„ 8 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leihbiblivthek Veih- und Heſebedingungen. 1. Ofensein der Bipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ber Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen- 7 Lesepreis. Bei Rückga eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. D Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnemeut. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 Mr. 50 Pp 2 Mt.— Pf. *—„ ²„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſett werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ Zwiefache Treue. Erzählung von L. Rruse. Peipzig, 1829. vei Chriſtian Ernſt Kollmann. Hoch im Norden, an dem ſuͤdlichen Thei⸗ le der norwegiſchen Seekuͤſte, liegt, unter mehreren, eine kleine unanſehnliche hölzerne Stadt, zu der ſeewaͤrts eine lange dunkle Bucht, zwiſchen hohen, zum Theil kahlen Felſen, hineinfuͤhrt. Nur wenige freund⸗ liche Matten, von alten Haͤngebirken be⸗ ſchattet, bedecken jene ganz nahe der Stadt. Damals, im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts, war dieſe noch un⸗ bedeutender als jetzt. Vier oder fuͤnf Handelshaͤuſer, die zur Noth einen ſol⸗ chen Namen verdienen mochten, doppelt ſo viel Kraͤmer, der Prediger und einige wenige Beamte bildeten die Honoratiores . MN der Stadt. Die uͤbrigen Bewohner wa⸗ ren Handwerket, Fiſcher und Seefahrer. Richt ſo ſehr ihr kleiner Holzhandel, als der ſichere, obgleich mit einem beſchwer⸗ lichen Einlauf verſehene Haſen ſchaffte dort, beſonders wenn Sturme und Jah⸗ reszeiten eine Freiſtätte erwuͤnſcht mach⸗ ten, ein, nach der Meinung der Bewoh⸗ ner, recht reges Leben. Der oberſte Zollbeamte, einer der er⸗ ſten in dieſem kleinen Kreiſe, oder viel⸗ mehr das Familienhaupt deſſ elben— denn die angeſehenſten Familien waren faſt alle unter ſich verwandt oder verſchwägert—— hatte in ſeiner frühern Jugend ſelbſt zur See gefahren und verband mit den reſo⸗ luten, heiteren Sitten der Seefahrer die gerechte Strenge eines königlichen Stadt⸗ dieners auf eine Weiſe, die ihn im ge⸗ ſelligen Umgange eben ſo beliebt, als zum Theil gefürchtet machte, wenn er die — — 5 Verpflichtungen ſeines Amtes mit bar⸗ ſchem Ernſte ausuͤbte. In ſeinem Hauſe ſchien dieſer, alter Sitte gemäß, faſt im⸗ mer obzuwalten, weshalb die Kinder nur ſchuͤchtern dem ſtrengen, jedoch ge⸗ rechten und daher dennoch Vater naheten. Er hatte ſpät geheirathet, ſeine ſchlichte, tuͤchtige Frau, die aus dem be⸗ ſchraͤnkten Bezirke des kleinen Ortes, wo auch ſie geboren, niemals gekommen, war die erſte vertraute Dienerin des Mannes, und die vergůtende liebevolle Mutter ſeiner Finder. Dieſe beſtanden aus einem noch kleinen Knaben und zwei aufbluͤhenden Toͤchtern. Die aͤlteſte der Letzteren war ein bluhendes heiteres Mad⸗ chen, durch eine vielverſprechende fruͤhe Fuͤlle der eben nicht ſehr einheimiſchen Anmuth von ihren Geſpielinnen verſchie⸗ den. Die Juͤngere, in den erſten Kin⸗ 6 M derjahren ſehr klein, blaß und kränklich, ſchien von einer zarteren, beinahe koͤnnte man ſagen fremdartigen Natur zu ſeyn⸗ Die Mutter liebte Beide gleich; die äl⸗ teſte, Anna, aber war, wenn wir uns ſo ausdruͤcken duͤrfen, materieller, als die blaſſe, ſchmächtige Fanny— ein eng⸗ liſcher Schiffskapitain war ihr Pathe ge⸗ weſen— welche die ruſtige Frau mit ei⸗ ner zarten, faſt ehrerbietigen Scheu um⸗ armte, als fuͤrchtete ſie die fremde, ei⸗ ner wärmeren Sonne angehörige Pflanze zu verletzen, die ſie, der muͤtterlichen Liebe ungeachtet, ſich nicht recht anzu⸗ eignen wagte. Der Vater ſchien dies nicht zu bemerken, und theilte, in frei⸗ lich in der Einſamkeit des Hausſtandes nur ſelten recht aufgeregten Augenblicken an alle Kinder eine gleiche Liebe aus. Auch war es, als hinge das ſonderbare Kind mit größeter Liebe an ihm, als — MMMMNM an der Mutter, deren beengende Scheu vielleicht einen tiefern, ihr ſelbſt unbe⸗ wußten Grund hatte. Nur durch aͤußere Verhaͤltniſſe in das regere Leben empor⸗ gehoben, theilte ſie doch in ihrem Herzen den Aberglauben des Volkes, und konn⸗ te, trotz der ſtrafenden Worte des Gat⸗ ten, nicht umhin, an die geheimen Kenntniſſe der alten Amborg zu glau⸗ ben. Dieſe war die Wittwe eines armen Inſaſſen, die ſich in allen angeſehenen Haͤuſern des Städtchens allerlei kleine Geſchäfte machte und ſich dadurch ernaͤhr⸗ ten wohl gerkunſt trieb, überall gern geſehen, in manchen Fallen ſogar geſucht und von dem boͤſen Gewiſſen gefuͤrchtet wurde. Man wollte wiſſen, obgleich ihr Auſſe⸗ res es nicht verrieth, daß ſie von dem Finnengeſchlechte abſtammte, und wirk⸗ 8 ch verließ ſie zuweilen, nach langen Zwi⸗ ſchenraͤumen, die Stadt, verlor ſich in die umgegend, und wenn ſie endlich plöt⸗ lich wieder erſchien, hieß es, daß ſie ent⸗ fernte Verwandte beſucht hatte. Sie gab ſich immer viel mit Kindern ab, und be⸗ ſonders ſchien Anna ihr Liebling zu ſeyn. Indeſſen aͤußerte ſie ſich, wie nahe es ihr zuweilen gelegt wurde, nie uͤber die Zukunft der ſo verſchiedenen Geſchwiſter, obgleich ſie mitunter Worte fallen ließ, die begierig und ſtill von der lauernden Mutter aufgefaßt wurden. So hatte ſie einſt bei ihrer Wieder⸗ erſcheinung im Orte einen n mrtal⸗ gebracht, welchen ſie dieſer um den Hals hing, und ſie ermahnte, ihn gut aufzu⸗ lenen Gluͤcksring, wie ſie ihn nannten, der kleinen heiteren, ruͤſtigen Anna mit⸗ bewahren, bis er an ihren kleinen Fin⸗ ger paſſen moͤchte; wenn ſie ihn nur 9 nicht verlöre, wuͤrde er ihr gewiß Gluͤck bringen. * vUnd der armen Fanny ſchenkt Ihr nichts?« ſagte die beſorgte Mutter. MNein le erwiederte ſie kopfſchuttelnd, „die iſt ſchon geweiht. Tragt ſie in die Kirche! ach, koͤnnteſt Du ſie dort nur bleiben laſſen, Mutter mein! denn dem SGuck der Erde gehoͤrt ſie nicht an.« „Wie? Ihr glaubt ſie dem Tode ge⸗ weiht?6 „Es waͤre vielleicht ſo beſſer! Ich habe noch nicht rothes Blut auf ihren Wangen geſehen.«* Ein kleiner Schauder durchzitterte die Mutter, doch ging ihre Furcht nicht in Erfüllung. Fanny gedieh mit den Jah⸗ ren und ſchien ſogar, wenn auch nicht in Heiterkeit, doch in innerer Regſam⸗ keit mit der Schweſter zu wetteifern. Zwar fand ſie nicht, ſo wie Anna, Ge⸗ 10 fallen an aufregenden koͤrperlichen Spie⸗ len oder Geſchaͤften, aber ein noch le⸗ bendigerer Sinn ſprach ſich in ihren dun⸗ kelblauen Augen, ihren leichtbeweglichen Zugen aus; dennoch trug ſie geduldig den Eigenſinn der launenhaften Schwe⸗ ſter, die des Herumſpringens nicht müͤ⸗ de werden konnte und Fanny oft wider ihren Willen in lärmende Spiele hinein⸗ zog. Uneinig ſah man ſie ſelten. Fan⸗ ny gab faſt immer nachz allein wenn ſie einmal feſt auf etwas beharrte, das tief in ihrem Innern begruͤndet war, vermochten weder Bitten, überredung, noch Drohungen ſie davon abzubrin⸗ gen. Kurz, beide Geſchwiſter, dem der Knabe war noch zu jung, um an ihten kleinen Vertraulichkeiten Antheil zu nehmen, liebten ſich mit jedem Jahre inniger, obgleich noch immer ein großer Unterſchied zwiſchen ihnen ſtatt fand. ——— — — — 14 Anna war groß, ſchlank, bluͤhend, hei⸗ ter; Fanny war klein, blaß, ſtill, nicht eben heiter, aber immer ſanſt. Wenn die Mutter ſie oft ſo ſtill und ſcheinbar untheilnehmend ihre kleinen Geſchafte em⸗ ſig beſorgen ſah, ſielen ihr oft die Worte des Weibes ein:„Sie gehoͤrt nicht dem Gluͤck der Erde an« Die be⸗ ſorgte Matrone konnte ſich nicht verheh⸗ len, daß Vieles in dem jungen Leben der Tochter darauf hinzudeuten ſchien. Die Geburtstage waren Feiertage in dem einformigen Gang ihres haͤuslichen Le⸗ bens. Der Vater ſelbſt ſchien viel Werth darauf zu legen, und immer hatte es ſich getroffen, daß die ſchonſte Witte⸗ rung den Geburtstag Annens verherrlich⸗ te, waͤhrend er fuͤr Fanny immer trübe, mit Regen oder auch klar von Stuͤrmen gepeitſcht vorüberging; einen ſehr nahe liegenden Grund überſah die gute Frau⸗ 12 Annens Geburtstag fiel in die Mitte des kurzen Sommers; Fennys dagegen in den, zumal in nordiſchen Gegenden, un⸗ angenehinen Maͤrz, wo die letzten Kräf⸗ te des Winters gegen den noch ohnmäch⸗ tigen Hauch des kaum geahneten Früh⸗ lings ankaͤmpften. Allein auch andere kleine Zufälle machten die Mutter auf⸗ merkſam. Faſt nie biſſen die Fiſche an Fanny's Angel, und ſie kam immer mit leeren Haͤnden zuruͤck, während die jauch⸗ zende Anna einen ganzen Eimer voll nach Hauſe trug. Wenn die Geſchwi⸗ ſter im Spielen oder beim Laufen ſiclen, war es immer nur Fanny, die ſich ver⸗ letzt hatte; auch ſtand der Putz ihr nie ſo gut, wie der Schweſter; dagegen wußte ſie ihr einfaches Hauskleid weit reinlicher zu halten. Die alte Amborg ſchien indeſſen Beiden mit Liebe zugethan zu ſeyn, und es war als wollte ſie die r—— r—— Vorliebe, welche ſie durch den an An⸗ nen geſchenkten Ring verrathen, wieder gut machen, indem ſie, wenn ſie Bei⸗ den Erd⸗ oder Heidelbeeren brachte, im⸗ mer ihr Geſchenk mit einem kleinen Blu⸗ menſtrauß fuͤr Fany begleitete, und ſich dabei wie zur Entſchuldigung aͤußerte: „Anna kehrt ſich ja nicht an die Blu⸗ men; Fanny aber bewahrt ſie, bis ſie ganz duͤrre ſind.« So hatte Anna vierzehn Jahre er⸗ reicht. Fanny, die noch immer die Klei⸗ ne hieß, war nur ein Jahr junger, da brachte ein an ſich unbedeutendes Ereig⸗ niß unerwartetes Leben in das, ſeltene Gaſtmale ausgenommen, ſehr ſtille Haus. Ein franzöſiſches Handelsſchif lief mitten im Sommer, von widrigen Winden gezwungen, in den kleinen Ha⸗ fen ein, wo der Schiffsherr ſich mit friſchem Waſſer zu verſehen dachte. M Auch ein anderer Umſtand machte ihm die Annaͤherung eines huͤlfreichen Ortes erwunſcht. Er fuͤhrte ſeinen einzigen Sohn mit ſich, einen huͤbſchen, wilden, aber gutmuͤthigen funfzehnjährigen Bur⸗ ſchen. Dieſer hatte ſich durch einen Fall in den Raum bedeutend verletzt und ſich dadurch einen Beinſchaden zu⸗ gezogen, der ſich, unter der nicht hin⸗ reichenden Pflege des Vaters, mehr ver⸗ ſchlimmert als verbeſſert hatte. Als dieſer ſich nun bei dem Zollbeamten meldete, erkannten ſich Beide als Ju⸗ gendfreunde wieder, und da der Let⸗ tere in früheren Jahren freundliche Auf⸗ nahme in der Familie des Schiffskapi⸗ tains gefunden, beeilte er ſich um ſo mehr dem kranken Sohne ſein Haus zu eroffnen. Das Anerbieten wurde mit Dankbarkeit angenommen und der zufäl⸗ lig tuͤchtige Arzt des Städtchens geholts — 6böbb aber das Reſultat ſeiner Unterſuchung war, daß der verſchlimmerte Zuſtand des Beines, um ganz geheilt zu wer⸗ den, eine ſorgfaͤltige Pflege brauchte; weshalb der Vater, dem ſeine Pflicht jeden Aufenthalt, den ſeine Geſchaͤfte nicht durchaus erforderten, verbot, ſich entſchließen mußte, den Sohn im Hau⸗ ſe des alten Freundes zuruͤckzulaſſen, bis er, nach deſſen voͤlliger Herſtellung Anſtalten zu ſeiner Ruckreiſe treffen konn⸗ te. Beide Maͤnner wurden daher einig, daß Baptiſt beinahe ein ganzes Jahr bis zum naͤchſten Frühling an dieſem Orte verbringen ſolle, indem der Zollbeamte verſprach, ihn als eigenen Sohn in die Familie aufzunehmen, und zu gleicher Zeit ſeinen Toͤchtern den neuen liebens⸗ wurdigen Bruder, mit dem ſie uͤbri⸗ gens kein Wort ſprechen konnten, ihrer geſchwiſterlichen Liebe empfahl. Nach 1 46 wenigen Tagen ſchied der uber die Lage des Sohnes voͤllig beruhigte Vater. Man will wenigſtens in fruͤheren Zei⸗ ten in Norden bemerkt haben, daß der geſellige Ton ungebundener war und der umgang zwiſchen jungen Leuten beider Geſchlechter ſich ungezwungener und freier, als in mehr gebildeten Gegenden, bewähr⸗ te. Ein ruͤſtiges Geſchaͤftsleben unter den Alten, eine unbefleckte Phantaſie bei den juͤngern, untadelhafte Sitten im Allgemeinen ließen bei dieſer öffent⸗ lichen Annaͤherung kein Mistrauen in den Gemuͤthern aufkommen. Die Mut⸗ ter ſahen ohne Furcht die Töchter mit den Nachbar⸗Soͤhnen umgehen, mit ih⸗ nen ſcherzen, ſpielen, tanzen. Die jungen Madchen gaben ſich unbefangen — weil ſie nie von Befangenheit ge⸗ hoͤrt— dem freundlichen Verhaͤltniſſe hin. Die jungen Burſche, in natür⸗ 47 , licher Rohheit aufgewachſen, eigneten ſich, ohne es ſelbſt zu wiſſen, eine Art von Bildung an, wurden zarter, ſo wie ſie vielleicht ſinnlicher wurden; und entſtand auch hie und da ein vertrauliches Verhältniß, ward es nicht als ein großes Ungluͤck angeſehen; denn fremde Leidenſchaften, die anderswo nur zu oft jugendliche Liebe bedrohen, fan⸗ den hier mur ſelten Statt, und man war im Voraus uͤberzeugt, daß jeder Liebeshandel, nach einer verſchaͤmten, taͤndelnden Verheimlichung, ohne groſ⸗ ſe Schwierigkeiten zu einer gluͤcklichen Ehe fuͤhren wuͤrde. Daher ermunter⸗ te die Mutter ſelbſt, ohne irgend eine Gefahr zu befuͤrchten, beide Toͤchter zur Pflege des, trotz ſeines unbehuͤlflichen Zuſtandes, hoͤchſt lebhaften Juͤnglings. Es waͤre, meinten die Eltern, eine gute Gelegenheit, ohne Koſten Franzöſiſch zu . 18 M lernen. Dieſer Wunſch ſchien aber nicht gelingen zu wollen; denn obgleich die jungen Leute, zwiſchen welchen Sorgfalt und Dankbarkeit immer wetteiferten, in ſehr kurzer Zeit ſich recht gut verſtehen konnten und bald auch die ſprechenden Blicke mit verſtaͤndlichen Worten zu be⸗ gleiten wußten, ſo erwarb ſich Baptiſt die fremde rauhe Sprache ſo unglaub⸗ lich ſchnell, daß er dadurch den Mäd⸗ chen die Muͤhe erſparte, das Franzöſi⸗ ſche zu lernen, wiewohl ſie ihn öfters fragend anſtarrten, wenn er immer ſchneller und ungeduldiger, zuletzt mit dem geſunden Fuße ſtampfend, die Wor⸗ te und Redensarten, die er ſich gemerkt hatte, wiederholte, welche ſie aber, ſei⸗ ner drolligen Ausſprache wegen; die er mit franzöſiſcher Leichtigkeit nicht zu be⸗ zähmen trachtete, unmoglich verſtehen konnten; allein unter gegenſeitigem La⸗ — 19 chen und Scherz gewöhnten ſie ſich auch daran und wurden ſo ſeine Lehr⸗ meiſter, er der 0 n 2 wio Anna ehuuptet keck, kein franzö⸗ ſſhs⸗ Wort, das ſie ſich auch verge⸗ bens auszuſprechen bemuͤhte, weder ler⸗ nen zu koͤnnen noch zu wollen. Fanny dagegen gab ſich viele Muͤhe, ſich die Ausſprache und den Sinn der Worte ei⸗ gen zu machen, und ſie würde vielleicht die Sprache recht bald inne gehabt ha⸗ ben, wenn nicht der aufbluͤhende Juͤng⸗ ling, den die fuͤdliche Glut fruhzeitig gereift, das kleine ſtille Maͤdchen uͤber der frühlingsfriſchen Anmuth Annens nur zu ſehr uͤberſehen haͤtte. Deſſen unge⸗ achtet war er Beiden, ſo wie ſie ihm, gut; und ſelbſt der jetzt ſechsjährige Haldan, wild und keck, wie die Fel⸗ ſen, welchen er emporwuchs, 4 2 ——— 20 hing noch wärmer, gls die Schweſtern, an dem unermůdeten Geführten, an deſſen Hand er bald, ſo wie der Jung⸗ ling hergeſtellt wurde, höher als je zu⸗ vor die Felſen beſtieg, und ſelbſt, wenn die See in hohen Wellen ging, zum Fiſchen hinausſteuerte. So verging ungewöhnſch ſchnell Su mer, Winter und der folgende Lenz; da zeigte ein Schreiben auf einmal an, daß die Stunde der Trennung nahete. Bap⸗ tiſts Vater empfahl dem Sohn, ſich binnen einer beſtimnten Zeit in einem zehn Meilen entfernten großen Seehafen einzufinden, wo er ein Schiff antreffen wuͤrde, mit dem er die Ruͤckreiſe ma⸗ chen ſollte Die liebende Geſinnung der Fumilie bewährte ſich nun in voller Kraft. Es war Alen, als ſollten ſie einen Sohn, einen Bruder verlieren; ihm, als ſollte er. einer etgrwordenen . Heimath den Rücken kehtet. Mutter und Kinver zerfloſſen alle bei dieſer Nachricht in Thränen. Baßtiſt ſuchte mit naſſen Augen, mit vetſagender Stimme ſie zu tröſten ch komme ja wieder,e ſagte er, Annen die Hand reichend; vſo lange kann ich von mei⸗ ner kleinen Braut nicht ablaffen.« 26Ge⸗ wiß? lichete e, ohne an einem Wor⸗ te Anſtoß zu nehmen, das nicht allein die Leute, ſondern ſelbſt der Vater mehr⸗ mals ſcherzweife ausgeſprochen NGe⸗ wiß« betheuerte er, vich werde nie itutt ſeyn; ich hintnſ tier j dich ſiebe Eiten ing war bittet, heftig⸗ ein twoſtloſer Aus⸗ druck, der i Zrſt in ſich faßt. Hutan wollte ſic gar nicht zufrieden ſteiten laſſen; nur die ſanfte; geduldi⸗ ge Fun die ſelbſt in ſtillen Thränen 22 MM erſoß⸗ vermochte ihn llnhlig zu 2 ſchwichtigen. Anna ſuchte die Einſamkeit. Erſt dort fiel ihr die kleine Sylbe Braute mit Bedeutung auf. Sie ſtand wie funf kleine leuchtende Sternchen einer aufdaͤmmernden Hoffnung vor der zum erſten Male unruhigen Phantaſie des Maͤdchens. Still ging ſie nach einem nicht weit vom Hauſe entfernten Felſen hinaus, von dem die Geſchwiſter gern herankommenden Schiffen erwartungsvoll entgegenſahen und abſegelnden Freunden noch einen Abſchiedsgruß nachwinkten. Dann beſann ſie ſich plotzlich darauf, daß er, was dort im Orte faſt ei⸗ ne Seltenheit iſt, zu Lande abgereiſt war. So daͤuchte ihr jede Spur von ihm verloren Sie brach heftig in Thraͤnen aus und kehrte nach Hau⸗ ſe zuruͤck, wo ſie Fanny heſtig um den Hals fiel, als ſie dieſe wei⸗ nen ſah. MNach einigen Wochen waren ſrilch Ruhe und Ertragen, nur nicht die mit Baptiſten entwichene heitere Behaglich⸗ keit, deren Aufhoören dem ſtillen Hau⸗ ſe ſeine vorige, ehemals nicht ſo be⸗ merkte, Langeweile wiedergab, zuruck⸗ gekehrt. Die Thraͤnen waren getrock⸗ net, das beſchränkte Hausweſen fing, freilich etwas traͤge, ſeinen gewoͤhnli⸗ chen Gang wieder an und Baptiſtens Name erklang immer ſeltener in den Geſprächen; aber Niemand hatte ihn ganz vergeſſen, und am lebendigſten be⸗ wegte ſich ſein Andenken in Fnns 95 Drei Jahre vergingen, in welcher Zeit kein Ereigniß, hemmend vder mit raſcherer Beweglichkeit, in das Rad des Geſchickes dieſer ſtillen Familie in dem ſtillen Orte eingriff. Indeſſen waren allmaͤhlig Veraͤnderungen vorgegangen, die jede beklommene Schen aus dem Benehmen der Mutter, und jede aͤngſt⸗ liche Furcht aus ihrem Gemuͤthe verjagt hatten. Die nun bald ſiebzehnjaͤhrige Fanny hatte ſich in den zwei letztern Jahren aͤußerlich faſt unbegreiflich ver⸗ aͤndert; nur aͤußerlich doch, denn ſie war noch immer ſtill, zart, leicht hin⸗ ſchwebend und nur ſelten hoͤrte man ſie laut lachen oder gewahrte ſie in geſelli⸗ ger Luſtigkeit irgend eine Grenze uͤber⸗ ſchreiten, uͤber welche die Geſpielinnen, und ſelbſt die ausgelaſſene Schweſter ſich, ohne es zu bemerken, nur zu leicht ver⸗ irrten. Zwar verſchoͤnerte Annens blü⸗ —— 25 hende Farbe nicht ihre Zuge. Roth wa⸗ ren eigentlich nur die ſchwellenden Lip⸗ penz aber jede Wange ſah dem erro⸗ thenden Kelch einer weißen Roſe aͤhnlich. Aus ihren Augen ſtrahlte eine geiſtige Geſundheit, die über die koͤrperliche zu beruhigen ſchien. Die Mutter betrach⸗ tete ſie oft mit ruhiger Freude, mit heimlichem Triumph. 3 Seht Ihr, anborg ⸗ 4c ſagte ſie nnhi als die wie zuvor hausgewohn⸗ te Wittwe bei ihr vorſprach und ſie al⸗ lein antraf: diesmal habt Ihr Euch doch wohl getaͤuſcht. Sollte nicht auch meiner Fanny das Gluͤck der 6 werden Die alte Frau Ser ten reni ch weiß nicht, Mutter mein,« er⸗ wiederte ſie, vor ſich hin ſtarrend, vwie das Geſchick der Schweſtern geſtellt iſt. Dafür mag Gott ſorgen. Run ja! ſie 6 werden Beide Bräute werden, aber gebt nur Acht, blos die eine hier auf Er⸗ den. Es truͤgt mich nie meine Vor⸗ ahnung, und in meinem kleinen Gar⸗ ten ziehe ich Grabesgrun und bunte Hochzeitsblumen. Still nur, ſtill, hute den Mund, das Wort iſt ungeſund a m dieſe Zeit lief ein Schreiben, welches freilich öͤfters geſchehen war, von Baptiſten ein. Es zeigte der Familie, ohne weitere Umſtaͤnde beizufugen, ſei⸗ ne nahe Ankunft anz er ſehne ſich, ſchrieb er, ſeine kleine Braut wiederzu⸗ ſehen. Alle lächelten, aber zum erſten Male erröthete das gereifte Madchen ſtill verſchaͤmt bei dieſem Ausdruck; nur Fanny ſchien es zu bemerken.„Seine Braut?« raunte ſie Annen leiſe ins Ohr,„darf er Dich wirklich 36 ſo mnnen, Schweſter? 27 Anna umarimte ſie feſt, aber ſchwei⸗ gend; er hatte ja bei ſeiner Abreiſe, und vor dieſer kein Wort fallen laſſen, das einer Erklärung ähnlich ſah, aber von dieſem Augenblick ging das Mad⸗ chen, wie in ſüßen xrmnen verſunken, umhetnnhu Den nächſten ien Tag des un⸗ gewoͤhnlich fruͤhen Lenzes, deſſen Ge⸗ walt ſchon das Eis des Meeres gebro⸗ chen, winkte ſie der Schweſter unbe⸗ merkt.„Komm flüſterte ſie, vwir zwei allein wollen den Felſen, von dem wir ins Meer hinausſehen koͤnnen, be⸗ ſteigen; es iſt Dein Geburtstag, Fan⸗ ny, und nie zuvor hat die Frühlings⸗ ſonne ihn ſo klar beſchienen; das weiſ⸗ ſagt Gutes— vielleicht wir ein Segel erblicken Fanny folgte frendig und gern. Als ſie den Felſen beſtiegen— Anna voran 0 28 „ — ſpaͤhete ihr Blick mit ſehnſuchtsvol⸗ ler Eile vergebens in die Ferne. Nun,« ſagte ſie auf einmal lächelnd, Hich will eine Probe machen, ob der Ring etwas werth iſt« Sie zog den von Amborg erhaltenen Metallring von dem Finger, an den er ſchon lange gepaßt, und guck⸗ te hindurch, wie durch ein Fernglas, ins Weite. vEs gilt nun« führ ſie fort, 6—— er 2 2 ver⸗ dientzann mnn& uc nn Aber es wolte ſch nch immer tein — zeigen; dennoch konnte ſie nicht von dem Spaͤhen ablaſſen. Fanny;, un⸗ geduldig, daß die Schweſter ihr nur kurze und zerſtreuete Antworten gab, ent⸗ fernte ſich, die Blicke, ihrer gewoͤhnlichen Weiſe nach, ſinnend auf die kleine grun werdende Matte, die ſich zwiſchen den Felſen erſtreckte, heftend. einmal kehrte ſie freudig zuruͤck ſ ſ 29 Annals rief ſie, laß doch ab, ſo traͤumeriſch ins Blaue hineinzublicken, waͤhrend ich ein erfreuliches Zeichen treuer Bewerbung ſchon gefunden habe. Sieh einmal; das erſte Veilchen! das iſt das Geſchenk meines heitern Geburtstages Fuͤr mich?