Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher unz afranzöſiſcher Literatur Ednard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Teſebedingungen. 1 Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 8 5. Auswärtige Aponnenten baben für Hin und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird eonpere darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch d zu ſtehen haben. — — Deutſchland's Vollskrieg gegen Frankreich oder Die bleiche Frau von Mainz. hiſtoriſche Erzählung des deutſch-franzöſiſchen Teldzuges im Jahre 1870. Von Chryſ. Krauſe. ———— Erſter Band. Berlin. Tudwig Zulius Heymann. Nacht war furchtbar ſchwarz und unheimlich, krächzend flogen die matt flackernden Gasflammen, die ihre an Nacht und Finſterniß ſpäteter Nachtſchwärmer zeigte ſich, und der Stadtſergeant ſelber erſch dicht an die Mauer, wenn detz 1. Kapitel. Geburt und Grab. Fhaurig pfiff der Wind durch die Straßen von Paris. Die aus ihrer Ruhe aufgeſcheuchten Eulen und Fledermäuſe um die gewöhnten Augen blendeten. In Strömen goß der Regen hera und plätſcherte auf den Steinen der Dächer, auf dem Pflaſter der Straßen, und praſſelnd flogen von Zeit zu Zeit Ziegel un Zinkbekleidungen, vom Winde losgeriſſen, auf die Erde herunter. Wer hätte nicht in einer ſolchen Nacht ſein Lager aufgeſucht, wer mochte es wagen, dem ſchauerlichen Aufruhr der Slemente Trotz zu bieten? Niemand, gewiß Niemand, denn die Stadt erſchien wie ausgeſtorben, kein Fenſter war erleuchtet, kein ver⸗ duckte ſich tief unter ein Kirchendach, um dem Unwetter ſo weit, als thunlich, zu entgehen. Wirklich konnte nur ein Tollkühner es wagen, ſich dem brau⸗ ſenden Sturme, den ſtürzenden Ziegeln auszuſetzen, und tollkühn mußte der Mann ſein, der nicht achtend ſolcher Gefahren durch die Vorſtadt St. Antoine, die Gegend, die meiſt nur von Arbei⸗ tern bewohnt wird, dahineilte. Sein ſchwarzer Mantel flatterte im Winde, ſeinen Hut mußte er mit der Hand feſthalten, öft ſprang er zur Seite, wenn ein Regen von Steinen dicht vor ihm niederdonperte, oft drängte Sturm ihn umzuwerfen zu ermatten. Athemlos Doch nun ſchien ſeine Kr — lehnte er ſih einen Augenblick gegen einen Pfoſten, ihn fror, und dennoch liof der Schweiß von ſeiner Stirn, er fühlte ſich er⸗ müdet und wußte dennoch, daß er wieder weiter muſte. Plötzlich bemerkte er einen lichten Schein, der über die Straße fiel. Sogleich zog er ſich tiefer in den Schatten zurück, er mochte gute Gründe haben, einer Jeden Begegnung auszuwei⸗ chen. Dennoch beobachtete er ſcharf, woher der ein kam Aus der Thür eines nie drigen und ärmlichen Hauſes trat ein Mann, der, gleich ihm, in einen dunklen Mantel gehüllt war, und der gleich ihm gegen den Wind kämpfte. Nach allen Seiten blickte er ſich um, dann ſtieß er einen leiſen Pfiff aus. Sogle ich rat ein dritter Mann aus dem Dunkel eines alten Bretterzauns hervor und auf den Pfeifenden zu. — Iſt die Sache in Ordnung? fragte er. — In Ordnung? rief der Andere, indem ex ein kurzes La⸗ chen laut werden ließ. Wir hätten ebenſo gut zu Bette gehn und ausſchlafen können, als uns ſolch' einer verfluchten Sturm⸗ nacht ausſetzen. — Wie ſteht es mit dem Kinde? fragte Jener weiter — Todt, lachte ſein Gefährte, todt,.. und nochoben drein ein Mädchen. — Und die Mutter? — Liegt in den letzten Zügen. Du haſt ihr doch ſoviel als möglich Hilfe angedeihen Licht laen? — Stirbt ſie darum weniger? War Ihr Mittel nicht gut? Kommen Sie nach Hauſe, Doktor, wir müſſen uns Anderem umſehen. — Du weißt, die Sache läßt ſich nicht länger verſchieben ich habe ſchon zu lange gewartet. — Ja, es iſt verflucht, daß der ſchlau angelogte Plan i die Brüche ging. Aber beruhigen Sie ſich, Herr Doltor, es giebt noch mehr Mütter, an denen die Welt nur wenig verliert, wenn ſie im Kindbettfieber ſterben, indeſſen für ihre Nachkommonſchaft geſorgt wird. Kommen Sie nach Haus. — Wo ſteht mein Wagen, Iſidor? nach etwas — Ganz nahe, nur müſſen wir einen Umweg machen, da⸗ nitt es Riemand merkt, wo wir waren.„ Der Doktor drückte ſich den Hut auf den Kopf, nahm die Richtung gegen den brauſenden Wind und ging, ſo ſchnell vr es vermochte, vorwärts, Iſidor folgte ihm fluchend nach. Als ſie zu dem Wagen kamen fanden ſie den Kutſcher, der nur mit Mühe die muthigen Pferde zu halten vermochte, abgeſtiegen. Der ſcharfe Wind drohte in jedem Augenblick das leichte Fuhrwerk umzuwerfen, die Roſſe ſchnauften und ſtampften, die Ziegelſteine und Glasſplitter, die rings um ſie her ſtaubten, hatten ſie wild gemacht. 4 Schweigend ſtieg der Doktor mit Iſidor ein, der Kutſcher ſchwang ſich auf den Bock und nahm die Zügel feſt in die Hand, im Galopp ſauſten die Pferde davon. Da ſlog plötzlich etwas Schwarzes über ihre Köpfe hin und umhüllte ſie. Wild bäumten ſie ſich empor und ſchleuderten das Fuhrwerk gegen einen Prellpfahl, daß es krachte. Der Kutſcher ₰ ſtog von dem Bock herunter und lag ſteif und leblos auf dem Pflaſter. Im nächſten Augenblick ſprangen der Doktor und Iidor heraus. Neben dem ſtarren Körper des Verunglücten 5 ſand ein Mann, deſſen Geſicht ein breitkrämpiger Hut tief be⸗ ſchattete. 4— Hollah, Jean, was iſt mit Dir? rief der Loktor dann beugte er ſich zu ihm herab und goß ihm ein ſtark riechendes Waſſer in das Geſicht. Der Kutſcher ſtöhnte tief auf und machte eine Bewegung. 6 Er lebt, ſagte der fremde Mann, er wird ſich erholen. *— S Sie das ſo genau, ſtah der Doktor, ſind Sie ein Arzt 6— Nein, verſetzte Jener, aber 6 W einen d ich denke, ich habe ihn gefunden. Richt in mir, will ich hoffen. Grade i in Ihnen, Ihr Kutſcher wird ſich ſchon erholen, aui rden önnen Sie den Diener bei ihm laſſen. Sie ſelber werden mir folgen. 0* Das klingt wie ein Befehl! — Es iſt ein Befehl, es iſt ſogar eine Drohung. Sie werden mir folgen, Doktor, ſage ich.. Der Doktor ſah in der Hand des fremden Mannes ein Terzerol blinken; er ſah, daß dieſe Nacht noch ſchlimmere Gefahren in ſich barg, als die, welche der Sturm verurſachte. Iſidor hatte ſich zu dem ächzenden Kutſcher niedergebeugt, ohne jedoch ein Wort des ſelt⸗ ſamen Geſpräches zu verlieren. Schnell überſah er die Gefahr. Der Fremde hatte die ohnedies ſcheuen Pferde tollgemacht, indem er ihnen plötzlich ſeinen ſchwarzen Mantel um die Köpfe warf, noch hielt er ſie mit mächtig ſtarker Hand bei dem Gebiß feſt, ſie ſchnauften und ſtampften, aber ſie ſtanden. Wer konnte der Mann ſein? Er fragte es ſich mit Aengſtlichkeit. Wer wagte es, ſeinen Herrn einen der geachtetſten Aerzte in Paris, zu einem nächtlichen Beſuch zu zwingen? Der Doktor blickte mit Ruhe auf die Waffe. — Ich fürchte den Tod nicht, den ich in allen Geſtalten kennen gelernt habe, ſagte er, und ſchrecke nicht vor Drohungen zurück, aber ich ſehe, daß Sie nothwendig eines Arztes bedürfen, und nicht aus Furcht vor Ihnen, ſondern aus Menſchenliebe und gemäß den Pflichten meines Berufes bin ich bereit, Ihnen zu folgen doch nicht ohne meinen Diener. — Gut, Iſidor mag Sie begleiten, war die kurze Antwort. Woher wußte der Mann den Namen des Dieners? Der Doktor ahnte nicht, daß ſein Geſpräch mit dieſem belauſcht wor⸗ den war.. Der Fremde ſteckte das Terzerol ein, hüllte ſich in ſeinen 3 Mantel und winkte dem Aczt, neben ihm zu gehen. Iſidor folgte nicht ohne Zittern und ließ den Kutſcher neben den Pferden, deren Zügel der Mann um einen Laternenpfahl geſchlungen hatte. Sie gingen nur kurze Zeit, dann ſchloß der Mann ein Haus auf, aber er ſtieg nicht die Treppe hinauf, fondern ſchritt durch einen,. 1 51 engen Hof, wo eine kleine Thür abermals in eine Gaſſe führte. 1. Der Arzt und Iſidor blickten ſich fragend an, obgleich ſie ſchon lange in Paris lebten, wußten ſie nicht mehr, wo ſie ſich befanden. Es war ein ſchmaler Weg zwiſchen Gärten, den ſie dahin ſchritten. Der Wind beugte die noch kahlen Kronen der Bäume und rüttelte an den Zäunen. Abermals ſchloß der Mann ein Pförtchen auf, . ie durchſchritten den aufgeweichten Boden eines Parks, an deſſen Ende ihnen ein erleuchtetes Fenſter entgegenſchimmerte. Es war ein hohes, graues Haus. Der Mann klopfte an die Thür, ein ſchlürfender Schritt ließ ſich vernehmen, dann öffnete ein Diener, deſſen Geſicht ſtier und faſt blödſinnig ausſah. Stumm — — nickte er dem Eintretenden zu, der keine Frage an ihn richtete und ihm den naſſen Mantel auf die Schulter warf. Jetzt, bei dem Scheine der Laterne, welche der alte Diener trug, konnte der Doktor ſeinen Begleiter betrachten. Es war ein hochgewachſener Mann von ſtolzem Wuchs und feſter Haltung, ſein dunkles Haupthaar lag glatt und feſt um eine hohe, bleiche Stirn, Wangen, Mund und Kinn beſchattete ein ſchwarzer Bart, über die übrigen Theile des Geſichtes hatte er eine Sammtmaske gelegt. Auf einem Tiſchchen ſtand ein ſilberner Leuchter. Der Mann zündete die Kerze an der Laterne des Dieners an und ging die Treppe hihauf, durch mehrere Zimmer, die mit altmodiſcher Pracht 1 ausgeſtattet, aber dunkel und kalt waren. Endlich ſtanden ſie vor einer Thür durch die ein dumpfes Stöhnen drang. Der Doktor war an Klagelaute gewöhnt, doch vor dieſen ängſtlichen Tönen erbebte ihm das Herz in der Bruſt. Der fremde Mann ſtieß die 5 Thür auf und trat in das Gemach, die beiden Männer folgten„ ihn Es war ein hohes, großes Zimmer, aber kahl und unwohn⸗ ſch. In dem Kamin brannte ein Feuer, darüber hing ein Keſſel, in welchem Waſſer brodelte, ein Tiſchchen war mit Leinenzeug be⸗ deckt. Sonſt enthielt das Zimmer nichts, als ein mit dunklen Vorhängen verhülltes Bett. Hinter dieſen Vorhängen drangen die Klagelaute hervor 3. Mann ſchuddie Se auseinander. Ein ſeltſam Kiſen lag ein Weib und wand ſich in efügen Fr Geſicht war miteinet Maske bedeckt, und die Starw⸗ ieſes ünſilchien Witlitzes ſtach ſondetbar ah gegen die krampf⸗ n Zuungen des Leibes, gegen das Aechzen und Stöhnen. Sie ko n von einer Entbindung, ſagte der frende Si rden Nöthigen verſehen ſein, bei eine⸗ ½ 6* hig rſehe — —— üben Sie alſo hier Ihre Kunſt, aber merken ſolchen zu helfen, Wort: die Mutter ſoll leben, das Kind muß Sie ſich ein ernſtes ſterben! — Nein, nein, ſchrie die Frau, Grabes, zwingt mich nicht grauſam, mir eine Hölle iſt, laßt mich mit meinem Kinde zuſ — Ich habe meinen Befehl gegeben, verſetzte der Mann, Jetzt, Doktor, thun Sie, was Ihres Amtes iſt. Er trat gleichgültig zum Fenſter hin und blickte in die Nacht hinaus. Die hohen Bäume beugten ſich im Sturme, aber ſein Herz blieb unbewegt. Er hörte die klagenden Laute, die ſelbſt dem Arzte zum Herzen drangen, ihn ſelber ließen ſie kalt und fühllos. Was mochte in der Scele des Mannes vorgehen, der ſo kalt und ſtarr in die Finſterniß hinausſah, die nicht grauſiger ſein konnte, als der ſchwarze Abgrund ſeines Herzens. Erſt als er einen Ton vernahm, der ſehr verſchieden war von dem Stöh⸗ nen der unglücklichen Mutter, wandte er ſich um. In dieſem 3 Augenblick ließ die Wöchnerin einen koſtbaren Ring in die Hand des Arztes gleiten, der ſich über ſie beugte. — Ihr ſeht das Waſſer, wel hes im Keſſel ſiedet, ſagte der — fremde Mann, Ihr werdet davon in die Kehle des Säuglings Sgießen, bis ſein Geſchrei verſtummt iſt. — Wie ſchade, flüſterte Iſidor gnabe, und ſolch' ein feines und hübſche für uns. — Sei ruhig, verſetzte der Doktor ebenſo leiſe, ich werde ihn retten. Dann wandte er ſich an den Mann. — Die Dame iſt ſehr leidend, ſagte er, man muß ſie ſchonen, wenn ihr Leben erhalten werden ſoll, ihr Puls iſt matt, eine ſeeliſche Erſchütterung kann ſie im Augenblick tödten. Laſſen Sie 3 meinen Diener das Kind hinaustragen, der Sturm dieſer uug Racht wird das Seinige thun.. dann ein Grab — So mag er gehen und es unten im Gatſen antwortete der unerbittliche Menſch, doch befehle ich ihm Vo i an, denn von dieſem Fenſter aus werde ich eine jede ner gönnt mir die Ruhe des ein Leben zu ertragen, das ammen ſterben! er iſt unwiderruflich. dem Arzte zu, es iſt ein s Kind, das wäre etwas be 5 Be un ſuc ßer zur Iſ Eir wi die vo Ba not Nen me ſe ſe 4— 9— Vewegungen beobachten. Der Tag bricht an, es iſt hell genug, um Alles zu ſehen, was er thut... er mag ſich hüten! Iſidor nahm das Kind und trug es hinaus. In dem Vor⸗ 1 ſaal ſaß der Diener und ſtarrte mit ſtumpfem Geſichte in das Feuer hinein. — He Freund, redete Iſidor ihn an, haſt Du einen Spaten zur Hand? Der Mann glotzte ihn an, doch antwortete er nicht. 1 Iſidor merkte, daß er es mit einem Stocktauben zu thun hatte. Ein Lächeln der Freude zog über ſein Geſicht. Er wickelte das wimmernde Kind in den ſchwarzen Mantel ein, welchen der Herr dieſes Hauſes von ſich geworfen hatte, nahm einen Sheit Holz von dem Kamin, trug ihn hinaus und begrub ihn unter einem Baume. Dann kehrte er zu ſeinem Herrn zurück. Dieſer ſaß v an dem Bette der Kranken, die ohnmächtig zu ſein ſchien, denk ihrem lauten Stöhnen war eine tiefe Ruhe gefolgt. .— Wie ſteht es mit ihr? ftagte der maskirte Mann, indem er hinzutrat. — Schlecht, verſetzte der Arzt, ſie ſtirbt rettüngslos. — Sie ſoll nicht ſterben! ſchrie der Mann und ſtampfte mit dem Fuße auf, indem er einen wilden Fluch ausſtieß, ſie ſoll nicht ſterben, ehe meine Rache vollendet iſt, Sie müſſen ſie erretten, Doktor, hören Sie? — Wie kann ich das? fragte der Arzt. Wir Mediz ner beurtheilen den Zuſtand unſerer Kranken nach dem Pulsſchlag und nach den Zügen des Geſits. Der Pulsſchlag dieſer Dame verkündet mir Unheil, und ihr Angeſicht iſt mir verdeckt. Ich weiß nicht, ob dieſe Ohnmacht eine natürliche Folge der über⸗ ſtandenen Schmerzen oder der Vorbote des Todes iſt. Sie wollen, daß die Dame lebt, aber Sie ſelber nehmen mir die Möglichkeit, ſie am Leben zu erhalten. Der finſtere Mann zögerte einen Augenblick, dann griff er in die Taſche und warf dem eben her⸗ einetenben Iſidor eine volle und ſchwere Börſe zu. 5 Nimm dies für Deinen Herrn, für Dich iſt dieſer Hundert⸗ ranesſchein. Ich danke Ihnen, Doktor, und bedarf Ihrer Hilfe weiter nicht. — Aber die Dame wendete der Arzt ein. — — 10— — Sie wird mir überlaſſen bleiben, verlaſſen Sie ſich darauf, daß ſie nicht ſterben wird, ehe... Leben Sie wohl, mein Diener ſoll Ihnen das Haus öffnen, an der nächſten Ecke finden Sie Ihren Wagen. Der Arzt warf einen zögernden Blick auf die ohnmäch⸗ tige Frau, an deren Hals er eine merkwürdige runde Narbe bemerkte, doch als der ſeltſame Fremde ihm die Thür öffnete, ſah er ſich genöthigt, der Weiſung zu folgen Draußen raffte Iſidor des Packet mit dem wimmernden Kinde auf und verließ mit ſeinem Herrn das unheimliche Haus. Sie gingen durch die vordere Thür, die der taube Diener hinter ihnen ver⸗ ſchloß. Sorgfältig ſahen ſie ſich nach allen Seiten um es war eine der bekannteſten und belebteſten Straßen, in welcher ſie ſich befanden. Genau merkten ſie ſich die Lage und Nummer, des Hauſes und fanden ihren Wagen mit dem kaum aus ſeiner Betäubung erwachten Kutſcheb i der bezeichneten Stelle. — Nach den Tuilerien! tif der Arzt ihm zu, und fort raſſelte das Fuhrwerk in der Dämmerung des Morgens durch das beginnende Leben in dem geräuſchvollen Paris. Indeſſen lag die maskirte Dame immer noch in tiefer Ohn⸗ macht. Der Mann aber, der ſoeben ihr Kind hatte ermorden wollen, dem Alles daran lag, ſie ſelber ſeiner Rache aufzube⸗ wahren, ſtand vor ihr und betrachtete ſie mit düſterem Blicke. — Nein, ſagte er, ſie wird nicht ſterben, dies Glück iſt mir die Hölle ſchuldig, ſie wird leben, um ſich in jede Augenblick meines furchtbaren Zornes bewußt zu ſein, leben, um tauſend⸗ fach zu leiden, leben, um gliedweis zu ſterben, um mir die ein⸗ zige Wolluſt zu verſchaffen, die dieſes Leben mir noch bietet, die Wolluſt der ſtets erneuten, niemals verſiegenden Rachluſt. Mit dieſen Worten zog er das Terzerol aus der Taſche, mit welchem er den Arzt bedroht hatte, und ſchoß es dicht an ihrem Ohre ab. Mit einem ſchwachen Schrei fuhr die Unglückliche empor* — Mein Kind, rief ſie mit bebender Stimme wo iſt mei Kind? — Glaubſt Du, ich werde es am Leben laſſen dieſes Ge⸗ —— ———————————— ſchöpf Deiner Sünde und Schmach? Vor meinen Augen wurde es lebendig vergraben. — Zeſus Maria! ſchrie die Arme, womit habe ich das ver⸗ dient, daß meine Schuld ſich forterben mußte auf das unſelige kleine Weſen! — Womit Du es verdient haſt, ich will es Dir ſagen, ich, der Kardinal Antonio Undentino, ich Dein Onkel und Vormund, dem Du übergeben wurdeſt als die Letzte Deines Stammes, als die Erbin eines unermeßlichen Vermögens. — O dieſes unglückliche Geld war⸗ mein Slend, S die Kranke. — Wohl, ich gedachte Deine Seele Gott, dieſes Geld unſerer Familie zu erhalten. Du aber warfſt Dich in die Arme eines wüſten Sünders. — Den ich liebte, den ich ewig lieben werde und dem ich rechtmäßig angetraut bin.*. — Du weißt es, er ſtarb durch meine Hand. — Ich weiß es, Ihr mordetet meinen Gatten, mein Kind. o um Chriſti Barmherzigkeit willen... mordet auch mich. — Nein, Du follſt leben, um unter meinem Zorn zu leiden, meine ganze Strafe zu fühlen. — Gnade, mein Onkel, o Gnade, und tödtet mich! — Unter einer Bedingung. — Ich kenne ſie und werde niemals darauf eingehen. — Noch heute verſchreibſt Du freiwillig, hörſt Du, freiwillig Dein ganzes Vermögen.... — Nein nimmermehr! O dieſes Geld, das ich verachte, ſoll nicht dazu dienen, diejenigen noch mächtiger zu machen, die mir all mein Glück entwendet haben. — So fühle meine Rache! Er trat auf ſie zu, mit eiſenſtarker Hand ergriff er ihren Arm und ſchleuderte das ſchwache Weib zum Bette hinaus, kraft⸗ os ſank ſie auf den kalten Fußboden hin, die Maske entfiel ihrem Geſichte und zeigte ein Antlitz das von der wunderbarſten Schönheit, aber todtenbleich war. . — Kleide Dich an, wir müſſen ſogleich abreiſen! rief der Oheim. — Ich kann nicht, winſelte das unglückliche Weib. — Hier ſind Deine Sachen, fuhr er fort und warf ihr das Leinenzeug zu, welches auf dem Tiſche lag. Zitternd hüllte ſich die weinende Frau da hinein, während der Kardinal hinaus ging, um ſeine Befehle zu geben, denn noch in derſelben Stunde wollte er Paris verlaſſen, wo er ſich vor der Schwatzhaftigkeit des Arztes und ſeines Dieners nicht für ſicher hielt. Als er wieder herein trat, hielt er einen Becher in der Hand, in welchem ein würzig riechendes Getränk dampfte. — Da, trink, Gabriele! ſagte*er mit ſtrengem Tone. Sie lag noch immer auf der Erde, unfähig, ſich ohne Hilfe empor zu richten. Gehorſam nahm ſie den Becher und leerte ihn aus. Wäre es Gift geweſen, wie gerne hätte ſie den Tod getrunken, der ihr als ihre einzige Hoffnung erſchien. Das feurige Getränk belebte ſie etwas. Langſam fuhr ſie fort, ſich anzukleiden und ſetzte ſich auf ihr Bett, indeſſen der Kardinal ab und zu ging. Endlich trat er zu ihr und warf ihr einen Mantel um deſſen weiter Kragen ihren Kopf bedeckte. — Verwünſchter Aufenthalt, ſagte er, jetzt erſt ſind die Pferde da, die uns zur Bahn fahren ſollen. Komm ſchnell, Gabriele, gehorche mir.. oder.. Sie gehorchte willenlos und verließ, halb von ihm getragen, das Haus. Er hob ſie in den Wagen, wo ſie wie leblos in die Polſter ſank. Das Fuhrwerk raſſelte durch die gedrängt vollen Straßen. Wagen auf Wagen fuhr nach den Tuilerien, dem kaiſerlichen Eine freudige Nachricht hatte ſich mit Blitzesſchnelle ver⸗ breitet. Die Kaiſerin Eugenie, geborene Gräfin von Teba, die Tochter des Herzogs von Montijo und Peneranda, das ſchönſte Weib in Paris und ſeit mehr als zwei Jahren die Gemahlin des Kaiſers der Franzoſen Louis Napoleon, war in dieſer Nacht eines Knäbleins geneſen. GanzFrankreich feierte dieſen Tag, den ſechszenten ———— —— — ——— 2 März 1856, an welchem dem Hauſe Bonaparte die Thronfolge geſichert war, als einen feſtlichen, freudige Hoffnungen belebten die Herzen ſeiner Anhänger, und nur ein Buſen blieb kalt bei dem allgemeinen Jubel, der Buſen Gabriele's, die an der Seite ihres ſtrengen Oheims nur langſam durch die Menge fahren konnte. Sie trug jetzt keine Maske, nur der Kragen ihres Mantels beſchattete das edle, bleiche Angeſicht der armen Wöchnerin. Stumm blickte ſie in die Menge hinaus, während der Kardinal ſcharf beobachtende Blicke über die Volkshaufen dahingleiten ließ. Plötzlich ſchrak Gabriele zuſammen. Dicht neben ſich erblickte ſie ein Geſicht, welches ſie kannte, welches ſie ſchon einmal, ſie wußte kaum wo, geſehen haben mußte. Gewiß, es waren die ſchlauen und jüdiſchen Züge des Mannes, der ſich in dieſer Nacht in ihrem Zimmer befunden hatte, als ſie vor Schmerzen faſt ſinnlos war. Es war Iſidor. Er ſah ſie, ihren Hals und das Wappen ihres Wagens ſcharf an, dann warf er einen Zettel in ihren Schooß. Gabriele nahm verſtohlen das Papier und las: Ihr Kind lebt, ja, mehr als das, es wird reich und glücklich ſein. Mit einem dankbaren Blick gen Himmel ließ Gabriele das Papier zum Wagen hinausflattern. — Mein Kind lebt, fagte ſie zu ſich ſelber, und ich, ich werde ſterben! 2. Kapitel. Der Mann mit dem Todtenkopfe. Woher kam es, daß Iſdor die bleiche Gabriele erkannte die er nur mit der Maske vor dem Geſichte geſehen hatte? Schon ſeit dem Beginn des Tages lauerte der ſchlaue Jude um das Haus herum, in welchem er mit ſeinem Herrn in dieſer Nacht ſo Seltſames erlebt hatte. Heimlich erkundigte er ſich nach den Be⸗ — — —————— wohnern deſſelben, erfuhr aber nur von den Rachbarn, daß das alte, palaſtähnliche Gebäude einem reichen Italiener gehören ſolle, der ſeit zwanzig Jahren nicht in Paris war, und für welchen ein alter tauber Diener die Aufſicht übernommen hatte. Dieſer faſt blödſinnig ausſehende Mann lebte ſchon lange einſam in dem ein⸗ ſamen Hauſe, wo ihm ſeine Frau mit vier Kindern geſtorben war. Nur ſelten ging er aus, wenn ihn die Noth trieb, ſich Nahrung einzukaufen. Er ſprach mit keinem Menſchen, denn er verſtand kein Wort, man hätte eine Kanone vor ſeinen Ohren abſchießen können, ohne daß er es vernommen hätte. Doch in der Nacht ſah man den Schein ſeiner Laterne in den Fenſtern des Erdgeſchoſſes und bald wieder in denen der reich geſchmückten aber verſtaubten und verblichenen Zimmer des erſten Stockwer⸗ kes. Unruhig ſchien er hin und her zu gehen, es war, als ſuche er Etwas, das ihm Tag und Nacht keine Ruhe ließ, und neu⸗ gierige Nachbarn, die ſich die Mühe nicht verdrießen ließen, an der Mauer hinauf zu klettern und über den Zaun zu ſpähen, be⸗ richteten, daß er auch den Garten immer von Neuem durchiühlte, als hinge ſeiner Seelen Seligkeit daran, irgend einen verlorenen oder verſteckten Schatz zu finden. Soviel hatte Iſidor von den geſchwätzigen Leuten erforſcht und auch, daß erſt am vergangenen Morgen ein Wagen vor das Haus gefahren ſei, welches man in der Straße nur das dunkle Gebäude zu nennen pflegte, daß ein Herr ausgeſtiegen ſei und geklopft habe. Darauf hatte der Diener, der ſonſt Niemand einließ, geöffnet, und nachdem er ſich mit dem fremden Manne Gott weiß wie verſtändigt, mit dieſem zuſammen eine bleiche, tief verſchleierte Dame und wenig Reiſegepäck hinein gebracht, was natürlich nicht wenig Aufſehn erregt hatte. Während ſich Ifidor das Alles in einem Bierſchank erzählen ß wies die geſprächige Wirthin über die Straße. Wieder ſtand ein Wagen vor der Thür, wieder öffnete ſich dieſelbe, und ein Mann, deſſen Geſicht von einem tief in die Stirn gedrückten Hut beſchattetwar, führte eine, wie es ſchien, ſehr leidende, ſehr ſchwache Dame heraus, die ihr Angeſicht in der Kapuze ihres Mantels ver⸗ hüllte und kraftlos in die Polſter ſank. Der alte Diener ſchloß den 1 gleich einſem Wrgen fuhren er ſelb hunge E Unden zimme ſih ſt ſanfte e gegeni eines ihr hi wie d einem artig feſt hervo weiße prügie war ſei mi — w bitti Schl Nitte een ufd den Wagenſchlag und die Hausthür mit ſeinem gewöhnlichen gleichgültig dummen Geſichte, und das dunkle Gebäude war wieder einſam, ſtill und geheimnißvoll, wie zuvor. Iſidor aber eilte dem Wagen nach, traf ihn, da er nur langſam durch die Volksmenge fahren konnte, und warf Gabrielen den troſtreichen Zettel zu, indem er ſelber; von der bleichen Schönheit ihrer Züge wie bezaubert, lange noch dem Fuhrwerk nachſtarrte., Endlich erreichte dieſes den Bahnhof, der Cardinal Antonio Undentino hob ſeine Nichte heraus und gelecitete ſie in das Warte⸗ zimmer. Feſter zog ſie die Kapuze um ihr Geſicht und drückte ſich ſchüchtern in die Sophaecke. Da war es ihr, als flüſtere eine ſanfte Stimme leiſe ihren Namen: Gabriele! Sie ſah empor. Es war Niemand in dem Zimmer, doch ihr gegenüber hing ein Spiegel, und aus dieſem ſah das Angeſicht eines Mannes mit dem Ausdrucke der innigſten Theilnahme zu ihr hin. Sie hatte dieſe Züge niemals geſehen, die faſt ſo bleich wie die ihrigen waren. Eine hohe und geiſtvolle Stirne war mit einem breitkrämpigen Hute bedeckt, die Geſtalt umhüllte ein kaftan⸗ artiger mit reichem Pelzwerk beſetzter Rock, die Augen blickten feſt und traurig unter ſchön geſchwungenen dunklen Brauen hervor, und um den Mund, durch deſſen ſchmerzliches Lächeln weiße Zähne leuchteten, zog ſich ein dichter ſchwarzer Bart. Nur einen Augenblick ſah Gabriele auf dieſes Geſicht, doch prägte es ſich ihr tief in die Seele ein. Im nächſten Momente war es verſchwunden, und dem unglücklichen Weibe ſchien es, als ſei mit ihm ihre letzte Hoffnung dahin gegangen. Ihr Onkel kam und führte ſie in das Coupé. Der Zug raſſelte mit ihnen davon — wohin? Gabriele wußte es uſcht. Schweigend und düſter ſaß ihr der Cardinal Undentino gegenüber. Sie kannte dieſen uner⸗ bittlichen Mann und wußte, daß ſie von ſeiner Rachbegierde das Schlimmſte zu befürchten hatte, ſie, ein ſchwaches Weib, das kein Mittel beſaß, ſich dem Händen ihres Peinigers zu entziehen. So fuhren ſie mit den kürzeſten Unterbrechungen den ganzen Tog dahin, das Opfer ſaß allein dem Unheil brütenden Verfolger gegenüber, der keine Rückſicht nahm auf ihre körperliche Schwäche und auf die Leiden ihrer Seele. Sie durfte nicht ausſteigen, um Speiſe oder Trank zu ſich zu nehmen, er ſelber reichte ihr das Nothwen⸗ dige, ohne auch nur ein Wort an ſie zu richten. O, welche Stun⸗ den Qual und Angſt für ein ſchwaches krankes Weib!. Endlich ſank die Sonne, ihre Strahlen erleuchteten mit rothem Schimmer das Firmament. Da war es Gabrielen, als höre. leiſe ihren Namen ſprechen⸗ erſchrocken blickte ſie auf und erblick grade vor der rothen unterſinke enden Sonnenkugel daſſelbe Geſie e welches ſie ſchon vorher geſehen hatte und den traurigen Blick der ſchönen Augen mit der innigſten Theilnahme auf ſie gerichtet. Sie richtete ſich auf, und wollte die Arme gegen den Unbe⸗ kannten ausſtrecken da zerfloß das Bild vor ihren Augen, und ſie war allein mit ihrem ſchweigenden Pei⸗ niter 9. Sie fu die ganze Racht hindurch, am nächſten Morgen wechſelten ſie die Art der Reiſe und beſtiegen einen Wagen, der ſie über das Gebirge brachte. Bald fühlte Gabriele die linden Lüfte ihrer italieniſchen Heimath. Während in Paris noch kalte Frühlingsſtürme getobt hatten, herrſchte hier die herrlichſte und üppigte Blüthenpracht, es war das Land des ewigen Mai, in das ſie einzogen. Doch die Unglückliche hatte keinen Sinn für 3 Wilder von Orangenbäumen, Myrthen und Granaten für dieſe Hecken, die mit roth blühendem Geranium bedeckt waren, für dieſen ſonnig blauen lachenden Himmel. Weiter, immer weiter ſchleppte der Cardinal das arme Weib, das faſt ſeiner Schwäche erlag, unempfindlich für ihre Leiden, gönnte er ihr keine Ruhe noch Raſt, bis ſie endlich in der heiligen Stadt, in Rom, angs⸗ kommen waren. Mit Schaudern betrat Gabriele den ihr wohlbekannte Palaſt ihres Onkels. Zetzt erſt fühlte ſie ſich ganz in ſeiner Macht, ſie war eine in dieſen reichgeſchmückten Sälen.. — Die Gräfin Gabriele iſt krank, herrſchte der Cardinal ſeinen Dienern zu, man ſoll ihr ſogleich ein Bett bereiten und zu dem Pater Venturo ſchicken. Gabriele erſchrak. Der Pater Venturo das war von alen Menſchen derjenige, den ſie am weiſten verabſcheute und ſun zu nur über ſürt die En Dei wer und Pr gur unt kön bar blic lene erbl htt ihre da ein der nat dur öfn hen fürchtete, ſie hatte das Schlimmſte zu fürchten, wenn der Pater Venturo über ihr ferneres Schickſal verfügen ſollte. Allein geblieben mit ſeiner Nichte, trat der Cardinal auf . ſie zu. — Bis hierher war ich Dein Reiſebegleiter, ſagte er, von nun an werde ich Dein Herr ſein. Hüte Dich, mir ungehorſam zu werden, es würde Dir zu nichts nutzen, und ich würde Dich nur um ſo ſchrecklicher peinigen. Kommt nur ein einziges Wort über das, was in Paris geſchehen iſt, über Deine Lippen, ſo ſtirbſt Du unter namenloſen Qualen. Es wird Deine Sache ſein, die Frauen, die Dich bedienen, ja ſebſt den Arzt über Deine . Entbindung zu täüſchen. Gedenke der Schande, die Deinen und Deiner verſtorbenen Eltern Namen treffen wird, wenn es bekannt werden ſollte, daß die Letzte von dem Stamme der Undentino's ſich ſchamlos vergangen hat, gedenke auch meiner Rache.. und ſchweig! Gabriele erbebte und ſenkte das bleiche Haupt tief auf die Bruſt herab. Der Cardinal war mit dieſem Zeichen der Demüthi⸗ gung zufrieden. Er ließ ſeine unglückliche Nichte zu Bette bringen, und ſie ſank in die weichen Kiſſen mit dem Wunſche hinein, ſie könne ſich ebenſo ſanft in das Grab legen. Nach langen furcht⸗ baren Leiden und Anſtrengungen genoß ſie hier den erſten Augen⸗ blick der Ruhe. Vor ihren geiſtigen Augen ſchwebte das Geſicht ijenes Mannes, deſſen Bild ſte zwei Mal in ſo ſeltſamer Weiſe R erblickt hatte. Lebte er wirklich, nahm er Antheil an ihr, oder he hatte ſie ihn nur in de⸗ Phantaſieen des Fiebers geſehen, das ⸗ ihren Körper durchſchüttelte? Wer kann es ſein, wer mochte ein Intereſſe nehmen an ihr, aſt der Verwaiſten, die auf dieſer ganzen, weiten Welt nur einen ſt eeinzigen Freund gehabt hatte, jenen beklagenswerthen Züngling, der um ihretwillen einen frühen Tod gefunden hatte, einen Tod, ml nach dem ſie ſelber ſich ſehnte und dem ihr und ſein Kind nur nd durch einen Zufall entgangen war?.. Indeſſen ſie ſo nachſann, öffnete ſich die Thür, und ihr Onkel trat mit dem Pater Venturo on herein. Dieſer letztere trug den engen ſchwarzen Rock und die nd D. V. 2 ———— ——— ₰ S — 6 breite Binde der Jeſuiten, ſein ganz kahles Haupt war unbedeckt, über ſein vollkommen fleiſchloſes Geſicht zog ſich eine gelbe, runzliche Haut, die hellen Augen ſtanden unheimlich aus ihren Höhlen heraus, die ſchmalen Lippen vermochten es nicht, die großen unſauberen Zähne zu bedecken und ſeine Naſe war ſo klein und mit ſo großen Löchern verſehen, daß ſein Geſicht ausſah wie ein grinſender Todtenkopf. Dieſe kleine widerwärtige Perſönlichkeit, die neben der ſtatt⸗ lichen Figur des Cardinals Undentino noch jämmerlicher ausſah. verbeugte ſich tief und mit ſcheußlicher Freundlichkeit vor Gabrielen, die feſt die Decke über ſich zog, als könne ſie ſich dadurch vor der Gewalt dieſes Mannes ſchützen. Der Cardinal wies ihm mit großer Höflichkeit einen Lehnſtuhl neben dem Bette an und ſetzte ſich ſelber Gabrielen gegenüber. Dieſe zitterte. — Hier, Pater Venturo, begann Antonio Undentino, über⸗ gebe ich Ihnen meine ungerathene Nichte, muß ich doch fürchten, daß meine eigenen Gefühle mich zu weich gegen die Sünderin ſtimmen würden. — Doch wird es nöthig ſein, bemerkte der ruhig lächelnde Pater, daß Sie mir die Angelegenheit dieſer intereſſanten und gewiß nach der Rückkehr zu Gott ſtrebenden jungen Dame recht genau darlegen. Dieſe Dame, ſagte der Cardinal, indem er ſeiner Richte einen böſen Blick zuwarf, iſt die Tochter meines jüngſten Bruders Francesko. Dieſer Unglückliche ließ ſich zugleich mit meinem älteſten Bruder Emanuel in jene revolutionären Bewegungen ein, die im Jahre 1848 ganz Italien durchbebten. In Folge dieſer Unruhen, in welchen die Sache des Papſtes und der Könige ſiegte, und wobei ſich ſchon damals Garibaldi als das Haupt der nach Freiheit ſtrebenden Partei auszeichnete, wurden unzählige junge Männer der erſten und vornehmſten Familien aus Rom verbannt. Es war ein weiſer Schritt der päpſtlichen Re⸗ gierung, und ich wüßte Nichts daran zu tadeln, obgleich meine beiden Brüder Francesko und Emanuel demſelben Schick⸗ ſal verfielen. Durch Flucht verſuchten ſie es, ſich der Unter⸗ ſuc gel hit eni ch unt ein ſlie wi V Ei hi fe S— ſuchung zu entziehen. vermuthlich fühlten ſie ſich zu ſchuldig gegen die durch Gott eingeſetzte Obrigkeit als daß ſie es gewagt hätten, vor ihre weltlichen Richter zu treten... ſie konnten den ewigen nicht entgehen. Meine Brüder nahmen Abſchied von mir, und ich geſtehe es, ich war ſchwach genug, ſie mit dem nöthigen Gelde zur Flucht zu unterſtützen. Doch hatten ſie Italiens Boden kaum verlaſſen, als ein ſchnell ſegelndes Schiff dem ihrigen nacheilte. Sie ſuchten zu fliehen, doch wurden ſie eingeholt. Es entſpann ſich nun ein wüthendes Gefecht. Die Flüchtlinge kämpften mit dem Muth der Verzweiflung gegen eine Uebermacht, der ſie erliegen mußten. Emanuel, der von einer rieſigen Stärke war, hatte den Befehls⸗ haber unſerer Truppen um den Leib gefaßt und rang mit ihm. Ein Jeder ſuchte den Anderen über Bord zu drängen, ein Jeder hielt ſich mit der äußerſten Anſtrengung von dieſer drohenden Gefahr fern. Wie ein Knäuel in einander geflochten, Einer in verzwei⸗ felter Gegenwehr die Zähne in das Fleiſch des Anderen beißend, kämpften ſie dumpf ſtöhnend mit bleichen Geſichtern, auf denen die Adern blau und dick hervortraten. Da eilte Francesko dem Bruder zu Hülfe Sein Piſtol traf den päpſtlichen Hauptmann... doch ohne Emanuel zu befreien. Sterbend riß der Verwundete ſeinen Gegner über Bord, ſie fielen und eine blutige Spur bezeichnete den Ort, wo ſie verſun⸗ ten waren. Noch zweimal tauchten ſie auf, immer noch feſt an⸗ einander gekettet, der gegen den Tod ringende Lebende und die auch im Tode nicht von ihrer Beute ablaſſende Leiche„. Dann ſah man Nichts mehr von ihnen... Der unglückliche Francesko ſollte es büßen, daß er es gewagt hatte, ſeinen Bruder zu befreien. Ein Degenhieb ſpaltete ihm die Stirn. Man brachte mir die Leiche, die furchthar entſtellt war und ich ließ ſie, wie man ſie brachte, in der Familiengruft unſerer Väter beifetzen. Er war ohne die letzte Helung ohne Vergebung ſeiner Sünden geſtorben, ich konnte ihm kein feierliche⸗ res Begräbniß gewähren. Die Leiche Emanuels ſand man erſt nach Monaten. Schiſſer c* — 2 ſcharrten ihn am Strande ein, ein Ring, welchen ſie der Wittwe Francesko's brachten, zeugte dafür, daß es wirklich Emanuel's Körper war, denn ſein Geſicht hatten Fäulniß und Schalthiere unkenntlich gemacht. Die Gräfin Francesko Undentino ſtorb bald aus Schmerz über den Verluſt ihres Gatten, den ſie nur zu ſehr geliebt hatte. Mir übertrug ſie die Sorge für ihr damals neun Jahr altes Töchterchen. Ich gab das Kind den frommen Nonnen zu den ſieben Schwertern zur Erziehung. Sie thaten ihre Pflicht, aber der wilde Geiſt ihres Vaters lebte in Gabrielen. In den Ferien, die ſie bei einer entfernten Verwandten ihrer Mutter zubrachte, lernte ſie den Fürſten Alphons Donato kennen o, laſſen Sie mich über die Schande ſchweigen, welche dieſes verworfene Mädchen über unſere Familie gebracht hat! — Ich weiß das Uebrige, ſagte der Pater Venturo. Die Nonnen bemerkten allzu ſpät, wie es mit der Unglücklichen ſtand. Da ſie noch kein Gelübde abgelegt hatte, ſo rieth ich Ihnen, ſie weit genug fortzuführen, um ihren Fehltritt wenigſtens vor der Welt zu verdecken, und das Kind ſicher unterz boigen. Iſt das geſchehen, Eminenz? — Es iſt geſchehen, verſetzte der Cardinal. ohne die Augen aufzuſchlagen. — Das iſt gut, fuhr der Pater fort. Es handelt ſich jetzt um die Bekehrung der auf ſündigen Wegen betroffenen Jungfrau. Iſt Ihre Seele bereit, ſich den Büßen zu unterwerfeñ, welche die Kirche Ihnen auferlegen wird, meine liebe Tochter? Gabriele richtete ſich empor. — Pater Venturo, ſagte ſie mit gefalteten Händen, ich bin keine ſo große Sünderin, wie Sie denken. Ich liebte den Fürſten Alphons Donato mehr als mich ſelbſt, aber mein Onkel verweigerte uns die Erlaubniß zu unſerer Vermählung. Da ſchloſſen wir heimlich einen Ehebund, der nur zu traurig enden ſollte. Als ich auf Befehl meines Oheims zurückkehren mußte in das Kloſter, dem ich ſo gerne für immer entflohen wäre, beglei⸗ tete mein Gatte zu Pferde meinen Wagen. Plötzlich ſtiegen ver⸗ kappte Männer aus dem Gebüſch und umringten ihn. Tapfer ſetz Be ſhi lerg ine nich mei mit mit nei On nit geſt cher lig hol u 6 Uu 1 t e —.— ——— — Geſellſchaft Jeſu, vermachen und in ein Kloſter gehen. ſetzte er ſich zur Wehre, ich flehe, weine.. vergeblich. Sechs Bewaffnete ſtürzen ſich auf ihn. Er muß der Uebermacht weichen ſie verfolgen ihn. — Zu mir, Alphons, rufe ich ihm zu, mit meinem Leben ſchütze ich das Deinige! Er ſuhte ſich hinter meinem Wagen zu bergen, ich umfaßte ihn, während er noch kämpft. da ſauft eine Piſtolenkugel durch die Luft, ein warmer Blutſtrahl beſpritzt mich, getroffen fiel mein Gatte vom Pferde, mit ſterbender Lippe meinen Ramen flüſternd.. Da ſchwanden mir die Sinne... als ich erwachte, befand ich mich in dem Kloſter ſcheu blickten mich die Nonnen an fie behandelten mich als eine Gefallene. Ich merkte es kaum, der Schmerz um meinen Gatten übertäubte jedes andere Gefühl, bis mich mein Onkel aus dem Kloſter holte und nach Paris ſchleppte. — Das Alles iſt ſehr ſchlimm, meinte der Pater Venturo mit Kopfſchütteln. Es wiſſen zu Viele von dem, was in Paris geſchah, die Nonnen ſind fromm, aber klatſchſüchtig, an das Mähr⸗ chen von der heimlichen Ehe glaubt ohnedies NRiemand. — Man muß es glauben, unterbrach ihn Gabriele, denn der Pfarrer, der uns traute, ſchrieb unſere Namen in das Kirchen⸗ buch ein. — Das leider nicht mehr zu finden iſt, weil ein Brand die Kirche zerſtörte, lächelte der Pater Venturo. — O, das iſt ſchrecklich, murmelte Gabriele, die ſich jetzt erſt der Schande bewußt wurde, welche ſie treffen mußte, wenn es be⸗ kannt wurde, daß ſie Mutter war. — Indeſſen wiſſen Sie, fuhr der Pater fort, daß unſere hei⸗ lige Kirche das Recht hat, Sünden zu vergeben, es iſt dies ein hohes Glück für alle Diejenigen, denen das Herz überbürdet iſt von Schuld und Leiden. Wenden ſie ſich vertrauensvoll an dieſe Gnadenquelle, meine beklagenswerthe Tochter, ſie wird Ihnen nicht unverſchloſſen bleiben, wenn Sie ſich ihr in der rechten Weiſe nahen. — Ich weiß, was Sie verlangen, entgegnete Gabriele. Mein Onkel ſagte es mir. Ich ſoll mein Vermögen Ihrem Orden, der — Ein Kloſter bedeckt am beſten die Schmach, die auf Ihnen liegt und die Sie ſonſt nicht von ſich waſchen können. — Nie, niemals, rief das bleiche Weib, werde ich auf dieſe Bedingungen eingehen. Wo iſt der Reichthum, der in wenigen Jahren mir zur freien Verfügung gehören wird? Gebt ihn mir und ich will unter fremdem Namen fortgehen und wenn ich entehrt bin, ſo ſoll man mich für todt halten. — Sie vergeſſen Ihre Jugend, lächelte der Pater Venturo. Wer vertraut einem Kinde Geld an? Nein, Sie müſſen hier bleiben, liebe Tochter. — Sie ſehen, fiel der Cardinal ein, ich ſagte nicht zu viel von dieſer Halsſtarrigkeit. Es bedarf harter Strafen, um ſie zu dem zu zwingen, was für ihr Seelenheil nothwendig iſt. — So ſcheint es mir leider ſelber, meinte der Pater achſel⸗ zuckend. — So iſt es denn beſchloſſen, rief Undentino. Du bleibſt bei mir, gottvergeſſenes Mädchen, bleibſt in meiner Gewalt und ſollſt ihr nicht eher entſchlüpfen, bis ich Deinen harten Sinn ge⸗ brochen und Dich als ein reuiges und gehorſames Lamm zur Heerde zurück geführt habe. Morgen führe ich Dich nach dem Schloſſe meiner Väter. Dort in der tiefen Einſamkeit der Berge ſollſt Du empfinden, was es heißt, emen Cardinal Undentino beleidigen. — O ich wußte es, ſtöhnte Gabriele und ſank in die Kiſſen zurück, es kann nur Unheil kommen wo der Mann mit dem Todtenkopfe ſich zeigt! 3. Kapitel. In der Todtenkammer. Rur dieſe eine Nacht gönnte der Cardinal Undentino ſeiner Richte Ruhe und ſchon am folgenden Morgen führte er ſie in —— — len eſe en nir hrt viel dem tino iſſen deul einer ie in ſeinem feſtverſchloſſenen Wagen hinaus in das Gebirge. Hoch und ſtarr ragen die Abruzzen empor, dichte Waldung bedeckt ihren Fuß und macht ſie zu einem Schlupfwinkel für Räuber und früchtige Verbrecher, während ihre Gipfel aus Hecken und ſteilen Felsmaſſen beſtehen. Mitten in dieſen unwegſamen und von alten Zeiten her ver⸗ rufenen Felſen lag das Schloß der Undentinos hart an dem Ab⸗ hange eines ſchroffen Felſens, über den ſich ein Gießbach hinweg⸗ ſtürzte. Gabriele kannte dieſen Ort. Sie hatte hier mit ihrer Mutter gelebt, nachdem ihr Vater geſtorben war, ſie erinnerte ſich der häufigen Thränen, welche die trauernde Wittwe hier vergoſſen hatte und die ſich immer erneuerten, ſo oft der Cardinal, ihr Schwager, oder gar ſein Freund, der Pater Venturo, ſich bei ihr zeigten. Nicht lange ertrug die unglückliche Gräfin den Verluſt eines Gatten, den ſie angebetet hatte, nicht lange widerſtand ihre zarte Geſundheit den beſtändigen Aufregungen von Furcht und Schrecken, die ihr der Cardinal bereitete. Sie ſtarb früh und hinterließ Gabriele, ihr einziges Kind, der Gewalt des harten Oheims. Darum ſchauderte die Fürſtin Donato, als ſie dieſen Aufenthalt betrat. Eine ihm ganz ergebene Frau ließ Antonio Undentino bei ſeiner Nichte zurück. Es war weniger eine Dienerin als eine Wache. Sie ſaß mit ihrem harten Geſichte beſtändig in dem Fenſter⸗ winkel und beobachtete die trauernde Frau, die ſich, nachdem ihr Onkel ſie verlaſſen hatte, ganz ihrem Schmerze, ihren Thränen überließ. Er war am Morgen nach ihrer Ankunft abgereiſt, Ga⸗ briele lag auf ihrem Ruhebett lange, lange Zeit. Sie merkte es kaum, als es bereits Abend geworden war. Endlich ſagte ihr ein Gefühl von Schwäche, das ſie ſtärker als vorher beſchlich, daß ſie ſeit geſtern nichts gegeſſen hatte.— Bringe mir etwas Speiſe und einen Tropfen Wein, gute Johanna, bat ſte ihre Wärterin. Dieſe ſchüttelte den Kopf — E iſt verboten. ſaate ſin⸗ — Soll ich ſelber in die Küche gehen und mir Nahrung holen? fragte die Fürſtin. — Es iſt verboten, wiederholte Johanna. Gabriele erſchrak.— Aber Du wirſt mich doch nicht Hungers ſterben laſſen! rief ſie aus. — Ich folge den Befehlen meines Herrn, verſetzte das Weib. — Folge lieber denen Deines guten Herzens, Johanna, flehte Gabriele, ſieh, ich bin krank, ich leide. willſt Du meine Qua⸗ len noch vermehren, haſt Du kein Mitleid mit meinem hilfloſen Zuſtand? — Hat Ihr Onkel Ritleid mit mir gehabt? fragte Johanna und warf einen Blick voll Haß auf die unglückliche Frau. Er entführte mich meinem Manne, weil er vorgab, mich zu lieben, und ich, ich hing mein ganzes Herz an ihn. Als er meiner überdrüſſig war, benutzte er mich zu ſeinem Werkzeug. O, ich könnte Schauderhaftes erzählen, doch mein Mund iſt durch einen Schwur gebunden. Als er mich durch Furcht und Zorn dahin getrieben hatte, daß ich, ein Weib, eine Chriſtin, meine Hände befleckte mit Menſchenblut als ich einſah, daß ich für ewig von der Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit geſchieden bin, da wurde ich ganz ſein eigen, ganz willenlos. Geſtern ſagte er zu mir: Du wirſt meine Richte verhungern laſſen und ich gehorche. Eher ſollen die Würmer an meinem Leibe zehren, ehe ich Ihnen Nahrung gebe. — O gräßlich, gräßlich! ſtöhnte Gabriele. Sei barmherzig, tödte mich lieber gleich, überlaß mich nicht den Qualen eines langſamen Dahinſterbens. — Ich gehorche, antwortete das verhärtete Weib. — Die Fürſtin ſah, daß bittere Thränen abprallten an die⸗ ſem verſteinerten Herzen. — will zu Bette gehen, ſagte ſie mit matter Stimme. Johanna zündete eine Kerze an und geleitete ſie hinaus. — Kann ich nicht in dem Zimmer ſchlafen, in welchem meine gute Mutter ſtarb? fragte Gabriele. — Rein, verſetzte das Weib kurz und geleitete die Unglück⸗ ———————— iche ein Oeff den! mre ſere derte wurt menl die nen dim erwi Der blic den dh ug ers ſen hin nde den gte nd en, ig, es ie⸗ me. — liche die Treppe hinauf in einen hohen Thurm. Hier öffnete ſie ein kleines Zimmer. Kein Fenſter verſchloß die lukenartigen Oeffnungen, Fledermäuſe und Eulen flogen krächzend auf, als ſie den ungewohnten Lichtſchein erblickten. Die Wände waren kahl, nur ein wenig Stroh lag auf dem ſteinernen Fußboden. — Was ſoll ich hier? fragte Gabriele. — Sterben, verſetzte ihre Wächterin. — Hier, in dieſer Einſamkeit, fern von jedem menſchlich fühlenden Herzen. hier. verhungern! ſchrie die Unglück⸗ liche und ſank in die Kniee. — So will es der Cardinal, antwortete Johanna und ver⸗ ließ das Zimmer. Gabriele ſprang auf und wollte ihr nacheilen, doch ein er⸗ ſerner Riegel, den Johanna vor die Thür geſchoben hatte, verhin⸗ derte jede Flucht. So war ſie denn gefangen. Die Nacht ſenkte ſich tief auf die Berge herab, die Kälte wurde ſchneidend. Gabriele lag am Boden und winſelte in na⸗ menloſen Qualen. Nachtvögel flatterten um ihr Haupt und be⸗ rührten oft mit ihrem Flügelſchlage die Wange der Unglücklichen, die in Verzweiflung das Stroh zerriß, das ihr zum Lager die⸗ nen ſollte. Es war eine fürchterliche Nacht. Doch ſie verging, die Sonne hob ſich über die Berge, der Himmel blaute, helle Strahlen fielen in das Thurmgemach und erwärmten die bleiche Frau, die regungslos am Boden lag. Da ließen ſich ſchwere Tritte auf der Treppe vernehmen. Der Riegel wurde fortgeſchoben, die Thür öffnete ſich, Gabriele hin und fuhr mit einem Aufſchrei zuſammen. — Hilf Himmel, der Mann mit dem Todtenkopfe! Er war es, es war der Pater Venturo. Mit widerwärtiger Freundlichkeit näherte er ſich dem unglück⸗ lichen Weibe. — Erkennen Sie in mir einen Freund, ſagte er ſchmeichelnd, den beſten, den Sie beſitzen. Dieſe harten Maßregeln, die Ihr Oheim gegen Sie trifft, ſind nicht von mir ausgegangen, ich möchte Sie auf Roſen betten Gabriele, denn ich liebe Sie, ob⸗ Sro gleich Sie mich haſſen. ach ch ſcheine Ihnen ſo häßlich, wie Sie mir ſchön vorkommen. znd Slauben Sie, ich hätte kein Herz im Leibe? Kommen Sie, hier ſind der Kuchen, hier iſt ein Fläſchchen Wein. Die Frau, die ich an⸗ ſon bete, ſoll nicht elend verhungern, wenn ſie mich, ihren treuſten St Diener, nur eines einzigen freundlichen Blickes würdigen will. an Gabriele ſah ihn nicht an, doch konnte ſie ſich nicht enthal⸗ dus ten, nach den Nahrungsmitteln zu greifen obſchon es ſie ekelte, i ſie aus ſolchen unreinen Händen zu nehmen. zut — Es ſind nur zwei Dinge, die genügen, Sie frei und 1 glücklich zu machen, fuhr der Pater grinſend fort. Hängt Ihr zi Herz am Gelde? Sie ſind unermeßlich reich und können gleich einer Fürſtin leben. Nur geben Sie einen kleinen, ganz kleinen Theil unſerem hochheiligen Orden und ſetzen Sie ihn zu Ihrem ni Erben ein. Dafür giebt Ihnen die Geſellſchaft Jeſu Freiſprechung non jeder Sünde, de Sie jemals begangen haben könnten, und uſ Ihr guter Ruf, der ſo arg bedroht ſcheint, wird heller glänzen als Italiens Sonne. Dies iſt die eine Bedingung, die ich Ihnen ſtelle, die zweite 3 iſt.. Gabriele, entziehen Sie mir dieſe Hand nicht die ich mit Küſſen bedecken möchte.. — Verlaſſen Sie mich, o verlaffen Sie mich! rief das bleiche ſ Weib Ihr Anblick iſt mir furchtbar. Nie, nie werde ich auf ju dieſe Bedingungen eingehen. Ich weiß, daß mein Geld nur i pöſen Zwecken dienen ſoll, ich weiß, daß mein geliebter Gatte auf„ Befehl meines Oheims erinordet wurde, und daß ich ſelber ſterben 6 muß.. Doch der Tod erſchreckt mich nicht, fort mit dieſen ſ Speiſen, die meine Qualen nur verlängern können. Ich will ſterben, um Euch vor Gottes Thron zu verklagen! Der Pater zuckte die Achſeln und rieb ſich die mageren und ſchmutzigen Hände. — Sie wollen es ſo, ſtörriſches Kind nun wohl, es ſeil Viſſen Sie, weswegen Ihr Onkel Sie hierherbrachte? Unter dieſem Schloſſe befindet ſich ein tief in den Felſen einge⸗ hauenes Gewölbe, in dieſem Gewölbe liegen Ihre Eltern. Ihre ſ 6 ob⸗ nen. ſind und Ir eich inen em ung und nzen weit leiche auf nut auf erben ieſen will und 5 6 uchte? einge⸗ ——— — — Großeltern, alle ihre Ahnen begraden. Sie ſind dem Platze nahe den Sie ſelber ſich erſehnen. Und denken Sie in wie rei⸗ zender Geſtalt der Tod Ihnen winkt. Dieſes ſteinerne Grab der Familie Undentino iſt ſo trocken, es iſt die Luft darin von ſo wunderbarer Beſchaffenheit, daß die Herren und Damen Ihres Stammes der Verweſung nicht erliegen ſondern zu Mumien zu⸗ ammengeſchrumpft ſelber zu Stein geworden zu ſein ſcheinen. Dus iſt ſehr hübſch, da unten zu vertrocknen, weit hübſcher, als im glänzenden Wagen zu fahren, als, umgeben von unzähligen Anbetern, beneidet von allen Frauen der feinſten Geſellſchaft, m höchſten Luxus zu leben. Ja, über Geſchmacksſachen läßt ſich nicht ſtreiten, und Ihr Geſchmack iſt ſeltſam, Gabriele. — Gehen Sie, überlaſſen Sie mich meinem Schickſal murmelte die Fürſtin. O, mein Onkel iſt gnädiger als Sie, er martert mich wenigſtens nicht durch boshafte Rede. — ch gehe, Gabrie le, ziſchte der enttäuſchte Pater, ich über⸗ laſſe Sie Ihren Qualen und Ihrer Reue. Wirklich ging er davon, nachdem er noch einen Blick auf die Unglückliche geworfen hatte, in dem ſich die gemeinſte Begehrlichkeit mit der äußerſten Wut paarte. Gabriele blieb auf's Neue allein. Sie lauſchte auf ſeine verhallenden Schritte, dann erhob ſie ſich vorſichtig und ſchlich zur Thür Sie hatte ſich nicht getäuſcht der Pater hatte vergeſſen, den Riegel vorzuſchieben. Ein Lichtſtrahl fiel in ihre Verzweiflung. Wenn ſie fliehen könnte Zwar kannte ſie nicht den Weg, der aus dieſem Gebirge führte, ſie beſaß kein Geld, ſie war ſchwach und krank doch das Alles ſchienen ihr Kleinigkeiten bei dem einzigen Gedanken frei zu ſein und ihr Kind wieder zu ſehen. Der Pater hatte Kuchen und Wein zurückgelaſſen. Sie nahm davon, um ſich zu ſtärken, ſie fühlte ſich mit einem Male geſund und friſch, da ihr die Hoffnung auf Erlöſung winkte. Vorſichtig öffnete ſie die Thür, es war Alles ſtill im Schloſſe Sie ſchlich hinab ſie lauſchte, ob auch Johanna ſie nicht vernähme in der Küche plauderten die Mägde mit dem Gärtner, ſie hörte, daß von ihr die Rede war und daß man ſie bedauerte. Johanna trat hinzu und verbot mit ſtrenger Stimme ſolches Geſchwätz. Da eilte Gabriele weiter. Sie kam zur vorderen Ausgangsthür ſie war verſchloſſen. Das erſchreckte ſie nicht. Sie kannte die Wege noch von ihrer Kindheit her und lief zur hinteren Pforte. ach, auch dieſe war verſperrt wehe! es war an kein Entrinnen mehr zu denken! Was ſollte ſie anfangen? Zurückkehren in das Thurmge⸗ mach— nimmermehr. Sich den Mägden zeigen dies ſchien gefährlich, denn Johanna hielt ſie unter allzu ſtrenger Aufſicht. Indeſſen ſie zögerte und nachſann, vernahm ſie Schritte. Scheu wie ein verfolgtes Reh ſchlüpfte ſie in die erſte beſte offene Thür hinein, es war die, welche zum Keller führte. Sie ſtieg hinunter. Er war dunkel und kalt. Das kümmerte ſie nicht und ſie beſchloß, hier zu warten, bis ſich die kleine Pforte öffnete, und dann hinauszuſchlüpfen, wie, auf welche Weiſe— das wußte ſie ſelber nicht. Da war es ihr plötzlich, als hörte ſie ſich beim Namen rufen. Es war dieſelbe ſanfte, faſt lagende Stimme, die ſie auf der Reiſe vernommen hatte. — Wer biſt Du? fragte ſie ebenſo leiſe, doch nichts ant⸗ wortete ihr. Dennoch hatte ſie den Ruf ſo deutlich vernommen, daß ſie es wagte, ihm nachzugehen. Sie ſtieg die Treppe hinab und befand ſich in einem Raume, den ſie nicht kannte. Es war ein Gewölbe. Nach rechts führte es in Wirthſchaftsräume, die ihr Licht von oben erhielten, nach links war es von einer Thür verſchloſſen. Die Fürſtin tappte umher, da rief es wieder: Gabriele! — Ich komme! gab ſie zur Antwort. Der Ton war aus der Thür gedrungen. Sie verſuchte zu öffnen, es gelang, und vorſichtig betrat ſie einen dunklen Gang, der ſo ſchmal war, daß ſie mit den ausgeſtreckten Armen ſeine beiden Seitenwänden erreichen konnte. — Wer biſt Du? fragte ſie, und Gabriele! hallte es zurück. Mächtig vorwärts gezogen von dieſem wunderbaren Tone, folgte ſie der Stimme, weiter ſchritt ſie durch die Dunkelheit, weiter, immer weiter, denn in ihrem Herzen leuchtete ein Hoffnungsſtrahl, ſie 30 ſhn ſe ſcht Se ein er emn und ſch Ro hür nte ren var ſe und ein ihr hür ele! zu eine rüt. olhe iter, M — 2 ſie dachte den Mann wieder zu ſehen, deſſen Bild ihr zwei Mal ſo wunderbar erſchienen wat. Der Gang erhellte ſich nicht, doch plötzlich erweiterte er ſich zu einem mächtig großen Raum, deſſen Luft ſeltſam dumpfig und ſchwer zu athmen war. — Wo bin ich? fragte ſie, ich habe Furcht! Da faßte eine kräftige und ſtarke Hand die ihrige und zog ſie mit ſich fort. Gabriele athmete auf Ein Gefühl von Zuver⸗ ſicht durchglühte ſie, ein Freund, ſo glaubte ſie feſt, ſtand an ihrer Seite und war fortan bereit, ſie durch das Leben zu geleiten. Plötzlich flammte ein bläulicher Schein empor, er kam von einer Laterne, die ihr unbekannter Begleiter trug, und von der er den Schirm zurückgeſchlagen hatte. Bei dieſein unſichern und flackernden Lichte ſah ſie ihn, denſelben ernſten ſchönen Mann, den ſie ſchon zwei Mal geſehen hatte, und deſſen ſchmerzlicher Blick ſie wunderbar berührte. Aber ſie ſah auch mit Schaudern, wo ſie ſich befand. Der ganze weite Raum war angefüllt mit Särgen. Die einen waren mit ſchwarzen Sammetdecken verhüllt, auf denen dichter Staub lag. Die andern trugen Grafenkronen, es lagen Kiſſen mit Orden darauf Schwerter und Wappenſchilder, auf einigen auch längſt verwelkte Blumen⸗ kränze.. — Dort ruht Stefania, Deine Mutter, ſagte die ſanfte Stimme des Fremden. Gabriele eilte zu dem Sarge. Sie hatte ihn vorher nicht geſehen, denn ſie befand ſich ſchon in dem Kloſter, als ihre Mutter ſtarb. Jetzt kniete ſie auf den Stufen nieder und rief laut: — Du weißt es, Mutter, daß Dein Kind nicht in Sünde und Schande gefallen iſt, o, bete für mich, daß ich die Hoffnung zu Gott nicht verliere! — Komm zu dem Grabe Deines Vaters! rief der Unbekannte. Babriele ſtand auf und folgte ihm. In einer fernen Ecke ſtund ein halb offenes Behältniß, das kaum den Namen Sarg verdiente, das einzige ſchmuckloſe Todtengefäß in dem ganzen Raum, ohne Decke ohne Orden, ohne Wappen⸗ ſchild. ſechs Bretter und vier Brettchen loſe zuſammengefügt In dieſer elenden Ruheſtätte befand ſich die Leiche Francesko's von Undentino. Der Unbekannte hob den Deckel empor und erleuchtete den Körper. Ungewaſchen und ungekleidet hatte man ihn hier auf Befehl ſeines Bruders, des Cardinals, beigeſetzt. Noch klaffte auf ſeiner Stirn die offene Wunde, noch klebte Blut an Bart und Haar. Das rothe Hemd der Freiheitskämpfer bedeckte ſeinen Leib, ein zerfetzter Mantel, der ſo manche Kugel aufgefangen hatte, war über ihn gehreitet. Der fremde Mann beß ſich auf den Deckel des Sarges nieder indeſſen Gabriele mit gefalteten Hän⸗ den, die Augen voll Thränen, auf den Todten hinſtarrte. — Er ſtarb für die Befreiung des Vaterlandes, ſagte der Unbekannte in tief traurigem Tone, er ſtarb auf der Flucht, und der ihn verrieth, der ihm die Mörder nachſchickte, war— ſein Bruder! — Mein Onkel! ſchrie Gabriele auf. O, dieſer Mann iſt furchtbar! — Es gelüſtete ihn, alleiniger Erbe der unermeßlichen Reich⸗ thümer zu ſein, fuhr Jener fort, deshalb mußte Francesco ſter⸗ ben, deshalb marterte er Stefanien, ſeine Wittwe, zu Tode. Doch es blieb ihm eine Tochter... — HO, auch mich wollte er tödten! rief Gabriele. — Es gelang ihm nicht, Du biſt gerettet! — Gerettet! Bin ich wirklich gerettet? — Du biſt es, aber höre mich an. Francesco und Emanel ſein Bruder, waren reich, ſehr reich indeſſen Antonio ſein Ver⸗ mögen zum größten Theil vergeudet hatte. Bevor ſie mit Garibaldi in den Kampf zogen, machten ſie ihr Teſtament. Sie beſtmmten Dich zur alleinigen Erbin aller ihrer Güter. Deshalb verlangt Dein Oheim daß Du den Jeſuiten Dein Vermögen verſchreiben ſollſt, weil es Dir und Dir allein gehört, deshalb will er Dich tödten, um Dein Geld in Beſitz zu nehmen. Der Ring Emanuel's den ihm ein Fiſcher brachte iſt in Deinen Händen Wehe mir! ich beſihe ihn nicht mehr! — mein Ringe Doch dieſes fndef dem liche gebot nach Er n iand in 2 Ethf im ſig bei Vor bch und hat Du jett 1. ko's Reich⸗ ſter⸗ Hoch — unglückliche, wo haft Du dieſen koſtharen Ring gelaſſen? — Mein Kind— o Gott— ich gab ihn dem Manne, der mein Kind retten wollte! — Dann iſt Alles verloren. Rur der Beſitzerin dieſes Ringes kann das Erbtheil Emanuel Undentino's zutheil werden. Doch ſei ruhig, meine Tochter! Ich befreie Dich aus den Klauen dieſes Böſewichts. Geh, den Ring zu ſuchen. Eile nach Paris, ſindeſt Du ihn nicht, ſo begieb Dich nach Deutſchland und warte! Ich kenne die Abſichten Napoleon's, des Blutmenſchen, derjetzt auf dem Throne Frankreichs ſitt Es liegt ihm Alles daran, die kaiſer⸗ liche Krone ſeinem Hauſe zu erhalten, dem ſoeben ein Statthalter geboren worden iſt. Zu dieſem Zwecke muß er Frankreich groß machen, denn nur durch Ruhm laſſen ſich die Franzoſen blenden. Er wird ſeine beutegierigen Hände nach Belgien, nach Deutſch⸗ land ausſtrecken. Ein blutiger Krieg ſteht früher oder ſpäter in Ausſicht, ein Krieg, in welchem Deutſchland gegen ſeinen Erbfeind, gegen fränkiſche Unſitte, fränkiſche Treuloſigkeit zu kämpfen haben wird. In dieſem Kriege muß das Recht, die Tugend ſiegen das Laſter untergehen, nicht in Frankreich allein, auch bei uns, in Italien, wird eine neue, eine beſſere Zeit anbrechen. Warte bis dahin, Gabriele! Doch zuerſt nimm das letzte Erbtheil Deines edlen Vaters aus meinen Händen in Empfang! Mit dieſen Worten öffnete er die rothe Blouſe des Todten und nahm ein goldenes Kreuz von ſeiner Bruſt.— Dieſes Kleinod haben die Mörder nicht gefunden ſagte er, bewahre es beſſer, als Du den Ring Emanuel's bewahrt haſt, es liegt viel daran Und jetzt folge mir nach! Er ging ihr voran, Gabriele folgte ihm tief ergriffen nach und drückte das Kreuz an ihre Lippen. Sie durchſchritten das Gewölbe. Am Ende deſſelben ſchob er einen Stein bei Seite und ließ Gabriele hinaustreten, während er ſelber den Stein ſorgfältig wieder an ſeine Stelle brachte. Dann durcheilten ſie einen langen. dumpfigen und feuchten Gang. Sie mußten eine halbe Stunde lang gehen, ehe ihnen Tageslicht entgegenſchimmerte Endlich bog der Unbekannte dichtes Geſträuch auseinander und hoch auf⸗ athmend ſah ſich Gabriele in freier Luft. ——— 4. Kapitel. Ein Vorſpiel zum Kriege. Es war im Jahre 1865. Der Kaiſer der Franzoſen Louis Napoleon ging mit unruhigen Schritte in ſeinem Kabinete auf und ab. Offenbar lag eine Wolke auf ſeiner Stirn, und er ſuchte nicht, ſie zu verdecken, ſo lange er ſich allein befand. Durch ſchlaue Ränke hatte er ſich bis zu einer Höhe hinauf⸗ geſchwungen, die ſich allein durch Glück und abermalige Ränke behaupten ließ. Aus der Verbannung war er, die Aufregung des Jahres 1848 benutzend, nach Frankreich zurückgekehrt, nachdem man den ſogenannten Bürgerkönig Louis Philipp vertrieben hatte, war Präſident der Republik geworden, ſtieg endlich vermittelſt einer allgemeinen Volkswahl am 2. Dezember 1852, gleich ſeinem Oheim, zu dem Throne eines Kaiſers der Franzoſen empor, ver⸗ mählte ſich am 29. Januar 1853 mit der Gräfin Eugenie von Teba und Montijo, und wurde Vater eines Knaben, der ſeinem Stamme die Erblichkeit der Kaiſerwürde ſicherte. Soweit hatte das Glück den ſtolzen Herrſcher begünſtigr. Die fremden Mächte hatten ihn als ebenbürtigen Monarchen anerkannt, und ſein eigenes Volk beugte ſich ſeinem Scepter, nach⸗ dem er alle Diejenigen, deren Herzen zu lebhaft nach Freiheit verlangten, nach Cayenne und anderen Orten des Schreckens ge⸗ ſchickt hatte. Cayenne! Bis zu dem Abgrund der Hölle wird dieſer Name dem frechen Böſewichte nachtönen, der über die Edelſten der Franzoſen hinweg zu Glanz und Größe ſtrebte! Ca⸗ yenne! Dein peſthauchender Boden behielt die Todten nicht, die er verſchlang! Sie ſtehen auf, eine furchtbare Schaar, ſie ſchweben rächend um das Haupt ihres Mörders, ſie klagen ihn furchtbar an vor dem Throne der Menſchlichkeit, vor dem Throne des allge⸗ waltigen, rächenden Gottes! den die mah zwei ſchwe dem Ini ſitte geri fort dos zuſe Ln daß ni nit ſchi ſchl piy ſch Fr in ſei N Vouis uf ſucht nauf⸗ Rünke des hdem hatte ittelſt ſeinem ver⸗ n einem nftigr rchen nach⸗ iheit s ge dieſer elſten 6⸗ die e weben r an allg⸗ — — —,——— 33— Hinweggeriſſen von der Heimath, von dem Buſen der Gattin den Armen der Kinder litten die Unglücklichen in jener Fieberluft die gräßlichſten Qualen, die eine Tyrannenbruſt zu erſinnen ver— mag. Mit ſiechem Körper ſchleppten ſie ſich ein Jahr, höchſtens zwei umher, an ihren Seelen nagte der Kummer, vor ihren Augen ſchwebte der gewiſſe Tod. Sehnend ſtreckten ſie die Arme nach dem ſchönen Frankreich aus. Ach, das Land, das ſie mit aller Innigkeit des Herzens liebten, verderbte unter der Leitung eines ſittenloſen, lügneriſchen Schurken, wurde planmäßig zu Grunde gerichtet, bis ſeine letzte Kraft erlag. Die Opfer van Cayenne ſind nicht geſtorben, ſie leben, ſie fordern Rache und Gott erhört ſie. Die Weltgeſchichte iſt das Weltgericht! Noch befand ſich Louis Napoleon auf der Spitze ſeines Ruhmes. Wie ſeinen Onkel, gelüſtete es ihn, Könige ein und ab⸗ zuſetzen. Die Gelegenheit dazu zeigte ſich günſtig. Mexico, das Land, in welchem ehemals das Gold ſo reichlich zu finden war, daß die Spanier nicht aufhören konnten, danach zu ſuchen, bis nichts mehr übrig blieb, Mexico, das ein Paradies wäre, wenn nicht ein Unſtern allerlei böſen Samen darüber ausgeſtreut hätte, ſchien dem Kaiſer der Franzoſen eine erwünſchte Beute. Er be⸗ ſchloß, ihm einen Herrſcher zu geben, den er gleich einer Draht⸗ puppe mit dem Finger zu lenken vermochte. Dieſer Herrſcher fand ſich in der Perſon des Erzherzogs Maximilian von Oeſterreich. Freudig, als ob es zu einer Luſtreiſe ginge, zog der junge Kaiſer in ſein neues Land, überzeugt, dort ſo leicht zu herrſchen, wie es ſein Bruder in Wien that. Daß es anders kommen ſollte, machte Rapoleon ſchwere Sorgen. Mit gefurchter Stirn, die Hände auf dem Rücken, ging er in ſeinem Kabinet auf und ab. Sein Hirn arbeitete mächtig. Er hatte eine ſchlimme Niederlage erlitten, ſein ſchlauer Plan war vereitelt, und vergeblich ſuchte er das Verloren wieder einzuholen. Da öffnete ſich die Thür Die Kaiſerin trat herein an der Hand ihren Sohn führend. Sie trug ein koſtbares, bis an den geſchloſſenes Kleid von dunkelrothem Sammt, deſſen Schleppe ſber die weite Crinoline herabhing. Dieſes Kleid war mit Knöpfen von Brillanten geſchloſſen, und eine Broche, die von gleichen Steinen funkelte, befeſtigte den Kragen von den feinſten Spitzen. Ihr üppiges Haar, das, wenn die Sonne darauf ſchien, röthlich ſchimmerte, war ohne Schmuck. Sie ſah majeſtätiſch aus in dieſem einfachen Anzuge, denn ihre Wangen waren hold ge⸗ röthet, und um ihre Lippen ſpielte ein ſtolzes Lächeln — Wie, mein Gemahl, rief ſie aus, Sie ſind noch hier, noch nicht bei den Vorbereitungen zum Feſte? Ich hoffe, Sie werden uns nicht warten laſſen. Unſer Theaterſtück wird vortrefflich, wir haben es ſoeben noch einmal geprobt, Lulu ſieht wie ein kleiner Engel aus in ſeinem Anzug von weißem Krepp mit Roſen und meine Damen wetteifern an Schönheit und Reizen. Eilen Sie alſo, wir wollen luſtig ſein. — Ja luſtig, Papa, rief der kleine Knabe, kommen Sie doch. Papa! Der Kaiſer glättete mit Mühe ſein ſorgenvolles Geſicht. — Ich komme ſagte er. Eure Komödie ſoll mich über⸗ raſchen, ich denke mich zu zerſtreuen. — Zerſtreuen? fragte die Gemahlin. Haben Sie Kummer, iſt irgend etwas nicht in Ordnung in Frankreich? Ich bitte Sie machen Sie ſich keine Sorgen⸗ dieſe Franzoſen find ein gutes Volk. Schreien ſie nicht immer mit lauter Stimme: Es lebe der Kaiſer, es lebe die Kaiſerin, ſo oft wir uns ſehen laſſen? — Es iſt nicht das, Eugenie. Ich habe ſchlechte Nachrichten erhalten... Deswegen will ich Ihnen aber die Freude am Feſte nicht verderben. Eilen Sie zu Ihrer Toilette, meine Liebe, ich will nur noch meinem Secretair einige Befehle geben und folge Ihner ſogleich. — Mit dieſem Geſichte? Rein, ich bitte Sie, verderben Sie 6 uns nicht den Spaß. Ich denke, es ſoll Alles reizend werden. Die Fürſtin Metternich ſingt ihre Gaſſenhauer allerliebſt, ſie hat ſie ſich von der Kneipenſängerin Thereſe einſtudiren laſſen, unſere Anzüge ſind etwas theuer, aber vildhübſch, kurz, Alles iſt vortrefflich, bis auf Ihr Geſicht, was mir gar nicht gefällt, nein, Majeſtät, mit dieſem Geſicht will ich Sie nicht in meinen Salons lich len i m e6 Rel he un we 5 — 35— nlt ſehen. Richt wahr, Lulu, Papa muß immer luſtig ausſehen denn von freuen ſich die Pariſer? ſen 7— Ja, Papa muß luſtig ſein, ſei doch luſtig, lieber Paps, ien, das Kind. aus Der Kaiſer ſeufzte tief, dann zwang er ſich zu einem ge⸗ Lächeln. — Nan ja, ich tanze e Nacht mit allen Damen, vorzüg⸗ noch lich mit den hübſchen, ſagte er. Wir wollen uns ſchon die Gril⸗ Sin len vertreiben. Was iſt denn auch weiter? Ich habe Nach⸗ vx richten aus Mexico empfangen, es ſteht ſchlecht um den neuen int Kaiſer, das verdroß mich, jetzt iſt es wieder vorbei. Mog er ſich ni mit ſeinen Halbwilden herumärgern, ſo viel er will, was geht Si mich an? Ich habe ihm eine Krone gegeben und Soldaten g ſie zu vertheidigen, das Uebrige iſt ſeine Sache. Sie ſe⸗ doch, her Eugenie, Ihre Aufſordernng, luſtig zu ſein, verklingt nicht an meinen HOhren. In einer Stunde bin ich bei Ihnen und 3 werde Shrem Spiele aus Leibeskräften applaudiren. iber* In dieſem Augenblick zeigte ſich der erſte Kammerdiener an der 2 ür. Seine verlegenen Mienen zeigten an, daß er eine „ veinliche Sache vorzubringen habe. — Was giebt es? herrſchte ihn der Kaiſer an. — Es iſt eine Dame da, verſetzte der Mann mit unter⸗ thäniger Miene, eine Dame, die dringend verlangt, Euer Majeſtät zu ſprechen. Vergebens wollte ſie der dienſtthuende Cavalier . abweiſen, ſie behauptet, ein Recht zu haben, mit Euer Majeſtat zu ſprechen. — Und wer iſt die Dame? fragte der Beherrſcher der hne — Es iſt die Kaiſerin von Mexico, lautete die Antwort. gi Louis Napoleon erſchrak, Eugenie führte ihren Sohn zur .. Thür und übergab ihn einem der Höflinge, dann kehrte ſie zu ihrem Gemahl zurück. Plötzlich wurde die Thür aufgeriſſen, eine iunge Frau ſtürzte herein und warf ſich vor dem Kaiſer auf die us it Kniee. it nin Nein rief ſie, ich laſſe mich nicht abweiſen, ich ein 3 K Sclons Recht habe, einzutreten. Majeſtät, ich komme nicht als eine Bittende, ich darf fordern, helfen Sie mir, ſtehen Sie meinz Gatten bei, denn Sie, Sie haben uns in dieſes unnfcgeh Louis Napoleon hob ſie empor, ſie war bleich und zit heftig. Aufgelöſt hingen ihre Locken an den abgezehrten Wange herab, ihr ſchwarzes Gewand bezeugte, daß ſie alles Aeußerliche vergaß und nur allein an ihren Kummer dachte. Fugenie trat zu ihr und ſuchte ſie zu beruhigen. — Rach welchem Lande haben Sie uns geſchickt, rief die un⸗ glückliche Kaiſerin von Mexico. Dieſe Menſchen ſind furchtbar. Schon iſt die Mehrzahl der Franzoſen, die uns vertheidigen ſoll⸗ ten, niedergemetzelt. Das wilde Volk ſtürmt in unſere Reſidenz, mein Gemahl kann ſich nicht halten, wenn Sie ihm nicht die ſchleunigſte Hilfe ſenden. H bedenken Sie, daß Sie es waren⸗ der ihm dieſe unglückſelige Krone antrug, retten Sie ihn und uns. Alle unſere Getreuen ſind ein Opfer der Republikaner geworden. Man will keinen Kaiſer in Mexico, zu ſpät haben wir uns da⸗ von überführt, jetzt thut ſchleunige Hilfe noth, alſo helfen Sie, helfen Sie, ehe es zu ſpät wird. — BVie kann ich das? fragte Napoleon. Sie wiſſen ſelbſt. wie viel Zeit es koſtet, bis man Truppen dahin ſchickt. — und bis dahin werden ſie meinen unglücklichen Mar gemordet haben! ſchrie die Kaiſerin. — Beruhigen Sie ſich, er hat noch Truppen⸗ vielleicht auch kann er fliehen. Jedenfalls muß er ſich ſelber helfen, denn von hier iſt es ganz unmöglich⸗ ihm beizuſtehen. — unmöglich! Und das ſagen Sie ſo kalt, Sie, der an allem glend Schuld iſt? Schon ſehe ich das Blutgerüſt, mein Mat, mein theurer Gatte geht dem Tode entgegen. ſie legen auf ihn an, ſie ſchießen auf ſein treues Herz„ und ich bin fern von ihm, ich kann nicht mit ihm ſterben“ nicht in demſelben Grabe mit ihm ruhen. — Ich bitte Euer Majeſtät um etwas Faſſung. Wir wol⸗ len ſehen, was ſich für ihn thun läßt. — Wollen ſehen, wollen ſehen? O. ſie hatten einen Götzen — in Mexiko, Fitzliputzli war ſein Name, dem ſchlachteten ſie Men⸗ ſchen. Sie ſind der Fitzliputzli, Sie laſſen ſich Menſchenopfer brin⸗ gen, Blut muß Shren Thron umſpülen damit er nicht morſch wird.* O, o, o! meines Gatten Blut, meiner Freunde Blut, und mein eigenes, das ich ſo gerne für ihn hingeben möchte! Der Kaiſer ſah mit finſterem Blick auf dieſen wilden Schmerzensausbruch. Eugenie war heftig erſchrocken. Es war der Wahnſinn, der aus der unglücklichen Charlotte ſprach. Sie ſchellte nach ihren Dienern, die weinende Kaiſerin wurde hinweg⸗ eleitet. Sie war nach Europa gekommen, um Beiſtand ſür en Gatten zu erflehen, ſie fand bei dem⸗ der an ihrem Glend uld war, ein ſteinernes Hers. De faßte Wahnſinn die Arme, ihre Sinne verwirrten ſich, S6ott nahm ihr den Verſtand und entriß ſie dadurch der Ver⸗ zweiflung.. Als ſie fort war, blickte Eugenie ihren Gatten beſtürzt an. — Gott, ſagte ſie, was haben Sie gethan! Das kann furcht⸗ bar für uns werden! — Ei nicht doch! erwiederte Napoleon, wer wird ſich Grillen machen? Eilen Sie zur Toilette. Es iſt ſpät, in einer halben Stunde kann das Feſt beginnen. Legen Sie Roth auf, Eugenie, Sie ſehen erſchrocken aus, lächeln Sie wieder, das ſteht Ihnen beſſer, als dieſe ernſte Miene. Wir wollen luſtig ſein. Die Kuiſerin verließ ihn und befolgte ſeinen Rath. Das Feſt war glänzend an Pracht und Heiterkeit. Zwei Theaterſtücke wurden von den vornehmſten Perſonen des Hofes dargeſtellt, unter ihnen zeichnete ſich die Fürſtin Metter⸗ nich, die Frau des oeſterreichiſchen Geſandten durch Witz und fri⸗ vole Laune aus. Die Kaiſerin lachte uud ſcherste. Ihr Anzug war von dem feinſten Geſchmack, ihre Schultern erregten in dem ſehr tief herabgehenden Kleide die Bewunderung aller Herren, der Kaiſer war in der beſten Laune, ſelten hatte man ein ſo ſchönes Feſt gefeiert. Als Louis Rapoleon am Abend in ſein Cabinet zurückkam, — fand er auf ſeinem Pulte viele Briefe. Er wühlte mit der Hand 2 in dem Haufen herum, bis er einen fand, der den Poſtſtempel ſ Mexico trug. Haſtig riß er das Papier auf und überflog die Zeilen. — Meine Armee vernichtet, der Kaiſer erſchoſſen! murmelte er und ſank in einen Stuhl. Das wird böſes Blut in Paris 4 machen. Lange ſaß er da, das Haupt in die Hand geſtützt, die Stirn in tiefe Falten gezogen. e Endlich ſtand er wieder auf. ſi — Es iſt eine ſchmähliche Niederlage, die ich erlitten habe, ſagte er, und die Franzoſen werden ſie mir nicht ſo leicht verge⸗ ben. Aber ich will es wieder gut machen, es iſt mein alter Plan, auf den ich immer und immer wieder zurückkomme. Ich 4 will meinen Thron mit deutſchem Blute ſo feſt an Frankreich's Boden leimen, daß keine Macht der Erde ihn wieder zu lockern. vermag. Es iſt beſchloſſen, früher oder ſpäter Krieg gegen Preußen. Mit dieſen Gedanken begab ſich der Kaiſer zur Ruhe. ———— 5. Capitel. Blut, Blut und wieder Blut! Der Unbekannte hatte die Fürſtin Gabriele Donato in das nächſte Dorf geleitet, hier einen Wagen genommen und ſie bis nach der Seeſtadt Ancona gebracht, wo er von ihr Abſchied nahm. Es ſchmerzte die Unglückliche tief, daß ſie den Beſchützer verlieren ſollte, dem ſie ihre Rettung verdankte, er aber ſprach zu ihr: — Ich kann Dich nicht begleiten. Gabriele, denn mich feſſeln höhere Pflichten. Geh' nach Paris und begieb Dich in jenes Haus, in welchem Du ſo viel gelitten haſt. Der Diener wird Dir den Eintritt nicht verſagen, wenn Du zu ihm die Worte ſprichſt: Das Gottvertrauen ſendet mich zur Treue. — Er wird mich nicht verſtehen, antwortete die Fürſtin, denn ich bemerkte, daß er taub iſt. — Er wird Dich ſehr wohl verſtehen, verlaß Dich darauf. verſicherte ihr Freund. Außerdem magſt Du ihm, doch nur ihm allein, das Kreuz zeigen, welches auf der Bruſt Deines todten Vaters lag. Eile nun und ſiehe nach dem Ringe, den Du ſo leichtſinnig fortgabſt. Es liegt Alles daran, daß Du wieder in ſeinen Beſitz gelangſt. — Und werde ich Sie nicht wieder ſehen, mein Erretter, mein Freund? — Du ſiehſt mich wieder, ſei davon überzeugt. — Aber wo, aber wann? — Wenn die Lüge entlarvt wird und Gott der⸗Unſchuld zum Siege verhilft. — Ach, wann wird dieſe glückliche Zeit erſcheinen? — Hoffe nur... Gott iſt gerecht. Leb' wohl, meine Toch⸗ ter, ſei treu, ſei ſtark. Mit dieſen feierlich geſprochenen Worten hatte ſich der Un⸗ bekannte von Gabriele getrennt und dieſe war, reichlich von ihm mit Geld verſehen, nach Paris gereiſt. Aengſtlich betrat ſie die Schwelle des Hauſes, in welchem ſie ſo furchtbar gelitten hatte. Das dunkle Gebäude erſchien ihr wie ein großer Sarg, ſie ſcheute ſich, an die Pforte zu klopfen Es dauerte ſehr lange, bis der Diener ſich zeigte. Offenbar hatte er nichts davon gehört, daß ein Einlaß Begehrender an der Thür war. Nur durch einen Zufall öffnete er dieſelbe und trat mit einem Korbe auf die Straße, um ſeine geringen Einkäufe zu machen. Gabriele betrachtete das blödſinnige Geſicht und erſchrak. Golt, dachte Sie, wie ſoll ich mich dieſem Tauben, dieſem Stumpf⸗ ſinnigen verſtändlich machen, wie ihn dazu bewegen, daß er mir Obdach gewährt? Mit ſchlürfenden Schritten wollte der Alte an ihr vorüber⸗ 6 gehen, da trat ſie an ihn heran und legte ihm die Hand auf den Arm. — Kennſt Du mich nicht mehr, Daniel? fragte ſie ihn. Er ſah ſie mit einem gleichgültigen Blicke an, darauf zuckte er mit den Achſeln und wollte weiter gehen. — Ach, er verſteht mich nicht, ſeuföte Gabriele, er wird mich nicht in das Haus laſſen... was wird aus mir, wenn ich, die Fremde, die Verlaſſene, allein in der großen Stadt bleiben ſoll, ohne Freund, ohne Obdach. Daniel hatte die Hausthür ſorg⸗ lich hinter ſich verſchloſſen und ging die Straße hinunter. Da eilte Gabriele ihm nach. — Daniel! rief ſie, ſo laut ſie es vermochte. Er hörte ſie nicht, er blickte ſich nicht nach ihr um, gleichmüthig verfolgte er ſeinen Weg. Da faßte ſie ſeinen Arm, da ſagte ſie mit einer Stimme, in der das tiefſte Leiden bebte: Daniel, verſtehſt Du mich denn nicht? Das Gottvertrauen ſchickt mich zur Treue ſind Gottvertrauen und Treue denn geſtorben, und leben nur noch Haß und Grauſamkeit? Kaum hatte ſie dieſes Wort geſprochen, da fnhr es wie Wetterleuchten über Daniel's Geſicht. — Geh' zur Gartenthür und warte, flüſterte er, ich komme ſogleich. Was war das? Konnte der Taube hören? Welch ein Zauber lag in den Worten, daß er ihnen die lange verſchloſſenen Ohren zu öffnen vermochte? Schneller, als gewöhnlich, beſorgte Daniel ſeine Einkäufe, kehrte zu dem dunklen Hauſe zurück, durchſchritt den Garten, öffnete die kleine Pforte und ließ Gabriele herein. — Geſegnet ſei Ihr Eintritt, gnädigſte Frau! rief er und ſein Geſicht zeigte keine Spur von ſeiner gewöhnlichen Stumpfheit mehr. So lebt denn das Gottvertrauen noch! Ach, die Treue ſtirbt nicht, ehe ſie Alles zu Ende geführt hat. — Ich verſtehe Dich nicht, verſetzte Gabriele. Ich komme zu Dir hilflos, krank und unglücklich. Gieb mir ein Obdach. — Sie ſind noch bleicher geworden, als Sie damals waren. bemerkte der Alte, indem er ſie hineinführte. Doch ſeien Sie getroſt. Die Tochter Francesco's von Undentino findet das Haus — iel ritt nd eit eue en. Sie aus — ——— ihrer Väter ſtets zu ihrem Empfange bereit. Sehen Sie, die Frühlingsſonne ſcheint in die Fenſter, der Garten fängt an, hübſch grün zu werden. Ich will für Speiſe und Trank ſorgen, und es ſoll Ihnen an Nichts fehlen, was der alte Daniel zu beſchaffen vermag. Gabriele reichte ihm die Hand. Sie fühlte ſich ſo matt und krank, daß ſie den Alten für ſich ſorgen ließ, als wäre ſie ein kleines Kind, und er ihr Vater. Sie lag ſtill und todtenähnlich in ihrem Bette, indeſſen er ihr Nahrung und Pflege brachte, und erſt nach einigen Wochen war ſie genugſam erhalt um mit ihm reden zu können. — Daniel, fragte ſie ihn eines Abends, als er ihr Licht brachte, was iſt aus meinem Kinde geworden? — Ss lebt, verſetzt er, das iſt Alles, was ich von ihm weiß. — Wer war der Arzt, der mir in der ſchweren Stunde bei⸗ ſtand? — Ich kenne ſeinen Namen nicht. Ich komme niemals aus dem Hauſe und weiß Nichts von den Leuten dä draußen. — So ſage mir, warum ſtellteſt Du Dich taub und dumm? — Taub ſtellte ich mich, um nicht gehängt zu werden, denn ſelbſt dem Klugen kann es geſchehen, daß er von Dingen ſpricht, die Niemand wiſſen ſoll und darf, wenn ihn noch Klügere aus⸗ horchen. 5 Als Gabriele anfing, ſich kräftiger zu fühlen, ging ſie in Paris umher. Sie ſuchte nach dem Arzte, ſie ſah jedem Manne dreiſter, als es ihrem Geſchlechte geziemte, in das Geſicht, um den⸗ ienigen zu finden, der allein ihr Auskunft über den Verbleib ihres Söhnchens, über den Ring zu geben vermochte, an deſſen Wie⸗ dergewinnung ihr ſelber ſo gar nichts und ihrem unbekannten Beſchützer ſo viel lag. Oft ließ ſie ſich bei einem Doktor melden, in der Hoffnung, denjenigen zu finden, dem ſie ſo lange ſchon nach⸗ forſchte, klagte ihm dann ein unbedeutendes Leiden, ließ ſich eine Medizin verſchreiben und hatte doch für ihre Seelenſchmechen keine Heilung gefunden. Oft ſaß ſie im Gehölz von Boulogne oder in anderen Gärten und betrachtete die Kinder, die dort ſpielten, als müſſe ihr mütterliches Gefühl ihr das richtige zeigen. Wenn ℳi 4 ſie alsdann die Wärterin ausgefragt hatte, ging ſie trauriger noch und bleicher zu dem dunklen Hauſe zurück und ſaß lange ſtumm, ſturr und troſtlos da. So vergingen Jahre. Einſtmals näherte ſich ihr der alte Daniel. — Dieſes vergebliche Suchen reibt Sie auf, ſagte er. Wiſſen Sie denn, wonach Sie verlangen? Kennen Sie den Stamm, für den Sie den verlorenen Sprößling wiederzugewinnen trachten? — Ich verſtehe Dich nicht, Daniel, verſetzte ſie kopfſchüttelnd. — So folgen Sie mir, bat der alte Mann, zündete ſeine Laterne an und ſchritt ihr voran die Treppe hinab. Sie gingen durch einen Kellerraum, in welchem viel alte Fäſſer, unbrauchbar gewordenes Geräth und dergleichen Plunder ſtand. Daniel rückte einige Bretter fort, und eine eiſerne Thür wurde ſichtbar. Er ſchloß ſie auf und betrat mit Gabrielen einen zweiten Kellerraum. Sie blickte ſich um... und ſchauderte zurück. 3 In der Mitte dieſes Kellers lag ein Haufen längſt verwester Leichen. Die Knochen waren theils auseinandergefallen, theils lagen ſie noch in Stellüngen, in welchen der Tod die Unbegrabenen ereilt haben mußte. Fetzen von Kleidungsſtücken. die daran hingen, Waffen und Schmuck deuteten auf eine vergangene Zeit Daniel ſtellte die Laterne auf die Erde, ſetzte ſich auf einen Kaſten, winkte Gabrielen, das Gleiche zu thun und begann: — Kennen Sie die Schickſale dieſer Leichen? Sie liegen hier ſchon ſeit Jahrzehnten, ſie fielen in einem furchtbaren Kampfe. Damals herrſchte die ſcheußlichſte Liederlichkeit in Paris. Maitreſſen vergeudeten, was dem Schweiße der Unterthanen er⸗ preßt war, und wenn der Gutsherr nicht zu ſchlafen vermochte, weil er ſich den Magen an Leckerbiſſen überladen hatte, mußten ſeine hungrigen Bauern die Fröſche im Teiche fangen, damit ſie die Nachtruhe ihres Gebieters nicht ſtörten, dieſes Gebieters⸗ der Herr war über ihr Eigenthum, ihr Leben, ja über die Unſchuld ihrer Weiber und Töchter, der dem Bauer in die Schüſſel ſpuckte und meinte ſo ſei es noch zehnmal zu gut für das Kanaillenvolk. Da zuckte das geknechtete Volk in namenloſem Leid zuſammen, und wie es an ſeinen Banden rüttelte, wurde es ſich ſeiner Kraft bewußt und riß Ge fol n „ Sl kän wü be oh Rn G0 ſa zau Ja Yi ſeine Ketten entzwei. König Ludwig der Sechszehnte wurde öffentlich hingerichtet gleich einem gemeinen Verbrecher, ſein bethörtes Weib ſtarb nach tauſend Todesängſten in gleicher Weiſe, ſein Kind erlag, ein unſchuldiges Opfer der Volkswuth... und dieſe Wuth wuchs an zu wildem Toben. Die Schwerbedrückten waren frei, und die Bedrücker ſollten ſterben. Da arhbeitete die Guillotine, Ariſto⸗ kratenköpfe rollten jn den Sack des Henkers, und die Weiber ſaßen ſtrickend dabei und machten Späße über die Haltung der Hinge⸗ richteten. Und neue, immer neue Nahrung verlangte das uner⸗ müdliche Fallbeil, und was nicht ſeiner Schärfe unterlag, wurde erſäuft, in den Gefängniſſen ermordet oder floh.. Die Bande der Knechtſchaft waren zerriſſen, aber auch die der Menſchlichkeit. Ihr hättet davon erzählen können, Ihr, die Ihr hier liegt. Dein Ahnherr, Gabriele ein ſtolzer italieniſcher Graf und treuer Diener des ſechszehnten Louis, hatte dieſe Männer hierher gelockt, um ſie zu tödten. Doch. da er ſie oben beim Feſte in ſeinem Prunkſaal hatte, ſchienen ſie ihm zu mächtig. Luſtig bat er die Trunkenen. ihm hinab zu folgen, ſie ſollten an vollen Fäſſern ſaugen, ſei es doch ein langweiliges Geſchäft, die Gläſer zu füllen. Die Unbedachten! Sie ſtürzten hinab, wenige nur waren vorſichtig genug, die Waffen mit zu nehmen. Da fiel die eiſerne Thür hinter ihnen ins Schloß, da fnallten die Luntenbüchſen, da ſauſten die ſcharfen Klingen. Sie ſtießen im Gefechte die Fackeln um, daß ſie erloſchen, ſie kämpften im Dunkeln, Mann gegen Mann, ſie rangen, ſie würgten ſich, die Trunkenen wurden nüchtern, um ſich in Blut zu berauſchen, ſie mordeten ſich gegenſeitig, der Freund den Freund. ohne zu wiſſen, wohin er im Finſtern ſchlug— bis endlich dieſer Knäuel verworrener Leichen das letzte Zeugniß gab von dem Gaſtmahl im Hauſe des Undentino.. Die Zeit verging, der erſte Napoleon kam zur Herrſchaft. Er führte Frankreichs Jugend auf die Schlachtfelder, erwarb ſich glänzenden Ruhm und ſah mit kaltem Blicke, wie Hundert⸗ tauſende für ſeinen Glanz dahinſanken. Er ging nach Aegypten, Italien, Spanien, Deutſchland, Rußland hier war es, wo der Serr ihm Halt gebot, doch unterlag er nicht dem ſtrengen ruſſiſchen Winter, er unterlag erſt ein Jahr ſpäter der Freiheitsliebe, der ſttlichen Kraft der deutſchen Jugend, die ihn bei Leipeig ſchlus bei Waterloo vernichtete. Doch auch nach ſo viel Kämpfen konnte ſich das franzöſiſche Volk nicht wieder in Ordnung und Sitte fügen lernen. Es verjagte Carl den Zehnten, es verjagte Louis Philipp, um ſich dem gemeinſten Abenteiter, dem Prinzen Louis Napoleon Bonaparte, zu unterwerfen. Dieſer Mann war zu Anfang ſeiner Regierung von namenloſem Glück begünſtigt. Im Kampfe gegen die Ruſſen ſtürmten ſeine Generale die Feſtung Sebaſtopol und zwangen den Kaiſer des gewaltigſten Reiches zum Frieden, im Kriege ge⸗ gen Oeſterreich ſiegte er bei Magenta und Solferino, doch, achte auf meine Worte, er hat in Cayenne Tauſende von edlen Jüng⸗ lingen geopfert, er hat in Mexico Unzählige leichtſinnig dem Tode preisgegeben... ſchon jetzt beginnt ſein Stern zu er⸗ vleichen er wird verſinken. Es naht ein Krieg, ein gewal⸗ tiger... Komm hinauf, die Luft dieſes Kellers bedrückt mich, er iſt voll Leichen, ach, ich fürchte das Blut, das noch fernerhin Frankreichs Boden tränken ſoll. S Gabriele folgte ihm hinauf, ſie athmete leichter, als ſie an das fonnige Fenſter trat und in die klare Kuft hinausſah. Dennoch ſchüttelte ſie das Haupt — Du ſprachſt von Frankreich, Daniel, ſagte ſie, und ich hoffte, Du würdeſt zu mir von meinem Kinde ſprechen. In dieſem Augenblick lief ein ſchreiender jubelnder Volkshaufen durch die Gaſſe, ein ſtattlicher Wagen zeigte ſich, in welchem eine ſchöne, junge und rächelnde Frau ſaß, ihr gegenüber eine Wärterin mit einem roſigen Kinde. — Es lehe die Kaiſerin, es lebe der Prinz! ſchrieen die Leute. Gabriele ſah mit einem Gefühl von Neid auf die glückliche Mutter. Da legte Daniel ſeine Hand auf die ihrige. — Dieſes Kind da, ſagte er, iſt nicht Eugenien's Sohn. wiſſen Sie, ob es nicht das Ihrige iſt? Gabriele zuckte zuſammen. — O gräßlich, gräßlich, rief ſie aus, denn dann wäre mein Sohn für mich verloren! —————— — ni N Kapitel. Ein Sodom In ganz Frankreich war das Gerücht verbreitet, daß der — 4 — — ge⸗ kaiſerliche Prinz nicht der Sohn der Keiſerin ſei. Man erzählte che darüber die ſeltſamſten Dinge. Einige gaben den Knaben für ng⸗ den Sprößling eines Verhältniſſes aus, welches Louis Napoleon en eine Zeit l ang mit einer berühmten Sängerin unterhielt, Andere et⸗ wußten es anders. Alle kamen darüber überein, daß die Kaiſerin va Eugenie die Mode der bauſchigen Crinoline nur deswegen aufge⸗ nih bracht habe, um die Welt über ihren Zuſtand zu täuſchen. chin War es ein Zufall, war es mehr als das.. der kaiſerliche Knabe war in jener ſchrecklichen Nacht geboren, wo Gabrielens en Sohn das Licht der Welt erblickt hatte. Welch⸗ peinigenden Ge⸗ zſch danken giebt nicht ein Mutterherz ſich hin, wenn es nach ſeinem einzigen Kinde ſucht. ich— Ihr Sohn lebt, ja, mehr als das, er wird reich und glücklich ſein— ſo lautete der Zettel welchen der Diener des Arztes ufen ihr in den Wagen geworfen hatte. Ja, dieſer reizende h⸗ eine Knabe war reich, war ſtrahlend von Glück und Unſchuldund erin eben deswegen für ewig von ihr getrennt. Es war ein furchtharer Schmerz, welchen der alte Puniel in eute. die Seele der bleichen Frau geworfen hatte. Von jetzt ab ließ üche es ihr keine Ruhe mehr. Wo immer ſie hoffen durfte, den klei⸗ nen Prinzen zu ſehen, da eilte ſie hin, ſuchte in ſeinen zarten Zügen nach einer Aehnlichkeit mit ihrem geliebten ſo früh verſtor⸗ e benen Gatten und glaubte ſie wirklich zu finden. — Ja, es iſt mein Sohn, es iſt mein eigenſtes Blut! rief es in ihrem Innern. Aber wehe mir! ich darf mein Kind nn nicht umarmen, darf nie das Glück genießen, das doch der elen⸗ deſten Bettlerin zu Theil wird, das Glück, zum Erſatz ſo viel er — 6 Leiden mein holdes Knäblein an mein Herz zu drücken. Und wenn andere Mütter hoffen dürfen, in ihrem Alter eine Stütze, einen Troſt an ihrem Sohn zu finden, ſo werde ich ein⸗ ſam ſein und bleiben, indeſſen eine Fremde mir all' meine Luſt, all meine Mutterfreude geſtohlen hat. Wie ſie die Plätze aufſuchte, an welchen der kleine Prinz ſpielte oder mit ſeinen Kameraden umhertummelte, bemerkte ſie in ſeiner Geſellſchaft zwei bildſchöne kleine Jungen, die ſich mun⸗ ter mit ihm herumbalgten. Neben ihr ſtand eine reizende Frau, und die Knaben riſſen ſich vom Spiele los und eilten auf ſie zu und warfen ſich in die Arme der Mutter, die ſie einen um den andern herzlich küßte. Gabriele konnte es nicht ohne ein Gefühl von Neid mit anſehen. — Sie ſind glücklich im Beſitz ſo holder Kinder, redete ſie die Dame an. — Sie ſind meine Wonne und meines Namens Stolz, ver⸗ ſetzte dieſe, mit mütterlicher Zärtlichkeit auf die ſchönen Jungen blickend — Sind es Zwillinge? fragte Gabriele, dann wundert es mich, daß ſie ſo verſchieden ausſehen. Der Eine iſt ſchwarz und feurig, während der Andere blond und zart iſt. — Wein Gatte hat ſchwarzes Haar, antwortete die liebens⸗ würdige Frau etwas ausweichend, und ich bin blond. Die Kna⸗ ben aber ſind an demſelben Tage geboren. Sie ſind die Spiel⸗ gefahrten des kaiſerlichen Prinzen und gehören zu dem kleinen Regimente, welches er commandirt. Gabriele wagte nicht mehr zu fragen. Die Dame entferute ſich, bald aber trat die Wärterin der Finder zu ihr. — Denken Sie nur, welch' eine ſeltſame Geſchichte es mit den ZJungen iſt, erzählte ſie geſchwätzig. Der eine war eben ge⸗ boren. Die Hebeamme hatte ihn ſauber gewaſchen und legte ihn, nackt, wie er zur Welt gekommen war, auf ein ſeidenes Kiſſen. Da ſtürzt plötzlich die Amme herein. Denken Sie, ruft ſie aus, was ich eben finde. Ich höre ein Geſchrei vor meiner Thür, ich mache auf, und denken Sie nur, es iſt ein Kind, was da liegt, nackt, wie es der Herr geſchaffen hat, und ſicherlich noch keine vierundzwanzig Stunden alt. Eil di nu br n6⸗ U⸗ el⸗ en xfe nit ge⸗ gte ſen ub, h ine Nun war die gnädige Frau im Augenblick ernſt krank, es konnten nicht Hände genug da ſein, um Decken zu wär⸗ men, ein Bad zu bereiten, Medizin zu holen, was weiß ich alles kurz, die Amme wird gerufen, indeſſen ich davon eile, um den Bedienten in die Apotheke zu ſchicken. In ihrer Eile legt ſie das fremde Kind neben das der gnädigen Frau, und als die Hebeamme zurückkam, kann ſie das eine nicht mehr von dem andern unterſcheiden. Jetzt war die Noth groß. Wel⸗ ches war der richtige Sohn des Herzogs, welches der Findling? Niemand wußte es, der Herzog wollte verzweifeln. Die Herzogin war ſo ſchw aß wir nicht den Muth hatten, ihr den ſeltſamen Vorfall zu Endlich, als ſie ſich wieder gekräftigt hatte und Alles vernahm, wie es gekommen war, ſagte ſie: Um meinem eigenen Sohn nicht Unrecht zu thun, wird mir nichts Anderes übrig bleiben, als beide Knaben mit gleicher Liebe in mein Herz zu ſchließen, denn wie könnte ich einen verſtoßen, ohne zu wiſſen, ob ich nicht mein eigenes Kind von mir weiſe. Sie hat Wort gehalten. Die beiden Bübchen ſind ihr ganz gleich lieb, aber der Herzog denkt anders. Oft ſieht er mit finſterem Blick auf die Knaben und ſcheint zu fragen, welcher von ihnen ſein eigenes Blut, ſein Erbe und Stammhalter iſt. Auch ſind die Kinder ſehr verſchieden, der eine iſt ſchwarz, der andere blond, während das kleine Löchterchen der Frau Herzogin, welches drei Jahre nach ihnen geboren wurde, braune Haare hat und eigentlich keinem ihrer Brüder ähnlich ſieht, ſondern noch weit ſchöner iſt als ſie beide. un wie heißt die Frau Herzogin? fragte Gabriele, die ſich zu der jungen liebenswürdigen Frau hingezogen fühlte. — Sie iſt eine Italienerin, ihr früherer Name war Iduna, Gräfin Graziare, jetzt heißt ſie die Herzogin von Montalto. Gabriele erſchrak. Ihre Mutter war eine Gräfin Graziare geweſen, ſie war alſo mit der Herzogin Montalto verwandt, ja dieſe Verwandtſchaft mußte eine ſehr nahe ſein, da ihre Mutter nur einen Bruder beſaß, und Niemand ſonſt dieſen Namen führte. Es war im Hochſommer, die Nacht brach ſpät herein, Ga⸗ briele ſchickte ſich an, in das dunkle Haus zurückzugehen doch, in S — ——— tiefen Gedanken, wie ſie war, verfehlte ſie den richtigen Weg und ſah ſich plötzlich in einem Gewirr von engen Gaſſen. Die Häufer in Paris ſind oft ſechs bis acht Stock hoch und ſtehen ſich in dem alten Theil der Stadt ſo nahe gegenüber, daß es ſcheint, als wollten ſie über einander fallen. Louis Napoleon hat dieſe engen Straßen zum größten Theil abreißen laſſen, weil es zu leicht ſchien, im Falle einer neuen Revolution Barrikaden darin zu erbaten dennoch giebt es noch genug ſolcher dunklen Schlupf⸗ winkel, die dem ſchlechteſten Geſindel zum Aufenthalt dienen. Ein Trupp betrunkener Blorſenmänner rannte Arm in Arm durch die Gaſſe und verſperrte faſt ihre ganze Breite. Erſchrocten flüchtete Gabriele in ein Haus hinein. — Zu wem? fragte die heiſere Stimme des Portiers, der in keinem pariſer Hauſe fehlt, aus ſeinem Keller heraus. — Zur Wäſcherin, antwortete Gabriele erſchrocken. — Fünf Treppen hochl war die aus der Erde hervor drin⸗ gende Antwort. Gabriele beſchloß, hinauf zu ſteigen.— Ich gewinne dadurch Zeit, ſagte ſie, die betrunkenen Leute werden ſich verlaufen, und ich nehme an der nächſten Scke einen Fiaker, um nach Hauſe zu kommen. So ſtieg ſie die enge, ſchmutzige und wacklige Treppe hinauf. Verſchiedene Thüren zeigten ſich, obſchon es faſt dunkel war, denn durch ihre breiten Spalten drang das Licht, welches drinnen be⸗ reits angezündet war. Aus einer dieſer Thüren drang der Ton lauter Stimmen. Unwillkürlich vernahm Gabriele, was man ſprach, doch nach den erſten Worten ſchon hielt ſie inne und horchte mit athemloſer Spannung. — und er hat Dir kein Geld gegeben? fragte eine weibliche Stme. — Richt einen Franken, antwortete ein Mann mit Lachen, obgleich ich ihm meine ganze Geſchichte erzählte. Er mochte es vergeſſen haben, daß er einmal mit meiner Mutter ſcharmutzirte, es iſt ihm oft ſo etwas paſſirt. Dennoch konnte er es nicht leugnen, daß ich ſein Sohn bin, hatte ich doch noch ſein Bild und einen Brief, den er ſeiner Angebeteten ſchrieb, die jetzt an der( men Sicht ſid. die 6 jubili Eyui wie mir willſ Herze mi ſo ſ onp gwo ein icht fit wiſ Leu neus als Sa noch rin⸗ uch und e zu uf. enn be⸗ Ton nan ———— — — der Ecke dieſer Gaſſe ihren Obſtkram feil hält. O, dieſe vorneh⸗ men Herren haben Alles vor uns voraus, Geld, Vergnügen und Sicherheit vor Strafe bei jedem Verbrechen, das ſie begehen. — Wirfſt Du dem Herzog von Montalto Verbrechen vor? — Meinem Vater? Gi, er iſt nicht ſchlechter, als ſie Alle ſind. Doch ſei getroſt, ich will ihm Geld abpreſſen, weiß ich doch die Geſchichte von dem Kinde.. Biſt Du fertig, Liſette? Heute jubiliren wir noch auf Borg, bald vielleicht fahren wir in eigener Equipage. O. wie will ich Dich herausputzen, Liſette, Du ſollſt wie eine Prinzeſſin einhergehen. — Etwa von Deinem Verdienſt als Schloſſergeſell? — Ich bitte Dich, erinnere mich nicht daran. Die Arbeit iſt mir verhaßt, ich bin ein miſerabler Schloſſer. — Und ein famoſer Tänzer, das iſt beſſer. Aber womit willſt Du Geld verdienen? — Höre, Liſette, aber ſei verſchwiegen. Mein Vater, der Herzog von Montalto, theilte mir mit, er wünſche ſonſt nichts mit mir zu thun zu haben, wolle ich jedoch geheime Dienſte leiſten. ſo ſei er bereit, mich anzuſtellen. — Dich anzuſtellen und als was? — Haſt Du gehört, daß die Preußen die Oeſterreicher be⸗ kämpften, daß ſie geſiegt haben, und daß der Preußenkönig ſich groß machen möchte? — Ja, ich habe davon gehört, aber was geht es uns an? — Uns nichts, aber unſern Kaiſer. Kann er es leiden, daß ein anderer Monarch ſein Land vergrößert, während er noch nichts gewonnen hat, als Nizza, was ihm die Italiener zum Dank für ihre Befreiung von den Heſterreichern abtraten? Er möchte wiſſen, wie ſturk denn eigentlich dieſe Preußen ſind, er braucht Leute, die ſich die Sachlage genau anſehen, vorzüglich aber das neue Gewehr, deſſen ſie ſich bedienen, und wer wäre geeigneter, als ein Schloſſergeſell, um ſolche Dinge zu ergründen? — Das heißt alſo, Dein Vater will Dich zum Spion machen? WMeinetwegen, wenn Du keinen hübſcheren Ramen für die 1 Such weißt. Morgen reiſe ich ab, deswegen wollen wir heut noch luſtig ſein. Ich habe mein Handwerkszeug in der Taſche, D. V. 4 — 56— unterwegs will ich es verſetzen, hoffentlich mache ich mir nie wieder die Finger daran ſchwarz, dann geht es nach Deutſchland zu den dummen Preußen, von denen der Klügſte noch keinem Franzoſen das Waſſer reichen darf. — Gut, ich bin fertig, gefall' ich Dir, Franz? — Zum Anbeißen! Alſo vorwärts ins Vergnügen! Gabriele drückte ſich in den finſterſten Winkel des Treppen⸗ flurs und ließ das glückliche Pärchen an ſich vorübereilen. Franz war ein ſtattlicher Burſche mit dunklen Haaren, feurigen Augen und blendend weißen Zähnen, Liſette war reizend in ihrem Masken⸗ anzug. Sie trug weite weißſeidene Beinkleider, die bis zum Knie gingen und die runden Waden, die zierlichen Knöchel in roſen⸗ farbenen Strümpfen ſehen ließen. Den vollen Buſen bedeckte ein bauſchiges Hemd, darüber ſaß ein ganz kleines Jäckchen von rothem Atlas, und auf dem Kopfe, deſſen üppiger Haarwuchs eine weiß gepuderte Perrücke verhüllte, ſchwankte ein kleines Feder⸗ hütchen. Ueber dieſen ebenſo koketten wie unweiblichen Anzug hatte ſie einen großen Shawl von grober Wolle geworfen, und ſo hüpfte ſie an dem Arme ihres Geliebten die Treppe hinab auf den Ball, das Hauptvergnügen der Pariſer Arbeiterinnen. Gabriele folgte ihnen mit den Blicken, dann ging ſie lang⸗ ſam die Treppe hinunter, und warf ſich in einen Wagen, der ſie nach Hauſe brachte. Feenhaft war der Saal erleuchtet, in welchen das vergnügungs⸗ ſüchtige Pärchen eintrat. Eine große Anzahl von ſeltſam heraus⸗ geputzten Mädchen bewegte ſich behend zwiſchen den Männern um⸗ her, die alle gewöhnliche Kleidung trugen und theils Studenten, theils Handwerker, theils Leute aus den vornehmſten Ständen waren. Die Wände des nicht allzu großen Raumes waren mit den köſtlichſten Blumen verziert, dazwiſchen ſtanden Knabenfiguren von weißem Marmor, welche Schalen hielten, aus denen ſich Waſſer⸗ ſtrahlen plätſchernd und kühlend in die Luft erhoben Von der mit Spiegelgläſern ausgelegten reich vergoldeten Decke hingen unzählige Kronleuchter herab und ſpendeten einen blendenden Lichtglanz. In zierlichen Riſchen, die mit roſenrother Gaze aus⸗ tapezirt waren, ſtanden weiche Ruheſitze, davor Tiſchchen von ein De der H de 6 ten da de ni vieder u den zoſen ppen⸗ Franz lugen asien⸗ nKnie roſen⸗ edeckte nvon eine Feder⸗ Anzug u und hinb en. lang⸗ der ſie gunge⸗ eraus⸗ n um⸗ denten, waren⸗ it den ten von Vaſin zon der hingen — ndenden z uus⸗ en von — Marmor auf goldenen Füßen, die Vaſen voller Blumen oder Er⸗ friſchungen trugen. In verſchiedenen Nebenſälen konnte man ſich außerdem den Genüſſen des Gaumens und traulichem Koſen hin⸗ geben, und ein unter Blüthenſtauden verſtecktes Orcheſter ſpielte dazu die heiterſten Melodien. Der Tanz hatte bereits begonnen, als Franz mit Liſette eintrat, doch ſtieg ſeine Ausgelaſſenheit von Minute zu Minute. Das war kein taktmäßiges Wiegen und Drehen, das war ein wil— der Tanmel, ein Rauſch der Luſt. Die Herren tanzten mit dem Hute auf dem Kopfe, die Damen hoben die Schleppe ihrer Klei⸗ der hoch empor und hüllten ihren Tänzer wie in eine Maske von Flor oder Tüll. Man tanzte Contre, Galopp, dazwiſchen knalt⸗ ten die Pfropfen der Champagnerflaſchen aus den Nebenzimmern, dabei warf man ſich luſtige und oft höchſt unanſtändige Re⸗ densarten zu, und manches Paar ſchlich ſich bei Seite und tauſchte nicht eben allzu heimlich heiße Küſſe aus. Mitternacht war vorüber, als der Wein die Gemüther ſo er⸗ hitzt hatte, daß nur ein Uebermaß der Luſt ihnen zu genügen ver⸗ mochte. Die Töne des Cancan fuhren wie ein elektriſches Feuer durch alle Glieder. Paar und Paar trat ſich gegenſber, die Herren mit dem Daumen in der Weſte, die Damen ihre leichten Kleider ſchwenkend, das war nicht mehr ein Tanz, das war ein Raſen. Hier riß Eine ihrem Eavalier den Hut vom Kopfe und ſetzte ihn ſich felber auf, dort ohrfeigte eine Andere ihren Tänzer mit dem Fuße. Hell aufjauchzend ſprang der Herr über das Mäbchen hinweg, das in dem nächſten Momente ein gleiches Kunſt⸗ ſtück wagte Die Wangen glühten, die Kleider ſanken immer mehr von dem heftig wogenden Buſen herab, die Scherzreden wurden freier bis zur Zügelloſigkeit, ſie ſchienen wie von einem böſen Dämon beſeſſen, der ſie zu raſender Luſtigkeit, zum Vergeſſen alles Anſtandes, aller guten Sitte trieb. Und dennoch war dieſe gute Sitte gewahrt, nicht durch das Schicklichkeitsgefühl der Tanzenden, nein, durch den Polizeibeam⸗ ten, der mit ernſter Miene an der Thür des Saales ſtand und Sorge trug, daß wenigſtens das Aergſte nicht geſchah. Soweit iſt es in Paris gekommen, daß nur die öffent⸗ 4* ſiche Gewalt das zu verhindern vermag, wovor jedes Schamge⸗ fühl zurückbeben muß. Der Morgen graute, als die Muſiker ihre Inſtrumente in die Kaſten legten. Müde und heiß hüllten ſich die Tänzer und Tänzerinnen in ihre Shawls nnd Mäntel und taumelten nach Hauſe, die Einen in dumpfer Ermattung, die Anderen ſchreiend und lärmend, ein Jeder unfähig zur Arbeit und zu ernſtem Streben. Auch Franz und Liſette kehrten in ihre gemeinſame Wohnung zurück und ſuchten ihr Lager, um zur Stunde der Abreiſe wieder munter zu ſein. 7. Kapitel. Der Pater Venturo. Es war ein reich geſchmücktes Haus, in welchem der Portier in goldgeſtickter Livree, den Stock mit dem goldenen Knopfe in der Hand, Wache hielt. Viele Wagen fuhren vor, und Herrn mit reichen Orden auf der Bruſt und Damen in glänzender Seide ſtiegen aus und ließen um die Gnade bitten, den Beſitzer dieſes Gebäudes ſehen zu dürfen. Denn hier wohnte ein Kirchenfürſt, dem nicht nur Gold und irdiſche Macht, dem auch das Recht zukam, die bedrückten Seelen von der Laſt ihrer Sünden zu erlöſen. Dazu beſaß der Erzbiſchof eine wunderbare Liebenswürdigkeit, die ihm alle Herzen eroberte, den feinſten Weltton, die entzückendſte Unterhaltungsgabe und den gebildetſten Sinn für Kunſt und Wiſſenſchaften. Zu ſeinen Feſten eingeladen zu werden, war nicht nur eine Ehre, ſondern auch ein wirkliches Vergnügen, denn die Geſellſchaft war gewählt und geiſtreich, und Speiſen und Getränke von der vor⸗ züglichſten Auserleſenheit. Es konnte alſo nicht Wunder gehmen, daß n„ Abaeſandte des heiligen Vaters in Rom eine der erſten nd ch nd ng der rtiet e in auf eßen u Fold ckten der eren gabe Zu Ehro war vol⸗ men rſten — Rollen in der Hauptſtadt des Kaiſers der Franzoſen ſpielte und würfigkeit und beſuchte die Meſſe, ſo oft er fie las. Der Kaiſer 53— daß ſein Vorzimmer niemals leer wurde von Beſuchern und Bitt⸗ ſtellern. Die Kaiſerin Eugenie ſelber, die ſtets eine ſehr fromme Chriſtin geweſen war, bezeugte dem Erzbiſchof ihre tiefſte Unter⸗ Louis Napoleon nahm die zarteſten Rückfichten auf ihn, und ohne ſich grade von ſeinem Rathe leiten zu laſſen, war er ihm doch in allen Dingen gefällig. Auf ſeinen Wunſch hatte er dem in ſeiner Herrſchaft bedrohten Papſte eine Armee franzöſiſcher Soldaten ge⸗ geben und nannte ſich mit Stolz den älteſten Sohn der Kirche und allerchriſtlichſten Monarchen, ein Titel, welchen die franzöſiſchen Herrſcher ſchon ſeit den erſten Jahrhunderten des Chriſtenthums führen. Heute nun war die Menge der Beſuchenden beſonders zahlreich, denn es war ein Feiertag. Die Meſſe war vorüber, und die vornehme Welt, die niemals verfehlte, ihren Glanz auch in der wunderſchönen Kirche Notre dame zu entfalten, machte danach dem Erzbiſchof ihre Aufwartung. Da, mitten unter den reichen Wagen, erſchien ein Mann zu Fuß. Seine Haltung war gebückt, ein langer ſchwarzer Rock be⸗ deckte die lange und dürftige Geſtalt, ein ſchäbiger Hut den kahlen Scheitel, ſeine Beinkleider und Aermel ſchienen zu kurz für ihn zu ſein und zeigten zu viel von den plumpen Füßen, die in groben Stiefeln ſteckten und von den häßlichen knochigen Händen, die nicht von Handſchuhen bedeckt waren und kaum ſauber ausſahen. Der Portier hatte nicht übel Luſt, den Menſchen abzuweiſen, der zwar gebückten Hauptes, aber doch ſo ſicher eintrat, als ob er ein Recht dazu hätte, doch überließ er das lieber dem Kammer⸗ diener, welcher die Ankommenden zu melden hatte. Dieſer be⸗ trachtete den ärmlichen Mann mit verächtlichen Blicken, dann wandte er ſich an ihn. — He, guter Freund, für Bittſteller iſt heute kein Tag, kommen Sie morgen wieder und melden Sie ſich im Büreau. Der Mann erhob den Kopf und zeigte dem Kammerdiener ſein gelbliches fleiſchloſes Angeſicht. — Ich hoffe doch, ſagte er mit einem grinſenden Lächeln, daß Seine Eminenz mich annehmen wird. Jedenfalls werden Sie augenblicklich dieſe Karte abgeben. Die Worte waren in einem ſo ſicheren Tone geſprochen, daß der Kammerdiener die Karte nahm und ſie verwundert betrachtete. — Pater Venturo, las er. Gut, ſagte er dann, ſeine be⸗ dientenhafte Unverſchämtheit wiederfindend, ich werde Seine Eminenz dieſe Karte geben, wenn der letzte Beſucher fort iſt. — Sie werden ſie ſogleich abgeben, verſetzte der Mann mit Nachdruck, ſogleich, hören Sie, ſogleich! Die Worte waren ſehr leiſe geſprochen, dennoch machten ſie auf den goldbetreßten Mann einen tiefen Eindruck. Wer mit ſo niel Entſchiedenheit fordern kann, einen Erzbiſchof zu ſprechen, muß mehr als ein gewöhnlicher Pater ſein. Er durfte ſich nicht ungehorſam zeigen. Sobald er den wunderlichen Gaſt meldete, legte er mit einem Blick, welchen der Erzbiſchof wohl verſtand, des Paters Karte in eine goldene Schale, die auf der Sammtdecke des Tiſchchens ſtand, hinter welchem der Erzbiſchof ſaß. Dieſer nahm das Blättchen, las den Namen, und ein Zucken ging über ſein freundliches und ehrwürdiges Geſicht. Gleich darauf klingelte er, der Kammerdiener erſchien. — Sage im Vorzimmer, daß ich unwohl bin und nicht länger empfange, befahl er und behielt dabei die Karte in der Hand. Der grade gegenwärtige Beſucher zog ſich natürlich ſogleich zurück, der Erzbiſchof ertheilte ihm zum Abſchied ſeinen Segen und be⸗ trachtete dann noch einmal den Ramen des Paters. — Venturo, flüſterte er, was kann mir der bringen? Gutes wohl ſchwerlich. Doch was es auch immer ſei, ich muß ihm ge⸗ horchen, muß in dieſem Pater meinen Herrn erkennen, wenn es mir auch noch ſo ſchwer wird, ihm zu gehorchen. Es war ein tiefer Seufzer, welcher die Bruſt Seiner Eminenz hob, als er die Klingel ergriff. Einen Augenblick darauf zeigte ſich die häßliche Geſtalt des Pater Venturo auf der Schwelle, nicht mehr mit geſenktem Kopfe, nein, hoch aufgerichtet, wie Einer, der nicht zu bitten, ſondern zu gebieten kommt. Der Erzbiſchof verneigte ſich tief vor ſeinem Beſucher. Stattlich in eine Robe von rothem Sammt gekleidet, das greiſe we daß ete. be⸗ ine ger n gte ol, er. ſchöne Haupt mit einem violetten Käppchen bedeckt, die Bruſt mit einer breiten goldenen Kette geſchmückt, bildete er einen ſelt⸗ ſamen Gegenſatz zu dem dürftig gekleideten Pater, der doch ſo ſolz ihm, dem unterwürfig Daſtehenden, gegenüber trat. — Ich bin beglückt, Sie zu ſehen, verehrter Pater, ſagte er, denn in Ihnen begrüße ich den Mann, deſſen Geiſt die heilige Kirche erleuchtet. — Keine Schmeicheleien, grinſte der Pater, ich weiß, was ich werth bin, und was Sie werth ſind wiſſen Sie auch, Offenheit wird unſere Geſchäfte ſehr erleichtern. Aber laſſen Sie Wein kommen, keinen ſauren, ſondern feurigen Wein, wie er bei uns in Italien wächſt, dann entfernen Sie jeden Horcher, denn was ich Ihnen zu ſagen habe, muß tiefes Geheimniß bleiben. Mit dieſen Worten ſetzte ſich der Pater Venturo in einen der Sammtſeſſel, ſtreckte ſeine Beine mit den groben Stiefeln auf dem koſtbaren Teppich aus und ſpuckte in den Marmorkamin hinein.* 6 Der Erzbiſchof war im Innern außer ſich über ſo viel Un⸗ verſchämtheit, doch ließ er es ſich nicht merken. Er klingelte nach Wein, gab dem Kammerdiener ſeine Befehle, erklärte, daß er für Niemand zu ſprechen ſei, als für ſeinen gegenwärtigen Gaſt, und ſetzte ſich dann dem Pater gegenüber, nicht ohne Beſorgniß ſeine Enthüllungen erwartend. Der Pater trank ein Glas Wein, leckte ſich die Lippen, rieb ſich die knochigen Hände und begann: — Ich komme im Auftrage unſeres hochwürdigen Generals. Der Erzbiſchof verbeugte ſich. — um unſere Zwecke auszuführen, bedürfen wir Geld, Geld und wieder Geld. — Wie wird es zu beſchaffen ſein? — Darin ſollen Sie uns beiſtehen. — Ich höre. — Sie kennen den Cardinal Undentino? — Ja. — Er iſt ſtolz, leidenſchaftlich, herrſchſüchtg, doch gans in unſeren Händen. Einſt hatte er mit ſeinen Brüdern ein bedeu⸗ tendes Vermögen und verſchwendete ſeinen Antheil in einem wüſten Lehen. Die beiden Brüder ſind todt, es blieb eine Tochter, die recht⸗ mäßig an den Fürſten Alphons Donato verheirathet iſt. Sie iſt verſchollen. Ihr Mann wurde beſeitigt, ihr Kind begraben. So weit ſind wir ſicher, durch Hilfe des Cardinals Undentino in den Beſitz des Vermögens zu kommen. Indeſſen hat Emanuel Unden⸗ tino im Verein mit ſeinem Bruder Francesko ein Teſtament hin⸗ terlaſſen, wonach das Geld dieſer Beiden nebſt demjenigen der Gräfin Stefania, wenn Gabriele, die rechtmäßige Erbin, ſterben ſollte, unter alle Nachkommen, ſelbſt die unehelichen, der Familien Undentino und Graziare getheilt werden ſoll. — Das iſt ſeltſam und kaum zu glauben. — Seltſamer noch iſt, daß auch Gabriele nur dann Erbin des ganzen unermeßlichen Vermögens wird, wenn ſie einen Ring vorzeigen kann, den ihr die Mutter ſterbend übergab. — Man hat ſich natürlich dieſes Ringes verſichert. — Nein, der Cardinal handelte mit dem ſträflichſten Leicht⸗ ſinn. Er ließ ihr den Ring, und ſie entſchlüpfte ſeiner Gewalt. — Das iſt ſchlimm. — Dennoch zweifeln wir nicht, daß ſie todt iſt, denn ſie kann nicht lebendig dem Orte entkommen ſein, an welchem man ſie ver⸗ wahrte. Es handelt ſich alſo weniger um ſie, als um die übrigen Mitglieder der Familien Undentino und Graziare. — Kennt man ſie? — Es iſt zunächſt die Herzogin Idunn Montalto, geborene Graziare nebſt ihrem Sohn. — Schon da entwickelt ſich eine Schwierigkeit, denn ſie hat zwei Söhne, ohne zu wiſſen, welcher von beiden von ihrem Blute iſt. — Ich weiß das und es verſteht ſich, daß die ganze Familie Montalto bei Seite geſchoben werden muß. — Wen giebt es ferner? — Auch der Herzog iſt mit den Undentino's verwandt. Er beſitzt einen unehelichen Sohn, einen Schloſſergeſellen, Namens Franz Godard, der nach der ſeltſamen Teſtamentsklauſel gleichfalls zu erben berechtigt iſt. ſein die nen, ſi j ini Der Off Ink Art ſage die gen lu zn ſten at ſt. nze Er 15 ls — 57— Schieben wir auch ihn bei Seite. — Es iſt da ferner ein junger italieniſcher Maler, der hier in Paris lebt und aus einem Seitenzweige der Graziare's abſtammt, ſein Name iſt Rafael Gambi. — Ich will mir den Namen merken. — Endlich der Gemahl der verſtorbenen Couſine Stefania's, die eine Deutſche war, der Graf von Iſſelhorſt mit drei Söh⸗ nen, Reinhold, Ottomar und Eugen. — Mit dieſen wird es die meiſte Schwierigkeit haben, wenn ſie in Deutſchland leben. — Der Graf befindet ſich in Mainz. Gönnen wir ihm noch einige Zeit Ruhe und werden wir zuerſt mit den Uebrigen fertig. Der Herzog Montalto ſteht gut bei Hofe? — Sehr gut, der Kaiſer achtet ihn als einen ausgezeichneten Offizier, dem bei der Wöglichkeit eines Krieges eine glänzende Bnkunft blüht. Die Herzogin zeichnet ſich durch Tugenden aller Art aus, ſie lebt ganz ihren drei Kindern. Doch muß ich Ihnen ſagen, daß Ihr Verzeichniß nicht ſtimmt, denn in dem Hauſe der Montalto's lebt eine bildſchöne noch ſehr junge Nichte, Helena, die wohl ebenſo wie ihre Verwandten dem— Beiſeiteſchieben— geweiht werden muß. Es verſteht ſich, daß man hierbei mit aller Vorſicht und Klugheit zu Werke gehen muß. — Natürlich. — Niemand darf ahnen, von wo der Schlag ausgeht, der zwölf Menſchen trifft. — Niemand ſoll es ahnen. — Ich zweifle nicht, daß der Kaiſer Napoleon ſehr bald einen Krieg gegen Deutſchland beginnen wird, Preußen iſt ihm in der letzten Zeit zu muthig geworden, er wird Luſt bekommen, ſich mit dieſer jungen Kraft zu meſſen. — Auch mir ſcheint es klar, daß ihm daran liegt, ſich an dem König Wilhelm billige Lorberen zu verdienen. — Billige Lorberen, wie meinen Sie das? — Deutſchland war von jeher uneinig. Fängt Frankreich den Krieg mit Preußen an, ſo werden die jetzt unterdrückten, 4 und tief beleidigten Südſtaaten mit Freude die Gelegenheit benutzen, Pl die übermüthige Macht zu demüthigen, die es wagte, einen Nord⸗ Ve bund zu errichten, der ihre Gewalt anfzuſaugen droht. hat — Nehmen Sie ſich in Acht, dieſer Bismarck iſt ſehr ſchlau Ki — Nicht ſo ſchlau wie der Kaiſer der Franzoſen. ſu — Denken Sie an Mexico. übr — Dieſes Mal rechnet er ſicherer, denn das Land, welches dos er unterdrücken möchte, liegt näher. In einem ſolchen Kriege ben würde dem Herzog Montalto ein bedeutendes Kommando zufallen. not — Nebſt einer Kugel in den Rücken. Tn — Es käme alsdann drauf an, die übrigen männlichen Fa⸗ de milienmitglieder in ähnliche Gefahren zu verwickeln. me — Und die weiblichen in Verzweiflung untergehen zu laſſen. ige Der Plan iſt gut. Indeſſen dürfen wir nichts übereilen, ſicher reit geht nur, wer langſam geht. Leben Sie wohl, Eminenz. Seien pol Sie unſerem Orden gehorſam, es wird Ihr Schade nicht ſein, Pius in iſt alt und wir bedürfen eines Mannes, der unſerem Orden ganz ſer ergeben iſt. loc Der Erzbiſchof verneigte ſich tief und geleitete den Pater bis ſi an die Treppe. Dann kehrte er in ſein Zimmer zurück und riß de die Fenſter auf. — Luft, Luft. ſtöhnte er. Die Klugheit dieſes Mannes Ve erſtickt mich! Und ach, ich kann ihm nicht entgehen, wenn ich— ein Papſt werden will!.. gen klei hu de 8. Kapitel. Die Marter.* Das Jahr 1866 war vorübergegangen. Die Preußen hatten ſich im Kriege gegen Oeſterreich unſterbliche Lorbeern erworben. S Unter der heldenmäßigen Führung des Kronprinzen Friedrich ſö Wilhelm, des Prinzen Friedrich Karl und unter den Augen Königs n utzen, Nord⸗ hlau ches riege Alen nFo⸗ ſſen. ſcher Seien Pius ganz bis d riß nnes hutten orben- edrich hnig —————— — Wilhelm IL. ſelbſt war der Sieg errungen worden, wie chn uie Weltgeſchichte nicht bedeutſamer aufzuweiſen vermag. Preußen hatte ſeine Macht um ein Bedeutendes vermehrt, es hatte den König von Hannover ſeiner Krone beraubt, den Herzog von Naſ— ſau, den Kurfürſten von Heſſen entſetzt, es hatte ſich mit den übrigen Staaten Norddeutſchlands zu einem Bündniß vereinigt, das ſtark genug ſchien, einer Welt in Waffen zu trotzen und es benutzte nun die Zeit der Ruhe dazu, ſeine Heeresorganiſation noch weiter auszubilden, ſeine Streitkräfte zu vermehren, ſeine Truppen einzuexerciren, denn wohl ſahen es die an der Spitz⸗ des Staates Stehenden voraus, daß ein neuer Krieg ganz unver⸗ meidlich ſei, ein Krieg, in welchem Preußen ſich mit einem gewal⸗ tigeren, wenn nicht überlegenen Gegner, in dem es ſich mit Frank⸗ reich zu meſſen haben würde. Lange ſchon hatte der Kaiſer Na⸗ poleon durch den Grafen Benedetti, den franzöfiſchen Botſchafter in Berlin, Unterhandlungen mit dem preußiſchen Miniſter des Aeu⸗ ßern, den Grafen von Bismarck, anknüpfen laſſen. Er hatte ihm die ver⸗ lockendſten Verſprechungen gemacht, wenn er ſich dazu verſtehen wollte, ſich mit Frankreich zu einem Kriege gegen Oeſterreich und die ſüd⸗ deutſchen Staaten, zu einer Zerſtückelung Deutſchlands zu verbinden. Der kluge Miniſter des König Wilhelm fand Mittel und Wege, dieſen verführeriſchen Anerbietungen auszuweichen, ohne eine entſchieden abſchlägige Antwort zu geben. Er wollte Zeit gewinnen, und es gelang ihm, den franzöſiſchen Kaiſer mit allerlei kleinen Einwendungen und Bedenken hinzuhalten. Indeſſen wurde dieſem die Sache langweilig. In der Hoff⸗ nung, ſchneller zum Ziele zu gelangen, wenn er ſich anſtatt an die vermeintliche Eroberungsſucht des Siegers kieber an die Rach⸗ begierde der Unterdrückten wandte, knüpfte er ähnliche Verhand⸗ lungen mit dem oeſterreichiſchen Staatk an und verſprach dieſem den ſüdlichen Theil Schleſiens, wenn er mit Frankreich vereint gegen Preußen ziehen wolle, während Napoleon ſelbſt große Luſt hatte, ſich vorzüglich die Kohlengruben von Saarbrücken und Saarlouis, die einen reichlichen Gewinn geben, vielleicht gar das ſchöne Land bis zu der Grenze, die der Rhein bildet, zu eigen zu machen. Indeſſen, während er auf der einen Seite ſchlaue Aus⸗ 3 flüchte fand, begegnete ihm auf der anderen die vollſtändigſte Kraftloſig⸗ pori keit. Es mangelte Oeſterreich an Geld und an Truppen und im Innern Gel war weder Frieden noch Einigkeit. Die Ungarn und Deutſch⸗Oeſterreicher ein neigten ſich mit allen ihren Sympathien den Deutſchen, die Polen den Franzoſen zu, und außerdem fürchtete der Graf Beuſt die und Schmach, die ihn unfehlbar treffen mußte, wenn er ſich mit dem in Erbfeinde der Te' ſchen, wenn er ſich mit Frankreich gegen die ihr, eigenen Landslere verbände. So gelang es denn auch dem Kaiſer Si Napoleon nicht, ſein Ziel zu erreichen. Dennoch wollte und mußte nñj er Frieg haben. Die Franzoſen waren ſchon lange ſeines Regiments Pi überdrüſſig, obſchon er ihnen manche ſcheinbar freiſinnige Einrichtung w verliehen hatte. Er mußte das unruhige Volk beſchäftigen, er 1 mußte ihm zu Ruhm und Siegen verhelfen, um es vergeſſen ſi zu machen, daß es in Mexico ſchreckliche Niederlagen erlebt hatte. v Nun wandte er ſich an die deutſchen Südſtaaten, er ſuchte Wär⸗ A temberg, Baiern und Baden gegen Preußen aufzuhetzen und, mit ihnen vereinigt, dieſes Land zu bekriegen, und war feſt überzeugt, Si daß auch die Anhänglichkeit der Hannoveraner, Naſſauer und Heſſen an ihre vertriebenen Herrſcher dieſe Stämme aufſtacheln würde, ſich gegen Preußen zu waffnen und mit Frankreich vereint den nord⸗ deutſchen Bundesſtaat zu überfluthen und zu vernichten. 