S—— SSS— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8 Eduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und be der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 3 2. esepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat:— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 M.— Pf. 5 Ausärtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Prunk und das Aufſehen ihrer Ausrüſtung und Abfahrt war für längere Zeit der letzte Gegenſtand einer öffent⸗ lichen Theilnahme geweſen; denn Jedermann fühlte, daß nun die Zeit geſetzlich gemeſſen ſei, in der man ſich der gehofften Vorgänge und Feſte zu gedulden habe. Inzwi⸗ ſchen entfaltete der Frühling ſeinen Reichthum und lockte s Herz und die Thätigkeit der mit friſcheren Reizen d Menſchen. Sobald aber mit dem Juli der Wahltag des neuen Kaiſers herannahte und die Prachtwagen des Kurfürſten aus ihren Schuppen gezogen wurden, um für Frankfurt aufgeſchmückt zu werden, erwachte die alte Unruhe und brachte die ſchlummernden Erwartungen auf die Beine. Die Vorkehrungen, die man im Schloſſe zur Abreiſe des Kurfürſten treffen ſah, beſchäftigten die ganze Stadt, und Niemand würde begriffen haben, warum in dem gondel— artigen Schiffchen, das man eines Nachmittags ſo ſtill den Rhein hinunterſchwimmen ſah, ein Sonderling gerade jetzt abſichtlich der Stadt und aller bevorſtehenden Herr⸗ lichkeit zu entfliehen ſuchte. * 4 Kein Blatt regte ſich an den Bäumen des Ufers und am Gebüſche der grünen Inſeln, an denen das trauliche Fahrzeug dahinglitt. Die ſchwüle Luft ſchien unter den Wetterwolken zu erlahmen, die ſich über den nahen und entfernteren Höhenzügen beider Ufer verſammelten. Da hingen aus ſchwarzgrauen Wolkenflächen weißglänzende Maſſen tief zur Erde oder hoben ſich ſogenannte Wetter⸗ köpfe ſilberſchäumig, puderlockig empor. Die Sonne barg ſich hinter einem Flore, der von Oſt und Weſt herauf mit Federwölkchen durchſetzt, ſich langſam verdichtete. Ausgeſtreckt unter dem Ruder des kleinen Schiffes lag deſſen Lenker,— Jean Baptiſt, und plauderte mit Garzweiler, der neben ſeinem Gepäck im Schat ten des kleinen Zeltes ſaß, die Weſte aufgeknöpft und die Halsbinde gelockert. Endlich war es dem geiſtlichen Rathe gelungen, ſich aus dem Netze ſeiner Geſchäfte oder viel⸗ mehr vom Zuggarn ſeiner Umtriebe loszumachen, und das alte Verlangen nach Oeſtrich zu befriedigen. Auf ſein Anſuchen hatte ihn der Kurfürſt beurlaubt und den Hof prediger Hober zu ſeinem Beichtvater für die Fahrt zum frankfurter Wahl⸗ und Krönungstage beſtimmt. Garzweiler empfand lebhaft das Glück ſeiner hoffnungs vollen Freiheit; er war heiter und aufgeräumt. Sein Herz lachte hinter all den abgeſchüttelten Plackereien her den traulichen Stunden entgegen, nach denen es ſich längſt geſehnt. Wiederholter Verdruß und mancherlei Kränkun⸗ gen, die er ſeit einem halben Jahr erfahren, hatten ihm die Angelegenheiten und Geſchäfte, denen er ſo lang und mit ſo viel Aufopferung bedient geweſen, in tiefſter Seele verleidet. Er überdachte, ſo lang er Mainz im Auge 9e wl ge R zu ſi fü ih „ behielt, noch einmal die Gegenſtände ſeines Verdruſſes. Nicht nur daß die Gräfin Coudenhove ihren neuen Ein⸗ fluß beim Kurfürſten benutzt hatte, ihm Ungunſt zu erre— gen, war auch der öſtreichiſche Geſandte kälter— oder wie es Garzweiler nannte— undankbarer gegen ihn geworden. Am meiſten aber kränkten ihn Vorwürfe aus Rom, Tadel ſeines Benehmens in manchen Stücken, Un⸗ zufriedenheit mit ſeinen Leiſtungen und Mißbilligung ſeines ſtarken Verbrauchs der geheimen Fonds, die ihm zur Ver⸗ fügung ſtanden. Die Demüthigung nicht zu rechnen, die ihm täglich von den Werkzeugen ſeiner verborgenen Be⸗ triebſamkeit entſprang, und um ſo empfindlicher war, als er das nichtswürdige Völkchen, deſſen er ſich bediente, im Innerſten verachtete.— Heut' endlich dieſen widerwärtigen Kreiſen entronnen, fühlte er ſich wie verwandelt; er kam ſich wie ein anderer Menſch vor; ſein unterdrücktes Na⸗ turel machte ſich geltend, und ein natürliches Wohlwollen erfüllte ſeine Bruſt. Die Natur um ihn her reinigte mit einem Strome von Frieden ſein unruhiges Herz; Träume der Jugend erwachten, Bilder längſt verdunkelter Tage glänzten friſch hervor. Alle ehrgeizigen Gedanken löſten ſich in dieſer weichen, balſamigen Luft; alle Em⸗ pfindungen ſpielten in die Tonart froher Erinnerungen und heimlicher Wünſche. Nie hatte er lebhafter empfun⸗ den, daß alles dauernde Glück des Lebens aus reinen Naturverhältniſſen erwachſe, und ſegnete mit ſo innigerem Entzücken ſeine jetzige Fahrt, auf welcher er durch Liebe und Hingebung die erſehnte Befriedigung ſeines Alters zu ſinden hoffte. Dieſen Eindrücken überließ ſich der Geiſtliche anfangs 6 „ ſchweigſam; wobei er die Augen bald ſchloß für die in— neren Zauber der Phantaſie, bald wieder aufſchlug für die Reize der Natur. Endlich hob er ein munteres Ge⸗ ſpräch mit Jean Baptiſt an.— Du wärſt wol jetzt auch lieber droben geblieben, nicht wahr? ſagte er. Ei warum, Herr geiſtlicher Rath? fragte der junge Schiffer. Je nun, Jean Baptiſt,— jetzt geht die große Bewe gung nach Frankfurt an. Die zwanzig Staatswagen des Kurfürſten ſtehen bereit, und jeden Tag kann der Hof aufbrechen. Was ſoll ich damit, Herr geiſtlicher Rath? Geht das nicht Alles über die Schiffbrücke? Dabei fällt für uns Schiffiſchen nichts ab; jetzt ſiſchen die Hauderer. Sie wiſſen ja, wenn der Kurfürſt nach Frankfurt kömmt, und ins Kompoſtell einfährt, geht das Kanoniren los. Wir haben jetzt frankfurter Wind, und die dumpfen Ka⸗ nonenſchläge werden den Mainzern in die Beine fahren. Alles will dann hinauf. Wo nur eine alte, lahme Ka⸗ leſche im Winkel ſteckt, wird ſie hervorgezogen, geflickt und eingeſchmiert. Mich dauern nur die armen Hauderer— gäule: die haben zwei ſchlimme Wochen. Sonnabend den 7ten Juli iſt der Wahltag, und Sonnabend den 14ten die Krönung. Was werden ſich die frankfurter Schickſelchen freuen, daß es juſt allemal Schabbes iſt! Aber es ſind auch zwei Wochenmärkte für die frankfurter Bürger! Ich will nichts ſagen von den vielen fremden Artikeln, die zu Markte kommen, ich meine die Gäſte aus aller Herren Ländern; aber denken Sie nur, was an Fürſten und Grafen, an Diplomaten und Prälaten für ſchwere Zufuhr kömmt, beſonders auch mit den alten Kufürſten und vollends mit dem Kaiſer! Vom großen Ochſen nicht zu reden, der auf dem Römerberge gebraten wird und von dem Weinſpringbrunnen. Das gibt, wie die Mainzer ſa— gen, einen„Allerweltskohl“! Lachend über dieſes Wort, ſagte Garzweiler: Nun ja, dann fehlt's auch nicht an Gemüſe, Jean Baptiſt. An Gemüſ', Herr geiſtlicher Rath? Wie ſollt's da fehlen! Liegt denn nicht das darmſtädter Zwiebelländchen dicht vor Sachſenhauſen? Und was werden die Hanauer für gelbe Rüben zuſchleppen, viel länger und dicker als die ſteifen heſſiſchen Zöpfe! Den prächtigen Blumenkohl von Oberrad nicht zu vergeſſen. Aber nachher, Jean Baptiſt?— Sie meinen, Herr geiſtlicher Rath, wenn nach der Krönung Alles hierher nach Mainz kömmt? Ja, dann kommen wir Schiffiſchen an die Reihe. Waſſerpartien, Schifferſtechen, Waſſer⸗ feuerwerk und was alles! Ja, dann fiſchen wir! Und dir, Jean Baptiſt, wird's nicht an Netzen und Reuſen dazu fehlen. Nein, Herr geiſtlicher Rath, Ihnen ſei's gedankt! Mir, Jean Baptiſt? Ei, wie können Sie noch fragen? Verdanke ich Ih⸗ nen denn nicht mein ganzes Glück, Herr geiſtlicher Rath? Ich bin heute zu träge, guter Junge, mich zu beſin nen. Erplicire dich! Aber laß mir den Titel„geiſtlicher Rath“ weg! Füttere die Fiſche damit! Nenne mich Pa⸗ ter! Pater heißt Vater, und— Vater will ich heißen, Vater! 8 Sehen Sie Herr Pater, fuhr Jean Baptiſt mit einer gewiſſen ehrlichen Weichmüthigkeit fort, wenn ich auch nicht immer verrichten konnte, was Sie von mir begehr⸗ ten, ſo bin ich darum nicht undankbar. Wahrlich nein! Sie haben mir eine Gondel angeſchafft, und zu einem kleinen Jachtſchiffe vorgeſchoſſen, adelige Familien und bür⸗ gerliche Geſchäfte zugewieſen, und ich war im Stande, mich zu verſuchen und'was zu unternehmen. Dabei ha⸗ ben Sie mir dann auch manchen Auftrag gegeben, mich Manches gefragt,— ſehen Sie, womit ich mich nicht be faſſen, womit ich nicht dienen konnte. Ich weiß, Sie hat⸗ ten die beſten Abſichten dabei, und in Mainz gibt's ſo viel Nichtsnutziges, wovon Sie ſelber ſich fernhalten müſ⸗ ſen; allein,— ſehen Sie, ich bin einmal ſo, und was ich nicht kann, das kann ich nicht! Es iſt wahrlich kein Hochmuth von mir! Ich diene gern, nur muß ich wiſſen, wie und wo. Mein Vater ſelig ſagte mir immer: Jean Baptiſt, ſagte er, ſei ehrlich und gehorſam, aber wirf dich nicht weg! Die Fernekorn waren immer tüchtige Hechte und hielten ſich in klarem Waſſer. Halte du dich auch ſauber, und wo es Schmutz wegzuſchaffen gibt, da rühre die Arme, aber— gib dich nicht zur Schüppe her! Se⸗ hen Sie, Pater, ſo hab' ich auch gethan. Sie haben manchmal die Arme gerührt, und ich habe Ihnen ſtets dle rechten Schüppen geſchafft; ich habe Ihnen die richti⸗ gen Leute zugewieſen, die Sie brauchen konnten. In Mainz gibt es Schmutz genug; aber— es fehlt auch an Schau feln nicht. Woran es aber fehlt, ſind ſo brave Burſche wie du, Jean Baptiſt! rief Garzweiler. Und darum habe ich dir die 5— ge we ju v 9 kleinen Gefälligkeiten erwieſen. Bei deinem Onkel Lennig erkannte ich an dir die Luſt zu erwerben, und die Tüch⸗ tigkeit, die ein Glück verdient. Wir Pfaffen ſind auch nicht immer Heilige geweſen und haben Manches abzubü⸗ ßen; die beſte Buße für eigenen Irrthum iſt aber, daß man der Rechtſchaffenheit forthelfe in dieſer ſchlechten Zeit. D'rum machte mir's Freude, eines ſo braven Burſchen Glück zu ſchaffen. Und doch, Herr Pater—! wendete Jean Baptiſt mit befangenem Lächeln ein. Nun, ſprich! Haben Sie mir vielleicht eben ſo viel genommen, als gegeben. Ei! Und wie denn das? fragte Garzweiler verwundert. Meine Genügſamkeit iſt zum Henker, Herr Pater! rief der junge Schiffer mit ſeltſam lächelndem Verdruß. Sie haben mich in die vornehmen Häuſer blicken laſſen, und— nun iſt es aus mit meiner Zufriedenheit! Ich wünſche mir nun auch ſolch' ein Leben, ſo zu wohnen, ſo zu ſchlafen, dieſe Kutſchen und Pferde, Küche, Keller und Kanape.— Ich ſchlage mir's mit Geſpalt aus dem Sinn doch immer kömmt mir's wieder, und läßt mir bei Tag und Nacht keine Ruh'! Und die geſchniegelten, wohlriechenden Fräulein, nicht wahr? bemerkte Garzweiler,— die dir ſo freundlich zulächeln, ſo gern in deiner Gondel fahren, ſich ſo gern von dir über's Waſſer heben laſſen? Nicht wahr? Haben Sie's auch bemerkt, Herr Pater? antwortete Jean Baptiſt mit ſchnell vergnügtem Lächeln. Ja, ich darf's wol ſagen,— ich habe alte und junge Baroneſſen 10 vor mir gehabt, und ſie waren gar nicht ſo hochmüthig gegen mich, Herr Pater. Sie haben geplaudert und geſchmunzelt, und ich hab's ihnen manchmal an den Augen angeſehen, daß ſie dachten:„Wenn der Musje Jean Baptiſt nur ein Domherr wäre!“— Ei nun, das ließ ich mir auch gefallen, und wollte meinen Mann ſchon machen. Beſſer— du hältſt dich an bürgerlich Blut, ehrlicher Jean Baptiſt! ſagte Garzweiler. Wie man's nimmt, Herr Pater! ſeufzete der junge Schiffer. Wiſſen Sie, was ſchlimm iſt? Daß man in Mainz für Geld— zu viel haben kann. Was die Einen lüderlich ausgeben, ſuchen die Anderen niederträchtig zu bekommen. Sie glauben nicht, Herr Pater, wieviel vor— nehme Schuld und wieviel bürgerliche Kriecherei in dem alten Mainz ſteckt. Und was die Weiber angeht; ſo ſind ſie bei Hof zu herrſchſüchtig nach unten, und im Bürger⸗ ſtande zu dienſtwillig nach oben. Soviel iſt gewiß: von Hof, und aus den Prälaturen, und aus den Kollegiat ſtiftern fließt kein klares Waſſer. Forellen halten ſich darin nicht, und ich möchte keine Nonne heirathen blos auf ihren weißen Schleier hin. Ja, wenn ich eine Braut fände, wie mein Bäschen Fides—! Er ſchwieg, und der Pater, dem dieſe Erinnerung weniger anmuthig als dem Schiffer ſein mochte, brachte dieſen wieder auf ſein Geſchäft. Jean Baptiſt plauderte mit ehrlichem Behagen über ſeine Projecte. Er hatte die Gunſt ſeiner Bekanntſchaften und des vielen Zuſpruchs benutzt, mehrere verdienſtloſe Schiffer in Sold zu nehmen oder ihre brauchbaren Fahrzeuge zeitweiſe zu miethen d Der kühne Burſche fand ſeinen Stolz darin, nicht immer mit eigenen Armen zu rudern, ſondern auch zuweilen dienſtbare Leute unter ſich zu haben, und wie ein See⸗ kapitain ab- und zugehend, mit Anordnen und Befehlen den vornehmen Herrſchaften aufzuwarten. Da er billige Miethpreiſe gefunden hatte, und gute Bezahlung von ſei⸗ nen reichen Kunden nahm; ſo ſtand er ſich ſehr wohl da bei; was er auch durch einen gewiſſen Uebermuth und ſeinen etwas phantaſtiſchen Anzug merken ließ. So trug er gern feine weite Schifferhoſen unter einer knappen, ro⸗ then Jacke und eine Mütze mit Blumen oder Federn be⸗ ſteckt; er wechſelte gern den Anzug, und ſchien es zu wiſ ſen, daß er ſich in jedem durch ſchlanken Wuchs und das bräunliche, ſcharf und edel geſchnittene Geſicht mit den lichtbraunen Augen vortheilhaft ausnahm.—— Wenn ich den Damen gefalle, ſagte er, und die Cavaliere ihre Schäkerei mit mir haben; ſo ſoll es mir auch etwas ein⸗ tragen. Wer weiß, was es mit der Zeit zu verdienen gibt! Die Revierförſter haben Windfälle: können die Schiffer keine Waſſerfälle bekommen? Wenn dir nur die Kriegsfälle keinen Strich durch die Rechnung machen, guter Jean Baptiſt, erinnerte Garz weiler. Krieg? Glauben Sie wirklich, Herr Pater? fragte der Schiffer ſehr geſpannt. Sie verſtehen's: auf unſere Schoppenkannegießer geb' ich nicht viel. Ohne Zweifel gibt es Krieg! antwortete der Geiſtliche. Und die Franzoſen gehen luſtiger daran als die Deutſchen. Haſt du nicht von dem Jubel gehört, wie die Pariſer den Antrag des Miniſters Dumouriez aufgenommen haben, den deutſchen Mächten den Krieg zu erklären? Da haben nun Oeſtreich und Preußen die Reichsfürſten aufgefordert, ihre Contingente zu ſtellen. Aber wir haben leider! ein echt deutſches Sprüchwort, das falſch iſt: Was lange währt, heißt es, wird gut. Und ſo nehmen ſich denn unſere Fürſten Zeit zum Rüſten. Einige, wie Sach ſen und Hannover, wollen ſogar neutral bleiben. Neutral, Herr Pater? Das heißt: Thu' mir nichts, ich thu' dir auch nichts? Was ſoll denn aber dabei aus dem Reich werden? Und aus Mainz? Glauben Sie, daß unſer Mainz belagert wird? Das glaub' ich eher, Jean Baptiſt, als daß die preu⸗ ßiſche Armee, die jetzt bei Koblenz lagert, Champagner an der Quelle trinken wird. So, ſo! ſagte der junge Schiffer überlegend. Dann fragt ſich's nur, ob wir Lands oder Waſſer-Emigranten bekommen werden. Wie meinſt du, Jean Baptiſt?— Ich meine, ob un⸗ ſer mainzer Adel zu Waſſer oder zu Land ausreißen wird. Was denkſt du, Jean Baptiſt! rief Garzweiler mit ſchalkhafter Mißbilligung. Unſer Adel ſollte die Flucht nehmen? Geh', ſag' ſo was nicht. O Herr Pater, lehren Sie mich die Karpfen kennen: mein Vater iſt ein Fiſcher geweſen! lachte Jean Baptiſt. So dumm ſind unſere vornehmen Herren nicht, daß ſie den Franzoſen das Emigriren nicht ablernen ſollten, nach⸗ dem ſie ſoviel von ihnen gelernt haben! Ja, ja! Ich richte mich darauf ein, Herr Pater! Bei ſolchen Gelegen⸗ heiten gibt's, aller Wahrſcheinlichkeit nach, gute Verdienſte. 13 Unter ſolchen Geſprächen war ein Gewitter heraufge⸗ zogen, und ließ ſich von weitem murrend vernehmen. Als ſie am Krahn von Oeſtrich ausſtiegen, erhob ſich vom Drucke des Gewölkes eine Windsbraut, und trieb längs des Fahrweges den Staub in Wirbeln auf. Es donnerte näher von der Waldhöhe; einzelne große Tropfen fielen nieder; der Sturm wühlte in den hohen Bäumen, und bog die Wipfel auseinander.— Wetterflüchtig und als Gaſt doppelt willkommen, betrat Garzweiler das Haus des Krahnmeiſters Cratz. Zweites Kapitel. Der Eindruck, den der herzliche Empfang der Familie, beſonders der Anblick des hübſchen Knaben und der Mut⸗ ter auf Garzweiler machte, war ergreifender, als es der Pater mochte wahrnehmen laſſen. Unter dem Vorwande des Umkleidens ſuchte er ſich auf das Zimmer zu retten, wo er früher ſchon übernachtet hatte,— eine Treppe hoch nach der Gartenſeite. Frau Gertrud folgte ihm jedoch auf dem Fuße, dem lieben Oheim die neue Einrichtung zu zeigen, die ſie zu ſeiner Bequemlichkeit getroffen hatte. Denn auch die vordere Manſarde war ihm eingeräumt worden. Hier ſollte er den Blick auf den Rhein und die ſchöne Abendbeleuchtung haben, durch einen ſchmalen Gang vom Hinterſtübchen getrennt, wo er nach dem Gar⸗ 14 ten hinaus ſchlafend von der Morgenſonne geweckt würde. Noch einmal umarmte der erſchütterte Mann die frohge⸗ ſchäftige Mutter und liebkoſte den Knaben auf ihrem Arme. Sie reichte ihm das Kind zum zweitenmal, und ſchon widerſtrebte es nicht mehr, ſondern vertraute, mit lächelndem Blicke nach der Mutter, der Herzlichkeit des fremden Mannes! Gertrud ſah heiter und ſtolzen Blickes drein; doch Garzweiler, der eine aufſteigende Rührung im Auge fühlte, gab ſchnell den Knaben zurück, und öffnete den Kleiderſchrank. Kaum aber hatte ſich Gertrud ent⸗ fernt, ſo riß er ungeſtüm das Fenſter auf, als ob er an dem Wetter draußen ein Gleichgewicht gegen den inneren Sturm ſuchte. In dieſem Augenblicke brach ſich die Wet⸗ terwolke, und ein Platzregen rauſchte durch das dunkle Laub des Nußbaumes, durch die breiten Aeſte der Aepfel bäume nieder. Das geſchorene Gras und die blühenden Nachtſchatten dufteten empor; der Sturmwind ſtürzte durch das Fenſter in die weit athmende Bruſt des bewegten Mannes. Er breitete die Arme zwiſchen den Fenſterflü⸗ geln, und ſtarrte in das rauſchende Laubdach des Gartens Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag des über ihm rollen— den Wetters ermuthigten ſein Herz. Er warf den ſchwar zen Ueberrock prieſterlichen Zuſchnittes von ſich, und nahm aus dem Schrank einen aufbewahrten Anzug. Bald ſtand er da wie ein wohlausſehender Pachter, und indem er die abgelegten Stücke in eine Ecke des Schrankes ſchob, rief er ungeſtüm: Heilige Natur, weihe mich mit deinen Wetterſchauern zu den beſeligenden Namen des Vaters, der Tochter und des Enkels! ——— M zu d Rwo ſrom ham ſich Hin ein und vor Gey dos Y Erſchrocken öffnete er die Stubenthüre und blickte hin— aus. Es vonnerte und blitzte, und er begab ſich lächelnd hinab zu den Seinigen. Wie er eben ins Zimmer trat, bog der Hausherr, mit einem aufgeſchlagenen Buche in der Hand, das Knie zu den feierlichen Worten:„Und das Wort iſt Fleiſch geworden und hat bei uns gewohnet;“— wie denn fromme Katholiken beim Gewitter den Anfang des Jo⸗ hannis Evangeliums zu beten pflegten. Der Pater ſtellte ſich hinter die Betenden und überzählte mit gefalteten Händen im Stillen die mitgebrachten Sachen, unter denen ein Kiſtchen mit feinen Weinen, Schachteln mit Leckerbiſſen und Frauenputz für ſein„liebes Volk“ nicht vergeſſen waren So raſch, als es heftig geweſen, zog das Wetter vorüber. Das Abendroth brach hinter dem abgeregneten Gewölk hervor, fiel durch die bewegten Baumzweige in das Gemach, und gaukelte über die ausgebreiteten Gaben, von denen der kleine Nazi ſeinen Antheil gleich nach dem Mund führte. Gertrud hatte den Pfarrer Chambion benachrichtigt, und er kam zum Abendeſſen. Die alten Freunde aus dem Jeſuiten-Collegium umarmten ſich, und ſtimmten eine Jovialität an, die def ließ. Chambion, beider Rechte Doctor, war ein wohlbe⸗ häglicher Mann, dem die Rheinluft und ſein Benefiziat wohl anſchlugen.— Ich hätte gedacht, du würdeſt mit deinem Kurfürſten nach Frankfurt machen, Ignaz! ſagte er. Ich bin zu meinem eigenen Krönungsfeſte gefahren, — erwiderte Garzweiler. Bin ich nicht unter majeſtäti ſcherem Geſchütz eingezogen, als der Kurfürſt in das Kom arrer natürlicher, als dem Pater poſtell zieht? Ich habe noch von Leopold's Krönung her dieſer Alfanzereien ſatt. Ich will mich ſtill und innig eurer Liebe und dieſer Naturherrlichkeit freuen; während droben in Frankfurt der Zudrang und das Gewühl der Menſchen mit jeder Stunde wächſt, die Kanonen und Glocken lärmen, die Staatswagen raſſeln, die goldene Gala der Geſandten und Kurfürſten blendet und das end⸗ loſe Ceremoniel der Wahl, der Salbung, der Krönung, des Ritterſchlags und der gräßliche Krönungszug alle Sinne verwirrt, alle Herzen ermüdet. Wir wollen uns eine ſchmackhafte Schüſſel und ein altes Glas Wein ge⸗ fallen laſſen, als ob uns der Erbtruchſeß einen Abhub des gebratenen Ochſen gebracht, und der Erbſchenk vom ſprin⸗ genden Weine geſchöpft hätte; unſere traulichen Geſpräche ſollen uns mehr gelten, als der metallene Regen, den der Erbſchatzmeiſter aus ſeinem kurpfälzer Wappenbeutel ins zappelnde Gevränge der Menſchen ausſtreut. In ſolchem Hinblick auf die frankfurter Vorgänge, die Garzweiler gelegentlich beſchrieb, genoſſen die Freunde ihres heiteren Stilllebens. Chambion war eben neugierig, wie ein Landpfarrer, und Garzweiler ſtand mit dieſem Jugend⸗ freund und ehemaligen Mitzögling des Jeſuiten⸗Collegs unbefangener, als mit irgend einem Menſchen. Er ließ ſich zumal in ſeiner jetzigen gemüthlichen Stimmung froh und mittheilend aus, ſo vorſichtig er ſonſt war; ja er that ſich gegen den vereinſamten Jugendgenoſſen auf ſeine Verbindungen und Einblicke in das vornehme Leben etwas zu gut, ohne auch für bedenkliche Geſtändniſſe ein ſtrenges Urtheil zu fürchten. Sie brachten die heißen Stunden abwechſelnd in ihren Wohnungen zu, und machten an —— kühleren Tagen, die zwiſchen die Gewitter fielen, Spazier⸗ gänge nach den nächſten Ortſchaften oder waldigen Berg⸗ kuppen. Nur in die benachbarten Abteien und Klöſter war Garzweiler nicht zu bringen; wie er denn auch in dieſer Zeit keine Meſſe las. Er ſchien ſeinen Stand und Beruf gänzlich vergeſſen zu wollen; ging Allem was daran erinnerte aus dem Wege, und ließ aus ſeinen Ur⸗ theilen einen Mann errathen, der alles Partei⸗Intereſſe mit dem geiſtlichen Kleid ausgezogen hat, und ſich außer⸗ halb geweihter Mauern froh und befriedigt fühlt. Süße Spiele nahmen ſein Herz ein. Er trug das Kind ſeines Vornamens in den Garten oder an den Strom, ließ es laufen, häufelte mit ihm die glatten Rheinkieſel oder ver⸗ ſteckte ſich hinter einen Buſch, klatſchte hervorſpringend in die Hände und lachte um die Wette mit dem Kleinen, der ſeine vier Vorderzähnchen bleckte. Wie hätte er die Mutter mehr erfreuen und gewinnen können, als mit dieſer Liebe! Wie oft ſtieß ſie mit dem Elbogen ihren Mann an, und winkte mit leuchtenden Augen nach dieſen Tändeleien! Oder ſagte lachend zu ihm: Sieh' nur dort den guten Onkel! Wer von Beiden iſt das größte Kind, unſer Nazi oder Pater Ignaz? Aber auch auf ſie ſelbſt floß die Zärtlichkeit des vergnügten Mannes über. Wie er ſie ſonſt, als ſie noch nicht ahnen ſollte, wer ſie ihm eigentlich ſei, mit ſteifem Nachdrucke kebe Nichte genannt hatte, nannte er ſie jetzt mit im⸗ mer kühnerem Accent—„meine Tochter“, und hoffte ſie mit dem zärtlichen Namen auf den ſchweren Inhalt des Geheimniſſes vorzubereiten, vor deſſen Enthüllung er ſelbſt ein wunderbares Bangen empfand. Koenig, Clubiſten in Mainz. II. 18 Was iſt das nur? fragte er ſich mehr als einmal ſelbſt. Warum kann ich noch immer nicht zu einem Be⸗ kenntniß kommen, aus welchem mir das neue, edlere Glück meines Lebens erblühen, der ſelige Inhalt meiner Zukunft erwachſen ſoll? Ach, ich habe vielleicht ſchon dieſen Him⸗ mel verwirkt! Mir iſt oft zu Muthe, als dürft ich nur ſchweigend ſolchen Schatz beſitzen, als rufe mir eine innere Stimme zu, beim erſten Laut, womit ich ihn heben wolle, werd' er mir auf ewig entſchwinden. Aber, wie wäre das möglich? Iſt das nicht auch ein Aberglaube? Oder ſollte vielleicht für alle die Täuſchungen, in denen wir die Völker über das Höchſte und Heiligſte zu erhalten berufen ſind, uns zur Strafe der Fluch beſchieden ſein, daß Natur und Wahrheit ſich vor unſeren ſchwarzen Talaren ent ſetzen, und ſchaudernd entweichen, wenn wir mit den ge ſalbten Fingern nach ihnen reichen und greifen? Albernheit, Wahnwitz! lachte er auf. Und ſtehe ich denn nicht jetzt umgekleidet da, ein ehrlicher, ſolider Pach⸗ ter? Nun ja, wenn ich denn Haus und Herd nicht be ſitzen darf, will ich ſie wenigſtens pachten. Garzweiler lachte laut und rieb aus befangener Luſtig⸗ keit die Hände. Doch die Frage nach ſeiner ſeltſamen Angſt verließ ihn darum nicht; er kam immer wieter darauf zurück, und hielt noch manches Selbſtgeſpräch über ſeine Zweifel. So ſtahl er ſich eines ſchwülen Nachmittags von Tiſch in den Garten und warf ſich zwiſchen zwei Nuß⸗ bäumen in das ſchattige Gras. Eine Juliſtille herrſchte über den zirpenden Grillen im Graſe und über den ſum⸗ ſenden Bienen am blühenden Lindenbaume des nahen 19 Fahrwegs. Vom Hauſe her, durch den weißen Vorhang des offenen Fenſters, klang die Stimme Gertrudens, die ihren Knaben in Schlaf ſang, und vom Rhein herauf hallten zuweilen die dumpfen Wechſelrufe der Flößer, die ihre kleine Welt ſchwimmender Güter und Häuslichkeit nach Holland hinablenkten. Erinnerung und Hoffnung regten und miſchten ſich bei dieſen Fernlauten in Garz— weiler's Bruſt, und ſtimmten ihn zu folgender Betrachtung, die er leiſe vor ſich hin ſprach: Eine trauliche Stunde geht um die andere vorüber, und ich komme noch immer nicht zu dem Bekenntniſſe, das mich mit heimlicher Gewalt hierher trieb. Geſtern Abend, als wir drunten im Abſchimmer des Stromes nebeneinander ſaßen, Gertrud mir von ihrem Glück und Kind erzählte, und mit Thränen im Auge, das ſonſt ſo reſolut in die Welt lacht, mir für all' das Liebe und Gute dankte, das ich zu einem kleinen Paradies um ſie her gebreitet hätte: warum ließ ich dieſen Augenblick vor— übergehen, da ich ihr hätte zurufen können: Danke mir nicht, Gertrud, ſondern genieß' es deinem Vater zur Wonne, du meine Tochter! Ja, du biſt es, Herzens⸗ mütterchen deines Engels Nazi,— meines Pathen und meines Enkels! Welche kindiſche Befangenheit aus fal ſchem Stolze! Ja, beim Himmel, das iſt es und nichts Anderes! Blos falſcher Stolz,— Pfaffenheuchelei! Wol war eine Zeit, da ich um meines Rufes und um meiner Zukunft willen Gertrudens Geburt, oder vielmehr meine Vaterſchaft vor der Welt verheimlichen mußte, und ich empfand die lebhafteſte Zufriedenheit, als es mir auch mit Verſtand und Glück gelungen war. Ein früher Ehrgeiz 2 erleichterte mir bald den Kampf mit einem heißen Tem⸗ perament, und es war mein Stolz, mächtiger zu ſein, als alle die Schwächlinge der Prieſterſchaft, die ihrer Sinnlichkeit unterlagen, und den Uebermuth weltwirkſamer Kräfte vergeudeten. Die lockenden Träume der Liebe, die ſüßen Schwärmereien des einſamen Herzens gab ich um die glorievolle Sendung einer mächtigen Kirche, um die dünkelhafte Dienſtbarkeit politiſcher Intriguen dahin. Für hundert Entbehrungen, für Zwang und Erniedrigung ſteifte ich mich auf den Hochmuth, ein ungebeugter Mann, ein vielvermögender Prieſter zu ſein. Und dieſer Hoch⸗ muth iſt endlich Herr über mich ſelbſt geworden. Ich ſcheue mich, ich bange vor dem Bekenntniß eines Glückes, das noch aus der kurzen Zeit meiner wahren, unbeirrten Jugend herrührt, und das Geheimniß, das meine Schätze ſo lang gehütet hat, trotzt nunmehr ihrem Beſitzer. Drittes Kapitel. In dieſer mißmuthigen Betrachtung ward er von Freund Chambion unterbrochen, der ſich auch gleich in ſeiner fröh⸗ lichen Laune zu ihm ins Gras ſetzte. Ihm folgte der Schulmeiſter mit einem Henkelkorbe, aus dem der Pfarrer zwei geſiegelte Flaſchen und zwei geſchliffene Gläſer nahm — Dieſe zwei geſiegelten alten Burſche, ſagte er lachend, waren mir in ihrem dunkeln Kellerwinkel ganz in Ver— geſſenheit gekommen, Ignaz; gerade wie's zuweilen den beſſern Landpfarrern beim General⸗Vicariat geht. Ich fand ſie, wie ich nach etwas Ertra⸗Gutem für uns ſuchte Es ſind meine letzten aus dem echten Weinjahre 48, mit⸗ hin unſere Altersgenoſſen. Was ſagſt du, Menſch, Prie⸗ ſter, Erjeſuit, Ignaz?— War das nicht ein herrliches, warmes Jahr, das ſolchen Wein und ſolche Geſellen wie uns gebracht hat? Da nimm dies Glas: wir wollen die Rebe, die dieſen Wein getragen und die Mütter leben laſſen, die uns geboren haben.— Ausgetrunken! rief er dem Freunde zu, der ſich mit ſeiner klugen Selbſtbeherr⸗ ſchung gewöhnt hatte, den Wein, beſonders den guten und ſtarken, nur zu ſchlürfen. Der ungeſtümer genießende Chambion füllte dann gleich wieder, mit der Aufforde⸗ rung: Und nun Freund, unſere ſchöne Jugend, unſere Studentenſchaft und Conventszeit, die lieben Jahre, da wir gleich dieſem Weine gegoren und gebrauſt haben! Trink“ trinke! Sie ſtießen an, ſie tranken, ſie umarmten ſich. Der Wein, wie ein zurückgekehrter alter Freund, erinnerte ſie an gemeinſame Jahre und Erlebniſſe. Sie gedachten be⸗ ſonders der achtzehn Monate, die ſie zuſammen im Con⸗ vent der Jeſuiten zu Mainz verbracht hatten, unmittelbar vor Aufhebung des Ordens. Es ſind ſchon neunzehn Jahre, Ignaz! rief Cham⸗ bion. Dies Weltereigniß kam unſerer Schwärmerei, un⸗ ſeren Phantaſien in die Quere. Wir rechneten auf die weltumfaſſenden Mittel des Ordens für unſere perſönlichen Abſichten, ohne zu ahnen, daß unſere Oberen dieſe halt⸗ loſen Träumereien ſchon durchſchaut hatten, und uns 22 gehörig enge würden gehalten haben Du zwar, Ignaz,. N haſt dir ſpäter wieder volles Vertrauen gewonnen; wie 1 denn überhaupt deine Speculationen kühner und mehr in N der Richtung des Ordens waren. Hatteſt du dir doch. i ſchon damals dein eigenes rothes Buch angelegt, wie es in die Eingeweihten, die Weltwirkſamen des Ordens über der ihre Welt⸗ und Menſchenbeobachtung führten. Deine in Beobachtungen hatten damals nur noch ein enges Feld; fü doch mögen die Oberen daraus deinen Scharfblick erkannt zehn haben, dein Talent, die Geheimniſſe der Perſonen und Fa⸗ gen milien, die Neigungen und Charaktere der Menſchen zu 6 den durchſpähen. Erinnerſt du dich noch, was wir für tolle Alt Pläne machten, als wir zufüllig dahinterkamen, daß un⸗ ſin ſer Orden gerade durch ſolche kluge und ausgebreitete Er Buchführung ſeiner Mitglieder eine geheimnißvolle Allwiſ⸗ Er ſenheit beſaß, die Menſchen zu ſchrecken und zu ängſtigen* we und ſich das Glück und Unglück der Perſonen und Fami⸗ h lien zu ihren Zwecken dienſtbar zu machen? Du warſt a ganz eingenommen davon. Mit mir war es ein An⸗. deres. Meine Wünſche gingen ſchon damals auf ein de Landleben, auf ein ruhiges Behagen für ungeſtörte Stu⸗ d dien. Und wenn du Verwegenes zu ſchaffen ſtrebteſt, ſuchte ich Verbotenes zu ergründen. Hiermit war dem gu endlich aufgelöſten und ins Verborgene gedrängten Orden ſö nicht gedient; daher ſie mich fallen ließen und dich hervor⸗ n zogenn So erkläre ich mir wenigſtens die verſchiedene h Behandlung, die wir erfuhren. Wir wurden getrennt, N als man die Mitglieder des aufgelöſten Convents zu an⸗ z derweiter Beſtimmung nach verſchiedenen Klöſtern abführte. t Erinnerſt du dich noch jener erſchütternden Stunde, wie 23 gegen den Volkstumult die Beſatzung unter Gewehr treten mußte und Huſaren die Wagen begleiteten, in denen wir Mainz verließen? Unter Verwünſchungen ſchimpfender, ächzender, wehklagender Volkshaufen gegen den Papſt war⸗ fen wir uns die letzten Scheidegrüße zu.——— Ach der ſchönen Zeit, der beſten Jahre, die ſeitdem verfloſſen ſind! Horaz hat Recht, wenn er ausruft:„Wie rollen flüchtig die Jahre hin! Frömmigkeit hält nicht die Run⸗ zeln und den Drang des Alters auf, noch den unbezwun⸗ genen Tod!“ Doch nein! Fort mit dem Gedanken an den Tod! Wir ſtehen ja noch im ſchönſten oder beſten Alter. Trinke, trink, Ignaz! Laß uns dem Wein, die⸗ ſem ſtummen Altersgenoſſen, zuſprechen, der an unſeren Erinnerungen mit ſeinem goldenen Blinken Theil nimmt. Er hat noch, wie wir, die Kraft des Geiſtes bewahrt, wenn er gleich ſchon etwas Altersbitterkeit hat, die wir uns noch vom Leib oder von der Seele abwehren. Sie tranken. Garzweiler war durch die Erinnerungen des Freundes nachdenklich geworden, und Chambion, vone 1 dem haſtig genoſſenen Wein angeglüht, fuhr fort: c n Ja, Ignaz! Mannesleben iſt ſo kurz nicht, als man glaubt, wenn man es nur richtig braucht und richtig ſchont. D'rum laß uns auf die Erlebniſſe der nächſten neunzehn Jahre trinken, in denen wir uns noch wacker halten können! Garzweiler ſchlürfte, und Chambion ward immer wär⸗ mer und weicher.— Eins fehlt uns, ſprach er, ſich um⸗ ſchauend leiſe,— Familie fehlt uns, Freund! Ach, was 3 bin ich manchmal meine Bücher ſo müde! Wie beneide ich 7* — den Schulmeiſter, der ſo wackere Kinder hat! Und was iſt ein eigener Herd ſo kalt, wenn kein liebes Weib über Scheit und Schüſſel waltet! Wir könnten Enkel haben, Naz!— Nun, was ſiehſt du mich ſo bedenklich an? Rechne nur ſelbſt! Wie alt warſt du denn als Frater im Franziskanerkloſter zu Miltenberg, wo dich der gute Quardian Quodvultdeus Becker zuweilen nach Dorfpro⸗ zelten gehen ließ zum Pfarrer Backhaus? Hm! Wie war dir's denn damals ums Herz? Schweig', Anton! bat Garzweiler beunruhigt und em⸗ pfindlich. Doch Jener fuhr gutmüthig ſcheltend fort: So biſt du nun, Naz! Verdrießlich, wie du damals launig und offen warſt. Meinſt du, ich hätte deinen * X. Wits vergeſſen über den Quardian Becker und den Pfar⸗ N. rer Backhaus, deſſen hübſche Schweſter— Nun aber laß gut ſein! drohte der Pater. Das wa⸗ ren Jugendſchwärmereien, eine Thorheit des Herzens. Ich war 21 alt,— wohin verirrt ſich nicht in dieſem Alter das Herz ungeprüfter Jugend! Das Herz? Ja, und die Pulsadern— ſchlagen ſie nicht mit dem Herzen? So kann's freilich kommen, daß ein junger Frater aus dem Kloſter entfernt wird, und eine Pfarrersſchweſter das Pfarrhaus verlaſſen muß. Garzweiler ſtand unwillig auf; doch Chambion, vom Weine weinerlich und empfindlich geſtimmt, ließ ſich in ſeiner Schwatzhaftigkeit nicht irre machen— Sieh', ſo unehrlich biſt du nun gegen deinen alten Jugendfreund! ſagte er. Als du noch ſchwärmteſt, war dein verirrtes Herz offen; jetzt hat es verſchloſſene Kammern, linke Kammern, unrechte Kammern Gut! Meinſt du, es wäre Neugiet von mir, etwas vom ſeligen Becker, vom alten Backhaus und von deinem Backwerk zu hören? Nein, nur deine Ehrlichkeit als Freund wollt' ich prüfen. Oder du glaubſt wol, ich wüßte nichts, weil ich früher nichts davon geſprochen? Oder willſt dich jetzt eines Jugendſtreiches ſchämen und des Unglücks, das dir doch deine ganze rühmliche Laufbahn geöffnet hat? Was faſelſt du— oder der Wein aus dir, Anton! Franz Anton, heiß' ich! rief Chambion ſo laut, daß Garzweiler für gut fand, ihn ſchmeichelnd unterm Arm zu faſſen, und mit ſich nach der einſamen Waldhöhe zu führen. Der Pfarrer ſetzte aber unterwegs mit gedämpf⸗ ter Stimme ſein weinlauniges Schelten fort: Meinſt du, ich ſoll ſchweigen? Nichts da! Du ſollſt mir gezwickt und gezwackt werden, Bürſchchen! Du ſollſt hören, was du Thor gern vergeſſen möchteſt, daß ein Jugendſtreich dein Weltglück gemacht hat. Ja, ja! Ohne die Backhausgeſchichte wärſt du nicht fortgejagt worden, ſondern für immer in der braunen Kutte ſtecken geblie⸗ ben, wärſt meinetwegen Lector, Quardian, Provinzial geworden, aber nicht dazu gekommen, die Jeſuiten aufzu⸗ ſuchen. Und denen warſt du ganz recht— als ein hüb⸗ ſcher, unterrichteter, talentvoller Burſche. Dein Jugend⸗ ſtreich machte ſie nicht irre; im Gegentheil! Von einem ſo unternehmenden Menſchen verſprachen ſie ſich einen brauchbaren Beichtvater in adeligen Familien. Die from⸗ men Väter hatten ja doch auch die vertrocknenden Stamm— bäume vornehmer Häuſer zu pflegen! Nicht wahr? Er lachte ſchallend, wobei er den Freund neckiſch in die Seite zwickte, Garzweiler lachte des guten Scheines wegen mit; dann ſprach er in vertraulichem Ton: Du verkennſt mich, Franz Anton! Mit wem möchte ich am ehrlichſten über meine Vergangenheit plaudern und könnt' es am offenſten, als mit dir? Aber gerade für die Bekenntniſſe, die du angeregt haſt, war es die rechte Stunde nicht: jene Erinnerungen ſind zu ſtill und innig, um ſich mit den luſtigen Perlen des Weines ſchlürfen zu laſſen. Gerade von dem, was du mein Glück, meine glänzende Laufbahn nennſt, kann ich bald wie von etwas Vergangenem reden; denn ich ſtehe im Begriffe, ſie zu verlaſſen Zu dir, zu meiner lieben Nichte, die ich— wie meine Tochter anſehe, will ich ziehen, mit euch leben und ländeln, mit euch lieben und ſtudiren, und all' die elenden Plackereien, dieſe für Weltkinder mit Goldſchaum belegten hohlen Wallnüſſe wegwerfen und verlachen. Dann, lieber, ehrlicher Freund, will ich dir an ſtillen Winter⸗ abenden mein rothes Buch aufſchlagen,— nun ja doch, ich habe eines geführt, wenn auch mehr für mich ſelbſt, als für Andere!— und da ſollſt du, wie in einem Guck⸗ kaſten, die tolle Welt und die ſündhaften Menſchen des vornehmen Lebens erblicken. Nicht wahr, du haſt eines geführt? rief der Pfarrer aus. Ich habe mir's bei deinen mainzer Geſchichten ge⸗ dacht. Wahrlich! Du würdeſt all' den Jucks und Jam⸗ mer der Menſchen nicht ſo bis in die Faſern und Einge⸗ weide ſondirt haben, wäreſt du nicht darauf ausgegangen, Notiz davon zu nehmen und Notizen darüber zu machen. Saubere Geſchichten magſt du haben, Ignaz! Aber, apropos! Wie war's denn noch mit dem Baron Wall⸗ —— vo wr N ſin ger hei e 3 in ihr her ſich wi A hi üb gin us da w ſch iin t brun? Wir wurden geſtern geſtört. Du erzählteſt mir von dieſer fatalen Verlobung vor dem Kurfürſten; aber es iſt ja doch nichts bekannt davon, daß er Bräutigam wäre; man munkelt nur davon, und räthſelt darüber in Mainz, wie ich höre. Er war auch ſeitdem hier auf ſeiner Beſitzung; wir haben ihm gratulirt: aber er hat es lächelnd abgelehnt. Garzweiler, froh den luſtigen Freund, deſſen flüchti⸗ ger Rauſch eben nachließ, von einem ſo verlegenen Ge⸗ heimniß abgebracht zu haben, ließ ſich willig finden, ihm die ſonderbare Verlobungsgeſchichte Franz Karl's auszu⸗ erzählen. Am Saume des Waldes ſtreckten ſich Beide auf einem Raſenhang im Schatten einer alten Eiche hin, die ihre knorrigen Wurzeln über den Fußweg und weit um⸗ her aus dem Boden getrieben hatte. Die Sonne neigte ſich; der Wald flüſterte mit erquickendem Hauch, und das weite Rheinthal ruhte tief unter ihnen mit bezaubernden Abendlichtern. Eine ſchalkhafte Laune, eine leichte Eitel— keit auf ſeine geheimen Verbindungen und Kunſtgriffe überkam den Pater, als er zu ſeiner Erzählung über⸗ ging Ich ſagte dir doch, daß es ein echter Apriltag war, als der gute Baron Franz Karl vor dem fürſtlichen Po⸗ dagra mit einer Braut überraſcht wurde. Dieſer April⸗ wechſel ergriff auch die Seele der Gräfin Coudenhove Oder es ging ihr vielmehr, wie es leidenſchaftlichen Men⸗ ſchen geht, die, ohne rechts und links umzuſchauen, nach einem Ziele jagen: wenn ſie es erreicht haben, ſehen ſie oft zu ſpät ein, wie und wo ſie ſich übereilten. So mochte der befriedigten Dame, als ſie das entzückte junge 28 Paar in ihrem Hofwagen mit nach Hauſe nahm, eine Betrachtung begegnet ſein, die nun ein wenig zu ſpät kam. Der Auwehruf des ſegnenden alten Kurfürſten, worüber der lauſchende Kammerdiener Ropiquet beinahe in ein verrätheriſches Lachen ausgebrochen wäre, machte wol der ſinnlichen Weltdame keine ahnungsvolle Sorge; aber ihr Gewiſſen mochte ihr einen andern Zweifel zuge⸗ flüſtert haben, den mir auch ihre vertraute Kammerftau andeutete. Die Gräfin weiß nämlich gar wohl, daß es ihr nicht an Feinden und Aufpaſſern fehlt, und eben ſo wenig iſt ſie über dasjenige im Unklaren, was man ihr in der hohen und niederen Geſellſchaft zutraut. Nun mochte ihr einfallen, wie leicht man die ſchnelle Beförde⸗ rung des Barons mit dieſer Verlobung in Verbindung bringen, und die glänzende Ausſtattung, die ſie in Ge⸗ danken der Nichte zumaß, für einen ſtillen Seitenabfluß aus dem neuen Staatsanlehen und der Ertra⸗Beſteuerung des Landes anſehen dürfte. Dieſe Vermuthung lag ihr auch nicht ſehr fern; denn ſie lag ja in der Wahrheit der Sache ſelbſt. Es ſchien daher der Gräfin gerathe⸗ ner, die Verlobung erſt ſpäter und als eine Folge der Auszeichnung des Barons für ſeine Geſchäftsthä⸗ tigkeit bei der Kaiſerkrönung bekannt werden zu laſſen. Bis dahin kam dann auch die durch den Aufwand der Krönung und der mainzer Feſtlichkeiten erſchöpfte Landes⸗ kaſſe nicht ſo leicht mehr in den Verdacht, bei der Aus⸗ ſteuer der Braut Pathenſtelle vertreten zu haben. Es war daher ihr angelegentlichſter Wunſch, daß die Verlobung vorerſt noch ein Geheimniß bleibe. Was ſie aber dem Baron vorgeſpiegelt hat, um ihn auch dafür zu ſtimmen, . 29 habe ich nicht erfahren können. Vielleicht war ſie auch bis auf einen gewiſſen Grad aufrichtig gegen ihn,— etwa mit der Beſorgniß, die gottloſen Mainzer könnten ſeine Beförderung für ein Werk der Gräfin und ſeine Liebe zu ihrer Nichte für ſein einziges Verdienſt erklären. So was war ſchon genug, den ſtolzen Franz Karl zu beſtimmen. Kurz, ſie müſſen noch denſelben Tag ſich ver ſtändigt haben; denn ſchon des andern Morgens nach der gewöhnlichen Siebenuhrmeſſe des Kurfürſten eröffnete ihm die Gräfin ihre Bedenken und des Barons Wunſch. Der alte Herr gab ihr Recht; da er aber in der kindiſchen Stimmung, die manchmal ſein zwei bis dreiundſiebenzig ſtes Jahr überſchleicht, ſchon Abends zuvor beim Ausklei⸗ den gegen den vertrauten Kammerdiener geplaudert hatte ſo wurde dieſer gleich herbeigerufen und auf's ſtrengſte verwarnt. Dies geſchah gerade, als er mir eben auf dem Corridor die ganze Geſchichte berichtet hatte; mithin etwas zu ſpät. Doch habe ich die Sache geheim gehalten und nur in mein rothes Buch eingetragen. Etwas davon muß indeſſen ausgekommen und ein Räthſel der vornehmen Ge⸗ ſellſchaft geworden ſein; auf welchen Wegen— hat mich weiter nicht bekümmert. Und der Baron weiß alſo nichts von dem Schleich⸗ wege ſeiner Verlobung, von der Quelle der Ausſteuer ſeiner Braut, kurz, von der ganzen heilloſen Intrigue? fragte Chambion erſtaunt. Keine Sylbe! antwortete Garzweiler. Bei ihm darf man ſagen: er iſt der Getäuſchte; denn ein Anderer, von weniger edelm Stolze, als ich den Baron kenne, würde es vielleicht anders aufnehmen und ſich wenig⸗ 30 ſtens die Ausſteuer aus Landesgeldern nicht mißfallen laſſen. Was das für Menſchen ſind! rief der Pfarrer aus. Wenn es nun der Baron dereinſt erführe? Auf welch' unglücklichen Würfel hat dieſe Gräfin das Glück ihrer Nichte aus falſcher Liebe für ſie geſetzt!—— Die Sonne war im Untergehen und Garzw ſich zur Rückkehr.— Höre! fuhr Chambion fort, du ſchätzeſt den jungen Herrn, du biſt ein Freund der Fami⸗ lie: du mußt ihm einen Wink geben, oder eine ordent— liche Eröffnung machen. Garzweiler ſchüttelte den Kopf.— Und wenn mich der Baron fragte, wie ich zu den geheimen Einblicken gekommen? ſagte er. Und wenn ich ihm Beweiſe liefern ſollte? Bedenke nur, daß er liebt, und daß er meine Wahrheit nur mit ſeiner Liebe bezahlen kann! Nein, nein! Ich darf mein geiſtliches Anſehen ſo nicht bloß⸗ ſtellen. Meine Freundſchaft für ihn würde zu viel koſten! Chambion, wenn er weniger ehrlich geweſen wäre, hätte aus Garzweiler's ſchalkhaftem Lächeln errathen kön⸗ nen, daß der Pater dennoch einen ſo hohen Preis unter Umſtänden nicht ſcheuen würde, den jungen Baron damit oder daß er nur eine Gelegenheit zu ſeiner eiler erhob zu gewinnen, Mittheilung abwarte. Unter ſolchen Geſprächen wandelten ſie in der Abend⸗ dämmerung zurück. Der joviale Pfarrer hatte ſein Räuſch chen mit einer ernſten Stimmung vertauſcht und machte trübſelige Betrachtungen über die inneren Zuſtände von Mainz Garzweiler lächelte dazu, und rief endlich aus id⸗ hte von 31 Will denn unſer Mainz auch etwas Apartes haben? Es iſt ein Miniaturbild des deutſchen Reiches; und wie dies unter dem Familien⸗Egoismus und der Engherzigkeit ſeiner Fürſten und ihres Anhangs nicht zu Kräften kom⸗ men kann ſo arbeiten wir Andern aus Privat⸗Intereſſen der Revolution und dem Sturze von Mainz wacker in die Hände. Wir Andern? verſetzte Chambion. Man ſollte glau ben, du zählteſt dich auch dazu! Verlegen und etwas heftig erwiderte Garzweiler: Du kennſt den Hofanhang und die Günſtlinge des alten Herrn nicht! Frage nur die Coudenhove, wohin die Mittel fließen, mit denen Mainz befeſtigt werden müßte,— das Blut des Landes, wovon die Hatzfeldſſche Familie ihr blühendes Ausſehen gewinnt! Nun, nun! wendete der Pfarrer ein. Mainz iſt noch nicht das Reich. Wir haben auch treffliche Fürſten. Nimm Baden, und du findeſt einen fruchtbaren Garten und flei⸗ ßige Kinder eines liebreichen Landesvaters. Blicke nach Weimar, welch' ein friſcher genialer Fürſt dort die erſten Geiſter Deutſchlands um ſich zu verſammeln weiß. Selbſt der Würtemberger iſt nun zur Erkenntniß ſeiner Vergehen gekommen und hat das Syſtem des Soldatenzwangs, des Steuern⸗ und Frohndedrucks, des Jagdunfugs und Dienſt⸗ handels endlich der Wohlfahrt ſeines Volkes untergeord⸗ net. An ihm hat der moraliſche Imperativ einen herr⸗ lichen Sieg errungen. Ach! rief Garzweiler unwillig aus, ihr, hinter euern Kraut⸗ und Kartoffelländern hockenden Philanthropen glaubt Wunder was ihr mit euerm Kant und ſeinem„abſoluten 32 Imperativ“ für die Verbeſſerung der Welt gewonnen habt: nein, ein abſoluter Imperator muß über dies Un⸗ kraut von hundert kleinen Herrſchern und ihren nichts⸗ nutzigen Dienſtadel hereinſchreiten und ſie ein wenig mit Füßen treten, wenn der Weizen der Nation aufkommen ſoll! Viertes Kapitel. Garzweiler hatte den Stoßſeufzer ſeines Freundes Cham⸗ bion über das familienloſe Leben eines Pfarrers nicht ver⸗ geſſen, und da er noch immer mit ſeinem Bekenntniß vor Gertrud bangte, kam er auf den Gedanken, ſich dem Freunde zu entdecken. Ein ſo zartes Anliegen ſchien am beſten durch einen einverſtandenen und dabei in den Augen ſeiner NRichte ſo achtbaren Mann vermittelt zu werden. Er ſtritt mit ſich ſelbſt dafür und dawider. Es ließ ihm die Ruhe nicht. Ein Tag um den andern ging hin und er wollte doch ein für allemal am erſehnten Ziele ſein, ehe er nach Mainz zurücktehrte, wo ihm die Tage der An⸗ weſenheit von Monarchen und Miniſtern ſo höchſt wichtig waren. Endlich ziemlich entſchieden ſtürmte er, um wie mit einem Zulauf über die letzten Zweifel hinaus zu ſetzen, nach dem Pfarrhauſe. Chambion war nicht da⸗ heim, ſondern in ſeine Felder gegangen. Dies machte den Pater auf's Neue bedenklich: konnte es nicht eine m vor dem am en 33 üble Vorbedeutung ſein? Ein ſchweres Gewitter drohte überdies vom Rhein herüber und er kehrte, ſtatt dem Freunde nachzugehen, unverrichteter Dinge wieder auf ſein Zimmer zurück. Hier blätterte er, ſich zu zerſtreuen, in einer mitge⸗ brachten Broſchüre, die damals viel Aufſehen machte, — Die Erwartungen Deutſchlands“ betitelt. Ueber den Verfaſſer dieſer Schrift wurde viel geräthſelt; bald wurde Moſer, bald der Cvadjutor Dalberg in Erfurt, von Vie⸗ len Otto von Gemmingen, von Andern ſelbſt der Herzog von Weimar als ſolcher bezeichnet. Soviel blieb gewiß, daß ſie das Publikum eben ſo lebhaft entzückte, als ſie in den Kreiſen der Reichsgeſandten zu Regensburg übel berufen war. Während dieſes Blätterns und leſenden Naſchens ver⸗ zog ſich fern murrend das Wetter mit einem Strichregen; die Sonne brach durch das Gewölk, und fiel in die vor⸗ dere Manſarde, wo der Pater ſaß. Ein neuer Muth kam mit dieſer Heiterkeit in ſein Herz. Er nahm ſich vor, nun doch lieber ſelbſt mit der Tochter zu reden, und gab ſich ordentlich das Wort darauf, um nicht wieder reuig zu werden. In dieſem Augenblick öffnete wie Herhängnißvoll Ger⸗ trud die Thüre mit dem freundlichen Vorſchlag, etwas früher zu eſſen, und einen Abendgang zu thun, da es ſo ungemein lieblich im Freien ſei. Ja, ja! rief Garzweiler vergnügt. Das ſpricht ja der Himmel aus dir, mein Kind. Doch laß uns ohne deinen Mann gehen, Gertrud; denn ich habe dir etwas Vertrauliches mitzutheilen. Koenig, Clubiſten in Mainz. II. 3 34 Wie froh athmete Garzweiler auf, als Gertrud ſich entfernte! Es ſchien ſo viel leichter, ſich abfragen zu laſ⸗ ſen, was ihm ſo ſchwer zu bekennen war. Er hatte gleichſam als Schiffer das Tau hingeworfen, mittelſt deſ⸗ ſen er landen wollte; es war aufgefangen, und er konnte nicht mehr widerſtreben. Das einfache Mahl ward ſtill genoſſen; Nazi vorher ſchon in ſein Bettchen gebracht, ward von Vater Cratz unter Obhut genommen, während er ſeine Rechnungs— papiere zu ordnen hatte. Heitern Sinnes verließ Ger trud das Haus an Garzweiler's Seite, und wendete ſich mit ihm der Waldhöhe zu. Nun, Sie ſchweigen, hochwürdiger Oheim? Was haben Sie mir zu entdecken? fragte Gertrud nach einer Strecke Wegs. Vor Allem laß mir das„hochwürdig“ weg, liebe Gertrud, antwortete er nicht wenig befangen und um Wort und Wendung verlegen. Siehſt du nicht, daß ich keinen hochwürdigen Rock anhabe, mein Kind! Das iſt mit guter Abſicht geſchehen ich habe meine ganze geiſt⸗ liche Würde in deinem Wandſchrank verſteckt, und gehe nun darauf aus, ein Glück zu finden, das zu dieſem ländlichen Anzuge paßt. Und welch' ein Glück, guter Oheim? fragte ſie ſcher— zend. Wo liegt es, wo findet es ſich? Und kann ich Ihnen vielleicht ſuchen helfen? Gerade du, licbes Kind! Und es liegt nicht weit: ich hab's ſogar ſchon in der Taſche; nur verknüpft, ver⸗ wickelt, und braucht deine zarten, ſaubern Finger, es auf⸗ zulöſen. Ja, wiſſe, mein liebes Kind,—— daß ich eigentlich, du hältſt mich noch immer— —— Er blieb ſtehen; ſein Herz ſchlug ſo heftig, daß er mehrmal mit Beklemmung athmete. Dabei ſah er Ger truden lächelnd ins Auge, und ſtreckte mit rührendem Verlangen beide Hände nach ihr aus. Verwundert, mit einiger Aengſtlichkeit legte ſie die ihrigen leiſe hinein, und er fuhr fort: Sieh' mich nicht ſo ängſtlich an, meine Tochter!— (Und dieſe Bezeichnung ward immer gedehnter und zärt licher in ſeinem Munde—) Es iſt was Gutes, etwas Liebſtes, was du hören ſollſt, was ich dir eben beken— nen will. Und doch athmen Sie ſo ſchwer dabei, beſter Oheim, als ob ein Unglück für mich auf Ihrem Herzen läge! Erſchrocken bei dieſer Erinnerung, ließ Garzweiler ihre Hände fahren.— Was denkſt du auch! rief er. Du, ſo muthig, als jung? Du, mit deinem kräftigen Her⸗ zen, und das ſo hoch ſchlägt, ſo frei von den Aengſten und Vorurtheilen des großen Haufens? Geh' doch, geh! Sieh', ich bin eigentlich— entſchloſſen,— will ich ſa⸗ gen, zu euch zu ziehen, eine Familie mit euch zu ſein, Menſch, wahrer, echter Menſch bei euch zu werdenz; die Tonſur jener Weihe zu tragen, welche die Natur ertheilt und— mir ertheilt hat. Und du, meine Kochter— wenn unſere Familie zu ſtark wird für das kleine Haus— nicht wahr, mein Kind,— es ſcheint mir Hoffnung dazu? Er ließ ſein lächelnd Auge an Gertrudens Geſtalt hin⸗ abgleiten, und ſie ſchlug das ihrige verſchämt oder viel— leicht bejahend zu Boden. Glückliche Mutter! rief er gerührt. Und— mich, wie 3* 36 glücklich machſt du mich durch eine geſunde, frohe, wohl⸗ 6 gerathende Nachkommenſchaft! Ja, meine Tochter,— ich wollte ſagen, dann wollen wir das Haus weiter bauen, höher, mit einem Flügel. Flügel, Flügel für einen Ad⸗ ler und ſeine Brut! rief er, kindiſch lachend in befangener Unruhe, und dann weichmüthig hinzuſetzend: Wenn ihr mich nämlich wollt, mich zu euerm Herde 4 zählen wollt, ein Mitgenoß aus euern irdenen Töpfen, von euern zinnernen Tellern,— und mich lieb haben, wie zu euch gehörig, wie euern— wie man einen— O mein Oheim! rief Gertrud, und umfaßte mit bei⸗ den Händen ſeinen ausgeſtreckten Arm. Wie groß wird unſer Glück, wenn es der Schöpfer deſſelben mit uns theilt und genießt! Schöpfer! erwiderte er verdrießlich. Geh' doch, liebe Gertrud! Verſtehſt du mich denn nicht? Nun ja— Schöpfer, wenn du willſt, wie ſo ein Vater ſchafft— für ſeine Tochter, für ſeine Enkel! ₰ Ja, ſo gleichſam, beſter Oheim! rief ſie, von dem 5 geſpannten, ſeltſamen Benehmen des Geiſtlichen beängſtigt. Gleichſam? verſetzte er. Warum denn nur gleich⸗ ſam? Ei, weil es eben doch nicht ſo in Wirklichkeit iſt, gu⸗ ter Oheim! Aber— könnte es denn nicht in Wahrheit auch ſein? Nimm einmal an, es wäre ſ n was blickt Sie mich denn ſo ſtier an, Frau Gertrud? 4 Ich könnte dich ja wahr und wahrhaftig für meine Toch⸗ — ter erklären,— adoptiren, an Kindesſtatt annehmen! Dieſer wunderliche Gedanke überraſchte den verlegenen 37 Mann ſelbſt, und er rief lebhaft aus: Sieh',— ja das war's, Gertrud, das eben wollt' ich dir vorſchlagen! Aber,— du biſt ganz blaß geworden, und zitterſt? Nun ja, ſei gut, faſſe dich, nimm's recht lieb auf! O du meine liebe Tochter! Bei dieſem Ausrufe, womit er Alles ausgeſprochen zu haben glaubte, ſchlug Garzweiler beide flachen Hände vor die Augen. Eine Stille entſtand, während welcher die untergehende Sonne, noch einmal hervorbrechend, mit grellem Schein in das tiefſchwarze Gewölk leuchtete, das ſich über dem nahen Walde zuſammenzog. Gertrud brach zuerſt das Schweigen. Angſt oder Ahnung gaben ihren Worten eine gewiſſe Heftigkeit.— Warum wollen Sie das, lieber Oheim? ſagte ſie. Onkel und Nichte iſt ein ſo ſchönes Verhältniß vor der Welt. Niemand wird be greifen, daß ein Geiſtlicher, der keine Kinder haben darf, Jemand an Kindesſtatt annehmen will. Und wenn Sie dürften, und wenn es ſich ſchickte: ſo hätten Sie es nicht nöthig, um ſich unſeres Glückes mitzufreuen; ja, es wäre für Sie und für uns höchſt bedenklich. Garzweiler ſah nun ein, daß er doch nicht verſtanden worden, und fühlte ſich auf das tiefſte gekränkt, um ſo mehr, als er der verſtändigen Frau mit ihrer Einrede gegen ſeinen ungereimten Vorſchlag nicht Unrecht geben konnte. In dieſem Verdruß brachte er nur einzelne weg⸗ werfende Worte vor, worauf Gertrud mit vieler Wärme erwiderte: Ach, lieber Herr Oheim, man muß den Menſchen, den gemeinen Leuten, keine Familien-Räthſel aufgeben Dieſe Bauern, die all' ihre Sorgen auf die Erde wenden, 38 allen Segen aus ihrem gedüngten Boden erwarten, ſetzen immer das Gemeine voraus, und können ſich in hohe, geiſtige Verhältniſſe ſchwer hineinfühlen. Man muß ih⸗ nen nichts in den Weg bringen, woran ſie ſtutzen und ſcheuen, und was ſie endlich ſchlecht auslegen. Schlecht? Was nennſt du ſchlecht? fragte Garzweiler haſtig und ſtreng. Werden Sie nicht böſe, liebſter, gütiger Oheim! flehte Gertrud. Ich bin auch ſo verwirrt—! Wir wol⸗ len ein andermal davon reden. Laſſen Sie uns zurück⸗ eilen. Es blitzt ſo heftig; das Gewitter kommt zurück. Laß es kommen! erwiderte er noch heftiger. Wir müſſen ausreden, da wir einmal ſo weit geſprochen ha⸗ ben. Und du zuerſt! Sag', wie du's meinſt, wie du mich verſtanden haſt, und warum du—2 Ach, lieber Oheim! erklärte Gertrud dringend,— ich meine nur, wir wollen die Menſchen nicht irre machen über das anerkannte Verhältniß, in welchem wir ſtehen, und das tief und innig genug iſt für eine Fülle von Glück und reiner Liebe. Geben Sie nicht, indem Sie an dieſem wahren und friedlichen Zuſtand rücken und ändern wollen, Ihren eignen ſtolzen Namen und unſere harm⸗ loſe Hütte dem Spott und Gerede der Menſchen Preis! Ich bin Ihre Nichte und habe Sie ſtets kindlich geliebt, dankbar für all' die Sorge und Güte, die Sie meiner ſeligen. und mir von Kindesbeinen auf erwieſen haben. Wozu ſoll ich nun mehr ſcheinen, als ich Ihnen bin? und dieſer Schein— wie leicht könnte er unſer Glück zerſtören und mir allen Lebensmuth und frohen Sinn ichmen, wenn er mir den unglücklichen Verdacht ſeczen hohe, ih⸗ und im! wol⸗ rick⸗ 39 zuzöge, das Kind eines Prieſters zu ſein. Wenden Sie ſich nicht ab, beſter Oheim! Ich habe vielleicht nicht Recht; es kann ein falſches Gefühl ſein; doch iſt mir im⸗ mer ſo zu Muth geweſen, wenn ich von dergleichen Ver⸗ hältniſſen gehört habe, und mancher brave und geſcheite Mann hat mir darin auch Recht gegeben. Zum Glück kommt für Sie und für mich nichts darauf an, ob ich Recht oder Unrecht habe, lieber Oheim! Wir wollen nur die Menſchen nicht irre machen. Sie warf ſich an Garzweiler's Bruſt, erſchöpft von den lebhaften Worten, die ihr in der Angſt des Herzens zugefloſſen waren. Doch weder dieſe Worte, noch die feuchten Augen, mit denen Gertrud zum Oheim aufblickte, rührten ihn. Er empfand in dieſem Augenblicke nur den bitterſten Verdruß über ſeine mißlungene Beichte, zu der er ſich erſt mit ſo viel Kampf entſchloſſen hatte. Seine ſchönen Erwartungen, ſeine ſüßeſten Träume ſchwanden dahin. In dieſem Unmuth brachte er nichts als die ver⸗ legenen Worte hervor: So? Gute, geſcheite Männer geben dir Recht? Wer denn, zum Beiſpiel? Wem haſt du denn—? Auch der Herr Baron von Wallbrun, lieber Oheim! antwortete ſie treuherzig. Baron Wallbrun? ſchrie Garzweiler, und ſtieß die erſchrockene Frau von ſich. Dem haſt du dich vertraut? Der weiß, daß du meine— Ein greller Blitz und jäher Donner unterbrachen die Zornesrede. Gertrud ſtieß einen Angſtſchrei aus.— Ach mein Kind! rief ſie, und rannte ohne Weiteres den Weg hinab.—— 40 Garzweiler ſtand wie betäubt. Ein unſäglicher Groll wühlte in ſeinem Herzen; ſeine Gedanken und Vorſtellun⸗ gen ſtürmten wie ein wildes Heer an ſeiner Seele vor⸗ über. Er ſah ſich verlaſſen, betrogen, verlacht. Sein Mißverſtändniß der letzten Worte Gertrudens ſpielte ihm lauter beſchämende, peinigende Vorſtellungen in verzerrten Bildern vor. Das heftige Wetter ſchien ſeine Verzweif⸗ lung zum Kampfe herauszufodern. Er breitete die Arme wie ein betender Eremit in die Luft, und ſtieß einzelne Worte der Wuth aus. Doch das Wetter überbot ihn mit grollendem Donner, und er ſtürzte, wie aus toben⸗ der Eiferſucht auf die Uebermacht der Elemente, gleich einem Raſenden brüllend gegen den nahen Wald, wo er am Fuß einer Eiche mit einem Schrei niederſtürzte, äch⸗ zend den Stamm umklammerte und das Bewufßtſein verlor. Ueber ihm tobte das Wetter; Blitz auf Blitz, Don⸗ ner auf Donner erſchütterten den Forſt, und der Regen rauſchte in Strömen nieder. Wie lange er ſo gelegen, wußte der unglückliche Mann nicht. Er war von heftigem Schmerz am Schienbein er⸗ wacht, als das Wetter ſchon abzog, und erkannte dieſelbe Eiche, unter der er geſtern mit Chambion geſeſſen, und ſo ſchalkhaft erzählt hatte. Hinter ihm wurde es hell, und der aufgehende Mond ſchien durch den Wald Ein⸗ zelne Windſtöße ſchüttelten die träufelnden Baumwipfel und Aeſte. Garzweiler hörte nahende Stimmen und bald auch ſei⸗ nen Namen rufen. Mit ſchmerzlicher Anſtrengung richtete er ſich auf, und wollte antworten. Aber ſein Groll er⸗ wach Min ihn. Oeſt or ihn un9 nut Se frol wo St lir ſor ſihl jen litzt wo ſi an ur n 41 wachte, und ein Trotz verſchloß ihm den Mund. Die Männer waren indeß auf dem richtigen Pfad, und fanden ihn. Es war der Krahnmeiſter mit einigen Bauern aus Oeſtrich. Der Geiſtliche ließ ſich aufheben, und da er vor Schmerz nicht auf das rechte Bein treten konnte, lud ihn Gertrudens Mann, und abwechſelnd ein anderer auf ven Rücken. So brachten ſie ihn hinab. Der Tag dãm⸗ merte, als ſie vor Oeſtrich anlangten. Sorgen und Unruhe, ungewohnte Gäſte in dem kleinen frohen Hauſe, waren mit dem Verunglückten eingebracht worden. Das Geheimniß der Verletzung und das trotzige Schweigen des Kranken, dem nur zuweilen ein unwill— kürlicher Schmerzenslaut entſchlüpfte, ſteigerte die Be ſorgniß beſonders der Hausfrau. Sie bezog das ver⸗ ſchloſſene Benehmen des Oheims weniger auf ſeine Schmer⸗ zen, die ihn hätten mittheilend machen ſollen, als auf die letzte Unterhaltung, über der das Wetter hereingebrochen war. Mancherlei Befürchtniſſe ängſtigten ſie. Endlich er⸗ ſchien der Landphyſikus, Doctor Marchand, und erkannte das ſchon verſchwollene Uebel für eine ſtarke Verletzung am Knie und Schienbeine, von alten Baumwurzeln ver urſacht, über welche Garzweiler geſtürzt war, von einem nahen Blizſtrahle hingeſchleudert, wie er gegen den Arzt behauptete, um ſeiner unbeherrſchten Wuth und Verzweif⸗ lung nicht eingeſtändig zu ſein. Das Uebel bedurfte großer Sorgfalt, um es nicht ins Gefährliche ausarten zu laſſen. In Folge der Durch⸗ näſſung kam rheumatiſches Fieber dazu. Der Kranke hatte unruhige Nächte, in denen er aus Fieberträumen laut ſprach. Seine despotiſch unterdrückten Empfindungen em⸗ pörten ſich jetzt im Zuſtande ſeiner Schwäche, und trieben es, wie es auch in andern revolutionairen Zuſtänden zu gehen pflegt, ins Wilde. Mit den Erinnerungen an ſeine Ver⸗ gangenheit vermiſchten ſich die Empfindungen des verun⸗ glückten Abends. Es waren ja die nächſten und am tief⸗ ſten aufgeregten Anliegen ſeiner Seele. Ein verſteckter Haß gegen Franz Karl verrieth ſich dabei, offenbar aus der falſchen Vorausſetzung entſprungen, der Baron kenne Gertrudens Herkommen. In dieſem Zuſtande ſeines Gemüthes bewachte die kummervolle Frau mit wahrer Seelenqual die Fieberphan⸗ taſien des Schlummernden. Vor jedem Wort entſetzt, das der Träumende ausſtieß, lauſchte ſie doch geſpannt, um ja keines zu verlieren. Es trieb ſie, das zu errathen, was ſie um jeden Preis nicht hätte ahnen mögen.— Es gibt ſolche Geheimniſſe des Unglücks, die man, wenn ſie laut werden, begierig an ſich reißt, nur um ſie eiligſt wieder zu erſticken. Darum geſtattete Gertrud in ſolchen Fieberſtunden Niemanden den Zutritt an das Kranken⸗ bett; ſie ließ ſich in der nächtlichen Pflege niemals ablö⸗ ſen und duldete am wenigſten ihren Mann in der Nähe⸗ Sie fieberte ſo zu ſagen ſelbſt in dem aufgeregteſten Zu⸗ ſtande der Angſt und eines tiefverheimlichten Kummers. 43 Auch am Tage kam ſie zu keiner rechten Erholung, da ihr die Sorge für das Haus, für das Kind und für die Bedürfniſſe des Kranken oblagen. Und wenn ſie auch Dut⸗ einmal in ruhiger Stunde neben dem Mittagsſchlaf ih⸗ hat res glücklichen Kindes einzunicken ſuchte: ſo nahte ſich nlut gleich wieder irgend eine entferntere Bekümmerniß, wie n n⸗ jene um den Baron Franz Karl, ihren edeln, herzlichen 8, Nachbar. Aus den Fieberreden des Paters hatte ſie eine gehen unbeſtimmte Angſt geſchöpft. Der unverkennbare Haß des Ver Kranken machte ihr weniger Sorge, als manche Andeu⸗ etun⸗ tung, die den jungen Herrn mit Verrath irgend eines tief⸗ Geheimniſſes bedrohten. Jene nächtlichen Phantaſien lall⸗ teckter ten von verrätheriſchen Papieren, von Ränken der Gräfin taus Coudenhove, von falſcher Ausſteuer einer Comteſſe und kenne dergleichen. Gertrud hatte Einſicht genug, ſolche Fieber⸗ reden nicht als finnloſe Spielereien einer erhitzten Einbil⸗ te die dungskraft für unbedeutend zu halten. Sie kamen ihr when⸗ freilich manchmal wie nächtliche Irlichter vor; doch gerade niſtzt, von dieſen war ihr bekannt, daß ſie, wenn auch nicht pannt, als Geſpenſter furchtbar, doch einen ſumpfigen Boden ver— tathen, rathen, aus dem ſie gaukelnd hervorhüpfen. — G Zum Glück für Gertrudens Anſtrengungen genas der emn ſi kräftige Garzweiler in wenigen Tagen von dem Verkäl⸗ eligt tungsfieber, und die Verletzung am Bein verlor auch bald ſolhen nach erleichterter Geſchwulſt ihr gefährliches Ausſehen, und unken⸗ verlangte nur Ruhe und ſorgfältige Aufſchläge. allö⸗ Nun hielt Gertrud auch nicht länger einen Brief zu⸗ Nihr rück, der vor einigen Tagen gekommen war. Sie hatte nZl⸗ beſorgt, der Inhalt möchte den Kranken beunruhigen, und mers bemerkte nun an dem Eindrucke, den die Zeilen auf ihn machten, daß ihre Vorſicht auch nicht unnöthig geweſen. Garzweiler, ſchon über die Handſchrift erſchrocken, konnte ſeine Verlegenheit nicht verbergen. Er ging ſogar über ſeine gewöhnliche zögernde Ueberlegung hinaus, und ſagte raſch und lebhaft: Du wirſt ſchnell nach Mainz müſſen, liebe Nichte. Daß auch gerade jetzt das verwünſchte Schien⸗ bein— ich will ſagen, dieſe Schickung Gottes mich auf das Lager feſſeln muß! Meine Feinde——. Setze dich zu mir, Gertrud! Wiſſe, es iſt ein Brief aus Frank⸗ furt von einem guten Freunde, den ich in der Umgebung des Kurfürſten habe. Ich hatte Sr. kurfürſtlichen Gna⸗ den den Hofprediger zum einſtweiligen Beichtvater empfoh⸗ len. Dieſer falſche Freund, wie ich glaube, und jedenfalls die Coudenhovin haben nun meine Entfernung benutzt, dem Fürſten Mißtrauen gegen mich beizubringen, als ob ich mich in die Politik miſchte. Sieh', wie tückiſch die Menſchen ſind! Ich ſoll die Profeſſoren, die Proteſtan⸗ ten aufgehetzt, und in ihrer revolutivnairen Geſinnung, in dem feindſeligen Streben eines geheimen Clubs beſtärkt haben. Dies mag allerdings geſchehen ſein, ich weiß nicht von wem; aber jedenfalls haben es wohlgeſinnte Männer gethan, die dem Fürſten die Augen öffnen woll⸗ ten über die Undankbarkeit dieſer Ausländer, zur War⸗ nung für andere katholiſche Fürſten, die jetzt mit der pro⸗ teſtantiſchen Wiſſenſchaft ſo viel Thorheit begehen. Ich werde mich rechtfertigen und meine Gegner beſchämen, ſo⸗ bald ich hinaufkomme. Aber— ich weiß nicht, wie weit inzwiſchen meine Feinde gehen, mich zu verderben. Ich könnte mich damit beruhigen, daß die Monarchen jetzt von Frankfurt nach Mainz kommen, und im Drange der Feſt⸗ lichkei werd net( Myft mhig yn b gihen undg ghein Buch, ſchen nim abgel dahin dn Hau nicht den Yn han, kine int Ir ſht ſn n ns die Ih eit Ih on eſt⸗ 45 lichkeiten und Conferenzen meiner Wenigkeit nicht gedacht werde Allein, wer kann ſagen, ob nicht die Tücke mei⸗ ner Gegner gerade ſolche zerſtreuende, unruhige Zeit zu Mafßregeln wider mich benutzt, die mein gütiger Fürſt bei ruhiger Ueberlegung nicht gutheißen würde? Sie drin⸗ gen vielleicht in meine Wohnung, vorgeblich um Beweiſe gegen mich zu ſuchen. Daher mußt du eiligſt nach Mainz, und gewiſſe Sachen,— fremdes Gut, anvertraute Beicht⸗ geheimniſſe aus dem Hauſe entfernen,— ein mir werthes Buch, eine Kiſte mit Schriften, eine Schatulle mit Werth⸗ ſachen und was ich dir noch Alles bezeichnen werde. Du nimmſt dir eine Stube im Gaſthof, etwa in der ziemlich abgelegenen neuen Pfalz und ſchaffeſt in der Stille Alles dahin. Der Schiffer Jean Baptiſt bringt dich dann mit den Sachen ſchnell wieder herunter. Poſtwagen oder Hauderer, überhaupt den Landweg, nimmſt du mir ja nicht ich habe meine Gründe. Richte dich alsbald ein; denn heut oder morgen kommt Alles von Frankfurt nach Mainz. Dies Begehren des Oheims, ſo entſchieden ausgeſpro⸗ chen, und in einer ſo unverſchieblichen Sache ließ natürlich keine Einwendung und kein Bedenken zu, ſo bänglich es im erſten Augenblick die kummervolle Gertrud aufnahm. Ihr Mann redete ihr zu; er ſelbſt konnte ſeinen Dienſt nicht verlaſſen, auch wünſchte ihn der Oheim nicht zu die⸗ ſem Geſchäft, um kein Aufſehen zu erregen, wie er vor⸗ gab, wahrſcheinlich aber, weil er den Einblick eines Man⸗ nes in das Buch und die Papiere verhüten wollte, um die er höchſt beſorgt ſchien. Während der Vorrichtungen der bänglichen Frau für 46 ihr Hausweſen kam ihr noch ein ermunternder Gedanke. Sie wollte in Mainz den Baron Franz Karl aufſuchen und ihn, mit aller Schonung des Oheims, vor Gefahren warnen, die ihm von böswilligen Menſchen drohten. Sie glaubte ihm die leidigen Gegenſtände der Beſorgniß hin⸗ länglich bezeichnen zu können. Mit dieſem heimlichen Muth und mit ſchriftlichen No⸗ tizen, die ſie beim Abſchied von Garzweiler empfing, fuhr Gertrud in der Frühe des anderen Tages mit einem alten Einſpänner des Pfarrers Chambion aus Oeſtrich, und kam bei guter Zeit in Caſtel an, wo ſie zur Erſparung des Brückenzolles von ihrem Fuhrwerke vor dem Zollhauſe abſtieg, um mit ihrem kleinen Bündel über die Schiff⸗ brücke zu gehen Sechstes Kapitel. Es war der Tag nach dem Einzuge des neugekrönten Kaiſers Franz und der übrigen hohen Häupter und Fürſt⸗ lichkeiten, die von Frankfurt herüber der Einladung des Kurfürſten gefolgt waren. Schon am frühen Morgen wimmelte die Schiffbrücke von feſttäglich gekleideten Men⸗ ſchen, Einheimiſchen und Fremden, ſo daß Gertrud am Zollhauſe, wo ſich Alles zur Erlegung des Brücken⸗ Kreuzers zuſammendrängte, mit in den Strom der Menge gezogen wurde Auf der Brücke blieb ſie, an das Ge⸗ lände Stad wiſſ Thin Um des det K nit ß no Mnſ fuln zende Spie und tnd ſie dieſt ter Ber Kin wein nen gin du iht ſe wer de danke. fſuchen fuhren Sie ß hin⸗ No⸗ fuhr alten und arung lhauſe Schiff⸗ krönten Fürſt ng des Morgen Mer⸗ ud an rücken⸗ Meng 47 länder gedrückt, ſtehen: der Anblick des Stroms und der Stadt ergriff und bewegte ihr Herz. Die Mittejuliſonne lag auf dem ſchimmernden Ge wäſſer, worin ſich am jenſeitigen Ufer die Zinnen und Thürme der Stadt abſpiegelten. Auf der vortretenden Martinsburg wehte die große Fahne mit dem Wappen des Kurfürſtenthums; die fürſtlichen Paläſte, die Thürme der Kirchen und die Maſte der Schiffe am Ufer hatten ſich mit Flaggen und Wimpeln geſchmückt. Vielfaches Geläut, Kanonenſchüſſe von den Feſtungswerken, das Rennen der Menſchen auf dem Kai und der Bricke bildeten einen auf⸗ fallenden Kontraſt zu der Ruhe, die unterhalb der glän⸗ zenden Stadt auf den grünen Ufern und Auen, auf dem Spiegel des zwiſchen den Inſeln dreigetheilten Stroms und auf dem duftigen Fernzuge des Gebirges lag. Ger⸗ trud empfand dieſen Gegenſatz mit einer Wehmuth, der ſie nicht wehren konnte. Ein Heimweh kam über ſie bei dieſem Glanz und Lärm. Stromabwärts ſuchte ihr feuch⸗ ter Blick fern und ferner die Stelle, wo am Fuß jener Berge ihr heimiſches Oeſtrich läge. Sie dachte an ihr Kind, und wie es erwachend nach ihr umſchauen und weinen werde. Ein ungewohntes Leid zu dem verſchloſſe⸗ nen Kummer, den ſie von dem geiſtlichen Oheim empfan⸗ gen hatte, tropfte aus den ſonſt ſo heiteren Augen auf das morſche Gebälk der Brücke, auf dem ihr Bündel und ihr Elbogen ruhte. Der Gedanke an ihren Oheim ſchreckte ſie aus dieſen Träumen; ſie dachte an ihr Geſchäft, und wendete ſich der Stadt zu! Das laute, lebhafte Geſpräch der Menſchen, zwiſchen denen ſie ſich auf ſchwankenden Bohlen fortbewegte, zog ihre Aufmerkſamkeit auf ſich. Sie hörte von nichts, als dem zahlloſen Beſuch und den prächtigen Feſten dieſer Tage. Wol zehntauſend Fremde ſollten jetzt in Mainz ſein; jedes Stübchen in den Gaſthäuſern wäre für Prin⸗ zen und Grafen in Beſchlag genommen, für welche die fürſtlichen Gebäude nicht Raum genug gehabt hätten. Dort im rothen Reſidenzſchloſſe wohne der junge Kaiſer mit der Kaiſerin; der König von Preußen und der große Feldherr, Herzog von Braunſchweig, hätten die Favorite bezogen; der Kronprinz von Preußen ſei im ſchönen Hauſe auf der Citadelle eingekehrt; im deutſchen Hauſe neben dem Schloß habe der Kurfürſt von Köln Unterkommen gefunden; den von Trier habe der oſtheimer Hof aufge⸗ nommen u ſ. w. Man rühmte es, daß der Adel dies⸗ mal den Fürſtlichkeiten, den fremden Miniſtern und Gene⸗ ralen ſo freunvlich entgegengekommen ſei; ließ aber auch den Bürgern Gerechtigkeit widerfahren, die ſich durch gaſt⸗ freundliche Aufnahme der Fremden und Reiſenden einer ihrer Stadt zu Theil gewordenen hohen Ehre würdig zu machen ſuchten Dieſe Neuigkeiten waren für Gertrud wenig ermun⸗ ternd. Wo ſollte ſie nun unterkommen, und die nöthige Beihülfe der Menſchen finden? Alles ſchien nur Sinn für Fürſten und Feſtlichkeiten zu haben; wer wollte ſich um ein ſo geringes Anliegen bekümmern, wie es der gu⸗ ten Frau am Herzen lag, und das doch unter dieſer gro⸗ ßen Bewegung gar nichts von ſeiner Wichtigkeit für ſie ſelbſt verlor Mit dieſer Ueberlegung war ſie durch das Eiſenthor auf den ſogenannten Brand gelangt und hatte ſich vor dem zufa vette tinl hen geirie wr nn dn Kihl zurüt ung gute iht inen woll und dieſer Muinz Prin⸗ che die hätten Kaiſer Hauſe neben mmen aufge⸗ dies⸗ Gene⸗ r auc h giſt⸗ n einet dig zu ermun⸗ nöthige rEim lln ſih det gu⸗ ſer gro⸗ für ſie iſenthor ſich bor 4 49 dem Gaſthofe zu den drei Kronen zwiſchen den ab- und zufahrenden Equipagen in die ſtillere Quintinsgaſſe ge— rettet. Am Ende derſelben ſtand das Portal der Quin— tinskirche offen. Gertrud gehörte nicht zu den kirchenfro⸗ hen, betſeligen Frauen; doch heut' fühlte ſie ſich dahin getrieben. Das Geſchäft und die Umgebung, ja ſie ſelbſt war ſich fremd. Rath und Muth, die ſie ſonſt im eige⸗ nen Herzen zu finden gewohnt war, ſuchte ſie jetzt auf den ausgetretenen Stufen eines Altars. Dieſe Stille und Kühle einer heiligen Stätte, das Dämmerlicht und der zurückgebliebene Weihrauchduft ſtimmten zu einer Samm⸗ lung und Feier des Gemüths, worin ihr bald auch eine gute Eingebung zu Theil wurde Erasmus Lennig fiel ihr ein, den ſie vom Ankaufe des Weinbergſtücks her als einen heiteren, wohlgeſinnten Mann kannte. Bei ihm wollte ſie des Oheinis Sachen in Verwahrung geben, und dann war kein Bedenken dabei, für ihre Perſon in der Wohnung des geiſtlichen Herrn zu bleiben, wo jetzt nur eine alte Haushälterin mit einer Magd hauſte. Of⸗ fenbar hatte der Oheim dies nur nicht gewollt, damit die gefährdeten Sachen nicht im Hauſe blieben und doch auch wohl behütet wären. Raſch entſchloſſen, muthig geſtimmt, eilte Gertrud fort, und fragte ſich nach Garzweilers Wohnung zurecht; denn früher hatte ſie den Oheim ſtets im Dienheimer Hof am Mitternachtplatze geſprochen, wo Garzweiler alle Perſonen zu empfangen pflegte, mit denen er geheim that. Die Hausthüre, ſonſt immer verſchloſſen gehalten, war jetzt nur angelehnt. Lachende Stimmen kamen aus der offenen Geſindeſtube des Erdgeſchoſſes, und wie Gertrud Koenig, Clubiſten in Mainz. II. 4 50 in die Thüre trat, erblickte ſie die ihr vom Oheim be⸗ ſchriebene Haushälterin Urſula neben einem ältlichen Be⸗ dienten in fadenſcheiniger, hechtgrauer Livree vertraulich am gedeckten Tiſche bei Weln und Braten ſitzen. Daneben ſtand die Hausmagd, und ſchien mitgenießend das frohe Paar zu bedienen. Gertrud, die ſich nicht gleich zu er⸗ kennen gab, fand an Urſula die erwartete Schwerhörigkeit und Unterwürfigkeit nicht; vielmehr that die überraſchte Alte ſehr barſch und abweiſend; worin ſie ſich wol durch das Beiſein ihres verlobten Franz, des ſogenannten„Kna⸗ ben“, und durch das gute Glas, das leer vor ihr ſtand, beſtärken mochte. Als aber Gertrud einige nachdrückliche Worte und aus ihrem Bündel die Zimmerſchlüſſel vor⸗ brachte, änderte ſich die Scene: die Flaſche und der Bra⸗ tenteller verſchwanden mit der Magd, und Franz ſtahl ſich mit rothem Geſicht hinweg; wofür aber von der lal⸗ lenden Zunge der Jungfer Urſel geſchmeidige Worte fielen, die alten Knire ſich wieder einfanden, und das Ohr von Minute zu Minute dicker wurde.— Ach Herr Jeſus! rief ſie, nun beſinne ich mich! Von Oeſtrich! Aha und ja ſo! Eine liebe Nichte alſo! Nichts für ungut! Nach Oeſtrich, zu meinem NReffen,— habe ich den Herrn geiſtlichen Rath verſtanden, als er abreiſte. Ich höre freilich nicht gut, beſonders bei Regenwetter. Ich hatte die Ehre noch nicht, Mademoiſelle! Aber die heimlichen Briefchen, ja die kenne ich, und habe ſie ſtets pünktlich beſorgt! Dieſe Worte, von zweideutigem Lächeln begleitet, be⸗ rührten eine friſchwunde Stelle des Herzens. Gertrude wendete ſich ab, und Urſel eilte vorauf, den Weg zu den Zimmern zu zeigen Gertrud befahl, das Gaſtzimmer un N⸗ — e⸗ ham ieben frohe er⸗ igleit aſchte durch Kna⸗ tand, liche filen, hr on a und Nach ſtlchen h nicht re noch ja ſtimm“ für eine Nacht oder zwei für ſie einzurichten, und öffnete, ſobald ſie ſich allein ſah, die Behälter, zu denen ſie die Anweiſung und die Schlüſſel hatte. Die bezeichneten Ge⸗ genſtände fanden ſich alle vor, darunter eine gewichtige Schatulle verſchloſſen, eine Kiſte mit Schriften und ein rothes Buch in ſchwarzem Futteral. Dieſe Sachen ſollten ohne Verzug aus dem Hauſe geſchafft werden. Gertrud aber, mißtrauiſch gegen Urſel geworden, hatte Bedenken, es durch die Magd thun zu laſſen; ſie hielt Beide nicht für zuverläſſig und verſchwiegen genug. Sie verhüllte und verſchloß daher die Sachen, und eilte fort, Lennig's Wohnung zu ſuchen. Auch hier im bekannten kleinen Haus an der Umbach kam der betrübten Frau, wie allerwärts in Mainz, eine laute Fröhlichkeit entgegen, die ihr um ſo mehr auffiel, als ſie die Farben der Trauer an Bändern und Spitzen, an Halstüchern und Flören der Hausbewohner erblickte. Fides war nämlich dieſen Morgen erſt mit ihrem Va⸗ ter angekommen, der ſie abgeholt hatte, und die Trauer galt der in Alzenau verſtorbenen Muhme. Vater und Tochter waren noch im beſten Erzählen begriffen—, von ihrer Reiſe, von der Krönungsfeier in Frankfurt, und daß ſie einen Tag ſpäter ankämen, weil geſtern in ganz Frankfurt, wegen der Abreiſe ſo vieler Herrſchaften, um viel Geld keine Fahrgelegenheit zu haben geweſen, und das überfüllte Marktſchiff früher als ſonſt abgefahren ſei. Mutter Hildegard und Herr Felir Blau hörten wohlge⸗ füllig zu; der Hausfreund in lächelndem Erſtaunen über das blühende Ausſehen und gemeſſene Betragen der ſchö⸗ nen Fides. 52 Zwiſchen dies laute und frohe Fragen und Erzählen trat Frau Gertrud ein, und ward, ihres halb ländlichen, halb ſtädtiſchen Aufputzes ungeachtet, von Lennig alsbald 4 wieder erkannt und mit Herzlichkeit empfangen. Wie ſie ihn bei Seite nahm, ihr Anliegen vorzubringen, rief z Erasmus überraſcht: Was? Sie liebe, gute Frau ſind z des geiſtlichen Rathes Nichte? Nun, nun, Sie ſind uns i nichtsdeſtoweniger angenehm! Gertrud ſah ihn betreten an, und Erasmus ſuchte 8 ſein übereiltes Wort durch die höflichſte Einladung gut in zu machen.— Kommen Sie doch nur mit Sack und Pack zu uns! rief er. Alle Welt hat heut Gäſte im frohen und glücklichen Mainz ſoll denn mein Haus leer 4 ausgehen? Seien Sie mit uns, und ſtören ſich nicht an unſere ſchwarzen Bänder und meinen Armflor. Oder— 1 wißt ihr? Wir wollen auf die paar Tage unſere Trauer 4 ablegen, wie's an Höfen geſchieht, wenn etwas gar zu Frohes in die Trauerzeit fällt! Gertrud entſchuldigte ſich mit Vorkehrungen, die im . Hauſe des Oheims zu treffen ſeien. Eigentlich aber hatte ſie das Vedürfniß einſamer Stunden für ihre wirkliche Trauer, die keine Abzeichen trug. Sie mußte jedoch ver⸗ ſprechen, den Tag über wiederzukommen, und beſonders am Abende die große Illumination mit anzuſehen. Dann übernahm Fides die Herbeiſchaffung der Sachen durch einen verſchwiegenen Mann aus der Nachbarſchaft. Aber— was ſoll ich zu deiner Tochter ſagen, Freund! rief Blau, als die Frauen hinaus waren. Ich will nicht von ihrer körperlichen Entwickelung reden, das beſorgt bei einem geſunden und edeln Naturel die gute Mutter Natur: 53 woher hat ſie aber das freie, vornehme Weſen genom⸗ men, dieſe gemeſſene Art zu ſprechen, dieſen Anſtand in allen Geberden? Iſt denn in dem Alzenau ein kleiner Hofhalt, oder wächſt dergleichen mit den michelbacher und hörſteiner Trauben, und wird ſo mit den Fingern ge pflückt? Erasmus lachte vergnügt.— Ich war ſelbſt über⸗ raſcht, ſagte er; obſchon ich durch ihre Briefe auf Man⸗ ches vorbereitet war, auf Herz und Verſtand wenigſtens, wenn man auch Mienen und Manieren nicht brieflich dar⸗ legen kann. Ja, ja, Felix,— es iſt manchmal gar gut, wenn man ſeine Kinder zur rechten Zeit unter fremde Menſchen bringt. Alzenau hat's freilich nicht gethan; aber meine Fides iſt öfter nach Aſchaffenburg hinübergekommen, wo ihre ſelige Tante, ſelbſt eine geſcheite Frau, alte Ver⸗ bindungen hatte. Hier verkehrte meine Tochter in einem Kreiſe von Familien, die mit guten Manieren des Um— gangs einige Bildung und Welteinſicht verbinden. Alte adelige Damen, die vom Hofe abgeſchöpft, ſich als Rahm in bürgerlichen Häuſern oben aufſetzen, und mit den wäſ⸗ ſerigen Theilen des geſellſchaftlichen Verkehrs gemiſcht, nicht mehr ſo ſteif, ſondern beſſer zu genießen ſind. Beide Freunde lachten, und Blau fuhr dann fort So begreift es ſich freilich,— aus guter Umgebung. Wir müſſen aber deiner Tochter Seelenſtimmung dazu rechnen, als ſie Mainz verließ. Verſtand und Herz war eine Mitgabe der Natur; gute Gedanken und Geſinnun⸗ gen hatte mein alter Erasmus wecken helfen. Nun kömmt noch eine erſte, heimliche Liebe dazu, wie ein war mer Mairegen, und über Nacht ſind alle Blüthen der 54 Anmuth aufgebrochen. Deine Fides hatte von jeher etwas Schwärmeriſches, was nur durch die ängſtliche Frömmig⸗ keit deiner Frau ein wenig unterdrückt war. Wer kann errathen, was ſolch' ein Herz träumt? Dabei mag ihr auch ein guter Mutterwitz geſagt haben, daß man einige Schwungfedern anſetzen müſſe, wenn man mit ſeinem bür⸗ gerlichen Gefieder in einem alten hohen Stammbaum niſten wolle Gewöhnliche Gänſeflügel, häusliche Flederwiſche reichen da nicht zu Ach nein, Felir! ſchalt Lennig. Wie kömmſt du zu ſolchen Vorausſetzungen? Mein Kind iſt keine Närrin. Wer ſagt das, Alter! rief Blau mit Wärme. Ich rechne nur anders als du. Eine Zeit ſteht uns bevor, in der ſich jene urſprünglichen Seelenkräfte wieder geltend machen, die vor Jahrhunderten die hohen Stellungen im Leben eingenommen haben, wo ſie dann nach und nach wieder abſtändig geworden und ausgegangen ſind. Das Mark des Herrſchens vertrocknet in den fürſtlichen Stäm⸗ men, und nur die Holzringe der Erbfolge bleiben,— le⸗ gitime Stöcke, vom Purpur umhangen, vor dem ſich der vornehme Pöbel und das gläubige Volk beugt. Auch die alten Stammbäume des Adels müſſen mit neuen, ſaftigen Reiſern veulirt werden, wenn die Welt ihre Früchte noch genießen ſoll. Ha, ha! lachte Erasmus. Der Herzog von Braun⸗ ſchweig, der mit herübergekommen iſt, hat ſein altes Oeu⸗ lirmeſſer an der linken Seite mitgebracht. Gib nur Acht, Felir, was die Mächtigen jetzt impfen werden! Ich dächte, in dieſem Glanze der Königs- und Fürſtenmacht, der jetzt wie ein ſteer Sommertag auf unſerm goldenen Mainz begi Dur beſſ Erg wn wie ſe wi ſill K G fi i igen noch mn⸗ eu⸗ lcht, chte, jeßt lain 55 liegt, ſollte dir ein Licht aufgehen über deine heimlichen Clubiſtenträume, guter, ehrlicher Felir! Ich bitte dich um des Himmels willen, ſetze meinem Mädchen nichts derglei⸗ chen in den Kopf! Ich bin froh, daß ich ihr die Nach⸗ richt von des Barons Verlobung beigebracht habe. Nun? Wie hat ſie's aufgenommen? fragte Blau begierig. Im erſten Augenblick erſchrak ſie, antwortete Erasmus. Dann lächelte ſie geheimnißvoll, als ob ſie das Alles beſſer wiſſe. Nun endlich iſt ſie auf die eigenthümliche Ergebung gekommen, daß ſie ſich die höchſte Vorſtellung von der Braut macht,— wie gebildet und liebenswürdig, wie hoch- und edelgeſinnt ſie ſein müſſe, da der Baron ſie gewählt habe.