« entgegnete Anna froh, die Hand darnach ausſtreckend. Nein, Schweſter! fuͤr mich ſelbſt. Bitte bitte! ich muß es haben.« „Nun, wenn Du es nehmen kannſt!« Die Maͤdchen rangen ſcherzend mit Fanny entlief, Anna ſuchte ſie zu erreichen; es gelang ihr endlich, und die Schweſter ſelbſt gab ihr Gele⸗ genheit, die— zu— wehele ſagte ſie beinahe ſun⸗ „ Du haſt ſie ja zerdruͤckt! »Du ſelbſt,« entgegnete Fanny, vwar⸗ um haſt Du ſie ſo ungeſchickt angefaßt Gott,« rief Anna, plotzlich erblei⸗ chend,„mein Ringl« Sie hatte ihn aus Verlangen nach der Blume einen Augenblick vergeſſen. Er war verloren gegangen. Nun erſt wurden Beide ge⸗ wahr, daß die Sonne von einem dun⸗ keln Schleier umhuͤllt worden war. Sie ſtanden mitten in einem feuchten Nebel, der immer dicker wurde, obgleich ein ſchneidender Wind eiſig und ploͤtzlich ihre leichte Bedeckung durchbrang.„Komm,« ſagte Fanny, vwir ſind warm, laß uns nach Hauſe laufen, uniſ wir— erkalten.«4 nio rie „Laufe Du,« ſgie—— nicht von hinnen, ehe ich meinen wieder habe.« „Wie denkſt du den, jetzt bei dieſen Nebel, zu finden, Anna? Sey kein Kind und komm!e Sie zog ſie eine kleine Strecke mit ſich fort; da riß An⸗ B na ſich auf einmal los. Laufe, Fan⸗ ny, um Goötteswillen!« rief ſie, vich bin ſtärker als Du; meine Angſt um den Ring iſt mir ſchävlicher, als ein bis⸗ chen Erkaltung; aber Du erträgſt es nicht. Laufe, laufe, ich bin gleich zu⸗ ruͤck und werde Dich bald einholen« Fanny, ſchon froſtelnd uͤber den gan⸗ zen Koͤrper, eilte, ſich immer mehr er⸗ waͤrmt fuͤhlend, nach Hauſe. Sie hatte ſchon die durchnäßten Klei⸗ der ausgezogen, war ſchon lange der Mutter behuͤlflich geweſen, die nach al⸗ ter Sitte, dem freudigen Tag zu Eh⸗ ren, ganz beſondern Kuchen buk. Anna kam noch immer nicht; da ward Fanny von einer peinlichen Unruhe ergriffen. Ohne der Mutter ein Wort davon zu ſagen, nahm ſie die Gelegenheit wahr, ſich wegzuſtehlen, um Anna aufzufu⸗ chen. Doch nicht weit vom Hauſe be⸗ * 32 „ n gegnete dieſe ihr ſchon, bleich, ſchwan⸗ kend, vor Kaͤlte gelaͤhmt, an allen Glie⸗ dern zitternd. Sie hatte, ohne auf den Froſt zu achten, womit der Sturm oben auf der uͤber das Meer hinausragenden Felſenplatte ſie durchdrang, zwei Stun⸗ den oder vielleicht noch laͤnger den Ring geſucht.„O Fannyle rief ſie ihr hei⸗ ſer, kaum verſtäͤndlich entgegen, vmein Gluͤck iſt dahin, i5. habe ihn nicht ge⸗ funden! 6 Fanny's Entſetzen ſchnitt ihr die Ant⸗ wort auf den Lippen ab. Die Schwe⸗ ſter lehnte ſich erſchoͤpft an ihre Schul⸗ ter; die zarte Fanny mußte die ſonſt ſo ruͤſtige Anna faſt nach Hauſe tragen. Sie fuͤhrte ſie auf ihr Zimmer, zog die an allen Gliedern Erſtarrte nur mit Muͤhe aus und huͤllte ſie in das weiche Bett; dann erſt benachrichtigte ſie die Mutter von der ploͤtzlichen Krankheit An⸗ 8 33 nens. Dieſe eilte betroffen hinauf und ſand die Tochter in einem heftigen Fie⸗ berz die Geburtstagsfeier wurde auf Fan⸗ nyls Bitten eingeſtellt. Der Arzt ward gerufen, jede Sorgfalt angewandt— — den——— n auf — war vor nnt wie— Selbſtqualend maß ſie ſich die Schuld ih⸗ res Todes bei, ohne ſich es klar machen zu können, worin dieſe Schuld eigentlich beſtand. Die Mutter war untröſtlich. Der Vater allein, obgleich tief erſchüt⸗ tert, ſuchte ſich durch Thaͤtigkeit gegen Jeine Gefühle zu verhérten. Mit gebie⸗ tender polternder Strenge ſchreckte er die betrubten Hausgenoſſen auf; und zwang ſie, wie ſich ſelbſt, den lähmenden Schmerz durch Geſchäͤfte zu zerſtreuen. Er entſchied, daß der Tochter ein präch⸗ tiges Todtenmal, ganz nach alter Sitte 3 * 34 des Landes, gehalten werden ſolle. Dies ſah freilich einem Freudenfeſte nicht un⸗ aͤhnlich. Aus dem großten untern Zim⸗ mer des geraͤumigen Hauſes wurden alle Geraͤthe weggeraumt, in allen Ecken und an der Mitte der vier Waͤnde Lerchen⸗ baͤume angebracht und mit Gewinden von dunkeln Tannenreiſern verbunden. Der Boden wurde mit feinem Sande und kleingepflucktem Tannengrun beſtreut; aber in der Mitte erhob ſich, auf ſchwarzen Stufen ruhend, der ſafrangelb gebeizte Sarg, in welchen ſpaͤterhin die ſchone Lei⸗ che des ſo unerwartet verblichenen Mad⸗ chens auf weiche Kiſſen, mit dem feinſten Linnen uͤberzogen, gelegt ward. Sie wurde faſt wie eine Braut geſchmuckt, doch ohne Geſchmeide; ein weißes mouſ⸗ ſelinenes Kleid, deſſen Schleppe weit uber den Rand der Truhe hinabhing, bedeck⸗ te die noch im Tode üppigen Formen, * 35 weiße Glanzhandſchuhe die Hände; blaß⸗ rothe ſeidene Schleifen ſchmückten Arme und Buſen; um den Leib ſchlangen ſich breite Bärder von derſelben Farbe, an deren tief herunterflatternden Enden die Anfangsbuchſtaben ihres Namens mit ſchwarzer Seide geſtickt waren; die dün⸗ keln Locken ſchmiegten ſich, zierlich ge⸗ flochten, an die weiße Stirn, und harr⸗ ten nur noch des jungfraͤulichen Kranzes, den ſie auch im Grabe tragen ſollte. So ſollte ſie den Abend vor der Beſtattung zur oͤffentlichen Schau ausgeſtellt werden, waͤhrend die vornehmere Jugend des Staͤdtchens, mit ihren Eltern, in den angrenzenden Zimmern zu einem feierli⸗ chen Gaſtmale ſich verſammelte. Hohe ſchwarze Gueridonen mit dreiarmigen Leuchtern, die gelbe, ſtark von neuem Wachs duftende Ketzen trugen, waren ſchon, obgleich unangezundet, in dem mit 8* 36 M weißen Tuͤchern verhaͤngten Zimmer um den noch leeren Sarg geſtellt. Die alte Amborg hatte kurz vor der Krankheit Annens und waͤhrend der ſechs erſten Tage, in welchen die Leiche ſich noch im Hauſe befand, ſich gar nicht ſe⸗ hen laſſen. Am Morgen des ſiebenten, an deſſen Abend das Tranergelag ſtatt⸗ finden ſollte, ſtellte ſie ſich ſcheu und be⸗ klommen im Trauerhauſe ein. Ohne Je⸗ manden von den Dienſtleuten anzureden, blieb ſie, beide Hände unter der Schurze verſteckt haltend, gegen ihre Gewohnheit furchtſam und harrend, innerhalb der Kü⸗ che bei der Thuͤre ſtehen.»Ich will nur ein Wort mit der Jungfrau veden« gab ſie zur Antwort auf die Fragen der ge⸗ genwaͤrtigen Maͤdchen, die bei ihrem An⸗ blick ein neues Schluchzen anſtimmten. Endlich trat Fanny, ſchon fruh ganz in Trauer gekleidet, mit dem kleinen 37 WM zehnjaͤhrigen Haldan an der Hand herein. Die Leute machten ſie ſogleich auf Am⸗ borg aufmerkſam. Sie ging zu ihr hin. „Ich will nur ein Wort mit der Jung⸗ frau reden,« wiederholte dieſe, Jaber al⸗ lein.« Fanny, eben im Begriff ein Fruͤhſtuͤck fuͤr den Bruder aus der Spei⸗ ſekammer holen zu wollen, ließ ſie mit ſich und dem Kleinen, der nicht von ihr laſſen wollte, da hineingehen. Nun,« fragte ſie mit thraͤnenden Augen, die ſich bei dem Anblick der ſeit ihrem Ver⸗ luſte nicht geſehenen guten Bekannten aufs Neue mit Waſſer fuͤllten,„was bringſt Du, gute Amborg 76 Blumen aus meinem Garten« ent⸗ gegnete dieſe, vden Todtenkranz und die Brautkrone Sie zog ein jedes von dieſen von den verſchiedenen Seiten der Schuͤrze hervor und reichte ihr bei⸗ des. 38 Was meinſt Du?« ſagte Fanny be⸗ — vwas ſoll das—. zwei Kraͤnze 43 6 Nun, einen fuͤr Dich an einen i die Entſchlafene. Rosmarin fuͤr die Tod⸗ te, bluͤhende Myrte fuͤr die Lebendige; denn ihr Tod macht— zur Braut.« Wahrſagſt Duß nun— Mue 26 ſtammelte Fanny betroffen, indem ſie ge⸗ blendet von Thränen mit der freien zit⸗ ternden Hand den Rosmarinzweig ergriff, und die Hand zugleich dem andern Kranz unwillkuͤhrlich— um ihr denſelben abzunehmen e un alofonzhoe vIch ſage nur, was ich immer ge⸗ ſagt« erwiederte die Frau. WVorſichtig — halt lK rief ſie auf einmal hurtig und zog die Hand zu ſich, den Myrtenkranz ſchnell auf den Tiſch hinlegend. Die Kränze duͤrfen nicht an einander kommen, 39 MN damit nicht Tod und Trauer in Deine Ehe hineinbrechen. Wehe, wehe, wenn ſie ſich beruͤhrt! Doch getroſt— ich bin wohl ſchnell genug geweſen. Laß den dort liegen, Kind! geh' und ſchmucke die Schweſter, und waſche dann die Haͤn⸗ de, ehe Du den andern beruͤhrſt. Aber hebe ihn getroſt auf, und erhalte ihn friſch mit Quellwaſſer. Du wirſt ihn gebrauchen, ehe er vertrocknen kann— ich weiß, was ich geſehen! Geſehen wiederholte Fanny un⸗ willkührlich; Einen Leichenzug und hinterdrein ein Hochzeitsgefolge aus Eurem Hauſe. Drum bin ich ſeit der Zeit nicht hier geweſen; die Trauer darf ich nicht vorher verkuͤn⸗ den, aber wohl die Freude. Gehe, Kind, die Schweſter ſanft zu betten, aber laß mich, denn ich ſehe nicht gern die Tod⸗ ten zum zweiten Male.« 40 Fanny, der freilich dieſe eben ſo trau⸗ rige als heilige Pflicht oblag, gehorchte, ohne ſich umzuſehen, oder an den Bru⸗ der, der ſchon fruͤher ihre Hand hatte fahren laſſen, zu denken, die Augen ſtarr an das Rosmaringewinde heftend, dem Gebot der Alten. Sie zog die Thuͤre hinter ſich zu und naherte ſich dem Saa⸗ le, wo viele emſige Frauen die Leiche in ihrer Truhe geſchmuͤckt hatten, waͤhrend die Mutter geſchaͤftig und anordnend, die Thränen heimlich abtrocknend, ab und zu⸗ ging. So wie ſie unter die m trat, kam Haldan ihr entgegen geſprungen, ſchlug kindlich froh in die Haͤnde, und ſchnell umkehrend und ſie mit ſich zie⸗ hend, raunte er ihr leiſe ins Ohr: Du kommſt doch zu ſpaͤt; ich bin der erſte geweſen, und habe i die—— geſchmuͤckt.« 4¹ Unwillkuͤhrlich richtete ſie die Blicke in die Höhe. Anna's lockiges Haupt trug ſchon den Myrtenkranz; den Hal⸗ dan unbemerkt vom Tiſche hinter ihr weggenommen. Die weichherzigen Ma⸗ tronen, die in dem huͤbſchen Knaben den Engel erblickt, der eine Braut fuͤr den Himmel ſchmuͤckte, hatten ihn gewähren laſſen. Aber ein leichter Schauder durch⸗ rieſelte Fanny's Herz, als ſie den ihr be⸗ ſtimmten Kranz an dem Haupte der Lei⸗ che ſah, wahrend ſie den Rosmarinzweig — das Bild der Trauer und des Gra⸗ bes— der dort ſeinen Platz ſchon einge⸗ nommen fand, nicht abgenommen und nicht vermißt in ihren Haͤnden behielt. Unbemerkt von Allen, faſt verſtohlen, ver⸗ barg ſie ihn unter ihre Schurze, kehrte langſamen Schtittes aus dem Saale zu⸗ ruck nach ihrem einſamen Zimmer, und verſteckte den Kranz tief unter ihre Sa⸗ 42 MMM chen.»Den mußteſt Du behalten und fuͤr Dich aufbewahren!e rief es tief in ihrem Innern. Unfaͤhig, ihre Gedanken zu ordnen und auseinanderzuſetzen, ver⸗ richtete ſie, wie mechaniſch, das junge Herz von unwillkuͤhrlicher Todesangſt er⸗ griffen, in dumpfer Betaͤubung die vielen kleinen Geſchaͤfte, die ihr den Tag über oblagen; hoͤrte laͤchelnd und ſchweigend, ohne es zu faſſen, was ihr aus⸗ und eingehende Nachbarn und Hausfreunde ſagten, bis endlich das Leichenzimmer ge⸗ gen Abend, als die vielen Lichter ange⸗ zundet wurden, mit einer gemiſchten mur⸗ melnden Menge, beſonders Kindern und alten Frauen aus allen Staͤnden der klei⸗ nen Stadt, ſich fuͤllte. Da nahete ſie ſich, von der Mutter gemahnt, dem Be⸗ ſuchzimmer, in welchem die eingeladenen Gaͤſte ſich aufhielten; allein das laute, faſt fröhliche Geſpraͤch, das Klimpern der Taſſen, das Klirren der Gläſer waren ihr unertraglich. Sie kehrte noch auf der Schwelle um und flüchtete ſich in ihr kleines Zimmer, wo ſie in hervorquellen⸗ —— vergebens Erleichterung ſuch⸗ Zwar wurde ſie vermißt, aber die — ſelbſt unter dem Zwang der Wirthin, Allen gefaͤllig zu erſcheinen, lei⸗ dend, hatte Geduld mit ihrem Kum⸗ mer. Der ſtrenge Vater, der Beide un⸗ aufhorlich in Thätigkeit zu erhalten ſuch⸗ te, war durch ein plotzlich eingetretenes Amtsgeſchaͤft unerwartet wor⸗ den. Auf einmal die Mutter zu ihr hinein.„Komm, Fanny! ermuntre Dich ſchnell lK rief ſie ihr zu.„Der Vater hat nach Dir geſtagt; er iſt zuruͤck und hat fremde vornehme Gäſte mitgebracht, Of⸗ ficiere, mit Achſelbaͤndern und goldenen Schleifen. Du ſollſt ihnen den Thee be⸗ 44 reiten; ich kann nicht Alles— hinunter.« Fanny faßte ſich ſhnell Die An nung an den Vater, die fremden Gäſte, die Nothwendigkeit, ſich zuſammen zu nehmen, gaben ihren Gedanken wie mit einem elektriſchen Schlage eine andere Richtung. Das Bedürfniß des Augen⸗ blickes zerſtreuete ſie. Sie eilte ſchnell in die Kuͤche hinunter, beſorgte emſig das Nothige, und trat dann, die Wirthin zu machen, in das Nebenzimmer, wo die Gaͤſte ſich aufhielten, das freilich offen und mit den andern Zimmern in Verbin⸗ dung ſtand; doch hatten mur einige der bedeutendern Honoratioren ſich hineinge⸗ wagt, waͤhrend die uͤbrige Geſellſchaft etwas verlegen und aufgeſtoͤrt nur im haͤuſigen Lorütergehtn neugierige Blicke hineinwarf. 45 Was Fanny jetzt zuerſt erfahren, war ſeit mehreren Stunden der Stadt kein Geheimniß mehr. Eine vaterländi⸗ ſche Kriegsftegatte, die im Kattegat von heftigen Stuͤrmen gelitten, hatte den er⸗ ſten beſten Hafen ſuchen muͤſſen, um da ausgebeſſert zu werden. Bei dem Anblick der däniſchen Königsflagge hatten ſich die Behoͤrden, deren Amt damit in Beruͤh⸗ rung ſtand, in dem Zollhauſe verſammelt, bei dem die ausgeſetzte Schaluppe landete, wo jeder wetteiferte, den angekommenen Officieren Beiſtand und Wohnung anzu⸗ bieten. Nachdem Abrede uͤber Alles ge⸗ nommen, gingen ein paar Officiere wie⸗ der an Bord, die uͤbrigen, aus dem Chef, dem erſten Lieutenant und zwei noch jungern Officieren beſtehend, nahmen die Einladung an, den Abend bei dem Zollbeamten zuzubringen, wo faſt das ganze Staͤdtchen verſammelt war. 46 Der Wirth, um nicht die frohe Lau⸗ ne der Fremden, die nach den Truͤbſalen mehrerer Tage Erquickung bedurften, ſo⸗ gleich wieder zu ſtren, hatte mit Fleiß die traurige Veranlaſſung des heutigen Gaſtmales verſchwiegen, und fuͤhrte ſie in ein mehr abgelegenes Cabinet, wo die herbeigerufenen Freunde, von ſeinem Win⸗ xe belehrt, ſich bemuͤheten, ihre Aufmerk⸗ ſamkeit von Allem abzulenken, was ſie zit einer ſtörenden Entdeckung hätte fuͤhren können, obgleich der Anzug, beſonders der gegenwaͤrtigen Frauen, von Trauer zeugte. haglich in das trauliche Gelage nieder, Lieutenant Soelland ausgenommen. Die⸗ ſer— ein kleiner, unterſetzter Mann von einigen und dreißig Jahren, ein wenig blat⸗ ternarbig, welches uͤbrigens den nichtsſa⸗ genden, aber belebten Zuͤgen ein männli⸗ Die Gäſte ließen ſich auch recht be⸗ 47 WMN ches Anſehen gab, das durch die blaue, mit goldenen Epauletten geſchmückte Uni⸗ form ungemein gehoben wurde— zog noch mehr, als die uͤbrigen Gäſte, die, wie es ſchien, eben nicht viel Zeit an ihre Toi⸗ lette verwandt haben mochten, die Auf⸗ merkſamkeit des weiblichen Theiles der Geſellſchaft auf ſich. Auch er warf einen ſpaͤhenden Blick durch die offene Thuͤr auf die ſchwarze und weiße Frauenverſammlung— denn nach der Sitte des Landes waren die Maͤdchen alle weiß— und in der Hoffnung und mit dem Verlangen, daß dieſe ungebildetern Naturkinder mit wenigern Anſpruchen, und daher auch weniger ſprode, als die vor⸗ nehmthuenden Schonen in der vor Kur⸗ zem verlaſſenen Reſidenz, ſeine ziemlich rohen Huldigungen aufnehmen wuͤrden, fand er auch bald eine Veranlaſſung, ſei⸗ ne erregte Neugier zu befriedigen. Er * 48 hatte nemlich beim Eintreten ins Haus vemerkt, daß eine gemiſchte Volksmenge theils vor der Hausthür verſammelt war, theils ihnen auf der Flur begegnete, wo ſie ſogleich durch ein Zimmer naͤchſt dem Eingange eingefuͤhrt ward. Es war ihm, als haͤtte er Toͤne von mehrern Inſtru⸗ menten gehort, und da die Zimmer, in die er den Blick hatte hineinwerfen kon⸗ nen, alle nur klein waren, hegte er die Hoffnung, daß ſich irgendwo ein großer Saal befinden muͤßte, wo vielleicht ein Ball oder wenigſtens ein Feſt ſtattfinden ſollte. Er nahm alſo die erſte Gelegenheit wahr, um durch daſſelbe Zimmer, wo⸗ durch er hereingekommen, wieder hinaus⸗ zuſchlüpfen. Als er ſo auf die Flur ge⸗ langt war, miſchte er ſich in die noch immor ab und zuſtroͤmende Menge, folg⸗ te dieſer in das Innere des Hauſes, und 49 erteichte auch wirklich bald einen großen Saal, in den er ahnungslos, aber auf einen beſondern Anblick geſpannt, mit dem Strome hineintrat. Dort in der große⸗ ren Halle bemerkt, machten ihm die Um⸗ ſtehenden ſogleich Platz, und hoͤchſt be⸗ troffen ſtand nun der junge Mann vor dem erſtarrten Bilde einer Schönheitsfuͤlle, deren noch anmuthsvolle Jugend und uͤp⸗ pige Formen, bei einem Anzuge, als laͤ⸗ ge ſie da, zu beſſern, heiterern Freuden eingegangen, ſein erſtes Erſchrecken in ei⸗ ne faſt zu ſinnliche Wehmuth auflöſten⸗ Wie tief beklagte er die ſo fruͤh geknickte Lilie, die, wahrſcheinlich ohne die Freu⸗ den des Lebens und der Liebe je gekannt zu haben, leblos vor ſeinen Blicken ruhe⸗ te. Wie gern hätte er ſie zu beiden an ſeinem Herzen erwaͤrmt. Mußte ihm denn ein ſo ruhrendes Bild des Todes begeg⸗ nen, wo er den üppigen Genuß eines ju⸗ 4 genvfriſchen Lebens zu finden gehofft? Er⸗ griffen von einer bei ihm hoͤchſt ſeltenen Weichheit, die ſeine ſinnliche Phantaſie noch vermehrte, kehrte er ſchnell und ver⸗ ſtimmt zu der juͤngſt verlaſſenen Geſell⸗ ſchaft zuruͤck, feſt entſchloſſen, von ſeinem hoͤchſt unerwarteten— mer⸗ ken zu laſſen. Beinahe in demſelben augenblic ſeiner Wiederkehr trat Fanny, weiß mit ſchwar⸗ zen Bandern geſchmuͤckt, aus der Thure ihm gegenuͤber herein. Sie trug die er⸗ wünſchten Erfriſchungen die ſie ftill hin⸗ ſtellte, und ſetzte ſich ſittſam grüßend hin⸗ ter dem bereiteten Theetiſche nieder. Die nicht ſo ſehr, beſonders bei ihrer Blaͤſſe, entfernte hnlichkeit mit der ſo eben ge⸗ ſehenen ſchoͤnen Leiche, der faſt gleiche An⸗ zug, deſſen Baͤnder Trauer, ſo wie die an der Leiche eine daͤmmernde Freude anzeig⸗ ten, die dunkelblauen Augen, die zwar Le⸗ 5¹ ben, obgleich ein verhuͤlltes, ausſprachen und ſeiner zierlichen Geſtalt begegneten, um ſinnend darauf zu haſten, das Alles zog Spoelland unwiderſtehlich zu ihr hin. Er bemerkte deutlich, daß die immer wach⸗ ſende Luſtigkeit der argloſen Fremden, wel⸗ che die uͤbrigen Anweſenden eher zu befor⸗ dern, als zu hemmen trachteten, das nach ſeemänniſcher Weiſe laute Geſpräch, zu⸗ weilen mit Gelaͤchter, ſelbſt mit Fluchen untermiſcht, ihr zartes zur ſtillen Trauer geſtimmtes Gemuͤth verletzend beruͤhrten. Soelland hatte ſich dem Tiſche genaͤhert; ſie reichte ihm eine Taſſe hin. Er ergriff ſchnell einen ledigen Seſſel, zog ihn nä⸗ her und ſetzte ſich an ihre Seite. Der Anblick einer ſtillen Trauer, der leiſe Ton aus einem betruͤbten Herzen ubt einen Zau⸗ ber aus, der ſelbſt dem roheſten Gemuͤthe einen Anſchein von feiner Bildung und zar⸗ tem Mitgefuͤhl mitzutheilen vermag. 4* W So ging es Soelland. Er fühlte ſich in ihrer Naͤhe an ſütliche Bande gelegt, die ſonſt eben nicht ſeine ungeſtume Aus⸗ gelaſſenheit zu beſchraͤnken pflegten. Auch war es, als thaͤte ihr ſeine leiſe Unterre⸗ dung, die ihr williges Ohr von dem lau⸗ ten, wilden Taumel abzog, wohl. Es war, als ginge ihr in dem fremden Au⸗ ge, wenigſtens auf Angenblicke, eine neue Welt auf, wahrend die vorige, in der ſie ſich ſonſt ſo wohl befunden, min, ſo wie das Vaterhaus, ſeit dem Tode der Schwe⸗ ſter auch todt und öde hinter ihr lag. Es war als fuͤrchtete ſie einen Blick um ſich zu werfen, um nicht den bedrohlichen Rosmarinkranz in gllen Ecken zu erblik ken. Die Aufmerkſamkeit jetz mit weni⸗ gerer Muͤhe auf die Gegenwart heftend, zwang ſie ſich, von Soellands Theilnah⸗ me unterſtutzt, die zuvorkommende Wir⸗ thin zu machen. Sie lächelte wieder; 53 ſelbſt ein heller Strahl drang zuweilen aus ihren Augen; der heitere, offene, trauli⸗ che Ton, der den norwegiſchen Frauen ei⸗ gen iſt, brach aus dem Nebel wieder her⸗ vor. Soelland war entzuckt. Dieſe un⸗ befangene, milde und dabei ſittige Zuvor⸗ kommenheit war ihm, ſeit längerer Zeit nur gewohnt Koͤrbe einzutauſchen, neu und begluͤckend. Er wußte ſelbſt nichts davon, daß eine wohlthuende Stimmung das ſonſt Rauhe in ſeinem Betragen ge⸗ mildert hatte. So fanden ſich zwei hochſt verſchiedene Weſen, durch eine von dem Verhaͤngniſſe herbeigeführte Taͤuſchung, mit einander in einer ſonderbaren Har⸗ monie, deren Zuſammenklang nicht allein den Abend, die Nacht, ſondern weit laͤn⸗ ger, von der Phantaſie gepflegt, in— Sn wiederhallte. Soellands entzundbares Herz, ent durch den Anblick der Todten erſchuttert, 54 nun durch lebendige Reize in ſüͤße Traͤu⸗ me gewiegt, klopfte, waͤhrend er einen ſtolzen Blick auf die Reſidenz zuruckwarf, ungeſtum bei dem Gedanken, ſich viel⸗ leicht eine Braut erwerben zu können, de⸗ ren Liebenswürdigkeit ihn an den Mäd⸗ chen, die ihn verſchmäht, und an den aufgeblaſenen Gefaͤhrten, die daruber froh⸗ lockt hatten, raͤchen wuͤrde. Dieſe Vor⸗ ſtellung machte ihn, der uͤber ſeinen auſ⸗ ſern und innern Werth nie einen Zweifel gehegt, dreiſter und unternehmender, ſo wie die Stimmung, in die ihn der Zu⸗ fall gebracht, beſorgt, ſchonend und weich. Nur ſeine Augen ſprachen aus, was ſein klopfendes Herz verbarg. Erſt als die Gäſte, die in nachbarli⸗ che Haͤuſer einquartirt wurden, nach Mitternacht ſchieden, erfuhren ſie erſtaunt, daß ſie einem Trauerfeſte beigewohnt hat⸗ ten, indem ſie eingeladen wurden, die den man zu unterbrechen ſich wohl hůtete. eingeladenen Fremden und einheimiſchen 55 Beſtattung mit ihrer Gegenwart zu be⸗ ehren. Ermuͤdet, aber woblhnenßen geſinnt, als ſie irgend einen Augenblick ſeit ihrem verhaͤngnißvollen Geburtstage geweſen, ge⸗ noß Fanny zum erſten Male wieder an der Seite einer Freundin, welche die ſorg⸗ faͤltige Mutter auf kurze Zeit ins Haus ge⸗ nommen hatte, einen wohlthaͤtigen Schlaf, Sie erwachte auch wirklich ſpaͤt, und kaum hatte ſie Zeit, ſich gehoͤrig anzuziehen und die ihr obliegenden Geſchaͤfte zu beſorgen als die Beſtattung ſchon vor ſich ging und aufs Neue alle ihre Seelenkraͤfte in Anſpruch nahm. Kaum aber war ſie vorüber, als die begleitenden und wieder Freunde zu dem ſogenannten Begraͤb⸗ nißmal verſammelten. Soelland, von der Mutter ſtill beguͤnſtigt, welcher das Zu⸗ ſammenfluͤſtern der jungen Leute nicht ent⸗ gangen war, wußte es ſo einzurichten, daß er bei Fanny zu ſitzen kam. Die Stimmung der vorigen Nacht dauerte in ſeiner Seele fort, und reichte noch hin, um ihn liebenswuͤrdig erſcheinen zu laſ⸗ ſen. Fanny, durch ſeine Naͤhe, ſeine Be⸗ muͤhungen, und die Aufmerkſamkeit der fremden angeſehenen Gäſte, deren glan⸗ zende Erſcheinung eine unſchuldige Eitel⸗ keit in ihrem Buſen erweckte, aufgeregt, war geſprächig und ſogar heiter. Im Rauſche ſeiner Freude entſchloß ſich Soel⸗ land, keinen Augenblick zu verlieren, und nachdem die Tafel aufgehoben war, ge⸗ lang es ihm, von Wein und Liebe begei⸗ ſtert, ſie in einem unbemerkten Wi kel zu uberraſchen, und mit flammender Leiden⸗ ſchaft um iir— und— an⸗ zuhalten. 