8 Zwei Jahre vor dieſen Ereigniſſen hatte in Spanien eine unblutige Revolution ſtattgefunden. Schon lange war dieſes un⸗ glückliche Land erbärmlich regiert und in der ſchändlichſten Weiſe 5 ausgeſogen worden. Seitdem Ludwig der Wierzehnte von Frankreich ſeinen Enkel i Philipp, einen durchaus unfähigen Menſchen, zum König von v Spanien gemacht hatte, war dieſes unglückliche Land tiefer und z tiefer geſunken, und die Kriege gegen den erſten Napoleon, in 1 denen es ſich wenigſtens zähe und widerſtandsfähig bewieſen hatte, dienten vollends dazu, die ohnedies arme Halbinſel zu ruiniren. d So verſank die ſpaniſche Nation mehr und mehr in Faulheit, Unwiſſenheit und Gleichgültigkeit bis endlich das liederliche Leben der Königin Iſabella himmelſchreiend wurde, daß die Vornehmen 5 die Schande ihres Hofes nicht länger zu ertragen vermochten. Man jagte ſie nebſt ihrem letzten Liebſten, dem Stallmeiſter Mar⸗ ſt ſig⸗ nern icher olen die em die iſer ßte ents tung ſſen Ate ür⸗ wit eugt, eſſen ſch nord⸗ eine Un⸗ Jeiſe nfel von und atte iren⸗ lheit Leben men hten. Mar⸗ 6 ſori, aus dem Schloſſe, und ſie entfloh, indem ſie alles, was Geldeswerth beſaß, mit ſich nahm, indeſſen man in Madrid eine proviſoriſche Regierung einſetzte. Die verjagte Königin von Spanien begab ſich nach Paris und flehte ihre Verwandte, die Kaiſerin Eugenie um Bei⸗ ſtand und Schutz an. Die Kaiſerin war tief ergriffen. Es war ihr, als ſähe ſie in Iſabelle'ns Schickſal ihr icenes vor Augen. Schon oft, mitten in dem Glanze ihrer Feſte, unter dem Vivat⸗ rufen der begeiſterten Volksmenge, war ihr der Gedanke gekommen: Wird das, kann das ein gutes Ende nehmen? Und wenn ſie koſend das blonde Haupt ihres Sohnes an ihren Buſen drückte, mußte ſie tief ſeufzend fragen ob dieſe reichen Locken beſtimmt ſeien, eine Krone zu tragen. Sie ſah auf das Schickſal ihrer Vorgänger. Schaudernd betrat ſie die Räume, in welchen Marie Antoinette glückliche Stunden verlebt hatte und den Saal, in dem man dieſe gezwungen, die Jakobinermütze auf ihre und ihrer Kinder Stirn zu ſetzen. Sie ſchloß die Augen, wenn ſie über den Platz fuhr, auf welchem Ludwig der Sechszehnte hingerichtet worden war und wo ſeine Gattin ſowie ſeine edle und unſchuldige Schweſter das Blutgerüſt beſtiegen. Auch heute kam ſie tief erſchüttert von einem Beſuche bei der Exkönigin Iſabella zurück, die niemals müde wurde, ihre Hilfe anzuflehen, und begab ſich zu ihrem Gatten. Dieſer lag auf einem Ruhebett. Sein gewöhnlich gelbliches unb fahles Geſicht ſah grau aus, ſeine Züge waren verzerrt. Unruhig warf er den Kopf hin und her, ſchlug mit den Armen um ſich, zerrte an der Decke, die ſeine Füße verhüllte, und fluchte mehr als einen Teufel herbei. — Sie leiden wieder, rief Eugenie und legte ihre Hand auf die ſeine. Iſt Ihr altes Uebel wieder gekommen? — Toller als jemals! brummte der Kaiſer. Nélaton tri⸗ umphirt. Er hatte es mir voraus geſagt, daß ich das verfluchte Reiten nicht aushalten würde. Ja, ſo ein Arzt hat gut reden. — Sie hätten ihm folgen und die Heerſchau nicht abhalten ſollen. — und heute Abend hätte es ganz Paris gewußt, daß der 6 Kaiſer krank ift, die Papiere wären gefallen, und die Orléans— gerdammt, daß ſie mir immer wieder einfallen müſſen— hätten ſich gefreut. — Was gehen Sie die Orléans an? — Was ſie mich angehen? Iſt ihre Familie nicht vertrieben worden, damit ich den Thron beſteigen konnte, warten fſie nicht auf das Ende meiner Herrſchaft, wie Raben auf einen zur Hin⸗ richtung geführten Verbrecher? — O pfui, welch ein Vergleich! — Ein ſehr paſſender, das kann ich Sie verſichern. Aber ſie ſollen ſich täuſchen... o dieſe Schmerzen! Ich will meine Dy⸗ naſtie feſthalten, bis an das Ende der Welt. verflucht, wenn ich in vier Wochen wieder zu Pferde ſteige. es iſt um ver⸗ rückt zu werden. — Ich will zu Nélaton ſchicken, vielleicht kann er Ihnen Linderung verſchaffen. — Thun Sie das ja nicht. Er freut ſich womöglich noch, daß er ſo richtig prophezeit hat. Einem ſolchen Menſchen muß man ſich anvertrauen, ſich und Frankreichs Schickſal. Sie ſollten mich ſehen, meine Franzoſen. 9 wie ſie ſich freuen würden daß ihr Kaiſer hier wie auf einem Höllenroſte liegt. — Sie thun Ihrem Volke unrecht, die Franzoſen lieben Sie. — Wie die Heerde den Hund liebt, der ſie treibt. Ich ſage Ihnen, Eugenie, dieſes Volk liebt nichts als den Ruhm, den Glanz die Ehre. Sie haben in der letzten Zeit wenig davon gehabt, ich muß die Schreier ſtumm machen, indem ich ſie mit Siegesnachrichten verblende. — So wollen Sie wirklich einen Krieg anfangen? Ich denke ſtark daxan. Noch ſind nicht alle Vorbereitun⸗ gen getroffen.. man müß Geduld haben. — Und wenn wir unterlägen. 2 Pah! wer denkt an ſo etwas? Haben wir nicht Chaſſepots und Mitrailleuſen? Meine Soldaten ſind die beſten unter der Sonne, ſie haben in Rußland und Italien geſiegt, und ſollten es nicht— o dieſe Schmerzen, dieſe Schmerzen! geben Sie mir die Tropfen, Eugenie. och, ich vergehe — de ge ei ſe 8— ätten eben nicht Hin⸗ Aber 2 venn nen toch muß llten rden Sie. ſage den on mit itun⸗ ſepot r der en es — —— 6 In dieſem Augenblir zeigte ſich der Kammerdiener an der xni Die Kaiſerin näherte ſich ihm und fragte, was es gäbe. — Die Frau Fürſtin Metternich läßt ſich melden, antwortete der Mann. — unmöglich, der Kaiſer iſt... beſchäftigt, fiel ihm Eu⸗ genie in's Wort. — Laß ſie kommen, rief Louis Napoleon dazwiſchen, ihr Ge⸗ ſchwätz wird mich zerſtreuen. — Bedenken Sie, wandte ſeine Gemahlin ein, daß ſelbſt die Fürſtin nicht wiſſen darf, daß Sie leidend ſind. — Ich weiß, ich weiß... Sagt man nicht, froh wie ein König? Man ſollte hinzufügen: elend wie ein Kaiſer! Nicht einmal ſtöhnen darf ich, wenn ich möchte. Und morgen kommt der Unmenſch, dieſer Nélaton, und zapft mir abermals das Waſ⸗ ſer aus dem Leibe. — Das wird Ihnen Linderung verſchaffen. — O, wenn Sie wüßten, wie er mich quält, keine Folter der Erde iſt ſchrecklicher... laß die Fürſtin kommen. Stecken Sie dieſe Medizin fort. Riecht es hier ſehr nach dieſen peſti⸗ lenzialiſchen Tropfen? Heffnen Sie die Thür da... die Frau iſt klug, ſie merkt zu viel.. Er richtete ſich mit unendlicher Mühe empor. Eugenie ſchob ihm einige Kiſſen unter den Rücken und ordnete das Tiſchchen vor ſeinem Sopha. Dann ſtrich er ſich mit der Hand über Haar und Geſicht, um beides zu glätten, drehte ſich den langen und verſuchte zu lächeln. Seine Gemahlin ſah ihn mit beſorgter Miene an. — Was wird aus mir und dem Knaben, wenn dieſer Mann ſtirbt, fragte ſie ſich, wie kazn ein ſchwaches Weib dieſes unruhige Volk in Zaum und Zügel halten, da es ein Napoleon ſelbſt nur durch Ruhm und Glanz zu befriedigen weiß? Die Fürſtin Metternich trat herein. Sie war die Freundin des kaiſerlichen Hauſes, wenn ein ſolches Haus eine Freundin haben kann. Zedenfalls befand ſie ſich oft bei Eugenie und ihrem Gatten und wußte durch ihr nie endendes ſtets heiteres Geplau⸗ der manche Falte von der Stirn dieſer ſo viel beneideten Sterb⸗ lichen zu verſcheuchen. Iſt Eure Majeſtät leidend? fragte ſie und zog verwundert die Augenbrauen in die Höhe, als ſie den Kaiſer auf dem Sopha liegen ſah, ich freute mich doch bei der Heerſchau ſo herzlich über Ihre ritterliche Haltung. — Napoleon lächelte. — Ich frage wie der ſterbende römiſche Kaiſer Auguſtus: Habe ich meine Rolle gut geſpielt? — Vortrefflich, wenn es eine Rolle war, rief die Fürſtin. Und wahrhaftig, ich glaube, die Welt iſt ein großes Theater, auf dem man faſt täglich neue Vorſtellungen giebt. Wohl denen, die das Recht haben, im erſten Rang zu ſitzen und Alles aus nächſter Nähe betrachten zu können. — Und wehe Denen, die ſelber die Helden ſolcher Vorſtellun⸗ gen abzugeben haben, meinte der Kaiſer mit Bitterkeit. Das kommt auf den Erfolg an, verſetzte die Fürſtin. — Wie auf die Kritik, warf Eugenie ein. — Was führt man zunächſt auf? fragte Napoleon. — Zunächſt kommt ein frommes Stück, lachte die Metternich. Der Schauplatz iſt Rom, die Darſtellenden ſind ehrwürdige Greiſe, einige Damen, welche ebenfalls mitwirken, bleiben vorſichtig hinter den Kouliſſen. — Ich hoffe, es wird kein Trauerſpiel, ſagte die Kaiſerin, die in kirchlichen Dingen äußerſt ſtreng dachte. — Eher eine Poſſe, verſetzte die übermüthige Fürſtin. Schon ziehen die Schauſpieler herbei und beſetzen die Bühne, ſie bringen reiche Geſchenke mit ſich, und die ſind zum Glück nicht von Pappe und gemalter Leinwand. Ehprme Schätze werden herbei geſchleppt, ein ſilberner Fiſch, deſſen Leib mit Goldſtücken gefüllt iſt, ein gol⸗ denes Kreuz, ganz mit Diamanten bedeckt, Perlen aus Indien, Diamanten aus Braſilien, Geld und Geldeswerth aus allen Orten der Welt man muß geſtehen, daß die frommen Leut⸗ chen ihr Entrée zu dieſem Feſte etwas theuer bezahlen. — Aber ſie ſchenen es dem Papſte aus chriſtlicher Liebe und Ergebenheit, bemerkte Eugenie. geſp ſe jet wel hen der Do will laſſ No we th⸗ ert ha er 6: auf die ter un⸗ ich jſe, ſig rin, — ——— ———————— — Natürlich, wie ſonſt, beſtätigte die Fürſtin mit etwas bos⸗ haftem Lächeln. Dafür hat Seine Heiligkeit die Bühne prächtig ſchmücken laſſen, man weiß nicht, ob Maler oder Tapezirer grö⸗ ßere Kunſtwerke geliefert haben. Daß man in ſolch' einem heiligen und herrlichen Raume ſein eigenes Wort nicht verſtehen kann, und das des Andern noch viel weniger, wird ſehr dazu beitragen, die Geſpräche der frommen Väter intereſſant und. friedlich zu machen. — Sie ſind boshaft, lachte der Kaiſer. — Nun denken Sie ſich alle dieſe. unverſtändlichen Reden, fuhr die Fürſtin luſtig fort. So ſteht ein ehrwürdiger Konzils⸗ vater auf dem Rednerſtuhl, er ſtreckt die Arme aus, er hebt ſie zum Himmel, er faltet ſie über der Bruſt man ſieht es mit geſpannter Aufmerkſamkeit, aber man verſteht kein Wort, dennoch ſt man erbaut, begeiſtert, und wenn es zur Abſtimmung kommt. ſo nickt man leiſe, leiſe ſein Ja. Die Fürſtin war aufgeſtanden, in der lebhafteſten Weiſe hatte ſie die Bewegungen des Redners, den ſie ſchilderte, dargeſtellt, ſetzt bewegte ſie den Kopf, wie Einer, der im Schlafen nickt. Der Kaiſer lachte, Eugenie, die den leichtfertigen Ton, in welchem ihre Freundin von dem römiſchen Konzil ſprach, faſt übel genommen hätte, war doch froh, daß ſich ihr Gatte erheitert fühlte, und die Fürſtin ſetzte ſich wieder. 6 — Auch ich habe gehört, ſagte Napoleon, daß die Reden der Prälaten in dem ſchlecht gebauten Saale unverſtändlich bleiben. Doch das iſt es nicht, worauf es ankommt. Der heilige Vater will in dieſer Kirchenverſammlung ſeine Unfehlbarkeit erklären laſſen, das iſt ſehr gefährlich für ihn, und ich halte es für einen großen Fehler. — Aber iſt er nicht der Steleler Chriſti auf Erden? warf Eugenie ein. — Gewiß iſt er es, beſtätigte ihr Gatte, doch giebt es viele Katholiken, die ſo denken, wie unſere Fürſtin, und dieſen wird es nicht recht einleuchten wollen, daß ein jeder Ausſpruch eines Mannes ſelbſt wenn er Papſt iſt unfehlbar ſein ſollte. D V. Doch ich höre Nelaton's Schritt auf dem Vorſaal und muß die Damen bitten, mich mit meinem ärztlichen Rathgeber allein zu laſſen. Auf Wiederſehen, liebe Fürſtin! 9. Kapitel. Vater und Sohn. Die Herzogin Iduna von Montalto ſtand neben ihrer Nichte, die ihre Blumen begoß. Der Schein der Sonne ſiel durch die rothſeidene Gardine auf das holde Geſicht des jungen Mädchens und umgab es mit einer Strahlenkrone. Sinnend ſchaute die mütterliche Freundin auf das blühende Mädchen, welches anmuthig in jeder Bewegung gleich einem leichten Schmetterlinge die hohen Topfgewächſe umflatterte, die auf einem eleganten terraſſen⸗ artigen Geſtell vor einem der hohen Fenſter ſtanden. Helene von Montalto war kaum ſechzehn Jahre alt. Wie alle jungen Fran⸗ zöſinnen aus wohlhabenden Familien war ſie ſeit ihrer frühen Kindheit im Kloſter erzogen worden und hatte von Allem, was einem Mädchen zu wiſſen gut iſt, eben nur das Allernothdürftigſte gelernt. Dagegen war ſie mit den frommen Schweſtern und der ganzen Schaar der Schülerinnen täglich dreimal zur Kirche ge⸗ gangen, hatte außerdem bei jeder Mahlzeit gebetet, und genoß dabei die Liebe aller ihrer Lehrerinnen und Geſpielen. Jetzt war ſie aus dieſem friedlichen, wenn auch ſonſt beſchränkten Aufenthalt in das Haus ihres Onkels s Herzogs von Montalto, geholt worden, um verheirathet zu werden. Es geſchieht dies immer ſo in Frankreich. In klöſterlicher Einſamkeit wachſen die jungen Mädchen auf, ſie ſehen nichts von der Welt, ſie gewinnen keine Kenntniß weder von menſchlichen Verhältniſſen noch von menſchlichen Charakterverſchiedenheiten, ſie werden inekeiner Beziehung praktiſch gemacht, und keine von ihnen iſt befähigt, im Leben eine ſelbſtändige Stellung einzunehmen. * uß die ein zu Niche hdie dhens te die nuthig e die raſſen⸗ 1e von ßran⸗ frühen was ftigſte d der be ge genoß tzt war alt in orden, ſerliher t von ſilichen ten, ſe nihnen — ehme — — Der Unterricht lehrt von Allem nur das Oberflächlichſte dagegen lernen ſie ein bißchen muſiziren, ein bißchen malen und ſehr gut tanzen, auch feine Handarbeiten läßt man ſie machen. Sind ſie nun alt genug, um dem Schulunterricht entwachſen zu ſein, ſo kehren ſie in das Haus ihrer Eltern zurück, und dieſe ſuchen ſich einen Schwiegerſohn, den das arme Mädchen oft erſt am Tage ihrer Verlobung zu ſehen bekommt. Doch das iſt gleich⸗ gültig, die Ehe macht ſie frei von allen Banden ſie kann alsdann je nach den Vermögensverhältniſſen ihres Gatten alle Vergnügun⸗ gen mitmachen, das Leben kennen lernen und ihre Kinder ebenſo fremden Leuten zur Erziehung geben, wie es mit ihr ſelbſt ge⸗ ſchehen iſt. Daß man auf dieſe Weiſe wohl leichtſinnige und vergnügungsſüchtige Weiber, aber keine Hausfrauen und Mütter erzieht, iſt klar, und darin liegt der Grund zu der Zerrüttung des Familienlebens in Frankreich. Als Helene aus der Penſion in das Haus ihres Onkels kam, wußte ſie, daß man ſie verheirathen würde, aber ſie freute ſich weniger darauf, als es die meiſten anderen Mädchen ihres Alters thun, denn ſie liebte ihre Tante und wünſchte nicht, ſich von ihr zu trennen. Als ſie mit dem Ordnen und Begießen ihrer Blumen fertig war, zog ſie die Herzogin auf einen Armſeſſel nieder, kniete ſelber auf dem Fußbänkchen vor ihr, legte beide Arme auf Iduna's Knie und ſagte: — Jetzt erzähle mir etwas, Tante! — Und was? — Ich weiß, Ihr wollt mich verheirathen, erzähle mir von meinem künftigen Gatten. Iſt er jung, hübſch, liebenswürdig. wird er mir gefallen, werde ich ihn lieben können? — Ich hoffe es. — Mit wem hat er Aehnlichteit ꝰ Mit dem Onkel? — Rein. — Das iſt mir lieb. Der Onkel wäre mir zu ernſt und zu launiſch. — Mit wem möchteſt Du wohl, daß er Aehnlichkeit hätte? — Seoll ich ehrlich ſein? —Slei es immer gegen mich! 5* — Run, mit meinem Zeichnenlehrer. — Mit Rafael Gambi? — Iſt er nicht — Wenn Du das bemerkt haſt, werde ich ihn abſchaffen. gewiß, Du ſollſt ihn nicht wiederſehen. — Aber ich ſehe ihn doch, denn er geht täglich bei uns vor⸗ über. Erſt vorhin, als ich die Blumen begoß, ſah ich ihn und lächelte zu ihm hinunter. — Du biſt ein leichtſinniges Kind, ſchäme Dich. Von ſei⸗ nem Lehrer ſoll man lernen, aber man ſoll ihn nicht lieben. Ja, liebe ich ihn denn? Ich finde ihn nur hübſch, und hübſch iſt er doch, nicht wahr, Tante, das kannſt Du ſelber nicht leugnen! Der Eintritt des Herzogs unterbrach dieſe Unterhaltung. Der Herzog von Montalto war ein Mann von etwa achtundvierzig bis funfzig Jahren, groß und ſtattlich gewachſen, mit feſtem Auftreten, dem man den Krieger anſah. Sein nicht unſchönes Geſicht war durch einen finſteren Zug um die ſehr dichten ſchwarzen Aügen⸗ rauen herum entſtellt, und außerdem durch einen tiefſchwarzen Bart, der im Schnitt dem des Kaiſer Napoleon glich, beſchattet Er trug Civilkleider und den Orden der Ehrenlegion im Knopf⸗ loch, denn ſeit dem italieniſchen Kriege war er in franzöſiſche Dienſte getreten.„Er küßte ſeiner Frau die Hand, klopfte Helenen mit dem Finger äuf die ſanft gerötheten Wangen und ſagte, daß er im Begriff ſei, ſich in den Staatsrath zu begeben, dem der Faiſer ſelber vorſitzen wollte. — Wann werden Sie Helenen verheirathen? fragte die Herzogin. — Hat es ſolche Eile? fragte ihr Gatte, lächelnd das junge Mädchen anſehend. 2 Gewiß hat es Eile, antwortete IJduna. Wer möchte ſich zur Hüterin eines Fräuleins hergeben, dem junge Herren Fenſter⸗ promenaden machen? — Ei ei, das iſt bös, meinte der Herzog mit Kopſſchütteln. Doch gedulden Sie ſich nur ein wenig, Iduna, Helenen's zukünf⸗ tiger Gatte befindet ſich zwar im Augenblick in Algier bei den —— Lur ſam Hel Dei Turko's, die er einzuexerciren hat, doch erwarten wir ihn mit ſammt ſeinem Regimente. Ich hoffe, er wird Dir gefallen, Helene. Er iſt jung, feurig, ein bißchen wild doch mag es Deine Sache ſein, ihn zu zähmen. Was giebt es? Dieſe letzte Frage war an den Bedienten gerichtet, welcher vor ſich ſoeben in der Thür zeigte. nund— Ein Mann, der ſich Franz Godard nennt, bittet, den Herrn Herzog ſprechen zu dürfen, war die Antwort. *— Ich will ihn nicht ſehen, rief ſein Gebieter, ungeduldig affen. n ſei⸗ n. nit dem Fuße ſtampfend. Habe ich mich noch nicht oft genug vor ihm verleugnen laſſen? nicht— Er iſt unverſchämt und will ſich dieſes Mal nicht ab⸗ weiſen laſſen, ſagte der Diener. dr werft ihn hinaus, den Taugenichts, braucht Eure ig bis äuſte, ſchafft mir das Subjekt vom Halſe! treten Der Bediente warf einen etwas ſcheuen Blick auf ſeinen t war Herrn, dann zog er ſich zurück. Gleich darauf vernahm man ügen⸗ von draußen einen heftigen Lärm. vaen— Die Eſel! rief der Herzog, ſie ſind ihrer neun und hattet werden nicht mit einem ſolchen Lümmel fertig. ſnopf⸗ Im nächſten Augenblick wurde die Thür ungeſtüm aufge⸗ öſiſche riſſen, und Franz Godard ſtolperte herein, gefolgt von den Be⸗ lenen dienten, von denen ſich Einer das Auge, Einer die Schulter daß oder die Hüfte rieb. m der— Hoho, Herr Herzog, rief Franz iſt das die Art, in der Sie Leute von ſich weiſen, die Ihnen Dienſte geleiſtet haben? e die Port, Ihr Hallunken, oder ich ſchlage auch Euch die Zähne ein, wie Eurem Kameraden, der draußen liegt und winſelt. Die Bedienten verſchwanden, der Herzog trat auf den ehe⸗ maligen Schloſſergeſellen zu. ſe ſch Wozu überlaufen Sie mich? fragte er und richtete ſich enſtr⸗ ſtolz und vornehm empor, um Franz Furcht einzuflößen. Habe . ich Ihnen nicht geſagt, daß ich nichts weiter mit Ihnen zu thun junge tul. aben will, und ſind Sie nicht abgelohnt worden für das, was lünf⸗ Sie gethan haben? der ſich i den— Schon gut, Herr Herzog, entgegnete Franz, 5 nicht ſo leicht einſchüchtern ließ, ich bin abgelohnt worden, das iſt richtig, aber das Geld iſt aufgezehrt, ich brauche neuen Verdienſt. — So ſuchen Sie ihn wo anders, aber nicht bei mir! rief der Herzog, mit dem Fuße ſtampfend. — Bei wem ſonſt, wenn nicht bei Ihnen? Ein Vater wird doch für ſeinen Sohn ſorgen? Oder möchten Sie lieber, daß ich mir Iſidor zum Beiſtand herbeirufe, um Ihnen meine demüthige Bitte vorzutragen? Der Herzog wandte ſich zu ſeiner Frau und winkte ihr zu, ſich zu entfernen, dieſe ergriff Helene bei der Hand und zog das zitternde Mädchen mit ſich fort. Montalto ſetzte ſich. — Ich will Ihnen ſagen, was meine Meinung iſt, ſagte er, mit Mühe ſeine Ruhe bewahrend. Sie geben ſich für meinen Sohn aus, und ich verachte Sie, wie den Staub unter meinen Füßen. Sie haben in dem preußiſch⸗öſterreichiſchen Kriege Spionen⸗ dienſte geleiſtet, waren danach damit beſchäftigt, als Polizeivigilant politiſche Verbrecher aufzuſtöbern, dieſe Anſtellung verdanken Sie mir. Sind Sie mein Sohn, ſo habe ich für Sie geſorgt, und will nichts mehr mit Ihnen zu thun haben. Das iſt Alles, was ich Ihnen zu ſagen habe. Ein Wort mehr von Ihrer Seite, und ich laſſe Sie arretiren, alſo fort mit Ihnen. — So ginge die Sache, verſetzte Franz mit unerſchütterlicher Ruhe, wenn es ſich eben blos ſo verhielte, wie Sie ſagen. Aber es ſteht anders. Ich habe die Nacht nicht vergeſſen, in welcher Iſidor, des Doktors Gehülfe, zu mir ſagte: da Franz, ſagte er, nimm das Kind.. — Schweig, Unglücklicher! unterbrach ihn der Herzog. — Nimm das Kind, ſagte er, fuhr Franz mit erhöhter Stimme fort und... — Schweig! ſind Dir fichtfhundert Franks genug. nein? nimm tauſend, aber ſchweig und laß Dich nie wieder bei mir ſehen. — Tauſend Franks ſind ein hübſches Sümmchen, aber wie lange halten ſie vor, wenn Liſette alle Tage ein neues Kleid verlangt? Geben Sie mir dreitauſend, Herr Herzog. fugk noch des wenn Frunz Brief mein verli in di auf blau ſoll hät Mer Neir meir ſein Su vii das ienſt. rief wird ich ige das nen nen en⸗ lant Sie und was eite, ter n mir wie iid —— — 71— — Verſprechen Sie, mich für immer unbehelligt zu laſſen? fragte der gequälte Mann. — Für dreitauſend Franks ſollen Sie weder mein Vater noch das Kind. — O, über die verfluchte Zunge, ſchnitt ihm der Herzog das Wort ab. Hier, nimm das Geld, geh... fürchte Alles, wenn ich Dich noch einmal auf meiner Schwelle erblicke. — Die Furcht iſt auf Ihrer Seite, Herr Herzog, lachte Franz und ſteckte die Scheine ein, die ſein Vater aus ſeiner Brieftaſche gezogen hatte. Aber beruhigen Sie ſich, Sie haben mein Stillſchweigen erkauft, und Franz Godard iſt kein Schurke. Damit ſetzte er die Mütze auf den Kopf, drehte ſich um und verließ den Herzog, indem er draußen den wüthenden Bedienten in die Zähne lachte. 3 Montalto blieb allein Seine feſt zuſammgeballte Fauſt war auf den Tiſch geſtützt, ſein Geſicht war todtenbleich, und ſeine blauen Lippen bebten. — Ich muß dieſen Menſchen aus der Welt ſchaffen, ſagte er, aber wie? Er iſt mein Sohn, das unterliegt keinem Zweifel, ſoll ich meinen Sohn tödten? Und dennoch er oder ich. hätte ich dem Iſidor vergeblich ſo viel geopfert? Es dürfen nicht zwei Menſchen um dieſes Geheimniß wiſſen es iſt zu furchtbar.. Rein, dieſer Franz Godard muß ſterben, und wenn er zehn Mal mein Sohn wäre. Als ſich der Herzog emporrichtete, war er nicht mehr bleich, ſein Geſicht hatte ein furchtbar feſtes und entſchloſſenes Ausſehen. — Er oder ich! murmelte er noch einmal, als er in den Staatsrath fuhr, dem er als Senator angehörte und in welchem wichtige militairiſche Angelegenheiten verhandelt werden ſollten ————— 10. Kapitel. Eine Entdeckung. Rom, die heilige Stadt, war voll von Fremden. Aus allen Theilen der Welt waren Prieſter zu der vnn dem Papſte Pius dem Neunten ausgeſchriebenen Kirchenverſammlung eingetroffen. hier ſah man Biſchöfe aus Mexico, dort ſeltſam gekleidete Ar⸗ enier; Dieſer kam aus Paraguay, Jener aus Jeruſalem. Sbirien und das Kafferland, Auſtralien und die vereinigten Staaten von Nord⸗Amerika— alle hatten ihre Abgeſandten zu dem Konzil geſchickt, und keiner war mit leeren Händen gekommen. Die päpſtlichen Schatzkammern füllten ſich mit wunderbaren Koſt⸗ barkeiten. Indiſche Teppiche und chineſiſche Lackwaaren, Perlen und reich geſtickte Meßgewänder, gemünztes Geld und Silber⸗ barren, Juwelen und Kunſtwerke, Alles hatte man herbei ge⸗ ſchleppt, um das Haupt der Chriſtenheit zu ehren und zu erfreuen, es waren die Schätze des Morgen⸗ und Abendlandes, die ſich im Vatikan aufſpeicherten, und dieſer herrliche päpſtliche Wohnſitz ſchien faſt zu klein, um alle Geſchenke in ſich aufzunehmen. Nichts konnte ſeltſamer, nichts intereſfauter ſein, als ein Spaziergang durch die Straßen Rom's. Sah man hier die tief gebräunten Geſichter der Südländer, ſo leuchteten daneben die hellen und fein geſchnittenen der engliſchen Prälaten, waren Ei⸗ nige da, denen der Papſt Taſchentücher überſandte, ohne daß ſie wußten, wie ſie dieſelben anzuwenden hatten, ſo fand man Andere, die nur an königlichen Tiſchen zu ſpelfen gewohnt waren. Die ſcharlachrothen und violetten Roben wechſelten mit dem ſchnee⸗ weißen Talar, ſchwarze, braune und graue Kutten drängten ſich dazwiſchen. Bediente, die in den verſchiedekartigſten Livreen der Welt gekleidet waren, lungerten vor den Thüren ihrer Herren, und es ſchien ein neuer Babelthurm erſtehen zu ſollen ſo ver⸗ * ſchi ſo ihre brei ſich Gef ſon pip nit unt Fri den Auc Un „ N hi im wa Ni Re Ulen ffen. Ar⸗ lem gien zu men. toſt⸗ rlen ber⸗ g urn, im nſi ein tief die Ei⸗ ſie ere. ner⸗ ſih der en ₰ S S —— 3 ſchieden lauteten die Sprachen der fremden geiſtlichen Herren. Hätte es jedoch dem bunten Bilde an Abwechſelung gefehlt, ſo hätten ſicher die franzöſiſchen Soldaten ſie gegeben, die mit ihren rothen oder blauen Hoſen, mit ihren kurzen Jacken und breiten Schärpen in ewiger Beweglichkeit, bald trunken, bald Streit ſuchend, immer aber allen Uebrigen zut Laſt, einherzogen. Dieſes Geſindel diente nicht dazu, die Ordnung aufrecht zu erhalten, ſondern ſie zu ſtören. Ueberall, wo ſie ſich zeigten, fingen die päpſtlichen Zuaven Zank an und ſtanden ſich vorzüglich ſchlecht mit den aus anderen Ländern geworbenen römiſchen Truppen, unter denen freilich auch nur die Wenigſten dem Zuge wahrer Frömmigkeit folgten, als ſie nach der heiligen Stadt gingen, um dem Papſte ihre Dienſte zu widmen. Der Kardinal Undentino ſaß gedankenvoll in ſeinem Zimmer. Er war viel älter geworden, ſeitdem er vor mehr als zwölf Jahren ſeine Nichte nach Paris begleitet hatte, weil es ihm ſicherer ſchien, ihr Kind in einem fremden Lande zu tödten, während er ſich in dem eigenen von hundert Spionen umgeben wußte. Dieſe That hatte ihm wenig Segen gebracht. Er hatte auf Anrathen des Pater Venturo gehandelt. Die⸗ ſer ſchlaue Jeſuit befand ſich jetzt in dem Beſitz eines Geheim⸗ niſſes, welches den Kardinal verderben konnte, und dieſer wußte, daß der⸗Mann mit dem Todtenkopfe unerbittlich ſein würde, wenn es in ſeinem Vortheile lag, Antonio Undentino zu verderben. Er war der Sklave dieſes Paters geworden. Sein ſtolzer Nacken beugte ſich vor dem dürftigen, häßlichen Menſchen, deſſen pfiffige Augen alle ſeine geheimſten Gedanken zu leſen ſchienen Dieſe Unfreiheit erſchien ihm bisweilen unerträglich. Er ſuchte nach der Möglichkeit, ſie von ſich zu ſchütteln, und fand ſie nicht, er hätte verzweifeln mögen, und der Pater weidete ſich an ſeinem inneren ohnmächtigen Grimm. Als Gabriele vergeblich in dem Thurmgemache aufſuchte, war ſeine Wuth entſetzlich geweſen. Sie traf zuerſt Johanna. Er ſchleppte das unglückliche Weib da hinauf, wo ſie ſeine Nichte eingeſchloſſen hatte, er zeigte ihr ſchäumend vor Wuth die Reſte von Kuchen und die ausgeleerte Weinflaſche und fragte ſie — 4 was ſie gethan habe, um Gabriele zu ſtrafen und zu bewachen. Vergeblich berief ſich die zitternde Frau darauf, daß der Pater Venturo von ihr verlangt habe, mit Gabriele allein gelaſſen zu werden, und daß er wieder abgereiſt ſei, ohne ſie, Johannen, zu ſeben, daß alſo Niemand um den Verbleib der Fürſtin wiſſen könne, als Venturo. Indentino's Zorn beſänftigte ſich nicht bei dieſen geſtammelten Entſchuldigungen. Er bedurfte eines Gegenſtandes, um ſeinen Zorn daran auszulaſſen, und er hatte keinen andern, als Jo⸗ hanna. Zähneknirſchend ſtieß er ſie in die Thurmzelle hinein, legte ſelbſt den Riegel vor, verſchloß ihn, und ſteckte den Schlüſſel zu ſich. Seit dieſer Zeit war die Unglückſelige eine Gefangene. Der Gärtner brachte ihr ſpärliche Speiſe, die er durch eine Ritze der Thür ſchob. Er wagte es nicht, ſie zu befreien, ſo ſehr ſie ihn darum bat, er fürchtete den Kardinal, der doch nicht in das Fel⸗ ſenſchloß zurückkehrte und niemals nach Johanna fragte. In ſeiner Ueberzeugung ſtand es feſt: Der Pater Venturo hatte Gabriele entführt, um ihn, den Onkel, zu verderben. Zwar leugnete Venturo mit Nachdruck, Etwas von dem Verſchwinden der Fürſtin zu wiſſen, wo aber ſollte ſie geblieben ſein, da alle Thore des Schloſſes feſt verſchloſſen waren und aus dem im hohen Thurm gelegenen Fenſter an kein Entkommen zu denken war? Wozu hatte er nun ſein Gewiſſen mit dem Morde des Fürſten Alphons Donato, mit dem Morde ſeines unſchuldigen Findes belaſtet? Er hatte Gabrielen's Vermögen bis zu ihrer Großjährigkeit verwaltet, dann, als er bekennen mußte, daß er nitts von ſeiner Nichte wiſſe, und daß ſie entweder in ein Kloſter gegangen ſei, in welchem ſie in tiefſter Zurückgezogenheit lebe, oder bereits hingeſchieden wäre da ſah er ſich genöthigt, das ungeheuere Vermögen den Gerichten zu übergeben, die es verwahrten, bis Gabriele ſich wieder fand. Fünfzehn Jahre nach ihrem räthſelhaften Verſchwinden mußte ſie für todt erklärt werden. Dann trat das zweite Teſtament der Brüder Franzesko und Emanuel Undentino in Kraft, nach welchem die ſämmtlichen Verwandten der Undentino's und Gra⸗ ziare's als Erben eintraten, und dies ſollte auch dann der Fall ſein nach über hate befar ſo m Nite lm ſo ge gant füzt eine die Auge Auge S zum bedr det zu ſi Jſu ßie ent ⸗ ſein wenn Gabriele zwar noch lebte und ihre Anſprüche geltend machte, aber nicht den Ring beſaß, den ihr ihre ſterbende Mutter überſandt hatte. Die Zeit war faſt verſtrichen. Im März des Jahres 1856 hatte der Kardinal ſeine Nichte zum letzten Male geſehen. Jetzt befand man ſich im Jaher 1870. Blieb die Fürſtin verſchwunden, ſo war er als der nächſte Verwandte der Verſtorbenen einer der Miterben, aber das Vermögen zerfiel in dreizehn Theile, und kam dann auf jeden Einzelnen auch noch eine bedeutende Summe, ſo genügke ſie doch lange nicht den Hoffnungen des Kardinals, deſſen ganzes Streben dahin ging, Alles zu beſitzen. Das dachte er, indem er ſorgenvoll ſein Haupt in die Hand ſtützte. Da fühlte er eine Berührung ſeiner Schulter. — Sie ſind in ſo tiefen Gedanken, lieber Freund, redete eine ſanfte Stimme ihn an, betrüben Sie ſich nicht allzu ſehr um die Kämpfe, die unſere heilige Mutter, die Kirche, in dieſem Augenblicke durchzumachen hat. Der Kardinak blickte empor, ſeine dunklen und unſtäten Augen ſahen in das milde und ehrfurchtgebietende Geſicht jenes Erzbiſchofs, den Venturo in Paris beſucht hatte, und der auch zum Konzil nach Rom gekommen war. Ja, ſagte er ſeufzend, es ſind ſchwere Sorgen, die mich bedrücken. — Fürchten Sie Gefahren für den heiligen Vater? fragte der Erzbiſchof, und nahm eine Miene des Erſtguneng — Ich fürchte, antwortete der Kardi zu ſeinem Freunde, um flüſtern zu können 2 Jeſuiten. — Sie ſind nicht mehr ſo fürchterlich, wie ſie es ſonſt wa die Welt iſt vorgeſchritten. — Sie werden immerdar das böſe Prinzip bleiben. Glauben Sie es mir, mein Freund, dieſe Menſchen ſind ſchlimmer, als Sie denken. Ich wage ein höchſt gefährliches Wort, ich weiß es, den⸗ noch muß ich es ſagen, denn es drückt mir das Herz ab, die Ze⸗ ſuiten untergraben unſere Kirche, ugſeren heiligen katholiſchen Glauben. Er ſtand auf und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Der Erzbiſchof betrachtete ihn mit verwundertem Lächeln. So er⸗ regt hatte er den Kardinal noch nie geſehen. Aber er freute ſich. Der Pater Venturo mußte das erfahren. O, gewiß, dieſer Unden⸗ tino beſtieg dann niemals den päpſtlichen Stuhl! Noch ergötzte er ſich an dieſem Gedanken, als der Vorhang der Thür leiſe aufgeſchlagen wurde und das todtenkopfähnliche Geſicht des Jeſuiten grinſend hereinblickte. — Ich ſtöre doch nicht? fragte er. — Wie ſollten Sie das? rief der Kardinal, und ſuchte ver⸗ geblich heiter auszuſehen. Treten Sie herein. Wollen Sir Cigar⸗ ren, Wein, Obſt? — Ich danke für Alles, außer für ein Glas von jenem Feuertrank, der am Fuße des Veſuv wächſt. Sonderbar! dieſer Wein belebt mich ſtets aufs Neue, er erregt meine Fantaſie, er macht mich erfinderiſch. — In Teufeleien! dachte der Kardinal, indem er klingelte — Und heute bedarf ich der göttlichen Eingebung aus dieſem Wein beſonders, denn ich habe Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen, bei welcher unſer Freund hier nicht zum Ueberfluſſe iſt. — Was giebt es? fragte Undentino und lehnte ſich gegen den Kamin, denn er war öu unruhig, um ſtill ſitzen zu können. — Die Fürſtin Donato hat ſich wiedergefunden! grinſte Venturo Gabriele! ſtammelte Antonio und mußte ſich un den glten, um nicht zu ſchwanken. iſſen, wandte ſich der Zeſuit an den Erz⸗ riele Undentino in der Kirche zum heiligen Kreus Fürſten Alphons Donato getraut wurde. Einige Tage f brannte das Küſterhaus ab, mit ihm wurden die Kirchen⸗ ücher zu Aſche, in welchen dieſe Ehe verzeichnet war, ſie blieb alſo vor der Welt ungültig, ſobald ſich Jemand fand, der ſie anzweifeln wollte. Der Fürſt wurde in den Abrusben getödtet, und die Leute, die ihn ermordeten, warfen ſeine Leiche in einen der Abgründe, die mit Schneewaſſer gefüllt und unermeßlich tief ſind. Es war dies ein großes Hehler denn ſeiner Leiche hätte es bedurft, um feſtzuſetzen daß man von ihm weiter nichs zu be⸗ Li nit an 28 2— ab. ich. en⸗ ang liche vel⸗ igar⸗ enem eſer gelte ieſem eilung gigen nnen. nturo den n Et⸗ Krer e Tah girchen⸗ der ſt govet n einen ſib bel hite e⸗ 6 fürchten hat. Das Kind der Fürſtin kam todt zur Welt, ſie ſelber war in faſt räthſelhafter Weiſe verſchwunden, bis ich heute von einem Franzoſen, Namens Franz Godard, die Mittheilung empfange. daß ſie lebt. — Doch wie und wo? fragte der Kardinal mit zitternden Lippen. — Sie lebt o daß ich ſo dumm ſein mußte, daran nicht zu denken ſie lebt in den dunklen Hauſe zu Paris, antwortete der Pater. — In dem Hauſe unſerer Familie... und Daniel nahm ſie auf? fragte Undentino, den Kopf ſchüttelnd. — Das iſt freilich wunderbar, nickte Venturo. Die Familie dieſes Daniel lebt ſchon ſeit Jahrhunderten in dieſem Hauſe. Er iſt der Letzte ſeines Stammes, mit ihm ſtirbt dieſes ſelten gewor⸗ dene Geſchlecht der Hausthiere aus. Von jeher kannten ſie nichts Höheres, als die Anhänglichkeit an die Familie, der ſie dienten. Einem Undentino wäre ein Daniel um keinen Preis der Welt ungehorſam geworden. Aber da ſieht man, wie die Welt ſich verſchlechtert. Schon ſeit dem Tode Ihrer Brüder, Monſignore Antonio, hatten Sie ihm befohlen: Du läßt Niemand in dieſes Haus, als mich, und wen ich mit mir bringe. Und ſo feſt ver⸗ ließen wir uns auf dieſes Menſchen Gehorſam, daß wir Gabrielen überall eher geſucht hätten, als bei ihm. — Das iſt wahr, beſtätigte der Kardinal. — Nun iſt das Geheimniß entdeckt, fuhr der Jeſuit fort. Franz Godard hat eine Mutter, die mit Obſt handelt, ſie hat ihren Stand an der Straßenecke, ihr fiel das bleiche Geſicht einer beſtändig ſchwarzgekleideten Dame auf, die öfters bei ihr kaufte. Einſt machte ſie ihren Sohn auf ſie aufmerkſam, er folgte ihr und ſah, daß ſie durch die Hinterthür in das dunkle Haus ſchlich. deſſen Fenſter des Abends ſo feſt verſchloſſen werden, daß Nie⸗ mand einen Lichtſtrahl bemerkt. — Franz Godard.fiel der Erzbiſchof ein. Mir däucht, daß ich dieſen Mann kenne. — Ganz recht erwiederte Venturo. Dieſer Menſch iſt einer der Miterben des Undentino'ſchen Vermögens. Ich ſelber habe Ihnen ſeinen Namen genannt. Er iſt der natürliche Sohn des Herzogs Montalto und eines Mädchens aus dem Volke, welches vor fünf und zwanzig Jahren weniger runzelig und gelb geweſen ſein mag, als ſie es jetzt ift. — Indeſſen geſtaltet ſich die Erbſchaftsangelegenheit anders, ſeitdem ſich die Fürſtin Donato wiedergefunden hat, bemerkte der Erzbiſchof. — Kaum! grinſte der Pater. Es iſt nur noch eine Perſon mehr auf die Seite zu bringen. — Was verſtehen Sie darunter? fragte der Erzbiſchof. — Fragen Sie Franz Godard, lächelte Venturo. Irre ich mich nicht, ſo hat er das Geſchäft jetzt bereits beſorgt, indeſſen ihn ſelber die Polizei unſchädlich macht. — Und die Montalto's? forſchte der Erzbiſchof weiter. — Der Herr Herzog hat etwas toll gewirthſchaftet, verſetzte der Jeſuit. Mit ſeinen Finanzen ſteht es ſchlecht, er denkt ihnen aufzuhelfen, indem er ſeine Richte an einen reichen Wüſtling ver⸗ heirathet, doch verrechnet er ſich, denn der Graf Hektor Bellegarde iſt längſt ſchon eine Beute der Wucherer geworden, die ihn nur ſchonen, damit er ihnen durch eine reiche Verbindung zu ihren Auslagen verhilft. Sie ſehen, dieſe beiden vornehmen Herren ſtehen an dem Abgrund des Verderbens. Alle beide werden ſich nur durch den Krieg zu helſen wiſſen und den werden ſie finden, in Europa oder in Algier gegen die aufſtändiſchen Kabylen, aber auch die Kugeln, die ſie... beiſeite ſchaffen. — Und die Frauen, und die Kinder? rief der Erzbiſchof. — Ueberlaſſe ich Ihnen, rief der Pater. Sind Sie nicht der geiſtliche Rathgeber aller vornehmen Damen in Paris? An Ihnen wird es ſein, die Seelen dieſer Frauen der Verzweiflung, die beiden unzertrennlichen Knaben dem Jeſuitenkollegium zu überlie⸗ fern. Sie werden damit anfangen, ſobald Sie nach Paris zurückkehren. — Bleiben noch die Grafen Iſſelhorſt, ſagte der Erzbiſchof, indem er ſich zuſtimmend verneigte, — Wer fürchtet dieſe dummel Deutſchen? fragte der Jeſuit. Schon hat ſich der älteſte der Söhne verdächtig gemacht, indem er ein bißchen zu laut nach Freiheit ſchrie. Dem zweiten wird des ches eſen ers, der rſon e ich eſſen ſetze nen orde nut ihren rren ſich den, aber nicht An unh erlie⸗ hren ſch ſ uit. dem —— 5 man auf der Univerſität ein Duell an den Hals hetzen, und der Dritte iſt faſt noch ein Kind. Auch haben wir Zeit. Es ſoll nichts übereilt werden, wenn wir nur durchſetzen, daß in ſpäte⸗ ſtens einem Jahr der Kardinal Antonio Undentino alleiniger Erbe der Güter ſeiner leider zu früh verſtorbenen Richte geworden iſt. 11. Kapitel. Ein Mord. Es war Nacht, die Pariſer große Oper war ſoeben zu Ende, und zahlloſe Wagen fuhren vor das Portal, nahmen geputzte Damen, mit Orden geſchmückte Herren auf und raſſelten durch die noch immer belebten Straßen. Alle Kaffehäuſer ſtanden offen. Wer noch nicht Luſt hatte, das Lager zu ſuchen, fand hier die neueſten Zei⸗ tungen, vortreffliche Billards und die beſte Gelegenheit, ſein Geld am grünen Tiſche zu verlieren. Die flinken Kellner liefen hin und her, die Gäſte kamen und gingen wie am Tage, ſcherzten und lachten oder ſprachen von Politik, denn immer befand ſich die Hauptſtadt Frankreichs in Aufregung, niemals genoß ſie der tiefen Ruhe, die in Deutſchland die erſte Bürgerpflicht genannt wird. Rochefort, der Mann des Volkes, hatte in ſeiner Laterne den Leuten ein Licht über die Schandthaten Napoleons aufgeſteckt, Gambetta, einer der Hauptführer der äußerſten Linken, unterſtützte ihn im Schimpfen auf die gegenwärtige Regierung. Mit Mühe ſuchte der alte Thiers, der ehemalige Miniſter Louis Philipp's, Ruhe in die erregten Gemüther zu bringen. Der Kaiſer hatte es kühn gewagt, darüber abſtimmen zu laſſen, ob man mit ſeiner Re⸗ gierungsweiſe zufrieden ſei oder nicht. Die Probe fiel günſtiger für ihn aus, gls man anfangs gedacht hatte, wenngleich ſelbſt viele Soldaten ihre Zettel mit Rein beſchrieben. Durch dieſe WVolksabſtimmung hatte Napoleon, ſo glaubte er ſelbſt und ſo glaubten ſeine Anhänger, ſeinen Thron für ewige Zeiten befeſtigt. Zum zweiten Male hatte er die Stimme des Volkes für ſich angerufen, zum zweiten Male war ſie ihm günſtig geweſen, und die un⸗ zufriedene Minderheit verſchwand unter der Unmaſſe der Men⸗ ſchen, die ihm zujubelten und ſich mit ſeinen Geſetzen und Maß⸗ regeln einverſtanden erklärten. Dies war der größte und ſchönſte Triumph geweſen, den der Kaiſer der Franzoſen zu feiern ver⸗ mochte. Was kümmerte ihn nun das Geſchrei eines Rochefort und der übrigen Zeitungsſchreiber? Er konnte darauf rechnen, daß im Falle der Noth der größte Theil der Nation für ihn aufſtand. Daß zu dieſem ihm treu gebliebenen Theil zunächſt alle diejenigen gehörten, denen er Aemter und Würden gegeben hatte, vergaß er freilich. Es waren ferner die Geldmenſchen, die ein Fallen der Papiere fürchteten, wenn eine andere Regierung an's Ruder kam, es waren die Bauern und Arbeiter, die in Frankreich auf einer viel niedrigeren Stufe der Bildung ſtehen als unſere durch Schulen und Vereine gebildeten Handwerker und unſere Landleute, die ſchon im Militairdienſte eine nicht zu unterſchätzende Schule der Bildung durchmachen. In dem Vollgefühle ſeiner Macht konnte ſich Louis Napoleon brüſten, als er von der großen Oper nach Hauſe fuhr und ein: Es lebe der Kaiſer! nach dem andern ſeinem Wagen nachtönte. Lärmte und tobte es noch lange auf den Boulevards und in den Hauptſtraßen von Paris, ſo war es in den Seitengaſſen und abgelegenen Theilen um ſo ſtiller. Dort, wo das dunkle Haus ſtand, vernahm man das Geräuſch der rollenden Wagen nur noch von Weitem. In Paris werden die Theater vetwa um Mitternacht geſchloſſen, die Hauptſtadt Frankreichs ſchläft nicht, denn ſchon am frühen Morgen kommen die Marktlemte und Waſſerverkäufer herein und bieten ihre Waaren ſchreiend und är⸗ mend aus. Ruhe findet ſich eben nur in jener kurzen Zeit von Mitternacht bis zum Grauen des Morgens, und auch dieſe Ruhe ſchien der Mann nicht zu ſuchen, der ſich um das dunkle Hus herumſchlich, zu den Fenſtern hinaufſah und an der Gartenpforrte klopfte. Es war bereits die dritte Nacht, daß er da ſtand. In der erſten hatte er kleine Steine gegen die Fenſterläden geworfidn, dor du wo tra hrj — 81 doch hatte ihm Niemand geantwortet, und Alles blieb ſtill in dem dunklen Hauſe. In der zweiten Nacht ſchellte er an der Thür. Aber der alte Diener war taub uud hörte ihn nicht. Dieſes Mal wollte er es anders verſuchen. Er kletterte über den Gartenzaun, trat dicht unter die Fenſter und rief hinauf: Gabriele komm, ich bringe Dir Nachricht von Deinem Kinde. Dieſe Worte wirkten gleich einem Zauberſpruch. Ein Fen⸗ ſterflügel öffnete ſich, eine Frauenſtimme flüſterte hinaus: Ich komme, ich komme ſogleich! — Dachte ich es doch, murmelte der Mann. Es iſt mir nicht umſonſt geſagt worden, daß ſie um ihren Gatten und um ihr Kind trauert. Sie kommt, ich wußte es, daß man damit ein Weib aus ihrem tiefſten Verſteck hervorlockt. Nun ich hoffe, die Sache macht ſich nun ſchnell ab. Schon habe ich allerlei Dienſte in meinem Leben verrichten müſſen, aber ein ſolcher Auftrag iſt mir neu, und ohne Noth hätte ich ihn nicht unternommen. Son⸗ derbar, wieviel Geld man braucht, wenn man ſich erſt daran ge⸗ wöhnt hat, welches auszugeben. Als Schloſſergeſelle lebte ich ganz gut mit einigen Franks, jetzt geht es in die Hunderte, ja Tauſende. Meinem herzoglichen Vater iſt nichts mehr abzuknei⸗ fen, ich muß es mir ſauer genug verdienen. Ah, da kommt ſie. Wenn es nur ſchnell geht! Es iſt ſonderbar, dieſe Art von Arbeit widert mich an! Eine weiße Geſtalt huſchte auf ihn zu. — Wer ſind Sie, fragte Gabriele, denn dieſe war es, und welche NRachrichten bringen Sie mir? — Kommen Sie dicht zu mir heran, ich muß leiſe ſprechen, flüſterte er. Sie näherte ſich ihm, ſie ahnte nicht, daß es ein Mörder war, mit dem ſie ſich in dunkler Nacht allein in dem einſamen Garten befand. Das unglückſelige Weib dachte allein an Nachrichten von ihrem Sohne. Die Hoffnung, das geliebte Feind wieder zuſehen, hatte ſie noch nicht einen Augenblick verlaſſen, ſie lebte jetzt auch in ihrer Bruſt, als ſie dem Fremden in den Weingang folgte, der ſich dicht an der Mauer hinzog. D. V. 6 — O reden Sie, reden Sie! baten ihre zitternben Lippen. — Rede dieſer hier für mich! rief er aus, und in demſelben Momente ſah Gabriele eine helle Waffe in ſeiner Rechten blinken. — Gott! Mörder! Hilfe, Hilfe! ſchrie ſie und wandte ſich zur Flucht. Er Folgte ihr wie ein Blitzſtrahl. — Hilfe, Hilfe! ſchrie das dem Tode geweihte Weib. Zu Hilfe. Daniel, zu Hilfe! Sie lief, wie Wolken vor dem Winde hintreiben. Er folgte ihr durch die dunklen Gänge... Schlief Daniel, wollte ex auch jetzt noch die Rolle des Tauben ſpielen? Es kam ihr keine Hilfe, kein Beiſtand. Sie lief zum Hauſe.. die Thür war in das Schloß gefallen. Sie ſtürzte in den Garten zurück. da ſtand ihr Mörder mit gezücktem Dolche. ſie wußte keine Rettung vom Verderben... ihr war es, als ſeien tauſend blitzende Flingen auf ſie gerichtet, ihr Athem ſtockte, Nacht legte ſich über ihre Augen, dennoch lief ſie, lief in Todesangſt, ohne Hoffnung des Entrinnens, die Hände gerungen, die Haare aufgelöſt, das leichte Kleid im Winde flatternd und er ihr nach, über Beebe und Blumenſträuche, jetzt hörte ſie ſeinen Athem, ſein furchtbares Fluchen, jetzt faßte er ſie bei den Haaren, jetzt riß er ihren Kopf zurück, es blitzte dicht vor ihren Augen, ſie taumekte. ſie ſank nach rückwärts... die Sinne vergingen ihr.. — Schurke, Jichtswürdiger Schurke, mordeſt Du ein hilf⸗ loſes Weib? rief es da. Die Hand war rieſenſtark, welche die des Mörders gepackt hielt, der Griff war furchtbar, der ſeine Kehle zuſammenſchnürte. Der Dolch ſank zur Erde, die Spitze bohrte ſich in den weichen Boden hinein. Godard ſtürzte neben ihm nieder. — Warte, Schuft! Du ſollſt Deiner Strafe nicht entgehen! Ah, da kommt Licht. Hierher, Mann, kennt Ihr dies Weib, dieſen Burſchen? Der es fragte, war ein jugendlich ſchöner Mann, frei wallte ſein braunes Haar von der hohen Stirn herab, ſein Auge blitzte in edlem Feuer, ſein Fuß trat feſt auf die Bruſt des am Boden liegenden Mörders. re di hen ken. ſich lgt auch ilfe das and tung end über ung das über ſtin iß er elte hil⸗ epat ürte. den er. gihen dieſen wolli bltte Bodes ——— — 83— Daniel näherte ſich mit der Laterne. Treu ſeiner Rolle hob er Gabrielen auf, ohne auf die Worte ihres Retters zu achten. Ihr Kopf ſank an ſeine Bruſt lebte ſie noch, war ſie das Opfer eines Schandbuben geworden? Sie athmete, ſie kannte ihn wieder, ängſtlich klammerte ſie ihre Arme um ſeinen Hals. — Daniel, bat fie, ich bin Dir ungehorſam geweſen, aber rette, rette mich! Eine ſtumme Thräne rann aus ſeinen Augen, indeſſen er die Letzte aus dem Stamm der Undentino's an ſein Herz drückte. — Die Dame lebt, ſagte der junge Mann. Was aber be⸗ ginnen wir mit dieſem Schurken? Daniel zog einen Strick aus der Taſche und warf ihn ihm zu. Dann hob er Gabriele vollends auf und führte ſie zu einer Ruhebank. Der Jüngling band dem ſich furchtbar ſträubenden Franz Godard die Hände auf dem Rücken zuſammen, dann zog er ihn empor. — Schließen Sie die Thür auf, alter Mann, ſagte er. Ich ſprang über die Mauer, als ich Hilfe rufen hörte, jetzt möchte ich einen bequemeren Weg haben. Gabriele erhob ſich und ſtreckte die Arme nach ihm aus. — Keinen Dank, gnädige Frau, bat der Jüngling. Ich that, was ich als Mann von Ehre zu thun ſchuldig war. Ich frage nicht, weswegen dieſer Kerl Sie verfolgte, ich weiß nur, daß es meine Pflicht iſt, den feigen Mörder den Gerichten zu übergeben! Leben Sie wohl! Er ging nach der Pforte zu. Daniel ſchloß ihm auf und ließ ihn und Franz Godard hinaus. Dann kehrte er zu Gabriele zurück, um ſie in das Haus zurück zu begleiten. — Was war das, Daniel? flüſterte ſie. — Ich weiß es nicht, verſetzte er, ich ahne nicht, wer Ihre Anweſenheit in dieſem Hauſe entdeckt und verrathen haben kann, ich weiß das Eine nur, daß Sie hier nicht mehr ſicher ſind, und daß Sie Paris noch vor Anbruch des Tages verlaſſen müſſen. Der Jüngling hatte ſeine Beute hinausgeführt. Rieſen⸗ kraft hielt er Franz bei den gefeſſelten Händen feſt und ſchob ihn ſch vor ſich her. Franz zitterte. Sollte er als Mörder vor die e Geſchworenen kommen? Dieſer Gedanke erfüllte ihn mit Entſetzen, ihn ſchauderte vor den Galeeren, die in Frankreich zur Aufbewahrung hi ſchwerer Verbrecher dienen. Scheu ſah er ſich nach rechts uñd ſe nach links um, ob er nicht irgend ein Mittel zur Flucht entdecken könnte. Es fand ſich nichts. Es war grade die Zeit, wo alles vo ſtill zu ſein pflegt in Paris. Schwerfällig taumelten ein paar ni Betrunkene durch die Straße, doch von Weitem vornahm er den uu feſten Tritt der Nachtpatrouille. Er wußte es, dieſer würde ſein Bezwinger ihn übergeben. r Er ſah den Polizeigewahrſam vor ſich, ſah ſich eingeſchloſſen in einen Haufen gemeiner Verbrecher, Diebe, liederlicher u Mädchen... Franz, Franz! iſt es ſo weit mit Dir gekommen? m Wärſt Du doch ein ehrlicher Schloſſergeſelle geblieben! de Er kam an der Ecke vorüber, an welcher ſeine Mutter Obſt zu verkaufen pflegte, dieſe Mutter, um die er ſich wenig genug„ bekümmerte. Wozu auch? Was hatte ſie für ihn gethan, als daß ſie ihm das Leben gab, weil ein luſtiger Kavolier ihr ſeite volle Börſe in den Schoos warf? Dennoch ſchluchste er auf, als 6 er die Stelle ſah, an der ſie Tag aus, Tag ein ihre Aepfel feilbot. L Er dachte an Liſette und an das liederliche Leben, welches er n mit ihr geführt hatte, und daß ſie morgen ſchon mit einem andern u Freunde zum Tanze gehen würde.. o, es war Alles gleich, Alles ſcheußlich, widerwärtig und ekelhaft was lag ihm an k dieſem Hundeleben... heute im Ueberfluß... morgen Mörder aus Noth, nm Liſetten ſeidenen Plunder kaufen zu können, g Liſetten, die ihn, er wußte es, betrog... Aber ſo wollte er nicht enden, nicht mit der Kette um den Hals an die Bank ge⸗ ſchmiedet rudern, nicht Tag für Tag und Nacht für Nacht das einförmige Klopfen der Wellen an die Schiffswand hören, nein, nicht auf die Galeere, lieber todt, zehnmal todt... Ihm ſchien es, als ließe die Kraft etwas nach, die ſeine Hände ge⸗ packt hielt. Eben begegneten ihnen drei, vier Milchwagen, die vom Lande herein kamen. Mit einem Ruck riß er ſich los und. ſprang davon. Sein Verfolger hinter ihm her. ihn die ihn ung uñb cen lles aar den 85 — Faßt ihn, haltet ihn! rief er und faßt ihn, haltet ihn: ſchrie auch Franz, als ſuche er einen Verbrecher, wie er ſelber einer war. Die Leute legten ſich in's Mittel. — Wen ſucht Ihr, nach wem lauft Ihr! fragten ſie und hielten den Jüngling auf. Der ſah bald ein, daß es vergeblich ſein würde, den Füchtigen zu verfolgen. — Ei, laßt ihn laufen! rief er und ſchüttelte ſich die Haare von der ſchönen Stirn zurück, es iſt ein Schurke, der dem Galgen nicht entrinnen wird, iſt es meine Sache, ihn etwas früher hin⸗ aufzubringen? Er kehrte den Leuten den Rücken, die ihn ſo neugierig um⸗ ringt hielten, und ging davon. — Dies Paris iſt ein Sündenneſt, ſagte er zu ſich. Bei uns in dem lieben Deutſchland iſt es auch nicht ganz ſo gut, wie es ſein ſollte, aber ſolch' einer tollen Wirthſchaft begegnet man dort doch nicht. Eben kam ein Schwarm junger Leute an ihm vorbei. Es waren Studenten und Arbeiterinnen, wie ſie in Paris unter dem Namen Griſetten zu Tauſenden leben, mit den jungen Männern zuſammen haushalten und ihnen helfen, das ſorgſam durch die Eltern erſparte Geld luſtig verbringen. Sie waren meiſt verkleidet. Oft trugen die Mädchen die Paletots und Hüte ihrer Geliebten, während ſich dieſe in ihre Shawls hüllten, ſie lachten, ſangen unanſtändige Lieder, mitunter auch chaſſirte ein Paar an den Andern vorüber, oder ſie gruppirten ſich plötzlich mitten auf der Straße zum Contretanz und ſtampften und pfiffen dazu die Me⸗ lodie. Die Nachtpatrouille ging vorbei, rieth zur Ordnung und Ruhe, hielt ſich aber nicht bei den Uebermüthigen auf. Ein Mädchen ſprang auf den ſchönen Jüngling zu. — Komm, Du gefällſt mir, mein Liebſter iſt unter die Bänen gegongen und brummt mich an, ſo oft ich einem andern hübſchen Jungen einen Kuß gebe. Jetzt ſollſt Du tauſend von mir haben. — Doanke ſchön, ſpare Dir die ſüße Waare, für mich iſt ſie zu koſtbar! ſagte der Fremde. — Pſui, ein Deutſcher! rief die Griſette. Das hätte ich merken ſollen, ehe ich es an Deiner Ausſprache hörte. Geb. Du — — germaniſche Beſtie und jage in Deinem eiſigen Lande Elennthier⸗ und Zobel, in Paris haſt Du nichts zu ſuchen, das iſt für Dich zu gut. Sie hüpfte davon, er ſah ihr kopfſchüttelnd nach und ſuchte ſeine Wohnung auf. 12. Kapitel. Ein dahingeopfertes Leben. Das Haus des Herzogs Montalto war in einen Feenpalaſt umgewandelt. Man feierte die Ankunft von Helenen's zukünftigem Gatten. Die Treppen waren mit den köſtlichſten Blumen beſetzt, die Säle glänzten von Atlasmöbeln, ſauberen Vorhängen, Gold, Marmor und Spiegelſcheiben, ein füßer Duft erfüllte alle Räume, weiche Teppiche bedeckten den Fußboden, Kronleuchter hingen von der Decke hernieder, Bildſäulen nnd Helgemälde ſchmückten die Wände. Die koſtbar gekleideten Bedienten gingen mit großen ſilbernen Theebrettern einher und reichten den Gäſten den würzi⸗ gen Trank den ſie aus chineſiſchen Taſſen mit goldenen Löffeln ſchlürften. Der Herzog vertheilte unter die Damen ſchöne Blumen⸗ ſträuße und hatte für eine jede eine Schmeichelei. Die Gäſte waren zahlreich und gehörten den erſten Ständen an, ſelbſt das kaiſerliche Paar wurde erwartet, weil es galt, ein Verlobungsfeſt zu feiern, welches das ſchönſte Mädchen in Paris mit dem Erben eines hohen Namens und, wie man glaubte— eines großen Ver⸗ mögens verband. Die Geſellſchaftsräume ſind in Frankreich ge⸗ wöhnlich klein, man liebt es, ſich zu drängen, außerdem nehmen die enorm langen Schleppen der Damen einen großen Platz ein. Man ſpielte in dem einen Zimmer an verſchiedenen Tiſchen ſehr hoch, man tanzte in einem anderen, und verſchiedene Säle und Kabinets dienten allein der Unterhaltung. Dieſe war äußerſt lebhaft. In einer Ecke verhandelten ein paar ältere Herren über die übe jier hr hre n gra ſein Sie da ſich et Sie röth wen Ein mc übe ſchr ſchi her Da Ya Ku hr Au ier Dich aluſt igem ſeßt old, ume, von 1 die roßen ürzi ffeln men⸗ 6iſe das feſt ben Ver⸗ ehmet ein. ſehr eund ußerft über —5 die Thronkandidatur in Spanien, dort plauderten ältere Dauee äber die Oper, da jüngere über Toilettenangelegenheiten. Offi⸗ ziere erzählten ſich Kriegs⸗ und Jagdgeſchichten, Künſtler verklagten hre Kollegen wegen Brotneid, Literaten übten ihren Witz und chre Bosheit an den Anweſenden und Nichtanweſenden aus. Noch war der Bräutigam nicht erſchienen, doch erwartete man ihn beſtimmt zum Abendeſſen. Er hatte am Morgen tele⸗ graphirt, daß er gewiß kommen werdo und unenblich begierig ſei, ſeine geliebte Braut zu begrüßen. Helenen's Herz pochte laut. Sie kannte ihren zükünftigen Gatten bis jetzt nur aus dem Bilde, oa ſah er recht gut aus, wenn auch lange nicht ſo, wie ſie ihn ſich gewünſcht hätte. Jetzt ſollte ſie ihm perfönlich gegenüber⸗ treten! Welch' ein Augenblick für ein ſechszehnjähriges Mädchen! Sie nahm die Glückwünſche der Anweſenden mit ſchüchternem Er⸗ röthen entgegen, die wenigſten darunter waren ihr bekannt, noch weniger geſielen ihr, Es war ihr beſtändig, als müſſe ſie auf Einen warten, den ihr ihr Herz vorher verkündigte, und der doch nicht ihr Bräutigam war. Während ſie von einer Gruppe zu der anderen ging und überall Schmeichelreden in Empfang nahm, folgten ihr zwei ſchwarze Augen mit traurigen Blicken. Es war ein junger, ſchöner Mann, der hinter einer Marmor⸗Statue lehnte und bis⸗ her noch mit Niemand geſprochen hatte, obſchon manch' eine Dame nach ihm hinblickte. Man wußte, es war ein talentvoller MWaler, ein Italiener von Geburt, der in Paris eifrig ſeine Kunſt trieb. Zu ihm trat ein anderer junger Mann, den wir an ſeinen braunen Locken, an der hohen Stirn, den blauen glänzenden Augen und dem kraftvollen Wuchs ſchnell wieder erkennen. Es war der junge Deutſche, der Gabriele aus Godard's Händen ge⸗ rettet hatte — Sind Sie hier fremd wie ich, redete er den Künſtler an, ſo gehen Sie mit mir ein Kompagniegeſchäft ein, wenn auch das Kapital nur aus Langeweile beſteht. Der Maler fuhr wie aus Träumen empor. — Langeweile habe ich hier noch nicht gehabt, ſagte er. — 56— — O dann bitte ich um Vergebung, ich hoffte einen Schick⸗ ſalsgefährten zu finden und ziehe mich beſcheiden znrück. — O nein, nein, bleiben Sie, Ihre Nähe wird mir lieber ſein, als die der ſteinernen Bildſäule, die hier ſo kalt auf mich herabſchaut. Die aber ſtörte Sie nicht in Zhrefl Gedanken. — Meine Gedanken will ich Ihnen ſagen. Sie haben die junge Braut geſehen? — YNoch nicht genau, ſie ſchwebte an mir vorüber. — Nun, ſie iſt ein Engel, und der Bräutigam. — Kein Teufel, hoffe ich. — Schlimmer als das. Ein Teufel zeigt ſich als ſolcher. Dieſer Mann aber verbindet mit der äußerſten Gemeinheit die ſchlauſte Heuchelei. — Sie kennen ihn gendu? — Genau genug, um die arme Helene zu bedauern. — Aber warum heirathet ſie ihn? — Weil ſie ihn nicht kannte und weil Niemand ihr die Wahrheit über ihn ſagt. — Ei ſo ſprechen Sie, warnen Sie das arme Kind! — Unmöglich... ſtill, ſie kommt Wirklich nahte ſich Helene in allen Reizen ihrer jungfräulichen Schönheit. Unbefangen trat ſie auf den jungen Maler zu und reichte ihm die Hand. — O, Herr Gambi, ſagte ſie, wenn Sie mein Portrait fertig machen wollen, ſo müſſen Sie ſich beeilen, ich heirathe in vierzehn Tagen und gehe mit meinem Manne nach Algier. aber, bitte wer iſt der Herr? — Geſtatten Sie mir, mich ſelbſt vorzuſtellen, mein gnädiges Fräulein, ſagte der Deutſche, ich bin Graf Reinhold von Iſſelhorſt aus Mainz und Ihrem Herrn Onkel empfohlen, weil ich von mütterlicher Seite her der Familie der Graziare's angehöre, mit der auch Sie verwandt ſind. Helene erröthete tief, ihr war es, als hätte ſie plötzlich Den⸗ jenigen gefunden, welchen ihr Herz ihr verkündigt hatte. Dieſe blauen Augen ſprachen zu ihr von einem Glücke, welches ſie ahnte, i⸗ eber mich die lchet. die tde lichen und fertig erzehn bitte nödige ſelhr ch von n nit c Der⸗ Dieſe ohnte 6 ohne es zu kennen, ein Slück, das zu groß war für dieſe Welt, zu ſchön, um es begreifen zu können. Reinhold mochte etwas Aehnliches empfinden. Er konnte die Blicke nicht losreißen von der lieblichen Geſtalt, von dem blonden Haar, von dem roſigen Munde. — und dieſes Engelskind ſoll einem gemeinen Menſchen zur Beute werden! rief es in ihm, als ihm Helene durch einen Schwarm von neuen Gäſten entführt wurde. Mit geröthetem Geſichte wandte er ſich zu Rafael Gambi. — Sie haben Recht, dieſes Mädchen darf keinem Elenden geopfert werden. — Und dennoch wird es geſchehen, antwortete der. Aber ſagen Sie mir, iſt die Familie Graziare, von der Sie ſprechen, aus dem Toskaniſchen? — Ja. — So ſind wir Verwandte, denn auch ich gehöre ihr an, obgleich die Verwandtſchaft eine entfernte iſt. — Das freut mich. Ihre Hand. Gambi! Nun bin ich nicht mehr allein in dieſer tollen Stadt, ich habe einen Verwand⸗ ten, und wie ich hoffe, einen Freund gefunden. — und eine Geliebte, ſagte Gambi lächelnd. — Rein, ich kann ein Mädchen nicht lieben, welches ſich ohne Neigung an einen fremden Mann verheirathen läßt. — Sie kennen die hieſigen Verhältniſſe nicht. — Ich kenne. nun, meine eigene Mutter wäre tauſend Mal lieber geſtorben, als daß ſie ſich mit einem ungeliebten Manne vermählt hätte, und ſoll ich ein Mädchen lieben, ſo muß es ſein, wie meine Mutter war, rein, keuſch, hingebend, aber feſt und treu für das, was ſie als recht und ehrenwerth erkannt hat. — Sind Ihre deutſchen Frauen ſo? Bei uns und in Frank⸗ reich iſt es anders. Aber ſtill, da kommt das kaiſerliche Paar. Es war eine ſehr hohe Ehre, die Napoleon und Eugenie dem Herzog Montalto anthaten, ſie kamen beide, nm das Ver⸗ lobungsfeſt zu verherrlichen. Eugenie ſtrahlte vor Schönheit, ihr ſcharlachrothes, die Hälfte des Buſens freilaſſendes Kleid rauſchte in weiten Falten um ihren ſchlanken Wuchs und war mit Roſetten — von Diamanten emporgerafft, von ihrem Haupte, das von emer großen Fülle von Locken umgeben war, blitzten Diamanten, die ſich mit rothen Granatblüthen miſchten. Sie war überaus liebens⸗ würdig und ſprach mit jedem der Gäſte ein freundliches Wort, am meiſten aber mit der holden Braut. — Nein, rief ſie dem Kaiſer zu, Euer Majeſtät dürfen unſerem Hofe dieſen Juwel nicht entziehen. Ich werde zu einer Haustyrannin, liebe Helene, und laſſe meinem Gemahl keine Ruhe, bis er Sie und Ihren Gatten ganz an Paris feſſelt, denn wirklich, für Algier und ſeine brennende Sonne iſt Ihr Teint zu zart! Helene küßte die Hand der gütigen Kaiſerin und erſchrack heftig, als plötzlich die Thüren ſich öffneten, und ein Bedienter den Namen des Grafen Hektor von Bellegarde in den Saal hineinrief. Da war er alſo, dem ſie für ihr ganzes Leben angehören ſollte. Kaum wagte ſie zu athmen, oder gar die Blicke zn ihm zu erheben. Er verbeugte ſich tief vor dem Kaiſer, der ihm Glück wünſchte, küßte der Kaiſerin Hand, wurde danach von dem Herzog und der Herzogin Montalto empfangen und fragte endlich nach Helenen. Er wurde ihr vorgeſtellt, prüfte ſie mit einem Kennerblick und ſchien befriedigt zu ſein, dann reichte er ihr unter einigen zärtlichen Warten ſein erſtes Geſchenk, ein koſtbares funkelndes Armband. Zetzt erſt wagte es das zitternde Mädchen, die Augen zu ihm zu erheben, aber ſie ſenkte ſie ſchnell wieder zu Boden. Hektor von Bellegarde war nicht eben groß aber kräftig gewachſen, ſein Geſicht war von dunkler Farbe, Haar und Yart tiefſchwarz. Unter buſchigen Augenbrauen funkelten mehr liſtig als klug die kleinen Augen, ſeine Naſe bog ſich kühn zum Geſicht heraus, und ſeine weißen Zähne blitzten, wenn er lächelte ſo grell unter dem ſchwarzen Schnurrbart hervor, daß dieſes Lächeln mehr etwas Erſchreckendes als Heiteres zu haben ſchien. Helenen's Herz zog ſich krampfhaft zuſammen. Nein, dieſen Mann konnte ſie nie, niemals ſieben, das fühlte ſie bei feinem erſten Anblic Vor ihrer Seele ſtand das Bild des jungen Deutſchen, ſie verglich unwillküvlich die beiden Geſtalten, und hätte laut aufſchreien mögen vor innerem Weh. Doch mußte ſie ſich He He der ſoc emet die bens⸗ Vort ürfen einer uhe, lich hrac enker Saal ören ihm ihm dem dlich nem nier res Nen, der er und ehr um ſes en ſen en en ne 5 zuſammen nehmen, denn ihr Bräutigam legte ihr ſelber das Armband um das zarte Handgelenk, als wollte er ſie zu ſeiner Sklavin feſſeln, das kaiſerliche Paar bezeigte ſich überaus gütig, und außerdem fühlte ſie, daß der ſtrenge Blick ihres Onkels und der liebevolle faſt traurige ihrer Tante unausgeſetzt auf ihr weilten. Die Geſellſchaft begab ſich zu Ziſche, der Kaiſer führte die Herzogin Montalto zur Tafel, die Kaiſerin winkte dem Herzog, Helene legte zitternd ihren Arm in den des Grafen Bellegarde, der, weil er nicht wußte, was er dem bleichen zitternden Mädchen ſagen ſollte, von der Hitze des Saales ſprach. Sie ſtreiften an Reinhold von Iſſelhorſt und Rafael Gambi vorbei, und tiefe Röthe ergoß ſich über das Geſicht der Braut, indem ſie die Augen zu dem jungen Deutſchen aufſchlug. Sie dachte Mitleid in ſeinen Blicken zu ſehen, aber es lag etwas Feſtes und Kühnes darin, als fordere er ſie auf, ſich gegen das ihr beſtimmte Schickſal zu empören. Die Arme! Wie konnte ſie das, ſie, die ſich ganz in der Ge⸗ walt ihrer Verwandten befand, die nichts vom Leben wußte, und der man ſeit ihrer frühen Kindheit geſagt hatte, daß ſie be⸗ ſtimmt ſei, den Mann zu heirathen, den ihr ihr Onkel ausſuchen würde. Bei Tiſche ſaß ſie neben dem Grafen Hektor, dem kaiſer⸗ lichen Paare gegenüber, ſie konnte nicht eſſen, konnte nicht ſprechen, ſie hatte Mühe genug, ihre Thränen zu unterdrücken. Nach der Tafel zog der Kaiſer den jungen Grafen bei Seite. — Sie kommen aus Algier, wie iſt der Geiſt der dortigen Truppen? — Vortrefflich! Die eingeborenen Soldaten ſind vollſtändig zuverläffig und Euer Majeſtät bis in den Tod ergeben. — Es ſind gute Truppen. — Die beſten, die es geben kann. Mit dieſen Löwen der afrikaniſchen Wüſte können Guer Majeſtät die Welt erobern. — Ja ich weiß, ſie ſind tupfer. — Mehr als das, ſie ſind blutdürſtig. Mit einem Wuth⸗ geſchrei, vor dem die Erde erbebt, ſtürzen ſich die Turko's in den Kampf. Richts kann der Gewalt ihres erſten Anpralls widerſtehen, ihre Augen leuchten, ſie ſind wie in einem Rauſche: ſo kämpfen Tiger, die ſich auf ihre Beute ſtürzen und ſie zerfleiſchen. — Und die Disziplin? — Euer Majeſtät, man darf es nicht vergeſſen, daß es Mo⸗ hamedaner und noch dazu Halbwilde ſind. So kommt es denn vor, daß man ein Exempel geben muß, um das ganze Korps in Zucht zu halten. Aber denke man ſich dieſe blut⸗ und beuteluſtigen Horden einem Feinde gegenüber, und ihre angeborene Wildheit wird zu einer unbezwinglichen Macht, Alles niederſchmetternd, Alles zerſtörend, was man ihnen Preis giebt. — Ich weiß das nnd rechne darauf.. doch Sie ſprechen nur von den Turko's, wie ſteht es mit den Spahi's, mit den Zephyr's? — Die Spahi's ſind weniger wild, aber ausdauernder als die Turko's, die Zephyr's dagegen, die aus den Verbrechern ſämmt⸗ licher Truppenkörper beſtehen, ſind jedenfalls die beſten aller Sol⸗ daten, denn, da ſie Nichts zu verlieren haben, aber viel zu gewin⸗ nen, wenn ſie ſich auszeichnen, ſo ſcheuen ſie keine Gefahr und wagen Alles. Mag uns Euer Majeſtät nach Sibirien oder Auſtralien führen, Sie können ſicher ſein, mit dieſen Truppen überall zu ſiegen. Der Schrecken wird vor unſeren Truppen einhergehen, die Zerſtörung ihnen folgen, der Ruhm über ihnen ſchweben. Der Kaiſer lächelte. — Ich bin zufrieden. Sie werden Paris nicht verlaſſen, bis ich Sie gebrauche. Er winkte gnädig mit der Hand und begab ſich zu der Kai⸗ ſerin, mit welcher er die Geſellſchaft verließ. Dieſe blieb noch beiſammen. Luſlig klangen die Töne des Orcheſters, die Paare drehten ſich im Tanze, während die älteren Herren in den Nebenzimmern ſaßen und über Politik ſprachen. Es war Olivier gelungen, das Miniſteramt, nach welchem er ſchon ſo lange geſtrebt hatte, zu erlangen. Das neue Kabinet war gebildet, hatte jedoch ſehr viel mit der Oppoſition zu kämpfen, die ſich immer und immer wieder in der Kammer wie in dem — d der pen ven len des eren . hem inet fen, dem Volke zeigte und die durch Männer wie Rochefort, Gambetta, Jules Favre und Andere ſtets wach gehalten wurde. — Meinen Sie, daß Olivier ſich halten wird? Das war die Frage, die jeder der Herren an den anderen that. — Er hält ſich, ſo lange wir Frieden behalten, meinte ein kleiner alter Mann, deſſen Bruſt reiche Orden ſchmückten. — Und was könnte den Frieden in dieſem Augenblicke ſtören, Herr Thiers? fragte ein Anderer. — Was ihn immer geſtört hat, verſetzte der alte Herr. Um die Welt ans ihrer behaglichen und unthätigen Ruhe aufzuſtacheln, ſandte die Unterwelt zwei Furien hervor, Ehrgeis und Neid ſind ihre Namen wer ſteht uns dafür, daß ſie ſich nicht auch jetzt der Hölle entreißen, um ihre Geißel über unſer Land zu ſchwingen? — Das Ehrenwort des Kaiſers, rief ſein Gegner. Hat er nicht geſagt, das Kaiſerreich iſt der Frieden, und hat nicht vor Kurzem erſt die Krönung des Gebäudes, welches er errichtete, durch freiſinnige Geſetze ſtattgefunden? Wie könnte ihm daran liegen, eben dieſes Gebäude durch einen Krieg zu erſchüttern? Die anderen Herren waren derſelben Meinung. Der kleine Alte lächelte ſchlau. — Ich war dabei, als der vorige Herrſcher fiel, ſagte er, und ich ließ ihn fallen, aber ich hatte Paris befeſtigt. Meine Herren, ich fürchte keinen Krieg, weil Paris befeſtigt iſt. Der ganze Körper lebt, ſo lange das Blut noch ruhig durch das Herz treibt. Paris iſt das Herz Frankreichs, es wird unverſehrt blei⸗ ben, weil ich für ſeine Befeſtigung geſorgt habe, ſo lange ich die Macht in den Händen hatte. Darum hat Frankreich nichts zu fürchten, ſelbſt, wenn auch auf das durch den Kaiſer gekrönte Gebäude der Krieg den rothen Hahn ſetzen ſollte. Der Herzog von Montalto hörte dieſe Bemerkung des ehe⸗ maligen Miniſters mit finſterer Miene an. Der Vergleich mit dem Hahne gefiel ihm nicht, iſt doch ein Hahn das Sinnbild Frankreichs der den Tag verkündende Vogel, den neu hereinge⸗ brochenen Tag der Freiheit, die Louis Napoleon durch die ſoge⸗ genannte Krönung des Gebäudes gegeben hatte. Und dann ſchien es ihm ein Frevel, anzunehmen, daß ein Feind bis nach Paris vordringen könne. Was hatte Frankreich von einem Feinde, und wäre es der mächtigſte der Welt, zu fürchten, Frankreich, das immer ſiegreich geweſen war und für die größte Militairmacht Europa's galt? Der Herzog von Montalto war durch das Kaiſerreich groß geworden, er liebte es, denn er ſah in ihm die Stütze ſeiner Stellung, er fürchtete ſeinen Umſturz, weil ihm dadurch unenbliche Verluſte erwachſen mußten. Und er bedurfte gerade jetzt der Sicherheit, die ihm ſeine Gunſt an dem Hofe Louis Napoleon's gewährte, wo er, von den mannigfaltigſten Sorgen bedrängt, kaum noch einen Ausweg zu finden wußte. Unterdeſſen tanzte die ſchöne Braut mit ihrem Bräutigam. Dieſer fand ſie höchſt einſilbig, ſie kam ihm dumm vor, aber er freute ſich darüber, denn um ſo weniger glaubte er fürchten zu müſſen, daß ſie ſich um ſeine Angelegenheiten kümmern würde. Reinhold ſtand neben Rafael in einer Ecke und beobachtete die Tanzenden. — Das arme Mödchen, ich kann ſie nicht ohne Rührung anſehen, ſagte der Maler. Iſt es doch, als whrde ſie immer blaſſer. Ich würde mich nicht wundern, ſie todt zu Boden fallen zu ſehen. — und ich wiederhole Ihnen, daß ich kein Mitleid mit ihr empfinde, antworte der Graf Iſſelhorſt. Das Lamm, welches ſich geduldig ſeinem Scheerer hingiebt, iſt eben ein dummes Schaf. — Sie thun ihr Unrecht! rief Rafael. — Mag ſein, ſagte Reinhold, aber ich will es abbüßen, Couſin, und ſie ſogleich zum Tanze auffordern, ſo langweilig mir auch ſolch' ein Contretanz iſt. Aber das Walsen iſt ja in Paris nur den verheiratheten Frauen geſtattet, denen, wie es ſcheint, Alles erlaubt iſt. Er ging zu Helenen, und ſie reichte ihm erröthend die Hand. — Sie ſind müde, ſagte er, in die trüben Augen blickend. — Ja ſagte ſie, ich möchte ſchlafen, da, wo meine Mutter ſchläft. — Und wo iſt das? — md cht tete mg mer llen ihr ſch ttter —— 3 — Auf unſerem Schloſſe in den Vogeſen. Ich war zuletz da, als man ſie in das Erbbegräbniß trug. — Iſt es nicht beſſer mit den Lebenden zu leben, ſagte Reinhold erſchrocken, als mit den Todten todt zu ſein? — Ja, wenn es im Leben noch Freuden gäbe! — Es giebt welche, man muß ſie ſich nur zu erringen wiſſen. — Ein Weib iſt ſo ſchwach! — Nicht, wenn es gilt, die Freiheit des Herzens zu be⸗ wahren. Sie blickte faſt entſetzt zu ihm empor. Was konnte er meinen? Wie ſollte ſie es anfangen, ihr Herz frei zu machen von den Banden, mit denen es an einen ungeliebten Mann gefeſſelt war? Als der Tanz zu Ende war, in deſſen Pauſen Reinhold dieſe Worte mit Helenen gewechſelt hatte, verbeugte er ſich tief und flüſterte: — Wir ſehen uns wieder. — DO, niemals! bat ſie und erhob flehend die Hände. Da zuckte es über ſein ſchönes Geſicht wie Berachtung. — Sie ſind ſchwach, ſagte er. — Ich bin es, verſetzte Helene demüthig, weil ich keinen Freund, keinen Führer habe. Da reichte er ihr in echt deutſcher biederer Weiſe die Hand hin, aber indem ſie noch zögerte, ihm die ihrige zu geben, trat der Graf Hektor hinzu, und ſie wurden getrennt. Das Feſt war zu Ende, die Gäſte kehrten heim. — Nun? fragte Rafael, indem er ſeinen Arm in Reinhold's legte und mit ihm durch die dunkle Straße ging. — Nun, es iſt, wie ich es Ihnen ſagte, Couſin, ein hübſches Püppchen, ohne jeden Funken von Willenskraft. Ich möchte kein ſolches Weib, das ſo widerſtandslos iſt wie ein Wickeſtind. Gute Nacht, morgen bin ich bei Ihnen. Und während Reinhold noch lange am Fenſter ſtand und wübe in die Sterne plickte, die heute ſeine Seele nicht beruhigen ——— wollten, in der ein tiefer, faſt zorniger Schmerz um die unglück⸗ liche Helene lebte, warf ſich dieſe in die Arme ihrer Tante. — O, giebt es denn keine, keine Rettung? weinte ſie. Keine, armes Kind, verſetzte Iduna. Aber ſei muthig und ſtark, Dein Schickſal iſt das aller Frauen aus vornehmen Ständen. Auch ich nahm meinen Gatten nicht aus Wahl, ſondern weil meine Verwandten, die zugleich die ſeinigen ſind, uns zuſam⸗ menführten. Aber ich hatte Ehrfurcht vor ſeinem Geiſte und vor ſeiner Kraft.. Auch du wirſt Hektor achten lernen und wäre es auch nur als den Vater Deiner Kinder... Schlafe wohl, Helene, ich will für Dich beten! 13. Kapitel. Spione. Es war in den erſten Tagen des Maimonats 1870. Die Sonne ſchien freundlich und warm auf die kahle Umgegend Berlin's, der Haupt⸗ ſtadt des preußiſchen Staates, und beleuchtete die vor dem ſüdli⸗ chen Thore gelegene kleine Anhöhe, die den ſtolzen Namen Kreuz⸗ berg führt. Es pilgerten viele Leute hinauf, um von dort aus die freie Ausſicht über die weit ausgebreitete Stadt mit ihren Thürmen und hohen Schlöſſern, mit ihren Dampfſchornſteinen und dem darauf ruhenden Nebel zu genießen, und nach der anderen Seite zu auf die dritte der königlichen Reſidenzen, Charlottenburg, und das noch in weiter Ferne erkennbare Spandau zu ſehen. Es war ein Sonntag. Aus den Werkſtätten und dumpfen Fabrikräumen waren die Leute mit Weib und Kind hinausgeeilt in die freie Luft, um wieder einmal friſch zu athmen in Gottes Natur und ſich gemüthlich zu fühlen in jener Ruhe, die nach ſechs Arbeitstagen nur um ſo ſüßer ſchmeckt. Die Kinder rollten ſich den Sandhügel hinunter, die Mütter ſaßen ſtrickend oben und beobachteten ihre Lieblinge, und die Väter rauchten ihre Cigarren üc⸗ men ern vor und ohl. zonne aupt⸗ ſüdli⸗ reuz⸗ aus ihren einen deren burg. en myfen sgeeilt Goties e nach rollten n und garten —— der Pfeifen und vetrachteten jenes Denkmal, das den gefallenen Helden zu Ehren errichtet iſt, die Blut und Leben daran ſetzten, um das theure deutſche Vaterland frei zu machen von dem Drucke des erſten Rapoleon und um den König Friedrich Wilhelm den Dritten wieder einzuſetzen in ſein Königthum, nachdem die frechen Sieger ſich lange genug von dem Schweiße preußiſcher Bürger genährt und das Königspaar gezwungen hatten, Berlin zu verlaſſen. Das war nun freilich halb vergeſſen, es giebt nur noch Wenige, die mit fochten, als es in Paris hinein ging, und als Blücher die Viktoria zurückholte, die auf dem Brandenburger Thore ihre prächtigen Roſſe lenkt. Deſto lebhafter aber ſprachen ſie über die letzten Kriege gegen die Dänen und vorzüglich über den gegen Oeſterreich, und manch Einer hatte zu erzählen von den Gefechten in Böhmen und von der Schlacht bei Königgrätz. Ein Mann, deſſen jüdiſch geſchnittenes Geſicht von einem kurzgeſchnittenen dichten Bart bedeckt war, drängte ſich an die Sprechenden heran und horchte aufmerkſam auf ihre Erzählungen. Auch als bei einbrechender Dunkelheit die Leute in die nahe lie⸗ genden Bairiſch⸗Bier Brauereien einkehrten und ſich hinter das ſchäumende Seidel ſetzten, fand er ſich ein und ging von Tiſch zu Tiſch, anſcheinend gleichgültig gegen die Reden der Leute, in der That aber mit geſpannter Aufmerkſamkeit jedes Wort auffangend, das ſich auf den letzten Krieg bezog. — Du, ſag mir mal, Friſchmuth, was drängelt ſich denn das verſchmitzte Judengeſicht immer hier herum? fragte ein junger Tiſchler ſeinen Freund, mit dem er ſich ſoeben ganz den Erin⸗ nerungen an eine gefahrbringende aber doch ſchöne Zeit hinge⸗ geben hatte. — Daß es ein Judengeſicht iſt, ärgert mich am wenigſten, verſetzte der Andere mit Lachen, aber ſein Herumſchleichen fällt mir ſchon lange auf. Will der Eſel was über den Krieg wiſſen, warum fragt er nicht, hat ja das Maul groß genug dazu⸗ — Weiß der Teufel, ich klopfte ihm lieber die Jacke aus, kommt er mir hier noch einmal zu nahe ſo zeige ich ihm was Preußenfäuſte find. D. V. 7 — 98— — Ruhig Blut, ruhig Blut, ſagte Friſchmuth, fanſ mur zeine Keilerei an, die kommt ſpäter, wenn wir ſchon zu Hauſe find. — Du kennſt mich und weißt⸗ ſo etwas liebe ich nicht, ver⸗ ſetzte der Tiſchler, aber noch viel weniger die Spionirerei. Sieh mal, jetzt ſteht er da drüben, thut als bretne er ſich eine Ci⸗ garre an, die immer wieder ausgeht, und hotcht wieder. Mir iſt, als ſähe ich, wie ſich ſeine Ohren ſpitzen, wahthaftig es juckt mir in allen zehn Fingerſpitzen⸗ daß ich ihn beim Kragen nehme und rausſchmeiße. — Aber Carl, wenn doch die Eigarre nun mal keine Luft hat. — So muß er ſelber an die Luft geſetzt werden. — Nicht doch, komm, es iſt halb zehn wollen nach Haus und ſchlafen gehn. — Meinetwegen, ſo lange dieſer Kerl ſich hier herumdrück' iſt es mir ohnedies ungemüthlich. Wir machen lieber noch einen Unweg und genießen den ſchönen Maiabend.“ Der Monat hat ohne dies nur vier Sonntage. Indeſſen Carl Weinlich und Wilhelm Friſchmuth ſich anſchick⸗ ten, das Lokal zu verlaſſen, hatte das Benehmen des jüdiſchen Mannes an einem anderdn Tiſche Aufſehen erregt. Hier war man nicht ſo geduldig. Das ſtarke Bockbier hatte die Gemüther erhitzt, es gab Stichelreden, dann deutliche Winke; ſich davon zu machen, die Frauen redeten mit hinein, der Jude ſuchte ſich zu entſchuldigen und machte die Sache noch ärger. Ehe er es ſich verſah, hatte ihn einer beim Kragen, ein Zweiter gab ihm einen Schlag in den Rücken, doch ehe er die Thür erreichte, taumelte er gegen einen Tiſch⸗ ergriff ein leeres Seidel und ſchlug es ge⸗ gen den Kopf desſenigen der ihn gepackt hielt, daß ihm das Blut aus der Stirn ſpritzte Das war das Signal zu einem allgemeinen Tumult. Die Frau des Verwundeten reiſchte, und alle übrigen Weiber ſchrien mit hinein. Die Männer durften nicht müßig bleiben, es waren Viele gegen Einen, und dieſer wurde übel zugerichter. Hier fuhr ihm eine Fauſt an's Ohr, dort ein Fuß in den Rücken bald lag ur ge⸗ d Die chrien waren fuhr d lah er unten, bald wurde er wieder aufgeriſſen. Zum Glück war er der Thür nahe, an welcher Weinlich und Friſchmuth ſtanden, ſie faßten den Unglücklichen und ſchleuderten ihn hinaus, redeten aber zugleich den Leuten gut zu, Frieden zu halten und keinen Skandal zu machen. So kehrten dieſe ſchimpfend aber mit befriedigter Rache zu ihren Tiſchen zurück, der mit dem Seidel Verwundete aber wuſch ſich das Blut von der Stirn, und Alles wurde wieder friedlich. Füdeſſen hatte ſich der Geprügelte von ſeinem Sturz erholt und lehnte ziemlich matt an eine Mauer als Carl Wein⸗ lich und Wilhelm an ihm vorübergingeu. — Möchte dem Kerl eine Cigarre ſchenken, die beſſer. Luft hat als ſeine, meinte der gutmüthige Maſchinenbauer. — Fang mir Nichts mit dem an, bat der Tiſchler, Du wirſt ihn ſonſt nicht wieder los. Solch ein verfluchter Spion, der herumſchleicht, um die Leute in's Verderben zu Pringen, ſolch' ein Spitzel, wie ſie in Oeſterreich ſagen iſt mir verhaßter als das ſchliimße Ungeziefer und die Kanaille ſieht ſo boshaft und heimtückiſch aus, wie — Nun wie denn? fragte der lachende Friſchmuth ſeinen Freund. — Strafe mich Gott, ich weiß es nicht, aber komm nach Haus, ſagte Weinlich und ſpie hinter dem Juden aus. Dieſer rieb ſich den Rücken, dann hob er die geballte Fauſt gegen das hell erleuchtete Gartenlokal. — Das will ich Euch gedenken, das ſoll Euch tauſendfältig wieder heimbezahlt werden! rief er auf Franzöſiſch mit unterdrückter Wuth, indem er davon ſchlich. Rache kochte in ſeinem Herzen, je ſtärker ihn die empfangenen Schläge brannten, um ſo feſter ſtand in ihm der Entſchluß, ſie nicht unvergolten zu laſſen. So in tiefem Unmuth einhergehend, ſtieß er plötzlich gegen einen Mann, der ihm aus dem Gebüſch entgegentrat. Mit einem Fluche prallte er zurück. — Iſt es möglich! ſchrie der Andere, Iſidor. Der ſtarrte ganz erſchrocken auf ihn. — Sieh mich an alter Freund kennſt Du mich nicht, fuhr Jener fort, haſt Du den Landsmann ſchon vergeſſen? 7* —- Der Jude blickte ihm ſcharf in das Geſicht. — Es iſt Franz Godard! Du hier in Berlin.. was machſt Du hier, Burſche? — Dieſelbe Frage möchte ich an Dich richten. Biſt Du mit Deinem Doktor hier? — Habe mich längſt ſchon von ihm getrennt. — In Frieden, hoffe ich. — Pah, wie man's nehmen will. Ich weiß zu viel von ihm, da mußte er ſchim den Liebenswürdigen ſpielen und mich voll auszahlen. — lind ſetzt? — Jetzt bin ich in anderen Dienſten. — Staatsdienſten etwa? — Was ſchwatzeſt Du? — Als ob ich die Sache nicht fennte! Bin ja ſelber dabei. — Du, Franz, hierher geſchickt? — um zu ſpioniren, nun ja, wenn Du die Sache bei dem rechten Namen nennen willſt. Ich kenne dieſe Deutſchen noch von Oeſterreich her, wo ich mich damals herumtrieb, ein nichts⸗ würdig grobes Volk! Zetzt eben noch, hätte ich mich nicht zur rechten Zeit gedrückt, ich hätte Prügel bekommen. Iſidor rieb ſich heimlich ſeinen Rücken. — Und was ſollſt Du herausbringen? — Das möchteſt Du wohl gerne wiſſen? — Ich will es Dir ſagen: Ob ſie Luſt haben, einen neuen Krieg anzüfangen? — Erſte Frage mit Rein zu beantworten. — Ob ſie Haß haben gegen die anderen de — Wieder Nein! — Oho, da irrſt Du Dich Franz! Ganz Deutſchland iſt in dem ſie ſich unter einander auffreſſen utſchen Staaten? ein großes Rattenneſt, möchten. — Davon habe ich nichts gemerkt. — Verlaß Dich darauf Dazu ſind ſie mit ihrer Regierung höchſt unzufrieden, wenn ſie es auch nicht merken laſſen. — Ich glaube, Du biſt verrückt geworden, Iſidor. wa i ſt em ⸗ zur uer en! diſt eſſe ung eines voruehmen Mannes Sohn. — Bewahre. Das Volk hat eine überaus ſtarke Hinneigung zu Allem, was franzöſiſch iſt. — Das ſtimmt ſchon eher. — Franzöſiſche Friſeure, Schneider, Handſchuhmacher, Putz⸗ händler... was weiß ich. Mit einem Worte, ein Funken in dieſes wacklige Gebäude deutſcher Nationalität geworfen, würde es gleich einer Granate auseinander platzen laſſen. — Und das glaubſt Du wirklich? — Das iſt es, Franz, was Du von hier zu berichten haſt. Oder hat man Dich etwa hergeſchickt, um zu erzählen, es ſei Alles vollkommen, und kein Gedanke daran, jemals auch nur ein Sandkorn von Deutſchland losreißen? Hätte man Dir den Auftrag gegeben, hier herum zu forſchen, wenn man nicht Luſt hätte, bald ſelber herzukommen und ſich zu holen, was es hier Gutes giebt? — Du biſt klüger als ich, Iſidor, Du mußt das beſſer wiſſon. — Und ich weiß, daß der Kaiſer einen Krieg haben muß, um ſeine Franzoſen in den Händen zu halten und hinzuſchicken, wo er will, es gelüſtet ihn ſchon lange nach dem linken Rhein⸗ ufer, und das wird auch nicht ſchwer zu kriegen ſein, ſo ſange die dummen Deutſchen mit ſich ſelber uneins ſind. Sie ſind es aber, Franz, ſind es ſo, daß ſie nur eines Anſtoßes bedürfen, um über einander herzufallen. S — Du magſt Recht haben, ich habe es bisher anders an⸗ geſehen. — Das iſt kein Grund. Jedenfalls will man in Paris die Sache von dieſem Geſichtspunkt aus betrachten, und Leute, wic wir, thun immer geſcheut, denen, die ſie bezahlen, das zu ſagen, was ſie gern hören. Man wird ſich freuen, wenn unſere beiden Berichte darin völlin einſtimmen. — Gut, wenn Du meinſt, will ich ſo ſchreiben. — Aber warum haſt Du Dein altes Handwerk verlaſſen, warum biſt Du nicht mehr Schloſſer? — Hatte keine Luſt mehr zur Arbeit. Du weißt ich bin — Des Herzogs Montalto.. aber kümmert er ſich um Oich? — Er muß wohl, weiß ich doch das Geheimniß. — Welches Geheimniß? — Stelle Dich nicht ſo sſidor, das Geheimniß von dem Kinde — Ah ſo, das iſt eine längſt vergeſſene Geſchichte. — Es iſt doch nicht ſo lange her! — Wer denkt noch daran? Wo wohnſt Dus Franz? — In der Friedrichſtraße— aber ſage mir, lebt das Kind noch? — Mag wohl ſein, daß es noch lebt. — Dn biſt unausſtehlich. — Brauchſt Du Daumſchrauben für Deinen herzoglichen Vater? Ich kann Dir keine geben. Um die alte Sache habe ich mich nicht mehr bekümmert, ſeitdem ich meinen Herrn, den Doktor, verlaſſen habe. Es war eine abenteuerliche Geſchichte. Das bleiche Weib mit der Maske vor dem Geſicht, der große Mann, der wir befahl, das Kind, es war ein Knabe, Franz. — Nein, es war ein Mädchen. — Welch ein Irrthum⸗ ein Knabe war es, den ich begraben ſollte. Ich that es nicht, ich rettete das Kind. — und es war doch ein Mädchen, konnte auch kaum leben⸗ dig begraben werden, denn es war ſchon drei Jahre alt. O Du biſt ein ſchlauer Fuchs Iſidor, aber was ich mit meinen Augen geſehen habe, laſſe ich mir doch nicht abſtreiten. — Gute Nacht, Franz, ich bin an meinem Hauſe. Mache den Bericht nach Paris⸗ wie ich es Dir ſagte — Das will ich thun. — und folge noch einem andern Rakh denke nicht mehr an das Kind es wäre doch vergeblich. — und es war dennoch ein Mäbchen, murmelte Frans Godard dem Fortgehenden nach andern Kinde! as ob Du nichts davon wüßteſt lebendig voder er ſpricht von einem —— ——— —— teſt dus lchen be ich oktor, leiche rwit hendig leben⸗ d Du A ugen Nache h niht e Fran ſ einem 4. Kapitel. Der verborgene Familienſchatz. Es iſt ein ſchönes Land, in welches wir unſere Leſer fuyren. Hoch und dicht bewaldet zieht ſich das Gebirge in verſchiedenen ungleichen Theilen hin. Steil fallen ſeine Felſen nach Oſten zu ab, indeſſen man nach Frankreich zu teraſſenartig hinabſteigt, bald ein lachendes, von einem rauſchenden luſtig plätſchernden Fluſſe durch⸗ furchtes Thal durchſchreitet, bald wieder ſich vor einer neuen Bergkette ſieht, deren höchſter Gipfel mit einer alten Burgruine oder einer kleinen Feſtung gekrönt iſt. So von Berg zu Berg, von Thal zu Thal ſenkt ſich das Land bis zu den ufern der Moſel nieder, ven denen es auf der anderen Seite in dem nörd⸗ lich gelegenen Argonnerwalde und ſüblicher in den Savennen und ihren vielfachen Ausläufern wieder emporſteigt⸗ Hier lebt ein fröhliches Volk. Auf der Grenze zwiſchen Deuſchland und Frankreich beſitzt es den Fleiß und die Beharr⸗ lichkeit der ernſten Germanen, aber auch das leichte Blut und die Permüthige Genußſucht der Frunzoſen. Seit wenigen Jahrhun⸗ erten erſt befindet ſich der Elſaß in den Händen Derer, die ihn „ch mit Liſt eroberten, aber ſchon verleugnet ein Theil ſeiner Be⸗ wohner die deutſche Abſtammung und hängt an den ftemden Herrſchern, für die es oft genug geblutet hat, ohne zu verſtehen, wo ſein rechtes Heil zu ſuchen iſt. Doch ſpricht man hier deutſch, wenn auch mit unzähligen franzöſiſchen Ausdrücken vermiſcht, noch beweiſen die Namen der Leute, daß ihre Urväter ächte Sproſſen des getmaniſchen Stammes waren, noch klopft ſo manches Herz höher bei dem Gedanken an eine Wiedervereinigung mit dem ge⸗ liebten Stammlande, aber viele Andere haben ſich auch verlocken laſſen von dem blendenden Schimmer des Rühmes, mit welchem der erſte Napoleon ſich zu umgeben wußte, und lieben ſeinen Reffen weil ihre Väter für den Onkel ſtarben. So kann ein⸗ — 10 ange tyranniſche und enſſittlichende Regierung ein braves Volk „erderben. In einem der ſchönſtes Theile der Vogeſen liegt das Schlöß⸗ hen Falkenſtein. Aber dieſe Gegend iſt einſam und abgelegen. Selten verſteigt ſich ein Wanderer bis zu der ſchroffen Höhe. Der Wald hört auf, ehe man die Burg erreicht zerklüftetes Geröll gindert das Vorwärtsſchreiten, und der Fuß rutſcht aus unter dem röcklichten Geſtein und auf den glitſchigen Gräſern, die dazwi⸗ ſchen wachſen Nur ein ſchmaler Jußwes führt vom Thal aus ginauf. Wenſgen iſter bekannt uſd auch dieſe Wenigen beſtei⸗ gen ihn nicht immer gerne⸗ Es ſind meiſt Bauerfrauen, die Butter, Eier und Fleiſchwaaren hinaufbringen. oder Krämer, die es verſuchen, dort oben ihre Stoffe oder andere Gegenſtände los zu werden. Allgemein ſagt man⸗ es ſei da oben nicht geheuer. Wozu auch hätte man ſich einen Wohnſitz ſo dicht bei den Wolken ge⸗ baut, wenn man ein Herz hätte für die Erde und ihre Bewohner, wozu begab man ſich in jene Einſamkeit, wenn man keine Urſache empfand, ſich von den Mitmenſchen fern zu halten? Und welche urſache konnte einen Menſchen zwingen⸗ allein mit Eulen und Ad⸗ lern zu verkehren, wenn man unten in lachenden Gefilden und unter fröhlichen Menſchen hätte leben können? HO gewiß, hier mußte ein tiefes und ſchreckliches Geheimniß walten, hier mußten ernſte und ſchau vliche Gründe vorhanden ſein, die anſchein end reiche Menſchen zwangen, ihre Tage und Nächte in einer Steinwüſte hinzubringen. Lange hatte man danach geſtrebt, dieſes Geheimniß zn ent⸗ räthſeln. Es war nicht gelungen, und endlich erlahmt auch die lebhafteſte Reugierde. Wenn die Bauerfrauen oder Krämer eiligen Fußes von da oben zurückkamen, erzählten ſie immer und immer nur Saſſelbe. Eine alte, runzlige und häßliche Frau hatte auf ihr Klopfer ge⸗ öffnet, ihre Waaren beſehen und wacker darauf gefeilſcht. Han⸗ delte es ſich um einen Kleiderſtoff, einen Schmuck, um Bücher Bilder oder ſonſtige Luxusgegenſtände, dann pflegte die Alte noch die Sachen mit hinein zu nehmen, um ſie mit der Brille genauer — 165b— 3 zu betrachten, indeſſen der Verkäufer draußen warten mußte, und waren ſie hübſch, ſo geſchah es wohl bisweilen, daß die Alte den geforderten Preis gutwillig gab, auch wohl hinzu fügte: Bring mehr davon, wenn du im nächſten Jahre wieder kommſt. 3 r Aus dieſen Begehenheiten hatte ſich dann das ſeltſame Ge⸗ 1 rücht gebildet, das Weib lebe nicht ganz allein in dem Schloſſe, es müſſe noch eine jüngere Perſon da ſein, die es liebte, ſich mit . bunten Bändern zu ſchmücken, Bücher zu leſen und Muſik zu machen, was Alles man der Alten nicht zutraute. Aber wer ſie 3 ſein konnte, die da oben ſchon ſo lange als eine Gefangene lebte, die das ſollte Niemand erfahren, denn kein ſterbliches Auge hatte die jemals einen anderen Menſchen auf Schloß Falkenſtein erblickt, l05 als die alte Madelon, und bisweilen einen faſt ebenſe alten und— noch mürriſcher ausſehenden Mann, den man den Kaſtellan oder ohu den Schloßverwalter nannte, ſeiner wirklichen Namen kannte man 3. ge⸗ nicht. 3 er 3 Der Advokat in der nächſten Stadt, der für Schloß Falken⸗. ache ſtein die Abgaben an den Staat entrichtete, ließ ſich trotz aller elche Fragen auch nichts erpreſſen, und ſchließlich gewöhnte man ſich, r Md⸗ wenn man von dieſer Burg redete, ſie nur das räthſelhafte S 8 mter zu nennen. ußte Uund räthſelhaft war das Schloß ſelbſt für einen heil der 3 nſte Perſonen, die es bewohnten. Denn mitunter vernahm man an eiche hellen Sommerabenden herzliches friſches Gelächter hinter ſeinen„ üſte hohen Mauern, mitunter auch fiel der Schimmer einer Laterne unheimlich aus ſeinen ſchmalen Fenſtern. ent⸗ Schloß Falkenſtein ſtand auf einer Bergfläche, die ganz mit die zerbröckeltem Geſtein bedeckt war. Hieér hörte aller Baumwuchs 4 auf, kaum daß ein Gräschen oder eine Haideblume aus dem Ge⸗ ¹ n röll hervorxagte. Aber wenn ſich die kleine Pforte öffnete, wenn. ſohe unn den ſchmalen Hof durchſchritten hatte, trat man jenſeits in ei a g⸗. einen Garten, der ſo friſch und duftig war, als hätten Feenhände hun⸗ hier den Samen au— sgeſtreut. Hohe Bäume nickten über die ſtei⸗ 6 zichet nernen Mauern und gaben unzähligen Vögeln ein willkommenes z5 no Obdach, Roſen rankten an den grauen Wänden des Schloſſes n enaut empor und verdeckten ſie mit ihren Blüthen, üppiger Raſen wech⸗ — 106— ſelte mit bunten Blumenbeeten ab, und in dem kleinen Waſſer⸗ vecken ſpielten luſtig die Forellen. Das Schönſte aber in dieſem Aufenthalt, der ein wahrhaft verzauberter zu ſein ſchien, waren jedenfalls zwei junge Mädchen, vie ſich Kränze flochten, die mit einander laſen, ſangen, tanzten und kaum ahnten, daß es etwas Anderes draußen in der Welt geben konnte, als was ſie in vollem Maße beſaßen, friſche Geſund⸗ heit in freier Bergesluft und einen reizenden, obſchon ſehr be⸗ ſchränkten Raum, in welchem ſie die Königinnen waren. Sie ſaßen nebeneinander, als eben die Frühlingsſonne ſich ſenkte, ihre Locken vermiſchten ſich, da ſie die blühenden Wangen aneinanderlegten. Sie hatten geleſen und waren tief gerührt von dem Schickſale der Perſonen, die ihnen der Dichter ſchilderte. — Wie ſeltſam iſt doch Alles, was in dem Buche ſteht, ſagte die Eine. — Nicht ſo ſeltſam, als was ich in dieſer Nacht geſehen habe, antwortete die Andere. — und was ſahſt Du, Betty? — Ach, Beata, ich hatte mir vorgenommen⸗ es Dir nicht zu ſagen, denn es wird Dich erſchrecken, aber ich muß reden, ſonſt ßt es mir das Herz ab, wahrhaftig, ich muß reden! — So ſprich doch, Betty⸗ ſprich! — ZJa, aber ganz leiſe, daß uns Niemand hört. — Fürchte Nichts. Madelon iſt in der Kirche und Peter bindet den Wein auf⸗ — Nun, ſo denke Dir, Beata, ich hatte in der letzten Racht wohl ſchon einige Stunden geſchlafen, als ich plötzlich mit jähem Schreck emporfuhr. Mir hatte geträumt, ich hätte vergeſſen, un⸗ ſerem Papagei das Bauer zu verſchließen, und nun flöge er auf und davon. Ich richtete mich auf. rieb mir die Vugen, aber ſo lebhaft war mein Traum geweſen, daß ich wirkſich glaubte, ich hätte meine Pflicht ſo arg vernachläſſigt Das ließ mir keine Ruhe. Ich erhob mich leiſe, warf meinen Schlafrock über und ſchlich mich barfuß hinaus. Es war ziemlich hell, der Mond ſchien aber, mir ſchauderte, denn eben ſchlug es Mitternacht. Ich kam zu dem Bauer, es war Alles in Ordnung und unſer Papchen ſhl Tr N bli Un die do r⸗ hen tzu onſt eter acht hem un⸗ auf ſo feine und ſhien — 107— ſchlief mit dem Kopfe unter dem Flügel. — Das iſt Alles, lachte Beata, und nur ein dummer Traum hatte Dich geneckt? — Rein, das iſt nicht Alles! flüſterte Betty geheimnißvoll. Als ich in mein Bett zurück wollte, hörte ich ein Geräuſch. Ich blieb auf der Treppe ſtehen. Denke Dir, es waren Stimmen die unten ſtüſterten, bald ſah ich auch den Schimmer einer Laterne, die mein Großvater entzündete — Komm jetzt ſagte er zu Madelon, ich will dir zeigen, daß Alles in Ordnung iſt. Was wollte er ihr zeigen? Ach, ich bin ſo neugierig, ich wußte, ich hätte doch nicht geſchlafen, wenn ich zu Bett gegangen wäre alſo ſchlich ich leiſe, leiſe hinunter, und während ſie voraus gingen forgte ich ihnen heimlich nach — Da⸗ war ſehr unrecht Betty. — Gewiß aber höre weiter. — Nun was wird es geweſen ſein? Sie ſprachen über unſere Vortäthe über die Kuh oder über die Hühner. — Das dachte ich auch aber weit gefehlt. Sie gingen weder in den Hof noch in den Stall ſondern die Treppe hinun⸗ ter immer weiter o es muß tief in die Erde gegangen ſein, denn es war kalt und feucht Mein Großvater leuchtete voraus Madelon ſolgte ich fror furchtbar aber ich kehrte doch nicht um. Es war ein niedriger Gang bald kamen ſteinerne Stuſen, bald ging es einſach ſchräg hinunter ſehr tief, o ſehr tief. — Da iſt es ſagte mein Großvater und beleuchtete ein eiſernes Gitter. Es war eine Kammer, in den Feſſeln gehauen mein Großvater ſchloß ſie auf und trat hinein— Da iſt der aus⸗ gehölte velsblock ſagte er. in welchem die Papiere liegen, die. Alles beweiſen Damit hob er den eiſernen Deckel empor nahm einen Kaſten heraus und aus dieſem eine Rolle, von welcher er folgendes ablas: — Alice Undentino die Tochter... — O ſchweig! fiel ihm plötzlich Madelon in das Wort, laß mich nicht noch einmal hören, was mir ſchrecklich genug iſt Mein Großvater legte Alles wieder an ſeinen Ort und ver⸗ ſchloß den Stein. — Hier iſt es, verſetzte er und hob ein Stück aus der Mauer heraus. Wieder ſah ich eine Kammer, die in den Felſen gehauen war, es ſtanden ſchwere eiſerne Kaſten darin, er öffnete ſie und faßte hinein, ich ſah Goldſtücke durch ſeine Finger rollen. — Das iſt der Familienſchatz ſagte er, dieſes Geld gehört Alicen. — Sprich den Namen nicht aus! rief Madelon wieder⸗ Komm, ich habe genug geſehen. — Nein, hier iſt auch noch das Pulver und hier das lange mit Theer getränkte Seil. Ein kleines Schwefelholz, welches ich oben daran lege, ſprengt dieſen Felſen entzwei, vernichtet den Schatz. — Gott wolle uns bewahren! rief die Alte aus und bekreu⸗ zigte ſich. — Amen, verſetzte er. Ich kenne meinen Befehl, ſo Jemand erfährt, daß diefes Geld vorhanden iſt, ſo Jemand Kenntniß erhält von dieſem Papier, ſo ſprenge ich ihn, mich, uns Alle in die Luft. — O es iſt ſchrecklich, ſeufzte Madelon. — Fürchte Nichts, Niemand wird es jemals erfahren, tröſtete er ſie. Wir haben ſiebzehn Jahre lang geſchwiegen, wir werden es auch ferner thun, und die Mädchen ahnen Nichts — Aber wie lange ſollen die armen Kinder hier noch ein⸗ ſam leben, da ſie beide alt und hübſch genug ſind, um hinaus⸗ geführt zu werden in das Leben? — Zum Glück haben ſie keine Sehnſucht danach. Ich er⸗ warte die Befehle unſeres Herrn, es wird nicht ſeine Abſicht ſein, dies Kind, das er ſeit vielen Jahren nicht geſehen hat, lebens⸗ länglich gefangen zu halten. Aber komm hinauf, Madelon, Du haſt Dich davon überzeugt, daß Alles in Ordnung iſt und daß die Feuchtigkeit der letzten Gebirgsregen den Papieren nicht ſchaden kann. Ich drückt mich tief in eine Felſenniſche. Sie gingen an mir vorüber und ich folgte ihnen nach oben. Dann ſchlüpfte ich ——— — Nr⸗ uer uen nd ört mit hen at, eu⸗ ond niß ſtete den — 109— in mein Bett hinein. Aber ich konnte nicht ſchlafen, zu deutlich ſtand Alles noch vor meiner Seele. — Ich glaube, Betty, Du haſt gar nicht gewacht, es war ein Traum, der Dich gefoppt hat. Wir laſen geſtern lange.. — Komm, Beata, ſiehſt Du dieſen kleinen Stein in meiner Hand? — Ja, den ſehe ich deutlich genug. — Nun ſo deutlich ſah ich das Geld und das verhängniß⸗ volle Papier. Doch auch ich glaubte zu träumen. Ich will mich davon überführen, ob Alles Wahrheit iſt oder nicht ſagte ich zu mir ſelbſt. Und leiſe bröckelte ich dieſes Steinchen aus der Felswand und behielt es bei mir. Es ſoll mich nicht wieder verlaſſen. — Aber iſt es denn möglich. wer kann dieſe Alice ſein? — Und warum hielt man uns in dieſem Schloſſe feſt? Ich freilich muß hier bleiben, weil meine Eltern todt ſind und weil mein Großvater mich erzogen hat, aber Du! — Meinſt Du, ich hätte Luſt, ohne Dich von hier fort zu gehen? Nein, Betty, wir bleiben zuſammen! — Ja, als Gefangene auf dieſem Berggipfel. Und doch, wenn ich Dich von fremden Menſchen und ihren Schickſalen und Abenteuern leſen ſah, haſt Du oft genug geſeufzt vor Sehnſucht nach dem Treiben der Welt. — Ja, ich ſeufzte, aber ich machte mir gleich darauf Vor⸗ würfe. Iſt es nicht ſchön genug hier oben, ſind Madelon und Dein Großvater nicht gut gegen uns? Sind wir nicht glücklich? — Ja, wir waren es aber werden wir es immer ſein? — Immer, ſo lange wir beiſammen ſind! Und Beata und Betty küßten ſich und lächelten wieder, aber oft blickten ſie ſtumm in die dahinziehenden Wolken, als hätten ſie Sehnſucht mit ihnen davon zu eilen, und oft zerbrachen ſie ſich die hübſchen Köpfchen darüber, wo wohl dieſe Alice Undentino ſein könne und was es mit dem Famikienſchatze für eine Bewand niß haben möchte. — 110 15. Kapitel. Im Sonmer des Jahres 1870. Der Frühling des Jahres 1870 war gekommen mit ſeinen lauen Lüften, mit ſeiner Blüthenfülle. Die reichen Leute machten Pläne, wie ſie ſich auf Badereiſen und Vergnügungsfahrten erluſtigen wollten, die Aermeren verſprachen ſich, jeden freien Augenblick in Gottes ſchöner Natur zuzubringen. Alle blickten mit Hoffnung in das friſch erwachte Lenzesleben hinein, Niemand ahnte, welche blutige Saat dieſer neu vergnügten Erde entſprießen ſollte. Noch am 30. Juni herrſchte Friede über ganz Europa. — Wohin man auch blickt, ſagte der franzöſiſche Miniſter Ollivier an dieſem Tage, kann man nirgends eine Frage entdecken. die Gefahr in ſich bergen fönnte. Ueberall haben die Kabinete begriffen, daß die Achtung vor den Verträgen ſich Jedermann aufdrängt, namentlich aber die vor den beiden Verträgen, auf denen der Friede Europa's beruht, vor dem Pariſer Vertrag von 1856, der für den Orient, und vor dem Prager Vertrag von 1866, der für Deutſchland den Frieden ſichert. Dieſe Worte aus dem Munde eines Mannes, der vor Kurzem exſt ſich auf den Poſten eines Riniſterpräſidenten und Großſiegelbewahrers zu bringen gewußt hatte. beruhigte auch die ängſt⸗ lichſten Gemüther. Handel und Induſtrie fühlten ſich ſicher, und in Berlin, der Hauptſtadt des vielbeneideten Preußenreiches, be⸗ reitete man ſich por, ein glänzendes Feſt zu feiern, das Feſt der hundertjährigen Geburt des Königs Friedrich Wilhelm III. unter deſſen Regierung ſich das deutſche Volk von der Herrſchaft des erſten Napoleon frei gemacht hatte. Wer hätte es damals gedacht, daß es auf's Neue einen Kampf gegen franzöſiſche Anmaßung koſten ſollte, daß ſich aufs Neue Deutſchland zu befreien hatte von der Herrſchſucht eines Napoleon? Indeſſen hatte der Kaiſer Napoleon III. niemals aufgehört an der Vergrößerung ſeiner Staaten öu arbeiten Zwar mochte er es ßen gn ein de N Ki Un 3ü ge nen hten kten eien ten nand eßen niſter ecken. inete wnn „guf von 1656, vor und ingſt⸗ und be⸗ ſt der unter t des educh ufung hatte ri an et es — nicht mit den Waffen in der Hand verſuchen, indeſſen ließ er die Diplomaten für ſich arbeiten, ſo gut es einem Bismark gegenüber gehen mochte. Der franzöſiſche Botſchafter Graf Benedetti, kam immer mit neuen Vorſchlägen zum Vorſchein. Er verlangte von Preußen, daß es ihm die Erwerbung des Fürſtenthums Luxemburg erleichterte, und daß es ihm behilflich ſei, ſich Belgiens zu be⸗ mächtigen, dafür ſollte der König Wilhelm freie Hand haben ſich in Süddeutſchland zu bereichern, ſoweit dies irgend wie thunlich ſein würde. Dieſes Schutz⸗ und Trutzbündniß, weſches der Kaiſer der Franzoſen ſich erfrechte, dem König von Preußen anzubieten, wurde von dieſem nicht mit der gerechten Entrüſtung zurückgewieſen, die es in ſeinem landesväterlichen Herzen erregte. Der König wünſchte aufrichtig den Frieden, und ſuchte den Grafen Benedetti in kluger Weiſe hinzuhalten, immer noch hoffend, daß ſich das Unglück von dem Lande würde abwenden laſſen. Indeſſen ſah der Kaiſer der Franzoſen ein, daß es ihm nicht gelingen würde, mit Preu⸗ ßens Hilfe eine Grenzerweiterung zu erlangen. Er wandte ſich an Oeſterreich und ſuchte dieſen Staat durch die Vorſpiegelung einer Rache an Preußen zu verlocken. Doch auch hier glückte es ihm nicht, ſeinen Zweck zu erreichen. Es fehlte in dem durch den Krieg von 1866 geſchwächten Oeſterreich an Geld und an Mannſchaften, und wenn noch der Wunſch einer Vergeltung für Königgrätz in der Bruſt des Kaiſers Franz Joſeph lebte ſo mußte er ihn wohl unterdrücken, da er zu machtlos war, nur die eigenen Unterthanen, die aufſäßigen Czechen, in gehörigem Zaum und Zügel zu halten, und die Deutſch⸗Oeſterreicher von einem Krieg gegen Deutſchland nichts wiſſen wollten. Während alſo das deutſche Volk ſich darauf verließ, daß dem alternden und kranken Louis Napoleon nichts ferner läge, als der Beginn eines Krieges, wußte man es an den Höfen ſchon ſeit dem Beginn des Jahres 1870, daß der franzöſiſche Fuchs Plane gegen uns ſchmiedete, Er hatte eine neue Militair⸗Orga⸗ niſation angefangen, die bereits ſo weit gediehen war, daß man ſich in Paris befähigt glauben konnte, einen Angriff gegen Preußen zu wagen. In dieſem Vorſatze wurde der Kaiſer noch durch ſeine Gemahlin und ihre Freunde unterſtützt. Der Kaiſerin Eugenie lag Alles daran, ihrem Sohne die Thronfolge zu ſichern. Sie gla. bte dieſem Wunſche nicht beſſer Erfüllung verſchaffen zu kön nen, als wenn ſie danach ſtrebte, das Reich ihres Gatten groß zu rachen durch Siege über ein kräftiges und durch überraſchendes Kriegsglück ſchnell emporgeblühtes Volk. Von jeher beſaß ſie einen großen Einfluß auf den Kaiſer, jetzt benutzte ſie dieſen, ihn zum Kampfe zu drängen. Diejenigen, welche im Jahre 1866 Oeſter⸗ reich's Niederlage bedauert hatten, ſtanden ihr bei, und alle Uebri⸗ gen bauten ſo feſt auf Frankreich's Stern⸗ daß ſie nicht zögerten, ihre Stimmen gleichfalls für dic blutige Entſcheidung abzugeben. Ollivier, der franzöſiſche Premierminiſter, durch ſeine erſte Gattin ein Schwiegerſohn des pekannten Klaviervirtuoſen nach⸗ herigen Abbé Franz Lißt, iſt ein eitler und charakterloſer Mann⸗ der, nachdem er verſchiedenen Parteien gedient hat, ſich zum Staatserretter berufen glaubte. Dabei fand er nun freilich in den Oppoſitionsmännern der franzöſiſchen Kammer einen eifrigen Wi⸗ derſpruch Niemand traute ihm Geiſt genug zu um ſeiner jedenfalls ſehr ſchwierigen Stellung gewachſen zu ſein, und ſo ſah denn auch er, daß ein glücklich geführter Krieg das beſte Mittel ſein würde, ihn zu dem unentbehrlichen Rathgeber des Kaiſers, dem über allen Parteien ſtehenden Staatsmann zu machen. Unter ſeiner Leitung fand die Komödie des Plebiszit Statt. Die Unterthanen des franzöſiſchen Herrſchers ſollten über dieſen abſtimmen. Sie thaten es Mehr als ſieben Millionen bezeugten ihre Zufrieden⸗ heit mit ſeiner Regierung, aber die immerhin beträchtliche Minder⸗ zahl von anderthalb illionen Männern ſchrieb auf die Zettel das Wort Nein. Schon das war verdrießlich. Mehr aber noch verſtimmte der umſtand, daß mehr als ein Fünftel der Armee ſich gegen den KFaiſer erklärt hatte. Dieſe Unzufriedenen mußten beſchäftigt, mußten auf andere Gedanken gebracht werden, man mußte ihnen mit Kriegsruhm die Augen verblenden, die zu deut⸗ lich die Fehler der Regierung eingeſehen hatten. Dennoch fand man eine wenigſtens theilweiſe Aenderung des Kabinets für nothwendig. Zu Ollivier trat als Miniſter des auswärtigen Amtes der Herzog von Grammont. Dieſer Mann hatt gele riſt zur ſcht man kein 187 ſul To daß wär rig un do ha Ve dig zu ſchi La bef un de hir Sie ön des nen — 113— hatte ſchon in Heſterreich und Italien ziemlich zweideutige Dienſte geleiſtet. Der General Leboeuf wurde Kriegsminiſter. So für den blutigen Entſcheidungskampf vollkommen ge⸗ rüſtet, fehlte dem Kaiſer Napoleon nichts weiter, als eine Urſache zur Kriegserklärung, und dirſe war bei der maßvollen und vor⸗ ſichtigen Haltung Preußens ſchwer zu erlangen. Es ſcheint, daß man Eile damit hatte, denn obſchon die Finanzlage Frankreichs keine allzu günſtige war, und die Erntehoffnungen des Jahres 1870 kaum ein Viertel des gewöhnlichen Ertrages verſprachen, ſo ſuchte man und fand den Grund zu einem Kriege ſchon ſechs Tage, nachdem der Premierminiſter Ollivier öffentlich erklärt hatte, daß der Frieden niemals geſicherter geweſen ſei, als in dem gegen⸗ wärtigen Augenblick. Wir haben ſchon früher erzählt, daß die Spanier, des Miß⸗ regiments einer ſittenloſen Frau endlich müde, dieſe weggejagt und eine proviforiſche Regierung eingeſetzt hatten. Da verlangte der größte Theil der Spanier nach einem monarchiſchen Ober⸗ haupte des Staates, wie es denn auch ſchien, als ſei dieſes Volk, das in ſo langer Unterwerfung unter größtentheils unwür⸗ dige Herrſcher gelebt hatte, noch nicht reif ſei, ſich republikaniſch ſelbſt zu regieren. Der Marſchall Prim bot deswegen die Krone ver⸗ ſchiedenen Prinzen an, doch Alle weigerten ſich, die gefährliche Laſt zu übernehmen. Es iſt keine kleine Aufgabe, ein Volk zu befriedigen, in welchem die verſchiedenſten Parteiintereſſen leben, und Finanzen in Ordnung zu bringen, die ſchon ſeit Jahrhun⸗ derten ſo arg zerrüttet ſind, wie die, welche die Erkönigin Iſabella hinterließ. Endlich glaubte Prim, den rechten Mann gefunden zu haben. Er entſann ſich, daß die Rumänier, nachdem ſie den Fürſten Kuſa verjagt hatten, ihre Krone einem Prinzen von Hohenzollern an⸗ trugen, der ſeitdem mit ſeltener Pflichttreue und Uneigennützig⸗ keit ſein Volk beherrſcht und Alles daran ſetzt, es zu jener Höhe der Bildung und Geſittung zü führen, die ihm in den Staaten ſeines hohen Verwandten, des Königs Wilhelm von Preußen, vorleuchtet. Dieſer Fürſt Karl von Rumänien beſitzt einen Bru⸗ D. V. 8 — 114— der welchrr um ſo berechtigter ſchien, den ſpaniſchen Thron zu beſteigen, als er mit einer portugieſiſchen Prinseſſin vermählt und entfernt mit der Familie Napoleon's verwandt iſt, da ſeine Großmutter eine Mürat war. Der Prinz, ein junger ſehr ſchöner Mann von den einz nehmendſten Manieren, fühlte ſich durchaus nicht abgeneigt, daſſelbe zu wagen, was ſeinem Bruder gelungen war, Pater eines Volkes zu werden, das ſich zum Theil nur widerwillig ſeiner Führung anvertrauen mochte. Aber kaum kam die Rachricht davon nach Paris, als der Herdog von Grammont aufjubelte. Er hatte die Urſache zum Kriege mit Preußen gefunden. Sogleich mußten ſämmtliche Regierungsblätter ein furchtbares Geſchrei erheben. Man machte Preußen für das verantwortlich, was der Rarſchall Prim gethan hatte, man heuchelte die Befürchtung, der König Wilhelm wolle mit Gewalt ſeinen Verwandten auf den ſpaniſchen Thron ſetzen, man ſchalt in herben Worten auf preußiſche Anmaßung, preußiſche Eroberungsſucht, man erklärte, daß das politiſche Sleichgewicht Europa's geſtört ſei, wenn der Herrſcher des norddeutſchen Bundes ſeine Gewalt auch über Spanien erſtrecke. In Paris herrſchte große Aufregung. Man ſah Frankreichs Ehre bedroht und nannte dieſe Thronkandidatur ein neues Sadowa, als ob Preußen einen Sieg, ja auch nur den kleinſten Vortheil dadurch erreicht hätte, daß ein Hohenzoller ſich die ſo vielfach verſchmähte Krone auf ſein junges Haupt ſetzte! In Deutſchland erregte dieſer Aufruhr der Gemüther nichts als verwundertes Kopſſchütteln. Wohl Wenige im Volke mögen es gewußt haben, daß ſich im preußiſchen Heere ein Oberſt à la ſuite des erſten Garderegiments, namens Leopold von Hohenzol⸗ lern, befindet der mit einer Schweſter des Königs von Portugal vermählt iſt, bis endlich alle Blice ſich auf dieſe Perſönlichkeit richteten und man in dem ſo vielfach angefochtenen Prinzen einen der ſchönſten Offiziere des Heeres erkannte, der ſich bisher durch vollfommenſtes Unbekanntſeins ausgezeichnet hatte. Jetzt war er mit einem Male zum Zankapfel zweier Natio nen geworden. Vergeblich betheuerte der König Wilhelm, daf er der Sache ganz fremd gendſen fei, bis ſie ihm der Prins Leo⸗ — — — 3 hlt eine ein⸗ elbe ltes ung ach die ßten hen. hall helm ten, vicht ndes — 115— pold eus Pflicht der Höflichkeit mitgetheilt habe. Man wollte aber Krieg in Paris und man brach die Gelegenheit dazu vom Zaun. Der Herzog von Grammont erließ ein donnerndes Schrei⸗ ben und klagte Preußen vor der ganzen Welt an. Die Diplo⸗ maten; unter ihnen vorzüglich Herr von Benedetti, bekamen viel Arbeit, und der Graf Bismark glaubte genug gethan zu haben, indem er erklärte, es ſei überflüſſig, ſich mit einer Thronkandi⸗ datur zu beſchäftigen, die Preußen ſelbſt für unausführbar halte und an der dem König Wilhelm gar nichts gelegen ſei. Nach dieſer offenen Erklärung der preußiſchen Regierung hielt man die Angelegenheit für ausgeglichen, es war, als ob Be⸗ ruhigung in die bereits erhitzten Gemüther zurückkehren ſollte— und dennoch ſtand es anders im franzöſiſchen Kabinet beſchloſſen, und zwar aus guten Gründen. Daß Louis Napoleon des Krieges bedurfte, um ſich und ſeinen Sohn an der Spitze Frankreich's zu erhalten, haben wir ſchon vorher geſagt, daß er ſeine Armee beſchäftigen mußte, um ſein Volk von politiſchen Grübeleien abzubringen und durch Kriegs⸗ trompeten den drohenden Schall der anderthalb Millionen Neins zu ühertäuben; wiſſen wir gleichfalls, unbekannt war es bis dahin geweſen, auf welch' furchtbar leichtſinnige Weiſe der Kaiſer der Franzoſen mit dem Gelde ſeiner Unterthanen gewirthſchaftet hatte. Er beſaß eine höchſt bedeutende Einnahme, doch genügte ſie keineswegs ſeinen Bedürfniſſen. Sein Hofſtaat ſollte wie der Ludwig des Vierzehnten der glänzendſte der Welt ſein, und dafür durften keine Koſten geſpart werden. Die Kaiſerin verſchwendete für eine einzige Balltoilette ſo viel, daß ein einfacher Bürger mit ſeiner Familie von den Zinſen dieſes Kapitals hätte leben können. Für die Dienerſchaft gab es keinerlei Beaufſichtigung. Jeder glaubte an ein mögliches Ende dieſer kaiſerlichen Herrlichkeit und ſuchte ſich ſo viel als möglich zu bereichern, um noch vor dem Sturze Napoleon's ſein Schäfchen ins Trockne zu bringen. Die Hoffeſte, die vielen Reiſen des hohen Herrſcherpaares und ihres Söhnchens, die ſtets erneuten Ausgaben für Luxusgegenſtände aller Art, die Unterſtützung der Kirche von Seiten Eugenie'ns, der 8* —— 2 5 — 16 Spionage von Seiten des Kaiſers. das Alles bildete einen wahren Strom von Ausgaben, deren überſchwängliche Wellen dem Zufluß deſſelben nicht entſprachen. Und dennoch blickte auch Louis Napoleon mit Ernſt in die Zukunft. Wie ſeine Untergebenen ſich an ihm zu bereichern ſuchten, ſo wollte er ſich an dem Staate bereichern und für alle Wechſelfälle des Schickſals ſicher ſtellen. Da ihm dies nicht ſchnell genug gelingen wollte, entnahm er, was er gebrauchte, den Kaſſen ſeines Landes. Dieſes Geld, das an⸗ fangs vielleicht nur ein Darlehn ſein ſollte, konnte und mochte er ſpäter nicht wieder erſetzen und dennoch mußte einmal der Augen⸗ blick kommen, in welchem die Lücke im Staatshaushalt entdeckt werden mußte, in dem man laut und öffentlich fragte, wer der Dieb dieſer dem Lande zugehöriger Schätze ſei. Vor dieſem Augenblicke bebte der Kaiſer zurück. Er war es gewohnt, daß Diejenigen, die mit ſeiner Regierung unzufrieden waren, ihn mit Schmähungen überhäuften, er ertrug dies als eine nothwendige Zugabe des Schattens zu dem glänzenden Lichte, welches ſeine Stellung umgab. Doch auf der Höhe eines Thrones angeklagt zu werden wie ein gemeiner Dieb, zur Rechenſchaft gefordert für anvertrautes Gut und an den Pranger geſtellt zu ſein für Thaten, die bei gemeinen Leuten mit dem Zuchthauſe beſtraft werden— das ertrug ſeine Eigenliebe nicht. Er konnte den Schaden nicht mehr decken, er mußte den Folgen deſſelben vorbeugen. Dazu gab der Krieg die leichteſte Möglichkeit. Wenn Unruhe im ganzen Lande herrſcht, wer denkt da an Rechnen, und wenn man den Herrſcher eines Volkes im Schmuck des Lorbeers ſieht, wer wagt es, ihn der niedrigſten Verbtechen anzuklagen. Ja Krieg Krieg um jeden Preis, Krieg unter jeder Bedingung! Er fragte ſeine Räthe, ſeine Generale, ſeine Präfekten.. Es war kein Einziger, der ihn nicht verſichert hätte, es ſei Alles im Stande, Alles bereit, es fehle an Nichts. Er hatte Unmaſſen von Soldaten, und für dieſe die bewährten Chaſſepots, er harte Mitrailleuſen, eine Waffe, mit welcher er des leichteſten Sieges Seine Feldherrn hatten ſich in Rußland, in Italien, ſeine Mannſchaften waren noch niemals vor ichen, Geld war in ſeinen Kaſſen, dieſes 1— gewiß war. —.