—½ —— 2 — . Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ollmann in Giefen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Leſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat:— Pf. 1 Mf. 50 Pf 2 Młk.— 3 6 ²„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — — — S — — — — — —2 — — — — Erſter Theil. Thema: Herrſchen und Dienen. Clubiſten in Mainz. Ein Roman von Heinrich Koenig. Erſter Theil. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1847 Pater Garzweiler. Koenig, Clubiſten in Mainz. I. Erſtes Kapitel. Frau Braunſchiedel, ſonſt die behaglichſte Obſthändlerin hinter ihren Körben, war gegen drei Uhr auf einmal ſehr unruhig geworden. Etwas Ungewöhnliches mußte vorge⸗ hen, was die ſchwerfällige Frau von ihrem Schemel auf— gebracht hatte und umhertrieb; zumal der Nachmittag anfangs September ungewöhnlich ſchwül war. Sie hatte aber einen Wink erhalten, daß die Handwerkergeſellen zur Stunde ſich auf dem Marktplatze um die zwei Brunnen zuſammenrotteten, und daß es den Studenten, ihren beſten Kunden gelte, die eben in den Collegien ſaßen. Die Angſt und Unruhe einer ſo gelaſſenen Frau entſprang freilich weniger aus Theilnahme für ihre Kunden, als aus Beſorgniß um ihre Obſtkörbe. Denn ſie hielt vor der ſchönen Jeſuitenkirche feil, und der Univerſitätsbau lag ihr gegenüber ſo nahe, daß ſie die Stimme des ihr bekannten Profeſſors Niklas Vogt durch den geöffneten obern Fenſter— flügel ganz genau vernahm. Sie hatte ſogleich durch eine vorübergehende Nachbarin ihren Mann, der zu Hauſe der Kinder wartete, zum Beiſtand aufbieten laſſen; aber er eilte immer noch nicht herbei, ihr die Obſtkörbe weg⸗ ſchaffen zu helfen. Sie trippelte hin und her, blickte nach 1 — der Schuſtergaſſe, ſchalt auf den dummen Mann, den ſie einen Kerl nannte, und wiſchte mit der Schürze die heiße Stirne und die ſtarke Unterlage des Kinnes. Nun hoörte man gar ſchon den Lärm und Geſang der Handwerker Mit derben Stöcken bewaffnet, kamen ſie die Schuſter gaſſe herauf, drängten ſich unter dem Schwibbogen, der das ehemalige Jeſuiten-Colleg mit dem Univerſitätsbau verband, auf das Kirchenplätzchen, und ſtellten ſich vor dem bedrohten Hauſe zum Angriff auf. So breit ſich nun auch Frau Braunſchiedel mit eingeſtemmten Armen vor ihren Körben aufpflanzte, konnte ſie den Kram doch nicht ganz decken. Neben und hinter ihr wurden die Körbe im Gedränge und aus Muthwillen vom Gerüſt geſtoßen. Die Pflaumen und Birnen, die Aprikoſen, Pfirſiche, und Frühtrauben fielen in die Goſſe und wurden zertreten Schimpf und Scherz, von der geängſtigten Frau abwech ſelnd verſucht, halfen nichts; bis die Haufen mit entſetz⸗ lichem Geſchrei in das Gebäude ſtürmten. Nun entlud ſich aber der ganze Grimm des Weibes auf den unglücklichen Mann, der ſich jetzt zu ſpät aus dem Gedränge der Zuſchauer hervorarbeitete, und mit gewohnter Geduld, während er ſich zum Aufleſen des Obſtes bückte, die Fäuſte der Wüthenden auf das leinene Camiſol hinnahm. In dieſem Eifer fühlte ſich die Frau plötzlich durch den Schlag eines Reitpeitſchenſtiels unterbrochen Ein ſchlanker junger Mann ſtand vor ihr, zierlich friſirt mit feinem Ka⸗ ſtorhut, violettſammtnem Kleide, geſtickter Weſte und fei⸗ nen engliſchen Stiefeln— Was iſt hier los, Frau? fragte er kurz und mit vornehmer Miene. horte erker uſter t, der tsbau t dem n n vol nicht be u ſtoßen. e, und treten bwech mtſet en des leinent ch den lanker em Ka nd fei⸗ fragte In tiefen Kniren verlor ſich bei dieſer Erſcheinung plötzlich alle Wuth des Weibes.— Ha, Ihro Gnaden, Herr Baron! rief ſie aus. Helfen Sie, retten Sie, be⸗ fehlen Sie! Die Herren Studenten werden eben todt ge⸗ ſchlagen, gottsjämmerlich todt von den wilden Philiſtern. Hören Sie nur den Nothſchrei! Dieſe Stimme gehört leibeigen dem Herrn Profeſſor Vogt. Sie ſchlagen ihn, ſie maſacriren ihn, den Herrn Profeſſor. Ach, Ihro Gnaden—! Der junge Baron eilte nach dem Hauſe. Von dort hörte man eben Thüren einbrechen, Bänke krachen; ſchreiende, fluchende, lachende Stimmen wurden abwechſelnd laut; bis nach und nach der Lärm der Kämpfenden ſich aus den vordern Sälen nach den Gängen und in den Hof verlor. Die Umſtehenden auf dem Platze, von dem Vorgang ungewöhnlich aufgeregt, ſprachen ſich lebhaft, wiewol in verſchiedenem Sinne aus.— So was iſt in Mainz un⸗ erhört! hieß es. Was wird nur der Kurfürſt dazu ſa⸗ gen, wenn er von Aſchaffenburg herüber kömmt. Nächſten Freitag iſt ja General⸗Kapitelstag, den Tag vor Mariä Geburt. Der alte Herr? antwortete Einer. Was kann er ſa⸗ gen? Die Zeiten ändern ſich. Früher fuhr er auch als frommes Herrchen mit dem Roſenkranz in alle Abend⸗ kirchen. Und jetzt? Fragt einmal die Frau von Couden⸗ hove, was er jetzt für Roſenkränze betet! Ihr wißt doch, fiel ein Anderer ein, wie's jetzt in Paris zugeht; wie die Jakobiner dem König die neue Menuett aufſpielen; wie der König vor zehn Wochen zuviel Pas gemacht, und man ihn ſchnell wieder zurückgebracht hat? Nun haben wir da drinnen auch ſo einen neuen pariſer Tanz,— aber ein Bürgertänzchen. Ei, wir Handwerks— leute wollen endlich auch einmal etwas von Paris! Die Herren vom Hof haben lange genug ihre Späße von Pa— ris bezogen,— ihre Moden, ihre Möbel, ihre Meinun— gen, die uns auch nicht immer gedient haben. Was? Uns gedient? rief im Tone des höchſten Er ſtaunens ein Mann, der die gewöhnliche graue Hoflivree trug. Welche Verkehrtheit! Wir haben zu dienen. Man muß gefälligſt nicht vergeſſen, wem zu herrſchen und wem zu dienen zuſteht. Und doch, Herr Hoflakai Linwag, hat der Nachbar ſo Unrecht nicht mit ſeinem Vergleich! verſetzte der Maurer⸗ meiſter Schmuttermeier. Dieſer Aufruhr, dieſe kleine Re⸗ volution da, rührt nämlich vom Tanzboden her. Die Studenten haben den Schreinern die Mädel weggenommen und die Geſellen ſo zu ſagen— hinaus gehobelt. O ich hab's kommen ſehen! Schon ſeit zwei Tagen hielten meine Geſellen nicht mehr Stand bei der Arbeit droben auf dem Luſtſchloß Favorite. Ganz recht, Meiſter! fiel der Uhrmacher Weivenhei⸗ mer ein. Auch haben unſere Geſellen nicht gleich zu den Prügeln gegriffen: ſie haben ſich erſt bei der Polizei be ſchwert; aber man hat ſie nicht angehört. Ja, die mainzer Polizei! Wie wird mir's! lachte ſchallend Zimmermann Riedel. Ich hab' ihr dieſen Mor⸗ gen angezeigt, ich könnte meine Geſellen nicht mehr bei der Arbeit halten. Ihr wißt's ja, Schmuttermeier. Wir arbeiten doch neben einander,— ſo zu ſagen auf und nieder: Ihr brecht die Karthaus ab, und wir bauen's nun Er ivree Man wem lachte Mor kurfürſtliche Schlößchen höher. Sie wußten ſchon Alles auf der Polizei, und lachten dazu. Der Polizei⸗Commiſſar Klingenbiel flüſterte mir ins Ohr Laßt ſie doch gewäh⸗ ren! Sie mögen den lateiniſchen Schützen die blauen Mäntel ausklopfen und die dreieckigen Hüte platt ſchlagen, die doch immer auf Krakeel ſtehen. Gut geſagt, ganz recht! rief Einer in der Livree des Domherrn, Grafen von Walderdorf. Nur immer d'rauf los! Da ſtecken ſie nun,— wie er ſich als guter Main⸗ zer ausdrückte— in der„Bredulje!“ Wißt ihr denn aber, wo eigentlich der Haſe im Pfeffer liegt? fragte Riedel leiſe. Die Polizei hat längſt ihren Aerger daran, daß die Studenten unter einem beſondern Univerſitätsgerichte ſtehen, und daß ſie keine Hand über die Burſche hat. Nun wollen ſie's einmal drauf ankom⸗ men laſſen. Man muß nur eine Autorität in ein falſches Licht ſtellen, eine Herrſchaft, ſo zu ſagen, in ihrem zerriß⸗ nen Unterfutter zeigen, wenn man an ſie will, wenn man ſie herunterſetzen will. Verſteht ihr mich?— Bei dieſen mit einem ſtolzen Nachdruck und ſchalkhaf⸗ tem Lächeln geſprochenen Worten machte ſich ein ſtattlicher Geiſtlicher Bahn durch die Volkshaufen, und ſah mit Ver— wunderung dem Sprecher Riedel unter die breite Ecke des Hutes. Er ſchien verwundert, das große Geheimniß geiſt⸗ licher Politik aus dem Munde eines Handwerkers zu ver⸗ nehmen. Doch lächelte er blos, indem er nach der Ur⸗ ſache des Auflaufs fragte. Man erzählte durcheinander. Jeder beeiferte ſich, den hohen ſchönen Mann von durchdringendem Auge und fein geſchwungener Naſe zu berichten. Der ſtolze Prieſter hörte vor ſich hinblickend zu, achtete nicht der ent⸗ blößten Häupter um ihn her, und ſagte endlich laut ge⸗ nug, wiewol an Niemand beſonders gerichtet: So, ſo! Ich dachte, man wolle an die lutheriſchen Profeſſoren. Ihr wißt ja, lieben Mainzer, daß man euch da die ſchöne Jeſuitenkirche annoch nehmen will. Ja wohl, ja wohl! Die Bibliothek ſoll hinein. Der Hofrath Forſter hat den ſaubern Vorſchlag gemacht, der Heide! Was weiß der von den fundirten Meſſen und Bruderſchaften dieſer herrlichen Kirche? Ja, ja! Man hat euch noch nicht Kirchen genug genommen, wie's ſcheint! Ein heftiges Murren entſtand. Was? rief es hier und da,— iſt das der Dank gute mainzer Brot, das dieſe Ketzer hier genießen? Indem hörte man aus dem Hofe des Gebäudes ein Krachen, wie eines zuſammenbrechenden Holzſtoßes. We⸗ nig Augenblicke ſpäter kam jener vornehme junge Mann wieder aus dem Hauſe, flüchtig vor einigen Handwerks⸗ geſellen, die ihn verfolgten. Wie er ſich um das linke dünne Säulchen der Hausthüre ſchwang, und, der Schuſter⸗ gaſſe zugewendet, die Menge zu durchbrechen ſuchte, hielt ihn der Geiſtliche mit dem Zuruf an: Baron Franz Karl? Aber, um des Himmels willen, Herr von Wa run, wie kommen Sie unter dieſen Unfug? Wie ſind zu⸗ gerichtet? Dabei faßte er den jungen Mann mit der linken Hand am Arme, indem er mit gehobener Rechten die Verfolger gebieteriſch zurückwies. Der junge Baron ſtreifte mit einem ſtolzen Blicke die umher ſtehenden Bürger. Statt zu antworten, ſtrich er frall wat im ha wil Au ent⸗ ſchen uch wohl, orſter uften nicht hier Brot, es ein We⸗ Nann erks linke uſter⸗ hielt Karl? brun zu Hand folgel ke d ch er 9 ſeine zerrauften Locken glatt, und bog die zerriſſene Hemd⸗ krauſe unter die geſtickte ſeidene Weſte. Die Reitpeitſche war ihm von den Geſellen entwunden, und der eine Sporn im Gedränge abgetreten worden. Kommen Sie, ſagte der Geiſtliche, ich geleite Sie zu Ihrer gnädigen Mutter! Man lauert Ihnen auf: gehen Sie unter meinem Schutze! Ehe er aber ging, ſah er ſich nach Meiſter Riedel um, und ſprach in wohlmeinendem Ton: Die Regierung wird den kleinen Spektakel da nicht gleichgiltig aufnehmen. Man ſieht jetzt in Allem eine An⸗ ſteckung aus dem revolutionären Paris und die Franzoſen, die Emigrirten hetzen. Ihr Meiſter müßt eure armen Geſellen diesmal nicht ſtecken laſſen. Iſt es denn wahr, daß die Bürgerſchaft ihre alten Beſchwerden über aller— hand Mißbräuche wiederholen und auf Abſtellung dringen will? Man ſagte mir's. Es wäre jetzt der ſchickliche Augenblick,— glaubt man. So ſcheint es allerdings! Er ging, ohne Antwort zu erwarten. Riedel hatte den Wink raſch aufgefaßt, ſah ſich mit bedeutſamen Mienen nach den andern Meiſtern um, und zog ſie mit ſich fort. Wer war denn der ſtattliche Herr, der den jungen Baron mit fortnahm? fragte ein Fremder mit höflichem Gruße ſeinen Nachbar. Das iſt Pater Ignaz Garzweiler, war die Antwort. Pater? Ein Mönch alſo und geht in ſchwarzem Kleide und ſeidenen Strümpſen? Er hat Dispens vom Kurfürſten und eine reiche Pfründe aus dem Collegiatſtifte zu Morſtadt, erklärte ein Bürger. Das iſt ein merkwürdiger Mann, mein Herr 10 Merkwürdig? Wodurch denn? fragte der Reiſende, ein Sachſe, ſeiner Mundart nach. Je nun,— es iſt ſo was Geheimes um den Mann, ſo was Apartes— man weiß eben nicht! Was weiß man nicht? fiel der Mann in der walder— vorf'ſchen Livree ein. Ich weiß es genau, fremder Herr. Der Pater Garzweiler iſt faſt täglich bei meinem gnädigen Herrn, und ich habe ihn erzählen hören, wie er als jun⸗ ger Prieſter hier in dieſem Bau gewohnt hat. Das iſt nämlich das ehemalige Jeſuiten-Colleg, müſſen Sie wiſſen, und jetzt iſt es ein Arbeitshaus, dem ein Proteſtant vor— ſteht, ein Herr Rulffs. Als aber— ich denke es werden an die 18 Jahre ſein, die Herren Jeſuiten aufgehoben wurden,— auch ein recht ſchlechter Streich!— da war der junge Pater Garzweiler lange Jahre fort, in Rom und wo all; bis er vor neun Jahren im Gefolge des heiligen Vaters nach Wien kam, wiſſen Sie, zum Beſuche des Kaiſers Joſeph? Später fand ſich Garzweiler hier in Mainz ein, als Auguſtinermönch, that ſich als Prediger herdor, ward unſeres Kurfürſten Beichtvater und Gewiſſens⸗ rath vieler angeſehener Familien. Ein grundgelehrter und welterfahrner Mann, ſage ich Ihnen! Mein Herr Graf von Waldendorf hat Reſpekt vor ihm, und das will was ſagen! Der Beſprochene war inzwiſchen bis in die Gaſſe der welſchen Nonnen gekommen, und hatte ſich vom Baron. das Vorgefallene erzählen laſſen. Aber, wie kamen Sie denn nur in das Haus, in dies gemeine Handgemenge, Sie, Herr Baron? fragte er mit leiſem Spotte. Ve gef ohr Mr Pr ein daf der am teiſende, Mann walder er Her. gnädigen als jun⸗ Das iſt e wiſſen ant Lor werde fgehoben war del Rom und heiligen uche des hier in Predigel ewiſſens⸗ hrtet und er Graf will wos Gaſſe der m Baron in dies e er mil 14 Ich hörte die Stimme des Profeſſors Vogt und fürch⸗ tete, auch dem geiſtlichen Rathe Latrone könnte.. Aha, dem Profeſſor der Aeſthetik, dem Sie Ihre Ge⸗ dichte vorleſen! Wirklich war Vogt ſehr im Gedränge, fuhr Franz Karl fort. Er hatte ſich den Philiſtern widerſetzt, dachte ſie durch ſein Amt und Anſehen zurückzutreiben, und fiel in die Hände eines Blaufärbers, der ihn an der Bruſt packte. Ich verſetzte der Blauhand einen Schlag mit der Reitpeitſche, und da— Und können nun mit Ihrem Rücken darthun, daß es wirklich ein Blaufärber war? lächelte der Pater ſchalkhaft. Es iſt mir lieb, Herr Baron, daß Sie ſich in Göttingen mit der kantiſchen Philoſophie beſchäftigt haben: Sie kön nen nun Ihrer gnädigen Mutter die Lehre vom zureichen— den Grund anſchaulich machen, und wie das Handwerk gegen den hohen Adel„transcendental“ wird. Der junge Baron ſchwieg zu ſolchem Spotte, voll Verdruß, daß er ſo unerwartet unter bürgerliche Fäuſte gefallen war. Doch bei ſo viel heiterm Sinn, als er be— ſaß, löſte ſich der Aerger bald in lächelnde Beſchämung ohne Groll auf. Sehen Sie, das haben Sie doch Ihren Verſen zu verdanken! fuhr Garzweiler fort. Die Poeſie hat Sie zum Profeſſor Latrone getrieben. Aber das nenne ich mir einen ſchlechten Willkomm auf dem Helikon. Ich hoffe, daß es Willkomm und Abſchied zugleich geweſen iſt. Lei— der reißt auch unter unſerm jungen Adel eine Liebhaberei am Verſemachen ein, ſeit die norddeutſchen Profeſſoren an unſerer hohen Schule ſind. Als Sie die Ritter-Akademie beſuchten, Herr Baron, hatten Sie dieſen Hang noch nicht. Erſt in Göttingen haben Sie dieſen Geſchmack an⸗ genommen. Seit Sie von dort zurück ſind, ſtehen Sie zwiſchen Poeſie und Philoſophie, träumeriſch, wo Sie ei gentlich anbeißen wollen. Und eine ſo ſchöne Laufbahn im Staatsdienſte läge vor Ihnen! Der Kurfürſt hat ein gnädiges Auge auf Sie gerichtet; wir haben ihm Ihre ſchönen Gaben und Kenntniſſe gerühmt. Wir? Wem bin ich unter dieſer Bezeichnung ver⸗ pflichtet? fragte Franz Karl wegwerfend. Ich rede im Namen Ihrer verſchiedenen Gönner. Und daß Seine hochfürſtliche Gnaden auch mir einiges Ver trauen ſchenken— Ich danke Ihnen, hochwürdiger Beichtvater meiner Mutter! Nur ſchweigen Sie mir noch von all' dergleichen Geſchäften! Noch, Herr Baron? Sie haben Ihr fünfundzwan⸗ 8 — zigſtes Jahr zurückgelegt! Davon habe ich mehr als eins mancher Kränklichkeit opfern müſſen, erwiederte Baron Walbrun. Das hat mich verſpätet: ſoll ich mich darum übereilen? Erſt will ich leben und mich freuen, ehe ich im Joche des Dienſtes gehen muß. Ich weiß ſchon, ihr wollt gern eure mainzer Politik zum Ritter ſanct George rüſten und den Lind⸗ wurm der pariſer Revolution bekämpfen. Mich wollt ihr unter die Schildknappen ſtecken, mir eine Feder in die Hand geben, und ich ſoll nun dem gottloſen Drachen wenigſtens in den giftigen Schwanz ſtechen helfen, mit dem er neben dem Adel auch die Pfaffen wegzuſchwip⸗ pen droht! Iun lei Sie hat Bl den he ger da he ſr v fü w ng noch nack an chen Sie Sie ei Auufbahn t hat ein ihm Ihre ung ver⸗ tet. Und ges Ve vweiner dergleiien undzwan⸗ änklichtet Das hat Erſt will Dienſtes e mainzel den Lind ſich woll der in ie Drachen fin mit guſchwi 13 Der Pater wollte eben lebhaft erwiedern, als eine Jungfrau von überraſchender Schönheit um die Ecke der kleinen Langgaſſe bog. Der Baron blieb betroffen ſtehen. Sie mochte um das zwanzigſte Jahr ſein; ihre Haltung hatte das Gepräge ſchüchterner Sittſamkeit; wobei ihr Blick einen klugen, regen Geiſt verrieth. Garzweiler, dem der Eindruck dieſer Erſcheinung auf den jungen Baron nicht entgangen war, redete das Mäd⸗ chen an.— Siehe da, Jungfer Fides, ſprach er mit ſtren⸗ gem Tone. Wo war denn meine fromme Lilie letzten So⸗ dalitäts⸗Sonntag? Die Mutter war unwohl geworden und der Arzt be⸗ fahl mir, ſie nicht zu verlaſſen, verſetzte leiſe erröthend die ſchöne Fides. Der Arzt? ſchalt Garzweiler. Scht doch! Aber was habe ich denn befohlen? Iſt das der Gehorſam einer frommen Tochter? Die marianiſche Andacht geht Allem vor. Maria iſt die Herrſcherin. Bei ihr war auch noch für die kranke Mutter Hülfe zu erflehen. Auch blieben ja Vater und Magd noch zur Pflege übrig. Das darf nie wieder vorkommen, Jungfer Fides! Ich könnte Sie ſtra⸗ fen, Ihr das Bild der Monatheiligen entziehen: doch will ich es in Anſehung Ihres ſonſtigen Eifers diesmal hinge⸗ hen laſſen. Hier empfange Sie das Bild noch nachträglich! Er nahm aus einer Art von Brieftaſche ein buntes Bildchen, das er mit den Worten hinreichte: — iſt die heilige Conſtantia, und gerade dieſe darf Ihr in der Sterbeſtunde nicht fehlen. Sie verleiht jene Tugend, die auch unſerer nächſten Zukunft vor Allem noth thun wird,— Beſtändigkeit, Treue, Anhänglichkeit. Der⸗ 14 gleichen Betrachtungen ſtehen auch einer chriſtlichen Jung— frau beſſer zu Geſicht, als ein ſolches allzu ſorgfältig ge⸗ pflegtes Haar. Und den Hals trägt Sie viel zu bloß, das Tüchlein viel zu locker. Es iſt Sünde, eitel zu thun mit dem, was die Natur zu einer heiligen Beſtimmung ver leiht. Hände und Geſicht,— nun ja, die verunreinigen ſich am täglichen Leben: weiter aber darf eine züchtige Jungfrau ihren eignen Körper nicht kennen. Selbſt der Waſchſchwamm kann ein Werkzeug des Verſuchers werden. Garzweiler fügte im Tone des ſtrengen Sittenrichters noch Manches hinzu, was ein Mädchen, wie Fides, unter den Augen eines jungen Mannes nur in Angſt und Pein verſetzen konnte. Sie hielt es auch nicht aus. Im In⸗ nerſten beſchämt und empört wendete ſie ſich zur Flucht, im Augenblick, als der junge Baron, das Bildchen zu beſchauen, ihre Hand berührte. Sie ſchrak zuſammen, faßte ſich aber und reichte mit mädchenhaftem Stolze das bunte Heiligenbildchen hin. Es waren übrigens vielleicht die drei ſchönſten Men⸗ ſchen von Mainz, die hier an der Ecke ſtanden, wo man über den Thiermarkt in die neue Univerſitäts-Gaſſe ſchaut Selbſt ein altes Weib, das vorüber hinkte, blieb mit dem Ausrufe ſtehen: Ach das charmante Pärchen vor dem hoch— würdigen Herrn geiſtlichen Rath! Es fehlt nichts, als der Traualtar. Nun der Himmel wird's fügen! Wie mild⸗ thätig würden ſie gegen die Armen ſein! Baron Franz Karl zog raſch die Börſe, als wollte er der Alten ein Handgeld auf ihre Weiſſagung geben. Sie nahm das reiche Almoſen mit einem frommen Seufzer.— Ich gehe nach dem Stephansberg in die Abendandacht, Gei dur tra Ba Va Co Men ubg n Jung⸗ ältig ge bloß, das thun mit ung ver mreinigen züchtige elbſt der werden. enrichters es, unter und Pein In W U Flucht ildchen zu ſammen, en Men wo man ſe ſchaut mit dem dem hoch als der ßie mild⸗ wollte e ben Sie eußzer dandacht ſagte ſie; dort will ich meinen Dank auf den Altar legen, das ſchöne Paar mit einem Roſenkranze zuſammenbeten. Indeß war Fides auf einen Wink des Paters weiter gegangen, und ehe es der Baron bemerkte, nach der Um bach in die Steingaſſe verſchwunden. Wo iſt ſie hin? Wer iſt ſie? fragte der Baron lebhaft. Das iſt keine Frage für den Baron Wallbrun! ant⸗ wortete Garzweiler ſtreng. Es iſt ein bürgerliches Mäd chen und ein durchaus tugendſames. Franz Karl blickte nach den nachbarlichen Häuſern, ob er Niemand wegen der entſchwundenen Schönheit befragen könne. Keine Unſchicklichkeiten, Herr Baron! rief der Geiſtliche. Vergeſſen Sie ſich nicht! Sie fallen ſchon durch Ihren Anzug auf: was ſoll man von Ihrem Be⸗ tragen denken? Sie betraten den Thiermarkt. Vor dem Hauſe des Barons hielt der Wagen der verwitweten Generalin von Coudenhove. Ein glückliches Zuſammentreffen! rief Garzweiler. Kom⸗ men Sie, wir wollen Ihrem Unfall einen guten Vortheil abgewinnen! Zweites Kapitel. Auf der Haustreppe ſaß ein weißer Hühnerhund von edler Art. Er umwedelte den Baron, ward aber von dem öff⸗ nenden Bedienten mit einem Fußtritte weggejagt. Um die Mutter nicht zu erſchrecken, wollte ſich Franz Karl erſt umkleiden. Der Geiſtliche drang aber darauf, er müſſe ſich gerade in dieſem ſprechenden Zuſtande von der Frau von Coudenhove ſehen laſſen.— Begreifen Sie denn nicht, ſagte er, daß der Kurfürſt für Ihre Satis⸗ faction intereſſirt werden muß,— durch ſeine Couſine? Die alte Baronin ſaß auf dem Kanapee neben der Generalin, einer ſchönen Frau im beſten Alter, von an⸗ muthigem Wuchs, reizender Fülle und einnehmenden Zü⸗ gen. Eine hübſche Blondine am Fenſter fütterte ein Schooshündchen mit Zuckerbrot. Es war des Barons Schweſter Cäcilie, zwei Jahre älter, als er. Die Mutter entſetzte ſich über das Ausſehen ihres Franz Karl, beſonders als ſie vernahm, wie es gekommen. Der geiſtliche Rath erzählte den Vorfall und übertrieb, wenn auch nicht das Verfahren der Handwerker, doch das edle Benehmen des Barons mit einer Sicherheit, als ob er Augenzeuge von beidem geweſen. Er konnte vortrefflich erzählen, und ſchien ſeine Farben nur darum etwas ſtark aufzutragen, um zu zeigen, wie geſchickt er ſie zu verar⸗ beiten verſtand. 5 ſobe ſf Sol d von edler n dem öf t. ſich Fran er darauf ſtande von reifen Sie hre Suti Couſine“ neben der von an enden Zü ütterte el Barons n ſchen ihre ge dübertrieb, r doch das als ob kommen eit,* porteflic . K etwas ſtark verar⸗ 1 5 17 Der Jammer der Baronin darüber, daß ihr Sohn von Handwerkern,— von ſo niedern, ſchmuzigen Hän⸗ den mißhandelt worden, grenzte ans Lächerliche.— Welche Kränkung, rief ſie wiederholt aus, welche Schmach für unſere Familie! Ich bitte dich, mein Sohn, wie biſt du nur auf ſolche Wege gekommen? Der Herr Baron hatte einen der Profeſſoren beehrt, erklärte Garzweiler, und gerieth bei der Rückkehr aus dem Univerſitätsgebäude ins Gedränge des Pöbels. Einen der Profeſſoren? rief die Mutter. Was haſt du denn mit den Univerſitäts-Profeſſoren zu ſchaffen? Wofür haſt du denn auf der Ritter⸗Akademie ſtudirt? Aber der Kurfürſt, Frau Generalin! lachte vom Fen⸗ ſter her die Blonde. Was wird er zu der kleinen mainzer Revolution ſagen? Der Kurfürſt muß uns Satisfaction ſchaffen, meine theure Coudenhove! rief die Baronin⸗Mutter. Sie müſſen ſich meines Sohnes annehmen, müſſen die Ehre unſeres Hauſes retten.— Dieſer Foderung ſtimmte der geiſtliche Rath bei. Mit einem vertraulichen Winke meinte er, Seine hochfürſtlichen Gnaden müßten jedenfalls etwas thun, um den Herrn Baron allenfallſigen Neckereien des Adels und der Emigranten voraus zu entziehen. Man könnte ſich Scherze und Anſpielungen erlauben, die zu einem Chrenhandel führen müßten; das würde aber unterbleiben, ſobald der Kurfürſt einen Act der Auszeichnung, des Wohlwollens an dem Herrn Baron übte. Ja, ſolche Satisfaction kann man uns nicht verſagen! rief immer wieder die Mutter. Sehen Sie nur, wie mein Sohn ausſieht! Koenig, Clubiſten in Mainz. I. 2 18 Ich finde, er ſieht recht einnehmend aus ſo! verſetzte Frau von Coudenhove, indem ſie den jungen Mann mit lächelndem Wohlgefallen betrachtete. Dieſe kleine Verwil derung kleidet ihn allerliebſt. Ein wenig Unordnung im Leben macht ſich zuweilen ganz reizend. Aber Sie haben Recht, Frau von Wallbrun, der Kurfürſt muß hier ſtra⸗ fen. Man darf heut zu Tage mit dergleichen nicht ſcher zen. Alles kann wichtig werden,— das Geringfügigſte. Und das nenne ich eben ein rechtes Unglück! Sehen Sie, ſeit den zwei Jahren, als die Franzoſen das Unheil der Revolution angerichtet haben, iſt das Leben ſo erſtaun— lich ſchwer geworden. Wir werden dieſe Revolution aus tilgen, mit Stumpf und Stiel,— es iſt zum Lachen, daß wir auch im guten Deutſchland, im heiligen römiſchen Reiche unſere Beſitzthümer einbüßen ſollten;— aber, ich fürchte, wir werden dabei die alte Anmuth verlieren, die paradieſiſche Unſchuld, möchte ich ſagen, ſie zu genießen. Man wird hinter dem bewältigten Aufruhr her noch lange mißtrauiſch bleiben, auch das Kleinſte wichtig aufnehmen und am Ende Spaß und Ernſt nicht mehr zu behandeln wiſſen. Und daß dies Unglück gerade von einer ſo leichtge⸗ ſinnten, ſpaßhaften Nation angerichtet wird, wie die Fran— zoſen ſind! lächelte der Geiſtliche ſpöttiſch. Ja, und die ſonſt ſo geſchmackvoll waren, von denen wir Alles ſo unbedenklich annehmen konnten, verſetzte die Generalin. Das heißt, wir Leute von Stand, wendete Pater Ignaz ein. Denn unbedenklich angenommen wird auch die Revolution, aber— vom Pöbel. Mir ſcheint es, jene ich ſa karren für Geſin Ate ſſt m Grzeu denn narch G = m S Min nung wort 1 aufſ ( kinige Baro L E erſetze nn mit Betwil ung im haben r ſtra⸗ t ſcher ügigſte Schen Unheil rſtaun⸗ nals Lachen, wiſchen bet, ich , dle nießen lange nehmen handeln eichtge⸗ Fran denen tr dir Pater uch die jene 19 geiſtreiche Nation hat ſich für die gute Geſellſchaft erſchöpft und iſt— was man heruntergekommen nennt, ſoll ich ſagen— wie ein Galapferd zuletzt an einen Bauern⸗ karren kömmt. So bringen ſie jetzt die Revolution auf für Leute ohne Stand,— eine pariſer Mode für das Geſindel. Was braucht das Volk unſer Paris! rief zürnend die alte Dame. Sehr wahr, Eure Gnaden! verſetzte der Pater. Es iſt nur ein Unglück, daß Paris auch für ſo geſchmackloſe Erzeugniſſe den Reiz der Nachahmung behält. Aber wie ahmt der Pöbel nach, mein frommer Pater! ſiel die Baronin-Mutter ein. Ohne allen Takt. Haben ſie nicht auch in Warſchau Revolution gemacht, letzten Mai? In dieſem Polen? Ja, gewiſſermaßen ohne Takt, lächelte Garzweiler; denn es war Revolution zu Gunſten der erblichen Mo⸗ narchie. Eine verlegene Stille entſtand, die von der Blondine am Fenſter mit dem Ausruf unterbrochen wurde: Unſere Mainzer haben ohnehin einen Hang zu dergleichen Unord⸗ nungen! Es iſt keine Treue, kein Verlaß, kein Mannes— wort mehr in Mainz. Worauf Garzweiler lächelnd und mit ruhigem Blick auf ſeine ſpielenden Finger verſetzte: Ein Vorwurf, gnädige Baroneſſe, von dem ich auch einige öſtreichiſche Herren nicht ausnehme. Frau von Coudenhove lächelte ſchadenfroh nach der Baroneſſe und beifällig dem geiſtlichen Rathe zu. Meine Tochter hat Recht, verſetzte die Baronin. Wir 2* 20 haben uns nichts Gutes von den Mainzern zu verſehen. Erinnern Sie ſich noch des entſetzlichen Abends im Theater, Frau Generalin? Welches Abends, beſte Baronin? Je nun, vor einem Vierteljahre,— wiſſen Sie, als der unglückliche König aus Paris entfliehen wollte? Nun ja, Liebſte, auch wirklich entflohen war. Aber die Mainzer— Ei, Frau Generalin, erinnern Sie ſich denn nicht, daß der Kurfürſt, in Erwartung des Eilboten, der die Nachricht vom glücklichen Gelingen der Flucht bringen ſollte, die Oper Richard Löwenherz aufführen ließ? Nun ja! Da wurde doch das Parterre ſehr unruhig, als ſich die Nachricht verzögerte; man wollte nicht länger warten Und als der Kurfürſt endlich verſtört in Ihre Loge trat, und die Nachricht auskam, der unglückliche Flüchtling ſei erkannt und ergriffen worden welcher Jubel erſcholl da im Parterre! Es war die Freude von Cannibalen! Und wir Alle in den Logen ſaßen bleich vor Entſetzen Ah ſo! erwiderte die Generalin. Aber dieſe kleine Tücke des mainzer Pöbels war mehr auf die Emigrirten abgeſehen, die ſich vorgeſetzt hatten, das Finale der Oper: Unſer König iſt befreit!“ jubelnd mitzuſingen. Und nun iſt heut dieſelbe Tücke an meiner ſtillen Familie ausgebrochen, an meinem Franz Karl. O, ich beſchwöre Sie, Frau Generalin! Stellen Sie es dem Kurfürſten vor, daß es der Ausbruch gegen die gemein⸗ ſame Sache des Adels iſt, wobei gerade ich das erſte Opfer bringen muß die entfe mir mm hen ter als Aber ſicht Alte, ſich rten mat, ſei Und leine irten per tillen ich nein⸗ erſte 21 Frau von Coudenhove ſagte ihr Beſtes zu, worauf die Baronin dem Sohne folgte, der ſich ſchon früher entfernt hatte. Der Pater begleitete ſie auf einen Wink. Endlich ſind wir allein, liebe Cäcilie! Sagen Sie mir doch ſchnell: Iſt Fritz, unſer ſchwarzer Fritz, noch immer nicht hier geweſen? Mit dieſer vertraulichen Frage trat die Generalin zur Baroneſſe an das Fenſter. Fritz? antwortete dieſe ſehr aufgeregt. Sagen Sie Graf Stadion, Kapitular Stadion, nicht mehr Fritz! Ich verſchwende keine Vertraulichkeit mehr an den Namen eines Treuloſen. Alſo wirklich ganz weggeblieben? Ich dachte ihn ſogar hier zu treffen: ſein Hühnerhund ſaß auf der Haustreppe. Der fatale Hund! rief Cäcilie. Die Anhänglichkeit des Thiers wird mir wahrhaft zum Hohn. Alle Welt ſieht den Hund ſitzen und blickt lachend herauf. Quälen Sie ſich nicht mit Einbildungen, meine Beſte! Doch, warten Sie Stadion! lächelte die ſchöne Frau. Rühmen Sie mir noch einmal die gute Naſe Ihres Hun— des! Ihr Damon, werd' ich ihm ſagen, hat eine ſehr ſchlechte Naſe, aber gute alte Gewohnheiten. O ſchaffen Sie mir den Treuloſen noch einmal zur Stelle, fuhr Cäcilie auf, bringen Sie mir ihn mit ſeinen alten ſüßen Redensarten und Schmeicheleien nur noch ein— mal, daß ich ihn von mir ſtoße! Sehen Sie, ſo will ich es ihm machen! Sie ſchleuderte ihren Joli vom Schooſe weit ins Zimmer. Als aber der ſeidenhaarige Köter winſelnd unter einen Marmortiſch mit geſchweiften, goldſtreifigen Füßen 22 kroch, ſprang ſie auf und nahm ihn wieder auf ihre Arme. Sie ſtreichelte ihn mit ſüßen Worten, küßte ihn wieder und wieder, drückte ihn an die ſchöne Bruſt und be ſchwichtigte ihn in ihrem ſeidenen Schooſe. So wollen Sie es ihm alſo machen? fragte mit ſchalk haftem Ernſte Frau von Coudenhove. Ja, ſo will ich's ihm machen! betheuerte unbedacht— ſam die Baroneſſe. Wiſſen Sie aber, Cäcilie, wo er jetzt hingeht, wo er ſeine Abende zubringt, ſeit er aus Wien wieder zu rück iſt? Fritz?— Kapitular Stadion, dachte ich? Ja, der Graf. Bei Forſters, bei Frau Forſter. Frau Forſter? Wer iſt die Perſon? Ei! des Hofraths Forſter, des berühmten Weltum ſeglers, des Bibliothekars. Ach, Frau Forſter! lachte laut mit erzwungener Lu— ſtigkeit Cäcilie. Die liebe Frau Forſter! Sie kennen ſie alſo,— iſt ſie hübſch? O, Sie fürchten zuviel, liebe Cäcilie! Das iſt nicht, wie bei Ihnen. Das iſt ein norddeutſcher Umgang, das iſt geiſtreicher Verkehr, das iſt proteſtantiſche Geſelligkeit, das iſt Thee. Frau Forſter iſt die Tochter des göttinger Profeſſors Heyne. Stadion hat in Göttingen ſtudirt, 1! affiche le bel esprit. Nein, meine Gute, das iſt eine gelehrte Sympathie,— Thee mit Literatur. Die wird Ihnen nicht ſchaden. Aber Sie ſollten die geiſtreiche Frau — kennen lernen! Mein Gott— die Frau Forſter! erwiderte mit ver⸗ Ohn und den bic Arme. wieder id be ſchalk⸗ dacht⸗ ſt, w er zu⸗ Bei eltum⸗ net Lu nen ſie ſ nicht g, dus ligkei öttinger irt, i iſt ine ie wird he Frau nit ver⸗ 23 ächtlichem Mäulchen die Baroneſſe. Und Sie, beſte Gräfin, wie kommen Sie nur zu ſolchen Bekanntſchaften? Forſter gibt meinem Edmund Unterricht in der Na— turgeſchichte, antwortete die Gräfin. Der Kurfürſt wollte es ſo. Ich ſehe den intereſſanten Mann öfter. Wahr⸗ haftig, liebe Cäcilie, es iſt ein recht anziehender Mann, ohne ſchön zu ſein. Er hat etwas Apartes,— Auge und Teint des Weltumſeglers, den Reiz, ſoll ich ſagen den Hautgout ehemaligen Skorbuts. Ha, welch' ein Spaß, Cäcilie, wenn Sie, dem Stadion zum Poſſen, jenen in⸗ tereſſanten Mann an ſich zögen. Es iſt ja guter Ton jetzt in Mainz mit Schriftſtellern umzugehen. Der Kurfürſt zieht das Volk heran, und der Coadjutor ſchreibt ſelbſt. Ich glaube, dieſer Dalberg ſchätzt die neue Philoſophie höher, als ſeinen alten Adel. Wahrhaftig, liebe Cäcilie, Sie können dieſem treuloſen Freunde, der ſo gern den Geiſtreichen ſpielt, keinen beſſern Schabernack anthun, als wenn Sie an ſeine Stelle einen berühmten Mann ſetzen, — einen Schriftſteller zum Anbeter nehmen. Sie wurden von der Baronin unterbrochen, die mit dem Geiſtlichen zurück kam. Da hören Sie nur! rief ſie ängſtlich und nach der Straße deutend, woher ein fürchterlicher Lärm, ein wilder Geſang, zu vernehmen war. Eine Schaar Handwerksgeſellen zogen in ſtraßenbreiten Reihen vorüber, die Stöcke ſchwingend, gräßlich aufjauch zend. Die Pferde am Wagen wurden unruhig, die Gräfin beſorgt. Begleiten Sie mich, Herr geiſtlicher Rath! ſagte ſie. Ich eile dem Kurfürſten zu ſchreiben, der erſt den Freitag zum General⸗Kapitelstag von Aſchaffenburg herüberkom— men wollte. Ich begreife nicht, was die Behörden machen, warum der Commandant nicht abwehrt. Da haben wir wieder den guten General von Gymnich! Gewiß raucht er mit allem Behagen ſeine Pfeife aus einem Fenſter der Citadelle, und genießt die ſchöne Ausſicht. Unglücklicherweiſe ſind auch unſere Truppen noch nicht aus Lüttich zurück, bemerkte Garzweiler. O ſo viel haben wir noch, um ſolchen Unfug zu un⸗ terdrücken! rief die Gräfin. Es fehlt nur an dem rechten Befehlshaber. Aber es iſt nichts mit dem Gymnich! Sie empfahl ſich. Die Baronin erinnerte noch ein⸗ mal die Angelegenheit ihres Franz Karl. Bald hörte man den Wagen vom Hauſe wegeilen. Drittes Kapitel. Alts der Wagen aus der Thiermarktgaſſe auf die große Bleich wendete, fuhr er langſamer. Sie haben mich vorhin verſtanden, meine gnädige Gönnerin, ſagte Pater Garzweiler. Wiſſen Sie, daß dieſe verdrießlichen Prügel, die den Baron getroffen, für uns ſehr gelegen kommen? Nun haben wir den jungen Mann; er iſt unſer! Jetzt können Sie den Kurfürſten beſtimmen, etwas für den Gekränkten zu thun, ihn her⸗ vorzuziehen. Der Baron hat viel Einnehmendes, was die Gunſt und Vorliebe des Fürſten leicht gewinnt, und nachen, n wir ra cht ſter der ch nicht zu uh⸗ rechten ch! ch ein⸗ te man große gnädige a dieſe ir uns jungen rfürſten hn her⸗ was t, umd 25 * was ihn auf den Weg zum höchſten Vertrauen und zu den Geheimniſſen des Kabinets bringen kann. Auf dieſem Wege ſtoßen wir ihn alsdann vorwärts, auch wenn er eigenſinnig widerſtrebte. Nur— ſorgen wir, meine Gnä⸗ dige, daß der junge Mann gerade für uns an den rechten Platz komme! Richtig! Soviel vermögen wir auch noch! verſetzte ſie mit Zufriedenheit. Nicht wahr, mein Freund, daß ich den rechten Menſchen herausgefunden habe? Wenn's nur auch der rechte für uns iſt“ bemerkte Garzweiler. Sie wollen ſagen, Pater, ob er auch mit dem Ver trauen, das ihm der Kurfürſt ſchenkt, uns zu Dienſt ſein wird? Allerdings ſcheint mir der junge Mann ſtolz und eigenſinnig zu ſein. Auch ſind dieſe jungen Juriſten in dem was ſie rechtlich nennen noch etwas pedantiſch; bis ſie den Luftwechſel des Hofes mit der Schule beſtanden haben. Wir werden anfangs ſehr klug zu Werke gehen müſſen, wenn wir den Baron als Schlüſſel gebrauchen wollen zu den kleinen politiſchen Schubfächern, die uns der Kurfürſt ſeit Kurzem zu verſchließen anfängt. Garzweiler lächelte mit jener ſchalkhaften Miene, die er gern annahm, wenn er liſtigen Abſichten eine witzige Seite abgewann. Ich weiß nicht, ſagte er, ob auch Schloſſergeſellen unter den Handwerkern waren, die den Baron zu einem— Schlüſſel, wie Eure Gnaden ihn wünſchen, gehämmert haben. Mir aber hat der Zufall eine Eſſe angefeuert, in welcher ſich das ſpröde Eiſen des jungen Mannes zu jedem Gebrauche ſtrecken und biegen dürfte. Unſer Baron hat nämlich ein lebhaftes Wohl ge 26 fallen gefaßt, aus dem ich eine Neigung, eine Leidenſchaft hervorzulocken denke. Es begegnete uns eine bürger liche, tugendſame Schönheit, die der Baron nicht kennt, und zu der er nur durch mich gelangen kann. Ei, das wird intereſſant! rief die ſchöne Frau. Kom men Sie mit herein, Pater! Sie müſſen mir das erzählen. Der Wagen hielt vor der Wohnung der Gräfin am obern Eckhauſe des Marſtalls zum goldnen Pferd. Garz⸗ weiler führte, artig wie ein Hofmann, die Dame nach ihrem Wohnzimmer. Die Einrichtung der Gemächer war reich und geſchmackvoll, wie es ſich bei einer Frau erwar⸗ ten läßt, die von einem ſo üppigen und verſchwenderiſchen Fürſten ausgeſtattet und beſucht wird. Die Möbeln von Roſenholz mit fein eingelegten Verzierungen waren aus Paris und London, ein Geſchenk, eine Beſtechung Guio⸗ let's, den die Gräfin vor einiger Zeit aus einer gericht⸗ lichen Unterſuchung bedrohlicher Art durch Verwendung beim Kurfürſten gezogen und zum Hofkammerrath beför dert hatte. Die Gräfin ließ für Garzweiler Erfriſchungen bringen und lud ihn neben ſich auf das ſeidene Sopha. Die Abend⸗ dämmerung brach hinter dieſen ſchweren Fenſtervorhängen ſchon tiefer herein, und begünſtigte das Geheimniß einer Hofintrigue, aber auch die Gefahr anderer Vertraulich⸗ keiten, die durch das eigenthümliche Verhältniß der reizen den Freundin eines greiſen Fürſten zu dem ſchönen fürſt— lichen Beichtvater ſo ſehr erleichtert ſind. Dazu lag jedoch im Tone, der zwiſchen Beiden herrſchte, etwas Störendes. Garzweiler konnte mit aller Artigkeit und Höflichkeit des Benehmens gegen die Gräfin einen leiſen Spott der Miß⸗ cht lichet nend adel nſchaft ürger kennt, Kon zihlen. fin am Garz ſe nach er war erwar⸗ eriſchen n von en aus Griv⸗ geriht endung befr bringen Abend⸗ rhüngen iß einet traulic reizen n fürſt g jwoh örendes keit des et Miß achtung nicht immer verbergen; während ſie bei perſön— licher Zuneigung für den ſchönen Mann gern eine gewin— nende Vertraulichkeit anſtimmte. Der Pater ſchien nur an dem äußern Einverſtändniß für Hofangelegenheiten feſt⸗ zuhalten, an welche die Gräfin gern auch eine Herzens Intrigue angeknüpft hätte. Alſo erſt ſeit heute iſt das mit dem Mädchen, lieber Freund? fragte ſie leiſe, indem ſie ſich halb liegend in dem Sopha ſtreckte. Seit vorhin, Eure Gnaden! war die Antwort. Der Himmel fügte es unterwegs, als ich den Baron begleitete, und ließ es mir im rechten Augenblicke nicht an der rechten Erleuchtung fehlen. Ich habe die Phantaſie des Jünglings auf meine Weiſe in Flamme geſetzt; ſie wird ſeinem poeti— ſchen Herzen zu ſchaffen machen, und ich werde dann für ſeine dichteriſchen Verſuche die kurzen und langen Füße vorſchreiben müſſen. Aber ein Bürgermädchen, lieber Pater, und— der adelſtolze Baron Franz Karl—2 Adelſtolz, meine Gnädige? verſetzte der Geiſtliche lächelnd und über das Stengelglas gebückt, deſſen edeln Inhalt er abwechſelnd beroch und ſchlürfte. Adelſtolz in dem vollen mainzer Gewichte möchte ich den Baron nicht nennen. Sie wiſſen, er hat ſchon vom Vater her einige herab⸗ laſſende Gewohnheiten. Der alte Vicedom ſchmeckte ziem— lich ſtark nach der Zeit des geliebten Kurfürſten Emmerich Joſeph, des bürgerfreundlichen Herrn, der den Handwer⸗ kerfamilien Sonntags den Favoritgarten öffnete und ihren mitgebrachten Wein verſuchte. Auch hat der junge Baron in Göttingen commereirt. Doch iſt er allerdings nicht ganz aus der Art der Frau Mama geſchlagen. Allein, meine Verehrteſte, es gibt wunderſame Fügungen im Le⸗ ben, ſo geheimnißvolle als komiſche Begegniſſe, und ein ſolches iſt das dem Baron eben aufgeſtoßene. Gerade dazu mußte er ſo durchgeklopft, ſo vorgerichtet aus bür⸗ gerlichen Fäuſten kommen, um im verhängnißvollen Augen⸗ blicke für eine bürgerliche Schönheit mürbe genug zu ſein. Sie wiſſen vielleicht, gnädigſte Frau, daß der Zunder ebenfalls durch gehöriges Klopfen empfänglich für Feuer⸗ funken gemacht wird. So iſt es heut dem Baron wider fahren. Ich vertraue ſolchen ſympathetiſchen Eindrücken und der Dauer einer Neigung, die aus ſo gut bearbeitetem Boden aufwächſt. Aber welch' ein arger Schalk Sie ſind, Pater Ignaz! lachte die ſchöne Frau, indem ſie mit der linken Fußſpitze den Nachbar ſanft beſtrafend anſtieß. Und— wer iſt dieſe merkwürdige Schönheit, dies uns vom Himmel be⸗ ſchiedene Zauberweſen? Eure Gnaden verzeihen, erwiderte Garzweiler, indem er von ſeinem ſchwarzſeidenen Strumpfe den Staub des gräflichen Schuhes wegwiſchte, laſſen wir das noch für ein Beichtgeheimniß gelten! Allen Reſpekt vor Beichtgeheimniſſen! lachte die Gräfin nicht ohne Empfindlichkeit über die Weigerung und noch mehr über die Sprödigkeit des Paters. Beichtgeheimniſſe wollen auch ihre rechte Stunde der Mittheilung haben. 5er rüdesheimer Berg: mit Vielleicht,— ich erwarte 7 dem kann man zuweilen die tiefſten Geheimniſſe beſchwören. Garzweiler ließ dieſe Anſpielung auf eine ſeiner Schwä— chen nicht unerwidert: Stichelreden fielen herüber und hin nüt ihm Allein, im Le⸗ nd ein Gerade 1s bür⸗ Augen⸗ zu ſtin. Zundet Feuer⸗ wider⸗ rücken beitetem — Inz zußſpibe wer iſt mel be⸗ inden aub des och für e Grifin und wi heimiſt g haben erg: nit ſ6 wören Schwa und hin über, wobei die Gräfin nicht ſo kalt, wie der geiſtliche Rath blieb. Sie ereiferte ſich, und ihr weibliches Herz ſpielte ihr zuletzt den übeln Streich, daß es ſie zum Ver⸗ ſuch einer Vertraulichkeit, einer Verſtändigung mit dem Manne trieb, mit dem ſie freilich ſo manches andere ge— heime Einverſtändniß hatte.— Wieder einmal ein Schar— mützel! lächelte ſie nach einer kleinen Pauſe, und reichte ihm die Hand hin. Wann werden wir denn einmal einen ewigen Frieden ſchließen, lieber Freund? Als ob wir im Kriege lebten, Frau Generalin! antwortete er, und küßte die Hand. Nun, wenn nicht im offnen Kriege, ſo leben wir doch nur im Waffenſtillſtande! fuhr ſie fort. Ich weiß nicht, was Sie ſo mißtrauiſch, ſo zurückhaltend gegen mich macht. Ich bin Ihnen wiederholt zum innigſten Bund entgegen gekommen. Sie ſind auch viel zu klug, um nicht berechnet zu haben, wieviel wir einander ſein könnten. Alles vermöchten wir am Hofe. Ihr erfinderiſcher, be— harrlicher Geiſt, liebet Garzweiler, meine— ich weiß nicht, wie Sie es eben nennen wollen— gäben uns allen Einfluß in die Hände, und perſönlich fehlte uns nichts zum menſchlichſten Glücke. An mir liegt es nicht, das wiſſen Sie. Seien Sie einmal auftichtig: was haben Sie gegen mich? Auf dies Entgegenkommen erwiderte Garzweiler, nach⸗ dem er ſich beſinnend am Kelchglaſe genippt hatte: Ich verſtehe Eure Gnaden nicht ganz Iſt denn nicht mein Amt, mein geiſtlicher Beruf immer und immer für den Frieden? Sie reden von Einfluß am Hofe? Freilich habe ich früher einigermaßen darnach geſtrebt, weil es ſo dringend erſchien, ſich um das öffentliche Wohl zu küm— mern, das am mainzer Hofe nicht ſelten in falſche Hände gegeben iſt. Ich dachte Ihnen zu dienen, gnädige Frau, mit Ihnen zu wirken; wir ſchienen einig in den Geſichts⸗ punkten, über die Mittel und Wege für das Rechte und Gute. Darüber haben Sie das Vertrauen des Fürſten verloren; der Kurfürſt iſt von den fremden Geſandten, beſonders auch aus dem preußiſchen Kabinet, vor Ihnen gewarnt; er hält jetzt mit den Geheimniſſen der Politik gegen Sie zurück. Sehen Sie, das macht mich mißtrauiſch gegen mich ſelbſt, und führt mich auf die ſalomoniſche Weisheit zurück, daß Alles eitel auf Erden iſt— Macht und Liebe. Aber auch jetzt noch wollte ich Sie nicht ver laſſen: ich habe mich des Barons Franz Karl verſichert, der Ihnen als Schlüſſel zu jenen Geheimniſſen dienlich erſchien. Ich habe nur für Sie gehandelt! Das iſt ein ſehr zweifelhafter Verſuch, fiel die Gräfin ein, und erinnert mich nur um ſo lebhafter daran, wie kränkend es für mich iſt, daß der Kurfürſt über die fatale Politik unſere alte innige Freundſchaft und Alles vergißt, was ich ihm geopfert habe. Sie vergeſſen, meine Gnädigſte, daß die Politik für den Fürſten eben jünger iſt, als Ihre— Liebe! bemerkte mit leiſem Spotte der Geiſtliche. In gewiſſen Jahren muß man denn allerdings eine erſchöpfende Neigung um der andern willen fahren laſſen. Der alte Herr— Ver⸗ gebung! Ich will ſagen, Seine kurfürſtliche Gnaden haben ſich jetzt in die Politik vertieft. Sie wiſſen, Frau Gene⸗ ralin, ſonſt liebte er es, mehr als eine Freundin zu haben; allein— man wird alt, das Herz ſchrumpft ein, Ach mkim Hände Frau, eſichts hie und Fürſten ſandten, Ihnen Politik trauiſch myniſche Macht icht ver dienlich Grifin n, wit die fatale vergißt litik fü bemerkte Juhren ung un — Ver en haben au Gent undin z npft in 31 und wie ſehr man ſich, um weltwirkſam zu bleiben, vor ſedem andern Affekte hüten muß, erfahre ich ſelbſt ſchon als jüngerer Mann. Nichts könnte mir bei meinem hohen Verufe gefährlicher werden, als was Sie, meine liebens würdige Freundin, mir vorhin als das—„menſchlichſte Glück“ ſo lockend zeigten. Jeder Simſon einer erhabenen Beſtimmung muß ſich vor der Schere der leidenſchaftlichen Liebe hüten. Eine Zornesröthe überflog das Angeſicht der beleidigten Frau.— O Sie Heuchler! rief ſie, und ſtand auf. Sie ſind kein Simſon, Sie ſind ſeiner losgelaſſenen Füchſe einer! Dann nehmen Sie gütigſt Ihre Saaten vor mir in Acht! lachte Garzweiler. Sie drohen mir? zürnte die Gräfin. O, Sie thö richter Mann! Sie Unbeſonnener! Glauben Sie, man werde nicht auch noch einmal hinter Ihre geheuchelte Ent haltſamkeit kommen, Pater Ignaz? So wahr ich Couden— hove heiße,— Ihre ſalomoniſche Weisheit ſoll mir noch entlarvt und beſchämt werden! O! ich durchblicke Ihre ganze Schurkerei, aber auch Ihre Albernheit! Sie haben den Baron Franz Karl umſponnen Sie wollen ihn durch mich in die Nähe des Fürſten befördern laſſen und ihn dann für ſich allein, für Ihre ſchleichenden Abſichten ge brauchen. Aber Sie ſollen mich in Ihrem Uebermuthe nicht umſonſt beleidigt haben,— das ſchwöre ich Ihnen! Danke, danke für Ihre freundliche Geſinnung, meine Gnädigſte! Man kann nicht beſſer zu meinen Gunſten reden, als Sie es eben thun. Will man mir geheime politiſche Abſichten und zu gleicher Zeit die Unbeſonnenheit 32 zutrauen, die Dame beleidigen zu wollen, deren Beiſtand ich für ſolche Abſichten nöthig hätte? Nein, für ſo albern können Sie im Ernſte mich nicht halten, meine auch zür⸗ nend ſchöne Frau. Eine von beiden Beſchuldigungen müſſen Sie zurücknehmen. Keine, keine! rief die Gräfin, mit lebhafter Bewegung durch das dämmerige Zimmer ſchreitend. Daß Sie mir unartig und undankbar begegnet ſind, daß Sie mir Be leidigungen geſagt haben,— können Sie es läugnen? Und welche Abſichten, welche falſchen Verbindungen Sie haben, wollen Sie es wiſſen? Sie öffnete raſch und heftig ihren Schreibtiſch, und nahm aus einem Schubfache ein Papier, das ſie entfaltet dem Pater mit den Worten hinreichte: Da leſen Sie, daß man Sie durchſchaut, daß man Sie in Preußen kennt! Treten Sie ans Fenſter! In der Niſche iſt es noch hell genug, Ihre Beſchämung zu erkennen. Pater Garzweiler trat mit der Schrift hinter die Vor⸗ hänge. Was er hier las, mußte ihm ſehr unerwartet ſein; denn erſt nach einer Weile kam er merklich betreten hervor, er, der ſo leicht nicht zu überraſchen war. Er ſchwieg über den Inhalt, ſprach kein Wort zu ſeiner Ver— theidigung und ſuchte nur ſeiner Gegnerin mit einem zurücktreffenden Vorwurfe beizukommen. Indem er die Gräfin mit ſeinen durchdringenden Augen ſpöttiſch an⸗ lächelte, ſagte er, die Schrift zurückreichend: Vom Staatsminiſter Biſchofswerder,— ein diploma⸗ tiſches Aktenſtück—? Sie meinen, wie ich dazu gekommen? lachte die Beiſtund o albetn uch zür⸗ nmüſſen ewegung Sie mir wir Be liugnen gen Sie ſch, und entfaltet daß man ter! J mung zu die Vor nerwarte betreten var. G inet Ve it einn nel di tiſch an diylomn lachte 0 33 Gräfin. O ich habe auch meine Beichtgeheimniſſe, wie Sie ſehen! Wer zweifelt daran, Frau Generalin? antwortete er. Ich danke Ihrem reizenden Zorn einen intereſſanten Einblick, und freue mich nun, daß Sie des jungen Barons nicht nöthig haben, um an die Geheimniſſe des kurfürſtlichen Kabinets zu kommen Der Weg, der Sie zu dieſem Papiere geführt, iſt kürzer, ſtiller und ſicherer. Höchſt ärgerlich über ihre Unbeſonnenheit, die ſie jetzt einſah, rief die Gräfin lebhaft: Das iſt kein Weg, bösartiger Menſch! Das war ein Zufall, eine Gunſt des Augenblicks! Uebrigens ſchenke ich Ihnen den Plan mit dem jungen Baron. Ich verſpreche mir nichts von dem Schwärmer. Ich will ſagen— ich gebe ſolche Abſichten auf. Thun Sie, Pater Ignaz, was Sie wollen. Be— fördern werde ich den Baron, weil er ausgezeichnet und der Sohn meiner Freundin Wallbrun iſt. Ich werde edel zu handeln wiſſen, und darin vergeſſen, daß ich je mit Ihnen vertraut war, und auf ſolche Umſchweife dachte, mir das Zutrauen des Kurfürſten zu erſetzen. Zutrauen! Ich würde dieſe Kränkung überhaupt heitrer nehmen, meine Gnädige! erklärte Garzweiler, indem er mit argliſtigem Lächeln nach Hut und Stock griff Der Kurfürſt überredet ſich gern, von europäiſchem Gewicht und Einfluß zu ſein. Preußen und die Emigrirten ſchmeicheln ihm das ein, um ihn leichter für ihre Intereſſen zu ge winnen. Die Politik entwickelt jetzt neue Reize für ein alterndes Fürſtenherz. Ich würde dazu lächeln, Frau Ge— neralin. Läßt ſich der alte Herr von der Politik einneh Koenig, Clubiſten in Mainz. I. 3 men: ſo vergißt er vielleicht mehr— der jugendlichen Frau von Ferrette. Bei dieſem Namen einer Nebenbuhlerin, für welche der Kurfürſt ſeit Kurzem wieder eine lebhaftere Aufmerk ſamkeit blicken ließ, erneuerte ſich der kaum beſchwichtigte Zorn der ſchönen Frau um ſo lebhafter, als ſie die Be— fliſſenheit des grollenden Mannes, ihr weh zu thun, durch— fühlte. Sie bebte vor Entrüſtung, und konnte nur die Worte vorbringen: Haben Sie es darauf angelegt, mich heut auf alle Weiſe zu mißhandeln, Sie— tückiſcher Jeſuit? Sie zog heftig die Schelle. Pater Garzweiler ver neigte ſich mit ruhiger Ehrerbietung, und ſchritt lächelnd nach der Thüre. Ein Bedienter eilte herein. Die Gräfin hatte ſchnell ſo viel Beſonnenheit gewon nen, um den Geiſtlichen nicht aus der Thüre werfen zu laſſen, was ihr erſter Gedanke geweſen war. Mit ſtolzer Haltung nach dem Sopha ſchreitend, gebot ſie: Leuchte dem geiſtlichen Rath aus dem Hauſe, Jakob, und bringe mir Licht! Hinter dem Abgegangenen her erhob ſie ſich in ihrer Unruhe, und ging lebhaft im Zimmer hin und wieder. Endlich warf ſie ſich in den nächſten Lehnſtuhl.— Unver ſchämter Menſch! ſeufzte ſie. Mir ſo zu trotzen! Aber — das hat man davon, wenn man ſich dieſe Pfaffen ſo nahe kommen läßt! endlichen r welche Aufmerk wichtigte 9 die ₰ nur die gt, mich tückiſcher iler ver lächelnd gewon 1 1 rfen it ſtolzet Jakob in ihrel wiede Unvel b faffen ſo Viertes Kapitel. Jatob hatte den dreiarmigen ſilbernen Leuchter auf den riſch geſetzt; die Wachskerzen verbreiteten ein ſanftes Licht durch das Gemach, und das Herz der Gräfin beruhigte ſich. Es fiel ihr ein, daß ſie an den Kurfürſten hatte ſchreiben und ihm den Unfug des Tages melden wollen. Doch wußte ſie noch nichts Genaueres über die Entwick lung der Vorfälle, und konnte nicht gleich einig mit ſich werden, was ſie von der Unbill ſagen ſollte, die dem Baron Franz Karl dabei widerfahren war. Es hing da⸗ von ab, was ſie mit dem jungen Manne vorhabe, über den ſie ſich durch ſeltſame Mißverſtändniſſe oder Verſtim mungen mit Garzweiler ſo jäh entzweit hatte. Auch fühlte ſie, daß ihr die freie Stimmung fehlte, ihrem fürſtlichen Freunde heiter und ſcherzhaft zu ſchreiben, wie er e liebte, und der ernſthaften Sache einige Poſſen beizumi— ſchen, wie er es von ihr erwartete. Sie verſchob es daher auf den andern Tag. Da erfuhr ſie nun, daß der Unfug der Handwerks geſellen doch eine bedenklichere Wendung genommen hatte, als es anfangs das Anſehen gehabt. Es war nicht bei Steinwürfen, eingeſchlagenen Fenſtern und eingebrochenen Thüren im Univerſitätsgebäude geblieben; ein Kampf hatte ſich entſponnen, wiewol ein ſehr ungleicher. Denn die überraſchten Studenten hatten den Stöcken der ſogenannten 3 S 36 Philiſter nur die Stacheln ihrer hörnernen Dintenfäſſer und die Trümmer von Schulbänken entgegenzuſetzen ge habt. Die ſchwerſten Treffer fielen auf die Studenten, die denn auch aus dem Felde geſchlagen wurden. Sie ent— wichen zum Theil durch die Gangfenſter in den Hof, und da hier der Ausgang beſetzt war, retteten viele ſich hinter und auf das für den Winter aufgethürmte Brennholz, von wo ſie den Angreifenden Scheit auf Scheit entgegen warfen, bis der Holzſtoß zuſammenbrach und das Hand gemenge ſich mit friſcher Erbitterung erneuerte. Profeſſor Vogt, der ſich gleich anfangs den Geſellen abwehrend in den Weg geſtellt, war— am Kopfe ſchwer verwundet— nach Hauſe gebracht worden. Die wilden Auftritte wiederholten ſich in den folgen den Tagen. Unter den Zunftfahnen geſchaart durchzogen die Geſellen alle Gaſſen, um die Studenten zu fangen Sie ſtellten Wachen an den Thoren und vor der Schiffs brücke aus, um keine entwiſchen zu laſſen und trieben die Verſteckten in ihren Wohnungen auf. Unglücklicherweiſe war die Stadt und Feſtung von Beſatzung ſehr entblößt, da die mainzer Truppen noch im Fürſtenthume Lüttich zur Execution ſtanden. Hier war nämlich ſchon früher ein Aufruhr ausge brochen. Von den revolutionairen Bewegungen in Frank reich und Brabant ermuthigt, hatte ſich das Volk gegen ſeinen Fürſtbiſchof erhoben und die Gerechtſame einer ur⸗ alten glücklichen Verfaſſung zurückverlangt, die ihm hundert Jahre früher von einem herrſchſüchtigen Prieſterfürſten waren entriſſen worden. In ſeiner Bedrängniß hatte der Fürſtbiſchof Alles bewilligt und verſprochen, bis er hinter ſo 0 de Un F un u tenfüſſe tzen ge ſten, die Sie ent hof, und ich hinte rennhoh, entgegen 6 Hand Profeſſo hrend in undet— folgen urchzogen fangen Schiff leben die ung von noch im rausge in Fran olk gegen einer u n hunderl ſirfürſtn hatte del „hintel ſeinen Gelöbniſſen her entfliehen konnte; worauf er gegen ſeine rebelliſchen Unterthanen Hülfe beim Reichskammer gericht erwirkte. Die Reichs⸗Execution gegen Lüttich wurde anfangs den beiden Kurfürſten von der Pfalz und von Brandenburg übertragen; nachdem aber Preußen aus eigenwilliger und ſelbſtſüchtiger Politik ſeine Truppen nach wenig Monaten zurückgezogen hatte: ſo waren die drei geiſtlichen Kurfürſten zur Execution aufgeboten worden und in Folge deſſen die mainzer Truppen ausgerückt. Einige Mannſchaft war jedoch in den vernachläſſigten Feſtungswerken zurückgeblieben, und leicht hätte man mit fünfzig Huſaren den ganzen Aufruhr auseinander getrie— ben wären nicht Beſatzung, Miniſterium und Bürger— ſchaft wie gebannt geweſen beim Anblicke der rohen Kraft, die das altverſteifte Formenweſen der regierenden Gewalt ſo unerwartet durchbrach. Selbſt der Gouverneur der Stadt und Feſtung, General-Feldzeugmeiſter von Gymnich, der mit ſeinem alten Ruhm aus dem ſiebenjährigen Kriege und mit dem Kommandeurkreuze des kaiſerlichen St. Jo⸗ ſephs⸗Ordens auf der Bruſt, Ruhe und Ordnung ſtiften wollte, konnte ſich kein Anſehen verſchaffen. Die ange trunkenen Schloſſer-, Schreiner- und Zimmergeſellen neck— ten und hänſelten ihn. Sie unterhandelten mit ihm auf der einen Seite ſeines ſtattlichen Schimmels, und zupften ihn auf der andern am Zopfe; ſie umarmten ihn als Friedensſtifter, um ihn wo möglich vom Pferde zu ziehen und dem Gelächter preiszugeben. An Lachern fehlte es nämlich in keiner Straße. Den luſtigen Mainzern war dies Treiben ein ganz neues Schau ſpiel. Doch fanden ſich auch nachdenkliche Männer unter 38 Beamten und Bürgern, die den Vorfall ernſtlicher nahmen und als ein ſchlimmes Vorzeichen der nahen Zukunft mit Bangigkeit betrachteten. Sie erwogen, was bei leicht möglicher Annäherung eines Feindes, vielleicht der revo— lutionairen Franzoſen, aus einer Stadt werden ſollte, die bei innerer Zerfallenheit ſich ſelbſt einem bloßen Hand werkertumulte gegenüber nicht zu rathen und zu helfen wiſſe.— Sehen Sie einmal dies Armenſündergeſicht von Commandanten! ſagte Doctor Wedekind zum Profeſſor Blau am Fenſter des Leſe⸗-Muſeums, als Gymnich unter Neckereien betrunkener Handwerker vorüberritt. Wie würde ſich dieſer General-Feldzeugmeiſter vor einer Bela gerung benehmen, wenn nicht muthwillige Finger, ſondern Bomben mit ſeinem Zopfe ſpielten? Vielleicht aber wäre die Verwegenheit der Geſellen nach dem erſten geglückten Ueberfalle des Univerſitätsge bäudes nicht ſo weit gegangen, hätten ſich die Meiſter nicht antreibend und aufhetzend hinter den Aufruhr geſteckt Die ſo ſchlau hingeworfene Frage des geiſtlichen Rathes Garzweiler war nämlich nicht unter das zertretene Obſt der Frau Braunſchiedel gefallen, ſondern als Wink und Auf foderung raſch von Ohr zu Ohr getragen worden.— Schnell hatten ſich die Zunftmeiſter auf ihre alten, von der Regierung wiederholt zurückgewieſenen Foderungen beſonnen. Profeſſor Hofmann an der Univerſität, ein feuriger Kopf und in gewiſſen Kreiſen als Eiferer für bürgerliche Freiheit und Enthuſiaſt für die franzöſiſche Revolution bekannt, hatte den Aufgeregten ſeinen Rath und ſeine Feder geliehen. Mit ungemeſſenen Foderungen in ungemeſſener Sprache hatte man die Landesregie⸗ nahmen unſt mit bei leicht er re⸗ ollte, die n Gand⸗ u helfen ſicht von Proftſſor ich unter Wie er Bela⸗ ſondern Geſellen rſitätsg Miſter geſtct Ohiſt der nd Auf den.