5 57 Fanny ſtund höchſt betroffen vor ihm. Der Fremde— ſie mußte es ſich ſelbſt geſtehen— hatte ihre Theilnahme gewon⸗ nenz aber Liebe? die hatte noch nicht ihr Herz berührt. Sie kannte die Liebe nicht und hätte vielleicht kaum das freundliche Wohlwollen, womit ihr Herz den fun⸗ kelnden Blicken, die mit einem ſeligen Ausdruck auf ihr ruheten, entgegenſchlug, dafuͤr genommen, wenn ſie nicht in dieſer Werbung ein maͤchtiges Verhaͤngniß hätte erblicken muͤſſen Amborgs Wa ſchwobte erfüͤllt vor ihrer Seele. ſte ſich ja der emtſetzliche Tauſch der Krän⸗ ze in ein leeres Erſchrecken auf; ſo konn⸗ ten ſich dennoch die drohenden Rosmarin⸗ zweige in blühende Myrten verwandeln. iges Leben e ein fieberhaf⸗ raunbild hinter ihr, und die keck prochenen Worte der klugen Frau eine Schickſalsſtimme zu ſeyn, 58 der zu wiberſtreben ihr ein aͤngſtliches Ge⸗ fuͤhl verbot; aber ihr jungfraulicher Sinn konnte keine Worte finden, ihre Haͤnde zitterten in denjenigen, die— flehend umfaßten. Da trat die ſpaͤhende Autter. deren Augen mit eitler Freude die ſicht⸗ bare Huldigung des Gaſtes bemerkt hat⸗ ten. Der aͤuſſerſt aufgeregte Soelland eroͤffnete auch ihr ſein volles Herz. Ei⸗ ne uͤber ihre Erwartung gläͤnzende Par⸗ tie in der unvermutheten Bewerbung er⸗ blickend, trat ſie auf ſeine Seite. In⸗ dem ſie mit Thränen ſich daruber ver⸗ breitete, wie Leid und Freude ſich im menſchlichen Leben treulich zuſammenfin⸗ den, ermunterte ſie Fanny, eine A wort zu geben. Dieſe umarmte ſtun und beklommen die Mutter, die der To ter Schweigen nach ihrem Wunſche deu⸗ tete.»Sprechen Sie mit dem Ve 50 ſugte ſie, vmeine Fanny iſt n Kindsnſonn 2 Soelland druckte Beder Hinde an ſane Lippen, eilte augenblicklich zu ſeinem Chef, und erſuchte ihn, ohne Aufſchub den Freiwerb er bei dem Vater zu ma⸗ chen. Dieſer, ohne ſich uͤber den ſchnel⸗ len Entſchluß zu wundern, der ihm ganz in der Ordnung zu ſeyn ſchien, rief den Zollbeamten bei der erſten Gelegenheit zur Seite. Nachdem er ſich ſeines Auftrages entledigt, fuͤgte er hinzu, daß Soelland zwar ohne Vermögen, aber aus einer an⸗ geſehenen Familie ſey; daß er ſelbſt, zu einem Stande gehoͤrend, in dem keine zwanzig Jahre fruͤher ein Lehrling bei der voſtindiſchen Compagnie oder ein geſchickter Steuermann ſich zum Officier empor⸗ ſchwingen konnte, dieſe Verbindung ange⸗ meſſen finde, weil ein Seemann weder auf vornehme Geburt, noch auf Reich⸗ 60 thum ſehe; und daß Svellands Officier⸗ gehalt hinreichend zu einem anſtaͤndigen Hausſtande ſey. Auſſerdem war ihm Soelland als ein flinker Officier bekannt und er hatte nie etwas der Flagge Un⸗ wuͤrdiges von ihm vernommen. Wie⸗ wohl nun auch raſche Entſchloſſenheit im Charakter des Vaters lag, ſchien ihm doch dieſe Werbung gar zu unerwarket zu kommen. Er wollte uͤberlegen. Der Chef ſtellte ihm aber vor, daß die Fregatte in kurzer Friſt wieder abſegeln muͤſſe, daß er in dieſer doch nicht mehreres erfahren, als was er ihm ſchon mitgetheilt, und den jungen Mann nicht beſſer kennen ler⸗ nen wuͤrde, als er, der Chef, ihn ſchon ſeit Monaten kenne. Ohne Entſchluß ihn abreiſen zu laſſen, duͤnkte ihm nicht gutz warum denn eine entſcheidende Antwort verſchieben, da die jungen Leute doch ei⸗ nig ſchienen?„Sie ſind ja ſelbſt See⸗ —— geweſen und wiſſen, daß wir gern viel Umſtaͤnde machen. Der Zollbeamte ſprach mit der ſchon gewonnenen Gattin, und auf ihr Zure⸗ den rief er Fanny.„Gefällt er Dir?« fragte er. non„ Wenn er Dir gefaͤllt?c war die zö⸗ gernde Antwort. N Davon iſt die Rede nicht. Du ſollſt mit ihm leben. Haſt Du ein Herz zu ihm? haſt Du Muth, es mit ihm zu wagen? Frage Dich ſelbſt. Der Mann iſt von einem achtbaren Stande, ſeine — ſind anerkannt. Deine ter und ich haben uns vorher nicht viel länger gekannt. Nun, die Ehen werden im Himmel geſchloſſen; die unſte iſt gluͤcklich—— Deine ſoll frei ſeyn.« Es war NMe borgs Wahrſagung e chen, als paue an⸗ den Worten des 62 Vaters wieder. Alle Erinnerungen des letzten traurigen Ereigniſſes beſtuͤrmten ihr Herz. In der Ferne gewahtte ſie das flehende Auge des Liebenden, der unruhig vor dem Hauſe ſich erging. Sie gab ihre Einwilligung. Soelland war uͤber⸗ ſelig, ſein Entzuͤcken riß die Geliebte in ſeinen Rauſch hinein. Sie ſich vertrauend an ſein uͤberlautes Glück, das keine Grenzen kannte. i ehtü Ws wird man in Copenhagen ſa⸗ gen, dachte er frohlockend, wenn— da kam er auf einen glücklichen Einfall und eilte ſogleich zu ſeinem Chef. Er ſtellte ihm vor, wie ſchwer es ihm ſiele, ſich von der jungen Braut in der Ungewiß⸗ heit, wenn er ſie wieder ſehen wurde, zu trennen. Der Dienſt konnte ihn ja in⸗ zwiſchen zu einer langen Serfahrt beru⸗ fen. Jahre koͤnnten vielleicht hingehen, ehe er ſie dann als Gattin heimfüͤhren X 63 duͤrfe; wenn der Chef dagegen geſtatte⸗ te, daß ſie mit der Fregatte folgte, die ja doch, ihrer voͤlligen Ausbeſſerung we⸗ gen, nach der Hauptſtadt zuruͤckkehren mußte, brauchte er ja nur ſich gleich vor der Abreiſe trauen zu laſſen; die nöthi⸗ gen Vorbereitungen koͤnnten noch getrof⸗ fen werden; es waͤre eben Zeit genug da⸗ zu. Als der Chef, nach einigen Einwen⸗ dungen, ſeine Beiſtimmung gab, waren die Bedenklichkeiten 6 Eltern leicht zu 2 Allein dieſer ſo unerwantet kurze Bautſin uberraſchte Fanny ſonderbar, ja erſchreckte ſie faſt, wiewohl auch der mit der Weiſſagung der Alten zuſammen⸗ traf. Der Gedanke, von Allem, was ihr lieb und theuer war, zu ſcheiden, in eine neue unbekannte Welt ſo plötzlich— faſt wie die Schweſter— einzutreten, uͤberwaͤltigte ſie. Erſt jetzt begann ſie 64 vuntu zu ahnen, daß der Bräutigam ihr kein Erſatz für das ſey, was ſie verlaſſen mußte. Die kurz vorher widerwaͤrtige umgebung ſchien ſie auf einmal wieder⸗ feſthalten zu wollen. Achl nur den erſten bedeutenden Kummer; der ſie Unheil dro⸗ hend beruhrt, hatte ſie hinter ſich laſſen wollen, nicht die theuern Ettern, den lie⸗ ben Bruder, die frohen Erinnerungen ih⸗ rer Kindheit, ihrer Jugend, deren vit⸗ ſte Zeit ſie dem vergeſſenen Baptiſt zu verdanken gehabt. Sie ſcheuete noch ſein Andenken. War es ihr voch, als flüſter⸗ te ihr zartes Gewiſſen ihr— ſein unbewnßter Blick ihr den Tod bet Schwe⸗ ſter vorwerfen müſſe. Mitten unter ben ſchmeichelnden Liebkoſungen ihres Verlob⸗ ten ſich eine beklommnene Schwer⸗ i r Herz. Ja! es freuete ſie, jenen beſchaͤftigt zu viſen damit ſie ſich einige Augenblicke ungeſtört den Traͤumen —— —— 65 der Einſamkeit uͤberlaſſen durfe. In ſol⸗ chen Stunden war es, als fluſtere ihr eine innere Stimme zu, daß ſie zu vor⸗ eilig geweſen. Mit Seufzen hörte ſie die Mutter von der Ausſteuer reden. Es war die ſchon fertige der Schweſter; denn, der Sitte nach, hatte man fruͤh die Altere bedacht. Ohne Freudigkeit, mit aͤngſtlichem Herzklopfen ſah ſie den eiligen— e 2 zu. Eines— Achnitngt. als 35 hinigeiiſt gezwungen eine Par⸗ tie Dame mit dem Vater ſpielte, ent⸗ ſchlupfte ſie unbemerkt, faſt mit freudiger Paſt aus der Gartenthuͤre, um nachher mit langſamen, ſchwermuͤthigen Schritten den Felſen zu beſteigen, wo die Schwe⸗ ſter ſich den Tod geholt. Sie hatte die⸗ ſen Ort zu beſuchen ſeitdem nie gewagt, und auch ſpater keine Gelegenheit gefun⸗ 5 66 den; aber auch von dieſer Stelle, die ihr viele ſuͤße, und zugleich die herzzer⸗ reißendſten Erinnerungen darbot, wollte, mußte ſie, allein mit f wi nehmen. Hier, nicht weit von dem uͤber das Meer hinausragenden Abſturz, ließ ſie ſich auf das weiche Moos nieder, und ſtellte pruͤfende Betrachtungen uͤber ihr ganzes kleines Leben, uͤber ihre gegenwaͤr⸗ tige Lage an. Sie wollte ſich darob er⸗ freuen, und vermochte es nicht. Sie weinte bitterlich, ohne ſelbſt zu wiſſen warum. Der Rosmarinkranz, den ſie nicht wieder angeblickt, fiel ihr gegen ih⸗ ren Willen ein. Soo ſtarrte ſie mit naſ⸗ ſen Augen lange gerade vor ſich hin. Da kam es ihr vor, als ſaͤhe ſie dicht vor ſich etwas Glaͤnzendes aus dem dun⸗ keln Mooſe blinken. Ja, er war es, der verlorene, von der Schweſter ſo emſig, ——— ——— ſo unſelig geſuchte Gluͤcksring. Es fuhr ein freudig ſchmerzliches Zittern durch ih⸗ r Bruſt. Sie erhob ſich raſch und hob ihn auf.„Mir, mir mußte er beſcheert ſeyn ſeufzte ſie leiſe.„So komm denn, du mein trauriges und doch liebes, Gluͤck verheißendes Erbtheil Zitternd verſuch⸗ te ſie ihn an den Finger zu paſſen— da war es ihr, als vernähme ſie leiſe Schritte hinter ſich. Sie wandte ſich ſchnell; in demſelben Augenblicke umfaß⸗ ten zwei ſtarke Arme die ihrigen. Der Ring flog aus der bebenden Hand, und zum zweiten Male, doch nun unwieder⸗ bringlich verloren, rollte er, gegen den kalten Felſen klingend, den ſchragen Ab⸗ grund hinunter und verſchwand in einer gähnenden Kluft; aber ein ſchlanker freu⸗ dezitternder Jungling hielt ſie in ſei⸗ nen Armen, preßte ſie kraͤftig an ſei⸗ ne Bruſt, druͤckte einen heißen Kuß auf 5* N die ſchwellenden Lippen und rief in der Landesſprache, obgleich gebrochen:„Hier bin ich, meine ſuͤße, fuͤße Braut!e Erſchrocken ſtraͤubte ſie ſich, ihn an⸗ ſtarrend, gegen ſeine Umarmung. Er aber ließ ſie nicht los:„Kennſt Du mich nicht?« fuhr er laͤchelnd W„kennſt Du nicht Baptiſt ½ Da war es, als ſaͤnke nit dieſen Na⸗ men auch ſein Kuß in ihr Herz.„Bap⸗ tiſt K rief ſie frendig; doch faſt in dem⸗ ſelben Augenblicke prach ſie in Thränen aus. vDu irrſt, ich bin ja die nicht, die Du meinſt. Deine Braut iſt dahin, Baptiſt! Die gute S deckt ein jhe Grab la Wie le tief er noch i im t 2. ne, Hiſt es möglich? Du biſt die klei⸗ ne Fanny, und die arme Anna ſchlaͤft? Welche Veränderungen! und doch taͤuſchte mich nicht das Herz, als ich ein Frauen⸗ —.— 69 faͤhnchen hier oben flattern ſah! Fanny, wie ſchon biſt Du geworden, und welche Seele ſtrahlt aus Deinem Blicke! Alles, was ich hier zurückließ, begegnet mir darin. Jetzt verſtehe ich die Ungeduld, die brennende Sehnſucht, die mich nach Euren kalten Felſen trieb. Fanny, was ich im Schetz ſagte, wiederhole ich im Einſt. Sey meine Braut! ich bin der alte Baptiſt 65 Es war, als ſchlüge der Klang ſiur wohllautenden Stimme tauſend Saiten in ihrem Buſen an. Eine vorher unbekann⸗ te, nie geahnete Seligkeit zog durch ihre Biuſt, die aber ſchnell in einen herben Schmerz verſchmolz. Schwer aufathmend ſate ſie leiſe: Baptiſt, ſo Du thuſt mir weh!e Scherz!e wiederholte er giühent. „Siehe, Fannh! ich habe, ſeit wir uns nicht geſehen, mich tuͤchtig in der Welt herumgetrichen; ich bin— Du weißt es — nicht uempfänglich für das Schöne. Heitere, geiſtreiche, niedliche Mädchenge⸗ ſichter gaukelten neckend um mich herum. Ich taͤndelte mit ihnen, aber ich liebte nicht. Es war mir immer, als hätte ich in der Ferne etwas Helleres, Theureres, Treueres geſehen; aber kein beſtimmtes Bild ſtand vor meinen Augen. Es zog mich, von einem leichten Nebel verhuͤllt, nur mit milden,„blauen, klaren Augen hieher zurück. Doch als ich Dich nun erblickte, verſchwand der Nebel vor Dei⸗ ner Klarheit! Heiſſe Anna, Fanny, wie Du willſt; ich frage nicht nach dem Na⸗ men. Du biſt es, Du, der meine See⸗ le gehoͤrt; heißt Du aber Fanny, giebt's keinen ſußeren Namen auf der Welt.« Er drückte ſie aufs Neue an ſeine Bruſt. vUnd Du biſt mir ja auch gut« fuhr er fort,»Dein Bruder bin ich ja doch wie — 71 vorher; meine Schweſter biſt Du ſchon, und ich habe wohl auch nicht meine nor⸗ diſchen Eltern verloren« Ja, gut bin ich Dir wie immer,« entgegnete Fanny leichter. Die zuruͤckge⸗ rufene Vergangenheit, die Erinnerungen an das vorige trauliche Verhaͤltniß zau⸗ berten dies aufs Neue hewwor, oder viel⸗ mehr Fanny's erleichtertes Herz fluchtete ſich da hinein, um ſich dem Zauber dieſer Stunde hingeben zu drfen. Wie biſt Du hieher gekommen?4 fragte ſie plöt⸗ lich; vbiſt Du denn noch nicht in un⸗ ſerm Hauſe geweſen*4 Mein, fuͤhre Du mich hinein l Er erzählte ihr nun, wie er als Steuermann auf dem Schiff, das ſein Vater fruͤher gefüͤhrt, nach Chriſtiania gekommen, dort vierzehn Tage Urlaub genommen, um ſei⸗ nen Lieben den Beſuch abzulegen, den er bereits vorher ſchriſtlich angezeigt. Er hatte, theils in einem Fiſcherboote, theils zu Lande, mit einem kleinen Raͤnzel auf dem Rücken, zu Fuße die mühſame Reiſe bis hieher gemacht. Unweit des Städt⸗ chens, wo der Weg ihn dem Felſen dicht vorbei führte, hatte er eine weibliche Ge⸗ ſtalt oben auf dieſem erblickt. Er wußte, daß es die Lieblingsſtelle der Schweſtern ſey, und ſein Herz hatte ihn hergezogen. Arm in Arm, ſie an ſeine Schultern gelehnt, zu ihm hinaufblickend und die Glut der verſengenden Pfeile ſeiner ſchwar⸗ zen Augen mit den ihrigen einſaugend, gingen ſie, unter traulichen Geſprächen, langſam zuruͤck; auch ſie mußte erzaͤhlen. Anna's Tod brachte wieder Waſſer in ih⸗ Warum,« ſagte Baptiſt, vkann ich nicht verweilen, bis dieſe Thraͤnen nicht mehr fließen! nur wenige Tage ſind mir vergönnt. Aber getroſt, meine Braut, —— 75¹ ich werde bald, 5 im Spätſommer, ehe die Herbſiſturme Gefahr bringen, ſelbſt als Führer des Schiffes wiederkehren, um uein ſuͤßes Eigenthum,„wenn Du meine Brudertechte in ſchönere verwandeſſ die Heimath zu führen. 6 Fanny erbleichte; die jetzt deutlich auß Neue ausgeſprochenen Worte einer ernſten Abſicht, die ſie nun erſt die wah⸗ re Bedeutung von Amborgs Wahrſagung vihr Tod macht Dich zur Braute ken⸗ nen lehrten/ und deren Erfullung ſie ſelbſt durch ihre ungluͤckſelige Voreiligkeit, die — ihr nun erſt einleuchtend vorſchwebte, ver⸗ ſcherzt hatte; dieſe Worte zeigten ihr zun erſten Male klar das fruͤher nur dunkel geahnte Unheil ihrer Lage, ſo wie ihr ſcharfes Geſicht die Geſtalt des Bräuti⸗ gams in einem Fenſter des immer deutli⸗ cher hervortretenden Vaterhauſes. Sie tiß ſich entſetzt aus Baptiſts Armen und 74 fluͤterte: vUm Gottes Willen, nie eine ſolche Sprache mehr! Ich bin Braut— ja— aber nicht die Deinige; dort har⸗ ret mein Verlobter; aber Dir bleibe ich immer eine treue Schweſter« „Schweſter? Gaukelſpiel! rief der heftige Jungling. Die dunkle Glut ſei⸗ ner Wangen war in Todesblaͤſſe verwan⸗ delt.»O, mein Gott! iſt es moͤglich— liebſt Du ihn« fragte er auf einmal, ihre Hand ſtark faſſend. vIch glaubte es lK fluͤſterte ſie zö⸗ gernd, kaum verſtandlich. Fannyle fuhr Baptiſt fort, ſie mit ſeinen Blicken durchdringend.„Täuſche Dich nicht. Es iſt noch Zeit. Du liebſt mich! ja, ja, wir lieben uns! O, ma⸗ che uns nicht alle Beide ungluͤcklich! Sie zitterte heftig, und zog ihn im⸗ mer ſtaͤrker mit ſich dem Hauſe zu, von dem ſie ſchon bemerkt werden konnte. . OCO Ses iſt nin einm ſo; kein Wott mehr! mein Urtheil fiel in dem Augenblick, da Dein Arm mich umfaßte. Erinnerſt Du Dich des Gluͤcksringes Annens?« Waäh⸗ rend ſie ihm deſſen Verluſt ſchaudernd mittheilte, hatten ſie beinahe das Haus erreicht. Der Brautigam hatte Fanny ſchon lange mit Ungeduld erwartet, und nun erblickte er ſie in der Begleitung eines unbekannten jungen Mannes, deſſen Au⸗ gen feſt auf ihr ruheten. Mit eiferſuͤch⸗ rigem, zornigen Blick trat er ihnen ent⸗ gegen. Obgleich Fanny keine Verſtellung kannte, ſie nie ausgeuͤbt hatte, gab ihr voch ihr weiblicher Sinn Faſſung und Beſonnenheit. Mein Buder Baptiſt« ſagte ſie, den Jüngling vorſtellend, vvon dem Du noch nichts gehoͤrt.« Soelland machte eine kalte ſtumme Verbeugung. Baptiſt ſah ihn ſtarr an. „Er der Braͤutigam, Fanny fragte er betroffen. Sie nickte. vSo erlauben Sie mir, Herr Lieutenant« führ er etwas verlegen in ſeiner gebrochenen Sprache fort, vzuvörderſt eine alte Bekanntſchaft zu erneuern. Wir ſohen uns v einem Jahre in Bordeaux.« Ich erinnere mich kaum ie Soelland duͤſter und trocken; allein Fan⸗ ny bemerkte eine Wolke, wie von innerer Erbitterung, die uͤber ſein Geſicht hinzog. Sie beeilte ſich, die Familie zu rufen. Der frohe Empfang von Seiten der El⸗ tern war eben ſo herzlich, als Haldans Freude ungeſtum. Der künftige Schwa⸗ ger, der ſich mit dem heitern Jungen gern abgab; war von dem Augenblick an vergeſſen. Die Eltern ſelbſt konnten ſich nicht ſatt an dem ſchonen Juͤngling ſehen. Die breite Kluft zwiſchen damals und jetzt war verſchwunden. Der Vater hatte —— tauſend Fragen, die Mutter tauſend zaͤrt⸗ liche Sorgen. Fanny ſchien bei der trau⸗ lichen Aufnahme ganz in die alte Zeit verſetzt zu ſeyn. Es war dem Braͤuti⸗ gam unmöglich ihr den ganzen Abend auch nur ein taͤndelndes Wort zuzufluͤ⸗ ſtern. Er entfernte ſich endlich, vor Un⸗ muth zitternd, daß er ſeine abgelegene Wohnung ſuchen mußte, waͤhrend der Juͤngling, der ihm in mehreren Ruckſich⸗ ten bedrohlich erſchien, unter demſelben Dache mit der Braut verblieb. Die verdachtloſe Unbefangenheit der Eltern und die freundliche helle Mond⸗ nacht ſchenkten Baptiſten noch denſelben Abend eine ungeſtoͤrte Stunde bei dem beaͤngſteten Maͤdchen, das ihn weder floh, noch ſuchte; denn auch ſie fuͤhlte, daß es Noth thue, ein klares her⸗ kÿen 78 „Fannyje begann er, ſobald Alles ſtill um ſie war, vwie hatteſt Du mich erſchreckt! Der Anblick Deines ſogenann⸗ ten Brautigams hat mir wieder Faſſung gegeben. Du kannſt ihn nie lieben;— dieſe niedrige Stirne, dieſe grauen—— loſen Augen, die ſein tuͤckiſches Innere kaum verbergen— ſein leeres, duͤrftiges Geſpraͤch! Es iſt unmoglich! Und ver⸗ mag er Dich zu faſſen, Dich zu wuͤrdi⸗ gen? kann er uͤberhaupt lieben? Tren⸗ ne Dich von ihm, dieweil es noch S iſt! Er taugt nicht« Fanny ſchwieg noch, nachdem er. gehoͤrt hatte zu ſprechen. Jedes Wort hallte in ihrem Herzen wieder, es war als waͤre plotzlich eine Binde von ihren Augen gefallen. Sie mußte ihm Recht geben, und dennoch fühlte ſie, daß ſie es nicht durfe; ein bitterer Stolz regte ſich in ihrer Bruſt. Pſui, Baptiſt!c ſagte ſie,„kann Neid Dich ſo verblenden? ich habe ſelbſt, die Eltern haben ihn gewaͤhlt. Du biſt uns ſchuldig ihn zu achten. Denkſt Du ſo um meine Hand zu werben?4 MNei entgegnete er ſich faſſend; vich dachte in dieſem Augenblick nicht an mein Gluͤck, ich dachte an das, was mir weit theurer iſt, an das deinige. Meine Angſt um Dich hat mein Gemuͤth mit Bit⸗ terkeit erfuͤllt, die ſich Luft machen muß. Fanny, haſt Du je Baptiſt neidiſch ge⸗ ſehen? haſt Du ihn je verlaͤumden ge⸗ hoͤrt? bin ich unter Euch nicht fromm geworden? Darum glaube mir, Fanny, laß ab von ihm, wenn Du auch mich verſchmaͤheſt. Er taugt nicht. Schlechte Streiche, was man ſo nennt, kenne ich von ihm nicht; allein ich habe ihn in Bordeaur, wo er im vorigen Jahre mit einer Kriegsbrigg lag, kennen gelernt, 80 habe ihn einen Matroſe, dem er gram war, mishandeln, reizen geſehen, bis dieſer ſich vergaß, damit er Recht hatte, ihn hart zu beſtrafen, und er genoß die⸗ ſes Schauſpiels mit Freude. Er iſt grau⸗ ſam; ſeine Untergebenen mögen ihn nicht — das iſt ein ſchlechtes Zeichen. Und mit einem ſolchen Manne ſollteſt Du in die Fremde ziehen? waͤhrend ich, der ich Dich auf ken Händen tragen würde— ich möchte verzweifeln! Thue nun, was Du willſt, was Du darfſt— willſt Du⸗ daß ich mit dem Vater ſpreche— ich will meine Worte vertreten« „Nein« ſagte ſie; vaber verlaß mich nun; es iſt ſpat— ich will überlegen⸗ Schlafe wohl—.— werde nicht ſchlafen le Der aehenn 2 ſund ſie nirk⸗ lich noch wachend; aber ſie hatte ihr In⸗ neres mit ſtiller Aufmerkſamkeit gepruft⸗ ————————————— ——— 81 Fetzt fühlte ſie ſich auf einmal wie mün⸗ dig. Die kindliche Luſt war verſchwun⸗ denz der Ernſt hatte ſich ihres jungen Le⸗ bens bemachtigtz mit einer innern Klar⸗ heit, die wie eine Fruhlingsſonne neue Kräfte und Keime in ihrer Seele entwik⸗ kelte, mit einer ruhigen, muthigen Faſ⸗ ſung, die ſie fruͤher nie gekannt, vielleicht weil ſie ſie nie nothig gehabt, trat ſie am Morgen in das Schlafzimmer der Eltern. Sie eroffnete ihnen das gepreßte Herz, die ſpaͤte Selbſterkenntniß, ihren Wider⸗ willen gegen den Bräutigam, ihre Nei⸗ gung zu Baptiſt, ſeine Werbung, ſeine Warnung, und beſchwur den Vater, ei⸗ ner Ehe— in der ſie nur Un⸗ glck ahnete.