——————————————— gel⸗ tdect eſem daß mit ndige ſewe eklagt t für ten, — nicht Dazu nzen den wagt AUe⸗ nſen — halte — nothwendigſte aller Bedürfniſſe, Geld, ließ ſich unmer den Fran⸗ zoſen entlocken, ſobald man ihnen die Fahne des Ruhmes vor die Augen hielt, und fehlte es auch, man führte ja Krieg im fremden Lande, man lebte auf Koſten des Feindes, man kam mit Schätzen belaſtet in die Heimath zurück. Und auch das Volk war dem Kampfe mit Deutſchland durchaus nicht abgeneigt, hat doch Frankreich kein Volksheer. Dort verläßt nicht der ehrſame Bürger ſeine Familie und ſein Handwerk, dort legt nicht der Gelehrte Bücher und Feder bei Seite, um nach dem Zündnadelgewehr zu greifen, dort ſtellt ſich nicht der Sohn des Miniſters neben den einfachen Arbeiter. Es iſt die Hefe des Volkes, welche man in Frankreich in den Krieg ſchickt, Kannibalen aus Afrika, Verbrecher, die ihre Strafe abgebüßt haben und keinen Platz mehr finden unter ehrlichen Lenten, Menſchen, die ſich zu keiner Arbeit ſchicken und den halben Müßiggang des Syldatenlebens im Frieden als ihr eineiges Exiſtenzmittel anſehen. Wer fragt danach wenn ſolches Geſinde niederkartätſcht wird? Keine treue Gattin weint zu Hauſe und ſorgt, wie ſie die Kinder ehrlich aufziehen ſoll ohne die Hilfe des Vaters, der dahin ſtarb für das Vaterland, keine Thräne der zurückgebliebenen Mitbürger fließt um die rühmlich Gefallenen, nein, man freut ſich, die Laſt los zu werden, die auf der menſchlichen Geſellſchaft liegt, der Krieg entleert die Strafanſtalten nimmt dem Henker die Arbeit ab, reinigt die Landſtraßen von gefährlichem Geſindel, je mehr davon fällt, nun um ſo beſſer... Wenn bei uns die Augen der Mädchen wohlgefällig auf den ſchmucken Soldaten ruhn, in Frankreich ſieht keine anſtändige Perſon einen ſolchen an, nur die Verworfenſten ihres Geſchlechtes loſſen ſich mit ihnen ein, und ihre Kinder geben jene Bande entſittlichter Geſchöpfe ab, die der Fluch der menſchlichen Geſell— ſchaft ſind und für die der Name Spitzbube noch ein Ehrentitel iſt. Findet ſich in der Armee ein Conſeribirter, werden auch einmal anſtändiger Leute Söhne gezwungen, ſich mit jenem Geſindel zu vermiſchen, ſo ſeht, wie ſie ſich ſcheu zurückhalten von der Ge⸗ meinſchaft mit ihren Kameraden, wie emſam ſie daſitzen am Bivuakfeuer, wie trübſelig ſie hineinblicken in das gemeine Treiben, 118— dem ſie durch Zwang nachahmen müſſen, und wie ſie ſelbſt bei ihren Vorgeſetzten keinen Troſt finden für ihr trauriges Loos. Dieſe Vorgeſetzten kennen eben nur Untergebene, die an Rang und Bildung tief unter ihnen ſtehen, die blind zu gehorchen haben. Wie bei uns der einjährige Freiwillige traulicht mit vem Offizier verkehrt, wie dieſer ſich als Freund zu ſeinen Leuten fühlt, davon hat man in Frankreich keinen Begriff, wie ſollte das dort auch anders ſein, wo der junge Adlige alle Liederlichkeiten eines vornehmen Lebens genießt, indeſſen der dem Volke entſproſſene Soldat die Liederlichkeit der Kneipen und gemeinen Häuſer aufſucht. In Bezug auf die Sittlichkeit iſt zwiſchen beiden der Unterſchied nicht eben groß, in Bezug auf Feinheit aber bedeutend. Wohl uns, daß wir ihn nur vom Hörenſagen kennen. Als im Monat Juli des Jahres 1870 die erſte Nachricht von der Möglichkeit eines Krieges ſich verbreitete, jubekte Alles in Frankreich auf, ſeufzte das ganze deutſche Volk: — Das iſt eine harte Prüfung Gottes, aber muß es ſein, nun wohl, dann werden wir den Franzoſen zeigen; was wir ſind!— 1g i 16. Kapitel. Ein vornehmer Mann. Am Morgen nach Heleneins Verlobungsfeſte mit dem Grafen Hektor von Bellegarde ſchlich ſich die Herzogin Montalto in das ½ Zimmer ihres Gatten. Sie war daſelbſt kein allzuhäufiger Gaſt. Mit feinem weiblichen Gefühl hatte ſie erkannt, daß ſie das Herz ihres Mannes lange ſchon nicht mehr beſaß, ſie ahnte, ja ſie wußte es, daß er jüngeren und ſchöneren Frauon nachlief die ihn durch ihre gefälligen und käuflichen Reize zu locken ſuchten. Sie klagte nicht darüber, theilte ſie doch nur das Schickſal aller franzöſiſchen Frauen aus der ſogenannten guten Geſellſchaft. 0s. ofen das Gaſt. Helz 6 ſie die chten. aller ſchaft. — Der Kaiſer ſelber hatte verſchiedene Verbindungen gehabt, bald feſſelte ihn die ſchöne Marquiſe Galifet, bald wieber eine intereſſante Schaufpielerin, es iſt eben ſo Mode in Paris, man würde den Mann kläglich finden, dem es Ernſt damit wäre, den Schwur der Treue zu halten, den er vor dem Altare ausſpricht. Iduna wäre heiter und froh geblieben trotz ihres Gattens Leichtſinn, wenn nicht ſchwerere Sorgen ihr Herz bedrückten. In Italien und in ländlicher Einfamkeit von einem würdigen alten Geiſtlichen erzogen, hatte ſie ſich auch in den vielfachen Verführungen, die ihr in Frankreich entgegen traten, ein reines Herz und wahre Frömmigkeit bewahrt. Sie liebte ihre Kinder über Alles, ſie ehrte auch in ihrem Manne, was ehrenwerth an ihm war, ſie hätte ſich glücklich geprieſen, wenn nicht die Angſt in ihrem Herzen gelebt hätte, die Angſt, die ſie Niemand mit⸗ theilen konnte. Oft la ſie ſchlaflos auf ihrem ſeiderten Polſter und horchte auf des Herzogs Schritt. Vernahm ſie alsdann, daß er ſchwerfällig und langſam die Treppe hinaufſtieg, hörte ſie, wie er unruhig in ſeinem Zimmer auf und abging, ſo hätte ſie auf⸗ ſpringen und zu ihm eilen mögen, aber ſie durfte es nicht, durfte ihm nicht fagen, daß ſie Alles wußte und daß ſie, als fein Weib, bereit ſei, die Laſt zu tragen, die auf ſeinem Herzen, ſeinem Ge⸗ wiſſen lag. Hent kam ſie ſchüchtern zu ihm, nicht wie die Lebensgefährtin zu ihrem Gatten, nein, wie eine Bittende. Montalto ſaß vor ſeinem Schreibtiſch und ſtützte den Kopf in die Hand. Sie nahle ſich ihm leiſe, legte ihren Arm um ſeinen Hals und fragte mit ſanfter Stimme: — Hermänn, iſt Dir nicht wohl? Er fuhr empor.— Was willſt Du, Iduna, warum ſo früh ſchon auf? — Es iſt nicht mehr früh, Hermann, ich war ſchon in der Veſſe, jetzt möchte ich Bich ſprechen. Der Herzog fah näch der Uhr. — Du haſt Recht, es iſt ſpäter, äls ich gedacht habe. Alſo mach es kurz, meine Liebe, denn ich erwarte Beſuch Kebrigens, weißt Du, daß unſer Haushofmeiſter mir die Rechnungen des geſtrigen Feſtes gebracht har? Sie hat furchtbar viel Geld ge⸗ — —.—— — 120— oftet, dieſe Verlobung, die Speiſen, der Champagner, die Blumen, Alles iſt enorm theuer. Aber ich bereue es nicht Der Kaiſer war äußerſt gütig gegen uns. auch gegen Helene. Das ſichert ihr eine glänzende Stellung in der Geſellſchaft. Iduna ſeufzte leiſe. Sie merkte es wohl, daß ihr Gatte ſo lebhaft ſprach, um ſie ſelber nicht zu Worte kommen zu laſſen. Zetzt legte ſie ihm die kleine Hand auf den Arm. — Das Feſt war vollkommen, ſagte ſie, nur Eines gefiel mir nicht. — und was? Man muß geſtehen, Du biſt ſchwer zufrieden zu ſtellen. Hatten wir nicht allen Luxus aufgeboten, der ſich nur denken läßt, fehlte auch nur einer der berühmten Namen? — Höre mich, Hermann, Du kennſt den Grafen Hektor? — Gewiß kenne ich ihn. Sein Vater war viel in dem Hatſe des nigen⸗ und Du bürgſt für ſeine Ehrenhaftigkeit? — Meine Liebe, was iſt Ehrenhaftigkeit in einer Zeit, wo Alles nach Gold, nach Rang, nach Genüſſen ſtrebt? — Doch möchte ich Helenen's Schickſal keinem Manne anver⸗ trauen, der nicht in ſolchem Streben die richtigen Wege zu fin⸗ den wüßte. — Weibergedanken! Haſt Du ſchlecht geſchlafen, Iduna? — Laß' mich aufrichtig ſein, lieber Freund, dieſer Hektor von Bellegarde gefällt mir nicht. — Das ſoll er ja auch nicht, meine Theure! — Aber Helene fühlt gleich mir— Hermann, ich bitte Dich, antworte mir, läzt ſich dieſe Verlobung rückgängig machen und wäre es mit großen Opfern... läßt ſie ſich rückgängig machen? Der Herzog runzelte die Stirn. 6 — Welch ein Unſinn, wahrhaftig, ich hätte Sie für ver⸗ ſändiger gehalten, Madame. Glauben Sie, ich hätte den jungen Mann aus Algier kommen laſſen, um ihm jetzt zu ſagen: ich be⸗ daure ſehr, Sie gefallen meiner Gattin nicht! — Aber Helene empfindet gleich mir. — Helene iſt ein Kind, Ich habe nicht Zeit, mih um die fantaftiſchen Gedanken zu bekümmern, die in Weiberköpfen auf⸗ — ——— er r iel wo vel⸗ fn⸗ kior und en ver⸗ die —— — 91 Kitgenc 121 Verärmung ſteigen. Genug, die Verlobung hat unter den Augen des auſer⸗ und der Kaiſerin ſtattgefunden, die Hochzeit wird in vierzehn Tagen ſein. Das junge Paar bleit fürs Erſte in unſerem Hauſe, bis ſich Hektors Schickſal entſchieden hat. Der Kaiſer gedenkt ihn in dem bevorſtehenden Kriege zu verwenden. — So iſt dieſer ſchreckliche Krieg unvermeidlich! Und auch Du, Hermann, auch Du mußt mitziehen? — Pah, eine Promenade nach Berlin, was iſt dabei zu befürchten? Man muß ſich nur bequem einrichten, das Noth⸗ wendige nicht vergeſſen. wir werden in dem Lande der deutſchen Bauern nur wenig Bequemlichkeiten finden, fürchte ich, was es aber Schönes in Berlin giebt, verlaß Dich darauf, das bringe ich Dir mit. Er war aufgeſtanden, jetzt küßte er ſeiner Gattin die Hand und geleitete ſie zu der Thür. Sie ging hinaus. Draußen brach ſie in einen Strom von Thränen aus... die Unglückliche, ſie ſah nicht nur ihr eigenes Loos, ſie ſah das ihrer geliebten Richte in ſchwarzen Zügen in das Buch des Schickſals eingeſchrieben... — Er will mich täuſchen! rief ſie aus. Er heuchelt mir Heiterkeit und einen frohen Blick in die Zukunft, ach, und ich weiß doch, was uns bedroht.. O Gott, o Gott, wende die ſchreck⸗ liche Gefahr von mir und meinen armen Kindern! Indeſſen ſie traurig und ohne Troſt für die arme Helene zu ihren Gemächern zurückkehrte, warf ſich der Herzog unmuthig wieder in ſeinen Lehnſeſſel und ſchob die Papiere zuſammen, die ihm ſein Haushofmeiſter gebracht hatte. — Geld, ſagte er, ſie Alle verlangen Geld von mir. ZJa, als ob ich melches hätte. Was half es mir, daß ich es zu ver⸗ ſchafſen ſuchte, daß ich kein Mittel ſcheute, es mir zu verſchaffen eine einzige wilde Racht... da rollten die Papoleond'or über den grünen Tiſch, da nahmen mir die Weiber... Was nun anfangen, was nun anfangen? Die Wucherer, denen ich verſchuldet bin, dieſe Blutſauger, die mir keine Ruhe laſſen, He⸗ lene'ns Brautſchatz den ich ihr erſetzen muß... o, warum mußte ich gerade von dieſem Gelde nehmen! Doch ſtill nur, ſtill.. noch kann Alles gut werden. Der Krieg wird Hilfe bringen, Niemand wird merken.. Wer kommt.. ah, Hektor! will⸗ kommen, zärtlicher Bräutigam Sie find früh da, Ihr Liebchen zu begrüßenl Sein Geſicht, das eben noch von ſo tiefen Falten durchzogen war, glättete ſich plötzlich er lüchelte heiter und froh dem jungen Manue entgegen, deſſen ſtechender Blick ihn zu durchdringen ſchien. — Ich traf Sie bei der Arbeit? fragte Hektor, legte ſein Käppi ab und ſetzte ſich neben den Schreibtiſch. Er trug heute die Uniform ſeines Regiments. Die rothen Hoſen, der faltige Gürtel, die engen Kamaſchen und das kurze Jäckchen ließen ſein braunes Geſicht noch unheimlicher erſchernen⸗ als es geſtern in dem eleganten ſchwarzen Anzuge ausgeſehen hatte. Montalto ſelber fand ihn häßlich und begriff daß er ſeiner Frau und Helenen nicht beſonders gefallen konnte, indeſſen fiel es ihm nicht ein, darauf Rückſichten zü nehmen, da er ſeine eigenen Abſichten zu verfolgen hatte. — Sie ſtören mich nicht, Hektor, lachte er, ich bin ein guter Hauswirth, ich ſah Rechnungen durch Die Leute find immer geneigt, uns zu betrügen, wenn wir ihnen nicht auf die Finger ſehen. Sie werden das auch noch erfähren. — Ich weiß es ſchon jett, antwortete der Offizier mit einem ſcharfen Blick, vor welchem der Herzog faſt erſchrak. Doch da Sie eben beim Rechnen waren, ſo bitte ich Sie, dieſe angenehme Beſchäftigung fortzuſetzen. Sie ſchreiben mir, der Brautſchatz des Fräuleins von Montalto beſtände aus zwei Millionen Franke — Ganz recht. Dieſe Summe kiegt in der Bank von Frankreich — Mich wundert, daß Sie nicht die fünfzigtauſend Franks netwähnten, die ſie noch von ihrer Mutter und nicht die achtzig⸗ tauſend, die ſie von einer Tante geerbt hat. MWontalto biß ſich auf die Lippen. Woher wußte Hektor von dieſen Summen? — Helenen's Erziehung. ſagte er⸗ Wird doch nücht meht als die Zinſen von zwei Millio⸗ nen Franks gekoſtet haben? lächelte Hektor, das Uebrige. — Ich weiß von keinem Uebrigen! rief der Herzog. —— — vil⸗ chen gen gen ien. ſein eute lige ſein n in talto enen nſu guter mmel inger inem h da ehme des ð von tank chtig⸗ r 0 N ilo⸗. — —— — — 123— — Ein Vormund, der es ſo gut verſteht, Anderen auf die Singer zu ſehen, ſollte davon wiſſen. — Wer hat Ihnen davon geſprochen? Hat man Ihnen auch geſagt, wo das Geld liegt und wer es verwaltet? Ich wie⸗ derhole, daß ich Richts davon weiß, daß ich Helenen ſeit vier Monaten in meinem Hauſe habe, ohne dafür die geringſte Ent⸗ ſchädigung in Anſpruch zu nehmen, daß das geſtrige Feſt faſt fünf⸗ tauſend Franks gekoſtet hat, daß.. — Iſt die Sache des Aergers werth, Herr Herzog? Es handelt ſich hier um einhundert und dreißig tauſend Franks, die meiner Braut gehören, von denen Sie behaupten, nichts zu wiſſen, nun gut, man wird die Gerichte fragen, bei welchen jene beiden Erbſchaften niedergelegt wurden, das iſt Alles. Und jetzt erlau⸗ ben Sie mir wohl, die Damen zu begrüßen. Er ſtand auf, verneigte ſich tief, und verließ das Zimmer. Montalto war faſſungslos. Er ging in ſeinem Kabinet auf und ab, er biß an ſeinem Schnurrbart. — Mein Leben drum, wenn ich wüßte, wer ihn von dieſem verfluchten Gelde geſagt hat! rief er ganz laut. — Ich! antwortete eine Stimme. — Du, Iſidor, wo kommſt Du her? — Direkt aus Deutſchland, Herr Herzog, wvohin Sie ſelber mich Spionirens wegen ſchickten. — So, und was fandeſt Du? — Ein erbärmliches Volk! Was iſt das gegen die große Nation? Krämerſeelen, denen die Ruhe über Alles geht, dazu Uneinigkeit, wohin man ſieht In Baiern andere Münzen als in Preußen, in Sachſen andere Ellen als in Schleſien, in Hol⸗ ſtein andere Maße als in Pommern. Und dann in Han⸗ nover betet man für den vertriebenen Köniz Georg, in Thüringen giebt es, ich weiß nicht, wieviel Fürſten in Baiern haßt man die Preußen, und in Berlin dänken ſie ſich klüger zu ſein, als alle Uebrigen. — Ich weiß das, unterbrach der Serzog dieſen Wortſchwall. Wir werden mit dieſem unter ſich verfeindeten Volke bald genug fertig werden. — — Das fürchte ich⸗ beſtätigte Iſidor, denn ein Feldeug, der vier Wochen lang dauert, wird nicht genug ſein für den Kaiſer, und für Sie, Herr Hersog. — Für mich! — Run ja, für Sie. Ich fam aus Deutſchland, pfui über dieſe groben Barbaren! Kaum war ich nach Paris gekommen, wer begegnet mir? Der Herr Graf von Bellegarde. — Was treibſt Du, Iſidor? fragte er mich. — Richts für den Augenblick. — Komm mit mir, ich brauche ciuen trenen Diener, willſt Du mir treu ſein? — Wie Gold, Herr Graf. So war das Geſchäft abgeſchloſſen. — und Du beſiegelteſt den Vertrag durch einen Verrath an mir? — Herr Herzog, Sie waren in der letzten Zeit ein ſchlechter Zahler, ich weiß es durch Moſes, der Ihnen achtzigtauſend mit funfzehn Prozent geliehen hat. Er klagte mir, daß er Verluſte an Ihnen hätte, und es war mir unangenehm, denn, wie Sie wiſſen, ging das Geſchäft durch meine Hand. — War das ein Grund, mich in dieſe Verlegenheit zu ſtürzen. indem Du dem Grafen Hektor von jener Erbſchaft erzählteſt? — Ich ſagte ja nur das. Von bem kleinen Griff in die Montirungskaſſe, von der ſtillſchweigenden Anleihe beim Staate habe ich natürlich kein Wort geſagt, werde es auch nicht thun, wenn Sie mir tauſend Franks geben. Der Herzog war außer ſich. Er hätte ihm an den Hals ſpringen, ihn erwürgen mögen. Er mußte an ſich halten. Zum erſten Male ſah er ein, daß ſein Thun ihn gleichſtellte mit ver⸗ worfenen Menſchen, wie dieſer Iſidor, er entſetzte ſich vor ſich ſelber, er hätte in die Erde verfinken mögen. Dieſer Mann in dem Dienſte eines Hektor von Bellegarde, ſein Geheimniß preis⸗ gegeben, verrathen, wenn er nicht mit Gold das Stillſchweigen erkaufte ach.. und er hatte keines, er war urm bettel⸗ arm. Da ſtand um ihn her der Plunder, vergoldete Vaſen, Stutzuhren, Atlasmöbel. konnte er das Alles verkaufen, ver⸗ ——— —— Ag, den über nen, wilſ rrath echter d mit etluſe ie Sie ützen 17 in die Staate thun, du Zum it ver⸗ vor ſi ann preis oigen betel⸗ Paſen⸗ n v ſeetzen, ohne daß man mit Fingern auf ihn wies, ohne daß ſeine — 183 Stellung bei Hofe für immer verloren war? Sein letztes Gold, er hatte es geſtern verſpielt, was ſollte er thun, womit Iſidor zum Schweigen bringen. Er ſaß und ſtarrte vor ſich hin. — Werde ich mein Geld bekommen? fragte endlich der Jude. — Dein Geld? fuhr der Herzog empor, wieviel? — Nur tauſend Franks, ein Kinderſpiel für einen großen Herrn. — Ich habe nicht ſo viel, das geſtrige Feſt... — Iſt unbezahlt, ich weiß es, der Weinhändler zeigte mir ſeine Rechnung. — Kerl, weißt Du denn Alles? — O nein, nur, was mich intereſſirt, das heißt, was ich brauchen kann, und das Geld, Herr Herzog, wahrhaftig, das brauche ich. — So warte hier. Der Herzog ließ ihn allein und eilte zu ſeiner Gemahlin, um ihr zu ſagen, daß eine augenblickliche Verlegenheit ihn nöthigte, ihre Gefälligkeit in Anſpruch zu nehmen. Er ſagte es mit lachen⸗ der Miene und grimmerfülltem Herzen. unterdeſſen blieb Iſidor allein in dem Zimmer. Der Schreib⸗ tiſch ſtand offen, Briefe und Rechnungen lagen darauf. Leife ſchlich er darauf zu. Er zog einen Kaſten heraus, Ordensbänder, glänzende Sterne, Kreuze, Medaillen lagen darin... das war Nichts für ihn. Ein anderer enthielt Papiere, Liebesbriefe, man ſah es an dem roſenrothen Papier, dazwiſchen Photographien, Locen, Schleifen... Schnell verſchloß er das Fach. Endlich hier, ein Käſtchen von grünem Maroquin, darin ein vergilbtes Blatt, ein Siegel darunter an einer Schnur.. Iſidors Augen leuchteten, er ließ das Käſtchen in ſeine Taſche gleiten, ſchob das Fach, dem er es entnommen hatte, zu und trat mit gleichgültiger Miene zu der gegenüberliegenden Wand, um die Bilder zu be⸗ trachten, die, meiſt griechiſche Gottheiten darſtellend, an den Wän⸗ den hingen. Der Herzog trat herein 26 — Hier ſind tauſend Franks, ſagte er. — O, ich wußte es wohl, ſchmunzelte Iſidor, indem er ſich den tief verbeugte. hän — Nimm dieſes Geld und ſchweige. — EGewiß, ich werde ſchweigen. Herr Herzog, und empfehle mich Ihnen. Er ging, der Herzog ſank in einen Stuhl und ſeufzte tief. Da ſteckte Iſidor noch einmal den Kopf in die Thür herein. — Was ich ſagen wollte, Herr Herzog, das Kind, mich quält mein Gemiſſen. lebt das Kind noch? — unmenſch! Verluß mich, öder ich vergeſſe, daß ſchon Blut Si genug an meinen Händen klebt! So ſchrie Montalto auf und ſtürzte auf den Juden zu. Dieſer erſchrak vor den wilden Augen, vor dem wuthſchnaubenden Anblicke des Mannes, den er bis zum Aeußerſten getrieben hatte. lter Schnell ſchloß er die Thür und entfernte ſich. Stöhnend ſank der Herzog von Montalto auf ſeinen Stuhl nieder. w unt bef 17. Kapitel. No. Wie man Leute beſeitigt. eft Lange mochte er ſo gelegen haben, das Klopfen ſeines Un Kammervieners ſchreckte ihn empor. Wenn man leidet, wie Mon⸗ talto, iſt jedes leiſe geſprochene Wort eine Mahnung an das Gewiſſen. Es war die Stunde, zur Audienz beim Kaiſer zu te fahren. Aber der Herzog hatte vorher noch etwas Anderes zu ge thun. Er ließ den Wagen auf dem Boulevard halten und begab jn ſich zu Fuße zu einem Manne, denn er nur zu gut kannte. Er un ſand ihncallein in ſeinem ſchmutzigen Waffenladen. r — Wollen Sie mir fünfundzwantigtauſend Gewehre für 5 igtauſend Dukaten abfaufen? fragte er kurz⸗ n ef. ch lut z. den atte⸗ ſant ines Mol⸗ do5 r e 0 begab — Muß doch erſt die Waare ſehen? meinte der Mann, ohne den Blick von dem Flintenſchaft zu erheben, an welchem er hämmerte. — Es ſind Hinterlader, wie ſie die Armee neuerdings hat⸗ — Aha, machte der, und hielt mit der Arbeit nicht ein. — Entſchließen Sie ſich. Ja oder Nein! — Bünfundzwanzigtauſend für fünfundzwanzigtauſend Dukaten. — Das iſt zu wenig. Einen Dukaten für ſolch' ein Gewehrl In Italien, in Spanien giebt man Ihnen das Sechsfache dafür. — Das muß auch ſein. Man riskirt nicht umſonſt Alles. Sie wiſſen, die Galeere es iſt kein Spaß! — Aber baar Geld! — Ja. Wann und wo ſoll ich es bezahlen? — Die Kaſerne der Gardegrenadiere ſteht im Augenblick leer, dort liegen die Waffen. — Gut, ich werde mit einem Kahn auf dem Waſſer ſein, wenn es dunkelt. — Und mit dem Eelde? — Natürlich! Der Herzog ging hinaus, ihm brannte es wie Feuer unter den Sohlen. Er wußte, was er gethan hatte, Frankreich beſtohlen, die Armee im Falle des Krieges wehrlos gemacht und ſich ſelber nicht geholfen. Fünfundzwanzigtauſend Dukaten, wos war das für ihn? Er konnte Hektor von Bellegarde damit aus⸗ helfen und wie ein Bettler leben oder er konnte den Wucherer befriedigen, bei dem er mit fünfzehn Prozent geliehen hatte, und den Grafen um Nachſicht bitten.. den Grafen! O, er kannte jetzt dieſen Hektor, er wußte, von dieſem Manne hatte er Richts zu hoffen. Sein großer Plan war geſchei⸗ tert. Hektor war jung und lebensluſtig, Helene ſchön. Er hatte gehofft, Verwalter des großen Vermögens zu bleiben, mit den jungen Leuten zuſammen zu leben, ſo lange ſie in Paris blieben, und, ohne daß ſie es merkten, die Zinſen des Kapitals mit zu verzehrcn. Er war dem Vater des Grafen eine ziemlich bedeutende Summe ſchuldig geblieben. Ich kann Sie nicht bezahlen, hatte er an Hektor geſchrieben, als der alte Bellegarde geſtorben war, — 128— aber ich will Beſſeres für Sie thun, ich will Sie zum Gatten des ſchönſten und reichſten Mädchens in Frankreich machen. Damals hatte er gehofft, Helenens Anmuth werde den glücklichen Bräutigam ſo für ſich einnehmen, daß er an nichts weiter den⸗ ken würde. Er hatte ſich bitter getäuſcht. In der That, die hun⸗ dert und dreißig tauſend Franks, die Helenen außer zwei Millio⸗ nen, welche auf der Bank von Frankreich lagen, noch gehörten, hatte er unterſchlagen, hatte ſie in ſeinem liederlichen Leben durch⸗ gebracht. Ja, noch mehr, das Vermögen ſeiner Frau, das Erb⸗ theil ſeiner Kinder war durch ihn verſchwendet worden. Und was hätte das ausgemacht? Er war nicht der erſte große Herr in Paris, der in den Schuldthurm wandern mußte, bis ihn die Gnade des Kaiſers daraus erlöſte, aber er hatte kaiſerliche Kaſſen beſtohlen, Waffen aus öffentlichen Depots ver⸗ kauft, das war entehrend.. er ſah den alten Namen der Montal⸗ to's entweiht, ſah ſeine Gattin und ſeine Kinder der Vernichtung preisgegeben, ſich ſelber ſeiner Würden beraubt, in Sträflingsklei⸗ dung o es wurde ſchwarz vor ſeinen Augen, die Sinne wollten ihm ſchwinden wo gab es einen Austdeg aus diefem Höllenpfuhl? Er ſaß allein in ſeinem Zimmer, wie er am Morgen geſeſſen hatte, und grübelte nach. — Der Krieg, der Krieg allein kann mich erretten, Niemand merkt, ob Waffen fehlen, der Kaiſer belohnt meine Dienſte kaiſer⸗ lich, der Glanz neuer Ordensſterne blendet ſelbſt meine heftigſten Ankläger... ju der Krieg muß mich retten. Der Gedanke war tröſtlich. Er ſtrich ſich mit der Hand über das Geſicht, wie um die tiefen Falten auszuglätten, welche Sorge und Gewiſſensbiſſe hinein gegraben hatten, bann ſchickte er ſich an, zu ſeiner Gattin zn gehen, bei welcher er den Grafen von Belle⸗ garde wußte, doch, indem er die Thür öffnete, prallte er erſchrocken zurück vor der Erſcheinung eines Mannes... Nein, dieſen hatte er hier nicht vermuthet, von allen Men⸗ ſchen in der Welt dieſen am wenigſten. Der Gaſt verbeugte ſich tief, ſeine bleichen ſchmalen Lippen zogen ſich von den gelben Zähnen zurück, die grinſend hervor⸗ ſta Au g 50 Atten chen. chen den⸗ hun⸗ rten, urch⸗ etfte ußte hatte ver⸗ onta⸗ htung lli⸗ Sinne dieſem eſeſſen mand kaiſer⸗ tigſten ſtarrten, der kahle Kopf, die eingedrückte Naſe, die ſchlauen Augen. ja, es war Venturo, der Jeſuit... was wollte er in Paris, was in dem Hauſe des Herzogs von Montalto? Gewiß nichts Schlimmes, trat er doch ſo höflich, ſo leiſe herein, ſetzte er ſich doch ſo beſcheiden auf eine Ecke des Stuhls, als ihn Montalto mit einer Handbewegung dazu aufforderte. — Euer herzogliche Gnaden erinnern ſich meiner noch, be⸗ gann der Mönch lächelnd. — Ja, verſetzte Montalto mit gepreßter Stimme. Was führt Sie her? — Eine Erinnerung, grinſte Venturo. Ich gedachte der Zeit, als wir beide noch jünger waren, Herr Herzog. — Was ſoll das jetzt? wir ſind eben älter geworden, die Jugend iſt vergangen und kommt nicht wieder, laſſen Sie auch ihre Thorheiten vergangen ſein, vergangen für immer! Der Herzog hatte mit einer Stimme geſprochen, die er nur mit Mühe feſt zu machen vermochte, denn er war überwältigt von Allem was ihn bedrückte, mehr noch von dem, was ihn aus den Augen dieſes Jeſuiten bedrohte. — Vergangen, vergangen für immer, wiederholte Venturo und rieb ſich die fleiſchloſen Hände. Ja, wenn es gelingen könnte, die Erinnerung in die Vergeſſenheit hinein zu verbannen. Aber wie aus den dunkelſten Wolken hervor Sterne leuchten, ſo treten die Bilder verſchloſſener Tage plötzich vor unſere Seele, ohne daß wir ſuchen, ohne daß wir wiſſen, woher ſie uns wieder kommen. — Genug davon, wenn Sie mir nur das zu ſagen haben, rief der Herzog mit gerunzelter Stirn. — Nur das? Iſt es denn nicht viel? fragte der Jeſuit, in⸗ dem er ſich ganz verwundert ſtellte. Das Mädchen war reizend, ein bißchen wild, ein bißchen keck, ſo was man jetzt emanzipirt nennt. Wie ſaß ſie zu Pferde, wie konnte fie reiten, ſchießen.. kein Kavalier hätte es ihr auf der Jagd zuvor gethan. Und dabei leuchteten die Augen, die Locken flogen, der ſchöne Buſen hob ſich ſtolz... Nicht wahr, Herr Herzog, ich übertreibe nicht, ſie war ſchön, ſehr ſchön. D V. 9 — 130— Montalto hatte den Ellenbogen auf die Lehne ſeines Seſſels den Kopf in die Hand geſtützt. Er antwortete nicht. — und dazu war ſie reich, fuhr der Zeſuit nach einer Pauſe fort, indem er ſein Opfer, denn als ein ſolches betrachtete er den ihm gegenüberſitzenden Mann, genau beobachtete. Sie war nach Paris geflohen, weil ihr Bruder, der ein Prieſter war, ſie für das Kloſter beſtimmt hatte. Hier, in dem Tummelplatz aller irdiſchen Freuden, fand ſie, was ſie ſuchte, Glück, Vergnügen, Liebe... denn ſie liebte, heiß, wie es einem ſolchen Weibe zu⸗ kam und ſie wurde geliebt, nicht wahr, Herr Herzog, ſie wurde geliebt... wenn auch leider nur für kurze Zeit. Der Herzog ſeufzte tief, doch blieb er ſtumm. — Ich ſelber ſegnete die Ehe ein, ſprach der Jeſuit mit gleichgültigem Tone weiter, obſchon ich wußte, daß der junge Mann bereits mit einer Verwandten verlobt war. Ich that un⸗ recht daran, meinen Sie das nicht auch? — Nun fuhr er fort, nachdem er einige Augenblicke ver⸗ geblich auf Antwort gewartet hatte, der Segen der Kirche brachte in dieſem Falle kein Glück. Die beiden jungen Leute quälten ſich gegenſeitig mit Liebe, Zorn und Eiferſucht. Um ſeine Gattin zu reizen, hielt der Gatte ſeine Verlobung aufrecht... wie hätte ein ſo heftiger Character das ertragen können? Es gab ſchreck⸗ liche Scenen, Scenen, die ein Weib nicht ſo leicht verwindet, noch dazu, wenn es Mutter iſt... oft zweifelte ſie an der Liebe ihres Gatten... und hatte ſie keine Urſache dazu, da er es ihr ſo deutlich zu erkennen gab, daß er ſchon nach einem Jahre ihrer überdrüſſig war, und da er ſich anſchickte, ſeine Verwandte als Frau heim zu führen, er, den ich ſelber mit jenem unglücklichen Weibe getraut hatte.. Der Herzog machte eine Bewegung, als wolle er um Scho⸗ nung bitten. Venturo, der ihn nicht aus den Augen ließ, achtete nicht auf ſeine Qualen. In ruhig erzählendem Tone redete er weiter: — Wer begreift die Jerwege eines menſchlichen Herzens? Er, der noch vor Kurzem Alles daran geſetzt hatte, der Gatte des einen Weibes zu werden, wagte es, ſich zum Gatten des an Ge ger zur Kr ben ſie lich tad bri 3h ho de zw wa Uu di zu ätte e⸗ och ebe hrer als hen cho⸗ hete e er ns zatte des — 131— anderen zu machen, wagte es gegen alle bürgerlichen und ſittlichen Geſetze, wagte es auf die Gefahr einer furchtbaren Strafe hiu. Ein tiefer Seufzer des Herzogs war die Antwort. — Die betrogene Frau, fuhr der unerbittliche Mönch fort, gerieth in Verzweiflung, ſie tobte, ſie drohte ihrem Ungetreuen endlich verfiel ſie in eine ſchwere Krankheit. Als ſie wieder zur Beſinnung erwachte, war er auf's Neue vermählt, aber ihre Kraft war gebrochen, ein ſchleichendes Fieber nagte an ihrem Le⸗ ben. Da ſchrieb ſie an ihn und... ſo ſauer es ihr wurde. ſie bat ihn, bat ihn für ihr Kind. Beweiſe min, daß es das meinige iſt! gab er ihr höhniſch zur Antwort. Die Unglück⸗ liche wagte es, ihm zu drohen. Da mußte er wohl... ich tadle ihn deswegen nicht... ihre laute Zunge zum Schweigen bringen. Er ging mit einem treuergebenen Manne FIſt Ihnen unwohl, Herr Herzog? MWontalto krümmte ſich auf ſeinem Lehnſtuhl in namenloſen Qualen, ein dumpfes Stöhnen entrang ſich ſeiner Bruſt. Der Jeſuit, nachdem er vergeblich auf eine Antwort gewartet hatte, fuhr fort: — Er entriß ihr das Kind und warf es dem Diener zu, der es davon trug. Sie wälzte ſich ihm zu Füßen, mit der Ver⸗ zweiflung der Mutterliebe bat ſie um Gnade, nicht für ſich, dazu war ſie zu ſtols, ſie flehte um das Leben, das ihr lieber war als ihr eigenes. vergeblich! er achtete nicht auf ihr Geſchrei, nicht auf das jammervolle Flehen eines Weibes, dem ſchon der Tod die bleiche Schrift auf das Geſicht geſchrieben hatte. — O genug, genug! Der Schrei klang gräßlich von den Lippen des ſtarken Man⸗ nes, dem dieſe Erzählung die Seele aus dem Leibe zu reißen ſchien. Er ſchlug die Hände vor das Geſicht, ſeine zitternden Kniee glitten herab.. da lag er, die glänzende Uniform, die blitzenden Ordensſterne, der koſtbare Teppich, auf welchen er ge⸗ ſunken war, ließen ſein Elend nur noch fühlbarer erſcheinen Venturo ſtand 33 Mit einem halb verächtlichen, halb triumz phirenden Blick fäh er auf den Herzog herab. 9* — 132— — Rein, nicht genug, ſägte er kalt die Liſt eines Weibes genügte nicht, ein Herz zu erweichen, das nut für Genuß und Glanz, für Gold und Ehrenſtellen ſchlug. Sie hing ſich an ſeinen Arm er zerrte ſie zur Schwelle. Laß los, Unſinnige! — H, Gnade, Gnade! winſelte der Herzog. Sie ließ nicht los, fuhr Venturo eiſig fort. — Dein Geld, gieb mir Dein Geld, die Löſungsſumme für Dein Kind. ſo ſprach ein Vater. O es war ja Wähnſinn, was in ihr tobte, als ſie empor ſprang und laut auflachte, als ſie das Kreuz der Ehrenlegion von ſeinem Rocke riß und es mit Füßen trat. — Gnade, Gnade! ſtammelte der Herzog. — Das war zu viel für den ſtolzen Mann. Mit einem Griff erfaßte er ſie, das ſchwache Weib erzitterte in ſeiner Hand er ſchleuderte ſie von ſich, weit, weit.. weit, wie er dieſe Erinnerung von ſich ſchleudern möchte. — Gnade.. Du tödteſt mich! — Sie fiel.. ein Strom von Blut entſtürzte ihrem Munde, ein anderer ihrem zerſchmetterten Schädel, der es war ein böſer Zufall... auf die ſcharfe Kante des Kamins ge⸗ fallen war. Er ſah es und ſtürzte hinaus, als ob Furien ihn verfolgten... es war vorbei vorbei mit Weib und Kind nicht wahr, Herr Herzog, auch mit dem Kinde war's vorbei? Ein vumpfes Stöhnen diente ihm zur Antwort. Der Zeſuit wußte genug, er war zufrieden. Ein höhniſches Lächeln glitt über ſeine Züge, als er an dem zu Boden geſchmetterten Manne vor⸗ bei nach der Thür ſchritt.« — Gut, ſagte er draußen zu ſich ſelber. Das Kind iſt todt, das unterliegt keinem Zweifel mehr Dieſen Erben brauchen wir nicht zu fürchten. Und der Herzog? Die Verzweiflung wird ihn in den Tod treiben, er wird der preußiſchen Kugel entgegen⸗ eilen, die ihm das Leben nimmt und ſeinen Namen rettet. Das nenne ich, unbequeme Perſonen bei Seite ſchieben. Draußen gab er dem Bedienten einen Brief für ſeinen Herrn. In dieſem Briefe ſtunden folgende Worte: — Herr Herzog, Venturo befiehit Ihnen, morgen früh Ihre Söhne dem Jeſuiten⸗Kollegium Ihre Tochter dem Kloſter zum heil geſp ſchra geöf und mord find Dan bern und Sch Au Mä den gege Stin rfr gehe wied Sti des pen tem und ieſe rem ge⸗ ihn Kind hei? ſuit über vor⸗ d iſt chen wird egen⸗ Dus einen re un — 133— heiligen Herzen zu übergeben. Hüten Sie ſich, dieſem ernſt aus⸗ geſprochenen Willen Widerſtand entgegen zu ſetzen. Als der Diener dem Herzog dieſes Papier hineintrug, er⸗ ſchrak er vor der entſtellten Miene ſeines Gebieters. Montakto ſtand an ſeinem Tiſche, vor ihm befand ſich ein geöffnetes Käſtchen. Er nahm eine Piſtole heraus, prüfte ſie und ſetzte alsdann ihren Lauf an ſeine Shläfe. — Nein, ſagte er plötzlich, das wäre verfrüht. Ein Selbſt⸗ mord brächte Schande auf mein edles Weib, auf meine Kinder.. ich muß den Tod wo anders ſuchen, nur Geduld, ich werde ihn finden o, wie ich mich danach ſehne! Er legte die Waffe wieder in den Kaſten und verſchloß ihn. Dann nahm er das Billet, welches der Bediente auf einem ſil— bernen Teller gebracht hatte. — Auch das noch! ſtöhnte er, nachdem er es geleſen hatte und ſank wie vernichtet in einen Stuhl. Unterdeſſen war der Pater Venturo mit leiſen, katzenähnlichen Schritten die Treppe hinab geſtiegen. Unten wartete er einen Augenblick und horchte ſcharf. Er vernahm Schritte, zwei junge Männer kamen in dem Dämmerlichte des Sommerabends aus den Gemächern der Herzogin. Ein Bedienter trat ihnen ent— gegen. — Iſt der Herr Herzog zu ſprechen? fragte eine ſcharfe Stimme, welche dem Jeſuiten bekannt ſein mußte, denn er lächelte erfreut. — Der Herr Herzog iſt unwohl und hat ſich zu Bett be⸗ geben, antwortete der Gefragte. — Es ſcheint hier Alles unwohl zu ſein, meinte der Erſte wieder, auch das Fräulein ſtellte ſich ſo. — Sie war es wirklich, ließ ſich eine andere, weichere Stimme vernehmen, man ſah es ihr an. — Sie ſcheinen meine Braut ſehr genau zu beobachten. — Und Sie ſcheinen wenig Rückſichten auf das Befinden des Fräuleins zu nehmen. — Ueber mein Betragen zu urtheilen, erlaube ich Niemandem, Herr Graf. — 134— — Ein Uurtheil ſteht Jedem frei. Herr Sraf. Unter dieſen in erregtem Tone geſprochenen Worten waren die beiden jungen Männer bis zu dem Hausflur hinunter ge⸗ ſtiegen, wo der Jeſuit ſtund und ſich vergnügt die Hände rieb. — Sektor, mein lieber Sohn, ſagte er ſchmeichelnd, halten Sie an ſich, wenn man Sie beleidigt, ſo ſchwer es Ihnen auch — werden mag. — Ich denke nicht, daß ich den Grafen Bellegarde ge⸗ kränkt habe. — und ich werde mir von dem Grafen Iſſelhorſt keine Be⸗ leidigung gefallen laſſen. Dies wurde von Reinhold mit feſter aber ruhiger Stimme, von Hektor in gereizter Weiſe geſprochen. — Lieber Hektor, redete der Jeſuit dazwiſchen, ich rathe Ihnen dennoch, dieſe Worte als keine Verletzung Ihrer Ehre anzuſehen. Es war gewiß nur herzliche Theilnahme, wenn dieſer junge Herr ſich um das Befinden des Fräulein Helene be⸗ kümmert. — Keines Mannes Her das Mindeſte zu theilen. — Und hat er es, ſo theilt er es Ihnen ſicherlich nicht mit. — Hektor, mein lieber Zögling, tragen Sie auch das noch mit Geduld, denken Sie an die Mäßigung, die ich Ihnen immer predigte! Das henchleriſche Bellegarde's Bruſt tobten. zu, ſeine Hand hob ſich drohen ſchleuderte ihn ein Fauſtſtoß vor geſetzte Wand des Hausflurs. — Blut, rief Hektor, ich muß ſein Blut haben! — Beruhigen Sie ſich doch⸗ mein Sohn, bat der Prieſter. — Nein, nimmermehrl! ſchrie der wüthende Graf, dies fordert Rache! — Ich ſtehe zu Befehl ſagte der Deutſche mit Ruhe. Hier meine Karte. Sie werden mich zu jeder Stunde bereit finden. Mit dieſen Worten verließ er ſicheren Schrittes das Haus z hat mit meiner Braut auch nur Wort goß Oel in die Flammen, die in Er trat einen Schritt auf Reinhold d, doch in demſelben Augenblick die Bruſt bis an die entgegen⸗ und ſcha wagt ausl gew Vir ſeien rieb ein. Kin ſchn Vo und noc ſch gen So K⸗ ut mit. och ner und begab ſich zu Rafael Gambi, mit dem er eine innige Freund⸗ ſchaft geſchloſſen hatte. Hektor trocknete ſich die heiße Stirn. — O Schmach, o Schmach! knirſchte er, dieſer freche Deutſche wagte es, mich zu beleidigen. — Sie werden das rächen, wenn, mie man ſagt, der Krieg ausbricht, beruhigte ihn Venturo. — Nein, jetzt, ſogleich! — Seien Sie vorſichtig! Dieſer Menſch ſcheint ſtark und gewandt zu ſein. — Fürchten Sie nichts, meine Kugel hat noch nie gefehlt. Wir treffen uns morgen früh im Gehölz von Boulogne, und ſeien Sie überzeugt, er ſoll den Mittag nicht erleben! Er ging hinaus, Venturo folgte ihm langſamer nach. Er rieb ſich froh die Hände. — Die Sache geht ganz nach Wunſch, lachte er in ſich hin⸗ ein. Montalto, der ſtolze Herzog, iſt ſo gut wie vernichtet, ſeine Kinder ſind morgen ſchon in meinen Händen, Iduna kann ihr Schickſal nicht überleben, und der Graf Iſſelhorſt ſtirbt ſicher von Hektors Kugel. Es bleibt alſo die abermals räthſelhaft ver⸗ ſchwundene Gabriele, es bleibt Franz Godard, der mir vor zwei Monaten leider entſchlüpft iſt, es bleiben noch drei Iſſelhorſts und das ſchwache Blümchen, Helene Montalto. Das ſind freilich noch ſechs Menſchen, aber nur Geduld, ich werde ſie bei Seite ſchieben, gewiß, ich werde auch die bei Seite ſchieben. 18. Kapitel. Die Abweiſung franzöſicher Frechheit in Ems. So ſonnig und heiter der Frühling des Jahres 1870 geweſen war, ſo kalt und naß zeigte ſich der Beginn des Sommers. Es regnete täglich in Strömen, die Luft war kalt — 136— und windig, und ſelbſt das liebliche Pfingſtfeſt verging unter naſſen Schauern. Das war keine günſtige Zeit für Diejenigen, welche auf den Somm⸗er gehofft hatten, um ihre Geſundheit durch eine Bade⸗ reiſe zu ſärken. Von allen Seiten hörte man Klagen, und auch die Landleute ſchüttelten bedenklich den Kopf und fragten ſich, was denn aus der Ernte werden ſolle, wenn Gottes Sonne ſie nicht beſcheinen wolle. Zu Denjenigen, welche Stärkung und Geneſung ſuchten wo Mutter Natur ſie zum Heil der Menſchheit friſch aus der Erde quellen läßt, gehörte auch der König von Preußen. Im Jahre 1797 geboren, hat er in ſeltener Rüſtigkeit das Greifenalter erreicht. Noch immer iſt die kräftige Geſtalt unge⸗ beugt von der Laſt der Lahre, noch immer trägt das Geſicht die friſche Farbe der Jugend, und ein heiteres Lächeln beseugt, daß unter dem Schnee dieſes Hauptes das Herz noch warm und froh und empfänglich für die Heiterkeit und Luſt des Lebens geblie⸗ ben iſt. Dennoch bleiben bei dreiundſiebenzig Jahren die körperlichen Leiden nicht ganz aus, vorzüglich, wenn man ein arbeitsvolles und ereignißreiches Leben hinter ſich hat. Dieſen Leiden zu ſteuern, riethen die Aerzte dem König an, ſich nach Ems zu begeben und dort eine mehrwöchentliche Kur zu gebrauchen. Dies geſchah, der König Wilhelm trank in Ems gemüthlich ſeinen Brunnen und freute ſich des Himmels, der ſich allmählich erheiterte, indeſſen ſein von langer Krankheit nur halb geneſener Staatsminiſter, Graf Bismark, ſich zu einer Karlsbader Kur anſchickte. Dies war die Zeit, in welche die verhängnißvolle ſpaniſche Thronkandidatur des Prinzen Leopold von Hohenzollern fiel⸗ Nun war es freilich vorbei mit dem ruhigen Genuſſe des Emſer Waſſers, der König ſah ſich plötzlich hineingeriſſen in einen Strudel unangenehmer Geſchäfte, und täglich ſah man ihn ſelbſt auf der Brunnenpromenade in eifrigem Geſpräche mit ſeinem Botſchafter in Paris, dem Freiherrn von Werther, welcher am 5. Juli ein⸗ getroffen war. zu vo 9e An Li Em 2h in Ne ha Um oh hen nd un Kur m⁵ ſich alb der ſche fel nſer udel der fter ein⸗ Am 8. begab ſich auch der franzöſiſche Botſchafter in Berlin zu dem König Wilhelm nach Ems und wurde am nächſten Tage von dem Könige empfangen und zur Tafel geladen. Wußte man gleich nicht, was dabei verhandelt worden war, ſo gab es doch Anzeichen genug, daß es ſich um nichts Geringes handelte. Täglich reiſten Kuriere ab und zu, der Telegraph war zwiſchen Ems und Berlin wie zwiſchen Ems und Paris in fortwährender Thätigkeit, und täglich begaben ſich die anweſenden Diplomaten in die Wohnung des Königs. Das ſpannte natürlich die Neugierde der Badegäſte auf das Höchſte. Dennoch erfuhr man nichts weiter, als daß der Kaiſer Napoleon an den König von Preußen, das Verlangen geſtellt habe, den Prinzen Leopold zu einer Zurücknahme ſeiner Kandidatur um die ſpaniſche Krone zu veranlaſſen. Dieſe Zumuthung war ſtark, und der König mußte ſie mit Entſchiedenheit zurückweiſen, weil es ihm nicht zuſtand, auf die Entſchließungen eines Prinzen der thun und laſſen konnte, was er wollte, einen Einfluß auszuüben. Dies erklärte der König einfach dem Grafen Benedetti, doch beruhigte ſich dieſer nicht mit ſolchen deutlichen Auseinander⸗ ſetzungen, und drang in einer Audienz, die ihm König Wilhelm am elften Juli bewilligte, abermals in den Monarchen, er ſollte dem Prinzen Leopold in beſtimmten Ausdrücken die Annahme der ſpaniſchen Krone verbieten, eine Forderung, die ebenſo unziemlich wie unverſtändig war. Der Prinz Leopold war, wie ſchon geſagt, ganz frei, und Niemand hätte ihn ſtrafen dürfen, wenn er ſelbſt gegen den Befehl des Königs die Krone auf ſein Haupt geſetzt hätte, das ſtand ſo feſt, wie es feſt ſteht, daß es dem König Wilhelm ganz unerwünſcht geweſen wäre, da befehlen zu ſollen, wo er aller⸗ höchſtens ein Recht zum väterlichen Anrathen gehabt hätte. Da ſchienen ſich mit einem Male die Wetterwolken zu zer⸗ theilen, die ſo plötzlich und ſo drohend an dem politiſchen Himmel emporgeſtiegen waren. Am zwölften Juli berichtete der Telegraph aus Sigmaringen, dem Stammſchloſſe der Hohenzollernſchen Familie, Folgendes: — 138— Prinz Leopold hat der Kandidatur für den ſpaniſchen Thron entſagt. Er iſt feſt entſchloſſen, eine untergeordnete Familienfrage nicht zum Vorwande für einen Krieg heranreifen zu laſſen. An demſelben Tage theilte auch der ſpaniſche Botſchafter in Paris, Olozaga, dem Herzog von Gramont mit, daß der Prinz Leopold von Hohenzollern auf ſeine Thronkandidatur Ver⸗ zicht leiſte. So war denn der Zankapfel aus der Welt verſchwunden, und Jeder athmete freier auf, denn Friede, goldener Friede war an die Stelle unheildrohender Beſorgniſſe getreten. So dachte man in Deutſchland. Graf Bismark, der aus ſeinem Landaufenthalt in Varzin nach der Hauptſtadt geeilt war, um ſich zum König nach Ems zu begeben, gab dieſe Reiſe als eine überflüſſige auf und blieb fürs Erſte in Berlin, um ſpäter ſeine durch die Ereigniſſe unterbrochene Karlsbader Kur wieder aufzunehmen, und nur der Miniſter des Innern, Graf Eulenburg, begab ſich nach Ems zu dem König. Indeſſen war die Hohenzollernſche Thronkandidatur in Paris weniger der Grund als der Vorwand zum Kriege geweſen, und dieſen mochte ſich Louis Napoleon nicht ſo leicht wieder ent⸗ gehen laſſen. Der Graf Benedetti hörte nicht auf, den König Wilhelm mit ſeinen unverſchämten Forderungen zu beläſtigen, denen der greiſe Monarch am beſten auszuweichen hoffte, indem er dem franzöſi⸗ ſchen Botſchafter das eben erwähnte Telegramm auf der Brunnen⸗ promenade mittheilte, hoffend, dies werde ihm und dem Lande Frieden verſchaffen. Graf Benedetti bedankte ſich höflichſt, indem er äußerte, er wiſſe von der Entſagung bereits durch den Herzog von Gramont, verlangte aber gleich darauf eine abermalige Audienz beim König, und als dieſer meinte, die Sache ſei doch nun abgemacht, und ihn fragte, was'er denn noch wolle, da ver⸗ langte der freche Franzoſe, der König von Preußen möge die be⸗ ſtimmte Verſicherung ausſprechen, daß er niemals wieder ſeine Ein⸗ willigung geben werde, wenn von dieſer Kandidatur abermals die Rede ſein ſollte. Niemals wiederl! Es genügte alſo nicht daß der Mo Han dem ſche zu ſein ſoll entſ Gra erre zur Kör kom zöſi No leid Gel Se ma Ad n Dir bit keh zu be ih A nu ne ge ch er⸗ he⸗ ie er Monarch bereits ſein Wort darauf gegeben hatte, daß er dieſem Handel mit der ſpaniſchen Krone völlig fern ſtand! Man zweifelte an dem Worte eines Herrſchers, man ſetzte Mißtrauen in ſeine Ver⸗ ſicherung— man ſuchte augenſcheinlich Händel, das war zu viel, zu viel ſelbſt für das Herz eines Königs, dem die Wohlfahrt ſeines Volkes über Alles geht. Wollten ſie durchaus Streit, ſo ſollten ſie ihn haben. Er lehnte die unverſchämte Forderung entſchieden ab, und blieb bei dieſer Zurückweiſung, ſelbſt als der Graf Benedetti zu wiederholten Malen in ihn drang. Sehr erregt kehrte der König Wilhelm von der Brunnenpromenade zurück. Unter ſolchen Umſtänden freilich kann eine Kur dem Körper keine Heilung bringen. Aber es ſollte noch ſchlimmer kommen. Nach Verlauf von nur drei Stunden forderte der fran⸗ zöſiſche Botſchafter abermals eine Beſprechung mit dem preußiſchen Monarchen. Der König, welcher ſich angegriffen fühlte und das leidige Geſpräch nicht erneuern mochte, ließ ihn fragen, welchen Gegenſtand er zu beſprechen wünſche. — Ich verlange das am heutigen Morgen Geſprochene vor Seiner Majeſtät wiederholen zu dürfen, verſetzte der kecke Franz⸗ mann. Das war doch zu viel. Der König ließ ihm durch ſeinen Adjutanten, dem Fürſten Radziwill, ſagen, daß er keine andere Antwort zu geben habe, daß er es ablehnen müſſe, feſtgeſetzte Dinge abermals durchzuſprechen und daß er den Grafen Benedetti bitten müſſe, von jetzt ab nicht mehr perſönlich mit ihm zu ver⸗ kehren, ſondern alle Verhandlungen durch das Miniſterium gehen zu laſſen. Damit war der Graf angewieſen, ſich nach Berlin zu bege⸗ ben, wo dieſes Miniſterium ſich befand. Der König gewährte ihm noch eine Abſchiedsaudienz, es war die dritte, die er in dieſer Angelegenheit hatte, doch auch dieſes Mal hatte das Geſpräch nur einen Privatcharakter, weil ein conſtitutioneller Herrſcher kei⸗ nerlei Verhandlung ohne ſeine Miniſter eingeht. Dieſe Angelegenheit, welche der König Wilhelm in zwei Aktenſtücken ſeinem Volke und der ganzen Welt bekannt machte, erregte, wie man ſich denken kann, das furchtbarſte Aufſehen. — 140— neberall erkannte man, daß die Franzoſen den Krieg an den Ueb Haaren herbeiziehen wollten, überall wurde über Krieg oder erlü Frieden verhandelt, und in Berlin ſammelte ſich die Menge des digt Volkes unter den Linden, wo in der lauen Sommernacht Tauſende mr auf und abſtrömten, denn eine jede Bruſt empfand es, daß man am Vorabend großer Ereigniſſe ſtand. Unterdeſſen war der Freiherr von Werther wieder nach Paris Vett zurückgekehrt, um das Verhalten des Königs dort zu erklären. die! Der Herzog von Grammont ſchwatzte viel davon, wie ſehr er den ufü Frieden wünſche, aber er könne ihn nicht als geſichert anſehen. gurt Die Thronkandidatur des Prinzen Leopold ſei ja nur Nebenſache wo geweſen, aber es herrſche nun einmal eine Verſtimmung, und da woh würde es wohl am Beſten ſein, wenn der König Wilhelm dem Git Kaiſer Louis Napoleon einen verſöhnlichen Brief ſchreiben eine Zeitt Art Abbitte an ihn richten möchte. ſonſt Das war zu arg! Der greiſe Monarch, der ſieggekrönte lide Herrſcher eines großen Volkes ſollte einen elenden Emporkömm⸗ in ling, wie dieſer Napoleon, um Verzeihung bitten... und wes⸗ un wegen? Weil die franzöſiſche Regierung eine Urſache zum Zank der vom Zaun gebrochen hatte! Na In Paris herrſchte eine furchtbare Aufregung. Die Partei, ai die lange ſchon nach Krieg verlangt hatte, erhob ein lautes Waf⸗ gen fengeraſſel. Der Kriegsminiſter Leboeuf hielt täglich mehrſtündi⸗ dein gen Rath mit den Korpsführern, Waffen wurden geſchmiedet, ißt und die Gemüther beruhigten ſich auch dann nicht, als die Regierung ſih erklärte: Die Kandidatur eines deutſchen Prinzen auf den d ſpaniſchen Thron iſt beſeitigt, und der Friede Europa's wirb nicht ſun geſtört werden. in Hätte man nicht auch da— es war am dreizehnten hin Juli,— meinen ſollen, der Krieg ſei abgewendet? Was veran⸗ De laßte die franzöſiſchen Miniſter Ollivier und Grammont, ein ſo Fu falſches Spiel zu treiben? Es iſt wahr, daß ſelbſt die Kammer ſich ein bei dieſer Erklärung nicht beruhigen mochte, daß die Aufregung ec ſtieg, als bekannt wurde, daß Graf Benedetti von Ems nicht nach Berlin ſondern nach Paris gereiſt ſei. Als er kam, als er die uf ihm vom König Wilhelm widerfahrene Zurechtweiſung mit allen ſan den der des nde nan aris ren. den hen. ache da dem eine önte min⸗ wes⸗ Zank tei. uf⸗ ndi⸗ det, ung den nicht nten eran⸗ n ſo r ſich gung noch die allen — 141— Uebertreibungen darſtellte, da kannte die Kriegspartei in ihrer erkünſtelten Raſerei keine Grenzen mehr. Frankreich ſei ſchwer belei⸗ digt, in ſeiner Ehre gekränkt, und das verlangte Rache, Rache, die nur durch Preußenblut befriedigt werden könnte— ſo ſchrie ſie. So ſtand es in Paris, wie aber in Berlin? Es war an einem Freitag Abend, den fünfzehnten Juli. Das Wetter war köſtlich, und niemals hatte man der Thiergarten und die Lindenpromenade in friſcherem Grün prangen ſehen. Doch dafür hatte die Menſchenmenge keinen Blick, die von dem Luſt⸗ garten bis hinaus zum ferngelegenen Bahnhof auf und nieder wogte. Es waren Hunderttauſende Sie gingen nicht, wie ſonſt wohl, fremd und kalt aneinander vorüber, hier ſtanden ſie in Gruppen zuſammen, und lauſchten auf Einen, der aus einem Zeitungsblatte vorlas, dort unterhielten ſich Männer, die ſich ſonſt noch nie geſehen hatten, mi. Lebhaftigkeit, vor den Konditor⸗ läden, wo die meiſten fremden Zeitungen aufliegen, ſaßen Herren und Damen dicht gedrängt, an den Zeitungserpeditionen warteten Unzählige auf die Herausgabe der neuſten Telegramme. Daß der Krieg erklärt ſei, wurde allgemein erzählt, wenn auch die Nachricht noch verfrüht war. Mit einem tiefen Seufzer, aber auch ergeben in das Unvermeidliche ſah man der Zukunft entge⸗ gen, denn das ſtand feſt, der Krieg war nicht mehr abzuwenden, denn die Franzoſen wollten ihn. Aber das deutſche Volk war entſchloſſen, dieſer frechen Herausforderung thatkräftig zu wider⸗ ſtehn und den letzten Blutstropfen für das Vaterland hinzugeben. Das dem greiſen Fürſten zu zeigen war man hier ver⸗ ſammelt, ein einmüthiges Gefühl beſeelte alle Gemüther, ein jeder wußte es, der Kampf, um den es hier ſich handelte, war groß, war ſchwer, groß aber auch iſt in dem Deutſchen Volk das Gottvertrauen, groß iſt die Liebe zu dem Vaterland, groß iſt der Abſcheu gegen frevle Anmaßung, gegen eine Verletzung deſſen was uns heilig iſt, was unſere Herzen mit Begeiſterung füllt. Der König von Preußen hatte ſeine Brunnenkur in Ems aufgegeben und reiſte zunächſt auf einen Tag nach Kolberg, um ſeine Gemahlin zu beſuchen, die ſich dort befand, dann trat er — 142— am fünſzehnten Juli ſeine Reiſe nach der Hauptſtadt an. Dieſe Reiſe glich einem Triumphzuge. Schon in Koblenz hatte ihn der Kriegerverein mit Muſik begrüßt, an allen übrigen Orten ſeines Reiches, durch die er kam, erneuerten ſich die Beweiſe treuer An⸗ änglichkeit. In Kaſſel überreichte ihm der Oberbürger⸗ meiſter Nebelthau eine Ergebenheitsadreſſe, und der König dankte ſichtlich bewegt. — Sie ſehen mich, meine Herren, ſagte er, ſoeben auf der Rückreiſe begriffen, um zu berathen und zu beſchleßen, was dann, wenn des Vaterlandes Ehre angegriffen wird, zu thun iſt. Aber daß Sie mir einen ſolchen Willkommen bereiten und mir hier in der Hauptſtadt einer neuen Provinz eine ſo patriotiſche Geſin⸗ nung entgegenbringen, thut meinem Herzen wohl und zeigt mir, wie ich mich auf Sie und auf Ihre Mitbürger verlaſſen kann. Ein lautes Hurrah antwortete dieſen in tiefer Erregtheit ge⸗ ſprochenen Worten des Monarchen, die Männer ſchwenkten die Hüte, die Damen wehten mit weißen Tüchern und warfen Blumen in den Waggon des Königs hinein. Aehnliches geſchah in Göttingen. Auch hier redete der König zu den verſammelten Spitzen der Behörden. — Der alte Uebermuth regt ſich wieder jenſeits des Rheins, ſagte er, und zwar ſo unerträglich, daß man es ſich nicht länger gefallen laſſen kann. Noch wiſſen wir nicht, was aus der Sache werden ſoll, aber ſo viel ſteht feſt, daß unſere Lage ſehr ernſt iſt. Rach ſo vielen Anſprachen hatte ſich die Ankunft des Königs in der Hauptſtadt ſehr verzögert. Der warme Sommerabend dun⸗ kelte bereits, als der Zug auf dem Perron ankam, wo eine zahl⸗ loſe Menge wartete. Der Empfang, welchen die Berliner ihrem Könige bereiteten, konnte nicht wärmer, nicht begeiſterter ſein. In galler Eile war der Bahnhof mit Blumenkränzen und ſchwarzwei⸗ ßen Fahnen geſchmückt worden, hohe Topfgewächſe bildeten einen Laubgang, durch welchen der königliche Herr in ſeine Stadt eintrat, bunte Guirlanden, eſtliche Kränze umgaben die Stützpfeiler des Perrons, aber am liebſten weilte das Auge des Monarchen auf und Kindern, den zahlreichen Gruppen von Männern, Frauen ins. nger ache iſt. nigs dun⸗ ehl⸗ rem In einen ntrat, des quf dern — 143— welche ſtundenlang ſeiner harrten, um ihn bei ſeiner Rückkehr zuerſt begrüßen zu können. Bald nach acht Uhr hatten ſich bereits die Spitzen der ſtäd⸗ tiſchen Behörden, die anweſenden Miniſter, der Feldmarſchall Graf Wrangel und viele andere vornehme und ausgezeichnete Perſönlichkeiten verſammelt, aber erſt um dreiviertel auf neun Uhr langte der Monarch an, in ſeinem Gefolge der Kronprinz, Graf Bismark, der General von Roon, der alte Moltke und noch viele andere hochgeſtellte Militairs, die dem Köuig bis Branden⸗ burg entgegengefahren waren. Des Königs Herz war ſichtlich ergriffen. als er die Anſtalten zu ſeinem Empfange erblickte. Freundlich dankend nahm er von einigen Damen Blumenſträuße an und grüßte alle Anweſenden mit der ihm eigenen Leutſeligkeit, doch als er auf ſein Volk ſchaute, daß ihm mit ſo viel Liebe entgegenjubelte, da füllten ſich ſeine Augen mit Thränen und hoftig bewegt beſtieg er ſeinen Wagen, der ihn in das Palais fahren ſollte. Ueberall bildeten grüßende, Hurrah rufende Menſchenmengen eine Gaſſe, durch die der König wie zu einem Feſte fuhr. Er grüßte nach rechts und nach links, ſein Herz fühlte ſich gehoben, in dieſem feierlichen Augenblicke wußte er ſich Eins mit ſeinem Volke, wußte es, daß er ſich verlaſſen dürfe auf dieſe braven Menſchen, daß, wie auch die Würfel des Krieges fielen, ſeine Preußen treulich zu ihm ſtehen, in Noth und Tod zu ihrem Fürſten halten würden. Als er in ſeinem Palais abgeſtiegen war, verſammelte ſich eine unabſehbare Menge vor der Rampe und ſang vaterländiſche Lieder. Der König trat heraus, ſein Auge überflog die Menge, er ſah die preußiſchen und norddeutſchen Fahnen, die von den Häu⸗ ſern herab wehten, er ſah die hellerleuchteten Fenſter, er wollte ſprechen, aber ſein Wort verhallte unter dem begeiſterten Zuruf des Volkes. Die Hand auf der Bruſt verneigte er ſich nach allen Seiten und zog ſich dann wieder in ſeine Gemächer zurück. Aber die Wenge verlief ſich darum noch nicht, ſie blieben unter ſeinen Fenſtern und ſangen Volkshymnen, bis einer der Adjutanten auf die Rampe trat und im Namen des Königs um Ruhe bat, weil der hohe Herr noch Kriegsrath abhalten müſſe. Sogleich verlief ſich die Menge, tiefe Stille folgte dem lauten Rufen und Singen, es wurde leer auf dem Platze. Das Volk ſchwieg, feſt vertrauend, daß ſein Glück, daß ſeine Ehre wohl ge⸗ ſichert ſcien in den Händen des Königs Wilhelm. So nahm das preußiſche Volk die franzöſiſche Kriegserklä⸗ rung auf. 19. Kapitel. Spionenriecherei. Der Graf Hektor Bellegarde erwachte nach einer toll durch⸗ ſchwärmten Nacht. Er hatte ſich lange Zeit in Algier aufhalten müſſen, und obgleich die Offiziere ſich auch dahin allerlei luſtiges Volk und hübſche Mädchen nachkommen ließen, ſo waren doch dieſe Vergnügungen nur ein Schatten von Dem, was man in Paris zu genießen gewohnt war, und Hektor wollte keinen Augen⸗ blick vorüber gehen laſſen, um ſich an den Zerſtreuungen zu er⸗ götzen, welche die Hauptſtadt des Lurus und der Sittenloſigkeit in ſo reichem Maße bieten. Mit Liſetten, der Geliebten Franz Godard's, hatte er die Nacht über die tollſten Sprünge des Can⸗ can unter den Augen einer Polizei geübt, die ſeit einiger Zeit ſehr nachſichtig gegen den Uebermuth der Jugend war. Müde und überſättigt kehrte er dann zurück, um noch einige Stunden zu ſchlafen, ehe er zum Zweikampf mit Reinhold von Iſſelhorſt ging. Er ſchellte nach ſeinem Bedienten. Dieſer ein Araber, hatte ſchon einige Male den häßlichen Kopf zur Thür hereingeſteckt, um zu ſehen, ob ſein Gebieter noch ſchlief, er dachte es ſich wohl in welch einer üblen Laune er erwachen würde. — Was iſt die Uhr! fragte der Graf, indem er ſich dehnte. — Beinahe ſieben, verſetzte Huſſein. emp Wa nicht Du nuch bor hal Re nich vor war S6 es we ſchi ſo üg ſi „ uch⸗ iges doch nin hen⸗ gkei ranz Can⸗ Zeit inige von hatte eſtt, wohl ehne — 145— — O Du Teufelsbrut! ſchrie Hektor auf und richtete ſich empor, habe ich Dir nicht befohlen, mich um Sechs zu wecken? Warum thateſt Du nicht, was ich befahl? — Weil ich Prügel bekommen hätte, und Huſſein läßt ſich nicht gerne prügeln, grinſte dieſer. — Meinſt Du, ich werde Dein braunes Fell ſchonen, wenn Du ungehorſam biſt? brüllte Hektor und warf den Stiefelknecht nach dem Afrikaner. Der wich geſchickt genug aus. Es war einer jener Einge⸗ borenen Algiers, die noch zähe an ihrem mohamedaniſchen Glauben halten, aber außerdem weder vor Gott noch vor dem Teufel Reſpekt haben. Huſſein kannte ſeinen Herrn und fürchtete ihn nicht, hatte der Graf von Bellegarde gewichtige Urſache, ſich vor dem Turko zu fürchten, der mehr von ihm wußte, als gut war. Er grinſte alſo nur boshaft, indem er ſeinem Gebieter den Schlafrock hinhielt. — Weißt Du nicht, Du Satanskerl, brummte dieſer, worauf es ankommt⸗“ Ich habe ein Duell vor... o ewige Schande, wenn ich auf mich warten ließe! — Ein Duell... Sie... heute? fragte Huſſein und ſchüttelte ſeinen braunen Kopf, in welchem die braunen Augen ſo liſtig und zugleich ſo ſchadenfroh funkelten, als blicke eine gif⸗ tige Schlange auf ihre ſichere Beute. — Heut und warum nicht? fragte Hektor, indem er ſich ſchnell ankleidete — Erſtens, belehrte ihn der Muhamedaner, iſt es heut für Sie ein Unglückstag. — Warum, Du heidniſches Rindvieh? fragte der Graf. — Weil es gerade ein Jahr her iſt, ſeitdem Sie die Frau des reichen Türken verführten, der Ihnen Rache ſchwur und Ihnen auflauerte, er und ſeine Leute Es war ſchlimm, als die zehn baumſtarken Kerls über Sie herfielen... — Aber ich hieb unter ſie, es blieben zwei, ſiel ihm der Graf in's Wort. Und die Andern kamen an den Galgen, weil ſie ſich nnter⸗ V. 10 — 146— ſtanden hatten, Nachts im Dunkeln einen Offizier Seiner kaiſer⸗ lichen Majeſtät zu überfallen. O, ich ſah ſie noch, wie ſie bau⸗ melten, Einer neben dem Andern, Alle ſtreckten die Zungen heraus, und grau und ſchwarz waren die ſonſt braunen Geſichter. Der Eine, es war Melech... ich kannte ihn gut... der zappelte noch, hätt' ich ihn abgeſchnitten, er wäre wieder zu ſich gekommen. aber ich dachte, zappeln kann ein Jeder, es dauerte auch nicht lange, ſo ſtreckte er ſich aus⸗ wie die Uebrigen... Sie durften ſich übrigens nicht beklagen, ihr Herr hatte es nicht beſſer, obgleich er Geld über Geld bot und es bewies, daß er Urſache zur Eifer⸗ ſucht gehabt hatte. — Der Schändliche, er hatte ſein Weib erwürgt ein Weib, ſo ſchön wie eine Roſe, rief Hektor. — Dazu hatte er ein Recht, ſein Weib durfte er erdroſſeln, war er doch ihr Herr, aber die franzöſiſchen Offiziere das iſt etwas Anderes, grinſte Huſſein.. — Ja, wir mußten ein Beiſpiel geben, ſagte Hektor, roh lachend. Das wäre der Teufel, wenn keiner von uns das Recht hätte, die hübſchen Frauen zu lieben. Zum Henker auch, wozu ſind wir die Sieger und ſie die Unterjochten? Iſt angeſpannt, Huſſein? Dieſer blickte zum Fenſter hinaus. — Der Wagen wartet, aber Herr Graf, ſetzte Huſſein hinzu, indem er ſeinem Herrn den Degen umſchnallte, bedenken Sie, daß ich es vorher geſagt habe, es wird heut nicht beſonders gut gehen. — Pah, ich bin kein abergläubiſcher Eſel, wie Du, gieb mir die Chokolade, ſagte der Graf. Huſſein brachte ſie, Hektor ſtürzte ſchnell ſein Frühſtück hinunter. — Nicht Chokolade, meinte der Turko, Wein müßte es ſein. Sie haben geſchwärmt, Ihre Hand öittert, Herr Graf. — Meinſt Du, rief dieſer und hieb dem Kerl in's Geſicht, habe ich ſcharf genug getroffen, um Deine falſchen Augen auf acht Tage blau zu machen? Fort, Du Kothklumpen, nimm den Hi ſag 3 m fſ ſu die h We eln, das roh echt vozu nnt, nzun Sie, gut nir ſtic ſein ſicht guf den — 147— Piſtolenkaſten, vorwärts Beſtie, es iſt eine Schmach, daß man ſich mit ſolch' einem Galgenvieh aufhalten muß. Der Bediente bückte ſich tief, er war an ſolcherlei Behand⸗ lung gewöhnt, und ließ keinen Laut der Klage vernehmen, doch indem er dem Grafen die Treppe hinab folgte, ballte er die Fauſt hinter ihm her und ſpuckte wüthend aus. Hektor von Bellegarde holte einen Freund ab, der ihm bei dem Zweikampf als Sekundant dienen ſollte, dann ging es, ſo ſchnell die Pferde laufen konnten, in das Gehölz von Boulogne. Hier ging Reinhold von Iſſelhorſt ſchon ſeit einiger Zeit mit Rafael Gambi auf und ab. Sie waren in ruhigem Geſpräche begriffen.. — Läuft die Sache nur einigermaßen gut für mich ab ſagte der junge Graf, ſo reiſe ich noch heute nach Hauſe zurück. Der Krieg iſt unvermeidlich, und ich will mich ſtellen, noch ehe man mich ruft. Du weißt, Rafael, daß wir Heſſen jetzt preu⸗ ßiſch ſind, das heißt, wehrpflichtig. Aber dieſes Mal iſt es nicht nur eine Pflicht, es muß die Luſt eines jeden Mannes ſein, den Uebermuth dieſer Franzoſen zu dämpfen. — Werden ſie Euch nicht zu mächtig ſein? fragte Rafael. — Wir fürchten ſie nicht, verſetzte Reinhold. Sieh doch dieſe Menſchen an, iſt denn noch ein Funken ſittlicher Kraft in ihnen? Ihr Leben vergeht in Liederlichkeit, ſie kennen nicht das Gefühl, welches uns belebt, ſie wiſſen nicht, was es heißt, für ſeine Fa⸗ milie, für Mannesehre, Vaterland, Freiheit, mit einem Worte, für Alles das zu kämpfen, wobei die Bruſt eines edleren Menſchen ſich höher und freudiger hebt. — Das iſt wahr, bemerkte Rafael, ſie kämpfen allein für den Ruhm. — Was iſt der Ruhm? rief Reinhold, ein Schimmer! RNicht aus ihm kann uns die rechte Kraft erwachſen, ſie wurzelt in un⸗ ſerem deutſchen Geiſte, in unſerem deutſchen Familienleben, in unſerer Volksbildung. — Doch hat der franzöſiſche Kaiſer bisher nur dem König non Preußen den Krieg erklärt, ſagte der Maler, und wird Preu⸗ 10* — —.—— — 148— ßen in ſeinen neuerworbenen Provinzen Anhänglichkeit genug finden, um einen ſo furchtbaren Kampf unternehmen zu können? — Nun, rief Reinhold, ſo vernagelt ſind wir denn doch nicht, daß wir uns zurückſehnen ſollten nach unſerer ehemaligen Klein⸗ ſtaaterei. Die preußiſche Herrſchaft brachte viel Neues, viel Un⸗ gewohntes und deswegen Unbequemes, aber die Vernünftigen haben ſich ſchnell hinein gefunden, und, glaube es mir, Rafael, den Franzoſen gegenüber giebt es keine Naſſuuer, Heſſen und Hannoveraner, ſondern nur Deutſche. — Da irrſt Du Dich ſehr, fiel Ganbi ein, die Franzoſen haben viel Anhänger in dem Welfenreiche, und außerdem ſind, ich weiß es beſtimmt, Schriften in Hannover verbreitet, die zum Aufruhr gegen Preußen auffordern, und die Anhänger des Königs Georg wühlen gewaltig zu ſeinen Gunſten. — Laß' ſie wühlen, die Maulwürfe, lachte Reinhold, unſere Sache liegt hell am Tage, den werden ſie ſcheuen. Hier heißt es Deutſche gegen Franzoſen, wie im Jahre 1813, und ich ſage Dir, es bleibt Keiner zu Hauſe, der geſunde Glieder hat, wenn es heißt, den Uebermuth dieſer verliederlichten Menſchen zu beugen. — Aber die Süddeutſchen, die noch vom Jahre ſechsund⸗ ſechszig her einen Haß auf Preußen haben? fragte Rafael. — Sind auch Deutſche, verſicherte der junge Graf. Der Haß gegen den Erbfeind wird uns Alle einig machen. Du kennſt das Lied vom deutſchen Vaterland? Wenn man recht lange danach gefragt hat, ſo lautet die Antwort, das ganze Deutſchland ſoll es ſein doch ſtill, da kommt der Graf, ſieh doch den ſchlaffen Gang, die matten Züge, das iſt keine Jugend, keine Kraft. — Biſt Du ruhig? fragte Rafael beſorgt. — Sehr ruhig, antwortete Reinhold, obgleich ich weder Luſt habe, zu tödten noch getödtet zu werden. Die beiden Herrn begrüßten ſich, und nachdem Herr von Bellegarde ſich wegen ſeines Zögerns entſchuldigt hatte wieſen die Sekundanten den Kämpfern ihre Stellungen an. Da ſtanden ſie nun einander gegenüber, dieſe beiden ſo genug önnen? hnicht, Klein⸗ el Un⸗ nftigen Rafael, nund anzoſen n ſind ie zum Königs unſere er heißt h ſue t wenn ſen u chsund⸗ Der kennſt t lange ſchlund och den d. keine h weder er vor nieſen eiden ſo —— — — 149— verſchiedenen Gegner Den franzöſiſche Edelmann klein, ſchmächtig, aher von elaſtiſchem Sheberbau, die ſchwarzen Haare kurz ge⸗ ſchnitten, der dunkle Bart in dem bräunlichen bleichen Geſicht nur halb das Zucken der ſchmalen Lippen verdeckend und dort der junge Deutſche, hoch, ſchlank, aber kräftig in den breiten Schultern, das lockige braune Haar unbedeckt, den aollen Bart über den halb entblößten Hals fallend, das blaue Auge mit Feſtigkeit auf Hektor von Bellegarde Herichtet. Die Förmlichkeiten, die einem jeden ſolchen Zweikampfe vor⸗ angehen, waren beendet, die Gegner hoben die Piſtole, die Sekun⸗ danten zählen Eins, Zwei, Drei, da knallten zwei Schüſſe Reinhold ſtand feſt, wie er geſtanden, Hektor wankte und mur⸗ melte einen furchtbaren Sluch. Blnt rieſelt aus ſeinem linken Aermel. Huſſein, der bisher in der gütfernung geſtanden hatte und ſeines Herrn Mantel über den Arm trug, grinſte höhniſch in ſich hinein. Er hatte gewußt, daß der heutige Tag kein Glück bringen würde, und gönnte ſeinem Gebieter die gerechte Strafe für das, was er an dem Bedienten verſchuldet habe. Jetzt aber ſprang er hinzu und riß ſeinem Gebieter die kurze Jacke auf, auch Reinhold und Rafael traten hinzu — Es iſt Nichts, ein Schuß in das weiche Fleiſch des Ober⸗ arms, ſagte Hektors Freund die Kugel iſt durchgegangen, das heilt in kurzer Zeit. Huſſein band ſeinem B ein Taſchentuch um die Wunde; dieſer war wüthend, er hätte Reinhold erwürgen mögen und mußte gute Miene machen, als dieſer ihm freundlich die Hand zur Verſöhnung reichte, ja, er mußte einſchlagen in dieſe Hand und konnte ſich doch nicht enthalten, dem deutſchen Grafen zu ſagen: — Auf ein anderes Mal! — Sie werden mich zu jeder Zeit bereit finden, verſetzte Reinhold, verneigte ſich und ging mit ſeinem Freunde und Ver⸗ wandten zur Stadt zurück, um ſeine Reiſevorbereitungen zu treffen. Arm in Arm mit Rufael durch den ſchönen parkähnlichen Wald gehend, bemerkte er nicht daß zwei ſcharfe Augen ihn mit 5 Haß anſahen, daß eine ſchwarze Geſtalt durch die Gebüſche huſchte, um noch früher als die beiden Jünglinge in Paris zu ſein. Kaum hatten ſie die Stadt betreten, als ſie rings um ſich her erſt leiſe, dann lauter und lauter ziſcheln hörten⸗ — Das iſt er, ſeht Ihr es nicht, es iſt ein Deutſcher, ein Preuße, ein Spion. leiden wir das? Fort mit ihm, wir brauchen keine Späheraugen, ſchlagt ihn lieber todt, den frechen Burſchen, ſchlagt ihn todt. Die beiden Jünglinge hatten keine Ahnung davon, daß dieſ⸗ böſen Worte, dieſe wüthenden Blicke ihnen galten. Unbefangen ſetzten ſie ihren Weg fort, bis plötzlich ein Schlag über Rein⸗ hold's Kopf dieſem den Hut bis auf die Augenbrauen trieb. Erſtaunt, erſchrocken blickte er um ſich. — Was iſt das? ſchrie er, wer will Etwas von mir? — Spion, ein Spion! riefen hundert Kehlen, und ein Hau⸗ fen von Menſchen drängte ſich plötzlich um ihn herum. Es waren Männer mit zerlumpten Kleidern, es waren Weiber mit flattern⸗ den Haaren, die Hefe des Volkes, der ſchlechteſte Pöbel. — Der Hellbraune iſt es, ſchrie eine Frau, den Andern kenne ich, das iſt ein Italiener. — Beide, hat der Pater Venturo geſagt, Beide! fiel ihr ein Mann in die Rede. — Geh, rette Dich! flüſterte Reinhold ſeinem Freunde zu. — Nicht ehe Du gerettet biſt, verſetzte dieſer. Ein Stein flog ihm an die Stirn. — Rette Dich, Rafael, um Gotteswillen, bat ſein Gefährte ich werde ſchon fertig werden Und mit einem kräftigen Ruck riß er einem der Kerle ſeiner wuchtigen Stock aus der Hand, lehnte ſich gegen einen der La ternenpfeiler und fing an, ſich ſeiner Haut zu wehren. — Meinen Stock, ſchrie der Mann, er hat mir meinen Stoo geſtohlen! Reinhold wehrte ihn mil ſeiner eigenen Waffe ab, ihn und die Uebrigen. Die Weiber warfen Steine und Koth auf ihn er hochte ſie an. — Aus ſchönen Händen ſchmerzt das nicht, rief er ſich vernei⸗ genk das brech fiſ, wich abſa Fau Rü Ka Hau er d rohe ewe ruf an brüll 2 Pre Bl Kn Jol ein ir en eſe gen ein⸗ ieb. ⸗ en erM derſ ein zu hrte einer L n er erni⸗ — 151— gend, aber im nächſten Augenblick hieb er einen Bengel, der ihm das Bein wegziehen wollte, über den Schädel, daß es krachte. Jetzt brüllte es in der Menge auf. — Nieder mit ihm, reißt ihn zu Boden, ſchlagt ihn todt, brecht ihm die Knochen entzwei!⸗ So tobten die rohen Männer und Frauen. Reinhold ſtand feſt, er wehrte ſich, ſo gut es ging, ſein Knotenſtock theilte ge⸗ wichtige Hiebe aus, Hier traf er einen Buben mit dem Stiefel⸗ abſatz in's Geſicht, dort ſchlug er einen alten Lumpenkerl mit der Fauſt unter's Kinn und zerſchlug faſt ſeinen Knüttel auf dem Rücken eines Dritten. Dennoch fühlte er, daß dieſer ungleiche Kampf nicht lange dauern könne, er wurde matter, und der Haufen um ihn her vermehrte ſich, bald war er ſo eingeengt daß er die Arme nicht mehr heben konnte. N — Mein Gott, dachte er, hier ſterben, als ein Opfer dieſes rohen Volkes. das wäre ſchrecklich! — Im Namen des Kaiſers! ſchallte in dieſem Augenblick eine tiefe Stimme. Es war die Polizeiwache, die durch den Lärm herbeige⸗ rufen, den Pöbel zu zerſtreuen ſuchte. Jetzt wandten ſich Alle an den Verwalter der öffentlichen Ordnung. — Es iſt ein preußiſcher Spion! ſchrie einer. Ein Dieb! brüllte der Andere. — Seht, wie er den Vater Andres zugerichtet hat, ſeine Stirn blutet. — Und mir hat er das Auge ausgeſchlagen! — O weh, mein Arm! — In's Gefängniß, an den Galgen mit dem verfluchten Preußen! — Schlagt ihn todt, zerreißt ihn in Stücke, wir müſſen ſein Blut haben, wir müſſen Preußenblut ſehen! So tobte es rings um Reinhold her. Dieſer ſtand, den Knüttel in der Fauſt, feſt und ruhig. — Sie ſind mein Gefangener, ſagte der Polizeioffizier. — Das ſoll mir lieb ſein, wenn Sie mich gegen dieſe Volkswuth ſchützen wollen, verſetzte der Graf. — 1 36 i Die Soldaten machten Platz unter dem Menſchenknäuel und nahmen Reinhold in die Mitte, doch vermochten ſie es nicht, ihn völlig zu ſchützen. Den Hut hatte er ſchon lange verloren, ein Stein flog ihm an die Schläfe, daß das Blut in ſeine Locken rann. er mußte es dulden, denn ſeine einzige Waffe, den Stock, hatte er dem Offizier abgegeben. Mit Henlen und Geſchrei begleitete ihn die Menge bis zu dem Polizeigewahrſam. Es war ein hohes, düſteres Haus⸗ Die Fenſter waren von oben bis un— ten mit eiſernen Stangen verwahrt hinter manchem blickt⸗ ein blei⸗ ches Geſicht hervor. Mit Mühe brachte man den Grafen in den Hausflur. Alle dieſe gemeinen Menſchen wollten ſich ihm nach⸗ drängen, um als Zeugen gegen ihn zu dienen. Die Polißiſten wieſen ſie unſanft genug zurück, nur Einige der am ſchwerſten Verwundeten folgten bis in das Verhörzimmer. Eine hölzerne Schranke theilte den großen Raum in zwei Theile. Reinhold lehnte daran und überblickte die Anweſenden. Da ſaß der Polizeirichter neben ſeinem Schreiber, ein roh und finſter ausſehender Mann, ein Haufen gemeiner Mädchen ſtand in einer Ecke, ſie machten freche Witze, und zeigten lachend auf Reinhold, deſſen jugendlich ſchöne Geſtalt ihnen zu gefallen ſchien. Ein ziemlich langer Burſche war eben im Verhör, er ſollte, ſo wurde behauptet, geſtohlen haken. Er leugnete es nicht. — Nun ja, fagte er, ich brauchte Geld, um Liſetten zum Tanz zu führen, ich wußte, daß ſie mit dem Grafen von Belle⸗ garde gehen würde, wenn ich nicht meine Rechte geltend machte, und wie konnte ich das mit leerem Beutel? Da nahm ich die Uuhr aus dem Schaufenſter, und verſetzte ſie, hier iſt der Pfand⸗ zettel, das iſt Alles. geholfen hat es mir Nichts, denn wäh⸗ rend ſie mich zur Nummer Sicher brachten, tanzte Liſette mit dem Grafen iſt das nicht Strafe genug für mich, und kann ich nicht gehen? Ein ſchallendes Gelächter der Mädchen antwortete auf dieſe Frage. Der Richter diktirte die Ausſage des Gefangenen zu Pro⸗ tokoll, dann wurde dieſer fortgeführt, er ging mit mürriſchem Geſicht aber widerſtandslos Es waren noch mehr Gefangene, und ziemlich lange dauerte ihn ich ter 3i be de hir hn in en en rei M⸗ ei⸗ ſch⸗ ten ten wei en. und and auf ien. zun elle⸗ chte die and⸗ väh⸗ mit kann dieſe zr ſhen uerte — 158— es, ehe Reinhold von Iſſelhorſt an die Reihe kam. Endlich rief ihn der Richter auf. — Wie heißen Sie? — Reinhold Graf, von Iſſelhorſt. — Woher? — Aus Mainz. — Wie alt? — Fünfundzwanzig Jahre — Wozu in Paris? — Zum Vergnügen. — Weswegen angeklagt? — Das weiß ich nicht. — Jetzt kamen die Zeugen an die Reihe. Alle ſagten aus, der Verhaftete ſei ein preußiſcher Spion, die Säche ließ ſich zwar nicht beweiſen, indeſſen, was that das? War man doch darüber einig, und der Richter diktirte es zu Protokoll. Doch nun kam der zweite Punkt. Dieſer freche Deutſche hatte es gewagt, ſich gegen das erha⸗ bene franzöſiſche Volk aufzulehnen, hatte ſich zur Wehre geſetzt und verſchiedene der edeln Unterthanen des Kaiſers mehr oder weniger verletzt. Dagegen konnte Reinhold nichts ſagen, vergeb⸗ lich verſicherte er, aus Nothwehr gehandelt zu haben, dieſes blutun⸗ terlaufene Auge, dieſe geſchwollene Backe, dieſe ausgeſchlagenen Zähne ſprachen zu laut gegen ihn. Ohne viel Umſtände zu machen, verurtheilte ihn der Richter zu zwei Monaten Polizeigefängniß, ihn den Bürger eines fremden Staates, ihn, der friedlich ſeines Weges ging, als man ihn hinterrücks angriff. Was war dagegen zu thun? Schweigend folgte er den Scher⸗ gen die ihn über den Hof in einen Seitenflüge! des alten und häßli⸗ chen Gebäudes führten. Eine eiſenbeſchlagere Thür öffnete ſich Reinhold trat ein.. zum erſten Male in ſeinem Leben war er ein Gefangener. Sein Herz krampfte ſich zuſammen bei dieſem Gedanken. Zwei Monate hier, zwei Monate, während ſeine Landsleute für des Vaterlandes Freiheit und Ehre kämpften, eingeſperrt hinter Schloß und Riegel, die koſtbare Zeit verjammern zu müſſen. Er hätte ſchreien mögen vor Wuth, als ſich die — 154— Thür hinter ihm ſchloß, und ein ſchwerer Riegel vorgeſchoben wurde, aber ein Blick durch den dunklen Raum belehrte ihn, daß er ſich nicht allein befand. 20. Kapitel. Unter der Erde. — Jetzt Frau Fürſtin, iſt Ihres Bleibens nicht länger hier! So hatte der alte Daniel geſagt, nachdem ſich Gabriele von dem erſten Schreck, welchen ihr Franz Godard's Mordanfall verur⸗ ſachte, erholt hatte. — Ich weiß es, ſeufzte die bleiche Frau, aber ſage mir, wer war es, der mir nach dem Leben trachtete? — Haben Sie keine Feinde? fragte der alte Diener Iſt es nicht ſehr ſchlimm, daß man weiß, Sie ſind hier? Wird man nicht den Verſuch, Sie zu tödten, erneuern, bis er gelungen iſt? — So glaubſt Du, daß mein Onkel Mörder nach mir aus⸗ ſchickt? fragte Gabriele. — Er, oder ein Anderer.. das iſt gleich, verſetzte Daniel. In jedem Falle müſſer. Sie fliehen, müſſen weit weit fortgehen — Aber es fehlt mir an Geld, ſagte die Fürſtin. — Dafür weiß ich Rath, tröſtete ſie der alte Mann. Es liegt ein kleiner Schatz im Keller verſteckt, das weiß Niemand ſelbſt der Kardinal Undentino weiß es nicht, ich aber fand das Geld, als ich ganz etwas Anderes ſuchte. O, wie ich böſe war, als ich Nichts weiter endeckt hatte, als dieſes Geldkiſtchen, ich, der ich ſo lange ſchon durch alle Winkel dieſes alten Hauſes ſtreife, der ich den Garten wohl zehnmal umgegraben habe... doch genug von der Thorheit eines alten Burſchen, wie ich bin. Neh⸗ men Sie das Geld. Sie müſſen einen anderen Namen tragen, damit Niemand Sie findet. — Und welchen Namen ſoll ich annehmen, ich, die kaum weiß, ob der Name einer Fürſtin Donato mir wirklich gebübrt? wer Ran richt me ver ich Dre Sol en U5⸗ el en nd ar, der ife, doch eh⸗ um ri — Gleichviel welchen, der unſcheinbarſte iſt der beſte, Sie werden nach Deutſchland oder nach England gehen, nicht wahr? — Lieber nach Deutſchland, ich verſtehe die Sprache, die ich im Kloſter von einer Freundin lernte. — Gut, in Deutſchland heißt man Müller oder Fiſcher — So will ich Fiſcher heißen, Maria Fiſcher... iſt der Rame unſcheinbar genug, und willſt Du der Maria Fiſcher Rach⸗ richt geben, über das, was ſie zumeiſt intereſſirt? — Und was iſt das? — Du fragſt noch, und weißt, daß ich Mutter bin, und daß mein Sohn reich uͤnd vornehm geworden iſt, während ich einſam und verlaſſen in die Verbannung gehe? O daß ich den ſüßen Knaben nicht mehr ſehen ſoll, zu dem mich ein unwiderſtehlicher Drang hinzieht, ob ich auch nicht gewiß bin, daß grade er mein Sohn iſt. Du weißt, wen ich meine? — Sie ſollen Nachricht von ihm haben. Aber hören Sie mich an. Es liegt ein Schlößchen in den Vogeſen, welches von alten Zeiten her den Undentino's gehört hat. Dies Schloß heißt Fal⸗ kenſtein. Gehen Sie dahin, vielleicht gewährt es Ihnen eine Zu⸗ fluchtsſtätte, wenn der Krieg ſich nach Deutſchland wälzt, was ſehr wahrſcheinlich iſt. Gabriele befolgte dieſen Rath. Tief verſchleiert und in der Nacht begab ſie ſich mit Daniel zur Eiſenbahn. Hiér nahm ſie Abſchied von dem treuen Diener ihres väterlichen Hauſes und fuhr allein fort. O, wie ſchmerzlich erinnerte ſie ſich des traurigen Tages, an welchem ihr Onkel, der Kardinal Undentino, ſie nach Rom geſchleppt hatte, und wie ſie damals in ihrer tiefſten Noth das Antlitz eines Mannes erblickte, der ihr Lebensretter, ihr Schutz und Schirm geweſen war. Wo weilte der unbekannte Beſchützer? lebte er wirklich oder war er, wie ſie faſt glauben mußte— nur ein Engel geweſen, vom Himmel herabgeſandt, um ſie zu leiten und zu behüten? Aber wenn es ſo war, warum fehlte er ihr jetzt, da ſie nach faſt fünfzehn Jahren wiederum hilflos und allein einer dunklen Zukunft entgegen ging, warum ſchickte ihn Sott nicht herab daß er ihr beiſtund und Troſt in ihrer Einſamkeit ſpendete? Sie hatte ſich trennen müſſen von dem, was ihr im Leben — 156— das Liebſte war. Sonſt ſaß ſie tagelang und wartete auf den Anblick des kaiſerlichen Prinzen, und ihr Mutterherz jauchzte auf pei dem Gedanken, daß dieſes Kind, welches einſt einen der herr⸗ lichſten Throne der Welt beſteigen ſolite, eigentlich ihr eigenes Fleiſch und Blut war. Denn nicht einen Augenblick zweifelte ſie daran, ſie ſuchte in ſeinen Zügen die Donato's, ihres Gatten, und fand ſie auch keine Aehnlichkeit, ſo liebte ſie doch das friſche Kinderge⸗ ſichtchen und die hellen Haare, die den ihrigen glichen. Die Fürſtin Donato gelangte bis zu den Vogeſen. Hier ertundigte ſie ſich nach dem Schloffe Falkenſtein, aber ſie mußte lange fragen, bis ſie Jemand fand, dem das verſteckte und unheim⸗ liche Schlößchen bekannt war. Endlich ſagte ihr ein dicker Gaſt⸗ wirth in dem nächſten Städtchen Beſcheid. — Was wollen Sie da oben, liebe Dame? fragte er Es iſt da nicht geheuer, der Teufel wohnt in Falkenſtein, wenigſtens ſeine Großmutter. Glauben Sie, daß ſie ſchon einmal in der Kirche war ſeit den faſt fünfzehn Jahren, daß ſie da oben ſitzt? und geht es etwa mit rechten Dingen zu, daß ſie Bäume wachſen läßt auf kahlen Felsgeſtein, und Weintrauben zieht, wo ſonſt höchſtens Epheu fortkommt? Wollen Sie übrigens durchaus hinauf, nun, mein Sohn ſoll Ihnen den Weg zeigen, ſo weit es einen giebt, aber laſſen Sie es ſich geſagt ſein, zum Glück führt es nicht, wenn Einer ſich da oben hinauf traut, und die Bauer⸗ frauen und die Krämer, die ſich freilich manch' blankes Geld⸗ ſtück herunter holen, laſſen ſich von dem Herrn Pfarrer einſegnen, damit ihnen der Teufel nichts anhaben kann. Gabriele kehrte ſich nicht an das Geſchwätz. In Begleitung des Burſchen, der, ebenſo wie ſein Vater, voll war von Schauder⸗ geſchichten, die ſich auf Schloß Falkenſtein zugetragen haben ſollten, ſtieg ſie den Berg hinauf. Es ging durch einen friſch grünen Buchenwald. Die Sonne ſchien durch das Laub der Bäume und beleuchtete das ſammtwollige Moos, mit welchem die Erde bedeckt war. Gabriele genoß gans den Anblick dieſer reizenden Natur. Aber ſchon nach einer Stunde lichtete ſich der Wald, der Weg wurde ſteinig, dann kahl, und ſchlechtes Kniehols krümmte ſich von Zeit zu Zeit aus den Felſen hervor. Tro unt büt ſef lunt ſm di in Fri Nie wa es ſie — Sehen Sie, Madame, ſagte der Burſche und wies in die Höhe, da oben liegt Falkenſtein, nnn hört der Weg auf, aber es iſt nicht mehr zu fehlen, gehen Sie nur grade drauf zu, und wenn Sie morgen oder ſonſt dieſe Straße zurück gehen, nun, dann müſſen Sie einen beſonderen Engel bei ſich haben, mit dem es der Gott ſei bei uns nicht aufzunehmen wagt. Gabriele lohnte den Jungen ab und ſetzte ſich auf einen Stein, um für die letzte Strecke des Weges neue Kräfte zu ſammeln. Unter ihr lag der friſch grüne Wald, über ihr die kahle Höhe. Es wurde ihr Angſt, es zog ſie wie mit Gewalt wieder auf die Erde zurück. Was aber ſollte ſie da? War ſie nicht einſam, wo ſie auch leben mochte? Gehörte nicht dieſes Schlößchen zu den Beſitzthümern ihrer Familie, wie Daniel ihr geſagt hatte, ſo daß ſie ein Recht beſaß, hier ihr kummervolles Daſein weiter zu friſten? Mit einem tiefen Seufzer ſtand ſie auf, warf einen letzten Blick in die Tiefe und kletterte dann hinauf über Steine und Geröll. Der Weg war nicht zu verfehlen, man ſah das Schloß von allen Seiten, die Abendſonne ſchien darauf und beleuchtete es goldig. In Gabrielen's angſtbeklemmter Bruſt regte ſich neue Hoffnung, es ſchien ihr, als leuchte ihr aus dieſen Fenſtern Troſt und Frieden entgegen. Aber der Weg war äußerſt beſchwerlich. Die Steine rutſchten unter ihren Füßen aus, ſie mußte oft ruhen, öfters noch ſo ge⸗ bückt gehen, daß ihre Hände den Füßen zu Hilfe kamen, damit ſie ſicher traten. Endlich, nach einer langen, mühevollen Wanderung, langte ſie oben an und ſtand vor der ſteinernen Mauer. Selt⸗ ſam, man hatte ihr geſagt, daß ſie ſich höchſt ſelten und nur auf dringende Bitte öffnete, und dieſes Mal ſtand die kleine Thür offen, und Gabriele konnte ungehindert in den Garten eintreten, in dem, ganz wie der Gaſtwirth berichtet hatte, Blumen und Früchte blühten und reiften. Sie ſah ſich mit Bewunderung um, Niemand war in der Nähe, ſie ſetzte ſich auf eine Bank, neben ihr ſtand ein Körbchen voll Frühkirſchen, und ihre Zunge lechöte, war es ein Verbrechen, daß ſie einige der ſüßen Früchte aß? In demſelben Augenblick ſtand ein Weib nor ihr, vor dem — 158— ſie erſchrak. Ein rothes Kopftuch umgab das ernſte faſt männlich ſtrenge Geſicht, grobes Zeug, wie es die Bauern tragen, bedeckte chre lange und knochige Geſtalt. — Wer ſind Sie, wie kommen Sie hier herein? fragte ſie in hartem Tone. — Ich ſuche ein Obdach, flüſterte die zitternde Gabriele. — Ein Obdach, hier, rief die Frau, fragen Sie doch, ob Madelon jemals einem Menſchen dieſe Thür geöffnet hat? — Aber ſie ſtand offen, ſagte die Fürſtin, ich wußte nicht, daß das Verbot ſo ſtreng ſeil — und was gab Ihnen Veranlaſſung, hier herauf zu kommen? fragte Madelon, durch den ſanften Ton etwas milder geftimmt. — Gehört dieſes Schloß nicht den Undentino's? fragte Ga' briele dagegen. — Den Undentino's? rief Jene, und ihr ohnedies unſchönes Geſicht verzerrte ſich furchtbar. Wehe Dem,„der dieſen Namen hier zu nennen wagt! Doch ſtill, ich höre ſchnell, hier herein... es darf Sie Niemand ſehen. Ihre harte Hand ergriff Gabrielen's Arm, ſie zog die be⸗ bende Frau mit ſich fort in das Schloß, die Treppe hinab in ein Gemach, deſſen Luft kalt war und in das die untergehende Sonne keinen Lichtſtrahl ſandte. — Bleiben Sie hier, es iſt Ihr Tod, wenv Sie ſich regen! rief Madelon der Fürſtin zu, und dieſe ſank wie vernichtet auf die hölzerne Bank, die nebſt einem plumpen Tiſch den einzigen Schmuck der Zelle bildete. Madelon eilte hinaus, da hüpften ihr die beiden jungen Mädchen entgegen. — O Mutter, wie war es draußen ſo ſchön, zum erſten Male genehmigteſt Du unſere Bitte, zum erſten Male haſt Du uns geſtattet, die Welt da draußen zu ſehen, die kahlen Felſen und den Gießbach, und unten den grünen Wald und drüben Berge und wieder Berge. o Mutter, liebe Mutter, wie muß es erſt unten ſein wo Städte ſind, wo Menſchen wohnen, und wor wir haebn es deutlich gehört, wo die Glocken zur Kirche läuten! unt ſe ut pjot Abe lon wei Ar Gar ma 2 bis bis Si iel ſan ſer nlich ckte e ſie önes awen hier ie be⸗ in ein hende egen! tauf nzigen ungen eten ſi Du Berge o wir l — 159— Madelon wies die glücklichen Kinder, denen ſie heute zum erſten Male einen Spaziergang geſtattet hatte, in ihr Zimmer, und da ſaßen ſie Arm in Arm und plauderten von Dem, was ſe geſehen hatten, und träumten ſich in eine Welt hinein, die ſie nur aus Büchern kannten. Unterdeſſen zog Madelon den Schloßverwalter beiſeite. — Unvorſichtiger, ſchalt ſie ihn, wie konnteſt Du die Mauer⸗ pforte offen laſſen? — Das war nicht ſchlimm, verſetzte der Mann, um dieſe Abendzeit wagt ſich Niemand hier herauf. — Und dennoch iſt es geſchehen, ein Weib, ein bleiches Weib kam und fragte nach den Undentino's. — Nach den Undentino's... das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm. — Du kennſt unſern Schwur! — Ich kenne ihn! — Du weißt es, wir dürfen Niemand zu Alice laſſen, Du weißt es, dieſes Weib muß ſterben — Es muß ſterben, Madelon. Das iſt ein ſchweres Stück Arbeit für meine alten Hände, aber es muß ſein. — O hätte ich nie darein gewilligt, die Mädchen aus dem Garten zu laſſen, dieſes Unglück wäre nicht über uns gekommen. — Wo iſt die Frau? — Im Kerker neben der alten Folterkammer. — Es iſt gut, laß nur erſt die Mädchen zu Bette ſein. man ſchläft feſt, wenn man jung und unſchuldig iſt... dann, Madelon, dann rufe mich. Sie trennten ſich, und Madelon lauſchte lange an dem Schlafgemache der beiden jungen Mädchen, bis das leiſe Ge⸗ flüſter von dem ſie kein Wort verſtehen konnte, verſtummt war, bis der Lichtſchimmer verſchwand, der durch die Thürritze drang, bis ein ſanftes und gleichförmiges Athemholen einen feſten Schlaf anzeigte. Die beiden Mädchen hatten ihrer Wärterin in der letzten Zeit viel Sorgen gemacht. Was war es denn, was ſie zu ſo ſelt⸗ ſamen Fragen veranlaßte? Bald wollten Sie wiſſen, ob ſie Schwe⸗ ſern und wer ihre Eltern ſeien, bald wieder erz hlten ſie, wie — 160— ſie in Büchern von Liebe und Eheglück geleſen hatten und forſchten⸗ ob auch ſie bald unter Menſchen gehen und heirathen würden, vor Allem aber verlangten ſie, herauszukommen aus dem düſteren Schloſſe, die Welt zu ſehen, die ſie nicht kannten und von der ſie ſich ſeltſame Vorſtellungen gebildet hatten, und um all dieſe Fragen und Bitten zu beſchwichtigen, hatte ſie dem alten Ver⸗ walter geſtattet, die Finder hinauszuführen auf die felſige Höhe, die Schloß Falkenſtein umgab. Sie hoffte, dieſe wüſte Stein⸗ maſſe würde ſie den ſchönen Garten, die warmen Zimmer auf's neue lieben lehren, aber ſie hatte ſich geirrt, der Blick, dem es einmal vergönnt geweſen war ins Weite zu ſchweifen, läßt ſich nicht ſo leicht wieder zwiſchen vier graue Mauern feſſeln. Madelon bedauerte die Freiheit, die ſie ihren Pfleglingen erlaubt hatte, bedauerte ſie um ſo mehr, als dadurch eine fremde Perſon in das Schloß gekommen war. Noch freilich hatte dieſe nichts von den Mädchen geſehen, aber ſie hatte einen Namen genannt, der furchtbar in Madelon's Ohren klang, und um dieſes Namens willen mußte ſie ſterben... Mit feſtem Schritte ging Madelon zu dem Gemache des Schloßverwalters. — Steh auf! rief ſie und klopfte laut an ſeine Thür, die Kinder ſchlafen, es iſt Mitternacht, und unſer Werk muß geſchehen. Der Alte öffnete, mit einer Laterne in der Hand. — Muß es ſein, Madelon? fragte er traurig, weißt Du keinen andern Ausweg? — Feinen, lautete die herbe Antwort. — Noch hat die Fremde die Kinder nicht geſehen, wie, wenn wir ſie heimlich aus dem Schloſſe ließen.. ſie könnte nichts ausſagen.. gar nichts bedenke Madelon, es iſt Blut genug gefloſſen... — Gehorchſt Du ſo Deinem Schwur, Peter Godard? fragte die Frau mit ſtrenger Miene, und warf einen zornigen Blick auf den alten Mann, haben wir darum faſt fünfzehn Jahre lang die Einſamkeit dieſes Schloſſes vertheidigt, um jetzt noch pflichtvergeſſen zu ſein? Dies Weib gehört zu den Undentino's ich wiederhole es Dir, es kam, um zu ſpähen, tam im Namen des Kardinals wilht theuer ſchon Rihe ſehr ſ — 2 mit fe Riege Gabr ſie a blicte ſiht d unter hatb. grad ring dem ufs es ſich igen mde dieſe men ieſes des hen. Dl weu nij Blut fragie c auf geſſen ole — 161— willſt Du ihm Alice ausliefern, dies Kind, das Dir und mir das theuerſte Vermächtniß einer Sterbenden iſt? — Nein, das will ich nicht, verſetzte der Alte, hab' ich doch ſchon einmal mein Leben für ſie gewagt, ſo wage ich jetzt die Ruhe meiner Seele. es kommt mir ſchwer an, Madelon, ſehr ſchwer, ein hilfloſes Weib zu morden! Die Frau nahm ihm die Laterne aus der Hand und ging mit feſtem Schritt voran die Treppe hinunter. Dort ſtieß ſie den Riegel von der Thür, daß er klirrend zurückfuhr und trat zu Gabrielen ein. Sie kauerte auf der Bank, das Geräuſch hatte ſie aus einem unruhigen Schlummer emporgeſchreckt. Entſetzt blickte ſie in die harten Züge der alten Frau, in das finſtere Ge⸗ ſicht des Mannes. — Kommt, folgt mir! herrſchte Madelon ſie an. Gabriele gehorchte. Sie gingen die Treppe hinab, in jenen unterirdiſchen Gang, in welchem Betty ſo viel Seltſames geſehen hatte. Endlich gelangten ſie an eine etwas erweiterte Stelle, gradeaus führte der Gang weiter und tiefer in die Felſen hinein, ringsum ſah man nur hartes Geſtein, und ſeitwärts zog ſich auf dem Fußboden wie eine gefährliche Schlange der mit Pulver ge⸗ füllte Schlauch entlang, vermittelſt deſſen ſich das ganze Schloß in die Luft ſprengen ließ. — Zetzt thu' Deine Schuldigkeit, befahl Madelon dem alten Mann. — So laß uns beten, ſagte dieſer und zog die Mütze vom kahlen Schädel herab: Herr erbarme dich, Chriſte erbarme dich! — Wollt Ihr mich morden? ſchrie plötzlich Gabriele auf, und eine furchtbare⸗Angſt ergriff ſie, eine erſte aber entſetzliche Ahnung des Schickſals, das ihr bevorſtand. — Du mußt ſterben, verſetzte Madelon mit finſterem Tone, kommſt Du nicht von den Undentino's? — Jo, ich bin eine Undentino, ich leugne es nicht, geſtand Gabriele, aber iſt denn das ein Verbrechen.. ſoll ich denn darum ſterben? — Es muß ſein, wiederholte die Frau. Wir haben keinen D. V. 11 — 162— Wenſchen lebendig aus dieſen Mauern zu laſſen, am allerwenig⸗ ſten Eine aus jenem fürchterlichen Geſchlechte. Mach' es kurz, Peter Godard. Gabriele ſank in die Kniee. — Sterben, ächzte ſie, hier ſterben, mein Kind, meinen ſüßen Knaben nie wieder ſehen... o Gott, warum ließeſt Du mich nicht in jenem Thurm verhungern, in den mich mein Onkel einſperrte, warum mußte ich damals gerettet werden, um jetzt ſo elend umzukommen? — Mach's kurz. Peter Godard! mahnte die alte Frau auf's Neue. Der Schloßverwalter warf einen traurigen Blick auf Gabrieke, dann zog er ein langes ſpitzes Meſſer aus der Toſche, er legte ihr die knochige Hand auf die Stirn, ſie blickte zu ihm empor, die Augen voll Thränen, die Hände gefaltet, ein müdes, wider⸗ ſtandsloſes Schlachtopfer... er ließ das Meſſer ſinken. — Ich kann nicht, ſtöhnte er und lehnte ſich überwältigt gegen die Mauer. — Kannſt nicht, was Du mußt? O alter Thor, haſt Blut genug geſehen auf den Schlachtfeldern in Spanien, Italien und Deutſchland und kannſt kein ſchwaches Weib ermorden, wenn's Dein Schwur gebietet? Sie hob das Meſſer auf, welches klirrend auf den ſteinigen Fußboden geſunken war, mit feſtem Schritt trat ſie auf Gabriele zu. Aber dieſe war empor geſprungen. — Rette mich! rief ſie und klammerte ſich an den Alten an, rette mich, wie Du mich geſchont haſt! Er wies ſie mit der Hand zurück. — Geh, ſagte er mit matter Stimme, bei mir findeſt Du keine Hilfe, ich thu's nicht ſelber, doch daß es geſchieht, kann ich nicht hindern. Geh! So war ſie denn der Macht des ſtrengen Weibes preisge⸗ geben, aber, ſo viel ſie auch gelitten, ſo oft ſie ſich auch den Tod gewünſcht hatte, grade in dieſem Augenblicke, wo ſie ſterben wollte, erwachte in ihrer Bruſt ein unwiderſtehlicher Trieb zu leben. Die Hände an die Schläſen gepreßt, die Haare weit hinter was wer Ve venig⸗ kun, einen t Du Onkel tt ſo aufs briele, legte wpor, widet⸗ ältigt Blut nund enn nigen le zu. na, ſt Du n ich eisge⸗ Tod ollte hinter — 163— ſich flatternd rannte fie plötzlich von dannen in den kalten, finſteren Sang hinein... ſie rannte nicht, ſie flog den abſchüſſigen Boden hinab, die Andern folgten, ſie hörte Madelon's ſchwere Schritte, das Keuchen des alten Mannes, ſie glitt wie von Flügeln getragen, eine Treppe hinunter und vernahm mit innerem Jubel, daß Madelon auf den Stufen ſtolperte und fiel, der Lichtſchein, der hinter ihr hergeflackert hatte verloſch, ſie aber lief und lief, was kümmerte es ſie, wenn ſie die Stirn an einen Felſen ſtieß, wenn ihre Füße ſich blutig ritzten, was fragte ſie, ob dieſer Gang einen Ausweg haben könne oder nicht, ob nicht ein langſamerer, ein ſchauderhafterer Tod ſie hier in Racht und Einſamkeit ereilen mußte, ſie lief, und tiefer ſenkte ſich der Boden unter ihr, und plötzlich ſtürzte ſie hinab... wie tief.. ſie wußte es nicht ein Schwindel packte ſie, tauſend Farbenſtreifen blitzten vor ihren Augen auf, ein heftiger Schmerz am Kopfe, ein Aufprallen ein Schrei, der in der zugeſchnürten Bruſt erſtickte.. dann fühlte ſie nichts mehr nichts mehr! 21. Kapitel. Von Berlin bis Saarbrücken. „Lieb' Vaterland kannſt ruhig ſein, Feſt ſteht und treu die Wacht am Rhein!“ So ſangen zwei Landwehrleute, die Arm in Arm durch die lebhaften Straßen der preußiſcheu Hauptſtadt gingen, der Eine trug die Uniform eines Linienregiments, der andere die kurze Ulanenjacke. — Siehſt Du, Karl, ſagte der Kavalleriſt, noch einmal ſo gerne wollte ich die Sache mitmachen, wenn wir beide zuſammen vleiben könnten. Man wüßte dann doch von einander, aber ſo“ wer weiß, wohin wir noch verſchlagen werden! 11* — 164— — Vielleicht geht es nicht weit, meinte der Andere, die Franzoſen wollten ja eine Promenade nach Berlin machen, am 15, Auguſt, das iſt der Geburtstag des erſten Kaiſers, wollen ſie hier ein Feſt feiern. Der Ulan lachie laut auf. — Da haben wir doch auch noch drein zu reden Karl. Richt wahr, das wäre ſo was für die Turko's, Spahi's und wie die andern Kerls noch heißen! Das würde ihnen ſchmecken auf den Bahnhöfen, wo unſerẽ Reſerviſten geſpeiſt werden, und bei Kranzler ſitzen dann die franzöfiſchen Offiziere, wie ſonſt unſere, und ſchmeißen die Beine über's Geländer. — und die Frauen und Mädchen, Wilhelm.. haſt Du nicht geleſen, wie ſie ſich drauf freuen, mit denen allen Ueber⸗ muth zu treiben? — Ja, Spaß, die werden ſich das wohl gefallen laſſen? Ueberhaupt, nur nicht ängſtlich! Seitdem Napoleon bei allen deutſchen Südſtaaten abgeblitzt iſt, fürchte ich mich gar nicht mehr. Ich glaube zwar feſt und beſtimmt, wir kriegten ihn auch allein unter, aber mit Baiern und mit Würtemberg zuſammen iſt es ja nur ein Kinderſpiel. Und der Großherzog von Baden geht ja auch mit. — Na, von dem verſteht es ſich ja von ſelbſt, da er Schwieger⸗ ſohn von unſerm König, und von Heſſen wo die Erbprinzeß Schweſter von unſerer Viktoria iſt. — Und bei den Hannoveranern iſt er auch abgeblit Wir haben ein Dutzend bei unſerer Compagnie, die ſagen Alle: Lieber den Teufel als Napoleon. — Wann zieht Ihr aus, Carl? — Morgen um fünf. — und wir zu Mittag. Iſt das mal wieder ſchnell gegan⸗ gen ſie werden wohl wieder Witze machen über unſere affenartige Geſchwindigkeit — Ja, die Franzoſen ſollen noch gar nicht ſo weit ſein. — Lange noch nicht. Aber die Baiern gehen gleich mit uns. Und unter dem gFronprinzen da geht es ſich am Beſten. es pul und wele nod den gro bhi ma Sta heu Her Whr hol nol den dod zr Vo Ku bli mg eine von nſie Karl. wie f den d bei und 1n leber⸗ aſen' allen meht. llein ſt e 1 geht wieger⸗ primeß ber den gegon⸗ ennige — 165— — Ich bin bei Friedrich Carl, es gewiß in's Feuer. — Was meinſt Du, wer von uns beiden paar tauſend Thaler für die erſte Kugelſpritze? — Das wird nicht ſo leicht zu verdienen ſein. — Fürchteſt Du Dich davor, Karl? Die Dinger beißen nicht, und was die Chaſſepots betrifft ſo will ich doch mal ſehen, welches Gewehr beſſer iſt, als unſere Zündnadeln, ich ſage immer noch: Dreyſe hoch! — Süll, Wilhelm, da kommt der König! Sie richteten ſich grade und ſalutirten. Der König erwiederte den Gruß mit freundlichem Kopfnicken ihm mochten die ſrammen Burſchen gefallen. Wilhelm Friſchmuth, der Maſchinenbauer, ſah gut aus in der tnappen Uniform, mit dem freilich nur in Kriegszeiten erlaubten großen Bart, Carl Weinlich, der Tiſchler, war etwas kleiner und blickte weniger heiter drein, als ſein Buſenfreund, doch auch ihm ſah man es an, daß or ſich vor keinem Franzoſen fürchten würde. Die Nachrichten von dem Bündniſſe, welches alle deutſchen Staaten mit einander abgeſchloſſen hatten, brachte einen unge⸗ heuren Jubel hervor. Zum erſten Male waren die ſämmtlichen Herrſcher ebenſo einig, wie es das Volk ſchon lange geweſen war, es galt ja die Zurückweiſung der Fremdherrſchaft, die Fern⸗ haltung des Eröfeindes vom deutſchen Boden. Freilich waren noch nicht viel Jahre in's Land gegangen, ſeitdem ſich Nord⸗ deutſchland und Süddeutſchland in Waffen gegenüber ſtanden, doch edle en gedenken nicht des alten Grolles, wenn es gilt, gemeinſam zum allgemeinen 2 Wohl zu handeln. Der junge König von Bayern, der ſtets in Begeiſterung für alles Schöne in Kunſt und Wiſſenſchaft erglüht, der mit beſonderem⸗Intereſſe an wie ſechsundſechzig, da geht kriegt denn die Deutſchlands großer Vergangenheit hängt, zögerte keinen Augen⸗ blick, ſich gegen Frankreich zu rüſten. Da er ſelber kein Kriegs⸗ mann ſein mag ſo ſtellte er ſeine Armee unter die Führung eines berühmten Feldherrn, des Kronprinzen von Wohl ſelten gab es in der Geſchichte ein edleres Beiſpiel von Vaterlandsliebe und Opferfrendigkeit 6 dem 3 ——— — Alles daran lag, Deutſchland frei und groß zu machen, verzichtete auf die Lorbeern, die den Sieger ſchmücken, zu Gunſten des⸗ jenigen, den er für befähigter hielt, ſie zu erobern, er vertraute ſeine Unterthanen, ſein Land, ſeine Ehre ohne Reid, ohne Miß⸗ gunſt jenem jungen Helden an, den er bewunderte, und gewann ſich durch ſeine Hingabe an die große Sache die Verehrung aller Derer, die ein Gefühl haben für Das, was edel iſt und groß. und wem in Deutſchland wäre grade jetzt dies Gefühl fremd? In gleicher Weiſe handelte der König von Würtemberg, auch er und die Großherzöge von Heſſen und Baden ſtellten ihre Truppen unter preußiſche Führung. Es war eine ſeltene Einmüthigkeit unter allen deutſchen Stammesgenoſſen. Neben der ſchwarz⸗ weißen Preußenfahne flatterte die ſchwarzweißrothe des norddeut⸗ ſchen Bundes, und unter dieſe Beiden miſchte ſich das ſchwarz⸗ rothgoldene Banner des einigen Deuſchlands. Wer aber gab den Befehlshabern der vier verſchiedenen Armeen den leitenden Gedanken? Als gleich nach der Rückkehr des Königs Wilhelm aus Ems der alte General Moltke aus dem Palais trat, riefen ihm»die Berliner Straßenbuben nach: — Nanu, Vater Moltke, mach'nen Plan! Er winkte ihnen ſtumm mit der Hand, dieſer Mann, von dem es heißt, daß er in ſieben Sprachen zu ſchweigen verſteht. Wir wiſſen, was dieſes Feldherrngenie in Böhmen geleiſtet hat, wie ſollte man ihm jetzt nicht das größte Vertrauen ſchenken? Mit einer wahrhaft wunderbaren Geſchwindigkeit wurde die Landwehr unter die Fahnen berufen und eingekleidet. Es fehlte an Nichts. Uniformen waren in Menge vorhanden, Pferde wurden ſchleunigſt angekauft, in weniger als vierzehn Tagen war Alles bereit, und die erſten Truppen waren ſchon nach dem Rhein geworfen, wo man den erſten Angriff erwartete. Der franzöſiſche Militairbevollmächtigte Baron von Stoffel, der für ſeine Regierung in Berlin ſpionirte, ſah mit Erſtaunen den Fortgang dieſer Arbeit, doch als er die Frechheit hatte, um die Erlaubniß zu längerem Verweilen in Berlin zu bitten, ließ ihm Graf Bismarck in ziemlich derber Weiſe ſagen⸗ ſonſt wären ſie freil jeßt iſch z06 Krie fott. diſe aher Phi for weiß bede taub pih Jul ſpre denn ſch ag eröf Krie Zahl ma im ſolt bege Vit hin Erft ſchae Fin tete Nes⸗ mte liß⸗ mn ler oß, uh pen gkeit arz⸗ eut ar Ems die von teht. hat ehlte ferde wal hen ffel⸗ unen ndie in n ſi freilich gute Freunde geweſen, aber wenn der Herr Baron nicht jetzt ſchleunigſt abzöge, ſo würde man ihm die Reiſe durch preu⸗ ßiſche Gendarmen erleichtern. So ging er denn, und mit ihm zog auch Benedetti's Botſchaftsſeeretair le Sourd, welcher die Kriegserklärung überreicht hatte, nach Paris ab. Dort in der franzöſiſchen Hauptſtadt dauerte die Aufregung fort. Zwar fehlte es nicht gerade an beſonnenen Leuten, welche dieſen Krieg für ein höchſt gewagtes Unternehmen erklärten, wer aber mochte ſie hören? Thiers, der ehemalige Miniſter Louis Philipp's, ſprach in der Kammer in längerer Rede und unter fortwährenden Unterbrechungen für den Frieden. — Ich betrachte dieſen Krieg als ſehr unklug, ſagte er, ich weiß, daß der Tag kommen wird, an dem Sie Ihre Uebereilung bedauern werden! Er wurde mit Hohn zurückgewieſen, ſeine Worte trafen auf taube Ohren. Schlimmer noch erging es einem der bedeutendſten Führer der linken Seite des franzöſiſchen Abgeordnetenhauſes. Julius Favre beſtieg die Rednerbühne, um gegen den Krieg zu ſprechen, aber man ließ ihn nicht zu Worte kommen, und als er dennoch fortfuhr, verließen faſt alle Deputirte den Saal, und er ſah ſich mit ſeinen wenigen Geſinnungsgenoſſen allein. Anders war es in Berlin, wo der ſchnell verſammelte Reichs⸗ tag, welchen der König mit einer höchſt würdigen Anſprache eröffnete, am 21. Juli zuſammentrat, und ruhig und gefaßt die Kriegserklärung, welche Graf Bismark vorlas, entgegennahm. Zahlreiche Adreſſen bewieſen dem König, daß er in aller Noth, in allen Gefahren auf ſein Volk rechnen dürfe, und daß es auch im Falle einer Niederlage treu zu ihm ſtehen werde. Mit einer ſolchen Gewißheit konnte er getroſt in den Kampf gehen. Unter⸗ deſſen war auch die Königin nach Berlin zurückgekehrt, und nun begann nach dem Vorbilde dieſer edlen Frau und der Prinzeſſin Victoria die Thätigkeit des weiblichen Geſchlechtes. Zahlloſe Hände rührten ſich, Charpie zu zupfen, Verbandgegenſtände und Erfriſchungen, Hemden und Fußbekleidungen herzuſtellen. Andere ſchaarten ſich um die hochverdiente Begründerin der Volksküchen Frau Lina Morgenſtern, um die durchziehenden Truppen zu — 168— ſpeiſen, und wieder Andere richteten in aller Eile Lazarethe ein, um die Verwundeten aufzunehmen und die Schmerzen zu lindern, die der Krieg ſchlägt. Vereine gründeten ſich zur Unterſtützung der hilflos zurückgebliebenen Frauen der abziehenden Krieger, es wurde für Arbeit geſorgt, für Miethe und andere Lebensbedürf⸗ niſſe. Und wie es in Berlin geſchah, ſo auch in allen anderen deutſchen Orten. Ueberall dieſelbe Opferfreudigkeit, derſelbe Much, daſſelbe Vertrauen auf Gottes Schutz und der Führer Klugheit. Es war in der erſten Hälfte des Juli, als die erſten preußiſchen und bairiſchen Truppen ſich unter dem Oberkommando des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen nach den Rhein⸗ landen begaben. Lange ſchon hatten die Franzoſen ein Gelüſt nach dieſen herrlichen Landen gehabt, jetzt glaubte man beſtimmt, daß hier der erſte Anprall geſchehen würde. Aber wer hätte es gedacht, daß der Kaiſer Napoleon die Kriegserklärung erlaſſen würde, ehe er ſich bereit fühlte, den Krieg ſelber zu beginnen? Er half ſich mit hochtrabenden Worten. Es war viel die Rede von dem Plan der Truppen, man ſchimpfte weidlich auf Preußen und ſuchte noch immer die ſüddeutſchen Staaten vom Bunde mit dem Norden abwendig zu machen und Oeſtreich oder Rußland für ſich zu gewinnen. Vergebliches Spiel! Alle Sympathien waren für Deutſchland, In den entfernteſten Ländern ſammelten die deutſchen Auswanderer, ſammelte man in Amerika und Eng⸗ land, auf den auſtraliſchen Inſeln wie in Südafrika für unſere Truppen. Die Geldverheißungen für ausgezeichnete Thaten er⸗ reichten ziemlich hohe Summen, und überall zeigte es ſich, daß die liederliche franzöſiſche Wirthſchaft ſich nur ſehr wenig Anhänger verſchafft hatte. Darum wurden auch die verbündeten Soldaten in allen Ländern, durch die ſie kamen, freudig empfangen und auf das beſte bewirthet. Zu ihrem eigenen Erſtaunen trat ihnen auf deutſchem Boden kein Feind entgegen. Sie mußten ihn in ſeiner eigenen Heimath aufſuchen. Louis Napoleon's Generale waren nicht fertig mit der Ausrüſtung ihrer Truppen, mit der Inſtand⸗ ſetzung ihrer Feſtungen, mit der Bildung ihrer Armeekorps, am wenigſten mit ihrem Kriegsplan. Sie beſaßen einige Generäle, die ſich in früheren Kriegen großen Ruhm erworben hatten, aber kein hoh vor nch wett ſran zogt St Gre und geb fein mit 01 Vo wh Ro üſt ner ren nd⸗ am äle. ber — 169— keiner der Bonaparti'ſchen Prinzen ſtellte ſich an ihre Spitze, und der hohe Adel hielt ſich ſo viel als möglich zurück. So wurde es denn ſchon vor dem Beginn der Feindſeligkeiten klar, daß die Promenade nach Berlin, auf die man in Paris gerechnet hatte, zu Weſſer werden würde. Vielmehr marſchirten die Deutſchen im Sturmſchritt nach der franzöſiſchen Grenze, beſetzten das rechte Rheinufer im Großher⸗ zogthum Baden, zerſtörten die Brücke, welche von Kehl nach Straßburg führt, und näherten ſich oben der preußiſch⸗franzöſiſchen Grenzlinie, deren äußerſte Punkte durch die Städte Saarlouis und Saarbrücken mit dem ganz dicht dabei liegenden St. Johann gebildet werden. Hier war es, wo der erſte Zuſammenſtoß der feindlichen Truppen Statt finden ſollte. Wilhelm Friſchmuth und Karl Weinlich hatten ſich in Berlin mit einem kräftigen Handſchlag getrennt. — Auf Wiederſehen in Frankreich! rief der Schloſſer. — Oder im Lazareth, entgegnete der Tiſchler, die Chaſſepots, o weh, die Chaſſepots! — Die klopfen wir ſchon noch zuſammen, lachte Wilhelm. MWorgen heißt es: Adieu Berlin, aber auch: Lieb Vaterland kannſt ruhig ſein, noch ſteht, wie ſonſt, die Wacht am Rhein! Sein friſcher Geſang tönte laut in den ſtiller gewordenen Straßen. Kopfſchüttelnd begab ſich dagegen der junge Bautiſchler nach Hauſe. 22. Kapitel. ** 52—„ Die Kinder des Herzogs. Der Herzog von Montalto hatte eine fürchterliche Nacht durchlebt und durchlitten. Krank an Körper und Seele erhob er ſich endlichovon ſeinem Lager. — Iduna, ſeufzte er, was wird Iduna ſagen? Ach, die edle — 170— Seele hat es nicht um mich und um die Kinder verdient, daßich ſie Alle elend mache. Bleich, mit blauen zitternden Lippen ging er zu ſeiner Gattin, die eben in ihrem Ankleidezimmer war. Sie hielt ihr Töchterchen im Schoß, kämmte dem lieblichen Kinde das wollige Haar und drückte es dazwiſchen mit mütterlicher Zärtlichkeit an ihre Bruſt. — Nein, dachte ſie, ich bin nicht unglücklich, ſo lange ich ſolch einen Schatz beſitze. Worüber klage ich auch? Ich weiß, daß mein Gatte, ehe wir uns verheiratheten, eine Andere liebte darf ich ihm darüber zürnen.. darf ich böſe ſein, weil wahrſcheinlich dieſes Verhältniß ſich forſetzte? Ach, wenn es wahr iſt, was ich vermuthe, daß mein zweiter Knabe ſein Sohn iſt, — wie der erſte, muß ich den ſüßen Jungen da nicht doppelt lieben? Und jetzt, o ich kenne Montalto's Verhältniſſe weit beſſer, als er es denkt, ich weiß, daß er verſchwendet, daß er ſpielt. aber bin ich nicht reich, und iſt Hermann nicht ehrenwerth? In dieſem Augenblicke trat der Herzog herein. Iduna erſchrak bei ſeinem Anblick. Schnell ſetzte ſie das Kind auf die Erde und eilte auf ihten Gatten zu. — Was iſt Dir, Hermann, Du biſt krank, gewiß du leideſt. — Ich muß Dich allein ſprechen, Iduna, ſagte er mit mat⸗ rer Stimme und ließ ſich in einen der gepolſterten Stühle nieder. Iduna ſchickte das Kind und die Jungfer hinaus, dann nahm ſie Bhrem Manne gegenüber Platz und blickte mit Angſt in feine ent⸗ ſtellten Züge. — Was giebt es? fragte ſie zitternd. — Du weißt, Iduna, begann der Herzog, indem er ſich be⸗ mühte ſeine Stimme feſt zu machen, daß der Krieg erklärt iſt. — Ich weiß es, antwortete ſie, und ich fürchte Nichts für Frankreich, ich bebe nur für Dich. — Doch kennſt Du auch unſer Volk, es wäre ja immerhin möglich, daß wir eine Niederlage erlitten, man würde das ſogleich gegen den Kaiſer benutzen. — Fürchteſt Du eine Revolution? — Bei den Pariſern iſt eben Alles zu fürchten. wonb das und gen die 9 viel ich: ſtelle führ Toe nehr S 6 — 171— — Aber wir werden keine Niederlage erleiden. — Das glaube ich feſt, indeſſen iſt das Kriegsglück wotter⸗ wendiſch, eine üble Nachricht, und wenn ſie erſogen wäre, würde das Volk in Aufregung verſetzen. Unruhige Geiſter wie Rochefort und Gambetta mögen das benutzen und die rothe Fahne ſchwin⸗ gen in einem unglücklichem Augenblick erklärt man vielleicht die Republik. — Unmöglich, Hermann, welche Geſpenſter ſiehſt du? Bei ſo viel Millionen Stimmen, die ſich für das Kaiſerreich erklärt haben! — Wer glaubt dieſen Stimmen? Doch, wie dem auch ſei, ich will mein Haus beſtellen, will Dich und die Kinder ſicher ſtellen vor jeder Gefahr. — So laß uns nach Toskana gehen, wo meine Tante lebt. — Gut, geh du dahin mit Helenen. — Und mit den Kindern natürlich. — Nein, die Kinder müſſen hier bleiben, die beiden Knaben führe ich noch dieſen Morgen in's Jeſuitencollegium, und unſere Tochter. — Hermann, Du wirſt mir nicht auch noch Margarethen nehmen wollen! — Es muß ſein, Iduna, es muß ſein. — Was iſt für ſie zu fürchten, wenn ich bei ihr bin, werde ich ſie beſchützen, wie eine Löwin ihre Jungen vertheidigt! — Ich weiß es, Iduna, und dennoch wiederhole ich Dir, daß es ſein muß. — Wer kann Dich zwingen, einer Mutter das Herz zu brechen, wer, Hermann? War ich Dir nicht immer eine treue Gattin? O, ich weiß, deine Angelegenheiten ſtehen ſchlecht, Du haſt Geld verloren, aber ich bin reich, nimm von dem Meinigen, nimm, ſo viel Du willſt, aber laß mir meine Kinder, gieb ſie nicht den falſchen Heuchlern hin, laß mir wenigſtens meine Tochter... 