Zu Befehl⸗ — Sie verſtehen deutſch? — Ich war im deutſchen Lager während des böhmiſchen Krieges war ſpäter in Berlin, ich verſtehe und ſpreche das Deutſche gut genug um mich verſtändlich zu machen. — Können Sie engliſch? — Ein Bißchen man lernt es auf Reiſen. übſeliger et Ich ngweilig morgen wi ihr er erſten ließ ihn Speiſen gut leben es ſchon nd Luchen ſchlüpfte ein ſizen e Gien u örm m doch ohne hemerit den Giſten ihn dos eſehen hu egnet ſtlich vhnic preche — Haben Sie den Muth, mich auf einer gefahrvollen Unter⸗ nehmung zu begleiten? — An Muth hat es mir noch nie gefehlt, obgleich ich jetzt krank bin. — Erwarten Sie mich in dem Sütdfort. — Ich werde da ſein. Der Mann ging hinaus, Franz hatte ihn wohl erkannt. Was wollte der General Bourbaki von ihm? Am nächſten Mor⸗ gen war er zur rechten Zeit an dem rechten Orte. Ein Bedienter brachte ihm anſtändige Zivilkleider, bald nachdem er ſie angelegt hatte, erſchien der General gleichfalls in bürgerlicher Tracht. — Hier ſind Ihre Papiere, ſagte er, und übergab Franz ein Notizbuch. Es werden heute verwundete Gefangene ausgewechſelt wir werden ſie als Aerzte begleiten einmal draußen, finden wir uns dann leicht weiter. Wirklich zeigte ſich bald die weiße Flagge eines Parlamentairs vor den Wällen der Feſtung und dieſes Mal wurde ſie nicht mit Schüſſen empfangen. Man verhandelte über die Auswechs⸗ lung von franzöſiſchen Gefangenen gegen Deutſche, die gegen alle Menſchlichkeit in das Hungerneſt hinein geführt worden waren. Bourbaki zog ſchnell den Mantel über und ſetzte fein Käppi auf, um ſelber mit dem deutſchen Offizier ſprechen zu können. — Ich bin bereit ſagte er, auf Ihre Vorſchläge einzugehen, Sie können fünfzig Verwundete zurückholen laſſen aber diejenigen, die ich dafür erhalte, werde ich mir durch zwei Aerzte ausſuchen laſſen, denn ich will keine Todte und Sterbende gegen noch lebens⸗ kräftige Soldaten hergeben. Der Offizier fand die Forderung ſeltſam, indeſſen ging er darauf ein, und nach kurzer Zeit begab er ſich in Begleitung zweier Aerzte, von denen der eine ein Pflaſter über Stirn, Auge und Wange hatte, in das deutſche Lager zurück. Sie gingen in das Lazareth, und ſchnell waren fünfzig Mann von den am leichteſten Verwundeten ausgeſondert Die Leute gingen nicht gern nach Metz zurück. Schon ſeit einiger Zeit kamen öfters ganze Haufen Franzoſen heraus und baten durch Zeichen, nicht auf ſie zu ſchießen, wenn ſie Kartoffeln ausgruben oder Rüben zogen. Die gutmüthigen Deutſchen hin⸗ derten ſie nicht, ja, wenn ſie ihnen nahe waren, warfen ſie ihnen wohl ein halbes Kommißbrod oder eine Cigarre zu, und jede ſolche Gabe wurde mit Vergnügen angenommen. Dem elenden Ausſehen dieſer Leute und dem Heißhunger, mit welchem ſich die Gefangenen auf alles fortſtürzten, wider⸗ ſprachen jedoch die in den Luftballons enthaltenen Briefe, die immer noch verſicherten, daß kein Mangel in Metz vorhanden ſei. Auch die beiden Aerzte, die man befragte, verſicherten, es ſtände Alles gut und Bazaine würde ſich nicht ergeben. Man ließ ſie fort, und begleitet bis unter die Feſtungskanonen ſchritten ſie mit ibren Verwundeten über die Brücke, doch, noch ehe das Thor ſich hinter ihnen geſchloſſen hatte, wandten ſich die beiden Männer nach rechts und verſchwanden ſchleunigſt unter den Gebüſchen. — Jetzt ſchnell zur Eiſenbahn, rief der General Bourbafi der einer der beiden angeblichen Aerzte war. Zwiſchen Metz und Mezières le Metz zieht ſich eine lange, muldenartige Vertiefung, die ſich durch die Beſchaelungen der Moſel gebildet hat, und an beiden Seiten erheben ſich Höhenzüge. Hierhin flüchteten ſich die Beiden. Ein Fährmann ſetzte ſte über den Strom, der breit geworden war durch die Fülle des herniedes⸗ ſtrömenden Regens. An dem jenſeitigen Ufer konnten ſie ſich für gerettet halten. Die Gegend war ziemlich frei von Deutſchen, aber die Eiſenbahn wurde durch Zuzüge aus dem deutſchen Vater⸗ lande in Anſpruch genommen. Der General zeigte ſeine Papiere vw, er trug die weiße Binde mit dem rothen Kreuz und gab vor, als Arzt in die La⸗ zurethe von Sedan zu müſſen. Dieſe Lazarethe waren überfüllt mit franzöſiſchen Verwundeten und deswegen ſchien es natürlich, daß man Aerzte dahinzog, aber dieſe geriethen in nicht geringe Verlegenheit, als die deutſchen Soldaten, welche den Bahnbetrieb bewachten, ſie freundlichſt baten, ihren Verwundeten auch Beiſtand zu leiſten. Franz Godard, der mit den Leiden, die der Krieg mit ſich bringt, Beſcheid wußte, half ſich, ſo gut es ging. Dem Einen verordnete er Arnikaſalbe, dem Andern naſſe Umſchläge, ſelbſt Bandagen legte er an, wo ein Arm oder Bein verletzt war. ——— en hin⸗ e ihnen d jede hunger, wider⸗ fe, die den ſei. ſtände ließ ſe ſie mit hor ſch Männer ſchen. wurbakl W gen der henzge ſe über emiedes ſih ſir Nutſchen⸗ Vutel⸗ die weiße die Lu⸗ berfült ntirlih t ʒrrinhe hn nberib beſn aneg mit em Einen ge ſilbf wor — 785— So kamen ſie glücklich nach Sedan, und hier erwarteten ſie nur die Nacht, um ſo ſchnell, als es ging, die belgiſche Grenze zu überſchreiten. Ein tiefer Seufzer entrang ſich der Bruſt des Generals, als er ſich gerettet ſah. Jetzt fuhren ſie ohne Aufenthalt dem Hafen Oſtende zu, be⸗ ſtiegen einen Dampfer und landeten in England. Das Alles war wie ein Traum Kaum noch in Metz gefangen und won allen Seiten eingeſchloſſen. ſahen ſie jetzt vor ſich das weite Meer, betraten ſie den freien Boden England's. Ueberall, wohin ſie kamen, begegneten ſie franzöſiſchen Flüchtlingen, Anhän⸗ gern Napoleons. Bourbaki ſah ſich erkannt, ein Jeder gwlt von ihm Aus⸗ kunft über die Lage des Landes und über die Ausſichten des Kaiſers haben, er wurde faſt zerriſſen von den Zudringlichen, die ihn beſtürmten, die von ihm und Bazaine Röttung ihrer Heimath verlangten. So hinderten die Freunde eine Reiſe, bei welcher ihnen die Feinde, freilich unwiſſentlich, Vorſchub geleiſtet hatten. Bourbali was darauf worbereitet geweſen, er kannte ja ſeine Landsleute Heimlich nahm er Franz Godard bei Seite und bat ihn, Alles zu einer ſchleunigen und verborgenen Abreiſe nach Chiſelhurſt, den Aufenthalt der Kaiſerin, vorzubereiten. Dies geſchah, doch in dem Augenblick, wo ſie den Wagen beſteigen wollten, drängte ſich wieder ein Haufen Neugieriger um den Ge⸗ neral herum, er wollte fort, er ſprang mit einem Satze auf das Fuhrwerk, aber er verfehlte den Tritt, fiel hinunter und verſtauchte ſich den Fuß. Ein Fluch entglitt ſeinen Lippen, er empfand einen heftigen Schmerz, o wie gerne hätte er alle Diejenigen zuſam⸗ mengehauen, die an dem Unfall Schuld hatten! Jetzt mußte er in den Gaſthof zurück. Er that es mit un⸗ terdrückter Wuth. Es war kein Augenblick zu verlieren, Metz konnte ſich nicht lange mehr halten es kam Alles darauf an, dem Kaiſer die Armee Bazaine's zu erhalten. Einmalhunderttau⸗ ſendundzwanzig Mann find viel werth in ſolchen Zeiten, und dieſe Soldaten wußten noch nichts von der Republik, die draußen immer mehr Boden gewann; no konnte man ſie zu treuen Den W nn 50 Anhängern Napoleons machen, während vielleicht ſchon im nächſten Augenblick Bazuine ſie für ſich gowann, in Gemeinſchuft mit den Deutſchen die Republik und das Kaiſerthum bekämpfte, und ſich ſelber an die Spitze des Staates zu ſtellen ſuchte. Bourbaki kannte dieſe Pläne des ehrgeizigen Mannes, und mehr noch aus Neid gegen ihn als au— Liebe zu dem Hauſe des Kaiſers ſetzte er Alles daran, ſie zu veteiteln Zetzt krank von den Anſtrengungen der Reiſe unter Schmerzen und Fluchen blieb ihm nur ein einziges Auskunftsmiüttel, er müßte einen An⸗ dern zu der Kaiſerin ſchicken. Aber wen? Er ſann lunge hin und her, wem konnte er Vertrauen ſchenken unter dem ſchwätzenden Haufen von Flüchtlingen, die froh waren, der Gefähr entronnen zu ſein? Sein Blick haftete auf Franz, er hatte ſich auf der Reiſe treu und gewandt bewieſen, ihn wollte er benuten. Er gab ihm die gemeſſenſte Weiſung und Briefe, die Bazaines Abſichten bewieſen. Franz, der ehemalige Schtoſſergeſelle, ſah ſich mit einem Male zu dem Range eines Geſandten erhoben, aber er bebte nicht vor dieſem Auftrage zurück, denn ein rechter Franzoſe traut ſich eben Alles zu. In Eile gelangte er zu dem Landſitze, auf welchem die Kai⸗ ſerin mit ihrem Sohne und wenigen Getreuen lebte. Er ließ ſich bei ihr melden, und ſie empfing ihn in Folge der Vriefe, die Bourbaki ihm mitgegeben hatte. Sie war in der äußerſten Auf⸗ regung Haſtig ging ſie in dem Zimmer auf und ab, ihre Lip⸗ pen zuckten, ſie rieb die Hände in nervöſer Aufregung an⸗ einander. — Sie kommen von Bourbaki, ſagte ſie, ihm entgegentre⸗ end. Er konnte keine ungünſtigere Stunde wählen, um mich in Anſpruch zu nehmen. — Eure Mäjeſtät ſind leidend? fragte Godard. — H ich hatte eine Scene! rief ſie mit Eifer, und Franz ſah wohl, daß ſie reden mußte, ſonſt hätte es ihr das Hers ab⸗ geſtoßen. Der Vetter des Kaiſers, der Prinz Näpoleon, war bei mir. O dieſe Unverſchämtheit! Will er nicht meinen Gemähl, mich ſelber anſchuldigen, er der uns Alles verdankt, er, der keine B ſi de nüchſten nit den und ſch es, und nHauſe z ſonl Fluchen inen An⸗ hin