— Beide eiſchtaken; der Vater kehrte ſich ſchweigend von ihr ab, und ging hef⸗ tig im Zimmer auf und nieder Sobald die Mutter Worte finden konnte, ſchalt 6 82 ſie, die im Geiſte alle ihre thorichten Traͤume ſchon vernichtet ſah, heftig und laut auf Baptiſt; da braußte des Gat⸗ ten rechtticher Sinn in polternder Heftig⸗ keit auf. Er gebot ihr mit einem derben Fluche zu ſchweigen, und zog Fanny mit ſich in das Nebenzimmer. „Wundre Dich nicht,« redete er ſie mit erkaͤmpfter Gelaſſenheit an, vdaß ich ſogleich meine überzeugung ausſpreche; ich weiß, daß weder Zeit, noch laͤngere Er⸗ waͤgung ſie veraͤndern wuͤrde. Ich habe noch nie mein Wort zuruͤckgenommen. Du haſt das deine gegeben— ein Wort der Treue. Iſt es auch noch nicht vor dem Altar beſiegelt, was thut's? Deine Lippen haben es ausgeſprochen. Willſt, darſſt Du, kann meine Tochter mein⸗ eidig werden? vermögen glatte Wangen, ein paar ſchwarze Augen, eine beredte franzoͤſiſche Zunge Dich zum Treubruch zu verleiten? Liebe ſagſt Du? Glaubſt Du denn, rechtliche Leute wuͤrden ſolcher Sinnesaͤnderung einen ſo ehrbaren Namen beilegen? Verliebtheit wuͤrden ſie es nen⸗ nen, wenn nicht etwas noch Schlimmeres. Haſt Du denn gedankenlos zu Gott ge⸗ betet: fuhre uns nicht in Verſuchung? Wie oft wurdeſt Du nicht im langen Le⸗ ben unterliegen, wenn Du der erſten, die Dein jugendliches Blut veranlaßt, ſchon nachzugeben trachteſt. Sey meine gute Tochter; behalte Vertrauen zu mir. Laß nicht den einſeitigen Verdacht eines ehrlichen, aber unerfahrenen Burſchen Dir mehr gelten, als das Zeugniß aͤlterer Leu⸗ te, als den pruͤfenden Blick Deines Va⸗ ters. Ich ließ Dir freie Wahl, vergiß das nicht! Du haſt gewahlt, und ſo werde ich der Erſte ſeyn, das Recht meines Schwiegerſohnes zu behaupten. Theure, liebe Fanny« verſetzte er auf 6* 84 N einmal weich, vbringe nicht Schande uͤber mein graues Haar! Dein Treubruch wuͤrde mein Tod ſeyn. Geh, faſſe Dich! bekaͤmpfe dieſe verliebte Weichlichkeit, die nur ungluͤcklich macht. Das Leben will Staͤrke und Kampf. Unterliegſt Du dem erſten, biſt Du in der Zukunſt verloren. Ich will ſelbſt mit Baptiſt reden« Jedes ſeiner gewichtigen Worte fiel zerſchmetternd auf Fanny's Seele. Ihr Verſtand hatte nichts einzuwenden, und doch ſtraͤubte ſich ihr Herz dagegen. Sie ging, um es zur Ruhe zu kämpfen. Dieſen Morgen kam Lieutenant Soelland fruͤher als gewöhnlich. Er fand Famny ſtill, leidend, aber zuvorkommend; doch ſeine lauernden Augen trauten dem Frie⸗ den nicht. Er bemerkte recht gut, daß ſie errdthete und den Blick zu Boden ſchlug, als Baptiſt hereintrat; daß eine peinliche Unruhe ihren Buſen ſtärker wie gewoͤhn⸗ — ů— 85 lich bewegte, da der Vater dem Jüngling in das Nebenzimmer winkte. Er ballte unbemerkt die Fauſt, pfiff zum erſten Male laut im Zimmer, und entfernte ſich vald unter einem Vorwand, um ſich n6t ganz zu vergeſſen. Fanny blieb in tödtlicher Unruhe al⸗ lein. Was durfte ſie Gutes von Baptiſts Unterredung mit dem Vater hoffen? und doch— wurde nicht dieſelbe Kraft ſeiner Lippen, die ſie hingeriſſen, ihm beredte Worte einfloͤßen, deren Sinn allmaͤchtig in ihrem Buſen ſprach, obgleich ſie ihn nicht auszudrůcken vermochte? Die Unterredung dauerte lange. Sie hoͤrte des Vaters Stimme donnern, ſie horte Baptiſis kräf⸗ tigen Ton ſich darein miſchen. Da wurden Beide weniger laut; endlich vernahm ſie nur ein leiſes Flüſtern, faſt noch leiſer, als das ungeſtüme Klopfen ihres Herzens. Da öffnete ſich endlich die Thure, und 86 Baptiſt trat langſam, blaß, mit verſtör⸗ ten Zuͤgen, doch uhig, gunz allein zu ihr herein. »Dein Vater ſchickt mich, Fanny,« begann er, Hoder beſſer, unſer Verhaͤng⸗ niß fuͤhrt mich zu Dir. Ich darf kein Friedensſtörer in Eurem Hauſe ſeyn. Der alte Mann hat mich einſehen gelehrt, daß es mir obliege, wieder gut zu machen, was ich übles an Eurer Ruhe gethan. Ich will es verſuchen. Vergiß meine Werbung, mein zerriſſenes Herz, und er⸗ fülle Dein Wort. Du haſt es gegeben⸗ feierlich, ahnungslos, aus freien Stuͤcken. Ach, warum mußte ich ſo ſpät kommen 4 „Du« ſagte ſie, indem ſie ihn mit großen, immer mehr von Thraͤnen geblen⸗ deten Augen anſtarrte.„Du ſelbſt weiheſt mich nun dem Elend, das Du mich ken⸗ nen gelehrt? Ach! geſtern Morgen dachte ich nicht ſo. Was hat mich denn in ei⸗ — ————-—,—— ————— 87 uem Augenblicke umgewandelt? Sagteſt Du nicht, Baptiſt, daß er nichts tauge?« „Ich kann mich ja geirrt haben, Fan⸗ ny! Das Gefühl, je heſtiger es auf⸗ flammt, iſt einſeitig, meint der Vater. Er meint, daß die Taubenfrommheit der Tochter die ſeemänniſche Rauheit mildern, ſeine Heftigkeit bändigen wuͤrde; das ſoll Deine Mutter an ihm gethan haben. ch ſolle ein Mann ſeyn, und Dich durch mein Beiſpiel lehren, dem unabänderlichen mit kräͤſtigem Muthe zu begegnen. Du hätteſt ihm das Treuwort fur das Leben gegeben, und Deine Treue drohete, nicht zwei Wochen zu dauern, und— was hat er nicht Alles geſagt? Worte habe ich nicht, um ihn zu widerlegen; was in meiner Bruſt ihm wortlos widerſprach, waͤre die Schlange des Paradieſes, mein⸗ te er; wir zwei ſtanden jetzt unter dem Vaum des Erkenntniſſes, aber ich reich⸗ 88 te Dir den ſuͤndigen Apfel hin. Wir koͤnnten in die Zukunſt nicht ſehen, dar⸗ um duͤrften wir auch mit heiligen Worten nicht ſpielen. Ich will nicht Dein Ver⸗ führer, Dein Verderber ſeyn. Wir muͤſ⸗ ſen ſcheiden; vergiß den geſtrigen Tag, jene Stunde, und bleibe Deinem Worte gereu! ich bleibe es auch.« Da war es Fanny, als ſaͤhe ihr truͤber Blick, als hoͤrte ihr Ohr den Ring abermals in den Abgrund rollen. Es war ja ſchon aus, flüſterte es in ihrem Innern, Dein thörichtes Herz wähnte das Geſchehene ungeſchehen machen zu koͤnnen. „Treu lc wiederholten ihre Lippen, wäh⸗ rend ihre Blicke durchdringend auf ihm ruheten. Es ſey, Baptiſt! Aber es giebt eine zwiefache Treue, und keine Ge⸗ walt der Erde ſoll mich hindern, mich die⸗ ſer zu weihen. Treue im Wort, Treue im Herzenz Treue der Pflicht, Treue der ———,——— AMN Seele; Treue im Leben, Treue im Tod! Wenn ein armes Weſen dieſen Zwieſpalt nicht ſchlichten kann, wird Gluͤck nie ſein Loos. Das meine iſt dahin. Ich ſehe, ich fuͤhle, was Du in dieſem Augenblicke leideſt, eben darum will ich Deiner, die⸗ ſer Stunde, des Vaters wuͤrdig bleiben. Niemand ſoll ſich über mich beklagen kon⸗ nen, als ich ſelbſt. Du ſiehſt mich be⸗ troffen an« fuhr ſie fort,»Du wun⸗ derſt Dich uber dieſe Worte aus einem ſo ſchlichten Munde? weiß ich doch ſelbſt nicht, wer ſie mir zugefluͤſtert; aber ſeit dem Traum von geſtern bin ich eine Andere geworden. Ich bin freilich jaͤh er⸗ wacht; mir ſchwindelt noch⸗ Ruſſerlich werde ich wohl die Alte werden; doch hier, von innen, ruht noch immer der Traum, unter einem Grabſtein von Fel⸗ ſen, deſſen Druck der Bruſt viele Seufzer abpreſſen wird. Ach, Baptiſt, warum „ 90 N — mußteſt Du kommen! Es iſt geſchehen! Nun ſo ſcheide denn wich bald wieder.« Bald niederholte„n36. auch mir winkt Pflicht, Wort und Treue— auch eine zwiefache, Fanny le ſagte er, ſchmerz⸗ lich kaͤmpfend, als waͤre es ſeine Abſicht, einen Schatten auf ſein Bild in ihre See⸗ le zu werfen. vAuch ich bin einer Braut untreu geworden, zu der ich reuig, frei⸗ lich mit Dit im Hetzen, zurückkehre. Sie wird Zeuge meines Kummers, mei⸗ ner Schwermuth ſeyn. Immerhin! ich will nicht mehr von ihr ablaſſen, wenn ſie mir nicht untreu wird. Fanny! zum letzten Male nenne ich Deinen Namen laut; nachher ſoll nur der Name Con⸗ cordia uͤber meine Lippen kommen, wenn die Rede von einer Geliebten iſt. Fan⸗ ny, lebe wohl e —————— ſcharf. 9¹ * Thränen hemmten ſeine Stimme. Un⸗ willkuhrlich breitete er ſeine Arme aus; ſie ſank an ſeine Bruſt, er preßte ſie feſt an ſich, und ließ ſie wieder los. Moͤ⸗ ge«— begann er—. In dieſem Augenblick trat der Braͤu⸗ tigam ſchnell ins Zimmer; hatte er auch die Umarmung nicht geſehen, die aufge⸗ regte Stimmung Beider, ihre Thranen xonnten ihm nicht entgehen. vIch komme ungelegen« ſagte er Dieſe flache Vuſſerung der Eiferſucht erweckte einen bittern Zorn in der Bruſt, deren Rechtlichkeit ihm ein ſo großes Dpfer gebracht. vAllerdings, Herr Lieu⸗ tenant lk entgegnete Baptiſt ſchnell; vdenn in dieſem Augenblicke, da ich auf immer Abſchied von meiner Schweſter nehme— und ein ſolcher Abſchied iſt eine geweihte Stunde— haͤtte ich gern einige ſegnende 92 Worte öber Euer kuͤnftiges Verhältniß hinzugefügt. Sie ſelber haben mir dieſe von den Lippen abgeſchnitten Soelland ſchien aufbrauſen zu wollen; er machte eine Bewegung mit der Hand an den Degen. Fanny aber trat 1 zwiſchen Beide und ſagte mit ſchnell ge⸗ wonnener Kraſt, indem ſie Sbellands Hand ergriff:„Was thuſt Du, unbe⸗ ſonnener! Du weißt nicht, wie viel Du ihm zu verdanken haben wirſt.« Dieſe weuigen Worte, allen Dreien durch die Gewalt des Augenblickes un⸗ willkuhrlich entriſſen, machten auf jedes von ihnen einen verſchiedenen, aber tiefen Eindruck. Wer weiß, was die Richtung der aufgeregten Gedanken herbeigefuhrt haben würde, wenn nicht die Eltern, die Alles von Baptiſts Unterredung mit der Tochter hofften, und die Ankunft des Braͤu⸗ tigams wahrgenommen hatten, ſchnell her⸗ „ MW eingetreten waͤren. Baptiſt erklaͤrte ſo⸗ gleich, daß er reiſefertig ſey. Fanny⸗ der ſein Anblick, in dieſer Umgebung und nach den gewechſelten Worten, keinen Troſt mehr gewaͤhrte, floh aus dem Zim⸗ mer, als die Eltern ihn noch nöthigten, vorher einige Erfriſchungen zu genießen. Er hatte die letzte halbe Meile, von der Stelle an, wo er mit einem Boote ge⸗ landet war, bis an das Stadtchen zu Fuß zuruͤckgelegt. So wollte er ſich, und zwar allein, wieder fortbegeben. Wäh⸗ rend die Eltern, nur mit ihm beſchäftigt, ſich ſorglich um ihn draͤngten, ſchlich ſich auch Soelland ſchweigend, neidiſch mit den Zaͤhnen knirſchend, aus dem Zimmer. Was in dieſer ſchmerzlichen Stunde zwiſchen den dankbaren Eltern und Bap⸗ tiſt vorgefallen, wiſſen wir nicht. Sie ſchieden aber tief geruͤhrt. Er verlangte Fanny nicht mehr zu ſehen, und ſandte M ihr auch keinen Gruß. Das arme Maͤd⸗ chen hatte ſich in ein Zimmer gefluͤchtet, wo ſie, hinter den Fenſtervorhaͤngen ver⸗ borgen, die geliebte forteilende Geſtalt noch zum letzten Male zu ſehen hoffte. Sein Bild ruhte zwar ganz, noch von der Phantaſie verſchoͤnert, in ihrem Her⸗ zen; allein es war, als muͤſſe ihre See⸗ le den leiblichen Augen noch den letzten ſeligen Genuß vergoͤnnen. Da oͤffnete ſich die Hausthuͤr, doch nicht er— der Brautigam, den weder das Auge noch die Seele ſuchte, trat heſtig hinaus, warf einen zorngluͤhenden Blick nach den Fen⸗ ſtern hinauf, und eilte— nicht die ge⸗ woͤhuliche Straße nach dem Haſen zu, ſondern die entgegengeſetzte hinunter, die auf den Weg fuͤhrte, der zwiſchen den Felſen ſich landwaͤrts hinzog. Es ſiel ihr in dieſem Augenblicke nicht auf. See⸗ le und Auge ruheten auf der Thuͤrſchwelle M des Hauſes. Er mußte ja kommen, und er kam. Die Eltern begleiteten ihn ſelbſt bis vor die Thuͤre. Es that ihr wohl, daß ſie ihn geruͤhrt und freundlich entlieſ⸗ ſen. Wie gern hatte ſie noch zum letzten Male die liebe Stimme gehoͤrt, damit ihr Ohr deren Nachhall auffangen koͤnnte, ehe ſie dieſem auf immer verklang. Auch das geſchah. Gruͤßet Haldan,« war ſein letztes, ſein einziges lautes Wort; dann eilte er fort, ohne ſich umzuſehen; jedoch glaubte Fanny's ſpaͤhendes, nachſtarrendes Auge zu bemerken, daß er die Blicke ſeit⸗ warts richtete, nach der Felſenplatte zu, wo ſie ſich vor Kurzem begegnet, und die hinter naheren Felſen verborgen lag. Als er ihren Blicken entſchwunden war, ging ſie, ſtill, ohne Thränen, in ihr klei⸗ nes Zimmer. vEs iſt vorbei,« ſagte ſie dumpf, vund Alles iſt in Erfullung ge⸗ gangen. Mit ihm nahete mir das Glück — es verſchwand mit meiner Selbſttaͤu⸗ ſchung auf immer; und mir bleibt bis in das Grab der traurige Rosmatin! Sie ſank knieend vor dem Bett nieder, und verbarg ihr Geſicht in die Kiſſen. Die Eltern, beſonders der Vater, ehr⸗ ten 4 Schmerz und ließen ſie gewaͤh⸗ Nach einigen Stunden trat ſie uu⸗ wieder hinaus, beſorgte, wie ge⸗ woͤhnlich, die ihr obliegenden Hausge⸗ ſchäfte, und holte das Verſäumte nach. Sie hatte entſagt; det Kampf war ge⸗ kämpft; allein der Sieger ſtand von den blutloſen Wunden ermattet, und daher in den Augen der Eltern um ſo rührender und liebenswürdiger da. Ohne Spuren von Thränen, blaß zwar, freundlich, aber ſehr ernſt ſah ſie dem Bräutigam gelaſſen entgegen, ohne Furcht, wie ohne Sehn⸗ ſucht, in der ehrlichen Abſicht, durch ſtille Hingebung und Aufmerkſamkeit den Ein⸗ — druck der letzten Tage aus ſeinem Ge⸗ müth zu verwiſchen. Er blieb lange aus⸗ Erſt in der frühen Dammerung trat er. duͤſter, verfinmt in das Zimmer. Es war, als kaͤmpfte eine verborgene wilde Unruhe in ſeinem Buſen. Er ſchien er⸗ hitt, konnte nur mit Mühe Worte fin⸗ den, und ſtarrte oft tieſſinnend auf den Boden. Haldan, der, betrübt über die unvermuthete plotzliche Abreiſe des Freun⸗ des während ſeiner Schulzeit, ihm ſein Leid klagen wollte, wies er faſt ungeſtum zuruͤck. Dieſer erregte Zuſtand, wovon Fanny ſich die Schuld beilegte, erregte ihr Mitleid. Sie entfernte den Bruder und nahete ſich dem Verlobten freundlich. Ware er ihr eben ſo entgegen gekommen, ſie haͤtte vielleicht, ohne zu bedenken, daß die Eifetſucht ſaſt das einzige Seelenleid iſt, das die Gewißheit nicht beſaͤnftigt, ihm Alles geſtanden, die kurze Verirrung, 7 98 MMMMNNMMMUM wie es die Eltern nannten, und ihren kraͤftigen Entſchluß, nur ihm und ihren Pflichten zu leben; allein es war, als ſcheuete auch er des Abgereiſten zu erwaͤh⸗ nen. Doch verſetzte ihn Fanny's Freund⸗ lichkeit in eine plotzlich weiche Stimmung, in der er, doch mit faſt wilder Heſtigkeit, ſie ungeſtuͤm an ſeinen Buſen druͤckte und rief:„Meine, meine Fanny ja doch, trotz allen Teufeln! Nicht waht? Du beweinſt nicht, wie Haldan, den vom Himmel gefallenen Bruder? Anna war ja ſeine Braut, ſagte der Junge ſo eben! Iſt es wahr*« fuͤgte er mit Stimme hinzu. Fanny, zu wahr, um ihn vuch eine Luͤge, der ihr Herz widerſprach, beruhi⸗ gen zu wollen, entgegnete, in Thraͤnen ausbrechend:»So nannte er ſie ſchon als Kind, und nun fand er ſie im Gra⸗ be — — 99 Gut, ſo mag er ſie im Grabe ſu⸗ chen le verſetzte er wild; vaber Du biſt doch meine Braut; Du nennſt Dich nicht blos ſo, und die Hochzeit geht ja an dem beſtimmten Tage vor ſich? bald, bald Es iſt ja gar nicht die Rede von ei⸗ nem Aufſchub geweſen.« Er druckte ſie heftig, ſo heftig an ſei⸗ ne Bruſt, daß ſie unwillkuhrlich ſeine Ar⸗ me zuruͤckdräͤngte. Zufaällig hatte ſie ihn ſtark um das linke Handgelenk gefaßt, und als ſie es wieder fahren ließ, war es, als empfaͤnde ſie etwas Naſſes, Klebriges an ihrer Hand. Was iſt das?4 rief ſie entſetzt, vDu bluteſt?6 „Ich? Nein ke gab er zur Antwort; „doch moͤglich; ich bin in den Felſen her⸗ umgelaufen, und ſah mich nicht genug vor. Ich bin eine Strecke hinuntergerutſcht; ein abgebrochener Tannenaſt hat mir den Arm oder die Hand ein wenig geritzt.« 7* 100 Fanny, nut die Wunde ſehen. „Warum nicht gar 5 betſett er.„3h bin ein Seemann und nicht weichlich. Morgen iſt die Schramme vernarbt; da iſt nichts zu zeigen.« Dies wiederholte er auch in Gegen⸗ wart der Eltern, die bald nach einander eingetreten waren. Der Vater hatte Gaſte eingeladen; er meinte ſo den Bräutigam ermuntern und Fanny zerſtreuen zu kön⸗ nen. Es gelang nur halb oder vielmehr zu gut. Die Tochter wußte zwar eine ſtille Faſſung zu behaupten, doch Soel⸗ land gab ſich einer ſo wilden Luſtigkeit hin, ſturzte, als wollte er ſich betäuben, ſo viel gluͤhenden Punſch hinunter, daß nur die gluckliche Anweſenheit des Cheſs ihm noch gerade ſo viel Beſinnung ge⸗ waͤhrte, ſich nicht uber die Grenzen eines untadelhaften Benehmens hinaus zu ver⸗ —— 404 geſſen. Die Eltern ſchrieben freilich ſei⸗ nem vorher erregten Gemuͤthe dieſe wilde Laune zu; und als er den naͤchſten Tag, obgleich blaß und zerſtreut, ganz ſo, wie er vor jenem ungluͤcklichen Beſuch gewe⸗ ſen, erſchien, kam Alles bald ins alte Gleis zuruͤck, wiewohl es nur zu deutlich war, daß der Braͤutigam von einer Laſt gedruͤckt ſchien, in der Fanny eine heim⸗ liche, noch fortdauernde Eiferſucht zu er⸗ kennen glaubte, der ſie die ruhige Erfuͤl⸗ lung ihrer Pflichten Sntaeenzuſtel ſich berufen fuͤhlte. So war endlich Alles zum Abſegeln der Fregatte geordnet, die in der Eile ge⸗ troffenen Hochzeitsanſtalten waren been⸗ digt, und das Brautpaar, von welchem die Braut ſtill ergeben, der Bräutigam von Gluͤck berauſcht erſchien, wurde in der Kir⸗ che der kleinen Stadt, von allen eingela⸗ denen Honoratioren umgeben, getraut. 102 Das Hochzeitshaus erklang von Jauch⸗ zen und ſcherzhaften Gluͤckwuͤnſchen, die indeſſen dumpf und ſchmerzlich, wie eine dunkle Ahnung kuͤnftigen Unheils, in Fan⸗ ny's Buſen wiederhallten; allein der Stolz, das Schwerſte erfullt zu haben, hielt ſie aufrecht. Noch denſelben Tag, kaum aus der Kirche gekommen, traf ein Vorzeichen ihrer Ahnung ihr gegen alle fremde Lei⸗ den, indem ſie es blos gegen die eignen ſtählte, nur zu weiches Herz. Die Poſt war angekommen, und der Vater, ſeinen Berufspflichten getreu, ging, trotz des Fe⸗ ſtes, in ſein Zimmer, um die Briefe zu eröffnen. Seine Miene verrieth Unruhe, als er zuruͤckkam. Fanny bemerkte, daß er leiſe und angelegentlich mit der Mut⸗ ter ſprach, die zu erſchrecken ſchien. Bei⸗ der Blicke ſanken betroffen zu Boden, wenn ſie den ihrigen begegneten. Ihr Inneres bebte, ohne zu wiſſen, warum? 6 —— —— . 103 MnMMM Die zahlreichen Gäſte, die Aufmerkſam⸗ keit des Braͤutigams benahmen ihr jede Veranlaſſung, den Eltern vertraulich zu nahen. Er, froöhlich, gluͤcklich, ausgelaſ⸗ ſen, verließ keinen die We Braut. Erſt den folgenden Set als El⸗ tern und Kinder um den traulichen Fruh⸗ ſtucktiſch ſaßen, wagte Fanny den Vater zu fragen, was fuͤr Unangenehmes er denn geſtern erfahren, das ihn und die Mutter und ſelbſt ſie, obgleich unwiſſend, beun⸗ ruhigte, weil ſeine Mittheilung an die er⸗ ſtere ſie uͤberzeugte, daß es nicht ſeine Amtsfuͤhrung betraͤfe. „Wohlan,« gab er nach kurzem Still⸗ ſchweigen zur Antwort, ves kann Euch doch nicht verborgen bleiben, weil ich⸗ meiner Pflicht gemaͤß, eine offenkundige unterſuchung anſtellen muß. Ich fürchte, daß Baptiſt ein Ungluͤck begegnet iſt. Er 104 iſt noch vor zwei Tagen nicht bei ſeinem Schiffe angekommen. Von einem Matro⸗ ſen, der nach einem andern dortigen Fahr⸗ zeuge von hier abgegangen, iſt es zufaͤllig herausgekommen— als der Schiffer in ſei⸗ ner Gegenwart bei einem gunſtigen Win⸗ de ſeinem Unmuth daruͤber Luft gab, daß ſein Steuermann ſo lange uͤber die be⸗ ſtimmte Zeit ausbliebe— daß dieſer ſich einige Tage vor jenem Matroſen von hier entfernt hatte. Das iſt unbegreiflich. Er meinte ſelbſt noch weit vor der beſtimm⸗ ten Zeit dort einzutreffen. Da wir nun den einzigen Weg kennen, den er genom⸗ men haben kann, werden wir wenigſtens leicht die Gegend entdecken koͤnnen, wo ein Hinderniß ihn idghelen⸗ haben kann. c Soelland,— den Boben geſucht, als fürchtete er Zeuge des Ein⸗ drucks zu werden, den dieſe Nachricht auf — 105 die Gattin machen wuͤrde, ſprang heftig, beinahe wild glühend in die Hoͤhe, da die Mutter mit dem Ruſe:„Fanny, Dir wird unwohll zu der jungen Frau hineilte. Er ſtand einen Augenblick unſchluſſig, ob auch er ihr beiſpringen oder das Zimmer verlaſſen ſolle, während er ſie immer blei⸗ cher werdend anſtarrte; zuletzt ſtürzte er fort. Fanny's aͤngſtlicher Blick hatte ſich ſogleich auf ihn geheftet, ſie ſah ſeinen Farbenwechſel, ſeinen innern Streit, und der Augenblick, wo er in einer aͤhnlichen Stimmung, an dem Tage, da Baptiſt fort⸗ zog, eben ſo heſtig das Haus verlaſſen, trat lebhaft und mahnend vor ihren Sinnz aber auch dabei, was ihr nun erſt auf⸗ fiel, ſein aufgeregter Zuſtand, das Blut, das an ihm klebte, als er des Abends zuruͤckgekehrt war— das Blut? und er hatte verweigert, ihr die Wunde zu zei⸗ gen— wenn es nun nicht das ſeinige ge⸗ 106 weſen? wenn— ein ploͤtzlicher Verdacht entſtand faſt tödtend in ihrer Seele. Sein Haß gegen Baptiſt hatte ſich nur zu deut⸗ lich ausgeſprochen. Sein ganzes Beneh⸗ men nahm nun vor ihrem prufenden Blick eine Deutung an, vor der ſie ſchauderte. Er, ihr Gatte— ein Morder— ein Mörder des theuerſten Gegenſtandes aller ihrer Gedanken— und doch löſten ſich alle dieſe Anzeichen vor ihrem reinen Sinn wieder in einen leeren Nebel auf, den ſie doch, aller Muͤhe ungeachtet, nicht ver⸗ treiben konnte; auch bekam ihre Unruhe einen neuen Zuwachs dadurch, daß der Vater noch denſelben Abend die Nachricht brachte, daß Baptiſt nicht einmal bei der eine halbe Meile entfernten überfahrt er⸗ ſchienen ſeyo. Niemand wollte ihn dort geſchen haben. Er muͤßte alſo ganz in der Nahe verungluͤckt ſeyn, und doch wa⸗ ren weder Spuren, noch die kleinſte Muth⸗ 107 MMMM maßung vorhanden; wahrſcheinlich hatte er eine reiche Börſe bei ſich getragen, in dieſen Gegenden waren jedoch Raͤuber et⸗ was Unerhoͤrtes. Fanny„aber ſie ſchwieg. Kurz nhe trat Soelland ſe⸗ und verdrießlich ein. Der Vater hatte ihm bereits den traurigen Erfolg der Un⸗ terſuchung mitgetheilt. Die Gattin hatte den Eindruck, welchen dieſer auf ihn ge⸗ macht, nicht beobachten koͤnnen; aber es draͤngte ſie, Gewißheit zu ſuchen. Durch einen leicht herbeigefuͤhrten Anlaß gelang es ihr, an ſeinem arglos ausgeſtreckten Arme den Armel zuruͤckzuſtreifen; es war nicht die kleinſte Spur einer Wunde daran zu ſehen. Sie erbleichte; er ſah er⸗ ſtaunt fragend an. „Lauter Wunder,« ſagte ſie, faſt oh⸗ ne ſelbſt zu wiſſen was, der iſt ver⸗ ſchwunden, und die Wunde geheilt.