0 Du kannſt nicht ſo grauſam ſein, auch ſie von meinem Mutterherzen fortzureißen!. Sie war von ihrem Stuhl herabgeglitten und lag vor ihrem Gatten auf den Knien, die Augen voll Thränen, die Hände bittend erhoben, die Bruſt voller Angſt. Montalto wagte es nicht, ſie — 172— anzuſehen, er hätte in die Erde ſinken mögen. Sie bot ihm ihre Schätze an, die er lange ſchon in wollüſtigen Leben mit Frauen durchgebracht hatte, die ſeinem eigenen Weibe an Schönheit und Tugend weit nachſtanden, er hatte ſie arm gemacht, und jetzt über⸗ gab er ſie der Verzweiflung. — O, warum habe ich mich nicht getödtet, dachte er, dieſer Schmerz wenigſtens wäre ihr erſpart worden. In dieſem Augenblick öffnete ſich der Vorhang der Thür, und das abſchreckende Geſicht des Paters Venturo blickte herein. — Ich bitte tauſend Mal um Entſchuldigung, wenn ich ſtören ſollte, grinſte er, Eure herzogliche Gnaden befahlen mir heute früh, die beiden lieben Knaben in das Jeſuitenkollegium, und das kleine Fräulein den Schweſtern vom heiligen Herzen zu bringen ich bin pünktlich. ich thue meine Pflicht, Ihr Futſcher hat angeſpannt, Herr Herzog... wo ſind die lieben Kleinen? — Hermann, Hermann, rief Iduna und umfaßte die Kniee ihres Gatten, laß meine Kinder nicht mit dieſem Manne gehen, ich habe ſie geboren, gepflegt, gewartet... reiß' meine Kinder nicht von mir! Montalto's Herz war wie zerriſſen. IJduna's Jammer bewegte ihn tief. Er ſah die gräßlichen Folgen ſeiner Sünden, er ſah das Elend, welches er über die Seinigen gebracht hatte— aber er konnte nicht mehr zurück. Unfähig zu antworten drückte er auf die Klingel, die neben ihm auf dem Toilettentiſche ſtand. Ein Diener kam. — Bringe meine Kinder her, Richard, Arthur und Marga⸗ rethe. Iduna ſprang empor, ſie wollte dem Diener nacheilen, wollte die Kleinen retten, mit ihnen fliehen... Montalto ergriff ihre Hand und hielt ſie feſt, und der Pater Venturo trat in die Thür, um ſie zu verſperren. Die Kinder kamen hereingehüpft, friſch und roſig, und eilten auf die weinende Mutter zu — Was giebt es Mama, warum weinſt Du? wir Lehr Ath emp vom ßuf faſt chen Am te ſi nach nicht lete Sie das dem zog wird 2 Stur he nd e⸗ niee ich icht egte ſch ber e er nd. rga⸗ ollte ihre ſün, lten — Dieſer Herr da, ſagte Montalto in kurzem, harten Tone, wird Euch in eine Penſion führen. — Aber wir brauchen keine Penſion, wir lieben unſeren Lehrer, rief Richard — Und wir machen ſehr gute Fortſchritte bei ihm, fügte Arthur ſtolz hinzu. — Keinen Widerſpruch, donnerte der Herzog und ſprang empor. Ich will es... das genügt. Damit ergriff er die Knaben und ſchleuderte ſie einen nach dem andern dem Pater zu. Sie waren erſchrocken, ſo hatten ſie den Vater niemals geſehen, ängſtlich ſchmiegte ſich Margarethe an die Mutter, die ſie mit beiden Armen umſchlang, als wollte ſie wenigſtens dieſes letzte Kleinod retten. *— Gieb mir das Kind, Iduna, herrſchte Montalto ſie an. — Nie, niemals! rief die Unglückliche, ich kenne die Schweſtern vom heiligen Herzen, niemals gebe ich ihnen mein Kind. — Du mufßt! ſchrie er und ſtampfte wüthend mit dem Fuße. Das ſchwache Weib erbebte unter dem Drucke ſeiner Hand, faſt finnlos vor Zorn und Verzweiflung entriß er ihr das Mäd⸗ chen und ſtieß es zu dem Pater hin, dieſer fing es in ſeinen Armen auf und verſchwand gleich darauf mit allen Dreien. Iduna ſtand wie erſtarrt und blickte ihnen nach, dann richte⸗ te ſie ſich hoch und kräftig empor. — Herzog von Montalto, ſagte ſie mit einer Stimme, die nach der furchtbaren Aufregung ſchauerlich ruhig klang, ich frage nicht, was Sie bewog, ſo Schreckliches zu thun, das aber weiß ich wie Sir die Kinder von mir reiſſen, ſo reiſſe ich den letzten Funken der Liebe zu Ihnen aus meinem Herzen, und wie Sie unſchuldige Seelen dem ewigen Verderben anheimgeben, das eine jeſuitiſche Heuchlerbrut ihnen bereitet, ſo mögen auch Sie dem Verderben preisgegeben werden. Hören Sie mich an, Her⸗ zog Montalto, der Fluch einer Mutter, die um ihre Kinder weint, wird furchtbar auf Ihrer Seele laſten, furchtbar noch in der Stunde Ihres Todes Der Herzog ſtand an einen Stuhl gelehnt. Der heftige Zorn, in den er ſich faſt mit Sewalt verſetzt hatte, um ſeine Ver — 174— zweiflung zu verbergen, war verraucht, er glaubte zuſammen⸗ brechen zu müſſen unter dem Fluche, den ſeine Gattin auf ihn ſchleuderte, ſeine Gattin, die ſo rein, ſo heilig vor ihm ſtand, und der er Alles genommen hatte. Er ſah, wie ſie ſich mit Verach⸗ tung von ihm wandte und langſam zur Thür hinging. — Iduna, bat er mit zitternder Stimme, Du weißt nicht ſchone mich! — Nein, verſetzte ſie kurz, ohne ſich nach ihm umzuſehen. — Habe Mitleid mit mir, Iduna, flehte er noch einmal und Rein! klang es abermals ſo falt und rauh von ihren Lippen, daß er vor dieſem Ton erſchrak... In dieſem Augenblicke wurde die Thür, durch welche die Herzogin hinausgehen wollte, aufgeriſſen und Helene ſtürzte herein; ſie war todtenbleich und zitterte an allen Gliedern. — Tante, rief ſie, liebe Tante, welch ein Unglück! Hektor von Bellegarde hat ſich mit Reinhald Iſſelhorſt duellirt. es iſt Blut gefloſſen. um meinetwillen... Aber Tante, was ſtehſt Du denn ſo ſtarr... um Gotteswillen, was iſt Dir? — Ich höre, antwortete Iduna mit geſchloſſenen Augen, es iſt Blut gefloſſen, und es wird noch mehr fließen... Gott zürnt nur Blut kann ihn beſänftigen! — HO, Tante, ſo ſprachſt Du niemals, rief das arme Kind und wandte ſich an den Herzog. Mein Onkel, o helfen Sie mir der Graf von Hellegarde iſt verwundet und Reinhold. — Iſt die Wunde gefährlich? fragte Montalto, ohne ſie an⸗ zuſehen. — Reinhold iſt gefangen hören, fort. — Iſt die Wunde gefährlich? fragte pr noch einmal. — Nein, ich glaube nicht, verſetzte Helene, aber Reinhold. — Hoffte ich doch, der Tod würde mir wenigſtens dieſe eine Montalto und beugte ſich fuhr ſie, ohne ihn zu Laſt von der Seele nehmen, murmelte tiefer auf die Lehne des Seſſels, o ſie drückt ſo ſchwer ſo ſchwer una trat auf ihre Nichte zu. — Verlangſt Du Hilfe von dieſem Manne? rief ſie und zog das Mädchen von dem Herzog fort. Wir haben Nichts mehr mit De hab diſt habe Ran der mit ſem Dre liche Aber ſie ihr das das glei Elle geſt Schl ewie Gen geiſt bega in eine die gege men⸗ ihn und rach⸗ nicht hen. und ppen, die türze ektor was n, e6 zürnt Kind je mi ſie an hn z hod eſe ein „ gte ſt ſchw — 175— mit ihm zu theilen, Nichts mehr von ihm zu fordern als Gelb, Deines, meines.. ich fordere es ſogleich, Herr Herzog, ich habe ein Recht dazu, ich will, daß Sie Rechnung ablegen, will dieſes Mädchens, will meine und meiner Kinder Zukunft geſichert haben. Erwarten Sie nicht, daß ich, die ich gezwungen Ihren Ramen trage, den Namen, der auch meinen Söhnen angehört, der Schande preisgebe. Ich theile nur heute noch dies Haus mit Ihnen, dieſer Abend trennt uns für ewig... bis zu die⸗ ſem Abend erwarte, verlange ich Ihre Rechenſchaft. Sie ging mit ſtolzem Schritt hinaus und zog Helene mit ſich fort. Draußen brach ſie auf dem Teppich des Vorſaals zuſammen, fürchter⸗ liche Krämpfe durchwühlten ihren Körper. So lag ſie bis zum Abend, dann befahl ſie ihrer Kammerfrau, das einzupacken, was ſie mit ſich nehmen wollte, und erwartete ihren Gatten, damit er ihr das Geld, welches ſie ihm als Mitgift zugebracht hatte und das ihr nach dem Ehekontrakt gehörte, auszahlte, eben ſo wie das, welches er für Helene verwaltet hatte, die nun mit ihr zu gleicher Zeit dieſes Haus verlaſſen ſollte. Der Herzog ſtand noch immer, wie er geſtanden hatte, den Ellenbogen auf die Lehne des Stuhles, den Kopf in die Hand geſtützt, er hörte, wie die Thür hinter ſeiner Gemahlin in das Schloß fiel, und es war ihm, als ſchlöſſe ſich der Himmel auf ewig vor ihm zu. Da trat einer der Bedienten zu ihm heran und meldete den Generaladjutanten des Kaiſers. Montalto richtete ſich empor, er war wie gebrochen. Faſt geiſtesabweſend verließ er das Ankleidezimmer ſeiner Gattin und begab ſich in den Salon. Der Offizier näherte ſich mit einer tiefen Verbeuguug. — Seine Majeſtät der Kaiſer ſchickt mich, ſagte er. Es liegt in der Abſicht des oberſten Kriegsherrn, Ihnen das Eommando eines ganzen Armeekorps zu übertragen. Sie werden darüber die genaueren Befehle des Kriegsminiſters Herrn Le Boeuf ent⸗ gegen nehmen. Der Herzog verbeugte ſich tief. — Das iſt mir eine beſondere Ehre. — Der Kaiſer ſetzt auch ein beſonderes Vertrauen in Sie, Herr Herzog, fuhr der Adjutant fort. Sie werden, ſo glaube ich feſt, dieſem Vertrauen entſprechen⸗ — Sch hoffe es, verſetzte Montalto. — Irre ich mich nicht, ſo wird Ihre Abreiſe nahe bevor⸗ ſtehen, ſagte der Offizier weiter. Die Deutſchen ſind ſchneller, als wir dachten, ſie zeigen ſich bereits in Baden und in der Rhein⸗ pfalz, es iſt verdrießlich, daß wir ihnen nicht zuvorgekommen ſind. Es iſt darum jetzt um ſo größere Eile nöthig. — Ich werde Nichts verſäumen, verſicherte der Herzog. — Der Kaiſer weiß das. Er hat aber noch einen anderen Auftrag für Sie, einen Auftrag, den ich Ihnen unter dem Siegel der allerſtrengſten Verſchwiegenheit mittheile. — Ich werde verſchwiegen ſein, wie ſetzte Jener. — So hören Sie, Herr Herzog. Sie kennen die Regimen⸗ ter, in welchen die meiſten Soldaten es gewagt haben, bei dem Plebiszit mit Nein zu ſtimmen? — Ich kenne ſie. — Nun gut. Der Kaiſer will, daß man eben dieſe Regi⸗ menter zuerſt und daß man ſie ſtark dem Feuer ausſetze — Ich verſtehe. — Der Kaiſer will fernerhin, daß man die Disziplin bei den Furcos und Zephyrs nicht allzu ſtrenge handhabe, er will, ſobald vir nur erſt in des Feindes Land ſind, den Schrecken um ſich das Grab, ver⸗ verbreiten. — Das ſoll geſchehen. — Gelingt es uns nicht, Preußen deutſches Gebiet zu betreten, ſo ſollen die Feinde doch nit aller Gewalt auf dieſes Gebiet zurückgeſchlagen werden, man ſoll den alten Haß der Süddeutſchen gegen Preußen aufſtachekn. noch vor dem Herankommen der man ſoll das Volk unwillig machen gegen den Bund mit Nord⸗ deutſchland, unzufrieden mit ſeinen Regierungen, die es zum Kriege zwangen man ſoll ſie den Krieg haſſen und fürchten lehren, damit ſie das Heil des Friedens bei Frankreich ſuchen. — Das Alles iſt vollkommen gut and weiſe erdacht. Bille Son ihren ehen bewe Leid. enyn du( er 9 gebe — laute verzi Schi darg lnum dahi Sie tra g ihn Krie laſen d. Sie, e ich von als hein⸗ men deren iegel vel⸗ imen⸗ dm Regi bei den un ſch un de de doch n. mal fuchehn Nord⸗ 6 zunm lehreh — 177— — Dies iſt mein Auftrag an Sie, Herr Herzog. Darf ich dem Kaiſer ſagen, daß Sis zur Abreiſe bereit ſind? — Ich bin es und eile mich bei Seiner Majeſtät zu verab⸗ ſchieden, ſobald ich den Kriegsminiſter geſprochen habe. Der Adjutant entfernte ſich. Montalto athmete auf. — Der Krieg.. dieſe ſchleunige Abreiſe, ſagte er, Gott ſei gelobt, ich bin gerettet. Er ging zu Le Boeuf; als er zurück kam, ſchrieb er ein Billet an Iduna und übergab es dem Bedienten. Ehe noch die Sonne niederging, hörte die Herzogin den Wagen abfahren, der ihren Gatten und ſein Gepäck zur Eiſenbahn brachte, wo man eben im Begriff war, die Truppen fortzuſchaffen. Iduna lag auf dem Sopha, ſie ſprach nicht, nur ihre Lippen bewegten ſich leiſe und in ihrem Herzen wüthete ein namenloſes Leid. Helene ſaß zu ihren Füßen und blickte ängſtlich zu ihr empor. Das junge Mädchen verſtand nur halb, was zwiſchen den Ehegatten vorgegangen war. Sie dachte an Reinhold, daß er gefangen, vielleicht verwundet ſei, ſie hätte ihr Herzblut hin⸗ geben mögen, um ihn zu befreien und mußte hier ſitzen und auf die tiefen Seufzer der Kranken lauſchen. Jetzt brachte man der Herzogin den Brief ihres Gatten; er lautete: — Des Kaiſers Befehl zwingt mich zur ſchleunigſten Abreiſe verzögern Sie daher Ihr Fortgehen aus dieſem Hauſe. Das Schickſal unſerer Kinder habe ich geſichert es läßt ſich Nichts daran ändern, bis ich wieder komme oder bis der Tod Sie zur unumſchränkten Herrin über Alles macht, was ich beſitze. Bis dahin bitte ich, beſchwöre ich Sie, Nichts zu unternehmen, was Sie und mich gereuen könnte, iſt doch die Reue ſo ſchwer zu tragen! Hektor von Bellegarde iſt nur leicht verwundet, das wird ihn nicht verhindern, ſich mit Helene zu vermählen, noch ehe der Krieg ausbricht, doch will er ſie auf meinen Wunſch bei Ihnen laſſen, bis wir von Berlin zurück ſind. Leben Sie wohl, Iduna, es bereitet mir namenloſen Schmerz, D. V. 2 — 5b— daß ich ſo von Ihnen ſcheiden mußte, leben Sie wohl.. viel⸗ leicht bedecke ich mit blutigen Lorbreren meine Schuld, vielleicht auch deckt mich bald ein ſtiller Hügel. Ich weiß, Sie beten weder für mein Leben noch für meiner Seele Heil, ich aber flehe Vergebung, Iduna, Vergebung. Hermann von Montalto. — JZetzi laß uns zu Bette gehen, ſagte die Herzogin, nachdem ſie das Papier wieder zuſammengefaltet hatte. — So bleiben wir hier? fragte Helene. — Wir bleiben, weil er geht, verſetzte Iduna. Ach, wie könnte ich auch mit fort, wenn meine Kinder hier ſind? Sie gingen zur Ruhe, und keine von ihnen fühlte die Erquickung des Schlummers. Iduna gedachte ihrer Kinder, mit denen ſie zum erſten Male, ſeitdem ſie lebten, nicht das Nachtgebet zu fprechen vermochte, Helene zitterte für Reinhold. Sie liebte ihn, ſeitdem ſie zum erſten Male ſeine herrliche Geſtalt, ſein lebensfriſches geiſtvolles Geſicht geſehen hatte, ſie liebte ihn, und war die Braut eines Andern, Niemand geſtehen... Rafael Gambi hatte ihr die Nachricht von ſeiner Verhaftung gebracht, als er kam, um ihr Zeichnenſtunde zu geben. Der treue Freund hatte gehofft, durch Vermittelung des Herzogs von Moltalto Reinhold's Befreiung zu erwirken, es war ihm nicht möglich, der Herzog ließ ſich nicht vor ihm blicken. O mit wie traurigen Empfindungen ſtreifte der junge Künſtler um das häßliche Gebäude, in weſchem ſein Freund und Verwandter eingekerkert war! 23. Kapitel. Das franzöſiſche Heer. In den franzöſiſchen Hofkreiſen herrſchte nichts als Freude and Wonne, Alles war Leben, Alles Bewegung. Die jüngeren ſie liebte ihn, den Feind ihres zweiten Vaterlandes, und durfte es— und lich den n lihſ das Ruch Veiſ ann die Vol den üöri bot Gelt dene wied dem bon Ne ſein bere der die den auf Vat Lun ſuei alle ſog zu Na uuff us viel⸗ lleich er für bung chden wie ickung en ſie rechen dem ſie wolles ndern. ufte es nſeiner geben. zerzog rihn O mit um das wandter ßrude inget — 179— und älteren Offiziere verſicherten ſich gegenſeitig die Unüberwind⸗ lichkeit der großen Armee, es gab auch nicht einen, ſelbſt unter den Gegnern des Krieges nicht Einen, der eine Niederlage für möglich erachtet hätte. Auch langten von allen Seiten die erfreu⸗ lichſten Nachrichten an. Privatbriefe aus Hannover verſicherten, das Volk ſei erfüllt vom Haß gegen Preußen, von Durſt nach Rache für die Eroberung durch den König Wilhelm. In gleicher Weiſe liefen Berichte aus Schleswig Holſtein und aus den übrigen annektirten Ländern ein. Es unterlag keinem Zweifel, ſobald die Fransoſen nahten, erhob ſich der mächtigſte Theil des deutſchen Volkes gegen das Hohenzollernſche Königshaus, erhoben ſich außer den neuerworbenen Provinzen noch Bayern, Würtemberg und alle übrigen kleineren Staaten. Der abgeſetzte König von Hannover bot freiwillig ſeine Hilfe dar und ſchickte dem Kaiſer Napoleon Geld und Leute zu, es waren die ſogenannten Welfenlegionen, denen Alles daran lag, den blinden König Georg und ſein Haus wieder auf den Thron zu ſetzen. Aber nicht nur das. Schon nach dem erſten Siege Frankreichs mußte ſich Oeſtreich erheben und von dem endlich unterjochten Sieger Rache fordern für ſo viele Niederlagen, von ſelbſt verſtand es ſich, daß Italien auf Seiten ſeines Befreiers von der Fremdherrſchaft ſtand, daß Rußland bereit ſei, ſich wenigſtens die Provinz Poſen zu holen, und nahm der Kaiſer Franz Joſeph das früher öſterreichiſche Schleſien, fielen die annektirten Länder wieder ab, ergriff Napoleon Beſitz von dem Rhein und ſeinen ſchönen Ufer, ſo war der König Wilhelm auf den Beſitz zurückgedrängt, welchen der erſte Bonaparte ſeinem Vater gelaſſen hatte, als die Schlacht bei Jena faſt Preußens ganzes Kriegsheer zerſtört und Friedrich des Großen Nachfolger zu einem nurallzutraurigen Frieden gezwungen hatte. Sollten aber von allen dieſen ſchönen Hoffnungen einige nicht in Erfüllung gehen, nun, ſo gab es noch ein gutes Mittel, einen großen Theil des deutſchen Volkes zu Verbündeten Frankreichs zu machen. Preußen iſt eine proteſtantlſche Macht. Man mußte den Religionshaß ſchüren, den Fanatismus aufſtacheln, man mußte Berlin als einen Höllenpfuhl darſtellen, aus welchem die Aufklärung wie ein ſchrecklicher Brodem emporſtieg. 12* — 180— Bei ſo viol guten Ausſichten, wie hätte man nicht heier fein ſollen? Die Herrn Offiziere rüſteten ſich in allem Ernſte zu einem Eroberungszuge in jedem Sinne des Wortes. Sie nahmen Friſeure und Barbiere mit, ſchafften ſich die eleganteſten An⸗ züge an, verſorgten ſich mit Schminke und Pommade und jenen unentbehrlichen Hilfsmitteln, die ſelbſt dem kranken und alternden Manne noch ein jugendliches Ausſehen verleihen. Doch auch das genügte noch nicht. Man mußte für Naſchwerk für die Reiſe ſorgen, Unmaſſen von Bonbons und eingemachten Früchten wurden eingepackt, Chokolade und Süßigkeiten aller Art, und wieder in anderen Kiſten ſchleppte man Perrücken, falſche Waden, wattirte Jacken und dergleichen unentbehrliche Dinge mit ſich fort. Die Kaiſerin Eugenie befand ſich in vollſter Thätigkeit. Ihr war, wie ſchon bei früheren Abweſenheiten des Kaiſers, die Regentſchaft des Reiches anvertraut. Sie freute ſich darauf, wieder einmal und zwar in einem hoöchſt intereſſanten Momente, die Zügel der Regierung zu führen, ſie kam ſich größer und be⸗ deutender vor, weil die Miniſter in ihrem Zimmer Staatsrath hielten, weil ſie Erlaſſe unterſchreiben durfte und weil ſie jeßt die allererſte Perſon in Paris war. Der Faiſer erließ eine Anſprache an ſein Heer: Franzoſen, ſagte er, ich will mich an die Spitze dieſer tapfern Armee ſtellen, welche von der Liebe zur Pflicht und zum Vaterlande beſeelt iſt. Sie weiß, was ſie werth iſt, denn ſie hat in vier Welt⸗ theilen den Sieg ſich an ihre Schritte heften ſehen. Ich nehme trotz ſeiner Jugend meinen Sohn mit mir. Er kennt die Pflichten, die ſein Name ihm auferlegt, er iſt ſtols da⸗ rauf, an den Gefahren derer Theil zu nehmen, die für das Vaterland kämpfen. Gott ſegne unſere Anſtrengungen. Ein großes Volk, das eine gerechte Sache vertheidigt, iſt unüberwindlich. Die Franzoſen glaubten ihm das auf's Wort, chre Eitekkeit ließ ſie noch ſtärkere Dinge glauben Sie jubelten dem Kaiſer zu, ſie ließen die Kaiſerin und den Prinzen hochleben, ſie freuten ſich ſein einen hmen An⸗ jenen nden das Reiſe üchten und falſche e mit . Ihr s die arauf wente nd be⸗ atzrath ſie jest nzoſen, ſtellen eelt it. r Welt⸗ tolh du⸗ ir dos das Eiteke iſer 3o uten ſch 1854— über die Truppen, die maſſenweis nach den Grenzen zogen. Das ſchönſte Vergnügen bildete aber für den pariſer Pöbel die Preußen⸗ hettteien. Wir haben geſehen, wie es Reinhold von Iſſelhorſt ergangen war und ſein Schickſal ſtand nicht vereinzelt da. Wer eutſch redete, wer nur ein wenig fremdländiſch ausſah, wurde bhald pon den Leuten, denen er das Unglück hatte, auf der Sttaße zu begegnen, gedrängt, geſtoßen, geprügelt, man ſchleppte Hunderte als Spione zur Wache, nahm ihnen Börſen und Uhren ab, und ſie mochten Gott danken, wenn man ſie nach einigen Tagen einer entſetzlichen Haft⸗aus der Stadt hinaus trieb, während diejenigen, welche ſich nicht ganz vollſtändig legitimiren konnten, wochenlang unter Geſindel aller Arten eingeſperrt oder gar auf Grund eines ſehr oberflächlichen Verhörs hin todtgeſchoſſen wurden. Dieſe Kundgebungen der Pöbelrohheit und einer gewiſſen⸗ loſen Gerechtigkeitspflege erregte unter der Mehrzahl des Volkes nur Freude und Jubel, waren es doch Zeichen der Vaterlands⸗ liebe, der Begeiſterung. Dieſe zeigte ſich überall, in den Theatern, an patrigztiſche Lieder ſang, in den Kirchen, wo die Pfarrer die ketzeriſchen Preußen aufforderten, in der Deputirtenkammgr. wo man wüthende Reden hielt. Mitten in dieſe Aufregung hinein fiel die ganz unerwartete Nächricht, daß ſich die ſo ganz wider Vermuthen vereinigten Deutſchen den frnzöſiſchen Grenzen näherten. Noch war die kaiſerliche Armee weder zuſammen noch mobil, indeſſen, was that das? War man doch überzeugt daß der Elan der Truppen, wo ſie ſich auch zeigen mochten, ganz unwiderfteh⸗ lich ſein müſſe. Man hatte Chaſſepots und Mitrailleuſſen, Zuaren und Turko's was war da zu fürchten? Der Kaiſer verließ Paris mit ſeinem Sohne, ein glänzendes Gefolge hegleitete ihn, er brauchte einen Extrazug für ſich, den Prifzen, die Adjutanten und Diener, die Sekretaire, Stabs⸗ Offiziere, Köche, Stallmeiſter und endlich für eine ungeheure An⸗ zahl dor koſtbarſten Pferde, und eine Menge glänzender Wagen. Alles dies war darauf berechnet, in Berlin einen grofartigen Eindruck hervorzubringen. Aber wo dies ungeheure Gefolge ſich zeigte, nahm es von Allem das Beſte in Anſpruch. Kein Quartier, kein Eſſen, kein Wein konnte gut genug ſein. Man nahm von den Seinigen, in der Hoffunng, bald von dem Be⸗ ſitzthum der Feinde zehren zu können. So gelangte die damals zur Verfügung ſtehende Armee bis an die franzöſiſch⸗preußiſche Grense, die nur fünfzig Meilen lang iſt. Der Kaiſer ſelber führte das Commando, unter ihm ſtand der Herzog von Magenta, Mae Mahon, ein Mann, der ſich in früheren Kriegen bedeutenden Ruhm erworben hatte. Wahrhaft komiſch klang es, wenn dazwiſchen der Kaiſer be⸗ hauptete, ſich auf das Allereinfachſte einrichten zu wollen, ein einziger Bedienter, ſo ſagte er, ſolle ihm genügen, ſeine Koſt ſolle die der gemeinen Soldaten ſein und nicht einmal ein Zelt ſei ihm bei dieſem Feldzug nöthig, denn erſtens kämen ſie ja in Länder, in denen es Häuſer giebt, und zweitens fände ſich wohl überall eine Diele, auf welche man ſich ausſtrecken könne, um zu ſchlafen. Dieſe prahleriſchen Reden ſollten beweiſen, daß er ſich geſund und kräftig genug fühlte, um allen Anſtrengungen trotzen zu können, und dennoch wußte man es, daß er ſeine Ab⸗ reiſe nach dem Kriegsſchauplatz für längere Zeit hatte verſchieben müſſen, weil ſein altes Leiden ihn aufs Neue heimſuchte. Auch den kleinen Prinzen, einen zarten Knaben, wollte er auf die Strapazen des Feldzuges vorbereiten. Er ließ ihm die hellen Haare militairiſch kurz ſcheeren, und Lulu, ſo nannten die Eltern kiebkoſend ihren Sohn, vertheilte die Locken unter die Damen des Hofes. Die Kaiſerin aber ſtiftete, wie ſie es ſchon im ita⸗ kieniſchen Kriege gethan hatte, eine ewige Lampe in der Kapelle Unſerer lieben Frau zum Siege⸗ doch konnte ſie ſich inmitten aller dieſer kriegeriſchen Vorbereitungen oft nicht einer geheimen Ahnung erwehren. Glänzend und gefeiert ſah ſie ihren Gatten⸗ ihren Knaben aus dem Tuilerienpalaſte ausziehen. wie aber würde er wiederkehren? Der Kaiſer begab ſich erſt nach der Feſtung Metz. Dieſe war mit bedeutenden Befeſtigungswerken verſehen worden, und ſo weit den l deutſc pſt Schn welhe der ſt hielt zeigte chelhe Eingel Vildh nit f Türke Hamb ihren Beink Leib. deuſch Nann Vielen ſnd; Geber und kimn Ogon unſa Sie zuſam nach der L vom und olge Kein Man Be r be⸗ ein ſolle lt ſei ja in wohl um daß ngen Ab⸗ ieben Auch f die hellen Fltern amen ita⸗ apele mitten eimen zutten⸗ aber Dieſe nd ſo — 183 „ weit erſtreckten ſich die Forts und Thürme daß man drei Stun⸗ den brauchte, um ſie zu umgehen. Da Louis Napoleon wohl einſah, daß ſeine Hoffnung, di⸗ deutſchen Staaten gegen einander aufzuwiegeln, geſcheitert war, ſo ſetzte er ſein letztes Zutrauen auf Oeſterreich, Dänemark und Schweden. Es waren alſo die Orden dieſer drei Länder, mit welchen er ſeine Bruſt ſchmückte, als er in die Feſtung Metz eines der ſtärkſten Bollwerke Frankreichs, einritt. Am Tage darauf hielt er eine große Inſpektion über die ganze Armee ab und be⸗ zeigte ſich ſehr zufrieden mit ſeinen Truppen, denen er die ſchmei— chelhafteſten Dinge ſagte. Unter dieſen Truppen ſind die Turko's die intereſſanteſten. Eingeborene Afrikaner, Anhänger Muhamed's, beſitzen ſie ganz die Wildheit ihres Stammes. Es ſind ſtarkgebaute, braungelbe Kerle mit feurig blitzenden Augen. Die Schädel ſind, wie bei den Türken, geſchoren, nur auf der Mitte deſſelben laſſen ſie einen Haarbüſchel ſtehen, der rothe Fez mit dicker blauer Troddel bedeckt ihren Kopf, die Jacke iſt mit gelben Borden verziert, ebenſo die weiten Beinkleider bis zum Knie hinab, und ein breiter Gurt umgiebt den Leib. Nichts ſieht man an ihnen von der ſtrammen Haltung deutſcher Trupgen, nichts merkt man von Unterordnung oder Mannszucht bei dieſen rohen Söhnen eines fernen Welttheils. Vielen ſieht man es an, daß ſie von Negern ſtammen, ihre Naſen ſind ſtumpf, ihre Lippen wulſtig, ſie haben ganz die affenähnlichen Geberden der afrikaniſchen Schwarzen, aber auch ihre Bosheit und Hinterliſt. Andere wieder erinnern mit ihren langen ge— krümmten Naſen, mit den dunklen Augenbrauen an die Phyſi⸗ ognomien ſüdländiſcher Juden, Alle aber ſehen furchtbar wild, unſauber und unbezähmbar aus. Neben ihnen nehmen die Zuaven das Intereſſe in Anſpruch. Sie werden aus dem zuſammengelaufenen Geſindel aller Länder zuſammengeſetzt, jedoch bildet man ihre Regimenter in Afrika und nach afrikaniſcher Weiſe. Man hört unter ihnen alle Sprachen der Welt, ſie ſind die eigentlichen Soldaten, denn ſie leben nur vom Krieg, beſitzen nichts als ihren Sold, haben keine Heimath und darum nichts, was ihnen heilig wäre. — 184— Die Spahis ſind eine leichte Reiterei ähnlich unferen Ulanen, ſie ſind beſtimmt, auf dem Schlachtfelde umherzuplänkeln, plötzlich zu erſcheinen und plötzlich zu verſchwinden, Schrecken zu verbreiten. wo ſie ſich zeigen, Gefangene zu machen, ſo viel ſie können, und ungeſtraft zu ſengen und zu morden. Zu ihnen kommen noch die Zephyre, die aus den Verbrechern unter allen Truppengattun⸗ gen zuſammengeſetzt ſind. Es iſt eine Art Strafregiment, und man ſieht es ihnen an, daß ſie Böſes gethan haben und noch fernerhin Böſes im Schilde führen. Die anderen Regimenter werden aus Conſkrib'rten gebildet, ſie tragen die verſchiedenſten Trachten, die Einen bedecken ihr Haupt mit dem leichten Käppi, kleine, zierliche Geſtalten in langen rothen Hoſen und hellen Kamaſchen, die Anderen, große ſtattlichere Männer tragen hohe Bärenmützen, eine Tracht, die dem erſten Rapoleon gefiel und die ſein Nachfolger deswegen beibehielt, obſchon es für den Sol⸗ daten nichts Unbequemeres geben kann, als dieſe heiße und laſtende Kopfbedeckung. Der Kaiſer behielt ſich die oberſte Kriegsleitungen vor, gleich unter ihm ſtand der Marſchall Leboeuf. Das erſte Armeekorps ſollte Mac Mahon, der Herzog von Magenta das zweite General Froſſard, das dritte Marſchall Bazaine kommandiren. Andere Cbrps ſtanden unter den Generalen LAdmirault, De Failly und Canrobert. Die Qfrikaner befehligte Douay und die kaiſerliche Garde Bourbaki.. So war dieſe Armee zuſammengeſetzt die man für unüber⸗ windlich hielt. Und ſie mußte es ſein. War doch einem Trommler, indem er von Afrika fortſegelte, ein Adler nachgeflogen, den er gezähmt und zurückbehalten hatte. Treu ſeinem Herrn, folgt ihm das Thier und ließ ſich, nachdem es drei Tage lang dem Schiff gefolgt war, auf ſeiner Schulter nieder, ein gutes Zeichen, iſt doch der Adler der ſtärkſte aller Vögel, tragen doch die franzöſiſchen Soldaten ſtatt der Fahnen Stangen mit goldenen Adlern vor ſich her. Und wäre eine Niederlage dieſer Truppen möglich geweſen, ſo beſaß der Kaiſer noch eine Flotte, auf die er ſich verlaſſen konnte, mächtige Panzerſchiffe, herrliche Schnellſegler, welche in der Nord⸗ und Oſtſee ſtreifen, die Häfen beſetzen und den deutſchen nen, zlch iten. und tun⸗ und noch nſten ippi ellen hohe und Sol⸗ und gleich korps netal ndere und rliche über⸗ mlet, en e tihm Sij doch ſſchen r ſch veſen he in utſchen — 185— Handel lähmen ſollten. Wahrlich, der Kaiſer Louis Napoleon hatte ein Recht zu ſeinen Soldaten zu ſagen: Das Weltall hat ſeine Augen auf Euch gerichtet. Es war in der Nähe der kleinen Städte Saarbrücken, St. Johann und Forbach, wo zuerſt das Ehaſſepotgewehr ſich mit den preußiſchen Hinterladern meſſen ſollte. Kleine Vorpoſtengefechte fielen ſeit dem zweiundzwanzigſten Juli, alſo noch nicht vierzehn Tage nach erfolgter Kriegserklärung, faſt täglich vor, und Todte gab es hüben und drüben, dennoch kam es noch zu keinem ern⸗ ſteren Gefechte, man hörte nur durch Reiſende, die eiligſt Frank⸗ reich verließen, weil man ihnen da allerlei Unannehmlichkeiten bereitete, daß es im franzöſiſchen Lager an Lebensmitteln gebrach, und wiederum ſagten Spione, die man auf deutſches Gebiet hin⸗ überſchickte, den kaiſerlichen Feldherrn, mit welchem Enthuſtasmus der Kronprinz von Preußen auch in Würtemberg begrüßt worden war, und wie die Truppen brannten, den Feinden entgegen zu gehn. Dieſer Wunſch ſollte ſich bald erfüllen. 24 Kapitel. Die armen Kinder. Der Pater Venturo führte zuerſt die beiden Söhne des Herzogs von Montalto in das Erziehungshaus, welches er ihnen zum Aufenthalt beſtimmt hatte, indeſſen die arme Margarethe im Wagen blieb und heiße Thränen weinte. Dieſe Anſtalt gehörte nicht zum Jeſuitenkollegium, doch wurde ſie von einem Manne geleitet, der dem Pater Venturo ganz ergeben war. Er erſchien ſogleich, nachdem man ihm die Ankunft des Italieners gemeldet hatte und neigte ſich tief vor dem gefürchteten Prieſter. — Hier bringe ich Ihnen die Kinder, ſagte der Parer. „Die Sie mir als eine böſe Brut bezeichneten, antwortete der Erzieher. Seien Sie feſt überzeugt, mein ſehr ehrwürdiger i 6 . — 186 Freund, ich bin entſchloſſen, das Böſe mit Stumpf und Stiel auszurotten. Die Knaben zitterten vor dem hämiſchen Blicke, welchen der Mann bei dieſen Worten auf ſie warf. Er war groß und dick, mit rothem, finnigen Geſicht, boshaft leuchteten die kleinen Augen unter büſchigen grauen Augenbrauen hervor, und die fleiſchigen Hände, mit denen er den Jungen über das Eeſicht ſtrich, waren ekelhaft kalt und ffeucht, es war den Kindern, als liefen wider⸗ wärtige Schlangen über ihre Wangen hin. Der Pater nahm den Erzieher bei Seite. — Werden Sie es bald machen können, fragte er. — Eile thut bei ſo etwas nicht gut, lächelte der Dicke. Man muß in der Beziehung nichts überſtürzen. — Aber wie gedenken Sie es anzufangen? — Ganz einfach. Zuerſt bekommen die lieben Kinderchen ihr Morgenbrot mit einem weißen Zucker beſtreut, ſie eſſen es mit Vergnügen, aber ſeltſam, es nimmt ihnen den Appetit. Das iſt natürlich, die veränderte Lebensweiſe, die Trennung von den Ihrigen wer wundert ſich darüber. Aber die Eßluſt kommt nicht wieder, die rothen Wangen werden blaß, die luſtigen Springinsfelde ſitzen matt in der Ecke, es muß ein zehrendes Fieber ſein, der Arzt, es iſt ein guter Freund von mir, behauptet das wenigſtens ſo. Er giebt ihnen Medizin, es hilft nichts, die Jungen werden immer ſchwächer, theilnahmlos ſitzen ſie da, Alles iſt ihnen gleichgültig, ſie unterſchreiben es willig, wenn ich füt ſie nach Hauſe berichte, daß ſie ſich bei mir unendlich wohl fühlen. — Und wie lange Zeit denken Sie ihnen den weißen Zucker geben zu müſſen? — Sie ſind ſehr ungeduldig, mein liebſter Herr. Aber be⸗ denken Sie, ich habe über den Ruf meiner Anſtalt zu wachen, ſolche Dinge dürfen nicht zu oft vorfallen, ich möchte nicht, daß man ſagte, ſchon wieder ſind in dieſer Erziehungsanſtalt zwei Knaben geſtorben, nachdem ſie kaum vier Wochen da waren! — Sie brauchen alſo fünf, ſechs Wochen? — Je nachdem. Vielleicht auch bricht die Cholera in Paris aus, dann macht es ſich in einer Nacht. hrot des und ſi ha lic die Shl Y kre wi ner fe. en s den mt en e et die lles füt en. ker en daß wei — Man hat vereinzelte Fälle von Cholera, wie, wenn in Ihrer Anſtalt zwei vorkämen? — Es wäre mir nicht lieb, indeſſen, wenn Sie es durchaus ſo haben wollen, ſei es die Cholera. — Nein, laſſen wir es bei dem ſchleichenden Fieber, ich gebe Ihnen Zeit, übereilen Sie nichts, geben Sie das ſüße Morgen⸗ brot langſam, langſam. wir werden doch zum Ziele kommen Der Pater entfernte ſich, und Richard und Arthur blieben bei dem furchtbaren Manne, der ſie zu einer Anzahl anderer Knaben führte. Es waren lauter bleiche, matte Geſtalten, Kinder, deren man ſich ſchämte, Kinder, die Geld von ihren Eltern geerbt hatten, nach welchem andere Verwandte ſtrebten. Kinder die, man ſah es deutlich, dem ſicheren Tode entgegen gingen, denen das Fieber das Mark aus den Knochen ſog, auf deren Lippen kein Scherzwort, kein Lächeln mehr blühte, deren müde Füße ſich nicht mehr zu heiteren Sprüngen hoben, die trübe, willenlos, mit halb zerſtörtem Geiſte vor ſich hin ſtarrten, Bilder des Jammers und des Entſetzens. Richard und Arthur ſetzten ſich nebeneinander in eine Scke des großen, kahlen Hofes, in welchem die Zöglinge ſpielen ſollten und nicht ſpielten. Sie hatten ſich vargeſetzt, nicht zu weinen, ſie wollten ihrem Schickſal Trotz bieten, kindiſchen Trotz! Ehe eine halbe Stunde vergangen war, weinten ſie beide auf das Schmerz, lichſte. Ein armer bleicher Junge mit tief blauen Rändern um die Augen ſchlich ſich zn ihnen heran. — Weint doch nicht, ſagte er mit ſeltſam heiſerer Stmme. Ihr ſeid ja noch geſund, Ihr habt noch nichts Süßes gegeſſen. Ich habe auch mal ſo rothe Backen gehabt, wie Ihr, als meine Mutter noch lebte, aber ſeitdem ich hier ſo viel Süßes eſſe, bin ich krank, und meine Bruſt thut ſo weh, ſo weh! — Aber du wirſt wieder geſund werden, ſagte Arthur und wiſchte ſich die Augen. — Warum denn? fragte der elende Knabe hier wird Kei⸗ ner geſund, ſie ſterben alle, vorgeſtern haben wir Paul begraben, er hatte auch zu viel Süßes gegeſſen. 188 — Und ſind wir denn hier Gefangene? rief Richard, giebt es denn keinen Ausweg aus dieſem ſcheußlichen Hauſe? — Ja es giebt einen, verſetzte der Kranke mit einem Ver⸗ ſuche zu lächeln, Paul hat ihn gefunden, er iſt nicht mehr hier, er iſt auf dem Kirchhof. Der Lehrer kam und trieb die Kraben zu der Unterrichtsſtunde Stumpfſinnig ſaßen ſie da und hörten ſein einförmiges Leſen an, aber wenn einer den Kopf auf die Vruſt ſinken ließ, gleich ſchlug ihn die Lederpeitſche des dicken Mannes über die Schultern, daß er krei⸗ ſchend empor fuhr. Das war die Erziehungsanſtalt, in welche der Pater Venturo die Söhne des Herzogs von Montckto geführt hatte. Jetzt begab er ſich mit Margarethen zu dem Kloſter der ſtummen Schweſtern zum heiligen Herzen. Das Mädchen folgte nicht ſo gutwillig wie die Knaben es weinte ſchrie, und ſträubte ſich, ſo viel es konnte, aber die knochige Hand des Paters zog die Widerſtrebende durch den kal⸗ ten ſteinernen Gang bis zu dem Zimmer der Priorin. — Ein böſes Kind, das nicht gern zur Schule geht? fragte dieſe. — Wie werden Sie den kleinen Unband zähmen? fragte der Pater, während er noch immer Wargarethens Hand in der ſeinigen hielt. — Ei, es giebt wohl Mittel, mit einem Staarkopfe fertig zu werden, erwiderte die Priorin. Wir haben einen kalten, finſte⸗ ren Keller, wer da eine Nacht geſeſſen hat, iſt am nächſten Mor⸗ gen zahm wie ein Lämmchen. — Das Kind ſoll ſchnell zahm gemacht werden, befahl der Pater. Die Priorin klingelte, eine Nonne erſchien, und ihr über⸗ gab ſie Margarethen mit einigen geflüſterten Worten. Das arme Kind ſchrie furchtbar und ſtemmte ſich mit aller ſeiner Macht ge⸗ gen die Nonne, dieſe nahm ſie raſch auf den Arm und eilte mit ihr hinaus, in der Ferne verhallten die Angſttöne des unglücklichen kleinen Weſens.. Was iſt das für ein Keller? fragte der Pater grinſend. — Er iſt kalt und feucht, berichtete die fromme Frau, und grade hell genug, um die Ratten und die großen ſchwarzen Schnecken ſehen zu können, die ſeine zahlreichen Bewohner ſind, ſche hefo ſch Di ma die ſcho ket De hi giebt Ver⸗ hier, unde nan, gihn krei⸗ N der hatte. mmen nahen r die nlab⸗ dieſt. fragie in der ferüig ſuſn⸗ Mor⸗ Puter. über⸗ arme . nit dlichen und warzes ſid — 185— Zu eſſen giebt es nicht, ſo lange man dieſen Raum bewohnt, wohl aber eine gehörige Tracht Prügel beim Eingang und Ausgang. Das macht auch ein ſtörriſches Weſen ſanft. — Aber es führt nicht zum Ziel, kopfſchüttelte Venturo. — Wer langſam geht, geht ſicher, lächelte die Priorin. Das Kind iſt zart, der Schrecken, die Angſt werden ſeine Nerven zerrütten, ein heftiges Fieber folgt dem Aufenthalt in dem kalten Raume wir kennen das. Es giebt ſo viele Mütter, denen ihre Kinder zur Laſt ſind, ſo viele Väter, die lieber ein Töchterchen weniger ernähren möchten, ſo viele Vormünder, die ſich an dem Gelde des Mündels bereichern möchten... — Schon gut, ſagte der Paterr, ich ſehe, Sie wiſſen Be⸗ ſcheid. Ich werde in vierzehn Tage wieder nachfragen. Gott befohlen. Er ging hinaus. Den Wagen des Herzogs von Montalto ſchickte er zurück und begab ſich zu Fuß in das Polizeigefängniß. Die Leute waren ſehr beſchäftigt, man lieferte von allen Seiten Spione ein, wer nur deutſch redete, war verdächtig, endlich mußte man doch verhören, nachfragen, ein Urtheil ſprechen, man konnt die Leute doch nicht ewig ſitzen laſſen, waren ja die Gefängn iſſ ſchon überfüllt. Der Pater hatte Mühe, einen Beamten zu fin⸗ den, der ihm Rede ſtand. — Wie iſt es mit dem deutſchen Grafen? fragte er. — Wir haben ihn auf Ihr Zeugniß hin für ſchuldig erach⸗ tet, verſetzte der Poliziſt. Er ſelber leugnet nicht, daß er nach Deutſchland gehen will, um ſich gegen uns zu bewaffnen. — Und das Ende? — Iſt eine Verurtheilung zu Pulver und Blei. — Auf wann? — Morgen früh um ſechs Uhr. — Sehr gut, ich danke Ihnen. Er ging und rieb ſich vergnügt die knochigen Hände. — Die Kinder ſind bei Seite geſchoben, lachte er in ſich hinein, der Graf braucht morgen kein Mittagbrot mehr, die Her⸗ zogin macht es kein Vieteljahr mehr, der Herzog kehrt nimmer nach Paris zurück— wer bleibt? Franz Godard und zwei dumme Deutſche, die ich dem Grafen von Bellegarde bezeichnen werde, meinem lieben Zögling, dem ich ſein Bräutchen mit ſamm' der Erbſchaft abſpenſtig machen will. Während er ſich zufrieden mit dem Gelingen feiner Pläne zu Hektor von Bellegarde begab, ſaß Reinhold an dem Fenſter ſeiner Zelle und ſtützte den Kopf in die Hand. Zu ſeinen Füßen lag derſelbe Mann, welchen man kurz vor ihm als Dieb einge⸗ bracht hatte, Franz Gosard, und auf der Pritſche lag ein Anderer, den Kopf auf dem Arme, das eine Bein hinaufgezogen, das an⸗ dere von der Bank herabhängend, und ſtierte an die Decke, als ſähe er den Himmel offen und Engelsgeſtalten auf und abſchweben. — Es ſcheint Ihnen doch unangenehm zu ſein, daß man Sie morgen füſiliren will, ſagte Frans Godard gähnend, indem er zu Reinhold hinauf ſchielte. Dieſer zuckte die Achſeln. Ihm war der rohe Burſche un⸗ angenehm, deſſen verwildertes Geſicht, deſſen vernachläſſigte Klei⸗ dung von einem unordentlichen Leben zeugten. Der andere Gefährte ſeiner Geſangenſchaft ſummte ein Lied. — Was liegt am Leben, ſagte er dann. Ich habe dem Tode in allen Geſtalten in's Auge geſehen und nicht gezittert, da freilich ſtund er dicht vor mir, und ich brauchte ihn nicht zu er⸗ warten, wie Sie, armer Graf. Als ich hier in Paris auf den Barrikaden ſtand und gegen die Anhänger dieſes Napoleon kämpfte, als die Kugeln, die Pflaſterſteine um mich her ſauſten, da hätte ich jauchzen mögen, denn ich kämpfte für die Freiheit. Dann als man uns nach Eayenne ſchickte, erfaßte uns unterwegs ein Sturm. Die Maſten knickten, als wären es Schwefelhölzer, die Wogen ſchlugen über Deck und riſſen manch' Einen mit ſich fort, die Blitze fuhren wie feurige Schlangen vom Himmel herunter. und das Gebrüll des Donners übertönte noch das Brauſen der thurmhohen Wellen. Ich aber fürchtete mich nicht, denn der Tod hätte mich von Schlimmerem erlöſt. Und als wir da drüben in dem Fieberneſt lagen, als jede Nacht einen lieben Freund in ewigen Schlummer hüllte als ich mein eigenes Gebein verzehrt fühlte von jener entſetzlichen Krankheit, die ſie die klimatiſche nennen, jene Krankheit, die uns erg qu der Le auf lan als als keir we die zu ſch wo ſe gr „—„ —.— ichnen amm Pläne enſter üßen einge⸗ derer, 6 an⸗ e als veben. man indem un⸗ Klei⸗ ed e dem rt, da zu er⸗ f den mpfte hütte nn ab Sturm Bogen Blite d das nhohen e nic s jed⸗ hlichen ie un — — ——— — 191— ergreift, wie ein Vampyr und ſchmerzlos und doch ſo gräßlich qualvoll das Blut aus den Adern ſaugt, da bebte ich nicht vor dem Sterben, denn es ſollte mir Erlöſung ſein von namenloſem Leid. Da aber, als wir in. verzweiflungsvpllem Muthe unſer Floß auf's Meer ſetzten und fortſegelten, ein Hemd, ein Taſchentuch an langen Stangen feſtgebunden und einen Baumaſt nur als Ruder, als uns der Hunger peinigte und der gräßlich brennende Durſt, als wir die glühende Sonne über unſerem Sheitel fühlten, und kein Lüftchen uns Kühlung fächelte, als wir das Loos warfen, welcher von uns fallen ſollte, um den Anderen zur Nahrung zu dienen. glaubt Ihr, ich hätte davor gezittert, ſelbſt das Opfer zu ſein? Wir waren unſerer Drei, der Eine ſaß am Steuer, ich ſchaute trübe in die Wellen, die uns führten, wir wußten nicht, wohin, und Julius lag ausgeſtreckt auf den feuchten Brettern, ſterbend ſchon, er, der Beſte, der edelſte von Allen, die in jenem gräßlichen Lande ihre Seele ausathmeten. — Nein, ſagte er, werft nicht das Loos, ich hätte keinen Vortheil davon, wenn es nicht mich träfe... der Tod iſt mir gewiß o meine Heimath, meine Liebe, o Frankreich, mein geknechtetes Vaterland, dir bringe ich dieſes Leben dar, dies Blut, mit dem ich die erhalten will, die ſtärker ſind, als ich, die hoffen dürfen, einſtmals deinen Boden wieder zu betreten. Wir knieten neben, ihm, wir weinten, wir ſuchten ihn zu ermuntern... ach, zu ſeiner Erquickung hatten wir nichts, als die Thränen, die aus unſeren Augen auf ſeine Stirne fielen... Er küßte uns, dann richtete er ſich empor. — Hier Freunde, rief er aus, nehmt hin mein Blut. grüßt mir mein Frankreich, meine Mutter... gute Nacht! Er ſank in meinen Urm, ein Dolchſtoß in ſein edles Herz das war das Opfer, das er uns, daß er dem Vaterlande brachte. Und wir... o Kannibalen, die wir waren, wir tranken dieſes Blut, wir muß⸗ ten leben, und wir lebten... Gott, wozu? Der Abend kam, ein Schiff zeigte ſich am Horizont, wir winkten, ſchrieen... Niemand hörte uns. Die Nacht verging, der Wind erhob ſich, unſer Fahr⸗ zeug ſchwankte auf den Wellen. Niemand hielt mehr das Steuer feſt, wir ſaßen neben der Leiche ſtumpf und ſtumm⸗ Die Sonnr hob ſich, vor uns lag ein Land„ ein Land. o wie der Anblick alle Sinne neu belebte! Die Wellen gingen hoch. was kümmert das uns? Wir warfen uns in's Meer, wir ſchwam⸗ men fort mit aller Kraft, die Brandung faßte uns, warf uns zurück und vorwärts und wieder zurück, ein Spielball dos Meeres, wie wir es ſeit ſieben Tagen geweſen waren. Ich faßte einen Strauch, er hielt mich feſt, ich kletterte an's Ufer, rief noch meinem Freunde ach er trieb heran, die Stirn mit Blut bedeckt, die Hände nach mir hingebreitet, ich beugte mich, ſo weit es ging, ſchon reichte meine Hand bis an ſeine... da riß eine neue Welle ihn zurück ich ſah ihn kämpfen, ſchwächer werden. ſin⸗ ten... O, wer das erlebt hat, fühlt kein Leid der Erde mehr! Ich bin zurückgekommen nach unſäglichen Beſchwerden, ich bin zurückge ommen, um für Frankreich zu kämpfen ſelbſt unter jenem nichtswürdigen Tyrannen, der mich und ſo viele Andere in den gewiſſen Tod des Fieberlandes ſchickte. und was geſchieht? Man fängt mich ein, man klagt mich an, hier liege ich, ein Ge⸗ fangener, ich ſuchte eine Heimath und finde einen Kerkéer — Sie werden ihm entgehen, tröſtete ihn Reinhold, man wird erkennen, daß Sie unſchuldig ſind. — Hat man es bei Ihnen erkannt? fragte der Franzoſe. — Mit mir iſt es etwas Anderes, ich bin ein Fremder, man betrachtet mich als Feind, man will meinen Tod und würde ihn wollen, ſelbſt wenn ich meine Unſchuld ſonnenhell beweiſen könnte. — Und Sie können das nicht? — Wie wäre es möglich? Ich liebe das Leben, ich bin jung, mein Vater, meine Brüder lieben mich, ich dachte, glücklich zu ſein Er war aufgeſtanden und ging in der Zelle auf und ab. Godard ſtand jetzt am Fenſter und trommelte gegen die Scheiben. — Eine erbärmliche Brut das, ſagte er. — Von wem reden Sie? fragte Reinhold. — Nicht von Ihnen, verſetzte Franz, ich ſehe da jenſeits der Mauer di Jungen, ſehen Sie doch die kümmerlichen Geſtalten, nicht Saft nicht Kraft, und der Lehrer fuchtelt ſie noch die armen de ho 10 M den ſin der am⸗ uns res inen inem ect, ing, ele ſin⸗ ſehr! bin enem den ieht? Ge⸗ man . man önnte. jung ch ob. n die t. del alten⸗ 1193 Würmer... aber Donnerwetter was macht denn der Kerl da? — Was giebt es, rief Reinhold, der zu ihm getreten war. — Sehen Sie die beiden Jungen da im Winkel? Eben haut der dicke Schurke auf den Einen ein.. Soll mich der Teufel holen, wenn es nicht die Söhne meines Vaters ſind! 1 Die Söhne Ihres Vaters? — Hm, ich meine nur ſo, die Söhne des Herzogs von Montalto wollte ich ſagen. — Des Herzogs von Montalto, wie wäre das möglich? — Mit rechten Dingen ſicherlich nicht, da hat der Satanas ſein Spiel. Wie, wenn man ihnen Nachricht zukommen laſſen könnte, der dicke Schuft wird doch nicht ewig da herum⸗ lungern. — Und welche Nachricht wollen Sie ihnen geben, wie wäre den armen Kindern, wenn ſie wirklich gezwungen an jenem Orte ſind, gu helfen durch zwei Gefangene, wie wir? Godard drehte ſich um und ſah dem Grafen grade ins Geſicht. — Wolken Sie wirklich hierbleiben und ſich todtſchießen laſſen? fragte er. — Was ſoll ich thun? rief Reinhold aus. — Die Frage iſt dumm; man ſieht, daß Sie ein Deutſcher ſind. Nun gut, ſo bleiben Sie, ich gehe. Gelingt es mir,„die Kinder aus den Krallen dieſes dicken Hundsfotts zu befreien, ſo läßt ſich ein Geſchäft machen. — Und wie wollen Sie es anfangen, von hier fort zu kommen? — Die Sache iſt nicht ſo ſchwer, wie ſie ausſieht. Der Seitenflügel geht nach dem Waſſer hinaus, wir ſind im zweiten Stock, ein Seil, eine Feile, und ein paar Thaler, das iſt Alles, was ich brauche. — Und wie wollen Sie ſich das verſchaffen? — Die Feile iſt hier, wie Sie ſehen, das Seil mache ich aus unſeren Betttüchern, unſeren Hemden,.. verſteht ſich, wenn Sie Ihres dazu geben wollen, und das Geld — Nun das Geld? D B. 13 194— — Hoffte ich von Ihnen zu bekommen. mu — Aha, darum ſprachen Sie mir von dieſem Fluchtplan. ſie — Verheimlichen kann ich ihn doch nicht, da wir einmal zuſammen eingeſperrt ſind, darum friſch heraus: haben Sie Geld? fto an — Ja, ich war zur Reiſe vorbereitet, zur Reiſe in einem feindlichen Lande. Aus Fürſorge nähte ich mein Notizbuch mit geg hundert Thalern in Kaſſenanweiſungen in meine Rocktaſche ein. — Ach, das iſt gut, ich werde mit der Hälfte genug haben. Reinhold trennte das Futter ſeiner Rocktaſche aus einander, und nahm zwei fünfundzwanzig Thalerſcheine aus dem Notiz⸗ Ba buche heraus. — Gut, ſagte Franz, das genügt fürs Erſte. Damit ſteckte wa er den einen Schein in ſeine Hoſentaſche, den andern in die Weſte. het Dann horchte er hinaus— Es ſchlägt ſechs Uhr auf Notre Dame, ri um ſieben Uhr kommt der Wärter, und ehe der Morgen kommt, werden wir frei ſein. 5 den S etſ Kr 25. Kapitel. n Auf der Flucht. 6e wal Der andere Franzoſe hatte kein Wort dazu geredet und ſeine 3 Stellung nicht verändert, er lag noch immer auf der Bank, den 3 Blick zur Decke gerichtet. Reinhold trat an ihn heran Ur — Sie werden uns begleiten? fragte er. Plötzlich ſprang der Mann empor und trat an's Fenſter. Montalto, — Zeigt mir die Söhne des Herzogs von 3 ſagte er. 8 — Die ſind es in den blauen ZJäckchen, ſie tragen die Uniform 5 vom Regiment des kaiſerlichen Prinzen. Die Augen des Mannes folgten der Richtung, welche Fransz Godard andeutete.„ — Holde, liebe Knaben, ſagte er weich. Wie ſchön und edel zu — 195— muß die Mutter ſein, die Euch das Leben gab, wie lieblich glich n. ſie alle Fehler ihres Gatten aus. inmal— Nun ja, meinte Franz, die Herzogin iſt nicht übel, etwas Geld fromm, etwas zimperlich, nicht ſo auf Vergnügen erpicht, wie die einem anderen Damen, und mit den Kindern hat ſie ſich redlich Mühe mit gegeben. ein.— Und der Herzog? fragte Jener, liebt er ſie? aben.— Sie und noch manche Andere, lachte ſein natürlicher Sohn. uder,— Das ſieht ihm ähnlich, brummte der Mann in ſeinen Wiy Bart hinein. War es nicht immer ſo, ſchon damals, als er mich in das Elend trieb? O, ich werde es ihm niemals vergeſſen, ſect was er an mir, was er an jener Unglücklichen that, die ich an⸗ Veſte betete. Ich werde Abrechnung mit ihm halten, noch ehe dieſer dam, Krieg zu Ende geht. kommt, In dieſem Augenblick trieb der dicke Schulmeiſter die Kinder in ihre Schlafkammer hinein. Franz Godard wandte ſich von dem Fenſter ab, dann aber ging die Thür auf, und der Wärter erſchien. Er trug drei Stücke Brot in der Hand und einen Krug Waſſer. — Hier iſt Ihr Abendbrod. — Mager genug, meinte Franz, haſt Du nichts beſſeres, Kamerad? Der zuckte die Achſeln. — Ei, fuhr Franz fort, habe ich doch immer gehört, für Geld ſei Alles zu haben, Du biſt älter als ich, Kamerad, iſt's wahr oder nicht? d ſeine Mit dieſen Worten zog er den Fünfundzwanzigthalerſchein nk den aus der Weſtentaſche und entfaltete ihn vor den Augen des Mannes, der ſcharf darauf hinblickte. ſprang— Nun, meinte er da, ein Abendbrod gäbe es wohl dafür. — Pah, lachte der Verſucher, Du biſt nicht billig. Laß' ontlb, uns rechnen, drei Portionen Braten, das wird höchſtens anderthalb chaler koſten, drei Flaſchen Wein, nun, er kann gut ſein, wenn Unforn ich zwei Thaler für die drei Flaſchen rechne, etwas Kuchen, etwas Con⸗ gunnes fect, macht wieder zwei Thaler, nun, ſiehſt Du, das macht fünf und einen halben, ein wahres Spottgeld, denn wir ſind reiche nd edel Leute, wie Du ſiehſt. 13* — 196— — Fir eine Henkersmahlzeit iſt es nicht viel, ſchmunzelte der Wärter, indem er zu Reinhold von Iſſelhorſt hinüber nickte. — Soll aber keine ſein, rief Franz luſtig. Sag ſelber, wenn wir die Preußen hier todtſchießen, was bleibt denn noch für unſere braven Truppen zu thun? Aber hilf mir, Kamerad, ich hab' da noch neunzehn und einen halben Thaler, was meinſt Du, fangen wir damit an? — Weiß ich es? gab der Mann zurück und konnte die Augen nicht von dem Papiere wenden. Vielleicht drei Betten zur Nacht, anſtatt der Pritſchen? ſt ich kopfſchüttelte Godard, ich meine es anders. Wer morgen ſterben ſoll, hat heut ſein Teſtament zu machen. Hier geht das ſchlecht, Du weißt auch, der arme Burſche darf nicht hinaus, wie aber, wenn Du mir erlaubteſt, für ihe einen kleinen Auftrag auszuführen? — Za, welchen? fragte Jener und fing an, ſich bedenklich den Kopf zu krauen. — Eine Liebesangelegenheit natürlich. Man iſt doch nicht umſonſt jung, ein Auftrag an ein Mädchen iſt's, an— Frans Godard log friſch darauf los— an die Nichte des Herzogs von Montalto. Der Name fuhr dem jungen Grafen durch's Herz, er machte einen Schritt um den frechen Buben am Weiterſprechen zu verhindern, dieſer fuhr ruhig fort: — Du magſt es nun thun oder laſſen, Kamerad, es iſt nicht viel verlangt, und das Botenlohn iſt gut, alſo ſag' es dreiſt heraus, willſt Du den Brief beſorgen oder nicht, doch ſag ich es dabei, die Dame wollte abreiſen, der Brief muß um zehn Uhr Abends abgegeben werden, ſie ſchläft bis da, ißt Abendbrod und fährt ,heidi! davon. — Gut, ſagte der Wärter, deſſen Bedenklichkeiten bei dem Anblict des Geldes ſchwanden, ich will's beſorgen, Euer Abendbrod und den Brief. — Biſt doch em guter Kerl, rief Franz und klopfte ihm luſtig auf die Schulter. Jetzt bringe Papier, Feder und Dinte her, dann ſchaff' uns“ was zu eſſen, ich habe einen heidenmäßigen Appetit. ihm e 8 gunz ncht helt bon — 197— ſe der Der Wärter nahm das Geld und ging. — Was wollen Sie mit Alledem? fragte Reinhold mit fin⸗ ſein ſterer Stirne, denn ihn verdroß es, daß Helenen's Name von h fir dieſem Burſchen genannt worden war. t ic— Sie werden es ja ſehen, Alles geht gut. Der dumme 10 ſt du Eſel läuft zum Herzog von Montalto, der eine Meile weit von hier wohnt, ſein Stellvertreter iſt taub und ein noch größerer Schafskopf als er, doch ſtill, da kommt er mit den Schreibmate⸗ Pelten rialien, thun Sie ein Bischen verzweifelt, das kann nicht⸗ ſchader. 3— Was ſoll ich ihr ſchreiben? fragte Reinhold, indem er die Feder nahm. idh— Ja, das müſſen Sie wiſſen, lachte Godard. Schwatzen uchi Sie von Liebe, das hört ein jedes Mädchen gern. 6 Der Graf warf ihm einen zornigen Blick zu, dann ſchrieb er: „Mein gnädiges Fräulein! Werden Sie mir vergeben können? Ein trauriges denlih Geſchick ſtellte mich Ihrem Bräutigam gegenüber, an meinem Ohre pfiff ſeine Kugel vorbei, die meine ſaß im h nitt Fleiſche ſeines Armes. So habe ich vielleicht das Glück Grdard Ihres Lebens zwar nicht zerſtört, doch aber verzögert. ſontalo Das thut mir leid. Will's Gott, ſo verlaſſe ich Paris etz⸗ noch dieſe Nacht Laſſen Sie mich den Troſt mit mir ſprechen nehmen daß Sie glücklich werden in dem Beſitze eines 3 Gatten, den ich, wo ich ihm auch auf dem Schlachtfelde be⸗ iſt nich gegne, verſchonen werde, weil Sie ihm ihre Hand ver⸗ ſprochen haben. In warmer Erinnerung an eine kurze. aber darum nicht weniger zum Herzen dringende Bekannt ehn Uhr ſchaft verbleibe ich Ihr ergebenſter vod d Reinhold, Graf von Iſſelhorſt. Als Reinhold dieſen Brief noch einmal überlas, ſchien er ihm kalt und herzlos., Er wagte es ſich nicht zu geſtehen, daß benbrod er Helenen liebte, denn er zweifelte, daß ihr Charakter dem Bilde ganz entſprach, welches er ſich von ſeiner zukünftigen Gattin ge⸗ ſ inſ macht hatte. Aber er wußte, daß ſie ſehr unglücklich war, daß inte hu Hektor von Bellegarde ſie elend machen würde, ſein Herz ſchwoll nmifig von Mitleid für das liebliche Mädchen, und dennoch konnte und es dreiſt gich e hei dem 18 wollte er ſie nicht erretten, weil er der ſtrengen Anſicht war, ſie müſſe ſelber einem Schickſal widerſtreben, welches man ihr auf⸗ zwingen wollte. Er faltete das Blatt ſiegelte es zu und über⸗ gab es dem Wärter, als dieſer drei Teller mit Brater und zwei Flaſchen Wein brachte. Franz Godard ſchenkte ein, trank dem Manne zu, der gern Beſcheid that und wandte ſich alsdann an ſeinen Mitgefangenen. — Fetzt iſt keine Zeit zu verlieren. Eſſen Sie ſchnell, dann zerſchneiden wir die Betttücher und was wir ſonſt noch an Zeug entbehren können. — Aber wie gelangen wir aus dieſer verſchloſſenen Zelle? fragte Reinhold. — Ich bin ja gelernter Schloſſer, lachte Franz und hier iſt eine Feile. Die Sache hat keine Schwierigkeiten. Der dritte Genoſſe ihrer Gefangenſchaft hatte bis dahin müſſig am Fenſter geſtanden und in die Nacht hinausgeſtarrt. — Sie kommen doch mit uns? fragte Reinhold, der zu ihm trat. — Za, verſetzte Jener. Frankreich geht einem großen Kampf entgegen, und Leo Rellac darf nicht dabei fehlen. Ich fliehe mit Ihnen, vielleicht, um Sie zu tödten, ſobald ich Ihnen draußen im Felde begegne. — Darauf wollen wir es ankommen laſſen, lächelte Rein⸗ hold, für jetzt feien Sie mein Gaſt zu Braten und Wein. Sie ſetzten ſich um den Tiſch herum und aßen und tranken. Es war ein mäßiges Abendbrod. Godard hatte es mit Borbedacht ſo angeordnet, denn was ſie vorhatten, erforderte kaltes Blut und Beſonnenheit, die der Genuß des Weines ſo leicht nimmt. Rachdem ſie gegeſſen hatten, zog Frans ein Meſſer aus der Taſche ſeiner Beinkleider.. — Auch das haben ſie mir gelaſſen, ſagte er, ſie haben ſo viel mit Spionen zu thun, daß ſie einen Dieb am liebſten lau⸗ fen ließen. Nun ſchnitt er die Betttücher auseinender, dann die Hemden, endlich Hols⸗ und Taſchentücher⸗ doch noch immer wollte es nicht reichen. Godard hatte die Länge des Strickes auf fünfzig Fuß be S de un he hie ſtr Re Ge fall fün be dns ken ein e Sol 2 Auc ds tz bera end war rauf⸗ über⸗ wei gern genen. dann Zeug Zelle ſier iſt dahin rt der zl Kampl he mit ſen im e Rein⸗ tranken. rhedacht 6 Blut nimmt gus der huben ſo ten lau⸗ Henden es nicht f 5 berechnet, doch hatte ſie erſt dreißig, es war alſo ein gefährlicher Sprung von zehn Ellen zu thun und darüber ſchüttelte er be⸗ denklich den Kopf. — Das iſt ſchlimm, ſagte er, man läßt ſich nicht leicht, ohne einen Knochenbruch oder eine Verſtauchung davonzutragen, auf ſteinernes Pflaſter fallen Ja wenn wir uns in dem hinteren Flügel befänden, der auf das Waſſer hinausgeht! Aber auch ein Fall in den Fluß wäre ge⸗ fährlich. Die Seine iſt voll von Schiffen, wie leicht geräth man unter einen Kahn oder unter ein Floß, wo dann an ein Wieder⸗ heraufkommen nicht zu denken iſt. Dennoch können wir nicht hier bleiben, denn ſchon dieſe zerſchnittenen Bettlaken würden uns ſtrenge Strafe zuziehen. — Wagen wir den Sprung auf das Steinpflaſter, rief Reinhold. Mit gleichen Füßen macht man das ohne große Gefahr. — Ja, wenn man abſpringt, aber nicht, wenn man ſich fallen läßt, antwortete Leo Rellac, ich kenne das, aus dem Ge⸗ fängniß in Cayenne entflohen drei Patrioten, der Eine brach beide Beine über den Knöcheln, der Zweite verſtauchte ſich die Hüfte, was noch ſchlimmer war, und der Dritte erſchütterte ſich das Rückgrat, woran er unter gräßlichen Qualen ſtarb. — So gäbe es für uns kein Rettungsmittel? fragte Reinhold. — Doch, ſagte Franz nach einigem Nachſinnen. Zum Glück kenne ich das ganze Haus. Wir müſſen in die Wäſchkammer einbrechen. — Aber das wird viel Zeit nehmen, warf Rellac ein, die Sommernächte ſind ſo kurz — Dennoch giebt es kein anderes Mittel, erwiderte Franz. Jetzt alſo machen wir uns an das Schloß. Er zog die Feile heraus und begann ſeine Arbeit. In dieſem Augenblick vernahm man ein Geräuſch, ein Schlüſſel wurde in das Schloß geſteckt, an welchem Godard feilte. Erſchrocken ſprang er zurück, Reinhold und Rellac warfen ſich auf die ihrer Bezüge beraubten Betten.. wenn man die Vorbereitungen zur Flucht entdeckte, wenn man ſie feſthielt, wenn der junge Graf morgen — früh den Mündungen von neun Chaſſepots gegenüber treten mußte.. der Sedanke war furchtbar. Langſam und tnarrend drehte ſich der Schlüſſel um⸗ die Thür ging auf und der Wärter trat herein. — Kerl, rief Franz, warum biſt Du nicht zu dem Fräulein von Montalto gegangen, wie Du es verſprochen haſt? — Ich habe den Andern geſchickt, ſchmunzelte der pfiffige Mann, es taugt Nichts, wenn man ſein Amt einem Tauben überläßt, der es kaum hören würde, wenn Jemand anfinge die Schlöſſer zu zerſägen. Franz Godard biß ſich in den Schnurrbart. — Nun denn, ſo mach, daß Du hinauskommſt und laß uns ſchlafen, brummte er. — Gleich, gleich, ſagte Jeuer, hier iſt nur ein Briefchen an den Grafen Iſſelhorſt, der morgen früh todtgeſchoſſen werden ſoll, offen natürlich, der Polizeirichter hat ihn geleſen und unver⸗ dächtig gefunden... hier iſt er. Reinhold nahm das Blatt, ohne ſich zu erheben, er zitterte bei dem Gedanken, es könnte von Helene ſein. Der Schließer ging hinaus, ſehr geräuſchvoll verriegelte er die Thür und ſchlürfte die Treppe hinunter. Reinhold ſprang zum Fenſter, um bei den letzten Strahlen der ſchon verſinkenden Juliſonne das Billet zu leſen. Es war von Rafael Gambi und lautete: — Lieber Reinhold, wir kennen Dein Schickſal, ich und meine Schülerin, und bedauerm es. Ich war heut um ein Uhr Deines Gefängniſſes und hoffte, Dich am Fen⸗ auf der Südſeite Meine Schülerin denkt ſter des zweiten Stockwerks zu ſehen. mit mir an Dein Loos, doch ſei getroſt, eine Kugel iſt doch kein Strick das wäre die ſchlimmſte Leiter zum Himmel, ſagt ſie. Leb' wohl. Dein Rafael. — Was bedeutet das, die Worte Strick und Leiter untex⸗ ſtrichen, und auch das Wort Kugel beſonders hervorgehoben, was hat mein Rafael vor? So ſprach Reinhold und reichte Leo Rellac den Brief hin. — Wo iſt die Südſeite dieſes Hauſes? fragte der. — Es iſt die nach dem Waſſer hin, zab Frans zur Antwort. treten die mlein fffig auben ge die ß uns ieſchen werden unrer⸗ jitert chließer hlütfte ei den ilet zu ih und ein Uht m Ber⸗ denit och fein ſi. Leb r untel⸗ en, wi rief hin anwr — — 20 Es ſcheint, daß Sie da erwartet werden, Herr Graf, aber wie kommen wir hinaus, wenn der verfluchte Kerl, der Schließer, auf jedes Geräuſch aufpaßt? — Laßt uns ſingen, meinte Rellac, das übertäubt den Lärm der Feile. So geſchah es, die Männer ſangen abwechſelnd, Franz feilte im Takt, um Mitternacht hatte er ſein Werk vollendet, das Schloß ließ ſich herausdrücken, er fuhr mit dem Arm durch die Heffnung, ſtieß die Riegel zurück und trat hinaus. — Alles ſtill, flüſterte er, jetzt folgen Sie mir. Draußen auf dem Gange brannte ein mattes Oellämpchen, ranz führte die beiden Männer, welche die Stiefel in der Hand und das Seil über der Schulter trugen, die Treppe hinauf und auf den hintern Corridor. — Hier iſt der Wäſchboden, ſagte er, dort die Rumpel⸗ kammer, ich kenne Alles, Liſettens Mutter iſt Wäſcherin für das Sefängniß, ich half ihr oft, die Körbe hinauftragen. Hier in die Kammer zu kommen, wird nicht allzuſchwer ſein, vielleicht iſt ſie unverſchloſſen, aber die Fenſter ſind vergittert. Das Schloß ließ ſich leicht öffnen. Franz Godard begann ſogleich, die Stangen, welche das Fenſter vergitterten, abzufeilen, Reinhold rückte ihm dazu einen alten halbzerbrochenen Schemel hin Er ſelber ſtieg auf einen wackeligen Tiſch und ſah hinaus. Noch bemerkte er Nichts von ſeinem Freunde. — Das iſt mehr als fünfzig Fuß bis zum Waſſer, ſagte Franz, und unten liegt Flößholz in Menge... Ich wollte, Ihr Freund wäre mit der Strickleiter hier. — Es iſt noch nicht ein Uhr, warf Leo ein. — Still, er kommt, flüſterte der Graf. Wirklich ſchwebte lautlos ein Kahn über das Waſſer hin, darin, der eine ruderte, der andere blickte zu Reinhold zerriß Rafael's Brief und ließ ein Stück davon hinabflattern. Die Männer ſahen es, ſie trieben den Kahn dicht an die Gefängnißmauer. Franz band das Seil oben an die letzte Eiſenſtange und ließ es hinunter, es reichte lange nicht bis zu den unten Sitzenden. Da ſah er, daß der rudernde Mann etwas Bald erklärte ſich Unerkennbares unter der Bank hervorholte. zwei Männer ſaßen dem Gefängniß hinauf. das Räthſelhafte. Es war eine Windbüchſe. In dieſer ſteckte eine Kugel und an der Kugel hing ein dünner aber feſter Seidenfaden. Er ruderte bis in die Mitte des Waſſers, dann ſchoß er die Kugel gegen das Fenſter ab, an welchem er ſeinen Freund ſtehen ſah. Zwei Mal verfehlte er ſein Ziel, zwei Mal fiel die Kugel in das Waſſer und mußte an den Faden wieder heraufgezogen werden, das dritte Mal flog ſie in das Fenſter hinein und wurde von Reinhold aufgefangen. Er zog den Faden herauf und mit ihm eine ſeidene Strickleiter. Dieſe wurde oben befeſtigt. — Es lebe die Freundſchaft! rief der Graf und ſchwang ſich leicht wie ein Vogel auf das Sims des Fenſters, wo aus er nicht ohne Gefahr aber doch ſicher die Leiter befeſtigen konnte Glücklich kam er unten an und ſank in Rafael's Arme. — Und haſt Du für meinen Gefährten keinen Blick? fragte dieſer, nach der erſten ſchnellen Begrüßung. — Iſt es möglich! rief Reinhold, Helene.. aber das Wort erſtickte auf ſeiner Zunge, denn eine weiche Hand legte ſich auf die Seinige. — Um Gotteswillen, ſtill, flüſterte eine ſüße Stimme, ſchonen Sie meinen Ruf vor dieſen Männern. Soeben ſtieg Leo Rellac die Leiter herab, ihm folgte Franz Godard. — Unſer Seil laſſe ich da oben hängen, ſagte er, wenn ſie es morgen ſo hoch flattern ſehen, werden ſie glauben wir ſeien in's Waſſer gefallen und ſämmtlich erſoffen. — Doch wohin nun? fragte Reinhold. — Es geht, ſo erwiderte Rafael, in einer Stunde ein Militairzug nach dem Elſaß ab. Ich hoffe, es gelingt mir, Dich da hinein zu ſchmuggeln. Wir fahren bis an die Brücke. Franz Godard hatte ſchon ſeit ſeinem Einſteigen neugierige Blicke auf den kleinen und ſchlanken Jüngling geworfen, der in ſeinen Mantel am Bord des Kahnes lehnte. — Teufel, dachte er, iſt das ein kleiner Fuß, und die Hand, mit der er den Mantel feſter um ſich zieht, ſo weiß, ſo zierlich. G, mein Herr Graf, ſind die Deutſchen glücklicher als wir? er ſtekte er frſter , dann er ſeinen wei Wal n wieder s Fenſter en Faden tde oben vung ſich wo aus konnte k fragte ber das legte ſich ſchonen ſte Fran wenn ſi ſeien ins nde ein tugierige der in ie Hand zierlich ls wir — 203— Unſereiner dankt Gott, wenn ihm ein guter Freund aus der Patſche hilft, dem läuft gar noch ein hübſches Mädchen nach. Liſette hätte das nicht für mich gethan. Am Ufer ließ Reinhold die Andern zuerſt ausſteigen, es drängte ihn, einen Augenblick mit ſeiner Retterin allein zu ſein, Franz aber beobachtete ſie mit ſo frechem Blick, daß die Arme er⸗ bebte und ſich ſcheu binter Rafael zurück zog. — Wer iſt denn Ihr Begleiter? fragte dieſen der Burſche. — Ein Maler, wie ich antwortete der, ich mochte die Sache nicht allein wagen. — Nun, dieſe Hilfe iſt klein und ſchwach, lachte Franz. Reinhold half Helenen faſt mit zu viel Vorſicht aus dem Kahn, denn es mußte auffallen, daß ein junger Menſch einer Stütze bedürfte, um an das Ufer zu ſpringen. — Haben Sie meinen Brief erhalten? fiüſterte er. Sind Sie mir nicht böſe? — Sie halten mich für ſchwach, entgegnete ſie ebenſo leiſe, Gambi ſagte es mir, ich wollte Ihnen beweiſen, daß ich es nicht bin, wo es gilt, das Leben Anderer zu ſchützen— was liegt an dem meinigen? — So ſind Sie noch immer entſchloſſen, dieſen Bellegarde zu heirathen? — Wer wird mich ſchützen? Mein Onkel ging heute zur Armee, meine Tante iſt krank und unglücklich... ſagte ich es Ihnen nicht ſchon, ich habe keinen Freund. — Gambi bleibt bei Ihnen, das iſt mein Troſt... und der Krieg kann nicht allzulange dauern.. — Der Krieg wird blutig werden, meine Landsleute werden als Sieger Tauſende der Beſiegten niedermetzeln. — So behauptet man in Paris, wir in Deutſchland denken anders. Helene. wollen Sie mir verſprechen, nicht zu heirathen, ehe wir Frieden haben? — Ich muß dem Willen meiner Verwandten folgen. — Helene, es gilt mein Lebensglück, heiratben Sie nicht, ehe der Krieg vorüber iſt — 204— — Werde ich glücklicher ſein, wenn ich dem Sieger meine Hand reiche? — Ja, dem Sieger, denn ich, ich will Sie mir erobern. Sie waren bei dem Bahnhof angelangt, Helene zog den breitkrämpigen Hut über die Stirn, damit Niemand ihr bleiches Geſicht ſah, über das die Empfindung, ſich geliebt zu wiſſen, einen roſigen Schimmer ausgoß. Gambi entfernte ſich eiligſt. Mit einem Zuaven hatte er ein Uebereinkommen getroffen, der zu deſertiren wünſchte, und es war leicht, wenn ein Anderer ſeine Uniform nahm. Die brachte er jetzt dem Grafen. Dieſer warf ſich den Mantel über, nahm die übrigen Sachen unter den Arm. umarmte Rafael, reichte Helenen die Hand und ſprang in den Eiſenbahnwagen, die Locomotive pfiff... fort ging es nach dem Elſaß, fort zu neuen Gefahren, die dem Spion— denn wofür konnte er ſonſt gehalten werden— dort vielleicht drohten. 26. Kapitel. Die Lumpenſammlerin. Leo Roller hatte ſich ohne Abſchied entfernt, Franz Godard war geblieben und warf ſeine frechen Blicke auf Helene von Montalto, die zitternd neben Rafael ſtand. — Na, ſagte er endlich, ich muß mich wohl auch bedanken, bin ja durch dieſen Schwindel mit an die freie Luft gekommen. — Es iſt kein Dank nöthig, erwiderte der Mäler kurz und ſchickte ſich zum Heimwege an. Franz aber blieb an ſeiner Seite. — Es iſt übrigens ein Prachtkerl, der deutſche Graf plauderte er weiter, das ſieht man, bei Einem am beſten, wenn er nur ſechs Stunden vom Tode iſt. Wenn'sViele ſo gäbe, könnte Lonis Napoleon's Krone wackeln. Aber ich kenne ſie beſſer, war ja ſelber zwei Mal in Dentſchland, habe ſie auch in Böhmen ſich ſchlagen ſehen, ganz eine den hes ſen gſt. der ter ſer den in ad für n — 205— tapfer, das muß wahr ſein, aber gegen unſere Soldaten, geht! es iſt kein Elan drin, kein Feuer. Unſ're, die brüllen wie eine Schaar losgelaſſener Teufel, und dann drauf.. das wirkt davor hält Niemand ſtill. Rafael Gambi ſchnitt dieſes Geplauder ab, indem er einen Fiaker anrief und mit Helenen einſtieg. Franz drängte ſich heran, um zu hören, welche Straße er dem Kutſcher bezeichnen würde, doch nannte Gambi ſein eigenes Haus. Was wird denn aus dem Kahn? rief er noch in den Wa⸗ gen hinein. — Der ſorgt für ſich ſelbſt, antwortete der Maler und ſchlug den Schlag zu. Franz lief nach der anderen Seite, hier, wo Helene ſaß, traf grade das Licht einer Gaslaterne des Mädchens Geſicht, Franz bückte ſich und blickte frech unter den breitkrämpigen Hut. Erſtaunt prallte er zurück. — Soll mich der Teufel holen, wenn das nicht Helene ontalto iſt! Nun, die fängt früh an, Streiche zu machen, aber ich muß wiſſen, ob es dem italieniſchen Farbenkleckſer oder dem deutſchen Grafen gilt. Vorwärts alſo. Er kief, ſo ſchnell er konnte, dem Wagen nach, um zu wiſſen, ob dieſer ſeine beiden Fahrgäſte bei Rafael abſetzen würde, plötzlich ſtieß er heftig mit dem Kopfe an eine Thür, die ſich ſoeben öffnete Mit einem lauten Fluche faßte er ſich an die Stirn. Donnerwetter, ſeit wann iſt das Mode, daß die Thüren nach der Straße zu aufgehen? rief er. — Es iſt keine Thür, ſondern ein Laden, entgegnete eine andere Stimme, wer das nicht weiß, muß es ſich merken. Godard rieb ſich noch immer die Stirn. — Läufſt du mir ſchon wieder in den Weg, Hallunke? fragte er. M Bitte, nenne mich nicht mit Deinem eigenen Titel, verſetzte Jener, ich könnte ihn Dir mit meinen beiden Fäuſten zurückgeben. — Biſt ja daſſelbe, was ich bin, Iſidor, in Deutſchland ein Spion, in Frankreich— nun, ſo allerlei, was Ehrliches ſchwerlich. — Pack Dich Franz. für Dich habe ich keine Zeit. — 206— — Doch ſo viel, um mir zu ſagen, was Du da in dem Laden wollteſt? — Medizin, du Schlaukopf, Medizin für meinen Herrn, den Grafen von Bellegarde, der geſtern früh einen Schuß durch den Arm bekommen hat und der morgen geſund ſein will, um zu heirathen und übermorgen, um zur Armee zu gehen. — um zu heirathen, das Fräulein von Montalto etwa? — Gben dieſelbe, wenn Du nichts dagegen haſt. — O, nicht das Mindeſte, im Gegentheil, es ſpricht was für die Ehe der niedlichen Blondine, ſie iſt kein Neuling mehr in der Liebe, ſie hat ihre Studien ſchon gemacht, der Graf wird ſie nicht mehr viel lehren können, was ſie nicht ſchon wüßte. — Zum Teufel, Kerl, was ſagſt Du da? — Soll ich Dir auch ſagen, bei wem ſie ſich ſoeben befindet? — Du biſt das nichtsnutzigſte Lügenmaul von der Welt. Was ſchwatzeſt Du da für Unſinn? — Unſinn, ha, kennſt Du einen Maler Sambi? — Ja. — Ein hübſcher Kerl, ſchwarz mit langen Haaren, den Sammetrock mit Schnüren beſetzt ich weiß, er malt das Fräulein. — Nun ja, was iſt's nun weiter? — Weiter, o, weiter nichts! Schwarz und blond, das paßt eben. Aber laß uns eins trinken, es iſt wohl ſchon eine Kneipe offen, und mich dürſtet gewaltig. — Rein, hier auf der Stelle berichteſt Du, was Du weißt. — Nimm mich nur in's Verhör, ich geſtehe ohne Folter, ich ſah das Fräulein, allerliebſt, in ſeinen Kleidern, mit dem breitkrämpigen Hut, ſie ſah wirklich nett aus, dann ſtiegen ſie in eine Droſchke, er nannte ſeine Wohnung, und fort ging es.. ja hätteſt Du mir nicht die verdammte Ladenthür entgegenge⸗ worfen, ſo wüßte ich wohl noch mehr von ihnen zu erzählen, obgleich ich glaube, daß das Beſte unter vier Augen vor ſich geht. Jetzt weißt Du die Geſchichte, Iſidor, und nun ſage, wie ſich Geld draus prägen läßt. — Für uns keines, Du kluger Burſche. Der Graf muß dem „den den n zu was mehr wird ndet? Welt. den t das paßt neipe weißt Folter, t dem ſe in geng zihlen ie ſih ſ f muß — 207— das Mädchen heirathen, wie es auch ſein mag, denn er hat nichts und ſie hat viel. Nachher kann man ihr drohen, das Späßchen bekannt zu machen, aber was wird ſie es kümmern, wenn ſie erſt Gräfin von Bellegarde iſt? Es macht ſie in der Geſellſchaft höch⸗ ſtens intereſſant... Da ſiehſt Du; daß Dein Laufen ganz ver⸗ geblich geweſen iſt. — So, und wenn ich zu der Herzogin ginge und ihr er⸗ zählte, wo ihr Nichtchen dieſe Racht geſteckt⸗hat? — Würde ſie es Dir nicht glauben, und wie willſt Du es beweiſen. Franz Godard kratzte ſich den Kopf. — Ja, ja, Du biſt klüger als ich, Iſidor. Aber ſage mir, warum that der Herzog ſeine Jungen in eine Penſion? — That er das? — Sie ſind beim Doktor Vally, von dem man ſagt, daß alle Woche der Kinderleichenwagen vor ſeiner Thür ſteht. — Weißt Du das beſtimmt? — Ich ſollt es meinen, habe ſie ja ſelbſt geſehen. — Arthur und Richard beim Doktor Vally, dahinter ſteckt eine Teufelei, dahinter ſteckt der Kerl, den ich vorgeſtern zum Herzog ſchleichen ſah, der fuchsſchwänzelnde Zeſuit. — Was meinſt Du, Iſidor, wenn man die Jungen hätte, die Herzogin gäbe ein hübſches Sümmchen. — Du denkſt an nichts als an Geld. Ja, wir müſſen die Jungen haben. — Aber wie? — Das laß meine Sache ſein. Jetzt zu meinem Grafen. Ich bin ſein Sekretair, mußt Du wiſſen. Das unglückliche Duell — Mit dem deutſchen Grafen... — Das weißt Du auch? Kannſt mir vielleicht ſagen, um wieviel Uhr ſie ihn erſchießen? — O, das hat gute Wege, der Graf iſt ſoeben auf und davon. — Der Graf wird nicht erſchoſſen? — Später, von irgend einem Chaſſepot vielleicht, denn er will ſich bis nach Deutſchland durchſchleichen. — Das darf der Graf Vellegarde nicht wiſſen, er würde raſend. Geh dort in die Schenke zum weißen Schwan, in einer — 208— Stunde bin ich bei Dir. O, die Kinder, ich muß ſie haben. Der Herzog von Montalto iſt zur Armee gegangen. ich muß die Kinder haben. Franz Godard ging in die Schenke und ließ ſich ein Frühſtück geben. Geld beſaß er genug, hatte er doch die Hälfte von dem behalten, was Reinhold von Iſſelhorſt ihm gegeben hatte. Doch ſtörten ihn die Blicke der Leute. Sein Anzug ſah erbärmlich aus, er hatte den ohnedies bereits ſchäbigen Rock faſt bis zum Halſe hinauf zugeknöpft, um den Mangel eines Hemdes zu verdecken, da er das ſeine ebenſo wie die ſeiner Genoſſen zerſchnitten hatte. Eine Kopfbedeckung beſaß er nicht, und ſchon das mußte ihn ver⸗ dächtig machen. Er eilte, dem Schaden abzuhelfen, ſobald ſich Läden öffneten. Aber auch bei dieſen Einkäufen blickte man ihn ſonderbar von der Seite an, weil der ärmlich Sekleidete mit einem neuem Fünfundzwanzigthalerſchein bezahlte. Ziemlich verdrieß⸗ lich zog er ſich wieder in einen Winkel der Schenke zurück und wartete ungeduldig auf Iſidor. Dieſer kam endlich. Der pffffige Jude trug ſich jetzt ſehr elegant war er doch der Sekretair eines Grafen, nur ſtand die rothe Kravatte ſchlecht zu dem dunklen Geſicht mit dem bläulichen Schimmer um Mund und Kinn und der ſchmalen gebogenen Naſe die ihm in Vereinigung mit zwei blitzenden ſcharfen Augen das Anſehen eines Raubvogels gaben. Er ſetzte ſich neben Godard und ließ ſich Wein geben. — Es wird heut nichts aus der Hochzeit! ſagte er⸗ — Haſt Du dem Grafen geſtochen, wo ſein Bräutchen heute Nacht geweſen iſt? — Das war nicht nöthig, ſie ließ ſich krank melden, als Huſſein ihr eben einen Blumenſtrauß brachte. Die Dame iſt es wirklich. Unterdeſſen habe ich den Grafen Bellegarde verhindert heute ſchon zur Armee zu gehen, ich will erſt meine eigene Ange⸗ legenheiten in Ordnung haben, ehe ich ihn begleite. Die Sache ging ganz leicht, bin ich doch nicht umſonſt Jahre lang im Dienſte eines Arztes geweſen, ein kleines Bißchen eines gewiſſen Pulvers unter ſeine Chocolade gerührt, nahm ihm für vier und zwanzig Stunden alle Luſt, zu heirathen und zu kämpfen. Außerdem ſind die haben. m ihſtück ndem Doch h aus, Halſe decken, hatte n ver⸗ ld ſich an ihn te mit rdrieß⸗ k und fffig⸗ eines Geſiht ud der wi gaben n heute n als ame iſt chindert Ange⸗ Sache Dienſt t unter Stunden — — 209— Vorbereitungen noch nicht fertig, die Schneiderin hat uns im Stich geraſſen. — Die Schneiderin? — Nun jo, die meiſten Offiziere, das heißt alle, die es bezah⸗ len können, nehmen ſich ihre Mädchen mit nach Berlin. Die wollen nun da in allem Glanze auftreten, ſie brauchen Kleider, Shawls, Hüte, Fächer, was weiß ich, und Liſettchen iſt eben nicht die beſcheidenſte von Allen. — Liſette geht mit dem Grafen, mit dem Grafen, der heute heirathen ſollte? — Er kann doch das Fräulein von Montalto nicht mit in den Krieg nehmen, das wäre auch langweilig, Liſette iſt nicht ſo jung, nicht ſo ſchön, aber luſtig. Heut, als er elend im Bette lag, kauerte ſie auf ſeinen Knieen und machte ihm Poſſen vor. Ich mußte ſelber über ihre Schnurren lachen, es iſt ein Teufels⸗ mädchen. Zuletzt kam ihr die Luſt zum Tanzen an, ſie ſchwenkte ſich durch die Stube, plötzlich ſtößt ſie mit dem aufgehobenen Fuß das ganze Frühſtücksgeſchirr vom Tiſche. Bellegarde wollte ſich ärgern, da nahm ſie Taſſen, Löffel, Scherben und warf ſie ihm in das Bett hinein, zuletzt noch ſprang ſie ſelber nach. — Wir wollen verſuchen, rief ſie, wie es ſich auf den Trüm⸗ mern von Berlin liegen läßt Godard biß ſich in den Schnurrbart. Er hatte an Liſetten ge⸗ hangen, um ihretwillen war er in das Gefängniß gekommen, um ihretwillen hatte er Summen verſchwendet, die ihm einen anſtän⸗ digen Lebensunterhalt geſichert hätten, und jetzt vergaß ſie ihn gänzlich um des Grafen von Bellegarde willen, den ſie nicht liebte, das wußte er, der ſie jedoch mit buntem Flitterſtaat behing. — Doch zu unſerem Geſchäft, fuhr Iſidor fort. Ich denke, es wird nicht ſchwer ſein, die Jungen zu bekommen, wo aber mit ihnen hin. das iſt die Frage. — WMeine Mutter könnte ſie zu ſich nehmen, meinte Franz — Sitzt ſie nicht täglich mit ihrem Kram an der Straßen⸗ ecke? Wie kann ſie da die beiden Jungen hüten, nein, ich muß ſie aus Paris hinausſchaffen. D. V. 14 ———— — 210— — Das wird aber die Auszahlung des Löſegeldes verzögern, und mir liegt viel daran, meine Börſe zu füllen. — Warte noch, die Summe, die Du Dir verſprichſt, ſoll reichliche Zinſen tragen. — So gieb die Kinder Liſettens Mutter. Es iſt eine ver⸗ fluchte alte Hexe. Sie hat einen Trödlerladen, Lumpen, Knochen, altes Eiſen ſpeichert ſie auf und verkauft es wieder. Es ſieht bei ihr aus wie in einer Räuberhöhle, ſie ſelber ſtarrt vor Schmutz. und was ſie hat, das hält ſie ſicher. Sie wird die Jungen nicht laufen laſſen, das verſpreche ich Dir, und außerdem iſt es ſo gut, als wären ſie weit weg von Paris, denn in die ſtinkende Gaſſe verirrt ſich nicht leicht ein Menſch, ja ſelbſt die Poliziſten ſcheuen ſich, ſie zu betreten, denn oft genug hat man, kurz nachdem ſie hineingingen, ihre Leichen im Waſſer oder draußen auf dem Felde wiedergefunden. — Gut, das kann paſſen. Ich will die Jungen holen, ſorge Du für einen Wagen und warte an dem Hauſe des Doktor *Voally auf mich. Iſidor ging hinaus. Er begab ſich ſogleich zu dem dicken Erzieher. Mit großer Sicherheit trat er bei ihm ein. — Ich komme. im Auftrage des Pater Venturo, ſagte er, und der Doktor verbeugte ſich bei der Nennung dieſes Namens ſo tief, daß Iſidor wohl ſah, daß er ſich nicht geirrt hatte. — Der ehrwürdige Herr, fuhr er fort, hat anders über die beiden Knaben beſchloſſen, die er Ihnen übergeben hat, ich bin beauftragt, ſie zurück zu holen. — Beſitzen Sie die Handſchrift des Paters, ohne welche ich die Kinder nicht ausliefern darf? fragte der dicke Mann. — Das iſt ja überflüſſig, da er grade mich herſchickt, mich ſeinen Freund. Er gab mir das Blatt, ſteckte es jedoch wieder ein, indem er meinte, das ſei unnütz der Doktor Vally werde dem Sekretair des Grafen Bellegarde gegenüber keine Umſtände machen. Alles zur größeren Ehre Gottes. — Ja, ja, rief der Dicke. Das waren die Worte, die er mir ſchreiben wollte, wenn ich die Kinder wieder herausgeben ſollte. Jetzt will ich ſie Ihnen holen. Iſidor freute ſich, daß ihm der Wahlſpruch der Zeſuiten vaur vechten Zeit eingefallen war, ein Zufall hatte ihm dieſe Worw in den Mund gelegt, und ſie hatten die gewünſchte Wir⸗ kung, denn ſogleich erſchien der Doktor Vally mit den beiden Jungen. Sie ſahen ſchon bedeutend bleicher aus, als am Tage vorher, doch immer noch trotzig und entſchloſſen, ihrem Schickſal Widerſtand zu leiſten. — Werden Sie uns zu unſerer Mutter zurückbringen? fragte Richard, als er erfuhr, daß er mit dem fremden Mam gehen ſollte. — Heut noch nicht, aber wahrſcheinlich ſchon morgen. — So können wir bis morgen hier bleiben, meinte Knabe, Mama wird uns holen. — Die Frau Herzogin iſt krank und Fräulein Helene läßt die jungen Herren bitten, die Mama grade heut nicht aufzuregen. Dieſe Worte genügten. Die Kinder folgten willig. Draußen hielt ein verſchloſſener Wagen, in welchem Franz Godard ſaß, er fuhr die vier Perſonen bis an die Ecke der Gaſſe, in welcher die Mutter Margot wohnte. Hier ſtiegen ſie aus und gingen zwiſchen halbzerfallenen Häuſern und ſchmutzigen Zäunen entlang. Wenig Leute begegneten ihnen, und dieſe wenigen ſahen zerlumpt und unheimlich aus, ſie trugen den Stempel des Verbrechens und des Elends auf der Stirn. Einige halbnackte Kinder, deren Körper anſtatt mit Kleidern mit Schmutz bedeckt waren, ſpielten auf den Treppen und ſtarrten die Vorübergehenden mit weitauf⸗ geriſſenen Augen an. Durch die mit Papier verklebten Fenſter hörte man Gezänk, wüſtes Geſchrei und Fauſtſchläge, Alles deutete an, daß hier die tiefſte menſchliche Verkommenheit ihren Wohnſitz aufgeſchlagen hatte. Godard und Iſidor führten die Knaben mit ſich fort, als wären es Gefangene. Die armen Jungen widerſtrebten nicht, ſie hielten ſich an den Händen feſt und fragten ſich, was denn geſchehen ſei, daß ihre Eltern ſie ſo hart von ſich verſtoßen, und ſie dem Elend preisgaben. Vor dem häßlichſten aller Häuſer 1e der hielten ſie an, faſt von Straßenſchmutz bedeckt, öffnete ſich ein Kellerhals, feucht, dunkel und übelriechend. Da hinunter ſtieg — 212— Godard, und Iſidor folgte ihm mit den Knaben Sie mußten ihre Augen erſt an das Dämmerlicht gewöhnen, ehe ſie am Heerde ein altes Weib ſitzen ſahen, das in die Kohlen blies. Sie kehrte ſich langſam nach den Eintretenden um, Beſuche waren ſelten in ihrem Hauſe, da ſie jedoch Franz Godard erkannte, nickte ſie ihm zu und zog aus einem Haufen alter Eiſengeräthe, Töpfe, Tigel und Handwerkszeug ein Bündel hervor, welches Wäſche enthalten mochte und das ſie Franz Godard mit dem Fuße als Sitz zuſchob, während ſie dem fremden Herrn einen halbzerbrochenen Schemel, den einzigen, den ſie beſaß, anwies. — Mutter Margot, ſagte Franz, ich bringe Euch hier einen vornehmen Herrn, der auch Eure Liſette gut kennt — Mein Püppchen, mein Goldherzchen! rief das Weib und ſchlug die Hände zuſammen. Ihr Mund öffnete ſich zu einem vergnügten Lächeln und ließ ein Paar Zahnſtummel ſehen, die häßlich hervorſtanden — Er ſchlägt Euch ein gutes Geſchäft vor, Mutter Margot, redete Franz weiter. Ihr habt die Kammer leer in der ſonſt die Liſette wohnte — Leer bis auf das was zum Geſchäft gehört verſetzte die Alte, Leder, Häute, alte Stiefel. ſonſt iſt es ſchmuck ge⸗ nug, die Liſette kann jeden Augenblick zurückkommen — Wird aber wohl nicht, meinte Franz mit einem böſen Lächeln Sie zieht es vor, mit dem Grafen Bellegarde nach Berlin zu gehen. — Ach wie mich das freut rief Mutter Margot, das liebe Kin? muß doch ein Vergnügen haben. — Run, damit Euch indeſſen die Zeit nicht allzulang wird, mögt Ihr die beiden Jungen hier zu Euch nehmen. Sie ſollen unter ſtrenger Aufſicht ſein, behaltet Euch das wohl. ſie dürfen das Haus, die Gaſſe nicht verlaſſen. Uebrigens könnt Ihr ihnen alles Liebe thun, was Euer gutes Herz Euch eingiebt. — So ſo, machte Margot, wohl vornehmer Leute Kinder? — Ja, und hoffentlich werden ſie artig und folgſam ſein, ſagte Franz. Ihr habt ja Eure Tochter vortrefflich erzogen, Ihr werdet alſo auch mit den beiden Jungen fertig werden. S —— K 213 — Das glaube ich wohl, nickte Margot und deigte wieder ihre Zahnſtummel. Jetzt trat Iſidor zu ihr heran und verab⸗ vedete mit ihr den Preis, den er für den Unterhalt der Kinder zu zahlen gedachte. — Behandelt ſie gut, ſagte er, aber ſtteng, ich fordere ſie von Euch zurück, ſobald der Krieg vorüber iſt, und das kann nicht lange dauern, vor allen Dingen laßt ſie Euch nicht ent⸗ ſchlüpfen. Die Alte verſprach es, und die beiden Männer gingen hin⸗ aus. Die Knaben ſaßen auf dem Zeugbündel und kämpften mit ihren Thränen. — Nun, luſtig, Jungen, rief das Weib und fuhr ihnen mit den ekelhaft ſchmutzigen Händen über das Geſicht, Ihr kommt mir grade zurecht, meinen alten Knochen wird das Arbeiten ſchwer, jetzt habe ich Hilfe. Du da ſchälſt die Kartoffeln zum Mittag⸗ brot, und Du packſt mir hier die Lumpen in die Kiſte ein, ſie ſollen heut noch in die Papiermühle. Dann ſucht Ihr mir da die alten Knochen zuſammen, o, für fleißige Hände giebt es immer Arbeit. Ihr ſollt es nicht ſchlecht bei mir haben, aber Ordre wird parirt, das ſage ich Euch, oder Ihr ſollt ſehen, wie die Peitſche auf Eurem Rücken tanzen wird. Und weil Ihr viel zu fein ausſeht für mein Geſchäft, ſo zieht Euch auf der Stelle aus, da unter den alten Kleidern werdet Ihr wohl was finden, was Cuch paßt, ſucht es Euch ſelber aus, aber ſchnell, oder der Kukuk ſoll Euch holen. — Die Jungen ſeufzten, aber ſie waren verſtändig genug, zu gehorchen. So ſehr ſie vor dem Schmutz ſchauderten, machten ſie ſich doch daran, Kleider aus dem Bündel, auf welchem ſie ge⸗ ſeſſen hatten, hervorzuſuchen. Alles war zerriſſen und verdorben, ſie lächelten ſich wehmüthig an, als ſie ſich in den geflicten Jacken und Hoſen ſahen, die ihnen viel zu groß und zu weit waren. Und dennoch ſehnten ſie ſich nicht nach dem Erziehungshauſe des Doktor Vally zurück. Der Anblick der dem Tode entgegenſiechen⸗ den Kinder war ihnen zu furchtbar geweſen. Margot plauderte und lachte, ſie ſang Lieder, von denen die Knaben freilich Vieles — 214— nicht verſtanden, und grade das war es, was ſie immer und immer wiederholte. Am Nachmittag ſchloß ſie die Jungen ein und ging hinaus, um Einkäufe zu machen, als ſie wieder kam, trug ſie verſchiedene gutriechende Dinge in ihrer Schürze und kicherte vergnügt vor ſich hin. Arthur mußte Teller und Gläſer rein machen und fie glänzten hell genug, obſchon alle zerbrochen waren, Richard putzte Meſſer und Gabeln, die nicht zu einander gehörten, man ſah es deutlich, Mutter Margot erwartete Eäſte. Und wirklich hüpfte ein luſtig lachendes Geſchöpf die Kellertreppe hinunter. Das ſei⸗ dene Kleid hob ſie hoch empor, um es nicht zu beſchnutzen, daß die drallen Waden bis zu den Strumpfbändern, ja, die weißen Kniee über den Strümpfen ſichtbar wurden. — Hu. rief ſie, iſt denn das Rattenneſt noch dunkler gewor⸗ den? Mutter, Mutter, womit handelſt Du denn jetz, daß es riecht wie nach Thran und Chokolade zuſammen? Damit zog ſie eine Flaſche mit Kölniſchem Waſſer aus der Taſche und ging im Kreiſe herum, indem ſie die duftende Eſſenz ringsum auf alle Sachen ausgoß. So, ſagte ſie endlich, jetzt bin ich in meinem gewohnten Dunſtkreis, guten Abend Mutter⸗ Die alte Margot ſtand am Heerde und betrachtete ihre Toch⸗ ter mit zärtlichem Blicke, ohne daß ſie gewagt hätte, ſie anzurühren. — Nein, ſagte ſie, biſt Du ſchön, Dir ſieht man es gleich an, daß Du einen Grafen haſt, iſt er recht verliebt, Liſettchen? — Rein, gar nicht, lachte die Tochter, er hat kein Herz. Mutter, er unterhält mich, weil es Mode iſt, ein Mädchen zu ha⸗ ben, was kümmert das mich? Aus Liebe geh' ich auch nicht wit nach Berlin, ſondern zum Vergnügen, und ein Vergnügen ſoll es werden! Sie ſagen, wir werden in vierzehn Tagen da ſein, und am fünfzehnten Auguſt iſt großes Feſt, da tanze ich im kömiglichen Schloß und laſſe mir von einer Prinzeſſin den Thee einſchenken. Aber Mutter, haſt du Dir ein paar Affen gekauft? Dieſe Bemerkung galt den beiden Kuaben, die ſie jetzt erſt erblickte Sie zog ſie ſogleich ans Licht. — Reizende Jungen, rief ſie und nahm unter den einen Arm Arthur's, unter den andern Richard's Kopf, um ſie abwechſelnd 1 1. vit ol ind hen en. erf m nd zu küſſen. Die werden einmal den Mädchen die Herzen ſtehlen. Wie heißt du, brauner Schlingel? — Richard, war die ſchüchterne Antwort. — Und du, mein blondes Schaf? — Arthur, ſagte der andere, Arthur, Herzog von Montalto. Das Mädchen ließ ihn los und hielt ihn auf Armeslänge von ſich. — Wer hat denn Dich hierher gebracht? — Weiß ich es? verſetzte der trotzige Knabe. Seit zwei Tagen treibt man ſein Spiel mit uns, geſtern führte uns ein Prieſter fort, heute ein... o ein abſcheulicher Menſch. — Mutter, Mutter, in welchen Handel haſt du Dich da eingelaſſen! rief Liſette ganz erſchrocken. — Das laß Du nur gut ſein, lachte die alte Frau. Es wird für die Jungen bezahlt, das Uebrige kümmert mich nicht. Auch weiß ich noch gar nicht, ob ich ſie lange behalten werde, ich habe meine Pläne. — Und welche, Mutter? fragte das neugierige Mädchen. — Ja, ſiehſt du, ich bin nicht ſo alt, wie ich ausſehe, ſchmun⸗ zelte Margot, wenn ich mich waſche und putze, ſo nehm ich es mit manch' Einer auf. — Schnapp' mir nur nicht meinen Grafen fort, lachte Li⸗ ſette überlaut. — Den laß ich Dir, mein Engelchen, obſchon ich böſe auf ihn bin, weil er Dich nicht anbetet, wie du es verdienſt. Aber ſiehſt du, nach Deutſchland will ich, es giebt da allerlei für mein Seſchäft zu kaufen, Knochen nnd Lumpen und zerbrochenes Geräth, wie ſich das beim Krieg eben macht. War ich doch als Marke⸗ tenderin in Italien, ich kenne das. Aber hier Liebchen iſt eine Paſtete, die ich für Dich gekauft habe und der ſüßeſte Kirſchſaft; da, trink mein Schätzchen, das giebt Feuer. Aber Liſette hatte weder großen Hunger noch Durſt, ſie zog die Jungen neben ſich und fütterte ſie abwechſelnd mit Paſtete, Chokolade und anderen Leckerbiſſen, welche die Mutter für ſie angeſchafft hatte. Dafür plauderten die Kinder aus, was ſie ihnen abfragte, und bald wußte ſie, daß das Fräulein Helene von 216 Montalto viele Thränen geweint habe, weil ſie ſich mit dem Grafen Hektor von Bellegarde verloben mußte. Kann's ihr nicht verdenken, meinte Liſette und rümpfte ihr ſtumpfes Näschen, ich hätte mir den häßlichen Menſchen auch nicht ausgeſucht, aber was hilft es, man nimmt eben, was man kriegen lann. Ach, ſo lieb wie den Franz werde ich überhaupt keinen mehr haben. Aber warum an die Vergangenheit denken! Es lebe die Freude, der Kirſchlikör iſt gut, Mutter, Da, Richard noch einmal, küſſe mich noch einmal, nein, nicht ſo ſanft, herzhaf⸗ ter, ſo iſt es recht. Ich muß nun fort, um die Ecke ſteht der Wagen des Grafen mit Huſſein, dem boohafteſten Heidengeſichte von der Welt. Wir gehen in die große Dper. Adieu, Mama, vielleicht auf lange Zeit O nein, rief die Mutter, ich ſehe Dich noch unterwegs, wenn wir nach Deutſchland ziehen in den Krieg, Du in dem glänzenden Wagen mit dem Türken hinten auf, ich mit meinem Karren. Du brauchſt mich nicht zu grüßen, wenn Du mich ſiehſt, wir finden uns ſchon noch. Liſette ſiel der Alten um den Hals und küßte ſie, dann um⸗ armte ſie noch einmal die Knaben und ſprang die Treppe hinauf durch die dunkle Gaſſe und fort zu dem glänzenden Wagen, wo vuſſein den Schlag hielt. Frankreichs erſte Kriegsthaten. 27. Kapitel. Sie lag wie eine Todte, die bleiche, ſtille Frau. Ihr Haar war aufgelöſt, ihr Kopf ruhte auf einem Stein, und rothes Blut bezeichnete die Stelle, wo er aufgeſchlagen war. Ringsum Felſen, kahle, harte, gefühlloſe Steine, nur durch den mit Epheu umwachſenen Riß ſtahl ſich ein Sonnenſtrahl dem impfte auch man haupt enken! ſchard erzha t der Mama, wenn Kden finden in uM⸗ hinau n Dt Rf* Hlar Blut durch auhl ——— * — 217 herein und ſpielte anf dem Geſichte der Unglücklichen, die gern hinüber geſchlummert wäre in ein ſeliges Leben Wie milde beugte ſich über ſie der Mann, der ihr zur Seite kniete, wie ſanft ſtrich er die Haare von ihrer Stirn, wie leiſe wuſch er ihre blutige Schläfe! wie vorſichtig fühlte er ihren Puls und freute ſich des ſchwachen Lebenszeichens Fingern fühlte Sie lebt, flüſterte er, o ich danke Gott dafür das er unter ſeinen daß ſie lebt! Es war ein unendlich mildes und ruhiges Geſicht. Tief und ſchwärmeriſch blickten die Augen unter ſtark gezeichneten dunklen Augenbrauen hervor, die Naſe war überaus ede geformt, und Mund und Kinn umgab ein ſchwarzer Bart, der in zwei langen Zipfeln auf den laftanartigen Rock herunter iel. — Jetzt muß ich Dich verlaſſen, Gabriele, ſagte er leiſe, aber ich wache über Dich und über das Kind dovt oben und... über ihn! Was verlange ich für mich? Nichts, als ein Werlzeug ſein zu dürfen in der Hand des Allmächtigen, um Trug und Lug zu Sebren, und um die Unſchuld ſrei vor aller Augen darzuſtellen. Pie Stunde kommt, ſchon ſehe ich die 2 orgenröthe einer neuen Zeit, die Welt wird frei und glücklich werden... erwache, Ga⸗ Er neigte ſich über ſie und hauchte einen leiſen Kuß auf Stirn der ohnmächtigen Frau, dann bbe die er vorſichtig die Ephel⸗ zweige auseinander und verſchwand in dem Walde, der ſich draußen meilenweit erſtreckte. Noch ſchlummerte die Fürſtin Gabriele Donato, die tieſe Ohnmacht war einem ſanften und im Traume, ſah ſie doch ufzehn Jahren in Italien ihr Lebens⸗ retter geweſen war, und der auch jetzt erſchien, ihr beizuſtehen Endlich ſchlug t ſtärkenden Schlafe gewichen, ſie lächelte ihn, der ſchon vor faſt ſie die Augen auf und glaubte noch immer zu träumen. Sie lag auf Steinen, aber weiches Moos hatte einen Teppich darüber gebreitet, goldglänzende Cidechſen ſchlüpften an den Felswänden hinauf, ſetzten ſich in die Ritzen und blickten mit den klugen ſchwarzen Au gen auf ſie hinab. Die Luft war wunder⸗ bar friſch und kühl, und wie durch Blätter von hellem Glaſe — 218— glitzerte die Sonne durch die grünen Zweige, die ſich über den Felsritz hinabneigten. Langſam erhob ſich die Fürſtin. Sie prüfte ihre Glieder und merkte mit innigem Dankgefühl, daß ſie ſich nicht verletzt hatte, dann begann ſie ihren Anzug zu ordnen. Sie glättete ihr auf⸗ gelöſtes Haar und ſtrich ihre Reiſekleider zurecht. JZetzt erhob ſie ſich vollends und betrachtete den Raum, in welchem ſie ſich befand. Ja, jetzt war Alles klar. Dort, über ihr, wohl fünfzehn Fuß hoch befand ſich eine weite, höhlenartige Heffnung in dem Felſen. Das mußte die Ausmündung des langen Ganges ſein, durch welchen ſie geflohen war, als Madelon und der alte Peter ihr nach dem Leben trachteten. Von dieſer Höhe war ſie herabge⸗ ſtürzt. Vielleicht kannten die Bewohner des Schloſſes ſelbſt nicht einmal dieſen Ausgang, der ſo verſteckt im Felſen lag und dazu ſo dicht mit Geſtrüpp umwachſen war. Gabriele bemerkte in dem Felſen verſchiedene Abſätze. Gewiß, für einen rüſtigen Mann konnte es keine großen Schwierigkeiten haben, denſelben Weg hinauf zu machen, den ſie herunter gekommen war, ſie aber ſchauderte vor den Gefahren, denen ſie entronnen war, und wandte ſich dem Ausgange zu. Da ſah ſie auf der Erde etwas Weißes ſchimmern, ſie hob es auf, es war ein kleines, abgeriſſenes Stückchen Papier, darauß ſtanden mit Bleiſtift die Worte: Nach Mainz, zum Grafen Iſſelhorſt. — Gilt es mir? fragte ſie ſich. Das Papier war neu und ſauber, die Schrift noch unver⸗ löſcht, es konnte keinen Tag hier gelegen haben⸗ War es denn möglich, hatte ſie nicht nur geträumt, war ihr Beſchützer wirklich bei ihr geweſen, und dankte ſie ſeiner Sorge den Rath, ſich nach Deutſchland zu begeben? Sie drückte das Papier an ihre Lippen. — Ja, gewiß, mein unbekannter Freund, mein Schutzengel, ſagte ſie laut ich will nach Mainz zum Grafen Iſſelhorſt, denn Du allein ſollſt meines Lebens Führer ſein! Sie wand ſich durch die Felsritze, draußen lag ein dichter Wald vor ihren Augen, kein Weg ließ ſich erkennen, ſie ahnte, „x —— ber den der und t hatt, hr auf⸗ hob ſie befand. hn Fuß Felſen. durch ter ihr erabge⸗ ſt nicht d dazu in dem großen en, den efahren, z. ſe hob darauſ Grafen unet⸗ es denn nirlih uznge ſt. denn nbicht ahnii nicht, wohin ſie ihre Schritte lenken ſollte Aber vor ihr lag ein anderer Zettel ſtill und unbewegt von der ruhigen Som⸗ merluft. — Nach links hinunter, lautete die Weiſung, die darauf ge⸗ ſchrieben war Gabriele fühlte ſich wie von einem wohlthätigen Zauber umgeben und begann muthig ihren Weg. Viel rothe Beeren glänzten unter den grünen Blättern her⸗ vor, ſie pflückte ſie und aß davon, ein friſcher Quell, der aus dem Felſen ſprudelte, gab ihr dazu den erquickenden Trank. So gelangte ſie um die Mittagszeit nach demſelben Städtchen, wo ſie bei dem Gaſtwirthe Auskunft über Schloß Falkenſtein erbeten hatte. — So leben Sie wirklich noch, Madame! rief der Mann, da können Sie wirklich von Glück ſagen. — Und doch iſt mir Unglück genug begegnet, antwortete Sabriele mit Lächeln. — Und welches, erzählen Sie doch? rief der Neugierige. — Sehen Sie nur, neckte ihn die Fürſtin. An einem Baum⸗ ſtamm blieb mir die Kante meines Hutes ſitzen, und als ich ihn abnehmen wollte, entführte mir der Wind das leichte Ding tief, tief in einen Abgrund hinein, mein Reiſekleid aber, wie ſieht es aus! freilich habe ich öfters im Graſe geruht, der Weg war zu ſchön, um ihn ſchnell zu machen, doch trage ich alle Spuren dieſer Wanderung an meiner Schleppe. So viel hatte die ſonſt ſo ſchweigſame Frau geſprochen, um weiteren Fragen des Wirthes zu entgehen, ſie ließ ſich ein Mittags⸗ eſſen geben und fragte dann nach der beſten Fahrgelegenheit nach Mainz. Die war nun freilich nicht ſo leicht zu beſchaffen. Sehr überraſchend war den Franzoſen die plötzliche Ankunft der feindlichen Truppen an den Grenzen des Elſaß geweſen. Obſchon noch vollſtändig unvorbereitet auf den Beginn des Krieges, den er doch ſelber hervorgerufen hatte, ſah ſich der Kaiſer genöthigt, in aller Eile ſeine Soldaten nach der bedrohten Provinz zu ſchieben. Dies geſchah, indem man bei Tag und bei Nacht die Eiſen⸗ bahnzüge mit Truppen dorthin abgehen ließ, was für die Privatperſonen den Verkehr hemmte. Seit zwei Tagen herrſchte grenzenloſer Jubel dort, wie im ganzen Kaiſerreiche. Die franzöſiſchen Sol⸗ daten hatten die preußiſche Grenze überſchritten; die Deutſchen⸗ welche ſich in dem freundlich gelegenen Grenzſtädtchen Saarbrücken pefanden, waren der Uebermacht gewichen und hatten dieſe Stadt ſ en wie das ganz nahe dakei liegende St. Johann dem Feikde preisgegeben. So rühmte ſich denn dieſer gleich beim Beginn de Krieges der Einnahme einer preußiſchen Stadt. Gewiß, die franzöſiſche Tapferkeit hatte ſich glänzend bewährt, mit den geringſten Opfern an Arbeit und an Menſchen war man in Saarbrücken eingezogen, und. ebenſo teicht wollte der Kaiſer an der Spitze ſeiner getreuen Truppen in Berlin ein tichen, um dort den Geburtstag ſeines Onkels zu feiern der es ſich als den größten Fehler ſeines Lebens anrechnete, den damaligen König von Preußen nicht völlig entthront zu haben. Nun iſt freilich Saarbrücken ein offenes Städtchen. Ringsum liegen grünende Hügel, von denen man hinab ſieht in das lachende Thal. Wie hätten deutſche Fürſten eine deutſche Stadt, die ſich nicht halten, nicht vertheidigen ließ, dem Bombardement, der Mitrailleuſen preis gegeben, welche von den Höhen herab ſicheres Verderben auf die friedlichen Bewohnern herabgeſchleu⸗ dert hätten! Gerne übe rließ man dem Feinde den billigen Sieg, daß ſich das ſchnell Verlorene mit doppelten Zinſe da] ſchnell wieder gewinnen laſſen würde. Wohin Gabriele nur kam, überall vernahm ſie von der ginnahme Saarbrückens, überall fand ſie die feſte Ueberzeugung, daß Alles der Gewalt franzöſiſcher Waffen weichen müſſe. Weshalb, ſo fragte ſie ſich, ſoll ich nach Deutſchland gehen, das bald von Feinden überſchwemmt ſein wird? Werden nicht ſchreckliche Gefahren dem armen ſchutzloſen Weibe drohen, wenn es fremd und ohne Freund umherirrt? Ohne Freund o nein, Gott wird auch dort mir ſeinen Engel ſenden, daß er über mich wache, ich folge ſeinem Befehle, ich gehe nach Mains⸗ Sie nahm Extrapoſt und fuhr nach Weiſſenburg, wo ſie die Eiſenbahn beſteigen wollte, die ſie an den Ort ihrer Beſtimmung bringen ſollte. Unterwegs begegnete ſie überal nzenloſer en Sl⸗ eutſchen, brücken größten ig von Ringöum in das urdemen en herab eſchleu⸗ utſchlund Werden drohen deß n „ Moo n u grt ihr“ übers“ — 221 durchziehenden Teuppen. Die Einen begaben ſich zu der Armee des Generals Bazaine nach Metz, die Anderen waren beſtimmt, unter Uhrichs Leitung Straßburg zu vertheidigen, wo man nach der Sprengung der Rheinbrücke durch die Badenſer einen ernſten Angriff erwartete Die Leute ſchienen guter Dinge zu ſein, ſie ſangen Lieder; vor welchen Gabriele erröthete, und riefen ihr unzüchtige Späße zu Die Bauern verkrochen ſich bei der Soldaten Herannahen und ſchloſſen die Häuſer zu, denn ungenirt nahmen ſie Alles, deſſen ſie habhaft werden konnten, als ob ſie ſich in Feindes Land befunden hätten. Es war Abend, als der Wagen der Fürſtin vor einem Gaſt⸗ hauſe hielt. Sie wollte hier übernachten, denn ſie hatte nicht den Muth, ſich in der Nacht durch die von Turko's und Zuaven beſetzten kleinen Ortſchaften zu wagen. Tief verſchleiert trat ſie in das Gaſtzimmer und bat den Wirth um ein eigenes Zimmer, Thee und kalten Braten. Alles dieſes war ſchwer zu beſchaffen. Das Gaſthaus lag voll von Militairperſonen jeden Ranges. Im Hofe ſtanden Wagen, die thurmhoch mit Kiſten und Koffern be⸗ laden waren, im Stalle ſtampften die Pferde die Zimmer waren mit Offizieren, Boden und Vorrathskammern mit Gemeinen an⸗ gefüllt. Lärm und Säbolgeklirr, Schelten und Lachen, Fluchen und Singen erſcholl, wohin Gabriele ſich auch wenden mochte. Ihr wurde angſt unter ſo vielen Männern, ſie verlangte zur Wirthin geführt zu werden und beſchwor dieſe, ihr ein Obdach zu geben. Die Frau ſchüttelte den Kopf. — Wir haben, ſagte ſie, ſelbſt unſer Zimmer abtreten müſſen, es iſt kein Raum mehr im Hauſe, in dem nicht ſchon Soldaten lägen, ſelbſt meine Kinder habe ich zu Verwandten bringen müſſen. — Aber was ſoll ich anfangen? rief die Fürſtin verzweif⸗ lungsvoll aus. Ich erhalte keine Poſtpferde mehr, ich kann nicht weiter, haben Sie Mitleid mit mir und geben Sie mir den klein⸗ ſten, den ſchlechteſten Raum, wenn ich mich nur darin vor den Frechheiten der Soldaten verſchließen kann. Die Wirthin ſann nach. — Gut, ſagte ſie endlich, ich will Ihnen eine Stätte einrärmen, die ich mir vorgenommen hatte, unter keiner Bedingung zu öffnen. — 222— Oben im zweiten Stockwerk liegt eine kleine Kammer, dorthin habe ich mein Leinenzeug und noch Manches gebracht, was ich nicht in die Hände der Turkos und Kabylen möchte kommen laſſen. Das Stübchen liegt ſo verſteckt, daß es nicht leicht Einer entdecken wird. Freilich iſt kein Bett darin, auch kein Sopha, denn jeder Winkel iſt durch Kiſten und Kaſten ausgefüllt, es iſt ein ſchlechter Aufenthalt für die Nacht, aber es iſt Alles, was ich Ihnen bieten kann, und auch das thue ich noch ungern. Gabrieke dankte der Wirthin, trank ſtehend ihren Thee und ließ ſich dann von ihr hinaufführen. Das Kämmerchen lag ver⸗ fteckt zwiſchen zwei Brandmauern, die Thür war mit Tapeten be⸗ kleidet und leitete auf einen kleinen Vorflur, von welchem man dann durch eine zweite, wohl verriegelte Pforte in den kleinen Raum eintrat, welcher, wie die Wirthin es geſagt hatte, ganz angefüllt war mit Schränken und Truhen. Gabriele ſetzte ſich auf einen der Kaſten, feſt entſchloſſen, die Nacht zu durchwachen. Die Wirthin ſchloß hinter ihr zu. So war ſie eine Gefangene im dunklen Raume. Es befand ſich kein Fenſter in dem Ver⸗ ſchlag, ſie hatte nicht einmal den Troſt, dem Morgen entgegen⸗ harren zu können, traurig fügte ſie ſich in das Unabänderliche, ſtützte den Kopf in die Hand und unterdrückte ſelbſt einen Seufzer, denn ſie hatte der Wirthin verſprochen, auch nicht das geringſte Geräuſch zu machen. Da hörte ſie, wie ganz nahe bei ihr eine Thür aufgeriſſen wurde, und wie ſchwere Männerſchritte in das benachbarte Zimmer traten. Unwillkürlich horchte ſie auf. — Sie irren ſich, ſagte eine Stimme mit Heftigkeit und in franzöfiſcher Sprache, unſere Nachrichten lauten gans anders. — Aber ich komme ſoeben aus Deutſchland, ih habe lange in Berlin gelebt und ſage Ihnen, duß Sie Alles wagen, ſagte ein Anderer. — Warum ſprachen Sie nicht früher ſo, warum ſchürten Sie das Kriegsfeuer? Auf Ihr Wort verließen wir uns, der Kaiſer ſelbſt vertraute Ihnen, der Herzog von Gramont legte Ihre Berichte im Kriegsrathe vor, und Riemand zweifelte an dem, was der Baron Stoffel ſagte. auf ſprer Sie Lollt edes us inde vehr eha itt dger ren ſein hin ich men iner phe, z iſt s ich und vel⸗ n be⸗ man einen ganz eſich chen. ngene Per⸗ gegen⸗ rliche ufzet, ingſte eriſen immer ud in 6. lange ſagte chürten ns der legie n den — Baben ſich ſeitdem die Verhältniſſe nicht etwa geändert? Riemand von uns Allen glaubte, daß Baiern und Würtemberg zu dem Feinde ſtehen würden. Der Aufſtand in Hannover läßt auf ſich warten, der abgeſetzte König, der ſo viel ſchöne Ver⸗ ſprechungen gab, zögert jetzt ſogar mit dem verheißenen Gelde und Preußen hat Hülfsquellen, die unermeßlich ſind. — Warum ſprachen Sie früher nicht davon, warum kommen Sie mit dieſen unnützen Bedenken erft jetzt, da Alles im Gange iſt? — Ich befolgte den Befehl des Kaiſers, Herr Herzog, er wollte den Krieg, weil eine ſinnloſe Partei ihn dazu drängte, jedes Wort, welches ich zu ſagen hatte, wurde mir von Paris aus in den Mund gelegt, ich komme nach Frankreich zurück und inde Alles anders, als ich es mir dachte. — Und was finden Sie, mein Herr Baron? — Ich finde mangelhafte Vorbereitungen, es fehlt an Ge⸗ wehren — Wer ſagt Ihnen das, den Teufel auch, wer kann das behaupten? — Es fehlt an Munition.. — Das iſt gelogen, ſagen Sie Denen, die es Ihnen nittheilten, ich, der Herzog von Montalto, behaupte, daß es ge⸗ logen iſt. — Vorzüglich thut man nichts, die Truppen zu verprovian⸗ iren. — Als ob das nothwendig wäre, wenn man den Krieg in Feindesland führt? Baut man in Preußen kein Getreide, backt nan kein Brot? Es wäre Unſinn, ſich mit Dingen zu ſchleppen, ſie man umſonſt bekommen kann, wenn man nur die Hand danach ausſtreckt. — In Berlin hegt man vielleicht dieſelbe Hoffnung, und doch arbeien die Kommisbrot⸗ und Zwiebackbäckereien Tag und Nacht. — Deſto beſſer für uns, Sie ſehen, wir werden Vorrath jnden. —ünden wir ihn nur hier. Es ſind lange nicht alle iſere Truppen mit Chaſſepots verſehen. — Was thut das, wenn ein Chaſſepot es mit zehn Zünd⸗ nadeln aufnimmt? — Vorzüglich befürchte ich, daß in der Kaſſe das Geld fehlen wird, denn waren ſchon vor dem Kriege die Mittel zu ſchwach, für gleichmäßige Armirung zu ſorgen, wie wird es erſt ſpäterhin werden? — Herr Baron, Sie kommen aus feindlichem Lande, ſie kommen voller Vorurtheile für Diejenigen, die wir beſiegen werden, voller Befürchtungen für uns, die niemals beſiegt worden ſind. Ich aber ſage Ihnen, und hätten wir keine Büchſe, keine Kanone, Keine Mitrailleuſe, ja kein Pulver und Blei, ſo würden unſere Soldaten ſiegen durch ihren Muth, durch die Gewalt ihres Angriffs, durch den Genius Frankreichs — Ich hoffe es, Herr Herzog, und dennoch kann ich die Frage nicht unterdrücken: wo bleiben die Gelder in der Kriegskaſſe, wo bleiben die Gewehre, die man zu Chaſſepots umarbeiten wollte, wo bleiben Patronen und Uniformen? — Weiß ich es, Herr Baron weiß ich es? Fragen Sie nach dem Kriege, fragen Sie, wenn wir lorbeerbekränzt nach Paris zurückkehren... vielleicht finden Sie Jemand, der ſich die Zeit nimmt, Ihnen Antwort zu geben. Die meinige iſt gemeſſen. Es iſt faſt Mitternacht, um fünf Uhr begebe ich mich mit meinen Truppen über Hagenau nach Weißenburg Die Eiſenbahn muß zerſtört werden, die nach dem Herzen Deutſchlands führt. Man wird es dem Feinde unmöglich machen, noch mehr Soldaten gegen den Elſaß vorzuſchieben und mit dieſen wenigen werden wir in einigen Tagen völlig aufgeräumt haben. Gute Nacht, Herr Baron Stoffel, gute Nacht Sie reiſen ja wohl zum Kaiſer, nicht wahr? — Aufzuwarten, Herr Herzog. — Setzen Sie ihm mit Ihren Befürchtungen keinen Floh ins Ohr, ich bitte Sie. — Ich werde ſchweigen und auf den Sieg hoffen, weil Sie ihn uns mit Beſtimmtheit verſprechen. — Er kann nicht ausbleiben, verlaſſen Sie ſich darauf. Ich bin todtmüde. Gute Nacht, Herr Baron. Geld ttel zu s erſt de ſi eſiegen vorden je nach meinen nmß Man ngegen wir in Baron ahr n hh eil Sie uf. 3 28. Kapitel. Das Kriegsgericht. Der Baron entfernte ſich, aber der Herzog ſuchte und fand noch nicht die Ruhe. Gabriele hörte, wie er im Zimmer auf und abging, wie er ſeufzte und wie er endlich in eine verzweifelte Klage ausbrach. Es war ſchaurig mitanzuhören, wie ſich der ſtarke Mann endlich auf das Bett warf, welches dicht an dem Aufenthalt der Fürſtin ſtehen mußte, und wie wohl, ohne daß er es ſelbſt wußte, die Worte ſeinen Lippen entflohen: — So verfolgt mich auch hier das Bewußtſein meiner Schande, ſtöhnte er. Und wofür? Mein Weib der Verzweiflung dahin gegeben, Helene'ns Leben an einen Schurken gefeſſelt, meine Kinder, meine geliebten Kinder, verloren, und ich, mir ſelbſt zum Grauen, nach der Kugel ſchmachtend, die mich von dieſer Ge⸗ wiſſensqual, von dieſer grenzenloſen Furcht vor Schande befreit! D, welch ein Elend, wenn ich nur ſchlafen könnte, nur ſchlafen! Sie hört, wie er ſich im Bette umherwälzte, wie er ſtöhnte, wie er ſich plötzlich emporrichtete und wieder ſeufzte: O mein Weib, mein armes Weib! Unwillkürlich faltete ſie die Hände und betete zu Gott um Ruhe für die gequälte Seele, und im Gebete kam ſie ihr ſelber, das Haupt gegen einen Schrank gelehnt, ſchlummerte ſie ein, bis ein Geräuſch im Nebenzimmer ſie erweckte. Es waren die Offi⸗ ziere, die ſich bei ihrem General meldeten. — Es iſt ſpät, meine Herren, ſegte der. Ich hatte den Ab⸗ marſch um fünf Uhr angeſetzt. — Ja, es iſt ſechs, lachte Einer, aber was thut das? Wer langſam geht, geht ſicher. — Ein gutes Sprichwort für den Krieg! rief ein Anderer. — Sie werden nicht ſo lange ſchlafen, wenn wir erſt im D. V. 15 — 226— Bivouak ſind, meinte der Herzog und ſchnallte ſich den Degen um. — Gott bewahre uns vor dem Bivouak, rief wieder ein An⸗ derer. Haben denn die kannibaliſchen Deutſchen keine Betten, daß man im Freien ſchlafen muß? Nein, Herr General, er⸗ ſchrecken Sie uns nicht mit ſolchen entſetzlichen Vorſtellungen. Das Frühſtück iſt bereit, Thee. Kaffee, Eier, Beafſteak, Schinken, etwas frugal, aber appetitlich. Man nimmt fürlieb, wenn man die Hoffnung auf etwas Beſſeres hät. — Ich komme, meine Herren, ich komme, ſagte der Herzog, und ſcherzend und lachend eilten die jungen Leute die Treppe hinunter. Der Herzog nahm ſeinen Hut. — Stoffel hat Recht, brummte er zwiſchen den Zähnen, wir gehen ſiegestrunken in den Kampf hinein. Wie, wenn es 5 anders kommen ſollte? Aber nein, es kann ja nicht anders kommen. Frankreich allein kann dieſe Welt beherrſchen. 16 Auch er ging hinunter, Gabriele hörte ſeine Schritte verhallen, dann drang aus dem Speiſeſaal herauf ein lautes Sprechen und Lachen, Taſſen und Gläſer klirrten und klapperten und die Kell⸗ ner liefen hin und her. Endlich verklang auch dieſer Ton. Die Truppen ſammelten ſich vor dem Gaſthauſe, die Pferde wurden herausgeführk, kriegeriſche Muſik erſcholl, dazwiſchen Kommando⸗ worte und Vivatgeſchrei. Endlich ſetzte ſich der Zug in Bewegung, ein Regiment nach dem andern, ſie hörte es an der verklingen⸗ den und wieder friſch beginnenden Muſik. Sie zogen aus wie zum Feſte, die übermüthigen Söhne Frankreichs. Was konnte ihrer Macht zu widerſtehen wagen? Lange und in wachſender Ungeduld hatte die Fürſtin Donato in der ſtockdunklen Kammer geſeſſen. Endlich öffnete ſich die Thür, und die Wirthin rief ſie hinunter. — Gott ſei Dank, ſie ſind fort, ſagte ſie, noch ein paar Mal ſolche Gäſte, und wir wären arme Menſchen! Was haben ſie nicht Alles befohlen, was war ihnen gut genug? Wildbraten um dieſe Zeit, Fiſche und Kuchen, den ich nicht ſchnell genug backen konnte. Aber alles das genügte nicht. Da fehlten noch eingemachte Früchte, da verlangten ſie nach Eis. Meines Mannes — — nen nes ders Men, und Kell Die den ndo⸗ gung, ngel⸗ s wie onnte ender mmer rief paar haben braten genu nch annes Weinkeller iſt leer, und das ſind die Erſten. Mein Gott, wie wird uns das ergehen! Ein Glück, daß wenigſtens keine Deutſche herkommen, denn wenn ſchon die eigenen Landsleute ſo hauſen, wie würden erſt die Feinde ſtehlen und rauben. — Werde ich eine Gelegenheit finden, nach der Eiſenbahn zu kommen? fragte Gabriele. — Ihre Poſtpferde hat die Militairbehörde mit Beſchlag be⸗ legt, verſetzte die Wirthin. Aber mein Schwager fährt mit ſeinem Wagen auf Querwegen bis nach Hagenau. Er hofft noch vor den Truppen da anzukommen. Ich habe mit ihm geſprochen und denke, er nimmt Sie mit. Gabriele dankte von ganzem Herzen und ſättigte ſich an den Speiſereſten, welche die Offiziere übrig gelaſſen hatten. Es ſah toll aus im Speiſeſaal. Flaſchen und Gläſer lagen zertrümmert auf dem Boden, andere waren in künſtlichen Pyramiden zuſam⸗ mengeſtellt. Was man nicht gegeſſen hatte, war im Uebermuth zerſtört worden. Schinkenſcheiben ſteckten in den Hälſen von Champagnerflaſchen, feine Semmeln waren auf Lichtputzſcheeren ge⸗ ſpießt, mit Bratenſauce waren allerlei Figuren auf das Tiſchtuch, ja auf die Tapeten der Wände gemalt, uud an den Gardinen hatten ſie die Teller abgewiſcht. Die Wirthin ſah es Fit Thränen in den Augen. Gott bewahre uns vor den Preußen! wiederholte ſie ſeufzend. Der Schwager kam mit einem kleinen Kaleſchwagen und war bereit, Gabrielen mit ſich zu nehmen. Auch er erzählte von dem Unfug, welchen die übermüthigen Soldaten angerichtet hatten. Am meiſten ärgerte ihn, daß ſie die Betten aufſchnitten, damit kein Feind nach ihnen darin liegen könnte. Wir Elſäſſer, ſagte er, ſind ja halb deutſch, wir fürchten uns nicht ſo ſehr vor den feind⸗ lichen Soldaten, weil wir mit ihnen reden können, aber vor den Turkos fürchten wir uns, denn die verſtehen wir nicht, und ſie laſſen ſich nicht bedeuten. Gabriele zahlte reichlich für das, was ſie Gutes genoſſen hatte, und beſtieg das kleine Fuhrwerk. Der Mann führte ſie auf allerlei Wald⸗ und Feldwegen durch viele Dörfer und Flecken. 15* Ueberall fanden ſie die Landleute in Furcht vor dem Kriege. Sie heimſten ihre Ernten ein, wie es nur irgend ging, um nicht ihr ſauererworbenes Getreide von den Hufen der Pferde zerſtampft zu ſehen. Noch waren bis zu ihnen keine Soldaten gekommen, wohl aber hatten viele von ihren Männern und Söhnen mit fort⸗ gemußt, rielleicht auf Nimmerwiederſehn. Gabriele fühlte ſich von der langen Fahrt furchtbar ermatttet, als ſie gegen Abend in Hagenau ankam. Dennoch erkundigte ſie ſich ſogleich nach dem Abgange der Eiſenbahnzüge nach Deutſch⸗ land. Aber ach! die Bahn war mit Beſchlag belegt, nicht von franzöſiſchen Truppen, nein, von Deutſchen, nur eine kurze Strecke hätte ſie in die bairiſche Pfalz hinein fahren können. Welch' eine Verlegenheit! Unterdeſſen füllte ſich die ganze Stadt mit den Truppen des Herzogs von Montalto. Die Leute waren müde vom angeſtrengten Marſch und ſuchten unter Schreien und Fluchen ihre Quartiere. Lärm und Gezänk gab es überall. In ihrer Angſt beſchloß Gabriele, ſoweit nach Deutſchland hinein zu fliehen. wie ſie es vermochte. Sie verließ das Haus, in welchem ſie abge⸗ ſtiegen war und eilte über die Straße. Da trat ihr ein betrunke⸗ ner Unteroffizier entgegen. — Was ſchrie er, ein hübſches Frauenzimmer, aber warum ſchwarz angezogen? Gehen wir nicht zum Feſte? Und die Backen ſo blaß! Komm Schatz, ich will Dir auf jede einen tüchtigen Kuß drücken, damit ſie roth werden. Sie entwand ſich ſeiner zudringlichen Umarmung und lief davon, er aber taumelte ihr nach. 2 — Haſt kein Recht, in Trauer zu gehen, wenn wir uns freuen, lallte er. — Was haſt Du mit dem Weibe vor? fragte ein Anderer. — Sie freut ſich nicht mit uns, ſie iſt keine Patriotin, rief er wieder. — Vielleicht gar eine Deutſche? meinte der Andere. Das Wort hatten Verſchiedene vernommen, denen Gabriele'ns ſchnelles Laufen auffiel. Eine Deutſche, eine Spionin! ſo ſchrie es hinter ihr her. Plötzlich vertrat ihr ein handfeſter Kerl den Weg. — Halt. hier kommt man nicht durch, erſt die Papiere e. Sie cht ihr pft zu wohl t fort⸗ natttet, undigte Neutſch⸗ cht von Strecke h eine it den müde Fluchen nihrer fliehen, ie abge⸗ etrunk⸗ warum Bacen üchtigen ind lif ir uns Andeler. atriotin cs Vor Laufin papielt heraus! Das iſt ſchön, ein Weib als Spionin! Aber wir wollen Dir das Handwerk legen, wart' nur! Gabriele zitterte, ſie ſah ſich von zwanzig, dreißig Soldaten umringt, gedrängt, geſtoßen. Was half es ihr, daß ſie mit be⸗ benden Lippen verſicherte, keine Deutſche zu ſein? Die Leute verlangten, ihre Reiſepapiere zu ſehen, Daniel hatte ſie ihr nicht ohne Mühe zu verſchaffen gewußt, da ſtand es, Marie Fiſcher. Iſt das nicht ein deutſcher Name? Sie hatte alſo gelogen, ſie war im höchſten Grade verdächtig. — Fort mit ihr in den Arreſt, ins Gefängniß, an den Galgen mit der Spionin, in's Waſſer mit der blaſſen Hexre mit dem Angſtgeſicht! ſo hieß es ven allen Seiten. Da fiel plötzlich der Fürſtin etwas ein. — Iſt der Herzog von Montalto hier? fragte ſie, ſchnell entſchloſſen, einen Unteroffizier. — Er iſt eben angekommen, da ſtehen ſeine Wagen, ver⸗ ſetzte der. — So verlange ich zu ihm geführt zu werden. — Nein, erſt in's Stockhaus! riefen die rohen Burſchen, erſt eine Tracht Prügel, das hilft zum Eingeſtehen, das macht Dir das Spionengewiſſen weich wie Butter. Einer packte ſie am rechten Arm, ein Anderer am linken, ſie zerrten die Unglückliche hin und her vergeblich war ihr Bitten, vergeblich ſank ſie in die Knie. Roh wurde ſie empor geriſſen und weiter gezogen.