— ten, von derungen tit, in ferer fi unſiſht len Rath derunge debregis 39 rung beſtürmt, und auf Abſtellung alter Mißbräuche ge— drungen. Dieſe Behörde that nun, was man in ſolcher Lage zu thun pflegt: ſie gab nach, bewilligte und verſprach Alles in Erwartung des Augenblicks, da man es wieder zurück⸗ nehmen könnte. Seltſamerweiſe wurde man in dieſer Be— drängniß faſt noch mehr der Univerſität gram, als dem Handwerke. Denn gerade bei der Landesregierung war man dieſer Lieblingsanſtalt des Kurfürſten am wenigſten hold. Auf der Adelsbank mißachtete man nämlich die Wiſſenſchaft, und auf der Gelehrtenbank neidete man den Profeſſoren die hohen Gehalte.. Hinter den feierlich gegebenen Zuſagen wurden heim⸗ lich Truppen aus Darmſtadt verſchrieben, die auch in der dritten Nacht eintrafen. Unvermuthet wurden jetzt die Geſellen aus dem tiefen Schlaf ihres Wein- und Sieges⸗ rauſches aufgegriffen und in die Gefängniſſe gebracht. Die den Meiſtern gemachten Zuſagen und Verſprechungen wurden ſchnell wieder zurückgenommen; worauf der Kur fürſt, aus Aſchaffenburg herübergeeilt, zum Schluſſe die— ſes Handwerkerübermuthes donnernde Bekanntmachungen gegen Aufruhr und Rebellion erließ. In dieſen Tagen der Unruhe war, wie ſich denken läßt, der Baron Franz Karl nicht ausgegangen. Er hatte darin der ängſtlichen Vorſicht ſeiner Mutter, aber auch der eignen Stimmung nachgegeben, die ihn auf dem Studirzimmer feſthielt. In ſeinem Innern war eine neue, wunderſame Stimmung angeregt, die der junge Mann in ſich walten ließ. Es ſchien, als ob der ſpöttiſche Scherz Garzweiler's doch auf irgend eine Weiſe wahr werden z könnte. Denn wenn auch die erfahrene Kränkung den jungen Baron nicht empfänglicher für die bezaubernde Erſcheinung der ſchönen Fides gemacht hatte: ſo hing er nun doch in ſeiner träumeriſchen Stimmung und Einſam— . keit dem neuen und lebhaften Eindrucke mit ganzer Seele nach. Leid und Sehnſucht rührten in ſeinem Herzen jene Sentimentalität an, die zu damaliger Zeit noch in der deutſchen Atmoſphäre ſchwebte, von welcher jedoch der junge Baron im goldnen Mainz bis jetzt noch wenig . empfunden hatte. Er las jetzt viel, am liebſten empfind ſame Gedichte, und griff auch zum erſten Mal nach den in die er ſich ganz ver— tiefte. In Göttingen war er mit ſo manchen poetiſchen Schriften bekannt geworden, die in den mainzer adeligen ⁰ Kreiſen noch keine Aufnahme gefunden hatten; da man hier wenig las und nur die leichtfertigſten Sachen der Franzoſen liebte. Er ſuchte nun jene Schriften wieder hervor, las, und glaubte das Schönſte und Zarteſte jetzt erſt recht zu empfinden. Sein Herz überließ ſich einer 6. ungemeſſenen Schwärmerei. In dieſer Stimmung erregte er die Beſorgniß ſeiner Mutter. Mit der Schweſter ſtand er ſeit Kurzem auf geſpanntem Fuße, ſeit nämlich der Kapitular Fritz Graf von Stadion von ihr wegblieb, dem Franz Karl, ärger lich über das hingebende Benehmen der Schweſter, einige— mal ziemlich unfreundlich begegnet war. Die alte Baronin nahm das traumſelige Weſen des Sohnes für Nieder geſchlagenheit über die erfahrene Kränkung. Sie fand ihn „Leiden des jungen Werther“ blaß ausſehend und ſein ſtolzes Auge matt. In ihrer Angſt um den Liebling ſetzte ſie, ſobald der Kurfürſt kung den zaubernde hing a Einſam zer Serle erzen jene ch in der doch der h wenig empfind nach den zanz ve poetiſchen adeligen da man achen der n wieder uſt ſ ſich ein ſß ſeinn rzem aul it Grif r, einig Varoni n fund ihn zn ihrel Kurfün 41 zurückgekehrt und die öffentliche Ruhe hergeſtellt war, Alles in Bewegung, dem Sohne eine befriedigende Ge— nugthuung zu verſchaffen. Zum Glück für ihre Wünſche ſah ſich der Adel über— haupt durch die Handwerkerunruhen in mancher Hinſicht für bloßgeſtellt an; weil nicht nur die angeſehenſten Mit— glieder der bedrängten Behörden Adelige waren, ſondern auch weil jetzt einmal jeder Unfug der Bürgerlichen für revolutionair im pariſer Sinne galt. Man dachte daran, ſich aus der erlittenen Unbill durch eine Art von Triumph zu erheben und im vollen Glanze des bevorzugten Standes hervorzuthun. Zu ſolchen Abſichten war in Mainz ein ſehr beliebtes Gepränge hergebracht. Man nannte es eine„Pirutſchade“, und der Prunk beſtand darin, daß man in zahlreichen offenen Wagen oder Pirutſchen langſam durch die Stadt und über die öffentlichen Spazierplätze fuhr. Eine ſolche Fahrt ward auf den nächſten Sonntag verabredet. Man hoffte ſo jene fatale Ueberhebung des Pöbels unter die ſtolzen Räder zu beugen. Für dieſe Gelegenheit ward denn auch dem Baron Franz Karl, der noch ohne poli tiſche Stellung war, eine beſondere Auszeichnung zu⸗ gedacht. Der Kurfürſt hatte ſich durch ſeine Freundin Couden— hove von des Barons Ungemach unterhalten laſſen; auch der außerordentliche preußiſche Geſandte, der Landjäger— meiſter von Stein, der bei dieſer einflußreichen Frau wohnte, war von ihr zu Gunſten des jungen Mannes eingenommen worden. Er und der Kurfürſt, ſeit Kurzem bei den Empfehlungen dieſer unruhigen Frau etwas miß 42— trauiſch, ließen ſich diesmal noch durch dir Umſtände ge winnen. X Herr von Stein holte in ſeinem Wagen' den jungen Baron zur Pirutſchade ab. Die Prunkfahrt ging vom Thiermarkte aus, wo mehrere der angeſehenſten Familien, wie die Grafen von Oſtheim, von Baſſenheim, von Schönborn wohnten, in langem Zuge von etwa vierzig Pirutſchen über die große Bleich, den Flachsmarkt, am Univerſitätsgebäude hin, über den Speiſemarkt, den Heu markt, durch das Fiſcherthor in die Rheinſtraße, am kur fürſtlichen Schloſſe vorüber, wo ſich der Fürſt auf der Altane zeigte, durch das Raimundithor in die Kur Allee, wie die Allee am Rhein damals genannt wurde. Ueber all waren die Fenſter mit Zuſchauern beſetzt, die Straßen von wogendem Volke bewegt. Die neugierige Menge dachte nichts dabei, wenn ſie ſolchem Schaugepränge als Unterlage diente. Auf der Rückfahrt nahm der Hofkanzler Albini, im Auftrage des Kurfürſten, den jungen Baron an ſeine rechte Seite. Indem er ihn der beſonderen Gnade des Kurfürſten verſicherte, fügte er hinzu: Wir ſind noch zu ſehr von weltwichtigen Angelegen heiten eingenommen, mit Verarbeitung der jüngſt in Pillnitz gepflogenen Conferenzen gegen Frankreich beſchäf⸗ tigt; ſonſt hätte der Kurfürſt Sie ſchon rufen laſſen. Doch werden Sie ihm vertraulich in einer gelegentlichen Abendgeſellſchaft vorgeſtellt werden. Halten Sie ſich dieſe Tage nur bereit für eine Einladung. Während der langſamen Fahrt kam Albini auf die Studien und Ausſichten Franz Karl's zu reden— Sie ſen fi Reich empf Sy Splt nicht zum ſtinde ge en jungen ging vom Familien, heim, von twa vierzig markt, am den Heu⸗ am kur ſt auf der Kur⸗Alle e Ueber ie Straßen ge Me ringe al bini, in an ſein Fyade de Angelege jüngſt i ih beſhif fen laſſ legentli eſich dun ti auf d 6 2 43 wiſſen vielleicht nicht, mein Lieber, wie ſehr Sie Seiner hochfürſtlichen Gnaden empfohlen ſind, ſagte er. Vielleicht, daß er Sie dem Conferenzminiſter von Deel für die deut— ſchen Reichsgeſchäfte beigibt. Wenn Sie dann ein wenig bekannter mit dieſen Sachen ſind, können Sie mit deſto mehr Nutzen einige Zeit nach Wetzlar gehen und die Reichspraxis ſtudiren. Hierbei brach der Kanzler in ein lautes Lachen aus, bat aber gleich um Verzeihung. Es kömmt mir immer höchſt luſtig vor, ſagte er, wenn ich an Wetzlar und an die Reichspraris denke,— an dieſe alte Haushofmeiſterin des heiligen römiſchen Reichs, die man auf die Bahre legen ſollte, ſtatt daß man ihr noch immer junge Herren zuſchickt, um bei ihr das Courmachen zu lernen.— Ja, ja, fuhr der Kanzler, nachdem er einigemal rechts und links aus dem Wagen gegrüßt hatte, in leiſem, vertrau— lichem Tone fort, Sie ſind dem Fürſten in einer Weiſe empfohlen, daß Sie vor Ihren Gönnern nicht genug auf der Hut ſein können, wenn Sie nicht abhängig und ein Spiel der Intriguen werden wollen. Sie wiſſen noch nicht, wie fein wir ſolche Gewebe am mainzer Hofe ſpin nen. Manche Männer tragen ſie, wie brüſſeler Spitzen, zum Schmucke, weil ſie von Damenfingern geklöppelt ſind Aber auch bei den ernſthafteſten Gegenſtänden ver— liugnete ſich der Sinn des lebensluſtigen Staatsmannes nicht. Sein Blick ſtreifte dabei alle Fenſter und Volks⸗ baufen, um keine weibliche Schönheit unbegrüßt zu laſſen. — Sehen Sie dort! rief er plötzlich, und wies mit rück⸗ ſchtloſem Finger nach dem alten Balkon eines wenig an— 44 ſehnlichen Hauſes. Da iſt was ganz Junges für Sie! 2 Der tauſend, das iſt— 3 Er warf einige Kußhände hinauf. Es war die ſchöne b Fides, die zwiſchen zwei ältlichen und lächerlich aufgeputzten . Frauenzimmern herabſah. Franz Karl bemerkte die Bewegung eines erröthenden f Schrecks, als die ſchöne Unbekannte ſeiner anſichtig wurde. Si Die Leichtfertigkeit des Hofkanzlers ſetzte ihn in Verlegen heit. Selbſt als ſie vorüber waren, wendete ſich der joviale Mann noch einmal im Wagen um, und nickte nach dem Balkon zurück. Lachend rief er dann: Ha, ha! der blöde Engel iſt vom Balkon abgetreten. Ich hahe die liebe Unſchuld verjagt. So was iſt allerliebſt, Baron. 0 Dies erſte jungfräuliche Protzen— Wer iſt ſie denn? fragte Franz Karl mit mehr Haſt als Höflichkeit. nein Ich hab's gewußt! antwortete Albini, ſich beſinnend. Man hat von dem reizenden Geſchöpfe geſprochen. Es iſt ufd die Tochter eines Angeſtellten beim— Nun, es wird Din mir einfallen. Ei nun, wer wohnt denn im Hauſe hinde ur verſetzte der üſe Baron etwas ungeduldig. aö n O in das Haus gehört das ſchöne Kind nicht! lachte ict 3 Albini. Es ſieht hier nur den Spektakel mit an. Da wohnen zwei alte Jungfern, Töchter des verſtorbenen Apothekers Thiri,— Betſchweſtern, bei denen die from⸗ men Kapuziner den Kaffee trinken und ihre gewürfelten Schnupftücher gewaſchen bekommen. Bemerkten Sie nicht, daß beide Damen einen ziemlichen Anflug von Barthaar haben? Das iſt eine myſtiſche Wirkung der Andacht zu die ſchön fgeputzten röthenden ig wurde Berlegen ſich de nd nickt Ha, ha hahe di Baron uhr Haſ eſinnend G iſ es wird ſette d t! lachte an 2 ſtorben die fron würfelte Sie nich Parthan ndacht 45 den Vätern mit den Bärten,— eines der Bagatellwun der des heiligen Franz von Aſſiſi. Er lachte dabei mit Behagen. Aber ſchon haftete der Fthaſte Blick des Kanzlers auf einer andern Gruppe an ſe Ecke des Altmünſterplatzes. Es waren einige Pro fſſoren der Univerſität, Hofmann, Metternich, Dietler Sie ſchienen ſich nicht blos über die Vorüberfahrenden luſig zu machen, ſondern gefliſſentlich und wie zur Ver⸗ höhnung der adeligen Prunkfahrt den Profeſſor Dietler ſchn zu haben, der ſich heute zum erſten Mal ohne Friſur und im neuſten Kleiderſchnitt des pariſer Vürger⸗ thums zeigte, wodurch er eben die erſtaunte Menge um ſch verſammelt hatte. Albini grüßte die Herren ſehr artig; worauf er dem Baron Franz Karl zuflüſterte Mit dieſen Sprudelköpfen muß man's halten. Ich habe meine Rückſichten dabei, und Sie werden mich ſehr ver ſinden, wenn Sie beim Kurfürſten ein großes Gewicht zuf die Profeſſoren legen, ſo oft er mit Ihnen von dieſen ſünneun ſprechen ſollte. Wenn die Schwindelköpfe ſich nur mäßigten, und es nicht zu weit trieben, wie eben dieſer Dietler in dem revolutionairen Anzug. Was wird das wieder für Lärm machen! Zum Glück fehlt es uns nicht an hinreichendem Selbſtvertrauen! Fünftes Kapitel. Baron Franz Karl kehrte von der Pirutſchade ſehr auf geregt zurück. Er hatte erſt die Freude und die Fragen ſeiner Mutter zu überſtehen; aber auch die folgenden Tage, da er ſein ruhiges Studirzimmer wieder aufſuchte, fand er hier die vorige Innigkeit nicht wieder. Sein ganzes Befinden ſchien umgewandelt zu ſein. Aus jener brüten den Einſamkeit, wie mit einem Ruck, in einen prunkhaften Aufzug und unter die Augen des öffentlichen Staunens verſetzt, nahm er mit anderer Stimmung andere Eindrücke auf. So viel Schmeichelhaftes war ihm widerfahren; die erſten Männer am Hofe hatten ihm Verbindliches geſagt und eine glänzende Zukunft in Ausſicht geſtellt. Er war anfangs wie ſchwindelnd. Seine einſiedleriſche Stimmung, die Laune zu dichten und zu ſchwärmen, war wie von einem Sturmwind abgeſchüttelt. Und doch war es, was er ſelbſt nicht wußte, nur eine andere Art zu träumen; es war die Unruhe unbeſtimmter Erwartungen, und dieſe Erwartungen beſchäftigten mit unbeſtimmten Bildern ſein Herz. Franz Karl gehörte zu jenen Menſchen, die jedem Zuſtand, in den ſie gerathen oder verſetzt werden, ſchnell eine Seite abgewinnen, an der ſich ihr Inneres befrie digt oder doch beruhigt. Vom Ehrgeiz des Herrſchens wenig geſpornt, und zum Dienen zu ſtolz, fühlte er ſich am wohlſten, wenn bei äußerlichem Behagen ſeine Seele ſehr auf e Fragen den Tage hte, fand n ganzes brüten unthaften Staunens Eindrück hren; die geſuh Er wal timmung wie von es, wab träumen und dieſ dem ſi die jeden n, ſcnel befrie te er ſit Seel ine S — —1 mit edeln und erhebenden Gegenſtänden beſchäftigt war. Zu dieſen gehörte nun auch die ſchöne Fides. Aber beun— ruhigende, widerſprechende Empfindungen knüpften ſich an ſeine Gedanken. Von der Leichtfertigkeit des Hofkanzlers ſchien, nach der erſten widerwärtigen Berührung, doch etwas in ſein Blut übergegangen, und das reine Bild des ſchönen Kindes, von verwegenen Blicken und Kuß— händchen getroffen, aus der hohen Region der Schwär⸗ merei in den Drang ungeſtümer Wünſche und leidenſchaft⸗ lichen Verlangens herabgeſunken zu ſein. Die frommen Warnungen Garzweiler's gegen zuviel Pflege des Körpers, bei jenem erſten Begegnen an die erröthende Jungfrau gerichtet, hatten die Phantaſie des Jünglings mit beun— ruhigenden Bildern entflammt. Daß es mit argliſtiger Berechnung des frommen Paters geſchehen war, ahnete er nicht. Seine Sehnſucht nach der liebenswürdigen Erſchei— nung wuchs zu dem Uebermuthe, die Spuren des reizen⸗ den Bürgermädchens zu verfolgen. Solchen Regungen fehlte es in der mainzer Atmoſphäre nicht an Gunſt. Früher ein fleißiger Knabe und ein kränkelnder Student auf der Ritter⸗Akademie, hörte der Baron, ſeit er geſund und blühend von Göttingen zurückgekehrt war, tagtäglich von Liebes⸗Intriguen. Die Fäden dieſer oft heimlichen Geſpinnſte flatterten wie Sommerfäden um das Toupet der Höflinge, wie Mettengewebe um die Tonſur der Prälaten im goldnen Mainz. Franz Karl, im Begriff dieſe Kreiſe zu betreten, fühlte, daß er darin nicht als trockner Son derling erſcheinen dürfe. Oder, wenn er in mißmuthigen Augenblicken an die bevorſtehende Zeit des Dienſtes und der Geſchäfte dachte, kam ihm auch die ſtolze Empfindung, 48 3 daß man wol ein Geflecht von Akten, ein Netz politiſcher Intriguen um ſeinen Kopf werfen könne, daß er aber mn . Herz und Liebe frei behalten wolle. Du Unter ſolchen Stimmungen und Vorſätzen ward der ſren junge Baron zu einem der kleinen Abende des Kurfürſten li eingeladen Der alte Herr, wie man den Fürſten kurz welh weg zu nennen pflegte, nachdem der geniale Lebemann iſig den früheren Zunamen des„frommen Herrchens“ beim Volke verſcherzt hatte, war von der„Favorite“ wieder reu zur Stadt zurückgekehrt. Auf dieſem Luſtſitz über der of Stadt brachte Friedrich Karl gewöhnlich die Frühlings lebe 3 wochen zu, zog ſich aber auch gern dahin zurück, ſo oft mi er Verſtimmungen oder geheime Geſchäfte abzumachen hatte; Cin wie er denn auch hier am liebſten politiſche Feſte anord⸗ ſan 6. nen ließ. Dies Schlößchen mit Pavillons, das eben durch Ne 3 den Abbruch des aufgehobenen nahen Karthäuſerkloſters A . vergrößert ward, dieſe anmuthigen Gartenanlagen im da⸗ hn maligen franzöſiſchen Geſchmacke begünſtigten die Empſin fiinſ dung einer ſtolzen Einſamkeit. Denn man überſchaut von h dieſer Höhe eine reiche, reizende Landſchaft, und die Re ſidenz mit ihren Thürmen lag unter der ausgeſtreckten mei Hand des Fürſten. Der Mainſtrom, der ſich dieſer ſchö ſch . nen Ausſicht gegenüber in den Rhein ergießt, verband nit des Fürſten Sommer⸗Reſidenz Aſchaffenburg mit dem alten ite Sitze der Erzbiſchöfe. Die Ruhe und Stille umher ſchien wie gemacht für das tiefe Geheimniß der Politik, in der* 13 ſich jetzt der Kurfürſt ſo ſehr gefiel. Eben hatte er haupt unch ſächlich mit Albini und dem Staatsrathe Johannes von du Muller die Ergebniſſe des pillnitzer Congreſſes verarbeitet, n und war heiter und vergnügt zur Stadt zurückgekehrt. vlitiſche er aber ard der ufürſten en kurz ebemann bein wiedel iber der ühlings ſo t n hatte; anotd⸗ en durch urkloſters im da⸗ Empfin haut vol die Re eſtreckten ſu ſii verban em alte her ſchien in dä . haupt mes Wn rarbeite eke hri Die Frau von Cvudenhove benutzte dieſe gute Stim⸗ mung, ihm eine kleine Abendgeſellſchaft vorzuſchlagen. Der Kurfürſt liebte dieſe kleinen Abende, die von dem ſtrengen Ceremoniel befreit waren, und zu denen der auf— geklärte Herr auch Künſtler und Gelehrte zog, gegen welche ſich der mainzer Adel ſonſt unbedingt abzuſchließen pflegte. Frau von Coudenhove, die Baſe und bevorzugte Freundin des alten Herrn, verſah an dieſem geiſtlichen Hofe, an dem man nicht ohne die Geſellſchaft von Frauen leben mochte, dieſen gegenüber das Amt einer Haushof— meiſterin. Als ſolche machte ſie auch Vorſchläge zu den Einladungen, und brachte mitunter die ſonderbarſte Zu⸗ ſammenſtellung von Gäſten zuwege; indem ſie mit den Neiguugen des hohen Freundes ihre eigenen verſteckten Abſichten zu vereinbaren ſuchte. Die Gräſin konnte nicht ohne Intrigue leben, fiel aber gewöhnlich, wenn ſie die feinſten Netze geknüpft zu haben meinte, in die darüber noch feiner gelegten ihrer Gegner. Außer dem Baron Franz Karl ſollten heute auch noch zwei neue franzöſiſche Emigrirte vorgeſtellt werden, die ſich zur Unzahl der ſchon in Mainz anweſenden Flüchtlinge mit Empfehlungen des Grafen von Artois eingefunden hatten. Aus Rückſicht für dieſe angeſehenen Fremdlinge,— den Düc de la Force und den Herrn von Montleveau, brachte die Gräſin nur zwei Bürgerliche auf die Ein⸗ ladungsliſte,— den Leibarzt, Geheimerath Hoffmann und den Bibliothekar, Hofrath Forſter. Zur Unterhaltung der Gäſte war der Kapellmeiſter Vincenz Righini mit Koenig, Clubiſten in Mainz. 1 4 50 einem Theil der Kammermuſik auf den Abend befohlen worden. Man verſammelte ſich in einem der Säle des älteren Schloßflügels in Erwartung des Kurfürſten, der die alte Martinsburg bewohnte, die, dicht am Rhein gelegen, durch einen bedeckten Gang mit dem Schloſſe zuſammenhing. Die Verſammelten ſtanden gruppenweiſe, zum Theil in den Niſchen der Fenſter, aus denen man über den Strom nach den Höhen des Gebirgs blickte, die eben im Abglanze des Abendhimmels verdämmerten. Dieſe letzten Tages⸗ ſchimmer fielen matt in den Kerzenglanz des reich ausge ſchmückten Saales. Forſter und Graf Stadion lehnten in leiſem Geſpräche an einem weißmarmornen Spiegeltiſche. Fritz Stadion, ſeit dem Frühling mit Eintritt in ſein dreißigſtes Jahr Kapitular, war ein hübſcher, ſchwärzlicher Mann von vornehm behaglichem Weſen. Er ging gern, wie jetzt, im weltlichen Kleide, das die angenehme Geſtalt vortheilhafter als der Talar zeigte. Stadion hatte in Göttingen ſtudirt, und ſtand im Rufe eines geiſtreichen, ausgezeichneten Mannes, dem man eine bedeutende Zu⸗ kunft weisſagte. Er galt für ſehr ſtaatsklug, bei aller Offenheit mit der er ſich gehen ließ, und verband mit einem feinen Urtheil den wunderlichſten Geſchmack für geſuchten Witz, ſeltſame Vergleiche und übertriebene Bil⸗ der. So bitter man in den Kreiſen des ſtiftsfähigen Adels ſeinen freien Umgang mit Gelehrten und Künſtlern tadelte, mußte man den in Wien ſo einflußreichen Mann doch gelten laſſen. Er und Forfter beſprachen ſich über die jüngſten Nach⸗ richten aus Paris.— Des Königs Flucht, bemerkte efohlen älteren ie alte durch enhing. heil in Strom bglanze Tages ausge ſten in ltiſche. in ſein itzlicher gern, Geſtalt itte in reichen, Zu i allet nd mit ack fir ne Bi zihigen ünſtlern Mann emerkte 54 Forſter, hat die Hände der Nationalverſammlung ſehr ge— ſtärkt. Jetzt fehlt nur noch ein auswärtiger Krieg,— und die europäiſchen Fürſten ſcheinen unbeſonnen genug, um ihn doch noch anfangen zu wollen. Wir hätten in Deutſchland noch ein Jahrhundert ohne Revolution aus— gehalten; der Krieg beſchleunigt ihre Erſcheinung um mehr als 50 Jahre; allein der deutſche Adel iſt ganz blind vor Wuth, und ſtatt den Zeitpunkt wahrzunehmen, um durch vernünftige Entſagung Alles zum Vergleiche zu ebenen, hetzt er die Fürſten an zum Kriege gegen Frankreich, zur Ausübung willkürlicher Gewalt gegen das Volk, und be— ſchleunigt alſo die Gährung. Laſſen Sie Ihren Eifer geſchwind ein niederſchlagendes Pulver einnehmen, lieber Forſter, erwiderte Stadion. Sie haben zwei Mal Unrecht. Denn zu den thörichten Fürſten gehört halter unſer Oeſtreich nicht. Uns iſt es kein Ernſt, wider Frankreich zu handiren; wir benutzen nur den preu⸗ ßiſchen Eifer zu unſern Unterhandlungen wegen Polen und der Türkei. Dies unterm Siegel des Vertrauens, mein Freund! Schauen's, dann gehöre ich auch nicht zu den adeligen Eſelshufen, die von Füchſen regiert werden, ſo wenig, als ich Sie zu den Bauleuten des Neuerungs Dämons zähle. Ich glaube die franzöſiſchen Bewegungen und die Nachwirkung der Revolution ein wenig zu durch ſchauen. Die Angelegenheiten der Welt werden immer bedenklicher, ſo viel iſt gewiß, und nehmen mich auch ganz ein. Ich vergeſſe darüber mein Brevier und meine ſüßen Gewohnheiten. Das Brevier, dies Boudoir der Andacht, bleibt ruhig; aber die Freundin—“ Muß endlich ſich denn auch beruhigen! Eine neue Zeituhr ſchlägt, und 4 verrückt uns die kanoniſchen Stunden und die Schäfer— . ſtündchen. Hören Sie, Freund! Ich habe mir ein eigenes Plänchen gemacht. Schauen's! Mit meiner Willenskraft das Alte behauptend, und mit meiner Geiſteskraft das Neue ſtudirend, bin ich jetzt von beiden Parteien der praktiſchen Welt geſucht. Mein Stand wird mir als etwas Unwillkürliches nicht ſo hoch angerechnet, als meine Frei ſinnigkeit; doch dienen mir beide: die adelige Partei läßt mich für redlich, die andere für einſichtig gelten. Siegt nun das Alte: ſo iſt mir ein Fürſtenſtuhl gewiß; ſiegt das Neue, ſo hab' ich Frieden mit den Eroberern, laſſe das Hofweihwaſſer und die adelige Theologie vertrocknen, und ſetze mich auf eine Miniſterbank. Moderata durant, zu deutſch: Lederne Modeſten dauern lange. Die Flügelthüren gingen auf; man ſah zwei Heiducken ſtehen, und gleich darauf trat der Kurfürſt ein. Er war in violettem Talar mit ſchwarzen Bäffchen, trug eine runde ſtark gepuderte Perrücke und ein Demantkreuz auf der Bruſt. Ihm folgte ſein Bruder, der Oberſthofmeiſter Baron von Erthal, und der General-Feldmarſchall⸗Lieute⸗ nant Graf von Hatzfeld mit dem Maltheſerkreuz. Für einen Siebenziger ſah der Fürſt munter genug aus, und bewegte ſich lebhaft. Scharfe Züge, eine ſtark gebogene Naſe und ein derber Mund charakteriſirten ein mehr klu— ges, als gütevolles Geſicht. Er blickte ſtolz umher; wie es denn ſeine Art war, bei unbedeutender Geſtalt mit den — großen ſcharfen Augen zu imponiren. Die Anweſenden ordneten ſich in einen Halbkreis. Die Gräſin Coudenhove trat mit der Baroneſſe von Wallbrun vor; indem Beide, der geiſtlichen Hofſitte gemäß, den ifer genes Fraft das der twas Frei lißt Siegt ſiegt knen, rant. ucken wal eine z auf neiſter ieute⸗ Für und ogene rklu⸗ wie it den Die lbrun den rechten Handſchuh auszogen, um die dargebotene Hand des Fürſten zu küſſen. Er fragte Cäcilien nach ihrem Bruder, und ſie winkte ihn herbei. Sie ſind mir gut empfohlen, Baron! redete ihn der Kurfürſt mit gnädigem Ernſt an. Wir brauchen jetzt junge Kräfte mit alter Geſinnung. Sie haben in Göttin⸗ gen was gelernt, höre ich. Dort iſt ein recht wiſſen⸗ ſchaftliches Leben, nicht wahr? Haben doch nicht auf den Sonnabendbänken des weiland Hainbundes mitgeſeſſen? Heinſe ſagt mir, daß man jetzt dort mit den ſtumpfen Federn Oden ſchreibt an das revolutionaire Frankreich. Abſcheulich, ganz niederträchtig! Machen Sie nur keine Verſe, Baron! Man kömmt in ſolchen Zeiten, wie jetzt, auf falſche Reime. Sie verſtehen mich. Wir wollen Ihre Feder beſſer beſchäftigen. Ich habe die Abſicht— Er ward durch die Gräſin Coudenhove unterbrochen, die den Düc de la Force und den Herrn von Montleveau vorſtellte. Es war ihr unangenehm geweſen, daß dieſen angeſehenen Franzoſen voraus der Baron Franz Karl an— genommen worden war. Der Kurfürſt empfing beide Emigrirte ſehr huldreich und vertraulich. Er redete ſie franzöſiſch an, das allge⸗ meine Unglück beklagend, das auch ſie aus Frankreich vertrieben habe.— Aber Sie werden ſiegreich zurückkeh⸗ ren und bald! rief er mit geheimnißvollem Kopfnicken Wir werden Sie zurückführen in Ihr ſchönes Land, und in Ihre alten Beſitzthümer einſetzen. Die Zwiſchenzeit Ihrer Verbannung kömmt uns Mainzern zu gut durch den Aufenthalt ſo liebenswürdiger Gäſte. Monſeigneur! antwortete der Düc, Ihre Worte hau⸗ 54 chen uns ein neues Leben ein, in einem Accente, der uns an Verſailles erinnert und unſere verbannten Herzen klo⸗ pfen macht! Wenn wir jemals Frankreich vergeſſen könn— i ten, ſo wäre es hier an dieſen reizenden Ufern des Rheins, die es werth wären, das königliche Frankreich zu verbrä⸗ R nien. Hier fühlen wir uns nicht blos als Gäſte, ſondern als die Söhne eines gütigen Papas. Monſeigneur ver⸗ ſ gönnen uns dieſen Namen, der dem verbannten Adel en Frankreichs den ſüßeſten Troſt gewährt. Unſer gütige Papa! v Er küßte die dargebotene Hand des Kurfürſten, die dann Herr von Montleveau mit den Worten ergriff: G Das iſt die mächtige Hand, die uns zurückführen wird, indem ſie das Schwert in die Wagſchale der europäiſchen Politik wirft. Der Kurfürſt lächelte vergnügt zu diefer Anerkennung ſeines politiſchen Einfluſſes. Einſt hatte es ihm geſchmei⸗ chelt zu hören, daß ſeinem feurigen Auge kein Frauen⸗ herz widerſtehen könne; jetzt, nachdem er ſich von Preußen, zum Mißvergnügen der katholiſchen Mächte, für den Für⸗ ſtenbund hatte gewinnen laſſen, ſteifte ſich ſeine alternde Eitelkeit auf den Gedanken, die europäiſche Politik zu lenken. 9 Mein Herr Düc, ſagte er, wir werden den verletzten Königsmantel Frankreichs wieder herſtellen, aber die Rhein⸗ lande wollen wir doch nicht zur Verbrämung deſſelben entbehren. Wir brauchen ſo ſchöne Stücke Zeugs zu den Kurfürſtenmänteln. Er ſprach dieſe Worte eines, wie er glaubte, kühnen Stolzes ſehr laut; wobei er ſich lächelnd nach den Nächſt⸗ ſtehenden umſah. Dann fuhr er freundlicher fort: er uns nklo⸗ könn heins, rbri⸗ ondern rver Papa n, die rgrif wird, iſchen nnung chmel rauen⸗ eußen, Fit Nernde tit zu rletzten Rhein ſilbn zu den fühnen Nichſt Haben Sie ſchon— Sie ſind doch ſchon etliche Tage hier, nicht wahr, Herr Düc? Sie haben wol ſchon meine Favorite beſucht? Ja, Monſeigneur, antwortete de la Force. Ich habe geſtern die Ehre gehabt, mit ihr zu Mittag zu eſſen. Er ſah ſich dabei mit artigem Lächeln nach der nahe ſtehenden Gräfin Coudenhove um. Eine verblüffte Stille entſtand. Der Kurfürſt blickte erſt den Franzoſen ver— wundert an, wie es gemeint ſei, und als er das Miß⸗ verſtändniß begriff, trat er mit ignorirender Artigkeit zur Gräfin und führte ſie in den anſtoßenden Saal, aus wel chem man das verſtohlene Stimmen einiger Violinen ver— nommen hatte. Die Anweſenden folgten, ohne des ge— wohnten Abſtichs zu achten, den die wackelnde Stutzperrücke neben der ſteifen Damenfriſur, der violette Talar neben dem meergrünen Atlaß der Gräfin und die zwei ſchwarzen Bäffchen unter dem welken Kinn des greiſen Prälaten neben der blendenden Bruſt der reizenden Frau machten. Am weiteſten blieben die beiden Franzoſen zurück. Denn Montleveau, ein ſchöner, kräftiger Mann, hatte den klei— nen, mit gezierten Vewegungen hüpfenden Düc bei Seite genommen und flüſterte ihm ſchadenfroh ins Ohr: Ein beleidigendes Mißverſtändniß, mein Herr Düc! Der Kur fürſt ſprach von ſeiner Sommerreſidenz Favorite. Der Düe tippte erſt verlegen in ein goldnes Spaniol vöschen und erwiderte dann wegwerfend: Pah! Was liegt daran? Mein Gott, dieſer Pfarrer von Mainz, dieſer Parvenü, und ein Luftſchloß! Wer denkt daran? Fa— vorite—? Was? Favorite iſt eines Pfarrers Haushäl⸗ terin. Wie, mein Herr? Wiſſen Sie—? Beide lachten, der Eine verlegen, der Andere ſcha⸗ denfroh. Im anſtoßenden Saale, während Righini die Noten⸗ blätter vertheilte, verkündigte der Kurfürſt, indem er den General Hatzfeld vorführte: Hier iſt ein Friedensbote! Der General kömmt im Augenblick aus den Niederlanden. Unſere Truppen kehren zurück. Man hat ihnen noch in Verviers glänzende Feſte gegeben. Erzählen Sie doch, Graf Hatzfeld! Man hat uns gebührend ausgezeichnet! nahm dieſer das Wort. Bei unſerm Einzuge wurden uns von den ſchönſten Mädchen Lorbeerkränze überreicht und Lobgedichte geſungen. Beleuchtungen, Bälle, große Gaſtmahle wech⸗ ſelten mit den Ermüdungen eines ſiegreichen Feldzuges. Es hat meinem Soldatenherzen wohl gethan, kurfürſtliche Gnaden, die Tapferkeit der Mainzer überall ſo anerkannt zu ſehen. Ich denke, es ſoll Eindruck in Paris machen. Die Revolution wird einige Angſtſchauer vor ihrer Zu⸗ kunft bekommen. Eine rauſchende Bewegung entſtand. Man drängte ſich herbei, dem Kurfürſten Glück zu wünſchen. Der alte Herr war ungemein angeregt und gnädig. Er ſprach viel und naſchte dazwiſchen aus einer Bonbonniere, die er ſtets bei ſich führte.— Unſere Truppen kommen nächſter Tage zurück, ſagte er. Der Kaiſer hat Alles vermittelt. Die lütticher Inſurgenten ſollen beruhigt werden. Hätten wir unſere tapfern Truppen nur eher hier gehabt: die ärger⸗ liche Studentengeſchichte— Er brach verlegen ab, reichte der Gräfin Coudenhove die Hand und ſetzte ſich mit ihr auf ein gelbes Sopha. her trat gen der etn iſi in f L ſ rie bei ßi we da ſpr N ſcha⸗ Alles nahm nun Platz. Righini gab das Zeichen, und ein Quartett aus der Oper Armida begann. ſ oten⸗ Zwiſchen den Muſikſtücken wurden Erfriſchungen um— den her gereicht. Der Kurfürſt unterhielt ſich abwechſelnd und trat auch zu Forſtern. Sie haben einen kleinen Ausflug t im gemacht? fragte er. ehren Ja, Eure Durchlaucht, im Auguſt. Feſte Mein Land, fuhr der Fürſt fort, iſt ſehr klein für den Maßſtab eines Weltumſeglers; aber es liegt dafür dieſer etwas verzettelt. Die Dörfer und Häuſer der proteſtan⸗ den tiſchen Einwohner werden Ihnen angenehm aufgefallen ſein dihte in dem von Ihnen bereiſten Strich? Reden Sie nur wech offen! Sie kennen mich. Ich geſtehe Ihnen, Herr Hof⸗ uge rath, daß ich— heißt das— ich als weltlicher Fürſt liche— meine proteſtantiſchen Unterthanen vorziehe: ſie ſind annt fleißiger, reinlicher, treuer. en. Welch' ein edles Anerkenntniß, kurfürſtliche Gnaden! Zu⸗ rief Forſter aus. Eine große Gerechtigkeit des Herzens 3 bei ſo weiſer Einſicht! ingte Woher mag das kommen, Herr Forſter? fragte der alte Fürſt. viel Vielleicht weil die Proteſtanten weniger von Kirchen— ſtetz werken in Anſpruch genommen ſind, können ſie mehr für xoge das häusliche und bürgerliche Leben thun. ie Ja. Oder weil wir ihnen die ewige Seligkeit ab nir ſprechen, ſuchen ſie ſich auf der Erde beſſer einzurichten. rge⸗ Nicht wahr? Der Kurfürſt lachte laut hinter ſeinem Scherze her; honr wie er denn gegen Proteſtanten gern den Freidenker pbe zeigte. 58 Wie ich kurfürſtliche Gnaden kenne, lächelte Forſter, wird der Erzbiſchof von Mainz den Proteſtanten des Kurfürſten von Mainz auch jenſeits etwas zu gut kom⸗ men laſſen, für das, was ſie dieſſeits leiſten. Eure Durchlaucht kennen wol, aber lieben nicht die zwei größten Despoten der Welt. Wer ſind dieſe? fragte der Fürſt lebhaft. Das Alleinrechthaben und das Alleinſelig⸗ machen, antwortete Forſter. Der Fürſt will es,— alſo iſt es recht; der Prieſter ſagt es,— alſo iſt es wahr! Beiſpiele ſind überall auf der Erde. Braminen⸗ despotismus und päpſtliche Alleingewalt haben Aſien und Europa beinahe Jahrtauſende in Dummheit und Elend verſenkt gehalten. Vergebung, kurfürſtliche Gnaden! Während dieſer kühnen Worte Forſter's hatte der Kur⸗ fürſt ſeine Bonbonniere wieder hervorgeholt, ſchüttelte etwas Zuckerwerk in die linke Hand und aus der Hand mit zu⸗ rückgelegtem Kopf in den laut einſchlürfenden Mund. Unter lebhaftem Kauen ſagte er dann: Sehr wahr! Sie wiſſen ja, was ich mit den Emſer Punktationen wider Rom gewollt habe. Ewigen Dank dafür! rief Forſter mit Wärme. Es wird wenigſtens ein unvergeßliches Vorbild bleiben. Da⸗ rum wollen wir nicht aufhören zu rufen: Freiheit! gren⸗ zenloſe Freiheit in Allem, was über das Sinnenweltliche hinausgeht! Jeder wähle ſich ſeinen Weg, ohne daß es auf ſeine politiſchen Verhältniſſe Einfluß habe. Jeder glaube ſo wenig oder ſo viel, als er kann; Jeder ſage frei und ohne Furcht, was er glaubt; Keiner erfreue ſich blos der Duldung, ſondern Jeder des anerkannten PW wi er orſter, n des kom⸗ Eure wei iſt es ninen n und Clend Kur elwas it zu⸗ Unter wiſſen Rom Du⸗ gren veltliche duß e Rder frei ſich e ue fanntel 59 Rechtes zu denken, wie und was ſein Weſen mit ſich bringt. Ob dieſe Aeußerung dem alten Herrn zu kühn oder nur zu laut geſprochen wart er wendete ſich ab und ſuchte die Gräfin wieder auf. Derweile hatte ſich eine ſehr verſchiedene Unterhaltung zwiſchen der Baroneſſe von Wallbrun und dem Kapitular von Stadion angeknüpft. Sie ward auch kaum durch die Bravour⸗Arie des Kaſtraten Ceccarelli unterbrochen. Man ſah es den heißen Wangen der Baroneſſe, ihrem unru— higen Blick und heftigen Spiel mit dem Fächer an, daß ſie dem treuloſen Freunde keinen Vorwurf erſparte. Cäcilie war eines jener leidenſchaftlichen Herzen, die einen ſehr engen Kreis von Theilnahme nur mit ihren eigenen Flam— men beleuchten, und ſelten ein Ding in ſeinem wahren Licht erblicken. In dieſer Empfindung, die den zurück⸗ getretenen Freund ohne weitere Frage für einen treuloſen nahm, ſchien ſie jetzt Manches vorzubringen, was dem geiſtreichen Manne, den es traf, keine Verantwortung entlocken konnte. Er ſaß mit gefalteten Händen, die rechte Wade auf das linke Knie gedrückt, neben ihr, und er widerte nur von Zeit zu Zeit in ſeiner lächelnden Weiſe: Ihr Kirſchenmund, reizende Cäcilie, beehrt mich mit har— ten Kernen! Dem weltklugen Prälaten ſchien übrigens die Gele⸗ genheit dieſes Abends erwünſcht, um die lebhaften Aeu— ßerungen der Freundin, die doch einmal vorgebracht ſein wollten, durch die Umgebungen dieſer Stunde in gewiſſen Schranken zu halten. Er war artig genug, alle Schuld auf ſich zu nehmen, um nicht durch den wahren Grund ſeines Zurückbleibens ein ſo empfindſames Herz aufs Neue zu verletzen. Die großen Angelegenheiten der Zeit, die geheimen Fragen um die öffentliche und um ſeine perſön liche Zukunft verleideten dem begabten Manne, ſeit er aus Wien zurück war, die in müßigen Tagen aufgeſuchten Tändeleien mit einer Freundin, an der er nur eine lei⸗ denſchaftliche Hingebung ohne Sinn für ſeine Ideen und Beſtrebungen gefunden hatte. Daher legte er ſich jetzt auch keine andern Rückſichten, als die einer ſchonenden Artigkeit auf. Die Zuneigung eines Prälaten, wie ſie damals ſehr gewöhnlich vorkam, übernimmt bei allen Anſprüchen des Herzens oder auch der Sinne doch keine dauernden Ver⸗ bindlichkeiten. Die dargereichte Hand, die um weibliche Gunſt und Liebe wirbt, iſt ja der Geliebten voraus als eine ſolche bekannt, die keinen Bund fürs Leben ſchließen darf. Eine ſolche Hand fodert nur immer die Fülle der Gegenwart, und wird gar leicht grauſam genug, um Verhältniſſe zu brechen, die gerade zu einiger Rechtferti⸗ gung der zarteſten Treue bedürften. So fühlte es auch das hierin echt weibliche Herz Cäciliens, das bei ſeiner völligen Hingebung an einen ſo bevorrechteten Herrſcher auf nichts gerechnet hatte, als auf die holde Fortdauer ſeiner zärtlichen Dienſtbarkeit. Es ſoll alſo zwiſchen uns, Herr von Stadion,— ſoll ganz— und für immer— Cäcilie fand das herzklopfende Wort nicht, oder hatte eine abergläubige Scheu, es auszuſprechen, bis an ihrem Fächer, den die zuckenden Hände heftig auf und zu ſpiel⸗ ten, der zarte Ueberzug zwiſchen zwei elfenbeinernen Ri nun und wol aus und nac tigt Bei erſ la O ſte 6i un Neue „die rſön raus Uchten lei⸗ und jett enden ſehr n des Ver⸗ ibliche 6 als ließen e der un tferti auch ſeiner rrſcher tdauet ſoll ihrem ſpi nernen Rippchen riß.— Gebrochen ſein, wie hier? ſagte ſie nun erſchrocken. Ja, ja, das iſt mir ein Wahrzeichen: der Fächer iſt Ihr Geſchenk, Herr Graf, und iſt zerriſſen und— wenn Sie es doch für ein Sinnbild nehmen wollen,— ich habe, ich will ihn zerriſſen haben! Dieſe letzten Worte, mit erwachendem Mädchenſtolz ausgeſprochen, fielen in eine kurze Pauſe der Inſtrumente, und wurden im weiten Saale vernommen. Alles blickte nach der Sprecherin um. Sie bemerkte es in ihrer Hef⸗ tigkeit kaum. Stadion aber ließ ſchnell das übergeſchlagene Bein auf den Boden gleiten, um weniger vertraulich zu erſcheinen, wobei er etwas gereizt ſagte: Warum nur ſo laut, meine liebenswürdige Baroneſſe, ſo heftig? Meine Ohren halten ja Reſidenz. Ich ſehe leider!— Sie ver⸗ ſtehen mich nicht mehr, und was ich Ihnen zur Kühlung darbot, erhitzt Sie. Er faßte dabei lächelnd nach dem lahmen Fächer. Cäcilie zog ihn zurück mit den Worten: Sagen Sie lieber, der Fächer brachte mir Ihren Wind, und iſt nun aus Mangel zu Grunde gegangen. Charmant! rief er. Der Zorn macht Sie geiſtreich! Nachdem mein Herz mich albern gemacht hat! erwi— derte ſie, und verſuchte, Alles vergeſſend, eine Bewegung aufzuſtehen. Stadion hielt ſie ſanft zurück— Sie ſind nicht in der Stimmung, ſagte er, mich zu verſtehen Sie leben in den reichen Augenblicken Ihres Herzens, Cäcilie, unbekümmert um die herannahende Zukunft, die uns Männer ganz einnimmt, Beſchlag auf unſere Gedan⸗ ken legt, und mich in den letzten Wochen ganz unfähig gemacht hat— 62 Jemand außer der Frau Forſter zu beſuchen, fiel Cäcilie, ſich und ihres Vorſatzes vergeſſend, lebhaft ein. Ich beſuche Herrn Forſter, erwiderte ruhig der Ka⸗ pitular. Wir machen Reiſen in die Südſee, und erfreuen uns an jenen glücklichen Inſulanern, die ohne Sorgen im Schatten ihrer Brotfruchtbäume liegen, und nicht durch Revolution, ſondern durch Gunſt ihres paradieſiſchen Kli⸗ ma— Sanscülotten ſind. Sie müßten Forſtern ken⸗ nen lernen, Baroneſſe: er iſt der Mann, der Sie auf andere Gedanken bringen könnte, wenn Einer— Hier fielen die letzten Akkorde des Finale. Frau von Coudenhove, die das entzweite Paar nicht aus dem Auge gelaſſen, kam herbei.— Ich hätte Ihnen beinahe Herrn Forſter zugeführt, liebe Cäcilie, ſagte ſie ſchalkhaft. Er hat ſich vorhin nach Ihnen erkundigt, und ſchien ganz ein⸗ genommen von Ihrer Erſcheinung. Geſchmeichelt von dieſer bloßen Finte der liſtigen Frau fragte Cäcilie nach ihm, mit einem unter Stadion's Augen übertriebenen Intereſſe. Der dort iſt es, ſagte die Gräfin, ſehen Sie, der Zweite links vom Spiegeltiſch. Eben ſpielt er mit den Fingern am Griffe ſeines Stahldegens. Sehen Sie? Er hat eine ſehr intereſſante Miene, bedeutende Ge⸗ ſichtszüge, bemerkte die Baroneſſe. Iſt er nicht ein wenig pockennarbig? Sie haben ein herrliches Auge, Baroneſſe! rief Sta⸗ dion. Und, nicht wahr, gnädige Gräfin, er hat viel Anſtand, viel ſicheres Benehmen für einen Bürgerlichen? Sehr! antwortete ſie. Aber er iſt auch eigentlich nicht bürgerlich. Ich habe ihn ſelbſt gefragt, ob er nicht mit kle fiel ein ra fteuen gen im durch n Kli⸗ n ken ie auf u von Auge Herrn nz ein Frau Augen ie, der lit den ie? de Ge n wenig f Sia⸗ bat vie lichen ſich nicht icht wi 63 der Familie verwandt ſei— wiſſen Sie? es war doch unter dem letzten Kurfürſten Emmerich Joſeph ein Hof— kanzler von Forſter in Mainz. Er ſagte nein; ſeine Familie ſtamme aus Schottland her. Wiſſen Sie, Cäcilie, dort gibt es Lords Foreſter. O, das ſieht man ihm auch auf den erſten Blick an. So'was ſteckt im Blut, und verliert ſich nicht leicht. Dabei finde ich ihn ſehr liebenswürdig. Und wenn er ſich für etwas intereſſirt oder lebhaft ſpricht, verſchönern ſich ſeine regelmäßigen Züge, und er gewinnt etwas erſtaunlich Einnehmendes. Die Thüren öffneten ſich zum Speiſeſaal; denn dieſe kleinen Abende wurden gewöhnlich bei feinen Schüſſeln an kleinen Tiſchen beſchloſſen. Der Kurfürſt ſah ſich nach der Gräfin um Sie eilte zu ihm. Stadion bot Cäcilien den Arm. Ja, ſagte er, Sie müſſen meinen Freund kennen lernen, liebe Baroneſſe! Freund! lachte ſie. Forſter, des Grafen Stadion Freund! Wahrhaftig, ſeine Frau muß ganz bezaubernd ſein, recht revolutionair bezaubernd! Charmant geſagt! rief Stadion ein wenig ungeduldig. Sie meinen einen Zauber, der den Unterſchied der Stände aufhebt? Wirklich, Baroneſſe, man muß Sie ein wenig ärgern: dann haben Sie Ihre köſtlichſten Einfälle! Wie man ſich an die Tiſchchen vertheilte, ſah ſich Forſter nach einem freien Platz um, da man ſich an jedem Tiſche, auf den er zuging, gegen ihn abſchloß. Herr von Forſter, rief Stadion, hier iſt noch ein Platz und eine artige Geſellſchaft für Sie. Und indem er dem Freunde die Baroneſſe nannte, ſetzte er hinzu: Eine der liebenswürdigen Mainzerinnen, 64 die meines lieben Freundes Werth zu ſchätzen weiß. Ge⸗ wiß, liebe Baroneſſe, fuhr er, den Umherſitzenden zu Gehör fort, das ſtellt den Adel nicht hoch, daß er ſich gegen die Niedern abſchließe; ſondern daß er ſich gegen vas Höhere öffne,— gegen Geiſt und Geſinnung, dieſe Palmenfrüchte, die nicht immer an unſern Stammbäumen wachſen. Nicht wahr, lieber Forſter? Sechstes Kapitel. In derſelben Woche fiel, nach dem mainzer Kalender, der Tag der heiligen Hildegard. Es war der Namens⸗ tag der frommen Frau eines untergeordneten Beamten, des Erasmus Lennig, Vicedomamts⸗Beiſitzers und Gefälle⸗ verweſers. An dieſem heiterſten Septembermorgen ging, von ihrem Manne begleitet, Frau Hildegard, im halb feſt⸗ täglichen Anzuge, zur Meſſe nach der Stephanskirche. Sie hatte eine ziemliche Strecke von der Umbach bis zu jener Bergkirche zu wandeln; ſie beging aber beſondere Feiertage am liebſten dort oben; vielleicht ſchon weil ihr das angreifende Steigen über den Ballplatz, durch die düſtere Stephansgaſſe und über den Stufenweg zur hohen Kirche hinauf für verdienſtlich galt. Die Luft, hier oben die„goldne“ genannt, ſäuſelte friſch in den Lindenbäu⸗ men auf dem ſtillen Plätzchen vor dem gewundenen Stu⸗ fenwege an der Mauer des Collegiatſtiftgartens Auch d wi Ge⸗ nzu ſich egen dieſe umen ender, nens des fülle ging, bfeſ kirche. is zu ondere il ihr ch die hoben oben ubin⸗ Su⸗ Auch 65 dieſe Stille und Schauer empfand Frau Lennig gern, ehe ſie die helle, ſchöne Kirche betrat, und an einem der aus Säulen zuſammengewachſenen Pfeiler niederkniete. Hinter ihrem Ausgange bereitete die Tochter Geſchenke und Glückwünſche vor, die der Zurückkehrenden zur Feier des Namenstages zugedacht waren. Vor der Meſſe durfte man ihr mit keiner ſolchen Zerſtreuung kommen. Die gute Stube, eine Treppe hoch, war ſchon in der Frühe heimlich mit Blumen ausgeſchmückt, Kanapee und Stühle der ſchützen den Ueberzüge entkleidet worden. Nun ward ein neuer, mit ſeidenen Blumen benähter Teppich auf den Tiſch ge breitet, kleine Schmuckſachen, als Spitzen und Bänder, aufgelegt, ein Marzipankuchen mit ſinnbildlicher Verzierung aus eingemachten Früchten in die Mitte geſtellt und einig⸗ Töpfe mit Levkoien, Goldlack und Federnelken in zwei Reihen daneben geſetzt. Dies Alles beſorgte die ſchöne Fides mit Beihülfe der alten Magd. Ein Tiſch an der Hinterwand nahm ſodann Kuchenwerk, Obſt, kalte Küche und volle Flaſchen auf, nebſt ungezählten Gläſern für unbeſtimmte Freunde, die an dieſem Morgen mit Glück wünſchen einzuſprechen pflegten, und auf gut Mainziſch mit einem tüchtigen Frühſtücke das Mittagseſſen todt ſchlugen. Zuletzt, als die Aeltern jeden Augenblick zurück⸗ kommen konnten, zündete Fides ein ſchwarzes Rauchkerz⸗ chen an, und ſetzte es auf die vorſpringende Ofenplatte. Ein feiner Duft durchzog das feſtliche Gemach. Fides warf ſich, froh und ängſtlich zugleich geſtimmt, in den ledernen Lehnſtuhl neben dem Ofen, und überſah lächelnd ihr Werk. Ein flüchtiger Schein von Mütterlichkeit drückte ſich in dieſer ruhenden Lage und lächelnden Befriedigung Koenig, Clubiſten in Mainz. 1 5 66 aus. Während deſſen kam Bärbel, die Magd, mit ſau⸗ berer Schürze und Sonntagsmütze herein, und bewunderte Alles. Ach! rief ſie, das ſieht doch juſtement aus wie ein Muttergottes⸗Altärchen! Bärbel war im Dienſte des Hauſes alt geworden und ward als Familienglied gehalten. Sie hatte Fides als Kind gewartet, die kleinen Unarten des lebhaften Mäd⸗ chens vor den Aeltern vertuſcht, und ſo auf gut bürgerlich der damaligen Zeit auch das erſte Vertrauen für die Ge⸗ heimniſſe des erwachenden jungfräulichen Herzens gefunden. Mit dieſer Weihe flüſterte ſie jetzt der ſchönen Fides zu: Eben hab' ich ihn geſehen, Mamſell! Das war er gewiß. Wie ich die Milch holte, ritt er nach dem Mün⸗ ſterthor. Sie beſchrieb den Anzug und das Ausſehen des jun⸗ gen Reiters. Fides war erſchrocken aufgeſtanden, als ob er ſich vor der Stubenthür regte. Ihr Herz klopfte heftig, obſchon ſie es in Zweifel zog, daß er es geweſen und daß er ſo früh ausreite. Auch habe er ſo nicht ausgeſehen, als er ihr damals an der Ecke der kleinen Langgaſſe begeg⸗ net ſei. Aber den Sonntag bei der Pirutſchade, Mamſell Fides? warf Bärbel ein. O da war er in Gala! verſetzte Fides. So macht er keinen Morgenritt. Geht denn ſo ein vornehmer Herr auch einen Tag wie den andern? rief die Magd ungeduldig. Schade, daß eben kein Bekanntes in der Nähe war, zu fragen: Iſt das nicht der Herr Baron von Wallbrun geweſen? ken he Ne mi V G N wi ſau⸗ nderte s wie uund 3 als Mid⸗ gerlich eGe⸗ nden. zu ar er Mün jun⸗ ch vor bſchon er ſo als begeg⸗ amſil macht n Tag e dß n R wiſ en ² Hm hm! Und hätte dabei gehuſtet, ſo zu ſagen: den kennen wir auch! Unterſtehe Sie ſich, Bärbel! rief Fides erſchrocken und heftig. Sie erröthete und ihre Augen flammten. Der Name darf nicht über Ihre Lippen kommen. Das hat Sie mir gelobt bei der heiligen Barbara, Ihrer Patronin. Will Sie mich ins Gerede bringen, und ſoll ich zum Geſpötte meiner Freundinnen werden? Welch' ehrbares Mädchen darf auf einen Herrn vom hohen Adel achten! Ach, Mamſell! verſetzte Bärbel wegwerfend. Was laufen nicht die adeligen Herren und die geiſtlichen Herren hier in die Häuſer der Beamten, und wahrhaftig nicht der Männer und der Väter wegen! Eben hörte man die Ankommenden auf der Stiege. Erasmus Lennig öffnete ſeiner Frau die Thüre, folgte ihr raſch und umarmte ſie mit einem herzlichen Glückwunſche. Dann trat die Tochter heran und küßte die Mutter, dann die Magd und knirte einen hergebrachten Spruch. Es gab eine Familienſcene bürgerlich heitrer Art,— ehrliche Glückwünſche, von der Empfängerin mit frommen Empfindungen aufgenommen. Dann wurden die ſchönen Sachen beſehen und belobt, bis die gerührte Frau ſich in den Sorgenſtuhl ſetzte und aus der„heiligen Meſſe“ berichtete, wer ſie geleſen, welche Bekannte da geweſen, was ſie von Kleidern angehabt und Neues gewußt hätten. Der guten Frau war während ihrer Andacht nichts um ſie her unbeachtet geblieben. Erasmus Lennig ging dabei lächelnd ab und zu,— ein ſtattlicher, wohl ausſehender Mann von friſchen Geſichtsfarben und feinen offenen Zü gen Seine Haltung und ſeine Art zu reden hatten etwas 8* ——— 68 Gemeſſenes, den Anſtand eines Mannes, der ſich bewußt iſt ein kurfürſtliches Amt zu bekleiden und ſeine adeligen Vorgeſetzten im Dienſte zu überſehen, gewohnt, mit ge⸗ ziemendem Reſpekte zu vollziehen, was er ihnen an die Hand gegeben. Die eifrige Frömmigkeit ſeiner Frau ließ er lächelnd gewähren und machte ſo viel auf anſtändige Weiſe mit, als ſich für den Angeſtellten eines geiſtlichen Fürſten ſchickt. Das katholiſche Kirchenjahr war ihm eine große, glänzende Gewohnheit, die ihm ohne Fragen und Forſchen ſo gut wie der Rheinſtrom und das fruchtbare Rheingebirge zum Leben in Mainz gehörte. Er ſchwärmte für Kaiſer Joſeph und deſſen Reformen, wie Andere für den alten Fritz und ſeine Kriegsthaten. Bei dem Weni⸗ gen, was Erasmus las, war Moſer ſein Mann, deſſen Schrift:„Herr und Diener“, er hoch hielt. Der Erſte, der glückwünſchend aber Allen unerwartet erſchien, war der geiſtliche Rath Garzweiler. Er ſprach ſalbungsvolle Worte, zu denen Erasmus lächelte und die begrüßte Frau verlegen knirte. Die Magd entfernte ſich, indem ſie der verlegenen Fides bedeutſam zublinzte. Fides verſtand den Wink, der ſie an ihr Begegniß mit dem Geiſtlichen und dem jungen Baron erinnern ſollte; aber auch an die beſchämenden Er⸗ mahnungen Garzweiler's gemahnte Ihr Herz empfand einen Widerwillen gegen dieſen einſt ſo verehrten Prieſter; ſie ſtahl ſich aus dem Zimmer und kehrte nicht eher zurück, bis andere Bekannte gekommen waren. Unter dieſen hielt ſie ſich am liebſten an Felir Blau, einen Freund ihres Vaters. Er war Kollegiatſtiftsherr und Profeſſor der Theologie;— ein ſanfter, freundlicher wußt ligen tge n die uließ indige lichen eine nund htbare irmte e für Weni⸗ deſſen wartel ſpruh nd die egenen k, de jungen en Er⸗ d einen et; ſi zrück Blau, ſtshen ndliche 69 Mann, ſchlank gewachſen, blaß, von edler Miene und glänzenden blauen Augen, Milde und Wohlwollen lächelnd; ein lichtbraunes Haar lockte ſich weich um den Nacken. Er trug ſich gewöhnlich weltlich, wie Garzweiler. Die ſonſtige Fröhlichkeit dieſes Morgens litt ein wenig unter dem Anſehn des kurfürſtlichen Beichtvaters. Man ſprach von den jüngſten Vorgängen in Paris und den Gefahren für Deutſchland.— Dieſe Gefahren, meinte Blau, ſind vielleicht nur unſer eignes Werk. Sehen wir nicht alle Handwerker in Mainz und beſonders in Koblenz vollauf in Arbeit für die Kriegsrüſtungen der Emigrir⸗ ten? In Pillnitz ſoll von den deutſchen Mächten die Er⸗ richtung von Emigranten-Corps beliebt worden ſein. Muß das die Franzoſen nicht reizen und uns ihre kriegeriſchen Angriffe auf den Hals ziehen? Warum laſſen wir die Revolution nicht in ihrem eigenen Topf auskochen, ſon⸗ dern rücken am Deckel bis ſie überläuft und uns die Hand verbrennt? Hiermit waren die Wenigſten einverſtanden. Sie wünſch⸗ ten vielmehr einen Kriegszug der deutſchen Fürſten gegen Frankreich, und beriefen ſich auf die jüngſten Handwerker— und Studenten-Unruhen, die ſie von dem böſen Beiſpiele der Franzoſen herleiteten. Oeſtreich und Preußen, mein— ten ſie, müßten ſchlechterdings einen Cordon, eine Wehrlinie gegen dieſe Peſt ziehen. Blau lächelte.— Ach, ſagte er, dieſe Philiſtereien rühren aus unſern eigenen mainzer Mißſtänden her. Wir müſſen, denke ich, die großen edeln Beſtrebungen, die uns Frankreich dermal offenbart, dies Wachsthum der Menſch— heit, doch ja von den Krämpfen unterſcheiden, von welchen 70 ſolche Lebensentwickelungen bei einem reizbaren Volke be gleitet zu ſein pflegen. Wir Deutſchen, gelaſſen wie wir ſind, entwickeln uns vielleicht ohne ſo heftige Bewegun gen. Großen Muthes bedürfen unſere Regierungen aller— dings nur nicht des Waffenmuthes, ſondern des Muthes weiſe zu ſein. Wir könnten gar wohl das Gute brau⸗ chen, das die Franzoſen wollen, ohne daß wir ihr Fieber durchzumachen hätten. Da geb' ich dir Recht, Freund! fiel Erasmus ein. Du weißt, was Moſer von der deutſchen Reichsverfaſſung ſagt, an deren Uhr erſt ſo viel Räder aufgezogen und Gewichte angehängt werden müßten, bis ſie in Bewegung kommen könne, und die dann doch immer einen halben Tag ſpäter gehe, als die übrigen in Europa. Nun, nun! lächelte Blau, wenn's nur der Moſer ge ſagt hat, dann—! Ja, dann iſt's auch richtig! Spotte nicht, Freund Felir! rief Erasmus warm. Wer kann mehr davon ſagen, als dieſer gelehrte, wohlverdiente Staatsmann, der durch Intriguen, Verläumdungen, Gewaltſtreiche ſo viel gelitten hat und nicht zu ſeinem Recht kommen konnte, obſchon der Reichshofrath das ganze heſſiſche Verfahren gegen ihn verworfen hatte. O armes Deutſchland! Ich fürchte nur für die Religion, wendete, des Streites ängſtlich, Frau Hildegard ein. Da haben ſie nun wieder am Hauſe neben dem Dalberger Hof auf dem Ballplatze das alte ehrwürdige Muttergottesbild aus der Eckniſche weggenommen, und eine Figur hineingeſetzt, die wahr ſcheinlich die jetzt ſo angebetete„Freiheit“ vorſtellt. Nicht wahr, Erasmus? ch gel B de „ V m ge und gen, urch tten hon ihn eites ieder laße iſhe hr icht 74 Verzeihung, liebe Frau Lennig! erklärte Blau. Es iſt das Standbild der Weltweisheit. Der jetzige Beſitzer ſchwärmt für den großen Kant und für deſſen Philoſophie. Das greift leider! in Mainz um ſich, eiferte der Stadt⸗ gerichtsſchreiber Lexa, einer der Hausfreunde, daß man die Bilder der Heiligen von den Häuſern nimmt, und dafür den Voltaire, Erebillon und dergleichen Freigeiſter einſetzt Das thut der Adel: nun kommen die Bürgerlichen gar mit dem Kant. Halten Sie den für noch ſchlimmer? fragte Garzweiler lächelnd. Ich hörte allerdings neulich die wunderliche Aeu ßerung, die Kantianer ſeien unſere deutſchen Jakobiner. Wie er dabei den Profeſſor Blau ſchalkhaft anlächelte, erwiderte dieſer: Nun ja doch! Wir haben auch eine Revolution, eine wiſſenſchaftliche, die uns kein Blut, aber viel Dinte koſten wird. Und wenn die Jakobiner ein Königthum innerhalb einer Conſtitution verlangen, ſo ſprechen die Kantianer von einer Religion innerhalb der Grenzen der Vernunft. Ich verſtehe mich nicht auf dieſe neue Weisheit, die jetzt ſo viel Aufſehen in Deutſchland macht, fuhr Garz weiler fort. Mein Beruf hindert mich an dieſen Studien. Aber ich habe das größte Vertrauen zu dieſen neuen, um wälzenden Gedanken, ſeit unſer wackere Blau ſelbſt die katholiſche Dogmatik nach kantiſchen Grundſätzen lehrt Aber weiß denn auch unſer gnädigſter Kurfürſt da von? Und was ſagt der dazu? fragte Lera, und Garz⸗ weiler antwortete ihm freundlich zunickend: Seine kurfürſtliche Gnaden haben manchmal Skrupel, — es iſt wahr! Aengſtliche Staatsmänner ſetzen ihm Be— —— 72 denken ins Ohr. Allein die Herren Profeſſoren haben eine gute Stütze an Sr. Excellenz, dem Kanzler Albini. Dieſer ſoll herzlich gelacht haben, als in der letzten Con⸗ ferenz der alte Miniſter Deel die Beſorgniß ausſprach, unſer Mainz ſei übel daran:— die Emigrirten zögen uns die Revolution über den Hals, und die proteſtantiſchen Profeſſoren ſchleppten ketzeriſche Grundſätze herein. Die heiteren Freunde, die unter ſo lebhaften Geſprä⸗ chen und Widerſprüchen doch der Gläſer und ſchmackhaften Biſſen nicht vergaßen, nahmen die Aeußerungen des geiſt⸗ lichen Rathes ziemlich unbefangen auf. Nur Fides blieb nicht gleichgiltig. Unter Einſchenken und Bedienen hielt ſie ein lauſchendes Ohr und Auge auf Garzweiler und ward immer mißtrauiſcher. Des Paters ſchalkhaftes Lächeln, ſein Ton und verſtohlenes Zunicken gegen die widerſpre⸗ chendſten Meinungen gefielen ihr nicht. Ihr Widerwille gegen den Mann nahm zu; ſie empfand eine kindiſche Angſt, ſo oft er ſich ihr näherte, und war ſo unartig, ſeine wiederholte belobende Anrede in der Geſchäftigkeit des Gläſerfüllens zu überhören. Endlich erreichte er ſie doch in einer Ecke des Zimmers mit der leiſen Frage, ob ſie den jungen Herrn gekannt habe, mit welchem er ihr jüngſt begegnet ſei. Ich achte vornehmer junger Herren nicht! antwortete ſie kurz. Das iſt wohl geſprochen! fuhr Garzweiler fort. Es war mir lieb, daß auch der junge Baron meine fromme Tochter nicht kannte. Er wollte durchaus wiſſen, wer Sie ſei, liebe Fides. Aber mir bangt immer, wenn zwei junge Herzen von ungleichem Stande ſich zu einander hin⸗ eine lbini Con⸗ rach, uns iſchen ſprä uften geiſ⸗ blieb hielt und cheln, ſpre wille diſche artig, it des doch b ſie üngſt ortele 6 mme Sie zwei hin gezogen fühlen. Die jetzige Zeit, die ſo verlockend Frei⸗ heit und Gleichheit predigt, iſt ſo verführeriſch für junge, edle Gemüther. Sie überreden ſich ſo gern, daß Geiſt und Herz einen Glücksſtand des Lebens erſchaffen könnten, erhaben über alle thörichten und ungerechten Standesun— terſchiede der Menſchen. Glücklich, wenn ſolche Seelen, deren ſchönen Traum man nicht verdammen mag, ſich lie— ber nicht kennen und finden! Bete Sie, mein Kind, daß der Himmel Sie demüthig bleiben laſſe, bei Ihren lieb— lichen Gaben und Vorzügen, deren oft die Töchter des Adels nicht gewürdigt ſind! Fides hörte ihm mit geſenkten Augen und ſanft er— glühenden Wangen zu. Garzweilers lächelnder Blick ruhte auf ihrer Stirne und Schläfe, als ob er die bezaubernden Träume belauſchen wollte, die in dieſem Engelskopf auf— ſtiegen. Dieſer Träume ſchien er gewiß; aber der Schreck befremdete ihn, womit Fides ſich raſch von ihm ab wendete. Er ahnete nicht, daß ihr grollendes, argwöh— niſches Herz urplötzlich von der Ahnung eines Verſuchers erſchüttert war, von der Vorſtellung eines böſen Feindes, der Garzweiler's ſchalkhafte Geſichtszüge trug. Apropos, Herr Erasmus Lennig! rief jetzt Garzweiler, indem er ſich den Männern wieder zuwendete. Sie müſſen wol den jungen Baron Wallbrun genauer kennen? War denn ſein Vater nicht Ihr Vorgeſetzter? Ja wohl, Herr geiſtlicher Rath! antwortete er, ein wenig angeglüht, und auf dieſe Erinnerung ſtolz. Der gnädige Herr war ja der Amtsvorfahr unſeres jetzigen Herrn Vicedoms von Bibra, ja, er war— darf ich wol ſagen— mein Freund. Denn als bürgerfreundlicher Herr ſteht er noch im beſten Andenken. Und da er manches Geſchäft gern zu Haus abmachte, kam ich täglich zu ihm. Ich mußte meine Pfeife mitbringen, und wir rauchten eine — abominable pipe, wie ſich ſeine Gemahlin ausdrückte. Dieſe Frau Baronin war ſchon ganz anders. Sie liebt zwar die Landwirthſchaft, aber als gnädige Gebieterin. Und wie ſie überhaupt etwas haushälteriſch iſt, ſo hob ſie auch damals den Adelſtolz, den ihr Gemahl leicht fallen ließ, ſorgfältig zu dem ihrigen auf, und bewirthete mich daher mit doppelten Portionen. Die Freunde lachten und nahmen der Gelegenheit wahr, auf das Wohlergehen der ökonomiſchen Frau Baronin zu trinken. Aber was wollten Sie von dem jungen Baron ſagen? fragte Erasmus. Ja doch! Was wollt' ich nur von ihm ſagen? lächelte Garzweiler. Jedenfalls iſt auch er ein bürgerfreundlicher junger Mann. Denn von Schreinern und Blaufärbern wird man nicht zum Ritter geſchlagen! Doch Spaß bei Seite! Der Baron Franz Karl iſt ein edler, liebenswür⸗ diger junger Herr. Von ſeiner Mutter hat er wenig, und ſcheint vielmehr der väterlichen Art nachzuſchlagen. Er liebt die ſchönen Wiſſenſchaften, iſt überhaupt für Schönheit, Anmuth und Liebenswürdigkeit empfänglicher, möchte ich ſagen, als für den Stolz auf ſeine ſtiftsfähige Abkunft. Der Himmel behüte ihn nur um ſo mehr vor dem revo— lutionairen Gelüſte der Gegenwart! Wäre es aber ſeinem Herzen beſtimmt, ein bürgerliches Glück zu finden: ſo könnten ihn äußerlich freilich die neuen Grundſätze der Zeit begünſtigen, die ja doch auf allgemeine Gleichheit der len ich hr, zu en? Menſchen ausgehen. Innerlich ſtimmt freilich die chriſtliche Liebe hiermit ganz überein. Von dieſer Seite kenne ich den Herrn Baron noch nicht, ſagte Erasmus. Ich habe ihn, ſeit er aus Göttin— gen zurück iſt, nicht geſehen. Auch ſcheint er ſich nicht mehr zu erinnern, daß ich ihn als Knaben gar manchmal auf meinem Knie habe reiten laſſen: Tripp, trapp, troll Der Reiter iſt gar voll! Und wie oft habe ich ihm aus grauem Aktenheftzwirn eine Schmitze an die Peitſche gedreht! Nun tritt er, wie ich höre, ins Amt? Iſt es wirklich an dem, Herr geiſt⸗ licher Rath? Ja wohl, der Kurfürſt hat ihn ins Kabinet genom⸗ men, antwortete Garzweiler. a wird er die Geſchäfte erſt vom höchſten Gipfel des Staates überhaupt kennen lernen, um dann zu einem beſondern Zweig überzugehen. Es iſt eine abſonderliche Gunſt Sr. hochfürſtlichen Gnaden, und ich hoffe, der junge Herr ſoll meiner Empfehlung Ehre machen. 