— Wenn ſie nur keine Coudenhove wäre! habe ich ihr eingewendet; doch Fides meint, die Braut ſelbſt könne unmöglich coudenhoviſch ſein, weil ſonſt Franz Karl ſie nicht gewählt hätte; ob aber die Gräfin nicht das Glück des edeln Paares ſtören könnte—? Dieſer Zwei⸗ fel ſcheint jetzt mein Kind zu beſchäftigen und ihm heim liche Sorge zu machen. Gut! fiel Blau ein. Laß immerhin ſolche Zweifel ihr Herz beſchäftigen. Das gibt ihrer Seele eine edle Richtung nach außen, darin ſie von ihrer Trauer geneſt. Hoffen wir, daß Fides in ſolcher reinen, uneigennützigen Sorge um des Barons Glück und Zukunft das eigene Leid zuſetzen und verſchmelzen werde! Siebentes Kapitel. Bis die Sachen des geiſtlichen Raths herbeigeſchafft wur⸗ den und Frau Gertrud zurückkam, kleidete ſich Fides von der Reiſe um, ünd ſuchte ſich wieder heimiſch einzurichten. Sie entſchlug ſich der Empfindungen und Erinnerungen, die aus den Ecken ihres Manſardſtübchens lebhaft genug auf ſie eindrangen. Der Tag und das Haus foderten ihr Recht; auch blieb ihr die Angelegenheit der fremden Frau zu nahe an der Seite. Fides hatte inzwiſchen am Krankenlager der Tante und im geſellſchaftlichen Verkehr gelernt, ſowol auf die Bedürfniſſe ihrer Umgebung, als auf das ſo mannichfaltige Thun und Laſſen der Menſchen zu achten. Frau Gertrud intereſſirte ſie. Die hübſche Erſcheinung, ein guter Verſtand und edler Sinn gefielen ihr gar wohl; um ſo mehr befremdete eine geheimnißvolle Trauer, die über das Benehmen der wackern Frau wie hingehaucht erſchien,— eine Schwermuth, die ſonſt Leu⸗ ten aus dieſem Stand und von ſo geſundem, entſchloſſe⸗ nem Weſen nicht eigen zu ſein pflegt. Die Sachen, die Frau Gertrud überlieferte, wurden im Manſardzimmerchen untergebracht. Fides verſchloß die ſchwere Schatulle in einem Kleiderſchranke, ſtellte die Schubkiſte mit den Schriften unter den mit einem leichten Teppich umhangenen Tiſch, und btrachtete aufmerkſam das ziemlich vergriffene Buch, das in rothem Saffian aus gut th ſh ſe ni zu or 6 ſii ni Br F ſü nam erkeht nſchen übſche ſielen volle wie Leu⸗ loſſe⸗ urden ichten kſam au 57 dem ſchwarzen und etwas lockern Futteral hervorgerutſcht war. Sie fragte, was es ſei, ob vielleicht ein geiſtliches Album oder eine Sammlung von Auszügen aus guten . Büchern. Sie mochte dabei an ihre eigene Sammlung dieſer Art denken.— Gertrud, wenig darum bekümmert, legte das Buch mit der Bemerkung bei Seite, daß es des Oheims„Agende“ ſei, und die üblichen Kirchengebete enthalte. Dann legen wir's am ſchicklichſten unter dies Kruzifix, meinte Fides,— ich habe dann ein ordentliches Altärchen in der Stube. Lächelnd nahm ſie dabei die verdorrten Burbaumzweig lein hinweg, die noch von früher zwiſchen den Armen des kleinen meſſingenen Körpers hafteten Erheitert durch das Gelingen ihres Geſchäftes und die gute Aufnahme im Hauſe, ging Gertrud über die Ein theilung ihres Tages mit Fides zu Rathe, um ihre Ge⸗ ſchäfte mit Lennig's Einladung zu den mancherlei Schau⸗ ſtellungen zu vereinbaren. Es lag ihr vor Allem daran, mit dem Schiffer Jean Baptiſt Abrede für ihre Rückfahrt zu treffen. Dieſe Gelegenheit war ihr ja vom Oheim vorgeſchrieben. Wie erfreut vernahm ſie nun, daß der Schiffer ein Vetter von Fides ſei, zu dem auch gleich ge⸗ ſchict wurde.— Lieber Gott, wie glücklich ſich Alles trifft! ſagte ſie. Und ich bin mit ſo viel Angſt über die Brücke und durch die Stadt gegangen. Erſt in der Kirche fiel mir der gute Herr Lennig ein, und ich muß es für einen Fingerzeig des Himmels halten. Gewiß erwiderte Fides. Wenn wir in bangen Zwei⸗ feln nur unſer Gemüth recht ſammeln, finden wir im 58 eigenen Herzen auch die rechten Mittel und Wege. Frei⸗ lich, wenn wir uns blos mit dem Verſtand für nichtige oder vielleicht gar unrechte Dinge zuſammennehmen, kön⸗ nen wir recht verlaſſen bleiben oder auf Irrwege kommen: aber ein Beſinnen im Gebete geht doch gewöhnlich auf Rechtes und Gutes, und wir bleiben dann auch nicht ohne Auskunft, weil unſere Seele einen urſprünglichen Trieb und Sinn für die göttliche Ordnung in der Welt hat. Und dann noch Eins, woran mir gar viel liegt! fuhr Gertrud fort. Aber auch damit bin ich hier an die rech⸗ ten Leute gekommen. Herr Lennig, fällt mir ein, hat ja mit dem Baron von Wallbrun unſer Kaufgeſchäft we⸗ gen des Weinbergſtücks gemacht: ich kann alſo von Ihnen am beſten erfahren, wie, wo und wann der gnädige Herr zu ſprechen iſt. Zum erſtenmal ſeit ihrem Wiedereintritte in Mainz hörte Fides dieſen Namen nennen. Sie erſchrak nicht: denn ihre Gedanken und Blicke waren bei ihrer Ankunft durch die langen Gaſſen bis zur Umbach ſtill nach Franz Karl ausgegangen; daß ſie aber dieſen theuern Namen zuerſt aus fremdem Munde vernahm, gab ihr eine wun⸗ derbare Empfindung, und Gertrud kam dadurch ihrer Theilnahme gleich um Vieles näher. Deſto mehr erſchrak ſie aber auch, als die gute Frau mit einem Seufzer hin⸗ zuſetzte: Wenn ich nur erſt den gnädigen Herrn geſpro⸗ chen hätte! Nur mit dem großen dunkeln Auge wagte Fides zu fragen. Allein Gertrud beſchränkte ſich auf die flüchtige Erwähnung ihrer Bekanntſchaft mit dem Baron als Guts⸗ nachbar. Ihr Herz ſchloß ſich krampfhaft, als ſie ihres ſorge wollt Ausf Zahl dß Bin lnbe Mhei woll ham woll ſolle ſeine rung hohi hab tui und hiel wei Oh hub ale lainz nicht: kunft Franz men vun⸗ ihrer ſchrak hin⸗ ſpro⸗ es zl htige uts⸗ ihres 59 ſorgenvollen Anliegens und ihres Oheims erwähnen wollte Sie nahm ſchnell ihr früheres Kaufgeſchäft zur Ausflucht und ließ ein Wort von Kaufſchillingsreſt und Zahlungstermin fallen, hocherröthend, wie ſie bedachte, daß ihr Mann bei dieſer Unwahrheit als unzuverläſſiger Bezahler erſcheinen könnte.— Fides bemerkte dieſe See⸗ lenbewegung nicht; auch ſie hatte des Barons wegen zu verheimlichen, und beide ehrlichen Herzen, ſo vertrauens⸗ voll zu einander hingezogen, hielten gerade mit den Ge⸗ heimniſſen zurück, in denen ſie ſich auf gleichem Wohl⸗ wollen für denſelben theuern Freund hätten begegnen ſollen. Fides erinnerte daran, wie ſchwer der Baron jetzt in ſeiner Wohnung zu treffen ſein werde, da er als Regie⸗ rungsrath und Kammerherr während der Anweſenheit der hohen Herrſchaften gewiß um den Kurfürſten viel zu thun habe.— In fortgeſetztem Geſpräch erfuhr ſie, daß Ger⸗ trud über des Barons Verhältniſſe ſehr unterrichtet war, und da ſie dabei ihre lebhafte Theilnahme nicht zurück⸗ hielt; ſo berief ſich die etwas befangene Frau für ihre weiteren Mittheilungen auf die Unterhaltungen, die ihr Oheim mit dem Pfarrer Chambion über den Baron ge⸗ habt hätten; wobei ſie jedoch zu ihrer heimlichen Herzens erleichterung auch manches, was ſie aus Garzweiler's Fie⸗ berträumen wußte, mit einfließen ließ.— Mit der Ver⸗ lobung des jungen gnädigen Herrn ſoll es eine eigene Bewandtniß haben, ſagte ſie; man weiß davon, aber das verlobte Paar geſteht nichts ein. Die Gräfin Coudenhove ſoll Schuld ſein, und der Baron mit dieſer Dame gar nicht hell ſtehen. Deſto herzlicher aber mit der ſchönen 60 Comteſſe. Dieſe findet mein Oheim eben ſo liebenswür⸗ dig, als ſchön. Und ſie ſoll ſich durch den Umgang mit dem Baron ſehr zu ihrem Vortheil gemacht haben: denn früher wäre ſie ſehr neckiſch und ausgelaſſen geweſen; jetzt aber ſähe ſie eher etwas träumeriſch, aber ſo recht glücklich und befriedigt aus. Beſonders lobt mein Oheim den feinen Takt, wie er's nennt, womit ſie als geheime Braut ſich vor den Menſchen ſehr zärtlich und doch ganz unbefangen zu betragen wiſſe. O das iſt die Eingebung ihres Herzens! rief Fides bewegt. Man kann Alles, wenn man liebt. Und bei ſoviel Liebe— was wird ſich der Baron um dieſe Gräfin kümmern? Wie könnte ſie ſein ſchönes Glück ſtören? Ihre Thränen zu verbergen, wendete ſich Fides mit der gleichgültigen Frage ab: Wißt Ihr nicht, Gertrud, was es eigentlich mit der Coudenhovin iſt? Nein, antwortete dieſe mit einiger Befangenheit; oder vielmehr, ich hab' es nicht verſtanden, was man davon ſprach; doch ſoll es dem Herrn Baron verdrießlich gewe⸗ ſen ſein; ſo daß er auswärtige Geſchäfte geſucht hat. Der Kurfürſt hat ihn auch nach Lüttich geſchickt. Ja, das hat mir mein Vater erzählt, wendete Fides ein. Der dortige Fürſtbiſchof hat für die ihm geſtellten mainzer Soldaten 400,000 Gulden Entſchädigung zu be⸗ zahlen, verſäumte den Zahlungstermin, und der Kurfürſt braucht doch jetzt viel Geld.— Auch in Worms beim Prinzen Conde hat der Baron Geſchäfte gehabt,— wie mein Vater ſagt, wegen der Emigrirten, die ihre Sache ietzt nach dem Rathe des Kurfürſten an die hier verſam⸗ melten Monarchen bringen ſollen. abger und begri aber; ſict; ninic wobei uch ibrg, Oeſtic J tiſchen ieter Un klibe bwal liher Uner etwae un ſchen ihe Unn im ſir nh ih Du ir⸗ ng mit denn eweſen; ſo recht Oheim geheime ch ganz davon gewe⸗ t hat. Fides ſtellten beim wie Sache erſam⸗ 61 Sie wurden unterbrochen und aus der Manſarde hin abgerufen, wo Jean Baptiſt das zurückgekehrte Bäschen und die öſtricher Bekannte mit treuherziger Fröhlichkeit begtüßte. Gertrud eröffnete ihm ihr Anliegen, erfuhr aber zu ihrer Betrübniß, daß er ſie des andern Tags nicht zurückbringen konnte. Den hohen Herrſchaften ſollte nämlich nach der Tafel ein Schifferſtechen gegeben werden, wobei dem jungen Schiffer die Hauptrolle zugetheilt war. Auch blieb ihm dieſes Schauſpiels wegen kein Fahrzeug übrig, um die gute Frau durch einen ſeiner Leute nach Oeſtrich fahren zu laſſen. Jean Baptiſt erklärte dies mit einem gewiſſen prahle— riſchen Stolze, womit er ſich als Schiffsbeſitzer und Ge— bieter fühlte, ging aber bald wieder in ſeinen treuherzigen Ton über, und bat Gertrud, doch ja ein paar Tage zu bleiben und die Herrlichkeiten mit anzuſehen. Gegen Fides benahm er ſich ausgelaſſen luſtig und mit etwas zudring licher Zärtlichkeit. Sie verwies es ihm mit einer ihm unerwarteten vornehmen Haltung; und wie ihr ſchon ſein etwas phantaſtiſcher Anzug aufgefallen war, ſo fand ſie den Vetter auch ſeit ihrer Abweſenheit in ſeinem Aus ſehen und Betragen ſehr verändert Etwas Leidenſchaft liches war in ſeine Treuherzigkeit gekommen, eine gewiſſe Verwegenheit ſpielte in die Gutmüthigkeit ſeines Mundes, und eine wilde Glut loderte zuweilen in ſeinen Blicken auf. Mein Vater hat mir ſchon erzählt, ſagte ſie, was du für gute Geſchäfte mit deiner Gondel und deinen Booten machſt, und wie gern dich die vornehmen Damen zum Fährmann haben. Aber— nimm dich in Acht, Vetter! Du ſiſcheſt nach Geld und Gunſt, und ſteckſt am Ende deine Treuherzigkeit und Ehrlichkeit als Köder an die Glücksangel! Jean Baptiſt, halb verlegen, halb ſchalkhaft lachend, ſpielte Haſchens mit ſeiner Mütze und ſtrich mit zwei Fin⸗ gern die aufgeſteckte rothe Feder, bis ihn ein bekämpftes Leid übermannte. Da reichte er ſtürmiſch ſeine Hand hin; ſein lichtbraunes Auge glänzte feucht, und ſein freund⸗ licher Mund zuckte ſchmerzlich.— Du haſt Recht, Fides! rief er. Pfaffengeld bringt Teufelsſegen. Der verwünſchte Pater Garzweiler—! Er beſann ſich auf Gertrud, erſchrak, und wie er ſie höchſt beſtürzt daſtehen ſah, faßte er treuherzig ihre beiden Hände und ſagte in gutmüthigem Tone: Nichts für ungut, liebe, beſte Frau Cratzin! Es iſt ſo ſchlimm nicht gemeint gegen den hochwürdigen Oheim. Ich komme wieder, und ſage Euch wann wir fahren kön⸗ nen. Ich fahre Euch ſelber, und laſſe mir's nicht neh⸗ men, und wenn König und Kaiſer gefahren ſein wollen! Ich thu's Euch und dem Herrn Pater zu lieb, dem ich ſo viel Dank ſchuldig bin. Ich vergeſſe ihm ſeine Wohl⸗ thaten nicht, wie er es auch damit gemeint haben mag. Er wendete ſich an Fides und gelobte ihr in die Hand, daß er ſich beſſern wolle.— Ja, rief er aus, wenn ich einmal Eine fünde, wie du eine Jungfrau biſt! Aber du biſt nun einmal für mich nicht zu haben, und zu deinen Schweſtern kann ich kein recht Vertrauen faſſen. Zu meinen Schweſtern? Biſt du klug, Jean Baptiſt, lächelte ſie; worauf der Vetter mit Humor erwiderte: Ich glaube, du kennſt die bekannten himmliſchen Schwe⸗ ſtern nicht— Fides, Spes und Charitas? Die Spes hat nur hit Br Lio icht ſihſt ben kßt ſche rht rich eh iht G U m li n Y wi A 63 4 hat mich bisher immer freundlich angelächelt: wenn ſie nur nicht ſo blaß und mager ausſühe und ſo kalte Lippen „ hätte! Die Charitas aber will nur eine himmliſche Vraut werden, und ſchiebt allen Freiern ihre Couſine Lioba vor. Aber die Lioba iſt ein Allerweltsſchatz, und Hand ich traue ihr nicht. Du mußt mir freien, Fides! Ver⸗ ſtehſt du mich? Fides, die Gläubigkeit fehlt mir Fides eben! inſct Mit komiſcher Verlegenheit faßte er ihre Hand und küßte ſie, wie er es den Cavalieren gegen Damen abge⸗ 3 er ſi ſehen hatte; worauf er lachend und die Mütze auf das 3 beiden rechte Ohr gedrückt forteilte. Als ſich nun Frau Gertrud anſchickte, von Fides zu⸗ rechtgewieſen, nach der Wohnung des Barons zu gehen, heim. kehrt Vater Lennig vom Vicedomamte zurück, und erklärte lön⸗ ihr, daß Franz Karl ſoeben nach Hofe gefahren ſei.— neh⸗ Er wird überhaupt wenig nach Hauſe kommen, ſagte er. ollen! Wie mir eben der Herr von Bibra mittheilte, hat ihn mich unſer Kurfürſt aus beſonderer Gunſt, und um ſeinen 6 ß Bohl⸗ Liebling zu fördern, ſchon in Frankfurt den hohen Mo narchen beſonders vorgeſtellt, und zu den Conferenzen der Miniſter als geheimen Protokollführer empfohlen. Da en Staatsgeſchäften und Hoffeſten kaum zu mag. mdie aus, wird er zwiſch biſt Athem kommen können. und So mußte ſich die ängſtliche Frau gern oder ungern zur Geduld entſchließen, nahm ſich aber vor, morgen in aller Frühe den Geſchäften und Feſtlichkeiten des Tages beim Baron zuvorzukommen. ſſen ptiſt, hwe⸗ Achtes Kapitel. Der Nachmittag hatte ſich überwölkt. Ein lauer Wind wühlte in den ſeidenen Vorhängen des Speiſeſaals im rothen Schloß, wo die Monarchen zur Tafel ſaßen Die Garde in ſteifer Gala machte Spalier, durch welches ein Heer von Pagen mit den koſtbaren Schüſſeln und Ge⸗ ſchirren auf leichten Sohlen ab- und zuſchwebten. Das Deſert ward eben von den kurfürſtlichen Kammerherren umhergereicht,— Ananas-Biscuit, Orangen Gelees in den Schalen der Orange, köſtliches Backwerk in Form geheiligter Gegenſtände, worunter die Leidenswerkzeuge des Heilands von Zucker, Kelche und Monſtranzen von Mar⸗ zipan, Biſchofsmützen, Kardinalshüte, Krummſtäbe, Fiſcher⸗ ringe, Kapitelskreuze und dergleichen von feinſtem Mandel⸗ teiche vorkamen. Gewürzter Maderawein nebſt gefrornem und auf tokayer Fäſſern gelagertem Rheinweine begleiteten die Süßigkeiten. Die ſchleckenden und ſchlürfenden Zungen unterbrach endlich der junge Kaiſer.— Kurfürſtliche Gnaden, rief er, haben uns halter den Kaffee draußen präpariren laſſen,— wo iſt's? Wo hat's die reizenden Ausſichten? Droben, kaiſerliche Majeſtät, in Hochheim! antwortete 9 der Kurfürſt. Es iſt ein hübſcher Platz unter Bäumen, und heißt die Dechantenruh. Das iſt gar ein hübſcher Namen! lachte der junge, — gekrö dech ( ten hiem ſcho der 2 nenſch bunch. 6 wllen ſill nr w, die finde kehr lirm den ſcha zigen alle ſob olle kun mit 65 gekrönte Franz. Da muß uns halter der Herr Dom⸗ dechant hinführen! Er erhob ſich mit dem Blicke nach der entfernten zwei— ten Tafel, an welcher Fechenbach ſaß. Die Tafel war hiermit aufgehoben. Die Karoſſen des Kurfürſten hielten ſchon im Hofe, von unzähligem Volk umdrängt, das bei der Abfahrt der höchſten Herrſchaften zwiſchen den Kano⸗ nenſchüſſen in endloſen Jubel und Vivatſchreien aus⸗ brach. In der Zwiſchenzeit bis zum großen Konzert im pracht vollen Akademieſaale des Schloſſes ſuchte Franz Karl ſeine ſtille Erholung im Forſterſchen Hauſe. Er kam von ſei⸗ ner nahe gelegenen Wohnung herüber im feinen Ueber⸗ rock, der die ſeidenen Unterkleider des Hofſtaats bis unter die Waden bedeckte. Er hoffte die tiglichen Freunde zu finden, beſonders auch Stadion, den er ſeit deſſen Rück⸗ kehr aus Wien noch nicht geſehen hatte. Allein dieſe lärmenden prunkhaften Tage ſetzten alle Welt und ſelbſt ven ernſthafteſten Mann in Unruhe. Die Menge wollte ſchauen, der Nachdenkliche hören; und wie dem leichther⸗ zigen Volke der Himmel voll Luſtbarkeiten hing, die in allen Weinhäuſern mit Sang und Muſik wiederhallten: ſo blickte der Sinnige nach den Schlagſchatten dieſer glanz⸗ vollen Tage, dahinter ſich die Gefahren der nächſten Zu⸗ kunft regten. Zu dieſen Ueberlegenden gehörte Forſter, und trieb ſich, eines ſtarken Rheumatismus ungeachtet, am Rhein und in der Stadt umher. Nur Frau Thereſe war zu Hauſe geblieben. Ihr vorgeſchütztes Unwohlſein lag mehr in einem Kummer über ein Mißverſtändniß mit Huber. Der Freund kam Koenig, Elubiſten in Mainz. II 5 66 ſeit mehren Tagen nicht und ließ die Geſchäfte dieſer drang⸗ vollen Zeit für eine Entſchuldigung ſeines Ausbleibens gelten. Doch gingen Briefchen hin und her, und Thereſe hatte eben, während der Abweſenheit ihres Mannes, eine Erklärung mit etwas exaltirten Klagen niedergeſchrieben, und übergab den Brief zur eiligen Beſorgung dem Kin⸗ dermädchen in den kleinen Henkelkorb, worin es Zwieback zum Thee holen ſollte.— Denken Sie, Frau Hofräthin, berichtete das Mädchen, daß der Herr geiſtliche Rath Garzweiler in Oeſtrich auf dem Tode liegt. Seine Haus⸗ hälterin erzählte mir's, als ich heut Morgen dort vor⸗ überkam. Ein Bäschen oder dergleichen iſt ſchon von Oeſtrich heraufgekommen, und ſchleppt fort, was es nur kann. Es müſſen ja noch Bücher vom Herrn Hofrath dort lie⸗ gen, nicht wahr? Thereſe antwortete nichts. Sie hörte Schritte auf der Stiege und ihr Herz klopfte heftig, ob es Huber ſei. Aber nur Franz Karl trat ein, verwundert, Niemand zu finden. Und gerade Sie konnte ich am wenigſten erwarten, erwiderte Thereſe; Sie ſind doch mehr als mancher An⸗ dere in Anſpruch genommen. Sie dachte bei dieſem Andern an Huber, und ſein Ausbleiben ſchien um ſo weniger entſchuldigt. Franz Karl verſetzte Eben darum bedarf ich auch mehr der Erquickung, die ich bei Ihnen, liebe Freundin, am ſicherſten finde. Thereſe lud ihn zu ſitzen ein, und rühmte, wie hei⸗ ter und glücklich er ausſähe. Wer ſollte jetzt nicht vergnügt ausſehen in Mainz! mei wo den dit 1 Die wol mui ent ein ſu ich mi ab trich nn lie⸗ auf ſei zu ten, An⸗ ſein karl 67 meinte der Baron. Jedes Angeſicht ſtrahlt mehr oder weniger von dem uns zugefallenen Glanze wieder. So venkwürdige Tage müſſen wir in das aufgeräumteſte Ge⸗ dächtniß ſchreiben. Sie haben Recht, mit Ihrem frohen Auge das Licht zu ſuchen! verſetzte Thereſe. Unſer George geht in dieſen Tagen nur dem Schattenwurfe dieſes Lichtglanzes nach. Dieſe koſtbaren Sommertage oder köſtliche, wenn Sie wollen, die mit ihrem Jubel und ihren Beleuchtungen auch die kurzen Nächte noch in ihre Freuden hereinziehen, entfalten, ſo zu ſagen, eine Prachtblüthe der Weltgeſchichte, eine Aloe der Politik, eine mit Gold- und Purpurfarben ſtrahlende, mit berauſchender Würze duftende Blume, und ich wundere mich nicht, daß ein leichtherziges Völkchen mit Schmetterlingsluſt dieſe Pracht umgaukelt. Mein Mann aber hält es für wichtiger, nach dem unanſehnlichen Frucht⸗ knoten dieſes Blumenkelches zu blicken. Jene Blume, meint er, blühe in wenig Tagen ab, was ſich aber unter ihr anſetze, ſei der Same der Zukunft. Er zielt damit, wie Sie ſehen, auf das Dörfchen Weißenau, wohin die erſten Geſandten der Großmächte ſo ſtill und unbeachtet fahren, um in der getünchten Stube des Gaſtwirthes Göth, im Wirthshauſe zum Lämmchen, die Verhängniſſe Europas zu berathen, vielleicht herauszufodern. Sie blickte bei dieſen Worten mit ſchalkhaftem Lächeln in die Augen des Barons, und er verſetzte, der verſteck⸗ ten Frage und Neubegierde ausweichend Gut, daß Sie mich an die nächtlichen Beleuchtungen erinnern! Hier ſind zwei Karten für morgen Abend! Nach dem Schifferſtechen und der Tafel iſt Illumination in 5 68 der Favorite. Brillanteres wird nicht leicht wieder in Mainz geſehen werden, und Sie dürfen es nicht verſäu⸗ men. Es war mir gar lieb, daß ich Ihnen die zwei Karten verſchaffen konnte Thereſe nahm die Kärtchen mit freundlichem Dank und anzüglichem Lachen.— Ich weiß ſchon, was Sie lachen! bemerkte der junge Freund Sie lachen, weil ich mit den Karten dies Weißenau umgangen habe und was Sie gern aus dem Lämmchen hören möchten? Wahrhaftig! Und wie geſchickt, wie diplomatiſch—! rief mit ſchalkhaftem Ernſt Thereſe. Beſte Frau! verſetzte er. Schon daß die Politik zu ihren Verhandlungen eine weißenauer Kneipe, eine Dorf⸗ ſchenke gewählt hat, zeigt Ihnen, daß man ſich der Auf⸗ merkſamkeit auf ihre Berathungen entziehen will. Ich ſelbſt bin mit dem beſonderen Zutrauen der Protokolli⸗ rung dieſer Geheimniſſe begnadigt worden, und ich frage: Was würden Sie ſelber von mir denken, wenn ich nicht verſchwiegen ſein könnte? Aber dieſe Myſterien werden ſich bald öffnen; hinter den abgereiſten Monarchen wird ſich in wenig Tagen Alles— manifeſtiren. Denken Sie an dies Wort! Eben kam Forſter und brachte den Grafen Stadion mit. Der Kapitular begrüßte die Hausfrau und den Ba⸗ ron Franz Karl auf das Freundlichſte.— Sie Zögling des Glücks! rief er dieſem zu. Ich war eben bei Ihnen, zu gratuliren, und Ihr Jäger, der alte Kalchas der Diana mit dem Hirſchfänger, beſchied mich hierher. Was bin ich heut nicht ſchon gelaufen! Fahren mag ich nicht, da die Gaſſen jetzt immer von Mainzern und von Menſchen aus Hu ſich mei mi zu 69 ausgeſtopft ſind, die in jedem Wagen einen regierenden Herrn begrüßen wollen. Sie ſehen, wie eitel und eifer⸗ ſüchtig Ihr alter Freund iſt, Frau von Forſter! Hätten meine Wünſche nur die langen Gaſſen in Zwerge und meine Schritte in Rieſen verwandeln können, um früher zu meinen liebſten Freunden zu kommen! Wie freut's mich, Herr Graf, antwortete Thereſe, daß Sie Ihren Bilderreichthum wieder aus Wien mitge⸗ bracht haben! Wir beſorgten ſchon, er würde zum Schmuck des geheimen öſtreichiſchen Kabinets verwendet werden. Stadion widerſprach dem Gerüchte, als Wien geeilt, um bei dem neuen Kaiſer eine Anſtellung zu ſuchen. Dort ſtreitet ſich jetzt alles darum, ſagte er, wer den jungen Monarchen beherrſchen ſoll. Das Mini⸗ ſterium läßt nichts außer Acht, um zur Erweiterung ſei⸗ nes Einfluſſes den jungen Herrſcher ängſtlich und beſorgt machen. Sie waren ja droben bei der Krönung, Herr und wiſſen, daß man an den beiden Tagen ſei er nach zr von Forſter, verſchiedene Franzoſen arretirt hat, unter dem Vorwande, es ſei ein dreifarbiges Complot wider ſein Leben im Werke. Aber— nichts als Finten! Ich ſage Ihnen— Ach der arme Herr! rief Forſter. Wer möchte wider ihn complotiren? So jung, gutartig und unſchuldig ſah der Kaiſer aus, als er unter der Laſt des Hermelinman⸗ tels und der Krone in die Kirche ritt, und ſeine großen blauen Augen auf der Volksmenge umherirren ließ, daß — ich weiß nicht welches menſchliche Mitgefühl die un⸗ ſerigen unwillkürlich füllte. Man ſetzte ſich zum Thee, und Stadion erzählte von 7⁰ Wien.— Es wird fortan immer mehr Maxime der Miniſter werden, meinte er, die Herrſchenden mit Ver⸗ dacht gegen das Volk zu ängſtigen, und ſo wird man unkluger Weiſe, indem man für ſeinen Egvismus Macht gewinnen will, nur die Völker mächtiger machen. Iſt es nicht merkwürdig und vielleicht verhängnißvoll, daß jetzt zwei große Miniſter den Schauplatz verlaſſen ha⸗ ben,— Kaunitz und Herzberg? Mit ihnen ſcheint die Spannung zwiſchen Oeſtreich und Preußen gebrochen, und beide Monarchen hier, wie Rhein und Main ſich verbin⸗ den, zu Einer politiſchen Macht, zu einer„Union Deutſch⸗ lands“ zuſammenzufließen. Aber— ich traue Preußen nicht! Es hat ſich öfter ſchon um allen Credit der Zu⸗ verläſſigkeit gebracht. Haben Sie den alten Kaunitz geſehen? fragte Franz Karl. Iſt er denn wirklich ein ſo wunderlicher Kautz? Denken Sie, wie er mich empfangen hat! lachte Sta⸗ dion. Zwiſchen einem Billard und den Putzſchachteln einer Galanteriehändlerin. Schade! Sein Geiſt wird nur noch bizarr in ſeinem Geſchmack bleiben, nachdem er aufgehört hat, tiefſinnig in der Weltgeſchichte zu wirken. Noch be⸗ ſitzt der mittelgroße Mann ſeinen Adlerblick; aber er hat auch noch die künſtlich gedrechſelten Locken und die in den ſieben Ecken der Schönheit künſtlich conturirte Stirne. Diesmal trug er doch nur drei ſeidene Mäntel überein⸗ ander, da es nach einem Gewitter etwas kühl war; frü⸗ her traf ich ihn einmal in ſieben ſolchen Ueberwürfen. Man lachte und Franz Karl empfahl ſich, um ins Hof⸗Konzert zu fahren. Iſt er verlobt, oder iſt er es nicht? fragte Stadion hint Ril geſch ut und Nhn habe glit Uli gſe ſen übe ihn ſn for ſch ih che N ſ 71 hinter ihm her. Man legt mir in allen Häuſern dies Räthſel vor, das man mir ſchon nach Wien unter Couvert geſchickt hatte. Sie ſind ja ſeine Vertraute, Frau Thereſe? Nur nicht in dieſem Verhältniß, Herr Graf! antwor⸗ tete ſie. Ich war es mehr für ſeine frühere Neigung, und geſtehe, daß mich dieſe auch mehr anzog, weil ſie gegen das Herkommen verſchlug. Sie ſehen, auch ich habe mein revolutionaires Gelüſt! Im Kampfe ſucht man gleichgeſinnte Verbündete und ſo war ich des Barons Allürte.— Lieber Mann! rief ſie, über ihre Selbſtver⸗ geſſenheit erſchrocken, und reichte wehmüthigen Blicks For— ſtern die Hand über den Tiſch. Forſter ſah, verwundert über dieſe Anwandlung, zu ihr hinüber. Sie lächelte ihn an, aber Blick und Miene wechſelten lebhaft in die⸗ ſem beweglich⸗geiſtreichen Angeſicht. Indeß fuhr Stadivn fort, eine Aeußerung Cäciliens mitzutheilen, ein ihr ent⸗ ſchlüpftes Wort, das ihm aufgefallen ſei. Er habe mit ihr von der rühmlichen Laufbahn ihres Bruders geſpro⸗ chen, von dem Glück, als junger Mann den höchſten Monarchen perſönlich zu gefallen, und daß höchſt wahr⸗ ſcheinlich der Sanct Joſephs⸗Orden oder irgend ein Stern über ſeinem Herzen aufgehen werde, der ſpäter ſeinen Meridian durch ein Miniſterium nehme. Darauf habe Cäcilie lebhaft ausgerufen: Unter den Augen gekrönter Häupter verlobt zu werden, halte ich doch nach meinem Gefühl für ein höheres Glück.— Ich würde dieſen Seufzer blos dem liebebedürftigen Herzen der guten Cäci⸗ lie in Rechnung geſetzt haben, meinte Stadion, wäre nicht ein plötzliches Erröthen zum Ausleger dieſes Mäd⸗ chentraums geworden. 72 Thereſe gab ihm Recht. Etwas laſtet auf ihm, ſagte ſie, auf dem ſtumm gewordenen Herzen; ich hielt es bald für Kummer, bald für Verlegenheit. Vielleicht ſchämte er ſich vor mir, daß er erſt die jungen Flügel prüfend geſchwungen, wie ein Adler, der in freien Lüften eine hohe Bahn und ſeltene Beute ſucht, und jetzt wie ein junger Vogel Strauß mit verkümmertem Fittich in die Hofwüſte hineinrennt. Thereſens Stimmung verbitterte ſich während ihres Sprechens, vielleicht über den Baron, vielleicht über Freund Huber und ihre eigne Lage, und ſie fuhr nach einer kleinen Pauſe heftig fort: Ach, wie man ſich oft in lieben Menſchen irrt! Wie viel erwartet man von ihnen, und ſie verfallen endlich auch dem Bann des alltäglichen Lebens, der Rechtgläu⸗ bigkeit an geheiligte Gewohnheiten. Ich ſagte dem lieben Freund einmal, wie ich ihn noch ſchwanken ſah: Machen Sie ſich frei und Sie werden den rechten Zug haben. Nun hat er freilich den Kreis der gemeinen Anziehungs⸗ kräfte betreten,— des Ehrgeizes, des Hofglanzes, des geſchniegelten Wohlbehagens. Ei nun— ſei ihm die Erde leicht! Liebſte Frau von Forſter, rief Stadion, das fleht man ja über einem Begrabenen! Thereſe hat Recht! fiel Forſter mit Wärme ein. Ich wünſche einem Freunde, den ich recht lieb habe, auch ein rechtes Maß von Widerſpruch in ſeinen Begegniſſen, von Schmerz und von Sorgen. Nur dieſe leiten zu rechter Schätzung des Lebens an, und treiben zur Entwicklung jener edeln innern Kräfte, mit denen wir auch im dienſt⸗ —— dio no 5 kon un au m hi V ad mi end ne barſten Verhältniß das Leben beherrſchen. Aber der In⸗ ſtinkt des Leichtſinns führt eine flüchtige Seele ſolchem Krönungszuge der Leiden aus dem Wege, und leitet ſie auf jene breite Straße, an welcher der Pöbel frohndet, und die Vorurtheile der Welt Vorſpann leiſten. Ihr ſeid heilloſes, revolutionaires Volk! lachte Sta⸗ dion, und griff nach Hut und Stöckchen. Ich will lieber noch ins Theater gehen; obſchon ich vielleicht aus dem Regen in die Traufe dieſes„Otto von Wittelsbach“ komme. Es ſoll mich Wunder nehmen, ob die Studen⸗ ten und Bürger bei den anzüglichen Stellen dieſes Stücks auch jetzt noch applaudiren, wo das revolutionslüſterne mainzer Pack im Glanze der deutſchen Fürſten ſo luſtig hüpft, wie Mückchen in der Abendſonne. Stadion eilte fort, ſchalkhaft lächelnd, daß er mit dem Worte„Pack“ auch dem Forſterſchen Paar eins verſetzt habe. Neuntes Kapitel. Auch Erasmus und Fides hatten ihren Gaſt aus Oeſt⸗ rich ins Theater geführt, und es ſich Ueberredens genug koſten laſſen, die heimlich bekümmerte Frau dahin zu brin gen. Nun empfand gerade ſie die beſondere Wohlthat, daß der Anblick eines verwegenen Verbrechens ihr verzag⸗ tes Herz erſchütterte und ermuthigte 74⁴ Im Parterre verwunderte man ſich nur, wie gerade zur Nachfeier der Kaiſerkrönung durch ein ſolches Stück an alte Treuloſigkeit eines früheren deutſchen Oberhauptes und an die blutige Rache eines deutſchen Fürſten erinnert werden durfte, jetzt, wo man die lebhafte Theilnahme an einer Empörung gegen den König von Frankreich fürch⸗ tete, deſſen Haupt ſo bedroht war. Ein Schalk meinte, es ſei aus Politik zugelaſſen worden; man wolle prüfen, wieviel noch die Nähe gekrönter Häupter über tollköpfigen Pöbel vermöchte. Und obgleich man ſich in dem eigentli⸗ chen Beweggrunde der Wahl des Stückes, bei der Eitel⸗ keit des Schauſpieldirectors Koch, nicht täuſchte, indem dieſer ſich gern in der Rolle des Otto von Wittelsbach vor einem von Fremden gefüllten Hauſe zeigen mochte: ſo fanden doch einige Pedanten einen tieferen Bezug darin, und erinnerten an jene wunderbaren Fügungen, die im politiſchen Leben nicht ſelten vorkommen, daß kleine Er⸗ eigniſſe, ſcheinbare Zufälligkeiten dem Nachdenken der angſtvollen Regenten entgehen, um das Nachdenken eines gedrückten Volkes zu wecken. Aus dem Theater ergoß ſich ein drängender Menſchen⸗ ſtrom in das Gewühl der beleuchteten Straßen. Die ſehr kurz angeſagte Illumination fiel dennoch außerordentlich glänzend aus. Wohlgelungenes und Sinnreiches wechſelte mit viel Geſchmackloſigkeiten und lächerlichen Darſtellungen. Ueberall brannten in buntem Lampenſcheine ſchwergereimte Glückwünſche an das neue Reichsoberhaupt und deſſen Gemahlin, ſowie geiſtreiche Anſpielungen auf das gute Vernehmen beider Adler von Oeſtreich und Preußen. Hier und da ſchwang ſich ſogar ein anhänglicher Hofdiener zur „ — Poeſ einen gen üft St inen Ers Gert zit zur ließ Eri n ſein Se wie St G ſio en un kle 75 Poeſie auf, den verbundenen Waffen durch geöltes Papier einen fetten Sieg zu weiſſagen. Lärm und Jubel, Sin⸗ gen und Jauchzen, Läuten und Kanoniren währten in die tiefe Nacht. Man dachte nicht daran, die nächtlichen Stunden zu zählen, in denen man ſich den Eindrücken des Ungewöhnlichen und der allgemeinen Fröhlichkeit in einem Zauberreiche mit Leib und Seele hingab. Nur Erasmus hielt Maß, und zog ſich mit Fides, nachdem ſie Gertruden heimgeleitet hatten, bei Zeiten nach Hauſe zurück. Zum erſtenmal nach langer Abweſenheit ſuchte Fides zur Nachtruhe ihre traute Zelle wieder auf. Jetzt über⸗ ließ ſie ſich mehr, als am Tage, der Betrachtung und Erinnerung. Auch jener Stunde gedachte ſie, da Franz Karl zu ihrem Schreck hier eingetreten war, und ſein Bild, ſein Blick und Wort erneuerten ſich ſo lebhaft vor ihrer Seele, daß ſie erröthend mit dem Entkleiden inne hielt. Seltſame Vorſtellungen, die uns oft, man weiß nicht wie und woher, kommen! Sein damaliger Kuß, auf ihre Stirne gehaucht, war ihr bisher als Siegel eines heiligen Gelöbniſſes vorgekommen. So hatte ſie es auch mit frommer Seele gehütet; jetzt, unter der Glut, die ſie empfand, ſchien dies Siegel wegzuſchmelzen, das einen unausgeſprochenen Bund hatte beglaubigen wollen. Fides hatte Hut und Halstuch abgelegt, das Ueber⸗ kleid von ſich gethan, und trat im Unterkleide und Mie⸗ der an das offene Fenſter, durch welches eine laue Juli⸗ nacht hereinhauchte, und ihr den Duft der Levkoien und des Golvlackes, die Würze der Federnelken und des Ba⸗ ſilikum entgegenbrachte. Dumpf brauſte von der unteren 76 Stadt herauf, von der großen Bleich und dem Thier⸗ markt herüber, das Meer des Jubels; Kirchthürme und hohe Giebeldächer verglühten im Wiederſcheine der nach und nach abſterbenden Beleuchtung. Von Zeit zu Zeit ſiel noch ein müder Kanonenſchuß vom Rhein herauf, oder ſtieg eine Rakete über die dunkeln Dächer, und ſtreute verknallend ihre Funkentraube über den Häuptern der Zecher aus, die in den Gärten der Weinhäuſer bekannte Melodien im wirren Rauſche gleichſam zerpflückten. Alles in dieſem Leuchten und Lärmen deutete auf das Hinſter⸗ ben eines jubelvollen Tages. Dieſe Empfindung rührte wehmüthig an des Mädchens Herz. Es kam ihr vor, als ob die Schatten der Zukunft aus den funkelnden Sternen des ſchwarzen Nachthimmels zwiſchen dieſe glänzenden Kronen und prunkenden Fürſtenhüte des goldenen Mainz herabſänken; und nachdem ſie im Laufe des Tags aus dem Mund eines väterlichen Freundes, des lieben Pro⸗ feſſors Blau, ſo ahnungsvolle Reden vernommen hatte, ſchien ihr ein unſägliches Weh über Mainz zu ſchweben. Es war vielleicht nur ihr eignes Leid, was ein ſo edles Herz, an Sorge für Andere gewöhnt, außer ſich zu er⸗ blicken glaubte. Hatte ſie doch auch ſchon früher, und wie oft! aus demſelben Fenſter in ihre Zukunft geblickt. Damals wallte noch in der Frühlingsferne ihrer heimlich⸗ ſten Wünſche ein Morgenduft, der ſeinen ſilbernen Schmelz, ſeine funkelnden Perlen auf ihren Tag niederzuthauen ſchien. Nun aber war er aufgeſtiegen, hatte ihren Him— mel überwölkt, und netzte— die Augen der wachen Träumerin. Sie faltete die Hände und wankte ins Zim⸗ mer zurück; ſie ſchob das Fußbänkchen mit der Spitze des ——— Schul zifir zurte kein liche ſi fi Vin ufd ſröm Grgu Hin ſch heißt wohl denn dies und ſein blil fille hatt ſillſ und Fr wys mit ine dur und uch inz Schuhes vor den Tiſch, über welchem das ſilberne Kru zifir hing, und kniete zu ihrem Abendgebet nieder, die zarten Finger umeinander geſchlungen. Es war heute kein heiterer Dank für einen frohen Tag:— unausſprech⸗ liche Empfindungen kreiſten in ihrer jungfräulichen Bruſt; ſie fühlte, wie ihre ſüßeſten Hoffnungen, die unmündigen Wünſche ihres Herzens zerrannen. Sie ſenkte die Stirne auf die verſchlungenen Hände, und ein unſäglicher Schmerz ſtrömte auf den Teppich des Tiſches.— Doch, es war vas Leid eines edeln Gemüths, und bald empfand ſie die Erquickung, als ob ſich mit dieſem Erguß ihr innerer Himmel reinige. Wie ſie den feuchten Blick erhob, hatte ſich alles Zagen und Zucken ihres Herzens in den einen heißen Wunſch aufgelöſt, daß es dem„geliebten Freund wohl gehen möge.“ Ein bloßes Gebet war es nicht; denn es miſchte ſich gleich das lebhafte Verlangen bei, vies Wohl mit zu ſchauen, ſich daran zu freuen, ſo ſtill und heimlich wie an den ſchönen Gedichten, die ſie von ſeiner Hand geſchrieben ſo froh bewahrte. Wie theuer blieben ihr jetzt dieſe vom Baum ihrer Hoffnung abge⸗ fullenen Blätter! Sie waren ihr nach Alzenau gefolgt, hatten ihr manche Nacht am Krankenbette der Tante Ge ſellſchaft geleiſtet. Fides ſelbſt hatte noch viele Gedanken und Gevichte dazu geſammelt und auf Blätter gleichen Formats geſchrieben. Dieſen ſollte nun zu Theil werden, was ihr ſelbſt nicht beſchieden war: ihre Handſchrift ſollte mit jener des Freundes zuſammengebunden werden zu einem Liebes⸗Album Bei dieſem frohen Einfall— wie ſich denn die Ge danken eines bewegten Herzens oft wunderbar aneinan⸗ 78 der reihen!— ſuchten die Augen der Knienden das Buch Garzweiler's, das vor ihr lag,— die„Agende“, die ſie erſt für ein Album angeſehen hatte. Sie fragte ſich, ob ihre Sammlung, wie dies Buch in rothen— oder lie⸗ ber in himmelblauen Saffian gebunden werden ſollte? Und begierig, wie ſich das Roth ausnehme, faßte ſie, wie mit einem Griff in ihr Schickſal— und zückte aus der ſchwarzen Scheide das rothe Buch.— Sie ſchlug es auf, und die loſen Blätter fielen auf dem Tiſch auseinander, — alle von derſelben ſorgfältigen und deutlichen Hand mehr oder weniger beſchrieben. Das oberſte Blatt war dem erſchrockenen Mädchen zwiſchen die zufahrenden Fin— ger geglitten, und—„Baron Franz Karl“ über⸗ ſchrieben. Eben ſchlugs zwölf von der nahen Emmeranskirche, und Fides ſchauerte zuſammen, wie von der Erſcheinung eines Geſpenſtes. Sie las mit durſtigen Augen fort und fort, bis das Talglicht aufflackerte. Die Lichtflamme des Stumpfes, am langen, ſchwarzen Dochte niedergegan⸗ gen, hatte den papiernen Wickel, mit welchem die Kerze im Leuchter befeſtigt war, ergriffen, loderte dampfend auf, und erloſch. me wW w Zehntes Kapitel. Der frühe Strahl des Tages fand Fides in ihrem hal⸗ ben Anzug auf dem Bette liegen, wo ſie nach der Er⸗ ſchöpfung qualvoller Stunden eingeſchlummert war. Sie erwachte mit einem halb erſtickten Schrei, und ſtarrte um⸗ her. Es war ihr im erſten Augenblicke nicht klar,— hatte ſie ſo Entſetzliches geträumt oder— geleſen. Ja, geleſen! ſagten ihr die ſchauderhaften Blätter, die ſie jetzt wieder auf dem Tiſch erblickte. Sie erhob ſich und wankte dahin. Und wie ihr kum⸗ mervolles, unruhiges Auge bekannte und unbekannte Na⸗ men als Ueberſchriften der zerſtreuten Blätter fand, er⸗ wachte in ihr der erſte Vorwurf, daß ſie fremdes, ver⸗ wahrtes Eigenthum geöffnet habe. Doch vor der entſetz⸗ lichen Geſchichte, die ſie geleſen und in welche ſie ſich ſelbſt verflochten gefunden, verſtummte gleich wieder dies vorlaute Gewiſſen. Sie erkannte lebhaft, daß es kein Diebſtahl, was ſie erfahren, ſondern eine verhängnißvolle Beſcherung war. Ihre heimlichſte Geſchichte vom erſten Begegnen mit dem Baron, jene verſchämten Empfindun⸗ gen, die ſie ſelbſt der Mutter verſchwiegen hatte(an die Magd dachte ſie nicht), die Abſicht Garzweiler's, ſie als Liebesnetz für den jungen Baron zu brauchen, die Art und Weiſe, wie er dieſen zum Verrath der Kabinetsge⸗ heimniſſe gebracht hatte, der Vorfall mit den Granaten, 80 die Ueberliſtung der Gräfin Coudenhove, die Kunſtgriffe dieſer Dame, den Baron zu gewinnen, die Veweggründe ſeiner ſchnellen Beförderung, die überraſchende Verlo⸗ bung Franz Karl's vor dem Kurfürſten, das Ge⸗ heimniß der Ausſteuer Joſephinens— kurz, Alles ſtand mit Tag und Datum, bündig gefaßt oder flüchtig ange⸗ deutet, zuweilen mit Selbſtgefälligkeit ausgeführt da. Viel⸗ leicht ließ es Garzweiler von ſeiner Stimmung, von ſei⸗ ner Zeit oder Abſicht abhangen, was und wie umſtänd⸗ lich er außzeichnete. Bei aufgeregter Phantaſie mochte er einen ſtummen Mitwiſſer ſeiner geheimſten Gedanken, einen Spiegel ſeiner Selbſtzufriedenheit an dem rothen Buche, dem Begleiter ſeiner ſchönſten Jahre, ſuchen.— Fides dachte nicht darüber nach; ſie begriff raſch das All⸗ gemeine und entzifferte das Einzelne. Mit jener Seelen⸗ angſt, die in Nacht und Dunkel ihren Augenſtern erwei⸗ tert, durchſchaute ſie die Geheimniſſe dieſer geiſtlichen Agende, und wie ſie mit der geſpreizten linken Hand alle andern Blätter immer weiter von ſich ſchob, als fürchte ſie ſich vor dem Unrecht fremder Geheimniſſe; ſo vertiefte ſie ſich mit dem Gefühl ihres Rechtes an das eine Blatt, in deſſen Inhalt und in ihre eigenen Empfindungen. Eine ſo friedliche Zukunft hatte ihr durch die Som⸗ mernacht zugeblickt, und nun warf dieſer Tag mit ſeinem luſtigen Strahl durch das noch geöffnete Fenſter die angſt⸗ vollſten Ahnungen in ihre Seele. Darüber vergaß Fides der Stunde des Kaffees und daß der Vater heut etwas früher auf's Vicedomamt ge⸗ hen wollte, um den dringendſten Geſchäften einige Stun⸗ den für die Luſtbarkeiten des Tages abzugewinnen. Es wart duld Ben wiet und ſchli iht haſt Sht Blit dun den ent ſch ſie Ei ſel als ſit N ſu un w kr n er 81 ward immer ſpäter, und Erasmus, des Wartens unge⸗ duldig, ſchlich endlich die Treppe hinauf mit der lächelnden Betrachtung, wie prächtig das Mädchen zum erſtenmal wieder im eigenen Bett ſchlafe. Leiſe öffnete er die Thüre und rief ſcherzhaften Vorwurfs: Aber Fides! Lang⸗ ſchläferin! Fides erhob ſich raſch ihm entgegen. Ihr Ausſehen, ihr verſtörtes Schweigen erſchreckte den Vater.— Was haſt du, meine Tochter? fragte er beſorgt, und auf ihr Schweigen unruhig umherblickend: Was ſind das für Blätter und Briefe dort, Fides? Rührt ſie nicht an, Vater! rief ſie mit wildem Aus⸗ drucke. Und als Erasmus nur deſto entſchiedener nach dem Tiſche ſchritt, warf ſie ſich mit offenen Armen ihm entgegen. Ihr Ausdruck war verwirrt, ihre Gedanken ſchienen noch in jene Geheimniſſe verſchlungen, von denen ſie im Gefühl tiefſter Beſchämung und Kränkung jeden Einblick und Verrath abzuhalten kämpfte. Ihr Vater ſelbſt erſchien ihr in ſolcher Aufregung des Gemüths nur als unbefugter Eindringling in ihr entehrendes Geheimniß. Mein Gott, wie biſt du entſtellt! rief Erasmus außer ſich. Was, um aller Heiligen willen, iſt denn da über Nacht für ein Unglück in mein Haus gekommen! Bei dieſem Klageton des Vaters ſank Fides an der ſtattlichen Geſtalt des Mannes nieder auf das Knie; ihr verhaltener Schmerz brach in heftigem Weinen und ſtoß⸗ weiſem Schluchzen aus; wobei ſie fortwährend den Vater krampfhaft umſchlungen hielt. Erblaßt, verwirrt, bald nach dem Tiſche hin, bald auf ſein Kind niederblickend, erreichte Erasmus nur vas Halstuch auf dem Stuhl, um Koenig, Clubiſten in Mainz. 1 6 82 es über die vom Herzbeben erſchütterte Bruſt ſeiner Toch⸗ ter zu werfen.— Nun, nun, mein Herzenskind! rief er weich. Kannſt du dich denn gar nicht beruhigen? Komm' doch! Sei doch vernünftig! Es wird gewiß nicht ſo ſchlimm ſein. Laß mich jetzt die unglücklichen Briefe ſehen, die dich in ſolchen Zuſtand verſetzen. Fides umſchlang ihn noch feſter. Sie konnte nur die wenigen Worte hervorbringen, die ihn beſchworen, nicht an jenes unſelige Geheimniß zu rühren. Einen Augenblick ſtarrte Erasmus auf ſie herab; ein wilder Gedanke, die Vorſtellung von den Folgen eines in Alzenau etwa gepflogenen Umgangs flammte aus ſeinem Blick, und er rief: Ha! großer Gott,— du biſt entehrt! Ich bin entehrt, Vater! ſchrie— das Wort in ihrem Sinne faſſend— Fides mit entſetzlicher Stimme, ſchoß wie eine Lanze an ihm auf, umklammerte ſeinen Hals und jammerte eine neue Thränenflut auf die Hemdkrauſe des erſchütterten Mannes. Eine verzweiftungsvolle Stille trat ein. Fides zitterte nur fort und fort an des Vaters Bruſt, in der ſich die wildeſten Empfindungen und Entſchlüſſe mit ſeiner unglück— lichen Vorſtellung verbanden. Gut, unglückſeliges Geſchöpf! rief er endlich in tiefem, bitterm Ton, und mit zuckenden Lippen. Jetzt muß ich die Blätter ſehen,— die Blätter, dort die Blätter— ſehen, und wiſſen, ob ich eine entehrte Tochter behalten muß, oder welchem Schurken mein entartet Kind nach⸗ werfen—! Vater! rief Fides, von ſeiner Bruſt zurückweichend, und ſetzte nach einigen Augenblicken zuckenden Schmerzes um in d hoh and Zin ſten Ihit dric mr Kit vete e w 83 um den ſchönen Mund, mit einem langen, ſtolzen Blick in des Vaters Auge gefaßt hinzu: Ja, nun leſt die Blätter! Sie trat dem Vater aus dem Wege, und verließ mit hoher Haltung das Zimmer. Wie lange Erasmus an dem einen Blatte las und andere durchlief, zählte Fides nicht. Als er endlich das Zimmer verließ, fand er ſeine Tochter auf der Thürſchwelle ſiend, die gefalteten Hände im Schooſe, den Kopf an die Thürpfoſte gelehnt. Stumm, mit feuchten Augen hob er ſie auf, und drückte ſie an ſein Herz.— Vater! flüſterte ſie, denn man hörte von unten die Stimme der Mutter aus der Küche,— dies bleibt unter uns, nicht wahr? Und Ihr vergebt mir! Du— mir! rief er lachend und weinend aus. Rei⸗ ner, heiliger Engel du! Ja, unter uns— mein Miß⸗ verſtändniß! Unter uns dein Jammer, armes Herz! Aber die Blätter da drinnen, dies flammenrothe Buch der Hölle — walte Gott! Noch einmal ſchloß er Fides an ſeine Bruſt. Vater und Tochter ſahen einander in die Augen, gerührt und durch die Rührung lächelnd. Sie neigte ſich, ſeine Hand zu k er hob ſie, wie ein Kind, auf ſeinen Arm und trug ſie auf den Abſatz der Treppe. Doch hier ward ſie ihres nächtlichen Anzugs inne, und eilte erröthend zurick, ſich anzukleiden. ſen; Elftes Kapitel. — Derſelbe Morgenſtrahl, der auf das nächtlich entblätterte Geheimniß eines umtriebevollen Prieſters fiel, erheiterte eine ſehr gemiſchte Geſellſchaft von Mainzern, die in der Allee am Rhein den Brunnen tranken. Dies war ſeit Jahren ſo üblich geworden, daß die Allee ſelbſt den Na⸗ men der Kur⸗Allee erhielt. Dem häuslichen und heimi⸗ ſchen Leben jener gelaſſenen Zeit entſprach es, die Ge⸗ ſundbrunnen lieber an ſich heranzubringen, als ihnen, wie heutzutage, nachzureiſen. Man ſchlug damals die Wirkung eines Badebeſuchs auf die Kaſſe höher an, als den Einfluß des unmittelbaren Sprudels auf die Geſundheit. Die unruhigen Tage des hohen Fürſtenbeſuchs trieben auch Manchen vor das Raimundithor, dem es gar nicht um entkorkte Waſſerkrüge, ſondern um friſche Meuigkeiten galt. Dieſe fanden beim Wirthe des Vaurhall einen leidlichen Kaffee mit mürben Wecken. Dabei waren hier die Morgen ſo erfriſchend unter den hohen Bäumen, ne⸗ ben dem hauchenden Strom und auf einem Wege, den während der Kurzeit ein fürſtlicher Spritzwagen zu netzen pflegte Als Forſter herauskam, ſeine fünf Becher weilbacher Schwefelbrunnen zu trinken, war es ſchon ziemlich belebt. Man ſaß oder wandelte in vertrauten Geſprächen. Doch der Freund wich bekannten Geſichtern aus, um nach Be⸗ ke ba au als heit eben nicht iten nen hier ne⸗ den ten cher lebt doch e 85 hagen die erſten Becher zu verlaufen und der heiteren Morgenlandſchaft zu genießen. Er erreichte die Höhe über der Mühle. Wie ſonnig und friſch lag in der grünlichen Flut des Stromes die Au mit dem kurfürſtlichen Luſt⸗ ſchlößchen und den Baulichkeiten einer Schweizerei! Von drüben herauf ſchimmerte das Schloß Bieberich, von Al⸗ leen und hohen Gartenbäumen eingefaßt. Dahinter Mos⸗ bach mit ſeinem Kirchthurm in fruchtbarem Thalſchooſe, aus welchem noch leichte Nebelflöre um den mattblauen Taunus wallten. Die Frühglocken tönten herüber, und wenn ſie mit dem wechſelnden Weſtwinde verhallten, brachten die Lüfte das Harz des Fichtenwaldes mit ſich, vas im Rücken des Beſchauers der warmen Frühſonne als Weihrauch dampfte. Lauter rauſchte dann aus der Tiefe der Bach und ein ſchreiender Raubvogel erhob ſich kreiſend in die tiefblaue Luft. Beim dritten Becher fiel unſer Freund dem Profeſſor Hofmann— man konnte wol ſagen, in die Klauen; denn der heftige Mann faßte ihn mit derber Hand an einem Knopfe des Ueberrockes, was bei dem lauten Spre⸗ cher gewöhnlich ein vertrauliches Wort bedeutete.— Es iſt nichts herauszubringen, lieber Hofrath! ſagte er, und erzählte Forſtern ins Ohr, wie er und Wedekind den Schenkwirth Göth in Weißenau bearbeitet hätten, die Conferenzen der Miniſter zu belauſchen.— O machen Sie kein Geſicht, beſter Mann! rief er lachend, als ihn Forſter verwundert anſah. Gegen die Geheimniſſe ſeiner Frau mag man discret ſein; aber die Politik iſt eine Metze, und gegen ihre Finten und Kniffe Alles erlaubt. Und wollen Sie wiſſen, wie's dem dicken Göth ergangen iſt? Hören Sie! Es iſt zum Todtlachen! Da die aus⸗ geſtellten Bedienten jede Annäherung an die Thüren des Tanzſales, wo die Miniſter ſitzen, mithin das bequeme Lauſchen verhindern, ſo hat ſich Göth vor der Ankunft der Excellenzen in den großen Ofen geſteckt, aus dem er vorher die Kachel genommen hatte. Und nun, lieber For⸗ ſter, hörte er Alles, vernahm jedes Wort: aber— ſie ſprachen franzöſiſch, und der gute Göth war in Verzweif⸗ lung. Er muß die ganze Seſſion im Ofen aushalten, muß ſich beſtändig unter das Kachelloch ducken, damit er nicht zufällig geſehen werde, weil die Herren abwechſelnd hin und her wandeln und Einer ſogar, der an der Aus⸗ zehrung der deutſchen Freiheit zu leiden ſcheint, ſich durch das Kachelloch räuſperte, muß in dieſer unbequemſten Lage ſchwitzen und ſchmoren, und kömmt endlich halb ohnmäch⸗ tig und geſchwärzt wie ein Teufel aus dem Verſteck; ſo daß die gute Frau Göth ein Kreuz um das andere vor ihrem eigenen Manne ſchlägt. Sehen Sie, lieber Hof⸗ rath, ſo iſt der Göth in Weißenau der Erſte, der von den neueſten Geheimniſſen der deutſchen Politik ſchwarz geworden iſt! Hofmann lachte dabei aus Leibeskräften. Andere tra⸗ ten hinzu, darunter Wedekind, der hier ſeine Patienten berieth, und Eickemeyer, der die Arbeiten der nahen Fe⸗ ſtungswerke beaufſichtigte. Der Major war ein ernſter Mann von guter ſoldatiſchen Haltung, ruhig umher⸗ ſchauend, wenig ſprechend, und wenn er ja einmal in ſei⸗ nem ſtillen Kummer und heimlichen Mißmuth lächelte, ſo war es, als fiele ein Abendſtrahl in eine Gewitterwolke, die davon nur deſto ſchwärzer erſcheint. Da man wußte, tig ſie mi bef wi hr zur in det Ni kö No 91 tigten Tagen wenigſtens mit Stoßbeſuchen; aber er war ſtets über ſein Herzensverhältniß zurückhaltend und lehnte mit einer gewiſſen Befangenheit ab, was die Stadt ſo beſtimmt wiſſen wollte. Nehmen Sie das im beſten Sinn, lieber Forſter! er⸗ widerte ſie. Mein Bruder hatte gewiſſer Rückſichten hal⸗ ber der Gräfin und ſich ſelbſt das Wort gegeben, ein zartes Band, das ſchon im April geknüpft wurde, noch eine beſtimmte Zeit verborgen zu tragen Und mein Bru⸗ der iſt darin ein echter Cavalier, daß er Wort hält Nicht Alle von unſerem Adel nehmen's ſo genau. Ihr Ton bei dieſen letzten Worten hätte verrathen können, daß ſie des abwendig gewordenen Grafen Stadion noch immer nicht vergeſſen habe. Sie fuhr fort: Die Zeit dieſes klugen Geheimniſſes iſt vorüber, und ich darf Ihnen vertrauen, daß er morgen Abend auf dem großen Hofballe zum Bräutigam erklärt wird. Der Kur⸗ fürſt ſieht es mit ſeinem Liebling auf einen recht glän⸗ zenden Augenblick ab, weil auch die Monarchen viel Gnade für Franz Karl haben, und Joſephine ohnehin mit ihrer Liebenswürdigkeit Alles entzückt hat. Der König von Preußen iſt ganz eingenommen von ihr, und bringt ihr die gnädigſten Huldigungen dar. Wahrlich, lieber For— ſter, eine Verbindung, wie lange keine in Mainz ſo be⸗ neidenswerth zu Stande gekommen iſt! Das ſchönſte Paar in den glücklichſten Verhältniſſen! Die Comteſſe hat nämlich— doch das unter uns, lieber Freund!— ein ſehr bedeutendes Kapitalvermögen,— Vermächtniß einer Tante, glaube ich, und die Gräfin gibt eine glän zende Ausſtattung dazu. Ohne Zweifel laſſen es auch die Monarchen nicht an Auszeichnung für Franz Karl fehlen. So hohe Miächte, denen alle Geſchenke der Ehre in Händen liegen, können unmöglich in einem ſo glän⸗ zenden Zeitpunkt und als Gäſte des Kurfürſten Zeugen eines ſo liebenswürdigen Bundes ſein, ohne ihn zu ſchmücken. So ſieht es wenigſtens der Kurfürſt an, und erwartet Orden und Rang für Franz Karl. Bei Lev⸗ pold's Krönung wurde ja die Familie Coudenhove auch in den Grafenſtand erhoben. Glück überſchüttet ſeine Lieblinge! rief er aus, als Cäcilie ſchwieg. Und Ihr Bruder ſelbſt, liebe Baroneſſe— Haufen Studenten, die man von weitem ſchon ſingen gehört, und die eben, ein bekanntes Spottlied abbrüllend, vorüberzogen. Man verſtand folgende Strophen Cäcilie brach plötzlich ab, als ob ſie doch von den heimlichen Erwartungen der Familie zu viel verrathen hätte. Sie war ſchlau und geſcheit genug, ſo lange ihr Verſtand herrſchte; nur lief das Herz manchmal mit ihr davon, und ſie wußte recht gut, daß ſie ſich alsdann vor mädchenhafter Unbedachtſamkeit, ſowie vor leidenſchaftlicher Hingebung zu hüten habe.„ Forſter hatte ihr ſehr bewegt zugehört.— Ja, das Cäcilie unterbrach ihn durch Hindeutung auf einige Kommt, ihr chriſtlichen Hebräer Ihr Tablettenkrämer her: Kurfürſt ſtempelt Medizäer, Macht in Mainz euch reich und ſchwer. Lumpenjunker, Flohmaſetten, Kommt nur immer an den Rhein: Furfürſt weiß euch weich zu betten, Werdet bald Großmogul ſein. 65 5 Die hint ſche wik hiſi und giſſ zu Md ſhei Str u re en zu nd in ige gen nd, 93 Wer da hat den Papſt zum Vetter, Iſt vom Kardinal nicht weit; Hat er vor der Stirn' auch Bretter, Strahlt er doch in Herrlichkeit. Die Sänger zogen die zerſtreuten Brunnengäſte herbei und hinter ſich her. Sie ſchienen es auf das Carrouſel abge⸗ ſehen zu haben. Und nicht lange, ſo beſtürmten ſie es wirklich, nöthigten den Aufwärtern das Spielgeräth ab, beſtiegen die hölzernen Pferde und ſchwebenden Wagen, und trieben unterm Jubel der Umherſtehenden das Rin⸗ gelſtechen, Pfeilwerfen nach Türkenköpfen und was ſonſt zu dieſer adeligen Ergötzlichkeit gehörte. Hofmann und Andere jauchzeten Beifall, und Wedekind ſtimmte, wahr⸗ ſcheinlich in Gedanken an ſeinen fatalen Hofprozeß, eine Strophe des vorigen Liedes an: Bleibt in jure arme Wichte, Aber ſprecht dem Herrn zu Dank, Und beim mainzer Hofgerichte Steht für euch die Adelsbank! Der Admiral und Comteſſe Agnes waren außer ſich über dieſen Unfug. Sie erkannten darin eine abſichtliche Verhöhnung des Adels, wahrſcheinlich von den heimlichen Jakobinern und Clubiſten angeſtiftet. Beſonders entſetzten ſie ſich über die Verwegenheit, daß dergleichen eben jetzt und in der Nähe der hohen Mächte gewagt werde. For⸗ ſter aber fand dies begreiflich, etwa wie unter großem Lärm und Geräuſch auch die gewöhnlich Flüſternden lau ter zu ſprechen geneigt wären. Comteſſe Agnes beſtand darauf, dieſe verächtliche Region zu verlaſſen, und der Admiral bot den Damen ſeine Arme, ſie nach dem Wa⸗ 9⁴ gen zu führen. Cäcilie dankte, und bat um die Erlaub⸗ niß, mit Forſter zu Fuß bis an das Thor zurückzukehren. Was wollten Sie von meinem Bruder ſagen? fragte dann mit vertraulicher Freundlichkeit. Sein eigener, ſein perſönlicher Werth ſiel mir ein, als Sie zum Lobe ſeiner Braut ſprachen, antwortete Forſter, und ich erwog zu ſeiner ehrenvollen Stellung die ſchönen Güter des Glücks, die ihm zu Theil geworden, beſonders auch dieſe reizende Beſitzung am Rhein—. Dort wird er auch ſeine Honigwochen zubringen, fiel Cäcilie ein. Er hat ſich das von Joſephinen ausgebeten. Er zieht jenen Beſitz ſeinen hübſchen Gütern in Fran⸗ ken vor. Forſter pries das Glück eines ſichern Beſitzes ohne Sorgen für das Zeitliche. Er ſprach über den Druck ei⸗ nes beſchränkten Einkommens, über das Tödtende der Arbeiten, die dem laufenden Bedürfniß dienen. Der Freund hing bei ſeiner jetzigen Unpäßlichkeit wieder leb⸗ hafter, als ſonſt, ſeinen ökonomiſchen Gedanken nach; be⸗ ſonders da er jetzt die Nachwehen ſeines Aufenthalts in Frankfurt während der theuern Krönungsfeſte zu verwin⸗ den hatte. Vielleicht warfen auch die koſtbaren mainzer Vorgänge durch ihren Aufwand ein Grelllicht auf die dunkeln Sorgen ſeines Hausweſens. Er hatte nach ſeiner jüngſten Berechnung mit Huber im letzten Jahre über dreitauſend Gulden gebraucht, und ängſtigte ſich eben, wie er für das laufende Jahr ſeinen Gehalt von nur achtzehn⸗ hundert Gulden durch Nebenerwerb ergänzen wollte. Es entging der Baroneſſe nicht, daß die allgemeinen Bemerkungen des Freundes aus einem eigenen ſtillen ſi Kun cheln hiu ſugt mit widn erfod dbe lule hit, muß, der ſru Geſe ungi frie nen Grl Sy nou e iel Un ri aub⸗ hren ragte als rſter, önen nders fiel beten. ran ohne k ei⸗ der 95 Kummer floſſen; ſie brachte es geſchickt und mit einſchmei— chelnder Vertraulichkeit auf ſeine perſönlichen Verdienſte und häusliche Lage.— Es fehlt mir wahrlich nicht an Muth, ſagte Forſter mit Wärme, nicht an Seelenſtärke, mich auch mit leidendem Körper dem einmal ergriffenen Berufe zu widmen, und was die Bedürfniſſe einer Familie in Mainz erfodern zu erwerben. Was mich aber zuweilen recht nie— derbeugt, iſt die Betrachtung, daß man Kräfte und Ta⸗ lente, ſo groß oder gering die Natur Einem ſolche verliehen hat, immer nur der Nothdurft des Tages dienſtbar machen muß, und nicht der öffentlichen Wohlfahrt, dem Intereſſe der Welt weihen kann. Sehen Sie, meine verehrte Freundin, das iſt das Loos der ſchönſten Kräfte,— vom Geſetze der Nothwendigkeit ſo gedrückt, vom Widerſtand ungünſtiger Umgebungen ſo beengt zu ſein, daß ſie keinen freien Spielraum behalten, nicht ſchaffen und wirken kön— nen, und in ihrer Beſtimmung an einem öden Nichts zu Grund gehen; enin— ſetzte er verſchämt in fremder Sprache hinzu— que nos meilleures années s'eva- nouissent insensiblement dans la penible occupation de traducteur. Ueberdies fehlt es mir an Connexionen, vielleicht auch an der nöchigen Zudringlichkeit, ſie zu ſuchen, und— was auch in Mainz zum Fortkommen ſo nöthig iſt,— an kluger Selbſtverleugnung meiner Grundſätze. Wo ich ſonſt gewohnt habe, fand ich Reſſourcen, hatte Bekannte, Freunde, die mir mit Rath und That an die Hand gingen. Hier hat die Nothwendigkeit mich abzu⸗ ſondern, die Leere der Menſchen, die für mich keine Be⸗ rührungspunkte haben, zugleich alle dieſe Hülfsmittel ab⸗ geſchnitten. 96 O mein Gott! rief Cäcilie, daß ich Sie ſo wenig glücklich ſehe! Kann denn gar nichts für Sie gethan werden? Freilich— Sie haben kein Vertrauen zu mir— Aber mein Bruder—, haben Sie ihm noch niemals Ihre Wünſche mitgetheilt? Ach, wenn ich Ihren Bruder bei mir habe, dann tre⸗ ten ſo ſchöne, bedeutende Geſpräche zwiſchen uns, daß ich mich und meiner Sorgen vergeſſe! verſetzte er mit Wärme. Gut! rief die Baroneſſe. Dann bin ich um meines Bruders willen Ihre Vertraute, mögen Sie mich wollen oder nicht! Ich werde mir überlegen, wie Sie ſich in Mainz beſſer gefallen können. Sie ſagten einmal bei un⸗ ſerer Gräfin,— man könne nichts dafür, daß man ſich zuweilen zu einzelnen Menſchen hingeriſſen fühle, ohne daß der Verſtand wiſſe warum. Aber mein Verſtand weiß ſogar auch warum: weil Sie die Kraft und das Bedürfniß haben, für das öffentliche Wohl zu wirken; das heißt, wenn ich Sie recht begreife,— eine bedeu⸗ tende Rolle zu ſpielen und im Glanze der Welt Ihre vortrefflichen Gaben zu verwenden. Ich weiß, der Kur⸗ fürſt hat die beſte Meinung von Ihrem Geiſt, Ihren Ein⸗ ſichten in die Staatsverhältniſſe, und bedauert nur Ihre freien Grundſätze. Sie haben wol manchmal nicht be⸗ dacht, daß der alte Herr den Freiſinnigen ſpielt, blos aus Eitelkeit und ſich dabei doch hinter's Ohr ſchreibt, was man ihm antwortet. Ich werde gelegentlich mit ihm re⸗ den; ihm Einiges ausreden; er muß etwas für Sie thun. Darf ich Ihnen ſchreiben, wenn ich was weiß? O meine gnädige— liebreiche Baroneſſe! rief For⸗ ſter, von widerſprechenden Gedanken verwirrt. Ich habe ⁸ 97 wenig mich im erſten Augenblick nicht geirrt in Ihrem ſeelenvol⸗ gethn len Blick und in dem gütigen Lächeln Ihres Mundes. tit— Wie ſoll ich Ihnen danken—! Ich bin überhaupt die⸗ niemals ſen Morgen von ſo viel Eindrücken bewegt— Natur ünd Menſchen thun mir heut ſo wohl! Als ich über meinen erſten Becher weilbacher Waſſers den Blick in die in tre⸗ aß ich herrliche Landſchaft warf und von der Stadt herab den Pirne erſten Feſtgruß der Kanone hörte, überfiel mich eine rechte meine Sehnſucht nach Genuß. Ach, wie lange habe ich bei Ar⸗ wollen beit und Schaffen dieſe herrlichſte Gottesgabe entbehrt! ſih in Sehen Sie, Genuß finde ich von jeher nur, wenn ei un⸗ meine Denkkraft ruht und feiert. Die Stunden, wo ich an ſih am leichteſten und zuſammenhängendſten denken kann, ſind ohne nicht die Zeiten, wo ich der beſten Geſundheit genieße. erſtand Ein gelinder, kränklicher Reiz der Nerven erleichtert mir die Geiſtesgaben aller Art. Aber Genuß iſt das voll⸗ .„ kommenere Daſein; er iſt Vereinigung, während das Be⸗ 2. wußtſein Trennung, Unterſcheidung des Ich, erkannte Be⸗ ſchränktheit iſt. Im Genuß verſchwinden daher auch Zeit n und Raum, und die Stunden entfliehen als ſelige Au⸗ 3 ₰ genblicke. 3 Ihnen zuzuhören iſt ein ſolcher Genuß! erwiderte Cä⸗ nIn cilie. Dieſe Philoſophie laſſ ich mir gefallen, und be⸗ t greife ſie beſſer, als jene frühere über die Bedeutung von Schmerz und Unglück für unſere höhere Beſtimmung. ½ Alſo ich ſchreibe Ihnen, ſobald ich— Schreiben—? fiel Forſter bedenklich ein. Ueber den h Punkt meiner häuslichen Sorgen lieber mündlich, theure, herzliche Baroneſſe! Auch mein Freund Jakobi in Düſſel⸗ dorf, der Verfaſſer des„Woldemar“, deſſen neulich die hube Koenig, Glubiſten in Mainz. II. 7 Gräfin gedachte, dieſer vortreffliche Menſch, dem ich auch manchmal klage, antwortet mir über dergleichen ſtets auf beſondern Blättchen. Denn, ſehen Sie, meine Gnädige, was ich zu leiden habe, leide ich gern allein, und da liebe Briefe etwas ſind, woran ſich meine Thereſe gern mitfreut: ſo möchte ich ſie nichts Geſchriebenes finden laſ⸗ ſen, was ihr Unruhe und Kummer verurſachen könnte. Cäcilie ſchwieg, nicht ohne Empfindlichkeit. Sie ge⸗ dachte vertraulicher Mittheilungen Garzweiler's, und hätte gern gefragt, wie es denn dieſe Thereſe ſelbſt mit den Briefen ihres Freundes Huber halte doch ein ſeelen⸗ voller Blick Forſter's beſchwichtigte ihre Aufwallung. Sie waren durch das Raimundithor in die Nähe des Schloſſes gelangt. Im Hofe raſſelten ſchon die Staats⸗ wagen. Auf dem alten Schloßplatze trieb ſich unter Lärm und Läuten neugieriges Volk zu Haufen. Cäcilie empfahl ſich mit kurzem Gruß. Zwölftes Kapitel. Irzwiſchen hatte Frau Gertrud vergebens an der Woh⸗ nung des Barons Franz Karl angefragt. Der junge Regierungsrath war ſchon in der Frühe nach Hof zu einer Sitzung gefahren, worin zur heutigen Miniſterver⸗ auch uf dige, ddn gern laſ⸗ . ge⸗ bätte den en⸗ 99 handlung einige bedenkliche Fragen in geheimer Conferenz vorberathen wurden Von hier wollte er gleich mit dem Miniſter Albint nach Weißenau fahren, um in der Schenke zum Lämmchen— wie ſich der joviale Kanzler lachend ausdrückte— in beſter Geſellſchaft politiſch zu kneipen. Niedergeſchlagen von dem mißlungenen Verſuch, und über die Verzögerung ihres mainzer Aufenthalts beun⸗ ruhigt, kam Frau Gertrud zu Lennig, wo man eben das verſpätete Frühſtück eingenommen hatte Vater und Toch⸗ ter ſaßen noch traulich beiſammen, ſtill und gedankenvoll, aber mit ſo freundlich wechſelnden Blicken, als ob ſie ein⸗ ander mit Lächeln über das drückende Geheimniß hinaus helfen wollten. Nun trat Gertrud mit ihren Klagen da⸗ zwiſchen. Sie ſehnte ſich recht nach Hauſe, bekümmert, daß ſie dort heut und morgen vergebens erwartet würde. Dennoch mochte ſie von Garzweiler's Vorſchrift nicht ab⸗ gehen, und die Sachen etwa durch andere Gelegenheit als mit dem Jean Baptiſt fortſchaffen. Eben weil ſie ſo Manches gegen den Geiſtlichen auf dem Herzen hatte, wollte ſie in dieſer Sache nichts verfehlen, und ſelbſt kei nen Vorwurf verdienen. Ein weiblicher Trotz regte ſich in ihrem Herzen. Wer weiß, dachte ſie, was hinter die⸗ ſer Vorſchrift eines Mannes ſteckt, der ſo Vieles geheim betreibt, und dem hier ſo viel brave Leute nicht recht trauen. Erasmus rieth der beunruhigten Frau, lieber gleich nach Hauſe zu ſchreiben, und dann mit freiem Herzen ſich bei all der feſtlichen Kurzweil in Mainz die Zeit nicht lang werden zu laſſen. Dies leuchtete ihr ein, und 100 Erasmus übernahm die Beſorgung des Briefes, der raſch geſchrieben war. So von eigener Sorge aufgeräumt, nahm jetzt Ger⸗ trud das verſtörte Ausſehen ihrer jungen Freundin mit Befremden wahr. Aber ſie ſollte erſt recht in Verwun⸗ derung geſetzt werden, als ſie nach Lennig's Ausgang den Winken des geheimnißvollen Mädchens auf die bekannte Manſardſtube folgte. Wie hätte ſie auch eine ſo plötz⸗ liche Umwandlung eines geſtern Abend noch ſo heiteren Gemüths erwarten oder den erhöhten Zuſtand der Seele begreifen können, den Fides erſt in Blick und Bewegung und bald auch in der wunderbaren Spannung aller Ge⸗ fühle und Gedanken verrieth! Gertrud wußte aus Er⸗ fahrung, daß Frauen im Zuſtande ihrer Mutterhoffnung, bei wechſelnden Stimmungen, oft von einem ungewöhn⸗ lichen Muthe beſeelt ſind daß aber mit einem verhäng⸗ nißvollen Geheimniſſe eine ähnliche erhöhte Entſchloſſen⸗ heit auch in dem Herzen eines liebenden Mädchens ein⸗ kehren könne, davon hätte ſie ſich keinen Begriff gemacht. Wann und wie finden wir den Baron Franz Karl? fragte Fides haſtig und leiſe; worauf Gertrud erklärte, daß ſie allerdings Mainz nicht gern verlaſſen möchte, ohne den Baron geſprochen und gewarnt zu haben. Alſo auch gewarnt! rief Fides. Erſchreckt nicht, liebſte Frau. Laßt uns jetzt recht offen und ehrlich gegen ein⸗ ander ſein. Beide haben wir ein edles Leben zu ſchützen, mindeſtens vor Unglück zu hüten, ſei es ein großes oder kleines,— vielleicht das größte und' wahrſte! Wir müſ⸗ ſen Freundinnen ſein für ein ſo ernſtes, gemeinſames Vorhaben, noch innigere Freundinnen, als wir's geſtern mit wun⸗ den mnte teten Serle gung Ge⸗ Er⸗ ung, öhn⸗ ing⸗ ſen⸗ ein⸗ acht arl? rte, hne bſie in⸗ en, der üſ⸗ ne ern 104 ſchon geworden ſind. Wir wollen unſere Herzen aus⸗ tauſchen, Gertrud, und wir finden ein gemeinſchaftliches Geheimniß darin! Gertrud erſchrak vor dem leidenſchaftlichen Ausdruck der Worte, mit welchen das aufgeſpannte Mädchen ſo ungeſtüm ihre Freundſchaft und Hingebung foderte. Im Gefühl ihrer Frauenwürde umarmte ſie, zum Zeichen ih⸗ res Vertrauens, die bebende Fides und drückte ſie feſt an ſich, als ob ſie ihr damit auch Ruhe und Faſſung zu geben im Stande ſei. O es iſt gewiß dieſelbe Sache, Frau Gertrud, di Ihr habt und die ich habe! fuhr Fides fort. Sagt mir nun Rührt Euer Anliegen an den Baron nicht aus dem rothen Buche her? Aus dieſer Agende, aus dieſem Gebetbuche meines—² fragte die Frau verwundert, und ſetzte nach einigen über⸗ legenden Augenblicken hinzu Nun ja doch Ich darf's ja wol ſagen. Hört, liebe Fides! Ich weiß gerade nicht, in welchem Verkehr mein— Oheim, der geiſtliche Rath Garzweiler, mit dem Baron ſteht. O, in dem feindſeligſten, das eine Seele denken kann! rief Fides. Nicht wahr? O, ich dacht es wohl! ſeufzete Gertrud. Heißt das, verſteckter Weiſe, Gertrud: öffentlich ſteht er aufs Freundlichſte mit ihm; denn Euer Oheim— Verzeiht Gertrud! aber er iſt ein entſetzlicher Menſch! Das weiß ich ſeit dieſer Nacht. O mein Gott! flüſterte die gute Frau mit einem Schmerze, den Fides nicht ahnen konnte 102 Weiter, ſprecht nur erſt aus, beſte Gertrud! Während ſeines Fiebers, fuhr dieſe fort, hat er Worte und Geſinnungen an Tag gebracht, die mich für den guten gnädigen Herrn beſorgt machen. Es läßt ſich nicht ſo recht ſagen; es ging Alles fieberhaft durchein⸗ ander. Aber der Baron muß gefährliche Papiere und Abſchriften in Händen haben, und der erzürnte Mann will ihn damit zum Verräther machen. Und— ach! es iſt noch gar Vieles! Ich weiß! Auch das hab' ich geleſen! rief Fides So? Ihr wißt es auch?— Ja, dies und noch vieles Andere, und Alles aus die⸗ ſem rothen Buch der Hölle!— Gertrud fuhr entſetzt zurück. Sie begriff nicht, was es ſein könnte. Garzweiler hatte ihr das Buch zwar ſehr anempfohlen, aber nicht verboten, es zu öffnen,— aus Beſorgniß vielleicht, ihre weibliche Neubegierde rege zu machen. Fides ſuchte ruhigen Athem zu gewinnen, und erzählte dann in kurzen eiligen Worten, auf welche Weiſe ſie letzte Nacht dazu gekommen ſei, das Buch zu öffnen. Sie ſuchte Gertrud zu überzeugen, daß auch ſie es nun einſehen dürfe; denn es ſei ihr ja ein rothes Gebetbuch anempfohlen worden, dies aber weiſe ſich als ein Sün⸗ denregiſter aus. Bei dieſen Worten hatte Fides das Buch ſchon aus der Scheide gezogen, nahm das Blatt mit der Namens⸗ überſchrift des Barons heraus, und ſchob es mit beben⸗ der Hand der betroffenen Freundin zu. Gertrud erkannte gleich die Handſchrift und las, während Fides ſich erſchöpft auf den Weidenſtuhl niederließ und das blaſſe Geſicht in ter für ſich ein⸗ und lann 3 es die⸗ was ſehr aus zu und eiſe nen. nun buch ün⸗ aus ben⸗ nnte öpft 103 die linke Hand ſtützte. Es war eine Weile todtenſtill im Gemach, ſo daß man vom Thiermarkte her eine fröhliche Muſik und das luſtige Treiben des Volkes vernahm. O lieber grundgütiger Gott! ſeufzete endlich Gertrud und wankte nach Fides, über die ſie ſich weinend mit den Worten neigte Nun ſehe ich freilich auch, was Euch das Alles angeht, arme Fides, und warum Euer ſchmerzhaf⸗ tes Herz ſo dabei iſt! Doch die Beklagte, noch zu voll ihres Vorhabens, um ſich einer gerührten Theilnahme hinzugeben, faßte den Gaſt ihres Hauſes und Herzens heftig an beiden Händen und ſprach Nun hört mich, Gertrud! Das Alles muß der Ba⸗ ron wiſſen, und Ihr müßt es ihm eröffnen. Ich? rief die erſchrockene Frau. O lieber Jeſus, nein! Ich ſoll das Alles von meinem—? Nein, nim⸗ mermehr! Sie wankte, als ob einer böſen Verſuchung zu ent⸗ fliehen, der Thüre zu. Fides eilte ihr nach, ſie zurück⸗ zuhalten.— Und warum denn nicht? fragte ſie, die be⸗ benden Hände auf Gertrud's Schultern gelegt, und ihr in die thränenvollen Angen blickend.— Eine wunderbare Begeiſterung kam dabei in ihr Herz, deſſen Geheimniß einmal angebrochen war, und ſie ſprach, ſich ſelbſt und Gertrud zu überzeugen, einen Strom von Gedanken hin, die, in der Schmerzensſtunde dieſer Nacht dunkel empfan⸗ gen, ihr jetzt mit der Gewalt einer Eingebung klar vor⸗ ſchwebten.— Es muß ja geſchehen und darf nichts verſäumt Ihr wißt jetzt, Gertrud, in welcher werden, ſagte ſie. Baron lebt, Euch und mir ein lieber Umgebung der edle 104 Freund,— in welche Verwandtſchaft er fällt, aus wel⸗ chem Gelde ſein häuslich Glück geſchmiedet, von welchen Händen ihm der Myrthenkranz der Liebe geflochten wird. Seht, beſte Gertrud! Sein Herz iſt gewiß nicht irre ge⸗ gangen; die Comteſſe Joſephine— ich kenne ſie nicht, aber Franz Karl's Wahl bürgt für ſie. Sie muß rein, und edel und herrlich begabt ſein! Aber wir müſſen ihm dies Glück von den Gefahren befreien, von denen es be⸗ droht iſt. Er ſelbſt kennt ſie nicht, dieſe Gefahren, aber wir kennen ſie, und wir lieben ihn. Sein edler Name, ſein männlicher Stolz iſt gefährdet. Er muß ſich los⸗ machen von dieſer Gräfin, dies Amt, dieſe Ausſteuer weg⸗ werfen, und ſich auf ſeinen eigenen Werth und Beſitz und in die Unabhängigkeit ſeines Standes und Herzens retten. Dann erſt kann ſeine Liebe beglücken und dauern. Aber jetzt—? Dies Blatt könnten wir vernichten; auch würde es ihm aus dieſer dunkeln Kapſel niemals unter die Augen kommen aber, wäre ihm damit geholfen, und die Bedrohniß ſeiner Zukunft vertilgt? Der Inhalt die⸗ ſer Zeilen ſchwebt ja in der Luft von Mainz, und iſt auf dieſe Blätter nur wie ein giftiger Thau niedergefallen, und mit der Verlobung, mit der Heirath des edeln Freun⸗ des wird die boshafte Nachrede der Menſchen ſeine Ehre und ſein blankes Wappen anhauchen. Und er ahnet es nicht! Ein lachender Betrug, eine bezaubernde Täuſchung tückiſcher Menſchen haben ſein Herz, ſeinen hohen Sinn eingenommen; aber ſie werden ihm ſpäter vor der Welt als eigene Abſicht und Schuld angerechnet. Man wird ſagen, das Alles ſei mit ſeiner Zuſtimmung geſchehen, nicht Liebe,— Geld und Ehrgeiz habe ihn getrieben— Ur wi te be V Ze au au Bi he ſſt ii ſii 105 Und nun denkt Euch, Gertrud, daß ihm Alles einmal klar wird, wann es zu ſpät iſt, und er ſieht all' die betrüb⸗ ten und ſogar verachtenden Blicke edler Männer auf ſeine beſchämte Stirne zielen! Der Adel freilich nimmt ſolche Verhältniſſe leichtfertig genug aber wir ſtehen vor einer Zeit, in der— wie der gelehrte Profeſſor Blau ſagt— auch wir Bürgerlichen uns gegen den Adel ein Herz her⸗ ausnehmen und einen edeln Stolz des Rechts und der Bildung faſſen. Und der Varon geht auch ſchon mit ſol⸗ chen Männern um, deren Urtheil ihm nicht gleichgültig iſt, wie mit dem berühmten Forſter, von dem ſelbſt dieſe giftigen Blätter nur Rühmliches ſagen, wenn auch von ſeiner Frau— 5 Fides ſchwieg, und war auch erſchöpft Sie hatte haſtig und heftig ſich außer Athem geſprochen. Gertrud ſtand mit gefalteten Händen und dem Blicke ves Staunens vor ihr. Sie begriff dieſen hohen und ungeſtümen Erguß einer liebenden Seele nicht, die in we⸗ nigen ſchmerzvollen und träumeriſchen Stunden die ver⸗ wickelte Lage des Geliebten— nicht durchdacht, ſondern durchfühlt und durchwühlt hatte, mit einem Herzen voll Angſt und Ahnung; bis ſie endlich, wie durch eine Ein⸗ gebung, das volle Verſtändniß und für dieſes den begei⸗ ſterten Ausdruck fand. Nach einer Weile ſetzte Fides gleichſam als Schluß ihrer Rede hinzu Seht, darum müßt Ihr, liebe Gertrud— Und ich kann dennoch nicht! rief dieſe ſchmerzlich aus Und indem ſie, wie ſich von ihrem Staunen auf ſich ſelbſt beſinnend die Hand an die Stirne legte, fuhr ſie fort 106 Seht, ich dachte den lieben gnädigen Herrn nur zu warnen, daß er einen Feind habe, der ſich an ihm rächen wolle, und der von gefährlichen Papieren wiſſe und dergleichen. Lieber Gott! Es iſt mir nicht ein⸗ gefallen, ihm dieſen Mann, der mich ſo nahe angeht, zu nennen. Aber nun iſt ſo viel dazu gekommen, was wich⸗ tiger als jene Schriften iſt, und was ich nicht alles— Ja, wenn ich reden könnte, wie Ihr! Wie ſoll ich denn das Alles, was des gnädigen Herrn Ruf und häuslich Glück, das Vertrauen zu ſeiner Braut und den Ver⸗ wandten und Alles, was auf dieſem Blatt ſteht—2 Ach, ach! daß es ſo in der Welt zugeht, und ſo ſündhaft in Mainz ausſieht! O, warum bin ich nicht in meinem Oeſtrich geblieben? Ja, um das Alles gilt es jetzt, Gertrud! erinnerte Fides. Und du weißt nun auch, Frau, was mich das im Beſonderen angeht, und daß ich alſo ſelbſt nicht thun kann, was doch geſchehen muß. Ich nicht, eben weil ich beſte Fides, es aus Liebe thue, die man nicht erkennen, aber noch weniger verkennen darf. Doch Ihr könnt es und müßt es aus Dankbarkeit gegen den Baron thun und mir zu Lieb. Und Ihr könnt es auch: Ihr zeigt ihm nur dies Blatt und braucht gar nichts zu reden. Ach, ich darf ja nicht! rief die arme Frau hände— ringend. Wenn ich Fuch nur ſagen könnte, warum ich nicht darf. Nein, ich will heut noch nach Oeſtrich und wenn ich zu Fuß hinlaufen muß!