und vähenden ntronnen der Rriſe Er gab Abſichten wi vwe et bebt oſe traut ie hu⸗ Er ließ griift di Fen Au ihte V⸗ gug un nd ßruns petz. hi Genh der eint ———————————— Waffe hatte, um den Feinden zu widerſtehen, aber Schmähungen genug auf Diejenigen, die er für die Urſache der Niederlagen hält? — Es iſt unedel eine unglückliche Frau anzuklagen, ſagte Franz. — Unedel un grauſam zugleich, rief ſie mit hervorbrechenden Thränen. Häbe ich nicht Alles gethan, um Frankreich glücklich zu machen? — Und Eure Majeſtät kann nach viel mehr thun, erwiederte er, wenn Sie auf die Vorſchläge des Generals eingehen. — Wie, fragte ſie, indem ſie Bourbaki's Brief überflog, ich ſollte den Kaiſer für abgefetzt erklären, ich ſollte als Regentin das Reich für meinen Sohn in Anſpruch nehmen mich an die Spitze der Truppen ſtellen, mit Preußen ein Schutz⸗ und Trutz⸗ Bündniß gegen die renublikaniſche Regierung eingehen und den Bürgerkrieg entflammen? — So meint es der General, verſetzte Godard, er hält ſeine Kaiſerin für klug und willenskräftig genug, um das Schwierigſte zu vollenden. — Ja, ehemals, ehemals, fagte ſie und das Papier kniſterte in ihren fieberhuft zitternden Händen. Aber wiſſen Sie, was folche Zeit für einen Einſtuß ausübt? Ich bin wie gebrochen. Man ſtürzt nicht mit geſunden Gliedern von ſolcher Höhe herab Und felbſt wenn ich es wagte, ſie würden mich zerreißen.. Wie, ich, die Spanierin ſollte mich mit den Deutſchen gegen Frank⸗ reichs Volkswillen ſtemmen? Aber das würe ja Wahnſinn! O wie oft ſchwebt mir das BPild der hingerichteten Maria Antoinette vor Augen, während ich mich noch ungefährdet fühlte, und nun muthet man mir ſo Entſetzliches zu, und ich ſollte mein und meines Sohnes Leben wagen. 2 — Es gilt einen Kaiſerthron, bemerkte Franz. — Glauben Sie ja nicht, daß ich ihn aufgebe, antwortete ſie mit Stolz. Er gehört den Rachkommen des großen Napoleon. Aber man muß vorſichtig verfahren. Den Deutſchen ſelber liegt daran, uns wieder einzuſetzen, mit wem ſollen ſie denn Frieden 50* — ſchließen, mit Gambetta etwa, oder mit Herrn Thiers? Laſſen ſie die Zeit gewähren, man muß nichts übereilen. — Wenn indeſſen der Marſchall Bazaine ſeine ehrgeizigen Pläne ausführt? fragte er. — Er wird es bleiben laſſen, rief ſie mit Hohn, die Deut⸗ ſchen werden ihn daran zu hindern wiſſen! Das fürchte ich nicht. Die Königin von England will mir wohl und hat meinen Be⸗ ſuch freundlich erwiedert. Mein Gemahl knüpft unter der Hand Verbindungen an. o gewiß, es wird noch Alles gut werden! Franz ſah, daß Eugenie ſo feſt auf dieſen Hoffnungen be⸗ ſtand, daß ſie zu keinem entſcheidenden Schritte zu bewegen war. Er ſelber hielt Bourbaki's Vorſchläge für höchſt gewagt. Er em⸗ pfahl ſich der Kaiſerin und ſuchte den jungen Prinzen auf, aber wie ſehr fand er ihn verändert! Lulu war immer ein zarter Knabe, aber jetzt waren ſeine Wangen aſchenfahl, und dunkle Ränder zogen ſich um ſeine Augen. Er klagte, daß ihm die Seeluft Englands zu rauh ſei und daß er ſich nach dem milden Frank⸗ reich zurückſehne. Franz wagte es kaum, mit dieſem perſchüchter⸗ ten Kinde von ſo gewaltigen Plänen zu ſprechen. Alles, was er verlangte, war eine Photographie ſeines Wohnhauſes, welches ihm Lulu für Bourbaki mitgab und unter die er einige freundliche Worte ſchrieb. Damit war freilich nicht viel zu machen, und der General fluchte gewaltig, als Franz ſo unverrichteter Sache zurück⸗ kam. Sie traten die Heimreiſe zuſammen an, aber nach Metz hinein gingen ſie nicht wieder, und Bourbaki bot ſeinen Degen der franzöſiſchen Repuhlik an. Loſſen ſie hrgeizigen die Deut⸗ ich nicht. nen Be⸗ der Hand lles gut ngen be⸗ gen war. Er em⸗ uf abet Knahe. Ränder Seeluft n Funt ſchüchte⸗ was er lhez ihn eundlihe und der he zuri⸗ u Net Degen S9. Kapitel. Der Fall der jungfräulichen Veſte. — Wo iſt Betty? fragte Madelon. — Ich weiß es nicht, antwortete Beate. Sie ſtund vor dem kleinen Spiegel und glättete ihr üppiges Harr. — Werde ich ihm noch immer gefallen? fragte ſie ſich. Ach, meine Wangen ſind ſo bleich, meine Augen ſo matt geworden! Was würde der junge Deutſche denken, wenn er mich ſo und auf dieſem Wege wiederfände! Das arme Kind hatte einen furchtbaren Kampf gekämpft, aber die Noth war Siegerin geblieben. Jetzt war ſie entſchloſſen ſich ſelber dem Grafen von Bellegarde zu opfern und Madelon und Betty zu erretten. Sie wartete den Augenblick ab, wo die Alte hinausge gangen war, um nach der verſchwundenen Betty zu ſuchen, nahm den kleinen Strohhut, warf ihr Tuch um und ſchlüpfte hinaus. Sie wußte es, daß ſie in das Verderben ging, ſie wußte daß ſie Sünde und Schande nicht überleben würde, aber ſie ſah keinen anderen Ausweg aus dieſem tiefen Elend. Da, indem ſie die ſteilen Treppeu hinabging, vernahm ſie einen luſtigen Geſang. — Biſt Du es. Betty? fragte ſie ganz wie, und Du kannſt ſingen und heiter ſein in dieſer Schreckenszeit? — Warum nicht? fragte das Mädchen mit Lachen, es geht mir gut, und komm nur wieder mit mir zurück, ich bringe alle Herrlichkeiten der Welt. Rieche nur einmal in dieſen Korb hin⸗ ein. Was iſt das? Braten, Kuchen, Zuckerwerk oh, das hätteſt Du nicht erwartet, daß Du heute eine ſolche vh hal⸗ ten ſollteſt. — Betty! ſchrie Beatz unglückliches Mädchen Du warſt bei dem Grafen? — 6 — Ganz gewiß, verſetzte dieſe, ich ſah ihn ſoeben noch und Liſette und all die verworfenen Offiziere. Die Tafel wollte brechen unter der Laſt der köſtlichſten Gerichte, o wie das duftete, man hatte ſchon vom bloßen Riechen genug, und dann die Kleider der Damen, wie ſie ſtrahlten, wie die Juwelen funkelten, wirklich Beate, wir haben uns das Leben lange nicht ſchön genug vorge⸗ ſtellt, es iſt herrlich, himmliſch, entzückend. Unter dieſem fröhlichen Geplander waren ſie in ihr Zimmer zurückgekommen, und Betty packte aus, was ſie in dem Korbe hatte ein gebratenes Huhn, eine halbe Paſtete, eine Flaſche Wein, feines Waizenbrot, Kuchen und Conditorwaaren. Madelon ſah Alles mit ſtummem Staunen an. — Was iſt das? fragte ſie, wer ißt ſo gut in Meß? — Wer? Nuu wir, verſetzte ſie darauf und warf das Köpf⸗ chen ſchnippiſch auf. Greift nur zu, es iſt Alles für Euch, denn ich bin ſatt. — Betty! ſagte Madelon mit ſtrenger Miene, antworte mir, wie kommſt Du zu dieſen Sachen? — On fiel ihr Beate in die Rede, frage ſie nicht, gieb das Eſſen den Armen. Madelon, ich kann nichts davon genießen, mir iſt, als müßte ich daran erſticken. Laß uns ſterben, Ma⸗ delon, dieſes Leben iſt eine Hölle, vor der mir ſchaudert. Betty ſah ganz erſtaunt auf die Eine wie auf die Andere. — Aber was habt Ihr denn? fragt ſie kleinlaut, ich war ſo froh, Euch etwas Gutes bringen zu können, und Ihr meint wohl gar, ich hätte es geſtohlen. — O ſchlimmer als das! rief Betty und verbarg ihr Ge⸗ ſicht in beiden Händen, denn ihr war es klar, die Sünde, in die ſie ſich als ein Opfer ſtürzen wollte, Betty hatte ſie mit lachen⸗ dem Munde begangen Jetzt erſt fühlte ſie ganz das Schreckliche hrer Lage, und glücklich wäre ſie geweſen, ſich durch einen frei⸗ willigen Tod daraus erretten zu können. Auch Madelon mochte etwas Aehnliches befürchten, denn ſie fragte noch einmal: — Werde ich endlich erfahren, wer Dir dieſe Dinge gab? Die arme Betty brach in Thränen aus. — Das habe ich nun von aller meiner Gutherzigkeit, rief —— noch und te brechen ete, man leider der wirklich g vorge⸗ imer m Korbe he Wein, elon ſah as Köpf⸗ , denn ie mir, gerießen en, Mu⸗ 3 Andere. ich war 7 meint ihr Ge⸗ e in die t luchen⸗ qrtliche nen frel mochte gh keit, rief — 791— ſie, ich war ſo glücklich, ich dachte, nun ſei Alles gut. Warum aber hielt ich es auch heimlich, hättet Ihr früher darum gewußt, es wäre nicht ſo ſchlimm geworden. — Was haſt Du heimlich gehalten? fragte die alte Frau. — Nun, daß ich die Hoffnung hegte, unſerem Elend ein Ende zu machen, ſchluchste Betty. Ich habe lange ſchon mit der Frau des Gaſtwirths an der nächſten Ecke geſprochen, und ſie verhieß mir, mich als Magd anzunehmen, ſobald eine Stelle frei würde. Heut früh ließ ſie mich zu ſich rufen, die Offiziere hatten ein großes Mittagseſſen, es gab alle Händevoll zu thun, und ich habe in der Küche geſcheuert mund gewaſchen nach Herzensluſt. Die Frau war ſehr mit mir zufrieden und lobte mich als die fleißigſte von Allen, nnd als Töpfe und Teller wieder rein waren, ſchenkte ſie mir alle guten Sachen. — Und iſt das Alles? fragte Madelon. — Nein, das iſt noch nicht Alles, verſetzte Betty, noch immer weinend. Ich mußte öfters durch ein Zimmer gehen, da ſaß ein Mann und verfolgte mich mit ſeinen Blicken, endlich ſprach er mit Liſette und mit dem General Bourbaki, danach ſah ich ihn nicht mehr, aber die Bedienten, die den Gäſten aufwarteten, ver⸗ ſicherten, es gäbe nächſtens wieder etwas, und gewiß würde Ba⸗ zaine wieder einen Ausfall wagen. Das Alles hatte ſie unter ſtrömenden Thränen geſprochen und konnte jetzt nicht begreifen, warum ihr Beate mit ſtürmi⸗ ſcher Zärtlichkeit um den Hals ſiel und warum Madelon ſo plöt⸗ lich Appetit auf das gebratene Huhn bekam. Wie fühlte ſich Be⸗ ate beſchämt, Betty hatte gearbeitet, hatte