8 So? Ihnen hat alſo der Herr Baron—2 Man glaubte, die Gräfin Coudenhove—2 Iſt ihm auch eine mächtige Gönnerin, ja wohl! ver— ſetzte Garzweiler. Hat mich auch in dieſer Angelegenheit ſehr unterſtützt. Ich, als bloßer Gewiſſensrath Sr. Durch laucht, miſche mich ſonſt nicht gern in weltliche Dinge. Der Kurfürſt betrachtet aber die Geſchäfte auch als Ge— wiſſensſache, und da galt es mir um einen jungen Mann von Ehre und Zuverläſſigkeit; indem er auf ſolchem Platze in die tiefſten Intentionen ſeines Fürſten 76 blickt, und die wichtigſten Papiere unter die Hände be⸗ kommt. Gewiß, Herr geiſtlicher Rath! rief Erasmus mit Nach⸗ druck. Beſonders in jetziger Zeit und— an unſerm mainzer Hofe. Wiſſen Sie, was Moſer von den deutſchen Höfen ſagt?„Der Hof, ſagt er, iſt der Sitz der Knechtſchaft und der Schmeichelei; es ſind nur wenig Haupt⸗ acteurs; dem Parterre geziemt Staunen, Stillſchweigen, ſtumme Verehrung. Man findet am Hof Leute, die drei Viertel Thier und ein Viertel Menſch ſind.“— Doch das will ich nicht von unſerm mainzer Hofe geſagt haben. Nein, nein! Aber trinken wir eins, meine lieben Freunde, auf die glückliche Laufbahn des Sohnes eines verſtorbenen mainzer Ehrenmannes! Daß der junge Baron vor den Gefahren des Leichtſinns und vor den Verſuchungen der Argliſt bewahrt bleiben möge! Man griff nach den Gläſern. Garzweiler wendete ſich zuerſt gegen Fides, reichte ihr ein Stengelglas, und ſtieß mit den Worten an: Gedenken wir eines ſo liebenswür⸗ digen Jünglings in unſerem täglichen Gebete! Wie die Gläſer zuſammenklangen, trat ein junger Mann in Schiffertracht haſtig herein.— Aha! rief er gleich, das gilt meiner lieben Tante; ergriff ein Glas, ſchenkte ſich ein, und trat feierlich vor die Frau Lennig mit den ſcharf reci⸗ tirten Worten: Ich hört' ein Glöcklein läuten, Wußt' nicht, was ſollt' bedeuten: Da ſah ich im Kolender nach, Es war Hildegardis Tag. Hildegard ſoll leben— N el i n t be Nach nſermn iſchen der aupt eigen, e drei h das aben. unde, benen rden n der t ſich 6wür Mann — — Er beſann ſich auf den weiteren Reim, und da er ihm nicht einfiel, rief er kurzweg: Hoch! warf mit der Linken ſeinen runden Hut gegen die Decke des Zimmers, fing ihn mit dem Kopf wieder auf, ohne das Glas zu verſchütten, und ſtieß mit Frau Hildegard an. Dann wiſchte er den Mund und küßte ſie auf die Wange.— Noch 50 Jahre wie heut! rief er. Ihr ſeid doch meine einzige Tante von der Mutter her. Wäre die nur heut auch dabei! Gott hab' ſie ſelig! Er ſtellte das leere Glas hin, fuhr mit dem Aermel über die hellen braunen Augen, die ſich hatten trüben wollen, und grüßte die Umſtehenden, indem er jedem be— ſonders die Hand reichte und zunickte: Guten Tag, lieber Oheim! guten Tag Bäschen! guten Tag Herr Profeſſor! und ſo der Reihe nach, worauf er eben ſo viele Guten Tag Jean Baptiſt! zurück bekam. Es war ein ſchlanker Menſch mit hübſchem gebräun ten Geſicht, ſchön geſchwungenem Kinn, einem Mund voll weißer Zähne und einem Kopf voll wirrer Locken. Ich dachte Euch gleich auch Adjes zu ſagen, lieber Onkel und Tante, fuhr er fort; aber eben hör' ich, wird nichts daraus. Ich ſollte mit einer hübſchen Spe— dition aus der Schweiz nach Holland gehen; nicht als Schiffer: ſo weit reicht ja unſer Schiffbisthum nicht; ſon⸗ dern als ſo was wie ein Commiſſionair. Nun, wie man Geld verdient, Onkel! Und ich möcht' mal ſo einen tüchtigen Fang thun. Es geht doch jetzt flau genug in unſerem goldnen Mainz. Ich will nicht ſagen beim Adel und der Geiſtlichkeit; auch die Profeſſoren ſind gut bezahlt und die Handwerksleut' verdienen wenigſtens im Augen⸗ 2 5 e * 78 blick durch die verfluchten Emigrirten ein Heidengeld aber was den Handel angeht, den Welthandel, damit iſt gar nichts! Unſere Kaufleute machen gute Marktgeſchäfte und was ſie Detail nennen, Hauslieferung für die reichen Fa⸗ milien und dergleichen. Die großen Geſchäfte macht aber Frankfurt. Wer ſteht ſich dabei ſchlecht? Vorab wir Schiffiſchen. So habt ihr Schiffer auch zu klagen, und zwar am herrlichſten deutſchen Strom? lächelte Blau. Iſt das nicht eine wunderliche Stimmung in Mainz? Das allgemeine Wohlleben ſcheint uns ſo ſauer zu werden, daß wir uns nur mit allgemeiner Unzufriedenheit zu helfen wiſſen. Je⸗ der hat's gut, und Jeder murrt. Ich ſelber mag mich nur nicht darauf beſinnen, wie gut ich geſtellt bin, ſonſt könnte mir gleich einfallen, daß mir auch noch ſo etwas fehle. Gewiß würde dir das einfallen, Freund! ſagte Eras⸗ mus mit einem ſchalkhaften Zug um den Mund. Gibt man dir nicht an mainzer und morſtädter Kollegiatſtifts⸗ Einkommen für eine ganze Familie, und— verbietet dir doch zu heirathen? Iſt das nicht ein entſetzlicher Wider⸗ ſpruch? Haſt du nicht allen Grund zu murren? Es gab ein ſchalkhaftes Lachen; worauf der Getroffene in ſeiner ſanften Weiſe mitlächelnd verſetzte: Es iſt mir lieb, daß ihr das einſeht, ihr wohldenkenden Freunde, und daß ihr mich auf einen Widerſpruch in meinem Leben aufmerkſam macht, der ſich am Ende doch auf menſchliche Weiſe wird löſen laſſen. Dennoch werde ich mir einige Mühe geben, mich unter all' den Unzufriedenen glücklich zu fühlen, blos um meinem Vornamen Felir keine Schande zu machen. da i ke aber gar und Fa aber wir am nicht neine uns Je er önnte le. Fras Gibt tifts⸗ et dir ider⸗ offene t mir unde, Leben lihe einige icklich kein 79 Man nahm den milden Humor heiter auf und trank auf das ſtille Glück liebreicher Herzen. Auch Garzweiler konnte ſich nicht entziehen mit anzuſtoßen, und erlaubte ſich dafür eine neckiſche oder vielmehr boshafte Anſpielung, die leicht hätte verſtimmen können. Man kannte nämlich Blau als Verfaſſer einer Schrift gegen die Unfehlbarkeit des Papſtes,— eines Buches, das durch ſeinen Inhalt und durch die Freiheit ſeines Erſcheinens gerade in Mainz großes Aufſehen gemacht hatte.— Ja wohl, äußerte Garzweiler, iſt dieſe allgemeine Unzufriedenheit eines ſo beglückten Völkchens ein ſeltſamer Zug des Zeitgeiſtes. Wie könnte aber auch die Menge an die Unfehlbarkeit des Glückes glauben, da man ihr die höchſte Unfehlbarkeit ver— dächtig zu machen ſucht, an der doch ihr geiſtiges Glück hangt. Da haben Sie ganz Recht, Herr geiſtlicher Rath! verſetzte Blau mit Ruhe. Das Volk muß ja endlich über⸗ zeugt werden, wie wenig zuverläſſig das iſt, was mit ſo viel Argliſt und Kunſtgriffen gemacht und aufrecht erhal— ten wird. Sing' uns ein muntres Lied, Fides! fiel Erasmus dazwiſchen. Etwas von unſerem Righini. Es geht mir nichts über den ſo natürlichen und doch kunſtreichen, kla⸗ ren und ſchön verflochtenen Geſang dieſes Meiſters. Fides, bisher in vertrautem Plaudern mit Jean Baptiſt, hob den Deckel des Klaviers. Jean Baptiſt empfahl ſich — Es thut mir nur leid, Bäschen, ſagte er, daß ich dir nun keinen reichen Holländer mitbringen kann, keinen recht ſchweren Kabeljau. Thut nichts, Jean Baptiſt, verſetzte Fides. Ich bin ſchon mit einem ſchmackhaften Rheinſalm zufrieden ⸗ 1 3 80 Haſt Recht, Fides! rief Jener. Du biſt doch einmal ein Mädel, über das Einer den Kopf verlieren kann; und wenn ein Kabeljau den Kopf verliert, weißt du? dann wird er ein Stockfiſch! Er ging raſch und lachend. Garzweiler empfahl ſich ebenfalls kurz, und rief auf der Treppe den muntern jun⸗ gen Schiffer an. Er gefällt mir, Jean Baptiſt, ſagte er ihm in der Hausthüre. Er hat ſo was Entſchloſſenes und Zuver⸗ läſſiges. Solche Leute hat man jetzt nöthig, beſonders wenn ſie auch verſchwiegen ſind. Beſuche Er mich doch morgen früh. Er klagt über mangelnden Verdienſt; viel— leicht kann ich Ihm Manches zuwenden, was für Ihn paßt. Es iſt ein Wort, Hochwürden! erklärte Jean Baptiſt. Befehlen Sie nur! Es muß aber der Mühe werth ſein. Ich gehe auf einen rechten Fang aus, Herr geiſtlicher Rath! Garzweiler klopfte ihm auf die Schulter und nickte ihm bedeutſam zu. Dann an die Küche tretend ſagte er ſchnell und leiſe zu Bärbel: Sie iſt, wie ich höre, eine treue, fromme Magd. So iſt's brav! Man hat mir eine Un⸗ terſtützungskaſſe für treue Dienſtboten anvertraut, ſolche beſonders, die ſich einen Pfennig für ihr gebrechliches Alter zurücklegen wollen: komme Sie zu mir; Sie ſcheint es zu verdienen. Bärbel, erſchrocken und verlegen, band ihre Küchen⸗ ſchürze auf und wieder feſt, ſuchte nach Worten, fand aber nur die dargereichte Hand des Geiſtlichen, die ſie küßte. Aber ſchweigen muß Sie! fuhr indeß Garzweiler mit 6 rin hei ko 3h 8¹ nnal dem Finger drohend fort. Die Herrſchaft könnte mein und Geſchenk übel nehmen, als fänd' ich Ihren Lohn zu ge⸗ dann ring. Verſteht Sie,— keine Sylbe! Wohlthaten wollen heimlich gehalten ſein ſich Bärbel weinte gerührt.— Sie verſäumt doch keine jn Frühmeſſe? fragte er ſtreng. Niemals! Eure Hochwürden! n der So iſt es recht! Sie kann nach einer ſolchen Meſſe uver⸗ kommen. Halte Sie ſich fromm und ehrlich, und es wird nders Ihr gut gehen! doch viel Ihn Siebentes Kapitel. 46 aptiſt 4 ſein iiche Garzweiler nahm ſeinen Weg durch die Stein- und Roſen⸗ ihn gaſſe nach dem ſogenannten Mitternachtsplatze. Hier, am ſhnl Eingange in das dumpfe Mitternachtsgäßchen, lag der 6 nu dienheimer Hof, ein freiadeliges Haus, dermal von einem eUm nainzer Domicellar, dem Herrn von Bettendorf, bewohnt. ſelhe Die Treppe des Hauſes war nicht, wie bei andern adeli— Aln gen Häuſern, von ausgelaſſener Dienerſchaft beſetzt, die in e keinen Vorübergehenden ungeneckt ließen; bettelhaftes Ge ſindel lagerte vor der verſchloſſenen Hausthüre, lachend und. ſchen lärmend, bis ſie den Pater herankommen ſahen, vor dem 3 dcbe ſie ſich mit kläglichen Mienen und Geberden verneigten.. t Ihr müßt noch warten! redete Garzweiler das Häuflein er mit Koenig, Clubiſten in Mainz. 1 6 mit ſtolzer Herablaſſung an, nicht aber ſo ſchreien und euch balgen, wie ihr thut. Bedenkt ihr nicht, daß ihr euern Wohlthäter ſtört, den frommen Herrn, der jetzt ſeine Morgenandacht hält und ſeine Horen betet! Auf drei Schläge mit dem gebogenen Klopfer hatte inzwiſchen ein alter Diener geöffnet, und Garzweiler trat ein. Hinter ihm ſetzte ſich die Ausgelaſſenheit des müßigen Völkchens fort. Sie ſpotteten über das, was der Geiſt liche geſagt hatte und über den Herrn von Bettendorf, den ſie nur den„einfältigen Bettendorf“ nannten. Was? rief ein Hinkender, der ſoll Morgenandacht halten? Der wär' ein frommer Herr! Ui, wie wird mir! Der iſt ja ſo dumm, daß ihn die Gänſe beißen! Inzwiſchen hatte Garzweiler die Auskunft des alten Dieners über den gnädigen Herrn vernommen und ſtürmte ſehr ungehalten die Treppe hinauf. Er eilte durch einige Zimmer, die ungeachtet der guten Mobilien ſeltſam zerſtört ausſahen. Alles ſtand geſchmacklos und unordentlich durch⸗ einander, von den Wänden abgerückt, als ob man im Ausziehen begriffen ſei. Der getäfelte Fußboden war nicht rein gehalten. Um die Kronleuchter hingen die ſchützen den Flöre grau und zerriſſen; Fetzen derſelben ſchienen in den Ecken der Zimmer zu haften; es waren aber Spinne⸗ weben. Die angemalten Wände ſahen hier und da wie von den Tatzen eines wilden Thiers zerſtoßen aus. Dies Alles war für Garzweiler ein gewohnter Anblick, deſſen er nicht achtete. Er durchſchritt die Zimmer mit ſtolzer Haſt. Endlich trat ihm ein bejahrter Kapuziner mit be ſorgter Miene und unterwürfigen Geberden entgegen Er liegt noch? fuhr Garzweiler den Mönch an. ihr jetzt hatte veiler figen eiſt⸗ den wacht mir! alten ürmte einige erſtört duch⸗ an im nicht ützen nen in pinne da wi deſſen ſtolzer nit be . 83 Der Kapuziner ſteckte mit bedauerndem Achſelzucken das blaugewürfelte Schnupftuch in den linken Aermel der Kutte, und kreuzte, wie zu einer Fürbitte, die Arme über der Bruſt. Guten Morgen, geiſtlicher Rath! Guten Morgen, Paterchen! rief eine männliche Stimme mit kindiſchem Ton aus dem offenen Schlafgemache.— Garzweiler trat auf die Schwelle.— Bleiben Sie draußen, bleiben Sie drau— ßen! ſchrie der Mann im Bette. Muß ich denn das Geſchöpf immer wieder auf ſeiner Streu finden! ſchalt Garzweiler mit zurückgehaltenem Zorn Was haben Sie mir geſtern ſo feierlich gelobt? Warum kommen Sie immer ſo früh, Räthchen! Erlauben Sie ſich dieſen Ton nicht, Herr von Betten— dorf! gebot Garzweiler. Ich bin nicht da, Späßchen und Kindereien mit Ihnen zu treiben. Gleich ſtehen Sie auf! Es geht auf Mittag. Sie ſollten um dieſe Zeit längſt eine tägliche Meſſe geleſen haben, ſtatt daß Sie daliegen und— Was hier für eine Luft iſt! Pater Ferrutius, öffnen Sie das Fenſter,— das Stallfenſter! Unterſteh' dich's nur, garſtiger Mönch! rief Vettendorf mit lächerlichem Ernſte. Es zieht an mich. Ich bin nicht wohl. Und was ſo riecht,— Sie thun mir Unrecht, Herr geiſtlicher Rath!— ich bin's nicht, der Kapuziner da iſt es. Schicken Sie ihn nur wieder in ſein Kloſter, nach Nothgottes! Was thut er hier, als eſſen und trin ken auf meine Koſten? Und einen Appetit führt er mit ſich, wie ein Guardian. Er ſoll mein Lector ſein? Ja doch, meine Teller leckt er ab. He, he, he! Bettendorf kicherte wie ein Kind über ſeinen Spaß 6* — Was er hier ſoll? fiel Garzweiler zürnend ein. Sie ſollen es gleich wahrnehmen. Sie ſtehen im Augenblick auf! Eins, zwei, drei—? Nein, nein, ich bin ja nicht wohl! Seien Sie doch vernünftig, Pater geiſtlicher Rath! Den Ochſenziemer, Pater Ferrutius! dort hängt er am Kleiderſchrank. Miserere Deus! ächzte der Kapuziner mit betend geho⸗ benen Händen. He, he, he! kicherte der Bedrohte, und zog die Decke über den Kopf. Garzweiler ſtürzte jähzornig ins Gemach. Die rechte Hand an Mund und Naſe drückend, riß er mit der linken die grünſeidne Eiderdunendecke vom Bett, warf ſie auf die Kommode, und reichte dem Kapuziner die lederne Peitſche mit dem Befehl, das„Faulthier“ von ſeinem Lager aufzutreiben Er ſelbſt verließ das Gemach, um die Scene nicht mit anzuſehen. Als es ſtill hinter ihm blieb, rief er: Wollen Sie hauen, Pater! Ich reiße dir den eſelsgrauen Bart aus, Ferruti,— verruchter Kapuziner! drohte Bettendorf und lachte da⸗ bei. Bei den erſten Hieben, die jetzt fielen, ſchalt Garz⸗ weiler: Sie hauen auf den Pfühl, Pater. Iſt das Ihr geiſtlicher Gehorſam? Miserere Deus! ſeufzte der Kapuziner und traf, dem Klange nach, auf den Rücken eines Menſchen. Dieſer ſprang ſchreiend und Hülfe rufend auf, und eine lange, wohlbeleibte Geſtalt kam, den Schlafrock in der Hand, aus dem Gemach und drückte ſich in die Ecke eines Schran⸗ tes. Der Flüchtling hatte ein regelmäßig und edel ge⸗ Sie blick doch am cho ecke ch mit vorf die von uch inter Ihr dem Mieſer ange, nd, wan⸗ formtes Geſicht, das eine gute Abkunft, aber im Aus⸗ druck eine große Geiſtesträgheit verrieth. Geſchwind den Schlafrock angezogen! rief Garzweiler, und wendete ſich, ſobald es mit Hülfe des Kapuziners ge⸗ ſchehen war, nach Bettendorf um, grüßte ihn mit Ehr— erbietung, und ſprach mit ruhiger Würde: Sie wollen ins Kapitel, Herr von Bettendorf? Das heißt, Sie wollen das geiſtige und leibliche Wohl des Landes berathen und bereiten helfen; Sie wollen zu den nächſten Beiſtänden unſeres gnädigſten Erzbiſchofs und Kur— fürſten, zu den tapferen Landſtänden und Vertretern des mainzer Volkes emporſteigen. Sie wollen das, Herr von Bettendorf, den man täglich von ſeinem Lager, aus ſei nem— Koben mit Schlägen auftreiben muß? Ich laufe für Sie umher, ich werbe Ihnen Gönner, ich verpfände meine Zuſagen dem Fürſten, dem Domdechanten, Allen, die Ihnen eine Stimme zu geben haben, und Sie fahren derweile in Ihren niedrigen Gewohnheiten fort und können nicht ſoviel Muth faſſen, nur den Schein eines geſitteten vernünftigen Weſens zu wahren? Nun, beſter geiſtlicher Rath, wie weit ſind wir denn? fragte Bettendorf ſehr vergnügt. Ich merke Ihnen an, beſter Freund, Sie haben mir was Angenehmes zu ſa— gen. He? Hier hab' ich endlich dem Kurfürſten etwas abgerun⸗ gen, ſagte Garzweiler, indem er eine zuſammengelegte Schrift hervorbrachte, hier iſt ein geſiegeltes Atteſtat, in welchem Se kurfürſtliche Gnaden Ihnen ſo viel Verſtand und gute Sitte zuerkennt, als Sie fürs Domkapitel nö⸗ thig haben. Doch in ſolchem Zuſtande kann ich nicht mit — S 86 Ihnen verhandeln, Herr von Bettendorf. Waſchen Sie ſich erſt, kleiden Sie ſich an. Ihr Bart iſt auch wieder eine halbe Woche lang. Ich verlange Sie im Haustalar zu ſehen, bevor ich dies Papier entfalten darf, in welchem Sie ſich ſo nicht ſpiegeln können. Pater Ferrutius, füh⸗ ren Sie ihn bei Seite! Sie ſtehen mir für ſeine Rein⸗ lichkeit, und brauchen den nöthigen Zuſpruch. Ich gehe vorher hinab, Ihre Almoſen auszutheilen, Herr von Betten⸗ vorf, damit Sie in der Stadt in beſſeren Geruch kom⸗ men, als Sie ſelbſt um ſich zu verbreiten wiſſen. Dann verhandeln wir wichtige Dinge. 1 Alſo hat der Kurfürſt doch nicht vergeſſen, daß ſeine Mutter eine von Bettendorf war? Aber ſagen Sie mir nur heraus, werd' ich Kapitular, beſter geiſtlicher Rath? Werd' ich's wirklich? Ich habe einige Hoffnung. Vorausgeſetzt, daß Sie ſtets zu ſtimmen verſprechen, wie man es Ihnen andeu⸗ ten wird. Vortrefflicher Freund! rief Bettendorf, indem er mit den Armen ſeinen Schlafrock zuſammenhaltend ſehr linkiſch die Hände rieb. Was Sie nicht Alles durchſetzen können! das Erſtaunlichſte! Hören Sie! Ich wollte, Sie wären unſer Domprobſt. Ich wünſcht' es Ihnen von Herzen⸗ Freilich, das können Sie nicht. Sie ſind nicht von Adel. Es iſt recht ſchade, ſo fähig wie Sie ſind! Sehr fähig, erſtaunlich fähig nur nicht ſtiftsfähig. Er ſchütterte vor Lachen über ſeinen witzigen Einfall, und zupfte hinter dem Rücken Garzweiler's, der mit ruhi⸗ gem Ernſte das Zimmer verließ, den ängſtlichen Kapuziner am langen grauen Barte. mit niſch men! vären erjen Adel fihig, nfall ruhi uzine 1 87 Im Erdgeſchoß öffnete Garzweiler mit eigenem Schlüſſel ein kleines Zimmer, nahm aus einem Pulte von Eichen holz einen ledernen Beutel mit Münze, und ſchritt leiſe an das offene Fenſter im Vorplatz des Hauſes. Durch den geſchlöſſenen Jalouſie-Laden beobachtete er ein Weilchen das luſtige Bettelvolk auf der Haustreppe. Dann öffnete er mit Geräuſch die Thüre, trat hinaus, und ſpendete ſeine Gaben mit Prunk unter frommen Ermahnungen.— Geht in die Elfuhrmeſſe, ſagte er, und betet für das Heil eures Wohlthäters! Der fromme Mann liegt ſeit Stun den oben in der Hauskapelle und fleht den Himmel um Erleuchtung an. Man will ihn ins Kapitel haben, und das ängſtigt ihn. Aber es wäre für Mainz ein großes Glück. Er iſt ein einfacher Mann von ſtillem Weſen. Betet, daß der gute gnädige Herr ſich noch dazu ent ſchließe! Die einzelnen Empfänger entfernten ſich mit einem demüthigen: Gelobt ſei Jeſus Chriſt! Eine Frau in ſchwarzer Saloppe und reinlicher Haube hatte ſich den Anderen immer vorgedrängt, war aber vom Pater ſtets übergangen worden, ſo daß ſie die Letzte blieb. Garzweiler rührte im Beutel, als ob er das rechte Geld nicht fände, und hieß dann die Frau mit ins Haus kom men. Hier im Zimmer, während er Münze zuſammenlas, fragte er gleichgültig, wer ſie ſei. O Sie kennen ja, Herr geiſtlicher Rath, die Witwe des Vicariats Kanzliſten Steiglehner, die arme Frau, der es ſo übel geht. So? Wird denn das Kartenſchlagen ſo ſchlecht be zahlt? fragte er. 88 Sie ſah ihn erſchrocken an, nicht ahnend, daß er die⸗ . ſen Umſtand eben am Fenſter aus den Stichelreden des 3 Bettelvolkes erlauſcht hatte. Ein flüchtiges Erröthen be⸗ 3 lebte die bleichen Züge eines feinen, ehemals ſchönen Ge⸗ ſichtes. Dann ſchlug ſie die Augen nieder. O ich weiß es, ich weiß gar Manches! fuhr Garz⸗ weiler fort. Ich ſehe Ihr an, daß Sie eines Gewerbes ſich ſchämt, das auf Betrug oder auf böſe Eingebungen gegründet iſt. Das gilt mir noch für ein gutes Zeichen. Unſere heilige Kirche verbietet ſolche Sünde mit der Strenge, mit welcher Zauberei, Hexerei und Bündniß mit dem bö⸗ ſen Feinde beſtraft werden. Sie muß das einſtellen, Frau Steiglehner, ſonſt bin ich genöthigt, das geiſtliche Gericht gegen Sie aufzubieten. Die Zeiten ſind gar zu klemm, Herr geiſtlicher Rath, verſetzte das Weib mit ziemlicher Entſchloſſenheit. Wir ſind an Manches gewöhnt; es ging uns einſt gut, ſo lange der Herr geiſtliche Rath Pattberg— Sie ſchwieg, verlegen lächelnd. Garzweiler that nicht, als ob er es bemerke. War Pattberg ein Freund Ihres Mannes? fragte er ruhig. Ja wohl, bis er als geiſtlicher Commiſſarius nach dem Eichsfeld ging, war er unſer Gönner und Unterſtützer. Das war eine ſchöne Zeit für uns. So was vergißt ſich ſchwer und gewöhnt ſich noch ſchwerer ab. Und nun wir in Noth ſind, wer gibt uns etwas, wenn ich nichts auf irgend eine Art verdiene? Sie ſagt, uns: lebt Sie nicht für ſich allein? Mit meiner Tochter. Die muß noch jung ſein? die⸗ Sie iſt jetzt— warten Sie!— Pattberg iſt von hier des weg— nein, ich will ſagen, ſie iſt 23 Jahre alt. he⸗ Und was treibt ſie? Gr Feine Nähtereien, Herr geiſtlicher Rath, und beſorgt die feine Wäſche für Se. Gnaden den Herrn Domſänger von Hoheneck. r⸗ cbes Für den alten Herrn? ngen Ja, er iſt ein guter gnädiger Herr, lächelte die Frau. icen Da müßt ihr doch leben können! verſetzte Garzweiler, 6 nge, da fehlt es euch ja nicht an Verdienſt. Eine kleine Pen 65 ſion hat Sie auch. Aber ich weiß ſchon, wie das geht: Ftun das heimliche Wiſſen und Weiſſagen iſt ſehr verführeriſch.. ericht Der Gewinn iſt es nicht allein. Sie lächelt? Aber Sie ſollte nicht lächeln: das Gewerbe wird nur um ſo ver— ſnth dammlicher. Und ich, von Sr. kurfürſtlichen Gnaden be 6 Pir ſtellter Rath, darf dergleichen Verderbniß und Verführung 3 1eſt nicht dulden. Das iſt die uralte Schlange des Hochmuths, die um den Baum der Erkenntniß züngelt. Sie muß mir uht. jetzt geloben— Doch, ich weiß ſchon: ein Anderes iſt 6 prs geloben, ein Anderes befolgen. Warte Sie! Mir kommt 7 6 eben ein guter Gedanke. Man muß das Böſe dem Guten dn dienſtbar machen. Sie hat ohne Zweifel eine gewiſſe Ge ſitn ſchicklichkeit und Fertigkeit in dem verdammlichen Karten⸗ ſ6 ſchlagen erworben. Ich könnte dieſer Geſchicklichkeit viel nit leicht eine große, würdige Beſtimmung geben, wobei Sie Firf vergangenes Unrecht abbüßen und zugleich ſich das ſündige. Gewerbe ſelbſt allmälig abgewöhnen würde. Es ſteht uns leider! eine arge Zeit bevor. Menſchen, auf den Umſturz der Religion und der Staaten bedacht, ſchleichen im Dun kel. Vielleicht hat Sie ſelbſt ſchon Manches wahrgenom men. Solchem Treiben kann man nur im Dunkel bei⸗ kommen; wie denn, nach der Bibel, böſe Geiſter nur mit Hülfe Beelzebubs auszutreiben ſind. Zu ſolchem guten Werke kann Sie mir beiſtehen. Die Schlechtgeſinnten ſind auch abergläubig, wie die Guten gläubig. Kann Sie Stillſchweigen beobachten? O, Herr geiſtlicher Rath—! Dieſen halblauten Ausruf der Betheuerung begleitete das Weib mit geheimnißvollen Mienen, ſchwörenden Ge⸗ berden und einem wegwerfenden Lächeln, das ſprechend ausdrückte: was hab' ich nicht ſchon Alles geheim gehal⸗ ten! Dabei ſprühten die großen dunkeln Augen; die ſchmale Naſe blähte ſich; die mageren Hände zuckten wunderlich in der Luft: es war, als ob ein Dämon aus ihr in Zeichen ſpräche, die allen Worten vorauseilten. Ich ſehe ſchon, ſagte Garzweiler mit großem Ernſte, daß Sie Verſtand genug beſitzt, die Nothwendigkeit des tiefſten Schweigens einzuſehen, wenn Sie es mit mir zu thun hat. Sie weiß, was ich vermag. Das Weib machte abermals ihre betheuernden Geſten; worauf Garzweiler leiſe fortfuhr: Ihre Karten müſſen meinen Eingebungen dienen. Sie erhält von mir Winke über gewiſſe Perſonen, die zu Ihr kommen, und was Sie denſelben zu weiſſagen hat. Ver⸗ ſteht Sie mich, und verſteht Sie ſich dazu? Das überſpannte Weib ſtürzte auf die Knie und küßte des Geiſtlichen rechten Fuß. Garzweiler ließ ſie eine Weile liegen, mit ſegnend gehobener Hand auf ſie herabblickend, als ob er ſie zu ſeinem Dienſte bannen wollte— Wo wohnt Sie? fragte er dann bei⸗ mit uten ſind Su itete Ge hend hal lale chen nſte, zu ſten; 94 Am Heringsbrunnen, war die Antwort. Das iſt zu entfernt für meinen Zweck, erklärte Garz⸗ weiler. Sie muß dort ausziehen. Da unten um die Ecke des Mitternachtgäßchens ſuche Sie eine Wohnung. Biete Sie Jemand aus, wenn keine leer iſt. Das läßt ſich machen— auf meine Koſten. Jene Höſchen ſtoßen an den Garten dieſes Hauſes; da läßt ſich leichter verkehren. Ich bin täglich zu beſtimmter Stunde hier. So werden durch Wohnungswechſel auch Ihre bisherigen Kunden weg⸗ gewöhnt. Denn Ihr ſündhaftes Gewerbe muß ſich nach und nach in meinen guten Zwecken auflöſen, bis wohin es mir auch gelingen wird, Ihr andere Unterſtützungen zuzuwenden, ſo daß Sie einem ruhigen und chriſtlichen Alter entgegenſehen kann. Unter dieſen letzten Reden ſuchte Garzweiler noch eini⸗ ges Geld zuſammen, reichte es der Frau, und entließ ſie mit der Weiſung, ſobald ſie eine Wohnung gefunden, wieder zu kommen, um das Weitere zu vernehmen. Er öffnete ihr ſelbſt die Hausthüre, und fragte den alten Bedienten, ob keine Anmeldungen geſchehen ſeien. Der Diener der Leſegeſellſchaft warte, war die Antwort. Der Pater nickte und trat in das Zimmer zurück Achtes Kapitel. Ein wunderlich ausſehendes Männchen kam herein,— in guten Kleidern, denen man es aber anſah, daß ſie ihm nicht angemeſſen, ſondern von verſchiedenen Gönnern ge⸗ ſchenkt worden. Mit ſtark tapirten und gepuderten Ohr⸗ locken und einem übermäßigen Haarbeutel ſchien die ver— kümmerte Geſtalt dem ſchlotternden Anzuge imponiren zu wollen. Die tiefe, hohle Stimme war dem Manne na⸗ türlich; die Art und Weiſe aber mit vollem Mund und Wortſchwall zu reden, ſchien angenommen, man hätte glau⸗ ben ſollen— um ſich über dem Abgrund ſeiner Kleider zu halten, wie man ſich mit luftgefüllten Blaſen über dem Waſſer hält. Dabei bewegten ſich die hohlen Backen eines zahnarmen Mundes beim Sprechen wie zwei thätige Ven⸗ tile. Die Naſe und die ſtarken Backenknochen hatten etwas Kupfer und über denſelben funkelten zwei unruhige kleine Augen. Bei ſo unſtätem Blicke fiel die ſteife Haltung des mageren Körpers noch mehr auf. Der Gang war etwas ſchwankend; ſtehend aber nahm das Männchen eine thea⸗ traliſche Haltung an; indem es den linken Arm in die Seite geſtemmt, den rechten Fuß vorſtreckte, auf dem eine viel zu große ſilberne Schnalle ſchütterte. Heut wollen wir uns kurz faſſen, Makowitzki, redete Garzweiler den Eintretenden an. Kurz? verſetzte mit heftig zurückgeworfenem Kopf der ic — in ihm 19e Ohr ver zu na⸗ und lau eider dem eines Ven was leine des twas thea⸗ 1 die eine 93 Mann. Wohl! Ich werde mich bemühen kurz und dun kel zu ſein. Kurz und klar iſt mehr Kunſt, lieber Makowitzki. Nicht capabel, Herr geiſtlicher Rath! betheuerte er. Es widerſtrebt meinen angeborenen Gaben. Alle Profeſſoren ſagen mir, daß ich für die beſchreibende Poeſie geſchaffen bin. Kleiſt's„Frühling“, die„Tageszeiten“ von— Ja kobi, wenn ich nicht irre— voila! mir wie aus der Seele geſchöpft. Und was iſt vorgefallen? Hat Er Bemerkenswerthes? Erſtaunliches, wahrhaft Verbrecheriſches, Herr geiſt— licher Rath. Nun? Rede Er, Makowitzki! Ich ſaß alſo wieder— Sie kennen ja noch, Herr geiſtlicher Rath, die Localität der Leſegeſellſchaft im Lotto haus auf dem Höfchen? Beſchränken wir uns heut auf die Vorfallenheiten, fiel Garzweiler lächelnd ein. Die Umſtände beſchreibe Er mir dann nächſtens. Aber vergeſſe Er nichts! Nun? Hat man wieder den Moniteur vom Tiſch herab geleſen? der franzöſiſchen Revolution Lobreden gehalten? den Jako binern Lebehoch gebracht? Gegen die Lebehoch will ich nichts ſagen, erklärte mit lächerlichen Geſichtsverzerrungen das Männchen. Ich bin dabei betheiligt, und ich will nicht ungerecht thun, wie mir's neulich beim Stadtgericht von Seiten des Herrn Richters Razen widerfahren iſt. Wahr iſt es: es geht jetzt viel Wein in dieſer Richtung durch die halbrepublikaniſchen Gurgeln vieler Leſegeſellſchaftsmitglieder; aber ich beziehe Pfropfengeld vom Geſellſchaftswein. Voila! Ich bin Partei 94⁴ Auch mag ein Billigdenkender anerkennen, was die Fran⸗ zoſen Gutes bezwecken. Der Herr Profeſſor Blau ſagte letzt ſehr wahr: Von Paris kommen modiſche Putz⸗ ſachen, aber auch freie Inſtitutionen,— die Fran⸗ zoſen dienen alſo in jeder Bedeutung und Hinſicht— dem Staat. Die Franzoſen haben uns bisher bequeme Seſſel geliefert und machen nun bequeme Geſetze. Geben Sie nicht zu, Herr geiſtlicher Rath, daß das ſehr gut iſt? Denn ſehen Sie, unſer deutſches Recht ſitzt gar zu übel, abſonderlich auf den zwei Bänken des mainzer Hofgerichts. Auf der Gelehrtenbank ſitzt das Recht auf zu viel Federn und der Adelsbank fehlt's an Roßhaaren, weil man dort lauter Kuhſchwänze anbringt. Schweig' Er, Makowitzki! gebot Garzweiler finſter. Den Gedanken hat Er nicht aus ſich ſelbſt, ſondern er ſchmeckt ganz und gar nach dem tollen Profeſſor Hofmann. Komme Er nun endlich auf Seine Beobachtungen! Wir müſſen uns heut kurz faſſen. Gut! Befehlen, Herr geiſtlicher Rath! Wo ſtanden wir denn? Bei der franzöſiſchen Revolution! Richtig! Nun, ſagte ich, mögen auch die Franzoſen Gutes wollen, ſo ſollten ſie es doch nicht errevolutioniren. Die ehema⸗ ligen Jeſuiten machten es ſo, daß ſie durch ſchlechte Mittel — Gut, gut! Ich reſpectire Ihren zürnenden Blick, Herr geiſtlicher Rath. Aber auf der Leſegeſellſchaft wird aller Reſpekt mit Füßen getreten. Hören Sie, man hat dort fürchterlich über den Kurfürſten geſchimpft. Nicht auch über den Hofkanzler Albini? fragte Garzweiler. Hofkanzler?— Nein, den rühmen ſie vielmehr, be⸗ ſonders die von der Univerſität. Fran⸗ ſagte Putz Fran dem Seſſel n Sie ut iſt? übe, erichts edern dort finſtet ern e mann. Wir ſtanden ſichtig vollen, chema Nittl Hen d aller t dort weiler be 95 Ich wollte, ſie ſchimpften auf dieſen, ſagte der Geiſt liche vor ſich hin. Es wäre beſſer, das heißt, es würde eher wirken.— Nun, Makowitzki, und—? Uund—2 Was, Herr geiſtlicher Rath? Meinen Sie — zum Beiſpiel? Voilal Ich habe mir da einen Zettel angelegt, nach Ihrem Rathe. ½ Makowitzki zog ein Blatt Papier aus der Rocktaſche, 33 eine Brille aus der Weſtentaſche und las: Von wegen des Kurfürſten:—„er ruinirt das Land; er will den großen Herrn ſpielen und ſich zum Beſchützer des Königs und Adels von Frankreich aufwerfen; er häuft als Erzkanzler des Reichs Schulden, ſtatt als Kurfürſt ſeinen elenden Unterthanen im Speſſart und Eichsfeld auf⸗ zuhelfen; er hat aus lauter Eitelkeit ſeine Soldaten gen Lüttich geſchickt, um ein von einem ſchlechten Fürſtbiſchof 1 gedrücktes Volk, deſſen Sache ſo gerecht iſt, in Sklaverei 6 zurück zu bringen.“ 6 Apropos! unterbrach ſich das Männchen,— wiſſen Sie ſchon, daß morgen unſere Truppen aus dem lütticher Land zurückkommen, und ein Luſtlager unter der Rhein Allee beziehen? Stadtkundige Sache! murrte Garzweiler ungeduldig. Bleibe Er doch bei meinen Fragen! Und wer ſind dermal die loſeſten Mäuler auf der Leſegeſellſchaft? 3 Abſonderlich Profeſſor Joſeph Hofmann. Dieſer ſagt — fuhr Makowitzki zu leſen fort: „Der Kurfürſt hat nicht nur eine halbe Million Er⸗ ſparniß des ſeligen Emmerich Joſeph durchgebracht, ſondern auch Güter verkauft, Gemeindegelder verſplittert, die jähr lichen Landesrevenuen verpraßt und noch eine halbe Million 96 Schulden gemacht. Davon iſt aber kein Heller für wohl⸗ thätige Anſtalten oder wegen Kriegs und Unglücksfälle, ſondern Alles für eine übertriebene Hofhaltung mit lieder⸗ lichem Anhang und an Günſtlinge verſchwendet worden.“ Sie können ſich denken, Herr geiſtlicher Rath, wen er dabei genannt und wie er ſich über den„liederlichen An⸗ hang“ ausgedrückt hat, ſetzte Makowitzki mit pfiffiger Miene hinzu. Das läßt ſich nicht zu Papier bringen. Er ſtreckte ſich auf den Zehen, um dem ſtattlichen Pater etwas ins Ohr zu flüſtern, was er mit mißbilli⸗ genden Grimaſſen begleitete. Alſo Hofmann—? Und die übrigen Läſtermäuler? fragte der Geiſtliche. Das ſind hauptſächlich, außer dieſem Profeſſor Hof— mann, die Profeſſoren Metternich und Blau,— doch die⸗ ſer drückt ſich ſchon mehr ſanft und freundlich aus,— der Doctor Wedekind und— Auch Forſter—? Forſter iſt ſelten da, wenn es am wildeſten zugeht. Er kommt in ſtilleren Stunden und lieſt die Zeitungen und Zeitſchriften, den Moniteur, die Straßburger- und die Reichspoſtamts-Zeitung, das frankfurter Riſtretto, die berliner Monatsſchrift, das göttinger Magazin, das neue deutſche Muſeum, die allgemeine Literaturzeitung u ſ. w. Sie wiſſen ja, was ich Ihnen Abends bringe Aber dann kommen noch viele Beamte dazu; am Ende raiſonnirt Alles, und beim Applaudiren fehlt gar Keiner. Weiß Er was, Makowitzki? Lege Er mir eine Liſte über Diejenigen an, die ſich nicht ſowol über die Revo⸗ lution, als über unſere mainzer Angelegenheiten auslaſſen. 97 vohl⸗ Und— noch Eins! Bringe Er die Schwätzer doch ein fil, mal auf Albini. Sieht Er, man muß ſich vorſehen, und der⸗ die Leute, die in Tagen der Noth gefährlich werden könn⸗ ten, voraus kennen. So gebe ich Ihm Gelgenheit, Ma ner kowitzki, ſich um Kirche und Staat verdient zu machen. An⸗ Geb' Er einmal Acht, ob nicht dieſe proteſtantiſchen Pro— figer feſſoren die heimlichen Anlocker und Verführer ſind. Er. wird das mit Seinem Scharfſinn gewiß finden, wenn Er ichen nur will. Der Proteſtantismus iſt ſchon ſeiner Geburt 16 bill⸗ nach eine Empörung,— ein Losreißen von Rom, un⸗ ſerem heiligen Mittelpunkt. Er ſelbſt, Makowitzki, ver⸗ 3 ler? ſäumt doch hoffentlich die Meſſe und Beichte nicht? Ich bin noch altkurfürſtlich, Herr geiſtlicher Rath! Hof verſetzte mit komiſcher Betheuerungsgeberde das Männchen. it Wiſſen Sie, was altkurfürſtlich heißt? Ich habe noch den Kurfürſten die Abendbetſtunden und Prozeſſionen mitma— chen ſehen. Da fuhr die vornehme Welt in die Kirchen; da fand man noch in den adeligen Häuſern Kruzifire von Elfenbein und ſilberne Weihwaſſerkeſſelchen an den Stuben— geht. — thüren. Das war eine erbauliche, gottesfürchtige Zeit, und Eure Hochwürden! Aber heutiges Tags? Jetzt ſieht man die auf koſtbare Möbel aus Paris, ſchafft heidniſche Göttin⸗ nue nen von Alabaſter oder doch von Gyps an und hält ſich gute Freundinnen, die ſich nicht ſo kalt und rauh anfüh— un len, wie Gyps; ſingt luſtige franzöſiſche Lieder, und lieſt 3 lles, den gottloſen Voltaire, kurz, man macht es, wie der Hof 6 Das nenne ich neukurfürſtlich. Aber ich— 3 aiſt Makowitzki! rief Garzweiler mit zürnender Verwun⸗ z. u derung aus. Er ſoll auf die Reden der Gottloſen wachen ſn und erlaubt ſich ſelbſt—2 n 1 Koenig, Clubiſten in Mainz. l. 7 Makowitzki ſchlug ſich mit der Fauſt vor die Stirne und rannte, wie unſinnig, hin und her, indem er mit weinerlichem Ton klagte: O Herr Pater, ich ſchlechter Menſch— ich! Sehen Sie, was das anſteckt, wenn man tagtäglich unter ſolchen Leuten iſt, wenn man ihre Gott⸗ loſigkeit einathmet. Ich ſchimpfe eigentlich nicht, Hoch⸗ würden; bei Gott nicht! Es iſt nicht mein eigentliches Ich: es iſt vielmehr fremdes Schimpfen und geht nur ſo durch mich hindurch; denn meine fromme Natur verträgt es nicht, ſondern gibt es gleich wieder von ſich. Abſol⸗ viren Sie mich! Ich habe vollkommene Reu' und Leid! Er ſchlug ein Kreuz und mit der Fauſt dreimal auf die Bruſt, wobei er das rechte Knie bog. Geh' Er jetzt, Makowitzki! ſagte Garzweiler mit un— willigem Ernſt, und zur Buße betet er morgen früh drei Roſenkränze vor dem Altar des heiligen Ignatius in der Jeſuitenkirche— in der Univerſitätskirche, wie ſie jetzt heißt. Gelob' Er mir das! Makowitzki reichte raſch ſeine rechte Hand, zog aber zugleich mit der linken ein Papier aus der Taſche. Garz— weiler fragte, was er noch habe. Mein Gelöbniß, lächelte Jener, erinnert mich an Ihr gütiges Verſprechen. Sie wollen nach und nach meine Schulden geneigteſt— Hier hab' ich eine Rechnung, die mich ſehr drückt. Schon wieder etwas? Und dieſe große Rechnung da? bemerkte der Geiſtliche, indem er nach dem zuſammengefal⸗ teten Papier reichte. Sie haben Recht, Herr geiſtlicher Rath! rief Mako⸗ witzki, geſchäftig ſein Papier entfaltend. Und indem er aber Gatz n Ihr meine g, die das unbeſchriebene Stückchen unmittelbar unter der gezo⸗ genen Summe umbog, den Falz an der Lippe netzte und abriß, ſagte er: Ich vergaß eben, daß ich mich heut kurz faſſen muß. Sehen Sie, ſo iſt auch die Rechnung kür⸗ zer! Mich treu gehorſamſt zu empfehlen! Bis Garzweiler einen Blick in die Rechnung gethan hatte, war Makowitzki rücklings aus dem Zimmer ent— ſchlüpft. Garzweiler blickte nachdenklich auf, ſchüttelte zwei⸗ felhaft den Kopf, und ſagte ärgerlich vor ſich hin: Iſt der Burſche ein Narr oder iſt er ein Schalk? Schlechtes, ſchmuziges Pack! Pfui! daß man es anrühren muß! Neuntes Kapitel. Di Rückkehr der mainzer Truppen aus den Riederlanden brachte neues Leben in die Stadt, oder zog vielmehr alles Leben nach jener Seite von Mainz, wo ein Luſtlager auf— geſteckt war,— vor dem Raimundithor, am Ende der Kur⸗Allee. So hieß damals die ſchöne Allee am Rhein; weil man hier zur Frühlingszeit den Brunnen zu trinken pflegte,— lohnſteiner Waſſer, rheingauer Stahlquelle oder weilh acher Schwefelbrunnen. Jetzt war die neue Anlage mehyr, als ſelbſt zur Kurzeit beſucht. Die Bürgerlichen dpängten ſich um den Tanzſaal im Vaurhallgarten; für wen Adel ſtand auf dem Rundplatze, den vier Reihen Pappelbäume bildeten, ein Carvuſſel zu ſpielender Erinne— 100 rung an alte ritterliche Uebungen. Hier fanden auch Da⸗ men am Pfeilwerfen nach Türkenköpfen, am Schießen, Ringelſtechen u. dgl. Unterhaltung und Spaß. Im Vaur⸗ hall wurde gewalzt, gezecht. Der Wirth hatte für dieſe e bedeckte Sitze aufgeſchlagen, damit auch die Bürger— einen Aufenthalt wie unter Zelten haben möchten. Jugend war eine Schaukel zwiſchen zwei hohen nehängt. Vaurhall und dem Rondel hatte man den Blick Lager und auf das luſtige Treiben darin. Daß die vor ihrem Einzug in die Stadt eine Woche lager: war urſprünglich ein vergnügungs⸗ ſüchtiger Einfar äfin Coudenhove, den aber der Kurfürſt lebhaft er zu einer politiſchen Bedeutung, zu einer kriegeriſchen tion belebte, da der alte Herr mit ſeinem preuße bündeten ſo gern von einem Feldzuge gegen Fran umte. Das heiterſte Septemberwetter begünſtigte d. Spiel. In Mitte des Lagers ſtand„ Zelt für den beſuchenden Hof. Die große Fah. m mainzer Wappen wehte über dem runden, 1 1 Dache. Stühle, Tiſche, gepolſterte Bänke waren kurfürſt⸗ lichen Luſtſchlößchen auf der Petersau an da. geſchifft und ins Zelt gebracht worden. Vormittags, r wenn die adeligen Offiziere nach dem Reſidenzſchloſſe des Fürſten zur Tafel geladen waren, wurden auch Bürgerliche im La⸗ ger zugelaſſen. Bauern und Bäuerinnen drängten(ſich heran, und brachten ihren aus der Hofküche bewirthete'n Söhnen Schwarzbrot und Handkäſe mit, an denen di⸗ jauchzenden Burſche die liebe Heimath wieder anbiſſen!s ⸗ eßen, Jaur⸗ dieſe rger chten hohen nden darin. eine ngs⸗ der tung, alte von terſte den ginzer ache fürſt⸗ ſchift wenn ürſten nLa⸗ z ſih el* di' ſſen 104 Dabei ſchwuren Manche mit einem derben Schlag auf ihres Vaters Schulter, es müſſe bald wieder ins Feld gehen. Andere aber flüſterten der unter Thränen lachenden Mutter ins Ohr: Ich geh' nicht mehr mit, Mutter! Nachmittags war der Eintritt nur Adeligen geſtattet. Es gehörte zum guten Ton, alle Tage ins Lager zu fah— ren; denn der Kurfürſt ſah es gern und nahm es als Einſicht in ſeine Politik und als Eifer für ſeine kriegeri⸗ ſchen Abſichten auf. Heut gaben die adeligen Offiziere ein — wie ſie es nannten— Dejeuner dinatoire. Für die bürgerliche Einwohnerſchaft, die nichts ſo ſehr anſtaunte, als Hoffeſte, und zugleich über nichts lieber loszog, als über adelige Luſtbarkeiten, war dies, wie ſich der mainzer Pöbel ausdrückt— ein„Allerweltskohl“ Man aß ja ſchon um elf Uhr zu Mittag und gegen zwölf war daher Alles auf den Beinen. Die lange Allee wogte von Men⸗ ſchen. Der Nebel war ſpät geſunken, und hatte den ſtau⸗ bigen Boden angefeuchtet. Nur an den ſchönen Berg⸗ gipfeln hinter Bieberich walleten noch einzelne Nebelflöre und verzogen ſich in die waldigen Thäler und in die duf— tige Ferne des Rheingaues. Der meergrüne Strom ſchim— merte; ein blauer Himmel glänzte über den weißen Zelten; die Fahnen und Wimpel des Lagers flatterten vom leb⸗ haften Oſtwinde. Der Fluß war mit Booten bedeckt, die vom andern Ufer abholten oder Schauluſtige aufgenommen hatten. Bald kamen von der Stadt die zahlreichen Equipagen vorüber. Alle Dienerſchaft in Gala. Die Fußgänger rie⸗ fen einander die Namen der Domherren, der Miniſter, der fremden Geſandten und der höheren Beamten zu, die eben heranfuhren. Alles machte dann Front; die Männer ver⸗ neigten tief ihre entblößten Köpfe, die Bürgerfrauen ſtie— ßen dreimal ihre kurzen Röcke auf den Boden. Hintennach theilte Einer oder der Andere eine luſtige Bemerkung mit, die allgemein belacht wurde. Dies wunderliche, widerſprechende Benehmen der guten Bürger war noch nicht gar alt in Mainz. Seit langen Zeiten lebte der Gewerbsmann, der Zunftbürger und Klein⸗ händler im gewohnten Gefühle ſeiner Nichtigkeit unter dem privilegirten und hochmüthigen Adel. Sein Rock und ſein Recht traten ſelbſt hinter die Hoflivree unter dem Hof⸗ marſchallsgerichte zurück. Es fehlte nicht an wohlhaben den Leuten unter dieſen Krämern und Profeſſioniſten; aber auch ſolche mußten ſich begnügen, gemächlicher als Andere zu leben und des Rheinweins, der rheingauer Luft und Sonne froh zu werden, ohne jedoch irgend etwas von Selbſtgefühl und Bürgerſtolz blicken zu laſſen. Nun regte ſich ſeit Kurzem unter den revolutionairen Stoßwinden aus Paris ein neues Bewußtſein, ein friſcher Muth, der von einzelnen hellſehenden, geiſtig gebildeten Männern aus dem Kreiſe der ſog. Emmerizianer angefacht und unterhalten wurde. Man fing an, ſich der alten Unter⸗ würfigkeit, der Selbſterniedrigung unter brutale Livreen zu ſchämen. Man ſtreckte ſich an den neuen Gedanken der bürgerlichen Freiheit und Gleichheit. Aber noch knickte von langer Gewohnheit der Rücken vor jedem gepuderten Toupet, vor jedem Degen und bunten Rockkragen; der Fuß ſcharrte vor jedem Wagen und Schilderhaus. So lagen die alten Geberden und die neuen Gedanken mit ein⸗ ander im Zwiſt, und man entſchädigte ſich für die muth⸗ r ver ſtie ennach g nit, guten langen Klein et dem nd ſein Hof⸗ haben aber Andere ft und 6 von ongiren frſſcher bildeten gefacht Unter⸗ reen zu ken der knickte uderten en; 103 loſen Gewohnheiten durch verwegene Worte, durch Spott und Späße. So machte jetzt hinter dem Wagen des Oberſthofmei— ſters von Erthal her der Hoftapezirer Nörpel die eigen⸗ thümliche Bewegung nach, mit welcher der Vorübergefah⸗ rene die Bürgerlichen zu grüßen pflegte; indem er nämlich niemals den friſirten Kopf neigte, ſondern nur die bu⸗ ſchigen Augenbrauen zweimal ſtark auf⸗ und niederzog. Die geſchmackvollſte Equipage, die vorüberrollte, war die des Domſängers von Hoheneck, eines ältlichen Prälaten, der ſehr freundlich grüßte. Man bewunderte die brauſen⸗ den ukrainiſchen Pferde an ſeinem Wagen. Schade! rief der Hoftapezirer, daß der Graf von Sickingen nicht mehr da iſt. Der war doch der wahre Maitre de Plaiſir an unſerem Hofe. Was wir von ge⸗ ſchmackvollen Livreen, Wagen und Pferden in Mainz has ben, iſt doch erſt durch ihn aufgekommen. Keiner verſtand ſich ſo auf Möbel, Tapeten und Verzierungswerk. Der hätt' einmal ſo ein Lagerfrühſtückchen arrangiren ſollen, ſo ein geſchmackvolles Dinatoirchen! Wo iſt er nur hingekommen? fragte man. Ei nun, der Kurfürſt hat ihn abgeſchafft, verſetzte Nörpel. Als Miniſter war doch nichts mit ihm anzufan⸗ gen. In Staatsgeſchäften war er wie„geflappt mit der Pelzkappe“ Eben fuhr die Gräfin Coudenhove vorüber. Neben ihr ſaß der Düe de la Force; den Rückſitz hatte der Herr von Montleveau eingenommen.— Wieder zwei neue ver⸗ trackte Franzoſen! rief der Zimmermann Riedel. Wie viel Geſchock Emigrirter haben wir nur jetzt in Mainz! Hoch — 104⁴ müthiges und ſchlechtes Volk, anmaßlich und voll Lieder— lichkeit. Nun ja, ſie laſſen jetzt Manches arbeiten, ſo lang' es dauert: aber wieviele werden auch wieder bei Hof ge⸗ füttert? Und welches Verdienſt haben ſie, daß man ſie ſo vorzieht? Nun ja, ſie haben ihr Vaterland verlaſſen, als die Noth an den Mann ging. Und nun hört ſich unſer Kurfürſt doch lieber„cher Papa“ von dem Geſindel nen nen, als von uns„gnädiger Landesvater“. Ich denke, wir Bürgerlichen ſollen auch noch unſere Franzoſen bekommen, bemerkte eine noch rüſtige Witwe. Es geht ja doch in jetziger Zeit Alles auf Gleichheit hinaus. Gott behüt' uns Alle vor den Franzoſen und unſere Kinder vor den Blattern! rief ſchalkhaft lachend der Hof⸗ tapezirer. Der auf der Rückſeite war ein hübſcher, ſtattlicher Mann! erinnerte dieſelbe Witwe; worauf der Tapezirer mit der Miene des Wiſſenden verſetzte: Das iſt ein gewiſſer Herr von Montleveau. Was? ſchrie die Frau, war das der Musſt Voulez⸗ Vous, von dem man ſo viel ſpricht, auf den die Cou⸗ denhove ein Auge haben ſoll? Ei, das glaub' ich! Je nun, Frau Acciſorin Klinſing, ſcherzte der Tape⸗ zirer, Sie hat ja auch frühzeitig Ihren guten Mann ver⸗ loren, und muß am beſten wiſſen, wie's einer jungen Witwe zu Muth iſt. Das will ich meinen, war die Antwort. Die Jahre thun auch etwas; der Musje Voulez⸗Vous wird ein Vier⸗ ziger ſein, und der Kurfürſt iſt ſiebenzig. Noch keckere Scherze folgten, bis ein Kanonenſchuß aus jeder⸗ lang f ge an ſie laſſen, unſet nen unſete itwe ichheit unſere tlicher et mit wiſſer oulez Cou⸗ Tape⸗ ver ungen Ja hre Vier⸗ aus 105 dem Lager Schweigen gebot. Alles blieb ſtehen und blickte rückwärts. Der Hoflaufer Jakob Guck in rother Livree mit einem Stab trabte mit kurzen Schritten vorüber. Nach einer Weile folgte eine Schaar der Leibgarde zu Pferd unter Anführung des General⸗Feldmarſchall⸗ Lieutenants von Pfirdt als Chef⸗Kapitains.— Sechs Hermelinpferde mit ſilberbeſchlagenem Riemenzeug und Quaſten auf den Köpfen zogen die vergoldete ſchwere Staatskutſche, in wel⸗ cher der Kurfürſt mit runder Perrücke, in ſchwarzem welt⸗ lichen Kleid mit Stern ſaß, Kutſcher und Lakaien in Roth. Eine Reiterſchaar derſelben Leibgarde, vom Staabs⸗ kapitain Freiherrn von Redwitz geführt, beſchloß den Zug. Schuß auf Schuß fiel im Lager. Die Volksmenge drängte ſich hinter dem Zug an der Einfahrt zuſammen. Im Lager ging es feierlich zu. Die Muſik ſpielte rauſchende Märſche, die Trommeln wirbelten, von Zeit zu Zeit fiel ein Kanonenſchuß. Das erhöhte Zelt des Kur⸗ fürſten ſtand in Mitte aufgezogener kleiner Zelte für Die⸗ jenigen, die durch ihren zweiten Rang und ihre Anzahl von der f des Fürſten ausgeſchloſſen waren. Eine Compagnie war als Ehrenwacht aufgezogen. Die ande⸗ ren Truppen kochten und wirthſchafteten, um das Lager⸗ leben zu veranſchaulichen; nur daß ſie es heut in Gala thaten Geſchniegelt und gewichſt, vom wollenen Zopf⸗ band und den gepuderten Ohrlocken bis zur breiten Ka⸗ maſchenzunge auf den Stumpfſchuhen, hielten ſich Alle puppenartig ſteif, im damaligen Styl der Reichsarmee. Man bewegte ſich im Dienſt und führte die Waffen mit langſamen theatraliſchen Handgriffen. Die Waffenführung und das Reichstags⸗Ceremoniel waren nach gleichem Ge— 106 ſchmack gebildet. Der Hauptmann der Ehrenwacht, ein Bürgerlicher, blieb im Dienſte zurück, während ſeine bei— den Lieutenants als Adelige auf ein gegebenes Zeichen austraten und ihre Plätze an einem der kleinen Zelttiſche einnahmen. Der Kurfürſt erſchien ungemein munter und geſprächig. Man unterhielt ſich, der zahlreich eingeladenen Emigrirten wegen, in franzöſiſcher Sprache. Der Kurfürſt lobte das Ausſehen und die vortreffliche Haltung der Truppen— Die Offiziere, ſagte er ſcherzhaft zur Herzogin von Grand⸗ mont und zu dem Marquis dAutichamp, unſere Herren Wirthe, haben heut keine verdeckte Schüſſel, wie es ſonſt gebräuchlich iſt, aber eine offene, die Schüſſel ihrer tapfe— ren Leiſtungen, die für unſere lieben franzöſiſchen Gäſte mit einer Hoffnungsſauce angerichtet iſt. Und, Monſeigneur, antwortete der Marquis, wenn eine ſolche verdeckte Schüſſel käme, ich wette, es wären keine Krebſe darin. Schön geſagt, Herr Marquis, verſetzte Frgu von Cou⸗ denhove Unſere Truppen ſind immer gegangen. Lieber General Hatzfeld, rief der Kurfürſt ſeinem Ge⸗ nerale zu, einem Bruder der Gräfin Coudenhove. Sie haben Ihren erſten ruhmvollen Feldzug gemacht. Ich danke Ihnen für die Bürgſchaften, die Sie unſerer mainzer Zu⸗ kunft gegeben haben. Und nun laſſe ich Alle leben, die bei Bilſen und Haſſelt ſo tapfer gefochten haben. Unſere Helden hoch!* Wie das Geſchütz ausgedonnert hatte, erhielt Graf Hatzfeld die Erlaubniß, den Dank des Heeres auszuſpre— ht, ein ne bei Zeichen zeltiſche prichig. ligrirten bte das pen— Grand⸗ Hetren 5 ſonſt topfe n Giſt wenn wären Cou em Ge danke ſer Zu⸗ en, die Unſere Gunf zuſpre 107 chen.— Wir kehren von einem Vorſpiel großer Thaten zurück, ſagte er franzöſiſch,— von einer Vorübung der deutſchen Waffen. Wir ſehen nun geprüft und entflammt dem Augenblick entgegen, wo es gelte, dieſe Jakobiner zu vernichten, wenn nicht etwa das warnende Unglück der lütticher Patrioten den jakobiniſchen Freiheitſchwindel er⸗ blaſſen macht. Mögen dieſe Lorbeern, die wir an den reizenden Ufern des Wesdre errungen, dem König und dem Adel Frankreichs zu gut kommen! Die weiſe und muthige Politik unſeres erlauchten Fürſten, von unſeren Bajonetten getragen, wird die alte Ordnung Frankreichs wieder herſtellen und ihr neue Stützen geben. Der Kurfürſt nickte vergnügt, unter lebhaftem Kauen und das ſpöttiſche Lächeln der Franzoſen nicht bemerkend. Jubel und Rührung vermiſchten ſich an den reich beſetzten Tafeln; denn einige ältere Damen ließen es bei ſo ſtolzen Reden auch nicht an Thränen fehlen. Die hohen Anſprüche dieſer ahnenreichen Familien traten, wie mittelſt eines neuen Firniſſes, auf ihrem dunkelnden Hintergrunde wieder deut⸗ lich hervdt. Die Erwartungen waren berauſchend; alle Beſorgniſſe verſchwanden, und die Gefahren, die eine ver⸗ hängnißvolle Zeit ausſpielte, wurden von kühnen Redens⸗ arten einer fremden Sprache übertrumpft. Stolze Worte, wilde Wirbel der Trommeln, Kanonenſchläge, die keinen Widverſpruch feindlicher Batterien erfuhren, zerſtreuten, wie es ſchien, all das ſchwer und ſchwarz laſtende Gewölk der Zukunft. Unter dem beſten Taumel erhob ſich der Kurfürſt und verließ mit ſeinem nächſten Gefolge das Lager. Die Zu⸗ rückbleibenden wurden jetzt lauter und lärmender, bis man gegen Abend das Carouſſel beſuchte, wo ſich nach und nach Damen aus der Stadt eingefunden hatten.— Hier herrſchte, wie in der höheren Geſellſchaft überhaupt, der damalige Ton geſuchter Aufmerkſamkeit und gezierter Ga⸗ lanterie, mit dem man leichtfertige Verhältniſſe verdeckte oder die lockere Geſinnung im Zügel hielt. Der freie Umgang, der zwiſchen den ſtillen Wänden des Hauſes nicht blöde war, tändelte öffentlich mit ſpöttiſchen Verſen Voltaire's, mit muthwilligen Reimen Grecourt's, die man mit graziöſer Handbewegung und zierlich geſetztem Fuß wie ernſte, ſchwärmeriſche Empfindungen vortrug Vom Vaurhall her vernahm man luſtige Muſik, und einzelne Herren, jüngere und ältere, vom Wein angeregt, ſtahlen ſich vom Carouſſel hinweg, um drüben die bür⸗ gerlichen Mainzerinnen zu lorgnettiren und ſich mehr Frei⸗ heiten zu geſtatten. Auch Herr von Montleveau, der die Gräfin mit dem Düc allein hatte zurückfahren laſſen, nahm dieſen Weg. Er faßte den Baron Franz Karl un⸗ term Arm, der eben mit dem heimlichen Räthſel, ob viel⸗ leicht die ſchöne Fides, die unbekannte Erſcheinul, drüben zu finden ſei, die Geſellſchaft verließ.— Es gibt reizende Mädchen in Mainz, ſagte Montleveau. Ich weiß nicht, wie Sie davon denken, Herr Baron; aber ein naives Bürgermädchen hat für mich etwas Pikantes. Ich gehe in der That auf eine angenehme Bekanntſchaft aus. Sie? Ein Mann, der ſo viel Glück bei unſeren erſten Damen macht? Pah! erwiderte Montleveau. Franzöſiſche Copien von großen Anſprüchen. Ich ſtudire das Deutſche. Dieſe Bür⸗ germädchen haben Originalität und Friſche, und verlangen ch und Hier t, der Ga erdeckte r freie Hauſes Verſen e man uß wie und geregt, bür⸗ Frri⸗ er die laſſen, l un⸗ viel⸗ rüben zende nicht, naives gehe erſten 1von Bür ngen ₰ „ 109 keine Dienſtbarkeit. Dieſe Mainzerinnen, hübſch wie ſie ſind, verbinden franzöſiſche Lebhaftigkeit mit deutſcher Treu⸗ herzigkeit. Aber iſt es wahr, Baron, ſind die Bürger in Mainz uns Emigrirten wirklich ſo abgeneigt? Wir ſetzen ſie doch in Arbeit. Verſtimmt über den Franzoſen antwortete Franz Karl: Wenigſtens hat das brutale Benehmen einzelner Emi⸗ grirten eine große Verſtimmung gegen Alle hervorgerufen. Sie können vorſichtig ſein, Herr von Montleveau, damit bei der Wahl Ihrer Studien Ihr Geſchmack nicht mit dem Geſchmack unſerer Schiffleute und Handwerker in Wider⸗ ſpruch komme. Der Emigrant äußerte ſich wegwerfend, eingenommen, wie es ſchien, von ſeiner Liebenswürdigkeit und ſeinem Muthe Sie hatten den Garten betreten und ſtießen im fröhlichen Treiben des Volkes auf einen ſtattlichen Mann, der den Baron mit ehrerbietigem Gruß anredete Ei ſieh' da, mein lieber Herr Lennig! rief Franz Karl, und blieb, um ſich von dem Franzoſen los zu machen, ſtehen. Sie kennen mich noch, Herr Baron? Sehr gnädig—! Ich habe Sie freilich ſeit Jahren nicht geſehen, ſeit mein Vater todt iſt und früher ſchon, als ich auf der Ritter⸗Akademie ſtudirte und wenig zu Hauſe war. Frü her waren Sie oft beim Vater. Der hochſelige Herr Baron waren mir immer unge— mein gnädig, verſetzte Lennig. Ich war ſo glücklich, in Vielem mit den Meinungen und dem Geſchmack Ihres Herrn Vaters übereinzuſtimmen, und das ließ der humane Herr Vicedom für einige Ausgleichung des Standesunter— ſchiedes gelten. Wir plauderten bei manchem Glaſe Wein— —— Mein Gott, Sie waren ja auch bei ihm; als meinen armen Vater der unglückliche Schlaganfall— Ja wohl, Herr Baron! Ich fing den ſtarken Mann mit den Armen auf, als er in lebhafter Mittheilung plötzlich ſchweigend, mit ſtarrem Blick aus dem Lehnſtuhle ſich aufrich⸗ tete und beim zweiten Schritt ins Zimmer zuſammenbrach. Es ſind ſchon über drei Jahre her, erwiderte mit be— kämpfter Rührung der junge Baron,— ich war eben abweſend. Anno 87 war's, Herr Baron, bei der Wahl unſeres Herrn Coadjutors von Dalberg. Ihr Herr Vater war eben von Hofe gekommen, vom großen Feſtmahle,— ich hatte ihn im Geſchäft nothwendig zu ſprechen— Es iſt mir immer noch ein quälender Gedanke, daß ich einiger⸗ maßen Anlaß gab—. Der gnädige Herr war ſo vergnügt über jenen glücklichen mainzer Tag, daß er durchaus noch ein Glas Wein mit mir trinken wollte, weil er wußte, wieviel Freude auch mir jene Wahl machte. Er befahl 83er. Der Wein war noch jung und ſehr heiß. Ich hätte es durchaus ablehnen ſollen: aber— wer konnte denken—! Es war ein entſetzlicher Tag für uns! erwiderte Franz Karl, indem er mit drei Fingern Lennig's Hand drückte. Uns fiel das ſchwere Opfer eines unvergeßlichen Feſtes zu. Wir verloren das Haupt der Familie an dem Tage, der für Mainz und für Deutſchland die ſchönſte Zukunft be⸗ gründete. Beide ſchwiegen einen Augenblick, in Erinnerungen verſunken, über die eine fröhliche Muſik und ein luſtiges Getöſe hinbrauſten. Endlich ſagte Lennig: menen Mann plötlich aftich⸗ nenbrach mit be⸗ ar eben unſeres ter war — ich E iſt einiget⸗ uergnügt us noch wußte, r befahl rkonnte te Fran wrickte eftts zu⸗ ugt, der unft be⸗ erungen luſtiges 114 Ich glaubte eben Ihres Herrn Vaters Stimme zu hö⸗ ren, als Sie das Wort„Deutſchland“ ausſprachen. Wie oft haben wir über Deutſchland politiſirt, auch ſchon in einer Zeit, da man in Mainz nur Luſt und Leichtſinn kannte. Denn hier politiſirt man ja erſt ſeit dem Aus⸗ bruche der franzöſiſchen Revolution. Wie oft beklagten wir, der Herr Vicedom und meine Wenigkeit, unſer einſt ſo herrliches, jetzt ſo zerriſſenes, von hundertköpfiger Will⸗ für und Selbſtſucht zerriſſenes Vaterland! Ja doch! dieſelben Worte meines Vaters! lächelte Franz Karl. Wie ich mich erinnere, ereiferte er ſich auch gern gegen Preußen. Er war noch nicht klar über den vor fünf Jahren geſtifteten Fürſtenbund. Jetzt würde er beſſer einſehen, von welcher Bedeutung jener Bund für Deutſch⸗ land iſt, den unſer Kurfürſt in ſeiner politiſchen Weisheit durch ſeinen Beitritt mächtig verſtärkt hat. Ich weiß nicht, erwiderte Lennig mit beſcheidenem Wi⸗ derſpruche, ob Ihr Herr Vater ſelig ſich darüber freuen würde, den Sohn auf der entgegengeſetzten Seite ſtehen zu ſehen. Wie oft beklagten wir, daß unſer ſchönes Mainz in zwei einander entgegenarbeitende Parteien getheilt iſt. Wir hielten es mit den Anſichten, die der volksfreund⸗ liche Kurfürſt Emmerich Joſeph befolgte. Es waren die Grundſätze des edeln Kaiſers Joſeph, dieſes katholiſchen Reformators,— die aufgeklärten Beſtrebungen der ſo verfolgten Illuminaten. O, Sie wiſſen nicht, Herr Ba⸗ ron, wie ſehr die Jeſuiten dem guten Emmerich Joſeph abhold waren und ihm entgegenarbeiteten, ſeit er zur Auf⸗ klärung des Landes die vortrefflichen Volksſchulen einrich⸗ tete Als er auf ſehr bedenkliche Weiſe ſtarb, waren zwar die Jeſuiten eben aufgehoben worden; aber ihr heimlicher Anhang blieb immer noch wirkſam genug, und unſer jetzige Kurfürſt mußte bekanntlich, um gewählt zu werden, vor Allem die guten Volksſchulen opfern. Seitdem haben wir die Spaltung und den heimlichen Kampf zwiſchen den Emmerizianern und den Jeſuitiſchen. Dieſe Letzteren haben ſich zum Theil an Preußen angeſchloſſen, und das eben iſt recht jeſuitiſch, da ſie ein ihnen doch im Stillen verhaßtes Mittel zu ihrem Zwecke brauchen. Doch— ich ſehe, Sie werden ungeduldig, Herr Baron. Auch iſt es ſehr Un recht von mir, daß ich uns den herrlichen Blick über Strom und Gebirge und dieſen Lebenswein von Luſt und Geſang umher durch Politik verderbe. Sie ſind ein ehrlicher, aufrichtiger Mann, Herr Ver⸗ walter, und haben viel Zutrauen zu mir! verſetzte Franz Karl empfindlich. Doch ſeinen Ton ſchnell bereuend, fragte er, zum Gehen gewendet: Haben Sie Kinder, lieber Herr Lennig? Eine Tochter, Eure Gnaden! antwortete Erasmus Schon erwachſen? Ja, Ah! hören Sie die ſchöne Melodie aus König Arur? Hiermit grüßte der Baron höflich und ſchlenderte ins Gedränge Lennig ſuchte den Tiſch der Seinigen auf.