“ Hunderte von Soldaten verſammelten ſich, wollten die Spionin ſehen, die Bürger riſſen die Fenſter auf und zeigten mit den Fingern nach ihr. Gabriels fühlte ſch einer Ohnmacht nahe. — Macht kurzen Prozeß! An den Laternenpfahl mit ihr! ſo riefen die Wildeſten. Das war nicht ſchwer, ein Strick war bald zur Hand. Da drängte ſich ein junger Soldat durch die Menge. — Macht keine Dummheiten, rief er, der Herzog verſteht keinen Spaß, wie Ihr wißt, bringt ſie zu ihm, das Aufhängen hat ja noch Zeit, wir müſſen doch erſt hören, wie fie ſich heraus⸗ zulügen denkt. Die Worte wirkten. — Zum Herzog, zum Herzog! riefen viele Stimmen, andere bedauerten es, den Spaß verſchoben zu ſehen. Der Herzog ſaß in ſeinem Zimmer und nahm die Rapporte der Offiziere entgegen. Seine Haltug war ernſt und würdig, um ſo lebhafter ging es rings um ihn zu. In jeder Ecke ſtand ein Haufen von Männern, die ſich auf das Lebhafteſte unter⸗ hielten und lachten. Noch luſtiger ging es vor dem Hauſe zu. Die Straße war geſperrt von den Gepäckwagen, welche die Offiziere mit ſich ſchleppten. Bedienten liefen hin und her, und packten aus, was zur Bequemlichkeit ihrer Herren gehörte, ſeidene Schlafröcke, weiche Pantoffeln, wohlverwahrte Paſteten, Wein und türkiſche Pfeifen. Dazwiſchen ſah man Damen in glänzenden Toiletten. Marketender mit ihren Karren, Turkos, die ihre Katze oder einen bunten Vogel auf der Schulter ſitzen hatten es war ein Bild voller Leben, Bewegung und Unordnung. Es koſtete die Soldaten, welche Gabrielen begleiteten. Mühe, ſich den Weg bis zu dem Herzog zu bahnen. Endlich gelang dies. Die hohe, königlich gewachſene Frau in dem ſchlichten ſchwarzen Reiſekleide, die hellbraunen Haare halb aufgelöſt über die Schultern fallend, die Hände auf dem Riücken zuſammenge⸗ bunden, ſah mit einem Blick des Mitleids auf den Mann, deſſen Seelenqualen ſie in der vergangenen Racht ſo unwillkürlich be⸗ lauſcht hatte. Montalto war ſehr beſchäftigt, er bemerkte ſie anfangs nicht⸗ endlich erblickte er ſie und erſchrak wie vor einer Aehnlichkeit, die ihn im Innerſten ſeines Herzen berührte. — Wer iſt das Weib? fragte er. — Eine Spionin, eine Deutſche, antworteten die Soldaten durch einander. Der Herzog rief einen Unteroffizier heran. — Berichten Sie, was giebt es mit der Frau? — Sie behauptet, keine Deutſche zu ſein, und hat doch einen Paß auf den Namen Maria Fiſcher, ſagte der ziemlich verblüfft, weil er eben nichts Anderes auszuſagen wußte. Sie behaupten, daß ſie ſpionirt hat, ich habe ſie nur laufen ſehen, da hielt ich ſie an, das iſt Alles⸗ ndete porte irdig ſtand nber⸗ ſe zu. e die und eidene und enden ldaten 231— — Wenig genug, meinte der Herzog und wandte ſich an Gabriele. Woher kommen Sie? — Aus Paris, ich will nach Mainz zu Verwandten, um den Kriegsunruhen zu entgehen. — Von Paris und in das Land des Feindes, rief der Herzog, dazu mit einem ſeltſamen Paß Wer ſind dieſe Verwandten? — Ich will zum Grafen Iſſelhorſt. — Zu demſelben, deſſen Sohn in Paris wegen Spionage erſchoſſen werden ſollte, unterbrach ſie einer der Offiziere, und ein Gemurmel ging durch die Reihen der Soldaten. — Sie iſt eine Spionin, man ſah es ja gleich, wir hängen ſie noch, ehe es Nacht wird. Montalto zog die Stirn zuſammen. — Hat man ſonſt keine Papiere bei ihr gefunden? fragte er. — Nur dieſen Zettek, auf welchem ihre Inſtruktion ſteht: Nach Mainz, zum Grafen Iſſelhorſt! berichtete der Unteroffizier. — Das iſt ve Hächtig, murmelte der Herzog. — Machen Sie kurzen Prozeß, meinte der Offizier, die Leute ſind aufgebracht, ſie wollen ein Exempel ſehen. Man muß ihnen zeigen, daß man es mit den Spionen ernſt meint. Montalto zögerte noch. Aber die Leute wurden ungeduldig. — Fort mit ihr, an die Laterne mit dem Weibe, wir brau⸗ chen keinen Verrath, nieder mit den Spionen! So murmelten die Soldaten ſtärker, und ſtärker. Auch der Offizier drängte, die Soche kurz abzumachen. Was bedurfte es größerer Beweiſe, ein falſcher Paß, der Name eines in Paris anrüchigen Mannes, das genügte. Der Herzog ergriff die Feder, um das Todesurtheil zu unterſchreiben. In Kriegszeiten iſt die größte Strenge Pflicht. Da trat Gabriele zu ihm heran. Das bleiche Geſicht erſchien ihm wie ein aus dem Grabe erſtandenes Geſpenſt, er konnte den Blick dieſer großen tiefblauen Augen nicht ertragen und ſenkte die ſeinigen. Die Fürſtin zitterte nicht mehr, der Tod war ihr kein Fremdling, ſie hatte ihm mehr als einmal die Stirn geboten. Es war mehr Mitleid als Furcht, was ſie veranlaßte, dicht vor ihren Richter hinzutreten. — 232— — Herzog von Montalto, ſagte ſie ſo leiſe, daß nur er allein es zu vernehmen vermochte, im Namen Iduna's, die Sie elend gemacht haben, im Namen Ihrer unglücklichen Kinder, im Namen der Schande, die Ihnen droht... retten Sie mich! Sie wandte ſich zurück und trat wieder zu den Soldaten, die ihre Wächter und ihre Henker waren. Montalto ſaß wie vernichtet. Was wußte dieſes bleiche Weib von ihm? Dann faßte er ſich mit faſt übernatürlicher Kraft. — Die Frau iſt unſchuldig, ſagte er aufſtehend. Ich bürge Euch dafür. Sie, Lieutenant Bertin, werden ſogleich für eine Gelegenheit ſorgen, ſie über die Grenze zu ſchaffen. Sie geben ihr zwei Mann zur Bedeckung mit. Die Worte waren in ſo kurzem und ſtrengem Tone geſprochen, daß jeder Widerſpruch verſtummte, brummend und leiſe vor ſich hinfluchend zogen ſich die Soldaten zurück. Der junge Lieutenant löſte den Strick auf, mit welchem Gabriele'ns Arme gefeſſelt wa⸗ ren, gab ihr ihren Paß zurück und bat ſie, ihm zu folgen. Sie that es, nachdem ſie einen Blick des Dankes auf den Herzog von Montalto geworfen hatte, welcher in Kriegskarten vertieft zu ſein ſchien. Auf der Treppe trat jener junge Soldat, der dazu mit⸗ gewirkt hatte, daß man ſie zu dem Herzoge führte, an den Lieu⸗ tenant heran. — Herr Lieutenant, bat er, laſſen Sie mich die Frau eskor⸗ tiren. Ich bin aus dem Elſaß, ich könnte bei der Gelegenheit auch meine Mutter wiederſehen und mir einen Zehrpfennig holen. Der Offizier warf einen etwas verwunderten Blick auf den jungen Mann, der feiner ausſah, als die übrigen Soldaten. — Sind Sie aus meiner Compagnie? fragte er. — Ei, ja wohl, ich und Rellac, mein Kamerad, wir könn⸗ ten die Sache ſchon beſorgen. Die Grenze iſt ja ſo nahe. Man nimmt einen Leiterwagen bis nach Sels, von da ſchickt man ſie über den Rhein nach Raſtatt, ich laufe ſpornſtreichs nach Lauten⸗ burg zu meiner Alten und bin längſt wieder hier, wenn es mor⸗ gen weiter nach Weißenburg zu geht. — Das wird keine Eile haben, lächelte der Offizier. Die Preußen haben uns in Saarbrücken kennen gelernt und werden für's Erſte nach ur er Sie rim n die ichtet. h wit bürge eine geben hen, ſich enont t wa⸗ Sie on ſein mit⸗ Lieu⸗ eskot⸗ enheit holen. f den könn⸗ Man un ſie auten⸗ mol⸗ reußen t ni — 233— keinem neuen Zuſammenſtoß verlangen. Wir kommen immer noch zur rechten Zeit nach Weißenburg und denken, uns bis mor⸗ gen Abend gründlich auszuruhen. Das Marſchiren in dieſer Sonnengluth iſt abſcheulich. Gehen Sie alſo, beſchaffen Sie den Leiterwagen, aber daß Stroh darauf liegt für die Dame. Die Fürſtin dankte mit einem freundlichen Lächeln für dieſe ächt franzöſiſche Galanterie. Der junge Offizier, deſſen friſches Ausſehen ihr gefiel plauderte ſehr munter, während ſie im Hofe des Hauſes den Wagen erwartete. Er erzählte von ſeinem Aufenthalt in Afrika, und ſchilderte die Rohheit der Turkos ſo, daß Gabriele ſchauderte. Endlich erſchien der junge Soldat mit der Nachricht, daß ein Fuhrwerk da ſei. Der Lieutenant ſtellte ihm eine Beſcheinigung aus, daß er berechtigt ſei ſeine Compagnie zu verlaſſen, zu welcher er bei Strafe morgen Nachmittag vier Uhr ſtoßen müſſe. Einen gleichen Schein erhielt der zweite Sol⸗ dat, der ſich Rellac nannte, nur daß ſein Urlaub, weil er keine Verwandte zu beſuchen hatte, kürzer war. Gabriele nahm das wenige Gepäck, welches ſie im Gaſthofe zurückgelaſſen hatte, in Empfang, ohne daß es dem Lieutenant Bertin einfiel, es zu unterſuchen. Freundlich dankte ſie ihm für ſein Benehmen, beſtieg den Wagen, auf welchem ein Sack voll Stroh und eine wollene Decke die einzige Bequemlichkeit bildeten, Rellac nahm die Zügel, der junge Soldat ſetzte ſich neben ſie, und fort ging es durch die bereits hereingebrochene Sommernacht Sie fuhren die Chauſſee hinunter. Ueberall leuchteten Bivouakfener, überall ertönte Geſang, Muſik von Blaſinſtrumenten, Gelächter, Geſchrei und Gezänk. Bisweilen wurden ſie von einer Patrouille angerufen und mußten die Beſtätigung des Lieutenant Bertin vorzeigen. Dann ließ man ſie ungehindert fort, denn der Lieutenant war Adjutant des Her⸗ zogs von Montalto. In den Dörfern herrſchte reges Leben. Hier trieben einige wild ausſehende Soldaten ein Stück Vieh fort, und die Frauen jammerten und lamentirten vorgeblich hinterher⸗ dort lief ein Bauer einem Turko nach, der ſich, unter jedem Arme eine Gans, davon machen wollte. Mädchen kreiſchten laut wenn ſich ihnen die ſtolzen Krieger allzuzärtlich näherten, die Hunde — 23 bellten dazwiſchen, die aus ihrer Ruhe geſtörten Kühe blökten, Fluchen, Weinen und lautes Gelächter wechſelten mit einander. Das iſt der Krieg. 29. Kapitel. Das blutrothe Krenz. Die kurze Sommernacht wich bald dem Morgen. Es war nicht gänzlich finſter geworden, bis ſie in einen Wald einfuhren, deſſen dichtes Laubwerk den erſten Strahlen der prachtvoll auf⸗ gehenden Sonne den Weg verſperrten. Rellac ſprang ab und erneuerte das Licht in der Laterne, die zwiſchen den beiden Pfer⸗ den hing. Die Thiere waren froh, ſich etwas verſchnaufen zu dürfen, denn der Weg war abwechſelnd bergauf und wieder hin⸗ untergegangen. Der andere Soldat zog ein Bündel unter dem Sitze, welchen ſie bisher eingenommen hatten, hervor und begab ſich in den Wald hinein. — Gewiß geht er ſchon jetzt zu ſeiner Mutter, dachte Ga⸗ briele und wunderte ſich, daß er ihr nicht einmal ein Lebewohl zurief. Die beiden Männer hatten ſich bisher leiſe mit einander beſprochen, die Fürſtin hatte nichts verſtanden, achtete auch wenig auf das, was ſie ſagten, nur daß ſie öfters den jungen Krieger mit den kurzgeſchnittenen blonden Haaren anſehen mußte, als ſei ſie dieſer kräftigen und doch zierlichen Geſtalt, dieſem hellen und doch ſo feſten Blick ſchon einmal irgendwo begegnet, und faſt be⸗ dauerte ſie ſein Fortgehen, als er plötzlich wieder hinter einem Gebüſch hervortrat... aber wie anders! Die Soldatenuniform hatte er abgelegt, er trug einen kurzen grünen Jagdrock über grauen Beinkleidern, und eine Mütze, an welcher eine Feder ſteckte. So hatte ſich der Krieger in einen Jägersmann verwandelt. Was ſollte das bedeuten? Ru e war Nen, und Pfer⸗ hin⸗ — 235— Der junge Mann trat zu ihr und ſchwenkte heiter ſeine Kappe. — Guten Morgen, Marie Fiſcher, rief er ihr auf deutſch zu. Die Sonne geht auf, dort jenſeits des Waldes fließt der freie deutſche Rhein, und wahrlich, den ſollen ſie nicht haben! Die Fürſtin verſtand die deutſche Sprache die ſie in dem Kloſter, in welchem ſie erzogen worden war, von einer Freundin gelernt hatte, welche aus Heſterreich war. Deutlich merkte ſie es nun, daß der junge Jäger ein Deſerteur war, dem ſie, ohne es zu wiſſen, zur Flucht verholfen hatte. Aber ſie bedauerte es nicht. denn ſie empfand keine Liebe zu den leichtfertigen und über alle Waßen eitlen Franzoſen und gönnte ihnen eine gute Lehre. Bald lichtete ſich der Wald. Rellac konnte ſeine Laterne auslöſchen, denn das purpurne Licht der Sonne erleuchtete ihren Weg. Gabriele hätte weinen mögen vor Dank gegen Gott, denn ſie fühlte ſich gerettet. Der junge Jäger aber ſtimmte ein kräftiges Lied an, ein echtes deutſches Volkslied. O, wie klang es ſo friſch und ſo froh durch die Buchenwipfel, das Lied vom deutſchen Vaterland, wie rauſchten die Blätter mit hinein, wie leuchtete Gottes Sonne dazu! Und plötzlich jauchzte der Sänger hell auf, denn vor ihnen glitzerte es durch das Geſträuch, das war der Rhein, der freie, mächtige Strom, den Tauſende von kräftigen Armen vertheidigen wollten gegen franzöſiſche Eroberungs⸗ gelüſte, und der ſo hell, ſo rein dahinfloß, als wäre jeder Tropfen ſeines Waſſers ſtolz auf das heldenmüthige Geſchlecht, das ſeinen Ruhm beſang. Am Ausgange des Waldes hielt der Wagen an. — Jetzt tragen wir das Gepäck zum Fluß hinunter, ſagte der Jäger und ergriff Gabriele'ns Koffer. Sie ſtieg herab und folgte den beiden Männern. Der Blonde bückte ſich in den Strom hinunter, ſchöpfte mit der hohlen Hand von ſeinem Waſſer und trank es, dann netzte er ſich Stirn und Augen damit. — Könnte ich, ſo rief er, auch Dich taufen mit dieſer heili⸗ gen Fluth, könnte ich Dich hier eintauchen und ſprechen: waſch' Dir den Franzoſen ab, Leo Rellac, und ſteige gereinigt als ein Deutſcher wieder empor! Der Andere ſchüttelte den Kopf. — Du haſt mir viel zu Gunſten deines Vaterlandes geſagt. — 236— erwiederte er, aber ich liebe darum das meinige nicht weniger Du haſt mich auf viele Mängel in der Ausrüſtung und Mannszucht unſerer Truppen aufmerkſam gemacht, aber ich hoffe dennoch auf den Sieg. Zu viele Söhne Frankreichs haben Blut und Leben geopfert für ihr Vaterland, als daß nicht auch unſer Geſchlecht ihnen nacheifern ſollte. Wieder werden Tauſende mit Jauchzen in den Tod gehen für Frankreichs Größe und Frankreichs Ruhm, und Ruhm und Größe werden ihre Thaten krönen. Mag Vieles bei Euch beſſer ſein, ich glaube es gerne, aber mein Herz gehört dem Bo⸗ den, auf welchem ich geboren bin, dem Lande, für welches ich ge⸗ blutet und gelitten habe. Ich ſehe die Zcht voraus, wo dieſer Lügenkaiſer fällt, und wo das Banner der Republik ſich ſtolz er⸗ hebt, und Freiheit, Brüderlichkeit die Loſung ſind. Der Jäger ſchüttelte den Kopf. — Leb' wohl, ſagte er, Gott gebe, daß wir uns nicht auf dem Schlachtfelde begegnen. Kommſt Du jedoch verwundet oder gefangen nach Deutſchland, dann denke an mich und die Meinigen, Du wirſt Brüder an uns finden Damit reichte er ihm die Hand, aber Rellac ſtürzte ſich ihm in die Arme. — Leb' wohl, mein theurer— Feind, ſagte er Wir ſchen uns wieder. Dann riß er ſich wie gewaltſam los und kehrte zu dem Wagen zurück, um ſich wieder zur Armee zu begeben. Der Jäger aber wandte ſich zu dem Fluſſe und pfiff laut Es dauerte S nicht lange, ſo wurde der Ton erwiedert Ein Nachen ruderte heran. — Kommt bald ein Dampfſchiff ſtromab? fragte Gabriele'ns Begleiter durch die hohle Hand. — nm ſechs kommt eins, antwortete der Schiffer. — So fahre uns an Bord! — Za, ich komme. Der Schiffer nahm ſie auf und fuhr ſie und Gabriele'ns Ge⸗ päck dem Dampfboot entgegen. Der junge Mann ſaß neben der Fürſtin. — Ich weiß zufällig, ſagte er, daß Sie nicht Mari Fiſcher find, wie aber ſoll ich Sie nennen? iger Du nnszucht noch auf Leben ht ihnen den Tod d Ruhm hei Euch dem Bo⸗ s ich ge⸗ o dieſer ſtolz er⸗ nicht auf det oder Reinigen, ſich ihm it ſchen kehrte zu en Der s dauerte rude rte briele u lons Gt⸗ ri ſiſche — 237— — Ich habe keinen anderen Namen mehr, verſetzte Gabriele mit niedergeſchlagenen Augen, denn ihr war es, als hätte man ſie über einer Lüge ertappt. Woher aber wiſſen Sie, daß ich je⸗ mals einen anderen führte? — Wie ich eben ſagte, zufällig. Indeſſen muß ich mich Ihnen vorſtellen. Ich bin der Graf Reinhold von Iſſelhorſt. — Derſelbe, welchen man als Spion erſchießen wollte? — Sie ſehen, man behandelte mich beſſer als Sie, denn um des gleichen Verbrechens willen wollte man Sie hängen. In⸗ deſſen vernahm ich während des Verhörs, welches man mit Ihnen anſtellte daß Sie zu meinem Vater wollen. — Ich will zum Grafen Iſſelhorſt nach Mainz. — Wahrſcheinlich, weil Sie gehört haben, daß er an der Spitze des dortigen Lazareth⸗ und Krankenweſens ſteht. Sie wollen ſich dieſem edlen Berufe widmen? Gabriele ſagte es mit zitternder Stimme. Sie hatte vorher nicht daran gedacht. Man erzieht vornehme Damen nicht, damit ſie ſich ſpäterhin nützlich machen, ſondern damit ſie ihr Leben ge⸗ nießen. Auch Gabriele'n hatten ihre Leiter und Erzieher nicht ge⸗ ſagt, lerne, bilde Dich, damit Dein Leben einſt Deinen Mitmen⸗ ſchen zum Vortheil gereiche, damit Du ſelber die höchſte Befrie⸗ digung erlangſt, das Bewußtſein, nicht umſonſt gelebt zu haben. Nein, nur ein Daſein voller Pracht und Herrlichkeit hatte man ihr vorgeſpiegelt, einen behaglichen Müßiggang in der großen Welt.. oder andererſeits das Zurückziehen in ein Kloſter, die ſelbſtſüchtige Sorge für das eigene Seelenheil, unbekümmert da⸗ rum, daß Gott uns in die Gemeinſchaft mit Anderen etzte, damit vir ihnen werkthätige Liebe beweiſen, Aufopferungsfähigkeit und ein edles Streben, die Welt zur ſittlichen Vollkommenheit zu leiten. Jetzt, als Reinhold vorausſetzte, daß auch ſie ſich berufen fühle, mitzuarbeiten an dem großen Werk, da war es ihr als käme ihr eine göttliche Erleuchtung. Sie fühlte, welch' ein Troſt es für ſie ſein müßte, ihr einſames thatenloſes Leben den Leiden⸗ den zu widmen, ſie fühlte die Kraft in ſich, für Andere zu ar⸗ beiten, zu wachen. Sie hatte ſelbſt viel gelitten jetzt drängte es — 238— ſie, denen Beiſtand zu leiſten, die hifflos waren, elend und krank. War es das, fragte ſie ſich, was mein unbekannter Beſchützer von mir forderte, als er mich zu dem Grafen Iſſelhorſt nach Mainz wies? O ich erkenne ſeine liebevolle Fürſorge für mein Wohl! An den Schmerzenslagern werde ich meine eigenen Schmer⸗ zen vergeſſen, der Muth der tapferen Krieger wird mich ſelber muthig machen, und unter Leichen und Verwundeten werde ich mich nicht mehr einſam fühlen. Meinen Gatten, meinen Sohn habe ich verloren, fortan ſollen Diejenigen meine ganze Liebe in Anſpruch nehmen, die für das Vaterland Blut, Leben, ja, was mehr als das Alles iſt, die Hoffnung auf ein geſundes, ſorgen⸗ freies Alter, die Hoffnung auf ſelbſtändigen Erwerb dahingeben. Sie fanden das Dampfboot, welches ſie ſtromabwärts fah⸗ ren ſollte. Es war voll von Menſchen aller Stände, voll auch von Offizieren und Soldaten. Hier erfuhr Reinhold zuerſt ge⸗ wiſſe Nachrichten über die feſte Vereinigung aller Theile Süd⸗ und Nord⸗Deutſchlands, er erfuhr auch, wo ſich das Armeekorps befand, zu welchem er ſich zu ſtellen hatte. Erzeilte in die Ka⸗ jüte, ſchrieb einen Brief an ſeinen Vater, bat Gabriele, die er jetzt nicht mehr anders als Fräulein Fiſcher nannte, dies Schrei⸗ ben ſelber abzugeben, und ſchickte ſich an, bei dem nächſten Halte⸗ platz das Schiff zu verlaſſen, um ſobald als möglich ſeinen Pflich⸗ ten für das Vaterland zu genügen. — Leben Sie wohl, ſagte er und reichte ihr mit treuherzigem Blicke die Hand. Ich kann Sie nicht länger begleiten, doch weiß ich, daß Sie an meinem Vater einen freundlichen Beſchützer finden werden. Sie dankte ihm in warmen Ausdrücken. Dann ſprang er munter von der Treppe des Schiffes herab auf den Steg, welcher bei Mannheim an das Ufer führte, und verſchwand bald unter dem Gewoge von Soldaten und Civilperſonen, die ſich an der Landungsſtelle geſammelt hatten. Als ſie ihn ſo keck und ſicher dahinſchreiten ſah, da war es ihr plötzlich, als erwache ſie aus einem Traume. Ja, ſie hatte dieſen Jüngling ſchon früher geſehen, wenn auch in einem Augenblick, wo ſie ſich kaum ihrer ſelbſt bewußt war. Sie gedachte wieder an jene Nacht, wo Franz Godard ihr nach dem Leben ſtellte, und wo ein fremder Many F d krank. eſchützer orft nach für mein Schmet⸗ h ſelber werde ich en Sohn Liehe in ja, was ſorgen⸗ hingeben. irts fah⸗ oll auch uerſt ge⸗ ile Süd⸗ meekorps die Ka⸗ die er s Schrei en Halte⸗ n Fſic⸗ herigen weij ich en werden ſprang en Ste und bab di ſih ſed und 6 erwache on ftihe un i wo ſrun der Mun — 239— ſie errettete Dieſer Mann, es war Reinhold Iſſelhorſt. Alſo deswegen kannte er ſie und wußte, daß der Name Maria Fiſcher nur ein angenommener war? O, wie ſehr bedauerte ſie es, ihn nicht früher erkannt zu haben, wie gerne hätte ſie ihm ihren Dank zuge⸗ rufen. Es war zu ſpät. Bald mußte auch ſie das Dampfſchiff verlaſſen. Die Eiſenbahn führte ſie nach Mainz. Ueberall auf den Stationen, überall in den Ortſchaften, durch welche ſie kam, fand ſie deutſche Soldaten. Welch' ein Unterſchied mit denen, die ſie in Frankreich geſehen hatte! Waren es dort die kleinen ſchlan⸗ ken Leute in rothen Hoſen und kurzen Jacken geweſen oder wild ausſehende Turkos, Grenadiere mit hohen Bärenmützen oder Ka⸗ bylen mit türkiſchem Bund, hatten ſie alle mehr oder weniger nach Theater oder Maskerade ausgeſehen, und war ihr Beneh— men keineswegs geſittet geweſen, ſo zeigte ſich ihr hier ein ganz anderes Bild. Dieſe kräftigen Geſtalten, viele mit dem auf die Uniform niederfallenden Vollbart, männlich feſt in ihrem Auftre⸗ ten, ſtramm in der Uniform, die nichts von unnützem Aufputz —eigte, ſahen ernſt und entſchloſſen aus. Man merkte es ſogleich, dieſe Männer kannten den Zweck des Kampfes, in welchen ſie gingen, ſie ſahen den Krieg nicht als ein Handwerk an, nicht als einen Beruf, ſondern als eine ernſte und leider unabweisbare Nothwendigkeit, um derentwillen ſie Haus und Hof, Weib und Kind verlaſſen hatten, zu denen ſie das Herz in jedem Augen⸗ blick zurückzog. Sie wußten, ſie hatten eine ſchwere Arbeit vor ſich, aber ſie waren bereit, mit allen Kräften zuzugreifen, um, wenn ſie vollendet war, nebſt mancher Wunde auch das Be⸗ wußtſein heimzutragen, daß ſie mitgeholfen hatten an der Befrei⸗ ung und der Größe des theuren Vaterlandes. — War Gabriele oft erröthet, wenn ſie die franzöſiſchen Sol⸗ daten ſingen hörte, hier fand ſie ihre Freude an dem kräftigen Geſang und an den ſchönen Liedern. Wie klang es ernſt und feierlich das: Morgenroth, Morgen⸗ roth, leuchteſt mir zu frühem Tod! Wie luſtig jubelte es: Huraſ⸗ ſaſſa, und die Preußen ſind da, und wie voll innigem Gemüthe tönte es aus tauſend Kehlen: Lieb Vaterland, kannſt ruhig ſein! Ja wohl, wo ſolche Leute Wache ſtehen, da fürchtet Mutter Ger⸗ ——————————— 2 n ec e — 240— mania nicht Hölle noch Teufel. Sie lagen nicht auf der Erde würfelnd und zechend, wie die Rothhoſen, ſie ſtanden um einen herum, der die Zeitungen vorlas, oder ließen ſich erzählen, wie es in Berlin geweſen war, als ſich der König zur Armee begab. Ueberall zeigte ſich ſittlicher Ernſt, ſittliche Würde. Hatten iñ Frankreich die Bauern Kiſten und Kaſten verſchloſſen und ver⸗ graben, weil Alles, was nicht niet⸗ und nagelfeſt war, von den Soldaten geſtohlen wurde, das Gepäck der eigenen Offiziere nicht ausgenommen, ſo gingen hier die Leute vertraulich mit den Bauern und Bauerfrauen um, als wären ſie nur eine große Familie, . ſie warteten die Kinder, während die Mütter das Eſſen kochten, ſie halfen Kartoffeln ſchälen, Holz klein machen, und wenn Abends das Exerziren vorbei war, und die Mädchen die Melk⸗ eimer bei Seite geſtellt hatten, hielten die Pfeifer einen Tans, und luſtig ſchwenkten ſich die Dirnen im Arme ihrer Einquartirung. Gabriele beobachtete das Alles, indem ſie ihre Reiſe fortſetzte, und ſie gewann die Männer lieb, denen ſie von jetzt an als ein helfender und rettender Engel zur Seite ſtehen wollte. E In Mainz war ein lebhaftes Treiben, fortwährend durchzogen neue Truppen die Stadt, aber nirgends ſah ſie ein unordentliches Drängen und Stoßen, nirgends waren die Straßen mit Gepäck mit Muſik von einem Bahnhofe zum anderen, nahmen dankend an, was man ihnen dort an Erquickungen reichte, und fuhren ſingend in des Feindes Land hinein. Den alten Grafen Iſſel⸗ horſt fand Gabriele nicht in ſeiner Wohnung, er war vom frühen Norgen bis zum ſpäten Abend in dem Bureau, wo er Lazareth⸗ gegenſtände aufſpeicherte und an verſchiedene Orte verſandte, und wo auch die Krankenpfleger und Pflegerinnen ſich zu melden hatten. Es war dies ein Ehrendienſt, Pem er mit allem Eifer oblag, und Gabriele wurde um ſo lieber von ihm empfangen, als er ſich ſchon lange nach Rachrichten von ſeinem älteſten Sohne geſehnt hatte. — Ich ſtelle unſerem Vaterlande Alles zu Befehl, was ich Liebes und Theures beſitze, ſagte er. Reinhold, der eigentlich Oekonomie ſtudirt hat und ſich im nächſten Jahr als Gutsbeſitzer ankaufen will, geht in der Armee des Kronprinzen mit. es iſt die ſo eng verſtopft, wie in Frankreichs kleineren Städten. Sie zogen et Etde m einen len wie e begab. atten ii und ver⸗ von den ere nicht Pauern Familie, kochten, d wenn ie elk⸗ anh. und tirung. fortſetzte, als ein urtzogen dentices it Gepit ir zge dantend nd fuhren fen Iſ m frühen Lozwreth⸗ 5 ndte,.„ en hote. blag, und ſich ſchon was eigenti itbeſ 3iſt — 241— dritte. In der erſten dient mein Sohn Ottomar, der ſich das Kriegshandwerk zum Beruf auserſehen hat und der dem General Steinmetz folgt, und mit dem Prinzen Friedrich Carl zieht Eugen. bioher noch ein Student der Rechtsgelehrſamkeit. Dazu habe ich, einen Neffen bei dem bairiſchen General von der Tann, und einen anderen bei den Badenſern. Ueberall hin aber ſende ich Kranken⸗ träger und Krankenpfleger. — Rechnen Sie mich unter dieſe Letzteren, bat Gabriele, ich verſpreche Ihnen, alle meine Kräfte den Unglücklichen zu wid⸗ men, die ihr Blut für das Vaterland verſpritzen. Der Graf gab ihr die weiße Binde mit dem rothen Kreuz. — Beachten Sie es wohl, Maria Fiſcher, ſagte er. Das Weiß dieſes heiligen Abzeichens ſoll bedeuten, daß Ihr Herz rein ſein ſoll von jeder ſelbſtſüchtigen Abſicht wie von jedem anderen Wun⸗ ſche als den, der heiligen Sache und denen, die ſie vertheidigen, zu nützen. Das Roth aber iſt die Farbe des Blutes, vor dem Sie nicht zurückbeben dürfen. Schreckliche Bilder werden ſich Ihren Augen offenbaren, Ihr Herz wird zerriſſen werden vor Jammer, oft wird es Ihnen ſcheinen, als habe Gott ſich von der Welt abgewandt, indem er ſo viel Elend zuließ... dann blicken Sie auf dieſes Kreuz, gedenken Sie an den, welcher für Alle ſtarb, glauben Sie, vertrauen Sie dem, der uns durch ſeines Sohnes Blut Erlöſung ſandte, der wiederum Erlöſung ſchickt durch Blut. Werden Sie nicht müde, nicht verzagt. Es giebt keinen ſchöneren und keinen weiblicheren Beruf, als den, Leiden zu mildern, wo man ſie ſicht. Ziehen Sie hin, und wenn Sie Ihre Pflicht erfüllt haben, wird das ſelige Bewußtſein, dem Vaterlande und ſeinen Söhnen gedient zu haben, Ihr ſchönſter, vielleicht Ihr einziger Lohn ſein. Die bleiche Frau verneigte ſich tief und drückte einen in⸗ brünſtigen Kuß auf das blutrothe Kreuz. Dann heftete ſie es um ihren Arm. Doch indem ſie aus dem Hauſe trat und an dem Strome entlang ging, warum erſtarrte plötzlich ihr Fuß, warum ſtreckte ſie ihre Hände ſo ſehnſüchtig nach dem Fluſſe aus, warum erſtickte ein Schrei in ihrer hoch aufathmenden Bruſt? D. V. 16 — 242— Der Mann, der auf dem Verdeck eines Dampfers wandelte, trug einen weißen, langen Rock, der doch nicht an einen geiſtlichen Orden erinnerte, auf ſeinem linken Arme hatte er, gleich ihr, das rothe Kreuz. Seine Geſtalt war hoch und ſchlank, aber etwas gebückt als ſuche er, was er nicht finden konnte, ſein Angeſicht war bleich, ſo bleich faſt, wie das ihrige, aber eine wunderbare Aehnlichkeit mit einem theuren Todten ergriff Gabriele'ns Herz, daß es erbebte, daß ihre Kniee zitterten, indeſſen ihre Lippen nicht im Stande waren— den Namen auszurufen, der ihrem Herzen, ach, ſo theuer war! Der Mann verſchwand langſam in der Kajüte des Dampfers. Gabriele ſtand noch immer und blickte auf die Stelle, wo ſie ihn geſehen hatte. — unglückliche, ſagte ſie dann zu ſich ſelber, Du jagſt Geſpenſtern nach.. Das Grab giebt ſeine Todten nicht zurück, giebt nie zurück, was Du verloren haſt! Geh, leide mit den Leidenden lindre die Schmerzen, wo Du es vermagſt, der eigne Schmerz in Deiner Bruſt kann nie gelindert werden denn die Todten— kehren nicht zurück... 29. Kapitel. Die Verläumdung. Huſſein hatte üble Tage bei ſeinem Herrn Die Armwunde des Grafen von Bellegarde heilte nicht ſo ſchnell, wie er es wünſchte. Er lag auf ſeinem Bette und fand ein Vergnügen da⸗ ran, ſeinen Unmuth an dem Diener auszulaſſen, wenn Liſette nicht da war, ihm den Aecger fortzulachen. Hatte Huſſein irgend etwas nicht ganz nach dem Willen ſeines Gebieters gemacht, ſo beſaß dieſer noch Kraft genug in dem anderen Arm, ihm mit einer tüchtigen Nilpferdpeitſche, wie ſie in Afrika gebräuchlich ſind, Eins überzuziehen Huſſein krümmte ſich unter dem Schlag und unterdrückte den Schmerzensſchrei, aber heimlich ballte er die Fauſt, po Hei — mlich fletſchte er die Zähne und ſchwur, ſeine Rache zu nehmen, ndelte, ſtichen r, das etwas ht war ichteit erbebte, waren. war! mpfers. ſe ihn jgſt ſüc nit den er eigne denn nunde — 243— wenn die Zeit dazu gekommen ſei. Nicht viel beſſer erging es Iſidor, dem Sekretair des Grafen. Dieſer ſaß am Schreibtiſche nnd ſah Rechnungen durch. — Achthundert und fünfzig Franks dem Schneider für gelie⸗ ferte Kleidungsſtücke, darunter drei Fracks, einer ſchwarz, einer blau und einer. — Meinetwegen weiß, unterbrach ihn der Graf. Wollen Sie mir nicht noch vorzählen, wieviel Knöpfe daran ſind? Es handelt ſich wohl um ſolche Dinge, Sie langweiliger Patron? — Um die Waare freilich nicht, aber um das Geld, ver⸗ ſetzte Iſidor und faltete die Rechnung zuſammen. Hier iſt der Wagenbauer, fuhr er ruhig fort, indem er ein neues Blatt er⸗ griff. Der eine Wagen iſt reparirt, der andere umgetauſcht wor⸗ den, das macht... — Das macht mich raſend, hören Sie? Geld, Geld, Geld! das wollen Sie Alle, ich könnte den letzten Heller ausgeben, und es wären immer wieder Andere da, die Forderungen zu haben behaupten. Es iſt eine Bande von Schurken und Betrügern, es iſt kein Einziger, der es ehrlich meinte. — Vielleicht der Galanteriewaarenhändler, ſagte Iſidor gleich⸗ müthig, er bekommt zwei Napoleonsd'or für Liſettens neueſten Fächer, oder der Juwelier, der zweitauſend und fünfhundert Franks für ein Armband mit Diamanten und Smaragden verlangt. — Das war für Helene, ein Verlobungsgeſchenk. o, ſie ſoll es mir erſetzen. Wiſſen Sie, Iſidor, wie ich es anfangen werde, aus dieſen Schulden zu kommen? — O ja, Sie werden heirathen, antwortete der Sekretair. — Und das ſo ſchnell, wie möglich, rief der Graf und machte eine Bewegung, bei welcher er ſchreckliche Geſichter ſchnitt, denn ihn ſchmerzte ſein Arm. Einen Fluch murmelte er vor ſich hin, zu welchem der Sekretair hämiſch lachte. — Wann gedenken Sie Hochzeit zu machen? fragte er. — WMWorgen ſchon, rief der Kranke, Alles iſt vorbereitet. Der Herzog hat den Heirathskontrakt im Voraus unterſchrieben, es ſehlt Nichts mehr, als mein und des Fräuleins Name unter dem 16* 2 Blatte. Die Sache kann in aller Stille abgemacht werden wir brauchen höchſtens drei Zeugen und den Notar, denn die Herzogin iſt, wie ich höre, noch immer leidend. — Sie war ſogar in der letzten Nacht dem Tode nahe, be⸗ ſtätigte Iſidor. Es war eine grauſame Maßregel des Herzogs, daß er die Kinder in Penſion that als er in's Feld ziehen mußte. Der doppelte Verluſt ſchmerzt die weiche Seele der Dame. — Sie iſt zum Jammern mit ihrer weichen Seele, rief Hektor. Ich wette, Helene weint nicht ſo viel, wenn ich in den Krieg gehe. — Natürlich nicht, die Herzogin verlor Mann und Kinder, das Fräulein behält noch einen Troſt. Der Sekretair ſagte das mit einem lauernden Blick auf ſeinen Gebieter, der eben das Glas mit Limonade an die Lippen ſetzte. — Welchen Troſt? fragte er. — Nun, lächelte Iſidor, es iſt ja bekannt, und Sie, Graf, werden es ſo gut wiſſen, wie alle Welt. — Was? rief Bellegarde heftig, was ſoll ich wiſſen? — Daß das Fräulein das Zeichnen über Alles liebt, fuhr Iſidor heimtückiſch fort, und den Zeichnenlehrer noch mehr. Der Graf warf das Glas auf die Erde, daß es in tauſend Scherbenzerſprang und der Inhaltſich über den koſtbaren Teppich ergoß. — Wer wagt das zu behaupten? ſchrie er. wiſſen Sie, was das iſt, Herr Graf, fuhr Iſidor fort. Man. das iſt alle Welt, das iſt die Luft, das Echo, der Ruf, das Gerücht, man. das iſt keine beſtimmte Perſönlichkeit, die man erſtechen oder der man den Hals umdrehen könnte, es iſt eben etwas, wogegen ſich nichts thun läßt, und das beſtändig ſeine Macht über uns ausübt. — Und„ man wagt es, ſo etwas von meiner Braut zu ſagen? fragte der Graf. — Man wagt eben Alles, meinte Iſidor, mit den Achſeln err 1 — Man zuckend. — und Sie, was wiſſen Sie Beſtimmtes darüber? forſchte Jener weiter. — Einiges, nicht viel, antwortete der Sekretair. Daß das Frzulein in Männerkleidung Nachts mit dem Maler ſpahieren x n en wie erzogin ſ ho. ahe be⸗ s Glas e Herr e, Her ) ot fuhr ht. nſend ichergoß. raf fohr Luft dus befinu undrehen iſt un iner 3 Achſel forſc 3d Du — 245— geht hat wenig auf ſich. Künſtler ſind gerne genial, bei Künſt⸗ lerinnen geht es oft bis zur Verrücktheit, ſie nennen das über das Gewöhnliche erhaben ſein. Und wenn ſie ſich zuletzt in eine Droſchke ſetzten und dem Kutſcher die Adreſſe des jungen Mannes angaben, ſo war es vielleicht nur, weil er dem Fräulein irgend ein neues, eben vollendetes Bild zeigen wollte, das ſich bei Lam⸗ penbeleuchtung beſſer ausnimmt, als bei Tage. Hektor von Bellegarde ſchäumte vor Wuth. Er, der mit Liſetten ein allen ſeinen Bekannten bewußtes Verhältniß hatte, war außer ſich über den Schatten, welche auf dem Rufe einer Dame lag, der er ſeinen Namen geben wollte. Es ſchien ihm gegen ſeine Ehre, diejenige zu heirathen, die ihr Herz einem An⸗ dern geſchenkt hatte, ehe ſie ſeine Gattin wurde. Und dennoch er faßte ſich verzweiflungsvoll in die Haare... dennoch was thun? Seine Verhältniſſe waren gänzlich zerrüttet, er mußte Geld, viel Geld haben, er kannte es nur durch Helene'ns Hand erlangen. Geld und. Schande zugleich! Schon ſah er, wie ſeine Kameraden über ihn ſpotteten, ſchon hörte er ſie ſchlechte Witze über ſeinen Vorgänger machen, ſchon.. dicke Zornesadern ſchwollen auf ſeiner Stirn an, Zähnen. Unterdeſſen rechnete Iſidor ganz gemüthlich, als hätte er nicht ſoeben den giftigſten Stachel in eine Wenſchenbruſt gedrückt. — Im Ganzen ſind es zweiundfünfzigtauſend Franks, ſagte er, indem er alle Rechnungen zuſanunenlegte und in einem be⸗ ſonderen Fach des Schreibtiſches verſchloß. — Was faſeln Sie da? fragte Hektor. — Ich rede von Ihren Schulden, verſetzte ſein Sekretair. Zweiundfünfzigtauſend Franks, wiederholte er, als wäre jeder ein glühender Tropfen, den er auf des Grafen Seele niederfallen ließ. Der ſtöhnte tief auf. — Wer drängt am meiſten? — Alle, Jeder will befriedigt ſein, ehe Sie in sen Krieg ziehen, Jeder zittert für Ihr Leben. — Für ihr Geld die Schufte! Soll ich das von meiner Kapitänsgage bezahlen? Mein väterliches Erbe iſt rein auf ezehrt, 2 0 e 0 0 er knirſchte mit den — — das mußten ſie wiſſen. Man lebt furchtbar theuer in Afrika. Wer kann da ohne Vergnügen fertig werden, und jene Vergnügungen ah, die Löwenjagden das Theater, die Mädchen. man hat in Paris keinen Begriff davon, was das in Algier koſtet! Mein Vater hinterließ mir fünfmalhundertundfünftigtauſend Franks. ich hielt mich für reich, ſteinreich, jetzt bin ich ſo arm, daß ich Helene von Montalto heirathen möchte, und wenn ſie ein Dutzend Zefhenlehrer hätte. Ja, hätte ſie mehr als das.. die Sache wäre wenigſtens intereſſant. Aber dieſe zimperliche eine Heilige aus dem Halender... on es iſt ſchimpflich, es iſt ſchmachvoll.. — Aber es bezahlt dieſe Rechnungen, ſagte Iſidor und ſchloß den Schreibtiſch zu. — Hören Sie, Iſidor, rief der Graf und richtete ſich empor. Dieſe verdammte Wunde ſchmerzt wie das hölliſche Feuer. Aber das thut Nichts, Sie gehen ſogleich in meinem Namen zur Herzo⸗ gin von Montalto. Sie ſagen ihr, daß ich übermorgen früh nach dem Elſaß abgehe, daß ich morgen Abend zu ihr kommen werde, um den Kontrakt zu unterſchreiben, daß ich ſie erſuchen laſſe, mir in ihrem Hauſe die Zimmer einrichten zu laſſen, die mir ihr Mann verſprochen hat, und daß ich morgen Nacht dort zu ruhen gedenke. Fügen Sie von Liebe und Sehnſucht hinzu, Ut, das überlaſſe ich Ihnen. Jedenfalls dringen ontraktes, drohen Sie Jungfer, die ausſieht wie eine Tugendheldin, was Ihnen einfä Sie auf die ſofortige Unterſchrift des K ſchlimmſtenfalls ich würde den Herzog, der dieſen Ehekontrakt pereits unterſchrieben hat, als wortbrüchig verklagen⸗ kurz, thun Sie Alles, damit ich morgen Abend Helene'ns Gatte und Beſitzer ihres Vermögens bin. — Das ſoll geſchehen, der Graf ſich ſtöhnend auf da Die Herzogin war noch immer ſehr leidend, dennoch ließ ſie den Sekretair des Grafen Hektor von Bellegarde vor ſich. Sie lag auf einem ſeidenen Ruhebette, Helene ſaß an ihrer Seite⸗ Beide ſahen bleich und abgehärmt aus, vorzüglich Iduna. — Dieſe Frau könnteſt Du mit einem einzigen Worte glůck⸗ lich machen dachte Iſidor, und dieſer Gedanke kitzelte ſeine Eitel⸗ verſetzte Iſidor und ging, während 3 Bett zurückwarf. Ntila. gungen an hat Mein Franks m daß ſi ein 5 werliche us de 0r und ewpor. Herz⸗ en früh fommel erſuchen die acht dort s drngen ohen Si ionu ze thun — 247— keit nicht wenig. Wenn Du ihr ſagteſt, wo ihre Söhne ſind, wenn Du ſie ihr wiederbrächteſt, was gäbe ſie Dir dafür? Und obendrein hätteſt Du noch eine höchſt edelmüthige Handlung gethan, was Dir nicht oft begegnet. Aber, was kann dieſe Frau Dir bieten, deren Mann ſein Geld und ihres durchgebracht hat? Nein, man muß ſich nicht durch das weiche Gefühl hinreißen laſſen. Ich weiß Einen, der mehr bezahlen wird, und dieſer Eine wird einſt Papſt ſein! Er richtete alſo ſeinen Auftrag aus, wie der Graf Belle⸗ garde ihn geheißen hatte. Iduna zog ihre Nichte feſter an ſich, ſie zitterten Beide. — Ich bin krank, ſagte die Herzogin, und nicht fähig, meiner theuren Helene eine Hochzeit auszurichten, wie ich es wünſchte. — Das iſt ja auch nicht nöthig, meinte Iſidor, wo der Ehekontrakt von dem Notar unterſchrieben wird und keine kirch⸗ liche Trauung nothwendig iſt, bedarf es auch keines Feſtes. Der Graf Bellegarde verzichtet darauf und wird, wenn er zu ſeiner Gattin zurückkehrt, Feſte auf Feſte geben, um ſie dafür zu entſchädigen. — Wozu aber die Eile? fragte die Lerzogin. Der Krieg wird nicht lange währen, der Graf wird ruhmgekrönt zurückkommen, und Helene wird ihn dann um ſo frendiger als Bräutigam begrüßen. — Von ſeiner Frau wird er ſich noch lieber begrüßen laſſen, verſetzte der Jude. Mit einem Worte, der Graf beſteht auf ſei⸗ nem Rechte, da der Herr Herzog den Ehekontrakt bereits aufſetzen ſieß und ihn als Vormund unterzeichnet hat. Die beiden Herren werden ſich auf dem Felde der Ehre begegnen, und ich glaube icht, daß dieſe Begegnung eine erfreuliche ſein könnte, wenn — das Ehrenwort des Einen und die Liebe des Amdern gleich wenig Berückſichtigung gefunden hätten. Uebrigens wußte der Herr Herzog wohl, weswegen er ſich verpflichtete, dieſe Ehe zu ſchließen. Gewiſſe Angelegenheiten machten es nöthig, über das Vermögen des Fräuleins ſo zu verfügen, daß es mit zu ſeinem eigenen gerechnet werden kann. Die tödtliche Bläſſe, welche Iduna's Geſicht überzog, zeigte ſeinen lauernden Blicken, daß ſie ihn wohl verſtand und die gräßliche Gefahr vorausſah. Entdeckte man die Zerrüttung in Montalto's Verhältniſſen, kam es zu einem Bankerott, ſo war Helenen's Geld nicht geſichert und konnte leicht mit dazu dienen, die unverſchämten Gläubiger ihres Vormunds, vorzüglich den Staat zu befriedigen. Dann häufte ſich auf Montaltos Haupt neben ſo vieer Schmach auch noch die, ein ungetreuer Verwalter eines Schatzes geweſen zu ſein, der ihm heilig hätte ſein ſollen. Iduna entließ den Sekretair mit der Weiſung, ſie werde dem Herrn Grafen von Bellegarde Beſcheid darüber ſagen laſſen, ob die Hochzeit morgen ſtattſinden könne oder nicht. Als er hinaus war, warf ſich Helene vor ihrer Tante auf die Kniee. — Schütze mich, rief ſie in leidenſchaftlicher Aufregung, ſchütze mich, Tante. O, ich will arm ſein, wie eine Bettlerin, nur ſchütze mich vor dem Grafen! — Ich will es, ja, ich will es! rief Iduna. Bin ich doch ſelbſt ſo elend... du armes Kind⸗ ſollſt nicht in ſolches Unglück kommen! Ich weiß es, auf die Schmach, die den Herzog von Montalto treffen muß, wälze ich eine neue, eine furchtbare. Vor aler Welt wird er als Veruntreuer von Mündelgeldern daſtehen, denn er hat von Deinem Vermögen genommen. — Ach Tante, was kümmert mich Geld und Gut, wenn ich nur den Grafen Bellegarde nicht zu heirathen brauche! Gewiß, ich will nicht gegen den Oheim klagen, war er doch immer gut gegen mich! O, ich bin glücklich, überglücklich, wenn Du dem Grafen ſagſt, daß dieſe unſelige Hochzeit nicht ſtattfinden kann. — Dies ſoll ſogleich geſchehen, antwortete Iduna und griff nach dem Schreibzeug, welches vor ihr auf einem Tiſchchen ſtand. — Herr Graf, ſchrieb ſie, der Herzog ift abgereiſt, und ich bin krunk. Unter dieſen Umſtänden erfuche ich Sic, Ihre Verhei⸗ rathung mit meiner Nichte, Fräulein Helene von Montalto, bi⸗ nach dem Friedensſchluſſe zu verſchieben. Ich reiſe heute noch auf meine Güter nach Italien und wünſche, Sie mit Ruhm gekrönt am Ende des Feldzuges zu begrüßen. Iduna, Herzogin von Montalto, geborene Gräfin Graziare. Helene empfahl dem Diener Eile an, der dieſe Botſchaft zu dem Grafen Hektor bringen ſollte. Sie war heiter und froh. wat nen, Der Entſchluß ihrer Tante, Paris zu verlaſſen, kam ihr überaus erwünſcht. Ihr Herzchen war getheilt zwiſchen der Liebe zum Vaterlande und der allerdings viel heißeren zu Reinhold von Iſſelhorſt. Sie wünſchte den Franzoſen den Sieg in dem bevor⸗ ſtehenden Kampfe und hätte doch ſo gerne Reinholds ſchöne Stirn mit Lorbeeren geſchmückt. Rings um ſie her war Alles voll von dem Ruhme der franzöſiſchen Waffen, man ſprach in den verächt⸗ lichſten Ausdrücken von den Deutſchen, und täglich mußte ſie es mit anſehen, wie Deutſche verfolgt, eingekerkert und über die Grenzen getrieben wurden. Das machte ihr Kummer, ſie ſehnte ſich nach länd⸗ licher Ruhe, um ungeſtört an Reinhold denken zu können, und wollte ſich ganz dieſer ſüßen Beſchäftigung und der Pflege ihrer kranken Tante widmen Dieſe hatte alle möglichen Nachforſchungen nach ihren Kindern angeſtellt, aber Alles war vergeblich geweſen. Im Zeſuiten⸗ kollegium wußte man nichts von den Knaben, im Kloſter der frommen Schweſtern zum heiligen Herzen verleugnete man Margarethen. Vielleicht hatte man alle Drei aus Paris entfernt. Iduna ſah ein, daß alle ihre Bemühungen, die ſo ſchmerzlich Vermißten wieder zu finden, augenblicklich vergeblich ſein würden, denn auch der Polizeipräfekt Pietri, an welchen ſie ſich wendete, erklärte ſich für unfähig, den Aufenthalt der Kinder nachzuweiſen. Die Pforten eines Kloſters ſchließen ſich feſt und ſicher hinter denen, welche eintreten, und laſſen keine unerwünſchte Nachfrage hinein. Iduna mar in Verzweiflung, daß ſie ſich von Denen getrennt fah, welche ihr auf dieſer Welt das Liebſte waren, aber ſie vertraute dem Herzog von Montalto wenigſtens ſo weit, daß ſie ſich über das leibliche Leben ihrer Kinder beruhigte. Der Krieg, ſo ſagte man allgemein, konnte nicht lange dauern. Noch vor dem Friedensſchluſſe wollte ſie ihre Eheſcheidungsklage ein⸗ reichen und als Entſchädigung für ihr Geld, welches der Herzog verſchwendet hatte, die Zurückgabe ihrer Söhne und Margare⸗ then's fordern. Die beiden Frauen beſchäftigten ſich mit den erneuten Vorbe⸗ reitungen zu ihrer Abreiſe, als plötzlich Rafael Gambi erſchien. — Ich bringe Ihnen gute Nachrichten, rief er Helenen zu. Der Mann, für welchen Sie ein ſo heldenmüthiges Rettungs⸗ werk unternahmen, iſt in Sicherheit, iſt frei. — O, welch ein Glück! rief das Mädchen und ſchlug freudig die kleinen Hände zuſammen. Doch woher wiſſen Sie das — Ich erhielt einen Brief, nicht von ihm, ſondern von einem gewiſſen Leo Rellac, mit welchem er zuſammen geflohen iſt. Reinhold zog die Uniform eines afrikaniſchen Jägers an, glücklich gelang es ihm, durch das Elſaß zu kommen, und Rellac ſelbſt ſah, wie ein Fiſcherboot ihn über den Rhein trug. Er brachte mir eine Nachricht, die ſich auf Sie bezieht. — Wie lautet ſie? fragte die hocherröthende Helene. — Sie lautet, las Rafael: Reinhold Iſſelhorſt ſendet einen Gruß dem einzigen franzöſiſchen Herzen, welches in ihm, dem Deutſchen, keinen Feind erblickte. — Dann bezieht ſich dieſe Nachricht nicht auf micht allein, meinte Helene etwas enttäuſcht, auch meine Tanſe will ihm wohl. — Weiß Reinhold etwa nicht, daß Ihre Tante gleich mir von italieniſchem Geblüte iſt? fragte der Maler. Helene lächelte, ſie war ſehr glücklich. Doch plötzlich wurde die Thür aufgeriſſen, bleich und mit finſter zuſammengezogenen Augenbrauen ſtand der Graf Hektor von Bellegarde vor ihnen. Er trug den linken Arm in einer Binde. Der Schmerz, welchen ihm die noch nicht zugeheilte Wunde verurſachte, vermehrte ſeinen Zorn. — Ich habe Ihr Billet erhalten, Frau Herzogin, ſagte er, und komme, dagegen zu proteſtiren. Der Herzog Ihr Gemahl, verſprach mir die Hand des Fräuleins, der Ehekontrakt iſt aus⸗ gefertigt und von ihm unterſchrieben worden. Ich verlange, daß er erfüllt wird. Die feierliche Verlobung hat in Gegenwart des kaiſerlichen Paares ſtattgefunden, es wäre eine Beleidigung gegen dieſes, wenn man jetzt dem Ehebund neue Schwierigkeiten in den Weg legen wollte. Man weiß es, ich blieb in Paris nicht wegen dieſer Wunde an meinem Arm, denn ſie iſt unbedeutend, ſondern um mich zu verheirathen, man würde mich verſpotten, wenn ich unvermählt zu den Offizieren käme. Darum verlange ich die Er⸗ Sie Mao Ihne abet am ſein abe ſein Ubi auf dern und ger lich etg das — 251— füllung des Verſprechens welches mir der Herzog machte, der Verheißung, die ich von dem Fräulein erhielt... oder wollen Sie leugnen, daß Sie mir Ihre Hand mit den Worten reichten: Man hat uns für einander beſtimmt, und ich will verſuchen, Ihnen eine liebende Gattin zu ſein! Gewiß, ſo hatte Helene an jenem Abend zu ihm geſprochen, aber jetzt klammerte ſie ſich ängſtlich an ihre Tante an und bebte am ganzen Leibe. Iduna richtete ſich empor. — Sie fordern, ſagte ſie, was nur ein Geſchenk freier Liebe ſein ſollte. Der Herzog hat Ihnen Helenen's Hand verſprochen, aber Helenen's Herz giebt nicht ſeine Zuſtimmung dazu. — Weil dieſes Herz einem Anderen gehört! rief Hektor, und ſein gelbliches Geſicht wurde noch bleicher. O, man kennt den Ueberglücklichen, fügte er hinzu und warf einen boshaften Blick auf Rafael. Ein Mädchen aber, welches Nachts in Männerklei⸗ dern mit einem Manne in ſeine Wohnung fährt, ſollte froh und dankbar ſein, wenn ein Graf von Bellegarde ihr deſſenun⸗ geachtet ſeine Hand zu reichen denkt. Helene ſank auf einen Stuhl. Iduna, die von dem nächt⸗ lichen Rettungswerke wußte, zog ſie feſter an ſich, Rafael aber erglühte in edlem Zorn. — Wer geſtattet Ihnen eine ſo ſchimpfliche Beleidigung gegen das Fräulein zu wagen? rief er. — Sie geſtatten es, hoho lachte Bellegarde, nachdem Sie von der Thatſache den ſchönſten Vortheil gezogen haben. — Herr Graf, Sie lügen! rief Rafael und ſprang auf ihn zu. Hektor zog ſeinen Degen. — Zurück, Unverſchämter, rief er, und nur mit Mühe unter⸗ drückte er ein Fluchwort, das er dem Jüngling entgegenſchleudern wollte. Rafael war unbewaffnet, aber muthig griff er in Hektors Arm und ſuchte ihm die Waffe zu entreißen, da wurde es dieſem blutroth vor den Augen, er zückte den ſcharfen Stahl und. bohrte ihn tief in Rafael's Bruſt. — 252— Der Jüngling ſank... röchelnd lag er zu Helenen's Füßen. Sein Blut beſpritzte ihr Kleid und ergoß ſich in einem dunklen Strom über den koſtbaren Teppich... — Mörder! rief Iduna und zeigte auf den erbleichenden Künſtler, ſo denkſt Du die Liebe eines Weibes zu erringen? Helene rief verzweifelt nach den Dienern. die in aller Eile erſchienen. Hektor ſtand da und blickte auf ſein Werk herab Er hatte einen unbewaffneten Mann durchbohrt. Wenn man ihn gefangen nahm, wenn man ihn dafür zur Rechenſchaft zog, ſo war er verloren.. Schnell wandte er ſich und ſtürzte die Treppe hinab. Einer der Diener vertrat ihm den Weg, er ſtieß ihm den Griff ſeines blutigen Degens unter das Kinn, daß er zurücktaumelte. Mit Einem Sprunge war er in ſeinem Wagen. — Nach Hauſe! herrſchte er dem Kutſcher zu. Doch indem er, wie vernichtet auf das Polſter ſank, be⸗ merkte er, daß er nicht allein war. Geſpenſterhaft ſaß neben ihm im Dämmerlicht des hereinbrechenden Sommerabends die häßliche Geſtalt des Jeſuiten Venturo. — Was wollen Sie hier? fragte er ihn mit heiſerer Stimme. — Was haben Sie gethan? gegenredete der Pater. — Einen Menſchen habe ich ermordet, lachte der Graf laut und ſchrecklich auf. Der ſchöne Italiener, der geprieſener Künſtler Rafael Gambi, liegt in ſeinem Blute. — Vortrefflich, mein lieber Sohn, ganz vortrefflich, grinſte Venturo. Wohl uns, daß die Jugend noch Feuer hat, welches unſerer kühlen Ueberlegung zu Hilfe kommt. Aber warum fiel der Maler? — Weil er Helene vertheidigen wollte, der ich nächtliche Irrfahrten an ſeiner Seite vorwarf, antwortete Jener. — Immer beſſer, rief der Jeſuit und rieb ſich die Hände. Die Sache wird herumkommen. — Leider, fiel Hektor ein. — Helenchens Ruf iſt untergraben. — Durch mich, der ſie heirathen wollte... cueceh lißt Heire ehren fort zu J doß mag gihe Tupf Tar raſe Gro und ten, entge Put 6 e ens nen den — 253— — Und der ſie nicht heirathet, der ſie ſchmachvoll ſitzen — Menſch, lachen Sie nicht. Wiſſen Sie, was mir dieſe Heirath war? Rettung vor meinen Gläubigern, Gunſt bei Hofe, ehrenvolle Stellung... Alles, Alles iſt verloren... ich muß fort, Pater, fort, ehe man mich als Mörder faßt. — Aber Ihre Wunde, lieber Sohn? — Was thut das? Ich will zur Eiſenbahn. Gehen Sie zu Iſidor, ſagen Sie ihm, daß er die Manichäer beſchwichtigt, daß er mir Huſſein mit meinem Gepäck nachſchickt. — Und Liſette? — Verdammt die Liſette WMeinetwegen.— auch Liſette mag kommen. Er ſelbſt ſoll mir nachfolgen, ſobald er kann, ich gehe zu Mac Mahon's Korps. — In dieſer Stimmung werden Sie Wunderdinge der Tapferkeit verrichten. — Spotten Sie nur. Ich fühle mich in der Laune, dem Teufel ſeine Hörner anszureißen. Pater, Pater, ich möchte raſend werden! — Nur ruhig, lieber junger Mann, was iſt denn da ſo Großes? Der dreiſte Lümmel drang auf Sie ein, Eiferſucht und Ehre nöthigten Ihnen den Degen in die Hand, Sie handel⸗ ten, wie ein Offizier handeln muß. — Muß ein Offizier auch fliehen um einer Unterſuchungzu entgehen? — Gewiß, wenn er mit ſeinem Arm dem Vaterlande nützen will. — Sie haben Ausreden für Alles. Ich danke Ihnen, Pater. Der Bahnzug geht um Acht. ich muß eilen. Schicken Sie mir Liſetten ich bedarf ernſtlich der Zerſtreuung. 30. Kapitel. Die Einnahme von Saarbrücken. Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſre Reben, drum lob' ich mir den Rhein! So ſangen die deutſchen Truppen, als ſie voll Kampfesmuth und Vaterlandsliebe dahinzogen entlang an weinumrankten Hügeln, entlang an den Ufern des grünen Stromes, deſſen Beſitz uns die Franzoſen ſchon lange nicht gönnen. Hatte es doch Napoleon ausgeſprochen, daß er ſeinen Stammbaum auf⸗ friſchen wolle durch das Waſſer des Grenzfluſſes, deſſen kinke Seite im oberen Laufe vor Jahrhunderten durch franzöſiſche Liſt und deutſchen Verrath zu einer fremden Provinz wurde, zu einer Provinz, die ſich durch Sprache und Gewohnheiten immer mehr von dem eig tlichen Stammlande abtrennte. Ueberſchreitet man den Rhein auf der herrlichen Brücke bei Koblenz, wo ſeine beiden Ufer deutſch find, ſo ſenken ſich unter den Füßen des Wanderers die Berge, welche bisher den Fluß um⸗ gaben, zu mäßigen Hügeln herab. Lachend erſtrecken ſich die Gefilde, hier von üppigem Getreide, dort von Rebengeländern be⸗ deckt, dazwiſchen liegen reinliche Dörfer, freundliche Stätchen, und eine luſtige bewegliche Bevölkerung tummelt ſich unter Geſang und ſchwenkt den Becher voll Moſt und keltert den leichten Moſelwein, der ſeinen Winzern eine reichliche Einnahme bringt. Klar und friſch windet ſich der Fluß Saar durch dieſe herr⸗ liche Gegend und ſchlängelt ſich durch das Hügelland. Eine mächtige Brücke leitet die Eiſenbahnzüge darüber hinweg, die von Deutſchland nach Paris gehen, eine andere verbindet zwei reizende Städtchen, das auf dem linken Ufer gelegene Saarbrücken und das rechts liegende St. Johann. Kommt man zu Fuß über die grünen Berge und blickt hinunter in das Thal, durch welches ſich der Fluß hindurchſchlängelt, ſieht man die weißen Häuschen der Stadt, die einzeln hier und da zertreuten Winzerwohnungen, ſo une Gefa pen, Den Gel In ſcho der auf Einz des das wo ſol bur höl nach ſolz ine vn kein Ibe Doi D ben ſch pau — ahnt man nicht, daß gerade von dieſer friedlichen Gegend aus der blutige Krieg ſich entwickeln ſollte. Die Preußen hatten zunächſt ihre Grenze zu vertheidigen. Die Franzoſen wären gern hinüber gegangen, doch ſo unvorbereitet, wie ſie waren, wagten ſie es nicht, ſich allzugroßen Gefahren auszuſetzen und warteten auf den Nachſchub von Trup⸗ pen, der ihnen kommen ſollte, ſie wußten ſelbſt kaum, woher. lob Denn Alles war in der äußerſten Verwirrung. Es fehlte an ſie Geld, an Munition, an Foutage, an Uniformen und Waffen. en In aller Eile beſtellte man in England Chaſſepot-Gewehre, als nes, ſchon der Feind in großen Schaaren heranrückte. Für die Pflege hatte der Verwundeten war noch nichts gethan, es war eben Alles auf⸗ auf die lange Bank geſchoben worden, und zunächſt ſuchte jeder inke Einzelne ſich zu bereichern, ehe er daran dachte, ſich dem Dienſte Lit des Vaterlandes zu widmen. Was an Truppen kampffähig war, einer das ſchickte man nach der preußiſchen Grenze, nnd hier war es, nehr wo ſich zuerſt Chaſſepots und Zündnadeln mit einander meſſen ſollten. Die Deutſchen, welche in Saarbrücken und ſeiner Umge⸗ bi bung lagerten, ohne mit Aerger, wie die Franzoſen ſich auf den ner Höhen zwiſchen den Weinbergen und in den Wäldern, die ſich unm⸗ nach Forbach ziehen, poſtirt hatten. die Sah man drüben die rothen Hoſen breitſpurig genug umher be⸗ ſtolziren, ei, wie juckte es da den braven Deutſchen in den und Fingern, ſolch' ein Bürſchchen wegzuputzen. Die Erlaubniß dazu und war gegeben, und unſere Leute zielten gut. Bald wagte ſich vein, keine rothe Hoſe mehr aus dem Dickicht des Waldes heraus. Aber auch ſie ſchoſſen auf die preußiſchen Vorpoſten. Die Chaſſe⸗ hert potkugeln trugen ſehr weit, doch mit Vergnügen bemerkten die gine Deutſchen, daß ſie faſt immer zu hoch gingen. von Es hat etwas furchtbar Aufregendes, dem Feinde gegenüber ende zu ſtehen und ihn nicht angreifen zu dürfen. Die Ulanen, welche in dieſer Beziehung beſſer daran ſind, als alle übrigen Truppen, die benutzten ihre Freihert zu allerhand Plänkeleien. Auf ihren ſch ſchnellen Pferden waren ſie bald hier, bald da, holten ſich ein der paur Gefangene fort, machten ein paar Andere kampfunfähig und beängſtigten Alle. Wagte ſich ein Franzos über die Grenze, um ſich im Wirths⸗ haus gütlich zu thun, ſo gab man ihm Wein genug für wenig Geld, doch wenn er betrunken zurück taumeln wollte, da merkte er plötzlich die ſtarken Arme, die ihn feſthielten, und mit ſeiner Freiheit war es aus. Badeten ſich einige Leute recht gemüthlich in der Saar, da lauerten die böſen Feinde im Gebüſch, und Frochen ſie aus dem Waſſer, ſo waren ſie gefangen wie Fiſche, und es half ihnen kein Zappeln. Dreißig Ulanen, die mit einigen Bergleuten über die Grenze gingen, ſpkengten die Eiſenbahn zwiſchen Saargemünd und Hagenau, ſo daß die Militairzüge von Frankreich her fürs Erſte unterbrochen wurden. Auch zu größeren und kleineren Scharmützeln kam es bald. Doch überall ſiegten die Deutſchen durch Ruhe und Sicherheit im Zielen, während die Franzoſen wie toll und blind knallten, einen Heidenlärm machten und ſo viel Pulver verpufften, daß man von Weitem glaubte, es ſei eine große Schlacht geſchlagen worden, wenn die Unſrigen kaum einen Bleſſirten hatten. Von dem unfehlbaren Treffen der Zündnadelgewehre belehrt, begannen die Franzoſen, auf den Spicherer Bergen Erdwälle aufzuwerfen, von dort aus rückten ſie gegen die Dörfer von St. Arnual und Gersweiler und begannen ein heftiges Gewehrfeuer. Vergeblicher Spektakel! Sie wurden zurückgeworfen und mußten ſich wieder in die Wälder verkriechen. Die Deutſchen verloren dabei einen Mann und ſammelten eine Unmaſſe von Patronen, die, man wußte noch nicht recht weswegen die ganze Erde bedeckten. So war unter fortwährenden Neckereien eine Woche vergangen. während welcher von Deutſchland her beſtändig Truppen nachrückten und die ganze Grenze beſetzten, ein feſter Wall, der es dem Feinde unmöglich machen ſollte, die Schrecken des Krieges in deut⸗ ſches Gebiet hinüber zu tragen. Für Frankreich war dies keine geringe Gefahr, und wohl ſah der Kaiſer Napoleon ein, daß er ſchon hier, bei dem Beginne der Feindſeligkeiten, eine glänzende Waffenthat leiſten mußte, damit nicht etwa Furcht ſeine Unter⸗ thanen ergreife und ſich auch ſeinem Heere mittheilte. Er ſchob deswegen ſo viel Truppen als möglich nach Saarbrücken vor und vr 3n der der zoſe diſ rihs⸗ venig nerkte ſeiner hlich und die münd fürs neren ſchen begab ſich ſelber zu ihnen. Außer einer ganz gewaltigen Maſſe von Gepäck aller Art, von Dienern, Pferden, Wagen und Bequemlichkeitsgegenſtänden, nahm er auch ſeinen Sohn mit ſich. Dieſer Mann, der anfangs geprahlt hatte, er wolle im ſchlimmſten Falle mit einer Pritſche fürlieb nehmen, brauchte zu ſeiner Reiſe einen ganzen Extrazug, freilich hatte er nichts zu Hauſe gelaſſen, was ihm lieb und angenehm war, ſelbſt ein Aeffchen führte er bei ſich. Ebenſo war für die Ausrüſtung des kleinen Prinzen geſorgt, der hier zuerſt das Kriegshandwerk aus Erfah⸗ rung kennen lernen ſollte. Man ging in die Schlacht, wie zur Komödie. Am zweiten Auguſt um zehn Uhr ſollte das Schau⸗ ſpiel beginnen. Der Kaiſer und ſein Sohn ſtellten ſich bequem auf und ſahen zu, wie drei und zwanzig Geſchütze ſich von den Bergen her auf die offene Stadt Saarbrücken richteten. Welch' eine Gefahr für die friedlichen Einwohner! Es war unmöglich, ſie zu vertheidigen, unmöglich, ſie vor der gänzlichen Zerſtörung zu retten, wenn der Kampf hier allen Ernſtes begann. Die Deutſchen thaten nur ſo viel, als ihnen ihre militairiſche Ehre gebot. Drei Kompagnien des vierzigſten Regiments hielten gegen die ganze zwanzigfach überlegene Macht der Franzoſen mehrere Stunden lang Stand und zogen ſich dann in Stellungen zurück, die der Feind nicht anzugreifen wagte. Sie überließen die Städte Saar⸗ brücken und St. Johann den Franzmännern und erretteten damit das Leben und Eigenthum von Tauſenden friedlicher und wohl⸗ habender Bürger. Die Feinde zogen mit klingendem Spiele ein, und auf den deutſchen Thürmen wehte die franzöſiſche Fahne. Das war der große Sieg, deſſen ſich der Kaiſer Napoleon vor aller Welt rühmte und den wir ſchon früher erwähnten. Zwanzigtauſend Mann hatten eintauſend Preußen gezwungen, der Klugheit und Menſchlichkeit zu folgen und zwei Städte vor der Beſchießung zu bewahren, indem ſie ſich zurückzogen. In Deutſchland nahm man die Nachricht davon mit Trauer auf, waren es doch immerhin deutſche Städte, die von Fran⸗ zoſen beſetzt waren, in Frankreich dagegen erregte die Kunde von dieſem Siege maßloſen Jubel. Der Kaiſer ſelbſt ließ ſie bekannt D. V. 17 — 25 5b— machen und fügte hinzu, daß er ſelber und der Prinz Lulu zugegen geweſen wären, und daß die Kaltblütigkeit und Geiſtesgegenwart des Knaben ihn des erhabenen Namens: Napoleon würdig machten. Der Kaiſerin⸗Regentin ſchrieb ihr Gemahl am andern Tage: Lulu hat die Feuertaufe erhalten, er legte eine bewunderungs⸗ würdige Kaltblütigkeit an den Tag und war keineswegs erregt. Die Gewehr- und Kanonenkugeln fielen zu unſeren Füßen nieder, Lulu hat eine Kugel aufbewahrt, die dicht neben ihm hinfiel. Es gab Soldaten, welche weinten, als ſie ihn ſo ruhig ſahen. Dieſer Bericht veranlaßte die Kaiſerin, einen Dankgottes⸗ dienſt feiern zu laſſen. Der Kaiſer aber begab ſich nach Metz⸗ wo er mit großem Entzücken empfangen wurde. Wichtiger noch als die Anweſenheit eines Kindes bei dieſem Gefecht, war eine andere Bekanntſchaft, welche die deutſchen Sol⸗ daten hier zum erſten Male machten. Schon lange hatte man von den verheerenden Wirkungen d Mitrailleuſen ſprechen hören, hier ſollte man ſie ſelber kennen lernen. Für den erſten Anblick freilich ſind ſie nicht viel ſchreckhafter als gewöhnliche Kandſien, denen ſie ihrer Form nach gleichen, aber ihre mit einem ſiebartig durchlöcherten Eiſen verſchloſſene Mündung ſpeit unaufhörlich Kugeln aus, und wehe dem geſchloſſenen Haufen, der dieſem ver⸗ nichtenden Regen gegenüber ſteht! Doch auch hierbei war die Vorſtellung gtößer als die Ge⸗ fahr Dieſer Eiſenhagel fällt immer nur auf dieſelbe Stelle, er durchbohrt einen Mann mit zwanzig Kugeln und läßt ſeinen Rachbar gand unverſehrt, und dabei zeigte ſich das Zielen dieſer großen Geſchütze noch ſchlechter als das der Chaſſepots Die Franzoſen haben keine Ruhe, was bei ihnen nicht ſchnell geht, geht gar nicht, darum werfen ſie eine Unmaſſe von Kugeln auf den Feind, ohne ſich von ihrer Wirkung zu überzeugen. Bei Saarbrücken ſtanden vier Feld⸗ und eine Mitrailleuſenbatterie auf den Höhen des linken Thalrandes, und dennoch zählten die Deutſchen an Todten, Verwundeten und Vermißten nur zwei Of⸗ ſiziere und dreiundſiebenzig Mann. Die wenigen Gefangenen, welche der Kaiſer machte, erregten unter feinen Soldaten nicht wenig Aufſehen. Es waren nämlich ſem 0l⸗ nan ten, blic jen, tig rli er⸗ nten e* — 259— Leute, die nicht gleich den Rothhoſen prahlten oder jammerten, ſondern mit feſter Würde auftraten. Daß ſie leſen und ſchreiben konnten, war den ungebildeten franzöſiſchen Soldaten äußerſt überraſchend, noch mehr, daß ſie keineswegs Furcht bezeigten. Die Meiſten hatten von der Schulzeit her wenigſtens einige franzöſiſche Brocken im Gedächtniß behalten, die ihnen jetzt zu gute kamen, man lernt eben nichts vergeblich, es läßt ſich im Leben Alles an⸗ wenden. So erfuhren denn die Feinde hier zum erſten Male, wie kampfbereit ihnen die Deutſchen gegenüberſtanden, und daß ſie auf keine Beihilfe weder der Italiener noch der Oeſterreicher zu hoffen hätten. Dieſe Nochrichten drücten den Muth der Soldaten nicht wenig nieder. Sie hatten Proben deutſcher Tapferkeit geſehen und wußten nun ſchon beim Beginne des Krieges, daß ihnen keine leichte Arbeit bevorſtand. Indeſſen übertäubte das Siegesgeſchrei für jetzt jede andere Empfindung. Bazaine und der Kaiſer befanden ſich in Metz einer anerkannter⸗ maßen uneinnehmbaren Feſtung, Mae Mahon, der Herzog von Magenta, zog der Grenze zu, eine Menge von Feſtungen wie Straßburg, Bitſch, Thionville, Sedan, Verdun und andere ſchützten die Grenze wie mit eiſernen feuerſpeienden Mauern— was konnte da für Frankreichs Ruhm zu fürchten ſein? 31. Kapitel. Das Treffen bei Weißenburg. Als ſich die ſüddeutſchen Staaten mit dem Nordbunde zur Bekämpfung des franzöſiſchen klebermuthes vereinigten, trat de 1 König Wilhelm von Preußen vertragsmäßig als Oberfeldherr an die Spitze der geſammten Armeon. Sogleich ſtellte er die Heere Bayerns und Würtembergs unter die Anführerſchaft ſeines einzigen Sohnes und Thronerben, des Kronprinzen Fricdrich Wilhelm. Schon in dert Kriege gegen Oeſterreich hatte dieſer junge Held ſich unſterbliche Lorbeeren erworben, er ſollte auch dieſes Wal einem ungleich gefährlicheren Feinde gegenüber ſeine Kriegs⸗ tüchtigkeit bewähren. Die Könige von Bayern und Würtemberg ſowie des Prinzen Schwager, der Großherzog von Baden, be⸗ eilten ſich, ihre Freude über die Ernennung des Kronprinzen zum Oberſtkommandeur der ſüddeutſchen Armeen auszuſprechen, und ſchon am ſechsundzwanzigſten Juli brach er nach München auf, um den Befehl über die Truppen zu übernehmen. Der junge König von Bayern kam ihm entgegen, und rührend war es, die Freundſchaft dieſer beiden Männer zu ſehen, die, Beide jung, Beide glühend von Vaterlandsliebe, opferfreudig ihr Alles ei⸗ ſetzen wollten für die Befreiung Deutſchlands von reidem Joche. Der König Ludwig ehrte in dem Kronprinzen den Heldenmuth und die männliche Kraft, und dieſer ſchätzte in dem befreundeten Monarchen die heiße Liebe für Alles, was ſchön und edel, groß und herrlich iſt.] Sie fuhren miteinander von dem Bahnhofe zum Schloſſe, des Königs Bruder, Prinz Otto, nahm den Rücſitz ein. Das Volk ſtand in dichten Schaaren, ſchwenkte die Hüte und rief den edlen Fürſten ſein donnerndes Hoch entgegen. Als aber am Abend die beiden nun ſchon engbefreundeten Männer im Theater erſchienen, beide ſchön in Jugendkraft und Friſche, da wurde der Abend zu einem unvergeßlichen durch die Begeiſterung des Publikums, welches den Raum bis zu dem letzten Platz erfüllte. Immer wieder mußten ſich der König und der Kronprinz an der Logenbrüſtung zeigen, und als ſie ſich vor allem Volke die Hände reichten, wie zur Beſiegelung einer von jetzt ab un⸗ zertrennlichen Freundſchaft, da wollte der Jubel kein Ende nehmen. Nicht lange durfte Preußens erſter Hebd in München verweilen⸗ ſchon am achtundzwanzigſten Juli fuhr er nach Stuttgart, der Hauptſtadt Würtembergs. Auch hier begrüßte ihn der König an der Spitze ſeines Hofſtaates ſchon auf dem Bahnhofe, dann folgte die Vorſtellung der Generäle, welche fortan die Ehre haben ſollten, unter dem Kronprinzen zu dienen. Auch hier war der Aufenthalt nur kurz Der Prinz reiſte ilen, der an ann aben eiſt über Karlsruhe nach Speier, wo er zunächſt ſein Hauptqnartier aufſchlug und an ſeine Armee eine Anſprache voller Würde und Zuverſicht in ihre Thatkraft hielt Die deutſchen Streitkräfte berechnete man dazumal auf eine Million ein hundert vier und zwanzig tauſend Mann, doch mußte davon ein beträchtlicher Theil zum Dienſte im Vaterlande ſelber zurück⸗ bleiben, ſo daß nur eine Million waffentragender Krieger wirklich ins Feld rückte. Dieſer gewaltigen Macht hatte Frankreich etwa ſechs⸗ mal hunderttauſend Mann gegenüber zu ſtellen, und dieſe Truppen waken ſo ſchlecht geordnet und ſo ſchlecht verpflegt, daß der Oberſt und Platz⸗Commandant Ducaſſe in B etz einen ſtrengen Beſehl gegen das Betteln der Soldaten erlaſſen mußte. Den Kern der franzöſiſchen Armee bildete die Kaiſergadde, welche zumeiſt in Paris und ſeinen Umgebung ſteht, tief unter ihr an Mannszucht, Kenntniß der Waffen und ſtrenger Uebung ſtehen die Zuaven, die Fremdenlegion, die Turkos, die afrikaniſchen Jäger, die Spahis und endlich die ſogenannten Zephyrs. Dieſe nehmen es in der Kunſt zu ſtehlen und zu plündern mit den be⸗ ſten Galgenvögeln aller übrigen Nationen auf, während ſich der Turko die Hyäne des Schlachtfeldes und der Zuave den Scha⸗ kalhund zu nennen liebt. Die Letzten entſprechen unſeren Füſi⸗ lierregimentern. Von den Turkos giebt es nur drei mit Bajo⸗ nettgewehren bewaffnete Regimenter, ſie ſind Neger bylen oder Araber, daher ſieht man unter ihnen kohlſchwarze Geſichter und 10 weiße Männer. Sie tragen den Zuaven ähnliche Uniformen, hell⸗ blaue mit gelben Borten verzierte Jacken, rothe Schärpen und einen weißen Turban. Es ſind Linienregimenter zum Unterſchied von den Zuaven, die Schützen oder Füſiliere ſind. Beſitzen dieſe mitunter etwas Ritterliches, ſo ſind jene, die Turkos, wild und feige, grauſam gegen Wehrloſe, hündiſch unterwürfig gegen Dieje⸗ nigen, welche ihnen mit Strenge und Gewalt entgegentreten. Im Felde lieben ſie es, mit furchtbarem Gebrüll den Feind zu erſchrecken, wozu ihr wildes Ausſehen nicht wenig beiträgt, aber ſtilhalten im wüthenden Handgemenge oder den Mündungen der Kanonen gegenüber, das iſt nicht ihre Sache, ſie werfen die Waf⸗ en fort und eilen vdn dannen. ——— E— bO Indeſſen beſitzt die große Nation, wie ſich die Franzoſen ſo gerne ſelber nennen⸗ noch eine andere Macht. Es ſind dies ihre Zeitungsſchreiber. Kaum hatte der Herzog von Grammont den Krieg öffentlich erklärt, ſo begannen die Journaliſten ihre Wortge⸗ fechte. Sie erklärten im Voraus, der Sieg ſei ihnen gewiß, denn niemals könne er die franzöſiſchen Banner verlaſſen. Auch wuß⸗ ten ſie angeblich genau, wie es in Deutſchland ausſah. Dort, ſo erzählten ſie, ſei das Volk außer ſich vor Schrecken über den bevorſtehenden Untergang Preußens, denn alle Zeughäuſer, alle Kaſſen ſeien leer, und die Armee weigere ſich, zu kämpfen. Bei Hofe gäbe es nichts als Zank und Streit, und die Königin und oie Kronprinzeſſin müßten beſtändig den Hader verſöhnen, den oie Kriegserklärung heraufbeſchworen habe. Richt beſſer ſei es in München, die Furcht vor den Franzoſen verdrehe da alle Köpfe, wußte man doch, daß der König ſelber kein Kriegsmann ſei. In Stuttgart zittere man nicht nur vor den überrheiniſchen Feinden, ſondern auch vor den tief verhaßten Preußen, denen man das Jahr Sechsundſechszig niemals vergeben könne, und in Hannover und Schleswig⸗Holſtein ſuche man nach der paſſenden Selegenheit, ſich von Preußen loszureißen. Mit einem Worte, ſagten ſie, die Deutſchen haben Furcht, ſo große Furcht, daß in Berlin in einer einzigen Woche zweihundert und elf Menſchen am Brechdurchfall, vor Schreck über die Kriegserklärung, geſtorben ſind. Das franzöſiſche Volk glaubte dieſen gedruckten Lügen auf's Wort. Tag und Nacht durchzogen ſchreiende Banden Paris und die übrigen Städte des Kaiſerreichs und ſchrieen: Es lebe der Krieg, nieder mit Bismarck, nieder mit den Preußen! Jeder Deutſche galt für einen. Spion, man verfolgte Jeden, der wie ein Ausländer ausſah, ſelbſt das Haus des preußiſchen Botſchafters blieb nicht unverſchont, man brachte Katzenmuſiken, ſchlug die Fenſter ein und prügelte die Bedienten. So war es in den Gaſſen, ſo war es bei Hofe. Die Kaiſerin Eugenie ſchürte, ſeitdem ſie zur Regentin ernannt das Kriegsfeuer mit aller ihrer Macht. Man war 5 Niemand eine Niederlage für möglich en ſang man die Volkshymne, dreifarbige . S 8 —— vd es Sieges ſo ſicher, S S —=— — tism legr ew 3 ſi Fahnen wehten von allen Dächern, und als die Einnahme von e Saarbrücken bekannt gemacht wurde, war Paris nur noch ein gro⸗ — des Tollhaus. Die ernſteſten Männer tanzten und ſangen, die Re⸗ Straßen waren voll von Betrunkenen, und hatte man einen un⸗ 2 glücklichen Deutſchen erwiſcht, ſo prügelte man ihn aus Patrio⸗ tismus. Der Kronprinz von Preußen hielt ſich nicht lange in ſeinem in Hauptquartier in Speier auf. Am dritten Auguſt ging es über le Landau nach dem Flüßchen Lauter hin, an welchem die Feſtung Bei Weißenburg liegt. Hier ſenken ſich die Vogeſen zu ſanften Hügeln nd herab und bilden fruchtbare Felder. Die lange Linie der links⸗ en rheiniſchen Eiſenbahn bildet die Einfahrt in den Elſaß und ver⸗ in zweigt ſich bei Hagenau ſo, daß ihr ſüdoeſtlicher Strang nach ale Straßburg, der nordweſtliche nach Metz führt. Eine halbe Meile unn von Weißenburg erhebt ſich der Gaisberg, um deſſen Fuß die hen Landſtraßen ſich neben der Eiſenbahn entlang nach Sulz und nen Hagenau ziehen. Das Land iſt mit wellenförmigen Hügeln bedeckt, in die zur Lauter hin ſanſt abſallen und dort eine ſumpfige, für de Truppen ſchwer zu paſſirende Gegend bieten. Den Gaisberg rie. nun, die höchſte Spitze des ganzen Gebietes, hatten die Franzoſen in beſett, um von hier aus den Deutſchen den Eintritt in das Elſaß am zu verwehren. Es waren Mac Mahon's Truppen, die hier ſtan⸗ ſnd. den und ſich ſo gut verſchanzt hatten, daß ein Angriff ſchwer, ja ufs faſt unmöglich ſchien. Ueberdies hatte die Diviſion des Generals und Abel Douay Weißenburg beſetzt und leiſtete den Bayern Wider⸗ dör ſtand, die unter dem Grafen Vothmer die Stadt angriffen. Die eder Turkos und Zuaven hatten es ſich eben bequem gemacht und ein waren dabei, ihre Mahlzeiten zu bereiten, als ihnen die Kugeln fr mitten unter die Kochtöpfe ſchlugen. Sie fanden dieſe Zuthat ſehr hie wenig nach ihrem Geſchmack und eröffneten ein lebhaftes Feuer gegen ihre Feinde. Unterdeſſen hatten ſich die Preußen das noch ſchwie⸗ rigere Loos erwählt. Sie griffen den Gaisberg an, von deſſen ann Spitze ihnen Kanonenkugeln und Mitrailleuſengeſchoſſe entgegen⸗ vn regneten. Faſt ſchien es, als ſei der Berg zu einem Vulkan l geworden, ſo heftig brach das Feuer aus ſeiner Höhe hervor. chig Aber mit ſchlagenden Tambours, ohne einen Schuß zu thun, marſchirten die Preußen, voran das Königsgrenadierregiment No. 7, — 264— die Anhöhe hinauf. Die Offiziere gingen voran. Hier fiel der Eine dort ſank der Andere röchelnd in die Arme ſeiner Leute, Blut ſpritzte empor und färbte den Weg, den die Braven zu gehen hatten. Sie wichen nicht zurück. Feſt und in geſchloſſenen Rei⸗ hen, das Gewehr an der Schulter, machten ſie den Marſch von mehreren tauſend Schritten. Granaten fielen mitten unter ſie und krepirten praſſelnd, tiefe Lücken riſſen ſie in die Menge der Soldaten, doch vorwärts ging es⸗ hinauf, hinauf, zu Sieg und Ruhm.. Oben angelangt gab es einen Augenblick der Pauſe, einen ſchrecklichen, lautloſen Augenblick, dann ein Kommandowort, das Gewehr fliegt empor eine Salve kracht, und jeder Schuß hat getroffen. Da liegen ſie, die rothen Hoſen, General Douay unter ihnen. Eine Granate riß ihn hinweg, als er eben die Mitrail⸗ leuſe richten wollte. Da hielt der Feind nicht länger Stand. So viele Tapferkeit erſchreckte ihn. Mac Mahon wurde nicht ge⸗ ſehen, ihn ſollte ſein Schickſal erſt ſpäter erreichen. Unterdeſſen Kürmten die Bayern Weißenburg, ſie gingen in begeiſtertem hel⸗ denkühnem Anlauf vorwärts. Auch hier wichen die Franzoſen der Kaltblütigkeit, dem unerſchrockenen Muthe, welcher dem ger⸗ maniſchen Stamme eigen iſt, Mehr als fünfhundert Gefangene fielen in die Hände der Sieger, und ein Geſchütz wurde mit fort⸗ genommen. Der König Wilhelm meldete dieſe glänzende Waffen⸗ that der Königin nach Berlin. „Unter Fritzens Augen heute einen glänzenden aber blutigen Sieg erfochten, ſchrieb er und endete mit den Worten: Gott ſei geprieſen für dieſe erſte glorreiche Waffenthat! Er helfe weiter!“ In ganz Deutſchland jubelte es auf vor freudigem Dankge⸗ fühl. Zum erſten Male hatten Preußen und Bayern gemein⸗ ſchaftlich gekämpft und hatten ihren erneuten Bruderbund mit Blut beſiegelt. Hart ging es zu in den Straßen von Weißen⸗ burg. Die Franzoſen verſchansten ſich in den Häuſern und ſchoſſen aus den Fenſtern und von den Dächern herab. Die Bayern mußten mit den Gewehrkolben die Thüren aufſchlagen dann auf den Treppen, den Fluren, in Zimmern, Küchen unk Ställen kämpfen. Es fielen viele“ An mehreren Stellen brack die Flammen beckten aus den Fenſtern, es fehlte ar Feuer aus, da⸗ wa weh unte und Wa S Sl ſt 0 int Händen, die Muße gehabt hätten, zu retten, wo Jeder nur an lut das eigene Leben dachte. Endlich kam preußiſche Verſtärkung, da hen war es um die Beſatzung geſchehen, die ſchwarzweiße Flagge Rei⸗ wehte neben der blauweißen luſtig auf dem Feſtungsthurme, und von unten lagen in langen Reihen die gefangenen Turkos und Zuaven ſe und ſahen mit ſcheuen mißtrauiſchen Blicken auf ihre Bezwinger. der So war die Eingangspforte zum Elſaß geöffnet. O, welch⸗ ein Wonnegefühl durchbebte jedes Herz bei dieſer Kunde. Abge⸗ uſ, wandt war die Gefahr vom deutſchen Vaterlande, und unſere w Söhne, unſere Brüder befanden ſich auf dem Wege in jenes at ſtolze Kaiſerreich hinein, das ihnen ſo leichtfinnig den Fehdehand⸗ 4 ner ſchuh entgegengeworfen hatte. roſl⸗ Zu gleicher Zeit mit den Bayern und Preußen überſchritten auch die Badenſer, ohne ſonderlichen Widerſtand zu finden, die fransöſiſche Grenze und erbeuteten dreißig Nachen. Es war ein glorreicher Tag, dieſer dritte Auguſt, mit Regenwetter hatte er tel begonnen, doch als die Sonne ſank, beleuchteten ihre letzten Strahlen manch' brechendes Auge, manch' klaffende Todeswunde aber auch manche im heißen Dankgebet gefaltete Hand und ein errettetes Vaterland. Die Franzoſen hatten ſich von Weißenburg in ziemlich eili⸗ 0 2 ger Flucht zurückgezogen. In den Grenzdörfern nahmen ſie F Quartier und ſuchten ſich durch Speiſe und Trank für die empfangene Hle„ 8 * Niederlage ſchadlos zu halten. Sie waren keineswegs entmuthigt — Wechſelfälle des Krieges, ſagten ſie lachend, morgen jagen wir die Deutſchen über den Rhein zurück, übermorgen ſind wir b ſelber da, und am fünfzehnten Auguſt tanzen wir in Berlin — 266— Der Herzog von Montalto empfand ganz die Schmach, die er auf ſeinen Soldatenruhm geladen hatte. Auch er hatte auf dem Gaisberge mit befehligt. Auf ſtolzem Roſſe hielt er hinter ſeinen Soldaten, um mit zuzuſehen, wie ſie die Feinde vernichteten. Das überkühne Heraufſteigen der Preußen erſchreckte ihn mehr, als er es eingeſtehen mochte. Wie er ſie ankommen ſah in geſchloſſenen Reihen, raum einen Blick auf die Granaten werfend, die mitten unter ihnen zerplatzten und große Lücken in ihre Re⸗ gimenter riſſen, wie er ihr tiefes Schweigen bemerkte und den männlichen Ernſt, die unabänderliche Entſchloſſenheit in ihren Zügen las, und vorzüglich, als er ſah, mit welch' einem Gehorſam ſie jedem Kommandoworte der Offiziere folgten, da empfand er es zum erſten Male, daß er vor dieſen Feinden zu zittern hatte. Solche Truppen hatten ihm nicht in Rußland, wo ſich die Soldaten wie Maſchinen bewegen, gegenübergeſtanden, in Mexiko hatte er nur wilde, ungeordnete Haufen, in Italien ſchlecht geleitete und ſchlecht ernährte Leute geſehen, die ohne Hoffnung auf Sieg einem gewiſſen Tode entgegenſtürzten.. hier zum erſten Male ſah er ein Volk in Waffen, Männer, die von einem großen Gedanken begeiſtert waren, die Haus und Hof, die ihre deutſche Nationalität vertheidigten und die vollkommenes Vertrauen in ihre Führer ſetzten, denen ſie unbedingt gehorchten. Wie anders iſt es mit den franzöſiſchen Truppen! Nur durch Zwangsmaßregeln laſſen ſie ſich zuſammenhalten. Jeder folgt ſeinem eigenen Vortheil, keiner kennt, keiner liebt ſeine Vorgeſetzten. Was haben die Afrikaner für ein Intereſſe daran, Frankreich zu vertheidigen, was fümmert es die Franzoſen, ob Louis Napoleon ſiegt oder fällt? Für ſie liegt das Glück des Sieges in den Vortheiken, die ſie den Feinden abgewinnen, ſie wollen auf fremde Koſten leben, genießen, reich werden. Wußten es doch die Wenigſten unter ihnen, warum man eigentlich dieſen Krieg begonnen hatte. Alle unſere Landsleute, die in Frankreich gelebt haben. wiſſen aus Erfahrung, wie tief die Bildung des franzöſiſchen Arbeiters unter der des deutſchen ſteht. Wenige nur können fließend leſen und leſerlich ſchreiben, und ſchlecht deren Ländern ſtände es um ihre Induſtrie, wenn nicht aus an tüch Ark ſam in! abſe bede die ſoff Un wi und ein paat und verk z Ah ihr fun und ver im Hof zur liſch w Ta Be fü mer war und den hine tüchtige Männer hinkämen, um ſſch dort durch eißige und geſchickte die Arbeit, wie ſie der Franzoſe nicht kennt, ihr Brod zu verdienen. em Wo es tüchtigere Leute gi⸗bt, da treten ſie zu Vereinen zu⸗ nen ſammen, aber nicht, um ſich gegenſeitig zu bilden, ſondern um ſich n. in wüſtem Geſchrei zu überbieten. Da wollen ſie das Eigenthum abſchaffen, da wollen ſie frei ſein von Abgaben.. llles das bedachte der Herzog von Montalto, als er die Soldaten ſah, end⸗ die im Augenblicke nach Liner ſchmerzlichen Niederlage lachten, Re⸗ ſoffen und würfelten. Sie lagen vor ihren Quartieren, trieben den Unfug mit den Bauerdirnen, die ſich kreiſchend flüchteten, ſchlugen igen wüthend auf die Tiſche, wenn nicht ſchnell genug das Eſſen kam, ſie und benahmen ſich, als ſeien ſie in Feindesland. Hier taumelte es ein Schwerbetrunkener durch die Gaſſe, dort prügelten ſich ein te. paar Andere. Dazwiſchen ſah man Weiber in rothen Hoſen aten und blauen Jacken, welche Schnaps und Paſteten von Kaninchen hatte verkauften und nicht eben ſpröde thaten, wenn Jemand zur Wür⸗ itet ze des Mahles einen Kuß verlangte. Hunde riſſen ſich um die Sieg Abgänge von der Mahlzeit ihrer Herren, wilde Katzen ſprangen rſten ihren afrikaniſchen Beſitzern auf die Schulter und ſtierten mit ſen funkelnden Augen auf die Köter herab es war ein Lärm ſche und Getreibe, ein unordentliches Durcheinander, das die Sinne in verwirrte. Luſtiger noch ging es in dem Gaſthofe zu, wo die Offiziere Pr im Quartier lagen. Unmaſſen von Gepäckwagen verſtopften den eder Hof und die Gaſſe. Die Bedienten packten aus, was ihre Herren ſin⸗ zur Nacht bedurften, ſeidene Kiſſen, ſammtene Schlafröcke, tür⸗ ran, kiſche Pantoffeln, geſtickte Mützen, Pfeifen und feine Weine, Kuchen ob und eingemachte Früchte, dann für die Toilette des anderen des Tages Bürſten und Kämme aller Arten, Pommaden, Schminken, Bartwichſe und feine Seifen— lauter unentbehrliche Gegenſtände uien für einen franzöſiſchen Edelmann. Oben in den beſten Gaſtzim⸗ mern ſaßen die Herren bei einem eilig bereiteten Mahle und waren äußerſt vergnügt. Luſtige Mädchen miſchten ſich unter ſie 4 und ſcherzten mit ihnen. Sie trugen lange Schleppen an den ſei⸗ d denen Kleidern, die nach hinten zu weit aufpufften, ihre Haare hingen in künſtlicher Unordnung über den Nacken herab, ihre ber 6 Schultern waren entblößt und ihre Wangen und Augenbrauen waren gemalt. Hei, wie fnallten die Champagnerpfropfen, wie luſtig klangen die Lieder. Wer wollte ſich grämen um eine kleine Riederlage, wie die von Weißenburg? Hatte man doch Saar⸗ brücken, und morgen ſollte Alles wieder gut gemacht werden. Der Herzog von Montalto verweilte nur kurze Zeit unter den Fröhrchen, es war ihm, als müßte er erſticken vor Verachtung. Er ging auf ſein⸗Bimmer und ſetzte ſich an den Schreibtiſch, um den Bericht über ſeine Betheiligung an dem heutigen Gefecht aufzuſetzen. Was ſollte er ſchreiben? Von dem Heldenmuthe der Deutſchen, die wie eine geſchloſſene Mauer hinaufgerückt waren, bis ſie nahe genug ſtanden, um eine Salve zu geben, bei welcher jede Kugel ihren Mann traf? Der Lieutenant Bertin, ſein Adjutant, trat zu ihm. — Leſen Sie meinen Bericht, ſagte er und ſchob ihm das Papier hin. Der Lieutenant las Verbeugung zurück. — Nun, was meinen Sie? fragte der Herzog, reden Sie offen. — Ich meine, verſetzte der junge Mann, daß dieſe Schilderung des heutigen Gefechtes dem Kaiſer nicht gefallen wird. — Warum nicht? — Weil ſie zu währ iſt. — Hätte ich lügen ſollen? Der Wahrheit ein buntes Läppchen umhängen⸗ heißt noch und gab das Blatt mit einer tiefen nicht lügen. — Aber immer ſchimmert die Wahrheit unter dem Läppchen wir ſind geſchlagen, Bertin, geſchlagen von den Deutſchen! — Ja, aber warum, Herr Herzog? Weil zufällig eine Gra⸗ nate in unſere Mitrailleuſenbatterie fuhr⸗ die nur drei Schüſſe abgegeben hat, ehe ſie unbrauchbar wurde, vielleicht auch, weil Seneral Douay Fehler machte. — Soll ich die Schuld auf einen Todten werfen? wer abf dem und Sac beid Gre wat Sra Sie Spyi noch pchen den Gu⸗ iſ wil — 269— — Er wird es verzeihen... den Lebenden verzeiht man nicht, wenn ſie Unerfreuliches melden. Der Herzog ſeufzte tief. — Sie haben Recht, ſagte er, ich muß dieſen Bericht anders abfaſſen, damit er in Paris kein böſes Blut macht. Und außer⸗ dem, wenn es uns morgen gelingt, die Grenze zu überſchreiten und den Feind in ſeinem eigenen Lande anzugreifen, wi* die Sache bald vergeſſen ſein.. Doch, ſagen Sie mir, ſind die beiden Soldaten zurück, welche die ſeltſame bleiche Frau über die Grenze brachten? — Nur der Eine, Leo Rellac, kehrte wieder, den Andern, es war ein Elfaſſer, habe ich nicht wiedergeſehen. — Iſt dieſer Rellac unverwundet? — Ja, ſo viel ich weiß. — Laſſen Sie ihn feſtnehmen, er muß für den Andern ſtehen, falls der derſertirt ſein ſollte. — Zu Befehl. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, und bleich, mit zuſammengezogenen Augenbrauen, trat Hektor von Bellegarde in das Zimmer. Der Herzog ſtand auf und trat ihm entgegen. — Ah, ſieh da, mein lieber Hektor, rief er mit einer Freund⸗ lichkeit, von der ſein Herz nichts wußte. Ich habe von Ihrem Unfall gehört und freue mich aufrichtig, Sie wieder hergeſtellt zu ſehen. Hier mein Bericht an den Kaiſer, Lieutenant Bertin, laſſen Sie ſogleich einen Kurier abgchen. Als der junge Offizier das Zimmer verlaſſen hatte, warf der Sraf von Bellegarde ſein Käppi auf den Tiſch. — Ich komme, Rechenſchaft zu verlangen, Herr Herzog, ſagte a im Tone unterdrückter Wuth. — Rechenſchaft wofür? fragte der erſchrockene Montalto. — Für eine grenzenloſe mir zugefügte Schmach, brach der Braf heraus. O, hielten Sie mich für einen Schwachkopf, als Sie mich von Algier hierherkommen ließen, meinten Sie, Ihr Spiel mit mir treiben zu dürfen? — Lieber Hektor, unterbrach ihn der Herzog, ich verſtehe Sie nicht, doch bedenken Sie Tag und Stunde. Wir ſind ge⸗ ſchlagen, Hektor, geſchlagen von den Deutſchen.. iſt das eine Zeit zu Zwiſt und Hader? — Geſchlagen! hohnlachte der junge Graf. O, es iſt herr⸗ lich, dahinter einen Deckmantel zu ſuchen. Ich kam in der letzten Nacht hier an, denn nach Allem was ich in Paris erlebt yatte, ſehnte ich mich nach Kampf und Schlachtgetümmel. Ich vegebe mich nach Weißenburg und nehme Quartier. Riemand ahnt den Hereinmarſch der Bayern, ich ſchlafe lange nach der Anſtrengung der Reiſe, da ſchrecken mich Flintenſchüſſe empor, oas Haus iſt umſtellt, ich werfe mich in die Kleider, ich ſtürze nuf die Straße, ich rufe meine Leute zuſammen und ſie verthei⸗ digen ſich wie Hyänen und Schakals, die ſie ſind. vergeblich. Bayern und Preußen ſtürmen die Thore der einen Seite, indeſſen die Unſeren in toller Unordnung zur anderen Seite hinaus⸗ eilen. ein herrlicher Anfang des Krieges, das feſte Weißen⸗ burg verloren, und warum? Weil Niemand Augen und Ohren offen hatte, weil nicht einmal die Hunde bellten, als ſich die Feinde leiſe wie Katzen heranſchlichen... — Was liegt an Weißenburg, lieber Freund! rief Montalto mit beruhigendem Tone. Ich habe ſichere Nachricht, daß der Kronprinz von Preußen auch ſeine andern Armee⸗Korps heranzieht. Wir werden ihn zu einer offenen Feldſchlacht zwingen. Mac Mahon iſt mit ſeiner ganen Macht ganz dicht bei uns, die näch⸗ ſten Tage werden etwas Entſcheidendes bringen, einen großen Sieg, der die Deutſchen für immer einſchüchtern und entſchieden zurückdrängen muß. — Sie hoffen darauf? — Ich hoffe nicht nur, ich erwarte es mit Sicherheit. Was iſt es mit dieſen Deutſchen? Weil ſie uns umworbereitet fanden, weil... Douay... grobe Fehler machte... gelang es ihnen, uns einen Schritt zurückzudrängen. Wir werden ihn mit Sie⸗ benmeilenſtiefeln vorwärts machen, ſobald unſere Korps vereinigt ſind Der Herzog ſprach gegen ſeine Ueberzeugung, er ſprach um den Anderen nicht zu Worte kommen zu laſſen, denn Hektors Nien Schw zuckte Prive dazu heute Anor oder nen um! einen ihn Alg übe ber nich ſend den gefu Leb wer Fa wa dur ge⸗ Miene verhieß ihm nichts Gutes. Dieſe aber ließ ſich nicht zum ine Schweigen zwingen. — Iſt es, wie Sie ſagen, ſprach er, und ein boshaftes Lächeln he öuckte über ſein gelbliches Geſicht, ſo laßen Sie uns heute noch der Privatgeſchäfte ordnen, weiß man 63 nicht, ob es nicht morgen erlebt dazu zu ſpät ſein möchte. 30— Ich bitte Sie, lieber Hektor, fiel der Herzog ein, nicht m heute, ich bin beſchäftigt, habe noch allerlei Rapporte zu hören, der Anordnungen zu treffen. nor— Und mir Rede zu ſtehen, rief der Graf mit ſtarker Stimme, oder vor allen Ihren Offizieren will ich Sie einen Schurken nennen. Der Herzog erbleichte, er mußte ſich auf einen Tiſch ſtützen, um nicht zu wanken .— Sprechen Sie, ſagte er mit leiſer Stimme und ſank in ſ einen Stuhl, gefaßt, auch das Schlimmſte zu vernehmen. S Es ſollte ärger kommen, als er erwartet hatte. einde— Erkennen Sie dieſen Brief? fragte der Graf und hielt ihm ein Papier unter die Augen. Das ſchrieben Sie mir nach it Algier, hören Sie: Helene wird Ihnen gefallen, davon. bin ich her überzeugt⸗ denn ſie iſt ſchön und unſchuldig wie ein Engel, daß niht. aber auch Sie ſollen, dafür ſtehe ich ja ich mache Nu mich hiermit anheiſchig, Ihnen Ihre Reiſekoſten mit zwanzigtau⸗ i ſend Franks zu vergütigen, wenn aus dieſer nichts wer⸗ den ſollte. ſohe— So ſchrieben Sie mir, Herr dein und was habe ich itn gefunden? Der unſchuldige Engel unterhält ein faſt ſtadtbekanntes Liebesverhältniß mit einem italieniſchen Maler, den ſie in Män⸗ F nerkleidern durch das Dunkel d Nächte in ſeine Wohnung begleitet. — Unmöglich! fuhr der Herzog empor. fanden— Und dennoch durch Zeugen beſtätigt, fuhr Hektor fort. ihnt Fand ich nicht ſelbſt den langhaarigen Burſchen in ihrem Zimmer, i9 warf ſie ſich nicht jammernd über ihn, als ich ihn mit dieſem Degen ereing ourchbohrte, ſchwur ſie mir nicht an ſeiner Leiche niemals meine 3 Gattin zu werden! Und Ihre Frau, Herr Herzog, o wie ſtolz — 272— wies ſie mich hinweg, mich, den Grafen Hektor von Bellegarde Verſtehen Sie, daß ich auf dieſem ſtlozen Namen nicht die Schmach ſitzen laſſen werde, einen Korb mit nach Algier zu nehmen, nach⸗ dem ich dreihundert Meilen gemacht habe, um das Fräulein von Montalto zu heirathen? — Was aber kann ich thun? fragte der Herzog, wie kann ich Helenen zwingen, Ihre Frau zu werden, wenn der Krieg alle meine Kräfte in Anſpruch nimmt? — So halten Sie mir Ihr Wort, brauſte ſein Gegner auf. Alle tauſend Teufel, ich will mein Geld haben, heute noch, jetzt jett! Zwanzigtauſend Franks. ein Lumpengeld! Heraus damit mit mehr, weit mehr, denn ich habe einen Mann in meinen Dienſten, welcher behauptet, Geld aus Ihnen herauszwicken zu können. Soll ich Ihnen Iſidor ſchicken? Ich brauche Geld Bombenelement, warum antworten Sie mir nicht? — Was ſoll ich ſagen, ächzte der Herzog, ich habe keins! — Keins, kein Geld... wers Ihnen glaubte, lachte Hektor auf, und wer ſich von ſolchen Ausreden fangen ließe! Iſt Ihr Gewiſſen ſo peinlich? Haben Sie keine Kaſſen unter ſich? — Ich bin der Kommandant, nicht der Zahlmeiſter mei⸗ ner Diviſion. — So ſtehlen Sie, ſo plündern Sie. was geht das mich an, woher Sie es nehmen? Geld will, Geld muß ich haben, und beſitze ich etwa nicht das Recht, es zu fordern? Dieſer Brief von Ihrer Hand, mit Ihrer Namensunterſchrift Schwerenoth! Wenn ich ihn den Herren da oben vorleſe, wenn ich öffentlich erzähle, was Ihre Richte für Streiche macht. glauben Sie, die Offiziere möchten noch unter Ihnen dienen. wiſſen Sie, was es heißt, abgeſetzt, infam kaſſirt zu ſein? Montalto war blau im Geſicht geworden vor Schreck und Angſt. — Bis morgen, flehte er, laſſen Sie mir Zeit bis morgen! — Daß ich ein Narr wäre! Morgen könnte eine preußiſche Kugel dem Scherz ein Ende machen. Herr, Ihrer Ehre würde ſie nichts helfen, dieſe Kugel, denn dann ſoll Iſidor reden, der ſol S ſol nu ve — 273— arde mach ſoll Ihnen über das Grab hinweg Dinge nachſagen, die Ihre nach⸗ Söhne zwingen werden, einen anderen Namen anzunehmen, dann von ſoll Helene von Montalto an den Pranger der öffentlichen Mei⸗ nung kommen. kann Der Herzog ſprang empor. alle— Gut, ſagte er mit einem plötzlichen Entſchluſſe. In einer Stunde ſollen Sie zwanzigtauſend Franks erhalten, wenn Sie egner mir verſprechen, nichts weiter weder gegen mich noch gegen die noch, Meinigen zu unternehmen. eraus— Ich verlange mehr, verſetzte Bellegarde mit heimtückiſchem m in Blick. Ich bin edel genug, mich über den Makel auf Helene von viden Montalto's Ruf hinweg zu ſetzen, ich verlange ſie zur Frau, ſo⸗ geld bald der Krieg vorbei iſt, ich mache das zur ausdrücklichen Bedin⸗ gung meines Stillſchweigens. — Auch das noch, ſeufzte der Herzog. Arme Helene, arme Iduna, beide fürs ganze Leben gefeſſelt an.. Schurken Dann, ſich emporraffend, ſagte er: — Ich verſpreche auch das noch! Schriftlich, drängte der Graf und ſchob dem Herzog das Schreibzeug hin, mit welchem er vor Kurzem den verſchönten Bericht über das Gefecht bei Weißenburg aufgeſetzt hatte. Der Herzog ſchrieb: — Kehre ich lebend aus dem Kriege zurück, ſo ſoll Helene Montalto, meine Richte, die Gemahlin des Grafen Hektor von Bellegarde werden, wenn er das Verſprechen hält, welches er mir auf ſeine Ehre geleiſtet. Der Graf hatte ihm über die Schulter geſehen, als er dieſe Worte ſchrieb und unterſiegelte. 3— Gut, ſagte er, das bindet meine Zunge. Und das Geld? — In einer Stunde. t u— Wo? — Hier auf dieſem Tiſche. orgenl— Gut, ſagte der Graf nahm ſeine Kopfbedeckung und ujſh verließ das Zimmer. vür— Er kann alſo Geld herbeiſchaffen, ſagte er zu ſich ſelber, del D. V. 18 — 274 es iſt gut, daß ich es weiß. Mir ſelber freilich iſt jetzt die Mög⸗ lichkeit genommen, ihn noch fernerhin zu ſchröpfen, aber Iſidor iſt da, und der wird ſeine Sache gut machen. Er begab ſich zu den Offizieren. Die Luſtigkeit hatte ihren Höhepunkt erreicht. Liſette befand ſich in der Geſellſchaft, ſie ſang Gaſſenhauer, tanzte zu den Klängen eines verſtimmten Klaviers und trank ein Glas Champagner nach dem andern. Als ſie Hektor eintreten ſah, ſprang ſie auf ihn zu und zog ihn unter die Tanzenden. Plötzlich hielt ſie inne, und mit beiden Händen ſeinen Kopf aufrichtend, rief ſie aus: — Seht Euch dies Geſicht an, meine Freunde! Wenn Ihr ihn an die Grenze ſtellt, wird in Deutſchland alle Milch ſauer! Kann der Menſch wohl einmal luſtig lachen, wie unſer Einer? Pfui über den Griesgram! Champagner her, ich will ihm die Falten von der Stirn waſchen! Damit goß ihm die tolle Dirne ein Glas ſchäumenden Weines in das Geſicht. Hektor wollte böſe werden, ſie aber trocknete ihn ſchnell mit der rauſchenden Seide ihrer Schleppe ab, wickelte ihn in den reichen Stoff, als wäre er ein Kind, und walzte mit ihm durch den Saal. Alle lachten, was blieb dem Grafen übrig, als mit zu lachen? Bis tief in die Nacht hinein erſcholl der laute Jubel. Niemand von den trunkenen Offizieren bemerkte es, daß der Graf von Bellegards ſich nach einer Stunde hinausſchlich, um zwanzig⸗ tauſend Franks zu holen, die er dem unglücklichen Herzog von Montalto abgepreßt hatte, und daß er wiederkehrte, indem ein Strahl ſtolzer Freunde auf ſeinem dunklen unſchönen Ge⸗ ſichte lag. als wül welc des ſoch Jetzt ſein dur hatt auf ihm noch Um mar das ſün le idor 33. Kapitel. ſang 5. Ein verhängnißvolles Glas Waſſer. die Der Herzog Hermann von Montalto war allein geblieben, inen als Hektor von Bellegarde ihn verlaſſen hatte. In ſeinem Herzen wühlte Verzweiflung. Vild faßte er ſich in das Haar, durch Ihr welches ſich ſchon einzelne helle Streifen zogen, ein Zeichen nicht merl des Alters, ſondern des allzuſchnellen Lebensgenuſſes. ner Jetzt erſt war er ganz elend. Vor einer einzigen Stunde die noch war ihm der Tod als ein ſicheres Rettungsmittel erſchänen. Jetzt war auch das vorbei! eines Wenn er ſich ſelber das Leben nahm, ſo warf die Rachgier 34 ihn ſeiner Feinde Koth auf ſein Grab, beſchimpfte ſein Andenken eihn durch die Enthüllung deſſen, was er Böſes und Ehrloſes gethan durch hatte und warf eine unauslöſchliche Schande auf ſeine edle Gattin, nit auf ſeine unſchuldigen Kinder. Seine Kinder.. Es krampfte ubel. ihm die Bruſt zuſummen, wenn er an ſie dachte. Lebten Sie Graf noch, waren ſie nicht unter den Händen eines ſchändlichen Mannes nzig⸗ umgekommen, eines Böſewichts, der die heilige Religion zum Deck⸗ etzog mantel der ſcheußlichſten Ränke macht? Er wagte es nicht, ſich indem das Schickſal der Seinigen vorzuſtellen, an denen er ſoviel ge⸗ nGe⸗ ſündigt hatte, er wollte nur an das Pächſtliegende denken. An Helenens Schuld glaubte er nicht, er wußte ſie zu ſicher bewacht unter Iduna's mütterlicher Aufſicht. Er, er allein war ſchuldbe⸗ laden, und allem Entehrenden, was er bisher gethan hatte, wollte er jetzt das Schlimmſte hinzufügen. Er klingelte nach ſeinem Bedienten. Dieſer kam. — Welche Offiziere find oben im Saale? fragte er. Der Diener nannte viele Namen. Montalto frug nach einigen und erfuhr, daß man ſie vermiſſe. Er wußte bereits, daß etwa tau⸗ fend Mann bei Weißenburg gefangen genommen worden, darunter 18* — 276— ungefähr dreißig Offiziere, er wußte auch, daß eine bedeutende Anzahl von Verwundeten unter den Händen der verbindenden Aerzte ſtöhnte, er beneidete das Loos des Elendeſten unter ihnen, er hätte die größten körperlichen Schmerzen tauſend Mal lieber erduldet als dieſe furchtbare Seelenmarter. — Iſt der Feldzahlmeiſter oben? fragte er. — Ja, verſetzte der Bediente lächelnd, er macht Mademoiſelle Liſette den Hof und iſt ſchon ziemlich betrunken. — Genug, verſetzte der Herzog und entließ den Diener. — Sie tanzen, ſie trinken, ſagte er zu ſich, als ob wir nicht geſchlagen wären, als ob der Feind nicht auf unſerem Boden ſtände, als ob es in den nächſten Tagen nicht Tod und Verder⸗ ben für Tauſende gäbe. O die Elenden! Könnte ich ihnen doch an meinem Leben ein warnendes Beiſpiel geben, ihnen zeigen, wohin Genußſucht führt. Und Hektor tanst und lacht mit ihnen, dieſer junge Mann mit dem alten Herzen, der ſtatt der Begeiſte⸗ rung, die ſonſt ſeinen Jahren eigen iſt, nichts kennt als Ränke⸗ ſucht, Geldgier, Rachluſt und ſchnöden Eigennutz. Doch was hilft es! Ich bin in ſeiner Gewalt, ich muß das Aeußerſte wagen, um für wenig Wochen ſein Stillſchweigen zu erkaufen. Wir werden ſiegen, gewiß, wir werden ſiegen, und dann, o dann kann noch Alles gut werden. Der Kaiſer iſt gnädig, er theilt ſeinen Getreu⸗ en reiche Gaben aus, ich kann meine Schulden decken, kann mich mit den Meinigen auf Iduna's Güter in Oberitalien zurückziehen und nur ihrem Wohle leben.. ihrem Wohle. ich, der ich ſie ſo elend gemacht habe, ich, der ich im Begriffe ſtehe zu thun, was mir auf ewig den Muth benimmt, meiner Gattin, meinen Kindern in die Augen zu blicken. Doch was helfen mir dieſe Gedanken? Ich muß, ich muß! die Hölle hält mich in ihren Banden. Vor⸗ wärts, Herzog von Montalto, vorwärts auf dem Wege zur Schande, zur Verzweiflung... zur Hölle! Er nahm ein Licht und verließ vorſichtig ſein Zimmer. Draußen forſchte er mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Er vernahm das immer lauter werdende Lachen der Zechenden, es ſchnitt ihm durch das Herz, daß ſie jubeln konnten, indeſſen er ſo furchtbar olend war. Leiſe ſchlich er ſich die Treppe hinauf über einen lang und rei — 277— ſende langen Gang in das Quergebäude. Hier ſtand eine Schildwache edi und zog den Degen an, als der Kommandant vorüber ging. hnen,— Iſt der Feldzahlmeiſter oben? fragte er den Soldaten. ſche— RNein, Herr General, er iſt bei dem Schmauſe, verſetzte der Mann, oben iſt nur Aſſab, der Turko. Der General ging weiter, er kam zu dem Quartier des Feld⸗ diſtie zahlmeiſters. Das Zimmer war verſchloſſen, auf einer Strohdecke lag der Turko mit gekreuzten Beinen und rauchte ſeine Waſſer⸗ pfeife. — He, Aſſab, hole Deinen Herrn, ſagte der Herzog, ich muß ihn ſprechen. Der Turko erhob ſich mit Schnelligkeit und wollte hinunter. — Machſt Du die Thür nicht auf, Du Heide? rief Mon⸗ talto. Soll ich hier draußen ſtehen? Aſſab verbeugte ſtch tief, dann ſchloß er das Zimmer auf, ihne ließ den Herzog hinein, zündete ein Licht an und eilte davon, geiſt⸗ um ſeinen Herrn zu benachrichtigen. ſinb⸗ Der Herzog ſah ſich um. Es war ein ziemlich geräumiges hift Gemach. Das Feldbett war aufgeſchlagen und mit weißen Pol⸗ 5 ½ ſtern und einer weichen Decke belegt, auf dem Kopfkiſſen bemerkte Montalto zwei Piſtolen, an der Wand einen Degen. noi— Er iſt auf ſeinen Schutz bedacht, ſagte er zu ſich, und er etreu⸗ hat Recht, wer weiß, von welcher Seite Verrath und Mord kom⸗ nih men können? tichen Auf dem Tiſche ſtand ein blecherner Präſentirteller, auf der i welchem ſich zwei Gläſer und eine große Flaſche voll Waſſer be⸗ fandenn Der Herzog blickte in die Gläſer hinein, ſie waren klar indern und ſauber. Dann griff er in ſeine Taſche und zog ein Papier anken! heraus. Was war es denn, was er in ſeinen zitternden Händen Vol⸗ hielt? Er öffnete das kleine Papier, es enchielt wenige Körner hond eines feinen weißen Pulvers. Schnell, mit abgewandtem Geſichte, warf er dies Pulver in eines der Gläſer, dann faßte er ſich mit immer der Hand an die Bruſt, als hätte er fich das Herz aus dem Leibe rnuhn reißen mögen in Schmerz und Verzweiflung. Darauf ſetzte er tt ihn ſeine Unterſuchung fort. rhtbet Da ſtand der Kaſten mit dem Gelde, aus welchem den einen — 278— Truppen der Sold bezahlt werden ſollte, er hob ihn, es mochte noch ziemlich viel darin ſein. Der Kaſten war verſchloſſen, er vefand ſich an dem Kopfende von des Zahlmeiſters Bett. Jetzt ſetzte ſich der Herzog an den Tiſch und nahm ein Zeitungsblatt, um es bei dem Schein der Wachskerze zu leſen. Das Blatt war mehrere Tage alt, und ſeine Finger bebten, als fie es hielten. gs waren Anreden an den Muth des franzöſiſchen Volkes, welches man das erſte der Velt nannte, eswaren niedrige Schmeicheleien. „Auf, ihr Söhne des franzöſiſchen Kaiſerreiches, hieß es, ihr ewig Unbezwinglichen, das Glück heftet ſich an Eure Sohlen, der Sieg folgt Euren Adlern. Feuer ſpeien Eure Mitrailleuſen in die Reihen der feigen Feinde, doch mehr als Eure Kugeln fürchten fie den Blick Eurer Augen, der ihnen Schrecken und Untergang verkündigt. Was hättet Ihr zu ſcheuen? Unerbittlich zertritt Euer Fuß Alles, was ſich Euch widerſetzen will; zermalmt die Saaten, vernichtet die Wohnſtätten, verzehrt die Rahrung Derer, die es wagen, ſich gegen Eure Uebermacht aufzulehnen. Der Ruhm iſt Euer Erbe, er heftet ſich an den Namen Deſſen, der Euch keitet, an den glorreichen Ramen Napoleon.“ So ging es weiter, ſo wurden die franzöſiſchen Soldaten aufgefordert, ſchonunglos die Feinde zu vernichten, und heute, heute ſchon, waren mehr als eintauſend von ihnen in die Hände der Deutſchen gefallen. Welch' gräßliche Rachewürden ſie nehmen, dieſe halb barbariſchen Deutſchen, denen der Sieg ſo unerwartet zu Theil geworden war? Der Herzog hatte nicht Zeit, ſich bei dieſem Gedanken aufzuhalten, er vernahm den ſchweren, taumeln⸗ den Schritt des Zahlmeiſters, welcher, geführt von Aſſab, die Treppe heraufſtolperte. Montalto zitterte. Der Mann ſtand vor ihm mit von Wein geröthetem Geſichte, mit lallender Zunge. — Ich habe mit Ihnen allein zu reden, ſagte er, und Aſſab kehrte auf ſeinen Poſten vor der Thür zurück und zu ſeiner ge⸗ liebten Waſſerpfeife. — Sie find betrunken, ſagte Montalto dann zu dem Manne, der ſich mit Mühe auf den Beinen hielt, trinken Sie ein Glas Waſſer, das wird Sie ein bißchen zur Beſinnung bringen. Der Berauſchte nickte bejahend mit dem Kopfe. Mi gen Bet nied den ſein wo int dan ſinn beg Fra das auf fih zochte n, er Jett hlatt war elten. elches leien. s ihr der en in rchten rgang Euer aaten, die es Ruhm 6uch daten heute, hände hmen wartet ich bei umeln⸗ 1d vol ge dſb net ge Rannt, 1 Gl⸗ . — 279— Der Herzog ſchenkte das Glas halbvoll und reichte es ihm. Mit einem Zuge trank er es aus. Montalto beobachtete ihn genau, er wurde kirſchroth im Geſichte. Stumm reichte er ihm den Arm hin und führte ihn an das Bett, auf welches er ſchwerfällig und mit halbgeſchloſſenen Augen niederſank. Ein Griff in ſeine Bruſttaſche ſetzte den Herzog in den Beſitz der Schlüſſel zu dem Geldkaſten, er ſchloß ihn auf, ſeine Hand wühlte in Papieren... zwanzigtauſend„ warum ſo wenig? Iſt ein Menſchenleben nicht mehr werth? Er nahm, was er faſſen konnte, und verbarg es ſchnell in ſeinem Rock, dann ſchloß er den Kaſten und ſteckte den Schlüſſel wieder in die Taſche des beſinnungslos daliegenden Zahlmeiſters. Darauf ging er zur Thür, aber er kehrte wieder um, abermals goß er Waſſer in das Glas und ſpülte es ſorgfältig in dem Woſchgefäß aus, dann erſt trat er zu Aſſab hinaus. — Mit deinem Herrn iſt nicht zu ſprechen, ſagte er, er iſt ſinnlos berauſcht. Sieh nach ihm und bringe ihn in das Bett. Aſſab gehorchte der Weiſung, und der Herzog verfügte ſich wieder in ſeine Wohnung Hier ſchloß er ſich ſorgfältig ein und begann ſeinen Raub zu zählen. Es waren fünfundfunfzigtauſend Franks. Das Papiergeld zitterte in ſeinen Händen, ihm ſchien das leiſe Kniſtern wie Donnergetön. Zwanzigtauſend legte er auf den Tiſch, dann öffnete er die Thür, welche zu dem Gange führte. — Wenn der Graf von Bellegarde kommt, ſo laß ihn herein, herrſchte er der Schildwache zu. Du brauchſt ihn nicht erſt zu melden. Dann ging er wieder hinein, ſchraubte die Lampe niedrig, zündete ein Licht an und begab ſich in ſein Schlafzimmer Hier trat er vor den Spiegel und beleuchtete ſein erdfahles Geſicht. — So ſieht ein Mörder aus, ſagte er. O, daß man leben kann, leben mit dieſem Bewußtſein! Mörder und Dieb! Iſt es nicht, als ob es aus allen Wänden mir entgegenſchreit: Mörder und Dieb! O und kein gemeiner, es iſt der Herzog Hermann von Montalto, es iſt der General des Kaiſers, es iſt der Ritter mannigfacher Orden, es iſt der Gatte des — 280— edelſten Weibes. Ach, ach, wie das ſchmerzt, wie das brennt, wie das mein Inneres zerreißt! Iduna. Dein Gatte ein Mörder, dein Gatte ein Dieb.... Iduna! Gott ſtellte einen Engel an meine Seite, aber ich übergab mich dem Teufel! Zu Bett, zu Bett, morgen, wenn die Sonne aufgeht, wird man die Leiche finden, ſeine... warum nicht die meinige? Ha ha, ich darf ja nicht ſterben, lebend muß ich meine Schande tragen, muß ſie wachſen ſehen, rieſengroß, bis ſie mich erdrückt, vernichtet hat welch ein Elend, welch' eine Marter!——— De vernahm er ein Geräuſch im Nebenzimmer. Gewiß, es war der Graf Hektor von Bellegarde, welcher kam, ſein Geld zu holen, das auf dem Tiſche lag. Ganz deutlich hörte er ſeinen Schritt und das Klirren ſeines Degens auf dem Fußboden des Zimmers. Wie er dieſen Menſchen haßte, der ihn gezwungen hatte, zu thun, was ihn ewig reuen mußte! Ja, wenn er ihn ſelber hätte tödten können mit dieſem Gifte, welches er ſchon lange bei ſich trug, um ſeinem Leben ein Ende zu machen, wenn es ihm beliebte! Aber was half ihm das? Dann war noch Iſidor, der von ſeinen Betrügereien wußte, dann war Venturo, der ihm die Geſchichte mit ſeiner zwiefachen Ehe vorhielt, und Franz Godard, der ihn Vater nannte, und jener Mann, dem er die Gewehre verkauft hatte, und Moſes, der Wucherer, dem er die Scheine über das Vermögen ſeines Mündels verſetzt hatte... ſie Alle riefen Schande über ihn, ſie Alle wußten von ihm zu ſagen, was ſchlecht und gemein war..... Er fand keine Ruhe auf ſeinem Lager. Sobald er draußen auf dem Gange einen Schritt vernahm, ſagte er zu ſich: — Jetzt haben ſie ihn gefunden, ſterbend, oder ſchon todt. Wie mag er ausſehen? Konnte er noch reden? Hat Aſſab einen Verdacht gegen mich laut werden laſſen? Der Morgen kam. Noch ehe die Sonne ſich völlig gehoben hatte, meldete man dem Kommandanten den plötzlichen Tod des Zahlmeiſters. Er hatte viel getrunken und gelacht, ein Schlag⸗ fluß mußte ſeinem Leben ein Ende gemacht haben. Montalto mußte die ganze jämmerliche Komödie durchſpielen, mußte erſtaunt und erſchrocken thun, mußte zu der Leiche hintreten und ihr in —— ——— ennt, rder, lan t zu Leiche darf ſie that ß, es ld zu ſeinen des t ihn ſchon wenn ſdor, r ihn Funz hm zu raußen todt h einen ehoben od de Schlah⸗ ontalb rſtallht — 281— das Geſicht blicken, deſſen ſtarre Bläſſe ihn anklagte. Er erwählte eine Kommiſſion von drei Offizieren, welche die Bücher und die Kaſſe unterſuchen ſollten, doch noch ehe dieſe ihre Arbeit begin⸗ nen konnten, langte der Befehl zum Aufbruch an. In Sile begrub man den Todten, der Herzog ſelber redete an dem offenen Grabe einige Worte zu ſeiner Ehre, nannte ihn treu ſeinem Kaiſer, rechtſchaffen und zuverläſſig in ſeinem Amte, ſeine Stimme zitterte nicht, ſeine Kniee brachen nicht ein, als er eine Handvoll Erde in die Grube warf, aber aus dem Krachen der Schüſſe, die über das Grab abgefeuert wurden, klang es ihm wie hölliſches Hohngelächter. Draußen auf der Gaſſe war lautes Treiben. Die Soldaten ſammelten ſich zum Aufbruch. Manche waren ſchon am frühen Morgen betrunken. Ueberall gab es Gezänk und Geſchrei. Die Wirthe dankten Gott, die ungebetenen Gäſte los zu werden, und dieſe nahmen mit, was ſich ſchleppen ließ. Hier ragte eine Wurſt aus der Taſche der weiten Hoſen, dort ſah der Hals einer Flaſche unter der Jacke hervor. Die braunen und ſchwarzen Turkos, die nicht franzöſiſch verſtehen und ſich mit ihrem Arabiſch Riemand verſtändlich machen können, griffen am ſchnellſten zu, wo es et⸗ was zu faſſen galt, was zur Bequemlichkeit oder Nahrung dienen konnte. Als ſie fort waren, ſah der Ort wie verwüſtet aus. Ue⸗ berall ſah man zerſchlagenes Hausgeräth, zerbrochenes Glas und Porzellan, umgeworfene Zäune, losgebrochene Latten und Schmutz und Unrath, wohin man blickte. Der Herzog von Montalto ritt überall umher, ſeine Thätig⸗ keit fiel allgemein auf, er wollte Zerſtreuung ſuchen, die er nur in beſtändiger Bewegung fand. Schwer wurde es ihm, die Trup⸗ pen zu ordnen, und als es gelungen war, ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel. Des Herzogs Auge ſtreifte umher, er ſuchte Hektor von Bellegarde und war froh, ihn nicht zu finden. Der Zug bewegte ſich in ſüdweſtlicher Fichtung von Wei⸗ ßenburg fort auf der Straße von Sulz nach der franzöſiſchen Grenz⸗ feſtung Vitſch. Hier ſollte die Diviſion mit der Armee des Herzogs von Magenta zuſammenſtoßen. Dieſe Armee umfaßte beinahe die Hälfte der damals kriegsbereiten franzöſiſchen Streitmacht, ſie war — k————— — 282— Ddazu beſtimmt, den Kronprinzen von Preußen mit einem einzigen Schlage zu erdrücken und den Weg in das Innere Deutſchlands zu eröffnen. Die Niederlage bei Weißenburg hatte in Paris einen traurigen Eindruck hervorgerufen, eine neue, eine ſiegreiche Schlacht ſollte dieſen Eindruck verwiſchen, ſollte den franzöſiſchen Woffen den Glanz zurückgeben, mit dem ſie ſo laut zu prahlen wußten. Unbeſchreiblich groß war der Jubel, welchen die Kunde von der Einnahme der Städte Saarbrücken und St. Johann in Pa⸗ ris verurſachte. Alle Häuſer hingen die dreifarbige Flagge heraus, über die Geländer der Balkone legte man bunte Teppiche, Blu⸗ menguirlanden zierten die Eingangsthüren, und am Abend erglänzten die Fenſter in dem Schimmer unzähliger Lichter. Die Menſchen, die ſich auf der Straße begegneten, riefen ſich ſieges⸗ trunken die frohe Botſchaft zu. Alle Kaffeehäuſer waren überfüllt von glücklichen Leuten. Perſonen, die ſich früher niemals geſehen hatten, ſtießen mit einander an auf Frankreichs Größe und Frank⸗ reichs Ruhm, und die Muſikanten durften nicht aufhören, die Rationalgeſänge zu ſpielen, vorzüglich die berühmte Marſeillaiſe. Mit dieſem Revolutionsliede, welches man ſang⸗ als unter dem Beile der Guillotine Tauſende von Köpfen franzöſiſcher Ad⸗ liger fielen, begeiſterten ſich auch jetzt dieſe gedankenloſen Menſchen zu einem Kampfe gegen ein friedfertiges Brudervolk, dem es niemals eingefallen iſt, das Banner der Tyrannei gegen Frank⸗ reich zu erheben. In allen Theatern ſang man es mit ſtürmi⸗ ſchem Entzücken, alle Drehorgeln ſpielten die vielgeliebten Töne, alle Kinder jodelten ſie bei ihren Spielen. Es war ein Rauſch der Freude, ein Rauſch, der nur wenige Tage dauern ſollte. Inmitten der feſtlich geſchmückten Häuſer blieb eines ſtill und verſchloſſen. Dichte Gardinen bedeckten die Fenſter, welche auf die Straße führten, die Thür öffnete ſich nur ſelten, um einen Diener hinaus zu laſſen, der eilig über die Straße lief und mit bedrückter Miene wieder kam, mitunter hielt ein Wagen vor der Thür, aber es war kein froher Gaſt, den man empfing, ſondern ein ernſter Mann, der ſorgenvoll ſein Haupt ſchüttelte, wenn er wieder zu ſeinem Fuhrwerk zurückkehrie „ „ * Sie die Sieg ſtieße ſen tes§ mehr bewe wihe meint Virt da W en nijgen Dieſem Hauſe näherte ſich ein Trupp lärmender Arbeiter lands Sie hatten ein ander untergefaßt und ſchwankten ſingend durch Puris die Straßen. Die meiſten von ihnen hatten zur Ehre des großen reiche Sieges mehr als nöthig getrunken, ſie taumelten hin und her, ſchen ſtießen Flüche aus, ſchimpften ſich unter einander in den gemein⸗ ahlen ſten Ausdrücken und ſchrieen Vivat, wenn ſie ein ſchön geſchmück⸗ tes Haus und beſonders hell erleuchtetes Fenſter ſahen. Um ſo e von mehr mußte ihnen die Stille auffallen, welche hier herrſchte. Pr⸗— Halloh! ſchrie Einer, iſt die ganze Bude von Leichen eraus, bewohnt, daß ſie ſo dunkel und ſtill daliegt wie ein Sarg? Blu⸗— Vielleicht von Deutſchen, die ſich zu Tode geärgert haben, Abend witzelte ein Anderer. Die— Laßt ſie, ſie haben kein Geld, um Lichte zu kaufen, ſeges⸗ meinte ein Dritter. S erfilt— O ſeht doch das Wappen über der Thür! rief ein eſehen Vierter, das iſt etwas Vornehmes! Man muß doch wiſſen, wer Frank⸗ da wohnt. die— Ja man muß das wiſſen! ſchrieen Alle im Chor. i Da ſprang Einer die ſteinerne Rampe hinauf und klopfte utet an die Thür. r A⸗— Halloh, aufmachen! brüllte er und begleitete ſich mit nſchen donnernden Fauftſchlägen. n Ein Portier erſchien, ſeine erſchrockene Miene ſchien um Fun⸗ Ruhe zu bitten. 8 6— Oho, da kriecht ja ſo ein Gewürm aus dem alten Lei⸗ t chenwagen hervor, lachte der Klopfende. He, Kamerad, wer hauſt 3 denn hier? er Portier ſah ſich ſchüchtern um. deeſes Haus gehört der Frau Herzogin von Montalto, 3 ſagte er. e— Deſto ſchlimmer, gegenredete der Arbeiter. Ihr Mann iſt im Selde, und ſie hängt nicht einmal eine Fahne heraus. Da n ſieht man die Fremden, ſie iſt eine Italienerin, ein ſchmuckes Weib, ich habe für ſie gearbeitet, jetzt fällt es mir ein. Aber onde ſ i warum freut ſie ſich nicht mit uns? enn — 284— — Man muß ſie ſelber fragen! riefen zehn, ja zwanzig Stimmen und drängten ſich gegen die Thür. Der Portier verſuchte ſie aufzuhalten. — Die Frau Herzogin iſt krank, ſagte er in beſchwichtigendem Tone, und überdies haben wir einen Verwundeten, ja, einen Sterbenden im Hauſe. Haltet Ruhe, Kameraden, ſtört jetzt nicht, kommt ein anderes Mal wieder. — Ja, wiederkommen, ſo heißt es immer, wenn man bei ſo vornehmen Leuten vorſpricht, lallte ein Betrunkener, man muß ſich die Ehre an den Stiefelſohlen verdienen. — Na, meinte ein Anderer, hat die Frau Herzogin keinen dreifarbigen Lappen heraus zu hängen, eine Flaſche Wein wird ſie doch wohl für gute Patrioten übrig haben. — Ja Wein, Wein! ſchrie es von allen Seiten, und in der Gaſſe vermehrte ſich der Haufe der Lärmenden. Der Portier verſprach, dieſe billige Forderung ſeiner Herrſchaft zu melden, ſchloß die Thür von innen zu und begab ſich die Treppe hinauf. Oben kam ihm Helene Montalto mit bleichem Geſicht entgegen. — Was giebt es für Geſchrei? fragte ſie. Er ſchlummerte eben ein, da hat ihn das Lärmen wieder erweckt. O, haltet Ruhe, guter Paul! — Kann ich es denn? ſagte Jener, ſie verlangen Wein und Lichter und Fahnen. — Doa, ſagte das geängſtigte Mädchen, nimm meine Geld⸗ taſche, gieb ihnen Alles, was ſie enthält, ſage, daß die Lichter ſo⸗ gleich angezündet werden ſollen, nur ſchaffe Ruhe. Der Mann nahm das Geld und ſtieg damit hinab. — Da, Kameraden, ſagte er zu den Wartenden, das ſchict die Frau Herzogin, damit Ihr ſtatt ihrer auf Frankreichs Wohl anſtoßt. Und nun geht, guten Freunde, geht! nahm, das iſt verflucht wenig für ſo virl durſtige Kehlen! Speiſt man uns jetzt ſchon ſchon ſo ab, was wird es erſt ſpäter geben, wenn bei dem Ende des Krieges die Reichen das von der Suppe abgeſchöpft und wir Armen die harten Bröe zu kauen haben! 