* Was heißt das, Ihr dürft nicht? fuhr Fides unge⸗ duldig fort. Wer wehrt es Euch? Ich aber ſage Euch, Ihr könnt gar nicht anders, Ihr müßt: wenn nicht aus 107 Dankbarkeit und Freundſchaft, doch um Eures Kindes willen, Eures Nazi, der auch einmal ein ehrenwerther und glücklicher Mann werden ſoll, und dem Ihr jetzt dieſe 8 Gnade des Simmels durch einen kleinen Gang zum Ba „zu ron verdienen könnt. ni⸗ O mein Nazi! rief Gertrud, und faltete betend die Hünde. Doch von einem innern Schauer durchſchüttert, ſetzte ſie, wie aus einem verzweifelten Drang des Herzens hinzu. Nein, Fides, nimmer! Und wenn ich es als Mutter zum Segen für mein Kind thun wollte, dürft' ich doch nicht als Tochter meines eigenen Vaters Schuld aß i und Handſchrift verrathen! Sie erblaßte, das Licht ſchwand vor ihren Augen und ſie ſank, von Fides erfaßt, in die Kniee. merte Es war die erſte Ohnmacht, die der beherzten Frau— ds im Leben zuſtieß. Freilich, wieviel Schmerzliches, zumal chu für ihre jetzigen Umſtände, hatte ſie nicht ſeit jenem Ge⸗ eil i witterabend am Saume des Waldes durchzukämpfen ge⸗ nh habt! Dennoch wäre ſie noch immer leichter und lieber e müft nuit ihrem zweiten Kinde, als mit ſolchem Bekenntniſſe mir niedergekommen, mit welchem aller ins Innerſte zurückge⸗ Worte plötzlich ausge⸗ nur vrängte Jammer in einem einzigen 1 brochen war, um ſie zu Boden zu werfen. inde⸗ Fides hatte ſie in den Seſſel aufgerichtet, und ſprang i ihr mit ſtarker Eſſenz bei, die ſie vom Krankenbette der und verlebten Muhme mitgebracht und vom Auspacken her noch in der Nähe hatte. In dieſer Bemühung hörte ſie unge⸗ die Mutter von unten rufen, Jean Baptiſt ſei da. Bei Euch, dieſem Namen ermunterte ſich Gertrud. Sie hoffte, der aus Schiffer komme, ſie nach Oeſtrich zu fahren und trieb 108 Fides an, hinab zu gehen. Fides ſuchte ſich zu faſſen, führte die erwachte Frau ans offne Fenſter, und erzwang eine gelaſſene Miene, womit ſie hinunterging. Der Vetter war nur gekommen, zum Schifferſtechen auf den Nachmittag einzuladen. Er habe ein geräumiges Boot mit Bänken und einer ausgeſpannten Decke für ſeine guten Freunde eingerichtet, ſagte er, damit vie Frauen⸗ zimmer bei ſo viel Zudrang am Ufer die Spiele beque⸗ mer vom Strom aus mit anſehen könnten. Er bezeich⸗ nete zugleich die Uferſtelle, wo das Schiffchen halten und aufnehmen würde. Fides dankte und ſagte für den Fall zu, daß die eben ohnmächtig gewordene Frau Gertrud wieder wohl genug werde, um mitzukommen. Sie nahm dies Un⸗ wohlſein zugleich zum Vorwande, ſich bald wieder zu ent⸗ fernen. Mit einer feierlichen Ruhe trat ſie vor Gertrud, und mit den Worten: Wir haben einander ſchwere Bekennt⸗ niſſe gemacht: kommt, wir wollen ſie vor der Welt ver⸗ ſiegeln! umarmte ſie und küßte die erblaßte Frau. Beide hielten ſich eine Weile ſtill umſchlungen, dann ſagte Fides: Nun bleibt nichts übrig, als daß mein Vater die Botſchaft dieſes ſchmählichen Geheimniſſes an den Baron übernehme. Nein, nein, Fides! rief Gertrud erſchrocken. Her mit dem Buche! Wer weiß, was von mir und meiner ſeli⸗ gen Mutter darin ſteht! Niemand ſoll einen Blick in dieſe Blätter thun! Niemand auch die Handſchrift erken— nen! Der unglückliche Mann leidet ſchon genug! ſſen, ang chen iges eine * 109 Fides war höchſt betroffen Eine Angſt überfiel ſie, das Buch könne ihr entzogen werden; während ihr ein dunkles Vorgefühl ſagte, ſie werde dieſes troſtloſen Zeu⸗ gen irgendwie und wozu noch bedürfen. Ihr Mutterwitz gab ihr die Ausflucht ein, der beängſtigten Frau Recht zu geben, um ſie zu beſchwichtigen. Gut, liebe Gertrud! ſagte ſie. Beruhigt Euch! Zum Ueberfluß wollen wir das unſelige Buch ganz einſchlie⸗ ßen, damit es mein Vater nicht zufällig finde. Später läßt ſich überlegen, was für den Herrn Baron zu thun iſt. Denn etwas muß für ihn geſchehen. Bedenkt nur, daß wir nicht ohne Fügung des Himmels mit unſern Herzensgeheimniſſen uns vor den Geheimniſſen dieſes Bu— ches begegnen! Sie barg das rothe Buch in die Scheide, verſchloß es in ihrer Kleiderkiſte, und bemühte ſich, ruhig und freundlich zu erſcheinen. Dreizehntes Kapitel. Dieſer Ausgang ermunterte die bekümmerte Frau um ſo mehr, als ſie nun auch die wohlthuende Erleichterung empfand, die durch den Blitzſtrahl ihres Bekenntniſſes in den ſchwülen ugd geſpannten Zuſtand ihres Gemüthes ge⸗ kommen war. Sie fühlte ſich von einer drückenden Laſt 11⁰ erleichtert mit dem Troſte, daß ihr Geheimniß weder auf ein anderes Herz gefallen, noch an bösgeſinnte Menſchen verrathen ſei. Statt mit dem eigenen Kummer, beſchäf⸗ tigten ſich ihre Gedanken mit der Liebe ihrer jungen Freundin,— einer Angelegenheit, zwar auch nicht glück⸗ lich, aber auch nicht niederdrückend für ein ſo edles Herz, wie es Fides beſaß. In dieſer Stimmung war Gertrud leichter zu bereden, das Schauſpiel des Schifferſtechens mit anzuſehen. Fides ſelbſt foderte ſie dazu auf, nicht aus eigenem Verlangen nach einer ſolchen Beluſtigung, die ihrem Sinne jetzt ſehr fern lag; ſondern aus der heimlichen Abſicht, Gertruden zu zerſtreuen und von dem ängſtlich gehüteten Buche ab⸗ zubringen. Vielleicht war es auch ein Inſtinkt des Her⸗ zens, was Fides nach jenem Schaugepränge verlockte; wie denn unſere Seele nicht ſelten bei innerer Rathloſig⸗ keit ſich ohne Ueberlegung nach Lärm und Luſtbarkeit ge⸗ trieben fühlt, als ob ſie, von Angſt und Ueberlegung geſtört oder beirrt, gerade mitten in äußerer Zerſtreuung der Sinne ſich leichter ſammeln und zurecht finden könne. Aus einer andern Abſicht trieb Erasmus zum Beſuch der Waſſerſpiele. Er wollte nämlich Fides und Gertrud gern fort haben, und begleitete ſie auch bis zum Stein⸗ walle, wo des Vetters Boot lag, um dann mit Freund Blau, den er am Rückweg abholte, über das geheimniß⸗ volle rothe Vuch herzufallen, das er noch auf dem Tiſche des Manſardzimmers zu finden dachte, aber zu ſeinem Verdruß nicht mehr fand. Unſere beiden Freundinnen waren die erſten, die das Boot beſtiegen, und hatten in Erwartung der Uebrigen — eine dem ſich 1 prach geric klein liſen an li his hhrin Viſ hubt on dige gn. Vin Sem auf die hin rauf nſchen ſchf⸗ ngen lück⸗ 3 eden Fides ngen ſehr uden ab⸗ Her ckte; ſig ge ung ung nne. ſuch rud eine ruhige Viertelſtunde, ſich die Bewegung an und auf dem Strome zu beſchauen. Etwas mehr aufwärts, wo ſich unter der Einmündung des Maines die Waſſerfläche prachtvoll ausbreitet, war die Bühne für die Spiele ein⸗ gerichtet,— ein Zweimaſter mit hohen Flanken, von kleineren Fahrzeugen, Booten und Kähnen wie von Ku⸗ liſſen umgeben, die ſich gegen die kurfürftliche Favorite am linken Hochgeſtade öffneten. Dieſe Fahrzeuge waren theils ſelbſt mit Zuſchauern gefüllt, theils ſolche herbei- zubringen in Bewegung. Jubel und Jauchzen belebten die Waſſerfläche, und noch lärmender ging es am Ufer, unter⸗ halb des Höhenzuges der Favorite, zu, wo ſich die Tauſende von Zuſchauern zuſammendrängten, und als bunte leben⸗ dige Guirlande am ſandigen und graſigen Geſtade hinzo⸗ gen. Die Schiffe und Boote prangten mit Flaggen und Wimpeln aller Rheinlandsfarben; das Hauptſchiff, die Semiramis, rollte ſeine große Fahne, vom Winde bewegt, auf und zuſammen, als grüße dieſe Königin des Orients die hohe Geſellſchaft von Königen und Fürſten auf den hängenden Gärten der Favorite. Wie das gefüllte Bvot unſerer beiden Freundinnen in die Nähe des Hauptſchiffes überfuhr, bemerkte Fides eine Anzahl neuer Flaggen mit einem auffallenden Sinn⸗ bilde bezeichnet. Auf goldgelbem Grunde nämlich erblickte man einen leichten Anker, von einem Ruder überkreuzt, das nicht wie zum Dienſte geſenkt, ſondern wie ein Scep⸗ ter aufgerichtet ſtand, mit einem Myrthenkranz umwun⸗ den Sie befragte den Fuhrmann um den Schiffsherrn einer ſo anmuthigen Flagge, und erfuhr, Jean Baptiſt habe ſich dies Zeichen gewählt, und all' dieſe Boote ſtän⸗ 112 den unter ſeinem Befehle, theils ihm eigen, theils auf gewiſſe Zeit gemiethet. Von hier, der Mitte des Stromes aus geſehen, hob ſich das Hauptgebäude der Favorite hervor, und machte mit dem Amphitheater von je drei Seitenpavillons auf Terraſſenabſätzen Front gegen den Strom. In Mitte des Amphitheaters ſprang eine Fontaine über einem Weiher mit Inſelchen. Auf den Terraſſen erblickte man die hohe Geſellſchaft der Fürſtlichkeiten in Gruppen nach etiketten⸗ gemäßer Vertheilung. Entfernt von dieſen majeſtätiſchen Sitzen unter farbigen Zelten, waren auf Raſenplätzen un⸗ ter Bäumen für Frauen untergeordneten Ranges Bänke angebracht; ſo daß gleichſam bunte Menſchenſträuße aus dem Sommergrün der chineſiſchen Anlagen hervorleuchteten. Auf ein vom Oberhofmarſchall, Grafen von Ingel⸗ heim, gegebenes Zeichen fiel ein Kanonenſchuß und ertönte das Signal eines Trompeters. Pfeilſchnell und um die Wette fahren zweimal ſechs Kähne von der Mainmün⸗ dung herab auf das Hauptſchiff zu. Jeder Kahn, mit drei Ruderknechten bemannt, führt einen jungen Schiffer, und dieſe ſtehen, alle in blaßrothem Matroſenanzuge, barfuß auf dem Hintertheil ihrer Boote, mit Stangen be⸗ waffnet, die einen fauſtartigen Knopf und ſpiralförmigen Anſtrich— ſechs weiß und roth, ſechs weiß und grün— haben. An der Semiramis angekommen, erklettern ſie mit gewandter Haſt das hohe Verdeck, und ordnen ſich in der Reihenfolge, wie ſie es erreichen, zur Preisbe⸗ werbung. Der Erſte, welcher das Verdeck erſchwang, war Jean Baptiſt. Wie er kühn ans Bord vortrat und in freier Stel naq Fid cle und ſilb Be ine gii ine in Fre niß Bu den ſpi ih 5 ils auf n, hob machte ns auf itte des Weiher ie hohe tiketten tätiſchen zen un Binke ſe aus ichteten Ingll⸗ ertönte um die inmün⸗ n mit Schiffn, anzuge, gen be örmigen rün— tern ſi en ſih Breisbe ar Jan n freiel Stellung den Blick über den Strom und das belebte Ufer nach den hohen Sitzen der Fürſten ſchweifen ließ, mußte Fides geſtehen, daß der Vetter durch ſchlanken Wuchs und edle Haltung unter Allen hervorragte, die neben ihm nach und nach das Schiff erklettert hatten. Auch ſchien er ſich ſelbſt in ſeiner Stellung ſo zu gefallen, daß er an der Bewerbung um den erſten Preis, der durch Erklettern einer am Spriet des Hauptmaſtes aufgeſteckten Fahne zu gewinnen war, keinen Antheil nahm. Er hatte ſich eben als der gewandteſte Kletterer ſchon erwieſen. Unter dem Jubel der Zuſchauer, wozu vom Verdeck eine rauſchende Muſik ſpielte, verſank Fides immer mehr in Nachdenken über ihre heimlichſte Sorge, den theuern Freund von den Geheimniſſen des rothen Buches in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Sie hatte Gertruden geloben müſſen, das Buch vor aller Welt verſchloſſen zu halten; dennoch mußte dem Freund um ſeiner Zukunft willen dieſer trübe Lebens⸗ ſpiegel vorgehalten werden. Sein Glück, ſeine Ehre blieb ihrem Herzen ſo heilig, wie ihr Gelöbniß. Wie ſollte dieſer Widerſpruch gelöſt, wie und durch wen konnte, wenn nicht das verſchworene Buch, doch wenigſtens der entſetzliche Inhalt des Blattes dem argloſen, liebes⸗ frohen Baron überliefert werden? Sie ſelbſt blieb ſich nur noch übrig dazu aber ihr ganzes Mädchenherz em⸗ pörte ſich dagegen. Was ſollte Franz Karl von ihr denken? In welchen falſchen Schein und übeln Verdacht würde ſie die reine Abſicht ihres Herzens bringen? Und nicht blos dies: der Inhalt ihrer Mittheilung ſelbſt konnte verdächtig und zweifelhaft werden, beſonders wenn ihr die Zeugenſchaft jenes geheimnißvollen Buches fehlte?— Doch Koenig, Clubiſten in Mainz. II. 8 11⁴ nein! Franz Karl wünde ſie nicht verkennen, ihr nicht mißtrauen,— das fühlte ſie mit Zuverſicht: aber wie konnte der beſchämende Inhalt des Blattes, unter Franz Karl's Augen, über ihre eigene Zunge gehen? Darin lag der Kampf ihrer Zweifel und ihres Verlangens. Während Fides ſolche Fragen und Widerſprüche in ihrem angſtvollen Herzen wälzte, war ſchon das zweite Schifferſpiel in luſtigem Schwung. Ein vierzig Fuß langes Bugſpriet ſtreckte ſich vom Verdecke der Semiramis hoch ſchwebend über's Waſſer hinaus, an der Spitze mit einer Ehrenflagge beſteckt. Dieſe Fahne, über den Balken ſchreitend, zu erreichen und zu nehmen, war die Aufgabe, auf deren Löſung ein Geldpreis ſtand. Mit muthigen Schritten betritt ein junger Schiffer das ſchwanke Spriet; aber gar bald verliert er das Gleichgewicht, wankt und ſtürzt hinab; über ihm ſchlagen die Wellen zuſammen. Ein vielſtimmiger Schrei der Menge vom Ufer her geht, ſobald der Schiffer wieder ſchwimmend emportaucht, ſchnell in ein Gelächter über, und von Flut und Lachen gebadet, erreicht er ſeinen Kahn, aus welchem er das Schiff von Neuem erklettert. Eben ſtürzt auch ſchon ein Nachfolger vom Balken und das tauſendſtimmige Gelächter wiederholt ſich. Jean Baptiſt betritt nun das Spriet und ſchreitet, mit beiden Armen wagehaltend, raſch vor, vom ſchwanken Balken immer höher geſchnellt. Jetzt ſchwippt er um, aber ſchwingt ſich noch einmal auf, eilt mit kurzen Schritt⸗ chen über den Balken, erfaßt im Sturze die Fahne und reißt ſie mit ſich in die Flut. Bravo! erſchallt es vom Ufer, und einige Tücher winken aus den fürſtlichen Kreiſen. war dem Mit Wn befi nhn Anl inen der hint ehen Zwi R St die unt Zie un den Ei Vo ei fu fu zö nicht twie Frunz Darin he in zweite Fuß ramis mit Balken fgabe, thigen priet; und nmen giht, ſchnell del, und reitet anken um chritt⸗ d reißt und Während hierauf wieder eine luſtige Muſik ſpielte, ward vom Maſte der Semiramis ein langes Tau nach dem Maſt eines am Ufer liegenden Schiffes gezogen. In Mitte des Tiefbogens, den es, ſprunghoch über dem Waſſerſpiegel, bildete, ward ein großer, lebendiger Aal befeſtigt. Die Wettkämpfer, naß und blaß von Ausſehen, nahmen mit ihren Booten die Höhe des Waſſers zum Anlauf, und ſuchten unter, dem Bogen hingleitend, durch einen gewandten Sprung den Aal zu erfaſſen. Aber mit der Hand am ſchlüpferigen Thier abglitſchend, ſtürzen ſie hinter ihrem, während des Sprungs entglittenen Boote ins Waſſer und erregen ſchallendes Gelächter. Drei Springern war es ſchon ſo gegangen, als der eben anfahrende Jean Baptiſt vor einem überraſchenden Zwiſchenſpiele halten ließ. Eine Reihe dürftiger Fahrzeuge kamen vorüber, mit geflickten Tüchern überſpannt, die kaum vor Regen und Sonne ſchützen konnten. Eben ſo elend ſahen die Inſaſſen dieſer Fahrzeuge aus— Männer und Frauen, Greiſe und Kinder und allerhand Hausrath nebſt Hunden und Ziegen. Auf den Mittelpunkt der Spiele geſpannt, hatte man die Herankommenden kaum eher bemerkt, als ſie ſich dem ſchwebenden Tau näherten, um darunter hinzufahren. Eine ſtattliche Frau hielt vom freien Hintertheil ihres Bootes einen halbnackten Knaben empor, der mit einer Sichel raſch und keck den Aal abſchnitt und ins Boot fallen ließ. Ein Jubel entſtand darüber unter den Zu ſchauern am Ufer. Aus den Booten, an denen ſie hin⸗ fuhren, rief man ihnen zu, wer ſie ſeien und wohin ſie zögen. 116 Arme Pfälzer! war die Antwort. Nach Amerika. Nach Amerika! Valet! Valet! erſcholl es aus den Schiffen der Zuſchauer und vom Ufer her; wogegen die ziehenden Männer zum Dank die Hüte ſchwenkten und die Frauen ihre zappelnden Kinder emporhoben. Es war ein erſchütternder Augenblick, dieſe Verlaſſenen im Angeſicht des luſtigen Volkes und der deutſchen Für⸗ ſten, gleich Schatten fliehenden Gewölks über eine ſonnige Landſchaft, vorüberziehen zu ſehen. Jean Baptiſt war nach der Semiramis gefahren, den auf den Aal geſetzten Preis von 30 Gulden abzuholen, und händigte das Geld dem muthigen pfälzer Knaben ein. Zugleich hatte er den Muſikanten auf dem Verdeck des Schiffes ein Wort zu⸗ gerufen und ſie ſpielten den feierlichen Marſch, den ſie noch aus der Trauerzeit für Kaiſer Leopold inne hatten. Dies ſteigerte den ergreifenden Eindruck, den die Auswan⸗ derer hinterließen; ſo daß man die Luſt für das nächſte Spiel ziemlich verloren hatte. Dies war nun erſt das eigentliche Schifferſtechen, und ging vor ſich, indem die zwölf Schiffer, nach ihren zweifarbigen Stangen in zwei Kampfparteien getheilt, zu Berg und Thal des Stroms einander entgegenzogen, und im Vorüberfahren mit ihren ſtumpfen Lanzen ſich wechſelſeitig zu treffen ſuchten. Der Getroffene ſinkt vom ſchmalen Brett ſeines Kahnes rück⸗ lings in die Flut. Oft taumeln beide Gegner von gleich⸗ gewaltigen Stößen über Bord, oder der Sieger verliert von Eifer und Anſtrengung das Gleichgewicht, und ſtürzt dem Beſiegten nach; falls er nicht etwa, um ſich zu er⸗ halten, die Schifferlanze fahren läßt, die dann dem ſchwim⸗ menden Gegner noch als Beute zufüllt es ſo 6in geſi den M ind zn t Ent bez zu ſhr 5 den en die nd die ſſenen Fir⸗ onnige wer ſetten Geld er den tt zu⸗ en ſe hatten swan⸗ nchſte ſt das em die zwe troms ihren Der rück⸗ gleich⸗ verliert ſtürzt zu er chwim So wiederholte ſich und wechſelte der Stechkampf, bis es Einem gelungen war, dreimal Sieger zu bleiben und ſo den Preis von 42 Gulden davonzutragen. Dieſer Einzige war Jean Baptiſt. Hatte man ſchon dieſem Spiele wenig Aufmerkſamkeit geſchenkt; ſo mißlang vollends der ſchließliche Spaß mit den Enten. Ein buntes Schifſchen ward nämlich am Maſte der Semiramis emporgezogen, während die Schiffer in der Kajüte ſich ſchnell trocken gekleidet und mit Schür⸗ zen verſehen haben. So harren ſie in ihren Kähnen, bis plötzlich der Boden des Schifſchens bricht, und zwanzig Enten aus der Höhe flatternd niederſtürzen, mit Ziffern bezeichnet, nach welchen für die Fänger beſtimmte Preiſe zu gewinnen ſind. Dies Fangen und Haſchen nach ſchwimmenden Enten langweilte die unruhigen Zuſchauer; die Neubegierde, die bisher Tauſende zuſammengehalten, reißt, wie der Faden eines Blumenſtraußes entzwei, und die gebundene Volksmenge zerfällt wild auseinander. Man eilte fort, durch die Stadt nach der Bucht unter dem Fiſchthore, wo die Pfälzer angelegt hatten, um zu über— nachten. Dorthin ließ auch Jean Baptiſt das Boot ſteuern, in welchem Fides mit der übrigen Geſellſchaft ſaß. Es waren hauptſächlich Bürgerfrauen, Verwandte Jean Bap⸗ tiſt's, die ſich ſehr vergnügt über die Spiele und des Vetters Geſchicklichkeit ausließen. Fides blieb ſchweigſam, wiewol im Innern tief bewegt. Sie hatte von den Vor⸗ gängen um ſie her, ſelbſt wenn ihre Augen darauf gerich⸗ tet waren, das Wenigſte beachtet. Der lachende Sommer— tag, die weite Landſchaft, der luſtige Verkehr zwiſchen 118 Strom und Ufer, Sonnenſchein und Menſchenjubel hatten ihrem Herzen nichts abgewinnen können. Wie die Seele eines Tiefbekümmerten, je lauter es um ihn her wird, deſto mehr in ſich einkehrt: ſo erging es der nachdenklichen Fides mit dem großen Anliegen ihres liebenden Herzens. Einen Augenblick hatte ſie zur Vermittelung dieſes An⸗ liegens an Frau Forſter gedacht,— eine Vertraute des Barons, wie Fides aus einem Blatte des rothen Buches geſehen; doch auf demſelben Blatte war auch eines heim⸗ lichen Verhältniſſes dieſer Frau mit einem Herrn Huber gedacht, und dieſe Andeutung ſchreckte Fides. Sie be⸗ fürchtete gerade von einer ſolchen Frau eine leichtfertige Vorausſetzung und ein argwöhniſches Urtheil. So kam Fides mit ihren ungelöſten Fragen und Räthſeln bei den pfälzer Auswanderern an. Um die Bucht, wo das Boot gelandet war, drängten ſich die hei⸗ tern, gemüthlichen Einwohner, bemüht einen Antheil ihrer feſtlichen Freude den armen, heimathloſen Familien zuzu⸗ wenden. Wein und Speiſen wurden im Ueberfluſſe zu⸗ getragen; bald auch häuften ſich Kleidungsſtücke für Alt und Jung, leinene und wollene Sachen für die Säug⸗ linge; wobei auch an Diejenigen ſchon gedacht war, die noch erwartet wurden, obgleich ſie beſaßen, was ihren Müttern fehlte,— ein geborgenes Plätzchen der Liebe. Man gab und nahm unter Freudenthränen; bis der reich⸗ lich fließende Wein die Stimmung— und die verbeſſerten Anzüge das Ausſehen der armen Deutſchlandsflüchtlinge umwandelten, und die Luſt des herrlichen Sommerabends über alle Noth und Sorgen ſiegte. Nach und nach miſchten ſich auch manche von den ma dri He ni du un der un ein d we hatten Seele wird, kichen te des Buches hein⸗ Huber ie be⸗ fertige und die hei ihrer zuzu⸗ e zu⸗ Alt äug⸗ die ihren iebe ch⸗ h erten linge ends den 119 mainzer Aufgeregten ein, und brachten es auf die Be drängniſſe, von denen ſo viele Familien aus der ſchönen Heimath der Pfalz vertrieben würden.— Es war eben nicht mehr zum Aushalten, ſagte ein ſtattlicher Mann, dem man den proteſtantiſchen Pfarrer anſah. Die Beam⸗ ten ſcheren und ſchinden dort die Einwohner; denn nicht der Kurfürſt regiert, ſondern der Geheimerath Lippert und der Exjeſuit Frank, unter denen wieder in den Pro⸗ vinzen die Landvögte herrſchen, beſonders der herzloſe Oberndorf, der über die Pfalz geſetzt iſt. Unſer lieber Karl Theodor in München— Theodor heißt ſoviel als Gottesgabe!— fühlt ſich ſo behaglich dabei, ein Spiel⸗ werk des öſtreichiſchen Kabinets und italieniſcher Dirnen zu ſein, daß ihn die Miniſter und die Pfaffen nicht gern ſtören mögen. Und wenn uns alſo die weltlichen Vorge⸗ ſetzten mit Scorpionen ſchlagen, ſo drücken uns die Mönche mit dem Kruzifir brennende Wunden. Denn auch der ehrlichſte Katholik darf nur ein Wort von bürgerlicher oder religiöſer Freiheit ſprechen, oder nur irgend ein gei⸗ ſtiges Intereſſe verrathen, ſo wird er ſtracks für einen Ketzer erklärt, und darnach behandelt. Was blieb uns daher übrig, wo das Geiſtige verboten und das Mate⸗ rielle verkümmert wird? Amerika! Oh! es werden uns noch Viele, noch Scharen folgen, auch aus dem übri⸗ gen Deutſchland; denn nirgends fehlt es an Theodoren, und alle Thronende wollen ja Gottesgaben ſein. Beſſer wird es auch nicht werden im Vaterlande. Und wißt ihr warum, lieben Freunde? Das Regieren iſt zu einem Handwerk heruntergekommen, und die Zunftgenoſſen haben den Heiligenſchein der Herrſchaft verrathen. Sie treiben's —— für Geld, verkaufen ihre Unterthanen nach Amerika, wie man Schiffsladungen kalblederner Schuhe verſendet; ſie ruhen ſich auf ihren Verdienſten aus, und laſſen die Alt⸗ geſellen zuſchneiden. Und nachdem es ſich ſo wie jetzt in Frankreich regt, wird es noch ſchlimmer werden in jedem Herzſchlage, der nach friſchem Glauben ringt, in jeder Handbewegung, die einen freien Wirkungskreis ſucht, wer⸗ den die Herrſchenden nichts als Frevel und Empörung erkennen. Aber verlaſſen von aller Weisheit, mit welcher der Himmel nur die heilige Herrſchaft ſegnet, werden ſie hemmend und unterdrückend gerade das fördern, was ſie verhindern wollen— Beſchränkung des Zunftzwanges des Herrſchens und Gewerbfreiheit eines ehrenvollen Die⸗ nens. Wir finden beides— in Amerika. Euer Karl Theodor iſt auch nicht zu unſerem Karl Friederich gekommen, rief der Bürger Make, ſonſt wollt' ich Euch gern hinaufführen auf die Favorite unſeres alten Herrn, und Ihr könntet euerem gnädigen Kurfürſten Lebe⸗ wohl ſagen. Unſer Theodorchen braucht Eueres Kurfürſten Favorite nicht, antwortete der Pfälzer lächelnd: es fehlt ihm nicht an Favoriten in der eigenen Pfalz. Dieſe Wendung gefiel, und man drängte ſich immer mehr mit Händedrücken um den freimüthigen Mann. Fides unterhielt ſich inzwiſchen mit einer Greiſin, die auf einem ausgeſchifften Balken ſitzend, einen Knaben auf dem Schooſe hielt.— Und auch Ihr, gute Mutter, wollt noch ſo weit wegziehen? fragte ſie theilnehmend. Ja, mit meinem Schatz! antwortete die Alte lächelnd, wobei ſie den zappelnden Buben in der Luft tänzelte. Da Lb Y 3 mu Ue im gun wie t ſie eAl⸗ etzt in jedem jeder wer⸗ örung vlher verden was anges Die⸗ Karl wollt alten Lbe⸗ vorite nicht nmer 124 Das iſt ein ſchlimmer Kerle da, der meiner Tochter 8 Leben koſtet hat. Nun iſt mein Schwiegerſohn ohne Mutter für ihn, und da muß denn die Großmutter mit. Ich hätt's freilich für mich allein noch lange gut genug gehabt auf die kurze Zeit, die ich noch vor mir habe iſt man denn aber nur für ſich ſelbſt auf der Welt? Die Welt iſt ſo ſchwer, und will doch vorwärts da muß man denn ſchieben und drücken helfen, bis man dahinter lie⸗ gen bleibt. Ach, ach! rief Fides, wie vor einer Erſcheinung erſchrocken. Was iſt Euch denn geſchehen, Jungfer? fragte ſich erhebend die Bäuerin. Aber ſchon eilte, von ihrer Eingebung getrieben, Fides fort— durch das Fiſchthor, über den Heumarkt. Hier blieb ſie tief ausathmend mit einem Blick am hohen Dom hinauf ſtehen.— Bin ich denn für mich da? ſprach ſie vor ſich hin. Lieb' ich denn mich und den leichten Duft meines Mädchennamens, oder lieb' ich ihn, diene und helfe ihm, ihm und ſeiner Ehre, ſeinem mannhaften Glück? Ja, ich muß auch drücken und ſchieben, und kann ja nur allein abwälzen, was den lieben Freund zu er⸗ drücken droht! Mit dieſer Löſung ihrer Zweifel eilte ſie fort. In der Zerſtreuung ſchien ſie einen falſchen Weg nach Hauſe zu nehmen; denn ſie kam durch die Präſenzgaſſe um die ſogenannte Inſel und über den Thiermarkt. Erſt als ſie unter den gleichgebauten neuen Häuſern der Univerſitäts⸗ gaſſe die Forſterſſche Wohnung herauslas, zeigte es ſich, daß ſie ſolchen Umweg nicht ohne Abſicht genommen hatte. Vierzehntes Kapitel. Es läßt ſich denken, wie lebhaft die Bitte und das ge⸗ heimnißvolle Anliegen der ſchönen Fides eine Frau wie Thereſe Forſter beſchäftigte Die ſo anmuthige als befan⸗ gene Erſcheinung des Mädchens machte das Räthſel noch prickelnder. Thereſe brachte ihren Mann auf die wunder⸗ lichſten Vermuthungen darüber, daß die ſchöne Bürger⸗ tochter den Baron Wallbrun vor morgen Nacht durchaus ſprechen wolle. Auch edle Menſchen können ſich unter auffallenden Umſtänden nicht immer eines Anhauches von Argwohn erwehren, und es war in dieſem Falle das we⸗ nigſte, daß Frau Thereſe den Baron für verſteckter erklärte, als ſie bisher geglaubt, und daß ſie an der Vor⸗ ausſetzung hielt, ſein Verhältniß mit der reizenden Bür⸗ gertochter ſei wol nie ganz abgebrochen geweſen, er habe es nur ſeinen Freunden nicht eingeſtehen wollen. Sein Ausweichen über die Verlobung mit der Comteſſe Joſe⸗ phine und ſeine öftere Verſtimmung in letzter Zeit ſchien ſolche Vermuthung zu beſtätigen. In dieſem Verheimlichen ſeiner früheren Neigung wollte Thereſe einen ariſtokrati⸗ ſchen Tik finden, und gönnte ihm daher im voraus die kleine Beſchämung, daß nun der verheimlichte Verkehr mit den wahrſcheinlichen Unannehmlichkeiten deſſelben gerade vor ihr Vermittleramt gebracht wurde. Sie hatte deshalb auch ihre erſte Empfindung, das Mädchen mit ſeinem dringen⸗ den jetz ber pei Fr diy diſ ie vor auf un h in gi ge wle fan⸗ noch mit vor uch en⸗ 123 den Begehr abzuweiſen, raſch unterdrückt, und bereute es jetzt, beim Eintritt ihres wieder verſöhnten Freundes Hu⸗ ber, um ſo weniger, als ſie dadurch erinnert ward, wie peinigend für ein liebendes Herz Mißverſtändniſſe mit dem Freunde ſind. Sie wünſchte im Stillen dem liebenswür⸗ digen Mädchen das Glück erneuerten Einverſtändniſſes, deſſen ſie ſelber wieder froh war. Huber kam, das Forſter ſche Paar abzuholen, und ſie begaben ſich mit anbrechender Dämmerung nach der Fa⸗ vorite. Am Eingangsthore wurden ſie nach den Namen auf ihren Einlaßkarten ſcharf gemuſtert; denn es ſollten um Alles keine unrechten Leute in die Nähe der Monar⸗ chen kommen. Dennoch mochte man dieſen den Zudrang einer bewundernden Umgebung aus den höheren Ständen gönnen. Damals liebten die Fürſten noch mehr als heut den geheimnißvollen Genuß anſtaunender Neubegierde; daher ſie ſo gern an offener Tafel ſpeiſten;— eine Be⸗ friedigung, wie ſie vielleicht auch der Pfau empfindet, der am liebſten vor umherſtehenden Menſchen ſein maje⸗ ſtätiſches Rad ſchlägt. Zu ähnlichem Zwecke war eine Anzahl Billete ausgetheilt worden. Forſter erinnerte lä⸗ chelnd an dieſe Abſicht der Einladung, als ſie von ver⸗ theilten Leibhuſaren im Garten nach den beſtimmten We⸗ gen und Plätzen gewieſen wurden.— Wir ſollen eben mit zur dunkeln Folie der nächtlichen Herrlichkeit dienen, ſagte er, wenn unter tauſendfältigem Licht die blaſſen Geſichter der Menge aus der Nacht hervordämmern und eine geiſterhafte umgebung bilden. Aber das ſoll uns heut nicht anfechten, und da die Abſicht der Handelnden ihrem Thun und Laſſen den rechten Werth und Rang 124⁴ verleiht: ſo mögen wir uns als eine freiwählende Herr⸗ ſchaft anſehen, die nicht hierher käme, wenn ſich nicht gerade hier oben die Beleuchtung am beſten ausnähme. Eben eilte der Staatsrath Müller an ihnen vorüber nach der Stadt, und Forſter redete ihn mit einem Gruß an. Aber der geſchäftige Staatsmann ließ ſich nicht hal⸗ ten.— Gott mit uns, lieber Forſter! flüſterte er. Sie Glücklicher haben noch Muße und Freiheit den Luſtbarkeiten nachzugehen. Ich lebe in Arbeit und Geſchäften, wie der Salamander im Feuer. Es ſind üble Nachrichten ange⸗ kommen: in Ungarn, Böhmen, ſelbſt in Oeſtreich iſt Be⸗ wegung. Man fodert die großen alten Rechte zurück. Bei Gott! Vieles in Europa iſt caput wortuum und macht— Convulſionen! Oui, oui! Noch war es nicht Nacht genug zur Illumination; dennoch ſahen die Anlagen im chineſiſch- holländiſchen Ge⸗ ſchmack ſchon zauberhaft aus. In der Kaſtanien Allee ſtand die Abendtafel für höchſte und hohe Herrſchaften ge⸗ deckt, die Bäume von Guirlanden bunter Lampen um⸗ rankt, die ihr farbiges Licht über die ſteifen Hecken und in die ſchnurgeraden Seitengänge warfen. Andere Lämp⸗ chen oder fernflammende Fackeln lockten in die geheimen Tiefen des Gartens und nach den Myſterien der Grotten, wohin aber nur den Fürſtlichkeiten die Pfade frei ſtanden. Glanzlichter auf den Terraſſen des hohen Amphitheaters unter dem Hauptgebäude ſpielten in den glitzernden Strah⸗ len der ſpringenden Wäſſer wie mit hüpfenden Diamanten, zerfloſſen um die weißen ſteinernen Götterbilder Jupiters, Neptuns, Plutos, der Junv, Flora und Ceres, ſowie der Waſſernymphen am Weiher; gaukelten um die Golpfrüchte der fern zwi Got 6 Fuu nh ſiön unt ſiede lu und wyr ihre Iu Au km da de ac an der ſch tn te M Hert⸗ nicht m rübet Gruß hal⸗ Sie keiten ie der ange⸗ Be⸗ rück und tion Ge Alle ge um und my men ten den ah⸗ ten, der chte 125 der umhergeſtellten Orangen, und ſtahlen ſich in die ent⸗ ferntere Dämmerung der Kaſtanien und Wallnußbäume, zwiſchen denen aus den Gängen des Gartens die niederen Gottheiten in ihrer ſteinernen Nacktheit ſchimmerten. Denn es fehlten, im Geſchmack dieſer Prachtanlagen, nicht die Faunen und Satyren an jenen ſchattigen Plätzchen, wo nach üppigen Mahlzeiten der Kapitular ſo gern mit einer ſchönen Dame koſend wandelte; nicht die Bachantinnen, unter denen die luſtigen Frauen ſich auf Raſenbänken niederließen, wenn ihnen Höflinge und Prälaten, in er⸗ laubtem geiſtlichen Spiele, die ſeidenen Schuhe auszogen und verſteckten, oder mit Wadenmeſſen ſüße Wetten ge⸗ wannen, oder um den ſchimmernden Nacken der Fräulein ihre Kapitelskreuze knüpften, um der üppigen reizenden Jugend die Weihe der Enthaltſamkeit zu ertheilen.— Auf der Schloßtreppe, wo eine Gruppe ſteinerner Muſi⸗ kanten aufgeſtellt war, ſpielte in die Zaubernacht hinein das Soforcheſter. In Mitte dieſer Luſt und dieſes Lebens der Menſchen, der Lichter und der Töne erhob ſich unbe⸗ achtet die koloſſale Gruppe des Raubes der Proſerpina am Rande des Baſſin, in deſſen Spiegel ein matter Wie⸗ derſchein der Göttin nach der Unterwelt deutete. Auf der oberſten Terraſſe, in fächelnder Luft des ſchwülen gewitterigen Abends, ſaßen und wandelten die Majeſtäten und Fürſtlichkeiten. Mehr zurückgezogen hiel ten ſich die fremden Geſandten und Marſchälle, Adjutan ten und Miniſter Auch Damen fehlten nicht; denn zur Geſellſchaft der Gräfin von Lichtenau, die nach der Krö nung noch eingetroffen war, ihren königlichen Freund nach Koblenz zu begleiten, und zur Unterhaltung der Fürſtin von Monaco, der blonden Freundin des Prinzen Conde, hatte Frau von Coudenhove eine Auswahl von Damen, Mainzerinnen und Franzöſinnen eingeladen. In ehrerbie⸗ tiger Ferne hielten ſich die übrigen Eingeladenen und Zu⸗ gelaſſenen dieſes Abends, aus deren Kreiſe zuweilen Einer oder der Andere zur Vorſtellung oder zu einem Handkuſſe von einem der dienſtthuenden Kammerherren hervorgezogen wurde. Der Anblick dieſer höchſten und einflußreichſten Perſo⸗ nen der Zeit hatte etwas Ueberwältigendes für die Zu⸗ ſchauer, die ſich mehr oder weniger für begünſtigt anſahen, indem ſie dieſer Herrlichkeit nahen und ſich mit den ſüßen Abfällen des Erſtaunens ſättigen durften. Auch Huber, als Anhängſel der Diplomatie, war reizbar genug für Empfindungen, die von ſolchem Zauber nicht unberauſcht bleiben. Er ſprach ſich über die Bedeutung eines ſolchen Brennpunktes von Macht und Weltherrſchaft lebhaft gegen Thereſen aus, die jedoch ſeinem lauten Entzücken einen heimlichen Grund beimaß, und darum, ohne ſeine An⸗ ſichten zu theilen, doch ſeinen begleitenden Händedruck nicht unerwidert ließ. Forſter dagegen kam, wie er denn oft bei geringfügi⸗ gen Anläſſen bedeutende und manchmal für Andere ſehr fernliegende Geſichtspunkte faßte, auch jetzt auf eine ganz unerwartete Betrachtung.— Wie gern, ſagte er, würde ich es dieſen regierenden Häuptern gönnen, ihre verſchwen⸗ deriſchen Genüſſe in die Nacht zu verlegen, ſähe man ſie doch auch, wenigſtens an hohen Feſttagen, wie in alten Zeiten einer einfach erhabenen Herrſchaft, beim Lichte der Sonne zu Gericht ſitzen, oder entzögen ſie wenigſtens ihren Pölt Guri ſtatt tene Pub dus 6 1 urſc uſſt dis und die kein un ibt iht kin ſch fön bor pf Au Bu mt unt l fu an d bonde, umen, terbie⸗ d Zu⸗ Einer dkuſſe ezogen Perſo⸗ eZu⸗ ſahen, ſüßen uber, g für auſcht olchen gegen einen An⸗ nicht fügi⸗ ſehr gan würde hwen n ſie alten te der ihren 127 Völkern nicht das heilige Recht in das Zwielicht der Gerichtsſüle und legten nicht Klage und Vertheidigung, ſtatt auf die ſchlichte Zunge edler Anwälte, in die geſpal⸗ tene Feder der Rechthaber und Rabuliſten. Göttliche Publicität! Erhabene Würde der Gerechtigkeit, die nicht vas Licht ſcheuet! Daß kein Volk, kein Land, keine Stadt es wage, ſich frei zu nennen, ſo lange ihre Richter bei verſchloſſenen Thüren über das Schickſal ihrer Mitmenſchen entſcheiden! Ich haſſe das ewige Kreiſchen von Freiheit, das Gekrächze Derer, die nicht wiſſen, was frei ſein heißt, und des goldenen Vorrechts nicht werth ſind; ich haſſe die Sklaven, die nur ſprechen und nicht handeln. Aber kein Ausdruck iſt zu hart, um Abſcheu gegen den Tyran⸗ nen zu erwecken, der ſeines Volkes Vater zu ſein vor gibt, und es im Verborgenen richtet. Im Verborgenen richten, iſt Meuchelmord; und kein Zuſatz von Umſtänden, keine Modification kann dieſes Verfahren je ſoweit ent— ſchuldigen, daß ſie ihm dieſen Namen wieder nehmen fönnten. Jeder, den ein Rechtsurtheil traf, das im Ver⸗ borgenen gefällt und motivirt wurde, iſt ein Tyrannen⸗ opfer, gegen das man alle Gerechtigkeit aus den Augen ſetzte; mithin iſt er zurückgeſtoßen aus dem Bunde der bürgerlichen Geſellſchaft in die Sphäre des natürlichen Lebens, wo Jeder ſein eigener Vertheidiger und Rächer iſt. Der kluge, etwas diplomatiſche Huber, der durch vielen Umgang mit Forſter für deſſen kühne Aufwallungen und freie Gedanken eine Art von Inſtinkt hatte, war gleich anfangs mit Thereſen ein wenig abſeits gewandelt, um den begeiſterten Sprecher dadurch aus der Umgebung un 128 geeigneter Zuhörer zu locken und dem Mißverſtand und Aergerniß zu entziehen. Und doch war es das vornehme Ausſehen, die bedeutende Perſönlichkeit Forſter's, dem die wachthaltenden Kammerhuſaren ein Vortreten in den Vorhimmel der Majeſtäten nachſahen. Hier bemerkten ſie zuerſt den Baron Franz Karl, nach welchem ſich Thereſe bisher vergebens umgeſehen hatte. Der junge Freund ſtand in Unterhaltung mit einer frem⸗ den Dame von gewiſſen Jahren. Es war die Gräfin von Lichtenau, die den jungen Baron wiederholt angeſprochen hatte. Franz Karl ahnete nicht, daß ſie ihn zu gewinnen und einzunehmen ſuchte. Er hätte ſich auch keine Abſicht dabei denken können Die Herkunft dieſer Dame, die Rolle, die ſie am preußiſchen Hofe ſpielte, waren ihm nicht unbekannt. Eines Waldhorniſten Tochter und Frau eines königlichen Kämmerers konnte immerhin ſehr ſchön und reizend ſein; ja, es war nicht anders zu erwarten, da der König bei allem orthodoren Eifer und frömmeln⸗ dem Aberglauben, woran ihn ſeine Miniſter gängelten, eine nicht weniger ſtarke Portion ſinnlichen Geſchmacks beſaß. Nun fand aber Franz Karl überdies noch, was er gerade nicht erwartet hatte,— eine zugleich ſehr an⸗ muthige und ſogar gebildete Frau. Von ihr ſelbſt erfuhr er, daß ſie in ihrer Jugend zu Paris ihre Schule gemacht hatte. Während einer lebhaften Unterhaltung, womit ſie den aufmerkſamen Baron beſchäftigte, ließ ſie doch den König, ihren dicken Freund, nicht aus den Augen, um deſſen Vertraulichkeit mit der Comteſſe Joſephine zu beobachten. Wie der König endlich der ſchönen Comteſſe den Arm bot und ſie nach einer einſamen Seite des Gartens führ den Dre war wür wahr wohn zft biſhi ih e Wit an t Körh Man Ged mit eine G5 ſen vom word und Ciro Und ſur; ſhe mt, uz ſteht d und ornehme dem die den , nuch hatte ftem⸗ fin von procher Frau ſchön varten mmeln⸗ gelten hmacs was an⸗ erfuhr emacht nit ſi hden 129 führte, ließ ſie den Baron fallen und wendete ſich an den Herzog von Braunſchweig. Franz Karl ſtieß auf den Kapitular von Harf zu Dreiborn, der als Wahlbotſchafter in Berlin geweſen war, und drückte ſeine Verwunderung über die Liebens würdigkeit der Gräfin aus.— Nicht wahr, Baron, nicht wahr? rief Dreiborn vergnügt, wobei er nach ſeiner Ge⸗ wohnheit mit der Linken fortwährend am Kapitelskreuz zupfte. Ein deliciöſes Weib! Hat mich in Berlin ſehr beſchäftigt. Ich ſage Ihnen, und wie ich es kenne, darf ich es ſagen, wenn die göttliche Weltordnung auch auf Maitreſſen regierender Häupter berechnet iſt, ſo haben Sie an dieſer Lichtenau eine Normal-Maitreſſe reizend von Körper, frei und groß geſinnt, ſo uneigennützig als ihr Mann, der Kämmerer, ein gemeiner Kerl iſt. Keck mit Gedanken, ſchlagfertig mit der Zunge, weiß ſie doch Alles mit dem Schmelz ihrer Anmuth zu mildern und zu ver⸗ einen Sie kennen ihre Geſchichte nicht? Hören Sie! Es iſt charmant! Als junges Mädchen hatte ſie Citro⸗ nen feil getragen, während ihre ältere Schweſter bereits vom König als damaligem Prinzen von Preußen beſucht ward Eines Abends verlangt der Prinz ein Glas Punſch, und die Geliebte geht hinaus, von der Schweſter eine Citrone zu fodern. Der kleine Trotzkopf verweigert ſie, und bekömmt auch ſtracks eine Ohrfeige von der Schwe⸗ ſter; worüber aber die niedliche Citronenhändlerin einen ſolchen Halloh aufſchlägt, daß der Prinz die Thüre öff net, um zu ſehen, was es ſei. So erblickt er zuerſt das reizende Kind, das eben in aufblühender Entwicklung ſteht. Das Folgende können Sie ſich denken. Und da Koenig, Elubiſten in Mainz. I1 9 130 der König— ich will ſagen der Prinz— auch den leb⸗ haften Geiſt des Mädchens bemerkt, ſo ſchickt er es nach Paris, um die Gaben auszubilden, durch welche hernach die Gräfin auch ihre dauernde Herrſchaft gewann. Sie half jetzt den Miniſtern Biſchofswerder und Wöllner jenen myſtiſchen Punſch aus Rum der Geiſterſeherei, aus Citro⸗ nen der Alchymiſterei und heißem Waſſer der Frömmelei bereiten, zu welchem ſie als viertes Ingredienz zur Be⸗ rauſchung des hohen Herrſchers den Zucker ihrer Gunſt miſchte. Anfangs hing ſie mit echter, wahrer Leidenſchaft am König; da dieſer aber in ſeiner Neigung gern wech⸗ ſelt, und über die Eiferſucht der Gräfin ungeduldig zu werden anfing ſo fügte ſie ſich, um den ſinnlichen Freund nicht gänzlich zu verlieren, in ſeinen Wankelmuth, und bediente ihn mit wechſelnden Liebſchaften. So führt ſie nun das unbeſtändige, der Treue unfähige Herz des Kö⸗ nigs, das ſie ſonſt mit eigener Leidenſchaft beherrſchte, an einer Kette vielgegliederten käuflichen Genuſſes. Sie iſt, wenn Sie wollen, wieder Citronenhändlerin geworden, und verſorgt den König nach ſeinen wechſelnden Neigun⸗ gen mit friſchen Zuthaten zu jenem myſtiſchen Punſche! Sie verſtehen mich. In dieſem Augenblicke fiel ein Kanonenſchuß, und zwanzig Raketen rauſchten in die Luft. Während alle Blicke in die Höhe gerichtet waren, ſtürzte Comteſſe Jo⸗ ſephine herbei und warf ſich mit Herzklopfen an die Bruſt der Tante.— Was haſt du, einfältig Kind! ſchalt die Generalin leiſe, und wehrte die Nichte ſanft von ſich ab, mit Winken, ſich zuſammenzunehmen. Ach— der König—! flüſterte Joſephine. n leb s nach etnach Sie jenen 6itro nmelei t Be Gunſt nſchaft wech ig zu reund und rt ſie Kö e an e iſt orden, iqun 134 Still! gebot die Tante. Biſt du allein hier? Fühlſt du nicht, wie kindiſch du dich hier benimmſt? Eine Feuergarbe um die andere ſtieg in gemeſſenen Zwiſchenräumen vom dunkeln Spiegel des Rheins empor und verdoppelte ſich im Wiederſchein der Gewäſſer. Wenig Minuten dauerte dieſe blendende Erſcheinung, und wie ſie verſchwand, erſchien jenſeit des Stromes ein geräuſchloſer Fernzauber. Die Kirchthürme von Kaſtel, von Koſtheim und Hochheim traten beleuchtet hervor und flimmerten herüber; die Schiffbrücke des breiten Stroms zog mit bunten Lichtern wie ein farbenreiches Band von der Stadt hinüber nach Kaſtel, und durch dieſe Stille des Leuchtens und Staunens ſchwamm, von beleuchteten Jachten, Booten und Kähnen umgeben, ein großes Schiff, mit den transparenten Adlern Oeſtreichs und Preußens und mit flammenden Inſchriften prangend, von Weißenau her den Strom entlang, und ſprühte im Vorübergleiten unter der Favorite aus großen Feuerrädern die farbigen Namenszüge der verbündeten Monarchen. Während deſſen ſpielte das Orcheſter Melodien aus der damals neuen„Zauberflöte“; in kurzen, regelmäßigen Abſätzen fielen vom jenſeitigen Ufer Kanonenſchläge, wie Pulsſchläge der träumenden Nacht; die Glocken der nahen Stadt läuteten von allen Thürmen, und vom Rheinufer herauf, wo ſich das Volk heut zum zweitenmal zuſam mengedrängt hatte, erſcholl ein tauſendſtimmiger Jubel In der Nähe der hohen Häupter wurden eine Weile nur einzelne beifüllige Aeußerungen und halblaute Bemer kungen vernommen. Selbſt die Monarchen waren von ſo prachtvollen Erſcheinungen überraſcht. 9* —— — 132 Eine Coalition, die eben ihre Feuerprobe beſteht! rief, nach den brennenden Adlern zeigend, die Fürſtin von Monaco. Die Waſſerprobe werden wir am beſten in der Cham⸗ pagne beſtehen! lachte der Herzog von Braunſchweig, und ſetzte, an ſein Degengefä klopfend, hinzu: Unſere Kork⸗ zieher werden ſich bewähren, die ſchäumenden Flaſchen und die brauſenden Jakobinerköpfe zu brechen. Der arme Mozart ſoll ſehr leidend ſein? fragte Al⸗ bini den Grafen Stadion. Haben Sie in Wien von ihm gehört? Er wird den Winter nicht überleben! antwortete der Kapitular. Unſer Rafael der Töne componirte an einem Requiem und ſoll weinend geſagt haben, er ſich ſelbſt. Was wird Schlözer zu dieſen Feſten ſagen? hörte man den Kurfürſten ausrufen, worauf Stadion den Ba⸗ ron Franz Karl bei Seite nahm und ihm ins Ohr flüſterte: Haben Sie' S ſetze es für s gehört? Der Schlözer iſt doch die péte noire unſerer regierenden Herren! Sie nennen ihn mit Wuth und fürchten ſich doch vor ſeinen„Staatsanzeigen“ Unſer Reichstag wird ohnmächtig, will das Jvurnal ſei⸗ nen Stuhl einnehmen? Wir haben in Deutſchland be— daß die politiſche Oppoſition Stellung der Fürſten zum Kaiſer liegt, deſſen hrer landesherrlichen Macht zu beſchränken ſuchen; daher denn unſere Publiciſten es mit dem Kaiſer halte Theuerſte Gräfin kanntlich das Eigenthümliche, in der Oberherrlichkeit ſie zu Gunſten i n und auf Reichseinheit dringen. ſagte mit aller einſchmeichelnden An⸗ mu zůc mi K ſih liß lah Un ham und Kort⸗ und lon ſen icht in 133 muth die Lichtenau zur Cvudenhove, der König iſt ent⸗ zückt von Ihrer liebenswürdigen Nichte. Eben geſtand er mir mit ſeiner ganzen Herzlichkeit Wenn ich ſolch' eine Tochter hätte! Nicht wahr, Sie begleiten uns nach Koblenz? Ein großes Lager iſt doch das Einzige, was ſich nach Ihrer mainzer Herrlichkeit noch mit anſehen läßt. Nicht wahr, Sie thun das uns zu Lieb'? Ich weiß nicht— bei der bevorſtehenden Verlobung meiner Nichte—, wendete die kluge Generalin ein. O es verſteht ſich,— der Baron Wallbrun begleitet uns. Der König hat ohnehin Gutes mit ihm vor, und iſt einigermaßen in Verlegenheit, ſich für den ſchmeicheln⸗ den Empfang in Mainz erkenntlich zu bezeigen. Es wäre recht zart von Ihnen, Gräfin, uns mit dem verlobten Paar zu begleiten, und dem König ſo eine gute Gelegen⸗ heit zu geben.— Ich würde ihm ſcherzend ſagen: Maje⸗ ſtät haben eine Tochter auszuſtatten! Abermal ſchoſſen zwanzig Raketen empor; Rieſentrau⸗ ben von Leuchtkugeln zerplatzten in der Luft und ihre feurigen Beeren wurden im Wiederſcheine des Stroms gepflückt. Und wieder ward es ſtill. Das Schiff war längſt vorübergezogen, und der Strom ſchimmerte ruhig. Zwi ſchen den fernleuchtenden Kirchthürmen zückte der ſchwarze Himmel heftige Blitze, und ein langer hartabſtürzender Donner eines Wetters, das an der Bergſtraße hereinzog, rollte und grollte in dieſe üppige Nacht — Fünfzehntes Kapitel. Aus dem niächtlichen Glanz und Zauber erwachte ein ziemlich öder Tag. Die Erwartungen ſogar der Majeſtä⸗ ten und Fürſtlichkeiten, wieviel mehr der großen Menge, waren überboten, und eine Ermüdung der Sinne, eine Abſpannung der Seele konnte nicht ausbleiben. Dabei fehlte dem Morgen die bisherige Heiterkeit des Himmels, und die Nachzüglerwolken des nächtlichen Wetters ließen auch wenig Beſſeres erwarten. Die Straßen und Plätze blieben leblos; denn viele Auswärtige, denen der Tag ohnehin nichts Neues mehr verſprach, waren früh um ſechs Uhr mit den Reichspoſten oder den Jachtſchiffen ab⸗ gereiſt, und die Einheimiſchen beſannen ſich mit verdüſter⸗ ten Köpfen auf ihre ruhenden Geſchäfte. Zur letzten Sitzung waren die Diplomaten ebenfalls zeitig nach Weißenau gefahren, und kehrten gegen elf Uhr zurück] Sehr vergnügt über das Ende der Ver⸗ handlungen ſagte Albini zu Franz Karl, als ſie durch das Neuthor einfuhren: Nun zur Kirche, lieber Varon, zum Tedeum! Wir preiſen herkömmlich, ſo oſt was Wichtiges abgethan iſt, mit Dank den Allmächtigen, und ſchieben damit, echt di⸗ plomatiſch, dem lieben Gott ſo zu ſagen in die Schuhe, was wir Tolles gemacht haben Mir ahnet, unſer wei⸗ ßenguer Kneipen, wie wir's im Spaß genannt haben, —— biſ hn hal ein jeſtä kenge eine Dabei mels lätze Tag um ab iſter falls meff Ver urch Wir iſt di uhe, wel ben 135 wird uns garſtig angekreidet werden. Wir haben einen wüthenden Feldzug gegen das revolutionaire Frankreich beſchloſſen, und ich fürchte, wenn wir Frankreich— kneipen, wird Deutſchland die blauen Flecken davon haben! Eben läuteten die Glocken zur feierlichen Meſſe, und vie Kanonen donnerten dazwiſchen zur Gala der Garniſon. Die Achtgeſpanne der Majeſtäten, die ſtolzen Karoſſen der Fürſtlichkeiten, die Wagen der Geſandten, der Hof und Staatsbeamten fuhren nach dem Dom, wo zum Hochamte des Kurfürſten der Kapellmeiſter Righini jene mozartſche Meſſe dirigirte, in welcher die Sopraniſtin Joſepha Hellmuth und der Tenoriſt Chriſtoph Santorini ihre beſten Soloparthien hatten. Ueber Mittag erheiterte ſich der Himmel wieder im angenehmen Wechſel von Sonnenſchein und flüchtigen Wolkenſchatten; doch nahmen die Monarchen keinen Vor⸗ ſchlag zu einem letzten Ausflug an, ſondern hielten ſich länger an die Leckerbiſſen der kurfürſtlichen Tafel in der Favorite. Der Kaffee wurde im Freien genommen, um noch einmal die Zauber der Landſchaft mit zu genießen Wirklich war die Luft wahrhaft balſamiſch, und die Um⸗ gegend, vom Regen wie von einem Firniß erfriſcht, zeigte ſich klarer und reizender, als man ſie je geſehen zu haben glaubte Beſonders nahm ſich auch die Abtei Jakobsberg auf der nachbarlichen Citadelle gerade in dieſem Licht⸗ und Schattenſpiel ziehender Wölkchen ungemein günſtig aus. Man verſicherte den Majeſtäten, das Innere der ſelben habe eine viel reichere und bequemere Einrichtung, als ihr Aeußeres, als dies Ausſehen nach einem dürftigen ——— —— 136 Kapuzinerkloſter erwarten laſſe. Der junge Kaiſer be kam den Wunſch, die Abtei zu beſuchen.— Der alte Abt Iſaachy— von welcher Familie iſt er? fragte Franz. Ein Herr von Geinsheim, Majeſtät! antwortete der ſt Ein recht ehrwürdiger Mann, der Abt! bemerkte der Kaiſer gegen den König von Preußen, und hat einfache, würdevolle Manieren, Herr Bruder Kur Hat mir auch gefallen! erwiderte der König. Hat einen eigenthümlichen Blick,— was Geiſterhaftes. In wohl, einen Blick ins ewige Leben! verſetzte mit leiſem Spott der Herzog von Braunſchweig. Der Augen ſtern eines frommen Achtzigers erweitert ſich bei ſo anhal⸗ tendem Schauen ins Dunkel der Ewigkeit Ich glaube, ſolch' ein Mann könnte prophezeien“ fuhr der König ängſtlich ſort, mit jenem geſpannten Auge, das Geiſter zu ſehen gewohnt war, die ihm ſein Mini ſter, der ſchwärmeriſche Biſchofwerder, beſchwor. Wollen ihn beſuchen, Majeſtät! Der Kurfürſt, der den Baron Franz Karl überall gern vorſchob, winkte ihm, als die Monarchen ſich erho ben, ſie voraus anzukündigen; worauf er ihnen den Staatsrath von Müller als Führer nach der nahen Ab tei mitgab. Den beiden Majeſtäten ſchloſſen ſich der Kron prinz von Preußen und der Herzog von Braunſchweig mit ſeinen Adjutanten an. Unter der Halle des Eingangs ſtand bereits Iſaachy an der Spitze ſeiner Benedietiner, den hohen Beſuch zu empfangen. Der König ließ ſich erſt, um die ſchöne Aus⸗ ſicht zu genießen oder vielmehr, um vom Steigen auszu— ſt lin ge i 137 be ſchnaufen, einige Minuten auf die Steinbank der Vorhalle alte nieder. Beim Eintritt in die Abtei, bei jedem Schritt ranz über den Corridor mit dem Einblick in die geöffneten e der Gemächer war man von der mehr als bequemen Einrich tung überraſcht. Die Monarchen betraten die Zimmer der des Abtes und nahmen Sitz am offenen Fenſter 3 ache Der kleine Saal war geſchmackvoll, wiewol faſt ein⸗ facher eingerichtet, als die Wohnungen der Conventualen. Hat Die Bilder an den Wänden und über den Thüren ver⸗ riethen ausgezeichnete Pinſel, und boten zwar nicht lau ter heilige, doch lauter edle und bedeutſame Gegen⸗ ſtünde dar Vücher in guten Einbänden lagen zur Hand, ein größeres in weißem Lederband auf dem Leſepult auf geſchlagen. Dieſem gegenüber ſtand der ehrwürdige Abt in Mitte des Gemachs, gegen die ſitzenden Monarchen ge— wendet, hinter welchen der Kronprinz und der Herzog Ferdinand ſtanden. Müller, Franz Karl und die Adju⸗ tanten hielten ſich neben der offenen Thüre, durch die man draußen auf dem Gang die Mönche erblickte. Die Abendſonne fiel durch die Gangfenſter und beleuchtete dieſe ſchwarzen Geſtalten dem Fenſter gegenüber, das den rei zenden Ausblick in die Welt aufſchloß. Kaiſer Franz fragte nach den Meiſtern,— König mit en hal⸗ Friedrich Wilhelm nach dem Gegenſtand einiger Bilder mit Beide lobten das Einzelne, ohne die große Idee zu fin den, nach welcher Iſaachy ſeine Bilder geſammelt und zu⸗ „ ſammengeſtellt hatte. Müller machte mit vieler Devotion 3 aufmerkſam auf die Abſicht Cöleſtin's, ſich mit Darſtel * tungen des menſchlichen Lebens in deſſen reinſten Natur verhältniſſen und höchſten geiſtigen Bezügen zu umgeben 138 In dieſem Sinne, bemerkte er, habe der Herr Abt ſchon früh, auf ſeinen Reiſen, das Erwünſchte an ſich gebracht, und die Lücken durch Beſtellungen bei guten Meiſtern ergänzt. So iſt es, Ihro Majeſtäten! ſprach Iſaachy, auf den Arm eines ſchönen, jugendlichen Conventualen geſtützt, und von den ſich kreuzenden Lichtern des Saales wie mit einem Strahlenkranze das ſchneeweiße Haupt umleuchtet. Ich habe mich in die Mönchsklauſe zurückgezogen, nicht um das Leben, das ich ſo vielfach in ſeiner Sündhaftig⸗ keit erblickte, zu vergeſſen; ſondern es aus der Ferne in ſeiner hohen Beſtimmung zu begreifen, und in ſeinen Ge brechen zu lieben. Von hieraus geſehen, ragt es mir über den Dunſtkreis der Leidenſchaften und Vorurtheile, worin ſeine Strahlen ſich brechen oder verdunkeln. Der Kampf der Kräfte und der Begierden verwirrt da drun⸗ ten die Seele, die ihren Antheil am Streit und Genuß des Lebens zu verfechten hat. Wahn und Haß trüben ihren Blick. Und wie ich von hier oben hinab Berg und Thal, Strom und Straße, Fern und Nah überſchaue und ihre Verhältniſſe zu einander richtiger ſchätze, als es mir in Mitte derſelben möglich wäre; beſonders aber auch wahrnehme, wie des Himmels Licht und Luſt über Alles gleichmäßig ausgegoſſen iſt, Schatten aber und Bedräng⸗ niß nur durch die Dinge ſelbſt entſtehen: eben ſo ergeht es mir auch beim Ueberblick über das Leben der Men⸗ ſchen und Völker. Allen und Jedem iſt ſein Antheil gött⸗ licher Liebe gegönnt und gegeben; aber die Menſchen und Völker bringen nur einander ſelbſt, indem ſie ſich hem⸗ men und haſſen, um dieſen Genuß ewigen Wohlſeins, das uns ſchon hienieden geboten wird. äue tern ſchon bracht, tginzt uf den eſtützt, e nit chtet niht haſtig me in n Ge mir theile, Der drun⸗ enuß rüben gund ſchaue räng⸗ rgeht Men gött und hem das 139 Aber wie, Herr Abt? Alle Menſchen gleich ſein? äußerte der Kronprinz von Preußen in ſeiner etwas ſchüch⸗ ternen Weiſe. Nicht die Menſchen, Hoheit, können einander gleich ſein, weder in geſellſchaftlicher Geltung noch in bürger— lichem Beſitz; ſonſt müßten wir die Natur und den Him— mel verklagen, die ihre Gaben und Schickungen ſo un— gleich vertheilen. Nein, dieſe franzöſiſche Loſung der Zeit iſt irrig oder wird mißverſtanden. Aber die Einrichtun⸗ gen des geſellſchaftlichen Lebens, die kirchlichen, ſtaatlichen und gewerblichen Einrichtungen ſollten ihre Wohlthätigkeit auf Alle gleichmäßig und ohne Unterſchied des Standes und der Perſon verbreiten, in der Weiſe, wie Licht und Luft, dieſe großen Schaffner des natürlichen Daſeins, wirken. Dabei bliebe doch immerhin Herrſchen und Die⸗ nen die ewige Ordnung der Welt, und in beiden liegt auch eine Fülle von Beſeligung, die nur dadurch geſtört wird, daß unſere Lebenseinrichtungen die einzelnen Men⸗ ſchen in ihrem beſten Streben ſo ungleich begünſtigen Denn nicht blos in der Stellung des Regenten zu den Unterthanen, ſondern in jedem Lebensverhältniß, in jedem Beruf und Geſchäft kehrt dieſe ewige Ordnung von Herr⸗ ſchen und Dienen wieder— Aber Zeit und Gewalt haben ſolche göttliche Ordnung verrückt; ſo daß der nicht mehr zum Herrſchen gelangt, der die urſprüngliche Krone da— für in ſeiner Bruſt trägt, und der ſich nicht mehr zum Dienen bequemen will, dem ein ererbtes Diadem die un⸗ geweihte Stirne ſchmückt. In allen Verhältniſſen iſt die Uebereinſtimmung ves innern Berufs mit der äußern Stel lung nicht blos geſtört, ſondern unmöglich gemacht Die⸗ 4 140 ſer Lebensaccord iſt verſtimmt; ein allgemeines Unbehagen verbreitet ſich, wie Gewitterſchwüle vor einem Wetter, und dies Wetter heißt Empörung, Umſturz, oder auch— Er⸗ neuerung der Lebenselemente des Herrſchens und Dienens. Der Herzog Ferdinand, der dies den Monarchen ſo unerquickliche„Faſeln eines alten Mannes“ unterbrechen wollte, fiel mit der halbſpöttiſchen Bemerkung ein: Sie leſen viel, Herr Abt? Ich ſehe mehr als Ein Buch auf⸗ geſchlagen Und leſen wol auch franzöſiſche Schriften der Zeit? Was ſoll ein Mönch und Greis mit ſeinen langen Sommertagen und ſchlafloſen Winternächten anfangen? antwortete der Abt. Er baut am überſinnlichen Reiche, in das er bald eirzugehen gedenkt. Man ſieht es Ihrem verklärten Auge an, fuhr jener fort, daß ſie etwas überſichtig ſind. Könnten Sie viel⸗ leicht den verbrüderten Monarchen, die Ihnen die Gnade ſchenken, Sie anzuhören, ein himmliſches Loſungswort, eine Parole für den Krieg gegen Frankreich geben, in den wir ziehen, um dort nach Ihren vortrefflichen Grund⸗ ſätzen— Herrſchen und Dienen wieder in Ordnung zu bringen? Könnten Sie wol—2 Iſaachy ſah den lächelnden Spötter mit ruhigem Auge an. Er entſann ſich, wie ſehr der Braunſchweig das Franzöſiſche liebte und in ſeinem Umgang die Franzoſen vorzog, und ſprach: Ich ſehe in dieſem bewaffneten Unternehmen den An fang eines großen Reinigungs Proceſſes. Die vielen deutſchen Höfe haben das franzöſiſche Weſen in Sprache, Sitte und Ueberzeugungen nach Deutſchland gebracht, und unſere Nationalität, leider! durch politiſche Spaltun⸗ behagen er, und — Er ienens hen ſo brechen Sie h auf tZeit⸗ langen ngen Keiche jener viel Fnade wort , in rund⸗ i9 zu Auge zoſen An ielen ache und tun 14⁴⁴ gen ſo zugänglich für das Fremde, mit Fremdem getrübt. Ein Scheidungsproceß iſt nöthig, und dieſe Revolution, die man nun mit den Waffen herüberfodert, wird beide Völker miſchen und vielleicht durch lange Leiden reinigen Iſaachy hatte bei dieſen Worten den Arm von des jungen Benedictiners Schulter wie weiſſagend erhoben Eine verlegene Stille entſtand. Der Kronprinz, ſehr un— gehalten, wie es ſchien, über ſeines Vaters und des Kai ſers Geduld, trat, um einen Aufbruch anzuregen, an das Leſepult. Ueberraſcht, einen Band von Luther's Schriften aufgeſchlagen zu finden, ſagte er: Ei, Herr Abt,— Luther leſen? Nun ja, Eure Hoheit! antwortete der Greis, den Arm wieder auf die Schulter ſeines Kloſterſohnes gelehnt Auch in der chriſtlichen Kirche erkenne ich wieder das Ge⸗ ſetz des Herrſchens und Dienens. Iſt es nicht ein Wun⸗ der, daß es dieſer groben Auguſtinerkutte gegen die glanz⸗ und machtvolle Tiara gelingen konnte, der inneren Wahr⸗ heit des Chriſtenthums, dem erniedrigten Geiſt der Liebe, einen neuen Weg zu öffnen, um wieder herrſchend zu werden? Das iſt in Ihrem Sinne geſprochen, mein gnädigſter Prinz von Preußen, und wenn doch vorhin nach einem Loſungsworte die Frage war: ſo ſteht hier eben eines von Luther aufgeſchlagen. Gerade bei dieſer Stelle überraſchte mich vorhin die Botſchaft von der Gnade dieſes hohen Beſuchs. Vielleicht iſt es eine höhere Fügung, daß ich dieſen Spruch als Nenion, als Gaſtgeſchenk un⸗ ſeres Kloſters, darbringen ſoll Und an das Pult getreten, las Cöleſtin mit ſeiner tiefen, geiſterartigen Stimme 142 „Verflucht und verdammt ſind alle Werke, welche nicht in der Liebe gehen. Dann aber gehen ſie in der Liebe, wenn ſie nicht auf eigene Luſt, Nutzen und Ehre, ſondern auf Anderer Nutzen, Ehre und Heil gerichtet ſind. Der Fürſt muß nicht denken, Land und Leute ſind mein, ich will's machen, wie mir's gefällt; ſon⸗ dern, ich bin des Landes, ich ſoll's machen, wie es ihnen nütze und gut iſt.“ Der König erhob ſich heftig. Hat die Abtei noch andere Merkwürdigkeiten? fragte er, am Abte vorüber⸗ gehend, zur Thüre hinaus. Niemand wagte zu antworten, ſo daß Franz Karl ſchnell einfiel: Eine ſchöne Hausandacht, Eure Majeſtät! Die wollen wir noch ſehen! wendete er ſich gegen den Kaiſer. Vielleicht iſt ſie mehr zu loben, als die Stuben⸗ andacht. Der Kaiſer, ſchalkhaft lächelnd, nickte dem Abte freund⸗ lich mit den Worten: Bleiben S' nur hier, ehrwürdiger Vater! S' haben halter die ganze Zeit über hart ge⸗ ſtanden. Der Baron da kann uns führen. Ruhen S' aus! Dieſer Befehl galt Franz Karln, und ein Wink ge⸗ gen den Staatsrath Müller bedeutete dieſen, dem Abte Geſellſchaft zu leiſten. Lächelnd blieb Cöleſtin, leichenblaß Müller zurück.— Setzen wir uns, Herr Staatsrath! ſagte der Greis. Es ruht ſich gut, wo Könige geſeſſen haben. Ich hab's übel getroffen mit meinem Kenion. Ich weiß wohl, die preu⸗ ßiſchen Herren ſind gut und eifrig lutheriſch, aber ſie— lieben doch ganz anders, als es Luther meint. Sie werden das beſſer wiſſen, Herr von Müller,— als Ge⸗ ſchic unſ aus unt die geſt Ge Sy kere der welche in der Ehre erichtet Leute noc rüber Karl jeſtit! n den uben eund⸗ rdiger t ge⸗ aus kge⸗ Abte G5 übe preu Sie Ge 143 ſchichtſchreiber. Aber ein vornehmer Reiſender, der jüngſt unſeren Convent beſuchte, erzählte mir das Betrübendſte aus Berlin,— von Lurus, Verſchwendung, Ueppigkeit und Unmoralität, die dort vom Hof auf die Stadt und in die Provinzen ſich verbreiten; wie verdorben beſonders die adeligen Officiere ſind,— ohne Achtung ihrer Vor— geſetzten, ohne Subordination, dabei herriſch gegen die Gemeinen,— Nachtſchwärmer im Wechſel von Spiel— Sauf- und Luſtgelagen; ohne alles ernſte und edle In⸗ tereſſe, nur auf Verführung der Frauen, auf Täuſchung der Jungfrauen bedacht; Schuldenmacher, Betrüger im Spiel, voll Anmaßungen und Verachtung des Bürger⸗ ſtandes. Solche Helden ziehen jetzt, wie der Herzog ſagt, gegen Frankreich, und wenn ſie unglücklich ſind und die Franzoſen herüberziehen welchen Damm werden ſie bil⸗ den zum Schutze der Maitreſſenherrſchaft in Berlin und des Throns der deutſchen Wiſſenſchaft in Jena? Oui, oui! flüſterte Müller, ohne ſich zu ſetzen. Die Sittenloſigkeit iſt ein gewiſſer Vorbote von Kataſtrophen. Sie riß in Athen und Sparta ein ſchon zu Perikles' Zei⸗ ten, und keine hundert Jahre mehr blieb der Staat. Bei den Römern fand noch Polybius große Religioſität; ſo bald ſie fiel durch Attalus' Geld und die Schmeichler der Plebejer, war auch Roms Fall nahe. Sie erzeugt Ab⸗ ſpannung, müßiges Leben, Sklaverei der Sinne, Armuth bei Lurus und daher Frechheit zu Allem. Franz Karl trat in die Thüre. Sie kommen zurück! rief er. Iſaachy geleitete ſeinen hohen Beſuch vor die Abtei. Dort faltete er die Hände und ſprach: Nun, Herr, laß deinen Diener in Frieden ſcheiden, 6 44 da mein Auge die deutſchen Herrſcher in brüderlicher Ein⸗ tracht geſehen hat! Sechzehntes Kapitel. Nach der Rückkehr der Monarchen vom Jakobsberge zur Favorite war Franz Karl entlaſſen und fuhr in größter Eile zur Stadt. Es war um die Forſter'ſche Theczeit. Wie gern hätte er ſich auf ſeinem Zimmer ein Stünd⸗ chen ausgeruht, ehe er ſich zum Hofball umkleidete, vor deſſen Entwicklungen er ein freudiges Bangen empfand. Eben hatte ihn der Kurfürſt mit geheimnißdeutender Freundlichkeit entlaſſen,— mit dem Winke, ſich bräuti⸗ gamlich anzuziehen, ſich auf die liebeduftende Blume der Mitternacht gefaßt zu halten. Noch andere flüchtige An⸗ deutungen reizten ſein Nachdenken und ſpannten ſeine Er⸗ wartung.— Allem dem hätte er ſich gern, auf ſeinem Sofa ausgeſtreckt, träumeriſch überlaſſen; aber ein eben ſo geheimnißvoller Wink gönnte ihm dies einſame Stünd⸗ chen nicht. Ein Billet ſeiner Freundin Thereſe Forſter beſchied ihn um dieſe Stunde in ihre Wohnung.— „Unvermeidlich,— unverſchieblich“ waren dop⸗ pelt unterſtrichene Worte des Billets, hinter denen ſich das Geheimniß des Vorabends verſteckte, vielleicht, wie ihm einen Augenblick bangte— um ihm das Ge⸗ heimniß der Mitternacht zu verderben. Doch er lächelte tin⸗ gleich ſelber dieſes ängſtlichen Gedankens, der ihm durch das Herz fuhr, als er eben den Fuß auf die Haustreppe ſetzte. Nur die täglichen Freunde ſaßen um den runden Tiſch; Buber mit darunter. Sie kamen dem Baron heut viel erwartungsvoller und ängſtlicher, als gewöhnlich vor; doch war es eigentlich nur ſeine innere Spannung, die ihn Alles umher geſpannt finden ließ. Im Gegentheil waren die Freunde ſehr behaglich und vergnügt angeregt. e zur Sie ſehen etwas müde aus, lieber Baron— Hof⸗ rößter und Regierungsrath! ſagte Stadion. Finden Sie es nicht eezit auch, Frau von Forſter? Wirklich! Sie kommen mir vor, ſo— ſoll ich ſagen, geſättigt? Freilich, mein Beſter, wieviel Menſchen bekommen Sie jetzt auch zu genießen, die für alle und ſo verſchiedene hohe und höchſte Perſo nen mimiſche rumforder Suppe bereiten! tünd tender riuti⸗ Man lachte über dieſe wieder recht geſuchte Bezeichnung e der für ſubmiſſe, allgefüllige Höflinge, und neckte den Grafen⸗ An⸗ mit ſeinen heut beſonders glücklichen Bildern Franz Karl Er lächelte blos, ſtatt einer Erklärung über ſich und ſeine einen Stimmung, und warf nur in ſeiner räthſelnden Ungewiß⸗ eben heit und preſſanten Unruhe dann und wann einen fra tünd genden Blick nach Thereſen.— Sie, die ſeine ungeduldige orſtn Erwartung verſtand, ſagte mit ſchalkhaftem Lächeln: Unſer Freund kann wol nicht anders ausſehen, als dop die große Feſtblüte ſelbſt ausſieht, woran er ja ein Kelchblätt⸗ chen iſt,— welk, abwelkend. Die Prachtblume ſchrumpft ein; morgen fallen die Blumenblätter ab. Nicht wahr, . Herr Baron, die Majeſtäten reiſen morgen? elt Franz Karl bejahte, und Stadion entzückte ſich an Koenig, Clubiſten in Mainz. 1l 10 146 dieſem Vergleiche, an dieſem von Thereſen gebrauchten Bilde.— Wahrhaftig! rief er, ein ſo ungewöhnliches Feſt mit einer tropiſchen Prachtblüte zu vergleichen— charmant! Das Bild gefällt mir ſelber, ſagte ſie; d'rum bringe ich es ja wiederholt vor. Und dies Weißenau habe ich mit dem Fruchtknoten der Blüte verglichen; nur ſind die Samenkörner noch verſchloſſen, ſie ſind noch nicht ſchwarz, wie denn die Samen meiſt dieſe Farbe des Geheimniſſes tragen. Sie werden dieſelben bald ſchwarz— auf weiß aus⸗ fallen ſehen! bemerkte Franz Karl. Eben habe ich aber, um in Ihrem trefflichen Bilde fortzufahren, den edelſten Staubfaden, der aus dem Blumenkelche von Mainz her⸗ vorragt, ſeinen Samenſtaub ausſchütten ſehen. Die Ma⸗ jeſtäten machten nämlich einen Beſuch auf dem Jakobsberge, und der ehrwürdige Abt hat ihnen die erſtaunlichſten Sa⸗ chen geſagt, wie es ſich nur ein Mann erkühnt, der den Hofformen entwachſen, und in hoher Atmoſphäre des Gei⸗ ſtes zu athmen gewohnt iſt. Ich erzähle es Ihnen einmal bei mehr Muße. Er betonte die letzten Worte, um der Hausfrau einen Wink über ſeine Ungeduld zu geben; da ſie noch immer nicht auf den Gegenſtand ſeiner Vorladung kommen wollte. Aber Stadion fiel lachend ein: O das iſt eine taube Befruchtung, mein Lieber! Haben Sie je gehört, daß die Lehren der Geſchichte oder der Weisheit bei den Regierenden gefruchtet hätten? Wären ſie denn auch ſouverain, wenn ſie ſich von der Wahr⸗ heit beſtimmen ließen? Ein rechter Selbſtherrſcher darf nich tiſc 5 Gei⸗ inmal einen mer vollte Haben 147 nicht nach der Vernunft fragen; denn dieſe iſt zu apodie⸗ tiſch, zu unwiderleglich. Am beſten läßt ſich aus dem Unterleib regieren! Nein, nein, ſo lange die Weisheit ſich nicht bequemen will, als Maitreſſe den Regierenden Vergnügen, den Miniſtern Vortheile zu ſchaffen, ſoll ſie es nur aufgeben, nach Einfluß zu trachten! Frau Thereſe, durch Huber's aufmerkſame Blicke aufs angenehmſte bewegt, verſetzte auf dieſe ungewöhnliche Bit terkeit des Grafen mit einer feinen Anſpielung: Aha! Herr Kapitular, nun verrathen Sie uns, warum Sie in Wien keinen höheren Poſten angenommen haben Sie haben einen zu ſchlimmen Begriff vom Regieren bekommen! Stadion drohte ihr mit dem Finger; im Augenblick aber, da er erwidern wollte, öffnete ſich ein wenig die Stubenthüre, und das Kindermädchen nickte der Hausfrau zu. Thereſe erhob ſich und bat lächelnd um Entſchuldi⸗ gung, daß ſie den Baron entführe. Sie nahm den betroffenen Freund mit ſich die Treppe hinauf und öffnete Forſter's Studirzimmer. Aber, wie erſchrak Franz Karl, als er eintretend Fides erblickte! Nach ſo langer Zwiſchenzeit, als er ſie nicht geſehen, wie voll entwickelt und in edler Haltung ſtand ſie vor ihm da!— Fides! rief er in freudigſtem Ton nach der erſten Ueberraſchung, und reichte verlangend nach ihrer Hand. Fides entzog ſie ihm, und ergriff Thereſens Arm, ſich ſelbſt und die Frau, die ſich entfernen wollte, zu halten. — Herr Baron, ſprach ſie dann mit einiger Befangenheit der Gedanken, aber mit offenem, von innerer Bewegung glänzenden Augen,— Herr Baron, mir iſt hier ein ge 10* 148 heimnißvolles Buch in die Hände gefallen,— auf ſo ſonderbare Weiſe—! Sie werden die Handſchrift kennen, und dann ſelbſt begreifen, daß ich es nur durch wunder⸗ bare Fügung haben kann. Einige Notizen und Außzeich⸗ nungen betreffen Sie, Herr Baron, und mir ſchien, ſie dürften Ihnen kein Geheimniß bleiben, Ihr Name, Ihre ganze Perſon ſei dabei zu ſehr betheiligt. Vielleicht geben Sie mir Recht, wenn Sie die Blätter geleſen haben. Aber ich beſitze ſie als Geheimniß; ich habe gelobt ſie Niemanden ſehen zu laſſen: Sie müſſen mir darum ver⸗ ſprechen, gegen Niemanden auf der Welt etwas von dem Buche zu wiſſen, und dürfen die Zuſage auch nicht brechen, wie ich es eben thue. Ja! rief der Baron, ſo feierlich geſtimmt als Fides ſelbſt geſprochen hatte,— ja, das ſchwöre ich Ihnen,— in Ihre Hand, auf meinen Degen! Und indem er die Linke an den Degen legte, den er noch von Hof an der Seite trug, reichte er Fides ſeine Rechte hin. „Ihr Wort genügt ſchon! ſagte ſie, und brachte das bekannte Buch unter ihrem Umlegetuch hervor! Wie ſie es über dem Tiſch öffnete, und das mit des Barons Na⸗ men bezeichnete Blatt hervorſuchte, fiel ihr ein, daß ſie verſchiedene Blätter, wie das über Forſter, ſeine Frau und Huber, ſowie das über Felir Blau ſprechende, hatte her⸗ ausnehmen wollen, und während ſie ſchnell nachſah, ob ſie es in ihrer Haſt und Zerſtreuung nicht unterlaſſen habe, ſagte ſie: Sie ſehen, Herr Baron, daß mir nichts übrig blieb, als ſelbſt Ihnen das Buch vorzulegen. Ich habe es auf eine auf ſo kennen bunder⸗ uzeich en, ſie Ihre geben haben obt ſe m ver⸗ on dem brechen au und te het⸗ ah, ob terlaſſen 9 blieb, uf in Stunde heimlich entwendet. Hier empfangen Sie es! Ich warte unten auf die Zurückgabe. Sie faßte Thereſens Hand und verließ mit ihr das Zimmer. Inzwiſchen hatten ſich die Freunde entfernt, bis auf Huber, der Thereſen abwartete, ihr gute Nacht zu wün— ſchen, da ihn ſein Geſandter vor dem Hofballe noch ſpre⸗ chen wollte. Unter dem Vorwand häuslicher Geſchäfte begleitete ihn Thereſe hinaus und Forſter knüpfte die Un⸗ terhaltung mit Fides an. Die Feſte und die Kaiſerkrö⸗ nung lagen zunächſt; von Frankfurt kam Fides auf Al⸗ zenau und auf das Leben in Aſchaffenburg. Ein Wort führte auch auf Lectüre und ſie ſprach über die Schriften, mit denen ſie im letzten Winter ſich beſchäftigt. Darüber kehrte Thereſe zurück und belebte die Unterhaltung. Sie brachte es auf dieſen und jenen Gegenſtand, als ob ſie den Umfang und die Tiefe der Seele eines ſo anmuthigen Weſens prüfen wolle, für welches ſie um des Barons willen ſich lebhafter intereſſirte, als Fides vorausſetzen konnte Frau Thereſe ſah dabei ſehr befriedigt, ja über⸗ raſcht aus. Und wie hätte ſie auch das liebenswürdige Mädchen in einer günſtigeren Stunde kennen gelernt, als eben jetzt, da es ſich von der drückendſten Sorge frei und des froheſten Herzens fühlte? Es war die glücklichſte Stunde, die Fides noch gehabt hatte. Eine zweifelhafte That der Liebe war ihr gelungen; ſie empfand die innigſte Befriedigung Die reinſte Freude loderte in ihrer Bruſt, und ſtrahlte aus ihren ſchönen Augen. Alle Saiten ihres Herzens bebten, alle Regungen ihrer Seele klangen über⸗ ein— Dieſer hohen und glücklichen Stimmung, die ſich 150 ſelbſt nicht ausſprechen konnte, kam nun Forſters und Thereſens Unterhaltung zu Hülfe; indem ſie mit ihrer zarten, ermunternden Aufmerkſamkeit, mit feinem gebildeten Ton die Gegenſtände heranbrachten, an denen ſich die eben ſo ſchwungvolle Seele der überglücklichen Fides auslaſſen . konnte. Thereſe war erſtaunt. Sie hatte ohnehin bei der Begegnung des intereſſanten Mädchens mit dem Baron einen viel höhern Begriff von Fides und dem Verhältniſſe zu Franz Karl gefaßt. Darüber war unvermerkt eine volle Stunde hinge⸗ gangen, als der Baron mit dem Buche herunterkam. Er ſah auffallend blaß und verſtört aus,— etwas un⸗ ruhig und verbittert, wie man es von einer noch friſchen, unverwundenen Kränkung iſt. Auf ſeinen Eintritt hatte ſich Fides raſch von ihrem Sitz erhoben, verneigte ſich ſtumm gegen Thereſen und Forſter, und faßte das dargereichte Buch. Doch Franz Karl hielt es noch einen Augenblick feſt; ſo daß es wie eine verhängnißvolle Brücke zwiſchen zwei bebenden Hän⸗ den und zwei wunderſam bewegten Herzen ſchwebte. Wie ſeltſam wechſeln nicht die Regungen, denen ein menſchliches Herz unterworfen iſt! So lange hatte Fides unter den Zweifeln, was ſie mit dem Buche für Franz 3 Karl thun dürfe oder laſſen müſſe, ſich abgeängſtigt, ohne an Leid und Schmerz zu denken, die ſie dem theuern Manne mit ſolcher Offenbarung machen würde, und die ſie jetzt an ſeinem zuckenden Mund und zürnenden Auge zu ihrem Schreck erkannte. Und gerade an dieſem eigenen Leid und Schmerz empfand der unglückliche Freund das Maß der Theilnahme und Liebe, die er empfangen, und und ihrer ildeten e eben laſſen Baron iltniſſe hinge⸗ Et 5 un⸗ iſchen, ihrem und Franz Auge eigenen d das und 15¹ des Kampfes, den es ein liebendes Herz ſich hatte koſten laſſen. Dies war die wechſelſeitige Erkenntniß des Augenblicks, wofür Beide kein Wort und keine Verſtändigung fanden. Sie tauſchten nur einen ſeelenvollen Blick, der ſeinen un⸗ ausſprechlichen Inhalt mit ein paar Thränen ſchmückte. Fides eilte mit dem Buche fort. Franz Karl blieb am Tiſche ſtehen, und ſah bald Forſtern, bald Thereſen an, nach einem Gedanken, einer Wendung ſuchend, womit er das peinliche Räthſel dieſer Stunde, ohne es zu erklä⸗ ren, zwiſchen ſich und den Freunden ſchicklich wegräumen möchte. Er fand kein rechtes— nicht einmal ein leeres, gewohnheitliches Wort, ſondern nur ein erzwungenes Lä⸗ cheln, womit er freundlich nickend beiden Ehegatten die Hand zum Abſchied reichte. Forſter und Thereſe ſtanden befangen in peinlicher Verlegenheit. Nur Thereſe, indem ſie den jungen Freund bis an die Thüre begleitete, ſagte mit erzwungenem Scherz Ja, ja, lieber Baron, es iſt Zeit zum großen Hofball! Franz Karl erwiderte nichts; er blickte nur raſch um, und machte eine heftige Bewegung, wie Einer, der etwas Unwürdiges von ſich weiſt und verwirft. N —„ Erſtes Kapitel. Amn andern Morgen, nachdem mit Anbruche des Tages Kaiſer Franz und ſein Gefolge über die Brücke nach Frankfurt abgereiſt waren, bereitete ſich die Abfahrt des Königs von Preußen nach Koblenz. Während der dicke Herr mit dem Kronprinzen und dem Herzoge von Braun⸗ ſchweig erſt noch ein Frühſtück im alten Schloß einnahm, lagen des Kurfürſten prachtvolle Jachten unter der großen ſteinernen Treppe neben der Martinsburg zur Aufnahme der hohen Reiſenden bereit. Hundert größere und klei⸗ nere Fahrzeuge kreuzten indeß auf der breiten Fläche des Stromes umher. Kähne mit Neubegierigen, welche die Abfahrt mit anſehen mochten, drängten ſich einander vor, und Boote mit Fremden und Einheimiſchen hielten ſich bereit, im Nachzuge der Majeſtät mit nach Koblenz zu fahren, um das ſeltene Schauſpiel einer langen Friedenszeit,— das große preußiſche Lager, anzuſehen.— Der Himmel war trüb, das gute und günſtige Wetter drohte um⸗ zuſchlagen. Nicht lange, ſo vermehrte ſich nach und nach die Die nerſchaft und das Gefolge am Kai. Gepäck und Geräthe ward fortwährend in die Jachten und Beiſchiffe gebracht. Jetzt erſchien auch, vom Admiral von Kinkel begleitet, die ——— —— 156 Gräfin Coudenhove mit ihren beiden Nichten, Alle in Reiſekleidern. Eine zweite Dame folgte mit anmuthig⸗ lebhaften Schritten aus dem Schloſſe, und man flüſterte ſich in den Booten zu, daß es die berüchtigte Gräfin Lich⸗ tenau ſei. Schauſt du, Peter! rief ein Bootführer ziemlich laut dem andern zu,— da kannſt du den Unterſchied ſtudiren die Eine iſt eine kurfürſtliche, die Andere eine königliche — Gräfin! Studiren, Chriſtian? verſetzte der Angerufene. Da iſt was zu ſtudiren! Ich tarire ſie nach ihrer Zunft, nicht nach ihren Kunden, und eine Reuſe bleibt eine Reuſe, ob ein Bars oder ein Hecht ſich darin fängt. Mit ſolchen und anderen loſen Reden, die nicht unbelacht blieben, ruderten die Schiffer hin und wieder. Ein verwegenes Boot wagte ſich am nächſten an die kurfürſtlichen Jachten heran, zumal an diejenige, welche die vier Damen mit dem Admiral zu beſteigen Miene machten. Jean Baptiſt war es in ſeinem phantaſtiſchen Schifferanzuge. Unter ſeiner Flagge mit dem Myrtenkranze um das Ruder war er eben im Begriffe, Frau Gertrud nach Oeſtrich zu bringen, und Fides hatte ihren Gaſt bis ins Boot gelei⸗ tet, um das Schauſpiel der Abfahrt mit anzuſehen. Ver⸗ gebens ſuchte ſie den verwegenen Vetter zurückzuhalten; denn wie lebhaft es ſie verlangte, die Comteſſe Joſephine in der Nähe zu betrachten, ſo fürchtete ſie doch in dieſer Nähe und Neubegierde von Franz Karl bemerkt zu werden, der doch wol an der Seite ſeiner Braut nicht lange fehlen werde. Da ihr der Vetter nicht nachgab, ſo zog ſie ſich im Boote zurück und hüllte ſich in ihr Halstuch; während Str der den Kur ihr ßid in wil au mi ſul R in udiren nigliche 157 ihr Blick an der Comteſſe haftete, die am Rande des Kais ſtehend, ihr trübes, träumeriſches Auge über den Strom und das Gewimmel der Fahrzeuge ſchweifen ließ. Als aber Franz Karl immer nicht erſcheinen wollte, der dicke König ſchon an der Treppe ſtand und unter dem Donner der Kanonen und Vivat des Volkes den Kurfürſten umarmte, als ſodann auch die Gräfin mit ihrer Geſellſchaft die geſchmückte Jacht beſtieg, überkam Fides eine zunehmende Unruhe. Eine Ahnung regte ſich in ihrer Bruſt, welch' ein Unheil ſie mit dem verwünſchten rothen Buche möchte angerichtet haben. Jetzt glaubte ſie auch das ſchwermüthige Weſen der Comteſſe, das haſtige, mißvergnügte Benehmen der Gräfin Coudenhove zu ver⸗ ſtehen Stumm und nachdenklich fuhr ſie bis an die Rhein⸗Allee mit, wo ſie Abſchied von Gertrud nahm und in den ſorgenvollſten Gedanken nach Hauſe eilte. Während dies am Rheine vorging, hütete Franz Karl ſein Zimmer in der Stimmung einer mit den peinvollſten Empfindungen durchwachten Nacht. Er hörte den Donner des Geſchützes, und bald darauf erſchien ſeine Schweſter, die ihm haſtig und Alles durcheinander berichtete. Ja, lieber Franz Karl, wiederholte ſie, die Generalin iſt ernſtlich böſe. Was auch Joſephine zu deiner Ent⸗ ſchuldigung vorbringen mochte,— und ſie iſt doch ei⸗ gentlich die Gekränkte!— ſo blieb die Gräfin dabei, und die Comteſſe Agnes beſtärkte ſie darin,— dein plötzlicher Krankheitsanfall von geſtern Abend ſei im beſten Falle doch nur eine Auslucht, ein Verſteck für irgend einen unbegreiflichen Eigenſinn, eine geheimnißvolle Unart, wenn nicht gar etwas Schlimmeres dahinterſtecke. 158 In einem ſehr eleganten Morgenputze hatte Cäcilie ſehr früh aber vergebens an des Bruders Thüre geklopft, und war nach Hofe geeilt, um mit anderen eingeladenen Schönen der Abfahrt der preußiſchen Herrſchaften beizu⸗ wohnen. Eben kam ſie zurück, erzählte von der Abreiſe, und kam dann auf die prachtvolle Ballnacht und den Eindruck zu reden, den des Bruders Wegbleiben auf die Gräfin Coudenhove gemacht habe. Die Generalin ſei gleich mit dem Kurfürſten bei Seite getreten, und lange mit ihm in eifrigſter Unterredung verharrt. Die Aeuße⸗ rungen, die Cäcilie von dieſer leidenſchaftlichen Frau be⸗ richtete, kamen wahrſcheinlich noch ſehr gemildert aus ihrem ſchönen Munde; denn ſie ſprach, als ob ſie ſich auf die rechten Worte der Generalin beſänne; wobei ihr Blick auf dem blaſſen Angeſicht des Bruders ruhte, wie beſorgt um den Eindruck, den ihre Nachricht auf ſein Herz ma— chen könnte. Aber Franz Karl ſaß oder lag vielmehr gelaſſen auf dem Sopha, mehr mit dem großen trüben Auge auf der Schweſter Mund, als mit den Gedanken auf ihren Bericht geſpannt. Die Pracht des Ballſaales, das ſtrahlende Glück der Eingeladenen, die huldvollen Blicke und Worte der Monarchen, die große Polonaiſe, die Menuet der Fürſtlichkeiten, die Wunderwerke von Erfriſchungen rühr— ten ihn nicht. Ein Kinderball, damals bei Hofe ſehr be⸗ liebt, war vorausgegangen, und Cäcilie ſuchte den Bruder mit der Schilderung der kleinen Geſchöpfe zu erheitern, — wie ſie in ſtarrendem Aufputze, mit abgezählten Schritten, die Köpfe hoch geſtreckt, eine Frangaiſe plump und ſteif genug getanzt und ihr eingelerntes Franzöſiſch untere die K terkei welh Zwi Fuu unge ſiet Cicili ekloyft adenen beizu⸗ breiſe 159 untereinander geplaudert hätten; ſo daß der Kaiſer und die Kaiſerin, beſonders aber der Erzherzog Joſeph, nicht aus dem Lachen gekommen wären. Auch Franz Karl lächelte dazu, und dieſe gelinde Hei⸗ terkeit verlor ſich nicht bei den heftigen Reden der Gräfin, welche Cäcilie berichtete, und mit obigen Worten ſchloß. Die prunkvolle Nacht war vorübergegangen, aber die Zweifel und Fragen über die Zukunft, mit denen der Freund in ſchlafloſen Stunden gerungen hatte, lagen noch ungelöſt auf ſeinem Herzen. Seine unruhigen Finger ſpielten mit einer koſtbaren Taſchenuhr, die ihm früh nach der Abreiſe des kaiſerlichen Hofes als Andenken überſendet worden,— ſchwer von Golde, mit einer Einfaſſung von Brillanten um das Bildniß des jungen Monarchen und an maſſiver Kette mit ſinnreichen Berlocken behangen. Aber zu Allem ſchweigſt du? ſagte Cäcilie, als ſie fertig war, und ſtatt noch zu antworten, reichte ihr Franz Karl die Uhr zum Beſchauen hin. Recht ſchön, aber gar nichts Beſonderes meinte ſie wegwerfend. Die Gräfin wußte davon. Sie nannte in ihrem Aerger das Andenken einen kaiſerlichen Naſenſtüber für einen unklugen Menſchen, der nicht wiſſe, wie's an der Zeit ſei. Und ſo Unrecht mag ſie nicht haben, lieber Bruder, ſetzte ſie hinzu. Verzeih'! Ganz Anderes hätte ſich doch erwarten laſſen, wärt ihr als verlobtes Paar den Monarchen vorgeſtellt worden, die hier ſo glän⸗ zend aufgenommen waren. Ich mußte dem Kurfürſten dein Unwohlſein beſtätigen, und erzählte ihm, mit welch' entſtellten Zügen du nach Hauſe gekommen ſeieſt. Er ſchüttelte den Kopf und gegen die Gräfin meinte er ſpöttiſch, 160 es ſei doch ein bedenklicher Fall, mit Sonnenuntergang friſch und roth die Favorite zu verlaſſen und blaß und entſtellt zu Hauſe anzukommen. Und die Gräfin, liebe Cäcilie? fragte Franz Karl haſtig. Meinte,— aber verzeih' lieber Bruder!— eine Be⸗ tiſe ſei immer ein bedenklicher Anfall für einen angehen⸗ den Staatsmann. Nein! rief Franz Karl. Ich meine, ob ſie keine Ver⸗ muthung hat, was in jener Zwiſchenzeit geſchehen ſein könnte? Worauf Cäcilie antwortete: Sie hatte ſich ſchon er⸗ kundigt und dieſe Zwiſchenzeit von der Favorite bis zu deiner Zuhauſekunft ſchien ihr auffallend und beunruhi⸗ gend. Erſt heut morgen konnte ich ihr ſagen, Franz habe dich an das Forſter'ſche Haus gefahren. Sie geſtand mir, daß ſie bereits Nachricht eingezogen, ob Garzweiler zurück ſei. Daß du dieſen nicht geſprochen und blos bei Forſtern geweſen, ſchien ſie doch einigermaßen zu beruhigen. Ich weiß nicht, warum ſie dem guten geiſtlichen Rathe ſo viel ſchlimmen Einfluß auf dich zutraut und gerade in dieſer Sache! Und was ſagſt du, Cäcilie? fragte er. Was meinſt zu allem dem? Ich? Was ſoll ich ſagen? antwortete ſie. Doch ja! Ich ſoll auch Joſephinen entſchuldigen, daß ſie auf Befehl der Tante mit nach Koblenz gereiſt ſei. Sie habe ſich geweigert, aber der Tante gehorchen müſſen. Sie ſagte mir das verſtohlen und etwas verweint. Nach Koblenz? rief Franz Karl mit Verwunderung. In weſſen Begleitung? du 8 8 M ntergun blaß und rl hafig eine Be⸗ angehen⸗ ine Ver hen ſein chon er⸗ bis zu eunruhi nz habe nd mir zuric Forſtern m 30 ſo vil n dieſel meinſt Doch la Beſihl abe ſch ie ſagte derung 161 Der Tante und Schweſter, erwiverte ſie Ich habe ihr nicht verſchwiegen, daß ſie ſehr Unrecht thue, jetzt und ohne dein Vorwiſſen von hier wegzugehen. Aber der Admiral widerſprach mir. Auch er geht mit. Mir ein fataler Mann mit ſeinen ſüßen, gefühlſamen Redensarten! Und doch iſt all' das ſüße Weſen nur— Rohzucker: wie könnte er ſonſt ſeine leidende Frau jetzt verlaſſen? Die Baronin-Mutter kam herein, und Franz Karl ſtand auf, ihr die Hand zu küſſen. Sie wiederholte Manches, was Cäcilie ſchon berichtet hatte, und fügte hinzu Ich habe die Generalin überzeugt, daß du leidend biſt, und wie die bisherigen Unruhen, die anhaltenden Arbeiten der letzten Zeit, die abwechſelnden Gemüthsbewegungen, die ſpannenden Aufmerkſamkeiten auf die hohen Herrſchaf⸗ ten und die wichtigen Staatsverhandlungen ganz natürlich eine Erſchöpfung hätten nach ſich ziehen müſſen. Du warſt immer von zarter Conſtitution. Und die ängſtlichen Er wartungen des Ballabends kamen dazu! Lieber Himmel! Da iſt es doch begreiflich—! Und ſie ſieht es auch ein, lieber Sohn! Hat ſie Ihnen von der koblenzer Reiſe geſagt, gnädige Mama? fragte er haſtig Ja, lieber Franz Karl. Sie hat ſich nur in euerem Intereſſe dazu verſtanden,— ich meine in deinem und der Comteſſe Der König hatte dich nach deiner Vermäh— lung in ſeine Dienſte gewünſcht und die Gräfin Lichtenau betrieb die Sache ſehr. Doch war die Generalin bedenk lich zuzuſagen Koenig, Clubiſten in Mainz. 11 11 — 162 Ei, ſieh' doch! rief Franz Karl mit Hohnlachen. War bedenklich in Sachen, die mich angehen, zu entſcheiden, mit meiner Perſon zu ſchalten? Wie gnädig! Sie hat es gut gemeint, lieber Sohn! fuhr die Ba⸗ ronin fort. Auch weiß ſie ja, wie wir darüber denken Denn ſo ſchmeichelhaft es auch für dich iſt, daß der Kö⸗ nig dich ſchätzt und in gnädigſte Affection genommen hat, würde es doch unſerer Familie nicht wohl anſtehen, daß du einem proteſtantiſchen Fürſten dieneſt. Dein Vater war ſehr entſchieden für das Haus Oeſtreich, und hat auch dort noch alte Verbindungen. Am beſten aber bleibſt du in Mainz. Gut! Was hat das aber für einen Zuſammenhang mit der koblenzer Reiſe? fragte der Baron. Das will dir erklären, Franz Karl! Siehſt du, die Gräfin konnte doch auch den König mit keinem barſchen Nein vor den Kopf ſtoßen. Wie ſie mir ſagte, hatte es der König ſehr gut mit euch vor. Die Lichtenau hatte ein Wörtchen von einem hübſchen Gut in Schleſien fallen laſſen, das der König zu euerer Ausſteuer— Man weiß ja, es ſind viel hübſche Güter in Preußen verſchenkt worden. Franz Karl ſtand heftig auf, und ging durch das Zimmer. Er dachte an die Mittheilungen des rothen Buches, und empfand über die eigennützigen und un⸗ würdigen Abſichten der Gräfin Coudenhove den lebhafte⸗ ſten Unwillen, den er nur aus Beſorgniß unterdrückte, von der Mutter nicht verſtanden zu werden, oder ſie zu verletzen, wenn er gegen Geſinnungen eifere, mit denen er ſie zu ſeinem Leid im Stillen einverſtanden ſah. au hatte Man erſchentt ch das rothen d un ebhaſte drückt ſie jl 163 Deſto heftiger brach, als er wieder allein war, ſein verhaltener Unmuth aus. Alle quälenden Betrachtungen der letzten Nacht erneuerten ſich ihm, und dieſer weibliche Argonautenzug nach Koblenz— wie er ſich im Aerger ausdrückte, kam mit friſcher Kränkung dazu.