— Dieſer junge Baron zwitſchert doch anders, als der alte geſungen! ſagte er vor ſich hin. Die Geſellſchaft miſchte ſich aus Kaufleuten, den beſſeren Handwerkern, Hofdie⸗ nern, Officianten des Adels, Profeſſoren und Beamten, Schauſpielern und Hofſängern, fremden und einheimiſchen Schiffleuten. Alles trieb ſich hier mit rheinländiſcher Fröh⸗ denken Sie! ſie wird ſchon bald zwanzig eimlicher d unſet werden, m haben chen den n haben eben iſt echaßtes he, Sie ehr Un⸗ ick über uſt und r Ver⸗ e Fran fragte mus Alur? erte ins auf— der alte miſchte Hofdi⸗ eamten, miſchen 113 lichteit durcheinander, und hielt ſich doch wieder nach Stand und Bekanntſchaft zuſammen. Auch der junge Schiffer Jean Baptiſt fand ſich an Lennig's Tiſche ein.— Ei guten Tag, Jean Baptiſt ſelig! rief ihm ein Nachbar zu. Nun? Warum ſelig, Herr Firmpathe? fragte Jean Baptiſt. Ich hab' dich lange nicht geſchaut; ich dacht', du wärſt geſtorben. Ei was! Man muß halt dem lieben Brot nachgehen, Herr Pathe. Ei nun! Biſt du doch einmal auf den Beinen nach Brot, lachte der Pathe, ſo kannſt du auch gleich dem Wein nachgehen. Komm herüber, und thu' uns Beſcheid! Das iſt ein Weinchen, wenn man's einem Eſel ins Ohr gießt, ſchreit er ein ganz halb Jahr darnach. Gießt Ihr ihn denn ins Ohr, Pathe? lachte der Schif⸗ fer, und ſetzte, als er getrunken, hinzu der Wein iſt immer noch beſſer, als die Zeiten. Es geht flau mit dem mainzer Handel. Mein Vater hätt' mich ſollen einen frankfurter Kaufmann werden laſſen, oder einen mainzer Domherrn. Zum Domherrn, lieber Jean Baptiſt, hätten dir ſech⸗ zehn Ahnen gefehlt, erinnerte Lennig. Die hätt ich nachgeliefert, Herr Onkel, antwortete der Schiffer Als Domherr hätt' ich hübſch Zeit dazu gehabt, und gute Gelegenheit. Ein Gelächter belohnte den kecken Schiffer. Fides, die den Spaß nicht verſtand, ſagte neckend: Dann hätteſt du ja auch noch Kurfürſt werden können, Vertter? Koenig, Clubiſten in Mainz. 1. 8 114½ Warum nicht? war die Antwort. So'ne Schuhu— perrücke hätt' mir auch nicht übel zu Geſicht geſtanden; und ein paar Augen hätt' ich ſchneiden wollen, wie unſer Alter. Dich, ſchönes Bäschen, hätte ich zu meiner Gräfin Coudenhove gemacht. Wir ſind ja auch Schweſternkinder. Und da hätteſt du ganz hübſche Einnahmen gehabt, hät⸗ teſt den Hals bloß getragen bis an die Herzgrub', und franzöſiſch parlirt, wie'ne Atzel. Immer mehr Lacher zogen ſich um Jean Baptiſt, der einer kecken Zunge und eines verwegenen Ruders berufen war. Auf einen Wink des Vaters entfernte ſich Fides aus dem Kreis unverbürgter Scherze, und ſuchte die Freun— dinnen wieder auf, die ſich mit der Schaukel ergötzten. Hier zeigte ſich Fides ganz in ihrem geſunden und friſchen Naturel. Ihr konnte die Schaukel nicht hoch ge⸗ nug geſtoßen werden. Im Fluge fühlte ſich ihr muthiges Herz freier von den frommen Angewöhnungen der Mutter, von der Aengſtlichkeit des Hauſes. An ſolchen Gegenſätzen verräth ſich leicht der Umfang eines Naturels, das man vielleicht, wie die Stimme einer Sängerin, darnach ſchätzen kann, wie weit es über— und wie weit es unter den Mitteltönen des geſellſchaftlichen Umgangs ſtark und rein bleibt. Wirklich mochte man Fides in der Meſſe knieen oder in der Tanzſtunde ſchweben ſehen, jedesmal ſchien ſie in dem ihr angehörigſten Kreiſe zu ſein. In ihrem hellen Kleide vor zwei dunkelgrünen Nuß⸗ bäumen emporſchwebend, ward Fides vom Baron Franz Karl erblickt. Er kam heran, und Fides erſchrak, ihm mit den Füßen entgegenzuſchweben, ſo ſehr, daß ſie aus der niedergehenden Schaukel ſprang. Der Baron trat 115 grüßend heran. Die Mädchen, blöde vor dem ſchönen 6 und vornehmen Herrn, zogen ſich, eine hinter die andere, . nach dem Tiſche zurück, der mit Erfriſchungen beſetzt und 8 von den umherwandelnden Müttern eben verlaſſen war. u Der Baron ſetzte ſich mit der Zuverſicht ſeines Standes zu ihnen, und unterhielt ein Geſpräch mit heiterem An⸗ ſtand. Fides ergriff einen zinnernen Teller und bot ihm als Gaſt Trauben zur Erfriſchung. Er faßte und küßte. iſ dankend ihre Hand, worüber ſie hoch erröthete. Seine i. 3 betufen artigen Worte, die mädchenhaften Erwiderungen wurden ins bald unbefangener. Freun⸗ Der damalige Geſellſchaftston, geziert in den höheren 4 zen Kreiſen, war in den bürgerlichen naiv und frei. Dort, en und wo die inneren ſittlichen Verhältniſſe, beſonders auch an och ge⸗ den geiſtlichen Höfen, durchfault waren, hielt man viel uthiges auf äußeren Anſtand. Im Volke aber, ſoweit ſich die Mutter, Geſinnung tüchtig und geſund erhielt, nahm man einen enſiten derben Scherz nicht übel. So war es auch dieſen fröhli⸗ s man chen Mädchen, beſonders von einem vornehmen Herrn nicht ſchiten auffallend, daß er gleich bei der erſten Bekanntſchaft, in⸗ er den dem er von der ſchönſten rothen Traube mit ſeinem Finger nd nin Beere um Beere pflückte,— reizende Jungfrauen mit knieen ſchlanken Reben verglich, und von ſüßen rothen Bee⸗ ſhien ſe ren auf Küſſe anſpielte, die von Mädchenlippen gepflückt würden. 3 Muß⸗ Er blickte dabei mit vertraulichem Lächeln auf Fides, Fra die in ihrer Aufregung eines der Schaukelſeile ergriffen hatte, k, ihn und ſich ſtehend daran wiegte.— Nun ja, antwortete ſie ſie aus raſch, wir wollen immerhin für Reben gelten, wenn Sie den n tit Fuchs in der Fabel vorſtellen wollen, Herr von Wallbrun. 8* 116 So? lachte Franz Karl. Sie meinen den Fuchs, der die Trauben ſauer fand, die er nicht erhaſchen konnte? Gut! Ich will mir auch den Fuchs gefallen laſſen,— ich war ja ſchon einmal Fuchs in Göttingen:— aber ich darf doch die reizenden rothen Beeren nicht ſauer finden, ehe ich einen Sprung darnach verſucht habe. Er ſtand auf und näherte ſich ihr mit Anſtand. Raſch ſchwang ſie ſich in die Schaukel, indem ſie ängſtlich rief: Verſuchen Sie nichts! Sie ſehen, die Rebe iſt hoch ge⸗ zogen. Und wächſt immer höher! rief der Baron, indem er die Schaukel in Bewegung ſetzte. Nach einigen Schwin⸗ gungen ſagte er: Ich bin übel daran, reizende Spötterin: Sie kennen und treffen mich mit Ihren ſchalkhaften Wor⸗ ten; ich aber kann mich nicht wehren, da ich Sie nicht ebenſo bei Namen faſſen kann. Ich heiße Fides! war die raſche Antwort. Fides? Ein ſchöner und bedeutender Name! Fides bedeutet— Zutrauen, Zuſage, Treue Wahrlich, ſeit ich Ihnen begegnet bin, wenn Sie ſich erinnern, habe ich die Bedeutung Ihres ſchönen Namens empfunden und getragen. Wie ich von Lateinern höre, bedeutet mein Name ſo viel als Glauben, antwortete Fides mit Nachdruck, in⸗ dem ſie aus der Schaukel ſprang. Vor Allem Glauben! Auch Glauben, ja,— Hingebung und Treue in allen Geſtalten. Gewiß! Aber dieſer finnige Name weiſt immer auf ein Zweites, Selbſtändiges, Unerſchütterliches, dem er ſeinen Inhalt ſchenkt. An welchen Zunamen iſt dieſe zarte Ranke geknüpft? 6, der onnte? n,— ber ich finden, Raſch h rief: och ge⸗ dem er chwin⸗ ttetin Wor⸗ ie nicht Fides ſit ich be ich und ame ſo uc, in⸗ louben! nallen immel dem el ſt dieſe Ach! verſetzte Fides mit einem ſchwärmeriſchen Feuer des Blickes, mein Vorname iſt ſchon zu reich, zu ſchwer von Inhalt für einen ſo vornehmen Baron. Mein Zu⸗ name iſt dagegen von gar wenig Bedeutung. Ganz recht ſo! Es iſt ja der Name, der beſtimmt bleibt verloren zu gehen, aufgegeben zu werden, wenn die Bedeutung des Vornamens erwacht. Nennen Sie mir doch dieſen— Tauſchartikel, liebe Fides! Die Mädchen lächelten einander an, als ob ſie ſagen wollten: Iſt das auf Handel und Wandel abgeſehen? Iſt der ein ehrlicher Käufer? So empfand es wenigſtens Fides, und ihr Mädchenſtolz erwachte.— Dieſer Artikel, erwiverte ſie, hat keinen hohen Preis in Mainz für einen Herrn Baron. Es fehlt ihm das Wörtchen„von“, und dies, ſagt mein Vater, wiege ſchwerer, als der längſte Name Fides, Fides iſt mein Räthſel! Sie ſprach dies mit einem geſpannten Ton der Stimme, und ſchwebte wie eine neckiſche Fee davon. Fides, Fides! riefen hinter ihr her die ängſtlichen, verlegenen Mädchen. Franz Karl blieb allein zurück. Etwas Empfindlich⸗ keit miſchte ſich anfangs in ſein Wohlgefallen an der rei— zenden Erſcheinung. Bald aber war er noch mehr erſtaunt über das feurige Naturel eines ſo jungen Mädchens, das er nach Garzweiler's Anrede, beim erſten Begegnen, für eine ſchöne, fromme Einfalt gehalten hatte. Etwas vor⸗ laut erſchien ſie ihm,— ein verwöhntes Kind geſcheiter, wohlhabender Aeltern, wie er glaubte. Ein lockendes Räthſel hatte ihn mit zarten Fäden umgarnt! Zehntes Kapitel. Fies ſuchte ihren Vater auf und faßte ſich an ſeinem Arme. Alle Quellen ihres Herzens ſprangen, und tau⸗ ſend Gedanken tanzten in ihrem Kopfe, wie Mückchen im Abendſtrahl eines heiteren Tages. Ihre Freundinnen wa⸗ ren vergeſſen. Am Tiſch erzählte eben Erasmus Lennig ſein Begeg⸗ niß mit dem Baron Wallbrun, den er den ſchönſten und gebildetſten jungen Cavalier in Mainz nannte. Fides ließ ihn kaum endigen, und zog ihn ſanft mit ſich fort nach dem Schaukelplatze, als ob ſie an ſeiner Seite dem Ba⸗ ron ihren Zunamen lebendig zeigen möchte. Doch der Geſuchte war nicht mehr dort.— Wohin er wol gewan⸗ delt ſei, war die heimliche Frage ihres Herzens, mit der ſie den fröhlichen Papa in raſcherem Schritte nach allen Ecken des Vauxhall führte. Was haſt du nur vor, du zappelnde Unruhe? fragte Erasmus lachend.— Ich ſuche ein Plätzchen, Vater, wo ich Euch heimlich fragen könnte, ob wol— die franzöſiſche Revolution bis nach Mainz kommt? Der Himmelbehüte uns davor, mein Kind! antwor⸗ tete er ſehr ernſt. Aber wie kommſt du auf dieſe Frage? Warum denn aber, Vater? Warum behüten? Nur wer zum Hof und Adel hält, ſchilt auf die Revolution. Eure Freunde, Vater, jauchzen zu Allem, was in Paris ſi A n ſeinem tal⸗ ſen im n we⸗ egeg⸗ n und es lie t nnch n Ba⸗ ch det ewan⸗ nit der allen 7 du ſuche könnte, Mainz uwor ſtnge Nur ution P gris vorgeht. Ich verſteh's nicht: aber geſtern Abend, als der gute, freundliche Profeſſor Blau bei uns war, ſegnete er die neue Zukunft. Und der iſt doch ein Prieſter, und ſchreibt auch Bücher. Je nun, lächelte Erasmus, gerade der macht ſich auch ſo ſeine Hoffnungen, die eben mit der jetzigen Ordnung im Leben nicht verträglich ſind. Sie waren hinter einer Laube ſtehen geblieben. Fides ſah dem Vater mit lächelndem Nicken liebenswürdigſter Altklugheit ins Geſicht, ſtreckte ſich dann auf den Zehen an ſein Ohr und lispelte: Ich weiß wohl, Vater! Er liebt ein gutes Mädchen, und darf nicht heirathen Erasmus ſah die Tochter mit einem ſtrengen, verwei⸗ ſenden Blick an. Sie legte ihren Finger an die Lippen und nickte ihm mit lächelnder Verlegenheit zu.— Ich habe es wohl verſtanden, ſagte ſie, wenn man ihn neckte und aufzog. Aber— wie Manchem geht es ebenſo, Vater! ſetzte ſie dann gerührt hinzu. Und gerade die Revolution ſoll ja doch Alles ausgleichen, was im Leben uneben ge⸗ worden, und ſoll die Menſchen zu Brüdern machen, wie es das Chriſtenthum gebietet: gleich, wie Brüder. Alle Verſtändigen klagen über den Hochmuth unſerer Vorneh⸗ men. Dieſer iſt doch gewiß nicht ſo vom Himmel an⸗ geordnet, wie die Liebe? Seht, Vater! da kann vielleicht die Revolution eine Vorläuferin der Liebe werden, und die ſtolzen Berge abzutragen gebieten, weil die Herrin herankomme. Ei Kind! rief Erasmus verwundert. Ich begreife dich gar nicht! Du ſprichſt ja auf einmal wie ein Faſten⸗ prediger. Wenn ſich nun aber die Berge widerſetzen? Und 120 die Thäler ſelbſt— verlören ſie nicht ihre ſtille grüne Fruchtbarkeit, wenn ſie mit wildem Abraum ausgefüllt würden? Am Ende ſtehen wir uns bei dem was iſt doch beſſer, als bei dem, was werden ſoll, und nur durch Zerſtörung werden kann. Wenn's aber doch einmal ſein muß, Vater: ſo müſſen wir uns drein ſchicken, und nur keine Zeit verlieren. Mädchen, was iſt denn in dich gefahren? lachte Eras⸗ mus. Ich muß dich einſperren, ſonſt läufſt du mir zu den Jakobinern über. Aber geh' nur voraus zur Mutter. Ich will einmal hören, was die da in der Laube wieder zu raiſonen haben. Es waren Beamte und einige der fremden Profeſſo⸗ ren, Alle, wie es ſchien, ziemlich angetrunken. Profeſſor Hofmann, ein feuriger Kopf und energiſcher Charakter, war eben bei ſeinem Lieblingsthema, auf den unordentli— chen Hofhalt in Mainz zu ſchelten, und zu beklagen, daß Emigrirte und Maitreſſen den mainzer Wohlſtand ver— ſchlängen. Das wird nun anders werden, meinte Metternich, Pro⸗ feſſor der Mathematik. Es heißt, von Paris ſei die Auf⸗ forderung an die Höfe von Köln, Trier und Mainz ge⸗ ſtellt worden, die Emigranten auszuweiſen, ihre Rüſtun⸗ gen einzuſtellen oder eine Kriegserklärung von Frankreich zu erwarten. Gott gebe, rief Profeſſor Böhmer, der von Worms zu Beſuch gekommen war, daß die Herren Kurfürſten noch ein Weilchen ihre ſtolze Blindheit beibehalten und ſich um ſolche Drohung nicht bekümmern! Die Franzoſen müſſen uns helfen; ſie mögen alſo lieber morgen, als übermor⸗ e grüne usgefüllt iſt doch ur durch o müſſen en. te Eras⸗ mir zu Mutter e wieder roftſſo⸗ Proftſſor harakter, ordentl⸗ en, duß nd ver⸗ , Pr⸗ ie Auf⸗ uinz ge⸗ Riſtun⸗ rankreich Worms ſen noch ſich um müſſen bermol 124 gen kommen. Ohne auswärtigen Beiſtand vermögen wir nichts. Es heißt auch, Dalberg wolle ſeine Cvadjutorie auf⸗ geben, bemerkte Hofmann,— der vielen Schulden wegen, die Mainz hat. Man ſpricht bei Hofe davon. Er ſoll Cvadjutor in Würzburg werden, und dagegen ein öſtrei⸗ chiſcher Prinz den mainzer Stuhl beſteigen und die Schul- den bezahlen. Mir ſehr wahrſcheinlich! rief Böhmer, der ein ſtarker Phantaſt war. So riſſe man Mainz am eheſten vom Fürſtenbunde wieder ab. Ich weiß wenigſtens, daß Oeſt— reich ſeine Agenten hier hat. Was thut der ine Meyen⸗ feld hier, wie ſich dieſer Ungar nennt, der mit weiland Kaiſer Joſeph ſo vertraut war? Oho! rief Hofmann. Gerade der hat als Freund der franzöſiſchen Revolution den wiener Hof verlaſſen müſſen. Wißt ihr aber wem ich nicht über den Weg traue? Nun, ſprich! Dem Pater Garzweiler! flüſterte Hofmann über den Tiſch und ſchrie dann ganz laut: Jeſuit! Worauf er ein Glas Wein hinabſtürzte. Ha, ha! lachte Alles! Profeſſor Hofmann ein S ſuitenriecher. Lacht nur, lacht nur! rief Hofmann. Wenigſtens kennt ihr mich dafür, daß ich kein berliner Jeſuitenriecher bin. Vielleicht geht mir's, wie dem Oberförſter Barthel Hille⸗ brand zu Amöneburg. Wenn bei dem über Tiſch etwas auskam, was man den Jagdhunden aufzubürden pflegt, rief er nur ſeinem Söhnchen zu: Jag' die Dächſel hinaus, Rudölphchen! Und als Rudölphchen eines Sonntags un⸗ ters Tiſchtuch blickend meldete, es wären gar keine Hunde 6 da, verſetzte Barthel ganz gelaſſen: Nun gut, dann ſſ kommen ſie doch bald! nr Bravo, Hofmann, bravo! rief man lachend. Ein guter uf 4 Vergleich! Barthel Hillebrand's Naſe ſoll leben, und alle zu 6 Naſen, die da Hunde und Jeſuiten riechen, wenn ſie bald nſ 34 kommen! D Ach laßt doch, laßt doch! wehrte freundlich der Hof⸗ v gerichtsrath und Profeſſor Waldmann ab. Gönnen wir doch den Großen die Politik! Warum beneiden wir den u Adel und die hohe Geiſtlichkeit um ihren Ehrgeiz, ihre n 7 Leidenſchafteh, ihren mühſeligen Einfluß in der Welt? fr 1 Es fehlt uns Bürgerlichen ja nicht an größeren und klei⸗ m 6 neren Aemtern, die ihren Mann ernähren und ein wenn n auch mäßiges Einkommen durch Seelenvergnügen im fried⸗ lichen Schooſe der Familie erhöhen. Gelegentlich kommt ß auch eine Beförderung, oder fällt eine Gehaltszulage, ein n Gnadengeſchenk ab. Schlagen dann unſere Kinder gut ein zur Freude unſeres Alters, was wollen wir mehr? Und 1 3 ſind nicht wir die Beneidenswerthen? Man ſah einander lächelnd an, bis Hofmann verſetzte Da habt ihr den echten Philiſter des heiligen römiſchen Reichs! Und wirklich iſt er zu beneiden: wie lange wird's dauern, ſo iſt die Art gar nicht mehr ſo rein zu finden, und er erlebt noch, daß er eine Rarität wird. Drum laßt ihn hoch leben! Man lachte und ſtieß an. Auch Lennig, der zuhörend daſtand, ſollte mittrinken, und ergriff, da es an einem leeren Glas fehlte, die Flaſche.— Nun gehört mir aber auch der Reſt der Flaſche, ſagte er, nachdem er mitge⸗ Hunde dann guter nd alle ſie bald t Hof⸗ en wir ir den ihre Welt? d klei⸗ wenn fried⸗ kommt e, ein gut ein Und rſetze niſchen wirdo finden, Drum hörend einem 6 aber milge⸗ 123 trunken. Und ich will jetzt eure flotten Zungen leben laſſen, beſonders auch aller nicht in Mainz geborenen Män⸗ ner an der Univerſität. Unter den vielen guten Dingen, auf die wir ſo gern ſchimpfen, müſſen wir doch unſeren guten Wein gelten laſſen, der die Zungen löſt, und ſodann unſeren Kurfürſten in dem Punkt, daß er ſie nicht bindet. Wohlleben und Behagen, wie man ſie in Mainz genießt, werden auch läſtig, wie es ſcheint, ſogar wenn man ſie vorher nicht gewohnt war. Wir müſſen uns daher was zu ſchimpfen ſuchen, um das gute Leben erträglicher zu machen. Da iſt es denn von den Nichtmainzern recht freundſchaftlich, daß ſie beim hieſigen Wohlleben wacker mitſchimpfen helfen. Mitgegangen,— mitgehangen! Und wenn ſie uns darin noch übertreffen, ſo find' ich's begreif⸗ lich: ſie ſind ja beſſer bezahlt als wir Alt⸗Mainzer, und ſind in der feinen Kultur und gelehrten Bildung voraus, weshalb ſie auch hierher berufen worden. Scht, darauf leer' ich den Reſt der Flaſche. Unſer Mainz hoch! Und gebe der Himmel, daß das mainzer Leben nicht ſobald auf die Neige komme, damit es nicht etwa aus einem ſauern Fäßchen von Trübſal und Noth aufgefüllt werde! Lennig trank aus, ſtellte die Flaſche hin, aber ſo hart, daß ſie brach, und entfernte ſich mit unwilligen Schritten. Hinter ihm her ſchlugen die Getroffenen ein höhnendes Gelächter auf. Erasmus eilte fort im Aufruhr ſeines Unmuthes. Vor ihm erhob ſich Lärm und ein Auflauf von Menſchen. Er machte ſich Platz. Der äußere Tumult that ſeiner inneren Aufregung wohl. Eben erblickte er im Mittelpunkte der Bewegung Jean Baptiſt, wie er einen friſirten Franzoſen mit beiden Armen ſchüttelte.„Schiffiſche heraus!“ hörte er ihn rufen.„Zum Ausladen! Angeſtellt!“ Raſch bildete ſich eine Gaſſe. Mosjö Voulez⸗Vous, da! rief der kraftvolle junge Mann, und warf den Emi grirten dem Rächſtſtehenden zu. Mosjö Voulez Vous, da! Mit dieſem wiederholten Ausrufe ſchob ihn Einer dem Andern im Kreiſel zu, in der Weiſe, wie man Waa renpäcke von Hand zu Hand aus einem Schiffe unter eine Halle bringt. Der Letzte, ebenfalls ein ſtarker Mann, hob den Unglücklichen über den Zaun, und ein ſchallen des Gelächter folgte dem davoneilenden Franzoſen nach.— Er zieht aus wie ein Holländer! hieß es mit einem main zer Sprichwort. Der wäre wieder einmal emigrirt! rief Jean Baptiſt, und ſtrich ſeine dichten Locken hinter den Nacken. Nun erzählte man dem Vater Lennig den Vorfall. Der Franzoſe hatte nämlich die vom Tiſch etwas entfernt geſtandene Fides ſo lange durch ſein Augenglas begafft, bis ſie ſich mit Entrüſtung umgewendet. Er mochte dies für eine Reckerei und mädchenhafte Ziererei mißverſtanden täppiſch aus Unkenntniß der Sprache, ohne Weiteres geküßt. Er hat aber nur mein linkes Ohr berührt, verſicherte Fides mit Erröthen. Und in ihrer Verlegenheit und Auf regung zu Jean Baptiſt gewendet, ſagte ſie: Du haſt den Windbeutel glücklich weggeſchafft, Vetter: da, nimm auch ſeinen Kuß weg! Sie hielt dem Vetter das Ohr hin; die Umſtehenden riefen und klatſchten ihr Beifall zu. Die Dämmerung brach herein, und Erasmus trieb haben, war herbeigeſprungen, und hatte ſie raus!“ Vous, n Emi— Vous, nEiner n Waa⸗ nter eine Mann, ſchallen⸗ nach.— nmain⸗ Baptit, Vorfall. entfernt begaft, hte dies ſtanden iſch aus erſicherte nd Auf⸗ Vetter ehenden nieb zum Aufbruche. Man ging in heiteren Geſprächen den langen Weg bis zur Umbach. Nur Fides war ſtiller ge— worden Sie wandelte, in ſich ſelbſt verſunken. Das Bild eines vornehmen jungen Mannes begleitete ſie, nach wel chem ſie ſich vergebens umſah. Elftes Kapitel. Baron Franz Karl konnte das Begegniß mit Fides nicht ſobald vergeſſen. Das Echo dieſes Namens tönte zuwei⸗ len von den Büchern und Akten, die ihn beſchäftigten, in ſeinem Herzen wieder; eine geſchäftige Phantaſie bil— dete jenen reizenden Auftritt weiter aus, und die Worte des anmuthigen Mädchens wiederholten ſich ihm in Ge⸗ vanken. Er mußte ſich geſtehen, daß dieſe Art, ſich zu geben und auszudrücken, einem anderen Lebenskreis ange⸗ höre, als dem gewohnten ſeiner Abkunft; aber er war von dieſem nicht eingenommen genug, um mit befangener Vornehmigkeit ſolche Naivetät der augenblicklichen Stim⸗ mung unbedingt zu verwerfen. Vielmehr fand er die kur— zen, ausweichenden Antworten allerliebſt mädchenhaft; wie ihm denn auch die tiefe innere Bewegung des Herzens nicht unbemerkt geblieben war, die ſich hinter jene ſchroffen Antworten zu verſtecken ſuchte, und ſich doch im wechſeln⸗ den Ausvrucke des Geſichts und der Stimme unwillkürlich verrieth. —— ——* Dieſem anmuthigen Räthſel hing er träumeriſch nach, ohne Ueberlegung, was er eigentlich verlange. Er dachte an keine Liebſchaft, dergleichen bei Geiſtlich und Weltlich in Mainz täglich vorkamen, noch weniger an eine Ver⸗ bindung, wie ſolche bei den hochmüthigen Anſprüchen des mainzer Adels viel ungewöhnlicher war. Was ihn be⸗ ſchlichen hatte, war die achtloſe Hingebung eines edeln Sinnes und ruhigen Temperaments an das Schöne und Seelenvolle in bezaubernder Erſcheinung. Ein zweites Räthſel für ihn,— jene mädchenhafte Neigung, die ſich gerade durch Abwehr und Verſtecken verräth, kam nun zu dem älteren Räthſel der Familie und machte es noch in— tereſſanter, den Zunamen zu erfahren, der ſich hinter einen ſo ſinnreichen Vornamen verbarg. Dies Räthſel zu löſen ſann er nach, während er ſich friſiren ließ, um ins Schloß zu gehen; da der Kurfürſt eine frühe Conferenz gleich nach der Meſſe befohlen hatte. Franz Karl machte allerlei Projecte ohne zu ahnen, daß Garzweiler, der das Räthſel zuerſt geknüpft hatte, eben damit umging, es ihm zu löſen, freilich, um neben die Löſung eine Falle zu legen. Franz Karl arbeitete im unteren Stocke des alten Schloſſes. Hier wurden in feuerfeſt gewölbten Sälen die Archive des deutſchen Reiches verwahrt, was zum Etz⸗ kanzleramte des mainzer Kurfürſten gehörte. Ueber dieſen Gewölben, im zweiten Stock, hatte die Gräfin Couden⸗ hove, in ihrer Eigenſchaft als Oberhofmeiſterin, einige Geſchäftszimmer. Das äußerſte derſelben ſtieß an den be⸗ deckten Gang, den der Kurfürſt zur Verbindung der Mar⸗ Cc* tinsburg mit dem alten Schloßflügel hatte herſtellen laſſen. iſch nach, Er dachte Weltlich ine Vet⸗ üchen des ihn be⸗ e edeln höne und weites die ſich mnun zu noch in⸗ ſter einen id er ſch Kurfürſt en hatte. uen, duß te, eben ben die es alten Silen di um Etz⸗ er dieſen Couden⸗ einige den be⸗ n lſſeh⸗ 127 Er ſelbſt bewohnte nämlich dieſe alte Burg, die urſprüng⸗ liche Reſidenz der Kurfürſten, ehe das rothe Schloß gebaut war, das nur in Bezug auf den ſpäteren neuen Flügel das alte hieß. Dicht an den Rhein vortretend, gewährte die Martinsburg den herrlichſten Ausblick. Ihre innere Ein⸗ richtung vereinigte im neueſten Geſchmack allen Luxus, mit welchem ſich damals Paris und London einem verſchwen⸗ deriſchen deutſchen Fürſten dienſtbar machten. Dieſer Bau bewahrte auch des Fürſten reiche Bibliothek, unter Heinſe's, des üppigen Romandichters Aufſicht, und enthielt die ſchöne Schloßkapelle, in welcher das alte, nun nicht mehr fromm genannte Herrchen doch immer noch Morgens um ſieben Uhr eine Meſſe las. Dieſe hergebrachte Meſſe eines aufgeklärten Prälaten war gleichſam ein geiſtliches Vor— frühſtück, an welchem aber nur die Gräfin Coudenhove und die zweite Freundin des Kurfürſten, die muntere Frau von Ferrette, Theil nehmen durften. Letztere, eine Cou⸗ ſine der Gräfin, aber jünger, war eine niedliche Brünette von einnehmender Lebhaftigkeit. Beide ſchönen und rei⸗ zenden Frauen, die ihren fürſtlichen Freund ſo genau in ſeiner weltlichen Lebensweiſe kannten, ſahen ihm in dieſer glanzvollen Kapelle in einer geiſtlichen Gewohnheit zu, in welcher er noch nichts von ſeiner alten Fertigkeit verloren hatte. Vielleicht war es eine Art prieſterlicher Koketterie des alten Herrn, in reichgeſticktem Meßgewand und Spitzen⸗ hemde vor zwei jugendlichen Freundinnen mit frommen Geberden zu agiren, und beim Dominus vobiscum ſich umwendend die Arme gegen Beide zugleich auszubreiten. Aber weder dieſe lateiniſche Verſicherung: der Herr oder das Herrchen ſei mit euch! noch der am Ende der Meſſe — geſpendete erzbiſchöfliche Segen war mächtig genug, die innerlich entzweiten Herzen ſeiner Freundinnen zu verſöh⸗ nen. Die Gedanken beider Nebenbuhlerinnen berührten G ſich beiweitem nicht ſo ſanft, als die rothen Sammet⸗ in kiſſen, auf denen ſie ſelbſt ſo traulich nebeneinander knieten ſit Nach der Meſſe nahm die Gräfin mit einer Umarmung Abſchied von der Frau von Ferrette, die in einem Hof⸗. wagen nach Hauſe fuhr. Sie ſelbſt begab ſich auf ihre Zimmer, wo ſie verſchiedene Offizianten empfing, die ihr r 3 zu berichten oder Anordnungen von ihr zu empfangen hatten. Der Kammerfourier legte ihr die von der Poſt oder aus der Stadt für den Kurfürſten eingelaufenen Briefe vor Sie ſelbſt hatte, nachdem ihr hoher Freund in ſeiner Politik i zurückhaltender gegen ſie geworden war, dieſe Einrichtung ſeit Kurzem getroffen. Mein Gott, ſeufzte ſie, eben laut genug, daß es der Hoffourier hören konnte,— das nimmt ja mit jedem Tage zu! Ich weiß nicht, was der Kurfürſt dabei hat, daß ich über alle die eingehenden Briefe ein Verzeichniß 1 führen ſoll; da ſind ja auch Staatsſachen drunter. Warte Er ein paar Augenblicke, lieber Bibersheimer! Sie entfernte ſich nach dem Kabinet. Hinter ihr machte der alte Mann eine drohende Fauſt, die er aber ſchnell in die Taſche ſeiner grauen Werktags⸗Livree ſteckte An ihrem Mahagony⸗Sekretair prüfte ſie raſch die Aufſchriften und Siegel, verſuchte einige Briefe auseinan⸗ derzuziehen, und verſchloß andere, die ſie zweifelhaft hin und her gewendet hatte, in ihrem Schreibtiſche. Es waren neun Stück, Eure Gnaden! bemerkte beim Rückempfang der Fourier ug, die verſöh⸗ rührten ammet⸗ ieten nrmung n Hof⸗ muf ihre die ihr nhatten det aus efe vor Politit michtung ß es der it jedem hei hat, teichriß Warte r machte n ſönell te raſch dl useinan⸗ haft hin rkte beim 129 Ja wohl! verſetzte ſie unbefangen. Die beiden fehlen⸗ den nehme ich ſelbſt dem Kurfürſten mit hinüber. Geb' Er dieſe einſtweilen an den Kammerhuſaren ab. Aber— ein ordentlicher Mann iſt Er, Bibersheimer. Das zeigt ſich in Seiner Aufmerkſamkeit auf Alles. Ihm kann man Wichtigeres anvertrauen. Es wird ſich ſchon eine Gele⸗ genheit dazu geben. Ich werde an Ihn denken. Bibersheimer verneigte ſich und ging. Auf dem Gang erwartete ihn Garzweiler.— Sie hat wieder zwei behal— ten! murrte der alte Kammerfourier, und ſtampfte mit dem Fuß. Richtig, mein Freund! flüſterte der geiſtliche Rath, indem er die Briefe durch ſeine Hände laufen ließ. Es ſind die berliner Correſpondenzen, die ſie zurückbehalten. Die ſind auch wichtig. Sie will ſie ſelbſt beſorgen, nicht hr? Nun, wenn wir's nur wiſſen, Bibersheimer. Thu' Er nur immer Seine Schuldigkeit, frommer Alter! Dann ließ er ſich bei der Gräfin melden. Er hatte ſie ſeit jenem Wortwechſel in ihrer Wohnung noch nicht wa wieder aufgeſucht. Sie, Pater Ignaz? rief ſie ihm mit ſpöttiſcher Miene entgegen. Sie wundern ſich, meine Gnädige? Haben wir nicht Wichtigeres zu thun, als uns gram zu ſein über ein paar neckiſche Worte? Vergeben Sie mir meine ſchlechte Stim mung von damals! Sie ſah ihn durchdringend an, Hand, die er mit Ehrerbietung küßte. Sie haben'was, Garzweiler? fragte die Gräfin ge— und reichte ihm die ſpannt. Koenig, Elubiſten in Mainz. I. 9 130 Ich habe Verſchiedenes; aber ich muß den Weihbiſchof erwarten, der zur Conferenz geht. Es ſoll morgen ein Tedeum wegen unſerer Siege über die lütticher Patrioten gehalten werden, und ich will hören, ob der Kurfürſt zu beichten denkt. Ja, er will, verſetzte die Gräfin. Er ſagte mir's vor der Meſſe. Kommen Sie alſo vorher zu mir— nach Hauſe. Wir haben vielleicht Einiges, was Sie ihm in die Abſolution einwickeln können. Das iſt eine ſanfte Art, etwas einzunehmen. Die Verhältniſſe verwickeln ſich täg lich mehr. Wir müſſen ihm— Auf dieſem frommen Wege einiges Gute beibringen, fiel Garzweiler ein. Warum lächeln Sie ſo ſchalkhaft, Pater Ignaz? fragte ſie. Nicht ſchalkhaft, gnädigſte Gräfin. Ich bedauere nur mit Ihnen, daß uns dieſer Weg faſt allein übrig bleibt. — Früher hatten Sie noch die Stündchen ſeines— Herzens. Je ſchwächer aber Se kurfürſtlichen Gnaden aus Alter werden, deſto weniger— Schwachheiten haben ſie jetzt. So bleibt uns nur die Gelegenheit, wenn er ſeine Schwachheiten beichtet. Sehen Sie, meine ſchöne Dame, wie nothwendig es iſt, daß wir Beide uns verſtehen? Wir ergänzen einander, arbeiten einander in die Hände. Sind wol Briefe aus Berlin eingelaufen? 1 Zwei. Eben hat ſie Bibersheimer hinübergebracht. Garzweiler lächelte. Die mögen ihm ſchwer geworden ſein, ſagte er mit ſchalkhaftem Doppelſinn. Von Wien her weiß ich nun, daß Kaiſer Leopold durch Baron Spiel⸗ 3 mann im Einverſtändniß mit den Leuten iſt, die den Kö⸗ eihbiſchof orgen ein Patrivten ufürſt zu gte mirs — e ihm in fte Att, ſich tig ibringen, Igne uere Rut 9 bleibt ines— aden aus haben ſi er ſeine Dame, Sind racht. worden n Wiel Spirl den Kö⸗ nig von Preußen durch Frömmler umſtricken. Ein benei— denswerther Gedanke, öſtreichiſche Politik in die proteſtan⸗ tiſche Frömmigkeit zu miſchen, die man dem König ein⸗ gibt! Und durch— Spielmann! Ein guter Name dafür! Sie, meine Gnädige, wollten ja Verbindung mit der Gräfin von Lichtenau ſuchen? Ich? fuhr die Gräfin auf. Ich hätte das gewollt? Aha, das iſt wieder eine von Ihren Infinuationen. Wo denken Sie hin? Ich, Verbindung ſuchen mit dieſer Wald⸗ horniſtentochter, mit dieſer Frau des Kämmerers Rietz? Ehemals, ja! antwortete Garzweiler. Jetzt iſt dieſe geweſene Jungfer Enke als Gräfin Lichtenau die Haupt⸗ perſon im Reich. Sie, des Königs—; ihr Sohn heißt Graf von der Mark. Genug, wollen wir denn Moral? Wir wollen ja Politik, und thäten nicht übel, unmit⸗ telbar an die Quelle zu gehen, an dieſe Lichtenau. Nun, Quelle will ich nicht ſagen,— Ciſterne! Wayrlich! Gräfin, ſo lange wir nichts haben, womit wir den Kur⸗ fürſten recht entſchieden von Preußen losreißen und für Oeſtreich gewinnen—! Meine warnenden Serupel vor dieſer Einigkeit des erſten deutſchen Erzbiſchofs mit dem Haupte des Proteſtantismus—! Serupel? Die ſchlagen beim Kurfürſten nicht an, fiel die Gräfin lachend ein, die faſeln bei ihm nicht. Da haben Sie Recht. Schlagen bei ihm ebenſowenig an, als ſie von Ihrer Seite wahr und aufrichtig ſind. Beleidigen Sie mich nicht, Gräfin! rief Garzweiler mit Ernſt. Mein Haß des Proteſtantismus iſt wahr und iſt ewig. Dieſer Abfall von Rom iſt ein zweiter Sünden⸗ fall. Lächeln Sie nicht; denn Sie mißverſtehen mich! Ich 9* — S— — rede von einem politiſchen Sündenfalle. Ich ſage nicht, daß die Wahrheit, daß die Religion nur durch Rom beſtehe. Ich glaub's auch nicht, wenn Sie wollen. Aber Rom iſt die Macht, iſt der Mittelpunkt der chriſtlichen Welt, iſt der heilige Fuß, der die Völker unterwürfig hält, iſt die Jupiterfauſt, die glühroth von Blitzen über den Häuptern der Könige droht,— rubente dentera sacra— wie Horaz ſagt. Ha, ha! lachte die ſchöne Frau. Das ſind ja ſchreck⸗ liche Prätenſionen! Wenn Könige und Völker unter Fauſt und Fuß ſtehen: wer iſt dann frei? Wir, meine Gnädige, wir! antwortete er. Iſt der Raum zwiſchen Fauſt und Fuß nicht groß genug? O ja, für Herz und Magen, Pater Ignaz! Die meinen Sie doch, nicht wahr? Es iſt die Welt des Genuſſes und die Welt des Wir⸗ kens. Wir glauben an die Fauſt, wir küſſen den Fuß: das ſind Ceremonien,— leichter Preis, mit dem wir die Welt gewinnen. Was wir als wahr glauben wollen, oder als vernünftig denken müſſen, macht unſere eigene innere Unfehlbarkeit aus; denn wir allein ſind die Freien! Dies Letztere verſtehe ich nicht, ſagte die Gräfin. Das iſt Philoſophie. Aber was Sie da von der Welt zwiſchen Fauſt und Fuß ſagen, laſſ' ich mir ſchon gefallen. Gut! Aber um auf unſere Angelegenheiten zurückzukommen ſo werden wir für den Kurfürſten ſchon andere Mittel und Wege finden, wenn die Religion nicht mehr vorhalten will. Wie weit ſind Sie denn zum Beiſpiel mit Franz Karl gekommen? ſage nicht, urch Rom en Aber hriſtlichen niuwürfig izen übe dentera ja ſchreck⸗ nter Fauſt Iſt der des Mir ſſen den mit dem glauben t unſere ſind die fin Das tzriſten n Git! ment ſo ittel und vorhalten it Franz Der ſchlaue Garzweiler, der dieſer anſcheinenden Ver— traulichkeit der Gräſin ſo wenig traute, als ſeine eigene Annäherung aufrichtig gemeint war, lächelte zu der erwar— teten Frage.— O den überlaſſe ich Ihnen, meine Gnä⸗ dige! verſetzte er kurz und wegwerfend. Ich verzweifle daran, ihm einen Vorſchlag beizubringen, der ihn empö⸗ ren und zu einem argwöhniſchen Gegner machen würde. Er hat dem Kurfürſten ſelbſt Handgelübde gethan auf Treue und Verſchwiegenheit, und ich ſoll ihm zumuthen, daß er uns Correſpondenzen und Kabinets Geheimniſſe mittheile? Ueberdies ſchwärmt er für Alles, was Sie und ich— nicht wollen, was uns— nicht ſchmeckt: Fürſtenbund, Preußen, der Cvadjutor und— was Alles noch! O weh! Sind Sie am Ende mit Ihren Finten, Pater? Ja, dann muß ich ihn, freilich übernehmen, wie Sie ſagen. Und ich übernehme ihn! O Sie haben mich ſchon mehr überflügelt. Ich ſtreiche die Segel, meine Verehrteſte! Sie, Haſſer der Liebe, ſollen erleben, was Amor in der Politik vermag! rief ſie von ihrem Einfall hin⸗ geriſſen. Bei einem jungen Manne, wie der Baron Wallbrun — o gewiß! verſetzte Garzweiler lauernd. Gerade bei dem was Sie fürchten, bei ſeiner Schwär— merei will ich ihn faſſen. Sie, Gräfin—? O ja! Gut gedacht! Sie ſind eine einnehmende Frau! Wir, wir! ſage ich. Ich und eine ſchöne, reiche, bezaubernde— —— 134 Sie ſchwieg, erſchrocken ſich zu verrathen. Aber Garz— fi weiler ergänzte ruhig den Satz mit dem trockenen Worte: ſi Heirath? Die Gräfin erröthete hoch, faßte ſich aber ſchnell und rief: Ha! Nicht übel gedacht! Wiſſen Sie eine gute Partie? Iſt keine Hatzfeld da? antwortete Garzweiler mit höh⸗ 1 niſchem Lächeln. Sie wurden, als eben die ſchöne Frau in Aerger aus— brechen wollte, vom Weihbiſchof Heimes und Geheimen„ Staatsrathe Johannes von Müller unterbrochen, die vom 1 Kurfürſten herüberkamen, und der Gräfin einen Beſuch i machten.— Seine kurfürſtliche Gnaden haben Kopfweh und die Conferenz bis elf Uhr ausgeſetzt, ſagte Heimes. Dieſer war ein Mann in mittleren Jahren, von derbem, bäuerlichem Ausſehen. Sein Vater, ein gering begüterter Landmann, hatte ihn zum Pfarrer beſtimmt. Auch ver⸗ dankte er ſeine höhere Würde und des Kurfürſten Ver⸗ trauen nicht ſowol einer hervorragenden Bildung, als ſeiner feſten Geſinnung und ſeinem entſchiedenen Charakter. Der ſtolz gewordene Bauernſohn blickte ſtets aus ſeinen Manieren. Hart auftretend, in ſteifer Haltung und mit finſter geſchloſſenen Lippen erſchien er eben nicht gefällig, aber er behielt etwas Imponirendes. In auffallendem Abſtiche zu ihm war Müller klein und unruhig ſich her⸗ vordrängend. Eine verfließende Stimme, verſchloſſene Ge⸗ ſichtszüge und ſein ganz unſicheres Benehmen ließen eine haſtig entgegenkommende, raſch zurückweichende Schwäche vermuthen. In das Vertrauen des Kurfürſten theil— ten ſich beide geheime Staatsräthe gleichmäßig als Re⸗ lber Garz⸗ en Worte: ſchnell und eine gute mit höh⸗ lerger aus Geheimen die vom en Beſuch Koyfweh te Heimes n derben, begüterter Auch ve⸗ rſen Ver⸗ dung, ls Charakter. us ſinen g und mit ht gffülig uffallenden boſene Ge⸗ ließen ene Schwich ſen thil al ferendare— Heimes in kirchlichen, Müller in Staats⸗ ſachen. Die Gräfin bat um Entſchuldigung, noch eine Klei nigkeit mit ihrem Beichtvater abzuthun, und nahm Garz⸗ weilern mit in ihr Kabinet. Beide Herren ſetzten inzwi⸗ ſchen ein wie es ſchien abgebrochenes Geſpräch fort, indem Müller ſagte: Es iſt eine ſonderbare Preſſion: hier ſteigt Ruß⸗ land alltäglich rieſenmäßiger empor und mit eiſernem Stab; dort löſt Frankreich alle Bande; in der Mitte Germanien. Was will aus dem werden? Der galliſche Geiſt dringt überall durch, und es ſcheint ein Rathſchluß der Wächter: denn alle Kabinete ſind mittelmäßig, der Adel, der hohe Klerus ſinkt überall. Wenn nur aber die galliſche Freiheit nicht ein Gebäude wäre ohne Fundament, belebt, nicht von Geiſte, ſondern von Wind! Noch kann ich der Er⸗ fahrung der Jahrhunderte und den Lehren aller großen Männer dem Ding zu Lieb' nicht entſagen. Sie ſind ein großer Kenner der Geſchichte, ſagte Hei— mes Bleiben Sie aber nicht blos ein Beſchauer und ein Beſchreiber der Vergangenheit, ſondern werden ein Be kämpfer der Gegenwart. Laſſen Sie die Politik nicht gal— liſch werden, ich will verhüten, daß die deutſche Kirche nicht gallikaniſch werde. Wir müſſen an Rom feſthalten; Rom allein kann unſere deutſchen Fürſten zuſammenhalten, die vertrauenden, wie die haſſenden. Es war— fuhr er leiſer fort— ein großer Irrthum unſeres Kurfürſten— das Unternehmen mit den emſer Verabredungen gegen Rom! Die Disciplin muß ſtraff gehalten werden; der niedere Klerus(dies ſagte er mit einer gewiſſen Zorn— — müthigkeit) muß gehorſamen, wenn das Volk glau— ben ſoll. Oui, oui! erwiderte Müller. Ich bin Kalviniſt, aber Sie wiſſen, Herr Biſchof zu Vallona, wie huldvoll der heilige Vater mein Werk:„Die Reiſen der Päpſte“, aufgenommen hat. Ich bin unparteilich, wenn ich be— haupte, ein hoher Klerus bürgerlicher Abkunft würde ſich enger an Rom anſchließen. Die Söhne des hohen Adels werden immer etwas Territorial- und Familien⸗ Intereſſe, ſowie einiges fürſtliche Unabhängigkeitsgelüſt be⸗ halten. Oui, oui! Geſtehen Sie ſelbſt, falls Sie Erz⸗ biſchof von Mainz wären— Nun? fiel Heimes mit lächelndem Selbſtgefühl ein. Ein Wagnerſohn hat das Rad in unſer mainzer Wappen gebracht: würde ein Bauernſohn nicht gut damit fahren? Die Gräfin kam eben mit Garzweiler zurück.— Die heutige außerordentliche Conferenz iſt wol durch eine drin⸗ gende Angelegenheit veranlaßt? fragte ſie. Heimes ſchwieg unachtſam. Müller erwiderte unter befangenen Vernei⸗ gungen: Die geſtrige Abendpoſt aus Paris— Das iſt mir eine ſchöne Conſtitution, die ſie den guten König Ludwig unterm 14. dieſes haben beſchwören laſſen! Die geſetzgebende Verſammlung untergräbt dieſelbe zuerſt durch ihre Dekrete gegen die Emigranten. Man verlangt von Sr. kurfürſtlichen Gnaden und den Kurfürſten von Köln und Trier die Ausweiſung aller Emigrirten und Einſtel— lung aller kriegeriſchen Vorkehrungen. Man bedroht uns mit Krieg—! Garzweiler fiel lächelnd ein, indem er ſich empfahl: Unſere Schiffer ſcheinen bereits von dieſem Anſinnen zu k glau niſt, aber dvoll det Pipſte“ nich be⸗ ift würde des hohen Familien⸗ geliſt be Sie Etz⸗ fühl ein Wappen it fahren? — Die eine drin⸗ es ſchwieg Verni⸗ Oas iſt en König ſen! Die urſt dur angt von von Köh Einſte— roht uns empfahl ſinnen zu wiſſen; ſie fangen ſchon an die Franzoſen auszuladen, wie ſie's nennen. Garzweiler! rief ihm die Gräfin erſchrocken nach,— Herr geiſtlicher Rath! Wiſſen Sie denn auch ſchon von dem Vorfall—2 Ich bitte ſehr, daß Sie ihn vor dem Kurfürſten verſchweigen. Wir wollen dem Herrn keinen Verdruß machen. Ich habe ſchon deshalb an den Vice⸗ dom geſchrieben, nichts in der Sache zu thun. Ich weiß ſchon, wie wir's in Mainz gern haben! ſagte mit ſcharfem Ton Garzweiler und ging, den Baron Franz Karl aufzuſuchen. Dieſer ſaß, in Erwartung zur Conferenz beſchieden zu werden, in ſeinem gewöhnlichen Arbeitszimmer des alten Schloſſes über der Abſchrift einer pergamentnen Urkunde. Sein linker Zeigefinger ruhte unter der gewöhnlichen Be⸗ glaubigungsformel: In fidem u. ſ. w.„ An Fides“— überſetzte ſein Herz dieſes fremde Wort, und ein Liebes⸗ frühling erblühte aus der ſtarren Aktenfloskel. Dieſem phantaſtiſchen Spiele nachhängend erſchrak er beim leiſen Herantreten des Paters. Die Conferenz iſt aufgeſchoben, Herr Baron! ſagte er im Tone freundlicher Zutraulichkeit. Ich komme eben vom Kurfürſten; er hat Kopfweh und den Doctor Hoffmann rufen laſſen. Er ließ ſich auf ein Tabouret nieder, ging raſch über Stadtgeſchichten hinweg, um wie zufällig auf den Vorfall mit Montleveau zu kommen.— Ich habe ihn gewarnt, lachte Franz Karl, und der mitlachende Garzweiler ſpottete über die Art, wie man in Mainz gern Alles vertuſche, was einflußreichen Perſonen oder deren Lieblingen unans 138 genehm ſei, wenn auch die perſönliche Ehre oder die öffent⸗ liche Ordnung dabei compromittirt werde.— Apropos des Vaurhall! rief er dann aus. Wozu ich eigentlich gekommen bin: ich wollte Ihnen ſagen, Sie haben einen alten Freund Ihres ſeligen Vaters glücklich gemacht. Er nimmt den ehrlichſten Antheil an Ihrem Geſchick, Herr Baron, bewundert Ihren Geiſt, Ihren ſtaatsmänniſchen Blick, und prophezeit Ihnen eine bedeutende Zukunft,— eine höhere Laufbahn, als Ihres Herrn Vaters. Erasmus Lennig? lächelte Franz Karl. Errathen! Er hatte ſich jüngſt ſchon beklagt, daß Sie ihn nicht mehr kennten. Nun hat er Sie geſprochen. Wollen Sie ihn nicht einmal beſuchen? Oder ſich ſeine Aufwartung gefallen laſſen? Ach! der gute Mann phantaſirt mir zuviel von Deutſch⸗ land, antwortete Franz Karl wegwerfend. Er kramte mir ſchon beim erſten Begegnen ſeinen Widerwillen gegen den Fürſtenbund aus. Beſchränkte Anſichten auf untergeord— netem Standpunkte, die er mit viel Selbſtzufriedenheit vorbringt! Man kann ja die vicedomamtlichen Gefälle recht gut verwalten, auch neben dem Gewaltsboten und Vicedomamtsſchreiber über die kleinen Polizeihändel Sitzung halten, und doch über Staatsverhältniſſe recht unzulänglich urtheilen, lieber Pater. Dabei ſpricht er über den Kur⸗ fürſten und den Hof freimüthiger, als es ſich für ſein Amt und in meinem Beiſein ſchickt. Gewiß, gewiß, Herr Baron! Das untergeordnete Leiſten in Amt und Würde wird gar oft der Leiſten, über den ein Subalterner gern hinausgeht, gegen die War⸗ nung: Schuſter! bleib' bei deinem Leiſten! Aber um Ihres ie öffent⸗ Apropos eigentlich en einen ſcht Er ck, Hen inniſchen Unft,— daß Sie ſprochen ich ſeine Deutſch⸗ amte mir egen den tergeord riedenheit Grfille ten und Sitzung ulinglich en Kur fir ſen eordnelte n, über War⸗ m Ihre Herrn Vaters willen, dachte ich. Lennig hat eine große Anhänglichkeit an Ihr Haus, und bei dem jetzigen revo⸗ lutionairen Uebermuthe, der die Welt ergreift, liegt es im Intereſſe des Adels, jede bürgerliche Hingebung zu pflegen, Herrſchen und Dienen in rechter Wage zu halten. Er iſt übrigens bei all' dem ftreien Reden, wie es jetzt in Mainz aufkömmt, ſehr kurfürſtlich geſinnt, und ein erklärter Wi⸗ derſacher der revolutionairen Partei in Mainz.—— Ich wünſchte, Lennig hätte einen Sohn, für den Sie etwas thun könnten. Nein, er hat keine Kinder. Ich habe ihn gefragt, bemerkte der Baron. Doch, Herr Baron,— er hat— Ja, ja, Sie haben Recht, Pater: er hat eine Tochter; es fällt mir eben ein, verſetzte Franz Karl zerſtreut. Die iſt aber auch ſein Alles! Die ſchöne Fides iſt ſein Stolz, ſein— Was? Fides, Lennig's Tochter? fuhr der Baron etwas erblaſſend auf, und erhob ſich vom Sitze. Sein Herz ſchlug heſtig unter dem vlötzlichen Andrange ſeiner Em⸗ pfindungen oder ſeines Blutes. Garzweiler ſchlug beide Hände kopfſchüttelnd zuſam⸗ men, und brach in ein lautes Lachen aus. Der Baron trat befremdet, beleidigt zurück. Da ſehen Sie nun einen geiſtlichen Schlaukopf in ſei⸗ ner ganzen Blöße vor ſich, mein lieber Baron! rief Garz⸗ weiler gutmüthig fortlachend. An Ihrem überraſchten Staunen beſinne ich mich erſt! Sie erinnern ſich doch, wie ſehr ich mich früher darauf geſteift hatte, Ihnen den Na⸗ men der ſchönen Fides nicht zu nennen, und nun entfährt —— ———— 14⁰ er mir ſo unbedacht! Sie ſehen, wie ſehr an mir, wenn auch juſt nicht Hopfen und Malz, doch alle Schlauheit und Politik verloren geht! Je nun, es iſt kein Unglück! Damals, im erſten Augenblicke, dachte ich nur an die leichtſinnigen Verhältniſſe unſerer jungen— und leider! auch älteren Herren in Mainz. Ich kenne ja aber Ihr edles Herz, Ihre noble Geſinnung, und— ſoll ich hinzu⸗ ſetzen— Ihren poetiſchen Geiſt? Es iſt wahr, die Phan⸗ taſie der Jugend ſchwärmt gern in Regionen, die über den ſcharfen Unterſchieden des Lebens erhaben liegen. O der ſchönen Jahre unſeres Einzugs in die Wüſte des Lebens, da jede Nacht uns ein Manna niederthaut, das wir aber ja vor Aufgang des Tages ſchöpfen müſſen, der es ſchnell hinwegzehrt. O könnten wir feſthalten, in unfere höhe⸗ ren Jahre mit uns nehmen, was über die Stände, über die Arbeiten und Sorgen, über die Gemeinheiten und All⸗ täglichkeit des Daſeins ſich wie ein ſchimmernder Schmelz ausgießt: den Mondſchein unſerer Jugendſchwärmerei, den Duft der erſten reinen Liebe des Herzens! O ich kenne das, Baron Franz Karl! Doch— Schweigen gehört zu meiner Tonſur. Er ging einigemal im Zimmer hin und her; dann blieb er vor dem Schreibtiſche ſtehen, und fragte den zer⸗ ſtreuten jungen Mann im Tone einer Ablenkung des Ge⸗ ſprächs: Was haben Sie denn da für eine Urkunde? lieber Baron. Franz Karl meldete kurz den Inhalt des Pergaments. Man konnte dem jungen Freund anſehen, daß er von des Paters Worten innerlich bewegt, und in einer weichen wohlwollenden Stimmung war. ine denzen Velch abin gnöſ geng ſiel Wel Mie „wenn hlauheit nglick an die bider! bet Ihr hinzu⸗ Phan⸗ iber den O der Lebens, ir aber ſchnell ehöhe⸗ e, übet nd All⸗ Schmelz rei, den h kenne hört zu dnn en ze⸗ es Ge⸗ Baron ments on des weichen 141 Alte Urkunden, fuhr Garzweiler fort, verhalten ſich zu laufenden Aktenſtücken, wie Geſchichte zu Zeitungen. Ich, für meine Perſon, würde mich mehr für das Lau⸗ fende intereſſiren, für die Betrachtung der werdenden Welt. An Ihrem Platze, Herr Baron, würde ich mir eine Sammlung der bedeutenden Noten und Correſpon— denzem⸗nlegen, die Ihnen jetzt durch die Hände gehen. Welche Erinnerungen für ſpätere Jahre! Wenn einſt aus Kabinetsverhandlungen Geſchichte geworden iſt, dann genöſſen Sie die Beſtandtheile derſelben zugleich als ein⸗ gemachte Früchte. Das iſt kein übler Gedanke, Herr geiſtlicher Rath, fiel Franz Karl ein. Darin haben Sie Recht: am Fer— tigen geht Einem gar zu leicht das Lebendige verloren. Sehr wahr! ſagte Garzweiler, mit angenommener Miene der Gleichgiltigkeit. Und Ihnen iſt die ſchönſte Ge— legenheit dazu geboten. Der Kurfürſt theilt Ihnen ja wol die diplomatiſchen Verhandlungen mit? Er zeigt mir viel Vertrauen, ob aber auch alle Cor— reſpondenzen—2 Ohne Zweifel! verſicherte Garzweiler. Er hat ſich frü⸗ her nach der Zuverläſſigkeit Ihres Charakters bei mir er— kundigt. Ich habe ihm meinen Kopf zum Pfande für Sie angeboten. O, Herr Baron, das war eine Kleinigkeit; denn ich kenne Sie ja! Uebrigens können Sie ſich ſtets von dem Umfang ſeines Vertrauens überzeugen er läßt Sie ja öfter allein im Kabinet, wo die geheimſten Pa⸗ piere in den linken Schubfächern ſeines Schreibtiſches liegen. Sie dürfen es wiſſen:— der Fürſt lieſt mir gewöhnlich die wichtigſten Noten vor, obſchon ich gar kein Intereſſe — 142 ————— für dergleichen habe. Aber,— ſehen Sie! er ſelbſt lebt und webt jetzt in dieſen Dingen, und wird in der Politik viel ſcrupulöſer, als er früher vielleicht in der Moral war. Es liegt wol in ſeinen Jahren. Ihr Vorſchlag gefällt mir ſehr, bemerkte Franz Kayl. Um aber zur Anlegung einer ſolchen Satulung wichtiger diplomatiſcher Aktenſtücke Abſchriften zu nehmen,—wißte ich doch den Fürſten um Erlaubniß fragen. Dazu möchte ich nun nicht rathen, lieber Baron. Wer weit fragt, geht weit um. Vor Allem ſcheint mir ſolche Abſchriftnahme für eine ferne Zukunft durchaus nicht gegen die Pflicht und Ehre Ihrer angelobten Verſchwiegenheit zu verſtoßen. Wie oft ſind dieſe Schriften nicht von vorüber— gehender Wichtigkeit und demaskiren ſich ſehr früh! Fra⸗ gen Sie aber an, ſo kann Ihre Abſicht leicht mißverſtan— den werden: Sie können Mißtrauen erregen, ein Verbot veranlaſſen, das Ihren löblichen Zweck vereitelt, oder manche Zurückhaltung vielleicht des Bedeutendſten erfahren, wol gar in ſchmähliche Verlegenheit kommen. Nehmen Sie nur an, daß eine wichtige Mittheilung durch einen beſtochenen geheimen Erpeditor oder Kanzliſten auskäme, und der Fürſt weiß, daß Sie Abſchriften genommen haben— Mein Gott! ſprang der Baron wieder erſchrocken auf. Das ertrüge ich nicht! Ich würde mir eine Kugel vor den Kopf ſchießen. Nein, lieber mag die ganze Sache un terbleiben. Lieber Baron, lächelte Garzweiler,— in medio vir- tus! Da ſieht man den jungen Mann, der nur die Er⸗ treme kennt! Warum das Gute unterlaſſen, wenn man die G uhme 6 D in ve ſilbſt Pohl Sie, Vohl Dienſ und ſüng Sam Sie ter eſ auch dacht taate heich nit doch bolit nte tird dnn — lbſt lebt Politik al war z Kar. wichtiger ite ich Wu ir ſolhe t gegen nheit zu orübe Fre⸗ verſtan⸗ Verbot t, oder fahren Nehmen ch einen uskäme, ommen ken auf vor den che un i0 vir- die Er n man 143 die Gefahr durch Klugheit abwenden kann? Einen Rath nehmen Sie gefälligſt bei diefer Gelegenheit für Ihr gan zes Dienſtleben von einem Manne an, der die Menſchen in verſchiedenen Lagen geſehen hat! Suchen Sie frühe ſelbſtändig auch im Dienen zu werden! Gehorſam—? Wohl! Doch ſei er an eigner Würde gemeſſen! Sehen Sie,— dadurch unterſcheidet ſich von einem knechtiſchen Wohldiener ein freier und adeliger Mann, daß er im Dienſte ſeines Fürſten Herr ſeiner eigenen Verhältniſſe und Richtungen bleibe. Machen Sie jetzt gleich einen An fang zu ſolcher edeln Selbſtändigkeit mit. dieſer herrlichen Sammlung von Abſchriften! Es kommt eine Zeit, da Sie mir's danken werden. Ich rede blos in Ihrem In tereſſe und will des meinigen dabei gar nicht gedenken. Wie? verſetzte der Baron betroffen;— Sie hätten auch ein Intereſſe dabei? Allerdings habe ich dabei auch ein wenig an mich ge— dacht, Herr Baron. Sehen Sie,— ich verſtehe manche ſtaatsrechtlichen Verhältniſſe nicht, die der Kurfürſt im Beichtſtuhle zur Frage bringt. Im Sittlichen traue ich mir ein billiges Urtheil zu, aber das Politiſche—! Doch der Kurfürſt betrachtet ſein Thun und Laſſen in der Politik gern in Bezug auf das Wohl und Weh ſeiner Unterthanen, mithin auch als ſein ſittliches Thun, und wird oft, wie geſagt, ſehr zweifelſüchtig. Da dachte ich denn eben an Sie. Sie ſollten mir Manches erklären, und mich in den Stand ſetzen, dem Fürſten mit gewiſſen— hafter Einſicht zu rathen. Wenn ich Ihre Abſchriften durch⸗ blickte, würde ich wieder auf die Scrupel kommen, die mir bei der mündlichen Mittheilung vom Fürſten ſelbſt vorge — 144 bracht worden ſind, und derentwegen ich mir oft Bedenk zeit ausbitten muß. Eben wieder, wo ich von dem Für⸗ ſten komme, war von einer franzöſiſchen Note die Rede, die Emigranten betreffend. Sie werden dieſelbe nachher in der Conferenz auch erfahren. Ich kenne ſie ſchon. Der Kurfürſt ſchien ängſtlich über das franzöſiſche Verlangen. Wahrſcheinlich bringt er die Sache noch einmal in der Beichte vor, zu der ich auf dieſen Nachmittag befohlen bin. Welchen ſtillen Einfluß gewännen Sie ſo durch mich auf die gute und rechte Sache, mein edler junger Freund! Franz Karl reichte dem Pater die Hand, ob als Zeichen ſeines Dankes oder eines ſtillen Verſprechens,— er wußte oder bedachte es ſelber nicht. Er hatte dieſen Mann noch nie ſo gemüthlich und unbefangen geſehen, und war davon aufs Angenehmſte überraſcht.— Welch' ein reiches Geſpräch verdanke ich Ihnen, Herr geiſtlicher Rath! ſagte er zu dem Scheidenden Nichts, worauf Sie mich nicht gebracht hätten, lieber Baron! verſetzte Garzweiler. Lauter naheliegende Gegen ſtände! Das Pergament auf Ihrem Tiſche dort vereinigt Alles. Es iſt eine Abſchrift in idem. Und von Ab⸗ ſchriften und Fides haben wir geſprochen. Von Fides Lennig! Ich war auch lange nicht ſo heiter und innig froh. Es bleibt unter uns, lieber Baron! De Baro Grur atz auf lich bU gedent em Fin ie Rede, nachher 3 on. Yll erlangen. lin der befohlen urch mich Freund! ob als en— ue dieſen geſehen, Welch geiſtlche n, liebel Gegel vrreimt von Ab on Fides und inn Zwölftes Kapitel. Di zufriedene Stimmung, mit welcher Garzweiler den Baron Franz Karl verließ, hatte ihren argliſtigen guten Grund; aber ſie dauerte kaum länger, als über den Schloß platz und durch die enggewundene Deutſchehausgaſſe, die auf den Mitternachtsplatz ausläuft. Hier ſprach er näm lich wieder bei Herrn von Bettendorf ein. Er hatte er wartet, der unglückliche Mann, der nächſtens Kapitular werden ſollte, würde ſich zu dem ſo erſehnten Violettkragen und Demantkreuze aufraffen und zuſammennehmen. Aber er fand ihn abermal auf dem zerwühlten Lager, und ließ ſich von ſeiner Entrüſtung ſo weit hinreißen, daß er ſelber zur ledernen Peitſche griff und den Faulen vom Bett auf trieb. Beſchämt über ſeine Aufwallung und Selbſternie drigung verließ er das Zimmer, um in der unteren Stube einen ſeiner Kundſchafter zu empfangen. Es war ein Fri ſeur, der vornehme Häuſer bediente, heut aber unglückli cher Weiſe etwas angetrunken, bei ſeinen Berichten aus jenen Familien eine ſchäkernde Vertraulichkeit annahm, die der ſtolze Prieſter mit allem Aufgebote ſeiner Autorität nicht niederzudrücken vermochte. Er vergaß ſich abermal und verſetzte dem verwegenen Menſchen, dem er die Thüre öffnete, einen Fußtritt. Nun überkam ihn ein unſäglicher Mißmuth. Er fühlte ſich von ſeinen eigenen Werkzeugen gedemüthigt. Die Beſorgniß wandelte ihn an, dieſe Men Koenig, Clubiſten in Mainz. 1 10 ———————————— ſchen, ſtatt an die guten Zwecke und an die ihnen vor geſpiegelten Werke des Heils zu glauben, möchten ſeine wahren Abſichten durchſchauen,— loſes Geſindel, die er mit Wohlthätigkeit zu lenken hoffte, und die nur immer bezahlungstrotziger wurden. Mit dieſer Niedergeſchlagenheit kam er gegen Mittag in ſeiner Wohnung an. Erſchöpft durch die Anſtrengung, ſeinen ſtolzen Gang und ſeine hohe Miene über die Stra ßen beizubehalten, athmete er hinter ſeiner Hausthüre zu ſammengeknickt ſeinen Kummer aus; bis er ſeine ältliche Haushälterin Urſula herbeiſchlarfen hörte. Da richtete er ſich wieder auf. Reinlich, wie all' ſeine Umgebung ſein mußte, kam ſie herbei, kniete mit gefalteten Händen vor ihm nieder und bat um ſeinen apoſtoliſchen Segen.— Es iſt mir heut Alles in der Küche wohlgerathen, ſagte ſie mit dem Ton einer Schwerhörigen und mit der ein fältigſten Miene von der Welt. Eure Hochwürden werden mit den Feldhühnern zufrieden ſein. Ich hab's jetzt weg, bei wieviel Ave Maria ſie gar und ſo hübſch bräunlich werden. Dennoch bin ich nicht würdig, Ihnen zu dienen. Segnen Sie mich dazu! Garzweiler begünſtigte ſonſt und erzog ſelbſt eine ſolche Demuth an ſeinen Untergebenen. Es ſchien ihm ein Be— dürfniß zu ſein, ſich durch ſolche Verehrung von dem Zwange ſeiner eigenen Unterwürfigkeit gegen Kluge und Vornehme zu erholen. Auch überredete er ſich, Dienſt— boten und Dienſtbare durch lebhaft ausgeſprochene Aner— kennung ſeiner Würde am ſicherſten treu und blindgläubig zu erhalten. Jetzt aber, in ſeiner Verſtimmung, ward er ſogar über dieſe Frömmigkeit etwas ungeduldig, und brun beter ſegn Glü luſe ſchen gekr ziem ſetz da der ein au we wi ten vor ten ſeine die er immer Mittag engung, ie Stta hüre zu eiltliche chtete er ing ſein den vor gen.— 1, ſagte der ein⸗ werden t wig, bräunlih dienen. ne ſolhe ein Be⸗ on dem uge und Dienſt Aner⸗ gliubig ward e n 1 7 brummte über ſeiner zum Segen ausgeſtreckten Hand mit betend bewegter Lippe: Gott hat dich mit Albernheit ge— ſegnet, du taube Vettel, und die Dummheit iſt dein Glück! Ja, Glück und Segen kann man brauchen! ſeufzte Urſel, ihre trockenen Augen mit der weißen Schürze wi— ſchend.