ſich einen ehrlichen Er⸗ werb verſchafft, während ſie die Abſicht gehabt hatte o dop⸗ pelt liebte ſie nun die Schweſter und zeigte es ihr, indem ſie ſich an Kuchen und Wein erlabte. Betty wurde wieder Froh, als ſie ihre Gaben in dieſer Weiſe anerkannt ſah, ſie erzählte von den Toiletten der Damen und von der geräuſchvollen Luſtigkeit der Herren, und wie ſie die Freude und das Vergnüger in oft un⸗ verſtändlichen Verſen beſangen So brach die Racht herein, und die drei Frauen, die ſich — wenigſtens gegen den augenblicklichen Mangel geſchützt ſahen, ahnten nicht, was die nächſten Tage bringen ſollten. Man kann in der Belagerung von Metz einem der wichtigſten Ereigniſſe dieſes Krieges, drei Zeitabſchnitte wahrnehmen. Der erſte umfaßt die dreitägige Königsſchlacht und endet damit, daß das gemeinſchaftliche Vorgehen Mac Mahons mit Bazaine ver⸗ eitelt wurde, der zweite beginnt mit dem Monat September oder von der Schlacht bei Roiſſeville bis zur Kapitulation von Straß⸗ burg und man befand ſich eben jetzt bei dem Beginn des dritten und wichtigſten von allen. Bisher hatte man angenommen, Bazaine beabſichtigte, ſich nach Straßburg durchzuſchlagen, und da dies vereitelt war, ver⸗ änderten die Deutſchen ihre Stellung, gaben die nach Süden zu⸗ gewandten Forts auf und wollten ſich mit aller Kraft auf die übrigen werfen. Am erſten Oktober überſchritt das 58 te Landwehr⸗ regiment die Moſel, und ſtellte ſich als rechter Flügel bei Schloß Ladonchamps auf und beſetzte das Dorf St. Remy. Hier waren dieſe tapferen Poſener den feindlichen Vorpoſten auf zweitauſend Schritte nahe, während die Mitte und der linke Flügel ſich etwas geſchützter befanden. In der Dunkelheit der Nacht begann hier der Angriff der Franzofen. Wie immer, fingen ſie das Gefecht mit einem wüthen⸗ den Feuer an, aber die Soldaten lagen in den Schützengräben, und die Chaſſepotkugeln flogen wie dichte Hagelkörner über ſie hinweg, ohne ſonderlichen Schaden anzurichten, ſie hatten früher ſchon Barrikaden errichtet und ſchoſſen von hier aus mit kaltblü⸗ tiger Sicherheit und ohne jemals zu fehlen. Das Schloß Ladonchamps wurde von den Franzoſen genom⸗ men, weil es nur von ſiebenundfünfzig Mann beſetzt war aber das Dorf St. Remy bekamen ſie trotz eines ohrenzerreißenden Schießens nicht in ihre Gewalt, obgleich es an dem folgenden Tage noch einmal angegriffen wurde. Die Diviſion Kummer entwickelte nicht einmal ihre ganze Stärke und ſchlug dennoch die Feinde ſiegreich zurück, aber nicht auf lange. Schon am ſiebenten Oktober ging der Tanz von Neuem los und entwickelte ſich auf der ganzen Linie. Um eir ſchen, chtigſten Der nit daß ne ver⸗ er oder Stroß⸗ dritten ſe, ſich ar vet⸗ den zu⸗ auf die nwehr⸗ Schloß waren tauſend etwas rif der wüthen⸗ gräben, über ſe ſrühet olblü genom⸗ w ober ißenden ſgenden gane et nicht n von un eir — 85— uhr Wittags, als die Soldaten, meiſt Landwehrleute, eben beim Abkochen waren, begann auf der Vorpoſtenkette ein lebhaftes Gewehrfeuer. Ja zehn Minuten ſtand Alles kampfbereit da, doch ſchon hatten die Franzoſen Zeit gewonnen, zwei Pachthöfe zu be⸗ ſetzen und die Preußen zurückzudrängen. Das war ein fürchterlicher Augenblick, ein Zeder zitterte vor Wuth, der dieſen Rückſchritt ſah. Da tönte das erſehnte Kommando, und mit einem lauten und jubelnden Vorwärts, vorwärts! ſtürmten die Krieger aber⸗ mals vor. Welch ein Weg! Schon nach den erſten Schritten ſchlugen die Granaten in ihre Reihen ein hier ſprang einer in die Höhe. drehte ſich um ſich ſelbſt und ſtürzte hin, ſtarr ausgeſtreckt, eine Leiche. Dort faßte ein Anderer nach ſeiner Bruſt, das Gewehr entſank ihm, er brach zuſammen. Ein furchtbarer Schmerzensſchrei entfuhr mancher Lippe, doch Viele auch, denen eine Kugel den rechten Arm verletzte, nahmen die Waffe in die linke Hand und achteten nicht Schmerz, nicht Blutverluſt und gingen weiter. Je ſchneller, je beſſer! Vor ihnen lag eine Wieſe, die Kugeln fielen wie dichte Schloſſen darauf nieder, aber die Leute warfen ſich in das Gras, ihre Lungen keuchten, ihr Athem ſchien Feuer auszuhauchen, und Mancher, der nur nach einem Augenblick der Ruhe ſchmachtete, fand hier die ewige. Sie kauten feuchtes Gras, um ſich zu erquicken, ſie lagen einen Moment, nur einen... dann tönte das Kommandowort, und wieder ſprangen ſie empor und ſtürmten weiter, aber ach. in wie geſchwächtem Hdufen! Da war ein Graben, ſie ſprangen hinein, gab er doch Deckung gegen die Kugeln, aber ſie befanden ſich bis an den Leib im Waſſer und feuerten mit Vorſicht, um Pulver und Blei nicht zu durchnäſſen. So harrten ſie drei Stunden lang da kam Verſtärkung! O, wie das friſchen Muth verleiht! Ein Hurrah und hinauf ging es aus dem Graben und vorwärts auf den Feind! Der lag in dem Pachthofe ſicher genug aber in zehn Minuten hatten ſie ihn hinausgejagt und das Alles hatte die Landwehr gethan. ————— E 2 5 — 751 Bazuines Vorbereitungen waren nicht ſchlecht getroffen. Unter dem Schutze eines dichten Nebels hatte er Alles vorbereitet, um einen heftigen Stoß gegen Ladonchamps auszuführen. Eine über⸗ wältigende Maſſe ergoß ſich auf die Deutſchen, und eine Zeit lang ſchien es wirkich, als ob die Rothhoſen dieſes Mal den Sieg be⸗ halten ſollten, aber die Artillerie machte ihnen zu ſchaffen, bis der General von Voigts⸗Rheetz die Moſel auf der Schiffbrucke überſchritt und mit mehreren Regimentern des zehnten Armeekorps der Landwehr zur Hilfe kam. Voran in raſchem Laufe und in aufgelöſter Gefechtsordnung die Füſiliere, ſie bedeckten die ganze Ebene, dahinter in dichten Kompagniekolonnen mit wehenden Fahnen und brauſender Muſik⸗ als ginge es zum Tanze, die Grenadiere. Bald merkte man, daß es mit Bazaines Feldartillerie ziem⸗ lich elend ausſah, nur die Mitrailleuſeu raſſelten und fügten den vorrückenden Schützen ungeheuren Schaden zu. Wehe dem, der in ihren Schußbereich kam, nicht eine, nein, zehn, zwanzig Kugeln durchlöcherten ihm den Leib! Aber nun fuhr die deutſche Artillerie dagegen auf, und dieſem Donnern und der unerſchütterlichen Bravour der Schützen hielten die Franzoſen nicht Stand. Ver⸗ mittelſt der Ferngläſer ſahen die Offiziere deutlich, wie ſich die Rothhoſen in das Dorf Meye hineinflüchteten. Hier hinter ſtei⸗ nernen Mauern fingen ſie ihr Feuer von Neuem und mit der größten Heftigkeit an, die Kanonen gaben ihnen Antwort, aber ſie befreiten die Dörfer nicht von ihrer Einguartierung Um vier Uhr ritt ein Stabsoffizier die Linie entlang und brachte den Befehl zum allgemeinen Angriffe, die Dörfer ſollten im Sturm genommen werden. Die Artillerie raſſelte voran und deckte die Infanteriſten, im Schnellſchritt aber ohne Ueberſtürzung ging es vorwärts, mit einem Hagel von Blei wurden ſie em⸗ pfangen, aber die Landwehr wankte nicht. Der Genoral von Brandenſtein fiel, mehrere Stabsoffiziere wurden ſchwer verwun⸗ det, das Alles achtet man nicht in ſolch' einem ſchrecklichen Augen⸗ blick. Endlich waren die Erdwälle und Verſchanzungen erreicht, hinter denen das acht und neun und fünfzigſte Landwehrregiment la be — e—— — n. Unter itet, um ine übet⸗ Zeit lang Sieg be⸗ fen, bis hiffbricke meekotys zordnung n dichten Muſih rie ziem⸗ ſüen he dem, zwanjig Nuſche tterlichen d. Ver⸗ ſich de nler ſti⸗ mit der abet 9 und r ſollen tan und ſtürzung ſe em⸗ pral von verwun⸗ Augeh⸗ etreich rrginen — 365— lag. aber ach kein Regiment mehr, nur noch Ueberreſte, die beglückt waren, Hilfe zu bekommen.— — Hurrah Hurrah! erſcholl das Feldgeſchrei. — Vorwärts, immer vorwärts! tönte es dagegen So ging es in das Dorf hinein. Wie gerne wären die Franzoſen davongelaufen, aber die Landwehr ſaß ihnen auf dem Racken, in den engen Gaſſen zwiſchen den Steinmauern wax an kein Entrinnen zu denken. Noch arbeiteten die Mitrailleuſen, aber nicht lange mehr, was widerſtand, dem fuhr das Bajonett, ſo lang es war, in den Leib, was ſich ergab, wurde geſchont, ent⸗ waffnet und hinter die Front geſchickt, die Dörfer waren rein gefegt, ſo ſchnell, wie nur Franzoſen laufen können, flüchtete ſich der trübſelige Reſt von Bazaine's Truppen in die Forts zurück, ſie ſahen es nun endlich ein, daß an ein Durchbrechen der deut⸗ ſchen Linie nicht zu denken ſei. Aber auch die Verluſte der Unſrigen maren ungeheuer ge⸗ weſen, ſie betrugen fünf und ſechszig Offiziere und eintauſend ſechshundert und fünf und ſechszig Mann. Das war freilich ſehr traurig, aber war auch durch dieſes Opfer Großes erreicht worden. Bazaine, der auf ſeinem letzten Loch pfiff, entſandte ſeinen erſten Adjutanten, den Brigadegeneral Boyer, nach Ver⸗ ſailles in das Hauptquartier des Königs, um mit dieſem in Unterhandlung zu treten, aber er ſtellte dabei ſo unverſchämte Bedingungen, daß es ziemlich lange dauerte, bis man ſich einigte Der eigentliche Feſtungskommandant, General Coffinières, wollte von keiner Uebergabe wiſſen. Hier legte ſich wieder Chan⸗ garnier in das Mittel, er bewies deutlich genug, daß ein Aufſchub der Kapitulation nur noch größere Opfer koſten, aber nichts beſſern könne, denn die Noth ſtieg von Tag zu Tag. Im An⸗ fange, als man ſich noch mit Siegeshoffnungen ſchmeichelte, war