« 108 WNN 1, Fanny« gab er gefaßt⸗ aber weich zur Antwort,„die Wunde iſt noch in meinem Herzen. Nur die Finger hat⸗ te ich an Dornen leicht geritzt. Sieh nurl« Er zeigte ihr wirklich eine hoͤchſt unbedeutende Verletzung an der Hand. „ch war ein eiferſuchtiger Thor! Wer kann fur ſein dickes Blut. Glaube mir, ſein Verſchwinden dräckt wie ein Vor⸗ wurf mein Herz. Der Tod verſoͤhnt!« „Der Tod ²« rief Fanny auſſer ſich. „Wenn ich in meinen Buſen hinein⸗ ſehe« fuhr er faſt ſchaudernd fort,„dann — Fanny! Du kennſt nicht den Sturm der Eiferſucht— ihre Verzweiflung! Was hätte ich nicht thun koͤnnen, wenn— ich will Deinem Vater ſuchen helfen l unter⸗ brach er ſich. Fanny fuͤhlte ſich indeß, obgleich die Vorßtellung von Baptiſts Lobe ſie zu Bo⸗ den drückte, durch das Grſprůch ſonderbar erleichtert; der Verdacht ſchien wenig⸗ ſtens von ihrer argloſen Seele abge⸗ waͤlzt, um ſo mehr, als ſie begierig den kleinſten Umſtand, der ihn verbannen konnte, ergriff. Jeder Verſuch, Spuren von ihm aufzufinden, war aber vergebens. Selbſt die Vermuthung, daß er von dem oft gefährlichen Felſenſteig herabgeſturzt ſey, fuͤhrte bei ſorgfaͤltiger Unterſuchung zu keiner Entdeckung. So erſchien endlich der Tag der Tren⸗ nung. Fanny konnte ſich kaum von ih⸗ ren Lieben losreißen. Sie zitterte, als die Stunde ſchlug. Sie waͤre weit lieber geſtorben; denn der troͤſtende Erſatz, wel⸗ chen der Tod ſein Opfer in den leiſen Hoffnungen des Herzens erblicken laßt, fehlte ihr. Die Welt, der ſie entgegen ging, bot ihr keinen Erſatz fuͤr das, was ſie verließ. Es war ihr, als duͤrfe ſie nicht einmal ihrs liebgewordenen Schmer⸗ 110 M zen mitnehmen. So nahete ſie am Atm des ſichtbarer als je erweichten Vaters dem Strande. Die Mutter folgte mit Svelland und dem Bruder. Viele Leute waren am Orte der Einſchiffung verſam⸗ melt, ſowohl um das liebe Kind— denn das war ſie Allen— ſcheiden zu ſehen, als auch Zeugen der Abſegelung der Fre⸗ gatte zu ſeyn, deren Schaluppe am Ge⸗ ſtade lag, um Fanny und den groͤßten Theil der Officiere an Bord zu bringen. Bei der Schiffsbruͤcke ließ der Vater ih⸗ ren Arm, um noch einmal nachzuſehen, ob keines von den kleinen Paketen vergeſ⸗ ſen ſey, waͤhrend Fanny's Blick faſt un⸗ willkuhrlich an der Menge hinſtrich; da erblickte ſie, in der vordern Reihe des Volkes, Amborg, die lächelnd und froh nickend ihr zuwinkte. Ihr Lächeln ſchnitt Fanny ins Herz; doch trat ſie gutmůü⸗ thig zu der alten Frau hin, die auf ihr —,——— 144 M ſeufzendes:„Lebe wohl, Amborgl« die dargebotene Hand ſchuͤttelte. „Siehſt Du« ſagte ſie ſchmunzelnd, vich habe nicht gelogen! auch hätte ich mir wohl eine Dankſagung bei Dir ge⸗ holt, wenn«— fuͤgte ſie leiſe und be⸗ klommen hinzu— Hich Deine Schweſter nicht im Sarge geſehen. Du haſt ihr Deine Myrten gegeben! Woran dachteſt Du wohl, armes Kind? So was thut nicht gut; aber gewiß haſt Du doch den Rosmarinkranz weggeworfen? Fanny ſchuͤttelte den Kopf. Micht fuhr die Frau entſetzt fort. »„Du fuͤhrſt ihn doch nicht mit? Willſt Du ſelbſt Tod und Trauer in Dein Haus bringen? Wirf ihn weg, ſchnell weg! Trenne die Zweige nicht, damit nicht je⸗ der eine eigene Truͤbſal verhaͤngt! Wirf ihn weg, laß ihn ganz im Meere erſau⸗ fen e 6*. Er iſt zu gut aufgehoben« ſagte Fanny leiſe und ſchaudernd. Sie dachte daran, wie ſie ſelbſt mit bittrer Freude den Kranz, der ſie an alles Theure, was ſie verloren und verließ, erinnerte, tief un⸗ ter ihre Sachen gepackt. In dieſem Au⸗ genblicke trat Soelland, um ſie— fuͤhren, ſchnell hinzu. „Erſaufen?« fragte er, der amborgs letztes Wort gehort, mu vwas ſoll er⸗ ſaufen?4 Das un ſe— u u wort. vSchweig juhr er S— ſor— „komm, Fraulc 5 „Das Unheil,«— die Aut ri Stiume erhebend, vdas ſich erſaufen läßt⸗ Moget Ihr gůchicui in die Heimath kom⸗ men l6 mit ſich fort, und, endlich aus ihrer dum⸗ Soelland zog die Gattin en 113 . yfen Betaͤubung erwachend, gewahrien ihre thraͤnenden Augen, wohin ſie auch in die Ferne blickten, nur Himmel und Meir zbit g 6 Wir finden Fanny und ihren Gatten in Copenhagen wieder, wo die Erſtere keinen Erſatz fuͤr das Verlorene gefunden, und der Letztere ſeine eitlen Erwartungen zum Theil bereits getaͤuſcht geſehen hatte. Fanny's innerer ſtiller Werth, ihre ruͤh⸗ rende, beſcheiden bluͤhende Schoͤnheit fan⸗ den in dem heimiſchen Kreiſe ihres Man⸗ nes keine Anerkennung. Die reifende Er⸗ ziehung ihres Innern wurde kaum beach⸗ tet, die etwas verſaͤumten aͤuſſeren Sor⸗ men um ſo mehr. Svellands erſtes Geſchaͤft war, ſie mit allen damals glaͤnzenden Mode⸗Artikeln, 8 114 ſelbſt uͤber ſein Vermoͤgen, zu verſehen. um ihm zu gefallen, mußte ſie einen Putz anlegen, der ihr nicht ſtand, weil ihr Blick, nur zu ſehr nach innen gewendet, den neuen Gefährtinnen die praktiſche Be⸗ deutung des Wortes vfeiner Geſchmacks nicht abgewinnen konnte oder mochte. Sie erſchien nie laͤcherlich, aber wohl durch die Eitelkeit des Gatten uͤberladen, auch ver⸗ mochte ſie nicht den leichten Converſa⸗ tionston zu treffen. Sie fuͤhlte zu tief. um ſich gern und mit Luſt uber die in⸗ ſipiden Neuigkeiten des Tages ausbreiten zu konnen. Es war damals Mode, viele franzöſiſche Worte in das Geſpräch zu miſchen; da nun Fanny's Kenntniß die⸗ ſer Spluche nur von jenen halbvergeſſenen Lehrſtunden an Baptiſts Krankenlager her⸗ ruͤhrte, war das Gedachtniß ihr nicht im⸗ mer treu, und bei ihrem ernſten, bedäch⸗ tigen Weſen erſchien ein Fehlgriff auffal⸗ 115 lender, als aus dem Munde der nur fran⸗ zoſiſch plaudernden Damen ihrer Umge⸗ bung, in deren Geſpraͤch man keinen Sinn ſuchte, weil er ſich in demſelben nie ver⸗ rieth. Fanny durfte man nur in ihrem Hauſe ſehen, um von ihrer ſanften, ein⸗ fachen Liebenswuͤrdigkeit, die, als ſie erſt Mutter war, noch erhoͤht wurde, hinge⸗ riſſen zu werden. Dort fehlte ihr nichts. Kein franzoͤſiſches Wort entſchlupfte ihrer Zunge, und die emſige Sorge um Haus und Gatten verlieh ihrem noch immer ver⸗ duͤſterten Gemuͤthe eine wohlthuendere Zer⸗ ſtreuung, als die vornehmen Cirkel ihrer neuen Familie ihr darboten. Dort wurde ſie wegwerfend uͤberſehen, wenn auch nicht wenigſtens mit Blicken verlacht. Konnte etwas Bittereres und Hrtereres den Gat⸗ ten treffen, der eben ſeinen Triumph auf ihre ſiegenden Reize zu begruͤnden gedacht hatte? Daß ſie in ihrem Hauſe jedem N 8* 116 N werthvollen Manne nichts zu wuͤnſchen ubrig ließ, die ſanfte, beſcheidene An⸗ muth, die ſie mehr als Seide, Blumen und Federn ſchmückte, bemerkte er nicht, weil ſeine Welt dies Alles nicht zu be⸗ merken ſchien. Auſſer dem Hauſe nicht, ſo wie er gehofft hatte, durch ſie geſchmei⸗ chelt, trat ſeine bertuͤnchte Rohheit im⸗ mer unverhullter in demſelben hervor. Seine durchaus ſinnliche Liebe, die der Eitelkeit untergeordnet war, wie faſt im⸗ mer, hoͤrte allmaͤhlig auf, da dieſe ihr keine Nahrung mehr reichte. Nur Fan⸗ ny's innere Wuͤrde vermochte noch, in den Augen der umgebung ihrem Ehe⸗ ſtande einen Schatten von wuͤrdiger Hal⸗ tung zu verleihen. In den ſtillen Wän⸗ den ihres Hauſes würde das nur zu ſchreiende Misverhaͤltniß zwiſchen Beiden herbe Auftritte herbeigefuͤhrt haben, wenn nicht Fanny's himmliſche Geduld noch ſo 117 MW ziemlich ſein zur gewohnlichen Gemeinheit geneigtes Weſen in den Grenzen der Schicktchkeit gehalten hätte. So vergingen ſieben Jahre, zwar arm an aͤuſſern Begebenheiten, aber an innerer Verworrenheit ſo reich, daß wir dieſe nur leiſe andeuten duͤrfen, um den beſchraͤnkten Raum dieſer Blätter nicht zu uberſchreiten, und den Leſer zu ſehr zu ermuͤden, auf den die innere Welt der Menſchen nicht ſo anziehend, als ihr Ein⸗ fluß auf die äuſſere Erſcheinung wirkt. Es ſey daher genng, zu berichten, daß es der jungen Frau, mit feſten Blik⸗ ken auf die Gegenwart, die ganz ihre Pflichten in Anſpruch nahm, gelungen war, jenen Verdacht, zu dem Baptiſts noch immer unbekanntes Schickſal Anlaß gegeben, allmählig zu verbannen. Sein Name war und wurbe nie in ihrem Hau⸗ ſe ausgeſprochen, und ſie las ihn immer 118 ſeltener in den Briefen ihrer guen die faſt den einzigen hellen Mondſtrahl, von dem heilige Erinnerungen beleuchtet wur⸗ den, in die Nacht ihres gegenwartigen, ſcheinbar glaͤnzenden Lebens warfen. Aber unwillkuhrlich mußte ſie an ihn denken, wenn der Gatte in nicht ſeltenen, aufge⸗ regten Augenblicken, die von innerer Zer⸗ riſſenheit zeugten, ihr bitter vorwarf, daß ihr Beſitz das Opfer, welches er ihret⸗ wegen gebracht, nicht erſetzte; zwar fügte er dann zuweilen mit verletzender Rohheit ſchnell hinzu, daß er ja eine weit ange⸗ ſehenere Verbindung hätte ſchließen koͤn⸗ nen, und wunderte ſich, daß er ſich von Reizen, die ſich nicht geltend zu machen wüßten, hatte täuſchen laſſen koͤnnen⸗ Sie gab ihm, gutmüthig wie ſie war, ſtillſeufzend Recht; denn ſie fuͤhlte, daß dies ihm eben ſo druͤckend ſeyn mußte, als es ihr unmöglich war, in ihrem neuen 119 Kreiſe einheimiſch und zwanglos auftteten zu koͤnnen. Doch war der Unmuth des Gatten noch augenblicklich und voruͤber⸗ gehend; noch ſuchte er die uͤblen Launen durch großern Aufwand von Zärtlichkeit wieder in Vergeſſenheit zu bringen; ja die Flitterwochen ſeiner Liebe ſchienen ſo⸗ gar waͤhrend ihrer erſten frühen Schwan⸗ gerſchaft wiederzukehren. Sie ſchenkte ihm einen Sohn. Das zarte Kind ſchien Beider Entzuckung und Liebe gleich in Apſpruch zu nehmen. Seine Liebe zu dem neugeborenen Kinde that ihr wohl, und brachte ihn ihrem Herzen naͤher, als er dieſem je geſtanden. Ihre Pflichten ſprachen ſie nun wohlthaͤtig, faſt beloh⸗ nend anz konnte ihre reine Seele unem⸗ pfindlich gegen denjenigen bleiben, dem ſie das einzige Gluͤck, die neuen Hoffnun⸗ gen ihres truͤben Lebens zu verdanken hat⸗ te? Auch er ſchien zarter, ſchonender⸗ weniger aufbrauſend geworden zu ſeyn. Doch dieſe gluͤckliche Annaherung— bald wieder verſchwinde. n Almählig, wie der Knabe—— wurde, ſchien das Herz des Vaters ſich von ihm abzuwenden. Ja⸗ es kam ihr mitunter vor, als loderte in ſeinen Blik⸗ ken, je laͤnger ſie an dem Knaben hafte⸗ ten, eine flammende Erbitterung. End⸗ lich fuhr er einmal mit wildem Lachen heftig auf und verließ das Zimmer. Sie ſah ihm befremdet nach. Arglos und ſeufzend trat ſie an die Wiege, hob den laͤchelnden Knaben auf, legte ihn in ih⸗ ren Schooß, um Troſt aus ſeinen milden Blicken zu ſaugen. Da warfen zum er⸗ ſten Male die klaren ſchwarzen Augen, die ſo oft die unbefangene Mutter ent⸗ zuckt hatten, einen ſchauderhaften Licht⸗ ſtrahl in ihr Herz. Ja, es waren Bap⸗ tiſts Augen! und je länger, je genauer 124 ſie das Kind betrachtete, je mehr traten auch ſeine Züge aus dem kleinen Engel⸗ antlitze hervor. Die wilde Eiferſucht des Gatten machte ihr erſt eine Ihnlichkeit deutlich, die gegen ihren Willen ihr Herz mit ſtiller Seligkeit füllte.„Der Him⸗ mel hat es gewollt« ſeufzte ſie, das Kind an ſich drückend, vund ſo darf ich Dich ohne Vergehen, wenn es moͤglich iſt, doppelt lieben.« Und doch war es von dieſem Augenblicke an, als wenn ſie unwillkuhrlich dieſe mutterliche Liebe nie⸗ derkaͤmpfen müſſe, wenn der Gatte anwe⸗ ſend war. Ihre Blicke folgten aͤngſtlich jeder Bewegung des Vaters, es war, als mache ſeine Gegenwart ihr Herz beklom⸗ men und bange. Es war, als brannte ein ſchmaͤhlicher Verdacht in den lauern⸗ den Blicken, die er bald auf ſie, bald auf das unſchuldige Kind heftete, ein Verdacht, den— das fühlte ſie— ſelbſt X 122 die unſchuldigſte Andeutung von ihr nur vermehren koͤnnte und wuͤrde. Selbſt wilde verblumte Kußerungen entfielen ihm, deren nur zu leichte Deutung ſie mit Un⸗ willen erfullte und das tief verletzte reine Herz aufs Neue von ihm wandte. Und doch wunderte es ſie, daß ſeine Rohheit dieſen Gegenſtand nie zur Sprache brach⸗ te; jedoch war es ihr deutlich, daß eine wilde Luſtigkeit ſich ſeiner Seele bemaͤch⸗ tigt hatte bei der Uberzeugung⸗ daß er nun ein Recht habe, unverholen den zu haſſen, deſſen Name doch nie uber ſeine Lippen kam. Shrer beſchraͤnkten Lage ge⸗ maͤß, hatten die reichen Verwandten des Gatten nie Anſprüche gemacht, bei ihm eingeladen zu werden, waͤhrend ſie mit vornehmer Herablaſſung, die Fanny zwar druckte, die aber Soelland nie bemerken zu wollen ſchien, beide zu ihren Geſell⸗ ſchaſten zogen; allein auf einmal ſchlug — ——,—— —— —,— 423 er, freilich zur Zufriedenheit ſeinet Frau, dieſe aus, doch nur um ſich in rohe Zer⸗ ſtreuungen hineinzuwerfen, die ihn einer uͤblen Nachrede preisgaben. Da trat ihre zweite Schwangerſchaft ein, und mit die⸗ ſer eine neue zaͤrtliche Annaͤherung von Seiten ihres Gatten, die ihr doch nicht mehr wohl that. Diesmal gebar ſie ihm eine Tochter; allein auch von dieſem Kinde, das er mit erneuerter Vaterliebe empfing, ſchreckten ihn bald die mahnenden ſchwarzen Augen, die immer deutlicher hervortretenden ver⸗ haßten Zuͤge zuruͤck. Diesmal aber mach⸗ te dieſelbe Ahnlichkeit einen hoͤchſt ver⸗ ſchiedenen Eindruck auf ihn. Er ſah das Kind immer betroffener, immer bleicher an. Die vorige wilde Luſtigkeit kehrte nicht wieder, vielmehr verbreitete ſich ein unruhiges Bruͤten wie eine ſchwarze Wol⸗ ke uͤber ſeine Zuge. Er zog ſich plotzlich 124 von ſeinem vorigen Kreiſe zurück, blieb immer zu Hauſe, wo er weniger laut als fruher auftrat, obgleich es deutlich war, daß eine toͤdtliche Langeweile ihn da plag⸗ te. Zum erſten Male vielleicht in ſeinem Leben nahm er ſeine Zuflucht zu Büchern. Er vertiefte ſich in Romane, die er doch bald mit Reiſebeſchreibungen vertauſchte; in beiden Bereichen aber ohne Wahl und ohne das gehoffte Ergötzen darin zu fin⸗ den; allein ſo verging doch die Zeit. Gegen die Frau blieb er nach ſeiner Art freundlich, von den Kindern kehrte er ſich immer duͤſterer und wortkarger ab. Shte Liebkoſungen ſchienen ihm unertraglich 3. und ſo wendeten ſich auch die vier kleinen Herzen von dem unfreundlichen Manne ab. Vier, ſagen wir, denn Fanny hatte ihm im Laufe der naͤchſten drei Jahre noch zwei Kinder geſchenkt, bei welchen ihm, ſo wie früher, die nur zu wohlbekannten 12⁵ und Zuͤge mahnend entgegentra⸗ „ Der Anblick dieſer immer wiederkeh⸗ 1*— Erſcheinung machte auf ihn einen 3 immer tiefern Eindruck, der zuletzt in eine Art Geiſteszerruttung auszuarten ſchien. er warf die oft durchgeleſenen Bücher zur Seite, und nahm dagegen alte aſcetiſche 4 Werke und Gebetbücher zur Hand. Er hoͤrte auf zu fluchen, ſprach immer leiſer, und wahrſcheinlich haͤtte er, wenn es ſei⸗ 3 nen Verhältniſſen nicht durchaus unange⸗ meſſen geweſen waͤre, ſich den damals ziemlich um ſich greifenden mähriſchen Bruͤdergemeinden genaͤhert. Oſt fand Fanny Stellen in den Andachtsbüchern und Gebeten aufgeſchlagen die nur von der Gewalt der Reue, von Abwaſchung blutiger Suͤnden handelten. Sie erſchrak; der alte Verdacht wurde in ihr wach, und beunruhigte das zwiſchen dieſem und der eignen Reinheit ſchwankende Herz immer 126 mehr Mit Entſetzen erwog ſie das wun⸗ derbare Verhaͤngniß, das über ihr waltete Sollte, durfte ſie dieſe auffallende Nhn⸗ lichkeit mit dem in ihrem Innern noch lebenden Weſen, der geſchwornen unwan⸗ delbaren Liebestreue, oder der Gewiſſens⸗ angſt eines heimlichen Moͤrders, deſſen gequaͤltes Gemüth das Bild ſeines Ver⸗ brechens nicht los werden konnte, zuſchrei⸗ ben? Sie, das fühlte ſie tief und heilig, hatte ſich nichts vorzuwerfen. Sie gab jedem von beiden, was ihm gehoͤrte, und der eigene unwillkührliche Ausdruck: Treu im Wort, Treu im Herzen, ſchwebte ihr vor der Seele. Oſft, wenn eine Kinderkrankheit ihre Lieblinge bedroh⸗ te und ſie an den kleinen Betten wach erhielt, war es, als vernaͤhme ihre leicht bewegte Phantaſie ein leiſes Saͤuſeln in ihrer Naͤhe; einmal ſuhr ſie ſogar halb. in Schlaf verſunken; jählings auf,“ e5 127 NN war ihr— ſie wußte nicht, ob ſie ge⸗ traͤumt oder wirklich geſehen hatte— als ſchwebte Anna's nebelartige Geſtalt, einen Rosmarin zwiſchen den Fingern zerpfluk⸗ kend, den Kinderbetten langſam voruber. In dieſem Augenblicke kam es ihr vor, als hätte ſie der Todten dieſe Kinder ge⸗ boren, als gehorten deren irdiſche Huͤllen ihr nicht eigen an, und doch war es ihr, als muͤßte ſie die theuren Geſchoͤpfe um ſo mehr lieben. Sie weinte bitterlich. Es ergriff ſie ein doppeltes Weh, wenn ſie der truͤben, wilden Blicke des Gatten gedachte. Mußte, ſollte ſie dieſen Zu⸗ ſtand Gewiſſensbiſſen zuſchreiben? durf⸗ te ſie verſuchen ſeinen Leiden Troſt zu⸗ zuſprechen? beſaß er nicht ihr Treu⸗ wort? durfte ſie, trotz ihres Abſcheues, ihn ſich von Gram, den ſie nicht theil⸗ te, aufreiben laſſen? Aber wie die trau⸗ rige Gewißheit erlangen? wenn ſie ihm 128 doch vielleicht Unrecht thäte? O wohl⸗ thaͤtige Hoffnung Da gebar ſie am Ende des ſicbenten Jahres ihrer Ehe noch einen Sohn. Auch er ſchien weder Vater noch Mutter ahn⸗ lich werden zu wollen. Dieſelbe ſchwar⸗ ze, räthſelvolle Nacht begegnete auch aus ſeinen Augen dem Blick des ängſtlich ſpa⸗ henden Vaters. Fanny ſah ihn erblei⸗ chend ſich von dem Neugebornen entfernen. In dieſem Augenblick entriß eine unbe⸗ ſchreibliche Angſt ihr plotzlich ein verſu⸗ chendes Wort.„Sonderbarl« ſagte ſie, indem ſie mit einer, durch den Widerwil⸗ len des Gatten wie doppelt erregten Liebe ſich uber die Wiege neigte, zum erſten Nale den unnennbaren Gegenſtand beruͤh⸗ rend:„ſonderbar! muß denn auch dieſes Kind dem verſchwundenen Bruder hneln! will er uns vielleicht eine laute Anerken⸗ nung abringen? Voch Ettern und Ge⸗ ℳ 4 v ſchwiſtern haben wir die ſtühern Kütber genant, wollen wir, um ſeine zurtckge⸗ ſenen Manen zu Verſöhnen, den Fne⸗ Fannh's Herz Ihr nur zu glungen ſchei⸗ nender Vorwit verſenkte ſie in eine dum⸗ pfe Betäubung; doch dieſer ward ſie bald eittiſſen. Iht Gatte lag im Fieber, und nehtete Wochen ſchwebte er zwiſchen Tod und Leben. So weit ihre Kräfte es ver⸗ ſtüttetei n, verließ ſie ſein Bette nicht. Er wurde duch ihte treue Sorge lungſun hergeſtelt. Des Vorgefallenen ward zwar nie etwähnt, abet ein büſterer Nebel ſchien betäubend auf ſeiner Seele zu rühen; faſt jebes fremden Umganges unfähig, verließ 9 130 er nur ſelten ſein immer mehr veroͤdetes Haus. Da ſeine Obern ſchon lange nicht viel von ſeinen Talenten gehofft, wurde er zu keiner beſonderen Seefahrt gebraucht, und das ſelten eintretende perſoͤnliche Dienſtgeſchaͤſt war hoͤchſt unbedeutend. So ſahen ſich die Eheleute anf eine trau⸗ rige Einſamkeit verwieſen, die der unheimlichen Nahe eines Mannes, vor deſſen furchterlichem Geheimniß ſie, je na⸗ her ſie ihm getreten war, um ſo entſetzter zuruckbebte, ihr zwiſchen Abſcheu und Mit⸗, leid getheiltes Innere allmaͤhlig aufrieb. Es war alſo Beiden nicht unwillkom⸗ men, daß ſie erſucht wurden, Haldan, der um dieſe Zeit die Heimath verlaſſen, um die Univerſitaͤt zu beſuchen, bei ſich aufzu⸗ nehmen. Er war fruͤh durch das einſame Haus der Eltern, den Verluſt der Ge⸗ ſchwiſter und des Jugendfreundes, auch durch ein fruͤheres nicht hieher gehoͤrendes M trauriges Ereigniß ſehr ernſt geſtimmt worden Auch hatte er ſchon im Voraus, durch die damaligen Begebniſſe, die ihm in reiferen Jahren von der ſehnenden, im⸗ mer bedenklicher werdenden Mutter mitge⸗ theilt worden, ein Vorurtheil gegen den Schwager gefaßt. Nichts Erfreuliches war ihm und den Eltern zu Ohren gekommen. Was er aber nun vor Augen ſah, uͤber⸗ traf weit, was er befurchtet hatte. um ſo inniger ſchloß ſich ſein Herz an die dul⸗ dende Schweſter und die nur in Gegen⸗ wart des Vaters verſchuͤchterten Kinder. Viel Argerliches konnte ihm nicht verbor⸗ gen bleiben. Die launenhafte, verdrießli⸗ che Wunderlichkeit des fruͤh alternden Schwagers, deſſen herriſcher Starrſinn flößte ihm immer größeres Misbehagen ein. Sein kraͤftiger, ernſter, jugendlicher Muth ſah in der ruhigen Ergebung der Schwe⸗ ſter in ihrer zarten Sorge fuͤr einen 132 M Mann, den ſie weder achten noch lieben konnte, eine Erniedrigung ihres beſſeren Weſens. Aber er ſchwieg, denn was durfte er ſagen? Allein er blieb ihr als ein treuer Huͤter zur Seite, und lag viel⸗ leicht eben dadurch um ſo fleißiger„ Wiſſenſchaft ob. Fuͤnf Jahre verlebte er in ihrem dat Er hatte ſeine Studien laͤngſt vollendet; aber der Troſt, den ſeine wohlthuende Ge⸗ genwart der Schweſter gewaͤhrte, die Bil⸗ dung und die Kenntniſſe, die er den theu⸗ ren Kindern beibringen