— Zwei herrliche Kapaune habe ich auf dem Markte gekriegt, ſetzte ſie raſch hinzu, und einen koſtbaren Reh⸗ ziemer. Wir können jetzt die hochwürdigen Freunde ein⸗ laden. Garzweiler beſtieg ohne Antwort die Treppe. Befehlen Hochwürden Rauhenthaler zu Tiſch oder Bur⸗ gunder? Urſel erhielt keinen Befehl, und eilte voraus, die Thüre zu öffnen. Es iſt auch ein Brief gekommen, aus Oeſt⸗ rich, ſagte ſie. Ein Brief aus Oeſtrich? rief er plötzlich erheitert, ſetzte aber gleich mit ſtrengem Ton hinzu: Wer ſagt Ihr, daß er aus Oeſtrich iſt? Es iſt immer dieſelbe niedliche Handſchrift, einer wie der andere, und riecht nach Reſeda, antwortete ſie, indem ſie im Anſprachzimmer des Paters den Brief vom Rand eines eichenen Pultſchrankes nahm. Wie Garzweiler, froh aufgeregt, nach ſeinem Studirzimmer eilte, rief ſie ihm nach Ich brauche noch einige Vatzen für gutes Obſt, Hoch würden! Gedankenvoll reichte er ihr den Pultſchlüſſel, und ſchloß hinter ſich die Thüre. Rührig auf einmal, wie ein junges Mädchen, und ſchlau nach der Thüre horchend öffnete ſie das Pult, nahm 10 — ——.—— — — — aus einem Käſtchen drei bis vier Laubthaler, die ſie hinter ihren Bruſtlatz fallen ließ, und aus einem offenen Körb chen etwas kleines Geld, ſchloß dann mit Geräuſch das Pult, eilte hinüber und wies bei Ueberreichung des Schlüſ ſels die Batzen vor. Der Brief muß ſchon geſtern gekommen ſein, ſchalt Garzweiler. Sie wird alle Tage vergeßlicher. Decke Sie jetzt das Eſſen. Burgunder! Urſel eilte fort. Die Treppe hinab ſagte ſie vor ſich hin: Freilich iſt er geſtern gekommen: geſtern war aber nicht Sonnabend, daß ich Geld fodern konnte. Das iſt ja eine Ungeduld um dieſe Correſpondenz, um dieſe Brief— chen aus Oeſtrich! Von wem ſie nur ſein mögen? Ich werde doch gewiß noch hinter das Geſchreibſel kom men. Hören und Sehen vergeht dem alten Schlaukopf bei den Billetten. Wann ließe er mir ſonſt auch einmal den Geldſchlüſſel, wenn ich nicht ſolche Augenblicke be⸗ nutzte? Kommt nur, ihr Vögelchen aus Oeſtrich, kommt nur immer, ihr Täubchen. Ihr habt auch etwas für mich in eueren Kröpfchen! Garzweiler las inzwiſchen, an die Fenſterbrüſtung ge lehnt, halb ſchweigſam, halb laut den ausführlichen Brief Nach verſchiedenen häuslichen Angelegenheiten hieß es: „Näzchen iſt geſtern zum erſten Mal die ganze Stube hindurchgelaufen. Ach, das war ein Jubel! Kauernd, mit ausgebreiteten Armen lockte ich den zagenden Lieb ling, und wie er mit dem ängſtlich geſpannten Geſicht⸗ chen auf mich zuwankte, zog ich mich immer mehr zurück Er reichte mit den runden Aermchen, ſchwankte auf den lieben appetitlichen Beinchen vorwärts, bis er verzagter ſtolpe uber Mein ſchwa ſiucht Rerad gewa Ohei Herb eigen die! Ma or zU der und miſt hine ie hinter n Körb ſſch das Schlüſ n, ſchalt cke Sie opr ſich var aber e Brief⸗ mogen? ſel kom laukopf einmal icke be⸗ kommt für mich ung ge n Brif 2 ze Stube aueund, n Lieb Geſicht⸗ zurick auf den etzuge 149 ſtolperte und mir in den Schoos ſank. Erſt zog der Engel über ſeinen Fall ein Flennmäulchen: wie er ſich aber in meinen Armen geborgen fühlte, lachte er vergnügt. Ich ſchwang ihn jubelnd empor, daß er hoch über meinen feuchten Augen zappelte. Ach! daß mein lieber Mann gerade am Krahn war! Nazi hat's ſeitdem nicht wieder gewagt.— Kommen Sie bald wieder einmal, beſter Oheim, und freuen ſich mit uns über Ihren Pathen. Wie lange waren Sie nicht in Oeſtrich! Auch iſt ja der Herbſt ſo ſchön. Wir können Sie freilich nicht in unſeren eigenen Weinberg führen: aber Trauben ſollen Sie doch die beſten haben. Wenn wir Geld hätten, könnte mein Mann jetzt ein hübſches Wingertſtück kaufen. Die Frau von Wallbrun will ein's losſchlagen, das ihrer Beſitzung zu entfernt liegt. Nun adieu! Kommen Sie einmal wie— der und theilen Sie unſer laufendes Glück!“ Garzweiler hielt gerührt inne. Er war tief ergriffen und bewegt. Mit dem Brief in der Hand ging er ſtür miſchen Schrittes hin und wieder. Endlich ſprach er, wie hingeriſſen von einem Entſchluſſe: Ja, ich komme! Fort mit all' dieſen hochzielenden Demüthigungen, mit dieſen Kreuz- und Querläufen des Hetzhundes,— aus dieſen Lügenwindungen der Politik! Weg mit aller Heuchelei aufgeblaſener Dienſtbarkeit! Was kümmern mich Fürſtenbund, Revolution und Roms Herrſch ſucht! Mit dir, meine Gertrud, und mit deinen Kin⸗ dern will ich leben. Der Herd, wo euer Topf kocht, eures Kindes Breitiegelchen ſiedet, ſoll mein Altar ſein. Natur, Familie, Liebe— an dieſe Dreieinigkeit will ich glauben, in dieſer ſeligmachenden Wahrheit meine Tage 150 hinbringen.—— Aber auch erkannt ſein! ſetzte er nach einigen ſtürmiſchen Schritten hinzu. Nicht Oheim will ich länger heißen,— Tochter will ich dich nennen, — meine Enkel will ich laufen ſehen! Er erſchrak vor ſeiner eigenen lauten Stimme. Leiſe ſteckte er erſt den Brief ein, hielt den Athem an ſich, zu lauſchen, öffnete dann feſten Schrittes die Stubenthüre, und ſah hinaus. Niemand hatte ihn gehört. ſetzte er Oheim nennen, Leiſe ſi enthüre, 3 Thereſe. —-——— Erſtes Kapitel. In einem der Häuſer die gegenüber der langen Garten mauer des Schönborn'ſchen Palaſtes von der Univerſität neu erbaut waren, eine Treppé hoch, ſaß Frau Thereſe Forſter in einem Lehnſtuhl am Fenſter. Dieſe ſchlanken Fenſter des mittleren Stocks warfen reichliches Licht in die Liefe des Zimmers, das einfach aber geſchmackvoll möblirt und ohne ängſtliche Anordnung höchſt reinlich gehalten war Die Einrichtung hatte etwas von den gewöhnlichen main— zer Wohnungen Abweichendes,— etwas Norddeutſches, wenn man es nicht beſtimmter bezeichnen konnte, was zum Theil in den Gegenſtänden des täglichen Bedürfniſſes und Gebrauchs lag. Unter Anderen ſah man auf allen Möbeln umher Bücher, Flugſchriften, Hefte und Zeitblätter ziem— lich ungeordnet liegen,— Gegenſtände, die in den Woh— nungen der eingeborenen Mainzer ſpärlich oder gar nicht vorzukommen pflegten. Einiges von dieſen umherfahrenden Sachen hatte ſich auch auf dem kleinen Arbeitstiſche verſammelt, vor welchem Frau Thereſe ſaß. Ihr Strickzeug lag darauf, ein Kin derſtrümpfchen von der Farbe„Kümmel und Salz“, wie die Strickerinnen den aus weiß und ſchwarz gedrehten Fa— den zu nennen pfilegen. noch in einem Morgen⸗ überkleide, obſchon es Nachmittag war. Freilich ſaß der Arzt Wedekind vor ihr, ſeine Hand um ihre pulſirende Handwurzel geſchlagen. Dann verſchrieb er; dann gab er mündliche Vorſchrift, unter anderen, daß ſie morgen wie⸗ der ausgehen und damit täglich fortfahren ſolle, um ihre reizbare Bruſt an der noch ſo milden Oetoberluft zum Winter überzugewöhnen. Sie ſaß Mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit und einem Blick durch das Fenſter nach dem großen Garten gegenüber ver— ſetzte Frau Forſter: Brauche ich denn der freien Luft ſo abſolut nachzulau fen, lieber Hofrath? Der Graf Schönborn iſt ſo gnädig, mir die beſte Gartenluft im Ueberfluſſe zu überlaſſen. So? Wobei Sie denn auch hübſch leſen können, nicht wahr? fuhr Wedekind etwas unzufrieden heraus. Mit euerm ewigen Leſen und Leſen! Bedenkt denn aber un⸗ ſere kluge Frau nicht, welch' großen Unterſchied es macht, ob eine ſchwache Bruſt leſend, oder ob ſie laufend ihre Portion Luft ſchöpft? All' dies Leſewerk da umher und Ihre leidenſchaftliche Theilnahme an Allem und Jedem— beſte Frau—! Er hob den drohenden Zeigefinger und wendete ſich zu gehen.— Beruhigen Sie ſich, Hofrath! lächelte Thereſe. Ich will nun oft und viel ins Freie laufen und auch nur — Luftiges leſen, z. B. Declamationen über Freiheit und Gleichheit, die man jetzt ſo gut und wohlfeil haben kann. Nicht wahr, beſter Hofrath, gegen ſolches Leſen haben Sie nichts? Ich weiß ſchon, die Aerzte verbieten ihren Patienten nicht leicht, was ſie ſelher gern eſſen und trinken! korgen⸗ ſaß der ſirende gab er en wie⸗ m ihre ſt zum Blick er ver Rulau gnädig en. n nicht Mit e un⸗ macht, id ihr er und em ſich zu hereſt. ch nu eit und kann. en Sit tienten Sie ſind eine allerliebſte loſe Frau! verſetzte Wede⸗ kind mit einem ſanften Schlag auf ihre Schulter, worauf er nach ſeinem Hute ging. Eilen Sie nicht ſo, Hofrath! rief ſie ihm zu, ich habe nun auch erſt ein wenig zu ſchelten. Wo bleibt denn noch immer Ihre Rechnung vom erſten halben Jahr? Wedekind ſchüttelte lachend den Kopf, und verneigte ſich zu gehen. Nein, beſter Herr Hofrath, ſo geht es nicht! erklärte Thereſe ſehr ernſthaft.— Ich weiß, Sie ſind der un⸗ eigennützigſte Arzt von der Welt: aber in unſeren knappen Verhältniſſen muß ich ſehr pünktlich ſein. Erleichtern Sie mir das! Was? Uneigennützig? verſetzte er. Glauben Sie etwa, ich wiſſe das Geld nicht zu ſchätzen? Im Gegentheil! Die Kunſt mit dem Geld umzugehen iſt mir höchſt wichtig. Ich halte ſie für das erſte Hauptſtück einer wahren Auf⸗ klärung. Sie lächeln? Das ſoll kein Witz ſein. Das Wort macht Sie irre: Sie verſtehen was Anderes unter dieſem Ausdruck. Aber das nenne ich nicht Aufklärung, wenn man ſich aus der öffentlichen Religion nichts macht, oder ſich nach Luſt und Vortheil über die allgemeine Moral des gemeinen Volkes hinausſetzt. Wiſſen Sie, was ich unter Aufklärung verſtehe? Die vernünftige Erkenntniß all' derjenigen Dinge, welche ohne Rückſicht auf unſeren beſonderen Beruf oder Metier zu unſerer Glückſeligkeit un⸗ entbehrlich ſind! Und dezu iſt richtige Geldwirthſchaft Nummer Eins. Geld iſt das Seepter der Herrſchaft im Staat wie im Hauſe. Aber das Scepter wird unſer Ty⸗ rann, ſobald wir es nicht zu behandeln wiſſen. Was hat 156 in Frankreich die Revolution herbeigeführt? Nicht die Freigeiſterei der Schriftſteller, nicht die ſcharfe Spottluft der oberen Regionen der Geſellſchaft; nein, die entſetz lichen Verſchwendungen der herrſchenden Macht, wodurch das Volksleben zerſtört ward. Geld iſt das Blut des Staates; Revolution das Fieber aus zu ſtarkem Blutver luſt auf der einen und Entzündung auf der anderen Seite. Was macht das Unglück von Mainz? Daß unſer alte Kurfürſt nicht mit dem Geld umzugehen weiß. Mit der einen Hand gibt er den Unterthanen ſeinen Segen, richtig wirthſchaften, Frau Hofrath Forſter, und ich ſchicke Ihnen meine Rechnung! mit der anderen fegt er ihre Taſchen. Wir Beide wollen Lachend eilte er fort, ohne Ahnung des erſchütternden Eindrucks, den ſeine Worte zurückließen. Thereſe ſank nachdenklich in ihren Armſtuhl, den Kopf in die Hand geſtützt. Ihr kränkliches Bübchen weinte drüben in der Kinderſtube; aber ſie war ſo beſtürzt, daß ſie es diesmal überhörte. Trübe Betrachtungen, eine bittere Unzufrieden heit mit ſich ſelbſt regten ſich in ihrer leidenden Bruſt Sie dachte an ihren Mann und an ſeine großartigen Be dürfniſſe, an ſich und ihre bängliche Hauswirthſchaft. Ein unausſprechlicher Kummer beſchlich ihr Herz Da klopfte es hart an die Hausthüre. Sie erſchrak; ſie dachte an ihren Freund Huber und ſprang auf. Sie wollte ihn abweiſen laſſen, und eilte nach der Stuben thüre. Aber er war ſo lange nicht dageweſen? Nun wollte ſie hinaufeilen zu ihrem Manne und ihn dort em pfangen. Sie traute, wie es ſchien, der Aufwallung ihres Herzens nicht. Da trat Baron Franz Karl herein che ein, ſter ert ſuz h icht die pottluft entſetz⸗ wodurch Aut des Blutver anderen uß unſer Mit Segen, wollen tternden eſe ſunk Hand in der diesmal frieden⸗ Bruft en Be ft. Ein rſchrak; Sie ztuben MNun t em⸗ 5 ihres 157 Sie wären krank, beſte Frau? rief er, und bemaß ihr Ausſehen. Ach nun, ſagte ſie, man kann krank und wieder ge⸗ ſund werden oder auch ſterben, ehe Sie kommen, Herr Baron. O nein doch! erwiderte er und reichte, wie um Ver— gebung, ſeine Hand. Diesmal iſt es bei einem Fieberchen geblieben, lächelte ſie, und wies, ſich ſetzend, nach einem Stuhl. Sie ſchei— nen ſehr aufgeräumt?. Nun ja, rathen Sie einmal, wo ich zu Mittag ge⸗ geſſen? fragte er, mit beiden Armen auf die Kniee vorge— bückt, und ihr zutraulich in die Augen blickend. Erheitert von dem friſchen, fröhlichen Weſen des glück⸗ lichen jungen Mannes ließ Frau Thereſe ſich auf den Scherz ein, und rieth vom Hofe abwärts durch eine Reihe der erſten Häuſer Alles nichts! lachte er. Sie müſſen auf eine zin⸗ nerne Suppenſchüſſel rathen. O ihr Götter! rief ſie. Da ſehen Sie wieder meine Kurzſichtigkeit! Ich hätte Ihnen gleich anſehen können, daß Sie mit Fides geſpeiſt: denn ſo fidel habe ich Sie noch nicht geſehen. Alſo ſtehen Sie ſchon mit ihe beim Suppenlöffel? Ei nun! antwortete er mit einem Erröthen der Ver legenheit. Ich weiß beinahe ſelbſt nicht, wie ich zu dieſer Einladung gekommen bin. Meine Mutter iſt eben auf unſerer rheingauer Beſitzung bei Heſtrich— So? Die Frau Baronin iſt verreiſt? Ja es iſt ihre Liebhaberei, dort einige Herbſtwochen ———— — —-—.——— 158 zuzubringen. Sie glaubt, die Früchte fielen reichlicher, wenn unter ihren Augen geherbſtet wird. Diesmal will ſie auch einige neue Einrichtungen treffen, ein etwas ent legenes Stück Weinberg verkaufen, Bauereien für nächſtes Frühjahr veraccordiren u. dgl. Dann ſoll ich das Beſitz thum übernehmen,— ein Pathengeſchenk meines geiſtli chen Oheims in Trier Und da wollten Sie es einmal an einem bürgerlichen Tiſche verſuchen? verſetzte ſchalkhaft Frau Forſter. Eigentlich galt Herrn Lennig's Suppe dem Sohn mei nes ſeligen Vaters! lachte der Baron Aber— das Deſſert? O, alle Süßigkeit der Welt liegt in ſolchen Augen blicken! rief Franz Karl. Welche Zufriedenheit empfindet man in dieſen Momenten,— welche unbegreifliche Ge nüge! Erklären Sie mir doch, theure Frau, das Ge heimniß ſolcher Augenblicke, da man nichts verlangt und doch nichts beſitzt,— eine Ewigkeit empfindet, indem man der Minuten vergißt,— eine Seligkeit empfängt, ohne zu wiſſen, woher man ſie ſchöpft O fragen Sie das auch nicht, mein edler Freund! ſagte Thereſe. Forſchen Sie auch nicht darnach! Die erſte Liebe Fällt wie ein unſichtbarer Thau mit leiſen Schauern vom reinen Himmel. Das iſt eben dieſe unnennbare Se ligkeit. Aber der Hauch gerinnt leicht auf der kalten Erde, und man weiß nicht, ob die Tröpſfchen in einen Becher des Glücks zuſammenfließen, oder als Thränen zerrinnen Eine Stille entſtand; denn Thereſe hatte im Ton eines eigenen tiefen Leides geſprochen und dadurch den Baron ein wenig befremdet, da er ihr Leid nicht begriff, und ſich eichlicher, mal will was ent⸗ nchſtes s Beſit s geiſti⸗ rgerlichen ohn mei⸗ Augen empfindet iche Ge angt und dem man ohne zu Freund! Die erſt Schauern bare Si ten Erde gechet de nen Lon ein n Barn und ſih 159 doch zu fragen ſcheute. Sie ward deſſen auch bald inne, und fuhr, ſich ſelbſt und den jungen Freund ermun⸗ ternd, fort: Erſchrecken Sie nicht, lieber Baron! Sie haben mich zu Ihrer Vertrauten gemacht, und müſſen nun auch meine trüben Stimmungen mit hinnehmen. Es iſt aber nur eine kränkliche Betrübniß, nichts weiter, durchaus nichts Tieferes. Sagen Sie mir lieber, wie benimmt ſich denn Papa Lennig bei Ihren Beſuchen? Ach der gute Mann nimmt mich immer etwas feier⸗ lich als den Sohn ſeines alten gnädigen Freundes auf. Von meinen Begegnungen mit Fides ſcheint er nichts zu wiſſen. Sollte ſie ihm wirklich nichts davon erzählt haben? Ich glaub's! ſagte Frau Thereſe. Sie glauben's? Fides ſchien doch nicht ſo gleichgültig dabei—? Nein, lieber Baron, für Gleichgültigkeit dürfen Sie dies Schweigen auch nicht nehmen. Im Gegentheil! Das verſtehen wir Frauen beſſer! Jene Begegnungen ſind eben die erſten wunderthätigen Bilder im Herzensheiligthume des Mädchens, und werden als hohe Geheimniſſe ver⸗ ſchleiert gehalten. O wie gern möchte man davon reden! Aber indem man den Mund öffnet und Worte ſucht, er— ſchrickt man, daß es für unſere hohen Empfindungen keine aparten Ausdrücke gibt, und ſie nicht beſſer gefaßt erſchei⸗ nen können, als das andere Alltägliche. Nun verſchließt man ſie, um ſie unentweihter zu halten. Aber, nicht wahr, ich habe heut meinen ſchwärmeriſchen Tag? Und die Mutter Lennig? Iſt eine ſehr fromme, aber ganz verſtändige Frau, —— — 160 antwortete der Baron. Wenn ſie nur nicht ſo unterwür⸗ fige Manieren hätte! In Gegenwart von Fides iſt es mir recht unangenehm. Ich weiß nicht gerade warum Aber es iſt mir zuweilen, als könnte Fides vor meinem Stand erſchrecken, oder— ich ſelber. Bei Tiſche hat die gute Frau faſt nichts gegeſſen. Ich glaube, ſie hält es für eine Bürgersfrau zu revolutionair, vor einem Baron † ein Stück Braten in den Mund zu ſtecken. Dafür behielt 3 ſie deſto mehr Zeit übrig, mich mit ihrem Zuſpruch und den vielen Schüſſeln zu drängen und zu beklagen, daß 3 die Sachen mir nicht gut genug ſchienen. Der Vater iſt ſchon unbefangener; wir ſprachen von Geſchäften, von Deutſchland— Ha, ha! Sie Schalk! lachte Frau Forſter, mit dem Finger drohend. Nein, nein, liebe Frau! Diesmal meine ich es ernſt lich. Von der Politik hat er wunderliche Begriffe; ich weiß auch nicht recht, was er unter deutſcher Nation ver ſteht? Wir haben, wie Sie wiſſen, einen Kaiſer, der vom Reiche 13,884 Gulden bezieht, was ſeine Macht ungefähr werth iſt; haben acht Kurfürſten, hundert geiſt⸗ liche und weltliche Fürſten, neunzig Grafengebiete und bei anderthalbtauſend Rittergüter mit landesherrlicher Gewalt. Wo iſt da die deutſche Nation? Doch über Mainz höre ich 6 den Alten gern: er weiß Manches von meinem Vater und erklärt mir Vieles aus der Vergangenheit, was an unſerem Hofe allerdings bald ins Gelbe, bald ins Blaue ſchillert Ganz recht! rief Frau Forſter. Blau und gelb,— 6 geiſtliche und weltliche Macht, ineinander gewebt! Das iſt der Schillertaffet ſolcher Höfe ſund ſigte St we L ſt b nterwür warum meinem e hat die hält es n Baron ir behiel ruch und n, daß Vatet iſt en, von mit dem 5 ernſt riffe; ich tion vel üſer, de Mach ert geiſt und be (Gewalt höre id Vater Und unſeren ſchiller gelb, Da 464 Eben klopfte es wieder an die Hausthüre. Thereſe ſtand unruhig auf.— Vergeſſen wir meinen Mann nicht! ſagte ſie. Gehen Sie doch hinauf, Herr Baron, in die Studirſtube, und bringen George mit herab! Der Baron eilte hinauf Zweites Kapitel. Thereſe lauſchte geſpannt nach der Thüre, als ob ſie den Ankommenden an ſeinen Schritten errathen wollte. Sie errieth ihn auch, und ging ihm bis in die Mitte des Zimmers entgegen. Ein junger Mann trat ein, ſorgfältig gekleidet, aber gewöhnlichen Ausſehens und von der Stu⸗ benbläſſe des Fleißes angehaucht. Ferdinand! begrüßte ſie ihn, mit einem Ausrufe, der weniger laut, als innig war. Ferdinand faßte die dargereichte Hand, er blickte der Lächelnden ins Auge, ſie ihm. So ſtanden ſie ein Weil⸗ chen, und ſchienen Eins das Andere ohne Worte zu ver⸗ ſtehen. Thereſe iſt doch noch ein wenig blaß! flüſterte er. Sieht Ferdinand nicht etwas kummervoll aus? lis pelte ſie. Bei dieſer wechſelſeitigen Beſorgniß legten Beide in die Namen alle Zärtlichkeit und Theilnahme, für welche ſie, wie es ſchien, ſich das vertrauliche Du nicht erlaubten. Koenig, Glubiſten in Maing1 11 — ———— —— —— —-——— 162 Ich fühle mich aber wieder recht wohl! antwortete Frau Forſter. Mein Kummer iſt nur noch wie ein Nebel, der eben vor der Sonne ſinkt und ſich in Perlen des Thaus ver wandelt, rief Huber, wobei er, Thereſens heiße Hand an ſeine Stirne preſſend, niederkniete, entweder um den ſin kenden Nebel anſchaulich zu machen, oder wahrſcheinlicher, um ein inneres Ungeſtüm zu bewältigen, indem er ſich ſelbſt niederwarf. Thereſe zog ihn ſanft empor. Da ſprang er auf, ſeine Arme gegen ſie ausbreitend: aber raſch, mit abweh render Bewegung der Hand, wendete ſie ſich, und nahm ihren Sitz am Fenſter wieder ein. Der Freund ſetzte ſich zu ihr. Beide eilten über die Erlebniſſe der letzten acht Tage, die Frau Forſter im Bette zugebracht hatte, mit lebhaften Worten hin. Ich habe recht empfunden, ſagte Huber, wie weſent lich Thereſe in meinen Lebenskalender gehört. Ich war ſo zerſtört in dieſen Faſttagen meines Herzens, in dieſer ſtil len Woche meines Kummers, daß mir keine Arbeit von Statten gehen wollte. Und doch lag ſo Wichtiges zu thun vor mir. Die pillnitzer Convention, Mißverſtänd niſſe zwiſchen Oeſtreich und Preußen, die Relationen mit dem franzöſiſchen Kabinet bringen einen außerordentlichen Notenwechſel. Mein Miniſter erhielt Depeſche auf De peſche aus Dresden, und konnte ſeinen Geſandtſchafts Seeretair nicht begreifen, der keinen Sinn für wichtige Staatsmienen und für ſo erſtaunliche Weltgeheimniſſe hatte nwortete der eben aus ver Hand an den ſin inlicher, mer ſich er auf, abweh⸗ d nahm ſetzte ſich ht Lage, ebhaften weſent war ſo ſer fil eit von iges zu erſtind nen mit ntlichen uf De⸗ ſchafts wichtig eimniſſ 163 Thereſe dankte mit Hand und Blick für ſolche Theil⸗ nahme; wobei ſie lächelnd ſagte: Der gute Herr von Bünau! Ich ſehe ihn lebhaft vor mir, wie er in ſeiner durchwühlten Friſur mit unruhigem Finger Gedanken ſucht, die der Friſeur einzupudern ver geſſen hat. Ein tief inniges Verhältniß dieſer Beiden war in ihrem ganzen Thun und Laſſen unverkennbar. Das Wort Freund— ſchaft erſchöpfte vielleicht ſolche Sympathie nicht, oder war auch zu entweiht dafür. Wenigſtens lag dieſer Verkehr zweier edeln und hochgebildeten Menſchen dem Kreis jener Berührungen fern, die im damaligen Mainz zwiſchen Prä laten und Frauen Freundſchaft genannt wurden. Das zarte Bündniß hatte ſich leiſe geknüpft und verſchlungen. Angezogen von den ausgezeichneten Perſönlichkeiten Forſter's und ſeiner Frau, ſowie von der geiſtigen Atmo ſphäre, die ſie um ſich gebildet hatten, war der ſächſiſche Geſandtſchafts-Secretair Huber in kurzer Zeit der eifrigſte Hausfreund geworden. Das Vertrauen des jungen Man⸗ nes nahm einen ſonſt nicht gewöhnlichen Weg zu Frau Thereſens Herzen. Es war nicht Huldigung des Höflings gegen das, was ſich an der ausgezeichneten Frau bewun dern ließ, ſondern ehrliche Theilnahme des verſtändigen Freundes an dem, was ihr gerade abging, um für ſich und ihren Mann ein ganz ungetrübtes Hausweſen zu ſchaffen. Thereſe hatte nämlich zu wenig wirthſchaftlichen Sinn und dabei zu viel wunderliche Delikateſſe, ſich dar⸗ über mit ihrem Manne zu verſtändigen, dem eben auch Geld eine zu geringfügige Sache war, um es mit mehr Ueberlegung auszugeben. So entſtand bei ganz angemeſ⸗ 1 —.— — —— ——.— ů.——— 164 ſener Einnahme eine häusliche Verlegenheit um die an⸗ dere. Dieſer Zuſtand blieb dem zartfühlenden Hausfreunde nicht lange verborgen, und der Geſandtſchafts⸗Secretair hatte diplomatiſche Gewandtheit genug, einzugreifen ohne zu verletzen. Er erwarb ſich das zarteſte Vertrauen der Hausfrau, indem er ihr theilnehmend und beiräthlich die fehlende Seite ihres Mannes zukehrte. Mit ökonomiſchem Sinne, den er als unvermählter junger Mann von mä⸗ ßigem Einkommen früher vielfach geübt hatte, ſtand er nun der geiſtreichen Freundin bei, um ihr, wie er ſich artig ausdrückte, ein Stückchen ihres Werktages abzuneh⸗ men, der zu gering und läſtig für ihre hohen Geiſtes— gaben ſei. So gewann er ohne Abſicht und Ueberlegung einen bedenklichen Sieg über das ökonomiſche Zartgefühl der Hausfrau gegen den Mann. Hierin begünſtigte ihn anfangs ſein gleiches Alter mit Thereſen, in deren Augen er wie ein Bruder erſchien, den man oft leichter und lie⸗ ber als den Mann in manche Schwächen und Verlegen⸗ heiten blicken läßt. Huber und Thereſe waren 27 Jahre alt; Forſter zehn Jahre älter. Dabei hatte Frau Thereſe auch ihren kleinen weiblichen Stolz; es drückte ſie, gerade in ihrem häuslichen Berufe ſo unfertig vor einem Manne von ſo bedeutender Perſönlichkeit wie Forſter zu erſchei⸗ nen. Auch hierin ſtand Huber zurück. Glücklicherweiſe war es ein edler Sinn, der hier in das Geheimniß des Hauſes als Diakon der Prieſterin deſſelben eingeweiht wurde. Huber beruhigte Thereſen, wenn ſie ſich der eige⸗ nen Ungeſchicklichkeit für die Wirthſchaft anklagte, und ließ es ſtillſchweigend gelten, wenn ſie ihren Mann ſeiner un⸗ vernünftigen Ausgaben halber entſchuldigte Eben hatte wiede Mertt als, ung, uß Main ſockt Klah uße Grof Land ſchaf cſ n die an usfteunde Serretnit iſen ohne trauen der äthlich die nomiſchem von mi⸗ ſtund er ie er ſich abzuneh Geiſtes berlegung Zurtgefühl ſtigte ihn en Augen und lie⸗ Verlegen⸗ 27 Jhr 1 Thereſe grrade n Manne u aſche⸗ ſicherweiſ nniß de ingeweiht det eig⸗ und liß iner un en ha wieder Forſter's letzte Sommerreiſe eine Lücke bis ins vierte Beſoldungsquartal gemacht.— Aber, rief Thereſe aus, mein Mann bedarf ſolcher Zerſtreuung und Erho⸗ lung, er kann ſie nicht entbehren. Wie er ſich abarbeitet, muß er doch wieder Erſatz ſuchen. Was hat er aber in Mainz? Im Amte überall Hemmniß; an der Bibliothek ſtockt Alles, und was er mit dem beſten Willen beginnt, erlahmt unbegreiflicherweiſe an der mainzer Confuſion. Und außer ſeinem Amte? Gar wenig! Der Fürſt ſchafft nichts Großartiges, ſondern vergeudet die ſchönen Einkünfte des Landes an Lurus und begünſtigte Familien; die Geſell⸗ ſchaft zerbröckelt ſich; der hochmüthige Adel ſucht nur er⸗ eluſiven Genuß; das Volk rennt in die Kirchen und in die Weinhäuſer; was geht Oeffentliches vor? Pirutſchaden und Wallfahrten. Geiſtige Intereſſen finden keine Theil⸗ nahme, der Mann von Bedeutung keine Anerkennung und der Proteſtant kein Vertrauen. Das Alles muß George durch Reiſen zu erſetzen, durch Correſpondenzen zu unter⸗ halten ſuchen, und Beides koſtet Geld Ich werde ihm rathen, verſetzte Huber, einen Theil der Honorare für ſeine kleinen Arbeiten vor der buch⸗ händleriſchen Abrechnung einzuziehen. Wenn mir Thereſe die eingelaufenen Rechnungen übergeben wollte, ſo könnte ich vielleicht Einiges mit George in Ordnung bringen? Er verſteckte unter dieſem Vorſchlage die Abſicht, einen Theil der häuslichen Verlegenheiten aus kleinen Erſpar⸗ niſſen und einem eben fälligen Buchhändlerhonorar zu vecken. Es that ſeinem Herzen wohl, die theure Freun⸗ din heiter und ſorglos zu ſehen, und ſich zugleich auf ſtille Weiſe dankbar gegen das Haus zu zeigen, deſſen geiſtreiche Geſelligkeit er ſo reichlich mitgenoß. Forſter's leu großartige Vergeßlichkeit und Thereſens Zartgefühl gegen unge 5 ihren Mann begünſtigten dieſe Diplomatie des Hausfreun⸗ du ß des, die er mit der Zuverſicht übte, daß bezahlte Rech npein nungen zwiſchen beiden Eheleuten niemals zur Sprache ihn H kamen. bt ſpr Wie ſeltſam es ſich doch fügt, lieber Huber! ſagte ſe mel Frau Thereſe, indem ſie dem Freunde einige Rechnungen uunkch . aus einem Wandſchränkchen überreichte. Einſt ſchwärmte hrte das Mädchen für den Weltumſegler, ehe es ihn kannte. ihr we „ Und als er dann in unſeren Kreis trat, dieſer berühmte ihrm Mann, den damals Alles anſtaunte, da fühlte ich bald, V daß ich ihm angehören ſollte, bis er wirklich mit der uus Naivetät, die er ſelbſt an den Südſee⸗Inſulanern ſo rei« heh zend beſchreibt, um meine Hand warb. Sehen Sie, lie⸗ 4. ber Huber, um dieſe Hand da, die nun ſo ſchlecht in dem führ 3 ſtillen Kreiſe wirthſchaftet, den die großen Bedürfniſſe des 2 Weltumſeglers ein wenig zerſtören und verwirren. Und ner nun bezeichnete mir vorhin mein Arzt gerade was mir Sie, 1 fehlt als das Hauptſtück wahrer Aufklärung, und rückte Mutt mir ſo entſetzlich nahe an das kleine Gebiet, das meine Kinde grünſeidene Börſe bedeckt, das Unglück der Staaten. Es unſer hat mich ganz durchſchüttert. Eine Angſt iſt über mich wirſe gekommen, und eben, wie ich Ihnen dieſe Rechnungen Him übergebe, wird mir klar und quält es mich, daß es— dnen ſo nicht gut iſt, wie wir's machen, Huber, und was dieſe u( elenden Sorgen zu zerſtören und anzurichten drohen. Ach, muft meine Ungeſchicklichkeit kann zu einem entſetzlichen Unrecht guit werden!— Nein, nein, ich bin die Frau nicht, die einen Mt edeln Mann wie Forſter beglücken kann! O Gott, o Gott! hin orſters gegen freun⸗ Rech prache ſgte nungen wärmte kannte rühmte bald, it der ſo re— e, lie in dem iſſe des Und 6 mir rickt meine t nich ungen es— Ach lurcht e einen Gott 167 Leidenſchaftlich, wie ſie Alles nahm, warf ſie ſich hän⸗ deringend auf das Kanapee. Huber, betroffen von dieſer plötzlichen Wendung, kniete in peinlicher Verlegenheit vor ihr nieder, faßte befangen ihre Hand und ſuchte die weinende Freundin außzurichten. Er ſprach verſtändig und mit Wohlwollen, und brachte ſie mehr durch Zuſpruch als durch Widerlegung ihrer Be— denklichkeiten dahin, daß ſie zu ihrem Fenſterſitze zurück⸗ kehrte. Hier ſaß ſie ein Weilchen ſtumm, die Augen in ihr weißes Tuch gedrückt, und Huber, im Vertrauen auf ihr muthiges Herz, ſtörte ſie nicht. Verkennen Sie mich nicht, mein Freund! rief ſie dann aus. Mißachten Sie mich nicht, lieber Huber! Aber helfen Sie mir unſeren George beglücken! Sie reichte ihm, ohne ihn anzuſehen, die Hand, und fuhr fort: Ach, daß ich gerade darin ſo ungeſchickt bin, was einer Frau vor allem Anderen zuſteht! Aber bedenken Sie, beſter Huber, wie ich auch erwachſen bin! Meine Mutter war viele Jahre leidend und ſchwermüthig, ich von Kindesbeinen auf mir ſelbſt überlaſſen. Das Gärtchen unſeres kleinen göttinger Hauſes, mir zum Spielen ange⸗ wieſen, lag ſo öde und unbeſtellt, daß mich Luft und Himmel mehr anzogen, als die verwilderten Beete, auf denen ich Peterſilie und Lattig hätte ſtudiren ſollen. In der Ecke des Zimmers aber, wo ich für mich allein ſpielen mußte, vergaß ich der Puppen und kleinen irdenen Küchen⸗ geräthe, lauſchend, wenn Herder am nahen Tiſche meiner Mutter Klopſtocks Meſſias vorlas oder Freund Balle ihr den Homer überſetzte Die lebhaften Reden beſchäftigten ————— mich, die der junge Bürger, die Grafen Stolberg und Andere mit Vater und Mutter führten. Ich war erſt zwölf Jahre, als die Mutter ſtarb. Der Vater, traurig und niedergeſchlagen, lächelte nur, wenn ich mich feſt an ihn ſchmeichelte und ihm Geſchichtchen oder Reiſeberichte vorlas. Auch meines Vaters zweite Frau ward mir, wenngleich eine liebevolle Freundin, doch keine Mutter. Ich ging nun nach der Confirmation mit in die Geſellſchaften, und ließ von den jungen Männern meinen unabhängigen Sinn, meine vorlauten Einfälle und mein rückſichtloſes Denken und Thun bewundern, ſtatt daß ich hätte gehorchen und kochen lernen ſollen. Und als Forſter zuletzt das für ihn ſchwärmende, enthuſiaſtiſche Mädchen an ſein Herz zog und mit in ſein Haus nach Polen nahm, da war ich durch— glüht von ſeinem Geiſt, aber unbedacht, ob er ſelbſt nicht an meinem Herdfeuer fröſtle. Nun endlich hier in Mainz—! Lieber Huber, dieſer umfaſſende Geiſt, dieſer erhabene Sinn und goldene Charakter unſeres George— müſſen wir ihn nicht bewundern? Seltſam bewegt, wie vor inneren Widerſprüchen ſcheu, lehnte ſie den Kopf zurück an den Arm, den Huber neben ihr ſtehend auf die Stuhllehne gelegt hatte, und ſah mit ſchmerzlichem Lächeln zum Freunde auf. O er iſt der herrlichſte Menſch, unſer Forſter! rief Huber mit etwas zerſtreutem Ausdruck in Ton und Blick. Huber, fuhr Thereſe fort, ſich aufrecht ſetzend, Eins geloben Sie mir, Ferdinand, in dieſer Stunde unſerer Erkenntniß! Es ſei das Weihegeſchenk meiner Geneſung! Stehen Sie mir bei, George zu beglücken! Ach! ich fühle mich mehr als je ſo ohnmächtig, ſo abwelkend an ſeinem gwfen Sie m Freunt nul ke wenn unterg Weltu Sele; inem nit h E nach und 169 g und großen, umfaſſenden Herzen. Stehen Sie mir bei! Geben zwöff Sie mir Vertrauen zu mir ſelbſt; vermehren Sie als gund Freund das Gewicht meines geringen Werthes. Manch⸗ nihn mal kommt es mir vor, als ob ich glücklicher ſein würde, orlas. wenn Forſter— wie ſoll ich ſagen?— unbedeutender, ngleich untergeordneter wäre. Sein Herz, ſein Blick ſind eines 3 gnun Weltumſeglers:; er überſieht mich und meine verzagte 5 d ließ Seele; ich kann ihn nicht erfüllen. Ach! ich wäre mit Sinn, einem engeren, innigeren Manne— Huber, ſtehen Sie Nnken mir bei! und Sie ſtreckte, wie ein Verſprechen fodernd, ihre Hand ihn nach dem Freunde. Huber ergriff ſie mit Lebhaftigkeit, und und indem er ſie feurig an ſeinen Mund drückte, be— dutch⸗ theuerte er: niht In dieſer Anerkennung unſeres Freundes ſind wir von 6 je Eins und einig, meine theure, edle Thereſe! Ich weihe mich mit Allem, was ich bin und vermag, Ihrem reinen 3— abene rüſſen Dienſte. Was Ihnen auch begegne, wohin der Himmel oder Ihr Herz Sie führen mag: ich folge Ihnen, The⸗ 3 ſhn, reſe! Es ſei die Aufgabe meines Lebens, Ihnen anzuge⸗ † teben hören! So wahr mir—! Man kommt! rief Thereſe, und nahm ohne Ueberle⸗ gung ihr Strickzeug auf. Huber kreuzte die Hände über rief dem Rücken und wandelte das Zimmer entlang. 15 Blic. Eins mit ſeret 3 ung! i fühle inem — Drittes Kapitel. Forſter trat mit Franz Karl ein, im Geſpräch über einige Naturkörper von den Südſee-Inſeln, über die ſich eben der junge Freund hatte belehren laſſen. Huber ſprang raſch in die Unterhaltung, von der ſich Thereſe gegen ſonſt faſt auffallend zurückhielt. Eine Befangenheit vor ihrem Manne, eine ihr ſelbſt unklare Scheu trieb ſie an, die Vorbereitungen des Theetiſches mit ausſchließender Sorg falt zu machen,— ſie, die ſonſt eim ſolches Geſpräch nicht ungetheilt gelaſſen hätte. Forſter war in ſeiner gehobenen Stimmung. Gewöhn— lich ſchweigſam, oft zerſtreut, ſchien er nur die Anregung einer Idee oder Perſönlichkeit zu erwarten, um leicht, klar und im Zuſammenhange zu ſprechen. Bedeutende Gedan⸗ ken ſtrömten ihm zu; er erhob ſich leicht auf die höchſten Standpunkte der Betrachtung und führte ſeine Zuhörer mit ſich empor. Manche Lebensfragen und Anliegen fan⸗ den an dem geiſtesſtarken Manne noch den alten Schwär— mer; ſo ſehr er ſich von ehemaligen Träumen und Zeit⸗ beſtrebungen losgemacht hatte. Denn einſt ſtand er den Illuminaten nahe genug, und glaubte an die Zeichen und Schurzfelle der Roſenkreuzer; das Geheimniß des Gold machens, der Stein der Weiſen hatten ihn beſchäftigt, und eine religiöſe Schwärmerei ihn lange beherrſcht. Sein Herz, durch Kämpfe mit Sinnlichkeit und Schickſal ver— edelt, entfla gen, neuen und* 9 J ſeinet tigen begei Eind bſto das men hätt Jah eign dieſe ſiltſ Leſſi wick einige h eben ſprang n ſonſt ihrem Sorg ih nicht wöhn⸗ wegung t, klar Gedan⸗ höchſten uhörer n fan⸗ d Zeit⸗ er den en und Gold t, und Sein al vel edelt, war noch reizbar und empfindſam geblieben. Er entflammte leicht für hohe Gedanken und edle Geſinnun⸗ gen, fand gern Bedeutendes, Ungewöhnliches in einer neuen Bekanntſchaft und entzückte ſich für Freundſchaft und Liebe. Jetzt war die franzöſiſche Revolution in den Horizont ſeiner ſchwärmeriſchen Theilnahme getreten. Er hatte vo— rigen Jahres, auf einem Ausfluge nach Paris, die erſten begeiſternden Bewegungen derſelben mitgelebt, und dieſe Eindrücke ſiegten bei ihm noch lange über manche ſpätere, abſtoßende Entwickelung. Freund Huber theilte dies Entzücken nicht. Der diplo⸗ matiſche Kreis, worin der junge Mann verkehrte, hielt ihm das Intereſſe und die Anſichten der Höfe zu dicht vor das geiſtige Auge, als daß er über dieſelben hinaus den menſchlichen Standpunkt für die neu auftauchende Zukunft hätte gewinnen können, aus welchem Forſter, reifer an Jahren, viel gereiſt und weit umſchauend, das große Er⸗ eigniß betrachtete. Beide vermieden daher gern unter ſich dieſen Gegenſtand und ſprachen über Literatur; wo denn, ſeltſam genug, gerade Huber ſich für die von Kant und Leſſing angeregte deutſche Revolution entzückte, deren Ent⸗ wickelung für Forſter immer noch etwas Unbegreifliches mit ſich führte. Heut brachte Baron Franz Karl die Unterhaltung doch auf die Politik. Dieſe zog ihn jetzt nicht weniger lebhaft an, als noch vor Kurzem die Poeſie. Er war eben jung und mehr empfänglich als ſchaffensbegabt. Von Natur zum Eoeln getrieben, aber auch durch friſche Jugend zum Ausſchweifenden geneigt, ſobald es nur nicht in abſtoßen⸗ — 4172 der Geſtalt des Gemeinen erſchien, durfte Franz Karl ſich 6 Glück wünſchen, mitten im leichtfertigen Mainz gerade in in den verſteckten Kreis Forſter's gerathen zu ſein. Dies war wige durch die Gräfin Coudenhove gekommen. Dieſe ſtolze Frau ellche gab, beſonders vor ihrer jetzigen politiſchen Unruhe, kleine der literariſche Abende, zu denen ſich auch der Kurfürſt manch tn, mal einfand. Dies war im Geſchmack ihres fürſtlichen Peſo Freundes, und ſollte zugleich an die berühmten literariſchen Oeſt Kreiſe erinnern, die einſt in Paris eine Frau Geoffrin, die 4 eine Deffant, eine LEſpinaſſe um ſich gezogen hatten. find 3½ Hier intereſſirte ſich der junge Baron beſonders für For— bede 3 ſter. Die Frau des berühmten Reiſenden galt ihm an— Nn 3 fangs nur als Tochter Heyne's, den er von Göttingen her Nut kannte; bis ſie ſich bei wiederholten Beſuchen durch ihr geiſtreiches Weſen perſönlich hervorthat. Mann und Frau wirkten bildend auf den jungen Freund; indem ſie ſeine wei ariſtokratiſche Beſchauungsweiſe durch rein menſchliche Ge⸗ ſon ſichtspunkte erweiterten. Forſter ſtellte ſich ihm als einen und 7 bürgerlichen Mann dar, der mit dem feinen und ſicheren wiſ Benehmen der beſten mainzer Geſellſchaft eine dort unge⸗ ner wöhnliche geiſtige und ſittliche Bildung verband, und als arl Gelehrter ſelbſt in ſeiner Studirſtube ſich im Aeußeren nie vernachläſſigte, gegen die Seinigen ſich nie fallen ließ, in n gegen Untergeordnete nie roh und im Verkehr mit Frauen gu nie unzart erſchien. Wäre der junge Baron zum Helden 3 verhängnißvoller Tage beſtimmt geweſen, wie jedes Ereig⸗ niß ſie herbeiführen konnte: er hätte kein beſſeres Vorbild finden können, als Forſtern, ſich zu bilden und zu befeſtigen, . um einſt das Geſchick allein zu tragen, wenn der Muſter⸗ B held vielleicht den Kampſfplatz zu frühe verlaſſen müßte rl ſich de in s war Frau kleine unch ilichen riſchen ffin, atten For⸗ an⸗ n he h ihr Frau ſeine Ge⸗ einen cheren unge⸗ a n nie lief, rauen zelden Freig⸗ orbilb tigel, uſter⸗ ſte 173 Einige Freunde fanden ſich, wie gewöhnlich, zum Thee ein. Hofrath Sömmering, der heſſenkaſſeler Geſchäfts— träger Harnier, der hannöverſche Herr von Hinüber und etliche Profeſſoren. Man kam wieder auf die Vorgänge der Revolution, die freilich einem Jeden auf die Füße tra⸗ ten, ihn zu wecken oder zu ärgern. Harnier brachte eine Beſorgniß für Mainz zur Sprache. Daß der Kaiſer von Oeſtreich und der König von Preußen in ihren Ländern die Werbungen und Rüſtungen der Emigrirten verböten, fand er den pillnitzer Verabredungen entſprechend; um ſo bedenklicher erſchien es ihm, daß gerade der Kurfürſt von Mainz dieſen franzöſiſchen Flüchtlingen noch immer große Nachſicht ſchenke, beſonders bei der jetzigen Stimmung der geſetzgebenden Verſammlung in Paris. Die Erlaſſe dieſer Verſammlung gegen die Emigranten und gegen die eid— weigernden Prieſter wurden bitter getadelt. Harnier be⸗ ſonders war ſtark in ſcharfen und witzigen Bemerkungen, und wetteiferte in artigen Einfällen mit den etwas herben ariſtokratiſchen Ausfällen des Herrn von Hinüber. Söm— mering, ein Mann von angenehmer Geſichtsbildung, äu⸗ ßerlich ungemein lebhaft und fortwährend unruhig, beſon— ders mit den Händen, verrieth doch immer den Gelehrten von bedächtigem Geiſt; und als Naturforſcher mit den gelaſſenen Entwickelungen des Lebens einverſtanden, hielt er ſich in einer gewiſſen Mitte des politiſchen Urtheils,— die Revolution als eine große Erſcheinung beobachtend, und nur mit den heftigen Ereigniſſen derſelben unzufrie⸗ den. Franz Karl aber war natürlich ganz eingenommen vom politiſchen Dunſtkreiſe ſeines Kurfürſten. Er, der Jüngſte, aber im Bewußtſein des mainzer Kabinets, ſprach zuweilen etwas zu ſehr entſchieden und ausſchließend, un— bekümmert um die verwunderten Blicke Sömmering's. Dies ſteigerte Forſter's Eifer, wenn er ſich einmal in ſeiner An 4 3 ſicht von Allen verlaſſen ſah.— Soweit biſt du mit mir einverſtanden, Sömmering, ſagte er, daß Frankreich höchſt merkwürdig für den Beobachter iſt und bleibt. Es gewährt . einen intereſſanten Anblick, nicht daß es kämpft, ſondern wie es kämpft. Dieſer Strauß des Deſpotismus mit der — Volkskraft iſt noch keinem vorigen ähnlich. Die Minen und Gegenminen ſind von eigener Art und haben das Gepräge des Jahrhunderts der ausgebildeten Vernunft. 36 Nun geb' ich aber zu, daß Schurken in der Nationalver ſammlung ſitzen, daß die Volkspartei viele Schurken zählt. Allein, entweder darf man über die Ereigniſſe im Gro⸗ ßen und Ganzen gar nicht raiſonniren, oder dieſe Baſis jie reicht nicht zu. Kein Fehler, kein Irrthum, kein Miß⸗ brauch iſt, deſſen die geſetzgebende und die Nationalver⸗ ſammlung beſchuldigt werden kann, wovon nicht der Fluch 3 auf den vorausgegangenen Deſpotismus zurückfällt. In 3 der Welt kann nie von abſoluter Vollkommenheit die Rede ſein, nie zu erwarten, daß Menſchen anders, als menſch— lich handeln; wenn aber die Sachen mit einer gewiſſen Form aufs Aeußerſte gekommen ſind; wenn Mißbrauch, Verderbniß, Infamie, Charakterloſigkeit, kurz die völligſte — Unſittlichkeit durch dieſe Form Alles zerrütten: ſo darf man 3 um der paar Unvollkommenheiten willen, die man an der neuen, jener nachfolgenden Form bemerkt, nicht die Dauer jener Abſcheulichkeiten wünſchen. Man hat die Menſchen als freie, unmündige Weſen lehren, erziehen, zu reifen Weſen bilden ſollen, und man hat ſie ſchändlich gemiß brauch ſchaſt ſhafter Ausbr prune les i d u Und D ögebr bein Schön ginge htte Forſ komn Lobhe I iner Vim Munt F , un An it mir höchſt währt onderh Minen 1dab nunft alver zöhl Glo Miß talvet Fluch In Rede enſch⸗ wiſſen brauch, lligſt f man an del Dauel nſchen reifen emß braucht, ſie dumm und blind zu macheu geſucht, ſich Herr ſchaft über freie Intelligenzen angemaßt, und ſeine Leiden ſchaften dabei befriedigt. Iſt es ein Wunder, daß die Ausbrüche des endlich entrüſteten Gefühls und der Em— pörung gegen die elendeſten Deſpoten und gegen einen alles inneren Werthes beraubten Adel nun nicht ganz rein und ungetrübt ſein können? Die heftige Rede wurde durch den Eintritt Stadion's abgebrochen.— Ach! hätte ich Sie hier gewußt! rief er beim Anblicke Franz Karl's. Ich komme von drüben, dem Schönborn'ſchen Hof. Baroneſſe Cäcilie war dort; wir 3 gingen eine Weile im Garten und ſahen hier herauf. Sie* hätte gern einmal Ihre Sammlungen beſehen, Herr von Forſter. Doch konnte ich ſie nicht überreden, mit mir zu kommen. Ich glaube ſie fürchtet, die Frau Hofrath— 6 O es iſt eine liebenswürdige Dame! rief Forſter mit 5 Lebhaftigkeit,— eine Dame voll Seele, liebe Thereſe. Ich halte ſie tiefer, leidenſchaftlicher Empfindungen und einer ſchwärmeriſchen Hingebung für fähig. Dieſe langen Wimpern, dieſer Aufſchlag der dunkeln Augen und ein Mund— Frau Thereſe, was ſagen Sie dazu? fiel Stadion ein. Sehen Sie nur, wie ſeine Miene die Seelen-Illu mination widerſtrahlt! Wie ſchnell er ſeinen politiſchen Eifer in Quieſcentenſtand geſetzt hat! Ich kenne das ſchon, Herr Graf! verſetzte Thereſe heiter lachend, und dem Kapitular eine Taſſe hinreichend. Ich kenne ſchon meines Mannes Glück bei Frauen, und wie gern ſein empfängliches Herz ein zartes Verhältniß zu ſchwärmeriſcher Freundſchaft zu ſteigern weiß. 176 Das iſt eine charmante Nachſicht! rief Sömmering. Wenn ich nicht verlobt wäre—! Sind Sie Bräutigam, Herr Profeſſor? fragte Sta⸗ dion. Ja, Herr Graf, Sie können gratuliren! verſetzte The⸗ ſ reſe. Mit Jungfrau Margaretha Eliſabeth Grunelius in Frankfurt. Iſt es nicht Zeit mit 36 Jahren? Sehr ſchön! rief der Kapitular. Nun erſt kommen Sie an den ſchönſten Zweig der Naturforſchung. Nehmen Sie den herzlichſten Glückwunſch von meiner Hand, wenn 3 dieſe auch keine Valuta einer Kußtratte des Hauſes Gru nelius iſt. Sömmering dankte, kam aber mit ſeiner liebenswür⸗ digen Beharrlichkeit auf den unterbrochenen Satz zurück. — Ja, wenn ich nicht verlobt wäre, ſagte ich eben—! — Allein es ſind ja noch angenehme Männer hier. Ich denke, meine Herren, wir dürfen die Frau Hofräthin nicht zu kurz kommen laſſen gegen ihren Gemahl, bei deſſen Glück mit den Damen. Wie meinen Sie denn, Herr Legations⸗Secretair? Das ſchalkhafte Wort galt Hubern. Doch war es etwas zu ſcharf betont, um für ſchalkhaft aufgenommen zu wer⸗ den, vielleicht auch aus wirklicher Mißbilligung geſprochen. 3 Kurz, es fand keine Zuſtimmung. Eine Stille entſtand, die Forſter mit den warm geſprochenen Worten unter⸗ brach: O wir verſtehen uns, meine Frau und ich! Gewiß fühlt Thereſe wie ich. Ich bin nie glücklicher, lieber Söm⸗ mering, als wenn ich denke, daß meine Thereſe ſich auf⸗ gemuntert fühlt, Alles was lieb und gut iſt, wo ſie es inm Schö trrſſ 3 177 immer antreffe, zu lieben. Sie müßte nicht den Sinn für Schönes, Gutes, Edles haben, wenn ſie ſich nicht in— Ett⸗ tereſſirt fände, wo ſie eines oder alle dieſe Dinge fände. Ich bin glücklich, ſo oft ſie irgend Jemand, den ich für he gut und edel halte, recht herzlich liebt; jede ſympathetiſche is in Regung ihres Herzens macht mir Freude. Allein ich weiß, daß ſie mich mehr als alle Anderen liebt, daß ſie Nie— mand als Mann ſo lieben könnte, wie mich, und daß ſie bei mir überzeugt iſt, ſie könne mit keinem Anderen in n dem Verhältniß, worin wir ſtehen, ſo glücklich ſein, wie 6u mit mir. Er ſchwieg mit dem Ausdruck einer tiefen inneren Be⸗ 3 wegung. Seine bedeutenden Geſichtszüge waren belebt; das tiefe Auge, deſſen Weiß von dem auf ſeiner Fahrt jit nach Otaheiti überſtandenen Scorbut dunkel gefärbt war, . ruhte mit dem Ausdruck inniger Liebe auf Thereſen. 3 Eine befangene Stille war entſtänden. Nur Franz in u Karl nahm dieſe Erklärung für reinen, rückſichtsloſen Er⸗ 1 guß des liebenden Herzens; die Anderen ſuchten eine ver⸗ ſteckte Abwehr und Verwahrung des Gatten gegen falſchen Verdacht dahinter, woran Forſter's unbefangenes Herz nicht 3 gedacht hatte. Thereſe fühlte dieſen Argwohn; daher die u ner Stille peinigend für ſie geworden wäre, hätte nicht Huber prochen im rechten Augenblicke und mit großer Unbefangenheit ein utſand Buch unter ſeinem Hute hervorgeholt und vorgewieſen 6 miter Es war der erſte Band der geheimen Memviren des be⸗. . kannten franzöſiſchen Schriftſtellers Düclos,— von Huber Geniß ſelbſt überſetzt und mit Anmerkungen herausgegeben. Die⸗ Ein⸗ ſer erſte Band war eben von Berlin aus der Preſſe ge⸗ ich au kommen Huber mußte über den Inhalt berichten, und o ſie“ Koenig, Clubiſten in Mainz. 1 12 der Abend nahm noch die gewöhnliche heitere Unterhal—⸗ tung, bei der ſich beſonders auch Sömmering betheiligte, der! um die Schuld eines mißlungenen Scherzes oder einer ſuilic übereilten Abſicht in Vergeſſenheit zu bringen. heim aber pfegt licht weni Viertes Kapitel. niht dnn Dieſe Abende bei Forſter hatten viel Anziehendes für den ine jungen Baron. Er kam immer gern und eine Zeit lang Sti ſehr oft. Die Unterhaltung wechſelte, aber ſie blieb ſtets Vrſ anregend durch Bedeutſamkeit der Gegenſtände und wür— mit digen Ton. Es war, wie es Stadion einmal in ſeiner von etwas geſuchten Weiſe zu nennen beliebte,— ein friſches, geſundes Athmen des Umgangs, wobei Jeder etwas Recht⸗ dem ſchaffenes empfing und etwas Erwünſchtes beitrug. Denn krate auch Franz Karl war durch ſeine Stellung am Hofe be— Mi günſtigt, gerade in das mitzureden, was die lebendigſten kha Angelegenheiten des Tags berührte, und den gelehrten der Freunden, die gar manchmal über den Gang der Politik, hre über die Bewegung an den deutſchen Höfen, über die huft Abſichten der Kabinette gegen Frankreich aus dem Trüben S6 ſchöpften, etwas Beſſeres anzubieten. Neben der Auf⸗ us merkſamkeit, die ihm die Zuhörer ſchon ſeines Standes len und ſeiner Stellung halber ſchenkten, genoß er zuweilen iſt noch des Triumphes, die überſpannten Meinungen und U Erwartungen der Revolutions-Freunde mit weniger be⸗ ethal⸗ iligte, einer ir den lang wir ſeiner iſches, Recht⸗ Denn fe be⸗ igſten ehrten litit er die rüben Auf⸗ tandes weilen und r be⸗ fannten Thatſachen in die Enge zu treiben. Ein Genuß, der wie andere leicht überreizt. Denn der Baron kam freilich immer mit dem beſten Vorſatze, den Kabinetsge⸗ heimniſſen des Kurfürſten nicht zu nahe zu treten; wie es aber jungen Leuten von Herz und Phantaſie zu gehen pflegt: Zweifel und Widerſpruch der Freunde trieben ihn leicht über den Bereich ſeiner Vorſätze hinaus, ſo daß er wenigſtens die Miene annahm, ſeine Behauptungen ſeien nicht aus der Luft gegriffen, und er wiſſe Manches beſſer als Andere. Der heitere und beſonnene Stadion gab ihm dann manchmal einen feinen Wink, oder hob ihn durch eine geſcheite Erklärung über eine Verlegenheit hinaus. Seit Franz Karl ſich in Betreff ſeiner Schweſter mit Stadion verſtändigt hatte, verkehrten Beide auf dem heiterſten Fuße miteinander,— ein Umgang, der für den jungen Baron von nachwirkendem Einfluß auf Geiſt und Geſinnung war. Stadion gehörte nämlich in dem adelsſchroffen Mainz dem kleinen Kreiſe jener Gebildeten an, die man Ariſto⸗ kraten der laren Obſervanz hätte nennen können,— Männer, die bei dem drohenden Umſturze der Dinge für That und wechſelſeitige Hülfe verbunden, den Foderungen der Zeit einige Zugeſtändniſſe zu machen und etwas von ihren Vorrechten hinzugeben bereit waren, um an die ſieg⸗ haft eindringende Neuzeit nicht Alles zu verlieren.— Schon früher hatten ſich beſonders die fremden Geſandten aus Dresden, Hannover und dem Haag den Schriftſtel— lern und Gelehrten anſtändig genähert, um nicht barba⸗ riſch zu ſcheinen, und ihre Weltbildung durch Kunſt und Wiſſenſchaft zu verſchönern. Dieſen Kreiſen gehörte Sta— dion mit Vorliebe an. Seine Humanität durchdrang nach 1 und nach Franz Karl's altmainziſche Anſichten, ſie all⸗ mälig umzugeſtalten. So war es eine Lieblingsidee Stadion's, es müſſe der Adel ſich nicht ſtarr nur aus ſeinen Familien, nur aus eigenem Blute, ſondern, wie der Klerus, durch Auf— nahme und Aneignung der edelſten Kräfte aus dem Bür⸗ gerſtand, erfriſchen.— Das gäbe eine neue, heilſame Bewegung des geſellſchaftlichen Lebens, ſagte er in ſeiner bilderreichen Ausdrucksweiſe,— eine Bewegung, die das wild aufwachſende Bürgerthum veredelte und die alternde Ariſtokratie verjüngte,— eine Panacee unſerer Adelsun ſterblichkeit. Die Zeit der Diſteln iſt für uns gekommen: aber welche Lehren und Wahrheiten blühen auch an dieſen rauhen Gewächſen für den, der einen Bienenrüſſel hat! Dieſe Anſicht beſchäftigte jetzt den jungen Freund mehr, als er ſich klar machte. Es lag ſo nahe, dieſe Gedanken mit ſeiner Herzensneigung in Verbindung zu bringen Und ſo zog er aus dem Verkehr mit Forſter nach allen Seiten hin ſeine Gewinnſte. Denn er ſchlug auch wieder, was er von dieſen Gelehrten und Profeſſoren empfing, hoch genug an, und höher, als wofür ſie es gaben. Dieſe Stunden wechſelnder Unterhaltung erſetzten ihm bei ſeiner Theilnahme an der großen Bewegung auf dem Gebiete deutſcher Poeſie und Philoſophie die eigenen Studien, an denen ihn jetzt die Staatsgeſchäfte hinderten. Dazu hatte er an Frau Forſter eine Vertraute ſeines Herzens gefun den, wie es ihm keine Mainzerin hätte ſein können. Eine Frau von ſo viel Geiſt und ſittlichem Muthe gewann leicht einen entſchiedenen Einfluß auf den jungen Freund. Sel— ber im Kampfe mit einem Zwieſpalt der Neigung und libe nilich Metiſ ſuchte iner rigte Bewi hen, Frau het jene liefe Rer Kei der geft wär dem dere den e all müſſe nu Auf Bin eilſame ſeiner ie das ternde elsun nmen dieſen hat! mehr, danken Und Stiten „ws hoch Dieſe ſeiner Gebiete en, an hatte gefun Eine nleicht Sel⸗ und 184 Liebe, faßte Frau Thereſe Fragen des Herzens mit par⸗ teilicher Wärme an; ſie trug dieſelben hoch und ſchwär meriſch, und indem ſie ihre eigene Beruhigung darin ſuchte, die Liebe aus bloßer Dienſtbarkeit der Pflicht zu einer freien Beherrſcherin ihres Lebenskreiſes zu erheben, regte ſie im Gemüthe des jungen Barons eine tiefſittliche Bewegung an. Seine anerzogenen Vorurtheile widerſpra— chen,— ſeine friſcheſten Gefühle ſtimmten der beredten 3 Frau bei. Ohne ſich darüber klar zu machen, hatten Thereſe und Franz Karl einen gemeinſamen Kampf,— jene gegen die Satzungen der Ehe, dieſer gegen die Ueber— lieferungen des Standes.— So regt die Witterung einer Revolutivn in allen Lebensverhältniſſen die ſchlummernden Keime neuer Entwickelungen an! Solche Behandlung der wichtigſten Lebensfragen hätte der Baron außerhalb des Forſter'ſchen Hauſes ſchwerlich gefunden. Im Umgange nur mit Prälaten und Adel wäre er vielleicht dem einhemiſchen Leichtſinne verfallen, dem es bei den hübſchen Mainzerinnen höheren und nie— deren Standes nicht ſchwer ward, zu ſeinen altvererben— den Anſprüchen ſtets verjüngten Genuß zu finden. Was auch der Kavalier vom Frauenzimmer begehren mochte,— im Schatten eines alten Stammbaumes hörte es auf, etwas Verächtliches zu ſein, und was der Prälat ſündigte, ab 6 ſolvirte der Mönch. In Einem war Thereſens Einfluß beſonders wohlthätig für den jungen Baron: gerade weil ſie geneigt war, die Liebe als eine freie Beherrſcherin des Lebens anzuerkennen, gab ſie nicht zu, daß dieſelbe ſich zu einer Sklavin des Genuſſes erniedrigen dürfe Mit einem ſo ernſt und ſchwärmeriſch geſtimmten Her⸗ —— — —.-———— zen wiederholte Franz Karl ſeine Beſuche bei Erasmus Lennig. Den erſten hatte er gleich nach Garzweiler's ſchalkhaftem Verrath abgeſtattet. Er war mit einem ge⸗ wiſſen Uebermuthe ſeiner Jugend und ſeines Standes hin⸗ geeilt. Allein die bürgerliche Anſtändigkeit, in die er ſich verrannte, verblüffte und verwirrte ihn ein wenig. Mit befangenem Herzen verſtand er es nicht gleich, dieſe Men⸗ ſchen und Manieren geſchickt anzufaſſen, an denen Alles, auch die Ehrerbietung gegen den vornehmen Beſuch, ſo wahr wie offen erſchien. Doch fand er ſich bald zurecht; wiewol ihm fortwährend ein ängſtliches Vorurtheil ſeines Standes jene Behutſamkeit auflegte, die man an einem Anderen für Beſcheidenheit und Gefühl des Schicklichen hätte nehmen können. Fides begegnete ihm mit dem ſicheren Takt eines echten, liebenden Mädchenherzens. Bei den jetzigen Beſuchen des jungen Mannes, die ſtets den Vater zum Vorwand nah⸗ men, hatte Fides auch gar nichts von dem muthwilligen Tone, mit welchem ſie an der Schaukel im Vaurhall die Artigkeiten des Barons abgefertigt hatte, um die anwe⸗ ſenden Freundinnen über ihre innere Bewegung zu täu— ſchen. Unbedacht, wie jener Mutterwitz, war ihre jetzige Anſtändigkeit und der freundliche Ernſt, der ſich durch keine Neckerei ihre ſtille Neigung zu verrathen oder die Kühn⸗ heit des Geliebten herauszufodern erlaubte.— Wie die Roſe ihren reinen Duft unter Einwirkung der Sonne ſtärker verbreitet: ſo umgibt ſich ein echt jungfräuliches Herz in Gegenwart des Geliebten dichter mit jenem un⸗ nennbaren Zauber, der ein edleres Wohlgefallen, als das ſinnliche, in der Seele des Liebenden erweckt. Die erſte Liebe heit, ſand nit Zuſp Haut ſin des die ihren ſich rasmus weilers em ge⸗ es hin⸗ er ſich Mit Men⸗ Alles, uch, ſo zurccht; ſeines einem icklichen s echten, hen des d nah⸗ willigen hall die anwl zu tůu jtbige ch keine Kühn⸗ Wie die Sohn uliche em un⸗ als das ie erſte 183 Liebe verräth ſich wie die ätheriſche Erſcheinung einer Gott— heit, die beſeligend aber unantaſtbar obſchwebt. Von den vier Menſchen, aus denen die Familie be⸗ ſtand,— denn die Magd zählte in dieſem Bürgerhauſe mit— erklärten ſich drei alsbald den erſten unerwarteten Zuſpruch des Barons. Bärbel errieth bei Oeffnung der Hausthüre nicht ohne Schreck, wer der ſchöne Kavalier ſein müſſe; Erasmus freute ſich der dankbaren Erinnerung des Barons, und Fides glaubte an ihr Herzklopfen. Nur die Mutter war befremdet. Aber wie ſie gleich hinter ihren Kniren her nach ihrem Manne blickte, erheiterte ſie ſich an deſſen ſtolzer Zufriedenheit. So war ja die gute Frau längſt gewöhnt. Sie beſaß die Liebe des Mannes, die Ehrerbietung der Tochter in geziemendem Maße; das enge Gebiet der Hauswirth⸗ ſchaft, die Unermeßlichkeit eines frommen Glaubens blieb ihr zu freier Schaltung überlaſſen: in allen anderen Stücken unterwarf ſie ſich dem Ausſpruche ihres Gatten, von deſſen Einſicht und Erfahrung ſie den höchſten Begriff hatte. Selbſt an der Tochter tadelte und muſterte ſie nur ſo lange, bis bei deren Widerſpruche der Vater entſchied; was gar oft gegen die Mutter ausfiel. Dies untergeordnete Weſen der guten Frau lag nicht etwa in einer urſprünglichen Beſchränktheit, ſondern es war Folge enger und bigotter Erziehung, wie ſolche da⸗ mals im mainzer Bürgerſtande von Mönchen und Nonnen gepflegt wurde. Außerdem fehlte es ihr nicht an geſun⸗ dem Verſtande und richtigem Gefühl. Daher fand ſie ſich, bei liebevollem Vertrauen zu ihrem Manne, leicht zurecht, oder unterwarf ihre anerzogenen Vorſtellungen ſeinem beſ⸗ 184 ſeren Urtheile. Auch gab es nichts, woran ſich dies ſchöne Vertrauen geſtoßen hätte. Lennig war ein gemeſſener, ſittlich heiterer Mann, der ſeinem Amte und ſeiner Fa⸗ milie lebte. Religiöſe Fragen beſchäftigten ihn nicht, und keine Zweifel ſetzten ihn mit ſeiner eifrigen Frau in Wi⸗ derſpruch. Er machte das Kirchliche mit, wie das Uebrige, was zur Gewohnheit des mainzer Lebens gehörte; nur daß er keine ſo große Ehrerbietung vor der Geiſtlichkeit hatte, wie ſeine Frau. Er kannte die Prieſter mehr aus dem Leben; rührte aber nie an dieſe Illuſionen ſeiner Hilde⸗ gard, wenn er ihr auch manche andere Vorurtheile ge⸗ legentlich zu benehmen ſuchte. Denn er hatte nach ſeiner Heirath die Eigenheiten ſeiner Frau weder über ihre be⸗ deutende Mitgift überſehen, noch mit ſentimentaler Erge— bung ertragen, ſondern dieſelben während der ſchönen Jahre ſeiner Ehe in der Weiſe behandelt, wie der Rheinſtrom das ihm zur rechten Seite angetraute trübe und ſcharfge⸗ ſchiedene Maingewäſſer in ruhigem Laufe mehr und mehr ſchmälert, indem er es allmälig in ſeinen hellen, grünli— chen Fluß aufnimmt und verwandelt. Franz Karl ließ nach ſeinen wiederholten Beſuchen ſich nach und nach auch die Bewirthung gefallen, mit welcher der joviale Erasmus dem Baron die empfangene Freund⸗ ſchaft des Vaters ſtillſchweigend gedachte. Eigentlich war auch die Einladung zu jenem Mittageſſen, die der junge Freund gegen Frau Forſter auf Vater Lennig geſchoben hatte, von ihm ſelbſt gewünſcht und veranlaßt worden; er mochte es nur nicht geſtehen; denn er konnte ſich, ſogar in bürgerlichem Dunſtkreiſe, nicht immer ſeiner adeligen Mucken erwehren. Im Verkehr mit ſeinen Standesgenoſſen ſchöne eſſenet, er Fa⸗ ur daß thatte, us dem Hilde⸗ ile ge⸗ ſeiner hte be Erge nahre inſtrom harfe⸗ d mehr grünl en ſich welcher reund⸗ ch wal junge hoben orden ſogal deligen enoſen 185 kam er ſich ohnehin mit ſeinen freundſchaftlichen Beſuchen beim Vicedomamts⸗Gefälleverweſer Lennig gar befremdlich vor, und er hätte nicht davon reden mögen. Zwar an Fides dachte er ſtets nur mit derſelben tiefen und reinen Empfindung, die uns die freie Macht des Schönen und Edeln einflößt; aber er konnte nebenher über ihres Vaters Amtsgravität und Enthuſiasmus für das deutſche Volk lächeln, in welchem Franz Karl immer nur die hundert großen und kleinen Fürſtlichkeiten erblickte. Nach wiederholten Beſuchen des Barons legte ſich das Herzklopfen der ſchönen Fides. Sie gab ſich unbefangener, nicht um vertraulicher zu werden, wol aber um ihr ſeelen⸗ volles Weſen nicht ſo ängſtlich zu verſchließen. Franz Karl, beim Glaſe Wein neben Vater Lennig ſitzend, hörte mit Hingebung ihrem Spiel und Geſange zu. Fides war für Muſik ſehr begabt, und hatte in der Schule der welſchen Nonnen einen ſorgfältigeren Unterricht erhalten, als die anderen Mädchen; da ſich die lehrenden Schweſtern eine Zeit lang geſchmeichelt hatten, das wohlhabende Mädchen für ihre klöſterliche Genoſſenſchaft zu gewinnen. Schon damals hatte Fides auf beſondere Feſttage die Meſſe und Vesper mitgeſungen, und erhielt jetzt Unterricht in der vortrefflichen Singſchule des Kapellmeiſters Righini. Franz Karl liebte die Muſik. Bei Wein und Geſang fühlte er ſich poetiſch geſtimmt; er vergaß ſich und declamirte Ge⸗ dichte oder Stellen aus vramatiſchen Stücken; er ließ ſich dann gehen und gab ſich in ſolchen Stimmungen wie ein herzhafter und herzlicher Student Man ſah, es loderte eine freie, edle Seele in ihm, die in guten Stunden den Dunſtkreis ihrer Vorurtheile ſtrahlend durchbrach. Bei ſol— —— cher Anregung ward auch Vater Lennig fidel, ſang„gau⸗ deamus igitur“ oder walzte auch einmal mit der„Mutter“ durch die Stube, verſichernd, kein Mädchen hätte gleich ſeiner Hildegard die Menuet auf ſo zierlichen Zehen getanzt. Bei ſo guter Gelegenheit brachte Franz Karl die Un⸗ terhaltung auf die lebenden Geiſter der deutſchen Poeſie. Er erzählte von Göttingen und Weimar, von Bürger und Klopſtock, von Schiller und Goethe.