man mit den in der Feſtung vo handenen Lebensmitteln höchſt verſchwenderiſch umgegangen, hatte ſogar Eßwaaren und Hafer hingusgeſchickt, weil man ſelber bald draußen zu ſein gedachte, als ſich aber die Belagerung in die Lünge zog zeigte ſich der Mangel überall. Vorzüglich fehlte es an Salz. Die Soldaten aßen Brot — 796— aus Haferſchrot und Kleie und das Fleiſch der Pferde, die vor Hunger umfielen, alle übrigen Rahrungsmittel waren furchtbar theuer und daher nur für die Reichen vorhanden. Die Stadt hatte drei Kühe angeſchafft und theilte ihre Milch für die Säug⸗ linge aus, aber was iſt das für eine volkreiche Stadt? Das Pfund Salz bezahlte man mit acht bis neun Franks, den Speck mit zehn bis zwölf. Kein Wunder, daß bald die ſchrecklichſten Krankheiten ausbrachen. Die Leute ſchlangen Kartoffelſchalen, Gras und Baumblätter in ſich hinein, ja ſie kauten Stroh und Leder oder ſchluckten Erde hinunter, es gab am Ende ſo viel Kranke, daß man keinen Platz mehr für ſie hatte und ſic in lee⸗ ren Eiſenbahnwaggons unterbrachte, wo Unzählige aus Mangel an Nahrung entkräftet dahinſtarben oder durch Magenentzündun⸗ gen, welche die ungeſunde Koſt erzeugte, ein ſchmerzhaftes Ende fanden. Endlich ließ der General Changarnier den Prinzen Friedrich Karl um eine Unterredung erſuchen, dieſer gewährte ſie und beſtimmte, daß zwei Ordonnanzoffiziere den Gaſt um elf Uht bei den Vorpoſten abholen ſollten, aber der Herr ließ ſich erwarten. und endlich kam er im Wagen an und klagte, das Gehen würde ihm ſauer. Man führte ihn ſo ſorgſam wie möglich durch die Schanzen und Verhaue und konnte es doch nicht hindern, daß er über einen ſchmalen Graben klettern mußte, um bei dem Prinzen anzulangen. Changarnier war von jeher ein Gegner des Kaiſer⸗ reichs und glühender Anhänger der Orleans geweſen, er gehörte aber zu Denen, die ſich einbildeten, für Frankreich zu wirken, indem ſie Dienſt bei Louis Napoleon nehmen. Wohl Niemand hat den Deutſchen ſo wenig geſchadet, wie grade er, denn in Metz beſaß er nicht einmal ein eigenes Kom⸗ mando, und an ſonſtiger Thätigkeit verhinderten ihn ſeine ſieben⸗ und ſiebzig Jahre. Geduldig ließ er ſich die Augen verbinden und zu dem General von Stiehle führen, der ihn zu dem Ober⸗ feldherrn Prinz Friedrich Karl brachte. Die Unterhaltung mit dieſem dauerte anderthalb Stunden, ſie ſchloß mit den Worten, die der franzöſiſche General ⸗unter hervorſtürzenden Thränen ausrief: 76) — c) die vor furchtbar ie Stadt ie Säug⸗ Das en Spec eclichſten elſchalen troh und e ſo viel it in lee⸗ Mangel tzündun⸗ es Ende Friedrich ſie und Uht b erwarten n würde durh di daf er Prinzen g Kaiſer⸗ gehůrte wirhen⸗ det, mie es Kon⸗ ſüben⸗ verbinden Ohe ung mit Vorter⸗ chrinen — Ich wünſche Ihnen, daß Sie und kein braver Soldat ſo Ftwas erleben mögen. Darauf führte man ihn bis über die Vorpoſtenkette zurück. Bald darauf fand ein anderes Stelldichein auf dem Schloſſe Frescaty ſtatt. Der General von Stiehle ſtellte hier die Bedingungen der Kapitulation wie in Straßburg und Sedan, aber der General Jarras, der Oberſt Fay und Major Samuel waren anfangs wüthend und nahmen endlich doch die ſchwere Sache auf ſich. Am ſieben und zwanzigſten Morgens um halb zwei empfing der Prinz Friedrich Karl die Meldung, daß ſeine Arbeit vor Metz vollendet ſei. Am Abend erfolgte die Un⸗ terzeichnung der Kapitulation. Am acht und zwanzigſten übernahm bereits eine preußiſche Kommiſſion die öffentlichen Kaſſen in Metz und am neunundzwanzigſten erfolgte der Ausmarſch der Truppen nachdem die Forts bereits durch deutſche Artillerie beſetzt worden waren. Prinz Friedrich Karl und ſein Stab hatten ſich in großer Uniform hinter Jouy auf der Chauſſee nach Frescaty aufgeſtellt, eine heſſiſche Diviſion hatte die Ehre, die Gefangenen in Empfang zu nehmen, ein Empfang, der vom Mittag ein Uhr bis zum Abend um neun Uhr dauerte. Die Truppen hatten die Waffen ſchon in der Feſtung niedergelegt, nur die Garde lieferte ſie erſt in Frescaty ab, ſie hatten den Vortritt, ihnen folgten die Lanciers, Dragoner, Huſaren, berittene Jäger, Küraſſiere, reitende Artillerie und Andere, ſie zogen in der Stärke von hundert und zwanzigtauſend Mann vorbei und begaben ſich auf ein nahege⸗ legenes Feld, wo ſie geſpeiſt wurden und biwakirten, um am nächſten Tage als Gefangene in ein fernes ihnen gänzlich unbe⸗ kanntes Land zu ziehen. Mit ihnen ergaben ſich drei Warſchälle von Franfreich, Ba⸗ zaine, Leboeuf und Canrobert, und viele Verwundete und Kranke, ſo daß im Gonzen hundert und funfzig tauſend Mann von dem Kriegsſchauplatz verſchwanden. — Dank der Vorſehung! ſchrieb der König Wilhelm an ſeine Gemahlin, und gewiß, ein freudiges Gefühl entlaſtete jede deutſche Bruſt von drückender Sorge, als die Kapitulation von Metz verkündigt wurde. Man hielt den Krieg für beendet Aber — 1r ach! wie bitter war dieſe Täuſchung. In dem Augenblic, wo Frankreichs letzte Armee vernichtet war, erließ Gambetta eine wüthende Anſprache an ſein Volk, er klagte Bazaine, auf den bis dahin alle Franzoſen ihre Hoffnung gebaut hatten, des Verrathes an und forderte ſeden waffenfähigen Mann auf, die Feinde aus dem Lande zu jagen. Mit einem Male entwickelte ſich eine ungeheure Thätigkeit, neue Armeen wurden wie aus der Erde hervorgeſtampft, Waffen ängeſchafft, Truppen einexercirt. Trochu befeſtigte Paris, Roche⸗ fort ließ in den Straßen Barrikaden erbauen, Duerot, der ſein Ehren⸗ wort bei Sedan gebrochen hatte, befehligte die reguläre Armee der Hauptſtadt Bourbaki ſtellte der Regierung zur Verfägug, und Gari⸗ baldi erſchien, um einem befreiten Volke ſeinen Degen anzubieten. Das war der große Abſchnitt in dem großen Kriege. Der Fall von Metz beſchloß den erſten Akt des Heldenſtücks, aufs Neue rollt der Vorhang empor und zeigt uns Paris und die ſich immer dichter um daſſelbe ſchuntenden deutſche Truppen. Laßt uns auch hier anfmerkſame und theilnehmende Zuſchauer ſein! 90. Kapitel. Wilhelmshöhe. Kaſſel iſt ein kleinos Juwel unter den Städten Deutſchlands. Durch blühende, lachende Fluren ergießt die Fulda ihre klaren Fluthen, fernhin erheben ſich die Gebirge und umſchliesen ſchütend das heſſiſche Land, im Süden die Rhön, im Norden die Vogels⸗ berge, es find dir Mittolgebirgs⸗Landſchaften Deutſchlands die ſich hier in allem ihrem Reiz entfalten, fruchtbar und lieblich, ſegen⸗ bringend für Alle, äber beſonders für den Naturfreund, der ſich nicht ſatt ſehen kann, wenn die Sonne ſich hinter die grünenden bi, we ett ebe f den bis Vrrathes einde ans Wtgieit t Wiffen 8 Roche⸗ eiſ Ehren⸗ lemee der und Gari⸗ wzubieten. Fall von eut rolt h immer u uch uſclunds hr Karen nſtitu e Vogels⸗ , ſegen⸗ d. der ſih rinibe Hügel ſenkt, wenn der Morgen in den ſtillen Wäldern empor⸗ ſteigt. Glücklich, wer hier befreit von den Sorgen des Lebens ruhige Tage dahiufließen ſieht, ſein Gemüth verklärt ſich in dem Anblick des Segens, den Gott tings tmher ausgebreitet hat. Daræus erklärt, daß ſich der Stamm der Heſſen ſo treu und brav, ſo feſt und doch ſo reich geblieben iſt. Verläßt man die Stadt Kaſſel, ſo betritt man eine herrliche Lindenallee, die den Spaziergänger hinausführt nach dem Schloſſe Wilhelmshöhe, wenn er es nicht vorzicht, die Meile Weges mit der Eiſenbahn zu muchen. Einen entzückenderen Aufenthalt konnte ſich der Kaiſer Napolcon nicht wünſchen, wenn König Wilhelm in der unendlichen Milde, die ihm eigen iſt, dem gefangenen Feinde die Wahl gelaſſen hätte. Früber hieß das Schloß Weißenſtein. Es wurde in dem Jahre ſiebenzehnhundert und ſieben und achtzig von dem Kur⸗ fürſten Wilhelm dem Erſten von Heſſen erbaut und zwar in der geſchnörkelten, dem franzöſiſchen Bauten Ludwig des Vierzehnten nachgeahmten Manier, die man Rokkofo nannte. Es beſtand an⸗ fangs aus einem Hauptgebäude und zwei Pävillons, die durch GSallerien mit der Mitte zuſammenhingen, aber ſchon Wilhelm der Zweite gab dieſen Gallerien einen feſten Unterbau und ſchuf dadurch ein zufammenhängendes, ſiebenhundert und fünfzig Fuß fanges Bauwerk, deſſen Hauptfacade mit einer Kuppel ge⸗ ſchmückt iſt. Dieſe Kuppel, auf welcher man ſich hundert Fuß über den Erdboden erhebt, gewährt einen bezuubernden Fernblick über das Land und bis weit hinein in die Gebirgszüge, die ſich nach allen Seiten zu erſtrecken, denn auf einer ziemlich bedeutenden Anhöhe gelegen, beherrſcht dus Schloß vhnedies die Stadt und einen großen Theil des Fuldathales. Wo aber dieſe Anhöhe abfällt, du ſenkt ſie ſich bis zu einen entzückenden See, blumengeſchmückte Infelchen ſchwe⸗ ben auf ſeinen klaren Waſſern, und Schwäne baden ſich in ſeinen Fluthen. Aus ihm ergießt ſich ein Bäch, der ſchäumend und ge⸗ ſchwätzig wie in jugendlichem Uebermuth tiefer in das Thal hin⸗ untereilt und über Felsblöcke dahinſpringt. Jenſeits liegt ein Dorf, deſſen Häuſer ſeltſamerweife ganz nach chineſiſchem Muſter — 800— erbaut ſind, ſelbſt eine Kirche in chineſiſcher Bauart befindet ſich hier, doch diente ſie niemals dem Gottesdienſte. Als der große Kaiſer Napoleon ſeinen Bruder Hyeronimus zum König machte und ihm einen großen Theil von Deutſchland zur