— Als er etwas ruhiger ward, betrachtete er die eigenthümliche Ver wickelung ſeiner Lage. Er haßte die Gräfin und fühlte ſich mit Joſephinen verbunden, und wenn er auch die zu große Unſelbſtändigkeit ſeiner Verlobten nicht billigte: ſo entſchuldigte er ſie doch, und zürnte deſto mehr über die Herrſchſucht der Tante. Wie ſollte er ſich nun mit ſeinem Haß und mit ſeiner Liebe abfinden? Welche Stellung für ſeine Zukunft und nach ſeiner Verbindung mit Joſe⸗ phinen ſollte er einnehmen? Und wenn er Alles, was ihm die Fganz verwerfliche Bettiebſamkeit der Gräfin zu⸗ wendete, mit Entſchiedenheit abzuweiſen dachte: mußte er nicht auch aus dem Amte und vom Hofe ſcheiden, wohin, wie er jetzt wußte, der Eigennutz dieſer Frau ihn vorge ſchoben hatte? Entſchloſſen, um ſeiner Ehre und Selb ſtändigkeit willen mit Feſtigkeit und Würde aufzutreten, ſah der junge Freund doch ein, daß er Schonung und Klugheit dabei nicht außer Acht laſſen dürfe. Je länger er die Sachen betrachtete, deſto mehr neue Verwirrung vrängte ſich hervor. Er hatte tiefſtes Schweigen über das rothe Buch gelobt, und doch lagen im Inhalt dieſer Blät ter alle Triebfedern ſeines Handelns. Nur was er eben verſchweigen mußte, konnte ihn rechtfertigen. Franz Karl hatte ſich noch nie ſo rathlos geſehen, und was ihn am meiſten beängſtigte, war ein lebhaftes Mißtrauen in ſeine Empfindungen und Gefühle ſelbſt, ( die ihn zu unbeſtimmten Entſchlüſſen antrieben und zum Handeln begleiten wollten. In dieſem Zuſtande von Zwei⸗ feln und Rathloſigkeit dachte er an ſeinen edeln Freund Forſter, und athmete auf. Er ſchickte zu ihm und bat um ſeinen Beſuch. Aber auch er war nach Koblenz ver⸗ reiſt, den Kapellmeiſter Reinhard aus Gotha und deſſen Frau dahin zu begleiten. Doch erwartete ihn Frau The⸗ reſe in zwei bis drei Tagen zurück. Wie verdrießlich war das für den verlaſſenen Baron! Er entſchloß ſich, bis zu dieſer Rückkehr krank zu bleiben, und das Haus zu hüten; indem er bedachte, daß er, ohne einig mit ſich und über ſein Benehmen zu ſein, kei nen ſichern Schritt wagen könne. Er hatte ſich vor dem Fürſten zu entſchuldigen, gegen die Gräfin und Joſephi— nen über Manches zu erklären, ſein ganzes Thun und Laſſen abzumeſſen, und mufßte daher beſtimmt wiſſen, was er wollte und nicht wollte, ſein Ziel und den Weg dahin feſt im Auge halten. Bis jetzt war er nur über das Eine entſchloſſen,— in allen Fällen als Mann von Adel und Ehre zu erſcheinen Er ſchrieb ein paar Zeilen an Frau von Forſter, worin er um des Freundes baldigen Beſuch bat, und entſchuldigte ſich ſchriftlich beim Kurfürſten; indem er zu⸗ gleich um einen kurzen Urlaub von den Geſchäften nach ſuchte. Mit dieſer Ergebung griff der junge Freund wieder einmal nach älteren und neueſten Schriften, und gewann unter dieſem Einfluſſe fremder guter Gedanken unvermerkt jene heimliche Stille des Herzens, bei welcher unſere Seele, unbedrängt und unbelauſcht, Rath und Auskunft ſu ſit 165 für die Zweifel und Verwirrungen des Lebens oft am ſicherſten in ihren eigenen Tiefen findet. deſſen The aron! eiben Dirſer Schritt des Barons machte den Fürſten in dem unbeſtimmten Mißtrauen, das ihm die Gräfin beigebracht vhi hatte, ein wenig irre. Er überlegte ſich, was den Ba— 5 ron, wenn er aus Gründen oder Grillen mit ſeinem Vor wande von Unwohlſein blos der Verlobungsſtunde habe ausweichen wollen, auch jetzt noch bewegen ſollte, ſich in i ſeiner Wohnung abzuſchließen und den Geſchäften zu ent ziehen. Dabei erinnerte ſich der alte Herr des Eifers und Stolzes, womit der junge Regierungsrath bisher ſich den wichtigen Arbeiten gewidmet hatte. Ja der Fürſt fühlte rn bereits eine Lücke in ſeinem geregelten Tage; denn er und hatte ſich ſchon daran gewöhnt, den jungen Mann zu be⸗ r zu⸗ ſtimmten Stunden um ſich zu haben, ihm die erbroche nnch nen Staatsbriefe zur weitern Beſorgung zu übergeben und ſich Manches von ihm vortragen zu laſſen. Ueber⸗ ieder dies war der alte Herr, eben als alter Herr, etwas plau—⸗ wann derhaft gegen Perſonen, denen er einmal ſein Vertrauen merkt geſchenkt hatte, und gerade der Baron konnte es am be nſer ſten mit ihm treffen. Seine heitern Einfälle wie ſeine kunft ernſten Anſichten machten dem Fürſten Spaß; indem ſie . 66 eütweder ſein Lachen erregten, oder ihm Anlaß gaben, mit behaglicher Selbſtgefälligkeit ſeine politiſchen Einſichten düfzutrumpfen. Dieſen Abgang empfand der Fürſt um ſo lebhafter, als ihm auch noch die Gräfin, ſeine ver⸗ traute Freundin, gerade jetzt fehlte, da er von den letzten Feſttagen, von geheimer Unterhaltung mit den Monarchen und Miniſtern und von großen Projekten ſo erfüllt war. In dieſer milden, ſehnſüchtigen Stimmung ließ er dem Baron einige gnädige Worte ſagen, ihm gute Beſſerung und baldige Rückkehr zu den wartenden und wichtigen Geſchäften wünſchen. Dieſe Geſchäfte betrafen hauptſächlich die Rüſtungen zum Feldzuge und zur Beſatzung von Mainz. Der Kur⸗ fürſt hatte den verbündeten Mächten 2000 Mann Hülfs⸗ truppen zugeſagt, die nun mobil gemacht wurden. Schon früher hatte man die Rekruten eingezogen und gegen ge⸗ ringen Tagelohn an den Feſtungswerken beſchäftigt. Nach der Abreiſe der Monarchen wurden dieſe Arbeiten plötzlich eingeſtellt, dafür aber die Mannſchaft täglich in Waffen geübt. Man erwartete vor Allem die erfurter Truppen nebſt den Contingenten der Reichsfürſten zur Beſatzung der Reichsveſte Mainz, um dann das mainzer Corps nach Speier zu den vom Grafen Erbach befehligten kaiſerlichen Truppen ausrücken zu laſſen. So war mit den hohen und vielen Fürſtlichkeiten nur der Prunk und Glanz verſchwunden; aber Lärm und Un ruhe blieb genug zurück. Trommeln und Trompeten lie⸗ ßen ſich vom Morgen bis Abend hören, wozu die Vor⸗ kehrungen zu einem Feldlager kamen. Da die Vorräthe des Zeughauſes während der langen Friedenszeit verſchleu⸗ dert ſtun Gl rung zticen ichtigen tungen Kur Nach plötzlich atzung s nach ſerlichen 167 dert oder an die franzöſiſchen Emigrirten zu ihren Rü ſtungen verkauft waren: ſo hatte dies wenigſtens das Gute, daß die mainzer Handwerker für neuen Kriegs⸗ bedarf zu thun bekamen; wiewol dieſe Ausſicht auf Krieg und Belagerung die Stadt auch wieder beunruhigen mußte; zumal die Preiſe der Lebensmittel, ſchon durch die Feſte und vielen Fremden geſtiegen, mit jedem Tage in die Höhe gingen. Bei all' dem blieb noch Luſt und Leichtſinn genug in Mainz übrig, um ſich an den hunderterlei Geſchicht— chen und übeln Gerüchten zu ergötzen, die hinter den er loſchenen Feſten her, gleich dem Qualm ausgeblaſener Lampen, ſich verbreiteten. Lächerliche Anekdoten, drollige Mißverſtändniſſe, Schwachheiten und alberne Aeußerungen hoher Perſonen wurden umhergetragen. Man erfuhr nach und nach, welche nächtliche Schatten auf die glanzvollen Tage gefolgt waren. Mancher Fürſtlichkeit oder Excel⸗ lenz, die man am hohen Mittage mit ſchnaubenden Roſ⸗ ſen hatte fahren ſehen, war man nach Sonnenuntergang zu Fuß in ſtillen bedenklichen Straßen begegnet. Treu— herzige Bürger hatten den hohen Fremdling in den ver wickelten mainzer Gäßchen verirrt geglaubt, und mit ge zogenen Schlapphüten und Scharrfüßen ſich zu Führern angeboten; wofür ſie aber zu ihrem unterwürfigſten Schreck — zum Teufel zu gehen geheißen worden. Jetzt blieben auch die Häuſer nicht mehr unbekannt, wo Glücks- und Liebesſpiel zu finden geweſen, und die Räthſel vieler fremden Damen waren von eiferſüchtigen Mainzerinnen glücklich gelsſt worden. Mancher Fremde, vornehm oder bürgerlich, der dem Köder leichtfertigen Anzugs und ſchar —— n—— 168 fer Pomade nachgegangen war, hatte ſich aus unerwarte tem Zank und Zeter der Nachbarinnen nur durch die Flucht retten können. Sogar von den Karten der Witwe Steiglehner hinter dem Mitternachtsgäßchen verlautete Man⸗ ches, und es ſchien, als ob die entſchloſſene Frau, in Er mangelung geiſtlichen Rathes, mit ihren eigenen Ein gebung ganz gute Geſchäfte gemacht habe. Ein Zuſammenfluß all' dergleichen Geſchichten war auf der Leſegeſellſchaft des Buchhändlers Sartorius. Selbſt während der Feſtlichkeiten war der Leſeſaal nicht unbeſucht geblieben; ſoviel es auch im Oeffentlichen zu beſchauen und zu beobachten gab. Man war gerade kühner und lauter geworden, weil man ſich hier gleichſam in einem Hinterhalte der lärmenden Feſte und rauſchenden Ereig niſſe fühlte, und ſich für weniger beobachtet hielt; wobei die öffentlichen Vorgänge für das Urtheil und den Tadel der Aufgeregten nur noch herausfodernder erſchienen. Denn die Einſichtigeren unter den Clubvertrauten ſagten ſich laut, daß die weißenauer Conferenzen ganz gemacht ſeien, der Revolution in die Hände zu arbeiten, inſoweit man ſich wenigſtens ſolcher Weisheit zu den deutſchen Kabine— ten gar wohl verſehen dürfe. Und während eine prickelnde Neubegierde ſich auf allen Schleichwegen jenen Geheimniſ⸗ ſen zu nähern ſuchte, wuchs in ſo fruchtbarer politiſcher Witterung der Muth dieſer Revolutionairen, und ihre Unternehmungen ſtrebten ſich auszubreiten. Man über⸗ legte ſchon und entwarf eine Liſte der auswärtigen Freunde, die man demnächſt zur Theilnahme— man wußte ſelbſt noch nicht woran— herbeirufen müſſe. Man rechnete auf manche Beamte und Landpfarrer, deren Geſinnung Wo rwarte uch die Ein ar auf Selbſt nbeſucht ſchauen ſer und einen Ereig wobei Tadel Denn en ſich t ſeien, it man kabine ickelnde eimniſ litiſcher ihre über⸗ d reunde, e ſilbſ innung ele 169 man kannte, hatte aber vor Allen den Profeſſor Dorſch in Straßburg und den Gymnaſiallehrer Böhmer zu Wormns im Auge. Dieſen kannte man als ſehr exaltirten Kopf, und jenem traute man zu, daß er, als eifriger Kantia ner vor zwei Jahren von der mainzer Geiſtlichkeit verfolgt und vertrieben, die Gelegenheit wahrnehmen werde, ſich zu rächen und eine Rolle zu ſpielen. Solche Verhandlungen führten immer wieder zum al⸗ ten Zwieſpalte der aufgeregten Freunde über Ziel und Zweck ihres Vorhabens. Eine verbeſſerte mainzer und deutſche Staatsverfaſſung nach Maßgabe der neuen aus Frankreich verbreiteten Ideen ſchwebte Allen vor; nur daß man ſich von einer ſolchen Umgeſtaltung der alten feſtbe⸗ gründeten Verhältniſſe die abweichendſten und nicht ſelten verkehrteſten Begriffe machte. Monarchiſche, durch Volks vertretung gemäßigte Gewalt, Abſchaffung der für das Land drückenden Vorrechte einzelner Stände und Perſo nen, geſicherte Rechtspflege und verbeſſerter Staatshaus⸗ halt wurden im Neulicht der franzöſiſchen Revolution als die Grundlage des öffentlichen Glücks und einer zwiſchen Herrſcher und Volk geſicherten Wohlfahrt verkündigt. Die Verſtändigen unter den begeiſterten oder erhitzten Clubiſten in Mainz verkannten nicht, daß die franzöſiſche Revolu— tion ihre erſte reine Richtung verlaſſen hatte, daß Gewalt thätigkeit an die Stelle des Rechtes getreten war, und ungezügelte Leidenſchaften ſtatt befreiter Vernunft zu herr⸗ ſchen ſtrebten. Aber ſie mochten um ſolcher Verirrungen willen nicht der Sache ſelbſt entſagen oder aus Scheu vor Mißbräuchen und Thorheiten auf Vernunft und Wahr⸗ heit völlig verzichten.— Was? pflegte dann der heftige 170 Profeſſor Hofmann zu rufen,— wofür ſind wir erfah⸗ rene Rheinländer, als daß wir beim ſchmutzigen Anblick und giftigen Geruche der Kelter nicht am klaren, edlen Wein verzweifeln, der ſeine Gährung erſt durchzumachen hat. So wollen wir auch die Freiheit keltern, und die ſer herrliche Wein der Zukunft wird manchen Abſtich er fahren, manche Hefen ablagern und abſchäumen müſſen. Auch in Paris berauſchten ſie ſich noch immer am Moſt der Revolution,— ein ſehr widerwärtiger und bedenk licher Rauſch, wie ihr wißt, und die Zeit iſt immer kurz, wo man den Moſt der Traube und den Moſt der Frei heit— federweiß trinken kann. Wir kennen das Alles und laſſen uns von den Trebern der franzöſiſchen Revolution nicht anwidern und abſchrecken. Wenn man ſich dann auch unter ſolchen Gedanken und Vergleichen mit Bravoruf und Händeklatſchen ver⸗ einigte; ſo daß die Einſicht und der Edelmuth Einiger, wie der Egoismus oder die Beſchränktheit der Anderen unter einen und denſelben unbeſtimmten Ausdruck gebracht waren ſo ſprang doch die Entzweiung gleich wieder hervor, ſobald . man zu der Frage kam, auf welche Weiſe man ſich das Heil der Revolution aneignen müſſe, und was zu thun wäre, wenn die Franzoſen etwa herankämen, und Mainz vielleicht belagert würde.— Wollen wir die Franzoſen herbeirufen oder abwarten, die Stadt vertheidigen oder verrathen? Auf dieſe Zwiewahl lief es am Ende doch immer hinaus. Die Beſſern ſtutzten, die Feiglinge er ſchraken vor dem Wort Verrath. Ungewöhnlich aufgeregt erhob ſich Wedekind und ver warf das Wort Verrath, indem er es als Vorurtheil be erfah Unblick edlen nachen üſſen Moſt edent kurz Frei 1 das ſiſchen anken ver niger unter varen ſobald thun Mainz nzoſen oder doch zeichnete.— Sklaven, rief er, die ihre Ketten brechen, begehen keinen Verrath, ſondern nehmen nur, wenn ſich Gunſt und Gelegenheit darbietet, ihr heiliges Urrecht der Freiheit zurück. Höchſtens wäre zu ſagen, man opfere den alten Staat der neuen Wohlfahrt ſeiner Bürger auf. Auch dieſe Anſicht fand lebhaften Beifall. Nur der platte Kammerſekretair Stumme lächelte tückiſch. Er hatte von dem inneren Geheimniß des Clubs, wovon man ihn ſtets ausſchloß, zufällig etwas wahrgenommen und rief: Apropos, Herr Doctor! Was macht denn unſer entflo hener Freund, der Bürger Villars, der weggeſchickte Ge ſandte? Woran laborirt er denn eigentlich? Ich höre, daß Sie ihm noch fleißig— Rath und Recepte ſchreiben. Es iſt doch hübſch von einem Franzoſen, daß er ſo viel Vertrauen zu deutſchen Aerzten hat! Man verſtand dieſe Anſpielung auf eine geheime Cor⸗ reſpondenz, die man mit dem aus Mainz verwieſenen ja⸗ kobiniſchen Geſandten noch unterhielt, würdigte aber den Sprecher keiner Antwort, und Profeſſor Blau, ſtets von mil⸗ deren Empfindungen und den edelſten Gedanken bewegt, nahm das Wort, um die Anſicht geltend zu machen, man müſſe nur immerhin Sinn und Gefühl für Recht und Wahrheit beleben, ſich und Andere dafür erwärmen und darauf vertrauen, daß der Kraft ſolcher Ueberzeugungen die Vorrechte und die Vorurtheile der Welt keinen Wider ſtund leiſten könnten. Die Stadt zu vertheidigen, ſagte er, iſt der Club zu klein, ſie zu verrathen, denkt er zu groß. Bearbeiten wir unſere Mitbürger, das heißt, be lehren wir ſie! Dann wird es ſich zeigen, welcher Theil der ſtärkere ſei,— der Adel, der die Veſte und das alte 172 Mainz zu halten denkt, oder das Bürgerthum, das ſich und ſeine Stadt einer neuen Verfaſſung öffnen will. Und gebt Acht, ob wir nicht erleben, daß auch hier wieder Diejenigen, die Alles halten wollen, die wahren Ver— räther ſind! Die Wenigſten billigten dieſe Anſichten. Denn da der Aufgeregte die Nothwendigkeit einer entſchiedenen That lebhaft fühlt, ſelbſt wenn er für ſeine Perſon ſich nicht vorwagt; ſo erſchien den Meiſten der Weg der Belehrung als ein Umweg und als ein ungebahnter Weg. Man er⸗ eiferte ſich gegen den mildlächelnden Mann und war eben daran, ſich recht ins Zeug hinein zu erhitzen, als Frei⸗ herr von Hauſer eintrat und ein Papier triumphirend emporhielt. Dieſer von Hauſer war ein unangenehmer, zudring⸗ licher Menſch, vorlaut mit unleidlicher Fiſtelſtimme und von gemeiner Denkart bei ſonſt gebildeten Manieren eines guten Hauſes,— eine Miſchung, die ſchon durch ſeinen Anzug vorgebildet ſchien; indem er unter einem modiſchen Sammetkleide gewöhnlich unſaubere Wäſche trug. Von ſeinem Vater, dem in Regensburg verſtorbenen Reichs directorial⸗Geſandten, hatte er nichts geerbt, und mit kur⸗ fürſtlicher Unterſtützung auf der hohen Schule ſo wenig gelernt, daß er ſich als geheimer Sekretair nicht halten konnte, ſondern mit der Gunſt eines Gnadengehaltes ent⸗ laſſen wurde. Länger als im Amte wußte er ſich aber in der Duldung vornehmer Bekanntſchaften zu erhalten, und benutzte das Franzöſiſche ſeines väterlichen Hauſes, um ſich an die Emigrirten anzuleimen. Von dieſen mochte er auch die Mittheilung haben, die er eben ſo prahlend np orh fr wutſcht Uufrn phirend 173 emporhielt. Es war die überſetzte Vorſtellung oder Adreſſe der franzöſiſchen Prinzen und Emigrirten an die hohen deutſchen Mächte, jenes Aktenſtück, das Franz Karl im Auftrage des Kurfürſten mit dem Prinzen Conde in Worms bearbeitet hatte. Gut! rief Profeſſor Hofmann. a apportirt unſer Baron einmal etwas Brauchbares. Geben Sie her, ich will's vortragen! Allein Hauſer wollte es ſich nicht nehmen laſſen, das erwünſchte Aktenſtück ſelber vorzuleſen, und Hofmann rief zuletzt ungeduldig: D So leſen Sie nur ins Teufels Namen! Sie haben Recht was dieſe franzöſiſchen Hähne gekräht haben, wird ſich mit Ihrer Stimme am beſten ausnehmen Der Vortrag an die Monarchen war mit aller dieſen franzöſiſchen Flüchtlingen eigenen Zuverſicht abgefaßt. Es hieß darin, die Jakobiner hätten Grundſätze aufgeſtellt, die auf nichts als den Umſturz aller geſellſchaftlichen Ord nung abzweckten, und alle Mächte im höchſten Grade be— unruhigen müßten. Thron und Altar ſeien angegriffen, aller Standesunterſchied aufgehoben, Krieg der Armen gegen die Reichen angekündigt. Dieſe Grundſätze fänden in allen Ländern Bekenner und Apoſtel. Unzufriedenheit, Ehrgeiz, Habſucht reiheten ſich unter die Fahne der Frei— heit. Selbſt Gelehrte, Männer von Theorie ohne Erfah⸗ rung huldigten dieſem Abgott im ehrwürdigen Mantel der Philoſophie; die Leidenſchaften der Menge aber raſeten in ihrem Enthuſiasmus. Schon griffen die Empörer über die franzöſiſche Grenze nach den Beſitzungen des Papſtes und der deutſchen Fürſten. Die Clubs hätten Correſpon⸗ ————— 17⁴ denz mit allen heimlichen Geſellſchaften; deutſche Journale predigten ohne Scheu den Aufruhr. Es ſei hohe Zeit, vaß die europäiſchen Monarchen die Augen öffneten, ihre Zwietracht fallen ließen und ſich mit Bruderhänden gegen dieſe Peſt verbänden. Nun ja! das werden ſie ſich in Weißenau überlegt und gar gekocht haben; rief Einer der Anweſenden, und Hauſer verſicherte, dieſer Vortrag habe die größte Sen— ſation bei allen Fürſten gemacht. O gewiß! lachte Hofmann mit bitterer Heftigkeit. Wenn auf dieſe Blödſinnigen und Abgelebten noch Etwas Eindruck machen kann, ſo ſind es Beſchuldigungen gegen ihre Völker. Und in dieſer neuen Furcht greifen ſie es ſo klug an, wie unſere alten Landpfarrer, die beim Anzug eines Gewitters, um es zu vertreiben, die Glocken ziehen laſſen, was andere kluge Leute für das beſte Mittel hal⸗ ſen, die Wetterwolken heranzuziehen. Wir ſind Ihnen viel Dank ſchuldig, Herr Baron, für dieſe Mittheilung, von welcher ſeither ſo viel unbeſtimm⸗ tes Reden ging! bemerkte Blau und fuhr mit bedeutſa mer Betonung fort: Sie haben aber auch die beſten Connexionen, und wiſſen es ſo klug zu machen, daß Sie in der guten Geſellſchaft wohlgelitten bleiben, wenn auch Ihr Sammetrock und Toupet nach dem Knaſter des Leſemuſeums duftet. Kön⸗ nen Sie uns nicht etwa verrathen, vortrefflicher Freund, ob es an dem iſt, daß man unſere Leſegeſellſchaft aus⸗ ſpioniren läßt,— daß man— Dächſel in unſern Bau hetzt? Oho! lachte Hofmann ſchallend in die verlegene groß— we eit, ihre gen legt und en keit was egen nzug ehen hal für nn⸗ uſu iſſen ſchaft und Kön⸗ eund, aus⸗ Bau groj äugige Stille,— da kömmt eben ein Fuchs aus dem Bau, in Geſtalt eines Kollegiatſtiftsherrn und Pro feſſors! Hauſer ſah ſich betroffen um, wie Einer, der nicht weiß wie's gemeint iſt; und obſchon man ihm nicht Ver ſchlagenheit genug zutraute, um ſich ſo fein zu verſtellen ſo blieb doch Blau's Argwohn länger auf ihm ſitzen und die Aengſtlichen behielten ſtets ein gewiſſes Mißtrauen ge gen ihn bei. Drittes Kapitel. Dieſe Verhandlungen hatten mehr im engen Kreiſe der Club⸗Vertrauten ſtattgefunden. Einige Tage ſpäter, am Sonnabend nach der Montagsabfahrt der Monarchen, war das große Leſezimmer ſtark beſucht, weil die Schulen und die Dikaſterien freien Nachmittag hatten. Eine große Stille und ein ſtarker Tabaksqualm herrſchten; denn die irdenen Pfeifen in allen Schattirungen, von der Bläſſe des Cretin bis zum Mohrenkopfe, ſchwebten dampfend über den Zeitungen und Literaturblättern. Es erregte daher wirklich einen Schreck, als der Hofgerichts⸗Advokat, Stadtgerichts⸗Aſſeſſor Razen, mit dem Ausrufe in den Saal ſtürzte Parkuriunt montes! Alles fuhr auf, und Razen rief weiter: Endlich hat Weißenau geboren. Das Kindlein heißt 176 Manifeſt und hat den Herzog von Braunſchweig zum Pa⸗ then. Die Hofbuchdruckerei war die geſchworene Hebamme. Ihr werdet's gleich vernehmen: es wird eben aller Bür⸗ gerſchaft und der vom Markte noch vorhandenen Bauern⸗ ſchaft verkündet. Gottlob, daß es nicht Vormittags ge— ſchehen iſt: ich glaube, die Butter auf dem Markte wäre ſchmeckend davon geworden. Das Manifeſt fodert die franzöſiſche Nation feierlich auf, den deutſchen Heeren of⸗ fenen Zugang zu laſſen und ſich ihren Waffen nicht zu widerſetzen; gegen die neue Verfaſſung Frankreichs flammt es Rache und nimmt ohne Weiteres an, der König und ſeine Familie ſeien nicht frei; die geringſte ihnen zuge— fügte Beleidigung ſoll— auf kaiſerlich⸗königliches Worz! mit der Zerſtörung von Patis gerochen werden.— Ja „gerochen“ iſt hier das rechte Wort, ſtatt gerächt; denn man riecht ſo zu ſagen Brand und Blut, und den Athem— zug der Emigrirten. Paris einzuäſchern und der Erde gleich zu machen iſt ja der ſeitherige Lieblingsausdruck dieſer umirrenden Ritter, die mit unſinnigen Prahlereien ihr Herz erleichtern. Dieſe nicht unparteilichen Worte brachten Unruhe und bei einigen Regierungsräthen Verlegenheit hervor Doch hatte man keine Zeit zu näherer Erörterung; denn ein vermiſchtes Getöſe auf der Straße zog die Aufmerkſamkeit der Anweſenden an die Fenſter Ein Rudel Gaſſenbuben, wie ſie bei ungewöhnlichen Vorgängen immer voraus ſind, dämpften durch ihren Jubel die alte Trommel und Pfeife, die im Gepränge von Menſchen aller Art heranrückten. Auf dem Plätz⸗ chen vor dem Hauſe machten ſie Halt Die Haſelnußſtäbe 177* — i eines Polizei⸗ und eines Marktdieners trieben das Zu gedränge auseinander; ſo daß als Kern der geborſtenen Volkshülſe der Stadttrommler und Pfeifer und ein Schar⸗ 5 4 wachtgeleit, vom Stadtwachtmeiſterleutnant Vraun ange⸗ g führt erſchienen Die Scharwächter in hohen Kamaſchen, 3 1 weiten Röcken mit ſchweren, bunt aufgeſchlagenen Schö— ßen, langen, krummen Zöpfen und geſteiften Ohrlocken unter dreieckigen Schlapphüten zogen auf Commando 3 ihres Offiziers jene Sorte von verroſteten Gewehren an, die man Schießprügel zu nennen pflegt, und präſentirten Lu ſolche in drei langſamen Takten. Ein Wirbel wurde ge⸗ e ſchlagen, und der Stadtregiſtrator Schnatz verlas in ha o ſtigem Naſentone von einem großgedruckten Bogen— 5„Das Manifeſt des Herzogs von Braunſchweig“ Soviel man verſtehen und beobachten konnte, machte 9. beſonders auf die mit ihren Marktkörben auf den Köpfen Frde umherſtehenden Bauernweiber der Artikel 7 einen ſchauer— t lichen Eindruck. Die verkündigte Drohung, daß die Ein— nien wohner der Städte und Dörfer, die ſich zu vertheidigen wagen ſollten, auf der Stelle nach der Strenge des Kriegs und rechts beſtraft, ihre Häuſer zerſtört oder verbrannt werden doch ſollten, überrieſelte dieſe friedlichen Landleute und Bürger ein frauen mit dem eiskalten Mißverſtändniß eigener Bedro nkit hung. Aus dem Artikel 8, worin den Pariſern ſtrackliche Unterwerfung anbefohlen war, klangen einzelne ſchwere ichen Worte, von dem näſelnden Vorleſer heftiger ausgeſtoßen, ihren wie„exemplariſche, Kwig denkwürdige Rache“,„militai ringe riſche Erecution“ und dergleichen vernehmlich hervor und lt ſchlugen wie Bomben durch die offenen Mäuler der Zu ibe hörer in ihre Gemüther ein Koenig, Clubiſten in Mainz. I1 12 178 Inzwiſchen hatte der Stadtbaudiener Selig aus ſeiner ledernen Taſche einen Abdruck des Manifeſtes an die Straßenecke geklebt, und gab einige andere an angeſehene Männer und durch das Fenſter an die Leſegeſellſchaft ab Ein Wirbel beſchloß die Verkündigung, die Scharwacht ſchulterte abermal in drei Takten, und der Zug ging un ter neuem Bubenhalloh weiter. Im Leſezimmer wurde das Manifeſt noch einmal und beſſer verleſen, und machte einen verwirrenden und betrü benden Eindruck. Man empfand mit Unzufriedenheit die hochmüthige Sprache der Gewalthaber und eine ahnungs volle Beſorgniß vor der unglücklichen Wirkung, die ſolche Drohungen auf die Franzoſen machen könnten. Nur Hof mann lachte, wenngleich aus bitterſter Stimmung, und rief endlich aus: Nun geb' ich keinen Batzen mehr für vas Leben des Königs von Frankreich! Der iſt geliefert, und an ihm kann es ſich jeden Tag verſinnbilvlichen, was es heißt, wenn Monarchen— die Köpfe verlieren Und ſeht nur da draußen das Emigrantenpack, was das plötzlich wieder ſo alert iſt! Bei den letzten Feſten ver krochen ſie ſich vor den Majeſtäten und ſchienen ganz außer Acht gekommen. Auch als Flüchtlinge wollen dieſe franzöſiſchen Prinzen von Geblüt den Foderungen der Gtikette nicht entſagen und in den Schatten vor dem Glanz der deutſchen Majeſtäten treten. Auch waren es eben die Tage nicht, an denen dies hochmüthige Bettelvolk mit ihrem„cher Papa“ Kurfürſten, wie ſonſt, an großer Ta⸗ fel ſpeiſten und ganze Gaſtmähler aus der Hofküche ins Haus geſchickt bekamen. Andere vornehme Mäuler ließen ſich das Mark des mainzer Landes ſchmecken. Geſegnete ſeiner ndie ſehen ſt ab wacht gun lund betri it die ungs ſolche Hof und föt liefert, was ieren as das n ver n dieſt en do Glan hen die lt mit fer L⸗ iche ins r ließen eſegneie 179 Mahlzeit! Geſegnetes Mainz! Dies Manifeſt bringt nun das Völkchen wieder auf die Beine, und ihre Köpfe ſchwindeln von dem politiſchen Gebräu aus der weißenauer Schenke. Wer hätte gedacht, daß ſo Grauſames aus dem „Lämmchen“ kommen könnte, daß aus der geweißten Tanzſtube des dicken Göth, durch dieſe kleinen Schubfen ſter mit ſechseckigen Scheiben, die ehernen Würfel über Frankreichs Provinzen geſchleudert würden? Wohl be komme der Paſch! Zornig ſtülpte er den Hut auf den Kopf, eilte fort und ſchlug hart die Thüre hinter ſich zu Viele Gemüther waren beſtürzt, und mehrere Beamte hatten ſchon vorher, ängſtlich vor dem kecken Sprecher, das Zimmer verlaſſen. Viertes Kapitel. Abend mit anbrechender Nacht traf Forſter z wieder ein. Huber ſaß noch vertraulich mit ohne Licht, in Unterhaltung über Goethe's Luſt⸗ pie„Die Mitſchuldigen“— Dacht ich's doch, daß Sie heut endlich kommen müßten, lieber Forſter! rief er auf ſpringend und den Freund mit übertriebener Zuthätigkeit begrüßend. Ich mußte Sie erwarten,— ich mußte Sie noch ſehen!— Forſter, voll von den Erlebniſſen ſeines Ausflugs, achtete der Befangenheit Thereſens nicht, die über Huber's Verſtellung und täuſchendes Benehmen er— röthet war. Die ſchmeichelhaften Eindrücke der Lectüre, 12 180 des Dichters leichtfertiges Spiel mit dem Unerlaubten wa⸗ ren vor den leiſen oder lauten Vorwürfen ihres Herzens plötzlich weggehaucht Forſter ſetzte ſich, da der Thee längſt getrunken war, zu einem Glaſe Wein mit kalter Küche, den Sonnabend reſten der Woche, Alles in Haſt zwiſchen Eſſen und Er⸗ zählen genießend Er meldete von ſeiner Fahrt, vom Lager der Preußen, von neuen und alten Bekanntſchaften und beklagte nur die Ungunſt der Witterung. Hubern ſchien heut Alles mehr, als ſonſt zu intereſſiren; er ſprach und fragte immer lebhafter, und machte dadurch Thereſen nur noch einſylbiger. Die ſtörenden Erinnerungen des ver traulichen Abends, die der befangene Freund mit heftigen 1 Geberden der Herzlichkeit aus der eigenen Bruſt zu bannen E ſuchte, ſchienen dafür in ihrem ſchon ſo beklommenen Bu⸗ ſen einzukehren.— Es gehen unzählige unverbürgte Ge — rüchte über die Schickſale Frankreichs und der Rheinlande, berichtete der geſprächige Forſter. Oeſtreichiſche und preu 1 ßiſche Prinzen ſollen da verſorgt werden. G Lothringen ſoll Monſieur, franzöſiſch Flander von Artois bekommen, und dann wahrſcheinlich Frankreich ſeiner inneren Gährung und dem kleine Republiken überlaſſen werden. Dies wenigſtens wollen England und Holland geſchehen laſſen. England will durch ſolche Theilung verhindern, daß Frankreich nicht und durch einen Bankerott, den der Despotismus mache, in zehn Jahren der mächtigſte Staat ſei. Denn ſiehſt du, g,. 3 Thereſe,— ſetzte er ohne überlegte Bezüglichkeit hinzu— oft gewinnt man erſt eine hohe freie Macht, wenn man Alles verloren hat 181 Thereſe erſchrak über dieſen unbeſtimmt treffenden Ge⸗ en danken, und Huber beeiferte ſich dem Freunde die mainzer Neuigkeiten der Woche zu berichten. Darüber zog ſich var der Abend in die Nacht hinein. nd Sobald Forſter allein war, öffnete er die eingelaufenen Er Briefe und Packete. Eines, wornach er am begierigſten om griff, war des Nachmittags aus der Stadt überbracht ten worden, und enthielt nur ein paar ſeiner eigenen kleinen 4 ien Schriften, die Garzeiler geliehen hatte und mit folgenden nd Zeilen zurückſchickte: nur„Ich bin ſeit geſtern aus Oeſtrich wieder hier, wo er ich durch einen Unfall zu Bette gehalten mich an Ih⸗ igen rem„Brotbaum“ gelabt und mit Ihren„Men⸗ 3 nen ſchenracen“ unterhalten habe. Tauſend Dank dafür! zu Ich muß mir nun dieſe Sachen ſelber anſchaffen; denn e ſie ſind zum wiederholten Leſen da. Sie ſehen mich nde auf dem beſten Wege aus dem Orden der Ignorantiner ru zu treten und von Ihnen die Weihe des wahren Illu⸗ s zu empfangen. Wie ſieht es mit Ihren 5. vom Niederrhein“ aus? Sind ſie gedruckt te ich ſie erſt ein wenig durchblättern? Denn ſi ſind ohne Zweifel auch für mich zum Anſchaffen geeignet. Ich hinke noch ein wenig; doch komme ich 6 nächſtens ſelbſt Ihnen die Hand zu drücken, Sie Vor⸗ 6 trefflichſter aller Nichtmainzer in Mainz! Der verehrten Frau Liebſten meinen frömmſten Segen! wenn ſie ihn brauchen kann. Männer wie Sie wiſſen ſchon eher, du was man damit macht.“ inz 28. Juli 92 nn Mainz, 28. Juli Garzweiler 182 Auch Franz Karl's Billet und Einladung fand er vor und ſeufzete bei der Erinnerung an das, was er dem lieben jungen Freunde aus Koblenz mitzutheilen hatte. So ſaß Forſter bis ſpät in die Nacht. Familiennachrichten ſeines Schwiegervaters Heyne aus Göttingen und ein ge⸗ dankenvoller Brief ſeines Freundes Jakobi aus Düſſeldorf hatten ihn ſehr aufgeregt. Und kaum eingeſchlafen, er⸗ wachte er von heftigem Zahnweh, Folge vermuthlich einer Erkältung auf dem Rhein bei Regehwetter. Von zwei Uhr an hörte er jede Stunde des Sonntags ſchlagen, und zählte die Glocken und Glöckchen der Kloſtermetten und der Frühmeſſen in dieſem unaufhörlich läutenden Mainz. Zu den bohrenden Schmerzen der Zahnlade geſellten ſich bald, wie es zu gehen pflegt, verdrießliche Betrachtungen. Der Freund überlegte ſeine Reiſeausgaben und fand ſich vorzuwerfen, daß er auf Reiſen noch weniger als zu Hauſe das Geld zu beherrſchen wiſſe Es bangte ihm vor der Monatabrechnung mit Huber und ließ ihn zu keiner erhebenden Sonntagsbetrachtung kommen. Dieſer Sonntagmorgen brachte auch für d kehrten Pater Garzweiler eine wenig erbauliche hatte ſich in einer Portechaiſe nach dem Dom laſſen und eine um dieſe Zeit ſehr beſuchte Meſſe geleſen. Beim Kaffee ärgerte er ſich über ein Verſehen ſeiner alten Hausverwalterin, deren Taubheit und Treue ihm ohnehin durch die Mittheilungen ſeiner Nichte zweifelhaft geworden waren. Nur aus Beſchämung über ſeine durch raſchen Frauenblick entdeckte jahrelange Täuſchung, und um die Alte in ihrer Sicherheit ſchärfer zu beobachten, hielt er noch an ſich Ihr. Liebesverhältniß mit dem alten ſoge⸗ 183 vo nannten Knaben des Leibarztes wäre ihm vielleicht im en Stillen ergötzlich geweſen, hätte er nicht in dieſem An knüpfen mit einem Proteſtanten zu ſeiner abermaligen ten Beſchämung erkennen müſſen, wie fruchtlos ſein politiſcher 6 ge Eifer gegen Proteſtantismus ſelbſt bei eigenen Dienſtboten. geblieben war. Noch manches Andere, was ihm ſeine alten Kundſchafter ſeit geſtern hinterbracht, kam dazu, ihn ſehr zu verſtimmen. In den paar Wochen ſeiner Abwe⸗ ſenheit ſchien Alles im Bereiche ſeiner Umtriebe ſich ver⸗ ändert zu haben, und er fing an zu zweifeln, ob nicht etwa an ihm ſelbſt noch mehr, als an ſeiner Umgebung, verwandelt worden ſei. Jedenfalls blieb ihm nichts übrig, als entweder die umgekehrten Verhältniſſe an ſeinen alten — 3 Sinn, oder ſein verwandeltes Herz an die alten Zuſtände ich neu anzuknüpfen, und eine friſche Herrſchaft über die Per⸗ ſonen und Dinge zu ergreifen. Nicht mit der froheſten Seele überlegte er ſeine nächſten Unternehmungen. Er dachte an die Ungnade des Kurfürſten und an die Scha 6 denfreude der Gräfin Coudenhove, deren Sieg ſeine Ent— fernung vom Hofe war, wobei er erwog, in welcher Ge— ſtalt er ſich Beiden zu nähern habe. Auf dem Boden ſeines Herzens webte eine racheſüchtige Verbiſſenheit und n ein lauernder Grimm, die auf irgend eine Beute geſpannt, 0 ſich nur zurückhieltey, um ſich nicht wahrnehmen zu laſſen. * Er hatte ſich in ein hinteres Gemach zurückgezogen uiin und gegen das Vorzimmer abgeſchloſſen, deſſen Eingangs⸗ 6 thüre mit einer Schelle verſehen war. Unruhig hin⸗ ſche und herhinkend, bald wieder mit dem leicht ermüdeten Bein auf einen Seſſel genöthigt oder an die Fenſterbrü ſtung getrieben und den Fuß auf einen Stuhl geſtützt, ſogr 184⁴ überdachte er die jüngſte Vergangenheit und die nächſten Erwartniſſe. Anfangs wurden nur einzelne Worte und Ausrufungen laut; bis ihn der ſteigende Aufruhr ſeiner Gedanken in wilder Rede mit ſich fortriß. Immer wieder dachte er an Oeſtrich und an den Abſchied von den Sei⸗ nigen zurück,— wie ſie ihn an die Jacht, die ihn nach Mainz bringen ſollte, begleitet und ihm ſeine Sachen nachgetragen, wie ihm Gertrud die bebende Hand gereicht und mit ängſtlicher Stimme zugeflüſtert hatte: Wir blei ben Ihnen ewig dankbar, lieber Oheim, für alles Glück und Gute! Fodern Sie Alles von uns, Alles: aber— leben Sie wohl! Garzweiler lachte bitter auf bei der Erinnerung an dieſe letzten Worte. Er ſchien dies Lebewohl ſchwer zu verwinden. Es hatte ihm wie eines Geiſtes Befehl, nicht mehr wiederzukommen, geklungen. Wenigſtens hatte er es ſo empfunden und empfand es heute wieder ſo. Er hielt ſich für überzeugt, Gertrud habe an jenem Gewitter⸗ abende ſein unvollendetes Bekenntniß verſtanden und ver⸗ werfe ſeine Vaterſchaft; ſie verwünſche das Geheimniß, das er mit ſo langer, ſeliger Sehnſucht bewahrt hatte, in der Hoffnung, das ſchönſte, treueſte Glück ſeines Lebens herauszubrechen. Ha! rief er, und erhob ſich zornig,— ſo nahe liegt Dank und Verwünſchung in einem Kindesherzen bei ein⸗ ander! O ſie liegen auch in dieſer Bruſt beiſammen, in meiner zerſtörten Bruſt! Denn, bin ich nicht auch ein Kind? Dein Kind, Mutter Roma! Ich bin dir viel ſchuldig; ich bleibe dir ewig dankbar; ober— lebe wohl! Ha, ha! lachte er noch wilder auf. Kann ich auch ein fü m ichſten e und ſeiner wieder Sti nnach Sachen ereicht blei Glück e— ¹9 an er zu nicht te er Er witter d vr⸗ imniß, hatte Lebens e liegt i ein⸗ ein ſo trotzig Lebewohl ſagen? Bin ich denn fortan nicht für alle Zukunft an dieſe Mutter verwieſen, von der ich mich losſagen wollte, und die ich in heimlichſter Seele verwünſche? Unſinn der Welt! ſeufzete er nach einer W ſank mit gefalteten Händen in den Armſeſſel. Die Natur behält immer ihr großes Herz voll überfließender Selig⸗ keit, ihren Mutterſchoos voll Glück und Liebe für Fami lien und Völker und eine edle Tochter, zugleich beglückte Mutter, kann vom Vorurtheil einer geſalbten Unnatur ſo verblendet, zerſtört, verkehrt werden, daß ſie ſich entſetzt vor der heiligen Macht des Lebens, der ſie ihr eigenes Daſein und das ſelige Herz dieſes Daſeins— ihr Kind verdankt? O Tollheit der Welt! Armes Kind! Was es gelitten haben mag! Denn Gertrud iſt edel, hochherzig und voll wahrhaften Dank⸗ gefühls. All' ihre Liebe zu mir trug bisher die Geſtalt des Dankes, und ich träumte, dieſes Aſſignat des Dankes würde ſich ſo leicht in baare Kindesliebe verwechſeln laſſen Was muß es ihr gekoſtet haben, mir zu ſagen Aber— leben Sie wohl! Denn ſie beſitzt, und kennt, wornach ich ſchon in dem jahrelangen Durſte ſelig war,— Natur, Familie, Liebe. Was muß ſie empfunden haben, Das am Vater zu verdammen, wodurch ſie als Mutter beſteht? Den zu verachten, der ihr— Verachten ſollte ſie mich?— ſprang er auf— —— Nun, nun, Pater Ignaz, nur gelaſſen! Was heißt denn das: Leben Sie wohl! anders als— hab Dank, aber geh' zum Kuckuk, verwünſchter Pfaff! Es iſt nicht anders ſie verachtet mich und— iſt voll Kum ile, und 186 mers und ewigen Leids durch mich. Ich habe mein Le⸗ bensglück verſpielt und ihres— vergiftet. Er ſank wieder auf den Stuhl und bedeckte das An⸗ geſicht mit den flachen Händen, die Elnbogen auf die Kniee geſtützt.— Lebe wohl, mein Kind! flüſterte er. Ich grolle dir nicht! Und warum ſollt' ich dir zürnen? Wie könnte ich dich haſſen? Die Natur hat für dich und mich nicht ihr unauflöslich Band, nicht ihre ewige Wahr— heit, wol aber ihre heilige Weihe und beglückende Herr⸗ ſchermacht verloren. Mea culpa! Durch meine Schuld! Konnte ich nicht ſchweigend mir mein Kind und mein Glück aneignen, ſchweigend es beſitzen? Wußt' ich nicht, daß man nur ſtill und ſtumm einen nächtlichen Schatz hebt, der in ungeweihtem Boden ruht und an dem alte Schuld haftet? Nur namenlos durfte mein Gefühl unter frommen, gläubigen Menſchen wohnen. Wie konnt' ich mich in ſolchen Widerſpruch mit mir und meinem Berufe ſetzen und erwarten, man werde für einen bloßen Wahn halten, was ich ſelber als rechten Glauben ausgebreitet habe,— die Herrſchaft der Prieſterweihe über die Natur? Ja, ja, Pater Ignaz, du warſt zu lange den bearbeitenden Händen deiner Obern und deines Ordens entzogen; dein Herz, ein vereinſamt und brach liegendes Feld, wollte wieder die ureingepflanzten, aber gekappten Gefühle trei⸗ ben, und ich dachte anzubauen, was ich zu zerſtören be⸗ rufen bin. O thörichter Widerſpruch des ſelbſtſüchtigen Herzens! Kindiſcher Vorwitz!—— Und doch, wie ſüß iſt nicht dieſer Irrthum,— die bethörte Meinung der Menſchen gegen die unterdrückten Anſprüche der Natur zu empören,— des Papſtes zu vergeſſen, um Papa zu n de heißen!——— Papſt, Papa, Vater! Ha, ha! Hohn der Welt! Vater ewiger Kinder, die verdammt ſind ſelbſt An⸗ nicht Vater zu werden.—— Aber die Natur, über f di deren heiliger Krone ihr die geweihte Fauſt ſtolz empor⸗ te er ſtreckt,— ſie ſpottet euerer! Sie herrſcht fort, ſie herrſcht men unter eueren Infeln, unter eueren Kapuzen, unter eueren und Bareten und Dreiſpitzhüten! Sie herrſcht, und brand⸗ ahr markt nur euere verſtohlene Vaterſchaft im Gefühl reiner Herr⸗ Herzen, im Widerwillen edler Frauen, im Entſetzen des chuld! eigenen Kindes; ſie läßt euch nur in ihrem angſtvollen mein Dienſte ſchwach und erbärmlich werden, und züchtigt euch nicht dadurch, daß ſie euch das ſüße Lallen euerer Abkömmlinge, Schaz das heilige Wort„Papa“ verſagt, oder euch auch da⸗ malte durch erſchreckt und vernichtet. Papa iſt euer Fluch ge— unter worden im Rufe der Kinder, wenn der frohe Ton auf ich die zweite Sylbe hüpft, euer Fluch im Gehorſam des Berufe Pfaffenthums, wenn der ſchwere Ton auf der erſten laſtet: Wahn Papa, Papſt! In dieſem mit ſeinem ſt hohnziſchenden breitet Namen des heiligen Vaters hat ſich alle Heiligkeit des utur? Vaternamens für euch in ſchmachvolle Knechtſchaft verwandelt. enden Auch der Zorn macht witzig; dies verrieth eben die dein leidenſchaftliche Rede Garzweiler's. Doch reizbar und auf⸗ wollte geregt, wie er durch die Erlebniſſe der letzten Wochen trei⸗ war, wechſelten unter dem Einfluß einer lebhaften Phan n be⸗ tuſie ſeine Stimmungen ſehr leicht, und ſchlugen in die hügen Erxtreme über. Haß und Liebe eines von Natur reichen, ie ſiß aber auch durch Leidenſchaften verhetzten Gemüthes lagen gdn im Kampfe. So faltete er jetzt tief bewegt die Hände, unn vie er eben noch geballt hatte, und ſprach mit leiſe durch⸗ klingender Wehmuth! a zu 188 Ewigen Dank Natur, für meine Jugendliebe, für die Erkenntniß deiner Beſeligung, für die lange Sehnſucht, die ich nach deinem Kindesgeſchenke trug, für die Träume, in denen ich mich über meine Enkel berauſchte! Ewigen Dank! Aber— lebe wohl! Das Alles iſt dahin ge ſchwunden, gleich dem fernen Waſſerdunſt der Wüſte, dem ich als durſtiges Kameel nachrannte. Du haſt mich für all' deine Geſchenke verhöhnt, da du in meinem jubelvol⸗ len Herzen zu laut geworden biſt, und mir ſtatt eines Echo in den Pulſen meines Kindes nur den Abſcheu in deſſen Seele erweckt haſt.——— Arm, verlaſſen— an was ſoll ich mich nun halten? Was thun, da ich keinen Enkel mehr tragen kann,— was ſein, da ich nicht mehr Vater bin? Was ſoll aus einem ſo verſtoßenen und verdroſ⸗ ſenen Manne werden? Nun ja, werden: darin läge wol noch eine Welt. Was könnt' ich nicht noch wer⸗ den! Wahrlich! ich könnte noch ein Heiliger werden. Er lachte, indem er ſich erhob, im bitterſten Tone auf. Und indem er gedankenvoll durch das Zimmer ging, blieb er mit dem Ausrufe: Ja, ich will heilig werden! plötzlich ſtehen, ſtreckte ſich, wie von aufgährendem Groll getrieben, und mit zwei emporgehobenen Fäuſten durch das Gemach ſtürmend, als ob er die nächſte Wand durchbrechen wollte, rief er heftig: Was muß ich thun,— was zerſtören, zertreten, ver⸗ nichten, verrathen, verläſtern, um heilig zu werden? An wem, an was ſoll ich dieſe kochende Wuth heilig zu wer⸗ den auslaſſen? Er ſank erſchöpft in den Armſtuhl zurück; ſein Herz ſchlug heftig Nach und nach, wie er den plötzlichen Aufn tracht fuhr mei Und Ml Meh ſir die ehnſicht, Triume Ewigen ahin ge ſie, den nich für ubelvol⸗ tt eines in deſſen an was en Enkel r Vater erdroſß in läge wer⸗ werden one auf g bleb vlößlich rieben, Gemach wollt, n, ver⸗ An u wer⸗ in Her özlichen 189 Aufruhr verathmete, kam er wieder zu ſanfteren Be— trachtungen. Als ich an jenem ſchwülen Nachmittage nach Oeſtrich fuhr, dachte er mehr als er es ſprach,— hatte ich all' meine Umtriebe und Plane in den ſeligen Strom verſenkt, und fühlte mich von allen Vergehen und Verirrungen meines Prieſterſtolzes abſolvirt. Mit dem Weihwaſſer meiner Sehnſucht, mit der Salbung meiner Vorſätze löſchte ich alle Knechtſchaft des Pfaffenthums aus, und mein Herz ſchmückte ſich zu einem Tabernakel für die Monſtranz des Menſchenthums. Nun ſteht— Kindesabſcheu auf dies Herz gebrannt, und dieſe leuchtende Inſchrift wird auf alle meine Pfade fallen. Mein Geheimniß iſt ſeines Bannes ledig, ſchwebt mir wie ein Geſpenſt auf allen Unternehmungen nach, und tritt mir die Sandalen des frommen Scheins von der Ferſe ab.——— Doch wie? Sollte Gertrud mein— und ihr eigenes Geheimniß wei⸗ ter gebracht haben? Ihre Mißachtung ſpricht ſie wol nicht aus, aber— ihren Kummer? Gibt es ein weibliches Herz ohne Bedürfniß der Klage, ohne die Unruhe eines gramvollen Stolzes? Ich weiß es nicht; aber Gertrud kehrte ſo befangen, wie von unzufriedenem Bewußtſein zerſtört, nach Hauſe zurück; ſie rühmte ihrem Manne die vertrauliche Herzlichkeit, Theilnahme und Behülflichkeit der ſchönen Fides. Ha! da hätte ich ja den Anfang meines neuen Wirkens. Hier alſo ſpänne ſich der neue Faden an, der mit ſalbungsvoller Lippe benetzt werden muß? Hier alſo öffnete ſich der ſtille Pfad, auf dem ich den weggeworfenen Bettelſack meines guten Namens wie⸗ derfinden ſoll!— Nun ja! Wohlan! Zeigt mir 190 nur, was ich euch noch bin: ich werde euch zeigen, was ich noch vermag! Eben ſchlugen die Glocken zum Hochamt im Dom zu⸗ ſammen und eine gewiſſe Scheu und feierliche Beruhigung drang in die Bruſt des leidenſchaftlichen Mannes. Aber die Elemente dieſer Leidenſchaft ſetzten ſich nur leiſe zu Boden, von der geringſten Erſchütterung leicht aufregbar. In dieſem Herzen hatten vor Kurzem mit der Sehnſucht nach Oeſtrich und den dort verborgenen Schätzen auch verſöhnte Regungen und ein edler Widerwille vor den Umtrieben des Ehrgeizes ſich verbunden. Leider! nur zu kurz, um ſich zu befeſtigen, und mit dem neugeweckten Stolze regten ſich auch gleich wieder die Abſichten verſteck ter Thätigkeit, die jetzt um ſo bedrohlicher erſchienen, als der neu hinzugekommene Groll über die getäuſchten Erwar⸗ tungen und das verrathene Geheimniß ſich bereit hielt, der finſtern Betriebſamkeit eines racheſüchtigen Gemüths zu dienen. Fünftes Kapitel. Nachnittags hielt Garzweiler in der Jeſuitenkirche die vielbeſuchte Bruderſchaft des heiligen Ignaz Loyola, deſſen Namensfeſt im Kirchenkalender auf nächſten Dienſtag, den letzten Juli ſtand. Er ging zu Fuße dahin, als unterm Läuten der Zudrang am ſtärkſten war, und beobachtete in 5 n, was om zu⸗ chigung Aber leiſe zu ftegbar ehnſucht n auh vot den nur zu Erwar ielt, der iths zu rche die g deſſn ſag, den mtern chtete in 194 ſeiner gegen früher angenommenen etwas gebeugten Hal⸗ tung den Eindruck ſeines Hinkens auf das andächtige Volk. Nach dem Gottes- oder Ignaziusdienſte hatte er eine Sänfte vor ſeine Wohnung beſtellen laſſen, um bei Erasmus Lennig einen Beſuch zu machen. Während Frau Lennig derſelben Andacht beiwohnte, ſtanden, ihre Rücktehr abwartend, Erasmus und Fides am offenen Fenſter. Die Familie hatte vor, bei dem wie⸗ der aufgeheiterten Wetter einen Spaziergang nach Weiße⸗ nau zu machen, wohin heut Alles lief, um in die Stube zu gucken, worin die wichtigen Conferenzen waren gehal ten, und das Manifeſt ausgeheckt worden. Seit jenem ſchmerzlichfrohen Augenblicke, als Erasmus ſeine Fides von der Thürſchwelle aufgerichtet hatte, war zwiſchen Vater und Tochter ein zartes Verhältniß einge⸗ treten, man könnte ſagen, ohne Verabredung ein neuer Bund errichtet worden. Erasmus hatte von ſeiner väter⸗ lichen Autorität ein Merkliches fallen laſſen, und begeg⸗ nete ſeiner Tochter etwa wie einer jüngeren, lebensgeprüf⸗ ten Freundin; wogegen Fides noch lebhafter, als früher, in Aufmerkſamkeit und kleinen Dienſtleiſtungen des Kindes ſich beeiferte; um damit gleichſam ihre heimliche Zuſam menkunft mit dem Baron Franz Karl abzubüßen. In Blick und Ton verrieth ſich ein vertrautes Einverſtändniß und der verſchwiegene Antheil an dem Geheimniſſe des rothen Buches, das man der Mutter verbarg und gegen einander zu berühren ſcheute. Erasmus hatte ſeinen Vorſatz, den Baron zu beſuchen und vor Garzweiler zu warnen, noch immer nicht ausge führt, weil Fides ſtets den Kopf dazu ſchüttelte, ſo oft 4 192 er gehen wollte. Sie wußte ja, daß es überflüſſig war, und fürchtete, ohne es auszuſprechen, daß Franz Karl auf den Gedanken kommen könnte, ſie habe den Vater zu ſolchem Beſuche veranlaßt und in das Geheimniß ihrer Mittheilung blicken laſſen Oft verwarf ſie ſelbſt hieſe Beſorgniß und hielt doch aus einer ängſtlichen Unruhe den Vater zurück. Heut kam die Sache wieder zur Sprache. Erasmus freute ſich, daß die trübſelige Witterung, die der Abreiſe der hohen Herrſchaften gefolgt war, ſich wieder aufheitere. — Wenn das Wetter ſo fortfährt, ſagte er mit einem Blick über die nachbarlichen Dächer, ſo könnten wir in nächſter Woche der lieben Frau Eratz in Oeſtrich unſern verſprochenen Beſuch machen. Auch in deinem Geſicht klärt es ſich wieder auf, meine Tochter, und du ſollteſt mir wol ſagen, welche Herrſchaft in deinem Herzen abge reiſt war, als ſolches Gewölk auf deine Stirne kam? Fides lächelte, und verſetzte nach einigem Bedenken mit einem gewiſſen feierlichen Ernſte Ich will's Euch ſagen, Vater! Ihr wißt, daß ich die gute Frau an den Rhein begleitete. Von ihrer Gondel aus wollte ich die Abfahrt des Königs von Preußen mit anſehen Jean Baptiſt war ſo keck uns dicht an die kurfürſtlichen Jachten zu rudern Ich wollte ihn zurück halten, bat und beſchwor ihn; aber er iſt ganz verwil⸗ dert, Vater, und gehorcht mir nicht mehr. Glücklicher⸗ weiſe kam nicht, was ich befürchtete: der Baron Franz Karl erſchien nicht am Kai— Der Baron? Warum fürchteſt du ihn zu ſehen, Fi des? fragte Lennig geſ ger Co leb ſch ſch dat wif gu nſern eſicht llteſt bge enken h die ondl mit n die rück wil⸗ icher Franz 193 Ihn zu ſehen fürchtete ich nicht, aber ſo von ihm geſehen zu werden, lieber Vater,— ſo mich hervordrän⸗ gend. Dafür ſah ich aber endlich ſeine Braut, die Comteſſe. Und das hatte dich betrübt gemacht, meine Tochter? Nein, Vater! Im Gegentheil! Ich empfand recht lebhaft, wie glücklich der edle Baron werden müſſe. Wie ſchön und liebenswürdig erſchien ſie mir! Ihr Auge ſchweifte mit einem ſo klugen und innigen Ausdruck über das Gewimmel von Booten und Kähnen auf dem Strom, und um ihren Mund ſpielte ein ſo unbeſchreibliches Lä⸗ cheln, daß ich ihr hätte um den Hals fallen und ſagen mögen, wie lieb ſie ſei. Aber als ich ſo recht froh für den Baron war, ſo ſeelenfroh, Vater, daß mir die Freuden⸗ thränen in die Augen traten, da fiel es mir auf, daß er ſelber an der Seite ſeiner Braut fehlte; und er kam auch ſpäter im Gefolge des Kurfürſten nicht. Und nun beſtieg gar die Comteſſe mit ihrer Tante und Andern eine Jacht, und ich merkte an ihren Reiſeanzügen, daß ſie mit nach Koblenz fuhren. Da konnte ich des Barons Abweſen⸗ heit nicht begreifen und bekam eine ungeheure Angſt, das Verhältniß möchte geſtört ſein, und ich hätte— Was, meine Tochter, was hätteſt du? Fides athmete ihren Schreck aus, und ſagte: Ei nun,— ich hätte viel darum gegeben, Vater, zu wiſſen was Schuld daran ſei. Ich konnte dieſe Sorge gar nicht los werden, und als mich Jean Baptiſt unter der Rheinallee ans Ufer geſetzt hatte, rannte ich unter den Bäumen hin, als ob mich ein böſes Gewiſſen verfolge Ein böſes Gewiſſen? Fides, was ſind das für Ge⸗ Koenig, Clubiſten in Mainz. II 13 194⁴ danken! tadelte Erasmus, und ſie verbeſſerte ſich raſch mit den Worten: Nun ja, Vater! Weil ich den Baron eben noch ſo glücklich mit der Comteſſe geglaubt hatte, war's doch ein böſes Gewiſſen, daß das Verhältniß geſtört ſein ſollte Konnteſt du nicht eher annehmen, daß ihm der Kur⸗ fürſt einen wichtigen Auftrag gegeben habe? bemerkte Erasmus. Oder daß er von der Comteſſe nicht öffentlich Abſchied nehmen wollte, ſetzte Fides hinzu; denn die Verlobung ſoll noch nicht erklärt ſein. Das iſt mir ſpäter eingefallen Aber nach Oeſtrich, lieber Vater, gehen wir doch nicht, ſolange der geiſtliche Rath noch dort iſt. Da haſt du Recht! rief Lennig. Den Schurken— Gott verzeihe mir dies Wort von einem Prieſter! Mit dieſem Manne, ſage ich, wollen wir dort nicht zuſammen⸗ treffen. Ich höre aber, daß er zurück iſt und die Igna⸗ zius⸗Bruderſchaft hält. Zurück? rief Fides. Dann müßt Ihr aber zu ihm, Vater,— zum Baron; wie Ihr der Frau Cratz verſpro⸗ chen habt, und damit wir ihr die Beruhigung mit— bringen— Sieh', da ſetzt eine Portechaiſe vor unſerer Treppe nieder! rief Lennig. Und indem er den weit hinausge⸗ ſtreckten Kopf ſchnell zurückzog, fügte er erſchrocken hinzu: Es iſt Garzweiler! Einen Augenblick der Ueberlegung, und Erasmus eilte aus dem Zimmer, die Treppe hinab, und öffnete die Thüre Der geiſtliche Rath trat mit aller Freundlichkeit ein, m li te da det w h mit och ſo ch ein ſollte Kur⸗ merkte ſchied obung fallen nicht Mit nmen Ihng⸗ nihm, erſpro⸗ mit⸗ Treppe ausge⸗ hinzu 16 eilte ete die eit ein 195 die Erasmus mit ſtummer Verneigung erwiderte, indem er den Sänfteträgern zurief: Portechaiſer, wartet einmal! Ich komme von Oeſtrich, mein beſter Herr Lennig, ſagte der Geiſtliche, mit großen Augen auf Lennig's zucken⸗ des Mienenſpiel gerichtet,— und wollte gern die Grüße meiner theuern Nichte ſelbſt überbringen. Iſt doch unſere liebe Fides auch zu Hauſe? Sie haben Alle meiner gu⸗ ten Nichte ſo viel Gefälligkeit und Freundſchaft erwieſen, daß ich Ihnen auch für meine Perſon dafür verſchul⸗ det bin. Ja wohl, Herr geiſtlicher Rath! verſetzte Lennig zer⸗ ſtreut, die Hände reibend und das rechte Wort ſuchend, — ja, es iſt eine liebe, rechtſchaffene Frau,— aus Oeſt⸗ rich! Aber— es hat eben die Bewandtniß, daß wenn man die Frau Nichte ſchätzt, man den hochwürdigen Oheim— Verzeihung! Was wollt' ich denn ſagen? Ja doch! Ich wollte Sie nicht die ſteile Treppe hinauf bemühen, Herr geiſtlicher Rath— es iſt dermal gar nichts Neues— Ich bin kein Neuigkeitskrämer, Herr Lennig! ſiel Garz⸗ weiler gereizt ein. Krämer? Nein! Regiſtrator, Herr geiſtlicher Rath, — Buchhalter! Aber, machen Sie einen Strich d'run⸗ ter, unter das Bisherige: auch unſere alte Magd weiß nichts mehr für Ihr rothes Buch. Ihre Fragen haben die arme Perſon ſo angegriffen, daß ſie dermal im Ka tharinen⸗Hoſpital liegt. Ein Gemiſch von Groll und Ehrerbietung, vielleicht auch die Ueberraſchung des Beſuchs ſetzte den ſonſt ſo ſtattlichen Erasmus außer Faſſung, und er begleitete ſeine 6 196 eben ſo heftig als unbedacht ausgeſtoßenen Worte komiſch genug mit wiederholten Bücklingen. Doch Garzweiler war weit entfernt, dies Benehmen ergötzlich zu finden. Die Hinweiſung auf das rothe Buch begegnete ihm hier ſo unerwartet, daß er des Augenblickes nicht Herr werden konnte, ſondern beſtürzt und farbewechſelnd im wahren Sinne des Wortes die Flucht ergriff. Erasmus begleitete ihn die Haustreppe hinab, und blieb mit Verneigung an der Sänfte ſtehen, bis ſie gehoben ward. Wie er wieder ins Haus trat, eilte ihm ſeine Frau nach, die eben von der Unterhaltung mit einer Nachbarin kam. Erasmus umarmte ſie auf der Hausflur aus Ver⸗ wirrung und Verlegenheit ſo zärtlich, daß die erſchrockene Frau die Augen niederſchlug und erröthete. Der Verrath des rothen Buches fiel ihm jetzt, beim Anblicke der Toch⸗ ter ſchwer auf's Herz, und er war froh, daß er die Mut⸗ ter vorſchieben konnte.— Was er wollte, liebes Mütter⸗ chen? rief er mit befangener Luſtigkeit. Ja, rath einmal, Alte! Er hat was gebracht. Das iſt ſonſt nicht geiſt⸗ licher Herren Art; aber er hat wirklich Grüße aus Oeſt⸗ rich von der lieben Nichte gebracht, und ich habe ſie ihm abgenommen. Die Treppe war ihm zu hoch; er hinkt noch ein wenig,— von den böſen Wegen, die er ge⸗ kommen iſt. Nicht wahr, Fides? Und dabei blinzelte er der Tochter hinter der Mutter Rücken mit verlegener Schalkheit beruhigend zu.— Aber nun macht, daß wir hinauskommen! ermunterte er in der geſprächigen Laune, womit er über den Vorfall hinaus kommen wollte.— Rührt euch! Gib dein Gebetbuch und den Roſenkranz, Mutter, und leg' die Schleierkappe omiſch r war Die ier ſo werden vahren gleitete ng an Frau hbarin rocken errath Loch⸗ Mut⸗ lütter⸗ imnl geiſ⸗ Oeſt⸗ eihm hinkt er ge⸗ Nutter Aber in der hinaus betbuch rkapp 197 ab. Unterwegs erzählſt du uns, wer all' in der Andacht geweſen und was ſie für Putz und Staat angehabt. Al⸗ lons! ſagt der Franzos. Sechstes Kapitel. Die Uferſtraße nach Weißenau wimmelte von Menſchen, die hin und zurückwandelten. Wie herrlich ſchimmerte der mächtige Strom! Wie fächelte die Luft ſo rein und ver⸗ breitete von der Favorite herab die letzte Würze blühen⸗ der Linden! Schon aus der Ferne hörte man die Tanz⸗ muſik durch die offenen Fenſter im Wirthshauſe zum Lämmchen. Eine ſchreiende Klarinette, dem Baß immer einen Takt voraus, brachte den aufgeräumten Vater Len⸗ nig ſo zum Lachen, daß Fides mitlachen mußte. Dies machte die ernſte Mutter verdrießlich; ſie betrachtete ihren Anzug, ob ſie vielleicht etwas Lächerliches an ſich habe, und ſchalt, warum Beide jetzt immer für ſich ſo„ertra“ lachten. Ich mache nur eine Sonntagsbetrachtung, liebe Hilde⸗ gard, antwortete Lennig. Siehſt du, dieſe kreiſchende Klarinette erinnert mich an eine zänkiſche junge Frau, die ihrem alten Brummbaß von Mann davonläuft, und das Waldhorn a's Hausfreund ſpricht gelaſſen drein, und will beide wieder in Schick und Geſchirr bringen. Und als die Mutter über dieſe Betrachtung ſchalt die ſich für die Ohren der Tochter gar nicht paſſe, fuhr er gegen Fides gewendet fort: Höre nur, wie der tollſte Walzer die Stube fegt, wo die reſpectabeln Reichsbeſchlüſſe gefaßt worden ſind! Was wird ſich der Puder und der Pomadegeruch aus dem Staube machen! Ei ſieh doch! Lauter Vilzbacher ſtehen in den Fenſtern. Kann man ſich eine tollere Auf⸗ einanderfolge denken, als Diplomaten und Vilzbacher? Es fragt ſich nur, wer von Beiden die beſten Einfälle haben dürfte. Wirklich hatten dieſe mainzer Vorſtävter den Tanz ausſchließend in Beſchlag genommen. Und wer freilich die ſcharfe Zunge, den immer aufgelegten Muthwillen und die derben Fäuſte dieſes eigenthümlichen Menſchenſchlages kannte, ging ihnen ſo weit als möglich aus dem Wege. Nur heut konnte man nicht widerſtehen, wenigſtens einen neugierigen Blick durch die offene Thüre in die berühmte Tanzſtube zu werfen, ob etwa das fürchterliche Manifeſt, das ganz Frankreich umdrehen ſollte, bei ſeiner Geburt ſich an dem Stubengetäfel, an der braunen Hakenpfoſte, die den Balkendurchzug ſtützte, oder an dem ſchweren Kachelofen verſucht haben möchte. Man ſchien ſich zu wundern, daß doch Alles beim Alten geblieben war. In den unteren Stuben und im Grasgarten drängten ſich die Gäſte an den Tiſchen und Tiſchchen. Erasmus, der etwas auf ſich und ſeine Fides hielt, ſah ſich nach guten Plätzen um, und fand verſchiedene Bekannte vom Kammeramte und Stadtgericht, deren Frauen und Töch⸗ ter einen beſonderen Tiſch eingenommen hatten, und die für ihn und die Seinigen zuſammenrückten. fuhr er e fegt, n ſind! ſch aus lzbachet re Auf⸗ Es haben 1Tanz ilich die en und ſchlages Wege einen rühmie kanifeſt Geburt npfoſt, chweren ſich zu r rängten ömub, h nah e vom Toch⸗ ud die 199 Es läßt ſich denken, daß die Unterhaltung bei nahen Gegenſtänden blieb. Das Glanzvollſte und Bedeutendſte hatte ſich ja vor Kurzem hier in Mainz begeben; die Gegenwart war zauberhaft und wunderbar erfüllt gewe⸗ ſen, und in die Zukunft unermeßlicher Ereigniſſe hatte, an dem Platze ſelbſt, wo man ſich befand, die Politik der hohen Mächte einen neuen Schacht abgeſenkt. Was einer dieſer Männer nicht wußte, brachte der andere bei, und die verſchiedenſte Sinnesart der Sprechenden, ihr ge ſundes oder beſchränktes Urtheil, kam in dem ſonderbar⸗ ſten Gemiſch von Bedenklichem und Lächerlichem an den Tag. Wer wie Lennig in ſtiller Theilnahme rechts und links hinhorchte, bekam hier Proben der wandelbarſten Geſinnung. Denn der damalige Mainzer lebte unter den letzten beiden Kurfürſten in dem eigenthümlichen Zuſam⸗ menfluſſe altadeliger Anſprüche mit den neuen Bildungs⸗ beſtrebungen, die von beiden Fürſten ſelbſt angeregt wa⸗ ren. Wie hätte er dieſer wirbelnden Strömung wider⸗ ſtehen können? Vielmehr war es nicht anders zu erwar— ten, als daß er, von jeher geiſtlich bevormundet und unſelbſtändig im Urtheil, aber mit lebhafter Empfänglich⸗ keit begabt, ſich von einem zum anderen Ertrem hinrei ßen ließ. So machte ſchon jetzt die Begeiſterung, die man bei der Anweſenheit der Monarchen für den Kur⸗ fürſten gehabt hatte, dem leichtfertigſten Tadel Platz. Die Bürger drängten ſich an die Offizianten der Kapi⸗ tulare und des weltlichen Adels, um die loſen Reden zu belauſchen und zu belachen, welche die Diener für eigenen Witz ausgaben, die man aber als die Urtheile und Späße der Herrſchaften, von den Aufwartenden 200 während der Tafel eingeſteckt, gar wohl erkannte und aufnahm. Die Männer, zwiſchen denen Erasmus ſaß, waren treu⸗kurfürſtlich geſinnte Diener. Nur Aſſeſſor Razen, der Advokat, beſuchte die revolutionaire Hinterſtube bei Buchhändler Sartorius. Er wollte aus beſter Quelle wiſſen, das Manifeſt gegen Frankreich ſei von dem un⸗ glücklichen und unruhigen Miniſter Calonne im Sinne des Grafen Artois entworfen, und vom Marquis von Limon, dem vormaligen Kanzler des Herzogs von Orleans, ab⸗ gefaßt. Der Herzog von Braunſchweig habe es nur nach lebhafter Mißbilligung unterzeichnet. Dieſe Mißbilligung wird wol nicht dem Manifeſte, ſondern dem Feldzuge gegolten haben, äußerte mit einer Amtsmiene der Stadtgerichtsſchreiber Lera. Was kann auch ein ſo großer berühmter Feldherr, wie der Braun⸗ ſchweig, für rühmliche Triumphe in Frankreich holen? Die inneren Spaltungen der Parteien, der Verfall des Beeres, der gänzliche Mangel guter Offiziere nach der Flucht des Adels und das Einverſtändniß der königlichen Miniſter mit den hohen deutſchen Mächten machen es den Preußen zu leicht; ihr Ruhm wird zu wohlfeil, und ſie können ſich höchſtens Verdienſte um das deutſche Reich erwerben. Oho! lachte Razen. Sie vergeſſen bei Ihrer Berech⸗ nung die große Ziffer der Volksbegeiſterung für die neue, wenn auch noch nicht ganz liquide Freiheit; Sie vergeſſen das Facit des Nationalgeiſtes. Wer einige Ortskenntniß von dem Wege nach Paris und etwas Einſicht in unſer Kriegsweſen hat, hält es für ſehr unwahrſcheinlich, in 201 und einem Feldzuge nach der Hauptſtadt zu kommen, worauf man doch rechnet und wovon das ganze Unternehmen waren abhängt. Rozen, Darauf verſtehe ich mich nicht, wendete Lennig ein. e bei Aber ich wünſche diesmal den Preußen, die ſonſt meine uelle Leute nicht ſind, alles Glück. Denn mein Freund, der un⸗ Herr Profeſſor Blau, hat mich auf die Gefahren auf⸗ e des merkſam gemacht, die uns aus den Linien von Weißen⸗ 3 mon, burg drohen. Dort ſteht General Cuſtine unter Befehl ab⸗ des Duc de Biron, der an Broglio's Stelle unter Du⸗ nach mouriez das Commando im Elſaß führt. Werden nun die Franzoſen von den Preußen gehörig gedrängt; ſo feſte müſſen ſie ſich zuſammennehmen und können die weißen⸗ einer burger Linien nicht verſtärken. Sonſt aber haben wir zu kunn fürchten, daß Cuſtine die Oeſtreicher bei Speier angreift un und möglicherweiſe ſchlägt. Dann wäre der ganze Mittel⸗ len! chein entblößt und unſere beſatzungsloſe Feſtung Mainz des eine Beute der Franzoſen. Denn unſere eigene Mann⸗ der ſchaft iſt ja auch nach Speier beſtimmt. ihen Sie vergeſſen aber, Herr Vicedomamtsgefälleverweſer, den daß die Reichs⸗Truppen Mainz beſetzen, ereiferte ſich Lera nſ Die Fulder und die Weilburger ſind ſchon, wie ich höre, teich unterwegs hierher. Doctor Wedekind, der mit ſtillem Gruß herangetreten n war, rief aus: el, Die Fulder und die Weilburger? Nun Gottlob! Das ſen iſt ein ſchreckliches Heer. Laßt nur bei ihrem Einmarſch 3 tnß unſere Kanonen keine Ehrenſchüſſe thun, damit uns die nr Fulder und die Weilburger nicht gleich wieder Reißaus in nehmen. Ein Gelächter folgte, und Lera rief mit ärgerlicher Heftigkeit Und die Darmſtädter und die Würtemberger! Würtemberg hat ſich ſchon auf die Auffoderung des deutſchen Reiches für neutral erklärt! verſetzte Wedekind. Und Mainz hätte auch nicht nöthig gehabt, ſeine Söhne gegen Frankreich zu ſchicken, wenn es unter unſerer höchſten Schuhu⸗Perrücke ein klein Bischen weniger kindiſch ausſähe. Wir hätten weder unſer Pulver an die Emigrirten ver⸗ ſchenken, noch unſere Zeughausvorräthe an ſie verkaufen, am allerwenigſten uns in den Krieg miſchen ſollen, der nicht zum Wohl Deutſchlands, ſondern im Intereſſe re⸗ gierender Familien unternommen wird. Und nicht einmal unſere Kaſſen haben Urſache kriegsluſtig zu ſein; im Ge⸗ gentheil haben wir noch am lütticher Feldzuge zu lecken; wir jucken uns noch nach den ſpaniſchen Fliegen der Hof⸗ feſte; bluten noch von den Schröpfköpfen zweier raſch auf⸗ einander gefolgten Kaiſerkrönungen und vom Schnäpper des freigebigen Emigranten Papa. Ihr ſeht, ich ſpreche als Doctor in die Politik, bleibe mithin bei meinem Leiſten! Lera erhob ſich:— Kein ehrenhafter Mainzer und treuer kurfürſtlicher Diener kann ſolche Schmähungen an⸗ hören! rief er, und wendete ſich wegzugehen. Bleiben Sie, bleiben Sie! lachte Wedekind. Trinken Sie wenigſtens erſt Ihr Schöppchen aus! Sie ſind zwar ein eifriger Patriot; aber ſolch' ein Opfer kann Ihnen nicht zugemuthet werden, und wird Ihnen durch keine Gratification vergütet! Patriot? ſchrie Lera. Der Teufel iſt ein Patriot! 203 ſcher Die Rebellen in Lüttich waren Patrioten, und wie kön⸗ nen Sie ſich entblöden, mich, einen treuen kurfürſtlichen Diener, einen Patrioten zu ſchimpfen? Sie ſind ein des Patriot, ein Illuminat waren Sie, und ein Jakobiner kind werden Sie noch, und das iſt Alles einerlei! Ich ein Söhn Patriot! Ich vergreife mich weder an des Kurfürſten chſten Ruhm noch an den Manuſcripten ſeines Leibarztes. Wiſ⸗ ſihe ſen Sie das? ver⸗ Hiermit ſtürzte er fort. Allein Wedekind erhaſchte ufen, ihn am Arm, führte ihn zurück, und ſprach gelaſſen: det Einen Augenblick, Herr Stadtgerichtsſchreiber. Wollen ſn⸗ Sie ſich als— Schubbiak davonmachen, oder wollen inmal Sie die Gefälligkeit haben mit mir hinter jenen Holz⸗ 3 Ge⸗ ſchoppen zu treten, wo ich Ihnen, aus Achtung vor ecken der Geſellſchaft, unter vier Augen eine verdiente Ohrfeige 6 Hof⸗ geben will? 6 auf⸗ Laſſen Sie mich gehen! antwortete Lera, und Wede⸗ 4 nihper kind ſtieß ihn mit den Worten fort: Sie haben alſo den ſprche Schubbiak vorgezogen. Gehen Sie! neinen Eine verlegene Stille der Mißbilligung war eingetre⸗ ten; während welcher eine drollige Scene am nächſten und Tiſche die Aufmerkſamkeit auf ſich zog und die gedrückte . an⸗ Stimmung wieder erleichterte. Der Rheinmeiſter Krebs, ein ſtarker, gutgekleideter rinken Mann, deſſen kupferichte Naſe und Oberbäckchen den Ze⸗ 3 zn cher verriethen, ſaß mit geſpreizten kurzen Beinen behag⸗ Ihnn lich auf ſeinem hölzernen Stuhl und brachte den Aufwär⸗ lin ter in Verzweiflung. Bezahlensfertig hielt er ſeinen Lederbeutel an den aufgelöſten Riemchen in der großen, atio derben Hand, und wies, auf des Kellners Frage nach der 204 Zahl der getrunkenen Schoppen, nur immer heftiger mit dem Finger auf ſeine lange, weiße Weſte; bis er zuletzt, vom Burſchen immer nicht verſtanden, ungeduldig aus⸗ rief: Eſel, zähl Er nur die Knöpfe!— Der Wirth Göth, der zwiſchen ſeinen Gäſten umherwandelte, trat ſchnell hinzu mit den Worten: Verzeiht, Meiſter! Der Gargon iſt neu im Hauſe, und kennt die verſchiedenen Arten der Gäſte noch nicht. Barthel! fuhr er gegen den Burſchen fort, Er muß wiſſen, daß der Meiſter bei jedem Schoppen einen Weſtenknopf aufmacht, und das gibt die Rechnung. So iſt es! rief Krebs. Inwendig iſt der Wein, aus⸗ wendig die Zeche. Hier ſteht ſie angekreidet auf der wei⸗ ßen Weſte! Und auf der Naſe angeröthelt! brummte der Auf⸗ wärter vor ſich hin, und zählte fuͤnf offene Knöpfe. Richtig, Barthel! ſagte der Rheinmeiſter, und der unterſte Knopf bedeutet einen Schoppen rothen— In⸗ gelheimer. Hier, mein Sohn! Aber, hör' Er, Barthel, laß Er ſich nicht Gargon heißen! Denn Er iſt ja doch ein guter Deutſcher, und wird bei mir künftighin wiſſen, — wo Barthel den Moſt holt. Er erhob ſich lachend, verlor aber das Gleichgewicht und ſtieß einige Nachbarn an.— Halt, halt! lallte er, und rief, mit dem Finger gegen ſeinen Bauch drohend: Wehr' dich, Rother! Wehr dich! Was meint er denn damit? fragte hinter ihm Wede⸗ kind den Wirth. Und Göth verſetzte, beide Arme in die Seiten geſtemmt, mit behaglichem Lachen: Es iſt ein närriſcher, kreuztoller Kerl, der Rheinmeis t nit ulezt, aus⸗ Wirth trat Der denen den edem die aus⸗ wei⸗ Auf⸗ der rihel, doch iſſen 205 ſter! Da mißt er nun den ganzen Duſel und Aufruhr in ſeinem Kopfe der Unverträglichkeit der beiden Wein⸗ ſorten bei, als ob nämlich die vier Schoppen weißen, den einen rothen nicht unter ſich leiden wollten, und ſpricht dem rothen Muth zu. Ha, ha! Wedekind lachte ſchallend.— Da ſehen Sie, Herr Lennig, ſagte er, das ſprechende Conterfei eines echten deutſchen Regenten Wenn ſich ſolch' ein guter Landes⸗ vater gehörig übernommen hat, und ihm ſo recht unſicher zu Muthe wird; dann iſt er feſt überzeugt, daß ſeine Bürger rebelliren und die rothen Privilegien nicht mehr leiden wollen. Wehr' dich, Adel, ruft er, wehr' dich, Rother! Ei, ei! erwiderte Lennig mit lächelndem Tadel, Ihr habt doch nichts Anderes im Kopf, als Eure franzöſiſchen Händel! Siebentes Kapitel. Fin Forſter war dieſer Sonntag unter andauernden Schmerzen hingegangen, die ihn auf ſeine Stube bann⸗ ten und theilnahmlos für die Unterhaltung der Freunde machten Gegen Abend trieb ihn die Angſt vor einer zweiten ſchlafloſen Nacht unter die Hände des Zahnarztes, der ihn von ſeinem Uebel befreite. Am anderen Morgen fand ihn Huber beruhigt, aber 206 ſehr niedergeſchlagen. Der Freund war gekommen, mit ihm abzurechnen, und den häuslichen Monat abzuſchließen. Dieſe Einrichtung hatte ſich nach und nach ſo gefunden. Wie nämlich mit den ökonomiſchen Verlegenheiten auch das falſche Zartgefühl der Ehegatten in Geldſachen immer zunahm, bethätigte ſich Huber als abhaltende Zwiſchenlage ihrer Empfindlichkeit dadurch, daß er zuletzt die Geldwirth⸗ ſchaft ganz in die Hände nahm. Freilich mußte er nun auch zuweilen, was man ſagt— vor den Riß treten: aber gerade hierin erwies er ſich fein, uneigennützig und ſchonend. Ach! ſeufzete Forſter nach der erſten Begrüßung, nun gilt es, noch einen hohlen Zahn herauszunehmen, der mir, wenn auch andere, doch nicht gelindere Schmerzen macht. Iſt das Ihr Kummer, lieber Freund? erwiderte Hu⸗ ber mit Theilnahme. Ich fürchtete, Ihr Zahn wurme noch nach. Es iſt lächerlich, beſter Huber, ſagte Forſter ſchwer⸗ müthig,— bei ſo kleinem Verluſte, wie der eines ent⸗ ſetzten und verbannten Backenzahns, der ohnehin ſeine Krone ſchon verloren hatte, an das allmälige Abſter⸗ ben zu denken. Dennoch kann man im Augenblicke, da man die blutende Lücke fühlt, ſich einer ſolchen Reflerion nicht erwehren. Da wünſcht' ich denn immer nur auf dem Punkte zu ſein, daß, wenn es einmal nicht länger mit dem baufälligen Lehmhüttchen zuſammenhalten will, ich wenigſtens mit einem beruhigten Abſchiedsblicke auf Diejenigen, die ich zurücklaſſe, und die mir beſonders anvertraut waren, hinſcheiden könnte. Drüben diene mir nit ießen nden auch nmet mlage itth⸗ nun teten ind mn der lerzen Hu vurme chwer ent⸗ ſeine bſter e, da flerion tauf länger will ke auf onders ne mit 207 dann mein Bewußtſein— comme carte de civisme que j'ai bien merité de Fhumanité. Ich glaube, liebſter Hu⸗ ber, eine ſolche Sinnesart und ein ſolcher Wunſch iſt wol die ſicherſte Verwahrung gegen das Jakobinerwerden, vor dem Sie mich immer warnen, weil doch das gewiß am weitſten liegt gegen jede zu ercentriſche und gewagte An⸗ wendung meiner wenigen Kräfte. Mißverſtehen Sie mich um des Himmels willen nicht, mein edler Freund! wendete Huber ein. Meine Warnun⸗ gen entſpringen weder aus ſittlichen noch politiſchen Ge⸗ ſichtspunkten, ſondern nur aus ökonomiſcher Fürſorge. Es ſind, ſo zu ſagen, nur Erinnerungen Ihres Haus meiſters. Ihre Freiſinnigkeit oder doch Ihr Freimuth ver— ſchließt oder leitet Ihnen die erwünſchteſten Hülfsquellen ab. Seit der Kurfürſt von einem geheimen Elub weiß, iſt er verdrießlich, und bringt manche Ihrer freimüthigen Aeuße rungen, vie er damals lächelnd aufnahm, auf Rechnung Ihrer vermeintlichen revolutionairen Denkart. Vielleicht ſind Sie ihm auch von böswilligen Zuträgern als Mit⸗ glied deſſelben bezeichnet worden. Erwarten Sie da noch Gunſt und Förderung von ihm? Und außerhalb Mainz? Beſter Forſter, Sie wiſſen doch, wie die heitere Luſt der Höfe, die unbefangene Hingebung der Staatsmänner von früher ſo plötzlich verſchwunden iſt; wie dies ga ira über den Wasgau und Jura herüber Angſt und Mißtrauen bei allen regierenden und dirigirenden Herren hervorge⸗ rufen hat. Die ſogenannte loyale Geſinnung gilt jetzt mehr als Talent, Kenntniſſe, ja ſelbſt als Verdienſte; obgleich Verdienſte doch auch etwas Ariſtokratiſches, eine Art von Ahnen ſind. Und gerade bei einem Manne wie w ——— 208 Sie, von Weltruf, und der hervorragend daſteht, blickt man gleich nach der Kokarde, die er aufgeſteckt hat, oder die man auch nur für gewiſſe Erfolge in ſeiner Taſche vermuthet. Aber was thue ich denn, Huber? fragte Forſter. Ich nehme ja keinen Antheil an Allem, was vorgeht; ich ſehe mit gleichgiltigem Auge, was hier geſchieht, ohne nur meine Meinung zu äußern, und wenn ich fehle, ſo iſt es eher durch unthätiges Verhalten, weil ich nicht heucheln und da meine Anhänglichkeit bezeigen kann, wo ich meine Achtung verweigern muß. Freilich gibt es Menſchen, die vom Spruche: Wer nicht für uns iſt, iſt wider uns,— eine ſchlimme Anwendung machen, und gern Jeden, der noch ſo gemäßigte Grundſätze im Buſen trägt, für einen Anhänger der verhaßten Gegenpartei ausſchreien, gegen den jede Verleumdung, jede Verletzung von Treue und Glauben gilt.— Um nun auf unſere Geldſache zu kom⸗ men, ſo ſehen Sie keiner dieſer Briefe da bringt mir Hülfe oder mur Ausſicht. Auch General von Schlieffen, der edle, wahrhaft großmüthige Mann, erklärt ſich außer Stande, mir mit Vorſchuß zu helfen. Doch leidet meine Lage keinen Aufſchub, und dieſe Ueberzeugung ſchlägt mich nieder. O, es iſt unbeſchreiblich, was der Menſch erfah⸗ ren kann! Und wenn alles Böſe, was uns zuſtößt, wie ich nicht zweifle, zu unſerer Beſſerung geſchieht; ſo muß an mir ungeheuer viel zu beſſern ſein. Ich glaub' es auch, und würde, wenn ich nicht Frau und Kind hätte, mich nicht einmal zu einem Verſuche berechtigt halten, das Kreuz, welches ich trage, leichter zu machen Aber der Gedanke, daß Thereſe durch mich leiden könnte, iſt mir blict t, oder Vaſche r ch ſche e m iſt es euchtln meine en, die der einen gegen und om⸗ mir lieffen, außet meine tmich erfuh⸗ t wie mß b e hůtte 5 dns et der mir 209 unerträglich, und läßt mich von Zeit zu Zeit Schritte thun, wozu ich ſonſt zu ſtolz, zu eitel, oder wenn Sie wollen, zu demüthig und zu gleichgiltig gegen mich ſelbſt wäre. Dieſe Aeußerung eines ungeſuchten Edelmuthes ſetzte Hubern in ſichtliche Verlegenheit, und ſchien ſein Herz zu beunruhigen. Dies Zartgefühl des Gatten, der mit ſo viel Selbſtverleugnung ſeine Thereſe vor Leid zu bewah⸗ ren ſuchte, demüthigte und beſchämte den jungen Freund, der ſich die innigſte Zuneigung dieſer Frau zugeeignet hatte und ſie durch ſeine Hingebung zu verdienen glaubte. Sein Gewiſſen ſuchte nach einer Ausflucht, bis er ſolche an Forſters Worten:„Wenn ich nicht Frau und Kind hätte“, zu finden glaubte. Die Berechnung bot ſich ihm dar,— und zum Rechnen war er ja eben gekommen! — wie ſehr er den edeln Mann erleichtern und ſein eignes liebendes Herz rechtfertigen könnte, wenn er mit Frau und Kind auch die Schulden und Sorgen über⸗ nähme, die den ſtolzen Freund herabſetzten, und in ſeiner Wirkſamkeit lähmten. Dieſer Gedanke, flüchtig und unklar, wie er dem Freunde kam, belebte und verwirrte ihn zugleich; denn neben dem lockenden Gewinn, der darin lag, fühlte doch Huber auch den unwürdigen Handel, der damit verknüpft erſchien. Er ſchämte ſich jetzt des Abrechnungsgeſchäftes, zu dem er gekommen war, und ſprach Ich ſehe, lieber Forſter,— dieſe Dinge ſind jetzt zu verſtimmend für Sie. Auch eilen ſie gar nicht. Setzen wir für heut dieſe Zettel- und Zifferverdrießlichkeit aus. Ich bin jetzt bei Kaſſe, und ſchieße Ihnen vor. In hei⸗ Koenig, Glubiſten in Mainz. II. 14 210 terer Stunde überlegen wir dann, wie Ihnen und mir zu helfen ſei. Jeder von uns beſitzt, und jedem fehlt auch wieder etwas. Einſtweilen wollen wir nach dieſer Ihrer letzten Reiſe recht ökonomiſch zu Werke gehen. Bin ich denn nicht ökonomiſch? rief Forſter, und fuhr gegen Huber's kopfſchüttelndes Lächeln fort: Das iſt gewiß, daß ich keinen Artikel meines Haus⸗ haltes verſchwende, folglich mit Oekonomie noch zurecht kommen kann. Krankheit, Unmuth und meine Unerfah⸗ renheit in Geldſachen, die mich verleitete, meine häusliche Einrichtung zu ſchnell zu Stande zu bringen, ſind die Ur⸗ ſachen, daß ich eine Unordnung in meinen Finanzen wahr⸗ nehme. Ich will mich nicht von jedem Vorwurf reinigen, denn all' dergleichen Erfahrungen haben keine rückwirkende Kraft, ſondern können nur auf die Zukunft zu einer behutſamen Berechnung von Einnahme und Ausgabe führen. Ja, liebſter Forſter,— die Zukunft! rief Huber, den Freund mit einem gewiſſen befangenen Aufſchwung umarmend. Die Zukunft, dieſe Schmeichlerin der Läſſi⸗ gen und Verzagten, iſt auch die Erlöſerin der Schuldigen und Mitſchuldigen. Die Zukunft iſt die große Ziffer, die mit angehängten Nullen wächſt, ſo daß ſie alle Schulden und alle Schuld tilgen,— Schuld und Schulden com⸗ penſiren kann! Gewiß, Huber! Und zumal unſere Zukunft! rief Forſter mitbegeiſtert,— die nächſte uns bevorſtehende Zeit! Sehen wir nicht, daß die Ohnehoſenſchaft wirklich herr⸗ ſchend im Leben und im Geiſte der Menſchen werden muß? In Frankreich iſt die Verachtung des Geldes, des dnir fehlt dieſer fuht wahr⸗ nigen, rkende einer sgabe uber wung higen t, die ulden com⸗ rief Zeit! her⸗ verden 3 des s, des 241 Reichthums, der Habe nicht mehr Neid, nicht mehr Heu⸗ chelei der Reiche ſelbſt iſt davon angeſteckt, und der Reich⸗ thum, den er nicht mehr genießen kann, iſt faſt gar kei⸗ ner mehr, ſein Werth iſt hin. Lurus und Aufwand ehren ihren Mann nicht mehr, ſie entehren ihn.„Nun denn, wenn es ſo iſt, zum Teufel mit dem Gelde!“ muß jeder Reiche ſagen, der noch ein bischen vernünftig iſt. So glaub' ich, Huber, daß ich Alles opfern kann, wenn meine Humanität dabei gerettet wird. Meine Kartoffeln ſelbſt ſchälen und kochen? O, was kann man nicht Alles, wenn man es nur will! Im Grunde kömmt's doch im— mer nur darauf an, worein man eigentlich den Zweck des Lebens ſetzt. Hören Sie, liebſter Huber! Ich komme immer mehr davon zurück, daß Wirken der werthvollſte Theil des Lebens ſei. Die Hauptſache ſcheint mir im Wahrnehmen und Aufnehmen zu beſtehen, in dem intellectuellen Genuß, die Welt, die außer uns iſt, durch Erfahrung, Neenverbindung und Abſtraction in uns hin⸗ einzubringen. Ich verſtehe, Forſter! rief Huber beifällig. Ein Rau— penleben im edelſten Sinn,— ein geiſtiges Raupenzeh⸗ ren am Maulbeerbaume des Lebens, womit wir uns ein ſpinnen zur Schmetterlingſchaft für die Ewigkeit. Bringt es denn auch die Menſchheit zu irgend etwas Höherem, als zu einem aufzehrenden Daſein? Das Edelſte und Reinſte, das hier und da zum Vorſchein kömmt,— iſt nicht die gemeine Nothdurft ſeine Mutter? Und das Un⸗ eigennützigſte, was einmal geſchieht, ſtirbt es nicht erfolg— los ab, als beginne mit ihm der Faden, womit eine edle Seele ſich zu ihrer Verwandlung einſpinnt? 14* Das Weſentlichſte unſeres Wirkens, fuhr Forſter mit ſchwärmeriſchem Aufblicke fort, bleibt immer doch die Freude, die wir an einander haben können, und folg⸗ lich der Familien- und Freundeskreis. Ja doch, die Zeit und Zukunft bringt es mit ſich, daß wir jedem Genuſſe, der nicht in uns ſelbſt liegt, gänzlich entſagen müſſen. Ich muß eſſen, wohnen, mich kleiden wie ein Sanscu⸗ lotte, was darüber geht— iſt todt und unbrauchbar. Meinetwegen mögen ſie es hinnehmen! Ja ich will es hingeben, ſo habe ich Ehre und guten Namen davon, und das iſt ein Schild in dieſer Zeit, der mehr werth iſt, als die todten Batzen! Darin lag ein unſchätzbares Glück, ein unerſchöpfli⸗ ches Kapital für den, von ſeiner engen Häuslichkeit, wie von den philiſterhaften deutſchen Staatsverhältniſſen oft gedrückten Freund, daß ſein ſchwungvoller Geiſt an einem bedeutenden Gedanken, an irgend einer edeln Empfindung ſchnell aus Mißmuth und Verwirrung ſich erheben, und der Dienſtbarkeit, zu der uns die gemeinen Begegniſſe des Lebens ſo oft erniedrigen, ſich muthig entziehen konnte So trat ihm in dieſer Stunde verdrießlicher Ab⸗ rechnung, vor dieſen ökonomiſchen Lücken, die große Ziffer der Zukunft lebhaft vor die Seele. Eine ungemeſſene Größe, eine Zahl, die mit ſeinen Kräften multiplieirt wer⸗ den konnte, regte ſchnell ſeinen geſunkenen Muth an, und verſprach allen Mangel auszugleichen, alle Widerwärtig⸗ keit auf Null zu bringen. Mit dieſer ſchönen Erhebung und einem feſten Händedruck entließ er Hubern zu ſeiner Thereſe, und eilte, ſich zu einem Beſuche des Barons, ſeines lieben jungen Freundes anzukleiden Was er ihm ier mit h die d folg⸗ ie Zeit enuſſe, nüſſen. anscu⸗ chbar ill es von werth höpfi⸗ , wie noft einem indung und egniſſ tichen rAb⸗ Ziffet eſſene wer⸗ und irtig⸗ ebung ſeinet wons, ihn aus Koblenz Unangenehmes mitzutheilen hatte, fiel ihm bei ſeiner eigenen Entſchloſſenheit nun auch nicht mehr ſo ſchwer auf Achtes Kapitel. Franz Karl ſaß ſeit Anbruch des Tages zwiſchen aufge⸗ thürmten Büchern und Broſchüren; älteren und laufenden Schriften, die er in dieſen müßigen langen Tagen durch⸗ blättert, durchnaſcht und zu Auszügen gebraucht hatte In ſeinem gepolſterten Seſſel zurückgelehnt, ein älteres Heft des neuen deutſchen Muſeums mit eingeſchlagenem Finger ſchließend, und den lächelnden Blick auf die dun⸗ keln Bücherdecken gerichtet, verglich er ſich mit einem Schlemmer, der in einem traulichen Gewölbe bei einer Flaſche ſchäumenden Geiſtes die Auſternſchalen um ſich her gehäuft hat, und nun ſatt und müde ausruht. Schloſſer's Aufſatz über den Adel in dieſem vierten Stücke des Muſeums von 1789 hatte ihn lebhaft ange⸗ ſprochen. Die Darſtellung, inwiefern das alte gothiſche Gebäude der morſchen deutſchen Reichsverfaſſung doch ſeine gute Seite habe, und ſeinen Inſaſſen wenigſtens Ruhe und Wärme geben könne, fand gerade das verſchüchterte, ſuchende Herz des jungen Edelmannes mehr, als vielleicht ſonſt, zugänglich.