— Im Haus eines untergeordneten Beamten in Mainz wußte man wenig oder nichts von dieſer geiſtigen Bewegung im nördlichen Deutſch⸗ land, oder man verſchloß ſich vor derſelben, ſeit der Kur⸗ fürſt die lutheriſchen Profeſſoren an die Univerſität berufen und hiermit den Widerſpruch der Prieſterſchaft geweckt hatte. Noch eher kannte man, auch in bürgerlichen Häuſern, die franzöſiſchen Schriftſteller, wenigſtens dem Namen nach. Man hörte ja von den Kanzeln der Mönche dieſe gott⸗ loſen Freigeiſter verdammen, die bei Hof und auf den Tiſchen der Prälaten die einzige Geiſteswürze eines ſinn⸗ lichen Genußlebens ausmachten. Jetzt aber, bei des Ba⸗ rons Lectüre, ſchnalzte Erasmus mit den Fingern zu den Scenen aus Götz von Berlichingen.— Der wäre noch ein deutſcher Mann geweſen, meinte er. Fides ſchauerte bei Bürger's Leonore, und ſank in Nachdenken über ſolche Liebe bis ins Grab. Die fromme Mutter faltete zu ein⸗ zelnen Stücken aus Klopſtock's Meſſias die Hände und meinte, dieſer Mann„könnte“ es doch noch beſſer, als Pater Bertulf Weyl, der gelehrte Franziskaner, der zu⸗ weilen, bei feierlichen Gelegenheiten, im Dom predigte. Die wenigen Bücher der Hausbibliothek blieben jetzt un⸗ „gal⸗ Mutter“ e gleich Zehen die Un⸗ Poeſie ger und us eines nig odet Deutſch⸗ r Kur⸗ berufin t hatte. irn, die n nach. ſe gott⸗ guf den 5 ſinn⸗ e6 Bo zu den re noh ſchauerte er ſolhe zu ein⸗ de und ſer, als der jl⸗ redigte tt un⸗ berührt.„Der euriöſe Antiquarius überalle vier Welttheile“ zog nicht mehr an; die Haimonskin⸗ der und Genoveva, der gehörnte Siegfried und Robinſon Cruſoe ſchienen abgelebt, und„Pater Martin von Cochems Legenden der Heiligen“, von der Mutter mitgebracht, ſtanden ohnehin ihres langweili⸗ gen und peinlichen Inhalts wegen bei Erasmus nicht in Gunſt, und widerten die ſchöne Fides an. So ſchlugen inmitten der Schwüle und Befürchtniſſe vor einer nahen Staatsumwälzung die inneren ſtillen Wände eines mainzer Bürgerhauſes von friſchen Ranken und Blü— ten eines poetiſchen Frühlings aus. Auf dieſen duftigen Zweigen wiegte ſich das träumeriſche Herz der ſchönen Fides, und Franz Karl ſelbſt, der Schöpfer und Beherr⸗ ſcher dieſer neuen Freuden, verflocht ſich immer tiefer die blühenden Ranken, mit denen er die poetiſche Lauber⸗ hütte dieſer katholiſchen Familie baute und ſchmückte. Fünftes Kapitel. Aber die Stunden des Bedenkens blieben nicht aus. Der lebenskundige Erasmus täuſchte ſich nicht lange über die Beſuche des Barons, und das verſchwiegene Intereſſe ſeines Kindes blieb ihm nicht verborgen. Er überlegte, was hier zu thun ſei, und fand es bedenklich, ſeine Beſorgniſſe aus⸗ zuſprechen oder gar mit Verboten dazwiſchenz utreten. Es däuchte ihm, daß ſein Kind noch unbewußt dieſe ſüßen Empfindungen ſchlürfe, denen er unvermerkt einige Bitter⸗ keit beizumiſchen für das Beſte hielt. Wie abſichtslos, aber mit freundlichem Ernſte, mahnte er an ihren bürger— lichen Stand und an das Unglück und Unrecht geſtörter Familienverhältniſſe. Er wußte es einzuleiten, daß der Baron nur in den Stunden kommen konnte, wo er ſelbſt zu Hauſe war, und dachte daran, wie er ihn wieder etwas förmlicher behandeln wollte. Seine Frau ließ Lennig nicht in das Geheimniß blicken, aus Beſorgniß, daß ſie es nicht ſorgfältig genug hüte oder unrichtig behandle. Er ſtörte ſie nicht in ihrer argwohnloſen Ehrerbietung gegen den jungen gnädigen Herrn. Dieſe Art war ihm gerade recht. So fand Fides durch ihres Vaters Warnungen die erſten Kämpfe in ihrer jungen Bruſt hervorgerufen. Sie konnte dem Vater nicht Unrecht geben: ſo und nicht an— ders war es in Mainz geweſen, wie er es ſchilderte. Aber der ganzen Welt ſtand ja eine erſtaunliche Verwandlung bevor, wie der gute Profeſſor Blau ſo lieb zu prophe⸗ zeihen wußte. Ihre Jugend gehörte ja ſchon nicht mehr jener ungerechten Zeit an,— ihr Herz ſchlug einer nahen Zukunft entgegen, deren froher Genoß und Erbe zu wer⸗ den ihm beſtimmt ſchien. Fides wollte jedoch ihrem Vater nicht widerſprechen und nahm ſich vor, ihn immer freundlich anzuhören und Recht behalten zu laſſen, bis der Tag käme, daß ſie ihm zurufen dürfte: Siehſt du nun, Herzensvater, wie's in der Welt geworden iſt, und nun mein Recht angeht? Glückliche Unerfahrenheit eines geängſtigten Kindes, das utht ſchet in d oder ubert ſreite on Ve 189 ſ ſih nicht daran zweifelt, eine neue Zeit könne über Nacht auf⸗ 5 brechen, wie eine Roſenknospe! e Bliter⸗ Auch zur Mutter hatte Fides für ihr ſeliges Geheim ſichtlos niß kein Vertrauen. Sie verſchloß es heiter und hoffend; bürger⸗ geſrte ſie empfand, wenn ſie allein blieb, ein unendliches Glück duß der ohne Verlangen. In dieſer Stimmung machte ſie ſich jetzt, duß b 4 3. ſuhß ſo oft der Vater im Amte war, lieber und länger als k ſonſt, in ihrem ſo jungfräulich gehaltenen Manſardſtübchen er etwas zu thun, wo auf einem dreibeinigen Tiſche ihre Pathen— nig nicht z nitt geſchenke und Sailer's Gebetbuch unter einem Kruzifir es 62 ſtört lagen, deſſen meſſingene Arme mit geweihtem Burbaum r ſtorte vom Palmſonntage her beſteckt waren. Ueber ihrem Bette en den 3. hing eine Maria mit dem Kinde, und darunter waren die Bilderchen der Monatheiligen eingerahmt, die ſie von Garz⸗ § weiler aus der marianiſchen Schweſterſchaft erhalten hatte, 5 6. — über dem Kopfkiſſen die heilige Conſtantia. Hierher, . 3 in dieſe Zelle, zog Fides ſich zurück, wenn die frohen 3 oder ſentimentalen Stimmungen ihres kindlichen Herzens 3 übermächtig wurden; hier beſtand ſie die Kämpfe ihrer 3 anlun ſtreitenden Wünſche und Gedanken, die ein leiſer Wechſel 3 wobbe von Erröthen und Erblaſſen auf ihren Wangen begleitete 3 tmehr Die Träume und Hoffnungen ihrer Seele ſtanden im be⸗ ahen ſten Knospen, und hatten eine fernduftige Zukunft vor ſich; indeß Levkojen und Goldlack auf dem ſonnigen Fen— 43 ſterbrete der jungfräulichen Einſiedelei verblüht waren und 7 ſprechen. 52*— ſuch eine Wintereinkehr verlangten. Wie oft ſtand ſie, beſon— en und ders gegen Abend, ehe Franz Karl vielleicht kam, an die— 5 ihm 2„— ſie ihn ſem Fenſter, die weißen Händchen auf das Bruſttüchlein ies in gepreßt, unter welchem ein ſo geheimnißvolles Weh und Weben kreiſte, und blickte mit dem Auge der Seele in —, 190 eine unbegrenzte Ferne, in der ein glänzender Morgenduft über tauſend lockenden Räthſeln ausgebreitet lag. Und wenn ſie aus dieſem Entzücken erwachte, ſang ſie plötzlich ein leidvolles Lied, das ſie aber nicht beendigte, weil ſie lachen mußte, oder weil ſie nicht widerſtehen konnte, im engen Umkreis ihres Stübchens zu walzen. Eines Nachmittags trat Fides vor den kleinen Spie⸗ gel, der hoch und ſchräg über dem Waſchtiſche hing, auf welchem ein kleiner tyroler Teppich lag. Mit Wohlgefallen legte ſie die dreifache Granatenſchnur um den Hals, die zur jüngſten mainzer Herbſtmeſſe Franz Karl ihrem Vater für ſie gegeben hatte. Sie gefiel ſich in dieſem Schmucke. — Ein Hündchen, flüſterte ſie, trägt das Halsband ſeines Herrn— Aber ſie erröthete bei dieſem Gedanken, und ſchlug den Blick nieder. Wie ſie die Augen wieder auf⸗ richtete, erblickte ſie im Widerſcheine des Spiegels die Magd lauſchend den Kopf durch die angelehnte Thüre hereinſtrecken. Erſchrocken fuhr Fides zurück, und ſchalt.— Iſt das Recht, daß Sie mich ſo belauſcht und heranſchleicht? fragte ſie erzürnt. Ueberhaupt macht Sie ſich jetzt immer hinter mir zu thun. Was hat Sie denn immer zu horchen? Bärbel, die anfangs ſehr geheimnißvoll lächelte, er⸗ ſchien plötzlich ganz betreten. Stolz auf das Vertrauen, in welchem ſie bei dem geiſtlichen Rathe Garzweiler ſtand, hatte ſie nur auf eine nachdrückliche Frage gewartet, um das drückende Gelöbniß des Schweigens gegen Fides ein wenig zu lüpfen, und ihr von der freundlichen Theilnahme des hochwürdigen Paters an Allem, was im Hauſe vor— gehe, zu erzählen. Nun auf einmal hatte der Unwille, mit welchem Fides das Wort„horchen“ ausſprach, das mr Hier Ihre ſamn ſuge rgenduf . Un plößlic weil ſi nte, in n Spie⸗ ng, uf lgefulle als, die n Vatet chmucke d ſeine en, und der auf⸗ ie Magd ſtrecten. s Roht, agt ſe nter mir lte, er⸗ rtrauen, r ſtand, tet, un ides ein ilnahm ſſe vor⸗ Unwil ch, d Gewiſſen der Magd getroffen und ein Gefühl ihres Un⸗ rechts erweckt. Es überlief ſie etwas eiskalt, und wollte ſie zu knieendem Bekenntniß niederdrücken, als raſche Schritte ſich auf der Treppe hören ließen, und Franz Karl auf dieſelbe Weiſe, wie eben noch Bärbel, den Kopf durch die Thüre hereinſtreckte. Fides ſchrie auf vor Schreck. Bärbel eilte fort. Der Baron that einen leiſen Schritt herein, wie angezogen von dem Zauber und Geheimniß dieſer jungfräulichen Zelle. Seine Blicke ſtreiften mit Andacht an Wänden und Mö⸗ beln hin.— Nein, nein, bleiben Sie draußen, Herr von Wallbrun! Kommen Sie nicht herein! flehte hocherröthet Fides mit vorgeſtreckten Händen, als ob ſie ihn hinaus⸗ drücken wollte, aus der Ferne, und ohne ihn zu be— rühren. Franz Karl faßte herantretend ihre beiden Hände. Ach, nur eine Minute laſſen Sie mich hier athmen! bat er.— Hier in dieſem Bienenzellchen, wo Sie all' den Honig Ihrer frommen und ſchönen und jungfräulichen Gefühle ſammeln,— zwiſchen dieſen weißen Wänden— ſoll ich ſagen— von reinem Wachs—? Seien Sie brav, Herr Baron, und haben Sie Mit⸗ leid mit mir und gehen Sie gleich wieder fort! flehte Fides mit weinerlichem Tone. O meine theure Fides! wendete er gerührt ein. Sehen Sie— ich knie nieder,— ich weiß ja, es iſt ein Heilig⸗ thum, und ich will ganz fromm ſein. Ich will mir nur ein Bild dieſes Tabernakels einprägen und mitnehmen, wo meine Gedanken Sie aus der Ferne ſuchen und finden können. Ach dieſe liebliche Herrlichkeit! Hier der Tiſch —— —————— — 192 mit dem Kruzifir, wo Sie Ihr Abendgebet verrichten,— dort das Waſchbecken,— und drüben das Bett, wo Sie ſchlafen Mit einem Ausrufe des Schrecks und der Angſt zog Fides ihre Hände aus den Händen des Knieenden, ſank auf einen weidengeflochtenen Stuhl, und bedeckte ihr thrä nendes Geſicht Vergeben Sie mir, liebe Fides! flehte der Baron auf ſtehend. Ich bin ja nicht,— ich will ja nicht zudringlich ſein! Ihre Mutter hat mich heraufgewinkt, Sie hier zu finden. Ich gehe aber ſchon! Nicht wahr, Sie ſind mir auch gut, liebe Fides, wenn ich gehe? Fides blickte auf. Sie ſah die bittend dargereichte Hand, und ergriff ſie lebhaft mit den Worten: Aber dann gehen Sie auch, Herr— Franz Karl! Dabei blieb ihr Auge an dem ſeinigen hangen; ihre Hand hielt die ſeinige feſt. Sie lächelten einander mit unausſprechlichen Empfindungen an. Er breitete ſehnſüch tig den linken Arm gegen ſie aus; ſie ſprang auf, ihm zu entfliehen: aber— wie in ſolchen Augenblicken oft das Entgegengeſetzte geſchieht,— lag ſie auf einmal in den Armen, denen ſie entfliehen wollte. Einen Augenblick ruhte ſie ſelig an ſeiner Bruſt, bis ſein Mund ihre Stirne be rührte. Da entwand ſie ſich ihm, und verließ mit feier licher Haltung das Zimmer. Der Baron folgte ſtill ſchweigend Unten an der Küchenthüre ſtand die Mutter und die Magd.— Warum habt Ihr den Herrn Baron hinauf gelaſſen, Mutter? fragte Fides im Tone des Vorwurfs, der ſich gegen Franz Karl in ein Lächeln verlor igſt zoh n, ſank hr thrä ton auf dringlich hier zl ind mir gereicht Karl! n; ihn der mi hnſüch uf, ihm oft das in del ick ruht itne be it feiel te ſtill und di hinau rwurfe 193 Ich konnte ja doch nicht ſo— entſchuldigte ſich Frau Lennig, unter Verneigungen und mit Hinweiſung auf ihre abgebundene Küchenſchürze. Der Baron trat ins Wohnzimmer und ſetzte ſich zu Mutter und Tochter. Aber eine Unterhaltung wollte nicht aufkommen; er und Fides konnten ſich aus ihren träume riſchen Nachempfindungen nicht ſammeln.— Mein Mann bleibt auch heute ungewöhnlich lange aus! ſagte die ver legene Frau. Grüßen Sie ihn! verſetzte der Baron, ſich erhebend. Ich wollte im Vorbeigehen nur zuſehen, wie's den lieben Leuten geht. Ich muß heut Abend nach Hofe. Die Mutter bedauerte, und wie ſie aus Verlegenheit nach ihrem Manne zu ſehen, das Fenſter öffnete, und es von der Emmeranskirche läuten hörte, mahnte ſie die Tochter noch zur Abendandacht zu gehen, da der Herr Baron doch nicht bleiben wolle. Franz Karl erbot ſich, ſie um eine Ecke zu begleiten, und Fides, die noch etwas auf dem Herzen zu haben ſchien, nahm raſch ihr ſeidenes Halstuch um. Wie ſie jedoch auf die Haustreppe tretend in die Gaſſe blickte, rief ſie erröthend aus: Rein, ich kann nicht mit Ihnen gehen, Herr Baron! Liebes, wunderliches Kind! lächelte er, ſelbſt nicht un befangen genug, um ſie zu den angſtvollen Schritten auf zumuntern, vor denen ihr Herz bebte.— Aber nun ſehe wie hübſch Ihnen die Granaten ſtehen ich erſt, ſagte er, Das iſt nichts Sie müſſen ſie mehr tragen, liebe Fides! Apartes; das iſt ein Schmuck für alle Tage Eben kamen zwei Offiziere um die Ecke, von Boſchi, Kornet der kurfürſtlichen Leibgarde zu Pferd, 13 der Graf Koenig, Clubiſten in Mainz. 1 —.— 3 ¹ 4 5. 1 4 * 6 5 6 6 3 194 und der Lieutenant Graf Herzan. Sie nahmen die Mitte der Straße ein, und da ihnen hier ein ſonſt anſtändig ausſehender Bürger im Wege war, ſtieß ihn Boſchi im Vorübergehen ſo heftig bei Seite, daß der Mann gegen das rechtſeitige Haus taumelte. Er faßte ſich jedoch, und zog mit Verneigung den Hut ab. Guten Abend, Baron Coridon! grüßte Herzan, ohne ſtehen zu bleiben, den jungen von Wallbrun. Ha! eine leckere Daphne! ſetzte Boſchi hinzu; indem er mehremal umblickend, ein wieherndes Lachen hören ließ. Fides war gleich ins Haus zurückgeeilt. Der Baron bemerkte jetzt, wie er die Treppe verließ, daß der Bürger hinkte.— Ihr habt Euch wehe gethan, guter Mann? fragte er theilnehmend und verlegen. Ei nun, Eure Gnaden, antwortete der Mann, ich hätte mich vorſehen können. Man weiß ja, daß die ade⸗ ligen Herren, beſonders vom Militair, ſich das Vorrecht auf die Mitte der Straße genommen haben. Man hat es aber vergeſſen, ſeit ſie im lütticher Feldzug abweſend wa⸗ ren. Nun, nun! Es iſt doch ſchön, daß uns die tapferen Herren noch etwas von ihren Heldenthaten mitgebracht haben! Franz Karl kam in der bitterſten Stimmung nach Hauſe, ſein Hoftleid anzulegen. Er warf ſeinen Anzug von ſich; doch ſeinen Mißmuth konnte er nicht ausziehen, und ſein Herz blieb auch unter den Kronleuchtern der Schloßſäle zerſtört und zerſtückelt. wat or übe hen ie Mitte unſtündig oſchi in n gegen ch, und n, ohne indem ren ließ Baron Bürger Mann? nn, ich die ade⸗ Vortcht nhat es d wa npyfren haben! Hauſe, on ſich nd ſein hlofſile Sechstes Kapitel. Nach einer unruhigen Nacht war Franz Karl nicht einiger mit ſich geworden. Er ſchlug ſich mit der Frage herum, ob er nicht die beiden Offiziere, ihres Betragens halber, zur Rede ſtellen ſolle. Seine Empfindung foderte dies, während ſeine Ueberlegung dagegen ſprach. Nach den gän⸗ gen Anſichten ihres Standes hatten die beiden Grafen ihn perſönlich nicht verletzt. Ihr Ton und Blick hatten viel⸗ mehr Freude und Beifall ausgedrückt, den Baron auf ſo glücklichen Pfaden zu finden. Aber gerade dies war es, — dieſer Argwohn, den ſie gegen ſeinen Beſuch— dieſer Verdacht, den ſie gegen Fides hatten wahrnehmen laſſen, was den jungen Freund ſo tief empörte. Bald aber be⸗ ſorgte er wieder, wenn er ſich durch eine Herausfoderung über ſeine Beſuche rechtfertigen wollte, ſich in den Augen der Grafen und der mainzer Geſellſchaft lächerlich zu ma⸗ chen, und am Ende ſchien das Aufſehen, das ſolcher Ehrenhandel auf die jungfräuliche Fides werfen würde, viel bedenklicher, als die leichtfertige Meinung zweier jun⸗ gen Offiziere, in die Luft geſprochen und im Leichtſinn vielleicht ſchon wieder vergeſſen. Aus dieſen Wiverſprüchen und Ueberlegungen zog den jungen Freund, wenigſtens für den Augenblick, ein drin⸗ gender Auftrag des Kurfürſten, der den Baron in einer vertraulichen Sache nach Worms an den Prinzen von Conde 13½ 196 ſchickte. Dieſer vornehme franzöſiſche Flüchtling hatte das dortige biſchöfliche Schloß vom Kurfürſten geliehen erhal— ten, und betrieb von dieſem Sitze aus die Contrerevolu tion, für welche ſich die zahlreichen Emigrirten am Rhein mit Worten und Waffen rüſteten, und an welcher der Kurfürſt ſelbſt mit ſeiner Politik den lebhafteſten Antheil nahm. Gerade dieſen Gegenſtand betraf die Sendung. Dem Kurfürſten waren vertrauliche Schreiben, ermahnende, ermunternde Briefe an den unglücklichen König Ludwig uneröffnet aus Paris zurückgekommen. Zugleich war er von anderer Seite her vor einem franzöſiſchen Geſandten des jakobiniſchen Miniſteriums gewarnt. Dies Alles be— unruhigte und ängſtigte den alten Herrn. Franz Karl ahnete nicht, daß während ſeiner Abwe⸗ ſenheit das ärgerliche Begegniß mit Boſchi und Herzan eine neue Verlegenheit für ihn nach ſich ziehen würde. Er fand bei ſeiner Rückkunft eine Einladung zu einem Feſt ſchmauſe bei dem neuen Kapitular von Bettendorf. Die Aufnahme dieſes bedauerlichen Mannes in das Domkapitel war endlich doch glücklich zu Stande gekom men. Der Anhang des Domdechanten von Fechenbach hatte zuletzt alle Einwände und Gegenbeſtrebungen beſiegt. Es war einer der ſeltenen Fälle, in denen der Dechant mit dem Kurfürſten übereinſtimmte. Diesmal begegneten ſich Beide in der Abſicht, einen willenloſen Mann ins Kapitel zu bekommen, den man für widerſpruchsfaul und unfähig hielt, und deſſen Stimme jeder von Beiden im Stillen für ſeine beſonderen Zwecke zu gewinnen hoffte. Das Kapitel war nämlich offen und geheim in Par⸗ teien geſpannt, die es dem alten Herrn immer ſchwieriger machten, ſeine Politik zu verfolgen, und in den Angele tte das genheiten des mainzer Landes, in denen er an die Zu re ſtimmung ſeines Kapitels gebunden war, eine Stimmen Rhein mehrheit für ſo manche Lieblingsplane aufzubringen. Eit er c jeder dieſer geiſtlichen Herren vom Reichsadel hatte ſeinet Anthill perſönlichen oder Familien⸗Egoismus, und jener des Ku ndung fürſten war ſo ſtark, daß er alle übrigen verſchlinget nerde, konnte. Beſonders drohte dem alten Herrn der verſchwen unig deriſche Hofhalt und die Liſt und Liebe ſeiner habſüchtige Freundinnen, beſonders der Frau von Coudenhove mi ſndtrn ihrem Familienanhang, über den Kopf zu wachſen; ſo daf les b⸗ er in der Verzweiflung über den Verfall der Finanzen einen eigenen Finanzminiſter gemacht hatte, wie man erſt Awe⸗ bei Erkrankung das Bedürfniß eines Arztes zu empfin⸗ hern den pflegt.. * gr Bettendorf hatte nun den herkömmlichen Einſtands⸗ 6 n ſiſ ſchmaus zu geben. Fechenbach empfahl ihm, durch ge⸗ ſchmackvollen Aufwand Diejenigen zu beſchämen, die ihm 3 nn bei ſeiner Wahl entgegen geweſen waren. Pater Garzweiler 6 elon übernahm mit Zuziehung des Sofkammerraths Guiolet die nt Wohnung des neuen Kapitulars anſtändig einzurichten, und znſtg die Vorkehrungen zu einer glänzenden Bewirthung zu tref⸗ gi fen. Bettendorf war in der Regel knauſerig; aber die Freude über ſein Glück ſtimmte ihn diesmal zum Auf⸗ nn wand, und die neue Pfründe aus dem Ritterſtifte St. Alban mn n war anſehnlich genug, ihm einige Zumuthung zu machen. ul Die ſtolzeſten Gegner Bettendorf's ſowie die anweſen— W( den Geſandten am mainzer Hofe ſagten jedoch ab. Auch oſ Franz Karl nahm nicht ohne Widerwillen, und nur um ſi n P⸗ dem Kurfürſten nicht zu mißfallen, die vorgefundene Ein⸗ ſit vierige ladung an. Er verſprach ſich gleich keinen befriedigenden Tag. Zu ſeiner Verwunderug fand er die Gemächer ſehr geſchmackvoll eingerichtet; nur ſtörte den erſten angenehmen Eindruck die Erſcheinung des Wirthes. Denn Bettendorf vußte ſich weder im neuen Talar noch zwiſchen den friſchen Pänden ſeiner Wohnung angemeſſen zu betragen. Er ſah ür beide nicht einmal ſauber genug aus Abwechſelnd vorlaut im Gefühl ſeiner neuen Würde, und wieder ver— legen unter den warnenden Blicken Garzweiler's, der ihn beherrſchte, verrieth er eine Unſicherheit, der man es an⸗ merken konnte, daß er ſich manchmal gern mit dem Rücken an den Wänden gerieben hätte, oder noch lieber aus dem neuen Anzug heraus in ſein zerwühltes Bett geſprungen wäre. Garzweiler hatte ihm einige beſcheidene und fromme Redensarten vorgeſchrieben, die aber für Bettendorf's Sin⸗ nesweiſe ſo fremd waren, daß er ſie gar nicht oder nur verkehrt anbrachte; wobei doch manchmal zufällig etwas Treffendes und Witziges herauskam, was man— wie einen nicht beabſichtigten Treffer im Billardſpiel— einen Fuchs hätte nennen dürfen. Ja, ja, ſagte er zu verſchiedenen Gratulanten, ich bin recht froh, daß ich Kapitular bin. Man kann doch den Leuten manchmal einen Gefallen thun. Das Wohl des Landes iſt mein Beruf, und liegt mir auch recht am Her⸗ zen. Es ſteht mit mir auf und geht mit mir ſchlafen: ich denke, es ſoll gut gebettet ſein. Die Geſchäfte frei⸗ lich—! Es wird mir Alles neu ſein. Aber ich denke, es ſoll mir nicht die nöthige Kapuze— wollte ich ſagen, Capacität— fehlen. Ich werde überhaupt mit Fechenbach ſtimmen. Fechenbach iſt ein geſcheiter Kopf. Und du, Pate eni digenden her ſehr enehmen ettendorf ftiſchen Er ſah wechſelnd der ver⸗ der ihn es an⸗ Rücken us dem prungen ftomm fs Ein⸗ der nur etwas — vwir — einen ich bin och den ohl des mn Her⸗ ſchlafin t fri⸗ denke, ſagen, henbach nd d Pater Ferruti! rief er in der Verlegenheit ſeinem Kapu⸗ ziner zu, ich ſage dir, daß du mir alle Morgen das veni creator spiritus vorbeteſt! hörſt du, hörſt du? Dabei zupfte er, in alter Gewohnheit ſich vergeſſend, den furchtſamen Mönch am grauen Barte. Aber, bemerkte der Gouverneur, General von Gymnich, wenn Sie nun einmal eine Eingebung des heiligen Geiſtes für unſeren gnädigſten Kurfürſten bekommen, Herr Ka⸗ pitular,— wie dann? Ercellenz! lächelte Bettendorf beim Titel Kapitular mit dankbaren Verbeugungen,— Erxcellenz meinen für den Kurfürſten? Was ſoll mir der Himmel eingeben? Sehen Sie, der Kurfürſt hat mich noch nicht ſo oft zum Eſſen — und noch gar nicht zum Spazierenfahren mitgenom⸗ men. Sagen Sie ſelbſt, Herr General—! Nein, Fechenbach bekömmt mein Votum! Der Domdechant Fechenbach kam endlich angefahren, ein feines, ſehr artiges Männchen, und nahm den oberen Platz an der langen Tafel ein. Neben ihn ſetzten ſich der Hofkanzler Albini und der Finanzminiſter von Seckendorff Der Mönch am unterſten Ende griff bei der Bewirthung mit zu. Der Aufwand an Küche und Keller war heute ſelbſt für das üppige Mainz ungewöhnlich, und die Gäſte wußten Alles zu ſchätzen. Das Mahl währte bis tief in den Abend. So lange das Tageslicht vom Mitternachtsplatze herein auf die wechſelnden Teller der Gäſte fiel, hielt das Geſpräch ſich gelaſſen an Tagesgeſchichten oder an die öffentlichen Angelegenheiten der Zeit. Ein ernſter Ton herrſchte noch vor, den nur dann und wann die Parteiſtimmung der Gäſte verſchärfte. Die Emmerizianer, die Oppoſitivn des Kurfürſten, ſtichelten auf Preußen; wogegen die Anhänger des Fürſtenbundes Seitenhiebe auf Oeſtreich nicht ohne perſönliche Ausfälle verſetzten. Man tadelte Preußen we⸗ gen ſeines ſchwankenden und reichsverfaſſungswidrigen Be⸗ nehmens in der lütticher Sache, und machte ſich luſtig über das berliner Kabinet, das durch widerſprechenden Einfluß von Miniſtern und Weibern zerrüttet ſei. Hierin that ſich beſonders der Kapitular Wilderik Graf von Wal⸗ derdorf hervor, ein Fünfziger von finſterem Ausſehen und bitterer Laune. Als von der Verlegenheit der deutſchen Höfe gegen das kriegeriſchgeſtimmte Frankreich die Rede war, rief er mit ſeiner Baßſtimme über die Tafel: Was ſagen Sie dazu, Albini, daß der Stein der Weiſen endlich gefunden iſt? Albini lachte. Einige lachten mit; Andere blickten arg⸗ wöhniſch auf.— Wo denn, wo hat man ihn denn ge funden? fragte der Domdechant. Wie Sie auch fragen können, Fechenbach! fuhr Wal⸗ derdorf fort. Der Stein der Weiſen konnte nur in Preu— ßen gefunden werden, unter der frommen Regierung eines Königs, wie Friedrich Wilhelm. Dort, wo durch Kraft des Miniſters Wöllner auch Geiſter erſcheinen. Denken Sie, am preußiſchen Hofe— Geiſter! Ja, in Berlin ward er gefunden, der Stein der Weiſen. Er hat ſich demnach als— Sandſtein ausgewieſen? bemerkte Garzweiler. Eigentlich iſt er erſt noch zum Vorſchein zu bringen, und hat ſich bis jetzt nur dem dunkeln Gefühl verkündigt, erklärte Walderdorf. Er ſitzt nämlich beim Miniſter von oſition des Anhänget nicht ohne reußen we drigen Be⸗ ſich luſtig rſprechenden ſei Hierin von Wal⸗ ſehen und deutſchen eiſen endlich blickten urg⸗ n denn ge fuhr Wyl⸗ ur in Prel rung eines urh Kruft n Denken in Berln usgenitſen zu hringel verkündigl⸗ iniſter 204 Biſchofswerder. Dieſer vielgeſchäftige Mann, der längſt tein der — darauf ausging, Kirche und Staat durch den S Weiſen zu verbeſſern, laborirt eben an dieſem glücklichen Funde Sein College, der Miniſter Wöllner, der ehe— malige Landprediger, ſteht ihm tapfer bei,— nicht mit ſeinem bekannten Religions-Edikt, mit welchem er alle Weisheit und Wiſſenſchaft auf die ſymboliſchen Bücher bannen will, ſondern— Was wird nur herauskommen? lächelte Seckendorf, ein ſchlanker, noch junger Mann. Herauskommen, ja, das iſt das rechte Wort! rief Walderdorf. Denn kurz und gut, der Staatsminiſter Bi— ſchofswerder leidet am— Blaſenſtein. Ein ſchallendes Gelächter belohnte den Spötter, der, ohne die Miene zu verziehen, fortfuhr: Die Noth ſoll groß ſein; Wöllner hat ſogar ſein Religions-Edikt aus der Hand gelegt, und zum Katheter gegriffen. Abermaliges Gelächter. Sehen Sie! rief Garzweiler. ſchen Profeſſoren doch nicht ganz auf dem Holzwege: ſie haben's immer auf dem Katheder geſucht; ſie hätten's aber mit dem Katheter verſuchen ſollen. Wir Mainzer können Gott danken, wenn die Beſche— rung glücklich überſtanden iſt, ſprach Walderdorf weiter. Denn ich ſelbſt habe immer gefürchtet, von unſerem Für ſten einmal nach Berlin verſchickt zu werden, ſo lange jene Herren noch das geheime Schurzfell der Roſenkreuzer um— gebunden haben. Es iſt ja bekannt, daß in dieſem Ge— heimbunde die Aqua toffana ſehr geſchätzt war, als das nothwendige und geſchwindeſte Mittel, durch Tod oder D T a waren die preußi— „ 202 Verſtandesberaubung alle Diejenigen wegzuſäubern, welche das, was man die Wahrheit nannte, nicht erkennen wollten. Und unſer Einer hält es einmal mit Rom, we⸗ nigſtens lieber, als mit Berlin. Hiermit war eine ungeſtüme Unterhaltung hervorge⸗ rufen. Die Herren von der preußiſchen Partei wollten erſt von Roſenkreuzern, und von Bändern, Chiffern und Eidesformeln dieſes Geheimbundes nichts wiſſen. Sie rühmten dagegen die preußiſchen Miniſter, die erſtaunliche Thätigkeit Biſchofwerder's und den gerechten Eifer Wöll⸗ ner's gegen die unter ſeinem Vorgänger, dem Miniſter von Zedlitz, begünſtigte Aufklärung und Freigeiſterei, die nur mit feſten Glaubensſätzen zu bewältigen ſei. Dagegen machte man wieder geltend, daß dieſe Herren es allerdings verſtänden, dem leichtfertigen Könige einen beruhigenden Kelch aus dem Abſud der augsburger Con— feſſion mit ſüßem Zuſatze von Sinnlichkeit zu bereiten,— einen Trank, den die Gräfin von Lchtenau an der Spitze der übrigen Geliebten des Königs kredenze. Apropos der Gräfin Lichtenau! fiel Walderdorf wieder ein. Ich weiß nicht, ob die Herren darin mit mir über⸗ einſtimmen, daß ich den ſchon erwähnten verworrenen Zu⸗ ſtand des preußiſchen Kabinets für eine Uebergangsperiode anſehe, des Uebergangs nämlich von einem Waldhorn zum Stein der Weiſen. Ein Waldhorn? lachte Fechenbach. Ei nun! der Waldhorniſt Enke hatte ſeiner Tochter, als ſie Gräfin Lichtenau wurde, ſein beſtes Waldhorn mit— gegeben, und die Miniſter blieſen eine Zeit lang mit ihr in Ein Horn. chitzt u Deſt hreu luft uhth illi iele nit n, welhe erkennen om, we hervorge⸗ i wollten ffern und n Sie ſtaunliche er Will⸗ Miniſter tetei, die ſe Herren ige einen er Con eiten,— er Spite rf wirder ir über⸗ nen Zi göprriode orn zum Lochter, orn nit⸗ nit ih 203 Der Beifall, den der bittere Witz des Prälaten erntete, erhitzte die Gegner. Sie ſchienen aber nicht geiſtreich ge⸗ nug zu ſein, um ſich anders zu helfen, als daß ſie gegen Oeſtreich zu Felde zogen, wie jene Emmerizianer gegen Preußen. Sie maßen dem Könige von Preußen mehr Aufrichtigkeit für die deutſche Sache, mehr Ernſt für Auf⸗ rechthaltung des Alten in Frankreich und eine edle Bereit— willigkeit bei, Gut und Blut zu wagen. Oeſtreich aber ſpiele nur falſche Karten aus. Es ſei ihm nicht Ernſt mit ſeinem Intereſſe für die Rechte jener deutſchen Fürſten, die durch die ſchmählichen Dekrete der Nationalverſamm lung Beſitzungen im Elſaß verloren hätten. Ihm liege nur daran, mit Rußland wegen Polen und der Türkei ins Reine zu kommen. Manches Wahre und Treffende wurde vorgebracht; doch viel zu ernſt und heftig, und das Lachen der Gegner wurde nicht aufgewogen. Einen beſſeren Eindruck machte daher Franz Karl, als er mehr den Ton Walderdorf's gegen die öſtreichiſche Partei anſchlug.— In Oeſtreich wird Alles noch gut werden, ſagte er, ſobald einmal Franzl an die Regierung kömmt, was bei Kaiſer Leopold's Kränklichkeit nicht lange ausbleiben kann. Franzl wird einmal der ſelb— ſtändigſte Regent Europas werden. Sein Erzieher, der Erjeſuit Diesbach, hat es ganz darauf angelegt, den In— ſtinkt der Zukunft in dieſem Erzherzoge zu erwecken. Man weiß, wie ſehr der junge Franz mit Verfertigung von Vogelbauern, von Siegellack und Firniſſen beſchäftigt iſt. Er gedenkt einmal alle Revolutionen einzufangen: das be⸗ deuten die Vogelbauer; er wird dann das Alte mit eige⸗ nem Lack neu beſiegeln, und dem deutſchen Reich einen ———————̃̃————— 0 friſchen Firniß geben. Alles ſelbſtgemacht! Aber nicht ge⸗ nug! Er wird auch der neuen Herrlichkeit ſelbſt aufſpie— len. Ich weiß nämlich von einem guten Oeſtreicher, daß Franzl ſich mit ſeiner Gemahlin, der neapolitaniſchen Maria Theres, in Familien-Konzerten fleißig übt. Sie ſtreicht die Baßgeige, und er iſt unübertrefflich auf der Holzfiedel. Wenn nun der künftige Himmel Deutſchlands voll Baß— geigen hangen wird und ein lachendes Glück über uns kömmt: ſo iſt es gewiß— Franzens„hölzernes Ge lächter“. Die preußiſche Pärtei lachte nun mit doppelter An ſtrengung. Ich fürchte nur, erinnerte Albini, daß der künftige Kaiſer ſein ebenfalls ſehr beliebtes Blindekuhſpiel in die Politik einführt, obſchon ihm der Kaiſer Joſeph ſeligen Andenkens dies Spiel unterſagte, weil es den edeln Herr— ſcher in ſeinen aufklärenden Gedanken ſtörte. Unberührt von dieſem Sprechen und Spotten, Lachen und Lärmen, ſaß ein hoher Greis, der durch den erhabe— nen Ausdruck ſeines edeln Geſichtes einen lebendigen Ge genſatz zur allgemeinen Laune bildete, ohne ſie zu ſtören. Es war der Primas der mainzer Geiſtlichkeit zweiten Rangs, und als deren Repräſentant eingeladen,— der achtzig jährige Cöleſtin Iſaachy, Abt des Benedictinerſtiftes auf dem Jakobsberge zu Mainz. Er genoß ſehr mäßig, und da er etwas ſchwerhörig war, lächelte er ſchweigſam in die laute Aufregung ſeiner Mitgäſte, und in das wirre Ge⸗ rede, wovon er das Wenigſte verſtand. Nur auf die näch⸗ ſten Nachbarn verbreitete ſich etwas von der erhabenen Stille dieſer hohen, würdigen Geſtalt 205 E Inzwiſchen waren die ſilbernen Armleuchter aufgeſetzt und die kryſtallenen Kronleuchter angezündet worden. Bet er, du tendorf rief die Tafel hinab Pater Ferruti, laſſen Sie u Mn den Rauhenthaler wegnehmen, Johannisberger S3er i mh aufſetzen. Ihr Herren geht zu rauh miteinander um Hohide per Geiſt des Johannes ſoll über euch kommen! Abt oll Boß Cöleſtin mahnen Sie einmal: Kinderchen, liebet ein iber us ander! mes Ge Dieſer gute Scherz rührte offenbar von Garzweiler her, 4 der ſich abſichtlich neben Bettendorf geſetzt hatte, um ihm tet An einigen Halt zu geben. Das iſt ein Wort im rechten Augenblicke! rief Albini, künfüg der auch die früheren Weinſorten nicht geſchont hatte. Un— iel in de ſer Herr von Bettendorf, der Bonifazius unſerer Bekeh ſeligen rung ſoll leben! Der neue Kapitular hat ſein erſtes 3 eln Hert Gerſtenkorn gefunden! ſ Man ſtieß an, man trank, man lachte; worauf Albini 1, Lachen in ſehr ernſtem Tone fortfuhr: nechabe Was unſeren rauhenthaler Ausbruch anbelangt: ſo igen Ge ſind wir in Mainz bei Gott! gerade in der gefährlichſten i u ſtören Poſition. Mathematiſch zu reden, ſtoßen die öſtreichiſche Rang und die preußiſche Politik an unſerem Hofe zu einem ſpitzen achti Winkel zuſammen. Mit dieſer Baſtion ſtehen wir als ſiftes au Außenwerk Deutſchlands gegen das revolutionaire Frank 1 fig, und reich wie auf einem verlorenen Poſten da. am in de Eine Stille des Nachdenkens trat ein; da rief der irre Ge Primas Iſaachy mit ſeiner geiſterhaften Stimme: Excellenz 3 die näch von Gymnich! Wie ſieht's mit den Feſtungswerken aus? rhaben Fürchten Sie keinen Ueberfall, keine Belagerung? Unſer i Kloſter und Ihre Kommandantur liegen auf der Citadelle 206 hoch genug, daß wir weiter ſchauen mögen, als die an— Uge deren luſtigen Leute. in, ſt Ja wohl, Herr Nachbar Abt! antwortete der Kom— 1 1 mandant. Sie haben mir ja letzthin ſchon zugerufen, ich r 1 würde vielleicht die letzten Zwetſchen und Aepfel in den ingen 3 Feſtungsgräben und auf den Wällen geſchüttelt haben, und n be es könnten nächſten Herbſt Kugeln und Granaten dafür ſuun ins Gras fallen. Aber— laſſen Sie nur die Franzoſen iige kommen! Ich glaube feſt, wir jagen ſie zum Teufel, un⸗ nd ſere Feſtungswerke mögen ſein, wie ſie wollen. ſo we 3 33 Bravo, bravo! riefen die militairiſchen Gäſte. Sie uich * ſollen kommen, dieſe Jakobiner, dieſe Elenden! beſür Ich ehre den feſten Glauben Eurer Excellenz, bei un⸗ die L . ſeren mangelhaften Feſtungswerken, erwiderte der Abt, Rr und ſetzte mit einem erhabenen Lächeln hinzu: Aber un⸗ Entn ſere heilige Kirche lehrt, der Glaube ohne die Werke Min ſei todt. Vit Das Wort„todt“ klang ſo prophetiſch und geiſter⸗ hehn 1 haft, daß ein ſeltſamer Schauer die Gäſte durchbebte. 6nig Bald aber widerſetzte ſich, was von Offizieren am Tiſche minz war, dieſer prophetiſchen Mahnung Cöleſtin's, und eine dn deſto wildere Unterhaltung brach los. Man ſuchte nach biſe den ſtärkſten Ausdrücken, das jakobiniſche und bürgerliche 1 Frankreich herabzuſetzen. Der ziemlich angetrunkene Oberſt nit Winkelmann, ohnehin ein ſtarker Choleriker, ſchimpfte ge⸗ gen Freiheit und Gleichheit, gegen franzöſiſche Jakobiner und deutſche Patrioten bis zur Wuth.— Unſinn, für Mainz zu fürchten! rief er mit einem grimmigen Blick nach dem ehrwürdigen Abte. Paris hat zu zittern, wenn wir anrücken. Ich werde Seiner kurfürſtlichen Gnaden dieſe ſhen die ah⸗ Kom en, ich in den n und dafür uzoſen , un⸗ ei un⸗ r Abt, er un⸗ Werkt geiſer chbebte iſte d eine e m geriche Obuf fte g⸗ kobin n, fir c nat m wi ndieſ Tage einen Plan vorlegen, wie wir nen, ohne daß eine Seele entkomme. Pereat, pereat Paris! ſchrieen die übrigen Offiziere, unter denen ſich das uns ſchon bekannte Freundespaar, die jungen Grafen Boſchi und Herzan, als tapfere Zecher mit den berauſchteſten Redensarten hervorthaten. Solche Ge⸗ ſinnung fand den lebhafteſten Beifall. Denn wenn auch einige beſonnene Männer über die ſchwerpfündigen Worte und Drohungen der jungen Offiziere im Stillen lächelten: ſo war doch der Haß gegen die Bewegungen in Frank⸗ reich unter dem mainzer Adel ziemlich allgemein. Einer beſtärkte den Andern in den kurzſichtigſten Urtheilen über die Lage der Dinge, und wer ſich etwa noch einen weni⸗ ger blinden und ſelbſüchtigen Begriff von der möglichen Entwickelung der Zukunft machte, that am beſten, ſeine Meinung bei ſich zu behalten, um nicht den Haß und das Mißtrauen ſeiner Standesgenoſſen auf ſich zu ziehen. Das hochmüthige, freche und ſittenloſe Völkchen der franzöſiſchen Emigranten trug das Seinige zu dieſer Verblendung der mainzer Vornehmen bei; wie es auf der anderen Seite den Bürger noch mehr gegen den Fürſten verſtimmte, der dieſe Fremdlinge mit ſolcher Vorliebe hegte. Die wilde Unterhaltung an der Tafel unterbrach Albini mit einem muthwilligen Spaß. Pater Ferrutius! rief er dem Kapuziner zu, Sie ſollen ja ſo einzig im Vespern ſein,— ich meine im Vesperſingen. Sie einzig und allein intoniren und reſpondiren in abwechſelndem Ton. Gebt uns doch ein Pröbchen von dieſem Doppelvespern! Ercellenz, halten zu Gnaden!— erwiderte mit komi⸗ ſchen Geberden der Verlegenheit, doch heut, in Folge man ganz Paris verbren⸗ —— 208 chen guten Trunkes, ungewöhnlich aufgeräumt, der Mönch. Wie? Soll ich die frommen Pſalmen David's unter das 6 Heer der Philiſter ſprengen? Allen Reſpekt vor den Pſalmen! verſetzte der Kanzler. Das ſind Perlen des Orients, die ſich aber recht gut im Wein auflöſen, wie Ihnen das von der frommen Köni— gin Kleopatra bekannt ſein wird. Solch' ein koſtbarer Trunk gehört zu einer geiſtlichen Hochzeit, wie wir hier haben. Alſo nur immer—! 3 1 Ja, ja, heraus damit! ermunterten Mehrere, unbe⸗ tümmert, daß einige Prälaten mißbilligend die Köpfe ſchüt— telten. Die Kerzen brennen, hieß es, es iſt Zeit Vesper zu ſingen! Nach einigen höchſt poſſirlich ablehnenden Geberden, ergab ſich der Mönch in die Anfoderung. Mit eigen— thümlicher Bewegung ſchob er ſeine Doſe in die Kapuze, 4 wiſchte mit dem blau und weiß gewürfelten, in eine Rolle gewundenen Tuche die Naſe, faltete die groben, rothen Hände, und den geſchorenen Kopf an der Kapuze rei— bend, ſtimmte er in tiefem Baß und trägem Takte den Vers an: Dixit dominus domino meo Sede a dextris meis Und raſch in einen hellen, näſelnden Ton und hefti— 3 gen Takt übergehend, antwortete er Donec ponam inimicos tuos Scabellum pedum tuorum Ein ſtürmiſches Gelächter belohnte den verlegen Hu— ſtenden, dem man mit vollen Gläſern zuſetzte. Er muß jetzt zwei Gläſer haben, rief Albini,— Kar niſ hei Fri das ein dor tuo let Mönch ter das Kanzler gut im nKöni⸗ koſtbarer wir hier unbe⸗ fe ſchüt Vespel eberden, teigen Kaplze ne Roll rthen uze re gkte den eins zum Intoniren und eins zum Reſpondiren. Er iſt ein Doppelmönch.— Seckendorff Excellenz! fuhr er fort, wie Schade, daß unſer Kapuzinerkloſter keine Fonds hat, wie die vom Kurfürſten aufgehobenen Karthaus⸗, Kla⸗ riſſen⸗ und Altmünſterklöſter! Das könnte Ihren Finanzen aufhelfen! Wir zögen, ohne das Kloſter eigentlich auf— zuheben, deſſen Vermögen ein, und beſtellten den Pater Ferrutius für die Vesper. Er bekäme doppelte Portionen bei Tiſche, zwei Doſen in die Kapuze und zwei blaue Sacktücher in die Aermel. Ha, ha! lachte Seckendorff. Sie ſind ſchlau, Herr Kanzler, wo nichts zu holen iſt. Im geraden Gegentheil von Ihnen, Herr Finanzmi— niſter! antwortete Albini raſch. Sie üben Ihre Schlau— heit, wo eben etwas iſt: Sie machen's verſchwinden. Keine geheime Conferenz, ihr Herren! gebot der Dom⸗ dechant. Nein, nein, zum politiſchen Frieden! rief Garzweiler. Ja doch! wehrte ſich Albini. Ich rede zum politiſchen Frieden. Schafft uns einen Miniſter, der wie Ferrutius das intonirende Oeſtreich und reſpondirende Preußen ver— einigte: ſo hättet ihr die volle Kraft des Reiches. Pixit dominus domino meo—„Sprach der Herr zu meinem Herrn, ſitze mir zur Rechten“; donec ponam inimicos tuos—„bis ich alle Jakobiner dir zum Schemel un terwerfe“ Der Domdechant, der noch Tolleres befürchtete, hob die Tafel auf Koenig, Clubiſten in Mainz. 1 —— Siebentes Kapitel. . . Aber eine wilde Flamme wird nicht gelöſcht, wenn man ſie in Bewegung und in neue Berührungen bringt. So F. ſetzte ſich auch die ausgelaſſene Luſt in den anſtoßenden 1. 31 Zimmern beim Kaffee und Kirſchwaſſer fort. Spöttereien — der Prälaten, Zweideutigkeiten der Offiziere, mehr oder . weniger fein und verſteckt, wurden ausgetauſcht wie Zucker werk in bunten Papierchen. Ihr Herren! rief der General von Pfirdt in den lär menden Wirrwarr,— ihr Herren, kennt ihr heutiges . Tags noch eine ſolche Schnur, wie dieſe— Weife? Er rollte über beide Hände eine Schnur weißer und rother Kügelchen wie ein Rad. 3 Ein Roſenkranz, ein Roſenkranz! riefen Viele. 4 Richtig! verſetzte Pfirdt. Ich hätte kaum gedacht, daß ihr Gottloſen ſo gute Bekanntſchaften hättet. Ich nannte es eine Weife, weil man damit in einem andächtigen Haushalte den Faden des Gebets in richtige Gebinde auf zaspelt. Die Paternoſterſchnur ging jetzt von Hand zu Hand. Es waren größere und kleinere Korallenkugeln an einer ſeidenen Schnur. Zwiſchen den ſogenannten„Geſetzen“ hingen, aus Gold zierlich gefertigt, ein Herz, zwei Händ⸗ chen und Füßchen,— die ſogenannten fünf Wunden, und ein kleines Kruziſir von Gold und Emaille war am Ende S S S S 02 3 man So enden tereien oder ucer nlär utiges e? und 6 dß lannte htigen eauf Hand einet tzen Händ⸗ und Ende 244 angeknüpft, wo die Schnur unter dickeren Kugeln in einen Vorſatz zuſammenlief. Das iſt ein ſchweres und koſtbares Werk, hieß es Gehört es Ihnen? Ich hab's geſtern bei der Frau von Bocholz gefunden, antwortete der General. Ich erinnere mich noch, ihren Vater vor 16 bis 17 Jahren mit dem Roſenkranze ge ſehen zu haben. Jene fromme Zeit kömmt uns jetzt ſchon ganz unglaublich vor, und ihr jüngeren Herren macht euch keine Vorſtellung mehr, wie ſehr damals der Hof und die ganze Dienerſchaft an Frömmigkeit laborirte. In der guten Geſellſchaft war es damals die erſte Morgenangelegenheit, beim Oberſthofmeiſter zu erfahren, in welcher Kirche dieſen Tag der Kurfürſt vie Abendandacht beſuchen werde. Dort hin ward jeden Mittag ſein Betſtuhl mit der rothen Decke und dem Sammetkiſſen gebracht. Da galt es nun, ſo nahe wie möglich an dieſem Stuhl einen Platz zu be⸗ kommen. Man ließ die Plätze zeitig belegen und beſetzt halten. Dort ſah man Damen und Herren auf den Knien liegend den Roſenkranz ſtrupfen. Gebetbücher und Roſen kränze gehörten zu den Gegenſtänden des Lurus, zum Schmucke des Boudoir, zu den Geſchenken der Liebe und Freundſchaft. Die Prozeſſionen hatten hinter dem Balda chin des Kurfürſten koſtbare Einſatzſtücke von Hofkleidern, Uniformen und Livreen, und zum Abendmahl fuhr man, wie heutzutage— zu den Mittagsmahlen. Je nun, jede Zeit hat ihren Geſchmack, und geſtern hat die liebens würdige Frau von Bocholz bei dieſem Roſenkranze ſo herzlich gelacht, wie ihr ſeliger Vater einſt daran ge⸗ hotet. 14 — ————————— Vergebens blinzte der Domdechant dem kecken Sprecher n zu, ſich zu mäßigen.— Es ſind ja keine Proteſtanten da! 6 entſchuldigte man, und wer nur etwas Ausgelaſſenes wußte, 3 konnte der Luſt nicht widerſtehen, es vorzubringen. Ri So verrieth, während der General noch ſprach, der 3 Kornet, Graf von Boſchi, die geſpannteſte Unruhe ans 3 Wort zu kommen. Er und Graf Herzan winkten einan— 6n der zu, wobei ſie verſchmitzt nach Franz Karl umblickten. — Ich habe das Seitenſtück zum Roſenkranze! rief endlich Boſchi, und hielt eine dreifache Schnur von Granaten in Vn die Höhe. Ihr Roſenkranz der Frömmigkeit, Herr Ge⸗ 3 neral, hat mich an mein Amulet der Liebe erinnert. Ihre Bu Schnur iſt koſtbarer, gehört aber einer abgelebten Zeit an; die meinige iſt noch warm von der lebendigſten Gel— F tung. Sie iſt enger als Ihre Weife; aber ſie iſt auch zi vom ſchmächtigſten Halſe eines Mädchens— eines Engels ſu 5 5 muß ich ſagen. o Bei dieſem Anblicke drängte ſich Franz Karl näher 7 hinzu. Sein Auge brannte, ſein Mund bebte von inner— m 3 ſter Bewegung, als er die Schnur erkannte. R Man hatte gefragt, was es ſei, und Boſchi fuhr fort: Wie ich dieſen Vormittag am Condent der welſchen n Nonnen vorüberkomme, ſchwebt dieſer Engel, von dem ich ſe b rede, aus der Eintrittshalle hervor. Wir waren ihm ſeit d Kurzem ſchon öfter zu Gefallen gegangen. Nicht wahr, n Herzan? Wir wußten, daß das reizende Mädchen an der n Umbach wohnte; dort hatten wir's auf der Haustreppe ſtehen ſeh'n und uns überzeugt, daß es Beſuch von jungen Herren annimmt. Jetzt ließ ich mir den guten Augenblick nicht entgehen. Dem Soldaten gilt der Moment. Ich precher en da wußte, der e an einan⸗ lickten endlich ten in rGe⸗ Ihre Ztit Gel⸗ t auch Engels niher innel⸗ fort elſchen em ich m ſül wahr, an del treppe ungen enblit 36 30 ſtecke begrüße das Schätzchen, ſage ihm einige artige Dinge, und bitte um ein Stündchen ihrer Gunſt. Sie erröthet und will entfliehen. Ich vertrete ihr den Weg und frage nach dem ſchönen Halsbande, das ich, blos dem reizenden Häls⸗ chen zu lieb, mit den Fingern ergreife. Sie macht eine rückfahrende Bewegung, und ich habe die Schnur in der Hand. Wer iſt ſie denn, dieſe Unbekannte? fragte Albini. Es iſt eine Jungfer Lennig, antwortete Boſchi. Ihr Vater— Lennig! Ganz recht! rief Albini. Das iſt ja dieſelbe, Baron von Wallbrun— erinnern Sie ſich—? Aber ſchon hatte dieſer den ihm gar wohl bekannten Granatenſchmuck aus Boſchi's Hand halb erhalten, halb entriſſen. Ich werde das in die rechten Hände zurücklie— fern! erklärte er, die Schnur einſteckend, nicht ohne im Ton der Stimme ſeine Erbitterung zu verrathen. Das verbitte ich mir, Herr Baron! rief Boſchi, her— antretend. Es iſt mein Eigenthum, meine Eroberung!— Worauf Franz Karl mit bebender Stimme fortfuhr: Ich weiß nicht, ob Ihre ritterlichen Ahnen etwa auf dieſe Weiſe zu Eigenthum gekommen ſind, Herr Graf, daß ſie ſittſame Jungfrauen auf offener Straße angefallen haben. Doch heut iſt dieſe Tapferkeit wenig reſpektabel. Ich kenne den Vater Lennig aus unſerem Hauſe, ich habe Geſchäfte mit ihm, und werde ihn in Ihrem Namen um Verzei hung betten. Sen Teufel ſollen Sie um Verzeihung bitten! rief 4 Voſi;. Ich weiß ſchon, warum Sie dieſe Granaten ein— Um ſie einer unanſtändigen Prahlerei zu entziehen, war die Antwort. Oho! Um nicht um den Preis Ihres Liebesgeſchenks zu kommen! rief der Andere. Ich bewundere, wie Sie bei Ihren Geſchenken ſo fein in den bürgerlichen Geſchmack zu entriren verſtehen! Und ich bewundere an Ihnen gar nichts! erklärte Franz Karl; wobei er ſich mit verächtlichem Blicke zum Gehen wendete. Boſchi eilte ihm nach. Aber Garzweiler vertrat ihm den Weg, indem er ſehr artig ſagte: Verzeihung, Herr Kornet mit dem Rang eines Oberſt⸗ wachtmeiſters! Aber entziehen Sie ſo würdigen Männern Ihre liebenswürdige Geſellſchaft nicht! Boſchi wollte ihn bei Seite ſchieben; aber Garzweiler hielt ihm mit ſtolzem Blicke den Arm vor und ſagte noch artiger: O laſſen Sie ſich ja nicht von dem edeln Muthe hinreißen, der den Waffen dient. Jetzt traten auch Andere dazwiſchen, und ſuchten Boſchi zu beſchwichtigen. Selbſt Walderdorf, zu deſſen Anhang der junge Baron nicht gehörte, vertrat den Abgegangenen mit den ſcharfen Worten: Laſſen Sie ihm die Beute Ihrer Kühnheit, Herr Graf! Wie werth Ihnen auch jene ſcham⸗ rothen Granaten geweſen ſind: Sie werden andere Gra— naten, blutrothe, finden, wenn's gegen die Franzoſen geht. Zuerſt werde ich den feigen Menſchen finden, der ſich davon geſtohlen hat! ſchrie Boſchi, deſſen Rauſch durch den Zorn vollends zum Ausbruch gekommen war. Hi Der Domdechant foderte den Grafen Herzan auſchilkinen Freund nach Hauſe zu begleiten.— Und ſorgen En da⸗ tziehen, ſchenks Sie bei nack zu Franz Gehen at ihm Oberſt⸗ ännern zweiler te noch Mithe Voſchi Unhang ngenen eIhrer ſcham⸗ Gta⸗ n geht der ſih rch den ſihinen 215 für, flüſterte ihm Albini zu, daß er kein Aufheben von dem Vorfall mache. Man hat in der letzten Zeit zum Verdruß Sr. kurfürſtlichen Gnaden über das ungebührliche Betragen vieler Emigranten genug zu klagen gehabt: ge⸗ ben wir den Mainzern keine einheimiſchen Beiſpiele! Mit ſolcher Verſtimmung ſchloß der Feſtſchmaus des neuen Kapitulars von Bettendorf. Der Mitternachtplatz war durch die Fenſter des Hauſes mehr, als durch die ſchmachtenden Laternen der damaligen Straßenbeleuchtung erhellt. Im Gedränge neugieriger Menſchen hielten die Wagen, in denen die Gäſte nach Hauſe fuhren. Achtes Kapitel. Am anderen Morgen ſaß Baron Franz Karl abermal in der widerwärtigſten Stimmung auf ſeinem Zimmer. Die Granatenſchnur lag neben den ſilbernen Kannen, in wel— chen ſein Frühſtück erkaltet war. Er hatte ſchlecht geſchla⸗ fen, abwechſelnd empört über Boſchi's Verwegenheit gegen Fides und um den Ausgang des Handels beſorgt. Denn er erwartete nun ſeinerſeits jeden Augenblick eine Heraus⸗ foderung des jungen Grafen, und blieb deshalb zu Hauſe. Er überlegte die Vorkehrungen, die er für einen unglück⸗ lichen Ausgang zu treffen habe. Den Halsſchmuck wollte er erſt ſelbſt zurückbringen. Es kam ihm vor, als habe er in ſeinem Wortwechſel mit Boſchi das geliebte Mäd⸗ —— — 216 chen ein wenig verläugnet oder ſich doch nicht ganz offen zu ihr bekannt, ſondern den Vater vorgeſchoben. Er ent— ſchuldigte es damit, daß es aus zarter Rückſicht für Fides ſelbſt geſchehen ſei. Dennoch ſchien es ihm ſehr unritter— lich für jenen Augenblick. Er wollte es durch ſeinen Be⸗ ſuch, wenigſtens für ſein eigenes Herz, wiedẽt hut machen. Wie würde ſich die gekränkte Fides aufrichten, wie dankbar Vater Erasmus ſein! hoffte er.— An ſeine Mutter wollte er ſchreiben, und den Brief ſeinem Sekundanten zur Beſorgung für den Fall eines ſchlimmen Ausgangs übergeben. Mit ihr zu reden, wagte er nicht, beſonders wenn er die Veranlaſſung zu dieſem Ehrenhandel bedachte. Unter ſolcher Ueberlegung vernahm er Schritte auf dem Corridor, und erhob ſich, den ankommenden Offizier mit der Miene großer Gleichgültigkeit zu empfangen. Garzweiler trat ein. Sie ſind es, geiſtlicher Rath? fragte der Baron, etwas betreten. Ich, Herr Baron,— ein Friedensbote. Sie haben einen Cartel-Träger erwartet? Wer ſagt Ihnen das? warf Franz Karl verdrieß⸗ lich hin. Wer? lächelte Pater Ignaz. Ihre kühne Haltung, mein Freund. Sie ſtanden ja wie auf Stoß und Stich geſpannt. Aber— laſſen Sie ſich auch den Frieden nicht verdrießen, und bedenken Sie, daß dieſer Braten die Sauce nicht werth wäre. Ich komme von Seiner kurfürſtlichen Gnaden, woſelbſt die Sache ſchon beſchloſſen liegt. Der V Fürſt war ganz entrüſtet über Boſchi, und gewiß mit Recht. Aber etwas wird Sie verwundern. Denken Sie, dß lnd gedu weil ma iſt ſure Lan Bi nen gen Ler Ba offen daß Walderdorf, ungeachtet Ihrer ganz abweichenden po— r ent⸗ litiſchen Sympathien, lebhaft für Sie eingenommen iſt. Fides Und wodurch? werden Sie fragen, Herr Baron. Durch nitter⸗ Ihre Rede über den künftigen Kaiſer Franz. Was ſagen en Be⸗ Sie zu einem Manne von der öſtreichiſchen Partei? Sie nachen werden es ſich aber erklären! Walderdorf iſt etwas eitel ankber auf ſeinen Geiſt und Witz, und Ihre Rede war eben in Mutter ſeinem Geſchmack. Wie glücklich würde er ſein, wenn danten Sie ſich ihm ein wenig nähern wollten! zgangs Aber der Kurfürſt—? fiel Franz Karl ein, zu un onders geduldig für des Paters leiſe Bewerbung. Worauf Garz— dachte weiler verſetzte:. f den Die fortwährend aus der Stadt einlaufenden Beſchwer— er mit den über Brutalität der Soldaten, Offiziere wie Gemeine, machen Seiner kurfürſtlichen Gnaden viel Kummer. Es iſt wahr, dieſe Leute, ſo muthlos gegen die lütticher In— garon, ſurgenten und ſo übermüthig gegen dortiges wehrloſes Landvolk, erlauben ſich jetzt alle Ungebühr gegen unſere haben Bürger, und prahlen mit den Thaten, deren ſie ſich ſchä—. men ſollten. Laſſen Sie ſich gelegentlich einmal vom In— genieur⸗Major Eickemeyer erzählen! Vielleicht der einzige vernünftige Mann der mit im Felde war. drieß tung Der Kurfürſt— wollten Sie ſagen? drängte der Stih Baron. niht Wird aus dem Kabinet an den Hofkriegsrath einen guu Befehl erlaſſen, die mainzer Garniſon zu einem geziemen⸗ lihn den Betragen anzuweiſen, und unordentliche Burſche nach drr der Feſtung Königſtein oder nach Erxfurt zu entfernen. nu Aber— was geht das Alles meinen Handel an, Herr geiſtlicher Rath? 218 Sie mögen daraus ſchließen, Herr Baron, wieviel dem Kurfürſten daran liegt, daß Ihr Handel eben kein Handel werde, daß der Vorfall mit Boſchi und die Beleidigung der Tochter Lennig's kein Aufſehen errege. Graf Boſchi iſt nach Aſchaffenburg verſetzt und dem dortigen Comman danten von Radler beigegeben worden Und— was thut er? Er geht in einer Stunde dahin ab. Was? rief Franz Karl. Ehe ich die freche Hand züchtige, blutig zeichne, die den ſchamrothen Schmuck an— getaſtet hat? Der Pater empfand nur das Komiſche, was in dieſer jugendlichen Entrüſtung, oder vielmehr im Ausdrucke der— ſelben lag, und konnte ſein Lachen nicht zurückhalten. Doch faßte er ſich gleich wieder, um mit ſchicklichem Ernſte dem empfindlichen Schwärmer begreiflich zu machen, daß er ja ruhig dabei ſein könne.— Ihr ſcharfer Tadel jener ſchmäh lichen Handlungsweiſe des Grafen, ſagte er, ſitzt auf ihm, wie eine Züchtigung, wie der beſte Stich oder Schuß: laſſen Sie ihn doch mit dieſer Bürde fertig werden! Auch haben Sie der ſchönen Fides genug gethan, da Sie mit einem für unſer Mainz ſo edeln Muthe als ihr Ritter aufgetreten ſind. Doch apropos! Ich muß Sie aufmerk⸗ ſam machen, daß nun die Gräfin Coudenhove Ihr Ver⸗ hältniß mit Fides kennt,— Ihre Neigung für das ſchöne Kind, will ich ſagen, wovon ſie ſich, natürlich, Vorſtel⸗ lungen in ihrem eigenen Geſchmack, nach ihren Begriffen von der Liebe macht. Sie wollte ſchon früher von einem unbeſtimmten bürgerlichen Verhältniß gehört haben; ich habe es ihr aber ſtets ausgeredet. Doch halten Sie viel dem Handel eidigung VBoſchi omman e Hand uck an⸗ n dieſer ucke der n. Doch nſte dem er ſchnih uf ihn, Schuß Ach Sie mit Ritter afnert r Vu⸗ a ſtön Lorſtl Begrifen n einen ich ben ten 5 219 ſich nun gefaßt auf die Intriguen der liebenswürdigen Dame! Nach einigem Hin- und Herreden, wobei Garzweiler die Gräfin nicht ſchonte, kam er unter der Bewegung zum Weggehen ſehr geſchickt und wie zufällig auf ein zweites „Apropos“,— auf die eigentliche Abſicht ſeines Be⸗ ſuches. Vor ein paar Tagen war nämlich ein Packet, an den Kurfürſten adreſſirt, durch einen Eilboten überbracht wor⸗ den. Die Gräfin und Garzweiler hatten auf ihren Lauer— poſten das Siegel des preußiſchen Kabinets erkannt und eine große Verſtimmung des Kurfürſten beobachtet. Aber nie war der alte Herr geheimnißvoller geweſen, als über jenes Packet, auf deſſen Inhalt der ſchlaue Garzweiler jetzt zu kommen ſuchte. Was er in Betreff des Grafen Boſchi vorausgeſchickt, hatte er ſelbſt nicht vom Kurfür⸗ ſten, ſondern nach deſſen Siebenuhrmeſſe von der Gräfin vernommen.— Ich bin in einiger Verlegenheit, ſagte er vertraulich, mit geheimnißvoller Miene. Der Kurfürſt will dieſen Abend eine Gewiſſensberathung über die jüngſte wichtige Mittheilung aus dem berliner Kabinet haben. Sie wiſſen ja, Herr Baron— Oder wäre ſie Ihnen noch vorbehalten? Welche meinen Sie, Pater? Welche? Es iſt ja nur die Eine gekommen. Hm! Nun weiß ich doch in der That nicht, ob ich mit Ihnen davon reden darf. Verzeihung! lieber Herr Baron! Wenn aber der Kurfürſt die beſagte Note vor Ihnen noch zu⸗ rückhält: ſo hat er ſeine Abſichten dabei, die ich reſpekti⸗ ren muß. —— —-— 220 O, Herr geiſtlicher Rath! lächelte Franz Karl. Wenn Sie etwa den Plan des alten Grafen Herzberg meinen ſo ſehen Sie wol, daß man mir nichts vorenthält Aha! das iſt was Anderes! erwiderte Garzweiler ſehr höflich. Sie nehmen mir das kleine Mißtrauen nicht übel Herr Baron! In meiner Stellung zum Kurfürſten habe ich ſtrenge Pflichten, um ſo ſtrengere, als ich ſie von allen politiſchen Intriguen rein zu halten ſuche. Alſo nun im Vertrauen! Sehen Sie, ich wäre gern über eine ſo beſonders wichtige und dem Kupfürſten unangenehme Sache mit mir ſelbſt und mit Ihnen zu Rathe gegangen, mit Ihnen, meinem freundlichen Compaß durch die Untiefen eines Fürſtenherzens. Aber ich geſtehe Ihnen, Seine Gna den, oder vielmehr Ungnaden denn er war eben nicht gnädig geſtimmt! haben mir nur das Allgemeinſte von dieſem Plan, wie Sie das Ding ſo richtig bezeichnen, er öffnet, nur die Hauptfrage ohne die einzelnen Unſtände oder Motive Sdie verſtehen mich! Aber Sie haben wol noch keine Abſchrift nehmen können? Mit der Ungeduld, die Garzweiler bei ſeiner Breite und Unmſtändlichkeit beabſichtigt zu haben ſchien, und die ſich vermehrte, als eben der Friſeur eintrat, antwortete Franz Karl Das Memorial iſt zu ausführlich und der Kunfürſt ließ es zu wenig aus den Händen, um es zu copiren Ich habe mir beim Vortrag und bei der Leetüre nur die Hauptmomente ausgezogen, um die Sache auf meine Weiſe zu prüfen. Hier können Sie die Notizen durchſehen, bis ich mich angezogen, dann ſprechen wir darüber unterwegs; denn ich muß nun doch ins Schloß lieth G Ziic un Hn M Wem meinen ler ſeht ht übel en habe ſie von lſo nun eine ſo 2 Sacht 1„ mit ntiefen e Gna n nicht nſte von ien, er⸗ mſtände haben nd die wortele kurfürſt opiren nur de n, bis rwegs Der Baron öffnete ein Schubfach ſeines Schreibpultes und nahm eine elegante rothe Saffianmappe heraus mit der goldenen Aufſchrift Album. Die letzten Blätter legte er dem Pater vor, und eilte mit dem Friſeur in ſein Kabinet. Garzweiler fiel über das Papier her; ſeine Miene ver⸗ rieth, wie wichtig und überraſchend ihm der Inhalt war. Er zog eine Brieftaſche hervor, in die er mit flüchtigen Zeichen Notizen warf.