Regierung gab, wählte ſich dieſer das Schloß Wilhelmshöhe zur Reſidenz und taufte es in Napoleonshöhe um. Dieſer Hye⸗ ronimus oder Jérome war eins der liederlichſten Subjekte, die jemals einen Thron geſchändet haben. Mit Höflingen, die nicht beſſer waren als ex, und mit Frauenzimmern, denen es gelang, noch gemeiner zu ſein, trieb er hier oben ſein Weſen und kam oft betrunken nach Kaſſel, wo ſelbſt die Frauen und Töchter der erſten Bürgerfamilien nicht vor ihm ſicher waren. Hatte er ſich durch jede heimliche Luſt dann bis auf das Aeußerſte erſchöpft, ſo fiel er taumelnd in die Arme ſeiner Kammerdiener und lallte in ſeinem gebrochenen Deutſch: — Gut Nacht, morgen wieder luſtik, meine Herren! Um aber wieder luſtig ſein zu können, mußte er ſeinem ge⸗ ſchwächten Körper durch künſtliche Mittel wieder auf die Beine helfen. So badete er ſich jeden Morgen in theurem Rothwein⸗ den ſeine Bedienten ſpäter wieder in Flaſchen füllten und ver⸗ kauften, und dieſem ſtärkenden Bade entſtiegen, konnte dieſer Schandbube ſein Laſterleben gemächlich weiter fortſetzen. Schon am Anfange des achtzehnten Jahrhunderts hatte der Landgraf Karl von Heſſen⸗Kaſſel dort künſtliche Waſſerfälle und Fon⸗ tainen angelegt und unter den herrlichen Bäumen, auf dem friſch⸗ grünen Raſen ſprudelte und rauſchte es in lieblicher Kühle. Spä⸗ ter wurden dieſe Anlagen bedeutend erweitert. Marmorne Götter und Göttinnen goſſen Waſſerſtröme aus Urnen aus, Schwäne ſpritzten ſie in die Höhe, zierliche Schalen fingen ſie auf, und aus den Letzteren ergoſſen ſie ſich in Baſſins, die mit Blumen umgeben mren. Hyeronimus fügte noch mehr dergleichen Kunſt⸗ werke hinzu. Mehrere Male in der Woche ſprudelt es und rauſcht es auf der Wilhelmshöhe und die Kaſſelaner und zahlreiche Fremde die ſich im Sommer hier aufhalten, ſteigen die Anhöhe hinauf, bewundern die herrlichen Parkanlagen und erfriſchen ſich an den efindet ſich veronimus Nutſchland helmshöhe eſer Hye⸗ ette, die die nicht es gelang und kan öchter der tte er ſch und lalle ſinem g die Beine Rothwein und ver⸗ ntt dieſer hate der eund Fon⸗ em ſtiſch⸗ . Syi me böter Stnin zuf und jt Blunen zen hunf⸗ nuſcht e ʒund e hinu en 8e1— Fontuinen, oder betrachten die Bildergollerie des Schloſſes, di köſtliche Gemälde enthält. Weiter gegen Weſten ih iuf i anderen S die Löwenburg, eine künſtliche Ruine, in r der Erſte begraben ließ, 1ud ſteigt man i man zu dem ſogenannten Oktogon Stuiee ſeltſame Ding beſteht aus drei aufeinander⸗ en, die oben eine Platform haben, auf dieſ efindet ſich eine hundert Fuß hohe Pr ramid i und auf dieſer eine ein und tei it getriebene Figur, die eigentlich einen S aber in Kaſſel den großen Chriſtoph nennt nt hineinſteigen und durch eine Oeffnun eule befindet, eine der herrlichſten Funſel dus Thüringer Land hinein, ja bis zu dem 5 g nhöchſte Spitze der Brocken, bei hellem W 6 hellem Wetter deut⸗ Dieſer idylliſche Aufenthalsort iſt es e de i e gegeben wurde. 6 S at m in, ſeine Generäle, ſeine K. folgten ihm. Der i e Güte befahl, ihn zu behandeln als 3 ſtellte ihm Wagen und Pferde, Köche und tiit und bald richtete ſich Louis Napoſeon ſeht it Deutſche und Franzoſen fortfuhren, ſi 9 Dae reilich beſſer als der Tod, d i i ärgſten en 35 haben will, fern von 2 er alte Suchs auf dem reizenden Suhſe z. Augenblick, der ihm geſtatten ſollte ſc hron zu ſchwingen Aber er guch ine ne den Haß, der in Frankreich immer ſtärker. ihn emporloderte. Di i Die Regierung ſtöberte in piete in den Papieten die 1e er in den Tuilerien zurück 5. gelaſſen hatte und n ſeiner Schandthaten. die dem S en⸗ er ſich zum Herrſcher aufzuwerfen hatt vorenthalten 5.— — 7* — täg — 802— ſich mit Menſchen, die bereit waren, einer Schreckensregierung zu dienen. Da war vorzüglich ſein unehelicher Bruder, der Graf MWorny, da war Espinaſſe, da waren Andere, deren Grauſamkeit und Rachſucht ſeinem eigenen boshaften Charakter zu Hilfe kamen. Wehe dem, der ſich nicht gutwillig dem neuen Kaiſer unterwarf! Man fertigte Liſten äber die Bürger an wer öffentlich ſprach oder wer im Leheinnh Armee unterſtützte, wer Wohl⸗ thätigkeitsanſtalten befördertz oder Schäden der Verwaltung auf⸗ deckte, wurde für geſchelehenlirt man ſchrieb ihm einen beun⸗ ruhigenden Einfluß auf die Stimmung der arbeitenden Klaſſen zu und ſuchte ihn unſchädlich zu machen. Er wurde bei Nacht und Nebel aus dem Bette geholt und in's Gefängniß geworfen, es war überflüſſig, ihm den Prozeß zu machen, es genügte, daß man ihm mittheilte, er ſei zur Deportation, zur Verbannung auf un⸗ beſtimmte Zeit, verurtheilt. Die Seinigen ahnten kaum, wo er geblieben war, ſie konnten ihn nicht ſehen, ihn nicht auf ſeiner Reiſe unterſtützen, ja, ſie durften nicht einmal um ihn weinen, aus Furcht, ſelber verdächtig zu werden. Das war die ſogenannte trockne Guillotine, deren Erfinder Louis Napoleon iſt. Fern an der Küſte Amerikas liegt ein ſumpfiger Landſtrich, ein paar kleine Inſeln davor Die tropiſche Hitze zieht die erhitzten Waſſertheile der Meeresoberfläche empor und erfüllt damit die Luft, kommt aber die Nacht und fällt die Temperatur, ſo ſinken dieſe plötzlich ver⸗ kühlten Waſſertheilchen als Nebel wieder herab und bedecken das Land wie eine dichte graue Wolke. Dieſes ehe und immer wiederkehrende Wechſel zwiſchen feuchter Hitze und feuchter Kälte erzeugt ſchreckliche Krankheiten, Fieber, Blutruhr und Schwindſucht. In teufliſcher Bosheit hatte man die Bäume auf den Inſeln abſchlagen laſſen und die zur trockenen Guillotine Verurtheilten mußten unter den ſenfrecht herabfallenden Stahlen der glühenden Sonne arbeiten. Was Wunder, daß güh Wehrere am Sonnenſtich ſtarben, daß Andere erblindeten, daß jele wahnſinnig wurden das war ja eben der Zweck Der Kaiſer befreite ſein Land von den gefährlichen Leuten, und konnte ruhig herrſchen. Aber Gottes Strafgerichte ſchlafen nicht. erung zu der Graf uſamkeit zu Hilfe 1Kaiſer entlich r Vohl⸗ ung auf⸗ en beun⸗ Klaſſen ſucht und rfen, es duß man auf un⸗ wo er ſeiner weinen genanſe ßern an ur leine thele der in abet hlich ver⸗ ecen das gte mun rocene filinden nder, daß bl indeten, zwei uien, 1 afen ſich — 803— Der Thron Louis Napoleons wurde erſchüttert von den Verwün⸗ ſchungen von Hunderttauſenden, aber auch das Volk, welches eine ſolche Regierung ſo lange Zeit geduldig, ja mit kriechender Unterwerfung trug, erhielt ſeine gerechte Strafe. Als Louis Napoleon es wihgke, über ſich und ſein Regiment abſtimmen zu laſſen, ſchickte er Lu Leute durch das Land, die den Bauern ſagten: Wollt Ihr den Frieden, ſo ſchreibt ein Ja auf dieſen Zettel, denn ſonſt es Krieg. Krieg aber wollten die Wenigſten in Frankreich, Ind ſomit ſtimmten ſie für Louis Napoleon. Mußte der Kaiſer nicht in der tiefſten Seele ſein Volk verachten, das ihn kannte und ſich ihm dennoch unter⸗ warf? Er that es, und jetzt haßte er es, weil es ſeinen Sturz ju⸗ belnd begrüßte. Dennoch durchwühlte ihn glühender Ehrgeiz, wenn er als Gefangener durch die Gärten von Wilhelmshöhe ſtreifte und die Kaskaden betrachtete, die ſechszehnhundert Fuß hoch über die Felſen herabſtürzen. Auf ſeinen Lippen ſchwebte ein wohlwollen⸗ des Lächeln, gleich einer Maske, die er ſich vorgenommen hatte, von jetzt ab zu tragen, er redete freundlich mit einem Jedem, war leutſelig gegen Alle und ließ es dabei nicht an einer gewiſſen Würde fehlen, die dem geſchickten Schauſpieler immer zu eigen ſein muß. Ein Bedienter brachte ihm einen Brief. — Oh, ſagte er zu ſich ſelber, indem er das Poſtzeichen anſah aus England, von Eugenien, was wird das wieder geben? Klagen, nichts als Klagen. Dieſe Frau kann die Zeit nicht ab⸗ warten, ſo ſehr ich ſie auch dazu ermahnt habe, ſich ruhig zu verhalten. Jedenfalls iſt es mir lieb, daß ſie nicht hier iſt, ihre Ungeduld würde mich langweilen. Und was hilft es denn? Haben die Deutſchen nur erſt geſiegt ſo kommt meine Zeit ſchon wieder. Dieſe tolle Republik kann ſich nicht halten. In Marſeillc und Lyon ſitzen die Rothen, die haben ſelbſt Gambetta, dieſen Abgott des Volkes, für einen Verräther erklärt und zum Tode verurtheilt. Iſt erſt der äußere Feind fort, ſo werden dieſe Republikaner ſich untereinander auffreſſen, und dann erſcheine ich als Rettungs⸗ engel und laſſe die trockne Guillotine ganz heimlich, ganz in der — 51* — 804— Stille arbeiten, und noch weit mehr will ich ihr zu thun geben, als in den erſten Jahren meiner Regierung! Unter dieſen Gedanken war er bis an eine Bank gekommen, von der aus man den Anblick der reizenden, friedlichen Gegond genaß. Wem wäre es in dieſer ländlichen Stille eigefallen, daß draußen der Krieg tobte? Der Kaiſer ſetzte ſich nieder und entfal⸗ tete das Schreiben. — Ja, ſagte er dann, indem er es wieder zuſammenlegte, das iſt freilich ſchlimm, mein Lulu iſt krank, er, auf den ich ſo ſtark rechnete. Der Verluſt dieſes Knaben könnte mein Spiel zu nichte machen, denn ſehen die Leute, daß ſich nach meinem Tode die Unruhen wieder erneuern müſſen, ſo ſetzen ſie mich lieber gar nicht auf den Thron. Schon ein kränklicher Nachfolger wäre ein Unglück für Frankreich, und wie habe ich mir Zwang