— Es mag ſein, wie Forſter behaup⸗ tet, überlegte er, daß wir nicht gerade der Ruhe und Wärme halber da ſind, und unſere Kräfte und Anlagen ſich am beſten entwickeln, wo nicht Alles ſo ängſtlich ab⸗ gewogen iſt und ſich ſo kleinlich balancirt, ſondern wo Druck und Gegendruck, Zwang und Bedürfniß, Mitleid und Gährung uns in Bewegung ſetzen. Es mag ſein, daß dem Menſchen das Ziel weiter geſetzt werden muß, als er zu kommen vermag, weil er ſonſt nicht einmal den Punkt erreichte, wohin ſeine Kräfte ihn noch bringen kön⸗ nen. Aber— Eins iſt nicht für Alle, und ich fürchte für meine Perſon, daß ſolcher Drang des Lebens mich verwirrt, ohne mich zu fördern. Mein Herz bedarf einer andern Schule, mein Geiſt ſehnt ſich nach anderm Schaffen, und meine Hand iſt zu verzärtelt, um ein Neſ ſelbeet von Intriguen zu jäten. Und— iſt denn nicht ohnehin und ohne mich die Welt dermal auf dem beſten Wege, ſich durch Druck und Gegendruck bis auf die Fundamente hinab umzugeſtalten? Es gibt ja auch Geſchöpfe, die eingepuppt ſich ver⸗ wandeln: ſo was ſagt mir zu. „Mit dieſem Bilde, womit er, wie durch Sympathie, an die Forſter ſche Morgenbetrachtung rührte, mit dieſem halben Entſchluß erheiterte ſich der junge Freund. Er ſah ſchon alle Akten und Arbeiten zurückgelegt, und fühlte ſich zum erſtenmal wieder geſtimmt, etwas vorzunehmen, was ihn dieſer Tage wahrhaft angeekelt hatte,— nämlich die Abſchriften und Notizen über die jüngſten wichtigen Ver⸗ handlungen in Weißenau für ſeine geheime Sammlung durchzuſehen und zu ordnen. Dieſe Sammlung ſollte ihm als ein Album aus ſeiner kurzen, aber merkwürdigen Geſchäftszeit dienen, als Denkblätter ſo glücklich überwun⸗ nagen h ab⸗ wo Nitleid ſein, muß, al den kön⸗ ürchte pathie, dieſem r ſah le ſih was ch die Ver⸗ mlung ſollt rdigen rwun⸗ dener Lebensverwirrung.— Wie ein Lahmer ſeine Krücken, ein Gefangener ſeine Ketten vor dem Bilde des Heiligen aufhängt, der an ihm das Wunder bewirkt hat: ſo will ich dieſe Blätter aufbewahren! lächelte Franz Karl. Aber — ſetzte er nachdenklich hinzu, wo iſt mein Heiligenbild, unter dem ich ſie niederlege?—— WMeinen Prieſter dazu habe ich: und was auch Garzweiler an meiner Per⸗ ſon gefrevelt haben mag, ſeinem Rathe verdanke ich dieſe Sammlung, und— vergebe ihm vielleicht die ſchlimme Abſicht um des guten Erfolges willen. Er erhob ſich und holte die rothe Saffian⸗Mappe mit der Aufſchrift Album hervor, womit er ſich an ſein Pult ſetzte. Ehe ihn jedoch Forſter bei dieſer Beſchäftigung traf, hatte ſich Garzweiler an das Haus bringen laſſen, um in dieſer Stunde, da er die alte Baronin in der Meſſe wußte, bei Cäcilien einen Beſuch zu machen. Er kannte das rückhaltloſe, nie verſteckte Herz der reizenden Baro⸗ neſſe, das ſo leicht zu täuſchen und zu fangen war, und hoffte bei ihr den glücklichſten Anfang mit einer ſo ängſt⸗ lichen Nachforſchung zu machen, alster vorhatte, uñv für welche ihm alle ſonſtigen Spuren fehlten⸗ Lennig's übereiltes Wort hatte gleich einem vſrihr ihn über⸗ täubt, aber auch im Nu einen unvermutheten Verrath er⸗ blicken laſſen. Auf eine ganz andere Entdeckung ausge⸗ gangen, ſah er plötzlich die geheime Schuld des rothen Buches enthüllt. Er hatte gefürchtet, das beſchämende, aber dem menſchlichen Herzen ſo verzeihliche Geheimniß ſeiner Jugend könnte gelüpft worden ſein, und fand nun, daß der ganze unterirdiſche Ban ſeiner in den Augen der 216 Welt kaum verzeihlichen Umtriebe mit allen Geheimniſſen ſeines Lebens aufgeſpürt war. Vor Allem wollte er nun wiſſen, in welchem Umkreiſe das rothe Buch bekannt ge⸗ worden ſei, oder— wie er ſich in ſeinem verzweifelten Humor ausdrückte— wie weit die zuſammengeſtoppelten Vorräthe des hochwürdigen Hamſters ſich verſchleppt hät⸗ ten. Hiervon hing ſeine ganze künftige Wirkſamkeit und die Berechnung ſeines Einfluffes ab; ſo daß er, im um⸗ gekehrten Falle Forſter's, vor der Zukunft bangte, und dieſe große Ziffer, womit er ſeine verſchuldete Ver⸗ gangenheit hätte decken können, auf eine Mull ſchwinden zu ſehen fürchten mußte. Cäcilie empfing den geiſtlichen Freund und Gewiſſens⸗ rath mit der Heiterkeit eines unerwarteten Beſuches. Hier⸗ durch in ſeiner unſichern Beſorgniß ſchon etwas beruhigt, küßte er ihr die Hand mit der alten liebenswürdigen Zu⸗ traulichkeit und ſtreichelte das Wachtelhündchen, das ihn bellend umwedelte und ihm, ſobald er ſich zur Baroneſſe an das Fenſter geſetzt hatte, auf die Kniee ſprang, ohne mit ſeinen Staubpfötchen das ſchwarze Beinkleid zu ſchonen. Mit unbefangener Zuthätigkeit fragte er nach dem Befinden der Familie und den Angelegenheiten des Her⸗ zens, berührte flüchtig ſein eigenes bisheriges Treiben und den Unfall, der ihn auf einem Abendgange mit dem Brevier zu Boden geworfen habe.— Aber, was höre ich über Ihren Herrn Bruder? ſetzte er mit beklagendem Tone raſch hinzu. Er iſt von der Verbindung mit der Comteſſe Joſephine zurückgetreten? Mein Gott! rief Cäcilie Sagt man das wirklich in m ſic miſſen tmn nt ge ifelten elten hüt⸗ t und um⸗ und inden ſens ier higt Ju ihn neſſe ohne dem der⸗ und dem höre dem der in 27 der Stadt? Das iſt abſcheulich! Das iſt wieder recht mainziſch! Welche boshafte Entſtellung des einfachen Um⸗ ſtandes, daß mein Bruder, weil er plötzlich unwohl ge worden, vom großen Hofball wegbleiben mußte, wo man die Erklärung ſeiner Verlobung erwartete. Ich bitte Sie, mein Freund, widerſprechen Sie ja dieſer Mißdeutung mit Nachdruck, ehe die gute Comteſſe Schrecken und Kränkung davon hat! Und iſt noch immer unwohl, Ihr Bruder? fragte er mit theilnehmender Miene. Nicht doch, Pater! Er geht noch nicht aus, aber— ich komme eben von ihm— er ſitzt ganz heiter über ſei nem rothen Buche. Garzweiler erſchrak, und ehe er ſich beſann, fragte Cäcilie, was denn daran zu verwundern ſei. O nichts, meine Gnädige! lächelte er, mit ſcharf be⸗ obachtendem Blick auf die Baroneſſe. Nur eine Ver⸗ wechslung in Gedanken. Ich beſitze auch ein rothes Buch, wollte es eben mitbringen, dem Herrn Baron einige Mittheilungen daraus zu machen, und täuſchte mich bei Ihrer Erwähnung, ob ich es nicht ſchon hergeſchickt habe Was enthält es, lieber geiſtlicher Rath? Kleinigkeiten, meine Gnädige! Mainzer Geſchichten Aber,— erlauben Sie mir ein wenig zudringlich zu ſein! Wiſſen Sie auch, daß man an Ihres Bruders Unwohlſein nicht glauben will? Wie ich an Ihrem Hauſe hange, meine Theuerſte, ſo vertrauen Sie mir! Sagen Sie ſteht Franz Karl noch in Geſchäftsverkehr mit Lennig? Ich weiß, Sie haben ſich des Mannes früher in Guts angelegenheiten bedient; haben Sie etwa noch—? ———— —— — ——— 2418 Nein, Pater! auf? Wiſſen Sie— die ſchöne Fides iſt nach längerer Abweſenheit wieder zurück, und ich kam auf den Gedan⸗ ken, ob nicht des Barons Herz etwa dort wieder ein⸗ gefädelt worden. Lächeln Sie nicht ſo wegwerfend, Ba⸗ roneſſe! Dieſe ſchlanken Mainzerinnen verſtehen es, nicht blos mit ungebleichtem Zwirn, ſondern auch mit einem guten adeligen Seidenfaden umzugehen. Und Fides ſoll ungemein hübſch und einnehmend zurückgekommen ſein: wäre es zu verwundern, wenn Ihr Herr Bruder auch wieder etwas rückfällig geworden wäre? Dann aber konnte Ihn freilich jener letzte Abend bei Fides recht un⸗ Wie kommen Sie aber gerade dar⸗ wohl machen,— reuig, und er ſchämte ſich vielleicht ſolcher Reumüthigkeit und nannte ſie lieber— Rheuma tismus! Sie ſind recht boshaft, Pater Garzweiler! ſchalt Cäci⸗ lie, die jedes Liebesverhältniß gern mit einer gewiſſen Schwärmerei betrachtete. Garzweiler küßte mit freundlicher Abbitte ihre Hand. Nein, mein Freund,— fuhr die Baroneſſe leiſer und zutraulich fort, das iſt es nicht; aber ich führe Sie auf eine beſſere Spur. Wir wiſſen nämlich, daß Franz Karl unmittelbar vor dem Balle bei Forſter's war, und ſich dort verſpätete. Geſtern hörte ich nun,— und dieſe Mittheilung rührt von Stadion her— dort habe Frau Forſter mit geheimnißvollem Wink meinen noch eben ganz heiteren, geſprächigen Bruder mit ſich aus dem Zimmer genommen, und ihn ſo lange bei Seite behalten, daß Stadion ſeine Zurückkunft nicht abgewartet, ſondern ver⸗ dar ängerer Gedan tein d, Be⸗ nicht einem es ſoll ſein auch aber ht un⸗ elleicht euma Cic wiſen Hand er und ie auf Karl d ſich dieſe Frau ngan immer daß n r⸗ muthet habe, Franz Karl ſei dringend abgerufen worden. Wenn wir nur erfahren könnten, was dahinter ſteckt! Welche Mittheilungen es etwa geweſen ſind, die meinen Bruder ſo alterirt haben. Ich darf ihm mit einer Frage darnach gar nicht kommen er wird gleich heftig, und das gerade macht mir die Sache bedenklich. Offen geſtanden ich traue dieſer„geiſtreichen“ Thereſe nichts Gutes zu. Garzweiler nickte mit bedeutſamen Winken und ſagte: Was dort vorgefallen, erfahre ich, Baroneſſe! Verlaſſen Sie ſich darauf! Nicht wahr,— Lennig und Forſter ken⸗ nen ſich nicht, haben keinen Verkehr? Soviel ich weiß—* Immer kommen Sie wieder auf Lennig! fiel Cäcilie ungeduldig ein Uebrigens ſpreche ich Forſtern ſelbſt, und habe ihm Angenehmes zu ſagen; nur möchte ich nicht neugierig erſcheinen und ihm etwas, vielleicht Verſchwie⸗ genes abdringen, gerade wo ich ihm eine kleine Gefällig⸗ keit erwieſen habe.— Mein Gott! wenn man vom Ha⸗ ſen ſpricht—! Da kömmt er ja eben auf unſer Haus zu Er iſt alſo zurück! Er beſucht meinen Bruder. Die Baroneſſe, deren lebhaftes Auge durch einen Fen⸗ ſterſpiegel die Thiermarktſtraße beherrſchte, woher ſie For ſtern kommen ſah, ſtand auf und ging nach der Stuben thüre. Garzweiler bat ſie, den Hofrath jetzt nicht herein⸗ zulaſſen; was auch Cäciliens Abſicht nicht war, die nur dem Freund einen Wink geben wollte, ſpäter zu ihr zu kommen.— Ein edler, ausgezeichneter Menſch, dieſer Forſter! ſagte der Geiſtliche, indem er ſich zum Weggehen anſchickte. Man muß ihn hochachten, und er iſt der einzige Proteſtant hier, den ich wahrhaft ſchätze. Ich möchte ihn darum auch gewinnen, und Sie Baroneſſe, könnten mir dazu behülflich ſein und ſich um Ihren Freund im beſten Sinne verdient machen. Die Baroneſſe fragte lebhaft was er meine; er that aber ſehr eilig und dringend, und wollte ihr ſeine Ge⸗ danken für diesmal nur flüchtig andeuten.— Forſter iſt in ſehr bedrängter Lage, ſagte er, und kennt, wie geiſt volle Männer oft unpraktiſch ſind, die Mittel nicht, die er in Händen hat, ſich Einfluß, Ehre und die bequemſte Eriſtenz zu ſchaffen,— Güter, die ein Mann von Geiſt und Herz nicht entbehren mag, und vor Allen verdient. Seine Kenntniſſe, ſein Welt- und Staatsblick, ſeine klaſ⸗ ſiſchen Schriften haben ihn noch wenig vorwärts gebracht. Und gerade was ihm am entbehrlichſten iſt, könnte ihm dazu verhelfen: ſein Proteſtantismus! Ich verſtehe Sie nicht, mein Freund! ſagte Cäcilie Und Garzweiler fuhr ſchalkhaft lächelnd fort: Wiſſen Sie nicht, meine kluge Baroneſſe, daß es Dinge in der Welt gibt, die gar nichts werth ſind und doch theuer angebracht werden können? Es kömmt nur darauf an, wer ſie losſchlägt. Sagen Sie ihm gelegent lich,— ſcherzend oder ſchwärmeriſch, wie ſich's eben ſchict,— ſeine Berühmtheit ſei die wahre Wünſchel ruthe des Glücks, ſobald er ſie nur aus dem Futterale des Proteſtantismus herausnehmen wolle! Aber— wird er das jemals thun? fragte ſie mit ſanf tem Kopfſchütteln. Forſter iſt kein ſchroffer orthodorer Eiferer! antwortete er. Eher neigt er noch zur Schwärmerei; war früher Roſenkreuzer und hat noch etwas von ſeinem alten myſti⸗ ſchen Hang. Ich weiß von ihm ſelbſt, daß er ſich lange reund t that e Ge⸗ ier iſt geiſ⸗ „ die lemſte eiſt dient klaſ⸗ tacht ihm cilie ß es und tnur gent eben hel⸗ erale anf⸗ rtele her 221 Zeit mit dem Aberglauben an den Stein der Weiſen, an die Goldtinktur getragen hat. Sie ſind ſeine vertraute Freundin, Baroneſſe,— er ſchwärmt für Sie, ja— ich darf Ihnen gar nicht ſagen, was er für Sie empfin⸗ det: machen Sie ihm begreiflich, daß ſeine Berühmtheit die rechte Goldtinktur ſei, wenn er nur noch den einzigen Miſch⸗ theil des katholiſchen Glaubensbekenntniſſes zuſetzen wolle. Und— was hätten Sie dann für ihn,— was hätte er davon? fragte Cäcilie geſpannt. Eine Stelle in Wien,— in der Staatskanzlei, flü ſterte Garzweiler. Dort braucht man gewiſſe Männer gern, kann ihnen was bieten, und gerade Forſter wäre für einen ſolchen Platz wie gemacht. Wäre nur auch die Sache nicht ſo delicat! bedauerte Cäcilie. Sie iſt es bei einem ſo aufgeklärten Manne weniger als Sie fürchten. Forſter beſucht keine Kirche, iſt nie zum Abendmahl gegangen; er hat alſo eigentlich gar nichts aufzugeben, und die kleine Dienſtbarkeit, die wir ihm auferlegen, hat für ſolch' einen Mann gar keine Bedeu⸗ tung.— Unſer Joch iſt füß; unſere Bürde leicht! Das wußte ſchon unſer Herr und Meiſter. Ich werde Ihnen auch noch etwas in die Hände geben, was Sie dabei unterſtützt: ein Briefchen der Frau Forſter an ihren Freund Huber,— eins jener Billete, die dem edeln, ahnungs⸗ loſen Mann zu der ſchmerzlichen aber, heilſamen Ueber zeugung verhelfen können, daß in ſeiner Ehe noch ein bedeutenderes Deficit an Liebe und Treue, als in ſeiner Kaſſe an Barſchaft iſt. Ha! dieſe Thereſe, die er ſo vergöttert! rief die Ba⸗ roneſſe mit einem eigens leidenſchaftlichen Blick. Garzweiler verneigte ſich, ihre Hand zu küſſen. Ich habe Gutes und Großes vor, ſagte er, was ich Ihnen wol vertraue, da wir doch unſere Geheimniſſe gern aus⸗ tauſchen. Sie wiſſen, der Kurfürſt iſt für mich nicht mehr—„Seine kurfürſtlichen Gnaden“, ſondern— Ungnaden. Ich werde mich aber halten, wie ein Mann, der ſich von einer fürſtlichen Ungnade nicht zu Boden drücken läßt. Ich werde vielmehr heiße Kohlen auf ſein Haupt ſammeln,— verſteht ſich unter ſeiner Perrücke. Schlimme Tage ſtehen uns vielleicht bevor. Ein heilloſer Club arbeitet am Falle von Mainz, am Zuſammenſturze des deutſchen Reiches. Unſer gnädigſter Kurfürſt wird erfahren, wie undankbar und gefährlich der Proteſtantis⸗ mus iſt, den er in dieſen Profeſſoren, Gelehrten und ſelbſt in ſeinem Kabinet ſo hervorgezogen, belohnt und gefördert hat. Schwere Schuld, die dem Primas des Reichs und der deutſchen Kirche vom Verhängniß in Rechnung gebracht wird,— hoffentlich zur Lehre und Warnung für die Welt! Retten wir, meine theuere Freundin, was zu ret⸗ ten iſt! Ziehen wir den edeln Forſter zu uns herüber, der es allein verdient! Noch gehört er dem Kreiſe der verkappten Jakobiner nicht an; nur ſeine Gedanken, nicht ſeine Beſtrebungen widmen ſich der Göttin Freiheit; aber die Kümmerniſſe ſeines Hauſes und ſeines Herzens drängen ihn Schritt vor Schritt dem Club zu. Er verneigte ſich ahib einem ehrerbietigen Lächeln und vertraulichen Zunicken, welches mehr eine Aufmunterung, als ein Einverſtändniß zu bedeuten ſchien, und ließ Cäci⸗ lien in ängſtlichen Betrachtungen zurück n Ich h Ihnen rn aus⸗ ich nicht — Mann, Boden uf ſein errück. heilloſer enfturze ſt wird ſtantis⸗ d ſelbſt fördert hs und gebracht für die zu ret⸗ erüber, iſe der nicht iheit; erzen n und terung, Neuntes Kapitel. Inzwiſchen hatte Franz Karl ſeinen Beſuch lebhaft be— willkommt, und da beim Anblicke des Freundes die Her— zensangelegenheit, um derentwillen er ihn erwartet hatte, heftig genug wieder aufwallte: ſo brachte er Forſtern ohne viel Umſtände auf das Kanape und auf ſein Ka⸗ pitel.— Mit welcher Sehnſucht hab ich Sie erwartet, lieber Forſter! ſagte er. Ich habe mich auf Ihren Beſuch hin für krank ausgegeben, und ich war es einigermaßen. Nun erquickt mich ſchon Ihr heiterer Blick und entſchloſſe⸗ ner Ausdruck, und gibt mir Muth Sie als Freund zu begrüßen. Wäre ich das etwa mit trübſeliger Miene weniger, lieber Baron? wendete Forſter ein, und der junge Mann verſetzte Gewiß nicht! Aber ich erinnere mich Ihrer früheren Abſchiedsworte gegen Sömmering— Apropos! Sömmering kömmt dieſe Tage zurück, un⸗ terbrach ihn Forſter. Worauf der Baron, ohne einzuge⸗ hen, blos ein: So? das iſt ſchön! erwiderte und dann fortfuhr: Sie klagten damals keinen andern Freund in Mainz zu haben. Wohlan! ſeien Sie mir denn, was ich Ihnen nicht zu ſein vermag: leihen Sie mir Freund⸗ ſchaft! Ihre Klage, die ich damals nur mit Betrübniß empfand,— heut iſt ſie mir verſtändlich. Nie war ich 224 eines Freundes ſo bedürftig. Jener heitere Sinn, der ſich nichts ſchwer zu Herzen nahm, jenes friſche Selbſtvertrauen, das ſich leicht über alle Bedenklichkeiten hinauszuſetzen wußte, jener Takt oder Inſtinkt, der mir aus mancher Verwicklung half, haben mich noch nie ſo gänzlich verlaſ⸗ ſen, wie in dieſer Befangenheit, in der ich nach Ihrer Hand und Hülfe reiche, mein lieber Freund! Forſter ſtreckte ihm raſch und mit ſeelenvollem Blicke die Rechte hin, und Franz Karl ergriff ſie mit den Worten Sie wiſſen, bei welcher Zuſammenkunft mit Lennig's Tochter Ihre liebe Thereſe Zeuge war— Herrliches Mädchen, dieſe Fides! unterbrach ihn der ſo leicht aufwallende Forſter. Seelenvoll, reich an Anmuth! Wir haben uns mit ihr über Alles und Alles unterhalten, und ihr Urtheil, ihr Herz bewundert Meine Frau iſt ganz entzückt von ihr, und Thereſe, wie Sie wiſſen, iſt gerade mit Frauen nicht am nachſichtigſten. Das Origi nelle an Fides finden wir in dem echt rheinländiſchen Stoffe, der mit einer im mainzer Bürgerleben ungewöhn⸗ lichen und eigenthümlichen Politur verbunden iſt. Franz Karl nickte vergnügt zu Forſter's Urtheil, ohne ſich weiter einzulaſſen.— Fides, ſagte er, hat mir da⸗ mals, wie Sie wiſſen, ein Buch vorgelegt, von dem ich Ihnen nichts Genaueres ſagen darf, als daß es für mich den entſetzlichſten Inhalt offenbarte. Laſſen Sie mich über das ſchweigen, was blos meine Perſon betrifft,— über⸗ gehen, welche ſchmähliche Abſichten man auf meine Unbe⸗ fangenheit gefaßt, zu welchen Intriguen man auf mein empfängliches Herz, auf mein jugendliches Blut gerechnet, und meine Ehre ſogar wirklich mißbraucht hat. Im In⸗ 225 nerſten fühle ich mich jetzt gedemüthigt, wenn ich, an der ſich tiuuen manchen Tagen vielleicht ſtolz auf perſönlichen Werth, nun ziſtzen durchſchauen mußte, welchen Perſonen, Umſtänden und Ränken ich meine ſchnelle Beförderung, die Gunſt und erlſ⸗ das Vertrauen meines Fürſten, ſo wie den ſchönen Höhe⸗ Ihr punkt des Dienſtes— ſoll ich in Stadion's Ausdrucks⸗ weiſe ſagen?— den Sinai meiner Zukunft zu li verdanken habe. Doch— der Teufel verdanke es Porten eigentlich! Und ich möchte lieber von dieſem Sinai her⸗ abſteigend die Geſetztafeln meines Berufs vor dem golde— nen Kalb entzweiſchlagen, das man hier anbetet, und dem man mich opfern will! Tief gedemüthigt, ſage ich Ihnen, ihn der* äume und Schwärmereien! Aber, Forſter, für meine T ich will ja übergehen, was mich allein betrifft, und ſage ſeit Ihnen nur, daß auch das ſchönſte, reinſte Band, das mich an Comteſſe Joſephine knüpfen ſoll, von entweihter Hand geſchlungen worden iſt.. Mein Gott, Sie erſchrecken mich! rief Forſter, des iſinn Barons Hand mit lebhafter Theilnahme ergreifend. Doch ſ witn— was hab' ich eigentlich dabei zu denken? Ich möchte nicht gleich etwas Entehrendes vorausſetzen. Daß man zwei Liebende ſchlau und verſchlagen zu⸗ nir 6 ſammenbringt,— ſehen Sie, das will ich nicht einmal un it tadeln; denn wofür man ja dem blinden Zufalle dankbar in nit iſt, warum ſollte man es vorausſichtigen Freunden nicht ih in zu gut rechnen? Daß man hierauf eine überraſchende ibe Erklärung und Verlobung vor dem getäuſchten Fürſten e ub⸗ herbeiführt, iſt ziemlich frivol gegen die liebende Braut und ein 4 if nin wenig demüthigend für die Eigenliebe des Mannes: mag nc diesmal aber auch hingehen, da es ja dem liebenden Paare n Koenig, Glubiſten in Mainz. I. 15 226 zu gut kömmt. Sie begreiſen nicht, was ich meine? Nun ja, ich theile Ihnen das ein andermal mit. Aber — und hierauf Ihre Hand, Forſter! Es iſt ein fremdes Geheimniß! Daß man meine Braut aus Landesgeldern ausrüſtet,— Mitgift und Ausſteuer aus öffentlichen Kaſſen nimmt, dem armen Land entwendet—! Nun? Und Sie hören das ganz gelaſſen an, Forſter? O mein Freund! verſetzte Forſter, daß dergleichen in Mainz geſchieht, überraſcht mich nicht: ich lebe ja ſchon vier Jahre hier. Und daß Sie über ſolche Zumuthung der Frau Gräfin empört ſind: ſoll mich das von Ihnen überraſchen, lieber Baron? Ich danke Ihnen! rief Franz Karl, und umarmte den Freund. Aber— was werden Sie thun? fragte Forſter lebhaft. Ja, lieber Mann, das iſt es eben! Das ſollen Sie mir ſagen; dazu brauche ich Ihr unbefangenes edles Herz! Er umſchlang in tiefer Aufregung den Freund; indem er aus gepreßter Bruſt ſeufzete: O ſehen Sie meine Ver⸗ wirrung! Hier war nun freilich eine Frage hingelegt, die gerade einen theilnehmenden Freund, auch bei beſter Einſicht, mit verwirren und ſelbſt beängſtigen mußte Franz Karl be⸗ dachte oder wußte vielleicht auch noch nicht, daß es Ver⸗ wicklungen im Leben gibt, die zur Löſung in fremde Hand gelegt, ſich nur noch feſter zuſammenziehen. Auch machte Forſter gleich aufmerkſam darauf, daß in ſolchen Zweifeln, die nur von echter, lebendiger Liebe aus eigener Machtvollkommenheit entwirrt oder durchbrochen werden ine? Aber mdes dern ichen Kun? nin ſchon hung hnen den rſter Sie herz! nden Ver⸗ 227 könnten, der fremde Verſtand ein gar linkiſcher Beiſtand ſei. Aber— irre ich nicht, ſetzte er hinzu, ſo ſchwankt Ihr eigenes Herz auf einem Scheidewege. Sie erklären ſich mir für verlobt, und da hat ſich Ihnen die liebens⸗ würdige Fides, wie mir ſcheint, zur unrechten Zeit wieder in Erinnerung gebracht; hier fühlen Sie ſich angezogen, und dort ziehen Sie vielleicht nur ſelber an. Mißverſte⸗ hen Sie mich nicht, mein junger Freund! Ich mache Ih⸗ nen keinen Vorwurf, als ob Sie zu wenig entſchloſſen ſeien. Es gibt nicht lauter ſtürmende Seelen, und es iſt nicht immer ein glückliches Ziel, das man in Sturm er⸗ reicht. Auch weiß ich welch' ein bethörender Reiz für einen Jüngling darin liegt, hier zu lieben und zugleich wahrzunehmen, daß man auch noch von einer andern Seite her geliebt wird. Und ſollte nicht auch der Standesunterſchied beider liebenswürdigen Geſchöpfe einen verwirrenden Zauber auf Ihr ſo empfängliches Herz üben; indem er es von zwei verſchiedenen Seiten bald lockt, bald mit dem Widerſpruch der einen gegen die andere Seite neckt und beängſtigt? Es iſt ja derſelbe Widerſpruch, der jetzt unſer geſellſchaftliches Leben nach allen Seiten ſpaltet und zerreißt. Und wenn unſere ganze Zeit, und wenn die edelſten Geiſter in Kampf und Zweifeln ſchwanken, was recht oder frevelhaft, wahr oder bethörend, was gel⸗ tend zu machen oder zu verwerfen ſei, kurz, was fortan in der Welt herrſchen oder dienen müſſe: warum ſollte gerade die Liebe unberührt von dieſem Sturmwetter des Lebens bleiben? Gerade ſie, ſo reizbar und zärtlich von Seele, und ſelbſt wieder die Seele alles Thuns und Laſ⸗ ſens in der Welt, muß vielmehr am tiefſten davon er⸗ 15* ſchüttert werden. So, mein lieber junger Freund, dem bis jetzt Alles heiter und glücklich begegnete, ſind Sie nun eben mit einem edeln Herzen in die Klemme dieſes geſpaltenen Zeitlaufes gerathen. Wären Sie blos einer unſerer Stock⸗Ariſtokraten, ſo würde Ihnen über die Com teſſe und ihre Ausſteuer kein Zweifel begegnet, zwiſchen einem Salon mit londoner Möbeln und pariſer Parfüm, und einer geweißten Stube mit Rohrſtühlen und Räucher⸗ kerzchen- oder Wachholderbeerenduft keine Wahl entſtanden ſein. Nun aber ſoll Ihr Herz dafür büßen, daß Ihr freier Geiſt auch die untergeordnete Seite des geſellſchaft lichen Lebens, die Wahrheit des Bürgerthums und in dieſem den echten unangefaulten Kern des Menſchlichen er⸗ faßt, und ſich Ihnen auch hier Schönheit und hoher Lie⸗ beswerth dargeboten hat. Vielleicht wandelt ſogar in dieſer Richtung Ihr träumendes Herz; während Sie von Amt und Ehre, Hof und Fürſten laut genug unter die Standarte Ihres Standes gerufen werden. Dieſe Anſicht verwirrte den Baron ſichtbar. Er fühlte die Wahrheit derſelben, und doch regte ſich etwas in ſei⸗ nem natürlichen Stolze, was der Anerkennung widerſtrebte. Er lehnte es, wenn auch nicht ohne flüchtiges Erröthen ab, daß ſein Herz von ſolchem Widerſpruche der Neigung mit den Standesanſprüchen getheilt ſei— Nein, nein, lieber Forſter, rief er,— die Verwicklungen des Augen⸗ blickes entſpringen mir nur von Seite der Comteſſe Sie iſt mir verlobt, und daran halte ich feſt. Die Art und Weiſe, wie wir uns gefunden und gebunden, ändert weder am Glücke dieſes Bundes, noch an der Ehre meiner Ver⸗ bindlichkeit das Mindeſte. Ich kann die Intriguen dieſer 229 Coudenhove verachten, ohne daß ich mich dem ſchönen Einverſtändniß entziehen möchte, zu dem dieſelben mitge— wirkt haben. Ich wäre ſchon zu ſtolz einzugeſtehen, daß ich damals nicht Herr meines Wortes, meiner Hand und Zuſage geweſen. Aber— Joſephine wußte um jene. Kniffe ihrer Tante; ſie muß auch über die Herkunft ihrer dieſes einer lom ſchen füm Mitgift und Ausſteuer unterrichtet ſein, und hier frage e ich Sie Verträgt ſich das mit echter Liebe und überhaupt mit edler Geſinnung? Muß ich nicht fürchten, daß Jo⸗ ſephine lebhafter für ihre Wünſche und ihren Vortheil, als für meine Ehre empfunden habe? Forſter hörte das nachdenklich an, und ſprach nach einer Weile mehr vor ſich hin, als an den Baron gerichtet Freilich, Fides Lennig iſt anders zu Werke gegangen. 3 Sie hat ſich über alle Rückſichten und Bedenklichkeiten 1 für ihre Perſon hinausgeſetzt— um eines theuern Freun— des willen. Doch,— wer weiß, ob nicht ebenfalls aus der Abſicht, dieſen Freund zu gewinnen? 15 Nein, bei Gott nicht! rief Franz Karl mit einer Anwandlung von ſchwärmeriſchem Unwillen. Ich kenne 4 Fides und habe ihr in jenem Augenblicke, als ſie mir das Buch vorlegte, in die tiefſte Seele geblickt. Meine Ehre ng darauf: ſie hat dabei nicht an ſich gedacht! Aber ſelbſt wenn dies wäre: hätte ſie bei ihren Wünſchen nicht das Evle empfunden, was Joſephine über die ihrigen vergaß? Wohl! erwiderte Forſter Aber wiſſen Sie denn, und welch ein Opfer es vielleicht der Comteſſe gekoſtet hat? War ihr vielleicht nicht eine ſchmerzliche Selbſtüberwindung auferlegt, ein erröthendes Zartgefühl für die Gräfin, ihre Tante und Wohlthäterin, oder auch ein gebieteriſches cher — 230 Wort des Fürſten? Und wenn Alles nicht, lieber Ba⸗ ron,— laſſen Sie es mich offen ausſprechen!— ſo iſt die Comteſſe ſo tief in den Anſichten ihres Standes und ihrer Familie erwachſen, daß man einen ſo zarten Wider⸗ willen gegen Hofränke und Fürſtengeſchenke von ihr nicht verlangen kann. Dieſe Schutzrede Forſter's verwirrte den Baron ein wenig. Er empfand das Wahre darin, was doch nicht befriedigte. Ja, man hätte ſeinem verdrießlichen Ausſehen leicht die üble Deutung geben können, als ob er die Comteſſe lieber etwas weniger entſchuldigt gewußt hätte. Vielleicht war es aber nur eine jener Liebeslaunen, die den Verdrießlichen, wenn er ſich in ärgerlichen Fällen nicht zu helfen weiß, gern beſchleichen und oft ſogar zu kleinen Grauſamkeiten gegen die Geliebte reizen.— Mein Gott! rief er mit melancholiſchem Lächeln,— Sie ver⸗ wirren mich noch mehr, Forſter, als ich es ſchon war. In dieſen Tagen einer verdroſſenen Einſamkeit glaubte ich Alles bedacht und erwogen zu haben, was in Berührung mit meinem Herzen, aber auch mit meiner Ehre ſteht. Hundert Wenn und Aber ſind mir gleich neckiſchen, tücki⸗ ſchen Kobolden aufgeſtiegen. Sie, mein Freund, ſollten mir dieſe Störenfriede vertreiben, verbannen helfen, und beſchwören mir neue herauf. Forſter lachte des jugendlichen Unmuthes, und der Baron behauptete endlich, der Freund kenne die Lage nicht genug, deren Verwicklung zu löſen ſei. Er theilte ihm daher in gedrängter Rede die geheimen Umſtände jener Verlobung vor dem Fürſten mit, erwähnte noch einzelner Notizen des rothen Buches und überzeugte Forſtern von nicht ein nicht ſehen die itte „die illen zu Nein war e ich tung ſeht ick llten und der nicht ihm jenet elner 234 der Zuverläſſigkeit dieſer Aufzeichnungen, deren Verfaſſer er nicht nennen durfte— Geſtehen Sie, mein Freund, ſchloß er endlich, daß ein mehr als reſolutes Herz dazu gehört, ſich hier mit Zufriedenheit und guter Erwartung zu entſcheiden. Nach einigem Bedenken rief Forſter lebhaft aus: Ein Zauberwort, lieber Baron, eine Beſchwörungs⸗ formel ſei Ihnen geboten, womit ich dieſen Morgen meine eigenen Mißmuthsgeiſter verſcheucht habe. Zukunft, Herr Baron! In dieſem Worte liegt eine löſende Macht Sie wiſſen, wenn ein Beamter manchmal die Akten eine längere Zeit liegen läßt, erledigt ſich die Sache von ſelbſt. Sie ſind immer pünktlich geweſen: ſeien Sie auch einmal genial, wie es heutzutage heißt, und beliebt iſt, und ſpringen Sie mit einem kecken Satz aus Ihrer Verlegen⸗ heit heraus! Aufſchub, mein Freund? Ja, wenn ich mich nicht entſcheiden müßte! erwiderte Franz Karl lächelnd. Heut kömmt die Gräfin zukück: ich muß zu ihr, zu Joſephinen; auch von Hofe kann ich nicht länger wegbleiben, und hier wie dort erwartet man Erklärung von mir, die ich nicht geben kann, weil ſie ſich auf das Geheimniß des rothen Buches ſtützt; während ich mich doch benehmen muß, und ohne zu wiſſen woran ich bin und was ich will, mich nicht folgerichtig benehmen kann. Bei dieſer Erinnerung an die Rückkehr der Gräfin beſann ſich Forſter der Mittheilung, die er dem jungen Freunde machen wollte. Er hatte ſich überzeugt, daß er es ihm ſchuldig ſei; dennoch koſtete es ihn jetzt einige Ueberwindung es zu thun. Die Sache war ſehr anſtö⸗ ßiger Art. In Koblenz nämlich war Forſter durch den Kapellmeiſter Reichardt, den er begleitete, in Berührung mit einigen Cavalieren des Königs von Preußen gekom⸗ men, und Ohrenzeuge einer ärgerlichen Mekdote gewor⸗ den, die unter den Höflingen nicht verborgen blieb. Die Gräfin Lichtenau hatte nämlich in ihrer Weiſe dem von der reizenden Joſephine eingenommenen König Gelegenheit zu einer artigen Ueberraſchung der unbedachten und ge— ſchmeichelten Comteſſe bereitet, ohne d daß es gelungen war, die beobachtende und berechnende Coudenhove weit genug zu entfernen. Die Entrüſtung der Comteſſe über des Königs Zumuthungen, die raſche Gegenwart der Tante hatten eine ärgerliche Verlegenheit angerichtet, die ſich durch eine artige Erklärung des Monarchen gegen die Gräfin Coudenhove und des landern Tags durch ein rei⸗ ches Demanthalsband für Joſephinen heiter ausglich. Franz Karl war bei dieſer Mittheilung lebhaft aufge⸗ ſtanden, und ging in großer Unruhe hin und wieder, mit den Empfindungen kämpfend, die keine Worte fanden, ſondern nur um ſeinen ſonſt ſo heitern Mund zuckten. Forſter ſchloß ſich ihm an, und wandelte eine Weile neben ihm her; bis er endlich kleinmüthig fragte, ob er nicht lieber hätte ſchweigen ſollen. Der Baron drückte ihm mit verneinender Geberde die Hand, und Forſter rief: Alſo— Zukunft, mein edler Freund! Bleiben wir bei dieſem Troſt und Muthe! Beſchwören wir dieſe verhüllte Göttin um eine ihrer Offenbarungen! Legen Sie dieſer Zukunft gleich das königliche Halsband als Feſſel an. Fodern Sie Erklärung, ſtatt ſolche zu geben! den tung kom vor 233 Was grämen Sie ſich lang um Mitgift und Aus⸗ ſteuer—! Gräm' ich mich darum, Forſter? verſetzte der Baron mit wehmüthiger Erhebung. O dieſe Lappalien! Ja, auch mein Amt, dieſe auffliegende Regierungsfeder, die goldenen Schlüſſel am Hüftenknopfe meines Hofkleides kann ich hingeben, wenn ich damit das Vertrauen auf Joſephinen und zu mir ſelbſt gewinne. Aber,— viel leicht haben Sie Recht, Forſter, und meine Liebe geht einen andern Weg, als meine Verlobung. Wenigſtens iſt mir dieſer kummervolle Augenblick ſo zweifelsbange geworden. Und wäre dem ſo; welchem Rufe müßte ich folgen? Die Liebe iſt bürgerlich, mein Wort iſt adelig. Muß ich nicht vor Allem und unbedingt adelig handeln? Oder würde ich ſelbſt einer edeln bürgerlichen Liebe werth bleiben, wenn ich aufhörte, adelig zu handeln? Mein Wort iſt mein Wappen ſoll ich es auslöſchen, um mei⸗ nem Herzen zu folgen und eine feige Rettung zu finden? Ja, ich dürfte wol mein Wappen, aber nie mein Wort vernichten.——— Wohlan, ſo finde ich mich zurecht! Gehen Sie jetzt, mein Freund, und überlaſſen Sie mich dieſer Stimmung! Eine Morgendämmerung geht über meinem Herzen auf, und ich muß unter ſtiller Mette einer hehren Eingebung warten. Aber kommen Sie bald wie⸗ der, recht bald! Und hören Sie, was mir Ihre Göttin geoffenbart hat! Er umarmte den verwunderten Freund, und drängte ihn faſt zur Thüre hinaus; worauf er ſich hinter vorgeſchobenem Riegel mit gefalteten Händen in die Kiſſen des Sopha warf ——— „ Zehntes Kapitel. bei Vor der Thüre ſtieß Forſter auf Cäcilien, die ihn mit ſi Ungeduld erwartet, oder vielleicht auch gelauſcht hatte.— Eben wollte ich ſehen, wo Sie blieben! ſagte ſie nicht ohne flüchtiges Erröthen. Was haben Sie denn ſo hef⸗ tig auszumachen? Doch ſchien es eben nicht böſe gemeint: mein Bruder hieß Sie bald wiederkommen? Forſter bejahte in zerſtreutem Nachdenken, und Cäcilie ſagte mit einiger Empfindlichkeit: Gut! dann kommen Sie auch ein andermal zu mir. So ſehen Sie mir nicht aus, als ob jetzt etwas mit Ih⸗ nen anzufangen wäre. Und als Forſter ſich verneigte, ſetzte ſie raſch hinzu: Doch Eins leidet keinen Aufſchub. Treten Sie einen Augenblick herein! Der Freund folgte ihr über die Schwelle des Zim⸗ mers, das von weichen Wohlgerüchen erfüllt war, und durch die halb offene Seitenthüre einen Blick in das gründämmerige Schlafgemach vergönnte Dieſem Einblicke gegenüber ſtand das Kanape, auf welchem die Baroneſſe dicht neben dem Freunde Platz nahm, in Ton und Miene eine Mittheilung bereitend, die keine geringere Vertrau⸗ lichkeit zuzulaſſen ſchien. Dieſe Mittheilung betraf ihn ſelbſt, und jenes Anliegen, das die Baroneſſe nicht ver⸗ geſſen, ſondern dem Kurfürſten vorzutragen und dabei an Forſters Verdienſte zu erinnern, Gelegenheit geſucht hatte Der Fürſt war eben ſehr gnädig geſtimmt geweſen, hatte ihre lebhafte Verwendung mit ſchalkhaftem Lächeln aufge⸗ nommen, und ſich auch gleich einer Gelegenheit beſonnen, bei der ſich etwas für Forſtern thun ließe. Der Pro⸗ feſſor Bergmann an der Univerſität war wiederholt ſo ſehr an der Bruſt erkrankt, daß die Aerzte ſein Aufkom⸗ men bezweifelten und ihm jedenfalls die Fortſetzung ſeines nicht Lehramtes unterſagen mußten. Dieſe Profeſſur,— hatte 4 he der Fürſt gemeint,— könne Forſter zur Bibliothekar⸗ eint Stelle mit übernehmen, und dadurch ſeinen Gehalt viel⸗ 3 leicht um fire 600 Gulden erhöhen.— Was ſagen Sie iilie dazu? Wäre Ihnen das recht, lieber Forſter? fragte Cücilie, ihre Hand vertraulich auf die ſeinige gelegt. mit Forſter küßte dieſe Hand mit dankbarem Blick in die 3 glänzenden Augen der Baroneſſe.— Firum, ſagte er, iſt etwas, vas ich nicht ausſchlagen darf; es würde meine inzu Lage um vieles ſichern. Naturgeſchichte iſt mir geläufig, einen Botanik auch; zwei Collegia die Woche würden mir doch nicht zuviel Zeit rauben, und ich käme wieder mehr in gin Verbindung mit Gelehrten zu Gunſten meiner Wiſſenſchaft und Alſo, es iſt Ihnen lieb, Sie gehen darauf ein? rief das Cäcilie vergnügt. Nun denn, ſo fertigen Sie recht bald blicke ein Geſuch an den Fürſten! Ich will es ihm ſelbſt über⸗ oneſt geben. Meine Wange mag ſich, Ihnen zu Lieb', noch ein⸗ Miene mal von den welken Fingern des alten Herrn kneipen trau⸗ laſſen. Eine Vorſtellung von Ihnen iſt nöthig, ſchon um fihn die Sache in den Dienſtweg zu bringen. Auch nehmen die Kriegsangelegenheiten den Kurfürſten jetzt ſehr ein, und man muß ſeiner Vergeßlichkeit zu Hülfe kommen ver⸗ ei an 236 Aber denken Sie, Forſter, was er mich fragte! Ob ich auch für Ihre politiſche Geſinnung gut ſagen könne Sie i zählten zwar nicht, ſo viel er wiſſe, zum geheimen Club, ſint aber— ob Sie es auch mit der Regierung meinten, ob man auf Sie rechnen könne, und ob Ihre Geſinnung im Grunde nicht revolutionair ſei. Kr Aber mein Gott! welchen Anlaß zu ſolchem Mißtrauen n gebe ich denn? rief Forſter abermal, wie bei Huber. Was ſ thue ich denn zu ſolchen Vorausſetzungen? Meine Stimme läßt ſich freilich nicht in dem Konzert von Unſinn und Wuth hören, das hier ſeit Jahr und Tag von den Emi⸗ grirten und ihren mainzer Freunden aufgeführt wird. Daß mich meine leidige Schriftſtellerei ins politiſche Fach pfu⸗ ſchen läßt,— meint der Fürſt etwa das? Doch muß er ja wiſſen, wie ſein eigenes Dichten und Trachten auf die Politik hinausgeht, daß heutzutage eben ſo jede Wiſ⸗ ſenſchaft, jede Forſchung, wenigſtens mit einem Seiten⸗ blicke, auf die Politik gerichtet iſt. Dies Neſtküchlein un⸗ ſerer Literatur ſetzt endlich alle Federn an. Doch ſchrift⸗ lich wie mündlich hab' ich ſchon erklärt, daß ich Deutſch⸗ land noch lange nicht reif zu einer Aenderung ſeiner Ver⸗ faſſung halte, und daß jeder unvorſichtige Verſuch eine ſolche zuwege zu bringen Ahndung verdiene. Sagen Sie dem Kurfürſten, das ſei mein revolutionaires Glaubensbekenntniß! Sehen Sie, mein Freund! lachte Cäcilie. Warum haben Sie ſich auch bei jeder Gelegenheit ſo freimüthig gegen den Fürſten gehen laſſen! Ich war ſelbſt einmal recht ärgerlich über Sie. Der Fürſt hat Ihnen dabei zu⸗ gelächelt und genickt, und Sie haben ganz ehrlich geglaubt, es recht gut gemacht zu haben Ich weiß das wohl! rief Forſter Ich hätte es ihm ₰ in Bonbons beibringen können, und es hätte ihm dennoch Leibſchneiden verurſacht. Herz und Nieren der Fürſten bih ſind für unſere Wahrheiten ſo wenig, als für die Leh⸗ t ren der Geſchichte eingerichtet. Ihnen hangt dieſe Ehrlichkeit aus den bürgerlichen 1 3 5 Kreiſen an, in die Sie verſchlagen worden ſind, erwiderte die Baroneſſe. Der alte Herr ſpielt zuweilen auch gern den Freigeiſt bei Proteſtanten: ſobald er aber allein iſt, m ſchlägt er ein Kreuz vor ſeinen eigenen ſpöttiſchen Gedan⸗ und ken— Doch, Sie ſind unruhig, wie ich ſehe, und ich Sni⸗ will Sie nicht länger halten. Gehen Sie! Sie firiren 1 Daß ſich einmal nicht gern bei mir, ſo ſehr Sie die Vortheile yfu andern Fixums anerkennen. Adieu! Vergeſſen Sie aber 4 muß nicht, daß dies nur eine vorläufige Mittheilung war und 3 uf ich das Wichtigſte noch zurückbehalte,— auf Ihre beſ⸗ Wiſ ſere Stimmung, mein Freund,— auf ein recht trautes 5 iten Stündchen! un⸗ Mit anmuthiger Geberde auf Mund und Bruſt, mit rift⸗ ſchalkhafter Feierlichkeit deutete ſie ein räthſelhaftes Ge⸗ tſch heimniß an. Forſter, betroffen wie es gemeint ſein könnte, 3 Jer faßte mit fragendem, flehendem Blick ihre kleine weiße eine Hand Sie ſah ihn mit leichtem Erröthen durchdringend dem an, ſchlug verſchämt die Augen nieder und ſchüttelte ſanft miß mit dem Kopfe. Aber indem der Freund ſich verneigend rum ihre Hand an ſeine Lippen zog, empfand er einen ver— hig zagten, bebenden Druck der ſeinigen mal Beſtürzt, in bänglicher Verwirrung, eilte er fort ubt Elftes Kapitel. Als die Gräfin Coudenhove in Begleitung der Ihrigen mit Poſt von Koblenz zurückkehrte, ſtieg ſie, ihren fürſt⸗ lichen Freund zu begrüßen, am Schloſſe aus, und überließ ihre Nichten der Begleitung des Admirals. Aus dem Schloß brachte ſie die Neuigkeit mit, daß Franz Karl noch immer nicht ausgegangen, und der Kurfürſt ſehr günſtig für ihn geſtimmt ſei. Sie erzählte dies mit einer gewiſſen Zufriedenheit, wie es Joſephinen vorkam. Der Zorn der Gräfin hatte ſich in der Zwiſchenzeit ſehr gemildert; ja ſie empfand, wenn ſie an den Vorfall in Koblenz dachte, einen peini genden Vorwurf, der ihr Benehmen gegen den Baron unſicher zu machen drohte. In dieſer heimlichen Befan⸗ genheit brachte ſie es auch gleich zur Ueberlegung, wie man den Baron bei ſeinem Beſuch empfangen müſſe, und nahm des Fürſten Gunſt zum Vorwand ihrer milderen Geſin⸗ nung.— Wir dürfen zwar, ſagte ſie, nach dem unerklär⸗ lichen Betragen des Barons nicht thun, als ob gar nichts vorgefallen und das alte Vertrauen ungeſtört geblieben ſei doch, meine ich, müßten wir ihn ohne vorgefaßtes Urtheil, ohne ſchlimme Vorausſetung,— wie ſoll ich ſagen?— ohne— Ohne Farbe, meine Gnädigſte! fiel der Admiral ein. rigen fürſ⸗ erließ den Karl ſehr theit hatte fand, peini Baron efan⸗ man nahn eſin⸗ rklü⸗ nichts lieben l ich ein 239 Ganz recht! U a la main au jeu,— er iſt am Aus⸗ ſpielen: warten wir ab, was er für eine Farbe bringt. Coeur oder Carreau! rief Comteſſe Agnes. Coeur oder Carreau! lachte ihr Echo, der Admirgl. Richtig! Und ob er„invitirt“ oder Trumpf ausſpielt. Aber ohne Coeur wäre er Valet de carreau! be⸗ hauptete Agnes. Valet de carreau! Charmant, meine geiſtreiche Com⸗ teſſe!— gab der Admiral Beifall. Dieſe Krumen eines vielleicht nicht klaſſiſchen Franzö⸗ ſiſch mochten als Abfälle von den koblenzer Feſtſchmäuſen, von den Tafeln der deutſchen Fürſtlichkeiten, mitgebracht ſein; wie ſich in den Täſchchen der Kinder, wenn ſie von einer Kirchweihe kommen, Krümchen des Feſtkuchens erhalten. Joſephine war über das Wortſpiel der Schweſter ſehr ungehalten, und der Admiral hatte ſeine Mühe, die un⸗ einigen Schweſtern auseinander zu bringen.— Sie neh⸗ men das Wort zu ſchwer, meine holde Comteſſe Joſe⸗ phine rief er. Valet de carreau bezeichnet allerdings einen verächtlichen Menſchen; aber ſo iſt es ja hier nicht gemeint; es gilt ja dem liebenswürdigen Schalk, der hin⸗ ter den allerliebſten Oehrchen Ihrer Schweſter ſitzt, nur um ein neckiſches Spiel mit dem Wort. Und ich laſſe mich darauf hängen, daß der Baron noch immer Ihr Valet de coeur iſt! Als er ſich hiermit empfehlen wollte, hielt ihn die Gräfin zurück, um ſeine Meinung zu hören, wie man es mit der ärgerlichen koblenzer Geſchichte gegen Franz Karl halten wolle ——— — — * Oue cela demeure sur le carreau! lachte der Ad⸗ miral Um noch einmal auf das ungeſchickte Wort zu kommen! Das heißt, wir laſſen das Aergerniß in Kob⸗ lenz liegen Hiermit war aber Comteſſe Joſephine nicht einver⸗ ſtanden, ſondern verlangte, daß Franz Karl den Vorfall erfahren müſſe. Die Gräfin widerſprach ihr mit gebie⸗ teriſchem Ton, und der Admiral ſuchte ſie zu überzeugen — Bedenken Sie nur di meine liebenswürdige Com⸗ teſſe, ſagte er: Führt der Baron Carreau im Hinterhalt, ſo hätten Sie ſich durch Ihre vertrauliche Mittheilung zu viel vergeben, Ihre Würde compromittirt, und hälfen ihm gar ſeinen Rückzug decken. Bringt er aber Cveur; ſo verdient er die zarte Rückſicht, durch ſo höchſt unange⸗ nehme Eröffnung nicht betrübt und gekränkt zu werden. Auch das müſſen Sie noch bedenken, daß der Baron ſehr reizbar, ſehr empfindlich iſt,— Cavalier comme il laut! Und bei Unbilden, die man, wie jene ungeſchickte Artigkeit des Königs, nicht rächen kann, bleibt im Herzen eines Bräutigams leicht eine Bitterkeit zurück, die früh oder ſpät das zarte Verhältniß trübt oder auf Ihr Herz geworfen wird, meine liebenswürdige Comteſſe. Ich kenne die Männer ein wenig. O, die Frauen ſind viel beſſer als wir, von edlerem Stoff! Er küßte dabei Agneſens Hand, als ob er das Lob des ganzen Geſchlechtes der einen Perſon als Gebühr und Opfer darbringen wolle. Die Gräfin ſtimmte ihm bei, lobre ſeine erſtaunliche Menſchenkenntniß und meinte, der Baron würde ſich auch, bei der Entfernung von Koblenz, die Sache viel ſchlimmer vorſtellen, wenn man ſie ihm erzählte. * der Ad Wort zu in Kob einver Vorfull t gebie zeugen Con nterhalt ung zu nge verden nwe il eſchicke Hetzen kenne beſſer 15 Lob hr und m bel, e, der die nblt. 241 So iſt es, gnädigſte Dame! rief der Admiral. Die Phantaſie malt nach dem Maßſtabe des Raumes, den ſie vor ſich hat; im dämmerigen Hintergrunde ſtehen immer Rieſen. Und ſo entſchied denn die Gräfin mit Haſt und Hef⸗ tigkeit gegen Joſephinen, die noch einmal den Mund öffnen wollte, die fatale Geſchichte müſſe ein für allemal ein Geheimniß bleiben.—— Es ließ ſich nicht verkennen, daß Agneſens Einverſtänd⸗ niß mit dem Admiral durch die kleine Reiſe vertraulicher geworden war, wenn es auch ſeinen myſteriöſen Schleier über den räthſelhaften Abſichten Beider noch immer feſt hielt. Die Eitelkeit ſchien keinen geringen Antheil dabei zu haben; wenn es ſich auch ſchwer entſcheiden ließ, ob der Admiral mehr Werth darauf legte, ethe junge unter⸗ richtete Dame von ſolcher Familienverbindung im Schlepp⸗ tau zu führen, oder ob die Comteſſe mehr Bedürfniß hatte, ſich durch Huldigung eines Mannes von Stand und Stellung neben reizenderen Damen hervorgehoben zu fühlen. In der That mochte der Admiral, ſo viel und gern er von ſich und ſeinen Angelegenheiten zu ſprechen pflegte, doch Einiges noch zurückhalten, womit er ſich eine vertraute Freundin zu gewinnen verſtand. Daneben be⸗ ſaß er einige kleine Münzen ſchwärmeriſcher Redensarten, die, obgleich etwas abgegriffen, noch immer gern ange⸗ nommen wurden, und hatte Muße genug, für eben ſo viel kleine Aufmerkſamkeiten, die in jener leeren und wel⸗ ken Soeietät für ritterlich galten; wie er denn auch bei täglichen und ſtundenlangen Beſuchen Eifer und Stoff übrig behielt, früh Morgens oder Abends ſpät noch ein parfü⸗ mirtes Billet an Comteſſe Agnes zu ſenden Koenig, Elubiſten in Mainz. 11 16 S—— Nach ſeinem Abgang eilten die Damen, ihre Reiſe⸗ anzüge gegen bequeme Nachtgewänder zu vertauſchen, und beide Schweſtern nahmen die ihrigen ſo leicht, daß ſie ſich lachend entfernen mußten, als der Herr von Mont⸗ leveau noch ſo ſpät einſprach, die Gräfin zu begrüßen. An der Heiterkeit, mit der ſie ihn empfing, konnte der Freund, der ſich ſo abhängig von ihr wußte, die Beru— higung faſſen, daß er auch jetzt noch, und vielleicht be— ſonders, willkommen war. Ein feines Souper ward auf⸗ getragen und unter vier Augen verzehrt. Leiſes, vertrau⸗ tes Koſen flüſterte dazwiſchen. Der hübſche Mann, ſo wenig geiſtreich er war, beſaß doch die franzöſiſche Gabe angenehmer Unterhaltung; ſeine Mittheilungen intereſſirten auch, wie es ſchien, ſo lebhaft, daß die Gräfin ſich über die flüchtigen Stunden täuſchte, und Herr von Montleveau erſt mit anbrechendem Tage das Haus durch eine Hinter⸗ thüre verließ. Dem erwarteten Baron Franz Karl kam an dieſem Morgen in der Coudenhove'ſchen Wohnung ein unerwar⸗ teter Beſuch an dem geiſtlichen Rathe Garzweiler zuvor. Auch war die Gräfin ſelbſt im erſten Augenblicke ſo über⸗ raſcht davon, daß ſie ihn anzunehmen oder abzuweiſen ſchwankte. Doch entſchied ſie ſich für den Empfang; da bei der liebenswürdigen Heiterkeit, mit der ſie ziemlich ſpät erwacht und aufgeſtanden war, ihre Neubegierde für das Anliegen des Paters über die Vorwürfe, die ſie ſich ſeinethalben zu machen hatte, die Oberhand behielt. Doch wie befremdet blickte ſie auf, als der alte Ver⸗ traute nicht mehr im gewohnten weltlichen Kleide, ſondern in der ſchwarzen Auguſtinerkutte von früher hereintrat auf ru⸗ zabe ren über eau eſem var wor. ber⸗ iſen da nlich für ſich Ber dern trt 243 Auch ſeine Haltung war verändert und hatte, abgeſehen von dem leiſeren Auftreten des verletzten Beines, eben ſo viel von dem ehemaligen Stolze, als ſeine Miene von der ſonſtigen Zuverſicht abgelegt. Die leidenſchaftlichen Stim⸗ mungen der letzten Tage, die verbiſſenen Empfindungen und nagenden Vorſätze hatten auf dem männlich hübſchen Angeſichte des Geiſtlichen manche Spuren zurückgelaſſen; der feſte Blick des feurigen Auges war etwas unſtät ge⸗ worden; ein forſchendes Mißtrauen ſuchte ſich zwiſchen den Augenbrauen in tiefer Falte zu verſtecken; während der Ausdruck von Entſchloſſenheit um den Mund etwas von den verbitterten Abſichten, die das gekränkte Herz des Geiſtlichen gefaßt hatte, zu verrathen drohte. Von dem Allen empfing aber die Gräfin nur den unbeſtimmten er ſten Eindruck, jedoch ſo lebhaft, daß ſie mit dem beſtürz⸗ ten Ausruf: Mein Gott! dem alten Verbündeten entge gentrat. Nicht wahr? erwiderte Garzweiler eben ſo kurz und beſtimmt, und Beide betrachteten eine Weile Eins das An⸗ dere mit befangenen Blicken,— die Gräfin, erſtaunt über die veränderte Erſcheinung, die ſie vor ſich ſah, der Pater, forſchend, wieweit ſich etwa die Geſinnung der Dame verändert habe.— Eure Gnaden wundern ſich über meine Verwandlung? fragte er endlich mit den aus⸗ gebreiteten Armen ſich darſtellend. Mein Gott! was ver wandelt ſich gegenwärtig nicht Alles in der Welt! Verwandlung will ich es nicht nennen, war die entſchuldigende Antwort. Es iſt ja der Anzug, worin ich Sie zuerſt kennen lernte als berühmten Faſtenpre⸗ diger. In dieſem Gewand erſchienen Sie auch vor dem 16* 244 Kurfürſten, als er Sie zum Beichtvater erwählte. Ich hatte einigen Antheil an ſeinem Entſchluß und freute mich, Sie zufrieden damit zu ſehen. Sie warfen einen flüchtigen Blick nach dem weißmarmornen Kamin, an dem ich ſtand, und Beide ſchienen wir einiges Wohlgefallen aneinander zu finden. Gott! wie lebhaft mir das wieder vorſchwebt! Alſo keine Verwandlung, ſondern eigentlich 6— die Rückkehr verwundert mich. Nur— ſetzte ſie mit bezüglicher Schalkheit hinzu— dieſer Hut paßt mir nicht zu dem Gewande, dieſer Dreiſpitz, wie die Jeſuiten trügen. Warum denn gerade dieſe Kopfbedeckung, mein Freund? Zufall, Eure Gnaden! lächelte er. Trauen Sie im⸗ mer dem Topfe, wenn Ihnen auch der ſchwarze Deckel mißfällt! Gut! Dann legen Sie ihn weg! Man iſt gewohnt, einen offenen Kopf an Ihnen zu haben. Garzweiler ſchob den Hut mit einer ſanften Haſt un⸗ ter den nächſten Stuhl. So! lachte die ſchöne Frau, deren Bläſſe an dieſem Morgen die erſten feinen Linien des Alterns verrieth. * Und ſetzen Sie ſich auch gleich auf dieſen Stuhl, ſcherzte ſie. Sie werden über dem Hute nichts ausbrüten, denke ich; eher könnte der Hut auf Ihrem Kopfe Manches auf⸗ wärmen. Wahrhaftig, Pater Ignaz, Sie rühren mich heut, wie eine alte lang verlorene Bekanntſchaft. Seien Sie mir willkommen! Sie reichte ihm die Hand, die er mit drei Fin⸗ gern ergriff und ein wenig drückte. Sie ſetzte ſich zu ihm, und befühlte mit ſchalkhafter Neubegierde eine he 36 freute einen n dem efullen wieder entlich zte ſi ſ mir ſuiten mein e im eckel hw tun ieſem rieh. herzte denke auf⸗ nich Seien Fin⸗ ſch eine der Kuttenfalten, wie Damen etwa ein Seidenkleid prüfen. Es iſt noch die alte, ſagte er, und hat ſich in mei⸗ ner ſonnigen Wohnung vor Motten bewahrt. Das ge⸗ weihte Kleid iſt ſich treu in ſeiner Einſamkeit geblieben; während mir in die Welt Verlaufenen der Himmel ſicht— bar zu Hülfe kommen mußte, mich wieder auf die alten rechten Wege zu leiten. Was Sie ſagen! Ein ſolches Wunder wäre an Ih⸗ nen geſchehen? lächelte ſie. Garzweiler ließ ſich dieſen Spott nicht anfechten, ſon⸗ dern erzählte mit aller Salbung, wie er beim Beſuche ſeines Jugendfreundes, des Pfarrers Chambion in Oeſt⸗ rich, auf einem einſamen Abendgange vom Gewitter über⸗ raſcht und von einem Blitzſtrahle zu Boden geworfen worden.— Ich hielt eben, ſagte er, ſtatt des Breviers, das mir geziemt hätte, eine Broſchüre, die jetzt ſo viel Aufſehen macht:„Die Erwartungen Deutſchlands“ be⸗ titelt, in Händen, und wie ich aus meiner Betäubung wieder zu mir kam, war die Flugſchrift verſchwunden. Man fand andern Morgens die zerfetzten Blätter weit umher zerſtreut. Anfangs glaubte ich, daß dieſer Zorn des Himmels den„Erwartungen Deutſchlands“ gelte; der alte Prieſterſtolz regte ſich in mir: doch bald ward mir die Erleuchtung, meine eigene Züchtigung darin zu er⸗ kennen. Lächeln Sie nicht, verehrte Gräfin! In jener Natureinſamkeit walten nicht die heitern Scherze, das muthwillige Lachen des Hofes: tiefe Lebensbezüge flüſtern dort den ſtillen Menſchen zu, die den Stimmen der Ewig keit ihr Herz öffnen. Eine unbegreifliche Sehnſucht hatte —— —— 5 246 mich nach Oeſtrich getrieben, und erſt nachher erkannte ich, welche Zurechtweiſung mir dort beſtimmt geweſen. Ich hatte meinen Pfad nach Damaskus gefunden, und der Saul der Politik iſt in den alten Paulus des Pre⸗ vigtamtes verwandelt worden So komme ich heut zu Ihnen, Gräfin! Wie? Wollen Sie mich etwa bekehren? fragte ſie mit lautem Gelächter; worauf Garzweiler mit ruhigem Ernſte fortfuhr: b Ach ich habe allen thörichten Unternehmungen abge— ſchworen, gnädige Gräfin. Nur ein frommes Vorhaben halte ich noch feſt. Sie erinnern ſich, daß ich Ihnen eine Zeitlang zu Zwecken verbündet war, die ich einer ſo klu⸗ gen und ſchönen Frau allein hätte überlaſſen ſollen. Die Politik des Reiches Gottes hätte mir beſſer angeſtanden, und ich wäre darin auch glücklicher geweſen. Werden Sie nun auf wenig Augenblicke auch mir eine Verbündete zu meinen Zwecken. Sie machen mich erſtaunt neubegierig! rief die Grä fin, und rückte ihm näher. Ich habe eine entſetzliche Erleuchtung in Oeſtrich er— halten und, bei Gott! ich will ſie verfolgen! erklärte der Pater etwas zweideutig, und ſetzte raſch hinzu Erſchrecken Sie nicht, und hören Sie! Ich war ge⸗ ſtern bei Forſter. Ich ſchätze dieſen Mann hoch; er iſt gewiß auch der wenigſt undankbare Proteſtunt in Mainz. Seine kurfürſtlichen Gnaden, ſagte er mir, hätten ſich nun doch für die Jeſuitenkirche zur Aufnahme der mainzer Bibliothek entſchieden. Wirklich war Forſter dieſer Tage ſchon mit Ausmeſſen der Räumlichkeiten beſchäftigt, und kannte weſen „und Pre⸗ eut zu te ſie chigem abge⸗ chaben neine k lu Die den, en Sie ete zu Gri h er te der ur ge⸗ iſt Mainz h mn inzet Tage und 247 freute ſich mit der Ehrlichkeit eines Ungläubigen, daß er bald für die chaotiſchen Schätze, die ſeiner Obhut anver⸗ traut ſind, überflüſſigen Platz bekommen werde. Nun er⸗ ſcheine ich mit der doppelten Bitte um Eurer Gnaden Verwendung beim Kurfürſten, einmal, daß die Jeſuiten⸗ kirche, wenn auch nur über Winter, ihrer jetzigen Be⸗ ſtimmung noch belaſſen bleibe; zweitens, daß mir geſtat⸗ tet werde, dort eine, ſo zu ſagen politiſche Andacht zu halten,— Nachmittagspredigten nämlich zur Belehrung des Volkes vor den großen Ereigniſſen, die uns bevor⸗ ſtehen. Einen Club der Treuen will ich erwecken wider die Revolutionairen;— der beſte Dienſt, den ich dem Fürſten leiſten kann, nachdem er mich aus der Gnade fallen gelaſſen. Ein Umſtand, in welchem Sie einen Fingerzeig des Himmels erkennen mögen, beſtärkt mich in meiner Abſicht, und wird auch Sie in Ihrer Ver⸗ wendung beim Kurfürſten unterſtützen. Wir haben Auf⸗ ruhr im mainzer Lande! Um Gotteswillen! rief die Gräfin und ſprang von ihrem Seſſel auf. Ja, in Erfurt! fuhr der Pater fort. Ein Reiterbote iſt dieſe Nacht gekommen, und man weiß aus ſeinem Munde, daß bei Aushebung der Truppen zum dermaligen Unternehmen gegen Frankreich die Erfurter ſich widerſetzt, und mit Berufung auf die ihnen ertheilte Kapitulation ſich geweigert haben, ihre Söhne gegen die Fahnen der Freiheit zu ſchicken. Die Fenſter des Coadjutors und Statthalters hat ein Steinregen getroffen. Der geiſtvolle und ſo gut preußiſch geſinnte Dalberg hat hierauf der Bürgerſchaft gelobt, daß die erfurter Kinder nur inner— 248 halb der Veſte Mainz als Beſatzung verwendet werden ſollten. Unter dieſer Bedingung ward dann der Abzug bewilligt, und ſie werden jetzt unterwegs ſein. Sehen Sie, wie man ſchon zu Bedingungen mit Unter⸗ thanen genöthigt iſt! Da muß ich gleich nach Hofe! rief die Gräfin, und Garzweiler griff nach ſeinem Hut und ſagte: Wer kann wiſſen, was in Mainz geſchieht? wo das Volk von Clubiſten und Proteſtanten bearbeitet wird. Machen Sie Sr. kurfürſtlichen Gnaden begreiflich, daß einen Prieſterfürſten die Kanzel gar wohl unterſtützen kann. Sie iſt ein Bollwerk neben den anderen, die nicht zum beſten im Stande ſind. Ich hoffe, es ſoll noch etwas von dem alten Geſchütz in dieſer Kutte ſtecken. Ihr Gedanke iſt vortrefflich! ſagte die Gräfin hin und her laufend, um ihren Anzug zu vollenden. Sie ſollen die Kirche und die Kanzel haben. Rechnen Sie darauf! Jetzt betreten Sie einen Weg, auf dem man Ihnen volles Vertrauen ſchenken kann. Garzweiler verneigte ſich bei dieſen doppelſinnigen Worten mit einem unbeſchreiblich ſpöttiſchen Lächeln, und hob hinter dem Rücken der Dame ſeinen Dreiſpitzhut wie eine Siegesfahne empor. Entſchuldigen Sie, lieber Freund, fuhr die Gräfin fort. Ich eile zum Kurfürſten. Ich habe heut die Sie⸗ benuhrmeſſe verſchlafen, ermüdet von der geſtrigen Reiſe, wie ich war. Sie kommen doch morgen früh wieder, nicht wahr? Garzweiler verneigte ſich tief mit den betonten Worten: iden bzug ſhen ter Und wird daß itzen nicht noch und die Jett olles igen und wie 2⁴9 Von meiner Dankbarkeit will ich im voraus nichts ſagen. Aber verkünden mir Eure Gnaden morgen, daß ich die Jeſuitenkirche erhalte: ſo entdecke ich Ihnen die eigenthümliche Krankheit des Barons Franz Karl, ſeine Abhaltung am Verlobungsabende. Pater Ignaz! rief dem Abgehenden die Gräfin gebie⸗ teriſch nach, und er wendete ſich mit der Frage um: Gräfin— Das müſſen Sie mir jetzt gleich ſagen, mit zwei Worten! gebot ſie. Der Baron kann jede Stunde kommen. Voraus? Pränumerando? lächelte er. Nun ja, es iſt gut, daß Sie es vorher wiſſen, ehe der Patient bei Ih⸗ nen erſcheint. Hören Sie alſo: Er kennt den ganzen Zuſammenhang unſerer früheren Abſichten mit ihm, die Kunſtgriffe zu ſeiner Beförderung, die überraſchende Ver anſtaltung ſeiner Verlobung vor dem Fürſten und was ihn am meiſten empört,— die Quellen der Mitgift und Ausſteuer der Braut. Kurz, beſinnen Sie ſich auf Alles, was Sie vielleicht nur gedacht zu haben glauben,— er weiß es! Aber, mein Gott! Ich begreife nicht flüſterte ſie. Und ſtellen Sie ſich Alles vor, was ein Schwärmer, wie Franz Karl, zu ſolcher Entdeckung ſagen kann, und — er ſagt es! Aber woher, woher wüßte er es? Es iſt ja nicht möglich! Sie wollen mich äffen, Pater. Dieſe Dinge kennt ja Niemand. Niemand? Woher weiß ich denn, was ich Ihnen eben ſagte, und was Sie auch allein zu wiſſen glauben? Dieſe ruhige, fragende Antwort ſchlug die Gräfin nieder. Jetzt erſt beſann ſie ſich deſſen, was Garzweiler eben ausgeſprochen. Sie ſah den Pater mit Beſtürzung an. Dieſer hielt ſich übrigens auf ſolche Fragen der Gräfin gefaßt, und wie er einmal entſchloſſen war, an die Stelle der verlorenen Tochter eine eben ſo heimliche Rache zu adoptiren, ſchwankte er auch keinen Augenblick, nöthigenfalls ſich ſelbſt und ſeine Würde daran zu ſetzen. — Gräfin, ſagte er gehalten, und den Blick auf ſeinen Hut geſenkt, fragen Sie den Kapitular Stadion, und er wird Ihnen ſagen, wenn Sie es noch nicht wiſſen, daß Franz Karl an jenem Ballabende von der Favorite kom⸗ mend, bei Forſter einkehrte, daß er dort heiter und ge⸗ ſprächig war, bis ihn, auf einen Wink des Dienſtmäd⸗ chens, Frau Forſter aus dem Zimmer führte. Das Weitere können Sie noch nicht wiſſen! Hören Sie es von mir! Frau Forſter nahm ihn mit auf ihres Mannes Studirzimmer, und hier wartete Jemand, der ihm einige Blätter vorlegte, durch ſeltſame Fügung in falſche Hände gefallene Blätter, worauf alle jene Geheimniſſe geſchrie⸗ ben ſtanden. Zum Lachen, Pater Inaz! fiel die Gräfin ein. Poſ⸗ ſen! Erzühlen Sie mir doch auch gleich, dieſe Blätter ſeien vom Himmel gefallen, aus dem Buche des Lebens, das ein Erzengel führt. Wie können Sie ſich ſolche Bä⸗ ren aufbinden laſſen? Gehen Sie! Wer könnte denn dergleichen Blätter geſchrieben haben? Garzweiler erhob den Blick und ſein ſtolzes Haupt mit den Worten: Ich, Gräfin! rifin weiler tzung der an nliche blich etzen inen mes nige inde re⸗ oſ⸗ tter Sie fuhr wie vor einem Blitze zurück, und der Pa⸗ ter ſetzte leiſer hinzu Lange haben wir einander mit Liſten überboten, Grä⸗ fin ich rühme mich nicht, als Sieger vor Ihnen zu ſte⸗ hen. Vielmehr bin ich von jenen Blättern überwunden, mit denen ich meinem Gedächtniß im Stillen zu Hülfe zu kommen pflegte und die ohne meine Schuld in fremde Hände gerathen ſind. Denn leider! ſind es ja meine wie Ihre Angelegenheiten. Doch bin ich bereit, jeden Mißbrauch unſerer ausgekommenen Geheimniſſe zu rächen, wenn ich Ihnen damit einen Dienſt erweiſe. Mir ſelbſt ziemt Buße! Ja, in dem Gewande, worin Sie mich erblicken, wird es mir nicht ſchwer, mich als Sünder zu bekennen. Jeden Morgen, wenn ich mich in dieſe dunkle Hülle kleide, rufe ich mit dem Pſalmiſten: Beſprenge mich mit Iſop, o Herr, und ich werde rein ſein! Er ſchritt mit erhobenem Blicke der Thüre zu, ward aber von der Gräfin ereilt, die ihn am Gewande faßte. In demſelben Augenblicke flog die Comteſſe Joſephine her⸗ ein, und rief: Liebe Tante, der Kammerdiener Ropiquet! Sie ſollen gleich nach Hofe kommen. Der Wagen hält unten! Beim Anblicke der reizenden Comteſſe blieb Garzwei— ler mit verſchmitzten Lächeln ſtehen, und zur Gräfin ge kehrt, ſagte er: Sie wollten noch etwas? Nicht wahr, Sie wollten mich nach dem Jemand fragen, der unſerm jungen Freunde bei Forſter die Blätter vorgelegt hat? Ich kann es Ih⸗ nen im Vertrauen ſagen: die ſchöne Fides Lennig war es! Iſt es aber nicht ein wahres Verhängniß, daß An⸗ fang und Schluß unſerer Pläne ſich an dieſelbe Schönheit knüpfen? Ohne dem Abgehenden zu antworten, blickte die Grä⸗ fin mit Kummer auf ihre Nichte, die durch ihre Ruhe beim Namen Fides verrieth, daß ihr die Tante des Ba⸗ rons früheres Verhältniß mit dem Bürgermädchen ver⸗ heimlicht hatte. Aber, was fehlt Ihnen, liebſte Tante? fragte Joſe⸗ phine betroffen. Wie ſehen Sie ſo entſtellt aus? Sie ſind krank? Nein, nein! antwortete die Gräfin. Ach! es iſt Aufruhr in Erfurt und— hier! O mein Kind! Sie drückte Joſephinen mit Zärtlichkeit an ihr klo⸗ pfendes Herz, in welchem allerdings ein wilder Aufruhr ausgebrochen war. In ſö heftiger Gemüthsbewegung beſtieg die Gräfin den Hofwagen, und konnte auf dem kurzen Wege vom golde⸗ nen Pferde zum Schloß kaum eine anſtändige Faſſung ge⸗ winnen, vielweniger zu einem beruhigenden Entſchluß kommen. Sie war, als ſie ſchon die hohe Treppe hin⸗ aufſtieg, noch nicht einmal einig mit ſich, wieviel ſie von nheit Gri⸗ Ruhe Ba⸗ oſe Sie iſt lo 253 dieſen bedenklichen Mittheilungen dem Fürſten entdecken ſollte, und fühlte ſich eher geſtimmt, jetzt noch gänzlich darüber zu ſchweigen und die Unruhe und Verwirrung, deren ſie nicht Herr werden konnte, in den Augen des alten Freundes für beſorgnißvolle Theilnahme an dem er— furter Ereigniß gelten zu laſſen. Unglücklicher Weiſe mußten ihr unerwartete Perſonen ein neues Aergerniß geben! Schon im Vorzimmer trat ihr aus einer Fenſterniſche Forſter entgegen, ſie zu begrüßen und ſich ihr zu empfeh⸗ len. Er wartete mit Unbehagen einer Meldung bei dem Kurfürſten, der ſchon Jemand vorgelaſſen hatte, und faßte eine neue Hoffnung beim Eintritte ſeiner alten Gönnerin, die jedoch, in friſcher Erinnerung an Garzweiler's Nach⸗ richt, den Entgegenkommenden mit grimmigem Blick an⸗ fuhr: Sie können die Jeſuitenkirche nicht bekommen, Herr Bibliothekar! Ich werde Seine kurfürſtlichen Gnaden von dieſer unglücklichen Idee abbringen. Dies iſt im Augenblicke meine Angelegenheit nicht, gnädige Gräfin, erwiderte Forſter, mehr verwundert als verſchüchtert. Ich wollte dieſe Bittſchrift in perſönlichem Anliegen überreichen; Eure Gnaden ſcheinen aber nicht in der Stimmung, mir Ihre Fürſprache zu leihen? Fürſprache! entgegnete ſie heftig. Sehr viel Zuver⸗ ſicht von Ihnen, Herr Hofrath, zu einer Frau, gegen die Sie mit ſchlechtem Volk Complot machen. Gnädige Frau—? verſetzte Forſter verletzt und er blaſſend. Aber die heftige Dame war ſchon durch eine Seiten ——— — 5 thüre verſchwunden, durch welche ſie einen vertraulichen Zugang zum Fürſten hatte. Forſter, von dem unerwarteten Zorn und unbegreifli⸗ chen Vorwurfe der ihm ſonſt ſo günſtigen Frau ver⸗ ſtimmt, gab die gewünſchte Audienz auf, von der er ſich unter dem Einfluſſe der Gräfin doch nichts verſprechen durfte. Er ſteckte ſein Geſuch um die erledigte Stelle an der Univerſität ein, und entfernte ſich mit der Ueberlegung, es nun durch die Baroneſſe befördern zu laſſen, und ſo dem Groll der vielvermögenden Dame die Gunſt einer andern entgegenzuſetzen, die des Fürſten Zuſage voraus hatte. Er that es ungern, und hatte darum heut auch verſucht, ſelber zum Fürſten vorzudringen, um nicht Cä⸗ cilien noch mehr verſchuldet zu werden. Ihr letzter Ab⸗ ſchied hatte ihn verſchüchtert. Die Aufwallung in ihrem Blick und Händedruck war ihm durch Herz und Blut ge⸗ gangen und hatte, wenn auch nicht ſeine Geſinnung doch ſeine Phantaſie beunruhigt. Er ſah ſich von einer uner⸗ wünſchten Prüfung bedroht, und ſcheute einen Kampf, in welchem er eben ſo ungern zu ſiegen als zu unterliegen wünſchen mochte. Inzwiſchen war die Gräfin mit einer gewiſſen Befrie— digung durch die Zimmer geeilt und trat, als vom Für⸗ ſten erwartet, ohne Meldung in deſſen Kabinet. Aber wie erſchrak ſie, den Baron Franz Karl hier zu treffen! Doch dem Freunde war ihr Eintritt nicht weniger un⸗ willkommen. Dem alten Herrn entging dieſe beider⸗ ſeitige Ueberraſchung nicht, und ſein geſpanntes Auge weidete ſich an der doppelten Verlegenheit, wozu er eine Handvoll Zuckerwerk aus der Bonbonniere mit lichen reifi⸗ Mr⸗ r ſich rechen le an gung, d ſo einer raus auch 6i Ab hrem ge doch uner⸗ f in liegen eftie Fir⸗ Aber fin un⸗ eider Auge u er mit 255 Behagen einſchlürfte. Kauend und lachend rief er endlich: Nun, nun! Pax vobiscum! Friede ſei mit euch! Laſſen Sie Ihr Zörnchen fahren, gnädige Couſine! Der Baron ſteht gerechtfertigt da. Sein geweſener Zuſtand iſt mir ganz begreiflich und klar: ſein liebendes Herz war echauffirt, ſo zu ſagen, und hat ſich an der Hof⸗Etikette verkältet. Da haben Sie's! Aber ein wunderlicher Hei⸗ liger iſt der Regierungsrath! Denken Sie ſich, Gräfin, daß er ſich Serupel gemacht, vor Kaiſer und König als Bräutigam vorzutreten; wahre Herzenszärtlichkeit vertrüge ſich nicht mit der Hofſitte: ſie beſchäme dieſe, und dieſe belöge jene! Ha, ha! Je nun, der lieben Joſephine iſt dabei Glück zu wünſchen; was ihrem Cavalier fehlt, beſitzt ihr Chevalier. Nicht wahr? Nun aber ſoll's gut ſein und vergeben! Treffen Sie Anſtalten, Frau Gräfin, daß unſer Pärchen noch vor Winter ſein Neſt habe. Hier in Mainz aber, Baron! Dabei bleibt's! Denken Sie, Couſine, der Baron hat vor, ſeine Beſitzung in Franken zu beziehen. Aber, ich gebe Ihnen keine Dienſtentlaſſung, Herr Regierungsrath! Und der Hof ſoll nicht ſein ſchönſtes Paar verlieren. Wir wollen's gerade in dieſem kriegeriſchen Winter recht luſtig treiben. Auch bekommen wir Siegesfeſte zu feiern, und Sie ſollen für geiſtreiche Feſtſpiele ſorgen. Der Poet ſteckt Ihnen doch immer noch zwiſchen Fell und Fleiſch, und Heinſe, mein Bibliothekar, kann Ihnen helfen; verſteht ſich im Hintergrunde; denn man kann das dicke Schwein nicht auf das gebohnte Eſtrich bringen. Sapperment, Baron! Sie ſollen das liebenswürdigſte Haus in Mainz machen! Wiſſen Sie das? Sie haben Alles, was dazu gehört: Sie beſitzen Geiſt und Geſchmack: zwei Stücke, die ſich mit großem G ſchreiben, und das dritte Ding mit großem G bringt Ihnen die Braut mit: Geld! Ha, ha! Grä⸗ fin, wie? Mit dieſem witzelnden Schluſſe, den der Fürſt— freilich für ſeine Perſon allein, belachte, traf er es aber ſchlecht, und verdarb Alles. Das Unzarte in dieſem Scherze berührte eben den wundeſten Fleck in Franz Karl's Her⸗ zen, und verletzte ihn auf das Tiefſte. Das Blut ſchoß ihm bis in die Schläfen, und regte ihn ſo auf, daß er vielleicht des rechten Tons verfehlte, als er dieſen erſten Anlaß ergreifen zu müſſen glaubte, ſich über einen, ihm ſo empfindlichen Gegenſtand ein- für allemal zu erklären. — Kurfürſtliche Gnaden beſchämen mich ſehr, ſagte er, mit bebender Stimme an ſich haltend. Meine Neigung für die Comteſſe war durchaus unberechnet. Ich dachte nicht daran, daß dieſe ſchöne kleine Hand mir eine glän⸗ zende Laufbahn eröffnen könnte oder einen geſpickten Säckel zubringen würde. Eher war ich im Bewußtſein eines rechten Edelmannes ſtolz darauf, mich ſo in der Welt geſetzt zu ſehen, um entweder meinem Fürſten und dem Lande mit Ehren zu dienen oder mich auf mein Beſitz⸗ thum zurückzuziehen, und mein eigener Freiherr zu ſein. —— Kurfürſtliche Gnaden haben mir hohe Gunſt er— wieſen: aber— ich bin zuletzt über die Abſichten meiner Fürſprecher ein wenig zweifelhaft geworden. Und was meine theure Joſephine betrifft: ſo iſt ſie mir ein Juwel, dem ich gern meine eigene Faſſung geben möchte, und wenn es nicht der Glanz eines Hofes iſt, der auf ſie gehört: dis ſich groen Gri⸗ — abet Scherze s Her⸗ ſchoß aß er erſten ihm klären te er, igung dachte glin Sickel eints Welt d dem Beſiz⸗ n ſiin nſt er meiner d was Juwel und uf ſe 257 fällt, ſo wird ſie in eigenem Haus und Hof deſto mehr durch ungetrübte Reinheit glänzen. Der Kurfürſt, in ſeinem Lehnſeſſel, mehr auf die Leidenſchaftlichkeit des Barons, als auf die Bezüglichkeit dieſer Worte gerichtet, bemerkte nicht, wie angegriffen von beiden die Gräfin war, und rief nur lachend: Da haben wir ja wieder den Schwärmer, den dichte⸗ riſchen Liebhaber! Gelt, daß der Poet Sie manchmal juckt, Barvn! Als ob ein Juwel dabei verlöre, wenn er in einer goldenen Kapſel gebracht wird! Werfen Sie das Ding weg, wenn's Ihnen überflüſſig iſt! Wie ge⸗ fällt Ihnen das, gnädige Couſine? Betrachten Sie ſich doch einmal dieſen raren Vogel, dieſen abſonderlichen Re⸗ gierungsrath, der mit bei der Landesregierung ſitzt, und nicht weiß, was heutiges Tags das Geld werth iſt Ha, ha! Das ſpöttiſche Gelächter des Fürſten reizte den Baron vollends.— Verzeihung, kurfürſtliche Gnaden! rief er. Eben weil ich weiß, was das Geld werth iſt und wie ſauer es im Lande aufkömmt, möchte ich es lieber— dem Lande laſſen, oder es eher der Landes-Nothdurfts⸗ Deputation, als mir ſelbſt zugewendet ſehen! Der Kurfürſt fuhr auf. Er maß mit ſcharfem Blicke den jungen erblaßten Baron von Kopf zu Fuß, und be⸗ merkte, daß dieſer etwas vorgeſetzte Fuß auf dem Eſtrich bebte. Er wußte nicht gleich, wie er das Wort des Ba rons nehmen ſollte, und ſah ſich nach der Gräfin um Der entſtellte Ausdruck ihres Geſichtes verwirrte ihn noch mehr. Eine verlegene Pauſe entſtand darüber, aus wel⸗ cher der alte Herr ſeine Ausflucht in einem gebieteriſchen Koenig, Clubiſten in Mainz. II 17 Tone fand.— Sie ſind entlaſſen, Herr von Wallbrun! ſagte er. Aber Sie gehen auf der Stelle zum Regie⸗ rungs⸗Präſidenten wegen der vorhin beſprochenen Sache. Es iſt eben Sitzung: meine Befehle müſſen noch heut vollzogen werden! Mit einer kurzen Handbewegung war Franz Karl verabſchiedet, und konnte über die Galerie der Martins⸗ burg und den langen Corridor des Schloſſes hin ſeine mißmuthige Verlegenheit ausſtürmen. Dies Wort, auf welches der Kurfürſt das ganze Ge⸗ wicht ſeiner wiedergefundenen Autorität geworfen hatte,— die Befehle betrafen polizeiliche Vorkehrungen, durch den Aufruhr in Erfurt hervorgerufen und gegen beſorgliche Aufregungen ähnlicher Art in Mainz gerichtet. Landes väterliche Warnungen und ein Verbot aller politiſchen Geſpräche ſollten in den Wirthshäuſern der Stadt und auf dem Lande angeſchlagen werden. Franz Karl hatte, bevor die Gräfin eintrat, dem Kurfürſten ſeine Bedenken gegen ſolche Maßregeln mit vielem Freimuthe vorgebracht, wie ſehr nämlich den ſchwatzluſtigen Mainzern eine ſolche bisher ungewohnte Beſchränkung auffallen und das ſonſt ſo leicht ausſchwärmende Wort zu Angſt und Beſorgniß in die Bruſt auch der unbefangenſten Unterthanen zurück⸗ drängen müſſe, um hier das Vertrauen zu einer Regie⸗ rung zu erſchüttern, die eine ſo bedenkliche Furcht zeige. Dem alten Herrn war ſolche„jugendliche Weisheit“, wie er es nannte, ganz recht, um auf dieſem Geſtelle ſeine tieferen Einſichten auszubreiten. Aber durch die Dazwi⸗ ſchenkunft der Gräfin unterbrochen, und von den anzüg⸗ lichen Worten Franz Karl's in augenblickliche Verwirrung ſeihe 59 geſetzt, fand er in jenem Widerſpruche die nächſte habe, um ſich mit dem geſtrengen Wort Befehle in ſei ner Fürſtlichkeit zu erheben, und den Baron halb un gnädig abzufertigen. Sobald unſer junger Freund dieſe Befehle dem Kapi tular von Frankenſtein, der als Hofraths- und Regie rungs⸗Präſident fungirte, in die Sitzung überbracht hatte, eilte er nach dem goldenen Pferde, um die Comteſſe Jo ſephine in Abweſenheit der Gräfin zu begrüßen. Um die Peterskirche war ein neubegieriges Gedränge Ein Glaswagen hielt an der Seitenthüre, und nahm eben ein geſchmücktes junges Paar auf, das, vermählt und von Zeugen begleitet, aus der Kirche kam. Der Bräu tigam warſ, den Wagen beſteigend, eine Handvoll Münze unter das Volk, und wie der Baron einen Augenblick dem Grapſen der Buben und Bettler zuſah und dem ab fahrenden Wagen auswich, ſtieß er im wirklichen Sinne , die ſich eben aus den Wirbeln der Menge loszuwinden ſuchte. Er grüßte ſie, und lenkte mit des Worts auf Fid ihr nach dem Petersplätzchen, ſie eine Strecke zu beglei ten. Sie wandelten langſamen Schrittes nebeneinander, Beide ſtumm, doch er, wie ein Sprechender, halb gegen ſie gekehrt, und ſie, wie eine Zuhörende, den Blick zu Boden geſenkt. Und in der That, was ſagte er ihr nicht Alles in Gedanken, und was vernahm ſie nicht Alles in ihrem Herzen! Menſchen und Häuſer verſchwanden um ſie her, und die enge Margretengaſſe dehnte ſich ins Un endliche vor ihren gedankenvollen Blicken aus.— Ich muß mich kurz faſſen! bemerkte endlich der Baron, ohne daß weder er noch ſie das Komiſche dieſes erſten Wortes * . . 1 . 260 fühlten. Ihr Vater, liebe Fides, war geſtern Abend bei mir, mich gewiſſer Papiere halber vor dem geiſtlichen Rathe Garzweiler zu warnen. Gut! Die Schriften ſind übrigens ſchuldloſer, als Garzweiler ſelbſt. Und ſagen Sie Ihrem Vater noch einmal, wie dankbar ich für ſeine Beſorgniß um mich bin. Seiner Aengſtlichkeit zu Lieb' hab' ich eben, wenn es auch überflüſſig ſein ſollte, dieſen gefährlichen Schriften ein heimlich Plätzchen im Schloß archiv angewieſen, ein Verſteck, aus dem ſie mir doch ihre verſchwiegenen Dienſte leiſten können. Gut! Aber wie nun die leere Saffianmappe zwiſchen meinen Fingern hing, dachte ich an Sie, liebe Fides. Bei der Saffianmappe? lächelte ſie. Ja! Hören Sie nur, wie ich's meine, ſuhr er fort Sie haben, wie ich von Ihrem Vater weiß, die Samm lung von Gedichten und guten Gedanken, die Auszüge aus allerlei Schriften fortgeſetzt, und gewiß im Format meiner eigenen Blätter, die ich Ihnen gab, und womit ich Sie zum Sammeln anregte. Ihre Sammlung paßt alſo in meine leere Saffiandecke, die urſprünglich für Poeſien beſtimmt war, ehe ſie, wie ich ſelbſt, zur Politik verwendet wurde. Frei, wie ſie nun wieder iſt, wird ſie am liebſten zu ihrer vorigen Beſtimmung dienen. Nicht wahr? Fides nickte freundlich und Franz Karl bat ſie um ihre geſammelten Blätter, die er zu ſeinem Vergnügen ein wenig durchlaufen und in der Mappe wieder zurück⸗ ſenden wolle. Sie beſann ſich einen Augenblick und ver⸗ ſprach es dann mit leiſem Erröthen.— Wie lieb iſt mir die Vorſtellung, ſagte er, daß ein kleines Reich guter ſtüchen n ſind ſagen t ſeine Lieh dieſen loß r doch üge omat wonit peßt ſür olitik id ſi Nicht n nügen nic⸗ er⸗ ſt mir guter 261 Geiſter, die wir Beide verſammelt haben, zwiſchen uns errichtet iſt;— edle Gedanken, hohe Gefühle, rührende Reime zwiſchen uns weben und walten, und in rother Decke mein frohes Andenken bei Ihnen bewahrt liegt. Vielleicht erinnert Sie der rothe Saffian auch an das fatale rothe Buch, worin ſo viel von mir ſteht, nur nicht, wie tief ich Ihnen für Ihre Mittheilung verſchul⸗ det bin! Verſchuldet? O das nicht, Herr Baron! erwiderte Fides. Es war ſehr gewagt von mir: nicht meinet wegen, ſondern für Sie. Glücklicherweiſe habe ich nicht eher daran gedacht, daß ich vielleicht Ihre Zufriedenheit, Ihr Vertrauen und ſelbſt den frohen Bund Ihres Her⸗ zens ſtören könnte, als bis der Schritt geſchehen war. Wie froh bin ich nun, daß es nicht ſo gekommen iſt! Dieſe Worte, aus reiner, unbefangener Empfindung geſprochen, riſſen den jungen Freund aus der glücklichen Stimmung des Augenblicks, erinnerten ihn an die Com— teſſe und riefen in ſeinem Herzen einen unerfreulichen Wi⸗ derſpruch hervor. Er hätte ſeufzen mögen zu der innigen Zufriedenheit, die aus den ſeelenvollen Augen des edeln Mädchens leuchtete. Aber er erſchrak ſelbſt vor den auf ſteigenden Zweifeln ſeines Herzens, und ſchämte ſich zu bekennen, was er dunkel empfand, daß ſein Glück nicht ſo wahr ſei, als das edle Gefühl der lieben Fides!