— Die Sorgfalt, mit der ſich der junge Freund anzukleiden pflegte, ließ dem Pater Zeit, die Mappe zu durchblättern. Ein Brief des regierenden Herzogs von Braunſchweig an den König von Preußen, in Abſchrift genommen, war ihm ebenfalls neu und eines raſchen Auszuges werth. Jetzt, wie er nachſinnend die Brieftaſche wieder einſtecken wollte, fiel ſein Blick auf den Pultſchlüſſel. Raſch und leiſe zog er ihn aus, nahm mit einer Bleifeder den genauen Umriß deſſelben auf ein wei ßes Blatt auf, und ließ ihn dann, weil eben der Baron eintrat, von ſeinem Stuhl aufſtehend zu Boden fallen. Aber, mein edler junger Freund, rief Garzweiler aus, während Franz Karl die Mappe wieder verſchloß, was haben Sie zu einem ſolchen Antrage geſagt, wie hier der alte Graf Herzberg geſtellt hat? Wie ſehr Sie auch an Preußen hangen mögen, Herr Baron,— mehr noch als ich— ſolche Pläne ſollten uns doch die Augen öffnen. Nicht wahr, dieſer Herzberg, dieſer große Diplomat! Da ſehen wir, was er in ſeinem Herzen bergen mag! Verzeihen Sie den faden Witz! Auch in ſeinem Ruhe ſtand hat er die Ruhe nicht. Immer noch der alte, treue Diener ſeines verſtorbenen Herrn, des alten Fritz! Noch 6 einmal krallen ſich die welken Finger gegen das hohe Haus Oeſtreich. Himmel, welch' ein Vorſchlag für Preußen, für einen deutſchen König! Statt die Revolution zu bekäm⸗ pfen, meint Herzberg, ſolle Preußen ſich mit dem revo⸗ lutionairen Frankreich verbinden wider Oeſtreich zur Ver⸗ nichtung der kaiſerlichen Macht. Das nenne ich infam! Wie Sie ſich noch ereifern können, lächelte der Baron, als ob Ihnen die Sache nagelneu wäre. Ich kann Ihnen ſagen, daß der König von Preußen dieſen Vorſchlag auch ſehr ungnädig aufgenommen hat. Um ſo mehr verwundert es mich, daß er ihn dennoch ſeinen Verbündeten mittheilt. Das will ich Ihnen unterwegs erklären, ſagte Franz Karl und wendete ſich zu gehen. Garzweiler machte ihn auf das Halsband aufmerkſam, das noch auf dem Tiſche lag, und erbot ſich, es zu überbringen. Er hielt dies für ſchicklicher, als daß es der Baron ſelber zurückſtellte. — Kein Held, ſagte er ſcherzend, kann der Erklärer oder Verkündiger ſeiner eigenen Thaten ſein. Laſſen Sie mich Ihnen voraus mit der Poſaune gehen oder mit der Dreh orgel,— Ihr Homer ſein oder Ihr Bänkelſänger! Franz Karl überreichte ihm lächelnd die Granaten, und ging nach dem Schloſſe. Garzweiler begleitete ihn, um mit geſchickten Fragen noch etwas von den Berathungen zu erfahren, die beim Kurfürſten über dieſe preußiſche Mittheilung ſtattgefunden hatten. Es läßt ſich denken, daß ihm bei der Zerſtreuung und Aufregung des jungen Freun⸗ des dieſe Abſicht nicht fehl ſchlug. 5 Ool dem ntla Ert ie erl Sch R 6 ſagt hint zu doch Rät ſhm was luf hin den ſch it ha e Ha en für bekäm n revo⸗ u Ver⸗ nfam! Baron, n Ihnen ag auch dennoch Fran hte ihn n Liſche ielt dies ichſtellte rer odel ie mich en, und n, um thungen ruußiſche en, daß Freun⸗ Neuntes Kapitel. Sobald Garzweiler ſich an der Ecke der Peterskirche von dem Baron verabſchiedet hatte, eilte er die große Bleiche entlang nach der Umbach, den Halsſchmuck abzuliefern. Er traf die Mutter Lennig allein hinter einem Spinnrade. Sie erhob ſich ehrerbietig, wobei ſie unter Kniren und Verlegenheit den Splitterausfall des Rockens von der Schürze abſchüttelte— Es iſt das Spinnrad der Magd, ſagte ſie entſchuldigend; aber ich ſetze mich manchmal da hinter, wenn ich allein bin, und denke dann, wenn ich zu meinen Betrachtungen das Rad ſchnurren höre, es ſeien doch unſer Zwei. Auch betet ſich's gar gut hinter dem Rädchen, Hochwürden. Wenn das ſo hübſch einerlei ſchnurrt,— Sie glauben nicht, Herr geiſtlicher Rath, was da die Vater unſer und die Ave Maria ſo nett laufen. Er fragte nach Fides, und ſie rief aus der Stuben thüre laut die Tochter herbei, die ſich wieder in ihrer lie⸗ ben Zelle befand. Garzweiler überreichte geheimnißvoll lächelnd die Halsſchnüre, und alles Roth der Granaten ſchien auf des Mädchens Wangen überzuſpringen. Der Pater weidete ſich an der Ueberraſchung.— Sieht Sie da, Jungfer Fides, ſagte er mit Salbung, daß noch Wun derbares vorgeht in der Welt! Wie kommt der geiſtliche Rath zu dem frevelhaft entwendeten Schmucke? Nicht wahr? 224 Die Mutter faltete die Hände vor Verwunderung und mit der Miene frommer Ergebung in die höheren Fügun— gen. Fides aber zögerte zu fragen, was der Pater lächelnd verſchwieg,— wie es nämlich mit dem ihr theueren Schmuck zugegangen ſei. Ihre Freude lag mit dem ſtillen Groll gegen den Ueberbringer im Streite. Sie brachte keinen Laut aus ihrem Herzen hervor.— Nun wird ſich doch mein Erasmus endlich beruhigen, ſagte Frau Hilde⸗ gard. Sie hätten den Mann ſehen ſollen, als Fides halb ohnmächtig hier herein in die Stube kam, und den Vor⸗ fall erzählte! Sehen Sie, ich konnte mich nicht ſo er ſchrecken: man weiß ja, wie ausgelaſſen die jungen ade— ligen Herren ſind. Auch er weiß es noch beſſer: wie's aber jetzt einmal ſein eigen Kind betraf, war er außer ſich. Er lief zu Seiner Gnaden, dem Herrn Vicedom von Bibra, ſeinem hohen Vorgeſetzten. Aber der gnädige Herr erin— nerte meinen Erasmus daran, daß ja von Vicedomamts⸗ wegen gegen einen Herrn vom Militair nichts zu thun ſei, und bat ihn, kein Aufheben von dem Muthwillen eines Garde— Offiziers und Kammerherrn Seiner hochfürſtlichen Gnaden zu machen; es ſollte Alles beigelegt werden. Doch mein Mann ſagte, beigelegt ſollte es gerade nicht werden, und konnte ſich nicht beruhigen. Er iſt eben wieder ausgegan⸗ gen, ſich mit Freunden zu beſprechen. Er ſollte es nicht thun; aber mein Erasmus ſieht gleich ſo viel hinter Allem Es iſt auch nicht gut, wenn man eine ſo ſtarke Vorſehung in ſich hat. Lieber Himmel! Meine Tochter ſieht einmal gut aus, und der junge Graf hat es wol ſo ſchlimm nicht gemeint; obſchon es freilich ein Unterſchied iſt, ob ein Offizier oder ein geiſtlicher Herr einem Mädchen ans Kinn greift ing un Indem kam Lennig mit dem Profeſſor Blau herein. 6 Fügun⸗ Er war in ſolcher Aufregung und die Anweſenheit Garz⸗ lichend weiler's verſtimmte ihn noch mehr, ſo daß er nicht gleich heueren den wiedergebrachten Schmuck bemerkte, bis ihm beim Ab— nfiillen legen des Hutes Frau Hildegard einige Worte zuflüſterte racht— Was? rief er aus. Wirklich? Es ſind deine Grana⸗ vird ſich ten, liebes Kind? Wie in aller Welt kommen ſie aber hilde in Ihre Hände, Herr geiſtlicher Rath? Ich bin von Pon⸗ des halb tius zu Pilatus gelaufen, und nun iſt das Hauskreuz in ſ ot Ihren Händen? Ich bin Ihnen viel Dank ſchuldig;— ſo er aber— meine Frau ſpricht von einem Wunder—? en de Wunderbar, ſagte ich, hat es ſich gefügt! verſetzte wies Garzweiler ärgerlich. Die Granaten waren verſchwunden, Fir ſih die Granaten ſind wieder da! Sie dürfen ſich ganz be⸗ ruhigen, Herr Lennig. Die Verwegenheit iſt beſtraft, die 6 Sache beigelegt. Bibra, in — Aber wie, muß ich wiſſen, durch wen? rief Lennig. ſei un Garzweiler lächelte geheimnißvoll. Er ſchien zu über— gude legen, welche Wendung er der Sache geben wollte. Die Gnuden Umſtände und Perſonen hatten ſich, namentlich durch die 5nen Anweſenheit Blau's, verändert, und ſeine erſte Ueberlegung n un durchkreuzt. So entſtand eine Stille, in der ſich die Er sgegu⸗ wartung der Umſtehenden ſpannte; als unvermuthet der 6 niht Baron Franz Karl eintrat. Nach einer kurzen gnädigen 3 Alen Audienz beim Kurfürſten entlaſſen, war er, voll der Freude richun ſeines Herzens, dem Pater in der Erwartung nachgeeilt, Fides froh und beruhigt zu finden. 3 Sehen Sie! rief Garzweiler, bei dieſer Ueberraſchung kurz einlenkend,— das Unerwartete mehrt ſich: hier kömmt der Wiedereroberer des Schmucks! eiſt Koenig, Clubiſten in Mainz. I. 15 einmal mn nicht offjin dfin Mit flüchtigen Worten erzählte er nun den Vorfall beim Feſtmahle, rühmte des Barons Benehmen und hob beſonders hervor, welche ſcharfe Zurechtweiſung der ver wegene Kornet von Franz Karl habe hinnehmen müſſen. Garzweiler war ſelbſt nicht unbefangen genug, um vor ſichtiger zu handeln. Und nun? fiel Lennig heftig ein, ohne nur den vor tretenden Baron zum Worte kommen zu laſſen. Und nun? Sie ſchweigen? Iſt Ihre Theologie zu Ende? So will ¹ ich Ihnen ſagen, was es weiter gibt: eine Herausfode 7 3 rung erfolgt, Streit, Zweikampf und Stadtgerede. Meines 3 Kindes Name ſchwebt zwiſchen den Klingen junger adeliger Herren, und auf den giftigen Zungen meiner Neider und der Schadenfrohen und alles ſchlechten Volkes. Gott im Himmel! Sind das Ihre Wunder, Pater? Schweigen 7 Sie! Kein Wort will ich jetzt von Ihnen hören! Ich . kenne das! So hab' ich es nicht erwartet. Und Sie, Herr Baron—? Verzeihen Sie mir! Aber Sie werden 1 ſich ſelber ſagen, daß wir— will ich ſagen, daß Sie uns 13 eine Zeit lang die Gnade Ihres Beſuches— entziehen müſſen. Erasmus! Herzensmann! rief die Mutter zitternd und erblaßt. Ich bitte dich um Gotteswillen!— O, Herr p Baron, bleiben Sie noch einen Augenblick—! .— 6—„ Allein Franz Karl, ſo unerwartet in die Verhandlung getreten, und zwiſchen Garzweiler's Anrede und Lennig's Ausbruch noch nicht zum Wort gekommen, verließ auch ſtumm und ſtolz das Zimmer. Fides wankte ihm einige Schritte nach, faßte ſich dann am Ofen und ſank in den großen Lehnſtuhl, der mit Leder gepolſtert war erw wa Dei dich ſchr ſor an Vorfall ind hob er ver müſſen n vor en vor nd un So will usfode Meines adeliger der und Fott im chweigen n 3 nd Si⸗ werden Sie uns ntjhen ud und Her andlung gennigs eß auch neinige in den Erasmus trat zu ihr, und ihre blaſſe Wange ſtrei⸗ chelnd, ſagte er mit weichem, herzlichem Ton: Faſſe dich, mein liebes Kind! Siehe, du wirſt für erwachſen anerkannt, und ziehſt heute das Loos der Er⸗ wachſenen, zu leiden und zu ſtreiten. Aber ſei getroſt! Dein Vater ſteht neben dir, und ſteht dir bei. Verlaß dich drauf! Geh' zu deiner Mutter! Die iſt auch ſo er— ſchrocken. Nun, nun! der Pater wird euch ein paar gute Worte ſagen; deswegen iſt er ja dageblieben. Ich muß fort. Ich bin zu Tiſche gebeten, und muß erſt ein wenig an die friſche Luft. Ich komme bald wieder. Er ging mit Blau. Ich will bei dir eſſen, Freund! ſagte er vor dem Hauſe. Meine eigene Suppe iſt mir heut verſalzen, und ich müßte auch erſt den Pater Beicht⸗ vater hinauswerfen Warum bleibt er denn immer noch droben? Du haſt ganz Recht, lächelte Blau,— in Allem Recht, was dich heut zu meinem lieben Gaſte macht. Aber ver— dirb dir auch den Appetit nicht mit dieſen Kleinigkeiten! Nenn' es keine Kleinigkeit, Felir, wenn dein jung⸗ fräulich Kind zwiſchen die Kammräder des mainzer Leicht⸗ ſinns geworfen wird! Was mich aber ſo empörte: ich hab' einen Blick in dieſen Menſchen, in dieſen geiſtlichen Rath gethan. Sieh', als Garzweiler beim Eintritte des Barons auf meine Tochter blickte, und ihr— ja eigent⸗ lich nur ihr erzählte, was der junge Held um ſie gethan da fiel mir, ſeltſam genug! ſein erſter Beſuch am Namens⸗ tagsmorgen meiner Frau ein,— erinnerſt du dich?— wo er mit demſelben liſtigen Blicke mit Fides auf des Barons Glück vertraulich anſtieß. Nur der Pfaff hat mich in 15* — — —— 3 5 6 b ℳ 228 Harniſch gebracht; denn die häufigen Beſuche des Barons in letzter Zeit, das ſchnellreife Weſen meines Kindes,— Freund, das iſt Jugend, ſchöne, herzvolle, ſelige Jugend, an der ich alle Freude der Welt haben könnte,— unter anderen Umſtänden! Aber ich glaube, der Pfaff ſteckt dahinter und macht, und macht,— ich weiß eben nicht was er macht. Du ſelber haſt mich auf den Heuchler aufmerkſam gemacht, und kennſt die Wege ſolcher geiſtli⸗ chen Herren, die kein Herz haben wie Felir Blau. Ich muß nur erſt noch herausbringen, ob nicht der Baron durch Garzweiler's Lenkung mein Haus aufgeſucht hat. Denn,— fällt mir eben ein, mich hat Franz Karl noch kurz vorher, als er mir im Vaurhall begegnete, gefragt, ob ich Kinder habe. Er wußte mithin von meiner Tochter noch nichts, und war ihr doch ſchon begegnet, wie mir Fides erſt neulich erzählt hat, und zwar mit Garzweiler begegnet, der ſie auf der Straße anredete. Der Baron kannte folglich Fides, ohne zu wiſſen, daß ſie meine Tochter ſei. Nun, Freund? Iſt dir das klar? Ach nun, lieber Erasmus,— iſt es denn am Ende nicht einerlei? Den Kukuk iſt es— ereiferte ſich Lennig. Wenn ein Pfaff liebt, ſo begreife ich, was er will; wenn er aber— kuppelt, ſo hat er fremde Abſichten. Und dieſe können in unſerem Falle nur auf den Baron gerichtet ſein, der jetzt ein Liebling des Kurfürſten iſt. O, mein Freund, man muß nur Mainz kennen! Sieh', Felir,— dahin⸗ ter muß ich kommen. Der Zweck, zu dem ein Garz⸗ weiler ſolche Mittel braucht, kann nur gefährlich für den jungen Baron ſein Gute Abſichten gingen einen anderen ma pi Barons zugend, unter f ſteck n nicht heuchler geiſli⸗ . 3 Baron t hat tl noch gefragt, Lochter ie mir rzweilet Ban Lochter n Ende Wenn venn er d dieſe tet ſein Freund, ahin Galz⸗ ür den nderen Weg. Du mußt nur Franz Karl's harmloſes, ſchwärme⸗ riſches Herz bedenken. Der junge Mann hat mehr Stel⸗ lung als Beruf zu den Intriguen, wie ſie am mainzer Hofe geſponnen werden, und geht daher in jede Falle. Dafür kenne ich ihn, und kenne aus ſeinen eigenen Ge⸗ ſprächen ſeine jetzigen Beziehungen Lieber Felir! zwiſchen einer Buhle und einem Beichtvater Spielball zu ſein, iſt eine bedenkliche Gunſt: eine Kleinigkeit, und ſie laſſen ihn in die Goſſe fallen! Aber ich hab' ihn lieb, ſeines Va⸗ ters wegen, und weil er ſelbſt ein edler junger Herr iſt, und— ich muß auch meine vorige Heftigkeit wieder gut machen! Erasmus, alter Burſche, du biſt ja außer dir! lachte Blau. Richtig, Felix,— außer mir bin ich. D'rum werd' ich auch auf einmal ſo viel Dinge um mich her gewahr. Nun, nun, Alter! Was man im Zorne ſieht, zeigt uns gern unſer eigen bös Geſicht. ſein, Felir! Das empörte Herz, das für Recht em⸗ pörte Herz hat Eingebungen. Laß du mich nur ge⸗ währen: ich bin auf der Fährte eines Fuchſes. Dann verliere ſie nicht aus der Naſe! ſchäkerte Blau; denn die Fuchspfoten wenden ſich an dieſem Hauſe, und wir Beiden gehen hinein. Sie betraten des Profeſſors Wohnung,— ein Stifts⸗ haus in der kleinen Pfaffengaſſe mit freundlichen Gemä⸗ chern nach einem Gärtchen. Dieſe Wohnungen hatten, ihrer urſprünglichen Beſtimmung gemäß, die Küche mit den Wirthſchaftsräumen auf die Straße heraus, die Schlaf⸗ und Geſellſchaftszimmer aber im Hinterbau; ſo daß bei —-——— ſolcher Einrichtung die Beſchaulichkeit eines frommen, wie der Anſtand eines lebensluſtigen Geiſtlichen gleich gut be⸗ dacht waren. Im Vorzimmer, hinter einem Bügeltiſche ſtand die Haushälterin des Profeſſors, mit Einſpritzen von Wäſche beſchäftigt. Auf den Stühlen umher lagen die feinen wei— ßen Sachen, Tiſch- und Bettgeräthe. Am Fenſterknopfe hing ein Weiberrock über einem geiſtlichen Chorhemde.— Es war eine hübſche, blonde Perſon von etlichen und zwanzig Jahren, höchſt reinlich, mit einer gewiſſen Nach— läſſigkeit gekleidet, um die runden Schultern ein helles Tuch loſe gewunden, auf welches die Fülle des lockigen Haares herabfiel; ein Bund Schlüſſel hing an ihrer Seite. Wart' einmal, Katharine! ſagte Blau ſehr heiter. Siehſt du, Freund Erasmus, daß du jetzt in eine Art von Himmelreich eintrittſt? Hier im Vorzimmer iſt gleich meine Petra mit den Schlüſſeln. Du mußt entſchuldigen, daß du es ſo bei mir antriffſt. Du weißt, ich bin durch mein Buch gegen die Unfehlbarkeit Roms mit Petrus zerfallen. Der ſchließt mir keinen Himmel auf; ich muß mich daher an eine Petra halten. Ich habe ihr die Schlüſſelgewalt anvertraut, alle Fehler und Verantwor— tung aber auf mich übernommen, und ſo darf ſich dieſe Petra doch auch wieder für unfehlbar ausgeben. Aber nun geh' einmal voraus, Freund, und ich will die nöthigen Beſtellungen machen. Indem ſich nun der heitere Mann mit beiden Ellnbogen vertraulich auf den Bügeltiſch lehnte, ſagte er leiſe: Katharinchen, wir haben einen lieben Gaſt: haſt du was Appetitliches, Schmackhaftes? ing Geh den Geſi Ret Ke n, wie ut be⸗ nd die Wiſche en wei⸗ rnopfe nde.— en und Nach⸗ helles ockigen Stite. heiter. ne Art gleih digen, ndurh etrus muß hr die ntwol⸗ h diſe ber nun öthigen nbogen aſt du Ich denke doch! antwortete ſie ſchalkhaft, indem ſie ein eingeſpritztes Halstuch zuſammenrollte. Was haſt du denn, Herzchen? Du wirſt es ſchon ſehen, und ihr ſollt zufrieden ſein. Geh' nur hinein! mahnte ſie, indem ſie, einen Finger in den Waſſernapf eintauchend, den Freund in das lächelnde Geſicht ſpritzte, und in ihren Pantöffelchen davonlief. Weihwaſſer der Liebe! flüſterte er, und rief dann laut, als ob ſie ſchon weggegangen ſei: Katharinchen, eine ſchwarz⸗ geſiegelte Flaſche! Gut, Herr Profeſſor! antwortete ſie eben ſo ernſthaft, und kam in ihre Schürze kichernd, mit der leiſen Frage herbei: Decke ich denn für drei? Gewiß, gewiß! Zieh' dich nur ſchnell ein wenig an! Er wollte gleich ſelbſt, wie es ſchien, dem ungeord⸗ neten Haare ein wenig nachhelfen, zog aber raſch die Hand zurück, und rollte lächelnd die eigene Ringellocke ſeines Nackens auf. Sage ich auch Felir, wenn ich etwas will? fragte ſie ſchelmiſch, und Blau ſchüttelte eben ſo lächelnd den Kopf. Nun ja—„Herr Profeſſor“ werde ich ſagen, erklärte ſie mit einem Knir. Aber ich weiß doch, wann ich Felir ſagen darf. Ja, Katharinchen, wenn wir der Welt vergeſſen und all ihrer Albernheiten. Dann bin ich glücklich; du rufſt mir Felix und biſt meine Felicitas! Er reichte verlangend nach ihrer Hand: ſie ſchlug ihn ſanft darauf, und huſchte lachend fort. Vor der Thüre — —— —-———— — — — — 232 rief ſie laut, mit gemeſſenem Tone: Alles wie Sie befeh— len, Herr Profeſſor! Blau ging nach ſeinem lieben Gaſte Zehntes Kapitel. Erasmus kam vom guten Mittagtiſche ſeines unverhei— ratheten Freundes, von deſſen milden Scherzen und küh— nen Meinungen ſehr erheitert zurück, und fand auch Frau und Tochter munter bis auf die Beſorgniß derſelben um ſeine Stimmung. Doch wie ſie ſein aufgeräumtes Geſicht ſahen, faßten ſie Muth, und erzählten ihm, was ihnen der Pater Garzweiler noch von dem Vorfalle mitgetheilt hatte. Der fromme Kapitular von Bettendorf habe ſein Einſtandmittagmahl gegeben; bei ſehr ſchmackhaften aber mäßigen Gerichten und unter erbaulichen Tiſchgeſprächen der vielen geiſtlichen Herren ſeien die Herzen alle froh ge— worden, beſonders als auch der brave Herr Baron Franz Karl mit einem klugen Trinkſpruche der vortrefflichen Ga— ben des künftigen Kaiſers Franz gedacht hätte. Nur der junge Graf Boſchi habe ſich ein wenig übernommen ge— habt, ſich eines Abenteuers mit einem hübſchen Bürger⸗ mädchen berühmt und die eroberte Halsſchnur zum Vor⸗ ſchein gebracht. Darüber ſei aber Franz Karl in edelm Zorn entbrannt, habe die Granaten an ſich genommen und erklärt,— er kenne dieſe Schnüre, und ſie gehörten ſofer ſch Fra hal nec ihre nü e befeh verhei d küh ch Frau ben um Gſicht ihnen tgetheil be ſtin n abe prichen oh Re⸗ Franz n Ga lur der en Bürger Vor ommen hörten der Tochter eines würdigen Beamten und Freundes ſeines ſeligen Vaters. Die ganze Geſellſchaft habe ihm alsbald Recht gegeben und Boſchi beſchämt den Saal verlaſſen. Eine üble Nachrede für Fides ſei gar nicht zu beſorgen, da ihr Name nicht genannt worden, auch den vornehmen Herren Alles daran liege, die Unart ihres Standesgenoſſen in Vergeſſenheit zu bringen. Boſchi ſei denn auch gleich auf Garzweiler's Rath vom Kurfürſten nach Aſchaffenburg verwieſen worden. Dieſe noch warmen Mittheilungen ſetzten Erasmus in⸗ ſofern in Verlegenheit, als nun Frau und Tochter Ur—⸗ ſache hatten, ſein Benehmen gegen den Baron zu tadeln. Frau Hildegard unterließ denn auch nicht, ihn halb ernſt, halb ſcherzhaft zu ſchelten; wobei ſie ihm mit flacher Hand neckiſch auf den Rücken klopfte. Zuletzt hielt ſie ihm in ihrer frommen Weiſe eine Ermahnung wegen ſeiner Zorn— müthigkeit. Fides unterbrach die Eifernde mit vergnügter Zuthä— tigkeit gegen den Vater. Wißt Ihr, Vater, was ich ge⸗ than habe? ſagte ſie. Ich habe dem Pater meinen freund⸗ lichen Dank an den Baron Franz Karl aufgetragen. Ihr findet es doch recht, nicht wahr? Das hätteſt du mir überlaſſen ſollen, Fides! antwor⸗ tete Erasmus; denn um meinetwillen hat ſich der Baron ſo wacker benommen. Um Euretwillen, Vater? fragte ſie betreten, ſetzte aber flüchtig erröthend ſchnell hinzu: Ja wohl, lieber Vater, — nun verſtehe ich es: Ihr meint im Andenken an ſeinen ſeligen Vater, den Herrn Vicedom? Aber weil Ihr's vergeſſen habt, Väterchen, ſo hab' ich's gethan. ———— — Nun ja, es iſt geſchehen, erwiderte er, und dein Dank iſt immer beſſer als gar keiner. Im Stillen war Erasmus doch zufrieden damit, daß der junge Baron ein wenig abgeſchreckt worden. Offenbar hatte eine Neigung und ohne Zweifel eine wechſelſeitige zwiſchen ihm und Fides zu erwachen angefangen, und bei ʒ der beſten Meinung, die Erasmus von Franz Karl hegte, konnte der verſtändige Vater aus ſolcher Liebe nur ein inneres oder äußeres Unheil herausrechnen. Jetzt war der 3 Verkehr unterbrochen, ohne verboten zu ſein, was Eras⸗ 31 mus bei Liebesneigungen immer für bedenklich hielt. Ein ſolches Verbot, ſagte er zu ſich ſelbſt, macht den Baum des Lebens zum Baum der Erkenntniß, dem es weder an lockenden Aepfeln noch an einer klügelnden Schlange fehlt. — Er hoffte, der adelige Stolz werde den Baron von ſeinen Beſuchen abhalten, und Fides durch Zweifel und 3 Leid, ohne Groll gegen den Vater, von ihrer Neigung geneſen. Sein Unrecht an dem Baron dachte Lennig auf andere Weiſe gut zu machen. Denn mit der Beſorgniß um ſeines Kindes guten Ruf war doch der Argwohn ge⸗ t gen den Pater nicht gehoben. Und wie das Mißtrauen zuweilen ſcharfſinniger macht und das Gedächtniß anregt, ſo beſann ſich Erasmus mancher Aeußerungen des Pa⸗ ters, die er früher unbeachtet gelaſſen, und manchen 6 fremden Urtheils über den in Alles ſich einmiſchenden Pater Garzweiler. Er wußte nur nicht gleich, wie er den Abſichten dieſes Mannes am beſten auf die Schliche kommen könnte. Dieſer Gegenſtand beſchäftigte ihn von jetzt an lebhafter, und ſchärfte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit. röhn hne frie ehn lenn ger won poli gen Erh dem der wor Sa ſh. Pie dein Dank mit, daß Offenber chſelſeitige und bei karl hegte, nut ein t war der elt Ein n Baum weder an nge ſihl aron on veifel und Meigung emig auf geſorhniß wohn g⸗ Mißtrauen amgt⸗ de Pa⸗ nanchen miſchenden eich, wie uf die eſhiftigt Aufnert⸗ Inzwiſchen hatten die Granaten der ſchönen Fides an— derswo eine länger dauernde Unruhe angeregt. Die Gräfin Coudenhove erfuhr vom Kurfürſten den Vorfall beim Feſtſchmauſe. Der alte Herr ſetzte ohne Weiteres ein Liebesverhältniß des jungen Barons im ge— wöhnlichen mainzer Sinn voraus, und ſcherzte darüber, ohne gerade mit der bürgerlichen Richtung dieſer„Liaiſon“ zufrieden zu ſein.— Der Vicedom, ſagte er, der mir das Scandal des Grafen Boſchi zuerſt gemeldet, verſichert, die Lennig ſei das charmanteſte Mädchen in Mainz,— Bür⸗ germädchen, verſteht ſich! So was traue ich dem Ba⸗ ron zu; aber der Geſchmack iſt doch mehr poetiſch als politiſch. Ich habe einen drolligen Gedanken gehabt. Sa⸗ gen Sie, Sophie, iſt es nicht poſſig, daß der Gefälle⸗ Erheber Lennig einen ſo lockenden Beſitz haben muß, von dem ein Baron die Liebesgefälle erhebt? Hören Sie,— der Heinſe ſoll uns ein Gedicht machen oder eine Parabel, worin Amor als Gefälle⸗Erheber dargeſtellt wird. Ha, ha! Sapperment! Das wäre recht ein Süjet für den alten Wieland:— hübſch erotiſch und dabei ironiſch,— näm⸗ lich auf den Baron. Was meinen Sie, Couſine? Die Gräfin fand jedoch das„Süjet“ nicht ſo ſpaß— haft, wie ihr fürſtlicher Freund. Es durchkreuzte zu ſehr eine heimliche Abſicht, für welche die unruhige Frau ſeit⸗ her nicht unthätig geblieben war. Dieſe Abſicht betraf nichts Anderes, als was Garzweiler in jenem Wortwechſel nit ihr ſogleich errathen hatte, als die triumphirende Dame den Baron Franz Karl übernehmen wollte, um zu zeigen, waß Amor bei ſolch' einem jungen Schwärmer in der Po⸗ litit vermöchte. Mit dem liſtigen Worte Heirath hatte —— — —e Garzweiler ihren heimlichen Gedanken ausgeſprochen, die Gräſin aber das Projekt darum nicht aufgegeben, weil ſie es errathen ſah. Sie beſtärkte ſich vielmehr darin, je mehr ſie es erwog, und fand einen ſo ausgezeichneten jungen Mann von ſo ſchöner Zukunft, wie Baron Wallbrun, wünſchenswerth genug, um ihn für ihre Familie feſt— zuhalten, wenn er ſich etwa für ihre Politik nicht ge⸗ winnen ließe. Eine ſchöne und liebenswürdig kokette Richte war dazu auserſehen, den jungen Mann zu feſſeln,— die Tochter eines in der Gegend von Jülich angeſeſſenen Bruders des verſtorbenen Generals von Coudenhove. Das reizende Mädchen war bereits auf den Winter nach Mainz eingeladen, und um dieſem Beſuch alle Abſichtlichkeit mög⸗ lichſt zu benehmen, war die zweite, etwas ältere Schwe— ſter gleich mit verſchrieben. Nun auf einmal ſah die Gräfin das ſchöne Projekt bedroht, wenn nicht ſchon vollends untergraben Sie zweifelte nicht, Garzweiler habe ihre Abſicht errathen, und ihr mit dem Bürgermädchen entgegen gearbeitet, mit Fides, in der ſie des Paters„Beichtgeheimniß“ ſogleich erkannt hatte. Dieſem Manne, den ſie kaum offen zu haſſen wagte, weil ſie ihn heimlich fürchtete, traute ſie das Schlimmſte zu; während ſie den jungen Baron ſelbſt für ſchwach und ſchwärmeriſch genug hielt, ſich von der Liſt eines ſolchen Mannes und von der Leidenſchaft für ſolch' ein Mädchen einnehmen zu laſſen. In dieſer Beſorgniß faßte und verwarf ſie manchen Vorſatz. Einmal wollte ſie dieſe ſchöne Fides zu ſich kom⸗ men laſſen, um zu prüfen, was an dem Mädchen ſei, und wie man es anfaſſen müſſe, um es zu vernichten; ochen, die n, weil ſi je mehr en jungen Wallbrun, nilie feſt— nicht ge⸗ kette Nichte eſſeln,— geſeſſenen we. Das ach Mainz hkeit mög⸗ te Schwe⸗ ne Proilt ben Sie then, und nit ßides h erkannt en wagle, hmnſte wach und us ſolhen MWidchen manchen ſich kom dchen ſi ernichten ein andermal hielt ſie es für gerathener, den Vater Lennig, der wol mit ſolcher Liebſchaft einverſtanden ſein mußte, mit dem kurfürſtlichen Zorne zu bedrohen, falls er dem Aergerniß nicht auf der Stelle ein Ende machen würde. Bald dachte ſie wieder, dem Baron ſelbſt als Freun⸗ din zu rathen, ihn vor Garzweiler zu warnen, und mit der Unzufriedenheit ſeines fürſtlichen Gönners zu äng⸗ ſtigen. Dieſen letzten Gedanken gab ſie zuerſt auf, da er ſich mit dem Vorhaben, den jungen Mann für ihre Richte zu gewinnen, nicht wohl zu vertragen ſchien. Aber auch ge⸗ gen die übrigen Einfälle fand ihr Stolz Manches zu erin⸗ nern. Am Ende blieb ihr leider! nur der erneute Groll gegen Garzweiler übrig, der ihr diesmal wieder einen ſo erwünſchten Vortheil abgewonnen hatte. Doch auch das Glück der Intriguen hat ſeine Wechſel⸗ fälle, und ſo wendete ſich, durch eine unerwartete Ver⸗ ſchlingung der Umſtände, derſelbe Vorſprung, den Garz⸗ weiler gewonnen hatte, zu Gunſten der Gräfin, und gab ihr neue Gedanken und Ausſicht. Dies fiel mit der An⸗ kunft der beiden Nichten zuſammen, die eines regnichten Abends in einer alten Kaleſche vor dem oberen Eckhauſe des Marſtalls, zum goldenen Pferd, anhielten. Als nämlich am anderen Morgen die Gräfin, nach der gewöhnlichen Frühmeſſe in der Schloßkapelle, dem Kur— fürſten die Ankunft der beiden Mädchen mittheilen wollte, traf ſie ihn höchſt aufgebracht über eine Note des öſtrei⸗ chiſchen Geſandtſchafts⸗Miniſters in Mainz. Er führte die betroffene Freundin nach der Sakriſtei, winkte den Kapell⸗ diener hinaus, und ſagte ſehr lebhaft: — 238 Denken Sie, welche Verräthereien um mich her vor gehen, Frau Gräfin! Es iſt abſcheulich! Wir müſſen dahinterkommen. Der Reichsgraf von Schlick hat Kennt⸗ niß von einer höchſt vertraulichen Mittheilung des preu⸗ ßiſchen Kabinets an mich. Er thut beleidigt, er kaut mir mit beiden Backen das öſtreichiſche Intereſſe und die Ge— fahren des deutſchen Reichs vor; er legt Verwahrung ein, und reſervirt ſich weitere Erklärung. Denken Sie! Was ſagen Sie? Was betrifft es denn? fragte ſie lebhaft. Und als der Fürſt, dieſer Frage nicht gewärtig, die aufgeregte Frau mit großen, zweifelhaften Augen anſah, fuhr ſie empfind— lich und ſich beklagend fort: Doch, das ſoll ich eben nicht wiſſen, nicht wahr? Verzeihen Sie mir die Frage, gnädiger Herr! O, es iſt mir nun ſehr lieb, daß ich nichts von der Sache weiß! So ſchmerzlich, ſo kränkend es mir war, in dieſen Din⸗ gen Ihr altes, unbedingtes Vertrauen nicht mehr zu be— ſitzen: jetzt bin ich ſehr froh darüber, jetzt ſtehe ich doch über allem Verdacht einer Unvorſichtigkeit da. Und wenn Eure Gnaden je Urſache hatten, vor Ihren Vertrauteſten 1 gewarnt zu werden: ſo bin ich nun gerechtfertigt. Ver⸗ dient habe ich es nicht, daß Sie mir ſo begegnet ſind; das kann ich Ihnen draußen vor dem Altar ſchwören,— nicht verdient um alle die Hingebung, die ich Ihnen be— wieſen, und daß Sie meinem Kopfe mißtrauen, weil Sie mein Herz ſchwach gefunden haben! Sie hatte ſich dabei auf ein rothſammtenes Tabouret niedergelaſſen, und bückte ſich mit dem Geſicht in ihr wei⸗ ßes Tuch. Dieſe Scene überraſchte den Kurfürſten. Nicht hne wide Polit ſollt m, nih meit Sy Lſ wel Sie was beh Gre zuf das nt ht her vo ir müſſe t Kennt des preu kaut mi dedie Ge⸗ ung ein Und als egte Frau ewypfind⸗ wahr che weiß ſſen Din⸗ hr zu be e ich doc Und wenn mauteſtn . Vel⸗ gut ſüdi vören,— zhnen be weil i Tabvur ihr wo j0 n. Ni 239 ohne Verlegenheit, indem er vor ihr ab— und zuging, er— widerte er: Laſſen wir das jetzt, liebe Sophie! Es iſt ja von Politik die Rede, die nichts mit Freundſchaft und Liebe ſollte zu ſchaffen haben. Es war kein Mißtrauen von mir,— nein, Sophie, ſo wahr ich Ihr gnädiger Fried⸗ rich Karl bleibe! Aber Sie haben ſich der Hof⸗ und Staatsſachen immer zu lebhaft angenommen, wiſſen Sie! Nur aus Liebe für mich,— ich weiß es. Und das ſchadet Ihnen an Ihrem Ausſehen; Sie ſind magerer geworden. Iſt es nicht wahr? Ich will aber nicht, daß Sie um meiner dummen Politik willen magerer werden, und Spinnenfüße um die ſchönen Augen bekommen ſollen. Laſſen Sie ſtatt deſſen mich allein die politiſchen Spinnen⸗ weben aus den europäiſchen Kabineten wegkehren. Sehen Sie! Und nun will ich Ihnen auch ſagen, liebe Sophie, was es betrifft. Ich muß einen Verräther um mich ha⸗ ben, und Sie ſollen mir ihn entdecken helfen. Der alte Graf Herzberg hat dem Könige von Preußen einen Plan aufgedrungen, ſich mit der franzöſiſchen Revolution wider das Haus Oeſtreich zu verbinden. Der König iſt ganz entrüſtet über dieſen Gedanken. Der von Biſchofswerder hat mir das Memvoire vertraulich mitgetheilt. Wiſſen Sie auch, wie das kömmt? Ich habe mich nämlich gegen Preußen ſehr nachdrücklich ausgelaſſen über deſſen reichs verfaſſungswidriges Verfahren in der lütticher Sache, habe dem berliner Kabinete geſagt, daß es Liebe und Vertrauen aufs Spiel ſetzt, Reich und Fürſtenbund in Gefahr bringt. Nun wollen ſie mir durch dieſe Mittheilung zeigen, wie ehrlich und rechtſchaffen der König geſinnt iſt. Sie ſehen . ₰ 6 5 S ——————— 240 hier abermals, Sophie, was ich bei den Kabineten ver mag,— wie ſchwer ich in der Politik wiege. Deſto ärger⸗ licher iſt es mir nun, daß der Graf Schlick davon weiß. Berichtet nach Wien, macht mir Verdruß am kaiſerlichen Hofe, wo ich als ehemaliger Geſandter in ſo gutem An— denken ſtehe, compromittirt mich in Berlin, und nöthigt mich da und dort zu Explicationen. Es iſt recht fatal! Und wer iſt nun der Spitzbube, durch den es ausgekom men? Ich habe an den Staatsrath von Müller gedacht. Ich weiß, man will ihn gern in Wien haben. Aber wenn er mir das gethan,— ich laſſe ihm den Prozeß machen! Was meinen Sie, Gräfin? Sie haben ja immer Ihren vortrefflichen Kopf gehabt. Und— fuhr er ſchmeichelnd fort, indem er ſich vertraulich zu ihr auf das Tabouret neigte, ſoviel hat doch das Alter vor der Jugend voraus, — ich rede von meinem Alter, Sophie!— daß man in der Jugend über das Herz den Kopf verlieren kann, im Alter aber, wenn man den Kopf der Geliebten braucht, auch das Herz miterhält. Nicht wahr? deine Hand, Sophie! Sie reichte ihm ihre Hand, blieb aber noch eine Weile wie nachdenklich ſitzen, unentſchloſſen zwiſchen dem, was ſie dachte, und was ſie ſagen wollte. Ihr Verdacht war nämlich auf Franz Karl gefallen, und ſie vermuthete einen Zuſammenhang mit Garzweiler und Fides Lennig, ſo daß der junge Baron nur mißbraucht worden, und Garzweiler der eigentliche Verräther ſei. Deſto raſcher entdeckte ihr weiblicher Blick die Stelle, wo ſie dieſen Zwiſchenfall be— nutzen, den Baron faſſen, von der Geliebten losreißen, und an ihr Intereſſe feſſeln könnte.— Ich liebe Müllern eten vet eſto ärger won weiß kaiſerliche utem An⸗ nd nöthigt recht fatal ausgekom er gedacht Aber wenn ß machen mer Ihren chmeichend Tabouret d voraus, duß man eren kann en brauht ine Hand ine Weil em, was dacht wu thete einn , ſo di Gunzweiln tdect ih enfall be osreißen 2 1 nicht, wie Sie wiſſen, ſagte ſie endlich in zögernder Ue⸗ berlegung, und hätte früher gern geſehen, wenn Sie ihn bei gutem Anlaß aufgegeben hätten. Ich durfte ihn nicht ziehen laſſen, fiel der Kurfürſt lebhaft ein. Er wäre mir nach Wien gegangen, und hätt' alle Taſchen voll Mainz und mainzer Hofs und diploma⸗ tiſcher Bonbons mitgenommen. Der Müller, ſage ich Ihnen, hat ein Gedächtniß von der Weite eines Hopfen⸗ Dennoch halte ich ihn ſolchen Verraths nicht fähig, fuhr die Coudenhove fort. Auch ſieht er, glaub' ich, den Grafen Schlick gar nicht; wie er überhaupt ungeſellig iſt, im Hauſe ſteckt, und das mainzer Leben nur in der ſchma⸗ len Richtung ſeines Fenſters auf die Schiffbrücke beſchaut. Aber Garzweiler geht, ſo viel ich weiß, zum Grafen Schlick Garzweiler! Als ob ich mit Garzweiler von Politik ſpräche! rief wegwerfend der Fürſt. Der weiß gar nichts von der Sache; überhaupt wiſſen nur zwei bis drei Per⸗ ſonen davon, und der Verräther muß ſich daher leicht herausbringen laſſen. Ich bin nur noch zu aufgebracht, und muß mich hüten, unvorſichtig zu Werke zu gehen. Gönnen Sie mir ein paar Tage Ueberlegung, bat die Grüfin. Aber— wir dürfen von der Sache nicht reden; die Note muß geheim bleiben. Unter bedecktem Himmel geht auf gewiſſe Tage der Fuchs kühner aus ſeiner Höhle, verkriecht ſich aber, wenn er ſeinen Schatten ſieht Der Kurfürſt gab ihr Recht, und Beide wechſelten nun noch einige zärtliche Worte der Ausſöhnung und des er⸗ neuerten Verſtändniſſes Die Gräfin war im Innerſten Koenig, Clubiſten in Mainz. I. 16 — — 24 2 entzückt über dieſe unvermuthete Wendung der Dinge. Der feſte Schritt, der zurückgeworfene kleine Kopf und das ſieghafte Lächeln der ſchönen Frau verriethen, mit welcher Zuverſicht ſie in Gedanken einen Triumph feierte, als ſie über den bedeckten Gang ihre Zimmer aufſuchte, wohin ihr wieder der Kammerfourier Bibersheimer mit düſterer Miene die eingelaufenen Briefſchaften zu Händen reichte Elftes Kapitel. Dies war eine Angelegenheit von der ſich die Gräfin ganz einnehmen ließ. Je mehr die unruhige Frau den beſten Vortheil aus dieſem willkommenen Kabinets⸗Räthſel zu ziehen überlegte, deſto mehr verwickelte es ſich; denn ſie wollte das Widerſprechende. Der Kurfürſt, von ihren Klagen über ſein Mißtrauen gegen ſie gerührt, bewies ihr jetzt die lebhafteſte Zuthätigkeit. Um ihn zu verbinden, da ſie ſeine Freigebigkeit gegen die vermögenloſen Nichten in Anſpruch zu nehmen dachte, hätte ſie ihm gern auf die Spur des Verräthers geholfen; allein mit dieſem Wunſche begegnete ſie dem anderen, daß Baron Franz Karl der Verräther ſein möchte, um ihn an dieſer Schuld oder Mitſchuld zu faſſen und ihrem Intereſſe dienſtbar zu ma chen. In dem Fall aber mußte ſie Alles anwenden, ge rade dieſen Schuldigen vor Entdeckung zu ſichern; ja um ſeinetwillen durfte ſie auch den eigentlichen Verbrecher, wo ſch i bwei on wande nutzte bring J auf, bene rühr Her die! ſer Ano des ( Gng aus eine hilt ſcht k ſho den ſräfin den ithſel n ſie ihren 5 ihr da n in f die nſche der odel ma ge um wo für ſie Garzweilern hielt, nicht preisgeben, ſo gern ſie ihm bei dieſer Gelegenheit das Schlimmſte gegönnt hätte; da ſich ihre alte Zuneigung und Schwäche für den ſtolzen, abweiſenden Prieſter, ſeit ihrem Verhältniß mit dem Herrn von Montleveau, mehr und mehr in ſtillen Haß ver⸗ wandelte. Sie hatte Franz Karln auf den Nachmittag zu ſich bitten laſſen; da er aber auf die Jagd gefahren war, be⸗ nutzte ſie den Abend, ihre Nichten zum Kurfürſten zu bringen Der alte Herr nahm die lieben Bäschen ſehr huldvoll auf, ſagte ihnen Schmeichelhaftes in dem etwas übertrie benen Geſchmacke ſeiner ehemaligen galanten Zeit, und rühmte ihren einfachen, ſchmuckloſen Anzug. Dies Lob war etwas ſchalkhaft gemeint; denn der alte Herr liebte eigentlich den Putz und ſah darauf, ob Damen die den Hof beſuchten mit Sorgfalt gekleidet kamen. Die— ſek dürftige Anzug der beiden Mädchen war aber eine Anordnung der Gräfin, die auch gleich auf die Bemerkung des Fürſten antwortete: Es iſt ein Glück für meine Nichten, wenn ſie Euern Gnaden in dieſer Einfachheit gefallen Sie kommen eben aus der jülicher Ländlichkeit, und ihre Anſpruchloſigkeit iſt keine Koketterie, ſondern ein Gebot ihrer beſchränkten Ver hältniſſe. Die mainzer Geſellſchaft wird nicht ſo nach ſichtig ſein, wie Eure Gnaden, und die armen Mädchen, ſo lebensluſtig ſie ſind, werden ſich ſehr zurückhalten müſſen Ci, ei! lächelte der Kurfürſt. Es wird ſich auch ſchon Schmuck und Putz für ſo artige Kinder finden, die dem Putz Ehre machen. 16* 2 4 4 Nun? Wie ſteht Ihr nur da? ſchalt die Gräfin. Küßt ihr nicht Seinen Gnaden die Hand für dieſe huldreiche Zuſage? Bis aber die glührothen, verlegenen Mädchen ihre rechten Handſchuhe auszogen, um nach der fürſtlichen Hand zu reichen, kam ihnen dieſe ſchon mit einer offenen Bon— bonniere entgegen, aus der ſie, auf wiederholten Zuſpruch, mit zierlichen Fingern nahmen. Der alte Herr ſchlürfte dann ſelbſt eine Hand voll, worauf er kauend ſagte: Sie ſollen mir zuweilen vorleſen, die lieben Kinder, Cou⸗ 1 ſine! Er nahm dann die Gräfin mit ſich in eine Fenſter— niſche, und fragte in Betreff der Angelegenheit, die ihn . jetzt ſo ſehr beſchäftigte, nach ihren Vermuthungen wegen des Verräthers. Sie kannte dieſe Ungeduld, die ſich nicht gern hinhalten ließ, und hatte ſich vorgenommen, im 5 Nothfalle, um den Sohn Iſaak zu ſchonen, irgend einen Subalternen als Widder zu opfern. Daher warf ſie einen flüchtigen Verdacht auf den Hofkanzlei-Sekretair und ge— heimen Expeditor Dumeitz. Nein, nein! rief der Fürſt. Der hat das Memoire noch gar nicht zu Geſicht bekom men. Iſt mir auch lieb; denn er hat viel Kinder, und wäre ein unglücklicher Familienvater. Niemand kennt es, als Albini, der alte treue Deel, der Staatsrath Müller, 3 der Baron Wallbrun und— ich glaube, dem Seckendorff hab ich's noch gar nicht einmal gezeigt! Der iſt jetzt mit dem Inventar meiner Bücher, Bilder, Mobilien et cetera beſchäftigt. Die liſtige Frau tippte gleich auf dieſe Unſicherheit hinſichtlich der eingeweihten Perſonen, und ſetzte dann, ilbſt, inen Vettr und! ſch u man Solch forſch J Kopf heifä Mit Hand Von ſpruch hlürfte . Sie Cou⸗ enſter ie ihn wegen nicht n im d einen e einen nd ge bekom und nnt es Nülle endorf etzt m ceter herhe dam 245 um den Kurfürſten auf keinen Argwohn gegen Franz Karl kommen zu laſſen, lebhaft hinzu: Ob nicht etwa doch Müller—2 Wenn auch nicht er ſelbſt,— ſo hat er doch in ſeinem einſiedleriſchen Leben einen jungen Menſchen um ſich, der— gar ſehr ſein Vertrauen beſitzen ſoll. Plaudern muß ein einſamer Menſch, und wenn es kein Kater iſt, mit dem ſo ein Hageſtolz ſich unterhält, ſondern ein nichtswürdiger Burſche: ſo weiß man eben nicht, wohin ein Geheimniß verſchleppt wird. Solche Geſellen ſind anzulocken, zu beſtechen, zum Aus forſchen anzuleiten! Der Kurfürſt wiegte erſt ein Weilchen nachdenkend den Kopf; dann ſah er die Freundin mit lächelndem Nicken beifällig an, und ſagte, indem er ihr die Hand küßte: Mit dem Müller werd' ich ſprechen! Aber nur vorſichtig! bat erſchrocken die Gräfin. Halten Sie mich für einen Tölpel? erwiderte er. Des anderen Morgens ſaß die Gräfin mit beiden Nich⸗ ten in ihrem Kabinet. Aufgeſchlagen auf dem Tiſche lag Voltaire's Henriade vor ihnen. Die Mädchen hatten laut geleſen, und die Tante war nicht ganz befriedigt davon. — Mit dir geht's ſchon eher, Agnes, ſagte ſie zu der älteren Schweſter. Aber dein Accent, Joſephine, iſt noch gar zu hart. Ich muß euch Stunden geben laſſen. Le Jeune iſt ein guter Lehrer. Und, ſucht euch ja viel mit dem Herrn von Montleveau zu unterhalten: der ſpricht ein feines Franzöſiſch. Wie könnt ihr am mainzer Hofe Glück machen, ohne des Franzöſiſchen mächtig zu ſein? Man bezweifelt ja eure gute Geburt. Und ihr ſollt dem Kurfürſten vorleſen! Der nimmt's genau, kann ich euch 246 ſagen;— er iſt unſtreitig der erſte Franzoſe unter den deutſchen Fürſten! Und dies iſt nur erſt die Henriade den Feinheiten der Pücelle, den Erzählungen und ſchalk haften Liedchen Grecourt's, die der Kurfürſt ſo liebt, ſeid ihr noch gar nicht gewachſen. Seine Erxcellenz, der Herr Admiral—! meldete der Bediente Er wurde angenommen, und die Nichten ſollten ihn im Geſellſchaftszimmer einſtweilen unterhalten. Im Weg⸗ gehen bemerkte Joſephine ſpitzig: Was haben wir denn für Wind? Er muß juſt auf unſer Haus blaſen, liebe Tante, weil der Admiral ſo früh die Anker lichtet. Nur keinen Seemann! Um des Himmels willen, nein! Agnes wollte wenigſtens den Admiral nicht, und be⸗ ſchwerte ſich, daß ihr ſein Necken ſehr läſtig werde; ſeine Art zu ſprechen, ſeine Stimme ſchon greife ihre Ner ven an. Sei ihm nur artig! lachte die Gräfin. Es ſcheint doch dir zu gelten, daß er heute ſchon wieder kömmt, nachdem er dich geſtern kennen gelernt. Der Herr Baron von Kinkel gibt am Ende noch eine Partie für dich; ſeine Frau iſt ſehr leidend. Ein Seemann iſt auch— ein Mann! Die Gräfin ſetzte ſich an ihren Schreibtiſch, ſchien aber innerlich zu bewegt für das, was ſie zu Papier bringen wollte.— Der junge Schiffer ward angemeldet. Die Gräfin warf einen Blick auf die Straße, und da ſie Franz Karln noch nicht kommen ſah, ließ ſie den Bur ſchen eintreten. Sie ſchien von dem hübſchen, friſchen Menſchen angenehm betroffen, und fragte nach ſeinem Namen lich fir eine zen geiſt habe nt ſchö Fra here firn er de nriade ſchalk nd be ſein eNur int do cjden Kinkel rau 1 247 Ich heiße gewöhnlich kurzweg der Jean Baptiſt, ſagte er. Fernekorn iſt unſer Familienname. Der Herr geiſtliche Rath Garzweiler hat Ihn gelegent— lich in einigen vornehmen Häuſern empfohlen, und das iſt für mich immer von beſonderer Bedeutung, lächelte ſie. Ich wollte Ihn daher auch gern kennen lernen. Er ſoll eine hübſche neue Gondel eingerichtet haben, die ſeit Kur⸗ zem ſehr beliebt iſt. Iſt Er denn in Dienſten des Herrn geiſtlichen Rathes? Nein, Frau Gräfin, antwortete Jean Baptiſt. Ich habe ihn ſelbſt nur einmal gefahren, nach Oeſtrich. Zum Pfarrer Chambion? Ich weiß nicht, Eure Gnaden. Er iſt ausgeſtiegen, und ich bin in der Gondel geblieben. Aha! Er iſt ein verſchwiegener Menſch, und das iſt ſchön von Ihm! Weiß Er nicht zufällig, ob damals die Frau Baronin von Wallbrun noch auf ihrer Beſitzung war? Nein, Eure Gnaden, ſie war ſchon abgereiſt. Sieht Er! das weiß Er nun doch aus Seiner Gondel heraus, lieber Jean Baptiſt, obſchon das Gut weiter ent⸗ fernt iſt, als das Pfarrhaus. Ich weiß es eben zufällig, Frau Gräfin, lächelte Jean Baptiſt, und zwar vom Krahnmeiſter Cratz in Oeſtrich, der ein Wingertſtück von der Frau Baronin kaufen will. Die Gräfin brachte noch einige Fragen auf Garzweiler, und beſtärkte ſich gerade durch die nicht befriedigenden Antworten des hübſchen Schiffers in ihrer Vermuthung, daß er von Garzweiler als Kundſchafter oder dergleichen gebraucht werde. Dies war ihr nicht unangenehm. Sie vertraute ihrer Klugheit, dem verſchwiegenen Menſchen doch 0½ Manches abzugewinnen, und ihm dabei zu Gehör zu ſagen, was eben Garzweiler wieder hören ſollte. Sie hatte die Abſicht, an dieſem gelinden und heiteren Novembertage mit ihren Nichten auf die nahe Petersau zu fahren. Zu dergleichen Fahrten ſtanden ihr die kurfürſtlichen Gondeln zu Gebot; ſie hatte jedoch ſeit Kurzem ſo viel von dem ſchönen Schiffer gehört, daß ſie neugierig war, ihn kennen zu lernen, und hinter ſein Geheimniß zu kommen. Sie beſtellte ihn daher auf den Nachmittag mit ſeiner neuen Gondel an die Rheintreppe unter der Martinsburg. Eben trat Franz Karl ein. Die Gräfin empfing ihn mit einer eigenen ernſten und feierlichen Artigkeit, die dem Baron ſogleich auffiel. Sie laſſen ſich gar nicht mehr ſehen, Baron,— ſagte ſie. Man muß Sie citiren, wie einen Geiſt, wenn man Sie haben will. Ich habe etwas ſehr Ernſtes mit Ihnen zu beſprechen, und rechne auf Ihre Verſchwiegenheit. Was halten Sie von Garzweiler? Sie kennen ihn beſſer, als ich ſollte er fähig ſein, den Kurfürſten zu verrathen? Mein Gott, Frau Gräfin— rief Franz Karl erſchrocken. Ich drücke mich vielleicht zu lebhaft aus, fuhr die Grä— fin fort. Laſſen Sie mich die Frage ſo ſtellen: Sollte Garzweiler dem öſtreichiſchen Geſandten dienen auch auf Koſten ſeines hohen Gönners, unſeres Kurfürſten? Nein, das glaub' ich nicht, gnädige Frau, antwortete Franz Karl entſchieden. Iſt denn irgendwo ein Anlaß, auf ſolchen Argwohn zu kommen? Leider, Baron! Der Kurfürſt iſt außer ſich, und ich will nicht mit Dem theilen, der ſchuldig befunden wird Dies bleibt unter uns, Baron! 6 Kurl d Nrckte Asdr mit u ſi der zicke chtig die S iſtreic auch! Fran doß leicht ſam ſagte und gar mehr ſolhe werde und auf ſagen te die ettage Zu ondeln ndem kennen Si nellen wortele Anlf und ich wil Sie reichte ihre kleine Hand hin, auf welche Franz Karl das Gelöbniß der Verſchwiegenheit mit den Lippen vrückte. Dann theilte ſie ihm mit ſtark aufgetragenem Ausdrucke des Abſcheus in Ton und Miene den Vorfall mit, um den es ſich handelte, unter der Verſicherung, daß ſie den Kurfürſten nur mit Mühe von raſchen Schritten zurückgehalten habe.— Ich verſpreche mir mit Klugheit richtiger zu gehen, ſagte ſie, und bin nun wenigſtens auf die Spur gekommen, daß Garzweiler in Verkehr mit dem öſtreichiſchen Geſandten ſteht. Das werden Sie vielleicht auch wiſſen, lieber Baron? Ich möchte das Gegentheil nicht behaupten, antwortete Franz Karl ein wenig ungeduldig; ich muß aber geſtehen, daß ich mich darnach noch gar nicht umgeſehen habe. Viel— leicht bin ich für meine Stellung überhaupt zu wenig acht⸗ ſam auf derlei Bezüge und Verhältniſſe. Mein Gefühl ſagte mir immer, daß es in Angelegenheiten des Staates und der öffentlichen Wohlfahrt auf ſolche Nebenabſichten gar nicht ankommen dürfe; nun ſehe ich aber alle Tage mehr ein, daß man in Mainz nichts Höheres will, als ſolche Nebendinge. Wahrlich ich fange an ſchwindlich zu werden auf meinem Poſten. Ich ſehe wohl, mit Ernſt und Ehre kömmt man da nicht aus; man muß auch noch auf die Lauſcher und Schleicher, auf Ränke und Kniffe achten wenn man an das gute Ziel kommen will. Sehen Sie, mein junger Freund, mit dieſer Einſicht haben Sie ſchon viel gewonnen, erwiderte die Gräfin lächelnd. Nur verzweifeln Sie nicht gleich, wenn Ihnen das zu viel wird! Uns Frauen iſt ein heiteres, ſcharfes Auge für ſolche äußerliche Bezüge der Geſchäfte gegeben; 4 250 wofür ein Mann wieder die inneren Staatsverhältniſſe ſchärfer durchſchaut. Sie hätten mir daher gleich anfangs etwas mehr Vertrauen ſchenken ſollen, als Sie gethan Ich hab' es auch erwartet, wie ich Sie dem Kurfürſten empfahl. Denn, daß Sie kein fertiger Staatsmann wa ren, verſtand ſich von ſelbſt. Doch zur Sache! Wenn alſo mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen iſt, daß Garz⸗ weiler dem Grafen Schlick zugetragen hat; ſo fragt ſich nun, woher er ſeine Nachrichten genommen. Woher kennt er wol den genauen Inhalt jenes geheimen Memoire? Ei nun, vom Kurfürſten, meine Gnädige! erwiderte Franz Karl mit aller Unbefangenheit. Behüte, lieber Baron! Von dem weiß er gar nichts. Von dem erfährt er ſchon lange nichts mehr, weil der Fürſt vor ſeinem Beichtvater gewarnt iſt. Man kennt Garzweilern als Intriganten. Wie hätte ich ſonſt den Argwohn gegen ihn gefaßt? Wie, Gräfin? verſetzte der Baron beſtürzt und von ſeinem Sitze aufſtehend,— der Kurfürſt beriethe ſich nie mit ſeinem Beichtvater über ſeine politiſchen Serupel? Ha, mein Gott! rief die Gräfin ſich erhebend. So blickten Beide ſtehend einander in die Augen, bis der Baron in zunehmender Unruhe vor ſich niederſah. Was fiel mir denn eben ein? ſagte die Gräfin ſich faſſend. Nein, lieber Baron, der Kurfürſt beräth ſich nie mit ihm. Der Kurfürſt ſetzt auch in nichts mehr ruhige Zuverſicht, als in die Richtigkeit ſeiner Politik. Aber,— ich ſehe, lieber Freund, die Sache geht Ihnen nahe; Sie ſind etwas blaß geworden. Freilich! Sie haben auch Ur— ſache: Ihre Frage wegen der politiſchen Serupel des Kur⸗ Karl hufteſ ung . Ehre gen höh 1 Fre hältni anfang gethan fürſte nn wa Wen Gen tagt ſit er kenn ire? widert t nichts weil de nkinn ſt den nd von ſich ni el ſch. fin ſih ſich N uhi het,— e Si uch lu Rul 251 fürſten enthüllt mir plötzlich die ganze Schlechtigkeit dieſes Garzweiler. Durch dieſe Täuſchung hat er Sie irre ge— führt, hat Ihnen—? Gräfin,— was denken Sie von mir? ſagte Franz Karl mit jenem befangenen Stolze, der, auf das ehren hafteſte Bewußtſein geſtützt, ſich eben eine unbedachte Hand⸗ lung vorzuwerfen hat. Ich denke, antwortete ſie, daß Sie ein Mann von Ehre ſind, aber ein junger Mann, und von einem liſti⸗ gen Prieſter getäuſcht. Ruhig, lieber, beſter Baron! Sehen Sie,— ich frage nicht weiter, ich ſtehe hier an der Grenze meines Jagdreviers, und gebe die Fährte des Wildes auf, das ich ſuchen half. Nein, gnädige Frau, nein! rief der Baron. Sie brin⸗ gen mich in Verzweiflung! Ich ertrage das nicht! Ich darf das nicht—! Sie ſind ein Kind und geberden ſich wie ein Schul⸗ diger, flüſterte die Gräfin mit einnehmender Freundlichkeit. Gehen Sie doch, lieber wackerer Freund! Wofür halten Sie mich? Das ganze Ding iſt etwas Aeußerliches, das freilich in unrechter, böswilliger Hand zum Schlimmſten und zu Ihrem Verderben gewendet werden könnte. Glück— licherweiſe iſt es in die meinige gefallen. Und glauben Sie denn, ich wüßte nicht ein diplomatiſches Papier zu unterſcheiden vom Werthe der Freundſchaft? Oder ich ſchlüge den tückiſchen Gedanken eines preußiſchen Miniſters höher an, als das Lebensglück eines mainzer Barons, als die ſchöne Zukunft des einzigen Sohnes meiner theuern Frau von Wallbrun? Baſta! die Sache iſt abge⸗ macht. Den Zorn des Kurfürſten übernehme ich. Kom 5 * 3 N 252 men Sie mit herüber, ich will Sie meinen Nichten vor— ſtellen. Sie reichte ihm die Hand, die Franz Karl verwirrt und verzagt ergriff. Er bückte ſich zum Kuß auf dieſe kleine zarte Hand einer Dame, die ihm jetzt ſo groß ge— ſinnt erſchien; während er ſich ſelbſt vor ihr und vor Garz⸗ weiler's Schlauheit ſo albern vorkam.— Die Gräſin ſah ihn ein Weilchen lächelnd an. Nein, ſagte ſie dann, ſo kann ich Sie doch jetzt nicht brauchen. Ich habe den lie⸗ ben Mädchen ſo viel von unſeren liebenswürdigen jungen Cavalieren erzählt, und nun ſoll ich ihnen den Muſterknopf des ganzen Packets ſo— angelaufen vorzeigen? Mun⸗ ter, heiter, lieber Franz Karl! Vertrauen Sie Ihrer Freundin Coudenhove! Bleiben wir noch einen Augen⸗ blick! Ich will Sie lieber erſt mit den Mädchen ein we⸗ nig bekannt machen. Die ältere Schweſter, Agnes, iſt nicht hübſch, aber ſehr unterrichtet, hat viel Urtheil und guten Blick, obſchon ſie kurzſichtig von Augen iſt. Sie hatte ein leidenſchaftliches Verhältniß mit einem jungen talentvollen Manne, deſſen Flatterhaftigkeit der Mißbilli— gung der Familie zuvorkam. Agnes hat dabei einen heil— ſamen Kummer gewonnen. Joſephinen, die jüngere, wer⸗ den Sie hübſch finden. Sie weiß weniger, aber ſie kann mehr: ſie hat Geiſt und Herz,— nur etwas ungebunde⸗ nen Geiſt, etwas trotziges Herz. Laſſen Sie ihr ja nichts aus Artigkeit hingehen, lieber Baron! Thun Sie mir den Gefallen und begegnen Sie ihr ſtets mit Ihrem edeln Ernſte! An der Stubenthüre blieb ſie noch einmal mit den Worten ſtehen: Sie haben mir eine rechte Freude gemacht, 72 digt ollen ſigen, kines ſorſte Gedar S beſuch Liche A ilte etwat Wih ſtellte den Com ber ohe dei v wehr bo hu n vol ewirr f dieſ of ge Garz ſin ſah nn, ſo en lie jungen rknopf Mun Ihrer Augen in we⸗ es, iſt il und Si jungen ißbill heil wel kann bunde nichts ie ml Ihrem it den nacht 253 daß Sie ſich mit Ihrer liebenswürdigen Schweſter verſtän— digt. Sie hatten auch Cäciliens Verhältniß mit dem geiſt⸗ vollen Stadion ein wenig zu ſcharf genommen,— ſoll ich ſagen, ein wenig ſtudentiſch. Cäciliens heißes Herz bedarf eines Freundes. Es iſt mir lieb, daß ſie Geſchmack an Forſter findet: er wird, wenn nicht ihr Herz, doch ihre Gedanken beſchäftigen. Sie haben das möglich gemacht, daß er unſer Haus beſucht, meine Gnädige! antwortete er mit bezüglichem Lächeln. Ach nun,— wiſſen Sie, man muß Vorurtheile wie Kinder behandeln, ſagte ſie, etwas verlegen. Uebrigens weiß ich auch nicht anders, als daß Forſter von ſehr guter ſchottiſcher Familie iſt. Er führt das Wappen der Fore⸗ ſters,— adeliger Gutsbeſitzer in Yorkſhire. Sein feines Weſen wird Ihrer Frau Mutter gefallen. Sie betraten den kleinen Geſellſchaftsſaal. Der Admiral eilte der Gräfin entgegen, ihr die Hand zu küſſen und etwas Schmeichelhaftes über ihr gutes Ausſehen zu ſagen Während ſie den Baron Franz Karl ihren Nichten vor— ſtellte und ein Geſpräch zwiſchen ihm und Joſephinen über den kleinen ſeidenhaarigen Schooshund anknüpfte, den die Comteſſe eben hätſchelte, ſetzte ſich Baron Kinkel wieder neben Agnes. Er war ein ziemlicher Fünfziger, durch hohen Teint und dunkeln Bart von gutem Ausſehen, da bei von ſtattlicher Geſtalt mit etwas ſteifer Haltung, die mehr dem Seemanne als dem Diplomaten zukam Er war bevollmächtigter Miniſter der vereinigten Niederlande beim kur- und oberrheiniſchen Kreiſe. Die Gräfin hatte zwiſchen beiden Paaren einen Seſſel 3 6 * 1 6 i 6 N 254 eingenommen, als ob ſie— eine wirkliche Generalin— aus dieſem Mittelpunkte den Angriff und Rückzug beider Flügel commandiren wollte. Wenigſtens regte ſie Joſe— phinen fortwährend zu lebhafter Unterhaltung an, drehte und wendete, ſo zu ſagen, die ſchöne Nichte wie einen feinen Juwel, den man vor einem Kaufluſtigen in Licht⸗ blitzen ſpielen läßt. Joſephine hatte nicht ſelten artige Einfälle; ſie beſaß aber noch mehr jenen liebreizenden Mund, der auch für das Gewöhnliche beſticht, was über die Lip⸗ pen kömmt, beſonders wenn er von jenen langwimperigen Augen begleitet wird, deren gefiederte Pfeile oft tiefer als Geiſt und Witz das reizbare Herz eines Jünglings treffen. Die Gräfin nahm mit lächelndem Vergnügen den Eindruck wahr, den Joſephine auf den Baron zu machen ſchien. Sie neckte ihn mit ſeiner wortkargen Zerſtreutheit, und erinnerte ihn dadurch nur immer wieder an ihre voraus gegangene Mittheilung, die ihm eben noch im Gemüthe lag und ſein Nachdenken beſchäftigte. In dieſer Stimmung lehnte er auch die Einladung zur Waſſerfahrt auf den Nachmittag ab. Allein die Gräfin ließ keine ſeiner Ent ſchuldigungen gelten, und beſtand darauf, daß er von der Partie ſei.— Sie ſind Joſephinen manche Antwort ſchul⸗ dig geblieben, ſagte ſie, und haben manche verkehrte gut zu machen. Gehen Sie und ziehen das Kleid an, worin Sie Ihre ſonſtige Liebenswürdigkeit ſtecken gelaſſen. Ich verbiete meiner Nichte, vor Abend ein Urtheil über Sie zu fällen. So freundlich die Gräfin dieſen ſcherzhaften Befehl gab, verrieth doch ihr Ton etwas Gebieteriſches, wie man mit lebhafter Empfindung zu einem abhängigen Manne pricht einr g en Ve luu A ilbſtg fahr oß e fängig ewant ie zu ung u orbeh lchen lihten iſſe P ſhick enn E ich in nden alin— beide Joſe dreht e einen ißt⸗ artige Mund ie Lih verigen fer als treffen indruck ſchien t, und oraus jemüthe mmung uf de r Gnt on del t ſchu⸗ tehnn eid in eluſſen il ibn Befeh ie man Mam ſpricht. So nahm es wenigſtens der junge Freund in ſeiner gedrückten Stimmung auf, und verließ mit lebhaf⸗ tem Verdruß das Haus. Zwölftes Kapitel. Unterwegs ſammelte ſich Franz Karl zu einem ſtolzen Selbſtgefühl. Er wollte ſich nun durchaus von der Waſ— ſerfahrt ausſchließen, und der übermüthigen Gräfin zeigen, daß er ſich durch ihr bedrohliches Geheimniß in keine Ab⸗ hängigkeit von ihren Launen bringen laſſe. Zu Hauſe gewann er es ſogar über ſich, ein recht heiteres Billet an ſie zu ſchreiben, worin er eine ſehr geringfügige Abhal— tung vorſchützte, und ſich ſeine perſönliche Entſchuldigung vorbehielt.