aufer⸗ legen müſſen, um mich geſund zu ſtellen. Jetzt bin ich es, ich ſehne mich nach Thätigkeit, aber ich muß der Welt ſagen können, daß ich den Thron nicht für mich, daß ich den Thron für meinen Sohn verlange. Etwas Unangenehmeres konnte mir Eugenie nicht ſchreiben, als dieſe Nachricht, ich will zu Margarethe Bellan⸗ ger gehen, das wird mich zerſtreuen. Der Kaiſer hatte für ſeine Geliebte ein reizendes Häuschen ganz nahe der Wilhelmshöhe gemiethet und beſuchte ſie oft Sie gehörte zu jenen liederlichen Dirnen, die in Paris die Moden an⸗ geben und an denen ſelbſt die ſogenannten anſtändigen Damen die Künſte der Gefallſucht ſtudiren. Wie Magarethe Bellanger ihren Hut ſetzte, wie ſie beim Reiten ihre Schleppe trug, wie ſie den Shwal umwarf, das machten ihr alle die Modedamen nach. So tief waren die Sitten geſunken, daß man ſich nicht voll Ab⸗ ſcheu von ſolch einem verworfenen Geſchöpfe abwanbte ſondern es mit neugieriger Bewunderung beobachtete. Ihr Anblick rief dem Kaiſer die glücklichen Tage in Paris zurſck. Sie hatte ihr Kind bei ſich, dieſes Kind, von dem ſie ihm einreden wollte, es ſei das ſeinige, und das ſie lehrte, Papa zu ihm zu ſagen. Der Kuiſer herzte es und ließ es auf feinen Knie⸗ en tanzen, aber die Mutter hatte wenig Freude daran. Sie hatte ihr Leben ſo wild genoſſen, daß der Keim des Todes in ihrer in geben gekommen, nGehond len düß id entfal nmenlegte, en ich ſo Spiel zu nem Tode ich lieber lger wäte 9 Aufel⸗ es, ich nlönnen ir minen Eigenie — he Bellan⸗ giuschen Sie Moden an⸗ nDanen Bellanger wie ſe men noh. tuil W⸗ [1 ſondern z piri — 805— Bruſt ſaß, ſie fühlte ſich von einem ſchleichenden Fieber vetzehrt, ihre Wangen brannten, und doch fröſtelte ſie, und im Kamine praſſelte das Feuer, an welchem ſie ihre Füße wärmte. — Geht es nicht beſſer? fragte er. — O nein, verſetzte die Kranke, dieſe Aerzte ſind alle gleich dumm, franzöſiſche wie deutſche. Fühlen Sie, wie heftig mein Herz klopft, wie mein Puls fliegt, und dabei behaupten die Tröpfe kein Mittel dagegen zu wiſſen. O, wäre ich in Paris, ich fände Hilfe, und müßte ich ſterben, ſo würde ich einen Ball geben und tanzen, tanzen, bis ich todt zur Erde ſiele. Aber hier, welche Hangeweile, wie träge ſchleichen die Stunden, es iſt entſetzlich! — Haben Sie nicht Ihr Kind und mich? fragte ihr Lieb⸗ häber.„ — Das Kind iſt noch zu klein, und Sie.. — Zu alt? fragte er lächelnd. — O ich ſage nicht das, verſetzte ſie, ein Kaiſer altert nicht, wie andere Sterbliche, Sie werden mich überleben. — Wo denken Sie hin? rief er, Sie, ſo jung, ſo ſchön! — Im Grabe werde ich doch häßlich genug ausſehen, ant⸗ wortete ſie und zog ſchaudernd ihr Tuch feſter um ſich. Die Ver⸗ weſung iſt eine ſchlechte Kammerfrau, ſie verſteht es nicht, uns reizend zu machen. Bei Alledem, was will ich mehr? Ein fril⸗ her Tod iſt vielleicht beſſer als ein langweiliges Alter. — Sie werden bald wieder geſund werden, tröſtete er ſie, die Luft hier iſt mild und rein. — Ach, ich wollte, ich wäre in Paris, rief die Kranke aus, im Nebel, im Schmutz, wenn ich' aus dem Wagen ſprang und di⸗ Treppe zum Ballſaal hinaufeilte, das war ſchön, das war en“⸗ zückend. o warum kann man nicht ewig genießen, warum muß es Krankheit und Trübſinn geben? — Ich dachte, Sie würden ihn mir verſcheuchen; ſeufzte er⸗ Sie antwortete nicht. Das Sprechen hatte ſie angegriffen, ihr Haupt fiel in die Kiſſen des Lehnſtuhls zurück, ſie war furchtbar bleich und ihr Athem keuchte. Der Kaiſer klingolte und ſchicte den Bedienten nach dem Arzte. — Sbhie mir auch noch das paſſiren! dachte er; es thäte & mir leid, ſie hat mich oft erheitert, ſie war nicht ohne Geiſt und Urtheil, es ließ ſich gut mit ihr plaudern, und ſo bald finde ich Niemand, ſie mir zu erſetzen. Mit dieſen ſelbſtſüchtigen Gedanken betrachtete er ſie und hielt ihr ein Riechfläſchchen vor. Es waren peinliche Augenblicke, bis der Arzt kam. Ein einziger Blick auf die Kranke belehrte ihn, daß der Tod ſeine Beute ergriffen hatte. Er theilte es dem Kaiſer leiſe mit⸗ — Das dachte ich mir, ſagte der und ſtampfte ärgerlich mit dem Fuße. Ich habe heute meinen Unglückstag. Sehen Sie nach ihr, ich gehe in das Schloß zurück. Sie werden mir Bericht er⸗ ſtatten, ſobald es vorbei iſt. Er wollte hinaus, da richtete ſich Margarethe empor und ſtreckte die Arme nach ihm aus⸗ — Bleiben Sie bei mir, ſagte ſie, und der Ton ihrer Stimme klang ſonderbar fremd und hohl. Sie fürchten ſich doch nicht vor mir? — Wie ſollte ich, verſetzte er und kehrte ungern zu ihr zu⸗ rück, Sie wiſſen ja, daß ich Sie liebe⸗ — H, nicht mehr, jetzt nicht mehr⸗ flüſterte ſie, ich rieche nach Leichen, ich weiß es, aber das darf Sie nicht ſchrecken, ſteht doch Ihr Thron auf Gräbern, iſt doch die Luft, die Sie athmen, an⸗ gefüllt mit Verwünſchungen und Jammergeſtöhn. — Ich bitte Sie, Margarethe, unterbrach er ſie. — Wir werden uns jenſeits begegnen, fuhr die Sterbende fort und hielt ſeine Hand feſt in der ihrigen, für den Himmel ſind wir beide nicht, wie meinen Sie, daß es in der Hölle ſein wird? — Es giebt keine Hölle, war die kurze Antwort. — Doch! behauptete das Weib. es giebt eine, ich habe es gefühlt, wenn das Fieber mich ergriff. — Fantaſien! warf er ein. — Denken Sie an mich, wenn die Geſpenſter auch zu Ihnen kommen Ich ſab den jungen Mann, der ſich um meinetwillen erſchoß, ich ſah das verzweifelte Weib⸗ deſſen Gatte ſich an mich gedrängt hatte, ich fühlte das Gold, wie wenn es in Glühhitze ge⸗ — eiſt und inde ich ſie und enblicke, belehrte es dem lich mit ie nach richt et⸗ por und Stimme och nicht ihr z⸗ eche nch eht doch nen an terbende Hnml öle ſin habe e Inrn neile an ni hhite — 807— ſchmolzen wäre, auf meinem Herzen brennen, das Gold, das ich durch meine Verworfenheit erworben habe ach! es ſchmerzte — Denken Sie nicht mehr daran, bat er, Sie müſſen ſhü⸗ fen, und ich will Sie nicht mehr ſtören, der Doktor wird Ihnen ein Mittel geben, das Ihnen Ruhe ſchafft. Sie ließ ihn nicht los, ihre halb gebrochenen Augen hafteten an den ſeinen. 6 — und Sie, ſagte ihre heiſere Stimme, Sie 8* die Opfer der trockenen Guillotine ſehen, aus Cayenne, Afrikas ⸗ Gluthſteppen werden ſie kommen, und diejenigen, die in dieſem Kriege gefallen ſind, eine fürchterliche Schaar... o denken Sie an mich, wenn Sie von ihnen umringt ſein werden. — Ja, ich will an Sie denken, aber jetzt laſſen Sie mich los. Er entzog ihr ſeine Hand und ging. 2 enß ſtreckte die ihrige nach ihm aus.„ — Dieſer Mann behauptete mich zu lieben, rief ſie plötzlich mit grellem Lachen, o, es hat mich Keiner wahrhaft geliebt, Kei⸗ ner, Keiner! Sie fiel in die Kiſſen zurück und ſchluchzte krampfhaft. Der Arzt fragte, ob ſie ihr Kind ſehen wolle, ſie machte eine vernei⸗ nende Bewegung, ihr Körper zuckte, ihre Lippen bebten, aber ſie redete nicht mehr, dachte ſie an ein Leben, das dahingefloſſen war in ſchmachvoller Luſt, dachte ſie daß nicht eine Thräne aufrichtiger Zärtlichkeit auf ihr Grab fallen würde, dachte ſie, daß— ſie den Blick nicht erheben dürfte zu dem reinen Fimmel, zu den keuſchen Heiligen Gottes, zu dem Lilienſtengel in der Hand der himmliſchen Heerſchaaren und daß ſie ihrem Kinde neben ihrem Reichthum die Schande ließ, daß ſeine Mutter dieſen Reichthum in ſolcher Weiſe erworben hatte? Als die Sonne ſich ſenkts, röchelte ſie noch dumpf und mühevoll, als ſie verſunken war, ſtockte ihr Athem für immer, ihre Dienerinnen umhüllten ſie mit weißſeidenen Decken und legten ihr ein Sterbekleid von ſkoſtbaren Spitzen an, aber ſie lachten dabei. Der Kaiſer ſaß bei Tiſch als er von ihrem Tode erfuhr, er las grade Zeitungen und ließ ſich dabei nicht ſtören. Als man ſie begrub, folgten ihr alle die Herren aus ſeinem Hofſtaate, aber Keiner von ihnen empfand —— —. 