5 — Pah! ſchrie der Mann, welcher das Geld in Empfang Und: wir h ganz Nutſt gegen — 365 zwanig— Pfui über die Geizhämmel, rief es von allen Seiten. Und man weiß, wie reich ſie iſt! Aber ſo find dieſe Fremden, wir haben ſchon zu viel von der Sorte, bald werden ſie uns igendem ganz verdrängt haben. einen— Ja, brüllten Andere, in unſerer Werkſtatt ſind drei tnicht Deutſche, die müſſen fort! — Bei uns arbeiteten ſechs, die führen jetzt die Wafſen beiſo gegen uns! brüllten Andere dagegen. muß ſch— Ueberall nahmen ſie uns das Brot! — Die Meiſter wollen nur Ausländer anſtellen! n keinen— Man muß ſie zwingen! in wird— Man muß auch die Herzogin Montalto zwingen! So ſchrie es von allen Seiten. Der erſchrockene Portier in de zog ſich in das Haus zurück, er zitterte am ganzen Leibe. Die Porter rohen Kerle ſchlugen mit den Hacken ihrer Stiefeln gegen die nelden Hausthür, warfen Steine in die Fenſter des Erdgeſchoſſes, daß hinuf ſie klirrend zerbrachen, kletterten auf das Geländer der Rampe ntgegen und zerbrachen es und heulten, brüllten und tobten dazu mit ummerle von Brantwein heiſerer Stimme. halt Iduna hörte den wüſten Lärm. — Das iſt das franzöſiſche Volk, ſagte ſie dem man ſchmeichelt, wenn ein ud man ſeiner bedarf, und für deſſen Bildung nichts geſchieht eine Horde roher Menſchen, aber eine furchtbare Macht im Staate, ne Bel⸗ eine Macht, verheerend wie das Feuer, das Niemand bewacht, ichter ſ⸗ während es zu dem wohlthätigſten Elemente wird, wenn man es braucht, um das hervorzubringen, was dem Menſchen nützlich iſt. s ſchit— Ach, Tante, ſeufzte Helene, ich fürchte mich vor dieſen 5 Lohl Menſchen. — Und das mit Recht, verſetzte die Herzogin, ach! wie furchtbar cnfng iſt Unbildung. Wir dürfen nicht hoffen, ſie mit Bitten oder gehlen vernünftigen Vorſtellungen zu beſchwichtigen, wir müßen ſie be⸗ ſ ruhigen, wie man ein wildes Thier zur Ruhe bringt, indem u ſ nan es ſättigt. „ Wit dieſen Worten reichte ſie dem Portier eine Rolle mit Seldſtücken und befahl dem Bedienten zu der Gartenthür hinaus — 286— zu gehen und die Polizei herbei zu rufen. Zum Glück beruhig⸗ ten ſih die Leute mit dem erneuten Geſchenke und zogen ab, der Anblick der Polizeiſoldaten ſäuberte vollends die Straße von dem wüſten Geſchrei, und ſtill wurde es in dem matt erleuchte⸗ ten Krankenzimmer. Helene ſchlug leiſe den Vorhang zurück. — Er ſchläft, ſagte ſie, und ein Lächeln der Hoffnung flog über ihre ſchönen Züge, der Doktor wird ſich freuen, daß ſeine Medizin ſo gute Wirkung thut. Iduna ſeufste. — Schläft er wirklich? fragte ſie ängſtlich. Er ſieht ſo bleich aus, als ſei er mitten in dem Gelärm zur ewigen Ruhe hinüber⸗ geſchlummert. — Gott, Tante, wie Du mich erſchreckſt! rief Helene, und ihre Lippen bebten, wenn er todt wäre.. aber nein, das kann Gott nicht wollen, geſtorben um meinetwillen.... nein, Tante, nein, das kann nicht möglich ſein! Iduna legte ihre Hand auf die des Kranken. — Er lebt, ſagte fie, ich fühle Wärme, der Puls ſchlägt noch. Rus Helenens Augen ſtürzten Thränen der Freude. — Armer Rafael! rief ſie aus, um meinetwillen wurdeſt Du verwundet, aber ich werde Dich dem Leben und Deiner Kunſt er⸗ halten! O, er iſt ein großer Maler, Tante, und ein ſo guter Menſch und überdies Reinholds Freund.. In dieſem Augen⸗ blick vernahm man Schritte in dem Vorſual. — Es iſt der Doktor, ſagte das Mädchen und eilte ihm entgegen. Der Arzt trat herein, es war derſelbe, welchen wir einſt an Gabrielens Schmerzenslager geſehen haben. Lange hatte er ſich im Auslande cufgehalten und war in Mexico geweſen, während dort der Krieg gegen den Kaiſer Maximilian wüthete, und in China, wo der Marſchall Palikao ſeine Soldaten zu unerhörten Grauſamkeiten anleitete. Erft ſeit Kurzem befand er ſich wieder in Paris, denn wo ein Eingeborner dieſer Stadt des Vergnügens und des Luxus auch leben mag, immer ſehnt er ſich wieder nach ihr zurück, und ſo war auch der Doktor wiedergekommen, ohne zu a welche Sorg Schla nachde deß ſ bei S ſelbſt ihr a wichti wenn liſſg Node Saor war viole Shle mehr am Epp wir ſagke ſtag berſ zu e Si nd, en ab, e on leuchte⸗ ng ſlog ſeine o bleich inüber⸗ nd ihre n Gott te, nein, ſchligt deſt Du unſt er⸗ o guiet Augen⸗ lte ihn einſt e er ſü rihri und it erhit vieder iſ der n ah 0 en — 287— zu ahnen, welchen Ereigniſſen ſein Vaterland entgegenging. Er unterſuchte den Zuſtand des verwundeten Rafael Gambi, welchen die Herzogin und ihre Nichte mit aller nur erdenklichen Sorgfalt pflegten, und bezeigte ſich mit dem feſten und geſunden Schlaf des Kranken zufrieden. — Ich war heute bei der Prinzeſſin Mathilde, ſagte er, nachdem er noch eine Arznei verſchrieben hatte. Sie ſagte mir, daß ſich die Kaiſerin wundert, die Herzogin von Montalto nich bei Hofe zu ſehen. — Ihre Majeſtät iſt ſehr gütig, verſetzte Iduna, ſich meiner ſelbſt mitten in den Sorgen zu erinnern, welche die Regentſchaft ihr auferlegt. — Sie liebt dieſe Sorgen, antwortete der Arzt, ſie fühlt ſich wichtig, wenn ſie dem Staatsrathe präſidirt, ſie mag es gern, wenn man ihr Papiere zur Unterſchrift briygt. Dabei vernach⸗ läſſigt ſie freilich nicht ihre Hauptbeſtimmung, Beherrſcherin der Mode zu ſein. Ihr Anzug, als ſie zur Feier der Einnahme von Saarbrücken nach der Kirche unſrer heilgen Frau zum Siege fuhr, war muſterhaft, die Robe war eigens für dieſen Tag gearbeitet, violetter Sammt mit einfachen Knöpfen von Diamanten, und ein Schleier von den feinſten brüſſeler Spitzen... man ſchätzt ihn auf mehrere tauſend Franks. Dazu trug ſie einen Strauß von weißen Kamelien in der Hand, den ſie auf dem Altar niederlegte. Der Erzbiſchof leitete den Dankgottesdienſt in vollem Ornate, Alles wär überaus feierlich und würdevoll. — Gott gebe, daß dieſem erſten Siege viele andere folgen, ſagte die Herzogin. — Sie werden dann nicht wieder das Tedeum verſäumen? fragte der Arzt⸗ — Ich werde Paris verlaſſen, ſobald es mir möglich iſt, verſetzee die edle Frau. Mich erſchreckt es, daß das rohe Volk zu einer Herrſchaft gelangt, die nur Verderben bringen kann. Iſt es wahr, Doktor, daß die deutſchen Arbeiter iſ viel gebildeter ſind, als die franzöſiſchen? — Das läßt ſich nicht leugnen, verſetzte der Arzt, die Deut⸗ ſchen lernen und leſen mehr, ſie bilden ſich durch Bücher und in — 258— Vereinen. Aber grade ihre Art, über Alles nachzudenken, hindert ſte, ſo gute Soldaten zu ſein, wie unſere Franzoſen, die, ohne zu fragen, auf den Feind losgehen. — Man hat, ſagte Iduna, gegen Ausländer Grauſamkeiten verübt, die nicht zu rechtfertigen ſind. Warum treibt man die Deutſchen mit ſolcher Gehäſſigkeit aus Paris? — um keine Spione zu haben, antwortete der Doktor. Helene hatte auf dieſes Geſpräch wenig Acht gegeben, ſie lauſchte auf die Athemzüge des Kranken. Zetzt ſtand ſie auf und ging zu der Thür, an welcher ſie ein Geräuſch vernommen hatte. Es war ein Bedienter, der ihr einen Brief brachte. Sie las ihn bei dem Schimmer der Lampe, die, um den Kranken nicht zu blenden, unter einem mattgeſchliffenen Glaſe brannte. Es waren nur zwei Zeilen, aber mit welcher Wonne erfüllten ſie des Mädchens Bruſt! — Ich bin im Felde, ſo lautete der Brief, mit mehreren von den Meinen. Gruß meiner Retterin, Gruß dem Freunde und frohe Wiedervereinigung im GSlanze des mit Blut erkauften Friedens! Reinhold. Verſtohlen drückte ſie die Zeilen an ihre Lippen, Sie kamen von einem Feinde ihres Vaterlandes, das wußte ſie wohl, aber fie liebte ihn, den ſchönen und edlen Jüngling. Der Bediente zögerte noch an der Thür. — Was giebt es? fragte die Herzogin. — Ich weiß nicht, ob ich es ſagen darf, ſtotterte der Mann, der Brief kam nicht durch einen gewöhnlichen Briefträger, es war ein Bote er kam von dem Kriegsſchauplatze und — und? fragte Iduna und ſprang mit leichenblaſſem Ge⸗ ſichte empor. — Doch kein Unglück mit dem Herzog von Montalto? ſragte der Arzt. — Nicht das, aber ein Unglück für das Land, verſetzte der Diener. Der Mann ſagt, wir ſeien bei Weißenburg geſchlagen, und die Deutſchen ftänden auf franzöfiſchem Boden. — Das iſt unmöglich! rief der Doktor mit Heftigkeit aus. geſ We nir abe in ſeh um wi au hen eir hindert hne zu mnkeiten an die ot. hen, ſie auf und nhatte. um den Flaſe Wonne eren von ide und jtiedens! je jamen h abr äger, ſſem Ge o7 ragt rſetzte ſchl eit ou gl — 1 geſund, aber ein alter Menſch. Dein Fuß muß eingerenkt werden, damit Du ihn wieder brauchen kannſt. — So renke ihn ein, ſagte das ſtörriſche Weib, fürchte nicht, mir Schmerzen zu machen, faſſe dreiſt an, ich werde nicht ſchreien, aber denke nicht an fremde Hilfe. Mein halbes Leben habe ich in dieſer Einſamkeit zugebracht, nur damit niemand die Kinder ſieht, und jetzt ſollte ich meinem Schwure untreu werden, jetzt, um meinetwillen o, es wäre ſchmachvoll! Nein, mein Ge⸗ wiſſen iſt belaſtet genug, ich will nicht auch noch dieſe Schuld auf mich nehmen. — Dein Gewiſſen, rief er, denkſt Du immer noch.. — Wo iſt die Leiche geblieben? fragte Madelon. Du be⸗ haupteſt, ſie nicht gefunden zu haben, und denkoch hat der Gang keinen Ausweg! — Freilich nicht, er endet in einem jähen Fels ſturz, verſetzte Peter. Sie muß da hinuntergefallen ſein und liegt nun unten in der Felsſpalte. Laß ſie liegen, Madelon, esiſt immer beſſer ſie kam auf dieſe Weiſe um das Leben, als wenn Du ſelber Hand an ſie gelegt hätteſt. — Ich muß nach ihr ſuchen, murmelte die alte Frau, es läßt mir keine Ruhe, die Leiche geht um, ich weiß es gewiß, ich ſah ſie vorige Nacht ſie ſtand an meinem Bette. Ich komme von den Undentino's, ſagte ſie und hob drohend den Finger empor. So ſah ich ſie drei Mal. Endlich richtete ich mich empor: Verflucht ſei dein Geſchlecht! rief ich, hinab zur Hölle mit Dir und Deinesgleichen! Da flog ein Ausdruck unendlicher Trauer über ihr ſchönes Geſicht, denn ſie war ſchön, Peter, ſchön und bleich ſo ſah ich ſie auch da und ſie zerftoß vor meinen Augen ein Nebel hüllte ſie ein. die Sinne ſchwanden mir ſch lag bis zum Morgen in tiefer Ohnmacht. O, wenn ſie öfters zu mir käme, es müßte mich wahnſinnig machen. — Es iſt das ſchwere Blut, beſchwichtigte ſie Peter Godard. Du biſt an Arbeit und Thätigkeit gewöhnt jetzt liegſt Du ſüil und hängſt Deinen Gedanken nach. Das macht Dich wrank, däs giebt Dir Fieberfantaſien. — — 292— Wenn es nur das wäre, ſeufzte Madelon. Aber komm, Peter, ziehe an dieſem unglückſeligen Fuße, bis er wieder grade im Fnöchel ſitzt. Peter griff muthig zu, aber wie es bei derartigen Verren⸗ kungen, die ſchlimmer ſind als ein Knochenbruch, zu geſchehen pflegt, der Fuß war dick geſchwollen, und jede Berührung ver⸗ urſachte eine furchtbare Qual. Peter hatte kaum den Muth, ihn feſt anzufaſſen, aber Madelon zeigte ſich' ſtandhaft. — Zieh ſtärker rief ſie ihm zu, warum wendeſt Du keine Kraft an, haſt Du keine mehr in Deinen alten Gliedern? Zieh. zieh, bis es in den Knochen knackt, dann wird es wieder gut! — Aber ich bereite Dir furchtbare Schmerzen ſagte er zögernd. — Alter Narr, wer fühlt die Qual des Körpers, dem es auf der Seele brennt? Mach ein Ende, ich werde dieſen Fuß noch brauchen müſſen. — Ein Arzt würde ihn ſchnell heilen.. — Rede mir von keinein Arzte, zieh. zieh, und wenn die Sehnen reißen, zieh, Peter, ſag ich Dir! Er zog mit aller ſeiner Kraft, ein lautes Knacken zeigte ihm an, daß ſich der Fuß wieder in den Knöchel gefügt hatte. In demſelben Augenblicke fiel Madelon hintenüder auf ihr Lager zu⸗ rück. Der grenzenloſe Schmerz hatte ſie ohnmächtig gemacht. Er legte ihr kalte Umſchläge auf den verletzten Theil, ſpritzte ihr Waſſer in das Geſicht und ſah mit Freuden, daß ſie endlich wieder zu ſich kam. Den beiden Mädchen überließ er nun ihre fernere Pflege. Sie ſaßen an dem Bette der Fiebernden, ſie fühlten ihre brennende Stirn und ſtreichelten ihre Hände. Sie wagten es nicht, mit einander zu reden, aber ſie blickten ſich mit Entſetzen an, wenn Madelon von Zeit zu Zeit einen Ausruf des Schreckens hervorſtieß. — Sie muß ſterben! rief die Kranke, iſt ſie doch eine Un⸗ dentino! Wo iſt Alice wer erlaubte ihr, aus dem Garten zu gehen? Siehſt du den Mann mit den blutigen Händen? Er hat ſein Weib ermordet, entreißt ihm ſein Kind, rettet, rettet das unſchuldige Weſen, rettet Alice! Wo liegt die Leiche? Ich muß ſie beerdigen, ein ſchwerer Stein muß ihr auf die Bruſt gelegt und das he gar komm, grade Berren⸗ ſchehen ng vet⸗ Much u keine Zich gutl ögernd. dem es i noh en die gr ihm ger zl⸗ ht. ſprizt un ihre de. Sie ten ſch Ausuij eine Un⸗ Garten en b ettet wo 30 niß 293 ₰ werden o ſie ſind ſchrecklich, dieſe Undentino's! Was führte ſie her? Dort im Schranke liegt ihr Hut, ihre Handſchuhe dane⸗ ben. Peter ſoll alles verbrennen, Leichen brauchen weder Hut 3 2 noch Handſchuhe. Ich habe ſie nicht gemordet, warum lif ſie— den Felſengang hinab,„te Unſinnige?... So ging es weiter, immer ängſtlicher, immer quälender wurde ihr der Gedanke an die Fürſtin Donato, die ſie für todt hielt Die beiden Mädchen zitterten, aber die Neugierde überwog jedes Gefühl. Leiſe erhob ſich Betty und ſchlich ſich zu dem Schranke, die Thür öffnete ſich geräuſchlos. Da ſah ſie einen Hut, einen kleinen ſchwarzen Kantenhut, und darin ein Paar ſchwarzſeidene Handſchuhe. Schaudernd zeigte ſie es Beaten. So war es denn wahr. Etwas Entſetzliches hatte ſich ganz kürz⸗ lich hier zugetragen, denn Hut und Handſchuhe waren neu. Wer war das, wo befanden ſie ſich? Es grauſte ihnen vor dem Weibe, das vor ihnen lag und ſich in Schmerzen und Fieberhitze umher⸗ wälzte, und dennoch hatten ſie, ſeitdem ſie denken konnten, keine treuere Pflegerin gehabt als Madelon. Traurig ſaßen ſie neben⸗ einander, als Peter ſie in der Pflege der Kranken ablöſte. — Welche von uns iſt nun dieſe Alice Undentino, der der Schatz in der Felſenkammer gehört? ſragte Betty. — Ich wenigſtens möchte es nicht ſein, verſetzte Beate, ich ent⸗ ſetze mich vor dieſen Menſchen, die Madelon und Peter veranlaß— ten, um eines Kindes willen ſo viel Böſes zu thun. — Gewiß, nickte Betty. Es iſt ein Mord geſchehen, und Madelon retteten die kleine Alice und verſteckten das ging ganz deutlich aus den Fieberreden unſerer hervor,.. aber was iſt es mit jener Leiche i gange? — Ach, bat Beate, laß uns nicht danach glauben, Peter ſei Dein Großvater, Madelon — So dachten wir ſonſt, meinte Betty 1 chen in die Höhe, aber können wir ſie no O, und ohne Liebe, wie einſam, wie öd alten Schloſſe ſeini 294— — Das iſt wahr, ſeufzte Beate, ach wie glücklich waren wir ſanſte wie traurig iſt es nun! o traurig, daß man davon laufen möchte, erwiderte und ein Schauer trat in ihre ſonſt ſo muntern Augen. Aber das Schlimmſte iſt die Neugierde, die mir keine Ruhe noch Raſt läßt. Ich will Dir etwas ſagen, Beate, ich muß noch ein⸗ mäl in den Felſenkeller hinunter. — Woas füllt Dir ein? rief die Freundin ganz erſchrocken, in den Felſenkeller, und gerade jetzt, wo vielleicht die Leiche jener Fran noch drunten liegt? — Eben drum, verſetzte Betty. Die Sache kann noch nicht lange her ſein⸗ ſprach Beate bebend, wie könnten Sie iſt vielleicht noch nicht ganz todt. wir ihr Hilfe bringen? — Das findet ſich, verſetzte das kecke Mädchen. Komm mit ſo bald es Nacht geworden iſt und Peter uns eingeſchlafen — Ich werde es niemals wagen, ſagte Beate — Wir nehmen die Laterne mit, tröſtete Betty. und vielleich?, vielleicht erhalten wir ein Men⸗ Madelon die verlorene Ruhe wieder, indem 2 wird uns ſehen, ſchenleben und geben wir ihr ſagen, daß ſie keine Mörderin iſt. den Muth, das Ungewöhn⸗ Dieſer Gedanke gab auch Beate Wädchen den Abend zu wagen. Kaum konnten die beiden delon fieberte weniger und verfiel in einen tiefen Schlaf. dehr gearbeitet hatt als ſeinem Alter gut war⸗ da 6 zeſchäfte ſeiner Gefährtin mit beſorgt hatte, machte ſchlief bald ein. immer ein Lager zurecht und der Thür auf ſein gleichmäßiges Athemholen, n, ſteckte die Laterne an und ſchickte ſich⸗ an, Aber kaum hatten ſie ihr Schlafgemach ver⸗ ſch ſie erſchreckte. Madelon war erwacht kühlen Trunk. Schwerfällig ſchlürfte te ihr Waſfer Er ſtand einen Au ler n wir Augenblick vor der Thür der beiden Mädchen, die ſchnell die L terne ausblieſen. videre— Sie ſchlafen, ſagte er, die lieben Kinder; Gott ſegne Dich, Augen. Alice! nch Damit ging er weiter und kehrte bald mit der Waſſerflaſche ch i zurück. Jetzt ſchlichen ſich die Mädchen hinaus. Sie mußten an Madelons Stube vorbei, doch unwillkührlich hielten ſie im Gehen roden, inne, als ſie darinnen ſprechen hörten. jeier Du hätteſt die Kinder nicht bei mir laſſen ſollen, ſagte die Kranke. nicht— Ich mußte doch das Vieh verſorgen, entſchuldigte ſich föuntin— Aber ich ſprach im Fieber wis werden ſie gehört haben —— Nichts, was ſie klüger machen könnte, als ſie ſind. N was wiſſen ſie von dieſen Angelegenheiten? — Beate iſt unbekümmert, aber Betty— ich ſah ſie in den 3 letzten Tagen zuſammen ziſcheln. Was können ſie nur haben? ** ſollten ſie etwas ahnen? — Wie kannſt Du glauben? Die Kinder wiſſen nichts von der Welt, nichts von unſerem Geheimniß. — Das iſt mein Troſt. Aber wie ſoll es weiter gehen? Wenn Ihnen femals ein Gedanke käme, wenn ſie etwas von dem „ Felſengange merkten 6— Schlaf ruhig wieder ein, Madelon, die Mädchen ſchla 8* stu R ſen guch. 4 1— Beate iſt ſehr hübſch, ſie ſieht faſt vornehm aus Bett) . iſt reizend. Du ſelber ſagteſt, daß.. wie ein Mann ſie ſähe, , ponwär es um ihre und um unſere Ruhe geſchehen. — Es wird ſie keiner ſehen Es iſt gut, daß Du mich ver⸗ en hinderteſt, einen Arzt zu holen Ich hätte den älteſten gebracht. e der in der Stadt iſt, aber auch mit dem hätte es Gefahren ge⸗ emüch geben. Nun Dein Fuß ſcheint auch ohne Arzt zu heilen. micht 1 Ja, er ſchmerzt weniger, ſeitdem er wieder eingerenkt iſt. — So laß uns ſchlafen, Madelbn. Man muß das Uebrige dem Himmel überlaſſen. ſund F 1 — 296— — Dem Himmel! Was hat der Himmel mit uns zu thun, ſeitdem wir gemordet haben? — Es war kein Mord. Sie entlief uns, als Du felſt und Dir den Fuß verſtauchteſt, ſie fiel in den Felſenſpalt hinunter.. das iſt nicht unſre Schuld. Gute Nacht, Madelon, Mitternacht iſt vorüber, laß uns noch einige Stunden ruhen. Er legte ſich auf das in Madelons Zimmer bereitete Lager. Die beiden jungen Mädchen warteten noch eine Zeit lang, doch hörten ſie nichts mehr. Endlich, als ſie annehmen durften, daß die beiden alten Leute eingeſchlafen waren, ſchlichen ſie ſich die Treppe hinunter. Aber ach, die Thür zu dem Felſengange war verſchloſſen. — Ich weiß, wo der Schlüſſel iſt, ſagte Betty, er hängt an dem großen Bunde in Peters Stube. Warte hier, ich hole ihn Beate zitterte. Sie beſaß nicht den kecken Muth ihrer Freun⸗ din. Wie Madelon geſagt hatte, war ſie ſehr hübſch, und ihre zarte Figur, ihre kleinen Hände und Füße gaben ihr ein vorneh⸗ mes Anſehen. Betty war kleiner und runder, das Stumpfnäschen ſaß ihr allerliebſt in dem blühenden Geſichtchen, in ihren Wangen zeigten ſich beim Lächeln zwei reizende Grübchen, ihre Zähne blitz⸗ ten wie Perlen unter den kirſchrothen Lippen hervor. Mit der Leichtigkeit eines Vogels eilte ſie zu Peters Stube, die nicht ver⸗ ſchloſſen war, holte den Schlüſſel und flog zu Beate zurück, die zitternd an der Thüre lehnte. — Hier iſt der Talisman, der uns den Weg zu den unter⸗ irdiſchen Schätzen eröffnet, ſagte ſie. Nun laß uns eilen. Sie ſchloß die eiſerne Pforte auf, ein länger, ſchmaler Gang zeigte ſich vor ihnen. Betty leuchtete voran, Beate folgte und hielt die Hand ihrer Freundin feſt. So gingen ſie weiter und ſuchten nach dem in den Felſen gehauenen Gemache, mehr noch nach der Leiche jener Frau, für deren ſchreckliches Ende ſie eine lebhafte Theilnahme fühlten. Endlich ſtand Bettn ſtill. — Hier iſt es, ſagte ſie, in dieſem Kaſten liegt die Papier⸗ rolle, die über Alice Undentino's Abſtammung Auskunft giebt. der dige unte nur St dae nich liebe S nen fän ein von füt bar ſih bt de ſa hin ob die und noch ager. doch daf die wal gt an . ihn reun⸗ ihre orneh⸗ ß ihr eigten blit⸗ it der ſ ver⸗ die unter⸗ Gang e und er und nno e eine — Laß uns das nicht anſehen, bat Beate, wer weiß, was ſchreckliches darin enthalten iſt. — Du biſt ein Haſenherz, lächelte Betty. Aber ſei getroſt der Kaſten iſt verſchloſſen, ich kann meine Neugierde nicht befrie⸗ digen, und immer noch bleibt es ungewiß, wer von uns jenes unter Qualen und Verbrechen geraubte Kind ſein mag. Doch nun komm hierher. Sieh nur, Peter und Madelon bewachen Alicen's Schätze weniger eifrig als die Beweiſe ihrer Herkunft. Da liegt das Gold hinter dem Stein, ha, wie es glitzert! Es muß ein königlicher Reichthum ſein! Möchteſt Du ihn nicht beſitzen, Beate? — Wenn er mein wäre, ſo gäbe ich Dir die Hälfte davon, liebe Betty; aber was nützt uns das Gold in dieſem einſamen Schloſſe? — Es wird uns viel nützen, wenn wir ihm entfliehen kön⸗ nen, meinte Betty. — Woran denkſt Du, Betty! — An etwas ſehr Vernünftiges, liebes Herz. Dieſes Leben fängt an furchtbar langweilig zu werden. Madelon iſt noch für einige Zeit an ihr Lager gefeſſelt, Peter iſt mitunter recht ſchwach vom Alter, ſagt er, das müſſen wir benutzen und dieſem Ort, der für uns nichts beſſeres als ein Gefängniß iſt, entfliehen. — Um Gotteswillen... das wäre die ſchreiendſte Undank⸗ barkeit. — Das iſt erſaubte Selbſthilfe. Sieh, Beate, als wir neu⸗ lich zum erſten Male aus der Gartenmauer traten, ſchien es uns ſchon, als athmeten wir freier, denn die Welt lag vor uns ausge⸗ breitet. Nun denke ſie Dir erſt mit ſo vielen Menſchen bevölkert, denke Dir Alles, was wir in unſern Büchern geleſen haben, und ſage mir, ob Du nicht Verlangen haſt, hinaus und in das Leben hinein zu kommen. Ein furchtbarer Knall nnterbrach dieſe Worte, es war, als ob die Erde rings um ſie her erbebte. Erſchrocken hielten ſich die Mädchen aneinander. — Was iſt das, fragte Beate zitternd, ein Erdbeben viel⸗ leicht? Wieder dröhnte es mit furchtbarem Gekrach durch den Fel⸗ ſengang. — Heilige Mutter Gottes, rief Betty, iſt das der Spuk, welchen die hier verunglückte Frau treibt? — Komm hinauf, bat Beate, o bitte, komm ſchnell hinauf. Sie eilten, ſo ſchnell es gehen mochte wieder und wieder donnerte es um ſie her. Mit Mühe und Noth erreichten ſie die Ausgangsthür und verſchloſſen ſie hinter ſich. Als ſie ſich Madelons Zimmer näher⸗ ten, trat ihnen Peter entgegen. Auch er war ſehr erſchrocken und bemerkte weder, daß die Kinder ſich nicht zum Zubettegehen ausgekleidet hatten, noch ſah er die Laterne, welche Betty in der Hand trug. — Was iſt das, Großvater, fragte Betty ganz beſtürzt, ein Gewitter vielleicht? — RNein, kein Gewitter, verſetzte Peter mit bebender Stimme, dieſer Donner iſt ſchrecklicher noch als der des Himmels. O ich kenne dieſen Ton, in zehn Schlachten habe ich ihn vernommen⸗ ſo tönte es bei Waterloo, ich war damals noch ein junger Menſch, ſo tönte es bei Sebastopol, es war mein letzter Kampf ich hätte nicht gedacht, daß ich noch einmal dieſen Ton vernehmen ſollte. — Aber wo kann es ſein, fragte Betty, wer ſchlägt jetzt Schlachten? — Geht zu Madelon, Kinder, ſie iſt jetzt um vieles wohler, ſagte Peter, ich will hinausgehen und horchen, von welcher Richtung der Kanonendonner ertönt. Vielleicht kann ich von der Spitze des Thurmes aus etwas entdecken. Dies gelang ihm indeſſen nicht. Der Wald verdeckte ihm die Ausſicht in das Thal, mächtig weit trägt der Wind den Schall im Gebirge. Es waren die Kanonen von Weißenburg, die bis auf die Höhen der Vogeſen zu hören waren. Peter ſtand auf dem Thurme und ſtrengte vergeblich ſeine Augen an. Er ſah nichts, als Bäume und Bergesgipfel. Jetzt verwünſchte er die Einſamkeit des Schloſſes Falkenſtein und dieſe gänzliche Trennung von de Welt. Er wünſchte ſich Flügel um hinunter zu ſchweben und nachſehen zu können, wer dort die Schlacht ſchlug und auf weſſen ſei zoſ in der tzt ein imme. mmen Meuſch, ſollte. t jetzt wo hlor, welcher von der ihn di ol in bis auf uf den nicht⸗ nſunki von de * und wſen die ———— Seite der — Madelon, zum erſten Male ſe ¹ nter, N Sieg war, Vergebli ſagte er, wie es in der Welt ſteht. — Unmöglich! rief die gefeſſelt, Reugierde befriedigſt? — Hier oben droht keine Gefahr, wer weiß was ſich in dieſer Zeit Alles verändert hat. hlich! er mu allein fund, die Mädchen bereitet alte Frau. tet e 8. i Ja Ich bin an das ſollen die Kinder ganz Whs ſein, während Du Deine laß mich fort, ich Sache mag vergeſſen, die Schuldigen mögen längſt todt ſein. iſt Zeit, daß ich mich danach erkundige. — So geh, Du ſeinei FWi rief M ſieh nach dem, bin krank und ſchwach, aber wie eine anvertraute Kind vertheidigen, wenn ihm eine Gefahr drohen Peter nahm ſeinen runden Hut was Dich mehr ſirt als mit der hre Deine Pflicht, muß . Ro Bett 6 Madelon, Die ganze Es adelon, geh und ich werde ich das mir citen Krä ämpe id ſtie den Ber hin unter, Betty ſa ihm nach ſie wollte ſich 9 9 doch verlor er ſich bald in dem Weg merken, Si6 ch. den er ging, Lange noch hörte man das Donnern der Kanonen endlich wurde es ſtill. Es war eine peinigende Stille Madelon lag regungslos ſtumm auf ihrem Lager, die Mädchen katerte en m einem großen Stuhl und flüſterten nur von Zeit zu Zeit miteinander. So am an der Thür. — Nun, Peter, mit de Abend ſpät, Mädchen zur Ruhe, — Unmöglich! uni ſeitdem wir ſie verl laſſen haben? zoſen einem Feinde? — Weiß ich es? fragte Peter verging der Tag in Angſt und Eywe artung. kehrte Peter heim. ſeinen Sogleich Bericht Hat ſich die Seit wann untertiegen die Fran⸗ Aber höre weiter. Enblich, es war Madelon ganz ungeſtör anzuhören, doch gingen ſie nicht weit, und ſtanden mit dem D was giebt es? fragte die Alte. —Schlimme Dinge, verſetzte Jener. Nutſchen und— unterliegen. rief Madelon Die Franzoſen kämpfen Weit umgelehrt An ö Spitze unſerer Landsleute, die die Umgegend beſetzt halten, ſteht ein General, und dieſer heißt... — Wie heißt er? drängte Madelon mit ſtockenden Pulſen. — Er heißt Hermann Herzog von Moͤntalto, antwortete Pe⸗ ter und betonte ein jedes dieſer Worte. — Dann ſind wir verloren, rief Madelon, Peter, Peter, wenn er uns entdeckte, wenn er uns hier auffindet! — Sei getroſt verſetzte der alte Mann mit Ruhe. Mir ſchauderte davor, jenes Weib zu ermorden, aber Alice, ſei feſt davon überzeugt, Madelon, Alice werde ich mit dieſer meiner rech⸗ ten Hand erwürgen, ehe ſie in die Hände des Herzogs von Mon⸗ talto fällt. — und ich, ſagte Madelon, ich tödte ſie lieber, ehe ich ihr geſtatte, auch nur den kleinſten Blick in dieſes furchtbare Geheim⸗ niß zu thun. Mit Beben hatten die beiden Mädchen dieſe ſchreckenerregen⸗ den Worte vernommen. Leiſe ſchlichen ſie ſich von dannen, und erſt, als ſie ſchweſterlich umſchlungen in ihrem Bette ruhten, wagten ſie es, ihren Thränen freien Lauf zu laſſen. Ach, in die⸗ ſer Einſamkeit, die ſie mehr und mehr bedrückte, drohte ihnen der Dolch, und die Hand, die ihre erſten Schritte geleitet und ſie bisher ſo liebevoll geführt hatte, war bereit, ihrem Leben ein Ende zu machen. In dieſerRacht nahte ſich kein Schlummer ihren Augen und als ſie am andern Morgen zu Madelon kamen, wagten ſie die Augen nicht zu erheben vor dem ſtrengen Blick des Weibes aus Furcht, daß ſie darin die Kenntniß jenes unterirdiſchen Ganges leſen möchte. ten er feln bur ſp S zud me ſieht ßulſen. te Pe⸗ Peter, Pr ſei feſt er rech⸗ Mon⸗ ich iht eheim⸗ vel⸗ n, und rihten jn die⸗ ihnen et und hen ein und als en nicht h daß möchte 35. Kapitel. Die Marketenderin. Schon acht Tage lang hatten Richard und Arthur, die Söhne der Herzogin von Montalto, in dem Lumpenkeller der alten Mar⸗ got gelebt. Das häßliche Weib hatte ſein Wort gehalten, die Knaben wurden wie Gefangene von ihr behandelt.— Sie durf⸗ ten den Keller niemals verlaſſen, und wenn ſie ſelber ausging, was nicht ſelten geſchah, ſo ſchloß ſie die Thür zu. Die Fenſter der unterirdiſchen Wohnung waren von Schmutz bedeckt, alte Stie⸗ feln, ſchlechte Hüte, Gartengeräth, Töpfe ſtanden dahinter aufge⸗ baut und verhinderten das Tngesliche, welches ſich ohnedies nur ſpärlich in die enge Gaſſe ſtahl, bis zu den Kindern zu dringen. Schloß Margot nun auch noch die Thür zu, ſo ſaßen die Knaben im Finſtern und hatten Muße genug, über ihr hartes Geſchick nach⸗ zudenken. Sie ſehnten ſich nach dem Blick ihrer ſanften Mutter mehr noch als nach den tauſend Bequemlichkeiten, die ſie hier vermißten. Sonſt ruhten ſie auf ſeidenen Kiſſen, und am Mor⸗ gen bereitete ihnen der Kammerdiener neben ihrem Schlafzimmer ein laues Bad. Zetzt ſchliefen ſie auf einer Unterlage von alten Lumpen und hatten nicht einmal Seife und Tücher, um ſich vom Schmutz zu reinigen. Sonſt aßen ſie an dem Tiſche ihrer Eltern mit ſilbernen Meſſern und Gabeln die feinſten Gerichte, die ihnen der Bediente reichte, jetzt mußten ſie ſelber die Rüben ſchaben, das Holz klein machen, die Kohlen anblaſen, wenn Margot es nicht verzog, auszugehen und die beiden Pfleglinge mit einer Kruſte harten Brotes allein zu laſſen. Was aber die Knaben am mei⸗ ſten ſchmerzte, war der Mangel an Unterricht. Sie beſaßen kein einziges Buch, und wenn ſie unter den alten Papieren kramten, die in den Winkeln umherlagen, ſo fanden ſie nur Erzählungen und Wite, die ſie anekelten oder die ſie nicht verſtanden. Die alte Margot war ſchlau Um den Knaben jede Luſt 36 01 zu einem Fluchtberſuche zu benehmen, log ſie ihnen vor, ihre Mutter ſei mit Helene nach Italien gereiſt, und ihr Vater ſei ſngſ ſchon im Felde. Was ſollten die armen Kinder nun anfangen? Sie hatten Niemand in Paris, an den ſie ſich hätten wenden können. Oft ſaßen ſie nebeneinander und machten Pläne, wie ſie der Lumpenſammlerin' entlaufen und ihrer Mutter folgen wollten, aber die Thüren waren zu gut r erſchloſſen, und wenn Wargot. nicht da war, ſo hielten die Nächbarn ein wachſames Auge auf ihre Pflegebefohlenen. Im Uebrigen war ihnen die Alte keine ſtrenge Züchtmeiſterin. Sie wav immer lüſtig und guter Dinge, plauderte und lachte. So lange die Süngen ihr bei der Arbeit halfen, war ſie mit ihnen zufrieden, nannte ſie Goldhähnchen, Zuckerprinzchen und ſtreichelte i immer bleicher werdenden, Wangen. Wohl aber mußten ſie ſi h hüten, irgend etwas zu ver, ſehen, denn dann konnte ſie maßl os heftig werden, und der Be⸗ ſenſtiel fuchtelte auf den Rücken 4 armen Buben herum, Heute nun kam ſie in äußerſt fideler Stimmung nach Hauſe. Sie hatte der Flaſche zugeſprochen, b9h merkte man ſogleich an ihrem lauten Singen, das rochen die Kinder als ſich ihnen ihr zahnloſer Mund näherte, um ße zu küſſen. ₰ Seida, lüſtig! tief ſie und ſchlug at if den Feuerheerd, daß die Aſche umherſtob. Legt Kahlen auf! macht eine Gluth an, ſo hell wie ein Schmiedeofen. Da find Apfelfinen, da iſt Rum, da iſt die Eitrone, Brot, Schinken, Blles iſt vorhanden, Liſettchen könnte kommen ſie brauchte es ſich nicht beſſer zu wünſchen, als wir es haben. Hat der Satan die Katze, ſchnüffelt ſie mir nicht da an der Bratwurft herum? Spute dich, Arthur, du Goldauge fbll dir die Karbatſche Beine machen, Richard? Vorwärts Jun⸗ gens ſie ſagen draußen, wir wären geſchlagen⸗ Unſinn! wer das zu im Felde, mein Liſettchen iſt auch Rugen machen! Schnür“ das Bün⸗ Weſſer bald; Atthur, du Haubt Es ſeht luſtig wird die kocht das änkiſchen Worten nahm ſie re Haube vm Kopfe, zog die Jacke aus, warf den Roa von de iſt mac ſich und fing an vor den Knaben ganz ungenirt ihré Toilette zu machen. — Nun ſeht einmal her, Schlingek die rothen Hoſen hior, rein mit dem rechten Bein, rein mit dem linken! Hti, wie mir das ſteht! Zetzt ſchnallſt du mir hinten den Gürtel zu, Richard, mein Enge') dann kommt die gelbe Binde, die hält den Bauch warm, nu die Jacke, Donnerwetter, die iſt ein bischen eng über den Rücken, der ſie vor mir getragen hat, brauchte ſich nicht ſo viel zu bücken, um Lumpen aufzuleſen, das macht den Buckel krumm. Aber es geht ſchon fürs Erſte, nachher kriegt man die ſchönſten Uniformen umſonſt, die Todten nehmen gar kein Geld dafür. Arthur, du Schlingel, ſiehſt du nicht daß das Waſſer kocht? Jetzt Rum ins Glas, und ein heißer Tropfen dazu Ah, das ſchmeckt! Kannſt auch mit trinken, mein Zuckeraffe. ſeht einmal hor, wie gefalle ich Euch! Die rothe mir doch, wie? Sie lachte übermüthig und drehte ſich auf den Hacken herum. die Knaben ſahen ſie halb ſtaunend, halb beluſtigt an für Kin iſt der kleinſte Anlaß genügend, ſie ihren Kummer vergeſſen zu machen. — Aber was haſt du vot, Mütter Margot? wagte Richard zu fragen. — Was ich vorhabe, grinſte ſie und klopfte ihn auf die Backen. Motgen früh ſteht ein hübſches Wägelchen vor der Thür, davor ein Mauleſel und darauf ein Tönnchen mit Schnaps ein Fäßchen mit Würſten ein Körbchen mit Brot und Butter, Käſe he he, he! ſind das nicht gute Sachen, wie man ſie braucht, wenn man in heißer Sommerzeit hinter den verfluchten Preußen herlaufen muß? Das will ich unſern braven Soldaten bringen, Kinderchen, natürlich für baares Geld und gute Worte dazu, damit will ich ihnen Kourage machen, daß ſie den gottverdammten Deutſchen Eins aufbrennen. Aber das Beſte iſt, meine Zuckermäuschen ich nehme Euch Beide mit mir. Der Eine kutſchirt, der Andere hilft mir die Herren Militairs bedienen. Das ſoll ein Vergnügen geben! Iber unterſteht Euch nicht ans Forttaufen zu denken, Ihr Schwerenöther, ich ſage Euch, der leibhaftige Satan ſoll Euch an — 304— ſeinen Schwanz binden, wenn Ihr nur mit den Augen zuckt, wo ich es nicht erlaube. Ihr kennt die Mutter Margot, ſie hat eine ſchwere Hand, denkt dran, Ihr ſackerlotſchen Rangen. Und jetzt eßt Brot und Schinken und dann geht auch bei Euch die Maske⸗ rade los. Die Ausſicht, aus dem dunklen, übelriechenden iger fort und in's Freie zu gelangen, ſchien den beiden Jungen unſaus ver⸗ lockend. Krieg, Schlachtendonner, Viktoriaſchießen— welches Knabenherz hätte nicht höher bei dieſen Gedanken geſchlagen, wer wäre lieber daheimgeblieben, wenn die Soldaten hinauszogen mit klingendem Spiele und goldig glänzeuden Adlern? Für Arthur und Richard war es aber mehr als dieſe Vor⸗ ſtellung, was ſie freute. Im Felde war ihr Vater. Zwar hatte er ſie dem Pater Venturo übergeben, der ſie zun⸗ Doktor Vally brachte, aber mußte er ſich nicht freuen, ſie wieder zu ſehen, wenn er von ihren Leiden hörte, waren ſie nicht ſeiner Verzeihung gewiß, wenn ſie ſich ihm plötzlich in die Arme warfen, ſie, ſeine Söhne, die Erben ſeines erlauchten Namens? Mit der größten Freude zogen ſie die Kleidungsſtücke, an, welche Mutter Margot ihnen gab, die weiten rothen Hoſen, das freilich nicht ſehr ſaubere Hemd, die bunt beſetzte Jacke, nur den rothen Fez mit der langen kleinen Quaſte durften ſie nicht tragen, weil ſie nicht wirkliche Soldaten waren, ſie deckten ihre Locken mit breitkrämpigen Strohhüten und ſteckten ſtatt der Waffen die gro⸗ ßen Kellen und Gabeln in den Gurt, mit denen ſie aus den ver⸗ ſchiedenen Tonnen die Gäſte der Warketenderin bedienen ſollten. Margot ſaß an dem Heerde, ſchlug die Beine übereinander und erzählte ihren Zöglingen von den Feldzügen in Italien und Rußland, wo ſie in gleicher Eigenſchaft dem Heere gefolgt war. Sie ſchilderte die Belagerung von Sebaſtopol, die Schlachten von Magenta und Solferino, je mehr ſie trank, um ſo begeiſterter pries ſie den Ruhm der franzöſiſchen Soldaten. — In der Krim, ſagte ſie und ſchlug ſich auf das Bein, da hättet Ihr mit bei ſein ſollen! Oft hörte man ſein eigenes Wort nicht, wenn die Kanonen gegen den Malakoffthurm donner⸗ ten. Es iſt eine ſcheußliche Sorte, die Ruſſen. Habt Ihr ſchon wo ihn che met K wo eine jetzt aske⸗ und er⸗ elches Wel n mit Vor⸗ hatte Voly wenn eihung ſin sſtüce⸗ zoſen, nt ragen, en nit ie gro⸗ en vel⸗ ſollten⸗ inunder ien und gt war⸗ ten von geiſertt Bein, in⸗ vmer⸗ ſho 6 — 305— mal einen Baſchkiren geſehen? Die Augen ſtehen ihm ſchief in Kopfe, wie bei einer Ratze, und funkeln wie Kohlen in der Racht, und ſchief ſteht das Maulmit den Zähnen, die ſo herausſtehen, als wollten ſie Menſchenfleiſch roh freſſen, und der Kopf iſt glatt, als hätte man ihnen ſchon bei der Geburt ein Brett darauf genagelt. Aber die Deutſchen, vorzüglich die Preußen, die ſollen noch viel ärger ſein. Fürchtet Euch jedoch nicht, Goldſöhnchen, unſere Sol⸗ daten werden ſchon mit ihnen fertig werden, denn es iſt nicht wahr, daß ſich General Douay hat ſchlagen laſſen, und in un⸗ ſer Land laſſen wir ſie auch nicht. Sie ſengen und brennen, ſie ſpießen die kleinen Kinder auf und werfen alle Gefangenen, die ſie machen, in große Gruben mit ungelöſchtem Kalk. Aber war⸗ tet nur ihr deutſchen Tiger, das wollen wir Euch vergelten. wenn wir nur erſt bei Euch ſind. In Deutſchland fürch⸗ ten ſie ſich ſo davor, daß ihnen die Zähne klappern, und alles Geld haben ſie vergraben. Ich aber weiß, wie man es machen muß, es wieder zu finden, wo es in der Erde liegt; man gießt Waſſer drauf, wenn das ſchnell einzieht, dann iſt friſch gegraben, da holt man ſich dann die Dukaten heraus. Wenn es aber ſo ein deutſcher Hund in den Keller verbuddelt, dann ihm das Ba⸗ jonett auf die Bruſt geſetzt: Geld oder Tod, ich ſage Euch, es iſt zum Schieflachen, wie ſolch' ein Kerl mit den Beinen ſchlottert und um Gnade bittet, ja, Proſit Mahlzeit, das Geld nehmen, das wollen wir ſchon, aber Gnade geben, na, das fehlte! Schlagt ihm die Zähne in den Rachen, dem Geizhals, was liegt an ſol⸗ chem Hundeleben! Ja, Jungen, luſtig wollen wir es machen, im⸗ mer luſtig bis nach Berlin. Die Knaben hörten mit Erſtaunen dieſe Rede an. Idunas feiner weiblichen Sinn hatte ſie frühe ſchon dazu erzogen, das Schöne und Edle zu lieben, das Schlechte und Gemeine zu haſſen. Jetzt verglichen ſie das entmenſchte häßliche Weib mit ihrer ſanften und ſchönen Mutter und fühlten den Widerwillen, welchen ſie von Anfang an gegen die alte Margot gehegt hatten, noch zunehmen. Spät warf ſich das Weib auf ihr ſchmutziges Lager und be⸗ D. V. 29 3 fahl den Knaben, zur rechten Zeit das Frühſtück bereit zu halten. Dieſe hüteten ſich, dem Befehle ungehorſam zu ſein. Für ſie war die Abfahrt nach dem Kriegsſchauplatze das letzte Leuchten der Hoffnung, von Margots tyranniſcher Herrſchaft jos zu kom⸗ men und ihren Vater wieder zu ſehen. Wie freuten ſie ſich, als wirklich das Wägelchen mit dem Maulthiere vor dem Keller hielt. Margot eſtieg es mit einem Sprunge und nahm ſelber die Zügel in die Hand, der Lumpenkeller blieb unter der Aufſicht einer Nachbarin. Arthur und Richard mußten ſich dicht hinter die Alte ſetzen, ſie drückte ihnen die Hüte feſt in die Stirn, damit Niemand ſie im Vorübergehen erkennen möchte und gab ſcharf Acht auf ſie, damit ſie es nicht wagten, einen Fluchtverſuch zu unternehmen. So kamen ſie zu der Eiſenbahn, dieſe benutzten ſie, ſo weit es ging, doch, um ſich nicht von ihren Schätzen zu trennen, mußte Wargot neben ihrem Gefährt auf einem offenen Viehwagen Plan nehmen. Und dennoch, trotz der Unbequemlichkeit einer ſolchen Fahrt, wie wohl that es den Knaben, daß ſie die Blicke hinaus⸗ ſchweifen laſſen konnten in das grünende Feld, in die ſchattigen Wälder. Frankreich iſt ein ſchönes Land. Reiche Befruchtung bringen die großen Ströme, die es nach allen Seiten hin durch⸗ ziehen, zunächſt Paris, die Seine mit ihren vielen Nebenflüſſen, weiter im Süden die Loire, die durch Kanäle mit der Rhone in Verbindung ſteht. Ueberall ermöglichen Waſſerſtraßen den ſchnell⸗ ſten und bequemſten Verkehr, zahlreiche Eiſenbahnen durchziehen das Land, blühende Städte ſind wie Juwelen darüber ausgeſtreut. Wo ſie vorüberkamen, ſahen die Knaben fleißigen Anbau, Fabrik⸗ gebäude, wohlgehaltene Chauſſeen, ſchöne Kirchen und reizende Luſthäuſer. Hier wurde Wein gebaut, den man durch die ganze Welt verſchickt, dort machte man die beliebten ſranzöſiſchen Hand⸗ ſchuhe. Vor den Thüren ſaßen die Frauen und klöppelten Kan⸗ ten, und weiter nach dem Süden zu trieb man die Seidenzucht im Großen und verarbeitete ſie zu den geſchmackvollen und prächtigen Stoffen, welche die elegante Welt vorzüglich aus Lyon bezieht. Wie glücklich könnte dieſes von der Ratur ſo herrlich ausge⸗ ſtattete Land ſein, wenn eine weiſe Regierung es mit Ordnung vern beha geſic vetw tione As wiz Rapt Kaiſ ſuch heſti Lud ſolgt zu b Lezt Auch hehn Fre der nich zba als ten ſa bih nich ſhn bn Po ein ihn ſtec haf lei halten. Für ſie Leuchten zu kom⸗ ich ais t hielt eZügel einer ie Ute iemand auf ſi, nehmen. weit es mßie n Pla ſolchen inaus⸗ hattigen uchtung dun⸗ ſüſſen, one in ſchnel⸗ hziehen eſtreut ßubri⸗ reijende eganze Hund⸗ nKen⸗ enuct n und 3 Lyon auhl⸗ rdnung —— — 307— verwaltete, wenn eine ſittlich kräftige Bevölkerung ſeinen Boden behaute, wenn ein geregelter Schulunterricht der Volksbildung zur geſicherten Grundlage würde. Aber dem iſt nicht ſo. Die Macht⸗ verwalter ſind ſchon ſeit faſt einem Jahrhundert durch Revolu⸗ tionen auf den Thron erhoben und wieder herabgeſtürzt worden. Als die große Volkserhebung des Jahres 1789 den König Lud⸗ wig den Sechszehnten auf das Schafot brachte, mochte der erſte Napoleon dem inneren Wirrwar ein Ende und ſchwang ſich zum Kaiſer auf. Ihn ſtürzten nicht nur die gegen ſeine Eroberungs⸗ ſucht verbündeten Mächte, ſondern auch ſein Volk, welches der beſtändigen Kriege und der drückenden Abgaben müde wurde. Ludwig der Achtzehnte und Karl der Zehnte, die auf Napoleon folgten, waren ſchwache Regenten, unfähig, ein ſo unruhiges Volk zu beherrſchen. In der Julirevolution 1830 vertrieb man den Letzteren und erwählte Louis Philipp von Orleans zum König. Auch dieſer mußte Krone und Land verlaſſen, als im Jahre acht⸗ zehnhundert und acht und vierzig die Revolution ausbrach und Frankreich zur Republik, Louis Napoleon aber zum Präſidenten derſelben wurde. Bald genügte dieſem ſolch' beſcheidener Titel nicht mehr, er machte ſich zum Kaiſer und blieb es faſt zwei und zwanzig Jahre lang. Alle dieſe Herrſcher ſuchten ſich ſo lange als möglich in ihrer glänzenden Stellung zu erhalten, alle buhl⸗ ten um die Gunſt des Landes, und Louis Philipp hörte ſich eben ſa gerne den Bürgerkönig nennen, wie Louis Napoleon ſich ein⸗ bildete, der Schutzgeiſt der Arbeiter in Frankreich zu ſein. Doch nicht durch weiſe Geſetze ſuchten ſie ihre Macht zu befeſtigen, ſie ſchmeichelten der angeborenen Eitelkeit der Franzoſen, ſie blende⸗ ten ſie mit dem Schimmer des Ruhmes, nannten ſie das erſte Volk der Welt, ſetzten alle übrigen Nationen herab. Um ſich einen Anhang zu verſchaffen, erkauften ſie alle Diejenigen, welche ihnen hätten gefährlich werden können, damit öffneten ſie der Be⸗ ſtechlichkeit Thür und Thor und vernichteten das Gefühl von Ehren⸗ haftigkeit zuerſt in den ihnen zunächſt ſtehenden Beamten, die in gleich entſittlichender Weiſe auf ihre Untergebenen einwirkten. Beſtändig ſchwebte ihnen das Schreckgeſpenſt einer neuen Re⸗ 20* volution vor Augen, ſie mußten ſich Reichthümer zu ſichern ſuchen, damit ſie auch nach ihrer Abſetzung noch bequem zu leben ver⸗ mochten, ſie ſuchten alſo Geld zu erwerben, theils auf Koſten der öffentlichen Kaſſen, theils, und das war noch weit ſchlimmer, durch Börſenſpekulationen. Damit wurde den unſoliden und höchſt verderblichen Geſchäften mit Papieren der beſte Vorſchub geleiſtet. Louis Philipp ſcheute ſich nicht, falſche politiſche Nach⸗ richten ausſprengen zu laſſen, wenn er wünſchte, daß irgend eine Aktie oder Anleihe ſteige oder falle, und unter Napoleon dem Dritten nahm dieſes Schwindelgeſchäft eine noch viel größere Aus⸗ dehnung an. Es wurde ſo leicht, an einem einzigen Börſentage reich zu werden, daß man es nicht mehr für der Mühe werth hielt, ſein Geld in verſtändige induſtrielle Unternehmungen zu ſtecken. Dadurch litten die Arbeiter, dadurch litt die ganze In⸗ duſtrie des Landes. Reich werden möchte ein Jeder, deswegen ſpekulirte Alles. Frankreich iſt das Land des Vergnügens, Reich⸗ thum giebt Genuß, Reichthum mußte daher das höchſte Streben ſein. Richter und Beamte ließen ſich kaufen, um ſtatt ihrer Ehre und des guten Gewiſſens Vergnügung eneinzutauſchen, darum gab es kein Recht mehr für den Armen, keinen Schutz für den, welcher gegen Vornehme und Begüterte klagte. Alles ſtrebte nur dem Einen Ziele, dem Genuß, nach. Arbeiter wurden es müde, die allein vom Lebensgenuſſe Ausgeſchloſſenen zu ſein, Künſtler folgten nicht mehr dem Ideal des Schönen, ſondern huldigten dem ſchlech⸗ ten Geſchmack derer, die ſie bezahlten, Gelehrte entflohen der Studirſtube, nm ſich den Zerſtreuungen der Welt zu widmen, Zeitungsſchreiber ſuchten das Bolk zu einer Geſinnung zu bekeh⸗ ren, die ſie ſelber nicht theilten, wenn man ſie gut dafür be⸗ zahlte, mit einem Worte, Alles, Alles war käuflich, die Ehre des Mannes, wie die Tugend des Weibes. Das wußte Napoleon, der ſein eigenes Volk in der Tiefe ſeines Inneren verachtete, in⸗ dem er ihm die höchſten Schmeicheleien ſagte. Und dieſe Schmeicheleien waren es die es ſo raſtlos eitel machten, daß jeder Wunſch einer Beſſerung ganz überflüſſig ſchien. Wer vollkommen iſt, braucht nichts mehr zu karnen braucht ſich nicht zu bemühen, es Andern zuvor zu thun. Lange ſchon hät⸗ ten ohne beril lobten welche die n ner grade Schn nicht Dar ſobal ſie. hekan henl Mw mo Päl Erw lang Ben tion wie pfe wiel es dert den ſen ſichen ben vet⸗ Koſten limmer, n und orſchub ud eine n dem re Aus⸗ ſentage ewerth gen zu nze In⸗ zwegen Reich⸗ Streben et Ehre gab es wlher rdem , die folgten ſchleh⸗ en der idmen⸗ beleh⸗ für be⸗ hre des poleon ete, in⸗ 09 eitel ſthir ut ſch m hät 3* ten ſich die Franzoſen von andern Völkern überflügeln ohne es zu bemerken. War ihre Induſtrie in manchen Zweigen berühmt, ſo hatten deutſche Arbeiter dabei geholfen. In Paris lebten mehr als achtzigtauſend Deutſche, und dieſe waren es, von welchen Fleiß und Bildung ausging. Keine Werkſtatt gab es, die nicht mit Vorliebe Deutſche angeſtellt hätte. Deutſche Män⸗ ner finden wir in allen Kreiſen des patiſer Lebens, und dieſe grade ſind es, die Bedeutendes geleiſtet haben, ohne ſich in die Schwindeleien der Eingeborenen zu miſchen. Letztere aber ſahen nicht die Mühe, ſondern nur den Erfolg, und beneideten ihn. Darum richtete ſich die Wuth der Bevölkerung gegen die Deutſchen, ſobald der Krieg begonnen hatte, man vertrieb, man mißhandelte ſie. Kaum war die Nachricht von der Niederlage bei Weißenburg befannt geworden ſo jagte man die Ausländer zur Stadt hinaus, nachdem man ſie beſchimpft, beraubt hatte Oft mußten ſie wo⸗ chenſang in den abſcheulichſten Gefängniſſen zuſammen mit dem gemeinſten Geſindel ſitzen, bei ſchlechter Nahrung darben, bis man ſie endlich ohne jegliches Verhör und oft genug mit Einbe⸗ haltung ihres Geldes entließ, oft wurden ſie von dem wüthenden Pöbel faſt zerriſſen und mußten Gott danken, ihr nacktes Leben z retten, während Hab und Gut hinter ihnen zurück blieb. Man trieb Kranke aus ihren Betten und zwang ſie, die Stadt zu ver⸗ laſſen, man erlaubte Kindern nicht, ihre verſtorbenen Eltern zu hegraben, man ſtieß ſie hinaus ohne Geld, ohne Hoffnung, ohne Erwerb, gleichgültig, ob ſie ſchon zwanzig oder dreißig Jahre lang redlich und arbeitſam in Frankreich gelebt hatten. Dieſes Benehmen gegen eine Colonie von unſchuldigen Fremden iſt un⸗ erhört in der Geſchichte aller Völker, ſelbſt die barbariſchen Na⸗ tionen haben niemals ſolch' eine unnütze Grauſamkeit ausgeübt wie Frankreich, welches ſich das erſte Land der Welt zu nennen pflegt, ſie bewies. Es iſt dies eine Schmach, von der es ſich nie wieder rein zu waſchen vermag. Noch die ſpäteſten Enkel werden es mit Abſcheu erfahren, was in Paris im Jahre achtzehn hun⸗ dert und ſiebenzig gegen friedliebende Menſchen geſchah, doch wer⸗ den ſie auch wiſſen, welch' tiefe Wunden ſich die bethörten Fran⸗ ö ſen ſelber ſchlugen, indem ſie die beſten Arbeitskräfte verſagten. — 310 Shmach über Diejenigen, welche ſich rühmen, an der Spitze der Bildung zu ſtehen, und die erſten Grundſäte der Geſittung, die Milde gegen Wehrloſe, die Menſchlichkeit gegen Ade, ſo gänzlich aus den Augen zu ſetzen vermochtenl „ 36. Kapitel. Ollivier und Gramont. Die Kaiſerin Eugenie befand ſich' in furchtbarer Beſtürzung, als ſie die Kunde von der Riederlage bei Weißenburg vernahm. Mit dem Telegramm ihres Gatten in der Hand ging ſie unſtät durch die Zimmer, ſaß ungeduldig unter den Händen ihrer Kam⸗ merjungfern und warf einen Blick in den Spiegel, als man ihr mel⸗ dete, daß die Miniſter da ſeien, um ihre Berichte abzuſtatten. Wit dem ihr eigenen vornehmen Anſtande begab ſie ſich in das Audienzzimmer. Sie war noch immer ſchön, obgleich die erſte Jugendblüthe ventſchwunden war. Ihr goldglänzendes Haar ſchwang ſich in loſen Wellen um die gewölbte Stirn, ihre Augen leuchteten weniger freundlich als ſonſt, und ihre Wangen trugen nicht die Farbe der friſchen Geſundheit, die ſonſt ein leiſer An⸗ fiug van Schminke ihnen aufzuhauchen pflegte. Doch auch bei dieſer traurigen Gelegenheit ließ ſie nichts an dem Reize ihrer Toilette fehlen. Sie trug ein Kleid von grü⸗ nem Atlas, welches bis an den Lals hinauf ſchloß und hinten mächtig aufgebauſcht war, bis der nach unten faltenreiche Rock in einer langen Schleppe endete. Vielleicht hatte ſie nicht umſonſt die Farbe der Hoffnung gewählt, der Hoffnung, welcher ſie ſich auch noch in dieſem ſchmerzlichen Augenblick ſo gerne hin⸗ gab. Oft hatte ihr Bild als das einer enttrohnten Kaiſerin vor ihren Augen geſchwebt, oft hatte es ſie aus dem Schlaf auf⸗ geſchreckt und war gleich einem Schreckgeſpenſte an ihr vor⸗ üb Se Fin ver me Kö R wie wü ihr ve ſhn Wei ſan pitze der ng die ginli ſtürzung, ernuhm e unſtät et hun⸗ ihr mel⸗ zuſtat⸗ n das die erſte s Haar e Augen ntrugen eiſer Am⸗ icht an von gi⸗ d hinten lemeich⸗ ne erne hi⸗ hinn — 311— übergegangen, wenn ſie ſich auf der Spitze ihres Glanzes und Glückes, umgeben von tauſend dienſtfertigen Vaſallen, ſah. Mit Schaudern hatte ſie bisweilen an der Seite des kran⸗ ken Gatten geſeſſen und ſich gefragt: was wird aus mir, wenn dieſer Mann die Augen für immer ſchließt, werde ich fähig ſein, das leicht bewegliche Volk der Franzoſen mit dieſen meinen ſchwa⸗ chen Weiberhänden zu lenken? Oft hatte ſie das blonde Haupt ihres Kindes an ihre Bruſt gedrückt, als hätte ſie den Zweifel unterdrücken mögen, ob die Kinderſtirn beſtimmt ſei, eine Krone zu tragen. Auch jetzt wieder ſtand ihr der entſetzliche Gedanke vor der Seele. Man ſteigt von einem Throne wie in das Grab. Die Fürſten alle, welche im Laufe der letzten Jahre Scepter und Reich verloren hatten, waren als Hilfeflehende nach Frankreich gekom⸗ men, die kleinen depoſſedirten italieniſchen Herzoge, wie ber blinde König von Hannover, der Kurfürſt von Heſſen wie die Königin Iſabella von Spanien, ſie Alle hatten vor Louis Napoleon's Thron um Beiſtand gegen ihre Feinde, um Unterſtützung gebeten. Sollte auch ſie einſt als eine Schutzflehende an die Pforte eines Palaſtes klopfen und für die Rechte ihres Sohnes bitten müſſen? Wie jammervoll waren ihr die ihrer Würde Entſetzten erſchienen, wie hatte ſie ſelbſt mit Iſabellen geweint 0 Himmel, wer würde mit ihr weinen, wo blieb ihr unter ſo vielen Geſchöpfen ihrer Laune und ihres Glückes, wo blieb ihr eine treue Seele wenn es galt, ihr in das Elend zu folgen? Dieſe Gedanken ſchnürten ihr die Bruſt zuſammen, aber ſie ſuchte ſie von ſich zu weiſen. Das Glück der Waffen iſt veränderlich. Die Franzoſen hatten, ſo verſicherte man ihr, bei Saarbrücken einen großen Sieg erfochten, jetzt war das Geſchick den Deutſchen günſtig geweſen, wohl nur, um ſie mit Nächſten deſto tiefer zu demüthigen. Sie ſagte ſich das immer wieder um ſich Muth zu machen, und im⸗ mer wieder ſtiegen bange Ahnungen in ihrer Bruſt empor. Doch faßte ſie ſich, indem ſie zu den Miniſtern trat, die, leb⸗ huft mit einander redend, an dem grünen Tiſch ſaßen und auf⸗ ſtanden und ſich tief verneigten, als ſich ihnen die kaiſerliche Frau nahte. Es waren nur zwei, welche ſie begrüßten, Ollivier und — 312— der Herzog von Guamont. Ollivier, der ehemalige Advokat, eine lange knochige Figur mit bleichem Geſichte, langer Raſe, matten Augen, die durch runde Brillengläſer blicten, und dürren glatt anliegenden Haaren, ſah überwacht und müde aus. Er hatte die Nacht über gearbeitet und die zahlloſen Anfragen über die Weißenburger Angelegenheit brantwortet, wußte man es doch. daß er vorziüglich auf den Krieg gedrungen hatte, ohne welchen er ſchwerlich in ſeinem Amte geblieben wäre. Der Herzog von Gramont war eine ganz verſchiedene Per⸗ ſönlichkeit. Ueberaus elegant in ſeinem Anzuge, trug er nur die Spuren jener dauernden Ermüdung, welche ein allzubewegtes Leben hervorbringt. Die Vergangenheit des Herzogs zeigt uns ein wüſtes Durcheinander von Liederlichkeit und Abenteuerſucht, von tollen Unternehmungen und gemeinen Geldſchwindeleien. Aber in keinem Augenblicke hörte er auf, den vornehmen Herrn zu ſpielen. Sein Haar— es war nicht ganz ſein eigenes— war von der feinſten Pomade durchduftet, Schnurr⸗ und Backenbart muſterhaft geordnet, die ſtarken dunklen Augenbrauen zogen ſich, ſchattig über den matten Augen hin, unter denen hervorſtehende Säcke ein ſicheres Zeichen von durchſchwärmten Nächten abgeben. Die Kaiſerin fühlte ſich mehr zu ihm als zu Ollivier hinge⸗ zogen, deſſen Bürgerlichkeit ihr unbequem war. Ollivier's Frau war an ihrem Hofe die einzige Dame, welche es wagte, ſich den von ihr erfundenen Moden zu widerſetzen; ſie trug die Haare einfach und ſchmucklos wie ein Waiſenmädchen, und ihre Kleider erinnerten eher an die Moden der alten Griechen, als an die des zweiten Kaiſerreiches. Auch des Miniſters trockener Ton war ihr unbequem, ſie fühlte ſich ihm gegenüber genirt, während ſie mit dem Herzog Gramont wie mit ihresgleichen verkehrte. Nachdem ſie Platz genommen und den Herren gewinkt hatte, ein Gleiches zu thun, begann ſie das Papier zu entrollen, wel⸗ ches ſie bisher mit zitternden Händen zuſammen geknittert hatte. — Sie wiſſen bereits die Trauerbotſchaft, fing ſie an. — Eure Majeſtät ließen mich davon benachrichtigen, ſagte Ollivier mit einer tiefen Verbeugung. — Aber warum nennen wir das mit einem ſo ſchmerzlichen Na Lol die beri ſche nich ßa Ka at, eine matten en glatt Er hatte tber die s doch, welchen ne Per⸗ nur die ewegtes igt uns lerſucht n. Aber errn z — wal Wenbart ogen ſi rſtehende obgehel. rhinge⸗ 3 Frau ſich den e Haaté Kleide die des wal ihr ſi mit len wel n hatte un. en, ſogie nenlichen — 8— Namen? fragte der Herzog und ſpielte mit dem Bande ſeiner Lorgnette. Ich finde die Sache eher ſpaßhaft. — Sie ſehen Alles roſenroth, Herr Herzog, erwiderte ihm die Kaiſerin, die ſich von ſeinem zuverſichtlichen Tone angenehm berührt fühlte. — Ich ſehe es, wie es iſt, verſetzte Gramont. Die Deut⸗ ſchen haben den Elſaß betreten, das iſt eine Thatſache, die ſich nicht leugnen läßt. — Und eine ſehr ſchmerzliche, unterbrach ihn Eugenie. — Wenn es ſchmerzhaft für uns iſt, daß die Maus in die Falle geht, die wir ihr geſtellt haben, lächelte der Hofmann. — So halten Sie das Alles für eine Falle? fragte die Kaiſerin. — Die Mac Mahon der Herzog von Magenta, geſchickt genug mit Speck zu ſtellen wußte, erwiederte der Miniſter. Ich habe mit ihm darüber konferirt, wollte jedoch nichts darüber ſprechen, ehe die Sache nicht ſo gekommen, wie wir es veräb⸗ redet hatten. Die Deutſchen ließen ſich in das Elſaß locken, wo jede zweite Stadt eine Feſtung iſt Kaum ſind ſie darin, ſo wird ihnen durch Bitſch, Straßburg, Littzelſtein, Pfalzburg und ſo weiter der Rückweg unmöglich gemacht. Jetzt, den Feind vor ſich, die mit Kanonen geſpickten Feſtungswälle, an denen ſie glücklich vorüberkamen hinter ſich, ſtehen ſie zwiſchen zwei Feuern Es bleibt ihnen Nichts als Tod oder Uebergabe. ich denke, ſie wählen das Letztere. — Aber dieſe zahlreichen Truppen werden das Land ver⸗ wüſten, warf Ollivier ein. — Das fürchte ich auch, ſagte die Kaiſerin, die preußiſchen Soldaten ſchildert man uns als ſo raubſüchtig, ſie ſchonen nichts. und nichts iſt ihnen heilig. — Darum, erwiderte Gramont, wird man ſi zunächſt zu ſchwächen ſuchen. Es ſteht eine große, ich hoffe, eine entſchei⸗ dende Schlacht bevor, in dieſer werden die Deutſchen einen nicht unbedeutenden Theil ihrer Macht verlieren. Alsdann werden ſie ſich in ihr eigenes Land zurückziechen wollen, aber man wird es ihnen nicht geſtatten, man wird ſie weiter nach Frankreich hinein⸗ treiben, um ſie gänzlich zu vernichten. Iſt alsdann die Armee aufgerieben, ſo iſt der Weg nach Deutſchland frei. Wir kommen zur rechten Zeit, um den Rhein mit der Fülle ſeiner reifen Trau⸗ ben in Beſitz zu nehmen, die Badenſer, die Würtemberger, die Baiern werden ihre wahre Geſinnung zeigen, und ſind wir ein⸗ mal auf preußiſchem Boden, ſo zerfällt der norddeutſche Bund in lauter kleine Stücke, die uns alle zuflattern, wie Eiſenſpäne ſich an einen Magneten hängen. — Weiß der Kaiſer um dieſe ſchönen Pläne? fragte Eugenie. — Iſt er nicht oberſter Kriegsbefehlshaben? verſetzte der Herzog, nur unter ſeinem Kommando handelt Mac Mahon. — Es iſt gut, ſagte die Regentin, ich will mich in dieſen ſüßen Träumen wiegen, die Sie mir vor die Seele zaubern. In⸗ deſſen ſagen Sie mir nichts von den Bundesgenoſſen, auf welche wir hofften, ja rechneten. — Ich freue mich, daß ſie uns ferne bleiben, antworte der Miniſter. Sie laſſen uns den alleinigen Ruhm und den alleini⸗ gen Profit. Was brächte es uns für Vortheil, wenn wir uns mit Oeſterreich um Schleſien oder mit Rußland um Polen ſtrei⸗ ten möchten? Mag Preußen beides behalten, der Oſten geht uns nichts an, wir nehmen, was uns zunächſt liegt. Schon der erſte Kaiſer war empört, als ihm in dem polniſchen Kothboden die Reiterſtiefeln ſtecken blieben. Und das nennen dieſe Menſchen ein Vaterland! rief er aus. Nicht beſſer iſt es mit dem dürren Sandboden der Marf Brandenburg, bekommt unſere Armee, was bei dem dortigen abſcheulichen Klima leicht möglich iſt, den Schnupfen, ſo nieſt ſie dem König von Preußen ſein angeſtamm⸗ tes Land fort. Ganz anders iſt es am Rhein und in Weftfa⸗ len, Naſſau und Heſſen, das ſind reiche, gut angebaute Länder, deren Schätze uns zu Gute kommen ſollen. Was wir aber vor Allem brauchen, iſt das Kohlenbecken von Saarbrücken, und ich denke, wir haben es feſt genug gefaßt, um es nicht wieder her⸗ as zu geben. — Ich ſchmeichle mir nicht mit einem ſo ſchnellen Erfolge, ſagte Ollivier in dem ſchwerfälligen Tone eines Profeſſors. Ich S„„ e Arme kommen n Trau⸗ ger die wir ein⸗ Bund enſpäne ftage ete der n. tdieſen n. In⸗ f welche orte der alleini⸗ vir uns en ſi eht uns er erſte den die denſchen dürren ee, was ſt, den eſum⸗ Vefff⸗ Länder, ber vor der her &roh⸗ 3 . 315— habe es immer für verfrüht gehalten, wenn man daran dachte, das Siegesfeſt ſchon am fünfzehnten Auguſt in Berlin zu feiern. Es mögen noch Wochen, vielleicht Monate darüber hingehen, aber was thut uns das? Die Deutſchen prahlen mit der Einigkeit ihrer verſchiedenen Stämme, die ihnen gekommen iſt, Gott weiß wie. Ich bin der Anſicht, daß ſich hier in unſerem glorreichen Vaterlande ein weit herrlicherer Beweis von Harmonie kund giebt. Das ganze Volk fühlt für dieſen Krieg die gleiche Be⸗ geiſterung, ein jeder Franzoſe iſt ein Held, ein jeder Franzoſe weiß, daß auf ihm die Ehre ſeines Landes, ſeines Kaiſerlichen Hauſes beruht. Sehen Sie die Maſſen, welche durch die Straßen von Paris ziehen! Sie fingen die Marſeillaiſe, ſie rufen: Rieder mit Bismark, Tod den Preußen, den Deutſchen! ſie ſind bereit, den letzten Blutstropfen für das große Frankreich dahinzugeben und mit dem letzten Athemzug zu rufen: Es lebe der Kaiſer! Die Regentin nickte ihm beifällig zu. Schon dachte ſie daran, wie ſie ſich ihren getreuen Pariſern zeigen wollte, und welch eine Toilette dazu die paſſendſte ſei. Da brachte ihr ein vertrauter Diener einen Zettel, den ſie ſchnell überblicte. Dann erhoh ſie ſich. — Ich werde fogleich dem Kaiſer ſchreiben, ſagte ſie. Senden Sie ihm Ihre Berichte. Alles Uebrige verhandeln wir in dem Staatsrath. Leben Sie wohl, meine Herren! Sie verneigte ſich und verließ das Gemach. Gramont kniff ſich die Lorgnette in das Auge und nahm ſeinen Hut, Ollivier knöpfte ſeinen Rock zu. — Sie haben, ſagte er, da eine hübſche Kriegskunſt ent⸗ wickelt. Darf ich Sie fragen, Herr Herzog, ob Sie Alles glau⸗ ben, was Sie der Kaiſerin vorzutragen beliebten? Der Herzog lachte. — Meinen Sie, ich wüßte nicht, wie man mit Weibern um⸗ gehen muß? Machen Sie ihr Angſt, und wir haben keinen ruhi⸗ gen Augenblick mehr, ſie wird uns mit Klagen, mit Schreien, vielleicht gar mit Vorwürfen überhäufen, ſie wird dem Kaiſer das Schlimmſte über uns berichten, während ſie jetzt das lieb⸗ lichſte Lächeln auf den Lippen und den Gedanken an eine neue — 316— Robe im Herzen hat. Das iſt weit bequemer für uns, meinen Sie das nicht auch? — Und die Mauſefalle, die Sie ſo geſchickt ſchilderten, wie ſteht es mit der? fragte ſein College. — Glauben Sie, ich kümmre mich auch noch um Kriegspläne? rief der Herzog. Mag ſich Mac Mahon, mögen ſich Bazaine und Leboeuf freſſen und alle anderen Kriegshelden mit dem Kaiſer herumärgern, wir haben genug zu thun, um mit der Kaiſerin gemüthlich fertig zu werden. — So bleibt denn die ungeſchminkte Thatſache, daß wir ge⸗ ſchlagen ſind, murmelte Ollivier. — Was thut das, da, wie Sie eben noch verſicherten, Frankreich's Bevölkerung einig iſt, wie nie zuvor, und jeder Franzoſe ein Held? Der Herzog von Gramont hatte dieſe Worte ſeines Collegen mit ſchneidendem Spotte wiederholt. Ollivier fand keine Erwi⸗ derung. Sie hatten der Kaiſerin beide geſagt, was ſie zu hören wünſchte, ſie hatten beide gelogen. Anfangs freilich hatte Ollivier andere Abſichten gehabt, aber als er des Herzogs hoffnungsvolle Rede hörte, ſchämte er ſich, aus ſeinem Miniſterium heraus et⸗ was weniger Günſtiges zu melden und ſtimmte in denſelben Ton mit ein. An der Thür trennten ſich die beiden Herren mit ehr⸗ furchtsvollen Verbeugungen. Sie kannten ſich gegenſeitig genug, um zu wiſſen, was ſie von der Hochachtung zu halten hatten, welche ein ſolcher College ihnen bezeugte. Unterdeſſen hatte ſich die Kaiſerin in ihr Kabinet begeben. Hier angelangt, klingelte ſie lebhaft. Der Bediente erſchien in der Thür. — Der Polizeipräfekt Pietri, befahl die Kaiſerin. Sogleich erſchien dieſer mit einer tiefen Verbeugung. — Sie wünſchen mich zu ſprechen, Sie ſchrieben mir, daß eine vringende Angelegenheit Sie zu mir führt, ſagte Eugenie und ließ ſich auf das roſenrothe Atlasſopha nieder. Wiſſen Sie mein Herr Polizeipräfekt, daß ich zwei Miniſter um Ihretwil⸗ len fortgeſchickt habe? ſch 4h) ſin Blu die au erw Reg iſt wi de die mit wei nen ſta zoſe terl ſu Be Ge M 0 zert aun meinen en, wie pläne ine und Kaiſer ciſerin wir ge⸗ chetten, jeder ollegen Erwi⸗ hören Ollvier gswolle rus et Ton t ehr⸗ genug hatten, egeben hien it ir, dai Eugenie Viſſen h remil ————— — Ich komme, verſetzte Pietri, um Eurer Mafeſtät die ſchuldige Rechenſchaft über den Stand der Geſinnung in Paris abzulegen. — O ich weiß, lächelte Eugenie, es ſteht gut um dieſe( ſinnung, der Krieg iſt populär, jeder Franzoſe iſt bereit, Blut dafür hinzugeben. — Ja, wenn er ſiegreich iſt, ſagte der Chef der Polizei. — Iſt er es nicht? fragte die Kaiſerin und zog verwundert die Augenbrauen in die Höhe. — Die Depeſche Seiner Majeſtät au dieſem Morgen die Ehre hatte, erwiederte Pietri zögernd. — War Ihnen uatürlich eher bekannt, als mir! rief die Regentin etwas unmuthig aus. Aber was Sie vielleicht nicht wiſſen, nicht ahnen, obgleich die Polizei ſonſt alles weß, das iſt die tiefe Kriegskunſt meines Gemahls, durch welche er die Deutſchen in unſer Land hineinlockt, um ſie deſto ſicherer zu ver⸗ nichten. em ſehen Sie mich zweifelnd an? Iſt nicht je⸗ der Brandoſe ein Held, wird nicht jede Hand ſich bewaffnen, um die Feinde, die auf unſerem Boden ſtehen, zu vernichten, ſei es mit der Flinte, ſei es mit dem Dreſchflegel, der Heugabel, was weiß ich? Die Spanier, meine Landsleute, vergifteten die Brun⸗ nen, als die Feinde ihnen zu nahe kamen, und jedes Weib ver⸗ ſtand es, ſeinen, Dolch zu gebrauchen. Glauben Sie, die Frau⸗ zoſen ſeien weniger hochherzig, wenn es gilt, die Ehre ihres Va⸗ terlandes zu vertheidigen? — Ich bin davon überzeugt antwortete Pietri, welcher nicht zu widerſprechen wagte. Indeſſen fand ich in dieſer Nacht die Bevölkerung unſerer Stadt fehr erregt und heute iſt mehr als ein Gewaltſtreich gegen Deutſche Einwohner von Paris vorgefallen. Man hat in dem Hauſe des preußiſchen Botſchafters die Fenſter zertrümmert, obſchon nur ein paar noch dazu franzöſiſche Diener ſich darin befanden, man ſammelte ſich in Haufen vor der Woh⸗ nung der Herzogin von Montalto... — Der Herzogin von Montalto! unterbrach ihn Eugentie. Was wiſſen Sie mir von ihr zu ſagen? He⸗ ſein des Kaiſers, welche ich Ihnen zu übermitteln.. 318— — Sie pflegt einen kranken jungen Italiener unter dem Vorwande, daß ſie entfernt mit ihm verwandt ſei, in ihrem Hauſe. — In Abweſenheit ihres Gatten, das iſt komiſch. — Allerdings, aber hat Urſache, mit dem Herzog unzu⸗ frieden zu ſein. — Iſt er ihr untreu? Ich glaube es ſchon. Montalkto iſt immer noch ein ſchöner Mann, er mag den Damen S — Wenn es nur das wäre! — Was iſt es noch? Giebt es Ernſteres? Reden Sie doch, geheime Polizei, reden Sie, ich brauche Zerſtreuung, ein Stadtge⸗ ſchichtchen wird mich unterhalten. — Die Sache iſt für eine augenblickliche Unterhaltung zu ernſt. — Sie erſchrecken mich, was wird es ſein? — Der Herzog liebt das Spiel und die Frauen, vorzüglich die koſtſpieligſte Sorte derſelben, er hat Schulden. — Wenn es nur das iſt! Der Kaiſer wird ſie decken, ſo⸗ bald der Krieg vorüber iſt, denn Montalto iſt ein. tapferer Sol⸗ dat, ich zwelſe nicht, daß er mit Ruhm gekrönt 2 urückymmt. — Die Schulden zu decken, hat er ſelber verful — Und wie? — Mit dem Gelde ſeiner Frau. — Sie ſcherzen.. doch warum nicht? Iduna liebt es, die edle Gattin und Mutter vorzuſtellen, ſie wird ihm ihr Ver⸗ mögen, es ſoll bedeutend ſein, wie ich höre, aufgedrungen haben. — Jedenfalls hat er auch dieſes bedeutende Vermögen ver⸗ ſchwendet. — Alſo das iſt die Urſache der Unzufriedenheit mit ihrem Gatten. Ah, ich verſtehe, nein, ſo etwas läßt ſich freilich nicht vergeben. Aber man muß das nach dem Kriege zu ordnen ſuchen. — Was ſich ſchwerlich ordnen läßt, iſt die Art und Weiſe, n welcher der Herzog die Zerrüttung ſeiner Verhältniſſe zu ver⸗ docken ſuchte. — Und dieſe Art und Weiſe..7 ſcher talto bene ankle haft ſ Die 7 Mittl Alles h m mit in 6 ehe S ter dem nHauſe. 9 unzl⸗ alto iſt en. Sie doch Stadige⸗ tung zu orzigic ecen, ſo⸗ erer So mt. iebt e, ihr Ver⸗ edrungen ögen vet⸗ nit ihen ih n ordnen 15 Biſt — — Iſt ſchimpflich. — Glauben Sie das wirklich? O, dieſe Poliziſten ſind ab⸗ ſcheuliche Menſchen, überall wittern ſie Verbrechen. — Ich ſage, was ich weiß und was ich Es fehlen Gewehre in dem De talto zu verwalten hat. — Das beweiſt nichts gegen ihn, viel gegen ſeine Unterge⸗ benen. Man muß einen Mann, wie den Herzog, nicht fälſchlich anklagen, Herr Polizeipräfekt, hören Sie, man muß den wahr⸗ haft Schuldigen ſuchen, oder über die ganze Sache ſchweigen. — Eure Majeſtät befehlen? — Ich bitte Sie darum. Was liegt an einigen Gewehren? Die Armee iſt reichlich damit verſorgt. Ich danke Ihnen für Ihre Mittheilungen, Herr Präfekt, fahren Sie fort, aufmerkſam auf Alles zu ſein, und verſchweigen Sie mir Nichts. Die Kaiſerin ſagte das mit beſonderer Lebhaftigkeit und reichte ihm die Hand zum Kuſſe hin. Der Polizeipräfekt entfernte ſich mit einer tieſen Verbeugung. — laſſe ich ihn nicht durchſchlüpfen, ſagte er zu ſich. obgleich ich längſt weiß, wie theuer er der Kaiſerin zu beweiſen vermag. pot, welches der Herzog von Mon⸗ iſt. Die ſchöne Herzogin war zu ſtolz gegen mich, das will ich rächen. In kurzer Zeit ſoll man den Namen Montalto neben dem der ärgſten Schurken nennen. ¹ 37. Kapitel. Kriegsfahrten. — Hollah Herr Lieutenant, nicht zu weit vor, da drüben im Gebüſche ſtecken ehe Sie es denken Der preußiſche Atallerie⸗Lieutenant wandee ſich um und ſah . Mothhoſen, die können Ihen eins aufknalle — 320— in das friſche und ſonnenverbrannte Geſicht eines Ulanen, der auf ſeinem Pferde hielt und ſich eben Feuer zu ſeiner Cigarre anrieb. — Dank für die Warnung, Kamerad, ſagte er. Nun, da ich drüben eben nicht viel zu ſuchen habe, ſo wird es mir wohl kei⸗ ne Schande ſein, wenn ich umkehre. — Es wäre wenigſtens unklug genug, vorwärts zu gehen, wenn da nichts zu holen iſt, als Chaſſepotkugeln. Sie treffen ſchlecht, die Rothhoſen, aber mitunter findet eine doch ihr Ziel. »Wollen Sie Feuer, Herr Lieutenant? — Doanke, Kamerad, aber ſagen Sie mir, find Sie ſchon länger hier? — Lange nicht wir haben geſtern die Franzoſen aus Wei⸗ ßenburg vertrieben, dann ging es hierher ins Biwak, und mor⸗ gen ſollen wir nach Süd⸗Oſten weiter. — Ich kam erſt heut hier an, bin zu der Armee des Kron⸗ prinzen abkommandirt. Nun ſehe ich mir da drüben die Berge an, es liegt da oben ein Schloß, man bemerkt aber nur die Thürm⸗ chen auf den Ecken.. Kamerad, wiſſen Sie, wem das Schloß gehört? — Kann's nicht ſagen, autwortete der Ulan trocken, das Schloß habe ich kaum bemerkt, wohl aber die herrliche Waldung da an dem Berge entlang, hätte ich Zeit, ich machte mich unter die Bäume. Die ſehen anders aus, wie bei uns in Berlin, anders als ſelbſt der Thiergarten. — Wiüßte ich nur den Weg, murmelte der Lieutenant. — Ich würde es Ihnen nicht rathen, allein da herauf zu gehen, verſetzte der Soldat, die Rothhoſen ſind zu heimtückiſch. Aber drüben in der Mühle bin ich im Quartier, das heißt für mein eigenes Geld, denn umſonſt giebt es hier wenig. Wollen Sie mitkommen, ſo will ich die Leute nach dem Schloſſe fragen und wie man hinaufgelangt. Der Lieutenant war es zufrieden. Er ging neben dem Pferde des Ulanen her, der gemüthlich weiter plauderte. — Zetzt iſt auch das letzte Spurchen Angſt vor den Franzoſen verſchwunden, ſahte er. Erſt machten uns die Turkos bange, aber nug länge berg wenn nen un burg 0 ſchwar Sie ze brauch ten mi rau G Meſſr hen 6 aber di tuſche dr ſer umſel. tenant niht n en nic dutun n Lodten ſhnute Jhlug gat kn 8 Du nal der ur gich hen, effen Zil. ſchon Wei⸗ Wol⸗ kron⸗ erge hürm⸗ ch das F da zume. ſilhſ — aber nun wiſſen wir Beſcheid. Von weitem, da ſind ſie toll ge⸗ nug aber hat man ſo einen braunen Teufel erſt auf Armes⸗ länge, gleich ſchmeißt er die Waffen weg. Geſtern auf dem Gais⸗ berg, hei, wie ſie liefen, von hinten ſehen ſie putzig genug aus, wenn die weiten Pumphoſen wackeln und der lange Puſchel ih⸗ nen um die Ohren fliegt. Aber wie die Gefangenen in Weißen⸗ burg auf der Straße lagen, ſo braun wie Pfefferkuchen oder ſo ſchwarz wie Schornſteinfeger, o je, iſt das ein Lumpengeſindel. Sie zogen uns die Schnupftücher aus den Taſchen, ſie, die keins brauchen, ſie kauerten da wie die Affen auf den Treppen, und grins⸗ ten mit den Zähnen, die das einzige Gute an ihnen ſind. Aber trau Einer, wenn man ihnen nahe kommt, gleich haben ſie ein Meſſer in der Hand. Wir mußten ſie Alle noch einmal unterſu⸗ chen, Chaſſepots und Piſtolen und Dolche hatten ſie abgeliefert, aber die nerfluchten langen Meſſer, die tragen taſche, daran hatte keiner gedacht bis es der ſeinen Namen aufſchreib umfiel. ſie in der Hoſen⸗ einer dem Unteroffizier, en wollte, in den Leih ſtieß, daß er — Was hat man mit dem Kerl gemacht? fragte der Lieu⸗ tenant. — Kurzen Prozeß, lachte Jener. Ein Kriegsgericht war nicht nöthig es hatten es 3wanzig geſehen. Sie hingen ihn an den nächſten Laternenpfahl, damit ſich die andern ein Beiſpiel daran nehmen konnten. Ich ging fort, ich fürchte mich nicht vor Todten, aber ſolch' einen Kerl zappeln ſehen, das iſt mir ekel⸗ haft. Sehen Sie, Herr Lieutenant, das iſt die Mühle, ein ſchmuckes Häuschen, zu hübſch eigentlich für das grobe Volk Wollen Sie es glauben, die Einwohner thun mitunter, als ob wir gar kein Recht dazu hätten, hier zu ſein. He, Burſche, komm Du mal her, wem gehört das Schloß da oben? Der Angeredete ein Wüllerburſche, rückte an der Mütze, als er die Epauletten des jungen Lieutenants ſah. — Das Schloß, ſagke er, und warf einen Blick hinauf, das gehört dem Teufel. — Der foll Dich holen, Junge, wenn Du nicht dem Herrn D. V. 21 — Lieutenant da eine anſtändige Antwort giebſt, rief der Ulan und faßte den Burſchen beim Ohrläppchen. — So, ſagte der trotzig, dann fragt andere Leute, ſie werden Euch Alle daſſelbe ſagen. Das Schloß heißt Falkenſtein⸗ aber wem es gehört, weiß Keiner, und daß es oben nicht richtig iſt, ſteht feſt; weiter weiß ich nichts. Damit bückte er ſich ſchnell, entzog ſich dem Griffe des Ula⸗ nen und ging in das Haus. — Sehen Sie, ſo iſt die Bande, ſagte der Soldat, aber wir werden ſchon mit ihnen fertig werden. Kommen Sie nur herein, mit den Weibsleuten läßt ſich ſchon eher reden. Er ſtieg von dem Pferde, band es an den Thorweg und öffnete dem Lieutenant die Thür. Dieſer trat in ein nettes und reinliches Zimmer, in welchem es kräftig nach dem Mehl roch, das in der Mühle gemahlen wurde. — Ach, Mutter, gicht es wag zu eſſen? fragte der Ulan, als er die rüſtige Frau Brot ſchneiden ſah. — Immer eſſen murrte ſie und ſchüttelte den Kopf, das iſt ein Leiden. Ihr eſſet uns noch anm. — Arm an Brot, reich an Geld! rief der Andere, legte⸗ ſeinen Arm um den Leib der Frau und ließ ſeine Geldtaſche an ihrem Ohre klingen. — Kriegen wir dafür ein paar Butterbrode, einen Schop⸗ pen und ein freundliches Geſicht dazu? Die Frau lachte. — Ihr ſeid mir grade der Schlimmſte, ſagte ſie, habt nichts als Unfinn im Kopfe bei dieſen Zeiten. Jeſus Maria, wie wird es uns noch gehen. — Wie dem Rad in Eurer Mühle, ſagte er, bald iſt es unten, bald wieder oben. — Ach geht, Ihr ſeid ein Faxenmacher, da ſetzt Euch an den Tiſch, hier iſt Butter und Brot, hier iſt Wein. — Wär's lieber Bier, Bayeriſches, wie es vom Faß kommt, he, was meinen Sie, Herr Lieutenant, ich kann mich nicht an den Wein gewöhnen, er ſchmeckt nicht ſchlecht, aber ſo ein Sei⸗ del mit dem weißen appetitlichen Schaum oben auf und darun⸗ ter hinu gear Blit zweite undſe zur n um di das S hinauf 2 zu Zw Sie hier nd ter ſo klar und gelbroth, das ſtießt doch noch anders die Kehle hinunter, vorzüglich, wenn man den Tag über in der Werkſtatt ſie gearbeitet hat, und der Hals vom Feuer trocken geworden iſt. in Sie ſind Schloſſer? fragte der Offizier und warf einen iſ. Blick auf die allerdings derben Hände des Ulanen. — Maſchinenbauer, ſagte der. Ja, das iſt nun ſchon das 3 zweite Mal, daß ich die Kugeln pfeifen höre. Ich war Sechs⸗ undſechszig in Böhmen. Sie wohl noch nicht? ber— Ich bin aus Mainz, wir gehörten damals noch nicht ur zur norddeutſchen Armee. — Das dachte ich mir, daß Sie aus dem Süden ſind, aber ₰ *. um die Hauptſache nicht zu vergeſſen Wütterchen, wie heißt 1 nd das Schloß da oben auſ dem hohen Berge? 5— Schloß Falkenſtein, ſagte die Müllerin. — Und wer lebt da? forſchte er weiter. 2— Der Teufel, verſetzte ſie und warf einen ſcheuen Blick hinauf.. e Der Ulan lachte laut auf. — Den müſſen wir beſuchen, Herr Lieutenant. Wenn wir zu Zweien ſind, thut uns feine Rothhoſe was zu Leide. Wollen Sie hier warten, ſo hole ich mir Urlaub und wir ſpazieren hinauf. Der Offizier nickte ihm freundlich öu, und der Soldat eilte hinaus. Im Felde nimmt man es mit den Standesunterſchieden nicht ſo genau, vorzüglich in Preußen, wo die gebildetſten Männer 6 als gemeine So daten in die Armee eintreten. Der junge Lieu⸗ id tenant hatte Wohlgefallen an dem friſchen Weſen ſeines neuen Bekannten gefunden, der nur wenige Jahre älter war als er ſet⸗ . ber. Um ſich die Zeit öu vertreiben, fing er mit der Müllerin zu plaudern an. — Ein luſtiger Burſche der da, ſagte er und wies auf die Thür, durch welhhe der Ulan ſo eben verſchwunden war. — Ja, ſagte ſie, wenn zur Alle ſo wären! Er iſt uns ſchon faſt lieb geworden, und auch bei den Kindern heißt er ſchon Onkel Friſchmuth. un⸗ 2 1 3 324— — Alſo Friſchmuth heißt er? — Wilhelm Friſchmuth und iſt aus Berlin, antwortete ſie. Aber Herr Offizier, daß er mit Ihnen auf das Schloß will, das iſt einer von ſeinen tollen Streichen. Sie ſollten es nicht thun, glauben Sie mir. — Aber warum nicht, Mütterchen? fragte er. — Weil es da oben nicht geheuor iſt. Die Leute, die hin⸗ aufſteigen, haben auch im beſten Falle wenig Vortheil davon. Ein altes Weib macht die Klappe in der Thür auf und guckt hinaus, wer ihr nicht gefällt, den läßt ſie ſicher nicht herein. — Und dieſes alte Weib ſoll der Teufel ſein? fragte der Offzzier mit Gelächter. — Weiß ich es? ereiferte“ ſich die Frau. Nur das ſteht feſt, daß ſie ſeit fünfzehn Jahren da hauſt und mit Niemand verkehrt, und daß ſie weder zur Meſſe noch zur Beichte geht. Mag nun der Teufel dabei ſein oder nicht Gott iſt jedenfalls nicht mit dem alten Weibe, warum alſo wollen Sie hinauf? — Weil ich neugierig bin, verſetzte der junge Mann. Schloß liegt überaus romantiſch, ſo dicht voñ Bäumen eingeſchloſ⸗ ſen, wie ein Vogelneſt in einem Eichenzweige, es zieht mich was hinauf, als wäre man da oben dem Himmel näher, mit einem Worte, ich muß Schloß Falkenſtein in der Nähe ſehen, uud mor⸗ gen will ich Euch Beſcheid ſagen, wie es dort oben ausſieht. — Und wenn Sie nicht wiederkommen? fragte ſie. — Dann meldet es bei meinem Regimente, bat der junge Mann. Als ob ich Bren Ramen wüßte! murrte dic Frau. — Ja ſo, lachte ihr Gaſt, das hätte ich bald vergeſſen. Alſo nehmt dieſe Karte, Mütterchen, Ihr könnt doch leſen? — O ja, ganz gut, wenn es auch kleine Schrift iſt mar, Graf von Iſſelhorſt, Sekondelieutenant im*ten Artillerie⸗ regiment zu Fuß. — Aha, da weiß ich ja gleich, mit wem ich die Ehre habe, rief Wilhelm Friſchmuth, der ſoeben wieder zurückgekehrt war, Herr Graf, ich habe Urlaub für den ganzen Nachmittag und ſtelle mich zu Ihrem Befehl. Otto⸗ vo de ſie. das un nor⸗ Der Lieutenant nickte ihm freundlich zu, nahm Abſchied von der Müllerin, die ihnen den Weg beſchrieb, und ging mit dem Ulanen hinaus. Draußen begann Friſchmuth: — Ich habe um Vergebung zu bitten, Herr Graf, ich war wohl ein bischen dreiſt. Aber weil Sie mich ſo friſchweg per Ka⸗ merad anredeten, dachte ich, Sie wären wohl nicht grade was Vornehmes. Alſo nichts für ungut, Herr Graf, ich weiß ja nun, mit wem ich die Ehre habe, zuſammen zu ſein. Ottomar von Iſſelhorſt lachte laut auf. — Macht Ihnen der Titel bange? rief er. Glauben Sie mir, ich gebe wenig genug darauf. Im Kriege ſind wir alle gleich, Helden oder ſchlechtes Kanonenfutter, wie es kommt, und im Frie⸗ den iſt es eben auch nichts beſonderes, wenn es beim leeren Na⸗ men bleibt. Mein Vater iſt durchaus nicht reich, und was er hat gehört meinem älteſten Bruder, Reinhold, der Landwirth iſt und ſich ein Gut kaufen will, um es ganz nach den Grundſätzen der neuen Oekonomie mit Stallfütterung, Dampfpflügen, Brütöfen Gipsdung und was weiß ich, zu bearbeiten. Der iſt jetzt bei der Armee des alten Steinmetz zu der ich eigentlich kommen ſollte. Ich diene nicht nur um der Ehre willen, ſondern auch um meinem Alten nicht länger zur Laſt zu liegen, und unſer Neſtling, der Eugen, hofft es noch einmal bis zum Juſtizminiſter zu bringen, nämlich wenn er erſt über den Auskultator und unbeſoldeten Aſ⸗ ſeſſor hinweg iſt. Sie ſehen alſo, wir ſind Arbeiter, wie Sie, und der Titel Graf thut dabei gar nichts zur Sache. Darum geben Sie mir Ihre Hand, lieber Friſchmuth, und laſſen Sie uns in Wahrheit gute Kameraden ſein. — Na, rief der Ulan, indem er kräftig einſchlug, das nenne ich vernünftig geſprochen! Leider hört man ſelten ſolche vernünf⸗ tigen Worte! Aber, Herr Graf, mit den Worten iſt es nicht abge⸗ macht, man muß auch klug zu handeln verſtehen. — Schelten Sie mich immer aus, wenn ich etwas Unrech⸗ tes thue, verſetzte Ottomar, ich will Ihnen gerne folgen. — Mit dem Ausſchelten fang ich gleich an! rief Wilhelm. Hab' ich es Ihnen nicht geſagt, doß hier heruin Rothhoſen ſtecken, und nun ſehe ich, daß Sie keine andere Waffe bei ſich haben, als den Bratſpieß da. — Ich glaube hier an keine Gefahr, lächelte der Graf. Die Franzoſen haben ſich nach der Schlappe bei Weißenburg zurückge⸗ zogen. — Ja, rief Friſchmuth, aber nicht weit! Da drüben liegt Wörth. Ich habe von dem Bodenfenſter der Müllerin aus den Kirchthurm geſehen. Da ſteckt es ſicher voll von ſolchen Kerlen, ſie krauchen ja in jedes Haus hinein und denken, ſie ſind vor uns ſicher, wenn ſie eine wacklige Mauer vor ſich haben. Kurz, Herr Graf, vor dem Teufel da oben in Schloß Faklenſtein fürchte ich mich gar nicht, aber ein Dutzend Turkos hier in den ſtillen Walde, die könnten uns geniren. Der Lieutenant ſah das ein, aber er hatte nun einmal das 1 Wageſtück unternommen und ſcheute ſich umzukehren, ehe er das Felſenſchloß erreicht hatte. So gingen die beiden Männer luſtig plaudernd vorwärts. Sie waren beide jung, beide lebensluſtig und heiter, und ſo ging der Stoff der Unterhaltung nicht aus, bis Wilhelm Friſchmuth plötzlich ſeill ſtand und dem Grafen ein Zeichen gab. — Waos giebt es? fragte Ottomar. — Da drüben, flüſterte der Ulan, hören Sie Nichts 2 — Ich, nein, wirklich ich höre nur die Baumwipfel rauſchen,, und die Spechte an den Rinden hacken, verſetzte der Graf. — Und dennoch ziſchelte Wilhelm. Gehen Sie nicht weiter, Herr Graf, ſtellen Sie ſich mit dem Rücken an einen Stamm, wir können uns ja ausruhen und ein bischen beobachten. Ottomar hielt dieſe Vorſicht für ſehr überflüſſig, aber müde, wie er war, warf er ſich unter einer Eiche nieder und gähnte; faſt reute es ihn, den weiten Weg unternommen zu haben, weil eine Laune ihn jenes alte Raubneſt auf der Spitze der Vogeſen intereſſant erſchienen ließ. Friſchmuth ſchlich ſich leiſe durch die Gebüſche und lugte ſcharf aus, dann kehrte er eben ſo vorſichtig zurück, er trat auf Moos, um ſeine Schritte unhörbar zu machen⸗ und vermied es, ſeinen langen Säbel klirren zu laſſen. — Es iſt richtig, ſagte er als es wieder dicht neben Otto⸗ ſ 1 mar da zl el ſchle dem ſchl man und nach un, Sie — 327— mar war, es ſind Rothhoſen, wenigſtens ein Dutzend. Sie liegen da hinter dem Bruſche, verfluchte Kerls! — Ja, was fangen wir nun an? fragte der Graf, ohne ſich zu erheben. — Wir laſſen uns todtſchlagen, oder als Gefangene fort⸗ ſchleppen, brummte Wilhelm. .— Das wäre der Teufel, meinte Ottomar. Ich habe zu dem Einen ſo wenig Luſt wie zu dem Andern. 3— So ſchleichen wir uns hier durch das Geſträuch zurück, ſchlug der Ulan vor. Den Weg entlang iſt es gefährlich, da hört man auf dem Steingeröll jeden Schritt. — Das fieht aber verwünſcht nach Flucht aus, ſagte Iſſel⸗ horſt kopfſchüttelnd. — Flucht, hm, Rückug iſt noch nicht Flucht, wenn zwei ge⸗ gen ein Dutzend ſtehen, meinte Friſchmuth, alſo kommen Sie nur, 6 Herr Graf. Aber kaum hatte Ottomar von Iſſelhorſt ſich erho⸗ ben, als es plötzlich in dem Gebüſche lebendig wurde, hier guck⸗ ten ein Paar gelbbraune Kerle aus den Sträuchern hervor, dort krochen ein Paar Andere hinter den Baumſtämmen heraus. Mit einem Male ſprangen ſechs, acht heraus und erhoben ein furchtbares Gebrüll, es war jener Schlachtruf, welchen die Hyä⸗ nen und Schakals des franzöſiſchen Heeres, die Turkos und Spahis, ausſtoßen, um ſich den Feinden furchtbar zu machen. Indeſſen trafen ſie hier auf zwei feſte Männerherzen. Otto⸗ mar und Friſchmuth hatten ſich mit dem Rücken gegen einen Eichenſtamm geſtellt und erwarteten, der Eine mit dem Degen, der Andere mit der Reiterpiſtole in der Hand, das Herannahen der Feinde. Sie ſchienen mit Schußwaffen nicht gut verſehen zu de, ſein deſto wüthender ſchwangen ſie die kurzen Dolchmeſſer. ſte — Fangen laß' ich mich von dem Diebsgefindel nicht, ſagte ————— en, el, m il der Vaſchienenbauer und hob langſam ſein Piſtol, ein Knall, ſen und der Vorderſte der Bande ſprang hoch auf und ſchlug dann die nach hinten auf die Erde nieder.. i Ein erneuter Wuthſchrei brach aus dem Munde der Feinde, n nur einen Augenblick ſtutzten fie, dann ſprangen fie in kurzen Sätzen weiter vor, wie ein Raubthier auf ſeine Beute ſpringt. Es ſchien, als wurde es in allen Büſchen lebendig, blaue und rothe Hoſen zeigten ſich, Turbans und Käppis, es mochten zwölf bis fünfzehn ſein lauter wild ausſehende Geſtalten mit blitzenden Klingen in der Fauſt, und doch auch einige mit Piſtolen. Hier Lnallte ein Schuß dicht neben dem jungen Grafen in den Eichen⸗ ſtamm hinein, dort ſtürzten ſich dre Kerle über ihn her. Er deckte ſich den Rücken mit dem Baume und focht um ſich. Dem Einen hieb er über die Wange, daß das Blut ihm in die Augen ſpritzte und er zurücktaumelte, einen Sweiten traf ſeine Slinge über die Hand und heulend verkroch er ſich, aber der Dritte hielt Stand und drang auf den Deutſchen ein. Unterdeſſen hatte Wilhelm Friſchmuth die zweite Kugel ab⸗ gegeben, und ein baumlanger afrikaniſcher Jäger wälzte ſich am Boden, jetzt lud er mit Bedächtigkeit auf's Neue. Dieſer faſt wunderbare Muth bei ſo augenſcheinlicher Gefahr ſchien den Franzoſen Reſpekt einzuflößen. Mußte nicht ein Mann unverwundbar ſein, wenn er im An⸗ geſicht von neun Feinden ſo feſt da ſtand und ſeine Waffe ru⸗ hig lud? Was half ihnen da das Kämpfen? Der Deutſche zielte nicht lange, aber ſicher, ſchon wälöte ſich der Dritte auf dem mooſigen Boden, ſchon krümmte ſich der Vierte und hielt ſich den Bauch, in deſſen Eingeweide die tödtliche Kugel gedrungen war. Da ſteckte Friſchmuth die Piſtolen ein und zog ſeinen langen Pallaſch. Es war Zeit dazu. Der Graf Ottomar, von mehreren Feinden bedrängt, wußte ſich nich mehr zu verthei⸗ digen. Schon hatte ihn Einer beim Arm gepackt und lähmte ſeine Waffe, indeſſen er mit der anderen Hand die ſeinige ſchwang, da— hui! wie pfiff es durch die Luft hoch auf ſpritzte ein ro⸗ ther Strahl, und Ottomar war frei. Jetzt ſtanden ſie beide nebeneinander. Friſchmuth ſchützte mit ſeinem langen Schleppſäbel die Bruſt des Grafen, der ſich weniger gut zu vertheidigen vermochte; hät ten die Feinde beſſer geſchoſſen, oder verſagten die Piſtolen nicht allzu oft, ein jeder Widerſtand wäre vergeblich geweſen. Nun aber ſtanden ſie Mann gegen Mann, jetzt noch ſechs gegen zwei, jetzt fünf jetzt zog ſich der Vierte zurück und nuu 5. wie den fullen chem lange Fran Vem es tre der ſt lern „ De He heimt Bind ſ j deten di zr die St . ſ i Vorni trite unter zurück ich 2) ru⸗ ich rte gel 509 nol, mte n9 v⸗ ruſt — 329— wie laut lachte der wackere Ulan, da lagen die drei Anderen auf den Knien, warfen die Waffen weg und ſchrien pardon, pardon! — Pardon, ja, den ſollt Ihr kriegen, Kanaillen, ſagte Friſch muth, aber gefangen ſeid Ihr. Und er ging zu einem der Ge⸗ fallenen und nahm ihm den weißen Turban von dem Schädel, auf wel⸗ chem nur ein einziges Büſchel ſchmutziger Haare ſaß. Mit dieſem langen Streifen Zeug, den er auseinanderriß, band er den drei Franzoſen die Hände zuſammen, die ſie ihm ſelber hinſtreckten. — Gebt Acht, vorgeſehen! ſchrie plötzlich Ottomar. Wilhelm ſah auf, da blitzte es dicht neben ihm, einer der Verwundeten hatte ein Meſſer gezogen und ſtieß es nach ihm, es traf auf den Schenkel, aber hier, in der Taſche ſeiner Beinklei⸗ der ſteckte eine Geldtaſche, die zum guten Glü lück mit harten Tha⸗ lern gefüllt war, das Dolchmeſſer rutſchte ab und ritzte nur leicht die Haut. — Beſtie Du! rief der Graf, ſprang hin und ſtieß dem heimtückiſchen Geſellen ſeinen Degen durch den Leib. — Danke ſchön, ſagte Friſchmuth, der unterdeſſen mit dem Binden ſeiner Gefangenen fertig geworden war. Er begnügte ſich jedoch nicht mit den Dreien, auch von den leichter Verwun⸗ deten nahm er noch Zwei mit ſich. — Was ſoll aus den Uebrigen werden? fragte Ottomar. — Was Gott will, verſetzte der Ulan, ſie finden wohl noch die Kraft nach Hülfe zu ſchreien. Aber unſchädlich muß man die Sorte machen. Damit ſammelte er die Waffen und nahm ſie mit ſehr ſie ihn auch beläſtigten, Vorwärts, und tritte ſtieße unter. ſich, ſo dann erklang ſein Commandowort: einige an der richtigen Stelle angebrachte Fuß⸗ n die gefangenen Franzoſen vorwärts den Berg hin⸗ — Friſchmuth, ſagte der junge Lieutenant, indem ſie ſo zurück gingen, Sie haben mir das Leben gerettet, das vergeſſe ich Ihnen nicht. — lihSie retteten meines, ſagte der Maſchinenbauer, das hebt ſich aiſound wir ſind einander nichts ſchuldig, aber wenn — 330.— Sie mir einen Gefallen thun wollten, ſo nehmen Sie mir dir drei Schlingel da ab. — Warum das? fragte Ottomar, ſie gehören Ihnen und werden Ihrem Muthe Lob einbringen. — Was ich mir für Lob kaufe, lachte der Ulan, das iſt für Schulzeugniſſe gut, unſer Einer thut ſeine Pflicht auch ohne das. Nein, wenn ich die Leute abliefere, giebt es zu viel Gefrage und Gerede, und Jedem möchte ich es doch nicht ſagen, daß wir beide den Weg nach dem Teufelsſchloß da oben unternommen haben, denn nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Graf, eigentlich war es Unſinn, darauf zu wollen. Nun reden Sie ſich raus, ſo gut Sie können. Ottomar reichte ihm die Hand.— Schon gut, lieber Friſch⸗ muth, ſagte er, ich will die Kerls für Sie abliefern, aber das ſage ich Ihnen, ſobald es irgend möglich iſt, gehe ich doch auf das Schloß. — Nun, wenn es denn ſein muß, lachte Wilhelm, komme ich auch ſchon wieder mit denn den Teufe kennen zu lernen, hätte ich ſelber Luſt... aber dann nicht ohne Revolver, Herr Sraf!— Rein, ſicherlich nicht, ſagte der, und ſo trennten ſich die beiden neuen Bekannten. 38. Kapitel. Deutſchland's Führer und Feinde. Ehe wir unſere Leſer weiter hinein führen in die Geſchichte eines Krieges, welcher für ewige Zeiten denkwürdig bleiben wird, müſſen wir ſie mit den Männern bekannt machen, welche an der Spitze der Truppen ſtanden und mit heldenhaftem Muthe ihre Solda⸗ ten mit ſich fortriſſen. Die deutſche Heeresmacht beſtand anfangs aus vier, dann aus fünf großen Armeen. Die erſte leitete der General der Infanterie von Steinmetz ein alter Haudegen, dem — noch Greiſe Feinde genübe recht u det gef ſ Ales Aheit und de Kriegst tiſen ſ wchic chen 2 Sige jedes iger ſ nannt; ſcheden man ſ Photg r ighro ſi w gempe Mund her u und 3 in in des auf W rneh, die eines nüſſen Syiß⸗ zolde⸗ ſung den — und Zutrauen als Furcht und Unterwürfigkeit. Wer ihn in Ber⸗ — 331— noch das Blut ſo heiß in den Adern fließt, daß er in hohem Greiſenalter zur Ehe ſchritt. Wer ihn kennt, weiß, daß er dem Feinde tapfer gegenüber tritt, aber daß er auch dem Freunde ge⸗ genüber nicht leicht Spaß verſteht. Heftig und ſtreng aber ge⸗ recht und unerſchrocken iſt er der angebetete Führer der Soldaten, der gefürchtete Befehlshaber der Offiziere, die ihm nicht leicht Alles zu Dank machen. Die zweite Armee führt der Prinz Friedrich Carl von Preu⸗ 6 ßen, der Neffe des Königs Wilhelm. Wer kennt ihn nicht, den Sieger in Dänemark, den Helden von Böhmen? Soldat vom Scheitel bis zur Fußſohle, iſt der Krieg, das Schlachtgetümmel ſein Element. Ihm fiel in dieſem Kampfe ein ſchweres Stück Arbeit zu, er mußte ausharren, belagern, beobachten, bewachen, und dem wildem Muthe, der ihn belebt, den Zügel ſtrenger Kriegskunſt anlegen, wo ihm wohl manches Mal die Geduld ge⸗ riſſen ſein mag, wo es ihn forttrieb in die Bewegung, in das uuithige Vorwärtsdringen. Aber feſt entſchloſſen, ſeinem ritterli⸗ chen Vetter, dem Kronprinzen von Preußen, die Lorbeecen des Sieges zu überlaſſen, wies er ſchon bei dem Beginn des Krieges iedes Lob von ſich und bat, es dem zu ſpenden, der deſſen wür⸗ diger ſei und wahrhaft ein Ritter ohne Furcht und Tadel ge⸗ nannt zu werden verdient, gewiß ein ſeltenes Beiſpiel von Be ſcheidenheit bei einem Heerführer, der ſo ganz Soldat iſt, da man ſogar ſein kleines Töchterchen an den Schaufenſtern der Photographen in der Militairmütze erblicken kann. Friedrich Wilhelm, der herrliche Erbe des preußiſchen Kö⸗ nigthrones, iſt zugleich einer der ſchönſten Männer ſeines Reiches, frei wallt das lockige blonde Haar um ſeine Stitn, die blauen Au⸗ gen verheißen Ernſt und Milde, der ſtare Bart umrahmt ihm Mund und Kinn, die Geſtalt iſt hoch und ſchlank, der Gang ſi⸗ cher und feſt, und dennoch erweckt ſein Anblick weit mehr Liebe W — lin im einfachen Soldatenmantel einhergehen ſieht, wenn er ſeine Gemahlin am Arme hat und eifrig mit ihr plaudert, oder wer ihn Thiergarten mit ſeinen Kindern ſpazieren gehen oder fahren ſah, wer es weiß wie viel er für den Aufſchwung der — 3up Gewerbsthätigkeit durch Gründung der verſchiedenſten Anſtalten und Wuſeen gethan hat, wie er an der Spitze von unzähligen wohlthätigen und gemeinnützigen Vereinen ſteht, bei denen nicht nur ſein Name, bei denen er ſelber eifrig mitwirkt, wer ſein Fa⸗ milienleben kennt und ſeine offene gewinnende Art, mit niedriger Geſtellten zu verkehren, der blickt mit Ruhe auf die Zukunft Preu⸗ ßens, denn ſie liegt wohl geſichert in den Händen des Heldenprin⸗ zen, der den Frieden liebt. Als vierte Armee iſt die des Generals von Werder zu nen⸗ nen, die im Elſaß ſtand und der vorzüglich die Belagerung von Straßhurg zufiel, und endlich noch jene große Heeresabtheilung, die ſich unter der herrlichen Führung des Kronprinzen von Sach⸗ ſen befand. Iſt Einer würdig, mit an der Spitze der deutſchen Angele⸗ genheiten zu ſtehen, ſo iſt es dieſer erlauchte Erbe des ſächſiſchen Königsthrones. Mit dem preußiſchen Regentenhauſe nahe ver⸗ wandt, und von Berlin vermittelſt der Eiſenbahn nur wenig Stunden entfernt, unterhielt der Hof von Dresden einen ſtäten und höchſt freundſchaftlichen Verkehr mit dem Berliner Hofe, und die Freundſchaft zwiſchen dem König Wilhelm und dem edlen König Johann von Sachſen ſchloß ſich ebenſo feſt, wie die der beiden Söhne dieſer hervorragenden Fürſten. War auch im Jahre Sechsundſechzig dieſe Freundſchaft für einen Augenblick getrübt, ſo ſchloß ſie ſich ſpäter nur um ſo feſter zuſammen und verſpricht eine ewige Dauer. Wir werden ſehen, wie das ſächſiſche Armeekorps, und ihre Stammverwandten, die tapferen Thüringer, mit den übrigen Deutſchen um die Palme des Sieges rangen und niemals zurückblieben, wo es galt ſich auszuzeichnen. 3 und wenden wir jetzt unſere Blice nach, Süddeutſchland, ſo finden wir da einen höchſt bewährten Feldherrn, den Frei⸗ herrn von der Tann⸗Rathſamhauſen, der die Baiern, und dens Prinzen Friedrich von Würtemberg, der ſeine eigenen Landsleu⸗ te führte. Wir werden ſie im Schlachtgetümmel kennen lernen, wir werden ſie leuchten ſehen durch Heldenmuth und Vater⸗ ſiebe. Was aber ihre Könige, ebenſo wie den Großherzog von Ba⸗ den, i derint und 6 ſucht Volerle danken V Da iſ April man Geſil welche und b gen ſin ind u Gegenſ und eine) ( Verhe zuzuſch Anſoß ganz ſt V hs g ind de hrn Siſ amüſt ſten 5 neben Glanze nfalte J ſalkn hligen nicht n ßu⸗ driger Preu⸗ pri⸗ nen on ilung, Sach⸗ ngele⸗ ſiſchen e ver⸗ wenig ſttn und edlen ie der ft für feſter ſchen, di Palne gulh hlond re⸗ d den nol leren Patel 3 2 — 333— den, über Alles groß macht, das iſt das Aufgeben aller Sen⸗ derintereſſen, das vollſtändige Aufgehen in Dentſchlands Ruhm und Glück. In dieſen hohen Herrn blieb kein Funken von Selbſt⸗ ſucht, ſie widmeten ſich ganz den Intereſſen des geſammten Vaterlandes, und wenn wir Deutſchland als einig begrüßen, ſo danken wir es vorzüglich ihnen und ihren tapferen Soldaten. Wenden wir uns nun zu den Heerführern der Franzoſen. Da iſt zunächſt der Kaiſer Louis Napoleon. Geboren am 20 April 1808, iſt er jetzt zwei und ſechzig Jahre alt, doch ſieht man ihm trotz ſeiner Kränklichkeit dieſes Alter kaum an. Die Geſtalt iſt unſchön, doch beſitzt ſie die eleganten Bewegungen, welche den Franzoſen eigen ſind, das Haar legt ſich glakt und blond um die von Gedanken durchfurchte Stirne, die Au⸗ gen ſind blau, erſcheinen jedoch viel dunkler, als ſie wirklich ſind, und richten ſich bald lauernd, bald liſtig auf den ihnen Gegenüberſtehenden, der Bart zeigt erſt wenig graue Haare, und leugnen läßt es ſich nicht, daß er in ſeine Unterhaltung eine Anmuth zu legen vermag, die ſchon viele bezaubert hat. Ein großer Freund der Damen hat er ſelbſt nach ſeiner Verheirathung unzählige Liebſchaften gehabt, und gerade ſeinen Ausſchweifungen ſoll er ſein furchtbar quälendes Blaſenleiden zuzuſchreiben haben. Mag er damit ſeiner Gemahlin manchen Anſtoß erregt haben, ſo ſpricht der Ruf auch dieſe Dame nicht ganz frei. Man liebt in Paris das Vergnügen über Alles, und da ſich das Auge am Schauſpiel, an Kunſtgegenſtänden, an Geſellſchaften und dergleichen ebenſo zu ſättigen vermag, wie das Ohr in Con⸗ zerten und Opern ermüdet, ſo ſuchte man nach neuen Reizmitteln. Sie finden ſich an dem Pariſer Hofe darin, daß man ſich damit amüſirte, nachzuahmen, was in den niedern, ja, in den niedrig⸗ ſten Kreiſen getrieben wurde. In den öffentlichen Lokalen durften ſich die gemeinen Dirnen neben der Kaiſerin zeigen, und dieſe wurde oft genug von dem Glanze der Toiletten überſtrahlt, die jene geſunkenen Mädchen entfalteten. Jetzt ahmte man in der vornehmen Geſekſchaft ihre Art, ſich — 334— anzukleiden und ſich zu benehmen, ſo ſtrenge nach, daß ſich zuletzt keine anſtändige Frau von einer feilen Dirne unterſcheiden ließ. Die jungen Herren brachten ihre meiſte Zeit bei dieſen Letzteren zu und wagten alsbald den freien Ton, welchen ſie da anſchlagen durften, auch bei feinen Damen zu verſuchen. Er wurde gut aufgenommen, die Kaiſerin lachte über gemeine Scherze, der Kaiſer erfand ſelber welche, und der ganze Hof ahmte ihnen nach, So verfielen unter Napoleons und Eugeniens Herrſchaft die Sitten immer mehr und mehr, und der Mann, welcher einſt mit ſo großer Klugheit die Zügel Frankreichs ergriffen hatte, verlor ſeine geiſtige Kraft in einem liederlichen Leben. Noch im Jahre achtzehnhundertundſechzig lobte der ſicherlich beſte Mann in dieſem Fache, der General von Moltke, Louis Napoleons Kriegskunſt über Alles und lernte von ihm das über⸗ raſchend ſchnelle Handeln. Wir ſehen ſchon bei dem Beginne des Krieges von achtzehnhundertundſiebenzig, wie fehr Napoleon dieſes ſchnelle Handeln verlernt hatte. Dennoch behielt er ſich den Oberbefehl über das franzöſiſche Kriegsheer vor, ernannte aber nächſt ihm einen der bewährteſten Generale zum Heerführer. Der Graf Marie Edmund Patrik von Mac Mahon, Herzog von Magenta, ſteht mit dem Kaiſer in demſelben Alter. Er ſtammt aus Irland und rühmt ſich, ſeinen Stammbaum bis zu den dortigen vormaligen Königsfamilien zurückleiten zu können und als ſolcher, Anrechte an die iriſche Krone zu haben! Noch iſt er rüſtig und geiſtesfriſch, obgleich ſein Leben ein viel bewegtes war. Als Knabe wurde er in einer franzöſiſchen Kriegsſchule erzogen und lernte früh die Muſterſchlachten liefern, wie Napo⸗ keon der Erſte ſie lieferte. Da er ſehr reich iſt, hätte er nicht nöthig gehabt, von unten auf zu dienen; doch liebte er den Sol⸗ datenſtand und widmete ihm ſein ganzes Leben. Obgleich er aber ſehr jung damit anfing, ging es doch nicht ſchnell mit ſeinem Avancement, denn erſt im Jahre achtzehnhundert und vierzig ſehen wir ihn als Major, bald jedoch als Oberſt, und im Jahre acht und vierzig als Brigadegeneral. Die erſten ſelbſtändigen Lorbeeren errang er ſich in Ruß⸗ — nen land. über w De war ſol hieten ſo Vir den Ma Ende de Fr rende 6 von hele den ſte Gefahren Der herte ſeir Ein Di Nn einen el dieſer Leiung Keh Rihn be vothehal ien au Kriege g Die denn unp naih wu Da ſeine fri Feind n deldenm Die et land. Hier ſtanden die Franzoſen einem Feſtungswerke gegen⸗ i über, welches für uneinnehmbar galt. bi Der General Totleben hattr den Malakoffthurm erbaut und ⸗ war ſtolz auf eine Schöpfung, die aller Belagerungskunſt Trotz 4 bieten ſollte. e Wirklich dauerte es Monate, che es den Franzoſen gelang, den Malakoff zu erſtürmen, mit ihm fiel ganz Sebaſtopol, das Ende des Malakoff war das Ende des Krimkrieges. Freilich war damals nicht Mac Mahon der oberkommandi⸗ . rende General, ſondern Peliſſier. Dieſer aber hatte Kunde da⸗ von bekommen, daß der Thurm, in welchen ſoeben die ſtürmen⸗ den Franzoſen eindrangen, unterminirt ſei, und daß furchtbare Gefahren drohten... Er befahl alſo die Räumung des Werkes. Dennoch wich Mac Mahon nicht von ſeinem Platze, verwei⸗ gerte ſeinem Vorgeſetzten den Gehorſam und blieb auf dem Thurm. 5. Ein glücklicher Zufall rettete ſein und der Seinigen Leben. 6 Die Mine, welche unter dem MWalakoff gelegt war, ſtand durch 3 einen elektriſchen Draht mit der Stabt Sebaſtopol in Verbindung, dieſer Draht wurde abſichtslos von einem Pionier zerhauen, die 5 Leitung war demnach unterbrochen und die Mine explodirte nicht. Kehrte Mac Mahon aus dieſem Kriege mit unſterblichem 09 Ruhm bedeckt zurück, ſo ſchien ihm doch größeres Glück noch Er vorbehalten zu ſein. Der Kaiſer Rapoleon unterſtützte Sardi⸗ u nien, aus dem das Königreich Italien wurde, in dem bekannten und Kriege gegen die Oeſterreicher. Die Schlacht bei Magenta drohte ihm furchtbare Gefahren, a. denn unvorbereitet ſah er ſich plötzlich einer ungeheuren Ueber⸗ ₰ ule macht der Oeſterreicher gegenüber. wo⸗ Da erſcheint Mac Mahon gleich einem rettenden Engel, icht ſeine friſchen Truppen ſtürzen ſich in den ſchon ſiegreichen zob Feind und beſeelen die bereits ermatteten Kameraden zu neuem Heldenmuthe. icht Die Schlacht war gewonnen, und zum Danke für dieſe faſt dert an das Wunderbare grenzende Wendung des Kriegsglücks, legte f der Kaiſer dem General den Namen des Ortes, bei welchem gekämpft worden war, als Titel bei, ernannte ihn zum Herzog — 336— von Magenta und zum Marſchall von Frankreich, die höchſte Ehre, welche ihm widerfahren konnte. In dieſer Zeit war der Marſchall Peliſſier der Gouverneur von Algier geworden war, geſtorben, und Mae Mahon ging nach Algier, um ihn zu erſetzen. Hier blieb er ziemlich lange Zeit und erwarb ſich neben ſei⸗ nem kriegeriſchen Ruhme auch den eines redlichen Mannes, wel⸗ chem nichts daran liegt, ein ihm anvertrautes Land zu ſeinem Vortheil auszuſaugen. Bedenkt man, daß Mac⸗Mahon der reichſte Officier der franzöſiſchen Armee iſt, ſo kann das aller⸗ dings nicht beſonders in Erſtaunen ſetzen, aber er lebte in einem Kaiſerreich, wo die Rechtſchaffenheit wenig, Geld und Genuß aber Alles galt, und das erhöht ſein Verdienſt. Als König Wilhelm zu Preußens Herrſcher gekrönt wurde, erſchien der Herzog von Magenta als Abgeſandter des franzöſi⸗ ſchen Kaiſers in Berlin, um den Monarchen zu beglückwünſchen. Hier entfaltete er allen Glanz ſeines Reichthums und ſeiner ho⸗ hen Stellung, eine wahrhaft verſchwenderiſche Pracht umgab ihn und ſeine Gemahlin, und das Feſt, welches er bei dieſer Gele⸗ genheit gab, war ſo herrlich, daß der König noch beim Abend⸗ eſſen dem Kaiſer telegraphiren ließ, wie wohl er ſich an dieſem Abend fühle. Zetzt ſtand dem Könige dieſer ſelbe Mann dem er damals mit. ſo viel Herzlichkeit die Hand reichte, als Feind gegenüber, bereit, ihn zu vernichten,„ wenn es ihm gelingen könnte. Doch obgleich Mac Mahon für das franzöſiſche Kaiſerreich ſo viel geleiſtet hat, glaubt man dennoch⸗ daß nicht er es war welchem Louis Napoleon das vollſte Vertrauen ſchenkte. Sein Liebling iſt vielmehr der Diviſionsgeneral Hippolyt Franz Sebaſtian Eouſin, genannt Morltauban, Graf von Pa⸗ likao. Hier aber widerſpricht die Neigung des Kaiſers der der Ar⸗ mee. Die Soldaten lieben den Herzog von Magenta, ſie haſſen Palikao, ſie vertrauen dem einen, ſie verabſcheuen den Andern Palikao iſt ein Abenteurer im ſchlimmſten Sinne des Wortes. Niemand weiß, woher er ſtammt, wer ſeine Eltern waren, noch E — 4— wie er Juhre ſ ſiebenzi und vol Sei hafte an der Gra falen! Do von ſch gegen l nur de ſeine V ſein gan Ba ſellſchft Columbi et ling wittell wahr undvier Jiger. Hie verlieder chrerhall ſen Be diſe N wber urdſe ſiche vetberg und Ji Da ſines g D. 2 33 wie er lebte, ehe er berühmt zu werden anfing. Er iſt im Jahre ſiebenzehnhundertundvierundneunzig geboren, alſo ſechsund⸗ ſiebenzig Jahre alt, und dennoch von einer ſeltſamen Rüſtigkeit und voll von jugendlichem Feuer. Seine Ehrenhaftigkeit war jedoch das am wenigſten Dauer⸗ hafte an ihm, und ein Anderer, der das gethan hätte, was ſich der Graf von Palikao erlaubte, wäre ſicherlich dem Galgen ver⸗ fallen, bevor er zu ſo hohem Glanze gelangen konnte. Das— ſo behaupten Viele— kommt davon her, daß er von ſehr hoher Geburt iſt, die man zu ſchonen hat, Andere da⸗ gegen beſchwören, er ſei der Sohn eines Scharfrichters; feſt ſteht nur, daß eben Niemand weiß, woher er ſtammt, noch auch, wo ſeine Wiege ſtand, und dunkel wie ſeine Herkunft iſt und bleibt ſein ganzes Weſen und Wirken. Bald war er Direktor einer herumziehenden Schauſpielerge⸗ ſellſchaft, bald wieder Offizier in der ſüdamerikaniſchen Republik Columbia, dann wieder in der franzöſiſchen Armee, in Afrika ſoll er längere Zeit in der Strafkompagnie gelebt haben, und im mittelländiſchen Meere Galeerenſklave geweſen ſein. Wos dayon wahr iſt, wer wird es jemals ergri⸗iden? Im Jahre ſechs⸗ undvierzig finden wir ihn als Oberſten der afrikaniſchen Jäger. Hier hatte er lauter verworfenes Geſindel zu kommandiren, verliederlichte Adlige, entlaufene Studenten, Offiziere, die man ehrenhalber in anderen Regimentern nicht dulden wollte, entlaſ⸗ ſene Beamte und dergleichen. Dem Feinde gegenüber ſtanden dieſe Menſchen wie Mauern, aber ſobald die blutige Kriegsarbeit vorüber war, begann für Montauban's Korps das Vergnügen, und ſie trieben es im Großen. Vor ihnen war kein Geldbeutel ſicher, vor ihnen konnte man kein hübſches Weib ſorgfältig genug verbergen, ſie plünderten, raubten, ſie trieben die tollſten Streiche, und Niemand wehrte es ihnen mit Nachdruck, denn man wußte ihre Kühnheit zu ſchätzen. Daß der Oberſt Montauban zu gleicher Zeit Kaſſenführer ſeines Regimentes war, mochte ihm ſelber unbequem vorkommen, D. V. 22 — 53b— vorzüglich als es im Jahre achtundvierzig zur Reviſion der Be⸗ ſtände ging mit denen es ſehr ſchlimm ſtand. Die damalige politiſche Umwälzung errettete ihn von einer entehrenden Unterſuchung, die ihn wahrſcheinlich Kopf und Kra⸗ gen gekoſtet hätte. Frankreich wurde zur Republik um bald darauf Louis Na⸗ poleon zu huldigen, und der eifrigſte Anhänger des neuen Herr⸗ ſchers war Hippolyt Couſin, genannt Montauban. Ihm folgten viele ſeiner Offiziere in dieſer ſtürmiſchen Be⸗ geiſterung für den Neffen des großen Napoleons und ſchaarten ſich um ihren Oberſten Dieſer wußte ſeine Stellung ſchlau zu benutzen. Ihm lag nichts an einem ſchnellen Avancement. In Afrika iſt Grund und Boden billig zu haben, Montaubans Gemahlin er⸗ hielt als Anſiedlerin ein gutes Stück umſonſt, und ihr liebevol⸗ ler Gatte machte ihr die Fleine Freude, dieſes Land durch ſeine Soldaten bebauen zu laſſen. Natürlich ſind ſo billige Arbeitskräfte ein Gewinn, der Acker trug hundertfältig, und bald konnte ſich der Oberſt als den reichſten Grundbeſitzer der Colonie betrachten. Was half es, daß ſeine Vorgeſetzten wüthend darüber waren, ſeine Kriegsthaten und ſeine Begeiſterung für den Kaiſer ſchützten ihn, ſelbſt als ſich fand, daß er auch über die Staatsgelder eben ſo frei wie über die Soldaten verfügt hatte. Glänzend beſiegte er dieſ aufrühreriſchen Beduinenſtämme und erwarb viele Strecken Landes, da konnte der Lohn nicht aus⸗ bleiben, und im Jahre fünf und fünfzig wurde er Diviſions⸗ General. Von nun an überließ er ſich ganz ſeinen eigenwilligen Ge⸗ lüſten, die ganze Colonie ſchrie laut gegen ſeine Betrügereien, ge⸗ gen die Sittenloſigkeit ſeiner Offiziere, die er duldete und beſchö⸗ nigte, gegen ſeinen maßloſen Eigennutz. Endlich ſah ſich der Kaiſer genöthigt, ihn abzuberufen, doch wurde er nicht entſetzt, wie man es erwartet hatte, er bekam nur ein anderes Kommando, bis ſich im italieniſchen Kriege die übri⸗ den Offiziere weigerten, mit ihm zu dienen. 2 nur, u ſend ſchicte hi ülechob Zwar v abſcheu reien. ihm N drang n ſi Un nete ſich konnen eine ſo; Nun ſchu ve puiirten über die inem ſo u 1 Der vilig da Um ſiht uu er hu 6 10 ſo zu e uſhu eehn e e 5 welc kiet t zuſc Ban nſte g ſe M und uus⸗ ions⸗ Da wurde er freilich für den Augenblick zurückgeſtellt, doch nur, um ſchon im nächſten Jahre den Oberbefehl über zwölftau⸗ ſend Mann zu erhalten, welche Louis Napoleon nach China ſchickte. Hier, ſo fern von Europa und einer jeden Beaufſichtigung überhoben, ließ Montauban feiner Zügelloſigkeit freies Spiel. Zwar verrichtete er glänzende Kriegsthaten, aber eben ſo viele abſcheuliche Grauſamkeiten eben ſo viele grundgemeite Spitzbübe⸗ reien. Er beſiegte die Chineſen bei Pa⸗li⸗kav, ein Sieg, welchen ihm Napoleon mit dem Grafentitel vergalt, aber gleich darauf drang er in den Palaſt des Kaiſers von China und ließ ihn von ſeinen Soldaten rein ausplündern. Unnennbare Schätze fielen dabei in ſeine Hände, und er eig⸗ nete ſich mit der unverſchämteſten Frechheit Alles an, was er be⸗ kommen konnte. Ein wahrer Sturm der Empörung ging über eine ſo niedrige Art der Kriegführung durch ganz Europa. Nur der Kaiſer Louis Napoleon ſchien dieſen ſichtlichen Ab⸗ ſcheu vor ſeinem Lieblingsgeneral nicht zu theilen. Von der De⸗ putirtenkammer verlangte er ein Geldgeſchenk für den Sieger über die Chineſen, doch ſelbſt die zahmſten Abgeprdneten ſchämten ſich, einem ſolchen Schurken die Gelder, die dem Schweiße der Bürger und Arbeiter erpreßt waren, als Ehrengabe anzubieten. Der neu ernannte Graf von Palikao war ſchlau genug, frei⸗ willig darauf zu verzichten, er hatte genug zuſammengeſtohlen, um nicht mehr zu gebrauchen, und kehrte nach Frankreich zurück, wo er nun in Lyon kommandirte, bis ihn der Krieg gegen Deutſch⸗ Uhnd zu einer anderen Stellung berief. 4 Der dritte franzöſiſche Führer eben dieſes Krieges iſt der Marſchall Bazaine. Er iſt neun und fünfzig Jahre alt und der Sohn einer achtbaren bürgerlichen Familie. Sein Bruder war es, welcher in Frankreich die erſten Eiſenbahnen erbaut hat, ein egenbringende⸗ Verdienſt neben dem, welches ſich der Held von Metz zuſchreiben darf. Mit dem preußiſchen General von MWoltke hat Bazaine wenigſtens die Eigenſchaft gemein, daß er der ſchweig⸗ ſamſte Mann ſeiner Umgebung iſt. Er wurde auf der polytech⸗ 22* — niſchen Schule zum Militairdienſte ausgebildet und dann nach Wrika geſandt, wo er ſich auf dem Schlachtfelde die höchſte Aus⸗ Un zeichnung, das Kreuz der Ehrenlegion, erwarb. Daut Im Zahre fünf und dreißig übte der König Louis Philipp Kano eine der ſchmählichſten Schandthaten aus, er lieh der verworfe⸗ nen allgemein verachteten Königin Chriſtine von Spanien ein pri Regiment ſeiner Soldaten für Geld, um ſie auf ihrem Throne S zu befeſtigen. Dieſem Regimente gehörte Achill Bazaine an und üs 6 erwarb ſich hierbei den Kapitainsrang. hin Später kehrte er wieder nach Afrika zurück. Er war ſo gam lichen anders, wie die übrigen Offiziere, es fehlte ihm ſo völlig die ne ſprudelnde Heiterkeit, er war ſo ernſt, ſo ſchweigſam, ſo verſchloſ⸗*. Vi ſen und allen rauſchenden Vergnügungen feind, daß die Araber nihtt meinten, es müſſe ein beſonderer Geiſt in ihm walten und ihn a m mit faſt abergläubiſcher Furcht betrachteten. Das zwang ſie zum aigeſ Gehorſam gegen den ſeltſamen Menſchen, der bald von Stufe zu väleru Stufe ſtieg und endlich zum General befördert wurde. ohne Als ſolcher kommandirte er die Fremdenlegion, ein ſeltſames Rantr Gemiſch von Männern aller Nationen, darunter zwei Fünftherle nannt Preußen und ein Fünftheil andere Deutſche. Leute, die für einen fremden Staat die Waffen ergreifen, beſitzen ſelten die rechte Lppe Ehrenhaftigkeit.