konnte, bewog ihn, das Haus nicht zu verlaſſen, um ſo mehr, da er, als angehender Rechtsgelehrter, da⸗ durch in ſeiner Thaͤtigkeit nicht gehemmt wurde. Er hatte, waͤhrend dieſer Zeit, nur zu tief in das duldende Gemuͤth der Schweſter geblickt: wie konnte ſie ihm wohl ihr herzliches Vertrauen vorenthalten! Ihr Herz, ſo lange in ſich verſchloſſen, MMM konnte ſeiner ruͤhrenden Theilnahme nicht widerſtehen. Auch er hatte die ſonderbare Rhnlichkeit der Kinder mit dem Jugend⸗ freunde bemerkt, und wendete nicht ſelten das Geſpraͤch auf Baptiſt, auf ſein ſo un⸗ begreifliches Verſchwinden. Die Schwe⸗ ſter ſah, ohne zu wiſſen wie, in einem heftig erregten Augenblicke ihr tieſſtes Ge⸗ heimniß halb verrathen. Sie ſchwieg zwar uͤberraſcht und betroffen; aber Haldan er⸗ ſchrak vor dem plotzlichen Lichtſtrahle, der das Dunkel ſo unerwartet durchfuhr, und ſeine erhitzte Phantaſie ſog aus ihrem Schweigen faſt mehr, als ihr volles Ver⸗ trauen ihm hätte mittheilen köͤnnen. Auch er verſtummte. Als er bald nachher einen kurzen Beſuch in Norwegen ablegte, als ihm an Ort und Stelle alle traurigen Er⸗ innerungen doppelt lebhaft vorſchwebten, ließ er in einem Geſpraͤch mit den El⸗ tern, die nicht gücklichen Verhältniſſe der „ 14 Schweſter betreffend, ein Wort, wie eine dunkle Vermuthung: ob nicht ein heimli⸗ ches Duell Baptiſts Schickſal herbeigefuͤhrt haben koͤnne, fallen; und mit Erſtaunen bemerkte er, daß der Funke in einen ent⸗ zuͤndbaren Boden fiel. Er merkte, daß der Vater einen aͤhnlichen Gedanken ge⸗ habt, aber ihn mit Abſcheu ſtrenge von ſich gewieſen, und es noch that. Doch dies⸗ mal aͤußerte er, der nach ſeinen ſchlichten Begriffen in jedem Duellanten, und be⸗ ſonders in ſolchen nur von roher Leiden⸗ ſchaft hingeriſſenen, einen Moͤrder ſah, laut, mit aufwallender Heftigkeit, daß, wenn Soelland eines ſolchen Verbrechens, und noch mehr es zu verſchweigen faͤhig geweſen, ihn nichts abhalten ſollte, die arme hingeopferte Tochter von dem Möͤr⸗ der wieder zu trennen. Er hatte lange, vertrauliche Unterredungen mit dem Soh⸗ ne; und als dieſer wieder in der Haupt⸗ — 135 ſtadt eintraf, ruhte oft ſein Blick pruͤfend und ſinnend auf dem ungleichen Paare; auch wußte er, in den kurzen Augenblicken, in welchen er ſich mit dem Schwager allein befand, anſcheinend zufällig, dunkle An⸗ ſpielungen herbeizufuͤhren, welche ſichtbare Unruhe und Verwirrung bei dieſem her⸗ vorbrachten. Ja, Soelland aͤußerte ſo ſcharf und unverholen eine wachſende Ab⸗ neigung gegen den jungen Schwager, daß Fanny ſich gezwungen ſah, den Bruder zu bitten, ſich eine andere Wohnung zu ſuchen. Kopſſchuttelnd, mit zerriſſenem Herzen, in ſich unſicher— denn nie konnte er die Schweſter auf die abgebro⸗ chene Unterredung zuruckführen— und mit ſich ſelbſt unzufrieden, weil er fuhlte, daß er ſelbſt ihr dieſe neue Entbehrung zu⸗ gezogen, machte er ſchon Anſtalt ſich zuruͤckzuziehen, als eine oͤffentliche Angele⸗ genheit ſeinen und des Schwagers Ge⸗ — danken eine hoͤchſt— gab. t Mait Ihr Paan ſeh ſch—— unver⸗ muthet in einen Krieg verwickelt. Eine feindliche Flotte naͤherte ſich ſchon der plotz⸗ lich aufgeſchreckten Reſidenz. Alles, was waffenfaͤhig war, ergriff die Waffen. So auch Haldan. Selbſt an den immer mehr menſchenſcheuen Schwager erging ein lan⸗ ge vergebens erwarteter Ruf. Einige alte Orlogſchiffe, zu kraͤftigen Bewegungen ſchon untauglich, wurden in der Eile als ſchwimmende Schanzen hingelegt, um dem überlegenen Feinde Widerſtand zu leiſten⸗ Auf einer von dieſen wurde Capitain Soel⸗ land, der längſt im Laufe der Jahre die⸗ ſen hoͤhern Grad erreicht hatte, als Nachſt⸗ kommandirender berufen. Obgleich Alles in der größten Eile unternommen wurde, hatte man hier, wo kein Arm entbehrt weiden konnte, dafuͤr geſorgt, daß vermu⸗ 137 thete Schwaͤche neben anerkannte Kraft ge⸗ ſtellt wurde. Der Chef dieſer zur Batterie gemachten Schiffe war einer der tͤchtigſten unter den Tuͤchtigen. Unter Soelland war nur ein der Marine angehoͤriger Officier angeſtellt; die ubrigen waren, bei dem augenblicklichen Mangel, in Abweſenheit vieler koͤniglichen Officiere, aus den Fuh⸗ rern und Steuermaͤnnern dortliegender Kauffartheiſchiffe gewaͤhlt, welche ſpäter, ſo wie auch die Mannſchaft ſelbſt, wahrend der moͤrderiſchen Schlacht, überall, wo mehrere ſchon gefallen it durch neue erſetzt wurden. Bei der Annaͤherung der půtn Ge⸗ fahr, die, nach dem bis dahin angenom⸗ menen Voͤlkerrechte, als ein meuchelmoͤr⸗ deriſcher Angriff angeſehen wurde, behaup⸗ teten bei Soelland die Geſinnungen ſei⸗ nes Standes ihre Rechte. Seine innere Traumwelt trat vor der Gewalt der Stun⸗ 138 de zuruͤck. Seine bloͤdſinnige Unthätigkeit ſchien auf einmal verſchwunden; mit der alten jugendlichen Heftigkeit folgte er ſei⸗ nem Berufe. Der Ernſt der Zeit brachte jede kleinliche Spannung in Vergeſſenheit. Ein heroiſches Zuſammenhalten fand unter den verſchiedenſten Gemuͤthern ſtatt, und mit der vorigen Zuverſicht klopfte Soel⸗ lands Herz ungeſtuͤm dem Kanonendonner entgegen. Auch war ſein Schiff faſt vom Anfang der Schlacht einem moͤrderiſchen Feuer blosgeſtellt. Leichen lagen rings um ihn her geſtreut. Splitter von den durchſchoſ⸗ ſenen Balken richteten eine faſt groͤßere Zerſtorung an, als die feindlichen Kugeln. Schon fruͤh war der naͤchſte unter Soelland befehlende Lieutenant gefallen; ein Zufall, der ſeine Obliegenheiten und Anſtrengun⸗ gen verdoppelte. Nach Mittag riß eine Kartaͤtſchenkugel den Chef an ſeiner Seite 3 W hinweg. Soelland nahm, ſeiner Pflicht gemaͤß, ſogleich das Kommando; aber faſt in demſelben Augenblick brach, von einer Kugel zerſplittert, die maſtaͤhnliche Stan⸗ ge, an deren Spitze die Flagge wehete, und dieſe ſank zu ſeinen Füßen nieder. Erbleichend, zerſtoͤrt, am ganzen Koͤrper ſichtbar zitternd, hob er ſie auf. Die lau⸗ te Stimme bebte ſchwach auf ſeinen Lip⸗ pen; und während herbeieilende jungere Officiere ſich mit warmem Eiſer bemuͤh⸗ ten; ihm die Flagge, die er mit zittern⸗ den Haͤnden ſeſthielt, zu entreißen, um ſie aufs Neue an eine kurzere Stange zu befeſti⸗ gen, ſtammelte er, abgebrochen, mit einer Verzagtheit, die um ſo mehr auffiel, weil trunkene Begeiſterung jeden Buſen erfuͤllte: „Nein— nein!— geſtrichen! es iſt ver⸗ gebens, ich kann nicht mehr!« Da erblick⸗ te er auf einmal die Flagge langſam hin⸗ „ auſſchweben. Er ſtieß ein lautes Geſchrei 140 aus, bedeckte mit beiden Haͤnden das Ge⸗ ſicht, und— wie—„ das Ver⸗ decksnieder. ir 0 Eine Sugel muß ihn——— rief der junge Officier, der die Flagge wie⸗ der aufgeſteckt, raſch: vfriſch, Ihr Ge⸗ fahrten! hier iſt keine Zeit zu verſäumen! hurtig an die wenigen noch brauchbaren Feuerſchluͤnde; unſer Donner darf nicht aufhoren l« Jeder folgte ſeinem muthigen Beiſpiele. Doch nur kurz noch flammten die Blitze von der durchloͤcherten Holz⸗ maſſe auf, als plötzlich ein wohlbekanntes Signal von dem Schiffe des Oberbefehls⸗ habers ihnen aufzuhoͤren gebot, und der Kampf beendigt war. So muthig wie in der Schlacht, ſo beſonnen trafen nun die Officiere Anſtalt, die Verwundeten und Todten eiligſt ans Land zu ſchaffen. Soelland lag noch im⸗ mer leblos ausgeſtreckt, allein kein Blut⸗ —,——— 144 flecken, keine Wunde war an ihm ſichtbar. Verwundert ſchuͤttelte man den Kopf. Als er aufgehoben wurde, ſchien er Lebenszei⸗ chen zu aͤuſſern, und durch herbeigeſchaffte Hülfsmittel kam er mit einem ſchweren Seufzer wieder zu ſich. Seine Blicke wa⸗ ren gber wild, und ſtarrten ringsum, oh⸗ ne jedoch an irgend einem Gegenſtande feſt zu haften. Auf jede Frage gab er kur⸗ ze, unverſtändliche, verworrene Antworten. Die Officiere ſorgten dafur, daß er unver⸗ zuglich nach ſeinem Hauſe gebracht wurde. Fanny, ſchon vorbereitet, in der Mei⸗ nung, daß er hart verwundet ſey, hatte mit ruhiger Beſonnenheit fuͤr einen Wund⸗ arzt geſorgt; auch ſie, dem Stande ihres Gatten wuͤrdig, hatte in dieſer Zeit allge⸗ meiner Bedraͤngniß die eigene druckende Lage vergeſſen. Von der Stunde an, wo jener von ihrer Seite abgerufen ward, ſchien ſie ſelbſt weniger ihren Kindern als 142 vem Vaterlande anzugehoͤten. So wie tauſend andere daͤniſche Frauen kramte ſie in ihren Sachen, um Beduͤrfniſſe fuͤr die Spitäler zu ſuchen, und mehr mit Stolz als Erſchrecken erfuhr ſie, daß der Gatte — auf ſeinem Schilde, dachte ſie— in das Haus gebracht werden ſollte. Man denke ſich aber ihr Erſtaunen, als auch der Arzt keine Wunde an dem vollig erſchöpften Manne entdecken konnte⸗ Er ſchien indeſſen bei Sinnen; doch wa⸗ ren die Blicke ſtarr und die Fragen des Atztes erwiederte er nur mit Zeichen des Verdruſſes. Erſt als dieſer kopfſchuttelnd ihn verlaſſen, heftete er langſam die mat⸗ ten Augen auf die Gattin, und ſagte, ihr die Haͤnde drückend, weich: vIch hatte ge⸗ hofft zu ſterben, und nun zittre ich davor. Rette mich, Fanny!— o der Schande« Unſicher, ob er bei voller Beſinnung war, ſuchte ſie vorlaufig ihm Muth und 143 Troſt einzuſprechen. Indeſſen hatte dies Begebniß nicht allein unter Soellands Ge⸗ faͤhrten, ſondern in der ganzen Stadt die aͤrgerlichſten und zugleich lͤcherlichſten Ge⸗ ruͤchte veranlaßt. Ein anderes Ereigniß, wobei ein oder zwei Ofſiciere ihre Poſten ſollten verlaſſen haben, vereinigte ſich mit dieſem, und gab dem Vorfall mit Soel⸗ land eine ſo ernſthafte Wendung, daß ſeine Behoͤrde kurz nachher Maßregeln deshalb nehmen zu muͤſſen glaubte. Aber ſchon denſelben Abend hatte der Zufall Haldan unter mehrere Kampfgefaͤhrten gefuͤhrt, die wohlunterrichtet ſeyn wollten, und ohne zu wiſſen, daß der von dem Ge⸗ ruchte Zerriſſene ſein Schwager ſey, die⸗ ſen ſo ſchonungslos dem bitterſten Hoh⸗ ne preisgaben, daß der Bruder verſtort und auſſer ſich heimkehrend, in der erſten Erbitterung Fanny's aͤngſtlicher Frage nur zu ſehr Genüge leiſtete. Sein unvollſtan⸗ diger Bericht n indeſen in ihtem Ge⸗ muͤthe durch Soellands Ausruf hinreichend ergaͤnzt. Dennoch konnte ſie unmglich den Gatten feigherʒig glauben; ſie waͤhn⸗ te doch noch, zuweilen Pröben von Müth und Geiſtesgegenwatt von ihm geſehen zu haben. Seufzend ging ſie, ihren unwill⸗ kuhrlichen Widerwillen bezwingend, an das Lager zuruck, zu dem die Pflicht ſie rief. Soelland richtete ſich halb in die Höhe, und mit mehr Stärke als vorher fragte er: vIſt Haldan zurück? hat er etwas gehoͤrt? ſwicht man von mir in Stadt 7 Sie zog vie nſe Man n beg nicht dieſe ploͤtzliche Schwaͤche,« ſagte ſie; „feig kannſt Du— ſeyn be nicht! Mein«— verſetzte er heſtig— dund doch Er ſtarrte wild auf den Boben „Fanny! es druͤckt mir das Herz ab, ich ————— ———— 145 muß es Dir eroͤffnen. Erſchrick nicht! Es iſt nur, was Du ſchon weißt, was Du ſelbſt geſehen, meine Schwermuth, die boͤſen Stunden, die ich Dir und den Kindern gemacht. Kannſt Du mir das Alles vergeben? Du haſt es ſchon ge⸗ than, ich weiß es. Mit dieſem freudigen Gefuͤhle eilte ich zur Schlacht— ich wuͤnſchte zu ſterben, die ſchwere Burde abzuwaͤlzen, die mein und Euer Ungluck macht. Die Leute fielen wie Fliegen um mich herum. Mein Lieutenant hauchte an meiner Seite die Seele aus. Mich wollte keine wohlthaͤtige Kugel treffen; ach! da wäre ich leicht und ehrenvoll geſtorben. Doch das durfte ich nicht. Der Chef fiel; noch ſtand ich mitten unter Truͤmmern un⸗ beruͤhrt, und das Gewicht des Augenblik⸗ kes, dieſen ruhmbringenden Ruf empfin⸗ dend, ergriff ich raſch dgs Kommando. In demſelben Momente ſtuͤrzte die Flagge 10 . 146 zu meinen Füßen, als wolle ſie lieber ge⸗ ſtrichen ſeyn, als meinem Worte gehor⸗ chen, und zu gleicher Zeit, Fanny! trat Baptiſts bleiche Geſtalt in der Uniform meines Standes vor mich hin; hohnla⸗ chelnd entriß ſie die Flagge meinen Hän⸗ den, als wären ſie unwuͤrdig dieſe zu be⸗ ruͤhren. Da war es mit mir aus; ich ſchwankte und verlor die Beſinnung, Fan⸗ ny! Sein Schatten hat mich der Schan⸗ de geweiht! Dort ſteht er noche— fuhr er auf einmal wild empor—„dort— verbirg Du mich, Fanny! und bitte ihn, daß er mich in Frieden läßt.« Schwerer, als je zuvor, traf das Ge⸗ wicht dieſer Worte die Bruſt der ungluͤck⸗ lichen Frau. vSoelland læ ſagte ſie, vwir ſind allein, raffe Dich zuſammen, und traume nicht ſo wild— ich bleibe ja den⸗ noch bei Dir.«— Aber Entſetzen erſtickte ihre Stimme. Nicht allein den geheimen ———— 147 Wörder glaubte ſie nun mit voller Gewiß⸗ heit in ihm zu erblicken, ſondern auch ein den Kriegsgeſetzen verfallenes haupt. Sollte ſie ſo das furchtbare Geheimüiß— mußte ſie auch ſeine oͤffentliche Schande theilen? Sie wich die ganze Nacht und den folgenden Tag nicht von ſeiner Seite. Haldan, dem ſein aufgeregtes Gefuͤhl und offener Widerwille nicht geſtattete, das Zimmer des Schwagers zu betreten, konn⸗ te die Schweſter keinen Augenblick ſprechen. Gegen Mittag trat ein Officier ins Haus, und verlangte Soellands Degen. Die Verhaftung obenerwähnter Officiere, denen man eine verwerfliche That Schuld gab, zog eigentlich die ſeinige nach ſich. Eine Unterſuchung wurde über ihn verhangt; die verdächtige Ausſage der ihn umgeben⸗ den Leute, ſeine ausgeſprochenen Worte, die Behauptung, daß er laut aufgeſchrieen . 10* 4148 haben ſolle, als die Flagge wieder aufge⸗ zogen wurde, Alles wurde in Anſchlag ge⸗ bracht. Doch wurde ihm, ruͤckſichtlich ſei⸗ ner Lage, fuͤrs Erſte Hausarreſt geſtattet. Der Officier war kaum fort, als Hal⸗ dan ſie aus dem Zimmer rufen ließ.„O, Fanny le ſagte er, und ſchloß ſie in ſeine Arme, vwir zwei müſſen nun treulich zu⸗ ſammenhalten. Was ſagt er? kann er et⸗ was zu ſeiner Entſchuldigung anfuͤhren?6 WVieles und nichts l gab ſie, von ſei⸗ ner Ruͤhrung hingeriſſen, zur Antwort. Nichts— denn nur mir kann er das vertrauen, was ſein Betragen erklaͤrt. Er glaubte einen Todten zu ſehen. O, frage mich nicht mehr! Alſo— das Gewiſſen, Fanny rief Haldan heſtig. Wir ſind ehrlicher Leute Finder. Du biſt meine Schweſter— laß von ihm ab! Er iſt der Schande längſt verfallen; nimm unſern Namen wieder; ———————— 149 Dich darf ſeine Strafe nicht treffen; den⸗ ke an den Vater l« Er hat mich mit ihm verbunden. Er lehrte mich die bindende Kraft des Wor⸗ tes; um ſo weniger darf ich ihn nun verlaſſen. Verurtheilt iſt er noch nicht. Sch fürchte nicht die Stimme der Welt, wenn die hier innen mir nichts vorwirft, und das ſoll ſie nie. Sey Du ruhig, Haldan! geh— laß mich mich ſammeln und Alles erwägen.« Auch den folgenden Tag verbrachte ſie am Lager des Gatten, der mit offnen Au⸗ gen ausgeſtreckt da lag, ohne, wie es ſchien, weder ſie, noch Alles, was um ihn vorging, zu bemerken. Aber eine aͤngſt⸗ liche Unruhe war an ihm ſichtbar, und kurze abgebrochene Worte verriethen, daß jene Erſcheinung, die ihn ſo tief erſchuͤt⸗ tert hatte, noch vor ſeiner Phantaſie ge⸗ genwärtig war. Fanny's prufender Blick ſchien indeſſen in ſeiner Seele zu leſen; treu den Pflichten, denen ſie ſich geweiht, und nur auf das Nächſte bedacht, wogten tauſend Entwuͤrfe, den zu retten, dem ſie ihr Treuwort gegeben, in ihrem Innern. Sie konnte ſich dieſen Gedanken um ſo ungeſtorter uberlaſſen, als die aͤlteren Kin⸗ der, welche die ſorgfältige Erziehung mit allem Edlen und Großartigen fruͤh bekannt gemacht, von demſelben Enthuſiasmus hingeriſſen, der damals alle Bewohner der Hauptſtadt fuͤr die Helden des zweiten Aprils begeiſterte, den Oheim erſucht hat⸗ ten, ſie heute mit ſich zu nehmen, um die zertruͤmmerten Zeugen warmer Vaterlands⸗ liebe und kalter Entſchloſſenheit von den Vilet und Seebaſtionen zu betrachten⸗ Weit ſpäter, als ſie erwartet worden, khi ſie zuruck. Die ſchon beunruhigte Mutter, die im Nebenzimmer die lieben leiſe jauchzenden Stimmen vernommen, 15¹ eilte, die Kinder an ihre Bruſt zu drucken. Ein mutterlich ſußes, aber dabei ſchmerzli⸗ ches Gefͤhl riß ſie in ihre Mitte. Nie zuvor war das heimliche Vergehen des Va⸗ ters, das ſie nur dunkel und daher mit doppeltem Schauder zu durchſchauen ver⸗ mochte, ſo nahe vor ihr inneres Auge ge⸗ treten, als in den verfloſſenen Stunden. Sie hatte keinen Zweifel mehr, und ſie be⸗ durfte ihrer ganzen Liebe zu den Kindern, des Anblicks der unſchuldigen klaren Zuge, um ihr Mitleid mit deren Vater anzuregen, wiewohl eben ihre Augen ſie noch ſ chauder⸗ haſter an ſeine dunkle Schuld mahnten. So in ſonderbarem Zwieſpalt mit ſich ſelbſt trat ſie heraus. Sohn und Tochter wollten ihr entgegenſpringen, doch ſchien es, als hemmte ein Blick des Onkels ihre Schritte und ihre Freude; allein dieſer Blick, der ſich zu gleicher Zeit auf ſie hef⸗ tete, druͤckte, obgleich durch einen truͤben Ernſt, eine ſo wohlthuende, lebhafte Freu⸗ de aus, daß ſie uberraſcht ſtehen blieb- Er lächelte und winkte dem Knaben. Fridrik, ſo hieß er, ſturzte ſogleich in ihre Arme. Muͤtterchen« ſchmeichelte er, ſie umarmend, dich bringe Dir Verlorenes, das Dir gehoͤret, wieder; ein fremder, ſchoͤner Mann hat es mir fur Dich einge⸗ haͤndigt. Er wuͤrde Dir Alles wieder ge⸗ ben, was Du vermiſſeſt; meinte er, wenn Du nur ſeiner und der Stimme Deines Herzens folgen wollteſt« „Was denn?4 Sig ſie— aber betroffen. 3 Da reichte der Knabe 5 ein zeines, fein zuſammengewickeltes Papierchen. Sie hielt den ſeit ſo vielen Jahren verlorenen, wohlbekannten metallenen in ih⸗ rer Hand. tm Allgutiger Gott!« war vlles, was ſie ſagen konnte. ————— 153 Da legte der Bruder ſeinen Arm um ihren Leib, und druͤckte ſie an ſeine Bruſt. „Baptiſt lebt!« flüͤſterte er ihr ins Ohr. „Er bringt Dir ihn wieder— ich ver⸗ ſtand nicht ganz den Zuſammenhang da⸗ mit, den er mir fluͤchtig mittheilte. Er glaubte, nur bekannte Dinge zu ſagen— aber ich war damals ja noch ein Kind. Es war, duͤnkt es mich, daß er ſagte: das Pfand innerer Treue, einer heimli⸗ chen Verlobung ohne Worte, das ihn an das Leben gebunden und Dir noch Gluck verheißt Sie ſtarrte ihn afteut. aber erſchrocken anz doch in dem nachſten Augenblick lag ſie ohnmaͤchtig in ſeinen Armen. Aber es war, als beſaße das unſcheinbare Metall eine geheime Kraft, die ihr bald die ihrige wiedergob. Haldan hatte ihn aus ihrer hinunterſinkenden Hand ergriffen, und hielt ihn laͤchelnd vor die ſich wieder oͤffnenden 154 Augen. Die Kinder hatten ſich ängſtlich an Beide geſchmiegt. Fanny's Blick ruhe⸗ te erſt unſicher, dann immer freudiger auf dem Ringe. vEr lebt, er lebt lK ſtammel⸗ ten ihre Lippen unwillkuͤhrlich. Fanny! darf ich, Dein Bruder, ihn an Deinen Finger ſtecken?« Er machte eine Bewegung dazu. In dieſem Augenblick ſchien eine ploͤtz⸗ liche Angſt ihr Beſinnung und Geiſtesge⸗ genwart zu geben. Neinl ſagte ſie ſchnell,„das Verhaͤngniß wollte und will es noch immer nicht. Sein Platz iſt von einem andern eingenommen.« Sie zeigte ihm ihre Hand, die wie immer ihren Ver⸗ lobungsring trug. vAber ſein Anblick giebt mir Ruhe, Zuverſicht, Vertrauen wieder. Haldan, ich muß mich ſammeln; entſer⸗ nen wir erſt die Kinder« Sie buͤckte ſich zu dem Knaben nieder, kuͤßte ihn auf Mund und Stirne und fluſterte:„Geſeg⸗ „ 155 netes Kind! Es iſt Gottes Finger, der Dich zum Schutzengel Deiner Eltern ge⸗ macht.« Sie winkte dem Bruder, ſie zu erwarten, und beide Kinder zu den jun⸗ gern Geſchwiſtern führend, ſagte ſie: vEr⸗ zaͤhlt Euch nun, was Ihr geſehen; ich muß zu dem Vater« Sie trat ſchnell in ſein Zimmer, wo ſie den Gatten in einem anſcheinend ruhigen Schlafe fand. Dort faltete ſie frendig die Haͤnde zu einem kur⸗ zen Gebet, während ihr Blick zaͤrtlich, wie um Verzeihung flehend. auf ihm ruhe⸗ te, und flüͤſterte entſchloſſen:„Jetzt we⸗ als jels ut Sie ging gelaſſen zu dem Bnper⸗ zu⸗ ruck, der mit ſtarken Schritten tiefſinnend, aber freudig im Se auf und nieder ging. Jetzt bin ich gejaßt und wir jid ungeſtört,« ſagte ſie.„Erzaͤhle mir nun Alles, aber ruhig ordentlich, langſam« — 156 fügte ſie hinzu, als fürchtete ſie die unge⸗ ſtumen Bewegungen des eignen Hetzens. Alſo iſt et kein Mörder?