08 Schmerz um die Verſtorbene ihr Grab wurde mit Blumen reich geſchmückt, aber keine Thräne benetzte es. Nichts als feilen Ge⸗ nuß hatte ſie geſucht, nichts als feilen Genuß hatte man von ihr verlangt, man warf ſie fort, wie eine Frucht, deren Saft man ausgepreßt hat, wie eine Blume, deren Duft vergangen iſt. Nur in der wahren Liebe lebt des Weibes echtes Glück, und dieſer Liebe iſt allein die ehrbare Frau werth und theilhaftig, ſie iſt ihr Reichthum, iſt ihr Stolz, ihr Troſt und Heil in allen Nöthen. wehe der, die dieſen Schatz für Geld verkauft. nür wahre Liebe iſt des Weibes Slick! Kapitel. Die Waſſerwerke von Verſailles. Auch in Sedan, wo Gabriele Donato ſich eifrig der Pflege verwundeter Krieger hingegeben hatte, konnte ſie nicht lange blei⸗ ben. Lange Zeit wartete ſie auf die Ankunft der beiden Knabes, die ſie ſo herzlich lieb gewonnen hatte, täglich befragte ſie ſich mit Wilhelm Friſchmuth, was denn wohl ihre it ſo verzögern könnte. Als nun dieſer mit Reinhold von Iſſelhorſt zu gleicher Zeit abreiſte, fühlte ſie ſich wiederum ſehr einſam und verlaſſen. Aber ſie hatte den Troſt kennen gelernt, den Gott allen ſtarken Seelen verleiht, den Troſt, den eine für Andere wohlthätige Arbeit uns verleiht. Sie war der helfende Engel der Leidenden. Bald wußte man es in dem ganzen Lazareth, daß Diejenigen, welche die bleiche Frau von Mainz verpflegte, ſchnell geſund wurden, und ſtarb Einer unter ihren Händeu, ſo prieſen ihn die Kamr⸗ raden glücklich, denn ſie glaubten feſt, daß ihr Gebet und frommer Zuſpruch ihm die ewige Seligkeit erworben habe. Dieſe milde en reich len Ge⸗ an von en Suft gen iſt. Glüc, ichafüg in allen ft. rPflege ge hlei Knobei, ſich mit erzögern her Zeit lber Stelen beit un⸗ Pald welche wurden en⸗ rommtt — 809— Pflege, dieſen Troſt der Religſon ertheilte Maria Fiſcher Allen. die ſeiner bedurften. Die verwundeten Franzoſen waren entzückt, daß ſie in ihrer Sprache zu ihnen reden konnte und verehrten ſie wie eine Heilige. Oft fielen ſie vor ihr nieder und küßten ihr Kleid, wie das einer Heiligen, ſie mochten die Medizin nur aus ihren Händen anneh⸗ men und folgten ihr auf das Wort, wenn ſie ihnen aſenpfahl, kein Glied zu rühren, um das zerſchoſſene eher zu heilen, ſich nicht durch Sprechen aufzuregen oder mäßig im Eſſen zu ſein. Selbſt die wilden Turkos fühlten den ſanften Zauber ihrer Gegenwart. Kein lautes, unanſtändiges Wort ließ ſich vernehmen, wo Maria Fiſcher es hören konnte, und ſie erzählten von ihr, daß ſie mit Geiſtern im Bunde ſtände und das Recht erlangt hätte, Diejenigen zu beſtimmen, die ſterben, und die, welche geheilt werden ſollten. Sie verſicherten, daß oft wenn die bleiche Frau um Mitternacht an ihrem Bette ſaß, ein Schatten durch das Zim⸗ mer gehuſcht ſei, ſich einen Augenblick über Maria gebeugt habe und dann verſchwand. Mochte Einer im Fieber ſo etwas geſehen haben, die Andern ſprachen es ihm nach, und für Alle war Ga⸗ briele Donato eine übernatürliche Erſcheinung. Und noch mehr als das! Wenn fie nach einem Gefechte — über das Schlachtfeld ging, um die Verwundeten zu erquicken und zu verbinden, ſo folgten ihr, hieß es, zwei Geiſter, die ihr ſagten, wen ſie retten ſollte. Feſt ſtand es, daß ſie ſich an die einſamſten Stellen wagte, ohne daß ihr etwas Böſes geſchah Die Hyänen und Schakals, die Turkos, Spahis und Zephyre benutzten oft ihre letzte Kraft, um Diejenigen niederzuſchießen, die um der chriſtlichen Barmherzigkeit willen über das Feld des Todes . gingen, aber vor Gabrielens ſtillem Blick ſank die Hand, die ſchon den Dolch nach ihr zückte, blieb die Kugel im Laufe, der ſich auf ihr Herz gerichtet hatte. Doch auch anderen Gefahren entging ſie glücklich. Nicht immer war es möglich, die Lozarethe ſo zweckmäßig einzurichten, wie man es gewünſcht hätle. Die Schlacht von Sedan und die ihr vorhergehenden Kämpfe brachten eine Unmaſſe von Verwun⸗ deten und Sterbenden zuſammen. Die Luft war verpeſtet von der —— — 30 Ausdünſtung der eiternden Wunden und der Geſchwüre, die ſehr häufig eintreten, wo noch Eiter zurückgeblieben iſt, der ſich dann einen Ausweg aus dem Körper ſucht. Dieſe verdorbene Luft er⸗ zeugte den Typhus, jenes bösartige Nervenfieber, dem ſelten Einer entgeht, den es gründlich gepackt hat. Die Eitervergiftung oder Pyämie raffte Tauſende hinweg und ließ ſich nicht verhindern, ſo lange ſo viele Kranke in demſelben Raume lagen, und Einer den Andern anſteckte. Dazu brachten die Franzoſen ekelhafte Krank⸗ heiten mit ſich, die bald die Runde durch das ganze Lazareth machten. Sehr viele von ihnen ſtarrten von Ungeziefer, die Meiſten litten an der Krätze. Sie hatten lange in freiem Felde gelegen, und da ſich ihre Regierung ſehr wenig um das Wo der Soldaten und nur um ihre Kampffähigkeit kümmerte, ſo be⸗ ſaßen die Wenigſten Wäſche genug, um Hemden und Strümpfe wech⸗ ſeln zu können öder die beſchmutzte Wäſche reinigen zu läſſen. Dazu kam noch etwas Anderes. Ein Soldat, der geſchlagen iſt, hat keine Freudigkeit, keinen rechten Lebensmuth mehr. Die Franzoſen waren ihren Führern höchſt verdroſſen nach Sedan ge folgt, ſie hofften nichts mehr für Frankreich, nichts mehr für ſich ſelber, ſie verſanken in Gleichgültigkeit, in Stumpffſinn, ſie, die ſonſt ſo eitel ſind, dachten nicht mehr daran, die Uniformen zu ſänbern und zu bürſten es war ihnen Alles gleichgültig ge⸗ worden, und erſt die Republik regte wieder einen Muth in ihnen an, den ſie in den letzten Tagen des Kaiſerreiches gänzlich ver⸗ loren hatten. Das Biwakiren iſt ihnen die verhaßteſte Sache, wenn ſie keine Zelte, keine Decken beſitzen, und bei der eiligen Flucht nach den verlorenen Schlachten, bei Metz fehlte ihnen beides, ſo ſanken ſie denn ſtumpf in den aufgeweichten Thonboden nieder und fragten nicht danach, daß ſich in dem Schweiß und Koth, der ſich in ihren Kleidern feſtſetzte, eine Anzahl von kaum zu vertil⸗ denden Läuſen einniſteten. Freilich arbeiteten auch in Frankreich viele Hände an Beklei⸗ dungsgegenſtänden für die Truppen, aber wer dachte daran, ſie ſo gut zu verſorgen, wie es mit unſeren Soldaten geſchehen war, die Leibbinden, Unterhoſen, wollene Hemden und Strümpfe beka⸗ men, um den Einflüſſen der naſſen und kalten Witterung trotzen ie ſehr dann uft er⸗ Einet g oder ern, ſo et den Krank⸗ azareth fer die n Felde das Vo pt fe wech⸗ ſſen. ſchlagen . Die edan ge ſir ſih ſie, die ormen zu iltig R⸗ in ihnen lich vel⸗ e Sichr tt iligen en heides, en nieder golh der zu vertil 9 gellei⸗ lan. ſie ſo fe helo⸗ 0 en ung wrz —— zu können Beim Laufen warfen die Franzoſen Alles weg, was ſie veſchwerte, Waffen, Mäntel und Patronen. Nun lagen ſie da m der für eine afrikaniſche Hitze berechneten Uniform, ſroren und hungerten, und die Folge davon waren Krankheiten, die ſich ſchnell verbreiteten. Es war ein jämmerlicher und zugleich ekelhafter An⸗ blick, den ſie darboten. Die Geſichter geſchwärzt von Pulver⸗ dampf und Schmutz, die rothen Hoſen zerriſſen, die gelben Litzen von den Jacken geriſſen, ſo ſchleppten ſie ſich barfuß oder auf dem elendeſten Schuhwerk dahin, in den lang gewachſenen Bär⸗ ten kribbelte das Ungeziefer, die Hände waren mit Ausſchlag be⸗ deckt, gelangten ſie in die Lazarethe, ſo weigerten ſich die Leute ſie anzufaſſen, und bei dem Mangel an Waſſer, der ſo oft herrſchte, war es ſchwer, ſie zu baden und ihre Sachen zu reinigen. Man mußte die Kleidungsſtücke der Todten zur Hilfe nehmen, um die Blößen der Lebenden zu bedecken. So elend war es jetzt mit dieſen Menſchen beſtellt, die vor noch nicht drei Monaten wie zur Maskerade auszogen und mit ihren bunten Uniformen und gol⸗ denen Adlern prahlten. Auch mit den Offizieren war es nicht beſſer beſtellt. Man konnte ſie mit Stiefeln, aus denen die Zehen hervorſtanden, her⸗ anſchleichen ſehen, einen Sack mit elenden Gegenſtänden, die bis⸗ weilen auf ſeltſame Weiſe erworben waren, auf dem Ricken, müde, hungrig und nicht weniger ſchmutzig als die Gemeinen. Freilich nehmen die Offiziere der unteren Garde in Frankreich eine jämmerliche Stellung ein und laſſen ſich weder an Anſtand noch an Bildung mit deutſchen Feldwebeln und Unteroffizieren vergleichen. Die Wenigſten verſtehen ihren Namen zu ſchreiben, und nichts erweckte größeres Erſtaunen, als wenn einfache deut⸗ ſche Soldaten bei ihren Quartiergebern Zeitungen laſen oder an öffentlichen Gebäuden gar lateiniſche Inſchriften entzifferten. Auch den Gefahren der Anſteckung an ſchmutzigen Krank⸗ heiten entging die Fürſtin Donato glücklich genug, dennoch war ſie aufs tiefſte betrübt. Der Prinz von Frankreich war geflohen, ſollte ſie ihn jemals wiederſehen, ſollte ſie ewig unaufgeklärt bleiben. oh er ihr Sohn war? Dieſc Frage drängte ſich beſtändig vor ih:e Seele. Und dann noch Eins! Sie hatte jène räthſelhafte 82 Erſcheinung nicht wieder geſehen, die ſie an die glücklichſten, ach auch an die elendeſten Tage ihres Lehens erinnerten. Wie ofi küßte ſie ihr einziges Kleinod, das ſie niemals verlaſſen ſollte, ſeitdem ſie es erhielt, wie oft drückte ſte das Kreuz an ihre Lip⸗ pen, das ſie ſo ſorgfältig vor den Augen aller Welt verborgen hatte, das Kreuz, welches jener unbekannte Erretter ihr von der Leiche ihres todten Vaters gegeben hatte. In dieſes Kreuz waren drei Edelſteine eingelegt, ein rother, ein weißlich ſchimmernder und ein grüner. Gleiche Steine hatte ihr Trauring getragen, denn es waren die Farben in dem Wap⸗ pen der Familie Undentino. Aber diefer koſtbare Ring, denſelben, welchen ein Fiſcher an Emannel Undentinos Leiche gefunden ha⸗ ben wollte dieſen Ring, durch welchen allein die Erbſchaft der Un⸗ dentinos zu haben war, hatte ſie dem Arzte gegeben, der ihrem Kinde das Leben rettete, und deſſen Namen ſie nicht kannte. Oft wenn ſie inmitten ihrer ſchweren Arbeit in kurzen Schlummer verſank, ſerſchien ihr im Traume das Bild jenes wunderbaren Mannes und ſagte zu ihr, was er im Todtengewölbe, wo ſie ihn zum letzten Male erblickt hatte, zu ihr geſagt hatte. — Geh nach Paris, und ſuche den Ring! Und dann trat ihr jene andere räthſelhafte Erſcheinung entgegen, jener Mann im weißen Gewand mit dem rothen Kreuz auf dem Arm, und er ſprach leiſe: — Auch ich ſuche den Ring. Getroſt, wir werden ihn finden“ Dieſer ſeltſame Traum wiederholte ſich ihr ſehr oft in der letzten Zeit. — Gott, dachte ſie, wenn ich den Ring beſäße, ſo könnte ich mit den Schätzen der Undentinos meinen Sohn aus ſeiner Verbannung beſreien. Glücklicher als auf einem