— ſunden Richt Geſchick oder Schuld trieb ſie von Haus und Hof. von nußten Vaterland und Heimath, ſie haben wenig zu verlieren und viel Se zu gewinnen, und werden daher leicht ſelbſtſüchtig. Dieſe in Frunke Afrika dienenden Leute hatten in ihrem früheren General einen ſolhen Vater gefunden, der ihnen die Leiden der Heimathloſigkeit zu er⸗ en 6 leichtern ſuchte. ſige Anders war es mit Bazaine. Im Voraus gegen die Fremd⸗ No linge eingenommen, behandelte er ſie mit größter Strenge und hrun hegte hauptſächlich gegen die Preußen, eine tiefe Abneigung. Solda Jetzt gab es Nichts als Strafen, das kleinſte, ſonſt kaum be⸗ wi achtete Vergehen wurde ſtreng abgeurtheilt, die Leute wurden zur † Muſter Verzweiflung gebracht, und da ſie Niemand hatten, der ſich ſchützend neiſter ihrer angenommen hätte, blieb ihnen nur ein einziger Ausweg Al um dieſem Höllenleben zu entfliehen: Man zählte in einer einzi⸗ obert nen; nch Aus⸗ ilpp orfe⸗ eiu rone und gum g die chloſ raber dihn em ufe zu ſames ſthele einen rechte f von d viel ieſe in einen ju et ge u . um den ju titen 1 5 einz — 34— gen Woche drei und zwanzig Selbſtmörder, und unter dieſen achtzehn Deutſche. Im Krim⸗Friege verbrauchte man dieſe Fremdenlegion als Kanonenfutter, und ihr Verluſt war um einhundert und funfzig Prozent größer, als der der übrigen Regimenter. Sie jubelten auf, als Bazaine Generallieutenant wurde und fürs Erſte in Rußland blieb, wo er ſich ſehr auszeichnete. Spä⸗ terhin ſchickte ihn der Kaiſer nach Meriko, um dort den unglück⸗ lichen Maximilian auf den Thron zu ſetzen. Man weiß, daß das ganze Land ſich erhob, um die Fremdherrſchaft zu vertreiben. „Maximilian wurde hingerichtet, Bazaine konnte oder wollte es nicht verhindern, ſein ganzes Streben ging dahin, ſo viel Leute als möglich für Frankreich zu retten. In einem fernen Welttheil, abgeſchnitten von jedem Hülfsmittel, unter einer wüthenden Be⸗ völkerung war es nichts Kleines, daß Bazaine Mexico verließ, ohne auch nur einmal geſchlagen worden zu ſein. Er langte in Frankreich an, die Preſſe überſchüttete ihn mit Vorwürfen, man nannte ihn den eigentlichen Mörder des unglücklichen Kaiſers Bazaine ſchwieg, kein Wort der Vertheidigung entfloß ſeinen Lippen oder ſeiner Feder, und die Meiſten, die ihm damals nahe ſtanden und Genaueres über die Art ſeines dortigen Benehmens wußten, ſind längſt in der Tiefe des Grabes verſtummt. Schon im Jahre vierundſechszig war Bazaine Marſchall von Frankreich geworden, er iſt der Jüngſte von Allen, welche dieſen ſtolzen Titel führen. Dann wurde er Kommandant der kaiſerli⸗ chen Garde und erhielt eines der erſten Kommando's in dem Kriege gegen Deutſchland. Noch einen vierten General haben wir zu erwähnen, es iſt Franz Certain Canrobert den man in der Armee den Vater der Soldaten nennt. Als Sohn eines mittelloſen Landmannes diente er, wie man zu ſagen pflegt, von der Pike auf. Er iſt das ächte Muſterbild eines Franzoſen, klein, zierlich, beweglich wie ein Tanz⸗ meiſter und doch ein rechter Soldat. Als Louis Napoleon ſich zum Kaiſer machte, war es Can⸗ robert, welcher in den Straßen von Paris die Bürger mit ga⸗ nonen niederſchießen ließ. R . . —— — 342— Dafür wurde er General⸗Lieutenant und Adjutant des Kaiſers. Er zeichnete ſich in Rußland aus und wurde nach dem Frieden Marſchall, er kämpfte mit Erfolg in Italien, und dennoch gelang es ihm niemals, eine Schlacht zu gewinnen. Kurz vor dem Kriege kommandirte er das Armeekorps von Paris. Er iſt in ſeinem leichten beweglichen Weſen mit ſeinem ewig bereiten Witz ein Liebling des Kaiſers, der ihm auch für den Krieg gegen Deutſchland eine bedeutende Rolle vorbehielt. Wir werden ſehen, wie es ihm gelang, dieſelbe auszufüllen. Vergleichen wir dieſe vier erſten und berühmteſten Feldherrn des franzöſiſchen Heeres mit denen Deutſchlands, mit den edlen Kronprinzen von Preußen und Sachſen, mit dem Gene⸗ ral von Molke, den ſein ganzes Volk verehrt, mit den Prinzen Friedrich Carl und Friedrich von Würtemberg, mit dem Großherzog von Mecklenburg und mit den Generälen, die ſich alle durch die ſtrengſte Rechtſchaffenheit auszeichnen, ſo iſt es nicht zweifelhaft, welcher Partei das Seſchick den Sieg geben mußte. Hier die begeiſterte Hingebung für das Vaterland, dort der gemeinſte Eigennutz hier das reine Streben, Deutſchlands Volk groß und frei zu machen, dort die unauslöſchliche Sucht nach Genuß und Vergnügen, welche die unglückliche franzöſiſche Ration bis an den Rand des Abgrundes gebracht hat. 39. Kapitel. Die Schlacht bei Wörth. Die Franzoſen, welche am vierten Auguſt aus Weißenburg vertrieben worden waren, ſammelten ſich eiligſt, um durch einen kühnen Schlag das deutſche Heer auf einmal zu vernichten. Es rs. den ng von wig Pir ettn den ene⸗ nzen dem ſich tes Rben der Volk nach ation n 5 urg einen — 343— war faſt die ganze Kriegsmacht des mächtigen Kaiſerreiches, welche ſich hier vereinte, um eine der entſcheidenſten Schlachten des Feldzuges zu liefern.. Fiel ſie zu Gunſten Louis Napoleons aus, ſo war ihm der Weg nach Deutſchland geöffnet, er konnte den Rhein beſetzen, Baden, Würtemberg, Bayern mit ſeinen Truppen überſchwemmen, Preußen verheeren und, wie es ſein heißer Wunſch war, ſiegreich in das gedemüthigte Berlin einziehen. Dann wäre Preußens König ſo klein geworden, wie ihn der erſte Napoleon im Jahre achtzehnhundert und ſieben gemacht hatte, dann wäre der Nordbund auseinandergefallen, und mit der Größe und Einheit des theuren Vaterlandes wäre es für ewig vorbei geweſen. Wohl wußten das die Heerführer, die ſich ſchon zwei Tage nach der Einnahme von Weißenburg gegenübertraten. Drüben ſchwelgten ſie ſchon in dem herrlichen Vorgefühl eines glänzenden Sieges, hier ſammelten ſie ſich mit Rath und Gottvertrauen, um Deutſchland zu retten oder zu ſterben. Das Städtchen Wörth liegt ſüdöſtlich von Weißenburg zwi⸗ ſchen Bitſch und Sulz an dem Walde. Nordöſtlich erſtreckt ſich der Hochwald und rings um erheben ſich die Vorberge der Vogeſen, durch welche das Flüßchen Sauer ſich hindurch ſchlängelt. Die Eiſenbahn, welche über Bitſch nach Hagenau führt, und jene andere, die von Hagenau über Weißen⸗ burg nach Landau geht, bildet einen ſpitzen Winkel, in welchem dieſe Berge nach Süden zu, zur Ebene abfallen, in der ſich der Biberbach mit der Sauer vereint. Es iſt ein ſchönes und fruchtbares Land. Mächtig ragen die herrlichen Laubwälder, die Höhenzüge geben romantiſche Anſichten des immer höher heraufſteigenden Gebirges, und dazwiſchen liegen Dörfer und kleine Städtchen ausgeſtreut und zeugen mit ihren freundlichen Häuſern, ihrem kräftigen Viehſtand und vorzüglich mit dem friſchen Ausſehen ihrer Bewohner, von der Wohlhaben⸗ heit des Elſaß. Am fünften Auguſt hatte der Kronprinz von Preußen ſeinen Marſch fortgeſetzt und ſich um drittehalb Meilen von Weißen⸗ burg entfernt. Durch Kundſchafter wußte er es bereits, daß Mac Mahon's ganze Armee ſich in den Höhenzügen der Vogeſen ge⸗ ſammelt hatte und durch die Korps der Generale Faillo und Can⸗ robert verſtärkt ſei. Er kannte die ganze Größe der Streitmacht, welche ihm gegenüber ſtand. Die franzöſiſchen Vorpoſten befanden ſich auf den Bergen, die weſtlich von der Sauer liegen, ſie hatten trefflich gedeckte Stel⸗ lungen eingenommen und hielten ſich für unüberwindlich, Wenn ſich Deutſche nahten, ſollten ihnen zahlreiche Kanonen und Mitrailleuſen, die auf den Höhen ſtanden, Tod und Verder⸗ ben entgegenſpeien. Noch kannte man nicht dieſe abſcheulichen Dinger, die man Kugelſpritzen oder mit dem Soldatenausdruck Mamſellen nannte. Bei Weißenburg hatten ſie zwar ihr Spiel begonnen, aber ein gut gerichteter Kanonenſchuß hatte dem feuerſpeienden Munde ſchon nach dem erſten Auswurfe Schweigen geboten. Hier ließen ſie ſich nicht ganz ſo ſchnell zur Ruhe zwingen, indeſſen ſchwand die Furcht vor ihrer verheerenden Wirkſamkeit ſehr bald. Man hatte aufangs geglaubt, wohin die Mitrailleuſe ihr Feuer richte, da zerſtöre ſie in weitem Unkreiſe Alles, was ihr gegen⸗ über ſteht, ja. man behauptete, es würden gar keine Kriege mehr möglich ſein, weil es undenkbar wäre, ſo viele Mann ſchaften in das Feld zu ſtellen, als ſolch eine Mamſell zu ver⸗ ſpeiſen im Stande ſei. Das Rohr der Mitrailleuſe iſt nicht hohl, wie das der übri⸗ gen Kanonen, es hat vielmehr ſiebenunddreißig Bohrungen, die man Seelen zu nennen pflegt. Die Entzündung entſteht durch eine Schlagnadel, welche ähnlich dem Zündnadelgewehr beſchaffen iſt und die von hinten in die Patrone hineinſticht. An dem hinteren Ende befindet ſich eine Eiſenplatte, welche mit ſieben und dreißig runden Löchern durchbohrt iſt, welche den Heffnungen der Mündung entſprechen; in jedes dieſer Löcher legt man eine Patrone, und ſchiebt die Platte dann in den dafür beſtimm⸗ ten Raum zwiſchen dem Bodenſtück und dem Rohre des Geſchützes. Vermittelſt einer Kurbel ſetzt man nun dieſes Bodenſtück in kreiſende Bewegung und dadurch dreht ſich jede Patrone zu der epl Dieſ undt gebe jige der Sei — 345— Schlagnadel hin, von welcher ſie durchſtochen wird, ſo daß fie explodirt und die Kugel durch die Mündung hinaus ſchleudert. Dieſe Bewegung iſt äußerſt ſchnell, es folgen ſich alſo die ſieben⸗ unddreißig Kugeln in unglaublich kurzen Zwiſchenräumen und geben einen Hagel von vernichtenden Geſchoſſen ab; in einer ein⸗ zigen Minute dreihundertundſiebenzig Schüſſe. Wenn ſolch' ein hölliſches Mordinſtrument die braven Deut⸗ ſchen für einen Augenblick ſtutzig machte, ſo iſt es nicht zu verwun⸗ dern, indeſſen merkten ſie den Mamſellen bald ihre ſchwachen Seiten ab. Abfeuern läßt ſich nämlich die Kugelſpritze ganz leicht, aber nicht ſo ſchnell richten, ſie ſpeit, wie wir ſchon früher erwähnten, ihren Kugelregen immer auf denſelben Punkt, dem ſich in den meiſten Fällen ausweichen läßt. Bei Feſtungsbelagerungen mag ſie von außerordentlichem Nutzen ſein, in der Feldſchlacht aber hat ſie ſich nicht als praktiſch bewährt; denn kommt man ihr von der Seite bei, ſo iſt ſie verloren. Uebrigens beſitzt die bayriſche Armee auch ſolche Mitrailleuſen, doch bei dieſer verließen ſich die Heerführer weit mehr auf den Muth ihrer Soldaten als auf das Schnellfeuer dieſer Maſchinen. Schon bei dem Aufgange der Sonne fingen die kleinen Vor⸗ poſtenſcharmützel an, welche der eigentlichen Schlacht zu Vorläufern dienten. Die ulanen plänkelten hin und her, erſchreckten die Feinde, die ſich einbildeten, es nahe eine gewaltige Macht, wenn zwei oder drei der gefürchteten Reiter ſich nahten, doch erſt einige Stunden ſpäter entwickelte ſich vollſtändig die Schlacht. Von acht Uhr an vernahm man ſtarkes Geſchützfeuer von der rechten Seite her, wo bairiſche Truppen den erſten Anprall aus⸗ zuhalten hatten, zugleich wurde Wörth beſchoſſen und Artillerie kam herbei, um den tapfern Baiern Hilfe zu bringen. Unterdeſſen rückten die übrigen deutſchen Korps in einem meiſterhaft geordneten Anmarſch herbei. Regiment auf Regiment entwickelte ſich aus den zahlreichen Wagen, welche die Eiſenbahn herbeibeförderte. Lautlos, in faſt wunderbarer Ruhe und Ordnung formirten ſich die einselnen Truppentheile und nahmen die ihnen angewieſenen Stellungen ein. — 346— Durch das ſchnell genommene Wörth defilirte Brigade auf Brigade in feſter Entſchloſſenheit, ein furchtgebietender Anblick für die erſtaunten Bewohner, und Elſaßweiler wurde beſetzt. Jetzt folgte der Anſtoß gegen die Höhen, auf welchen die Franzoſen in trefflich gedeckten Stellungen ſtanden. Sie hielten tapfer Stand, die Sieger von Magenta und Solferino ſuchten ihre Ehre zu retten, die Wälder füllten ſich mit Leichen, ein dichter Pulvernebel überzog die Thäler, dazwiſchen blitzte es hell auf, furchtbar knallten die Geſchütze, und ihr donnernder Ton hallte an den Hügeln wieder, dazwiſchen raſſelten Wagen mit Munition über das Feld, Trompetenſignale, Trommelwirbel, wilder Geſang und lautes Hurrahrufen... ein furchtbares Schauſpiel... Mittags um halb zwei Uhr rückte das erſte bairiſche Korps von der Tann im Geſchwindemarſch gegen Lobſann und Man⸗ gertsloch, während die Preußen und Würtemberger ſüdlich von Wörth nach Zungenſtett eilten. Um zwei Uhr war der Kampf auf der ganzen Linie wüthend entbrannt, die Franzoſen leiſteten zähen Widerſtand, und dennoch kamen ſie nicht weiter. Sie zogen friſche Truppen heran und wagten es, ſich angreifend auf die Deutſchen zu ſtürzen. Mit furchtbarem Schlachtgeheul ſtürmten ſie vorwärts. Vergebliches Mühen! Die Unſrigen empfingen ſie mit kalter Ruhe, ſie zielten gut, es fehlte kein Schuß, und heulend zog ſich zurück, was nicht verwundet oder todt das Schlachtfeld bedeckte. Das war ein fürchterliches Ringen um die Palme des Sieges. Schuß auf Schuß, Hieb auf Hieb, kämpfte Mann gegen Mann. Wer dachte da an Gefahr, die gewaltige Erregung riß alle Herzen mit ſich fort. Der dicke Pulverdampf beſchwerte den Athem, der grauſe Lärm der Geſchütze betäubte die Ohren, und wer ſah nach dem, der rechts oder links zu Boden fiel? Vorwärts ging es, jetzt Du, dann ich, wie es eben trifft. Was thut es, ob Einer mehr oder weniger verblutet, das Vater⸗ land muß frei ſein, nieder, nieder mit den Franzoſen! So ging es fort in heißer Sonnengluth, war's Schweiß, wars Blut, was über ihre Stirnen troff, ſie wußten es ſelber nicht. ſeine als f nuhen dem willer Eilen Da l den S er, de ſprit die ſches einer gutw ſtite ſe d iban eim ſch Stü ben, uf blit die ten Rer uf her ng ſi n ht in uf e nd — 347— Die Feinde wichen, ha, jetzt ſtürmen wir Fröſchwiller und ſeine Höhen... ein grauſiger Augenblick.. ein Würgen mehr als Fechten... da naht das bairiſche Korps von Görsdorf, da nahen die ſtarken Würtemberger von Eberbach her, mit glühen⸗ dem Muthe werfen ſie ſich auf die Franzoſen, und dieſe wanken. Es iſt vier Uhr.. da ſeht ſie in wilder Unordnung Fröſch⸗ willer räumen. Iſt dies ein Rückzug, ſo gleicht er auf ein Haar der Flucht Jetzt iſt es an der Kavallerie. Mit jubelndem Hurrah ſetzen Ulanen und Dragoner den Eilenden nach. Ergebt Euch! oder... Die Lanze zuckt und die Piſtole knattert! Welch eine Jagd! Da laufen ſie wie angeſchoſſenes Wild, Dem fliegt die Kugel in den Nacken, er ſtürzt noch ein paar Schritte weiter, dann liegt er, das Geſicht am Boden, da. Dem bohrt ſich die Ulanenlanze tief in's Fleiſch, das Blut ſpritzt auf und färbt das Pferd und ſeinen Reiter roth, er reißt die Waffe an ſich, Fetzen der Montur, Fetzen menſchlichen Flei⸗ ſches bleiben daran hängen. Ein Zweiter, ein Dritter fällt, die Lanze iſt furchtbar in einer Hand, die ſie geſchickt zu führen weiß. In Schaaren treibt man die Gefangenen herbei, wer nicht gutwillig oder ſchnell genug zu gehen vermag, den bringt der ſpitze Säbel in den rechten Schritt. Sie werfen wüthend ihre Waffen weg, geſchlagen, geſchlagen ſie, die man die erſten Soldaten der Welt zu nennen pflegte, die überall geſiegt hatten, jetzt geſchlagen von den Deutſchen! Wie eine Heerde Vieh wurden ſie eingetrieben, die Kavallerie um⸗ ſchwärmte ſie, wie wachſame Hunde dafür ſorgen, daß ihnen kein Stück verloren geht. Das find alſo die gefürchteten Turko's, die berühmten Zua⸗ ven, die Spahi's, die mit den Winden um die Wette reiten ſoll⸗ ten ſie Alle ſind gefeſſelt, ihrer Waffen beraubt. Dort führen ſie im Triumpfe eine MWitrailleuſe in das deutſche Lager; es wurden ſechs an dieſem ſchönen Tage erobert und dreißig andere Geſchütze, die werden nun nicht mehr den Kugelregen von ſich geben; die Mamſellen haben ſtarke Freier gefunden, die ſie feſthalten und ihnen den Mund verſ hließen werden. Den ganzen Abend über und den folgenden Tag dauerte die Verfolgung der auf dem eiligſten Rückzuge begriffenen Fran⸗ zoſen. Die leichte Reiterei wurde es nicht müde, die Höhen der Vo⸗ geſen abzuſuchen. Da hatten ſie ſich in das Gebüſch verkrochen, dort lagen ſie in Gräben. Unverſchämt genug drängten ſie ſich oft in großen Maſſen in die Bauernhöfe hinein und verlangten Speiſe und Trank, oft waren es die zahlloſen weggeworfenen Patronen, welche den Ver⸗ folgern die Straße andeuteten, die ſie zu nehmen hatten, um den fünftauſend Gefangenen, die man ohnedies bereits beſaß, noch einige neue hinzuzufügen. Und wohin die Deuiſchen kamen, da begrüßte man ſie mit innerer Genugthuung. Riſſen ſch vor ihnen die Franzoſen aus, deren freches Ein⸗ dringen in jede Wohnung die Leute um ihr beſtes Beſitzthum brachte. Doch als die unermüdlichen Reiter in ihre Quartiere zurückkehrten, was ſür ein anderes Bild rollte ſich da vor ihnen auf!— Die Begeiſterung der Schlacht war verrauſcht, das Elend war geblieben. Sie fragten nach ihren Kameraden. Die Einen waren ſchon verſcharrt, die Anderen lagen mit zerſchoſſenen Glie⸗ dern im Lazareth. Die ehemals ſo blühenden Dörfer waren zu Trümmerhaufen geworden, die Obſtgärten waren niedergetreten von den Hufen der Pferde, die Getreidefelder durchfurcht von den Rädern der ſchweren Kanonen. Ein gräßliches Bild der Zerſtörung! Jammernd liefen die Einwohner von Wörth durch ihre Stadt, ſie hatte arg gelitten, doch fürchtete man noch Schlimmeres. Das dritte Haus war ein Lazareth, Aerzte und Krankenträger hatten alle Hände voll zu thun, es fehlte an Verbandzeug, an Inſtrumenten, an hilfreichen Händen, mit Einem Wort an Allem, denn des ve T ſuchte Segen xiſt B Die ₰ zwrech fromn Krant dener aus, bich Niden 6 viel e Vpri rettet Der Theil juit Velh berge ſen. ſen S du ſcho Mit ſchie Heer gelö der z mit Ein⸗ hum riere nen lend inen Glie⸗ ufen ihre nere 3. rige 6 llem — 349— denn wer hätte geglaubt, daß wenige Tage nach dem Beginn des Feldzuges ſchon eine ſo blutige Schlacht geſchlagen werden würde. Die Frauen brachten Leinenzeug und Erfriſchungen, man ſuchte der erſten Noth zu ſteuern. Jetzt zeigte es ſich als ein Segen, daß die Hände der Frauen jedem deutſchen Soldaten ein Täſchchen mit Binden und Compreſſen mitgegeben hatten. Da zeigte ſich das rothe Kreuz in ſeinem wahren Glanze. Die Johanniterritter ſorgten mit Eifer für die Ordnung der La⸗ zarethe, für Speiſe und Trank, für zweckmäßige Bedienung Die frommen Nonnen wurden hierhin und dorthin vertheilt, um die Kranken zu pflegen und zu verbinden, die Ordensbrüder verſchie⸗ dener Geſellſchaften zeichneten ſich durch geſchickte Hilfreichungen aus, kurz, Jeder that das Seine, um wenigſtens für das augen⸗ blickliche Bedürfniß zu ſorgen, ein edler Wetteifer, wo es gilt, Leiden zu mildern und Unglücklichen beizuſtehen! Gewiß, die Verluſte der Deutſchen waren nicht gering geweſen, viel edles Blut war gefloſſen, und dennoch wird der Tag von Wörth ewig glorreich in der Weltgeſchichte genannt werden, er rettete Deutſchland von einem frechen und grauſamen Feinde. Der Kronprinz telegraphirte darüber folgendes: Siegreiche Schlacht bei Wörth, Mac Mahon mit dem größten Theil ſeiner Armee vollſtändig geſchlagen, Franzoſen auf Bitſch zurückgeworfen. Der König Wilhelm ſchrieb ſeiner Gemahlin: Welches Glück, dieſer neue große Sieg durch Fritz! Ein Jubelruf erſcholl durch ganz Deutſchland. Würtem⸗ berger und Baiern und Preußen, die in dieſer Schlacht im inig⸗ ſten Zuſammenwirken gekämpft hatten, blickten mit Stolz auf die⸗ ſen Sieg, und Sachſen, Badenſer und die übrigen Stämme des deutſchen Volkes freuten ſich, daß auch ihnen bald die Stunde ſchlagen ſollte, in welcher ſie zu gleicher Ehre gelangen mußten. Mit dem Siege bei Wörth ſchon war das Ende des Krieges ent⸗ ſchieden. Wer einmal ſo glorreich gekämpft hat, wie das deutſche Heer, wich nicht mehr zurück, und eine Armee, die ſo gänzlich auf— gelöſt wurde, wie die Mac Mahons, konnte ſchwerlich den Muth finden der zum ſiegreichen Ausgange eines neuen harten Straußes nöthig war. 40. Kapitel. Die Flucht. In wilder Aufregung hatten die franzöſiſchen Truppen das Schlachtfeld von Wörth verlaſſen, die Einen eilten nach Bitſch, die Anderen ſuchten Hagenau zu erreichen, Alle ſtrebten danach, ſo weit als möglich aus der Schußlinie der Deutſchen zu ſein. Welch ein Anblick! Hier jagte ein Trupp von etwa zwanzig Reitern mit dem Ausdrucke der furchtbarſten Angſt über die Chauſſee, die erſten Vorboten der Niederlage. Die Leute in den Dörfern blickten ihnen ſtaunend nach. Es ſitzen zwei Zuaven auf einem Pferde, ſie hauen ihw die Hacken in die Flanken, um es zur größten Eile anzutreiben. Da kommen Küraſſiere, ſie ſchwingen ihre Säbel, ſie wettern und fluchen, als hätten ſie noch den Feind vor ſich. Plötzlich hält Einer an, reißt ſich den Küraß los, wirft ihn und den Helm voll Ingrimm auf die Erde und ſpuck darauf, dann ſchleudert er den ſchweren Säbel nach und reitet weiter, als fühle er ſich jetzt erſt frei und leicht. Die Uebrigen folgen ſeinem Beiſpiele fort mit Allem, was die Flucht verhindert! Zetzt ſprengt ein Feldgensd'arm in fliegender Eile auf die Thore von Hagenau zu. — Schließt Eure Stadt, ſchreit er aus vollem Halſe, die Deutſchen kommen, rettet Euch! Was hätte es geholfen, den unſinnigen Rath zu befolgen? Hagenau iſt keine Feſtung. Die Leute flüchteten in ihre Häuſer, ſie hielten ſich für verloren. Die Anzahl der ſich folgenden Flücht⸗ linge bewies es ihnen nur zu deutlich, daß die Deutſchen geſiegt hatten, was konnte nun ihr Schickſal ſein? Freilich liebten ſie das franzöſiſche Regiment nicht alzufehr. Die Steuern ſind in dem Kaiſerreiche weit größer, weit drückender als in Deutſchland, indeſſen hatten ſich Elſäſſer und Lothringer an die franzöſiſche Herrſchaft gewöhnt, — ſie wußten, was ſie huten 1 Tra ein, wa gen es betrachtet Vaſſen Balt von Reite Fſrd vo hatte. T Waffen u Andere Hälfte iht ſe ſcon us Plan Ofſzier dem Faiſ Plöt ieſes ſch Mann a genverde di Titt Die ſehenden glücklic Flich, der auf dieſ dutt . weß 6. daß füt Beamter n E ohn negeb Kar gi geit n das iſch danach ſein. wanzig auſſer, rfern einem um es wingen ch den a bos, ſpuct reitt hrigen ndert! ſe die algen üſer, Flich⸗ uſehr dender nih 5 ſie hatten und fürchteten ein Regiment, welches ſie nicht kannten. Traurig rerſchloſſen ſie die Thüren ihrer Häuſer, packten ein, was ſie an werthvollen Dingen beſaßen und verbar⸗ gen es, ſo gut ſie konnten, dann ſtanden ſie an den Fenſtern und betrachteten mit bebenden Herzen die ſich immer mehr häufenden Maſſen der Fliehenden. Bald drängte es ſich in den engen Straßen. Hier ſauſte ein Trupp von Reitern der verſchiedenſten Uniformen vorbei, dort ſtob ein Pferd vorüber, das, Gott mag wiſſen wo, ſeinen Reiter verloren hatte. Die meiſten Soldaten hatten ihr Gepäck von ſich geworfen, Waffen und Munition dazu. Viele ſaßen auf ungeſattelten Pferden, Andere waren der Gefangennehmung entſchlüpft, indem ſie die Hälfte ihrer Kleidungsſtücke in den Händen zurückließen, welche ſie ſchon gepackt hielten. Keiner dachte, wohin dieſer tolle Ritt ins Blaue hinein ihn tragen konnte. Es zeigte ſich kein einziger Offizier, es war Niemand, der das Komman ergriffen hätte, um dem Kaiſer ſo viele noch geſunde Soldaten zu erhalten. Plötzlich ſauſt ein Eiſenbahnzug heran. Glücklich, wem dieſes ſchnelle Beförderungsmittel zu Theil wurde. Da ſitzen ſie . Mann an Mann in den Waggons, da hocken ſie auf den Wa⸗ genverdecken, da klammern ſie ſich in augenſcheinlichſter Gefahr an die Tritte, die Thierklinken, die Verbindungsketten an. Die Bahn iſt voll von Menſchen, beim Anblick des heran⸗ nahenden Dampfroſſes ſtieben die Flüchtlinge nach allen Seiten, glücklich gleiten die Wagen vorüber und Flüche folgen ihnen, Flüche, weil ſo Viele zurück geblieben ſind, die Jeden beneiden, der auf ſchnellere Weiſe davon kam. Hatte man dieſen Bahnzug für Verwundete beſtimmt? Wer weiß es. Die Angſt drängte ſo viele noch rüſtige Menſchen hinein, daß für die Verwundeten kein Platz blieb; ſie zwangen die Beamten, mit ihnen fortzufahren. Es waren Infanteriſten, Viele von ihnen halbnackt, Andere in voller Uniform, Alle ohne Füh⸗ rer ohne leitende Vernunft, nur allein einer ſinnloſen Angſt Pingegeben. aum waren ſie vorbei, ſo ſtürzten gleich der wilden Jagd ie Reiter weiter durch Hagenau. Hier und dort reichte eine mit⸗ —————————————————— — 2 —————— — leidige Hand ihnen einen Labetrunk, ſie hielten kaum einen Au⸗ genblick, um die erſehnte Erquickung hinunter zu gießen, dann weiter, weiter... wohin.. ſie wußten es nicht. Jetzt raſſeln leere Munitionswagen daher, Soldaten ſitzen darin, ſie peitſchen auf die athemloſen Pferde. Hier hocken Tur⸗ kos auf einem Bauerwagen, der mit Betten und allerlei Geräth bepackt iſt, die Menge der Leute droht das Gefährt beinahe zu erdrücken. Die Pferde keuchen unter der furchtbaren Laft. Auch Verwundete finden ſich hier, gräßlich verſtümmelte Men⸗ ſchen, deren lechzende Zunge aus dem geöffneten Munde ttitt. Und jetzt ein buntes Gewirr von Fuhrwerken aller Arten, Mar⸗ fetenderkarren und Staatswagen, die Einen tragen die Aufſchrift: Kanzlei, die Andern die Bezeichnung: Pulverkarren, alle ſind mit Menſchen vollgepfropft, auch Schwerverwundete und Todte ſind dabei. Die Meiſten hatten keine Waffen mehr, ſie mochten den Krieg für beendet halten oder ſich ſicherer glauben, wenn ſie den Deut⸗ ſchen wehrlos in die Hände fielen. Endlich kamen auch Infan⸗ teriſten herbei, ſie ſchienen bis zum Tode ermüdet zu ſein, kei⸗ ner von ihnen beſaß noch ſein Gepäck. Es war ein jammervoller Anblick die blaſſen, von Furcht und Anſtrengung entſtellten Geſichter, die angſtvoll ſtarrenden Augen, der ſchon wankende Gang. Die am beſten ausharr⸗ ten, waren Elſaſſer. So ging es fort in bunten Schaaren, alle Waffengattungen durch einander. Je ſpäter es wurde, um ſo elender ſahen die Leute aus. Einige konnten nicht weiter und ſuchten Quartier in den Wirthshäuſern oder bei mitleidigen Leu⸗ ten, Andere ſchleppten ſich weiter, die Furcht trieb ſie vorwärts, immer vorwärts. Die Entmuthigung war furchtbar. Die Soldaten ſchimpften laut über ihre Anführer, die ſie ſchlecht geleitet hatten. Mae Mahon hätte es, ſo erzählten ſie, mitten in der Schlacht erfahren, daß keine Munition mehr da ſei, da ſchickte er die Kavallerie in das Feuer. Aber hinter jedem Baum des Waldes lag ein Feind, und jede Kugel tödtete einen Franzoſen. Als die Racht herein brach, wurde die Unordnung noch ent⸗ ——— ſetzi nich Wy Str Ale Ven nit verg hine ſche Men ügen ford wie ſich Frül geſch Schi — — fan des befe ——— n Au⸗ dunn ſien Tur⸗ Geräth he zu Men⸗ nitt. Vn⸗ ſſchrift: ind mit te ſind n Krien Delt Infan⸗ in, kei⸗ ßirht rrenden ushart⸗ n, dle um ſo iter und en Ler⸗ orwärts die ſi lten ſi r da ſei er jiden te einen nh en —— —— ſetzlicher. Die Wege waren mit todtmüden Leuten bedeckt, die nicht weiter konnten und um Gotteswillen baten, ſie mitzunehmen. Wagen fuhren in der Dunkelheit in einander und verſperrten die Straßen, ein furchtbares Fluchen. Stoßen, Prügeln ging los. Alles drängte wie unſinnig zu der Eiſenbahnſtation Brümpt, die Wenigſten vermochten ſie zu erreichen. Der Schrecken vor den Deutſchen verbreitete ſich zuſammen mit den Flüchtenden über die ganze Gegend. Die Dorfbewohner vergruben Alles, was ſie beſaßen und ſuchten ſich in die Wälder hinein zu retten. Man wäre lieber dem Teufel als einem Deut⸗ ſchen begegnet. Man ſchilderte ihnen dieſe als die gräßlichſten Menſchen, denen Richts heilig ſei, die Nichts ſchonten. So wirkt die Furcht gleich einer anſteckenden Krankheit. Was aber, ſo fragte ſich ein Jeder, der dieſe vollſtändige Auflöfung des franzöſiſchen Heeres ſah, was ſollte aus der mäch⸗ tigen Armee werden, die den Deutſchen ſo trotzig und ſo heraus⸗ fordernd entgegengetreten war? Keiner von den Soldaten, die wie blind davon liefen, wußte, wo die Armee ſei, zu welcher ſie ſich zu begeben hatten. Dazu waren die Leute ſchon durch Er⸗ ſchöpfung für lange Zeit kampfunfähig gemacht worden. Viele klagten, daß ſie ſchon vor der Schlacht bei Wörth Mangel an Allem gelitten hätten, ſie hatten ſich von Kartoffeln nähren müſſen, die ſie in den Feldern ſtahlen. Am Morgen der Schlacht gab man ihnen nicht einmal Frühſtück, ſie mußten mit nüchternem Magen fechten, und als ſie geſchlagen waren, bekümmerte ſich Niemand um ihr ferneres Schickſal. Als Mac Mahon am folgenden Tage ſeine Truppen muſterte, fand er nur noch etwa achttaufend Mann. Er ſuchte das Korps des Generals Failly zu erreichen und wußte kaum, wo es ſich befand. Ein Extrazug führte am Siebenten, es war ein Sonn⸗ tag, eine Anzahl Verwundeter nach Nancy. Bei dieſen befand ſich Mac Mahon. Er war fortgeeilt, um Lebensmittel für ſeine Leute zu ſchaffen, denn die Deutſchen hatten ihm Alles genom⸗ men. Zu Fuß ging er in Nancy in das Café der Offiziere. V. 23 —— ——— —— —.——— Niemand erkannte ihn, ſo gänzlich war er mit Koth be⸗ ſchmutzt, ein Schuß hatte ihm eine Epaulette fortgeriſſen, und auch ſein Rock war von Kugeln durchlöchert, kein Wunder, da die Deutſchen immer zuerſt auf die Offiziere ſchoſſen. Sein Antlitz drückte die furchtbarſte Erregung aus, er war geſchlagen, er, der hochberühmte Mann, zum erſten Mal geſchlagen, ſein Kriegsruhm für ewig verloren,— ach und was konnte der Kaiſer zu dieſer Niederlage ſagen? Dem Zorne des gefürchteten Herrſchers, den Flüchen ſeines Volkes zu entgehen, ſetzte der Herzog von Magenta einen Bericht über die Schlacht auf, in welchem er ſeine gänzliche Niederwerfung in das günſtigſte Licht zu ſtellen ſuchte. Er redete darin von einer furchtbaren Uebermacht des Feindes und ſchilderte die Flucht ſeiner Armee als einen geordneten Rückzug. So wie er logen auch die Berichterſtatter der Zeitungen. Einer dieſer Federfuchſer nannte das Benehmen der franzöſiſchen Armer heldenmäßig und erzählte, ſie hätten ſich hinter Wällen von deutſchen Leichen verſchanzt. Dennoch mußten ſie die Räu⸗ mung des Schlachtfeldes eingeſtehen, ebenſo wie die Verluſte, welche der Marſchall Mac Mahon an dieſem Tage erlitten hatte. Der Kaiſer ſelbſt ſchien tief erſchüttert zu ſein, als die Kunde von dieſem Unglück zu ihm gelangte. Trotzdem telegraphirte er an die Kaiſerin: Es kann noch Alles in das richtige Geleiſe kommen. Dahin kam es auch, denn das richtigſte Geleiſe iſt jedenfalls das, wo ein feiger Tyrann wie dieſer Bonaparte nicht die Zügel führt. Es war eine große Kriegsbeute, die den Deutſchen nach dem Siege in die Hände fiel. Zweimalhundert und zweiundzwanzigtau⸗ ſend Franes wurden in dem Stabswagen des Herzogs von Magenta, den die tapfern Würtemberger erbeuteten, gefunden, dazu an Montirungsgegenſtänden, Pferden und Munition ganz ungeheure Maſſen. Auch ein Zeltlager wurde erbeutet, und dabei ein be⸗ ſonders für den Marſchall Mac Mahon eingerichtetes Feldzelt, welches aus zwei Abtheilungen beſtand. 2 In jeder dieſer Abtheilungen befand ſich ein höchſt beguem und elegant ausgeſtattetes Bett, dazu gehörten Waſchtiſchchen von — ———4 oſe gege Nam Räge zierli finde dieſe dos auch Offj und bran hüllt Hitch ſückt Ale ton dazu Nalh plan ſein Veſ Sch Sol ſ etz tru zeic hat Au übe 1 be⸗ und er de Sein lagen, ſein te der ſeines Bericht erfung n von Flucht ungen. ſſchen Fällen Räu⸗ erluſte, hntte. ſunde rie er Frleiſe eiſs iſ e nicht dem igtau⸗ gente zu an eheure in be⸗ ldzell eguemn n von — 355— Roſenholz, und außerdem fanden ſich eine Menge von Toiletten⸗ gegenſtänden der verſchiedenſten Arten, wie ſie bei uns kaum oen Namen nach bekannt ſind, Seifen, Bürſten, kleine Scheeren, die Nägel zu beſchneiden, Zangen und Meſſerchen, Alles überaus zierlich gearbeitet. Dieſe Dinge waren aber auch nothwendig, denn das Auf⸗ finden von ſehr koſtbarem Damenputz bewies, daß der Herzog dieſes Zelt nicht allein bewohnte, obſchon man ihn in Paris für das Muſter eines treuen Ehegatten hielt. Solche für einen Feldzug ſeltſamen Gegenſtände fanden ſich auch in einer Menge von Kiſten, die zu dem Gepäck der Herren Offiziere gehört haben mußten. Man überließ ſie den Soldaten, und war luſtig mit anzuſehen, wie die bärtigen und ſonnenver⸗ brannten Krieger ſich in die ſeidenen Roben und luftigen Shwals hüllten, ſich Chignons an den Hinterkopf banden und die kleinen Hütchen mit gemachten Blumen aufſetzten. Crinolinen und ge⸗ ſticte Unterröcke, Schleier und Bänder, Schürzen und Tücher, Alles diente dazu, die luſtigen Soldaten zu ſchmücken, und ſo tanzten ſie in einem munteren Mummenſchanz einher und ſangen dazu das neu erfundene Lied, deſſen Endverſe lauten: Mac Mahon, Mae Mahon, Fritze kommt und hat ihm ſchon! Und Fritz der heldenmüthige Königsſohn, der den Schlacht⸗ plan des General Moltke ſo herrlich ausgeführt hatte, begrüßte ſeine Truppen und lobte ſie Alle, Baiern, Würtemberger, Heſſen, Weſtphalen, Schleſier, Poſener und die ſonſt noch in dieſer Schlacht mitgewirkt hatten. Er nannte es eine Ehre, über ſolche Soldaten kommandiren zu können, dann beſuchte er die Lazarethe, ſprach den Verwundeten Muth ein und ließ ſich von Manchem erzählen, auf welche Weiſe er verletzt worden war. Wro er ſich zeigte, jubelten ihm die Herzen entgegen. Er trug die ganz ſchlichte Uniform ohne Orden oder ſonſtige Ab⸗ zeichen, er war eben nur Soldat wie die Andern alle, aber er hatte ein Herz für Jeden. Auf ſeine Bitte ſchickte die Königin Auguſta von Preußen ſogleich das fehlende Verbandzeug zu, überdem verdoppelte ſich unter den Damen im ganzen Deutſchland 23* der Eifer, für die Verwundeten zu arbeiten. Mochte die Hand einer Fürſtin oder einer ſchlichten Bürgersfrau angehören, ſie wurde nicht müde, Charpie zu zupfen und Binden zu machen. Aus allen Gauen Deutſchlands aus allen Ländern der Welt, ſtrömten Liebesgaben an Geld oder Lazarethgegenſtänden herbei, ein Dankeszeichen, welches man den wackeren Siegern von Wörth ſchuldig war. Die geſund gebliebenen Truppen biwakirten auf dem Schlachtfelde, eine furchtbare Ruheſtätte unter ächzenden Verwun⸗ deten und Leichen. Die Erſteren wurden nach und nach von den Krankenträgern fortgeholt, die Letztcren dienten manchem todt⸗ müden Krieger als Kopfkiſſen. Man gewöhnt ſich an Alles. Der Tod hat keine Schrecken mehr, wenn er ſo Vielen auf einmal kommt. Der Soldat fürchtet ihn nicht, aber ſein Herz blutet bei dem Anblick der Verwundeten, die vielleicht einem langſamen, ſchmerzhaften Dahinſcheiden ent⸗ gegen gehen oder für ihr ganzes Leben zu Krüppeln geſchoſſen ſind und von der Wohlthätigkeit der Menſchen leben müſſen, während ſie ſonſt rüſtig und ſelbſtſtändig zu arbeiten vermochten. Das bange Stöhnen dieſer Unglücklichen, den kaum zu unter⸗ drückenden Aufſchrei, wenn die Sonde des Arztes nach der Kugel ſucht, das ſiebéchafte Umhertaſten, die wilde Verzweiflung oder das ſtumme Verſinken in die tiefſte Troſtloſigkeit— das Alles vergißt derjenige niemals, welcher ſolch' ein Elend mit angeſehen hat. Es gehört ein ſtarkes Herz dazu, ſolchen Anblick zu ertra⸗ gen. Der Krieg iſt ſchrecklich, wollte Gott, daß der, welchen wir ſchildern, der letzte ſei. Am Morgen nach dieſem Biwak begann für die Soldaten ein tief trauriges Geſchäft. Sie gruben viereckige Löcher in die Erde und belegten ſie mit grünen Zweigen. Da hinein betteten ſie die Offiziere, deckten ſie mit Laubwerk zu und verfertigten kleine Kreuze von Holz, auf welche ſie die Namen der Begra⸗ benen ſchrieben. Dazu ſpielte die Muſik, und wenn die Grube wieder mit Erde angefüllt war, feuerten die Untergebenen des Beerdigten einige Schüſſe über ſein Grab ab. Die gemeinen Soldaten erhalten kein ſo umſtändliches Be⸗ ener kräbn geleg Fean merad uſſer hedeckt ſie zu vergeſ Gröfe welchen h lan gſa chtt V lch ſhaare h aufge Er dhe welch nern, nan hun e e hena b tn, ſe nachen. VPe. hechei Vörh dem erwun on den todi⸗ hrecken irchtet ndeten, ent choſſen nüſſen, ochten mntet⸗ Kugel oder Alles eſehe ertru n mir ldaten etteten rigtn hegr Grube 155 Be⸗ 357 gräbniß. Zu zwölf oder fünfzehn werden ſie in dieſelbe Grube gelegt. Man fragt jetzt nicht mehr, aus welchem Lande ſie ſind, Feanzoſen und Deutſche ruhen friedlich neben einander, ein Ka⸗ merad tritt vor und betet mit tief ernſter Stimme ein Vater⸗ unſer. Dann ſchollert die Erde auf die Leichen herab, kein Hügel bedeckt ihre Ruheſtätte, und nach wenig Wochen weiß Niemand ſie zu finden. Friede ihrer Aſche! Das Vaterland wird Diejenigen nicht vergeſſen, die ihr Blut für ſeine Freiheit, für ſeine Einigkeit und Größe dahin gaben. Friede ihrer Aſche! 41. Kapitel. Die Wölfe des Schlachtfeldes. Habt Ihr jemals ein Feld geſehen, auf welchem das Gewühl einer Schlacht getobt hat, kennt Ihr den furchtbaren Anblick, bei welchem jedes Menſchenherz in kalten Schaudern erbebt? Rings graue, ſchwere Luft. Die Pulverwolken verziehen ſich langſam, es iſt, als hülle ſich die Sonne in Rebeldünſte ein, um nicht das Grauſen zu ſehen, das ihre letzten Strahlen beleuchten. Welch eine Verwüſtung! Die Erde iſt zerwühlt, als hätten Pflug⸗ ſchaaren ſie aufgeriſſen o, eine koſtbare Saat liegt hier zerſtreut, der Tod hielt Ernte. Dort ſind die Schollen zu Hügeln aufgethürmt, dahinter liegen die Leichen derer, die ſich durch die Erdhaufen gegen die Kugeln zu decken meinten, und weiterhin, welch furchtbar ſchreckliches Schauſpiel. ein Dorf in Trüm⸗ mern, die Dächer verbrannt, die Wände eingeriſſen, frei blickt man in die Zimmer, ſieht den Hausrath, der als einziges Beſitz⸗ thum einſt der Stolz der Leute war, die jetzt verzweifelnd um die Stätte irren. Die Hunde bellen ängſtlich um die verlorene Heimath, hier blökt aus dem noch von den Flammen verſchonten Stalle eine Kuh, dort flattern Hühner hin und her und mit verſengten Flügeln laſſen ſich die Tauben auf den geſchwärzten Spar⸗ ren nieder. und wiederum an einer andern Stelle liegen umgeworfne Pulverwagen, davor ein Pferd, das in den letzten Todeszuckungen ſich einwühlt in die Erde, Kanonen, deren eherner Mund ver⸗ ſtummte, Marketenderkarren und Fäſſer, Patronen, Papier, Waffen und Torniſter, ein ſchreckliches Durcheinander, eine gräuliche Un⸗ ordnung. Welch' ein Schauſpiel! Und dennoch, ſähe man nur das, wie ruhig könnte man das Auge hinwegwenden... doch horcht, was iſt das für ein Laut, iſt es ein Fluchen, ein Gewimmer, ein Geſtöhn? Es klingt bald lauter, bald leiſer, doch ſtets gleich ſchrecklich, gleich alle Nerven erſchütternd. Es iſt, als ſchwebten die Geiſter des Todes klagend über dieſem Felde der Vernichtung. 3 Seht hin, wenn Ihr däs Herz habt! Dort liegt ein Mann mit zerſchmetterten Beinen in einer Pfütze des eigenen Blutes, ſein halbgebrochenes Auge ſtarrt zum Himmel empor, ſeine Hände greifen krampfhaft um ſich, ſeine bleichen Lippen beben; Waſſer, Waſſer ſtöhnt er mit der letzten Kraft. und Niemand hört ihn und Niemand giebt ihm Linderung in ſeinen Qualen. Dort hat ein Anderer den Stummel ſeines Arms, aus dem die Knochen * hervorragen, in die Erde gewählt, um durch die Feuchtigkeit den grenzenloſen Schmerz zu mildern Ein Dritter hält mit beiden Händen die Eingeweide, die ſeinem aufgeriſſenen Bauch entquellen Der preßt die Fauſt auf ſeine Bruſt, in der die Kugel ſitzt, und Jener ſtöhnt mit zerfetztem Geſichte, mit zerſchmetterter Kinnlade und ſeo ach, nicht um Rettung, nein, um einen ſchnellen Lod „Hier liegen ſie in Haufen übereinander, die Lebenden faſt erdrückt von der Laſt der Leichen, die auf ſie nieder fallen ſind, ein ſonſt ſo friſcher Reiter kann den gebrochenen hervorziehen unter der Bürbe ſeines todten Pferdes, das mit ihm zu Boden fiel, und hui! da ſauſt ein Gaul wie toll über Verwundete und Leichen hin, er iſt verletzt, die Schmerzen brin⸗ gen ihn zum Raſen, tobend ſchleift er ſein Zaumzeug hinter ſich d *2 d mit Spa worfne kungen d ver⸗ Jaffen e Un⸗ das, horcht immer, gleich d über Mann Blütes, Hände Vrſer nd hört Dort nochen eit den beden gurlin i und de und en den faſ 6 da ol ibe en hin⸗ her und ſtampft vernichtend in den Boden, was er mit ſeinen Hufen berührt. Da ſchleicht ein unheimliches Veſen hin, halb Mann, halb Weib, es ſieht ſich um, es kichert... lebt denn kein Gefühl für Mitleid und für fremde Noth in dieſer ganz entmenſchten Bruſt? Iſt das ein Weib? Kann denn ein Weib ſo frech, ſo grauſam ſein? Sie bückt ſich zu den Sterbenden, um ſie zu pflegen? Nein, ſie zieht die Ringe von den Fingern ab und ſammelt ſie in die Taſchen ihrer weiten rothen Hoſen, iſt wo ein goldner Reif zu feſt in's Fleiſch gewachſen, ſie zögert nicht, ſie ſchneidet feck den Finger ab, und ſchüttelt ihn, damit das Blut heraus⸗ läuſt und ſie nicht beſchmutzt; ſie reißt die Uniformen auf und ſucht nach Geld und Uhren und Medaillons von Gold, und lacht und freut ſich über ihre Beute. — Es iſt nun erſt der erſte Tag, ſagte ſie leiſe vor ſich . hii ünd doch bin ich zufrieden. Ei, ein Dutzend Ringe habe ich ſicherlich beiſammen, ein Dutzend Uhren dazu, bier iſt noch eeine, pfni, Du Lump, nur eine ſilberne konnteſt Du nicht was Beſſeres mitbringen. Und mit der flachen Hand ſchlägt ſie den beraubten Todten ins Geſicht und kichert, wie über einen gut erdachten Scherz⸗ — Ja, ſagte ſie, heute bin ich nur allein, das nächſte Mal nehme ich meine Jungen mit, die müſſen helfen, dann giebt es dreifachen Profit. Doch ſtil, da kommen die verdammten Kerle mit der Bahre, wenn die mich ſehen, gehrs mir ſchlecht. Sie drückte ſich hinter einen Haufen Leichen, ja ſie 369g eine über ſich, um ganz verſteckt zu ſein. Es waren ernſte, ſchweig⸗ ſame Männer, die ſich nahten, ein Jeder trug eine Flaſche in der Hand. — Waſſer, um Gotteswillen, Waſſer! flehten die Verwun⸗ deten. O, welch' ein Labſal, wenn der kühle Trunk ſich ihren Lip— pen näherte, wenn ſie mit nicht zu ſtillendem Durſte ſogen, das ſtärkt, das giebt auf's Neue Muth, die Schmerzen zu ertragen. Vorſichtig nahmen ſie Pen und Jenen auf und betteten ihn auf das Polſter der Bahre, und doch, welch' fürchterlicher Aufſchrei — — 8———— Blut quillt ihr entgegen, doch ſie preßt Tücher darauf, bindet ſie 8 60 entrang ſich der Bruſt Derer, denen die zerſchmetterten am Leibe ſchlotterten, wo jede Berührung zur unerträglichen Qual werden mußte, ach und wie ſchmerzlich neidiſch blickten die Zurückgebliebenen den Fortgetragenen nach und flehten: Holt uns auch, vergeßt uns nicht, o nehmt uns mit! Es iſt nicht möglich, Alles zu verſorgen. Die Nacht naht ſchon heran, es tauchen hier und dort noch andere grauſe Mör⸗ der auf, ſie nehmen Uhren, Ringe und das Leben. Die ſo Beraubten ſollen keine Klage führen, darum ein Meſſer an die Kehle, und der Mund verſtummt! Indeſſen hat die Frau die Taſchen ganz gefüllt die Deutſchen ſind nicht arm, ſie findet mehr bei ihnen als bei ihren Landsleuten, den Franzo⸗ ſen. Eine Eigarre im Munde, geht ſie umher, trällert ſich ein gemeines Lied und ſammelt ein. Jetzt tritt ihr eine hohe Erſcheinung entgegen. Es iſt eine ſchwarz gekleidete, Frau, ſie trägt eine Taſche um den Leib geſchnallt, ihr Fuß bebt nicht zurück vor die⸗ ſen Lachen von Blut, ſie ſchaudert nicht bei dem Anblick ſo gräß⸗ licher Verſtümmelungen. Sanft bückt ſie ſich zu einem Sterben⸗ den herab. — Sie leiden ſehr, ſagt ſie mit ſanfter Stimme, doch hoffen Sie auf Gott, er iſt gerecht und gnädig. Dann hält ſie ihm die Flaſche hin, und ſtillt den brennenden 3 Durſt, und mit einem Blick des Dankes ſchließt der Unglückliche ſeine Augen für immer. Dort ſrect Eill die Hände nach ihr aus. Wo ſind Sie verwundet? fragt ſie ihn. — Am Fuße, lautet die Antwort. Schnell greift ſie in die Taſche, nimmt eine Scheere heraus und ſchneidet ihm den Stiefel von dem Fuße ab, ein Strom von feſt um und fragt dann ſanft: — Iſt es nun beſſer, lieber Freund? Er nickt und legt ſich wieder zurück, er weiß es wohl, mit ihm ſteht es noch lange nicht ſo ſchlimm, wie mit den Anderen. miüſ Glieder äglihen ten die olt uns tnaht Wr⸗ m ein n hat tam, ranzo⸗ ich ein inung t eine die⸗ griß⸗ erben⸗ poffen enden icliche eraus on et ſe wohl den — 6— Sein Rebenmann iſt nicht viel übler d'ran. Die Wunde in der Schulter wird ihm ſchnell verbunden. — Sie können gehen, ſagt die milde Frau, ſo ſtehen Sie auf ſtützen Sie ſich auf meinen Arm, nicht wahr, die Krafte fin⸗ den ſich, hier einen Tropfen Wein, und nun, da Sie geſtärkt ſind, reichen Sie dem Kameraden da den Arm, der Weg zum Lazareth iſt nicht zu fehlen, Sie ſehen die weiße Fahne mit dem rothen Kreuz von ferne leuchten, es iſt nicht weit, und ſeien Sie vorſichtig, laſſen Sie ihn nicht ſtraucheln mit dem ſchlecht verbun⸗ denen Fuß, es geht ſchon, wenn er ſich auf Ihren geſunden Arm aufſtützen kann. So wanken dieſe Beiden fort. Sie aber neigt ihr bleiches edles Geſicht zu einem Andern, taucht ihr Tuch in Waſſer ein und wäſcht ihm das Geſicht, das ganz mit Blut bedeckt iſt, ab. O, durch die Stirn geſchoffen, gräßlichl das Gehirn trieft aus den leeren Augenhöhlen, todt... todt! fort zu einem Anderen! Da iſt noch Leben, das Bein iſt ihm zerſchmettert. Zuerſt um Waſſer. Alle verlangen ſie danach, doch ach, ihr Vorrath geht zu Ende. Da kommen neue Krankenträger, ein ſchlanker Mann mit rothem Kreuz auf weißer Binde geht voran. — Sie thun zu viel, Maria Fiſcher, ſagt er zu ihr, ſie müſſen ſich ſchonen. Sie lächelt matt. — Ich thue meine Pflicht, Herr Graf. — Man kann auch zu viel thun, meinte er, Sie halten es nicht aus, ſo unermüdlich thätig zu ſein. Gehen Sie und ruhen Sie ſich aus. — Wenn kein Verwundeter mehr auf dem Schlachtfelde iſt, werde ich mich ausruhen, ſagte ſie und half den Krankenträgern die Unglüchlicken auf ihre Bahre laden. Sie gingen fort und wiederum war ſie allein unter röchelnden Sterbenden, ächzenden, kagenden Menſchen. Sie half und tröſtete, ſo gut ſie es ver⸗ mochte. Wie that es wohl, wenn ſie die zarte warme Hand auf eines Kranken fieberheiße Stirne legte. Sie wurde nicht müde, zu tränken, zu verbinden und mit den Hinüberſcheidenden zu be⸗ ——————————————————— ₰— — 362— ten. Der Mond hatte bisher geleuchtet, jetzt ſank er hinab, es wurde dunkler und dunkler auf dem Felde des Todes, und den⸗ noch waren lange nicht alle Verwundete in das Lazareth gebracht worden. Jetzt änderte ſich die furchtbare Scene nur, um noch furchtbarer zu werden. Das Wundfieber ergriff die Unglücklichen, die hier lagen, ſie fingen an zu phantaſiren. Der rief nach Weib und Kind, der glaubte ſich noch im Kampfe und faßt, mit den Armen um ſich, ein Dritter zitterte vor den Lei⸗ chenräubern und ſuchte ſich zu verkriechen. Hutte anfangs der ſtarke Mannesmuth die allzulauten Kla⸗ gen unterdrückt, ſo brachen ſie jetzt ungehindert hervor, bald lau⸗ tes, verzweiflungsvolles Beten, bald wilder Geſang, bald jubeln⸗ des Victoriageſchrei, dazwiſchen Klagegeſtöhn, ſo traurig, daß es durch Mark und Adern zuckte.. Maria Fiſcher überwand den tiefen Schauder, der ihre Bruſt durchbebte, ſie hielt aus bei den Sterbenden und Leichen. Mehr Grauen noch als dieſe flößten ihr die Hyänen des Schlachtfeldes ein, die ſcheu an ihr vorüber huſchten, als glaubten ſie in der ſchwarz gekleideten hohen Geſtalt ein Geſpenſt zu erblicken. — Die Sommernacht iſt nicht lang, tröſtete ſie ſich, bald kommt die Sonne, Gottes Auge, es wird mit Milde, mit Erbar⸗ men auf das Elend ſehen, welches ſeine Geſchöpfe, die Menſchen, ſich gegenſeitig anthaten. Doch wußte ſie, daß, wer ſolch' eine Nacht überdauert, bei dem Morgenglühen hinüberſchwebt in jene Welt, wo keine Fin⸗ ſterniß mehr herrſcht. Sie kniete auf den blutfeuchten Boden und empfing die Grüße, die ein Sterbender der fernen Gattin ſchickte, ſie nahm das Bild eines ſchönen Mädchens, welches der geliebte Bräutigam noch in dem letzten Augenblick an ſeine Lippen gedrückt hatte, um es, mit ſeinem Blut befleckt, der troſtloſen Braut zu überſenden. Dazwiſchen hatte ſie zu tränken, zu verbinden und neuen Muth zu geben, wo Verzweiflung ſich der Bruſt bemächtigen wollte. 15 Als es Tag wurde und die unermüdlichen Krankenträger faſt ſch unt um Kri niet alle ger dae ihr Ge ih vo. hei un die D e dde⸗ bracht noch en ſie ampfe en Le n Kla⸗ d lau⸗ jubeln⸗ daß es Pruſt Meht hifelde in der bald Erbar⸗ nſchen, rh hei e ßin⸗ — ng die enahn zutigam tte um ſenden neuen iigen et juſ — 363— ſchon den letzten Verwundeten aufluden, als ſchon die Landleute unter Beihilfe und Befehl von Soldaten tiefe Gruben machten, um die Todten dahinein zu betten, da fühlte Maria Fiſcher ihre Kräfte ſchwinden. Mühſam erhob ſie ſich von dem Boden auf welchem ſie ge⸗ Fniet hatte, ſie blickte in die glutrothe Sonnenſcheibe, die ſich in aller ihrer Pracht erhoben hatte.. und zuckte zuſammen. Denn gerade vor dem Sonnenball ſah ſie das hell beſchienene Angeſicht, das ihr ſo theuer war, nicht das des Mannes der ihr Retter, ihr Beſchützer, ihr Berather war, nein, das des einzig geliebten Gatten, den ſie, ach, zu früh verlieren mußte. Sie ſah ihn deut⸗ lich, klar, wie dazumal in Mainz als ihn das Dampſchiff an ihr voübovführte; ein Aufſchrei tat auf ihre Lippen underſtickte in der heißen Bewegung ihres Herzens, ſie breitete die Arme aus. und ſank ohnmächtig auf die Erde nieder. So fanden ſie die Krankenträger, betteten ſie auf die Bahref die ſchon ſo vielen Leidenden gedient hatte, und trugen ſie in ihr Quartier.. Langſam erwachte ſie, der Arzt ſtand an ihrem Lager — Sie thun zu viel, Marig, ſagte er, Ihr zarter Kör⸗ per kann dieſe Mühen und Anſtrengungen nicht ertragen, Sie müſſen ſich ſchonen, — Kann ich das, wo ſo Viele leiden, und habe ich es nicht geſchworen, meine ganze Kraft den unglücklichen Verwundeten zu widmen? Der Doktor ſuchte dieſe Aufopferungsfreudigkeit zu dämpfen⸗ — Wir erkennen Alle Ihre ſegenbringende Thätigkeit an, ſagte er, und eben deswegen möchten wir Sie erhalten ſehen Sie aber zerſtören ſich durch dieſe angeſtrengte Arbeit. Jetzt aber befehle ich Ihnen Ruhe an, Sie müſſen ſchlafen, danach will ich Ihnen Nahrung ſchicken, und erſt, wenn Sie geſtärkt und ge⸗ kräftigt ſind, erlaube ich Ihnen, wieder in das Lazareth zu kommen. Der Rath war gut, aber konnte ſie ſchlafen?* abriele Seit dem Beginne des Krieges folgte die Fürſtin G Donato dem Heere des Kronprinzen, ſie hatte die erſten Leichen. — 364— dei Weißenburg geſehen und durch ihren Muth, ihre Aufopfe⸗ rungsfähigkeit die Bewunderung aller Derer erregt, die ſte in chrem ſegensreichen Wirken ſahen. Unermüdlich hatte ſie die Kranken gepflegt, ihnen zu eſſen gegeben, und ſchnell lernte ſie, wie man Wunden reinigen und verbinden muß. Nun ſchreckte ſie nicht zurück vor dem Eiter und ſeinem ekelhaften Geruch, nicht vor den Knochenſplittern, nicht vor dem zuckenden, blosgelegten Fleiſch. Sie hatte den Muth, den Kopf des Soldaten zu halten, dem man das Bein abſägte, ſie ſchnitt ſelber mit fanfter Hand die Haare von dem verletzten Schädel, ſie hielt das Becken unter, um das ſtrömende Blut auf⸗ zufangen, wenn ſchwierige Operationen gemacht wurden, und überwand jenes Gefühl von Uebelkeit, welches ſelbſt ſtarke Män⸗ ner ergreift, wenn ſie das Knirſchen der feinen Säge hören, die durch einen menſchlichen Knochen fährt, oder wenn die Sonde in dem Fleiſche herumfährt, um die tödtliche Kugel zu ſuchen. Wo Andere zitterten, rief man bald Maria Fiſcher herbei ſie tröſtete ſo milde, fand ſo ganz das richtige Wort, um die gebeugten Seelen aufzurichten, und einem Jeden ſchien es beſſer zu gehen, wenn ſie ſich an ſeinem Bette niederſetzte. So war ſie der Engel des Lazareths. Und als ſie weiter ziehen mußte, um auch auf dem Schlachtfeld von Wörth ihre ſegensreiche Thä⸗ tigkeit zu entfalten, da war es den Kranken, die ſie verließ, als ſei eine liebevolle Schweſter von ihnen geſchieden. Gabriele fand nur kurzen Schlummer, ihr Gemüth war zu ſehr erregt. Zwei Mal hatte ſie ihren Gatten geſehen, zwei Mal war die ſo heiß geliebte Erſcheinung ihr entſchwunden, ehe ſie ſich davon überzeugen konte, ob nur ein Traum ihrer Einbildungs⸗ kraft ſie geneckt hatte. Der Fürſt Alphons Donato war an ihrer Seite erſtochen worden, man hatte ſpäter ſeine Leiche in eine Felsſpalte gewor⸗ fen. nur der Wahnſinn durfte glauben, ihn noch lebendig zu ſehen. nd dennoch, obgleich mehr als fünfzehn Jahre ſeit jenem ſchrecklichen Tage vorübergegangen waren, dennoch hätte ſie ihr Leben zum Pfande einſetzen wollen, daß er es war. . wie h ſeine nig v ſo leh derbar datum Ungeſi Die 2 und Mein Gutter hen n ihtem wollie Thiti entla Wenn Dit g bei die eſer wr te, hä⸗ als zu Nal ſ6 igö⸗ hen or⸗ dig — 365— Aber ſo ſprach die Vernunft in ihr: wenn er noch lebte, wie hätte er eine ſo lange Zeit verſtreichen laſſen können, ohne ſeine Gattin auſzuſuchen? Woher kommt es, daß er ſich ſo we nig verändert hat und daß er mir noch jetzt ganz ſo ſchön, ganz ſo liebenswerth erſcheint, wie dazumal? Iſt es auch nur eine wun⸗ derbare Aehnlichkeit, die mich täuſchte, dennoch möchte ich Alles darum geben, dieſen Mann zu ſprechen, dieſes mir ſo theure Angeſicht in der Nähe zu ſehen. Welch ſeltſames Schickſall Die Bilder von zwei gleich edlen Männern folgen mir überall, und ich weiß nicht, wer ſie ſind, noch laſſen ſie ſich feſthalten. Mein Leben iſt wie ein wunderbarer Traum, ich finde meinen Gatten, der todt iſt, lebendig wieder und ſuche ſelbſt unter Lei⸗ chen nach meinem Sohne, der mir ewig verloren bleibt! Mit ſolchen Gedanken erhob ſich die Fürſtin Donato von ihrem Lager, und nachdem ſie etwas Speiſe zu ſich genommen, wollte ſie ſich in das Lazareth begeben, um ihre ſo ſegensreiche Thätigkeit wieder zu beginnen. Da, als ſie eben an einer Hecke entlang ging, vernahm ſie ein Geſpräch von zwei Frauenſtimmen. — Aber immerhin, ſagte die Eine, finde ich das ſehr gewagt. Wenn man Dich dabei abfaßt, Mutter, denke nur, der Galgen wäre Dir gewiß. — WMWan wird mich aber nicht abfaſſen, kicherte die Andere, ich ſchicke alle Uhren und Ringe zu Iſidor, der verkauft ſie in Paris. Bei dem Namen Iſidor wurde die Fürſtin aufmerkſam, ſie hatte ihn gehört, als ſie in ihrer Schmerzensſtunde lag, dieſer Name hatte ſich ihr für immer unvergeßlich eingeprägt. Unwill⸗ kürlich ſtand ſie ſtill und hörte, was die beiden, anſcheinend eine ältere und eine jüngere Frau, mit einander redeten. — Er wird Dich betrügen, Mutter, ſagte die Junge Iſidor iſt ſchlecht, ich weiß das, war er doch Sekretair bei dem Grafen Bellegarde, er giebt Dir nicht die Hälfte von dem Gelde, was er bekommt. — Das glaube ich ſchon, Herzchen, verſetzte die Andere, in⸗ deſſen, was ſoll ich thun? Ich denke, der Verdienſt iſt leicht, denn Du glaubſt gar nicht, mein Täubchen, wie viele Ringe und Uhren — 366— dieſe Deutſchen mit ſich ſchleppen, die meiſten müſſen verheirathet wrein, viele aber haben auch noch viel Geld bei ſich. Ja, es wäre linn in ganz gutes Stück Arbeit, wenn nur nicht ſchon ſo viele damit bald geanfingen, geſtern Nacht ſah ich allein ſechs auf dem Schlachtfelde. beide v/— Fürchteſt Du Dich denn nicht vor den Todten? fragte die Andere. de e — Die beißen am allerwenigſten, Liſetichen, das kann ich Nuna Dir verſichern, lachte die Alte, aber die Lebendigen⸗ die man erſt war ſ abmurkſen muß, die ſchreien mitunter, und das iſt das Dumme, denn ſterben müſſen ſie doch⸗ und mich bringen ſie in Gefahr. Knab — Aber die Jungen, die Du bei Dir haſt, was thuſt Du Prinz mit denen? fragte Liſette. Vie — Ei, die ſperre ich ein, antwortete ihre Mutter, die alte 2 Margot. Die Jungen ſind ſonſt gehorſam, aber doch noch zu gegen. vornehm zu ſolchem Geſchäfte. Unter uns geſagt, Iſidor ſpuckt Feuer und Flamme, weil ich ſie mit hergenommen hatte, ich mußte n das Geſchäft mit ihm machen, damit er nur wieder gut wurde. Jetzt höre ich, Dein Schatz der Franz Godard, ſoll auch bei der Armee ſein. — Ach, ſeufzte Liſette, der war mir immer lieber als mein Graf von Bellegarde! Pfui über das gelbe Geſicht, iſt das ein Mann! Vorzüglich jetzt, ſeitdem die Deutſchen ſiegen, iſt es nicht mehr auszuhalten, Hektor brummt der Herzog von Montalto, an den ich mich machte, pfui, es iſt gar nicht nachzuſagen! — Was denn, Kindchen, Deiner Mutter kannſt Du Alles ſagen, ſchmeichelte Margot. — Run, ich glaube, der Herzog iſt mondſüchtig oder verrückt. Nachts ſteht er auf und geht umher und beſichtigt Alles und wittert überall Verrath und Betrug, er iſt wie ein ruheloſer Geiſt, ich fürchte mich vor ihm. Oft ruft er ganz laut nach ſeiner Iduna, oder nach ſeinen Kindern. Mutter, wenn der wüßte, daß Du die Jungen bei Dir haſt! Aber nun muß ich eilen. Mach auch Du, Haß Du fortkommſt, Mutter, ſie könnten Dich beim Kragen nehmen, und das thäte mir leid um Dich. So plauderte Liſette, die alte Frau aber küßte ſie mit Zärt⸗ lichkeit, dann trennten ſie ſich einen rathet wire damit ffelde. fragte m ich n erſt umme hr. ſi Du alte och zu ſpuct mußte wurde. bei der ls min as ein 3 nicht lio, an MWes es und rGeiſt ſin⸗ Gabriele ſah das leichtfertige Mädchen davon eilen, unbe⸗ kümmert, ob ſie ihre ſeidene Schleppe in Blutlachen eintauchte, bald ſchlich ſich auch die alte Margot nach Wörth zurück, wo die beiden Knaben auf ſie warteten. Vor Gabrielens Seele entrollte ſich ein ſchreckliches Bild Die Söhne des Herzogs von Montalto, die Söhne der edlen Iduna, in den Händen dieſes gemeinen Weibes— der Gedanke war ſchrecklich. — Ich will ſie retten, ſagte ſie zu ſich ſelber, einer dieſer Knaben iſt ein Findling, beide waren die Geſpielen des kleinen Prinzen, meines Sohnes o Gott, wenn er mein Sohn iſt! Wie es auch ſei, ich muß die Kinder retten! Als ſie ſich dem Lazarethe näherte, trat ihr ein Soldat ent⸗ gegen. — uUm Vergebung, Sie gehen da hinein? fragte er und wies auf das Haus mit der weißen Fahne. — Ja, verſetzte ſie. — Da könnten Sie mir helfen, ich ſuche einen Kameraden, einen guten Freund pon Berlin her, der bei der Linie ſteht, und da drin haben ſie ſo viel zu thun, daß mir Keiner Antwort giebt. — Wie heißt Ihr Freund? fragte Gabriele,— Heinrich, Becker aus Dresden, und iſt Schloſſer, er muß wohl verwundet ſein, ſonſt hätte er doch was von ſich hören laſſen. — Und wie heißen Sie? — Ich, Wilhelm Friſchmuth, erwiederte der Ulan. — Gut, ich will mich nach ihm erkundigen, ſagte Gabriele. Kommen Sie in einer Stunde wieder, und fragen Sie nach Ma⸗ ria Fiſcher, dann ſollen Sie Auskunft haben. Sie ging in das Lazareth. — Donnerwetter, ſagte Friſchmuth zu ſich ſelber, indem er einen Schnauzbart ſtrich, das Weib ſieht aus, als ob es ein Geiſt wäre, aber ein guter, denke ich. So begann zwiſchen dem Berliner Maſchinenbauer und der italieniſchen Fürſtin eine Bekanntſchaft, die für beide bedeutungs⸗ voll werden ſollte. 42 Kapitel. Die Erſtürmung der Spicherenberge. Wie übermüthig hatten ſich die Franzoſen des Sieges ge⸗ rühmt, welchen ſie bei Saarbrücken über die Deutſchen erfochten haben wollten! Freilich hatten dieſe das Städtchen verlaſſen, um es vor der Beſchießung zu retten, dennoch zogen die Feinde es vor, ſich nicht darin feſtzuſetzen und den Einwohnern von Saar⸗ brücken und St. Johann ihre beläſtigende Gegenwart zu entzie⸗ hen. Es war hierzu guter Grund vorhanden. Von den Höhen⸗ zügen aus, welche das Saarthal und ſeine Kohlenbecken umge⸗ ben, iſt es leicht hinunter zu ſchießen, ſchwer jedoch hält es, ſich durch die Berge Bahn zu brechen, falls man ſich in der gefähr⸗ lichen Lage befindet, nicht zum Himmel hinauf blicken zu können, ohne ſtatt der Baßgeigen, die, wie man ſagt, nur für die Glücklichen da hängen, andere muſikaliſche Inſtrumente zu erblicken, vor deren Donnerton die Ohren ganz ſeltſam gellen und die man Kanonen nennt. Die Rothhoſen und ihr vorſichtiger Kaiſer, der ſich noch immer dort be⸗ fand, hatten große Angſt, ſie könnten da wie in der Maufefalle gefangen werden, dazu ſchien ihnen denn doch der Speck in Saar⸗ brücken nicht ſüß genug, und ſomit zogen ſie es vor, ſelbſt die Höhen zu beſetzen, um, falls ſich neue Truppenzüge von Deutſchland her zeigen ſollten, von oben herunter feuern zu können. Um aber in keinem Falle müſſig zu ſein, warfen ſie von Zeit zu Zeit ein paar Granaten in das offene Städtchen hinein. Warum auch nicht? Ein Franzoſe kann nun einmal ohne Vergnügen nicht leben, und ein Vergnügen mußte es ihnen wohl ſein, friedliche und arbeit⸗ ante Leute zu ängſtigen und ſauer erworbenes Eigenthum zu zer⸗ ſtören. Indeſſen richteten ſie nicht ſo viel Schaden an⸗ wie man bei dem Spektakel hätte meinen ſollen. Hier wie überall ſchoſſen die bra gen frül kau ſchw Vuf meh die ten, mo verſ ein hate heru vorke und Gal nuch ſch zur( dieſer Mers wiſſe Fuun und Stell nerf die( dam döhe D es ge⸗ fochten en, um inde es Saar⸗ entzie⸗ Höhen⸗ umge⸗ ſih grfihr fönnen, üclihen r deren unennt. dort bl⸗ ufffle E ePhen nd he aber ih in punt 5nih en, und arbeit zu Nl⸗ n mon ſhoſer 69 die Franzoſen ſchlecht und verſchwendeten ihr Pulver nutzlos. Es brannte zwar zu verſchiedenen Malen, doch waren thätige Hände genug vorhanden, größeren Gefahren vorzubeugen. Wer aber früher in Saarbrücken geweſen war, der erkannte es dennoch jetzt kaum wieder Von den fleißigen Bergleuten hatten viele die ſchwarze mit einreihigen Knöpfen beſetzte Blouſe mit dem blauen Waffenrock vertauſchen müſſen. Es klapperten keine Kohlenwagen mehr durch die Straßen, und der ſchwärzliche Staub, auf welchen die ſorgſamen Hausfrauen oftmals mit Aerger ſehen moch⸗ ten bedeckte nicht mehr Pflaſter und Schwellen, ein Zeichen, daß men jetzt Anderes zu thun hatte, als Kohlen zu graben und zu verſchicken. Dennoch merkte man nichts von Geſchäftsſtockung, ein reges Leben zeigte ſich überall, und wer ſonſt nichts zu thun hatte, der betrachtete, wie die Rothhoſen auf den Bergen herumlungerten und auf alles knallten, was ihnen pl ußiſch vorkam. Südlich von der Ebene, durch welche hin ſich die Saar windet, und Saarbrücken und St. Johann bewäſſert, liegt der ſogenannte Galgenberg, nahe dem Winterberge, deſſen Höhenzug ſich weſtlich nach St Arnual abſenkt, und wiederum ſüdlich hiervon erheben ſich die Spicherenberge, die mit dem Walde gleichen Namens bis zur Eiſenbahn reichen, wo das dichte Gehölz dann weſtlich von dieſen den Namen Forbacher Wald annimmt. Jenſeits deſſelben liegt Dudweiler und hier findet man eine Mertwürdigkeit. Vor mehr als hundert Jahren gerieth nämlich, Gott mag wiſſen, wodurch, ein Kohlenlager in Brand, und da ſolch ein Feuer nicht zu löſchen iſt, ſo glüht es unter der Erde immer fort und zerſtört die nützliche Steinkohle ſo vollſtändig, daß an einer Stelle die darüber liegende Erde tief eingeſunken iſt. Sonſt merkt man Richts von Flammen, und nur die Bergleute kennen die Stellen, an welchen durch die Steinritzen heißer oft betäubender Dampf hervordringt, der in dichten Wolken über die waldigen Höhenzüge hinauf ſteigt. Auf dieſen Bergen nun, die ſich auf dem füdlichen Ufer der D. V. 24 Saar erheben, hatten die Franzofen üböraus geſicherte Stellung eingenommen und hielten ſich für unüberwindlich Anderthalb Meilen von Saarbrücken aber ſtanden die Vor⸗ poſten der deutſchen an der Saar bei Herchenbache Es war am ſechſten Auguſt, an demſelben Tage, an welchem der Kronprinz von bei Wörth den Herzog von Magenta beſiegt hatte, als die norddeutſche Armee durch Saarbrücken zog. Kaum waren ſie in das Thal zwiſchen den Spicherenbergen und dem Galgen⸗ und Winterberg gekommen, ſo wurden ſie von franzöſiſchen Kugeln ſehr lebhaft begrüßt. Da oben ſtanden ſie, wie auf einer natürlichen Feſtung, mehrere hundert Fuß über dem Thal, richteten ihre Kanonen und Fugelſpritzen auf die Deutſchen und freuten ſich ihrer geſicherten Stellung, die einen jeden Angriff von unten herauf zu einer Un⸗ möglichkeit machte. Indeſſen zogen Regimenter auf Regimenter den franzöſiſchen Feuerſchlünden entgegen.. Schon nahe bei der Stadt ſtießen ſie auf überlegene feind⸗ liche Streitkräfte, die wiederum nicht träge im Schießen waren. General Froſſard, die deutſchen Soldaten nannten ihn Freß⸗ fack, war deſſenungeachtet froh, als er aus dem offenen Felde wieder auf ſeine Bergesfeſtung gekommen war, denn die Nord⸗ deutſchen ſchoſſen ſelten, hatten aber die unangenehme Eigenſchaft immer zu treffen, was die Rothhoſen veranlaßte, ihnen die Kehr⸗ ſeite ihres äußeren Menſchen zu zeigen. Da oben fühlten ſie ſich auch viel wohler, denn ein Theil des Korps, welches der Marſchall Bazaine befehligte, ſtieß zu ihnen, und ſc konnten ſie ſich vergnügt in's Fäuſtchen lachen. So ſcheiterte denn ein Verſuch, welchen der General von Kameke machte, indem er ihnen von der Seite beizukommen ſuchte und auf der andern Seite gelang es eben ſo wenig, die Franzoſen aus der geſichterten Stellung zu locken. Indeſſen rief der Kanonendonner neue Truppen herbei wie luſtige Muſik die Tänzer heranzieht. Um Mittag hatte dieſer blutige Tag begonnen, um halb vier erſt war Ln genug 6 —————— velchem agenta nzog. bergen ſie von eſtung, en und ſcherten ver Un⸗ öſſchen e feind⸗ aren⸗ nßi⸗ Felde Nord⸗ nſchaft ehchr⸗ nLhel ſieß zu hen. ul von donn nig die hebi te hieſer genug — 371— dazu gekommen, und der General von Goe ben begann den Angriff. Welch ein Unternehmen! So etwas darf man nur deut⸗ ſchen Truppen zumuthen, die vor keiner Gefahr zurückbeben. Ein Angriff wurde gegen die ſo feſt geſicherte Poſition des Feinden unternommen, und ſiehe da, es gel daten hinauf und durch den Wald einzuhauen. Dieſe wehrten ſich mit verzweifelter Anſtrengung, es galt, die Deutſchen aus dem Walde hinauszujagen. Aber die Soldaten machten einen jeden Baum zu einer Bruſtwehr, ſie bezeichneten ſich gegenſeitig den Frqzoſen, den ſie auf's Korn nehmen woll— ten, ſo erhielt keiner mehr als eine Kugel, aber es flog auch keine vorbei, und wer ſie hatte, der hatte genug. Dabei kam es denn freilich nicht darauf an, daßſiebe norddeutſche Bataillone gegen zweiundfünfzig fran es kamen ja doch nur auf jeden der und auf eine ſo kleine Ueberzahl nicht, ja, man hätte noch gründlicher unter ihnen aufgeräumt, wenn nicht die Nacht hereingebrochen wäre, die den übriggeblie⸗ benen Geſchlagenen den Rückzug ermöglichte. Dieſen Rückzug zu decken, benützte der Genergl Froſſard ſeine ganze Artillerie, doch verſchoß ſie die theuren Kugeln ganz um⸗ ſonſt, denn unſere Generäle dachten nicht daran, die Verfolgung ſo lange fortzuſetzen, bis ſie gefährlich werden konnte Die Hügel boten der Kavallerie, die doch bei letzterer das Beſte zu leiſten hat, zu große Schwierigkeiten dar, und für die Infanterie war es unmöglich, ſich in dem dunklen Walde zurecht zu finden, wo man nicht Feind von Freund unterſcheiden, ja kaum die Hand vor den Augen ſehen konnte. Auch war der Zweck des Tages herrlich erreicht. Das Korps Froſſard war gänzlich aufgerieben, und eine große Beute fiel den Siegern in die Hände. Auf ſeiner ganzen Rückzugslinie fand man Wagen, die mit Fourage und Mon⸗ tirungsgegenſtänden beladen waren und die ſich in der Eile nicht gut mit fortſchleppen ließen. Pulver und Blei, Vorräthe aller ang den todesmuthigen Sol⸗ zu dringen und auf die Feinde nundzwanzig zöſiſche kämpften, Unſrigen zwei Franzmänner, achtet ein deutſcher Soldat — 372— Art, auch das Labſal der Soldaten, Eigarren, fielen den Sie⸗ gern in die Hände, dazu eine Unmaſſe von Gefangenen. Und während dies auf den Spicherer Bergen geſchah, hatte die dreizehnte Diviſion die Stadt Forbach genommen und große Magazine und reich gefüllte Montirungskammern erbeutet, das Wichtigſte aber war, daß auch hier die franzöſiſche Grenze über⸗ ſchritten und der Kampf von dem Vaterlande fort auf feindliches Gebiet zurückgeworfen worden war. Es iſt noch nicht lange her, daß man es für unmöglich ge⸗ halten hätte, eine Armee aus ſolch einer Stellung zu vertreiben. und noch jetzt ſcheint Vieles an dieſem Kampfe vollkommen wunderbar. So konnten es die Franzoſen nicht begreifen, wie die Deutſchen es anfingen, ihre Artillerie auf die Berge zu ſchaf⸗ fen, und dennoch gelang es⸗ die ſchweren Kanonen hinauf zu bringen. Pferde freilich hätten es nicht vermocht, aber deutſche Soldaten ſtemmten die Schulter an, öogen und ſchoben trotz der Ermüdung, die ſie nach langem Narſche und mehrſtündigem Ge⸗ fecht empfinden mußten, und ſo ſahen ſich die Franzoſen da, wo ſie es am wenigſten erwarteten, mit Granaten beworfen, die ihren Mitrailleuſen Schweigen auferlegten. Das war wie ein Zauber, der Zauber der Begeiſterung für eine große Sache, der ſelbſt dem Schwachen Kraft verleiht, das Höchſte zu wagen. Gegen Ende des Tages kam der alte General Steinmetz herbei und übernahm das Kommando. Es kämpft ſich gut unter der Leitung ſolch' eines alten Haudegens, bei dem man im Voraus weiß, daß an ein Weichen nicht zu denken iſt. Es war eine herrliche Nacht, die dieſem Kampfe folgte. Die Truppen biwakirten meiſt, wo ſie die letzte Arbeit gethan hatten, ſie ſchliefen feſt, faſt ſo feſt, wie die Todten, die rings im Walde lagen. Am Morgen wetteiferte Alles, denen beizuſtehen, die am meiſten der Hülfe bedurften. Die Einwohner von Saarbrücken und die von Forbach beſtrebten ſich wechſelſeitig, den Verwun⸗ deten Hülfe zu leiſten, und in allen Dörfern, allen Scheunen, Kirchen, Heuböden vernahm man das bange Stöhnen der Ver⸗ —— d d — — Sie⸗ hatte große das über⸗ liches g⸗ eibem mmen wie ſchaf⸗ wf zu eutſche otz der n Ge⸗ d, 0 n die das teinmet tt unter un im folgte gethan ie ing die au brücken Verwn⸗ cheunel⸗ er Ver — 373— wundeten. Richt leicht war es, ſie in dem Walde aufzufinden. Ueberall zeigten ſich Spuren, wie Mann an Mann gekämpft hatte, man ſah es, wo die Leichen wie in einem Knäuel zuſam⸗ menlagen und wo Geſträuch und junge Bäume geknickt waren. In der Nähe von Saarbrücken liegt ein Gaſthof, die gol— dene Bremm genannt. Vor vielen Jahren hatte der Beſitzer von dem König Louis Philipp ein Paar kleine Kanonen zum Ge⸗ ſchenk erhalten, auf die er ſtolz war, ſie prangten vor dem Haupteingange ſeines Gebäudes. Jetzt war das Haus nur noch eine Ruine, der Kampf hatte hier gerade heftig gewüthet und die Mauern waren ſo von Kugeln durchlöchert, daß ſie zuſammen— ſtürzten. Forbach, die erſte franzöſiſche Stadt an der dortigen Grenze, lag voll von Verwundeten. Die Aerzte waren in der angeſtreng⸗ teſten Thätigkeit, noch hatte man kein geordnetes Lazareth ein⸗ zurichten vermocht, es fehlte an Allem Da wandte man ſich an die franzöſiſchen Krankenpfleger, aber die Antwort feel höchſt un⸗ günſtig aus. Keinen Hund, ſo berichtet ein deutſcher Arzt, möchte ich ſo liegen laſſen, wie die franzöſiſchen Doktoren ihre Schwerverwun⸗ deten liegen ließen. Wir fanden ſie auf den gepflaſterten Fluren der Häuſer, halb oder ganz nackt und ohne einen Strohhalm, um ſich zu bedecken, vierundzwanzig Stunden lang lagen ſie da. Niemand reichte ihnen einen Trunk Waſſer oder einen Biſſen Brot, und deutſche Arme mußten die Unglücklichen aufheben, deutſche Herzen ſich ihrer erbarmen. Aber auch an den Verbandplätzen der Unſrigen gab es ſo viel des Elends und der Noth, daß dem Menſchenfreunde die Haare zu Berge ſtanden. Noch waren nicht Krankenpfleger genug vorhanden, die katholi⸗ ſchen Ordensſchweſtern und Brüder verrichteten Liebesdienſte, die Gott im Himmel belohnen wird. Mit unermüdlicher Ausdauer ſorgten ſie für die Leidenden. Es fehlte an Eis, um die Wunden zu küh⸗ len, die leicht brandig werden, wenn man ſie nicht beſtändig vom Eiter reinigt und die Hitze vertreibt, deswegen litten die armen — 374— Leute furchtbare Schmerzen, und ihr Geſtöhn erfüllte die Luft. Das iſt die Kehrſeite der Sache. Anfangs ſieht man nur den glänzenden Sieg ſpäter gewahrt man das grenzenloſe Elend der Verſtümmelten. Wer es nicht geſehen hat, vermag ſich keinen Begriff von dem Unglück dieſer Armen zu machen, wie er, wenn er nicht mit imheißen Pulverdampfe war, die Aufregung nicht kennt, die den einfachſten Mann zum Helden macht, den Gutmüthigſten treibt, daß er mit Wolluſt auf das Leben eines Mitmenſchen zielt und aufjubelt, wenn es ihm gelingt, es auszublaſen. In der Nähe des Dorfes Spicheren hätte ſich die deutſche Artillerie in einer Schlucht feſtgefahren. Die Pferde wurden an⸗ getrieben, umſonſt, ſie brachten in dem lehmigen Boden die ſchwe⸗ ren Geſchütze nicht mehr vorwärts. Von hinten drängten andere Kanonen, drängten die Reiter nach, es entſtond Lärmen, Rufen, Verwirrung. Jeder wollte vorwärts, Keiner konnte weiter⸗ kommen. Oben in dem Walde tobte die Schlacht, Berge ſtanden die feindlichen Geſchite. Fen 5 ſ 1 4 3 † „ 5 welch ein Unheil ſie angerichtet hatten. Da plötzlich ſtürzen von der rechten Seite des Winterberge Infanteriſten herab; ohne ſich um die feſtgefahrene Artillerie zu bekümmern, eilen ſie über den Weg, ſpringen über die Kanonen hinweg und hinauf auf die andere Seite der Anhöhe, wo die Feinde ſtehen. Nieht Gemſen fliegen ſo ſchnell über die Anhöhen dahin. Jetzt ſind ſie oöen; was kümmert es ſie, daß ſie von einem Regen von Chaſſepotkugeln empfangen werden, ſie ſtehen vor dem Feinde, ſie dringen mit dem Bajonnet auf ihn ein, ſie tödten, verjagen ihn, ſie nehmen mit Hurrahgeſchrei die Mitrailleuſe, ſie retten die Artillerie, die ſich bald ſelber aus der Klemme hihſt, um wenige Winuten ſpäter ihr Wort im Kampfe mitzureden.* n——————— 375 So kämpfen deutſche Truppen, ſo retten deutſche Soldaten ihre Kamer«den. Aber während die Offiziere ſtets ihren Mannſchaften voran⸗ eilten und ihnen das Beiſpiel der größten Tapferkeit gaben, ſaß ißen der General Froſſard, mit Recht Freßſack genannt, in Forbach im ſ Gaſthauſe und ſchwelgte mit ſeinen Freunden bei Bowlen und nit Champagnerwein, bis ihn die preußiſchen Kanonenkugeln, die in tit die Stadt einfielen, aus ſeiner ſüßen Ruhe ſchreckten. Jetzt erſt merkte er, daß ſeine Leute ſich nicht, wie er ge⸗ glaubt hatte, bei einem leichten Scharmützel befanden, ſondern daß Frankreichs Ehre verloren war. Anfangs wollte er es nicht glauben, daß Franzoſen ſich aus ſo ttefflich geſicherten Stellungen hätten werfen laſſen, doch als ihm Ausreißer die wahre Lage enthüllten, ſtieg er um ſechs Uhr in ſeinen Wagen und fuhr auf und davon. Ob er ſich überhanpt ſeinen Truppen gezeigt hat iſt frag⸗ lich; jedenfalls kam er nur eben, um ſie im vollſten Rückzuge zu ſehen. Dieſer Rückzug war ein ſo eiliger, daß Bagage und Zelte, Vorräthe und Waffen ungerettet blieben. Auf dem Bahnhofe von Forbach fand man ungeheure Maſſen von Hafer und Mehl, Pulver und Brot. Doch nicht nur ſolche einfache Dinge allein, der General wie ſeine Offiziere hatten ſich in der angenehmſten Weiſe gegen jeden möglichen Mangel ge⸗ ſchützt. olen Die Feld⸗Eiſenbahnbeamten nahmen ganze Bahnwagen in Beſchlag, die davon Zeugniß ablegten: ſie enthielten große Kiſten voll Biseuit, Ehocolade, Zucker und Confect, ja ganze Wagen waren allein mit Bonbons und eingemachten Früchten beladen, ohne welche man nicht geglaubt hatte, einen Feldzug aushalten zu können. Dieſe Art, ſich die Strapazen des Krieges zu verſüßen, ſchien unſeren Leuten neu, indeſſen freuten ſie ſich der guten Beute, und überließen ſie gleich das Naſchwerk den Kindern und Weibern, ſo thaten ſie ſich doch an den Cigarren gütlich, die auch in reichen eſen vorhanden waren. — 376— Was man in Saargemünd an Proviant vorfand, wurde allein auf anderthalb Millionen Thaler geſchätzt, denn in der Sile der Flucht ließen die Franzoſen Alles ſtehen und liegen. Da waren in den Bäckereien die Tröge voll Teig, die Backöfen friſch geheizt, da ſtand auf dem Bahnhofe ein langer Zug, die dam⸗ pfende Locomotive vorn an, und Niemand, der ſie bediente. Die ganze Einwohnerſchaft theilte die Angſt, von welcher die Armiee ergriffen war. Kavallerie ſprengte durch die Straßen und ſchrie: Die Preußen ſind hinter uns, rettet Euch! Da faßte die Leute Entſetzen, ſie flohen in die Wälder, ver⸗ krochen ſich in die Keller, um ihr Leben vorden entſetzlichen Deutſchen zu retten, von denen man ſagte, daß ſie Alles todt ſchlügen, was ſie fänden. Der Schrecken hatte Alles ergriffen. Ganze Haufen von Sol⸗ daten, die noch ihre Waffen beſaßen, ließen ſich von wenigen Ulanen gefangen fortführen, niemand dachte nur daran, ſich zu retten oder zu vertheidigen. Hatten doch die Offiziere ihre Sol⸗ daten verlaſſen, was ſollten dieſe Unglücklichen ohne Führer thun? Der Marſchall Bazaine hatte den Kanonendonner gehört und war mit ſeiner Hauptmacht nicht zur Hilfe herbeigeeilt, und von dem Kaiſer wußte man nichts. Die ganze emee war ſo gänzlich entmuthigt, daß Niemand mehr die geringſte Hoffnung hegte. Es war die Vernichtung, die über ſie hereingebrochen war. unglückliches Volk, welches, von gewiſſenloſen Menſchen dem ſicheren Verderben entgegen geführt, keinen Ausweg mehr aus ſeinem Elend ſah! 43. Kapitel. Wageſtücke. Als Wilhelm Friſchmuth die bleiche Frau verließ, begegnete ihm der Graf Ottomar von Iſſelhorſt. — Ei, Kamerad, rief dieſer ihn an, das freut mich, daß Sie geſtern glücklich davon gekommen find! — ——— allein e der cköfen dam⸗ r die und ver⸗ tſchen as ſie Sol⸗ nigen ch zu Sol⸗ thun! t und don nlich dem aus egnet Sie — 377— — Ganz glücklich eben nicht, verſetzte der Maſchinenbauer, mein Gaul wurde mir todt geſchoſſen. Sonderbar, ich reite ihn doch noch nicht lange, und dennoch thut es mir leid um die alte Mähre. — Der Schaden läßt ſich erſetzen, meinte der Lieutenant. — Iſt ſchon erſetzt, antwortete Friſchmuth. Ich fing mir ein lebendiges Franzoſenpferd ein, aber weiß der Teufel, die Beſtie iſt ſo weichmäulig, das man Sie nicht zart genug behandeln kann. Bei der Verfolgung, das hätten Sie ſehen ſollen, ich hinter den Ausreißern her, und die Schecke immer auf den Hinter- oder Vorderfüßen. Ich glaube, die Kanaille kann das Tanzen nicht laſſen, es muß nun mal bei den Franzoſen ſo drin liegen, denn ſo wie ſie ſich ſicher vor uns wiſſen, zappeln die Beine gleich los. Die Uebung muß ihnen das Dauerlaufen ſehr erleichtern ich denke, wir könnten es nicht halb ſo gut. — Aber ſchön war es geſtern, rief der Graf, ich denke, die Feinde werden ſich an Wörth erinnern, ſo lange es ein franzöſi— ſches Reich giebt! — Waren Sie denn dabei? fragte Friſchmuth. — Ja freilich erwiederte Ottomar. Es war die erſte Schlacht, bei der ich zugegen war. Himmel, welch ein Gefühl, wenn die Kanonenkugeln ſauſen, wenn hier und da Einer fällt, mir ſchlug das Herz, daß ich es zu hören glaubte, und doch war es keine Furcht, eher Freude und Luſt, jetzt, dachte ich, jetzt biſt Du ein Mann, denn Du haſt dem Tode in's Auge geſehen. — Na, alſo den Tod kennen Sie ſchon, lächelte Friſchmuth, aber wie ſteht es mit dem Teufel? — Sie meinen das Schloß da oben, rief Ottomar. Haben Sie Luſt, mich hinauf zu begleiten? — Das nun wohl nicht, Herr Graf, in einer Stunde muß ich da unten bei einer Frau ſein. — Was, kaum hier angelangt und ſchon ein zärtliches Stell⸗ dichein? — Wer die ſieht, weiß, daß es ſich nicht um Zärtlichkeiten handelt. Bleich wie eine Leiche, und ſo ſeltſam, es wird Einem ganz eigen, wenn man ihr in die großen blauen Augen ſieht. — 378— Sie nennen ſie die bleiche Frau von Mainz, denn von da aus hat ſie die Armee begleitet, eigentlich heißt ſie Maria Fiſcher. Sehen Sie, Herr Graf, abergläubiſch bin ich nicht aber wenn ich die bleiche Frau ſehe, denke ich, mit der muß es eine beſondere Bewandtniß haben. — Und was wollten Sie von ihr? — Ich fragte nach einem guten Freunde. Wenn man ſo mit⸗ ten im Pulverdampf iſt, ſieht man nur das Nächſte. Wir hiel⸗ ten mitten im Gedränge, die verfluchten Kerls, die Turkos, hieben und ſtießen wie toll auf uns ein. Schon dachte ich jetzt werden wir zurückweichen, jetzt mußt du mit deiner weichmäuligen Schind⸗ mähre mitten unter die Rothhoſen und ihnen zeigen, was ein Ulan iſt. Da ſchreit Einer: Hilfe kommt, Friedrich Karl iſt da, ſteht Kameraden! Sie ſtanden auch wirklich, es ging von friſchem los, ich mit drunter, wohin ich gehauen habe, weiß ich nicht mehr, mit der Lanze ging es nicht, dazu war es zu dicht, aber mit dem Säbel. Donnerwetter, mein Arm wurde mir müde, das iſt doch toller, als Maſchinenräder zuſammenſetzen. Aber mein Gaul half mir, der ſchlug bald hinten, bold vorne aus, ich faß zum Glück feſt, ſonſt wäre ich verloren geweſen. Endlich wurde es leer vor mir, ich wußte, warum mir der Arm weh that, da legte ich die Lanze ein und jagte den Kerls nach und holte noch ein halbes Dutzend — Und Sie ſelber blieben unverwundet? — Unkraut vergeht nicht. Mein Gaul iſt ein Vaterlands⸗ verräther. Einen ſeiner Landsleute, das ſah ich genau, ſchlug er mit dem Vorderfuß auf den Arm, daß der ſein Dolchmeſſer fallen ließ, ſo ein niederträchtiger Ueberläufer iſt dieſe Schecke. — Was hat aber das Alles mit der blaſſen Frau von Mainz zu thun? — Gar nichts. Nur wie ich von dem Nachreiten zurück⸗ komme, fällt mir die Sache wieder ein, und daß Einer gerufen hat, Friedrich Karl kommt. Nun müſſen Sie wiſſen, ich habe einen guten Freund in der zweiten Armee. Mit einem Mal kommt mir der Gedanke, er könnte verwundet ſein und hier irgend wo Re änf Kat zu der Fri me mit ter zert ſpu Ff tert Ha Fri ihn leſſ ſo ten tör lan entf chen hida aus ſcher. mn ich ndere wit⸗ hiel⸗ ieben erden chind⸗ ein t do, ſchen nehr dem dech lhaff Glück ror die Ubes ands⸗ chlug teſſet ke. Muinz mrüc⸗ tufen einen onnt wo — — 375— im Lazareth liegen, ich alſo hinein und frage, ja, da ſteht keiner Rede, alſo wandte ich mich an die bleiche Frau. — Aber der das rief, wollte nur die Leute zum Kampfe anfeuern, denn kein Mann von der Armee des Prinzen Friedrich Karl iſt hier geweſen, die iſt noch nicht fo weit vor. — Wiſſen Sie das genau, Herr Graf? — Ganz gewiß. — Nun, dann habe ich Zeit, mit Ihnen nach dem Schloſſe zu gehen. Sehen Sie, wenn Einem der Tod ſo nahe tritt, denkt man mehr als ſonſt an Alle, die man lieb hat, und mein Freund iſt ein herrliches altes Haus, wenn auch ein Bischen melancholiſch von Geblüt. — Wann beginnen wir unſere Wanderung? — Sobald Sie wollen. Aber das ſage ich Ihnen, Herr Graf, den Revolver dürfen Sie nicht wieder zu Hauſe laſſen, es liegt noch verflucht viel franzöſiſches Geſindel hier herum. Ottomar nickte zuſtimmend, die beiden Männer verſahen ſich mit Woffen, dann traten ſie ihre Wanderung an. Aber ach der ſchöne duftige Wald, durch welchen ſie vor Kurzem gegangen wa⸗ ren, ſtand wie in Trauer da. Das Geſträuch war zerknickt und zertreten, viele Stämme waren zerſchoſſen, andere trugen Kugel⸗ ſpuren. Das Moos war auf weite Strecken von den Hufen der Pferde zerſtampft, und abgeriſſene Aeſte verhinderten oft das Wei⸗ terkommen. Hier lagen einzelne Leichen, dort fand man ſie zu Haufen übereinander, Pferde lagen verreckend am Boden, Wilhelm Friſchmuth machte mehr als einem armen Gaul den Garaus, weil ihn das arme Vieh jammerte. Oft hörten ſie in dem Unterholze leiſes Raſcheln, es waren Feinde, die da geraſtet hatten und ſich ſo heimlich als möglich davon machten. Die beiden Männer dach⸗ ten an keine Verfolgung, ſie waren tief erſchüttert von der Zer⸗ ſtörung, die ein einziger Tag da angerichtet hatte, wo die Natur lange Zeit in der Stille geſchaffen hatte. Immer höher ſtiegen ſie hinauf. Je mehr ſie ſich von Wörth entfernten, um ſo friedlicher wurde es. Die Haſen und Eichhörn chen, die das blutige Schlachtentoben verjagt hatte, waren bis hier hinauf geflüchtet und ſahen ängſtlich auf die Wanderer, hier und — 380— da hüpfte ein Vogel vor ihnen her, vielleicht hatte eine Kugel ſein Reſt und ſeine Brut zerſtört. Sie gingen weiter und weiter, die Sonne ſtand hoch am Himmel, ehe ſie den Ausgang des Waldes erreichten, ſie fing an, ſich dem Nachmittage zuzuſenken, als ſie endlich auf der ſteinigen Fläche ſtanden, auf welcher ſich das Schloß erhob. — Alſo, da wären wir! rief Friſchmuth. Jetzt ſollte es mich wundern, ob es der Mühe werth war, ſeine Beine ſo müde zu machen. Eine Nacht im Biwak unter Verwundeten, deren Ge⸗ ſtöhn einen nicht ſchlafen läßt und ein ſolcher Weg, immer auf⸗ wärts ohne auszuruhen, das greift auch den Stärkſten an. Hof⸗ fentlich ſetzt uns der Teufel etwas zu eſſen vor, denn mir iſt der Magen ſehr leer. — Ein ſonderbares altes Gemäuer, meinte Ottomar und betrachtete das Schloß Falkenſtein. Es ſieht aus, als hätte hier lange keine Ausbeſſerung ſtattgefunden, da iſt eine Pforte, laſſen Sie uns anklopfen. Sie thaten es, indeſſen blieb drinnen alles ſtumm. Sie klopften ſtärker, aber die eiſenbeſchlagene Thür öffnete ſich nicht. — Seine Majeſtät der Teufel ſcheinen nicht zu Hauſe zu ſein, meinte Friſchmuth. — Sonderbar, murmelte Ottomar, kein Fenſter, das nicht mit dicken Brettern beſchlagen wäre, und die Mauer ſo hoch und die Pforte ſo feſt verſchloſſen. — Jo, rief Wilhelm, wenn das Klopfen nicht hilft ſo muß man einmal in der Sprache reden, zu welcher uns Dreyſe das Wörterbuch geſchrieben hat. Und er nahm ſeinen Karabiner von der Schulter und ſchoß eine Ladung auf die Thür. Ein lauter Angſtſchrei wie von weiblichen Stimmen ließ ſich plötzlich vernehmen, dann wurde es wieder ſtill. — Sehen Sie, das hat geholfen, ſcherzte Friſchmuth, denn erſtens wiſſen wir nun, daß der Teufel auch Frauenzimmer bei ſich hat, und zweitens iſt die Kugel durch das Holz gegangen und hat das Schloß losgemacht. Nun werden wir uns ſchon ſelber den Eingang verſchaffen, ich bin doch nicht umſonſt Schloſſer.⸗ Do iſt Hü tete Mä Fut feſt mi zu ren gel ſein c m ing an, teinigen s mich üde zu ten Ge⸗ et auf⸗ iſt det ar und tte hier laſſen nalles öfnete auſe zu nicht ſp miß ſe dus er und mnt be gegungen n ſchon iloſe — 381— Da, die verroſteten Nägel halten ohnedies nicht mehr. Die Thür iſt offen, iſt es gefällig, einzutreten, Herr Graf? Sie gingen durch den öden Hof, in welchem nur'einige Hühner flatterten, in den Garten. Hier ſahen ſie etwas Unerwar⸗ tetes. Aengſtlich gegen die Mauer gedrückt ſtanden zwei junge Mädchen von unbeſchreiblicher Lieblichkeit. Sie ſahen mit vor Furcht weit geöffneten Augen auf die Eindringlinge, hielten ſich feſt aneinander und zitterten am ganzen Leibe. — Kick Einer die allerliebſten Teufelsmädel, ſagte Friſch⸗ muty und ging dreiſt auf die beiden ſchönen Kinder zu. — Wer ſeid ihr denn ihr kleinen Täubchen? — O Gott, ſtöhnte Beate, wir ſind verloren! — Warum denn? fragte der Ulan, wir thun Euch nicht zu Leide. — Rein, aber ſie, o, ſie tödten uns, ſie haben es geſchwo⸗ ren, zitterte Betty. — Nun, da kommen wir ja grade zur rechten Zeit, um Euch zu retten, rief Wilhelm. Vertraut nur auf uns, hier meine Hand darauf, es ſoll Euch Keiner etwas thun. Aber anſtatt die dargebotene Hand zu faſſen, zog Betty ihre Freundin mit ſich fort in das Haus hinein. — Was iſt das? fragte Ottomar, dem das Alles wie ein Traum vorkam. — Iſt das ein hübſches Mädchen! rief Friſchmuth ſah den Entflohenen nach und ſtrich ſich ſeinen Schnurrbart. — Ja, beſtätigte Ottomar, die Größere mit den wunderbar tief blauen ſchwärmeriſchen Augen. — Nein, die Kleinere, haben Sie die Grübchen in den Wangen geſehen? Das Mädel gefällt mir! Kommen Sie, Herr Graf, die muß ich mir noch mal genauer anſehen. Sie gingen auf das Haus zu, da öffnete ſich plötzlich die Thür, und Peter Godard trat ihnen entgegen. Seine Miene war finſter der graue Bart hing ihm lang über den dunklen Rock hinab, es lag etwas Unheimliches in ſeiner Geſtalt und Er⸗ ſcheinung. — Ah da haben wir ja den Teufel! lachte Friſchmuth. A „ Ottomar grüßte den Mann, welchen er für den Beſitzer des Schloſſes hielt, mit Söflichkeit. Peter aber blickte ihn finſter am — Was haben Sie hier zu ſuchen? fragte er auf Franztöſiſch. 4 Sie ſind Feinde dieſes Landes, ich ſehe es an Ihrer Uniform, ich höre es an Ihrer Sprache. Eilen Sie von dannen, denn Tod und Verderben droht Ihnen in jedem Augenblick, den Sie hier zubringen. Wilhelm Friſchmuth hatte, ſeitdem er nach Frankreich gezogen war, erſt wenig franzöſiſche Worte gelernt, auch verſtand er nicht, was Peter Godard ſagte, aber er merkte an ſeiner drohenden WWiene, um was es ſich handelte. — Fürchten thun wir uns nicht, ſagte er, aber Hunger haben wir und Durſt dazu. Alſo geben Sie uns fürs Erſte etwas zu eſſen, es braucht nicht viel zu ſein, ein bischen Brot, ein bischen Schinken und ein Fläſchchen Wein, das hat doch jeder chrliche Teufel für ſeine Gäſte übrig. Alſo heraus damit, das Weitere findet ſich! Er hatte auf die Gefahr hin, nicht verſtanden zu werden, begriff ihn Peter Godard gut genug und zog ſich in das Haus zurück. Die beiden jungen Männer ſchauten ſehnſüchtig nach den Fenſtern hinauf, die nach dem C Garten zu offen waren, ſie ſuchten nach den beiden hübſchen Mädchen, doch leßen ſie ſich nicht ſehen. Ermüdet, wie ſie es waren, ſetzten ſich die Deutſchen auf eine Bank, vor welcher ein hölzerner Tiſch ſtand, und erwarteten das erbetene Eſſen. Da hörten ſie ein leiſes Geräuſch, eine Gardine wurde über ihnen fortgeſchoben und eine ſilberhelle Stimme flüſterte: — Hütet Euch! 3— Das war die mit den Grübchen in den Backen! rief Friſchmuth und ſprang empor. — Nein, die Andere war es, verſicherte Ottomar. Beide blickten wieder nach den Fenſtern hinauf, aber die Gardine hatte ſich wiederum geſchloſſen und Alles blieb ſtill. — Jedenfalls wollen wir den guten Rath befolgen, murmelte 8 Friſchmuth in ſeinen Bart hinein. Da kommt der alte Knabe, ah des Lufel⸗ dazu, die darf ja nicht fehlen. ſeine Worte mit den erklärenden Handbewegungen begleitet, auch * entfal auf d in die beiden einiger Ving über d P Stirn. ich 3h und 5 es ſch nch d beiden er des er an ſiſch. forn, denn nSie zogen nicht enden haben zu chen ſliche eitere erden, auch urůt den chten ehen. eine das dine terte: ief 3 die wele uube, r — 383— Margot trug ein ſchweres Präſentirbrett heraus, auf welchem ein Teller mit Schinken ſtand, Brot, Wein, Meſſer und Gabel! und Gläſer befanden ſich gleichfalls darauf. Ohne Gruß ſetzte ſie Alles vor die ungebetenen Gäſte hin. Dem Ulanen fiel es auf, daß die Flaſche ſchon entkorkt war, doch nahm er ſie fröhlich in die Hand, ſchenkte beide Gläſer voll und reichte Jedem der beiden alten Leute eines. — Erſt Ihr, dann wir, ſagte er und nickte ihnen zu. Peter blickte auf Margot, dieſe nahm das Flas, doch nach einigem Zögern ſetzte ſie es nieder. — Ich trinke keinen Wein, ſagte ſie. — Ich auch nicht, fügte Peter hinzu und ſchob das Glas zurück. — Nun und wir gehören zu einem frommen Orden, dem Weingenuß verboten iſt, rief Friſchmuth und goß beide Becher über die Roſenbeete aus. Margot kniff die Lippen zuſammen, und Peter runzelte die Stirn. — Wie ſteht es nun mit dem Eſſen, fragte Friſchmuth, darf ich Ihnen eine Schinkenſcheibe anbieten? Margot wagte nicht zu widerſprechen, ſie nahm etwas Brot und Fleiſch und aß, ein Gleiches that der alte Mann, nun ließen es ſich auch die beiden Deutſchen gut ſchmecken, obgleich ſie einen Zühlen Trunk ungern entbehrten. Ottomar ſchielte noch immer nach den Fenſtern empor. — Habt Ihr keinen Brunnen in der Nähe, fragte er, es dürſtet mich nach dem ſalzigen Schinken. Peter nahm das Glas und ging. — Spült es gut aus! rief ihm der Ulan nach. Margot folgte dem Alten, um ſich mit ihm zü berathen. Kaum hatten ſie den Rücken gewandt, als zwiſchen den beiden Deutſchen ein Blatt Papier herniederflatterte. Ottomar entfaltete es und las die Worte: Rettet uns! — Ja, aber wie? fragte er im Flüſterton, welche Gefahren drohen Euch? — Sie werden uns tödten, flüſterte es von oben herab, wel Ihr hier eingedrungen ſeid.„ — — — Seid getroſt, wir retten Euch, verſicherte Ottomar. Herr( In dieſem Augenblick kamen die beiden Alten wieder. befreie — Ihr lebt ſchon lange hier? fragte der Graf. T 4— Lange, verſetzte Peter. ſprang 3— Und allein? der wi — Ganz allein. eldge — Seid Ihr die einzigen Menſchen auf dieſem Berge, haltet aufbiet Ihr nicht einmal Dienerſchaft? ſe in — Wir bedienen uns ſelbſt, wir ſind allein. im Au — Gut, de hte Ottomar, ſie wiſſen nicht, daß wir die Mädchen temar geſehen haben, und dieſe werden ſicher ſein. Kotyz — Nun, ſagte er laut, für heute müſſen wir Euch verlaſſen, 5 indeſſen gefällt uns Euer Schloß, wir kommen wohl bald wieder, emin bringen auch noch Kameraden mit, ich hoffe, Ihr nehmt uns ſen au freundlich auf. cczen Ein dumpfes Schweigen war die Antwort. Die beiden Mi⸗ de er kitairs erhoben ſich. nch de — Gewiß, wir kommen wieder! rief Ottomar noch einmal. Wange — Ja, die Sehnſucht, Euch noch einmal zu ſehen, fügte chen o Friſchmuth hinzu, wird uns bald wieder herlocken. bart u Die beiden alten Leute begleiteten ſie bis zu der Pforte, die prrſtren ſie hinter ihnen ſo feſt verriegelten, als es bei dem Zuſtande des N zerſchoſſenen Schloſſes möglich war. Augn Draußen ſchlug ſich Ottomar vor die Stirn. m — Wir gehen, rief er, und laſſen dieſe holdſeligen geſcopfe währen allein und hilflos in den Händen von Mördern! teinn — Ja, was läßt ſich thun, fragte Wilhelm, wiſſen wir es tif de denn, ob die niedlichen Kinder um ein Haar breit beſſer ſind, als ſin g die heimtückiſchen Alten?— ſichen — Aber wenn ſie von dieſen getödtet würden? ſ Das wird gewiß nicht geſchehen, da ſie überzeugt ſind daß wir die Mädchen nicht geſehen haben. — Friſchmuth, Friſchmuth, ich kann den Gedanken nicht er⸗ tragen, daß wir davon gehen und ſchutzloſe Mädchen unter Mördern 3 3 laſſen! 3 V.— Laſſen Sie uns ſchnell hinuntergehen und Hilfe holen ltet dchen aſſen eder, uns Mi⸗ mal. fügte die des höpfe ir es als ———— — 365— Herr Graf. noch iſt es früh, vor Nacht können wir die Mädchen befreien und die Alten den Behörden übergeben. Dieſer Plan war der beſte, ſie ſchritten den Berg hinunter, ſie ſprangen von Fels zu Fels, der heiße Wunſch, die ſchönen Kin⸗ der wiederzuſehen, beflügelte ihre Schritte, Ottomar wollte einen Feldgend'armen mit ſich nehmen, Friſchmuth ſeine Kameraden aufbieten, noch vor der Nacht ſollte Alles gethan ſein. Aber als ſie in dem Thal ankamen, fanden ſie die Armee des Kronprinzen im Aufbruch begriffen. Eine Ordonnanz meldete dem Grafen Ot⸗ temar, daß Ordre für ihn da ſei, ſich augenblicklich zu ſeinem Korps zu ſtellen. Friſchmuth mußte aufſitzen, o wie er die weichmäulige Schecke verwünſchte, die er nicht einmal ſeinen Aerger durfte fühlen laſ⸗ ſen, aus Furcht, daß ſie die Ordnung des Zuges zerſtörte. Einen letzten wehmüthigen Blick wechſelte er mit Ottomar, dann blieſen die Trompeten, es ging fort im ſchnellen Trabe, er blickte hinauf nach dem Schloſſe Falkenſtein, die reizenden Grübchen in Betty's Wangen ſchwebten ihm immer noch vor den Augen. Er hätte flu⸗ chen oder weinen mögen, nun aber biß er ſich auf den Schnurr⸗ bart und wünſchte ſehnlichſt eine neue Schlacht herbei, um ſich zu zerſtreuen oder auszutoben Nicht beſſer erging es dem jungen Grafen, Beatens blaue Augen hatten ihm einen unendlich tiefen Eindruck gemacht, er mußte immer an ſie denken. Zum Unglück erfuhr er noch, daß während er in Wörth zu kämpfen hatte, die Armee des General Steinmetz die Spichererberge geſtürmt hatte, es ſchmerzte ihn tief, daß er nicht da geweſen war, wo er hingehörte. Er fand ſein Regiment noch in Forbach, doch bald ging es weiter, dem fliehenden Feinde nach. O, warum floh nicht auch Beate'ns Bild aus ſeiner Bruſt! — — * — 386— 44. Kapitel. Die Tafelrunde in Metz. Das war eine tolle Jagd. Ueber die Chauſſeen, durch die Wälder eilten die Soldaten, wie Haſen, hinter denen die Hunde klüfften, auf verborgenen Schleichwege, tief eingehüllt in unkennt⸗ lich machende Mäntel fuhren und ritten die Anführer der Schaar. Athemloſe Eile, bange Furcht auf allen Geſichtern! Sie erzittern bei jedem Geräuſch, ſie fahren zuſammen, wenn in den Bäumen ein Vogel ſchreit, ſie fluchen und beten, verwünſchen ſich, ihr Schickſal und Alle, denen ſie die Schuld beimeſſen, und fort, nur fort aus der Gefahr, ſo ſchnell, ſo eilig, als könnlen ſie damit auch die Folgen ihrer grenzenloſen Thorheit, dem unerbittlichem Gerichte, welches die Weltgeſchichte ſpäterhin über ſie halten wird, entgehen. Metz, das war der Zielpunkt ihres Strebens, in ſeinen feſten Mauern hofften ſie ſicher zu ſein. Metz nennt man die jungfräuliche Feſtung, denn in der That iſt ſie uneinnehmbar. Die Stadt liegt an der Moſel und bildet den Knotenpunkt verſchiedener Eiſenbahnen. Die nach dem Norden hinaufführende verbindet ſie mit der Feſtung Thionville, eine andere geht nach Saarbrücken, von dort in das Herz Deutſchlands hinein, und eine dritt führt, freilich auf einem Umwege, nach Paris und über Nancy nach dem Süden. Die Stadt ſelber iſt unbefeſtigt, aber ähnlich wie Paris iſt ſie von Feſtungswerken umgeben, die ſich in einem weiten Kreiſe um ſie herum ziehen. Dieß Forts mit ihren furchtbaren Mauern dieſe Thürme und Wälle ſind uneinnehmbar. Sie ſpotten der Kugeln, ſie trotzen den Minen, ſie ſtehen ſtarr und ſtolz und blicken mit Verachtung auf den Feind, der es wagt, ſich ihnen zu nahen⸗ Mit der Eiſenbahn langte der Kaiſer nach den Schlachten von Wörth und Spicheren an. Der Empfang war gut, die Einwohner von Metz jubelten ihm zu, die in ihm allein Hilfe und terte überei gen, proche wolle. verach uung pen und d hungr Anblic N hedau Kiſer nicht Knabe nen 5 hatle ſo vir mocht 6 nerale doch w Rpul ins Gr denſch kunp chen — h die unde ennt⸗ haar. ittern men nur amit hem wird, eſten liche ſt an nen t in 35— und Rettung ſahen ſchrieen Hurrah. Doch dieſe Aufnahme erher⸗ terte ſein düſteres Geſicht nicht. Tief in den verhüllenden Regenmantel gewickelt, biß er die Zähne übereinander und blickte ſtarr vor ſich nieder. Geſchlagen, geſchla⸗ gen, er deſſen heißeſter Wunſch dieſer Krieg war, der es ausg⸗⸗ ſprochen hatte, daß er mitpreußiſchem Blute ſeinen Thron neu kitten wolle. Geſchlagen, geſchlagen, auf der Flucht vor einem Feinde, den er verachtet hatte, ohne Vertrauen zu ſeinen Generalen, ohne Hoff⸗ uung auf Glück! Er ſah die Soldaten, die ihm zujubelten, ſtarke kernige Trup⸗ pen, die in zwanzig Schlachten mitgekämpft und geſiegt hatten, und daneben die Flüchtlinge von Wörth und Saarbrücken, zerlumpt, hungrig, ohne Waffen, ohne Muth... ihn ſchauderte bei diefem Anblick. Aengſtlich ſchmiegte ſich Lulu, der blonde Knabe, an ihn an, bedauernswerthes Kind, das man niemals gelehrt hatte, einen Kaiſerthron zu entbehren, das nur auf die Armeen ſeines Vaters, nicht auf Gott und die eigene Kraft zu bauen verſtand! Louis Napoleon wandte den Blick von ihm hinweg. Um dieſes Knaben willen hatte er den Krieg begonnen, in ihm wollte er ſei⸗ nen Namen fortleben laſſen auf Frankreichs Herrſcherthron. Was hatte er ihm jetzt zu bieten, als einen entehrten Ruf, den ſo viele zuſammengeraubte Schätze nicht weiß zu waſchen ver⸗ mochten? Er fuhr in das Stadtſchloß. Hier erwarteten ihn ſeine Ge⸗ nerale, ſie ſtanden tief gebeugt oder leichtſinnig ſchwatzend umher, doch wurde es ſtill, als der Kaiſer mit ſeinem Sohne eintrat. Louis Napoleons Miene verkündete nichts Gutes, man kannte dieſe gelbe ins Grauliche ſpielende Farbe ſeines Geſichtes, wenn eine heftige Lei⸗ denſchaft ihn bewegte, dieſen zuſammengepreßten Mund und die krampfhaft auf der Bruſt fingernden Hände. Der Kriegsminiſter, Marſchall Leboeuf, war der erſte auf wel⸗ chen ſein Blick fiel. — Woher? herrſchte er ihn an Das Wort kam ziſchend aus den zuſammengebiſſenen Zöhnen⸗ 25* — — Sire, verſetzte der Marſchall, ich war auf dem Kriegs⸗ ſchauplatz. — Und haben ihn ſchleunigſt verlaſſen, lachte Napoleon bitter auf, ſo ſchleunig, daß Ihr Kaiſer Mühe hatte, Ihnen nach⸗ zukommen. O, das war eine herrliche Waffenthat! Wo ſind die unerſchöpflichen Hilfsmittel, mit denen Sie vor mir prahlten, warum ſtehen die Soldaten hier, warum nicht ſchon dem Feinde gegenüber? — Sire, der Marſchall Bezaine hat es übernommen, ſie zu ordnen, wagte Le Boeuf zu ſagen. — Der Marſchakl Bazaine, rief der Kaiſer, er, der ſich in Mexiko ſo auszuzeichnen verſtand! Herunter mit den Orden von dieſer feigen Bruſt! Schmach, Schmach, Schmach über Sie!.. Und Froſſard... ich bin gut berathen! Dieſen Menſchen machte ich zum militairiſchen Gouverneur meines Sohnes. He, Lulu, ſpeie ihm in das Angeſicht, dem Feigling, dem Vaterlandsver⸗ räther, dem... Der Knabt warf ſich in die Arme ſeines Vaters. Thränen bedeckten ſein Angeſicht, er hatte den Kaiſer noch niemals ſo ſtreng geſehen, er zitterte für Diejenigen, welche man ihm als die treueſten Stützen ſeiner Zukunft genannt hatte, er zitterte für ſich ſelber. Bazaine war nicht der Mann, welcher einen Vor⸗ wurf auf ſich ſitzen ließ, ſelbſt wenn er ihm aus kaiſerlichem Munde kam. — Eure Majeſtät vergeſſen, ſagte er, wer in dem fran⸗ zöſiſchen Heere das oberſte Kommande führt. — Ha, knirſchte Napoleon, wälzt Ihr die Schuld auf mich? O Ihr Erbärmlichen! Puppen ſeid Ihr, die meine Hand re⸗ giert, laſſe ich Such nur einmal von dem Faden los, ſo ſtürzt Alles über einander, und das ganze Spiel iſt verdorben! Ja, mein Plan war gut, unübertrefflich gut, wir hätten die Deutſchen zerſchmettert, vernichtet, aber es gehörten Männer dazu, keine Memmen, wie Ihr! — Majeſtät, geſtatten Sie mir, ein einziges Wort zu ſa⸗ gen, begann Canrobert, indem er ſich plötzlich vor den Kaiſer ſtellte, und dieſes Wort iſt von der äußerſten Wichtigkeit. — vi den Miene 6 nilden Streit anreg ( er Pöl jamm 9 mit S tinken weiter Iru Nun, fuſch ſchnyf ſchal. geſchl und H chrenp hd und ſe riego⸗ oleon nach⸗ d die hlten einde ſie zu ich in 1von echte Lulu, dsver⸗ ränen 1s ſo n al⸗ e für Vor⸗ ichem fran⸗ nihl d re⸗ ſtürſt In, iſchen eine uſ. 38 — Reden Sie, ſagte der Kaiſer und warf einen trüben Blick auf ſeinen kleinen Liebling, der ſelbſt in dieſem peinigen⸗ den Augenblicke nichts von ſeiner Lebhaftigkeit verloren hatte. — Dieſes Wort heißt, fuhr der kleine Marſchall mit wichtiger Miene fort, der Tiſch iſt gedeckt! Ein Lächeln flog über die eben noch ſo beſchämten oder ſo wilden Geſichter. Es iſt viel gewonnen, wenn mitten in einen Streit ein anderer Gedanke hineinfällt, der zu friedlicheren Thaten anregt. Der Kaiſer fühlte ſeine körperliche und geiſtige Erſchöpfung, er bblickte auf ſeinen Sohn, der ihn bittend anſah, der Knabe jammerte ihn, er hatte ſo viel verloren und hungerte. Arm in Arm gingen die Beiden zu der Tafel die reichlich mit Speiſen und Wein bedeckt war. Canrobert füllte ſein Glas und hielt es empor. — Ich erlaube mir trotz alledem auf Frankreichs Ruhm zu trinken, rief er mit fröhlicher Miene aus. Was iſt es denn nun weiter mit einer Schlappe? Der größte Feldherr aller Zeiten, Ihr unſterblicher Onkel, Sire, hat deren auch einige aufzuweiſen. Nun, man zieht ſich heute zurück und fängt morgen wiede friſch an. — Nennen Sie das einen Rückzug? Ich nenne es eine ſchimpfliche Flucht: rief Napoleon. — O, wir wollen das nicht ſo laut ſagen, lachte der Mar⸗ ſchall. Die Anweſenden ſollen ja immer von jedem Tadel aus⸗ geſchloſſen ſein, dem Lobe dagegen leihen ſie beſtändig Augen und Ohren, und ſo erkläre ich, daß in dieſer ſehr erhabenen und ehrenwerthen Verſammlung kein Einziger iſt, der nicht vor Kampf⸗ begierde brennt und Alles einſetzen möchte für Frankreichs Glück und ſeines Kaiſers Ruhm. Ein lautes Murmeln der Zuſtimmung erhob ſich bei dieſen Worten, Alle fühlten ſich erleichtert, und die Speiſen fingen an, ihnen zu ſchmecken. — Aber Paris, ſeufzte der Kaiſer, der Einzige, der nicht aß und ſein Häupt ſorgenvoll aufftützte, was wird man in Paris ſagen? — 390— Alles, was man ihm zu ſagen geſtattet, rief der Mar⸗ ſchall. Paris iſt wie ein Kind, man führt es am Gängelbande, aber man ſagt ihm nicht Alles. — und dennoch muß man ihm Etwas ſagen, bemerkte der Kaiſer. — Nun ja, beſtätigte Canrobert, von den furchtbar über⸗ legenen Streitkräften der Deutſchen, von dem Muthe unſerer Truppen, dann einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft, und Paris iſt glücklich. — Ich muß ſogleich an die Kaiſerin ſchreiben, ſagte Louis Rapoleon, rathen Sie, was ſoll ich ſagen? — Nur nichts Böſes von den Anweſenden, bat Canrobert. Sehen Eure Majeſtät, wie dieſen tapferen Kriegern nach über⸗ Fandenen Beſchwerden das Abendeſſen mundet, wäre es nicht Saſam, ihnen den Appetit zu verderben? Nein, ich wiederhole es, von den Anweſenden darf man nur Gutes ſagen. — So muß man die Schuld auf einen Abweſenden ſchieben, lächelte der Kaiſer; es war das erſte Lächeln ſeit langer Zeit und ſeine Generale athmeten frei auf. — Und der verdient es auch, verſicherte Canrobert. Wer kann es leugnen, daß ſich Mac Mahon, dieſer ſonſt ſo ausge⸗ zeichnete General, bei Wörth nicht auf der Höhe ſeiner Aufgabe befand? — und auf den Spichererbergen? fragte der Kaiſer. — Ach, das machen wir in Einem ab; was wiſſen die Pa⸗ riſer von den Spichererbergen? fragte der Marſchall. — Was alſo telegraphire ich der Kaiſerin? fragte Na⸗ poleon. — Nun ungefähr ſo, diktirte Canrobert. Mac Mahon hat eine Schlacht verloren, Froſſard— Sie vergeben mir; lieber Freund Froſſard, es muß doch etwas darüber geſagt werden— Froſſard iſt an der Saar genöthigt worden, ſich zurückzuziehen. Der Rückzug vollzog ſich in guter Ordnung. Bei dieſen Worten konnten ſich einige der Generale aber nicht des Lachens enthalten. Das nannte man Ordnung, dieſe wilde, haſtige Flucht. Canrobert ſah ſie mit großen Augen an. er gen hätt klein Fre geſch ging Ma zu k Vol ing Mez ihne gege lin inne Ug Gral und vslſ cher nehm Mar⸗ ande, te der über⸗ nſeret und Louis obert über⸗ nicht echole ieben, und Wer ausge⸗ fgabe ie Pa⸗ ⸗ n hat lieber en ichen e ober biſe en an⸗ — Iſt es nicht in Ordnung, daß man ſich zurückzieht, wenn man geſchlagen iſt? ſagte er. Jetzt lachte Alles laut auf, nur der Kaiſer blieb ernſthaft; er ſchrieb das Telegramm an ſeine Gemahlin, wie Canrobert es ihm diktirt hatte, nur fügte er die Worte hinzu: Es kann noch Alles wieder in das rechte Geleiſe kommen. Dieſe Trauernachricht ging um Mitternacht von Metz ab, aber trotz Allem, was Canrobert Tröſtendes geſagt hatte, war die Wirkung dieſes Schreibens in der Hauptſtadt eine furchtbare. Napoleon ſuchte ſie am andern Tage abzuſchwächen, indem er ſeinem Volke vorlog, es ſeien höchſt überlegene Streitkräfte geweſen, die den Marſchall Mac Mahon zum Rückzuge genöthigt hätten, ebenſo wurde das Treffen bei Forbach nur als ein kleines Scharmützel dargeſtellt, ja, Louis Rapoleon hatte die Frechheit, zu behaupten, die Deutſchen hätten mit Mitraille n geſchoſſen, ſie, die gar keine beſitzen. Der folgende Tag, ein Sonntag, der ſiebente Auguſt, ver⸗ ging unter ängſtlichen Berathungen. Es lief die Kunde ein, Mac Mahon habe ſich nach Nancy zurückgezogen, um dieſe Stadt zu decken, und Napoleon erließ mehrere Proklamationen an ſein Volk, worin er ſeine Truppen über Alles lobte, die Bürger zur Hingabe an das Vaterland aufforderte und friſch darauf los log. Indeſſen amüſirten ſich die franzöſiſchen Herren Offiziere in Metz ſo gut es ging. Ihre Damen waren freilich ärgerlich, daß ihnen die ungalanten Deutſchen ſo viele unentbehrliche Toiletten⸗ gegenſtände geraubt hatten, doch ließen ſie ſich tröſten. In Ber⸗ lin, ſo hofften ſie noch immer, ſollte Alles erſetzt werden. Noch immer kamen Nachzügler aus den Gefechten der vergangenen Tage, halb verhungerte Jammergeſtalten, die in irgend einem Graben gewartet hatten, bis kein Deutſcher mehr zu ſehen war, und ſich erſt vortrauten, als keine Gefahr mehr vorhanden ſchien. Marſchall Bazaine, der thätigſte unter den Generalen, ver⸗ vsllſtändigte mit ihnen ſeine Armee. Nach dem Kriegsplan, wel⸗ cher in aller Eile berathen wurde, ſollte er bei Metz Stellung nehmen und Canrobert und Leboeuf, den Kriegsminiſter, als mili⸗ tairiſche Rathgeber bei ſich behalten. — 392— Bazaine zog dazu eine ſauerſüße Miene, er wußte wohl, daß unter drei oberſten Befehlshabern keine Einigkeit möglich ſei. Die übrigen Truppen wurden, ſo weit es ging, in die Feſtungen Lothringens und des Elſaß vertheilt, Straßburg, Thionville, Pfalzburg, Verdun und die ganze Reihe der übrigen befeſtigten Plätze wurden verproviantirt und beſetzt. Dieſe Maßregel war gut, aber ſie kam zu ſpät und ſchwächte die einzige Armee, welche man den Deutſchen entgegen zu ſtellen hatte und deren Oberkommando der Kaiſer übernehmen wollte, unter welchem Mac Mahon ſtand. — Sie werden ſich an Metz die Zähne ausbeißen, ſagte Canro⸗ bert, denn eher ergiebt ſich der Herrgott dem Teufel, ehe wir uns den Deutſchen übergeben. Der Kaiſer reiſte ab. Man war in Metz ſehr froh, ihn los zu ſein, die drei Marſchälle behielten freie Hand, Bazaine that Alles, um Stadt und Feſtung mit Nahrungsmitteln zu verſehen, Leboeuf beängſtigte die Bürger mit Kriegsſteuern, die kaum zu er⸗ ſchwingen waren, und Canrobert war überall und nirgends, und feuerte mit ſeiner nimmer raſtenden Lebhaftigkeit Alle zum Wider⸗ ſtande gegen die Feinde an. Doch dauerte es nicht lange, da waren die drei Helden Frankreichs ſich ſelber feind, ein kleiner Wortkrieg führte bald zu heftigeren Scenen. Jeder wollte die beiden Andern beherrſchen, Bazaines Starrheit ſchien ebenſo unerträglich, wie Leboeufs grobes, abſprechendes Weſen, Canrobert ſuchte zuerſt zu vermitteln und wurde zuletzt ſelber wild. Endlich übernahm Leboeuf das Kommando in der Stadt, bei dem er mehr ſeiner Bequemlichkeit nachgehen konnte, und Bazaine und Eanrobert lten ſich in das der Armee. So ſtanden die Sa⸗ chen, als ſich vor dieſer Stadt ein Kampf entwickelte, wie er in der Weltgeſchichte noch niemals ſtattgefunden hat und wie er für ewige Zeiten die deutſchen Waffen mit unſterblichen Loorbeeren umngeben wird. in d Gra ſoſe ame in di gene erbar einer ließ Der die h ſende ich n ich hi inſte will Wn Schon könnte it v ein Thier l daß h ſei. ungen nille ſügten wächte ſtellen wollte, Canro⸗ e wir os n that rſehen, zu er⸗ und Widel⸗ Haden ald zu rſchen grobe nund dt bei azoine ie St er in et für tbeeren — 393— 45. Kapitel. Der Kloſterkeller. Wir erzählten, wie der Pater Venturo die kleine Margarethe in das Kloſter der frommen Schweſtern brachte und mit welcher Grauſamkeit die Tochter der Herzogin von Montalto hinunterge⸗ ſtoßen wurde in einen feuchten, kalten und finſteren Keller. Das arme Kind, als ſich die Thür hinter der Nonne ſchloß, die es in dieſes Grab geführt hatte, ſtürzte ſich gegen die eiſenbeſchla⸗ gene Pforte, bat, weinte und winſelte. Ein Tufel hätte ſich erbarmen mögen, hier aber gab es kein Mitgefühl für die Qualen einer beängſtigten Kinderſeele. Als Margarethe ſah, daß all ihr Flehen vergeblich war, ver⸗ ließ ſie die Thür und wankte in die Mitte des Kellers hinein. Der Fußboden war ſchlüpfrig von dem Schlamm der Schnecken, die hier in Unmaſſen hauſten. Margarethe ſank auf ihre Kniee. — Heilige Jungfrau, betete ſie, Du haſt ja ſo viele Engel, ſende mir einen, daß er mich zu meiner Mutter zurückführt. Ach, ich weiß, wie ſie ſich nach mir ſehnt, wie unglücklich ſie iſt. Wenn ich hier ſtürbe aber nein, heilige Jungfrau Maria, Du wirſt mich nicht ſterben laſſen, o ich will mich nicht fürchten vor dieſer Finſterniß, nicht vor den grellen Rattenaugen, die da leuchten, ich will beten, immerfort beten, bis der Morgen kommt oder Dein Engel, aber ſende ihn mir bald, recht bald, es iſt ſo ſchauerlich. Schon wieder kriecht mir etwas ſo kalt, ſo kalt über den Nacken, könnte ich es nur ſehen, ich würde mich weniger fürchten. Aber ich will Muth haben, gewiß, dann kommt er zu mir und trägt ein weißes leuchtendes Kleid und Flügel, und er verſcheucht die Thiere und nimmt mich in ſeinen Arm, ach komm, Du lichter En⸗ gel, komm zu mir! So betete das arme kleine Mädchen und wehrte ſich die Rat⸗ ten und die Schnecken ab. — 394— Stunde auf Stunde verging, aber der Engel kam nicht. Mar⸗ garethe wurde nicht muthlos. — Er kommt ſchon noch, ſagte ſie zu ſich, gewiß, er kommt. Sie kniete auf den kalten Steinen, ein Schauder nach dem andern lief ihr den Rücken entlang, aber ſie achtete es nicht, ſie dachte an ihre Mutter. — O ſie leidet mehr, als ich, ſagte ſie zu ſich ſelber, ſie liegt in ihrem ſeidenen Bette und weint um mich, ich kniee auf kaltem, hartem Pflaſter und denke an ſie und küſſe ſie in Ge⸗ danken. Heilige Mutter Gottes, ſende uns Beiden Deinen Engel, führe uns zuſammen, ach, es iſt ſo kalt, ſo furchtbar kalt in die⸗ ſem dunklen Kellerloch! Wie langſam vergingen die Stunden! Margarethe fühlte ſich grenzenlos müde, aber ſie mochte ſich nicht auf die ſchmutzigen Steine legen, nur die brennende Stirn lehnte ſie gegen die Mauer, ſie fühlte, wie ihre Hände und Füße zu Eis erſtarrten, und wickelte ſie in ihr Kleid, damit die Thiere ſie nicht berührten. Dieſe Thiere wuchſen vor ihren weit offenen Augen ins Un⸗ geheure. Sie ſah nichts von ihnen, als die leuchtenden Augen der Ratten, aber ſie hatte die Nonnen von Schnecken ſprechen hö⸗ ren, auf die die Ratten Jagd machen. Jetzt glaubte ſie die kal⸗ ten, häßlichen Schnecken zu ſehen, ſie krochen ſchwarz und lang an ihr hinauf, ſie hatten Hörner auf dem Kopfe und Schwänze wie die Teufel, ſie überzogen ihre Hände und ihr Geſicht mit ekel⸗ haftem Schleime, bis ſie ganz davon eingehüllt war, dann kamen die Ratten, und ein wüthender Kampf begann. Die Vierfüßler ziſchten und biſſen, die ſchlangenartigen Ge⸗ ſchöpfe richteten ſich empor und verſuchten mit den Hörnern zu ſtoßen. In ſolchen Fieberträumen faltete Margarethe ihre kleinen Hände und betete immer eifriger. Und als es Morgen wurde, da war ihr Gebet erhört, da ſandte ihr die heilige Himmelsköni⸗ gin einen erlöſenden Engel, aber ach wie anders ſah er aus⸗ als ſie ihn ſich vorgeſtellt hatte. Einen ſchenen Knaben hatte ſie ſich gedacht, blondlockig, wie ihr Bruder Arthur, mit blauen klaren Augen ſtab i 2 ein ho als iht Bart Aber e chen in heiße einige wurde ſie bis ſüß al Sopf f ſie doc in ſeine mer de leiden, nur ein ſe Alle De unſers lebte i wirſt Schind werben Bin iht Git haben, ner, be nicen B Diſe i ir ſir im Mar⸗ mnt. dem , ſi t, ſie e auf Ge⸗ ngel⸗ ndie⸗ fühlte higen n die rrten, hrten. 6 Un⸗ n der ie kal⸗ dlan wäne it eke kamen en Gt⸗ tern 3u leinen wurde ebn U5, al ſe ſich klaren — 395— Augen, einem Blumenkranz auf der hohen Stirn und einem Lilien⸗ ſtab in der Hand, der alle Beängſtigungen verſcheuchte. Von alledem ſah ſie nichts. Aus der Mauer hervor trat ein hoher, finſterer Mann, der wohl ſo alt oder älter ſein mochte als ihr Vater, er trug einen langen, dunklen Rock, und ſein Bart wallte ihm von Wangen und Kinn auf die Bruſt herab. Aber ein Engel war es doch, denn er nahm das bebende Mäd⸗ chen in ſeine Arme, erwärmte es an ſeiner Bruſt, küßte ihm die heiße Stirn und träufelte ihm aus einem ſilbernen Fläſchchen einige Tropfen in die trockenen und halb geöffneten Lippen. Da wurde Margarethen unnenbar wohl, die Midigkeit, gegen die ſie bisher mit aller Macht angekämpft hatte, überkam ſie jetzt ſo ſüß, als läge ſie in dem Schooße ihrer Mutter, ſie ſchmiegte den Kopf feſt an den Buſen ihres Engels und ſchlummerte ein, war ſie doch ſicher, daß ihr nichts Böſes nahen konnte, ſo lange ſie in ſeinen Armen ruhte. Der Mann betrachtete ſie bei dem Schim⸗ mer der Laterne, die er mit ſich gebracht hatte. — Arme Kleine, ſagte er, mußt auch Du an dem Fluche leiden, der auf unſerem ganzen Geſchlechte liegt? Wehe Dir, daß nur ein Tropfen Blutes der Undentinos in Deinen Adern fließt, ſie Alle ſind verdammt, zu dulden und zu kämpfen. Das iſt die Folge einer ſchreklichen, ungeſühnten Schuld unſeres Geſchlechts. Wie manches Menſchenalter iſt es her, da lebte ein Mädchen, blühend und ſchön, wie Du es einmal ſein wirſt, und dieſes Midchen liebte einen Undentino. Er, der Schändliche, verheimlichte es ihr, daß er niemils um ihre Hand werben dürfe, denn er hatte ſich der Kir he zugeſch voren, und als Bianka das endlich erfuhr, da glaubte ſie, der Wahnſinn miſſe ihr Gehirn ergreifen. Aber ſie ſollte noch Aergeres zu erdulden haben. Er, der ſchönſte und zugleich der ſittenloſeſte aller Män⸗ ner, begnügte ſich nicht damit, die Blume ihrer Unſchuld zu zerx⸗ knicken. Bianka hatte eine Stiefmutter, ein ſchönes, üppiges Weib. Dieſe warf ihre Netze nach Undentino aus, und Sinnenluſt machte ihn ihr zu eigen. Da beſchloß das ſtolze Weib, den Geliebten für immer zu beſitzen. — Heimlich, mit ſeiner Hilfe, kochte ſie einen Sifttrank und reichte ihn ihrem Gatten. Sie hatte noch nicht genug mit dieſer grauſen That. Zwei Knaben ſtanden ihrer böſen Luſt im Wege, ſie gab auch ihnen von dem tödtlichen Stoffe und ſie ſtarben in Unden⸗ tino's Armen, dem ſie ihre Schmerzen klagten und der ſie heuch⸗ leriſch bedauerte. Nun war das elende Paar von jeder Laſt befreit, und Undentino ſchwelgte im Beſitz der Mutter wie der Tochter, die nichts von den Laſtern ihrer Mutter ahnte. Schon hatte die Erſtere Alles zur heimlichen Flucht vorbereitet, ſchon feierte ſie das letzte Abendeſſen in dem Schloſſe ihres er⸗ mordeten Gatten, üppig ſchwelgte ſie in Speiſe und Trank und kredenzte ihrem Buhlen den feurigen Wein... da trat Bianka in das Zimmer, todtenbleich, einem Geſpenſte ähnlich. Langſam ſtreckte ſie die Hände nach den Liebenden aus. — Iſt das Deine Treue? rief ſie mit einer Stimme, die dem Grabe zu entquellen ſchien, lohnſt Du ſo ein hingeopfertes Mäd⸗ chenherz? O Schändlicher! Nicht nur die heilige Kirche haſt Du verſpottet, nicht nur der Königin des Himmels haſt Du Deinen Schwur gebrochen, Du brichſt ihn mir, und mit dem Schwur mein Herz! So höre meinen Fluch, Unſeliger! Die Rache ver⸗ folge Dich und Dein ganzes Geſchlecht! Verflucht ſei das Kind⸗ welches ich unter dem Herzen trage, verflucht zu Sünde und Schande, verflucht ſeine Nachkommen bis in das hundertſte Glied, verflucht Du ſelber, meineidiger Verräther, Qualen der Hölle ſeien Dein Loos! Mit dieſen gräßlich herausgeſtoßenen Worten perſchwand Bianka. Die Stiefmutter ſchlug ein lautes Gelächter aus es klang hohl und ſchneidend durch die Stilke. — Sie iſt toll, höhnte ſie, laß die alberne Dirne, mein Ge⸗ liebter, belebe Dich wieder an meinen Küſſen. Horch, es ſchlägt Mitternacht, der Wagen wartet, er führt uns fort in das ſchöne Frankreich, wo nur Genuß und Freude herrſcht. Dort wollen wir zuſammen leben und ſelig ſein. Wie ein Träumender ließ ſich Uendentino von ihr fortziehen, ſie ſtieß die Thür auf, da. Entſetzen.. Vor ihnen ſtans dreichte grauſen ſie gab Unden⸗ heuch⸗ t, und er die bereitet, res er⸗ n und anka in ungſam die dem Mid⸗ ſt Du Deinen Schwur che vel⸗ Kind, de und lle ſein ſhnend ein Ge⸗ ſhligt ſcn llen wir cjhen, n ſtun? 3 den zwölf ſchwarze, tief verhüllte Geſtalten. Lang wallten die Gewänder von dem Haupte, welches ſie bedeckten bis zu den Fußſohlen hinab, nur die Augen blitzten geiſterhaft durch kleine Oeffnungen hervor. — Undentino, ſagte der Eine mit hohler, tiefer Stimme, Du biſt entlarvt! Undentino! fügte ein Zweiter hinzu, Du biſt gerichtet! Undentino, ſprach der Dritte, Du biſt verdammt! Der Unglückliche taumelte, er wollte ſich gegen die Wand lehnen. Sie nahmen ihn in ihre Mitte, das Weibh ſah ſie mit ihm verſchwinden, als ob ſie in die Erde geſunken wären. Da ſank ſie in die Kniee. Sie wußte es, die Abgeſandten der Kirche waren gekommen, den zurück zu fordern, der ihrem heiligen Bereiche, der ſeinen Schwüren zu entfliehen gedachte. Nie hat man wieder von Undentino vernommen, ſein Schickſal liegt verhüllt in den gräßlichen Gefängniſſen eines italieniſchen Kloſters. Mutter und Tochter raſten in Wahnſinn. Nach einiger Zeit genas jede von ihnen eines Knaben, doch ſollten ſie ſich nicht ihrer Kinder freuen... ſie ſtarben in Höllenfurcht und Grauſen. Dies iſt der Anfang eines Geſchlechtes, das beſtimmt iſt, zu leiden, zu dulden und zu kämpfen. Armes Kind, warum mußt auch Du dieſem unglücklichen Stamme angehören! Margarethe hörte nicht, was er ſprach, ſie ſchlummerte ſüß an dem Buſen desjenigen, den ſie für ihren Engel hielt. Bis zum Morgen hielt er ſie ſo weich gebettet und wärmte ihre kleinen Hände mit dem Hauche ſeines Mundes. Dann als er ein Ge⸗ käuſch vernähm, legte er ſie leiſe nieder, küßte ſie noch einmal und entſchwand durch eine Thür, die ſich in der Mauer öffnete, ohne daß man ihr Daſein bemerkte. Die Nonne, welche Margarethen hierhergebracht hatte, kam, ſie zu holen. Sie war erſtaunt, das Kind in ſüßem Schlummer zu finden. Sie weckte es auf und führte es hinauf. Auch die Priorin wunderte ſich, das Fleine Mädchen zwar bleich, aber ruhig zu finden. — Hat es Dir unten gefallen? fragte ſie. e iſ feucht, antwortete Margarethe mit — 398— einem unſchuldigen Lächeln, aber ich bat die Himmelskönigin um einen Engel, und der kam und wärmte mich, da ſchlief ich ſüß, und jetzt weiß ich es, der Engel wird mich wieder zu meiner Mutter zurückführen. Die Priorin glaubte, das Kind ſpräche im Fieber. In der That mußte eine Racht in jenem abſcheulichen unter⸗ irdiſchen Raum Krankheit oder Wahnſinn erzeugen. Margarethe dagegen blieb ſtill und heiter. Das Bewußtſein, unter göttlichem Schutze zu ſtehen, beglückte ſie. Den Tag über war ſie gehorſam und folgte jedem Winke, ſie nahm den Unterricht mit den ande⸗ ren Kindern, die in der Kloſterſchule erzogen wurden, und half dieſen, wenn ſie ihre Aufgaben nicht zu machen vermochten. Auch erſchrak ſie nicht, als man ſie zur Nacht abermals in den Keller führte. Dieſes Mal kam ihr Engel früher, er trug eine warme Decke und hüllte ſie ein, dann ſchlummerte ſie wieder in ſeinem Schooß. O, wie ſelig träumte ſie, da ſie ſich von der Himmelskönigin beſchützt wußte!. So ging es auch noch die dritte Racht. Endlich erſchien der Pater Venturo. Er hoffte Margarethen am Abſcheiden zu finden und war ärgerlich, als er fie roſig und heiter wie immer mit den anderen Kindern ſpielen ſah. — So erfüllen Sie die Pflichten, die ich Ihnen im Namen unſeres Ordens auferlegte? fragte er die Priorin, und ſein häß⸗ liches Geſicht verzog ſich zu einem Ausdruck finſterer Drohung. — Hochwürdiger Pater, vergebt mir, bat die erſchrockene Frau. Dieſes Kind behauptet, daß ein Engel es beſchützt, und ich glaube es ſelber. Sagt mir, wie ein ſo junges Mädchen Stand halten kann gegen die Schrecken, die ihr in einem von häßlichem Ungeziefer angefüllten unterirdiſchen Kerker dröhen? — Margarethe freut ſich auf dieſe Rächte, ſie würde weinen, wenn man ſie nicht hinunter ließe. — So laßt ſie noch dieſe Nacht hinunter, befahl Venturo. Ich will ſie beobachten. Ich bin neugierig, den Engel kennen zu lernen, der den Ratten befiehlt, ihre Zähne nicht in ſo ſüßes Fleiſch zu ſchlägen.