« „Doch, und noch mehr; ein gemeiner Meuchelmörder iſt und bleibt er. Es iſt nicht ſeine Schuld, daß Baptiſt lebt,« er⸗ wiederte er ſo ſchneidend, daß Fanny aufs Neue erbleichte. „Erzaͤhle K ſagte ſie bebend. vSchon ſeit mehreren Tagen« begann Haldan, vhat der Name Cotdeh an mein Ohr geſchlagen. Ein fremder Schiffsfüh⸗ rer dieſes Namens, wie wir ein Feind des uͤbermuͤthigen Inſelvolkes, ſollte in unſter Bedraͤngniß mönatlichen Dienſt bei der Marine genommen, und ſich eben ſo wie die Eingeborenen ausgezeichnet haben. Ich erkannte zwar Baptiſts Familienſylben wieder; doch, ſeines Todes gewiß, em⸗ pfand ich nicht allein Widerwillen, mich nach ſeinem Namensvetter zu erkundigen, 157 ſondern hütete mich wohl, Dich mit einem Umſtande bekannt zu machen, der noch tie⸗ fer Dein Herz verwundet haben moͤchte. Heute, als ich mit den Kindern unter ei⸗ ner großen Menge Leute auf der Seeba⸗ ſtion Quintus ſtand, und nach der Rhede hinausſah, bemerkte ich auf einmal, nur wenige Schritte von mir, einen ſchlanken Mann von mittleren Jahren, in vaterlaͤn⸗ diſcher Seeuniform, deſſen ſchwarze durch⸗ dringende Augen, aus buſchigten Braunen und kuͤhnen ſonnenverbrannten Zuͤgen, un⸗ verwandt auf unſerm Fridrik ruheten und zuweilen auch ſeine Schweſter ſtreiften. Ein großer Schiffshund ſtand an ſeiner Seite, und hatte ganz ihre Aufmerkſam⸗ keit an ſich gezogen; die eine Hand in der meinigen, ſuchte ſie mit der andern das Thier an ſich zu locken. Er naͤherte ſich freundlich wedelnd. Der Fremde ſchien mit wachſender Theilnahme die kleine ———— 158 Gruppe zu betrachten. Auch ich„deſſen Neugierde dadurch erregt worden, be⸗ trachtete ihn verſtohlen. Seine Augen, deren Thnlichkeit mit denen Deiner Kinder mir auffiel, fuhrte allmaͤhlig Baptiſts Bild in meine Seele zuruͤck. Deutlicher als je trat Fridriks ſchlagende Ahnlichkeit mit dem unvergeßlichen Freunde meiner Jugend vor meine Phantaſie. Ich ſah dieſelbe in den Zuͤgen des Fremden, nur reifer in maͤnn⸗ licher Fuͤlle entwickelt. Die ſpähende Theilnahme, womit er uns betrachtete, die Nahe einer unverhofften Wirklichkeit verdrängte den Unglauben des Verſtandes. Gewiſſer, als ich nach einer bedenklichen Anſchauung von mehreren Stunden gewe⸗ ſen wäre, trat ich ſchnell zu ihm hin, und rief faſt auſſer mir:„Baptiſt k Er. te mich unſicher an. „So heiß ich— er Ant⸗ wort. —————— 159 vIſt es moöglich? Du lebſt, und kennſt mich nicht*4 fuhr ich fort. vIch bin Hal⸗ dan l« „Haldan lK rief er lebhaft, vund noch immer mein Freund! Und dieſe da die Kinder Fanny's? ich nahm Anſtand, mei⸗ nem Herzen zu glauben. Ach! läugnet mir nicht mehr die Sympathie der Thiere — mein Hund läßt ſich ſonſt von Nie⸗ mandem locken.«— Sie ſind's« nickte ich.—„Ich wußte, daß ſie hier ſey,« verſetzte er, meine Hand druͤckend; vaber — ich hatte mich genau erkundigt— auch, daß ſie nicht gluͤcklich ſeyn koͤnne. Ich hielt mich verborgen, fern. Mein Anblick konnte ihr nicht Troſt, der Eure mir nicht Frieden bringen; aber Freude hat er mir gebracht. Jetzt thut es mir Noth, Euch um mich zu verſammeln. Schnell, ſchnell zu meiner Wohnung; kommt, kommt le Die Bekanntſchaft mit den Kindern war 160 bald gemacht; er 06 uns mit ið fort« vIn ſeinen Rnnn r ſch ſch⸗ ne, nie fruher geſehene Sachen genug, um die Kinder alles Andere vergeſſen zu ma⸗ chen. Es war ſein erſtes Geſchaft/ dafuͤr zu ſorgen; dann zogen wir uns in ein in⸗ neres Kabinet zuruͤck. Die alte kindliche Vertraulichkeit kehrte mit den jugendlichen Erinnerungen zuruck. Fragen und Ant⸗ worten wechſelten mit einander. In der Freude, mich wegen ſeines Todes getaͤuſcht zu haben, verſchwieg ich ihm nicht unſern Verdacht, und die mir nun unbegreifliche Geiſtesverworrenheit des Schwagers. Da verzog ſich ſeine Heiterkeit auf einmal zu trubem Ernſt.»Ich moͤchte es gern ver⸗ ſchweigen,« ſagte er, vund doch darf ich es in dieſer Stunde nicht, da mr die Wahrheit, die Fuͤhrung der Vorſehung, ihn heilen, und Fanny's truͤbe Seele wie⸗ 16⁴ der erhellen kann. Ach! duͤrfte ich dieſe Kinder die meinigen nennen, wollte Fan⸗ ny ſich von dem Unwuͤrdigen trennen! Ich denke nur heller, aber darum wohl nicht ſchlechter, nun da ich Mann gewor⸗ den, als der Jungling gedacht; aber ich weiß nun die Welt, menſchliche und goͤtt⸗ liche Rechte und die Anſpruͤche der Erden⸗ bewohner auf das Gluͤck der Erde beſſer zu wuͤrdigen. Hat denn das Verhängniß um nichts Fanny's dunklen Gluͤcksring in meine Haͤnde gebracht? Ihre Pruͤfung hat ſchon zu lange gedauert.« Haldan hielt einen Augenblick, ſie durchdringend betrachtend, inne. Sie bat ihn mit erkaͤmpfter Gelaſſenheit fortzufah⸗ ren. „Da berichtete er mir,« nahm der Bruder aufs Neue das Wort, vwie er, in Verzweiflung, Dich weder retten zu können noch zu duͤrfen, die Stelle, wo er 11 einen glucklichen Traum geträͤumt hatte, vor ſeiner Abreiſe noch einmal ſehen woll⸗ te. Er nahm den Weg nach der Felſen⸗ platte. Dort kaum angelangt, hoͤrte er eilende Schritte hinter ſich. Er wandte ſich ſchnell um. Faſt dicht hinter ihm ſtand Soelland, vor Zorn ſchnaubend, mit gezogenem Degen, und fragte ihn, auf einen Ausdruck von Dir, Fanny, anſpie⸗ lend: was er ihm wohl zu verdanken ha⸗ ben ſollte? warum er nicht ſogleich den rechten Weg genommen? ob er vielleicht eine heimliche Zuſammenkunft abwarten wollte? Baptiſt, bei dem das ſuͤdliche Blut nur zu bald aufwallte, engegnete, daß er dieſen Ton keiner Antwort wuͤrdi⸗ ge. Doch Kuhnheit und Entſchloſſenheit prallten diesmal ohnmaͤchtig an der rohen Gemeinheit und der Wuth ab. Soelland drang auſſer ſich auf den Unbewaffneten ein, der nur durch eine geſchickte Wen⸗ 163 dung dem Stoß entging, und dem es ſogar gelang, obgleich mit verwundeter Hand, ihm den Degen zu entreißen und eine. gute Strecke hinwegzuſchleudern. Aber in demſelben Augenblick unterlief Baptiſt der Gegner auf Matroſenart, und mit einem derben Fauſtſchlag unter das Herz, ſturzte er ihn, der ſich dieſes Kunſtgriffes nicht verſah, Gott nur weiß, ob unver⸗ ſehens, ruͤcklings in die nahe Kluſt zwi⸗ ſchen den Felſen hinab. Mehr wußte Baptiſt nicht, weder von ihm, noch von ſich ſelbſt. Doch ſcheint es ſeine Rettung geweſen zu ſeyn, daß die Unthat eben da, und nicht weiterhin, wo die Felſen⸗ platte uber das Meer hinausragt, veruͤbt ward. Denn hier wurde er beim Hinab⸗ ſturzen in die unabſehbare Tiefe durch Buſchwerk und belaubte Zweige aufgehal⸗ ten, welche zwar die Kraft des Falles hennteg allein doch nicht verhindern 164 MMUN konnten, daß er ſich bedeutend an vor⸗ ſpringenden Felſenecken und knotigen Baumwurzeln verletzte. Lange lag er dort unten in halber Betaͤubung, ehe er zu voller Beſinnung kam. Sein Kopf war verletzt, ſein Arm verſtaucht. Die Sonne war wieder aufgegangen, und er ſah nicht weit von dem Felſen, an deſſen Fuße er ſich befand, den weißen Sand des hier von oben unzugaͤnglichen Stran⸗ des, zu welchem eine kleine, aus dem Fel⸗ ſen entſpringende Quelle, die leicht, wie ein duͤnner Silberſchleier, ihm voruberrie⸗ ſelte, hinunterführte. Weg oder Steg war nicht zu entdecken. Völlig erſchopft, von Hunger und Durſt geplagt, wurde die Nähe der Quelle ihm eine erquickende Wohlthat. Sein Felleiſen war noch an ſeinem Rucken feſtgebunden, und die Er⸗ friſchungen, welche die Mutter ihm aufge⸗ drungen hatte, thaten, obgleich G*be — 165 nM ihm vortreffliche Dienſte. Aber je mehr der Köͤrper ſich erquickt fuͤhlte, je herzzer⸗ reißender geſtaltete ſich Alles vor ſeiner Seele. Zuruckkehren zu wollen, den Moͤr⸗ der zu entlarven, war ſein erſter Gedanke. Aber es fehlte ihm an Beweiſen; und durf⸗ te, konnte ein edles Herz Angeber— Angeber eines Verbrechens ſeyn, das ihn ſelbſt betroffen?— eines Vergehens, dem die eigne Leidenſchaftlichkeit, die Eiferſucht das Wort ſprach?— Wollte Fanny das Eigenthum desjenigen werden, der nur als Angeber ſich ihr wieder nahen durfte? wuͤrde ſeine Wiedererſcheinung, der ſie ſo entſchloſſen entſagt hatte, nicht ihre er⸗ kaͤmpfte Ruhe aufs Neue zerſtöͤren? Und waäre es auf der andern Seite nicht ſeine Pflicht, ſie, die Eltern vor einer ſo un⸗ heildrohenden Ehe zu warnen? Unſchluͤſ⸗ ſigkeit vermehrte noch die dunkle Verwor⸗ renheit ſeines Innern. Da gewahrte er 115 auf einmal in dem weißen ſandigen Bett der kleinen Quelle, zu ſeinen Fuͤßen, den unklen metallenen Ring. Mehr aus Dei⸗ nn Worten, als von der Zeit her, wo 6 der fluͤchtige Knabe ihn in Anna's Hän⸗ den geſehen, erkannte er ihn ſogleich wie⸗ der. Er ſah in ihm einen Fingerzeig des Pimmels, das Pfand einer innern Treue, das ihn mahnte, die Ruhe derjenigen, de⸗ ren aͤuſſerem Beſitz er freiwillig entſagt⸗ nicht voreilig zu ſtoͤren; und dennoch war es ihm, als hielt er nun Dein Gluͤck, das Du verloren waͤhnteſt, ertettet in ſeinen Haͤnden. Aber wie? Sein innerer Blick vermochte nicht die Verwirrung, die ihn umnebelte, zu durchdringen. So mochte denn der Herr der Gegenwart und der Zukunft walten! Moͤchte er in dem viel⸗ leicht erwachenden Gewiſſen des Unwuͤrdi⸗ gen thaͤtig ſeyn! Alles, was das eigne irdiſche Auge nicht erſpähen tomnte ent⸗ N 467 11⁵ ſchloß er ſich, in deſſen Haͤnde zu legen, 44½ der allein nicht irrt. WVielleicht wird mein anſcheinender Tod« folgerte er, .„ſein rohes Gemuͤth entwaffnen und ihrer ——— Sehnſucht allmaͤhlig Ruhe geben; durch mein Erſtehen dagegen wurden alle feind⸗ lichen Leidenſchaften wieder erwachen. Walte denn Gott, ſo iſt es am beſten! Wenn ſeine Fuͤgung es will, werden wir uns wiederſehen l Und ſo entſchloſſen, wo moͤglich unerkannt zu bleiben, ſchleppte er ſich mit Muͤhe den Strand entlang, deſ⸗ ſen feuchter Sand doch oft von hervor⸗ ſpringenden Felſen durchſchnitten war, in einer Richtung fort, die immer weiter von dem Ziel der begonnenen Reiſe fuhrte. An einer kleinen Bucht angekommen, ge⸗ wahrte er durch einen gluͤcklichen Zufall in derſelben eine Schaluppe, von einem Schiffe, das in der Ferne geankert hatte, abgeſandt, um deſſen Mangel an friſchem — 168 Waoſſer abzuhelfen. Es gelang ihm, von dem Fuͤhrer des Schiffes, das nach Eng⸗ land beſtimmt war, aufgenommen zu wer⸗ den. Von dort aus ging er nach ſeiner Peimath, wo man ſchon laͤngſt ſeinen Verluſt beweint hatte. Eine Fabel, die er dem Vater erzaͤhlte, in welcher nur ſeine ungluͤckliche Liebe eine wahre Rolle ſpielte, bewog dieſen, auf ſeine Bitten, den norwegiſchen Freunden keine Nachricht von ſeiner Ruͤckkehr zu geben. Nun uͤber⸗ nahm er die Fuͤhrung des ſchon laͤngſt zuruͤckgekehrten Schiffes, beſuchte aber in einer Reihe von Jahren nicht den noͤrdli⸗ chen Theil Europa's, von dem ihn bald die Zeitereigniſſe fernhielten. Erſt vor Kurzem von dieſen gezwungen, und ſeine Kenntniß der nordiſchen Sprachen benuz⸗ zend, fuhr er, mit daͤniſchen Papieren, und unter daͤniſcher Flagge, den ſpäter gemeinſamen Feind uberliſtend. So hatte 169 MM ihn der Zufall nach Copenhagen gefuͤhrt. Das Gefuͤhl, uit Dir eine Luft einzu⸗ athmen, ohne Dir nahen zu duͤrfen, be⸗ ſchleunigte ſeine Abreiſe, die der engliſche Angriff wieder verzoͤgerte, ſo wie dieſer ſeine ferneren Schritte leitete. Nicht die Erſcheinung eines Wahnbildes, er ſelbſt iſt es, deſſen Anblick den heimlich Schuld⸗ bewußten zu Boden geworfen, der ihm ſo eine verſchuldete Schande zugezogen, von der der Unwuͤrdige doch wohl Beden⸗ ken traͤgt, durch ein wahrhaftes Bekennt⸗ niß ſich loszukaufen, das ihm eine noch aͤrgere aufzubuͤrden droht. Aber mir, uns Beiden iſt es klar, daß die Vorſehung Euch nur in einer begluͤckenden Abſicht aufs Neue einander gegenuͤber geſtellt ha⸗ ben mag. Gehe dieſer nicht aus dem Wege, Fanny! Sieh, er ſendet Dir durch⸗Deinen Sohn, ſein Ebenbild, die Verheißung eines zwar ſpaͤten, aber er⸗ 170 M ſehnten Gluͤckes wieder. Hebe den Ring auf læ Fanny ſchuttelte den Kopf.„Ich er⸗ kenne« ſagte ſie leiſe und tiefgeruͤhrt, „die begluͤckende Abſicht der Vorſehung, und werde nicht verſchieben ſie zu erful⸗ len. Haldan, Du, der angehende Die⸗ ner des Geſetzes und der Rechte, verſuche mich nicht. Ich will nichts aus der Zeit, die hinter mir liegt; ich will ihn nicht ſehen— ich habe es mir gelobt. Hat denn mein neues Leben mir gar kei⸗ nen Erſatz gegeben? O! meine Kinder, meine Kinder!« fuhr ſie lebhafter fort, „dankt Gott, keine Blutſchuld ruht auf dem Haupte Eures Vaters« „Doch, doch, Fannyls verſetzte Her⸗ dan,„die That ruht darauf und Deine verbitterte Jugend. Noch verbittert er Dir, Allen, ſich ſelbſt das Leben. Laß ab⸗ von ihm ————— . 1 vIch weiß ja nun Alles; die Gewiß⸗ heit iſt da!« entgegnete ſie.„Gott hat ihn nie ganz verlaſſen! und ich ſollte es thun? xhhe Sie druͤckte die Hand des verſtum⸗ menden Bruders, und trat freudig, mit velohnendem Selbſtbewußtſeyn in des Gat⸗ ten Zimmer. Er war erwacht, und hef⸗ tete langſam die matten glanzloſen Augen auf ſie; und wie erſchrocken vor den freu⸗ dig hellen Blicken, den aufgeregten Zuͤgen, in denen er nur gewohnt war ſtille Thra⸗ nen und verhaltenen Kummer zu leſen, —— fragte er heftig:„Was bringſt Du 6 3 „Gute Nachrichten« gab ſie zur Ant⸗ wort;»gute Nachrichten aus alter Zeit. 1 Ich kann, mit einem Worte, das aͤngſt⸗. 5 liche Rathſel löſen. Du haſt kein Traum⸗ geſicht Deiner Phantaſie geſehen. Bap⸗. tiſt lebt und iſt hier« 1 . ——— 472 nmöglich,« rief er entſetzt, vun⸗ möglich! ſtehen denn die Verweſeten wie⸗ der auf? Nein, dort liegt ja noch«— murmelte er kaum verſtaͤndlich— Ider blutige zerſchmetterte Koͤrper.— Weib! Du luͤgſt— Du willſt mir eine Falle ſtellen— haſt Du Dich auch mit den Rabenkindern gegen mich verſchworen?« „Hinweg mit dieſen wilden Phanta⸗ ſieen!« ſagte ſie gebietend und ernſt. „Wann habe ich gelogen? Ich bin ja Fanny, Deine Frau, die Antheil hat an Deiner Ehre, ſo wie an Deiner Schmach. Ihn haſt Du geſehen, geſund, lebendig in Deinem Schiffe geſehen. Er hat zu mir geſchickt— er hat verziehen.« vWas verziehen? was ſprichſt Du da?« fuhr er dumpf fort, vwas habe ich ihm gethan? Er hat mich mit Schande geſchlagen« 1 1 ch weiß Alles,« unterbrach ſie ihn ruhig.„Das Boͤſe, das Du an ihm veruͤbt, hat die Vorſehung von Deinem Haupte abgewendet; hoͤre! Wie ſcho⸗ nend ſie ihm nun das ſo eben Erlebte mittheilte, entſtand doch ein peinlicher Zwieſpalt in ſeinem Innern, zwiſchen Entſetzen und Hoffnung, Beſchaͤmung und Trotz, Unſicherheit und Beruhigung, Wahnbildern und Wirklichkeit, aus wel⸗ chem ein noch immer zerruͤtteter Geiſt ſprach. Diesmal ſchlug Haldan auf ſei⸗ ne Bitte es nicht aus, vor ſeinem Bette zu erſcheinen. Er mußte die Mittheilung der Schweſter beſtaͤtigen. Aber die bered⸗ ten Worte der Geſchwiſter vermochten nicht ihn zu uͤberzeugen. Er weinte, ge⸗ ſtand Dinge, die nur vor ſeiner zerrutte⸗ ten Phantaſie vorgegangen waren, laͤug⸗ nete dagegen die Wahrheit, und glaubte noch die Erſcheinung des Ermordeten, in 174 modrigen Nebel eingehuͤllt, vor ſich zu ſe⸗ yen. Es ſchien ihn nur merklich erleich⸗ tert zu haben, daß er nicht laͤnger das Entſetzliche zu verſchweigen brauchte, das immer ſeinen ſtarren Blicken begegnete. Ihr taͤuſcht michl« rief er auf einmal. „Lebt er, wie Ihr ſagt, werum kommt er denn nicht, ſeinen blutigen Schatten zu verjagen? Nein, nein le Da ſchlug Haldan der Schweſter vor, Baptiſt zu uͤberreden, dem Kranken einen Beſuch abzuſtatten. Sie ſchien ſelbſt die Nothwendigkeit dieſes Schrittes zu fuͤh⸗ len, und glaubte ſich ſtark genug, das erſchutternde Wiederſehen zu ertragen. Baptiſt willigte nur zu gern ein⸗ Sein freundliches Verhaͤltniß zu Haldan, deſſen vertrauliche Mittheilungen von Fan⸗ ny's Lage, von der Reue ihrer Eltern, von ihren traurigen haͤuslichen Verhält⸗ niſſen, die eine Abgeſchiedenheit um ſie 175⁵ bildeten, welche an der Seite des duͤſtern Gatten, ohne den lindernden Erſatz, den ihr die von ihm gehaßten Kinder verlie⸗ hen, ihr Leben gewiß ſchon aufgerieben haͤtte,— das Alles ſchien die alten nie⸗ dergekaͤmpften Hoffnungen in ſeiner Bruſt wieder anzuzuͤnden, und der Anblick der ſaͤmmtlichen Kinder— denn der Freund hatte ihm auch die juͤngern gebracht— in deren Zuͤgen, von dem älteſten bis zu dem jungſten, er die ſeinigen erkannte, hatte, obgleich vielleicht nur ein beangſtetes Ge⸗ wiſſen dies anſcheinende Wunder hervor⸗ gerufen, die jugendliche Liebe mit ihrer vorigen Staͤrke in ſeiner Seele erweckt. Selbſt Haldan ſchien geneigt, in ſeine Hoffnungen einzugehen, und von dieſen begleitet, naherte er ſich nicht ohne Zit⸗ tern dem Hauſe, das fur ihn eine ge⸗ weihte Staͤtte war, doch ohne zu ahnen, daß er der ſchnellen Ent⸗ 5 —————— — 176 ſcheidung ſines Sf ang Fanny hatte darauf— ihn nur in der Gegenwart des Gatten, den ſie mit vieler Muͤhe auf dieſe Zuſammen⸗ kunft vorbereitet hatte, empfangen zu wol⸗ len. Allein als nun Haldan die Anwe⸗ ſenheit des Freundes anzeigte, als dieſer wirklich eintrat, ergriff Soelland krampf⸗ haft Fanny's Hand, und hielt ſie ſo kraͤf⸗ tig an ſeine Seite nieder, daß ſie ſich nicht einmal echeben konnte, als ſolle ſie ihm zum Schilde vor den Pfeilen der ihm ſo furchterlichen Blicke dienen. Ihr Anblick, obgleich ſie nicht die Blicke zu ihm erhob, benahm Baptiſts kurzen und eindringlichen Worten jede Schaͤrfe. Dann trat er, vielleicht ihrer geliebten Nähe wegen, hart an das Bett, ergriff die ſchwach widerſtrebende andere Hand des Gatten, die feucht und kalt, 477 wie abgeſtorben, in der ſeinigen blieb, und ſchloß mit kraͤftiger Stimme: vund ſo verzeihe ich einer wilden Leidenſchaſt, die auch, nur nicht verderblich, in meiner Bruſt ſtürmte; und werde jetzt Ihre da⸗ malige Frage; was Sie mir zu verdan⸗ ken haben ſollten? erwiedern. Wenn Sie den Werth dieſer trefflichen Frau, ihre Beharrlichkeit, ihre duldende Treue, ihre zarte Sorge, ihre fromme Geduld zu wuͤr⸗ digen wiſſen, brauche ich keine weitere Antwort. In meine Hand hat ſie ver⸗ ſprochen, was Sie Ihnen uͤber allen Aus⸗ druck gehalten. Was hat ſie dagegen Ih⸗ nen zu verdanken gehabt? Verzeihen Sie dem verſoͤhnten Feind dieſe einzige bittere Frage. Moͤge Ihr Gemuͤth Kraft und Willen beſitzen, ihr die hingeopferte Ju⸗ gend zu erſetzen« Da war es, als entſtinde eine plot⸗ ſiche Spannung in Soellands Seele, die 12 — ——————— 178 WMMM immer in einem geiſtigen Aufflug eine ma⸗ terielle Deutung fand, und ihm, der, wei⸗ nend in Erbärmlichkeit aufgelöſt, mit nie⸗ dergeſchlagenen Blicken zugehoͤrt, einen Entſchluß einfloͤſte, von dem gewiß nicht der kleinſte Gedanke in dieſem Augenblick bei den uͤbrigen Anweſenden entſtanden war. Ehe noch Fanny es verhindern konnte, legte er Beider Haͤnde, welche die ſeinige ſchon umfaßt gehalten, ſchnell in einander, wahrend er heſtig, faſt ängſtlich rief:„Nimm ſie hin! nimm Alles, was ſie mir gegeben— ich kann ſie doch nicht glüͤcklich machen; ich bin ihrer nicht werth! So, denke ich, wird Gott meinen Suͤn⸗ den gnadig ſeyhn.« Die Freunde, erſchrocken, Worte zu hoͤren, die in ihrem Innerſten wiederhall⸗ ten, deren gluͤcklicher Erfolg aber, ihren Gefühlen nach, nur auf eine langſame, zarte, ſchonende Weiſe herbeigefuͤhrt wer⸗ 479 den konnte, verloren beinahe die Faſſung,. indem ſie zugleich die Wichtigkeit des Au⸗ genblickes fühlten Unwillkuhrlich preßte 1 Baptiſt, den Fanny noch kaum angeblickt hatte, ihre Hand an ſeine Lippen. Sie ließ ihn gewaͤhren, indem ſie entſetzt, er⸗ bleichend, Svelland anſtarrend, ſtammelte: „Mann, was redeſt Du— die Deiner Kinder?4 Nimm ſie mit, ich liebe sſie ſiht ich kann be6 l4 er ſe dumpf. unglcücher l« verſetzte ſie ſchmerz⸗ lich, indem ſie ihre Hand aus Baptiſts zog und die ſeinige wieder ergriff;»um ſo mehr muß denn die Liebe ſich Deiner 3 erbarmen. Meinſt Du, könntet Ihr mei⸗ 6 nen« fuhr ſie, die großen Augen feſt auf die Freunde richtend, fort,„daß mein Treuwort ſich als Loͤſegeld des Gewiſſens von einer Blutſchuld verkaufen läßt?c 42 5 180 Du haſt es gehalten, faſt üͤber die Gebühr,« ſprach Haldan kräftig, obgleich auch ängſtlich füͤhlend, wie viel von die⸗ ſem Augenblicke abhing.»Wer weiß, was noch bevorſteht? Trenne des Vaters ehr⸗ lichen Namen von der Schande. Die El⸗ tern wiſſen noch nicht Alles— und haben ſchon im Herzen um weniger eingewilligt.« Baptiſt lag zu ihren Fuͤßen.»Denke an die Zukunft Deiner theuren Kinder,« flehte er, vlaß ſie meinen Namen, mein Schickſal theilen! Denke an den Ring, Fanny! Er kömmt Dir aus meinen Haͤn⸗ den wieder. Stoße das ſpäte Gluͤck nicht von Dir— Gett ſelbſt meine te geleitet.« „Du mahnſt mich,« tichtete Fanny mit doppelter Anſtrengung— denn es ſchien, als ſchloͤſſe ſie muͤhſam Auge und Ohr vor Baptiſts Flehen— die Rede an Haldan,„Du mahnſt mich zur rechten ———————— — 181 N Zeit an den Vater. Der Platz, an den er mich geſtellt, bringt keine Schande, aber Wortbruͤchigkeit bringt ſie. Meine Beharrlichkeit wird in dem entſetzlichſten Falle unſern Namen bei Ehren erhalten. Gott le ſchrie ſie auf einmal auf, mit ei⸗ nem Hinblick auf den Gatten, der iſt ohnmächtig. Eure Worte koͤnnten ihn toͤdten— und das wuͤrdet Ihr keinen Mord nennen? Verlaßt ihn und mich! Hier koͤnnt Ihr mich doch nicht verſuchen. Hier bin ich ſtark. Was bewegt Euch jetzt, ſchlechter von mir zu denken als vor Jahren?6 Baptiſt zog ſelbſt am erſten Haldan mit ſich aus dem Zimmer.„Sie iſt noch dieſelbe,« fluͤſterte er ihm ins Ohr.„Ja! ſie iſt ſtaͤrker als ihr Gefuͤhl. Es iſt aus, wenn nicht Vernunft und ein klares Aus⸗ einanderſetzen uns zu Huͤlfe kommen. Laß mich noch einmal die Kinder umarmen⸗ die ſußen Weſen in meine Serle ziehen Wh Sobald zn alin blieb, un ſie nach Huͤlfe; recht gut wiſſend, daß ihm, der ſeit ſeiner Ruͤckkehr vom Schif⸗ fe etwas ſchwer hoͤrte, Haldans leiſere Worte entgangen waren, waͤhnte ſie in ſeiner Ohnmacht einen Erfolg der Entſa⸗ gung zu ſehen, die ihm ſein verzweifeln⸗ des Gewiſſen entriſſen. Auch dieſe Täu⸗ ſchung ſollte bald ſchwinden. Kaum wa⸗ ren ſeine Lebensgeiſter zuruckgekehrt, kaum chatte ſie alle wieder fortgeſchickt, als er ſie mit wilden Blicken anſtarrte.