Kaiſerthron ſollt⸗ er an meiner Seite leben, und wenn nicht ſchmeichleriſche Unter⸗ thanen ihn umgeben, ſo möchte ich es ihn lehren, wie man duſch Wohlthun treu ergebene Herzen um ſich ſammelt. Doch Alles, Alles iſt verloren! Ich habe den Ring von mir gegehen, und mir bleibt nichts als die Reue. Ach, in jener unglücſeligen Nact verlor ich meinen Sohn und ſein Erbtheil zu gleicher Zeit. ten ach Pie oft ſollte, re i⸗ borgen n der rother e hatte Wap⸗ nſelben, en he⸗ der Un⸗ tihrem Oit lummer erbnren ſe in nn tat Mann und et en ihn in der lönnte s ſeiner n ſolh eUntel⸗ nduch Alles en und iſeligen zer Zeit ² — 813— Doch nicht lange verweilte Gabriele bei dieſen Klagen, wußte ſie doch, daß eine höhere Macht über ihr waltete, ſie beſchloß, ſich ihr ganz zu ergeben und ſtill und geduldig auszuharren, wenn auch ihr Ende noch ſo einſam, noch ſo traurig ſein ſollte. Eine kurze Zeit lang hatte ſie gehofft, Richard und Arthur würden ihr das verlorene Kind erſetzen, jetzt hatte ſie auch dieſe verloren, und keine Hoffnung lebte mehr in ihr, die Knaben wie⸗ der zu ſehen. Die Wege waren voller Feinde, o in welche Ge⸗ fahren konnten die Knaben gerathen ſein„ ſie ſchauderte, es zu denken. Jetzt wurde ihr der Befehl ertheilt, der Armee nach Paris zu folgen. Sie gehorchte ohne Zögern. Dieſes Mal hielt ſie nichts bei den Verwundeten feſt, aber dieſe brachen in Wehklagen aus, als ſie vernahmen, daß die bleiche Frau von Mainz ſie verlaſſen würde. Thränen floſſen auf ihre Hände, die ſie den Verwundeten immer wieder zum Abſchied reichen mußte, Viele glaubten, es ſei ihnen nun der Tod gewiß, weil ihr rettender Engel von ihnen ging. Maria Fiſcher riß ſich end⸗ lich mit Gewalt von ihnen los und beſtieg den Wagen, in wel⸗ chem noch ſechs andere barmherzige Schweſtern in die neu zu er⸗ richtenden Lazarethe fuhren. Sie ſprachen piel mit einander und theilten ſich ihre Erlebniſſe mit, nur die bleiche Frau von Mainz redete kein Wort yind blickte ſtumm auf die Felder, die von den Furien des Krieges verwüſtet waren, auf zerknickte Bäume, aufge⸗ riſſene Chauſſeen, niedergebrannte Häuſer, zerſtörte Weinberge und auf die Knochen von Thieren und Menſchen, die der ſtrömende Regen aus der Erde hervorgeſpült hatte. Am fünften wur das große Hauptquartier von Ferriére auf⸗ gebrochen. Bei Villeneuve war eine Schiffbrücke über die Seine geſchlagen worden, und der ſtattliche Zug ritt und fuhr darüber fort und hefand ſich jetzt in jenem Theil des feindlichen Reiches, den man die Inſel Frankreichs nennt und der von der Seine und der Marne umſchloſſen wird. Der letztere Fluß ergießt ſich dicht vor der Südſeite von Paris in die Seine, die, nachdem ſie die Stadt im Nordweſten ver⸗ laſſen hat, zwei Krümmungen macht, ehe ſie den ſtetigen Lauf zum Meere beginnt. Dieſe Krümmungen bilden natürliche Befeſ⸗ tigungen, es liegen deswegen gerade hier die wenigſten Forts, während ſich um die drei anderen Seiten eine große Menge ein⸗ zelner Feſtungswerke ziehen, von denen ein jedes mächtig genug iſt, einen zähen Widerſtand zu leiſten, während die beiden Flüſſe Kanonenboote zu tragen im Stande ſind. Zahlreiche Waldungen umgeben die franzöſiſche Hauptſtadt, Höhenzüge, die mit üppigem Grün bedeckt ſind, geben Kunde von dem Reichthum des Landes. Der Boden iſt meiſt ſchwer und thonig, aber die Wege vortrefflich gehalten, wie denn überhaupt die franzöſiſchen Chauſſeen, Pflaſterungen und die überaus zweck⸗ mäßig angelegten Waſſerſtraßen anderen Ländern zum Muſter 1 dienen können. Hatte man vorher viele vereinſammte Dörfer ge⸗ funden, aus denen Alles geflüchtet war, was fort konnte, ſo waren hier die Leute ruhig in ihren Wohnungen geblieben, denn ſie vertrauten auf den Schutz welchen ihnen die Hauptſtadt ver⸗ leihen ſollte. Es kam keinem Franzoſen in den Sinn, an dem endlichen Siege ihrer Waffen zu zweifeln. Gambetta hatte das Volk zur Vertheidigung aufgerufen, Favre hatte es laut ausgeſprochen, daß die Friedensbedingungen des Grafen Bismark nicht angenommen werden dürften, und ganz Frankreich war einig im heftigſten Widerſtande gegen die deut⸗ ſchen Eroberer. Ohne Kummer ſahen die Bürger von Verſailles die deutſchen Soldaten in ihre Stadt einrücken, hofften ſie doch, dieſfe Einquattierung bald wieder los zu werden. Bald auch er⸗ ſchienen die Perſonen des Hauptquartiers, nachdem der Kronprinz mit ſeinem Stabe ſich ſchon in dem Präfekturgebäude niederge⸗ laſſen hatte. Jetzt zeigten ſich wieder einmal die Soldaten in ihrem Glanze, das Lederzeug wurde friſch geputzt, die Knöpfe wurden blank gerieben, die ſchon ziemlich abgetragenen Uniformen gebür⸗ ſtet, wollten ſie es doch ihrem Oberbefehlshaber beweiſen, daß er ein Heer beſaß, das nach monatelangen Anſtrengungen noch immer in die Schlacht ging, wie zum Tanze, und daß Muth und Kraft und muntere Laune noch lange nicht gebrochen ſeien. Der greiſe Monarch mußte das ſelbſt fühlen, als er freund⸗ lich grüßend an den in Parade aufgeſtellten Truppen vorüberfuhr. An dem Gitter der Präfektur erwarteten ihn die deutſchen Für⸗ S 5— 6 ſten, der Hetzog von Koburg, die Herzöge Eugen, Wilhelm und Muximilan von Würtemberg, der Erbprinz von Hohenzollern, 19 die Erbgroßherzöge von Weimar und von Mecklenburg, der Her⸗ ſe hog von Auguſtenburg, ehemals Preußens Feind, jetzt als bai⸗ riſcher General ſein treuer Helfer gegen die Franzoſen, und ferner dt. die Generale, welche der kronprinzlichen Armee angehörten, nebſt on den Bevollmächtigten von Würtemberg und Baiern und einigen nd engliſchen und amerikaniſchen Offizieren, welche den Krieg zu ihrer upt Belehrung und zur Berichterſtattung mitmachten. ed⸗ Die Bürger von Verſailles ſtaunten das alles an, ſo ſtattlich ſter hatten ſie ſich die Leute nicht gedacht, die man ihnen als halbe ge⸗ Wilde geſchildert hatte. Der freundliche Blick des greiſen Königs, ſo die Heldengeſtalt ſeines Sohnes verfehlten nicht, einen großen Ein⸗ enn druck auf ſie zu machen, aber ihre Verwunderung wuchs, als ſie vet⸗ in den nächſten Tagen die höchſten Herren ſo ungenirt mit den dem Niedrigergeſtellten verkehren ſahen. Verſailles hatte unter den kriegeriſchen Zeiten zu leiden ge⸗ fen, habt. Sonſt feierte man hier an jedem vier und zwanzigſten gen Auguſt ein großes Feſt. Dann ſprangen die berühmten Waſſer⸗ on werke, und die Pariſer kamen in großen Schaaren herbei und be⸗ eut wunderten das ſchöne Schauſpiel. Nur einmal im Jahr konnte ile man es der neugierigen Menge bieten, denn die Koſten dieſes och,. Vergnügens überſteigen vierzigtauſend Franks, aber den Kauf⸗ leuten, Schenkwirthen, Orgelſpielern und Budenbeſitzern gewährte inz es eine ſchöne Einnahme, denn Tag und Nacht trieben ſich die ge⸗ lebensluſtigen Menſchen da herum, aßen, tranken und jubelten, hren tanzten, ſangen und dachten nicht an den eigentlichen Grund die⸗ cben ſes Feſtes. Es war der Tag, an welchem der König Karl der bir⸗ Neunte ſeine Schweſter Margarethe von Valois mit Heinrich von e Bearn, dem nachherigen König von Frankreich, vermählte, der⸗ met ſelbe Tag, dem die gräßliche Bartholomäusnacht folgte. Wer Kraft denkt jetzt noch daran, wenn er die Waſſer von Verſailles ſpringen ſieht? Im Jahre 1870 hatte der Ernſt der Zeit das verhindert, 3 aber der König Wilhelm wollte es ſeinen Soldaten gönnen, und als dies bekannt wurde, eilte die ganze Nachbarſchaft herbei, um —— — ——— — 816— neben dem Anblick der Fontainen auch noch den der fremden Fülſten zu genießen. Keine Schranke trennte die Bürger Frank⸗ reichs von ihren Feinden, den Deutſchen, in dem herrlichen Park beweglen ſich und Militairperſonen in buntem Gemiſch, Bismark, Roon, Woltke und undere höchgeſtellie Perſönlichkeiten gingen hin und ze redeien hald mit Dieſem, bald mit Jenein nnd wurden oft genug von den neugierigen Damen angeſprochen die ſich dicht heran drängten und allerlei Fragen thaten. So wogte die bunteſte Meige um das gr ſe Baſſin herum, und dazwiſchen humpelte ein Verwundeter, ließ ſich ein Anderer von ſeinen Kameraden führen, ein Dritter tragen, denn im Erd⸗ geſchoß des Schloſſes war ein Lazareth eingsrichtet worden. und an ſeinen Fenſtern ſah man vbn Zeit zu Zeit das Bild einer rodtbleichen Frau auf Augenblicke erſcheinen und wieder ver⸗ ſchwinden. Erſt als um halb zwei Uhr der König äus dem Schloſſe trat, begonnen die Waſſerworke zu ſpielen, und eben brach die Sonne durch dunkle Regenwolken und beleuchtete die mutmornen Flußgötter, die das Waſſer in lebendigen Strahlen in die Höhe wer⸗ fen. Ueberall plätſcherte und rieſelte und rauſchte es, und der König betrachtete es mit ſichtbarem Wohlgefallen. Niemals hatte 58 Louis Napoleon ſo ganz ohne Bedeckung unter ſein Volk gewag, wie König Wilhelm ſich unter die dichten Haufen ſeiner Feinde miſchte, er umſchritt das große Baſſin, ging dann zu den ſoge⸗ nannten kleinen Waſſern und promenirte durch den Wald, als ob es gar nicht möglich wäre, da“ eine Kugel von nah oder fern ſeinem geweihten Leben ein Enbe mache. Und es war auch uicht möglich, denn wer für die gerechte Sache ſtreitet, den ſchützt Gottes Hand überall. M. — Cyan Sreen vellow Red Magenta