— Dennoch ward vielleicht etwas von dieſer Empfindung laut, als er mit wehmüthigem Blick erwiderte: Wie ſich auch dies Glück eines unverbrüchlichen Bundes geſtalten mag, ſo verdanke ich Ihnen, theuere Fides,— oder laſſen Sie mich ſagen theuere Freundin, ein freies, ſtolzes Bewußt — 262 ſein, das mich des Glückes werth oder des Unglücks mäch⸗ tig erhält! Hiermit empfahl er ſich kurz und bewegt, und ſtand, mit wenig Schritten durch das Seitengäßchen, vor dem Pa⸗ villon des Marſtalls zum goldenen Pferd. In dieſem Zwieſpalt ſeines Herzens wäre er lieber nach Hauſe ge⸗ eilt; allein mit einem Blick nach den Coudenhove'ſchen Fenſtern bemerkte er die Comteſſe Agnes, die ihn geſehen haben konnte. Er nahm ſich alſo zuſammen, und wäh⸗ rend er das Haus und die hohe Stiege betrat, ſpannte er ſein verzagtes Herz mit der etwas erzwungenen Em⸗ pfindung auf, er ſei es der edeln Fides, die ſeinen ſtol⸗ zen Namen gerettet habe, ſchuldig, ihn nicht durch Wankelmuth und Laune gegen die Verlobte zu entwür⸗ digen. Dreizehntes Kapitel. In dieſem eraltirten Zuſtande ſeines Gemüthes, der nicht ohne Einwirkung auf ſeine jugendlich reizbaren Pulſe blieb, betrat er das Geſellſchaftszimmer, und eilte der Comteſſe Joſephine zu, die ihm mit ſchüchterner Erwar⸗ tung entgegentrat. Er umarmte ſie mit einem ihr ſelbſt ängſtlichen Ungeſtüm; während Comteſſe Agnes ihr Ta⸗ ſchentuch auf einen koſtbaren Halsſchmuck von Brillanten mich d mit Pa dieſen ſe ge⸗ eſchen eſehen wih⸗ annte Em⸗ ſtol⸗ durh wür der Pulſe te der 263 warf, den die Schweſtern auf dem Sophatiſche ausgebreitet hatten. Was der Baron in ſeiner Verwirrung und Ueber ſpannung vorbrachte,— wie er ſich des Kummers ſchul dig bekannte, den er der Geliebten verurſacht, womit er ſich ſelbſt entſchuldigte und ſeine eigene qualvolle Ein⸗ ſamkeit beklagte,— läßt ſich nicht wortgetreu erzäh len. Wahres und Geſuchtes vermiſchte ſich, und es entſprach ganz ſeinem Zuſtande, daß er ſich dabei auf ein Knie niedergelaſſen hatte und Joſephinens Hand mit Küſſen bedeckte. Schien es doch, als ob jene theatraliſche Verlobung vor dem Fürſten dem jungen Freunde, ohne ſein Wiſſen und Wollen, den Poſſen nach⸗ trage, daß er ſich fortwährend gegen die Verlobte etwas ſchauſpieleriſch benehmen mußte. Eigentlich rührte es aber aus der Täuſchung her; worin ſein edles Herz gegen Jo⸗ ſephinen befangen war. Nur in flüchtigen Augenblicken hatte er eine Wahrnehmung davon, und blieb dann nie— mals ohne Verſtimmung. Auch jetzt, wie im Aerger über ſein Betragen, wendete er ſich mit der ſpöttiſchen Frage an Comteſſe Agnes: Sie, Comteſſe, haben mir gewiß das Wort geredet, und bei der Frau Gräfin gut für mich geſprochen? Im Gegentheil, Herr Baron! antwortete ſie, auf die Fenſterbrüſtung gelehnt. Mein Urtheil über Sie war ſehr ſtreng, und Ihre eben vorgebrachten Exeuſen ſchillern ein wenig ſtark und würden mich nicht befriedigen, wenn ich Ihr Richter wäre. Allein es kömmt nicht darauf an, ob Sie ein Sünder ſind oder nicht, ſondern, ob Sie be⸗ reuen. Ich ſehe Ihnen an, Sie haben Joſephinen noch 264⁴ Manches zu ſagen. Und damit Sie nicht geſtört werden, will ich den Admiral, der eben heraufkömmt, einſtweilen mit hinübernehmen. Sie eilte ihrem Freund entgegen, und die Verlobten ſahen ſich allein. Agneſens ſcharfſinnige Bemerkung hatte Franz Karln wieder auf ſeine allerdings ziemlich zweideu⸗ tigen Entſchuldigungen zurückgeworfen; und er beſtand ge— gen Joſephinen lebhaft darauf, ſie müſſe ihm glauben und unbedingtes Vertrauen zu ihm haben. Sie warf ſich mit leidenſchaftlicher Hingebung an ſeine Bruſt und bot ihren Mund zum Mit dieſem hei— ßen Siegel war Alles neu bekräftigt,— Vertrauen und Gelöbniß, Hoffnung und Zukunft. Das verſöhnte Paar wandelte Hand in Hand auf und ab, und in ver⸗ traulichen Geſprächen gab ſich das leicht bewegte Herz des Freundes ſeinen ſchwärmeriſchen Träumen und den Ein— flüſterungen einer reizenden Gegenwart hin. Doch wie wäre die wunderbare Scheidemiſchungskunſt der Seele, wie dies Geheimniß einander bindendzzerſetzen⸗ der, löſend ſich vertauſchender Empfindungen durch Erzäh— lung klar zu machen? Das Thema des Herzens, das Franz Karl auf der Stiege empfangen hatte, ſpielte in hohen Paſſagen fort. Dies Herz ſchien einen verzweif⸗ lungsvollen Edelmuth aufzubieten. Noch durchglüht vom ſeelenvollen Auge der edeln Fides wendete er den Blick auf das lächelnde, von ſchöner Hoffnung belebte Angeſicht Joſephinens. Gleich dem bononiſchen Stein, der das empfangene Licht im Dunkel wieder von ſich gibt, ſtrahlte dieſer Blick die Liebe aus, die er von ſeiner Sonne ein— geſogen. Jubel und Schmerz gingen abwechſelnd durch zunſt ttzen⸗ tzůh⸗ 265 des Freundes Bruſt; ſchwungvolle Gefühle von Glück und Liebe, aus fortquellender Erinnerung an Fides geſchöpft, ſtrömten über die frohe Braut. Wie entzückte ſie ſich daran! Sie ſank hingebend an ſein heftig ſchlagendes, kämpfendes Herz; die Worte fehlten ihr auf dieſer ſchwe— benden Höhe der Empfindungen; aber in ihrem leuchtenden Auge ſpiegelte ſich, wie ein aus dem Nichts erſchaffenes Glück, alle die Seligkeit, die der Geliebte träumte. Franz Karl war in dieſen von einer fremden Folie glänzenden Minuten nicht unwahr oder täuſchend gegen Joſephinen; eher war er es gegen ſich ſelbſt. Er empfand wirklich, im halbwachen Traume von Fides, das reizende Glück, das Joſephine von ſeinen Lippen haſchte, und empfand es durch Joſephinens Gegenwart. Denn dieſe ſchöne, duf tige Jugend, die er an ſeine Bruſt drückte, durchbebte voch ſeine Sinne und regte die Pulſe auf, die dem Ge⸗ fühl und der Phantaſie jene Glut zuführten, von welcher ſie loderten. Wunderbares Gewebe, wozu der heiße Au⸗ genblick die ſinnlichen Fäden, die träumende Erinnerung den ſerlenvollen Einſchlag zuſammenbrachten! Und ſo un— begreiflich wechſeln die Täuſchungen des Herzens, daß Franz Karl mit dem trunkenen Blick auf Joſephinen ſich allmälig als Schöpfer einer Liebe empfand, ſtatt ſich ihrer bedürftig zu fühlen,— eine Illuſion, die ſeinen Stolz und den Muth ſeiner gegebenen Zuſage mächtig in Schwung ſetzte. Mit wiederholten Umarmungen ward rerneute Bund beſiegelt. Als der junge Freund aber auf ſeine nächſten Ab ſichten zu ſprechen kam, fielen ihm auch ſeine leidigen Geheimniſſe und Zweifel wieder ein. Er überlegte, wie 8 de . * 2 er nach der ärgerlichen Ausſtattungsangelegenheit und dem Vorfall in Koblenz fragen ſollte, und konnte die rechte Wendung nicht finden. Dieſe reine Heiterkeit, dies un⸗ befangene Vergnügen auf dem frohen Antlitze Joſephinens entmuthigten oder beruhigten ihn. Es war der Ausdruck der Schuldloſigkeit. Und ſtieg ihm doch wieder ein Zwei⸗ fel auf, ſo rief es in ſeiner Bruſt: Wie, mein Herz? Suchſt du vielleicht Vorwände um wortbrüchig zu werden? Franz Karl hatte nach vielfacher Ueberlegung ſeiner verwickelten Verhältniſſe die Abſicht gefaßt, nach ſeiner Verbindung mit der Comteſſe aus dem Dienſte zu ſcheiden, Mainz zu verlaſſen und auf ſeine Beſitzung in Franken zu ziehen. Daß er das reizende und ihm ſo liebe Gut bei Oeſtrich umging, war ein Opfer, das er den leidigen Verhältniſſen brachte. Späterhin, wenn die Verbindung mit dem Hofe und der Gräfin Coudenhove ſchlaffer, und Joſephine im eigenen Hauſe heimiſcher würde geworden ſein, hoffte er dorthin zurückzukehren und im Rheingau ſeinen Sitz zu nehmen. Dies Vorhaben, das er jetzt der Comteſſe eröffnete, ſchien ihr wenig zu gefallen. Ihr Lächeln fiel ſchnell aus dem heitern Himmel, worin es eben noch geſchwebt hatte, und ſie fragte kleinlaut: Nach Franken? Ich kenne Ihre Beſitzung nicht, lieber Franz Karl, aber unmöglich kann der Aufenthalt ſo reizend, wie in Mainz ſein. Man kann nicht immer fragen, meine Liebe, wo man reizend wohnt, ſondern wo man glücklich iſt, erwiderte er ſehr entſchieden; indem er jedoch gleich etwas ſanfter hin⸗ zuſetzte Eigentlich thue ich es Ihretwegen, Joſephine! und dem ie rechte ies un ephinens usdruc nZwei n Herz? hig zu ſeiner ſeiner cheiden, nken zu jut bei igen bindung er, und worden heingau jett der Ihr rin es Nh Fraiz d, wie vo man erte e r hin⸗ ne 267 Meinetwegen? rief ſie froy. O vann müſſen Sie mich irgend mißverſtanden haben, lieber Baron. Ich ziehe Mainz jedem Ort in der Welt vor. Nein, Liebſter, um meinetwillen ja nicht! Und Sie ſelbſt würden dabei nur verlieren: die Gunſt des Kurfürſten, eine glänzende Stel⸗ lung am Hofe, eine ſchöne Wirkſamkeit in den Geſchäf⸗ ten wollen Sie mit der Landwirthſchaft vertauſchen? Ach! wenn ich mir Sie als Landjunker denke,— ſo mit rund geſchnittenem Haar, im weiten Rock und derben Stiefeln! Und mich ſelbſt! Ich würde wol meinen Hof haben,— den Hühnerhof, und Vorſteherin der Milchs und Butter⸗ wirthſchaft werden. Ich kenne ſchon das Glück der Land⸗ damen, die zuletzt die Taille von einem Butterfaß bekom⸗ men!—— Und wie würden wir uns bei unſern Be⸗ ſuchen in Mainz ausnehmen? Wie würden wir im Schloß ſo ängſtlich über den getäfelten Fußboden hum⸗ peln! Ach! und die Tante, die ſich ſo freut, uns hier ein hübſches Haus machen zu ſehen und ſich mit unſerer Einrichtung ſo viel Mühe gibt! Dieſe letzte Erinnerung traf es nun übel; ſie ver⸗ ſtimmte den Freund vollends, ſo daß er heftig genug ausrief. Ja, die Tante eben! Gerade die vertreibt mich aus Mainz. Wiſſen Sie das, liebe Joſephine! Joſephine verſtand ihn nicht. Sie bezog dieſen Un⸗ willen auf den jüngſten Zorn der Gräfin gegen Franz Karln, und ſuchte ihn mit den freundlichen Worten zu beruhigen: O die Tante iſt nicht mehr ſo böſe, lieber Franz Karl! Und jetzt gar, nachdem Sie—„Laſſen Sie mich nur machen, und Alles wird vergeſſen ſein!“ Sie ſoll Ihnen gar nichts über Ihr Benehmen ſagen dürfen! ——— 3 5 5 —————— 268 Der bewegte junge Freund war wenig vergnügt, ſo gründlich mißverſtanden zu werden. Er überlegte, daß er ſich gegen ſeine Braut doch einmal ausſprechen müſſe und der Anfang eben gemacht ſei. Indem er nun nach we⸗ nigſt verletzenden Worten ſuchend ſich über den Tiſch vor— bog und in Gedanken den Zipfel des weißen Tuches er⸗ faßte, den geſtickten Namenszug zu betrachten, legte er unerwartet den koſtbaren Halsſchmuck bloß. Erſchrocken über ſeinen verrätheriſchen Handgriff, fragte er nach der Bedeutung dieſes reichen Schmucks. Erröthet und mit verlegener Scherzhaftigkeit antwor⸗ tete ſie Ein erſtaunliches Geheimniß, Baron! Aber ich darf die Tante nicht um das Vergnügen bringen, es zu offen baren. Sie hat es ſich vorbehalten— Franz Karl, dem jetzt Forſter's Mittheilung einfiel, legte ſich zwar die heitere Befangenheit der Comteſſe zum Beſten aus; ließ ſich aber die Abſicht der Gräfin, ihm den ärgerlichen Vorfall auf ihre Weiſe zu drehen und zu deuten, deſto mehr verdrießen. Sehen Sie da, Com⸗ teſſe, die Tante und immer wieder die Tante! rief er ziemlich barſch, indem er den ausgebreiteten Schmuck zu⸗ ſammenwarf. Sie werden ſich in Mainz niemals der Oberherrlichkeit der Tante und ihrem übeln Einfluß ent⸗ ziehen. Sehen Sie, liebe Joſephine, das iſt es, was ich meine! Ihr Herz, meine Theure, iſt gut und edel; aber es hat ſich zu ſehr dieſer Dame unterworfen, und wohin das führt, habe ich leider! ſchon ſchmerzlich empfunden. Es ſind in Bezug auf unſere Verlobung, auf eben jene häusliche Einrichtung, von der Sie vorhin ſprachen, Heim igt, ſo daß er ſſe und ich we ch vor egte er hrocken h det twor h darf offen eil, ſe zun ihn n und Com ief er d zu⸗ wohin unden njene Heim 269 lichkeiten geſchehen, die mich in meinem Stolz, an meiner Ehre auf das Tiefſte kränken. Sie haben davon gewufßt, Comteſſe: ich beſchwöre Sie,— wie haben Sie es mir verſchweigen können? Ganz beſtürzt erklärte die Comteſſe, daß ſie ihn nicht verſtehe. Franz Karl machte ſich in Betreff ihrer Aus ſteuer deutlicher; als er jedoch Joſephinen nur verlegen dazu lächeln ſah, rief er mit Unwillen aus: Wie, Joſephine,— Sie verſtehen mich doch? Von Landesgeldern, von den zuſammengebluteten Steuern ar mer, dienſtbarer Bauern wollen wir uns einrichten, und, wie Ihre Tante meint, ein hübſches Haus machen? Füh⸗ len Sie das nicht, Joſephine? Oder haben die Kunſt griffe der Tante Sie auch über dieſe Schmach getäuſcht? Um Ihre Hand habe ich geworben, theure Comteſſe; Sie haben Sie mir gegeben, dieſe reine weiße Hand: bringen Sie mir ſie rein und leer mit vor den Altar, unbeſchmutzt von jenen Geldern, die man Ihnen aufdringen will. Ich weiß, Sie verſchmähen das; ich habe nie an Ihrem edeln Herzen und adeligen Sinn gezweifelt: aber Sie haben den Grundſätzen und der Handlungsweiſe Ihrer Tante zuviel Einfluß auf Ihre Gefühle geſtattet. Ich begreife das: Sie waren erſt abhängig von ihr, ſind heiteren Sinnes, und die Gewohnheit iſt eine unſichtbare Macht. Ich muß Sie aus dieſer verderblichen Abhängigkeit befreien. Ihr Zartgefühl muß die Handſchuhe ausziehen, an die Sie hier im Hauſe ſich gewöhnt haben— Handſchuhe vom Geruch dieſer Gräfin und von ihrem dickſten Leder! — Vierzehntes Kapitel. Von ſo aufregender Verhandlung eingenommen, hatten Beide den am Hauſe anfahrenden Wagen überhört, und wurden von der heftig eintretenden Gräfin überraſcht. Sie hatte die letzte, laut genug geſprochene Rede des Barons vor der Thüre vernommen, und war außer ſich vor Wuth. Aber gerade dieſer Anblick unedler Leidenſchaft— lichkeit gab dem Baron gegen alle ihre beleidigenden Worte eine erſtaunliche Ruhe; während ſein verächtlicher Blick die zürnende Dame immer aufs Neue erbitterte. Sie machte es ihm zum Vorwurf, daß er ihre Abweſen⸗ heit benutzt habe, um Joſephinen über ſein falſches Be⸗ tragen zu täuſchen und zu beſchwatzen.— Glauben Sie ſich dadurch vor mir gerechtfertigt, rief ſie, wenn Sie meine Nichte gegen mich einnehmen und Dinge bei ihr zur Sprache bringen, die Sie allenfalls mit mir zu ver⸗ handeln haben? Ich wüßte nicht, meine Gnädige, was ich mit Ihnen zu verhandeln hätte, erwiderte Franz Karl. Oder gar vor Ihnen zu rechtfertigen! Eure Gnaden ſind etwas er⸗ eifert: wir wollen uns nicht mißverſtehen. Ihre Abwe⸗ ſenheit war mir allerdings angenehm, weil ich mich un⸗ geſtörter mit Joſephinen verſtändigen konnte,— Herz zu Herzen, Liebe gegen Liebe. Auch haben wir uns verſtän⸗ digt bis auf die Kleinigkeit unſeres künftigen Aufenthalts. hatten tt, und ſt. Sie Barons ch vor nſchaft igenden htlicher ittette ſen⸗ e Be en Sie m Sie hei ihr zu ver Ihnen et gir Abwe⸗ ich Un herz jl verſtin nthalt Ich denke nämlich nach Franken überzuſiedeln; nur kömmt das meiner lieben Joſephine noch nicht recht erwünſcht. Ich werde ſie aber überzeugen, daß es mir weniger dar— um gilt, nach Franken zu ziehen, als von Mainz wegzu⸗ kommen. Und zwar nicht einmal um meinetwillen allein. Denn außer dem Beweggrunde, Ihnen, meine Gnädige, mit der Ausſteuer und Ausſtattung nicht ſo viel Mühe zu machen, als Sie zu meiner Beſchämung gütigſt übernom⸗ men haben, wünſche ich eine Veränderung meines Wohn orts lediglich in Joſephinens Intereſſe und zu ihrem Beſten. Wahrhaftig, Herr Baron, in Joſephinens Intereſſe! rief die Gräfin mit boshafter Wendung. Sie haben nie wahrer geſprochen, und ich bewundere Ihre Aufrichtigkeit. Denn Ihre Abſicht dabei iſt doch wol keine andere, als gewiſſe Verbindungen in Mainz abzubrechen, die— In dieſem Augenblicke bemerkte ſie, daß Conmteſſe Agnes mit dem Admiral durch eine Seitenthüre eingetre ten war. Sie ſchwieg mit einem Blick auf Joſephinen, wendete ſich dann nach der Thüre zu ihrem Cabinet und foderte den Baron auf, ihr zu folgen. Dort empfing ſie ihn mit einem durchdringenden Blick und ſagte: Ich habe Sie ſchon beim Kurfürſten gar wohl ver⸗ ſtanden; denn ich weiß von gewiſſen Geheimniſſen mehr, als Sie glauben. Sie haben eine ſehr ſonderbare Deli⸗ eateſſe, Herr Baron. Daß der Kurfürſt aus ſeinen Scha⸗ tulle⸗Geldern eine liebe Anverwandte bedenken will,— und Sie wiſſen nicht einmal, welche Familienverbindlich keiten er dazu hat!— das iſt Ihnen empfindlich; dar⸗ über aber beunruhigt ſich Ihr Zartgefühl nicht, daß Sie ————— ———— —,— 272 neben Ihrer Braut noch eine Liebſchaft unterhalten. Doch, ich darf Ihnen ſchon keine Vorwürfe mehr darüber ma chen, da Sie mir ſagen, daß Sie Mainz verlaſſen wol⸗ len, um dieſe unwürdige Liaiſon abzubrechen. Dieſe hämiſche Deutung ſeiner ausgeſprochenen Ab⸗ ſicht überraſchte den jungen Freund; aber er beantwortete ſie nur mit einem verächtlichen Blick, den er der lächeln⸗ den Gräfin über die Schulter zuwarf.— Nicht wahr, mein Freund, fuhr ſie fort, ich habe auch meine Bekannt⸗ ſchaften, die mir geheime Papiere vorlegen, mich in frem— den Geheimniſſen blättern laſſen, wenn man auch nicht, wie bei Ihnen, meine Cunſt damit gewinnen will Franz Karl mißverſtand dieſe Anſpielung nicht, die ihn ſehr verwirrte. Woher konnte ſich der triumphiren⸗ den Frau ein Geheimniß geöffnet haben, das mit ſo ſchweren Siegeln belegt war? Weder auf Forſtern, noch weniger auf Fides wagte der beſtürzte Freund einen Ver dacht zu werfen. Doch nur ein paar Augenblicke zog ihn die Verlegenheit ab, und er verſetzte mit guter Faſſung Wenn ich im Augenblick auch die Verbindung nicht errathe, durch welche Sie von jenen geheimen Papieren wiſſen: ſo muß ich doch bezweifeln, daß Sie den Inhalt derſelben ſo genau kennen, als ich. Wahrlich! Eure Gnaden könn⸗ ten ſonſt mit dieſem ſelbſtzufriedenen Blicke nicht vor mir ſtehen; Sie würden es nicht wagen, ſich darauf zu be⸗ rufen, noch weniger hätten Sie Urſache darin gefunden, einen ſo verächtlichen Argwohn auszuſprechen. Ich meine nicht den Argwohn gegen mich ich kenne Ihre Grund⸗ ſätze, Gräfin, nach denen Sie mich einer Liebſchaft wegen nicht verdammen würden; ſondern den Argwohn gegen u. Doch über ma ſſen wol nen Ab mtwortete t licheln t wahr Bekannt in frem ch nicht nphiren mit ſo m, voch nen Ver zog ihn Faſſung ng niht nwiſſen derſelben en koͤnn vor mir zu be funden ch meine Grund ſt wegel n gehe 273 ein edles, unbeſcholtenes Mädchen, das viel zu bürgerlich iſt, um nach Ihren aufgeklärten Grundſätzen gemeſſen zu werden Ha, ha! lachte ſie mit verbiſſenem Aerger. Daß ich ſolche bürgerliche Tugend in Mainz nicht zu würdigen wüßte, die Verſtand genug hat, frühere angenehme Be⸗ ſuche durch generöſe Mittheilungen wieder anzuknüpfen! Lachen Sie nur, Gräfin, lachen Sie! rief Franz Karl ſehr aufgebracht. Es iſt an Ihnen zu lachen! Ich be⸗ greife, was Sie ſagen. Wenn man eben von einer kob— lenzer Reiſe kömmt, ſo hat man das Gelegenheitsmachen bei höheren Perſonen noch in friſchem Andenken, und es iſt ſehr gnädig von Ihnen, daß Sie bürgerlichen Töchtern ebenfalls einen ſo noblen Geſchmack zutrauen. Jetzt war die Reihe, über ein vermeintliches Geheim— niß verblüfft zu ſein, an der Dame, und ſie wußte ſich nicht anders als durch eine angenommene Entrüſtung zu helfen. Aber auch Franz Karl erwiderte mit nicht weniger lebhaftem, wenngleich edlerem Unwillen, und fo⸗ derte Rechtfertigung über die Verlegenheit, in welche die Gräfin durch ihre verwerflichen Abſichten ſeine Braut ge ſetzt habe. In ſolcher Aufwallung ward nicht jedes Wort abgewogen, obgleich die Gedanken keine augenblickliche Eingebung waren. Denn, indem der edle Freund der Generalin die Beweggründe, aus denen ſie ſich mit der Gräfin Lichtenau vertraut gemacht und ins Gefolge eines Monarchen von bekanntem Rufe gedrängt habe, mit we nig Schonung vorrückte, und ſich dabei gegen die Frivo⸗ lität der Grundſätze und Marimen ereiferte, von denen das unbefangene Herz, die hingebende Seele ſeiner theuern Koenig, Clubiſten in Mainz. 11 18 —— ——————— „ 274 Joſephine bedroht ſei, ſtürmte er nur die Betrachtungen heraus, die er in ſeinen einſamen Stunden geſammelt hatte. Er gönnte ſeinem Herzen einen augenblicklichen Triumph ohne die Ueberlegung, daß er einen um ſo un⸗ verſöhnlicheren Haß im Buſen ſeiner Gegnerin anfachte. Die Gräfin empfand nämlich nicht blos das Vorausbe⸗ dachte, ſo zu ſagen, die aufgeſtaute Flut ſeiner Vorwürfe, ſondern es fielen auch manche Anſpielungen auf Verhält⸗ niſſe mit darein, deren Kenntniß ſie bei dem Baron nicht vermuthete, und die ihren Grimm ins Ungemeſſene ſtei⸗ gern mußten. Sie hatte ſich in die Ecke des Sophas geworfen und gebot, als ſie ſich nicht mehr zu helfen wußte, dem Baron mit Winken und Worten, ſie zu ver⸗ laſſen.— Hinaus, fort! kreiſchte ſie. Unterſtehen Sie ſich nicht meine Schwelle je wieder zu betreten! Zwiſchen uns iſt Alles und Alles aufgehoben! Franz Karl zog ſich nach dem Salon zurück, wo er ſeinen Hut gelaſſen hatte. Jpſephine kam, von ſeiner Bläſſe betroffen, mit Angſt und Verwirrung auf ihn zu. Er trat mit ihr bei Seite und ſagte leiſe: Ich habe mich mit Ihrer Tante erklären müſſen, und ſie hat mir das Haus verboten. Das ändert zwiſchen uns nichts, meine theuere Joſephine. Sie beſuchen meine Mutter, die auch die Ihrige wird, und wir finden uns da. Ich vertraue, daß Sie Ihre Liebe nicht den Befehlen der Tante unterwerfen! Er küßte ihre Hand, und wie er ſich gegen die Uebri⸗ gen verneigte, hüpfte der inzwiſchen gekommene Domicel⸗ lar von Venningen, ſchalkhaft lächelnd, mit den Worten auf ihn zu tungen ummilt lichen ſo un⸗ fuchte würfe erhült niht ſiei⸗ ophas helfen ver⸗ Sie ſſchen wo et ſeiner hn zu und iſchen meine uns fihlen Uebri⸗ nicel⸗ orten 275 Aber was haben Sie, mein beſter Barvn, zu dem koſtbaren Schmucke geſagt? Gerade Ihr competentes Ur⸗ theil möchte ich wiſſen! Auf Ihren perſönlichen Ge ſchmack war doch natürlich dabei gerechnet! Zu welchem Schmuck? fragte der Baron kurz und finſter. Zu den Brillanten des Königs von Preußen,— zu dieſem dicken Schmuck? Franz Karl machte eine wegwerfende Miene, und der Domicellar, der es nur auf eine Bosheit in ſeiner Art abgeſehen zu haben ſchien, wendete ſich raſch wieder an die Schweſtern. Denken Sie, meine ſchönen Gnädigen, ſagte er, daß ich die Nacht von dem Schmucke geträumt und ein Gedicht auf denſelben gemacht habe! Ei! fiel der Admiral ärgerlich ein, daran erkennt man gleich den frommen Geiſtlichen; den Seinigen, heißt es ja, gibt's der Herr im Schlaf. Venningen ließ ſich in ſeiner Abſicht nicht irre machen, und fuhr fort: Der Gedanke des Gedichtes war ein Streit der Liebe mit einer Sultanin darüber, wer von ihnen Beiden die mächtigſte Herrſcherin ſei. Ich habe das Gedicht noch nicht niedergeſchrieben, doch geht es gut aus; denn am Ende, da Beide— wie es zweien Damen zuweilen geht, Recht behalten wollen, theilen ſie ſich in das Reich des Orients und des Abendlandes, Beide mit ſehr verſchiedener Politik: dort nämlich legt die Sultanin ihre Sklaven in Ketten, hier— nimmt die Liebe ihren Sklaven Ketten ab. Iſt der Ausgang nicht ſehr bezeichnend? Das paßt aber auf mich nicht, Herr von Venningen! 18 276 ſiel Joſephine mit erröthender Empfindlichkeit ein. Denn das Geſchenk iſt der Tante als Oberhofmeiſterin gegeben worden Der König war ſehr mit der Aufmerkſamkeit zufrieden, die er bei Hofe empfangen. Dieſe Uebereilung der Comteſſe zu verſtecken, rief der Admiral mit ſcherzhafter Entrüſtung: Der Venningen iſt offenbar ein Revolutionair:„Ket⸗ ten abnehmen“ ſtichelt doch auf Freiheit und Gleichheit! Er iſt ein heimlicher Clubiſt! ſetzte Comteſſe Agnes hinzu: 15 Und ihr Beiden, was ſeid ihr denn? ſchrie mit la⸗ chendem Eifer der Domicellar. Ihr ſeid unheimliche Admiral, für Ihren Haß der Freiheit, und laſſe Ihnen noch lange Ihre Frau am Leben! Kommen Sie, Baron! und laſſen wir dieſe königlich Geſinnten, dieſe preußi⸗ ſchen Royaliſten ſitzen,— ich ſage ſitzen! Er nahm den Baron Franz Karl unterm Arm und zog ihn mit ſich fort. An der Thüre blickte der Schalk noch einmal um; wobei er die geſpreizte Rechte mit dem Daumen an die Naſe ſetzte, und mit dem rechten Beine wie ein wildes Füllen ausſchlug. Er hörte die Schelt worte nicht mehr, die hinter ihm aus Agneſens Munde losbrachen, und ihn der Bosheit beſchuldigten, aus kindi⸗ ſcher Eiferſucht auf Joſephinen dem Baron Franz Karl — wie ſie ſich im Aerger ausdrückte,— Flauſen ins Ohr zu ſetzen . Clubiſten, offene Verſchworne Der Himmel ſegne Sie, Denn gegeben lſambit rief der „Ret tichheit Ahnes nit la⸗ mliche e Sie, Ihnen ron! eußi m und Schalk it dem Beine Schelt Munde kindi⸗ Kurl en ins Fünfzehntes Kapitel. Franz Karl hatte ziemlich kleinlaut die Wohnung ver⸗ laſſen und ward bald genug inne, daß nicht alle Triumphe einer gerechten Entrüſtung, nicht alle Erhebungen eines edeln Herzens von guten Nachempfindungen begleitet ſind. Eine Verſtimmung blieb von jenem Auftritte mit der Gräfin mehrere Tage zurück, und ſein wohlwollendes Herz hatte von dem trüben Riederſchlag einer ungewohnten Aufwallung zu leiden. Er ging dieſe Tage gedrückt um⸗ her, bis er die Heiterkeit über ſich zu lächeln gewann, und das Bedürfniß einer erhebenden Stunde fühlte. Eine liebe Gewohnheit führte ihn nach dem Forſter ſchen Hauſe, wo er freilich einen nicht vermutheten feierlichen Abend finden ſollte. Die Hausthüre war nur angelehnt; eine befremdliche Stille herrſchte im Hauſe und ein Geruch von ſtarken Eſſenzen ſchwebte auf der Flur. Im Wohnzimmer ſaßen George und Thereſe Hand in Hand,— ſie mit ver⸗ weinten Augen, er mit gehobenem Ausdruck in den edeln Zügen des dunkeln Angeſichtes. Nur Stadion war noch da und wandelte mit verſchränkten Armen, ſanft ſprechend, vor dem ſtummen Paare auf und nieder. Er trat auch gleich dem Baron mit der betrübten Erklärung entgegen, Söh daß die lieben Freunde ihr Söhnchen verloren hätten. Schon länger kränkelnd, und ſeit ein paar Tagen von —— ——— 278 Krämpfen überfallen, war es in der Vormittagsſtunde verſchieden. Franz Karl reichte Frau Thereſen die Hand; er um⸗ armte den Freund. Seine verſtummende Theilnahme ſprach zu Beiden im rührendſten Ausdrucke. Forſter fand edle Worte über das ſchmetzliche Erlebniß.— Etwas ſollte uns über den unerſetzlichen Verluſt hinaushelfen, ſagte er: die Ausſicht ein ſchwächliches, kränkliches Kind zu behalten, tröſtet doch einigermaßen für den früheren Verluſt in einem Alter, wo es noch wenig gelitten und erfahren hatte, und unfähig war, die ihm erzeigte Liebe zu erwidern. Doch raiſonniren läßt ſich nicht über Dinge der Art; ſonſt iſt des Fragens kein Ende: warum gerade hier dieſe Verkettung, eben jetzt der Schlag und dergleichen mehr. Man muß dulden und ſchweigen. Thereſe verwarf dieſen Troſtgrund. Auch verrieth ihr Schmerz etwas von jener Leidenſchaftlichkeit, die eine Zu⸗ gabe ihres lebhaften Gemüths war.— Eine Mutter rechnet anders, lieber George, ſagte ſie. Die ängſtliche Sorgfalt, die ſie gerade dem ſchwächlichen Kinde widmet, knüpft es auch mit einer empfindſameren Liebe an ihr Herz, und macht ihr das Kind— ſollte man ſagen koſt⸗ barer durch die beſonderen Zuſchüſſe von Aufmerkſam⸗ keit, Beſorgniß und Pflege. Auch begreife ich gar wohl, meine gute Frau von Forſter, daß dieſer beſondere Aufwand von Mutterthaten auch die Muttererwartungen erhöhen muß, bemerkte der Kapitular von Stadion. Dieſer geiſtliche Weltmann, voll lebhafter Intereſſen und bequemer Artigkeit, ein Eingeweihter in die Weisheit 279 göſunde jener geiſtlichen Höfe:„Leben und leben laſſen“, war Ariſtokrat genug, um auch das Unſtatthafte und et un Verwerfliche, ſofern es den menſchlichen Schwächen ſchmei⸗ einahme chelt, für ſeine Aufmerkſamkeiten nicht zu verſchmähen, ſer fund und fuhr daher, wie ihm Thereſens heimliche Neigung Etnis für Huber nicht unbemerkt geblieben war, mit der Bemer⸗ helfen, kung fort: Was wird der arme Herr von Huber leiden, Kind meine theuere Frau von Forſter! Der Kleine war ſein früheten Liebling, ſoviel ich bemerkt habe. Und gerade jetzt muß ten und er verreiſt ſein. Noch in Dresden, nicht wahr? te Liebe Ja, Herr Graf! antwortete Thereſe, durch dieſe Er⸗ rDinge innerung etwas erheitert. Der gute Herr von Bünau, gernde ſein Miniſter, iſt ihm ein wahres Verhängniß; ſeine Verſendungen ſind für Huber noch ſtets mit irgend einem Unfalle verknüpft geweſen— ieth ihr Die übrigen Freunde, ſelbſt der kaſſeler Harnier und ne Zl⸗ der hannöverſche Geſchüftsträger von Hinüber, eilten gegen gleichen Mitter Abend ihre Theilnahme zu bezeugen herbei. Eine ernſte mliche Unterhaltung entſpann ſich, auf deren Saiten die Trauer nidnt, wie eine elfenbeinerne Surdine ruhte. Auch die religiöſe en ihr Tonart blieb nicht unverſucht; denn Stadion fragte For⸗ koſt⸗ ſtern, was er für ſeine Perſon von den religiöſen Troſt⸗ erkſam⸗ gründen im Leben halte. Der Freund war nämlich dafür bekannt, daß ihm alles Kirchenthum unbenutzt bei Seite u ben liegen blieb.— Die religiöſen Troſtgründe, antwortete chiin Forſter, bleiben den meiſten Menſchen die nächſten. Denn t da wir mehr zum Handeln als zum Forſchen beſtimmt ſcheinen ſo iſt uns die abſolute Herrſchaft des Glaubens entſprechender, als die conſtitutionelle des Denkens, von „ welcher unſere handelnden Kräfte mit in Anſpruch genom⸗ —— 280 men werden, während der Glaube dieſe Kräfte ganz frei gibt. Sie wiſſen ja, Herr Graf,— ich war auch einſt ein Schwärmer; aber wie ſehr ich's geweſen bin, welchen hohen Grad ich erſtiegen hatte, das konnten, weil ich es zu verbergen für Pflicht hielt, nur wenig Menſchen wiſ ſen. Ich habe Alles geglaubt. Was ich je von enei dungskraft hatte, ſpielte immer in ſanften, roſenfarbenen Bildern; mit Liebe und Hoffnung, mit zarten Gefühlen konnte man mich locken, wohin man wollte. Meinem Verſtand ſchmeichelte es, Wahrheit zu erkennen, und mei⸗ nem Herzen, ſie da zu finden, wo ich ſie ſo gern ſuchte. Aber nach allen Zweifeln und Kämpfen, Dünkel und Demüthigungen meines Geiſtes und Herzens gibt es noch immer viele Dinge, deren Wirklichkeit zu glauben mir viel Vergnügen macht, ſo wenig dieſe Wirklichteit erwieſen werden kann. Dahin gehört Unſterblichkeit. Meine Ver⸗ nunft geſtattet mir immer noch eine Ideenfolge, bei wel⸗ cher ich ruhig erwarten kann, was die Zukunft erſt ent⸗ hüllen wird. Das Weſen, das durch mich und von mir ward, hat mit meinem Weſen eine nähere Verwandtſchaft, als jedes andere Weſen. So wenig ich im Stande bin, mir die Art meiner Eriſtenz nach dem Tode zu denken, ſo wenig ich begreife, was aus der Seele meines Kindes wird, das uns heut vorausgeeilt iſt: ſo unumſtößlich bleibt mir der Satz, daß es wegen ſeiner Gleichartigkeit mit mir nicht aufhört in einem engeren Verhältniß zu mir zu ſtehen. Der Phantaſie, dem Gefühl, dem Ahnen und Glauben iſt die Unermeßlichkeit überlaſſen Mit dieſem weiten Blick, liebe Thereſe, habe ich die frohe Ausſicht vor mir, an deiner Seite in dem, was wir Menſchen Tu⸗ m frei h einſt velchen ich es wiß inbil tbenen fühlen einem mei uchte und noch viel Reſen wel⸗ tent nmir ſchaft, bin, nken, indes bleibt t nir ir zu und eſen 281 gend nennen, zu wachſen, und von deiner Hand gepflegt, einſt ruhig und gutes Muthes zu entſchlafen. Forſter hatte, bewegt und zärtlich, ihre Hand ergriffen und ſie barg raſch ihr Angeſicht und ihre Erſchütterung in das feuchte Tuch, das vor ihr lag. Ihre Rührung hatte zugleich etwas Aengſtliches,— vielleicht ein Vor⸗ wurf ihres Herzens oder auch eine Ahnung, daß dieſe frohe Erwartung ihres George nicht erfüllt werden ſollte! Eine diplomatiſche Stille war zwiſchen die Freunde getreten; nur Franz Karl gab ein Zeichen ſeiner tiefbe wegten Rührung, indem er des Freundes Hand ergriff und drückte. Dieſe Bewegung zog Forſtern aus der Uebermacht des Augenblicks.— Sehen Sie, lieben Freunde, ſagte er lächelnd, das ſind noch Anwandlungen aus jener Herrſchaft des Glaubens. Heiterer nimmt es ſich im Ge⸗ biete des Wirkens und Schaffens aus. Nichts iſt edler, nichts ſo eine ſichere Anzeige von der Gewalt der Tugend über das Herz und auch von der Kraft, die der Schöpfer in manche Seele gelegt hat, zum Wohl der Menſchheit thätig zu ſein, als der Enthuſiasmus für Freiheit und Volksglückſeligkeit, die der Jüngling zumal am lebhafteſten fühlt. Gleichwol iſt nichts gewöhnlicher, als das Erlauen und Erkalten in einem nur wenig vorgerückten Alter; ſobald man die Hinderniſſe empfunden hat, die eines ſol— chen Patrioten vielfaſſende Ausſichten in einen ſehr engen Wirkungskreis zurückweiſen. Ich kenne hier nur einen Mittelweg. Die Natur knüpfte ein unauflösliches Band zwiſchen unſeren Pflichten und unſerem Intereſſe glücklich zu ſein. Es darf nicht gefragt werden: Können wir Gu⸗ tes ſtiften, können wir Mißbräuche abſtellen, können wir 282 Früchte unſerer Bemühung zur Wohlfahrt des Staats oder der Geſellſchaft, in der wir zu wirken beſtimmt ſind, erleben? Nein, dies Alles hangt nicht von uns, hangt nicht von Menſchen ab: es iſt im Rathe der Götter be⸗ ſchloſſen, und im heiligen undurchdringlichen Dunkel des Schickſals verhüllt. Aber es kann und muß die Frage täglich aufgeworfen werden, ob wir heute thaten, was nach unſerem Gefühl und Verſtande das Beſte ſchien, das Beſte des Staates unter den Umſtänden, worin er, worin wir uns befanden, das Beſte des einzelnen Men⸗ ſchen, mit dem wir beſonders zu thun hatten; denn das Beſte unſeres eigenen Selbſt, welches uns am nächſten angeht, iſt Reſultat dieſer beiden, und folgt unmittelbar daraus. Das Bewußtſein:„Ich that, was ich vermochte“, ſoll es nun einmal ſein, was uns Troſt und Zufrieden⸗ heit in allen Dingen gibt. Nicht ohne Verwunderung nahmen dieſe Diplomaten die edeln Worte auf, womit der Freund aus einem ſo leicht überwältigenden Leide ſich in das Gebiet der öffent⸗ lichen Wohlfahrt erheben konnte. Die Seelenſtärke, die darin lag, flößte diesmal der Selbſtzufriedenheit dieſer Männer eine gewiſſe Scheu ein; ſo daß ſie nicht, wie zuweilen, dieſen Weltbürgerſinn und die politiſche Begei⸗ ſterung Forſter's belächelten. Dies Flüſtern einer innigen Ueberzeugung, dieſer Athemzug einer hohen Seele in den Worten des trauernden Mannes nöthigte ihnen eine ſtille Ehrerbietung ab. Aus zarter Rückſicht auf die niedergebeugte Mutter hielten ſich die Freunde von politiſchen Fragen entfernt; allein Forſter ſelbſt kam auf das Manifeſt zu reden und Stnats int ſind hangt ötter be⸗ unkel des ie Frage en, was te ſchien, wrin er n Men⸗ enn das nichſten mittelbu ochte“ ſrieden vlomaten inen ſo töffent irke, di 1 dieſer ht, wie in den ine ſill Mutter entfemn den und 283 verſprach ſich wenig oder nichts vom Feldzuge der Preußen. Herr von Hinüber war anderer Meinung und ſtützte ſeine guten Erwartungen auf den zerrütteten Zuſtand in Frank⸗ reich.— Warten wir nur ab, verſetzte Forſter, welche Wunder dies Manifeſt, dies mainzer Kind, in Paris be⸗ wirken wird. Es kann die in Parteien zerfallenen Fran— zoſen einig machen. Das iſt ein anderes Volk als wir Deutſchen, die niemals über ihre verdroſſenen Rechthabe— reien hinaus, zu nationaler Geſinnung kommen können, und vielleicht durch lange Schmach und Leiden aus ihrer Sprödigkeit und Zerbröckelung zuſammengeſchmolzen wer— den müſſen. Alle Bande, ſagen Sie, wären in Frank⸗ reich gelöſt? Ja, und ſie müſſen gelöſt ſein, wenn man nicht die alten Feſſeln wieder tragen ſoll. Dem franzöſi⸗ ſchen Hofe iſt es ſchlechterdings nur um ſeinen alten Glanz und Deſpotismus zu thun; nur der ſoll wieder frſt ſtehen, mag alles Andere zu Grunde gehen. Die fremden Mächte mögen Frankreich zerſtückeln, wenn nur das Stück, das dem Hofe bleibt, wieder unter das Joch gebeugt wird. Und ähnliche Generoſität hat man ſich von den vereinten großen Mächten zu erwarten. Man wird ſein Ländertheil ſuchen, man wird Separatfrieden machen, man wird ein⸗ ander, um ſeines Hauſes Vortheil willen, verrathen und verlaſſen. Die Rheinlande werden am erſten büßen müſ⸗ ſen, und haben es ſich auch durch Protection der Emig— rirten zugezogen. Ein unbewachtes Gähnen der erſchöpften Hausfrau mahnte die Freunde an Aufbruch. Sie gingen zuſammen fort, und da es noch früh und ein angenehmer Auguſt⸗ abend war, ſo wandelten ſie die große Bleich hinab ————— * Man ſprach über Forſter, und Herr von Hinüber tadelte des Freundes übertriebene Anſichten in der Politik.— Wir Männer vom Fach, ſagte er, müſſen doch manchmal ſeiner Schwärmerei auf Unkoſten unſerer beſſeren Einſicht etwas zu viel nachſehen. Auf einem Felde, wo Verſtand der Pflug, Einſicht die Ausſaat iſt, auf einem Felde, das wir jahraus jahrein bewirthſchaften, ſpringt er kreuz und quer und läßt ſeine papiernen Drachen ſteigen. Die ſcharfe Mundart, der ſtrenge Ton dieſes ziemlich pedantiſchen Mannes gäben ſeinen Worten etwas Ver⸗ letzendes, was Franz Karl lebhaft empfand; wie er denn mit warmer Jugend an dem älteren Freunde hing.— Und doch, Herr von Hinüber, ſagte er, vergeſſen Sie nicht, wie oft derſelbe Forſter ſchon die Erfahrung und das Urtheil tüchtiger Staatsmänner mit Einblicken und Bemerkungen überraſcht hat, die weiter und tiefer eingrif⸗ fen, als der gewöhnliche Pflug auf dieſem Felde. Nun,— allerdings hat er zuweilen—! erwiderte jener. Aber gerade darum begreife ich nicht, wie ein Mann von ſolider Einſicht doch wieder in die erorbitan⸗ teſten Schwärmereien verfallen kann, oft in wahre Phan⸗ tasmagorie. Verzeihung! rief der Baron. Was uns wie Schwär⸗ merei vorkömmt, was wir ſo nennen, ſcheint mir vielmehr ein reicheres Ergebniß ſeiner menſchlich-freien Stellung. Vielleicht dürfte jeder Diplomat von Fach— gerade ſei⸗ nem Fachwerk ein wenig mißtrauen. Die Maßſtäbe, die in den Aktentaſchen liegen und verderben, können ſehr richtig und nach monarchiſchem Prinzip geaicht ſein: aber für die Rieſenereigniſſe einer neu einbrechenden Zeit, die 2 85 anderen Fuß und Zoll mitbringt, treffen ſie nicht mehr 3 zu. Da hat denn ein Geiſt, wie Forſter, den herrlichen it Vorzug vvraus, neben Einſicht und Erfahrung, die der ginit Mann von Fach mit ſeinem Verſtande ſcharf abſchließt, geſum noch ein tiefes Gemüth zu beſitzen, in welchem neben dem Dr bis Staatenfuß auch die Welt⸗ und Menſchheits-Ruthe be⸗ wahrt wird. Gerade weil er fliegen kann,— nicht papierne Drachen fliegen läßt, ſondern ſelbſt fliegen kann, nimmt er auch leichter wahr, was für Leute des Kabi⸗ reuz und ziemlich nets,— wie ich einer bin, oft⸗noch unter dem Hori⸗ zn zont liegt. 6 Dieſe Bemerkung, obſchon ſie der junge Freund mit z raſcher Artigkeit auf ſich allein bezog, brachte doch etwas Verſtimmendes in den Kreis. Stadion ſuchte es mit 1 heiterer Einrede zu beſeitigen, und ſagte: 2 6 Wir Männer vom Talar, die neben des Papſtes ingi⸗ Pantoffel keinen Pantoffel einer Frau zu küſſen brauchen, haben auch keinen Begriff davon, was Einem ein Kind mint ſein kann,— dem Vater beſonders ein Knabe. Mir iſt nie ain aber Forſter's Geſprächswendung höchſt bedeutſam vorge⸗ 3 orbitmn kommen. Die Seite ſeines Herzens, an die er ſonſt den Phan⸗ Knaben mit allen väterlichen Sorgen und Hoffnungen drückte, ſcheint nun den öffentlichen Angelegenheiten der Schwir Welt zugänglicher geworden. Die Mächte ver Luft er⸗ vielnehr greifen bekanntlich einen Körper, der von ſeiner belebenden tellung Seele verlaſſen worden: ſo packen die Angelegenheiten und 5 de ſi⸗ Gedanken der Zeit gar leicht auch ein edles Herz, das ibe, di durch keine beſondere Pflicht und Liebe gebunden und be⸗ un ſch geiſtert iſt. Verzeihen wir dem Freunde darum auch etwas n chn mehr Schroffheit! Jenes linke Rippenſtück, das ein zar⸗ i tes Kind warm und weich zudeckte, mag nun am Sturm⸗ wetter der Zeit gar leicht rauh und rindig werden. So ſieht es nun Forſter, wie wir von ihm hörten, als Lebensauf⸗ gabe an, ſich täglich zu fragen, ob wir thaten, was unter den gegebenen Umſtänden das Beſte des Staats und der Menſchen ſei. Aber, wie leicht täuſcht ſich ein ſo ſchwär⸗ meriſches Herz über dies Beſte des Tages! Wie wir dieſe revolutionairen Bewegungen anſehen, meine Herren, fürchte ich ſehr,— die ſchmerzlichſten Erfahrungen werden für unſern Freund nicht ausbleiben. Harnier bewunderte in ſeiner artigen Weiſe dieſen Weltblick des Grafen. Und wie er ſeinen Spott ſehr zu verſchärfen pflegte, ſo liebte er auch wieder, ſeine Höflich⸗ keiten dicker aufzutragen, als es Stadion leiden mochte. Dieſen Artigkeiten ausweichend, erhaſchte daher der Kapi— tular einen Witz ſeines etwas bizarren Geſchmacks; indem er lächelnd ſagte: Aber, ich bitte mir aus, meine Freunde, daß Sie mich um meiner ausgeſprochenen Beſorgniſſe willen nicht etwa für eins der heiligen Hühner anſehen, aus deren munte⸗ rem Picken oder kläglichem Gackſen ſich Gutes oder Schlim⸗ mes weiſſagen ließe. Nein, nein, ich bin kein Propheten⸗ huhn für unſern Freund Forſter! Wenn ich mir aber in der jetzigen unſicheren, bedrohlichen Zeit etwas von einem Huhn zu wünſchen hätte, ſo wäre es— ein tüch⸗ tiger Eierſtock engliſcher Banknoten. Der Zapfenſtreich und das Gedränge der Men⸗ ſchen, die denſelben umwogten, ſprengte den Kreis der lachenden Freunde, und Franz Karl war nicht unzufrie⸗ den darüber, ſich hinter den raſſelnden Trommeln her Sturm⸗ von den übrigen getrennt, und in der Dämmerung allein So ſiht zu finden. bendauf as unte———— und der ſchwit⸗ ſi nir Sechzehntes Kapitel. Herten, nwarden Man wußte, daß vor der Wohnung des Generals von e dieſen Pfirdt eine Abendmuſik gebracht werde, und die Menge ſchr zu drängte ſich dahin. Der Kurfürſt ſah nämlich Alles gern, Hiſic⸗ was bei dem bevorſtehenden Ausrücken der mainzer Trup⸗ mochte pen an kriegeriſche Bewegung erinnerte. So ließ er auch 3 Kapi den Generalitäten durch die Hofmuſik Ständchen bringen, inen und da er bei ſeiner kleinen Armee von 3000 Mann, die für den Dienſt in Mainz, Erfurt und in der Veſte Sie nich Königſtein beſtimmt war, zwölf Generäle in der Reſidenz t enn hatte; ſo gewannen die Mainzer jetzt manchen belebten mnt Abend. Da trieb ſich denn in der Dämmerung der langen Schlin⸗ ſchönen Straße das fröhliche Völkchen zuſammen, und hiun ſetzte ſein Necken und Lachen, ſein Singen und Pfeifen ich nir ab. Am gedrängteſten ging es auf dem Platz um den großen Neubrunnen zu, wohin der Abendhimmel mit ſei⸗ ni. nen verblaſſenden Lichtern fiel, während vom Rhein her⸗ in ü auf eine erfriſchende Luft mit den würzigen Gerüchen des Sommerabends fächelte. Franz Karl ſchlenderte den wogenden Schaaren nach, i die mit dem Takte der Trommeln vorwärts drängten, und mnjuft ven empfindſamen Träumer immer weiter zurückließen. nn h 288 Bis er ſie erreichte, waren ſchon die Notenpulte mit Lich⸗ tern im Kreis aufgeſtellt und die Muſik hob an. Es wa⸗ ren Mozart'ſche Akkorde, an denen der Freund bald das Finale aus Don Juan erkannte. Er zog ſich aus der Unruhe und dem Getöſe der Menge etwas zurück, um nichts von dieſen ſüßen Melodien zu verlieren, und ver⸗ ſenkte ſich mit dem reizenden Gemiſch von Luſt und Leid in den Strom dieſer ewigen Muſik, aus dem man immer erquickt und erfriſcht wieder auftaucht. Beſonders tief bewegte ihn dieſe wiederkehrende Melodie der Menuet, wie ſie mit den reinen Kindheitsträumen der Liebe ſpielt, mit dem Liebesernſte des Jünglings ſich erhebt und immer trunkener aufjauchzet, bis mitten in dieſe ſüße Verwirrung kindlicher Erinnerung und jugendlichen Verlangens der Angſtſchrei der entführten ländlichen Braut fällt; da denn auf einmal dieſe ſüßen Melodien gerinnen, ſich verwirren, wild und wilder aufwirbeln und in ihrem Sturm die beängſtigende Rache verhöhnter Liebe, verlachter Treue und blutigen Uebermuthes herbeiführen. Franz Karl war unausſprechlich ergriffen. So manche Saite ſeines Herzens bebte noch aus den letzten Tagen nach, und dieſe Töne, den Erinnerungen, der Sehnſucht und den Beſorgniſſen ſeiner Seele ſo verwandt, rauſchten hindurch. Wunderſame Ahnungen, bald erhebend, bald betrübend, zogen durch ſein Herz; wie bei Sturm Son⸗ nenblicke und Wolkenſchatten raſch wechſelnd vorübereilen. Er athmete tief, und dieſe Wirbellüftchen, die von den hervorbrechenden Sternen zu kommen ſchienen, thaten ſei⸗ ner heißen Bruſt wohl. Als die Muſik ſchwieg, blieb in ſeinem Herzen die wunderbarſte Erhebung zurück, als ob nit Lich⸗ Es wa⸗ bald das aus der ick, um und ver⸗ und Leid n immer ders tief uet, wir elt, mit imner rwirrung ens der da denn witren, um die reue und o manche n Tugen chnſucht mſitn nd, bald m Syn⸗ übereilen von den aten ſi— blieb in 289 gute Geiſter ihm die ſeligſten Verſicherungen zugeflüſtert hätten Ungern ſah er ſich dabei von einem nachbarlichen Mit— zuhörer angetreten, der ihm mit bekannter Stimme einen höflichen Gutenabend bot. Er erkannte den Arzt Wede⸗ kind, der ſich die Erlaubniß nehmen wollte, den Herrn Baron an den Ingenieur-Major Eickemeyer zu erinnern, deſſen dankbare Geſinnung er ihm auszudrücken habe— Der arme Soldat, ſagte er, kann zwar mit ſeiner theuern Freundin nicht zum Ziel einer eingeſegneten Verbindung kommen; aber er hat gehört, wie ſehr Sie ſich deshalb für ihn verwendet, und iſt Ihnen dankbar ergeben Franz Karl lehnte den Dank kurz ab, und Wedekind, das Geſpräch fortzuſpinnen, brachte es auf den herrlichen Abend Die Muſik hat mir ihn nur ein wenig verderbt, ſagte er. Dieſe köſtliche Muſik? rief der Baron verwundert. Ich ſollte denken, dieſe Melodien ſtimmten gerade zu einem Auguſtabend, da die Sommerluſt ihren Höhepunkt erreicht hat, und die ſchönen Erinnerungen an Lenz und Blütenzeit mit dem derberen Genuß der reifenden Frucht abzuwelken beginnen. Sie haben für ſich ganz Recht, mein Herr Baron! verſetzte der Arzt. Warum kommen aber mir nicht auch ſolche Raturbetrachtungen? Die Politik verderbt Einem jetzt allen Genuß. Mir ſchien dieſe Muſik unſern politi⸗ ſchen Sommer auszuſpielen Dieſe ſchmeichelnden Melo⸗ dien erinnerten mich an die weichliche mainzer Herrlichkeit üppigen Genuſſes, ſchalkhafter Intriguen, verſtohlner Liebe, verbunden mit gravitätiſcher Vornehmigkeit; kurz, es war die Menuet eines geiſtlich-weltlichen Hof mit frommen Geberden und lüſternen Verſuchen, mit abwechſelnden An⸗ Koenig, Clubiſten in Mainz. I 19 290 dachts⸗ und Liebesblicken. Nun, wie man Zerlinens Auf⸗ ſchrei bei Don Juan's frechem Angriffe hört, dachte ich an die bedrohte bräutliche Volksfreiheit und an den jüngſt hier in Mainz gegen Frankreich beſchloſſenen Angriff der hohen Ariſtokratie. Und iſt zuletzt hinter all' dieſem her nicht ein entſetzlicher Wirrwarr der Volkswuth in Paris, der wilden Bewaffnung, der blutigen Rache zu befürchten, ein Ausbruch, der ſich dem tollen Angriff des bewaffneten Manifeſtes entgegen über das Rheinland, vielleicht über Deutſchland wälzen, und Freund und Feind, Nahe⸗ und Fernſtehende in ſeine tobenden Flammen mit ſich reißen könnte? Sagen Sie ſelbſt, ſind das nicht ſehr ſtörende Imaginationen bei ſolcher Muſik? Dieſe Betrachtung, zumal aus dem Munde eines dem heimlichen Club angehörigen Mannes, verſtimmte den jun⸗ gen Freund und er ſchwieg. Die Muſik, wie ſie bei ſol⸗ chen Gelegenheiten gewöhnlich ein Stück durch das andere zerſtört, fing jetzt einen Walzer an, und Franz Karl wendete ſich zu gehen. Aber Wedekind verließ ihn nicht, und vertraute ihm, daß er eigentlich noch eine andere, eine patriotiſche Ver⸗ legenheit ſeines Freundes Eickemeyer auf dem Herzen habe. — Der geiſtliche Rath Garzweiler, ſagte er, ſucht ſeit Kurzem den Ingenieur fleißig auf, wie er ſich denn auch an andere Männer anklemmt, die man, ich weiß es, Clu⸗ biſten nennt, die aber richtiger Volks⸗ oder Vaterlands⸗ freunde heißen ſollten. Und was will Garzweiler vom Ingenieur? fragte der Baron. Notizen den über Zuſtand der Feſtung, war Wede⸗ kinds Antwort. Er brauche ſolche, wie er ſagt, zur Ein⸗ ens Auf⸗ te ich an n jüngſt ngrif der ieſen her n Paris, efürchten, waffneten icht über che⸗ und ch rißen ſtörende nes den den jun⸗ bei ſol⸗ us andere lwendele vertraute en habe ſucht ſit enn auch Clu ner lands ragte de Wede j G 294 ſicht über unſere Lage; da er von Sr kurfürſtlichen Gna den den Auftrag habe, Predigten an das Volk zur Beruhigung über die Zeit und Zukunft zu halten. Doch, mein geehrter Herr Baron, das ſoll der ſchlaue Pfaff ei⸗ nem Narren weismachen, daß man zu Predigten Feſtungs⸗ riſſe nöthig habe. So hat er auch mich um die Adreſſe des Herrn von Villars angegangen, der, wie Sie wiſſen, bei Ankunft der Monarchen vom Kanzler Albini ausge⸗ wieſen wurde, und obgleich er krank war, Mainz auf den Stutz verlaſſen mußte. Ich bin ihm nämlich noch jetzt mit Rath und Recepten bedient. Ferner weiß ich, daß Garzweiler ſich mit dem Profeſſor Dorſch in Straßburg in Correſpondenz geſetzt hat. Sie kennen ja jenen heitern, freiſinnigen Geiſtlichen, den herrlichen philoſophiſchen Kopf, den die Pfaffen von hier vertrieben haben, weil er der kantiſchen Philoſophie anhing. Nun wendet ſich Garzwei⸗ ler an dieſen Mann! Was bedeutet das? Da frage ich Sie, mein Herr Baron: was will der Schlaukopf mit allem dem? Er ließ gegen mich den tollen Gedanken fallen, Mainz, dies Hauptbollwerk, müſſe ſtürzen; nur von einem ſolchen entſetzlichen Krach könne das ſchläfrige, duſelige Deutſchland erwachen, nur von ſolcher Gefahr der Familien⸗Egoismus der elenden deutſchen Fürſten erſchüt⸗ tert werden. Sie können denken, daß wir ihm nicht trauen, und ich bin blos auf ſeine Predigten begierig, die er vom nächſten Freitag an halten wird, und die ihn mit ſich ſelbſt in Widerſpruch verwickeln müſſen. Nun ſagen Sie mir, was ſoll man von dem verſchlagenen Manne denken? Dem jungen Freunde ſchien dieſe Frage, wenn nicht 19* — ——— —— 2 ————— —— ———— ———— 292 verfänglich, doch ungehörig. Und da Wedekind überhaupt ſein Mann nicht war, mit dem er ſich näher einlaſſen mochte; ſo erwiderte er kurz: Ich verſtehe Sie eigentlich nicht, Herr Hofrath! Als „Vaterlandsfreund“ haben Sie ja nichts zu beſorgen, wenn Sie etwa glauben, der Schalk wolle Sie ausfor⸗ ſchen; er wird dann nur Rechtſchaffenes von Ihnen zu hören bekommen. Vom Hof iſt Garzweiler allerdings entfernt; vielleicht ſucht er aber hinter der Kanzel der Je⸗ ſuitenkirche die alte Wendeltreppe zum Vorzimmer des Fürſten, die er im Schloß verloren hat. Sehen Sie zu, was Sie mit ihm anfangen! Ich weiß für meinen Theil, was ich von ihm zu halten habe. Mit dieſem ablehnenden Stolz empfahl ſich Franz Karl. Dennoch hatte er dieſe Mittheilung nicht ſo weit von ſich geworfen, daß ſie nicht ſein Nachdenken beſchäf⸗ tigt hätte. Angenehmeres trat glücklicherweiſe ſchnell da⸗ zwiſchen. So übergab ihm der Kammerdiener ein verſie⸗ geltes Packet, das eben war überbracht worden, und die geſchriebene Sammlung von Fides enthüllte ſich aus dem Umſchlag. Anmuthiger konnte ein ſo bewegter Abend nicht ſchließen! Die ſaubern, zierlich beſchriebenen Blätter, zwiſchen denen er ſo manche von ſeiner eigenen Hand⸗ ſchrift, und jedesmal in ſinniger Verbindung mit den übrigen, eingeſchaltet fand,— welche Erinnerungen er⸗ weckten ſie nicht in ſeinem Herzen! Mit dieſen Empfin⸗ dungen vermiſchten ſich die ſüßen Melodien der Menuet, die er noch ſpät am Fenſter ſtehend, und als er ſchon ſeine Wachskerzen gelöſcht hatte, von huſtigen Nachtſchwärmern über die Straße trällern und pfeifen hörte. berhaupt einlaſſen ſorgen, ausfor⸗ hnen zu llerdings der Je⸗ ſer des Sie zu, n Theil Franz o weit beſchif⸗ nell da⸗ nverie⸗ und die us den Abend Blätter, Hand⸗ nit den igen er Enpfü⸗ Menu als er luſtigen en bön Siebzehntes Kapitel. Der frühe Tagesſchimmer weckte unſern jungen Freund wieder zu denſelben lieben Blättern. Er holte jetzt die ſchöne Saffianmappe herbei, die ſich oben und unten mit weißatlaſſenen Fächerfalten und vorn mit einem goldenen Haken ſchloß. Wie kindlich freute er ſich, als er die Blät⸗ ter hineinprobirte, der artigen Unterkunft einer ſo ſinnigen Auswahl von Liedern, Fabeln, Denkſprüchen und der⸗ gleichen! Er beſann ſich, daß er noch manche ähnliche Blätter mit Auszügen auf dem rheingauer Gut liegen habe, die er nächſtens mitbringen und der Sammlung beifügen könne. Noch jüngſt hatte er aus den neueſten Bruchſtücken von Gvoethe's Fauſt ſelbſt einige Bruchſtücke genommen,— Stellen, bei denen er, durch Fauſt's Gret⸗ chen lebhaft erinnert, an Fides gedacht hatte. Er fand nichts Unrechtes dabei, der geliebten Freundin von Dich⸗ terlippen ausſprechen zu laſſen, was er als bürgerlich rechtſchaffener Bräutigam einer Comteſſe ſich ſelbſt nicht erlaubt hätte. Und doch wünſchte er im Stillen, Fides, wenn ſie dieſe Worte läſe, möchte ſeiner dabei gedenken, ſich gerührt fühlen und empfinden, daß er auch ihrer da⸗ bei gedacht habe. So glücklich iſt das menſchliche Herz, daß ihm zwi⸗ ſchen den abgeſteinten Feldern, unter den ſorgfältig ange⸗ bauten Küchengewächſen des bürgerlichen Lebens noch —— —— ————————— — — 294 manche blaſſe Täuſchung duftet,— Unkraut in den Augen des verſtändigen Hauswirthes, worin aber die verirrte Biene der Liebe ihren Honig findet. In ſolcher träumeriſchen Beſchäftigung überraſchte den jungen Freund, nachdem er zu den Conferenzen im Schloſſe noch nicht wieder eingeladen und zu einer Au⸗ dienz nicht angenommen worden, ein mit dem großen Hofkanzlei⸗ Siegel geſchloſſenes Couvert, aus welchem ein fürſtliches Reſcript hervorging, das den jungen Baron als wirklichen Regierungsrath vom erſten Oktober an nach Erfurt verſetzte. Franz Karl dachte ſogleich an die Gräfin Coudenhove, und der trotzige Stolz, den er über ihre Rache empfand, hob ihn raſch über den erſten verdrieß⸗ lichen Eindruck ſeiner Verſetzung hinaus. Doch beim Anblick der rothen Mappe überkam ihn, mit der Erinne⸗ rung an Fides, eine Betrübniß Mainz zu verlaſſen. Er dachte daran, was er ſchon früher zu ſeiner Ueberſiedelung nach Franken beſchloſſen, jetzt gleich zu thun und ſeinen Abſchied zu fodern; aber dies hatte nach ruhiger Ueber⸗ legung auch wieder Vieles gegen ſich,— Rückſichten auf die Verhältniſſe und ſelbſt auf die Vorurtheile ſeiner Mutter, Vorſchriften ſeines ſeligen Vaters und vor Allem ſeine eigenen Begriffe von der Dienſtpflicht gegen den Fürſten und vom Beruf eines unabhängigen Mannes, zwiſchen den Intereſſen des Volkes und der Fürſtengewalt eine ausgleichende Stellung einzunehmen. Er konnte ſich nicht entſcheiden, und glücklicherweiſe war ihm auch dazu eine geraume Friſt gegönnt. Er eilte zu ſeiner Mutter, ihr die unangenehme Neuigkeit beizubringen und ihre Mei⸗ nung zu hören ſchte den nzen im ner Al⸗ großen che ein Baron an nach eGrifin ber ihre erdrieß⸗ h beim Erinne⸗ en. Et ſiedelung d ſeinen rUeber⸗ ten auf ſe ſeiner MAllem en den Mannt, engewal me ſih uch dazl Mutte, re Mii⸗ 295 Die Baronin war ſchon unterrichtet und eher aufge⸗ räumt, als niedergeſchlagen. Sie hatte vorhin die Com⸗ teſſe Joſephine geſprochen, die ihr viel Beruhigendes und Artiges beigebracht zu haben ſchien.— Du ſiehſt ſchon an dem hinausgeſchobenen Termine, wie's gemeint iſt, mein Sohn! bemerkte ſie mit geheimnißvollem Lächeln. Es iſt etwas von der Laune des alten Herrn und von der Schlauheit der Generalin dabei. Deine Unentſchloſ⸗ ſenheit, lieber Franz Karl, hat die Gräfin auf das Mit⸗ tel gebracht. Weißt du, wie man eben mit dir verfährt, mein Sohn? Wie's die Bürgerknaben ihren Maikäfern machen, die ſie am Zwirnsfaden halten. Ich habe ihnen manchmal vom Fenſter zugeſehen: ſie ſingen dem Maikä⸗ fer etwas ganz Vergnügliches vor, in Erwartung, daß er fliegen ſoll; wenn er aber doch nicht au iegen will, ſo vrücken ſie ihm ein wenig auf die Gabelfüßchen. Gerade ſo bringt man dich unentſchloſſenen Bräutigam nach Er furt auf die Füße, und ſingt dir: Flieg', Käfer, flieg'“! Wie freuet es mich, verehrte Mutter, Sie ſo wohl aufgelegt zu finden! erwiderte Franz Karl mit erzwunge nem Lächeln. Dann haſt du ja auch gewünſcht von Mainz wegzu kommen, fuhr die Baronin ernſter fort, was ich ſehr miß billige, Franz Karl, zumal du mir vorher keine Sylbe davon geſagt haſt. Nun will man dir vielleicht durch dieſe Verſetzung den Willen in einer Weiſe thun, daß man dich doch zur rechten Zeit wieder zurückberufen kann. Dies habe ich mir wenigſtens bei der Comteſſe ausgebeten. Mit dieſer Beruhigung ſeiner Mutter war der junge Baron ſehr zufrieden, ohne damit einverſtanden oder ſelbſt ———— ———————— beruhigt zu ſein. Vielmehr hielt er an der Vorausſetzung feſt, daß es mit ſeiner Entfernung von Mainz doch an⸗ ders, mehr oder weniger feindſelig, gemeint ſei. Welche Liſt oder Abſicht darunter verborgen liege, war nicht gleich zu errathen; doch fiel ihm jetzt eines auf, was er gehört hatte, daß nämlich, ſeit ihm der Gräfin Haus verboten war, ein ſonſt nur bei beſonderen Anläſſen dort geſehener Mann jetzt faſt täglich und in den vertrauteſten Stunden Beſuche mache. Ein unter dem Namen Meyenfeld nach Mainz gekommener Ungar, von dem vorigen Kaiſer und am wiener Hof wohl gelitten, aber— wie man glaubte — ſeiner Vorliebe für die franzöſiſche Revolution wegen von dort verbannt, lebte ſchon einige Zeit hier; ein Mann von myſteriöſer Herkunft, an dem man aber die beſte Erziehung bemerkte, ein Meiſter in feinem Anſtand, nur vielleicht etwas umſtändlich und ſcharf gemeſſen in ſeinem Vetragen, womit er aber viel Wohlwollen und einen ge⸗ wiſſenhaften Charakter verband; ein Hageſtolz, nicht mehr von der jüngſten Sorte, aber von einer Hand, die noch den eigenen Bewerber empfahl, und zugleich in ſo guten 8 Verbindungen ſtand, um für Andere zu freien. Franz Karl beunruhigte ſich nicht über das Räthſel. Er betrachtete Joſephinen als ihm angehörig, und betrug ſich gegen ſie mit der zarteſten Aufmerkſamkeit und mit dem Wohlwollen eines Mannes, der in ſeinen bewußten Abſichten heiter und vornehm erſcheint. Und gerade eine ſolche Begegnung entſprach am meiſten den geſellſchaftli⸗ chen Gewohnheiten und dem Mangel der Comteſſe an Schwung der Seele; wobei ſie ſich am wohlſten empfand, und in angemeſſener Schwebe froh und hingebend erwies. zung och an⸗ Welhe t gleich gehört erboten hener Stunden d nach er und glaubte wegen Nann nur ſeinem nen ge⸗ ſt meht ie noch guter täthſel betrug nd mi wußten de eint npfn erwi In dieſer Lage der Dinge kam eines Morgens For⸗ ſter, eilig und aufgeregt, um den jungen Freund auf den Abend— nicht zu ſich, ſondern zu Sömmering einzula⸗ den, der von ſeiner größeren Reiſe zurückgekehrt, ſeit eini⸗ gen Tagen von Frankfurt herübergekommen war, um ſeine junge Frau in die mainzer Kreiſe einzuführen. Einen berühmten Durchreiſenden zu feiern, hatte der Hofrath ſeine gelehrten Freunde zum Abendbrote gebeten.— Ich habe Sie bei Sömmering angeſagt, rief Forſter eraltirt, er und ſeine herrliche Frau ſind erfreut, Sie bei ſich zu ſehen; aber ich nenne Ihnen den Fremden nicht! Sie errathen ihn auch nicht; aber Sie kennen ihn, Sie ſchwär— men für ihn, Sie beten ihn an. Doch halt! mehr darf ich nicht ſagen. Mit dieſer Vorausſetzung der Unlösbarkeit des Räth⸗ ſels, und da ſich der gelaſſenere Baron auch keinen Rei⸗ ſenden denken konnte, für den er ſchwärme, war ihm Al⸗ les Rathen verleidet. Forſter eilte denn auch fort, ohne ihn auf eine Spur zu bringen. Nur an der Thüre rief er noch einmal zurück: Mein Himmel, wie werden Sie ſich freuen! 6 ₰ Achtzehntes Kapitel. Der berühmte Reiſende war der Erſte, der ſich gegen Abend bei Sömmering einfand, ein ſtattlicher und ſchöner Mann, von etwa 43 Jahren. Ein ſchwarzes Auge voll Glanz und Geiſt leuchtete unter einer hohen, gedankenvol len Stirne, zu welcher Naſe und Kinn in ein edles, faſt antikes Verhältniß traten. Um die feinen Lippen ſchwebte ein anmuthiger Ernſt mit dem Ausdruck von Wohlwollen und Wohlredenheit. Seine Haltung war vornehm und etwas pedantiſch gemeſſen. Im Geſpräche mit dem Haus⸗ wirthe hin- und herwandelnd, hielt er ſich ein wenig ſteif, die Hände über den Rücken gekreuzt, den Kopf hoch ge⸗ wagen und mit kurzen, ſchwebenden Schritten auſtretend. Die junge Frau, noch mit den Vorkehrungen zu einem Mahl beſchäftigt, das dem lebensfrohen Gaſte und der frankfurter Küche Ehre machen ſollte, hatte die beiden Männer einer ernſthaften Unterhaltung überlaſſen.— Wie oft, mein lieber Sömmering,— ſprach eben der Fremde, indem ich Ihre Schriften las, denen ich ſo manche Beleh⸗ rung ſchuldig bin, habe ich Sie glücklich geprieſen, daß Ihr Beruf Sie zur Unterſuchung des thieriſchen Gebäudes führt, und daß es Ihre Pflicht iſt, den Betrachtungen deſſelben Ihr Leben zu widmen. Nur Eins hätte ich wol — gegen ſchönet wollen m und ſteif ohh ge⸗ tretend einem nd der beiden Vi remde Beleh⸗ daß tunge ih w zu erinnern: Sie bringen nämlich Ihren Sachen keinen Vortheil, wenn Sie die Philoſophen mit ins Spiel ziehen. Dieſe Klaſſe verſteht vielleicht mehr als je ihr Handwerk, und treibt es mit Recht abgeſchnitten, ſtreng und uner— bittlich fort: warum ſollten wir Empiriker und Realiſten nicht auch unſeren Kreis kennen, und unſeren Vortheil verſtehen, für uns bleiben und wirken, höchſtens einmal in die Schule horchen, wenn ſie die Kräfte kritiſiren, mit denen wir die Gegenſtände zu ergreifen genöthigt ſind? Eure Excellenz haben Recht! rief Sömmering, der durch den erfreulichen Beſuch noch mehr als gewöhnlich aufgeregt, mit ſeinen unruhigen Bewegungen beſonders der zuckenden Finger, gegen den gemeſſenen Gaſt ſeltſam abſtach. Wie Sie ſagen! Wir bleiben dann die Mo⸗ narchen des Beſtehenden, und befeſtigen uns nur immer mehr gegen die Philoſophen, dieſe Revolutionaire und Sanscülotten des Gedankens. Vortrefflich, lieber Söm⸗ mering! lächelte der Andere, und Sömmering fuhr fort: Könnten Sie mir nur manchmal Ihre geniale Feder leihen, mit der Sie ſo klar und anſchaulich darſtellen! Männer, wie ich, ſollten vielleicht gar nicht ſchreiben. Am Ende— warum überhaupt ſchreiben? Warum nicht handelnd und wandelnd lehren, wie die Alten? Nicht doch, mein Hochgeſchätzter! erklärte der Gaſt. Mir ſelbſt ſind gerade Sie zu Troſt und wahrer Ermun⸗ terung im Schreiben mit Ihrer höchſt ſchätzbaren Ent⸗ deckung gekommen. Bedenken Sie doch, daß eben Sie den Menſchen, durch den in ſeinem Schädel nachgewieſenen Hirnſand, als Schreibthier von Gottes Gnaden gleichſam legitimirt haben! . 4 300 Sömmering lachte, die Hände reibend, und Jener fragte nach einer Weile: So wird alſo Forſter herüberkommen? Wie geht es dem wackern Manne? Ich bin ſehr unzufrieden mit ihm, antwortete Söm⸗ mering etwas heſtig. War er mir ſchon früher ein zu lebhafter Sprecher für die Revolution, ſo finde ich ihn nach dieſen Monaten meiner Abweſenheit vollends einge⸗ nommen und enthuſiaſtiſch. Es iſt gar nicht mehr mit ihm zu diſputiren: er wird gleich überſpannt, und doch möchte ich nicht, daß dieſe fatale Revolution mit ſo viel Herrlichem in Frankreich auch noch unſere alte deutſche Freundſchaft zerſtörte. Nein, bei Leibe nicht, lieber Mann! verſetzte der ſtatt⸗ liche Gaſt. Vielmehr müſſen Sie unſerem lieben Forſter zu gut halten, daß er als Weltumſegler ein Kosmopolit und Mann der Bewegung ſein darf. Ihnen aber, mein Beſter, ſteht denn freilich, wie einem braven Naturforſcher, ein mehr beobachtendes und ruhigen Entwicklungen nach⸗ gehendes Verhalten gar wohl an. Und ſo ſoll mir denn heut, an den ſchönen Ufern des Rheins, achtungswerthen Männern beider Parteien der Zeit zu begegnen beſchieden ſein! Zu Mittag war ich nämlich bei dem königlich preußiſchen Reſidenten, dem Herrn Oberjägermeiſter von Stein, der ſich in Haß gegen alles Revolutionaire ge⸗ waltſam auszeichnete. Ich denke aber, dieſen Abend ſoll lieber von politiſchen Dingen gar nicht die Rede ſein! Denn wenn manche Ihrer Gäſte republikaniſche Geſinnun⸗ gen nicht ganz verleugnen mögen: ſo habe ich doch für meine Perſon zu bedenken, daß ich eben im Ge— d Jener geht es e Söm ein zu ich ihn einge ehr mit nd doch ſo viel deutſche r ſtatt Forſter moyolit , min forſchet, n nach⸗ ir den werthen ſchieden önigli ter von ire ge end ſoll e ſein ſinun doh m 6 304 folge meines gnädigſten Herzogs mit einer Armee zu ziehen eile, die gerade dieſen Geſinnungen und ihrer Wirkung ein entſchiedenes Ende machen ſoll. Gott gebe das! rief Sömmering. Denn uns Gelehr⸗ ten ſchlägt die Ruhe beſſer an. Wir brauchen den Frie den zu unſeren Revolutionen. Sonſt wäre Forſter ganz der Mann, ſetzte der Ge heimerath hinzu, um einzuſehen, daß das Lied: Allons enfants de la patrie in keiner Sprache wohlhabenden Leuten anſteht, ſondern blos zu Troſt und Aufmunterung armer Teufel geſchrieben und componirt iſt. Es kömmt mir dies Lied an wohlbeſetzter Tafel eben ſo vor, wie die Deviſe eines Reichen: Pain bis et liberté! Nach und nach fanden ſich die Eingeladenen zuſam men. Auch Forſter mit Thereſen und Franz Karl ſtellten ſich zeitig ein. Wenig fehlte, daß der junge Freund, dem Geheimerath vorgeſtellt, bei dem Namen Goethe ſich in einem Ausrufe der Ueberraſchung verloren hätte.— Eine wechſelnde Unterhaltung, die nur anfangs an der allge meinen Ehrerbietung gegen den Geheimerath etwas zu viel Ballaſt hatte, kam auf, und ward flotter, als die beiden Frauen Forſter und Sömmering einige der zu ſchweren Rückſichten über Bord warfen und mit munterer Laune und geiſtreichen Neckereien den artigen Dichter außer Gra— vität und in ſeine liebenswürdige Stimmung verſetzten. Frau Eliſabeth zumal, die freimüthige Frankfurterin, traf den eigentlichen Redeton, worin auch Goethe ſich gern gehen ließ. Sie kannte Gvethe's Mutter genauer, und wußte kleine Vorfälle aus den letzten Monaten und glück liche Worte der Frau Rath drollig genug vorzubringen Frankfurter Geſchichtchen und manche in dieſem Kreiſe wohlverſtandene Anſpielungen erregten Luſt und Lachen, ſo daß es bald laut genug zuging. Ich hab' es einige Tage wieder recht durchgenoſſen, ſagte Goethe, und war daheim wieder einmal der Hät⸗ ſchelbube der guten Mutter. Freilich! Gegen mein müt⸗ terlich Haus, Bett, Küche und Keller wird Zelt und Mar⸗ ketenderei übel abſtechen; beſonders da mir weder am Tode der ariſtokratiſchen noch der demokratiſchen Sünder im Mindeſten etwas gelegen iſt. Dies letzte Wort des vergeſſenen Dichters ſchlug zün⸗ dend in Forſter's Bruſt. Doch nahm er ſich zuſammen, und ſagte blos mit erzwungenem Scherze: Ich ſehe, die Poeſie, die ungewohnterweiſe im Dienſte der Politik einen Feldzug macht, hält ſich bis jetzt noch ſehr neutral; wie ſich auch Pfalzbaiern und Würtemberg erklärt haben. Eigentlich mache ich dieſe Campagne nicht als Poet mit, verſetzte Goethe unter verlegenem Lächeln. Der Dich⸗ ter hat ſich vielmehr den Welthändeln entfernt zu halten Die wahre Poeſie kündigt ſich dadurch an, daß ſie, als ein weltliches Evangelium, durch innere Heiterkeit, durch äußeres Behagen uns von den irdiſchen Laſten zu befreien weiß, die auf uns drücken. Wie ein Luftballon hebt ſie uns mit dem Ballaſt, der uns anhangt, in höhere Regionen, und läßt die verwirrten Irrgänge der Erde in Vogelperſpective entwickelt vor uns daliegen.— Da ich aber doch einmal in ein fremdes Land auszurücken veranlaßt bin: ſo betrachte ich mich als Naturforſcher, und hoffe denn auch für die Farbenlehre, die mich derzeit beſchäftigt, Gelegenheit zu guten Beobachtungen zu finden. 1 Kreiſe Luhen genoſſn et Hit⸗ in müt⸗ d Mar⸗ der am Sünder ug zün ammen he, die k einen al; wie en s Pwe e Dich⸗ halten ſi, als dur befrein hebt ſe höhere er Erde ücken ſorſtn h der finden 303 Das werden Sie! rief Forſter, etwas geſpannt. Aber, bei Gott! Herr Geheimerath, Sie ſind ein Mann, der ſeine Zeit begreift und zu benutzen weiß. Bringt da kaum die Revolution das Tricolor auf, ſo eilen Sie hin, um Ihre Beobachtungen zu machen und gewinnen gleich drei friſche Farben, nachdem freilich das bourboniſche Weiß ziemlich ſchmutzig geworden war. Die augenblickliche Verlegenheit war durch Goethe's herzliches Lachen ſchnell gehoben. Um aber den Gegen⸗ ſtand zu entfernen, fragte der Dichter nach Heinſe: Was macht denn der Ardinghello-Poet, lieber Forſter? Ihr ſeid doch wohl befreundete Leute? O der Heinſe thut ſich trefflich bene! antwortete For⸗ ſter. So gern ich ihn lieb hätte, ſo unmöglich macht er mir's, an ihn zu kommen. Das Futteral, das er anhat, iſt nicht von Holz, ſondern von Leder, und das zieh' ihm der Teufel ab. Auch fürchte ich, das Leder hat ſich mit ſeiner eigenen Subſtanz ziemlich identificirt. In der That, ſein Egoismus iſt bewundernswerth! Es iſt zum Erſtaunen, bemerkte Goethe, was dieſer Autor in ſeinem Roman für ſtarke Sachen gegen Fürſten⸗ Deſpotismus und dergleichen ausgeſprochen hat,— er, ein fürſtlicher Bibliothekar! Was ſagt denn nur der Kurfürſt dazu? Was dazu, weiß ich nicht, antwortete Forſter, aber in Bezug auf ſo manche lüſterne und üppige Stellen ſoll er ihm, mit einem anſehnlichen Geldgeſchenke, geſagt ha⸗ ben Sie haben Sauereien geſchrieben, Heinſe, aber recht ſchön, recht artig! So zerſtreuete ſich das Geſpräch der Gäſte von 304 Gegenſtand zu Gegenſtand, bis es an der Abendtafel die rechte Uebereinſtimmung mit ihrer Beſchäftigung ge⸗ wann. Das Mahl war nach frankfurter Küche üppig und köſtlich und von erleſenen Weinen begleitet. Goethe blieb in der Schätzung deſſelben nicht zurück; die eigentliche Weihe des Genuſſes ging aber von Forſter aus. Da er ſeiner Geſundheit halben wenig und mit Auswahl aß, und von einem Glaſe Wein leicht gehoben war, ſo erſchien er bei Tiſche gewöhnlich zum Sprechen aufgelegt, und ließ ſich jetzt heiter und finnreich über die hohe Bedeutung einer feinen Küche aus.— Die Küche, ſagte er, mit ih⸗ rem zahlreichen Gefolge von Leckereien iſt eine Beherrſche⸗ rin der Kultur. Ihr iſt es gelungen, die Natur zur Dienerin und Lieferantin zu machen, um den Geiſt des Menſchen zu erheben. Betrachten wir nur gleich die menſchliche Zunge in ihrer doppelten Bedeutung als Schmeck- und Sprechorgan: erblicken wir nicht in dieſem einen Gliede die menſchliche Fähigkeit ſich zu vervollkomm⸗ nen weſentlich beſchloſſen? Die Zunge iſt die Vermittle⸗ rin unſeres körperlichen Beſtehens und unſerer geiſtigen Entwicklung. Genüſſe und Gedanken begegnen ſich auf einer ſo ſchmalen Brücke zwiſchen ſinnlicher und überſinn⸗ licher Welt, um ſich leichter zu verſtändigen. Eben ſo auffallend aber ſind auch für den Nachdenkenden die Wir⸗ kungen jener feinen Uebereinſtimmung zwiſchen den Werk⸗ zeugen des Verſtandes und der Verdauung. Welcher Phyſiolog dürfte ſich vermeſſen darzuthun, daß der Helden⸗ muth des großen Fritz, ſeine unermüdete Thätigkeit, der Adlerblick ſeines Verſtandes und die Blitze ſeines Geiſtes von der übermäßigen Eßluſt ſeines Magens ganz unabhängig 9 ufil die ng ge ig und he blieh genliche Da er ahl a, erſchien nd ließ deutung mit ih errſche tur zur ndieſem ltomm emittle⸗ geiſigen ſich uf berſinn⸗ Fben ſo ie Wir Wut⸗ Velhhe Helden⸗ ſtes bhingi 305 geweſen? Auch wird kein Sachkundiger läugnen wollen, daß die Stimmung unſerer Gefühle großentheils von der vermehrten oder geringeren Reizbarkeit der Nerven des Unterleibs abhängt. Und wenn es wahr iſt, daß die ſanfteren Regungen des Mitgefühls, der Theilnahme an Anderen, der Begeiſterung für das Wohl der Menſchheit ſich noch nie bei einem Straußenmagen befanden, ſondern allemal ein ſchwächeres Verdauungs⸗Syſtem vorausſetzen wie glücklich war es dann nicht für König Friedrich's Unterthanen, daß Polenta und Nudelpaſtete ihm beſſer ſchmeckten, als bekamen! Mit lächelnder Feierlichkeit verſetzte Goethe Der Freund weiht uns da in einen myſtiſchen Dienſt ein, zu dem wir uns gar gern bekennen mögen. Iſt es doch eine Andacht, die ſelbſt Denjenigen, dem der rechte Glauben fehlen ſollte, durch ihre guten und köſtlichen Werke beſeligen kann. Ich kann mich auf die Geſchichte berufen, eiferte For⸗ ſter Wie Alles im Leben auf Wechſelwirkung beruht, ſo behaupte ich, daß die Verfeinerung der Sinnlichkeit, mithin auch die Leckerei, wie ſie nur bei kultivirten Völkern entſteht, auch ihrerſeits wieder die allgemeine Aufklärung befördern muß. Die dummſten Völker näh ren ſich auf die allereinfachſte Art; die Lebensart der klügſten iſt am meiſten zuſammengeſetzt. Wo gibt's rohere Menſchen, als die blos fleiſcheſſenden Hirtenvölker im öſt lichen Aſien, wo ſchwächere, als die Indier, die großen⸗ theils nur von Reis leben? Wie ſticht dagegen ſelbſt unſer handfeſte und verſtändige europäiſche Bauer ab, der bei gemiſchter Diät beide Indien in Contributipn Koenig, Clubiſten in Mainz. I1 20 ——— 306 ſetzt, um zu ſeinem Hirſebrei Zucker und Zimmet zu ge nießen! Vollends wir ſelbſt, ſcherzte Gvethe, die wir eben in ſo ſinnlicher und myſteriöſer Verbindung mit der Küche eines europäiſchen Naturforſchers ſtehen. Wohlan! ver⸗ ſchmähen wir bei Leibe nichts von dieſen ſegenbaren Lecker⸗ biſſen, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß die erſten Wirkun gen nicht gerade geheimnißvoll ausfallen. Man lachte und neckte Forſtern damit, daß am Ende auch zwiſchen ſeiner Weisheit und einer Indigeſtion ein gewiſſes Einverſtändniß beſtehen möchte. Doch blieb der Gegenſtand noch immer anregend für die luſtigen Ta⸗ felgenoſſen. Einer erinnerte daran, daß nicht ohne Bedeutung die nahrhafteſten Speiſen auch die geſchmack⸗ loſeſten ſeien, und daher länger genoſſen werden könnten Ein Anderer meinte, das Geheimniß eines geiſtigen Ein fluſſes körperlicher Genüſſe müſſe ſich doch begreifen und löſen laſſen; worauf Forſter eine Erklärung ſchon darin fand, daß die Eigenſchaften der Speiſen auch die Be ſchaffenheit der Säfte verändern und folglich auf die ganze menſchliche Organiſation weſentlichen Einfluß haben müß⸗ ten. Beim Deſſert forſchte man der eigentlichen Seele des Wohlgeſchmacks nach, und Baron Franz Karl glaubte ſie im Süßen und Würzhaften zu finden, dieſen Geſchen⸗ ken der Sonne in heißen Klimaten. Ja, ja! rief Forſter. Es iſt eine Poeſie aus Son⸗ nenlicht und Aetherfeuer gewebt; es iſt Licht und Feuer ſtoff, zu Körpern verdichtet, was unſere Zunge in der Süßigkeit und im Oel der Gewächſe genießt; denn des letzteren Entzündbarkeit und Verflüchtigung ſcheint das et zu ge r eben in der Küch lan! ver⸗ ren Lckr⸗ Wirfun am Ende ſtion ein blieh der igen Te⸗ cht ohne ſchmac könnten igen Ein teifen und hon darin die Be die ganzt ten miß en Stele gubn ſchen Son aus nd Funt 9 e in der denn do heint du Daſein jener Urweſen anzudeuten; ſo wie im Zucker ſelbſt, wenn man zwei Stücke aneinander reibt, ein Phosphor ſchein das innewohnende Licht verräth. Welch ein ſchönes Vorbild, rief Franz Karl, für die Kämpfe und Reibungen in Staat und Kirche, daß Liebe und Muth für Recht und Wahrheit, wenn ſie hart an⸗ einander gerathen, das Urlicht der Welt erwecken, das in den dunkeln Zuſtänden des Lebens gebunden liegt! Nur, daß Wuth und Waffen der Parteien und Völker keine Zuckerſtücke ſind! meinte Frau Sömmering. Und ſich nur in Blut löſen, ſtatt in heißem Thee, ſetzte Frau Thereſe hinzu. Wir wollen uns dergleichen trübſelige Betrachtungen, von denen die Zeit ſchon überfüllt iſt, lieber entfernt hal ten! mahnte Goethe, und Jeden glücklich preiſen, der ſich heutzutage von der politiſchen Stimmung aller Menſchen in einen Kreis zurückziehen darf, in welchen außer Liebe und Freundſchaft, Kunſt und Wiſſenſchaft nichts herein kann. Den hohen Weltbeherrſchern und auch unſeren kleinen Fürſten wollen wir aber die lebendige Einſicht in die menſchenfreundliche Politik unſeres lieben Forſter's wün⸗ ſchen, die dahin ſtrebt, die Bornirtheit der Einſichten und die Wildheit der Leidenſchaften unter den Völkern durch eine gute Küche zu beſſern und zu verhindern. Schon hat jener gute König von Frankreich jedem Bauer ein Sonntagshuhn in ſeinen Topf mit Reis gewünſcht. Der war auf dem rechten Wege, wie ich nun einſehe, und ſolche Politik hätte von Frankreich ausgehen ſollen, ſtatt daß Hunger und Schulden dieſe ſchreckliche Revolution herbeigeführt haben 20* ——— 308 Mit dieſen Worten erhob ſich der Dichter, indem er an die ſpäte Nachtſtunde erinnerte. Wie er ſich bei der Hausfrau empfahl, ſagte er ſcherzend Heut müſſen uns die Frauen beſonders günſtig ſein wir haben mit dem Schmeck- und Sprechorgan ihre Ver⸗ dienſte um die Welt doppelt anerkannt, wie ſie es gar ſehr verdienen. Die Freunde begleiteten den verehrten Mann nach ſei⸗ nem Gaſthofe. Es war eine ſchöne Auguſtnacht. Eine köſtliche Luft erquickte die heißen Zecher; und wie man hohe Gäſte mit Leuchtkugeln begrüßt, ſo ſtiegen vor ih⸗ nen am hellen ruhigen Himmel ein paar Sternſchnuppen auf, und ſchoſſen ihren Bogen nach der Höhe des Ste phansberges. Auch ſo ſpät in der Nacht ging es noch lärmend in der Schuſtergaſſe zu, und als unſere Freunde vor die drei Reichskronen kamen, und an das verſchloſſene Thor klopften, eilten vom ſogenannten Brand luſtige Ge ſellen herbei.— Aha! riefen ſie, treffen wir gute Kame raden!— Aber bei näherem Anblick lachten ſie einander aus und entſchuldigten ſich.— Man hat uns zu nacht⸗ wandelnden Zechern gemacht, ſagte Einer. In den Wein⸗ und Wirthshäuſern ſoll nämlich nichts von Politik ge⸗ ſprochen werden: ſo haben wir denn Politiſches geſun⸗ gen. Nun iſt ein neuer Vicedomamtsbefehl ergangen, daß kein Gaſt über zehn Uhr ſitzen ſoll: ſo müſſen wir alſo zechen gehen. Der Kellner öffnete, und da er die Anklopfenden für ſolche Wandergäſte gehalten, war er gleich mit einigen Flaſchen gekommen, die auch raſch in Empfang genom— men und bezahlt wurden. Jeder führte ein großes Glas indem er bei der ſtig ſein ihre Ver es gar nach ſei t Eine wie man vor ih ſchnuppen es noch Freunde ſchloſſene ſtige Ge te Kame einunder zu mhht Vein litit ge geſun ergangen, üſſen wn enden fü it einigen genomn Glas 309 mit ſich; Einer ſchenkte ringsum ein, und ſo ward unſern Freunden auf der Stelle ein Lebehoch gebracht. Sie haben die Welt umſchifft, lieber Forſter, ſprach Goethe; nun lernen Sie doch eine ganz neue Sorte von Nomaden im lieben Vaterlande kennen. Oder ſollen wir ſie lieber Kameelen vergleichen, die in der Wüſte nach ver borgenen Quellen ſchnaufen?— Aber, welch' ein nächtlich Treiben, ihr Freunde, an euerem ſchönen Strom! Ich habe es früher nie ſo lebhaft und aufgeregt in Mainz gefunden. Forſter hielt die ihm zum Abſchied gereichte Hand des Dichters feſt; die freie Luft hatte ſeinen flüchtigen Rauſch — der bewegte Moment ſein Gefühl geſteigert und er ſprach ſehr gehoben: Aufgeregt in Mainz? Auch die Welt war es ſonſt nicht, wie jetzt,— Mann und Poet! Sie ſelbſt,— haben Sie nicht die freie heitere Höhe der Muſen verlaſ⸗ ſen, und ziehen den blutigen Fußſtapfen des Krieges nach? Gebt ein Glas, Bürger, ein volles! Kein Lebewohl dem Dichter, den die Welt kennt und in ſeinen Werken für ewig beſitzt, nein! Wie die erleuchteten Griechen einſt einer unbekannten Gottheit opferten; ſo gelte dies Glas dem Unbekannten, der noch kommen ſoll und beſtrit— ten wird. An des Jahrhunderts Neige ſtehen wir; dies allgemeine Sehnen nach Aenderung der gegenwärtigen Le— bensformen, nach Abhülfe der ſo häufigen Mängel; dies Suchen hierhin und dorthin; dies Auflehnen der Ver⸗ nunft gegen den politiſchen Zwang, dieſer Zwang der Vernunft, der das Gefühl beherrſcht; dieſe Erziehungs Inſtitute zur Bildung vernünftiger Maſchinen; dieſe Con vulſionen des Glaubens an Wunderkräfte außer dem Ge⸗ biete der Vernunft; dieſer Kampf der Aufklärung mit der Kirche; dieſe allgemeine Gährung:— Alles verkündigt einen neuen Lehrer und eine neue Lehre! Das iſt eine gar hohe und erhebende Erwartung, er⸗ widerte Goethe mit feierlichem Ernſte, wobei er den Hut abnahm, indem er ſich etwas tiefer in die Halle des Gaſthofes zurückzog, und ſein dunkles Auge unter der Lichtkerze des Kellners glänzte. Mancher unruhigen und ſuchenden Zeit iſt auch ihr Heiland nicht ausgeblie⸗ ben. Aber, mein ehrlicher Forſter, vergeſſen wir Eines nicht, was in Frankreich und Deutſchland zu bedenken wäre: Alles, was unſern Geiſt befreit, ohne uns die Herrſchaft über uns ſelbſt zu geben, iſt ver⸗ derblich! Hiermit leben Sie wohl! Die drei Reichskronen hatten ſich hinter Gvethe ge⸗ ſchloſſen; die andern Freunde waren vorausgeeilt, als die luſtigen Bürger Forſtern ein Lebehoch brachten; nur Franz Karl blieb an ſeiner Seite ſtehen, faßte den exaltirten Freund unterm Arme, und führte ihn mit ſich in raſchen Schritten fort. den Ge mit der etkündigt ung er⸗ den Hut alle des ter der gen und eblie⸗ r Eines n wirt ns die t ver⸗ eche ge⸗ „als dir ur Franz eraltirten n raſchen Neunzehntes Kapitel. Dirſer durch Genuß und Gedanken ſo belebte Abend ließ bei Forſtern Stoff zu mancher Betrachtung zurück; wobei doch ſeine Stimmung hoch und heiter blieb. Goethe war ihm um Vieles lieber geworden; ſo ſehr es ihn anfangs verdutzt hatte, daß der herrliche Mann bei jedem politi⸗ ſchen Worte ſich von der Zeitbewegung abzuwenden ſtrebte. — Der Dichter wird eben vom Ewigen bewegt, ſagte er ſich jetzt; wie jener alte Prophet verhüllt er beim Unge⸗ witter ſein Haupt, läßt Blitz, Donner und Sturm vor⸗ überziehen, bis ein ſegnendes Lüftchen ſäuſelt, worin er die echte Gottheit erkennt. Iſt es nicht ein hoher Inſtinkt des wahren Dichters, da er ſich berufen fühlt, den rein⸗ ſten Nektar des Schönen und Wahren einzuſchenken und der Menſchen verworrene Seele zu reinigen, daß er es verſchmäht, die dumpfe Kelter der Zeit zu bedienen und vom berauſchenden Moſt zu ſchöpfen? Je mehr er ſich hierüber klar machte und mit There⸗ ſen beſprach, deſto mehr verlangte es ihn zu wiſſen, wel⸗ chen Eindruck der hohe Mann bei dem jungen Varon zu⸗ rückgelaſſen habe, und er eilte eines Nachmittags ihn zu beſuchen. Auf dem Thiermarkt, unter den ſchönen Linden, wan⸗ delten Doctor Wedekind mit Profeſſor Blau, der ſich an dem jungen Neeb führte, ſeinem geiſtlichen Schüler. Sie 342 winkten mit bedeutſamen Mienen Forſtern zu ſich, und Wedekind ließ unter dem Ueberrock einen franzöſiſchen Brief blicken, der über den Eindruck des Manifeſtes in Frankreich berichtete. O ich will Ihnen das vorher ſagen! rief Forſter Dieſe tolle Aufforderung, ſich zu unterwerfen, dieſe wuth⸗ knirſchenden, oder wenn Sie wollen— kindiſchen Dro⸗ hungen können nur das Ungeſtüm der Revolution be⸗ ſchleunigen. Richtig! flüſterte Wedekind. Aber errathen Sie auch, daß die Volksentrüſtung über das Anſinnen des Auslandes ſich jetzt gerade gegen das gekrönte Haupt richtet, wel ches man durch jene Drohungen ſichern wollte? Nun, Doctor?— Am dritten dieſes hat Petion im Namen der Com munen auf Abſetzung des Königs und Berufung eines National-Conventes angetragen. Man ſtrengt alle Kräfte an, den deutſchen Heeren, die raſch vorgerückt ſind, Widerſtand zu leiſten, wirft vor Paris Schanzen auf und wirbt Rekruten zu einer Reſerve, während Kel⸗ lermann zur Bedeckung von Chalons mit 16,000 Mann aus dem Elſaß herauf zieht, um ſich mit Dumouriez zu vereinigen. O gewiß! rief Forſter aufgeregt, das allgemeine Schick⸗ ſal Frankreichs wird bald entſchieden ſein, und dann wird leider! auch das unſerige an die blutige Reihe kommen. Mein heutiger Traum deutet mir auf einen nahen großen Verluſt. Wedekind lachte und der junge Neeb, ein Schwär⸗ mer für Jakobi's Philoſophie, fragte lebhaft: ſch, und nzöſiſchen ifeſtes in Forſter ſe wuth⸗ hen Dro ution be⸗ zie auch, uslandes et, wel Com ng eines ngt alle vorgerüct Schanzen rend Kel⸗ 0 Mann ouriez zu ne Sijit ann wit kommn n groh Schwyr 313 Glauben Sie an Träume, Herr Hofrath? Worauf Forſter halb ernſt, halb ſcherzhaft erwiderte: Dieſe tolle Zeit macht uns, wenn auch nicht abergläubi⸗ ger, als wir Alle mehr oder weniger ſind, ſo doch aber witziger. Ich ſagte Ihnen ſchon einmal, Doetor, daß bei mir der wirkliche Verluſt eines Zahns dem Verluſt ei⸗ nes lieben Angehörigen vorauszugehen pflegt. Wenig⸗ ſtens habe ich es ſchon einigemal erlebt, und letzt galt es meinem Söhnchen. Heut Nacht träumte ich nun den Verluſt meines beſten Vorderzahns, und wenn ich mich auf die Bilderſprache des Traums nicht ganz mißverſtehe, ſo deutet ein geträumter Zahnbruch vielleicht nicht auf einen wirklichen, ſondern auf einen moraliſchen Verluſt. Darauf verſtehe ich mich nicht, verſetzte Wedekind. Aber ich kenne eine junge moraliſche Perſon, die täglich mehr Zähne anſetzt, und von Ihnen mit großem Unrecht vernachläſſigt wird. Ich rede von der Geſellſchaft der Volksfreunde,— von unſerem Club. Hören Sie! Sind Sie ein Patriot? Ich warte nur noch auf den Weisheitszahn eures Club, lächelte Forſter. Hören Sie, Freund! rief Wedekind. Wahrlich! ohne Scherz und ohne Spott geſagt: ſetzen Sie ſich feſt bei uns, und der Club hat ſeinen Weisheitszahn! Forſter drückte dem Doctor für dieſe gute Meinung die Hand und empfahl ſich. Eben öffnete an der Wohnung des Barons ein Die⸗ ner die Hausthüre, und Garzweiler trat heraus.— Wie gerufen, mein verehrter Herr Hofrath! grüßte ihn der Geiſtliche. Die gnädige Baroneſſe hat nach Ihnen ge— ——— — fragt. Der Baron, Ihr Freund, und ſeine gnädige Mut⸗ ter ſind eben ausgegangen, und wollen morgen auf ein paar Tage ins Rheingau. Gehen Sie nur gleich zur Baroneſſe. Laſſen Sie ſich aber nicht abweiſen, die Ba roneſſe ſei krank, und treten Sie gleich ins erſte Zimmer, Ihre Gnaden riefen mir aus dem zweiten Zimmer zu; allein ich hatte Eile. Forſter, obgleich auf Cäciliens Mittheilung geſpannt, trat doch mit beklommenem Herzen in das von Levante⸗ Waſſer durchduftete Gemach. Da ſein abſichtliches Ge⸗ räuſch unbefragt blieb, klopfte er verzagt an die ange⸗ lehnte Seitenthüre, und vernahm Cäciliens Stimme: Wer iſt da? Ich, gnädige Baroneſſe,— Forſter! Ach! mein Gott! rief ſie mit lachendverſchämtem Ton. Ich bin zu Bette,— ich bin unwohl, heißt das— ich war's vorhin; eine Anwandlung von Vapeurs— Ich muß um Verzeihung bitten, meine Gnädige. Der geiſtliche Rath hat mir das verſchwiegen—! Wann darf ich wiederkommen? Müſſen Sie denn fort, lieber Forſter? Ich habe Einiges für Sie— Ja, ich ſehnte mich recht nach Ih⸗ nen. Wie lange waren Sie nicht da! Sie ſind recht rückſichtslos gegen mich,— Sie böſer Mann!