„Biſt Du noch da, Fanny« rief er entſetzt.. „D Gott der Gnade, ſo war wohl alles ein Traum— und er liegt noch da drun⸗ ten zerſchmettert? Oder haſt Du Dich geweigert, mir den letzten Liebesdienſt zu erzeigen? Eile, eile— denn Du willſt mich doch nicht der Hölle ubergeben? — 183 Ach! ach! Nein, dazu biſt Du zu gut — Weh mir— ich athmete ſo leicht, und nun wieder ſo ſchwer— Hinweg, hinweg, und nimm den grauen Schatten mitl Fanny ſuchte lange vergeblich ihm das kurz vorher Vorgefallene, ſo auch ihre Weigerung recht einleuchtend zu machen. Er hoͤrte ſie unglaͤubig, duͤſter an; auf einmal fragte er raſch:„Sind 35 Kin⸗ der mit ihm fort 24 Koͤnnte ich die Kinder laſſenk er⸗ wiederte ſie ſanſt, vihnen gehoͤrt die Haͤlfte meines Lebens, die andre Dir ls »Was nuͤtzt dann alles 4 murmelte er— vhinweg mit den Geißeln— Du liebſt ſie— waͤreſt Du doch mit ihnen fortgezogen Trotz dieſer herben Worte, die ſie in dieſem Augenblicke noch tiefer als ſonſt verwunden mußten, erkannte ſie dennoch, 184 wie unentbehrlich ſie ihm war. Kein an⸗ derer konnte ihm etwas recht machen; kein anderer durfte ihm etwas reichen. Sie wollte nicht ſehen, daß mehr alte Gewohnheit, mehr überzeugung von ih⸗ rer treuen Pflege, als innige Ergebenheit ſie ihm nothwendig machte. Als es ihr endlich, wie es ſchien, Zelungen war, ihn uͤber die Wahrheit des Vorgefallenen zu beruhigen, fiel er ſogleich in einen tiefen Schlaf. Auch ſie verließ, obgleich der 3 ſie zu ſprechen wuͤnſchte, das unheimliche Zimmer nur, um ſich kurze Augenblicke an den ſuͤßen, unſchuldigen Kindergeſich⸗ tern zu erheitern, und Muth aus deren Anblick zu ſchoͤpfen. Dann warf ſie ſich auf das in das Zimmer des Gatten hin⸗ geſtellte Lager, und verbrachte die Nacht in tiefer, erfolgreicher Erwägung. Ihre Blicke wurden immer truber; Thränen fullten ſie oft, aber ihr Gemuͤth wurde ruhiger. Als der Morgen kaum daͤmmer⸗ te, trat ſie, von einem kleinen Geraͤuſch hingezogen, leiſe in das Schlafzimmer der Kinder; dort fand ſie auf dem Tiſche einen an ſie gerichteten Brief von dem Bruder. Er enthielt eine klare, ruhige Auseinanderſetzung ihrer Lage, und be⸗ wies, daß, ſowohl nach geiſtlichen als weltlichen Rechten, ihre Ruhe, ihre Zu⸗ kunft und die ihrer Kinder, eine Tren⸗ nung, welche die Ehre und die oͤffentliche Meinung billigen mußten, von einem Manne forderten, der ſie nie verſtanden, nie gewuͤrdigt, und ſelbſt durch ihre Ent⸗ fernung freieren Athem ſchöpfen wuͤrde. Er gab Mittel an, wie dies, ohne Auf⸗ ſehen zu erregen, auf eine Art eingelei⸗ tet werden koͤnne, die vielleicht dem noch ungewiſſen Ausgang der uber den Gatten verhaͤngten Unterſuchung ſelbſt eine milde⸗ re Wendung geben wuͤrde, weil ſie dann mit freierer Bruſt und geretteter Ehre ſich fuͤr ihn verwenden koͤnnte. Sie las den Brief mehrmals durch und betrachtete lange die ſüß ſchlafenden Kinder. Dann ſchuͤttelte ſie ſeufzend den Kopf, kuͤßte ihren aͤlteſten Sohn leiſe auf die Stirne, und fluͤſterte: vihr Leben würde vielleicht glͤcklicher, ihre Gemuͤther leichter wer⸗ den, und doch darf ich nicht, ſelbſt un ihretwillen nicht ihren Vater verlaſſen« Sie ging raſch in die Wohnſtube, packte den dort aufgehobenen Ring wie⸗ der ein, und ſchrieb folgende Zeilen: „Baptiſt! nimm den Ring zuruͤck. „Mit ihm verſchwanden mir fruh alle „Anſpruche auf irdiſches Gluͤck; denn vnur auf dies deuten ſeine eingebildeten »Kraͤfte, und das kann er mir nicht vwiederbringen, denn mein freies Wort, „deſſen Unverbruͤchlichkeit mich der Va⸗ 7 —— —————— 187 „ter gelehrt, und das Du ſelbſt ver⸗ bürgteſt, liegt noch dazwiſchen. Moͤch⸗ „te er das mir beſtimmte Erdengluͤck auf Dein Haupt ſammeln! Es iſt erwerflicher Aberglaube, ich weiß es; ch erfreet es mich daran zu glau⸗ ben, weil ſeine kurze Ruͤckkehr aus »Deinen Haͤnden mir das einzige Gut gewährt, das mir auf dieſer Welt be⸗ „ſchieden iſt: Beruhigung. Aber von meiner Pflicht darf er mich nicht tren⸗ vnen. Wann waͤre meinem Manne Treue nthiger, als jetzt? So daure »ſie denn im Leben; uns kann nur „der Tod vereinen; dann moͤgen mei⸗ vne Kinder auch die Deinigen ſeyn!l« Sie ubergab dem Bruder den Ring und den offenen Brief, als Antwort auf den ſeinigen. Er las ihn. „Fanny K ſagte er heſtig,„dies uber⸗ ſpannte eingebildete Pflichtgefuhl kann we⸗ 188 der die geſunde Vernuhft noch die Welt billigen. So entſagſt Du jedem moͤgli⸗ chen Anſpruch auf Gluͤck.« ch habe mir ſelbſt ſchon laͤngſt ent⸗ ſagt, lieber Bruder lk unterbrach ſie ihn; wenn die Ruhe meiner Seele, die mir mehr gilt als das Leben, Dir iſt, nichts mehr davon! Zwei Tage nichher brachte 3 Bru⸗ der ihr ſchweigend dieſe Antwort. Was ſoll ich mit dem Ringe ohne Dich? Fruher machten ſtille Hoffnung, ertrauende Ergebung mir ihn theuer vund werth. Seit Du ihn und das „ſpäte Gluͤck, das uns noch vereinen vzu wollen ſchien, von Dir geſtoßen, vweil Du das vermoderte Band Dei⸗ ner Ehe noch eiſenſtark waͤhnſt, pei⸗ „nigt mich ſein Anblick und ruft Un⸗ vmuth und Unruhe in mein Herz; doch vmuß ich ihn an meinen Finger ſtecken, 189 MMN denn er koͤmmt mir jetzt von Dir, als vein ſichtbares Pfand unſerer Verlo⸗ vbung, dort, wo irdiſches Gluͤck und Leid nicht mehr gelten. Aber merke „darauf: das hier verſchmaͤhte Gluͤck „wird auch hier Ungluͤck und Truͤbſal Sgebaͤhren. Du willſt es!— Mein Monatsdienſt iſt zu Ende. Ich habe „ſchon mein Schiff wieder beſtiegen; vmoͤchte die alte Braut an mir nicht vdie Untreue raͤchen, die ich zum erſten Male in meiner Bruſt verbarg, die vaber zum zweiten Male einen Sturm darin erregt hat, der mir Gleichmuth, „Sorgfalt, Beſonnenheit und Heiter⸗ „keit raubt. Alſo bis in den Tod— vaber dann auch mein mit Allem, was „Dein iſt. Gruͤſſe meine Kinder „Concordia— auf der Rhede von „Copenhagen— im April 1801.4 190 Iſt auch Alles Aberglaube, was die Welt ſo nennt? liegen geheime Kraͤfte im geſeieten Metall, oder eine Weiſſagung in den aus den Herzen unwillkuͤhrlich hervorquellenden Worten? Maͤnner, wel⸗ che die Welt weiſe und aufgeklaͤrt nennt, täugnen es, und wir dürfen ihnen nicht widerſprechen. Aber wunderbar genug ſcheint der Inhalt beider Schreiben, und zwar von auſſergewöhnlichen Ereigniſſen begleitet; ſtreng in Erfuͤllung gegangen zu ſeyn. Soviel aber iſt gewiß, daß die Fortuna der Welt ihre geheime Tuͤcke nur zu ſehr denjenigen entgelten laͤßt, der ihr, wenn ſie auf geheime Weiſe ihm eine zweideutige Gabe darbietet, ſie ver⸗ ſchmaͤhend voruͤbergeht. Wohl ihm denn, wenn ſein Inneres uͤber ihre Launen er⸗ haben iſt! Ihm verleiht, was den Er⸗ denbewohnern als Ungluͤck erſcheint, eine hoͤhere Weihe, und die hinwelkenden Zü⸗ ge, von denen die Welt, die nur Hei⸗ ⁰ terkeit und Schonheit wuͤrdigt, ſich ab⸗ gekehrt hat, verſchleiern eine innere Ru⸗ he, die, obgleich ſie der aͤußeren Blick als Duldung und Entbehrung erſcheint, den Kern einer Seligkeit umſchließt, von der der Mitleidige keine Ahnung hat. So Fanny. Sie las das Schreiben ſtill, und legte es ruhig, nur mit einem ſchweren Seufzer hin. Von dieſem Augen⸗ blick an ſchien der uͤbrige Reſt ihres Le⸗ bens, nachdem die Spannung einer re⸗ gen Anſtrengung wieder nachgelaſſen hat⸗ te— wir moͤchten ſagen— nur ein langer ſchwerer ſehnſuchtsvoller Seufzer zu ſeyn. Schon ehe ſie jene Zeilen em⸗ pfangen, hatte die Zukunft des Gatten ſie in volle Thaͤtigkeit geſetzt. Sobald der druͤckende Verdacht von ihrer Bruſt abge⸗ waͤlzt war, kehrte ihre feſte Entſchloſſen⸗ heit, ihr beharrlicher Muth wieder. Sie fuhr ſelbſt bedeutendſten Männern ſeiner Behorde umher, um ſich für ihn zu verwenden um zu erhellen, zu mil⸗ dern, zu beſänſtigen. Sie beſtand dar⸗ auf, daß bie Frau wiſſen muͤſſe, weſ⸗ ſen man den kranken Gatten beſchuldigte. Es bewies ſich ſchon, daß ſie doch nicht ſo unbeachtet die Geſellſchaftsſalons durch⸗ ſchritten hatte: uͤberall kam man ihr mit zarter Schonung entgegen. Ihre beſchei⸗ dene Anmuth, ihr kühner Ernſt, ihr klarer Verſtand, und ſelbſt ihre Erzie⸗ hungsgabe, die ſchon von der Kadetten⸗ gkademie aus, wo ſeit einiger Zeit ihre zwei älteſten Söhne Zutritt bekommen hatten, mit Wuͤrdigung beſprochen wor⸗ den war, öffneten ihr uberall ein geneig⸗ tes Ohr und verſchafften ihr ſogar Gehor bei ſehr hohen Perſonen. Es gelang ihr, die Unzuverlaſſigkeit vieler Angaben, die ſchon Jahre dauernde Gemuths⸗ und Kor⸗ 1 193 perſchwaͤche des Seen ja den Muth, womit er bis zu jenem ungůcklichen Au⸗ genblicke gefochten, geltend zu machen, ja ſogar darzuthun, daß der Vorfall ſelbſt von ungewiſſen und unwahiſcheinli⸗ chen Geruͤchten verunſtaltet worden war. Entſcheidende Beweiſe, ihre Bepedtſan⸗ keit zu widerlegen, waren nicht da; und die immer fortdauernde„mehr geiſtige als phyfiſche Schwäche des Verdachtigen ſchien ihm anch das Wort zu reden. Sey es nun nicht blos deshalb, ſondern auch aus Ruckſichten fuͤr die Frau, die Unterſu⸗ chung wurde niedergeſchlagen und er ſelbſt auf eine nicht beſchaͤmende Fi in Ru⸗ vu verſetzt. Nichts im Inneren des Hausweſens it irgend eine Verinderung. Der Bru⸗ der, das Geſinde, wenige nur kurz und ſelten geſehene Hausfreunde freueten ſich dieſes Erfolges, den nun ſebſt die gan⸗ 4 194 ze Stadt billigte. Er allein vernahm ihn gelaſſen, faſt gleichgultig. Seine körper⸗ liche Herſtellung nahm zwar immer zu, doch ſchien ſein Geiſt von einem ſtarren Stumpfſinn befallen, der nie mehr auf⸗ hoͤrte. Er war noch immer abſprechend, verdrießlich, voll kleinlicher Launen. Die Anweſenheit der Kinder ſchien ihm nicht mehr beſchwerlich zu fallen, doch gab er ſich nie mit ihnen ab. Die alte Rohheit ſprach wohl noch aus allen ſeinen Auße⸗ rungen, allein die aufbrauſende Heftig⸗ keit, die wilden Ausbruͤche ſeines Jah⸗ zorns waren verſchwunden. Aber es ſchien, als wäre er von böſen Geiſtern beſeſſen ge⸗ weſen, die aus ihm und dem erleichterten Gewiſſen verbannt, ihn noch immer mur⸗ rend und tobend umſchwebten, als koͤnn⸗ ten ſie die ihnen einmal beſtimmte Beute nicht ganz fahren laſſen. Es war, als zö⸗ gen nachtliche Geiſter durch das alte Haus, 195 N die unſichtbar einen neckenden Taumel er⸗ regten, von dem Alle geſtoͤrt wurden, nur Soelland nicht, der nie etwas davon ver⸗ nahm. Der ruhige klare Verſtand der ge⸗ bildeten Frau, die Unerſchrockenheit des aufgeklaͤrten Bruders gaben ſich vergebliche Muͤhe einen vernuͤnftigen Grund zu ent⸗ decken, wodurch das Unerklärliche erklaͤrt werden konnte; aber alle Verſuche ſchei⸗ terten auf eine faſt laͤcherliche Weiſe. Zu⸗ letzt gewohnte man ſich daran, und ließ alles gut ſeyn. Endlich wurde der Bru⸗ der in einer entfernten Provinz angeſtellt. Es betrubte ihn tief, von der Schweſter ſcheiden zu muͤſſen, deren einzige Stütze und Vertrauter er war. Sie ſchien es weit leichter zu nehmen.„Wenn Du nur gluͤcklich wirſt le ſagte ſie gelaſſen. über ihr Geſchick war ſie im Klaren. Kein eig⸗ nes Leid ſchien mehr ihre Bruſt zu bewe⸗ gen, obgleich dieſe noch immer bei frem⸗ 13*. 196 dem vor Wehmuth uberquoll. In mancher ſtuͤrmiſchen Herbſtnacht floh der Schlaf ihr Auge, waͤhrend ſie mit aͤngſtlicher Beklommenheit der Armen gedachte, die ein gewiſſes Grab, unter Leiden und Jammer, in den aufgeregten Wellen vor Augen ſahen, oder im Winter, wenn das Eis die beladenen Schiffe an dem eben ſo kuhnen als gefährlichen Unterneh⸗ men, trotz des Auflauerns feindlicher Schiffe das ſo nöthige Korn dem ge⸗ liebten Vaterlande in einem ſpätern Zeit⸗ punkte zuzufuͤhren, verhinderte; ſo auch, wenn eine ferne Feuersbrunſt den Pim⸗ mel roͤthete, verging ihr Herz in Jam⸗ mer um die Unglucklichen, welchen Huͤl⸗ fe zu ſpenden ihre beſchraͤnkte Lage ihr nicht erlaubte. Was ihr ſelbſt übles be⸗ gegnete, ſchmerzte ſie nicht. Allein das verſchmähte irdiſche Gluͤck, um ſich zu raͤchen, oder vielmehr eine höhere Prü⸗ 197 fung, damit die bald verklaͤrte Heilige dort oben keine Sehnſucht nach der Erde beruͤhren ſollte, reichte ihr noch einen Becher, deſſen herben Inhalt ſie mit ſanfter Demuth leerte. In einer, in ihrem Hauſe ſelten ruhigen Nacht erging an ſie ein ſonderbarer Ruf. Es war ihr, die ahnungslos aber ſinnend von ihrem ſtillen Lager in den hellen Mondſchein hinaus ſah, als hoͤre ſie auf einmal von außen an die Scheiben des von der Straße ſehr hohen Fenſters ein dreimali⸗ ges leiſes Klopfen, als geſchaͤhe es mit einem ſehr unerheblichen Werkzeuge. Auf⸗ merkſam dadurch gemacht, richtete ſie ſich im Bette in die Hoͤhe, und ſtarrte ge⸗ gen das Fenſter. Da erklang zum zwei⸗ ten Male das dreimalige Klopfen. Auch ihr Gatte hatte es gehoͤrt.»Was iſt das, Fanny« ſagte er— des klopft jemand.« Sie ſprang aus dem Bette, 198 machte das Fenſter auf, und ſah hinaus. Es war Niemand zu ſehen, uͤberall war es ruhig und hell. Sie kehrte zu dem Bette zuruͤck, doch hatte ſie ſich noch nicht niedergelegt, als das dreimalige lei⸗ ſe Klopfen zum dritten Male erklang. Sowie der letzte Schlag ſchwach aber deutlich ertönte, hatte ſie das Fenſter wieder erreicht; doch ringsum war alles ſtill wie vorher. Aber ihre Phantaſie war ſonderbar bewegt und rief ihr Anna's bleiche Geſtalt, den Rosmarinkranz zer⸗ pfluͤckend, vor die Seele. So ſchlief ſie ein; aber wie ſonderbar auch Traum und Wirklichkeit ſich in ihrer Phantaſie ver⸗ miſcht, hielt ſie ſich doch am Morgen, und immer nachher von der Wirklichkeit des Klopfens im Innern uͤberzeugt. Dennoch verging ein ganzes Jahr, ehe ſie durch irgend einen Umſtand an dieſen Vorfall erinnert wurde. Da ward 199 —— ihr juͤngſter Knabe, den ſie einſt gern Baptiſt haͤtte taufen laſſen, plötzlich krank. Die gute Mutter wich nicht von ſeinem Bette, allein Liebe und Sorgfalt waren gleich vergeblich; gegen Mitternacht des achten Tages legte ſich ein todtenaͤhnlicher Schleier uͤber das holde Antlitz. Sie— lauſchte mit klopfendem Herzen dem im⸗ mer ſchwereren Athemholen. Da toͤnte dumpf, wie einſt fruͤher, das dreimali⸗ ge leiſe Klopfen an der Scheibe. Kurz nachher noch einmal.»Rufſt Du, An⸗ na?« fragte Fanny ahnend und leiſe— voder wie ſoll ich mir dies erklaͤren*6 Unruhig erhob und naͤherte ſie ſich dem Fenſter, ohne ſelbſt zu wiſſen in welcher Abſicht, denn ſie erwartete nicht, etwas zu ſehen. Das geſchah auch nicht, doch ganz in ihrer Naͤhe wiederholten ſich die drei langſamen Schlaͤge zum dritten Ma⸗ le ſo ſchwach, und ſo zart klingend, daß 200 ihr unwillkuͤhrlich der metallene Ring in die Gedanken kam. Erſchrocken kehrte ſie zum Bette zuruͤck. Das Kind war todt. Noch an demſelben Tage mußte ſie erfahren, daß ungefähr vor einem Jahre das Schiff Concordia, von dem Capitain Coudry gefuͤhrt, an der italieniſchen Kuͤſte geſcheitert war. Die ganze Mannſchaft ward gerettet, nur der Capitain allein, in treuer Sorge fuͤr die Seinigen, war untergegangen. Da fielen ihr ſeine letz⸗ ten Worte ein, und mit dieſen ſank eine milde Beruhigung in ihr Herz. Ihr war ja das Leben Tod, der Tod Leben. Wenige Tage hernach, als ſie, um für den erbleichten Engel ein Grabgewand zu ſuchen, in dem Linnenſchrank kramte, fiel ihr, tief unter andern Sachen, der ſeit Jahren nicht geſehene, aber ihr ſo ſonderbar ins Gedächtniß zuruckgerufene Rosmarinkranz in die Hand. Sie hat⸗ * 204 te dem Entſchlafenen ſtatt Baptiſts Na⸗ men einen andern gegeben, der Ahn⸗ lichkeit mit dem der fruͤh verblichenen Schweſter hatte.„Wohlan denn l« ſeuſz⸗ te ſie leiſe, vſo ſoll auch ihr verwelkter Kranz endlich ſeine Beſtimmung erfuͤllen, und das welke Kinderhaupt ſchmuͤcken Allein die Blaͤtter, eingetrocknet und zu⸗ ſammengeſchrumpft, hatten den umſchlin⸗ genden Faden locker gemacht, und als ſie den Kranz vorſichtig aufheben wollte, fiel er in ſechs Zweigen aus einander.»„Wie*4 ſagte ſie ſchaudernd, vwill er noch meh⸗ reren dienen? an jedem Zweige haͤngt ei⸗ ne beſondere Trubſal— meinte Amborg es nicht ſo? So will ich denn, die ich zu leiden gewohnt bin, getroſt die Zwei⸗ ge aufbewahren« Sie legte ſie aufs Neue in das Behältniß nieder, und ſteck⸗ te nur den kleinſten an die S des Kindes. ine Leiche wurde begraben, und das Hausweſen nahm ſeinen alten, trau⸗ rigen, langweiligen Gang. Die wenigen Freuden, die noch in Fanny's Lebensnacht wie helle Sterne hineinleuchteten, ſchenk⸗ ten ihr die Kinder. So wie die Sohne auf der Akademie durch Fleiß und Talent ſich Bewunderung und Liebe erwarben, ſo entſprachen die beiden Toͤchter zu Hauſe den ſtillen Erwartungen der Mutter. Aber die ſtete Gegenwart des duͤſtern, wortkargen Vaters den ganzen Tag hin⸗ durch, und die immer fortdauernde un⸗ heimliche Unruhe der Nachte hatte das al⸗ te Haus zu einer Art la Trappe gemacht; nur in den Abendſtunden, nachdem der Vater ſich, nach alter Gewohnheit, fruͤh zu Bette begeben, ſchien die kleine ver⸗ traute Familie in unſchuldiger Heiterkeit aufzuleben. Die Scherze der Kinder brach⸗ ten dann oft ein ſanftes Laͤcheln auf Fan⸗ — — — 203 ny's erbleichende Lippen. Jenes früher beruͤhrte— Laͤrmen kann man es nicht nennen— aber unbeſchreiblich ſonderbare naͤchtliche Getoſe hoͤrte faſt nie auf. Nur in jener raͤthſelhaften Nacht, und bei dem Tode ihrer Kinder— denn bald ſollte Fan⸗ ny immer herbere Erfahrungen dieſer Art machen— war es im Hauſe grabesſtill. Nach Verlauf einer geraumen Zeit— die Jahreszahlen ſind uns unbekannt geblie⸗ ben— ging eine Fregatte nach Weſtin⸗ dien, mit der die zwei aͤltern Soͤhne ihre erſte Seefahrt machten. Da trat auch ſo eine ſtille Nacht ein. Abermals hoͤrte ſie das dreimalige leiſe Klopfen dreimal wiederholt. Ihr Herz erbebte in neuer Angſt. Einer von den Soͤhnen war heimgegangen, aber welcher? Zum erſten Male fuhlte ſie nun recht deutlich, daß ihr Alſteſter, ein ſchoͤner Juͤngling— Baptiſts leibhaftes Bild— ihr doch der M Liebſte war. Sie zitterte vor ſeinem Tode und konnte doch nicht daran glau⸗ ben. Aber ſie ging zu dem Linnen⸗ ſchranke, nahm einen Rosmarinzweig hervor, und legte ihn zu dem Grabge⸗ wand, das ſie ſich ſchon längſt ſelbſt bereitet hatte.»Ich will ihn mitneh⸗ men« ſeufzte ſie ſtill, vſie ruhen ja doch Alle in meinem Herzen!« Mit unſäglicher Angſt ſah ſie den von Weſt⸗ indien erwarteten Brieſſchaften entgegen. Sie hatte ſich nicht getauſcht; aber ihr Alteſter lebte noch, und ihr ward die Freude, einige Monate nachher ihn mit ſuͤßen Thränen, und auch bitteren, die dem Vermißten galten, an ihr Herz zu ſchließen. In den zwei folgenden Jah⸗ ren riß der Tod kurz nach einander die beiden aufbluͤhenden Toͤchter aus ihren Armen. Dieſe ſchien der Vater mit großerem Wohlwollen, als die Söhne, 205 * angeblickt zu haben; doch äuſſerte er auch bei ihrem Tode mehr Freude faſt, als Bedauern.„Baptiſt holt ſeine Geiſ⸗ ſeln ſagte er, leichter aufathmend. Auch hoͤrte Fanny, wie immer, in dem entſcheidenden Augenblicke jenen Ruf, den auch ſie, ſtill in ſich, fuͤr Baptiſts zu erkennen glaubte; und ſie weihete die Verblichenen mit den überreſten von An⸗ na's Todtenkranz zum Grabe ein. etzt waren ihr nur noch zwei Rosmarinzweige ubrig. Da loderte die Kriegsflamme wieder auf, und ihr ein⸗ ziger Sohn folgte jugendfroh und be⸗ geiſtert dem Donnerruf zum Kampf und Ruhm. Sie ahnete ſchon bei der Trennung ſeinen Verluſt, denn ſie kannte die überlegenheit des Feindes, und wuß⸗ te, daß die däniſche Marine nie der übermacht ausweicht. Monate gingen in banger Sorge hin. Sie hatte fruhe 206 Nachrichten gehabt, ſie durfte ſich ſo⸗ gar mit ſeiner baldigen Ruͤckkehr ſchmei⸗ cheln. Da ertoͤnte nochmals der neun⸗ malige Ruf, und winkte ihr zu der Lade, um den großten Zweig zu dem des Bruders hinzuzufuͤgen. Doch noch ehe die Nachricht von ſeinem Tode kam, war ihr Herz gebrochen. Es war, als waͤre es ſchon, und mit ihm ihre Seele, ihre Sehnſucht hinuͤbergegangen, als wandelte nur noch ihr Schatten, als eine wohlerhaltene Leiche, als eine ernſtlaͤchelnde Spukgeſtalt auf der Er⸗ de, um noch immer unermuͤdet ihre Pflichten an dem gefuͤhlloſen, muͤrri⸗ ſchen, bei jedem dieſer Verluſte gleich⸗ muͤthigen Gatten zu erfuͤllen. Aber immer unheimlicher und geraͤuſchvoller erklang es in dem immer mehr ver⸗ oͤdeten Hauſe. Fanny hatte Muͤhe, Dienſtleute zu behalten, und nur ihre 207 Sanftheit und Guͤte bewogen ſie, aus Liebe zu ihr zu bleiben. Doch in einer ſturmvollen Nacht, wo der Wind durch die Mauern pfiff, und, wie es ſchien, von innen neckend nach⸗ geufft wurde, ſtarb, ohne Ruf, durch einen Schlagfluß der Gatte. In dieſem Augenblicke wurde alles im Hauſe ſtill, als wären mit ſeinem Leben auch alle unheimlichen Geiſter entflohen. Da er⸗ hob ſich Fanny's gepreßte Bruſt noch einmal leicht und frei. Ein heitres Ju⸗ gendgefuͤhl, das ſie ſeit einer langen Reihe von Jahren nicht empfunden, durchzuckte ihre Bruſt.„Mein Tagewerk iſt vollen⸗ det! fluͤſterte ſie hinaufblickend.„Rufe mich bald, Baptiſt— ich werde nicht ſäumen Und ſo geſchah es. Man fand ſie eines Morgens, gleich nach dem Begräb⸗ niß des Gatten, mit einem ſuͤßen Lä⸗ 208 NN cheln entſchlafen. Sie hatte ſich ſelbſt in das Grabgewand gehuͤllt, und an ihrem Buſen ſtak der letzte übriggebliebene Ros⸗ marinzweig, nebſt denen, die den verſtor⸗ benen Soͤhnen beſtimmt geweſen. Auch die Eltern, der Bruder, dem Referent dieſe Begebenheit zu verdanken hat, ſind entſchlafen. So iſt ſie faſt unbeachtet und vergeſſen, wie tauſend an⸗ dere, unter Trubſalen und Leiden, eine 2 Heilige uber die Erde gegangen, wo ihr Schickſal, und das pieler Andern, iede Bruſt mit Trauer ünd Troſtkoſigkeit er⸗ fullen muß; jede Bruſt, welche nicht ei⸗ ne Ahnung von etwas Höͤherem und Hel⸗ letem, als das Leben zu geben vermag, freudig durchzuckt hat.„ — 2 z ſſſ 10 11 12 13 14 15 16 17 8 9 2 8