* Hi Keller u der he 2 Marga die Ar die F das ge wärtig gegeni aber g D daß nu Ventur Ventur dem A V melte lannt Venih hüte di N ſch ah uij der va gehör M teudige La inen S chnel in um ſiß meiner unter⸗ rethe tichem orſam ande⸗ d half Auch Keller eDede choo. önigin ien der finden nit den Namen n hiſ⸗ ung. hrodene 4 und ſädchen em von en weinen⸗ Benturb⸗ nnen Margarethe hupfte mit wahrer Kinderluſt die Stufen zu dem Keller hinunter, ſie bebte nicht mehr, als ſich die Thür hinter ihr verſchloß, aber wie immer kniete ſie nieder und betete laut zu der heiligen Jungfrau. Bald öffnete ſich die Wand, ein lichter Schein drang hervor. Margarethe eilte mit einem Freudenſchrei darauf zu und ſank in die Arme ihres Beſchützers. Doch in demſelben Augenblicke wurde die Kellerthür aufgeriſſen und, mit einer Laterne in der Hand, das gelbe Todtenkopfsgeſicht ſo grell beleuchtet, daß es noch wider⸗ wärtiger erſchien, ſtand der Pater Venturo dem Unbekannten gegenüber, an deſſen Seite ſich das Kind mit ängſtlichen Blicken, aber auch mit vollem Vertrauen zu ihrem Engel ſchmiegte. Der Unbekannte trat einige Schritte auf den Pater zu, ſo daß nun auch ihn das Licht der Laterne beleuchtete, da taumelte Venturo, er mußte ſich an der Mauer halten. — Kennſt Du mich, Joſeph Brondini, der D. Dich jetzt Venturo nennſt, fragte er ihn, gedenkſt Du noch der Nacht in dem Abruszzengebirge? Venturo hieſt ſich kaum noch aufrecht.— Ein Geſpenſt, mur⸗ melte er, ein Geſpenſt! — Gieb dieſes Kind ſeiner Mutter zuräck, redete der Unbe⸗ kannte weiter, ich befehle es Dir. Mögeſt Du das Werk der Vernichtung verfolgen, ſoweit Satanas Dir dazu die Kraft verleiht, ich ſchütze dieſes unſchuldige Haupt, hüte Dich, Joſeph Brondini. hüte Dich, ein Haar darauf zu krümmen! Mit dieſen Worten wandte die hohe und edle Erſcheinung ſich ab und verſchwand in dem hellen Lichtſchein, welcher aus der Maueröffnung brach. Venturo lehnte noch immer faſſungslos an der Mauer, er hatte einen Todten wandeln geſehen und reden gehört, ein Wunder war vor ſeinen ſichtlichen Augen geſchehen... Mühſam raffte er ſich zuſammen und verließ den Keller, Margarethe folgte ihm nicht ohne Bedauern und doch mit der freudigen Hoffnung, die geliebte Mutter wieder zu ſehen. Langſam erſtieg der Pater die Stufen. Oben ſank er in einen Seſſel. Die Priorin brachte ihm Weim er ſtürzte ihn chnell hinunter. — — Wie es auch ſein mag, murmelte er vor ſich hin, ich kann nicht mehr zurück. Mein Pfad liegt klar gezeichnet vor mir, das Feuer der Hölle erleuchtet ihn. Tod allen Undentino's, bis auf den Einen, deſſen ich bedarf, ihr Gold meinem Orden, ihr Blut über mich! O, warum mußte ich jenes Weib zu glühend lieben, ich, den die Natur nur geſchaffen hat, um gehaßt und verachtet zu werden! Sie war eine Undentino, ſie trug den Fluch ihres Stammes, ſie litt und ſtarb. gleich ihr ſoll leiden und ſter⸗ ven, was jenem Geſchlechte angehört. Rein, nein, ich kann nicht Ich muß weiter, immer weiter auf der einmal mehr zurück! betretenen blutigen Bahn.... 46. Kapitel. In die weite Welt. Als Graf Ottomar von Iſſellhorſt mit Wilhelm Friſchmuth das Schloß Falkenſtein verlaſſen hatte, ſtand Madelon wie zu Stein erſtarrt. — Was nun? fragte Peter und ſchlug mit Entſetzen die Hände zuſammen. — Ich habe geſchworen, ſagte das alte Weib, ich habe ge⸗ ſchworen, und mein Schwur iſt mir heilig. Ach, das Kind, das Kind! Fünfzehn Jahre lang habe ich es vor allen Augen ver⸗ borgen, ſtiller als im Kloſter hat es gelebt und jett. 1 — Haben ſie die Fremden denn geſehen? fragte Peter. — Weiß ich es? rief die Alte. Und wenn auch nicht, hörteſt Du es nicht, daß ſie wieder kommen wollen? H, wir ſind keinen Augenbli⸗ vor ihnen ſicher! Und dann.. die Mädchen liefen mit einem Angſt⸗ ſchrei in das Haus.. Sind ſie nicht geſehen worden, ſo ha⸗ ben ſie doch ſelbſt geſehen.. Peter, Peter, Alles iſt verloren, dieſes Schloß iſt für Alice kein geſicherter Aufenthalt mehrl Der rathe nähet gegra ihn v 2 kann dus auf Blut eben, chtet ihres ſter⸗ nicht inmal hnuth ie zu Hünde abe ge⸗ d das n ver⸗ et. teſ genbl 1n ſo he ebun dn 0 Krieg, die Nähe des Herzogs von Montalto... Du weißt es: lieber ſoll ſie ſterben, als jemals in die Hände dieſes Mannes fallen. — Wird er noch nach ihr fragen? meinte Peter und zuckte mit den Achſeln. — Treibt nicht der Teufel überall ſein Spiel? gegenredete Madelon Wehe uns, wenn man von uns erfährt! Wir glaub⸗ ten uns ſo ſicher. Zetzt, wer mag nicht Alles heraufkammen und Einlaß verlangen? O, dieſer Krieg zerſtört alle meine Be⸗ mühungen! — Sie ſchoſſen ſo lange, ſagte Peter, und noch wiſſen wir nicht einmal ſicher, wer geſiegt hat. — Wer auch geſiegt haben mag, wir ſind verloren! rief die alte Frau. Sind es die Franzoſen, o, ich kenne ſie. Man ſieht das Schloß von der Stadt aus, ſie werden Schätze hier oben ver⸗ muthen und herauf ſteigen, um zu plündern, dann entdeckt man 1 — Alicens Geld wird man nicht entdecken, tröſtete Peter. — Weißt Du das ſo genau? fragte ſie. O, Alles wäre gut, wenn nur die Mädchen ſich verſtecken ließen. Aber haben ſie erſt einmal fremde Geſichter geſehen, wie ſollte da nicht der Wunſch in ihnen erwachen, das Leben, die Welt kennen zu lernen? O, Alles, Alles iſt verloren! Denn wenn ich ſie nicht mehr zu ver⸗ bergen vermag, muß ich ſie tödten! Peter erſchrak vor dieſem Worte, obſchon er darauf vorhe⸗ reitet war denn er kannte den gräßlichen Schwur, welcher ihn und Madelon band. — Ihr werdet mein Kind vor allen Augen behüten, hatte eine Sterbende zu ihnen geſagt, denn erfährt man, daß ſie lebt, ſo wird ihr unnatürlicher Vater ſich ihrer und ihres Vermögens bemächtigen. Sie aber ſoll lieber ſterben, als in die Gefahr ge⸗ rathen, von ihm entdeckt zu werden, und bei der leiſeſten An⸗ näherung dieſer Gefahr werdet Ihr ſie tödten. Unauslöſchlich hatten ſich dieſe Worte in Peters Gedächtniß gegraben, er glaubte ſie immer noch zu hören, doch ſchauderte ihn vor ihrer Ausführung. D. V. 26 — 402— Verlegen bückte er ſich und hob ein Papier auf, welches zu⸗ fällig der Taſche des jungen deutſchen Offiziers entfallen war. Doch wie er die Zeile überflog, die eine Frauenhand flüchtig dar⸗ auf geſchrieben hatte, erſchrak er ſo heftig, daß er ſich an den Tiſch halten mußte. Es war der Zettel, welchen Beate dem Gra⸗ fen Iſſelhorſt zugeworfen hatte, es war die Bitte um Rettung. Madelon ſah die Bewegung ihres alten Freundes, ſie hörte das leiſe Geräuſch des Papiers, welches er in ſeiner Hand zer⸗ knitterte. — Was haſt Du vor? fragte ſie ihn barſch. — Richts, ſagte er mit ſtockender Stimme, die Möglichkeit, Ali⸗ cen tödten zu müſſen, erſchreckte mich. — Du lügſt, rief ſie, es iſt nicht das. Zeige, was Du auf⸗ gehoben haſt, ich will es ſehen! Sie übte durch ihren eiſernen Willen ſo viel Gewalt über den von Charakter ſchwächeren Mann, daß er zitternd wie ein auf einer Schuld ertapptes Kind die Hand hin hielt. Sie nahm das Papier heraus und las es. — Jetzt iſt das Maß voll, ſagte ſie, jetzt muß ſie ſterben! — Madelon, rief Peter, bedenke, es iſt ein Mord! — Em Mord! verſetzte ſie. Habe ich davor zurückgebebt, als jenes Weib hier ankam und nach den Undentino's fragte? Alice iſt mir lieber als mein Leben, aber mein Schwur gilt mei⸗ ner eigenen Seligkeit. Sie haben die beiden Männer geſehen, ſie verlangen fort von hier, ahnen vielleicht was für ein Geheim⸗ niß ſie umgiebt.. Das iſt die Annäherung der Gefahr, von welcher ihre ſterbende Mutter ſprach, das iſt es, weswegen ſie ihr folgen muß in das Grab hinein, in welchem allein Ruhe iſt. Warum beklagſt Du ſie, Peter? Wir haben beide lange genug gelebt waren wir glücklich? Laß ſie jung ſterben, es wird ihr wohler ſein. Noch habe ich das Gift— o daß jener Deutſche es nicht trank! Sie mag den Reſt erhalten! Mit dieſen Worten begab ſich Madelon in das Haus hinem. Sie ahnte nicht, daß die beiden Mädchen noch immer hinter den Fenſtern des Waffenſaales ſtanden und jedes Wort dieſes erſchreckenden Geſprächs vernahmen. A das He ihr Zin Neugie daß die Be Lieutenc uf ihr Ränne Bieder von de D ten den die heid V darreich verſich tung ko ſchwebt Aber g zutüch es ſeine Ve und w hleibſt. ſchah rum m angen Nenſch zu lebe Au örte über ein ahn ben! bebt vie mei⸗ hen hein⸗ von ie iht iſt enug wird utſche inem⸗ hinte dieſes Als ſie voller Schrecken über den Anblick zweier Männer in das Haus geflüchtet waren, hatte Madelon ihnen befohlen, auf ihr Zimmer zu gehen, ſie aber ſchlichen ſich heimlich hinaus, die Neugierde zog ſie mächtig, und ein geheimes Gefühl ſagte ihnen, daß dieſe jungen Leute ſie mit Wohlgefallen angeſehen hatten. Beate ſehnte ſich, noch einmal den Anblick des ſchlanken Lieutenants zu genießen, deſſen ſchwärmeriſches Auge ſo lange auf ihr geruht hatte, Betty fühlte ſich mächtig zu jener kräftigen Männergeſtalt hingezogen, zu dem Geſichte voller Frohſinn und Biederkeit, zu dem lachenden Munde, deſſen weiße Zähne ſo hübſch von dem dunklen Bart abſtachen. Darum ſtahlen ſie ſich ganz leiſe über den Vorſaal, erreich⸗ ten den ſonſt ſelten betretenen Waffenraum und yatten die Freude, die beiden Fremdlinge dicht unter ſich auf der Bank zu erblicken. Wie zitterten ſie, als Madelon ihnen den vergifteten Trunk darreichte, wie freuten ſie ſich des kecken Muthes, der dieſen Mord⸗ verſuch zu Schanden machte, wie hofften ſie, es werde ihnen Ret⸗ tung kommen! Sie kannten die furchtbare Gefahr, in welcher ſie ſchwebten, ſie wußten, daß ihr Leben nur an einem Haare hing. Aber ach, die beiden Männer verließen das Schloß, ſie blieben zurück, um nun zu vernehmen, daß ihr Tod beſchloſſen war, daß es keine Hilfe mehr für ſie gab. Weinend fielen ſie ſich in die Arme. — O tröſte Dich, Beate, bat Betty, gewiß bin ich Alice, und wie gern will ich das Sift trinken, wenn Du nur leben bleibſt. — Glaube das nicht, verſetzte Beate traurig, Alice, das bin ich. Oft, als wir noch Kinder waren, haſt Du Dich geärgert, daß Madelon mich Dir vorzog. Jetzt weiß ich, warum es ge⸗ ſchah, ich bin die ihr anvertraute Tochter einer Sterbenden. Da⸗ rum muß ich ſterben, und ich thue es gern, iſt er doch fortge⸗ gangen, ohne etwas zu unſerer Rettung zu thun. O, wenn die Menſchen ſo böſe ſind iſt es beſſer, weit beſſer, nicht mit ihnen zu leben! Auch Betty konnte es nicht begreifen, warum ein ſo ſtarker 26* 5 —— ———— ——— — 404— Mann nicht ſeinen langen Säbel auf Madelon's Bruſt geſetzt und geſagt hatte: Gieb uns die Mädchen heraus, ſie ſollen nicht bei Mördern bleiben. Die guten Kinder kannten nicht die ſtrengen Pflichten der Solduten im Felde. Wie hätten ſich Ottomar und Wilhelm Friſchmuth von ſolch' einer ſüßen Laſt an der Ausübung des ſchweren Waffenhandwerks verhindern laſſen dürfen? Der Abend kam, und Madelon, die, nachdem ihr Fuß wieder eingerenkt worden war, wieder ganz thätig wirthſchaftete, rief die Mädchen zum Abendbrod. Sie drückten ſich die Hände und blick⸗ ten ſich an. — Du weißt, es muß ſein, flüſterte Beate ihrer Freundin zu, darum kieber früher als ſpäter, es wäre ja nur eine fortgeſetzte Qual. Dennoch ſchmeckte ihr das Eſſen nicht, ſie konnte keinen Biſſen hinunter würgen, es ſchauderte ſie vor dem Wein, ſelbſt vor dem klaren Waſſer. — Wart, ich hole Dir einen friſcheren Trunk, rief Betty eilte zum Brunnen, ſchwenkte den Becher aus, trank ſelbſt mit vollen Zügen und brachte ihn dann Beaten. Noch immer war ſie ungewiß, welcher von ihnen der Mord⸗ verſuch galt, ſie beobachtete genau Madelons düſteres Stillſchwei⸗ gen und Peters ernſte Blicke, ſie ruhten ebenſo oft auf ihr als auf Beaten. In ihrer gewöhnlichen ſcherzhaften Weiſe verſuchte ſie es, nach dem Beſuch der beiden Deutſchen zu fragen; Madelon wies ſie kurz ab, da ſchwieg auch Betty. Es laſtete wie ein Alp auf den vier Hausgenoſſen. Am Abend ſpät, als Alles ſtill war, lief Betty auf bloßen Füßen in die Küche und holte Brot für ſich und für Beate. Auch am folgen⸗ den Tage genoſſen ſie nur, wovon die beiden Alten auch aßen. — Sollten ſie etwas ahnen? fragte Peter, aber Madelon ſchüt⸗ telte kurz den Kopf. — Geht es nicht ſo, muß es anders gehen. Indeſſen blieben die Bauern aus, die ſie vorher mit den nothwendigſten Lebensmitteln verſehen hatten, und als ſie kamen erzählt Franz mandi Chalon D deswec frechen aber ſ gen de 2 ſieben ternd ihrer! ihrem hatten lomm Die 2 werk, Aut. duß d ihre G u ſprach ſie w Auge Befeh ſch d dewa Mdel geſetzt nnicht en det ſolch dwerk⸗ wiedet rief die d blic⸗ tgeſette Biſen or dem h eilte t vollen Mord⸗ lſchwei ihr als verſuchte Nodelon nVend folgen⸗ aßen on ſihi erzählten ſie von der Schlacht bei Wörth, von der Flucht der Franzoſen, und daß der Kaiſer nach Metz gegangen ſei. — Und der Herzog von Montalto, fragte Madelon, wo com⸗ mandirt der? — Er gehört zu Mac Mahons Armee, die geht nach Chalons hinauf, berichtete der Bauer. Das war eine Gefahr weniger, aber Madelen beruhigte ſich deswegen nicht. Häufig hörte ſie ſchießen. Waren es wieder dieſe frechen Deutſchen, die es gewagt hatten, bei ihr einzudringen? Peter hatte mit großer Mühe die Pforte wieder hergeſtellt, aber ſie hielt nicht, als eines Tages Kolben ſtöße und Säbelklin⸗ gen dagegen praſſelten. Der Alte blickte zum Thorfenſter hinaus, da ſtanden unten ſieben Männer, wilde, abgeriſſene Geſtalten. Fluchend und wer⸗ ternd begehrten ſie Einlaß, ſie erzwangen ſich ihn mit der Gewalt ihrer Arme. Es waren Turkos, die wührend der Flucht von ihrem Regimente abgekommen waren und ſich hier herauf verirrt hatten. Seit drei Tagen war keine Speiſe über ihre Lippen ge⸗ kommen, ſie waren wüthend und verlangten Eſſen und Trinken. Die Mädchen flohen dieſes Mal freiwillig in das oberſte Stock⸗ werk, doch auch bis hierher ertönte das wüſte Geſchrei der Leute. Madelon mußte heraus rücken, was ſie hatte, ſie ſchlugen mit dem flachen Säbel auf den Tiſch, warfen ſich auf die Stühle, daß das morſche Holz unter ihnen zerkrachte und ſchimpften auf ihre Generale, die ſie ſo ſchlecht geführt hatten, über den Ver⸗ rath, über Gott und die Welt. Selbſt Peter wurde angſt vor den wilden Geſelen Sie ſprachen kaum franzöſiſch, dieſe Söhne des fernen Afrika, aber ſie wußten ſich verſtändlich zu machen, und ihre dunklen rollenden Augen blitzten ſcharfe Drohung auf diejenigen, welche ſich hei ihren Befehlen taub ſtellten. Geſättigt mit Speiſe, und mehr noch mit Wein, ließen ſie ſich die beſten Betten geben. Was war zu thun, wer hätte der Gewalt von ſieben bewaffneten Männern zu widerſtehen vermocht? Madelon gab mit einem tiefen Seufzer nach, und bald nahmen — 406— die Turkos ihre weißen Turbane von den bis auf einen einzigen Haarbüſchel kahl geſchorenen Köpfen, warfen ſich angekleidet, wie ſie waren, mit all dem Schmutz welchen ſie an Kleidern und Stiefeln trugen, auf die Betten und ſchnarchten laut. Da winkte Madelon Peter in ein entlegenes Gemach. — Was fangen wir an, um Gotteswillen, Peter, was ſol⸗ len wir thun? fragte ſie. — Weiß ich es? fragte der alte Mann der wie zerſchlagen war. Er hatte nach dem Kommando der ſieben Turkos hin und her laufen, bald Wein, bald Tabak, bald Fleiſch holen müſſen, jetzt fühlte er daß mehr noch ſeine geiſtige als ſeine körper⸗ liche Kraft zu Ende war. Zu überraſchend kamen den Beiden dieſe Ereigniſſe, die ſie aus fünfzehnjähriger Ruhe aufrüttelten. Sie hatten geglaubt, das Schlimmſte erlebt zu haben, ſie dachten nicht, daß Schlimme⸗ res noch kommen könnte. Mit Einem Male wurden ſie wieder hineingeriſſen in den Strudel des Lebens, aus dem ſie ſich er⸗ rettet glaubten, und jetzt fühlten ſie ſich unſicher und haltlos, und ſelbſt die ſonſt ſo ſtarke Madelon wurde irre und wußte nicht mehr, was ſie beginnen ſollte. — Geh hinunter, Peter, ſagte ſie, verſchließ den Kellergang und wälze den Stein vor, daß Niemand den Eingang finden kann. Der Rath war gut, er ſicherte Alicens Schätze, und Peter befolgte ihn auf der Stelle. Als er wieder herauf kam; fand er ſeine Gefährtin in dumpfem Schweigen. — Was nun weiter? fragte er. — Weiß ich es? rief ſie, ich bin dieſer Welt fremd gewor⸗ den, die ſich hier bei uns eindrängt. So viel ſteht feſt, wie es bisher war, kann es nicht länger bleiben. Wir find hier oben nicht mehr ſicher, wir müſſen beide Kinder tödten und mit ihnen ſterben oder fliehen.. — Fliehen, fragte Peter, aber wohin? — Iſt die Welt nicht groß? gegenredete ſie Nach der Schweiz, nach England, wohin es ſei, nur fort, ſchleunigſt fort! Mant men noch ſchützt Dolch trat o Mutt konnt Feue daß 6 gen n verſel es wa hatte lahm ſchütz hilſlo ſcher dohte haben gen wenn Mide himn den! hrem hin j nigen et, wie und ſol⸗ nwar. in und nüſſſen, körper⸗ die ſie gubt limme⸗ wieder ſich er⸗ 3 und e nicht rgung finden Pelr and er gewor⸗ wie e5 roben tihnen ch der t jort — 407— — So denkſt Du nicht mehr an Mord? ſagte der alte Mann mit erleichterter Bruſt. — Ach, ſeufste ſie auf, ich habe das Kind auf meinen Ar⸗ men gehabt, als es eben ſeinen erſten Schrei ausſtieß, und den⸗ noch habe ich ihm den Giftbecher gereicht... aber ein Engel ſchützte Alicen, ſie trank ihn nicht, ſie lebte. Da nahm ich meinen Dolch. Auf den Zehen ſchlich ich mich in ihre Schlafſtube, ich trat an ihr Bett... o wie ſie täglich mehr ihrer verſtorbenen Mutter gleicht! Ich konnte es nicht, mag Gott mir vergeben, ich konnte es nicht. Dann zündete ich in der Kammer ein großes Feuer än und ſchloß die Klappe des Ofens. Ich rief ſie herbei, daß ſie mir bei der Arbeit hülfe, die mir zu ſchwer wird. Sie war willig und freundlich wie ein Engel, freundlich ge⸗ gen mich, ihre Mörderin! Ich ging hinaus und ſchlug wie un⸗ verſehens die Thür in das Schloß. Als ich nach zwei Stunden es wagte, mich der Kammer zu nähern, hörte ich ſingen. Sie hatte den Kohlendunſt bemerft und den Ofen geöffnet. Da er⸗ lahmte meine Kraft. Rein, dachte ich, wenn Gott ſelbſt ſie be⸗ ſchützt, ſo kann ich ſie nicht tödten. Nun ſitze ich hier, rathlos, hilflos. Wohin ſoll ich mich wenden, um ſie vor Gefahren zu ſichern, die ſchrecklicher ſind als jene, die ihr durch mich drohten? — Laßt uns fliehen, ſagte Peter, die Turkos ſchlafen. Heute haben wir die Mädchen vor ihren Augen behütet, wird es mor⸗ gen auch noch möglich ſein? Sie ſind wild und ſittenlos. wenn ein Unglück geſchähe.... — Gott behüte uns! rief Madelon. Ja, komm, ich will die Mädchen wecken, packe das Nothwendigſte zuſammen, wir wollen hinunter, noch ſteht uns der Weg nach England offen, wir wer⸗ den die See erreichen, ein Schiff finden eile, Peter, eile! Sie ſelber lief zu den Mädchen. — Steht auf! rief ſie ihnen zu, wir müſſen fort! — Fort“ fragten die Kinder und richteten ſich erſtaunt aus ihrem Schlummer empor, aber wohin denn? — Gleichviel, dieſe Menſchen ſind ſchrecklich, ſelbſt im Schlafe höre ich ſie Reden ausſtoßen, vor denen ich ſchaudere. Schnell, ————— — 408— kleidet Euch an, es iſt keine Zeit zu verlieren, ich ſelber will einige Kleidungsſtücke zuſammen raffen. Damit eilte ſie hinaus. Betty ſprang aus dem Bette. — Es geht fort! rief ſie jubelnd, fort aus dieſem abſcheuli⸗ chen Eulenneſt, freue Dich Beate, wir werden das Leben ken⸗ nen lernen! Beate ſeufzte. — Werden ſie uns wieder begegnen? fragte ſie. — Wer weiß, lachte Betty, es giebt vielleicht noch ſchönere Männer. O, eile Dich, ſieh, mein Haar iſt ſchon angeſteckt, wart, ich will Dir helfen. Nein, niemals war ich ſo froh, ſo glücklich, es geht ja nun endlich ins Leben hinein! — Ach, weißt Du denn, was das Leben uns bieten wird? fragte Beate. Ja, auch ich würde mich freuen, wenn wir den ſchrecklichen Gefahren entgehen könnten, die uns hier drohen. Aber mein Herz iſt getheilt, ich liebe Madelon und Peter für all das Eute, was ſie an uns gethan haben ach! und ich fürchte ſie doch auch ſo ſehr. — In der Welt werden wir Schutz gegen ſie finden, ver⸗ ſicherte Betty, da ſind Menſchen, die ſich unſerer annehmen werden. — O, wie ich mich vor dieſen Menſchen fürchte, rief Beate, wir ſind ſo ungebildet, wiſſen ſo gar nicht Beſcheidl — Und doch ſahen uns die beiden jungen Männer mit ſicht⸗ lichem Wohlgefallen an, es ſcheint alſo doch, daß wir nicht gerade die häßlichſten von all den Mädchen ſind, die es giebt, Du we⸗ nigſtens biſt wunderhüſch, Beate, und wirſt gewiß allen Leuten gefallen. — Uund Du biſt eine Thörin, Betty, die in ſolch' einer ern⸗ ſten Stunde an Albernheiten denkt. Betty lachte, ihr ganzes Herz jauchzte auf bei dem Gedan⸗ ken, Neues zu ſehen und zu erleben. Die Jugend iſt ſo hoff⸗ nungsvoll. Madelon holte ihre Zöglinge ab, und ſie ſchlichen ſich zum Hauſe hinaus. Peter leuchtete mit einer Laterne, ſo ſtiegen ſie den Berg hinab. Stad Treib der! vorbe keinen auch ziemli unbef ließ ſcht: geweſ zuſtim gen ſ Anſpr wollte hren lege delon hand nüſe Wo es unter deſſe fort ihren einige ſcheul⸗ n ken⸗ hönere wart, ückich wird ir den wohen. ter für fürchte , vel⸗ nehmen Beate, it ſcht gerade du we⸗ Leuten er ern⸗ Gedan⸗ ch n Die kurze Sommernacht war bald verſtrichen, als ſie in der Stadt ankamen, war es ſchon heller Tag. Welch ein lebhaftes Treiben umfing plötzlich dieſe ganz an die Einſamkeit gewöhnten Kin⸗ der! Deutſche Soldaten aller Waffengattungen zogen an ihnen vorbei die meiſten eilten zu ihren Sammelplätzen und warfen keinen Blick auf die Mädchen, andere guckten ſie an, riefen ihnen auch wohl einen guten Morgen zu oder machten unter ſich die ziemlich laute Bemerkung, daß ſie verdammt hübſch ſeien. So ſah denn Betty beſtätigt was ſie erhofft hatte, aber wie unbefangen ſie auch ihre Augen über die Krieger hinwegſchweifen ließ unter denen manch' heldenmäßige Geſtalt, manch ſchönes Ge⸗ ſicht war, ſie meinte doch, der Erſte, den ſie geſehen, ſei der Beſte geweſen, und Beate, der ſie dieſe Bemerkung zuflüſterte, nickte zuſtimmend mit dem Kopfe. Peter miethete ein Fuhrwerk, welches ſie zur Eiſenbahn brin⸗ gen ſollte, aber die Züge waren von den deutſchen Truppen in Anſpruch genommen und beförderten keine Privatperſonen. Nun wollte Madelon zu Wagen weiter fahren, doch auch das glückte ihr nicht. Plötzlich ſahen ſie ſich von einem Haufen Ulanen umgeben. — Ich requirire dieſes Fuhrwerk, ſagte der Lieutenant und legte ſeine Hand auf den Schlag. — Um Gotteswillen, was ſoll aus uns werden? fragte Ma⸗ delon ganz erſchrocken. — Fürchten Sie nichts, Madame, erwiederte der Offizier, es handelt ſich nur um einen Verwundeten, den wir transportiren müſſen. Sie werden gewiß einige Meilen Umweg nicht ſcheuen, wo es gilt einen Liebesdienſt zu erweiſen. Madelon war außer ſich, Betty lächelte vor ſich hin, ſie hatte unter den Ulanen einen bemerkt, den ſie kannte. Ein Offizier, deſſen Bein verbunden war, wurde zu ihnen hineingeſetzt, und fort ging es, von ulanen umgeben. Im nächſten Dorfe verließ ſie dies Gefolge es ſtand ihnen frei, ihren Weg fortzuſetzen, aber nun drängten ſich franzöſiſche Trup⸗ pen auf der Heerſtraße. — 410— So ging es mehrere Tage. Endlich waren ſie froh, Metz erreichen zu können, wo ſie einige Tage Raſt machen wollten, da ſie alle von der ungewohnten Reiſe angegriffen waren. 47. Kapitel. Der Verführer. So gegen ihren Willen in die Stadt Metz hineingetrieben, ſahen Peter und Madelon ſich genöthigt, fürs Erſte dort zu bleiben. Ringsum war die ganze Gegend von deutſchen Truppen be⸗ ſetzt, ſämmtliche Armeen hatten die franzöſiſche Grenze überſchrit⸗ ten und umſchloſſen das ganze Elſaß. Bisher hatten ſich nur einzelne Abtheilungen von der Armee des Prinzen Friedrich Karl bei dem Kampfe an den Spichererbergen und Forbach betheiligt, jetzt rückte dieſer große Truppenkörper weiter in das feindliche Land, um Metz gegenüber eine drohende Haltung anzunehmen. Und indem ſich dieſe Soldaten gleich einem Strome über das Land ergoſſen, erſchien auch der König Wilhelm auf franzö⸗ ſiſchem Boden und verlegte ſein Hauptquartier nach Herny. Die Begleitung des Königs zählte faßt tauſend Köpfe. Hier ſah man den Grafen Bismarck, den Kriegsminiſter von Roon und den greiſen Mann, welchen man den Kopf der deutſchen Streitkräfte nennen kann, den Chef des Generalſtabes, Moltke. Da die Regierungsgeſchäfte während des Krieges nicht ſtocken durften, begleitete das ganze Civilkabinet den König in das Feld, es war eine Feldtelegraphie vorhanden, eine Stabswache, um für die Sicherheit des Monarchen in dem feindlichen Lande zu ſor⸗ gen, es fehlte nicht an einer Druckerei und an Kurieren, welche eilige Briefe fortzubringen hatten. 8 Der Prinz Karl, Bruder des Königs und oberſter Leiter des Johanniterordens, befand ſich gleichfalls im Hauptquartier, ebenſo — der Er ſowie deutſch 2 wurde heſezte fürchte E ſie nic bisher Niema nügte L gerun wollte ſeten, Vermt e die ju bemq 2 bring man Belag Rindr Bauet hnen S noth und Unru ſhen ung Pine Mez en, da rieben, liben. en be⸗ rſchrit⸗ ch nur Kul theiligt indliche Mel. über franzö⸗ Die h man d den itrifte ſtoden Feld um füt zu ſol welche — 411— der Erbgroßherzog von Mecklenburg und viele andere deutſche Prinzen ſowie mancher Abgeſandte aus dem Generalſtabe der verſchiedenen deutſchen Herrſcher, welche ſich ſpäterhin perſönlich einfanden. Bei dieſer Ueberfluthung durch die Truppen der Verbündeten wurde es einzelnen Perſonen ſchwer, ja faſt unmöglich, durch die beſetzten Länderſtrecken zu reiſen. Aber mehr noch als die Feinde fürchteten Peter und Madelon die Heere ihrer eigenen Landsleute. Sie wußten, daß man ſie nach einem Paß fragen würde, den ſie nicht beſaßen, ſie ſcheuten ſich vor Nachforſchungen nach ihrem bisherigen Aufenthalte, nach ihrem Namen, Stand und Erwerb. In Metz herrſchte furchtbare Unordnung, hier kümmerte ſich Niemand um ſie, und die kleine Wohnung, die ſie mietheten, ge⸗ nügte ihren augenblicklichen Bedürfniſſen. Viele Leute verließen die Stadt aus Furcht vor einer Bela⸗ gerung und flüchteten ſich in das Innere Frankreichs, Andere wollten ſich nicht der Strenge eines ſoldatiſchen Regiments aus⸗ ſetzen und wieder Andere zitterten vor den Verluſten, die ihrem Vermögen drohten. Daß Metz genommen werden könnte, daran dachte Niemand, die jungfräuliche Feſtung ſpottete jedes Feindes, der ſich ihrer zu bemächtigen dachte. Aber nicht darin allein lag die Gefahr. Bazaine ließ unendlich viele Mundvorräthe in die Stadt bringen, um ſeine Truppen zu ernähren, in ähnlicher Weiſe ſorgte man für die Beköſtigung der Bürger, falls die vorauszuſetzende Belagerung ſich in die Länge ziehen ſollte. Ganze Heerden von Rindvieh und Hammeln wurden in Sile hereingetrieben, und die Bauern brachten ſie willig, da ſie befürchteten, daß die Feinde ſie ihnen mit Gewalt nehmen möchten. So ſehr man ſich jedoch gegen die Möglichkeit einer Hungers⸗ noth geſchützt glaubte, ſo ſehr fürchteten die Gewerbtreibenden und die friedlichen Arbeiter daß der Janhagel, der gemeine Pöbel, Unruhen hervorrufen möchte. Immer enger zog ſich der Gürtel zuſammen, welchen die deut⸗ ſchen Armeen um Metz bildeten, immer bedrückter wurde die Stim⸗ mung in der Stadt. Die Soldaten gingen mit prahleriſcher Miene umher und zeigten durch lautes Schreien und brutales 1 5. 1 Auftreten, daß ſie ſich von jetzt ab für die Beherrſcher der Stadt anſahen, die Mittelloſen, denen jeder Verdienſt abgeſchnitten war, baten mit betrübten Geſichtern um Arbeit und Brot, und die Be⸗ güterten verbargen ihre Schätze, ſo gut ſie es vermochten, nicht vor den Feinden, ſondern vor den eigenen Landsleuten. — Iſt das das Paradies, in welches wir uns ſo ſchmerzlich hinein ſehnten? fragte Beate ihre Freundin, während die Solda⸗ ten lärmend und mit den Waffen klirrend durch die Straßen zogen, welche die beiden Mädchen voll Neugierde durchſtreiften. Sie hatten ſich vor dem betrunkenen Haufen in ein offenes Haus geflüchtet und wagten ſich erſt wieder hinaus, als das To⸗ ben verhallt war. Betty warf die Oberlippe auf, ſie war ſchweigſamer gewor⸗ den, ſeitdem ſie Schloß Falkenſtein verlaſſen hatte, und ihr ſon⸗ ſtiger Frohſfinn, mit dem ſie bisweilen ſogar Madelon ein Lächeln abgewann, war zum größten Theil verſchwunden. Warum das? Die arme Betty hatte die erſte herbe Krän⸗ kung ihres Lebens erfahren. Mit einem freudigen Aufblitzen ihrer ſchönen Augen hatte ſie den jungen Ulanen begrüßt, den ſie ſo plötzlich wiederſah, freilich hatte ihr auch ſein Blick bewieſen, daß er ſie erkannt hatte, aber kein Wort von ſeinen Lippen, keine Be⸗ wegung bewies ihr, daß er“ſonſt noch Theilnahme für ſie hegte. Das liebe Mädchen kannte nicht die beſonders im Kriege ſo noth⸗ wendige Strenge des Dienſtes, der es dem Soldaten nicht ge⸗ ſtattet, ſeinem eigenen Gefühle zu folgen, der ihn zum willenlofen Werkzeug in den Händen ſeines Vorgeſetzten macht. Hätte Betty gewußt, wie ſehr es Wilhelm Friſchmuth be⸗ dauerte, nicht mit ihr reden zu dürfen, ſo würde ſie nicht ſo tief gekränkt geweſen ſein. Nun aber äußerte ſie gegen ihre Freundin, ſie glaube be⸗ ſtimmt, daß die Männer im Allgemeinen gar nichts taugten, ſie wären vielleicht gut genug, um ſich gegenſeitig todt zu ſchlagen, aber ein weibliches Herz zu verſtehen, dazu hätte Keiner Gefühl d Bildung genug. Beate hatte darüber noch weniger Erfahrung als Betty, aber J auch der ſchlanke Lieutenant nichts zu ihrer Rettung unter⸗ nomn neigt, ſetten wie fi ner ſi 4 Solda 9 * worde vorna auszu zier e entſlo! Mäde ihnen betrac gluth ten ſi ich; Sie in di Betty mehr dort der freil woll r Stadt ten war, die Be⸗ n nicht wmerzlich Solda⸗ Straßen eifun. offenes das T⸗ gewor⸗ ihr ſon⸗ Lücheln e Krän⸗ en ihrer n ſi ſo ſen daf eine Be⸗ hegte o noth⸗ nicht ge⸗ llenloſen nh be⸗ tſo pef aube be⸗ gten, ſe ſtun eihl cber unter⸗ — 413— nommen hatte, um die ſie ihn doch bat ſo war ſie nicht abge⸗ neigt, mit in das Verdammungsurtheil einzuſtimmen, und Beide ſetzten unter einander feſt, das Leben ſei nicht halb ſo hübſch, wie ſie es auf Schloß Falkenſtein geträumt hatten, und die Män⸗ ner ſeien alleſammt keine Thräne eines weiblichen Auges werth. Das ſchien ſich ihnen noch durch den wüſten Lärmen der Soldaten zu beſtätigen. Als ſie wieder auf die Straße hinaustraten, war es ſtill ge⸗ worden und ſie eilten nach Hauſe zu kommen, indem ſie ſich feſt vornahmen, nie wieder ohne Peters oder Madelons Begleitung auszugehen. Da, als ſie um die Ecke bogen, trat ihnen plötzlich ein Offi⸗ zier entgegen. Ein lauter Fluch, das Zeichen des Erſtaunens, entfloh ſeinen Lippen, dann drehte er kurz hinter den beiden Mädchen um und folgte ihnen nach indem er bald hinter, bald neben ihnen ging und beide, vorzüglich Beate, mit glühenden Blicken betrachtete. Die Wangen der armen Kinder färbten ſich mit Purpur⸗ gluth, ſie eilten, nach Hauſe zu gelangen, aber zum Unglück hat⸗ ten ſie in der fremden Stadt den Weg verfehlt und blickten ängſt⸗ lich nach den Namen der Straßen. Dies benutzte ihr Verfolger. — Sie ſind hier fremd, meine Damen, ſagte er, geſtatten Sie mir, Ihr Führer zu ſein? Beate ſah mit Angſt in ſein unſchönes gelbbraunes Geſicht, in die vor Begierde leuchtenden Augen. — Ich danke, wir finden ſchon, ſagte ſie abweiſend und zog Betty weiter. Aber ſo ſchnell ließ ſich der Offizier nicht abweiſen. — Geben Sie der Wahrheit die Ehre, Sie wiſſen nicht mehr, wo Sie ſind. Sehen Sie da drüben liegt die Kaſerne, dort iſt der Kirchhof— ich vermuthe, daß weder die eine noch der andere das Ziel Ihres Spazierganges ſt. — Nein, ſagte Betty und warf trotzig das Köpfchen empor, freilich wollen wir nach der anderen Seite der Stadt, aber F wollen dahin ohne Sie. — Was Ihnen ober nicht gelingen wird, verſicherte der Zu⸗ — dringliche, denn erſtens naht ſich der Abend, und zweitens ver⸗ Di f laſſe ich Sie nicht, ohne zu wiſſen, wo Sie wohnen, und ohne Hünde 3 die Hoffnung zu haben, Sie wieder zu ſehen. glaubte 1 Die Mädchen waren außer ſich, ſie kehrten um und liefen in Etwe i in geflügelter Eile. Aber Metz iſt, wie alle Feſtungsſtädte, win⸗ unorde kelig gebaut, ſie konnten ſich in dem Gewirr der Straßen nicht Verung ſi zurecht finden und waren furchtbar erſchöpft. ſo ſchüc 1— Sehen Sie, meine Damen, wie Unrecht Sie thaten, ſich— nicht meiner Führung anzuvertrauen, ſagte der Offizier. Ich Beatez weiß jetzt, wohin Sie wollen, ich hörte, wie Sie die alte Frau dieſe H 3 nach dem Wege fragten, Sie ſind ganz nahe, nur durch dieſes dieſe ſ 31¹ Hans brauchen Sie zu gehen, aber Sie werden es vorziehen, ſchwöte ſi blind vorwärts zu laufen, als einen gut gemeinten Rath zu be⸗ Sklaren folgen. beftändi — Iſt der Rath wirklich gut gemeint, ſo befolgen wir ihn die Pa 3 gerne, antwortete Betty, die von den beiden den meiſten Muth Ei 1 hatte. Es iſt nicht ehrenhaft, daß Sie uns durch Ihre Gegen⸗ fallen 4 wart beängſtigen, Sie ſind es uns nun ſchuldig, aus einem Ver⸗ empot folger ein zuverläſſiger Führer zu werden. bn, ho Der Offizier lachte laut auf. P — Habe ich das nicht ſchon vor einer Stunde ſein wollen? ſchigem fragte er und öffnete eine Hausthür. L Die Mädchen traten ein und befanden ſich auf einem dunk⸗ doch len Flur. ließ, ab — Jetzt hier hindurch, rief er ihnen zu, und ſie folgten ihm mal) durch eine zweite Pforte, erſchraken aber, als ſie nicht wieder ſüchig. in das Freie, ſondern in ein ziemlich unordentliches Zimmer ein ah traten. ihn zei — Was ſoll das? fragten ſie beide wie aus einem Munde ſin P und wollten zurück. S — Sie ſind müde und werden ſich einen Augenblick ausru Betty hen, erwiederte der Offizier. He, Huſſein, ſchaff Kuchen und Wein ſollten herbei! in he Ein Diener erſchien, er war in türkiſcher Kleidung und warf feum einen ſchielenden Blick auf den Beſuch, welchen ſein Herr mit⸗ B brachte, dann verſchwand er wieder. N m— ⸗ — 415— ns vet⸗ Die Mädchen nollten ſich flüchten, der Offizier aber ergriff ihre dohne Hände und zog ſie faſt mit Gewalt auf ſein Sopha. Beate glaubte vor Entſetzen ohnmächtig zu werden, Betty beruhigte ſich iefen in Etwas bei dem Anblick von weiblichen Kleidungsſtücken die min⸗ unordentlich umhergeſtreut waren. Indem brachte Huſſein das nniht Verlangte, der Offizier ſchenkte ein und bat die Mädchen, nicht ſo ſchüchtern zu ſein. n ſih— Wer ſo reizend iſt, wie Sie, darf nicht ſpröde thun, lispelte er 3 Beate zu, die Schönheit iſt ja da, um bewundert zu werden. O, e Frau dieſe Himmelsaugen, warum blicken ſie ſo ernſt, warum lächeln diſes dieſe ſüßen Lippen nicht? Hier mit der Hand auf dem Herzen jichen ſchwöre ich es, mein Fräulein, ich würde mich zu Ihrem treueſten zu he⸗ Sklaven erklären, wenn nicht die Reize Ihrer Freundin mich in beſtändigem Schwanken darüber erhielten, welcher von Ihnen ich it ihn die Palme der Schönheit zuerkennen ſoll. Vich Einen Augenblick lauſchten die Mädchen nicht ohne Wohlge⸗ Geger⸗ fallen auf dieſe ſchmeichleriſchen Worte, dann ſprangen ſie wieder n Prr⸗ empor und verlangten hinaus. Er verhinderte es halb mit Bit⸗ ten, halb mit Gewalt. Plötzlich wurde die Thür aufgeriſſen, und eine Dame in bau⸗ ſchigem ſeidenen Gewande rauſchte herein. — Ah, Hektor, in guter Geſellſchaft lachte ſie, dachte ich doch, Du würdeſt in Verzweiflung gerathen weil ich Dich allein duh ließ, aber Du weißt Dir zu helfen. Wie? Gleich Zwei auf ein⸗ mal? Das iſt ein bischen viel, Kaber geh! Ich bin nicht eifer⸗ n in ſüchtig. Ihre Dienerin, meine ſchönen Fräuleins! Iſt er nicht wide ein abſcheulicher Menſch, dieſer Graf Bellegarde? Glauben Sie inmer ihm kein Wort, wenn er.Ihnen Treue ſchwört, trinken wir lieber, ſein Wein iſt mehr werth, als ſeine Schwüre. unde So ſchnatterte das Mädchen weiter, während Beate und Betty vor Angſt und Verlegenheit nicht wußten, wohin ſie fliehen uusri ſollten. So wenig ſie das Leben kannten, ſo ſagte ihnen doch dBe ein heimliches Gefühl, daß ihnen hier Gefahren drohten, denen ſie um jeden Preis entrinnen mußten. d nuf Betty näherte ſich der fremden Dame, von der ſie nicht ahnte, 5 ni⸗ N —— — — — —— — 416— daß ſie die Geliebte des Grafen Hektor von Bellegarde war, und ergriff ihre Hand.. — Wir kennen den Herrn nicht, ſagte ſie in eindringlichem Tone, er lockte uns hierher, wir aber wünſchen, zu unſeren Groß⸗ eltern zurück zu kehren. O, bitte, zeigen Sie uns den Weg, wir ſind hier fremd, und Alles beängſtigt uns. — Iſt es ſo? fragte Liſette und warf einen mitleidigen Blick auf die zitternden Kindet, ach, das ſieht ihm ähnlich! Un⸗ ſchuldige⸗Mädchen in eine Falle zu locken... da er doch mich und meines Gleichen hat... o Du biſt göttlich, Hektor, aber für dieſes Mal verderbe ich Dir den Spaß. Kommt nur, ihr armen Dinger, für Euch iſt Metz ein ſchlimmer Aufenthalt, ſie taugen Alle nichts, aber der da iſt der Schlimmſte. Nein, mein Herr Graf, Sie werden uns nicht nachfolgen, ich ſtehe für die Unſchuld dieſer jungen Damen. — Und für ihren guten Ruf, in dem Du mit ihnen gehſt, lachte Hektor boshaft auf. Liſette ſenkte den Kopf. — Ich weiß, wer ich bin, ſagte ſie ernſt, und weiß auch, wer mich dazu gemacht hat. Könnte ich mich noch heute ändern und brav werden, wie gern thäte ich es! Aber wer würde mir glauben? Es iſt zu ſpät dazu! Meine Menſchenwürde iſt für immer ver⸗ loren! Kommt nur, liebe Kleinen, ſetzte ſie, aufblickend, hinzu, Ihr ſeid überal ſicherer, als bei ihm. Sie rückte ſich ihr kleines, kaum ſichtbares Hütchen zurecht, welches auf einem Wuſt von krauſen Haaren ſchwankte und von deſſen Spitze ein Paradiesvogel ſeinen prachtvollen Schweif auf ihre Locken herabfallen ließ, dann zog ſie Beate und Betty mit ſich hinaus. Die beiden Mädchen waren voll Dankbarkeit gegen ihre Ret⸗ terin, ſie hingen ſich an ihre Arme und achteten es nicht, daß die Offiziere, die an ihnen vorbei kamen, Liſetten frei zunickten oder ihr einen Kußfinger zuwarfen. Liſette hielt die Hände der ſchönen Kinder in den ihrigen, ihre lange Schleppe zog ſie hinter ſich über das kothige Stein⸗ und lichem Groß⸗ g wit idigen Un⸗ h mich er für armen taugen Herr ſchuld gehſt r nich d br uben r vel⸗ hinzu d von † if auf nit zurecht re Reb daß di n de hrigen Stein⸗ — 417— pflaſter, aber die Begrüßungen ihrer Bekannten ermwiderte ſie mit abwehrenden Mienen. Da trat einer auf ſie zu. — Ei, rief er, das iſt eine hübſche Vermehrung für unſere Tanzabende, bitte, Fräulein Liſette, ſtellen Sie mich vor. — Gehen Sie nur, verſetzte ſie ſchnippiſch, die Deutſchen wer⸗ den Ihnen eins aufſpiclen, da mögen Sie Ihre Leichtf üßigkeit, zeigen, wie neulich bei Wörth, für jetzt Platz gemacht! So ging es zu verſchiedenen Malen. Die Mädchen bicenin ſie ſchmiegten ſich immer feſter an Liſette an, die ſtolz darauf war, die Beſchützerin der Unſchuld ſein zu können. Wirklich führte ſie Betty und Beaten bis zu ihrer Wohnung, ja, ſie trat bei ihnen ein und ließ ſich einen Augenblick bei Peter und Madelon nieder, die ſich eben ſo wie die Heimgekehrten in Dankbarkeit gegen ſie auflöften. Endlich brach ſie auf — Ich komme ſchon noch wieder, ſagte ſie, dann müßt Ihr mir noch mehr von Eurer Flucht aus den Vogeſen erzählen. kur hütet Euch vor Hekter von Bellegarde; ſo Gott eine boshafte 86 lange geſchaffen, ſo iſt es dieſer Graf, er kann beſtricken, aber auch giftig beißen und tödten. Was mich betrifft, ich fürchte ihn nicht, ich kenne ihn zu gut, aber ich warne Euch. Die Andern ſind liederlich und dumm, er aber iſt ſchlau und hinterliſtig, und das Beſte wäre ſchon, Ihr verließet Metz und kämt ihm nie mehr unter die Augen. Der Rath ließ ſich leider nicht mehr befolgen. Metz war bo⸗ reits von einem eiſernen Gürtel umgeben, der ſich immer feſter znſammen zog. Schon ſprach man davon, daß Bazaine den Deut⸗ ſchen eine große Schlacht unter den Mauern der Feſtung liefern wollte. Es wurde Alles dazu vorbereitet. Auf den Mauern wurden Kanonen und Mitrailleuſen aufgefahren, die Soldaten murden bewaffnet und einexerzirt, die Landleute in die Stadt hinein gezogen. Die Bürger zitterten, ſie fürchteten, daß die Deutſchen ſich nicht damit begnügen möchten, die Feſtungswerke zu be⸗ ſcießen. Es wurden großartige Vorbereitungen gemacht, um ſich im Falle einer Feuersbrunſt zu ichern. Alle nur einigermaßen zuhch D. V. 27 ——— — 418— wohlhabenden Einwohner ve ſahen ſich auf Monate mit Lebens⸗ mitteln und mit Waſſer, Soritzen wurden herbei geſchafft, und Alles, was werthvoll war, verbarg man in feuerfeſten Kellern oder in der Erde. Es war eine Zeit der ängſtlichſten Spannung. Die Leute erkletterten die Kirchthürme, um nach der Stellung der Feinde zu ſpähen, und wer ſich für kampffähig erachtete, der ſchaffte ſich Waffen an, um ſich im ſchlimmſten Falle gegen eindringende Schaaren vertheidigen zu können. Im Allgemeinen vertraute man auf die Stärke der jungfräulichen Feſtung, und auf Bazai⸗ nes trotzigen Sinn. Er flößte den Franzoſen Reſpekt ein; dieſer Mann mit der ſchweigſamen Miene und dem ſtarren eiſernen es war eine arge Täuſchung. 48. Kopitel. 5 Heimlicher Handel. — ſeines Heeres geſammelt. Es war dies keine kleine Aufgabe. Die Riederlagen bei Wörth und bei Weißenburg waren ſo vollſtän⸗ war, wie Staub vor einem Windhauch nach allen Seiten fliegt. rothen Hoſen und vertauſchte ſie mit preußiſchen Militairbeinklei⸗ Bauern. Das Kriegführen iſt eine elende Sache, wenn man geſchlagen wird. Großprahleriſch waren die Leutchen ausgezogen ſie hatten auch jetzt noch keine Luſt, von ihren ſtolzen Worten zu laſſen, Weſen. Noch ſah man in ihm den rettenden Engel Frankreichs Mac Mahon, der Herzog von Magenta, hatte die Trümmer dig geweſen, daß das ganze gewaltige Heer auseinander geſprengt Manch ein Franzoſe entledigte ſich im nächſten Kornſelde ſeiner dern, lieber noch mit dem leinenen Anzuge der franzöſiſchen aber ſie fühlten ſich höchſt unbkhaglich, denn Alles, was ſie er⸗ 1 lebten, dieſem reichen ſchon e in die wagten, nüriſc was f Mohl. D verſchle en ihn zelnen 2 unter bezahlt leute ſtellen ſchl und Conſt den 1 Spaß aufge Bul zeigt tiſſe Thät und kedu — f ebens⸗ und ellern Leute de zu te ſich igende traute Bazai⸗ dieſer ſernen reichs —————— — 419— lebten, widerſprach vollſtändig dem Bilde, welches man ihnen von dieſem Feldzug gemacht hatte. Schon ſahen ſie ſich auf den reichen deutſchen Bauerhöfen nach vergrabenen Schätzen ſuchen, ſchon erblickten ſie in ihren ſtolzen Träumen die deutſchen Städte, in die ſie als Sieger einzogen, die deutſchen Frauen, die es nicht wagten, ſich ihren Umarmungen zu entziehen. Jetzt gingen ſie mürriſch an den Kaptoffel⸗ und Rübenfeldern entlang, riſſen aus, was ſie faſſen konnten, und bereiteten ſich ein königliches Mahl. Die eigenen Landslente, freilich deutſch redende Elſaſſer, verſchloſſen ihre Häuſer vor ihnen und wieſen ſie ab oder reich⸗ ten ihnen ein kärglich zugemeſſenes Stück Brot, wenn ſie in ein⸗ zelnen Haufen ankamen. Die Deutſchen hatten auch bei ihnen vorgeſprochen und mit⸗ unter ziemlich ungeſtüm nach Nahrung verlangt, aber am Ende bezahlten ſie Alles, oft zum Erſtaunen ihrer Wirthe, deren Lands⸗ leute ſch als Gäſte geberdeten, die man nicht hinter die Thür ſtellen darf, wenn ſie auch noch ſo ungebeten kommen. Mancher franzöſiſche Soldat hielt es alſo für weit beſſer, ſich leiſe fort zu ſchleichen, die Flinte in das Korn zu werfen und nach Haus zu gehen, um ſich hinter dem Ofen vor der Conſkription zu verſtecken. Wer nahm es gern noch einmal mit den Deutſchen auf, die ſo derb drein ſchlugen und ſo gar keinen Spaß verſtanden? Es war für die Offiziere ein ſchreckliches Geſchäft, die aufgelöſten Haufen wieder zu ſammeln, ſie fanden ſich aus allen Weltgegenden her ein, und als man ſie zu Regimentern formirte, zeigte es ſich, welche furchtbare Lücken Tod und Deſertion ge⸗ riſſen hatten. Der Herzog von Montalto war der unermüdlichſte unter den Befehlshabern. Ihn trieb eine innere Angſt zu unausgeſetzter Thätigk it, er durfte nicht zur Ruhe kommen, durfte der lauten und mahnenden Stimme ſeines Gewiſſens kein Gehör leihen, er bedurfte der Arbeit und der Zerſtreuung, wie man des Eſſens be⸗ darf, er fühlte, daß eine Stunde des Müßiggangs und des Rach⸗ 27* 3— d 1 denkens ihn zum Tode, zum Tode von der eigenen Hand treiben Fa müßte Männ ¹ Er ſuchte ſein Lager nicht eher auf, bis er überwältigt von 6 1 Müdigkeit nicht mehr zu ſtehen vermochte, dann gab ihm dor in Schlaf eine kurze Erquickung, und er erwachte, um ſich abermals F ſi in den Strudel der Geſchäfte zu ſtürzen 1 Endlich war es ihm gelungen, mehrere Regimenter vollſtän⸗ ſunber dig zu machen. Der Kaiſer, der über ſeine Truppen eine Heer⸗ gihen 3 1 ſchau abhielt, lobte ihn dafür ganz beſonders und beſchenkte ihn mit einem Orden. Montulto verneigte ſich mit trüber Miene; wie hatte er den Orden verdient, er, der Betrüger, der Mörder, Sohr ſi. der Dieb? in ijn 3 Oft ergriff ihn eine namenloſe Angſt um Weib und Kinder, zußj und er bat den Lieutenant Bertin, ſeinen Adjutanten ihm Rach⸗ ſun 3 richten aus Paris zu verſchaffen. Aber Alles, was er erfuhr, be⸗ eſat ſtätigte ihm nur, daß Iduna ſich noch immer in der Hauptſtadt int befand, und daß ſie allein mit Helenen war. So hatte der grau⸗ in drr ſame Pater Venturo ihr die Knaben nicht zurückgegeben! un Montalto ſeufzte tief. Lehten ſie noch, die herrlichen Jun⸗ der gen, die einſt ſein Stolz und ſeine Freude waren, lebte Marga⸗ und rethe noch, ſie, für deren fürſtliche Ausſtattung die Kaiſerin ver⸗ ſhn ſprochen hatte, Sorge zu tragen? Er mochte nicht an die Zeit zurückdenken, wo ſich ihm in dem tetem Juilerienpalaſte alle Pforten öffneten, wo Eugenie ihn mit beſon⸗ dmna derer Gunſt auszeichnete. Das Alles war vorbei— verſunken in einen Abgrund von vrat Sünde und Schande!— Was vor ihm lag, war Arbeit und ein wift Heldentod, der wenigſtens in Etwas die große Schuld ſeines Le⸗ Wi bens ſühnen konnte. Wie ekelten ihn jetzt die Vergnügungen an, um deren willen er Eeſundheit, Ehre und Vermögen hingegeben genu hatte! hatt Unter den Offizieren war kaum einer, der nicht ein Liebchen nur mit ſich führte, und ein Haufen lüderlicher Weiber zeigte ſich überall, das wo das Heer raſtete. Jeden Abend gab es Muſik und Tanz, fütte ohne den die Franzoſen gar nicht exiſtiren können, iede Nacht gab chte 1 d teiben ltigt von ihm dor hetmals vollſtän⸗ n Hrer⸗ enkte ihn Niene; Mörder, Finder, m Rach⸗ uhr, be⸗ uptfindt et grau⸗ en Jun⸗ Mara⸗ in der⸗ in dem t beſon⸗ und von und ein nes Le⸗ gen un, gegeben Liebcher iberl d 40 gub — 421— * Raufereien, Zank unter den Frauen, GSiferſucht unter den Männern. Es war vergeblich, Ordnung ſtiften zu wollen, die Offiziere gaten das böſe Beiſpiel, und die Gemeinen folgten ihnen nach. Wie ſie da in der lauen Sommernacht auf dem Felde lagen, war es ein wunderbar belebtes Bild. In der Mitte des Platzes ſtanden die Zelte der Offiziere. Gläſerklirren und Geſchwätz, Lachen gellender Frauenſtimmen und Geſang ertönten aus einem jeden. In weiterem Umkreis brannten die Feuer, an welchen die Soldaten ihre Abendmahlzeiten kochten. Da kauerten die Turko's in ihren maleriſchen Trachten, dieſe in bloßem kahl geſchorenem Kopfe, jene den Mantel mit der weißen Kapuze übergeworfen, hier die Bewohner des ſüdlichen Frankreichs, kleine bewegliche Geſtalten mit pechſchwarzen Haaren, ſcharf gekrümmter Naſe und dunkel blitzenden Augen, dort die Pariſer, die mit den Händen in den Hoſentaſchen ihren Lieblingstanz, den abſcheulichen Ean⸗ can, ausführten. Der Eine ſpielte mit einer rieſengroßen Katze, der Andere machte Kunſtſtücke mit drei Hunden, Dieſe würfelten und zankten ſich dabei, Jene warfen ſich mit Meſſern und trafen ſich nur allzu oft tödtlich Und wieder weiter hin ſtanden und lagen ſie um die Mar⸗ ketenderwagen herum und ließen das letzte Geldſtück in Abſinth darauf gehen. Es ſind feine Leute, dieſe Franzoſen, ſie eſſen kein ſchwarzes Brot und backen es nur aus Weizenmehl, fie verſchmähen das kräftige Bier und nippen an dem Likörgläschen oder ſetzen die Weinflaſche an den Mund. Die alte Margot konnte nicht genug ausſchenken, aber oft genug ſchlich ſich die Hälfte mit der Bezahlung davon. Darauf hatten Richard und Arthur zu achten. Sie nannte die Knaben nur immer ihre Affen. Die Affen mußten die Soldaten bedienen, das Geld einkaſſiren und abliefern den Mauleſel ſchirren und füttern, die Gefäße reinigen und immer auf Margots Befehle achten. Welch' ein Zuſtand für die unglücklichen Knaben! Aus — heimlicher Schadenfreude hatte Margot ſie grade ſo bich in die Nähe ihres Vaters geführt. Täglich hörten ſie den Namen des Herzogs von Montalto, ja, ſie ſahen ihn vorbeireiten und durften nicht zu ihm eilen, durften ihn nicht anflehen, ihnen beizuſtehen. Denn Margot hielt ein wachſames Auge auf ſie, ſie durften ihr nicht von der Seite, und außerdem hatte ſie ein paar alte Soldaten zu Freunden, denen ſie den Feſti gegeben hatte, auf ihre Affen aufzu⸗ paſſen. Dieſe Soldaten, g ausgediente Krieger von Mexiko und China her, hatten es verſtanden, ſich durch Schmeicheleien bei ihr in Gunſt zu ſetzen, Franzöſinnen werden niemals zu alt für die Luſt am Gefallen. Margot bezahlte einen jeden Kuß mit einer Butterſemmel oder einem Gläschen Kognae, dafür hatte ſie immer hilfreiche Hände, wo es galt, ſie gegen Grobheiten anderer Sol⸗ daten zu ſchützen oder die anderen Marketenderinnen nicht voraus zu laſſen. Richard und Arthur ſahen wohl, daß unter dieſen Umſtän⸗ den an keine Flucht zu denken ſein würde und dennoch zog es ſie mit unwiderſtehlicher Gewalt zu ihrem Vater hin. Sie ſahen ihn ſo bleich, ſo ernſt und in ſich verſchloſſen. Gewiß, er litt, er litt um ihretwillen, es reute ihn, daß er ſie in die Penſion des Doktor Vally gegeben hatte, er ſehnte ſich nach ihnen, ſie durften wieder an ſeinen Buſen fliehen, durften ihn wieder mit dem ſüßen Namen Vater nennen, und dieſes Mal, gewiß, dieſes Mal würde er ſie nicht wieder von ſich ſtoßen. Dieſe Gedanken beſchäftigten ſie Tag und Nacht. Endlich ſchien ihnen der Augenblick zur Flucht gekommen. Margot trieb ein ziemlich ergiebiges Nebengeſchäft mit den Sachen, die ſie auf. den Schlachtfeldern raubte. Freilich mußte ſie dabei die größte Heimlichkeit beobachten, und Niemand durfte ahnen, daß ſie die Taſchen ihrer weiten Hoſen voll von geſtohlenen Ringen und Geldtaſchen, Uhren und Ketten hatte. In der Stille der Nacht, wenn Alles ſchlief, ſtand ſie von dem ärmlichen Lager auf, welches ſie ſich und den beiden Knaben unter dem Zeltdach ihres Marketenderwagens bereitet hatte und horcht nicht und e gnügt eine n tiefſter Naſer noch ſie ur zu u von Leib Geru Loch Gelr Aas dien ihr chen eing eina ſchen Schu aus gibt Vu t in de lontalto, m eilen, got hielt Seite, eunden, z⸗ iio und hei ihr für die t einer eimmer er Sol voraus Umſtän⸗ eg e ie ſchen el litt, Penſion nen ſie eder nit dieſes Endlich ſie uuf gi ſie die en und ſie von Knuben te un * — horchte eifrig, ob ihre Affen feſt ſchliefen. Dieſe bewegten ſich nicht. 3war war Richard wach, aber er drückte die Augen zu und athmete ſo gleichmäßig als möglich. Da nickte Margot ver⸗ gnügt mit dem Kopfe, hüllte ſich gegen die kühle Nachtluft in eine wollene Decke und kroch von dem Wagen herunter. Nahebei lagen ihre beiden Freunde, Simon und Martin, in tiefſtem Schlafe. Es waren ein paar häßliche Kerle mit rothen Naſen, kleinen ſtechenden Augen und ſtruppigen Haaren. Den⸗ noch betrachtete ſie die alte Margot mit Blicken der Liebe. Die werden mir meine Affen nicht davon laufen laſſen, dachte ſie und ſchlüpfte zwiſchen ihnen durch, dem Wald zu⸗ Der Weg war nicht weit, aber es gehörte Muth dazu, ihn zu unternehmen. Hier und da lagen noch unbeerdigte Leichen von Menſchen und Thieren, ſie ſtolperte über ein Pferd, deſſen Leib von der Verweſung hoch aufgeſchwollen war, ein ekelhafter Geruch verbreitete ſich rings umher, und wo das Blut in dickeren Lachen geſtanden hatte, ſah man im Mondſchein ein weißliches Gekribbel von Maden, oder ſchwarze Nachtvögel, die um ein Aas herumſchwärmten. An ſo etwas kehrte ſich Margot nicht, wenn es Geld zu ver⸗ dienen gab. Ihre Naſe war an allerlei Gerüche gewöhnt, und ihr Gefühl war abgeſtumpft gegen den Tod und ſeinen ſchreckli⸗ chen Begleiter, die Verweſung. Im Walde ſtand ein Häuschen. Die Granaten waren hin— eingeſchlagen und hatten das Dach zerſchmettert, die Winde aus⸗ einandergeſprengt, die Hausgeräthe verbrannt. Die Trümmer ſahen traurig genug aus, dennoch gewährten ſie noch einigen Schutz gegen den Nachtwind. Auch leuchtete ein heller Schein aus ihnen hervor. — Franz! rief Margot, biſt Du da? Sogleich zeigte ſich eine männliche Geſtalt vor der Hütte. — Aha, alte Eule, rief Franz Godard, kommſt Du wirk⸗ lich? — Wie ſollte ich nicht kommen, wo es etwas zu verdienen giebt? lachte die Alte. Haſt ja ein hübſches Feuer auch was Warmes da in dem Keſſel wie? — 424— — Ein bischen Rum mit Waſſer, erwiederte der junge Mann und ſchob ſeänem Gaſte einen alten Kaſten hin, den das zerſtö⸗ rende Element zufällig verſchont hatte.. Margot ſetzte ſich und blickte umher. — Wie willſt Du es anfangen, alles das weiter zu ſchaffen? fragte ſie — Das macht ſich ſchon, ſagte Franz, man muß nur ſeine Bekarmntſchaften haben. Es ſind Chaſſepots, die meiſten haben umſere Soldaten auf der Flucht von ſich geworfen, weißt Du, mit wem ich darüber in Verhandlung ſtehe? — Nun? fragte die Alte mit Neugierde. — Mit meinem Vater, mit dem Herzog von Montalto, er⸗ wiederte Franz. Seitdem wir von den Deutſchen beſiegt worden ſind, hat er eine heilloſe Angſt gekriegt Jetzt ſind da eine Menge Soldaten zuſammen getrommelt worden, aber keiner will wiſſen, wo ſeine Waffen geblieben ſind. Das iſt ſchlimm, man muß in aller Eile Kſeriti Patrontaſchen, Munition herbeiſchaffen, und da bin ich wilkommen. Für jedes Dutzend Gewehre, das ich ab⸗ liefere, bekomme ich faſt ſo viel, wie ſie werth ſind, es iſt kein ſchlechtes Geſchäft, denn die Montirungen bringe ich anderweitig unter und für die Pferde habe ich bei den Deutſchen ein hübſches Sümmchen gekriegt. — Was, rief Du verkaufſt franzöſ ſiſche Gäule an deutſche Reiter? — Wer ſpäterhin darauf zu ſitzen kommt, das iſt me ſo gleichgültig, wie der Beſtie ſelber, lachte Franz⸗ ich nehme mein Geld, das iſt Alles, und die Feinde bezahlen gut. Es iſt nur ſchade, daß ich da drüben nicht auch für die Chaſſepots eine Ab⸗ nahme finde, aber ſie meinen noch nmer, daß die Zündnadeln heſſer ſind. Was aber bringſt Du mit, Margot? Die Alte ſchüttete ihre Taſchen aus. — Donnerwetter, riéf Franz Godard, da ſtecken ja noch die Finger in den Ringen und faulen ſchon. Mit dieſen Worten riß er die abgeſchnittenen Gliedmaßen heraus und warf ſie in das Feuer. ich m trauen nicht ſich d ſcher verna deſto Gold Du a mitiler es ſir hen gen ſagte Parie Blike betrg freut Schl ſehher mal frag daß weh ud Mann zerſtö⸗ affer7 ſeine haben t Du. to, er⸗ vorden Menge wiſſen, nß in und iſt kein rweitig übſches ule an m ſ e mein Wb⸗ ſi ne oh de — Damit, ſagte er dann, läßt ſich hier kein Geſchäft machen, ich muß es zu Iſidor ſchicken — Wird er uns nicht betrügen? fragte Margot mit Miß⸗ trauen. — Gewiß wird er das, verſicherte Franz, aber es läßt ſich nicht anders machen, die Sache muß heimlich betrieben werden, ſieh doch, in dieſen Trauringen ſtehen ja die Namen in deut⸗ ſcher Sprache, freilich haſt Du auch unſere lieben Landsleute nicht vernachläſſigt, Margot, man muß gegen Alle gerecht ſein, aber deſto gefährlicher iſt der Handel für uns. Iſidor ſchmelzt das Gold znſammen und verkauft es, den Profit theilen wir uns, Du als ehrliche Finderin, er als Verkäufer, und ich als Ver⸗ mittler. — Aber meine Arbeit iſt die ſchlimmſte, meinte das Weib, es ſind ſo viele dahinter her, und die verfluchten Deutſchen ſe— hen uns auf die Finger, und haben geſchworen, Jeden aufzuhän⸗ gen, den ſie dabei erwiſchen. 2 — Pah, man muß vorſichtig ſein und ſich nicht fürchten, ſagte Godard. Sei getroſt, ich ſchicke das Alles heute noch nach Paris... Aber ſage mir, wo iſt denn Liſette? — Bei ihrem Grafen, verſetzte Margot und ſah mit trüben Blicken, wie Franz die Schätze, die ſie bisher als ihr Eigenthum betrachtet hatte, einpackte, um den Verdienſt, auf den ſie ſich freute, in drei Theile zu theilen. — Und wo iſt der Graf? fragte Franz weiter. — Weiß ich es? brummte die Alte, es iſt ja nach der Schlacht bei Wörth Alles auseinandergeſprengt. Ich ſehne mich ſelber genug nach meinem Töchterchen. — Und ich, ſeufzte der junge Mann, ich kann Liſetten ein⸗ mal nicht vergeſſen. O, ich weiß es, ich bin ein Rarr, denn was fragt ſie nach mir, da es ihr gut geht, aber bitter iſt es doch, daß ich ſie habe verlieren müſſen! — Vielleicht wirſt Du reich, Franz, und zeigte auf die Ge⸗ wehre und Montirungen. Mein Kind kann nur noch in Seide und Atlas gehen. — Schon gut, Mutter, man muß das Beſte hoffen, aber nun thu mir den Gefallen und geh heim. Beim Morgengrauen will der Herzog die Sachen da holen laſſen, und ich möchte keine Zeugen dabei haben. — Haſt Recht, verſetzte die Marketenderin und ſtand auf, ich muß für Frühſtück ſorgen und meine Jungen in Trab brin⸗ gen ſonſt ſchlafen ſie ſich faul wie die Murmelthiere.* — Haſt Du die Jungen immer noch? fragte er und beglei⸗ tete die Frau hinaus. Wenn das der Herzog wüßtel — Er weiß es aber nicht, kicherte Margot, ich halte ein ſcharfes Auge auf ſie, ſie dürfen mit Niemand reden. Uebrigens kann ich nicht klagen, ich habe ſie mir gut gezogen, aber nun will ich machen, daß ich zu einem andern Armeekorps komme. Sie hören zu oft den Namen ihres Vaters das taugt nichts, das, macht ihnen Gedanken. Leb' wohl, Franz, ſorge für unſer Geſchäft. — Verlaß Dich darauf, Mutter Margot, antwortete er, ich will es Iſidor auf die Seele binden. Margot ging durch den Wald zurück, als eben die Sonne ihrem Aufgange gluthrothe Strahlen vorher ſandte Sie hatte keinen Sinn für die Herrlichkeit der Natur, kein Gefühl für die Allmacht Gottes, die ſich darin offenbart und zu dem Menſchen von ſeinem Schöpfer ſpricht, der ihm ein Richter iſt für alle böſen Thaten. Sie war verdrießlich, weil der Leichenraub ihr heut nicht halb ſo viel Gewinn verſprach, wie ſie davon erwartet hatte. — Der Teufel mag darein ſchlagen! ſagte ſie. Bis jetzt habe ich die Sache ſo ſäuberlich gemacht, kaum daß ich einmal einer Leiche einen Finger abgeſäbelt habe, jetzt werde ich mich nicht mehr geniren, jetzt ſteche ich Jedem die Augen aus, der mich dabei anſieht, jetzt mache ich Jedem den Garaus, der noch einen Athem in der Kehle hat. O, die Margot kann auch boshaft werden, wenn ſie ärgerlich iſt, und darüber ſoll man ſich nicht ärgern, wenn ſolch' ein Hund, wie der Iſidor, Einem das beſte Fett von der Suppe abſchöpft! O, ich bin wild, fuchswild auf ihn, und wenn mir heute meine Affen nicht Alles zu Dank ma⸗ chen, dann werden ſie es empfinden, daß ich mir die ſchöne Nacht⸗ ruhe meinel muß, 6 war ſc Soldat höchſe Frühſt aber in der muß. Habe nichte viel Voy fand ſanft por, verli iree ſi ſte ſchu grauen te keine d auf, hrin⸗ beglei⸗ lie ein brigens e nen komme. nichts unſer er ich Sonne e hatte für die enſchen r alle r heut rwartet i jet einnal h mich 16 der h einen ch nicht s beſte id uf n n Mh — 427— ruhe um die Ohren geſchlagen habe um zu erfahren, daß ich meinen ſauren Verdienſt noch mit zwei nichtsnutzigen Kerlen theilen muß, ich, die ich doch ein armes Weib und eine Wittwe bin. So brummend und ſcheltend nahte ſie ſich dem Lager. Es war ſchon lebendig, die Biwakfeuer waren erloſchen, und die Soldaten bereiteten ſich zum Weitermarſche vor. Es war die höchſte Zeit daß Margot zurückkam, wenn fie noch von dem Frühſtück der Leute einen Verdienſt haben wollte. 49. Kapitel. Die Verſtoßenen. Als ſie ſich ihrem Karren näherte, war Alles ſtill. — Aha, ſagte ſie zu ſich ſelber, die Bengel ſchlafen noch. aber ich will ſie mit Prügeln munter machen, bin ich doch gerade in der Laune, daß ich meinen Aerger an irgend Wym auslaſſen muß. Wo ſind die lüderlichen Schlingel, Simon und Martin? Habe ich ihnen nicht befohlen, hier Wache zu halten, damit mir nichts geſtohlen wird? H, meine Herren, heut könnt Ihr mir viel von meinen ſchönen Augen vorſchwatzen, es giebt keinen Tropfen Likör umſonſt, verlaßt Euch drauf. Sie ſchlug die Leinewand zurück, unter der ſich ihr Kram be⸗ fand, da lag der Mauleſel und ſchlief mit angezogenen Ohren ſanft und ſelig. Eine bange Ahnung ergriff die Frau, ſie riß die Decke em⸗ por, unter welcher Richard und Arthur lagen, als ſie ihren Karren verließ— die Stätte war leer, die Knaben waren verſchwunden. Margot war außer ſich, ihr Athem ſtockte, die Wuth erſtickte ihre Stimme, ſie konnte nicht ſchreien, konnte nicht einmal fluchen, ſie ſtand wie verſteinert, und ihre erſte Bewegung war, dem un⸗ ſchuldigen Mauleſel Eins überzuziehen, daß das arme Vieh ganz — 428— erſchrocken auf ſeine Beine ſprang. Dann ſtürzte ſie vor das Zelt — Wo ſind die Jungen, wohin ſind ſie geflohen? Die Frage war leicht zu beantworten. Wenn der Herzog von Montalto erfuhr, daß ſie ſeine Söhne vor ihm verheimlicht hatte, ſo war ſie verloren. Aber ſelbſt, wenn ſie ſich dem Zorn eines gekränkten Vaters zu entziehen vermochte, wie konnte ſie ihr Geſchäft fortſctzen ohne die Hilfe ihrer beiden Knaben, die Skla⸗ vendienſte bei ihr verrichteten? Und Sſidor, der ſie ihr anvertraut hatte, würde er nicht wüthend ſein, und ouch Franz, den ſie jetzt am allerwenigſten ent⸗ behren konnte, da ſie ſonſt Niemand hatte, der ihre unſauberen Geſchäfte vermittelte? O, es war eine furchtbare Wuth, die in dem Buſen des al ten Weibes tobte, ſie hätte die Jungen ermorden mögen, die es wagten, ſich ihrer Gewalt zu entziehen. Ja, ſie waren geflohen, aber wie? Kaum hatte Margot in der Nacht den Karren verlaſſen, als Richard ſeinen Bruder leiſe zupfte. — Was giebt es? fragte der, noch ganz nrtſchlſen — Sie iſt ſort, flüſterte Richard, und kommt nicht 6 bald zurück Jetzt iſt es Zeit, zu fliehen. Arthur vichtete ſich empor. — Wird das möglich ſein? ſragte er, die Soldaten ſchlafen nicht; ſie werden uns anrufen, und was ſollen wir dann er⸗ wiedern? ſ — Daß wir den Herzog von Wontalto ſprechen wollen, ant⸗ wortete Richard. Komm, laß uns keinen Augenblick verlieren, wer weiß, ob die Gelegenheit noch einmal ſo günſtig i Arthur ſprang empor. — Ja, laß uns fliehen, rief er, lieber ſterben, als 1 län⸗ ger ſo leben! Sie kletterten von dem Karren herunter. — Hoans ſchläft, ſagte Richard und zeigte auf den Mauleſel. Arthur beugte ſich zu ihm hinab und ſtreichelte ihn. ——— wohl waren ſie in chend Turko oder S ligt 1 Anbete Schild ang vor 2 Ficht morg iſt och, Stur nur dring Vil dunn der vor das heimlicht em Zorn e ſie ihr die Sila⸗ er nicht igſten ent⸗ nſauberen uſen des n, die es ſen, als . nicht ſ⸗ ſchlufen dann el⸗ len ant⸗ id. noch län⸗ ſnleſt — 429— — Es thut mir leid, ſagte er, daß das gute Thier hier zu⸗ rückbleiben muß. Richard zog ihn mit ſich fort. Da lagen Simon und Mar⸗ tin gerade vor ihnen und ſchnarchten furchtbar. Leiſe und vor⸗ ſichtig ſchlichen ſich die Knaben vorüber. Sie wußten, wo das Zelt ihres Vaters ſtand, aber es war wohl eine halbe Stunde weit von dem Orte, dem ſie entflohen waren. Sie ſuchten die dunklen Stellen auf. Mitunter ſtießen ſie in der Finſterniß an einen ſchlafenden Soldaten, der ſich flu⸗ chend umwandte und weiter ſchlief, mitunter auch ſtiegen ſie über Turko's hinweg, die in ihre Kapuzenmäntel eingewickelt waxen, oder über Waffen und Torniſter. So kamen ſie, wohl einige Male angerufen, aber unbehel⸗ ligt, bis zu den Offizierszelten. Das heitere Lachen der übermüthigen Mädchen und ihrer Anbeter war verſtummt, es lag Alles in tiefem Schlafe, nur die Schildwachen froren in dem kühlen Winde, der dem Sonnenauf⸗ gang vorherzugehen pflegt, und gähnten vor Langeweile und vor Müdigkeit. — Wer da? rief die eine die beiden Knaben an. — Wir wollen zu dem Herzog von Montalto, antwortete Richard, ſo keck er es vermochte. — Mitten in der Nacht? fragte der Soldat. Wartet bis morgen. — O nein, rief Arthur, wir müſſen ihn ſogleich ſprechen, es iſt ſehr nothwendig! — BGeht nicht, lautete die Antwort. Der Herzog arbeitet noch, Lieutenant Bertin, ſein Adjutant, verließ ihn vor einer Stunde und ſagte, der Herzog von Montalto will ungeſtört ſein, nur wenn eine Botſchaft des Kaiſers kommt, iſt er zu ſprechen. Die Knaben legten ſich auf's Bitten, ſie flehten ſo ein⸗ dringlich, daß die Schildwache endlich gerührt wurde. — Nun gut, ſagte der Soldat, ſo geht zum Kammerdiener. Will der es auf ſich nehmen, Euch zu dem Herzog zu führen, dann meinetwegen, ich mag nichts damit zu thun haben. Da iſt der Weg; nun macht, daß Ihr fortkommt. — 430— Wer war froher, als die Jungen! Sie kannten die Diener ihres Vaters und hofften, auch von ihnen erkannt zu werden. Eilig liefen ſie dem Zelte zu, in welchem die Leute des Her⸗ zogs ſchliefen. Aber dieſe ließen ſich nur höchſt ungern im Schlummer ſtören. Die Raſtloſigkeit, die ihren Herrn ergriffen hatte, machte der Dienerſchaft viel zu ſchaffen, ſie hatte keinen Augenblick der Muße, ſtets gab es etwas zu ſchicken, zu beſorgen, nun wurde ſelbſt die karg zugemeſſene Nachtruhe durch zwei fremde Knaben geſtört. Mit mürriſcher Miene, die Schlafmütze über die Ohren ge⸗ zogen, kam der Kammerdiener aus dem Zelt hervor. Die Knaben erſchraken, denn es war ihnen ein fremdes Geſicht, ſie hatten den Mann niemals geſehen. — Was wollt Ihr? fragte er fie in verdrießlichem Tone. — Wir möchten den Herrn Herzog ſprechen, baten die armen Kinder. — Wer ſeid Ihr? — Wir heißen Richard und Arthur, und bitten ihn, daß er uns zu ſich läßt. — Gut, wartet, ich will es ihm ſagen. Der Mann ging hinein. Er fand ſeinen Gebieter noch bei der Arbeit. Der Herzog rechnete, ſchrieb Berichte und machte Schlachtpläne, dazwiſchen ging er unruhig durch den engen Raum, er ſehnte ſich nach Schlaf, aber ſeine Pulſe klopften. Immer und immer wieder ſah er das Bild des Mannes vor ſich, dem er Gift gereicht hatte und der ſo blauroth und dann ſo todten⸗ bleich geworden war. ein ſchreckliches Bild. Und dann tauchte Iduna's edles Antlitz vor ihm empor, und ihre bleichen Lippen ſagten: Du haſt mich elend gemacht! Und dann ſah er einen Galgen und ſich ſelber hoch in der Luft ſchweben, und das Volk wies auf ihn und rief: Das iſt ein Landesverräther..! Er ſchrak zuſammen, als der Kammerdiener bei ihm eintrat — Was giebt es, fragten ſeine bleichen Lippen. — Zwei Knaben ſind da, ſie nennen ſich Richard und Arthur, und bitten, Eure Herzoglichen Gnaden ſprechen zu dürfen. Richard und Arthur., dieſe Namen drangen wie ſcharfe Pfeile Pater 2 es der die frem leid in ſeine eig tiger geg war? die Zeit Bett, es Stunde beläftigt De Beſcheid er uns D Wür! dachen langt. welchee des 3 Aber Knabe Marg ögeſe Vang gemac — ni p Dienet werden. des Her⸗ ern in ergrifen einen eſorgen, ch wei hren ge⸗ Knaben tten den m Lone. ie armen ihn, duß wch bei machte Raum, Inmel ich dem tobten⸗ uchte Lippen er einen eintt urd und bürfen ſih — 431— Pfeile in ſein Vaterherz. Indeſſen hatte er ſeine Söhne dem Pater Venturo übergeben, o, er wußte es nur zu gut, wie ſehr es der Jeſuit verſtand, ſeine Beute feſt zu halten. Wer konnten die fremden Kinder ſein? Bettler, Waiſen vielleicht, die ſein Mit⸗ leid in Anſpruch nehmen wollten, das Mitleid eines Mannes, der ſeine eigenen Söhne dem Elend übergeben hatte. Sollte er gü⸗ tiger gegen Fremde ſein, als er gegen ſein eigenes Blut geweſen war? — Ich kenne die Knaben nicht, ſagte er finſter, und finde die Zeit ſchlecht gewählt, um zu mir zu kommen. Ich will zu Bett, es muß bald Morgen ſein. Wecke mich um vier Uhr, eine Stunde Schlaf wird mir genügen. — So ſoll ich die Knaben abweiſen? fragte der Diener. — Ich kann nicht dulden, daß alles Geſindel der Welt mich beläſtigt. Geh, ich will ſchlafen. Der Kammerdiener ging hinaus und brachte den Kindern den Beſcheid. Thränen entſtürzten ihren Augen. — Laß uns hier bleiben, wenn er aus dem Zelte tritt, wird er uns ſehen und erkennen. Der Kammerdiener hinderte ſie nicht, als ſie ſich vor der Thür des Zeltes niederhockten, ſie ſaßen da in Thränen und dachten an den Vater, der drinnen vergeblich nach Schlaf ver⸗ langte. Endlich erhob ſich der gequälte Mann von ſeinem Lager, welches er fruchtlos aufgeſucht hatte. Er ſchlug den Vorhang des Zeltes zurück, am Himmel ſtrahlte das Morgenroth mit gol⸗ digem Scheine, es umgab ſeine dunkle Geſtalt wie mit Blut. Aber ſeine Söhne erkannten ihn. — Vater, Vater! errette uns, nimm uns zu Dir! Ihm klang es wie Geiſterſtimmen. Er ſah die knieenden Knaben, ſie ſchienen ihm fremd, trugen ſie doch die Lumpen, die Margot ihnen gegeben hatte, waren doch ihre duftigen Locken abgeſchnitten, hatte doch Hitze und Ermüdung die Röthe ihrer Wangen gebleicht und ihre ſonſt vollen Geſichter mager und elend gemacht. — Wer ſeid Ihr, ich kenne Euch nicht! ſagt er düſter und mit Blicken, die wie im Wahnſinn glänzten. — 432— — Vater, wir ſind es, Dein Arthur, Dein Richard. — O, Ihr meine Söhne, wie? Nein Ihr ſeid es nicht! ſtöhnte er, Betrüger, die ſich in mein Vaterherz ſtehlen möchten, Nacht⸗ geſpenſter, wie ſie mich beſtändig umſchweben, ſeid Ihr.— Fort, fort von hier! Er taumelte in ſein Zelt zurück.. die Knaben lagen noch immer auſ den Knieen... — Habt Ihr es nicht gehört? fragte eine rauhe Stimme und zwei feſte Hände legten ſich auf ihre Schultern, fort, fort von hier! Es war die Schildwache, ſie hatte ihre Pflicht zu erfüllen... Die Kinder wurden emporgeriſſen, ſie folgten willenlos... ver⸗ ſtoßen, zum zweiten Male verſtoßen von ihm den Gott ſelber ihnen zum Beſchützer und Pfleger gegeben hatte... das war öu viel für ihr weiches Gemüth. Der Soldat führte ſie von dem Zelte fort. — Nun macht, daß Ihr dahin zurück kommt, von wo Ihr gekommen ſeid, ſagte er und kehrte zu ſeinem Poſten zurück. Woher ſie gekommen.. zu Mangel zu Elend. Armuth. harter Behandlung, zu Unbildung und Unſitte.. 0 tauſend Mal lieber ſterben. Da trat ihnen ein junger Offizier entgegen. — Was giebt es, fragte er die weinenden Knaben, was wollt Ihr? — O, bat Richard, geben Sie uns Uniformen, machen Sie uns zu Soldaten, nur nicht zurück, nur nicht wieder dahin! Der Offizier blickte ſie mit Verwunderung an. — Zum Dienen ſeid Ihr noch viel zu jung, meinte er, aber vor wem fürchtet Ihr Euch? — Vor der Marketenderin, vor der Mutter Margot, ſtam⸗ melte Arthur. — Iſt es Eure Mutter, ei, ſo müßt Ihr gehorſam ſein. Geht zu ihr, ſie wird Euch ja nicht allzu ſtreng behandeln. Richard blickte dem jungen Lieutenant ſchärfer in die Augen, die Gluth der Morgenröthe erhöhte ſich. ſtöhnte Nacht⸗ — Fort, en noch Stimme ort fort üllen.. ver⸗ t ſelber war zu von dem wo Iht rück Armth⸗ ſend Mul ben, wus chen St hinl e et aber rſam ſůn eln ie Augen n⸗ 33— — Sie ſind Bertin, meines Vaters Adjutant, o helfen Sie uns! — Deines Vaters? rief der Lieutenant, wäre es möglich. aber nein, es kann ja nicht ſein! Indem trat die Schildwache zu ihnen, es war ſoeben die Ablöſung gekommen. — Glauben Sie ihnen nicht, ſagte der Soldat, der Herr Herzog hat die beiden Bengel eben fortgewieſen. Pfui doch, ſo jung und ſchon ſo betrügeriſch! — Steht es ſo? fragte Bertin. Ein Vater wird doch ſeine Kinder erkennen? Mich ſelber hätte faſt die Aehnlichkeit getäuſcht, jetzt iſt es mir lieb, daß ich nicht in die Falle gegangen bin. Macht, daß Ihr zu Eurer Mutter kommt, Ihr Rangen, oder ich werde Euch zurück bringen laſſen! Nun war Alles vorbei. Was ſollten die unglücklichen Kna⸗ ben nun beginnen? Sie ſchlichen ſich mit geſenkten Köpfen durch das Lager. Man hatte ſie für Betrüger gehalten, da ſie nichts wollten, als ihren Vater wiederſehen welch ein Unglück, welch eine Schande! Die Sonne ſtand ſchon am Himmel, es wurde lebhaft in dem Lager. Hier machten ſie Feuer an, um ihre Frühſtücksſuppe zu bereiten, dort putzten ſie ihre Gewehre, die Kavalleriſten ſchirrten die Pferde an, Alle wußten, daß ihr General, der Herzog von Montalto, ſcharf auf den Dienſt ſah, und daß ſie nicht allzulange zögern durften. Aus den Offfzierszelten guckten verſchlafene Damen⸗ geſichter, es war doch recht läſtig, ſo früh ſchon das weiche Lager verlaſſen zu müſſen. Wagen raſſelten herhei und wurden bis hoch oben hiauf mit Kiſten und Koffern beladen, dann gab es zärtliche Abſchiedsſcenen, und die Mädchen fuhren davon, indem ſie ihre Liebhaber baten, ja recht bald nachzukommen. Sogleich wurden die Zelte abgeriſſen und eingepackt. Es war ein wirres Durcheinander, hier trieb man Mauleſel, die mit den Gepäckſachen der Offtiere belaſtet waren, dort zankten ſich Solda⸗ ten verſchirdener Regimenter um den Vortritt, die Einzelnen liefen hin und her und fragten nach ihren Sammelſtellen, die Wagen V. 28 — verfuhren ſich ineinander auf dem ſchmalen Wege, die Kutſcher fluchten, Kuriere ſprengten über das Feld und ritten Alles um, was ſich nicht ſchnell genug zu retten vermochte, Pferde, die ſich losgeriſſen hatten, vermehrten den Wirrwarr, dazwiſchen kreiſchten die Weiber, fluchten, ſangen und lachten die Soldaten, die Trom⸗ peten riefen zum Sammeln, Trommeln wirbelten, hier und da ging ein unvorſichtig gehandhabtes Gewehr los und erſchreckte die Leute mit dem Gedanken, der Feind ſei nahe, es war eine heil⸗ loſe Verwirrung, ein tolles Durcheinander, und Stunden koſtete es, ehe ſich der Zug gehörig geordnet hatte. Unterdeſſen ſchlichen die Knaben umher, ſie hatten Hunger und wagten es nicht, um ein Stückchen Brot zu bitten, ſie wuß⸗ ten nicht, wohin; nur das war ihnen klar, daß ſie nicht bei den Truppen bleiben durften, wo ſie ihrem Vater begegnen konnten, der ſie verleugnete, oder der alten Margot, die ſich an ihnen rächen wollte. Da ſah ſie Simon. — Halloh! rief er, da ſind ja die entflohenen Vögelchen! Ah, nicht umſonſt hat uns das alte Weib, des Teufels Groß⸗ mutter, ſo arg den Text geleſen. Wartet, Bengel, jetzt habe ich Euch beim Wickel, jetzt fort, zurück zu dem Mauleſel und zu der Here! Ich ſage Euch, der Buckel mag Euch jucken, ſo feſt hat ſie die Karbatſche zuſammengedreht, alle Höllenſtrafen über Euch, gottloſes Gelichter! Wie konntet Ihr Euch unterſtehen, ſolch einer liebevollen Mutter davon zu laufen? Er hielt mit jeder Hand einen der Knaben bei dem Zipfel ſeines Ohres feſt und ſchlepptk ſie mit ſich. Die armen Jungen zitterten, ſie kannten Margots ſchwere und harte Hand, ſie wußten, daß ihnen das Schlimmſte bevor⸗ ſtand. Simon freute ſich über ſeine Beute, ihm war es ein Ver⸗ gnügen, den unglücklichen Kindern noch mehr Angſt zu machen, zugleich freute er ſich, daß er es war, der dem alten Weibe ihre Gehilfen zurückbrachte, das mußte ihm mit mehr als einem Schnaps belohnt werden. So zog er die Jungen mit ſich fort. Plötzlich ertönte mili⸗ täriſche Muſik, ein Reiter ſprengte über den Weg, dann kamen Kutſcher les um, ſ kreiſchten ie Trom⸗ und da recte die eine heib en koſtete nHunger ſie wuß⸗ thei den konnten, an ihnen ögelchen! ls Groß⸗ habe ch d zu der eſt hat ſe her Euch olch einet en Zipfel ts ſchwett ſte bevol⸗ ein Ver n machen Weibe ihr — hnos — 435— ein paar Offiziere, dann ritt der Herzog von Montalto an ihnen vorüber. Sie ſahen ihn wieder, dieſen geliebten Vater, ſeine Miene war unendlich düſter und voll von Trauer. Die Kinder vergaßen ihren eigenen Schmerz, als ſie den ſahen, der ſich ſo deutlich und ſo vernichtend auf dem Geſichte ihres Vaters zeigte. Voch einige Reiter folgten, Generale in ſtrahlenden Unifor⸗ men, dann kam ein offener Wagen, und in dieſem ſaß zur Seite des Marſchalls Mac Mahon der Kaiſer. Er ſah gut und geſund aus, dafür hatten ſeine Kammerdiener ſorgen müſſen, die ihm die bleichen Wangen ſchminkten. Er verſuchte ſogar zu lächeln, indem er zu dem Herzog von Magenta ſprach. Niemand ſollte ahnen, was in ſeinem Inneren vorging, er wollte nicht muthlos ſcheinen, damit ſein Heer nicht muthlos würde. Die Soldaten ſchrieen: Surrah! und: Es lebe der Kaiſer! Er dankte mit huldvollem Kopfneigen. Auch Simon ſchrie mit, er mußte die Hand an die Mütze legen, das machte Richards Ohr frei, er war ſo ganz in den An⸗ blick des großen Mannes verſunken, daß er für einen Augenblick Margot und die Kinder vergaß. Dieſe benutzten den glücklichen Moment. Sie faßten ſich an der Hand und ſchlüpften hinter die gaffenden und ſchreienden Soldaten. Jetzt tönte die Militärmuſik faſt betäubend. Mit lautem Hurrahgeſchrei ſetzten ſich gleich hinter dem kaiſerlichen Gefolge die erſten Regimenter in Bewegung. Es waren ſtattliche Maſſen, eine mächtige Armee, die nach dem feſten Lager von Chalons zu marſchirte, wo ſie noch andere Truppen erwarteten. Sie Alle waren gut bekleidet und mit Waffen und Munition reichlich verſehen. Kanonen und Mitrailleuſen raſſelten hinterher, der Staub wirbelte hoch empor. Dem Kaiſer mochte das Herz im Leibe lachen, als er nach zwei ſolchen Niederlagen noch ein ſolches Heer an ſich vorüber ziehen ſah, indeſſen ein noch wenigſtens eben ſo ſtarkes ſich unter Bazaine's Führung in Metz befand, wohin ſich Napoleon nach dieſer Heerſchau wieder begab. 28* Doch indeſſen ſich die Truppen gegen Chalons in Bewegung ſetzten, hockten Arthur und Richard traurig und hilflos mit müden Gliedern und hungrigem Magen in dem Walde und wußten nicht. was weiter aus ihnen werden ſollte 50. Kapitel. Das Heerlager. Wohl hatten die Bewohner des Elſaß alle Urſache, über die Laſten des Krieges zu ſeufzen. Kein Tag verging, ohne daß deutſche Soldaten durch ihre Dörfer zogen. Bald kamen ſie mit klingen⸗ dem Spiel, bald waren es Fußkranke oder ſonſt Leidende, die traurig hinter ihrem Korps herhinkten. Doch waren es nicht oieſe, die man am meiſten fürchtete. Die Leute gewöhnten ſich bald an die Art der deutſchen Krie⸗ ger. Sie kamen mit beſcheidener Miene, fragten höflich, ob ſie Eſſen und Trinken bekommen könnten, man war mit Wenigem zufrieden und bezahlte ſchließlich Alles, ſelbſt wenn der Geld⸗ beutel ſchlaff genug war. Blieben ſie längere Zeit an demſelben Orte, ſo betrachteten ſie ſich ſchon gleich nach den erſten Stunden als zum Hauſe gehörig, ſie halfen den Frauen Holz ſpalten, tränkten und fütterten das Vieh, ſpielten mit den Kindern, ja, ſie griffen zu Senſe und Rechen, wo es galt, das reife Getreide in die Scheunen zu bringen, ehe die Hufe der Roſſe es zer⸗ ſtampften. Dieſe Art war den Landleuten neu. Wo die Franzoſen hin⸗ kamen, nahmen ſie alles Eigenthum der Bauern und Städter als ihr eigenes in Beſchlag Nichts konnte ihnen gut genug ſein⸗ nichts genügte ihren verwöhnten Sinnen, waren ſie doch die Her⸗ ren, wo ſie nur immer erſchienen, trugen ſie doch ihr Recht auf der Spitze ihrer Schwerter. Da war an keine Bezahlung zu den⸗ egung müden nicht ber die eutſche ingen⸗ de, die nicht nRrie⸗ ob ſe enigem Geld⸗ nſelben tunden palten, rn, ji, eteide es zt ſen hi⸗ ter ab g ſei ie Hen⸗ 1 uf den⸗ 0 — 45— ken, man mußte froh ſein, wenn ſie nicht Alles zerſchlugen, wenn die Mädchen und Frauen unbehelligt blieben, wenn Hühner und Gänſe nicht gefangen und mit fortgeſchleppt wurden. Aber nahten ſich die Reiter in den blauen Uniformen, ſah man von Weitem die Lanzen mit zweifarbigen Fähnchen, ei, wie ſtoben da die Rothhoſen auseinander, wie verkrochen Sie ſich hinter dem Gebüſch, wie duckten ſie ſich unter, um nicht den Blicken der mehr als Alles gefürchteten Feinde zu beg⸗gnen... Das waren die Ulanen, die ſich ſeit dem Beginn des Krieges furchtbar gemacht hatten. Auf ihren ſchnellen Roſſen waren ſie überall und nirgends, ſie erſchienen ſo plötzlich, daß ſie wie aus der Erde hervorzuwachſen ſchienen, der Blick der Furcht ſah ſie verdoppelt, verzehnfacht Sie ritten friſch und froh in die offenen Städte hinein und erklärten ſie für erobertes Eigen⸗ thum, ſie nahmen Kaſſen weg, erbeuteten MWilitairgepäckwagen, machten eine Unzahl von Gefangenen und erſchreckten die Feinde, wo ſie von ihnen geſehen wurden. Oft war es kaum ein halbes Dutzend, vor dem ein halbes Hundert entfloh. Die Ulanen kommen! das war der Schreckens⸗ ruf, der die Rothhoſen überall aufſcheuchte, daß ſie in Angſt da⸗ von liefen. Und doch, wenn ſie abſaßen und ſich neben der ſtattlichen Bauerfrau niederließen, ihren Knaben auf dem Knie ſchaukelten oder ihn reiten lehrten, wenn ſie mit den Alten ſchwatzten, den drallen Dirnen ein Schmeichelwort zuwarfen und endlich den Weibern die klingenden Thaler, den Kindern die blan⸗ ken Groſchen hinterließen, dann konnten es die erſtaunten Leute nicht begreifen, wie doch dieſe gutmüthigen Deutſchen ſo furchtbar ſein könnten. Und dennoch waren ſie es. Zahm wie die Lämmer im Exie⸗ den, ſchonte ihre ſcharfe Lanze Nichts, wenn ſie dem Feinde ge⸗ genüber ſtanden, die Hand, die ſonſt nur nutzbringende Arbeit verrichtete, übte ſich in den Werken der Zerſtörung. Das iſt der Krieg, er macht die weichſten Herzen hart und lehrt uns als Feinde haſſen, wen wir ſonſt als Bruder liebten. Aber dieſes Mal ließ ſich der Haß in jeder Weiſe entſchuldigen und erklären. Ueberall, wo deutſche Soldaten ſich zeigten, knallte —— — 438— es aus verborgenem Hinterhalt hervor, heimtückiſch ſuchten die Gefangenen ſich zu rächen, und glaubten ſie den rechten Augen⸗ blick erſpäht zu haben, ſo ſtießen ſie mit ſcharfen Meſſern. Kei⸗ nem Führer durfte man trauen, es war zu fürchten, daß er in Sümpfe oder undurchdringliche Waldungen leitete, überall lauerte der Verrath, die Eiſenbahnſchienen wurden aufgehoben, daß die Züge entgleiſen mußten und die damit Fahrenden verunglückten, die Brücken wurden zerſtört, die Brunnen abgegraben. Da wuchs den Deutſchen der Zorn, ſie hieben die hinter⸗ liſtigen Verräther zu Boden, ſie gaben den heimtückiſchen Mord⸗ geſellen keinen Pardon. Auch in den Waldungen fand man Lei⸗ chen, die ihrer Uniformen beraubt waren, und die man kaum an einem vergeſſenen Montirungsſtück als Deutſche erkannte. O, wie es ſchmerzt, die Ueberreſte eines Bruders und Kameraden ſo ent⸗ ehrt zu ſehen! Die Soldaten blieben ſtehen und begruben in düſterem Schweigen die ſchon entſtellte Leiche, aber ſie ſchworen ihr Rache. Wehe dem Elenden, den man beim Leichenraube fand, man machte kurzen Prozeß mit ihm, ein Strick, ein Baumaſt, und Alles war vorbei! Da ſauſen die Ulanen über den Weg. Was ſtreift ihnen den Tſchako vom Kopfe? Es ſind ein paar Stiefeln, ſonderbar, die Füße ſtecken noch darin, doch treten ſie die leere Luft., ein häßlicher Anblick! Die Vögel mögen nicht in den Zweigen niſten, an denen ſolch unſaubere Früchte hängen, nur die Raben lieben es, ſich auf die Schultern der Gehenkten zu ſetzen und ihnen die ſtarren weit aus dem Kopfe yeraus⸗ glotzenden Augen auszupicken. Vorbei vorbei! Man ſchaudert vor ſolchem Anblick.! Es war eine ungeheure Heeresmaſſe, die ſich über Oſtfrank⸗ reich ergoß. Deutſchlothringen durchzog die erſte Armee, die des alten General Steinmetz ihm ſchloß ſich die zweite unter dem Prinzen Friedrich Karl an, weit voraus war die dritte Armee unter dem preußiſchen Kronprinzen, während im Süden das Korps des General von Werder ſeine Aufſtellung nahm. Hier hatten ſchon früh die Feindſeligkeiten und zwar um Straßburg be⸗ gonnen. 3 Das iſt eine herrliche Stadt, ſchon im Mtttelalter war ſie —— n die ugen⸗ Kei⸗ er in auerte die üten, hinter⸗ Mord⸗ m Lei⸗ im an wie o ent⸗ en in woren nraube maſt, 1 paal eten ſe riht in ängen henlten yeraus haudert frant⸗ die des ter dem Arme 3 Korp⸗ otn he⸗ urg — 455— weit berühmt durch Handel und Gewerbe und durch den herrli⸗ chen Dom, der ſie ſchmückt. Erwin von Steinbach hat ihn gebaut, ein Meiſterwerk der Baukunſt, ein würdiger Tempel wahrer Got tesverehrung. Der treffliche Künſtler liebte und pflegte alles Schöne und in dieſem Sinne erzog er ſein Töchterlein Sabine Als der Vater den prachtwollen Dom aufrichtete, wollte auch ſie etwas beitragen zu ſeiner Verherrlichung, und ſie machte Bild⸗ ſäulen, welche die Heiligen der chriſtlichen Kirche darſtellen, und meißelte ſie mit ihren ſchwachen Händen in Stein, ein ewiges Denkmal ihrer Kunftfertigkeit und ihres frommen Sinnes. Nach der Beendigung des dreißigjährigen Krieges fiel Straß⸗ burg durch Verrath den Franzoſen zu, und Ludwig der Vier⸗ zehnte zog als neuer Beſitzer hinein Am Thore empfing ihn der oberſte Rath der Stadt mit Huldigungen, und der Bürgermeiſter entblödete ſich nicht, den fremden König mit denſelben Worten zu begrüßen, mit welchem Simeon das Chriſtkindlein empfing, als ſeine Eltern es in den Tempel brachten: Herr, nun läſſeſt Du Deinen Diener im Frieden fahren, wie Du geſagt haſt; denn meine Augen haben Deinen Heiland geſehen! Die Stadt blieb franzöſiſches Eigenthum; äußerſt günſtig am deutſchen Strom gelegen, denn ihr herrlicher Münſter ſpiegelt ſich in den Fluthen des Rheins, blühte ſie auch nach dem Beſitzwechſel weiter, ihre Bibliothek, ihr Muſeum, ihre wiſſenſchaftlichen Inſtitute wurden und ſind noch heute weit und breit berühmt, und der deutſche Sinn und die deutſche Gemüthstiefe gingen in dem Stru⸗ del des franzöſiſchen Lebens nicht unter. Straßburg gegenüber liegt ein kleines deutſches Städtchen, Kehl genannt. Mit ſeinem Schweſterorte iſt es durch eine herr⸗ liche eiſerne Brücke verbunden, deren feſte Stützen und Bogen dem Andrange der Zeit, dem Andrange der Wogen trotzen konn⸗ ten. Jetzt aber ſprengte man die koloſſalen Bogen dieſer Brücke um den Franzoſen den Uebergang nach Baden zu erſchweren was Zeit und Wellen noch in Jahrhunderten nicht vermocht hät⸗ ten, das bewirkte Pulver und Schießbaumwolle. Mit einem furchkbaren Donnergepolter rollte die Arbeit unzähliger fleißiger Hände in die Fluthen hinunter, die Bogen, welche ſich verbindend — 0 und verbrüdernd zwiſchen zwei benachbarten Städten ſpannte, waren zerſtört, die Freundſchaft hörte auf, und unerbittlich harter Krieg begann Die Bomben und Granaten flogen nach Kehl hin⸗ ein, das Städtchen brannte in hellen Flammen, die unglücklichen Einwohner flohen und ſahen ihr beſtes Eigenthum in Trümmer ſinken. Wer noch zurück blieb, der ſuchte zu retten, zu löſchen... Es waren viele Häuſer zu Aſche geworden, es ſtanden Andere, viel Menſchen waren unter den brennenden Balken begraben, mehr noch irrten obdachslos und ohne Hilfsmittel umher, doch wurde der größte Theil der Stadt gerettet. Vergebliches Dankgebet, das da zum Himmel ſtieg! Zum zweiten Male ſandte der General Uhrich, der in Straßburg kom⸗ mandirte, einen Hagel von Granaten in die offene Stadt, ein arger Bruch des Völkerrechts. Die mit erplodirenden Stoffen gefüllten Kugeln ſchlugen durch die Däher und krepirten in den Zimmern friedlicher Einwohner. Weit umher flogen die Eiſen⸗ ſtücke, hier tödteten ſie Kinder in der Wiege, dort löſchten ſie das matte Lebenslicht der Alten aus. Zum zweiten Male brannte Kehl, zum zweiten Male bot man Alles auf, die Stadt zn retten. Der Rhein lieh ſeine Wogen um das Feuer zu löſchen, die Sol⸗ daten halfen einreißen, was nicht mehr zu ſchützen war, die Flam⸗ men leuchteten weithin, ein furchtbar ſchöner Anblick, nur daß die Bewohner von Kehl ihn vor Thränen nicht zu ſehen vermochten. O, welch' eine Zerſtörung! Die ſchmucken Häuſer eine ausgebrannte Maſſe von Trümmern, die reizenden Gärten verſchüttet, zertreten, mit verkohlten Holzſtücken, Steinen und Granatſplittern bedeckt, Kirche und Rathhaus zuſammen geſchoſſen, ja, ſelbſt auf dem ſtillen Gottesacker hatten ſich die Granaten in die Erde eingewühlt und hatten die Hügel zerſtört, die Kreuze zerſchmettert, die Särge ſogar verletzt. Und einmal noch ſchlugen die Flammen in Kehl empor.. da war es vorkeil Was fliehen konnte, floh, es blie⸗ ben nur die Armen, die nichts zu verlieren hatten als das nackte Leben.. Die Beſchießung Kehls, die von Straßburg aus geſchehen war, mußte bitter gerächt werden. Der General von Werder for⸗ derte die Feſtung auf, ſich ihm zu ergeben, doch Uhrich wies die⸗ ſes die geſ ga die Ve nte, arter hin⸗ ichen umer dere, ben doch Zum kom⸗ ein toffen den Fiſen⸗ e das tannte retten. Flam⸗ ochten. rannte treten, f dem ewühlt girge n hl blie⸗ nodte ſchehr der for⸗ jes die⸗ — 441— ſes Anſinnen mit Hohn und Verachtung zurück. Hier galt es, die badiſche Grenze zu vertheidigen, das mußte mit aller Kraft geſchehen. Die Truppen umlagerten die Stadt, der Kampf be⸗ gann traurig blickte der Thurm des herrlichen Münſters auf die Menſchen hinunter, die rings um den Gottestempel her die Werke der Vernichtung trieben... Unterdeſſen hatte ſich die Armee des Prinzen Friedrich Karl ſammt der von Steinmetz um Metz verſammelt, und auch der König Wilhelm erſchien mit ſeinem Hauptquartier bei dieſer ver⸗ einigten Armee. Es war ein großartiger Anblick. In einer Ordnung und Ruhe, die an das Fabelhafte grenzte, entwickelten ſich die gewaltigen Heeres⸗ maſſen und nahmen die ihnen angewieſenen Plätze ein Der General Moltke hatte ſeinen Plan entworfen, ihm zufolge han⸗ delte Alles, von dem oberſten Commandirenden, dem Prinzen Friedrich Karl, an bis zu dem letzten Soldaten, der zu dem Gelingen des Ganzen das Seinige mit beitrug. Hier gab es kein Gedränge, kein Treiben und Stoßen, den Leuten wurden ihre Quartiere in der Umgegend angewieſen oder ſie biwakirten auf dem freien Felde Ein Jeder kannte ſeine Stelle, ein Jeder ſuchte ſie nach beſten Kräften auszufüllen. Hier ſtand der gelehrte Doktor unter der Korporalſchaft eines ſchlichten Arbeiters, dort folgten ältere und gewiegte Männer ohne Widerrede dem Kommando eines blutjungen Lieutenants. Kameradſchaftlich lagen die Vertreter der verſchiedenſten Stände nebeneinander und theilten, was ſie beſaßen, Brot, Eigarren, Geld. Es ſtrebte Keiner vorwärts zu kommen, war es doch genug, daß man den Platz gut ausfüllte, auf dem man ſich eben befand; es neidete Niemand den Andern, galt doch Alles demſelben Zweck, der Befreiung des Vaterlandes Und mehr noch als früher vereinten ſich hier die verſchiedenſten deutſchen Stämme und lernten ſich jetzt erſt recht kennen und ſchätzen. Die gemüthlichen Süddeutſchen gewöhnen ſich nicht ſo leicht an das ſcharfe Weſen der Nordländer, vorzüglich an den mit⸗ unter etwas boshaften Witz der Berliner, hier ſah man ſie in ihrer Tüchtigkeit, man ſah, wie ſie kameradſchaftlich Alles mit den — 3— Uebrigen trugen und vergab ihnen, was man ſonſt an ihnen unerträglich fand. Aber zugleich wetteiferten alle Stammesgenoſſen, denn ein jeder wollte das Beſte für das Vaterland leiſten. Wie kämpften Mecklenburger, Sachſen und Bayern, wie ſchlugen Hannoveraner, Heſſen, Würtemberger, Badenſer und Thüringer drein, und vor allen Dingen, mit wie viel richtigem Verſtändniß ordneten ſie ſich den Führern unter, welche Preußen an ihre Spitze ſtellte. Das war ein Kommando, wie man es ſonſt in Süddeutſchland nicht kannte. — Hier, ſagte ein bayriſcher Offizier, habe ich noch keinen Marſch umſonſt gemacht, während ich im Jahre ſechsundſechszig, als es gegen die Preußen ging, nichts als unnütze Wege gemacht habe. Und ein ſüddeutſcher Soldat, den der Kronprinz von Preußen belobte, ſagte ganz treuherzig: — Ja, Königliche Hoheit, wenn Sie uns Anno ſechs und ſechszig ſchon geführt hätten, da hätten wir die heilloſen Preußen auch geſchlagen. So ſicher fühlten ſie ſich unter den jetzigen Kommandiren⸗ den, daß ſie in jedem Augenblick des Sieges gewiß waren. Das erleichtert die Arbeit. Es gab kein Murren bei den oft höchſt beſchwerlichen Märſchen, man tröſtete ſich mit dem Gedanken an die Nothwendigkeit, wenn es galt, nüchtern auszurücken und bis zum Abend zu laufen, ohne einen warmen Biſſen genoſſen zu haben. — In Böhmen, ſagte Moltke, haben wir durch die Kraft unſerer Arme geſiegt, dieſes Mal ſiegen wir durch die Geſchwin⸗ digkeit unſerer Beine. Wirklich leiſteten die Truppen faſt Unglaubliches, ſie mar⸗ ſchirten im ſchnellen Schritte halbe Tage lang und waren am Abend doch noch bereit, in das Feuer zu gehen. Die Wege waren oft kothig, oft lehmig und erſchwerten das Gehen, die Truppen mußten oft Hügel hinauf und wieder hinab, venn von den Vogeſen an bis zu der Marne bildet ganz Frank⸗ ————— re la we 6 un vel kat da me de hit erſ p ſo W ſt ſe U ihnen nein pften aner, or e ſich Das nicht keinen hözig, macht eußen und eußen diren⸗ Das höchſt en al id bis en zu Kraft hwin⸗ ma⸗ en am n das hinb zunk⸗ — 443— reich ein ſich mehr oder weniger erhebendes wellenförmiges Berg⸗ land, deſſen tiefe Thäler von Flüſſen durchſchnitten ſind. Es kam den Soldaten zugute, daß ſie meiſt wackere Turner waren, die ermüden nicht ſo leicht, aber wurden jemals die Glieder lahm, dann ſtimmte Einer ein friſches deutſches Lied an, und im Takte ging es dann weiter bis an das Ziel. Da lag dern manch ein Söhnchen, das zu Hauſe die Matter nicht genug verhätſcheln konnte, Nachts auf kalter feuchter Erde, die Pferde kamen und fraßen ihm das wenige Stroh unter dem Kopfe fort, das ihm als Kiſſen diente, rechts und links ſchnarchten die Ka⸗ meraden, weiterhin vernahm man Militärſignale und den Ruf der Patrouillen, aber dennoch ſchlief es ſich gut unter dem Sternen⸗ himmel, bis der Morgen⸗graute, und ein kalter Thau die Glieder erſtarrte, dann, o wie ſchnell lernt ſich das, dann holten Einige Holz herbei, Andere machten das Feuer an, im Augenblick kochte das Waſſer in den Blechgefäßen, Mehlſuppe, Kaffe, Chokolade, was ein Jeder hatte, das Stück Kommisbrod ſchmeckte vortrefflich dazu, endlich zündete man die Cigarre oder Pfeife an und war ſeelenvergnügt, wie es auch weiter kommen mochte, ob man auf dem Lagerplatze blieb und ſich die Zeit mit Kartenſpielen vertrieb oder ob es weiter ging dem Feinde entgegen. Noch ſchwerer hatte es die Kavallerie, die Pferde müſſen ge— putzt und gewartet werden, der Infanteriſt hat nur für ſich zu ſorgen, dem Reiter ſteht im Felde ſein Roß faſt eben ſo nahe, wie daheim ſein Weib und Kind, es iſt der beſtändige Gegen⸗ ſtand ſeiner Aufmerkſamkeit, und kommt er in's Quartier, ſo ſchafft er erſt dem Gaul ſein Futter, ehe er an ſich ſelber denkt, und geht es dem Thiere ſchlecht, ſo iſt dem Mann auch alle Hei— terkeit genommen. Im Biwak bildet man den ſogenannten Stall, indem man alle Pferde neben⸗ oder hintereinander an die Bäume anbindet, oder ein Paar Pfähle in die Erde ſteckt, dieſe durch einen Strick verbindet und dahinter die Roſſe, ſo gut oder ſo ſchlecht es geht, verwahrt. Verläuft ſich eins, wenn die Trompete zum Sammeln bläſt, kommt es ſchon wieder, aber gewöhnlich bleiben ſie bei einander, denn nur ungern geht ein Pferd durch die Nacht ohne —— — die Leitung eines Menſchen. Folgt dann ein ſchleuniger Alarm da ſpringt der Reiter in den Sattel, da greift der Infanteriſt zur Büchſe, in zehn Minuten iſt Jeder an ſeinem Orte, da giebt es kein lautes Wort, kein Fragen, kein Drängen, ein Jeder weiß, was er zu thun hat, die Reihen ordnen ſich wie von ſelbſt, die Offiziere ſtehen oder halten zu Roſſe vor ihrer Front, ein einziges Kommandowort, und die ganze ungeheure Heeresmaſſe bewegt ſich lautlos und im angegebenen Schritte, als ob ſo viele Tau⸗ ſende von Menſchen ſich wie durch einen Fingerdruck regieren ließen. Das ſind die Wunder einer muſterhaften Organiſation, einer Disziplin ohne Gleichen. Bedenkt man, daß in dieſer un⸗ geheuren Kriegsmaſchine der kleinſte Theil ſich ſeiner Stellung bewußt iſt und weiß, daß er zum Ganzen mitzuwirken hat, ſo erklären ſich die Wunder, welche das deutſche Heer in dieſem Kriege geleiſtet hat. 51. Kapitel. In Nacht und Nebel. Es war Abend. Feuchte Nebel lagen auf der Wieſe und ballten ſich am Fuße der Berge zu fantaſtiſchen Geſtalten zuſam⸗ men, man hätte glauben mögen, Erlkönigs Töchter zu ſehen, die ſich zum Tanz im Mondenſcheine verfammelten. Aus der Ferne vernahm man wirres Geräuſch, hier und da ſchimmerte vom Wald⸗ ſaume her ein Lichtſchein, die Wolken hingen trübe und ſchwer am Himmel, der Wind wehte kühl, zu kühl für dieſe Jahreszeit, das mochten die Pferde empfinden, deren ungeduldiges Wiehern man vernahm, das fühlten auch die Menſchen, die ſich dichter an die Feuer legten. Einſam war es auf der Wieſe. Der Wind zerriß die weißen Nebel, die ſich bald um ſo dich⸗ ter über dem feuchten Boden zuſammenfügten. Da ging ein — nic in den ſch her zer in ein un we les he /arm fanteriſt a giebt er weiß, bſt, die einziges bewegt le Tau⸗ tegieren iſation⸗ ſer un⸗ tellung hat ſo dieſem ſe und zuſam⸗ en, die r ßernt nVald⸗ ſchwer hresjeit Wieheln chter an . ſo dich⸗ in ein * — 445— Mann langſam über den grünen Wieſengrund dahin. Er ſchritt unverwandt. Nichts feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit. Er ſchien es nicht zu bemerken, wenn ein Schwarm von Rebhühnern vor ihm emporflog, oder wenn die Raben, die in der letzten Zeit ſehr häu⸗ ſig geworden waren, kreiſchend über ihm dahin ſauſten... Er ging weiter... jenſeits der Wieſe verſchwand er hinter den Ein⸗ ſchnitten, die das Thal in die Hügelkette machte. Da fliegt ein ſchwarzer Schatten über die Wieſe, der weiße Rebel umwallt das dunkle Gewand, der Schleier, der das Haupt umhüllt, flattert weit nach im Winde. Es iſt ein Weib, die Eile beflügelt ihren Fuß, ſie fürchtet nicht die einſame öde Gegend, nicht den giftigen Hauch des feuchten Bodens, nicht den Sumpf, in der ihr Fuß verſinken könnte.. ſie läuft, ſie läuft, ſie will den Mann erreichen, der vor ihr dieſen ſchmalen Fußpfad ging, ſchon glaubt ſie ihm nahe zu ſein, ſchon kann ihr Ruf ſein Ohr berühren, da plötzlich verſchwindet er, als ſei er ſelbſt in Nebel zerfloſſen.. Dennoch weicht ſie nicht von ihrem Vorſatze, ſie ſucht ihn in den Bergen, ſie fragt die Leute in dem Dorfe, ob ſie nicht einen Wanderer bemerkt haben, der einen langen weißen Rock und gleich ihr das rothe Kreuz auf dem Arme trug. Niemand weiß von ihm zu ſagen, Niemand hat ihn geſehen. Noch einmal eilt ſie zum Walde, vielleicht kann ſie ſein hel⸗ les Gewand unter den Bäumen entdecken. vergebliches Mü⸗ hen, Alles iſt ſtill, Alles iſt öde. Traurig ſchleicht ſie zurück, ihre Kraft iſt gebrochen, ſie, die eben noch ſo hurtig lief, ſchleppt ſich jetzt kaum noch weiter. Und, o des Mißgeſchicks! Jetzt iſt der Weg verloren, ſie weiß nicht mehr, nach welcher Seite hin die Wieſe liegt, nicht, wo ſie das Haus zu ſuchen hat, in welchem unter Noth und Elend ihr Wohnſitz iſt. Mit matten Füßen, mit traurigem Gemüthe irrt ſie hin und her, es iſt, als ob ein böſer Dämon ſie neckte, auch nicht das Dorf vermag ſie aufzufinden, in welchem ſie nach jenem Manne fragte. Jetzt entſinnt ſie ſich, gehört zu haben, daß man weit Ent— ferntes vernehmen kann, wenn man das Ohr auf die Erde legt. Sie thut es, doch außer einem dumpfen Geräuſch vernimmt — 446— ſie nichts. Vor ihr liegen weit ausgedehnte Waldungen, hinter ihr Getreidefelder, die ſchon zum Theil die Hufe der Pferde zerſtampften, ringsum nur feuchter Nebel kein Stern, kein Licht, nur öde, dunkle Nacht... Da erwachen in ihrer Seele alle Schreckensgeſchichten, die ſie non der Roheit der Turkos vernommen hat. Wenn ſie dieſen Halb⸗ wilden in die Hände fiele, ſie wußte es, ihr rothes Kreuz würde ſie nicht ſchützen. Was ſollte ſie thun? Hier warten, bis der Morgen kam? O, ſie hatte dort drüben ſchwere Pflichten zu erfüllen, todt⸗ Franke Menſchen verlangten von ihr Linderung ihrer Leiden, Ster⸗ bende den letzten Troſt. Und dann, durfte ſie hoffen, am Morgen ſchneller den Rückweg zu finden, war es nicht möglich, daß ſie grade dann den Feinden in die Hände lief? O, warum hatte ſie ſich von einer Erſcheinung verlocken laſſen, die ihr nur zu ſchmerzlich ſüße Erinnerungen erweckte! Schon zwei⸗ mal hatte ſie den Mann geſehen, jetzt, da er ihr zum dritten Mal erſchien, hatte ſie geglaubt, ihm folgen, ihn feſthalten zu müſſen.. und war nun einſam um Mitternacht in unbekannter Gegend und in Gefahr, den grauſamſten Feinden in die Hände zu fallen Troſtlos irrte ſie am Rande des Waldes hin, oft ſtieß ihr Fuß an eine Baumwurzel, daß ſie vor Schmerz aufſchrie, oft ſtreifte ihr ein Zweig die Stirn und ritzte ihre Haut bis auf's Blut. Sie achtete deſſen weniger, aber die Müdigkeit vermochte ſie nicht zu überwinden, die bleiern in ihren Gliedern lag. Zetzt ent⸗ ſann ſie ſich, daß ſie drei Nächte hindurch bei den Schwerverwundeten gewacht hatte dem Einen mußte ſie den Verband erneuern, dem An⸗ dern kalte Umſchläge machen, einem Dritten Medizin geben, ſo war ſie nicht zum Sitzen, vielweniger noch zum Schlafen gekommen, das fühlte ſie jetzt erſt. Ihre Kräfte waren zu Ende, mit einem tiefen Seufzer ſank ſie auf den thaufeuchten Boden hin und lehnte ihr Haupt auf das Moos. Schnell ſchloß der Schlummer ihre Augen, aber ſchnell auch erwachte ſie wieder. Ein kalter Schauder rieſelte durch ihre Glieder, ſie fühlte, es mußte ihr Tod ſein, wenn ſie die Racht an dieſem ungeſunden Ort verbrachte, und fühlte ſich doch zu ſchwach, aufzuſtehen. Da war es ihr, als hörte ſie nicht wei Vet R hinter Pferde in Sicht, die ſie n Halb⸗ ürde ſie Morgen en todt⸗ n Ster⸗ Norgen ſe grde laſſen, on zwei⸗ ten Mal ſſen end und ihr duß wifte ihr ochte ſe etzt ent⸗ wundeten dem An⸗ n ſo war en, dus fher ſul uupt au en ah 1 riſel wein ſe ſe nitt lu ſch — 447— weit entfernt ein klägliches Stöhnen, dann ein leiſes Bitten oder Beten und wiederum den tiefſchmerzlichen Klagelaut. — Ach Gott, ſagte ſie, trage ich denn umſonſt das heilige Kreuz in weißem Felde, habe ich es nicht geſchworen, allen Lei⸗ denen beizuſtehen und liege hier, zu ſchwach, um auch nur einen Finger zu rühren? Wieder drang der Angſtruf an ihr Ohr. Nein, das war kein verendendes Thier, wie ſie anfangs geglaubt hatte, das waren Menſchenſtimmen, Unglückliche die ein Anrecht auf ihr Mitleid und ihre Hülfe hatten. Jetzt fiel ihr auch ein, daß ſie den Tag über nicht einmal Zeit gehabt hatte zu eſſen. Sie faßte in ihre Taſche und fand das Brot, welches ſie zu ſich geſteckt hatte, als ein Sterbender ſie zu ſich rief. Ganz erfüllt von dem Anblick des Jammers, der in dem Lazarethe herrſchte, hatte ſie das Eſſen vergeſſen. Jetzt brach ſie ein Stück von dem Brote ab, verzehrte es ſchnell und fühlte ſich dann etwas gekräftigt, ſo daß ſie es nun ver⸗ mochte, aufzuſtehen. Dann ſchlich ſie dem Stönen nach, das im⸗ mer matter klang. — Wer iſt hier? fragte ſie mit ihrer ſanften Stimme. — Ach, Hilfe, Hilfe, mein Bruder ſtirbt! rief es ihr zu. Sie tappte ſich durch die dunklen Bäume bis zu einer lichten Stelle, dort fand ſie zwei menſchliche Weſen, Knaben oder junge Männer, wie es ſchien. Der Eine hielt den anderen umſchlun⸗ gen und weinte. — Seid ihr verwundet? fragte das Weib. — O nein, verwundet nicht, aber wir ſterben vor Hunger, ach, mein armer Bruder! Die Frau griff in die Taſche und gab dem Leidenden den Reſt ihres Brotes. — Da nimm, ſagte ſie, das wird Dich ſtärken. Der Knabe aß mit Heißhunger, doch plötzlich hielt er inne. — Iß Du auch Richard, ſagte er. — Rein, nein, verſetzte dieſer ablehnend, behalt es nur allein, ich kann ſchon noch warten, es iſt nicht mehr lange bis zum Morgen, es muß ja ſchon Mitternacht ſein. ———— — — 448— — Wo kommt Ihr her? fragte die Frau. — Von jener Seite des Waldes, ſagte Richard. Dort im Dorfe baten wir um Brot, aber ſie gaben uns keins. — Wißt Ihr, wo das Dorf liegt? fragte ſie weiter. — O ja, verſetzte der Knabe, das iſt nicht weit, aber die Leute ſind ſo hartherzig, ſie ſahen, wie der arme Arthur dahin⸗ ſtarb, und ſie gaben ihm Nichts, o gewiß, er wäre ſchon todt, wenn Gott Sie nicht geſchickt hätte. — Vertrauet auf ihn ermahnte ſie die Frau, er ſendet Hilfe in aller Noth. Aber ſagt mir, fühlt Ihr Euch kräftig ge⸗ nug, mich in das Dorf zu führen, ſo will ich Brot und Milch für Euch kaufen, um Geld geben es die Leute ſchon, und dann hoffe ich dort einen Wagen zu finden, der mich dahin geleitet, woher ich kam.* — Kannſt Du es, Arthur? fragte Richard. — O ja, ich glaube, ſagte er, aber Du mußt etwas von dem Brote eſſen, es ſchmeckt ſo gut. Die Frau war von ſo viel brüderlicher Liebe tief gerührt, ſie ließ den Knaben noch einige Zeit, um ſich zu erholen, dann hieß ſie ſie aufſtehen und ließ Richard vorausſchreiten, indem ſie dem ſchwächeren Arthur ihren Arm lieh. Aber bald zeigte es ſich, daß der Knabe nicht ſo genau den Weg wußte, wie er es geglaubt hatte. Der immer dichter werdende Nebel benahm ihm jede Ausſicht, er ſpähte nach allen Seiten, aber er ſah nichts, als eine weiße Wolkenwand, und ſeine Retterin erkannte bald daß er ſie nicht zu führen vermochte. Jetzt war ihre Lage doppelt ſchlimm. Sie allein hätte den Tod mit Freuden begrüßt, wenn er aus dieſem Nebel heraus ſeine bleichen Arme nach ihr ausgeſtreckt hätte, jetzt aber hatte ſie auch für die Kinder zu ſtehen, es waren zwei Menſchenleben, die Gott in ihre Hand gelegt hatte, damit ſie errettet würden von einem frühen Untergange. Arthur war ſo ſchwach! Er erzählte ihr, wie ſie ſeit drei Tagen dirch die Wälder irrten, ohne eine Spur von Nahrung zu ſich genommen zu haben jedoch verſchwieg er ſeinen und ſeines Bruders Namen, wußten ſie doch, daß es gefährlich ſei, nen, die emp das einm Deu aber Ma nich dort den auß die uml den wat ſch auf gut Ere lier ort im ber die dohin⸗ n todt, ſendet fig ge⸗ Nilch dann geleitet s on gerührt dann indem dzeigte wie er benahn nichts⸗ u bad n hitte Nebel u jiht en zwel nit ſe ſeit dri ſuhrung en ub lih ſei ⸗———— — 449— ſich als Söhne eines bekannten franzöſiſchen Generals zu nen⸗ nen, die Deutſchen mochten ſie als Geißeln bei ſich behalten, die Franzoſen konnten ſie bei Margot erblickt haben und Luſt empfinden, ſie an dieſe auszuliefern. Deswegen hatten ſie ſich das Wort gegeben, es Niemand zu ſagen, wie ſie hießen, nicht einmal die Vornamen. Im Walde hatten ſie Leichname von Deutſchen und Franzoſen gefunden, ſie hatten ſich ihrer Män⸗ tel bemächtigt, die ihnen freilich zu weit und zu ſchwer waren, aber die zerriſſene und lacherliche Kleidung verdeckten, welche Margot gegeben hatte, der Schmutz den ſie ſeit drei Tagen nicht hatten abwaſchen können, machte ſie vollends unkenntlich. Die armen Burſchen hofften, ſich bis Paris durchzubetteln, dort dachten ſie bei ihrer Mutter eine willigere Aufnahme zu fin⸗ den als ſie bei dem Herzog, ihrem Vater, gefunden hatten, und außerdem beſaß ihre Familie Freunde und Bekannte genug, auf die ſie ihre Hoffnung ſetzten. Eine Stunde lang mochte die Frau mit den beiden Knaben umhergezogen ſein, als Richard endlich geſtehen mußte, daß er den Weg zum Dorfe nicht mehr zu finden vermöchte. Unterdeſſen war Arthur immer ſchwächer geworden, und auch die Frau fühlte ſich dem Umſinken nahe. Unfähig weiter zu gehen, ſetzte ſie ſich auf die Erde nieder, zog die Knaben feſt an ſich, hüllte ſie, ſo gut es ging, in ihre Gewänder ein und ſchlug ihre Arme um ſie. — Schlaft Kinder, ſchlaft, ſagte ſie ſanft, es iſt die beſte Erquickung der Unglücklichen. Ach, ich habe Euch nichts Anderes zu bieten als meine Bruſt, um Euch daran zu erwärmen, hier liegt Ihr ſicher, ich will für Euch beten, bis der Morgen kommt, der Troſt und Hülfe bringen wird. Die Knaben ſchmiegten ſich an ſie. O, wie that es ihnen wohl, ſich ſo gebettet zu ſehen, nachdem ſie von Margot mit Flüchen in den Schlaf getrieben, mit Peitſchenhieben aufgeweckt worden waren. Die ſanfte Stimme der fremden Frau that ihnen unendlich wohl, war es doch, als ob ihre Mutter zu ihnen redete, der Kuß, den ſie leiſe auf ihre Stirnen hauchte, war wie ein Se⸗ gen, den ſie über die armen Verlaſſenen ausgoß. Das müde — 250 Haupt auf ihren Schooß gelehnt, von der Umhüllung ihres ſchwarzwollenen Gewandes erwärmt, ſchliefen ſie ruhig ein. So ſanft und ſorglos in Gefahren können nur Kinder ſchlummern, die das Leben noch nicht kennen. Die Frau ſchlum⸗ merte nicht, ſie ſchreckte zuſammen, wenn der Wind durch die Zweige des Baumes fuhr, unter welchem ſie ſaß wenn ein Vogel im Schlafe aufkreiſchte oder ein Aſt knarrte. Was ſollte ſie mit ſich, was mit den Knaben anfangen, wenn Feinde ſich nahten? Die Nacht verging, der kalte Morgenwind durchfröſtelte ſie, noch lag der Rebel auf der Erde, die ganze Luft war grau und feucht. Sie ſchloß die Kinder feſter an ſich, ein jedes Weib fühlt ſich als Mutter, wenn ſolch ein hülfloſes Weſen in ihren Schooß flüchtet. Plötzlich vernahm ſie Geräuſch. Rein, diesmal war es kein Vogel und nicht der Wind, der in den Aeſten rüttelt.. Hrnmel, das ſind Pferdetritte. wenn es ein Feind iſt, großer Gott, die Kinder tragen franzöſiſche Mäntel und bayeriſche Käppi's vas iſt geſtohlenes Gut, das iſt Leichenraub.! Eine tödtliche Angſt ergriff die Frau. Sollte ſie die Knaben wecken, mit ihnen fliehen? Aber wohin, da ſie den Weg nicht kannte? Was blieb ihr da zu thun, als zu beten.. Unterdeſſen kamen die Pferdetritte näher, es beruhigte ſie in etwas, daß es nur wenig waren, bald unterſchied ſie, daß es nur ein einziger Reiter ſein konnte ſie athmete etwas leichter. Da trat er aus dem Rebel hervor, hoch zu Roſſe, eine mächtige dunkle Geſtalt. — Wenn er an uns vorüberritte, wenn er uns nicht be⸗ merkte, dalte ſie. Wirklich ließ er ſein Roß an ihr vorüber traben. — Gott ſei gelobt, wir ſind gerettet, dachte ſie. Doch in demſelben Augenblick hielt er an und wendete das Haupt zurück. — Den Teufel auch, was haben wir denn da? rief er. Dem Weibe ſank das Herz, ein Deutſcher fern von ſeinem Regiment um dieſe Stunde.. das konnte unmöglich etwas Gutes bedeuten. Es gab vielleicht auch unter ihnen ſchlechte Menſchen, aber am meiſten fürchtete ſie die franzöſiſchen Grenzbewohner, die — ſih aus Leu gen mit Ve gen der ſei der er ihres . Kinder ſchlum⸗ rch die Vogel ſie mit nahten? elte ſie, au und ib fühlt Schooß war es rüttelt.. großet Kipyis Knaben eg nicht te ſie in ſes nur er. Da edunkle cht be⸗ — 1451 ſich bisweilen deutſcher Uniformen bedienten und auf Spionage ausgingen. War es ſo einer, ſo hatte ſie nichts zu hoffen, dieſe Leute konnten grauſam werden, wenn man ſie auf ſchlechten We⸗ gen ertappte, und gewiß, es war kein guter Weg, den dieſer Mann durch Nacht und Nebel verfolgte. — Nun, rief er wieder, giebt es keine Antwort? Soll ich mit der Pike in den Klumpen Unglück hineinſtechen, der da am Wege kauert? Da hob die Frau ihr edles bleiches Angeſicht empor. — Wohl iſt es Unglück, das hier auf Erlöſung hofft, ſagte ſie ſanft aber feſt, hüten ſie ſich, es zu vermehren. — Soll mich der Teufel! brach der Reiter los, iſt das eine Nacht für eine Frau, um im freien Feld zu ſitzen, und noch dazu mit Kindern, wie es ſcheint? Aber wo, um des Himmels Willen, wollen Sie denn hin?* Zum Lazareth von Herny, verſetzte ſie, in. etwas von ſeinem Ton beruhigt. Können Sie uns den Weg dahin zeigen? — Das iſt verflucht weit, wenn Sie We ſind. — Miüde und hungrig, wir ſind beides“ — Aha, das dacht ich doch. Aber warten Sie einmal, da⸗ gegen weiß ich Rath. Er ſprang von dem Pferde herab, ſuchte in den Sattel⸗ taſchen und zog ein Brot und ein Fläſchchen hervor. — Da, nehmen Sie, ſagte er treuherzig, es ſollte für mor⸗ gen ausreichen, aber es findet ſich ſchon noch was. Die Frau nahm dankend das Gebotene, unterdeſſen holte der Reiter ein Feuerzeug hervor, und ſtrich ein Schwefelholz für ſeine Pfeife an, offenbar nicht, um ſie in Brand zu ſetzen, ſon⸗ dern, um bei dem Schimmer zu ſehen, mit wem er es zu thun hatte. — Iſt es denn möglich, rief er, als er das bleiche Geſicht erblickte, das iſt Marie Fiſcher. Sie winkte ſtumm mit dem Kopfe.— Aha, alſo darum wol— len Sie in das Lazareth. Nun hören Sie, ich bin eben auch in ſolch' einem verdammten Neſt geweſen, wo es nichts giebt als Heulen und Zähneklappern. Wir waren hinter den Turkos yer, 2 — ——— — 452— die wieder zu ihrem Mac Mahon zurückwollten, nachdem wir ſie bei Wörch auseinander geſprengt haben! Da kommt ſolch eine Canaille von det Seite und wilk mir ſein langes Meſſer in den Leib ſtechen, ich merkte es gar nicht, aber meine Schecke hier iſt ein Franzoſenpferd, die kennt die verdammten Schliche und ſpringt herum, und ſo trifft mich der Kerl nicht in den Bauch ſondern ritzt mir nur die Züge fuuſt auf. Ich machte ihm freilich dafür den Garaus mit der Lanze, mag ihn der Teufel braten, den heim⸗ tückiſchen Schlingel, aber was half es, ich mußte ins Lazareth, wo es min verdammt ſchlecht gefiel, den ganzen Tag habe ich nichts gethan, als mit der geſunden Hand Umſchläge gemacht, den auf den Wm. den auf den Kopf, den auf den Kopf, den auf den Arm, wie es eben kam. So blieb ich hinter unſerer Armee zurück. Das ſcha⸗ dete eigentlich nicht viel, denn i kriegte doch mal wieder meinen Freund Karl Weinlich⸗zu 5 der mit dem Prinzen Friedrich Karl geht, aber endlich wurde mir die Zeit zu lang, ich erklärte mich ſchon geſtern für geſund, der Doktor wollte mich zwar zurück⸗ halten, aber ich la hm ins Geſicht und holte mir meine Schecke. das Thier iſt hölli weichmäulig, aber ſeitdem ſie mir das Leben gerettet hc, gebe ich ſie doch nicht fort. Nun war es geſtern ſo voll im Lazareth, daß ich dachte, wozu nimmſt Du denn noch Platz weg, und ſo ſattelte ich auf und fort ging es, erſt zu Karln, wo ich dieſelbe Nacht blieb, und nun zu unſerer Armee. — und wollen Sie uns den Weg zeigen? fragte Maria Fiſcher, die Fürſtin Gabriele Donato. — Ifreilich will ich, aber in dem Nebel wird es Ihnen ſchwer werden, ihn zu finden, und dann, wen haben Sie denn da? — Zwei kranke halb verhungerte Knaben. Die Kinder waren erwacht und aßen mit Begierde das Brot, welches die Fürſtin ihnen reichte, auch von dem Wein ließ ſie den Einen wie den Andern nippen, dann gab ſie die noch halb volle Flaſche zurück. Jetzt ſtand ſie auf, Arthur und Richard folgten ihrem Beiſpiel, doch zu ſchwach, ſich auf den Füßen zu halten, klammerten ſie ſich an ihe Beſchützerin an, die ſie mit ihren Ar⸗ men umſchloß. ſie eine den r iſt ringt dern dafür hein⸗ w nicht⸗ nauf wie ſcha⸗ teinen iedrich rklärte utüd⸗ chede, Leben rn ſo noch Karln, Muria ſchwer Brot⸗ ſie den b voll folgten halt en — —— — —* —— —— — rey Sortroſ Spart Sreen vellow Bed Magenta