—— Und dem man doch nicht böſe werden mag, dem man Alles erlauben muß. Forſter glühte von Verlegenheit. Sein Herz klopfte bis an die Kehle herauf; ſeine Gedanken und Regungen verwirrten ſich. Ohne Ueberlegung drückte er ein wenig die Thüre auf: ſtarke, ſüße Eſſenzen ſchlugen ihm betäu⸗ e Mut auf ein eich zu die Ba zimmer, ner zu; ſpannt, evante Ge⸗ ange⸗ e m Ton. — ich e Der m darf hab ⸗ d rit man lopft egngn wenig betin 315 bend entgegen; eine ſeidene Decke rauſchte, und—— von Angſt überſchauert fuhr er zurück, wobei er raſch die Thüre wieder anzog, die in ihren Angeln ſeufzete. Gehen Sie denn weg, Forſter? rief es drinnen leiſe und ängſtlich. Forſter vergaß zu antworten. Sind Sie denn fort? lautete es heftiger. Fort? rief der Freund ängſtlich und ärgerlich zugleich Ja, befehlen Sie mich fort, gnädige Baroneſſe! Heißen Sie mich wiederkommen! Nur— preſſen Sie mich nicht zwiſchen Thüre und Angel! Preſſen? rief Cäcilie zürnend. Was denken Sie, Sie— Sie! Warten ſollen Sie einen Augenblick!— Was bilden Sie ſich nur ein!— Bis ich mich ein wenig ankleide. Preſſen—? Wahrlich, Sie verdienen nichts Beſſeres, als was ich Ihnen zu ſagen habe! Beſchämt, bitterſten Unmuths die Augen zudrückend warf ſich Forſter in eine Ecke des Sophas. Er ver⸗ wünſchte ſich, verwünſchte die Baroneſſe und zertrat mit ärgerlichem Fuß die leere Luft. Mit unwilliger Haſt kam Cäcilie nach einigen Minu⸗ ten heraus und warf ſich in die andere Sophaecke, in einem Negligee, das übereilt und viel zu loſe war, um nicht bei der geringſten Bewegung der Arme zu verrathen, was es doch verdecken ſollte. Allein Forſter war viel zu beſtürzt oder verlegen, um ſich auch nur mit einem Blick über die ſpielenden Finger ſeiner Hände hinauszuwagen. Wiſſen Sie ſchon— ſagte Cäcilie lebhaft, ſtockte aber, und ordnete verſtummend ihren Anzug. Ja, fuhr ſie über ein Weilchen fort, auch das wiſſen ſie noch nicht, ——————— 316 daß der Kurfürſt Ihr Geſuch um die Profeſſur der Na⸗ turgeſchichte abſchlägt. Sagen Sie mir, was haben Sie der Gräfin Coudenhove gethan? Nichts,— ich wüßte gar nichts, was ich auch nur verſäumt hätte. Sie hat es hintertrieben, fiel die Baroneſſe ein. So viel weiß ich. Sie hat einen Groll auf Sie gefaßt, und ich— vielleicht faſſe ich auch einen! Sie verſprechen immer mehr als Sie halten. Doch nein! Das wollt' ich nicht ſagen! Von'was Anderem! Ich ſeh ſind unruhig, ſind— preſſirt. Ich habe Sie ja ge⸗ he, Sie preßt. Ha, ha! O das Sie recht gut gemacht! Dazu gehört ein Mam, der ſo weit in der Welt umher gekommen iſt! Nun kann ich auch preſſirt ſein, Ihnen zu ſagen— Sie ſprang abermal ſtockend von ihrem Vorhaben ab, und ſagte in anderem Ton: Sie begegnen mir ſehr mißächtlich! O meine gnädige Baroneſſe—! verbat Forſter. Und immer„gnädig“ ſchalt ſie. Und nie,— daß ich auch gütig bin, daß ich Ihnen ſtets gütig war, Sie aber— mich immer mißverſtehen. Ja, mißverſtehen, wiſ⸗ ſen Sie das? Vielleicht ſogar mißdeuten. Ja, warum ſollt' ich es nicht ſagen?— ich intereſſirte mich für Sie, und gewann Sie nach und nach lieb. Es war die in⸗ nigſte Theilnahme an Ihrem verkannten, mißhandelten Herzen. Ja mißhandelt! Denn Ihre Ehre, Ihr edles Herz, Ihre Seele voll Liebe und Schwärmerei für ein Weib— ich ſage Weſen— Ei was Weſen! Sie müſ⸗ ſen es wiſſen, ich n es um Ihrerſelbſtwillen heraus⸗ der Na⸗ ben Sie uch nur in. So ßt, und rſprechen wollt „Sie ja ge⸗ emacht umher Ihnen ben ab, er — dß r, Sie n wiſ⸗ warun ür Si⸗ die in⸗ andelten ht cl für ein 3417 ſagen, daß ich Ihre Thereſe meine, daß Ihre Thereſe— untreu, Ihnen untreu iſt. Baroneſſe! ſchrie Forſter, und ſprang auf. Auch Cäcilie erhob ſich, und nun ſelbſt beſtürzt über was ſie nach wiederholtem Zurückhalten doch her⸗ ausgeſtoßen hatte, rief ſie: Ja, ja, ja! Aber zürnen Sie mir nicht, mein das Freund! Mißverſtehen Sie mich nicht! O haſſen Sie mich nicht, liebſter Mann! Ihrer Bewegung und Verwirrung nicht mächtig, warf ſie ſich an ſeine Bruſt, und als ob Sie mit dem Ver— rathe dieſes unglücklichen Geheimniſſes und ihres eigenen Herzens ſich vor ſich ſelbſt verbergen möchte, drückte ſie ihre glühende Wange an ſeine Schulter feſt Selten kommen wol zwei ſo verſchiedene Herzen im Augenblicke ſo widerſtrebender Empfindungen ſo heftig ſchlagend aneinander. Starr, die Arme weggeſtreckt von dem reizenden Gegenſtande, der zu umfaſſen war, ſagte Forſter kalt und feſt Baroneſſe, Sie haben eine grauſame Beſchuldigung ausgeſprochen, die Sie nicht rechtfertigen können. Rich⸗ ten Sie ſich auf! Ich fodere Ihre Erklärung, Ihre Recht fertigung! Eine Beſchuldigung, beim Himmel! die durch keine betheuerte Freundſchaft, ſelbſt mit dem Zugewicht aller weiblichen Hingebung, ausgeglichen wird Cäcilie fuhr auf, wobei ſie Forſtern heftig von ſich ſtieß. Ihr flammender Zornblick richtete ſich feſt auf ihn; doch während ſie nach Worten ſuchte, ſchoſſen ihr Thrä nen in die Augen. Sie raffte ihr loſes ſeidenes Tuch vor das Geſicht, und ein Billet fiel aus dem ſtürmiſchen —————— —— 318 Buſen. Sie hob es behend auf, wiſchte ihre Augen, und hielt dem beſtürzten Freunde die Ueberſchrift des Brief⸗ chens an Huber, die Anrede darin mit dem zärtlichen „Du“, ſo wie die Unterſchrift:„Deine Thereſe“, zum Beſchauen hin.— Die Hand kennen Sie,— ſagte ſie mit rührend weichem Accent,— es iſt die Hand, in die Sie die Ihrige zum ewigen Lebensbunde gelegt haben. Mehr braucht es wol nicht, um meine Theilnahme für Sie, die Sie fälſchlich eine Beſchuldigung nennen, zu rechtfertigen. Verlangen Sie zu Ihrer Ueberzeugung mehr: ſo achten Sie ein wenig auf die Briefe, die Ihre The⸗ reſe von Hubern empfängt, und die in anderm Tone ab gefaßt ſind, als die zärtlichen Billete, die für Ihre Frau allein darin liegen. Baroneſſe!— Woher haben Sie alles Das? fragte der Freund in ſchmerzlicher Unruhe. Vergeben Sie mir! — Und— wieweit iſt das Billet umhergekommen? Beruhigen Sie ſich, lieber Forſter! verſetzte Cäcilie. Mehr darf ich Ihnen nicht ſagen. Aber—— ſchicken Sie Ihr Kindermädchen fort: es iſt bigott und käuflich. Zum Glück kann es ſelbſt nicht leſen, und hat das Brief chen— in die Hände meines Beichtvaters geliefert. Fra⸗ gen Sie nicht, wer dieſer Mann ſei; Sie ſehen, der Weg des Briefchens iſt ſehr kurz geweſen. Geben Sie mir's, ich bitte!—— Nein! erklärte ſie feſt. Es hat ſeine Dienſte gethan: meine Freundſchaft für Sie gerechtfertigt. Darüber hinaus würde ich nur Ihrer Eiferſucht, Ihren Abſichten dienen, und ſoweit geht meine Gefälligkeit nicht. Sie zerriß das Papier in kleinſte Stückchen, die ſie gen, und 3 Brif zärtlichen , zun ſagte ſi d, in die t haben ihme für nen, zu gmehr re The one ab re Frau fragte ie nir! en ſihicken tüuflih lrt ſi unſchrf ich m veit geht 319 durch das offene Fenſter den Winden preis gab; worauf ſie mit Gefühl fortfuhr: Ich denke nichts Unedles von Ihrer Frau, lieber For ſter; auch enthält das Billet nichts der Art. Kein Wort erinnert an etwas Unanſtändiges; aber ein jedes athmet aus einer Seele, die dem Freunde lebt, an den es ge richtet iſt. Ich empfand nur das Unrecht, das Ihnen da⸗ bei geſchieht. Denn ich weiß, was Sie bedürfen, und, daß Sie ein ganzes, offenes, ungetheiltes Herz verdienen. Das fehlt Ihnen. Wie ich dazu komme, um deswillen mit Ihnen zu leiden,— ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich auch Untreue erfahren habe. Ich dachte auch daran, Ihnen in anderen Stücken zu helfen. Ich kann das nicht ſo— mündlich mit Ihnen verhandeln; es geht gegen mein Gefühl. Nehmen Sie aber dieſen Brief,— es iſt ein Recept, all' Ihre häuslichen Leiden zu heben. Ich habe lange gekämpft, es Ihnen mitzutheilen: jetzt thue ich es ſchon leichter, da ich Sie nun doch verlie ren muß. Forſter ſtand in Gedanken verſunken und mit gefalte⸗ ten Händen da. Er ſah zerſtreut auf das dargebotene Papier und ſchmerzlich in Cäciliens Auge. Sie ſteckte den Brief raſch zwiſchen ſeine Weſte, legte ihre Hand in ſeine gefalteten Hände, und fragte ſanft, ob er ihr ver zeihe, ob er ſie nicht mißachte. Und als er mit weh müthigem Lächeln ſchwieg, ſtürzte ſie heſtig an ſeinen Hals, küßte ihn auf den kalten Mund, und mit dem Ausrufe: Lebe wohl, geliebter Mann! eilte ſie in ihr Schlafzimmer und verriegelte die Thüre. Der Freund erhob ſich aus ſeiner gebeugten Stellung, 320 nahm tief aufächzend ſich mit innerlicher Anſtrengung zu ſammen und verließ das Haus mit edelm Stolze gegen die lauernde Dienerſchaft. Zwanzigſtes Kapitel. Als Forſter unter die Linden des Platzes kam, fühlte er ſich unausſprechlich verlaſſen. Er konnte ſich nicht ent⸗ ſchließen, nach Hauſe zu gehen; er fürchtete Bekannten zu begegnen, und ließ ſich die nahe Gaugaſſe hinauf durch das Gauthor ins Freie wandeln, da wo der ſchwüle Au⸗ guſtnachmittag am wenigſten Baumſchatten bot. Wer hätte ihn dahinaus in die ſtille, drückende Luft begleiten mögen? Aber noch ſchwieriger wäre es, ihm in den verworrenen Zuſtand ſeines Gemüthes zu folgen. Es war keine Eiferſucht, kein Haß oder Trotz, was dieſe edle Bruſt ſo ſtürmiſch bewegte: ein großer Schmerz der Krän kung und Verlaſſenheit wechſelte mit dem Widerſpruche des Zweifels und des Stolzes. Doch dieſe muthigeren Gefühle verließen ſehr ſchnell wieder das verzagende Herz. Dem Zweifel widerſprach das zärtliche Billet, und der Stolz verlor ſich in eine Wehmuth, die den Freund mit dem Gedanken an ſein vergangenes Leben und an ſeine gedrückte Gegenwart überkam. Und ſelbſt dieſe Wehmuth blieb nicht unverbittert durch die Betrachtung, ſo lange im Wahn von Liebe und Freundſchaft gelebt zu haben ug zu e gegen fühlte cht ent nten zu f durch in den Es war ieſe ede rrän rſpruche thigeren de Henz und da und mi n ſiin gehmut ange 32¹ Doch die leidigen wie die freudigen Gefühle ermüden endlich, und treten dem überlegenden Geiſt etwas von ihrer Herrſchaft ab. Der Freund kam zur Ueberzeugung, es gäbe keinen Wahn in dem, was die Seele jemals mit ſchönem Glauben beſeſſen, woran ſie ſich erweckt und ge— bildet habe; alle Schätze, die Liebe und Freundſchaft ge währen könnten, ſeien ihm reichlich zu Theil geworden, und dieſer Gewinn eines unſterblichen Geiſtes könne ihm nie verloren gehen. Auch jetzt noch konnte er an There ſens edelm Werthe nicht zweifeln und überredete ſich, daß er ihr ja ſtets und in den froheſten Tagen ſeines Glücks das Recht der freien Neigung zugeſtanden habe.— Was hat ſie gethan, ſagte er zu ſich ſelbſt, als wozu ich ſie ſtets ermuntert habe, Alles, was lieb und gut iſt, wo ſie es immer antreffe, zu lieben? Wie glücklich fühlte ich mich, ſo oft ſie irgend Jemand, den ich für gut und edel hielt, recht herzlich liebte! Und Huber iſt gut und edel, voll Hingebung und Aufopferung. Wahrlich! Huber wie Thereſe ſind Ausnahmsmenſchen, und wie ließe bei ſol— chen ſich mit elendem Pfahlwerk alltäglicher Worte der Bereich einer ungewöhnlichen Freundſchaft abſtecken? Ein zärtliches„Du“, ein vertraulich„Dein“, wie es das Billet verrieth,— wieviel iſt das, wieviel bedeutet es? Kann man das ätheriſche Gefühl zweier edeln Herzen, den Ausdruck ihres reinen Verhältniſſes mit den bleiernen Worten abwägen, an denen der Schmutz des täglichen Gebrauchs und die Fälſchung des Pöbels kleben? Mit ſolchen Gedanken ereiferte ſich der Freund beſon ders gegen den Argwohn, womit man Thereſens und Huber's Thun und Laſſen umſchlichen hatte Er rieth Koenig, Clubiſten in Mainz. II. 21 22 22 3 auf Garzweiler, in Erinnerung, daß er ihm durch das Kindermädchen Bücher und Schriften zugeſchickt hatte. Wie ſollte das Mädchen auch dazu kommen, aus eigenem Antrieb ein gefundenes oder entwendetes Billet, das es nicht einmal leſen konnte, in den Beichtſtuhl zu bringen? Was gingen auch ſolche Billete ſein Gewiſſen an? Nein, das war eine ſchlechte Ausrede! Es mußte aufmerkſam gemacht und abgerichtet ſein zu lauſchen und den Brief zu entwenden.—— Das Mädchen war bereits nach dem Tode des Kindes aus dem Dienſt entlaſſen und Forſter war froh, daß er ſich dabei beruhigen konnte, ohne The⸗ reſen mit einer Entdeckung zu kränken, und in ihrer Un⸗ befangenheit zu ſtören. Er nahm ſich vor, zu ſchweigen, zu vertrauen und weder Thereſen noch ſich ſelbſt Unrecht zu thun. Doch was dachte und träumte der Freund nicht Alles, in welchen Scheingründen und üherſpannten Empfindun⸗ gen warf er ſich nicht umher, und gewann eine wunder⸗ bare Erhebung, die er für Beruhigung hinnahm!— Ein edles Herz findet im Unglück gar leicht einige Trugbilder, womit es, wie der Schiffbrüchige auf morſchen Bretern, wenigſtens ſich ſelbſt, wenn auch nicht ſeine Schätze zu retten ſucht. Denn Eines überſah oder überfühlte doch der Freund in ſeinem Beſtreben, nicht unwürdig zu han deln,— den Betrug nämlich, der mit den zweierlei Brie⸗ fen geſpielt wurde, von denen er die zärtlichen nicht zu ſehen bekam.— Vielleicht war auch Forſter, bei aller Selbſtändigkeit ſeines vielſeitigen Geiſtes, doch mit ſeinem eben ſo reizbaren Gemüthe nicht ganz frei von den An⸗ ſteckungsſtoffen ſeiner Zeit geblieben. Jakobi in Düſſeldorf wa M un nen na ohr hen ich Br ſon mit duch das atte. Vie seigenm bringen? m Nein, ufmerkſum nBrif ju nach dem id Forſtu ohne The⸗ ihtet Un⸗ ſchweigen ſt Unrecht nicht Ales, mpfindun⸗ te wunder n— G grglile n Breten Schätze ühle do zu hu ierli Bi n niht i bei alu ni ſin non 323 war ſein Freund, mit dem er in lebhaftem Briefwechſel ſtand. Mit welcher Wärme hatte er deſſen Romane„Allwill“ und„Woldemar“ geleſen! Und die dort ausgeſproche⸗ nen Anſichten über Liebe und Freundſchaft, ſelbſt an ih— rer Zeit kränkelnd, verführten die guten Köpfe von da⸗ mals zu jenen Gefühlstäuſchungen, mit denen man ſich, ohne ſittliche Kraft und Selbſtherrſchaft, zwiſchen geiſtrei⸗ chen Gedanken, edeln Empfindungen und krankhafter Sinn lichkeit wiegte. In dieſer Stimmung erinnerte ſich der Freund des Briefes in ſeiner Weſte. Er war nicht von Cäcilien, ſondern an ſie geſchrieben, von jüngerem Datum und mit einem bloßen G. unterzeichnet. Er lautete: „Endlich, meine gnädige Baroneſſe, iſt Ihr froher Diener durch Dick und Dünn ſo weit vorgerückt, daß Sie Ihrem Freunde, dem geiſtvollen edeln Manne, den ich ſo hoch halte, die Zuſicherung eines ehrenvollen und einträglichen Platzes in Wien geben dürfenz wobei weiter nichts vorausgeſetzt wird, als daß er katholiſch ſei. Doch nein! Ehrlich und offen! Nicht eigentlich ſei, ſondern werde. Eure Gnaden fühlen den Un⸗ terſchied; Werden gilt hier mehr, als Sein. Der kirchlich⸗politiſche Erwerb eines ſo berühmten Welt umſeglers fällt ſchwerer in die Wage, als der Beſitz eines brauchbaren Gelehrten. Ihr Freund iſt einſichts⸗ voll genug, zu begreifen, wieviel Werth wir darauf legen, daß ein bedeutender Geiſt, der die Oceane der Erde durchſchifft hat, zuletzt in den Hafen der Kirche einlaufe, um da ſein Glück zu finden Für ihn wird es ein Freihafen ſein. Sprechen Sie offen mit ihm, 21* —————— 32⁴ meine Gnädige! Keine falſche Delikateſſe! Forſter denkt darüber nicht ängſtlich. Er iſt der wohlgerathene Sohn eines aufgeklärten Jahrhunderts! Keiner Kirche angehörig und bisher des Abendmahls nie bedürftig, weiß er, was es heißt, ein freundliches Kirchenlehn annehmen, das gegen geringe Recognition, wie man's nennt, gegen einige Hand- und Spanndienſte der Ceremonien und des Bekenntniſſes— Haus und Garten, Genuß und Frieden, Wirkſamkeit und An⸗ erkennung, Ruhm und Reiſen darbietet. Ich hoffe bei meinem nächſten Beſuche frohe Botſchaft aus Ihrem ſchönen Munde zu vernehmen; nur keinen Dank, meine Gnädigſte, den Ihnen der liebenswürdige Freund in traulicher Stunde abtragen mag.“ 6G Mit wegwerfender Miene ſteckte Forſter das Papier ein. Ein Kanonenſchuß fiel, als er eben an der Wind⸗ mühle neben der Citadelle hinwandelte. Er blickte in die Gaſſen hinab, und ſah wie die Menſchen dem Holz⸗ thore zurilten; doch gleichgültig wendete er ſich nach dem Stephansberge, deſſen abſchüſſige Gäßchen nach ſeiner Wohnung führten. Beim Anblicke Thereſens ſchlug ſein Herz wieder hef⸗ tiger; er bot ihr die Hand mit einer inneren Bewegung, die ihr auffallend war. Doch verſammelten ſich eben die gewöhnlichen Abendfreunde und brachten eine lebhafte Un terhaltung mit. Die Garniſon von Erfurt und das ful daer Contingent waren eben eingerückt; was aber die Freunde ſo ſehr aufregte, waren Nachrichten vom Kriegs ſchauplatze, die ein Kourier dem Kurfürſten überbracht, und der alte Herr raſch verbreitet hatte. Das preußiſche Forſter hlgeruthne iner Kirch bedürftig Kirchenlehn ion, wie panndienſt Haus un und An hfft be us Ihren nk, mein Freund il G Papiel der Wind blicte in den ho h nach de nich ſin viedet ho Beweglu ch ebend om Kui übebn 36 pruuß 325 er war in die Champagne vorgerückt, wenig behindert von der kleinen franzöſiſchen Armee unter Dumouriez Ein anhaltender Regen hatte bei Grandpre die Franzoſen vor einer gänzlichen Niederlage gerettet; Longwy und Ver dun waren beinahe ohne Schwertſtreich in die Hände der Preußen gefallen. Dieſe Nachrichten weniger als die triumphirenden Mie⸗ nen und Stichelreden einiger Anweſenden verdroſſen den reizbaren Freund; ſo daß er die Unterhaltung mit einer gewiſſen Gewaltthätigkeit durchbrach, und die Frage aufwarf, was wol ein Ehrenmann zu thun oder zu laſſen habe, der durch den Uebertritt zur römiſchen Kirche ſein Glück ma⸗ chen könnte. Nur der unruhige Augenblick und kein Zweifel, noch eine Verſuchung brachte ihn auf den Gegenſtand. Dieſe Frage ſetzte den gemiſchten Kreis in einige Ver⸗ legenheit, und ſtatt ſie zu beantworten, zog man blos die verſchiedenen Lebenslagen in Betrachtung, worin einem Zweifelnden ſolche Frage begegnen könnte,— die Scheide⸗ wege, wie ſich Stadion ausdrückte, vor denen ein be⸗ drängter Herkules ſich hinter den Ohren kraue. Franz Karl nahm die Sache ernſter und meinte, die Frage be⸗ antworte ſich von ſelbſt; denn wenn auch die Orientalen die Religion bildlich— den Weg zu nennen pflegten, ſo verſtände man doch in aller Welt unter Religion einen Weg zu etwas ganz Anderem, als was man„ſein Glück machen“ nenne.— Nein, rief er entſchieden, wer ſich, was immer für einem Glauben in die Arme wirft, nicht weil er denſelben für ſeinen Herrn und Heiland erkennt, ſondern weil er dreißig Silberlinge damit verdient, der macht ein Judasgeſchäft! 326 Stadion, der entweder von den wiener Abſichten auf Forſter wußte, oder mit ſeinem feinen Blick eine Bezüg ligkeit der Frage auf den Fragſteller ſelbſt errieth, wider⸗ ſprach dem Baron, und entwickelte in Forſter's Intereſſe und mit viel Aufwand von Geiſt und Bildern eine An⸗ ſicht über Weltbeſtimmung und Geiſtesfreiheit, die er mit den Worten ſchloß: Ueberhaupt, meine Geehrteſten, kömmt in dieſer Welt mehr darauf an, wie tief und breit in fruchtbarem Grund und Boden ein weltwirkſamer Geiſt ſeine Wurzeln treibe, als wie hoch die Schnecke ſeiner Pfarrkirche die Andachtsfühlhörner ihrer Thürme nach dem blauen Himmel ſtrecke. Man lachte, wie gewöhnlich, über des Kapitulars wunderlichen Vergleich, und Forſter nahm das Wort: Die Religion, ſcheint mir, ſollte nie Triebfeder wer⸗ den in der Maſchine des Weltregiments; ſie ſollte leben dige, ſtärkende Kraft, unverdientes Geſchenk, Gnadenlohn ſein für den, der ſie überkam und der ſie faſſen konnte. Wäre ſie doch immer Sache des Herzens und der Ge⸗ fühle geblieben, und nie ein Mechanismus geworden, wo⸗ durch ränkevolle Menſchen und Geſellſchaften ihre herrſch⸗ ſüchtigen Abſichten erreichen wollten. Jetzt ſcheint es un⸗ vermeidlich, ſie muß den ganzen Zirkel durchwandern, um wieder auf den rechten Punkt zu gelangen, von dem ſie ausging. Hoffentlich wird es noch dahin kommen, daß der ganze Umfang der menſchlichen Moralität, ſofern ſein Princip vernünftig iſt, der Geſetzgebung untergeordnet werde. Was aber die Moralität ergänzt, jene Zugabe, die ſich ſchlechterdings Niemandem vorſchreiben läßt, weil ſie von der individuellen, jedesmal verſchiedenen Empfäng⸗ 327 ſihun auf lichkeit des einzelnen Menſchen abhängt,— die Ahnung, ne Bezig Erwartung, Anerkennung, Empfindung oder der Glaube th, wider an außerordentliche und zukünftige Dinge, die Vorſtel⸗ utertft lungen von Gott, Unſterblichkeit, dies Alles muß als eine An freiwillig anzunehmendes oder zu verwerfendes Syſtem die et nit daſtehen bleiben, Jedem zugänglich, der ſein bedarf, aber en, kömnt Keinem, der es nicht bedarf, zum Aergerniß und Zwang. d brit in Ich bin überzeugt, ſo hätten wir mehr echte Religion, mer Gtiſ abgeſondert von theologiſchem, hierarchiſchem und ceremo⸗ ecke ſeim niellem Unrath, mehr reine Tugend und Humanität, als nach den jetzt bei der unſeligen Einverleibung der Religion in das 1 bürgerliche Regierungs⸗Syſtem möglich iſt. Kapitulur Ein Briefpacket Huber's, an Frau Forſter adreſſirt,* Wort und von dem Herrn von Bünau als Einſchluß aus Dres⸗ den überſchickt, machte der Betrachtung ein Ende. The⸗ reſe nahm es raſch an ſich, und Forſter foderte ſie auf, es zu erbrechen, ob es vielleicht Intereſſantes für die 3 Freunde enthalten möchte. In dieſem Augenblicke kam ihm Cäciliens Wink über Huber's Briefeinſchlüſſe in Er⸗ innerung, und ein Mißtrauen beſchlich ihn, das er mit lebhafter Aufwallung verwarf. Raſch kehrte er ſich ab, fider wer lte leben Fnadenloh ſen konn dn 6. orden, wo E jnſ um Thereſen durchaus nicht zu beobachten. Er nahm bei nt 1 Seite tretend den gleichgültigen Anſchein, ſeine Halsbinde bem zu ordnen. Aber ein tückiſcher Zufall führte ihn gerade n ſo, daß er im Wiederſcheine des Spiegels wahrnehmen mn, mußte, wie Thereſe auf ihrem Schoos und vom Thee— ſofun ſi tiſche gedeckt, langſam das Siegel löſte, den Freunden ein tergeoln beigeſchloſſenes Buch freundlich hinreichte, und den Augenblick ne Zi benutzte, ein Billet raſch in ihrem Buſen zu bergen Wie 1 lißt u ſie darauf den durchblickten Brief größtentheils vorlas, Gupfil 328 verrieth derſelbe durchaus keinen vertraulichen, ſondern vielmehr einen übertrieben höflichen Ton. Die Freunde unterhielten ſich über das Buch. Es war der zweite Theil der geheimen Memoiren von Duclos, und Thereſe erin⸗ nerte ſich im Stillen lebhaft des verlegenen Augenblicks, in welchem Huber früher an einem der Theeabende den erſten Theil zum Vorſchein gebracht hatte. Diesmal gab es keinen verlegenen, ſondern einen ſehr belebten Augen⸗ blick, und Niemand beobachtete, mit welchem Schmerze Forſter blaß und bebend an das offene Fenſter getreten war, und, die Hände an den Fenſterrahmen geklammert, nach Luft und Faſſung rang. Er konnte es auch zu kei⸗ ner Theilnahme mehr an der Unterhaltung bringen. Sein ſchweres Auge, mit der Flut des leidvollen Herzens käm⸗ pfend, fiel immer wieder auf das frohe Angeſicht There⸗ ſens. Wie ſehnte er ſich, allein zu ſein! Endlich erho— ben ſich die Freunde, und ſchieden. Franz Karl machte ihm beim Weggehen den Vorſchlag, morgen früh mit ins Rheingau zu fahren, und ein paar Tage auf dem öſtricher Gute zuzubringen. Forſter nickte ihm dankbar zu, und drückte ihm die Hand. Als er ſich mit Thereſen allein ſah, wandelte er ſtumm einigemal im Zimmer auf und ab.— Was haſt du nur heut, lieber George? fragte ſie aufgeräumter, als es ihm wohlthat. Erſt kamſt du ſo aufgeregt, ſo ge⸗ ſpannt, und nun ſcheinſt du ſo niedergebeugt? Thereſe! erwiderte er nach einer Weile mit weichem, wehmüthigem Tone,— das läßt ſich nicht ſo ſagen. Es gibt Dinge, für die es keine Worte gibt. Aber— greife in deinen Buſen, und ſuche ſelbſt im eigenen Her ſondern e Frende weite Thil ereſe erin ugenblicz bende den emal gab en Augen Schner r getreten klammert ch zu kei en Sein ens kim ht There lich echo l mecht früh mit auf den n dunkbur udelte el haſt Was als nter, t, ſo weichen ngen. E Aber— enen b 329 zen das Verſtändniß der ſtolzen Erhebung, mit der ich kam, und der tiefen Betrübniß, womit ich dir— gut' Nacht! ſage. Er wendete ſich zur Thüre, kehrte jedoch wieder um, ergriff beide Hände der beſtürzten Frau, und ſprach mit großer Innigkeit: Thereſe, liebſte Seele! Ich ſuche weiſe zu ſein, wenn es mich auch mein Glück koſtet. Weisheit und Glück ſind oft unverträgliche Dinge; nur, daß die Weisheit ihr eige nes Glück in ſich hat, wobei man ſich allenfalls in die Schickſale der Welt und in die Wechſelſtimmungen der menſchlichen Herzen finden kann. Laß uns nur ſorgen, die Einfachheit und Reinheit unſerer Gefühle zu erhalten, damit wir unſere Empfänglichkeit nicht einbüßen! Mit ihr bleibt uns in den traurigſten Tagen eine unſchätzbare Summe froher Augenblicke des edelſten Genuſſes. Ihren Eindrücken offen, entgeht uns nichts Großes, nichts Schö⸗ nes, nichts Gutes, nichts Rührendes im Weltall, ohne daß die Saiten unſeres Herzens davon erklingen. Wenn uns der Zufall einen Erddurchmeſſer von einander trennte, wären wir mit ſolchen Grundſätzen immer Eins des An dern gewiß, und zugleich gewiß, daß wir unſeres Gleichen weit und breit nicht antreffen! Das Leid übermannte ihn; er ſtürzte fort, hinauf in ſein Zimmer. Dort warf er ſich auf die Knie und mit gefalteten Händen über das Sopha. Seine Bruſt ſtöhnte; unaufhaltſam floſſen ſeine Thränen über die bebenden Hände, in denen er ſein Angeſicht barg und badete. So lag er lange, bis er ſich erleichtert fühlte und erhob. Noch um Mitternacht ſtand er am offenen Fen ſter, und ſah hinab in die ſtille, dunkle Einſamkeit des Schönborwſchen Gartens, woher ihm die träumenden Nußbäume zuflüſterten, und die milde Nacht ihn mit ih⸗ rem friedlichen Athem erquickte. Einundzwanzigſtes Kapitel. Als Forſter mit der Erfriſchung eines tiefen Schlafes erwachte, beſann er ſich der Einladung des Barons ins Rheingau. Wie froh athmete er auf, und empfand es als eine rechte Wohlthat, gerade jetzt ein paar Tage aufs Land zu gehen! Es fügte ſich auch, daß die alte Baro⸗ nin ihre Abſicht geändert hatte und zurück blieb; ſo daß beide Freunde allein im Phaeton des Barons am heiter⸗ ſten Tag ausfuhren, und die reizende Strecke Wegs, zwi⸗ ſchen Strom und Gebirg am rechten Rheinufer, vergnügt zurücklegten. Wie glücklich nach ſo leidenſchaftlichen Stunden fühlte ſich Forſter auf dem ſchönen Gut! Er glaubte noch nie⸗ mals einer ländlichen Einſamkeit ſo froh geworden zu ſein. Dieſe ſelige Stille des einſamen Landſitzes in einer zau⸗ bervollen Gegend, dieſe behagliche Einrichtung im Schlöß⸗ chen, dieſe Bilder und Büchet, ja die wohlbekannten tro⸗ piſchen Gewächſe, die mit ihren Farben und Düften dem Weltumſegler eine ſo reiche Erinnerung anregten,— Al⸗ nieit des iumenden mit ih Schlafts rons ins fand es ag aufs te Baro ſo duß m heiter n fihlt och nie zu ſin ner zul Sihlij⸗ nten tr ſten den N 334 les, was ſeine Sinne erquicken, ſein Herz bewegen, ſeine Betrachtung beſchäftigen konnte, ſchien hier verſammelt zu ſein; wobei zugleich die zarteſte Aufmerkſamkeit des be freundeten Wirthes ihn manche Stunde in die Illuſion wiegte, ſich als Herrn dieſes kleinen Paradieſes zu füh⸗ len. Der Morgenkaffee, ein einfaches Mahl mit einer Flaſche köſtlich alten Rheinweins, ein Spaziergang gegen Abend und Erfriſchungen, auf dem Altan eingenommen, waren für Wirth und Gaſt gemeinſame Genüſſe mit der Würze unbefangener inhaltreicher Geſpräche. Forſter wußte Allem, was ſich darbot, etwas Intereſſantes abzugewin nen; doch kam er in dieſen Tagen nie auf die Politik, und das Wort Freiheit wurde nicht genannt: es ſchien, als ob man ihrer in dieſer Seligkeit nicht bedürftig ſei Dazwiſchen fielen heimliche Stündchen getrennter Beſchäf⸗ tigung, in denen der Baron ſeine Gutsangelegenheiten abfertigte, und Forſter las, oder vor einem guten Ge mälde träumte. Es waren meiſt Niederländer, die hier den Ausblick in einſame Landſchaft mit Abbildern menſch licher Thätigkeit belebten, mit Leiden und Freuden bäuer licher Häuslichkeit und Feldwirthſchaft, mit Reitern und Fuhrleuten vor einer alten Schmiede oder unter der Frei treppe eines Wirthshauſes, mit Spielen der Kinder vor offenen Scheunen, mit Kähnefahrten, Fiſchen oder Vieh⸗ ſtücken, mit luſtigen Zechgenoſſen unter einer Halle oder Kirmstänzen an der Linde und was dergleichen in ländlicher Umgebung das wirkliche Leben mit ſich bringt Nur im Speiſeſaal hingen einige Bilder hoher und ge heiligter Gegenſtände; als ob der Menſch, dem es allein gegeben iſt, mit Bewußtſein zu genießen, gerade hierbei ſolcher Mahnungen bedürfe, des Höheren nicht ganz zu vergeſſen. So heiter und in wohlthuender Zerſtreuung, alles Schmerzlichen enthoben, brachte Forſter ſeinen Tag hin. Nur Abends, wenn das Schlafgemach, durchwürzt von der balſamigen Luft des Rheinthals, den müden Freund auf⸗ nahm, kehrte mit der Erinnerung nach Hauſe eine tiefe Wehmuth in ſeinem Herzen ein, eine Empfindung gleich jenem ſüßen Leide, wenn man mit behutſamen Fingern um eine eben heilende Wunde ſtreicht. Franz Karl war mit ſeinen Geſchäften fertig, ſetzte aber einem ſo reizenden Aufenthalte gern noch einen Tag zu. Die hier verwahrten Blätter für das Album hatte er ſchon aufgenommen; es blieb ihm aber noch Frau Gertrud zu beſuchen übrig. So wandelte er nach Oeſtrich hinab und fand, wie gewünſcht, die liebe Frau allein im Garten. Zu ſeiner Freude war ſie wohlgemuther als ſeither, gab ſich wieder geſprächig wie früher, und ging ſelbſt auf ihren Beſuch in Mainz und auf die Veranlaſſung der kleinen Reiſe ein. Dieſe ſchmerzlichen Erlebniſſe tra⸗ ten ſchon für die regſame Frau in jenen milden Fernduft, wohin man mit ſanfter Rührung nicht ungern zurück⸗ ſchauen mag. Nur als ſie den Unfall ihres Oheims an jenem Gewitterabend erzählte, und ſo ängſtlich den Gegen⸗ ſtand umging, worüber ſie des Wetters vergeſſen, errieth Franz Karl aus ihrem Erröthen und aus einer von einem Seufzer begleiteten Bemerkung den wahren Inhalt ihres Geſpräches. Die gute Frau ahnete nicht, was er aus dem rothen Buche und von Fides wufßte! Beim Weggehen beſchenkte der Baron den kleinen ganz zu , alles kag hin von der und auf eine tife ng gleich Finger ſetzte ſen Tag m hatte Frau Oeſtrich llin im her als nd ging nlaſſung iſſe tra ernduft, zurück⸗ ims an Gegen⸗ enith n einen lt ihr er als kleinen 333 Nazi, der nun wacker umherlief, und wenn er ſtolpernd zu Boden fiel, ſo vergnügt auflachte, als ob er eben ein Kunſtſtück gemacht hätte. Beim Scheiden ſagte der Ba⸗ ron zur frohen Mutter, der ihre neue zunehmende Hoff— nung ſo edel anſtand: Es bleibt doch bei der Gevatter⸗ ſchaft, liebe Nachbarin? Und ſie reichte ihm lächelnd die Hand darauf. Nun ſaß gegen Abend der junge Freund über einem Brief an Fides, mit welchem er das Album überſenden und den Verzug entſchuldigen wollte. Er meldete darin ſeinen Beſuch bei Frau Gertrud und die Unterhaltung mit ihr. Und indem er Garzweiler's gedachte, verzieh er ihm den Haß, den der Pater gegen ihn trüge, und be⸗ klagte vielmehr das Mißgeſchick, daß der unglückliche Mann, in allen verſchlagenen Lebensverhältniſſen ſo fein und ge⸗ ſchickt, ſich gerade um das einfache, natürliche Glück des Familienlebens mit Tochter und Enkeln durch Unklugheit habe bringen müſſen. Ein zarter Hauch der Liebe wehte durch die Zeilen des Briefes, ohne daß Franz Karl ſich ein Wort erlaubt hatte, das ſeinem edeln Verhältniß zu Fides und der Achtung vor ſeiner Freundin zu nahe ge⸗ treten wäre. In Erwartung des Barons, der ſich über dem allzu⸗ ſorgfältigen Briefſchreiben aufhielt, ſaß Forſter allein auf dem Altane. Er hatte einen Band der Herderſſchen Schriften bei Seite gelegt, und naſchte zu altem Rüdes⸗ heimer von einigen Erfriſchungen; bis er auch dieſen Ge⸗ nuß über die Wunder des Abends vergaß.— Die Sonne war im Untergehen und ſtreifte, hinter einem Hügel her⸗ vor, die wunderſam verſchlungenen, mannichfach gezackten 334 Wölkchen mit Gold und jenem Purpur, den ſie nur an den kaiſerlichen Monat Auguſt ſo rein und reich verſchwen⸗ det. Dies Prachtgewölk des Abendhimmels ſpiegelte ſich im ruhigen, breiten Strom. Einzelne Boote und ein lan⸗ ger Zug verbundener Flöße glitten durch dieſen Glanz, worin wie auf Goldgrund ſich Schiffer und Ruderknechte ſammt ihren Hütten, Geräthen und Hunden mit dunkeln Umriſſen abzeichneten. Aus den Dörfern und von den Klöſtern läutete mit Wechſelglocken das Ave Maria; da zwiſchen hämmerte es an einer gedengelten Sichel oder Senſe, bellte weither ein Hund, ſcholl aus ferner Bucht das Halloh eines Fährmannes, und ſang im nächſten Grasgarten eine Magd ſo friſch, wie das Schwad duftete, das ſie mit der Senſe ſchlug. Heimkehrendes Vieh blökte, und wenn Alles auf Momente ſchwieg, ſäuſelte durch Buſch und Baum jenes unbeſchreibliche, geheimnißvolle Tönen des Sommerabends, worin die träumende Seele der Natur zu flüſtern ſcheint. Forſter gab ſich all' dieſen Eindrücken hin, und ließ die letzte Macht und Herrſchaft eines Sommertages, der eben Purpur und goldene Krone niederlegte, über ſein Herz und ſeine Seele walten. Doch lag es nicht in des Freundes Weſen, ſich von ſolchen Einflüſſen gänzlich auf⸗ löſen zu laſſen, ohne daß ſich in ihm die Gegenmacht der Betrachtung erhoben hätte. Mit dem linken Arm auf das Geländer des Altans gelehnt, und die Hände wie betend gefaltet, rief er endlich aus: Wie wohl iſt mir in dieſer Einſamkeit! Hier will ich nicht mehr mit umherſpähendem Blicke den Gegenſtän⸗ den nachjagen; nicht mit Anſtrengung und Spannkraft nur an erſchwen gelte ſich ein lan⸗ Glunz, dertnechtt dunkeln von den in; da el oder t Bucht nichften duftete, blökt, durch miolle de Stelt und liß es, dr ber ſein in des ich auf ncht dn auf da e betend ier nil genſin annkn 335 haſchen, was mir links und rechts entfliehen will; nein, ich entbinde meine Sinne des Dienſtes und überlaſſe mich leidend dem alleindringenden Berühren der Natur. Ich will nicht mehr unterſcheiden, nicht mehr zergliedern die Geſtalten, die Töne, die Farben ihres Himmels und ihrer Erde: ein Lied, ein unnennbares, untheilbares Bild ſtröme ſie mir durch Ohr und Auge und fülle meine lechzende Seele mit der Wonne, die keine Zunge ſtammeln kann. Dies iſt die allgemeine Zauberei der ſchönen Natur, Al⸗ len fühlbar, wenngleich nicht von Allen erkannt; die wohlthätige Macht, die uns Alle hält und nährt und er⸗ freut, und deren Wirkungen die Vernunft nicht faſſen kann; denn des Genuſſes Grenze iſt Zergliederung des Eindrucks. Dennoch!— Wunderbares Geſetz der Men⸗ ſchenform!— Dennoch ſind die Weiſeren unter uns glück⸗ lich nur wie ein Kind, das, wenn es die Blume ſieht, ihrer lieblichen Geſtalt und Farbe einen Augenblick froh wird, ſie dann bricht und zerpflückt. Heilige Pflegerin! mehr Blüten, als wir zerſtören können, ſchufſt du um uns her, und den Quell der ewig wiederkehrenden, ewig ſich verjüngenden Weſen verbargſt du vor unſerem verzehren⸗ den Geiſte? O, ich wähne dir nachzuwandeln auf deinem verborgenen Pfade, und Abſicht und Mittel, wie im Le⸗ bensgang eines Menſchen, darauf zu erblicken. Er iſt nicht ohne Zweck, dieſer Trieb des Forſchens und Son⸗ derns, den du in uns legteſt, der ſchon im Kinde ſich regt, der bis ins Alter uns begleitet. Du durchbebſt die Saiten der thieriſchen Bildung, du führſt den Aetherſtrom des Lebens in ihren Adern umher, und das ferne Geblöke, das jetzt aus den Triften emporſteigt und in den ſäuſeln⸗ 336 den Abendwind tönt,— und dieſe Jubelgeſänge in den hochbelaubten Pappeln, Obſt- und Nußbäumen ſind der Wiederhall deiner Alles erquickenden Freude. Aber ein anderer Genuß wartet des ſinnenden, ſondernden Menſchen: im Labyrinthe der Gefühle ſucht er das empfindende We⸗ ſen, im unendlichen Meer von Bildern den Seher, in der duldſamen Materie den gebietenden Willen, in Allem außer ihm ſich ſelbſt Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Nach Mainz zurückgekehrt, vernahm der Baron gleich, daß der geheime Staatsrath von Müller ſchon zweimal dageweſen ſei, ihn zu beſuchen. Und kaum hatte er zu Mittag geſpeiſt, und war auf ſein Zimmer gegangen, das Album mit dem Brief an Fides einzupacken, als Müller ſich bei ihm anmelden ließ. Der junge Freund ſchloß raſch das Album ein und trat dem Staatsrath entgegen. Müller that ſehr geheimnißvoll und war höchſt befangen Unter unruhigen Verneigungen und Entſchuldigungen brachte er endlich ein paar Zeilen des Kurfürſten hervor, die ihn ermächtigten, dem Baron die Mappe mit den von ihm genommenen Abſchriften der geheimen Aktenſtücke des Kabinets abzufodern und an den Kurfürſten abzu liefern Franz Karl, überraſcht, wie er war, ſtellte ſich der e in den ſnd du Aber ein Menſchen de We r in der em außn n gleich, zweimal tte er zu gen, das Mille d ſchloß ntgegen efangen digunge hervol 1 mit ktenſtüti n b ſih n 337 Nachfrage fremd, um zu überlegen, was zu thun ſei. Allein Müller bezeichnete ihm gleich die rothe Mappe, und gab genau das geheime Schubfach an, worin ſie nieder gelegt ſei. Wie gut Sie unterrichtet ſind, Herr geheime Staats rath! ſagte Franz Karl etwas empfindlich. Es gibt alſo Leute in Mainz, die meine Behältniſſe ſo genau kennen, als ich ſelbſt! Er ſchloß das Pult auf, holte die Mappe hervor und fragte: Alſo dieſe da iſt gemeint? Oui, oui! rief Müller ſichtlich erleichtert; und indem er die Mappe an ſich nahm, fuhr er mit Geberden ge ſchäftiger Artigkeit fort: O mein Herr Baron!— ſeien Sie, was auch dar⸗ aus hervorgehen möge, meiner lebhafteſten Eſtime verſi chert! Wenn ich mir nur auch ſchmeicheln dürfte, daß Sie mir dieſes Geſchäftes halber nicht gram ſeien! Aber Sie wiſſen ja ſo gut wie ich, was der Diener ſeines Herrn muß, wenn er auch nicht möchte. Wieviel hätte ich darum gegeben, wenn ein Anderer mit dieſem gnädi⸗ gen Auftrage—! Warum ſo viel Aengſtlichkeit, lieber Herr von Mül⸗ ler? fiel der Baron ein. Oeffnen Sie nur die Mappe und überzeugen Sie ſich, daß es für mich eben kein ſo ſchlimmer Fang iſt, den Sie zu machen haben! Müller öffnete nicht ohne Verlegenheit die Mappe, blätterte ſie durch, und mit jedem Blatte ſtieg ſein Be fremden, aber auch ſeine gutmüthige Zufriedenheit. Da⸗ zwiſchen warf er ein paar ſcheue, bald auch ſchalkhafte Koenig, Clubiſten in Mainz. II. 22 338 Blicke nach dem lächelnden Baron, und rief endlich mit verblüffter Miene Gedichte? Ja wohl! verſetzte Franz Karl, aber geſammelte, wie Sie ſehen, keine eigenen. Ich ſammele noch, Herr geheime Staatsrath, und wenn Sie glauben, daß eine falſche Denunciation gewiſſermaßen auch ein Gedicht ſei: ſo können Sie mir vielleicht den Gefallen thun, mir eine Abſchrift derſelben mit dem Namen ihres Autors für das Album zukommen zu laſſen. Hat man doch auch Erdichtetes in gemeiner Proſa, zuweilen Mißlungenes Sie haben Recht! lachte Müller die Hände reibend. Oui, oui! Aber Sie ſehen ein, Ihren Denuncianten darf ich doch nicht namhaft machen. Nein, Herr Baron! Sie ſind auch viel zu ritterlich gegen Damen, Herr von Müller! ſtichelte Franz Karl. Nun ja! lachte Müller mit dem Finger drohend.— O der Herr Baron ſind klug genug—, ſehr ſcharf⸗ ſinnig—! Und ſind dabei zu chriſtlich gegen hochwürdige Schildknappen der Damen—! Müller nickte verſtohlen, und ſchlug die Mappe zuſam⸗ men, um ſie mitzunehmen. Franz Karl ſetzte ſich dage⸗ gen, weil ja die Mappe nicht enthalte, was man geſucht habe. Doch Müller berief ſich auf den fürſtlichen Befehl, die„Mappe“ ohne Prüfung des Inhaltes in Empfang zu nehmen; gab auch nicht zu, daß der Baron den ein⸗ gelegten Brief an Fides zurückbehalte, weil die Mappe mit all' ihren Einlagen abzuliefern ſei. Was blieb dem Baron übrig, als ſich, wenn auch mit Verdruß, in die Unannehmlichkeiten zu ergeben, die n me endlich mit ammelte och, Her daß eine nGedicht thun, mir es Autor doch auch ßlungenes e veibend anten dar won! en, Hen tohend.— ehr ſcharf würdig pe zuſan ſich dag an geſuh en Bifi Enpin n den e Maypl wenn u geben, 339 unter dem Schutz eines Staatsgeſchäftes vor ſich gehen durften. Nun denn, in Gottes Namen! rief Franz Karl. Sie ſehen, Herr Staatsrath, daß ich— Hofmanier genug beſitze, eine Schelmerei, die mir in des Teufels Namen angerichtet wird, in Gottes Namen zu empfangen. Da mit aber die Sache ein für allemal abgethan werde und man nicht glaube, die geſuchten Papiere ſeien in ein an— deres Schubfach gewandert: ſo befehlen Sie, welche Kiſten und Kaſten ich Ihnen noch öffnen ſoll! Mein Herr Baron, verſetzte Müller ſehr höflich, ich beſchränke mich auf die mir vorgeſchriebene Mappe, und begnüge mich zum Ueberfluß mit Ihrem Ehrenworte, daß Sie überhaupt keine Abſchriften geheimer Aktenſtücke g nommen haben. Ehrenwort? rief Franz Karl heftig. Ich gebe kein Ehrenwort hinter einer Hausſuchung her. Sagen Sie Sr. kurfürſtlichen Gnaden, wie kränkend es für mich ſei, ſtatt mir das Ehrenwort abzufodern, mich ohne weiteres durchſuchen zu laſſen. Hiermit glaubte der junge Freund auch den eigentlich verletzenden Punkt des Verfahrens gegen ihn gefunden zu haben, und überließ ſich, ſobald Müller unter wiederholten Entſchuldigungen geſchieden war, dem lebhafteſten Unwillen, womit er im Zimmer auf und abgehend überlegte, welche Genugthuung er ſich nehmen müſſe. Darüber kam For— ſter, mit welchem er beim Ausſteigen aus dem Phaeton einen Abendgang nach dem Lager verabredet hatte, das die zum Ausrücken beſtimmten mainzer Truppen heut be ziehen ſollten. Franz Karl theilte ihm den eben vorge 22 fallenen Verdruß mit und fragte, ob er nicht ſeinen Ab ſchied nehmen ſolle. Forſter fand es nicht gerathen, und ſuchte den jün geren Freund über derlei alltägliche Erfahrniſſe zu beru higen.— Sie haben doch die Abſchriften wirklich genom⸗ men, ſagte er lächelnd, und was Ihnen darauf begegnet iſt, liegt immerhin, wenn auch etwas unförmlich, im Wege des Dienſtes. So lange dieſer Dienſt aber an ſich nicht unwürdig oder zur Knechtſchaft wird, möchte ich ihn an Ihrem Platz noch nicht aufgeben. Ein Mann wie Sie muß mit einem ſolchen Schritt aus dem Dienſte eine auffällige Demonſtration gegen Willkür und Uebermuth der öffentlichen Gewalt verbinden, aber dieſe Waffe nicht um kleiner Perſönlichkeiten willen aus der Hand geben Daß man bei Ihnen ohne weiteres nachgeſucht ſtatt nach⸗ gefragt hat, würde ich um deswillen ſo hoch nicht auf⸗ nehmen, weil Sie bei den Abſchriften doch ebenfalls ohne Anfrage verfahren haben. Rechnen Sie Eins ins Andere! Oder nehmen Sie den Verdruß auch als Buße hin und lachen Sie in die Fauſt, daß Ihnen dabei noch ein Tri⸗ umph über Ihre Feinde begegnet; ſtatt daß Ihnen, wenn Sie beim Ehrenworte gepackt, den Beſitz der Abſchriften hätten bekennen müſſen, eine gehörige„Naſe“, wie man's nennt, zu Theil geworden wäre. Dieſe heitere Anſicht und Forſter's Humor fanden bei Franz Karl Eingang. Er wollte nun vor Allem die Folgen der abgelieferten Mappe abwarten, ehe er ſich zu einem weiteren Schritt beſtimmte. Ich denke, ſagte er la⸗ chend, daß nun der Kurfürſt über der rothen Mappe ſelbſt eine lange Naſe bekommen wird lacht Sp ſoge wor uf und the der vor n Ab mjin ber nom⸗ egegnet h, in an ſih ich ihn n wie te eine emuth e nicht geben nach t auf⸗ s ohne Undere in und in Tri wenn chriften mans dn bi em die ſich zl e ſihſ 341 O die hat er ſchon, und wird ſich nicht viel d raus machen, lachte Forſter. Wiſſen Sie nicht, daß er beim Volke den Spottnamen„die Langnaſ'“ hat? Jüngſt hört' ich ſogar einige betrunkene Schuſtergeſellen ein Lied ſingen, worin der niedliche Reim vorkam: Die Langnaſ' hat uns arg betrogen, Am Narrenſeil in Dreck gezogen. Ganz Mainz war auf der Wallfahrt nach den Zelten auf den abgeernteten Feldern vor dem Gauthor. Lärm und Lachen des Volkes ſtach wunderlich genug gegen die theils ſehr verzagten, theils martialiſch geſpannten Geſichter der mainzer Soldaten ab, die nächſter Tage nach Speier vorrücken ſollten. Dieſen vorbeſtimmten Gegen⸗Revolu⸗ tions⸗Helden ließ der Kurfürſt reichliches Bier und Weiß⸗ brot zufahren; und es verzehren zu helfen, fanden ſich gute Bekannte genug ein, die es aus Erkenntlichkeit für eine ſo kriegeriſche Zeche an prahleriſchem Zuſpruch und kühnen Vorſpiegelungen nicht fehlen ließen. Kriegslieder wurden angeſtimmt, Lebehoch und Pereat in Ueberfluß ausgebracht, Umarmungen verſchwendet, aber auch hinter manchem Zelt Hand in Hand mit dem Liebchen geweint, daß es die Backen hinabrann. Kindiſcher Jubel dieſes gedankenloſen mainzer Völk⸗ chens! ſprach Forſter. Die Ueberlegung dieſer, mit from⸗ men Täuſchungen aufgefütterten Menſchen reicht kaum über ihre Naſe hinaus, und keinem fällt es aufs Herz, daß unſere Mitbürger in ſo kurzer Zeit zum zweitenmal das Loos trifft, gegen Volksfreiheit ins Feld zu ziehen. Wie lange iſt es, daß unſer mainzer Contingent gegen die Lütticher ſeine klägliche Rolle ſpielte? Die tapferen Män ner von Erfurt und vom Eichsfeld ertrugen ungeduldig den Vorwurf, den Deutſchland in den Ausdruck: Pfaf⸗ fenſoldaten legt, und ſchämten ſich bei ihrer Rückkehr der Sache, die ſie hatten verfechten helfen. Franz Karl, der ſonſt Forſter ſelten widerſprach, war vielleicht von ſeinem Verdruß noch etwas empfindlich, als er ſehr entſchieden erwiderte Freuen wir uns doch immer ſolcher deutſchen Re gungen unſerer Mitbürger, wenn dieſelben auch eine der jetzigen franzöſiſchen Aufregung widerſtreitende Richtung nehmen! Es iſt vielleicht das rechte Wetter, deutſches Gemeingefühl ins Treiben zu bringen. Wol iſt bürger liche Freiheit, wie wir ſie aus England kennen und in Amerika errungen ſehen, das edelſte Gut eines Volkes; nur muß ſie ein inländiſches Erzeugniß ſein. Als Ein⸗ fuhr-Artikel kömmt ſie leicht in der Verpackung fremder Dienſtbarkeit. Bis dann dieſe Emballage gebrochen wird und in den Flammen vaterländiſcher Begeiſterung aufgeht, iſt das Gut ſelbſt in Fäulniß übergegangen oder weiſt ſich als unbrauchbares Fabrikat aus. Man ſoll ſich daher nur freuen, wenn ein Volk ſolche Einfuhr gleich an der Grenze mit der Abgabe des Schwerts belegt. Nur finde ich dann allerdings billig, daß dem Fürſten dies Schwert in Rechnung gebracht werde für ein— Für ein Freiheitsgeſchenk der Dankbarkeit? fiel Forſter ein. O welch' ein rührendes Vertrauen Sie noch für unſere Fürſten haben! O ja, noch jetzt ließe ſich in Deutſchland eine Verbeſſerung friedlich und ſanft verbrei⸗ ten und ausführen; man könnte ſo ſchön, ſo glücklich von 343 Nin den Vorgängen in Frankreich Vortheil ziehen, ohne das uhig Gute ſo theuer erkaufen zu müſſen. Ich möchte bittend fuf⸗ vor allen Fürſten Deutſchlands ſtehen, und ſie um ihres ckehr eigenen Glücks und um der Wohlfahrt ihrer Völker wil— 4 len bitten, es bei dem, was geſchehen iſt, bewenden zu war laſſen und nicht Alles aufs Spiel zu ſetzen. Aber wo als findet ſich heute der Fürſt, der Sinn dafür hätte, Deutſch⸗ lands Erretter zu werden? O mein Freund, dazu haben Re dieſe Regierenden keine Zeit! Bedenken Sie doch, was der dieſen hohen Herren nicht ſchon Alles obliegt! Wenn für 4 tung die Erhaltung der Souverainetät geſorgt iſt, behält der ſches Fürſt eines deutſchen Landſtrichs immer noch die Sorge, r mit ſeinem Hofſtaate ſo reichlich zu genießen, als ihnen 6 d in das Uebermaß des Genuſſes noch Fähigkeit dazu gelaſſen ltes; hat, oder die Erſchöpfung aller Hülfsquellen es noch ge⸗ 6in⸗ ſtatten will. Der erträgliche Zuſtand irgend eines deut⸗ nder ſchen Völkchens iſt ſelten ein Verdienſt ſeiner Regierung, rird ſondern meiſt ein Werk des Zufalls. Wilde Trommeln, grelle Pfeifen hatten ſchon die letz⸗ geht, ten Worte des Freundes überlärmt, und nun wälzte ſich aher neben und hinter einem Bataillon Soldaten, die unter der Bedeckung von Huſaren nach dem Lager zogen, eine Menge An Volks vom Gauthor her, und regten einen gräßlichen 13 ie Staub auf. Die Soldaten marſchirten auffallend ſchlecht. Viele waren betrunken, Andere erlaubten ſich alle Unge⸗ ſter berden einer widerſetzlichen Unzufriedenheit. Franz Karl fi kannte den Anführer der Huſaren, den Oberſt-Lieutenant n von Radler, grüßte ihn, und trat mit der Frage, was tri dieſe Sonderbrkeit bedeute, an das Pferd hinan. 4 Es ſind die verwünſchten Erfurter! antwortete der von 344⁴ Offizier. Die Kerls wollen eine aparte Wurſt gebraten haben. Die Bürgerſchaft in Erfurt, wie Sie wiſſen, hat ſich dem Abmarſch der Burſche widerſetzt, und man hat ihnen das Verſprechen gegeben, daß dieſelben nur Feſtungs dienſt innerhalb Mainz thun ſollten. Nun wollen die Racker nicht ins Feld! Aber der Teufel ſoll ſie holen: ſie müſſen d'ran! Mit dem Säbel grüßend, ſetzte er in Bogenſprüngen nach, und Forſter rief bitter: Sehen Sie, lieber Freund, dieſer Mann hat, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ſehr wahr geſprochen. Es heißt in der That eine aparte Wurſt verlangen, wenn man eine hohe Zuſage gehalten wiſſen will. Ein gewöhnliches Für⸗ ſtenwort, womit ein Volk abgeſpeiſt wird, hält das Feuer nicht aus es zerplatzt und zerſchmort mit ſeinem Füllſel! Vivat hoch! erſcholl es hundertſtimmig aus dem Lager. Knaul auf Knaul der ſich umarmenden, verbrüdernden Zecher wirrte ſich durcheinander, und die Trommeln wir⸗ belten dazwiſchen.— Unſere Freunde hatten einen Hügel erreicht, und ſahen aus der Ferne ſchweigend und ge⸗ dankenvoll dieſem Treiben zu. Die untergehende Sonne warf zwiſchen den Zelten herein ihre Strahlenbüſchel in das Gewühl der Soldaten, und verklärte den dichten Staub, der Alles umgab, zu einem weiten Heiligenſchein des erz⸗ biſchöflichen Lagers. Vom Stephansthurm läutete der Abend ein, und durch ſeine Luke ſchielte ein leichenblaſſer Mond mi mit ver die nu ver ſi lie wten hit nhat ng ndie olen ingen ees der hohe Für⸗ euer ſel! ger nden wir⸗ igl ge⸗ nn in aub, Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Das Album des jungen Freundes hatte im Kabinete des Kurfürſten, wohin es der geheime Staatsrath von Müller abgeliefert, nicht wenig Befremden erregt. Der alte Herr, auf keine Ueberraſchung vorgeſehen, ſondern mit fürſtlichem Unwillen gerüſtet, ſollte nun, ſtatt dieſen auszulaſſen, eine Beſchämung hinnehmen. Man würde den Inhalt des rothen Saffians, zum großen Theil von einer unbekannten aber zierlichen Mädchenhand angefertigt, nicht recht begrif⸗ fen haben, wäre nicht der beigelegene Brief Franz Karl's an Fides mit der nöthigen Erklärung zu Hülfe gekommen. Müller hatte ſich nach der Ablieferung und ſeinem mündlichen Bericht vor der Beſchämung ſeines gnädigen Herrn ſchlau zurückgezogen, und der Kurfürſt hielt nun mit ſeinem Aerger über einen Schritt, der ſeines Ziels verfehlt hatte, gegen die Gräfin nicht an ſich. Jetzt, da die kluge Dame von ihrem Geheimthun über das Album nur Verdruß haben ſollte, nannte ſie ſchnell ihren vorher verſchwiegenen Gewährsmann, den Pater Garzweiler dem ſie dieſen Gewinn ihres betriebſamen Einverſtändniſſes lieber allein gönnte. Auf den Pater warf ſich nun um ſo lebhafter, als er ſchon in Ungnade ſtand, der fürſtliche Unwille; und da ſich aus des Barons Briefe eine Rach⸗ ſucht des Geiſtlichen gegen Franz Karl errathen ließ ſo trat der junge Mann und ehemalige Liebling als ſchuld— —— 346 los und verfolgt zugleich in deſto günſtigeres Licht vor ſeinem Fürſten. Nun Sehen Sie! Dus haben Sie davon! rief der alte Herr. Mich geht die ganze Geſchichte nichts an, Frau Gräfin. Aber Sie haben Urſache, recht böſe zu ſein, Couſine! Sapperment! Sie ſind die Getäuſchte, — Sie ſind la dupe dieſes verſchlagenen Mannes, Sophie. Dieſe Worte, womit der alte Herr ſich aus der Ver— legenheit zu ziehen dachte, waren zugleich nicht ohne Scha denfreude geſprochen; wie er ja bei aller Schwäche für die vertraute Freundin den greiſenhaften Anwandlungen von Spott und kleiner Bosheit gern nachgab. Die Grä fin pflegte dergleichen zu überhören; und wiewol ſie, um Recht zu behalten und etwa zu widerbellen, von dem wirklichen Vorhandenſein der geſuchten Abſchriften über⸗ zeugt war; ſo trieb ſie doch die Sache nicht weiter, ſon dern ließ ſtillſchweigend den Baron für ſchuldlos gelten Andere Gedanken ſtiegen in ihrer ſtets berechnenden Seele auf. Der Brief des Barons widerlegte ihre Vorausſetzung eines nach ihrem Geſchmack vertrauten Verhältniſſes deſſel ben mit der ſchönen Fides. Für den zarten Duft der Liebe, der in den Zeilen des Briefes wehte, ging ihrem genußſüchtigen Herzen der feinere Sinn ab. Sie ſah die Uebereilung ein, womit ſie dem Baron ſo ſchnöde begeg net war, und ſtatt ihn zu treffen, ſich nur ſeine ſchlagen den Vorwürfe zugezogen hatte. Noch Eines kam dazu. Der Plan, zu welchem ſie den Herrn von Meyenfeld an ſich gezogen hatte, gab zwar eine ganz lockende Perſpective; allein die Comteſſe Joſephine weigerte ſich entſchieden zu ſo Da ſui W gen den ſet wil vh fie Bl Uun gu ſch f der an, ſe zu ſchte, mes, für ngen Grü⸗ um dem ibu⸗ ſon⸗ elten Stele 347 darauf einzugehen. Sie hing feſt und mit vollem Herzen an ihrem Verlobten. So war es nun der Gräfin nicht unlieb, daß ſie mit dem Baron wieder anknüpfen konnte, gegen den ſie auch durch einen erklärten Bruch in der Meinung der Societät zu kurz zu kommen fürchtete. Sie ſann nur darauf, wie ſie ihn am beſten auch für ihre Perſon wieder umſtimmen möchte. In dieſen flüchtigen Gedanken kam ihr der Fürſt ſelbſt zu Hülfe; indem er der ſchweigſamen Freundin das ihm ſo läſtige Album mit den ungeduldigen Worten hinſchob Da, nehmen Sie ſich Ihre Rache an dem tückiſchen Je⸗ ſuiten, Couſine! Und ſprechen Sie auch mit dem Baron Wallbrun! Sagen Sie ihm, wir ſeien ihm in Gnaden gewogen und wegen des ihm geſchehenen Unrechts gegen den Garzweiler höchſt aufgebracht und ſehr entrüſtet. Und nachdem der Fürſt lauten Tons gegähnt hatte, ſetzte er hinzu: Wenn der Baron vielleicht ungern nach Erfurt geht— Horchen Sie einmal, Sophie! Es läßt ſich ja noch— der Dienſt iſt ja nicht der Herr!—— noch ändern, will ich ſagen; beſonders wenn ſich's bald mit der Joſe— phine macht. So war denn dies Album aus ſeiner anmuthigen und freien Beſtimmung, zwei liebende Seelen mit ſinnreichen Blättern zu umflüſtern, mit poeſieduftigen Sträußern zu umfächeln und ihre ſtummen Wünſche, ihre lächelnden Träume über feindſelige Lebenswirrniſſe hinaus in das Paradies der Dichtung zu tragen, durch ſonderbare Fü gung in unwürdige Hände nnd in die Dienſtbarkeit tücki ſcher Abſichten gefallen. Die Gräfin Coudenhove nahm 348 es in Verwahrung, und ging mit ſich zu Rathe, wie ſie es am ſchicklichſten in Franz Karls Hände zurückbringen möchte. Doch vorher wollte ſie es noch zu ihrer Satis⸗ faction gegen Garzweiler brauchen. Sie hatte ihn mit ein paar Zeilen zu ſich geladen, und erwartete ihn in ih rem Kabinet. Als es anklopfte, warf ſie ihr wohlriechendes weißes Tuch über das Album, und ging dem Auguſtiner, der ſein früheres Hinken, als intereſſant in den Augen des Volkes, noch immer beibehielt, mit lächelnder Freundlichkeit entgegen.— Nun, Pater Ignaz, wir haben's! ſagte ſie; wobei ſie ihm die Hand zum Kuß reichte. Aber wüßten Sie, wieviel Mühe es gekoſtet hat, den Fürſten zum Befehl einer Hausſuchung zu vermögen! Er hat ſogar, um ihr das Widerwärtige zu benehmen, ſeinen ge— heimen Staatsrath dazu gebraucht. Und nun denken Sie einmal, wenn ſich Nichts vorgefunden hätte, die ſchmäh⸗ liche Verlegenheit!— O meine Gnädigſte! lächelte Garzweiler mit hoher Miene,— wann wäre ich einmal meiner Sache nicht ſicher und gewiß geweſen? Wahrhaftig, Pater? Nun, Sie wiſſen, es iſt mir auch gar kein Zweifel gekommen. Aber geſetzt einmal den Fall, guter Pater,— wie dann? Was hätten wir gemacht? Es wäre ſehr verdrießlich geweſen, Gräfin! Seht doch! Wär's wirklich verdrießlich geweſen? Ein Dementi für den Fürſten, eine bitterſte Beſchämung für mich nennen Sie„verdrießlich?“ Ich wollte, Sie hätten einen kleinen Verdruß auf dem Rücken! Aber, nicht wahr, das iſt es doch? Ga ſch Zu den M wo ie ſie ingen mit nih weißes mih⸗ hoher uicht mir den naht veſen? mung volle, Sie hob das Tuch von der Saffian-Mappe, und Garzweiler, über das ihm vorgerückte Bedenken der Gräfin ſchon etwas ſtutzig, erkannte nun mit deſto lebhafterer Zufriedenheit das rothe Buch an. Sie ließ ſich, ohne dem Pater einen Sitz anzubieten, zu ihrer ausgedachten Mißhandlung, höchſt bequem in die Sophaecke fallen, wobei ſie mit nachläſſigem Blick auf das Buch ſagte Sie werden ſich in ihrem jetzigen Habit für dieſe Staatsgeheimniſſe nicht mehr intereſſiren, Pater Inaz? Nicht mehr wie früher, Euere Gnaden! antwortete er Aber die geheiligte Aufgabe, die ich meinem Predigtamte geſetzt, darf ſich doch den Bewegungen des politiſchen Lebens nicht gänzlich fremd und fern halten. Bin ich nicht ein Steuermann, verehrte Frau, der ein von revo lutionairen Wettervögeln geängſtigtes und verwirrtes Volk an dem Strudel der Zeit vorüberführen ſoll? Und kann ich da in meinem Rettungsſchiffe des Compaſſes der Po litik entrathen? Poeſie können Sie alſo nicht brauchen? fragte die ſchalkhafte Frau lächelnd. Poeſie? ſtutzte Garzweiler. Ich weiß nicht, wie Sie es meinen: aber eigentlich doch! Die höhere Poeſie näm— lich, welche die endlichen Beziehungen der Politik in die höhere Bedeutung und Beſtimmung des menſchlichen Lebens verwandelt. Verwandelt! lachte die Gräfin laut auf. Da ha⸗ ben Sie ja das wahre Stichwort gefunden. Verwand lung ſcheint recht die Schadenfreude des Zeitgeiſtes zu ſein. Hat Ihnen dieſer Schalk nicht auch den Poſſen mit der Kutte geſpielt? Wahrhaftig, Pater Ignaz, ein Pro ——— phet ſteckt in Ihnen! Verwandelt! Nun ja doch! Greifen Sie zu! Für Sie iſt das Buch kein verſiegeltes! Garzweiler, über den Ton der Gräfin erſt betreten, doch beim Anblicke des Albums beruhigt, öffnete es raſch, und man kann ſich denken, mit welcher Verwirrung er Blatt für Blatt wendete und endlich zur Gräſin aufblickend dem ſchadenfroheſten Lächeln begegnete.— Nicht wahr, in Poeſie verwandelt? rief ſie mit losbrechendem Groll Völlig umgewandelt, ohne daß die Schale das Mindeſte davon verräth. Bei Ihnen, Pater, iſt es umgekehrt Sie vertauſchen nur das weltliche Kleid mit der Kutte; aber der Schalk darin wechſelt nicht mit dem Balge. So gewiß waren Sie Ihrer Sache, wie Sie da ſehen! Nein, Pater, ſeit Sie hinken, kommen Sie überall zu ſpät. Garzweiler verſchluckte die herben Worte und böſen Blicke der zürnenden Frau, und betheuerte nur, daß die bewußten Abſchriften wirklich und in derſelben Mappe vorhanden geweſen. Was Sie mir ſagen! fuhr die Gräfin fort. Als ob ich das nicht eben ſo gut wüßte, wenn ich es auch nicht ſo gut benutzt habe, wie Sie! Damals ſchmeichelten Sie dem Baron, um ſeiner zu mißbrauchen; jetzt haſſen Sie ihn, und— mit dieſem Wechſel Ihrer Geſinnung haben ſich die Aktenſtücke in Poeſie verwandelt. Ich überlaſſe Ihnen den ganzen Gewinn davon, und daß Sie nun in der Meinung des Fürſten für einen großen Erfinder gelten. Ich haſſe den Baron? erwiderte Garzweiler. Wie verdrehen Sie mir die Sache! Haben Sie denn nicht, Sie, Sie ſelbſt ein Mittel der Rache von mir verlangt? Ich bin ein Büßender, und nehme gern als ſolcher fremde Zur hatt Gr ſche mic Geg ihn mir Bu zwiſ Sie Zu Sie das ſol ren ſich gen ten lich vie V Ur wi doh! geltes! tuten, raſch, g er lictend hr, in Groll ndeſe ehtt kutte; die Nappe ls ob nicht Sie Sie haben chſſt in der elten Pie nich, ungt remde 351 Zumuthungen auf mich. Aber freilich!— mit Ihnen hatte ich nie Glück; und nachdem ich einmal zu ſtrenge Grundſätze hegte, um über Ihr verlangendes Herz zu herr— ſchen, hätte ich wenigſtens ſoviel Verſtand haben ſollen, mich nicht zum Dienſt Ihrer Leidenſchaften zu erniedrigen. Die Gräfin hielt an ſich, mit Vorbedacht, ihrem Gegner keine Blößen der Aufwallung zu geben, ſondern ihn mit dem gelaſſenſten Spott zu treffen.— Sie haben mir ſchön gedient, Pater! ſagte ſie. Ich wollte, dies Buch hätte ſo, wie es da zwiſchen mir und Ihnen liegt, zwiſchen Ihnen und dem Kurfürſten gelegen: ich verſichere Sie, es wäre Ihnen—„ſehr verdrießlich“ geweſen! Zum Glück waren Sie mir lieb genug, Pater Ignaz, um Sie ganz allein in dem falſchen Lichte ſtehen zu laſſen, das dieſe verwandelten Blätter auf Sie geworfen. Ich küſſe die Hand dafür, meine Gnädige! verſetzte er. Ich habe nichts Beſſeres bei Ihnen verdient. Warum ſollten Sie einen Mann nicht haſſen dürfen, der vor Ih⸗ ren aufgethanen Armen, unter Ihren brünſtigen Augen ſich— in ein Klotz verwandelte? Ach ja, es ſind Verwandlungen mit Ihnen vorgegan⸗ gen, guter Pater, Verwandlungen, die eher Mitleid, als Haß verdienen, und die für einen Mann ohne Leidenſchaf⸗ ten und von ſo ſtrengen Grundſätzen—„ſehr verdrieß⸗ lich“ ſein müſſen. Ihr Männer geht in der Liebe, ſo viel Vortheile ihr voraus habt, doch nicht ohne mancherlei Verdruß aus, und wenn ein Verheiratheter zuweilen mit Unrecht für den Vater ſeines Kindes gilt; ſo iſt das wol nicht verdrießlicher, als wenn ein geiſtlicher Herr mit Recht als Vater bekannt wird. Nicht wahr? 352 Garzweiler ſchoß einen forſchenden Blick nach der Spre cherin, und erwiderte gleichgiltig: Ich kann mir das den ken, Euere Gnaden! Man hörte eben einen Wagen anfahren, und die Gräfin erhob ſich mit den lebhaften Worten: Ja, mein frommer Pater, überlegen Sie ſich zu Ihrer Buße, was Sie ſich nicht Alles denken können. Der Wagen fährt für mich vor: ich muß Ihren Mißgriff mit dem Album bei Baron Franz Karl wieder gut machen Das iſt auch etwas„ſehr Verdrießliches“ Wir hätten gar nicht gewußt, woran wir mit dem verwandelten Album wären, hätte uns nicht dieſer Brief des Barons Aufſchluß gegeben. Sie nahm den Brief vom Sopha, wo ſie ihn ver⸗ ſteckt hatte, ließ den Pater die Handſchrift ſehen und in⸗ dem ſie das Schreiben dann ins Album legte, fuhr ſie mit heiterer Betonung fort: Die Zeilen ſind an Fides gerichtet. Franz Karl ſchenkt ihr dies rothe Album für gewiſſe Mittheilungen, die ſie ihm aus einem anderen rothen Buche gemacht hat. Er macht ihr nun auch welche aus Oeſtrich. Ja, ja beſter geiſtlicher Rath,— hätte ſich nur Ihr rothes Buch, ehe es in fremde Hände ſiel, auch ſo glücklich verwandelt! Aber Sie ſehen, die Weltkinder gehen oft glücklicher, als die frommen Büßer aus. Ueberhaupt, mein alter Freund, haben Sie in letzter Zeit viel Unglück mit Ihren geheimen Angelegenheiten gehabt. Laſſen Sie ſich rathen! Ich meine es gut mit Ihnen! Ziehen Sie ſich in die Ein⸗ ſamkeit Ihrer ſüßen Erinnerungen zurück Nur nicht ſo tief, daß Sie mich nicht mehr beſuchen könnten! Bei mir werd wer Toch mac weil fin ſello um ange Ohr ſchin zurec gebli recht Ver 36 Enif Gna unge 1Ihrer Der if mit nachen hätten Album ſſchluß ver⸗ id in⸗ hr ſie Karl ungen, ht hat beſter , che mdeb r, al reund, heinen 35 Ein⸗ ſo tif ei mi werden Sie ſtets die wärmſte Theilnahme finden; ich werde mich immer freuen zu hören, wie es Ihrer lieben Tochter in Oeſtrich geht, und was Ihre munteren Enkel machen. Adieu, mein frommer Vater! Dieſe letzte Rede war wie ein Platzregen über Garz⸗ weiler gekommen, und ehe er ſich beſann, hatte die Grä⸗ fin das nächſte Zimmer betreten, wo ſie durch das Schlüſ⸗ ſelloch ihren getroffenen Gegner beobachten konnte, wie er auf die Thürklinke geſtützt, Athem ſchöpfte, und ſich zu⸗ ſammennehmend das Zimmer verließ. Die Gräfin fuhr mit dem Album nach der Wohnung der Baronin v. Wallbrun. Als ſie von dem Bedienten hörte, der Baron ſei zu Hauſe und auf ſeinem Zimmer, eilte ſie mit dem Buche dahin, legte es vor dem Ueber⸗ raſchten auf den Tiſch, und flüſterte mit anmuthiger Freundlichkeit: Vom Kurfürſten, Herr Baron! Ich hörte zu ſpät, um es zu verhindern, welche Tücke Garzweiler gegen Sie angezettelt. Doch— er hat auch zum letztenmal das Ohr Seiner kurfürſtlichen Gnaden gehabt. Er iſt be⸗ ſchämt und vernichtet. Aber auch ich, lieber Baron, bin zurechtgewieſen— durch das Album. Ich habe darin geblättert— zu meiner verdienten Züchtigung! Wie Un⸗ recht habe ich Ihnen und der guten Fides Lennig gethan! Verzeihen Sie mir! Ihre Hand, lieber Baron! Nicht—? Ich verdiene freilich—! Ich höre Ihre Frau Mutter. Entfernen Sie das Buch! Beſinnen Sie ſich auf eine Gnade, die Sie vom Fürſten erbitten. Er hat ſehr ungern— Koenig, Clubiſten in Mainz. II 23 354 Eben trat die Baronin ein, und die Gräfin eilte mit offenen Armen ihr entgegen Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die Generalin hatte ſich eines ſpröden Unwillens zu dem Baron verſehen, und ließ ſich einige Nachgiebigkeit nicht verdrießen. Um ihm das Entgegenkommen durch Rück ſichten der guten Lebensart zu erleichtern, ſchickte ſie näch⸗ ſten Tags an ihn und Cäcilien zugleich eine Einladung zu dem kleinen Feſte, das ſie auf des Kurfürſten Wunſch den im Lager ſtehenden Offizieren gab. Dieſe Zelte vor dem Gauthor waren nämlich nicht für längere Dauer auf dem Stoppelfeld eingepfählt; die Trup pen ſollten da blos in kurzer Feldwacht die erſte Ver⸗ ſchmelzung bei den Wachtfeuern erhalten, vom Kohlen rauche der kochenden Caſſerollen einige Bivouaefarbe an? nehmen, und ſich an den Viertelſtundenruf der Parole, an die mitternächtlichen Aengſte und an das Fröſteln des erwachenden Tags gewöhnen. Sie ſtanden ſchon im Be⸗ griff, nach Speier zum öſtreichiſchen Corps unter Com mando des Grafen von Erbach abzuziehen. Ehe ſie je⸗ doch aufbrachen, um ihre Zelte einem zweiten Bataillon zu räumen, gaben der Hof, der Gouverneur und einige Generalitäten verſchiedene Abſchiedsfeſte Das der Gräfin Coudenhove war Kaffee-Danſant im furf Sta ſin der Der aus und ver hatt einer und ſcheh jung kühn inm Sch man über etwa den Nude Von ſhif ihr Schi ud über das lt mit u dem it nicht Rück e nich⸗ ung j Wunſch icht für e Tru ſe Ver⸗ Kohlen rbe an⸗ Parole, teln de in Be⸗ Con eſi ſ gatuilo d einih nſunt i 355 kurfürſtlichen Schlößchen auf der Petersinſel unterhalb der Stadt. Franz Karl lehnte die angebotene Jacht der Grä fin ab, und bediente ſich mit ſeiner Schweſter, um nach der Inſel zu fahren, der neuen Gondel Jean Baptiſt's Der junge Schiffer hatte ſich nach ſeinem Geſchmack her⸗ ausſtaffirt, ſeine neue Flagge aufgeſteckt, und ſah friſcher und unternehmender aus als je. In ſolcher Stimmung verrieth er oft, was Fides ſchon ihrem Vater geklagt hatte, eine gewiſſe Verwilderung, die jedoch nicht leicht einer natürlichen Anmuth entbehrte. Bei gutem Erwerb und dem ſichtbaren Eindrucke, den ſeine ausnehmende Er⸗ ſcheinung auf die Damen machte, fühlte ſich der kräftige junge Mann etwas; wobei er noch in freier Luft und kühnem Geſchäft ein feuriges Blut athmete, das ſein Herz in muthigen Schlag— und ſeine Phantaſie in höheren Schwung ſetzte. Sein ziemlich romantiſcher Anzug und manche den Vornehmen abgelauſchten Geberden täuſchten überdies ſein Selbſtgefühl, und liehen ihm allerdings auch etwas Apartes, einen gewiſſen ritterlichen Schimmer, in den Augen Derer, die an ſonnigen Tagen unter ſeinem Ruder über den blaßgrünen Spiegel des Stroms dahinglitten. Auch an Cäcilien verſuchte ſich heute dieſer Zauber. Von dem gedankenvollen Bruder wenig unterhalten, be⸗ ſchäftigte ſich unter dem ſchattigen Halbverdeck der Gondel ihr Blick mit den einnehmenden Bewegungen des ſchlanken Schiffers, wenn er abwechſelnd das Steuer zog und das Ruder ſchlug, und ſein großes lichtſprühendes Auge bald über den Strom nach dem Gebirge hinaus, bald unter das dunkelgrüne Dach der Gondel ſchweifen ließ. Schon ſpielte die Muſik, als ſie ausſtiegen, und Franz 23* —————— Karl den Schiffer auf nicht zu ſpäte Nacht wiederbeſtellte. Märſche rauſchten zu den Taſſen, und nachher hoben lu⸗ ſtige Tänze an. Franz Karl trug ſehr ungern den Zwang der Einladung und hielt ſich daher mit Abſicht vom Tan⸗ zen zurück. Dafür ſchwebte Comteſſe Joſephine deſto fröh— licher von Hand zu Hand der jungen Helden, die der Schwindel kriegeriſchen Uebermuths nicht immer in den gemeſſenſten Schwenkungen des Walzers führte. Derſelbe Uebermuth herrſchte unter den älteren Offizieren und an⸗ geſehenen Emigrirten, die ſich zu reichlichen Erfriſchungen geſetzt hatten. Man ſprach von dem bevorſtehenden Feld⸗ zuge nach Frankreich, und übertrieb die Thaten der preu⸗ ßiſchen Armee vei Grandpre nur, wie es ſchien, um ſolche mit den Schwüren auf das eigene Schwert zu über⸗ bieten. An Schimpf auf den erbärmlichen Zuſtand der franzöſiſchen Armee und auf die Feigheit der Sanseculot⸗ ten ließ man es auch nicht fehlen, und ein derber Scherz dazwiſchen deutſch vorgebracht, wo das Franzöſiſche nicht zureichte, fand keinen andern Anſtoß, als den der ge⸗ füllten Gläſer. Dieſe oft unſinnigen Prahlereien ſpitzten ſich immer wieder in einem beliebten Stichworte zu, das zur Parole des Tags geworden war. Kurz vorher hatte nämlich der Marquis d'Autichamp ein Corps Emigrirter an der Woh⸗ nung der Herzogin von Grammont vorübergeführt, und der ſtolzen Dame, als ſie ihm Glück zum Feldzuge wünſchte, zugerufen: Pah, Madame, es iſt nur ein Spa⸗ ziergang nach Paris! Dies Wort war nun Trumpf zu allen Farben der Uebertreibung, und immer hieß es wie⸗ der Es iſt nur ein Spaziergang nach Paris! ſelte, en lu⸗ Zwang Vn ftöh⸗ ie der in den ſelbe id an⸗ ungen Feld⸗ preu⸗ t, um über⸗ nd der Sculot⸗ Schetz he nicht der ge immer Pmolt ich de r Voh⸗ rt, und ldzuhe in Syo mf . 7 Ungeduldig der ſchwülen Zimmer und dumpfen Atmo⸗ ſphäre dieſer Vorurtheile ſtahl ſich Franz Karl ins Freie, und durchwandelte die Pfade der Inſel. Ein ruhiger Abend ſäuſelte in den Gebüſchen und ſchimmerte über den Kräuſelwellen des Stroms; der Mond ſtieg über den Kuppen des Taunus auf. Er begegnete dem Major Eicke⸗ meyer, der eben auch die Geſellſchaft verlaſſen hatte, und fragte ihn ſcherzend, ob bald alle Franzoſen abgeſchlachtet ſeien. Heut bleiben die Heldenthaten doch nur beim Lächer⸗ lichen! erwiderte mit ſchwermüthiger Freundlichkeit der Offizier. Man wüthet blos unter dem Pöbel. Geſtern hätten Sie beim Gouverneur ſein ſollen, Herr Baron! Dort galt es allem franzöſiſchen Adel, der nicht landes⸗ flüchtig geworden iſt. Man will Alle aufhängen, die man in Frankreich geblieben antrifft, und, um mit ſo Vielen ſchneller fertig zu werden, haben unſere ſtolzen Herren ihre eigenen Hände zur Henkerarbeit und unſere ſchönen Damen ihre Haare zu Stricken angeboten. So verkehrt ſind die Begriffe dieſer franzöſiſchen Fanatiker, daß ſie die Ehre ihres Adels und die Anhänglichkeit an die Monarchie in treuloſer Flucht ſuchen, und das Ausland aufbieten, den König und ihr Vaterland ins Unglück zu ſtürzen. Und wer ſind unſere mainzer Großſprecher? O ich kenne dieſe Oberſten, die im lütticher Kriege ſich auf zehn Stunden Wegs nicht ſicher vor den Patrioten hielten, wenn nicht zwei Kanonen vor ihnen hergin gen, und die vor Haſſelt die Flucht ergriffen. Jetzt ſprechen ſie von nichts, als von abgeſchnittenen Jako⸗ binerköpfen, und ich glaube, das gibt ihnen eben ſo 358 viel Muth, daß ſie dieſe Köpfe ſchon abgeſchnitten zu fin den hoffen. Als Beide das Haus wieder betraten, ſetzte der junge Freund ſich zu dem verſtändigen, gemeſſenen Manne in ein Seitenzimmer, um ſich über den Zuſtand der Fe ſtungswerke zu unterrichten, an denen noch alle Arbeit ruhte. Die Nacht war eingebrochen, und die Lichter und Kronleuchter vermehrten die Schwüle der Gemächer, als Cäcilie das Freie und die Erfriſchung der Abendluft auf ſuchte. Ihr unbefriedigtes, immer ſehnſüchtiges Herz hielt eine lärmende Luſt, eine rauſchende Geſellſchaft nie lang aus, ohne ſich an die Seite eines vertrauten Freundes oder, wenn ihr ein ſolcher fehlte, wenigſtens in die Ein ſamkeit ſpielender Träume und verlangender Vorſtellungen zu flüchten. Ein froher Seufzer löſte ſich, als unter der Halle der erſte friſche Luftſtrom in ihre leicht umflorte Bruſt drang. Wie zauberhaft lag über dem zitternden Gewäſſer der Vollmond, und warf von Hochheim herab einen Lichtſtreif wie eine flimmernde Angelſchnur nach der grünen Inſel aus, auf welcher die rauſchenden Takte des Lanzes und die ängſtlichen Pulſe eines ſehnſüchtigen Mäd chenherzens ſchlugen! Man hörte, wenn die Muſik ſchwieg, das heimliche Naſchen der kleinen Wellen am nahen Ufer; ſonſt war eine ſelige Stille umher. Bald aber vernahm Cäcilie aus der Ferne eine ſchöne klangvolle Mannsſtimme das beliebte Lied ſingen Guter Mond! Du gehſt ſo ſtille Durch die Abendwölkchen hin, Biſt ſo ruhig, und ich fühle, Daß ich ohne Ruhe bin Sie Ba Me ſtru cili del M wi tet kit ein ren mi Un m ih fin junge me in r Fe Arbeit t und als tauf z hielt lang eundes Ein⸗ ungen et der mflorte ernden herab ſch der kit des Mid hwieg, Ufir; rahm ſtimme 359 Sie trat dem buſchigen Geſtade näher, und glaubte Jean Baptiſt's Stimme zu erkennen. Wirklich blieb auch die Melodie nicht ohne Begleitung eines echten Schiffer-In— ſtrumentes; indem ſtatt der Saitenklänge einer Laute Cä eilie die Ruderſchläge des Sängers vernahm, deſſen Gon⸗ del eben in ſchwarzen Umriſſen durch den Lichtſtreif des Mondes heranglitt. Eine wunderſame Unruhe, ein un⸗ widerſtehliches Verlangen trieb die einſame Baroneſſe hin ter dem Buſchwerk hervor an das Landungstreppchen. Eben kettete der Schiffer ſein Fahrzeug an.— Schaukle mich eine Strecke hinaus! rief ſie ihm zu; ich will einmal hö ren, wie ſich die Muſik in der Ferne ausnimmt. Ein flacher Kahn lag an einem Ringe gebunden; Jean Baptiſt löſte ihn, und mit dem Doppelruder, wie mit zwei Waſſerflügeln, wiegte er die reizende Schwärme rin der Nacht weit hinüber. Da ſtrahlten die Lichter matt durch den Dämmer des Vollmonds und die Muſik zerfloß im leichten Dunſte des Gewäſſers. Cäcilie plau derte mit dem Sch„deſſen naive und kecke Antworten etwas Aufregendes für ſie hatten.— Warum biſt du nicht verheirathet? fragte ſie. Ich traue den mainzer Mädchen nicht, gnädige Ba roneſſe. Und warum denn nicht, du närriſcher Menſch? Ich fürchte, überall zu ſpät zu kommen, ſchöne Ba— roneſſe. Je nun— dann mußt du gleich früh morgens nach ihnen ausgehen, Jean Baptiſt! Vor jedem Morgen geht eine Nacht her, wiſſen Sie, und— 360 Cäcilie ſchwieg und Jean Baptiſt ſetzte raſch hinzu: Und dem Vollmonde wenigſtens iſt kein Stubenfenſter zu hoch. Mit den Kirchenfenſtern mag er's halten, wie er will. Ja, wenn du ſogar auf den Vollmond eiferſüchtig biſt— lachte Cäcilie. Das bin ich juſt nicht immer, gnädige— Wann denn nicht, Jean Baptiſt? Auf dem Waſſer nicht, ſchöne Baroneſſe. Aha, da biſt du Herr, und führſt das Zepter! Sie haben's errathen! Sehen Sie, wenn ich da ſo ne reizende Nire— wie zum Beiſpiel eben jetzt!— hin und her rudere, kann ich immer meinen Kahn ſo drehen und wenden, daß der Mond auf mein ehrlich Herz, aber nicht ins Angeſicht meiner Geliebten blicken darf. Sehen Sie, ſo! Er wendete raſch, daß Cäcilie auf ihrem Sitze ſchwankte, den ſchlanken Kahn, und ſaß im vollen Lichte des Mondes. Eine kurze Stille, während der man den ſäuſelnden Takt des Contretanzes von der Inſel hörte, und Cäcilie gebot ängſtlich: Fahre mich zurück! Mein Tänzer erwartet mich. Aha! lachte Jean Baptiſt. Ihr Tänzer ſoll auch nicht wiſſen, daß der Vollmond ſchon auf Ihrem ſchönen Buſen geruht hat. Er wird ſehr verwegen!— ſagte Cäcilie ſtreng und ſtolz. Er? fragte der Schiffer. Wer denn, ſchöne Comteſſe? der Tänzer oder der Vollmond? Ich bin ja ein„Du“, und hieß eben noch Jean Baptiſt. 361 Du biſt ein Narr! lachte ſie, und Jean Baptiſt, der ptiſ fenſt Inſel zuſteuernd, fuhr fort: wie Hören Sie, was mir über das Er einfällt! Mit dem Mond iſt eine große Verwandlung vorgegangen, ſichtig gnädige Baroneſſe! Ich habe einmal vornehme Fräulein und Cavaliere gefahren; die erzählten ſich eine alte Fabel aus der heidniſchen Glaubenszeit von der Göttin Mond, daß ſie Nachts einen hübſchen Burſchen geküßt, der En⸗ . divien hieß, und ſie neckten einander, was wol der ſchöne Schläfer dabei empfunden habe. Hören Sie, gnädige ————— da ſo Baroneſſe! Das kann ich mir gar wohl denken, wie's. hin dem armen ehrlichen Endivien mit ſeinem krauſen Haar rehen dabei zu Muthe geweſen iſt,— ſo froh und ſo weh aber zugleich, als ob er— wie ſoll ich ſagen? nun ja, als ob Sehen er ſchon mit Eſſig und Oel angemacht wäre. Die alten Heiden haben alſo den Mond für eine Sie genommen; Sitze wir Chriſten aber wiſſen gar Manches, was im Himmel git vorgeht, beſſer und ſo auch, daß der Mond ein Er iſt, 6 n den und ſtatt eines Endivien lieber eine ſchöne Baroneſſe küßt. hörte, Und ich thät's auch, wiſſen Sie! 34 Fahre ſeitwärts an! Nicht am Landeplatz! gebot Cä cilie, die wahrſcheinlich nicht von ſolcher Fahrt kommend auh geſehen ſein wollte. Jean Baptiſt ſtieß zwiſchen hohem Gebüſch auf eine ſandige Stelle.— Hier aber geben Sie Acht! ſagte er, als Cäcilie über Bord ſchreiten wollte.— Und wie er, der ſchönen Baroneſſe zu helfen, ihre Hand faßte, übermannte ihn ein jugendvolles Mitteſommernacht⸗ niſi. verlangen: er umfaßte und hob ſie ſchwebend empor; ſie ſträubte ſich, ängſtlich athmend, und ſtrebte mit den Fü ßen nach dem Boden. Doch dies reizte den Tollkühnen hönen 9 und Du, ½ 362 noch mehr, und indem er ſie mit Kraft über Bord ſchwang, konnte er nicht widerſtehen, ſie heftig zu küſſen. In demſelben Augenblicke traf ihre rechte Hand ſeine linke Wange mit einem derben Schlage. Darüber gleitete Cä eilie mit dem einen Fuß ins Waſſer, und ſchrie ängſtlich auf.— Da haben Sie's nun! ſagte Jean Baptiſt la chend. Mir geben Sie den Segen und für ſich nehmen Sie das Weihwaſſer! Mir haben Sie den Backen an gezündet, und ſich den Fuß angenetzt; hier oben brennt es, und da unten kühlt es! Jetzt theilen wir Feuer und Waſſer mit einander, und können alle Tage einen Haus⸗ halt anfangen. Man weiß gar nicht, wie heutzutage die Menſchen zuſammenkommen! Er hielt noch immer über dem Bord ſeines Kahns die Hand Cäciliens, die verlegen und verwirrt zwiſchen dem Gebüſche ſtand, und indem Jean Baptiſt ſie ein wenig zu ſich herüberzog, ſagte er mit komiſcher Zärt lichkeit: Wiſſen Sie was, liebſte, ſchönſte Baroneſſe? Le⸗ gen Sie ihr Füßchen nur an meine Wange, und das liebe Strümpſfchen wird bald trocken ſein! Cäcilie! Wo biſt du denn? rief es von einem Pfade der Inſel her. Sie erkannte ihres Bruders Stimme, und erſchrak Fort, fort, Jean Baptiſt! flüſterte ſie; aber laß dich nicht ſehen; halte dich noch verſteckt! Und während ſie das Buſchwerk auseinander bog, ſich emporzuſchwingen, antwortete Jean Baptiſt leiſe hin⸗ auf: Adieu, ſchöne Cäcilie! Ich trage Ihre Roſe an mei nem Ohr, wie ein tyroler Bräutigam büſ toll lichl Cit dun Go dur ugt Bord üſſen linte Ci ſiüch ſtl hmen an rennt und aus Ne die kahns iſchen ein Zirt⸗ L⸗ dda Pfade und dich „ſic hin⸗ mel 363 Er drückte ſeinen Kahn unter das überhangende Ge büſch, und pfiff im Uebermuth wie eine Nachtigall. Der tolle Menſch mochte das Flüſtern der Angſt für Vertrau⸗ lichkeit und Einverſtändniß genommen haben. Als er Cäcilien entfernt genug glaubte, lenkte er nach der Lan dungstreppe, band den Kahn feſt und ſetzte ſich in ſeine Gondel, das heimkehrende Geſchwiſterpaar abzuwarten. Aber welche leidenſchaftlichen Empfindungen ſtürmten durch ſein Herz, trübten ſeinen geſunden Verſtand und regten ihn zu den verwegenſten Abſichten auf! Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Nach dem Abzuge des kurfürſtlichen Regiments zum öſtreichiſchen Armee-Corps bei Speier ward es ziemlich ſtill in Mainz. Nur ein paar Hundert alte Soldaten und Rekruten, zum nothdürftigſten Beſatzungsdienſte zu⸗ rückgeblieben, wurden hierin von etlichen Hundert Mann der eingetroffenen Reichstruppen verſtärkt. Es fehlte be⸗ ſonders an Kanonieren, ſo daß das Feſtungsgeſchütz und die brennende Lunte von gewöhnlichen, oft unerfahrenen Musketieren bewacht werden mußten. Doch lebte man noch ſorglos und des beſten Vertrauens auf die Fort ſchritte der Preußen in der Champagne, ſo wie auf die Siege, die ſich die kühnen mainzer Offiziere verſprochen hatten —————— 364⁴ Solche Stille und Ruhe nach geräuſchvollen Monaten ließ man ſich gern gefallen. Niemand glaubte ſie mehr verdient zu haben, als der alte Kurfürſt, ſo höchſt zu frieden wie er nämlich mit ſeinen Bemühungen war, de nen er den Beſuch der hohen Gäſte und die Ergebniſſe der jüngſten Politik zurechnete. Zur Erholung von die ſen ermüdenden Feſten und erſchöpfenden Arbeiten entſchloß er ſich, den Monat September in Aſchaffenburg zuzu bringen Während der Vorkehrungen zur Ueberſiedelung des Hofes nach jener Sommerreſidenz wurde dem jungen Ba ron unter den Fuß gegeben, er möchte es ſich ausbitten, mit nach Aſchaffenburg genommen zu werden und dort ſeine Hochzeit feiern zu dürfen. Dies Letztere ſchien be ſonders im Wunſche des Kurfürſten zu liegen. Dem ver gnügten und durch die letzten Monate verwöhnten Herrn war jeder Anlaß erwünſcht, zur Erholung von Feſten, doch wieder ein Feſtchen zu haben; wodurch er auch die Aſchaffenburger für ihre diesjährigen Sommerverluſte auf herbſtluſtige Weiſe zu entſchädigen dachte. Allein Franz Karl konnte ſich zu dem Vorſchlage nicht entſchließen. Un verſchiebliche Geſchäfte in Franken, wo die Pachtung ſei ner Güter durch plötzlichen Tod des Beſtänders in andere Hände überging, mußten ihm zur Entſchuldigung dienen. Und da er ſelbſt nicht gern mit der Gräfin zu thun hatte, ſo überließ er es ſeiner Mutter, mit ihr die Verabredung zu treffen, daß die Vermählung Anfangs Oetober ſtatt fände. Auf die Unſtände ſollte es dann ankommen, ob er nach Erfurt überziehen oder ſeiner Mutter nachgeben würde, die— von dem argliſtigen Garzweiler vor einer h di hi hi ſei in onaten mehr hſt zu r, de gebniſe n die⸗ ntſchloß zzu g des n Ba bitten, d dort en be n ver⸗ Fran . Un⸗ ng ſii andere dienen. hatte, bredung r ſtatt⸗ hgeben einer 365 ſchlimmen Wendung des Krieges bange gemacht, ihrem Sohne täglich anlag, Mainz in dieſem Winter um Alles nicht zu verlaſſen. Franz Karl hatte ſeine Abreiſe beeilt, und ſtand vor dem letzten Abende und vor dem verſchobenen Abſchiede bei Forſter. An dieſem Freunde hatte er ſeit Kurzem eine eigen⸗ thümliche, ſanfte, ſcheue Eraltation wahrgenommen, über die er bei dem herzlichen Vertrauen, womit er an ihm hing, ſo gern eine Erklärung gehabt hätte und nicht er hielt. Heut nach Tiſche beklagte er ſich darüber gegen ſeine Schweſter. Cäcilie, ſeit jener Mondſcheinfahrt wie in einer mondſüchtigen Zerſtreutheit befangen, offenbarte dem Bruder unbedachter Weiſe das Geheimniß des häus⸗ lichen Kummers, unter dem Forſters Herz, wie ſie glaubte, ſo verſchämt zu leiden habe. Dem jungen Freunde war bei ſeinen öftern Beſuchen eine gewiſſe Ver traulichkeit Thereſens mit Huber nicht unbemerkt geblie⸗ ben; aber gerade darum, weil der Schein gegen eine ihm ſo werthe Freundin ſprach, beſtritt er deſto lebhafter die Schweſter, bis ſie ſich auf Garzweiler's Mittheilung be rief. Vor dieſes Mannes Geheimniſſen hatte er eine grauſenhafte Scheu; weder in die Abſichten noch in die Mittel deſſelben ließ ſich ein Mißtrauen ſetzen, und Franz Karl ſchwieg.— Wohin kann ſolches Unglück den edeln Freund verſchlagen? fragte er ſich in kummervoller Be trachtung. Auch dieſen Verluſt noch ſoll er, ſo kurz hinter dem friſchen Hügel ſeines Kindes, ertragen und ungebeugt bleiben? Franz Karl mußte der Prophezeiung Stadion's an ————————6 366 jenem Abende gedenken, da Forſter ſich durch begeiſterte Worte für das Wohl der Welt über ſeinen häuslichen Schmerz er hoben hatte. Wirklich ſchien auch der arme Freund ſchon von ſeiner alten Lebensweiſe abzuweichen. Er war zur Theeſtunde ſeltener da, oder kam doch zu ſpät; weil er gegen ſeine frühere Gewohnheit um dieſe Zeit die Leſe geſellſchaft beſuchte und öfter mit Männern verkehrte, mit denen er ſeither wenig Umgang gepflogen. In ſeiner per ſönlichen Erſcheinung zwar hatte ſich nichts verändert Forſter war noch der ſauber und ſorgfältig gekleidete Mann von feinem Anſtand und ſicherem Benehmen, be ſcheiden gegen Männer und geſittet gegen die Frauen. Nur in ſeinem Benehmen gegen Thereſen und den von Dresden wiedergekehrten Hausfreund Huber ſchimmerte ſo zu ſagen ein neuer Farbenton des Gefühls und des Be tragens. Wie hätte der junge Freund einen ſo tiefen und geheimen Seelenzuſtand verſtehen können?— Es war eine zarte Höflichkeit, wenn man ſo ſagen darf— eine ichkeit des Herzens, das ſeinen Verluſt lebhafter als ſein erlittenes Unrecht fühlt; das erhaben über dem Argwohn des Gemeinen, ſich doch vor der hohen Frei— heit der Liebe demüthigt; das zwiſchen ſeiner holden Ver gangenheit und ſeiner verarmenden Zukunft bangt, bereit, auf den Schatz der Liebe zu verzichten, nur um die ſüße Gewohnheit der traulichſten Freundſchaft nicht zu ent behren Für einen Mann wie Forſter gab es nichts menſch lich Heiligeres, als dies Geheimniß ſeines Hauſes und ſeines Herzens, das er keinem Freunde, ja keinem Bruder auch nur einen Augenblick hätte aufdecken mögen. Ob r z il et Leſe e, mit rper ndert leidete be rauen 1 von tte ſo Be tiefen s war ein hafter dem bereit, ſüße ent nenſch un Brude Oo 367 Stadion mit ſeinem Weltblick und eigenthümlichen In ſtinkte für heimliche Herzensverhältniſſe dieſe neue Stim mung in Forſter's Hauſe bemerkt und begriffen hatte, ließ ſich dieſem heiteren, feinen Geſellſchafter nicht anſehen. Unſerem jungen Freunde ſollte der Zufall etwas davon offenbaren. Als nämlich Franz Karl Nachmittags bei guter Zeit an Forſters Wohnung kam, ſtand Marianne, die Magd, unter der Haustreppe, mit einem Burſchen ſchäkernd, der im Schönborn'ſchen Garten Virnen brechend über die hohe Mauer ſah, und der munteren Magd die ſchönſten herab in die Schürze warf. So kam der Freund ohne Klopfen ins offene Haus, und da er das Empfangszimmer leer fand, ging er die Treppe hinauf zu Forſter's Studir ſtube. Er hörte auf den oberen Tritten den Freund feier lich ſprechen, und lauſchte einen Augenblick, um an der Antwort die Stimme des anweſenden Beſuchs zu erken nen. Doch ſtatt einer Erwiderung hörte er nach einer augenblicklichen Stille Forſtern mit wehmüthiger, weicher Stimme fortfahren: Seht, ſo ſuche ich nur und ſinne, wie ich unſer ge meinſchaftliches e befördern könne. Das iſt mein Ein und Alles. Freilich hängt die Art des Wie ſehr von den Umſtänden ab, und darum ſchlage ich bald Dies, bald Jenes vor, ſage euch jeden Gedanken, theile euch jede An ſicht mit, die ich eben habe. Denn nichts iſt in ſolcher Lage feſt; Alles ſchwankt vor uns, bis wir einmal zu gegriffen und entſchieden haben werden. Verdacht? O nein! Wir ſind über allen Verdacht gegen einander hin weg. Aber eine Beſtimmung zu ergreifen, die auf eherne 368 Nothwendigkeit gegründet und von unerbittlicher Klugheit und Selbſtverleugnung verlangt wird, die unſere Träume eines frohen Beieinanderſeins noch weit in die Ferne ſchiebt; dieſe liegt in der Reihe der Möglichkeiten, ſo we⸗ nig ſie Wünſchenswerthes zu haben ſcheint, und daher müſſen wir wenigſtens den Muth haben, ihr ins Geſicht zu ſehen. Franz Karl, auf dem brennenden Boden ſeiner Ver⸗ legenheit, benutzte den Augenblick der Stille, um anzu⸗ klopfen und einzutreten. Forſter eilte ihm entgegen und preßte ihn mit der ſtürmiſchen Innigkeit, die im Angen⸗ blicke ganz anderen Empfindungen, als dem Willkomm eines Freundes, galten, an ſeine Bruſt. Huber war mit verzagter Miene an das Fenſter getreten, und Frau The⸗ reſe ſuchte mit ihren verweinten Augen freundlich zu ſein, indem ſie mit Haſt und Aufregung die gewöhnlichſten Dingeé ſprach. Man begab ſich in Erwartung anderen Beſuches hin⸗ ab, und der Baron verweilte ſich gegen ſeine Abſicht, da er bei dieſer Stimmung der Freunde zu keinem heiteren Abſchiedsworte kommen konnte. Die Befangenheit der Anderen ging auf ihn über. Es war ihm leid, in ihre zarte Verhandlungen ſo jäh hineingefallen zu ſein, und dabei bekümmerte ihn Forſter's Lage. Er begriff nicht, wie dem Freunde an dem frohen Beieinanderſein unter ſolchen Umſtänden Alles und Alles liegen könne Dies ſchien ihm eine Verweichlichung, ein Egvismus der Ge erkauft würden, und wohnheit, die um zu hohen Preis machte ihn gänzlich irre an dem Freunde Raſch ent⸗ ſchlug er ſich dieſes Zweifels und bot Forſtern an, die ge . gheit räume Feme ſo we daher Grſicht lugen lkomm mit The und nicht untet Dies 6e er und 5 ent⸗ 369 ſchönen Herbſttage auf dem rheingauer Gute zuzubringen und ſich der Natur, der Bücher und Bilder zu bedienen, woran er jüngſt ſo viel Wohlgefallen gefunden. O mein Herr Baron, wie lieb iſt das von Ihnen! rief Forſter. Wie glückliche Tage hatten wir dort! Ich habe dir ja erzählt, Thereſe, liebes Kind, wie jung ich mich dort gefühlt zwiſchen jenen Schätzen, die den Zauber be ſitzen, in unſerer Seele die Empfänglichkeit zu erwecken, durch die ſie ſelbſt entſtanden ſind. Nicht blos die Liebe ſpricht: Gebt Alles hin, um Alles zu gewinnen!— bei jeder Art des Geheimniſſes iſt dieſe unbefangene Hinge⸗ bung der Kauſpreis des vollkommenen Beſitzes. Darum iſt der Lenz des Lebens ſo ſchön, wo wir uns ſelbſt ver⸗ geſſend, im Anſchauen des gefühlerweckenden Gegenſtandes ſeine ganze Fülle faſſen und Eins mit ihm werden. Das reifere Alter iſt ſelten jener Hingebung fähig; Vergleich und Wahl gehen vor allen ſeinen Handlungen her; die Vernunft maßt ſich die Rechte des Gefühls an, und ihre Geſetze beſchränken die Thaten des Herzens. Bald fanden ſich die gewohnten Abendfreunde ein Stadion kam aus der Jeſuitenkirche, von Garzweiler's po litiſcher Predigt ungewöhnlich aufgeregt, ja, ſo zu ſagen, aus allen Gleiſen ſeiner Weltmanier geworfen, und über den Prediger ſelbſt wahrhaft ergrimmt.— Hab' ich doch dem Schalk mit ſeinem angeblich zeitgemäßen Unternehmen gleich nichts Gutes zugetraut! rief er aus. Welche Ab⸗ ſichten er hat, iſt mir noch nicht ganz klar; aber ſeine Reden ſind zweideutig und voll ſataniſcher Kniffe. In— dem er gegen die Revolution eifert, flößt er unvermerkt ſeinen Zuhörern, wenigſtens den andächtigen darunter, Koenig, Clubiſten in Mainz. II. 24 370 einen ſtillen Haß gegen Alles ein, was eben beſteht, und allein der Revolution noch widerſtehen könnte. Er ſpricht vom Kurfürſten und deſſen Politik und dabei vom Fall der Feſtung Mainz. Dieſen Fall behandelt er wie ein unbeſtreitbares Dogma und des Fürſten Politik doch zu⸗ gleich wie päpſtliche Unfehlbarkeit. Iſt das nicht der größte Widerſpruch? Denn des Fürſten Politik ſoll ja gerade den Fall von Mainz verhüten. Achten Sie aber darauf, wie er dieſe Karten miſcht und ausſpielt: ſo bleibt Ihnen kein Zweifel darüber, wie er es meint, und wie er beide als Schuld und Verdammniß aneinanderreiht. Das ge⸗ meine Volk ſtrömt in die Kirche, als ob's gälte, darin zu erſticken. Sie werden nicht eigentlich klar über den In⸗ halt der Rede; aber man muß ſie nur aus der Kirche kommen ſehen: die Höllenangſt ſteht auf allen Geſichtern, die Muthloſigkeit und Verzweiflung ſchlottert in ihren Gliedern. Sie wiſſen ſelbſt nicht gleich, was es iſt und was in ihrer Seele vorgeht: aber nach und nach muß ihnen klar werden, was der Nachdenkende gleich begreift, daß nämlich der Prediger die Politik des Fürſten als eine Nothwendigkeit, als ein Verhängniß darſtellt, woran der Himmel den Fall von Mainz knüpfe. Man fürchtet die Clubiſten, die hier und da einem Staarmatz von lieder⸗ lichem Bürger ein paar revolutionaire Stichworte in den Schnabel arbeiten: dieſer Garzweiler iſt aber für ſich allein ein Club, der ganz Mainz muthlos macht, wenn's je einmal Widerſtand gelten ſollte. Wahrlich, lieben Freunde, bindet fünf Teufel mit dieſem Mönch in ein Kluppert zuſammen und ihr habt einen einzigen Ganz⸗ vogel darunter! und priht Full e ein h rößte ernde auf, hnen beide htern, ihren ſt und muß egreift, s ein m der tet die liedet⸗ in den ſich wenn liben in ein Ganz 371 Die Freunde waren erſtaunt. So aufgebracht hatten ſie den geiſtlichen Weltmann noch nie geſehen. Mehrere nahmen ſich vor, die nächſte Predigt zu beſuchen.— Ich will ihn nicht hören, dieſen Mann! rief Forſter. Das Volk jammert mich, das man ſo weit gebracht, und daß man ihm den Maßſtab entriſſen hat, um ſelbſt zu er— meſſen, was Recht und Unrecht, wahr und unwahr iſt. Das hat man alſo mit der Unterdrückung der Vernunft gewonnen, daß man den Glauben und die Tugend der Menge den Abſichten ihrer Prieſter dienſtbar macht. Man hat vor Kurzem die Pfarrer und Prediger angewieſen, gegen die Revolution und das Sittenverderbniß des Vol⸗ kes zu eifern. Da erblicken Sie nun ſelbſt, Herr Graf, das falſche Syſtem der Kirche: die Sittenloſen lachen ſolcher Mahnungen, und die Frommen werden von falſchen Prieſtern an der Naſe geführt zum Verder⸗ ben ſelbſt Derjenigen, die das Volk ſo unmündig erhalten haben! Stadion, aufgeregt wie er ſchon war, und von dem eifernden Hauswirthe gleichſam zu einem Zeugniß gegen ſeine Kirche gepreßt, nahm es übel auf; doch gewann er es noch über ſich, in ſein gewohntes Fahrgleis einlenkend, die Sache ins artig Scherzhafte zu ziehen. Allein es ge⸗ lang ihm noch weniger als ſonſt. Seine Stimmung war einmal nicht aufgeräumt genug und der Gegenſtand an ſich zu ſchwer, um ihn ſpielend zu behandeln. Er wollte nämlich die Maßregel der Regierungen, gerade durch die Prieſter auf das Volk zu wirken, als zweckmäßig und nothwendig darthun, und ſuchte in dieſer Abſicht die ganze revolutionaire Bewegung und Stimmung aus der Sitten⸗ 24* —————— — loſigkeit der Zeit und dem Verfall der religiöſen Ueber zeugungen zu erklären. Hiermit traf er es wieder ſchlecht bei Forſter. Wie oft hatte ſich der Freund gerade gegen dieſe Anſicht er⸗ eifert! Und ſo rief er auch jetzt, vielleicht mit etwas zu lebhaftem Nachdruck in ſeinem Widerſpruch, aus: Im Ernſt, was läſtern jetzt die Prieſter das brau ſende, empörte Menſchengeſchlecht? War es nicht ſeit Jahr⸗ hunderten ihnen allein anvertraut! Waren ſie nicht ſeine unumſchränkten Erzieher? War es nicht gewohnt, ihnen blindlings zu folgen? Mußte es ſich daher nicht nach ihrem Muſter bilden? Fern ſei es von mir, die Ver brechen zu entſchuldigen, womit man die heilige Sache der Freiheit entehrte; aber wenn auf den neueſten Revolutiv nen das Maal der Unſittlichkeit haftet, weſſen iſt die Schuld? Wer ſchuf uns das falſche, ſchädliche Syſtem der Sittenbildung? Wer ging uns mit verderblichem Beiſpiel voran, und trieb die freche Verworfenheit ſo weit, ihr zuletzt nicht einmal mehr den Mantel der Schein heiligkeit umzuhängen? Armes Menſchengeſchlecht, aus welchen Abgründen haſt du dich noch emporzuar beiten! So gern auch Stadion ſonſt den Kapitular hinter den Weltmann zurücktreten ließ, ſo taſtete doch dieſer Ausfall Forſter's etwas zu hart an den Violettkragen ſeiner Würde, und er ſtand raſch von ſeinem Stuhl auf. Man ſah ihm an, daß er ſich höchſt beleidigt fühlte; obgleich er ſelbſt es nur durch die eigene ariſtokratiſche Miene und Haltung zu erkennen gab, womit er als ein Mann umherblickte, der ſich über die unpaſſende Geſellſchaft verwundere, in die er be Vie ter⸗ s zu tau⸗ uhr ſeine hnen nach chem t ſo hein⸗ aus ual den zfull ürde, ihm ſilbſt ng der ie e 373 gerathen ſei, von der er ſich aber gehörig abzuheben ver— ſtehe. So vornehm lächelnd, griff er nach Hut und Stock; ſo herablaſſend grüßte er die Hausfrau und die umher Sitzenden, und nur dem Baron Franz Karl reichte er drei Finger ſeiner rechten Hand mit den Worten Kommen Sie zu guter Stunde glücklich zurück, lieber Baron! Die Freunde erinnerten Forſtern nicht ohne Tadel daran, wie anzüglich für einen vornehmen Geiſtlichen ſolche Reden geweſen. Forſter verwünſchte ſeine Hitze, und bat die Freunde um Nachſicht. Dem Kapitular, nahm er ſich vor, beim nächſten Beſuche eine Erklärung zu geben, und ahnete nicht, daß er ihn vielleicht zum letztenmal bei ſich geſehen hätte. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Wir können dem jungen Freunde nicht nach Franken folgen, wo ihn unerquickliche Abrechnungen und Einrich⸗ tungen ſo ſehr in Anſpruch nehmen, daß ihm nur Abends für ſein träumeriſches mainzer Herz ein Dämmerſtündchen bleibt. Wir begleiten auch den älteren Freund nicht, wenn er ſich manchen freien Tag macht, und mit weh müthig⸗herzlichem Abſchiede von ſeiner Thereſe die wohl thuende Einſamkeit des rheingauer Landſitzes aufſucht. Am wenigſten verirren wir uns nach Aſchaffenburg, unter 37 4 die kindiſchen Ergötzlichkeiten des Hofes, dem bereits, von ihrem dienſtbaren Freunde Montleveau begleitet, die Gräfin Coudenhove mit ihren NRichten gefolgt iſt. Von all' den ſorgloſen Beluſtigungen, die hier inner⸗ halb der vier rothen Thürme des Schloſſes und in der grünen Abgeſchloſſenheit des ſchönen Buſches getrieben wurden, gelangte nichts den Main hinab an das mainzer Rheingeſtade, wo ſich nach und nach Aengſtlichkeiten und Befürchtniſſe einbürgerten. Gegen Mitte Septembers vereinigte ſich nämlich das öſtreichiſche Corps unter Commando des Grafen Erbach mit dem in Lothringen ſtehenden preußiſchen Heere. Das mainzer Regiment blieb aber mit einigen Hundert Oeſtrei chern unter Befehl des mainzer Oberſten von Winkelmann in Speier zurück, wo ſich ein bedeutendes Magazin befand. Bald verbreitete ſich die Nachricht, Duc de Biron, der an Broglio's Stelle das Commando im Elſaß führte, habe den General Cuſtine rheinabwärts geſchickt; Cuſtine habe bereits die weißenburger Linien verlaſſen, ſich mit einigen Tauſend aufgewiegelten Bauern verſtärkt, und bedrohe die Beſatzung von Speier. Man hätte denken ſollen, der Club werde mit ſolchen Nachrichten Lärm ſchlagen; doch ging es hier heimlicher zu als früher; und nachdem man unter den rauſchenden Feſtlichkeiten laut genug geſprochen hatte, ließ man ſich jetzt, da es ziemlich ſtill in Mainz geworden war, nur flüſternd vernehmen. Vielleicht lag es in der Natur die⸗ ſer politiſchen Frucht, daß ſie eben reifend, ihre Kapſel noch einmal feſter ſchloß, ehe ſie dazu kam, ſolche zu ſprengen „Vn Frifin inner⸗ in det rieben ainzer nund hdas rbach Das eſtrei mann efand der au habe e habe einigen he die ſolchen mliche henden n ſih r, nu ur die Kahſt lche ſu 375 Deſto mehr Aufſehen machten Garzweiler's Predigten in der Jeſuitenkirche. Seit der Abweſenheit des Hofes war der Redner, gegen alle Warnungen ſeiner geiſtlichen Vorgeſetzten, immer kühner geworden. Einige elubver wandte Geiſtliche, Emmerizianer, die Gelegenheit hatten, den Eindruck dieſer Predigten auf das Volk mit den Er klärungen zu vergleichen, die der Redner in ſeiner Ver antwortung vor dem General Vicariate darüber gab, er⸗ klärten dieſe Predigten für die wunderbarſten, die vielleicht je von der Kanzel vernommen worden. Sie trugen, wie man verſicherte, einen Hauch, einen befruchtenden Duft in das Gemüth der mehr fühlenden als denkenden Menge über, geeignet, eine ſchwere Stimmung hervorzurufen, und die Seele mit banger Erwartung und lähmender Furcht zu erfüllen; indeß die einzeln zur Prüfung herausgenom⸗ menen Sätze matt, oft ſogar abgeſchmackt, wie eine von ihrem Geiſt entbundene Flüſſigkeit erſchienen. Dieſen Geiſt hauchte in Ton, Blick und Geberde der lebendige Vortrag des Redners, und Garzweiler verantwortete ſich darüber ſo geſchickt, daß der Offizial in ſeinem Berichte an das General Vicariat den Zweifel ausſprach, die Angſt des Volkes möchte nicht ſowol aus den Predigten, als vielmehr aus der Stimmung der Zeit entſpringen, und man dürfe es dem Pater als ein Verdienſt anrechnen, daß er die Gemüther von dieſer Angſt gleichſam entbinde, um ſie für kritiſche Zeiten zu befreien und zu erheben Bei dieſer Lage der Dinge achtete man ſo mancher Fremden nicht, die jetzt in Mainz erſchienen und ver ſchwanden Am wenigſten erregten zwei Savoyarden Verdacht, Vater und Sohn, wie es ſchien, die mit — ——— 376 ihren Leiern und Liedern vor angeſehenen Häuſern auf warteten, mehrere Tage nicht geſehen wurden, und plötzlich wieder erſchienen. Es blieb unbemerkt, daß ſie niemals in Mainz übernachteten, und wenn ſie auf dem Mitternacht⸗ plätzchen vor der Wohnung des Kapitulars von Betten⸗ dorf ſpielten, fiel es Niemandem auf, wenn ſie ins Haus gerufen wurden. Man pflegte überhaupt nur über den kindiſchen gnädigen Herrn zu lächeln. Selbſt der alte, beſchränkte Kammerdiener dachte nichts dabei, daß nur der jüngere Sänger Sr. Hochwürden Gnaden vorſpielte, in⸗ deß der Aeltere mit Pater Garzweiler in das bekannte untere Zimmer trat. Hier öffnete ſich die eigens einge⸗ richtete Leier, gab Briefe heraus oder nahm Briefe ein, und das Inſtrument, das ſich ſo gut in die Zeit zu ſchicken wußte, ſchien gerade im falſchen Dienſte der Politik und als Spion ſeinen beſten Vortheil zu finden. Bald ſollten die unbeſtimmten Aengſte der mainzer Einwohner eine öffentliche Geſtalt finden. Zuerſt theilte Eickemeyer, der nie den Club beſuchte, einigen Freunden den Brief eines ihm vertrauten Offiziers der ſpeierer Be⸗ ſatzung mit, worin es unter Anderem hieß: „Unſere Lage wird mit jedem Tage bedenklicher. Den Franzoſen würde es ein Leichtes ſein, aus den benach⸗ barten Feſtungen eine beträchtliche Anzahl Truppen zu vereinen, und noch durch Nationalgarden zu verſtärken. Unſer Oberſt iſt deshalb unbeſorgt; er will ſie, ſoviel ihrer auch ſein mögen, erwarten und in offenem Felde ſchlagen. Die Ringmauern von Speier ſind gut; es käme darauf an, die Thore durch einige Fleſchen zu decken und die Gemeinſchaft mit dem rechten Rheinufer auf öhlich ls in acht etten Haus den alte, r der in nnte inge ein, icken und inzer heilte den Den nach n zl irken ſoviel Felde nz nufer 37 7 zu ſichern, und man würde hier Widverſtand leiſten, im äußerſten Fall aber den Rückzug über den Fluß neh men können. Der Oberſt will von allem Dem nichts wiſſen, und begnügt ſich, die Soldaten mit unnützen Dingen zu ermüden u. ſ. w.“ Dieſe Sorgloſigkeit eines verblendeten Dünkels ſchien auch in Mainz ſelbſt ein Gemeingut all' der Vornehmen zu ſein, in deren Hände ein Theil der öffentlichen Gewalt und die Mittel der Abwehr feindlicher Angriffe gelegt waren. All' dieſe Männer hielten ſich ruhig und vertrauend, wäh rend man im übrigen Deutſchland bereits um Mainz in Angſt ſchwebte. So ſah ſich Forſter durch beſorgte An fragen ſeines Schwiegervaters Heyne in Göttingen gegen Ende Septembers veranlaßt, über die Lage der Dinge folgende Nachrichten zu geben: „Speier iſt denn wirklich von den Franzoſen beſetzt worden, nachdem ſie die mainziſche Beſatzung, mit wel cher der Oberſt von Winkelmann unbeſonnener Weiſe 12,000 Franzoſen entgegenging, in Stücke gehauen haben. Das große kaiſerliche Magazin war die Haupt abſicht des Unternehmens; ſie führten Alles weg unter die Kanonen von Landau, thun aber den Einwohnern kein Leids, und bezahlen Alles baar. Lang' können ſie dort nicht bleiben, da Prinz Eſterhazy und der Prinz von Conde im Breisgau ſtehen und wol auf die Nach richt anrücken werden, um ſie zu vertreiben. Hier hat man viel Furcht, glaubt aber, daß ſie nicht gegründet ſei, weil die Franzoſen ſich ſchwerlich ſo weit herabwagen dürften, aus Beſorgniß abgeſchnitten zu werden. Indeß fahren jetzt die Pferde des Adels un 378 ſere Kanonen aus dem Zeughauſe auf die Wälle, und etliche Tauſend Bauern werden zuſammengetrieben, die an den Feſtungswällen arbeiten ſollen. Die naſſauer, fuldaer und wormſer Truppen, ein kleines buntſcheckiges, unbedeutendes Häufchen, machen unſere Beſatzung aus, neben welchen die Bürger einige Wache thun. Wir erwarten Hülfe aus Darmſtadt, woher ſie uns auch bei den früheren Handwerker- und Studenten-Unruhen ge kommen iſt. Wir ſind auf Alles gefaßt, wer kann ſeinem Schickſal entrinnen?“ Solche Faſſung und Erwartung eines Schickſals war dem luſtigen Hofhalt in Aſchaffenburg bis jetzt noch fremd ge⸗ blieben. Die Berichte, die der Hofkanzler Albini über den Gang der Dinge dorthin gab, ſchienen in jener fröh⸗ lichen Atmoſphäre, an jenem lachenden Himmel, ihr be⸗ drohliches Gewölk zu verziehen. Der alte Herr beſaß ſo⸗ viel gutes Vertrauen auf die Zukunft, als Leichtſinn für den fröhlichen Tag. Ueberdies pflegte Albini ſeinen Für⸗ ſten, da er deſſen Geſchmack kannte, auch in wichtigen Staatsgeſchäften gern mit Scherz, Witz und Spöttereien zu bedienen. An dieſe muthwillige Einkleidung hielt ſich Friedrich Karl in ſeiner jetzigen Stimmung lieber, als an den bedenklichen Inhalt jener Amtsberichte, und vergaß am Ende Beides. Seit acht Tagen war Baron Franz Karl aus Franken dort eingetroffen, und mußte, oft ſehr verwundert und verſtimmt, Theil an der Ausführung von Späßen nehmen, die der Kurfürſt angab, oder zu ſeiner Ueberraſchung ſich gefallen ließ. Mit vieler Mühe brachte es Franz Karl endlich dahin, daß der Tag ſeiner Vermählung, für die lle, und ben, d naſſauer, ſcheckiges, ung aus, le n. Vir auch bei uhen ge ver kann var den emd ge⸗ ini über er fröh ihr be beſuß ſo iſinn fir nen ßin nichtigen pöttereien hilt ſich als an d vergß Franken dert und nehmen hung ſ un hul ſir di 379 er ſo ernſt geſtimmt war, auf Donnerſtag den 4. Oktober feſtgeſetzt wurde. Es war der Tag des heiligen Franz von Aſſiſi, und Franz Karl ließ ihn, dem alten Herrn zu Lieb', gern ſtatt des Tags des heiligen Franz Borgias für ſeinen Namenstag gelten; nur um dadurch zu einer endlichen Entſcheidung zu kommen, womit er Aſchaffenburg verlaſſen konnte. Als er ſich beurlaubte, entließ ihn der Fürſt ſehr freundlich und ſcherzhaft.— Alſo auf Franz von Aſſiſi! ſagte er. Und dabei bleibt's! Das iſt der heilige Franz, der durch ſeine ſeraphiſche Liebesglut ausgezeichnet und ſo hoch begnadigt iſt. Sie ſind noch ein junger, friſcher Mann, Baron: aber rufen Sie den Heiligen nur immer um etwas ſeraphiſches Feuer an! Sapperment! Es kom men auch in der weltlichſten Ehe Stunden, Tage vor, wo man dergleichen brauchen kann. Heißt das ich denke mir's, ich alter Bekenner des Cölibats! Adieu, Baron! Ich komme Tags vor Ihrer Vermählung, ganz gewiß! Und wir wollen eine muntere Hochzeit halten. Es bleibt bei meinen Beſtimmungen. Adieu! Grüßen Sie Ihre Frau Mutter! Wird ſich recht freuen Großmutter zu werden! Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Als Franz Karl von Aſchaffenburg herunterkam, fand er Mainz in der angſtvollſten Bewegung. Die bürgerlichen Geſchäfte waren großentheils von Meiſtern und Geſellen verlaſſen; nie hatte man ſo viel Adelige zu Fuß und Geiſtliche in allen Gaſſen geſehen. Die jungen Cavaliere ſtießen den ſchlichten Bürger nicht mehr von der Mitte der Straße weg, und der Uebermuth der Dienerſchaft vor den Paläſten des Adels war ſehr blöde gegen die Vor⸗ übergehenden geworden. Mit den ſcheuen Menſchen liefen widerſprechende Neuigkeiten umher. Bald ſollte General Cuſtine ſchon bis Oppenheim vorgedrungen ſein, bald Fürſt Eſterhazy, in ſtarken Märſchen von Raſtadt herbei geeilt, die Franzoſen bei Speier zum Teufel gejagt haben. Man ſchickte einzelne Reiter auf Recognosciren aus. Der Kanzler Albini und der Gouverneur von Gymnich zeigten ſich überall Arm in Arm als Sinnbild der innigſt ver— bundenen Civil- und Militairmacht. Sie ſuchten durch aufgeräumtes Weſen und freundlichen Zuſpruch die öffent liche Angſt zu beruhigen; erſchraken aber ſelbſt nicht we⸗ nig, als ein Huſar mit der Meldung zur Stadt geſprengt kam, er habe den Vortrab der Franzoſen geſehen. Zum Glück zeigte ſich's bald, daß der Burſche mit betrunkenen Augen nur ſeine eigene Furcht erblickt hatte. Man beru higte ſich wieder, und ließ ſich deſto lauter gegen den Kurf nert Trof druc ſeine wich hatte unbe derei fund er tgerlichen Geſllen uß und aeliert r Mitte haft vor ie Vor en lirfen General n, bald therbei t habin Der De zeigten gſt ver n durch öfnt icht we eſprengl n tunkenen mn ber den gen* 381 Kurfürſten aus, daß er noch immer nicht in ſeine beküm merte Reſidenz kommen und der Bürgerſchaft mit dem Troſte ſeiner kurfürſtlichen Anweſenheit beiſtehen wolle. All' dieſe Bewegungen gingen ohne ſonderlichen Ein druck an dem jungen Baron vorüber. Der Mißmuth in ſeiner Bruſt hielt einer Welt voll Unruhe das Gleichge wicht. Die Luſtbarkeiten dieſer aſchaffenburger acht Tage hatten ihn tief verſtimmt, und mit trüben Ahnungen einer unbefriedigten Zukunft erfüllt. Dieſes Gemiſch von Kin⸗ dereien, Albernheiten und Frivolitäten im bekannten Hof geſchmacke wäre ihm wahrſcheinlich nicht ſo widerlich vor gekommen, hätte er nicht ſeine Joſephine ſo ſeelenvergnügt und ausgelaſſen dabei geſehen. Daß die Comteſſe nur durch ſeine Gegenwart und ihm zu gefallen ſo aufgeregt und fröhlich geweſen war, errieth ſein verdroſſenes Herz nicht; ſonſt hätte er vielleicht dieſe liebenswürdige Koket terie einer Braut nicht ſo übel genommen, die unter jenen Spielen nur ihn im Auge gehabt hatte, um an dem Geliebten zu verſuchen, was ſie ſo oft aus dem Munde von Schmeichlern gehört,— daß ihre lebhaften Bewe gungen ſo reizend, ihre anmuthige Fröhlichkeit ſo bezau bernd, ihr kindliches Lachen ſo unwiderſtehlich ſei. Hätte Joſephine mehr er ahnen können, mit welcher Betrübniß als einmal jene Spiele verlaſſen hatte, wenn ſie ihren Franz Karl ſtatt entzückt, nur finſter oder zerſtreut ſah, — unempfänglich für ſo holde Anerbietungen! Doch der Baron gab ſeiner Verſtimmung nicht nach er rief ſich lebhaft in die Seele zurück, was er ein für allemal wolle, und was von ihm als Mann von Ehre erwartet werde. Und da die Ausſteuer und Ausſtattung Joſephinens mit der Gräfin auf das Maß des Einfachen und Anſtändigen verabredet war: ſo blieben ihm mancherlei Vorkehrungen zu ſeiner nahen Vermählung und halfen ihn zerſtreuen. Eine Reihe von Zimmern war im oberen Stock des Hauſes zur vorläufigen Aufnahme des jungen Ehepaars einzurichten, bis ihr künftiger Aufenthalt be ſtimmt oder eine eigene Wohnung in Mainz gefunden ſei. So ſehr der Baron ſich erſt von da weggeſehnt hatte, ſo zufrieden war er jetzt, nach den paar Wochen ſeiner Ab⸗ weſenheit damit, daß er nach einer Aeußerung des Kur fürſten fürerſt zu bleiben und vielleicht eine neue Beſtim⸗ mung in Mainz abzuwarten hatte. Selbſt der Tumult der allgemeinen Angſt verleidete ihm die Stadt nicht. Er knüpfte nur den angenehmen Gedanken daran, daß bei ſolchem Aufruhr ſeine Vermählung unbeachteter vor ſich gehen werde. Was ihm eigentlich Mainz jetzt, da er es verlaſſen ſollte, ſo liebwerth machte, blieb ihm vielleicht ſelbſt ein dunkles Gefühl; aber ein unbedachter Abendgang hätte es verrathen können. Wenn nämlich Franz Karl ſeine häuslichen Geſchäfte beſchloſſen hatte, überkam ihn ein ſchwermüthiges Bangen. Es trieb ihn aus dem Zimmer fort, worin er ſich ſonſt ſo gemüthlich befunden und in ſeine Träumereien einge⸗ ſponnen hatte. Srine Freunde zu beſuchen, konnte er ſich nicht entſchließen, am wenigſten Diejenigen, die an ſeinem bevorſtehenden Glück einen freudigen Antheil nahmen; und ſo trieb er ſich gern eine Dämmerſtunde in der Stadt umher. Die Abende waren lang, die Luft noch gelinde, der Oktoberhimmel ſchwer und die Straßenbeleuchtung vor dem 15, noch nicht angegangen. So ſtill wie ſonſt um inſachen ancherlei halfen woberen jungen halt be den ſel atte, ſo ner Ab Kur Beſtim Lumu cht. Gr daß bei vor ſich da er es vielleicht bendgang Geſchfte Vangen ſich ſonſt neinge t er ſih n ſeinen nen; Und er Stadl gelinde tung ſonſt 383 dieſe Zeit war es nicht; denn die Nacht ſteigerte die un beſtimmten Befürchtniſſe der Menſchen, und ſelbſt die feier liche Ruhe in der Natur nahm, gleich der Luftſtille vor einem Wetter, eine bedrohliche Miene für die Bevölkerung an Von ſeinen ſchwermüthigen Empfindungen beglei tet, kam der Freund durch die Steingaſſe in die Umbach, und erkannte ſich plötzlich vor Lennig's kleinem Hauſe. C6 ſchimmerte kein Licht darin, vielleicht weil die Familie in einem hintern Zimmer verſammelt, oder zu Bekannten gegangen war; wie man denn jetzt zu wechſelſeitiger Be ruhigung einander fleißiger beſuchte. Dennoch blieb der wunderliche Lräumer wie gebannt in der Nähe, und fand ein unausſprechliches Vergnügen darin, an die Ecke gegen über gelehnt und den Rokelor hoch am Halſe heraufgezo gen, nach den dunkeln kleinen Fenſtern zu ſehen Wie denn die Gedanken und Gedankenverbindungen des Menſchen aus den geheimnißvollſten Liefen unſeres ewigen Weſens oft mit Vorausblick hervorkommen: ſo entſprang gerade hier dem jungen Freunde zum erſtenmal die bedenkliche Ueberlegung, wie der entſcheidende Lebens wechſel, der ihm ſelbſt bevorſtand, mit einem wechſel ſeiner Vaterſtadt zuſammentreffen könnte Ein chickſals Vorgefühl der Leiden und Kämpfe, die über ein frohher ziges Volk hereinzubrechen drohten, bemächtigten ſich ſeiner Seele; aber nicht, um ihn noch mehr niederzubengen, ſon dern zu einem neuen, unerwarteten Muth aufzuregen Ja wohl! dachte er bei ſich, Forſter hat Recht, die tägli chen Wechſel des Schickſals, die gemeinſten Vorfälle im Erdenleben, Freude und Sorge, Verdruß und Troſt fließen durcheinander. So iſt es! Und all' unſer Streben, alles 384⁴ Eifern um Tugend und Wahrheit bringt es nicht weiter, und hebt nicht dieſen ewigen Zirkelſchwung des Glücksra des auf, der bald Gutes, bald Böſes aus der Tiefe hervor und auf den Gipfel bringt. Der beſte Troſt liegt eben im Umſchwung,— daß nämlich, wenn ja einmal et was Schlimmes obenauf kömmt, und uns plagt, es doch unmöglich lange dauern kann, und vielleicht von etwas unerwarter Gutem verdrängt wird. Wer ſonſt keinen Beweggrund hat, groß, edel, tugendhaft zu ſein und zu handeln, dem diene dieſe Wahrſcheinlichkeit ſtatt eines Be weggrundes. Wer aber gefühlt hat, daß auch ohne dieſe Ausſicht, deren Süßigkeit Niemand verkennen wird, Tu⸗ gend und Rechtſchaffenheit die wahre Weisheit und wah⸗ res Glück iſt, ſo gut wir's einmal haben können der liebe Tugend und Rechtſchaffenheit um ihrer eigenen Schön heit willen.— Ja, ja! rief bei dieſer Betrachtung der junge Freund ſich ſelber zu,— ſo iſt jetzt eine Zeit da, in der es, vielleicht auf wie lange! nicht mehr darum gilt, daß man in Mainz froh und glücklich ſei, ſondern rechtſchaffen handle, und das ſchwere Rad des Glückes raſcher umtreibe Mit dieſem muthigen Anlauf wollte ſich Franz Karl eben entfernen, als er über ſich einen Lichtſchimmer zucken ſah. Dies Licht war in die Manſarde gekommen, und Fides trat an das offene Fenſter. Franz Karl beobachtete aus ſeiner dunkeln Tiefe, wie ſie an ihren Blumenſcherben rückend, einen kleinen Goldlack mit den Wurzeln ausriß und über die Straße wegſchleuderte. Zufällig traf der verworfene Stock den gegenüberſtehenden Freund, der ihn erhaſchte, und mit Innigkeit an die Bruſt drückte Ja, er p wiſc Wie Emp leicht kam für ein übern 3— ſult, und llicke Fran Fenſt blickte Fides r, ut dachte ſo na des 9 ud und Haze G ſugte ſende doll rück witer lücksra eherwor gt eben mal et es doch etwas kinen und zu ſes Be ne dieſe Schön ung der gtit de, darun ſondern Glückes Ku zucin n, und buhu ſtuin auöt af del der ihl 385 er pflanzte ihn mit den daran haftenden Erdklümpchen zwiſchen die Bruſtkrauſe und den linken Weſtenflügel.— Wie nahe liegt in ſolchen Augenblicken eine ſo jugendliche Empfindung! Doch ein ſchweres Gemüth legt eben ſo leicht in kleine Zufälligkeiten Sinn und Bedeutung; daher kam der Freund, in Erinnerung an ſeine alte Neigung für Fides, auf die leidige Betrachtung, daß wol mit Recht ein welker Bräutigamſtrauß an ſeinem Herzen hafte, wo übermorgen ein blühender angeſteckt werde——— Das Licht, auf den Seitentiſch neben dem Fenſter ge— ſtellt, warf ſeinen Schein um das ſchöne Mädchenhaupt und— wenn Fides in der Richtung nach dem Dom blickte, auf ihre Wange. Mit klopfendem Herzen ſah Franz Karl hinauf, wie ſie die gefalteten Hände auf den Fenſterrahmen legte und vorgebeugt zu den Wolken auf blickte. Forſcheſt du für deine Blumen nach Regen, Fides, oder beteſt du um Segen für deinen Freund? flüſterte er, und wenig fehlte, ſo hätt' er es laut gerufen.— Ach! dachte er, ihr Herz ahnet ſchon nicht mehr, daß ich ihr ſo nahe bin. Der Trauring, den übermorgen der Segen des Prieſters weiht, hat ſchon allen Zauber zwiſchen ihr und mir aufgelöſt; kein ſeliges Flüſtern, kein Ziehen und Zucken regt ſich mehr zwiſchen ihrem und meinem Herzen! Er drückte ſein Geſicht in die Falten des Rokelors —— Und was wird für ſie ſelbſt die Zukunft bringen? fragte es ungeſtüm in ſeiner Bruſt. Und wenn das dro— hende Verhängniß wirklich über Mainz hereinbräche—? Soll der Krieg dieſe edle Blüte an ſein rohes Herz drücken? Ach, was bringt ein ſolcher wilde Aufruhr nicht Koenig, Clubiſten in Mainz. 11 25 386 Alles mit ſich? Wie leicht kann Fides, in ihrem Werth unerkannt, aber in ihrer reinen Blüte nicht unbegehrt, an eine wilde, ſtürmiſche, ſündhafte Bruſt geriſſen werden, aus ihrem heimiſchen Boden genommen, verlaſſen,— wie dieſer Goldlack weggeworfen— dahinwelken! Ja, du ewiger Gott! ihr Schickſal wurde mir eben angedeutet im Bilde dieſer weggeworfenen Pflanze, die als Vorwurf, als Beſchuldigung meine feige Bruſt traf! Eine Angſt und Unruhe überfiel den Freund; eine peinvolle Reue wechſelte mit toller Eiferſucht, die ſeine Gedanken verwirrte, ſeine Gefühle entſtellte— Da ſchlug eben das Fenſter zu, das Licht verſchwand. Und wie in ſo aufgeregten Augenblicken die Phantaſie dem geängſtig⸗ ten Herzen mit lauter Täuſchungen zuſetzt; ſo ſeufzete, von vermeintlichen Vorbedeutungen verfolgt, der einſame Wandler mit dumpfer Reſignation: Deine Vergangenheit iſt geſchloſſen, Deine Hoffnung iſt erloſchen! Er ſtürzte fort, und die tiefe Finſterniß der Straße verheimlichte die kindiſchen Thränen, die er nicht bewältigen konnte, und die noch ungeſtümer floſſen, als er auf den Thiermarkt hervortretend, die nächſte Linde ſchmerzlich um ſchlang. Wie lange er in ſeinem dumpfen Leide ſo ſtehen blieb, wußte er nicht. Sein erſter klarer Gedanke war, — er müſſe in Mainz bleiben und als Freund über Fi des wachen, ſie vor Schmach und Unglück bewahren. An Kur Con ihn Sch Ale abw aus Hai von treff anzu geſch Bim Hun meh holt und tract Beſi als woll Wrrth begehr, werden, — wie Jo, du eutet in rurf als nd eine die ſein a ſchlug d wie in üngfig⸗ ſeufzett, einſame er Strft wwligen rauf den rich in ſo ſthn anke w über 5 ahren Achtundzwanzigſtes Kapitel. Am nächſten Vormittage, den dritten Oktober, traf der Kurfürſt in Mainz ein, und hielt gleich eine Staats⸗ Conferenz ab. Darauf aß die Gräfin Coudenhove mit ihm zu Mittag, und brachte die Nachricht aus dem Schloſſe, daß der Fürſt heiteren Muthes ſei, und vor Allem die reitenden Kundſchafter und ſchleichenden Spione abwarten wolle, die der Kanzler nach Worms und Speier ausgeſchickt hatte. Gegen Abend kam Franz Karl in ſehr aufgeſpannter Heiterkeit. Er hatte mit einigen Freunden beim Grafen von Lamberg zu Mittag geſpeiſt und rühmte deſſen vor⸗ trefflichen Champagner. Die Comteſſe breitete ihren Braut⸗ anzug und Schmuck vor ihm aus, und er fand Alles höchſt geſchmackvoll. Im heiterſten Vertrauen, wie die ſchöne Braut ſich ihm anſchmiegte, entzückte ſie ihn. Der luſtige Humor, den der Baron von der Tafel mitgebracht, ſtreifte mehr und mehr an Muthwillen; die Umarmungen wieder⸗ holten ſich und das erſte Du ward angeboten, gewechſelt und mit jungfräulicher Verſchämtheit geübt und belacht. Die Gräfin brachte die Ausfertigungen des Ehecon tracts hervor, die der Notar Dams zur Unterſchrift und Beſiegelung überſchickt hatte. Franz Karl unterzeichnete; als er aber ſein Familienſiegel, das er hatte mitbringen wollen, nicht in der Taſche fand, ſteckte er die Papiere zu 25* —————— 388 ſich mit dem Vorbehalte, ſie am anderen Morgen petſchiert mitzubringen.— Die Gräfin hatte für den Abend kleine Geſellſchaft vorgeſchlagen gehabt; Franz Karl aber, damals nicht ſo vergnügt, wie eben jetzt geſtimmt, war nicht dar auf eingegangen. Nun vernahm er die Anordnung des Kurfürſten für das morgige Feſt. Die Trauung ſollte in der Schloßkapelle vom Weihbiſchof Heimes geſchehen, ein Theil der Hofmuſik zur Meſſe ſpielen, das Familienmahl bei der Gräfin eingenommen werden, und Abends ein en gerer Kreis ſich um den Kurfürſten verſammeln, der dann die Inauguration der gewöhnlichen Strumpfbandfeier der Braut in Perſon vornehmen wollte. Franz Karl konnte nichts dawider haben, obgleich ihn die vorausſichtlichen Scherze bei dieſer Feier ſchon jetzt ein wenig zu verſtim⸗ men drohten. So raſchem Wechſel der Laune war der Freund jetzt unterworfen! Niemand aber nahm es als Zeichen, daß er ſich vielleicht doch nicht recht glücklich und befriedigt fühlen möchte; wie man doch ſonſt auch an dem Wohl⸗ befinden eines Menſchen zweifelt, der zu leicht Farbe wechſelt. Ueber den Mittheilungen der Gräfin war die Dämme⸗ rung eingetreten, und ſie ſchellte nach Licht. Franz Karl bat, es noch wegzulaſſen.— Gönnen Sie uns noch dies anmuthige Helldunkel! rief er. Es iſt unſer letztes bräutliches Dämmerſtündchen ziehen wirs ein wenig in die Länge; es läßt ſich ziehen,— wie das bräutliche Strumpfband. Und indem er Joſephinen umarmte, flüſterte er ihr zu: Von Morgen an iſt Tag und Nacht unſer gemein⸗ ſchaftliches Gut! Nicht wahr, liebes Frauchen? Bru und hob der ſten ding Ann huft Klan unbe ſo h none uf ſtrec Frin urch ſicht uße var Menſ hräfi urch. G nar tte petſchiert d kleine damals icht dar ung des ſollte in hen, ein iienwahl ein en er dann feier der lkonnte ſichtlichen verſtim eund jeht hen, daß befriedigt n Wohl ewechſelt Dimme anz Kun noch d er leht ein wen briulibt ne mit gen 389 Die Comteſſe drückte ihr glühendes Geſicht an ſeine Bruſt. Da fiel der Alarmſchuß eines ſchweren Geſchützes, und die Gräfin ſchrie auf. Auch das vertraute Paar er hob ſich, und Joſephine umſchlang bänglich den Verlobten, der wie von einer Erſcheinung betroffen, nach der dunkel ſten Ecke des Zimmers ſtarrte. Und war es auch aller dings keine Erſcheinung, ſo mußte doch eine ſo wunderſame Anwandlung, als er im Augenblick hatte, einen geiſter haften Eindruck machen. Wie nämlich zuweilen ein lauter Klang im Zimmer unerwartet auch auf den Saiten eines unberührten Inſtrumentes den verwandten Ton hervorruft ſo hatte Franz Karl im Augenblick, als der ſchwere Ka nonenſchuß fiel, des Kurfürſten„Au weh“ laut in der Seele vernommen,— und jene Scene, da der alte Herr auf einen Podagraſtich die zum Verlobungsſegen ausge ſtreckte Hand gezuckt hatte, ſtand lebhaft vor ihm. Dieſe Erinnerung im Zwielichte des Zimmers war gerade da durch ſo ſpukhaft, weil jener Ausruf dem Baron damals nicht aufgefallen, und ſeitdem nicht wieder in ſeiner Seele aufgeſtiegen war. Die Gräfin hatte inzwiſchen nach Licht gerufen, und war an das Fenſter geeilt. Die Straße füllte ſich mit Menſchen, die aus ihren Wohnungen herbeiſtürzten Was gibt es denn, was bedeutet es denn? fragte die Gräfin hinab. Niemand wußte es, und Alles ſchrie nur durcheinander; die Franzoſen, die Franzoſen ſind da! Gehen Sie, um Gotteswillen, Baron, und ſehen zu vas es iſt! flehte die angſtvolle Dame, und Franz Karl marmte Joſephinen mit beruhigenden Worten. Sie zit erte an ſeiner Bruſt, als ob ſie ihn nicht laſſen dürfe; 390 ſie hing an ſeinem Munde, als ob ſie des Scheidenden Seele in ſich hineinziehen und behalten müſſe. Franz Karl eilte nach dem Rhein. Ueberall rannten die Menſchen ängſtlich fragend hin und zurück. Niemand wußte etwas Beſtimmtes, aber Jedermann hatte die über⸗ triebenſten Befürchtniſſe. Die Lärmtrommeln wirbelten durch die Gaſſen; hier und da auf den Plätzen wurden flammende Pechkränze ausgeſtellt, die Bürger ſetzten Lam⸗ pen an die Fenſter. Alle Soldatenſchaft war auf den Beinen; die bewaffneten Bürger rotteten ſich zuſammen. Franz Karl eilte auf die Brücke, nach den Thoren. An den Wohnungen der höheren Offiziere fragte er ant ſie waren natürlich nach den Waffenplätzen geeilt. Vor den Feſtungswerken wurde Jedermann zurückgewieſen. Wie er an Forſter's Wohnung vorüberkommend Licht am Fenſter ſah, ſprach er ein. Auch dieſer Freund hatte ſich ſchon müde gelaufen, ohne etwas Genaueres über die Bedeutung des Signalſchuſſes in Erfahrung zu bringen. Aufgeregt aber, wie er war, entſchloß er ſich nach kurzem Ausruhen, den Baron durch die Stadt nach der Wohnung der Gräfin zurückzubegleiten. Arm in Arm und in lebhafte Geſpräche vertieft, nahmien ſie, um noch einmal von der Brücke aus zu ſchauen, den Umweg durch die Rheinſtraße. Vor dem Schloß war eine ſtarke Wacht aufgeſtellt, die das gemeine Volk zurückwieſen. Franz Karl, dem Offiziere bekannt, wurde mit dem Freunde durchgelaſſen. Während ſie noch mit dem Lieutenant ſprachen, kam ein Adjutant angeſprengt, der dem Offizier die Parole gab, und dann lachend hinzu ſetzte: Es iſt gar nichts, es iſt nur ein falſcher Lärm, lieber Radenhauſen! Ein dummer Kerl vom fuldaer Con⸗ ane ſchr M Me cheidenden l rannten Niemand dir über wirbelten n wurden zten Lum auf den uſammen ren An r an ſi Vor den Wie et mn Fnſin ſich ſchon Bedeutung Aufgrreg Ausrihen der Grifn Giſprich rücke Vor den us genen ne belm end ſie nol angiſpun hnd b ſſcher lim ſon ilbun b hin 391 tingent hat auf ſeinem Kanonen Poſten abgefeuert. Er iſt eben feſtgenommen worden, und wird ein Bißchen er⸗ ſchoſſen werden. Aber gewiß iſt, daß Cuſtine gegen Mainz vorrückt. Hiermit ſprengte er nach dem Schloß, dem Kurfürſten die Nachricht zu bringen. Im Schloßhofe, bei ausgehängten Laternen und wan⸗ dernden Fackeln ging eine lebhafte Geſchäftigkeit geräuſch— los vor ſich. Ein Hin⸗ und Herlaufen, Ab⸗ und Zutragen war zu bemerken; verſchiedene Packwagen, aus den Remi ſen herbeigezogen, hielten da. Herren aus der Stadt, in Mäntel gehüllt, eilten ins Schloß. Eben erkannte der Baron auch die Gräfin Coudenhove zu Fuß, der Laterne eines Bedienten folgend. Verwundert und neubegierig traten ſic tiefer in den Hof und begegneten dem Finanz Miniſter von Seckendorff.— Guten Abend! Was gibt's denn nur, Excellenz? Was geht denn vor?— fragte Franz Karl, dem Forteilenden in den Weg getreten; und mit einem mißtrauiſchen Seitenblick auf Forſter antwortete der Miniſter leiſe und heaſtig: Ich kann's nicht ſagen, lieber Baron. Ich habe nur Befehl, Sr. kurfürſtlichen Gnaden Mobilien, Bilder und Bücher zu packen und nach Aſchaffenburg zu ſchaffen. Und eilen nach Hauſe? fragte Franz Karl verwundert; doch der ſchlanke Mann war ſchon fortgeeilt, und hörte oder beantwortete die Frage nicht. Und er geht nach Hauſe? wendete ſich der junge Freund an Forſter. Sie vergeſſen, lieber Baron, daß der Herr von Secken⸗ dorff ſelbſt Möbel, Bilder und Bücher hat! verſetzt Forſter 392 mit bitterm Lachen. Geben Sie Acht, der Kurfürſt emigrirt, flieht! Was denken Sie, Forſter! rief der Baron tadelnd, und zog den Freund, als ob er ihn ſeines Irrthums be⸗ ſchämen wollte, am Arme noch tiefer in den Hof mit ſich fort. Eben ward der große Reiſewagen des Fürſten herbei— gezogen, und einige Hofdiener fielen mit großen Küchen⸗ meſſern darüber her, das fürſtliche Wappen an beiden Schlägen wegzukratzen.— Was geht denn vor, Ropiquet? fragte der Baron den vertrauten Kammerdiener, der eben allerlei Päckchen in den Wagen trug. Wir reiſen ab, Herr Baron,— um elf Uhr. Ent⸗ ſchuldigen Euere Gnaden—! Und mit heiſerer Stimme rechts und links eomman dirend rief er: Schmalenberger! Iſt der Küchenwagen fertig? Ihr nehmt nur Lambinet noch mit. Macht fort! Ihr müßt voraus.——— Meichinger! iſt der Landjägermeiſter gerufen?——— Hört Ihr nicht, Weipert, daß drin⸗ nen der Hofmarſchall nach Euch ruft? Donnerwetter! Ohren auf! Die Augen auf! Die Beine untern Arm genommen! Das ſag' ich Euch! Oder der Teufel ſoll euch die Kerze halten!— Wo geht's denn hin? fragte ein Lakai, beſchäftigt ſich in die Livree zu werfen. Wohin? wiederholte Ropiquet verächtlich. Welche Frage für den Lakai Hillerich! Auf den Kutſchenbock geht's, Herr Hillerich! Forſter nahm den verſtummten jungen Freund mit ſich fort.— Eben fuhren kleine Karren mit eiſernen ſuffürſt tudelnd, ums be of nit herbei Kiüchen⸗ beiden wiguet? er eben Ent⸗ omman e r nift eneiſu aß drin rwetter! n Arn ufil ſol ftagl Wilh ſchenbot 393 Kiſten in den Hof, vom Kammerzahlmeiſter Loßkandt und dem Kriegszahlmeiſter Wackerbardt geleitet. Sehen Sie, ſehen Sie, Freund! rief auf dem äußeren freien Platze Forſter in großer Bewegung. Der Fürſt flieht, und verläßt ſeine Unterthanen, ſeinen Thronſitz, ſei⸗ nen erzbiſchöflichen Baldachin. Leb' wohl, du rothes Schloß am Rhein! Lebe wohl, du alter Dom! Und die Stützen des Throns, der hohe Adel wird ihm folgen, die Großpfaffen werden hinter ihm d'rein keuchen. Secken⸗ dorffs lange Beine geben das Maß der flüchtigen Schritte. Was ſagen Sie, Baron! Doch nein, ich will Sie nicht mehr Baron nennen,— Freund, Bürger! Denn, bei Gott!„feig“ und„adelig“ fangen an ſinnverwandt zu werden, wie—„unfähig“ und„ſtiftsfähig“ es ſchon oft waren; und für diejenigen Adeligen, die man kennt, ehrt und liebt, muß man weinen, wenn man ihren hohen Stand ſo herabgeſunken und an eigenem Werth ſo ver⸗ armt erblickt! Er umarmte heftig den jungen Freund, und da dieſer, wie vom Blitze betäubt, ſchweigend vor ihm ſtand, fuhr er fort: Sagen Sie, was ſoll daraus werden? O mein Freund! Der Adel flieht, deſſen Vorrechte ſich einzig darauf gründen, daß er der geborene Beſchützer des Vol⸗ kes iſt, und heißen will,— flieht mit ſchändlicher Furcht auf den erſten Anſchein der Gefahr, und läßt den Bürger im Stich. Flieht dem Fürſten nach, den er halten, dem er ſich in den Weg werfen ſollte, der Alles einpackt, was ein Eigenthum des Staates iſt. Den Küchenwagen vor⸗ aus! Das iſt die Loſung! Ja doch, damit ihr nur nicht 394⁴ verhungert! Der Appetit verläßt euch nicht! Die Lan⸗ deskaſſen nachgeſchleppt! Herrliche Muſik zur Flucht eines Landesherrn! Die Steuern der Unterthanen raſſeln hinter ihm her! Aber auch die Flüche des Landes dröhnen ihm nach, des Landes, das fein Ehrgeiz, ſeine Vorliebe für die Flüchtlinge aus Frankreich, ſeine tolle Politik in Jam⸗ mer und Elend ſtürzen. Forſter ſchwieg mit heftig ſchlagendem Herzen, und eine Stille entſtand.— Und er kratzt ſein fürſtlich Wap⸗ pen aus! ſeufzete Franz Karl, worauf es wieder ſtille war. Einige Wagen fuhren aus dem Schloßhofe nach ver Brücke. Beide Freunde eilten fort durch die engſten Gaſſen, durch die ſtillſten, in denen, wie es ſchien, die Angſt der Menſchen am Qualm der verlöſchenden Pech pfannen erſtickt war. Erſt am Thiermarkte blieben ſie im Unkreis der Linden ſtehen.— Hier ſind unſere Schei⸗ dewege, Freund! ſagte Forſter feierlich, aber gefaßt. Ver⸗ zeihen Sie mir die harten Worte, die ich geſprochen! Es war eine Aufwallung! Und ſtören Sie ſich nicht daran, in dem was Sie thun zu müſſen glauben. Ich kann mich irren. O ſagen Sie, Freund, was denken Sie, daß in ſolcher Lage zu thun ſei? Soll ich auch mein Haus, meine Bücher, meine Naturalien, das heißt— was ich in der Welt beſitze, verlaſſen und mit Frau und meiner kleinen Roſa bettelnd umherirren, oder dem Fürſten fol⸗ gen, und mir eine Penſion aus den geflüchteten Landes⸗ kaſſen erhuldigen? Dem Fürſten? Wo wollen Sie ihn denn finden, Forſter? Er hat kein Wappen mehr! rief Franz Karl bitter, und Forſter ſprach weiter: 395 Oder ſoll ich bleiben, die Univerſitit aufrecht erhalten helfen, mich der verlaſſenen Stadt widmen, um die em⸗ ü pörten Bürger auf vernünſtigen, gemäßigten Weg zu len⸗ ken, damit das alte Mainz, wenn es möglich wäre, dem i deutſchen Reich erhalten werde? Und ſoll ich bei dieſer Ehrenpflicht wagen, was zu wagen iſt? Wir bleiben, rief der Baron mit Erhebung, und nd vrückte ſeine Hand feſt in Forſters Rechte. Wir kratzen Vu⸗ unſere Ehre nicht aus! O mein theuerer Forſter! wn Das habe ich von Ihnen grhofft! verſetzte Forſter ch freudig, und umarmte den jungen Freund. Aber— wir engſten werden für Demagogen gelten! Weil wir, ſtatt mit den n, die Herrſchenden flüchtig zu werden, dem Volke dienen, wird Pech man uns als Volksverführer brandmarken. Immerhin! ten ſe Aber ich kann nicht anders; ich muß es wählen, wenn Schi⸗ ein Funke Liebe für das Wohl Aller, wenn einiges Ge⸗ Ver⸗ fühl von Würde in mir ſelbſt und Sorge für die Mei⸗ n G nigen mich leitet! 3 daran, Es ſchlug vom nahen Stephansberg elf Uhr, und. knn Beide ſchieden mit einer innigen Umarmung. e daß Haus, a5 ich meinet en ſol Neunundzwanzigſtes Kapitel. ande⸗ fnden, Seit langer Zeit hatte Baron Franz Karl nicht ſo feſt ʒ ſul geſchlafen, als in dieſer Nacht vor ſeinem Vermählungs⸗ Es war heller Morgen, als er von lärmender tage 396 Unruhe im Haus erwachte, und durch wiederholtes Klopfen an ſeine Thüre im Schlafrock zu öffnen genöthigt war. Die Baronin, ſeine Mutter, trat verſtört ein, und ver⸗ wunderte ſich, daß er ſo lange ſchlafen könne, wo alle Welt in Angſt und Furcht mit Flucht beſchäftigt ſei. Der Sohn trat an das Fenſter, und ſah wirklich vor den erſten Adelshäuſern um den Thiermarkt Möbeln, Ki ſten, Ballen ausgeſetzt. Ich will unſere beſten Sachen nach dem rheingauer Gute bringen laſſen, erklärte die Baronin, und da meine Leute alle Hände voll zu thun haben: ſo wirſt du dich wol ſelbſt nach einem Schiffer bemühen müſſen, lieber Franz Karl. In der Noth, weißt du wohl, iſt Alles ſchickich. Ich habe den Herrn von Hedesdorf eben auch vorüberlaufen ſehen, nach einem Fuhrmann, wie er mir ſagte. Franz Karl wollte ſich eben gegen die Flucht über⸗ haupt heftig erklären, als er überlegte, daß er es nicht mit Männern, ſondern mit Mutter und Schweſter, ſowie mit weiblichen Aengſten und Vorurtheilen zu thun habe; da es ihm denn beſſer ſchien, jene in Gottes Namen ziehen, und dieſe unbeſtritten zu laſſen. Daher erwiderte er blos: Sie vergeſſen ja ganz, theuerſte Mutter, was wir heut vorhaben, daß heut mein ſchönſter Tag iſt, und wir ein Familienfeſt feiern. Wie, mein Sohn? rief die Baronin mit höchſt er⸗ ſtauntem Kopfſchütteln,— du weißt nicht—2 Doch ja! Die heiligen Siebenſchläfer wußten, als ſie in ihrer Höhle erwachten, auch nicht, wie ſehr die Welt ſich in⸗ Kopfen ſt wer nd oer vo alle ei ich vor n Ki ngaur meine u dich lieber Alles auch er mir über⸗ nicht ſowie habt amen iderte wir d wir ſt er⸗ Doch ihrer h in⸗ zwiſchen verändert hatte. Mein Gott! Der Kurfürſt iſt ja fort, und du meinſt die Generalin ſei noch da? Ja, er iſt fort. Die Köchin hat es zuerſt aus der Frühmeſſe mitgebracht, Hedesdorf hat es beſtätigt, und warum packte denn auch Alles auf? Hat Ihnen die Gräfin etwas ſagen, etwas abbeſtellen laſſen, beſte Mutter? Nein, mein Sohn! Wie könnte ſie alſo fort ſein? Heut, wo Alles zu unſerer Vermählung vorgerichtet iſt? Nein, theuere Mutter, wir dürfen uns nicht für ſo vernachläſſigt halten, daß uns nicht einmal abgeſagt, oder mit uns berathen würde. Ich eile mich zur Trauung anzukleiden, und fahre hin. Bereiten Sie ſich mit Cäcilien abgeholt zu werden. Die Trauung iſt nun freilich, da der Kurfürſt fort iſt, nicht im Schloß. Meinethalben! Ich denke die Genera⸗ lin wird ſchon Alles anders— commandirt haben. Die Baronin wußte nichts zu ſagen. Sie nickte nur oder ſchüttelte mit dem Kopfe, je nachdem ihr Stolz oder ihr Zweifel die augenblicklichen Gedanken beherrſchte. Der Baron befahl dem Bedienten, der auf dem Cor⸗ ridor packte, den Wagen rüſten zu laſſen, und Gala an⸗ zulegen; dann beeilte er ſich in den neuen Vermählungs⸗ anzug zu kommen. Bald darauf fuhr der Kutſcher in Puder und Treſſenhute vor; der Baron im Hofkleide mit den goldenen Kammerherrnſchlüſſeln am Hüftenknopfe ſtieg ein, und fuhr die große Bleich hinab. Vor dem Pavillon des Marſtalls zum goldenen Pferde, rechts und links der Hausthüre, lag und ſtand Geräth aller Art, Eigenthum der Gräfin ſowol als des ————— preußiſchen Reſidenten von Stein, der in demſelben Hauſe wohnte. Das ließ der Baron ſich nicht irren; er ſtieg aus, und eilte, von dem beſchäftigten Geſinde als ſchmucker Bräutigam angeſtaunt, die Stiege hinauf. Der Haus⸗ meiſter der Gräfin ſprang herbei; verwundert, verwirrt, mit verlegenen Bücklingen erklärte er, daß Niemand da ſei.— Ihro Gnaden, die Frau Gräfin, ſind mit Dero Nichten Comteſſen nach Mitternacht abgereiſt, und haben mir nur den gnädigen Befehl hinterlaſſen zu packen und Alles mainaufwärts zu ſchaffen. Sie ſelbſt ſind fürerſt nach Eltwill. So— ſagte Franz Karl, und ob er es gleich kaum anders erwartet hatte, bäumte ſich doch in ſeiner Bruſt wie ein Lindwurm der Ingrimm auf. Allein vor dem Bedienten hielt er an ſich, und ſo hoch er gewachſen war aufgerichtet, ſagte er mit ſtolzer Herablaſſung Dann muß Er ſo gut ſein, Frommont, und heut noch nach Eltwill ſchreiben— Verzeihung, Ihro Gnaden, ich fahre heut Nachmittag ſelbſt hinab— Deſto beſſer! Melde Er dann der Frau Gräfin, wie Er mich hier geſehen. Ich ſei zur angeſetzten Trauung gekommen, und beklage ſchmerzlich, daß ich von meiner Braut ſo heimlich— oder ſage Er lieber— verſtoh⸗ lenerweiſe— verlaſſen worden. Nur das Eine könne mich beruhigen, daß die Comteſſe bei dem Mangel an Liebe zu mir, den Sie heut an den Tag gelegt, ein ſchöneres Glück an der Hand eines geliebteren Mannes finden werde O Eure Gnaden! rief der zitternde Alte. So iſt es ja nicht gemeint geweſen! hmucker erwirt, and da it Dero haben ken und fürerſt kaum Briſt or dem ſen war ut noch chmittag in, wie rauung meiner rſtoh⸗ e kön ngil un chöneres n werde o iſ e 399 Hat ſich Ihm vielleicht die Gräfin erplicirt, Frommont, — wie's gemeint ſei? Mit keiner Sylbe, Eure Gnaden! Auch keinen Brief, keine Beſtellung an mich? Bedauere, Eure Gnaden! Aber es ging Alles ſo raſch—! Der Kurfürſt hatte Ihro Gnaden rufen laſſen, und ſie blieben lange im Schloß. Bis ſie zurückkamen, hatten die gnädigen Comteſſen ſich ſchon zur Ruhe bege⸗ ben, und Se. Exeellenz der Herr Landjägermeiſter von Stein auch ſchon anſpannen laſſen, um nach Koblenz zu flüchten. Seine Excellenz nahmen noch Abſchied,— und dann mußte in eiligſter Geſchwindigkeit— Ja wohl! Ich kann mir das denken, Frommont, fiel der Baron ein. Wenn man einige Liebe und Sorge für ſich ſelbſt hat, ſo macht man es ſo! Aber— ſage Er mir wörtlich meinen Auftrag her, Frommont, damit ich weiß, daß er ordentlich ausgerichtet wird! Frommont, in guter Schule abgerichtet, fehlte keines Wortes, und der Baron nickte ihm belobend zu; worauf er ſagte Alſo Se. kurfürſtliche Gnaden ſind auch geflohen? Sagte Er nicht ſo, Frommont? Uum elf Uhr, Herr Baron!— Sei Er doch ſo gut, fuhr Franz Karl fort, und mache Er mir die Schlüſſel los, hier am Knopfe! Der Alte ſprang hinzu, und Franz Karl erinnerte lächelnd: Aber mit den Fingern geht's nicht, lieber Alter! Das iſt angenäht. Hat Er nicht ein Scheerchen oder ſo was in der Nähe? 4 Frommont brachte eine Scheere herbei, und ſchnitt die Kammerherrnſchlüſſel mit den goldenen Litzen und Quäſt⸗ chen ab. Franz Karl ſteckte ſie ein, gab dem Diener zwei Dukaten und kehrte zu ſeinem Wagen und in ſeine Woh nung zurück. Hier, während unſer Er-Bräutigam in der ſonder⸗ baren Stimmung einer von Grollwölkchen durchzogenen Herzensheiterkeit ſich umkleidete, fand ſich Jean Baptiſt, der ſchöne Schiffer, ein, um der Baroneſſe, die er ſich bei dem Gefinde erfragt hatte, eines ſeiner Schiffe anzubieten, falls die gnädige Herrſchaft ebenfalls— wie er ſich aus⸗ drückte— emigriren wolle. Sehr bewillkommt mit ſeinem Anerbieten ſagte er in ſeinem treuherzigen Ton, wozu er ſich einige cavaliermäßige Geberden angewöhnt hatte: Sehen Sie, ich kann nicht Schiffe genug ſchaffen! Alles will noch heut fort, als ob kein Morgen und Ueber⸗ morgen mehr vom Himmel fallen ſollte. Sie werden nach dem rheingauer Schlößchen flüchten? Das iſt mir lieb: dort bin ich früher oft geweſen und weiß Beſcheid Wenn Sie hätten weit wegziehen wollen: hätten Sie kein Schiff von mir gekriegt, gnädige Baroneſſe! Wiſſen Sie auch warum? Weil ich das Heimweh nach Ihnen gekriegt hätte! So aber—, und weil ich doch gewiſſer⸗ maßen in Ihrem Dienſt ſtehe,— von wegen der feuer⸗ rothen Kokarde, die Sie mir da— ans Ohr geſteckt— Wiſſen Sie? Nur manierlich, Jan Baptiſt! warnte die Baroneſſe zürnend, aber doch zugleich erröthend, als eben die Mut⸗ ter herantrat. Die Baronin vernahm nun des Schiffers nit di Quiſt ler zwer Wo 0h ſonder⸗ zogenen Baptiſ, ſich bei ubieten h aus mt mit n Ton, ewöhnt ſchaffn! Uber⸗ werden iſt mir Beſcheid en Eit Wiſſen Ihnen ewiſſr r feuer⸗ ſeckt— zaronſt ie Mut⸗ Sciffr 401 Antrag, und beredete das Weitere mit ihm; wobei ſich Jean Baptiſt höchſt uneigennützig finden ließ. Doch weder der geringen Foderung noch des freien Anerbietens ſelbſt verwunderte ſich die alte Dame; wie denn vornehme Leute, im Bewußtſein ihrer Anſprüche, ſelbſt die unerwartetſte Dienſtleiſtung der Niedern unter allen Umſtänden in der Ordnung finden. Anders nahm es Cäcilie auf,— nicht ohne ein heim liches Wohlgefallen an dem ſchönen und muthigen Schif fer, deſſen naive Zuneigung und Ergebenheit ihr ungemein ſchmeichelte. Indem ſie dabei aber ſeines Standes nicht vergaß, war ſolche Erſcheinung ganz gemacht, ein eben ſo ſtolzes als reizbares Herz in die allerſeltſamſte Verwirrung zu ſetzen, die unter Umſtänden gefährlich genug werden konnte Da Jean Baptiſt übernommen hatte, für das Abho⸗ len der Sachen zu ſorgen, ſo ließ die Baronin fleißig packen, und Cäcilie übernahm in Begleitung eines Bedien⸗ ten die Ablieferung an dem bezeichneten Landungsplatze. — Erſt hier ſollte ſie recht einſehen, welche große und uneigennützige Gunſt ihr Jean Baptiſt in ſeiner Weiſe geleiſtet hatte. Denn die Angſt und das Drängen der Fliehenden war außerordentlich. Das Lärmen und Laufen in den engen Gaſſen, das Verpacken und Hämmern an den Ver⸗ ſchlägen, das Aufſchroten von Fäſſern, dies übereilte Auf⸗ laden und Abfahren, das Schreien der Laſtträger und Zu⸗ rufen der Fuhrleute, der zürnende Befehl ungeduldiger Herrſchaften und der kecke Trotz der Dienſtleiſtenden, die ohne doppelte, dreifache Bezahlung nicht Hand und Fuß rührten,— Koenig, Clubiſten in Mainz. I1 26 402 dies Alles verwirrte die Sinne und betäubte die Seele der Menſchen. Die Prachtgeſpanne des Adels und der Prälaten zogen jetzt an Karren und Leiterwagen die Güter der Flüchtlinge; indeß die Domherren und Domicellare, die Kanoniker und Kammerjunker, die Regierungsräthe und Hofgerichtsräthe, beſonders der adeligen Bänke, in Angſt und Athemloſigkeit nebenher keuchten. Und wenn ſie nun hinab an den Strom kamen, der von unzähligen Fahrzeugen aller Art wimmelte, von Boo⸗ ten und Jachten, Kähnen und Nachen, zu denen man, da ſie nicht zureichen wollten, Balken und Bretter zuſammen⸗ fügte, um Kiſten und Koffer, Möbel und Menſchen, Wein⸗ fäſſer und Hausrath, was nur Alles von Habe ſich hatte losmachen laſſen, aufzuladen und ſtromabwärts zu bringen: in welche neue Wirbel wurden ſie da hineingezogen,— in Zank und Zerren um die Fahrzeuge, in Zurufen und Zuwinken und in die Gefahr von herbeigewälzten Laſten verletzt oder vom Kai hinab in den Strom geſtoßen zu werden! Die größte Unordnung entſtand aus dieſem Treiben, ſo daß mancher Kahn unmſchlug und ſeine Fracht in den Strom begrub, andere Boote ohne Frachtbrief ab fuhren, und die Güter ohne Adreſſe bei Koblenz ausluden und preisgaben. Von Fodern und Behandeln der Fahrpreiſe war unter dieſen Umſtänden gar nicht die Rede. Die Flüchtlinge überdrängten nicht nur, ſie überboten auch einander, und der Lohn eilte der Fracht voraus. So ſteigerte man die Preiſe ins Unerhörte. Kähne, die ſonſt bis Koblenz ſieben Gulden gekoſtet hatten, wurden jetzt mit 20 bis 30 Ka⸗ rolin bezahlt. Eine Flut von Silber und Gold ſetzte die e Stele und der e Güter lare, die the und n Angſt en, der Boo lan, da mmen Wein h hatte ringen in fen und ſten oßen zu diſem Fracht rief ab usluden u untet ichtlinge er, und nan dir ſieben 30 Ka thtr dir Hülfsthätigkeit der Menſchen in Bewegung. Jean Baptiſt, in einer Nußſchale von Kahn, mit einer Ruderſtange in der Fauſt, fuhr in dieſem Gewimmel umher,— auf dem Strom wie ein gebietender Gott, und wenn er ſich auf das Kai ſchwang, wie ein Heiland umdrängt. Er hatte mit ſchlauem Vorausblick einen Theil der mainzer, kaſſeler, weißenauer und koſtheimer Schiffer zu ſeinen ei genen Fahrzeugen gedungen; aber auch die anderen Schiff⸗ leute wendeten ſich gern an ihn, um die Fuhren und Preiſe zu vermitteln, da er kecker im Fodern als ſie ſelber, und den Vornehmen als geſchickt und manierlich bekannt war. Da ſetzte es denn endlich ſolche„Waſſerfälle“ ab, wie ſie der ſchlaue Burſche ſchon auf jener Fahrt mit Garzweilern gewünſcht hatte, und Jean Baptiſt war pfiffig und entſchloſſen genug, ſich dabei nicht zu verrechnen. Ein Taumel hatte ihn ergriffen: der Geldſtrom, der durch ſeine Hände floß, regte ſeine Seele und ſeine Kräfte auf, das Außerordentliche zu leiſten. Und wären nur mehr Men ſchen dageweſen, unbetheiligt und unbeſchäftigt genug, um ſich an dieſem Schauſpiel der Flucht in ſeinen wilden und poſſigen Auftritten zu ergötzen: dieſer Aufwand von Muth und Gewandtheit, raſchem Blick und gebieteriſchem Willen, die der junge Schiffer in dieſen Tagen bethätigte, hät ten die lebhafteſte Bewunderung verdient. Die heftigen Pulſe der Anſtrengung, der ſchlagende Uebermuth des Herzens trieben freilich auch den kraftvollen jungen Herr ſcher des Tags manchen Augenblick zu einer aufjauchzenden Wildheit. Er höhnte die Flüchtlinge aus, denen er be dient war, und mit ihrem adeligen Gelde ſchien er ihnen auch eine Portion ariſtokratiſchen Hochmuths abzunehmen. 26* Von ihm rührte auch ein Spottname her, der in dieſen Tagen und noch länger ein Loſungswort der Schiffer, der Laſtträger und des gemeinen Volkes blieb. Auf jenen verhängnißvollen Kanonenſchuß hatte nämlich eine Com⸗ pagnie weilburger Contingents ihren Poſten in der Feſtung verlaſſen und Reißaus über die Schiffbrücke genommen. Einzelne dieſer Weilburger wurden gleich wieder, andere ſpäter, von den mainzer Landjägern aufgefangen, und mit Schlägen zurückgebracht. Dies war am erſten Morgen der großen Flucht am Rhein bekannt geworden, und als nun Jean Baptiſt hinter der Abfahrt des alten, reichen Domſängers von Hoheneck mit Hohnlachen ausrief:„Oho Weilburger!“ ſo war dieſe Anſpielung ſogleich verſtanden, und ein gräßliches Echo tönte am Kai entlang aus hun⸗ dert Kehlen mit:„Oho Weilburger!“ Und dieſe blei bende Bezeichnung eines Flüchtlings hatte ſelbſt für den Denkenden einen drolligen Sinn, weil ſie einen Burger (wie man in Mainz ſtatt Bürger ſagte) bedeutete, der eben nicht weilt. Unter dieſen Umſtänden, da Fahrzeuge nur ſchwer und um ſchweres Geld zu haben waren, nahmen Vicke den Landweg nach Frankfurt, Aſchaffenburg und Würzburg. Die Schiffbrücke war von Tagesanbruch bis zur einbre⸗ chenden Nacht mit Equipagen, Kaleſchen und Chaiſen, mit Wagen und Karren bedeckt, Pferde und Ochſen vorge⸗ ſpannt. Und da es auch in dieſer Richtung bald an Zugvieh und Fuhrleuten gebrach, nahmen beſonders viel franzöſiſche Emigranten Stock und Bündel zur Hand, und ſuchten ſich ins Rheingau, ins Raſſauiſche und Heſſiſche zu retten n dieſen fer de f jenen eCom⸗ Feſtung ommen. andere nd nit Morgen nd als reichen „Oho tanden, s hun⸗ ſ blei für den urger e, der et und den tu einbre en, mit vorge⸗ ald an vill d und iſiſhe 405 Zu dieſer Flucht der Privaten und Fremden kam die Rettung der öffentlichen Güter,— des Reichs und des Landesarchivs mit dem unſchätzbaren Papier- und Perga mentwerthe der deutſchen Reichs- und mainzer Staats geſchichte. Daran ſchloß ſich mit ſeinem Geldwerthe von Millionen der Kirchenreichthum an Infeln, Meßgewändern, Biſchofſtäben, Altarſchmuck, Kirchengeräthen, Heiligenbil⸗ dern,— Alles aus koſtbaren Stoffen, edeln Metallen und Juwelen— Dieſer Domſchatz ward auf ſicheren Schiffen, unter Aufſicht des Domkapitulars von Kerpen, nach Düſ ſeldorf gebracht. Dreißigſtes Kapitel. Am dritten Morgen der Flucht kam Sömmering in Reiſekleidern auf Forſter's Zimmer.— Ich bin ſoweit fer⸗ tig, lieber George, ſagte er, daß es dir keine Mühe ma⸗ chen wird, die gepackten Sachen, ſobald wieder Fuhrleute billiger zu haben ſind, uns nach Frankfurt nachzuſenden. Ich komme, dir Lebewohl zu ſagen. Meine Frau iſt drunten bei deiner Thereſe. Alſo auch du— mein älteſter und einziger Freund? ſagte Forſter, von Leid ergriffen und Sömmering's beide Hände faſſend. Auch du fliehſt? willſt du ſagen, nicht wahr? lächelte Nachbar. Doch eigentlich iſt es nicht Furcht, nicht de 8 406 Flucht. Nun ja, meine Frau hat ein wenig Angſt, beſon ders vor einer langen Belagerung, die ſo unfrei und un⸗ ſicher macht. Sie meint, dieſe Jakobiner, die uns die Freiheit bringen wollen, könnten uns erſt recht hart ein⸗ ſchließen, um uns nach Freiheit hungeriger zu machen, als wir vielleicht ſind. Es war aber ſchon früher unſere Ab⸗ ſicht nach Frankfurt zu ziehen, und ich ſtehe ſchon ſeit Wochen in Unterhandlung wegen eines ehrenvollen Rufes. Sollte nun Mainz gar in franzöſiſche Hände fallen,— was würde aus der Univerſität werden? Dieſe Gallier wollen keine Univerſität, ſondern Univerſalherrſchaft; es gilt ihnen um Freiheit durch die Waffen, die wir durch die Wiſſenſchaft erobern müſſen. Du weißt, George,— der Säbel iſt mein Inſtrument nicht: die Sonde iſt es, mit der ich in die Tiefen der Natur und der Wahr⸗ heit ſteige. Du haſt Recht, mein Freund! rief Forſter. Und wie du mich kennſt, weiſt du wohl, daß ich auch keinen gräm⸗ lichen Gedanken, deiner abweichenden Richtung halber, ge⸗ gen dich im Herzen trage. Nein, folge du dem Zuge deines Geiſtes! Auch ſRehſt du ja nicht: die Natur iſt die Republik, in der du als großer Forſcher mitherrſcheſt, und wohin du dich wendeſt, bleibſt du in deinem Frei⸗ ſtaat. Dabei biſt du ein reicher und glücklicher Menſch, — an der Tafel deiner Gefühle und deiner Gedanken von den Liebſten und Treueſten umſeſſen. Anders ich, lieber Thomas. Arm bin ich gerade nicht,— nicht gerade bet⸗ telarm. Du kennſt mich von lange her. Ich hatte ein Herz voll Liebe und ſeliger Gedanken für einige Wenige, deren Glück und Zukunft meine Sorge, wie meine beſon dun⸗ n die t ein⸗ n als re Ab⸗ n ſeit Rufes allier durh de iſ Wahr⸗ d wie grin⸗ r, ge⸗ Zige ur iſt ſcheſ. Fri⸗ Nenſch n von luber e bet⸗ tn ein mige mein 407 Schöpfung war.——— Ich habe ſie verloren,— meinen Knaben, meine— Er preßte, bei dieſem Gedanken an ſeine Thereſe, ei— nen Augenblick den Freund an ſeine Bruſt, ſich aus ſei⸗ nem zuckenden Leide zu ſammeln, und fuhr dann fort: So geht es mir nun wie dem reichen Mann im Evangelium, dem zum fertigen Gaſtmahl die eingeladenen Gäſte abſagen, der Eine, weil er eine Frau zu nehmen, der Andere, weil er Einkäufe zu machen, fort war. Da ſendet er auf die Straßen, und ladet ſich Bettler an ſeine Tafel ein. So bin ich an das Volk gewieſen, das von Allen verlaſſen wird, die es behüten ſollten. Meinſt du, mein Freund, ich wüßte nicht, was ich wage? Ich habe mich für eine Sache entſchieden, der ich meine Privatruhe, meine Studien, meine häusliche Stille, mein Vermögen, vielleicht mein Leben opfern muß! Sprich nicht davon, liebſter George! rief Sömmering ergriffen. Uns ſteht noch eine ſchöne Zukunft bevor. Du wirſt dich erkennen, und wiederfinden und am alten Freundesherzen wiederfinden, das ſeit ſo manchen Jahren und an wechſelnden Orten für geſchlagen hat. Auf ſo froher Tage Rückkehr, wie die vergangenen, auf eine wiedervereinte Zukunft— lebe wohl! O eile nicht ſo, beſter Seelenfteund! flehte Forſter. Du weckſt mir da unſere begrabene Vergangenheit auf, — eine Welt von Erinnerungen. Lebendig ſteht es vor mir da, wo wir zuſammen geweſen, was wir gemeinſchaft⸗ lich gethan, wie Einer den Andern gefördert, gebeſſert und gehalten hat: ein ſchöner, ſchöner Traum! Wie forſchten wir nach Wahrheit, ſo abſichtslos und unbefangen! 408 Im Genuſſe der ſchönen Gegend, wie heiter philoſophirten wir nicht am Abend über das Studium des Tages! Selbſt jener Pfad, wo uns der Anblick eines tief angelegten Be⸗ trugs überraſchte, wie lehrreich war nicht der! Welche Blicke in das menſchliche Herz und in die Schickſale der geſammten Gattung gewährte er uns nicht! Ein wohl⸗ thätiges Verhängniß waltete über uns, daß wir einander verſtehen lernten, daß unſer ruhiger, hochachtungsvoller Vund der Freundſchaft entſtund, und Einer des Andern Schutzengel ward; daß ſtrenger Wahrheitsſinn zur Scho⸗ nung ſich geſellte, und wir einander fortbildeten, da wo die gemeine Etziehung aufhört, zu dieſem hohen Bewußt⸗ ſein der Reinigkeit in Gedanken, Wort und That, dieſem Frieden, der höher iſt, als alle Vernunſt.— Vorwärts den Blick zu richten, iſt jetzt Pflicht und Gewinn; nicht länger darüber zu brüten, daß Jeder von uns hinfort al⸗ lein ſteht, allein ſchwimmt durch das Meer der Mühſelig⸗ keiten,— Hamlet's Sea of troubles! und allein kämpft und— ſiegt oder fällt. Vorwärts den Blick! Aber nicht um ſich aus lockenden Erwartungen und leeren Hoff⸗ nungen eine Welt zu träumen, die noch außer unſerem Erfahrungs- und Empfindungskreiſe liegt. Mich dünkt, ich ſehe in dieſem Nebel der Zukunft nur Einen Funken, der nicht bloßes Irrlicht wäre. Wenn alle Phantome von Gemeinnützigkeit, von Einfluß auf Menſchenbildung, von Ausſaat und Aufgrünen der Cultur unter einem fremden Himmel zerronnen ſind, dann finde ich mich ſelbſt dort noch wieder. Was das Schickſal an uns Einzelnen fortbildet, indem es uns in neue Thätigkeit verſetzt und auffodert für Andere zu wirken, das iſt der erhabene hiren Selbſt Be⸗ Pelhe le der wohl⸗ ander voller ndern Scho⸗ wo ußt⸗ ieſen virts niht t al⸗ ſelig⸗ inpft Aber erem ünkt, nken, tom ung, inem ſibſt nen und bene 409 Zweck unſeres Daſeins, wobei wir nur das Zuſehen haben, indeß der Zweck unſerer Handlungen dazu nur Mittel iſt. So geht ein vollkommneres Weſen hervor, mit erhöhtem Bewußtſein, mit anderen Quellen des Genuſſes, mit um⸗ faſſenderem Sinne, zu erleſenern Freuden und Leiden gebildet! Forſter hatte ſich in Thränen hineingeſprochen, aber auch dem Freunde Thränen entlockt. Sie trennten ſich mit Kuß und langer Umarmung, und Forſter hatte noch eine Weile mit ſich zu thun, ehe er mit einiger Faſſung hinabgehen, und der lieben Frau Nachbarin Lebewohl ſa gen konnte. Nachmittags ſtellte ſich Baron Franz Karl ein, um den Freund wie jetzt täglich abzuholen. Sie gehörten zu den Wenigen, die umherſchweifend ſo merkwürdige Er⸗ ſcheinungen mit Gelaſſenheit beobachten und mit eindring⸗ lichen Gedanken beſprechen konnten. Franz Karl fand auf dem Spiegeltiſchchen die Abſchiedskarten der frühern Abend⸗ freunde. Alle Diplomaten waren fort, ſelbſt Huber mit ſeinem Geſandten nach Frankfurt übergezogen. Da faſt keiner dieſer Hausfreunde, außer Huber, perſönlich Ab⸗ ſchied genommen hatte, ſo fiel es weniger auf, daß auch vom Grafen Stadion blos eine Karte kam; ſo gern For⸗ ſter dem ſeit jenem heftigen Abend weggebliebenen Kapi⸗ tular eine verſöhnende Erflärung gegeben hätte. Mit der Flucht ging es nun am Strom und an der Brücke ruhiger zu. Die Freunde begegneten einigen Ade⸗ ligen, die durch Wegſchaffung der Archive oder ſonſtige Angelegenheiten noch zurückgehalten wurden. Forſter konnte nicht laſſen, auf die ungeheueren Summen hinzu⸗ 410 deuten, die aus den Geldkiſten der Fliehenden in die Hände des Volkes gefloſſen wären, und die mehr als zuge⸗ reicht hätten, die Feſtung gegen jeden Feind in Vertheidi⸗ gungszuſtand zu ſetzen, und dabei die Ehre des Adels zu ſchützen. Sie haben Recht! erwiderte Einer beſchämt. Es iſt unverantwortlich, wie ſehr uns die deutſchen Zeitungen in Abſicht auf Frankreich hintergangen haben. Die Fran⸗ zoſen ſind eine brave, mächtige Nation. Es wäre Jam⸗ merſchade, wenn dies Volk ſich nicht gleich bliebe! Ueber dieſen herabgeſtimmten Ton ariſtokratiſcher Män⸗ ner nicht wenig verwundert, ſollten unſere umherwandeln den Freunde noch mehr überraſcht werden, als ihnen Hof⸗ mann, Wedekind und der Narr Dietler begegneten, die mit aufgeſteckten dreifarbigen Kokarden laut thaten. Ich rathe Ihnen ein Gleiches zu thun, Bürger Forſter und Bürger Wallbrun! rief Wedekind exaltirt. Wir ech⸗ ten Mainzer, die wir uns nicht zum Muthe der„Weil⸗ burger“ bekennen, ſuchen ſtatt auf der Flucht, hinter die ſen Farben unſer Heil. Dietler zog ſchnell zwei Kokarden aus der Taſche, und nöthigte ſie beiden Freunden auf. Forſter ſteckte die ſei⸗ nige gleichgiltig ein. Franz Karl aber wies die andere mit Stolze zurück, indem er zu Dietler ſagte Sie ſind nur über der Stirne gezeichnet, Herr Pro⸗ feſſor, und ich rathe Ihnen, dieſe Kokarde nach hinten aufzuſtecken, damit Sie nicht etwa vom Rücken aus ver⸗ kannt werden. Einem Wortwechſel, zu dem es darüber leicht hätte kommen können, trat Eickemeyer in den Weg.— Zum 414 in de erſten Mal komme ich lachend aus einem Kriegsgericht, zu ſagte er. Wir haben eben einen närriſchen Kerl,— den thedi* fuldaiſchen Soldaten, der jüngſten Abend die ſchwere Ka de u none gelöſt— Sie reden doch von der Kanone, die uns den Kur⸗ fürſten über den Rhein verſchoſſen hat, nicht wahr? fiel ungen Dietler ihm ins Wort. Wiſſen Sie, daß dies ein Glück Frin⸗ iſt? Der alte Kopf war eine Kettenkugel, und wir ſind Ium nun frei! Ich wollte ſagen, wir haben ihn frei geſprochen und Min⸗ nach Hauſe geſchickt, den dummen Teufel! lachte Eickemeyer. ndeln Jetzt reden Sie aber nicht vom Kurfürſten, Freund, ſondern vom Soldaten, nicht wahr,— von dem Ful Hof⸗ i denſer? fragte Hofmann ſchalkhaft. Nun freilich! antwortete, etwas ungeduldig über die Neckereien, der Major. Der träumeriſche Burſche, Namens die — Forſter — Kremer, ein gutmüthiger, ſimpler Geſell, hatte, weil es Vei„ uns an Kanonieren fehlt, gleich anderen Musketieren einen r di Kanonenwachtpoſten bezogen. Bei der Ablöſung vor ein⸗ brechender Nacht wird er von dem Poſten, der ihm die und Parole ins Ohr zu flüſtern hatte, mit einem zu erwar⸗ ſi⸗ tenden Geſpenſte geneckt, und geräth in jene tolle Wuth, un die ſolche beſchränkte Menſchen leicht überfällt. So ergreift er die brennende Lunte, und löſt das ſchwere Geſchütz gu⸗ Was er ſich dabei gedacht hat, und ob er etwa ſeine ium Courage damit beweiſen wollte, war im Verhör nicht herauszubringen, und da ſein Hauptmann, von Katzmann, ein jovialer Offizier, den Burſchen auch durch andere . ziemlich luſtige Beweiſe als unzurechnungsfähig geltend hi machte: ſo wurde er mit einer gelinden Abführung von Zum 412 Haſelnußſtöcken entlaſſen, und nach Fulda heimgeſchickt, wo er ſtatt der Kanone eine Waſſerbutte bedienen kann. Sie waren während dieſer Erzählung auf dem Rath⸗ hausplatz angekommen, und ſahen, daß viele Bürger ſich in das Rathhaus drängten, vor welchem des Hofkanzlers Equi⸗ page hielt. Sie eilten denn auch hinein und arbeiteten ſich in den Saal. Am obern Ende des Sitzungstiſches erblickten ſie den Kanzler von Albini, umgeben vom Vice⸗ dom und Viecedomamtsdirector nebſt einer Anzahl der Rathsverwandten, unter denen der uns vom weißenauer Wirthshauſe her bekannte Rheinmeiſter Krebs durch ſeine feurige Naſe hervorleuchtete. Der Kanzler war eben in einer Rede begriffen, und die Eingedrungenen kamen noch zu folgenden Worten recht: „Ja, ihr wackeren Mainzer, es haben leider! ſchon mehrere wohlhabende Bürger die Stadt verlaſſen,— eine Schmach, der wir, von Sr. kurfürſtlichen Gnaden beſtell⸗ ten Statthalter alles Ernſtes begegnen müſſen; wie wir denn von heut an jede Flucht aus der Stadt bei ſchwerer Strafe unterſagen. Was ſoll daraus werden, wenn ge⸗ rade die wohlhabenden Bürger, Händler und Hand⸗ werker fliehen? Iſt es nicht des rechten und wohlhaben⸗ den Bürgers Pflicht, ſeinen eigenen Herd nicht nur, ſon⸗ dern den Thron und den Altar ſeiner Väter mit Leib und Leben zu ſchützen? Zu dieſer Pflicht ermahnen wir euch, ihr lieben Mitbürger! Das Zeughaus iſt geöffnet, — Musketen, Säbel und Patronen werden unentgeldlich ausgetheilt. Die Bürgerſöhne und die Kaufmannsdiener müſſen dem Beiſpiel der Studenten folgen, die ſich ſchon bewaffnen und in Compagnien zuſammenthun Verſuche es ja Keiner, ſich dieſer edeln Pflicht zu entziehen! Ich will euch gewarnt haben. Einige Brücken ſind ſchon abgeworfen, kleine Pikets ausgeſtellt, und wehe dem Bürger, der auf ſchnöder Flucht betreten wird! Auf denn, ihr meine Brüder! Schließt euch eng an ein⸗ ander, und ſchützt mit Muth und Blut eure alte Vater— ſtadt und das ehrwürdige Bollwerk des heiligen römiſchen Reiches!“ Auf dieſen etwas theatraliſch vorgetragenen Zuſpruch erfolgte von der Fauſt des Rheinmeiſters ein dröhnender Schlag auf die Seſſionstafel und aus roher Weinkehle das Wort: „Heilige Donnerwetter! Habt ihr's gehört, ihr Mainzer? Brüder hat uns Se. Ercellenz genannt,— Brüder! Iſt das jemals erhört geweſen, und nicht rüh rend, ihr Männer? Aber, daß ihr nun auch befolgt, was Seine Excellenz verlangt! Wahrlich und Gott! Ein Donnerwetter ſoll den erſchlagen, der nicht folgt und pünktlich thut, was unſer Herr Bruder Ercellenz befiehlt!“ Nur ein kicherndes Lachen des Profeſſors Dietler ward vernommen. Eine mißbilligende Unruhe entſtand ſogleich, und Alles blickte mit Murren und Unwillen nach dem Lacher um.— Dieſe Bewegung benutzte der lange hagere Zollcontroleur Horir von der Rheinbrücke, drängte ſich mit Eifer durch die Menge vor, und auf den Zehen über alle Köpfe geſtreckt, rief er aus gewohnter Dienſtbefliſſen⸗ heit und mit winkenden Armen Herr Hofkanzler! Ich kann Eurer Ercellenz und Gnaden melden, daß Dero Gepäck und Bagagewagen eben wohl conditionirt die Rheinbrücke paſſirt haben. Vom Brückenzoll ſind Ereellenz frei! Eine Stille mit theilweiſem Staunen entſtund. Alles blickte nach dem Hofkanzler hinauf; aber der Hofkanzler blickte nicht herab. Druck von F. A. Brockhaus in 2 eipzig.