— Das Kleid, ſetzte er ſcherzhaft hinzu, in welchem er hätte kommen ſollen, ſei ohnedies in einigen Rähten und im linken Aermelfutter aufgegangen, und müſſe erſt reparirt werden. Wie er das Billet kurz vor der Abfahrtsſtunde weg geſchickt hatte, fühlte er ſich frei und dachte nun auch hei teren Sinnes an die liebenswürdige Joſephine. Er geſtand ſch ein, daß er doch ſeinem Eigenſinne ein Opfer bringe, indem er auf die ſchönen Stunden in ihrer Nähe ver— zichtet habe. Der Nachmittag ließ ſich immer heiterer an, und Franz Karl beſaß Phantaſie genug, die Waſſerfahrt und das kurfürſtliche Schlößchen der Petersau mit den lieb 256 lichſten Träumen auszufüllen, deren Verwirklichung er mit ſeinem aufwallenden Stolze hinweggetrotzt hatte. Eine ſüße Befangenheit der anmuthigen Comteſſe gegen ihn, die er bemerkt haben wollte, kam ihm jetzt doppelt anziehend vor; er beſann ſich auf dies und jenes, was er in ſo leidiger Zerſtreutheit aus ihrem Munde vernommen, und es ſchien ihm höchſt intereſſant. Er warf ſich vor, wie kalt und trocken er angehört habe, worüber die An⸗ deren ſo entzückt geweſen, und blieb bei der Frage, wel— chen Begriff das liebenswürdige Mädchen ſich von ihm machen müſſe, nicht ganz ruhig. Es kam ihm daher er wünſcht, als ſeine Schweſter ihn des Nachmittags auffo derte, ſie nach Forſter's Wohnung zu führen, um die in⸗ tereſſanten Sammlungen dieſes Mannes zu beſehen. Er dachte an Frau Thereſe, der er ſo Wichtiges zu vertrauen hatte Cäcilie hatte während der Abweſenheit ihrer Mutter das Haus der Frau von Coudenhove fleißig beſucht, und hier an mehreren Abenden Forſtern gefunden, den die Gräfin aus ſchalkhafter Abſicht eingeladen; wie es denn dieſer unruhigen Dame angeboren ſchien, zwiſchen allen Menſchen irgend eine Intrigue anzuſpinnen. Anfangs war es der Gräfin nur darum zu thun geweſen, den ihr un⸗ angenehmen Kapitular Stadion zu ärgern, wenn ſie ihm die alte, eiferſüchtige Freundin auch in das ſtille Gehege des Forſter'ſchen Hauſes brächte, ihn zu ſtören. Indem aber die Baroneſſe aus Eiferſucht gegen eine für Stadion ſo intereſſante Frau ſich immer lebhafter für den Mann intereſſirte, entſprang für die Gräfin der„Spaß“, wie ſie es nannte, Cäciliens leicht erregbares Herz ſich in Forſter's edle Schwärmerei verflechten zu ſehen A Guzw Anblic Nha! Eie n bel ſic 6) aber lichen 5 Rweſ ſinne ſchein Sche ſitze theile ten( fürſte 1 Reſer 0 ung irſtl hen, haft Sien chr 1 Vll g er n Ei gen ih doppt nomme ſich vo die An ge, wi on ihr aher il auffe m die in Er dah uen hal Mutt ucht, un den 5 es den en allel ngs wo ihr un ſie ihr Glhe Inde Stad nMn Als Franz Karl zur Schweſter herüberkam, fand er Garzweilern in eifriger Unterhaltung mit ihr. Bei dieſem Anblicke ſchoß dem Baron das Blut in die Wangen.— Aha! rief er lebhaft, Sie kommen mir eben recht! Haben Sie nicht wieder einige politiſche Serupel des Kurfürſten bei ſich? Laß uns einen Augenblick, Cäcilie!— Und als die Schweſter ſich entfernt hatte, fuhr er fort: Sie haben ſehr artige Geſchichtchen erfunden, Pater, aber— einen ſehr unartigen Gebrauch von meinem ehr— lichen Vertrauen gemacht. Wiſſen Sie das 2 Ich höre wol, daß Sie bei der Gräſin Coudenhove geweſen ſind! verſetzte nach einigen Augenblicken des Be⸗ ſinnens der Pater mit Ruhe. Sie hat Ihnen, wie es ſcheint, mit einem Kabinetsgeheimniß aufgewartet. Nur Schade, daß es ſchon einen Anſchnitt hat! Denn ich be⸗ ſitze bereits einige Biſſen von dem ſchmackhaften Geſchenk Ich will Ihnen zum Erſatze ein anderes Geheimniß mit— theilen, das für Sie ganz friſch ſein wird. Oder— wüß⸗ ten Sie etwa ſchon, daß die Staatsbriefe für den Kur⸗ fürſten durch die Hände der Gräfin ins Kabinet gelangen? Der Baron ſah den Pater höchſt betroffen an, und dieſer fuhr fort: Ja, Herr Baron, das iſt eine hübſche neue Einrich⸗ tung, von der Gräfin ſelbſt getroffen, ſeit ihr Seine kur fürſtlichen Gnaden keine vertrauliche Mittheilung mehr ma chen,— politiſche Mittheilung, heißt das. Die Brief ſchaften werden ihr gebracht, unterwerfen ſich mittelſt ihrer Siegel einer Ahnenprobe, und wenn ſie ſolche beſtehen und ihre gute Abkunft nachweiſen, werden ſie in das innigſte Vertrauen Ihrer gräflichen Gnaden gezogen Wie ſolche Koenig, Clubiſten in Mainz. 1 17 . 11 3 4 5 . 4 258 vertrauliche Eröffnungen zu Stande kommen, laſſe ich hingeſtellt ſein. Vielleicht weiß die kluge Frau ſich in den Zuſtand zu verſetzen, den Meßmer, der Wundermann un ſerer ungläubigen Zeit, der Magnetiſeur, erfunden und nach Frankreich gebracht hat. Ich meine den Zuſtand in dem man auf der bloßen Herzgrube durch ein Couvert leſen kann! Vielleicht verſteht ſich Herr von Montleveau auf die dazu geeigneten Manipulationen. Wenn Sie weniger boshaft wären, Pater, würde ich Ihnen eher glauben, wendete Franz Karl ein. Und doch kann ich Sie jeden Tag von meiner Be hauptung überführen, Herr Baron, verſetzte Garzweiler, während die Gräfin mit ihrer Nachricht Sie vermuthlich nur überrumpelt hat. Der Himmel ſoll klug daraus werden! rief Franz Karl, heftig hin und wieder gehend,— wer von euch Beiden der ehrlichſte Menſch iſt, Sie, Garzweiler, oder die Gräfin Jedes prahlt mit dem kurfürſtlichen Vertrauen, und rühmt hinter dem Rücken des Anderen deſſen Spitzbübereien! Und wenn Sie mir eben die Wahrheit ſagen, Herr geiſt— licher Rath: dürfen Sie ſolche dem Kurfürſten verſchweigen? Worauf Garzweiler lächelnd erwiderte: Wiſſen Sie nicht, daß man den Fürſten nur ganz reife Kirſchen vorſetzen darf? Sonſt ſpucken ſie Einem die Kerne ins Geſicht. Ueberhaupt aber gibt es Dinge am Hof, Herr Baron, die niemals vor den Fürſten gehören, ſondern unter ihm vorgehen, wie die Gewitterbildung unter dem Gipfel des Gebirgs. Sie ſind jung, mein Freund, und haben Ihr Staatsrecht prächtig inne; aber das Hofrecht will aus der Praris gelernt ſein. Die Gri aber Abſ dge horc mein übet thia u Lac aſſe it in del nn un en un tand ih Couver ntlevenu ürde ic 6 Karl Beiden Grifin rühn berlen geiſt veigen w gal nem de nge aun hörn bildun mei ab 259 Gräfin gibt Ihnen vielleicht gern eine Privatſtunde darin; aber— haben Sie Acht auf ſich! Die Gräfin hat Abſichten auf Sie!— Kommen Sie nur herein, gnä— dige Baroneſſe! rief er nach der Thüre, welche Cäcilie horchend ein wenig geöffnet hatte. Es iſt nicht böſe ge meint, meine Gnädige! Wir ereifern uns nur ein wenig über unſeren Glauben oder— Aberglauben. Apropos Aberglauben! Haben Sie auch ſchon die geheimnißvolle Kartenſchlägerin beſucht, Baroneſſe, die jetzt unſerer guten Geſellſchaft Coeur ausſpielt? Das erſte Wort, Pater! Ja, hinter dem Mitternachtgäßchen hat ſich dieſe Py⸗ thia auf ihren dreibeinigen Stuhl geſetzt. Sie ſoll für gute Heirathen ſehr prophetiſch ſein! Iſt es nicht zum Lachen, Herr Baron?— Doch Sie wollen gehen! Man ſetzte ſich in Bewegung, und Garzweiler ging mit.— Ich habe auch ein Anliegen an Forſter, ſagte er, mit welchem Sie mich dort am beſten einführen können Unterwegs flüſterte er dem Baron zu: Zwiſchen uns, Herr Baron, iſt es natürlich von nun an mit allen Kabinetsfragen aus; Zweifel und Mißtrauen ſollen uns nicht trennen. Doch geben Sie darum die an— gefangene Sammlung der Staatsſchriften ja nicht auf Sie werden mir's ſeiner Zeit danken! Von der Gräfin aber laſſen Sie ſich nur nicht ängſtigen! Ich bin der Mann, der ihr Schach bieten kann! Gelegentlich mehr davon! Sie trafen außer dem Forſter'ſchen Paare noch den Legations⸗Secretair Huber an, und wurden mit der größ 4 ten Aufmerkſamkeit empfangen. Garzweiler rechtfertigte 6 — 260 ſeinen Beſuch mit einer Bitte an Frau Thereſe. Er fragte nach einigen Schriften ihres Vaters, die er in Mainz nicht auftreiben könnte, beſonders die Ausgabe des Epictet. Er wußte dabei ſo viel Schmeichelhaftes über Heyne's Ver— dienſte und über die Bedeutung der proteſtantiſchen Wiſſen⸗ ſchaft für Deutſchland vorzubringen, daß er den angenehm⸗ ſten Eindruck auch auf die Männer machte. Während deſſen wollte es Cäcilien nicht gelingen, mit Frau Forſter in den rechten Ton zu kommen. Sie wen— dete ſich deß lebhafter mit ihrem Anliegen an Forſter, der ſie auf ſeine oberen Zimmer führte. Hier öffnete er ſeine Mappen getrockneter Pflanzen, ſeine Schubladen mit Foſſilien, Muſcheln, Arbeiten der Wilden und was er Alles geſammelt hatte. Cäcilie warf nur flüchtige, theil— nahmloſe Blicke auf die Sachen. Sie geſtand, daß ihr das Alles fremd ſei. Recht intereſſant, meinte ſie, aber für unſere Theilnahme doch befremdend, ſtörend, wie etwa ein Wilder in guter Geſellſchaft. Sie wünſchte ſich, dieſe Dinge mit Forſter ſelbſt an Ort und Stelle geſehen und geſammelt zu haben. Forſter wollte ihr Einiges erklären; aber ſie unterbrach ihn, und indem ſie ſich auf das Kanape zurückſetzte, ſagte ſie: Ach! wie hat es mich dieſe Tage her beſchäftigt, lie— ber Forſter, was Sie mir aus Ihrem Leben erzählt ha— ben! Wie intereſſant ſind nicht Ihre Schickſale! Ihre Ahnen, nach dem Tode Karl's des Erſten von England ge⸗ flohen, haben ſich in Preußen angeſiedelt. Sie ſelbſt ſind als achtjähriger Knabe von Ihrem Vater durch das un⸗ wirthliche Rußland mitgenommen worden, und haben da— fragte nicht t. G Ver iſſen nehm n, mit e wen orſter, lete el en mü vas el theil gß iht abe ie etwa , dieſ en und erbrach kſetzte mals ſchon Pflanzenkunde getrieben. Kaum 17 Jahre alt, haben Sie nebſt Ihrem Vater den berühmten Cook auf ſeiner Fahrt um die Welt begleitet, ſpäter Paris und die Niederlande geſehen, um eine Anſtellung für Ihren Vater zu ſuchen.— Nicht wahr, mein Freund, wie ich noch Alles weiß! ſetzte ſie, mit freundlichen Blicken zu ihm auf— ſehend, hinzu. Und welche intereſſanten Bekanntſchaften Sie gemacht haben in Frankreich und Deutſchland! Sie nahmen endlich eine Stelle an der Ritterakademie in Kaſſel an, wo der Landgraf Sie ſo ſehr ſchätzte. Das kann ich mir denken! Und ſo auch der König von Polen, der Sie nach Wilna berief. Nicht wahr, von hier aus haben Sie erſt geheirathet? Wiſſen Sie, daß dies Polen Ihrer guten Frau noch ein wenig anklebt? Ich meine, lieber Forſter, daß man Ihnen gleich die gute Geſellſchaft anſieht, die Sie vorher ſchon frequentirt hatten. Sie ſind aber bald darauf von unſerem Kurfürſten nach Mainz berufen wor— den. Und hier— nicht wahr, mein Freund, hier iſt es doch ſchöner, als in Wilna? Und fühlen Sie ſich glück— lich hier? Sie faßte ſeine Hand, ihn neben ſich Platz nehmen zu laſſen. Sie wiſſen, ſagte Forſter mit einer gewiſſen Rührung, daß ich von Jugend auf Vieles gelitten, daß ich die Sor gen einer zahlreichen Familie meines Vaters ſchon in dem Alter, wo man ſich dem lachenden Rufe der Natur ſonſt überläßt, anhaltend getragen, und dadurch als Knabe und Jüngling ein ziemlich trübes, niederdrückendes, alle Leibes— und Geiſteskräfte erſchlaffendes Leben geführt habe, wo— durch ich zum Einzigen, was mir übrig blieb, zur religiö— 262 ſen Schwärmerei hinübergetrieben und allgemach gewöhnt worden bin, Leiden für gut und zuträglich, Genuß für gefährlich, wo nicht gar ſchädlich anzuſehen. Mein von Natur lebhaftes und flüchtiges Temperament mußte, unter der Zucht und dem Druck eines noch heftigeren, bei dem beſtändigen Anblicke des Unheils, welches dies letztere, ſich ſelbſt überlaſſen, anrichtete, ſo von gegenwirkenden Kräf⸗ ten und Grundſätzen eingeſchränkt und in meine Gewalt gebracht werden, daß es jetzt ein ſtilles, ruhiges, gleich⸗ gültiges oder doch gleichmüthiges Anſehen hat. Iſt es bei der Art von Erziehung, die ich nicht von Aeltern, ſon⸗ dern von Gott erhielt, befremdend, daß der Werth der Dinge und der Gefühle in Beziehung auf mein Ich, jetzt ſich etwas richtiger beſtimmen läßt, daß mein Blick feſter den Kreis des Lebens überſieht, und auf dem Abſchnitte ruht, der mir das wahre Glück zu bieten ſcheint? Alſo ſind Sie glücklich? fragte Cäcilie lebhaft, indem ſie dicht an ihn rückte, ihre Hand auf ſeine Schulter legte und ihm freundlich in die Augen ſah. Ich weiß nicht, was Sie unter Glück verſtehen, meine liebenswürdige Freundin, ſagte Forſter. Zwiſchen dem Augenblicke des Begehrens und der Befriedigung liegt ſtets der Augenblick des Beſtrebens, um dem es vielleicht der Natur am meiſten zu thun iſt. Ihr Inſtinkt, der mit unwiderſtehlicher Kraft nach phyſiſchem Wohlbehagen, nach geſundem, ſchmerzloſem Daſein oder auch nach lebhafteren Empfindungen höheren Wohlſeins ſtrebt, iſt ebenſowol als dieſer Genuß ſelbſt nicht Zweck, ſondern Mittel. Die Abſicht der Natur ging auf Entwickelung der Kräfte, auf Handlung, Bewegung, Thätigkeit; was ſie von Genuß ewöhn uß für in von untel i dem re, ſich Kif Gewal gleih tes bei bſchnitte inden ter legu me n dem gt ſi eicht d der nil en, m hoftel nſowb zur Lockſpeiſe uns vorhielt, ſollte uns nur körnen, deſto eifriger ihren Zweck zu befördern. Glücklich zu ſein, ſcheint in unſerer Welt einen Zuſtand zu bezeichnen, wo Arbeit und Ruhe, Anſtrengung und Ermattung, Begierde und Befriedigung, Luſt und Schmerz, Leid und Freude mit— einander wechſeln; wo aber die frohen Augenblicke des Genuſſes kräftig genug zu neuer Thätigkeit reizen, und lebenslang die möglichſte Entwickelung aller ſinnlichen und ſittlichen Kräfte befördern. Ach, welche rauhe Foderung machen Sie an das Le— ben! rief Cäcilie. Und die Liebe bleibt ganz ausgeſchloſ— ſen? Iſt denn ohne ſie irgend ein Lebensglück zu finden? Darf ich aufrichtig ſein, lieber Forſter? Sie ſprechen nur von der Natur und was ſie mit uns vorhabe. Mir ſcheint immer die Natur eine Zuflucht für Diejenigen, de⸗ nen die Geſellſchaft verſagt, und die ſich um die Liebe betrogen ſehen. Das iſt aber gewiß nicht Ihr Fall, lie— ber Forſter? Ihre Frau— Sagen Sie mir etwas von Ihrer Frau! Sie haben ſie geſehen, erwiderte Forſter mit ſteigen⸗ er Wärme. Meine Thereſe iſt intereſſant, ohne ſchön zu ſein; ſie hat das ſeltene Glück gehabt, bei emporſtreben— dem Geiſte ganz durch ſich ſelbſt gebildet zu werden, iſt daher frei im edelſten Wortverſtande und ganz Natur in allen ihren Gefühlen und Handlungen. Ihr Herz iſt jedem Eindrucke des Schönen und Guten offen; ihre Lectüre iſt ausgebreitet und von der größten Mannichfaltigkeit. Ihr Geiſt wird lebhaft in Geſellſchaft und gedeiht zur unter⸗ haltenden Munterkeit des Witzes; ihre Schätzung der Welt, der Menſchen, des Lebens iſt richtig, mit meinem Gefühl 264 übereinſtimmend, flößt ihr Muth und Entſchloſſenheit ein, alles Mühſelige zu überſtehen um der Freude willen, einen Glücklichen an mir gemacht— oder vielmehr einem Un— glücklichen ſeine Lage erleichtert zu haben. Sie kennt den Werth der kleinen Annehmlichkeiten des Lebens, der Freu⸗ den des Umgangs, woran ſo Viele hangen; ſie weiß ſie zu genießen, kann ſie aber ohne einen Wunſch entbehren, ſobald es darauf ankommt, durch dieſe Verleugnung einem Herzen, welchem ſie Alles iſt, Glück und Ruhe zu ge⸗ währen. Mein Gott! rief Cäcilie aufſpringend. Was wollen Sie denn mehr? Da haben Sie ja einen wahren Juwel von einer Frau. Nein, dann will ich Sie keinen Augen⸗ blick abhalten, bei ihr zu ſein! Kommen Sie! Was wäre ich Ihnen denn da? Sie eilte fort, und Forſter ſah ihr verwundert nach heit ein n einel m Un nnt den er Freu weiß ſi ſtbehren ng einen z ge II. wollen n wel Frau von Coudenhove. Augen as wär t nach Erſtes Kapitel. Ein ziemlich ſtrenger Winter war gegen Ende Februars mit lauen Regenſtürmen ſchnell aufgebrochen, und der März blies mit friſchen Oſtwinden aus leichterem Gewölke. Um dieſe Zeit, da die erſten Frühlingsſchimmer in den Lüften gaukeln und die ſonnigen Berghalden, bald auch die knospenden Stauden umſpielen, ergreift die Menſchen, bei der Fernſicht in die lieben, langen Tage der heiteren Jahreszeit, eine eigenthümliche Unuhe: nicht nur Blätter und Knospen, auch Entwürfe und Hoffnungen brechen hervor, und mit den Tagen nehmen die Erwartungen zu. Mit lebhafter Einbildungskraft genießt man die würzigen Sommerabende voraus, und empfindet ſchon etwas vom Jubel der Ernten. Zu dieſer natürlichen Unruhe kam diesmal noch eine politiſche. Kaiſer Leopold war am erſten März geſtorben. Seit ein paar Tagen hatte man dieſe wichtige Nachricht in Mainz; da der Kurfürſt, als Reichs-Erzkanzler, vom Ableben eines deutſchen Kaiſers auf das Schleunigſte be— nachrichtigt werden mußte. Da war nun bei Hof Alles in Bewegung und Amtsthätigkeit wegen der Wahl und Krönung des neuen Kaiſers Franz. Denn es lag dem 268 Erzkanzler ob, die deutſchen Höfe vom Ableben der Majeſtät amtlich in Kenntniß zu ſetzen, und die Einleitung zur 6 neuen Wahl und Krönung zu treffen. Hierzu gab die goldene Bulle gemeſſene Vorſchriften an die Hand. In nerhalb Monatsfriſt mußten die Kurfürſten zu einem Col legialtage und zur Kaiſerwahl eingeladen werden. Dies ſit geſchah mittelſt offener Briefe, in deutſcher Sprache auf 1 Pergament geſchrieben, vom Kurfürſten Erzkanzler eigen— händig unterzeichnet und mit dem eingekapſelten großen Siegel behangen. Nur Geſandte von hohem Rang konn— ten dieſe Einladungen an die Kurfürſtenhöfe überbringen. 33 Dieſe Ausfertigungen und noch mehr die politiſchen Angelegenheiten, die ſich einem ſolchen Ereigniß verknüpf⸗ ten, gaben in der Staats-Conferenz und in der geheimen Hofkanzlei vollauf zu thun, und dieſe Geſchäftigkeit in der oberſten Region, woher manche Nachricht in die Stadt „ kam, regte wie mit einzelnen Luftſtößen die wirbelnde Neubegierde der mainzer Bevölkerung auf. Es verlautete 1 bereits, daß nach der Krönung in Frankfurt die hohen Häupter und zahlreiche Fürſtlichkeiten zu wichtigen Bera⸗ thungen nach Mainz herüberkommen würden; wovon man ſich die glänzendſten Feſte verſprach. Man kann ſich den⸗ ken, wie viel da in Mainz gelaufen und geſprochen wurde. Alles, was jetzt im alten kurfürſtlichen Schloſſe berathende Köpfe und ſchreibende Hände in Bewegung ſetzte, ſchien in den Mäulern und Beinen der 38,000 Einwohner ſei⸗ nen Auslauf zu finden. Daher war die Schiffbrücke, wo man an ſchwülen Sommerabenden ſo gern den Hauch und die Erquickung des prachtvollen Stromes genießt, jetzt 6 ſchon zahlreich, ſelbſt aus der guten Geſellſchaft beſucht und einen 6 den prache Flet ei chen wul wohnel fbrick Hauch nießlt eh Alle ſonſtigen Spaziergänge lagen noch zu öde und ſtill. Hier am Rheine hatte man doch einen Strom, der auch unuhig war, und ſehr hoch ging, wie die Gemüther, und empfand in der Richtung der Schiffbrücke ſchon vor⸗ aus die hoffnungsvolle Verbindung mit Frankfurt. Viele liefen auch nur hinaus, um das feierliche Geläute zu hören, das Morgens und Abends zur Todtenfeier des Kaiſers von allen Thürmen der Stadt und der nahen Ortſchaften ertönte. Auch Forſter mit Frau und Freund Huber machten ihren Abendgang nach der Brücke. Huber führte Thereſen. Er ſprach von dem außerordentlichen franzöſiſchen Geſandten, der geſtern angekommen war.— Ein Erzjakobiner, ſagte er, über den der Kurfürſt ſchon früher Winke aus Paris erhalten hat! Recht gut! verſetzte Thereſe etwas ſcharf. So fällt doch von der jetzigen Aufregung auch für uns etwas ab. Das mainzer Volk hat jetzt nur Luſtbarkeiten, die Spe⸗ eulanten nur Gewinnſte in Ausſicht: wir, die mit Nach⸗ denken geplagt ſind und von Herzweh um die Wohlfahrt der nahenden Zukunft heimgeſucht werden, können uns doch nun mit dem Räthſel dieſes geheimnißvollen Jakobi⸗ ner-Geſandten beſchäftigen,— was er will, wie ihn der alte Herr aufnehmen wird, ob er ſich in Mainz halten kann und dergleichen. Was er will? erklärte Huber. Ei, den Kurfürſten, den„cher Papa“ der franzöſiſchen Flüchtlinge, in ſeiner bedenklichen Lage zu Frankreich warnen, ihm ſein eigent— liches Intereſſe begreiflich machen. Bedrohlich wird die Sache, wenn ihn der Kurfürſt übel aufnehmen ſollte, was ich zu fürchten geneigt bin. —— —— — 270 Sie ſtießen auf Stadion, der ſich in einen Rokelor gehüllt hatte. Er ſchloß ſich an Forſtern und flüſterte ihm zu: hne Neuigkeiten aus Wien, mein Lieber! Unſer Franzl ud hat ſchon ſein prinzliches Kabinet an die Stelle des gehei⸗ i men Kabinets ſeines Vaters geſetzt. Graf Colloredo wird h nun eine Rolle ſpielen. Wiſſen Sie,— die ganze dro ihl hende Correſpondenz, die Kaunitz mit dem franzöſiſchen er Miniſterium geführt, war nicht vom ſeligen Kaiſer dictirt, in ſondern vom Könige von Frankreich mit ſeinen Freunden berathen, und von der Königin über Brüſſel nach Wien geſchickt. Man dachte die republikaniſche Partei damit in Angſt zu treiben; man hat aber nur den Miniſter De leſſart vertrieben und Dumouriez an die Spitze der aus Lebe wärtigen Angelegenheiten gebracht. Nun will Kaunitz aus der Haut fahren, freilich nicht, wie ſich die Schlangen hun häuten, wenn der alte Balg nichts mehr taugt. Ja, ſo ind ſchnell thut ſich Franzens Kabinet auf, und ich fürchte— nill es iſt ein wenig dunkel darin. O, lieber Hofrath, es ſchaut übel aus! Ich wollte, es wären Fabeln, was ich g Ihnen erzähle: ich nähme gern Aeſop's Buckel dazu! ſicht Das Vollgeläute hob eben an und ſtörte die trauliche ifte Unterhaltung. Auch wünſchte Forſter die Brücke zu ver ſi laſſen, da ihm der Oſtwind zu empfindlich ward. Er klagte, wie ſehr er ſich gerade in der Frühlingszeit vor ſel der geringſten Verkältung hüten müſſe, und wollte mor⸗ in gen oder übermorgen, ſeines Befindens halber, vorſorglich 46 mit dem geheimen Rathe Hoffmann Rückſprache nehmen.(n Huber rieth ihm, den Arzt lieber kommen zu laſſen, als ihn aufzuſuchen, weil ſein Bedienter ſelten Jemand ohne ein anſehnliches Geſchenk vorlaſſe or gehül ihm zu er Fran des gehe redo win anze dyo amzöſiſchn ſer dirtir Freunden ach Wien damit in niſter De der aus unitz al Schlangen e 3 Jd, ſo ürchte,— oftath, — „we nzu! . traulich ke zu vu G gözeit ollte mol vorſorgi e nehm ſl vard. aſſen, and oh 274 Zwiſchen den Wachthäuschen vor der Brücke begegnete ihnen Baron Franz Karl, der eben erſt von Tiſch kam, und über die vielen Arbeiten klagte, dabei aber von der Wichtigkeit der jetzigen Geſchäfte und der neuen Kaiſerwahl ſehr eingenommen ſchien. Forſter ſchlug ihm vor, zur Erholung ihre verabredeten Streifzüge zu beginnen. Als aber der Baron eine unentſchloſſene Miene zeigte, fragte Stadion, was es ſei. Forſter antwortete: Ich habe dem Herrn Baron gerathen, bei dem jetzi— gen Sturmwetter der Zeit und der Zukunft ein wenig in die Tiefe des Volkes zu gehen, wie ein junger Wallfiſch ins Meer. Der Baron hat den ſchönen Vortheil, das Leben umher frühzeitig von der oberſten Spitze zu be— ſchauen; aber die Bewegungen des Lebens, die Entwicke— lungen der Zeit kommen doch aus der Tiefe des Volkes, und ein junger Herr, der ſich zum Staatsmanne bilden will, muß dieſe Quellen koſten, er muß die Strömungen des Volkslebens kennen. Hab' ich nicht Recht? Mit dem Regieren geht's wie mit dem Erziehen: es gilt eigentlich nicht darum, aus Kindern oder Völkern etwas Vorge— faßtes zu machen, ſondern das Vorbeſtimmte werden zu laſſen. Da fällt mir Campe ein, den wir hier auch ein mal einen halben Tag genoſſen haben: auch einer von den Mohren, die man nicht weiß waſchen kann! Liebſter Himmel, muß man nicht erſtaunen, daß es in Deutſchland noch eigentliche Menſchen gibt, wenn ſolche Männer wie Campe, Salzmann, Villaume die Erzieher ſind? Und ſo ſehen auch unſere adeligen Regierungsmänner das Volks⸗ eben an, wie allenfalls der Schneider ein Stück Tuch, auf das er ein papiernes Muſter legt, um ein Kleid her— auszuſchneiden, wie er es eben braucht. Das nennt man dann mit Recht— cavalierement regieren! 4. Stadion ſtimmte ihm lebhaft bei und meinte, es müſſe ſchon der Mühe werth ſein, jetzt zu wiſſen, von welchen Geſinnungen der Mainzer belebt ſei und was man ſich für ſchlimme Fälle von ihm zu verſprechen habe. Aber in Kneipen und unter den Pöbel zu gehen in einer Stadt, in der man gekannt iſt! wendete Franz Karl ein. 3 3 Das wäre ganz in meinem Geſchmack, rief Stadion, wenn ich nur nicht Geiſtlicher wäre. Was haben Sie zu 16 ſcheuen? Sind die Mainzer nicht unterwürfig genug gegen Leute von unſerem Stempel? Und neben Forſter iſt man immer in beſter Geſellſchaft. 3 Auch Frau Forſter redete ihm zu, ſo daß der Baron endlich nachgab, es zu verſuchen. Er und Forſter ſchieden 7 5 daher von den Uebrigen auf dem Platze vor den drei Kro⸗ 3 nen, hüllten ſich in ihre Mäntel und ſchlenderten durch 2 die Marktgaſſe in die ſchmalgewundene Korbengaſſe. For ſter brummte ein Studentenlied, das alſobald auch den Baron, durch Erinnerung an die göttinger Commeree, luſtiger ſtimmte. Ihre Abſicht war, eines der guten Wein⸗ häuſer zu beſuchen, wo man die angeſeheneren Bürger finden konnte. Am Fledergäßchen taumelten ihnen aber einige ſingende Geſellen entgegen, und ſie blieben vor dem altſeltſamen Hauſe„zum Korb“ ſtehen, das etwas zu⸗ rücktretend ein Plätzchen vor ſich einräumt. In der Däm⸗ merung und vom Mondlichte geſtreift nahm ſich der uralte 46 Bau noch wunderbarer aus. Neben einem niederen Bo genthore ſteigt ein ſpitz auslaufender Thurm auf, mit klei⸗ ennt ma es miſ n welch man ſi gehen ete Fran Stadiol en Sie l enug 9i er iſt mal ier ſchiede dri h erten dule ſſe Fo auch dö Commee ten Wil en Bin hnen n vor d ewas der Dil der u deren P mit 273 nen Erkern und einem Mariabilde zut Seite kleiner Fen— ſter geſchmückt. Durch das Thor vernahm man einen dumpfen Geſang, und Forſter zog den jungen Freund mit ſich hinein. Am Ende der gothiſchen Thorhalle ſchied eine Quermauer mit drei niederen Bogen auf Stutzpfeilern ein ſauberes Höſchen das zur Wirthſchaft führte, von dem langen düſteren Gang zum Brauhauſe, woher bei wan— dernden Lichtern das dumpfe Hämmern an die Fäſſer zum wirren Geſange der Gäſte hinter den trüben Fenſtern der Wirthſchaftsſtube den Takt ſchlug. Die Wirthſchaft war lebhaft beſucht. Handwerker und Soldaten vom Hatzfeld'ſchen Regiment gingen ab und zu. Unſere vornehmen Freunde wurden kaum bemerkt. Sie fanden in der entfernteſten Ecke ein halbrundes Tiſchchen an der Wand eingefugt und aufgehakt. Der Wirth ſprang mit tiefen Bücklingen herbei, drehte den Haken, ſo daß der abſinkende Tiſch auf das ſchwebende Bein zu ruhen kam. Forſter bedeutete den Mann, die Bücklinge zu laſſen und gutes Bier zu bringen. Mir ein gut Handkäschen, hübſch durchwachſen! rief ein hagerer Mann mit eingefallenen Backen und einer auf— fallend ſtarken Naſe.— Hernach bitt' ich mir auch noch ein Kümmelchen aus, ſetzte er gegen ſeine Nachbarn hinzu, auf meiner Frauen Geſundheit. „Käschen“,„Kümmelchen“,— Ihr nehmt ja Alles ſo klein mit Euerem langen Leibe, Meiſter Beißgen! be⸗ merkte ein Brigadier von der Leibgarde. Ei was! verſetzte der Mann, Ihr müßt nur wiſſen, Nachbarn, meine Frau iſt mit einem rechtſchaffenen Bu⸗ ben glücklich niedergekommen Juſtement, als es halb Koenig, Clubiſten in Mainz. 1 18 vier auf dem Dom ſchlug, that der Junge ſeinen erſten Schrei. Das bedeutet einen künftigen Chorherrn! rief der Bri⸗ gadier. Wenn der Junge Eure ſchmächtige Geſtalt und breite Naſe gewinnt, kann er auch bei Sanct Gangolph als Löſchhorn dienen. Alles drängte ſich mit Glückwünſchen und Anklappen der Biergläſer an den glücklichen Vater. Es iſt mir lieb, ſagte der Brigadier, daß es ſo ge⸗ kommen iſt, Meiſter. Letzt hieß es, Ihr hättet ein Loch in den Ehecontrakt gemacht. Ein Schurke, wer das ſagt! rief Beißgen, heftig mit dem Bierkrug aufſtoßend. Herr Brigadier Domeiſchel, ich behaupt's noch einmal: ein Schurke! Ich glaub's, erwiderte der Soldat. Ihr ſeid ein bra⸗ ver Schuhmacher, und bleibt bei Euerem Kalbleder. Ue— brigens nenn' ich Euch meinen Gewährsmann: der Mund⸗ koch Lambinet ſagt's Euch nach. Der? rief Beißgen. Der Mundkoch Lambinet, der die großen Töpfe mit Fett aus der Hofküche verkauft? Der ſoll ſtill ſein, der hat Fettflecken in ſeinem Charakter. Sagt ihm das, Herr Brigadier! Sagt's ihm nur! Wißt Ihr was, Beißgen? antwortete der Soldat; wartet bis zum Sonntag, wann er ein ſauberes Hemd an hat: dann ſagt's ihm ſelber. Man foderte Karten vom Wirthe. Beißgen weigerte ſich mitzuſpielen, weil er nach Haus müſſe. Aber es half ihm nichts; er wurde auf den Stuhl gedrückt, und ſollte ſchlechterdings, wie man ihm verſicherte, mit ſeinem bekann⸗ ten Glück einen Theil ſeiner Kindbettkoſten gewinnen. lho Im iſ zmn Nän an wen kut Au G In ten erften det Bri ſtalt und Gangolyh Anklaypen es ſo ge⸗ ein Loch heftig mi iſchtl, ic ein bra⸗ r. Ue er Mund⸗ binet, d verkmt Gharnku 1 wr end an 8 Hernd n weigel ber e h und ſol m bekon imen 275 Es war für unſere beiden Zuſchauer in der Ecke ein ergötzlicher Anblick, die lächerliche Unruhe des hageren Schuhmachers zu ſehen, wie er ſeinen Unmuth an den Tarrokkarten ausließ, und ſich mit der Zunge an den Käſereſtchen in den hohlen Backenzähnen abarbeitete; wobei ſein dünnes Zöpfchen mit grauem Haarbüſchel von einem zum anderen vorragenden Schulterblatt hüpfte. Zuſchauer drängten ſich mit allerlei Neckereien hinzu. Man machte den gequälten Mann in ſeinen Karten irre, zupfte ihn am Zopfe und ſteckte ihm, während er ſich ſcheltend um⸗ wendete, einen ſchon ausgeſpielten Tarrokkönig in die Hand⸗ karten, beſchuldigte ihn darauf des Betrugs, und was der Ausgelaſſenheit mehr war. Dieſes Muthwillens unachtſam, unterhielten ſich am oberen Ende des Tiſches einige Bürger mit einem Frem⸗ den, den ſie mitgebracht hatten. Dieſer lobte das Bier. — Nun ja, war die Antwort, für Mainz iſt es gut genug; denn wir ſind doch hier im rechten Weinlande. Und wißt Ihr, wie wir Mainzer es gern halten? Wenn wir gutes Waſſer haben, laſſen wir das Bier ſtehen und — trinken Wein. Mir geht nichts über ein Glas Bier, meinte der Fremde. Ich komme aus Pfalzbaiern, wo man das beſte hat. Wenn nur die verfluchten Sternbrauer nicht wären! Sternbrauer? fragte man, und der Reiſende ließ ſich darauf bitter über die Gerichts- und Gutsherren mit den Ordensſternen aus, die als kleine Landestyrannen ihren Gewinn von hohen Bierpreiſen zögen.— Ich hatte Zeit mich in München ein wenig umzuſehen, ſagte er. Eine 18* . 3 ½ 1* . 5 13 6. * 5 276 ſaubere Wirthſchaft, was die Mönche und Maitreſſen aus dem Kurfürſten machen; indeß das Land den Miniſtern und Landvögten überlaſſen bleibt. Und der Kurfürſt iſt nicht der einzige Herr dieſer Art. Es iſt ein Jammer, wie's derzeit in Deutſchland ausſieht. Und wo einmal ein gut Fürſtchen ſitzt, hat es ein ſo klein Ländchen unter ſich, daß nur Wenige das ſeltene Glück genießen und der Rei⸗ ſende gleich wieder über die Grenze kömmt Ich höre, daß ihr mit euerem Kurfürſten auch nicht ganz zufrieden ſeid. Doch hat mir mein Vater ſelig immer erzählt, er ſei gar ein frommer Herr geweſen. Geweſen— ja wohl! verſetzte einer der Bürger Aber es hält ſich nichts bei ihm; erſt ging die Fröm— migkeit zum Teufel, nun fliegt das Geld zum Kukuk. Er hat die reichen Klöſter aufgehoben und dafür theuere Lu— theraner an die Univerſität kommen laſſen. Hatten wir etwa keine gelehrten Leute im Land? Und ſind unſere Voreltern nicht ohne die neuen Schulen viel leichter ſelig geworden? Der Baron ſtieß Forſtern lachend mit dem Fuß an. Was hört man denn draußen vom Krieg? fragte hin zutretend der Wirth. Es iſt viel Redens davon, antwortete der Reiſende Aber bei euch in Mainz ſieht's eigen aus: die vielen fran zöſiſchen Flüchtlinge rüſten, als ſollt's morgen losgehen, und doch bleiben eure Feſtungswerke liegen. Je nun, meinte der Wirth,— viel wird auch nicht nöthig ſein: die Franzoſen werden ſich hüten, ihre Köpfe daran zu ſtoßen. Nun, nun! lachte der Fremde Die Jakobiner haben Un ſcht ſſe bekr unſ nk Mein iRer ein treſſen au Miniſtn urfürſt i nJamme einmal ei unter ſih nd der Rii ſ zuftidn etzů hlt er Bürger die ſrin ſufuk 6 theuete A Hatten w. ſind unſt leichtet ſul Fuß a. fragte hin r Reiſtnd virlen ftu n losgeht d auch ihre Ko biner b 277 ziemlich harte Köpfe, und eure Feſtungswerke ſind gar ſchlecht beſchaffen. Ha pah! rief der Wirth. Den Jakobinern iſt die Butter vom Brot gefallen. Der König von Preußen— ſonſt mein Mann nicht!— hat den franzöſiſchen Ge— ſandten, den Herrn von Segur, wie er ſich ſchreibt, ſchön empfangen! Wißt ihr, was er ihm geſagt hat? Ich weiß es nämlich vom Garniſonspfarrer, Herrn Vicar Pauli, und der hat's vom General Hatzfeld, der's unmittelbar vom Kurfürſten ſelbſt gehört hat.„Greifen Sie Oeſtreich nicht an“, hat ihm der König heftig zugerufen,„und laſſen Sie Deutſchland in Frieden, dann will ich Sie nicht bekriegen!“ Iſt das nicht ein Wort? Und gerade ſo wird unſer Kurfürſt den neuangekommenen franzöſiſchen Ge⸗ ſandten anlaſſen. Wir haben einen guten Widerhalt an Darmſtadt, meinte der eine Bürger. Mit dieſem Hofe ſtehen wir in einer Schutz⸗ und Trutz-Convention. Ihr wißt wol, was das iſt? Einer muß dem Anderen unter die Arme grei— ſen, wenn's ihm übel wird. Und wie wir letzten Herbſt die Studentenrevolution hatten, waren ſie auch gleich mit Soldaten aus dem Zwiebelländchen bei der Hand. Und was noch mehr iſt, fiel der Andere ein,— unſer reiche und mächtige Adel wird und muß Mainz halten. Hier ſtieß Forſter den Baron an. Wie ſo denn? fragte der Reiſende; worauf der Bür— ger fortfuhr: Mainz, ſeht Ihr, und unſer ganze Kurſtaat hat teinen eigenen Landadel, ſondern alle hier wohnende 3 5 3½ * 3 6 5 * „ Adeligen ſind Reichsedelleute, ſtehen unter Kaiſer und Reich. O weh! fiel der Fremde ein. Dann beziehen ſie aber auch ihre Einkünfte aus ihren entfernten Stamm⸗ und Lehngütern, und— ihr wißt doch, wie's in der Schrift heißt: Wo mein Schatz iſt, da iſt mein Herz. Was? rief, hart auf den Tiſch klopfend, der Bürger. Ich ſollte Reichsadel ſein, und dem Reich untreu werden? Und wo muß das Reich gehalten werden, als hier? Mainz iſt des Reiches Eckſtein. Und dann, erklärte der Wirth, beziehen doch manche Adelige auch Zinſen und Zehnten aus dem Erzſtifte ſelbſt und ſchöne Hofbeſoldungen von 4000 bis 6000 Gulden; haben hier den glänzenden Hof, bringen ihre zweitgebore⸗ nen Kinder in die guten Präbenden, ſtehen hier mehr als irgendwo in Ehre und Anſehen, und ſo weiter. Die hochadelige Geiſtlichkeit iſt ohnehin an Mainz gebunden. Mainz iſt der Erzſitz! Und ich komme immer wieder auf meinen Satz! ließ jener eifernde Bürger ſich vernehmen. Adel iſt Adel und muß ſich adelig halten! Wenn er Land und Volk in der Noth verläßt, gibt er ſich ſelber auf, und fällt als faule Frucht von ſeinem eigenen Stammbaum. Hab' ich Recht? Sie wurden von einem lebhaften Streit am anderen Ende der Tafel unterbrochen. Beißgen hatte verloren, und wollte fort. Aber der Brigadier verlangte ſeinen Gewinnſt, und ſetzte, in ſeiner barſchen Art zu ſcherzen, dem verle⸗ genen Beißgen mit gezogenem Säbel zu. Beißgen wich rechts und links aus, wobei die Zunge zwiſchen den hoh len Backen und das Zöpfchen zwiſchen den hageren Schul giſet un en ſie abn mm⸗ un det Schrf er Bürge eu welden! r Wain och wanch zſifte ſilh o Gulben weitgebor mehr eier Oi gebunden Sttz ii hl m golk in d au t a ih Mt am ander“ loren, nGenim dem vu eißgen w tern nicht ruhig blieben.— Geld oder ein Pfand! gebot der Soldat. Spielſchulden gelten nicht! Da keiner der Umſtehenden borgen wollte, ſo durch ſuchte der geängſtigte Mann alle Taſchen nach Pfändern; brachte aus der Weſtentaſche eine alte Schnupftabaksdoſe, aus der Rocktaſche ein vergriffenes Gebetbüchlein mit ein— gelegter Brille nebſt einem Roſenkranz mit zinnernem Agnus dei, aus der einen Hoſentaſche einen zerhackten Feuerſtahl, aus der anderen ein lahmes Taſchenmeſſer, was er nach und nach auf dem Tiſche zuſammenlegte. Aber kaum war er fertig: ſo ſtrich der Soldat Alles als werth los mit der Säbelklinge auf den Boden. Erſt hüpfte bei dieſem Anblick Beißgen wüthend empor, dann bückte er ſich eben ſo raſch, um Alles zuſammenzuleſen. Darüber ſchoß ihm, wie es ſchien, ein rettender Gedanke in den Kopf. Er richtete ſich langſam auf, ſtellte ſich hochge ſtreckt vor den Soldaten hin, ſtemmte die Linke in die Seite, während er mit der Rechten das vorgefallene Zöpf chen von der Schulter zurückſchlug, und fragte mit wich⸗ tiger Miene: Wie ſchreibt Ihr Euch, Herr Brigadier Domeiſchel, mit Euerem werthen Vornamen? Nun, das gefällt mir! lachte der Soldat, indem er den Säbel einſteckte. Jetzt macht er den Thor⸗Eraminator. Gut! Laßt ſehen! Ich heiße Damian. Damian? rief Beißgen freudig aus. Das iſt ein gravitäti⸗ ſcher Name und ein ſeltener Name. Das hat Gott gefügt! Ich habe mir längſt einen Damian in der Familie gewünſcht. Und indem er raſch ſeinen dreieckigen Schlapphut er— griff und ſich verneigte, fuhr er fort: ———-— 280 Ich bitt' Euch zu Gevatter, Herr Damian Domeiſchel, Brigadier unter Seiner Erxcellenz Freiherrn von Pfirdt, Kapitain en Chef der Leibgarde. Morgen Mittag um zwei wollen wir den kleinen Heidenjungen taufen, und Gott geb's durch Fürbitte des heiligen Damian, daß er ſo chriſt⸗ lich ausfalle, wie ſein Herr Pathe, und einen ſo recht⸗ ſchaffenen ſchwarzen Schnurrbart bekomme! Ein Gelächter brach über den Brigadier aus. Alles rief dem Meiſter Beißgen Beifall zu.— Der Beißgen, hieß es, hat ſich meiſterlich herausgebiſſen!— Nun geht die Spielſchuld am Pathenpfennig ab! Und das iſt der Witz davon! Der Brigadier ſtrich halb lächelnd halb ärgerlich ſeinen Bart, wodurch er ein neues Gelächter auf ſich zog. Was iſt das für ein hölzern Gelächter, brummte er, was iſt das für ein dreibeinig Geſchwätz! Während er dabei ſein volles Glas in Verlegenheit hinabtrank, ſang hinter'm Ofen ein derber Schiffer den Vers: Und dem bezahlten Mainzer auch, Der ohne Hut und ohne Herz Saß hinter einem Dornenſtrauch, Beweinend ſeinen Schmerz. Was ſoll das? elender Hund! brach jetzt der Briga⸗ dier aus, und ging auf den Schiffer los. Dieſer, ge⸗ laſſen ſeine irdene Pfeife ausklopfend, verſetzte: Ihr laßt mich nicht ausſingen. Dieſem Mainzer, von dem ich ſang, war nach der Schlacht bei Roßbach die Nacht willkommen, wie der ganzen Reichsarmee. Es iſt ein hübſch Lied vom alten Gleim, und war ſchon gedruckt, eh' unſere Mainzer im lütticher Land wieder ſo tapfer omeiſhe n Pfirdt um zwei und Got ſo chrift ſo recht 6. Alles Beißgen Nun geht as iſt der lich ſeinen Mas o W uns ij dabei ſein hinterm 281 geweſen ſind. Ein Hund iſt aber der, der gebellt hat. Hallunke! ſchrie der Soldat und zog den Säbel. Doch der Schiffer haſchte behend und mit Kraft den gehobenen Arm des Soldaten; der Wirth ſprang hinzu, ein Hand⸗ gemenge knaulte ſich zuſammen, neben welchem unſere bei⸗ den Freunde lachend die Stube verließen. Zweites Kapitel. Wir waren eben in eines der geringeren Häuſer gera— then, bemerkte Forſter auf dem Heimwege. In einem Weinhauſe hätten wir die beſſere Bürgerklaſſe gefunden. Ei, wir gehen doch nicht ohne Spaß aus, lachte Ba⸗ ron Franz Karl, und das iſt auch etwas werth hinter den Geſchäften und dem Kanzleiſtyle her. Ich ſehe wirklich ein, daß eine Bierkneipe nicht gar unpaſſend hinter einem Staatskabinet liegt. Wenigſtens hat mich in ſolchem Dunſt— kreiſe der richtige Blick des Mannes gefreut, der den ſicherſten Halt unſerer Stadt Mainz vom Adel erwartet. In dieſen Worten war Verſtand, oder beſſer geſagt— höherer Sinn, und ſie ſtimmen zu meinem innerſten Ge⸗ fühle. Bei Gott! dieſen Stolz erwarte ich von den edel— ſten Geſchlechtern des Reiches, daß ſie nicht davonlaufen, wie die elenden Emigrirten, daß ſie dieſe Revolution, wenn ſie bis nach Deutſchland zünden ſollte, beſtehen, wie der Phönir die Flammen. Forſter drückte dem jungen Freunde die Hand.— Dieſe Erwartung von Ihren Standesgenoſſen, ſagte er, das Bild das Sie eben brauchten, findet ſeine Anwendung auf unſere Zeit überhaupt. Mit jedem Tage wird die Anſicht klarer in meiner Seele, daß ohne Revolution keine Rettung mehr vor jener immer gewaltiger um ſich grei⸗ fenden Selbſtſucht zu hoffen war. Die vervielfältigten Be⸗ dürfniſſe der Sinne und der Eitelkeit verſchlingen die ganze phyſiſche und moraliſche Thatkraft des Menſchen, und laſ— ſen der edeln Eigenliebe, die ſich in Anderen ſucht und erkennt, keinen Raum. Wo fände man Gedankengröße, Schwung der Gefühle, begeiſterten Schönheitsſinn? Wo Selbſtverläugnung, Aufopferung, Unabhängigkeit des Gei⸗ ſtes? Mit Haben, Gewinnen, Beſitzen, Genießen ſchließt der Ideenkreis eine Kette um den Menſchen, die ihn an Staub und Erde feſſelt. Prächtiger Mann! rief Franz Karl, ſeinen Mantel auseinander ſchlagend, um Forſter zu umarmen. Wenn wir aus den Kneipen ſolchen hohen Flug nehmen: ſo wol⸗ len wir ihnen ja nicht aus dem Wege gehen. Sie ſtanden vor des Barons Wohnung auf dem Thier⸗ markte. Forſter verſprach dem jungen Freund eine beſſere Ausbeute von der Leſegeſellſchaft, und erbot ſich, ihn dort einzuführen. Dies aber lehnte Franz Karl entſchieden ab. — Der Kurfürſt fängt an aufmerkſam auf jene täglichen Zuſammenkünfte aufgeregter Gelehrten und unzufriedener Beamten zu werden, ſagte er. Albini hat ihn bisher noch beſchwichtigt; allein die Zeitungen, Broſchüren und Briefe, tehen, wi Hand.— ſagte er lnwendun wird die ution kein ſich gri⸗ ligten Be⸗ die gant und bſ nſucht und nkengröße im? Vo it des Gi ßen ſhlußt die ihn 0 n Mun n Wenn ſo wol dem Thir⸗ eine heſſ ihn don tieden e tigihn zuftieten⸗ tihr w nd Bui 283 die der Director der Geſellſchaft zur Einſicht an das Ka binet abliefert, haben jetzt den Kurfürſten höchſt aufge⸗ bracht. Auch erhält er, ich kann nur nicht herausbringen durch wen— geheime Mittheilung über Alles, was dort vorgeht und geſprochen wird. Es ſind ſtrengere Maßregeln gegen die Leſegeſellſchaft im Werke. Wie würde der Fürſt es aufnehmen, wenn ich ſelbſt jene revolutionaire Atmo— ſphäre beſuchte? Nicht zu rechnen, daß ich mir bei meiner dienſtlichen Stellung das Mißtrauen der Geſellſchaftsmit⸗ glieder zuzöge. Forſter mußte dem Baron dieſer Vorſicht halber Recht geben; aber deſſen vertrauliche Mittheilung machte ihn ganz betroffen. Ueber die Straße nach ſeiner Wohnung ereiferte er ſich in Gedanken. Das Unrecht empörte ihn, daß der Vorſtand, aus was immer für einem Antrieb, das Eigen⸗ thum aller Theilnehmer an der Leſeanſtalt mißbrauchte, um die Seele der Geſellſchaft zu verrathen. Er nahm ſich vor, gleich morgen die Mitglieder davon in Kenntniß zu ſetzen, wenn es auch eine Brandfackel ſei, die er in dieſe leicht entzündlichen Gemüther werfe. Von der großen Unruhe, die jetzt im Kabinet und in der Stadt herrſchte, blieb natürlich die Gräfin Coudenhove nicht unberührt. Sie hatte ja nicht blos ein vertrauliches Verhältniß zum Fürſten, ſondern auch eine Stellung am Hofe, wo nach wenigen Monaten ſo hoher und zahlreicher Beſuch zu erwarten ſtand. Dieſe Erwartung, die der alte Herr ſich auch ohne beſtimmte Zuſage der deutſchen Höfe machte, ſetzte ihn ſchon in die vergnügteſte Stimmung. Er ſah dem Beſuch als einem Triumphe ſeiner Politik, als einer huldigenden Anerkennung ſeines europäiſchen Ein⸗ — 15 6 2 fluſſes entgegen. Dieſe hohen und höchſten Potentaten, dieſe erſten Miniſter der Könige bildeten einen Ehrenkranz um das Haupt des weiſen Neſtor in der Politik. So rechnete Friedrich Karl es ſich aus, und mußte Jemanden haben, gegen den er ſich mit dieſem geheimen Stolze be⸗ haglich auslaſſen konnte. Das war die Gräfin Couden⸗ hove, die vertraute Freundin, die ihn auch in ſeinen an⸗ deren Schwächen kannte, und mit der er ſeit manchen Jah⸗ ren alles Heimliche verhandelt hatte. So fand ſich denn die eitle Dame plötzlich wieder in das alte, volle Ver— trauen eingeſetzt. Es war ſchon durch jene zärtliche Scene in der Hofkapelle angeknüpft worden, als die Gräfin nach dem Kabinetsverrathe an den öſtreichiſchen Geſandten den rechten Augenblick benutzte, ihrem fürſtlichen Freunde mit Thränen und Vorwürfen zu begegnen. Jetzt nahm ſie wieder täglich an ſeinen Erholungsſtunden Theil; ſie hörte von Allem und ſprach in Alles mit. Der hohe Freund, unruhig und aufgeregt, hatte auch wieder das Bedürfniß kleiner Abende im alten Geſchmack, wofür die Gräfin ſorgte. Es blieb aber nicht bei dieſer freundſchaftlichen Theil⸗ nahme. Die geſchäftige Frau, die bei keiner Gelegenheit ihren eigenen Vortheil und das Beſte ihrer Angehörigen aus dem Auge verlor, berechnete die nächſte Zukunft. Eine Zeit bedeutenden Aufwandes ſtand bevor. Die Kaiſer⸗ krönung, die Feſte zum Empfang der Monarchen, zur Bewirthung all' der hohen Gäſte ſetzten das gegen den Kurfürſten immer ſo zähe Kapitel in die Nothwendigkeit, den Umſtänden nachzugeben, und die Mittel zur Beſtrei⸗ tung dieſer Ausgaben zu bewilligen. Alle Günſtlinge des otentaten hrenktanz tik. So Jmanden tolze be⸗ Corden⸗ einen an⸗ chen Jih ſich denn le Ver he Seene rifin nach dten den unde mit nahm ſi ſie hörte Freund, Bedürftiß e Grifn n Cheil⸗ degꝛnheit nft Eine e Kiſ⸗ hen, zlr gen dn endigkei, linge d Fürſten, die ſeit einiger Zeit welk zu werden anfingen, erfriſchten ſich an dieſem guten Winde, der einer neuen Flut der Kaſſen vorausging. So ſuchte jetzt auch der Herr von Montleveau durch den Einfluß ſeiner Freundin eine bleibende Penſion des Kurfürſten zu erhalten. Die Gräfin verſprach ihm das Beſte, war aber für ſich entſchloſſen, den hübſchen, ge— fülligen und etwas beſchränkten Freund lieber durch ihre unmittelbare Unterſtützung in Abhängigkeit von ſich zu halten. Sie hatte andere Sorgen, und dachte vor Allem an ihre vermögenloſen Nichten, beſonders an Joſephine, die einer glänzenden Ausſteuer bedurfte, wenn es der Grä— fin gelingen würde, ſie an Baron Franz Karl zu ver⸗ heirathen. Der junge Freund, deſſen ausgezeichnete Perſönlichkeit und verſprechende Zukunft bei der Gräfin in Anſchlag kam, hatte den Winter über ihr Haus fleißig beſucht, und ſich mit Joſephinen lebhaft beſchäftigt, ohne daß es bis jetzt zu einer Erklärung kommen wollte. Die Gräfin bemerkte ungern, daß mit dem zunehmenden Umgang die Vertrau⸗ lichkeit nicht zunahm. Sie unterließ, ohne es merken zu laſſen, nichts, was die ihr ſo erwünſchte Annäherung be— günſtigen konnte, und da ihre eigenen Empfindungen und Erfahrungen in der Liebe zu keiner Zeit ſehr ſchwärmeri⸗ ſcher Art geweſen waren: ſo hatte ſie es dem Paare nicht an Stündchen traulichen Alleinſeins fehlen laſſen; indem ſie auf die Gefühle der Jugend und die Verlockung der Gelegenheit rechnete Aber gerade hiermit verfehlte ſie es Denn die glänzende Liebenswürdigkeit Joſephinens,— dieſe anmuthige Geſtalt, dieſe bezaubernden Augen, die bizarren 286 Launen, reizenden Einfälle, kurz, die ganze Fruchtbarkeit leh des Salons grenzte an eine große Einöde des Gemüths. u Dieſe Wüſte verſchlang alle Eroberungen, die der Geſell— uß ſchaftsſaal gemacht hatte. Hier überließ ſich Franz Karl n mit Sinn und Geiſte dem Zauber Joſephinens, und er⸗ 1 fuhr vor allen Männern, die ihr huldigten, eine feine und n feſſelnde Auszeichnung. Dagegen hoffte er, die reizende n Herrſcherin werde in den vertrauten Stunden ihr Scepter be bei Seite legen, und ſich ſeinem Herzen und ſeinem ern— ge ſten Geiſte anſchmiegen. Doch dazu hatte die Comteſſe aus der Geſellſchaft nichts übrig behalten. Ihr Brillant⸗ i 33 feuer wollte nicht wärmen. Sie erſtaunte, daß ſie nicht Nr auch hier mit demſelben Zauber herrſchen ſollte, und ihm hn war es ſchmerzlich, daß dieſe Macht nicht bis in die Tie⸗ hr fen ſeiner Seele reichte. So lange er witzig blieb, zogen in 6½ ſie einander an; ſobald er ſentimental ward, fühlte er ſich ſ 5 fallen gelaſſen. Ja, wenn er ſelbſt einmal in aufgeregter wi Stimmung einen artigen, zärtlichen Ton anſchlug, fand Di er an ihrem kalten und ſpröden Weſen keinen Wider⸗ n klang. m Die Gräfin erfuhr durch launige Mittheilungen Joſe uc phinens dieſe wechſelnden Stimmungen des Barons, die ji ihr unbegreiflich waren, ohne für ihre Abſichten bedenklich zu ſcheinen. Der heitere Sinn und anmuthige Reiz des in Mädchens hatten in ihren Augen mehr Recht, als des Barons Schwärmereien oder Sonderbarkeiten, wie ſie es nannte. Sie belachte Joſephinens Scherze, wenn dieſe * ihren„ſoliden Amanten“ zum Beſten gab; ſtatt ihr 2 begreiflich zu machen, wotan es ihr fehle, um ihn zu bl feſſeln. Doch machten ſich Beide keine Sorgen⸗ Joſephine 7 —————— uchtbarkei Gemüths er Geſill tanz Karl und er⸗ feine und e reizende Steter inem ern⸗ Comteſſe Brillant⸗ ſie nicht und ihn ndie Tie ieb, 309el ihlte er ſch aufgeregte lug, fand en Viden gen Iyſe die wons, bedenit Niß d wie ſie venn diſt ſtatt iht m ihn goſephi 287 lebte ihres heiteren Vertrauens weiter, und die Gräfin trug ſich mit ihren eigenen Berechnungen. Da ſie wufßte, daß ihre Nichte den Baron liebte, das hieß, den anderen jungen Männern vorzog, und ſah, wie der Baron ſelbſt in der Geſellſchaft nur von Joſephinen und für ſie ein— genommen war: ſo ſetzte ſie ihre lächelnde Hoffnung auf einen Anſtoß von außen, der die kleinen Mißverſtändniſſe überwinden ſollte, die— wie ſie meinte— in einer ein— zigen feurigen Umarmung hinweglodern müßten. Nun ſchien ihr die Zeit gekommen, dieſen Anſtoß her⸗ beizuführen. Sie hatte den Kurfürſten ſchon öfter von der Leidenſchaft des jungen Paares unterhalten, und wollte ihm jetzt in einer günſtigen Stunde erklären, daß Beide ihres Herzens und ihrer Zukunft einig ſeien, und es nur einer paſſenden Anſtellung Franz Karl's und einer an⸗ ſtändigen Ausſteuer ihrer Nichte bedürfe, um das liebens⸗ würdigſte Paar in Mainz auch zum glücklichſten zu machen. Dieſes Glück wollte ſie in des Kurfürſten Hand legen, und die Gewährung deſſelben ſollte eben der Anſtoß für den Baron werden, ſich endlich zu erklären. Denn ſie be⸗ rechnete, daß Franz Karl eine auszeichnende Gnade ſeines Fürſten nicht ablehnen, und doch auch nur in dem Sinn annehmen könne, in welchem ſie verliehen werde,— zu ſeiner Verbindung nämlich mit Joſephinen von Couden hove. Wie freute ſich die Gräfin dieſer glücklichen Eingebung! Es verſtand ſich von ſelbſt, daß ein ſolches Netz mit aller Bedachtſamkeit angelegt werde, und daß es unbemerkt bleiben müſſe. Die intrigante Frau war eitel, wie alle Frauen dieſer Art: aber ſie konnte dabei verſteckter und —— — 288 verſchwiegener bleiben, wie manche anper War ihr doch früher dies und jenes Plänchen durch zu frühen Triumph vereitelt worden! Und wie oft wurde ſie auch jetzt noch von dem Pater überliſtet! Dabei wußte ſie, daß auch dem feinſten Verſtande die Gunſt der Unſtände nicht feh— len dürfe. So war ja auch die Note des öſtreichiſchen Geſandten zur rechten Zeit erſchienen, und hatte ſie in den Stand geſetzt, die Verbindung Garzweiler's mit Franz Karl ſchnell zu löſen, und ſich an dem liſtigen Pater Beichtvater zu rächen. Jetzt war der junge Mann in ihren Händen, und ſie begegnete dem Pater mit der aus gezeichnetſten Artigkeit, um ihn über ihre Abſichten zu täuſchen Drittes Kapitel. Franz Karl fand jetzt öfter im Geſellſchaftszimmer der Gräfin den Admiral, um Agnes bemüht, und den jun gen Domieellar von Venningen, der ſich Joſephinen wid⸗ mete. Dem Admiral war es bald gelungen, Agneſens Widerwillen gegen ihn zu beſiegen; indem er in ſeiner Aufmerkſamkeit für ſie nicht ermüdete und ihren Geiſt, ihr Urtheil und mannichfaches Wiſſen laut und mit Hul⸗ digung pries. Ziemlich kalt und abgeſchloſſen gegen An⸗ dere, und lieber mit Männern als mit Freundinnen im Verkehr, war Comteſſe Agnes niemals unempfänglich für Aufm ſe be ter u ten E Ausſ nüth gen unter el vo gen] myſte füt Wei Joſe Mir an t Frau mitt licht wehr ſillſch 2 dem und innt hung ſowi Vel Kot ihr doch Lriumph etzt noch aß auch eichiſchen e ſie in ſit Franz n Pater Nann in e as chten zu mer der den jun nen wid⸗ Ahnſen in ſtine n Geiſt nit Hu gen An men lich fi Aufmerkſamkelln dieſer Art. Ja, es war offenbar, daß ſie bei ſolcher Geltung heiterer, theilnehmender, ja mun— ter und muthwillig werden konnte.— In dieſer vergnüg— ten Stimmung fand ſie ſchon des Admirals Stimme und Ausſprache nicht mehr ſo unangenehm, rühmte ſeine Ge— müthlichkeit, und ſchloß ſich ihm an, ja kam ihm entge— gen. Der Admiral war ein artiger Mann, der gern unter Damen ſaß, und immer eine haben mußte, mit der er von ſich, von ſeinen Angelegenheiten und Empfindun⸗ gen plaudern konnte, was er nach und nach zu einem myſteriöſen Verhältniß zu ſteigern wußte. Dergleichen hat für Frauen viel Anziehendes, und Agnes war in ihrer Weiſe nicht weniger kokett als ihre Schweſter. Wenn Joſephine mit ihren äußeren Vorzügen gern den meiſten Männern gefallen wollte; ſo ſchmiegte ſich Agnes lieber an den Einen, der ihre inneren Gaben vor Männern und Frauen am lauteſten anerkannte. Jene ſtrahlte gern un⸗ mittelbar, dieſe durch eine Spiegelleuchte in die Geſellſchaft. Dagegen war Joſephine behutſamer in ihrem Benehmen, als Agnes, die bei etwas entſchiedenem Weſen ſich auch leicht über die Formen hinausſetzte, die einmal zur Ab⸗ wehr falſcher Urtheile über zarte Verhältniſſe in der Ge— ſellſchaft gelten müſſen. Am meiſten erlaubte ſich noch Comteſſe Joſephine mit dem Domicellar von Venningen. Er war unterhaltend und etwas boshaftwitzig, wie Verwachſene öfter ſind. Er kannte und trieb weibliche Arbeiten, beſonders das Sticken. Junge Damen gingen leicht gegen ihn heraus, weil nicht ſowol ſein geiſtlicher Stand, als ſein Aeußeres vor dem Verdacht einer Zuneigung ſchützte; wogegen ſie vor ſeiner Koenig, Clubiſten in Mainz. 1. 19 290 täppiſchen Hand und etwas unreinen Zunge nicht immer geſchützt waren. Eben ſaß er in einer Fenſterniſche vor Joſephinen, ihr Schooshündchen Amor auf ſeinen Knien, und mit ausge⸗ breiteten Armen Garn haltend, das ſie abwickelte, als Franz Karl eintrat.— Sie kommen à propos, Herr Ba ron! rief der Admiral, der neben Agnes, in franzöſiſchen Büchern blätternd, ſaß. Eben ward Herr von Vennin gen auf Ihre Koſten belobt. Sie errathen wol, daß er ſogar doppeltes Lob empfangen mußte, wie Sie ihn eben doppelt dienſtbar vor ſeiner Angebeteten erblicken. Nun, iſt es etwa nicht wahr? rief Joſephine. Sie, Herr Baron, mögen weder meinen Amor leiden, noch halten Sie mir Garn. Was das Garnhalten betrifft, erwiderte Franz Karl, ſo gönne ich das dem Herrn Domicellar als gute Vor⸗ übung zum Dienſte des Altars, wozu ich keinen Beruf habe. Wie oft wird er nicht mit ſo geöffneten Armen beten und Dominus vobiscum ſingen müſſen! Joſephine belachte und belobte den Gedanken in ihrer lebhaften Weiſe; wie ſie an Venningen überhaupt gern eine kleine Bosheit übte. Nein, nein! rief der Domicellar. Ihr habt die rechte Erkenntniß nicht. Ich ſtelle oder ſitze vielmehr ein Sinn⸗ bild des Cölibats vor: ſehnſüchtig öffne ich meine Arme nach einem reizenden weiblichen Weſen; aber dieſe Arme ſind gefeſſelt, wie Sie ſehen, ſonſt würden ſie— Schweigen Sie! fiel Joſephine ein, ſonſt gebe ich Ihnen auch noch das Knaul in den Mund Thun Sie das,— thun Sie das, mein gnädigſtes Frit erſt Den ieh wick cr Ioſe geſe immer n, ihr ausgr⸗ e, als Ba öſiſchen ennin daß er te ihn noch Karl Vor Brruf Arnen nihrer tgern rechte Einn⸗ Anne Ame Ihnen idigſ⸗ Fräulein! lachte der Admiral. Dann iſt der Venningen erſt recht ein vollſtändiges Sinnbild ſeiner Dienſtbarkeit. Denn er iſt doch nur die Unterlage, auf der Sie, meine Liebenswürdige, die Fäden Ihres Geiſtes und Witzes auf— wickeln. Sie kommen jetzt immer auf den Cölibat, bemerkte Joſephine. Ich glaube, Sie bewerben ſich um den aus geſetzten Preis? Um welchen Preis? fragte er. Nun, den der Kurfürſt durch die theologiſche Facultät für die beſte Abhandlung über die Vorzüge des eheloſen Standes der Geiſtlichen hat ausſchreiben laſſen. Aber leider! dürfen keine Schreibfehler in der Abhandlung ſein, Herr von Venningen! Etwas beleidigt von dieſem letzten Stichelwort, erwi— derte der Domicellar: Sie wiſſen, Comteſſe, was man hat, ſchätzt man nicht hoch. Ich denke, die Bewerbung um den Preis wird ſo lange offen bleiben, bis Sie geheirathet haben. Und dann ſoll ich ſchreiben? fragte Joſephine. Nein,— Ihr Mann! Sie werden im erſten halben Jahr ihm das Leben ſo ſauer gemacht haben, daß er die gehörige Begeiſterung für die Vorzüge des Cölibats be ſitzen wird. Joſephine ſchalt ſeine Unart, und der Admiral rief: Aber, Herr Baron von Wallbrun, was ſagen Sie zum zweiten Gegenſtande, zum Schooshund, zum Amorchen? Den nimmt Herr von Venningen ſo freundlich auf die Knie, erwiderte Franz Karl, um zu zeigen, wie ruhig 19* 292 ſein geiſtliches Herz ſchlägt. Sehen Sie nur, Amor iſt auf ſeinem Schoos eingeſchlafen! Raſch und unvermerkt kneipte Venningen den Hund in den Schweif, daß er heulend aufſprang, und Zuflucht auf dem Schooſe ſeiner Gebieterin ſuchte, die ſcheltend den Liebling aufnahm und ſtreichelte. Das war aber doch ein echt thieriſcher Laut! rief Agnes lachend. Vorhin behauptete nämlich meine Schweſter, ihr Amor habe Menſchenverſtand. Was ſagen Sie, Herr von Wallbrun? Den hat er auch! fiel der Domicellar ein. Warum hat der gute Amor eben geheult? Weil er durch ſeinen Schlaf meinem Herzen Unrecht gethan haben ſollte. Und nun ſehen Sie, wie geſcheit das Luderchen ſeine ſchwarze Naſe an Joſephinens rothe Lippen drückt! Wer möchte nicht ſo eine kalte Naſe haben, um ſie zu wärmen? Und, meine gnädigſte Agnes, tadelten Sie vorhin nicht ſelbſt, daß er jeden Morgen aus ſeinem Schlafkorbe zu ſeiner Herrin unter die Decke ſchlüpfen darf? Iſt das nicht Menſchenverſtand? Wär' ich ſo geſcheit! Gewiß! Sie verwöhnt ihn über alle Maßen, erwi— derte Agnes. So trieb ſich das Geſpräch noch eine Weile um den Hund, und Joſephine behauptete allen Ernſtes, er werde ſich noch einmal in einen Menſchen verwandeln. Aber in was für einen? hieß es, und man räthſelte Franz Karl meinte, der Köter zeige doch bis jetzt die lebhafteſte Sym⸗ pathie für Herrn von Venningen, ſo daß er ſich gewiß in einen Domicellar, wenn nicht lieber gleich in einen Kapitular verwandeln werde. natu or iſt und in ht auſ dden Agnes r, ihr Herr arum ſeinen Und hwarze möchte Und, ſelbſt, ſeinel nit erwl m den werde ber in Karl Sym⸗ gewiß einen 293 Das hoffe ich! verſetzte Joſephine; ſo wird er ſeiner natürlichen Liebenswürdigkeit am treuſten bleiben. Dieſe letzteren Scherze ſchienen Agnes auf einen lau⸗ nigen Gedanken gebracht zu haben. Denn als die Grä⸗ fin, ihre Tante, eben von Hofe kam, und der Admiral ſie begrüßte, erhob ſie ſich, und knüpfte mit Franz Karl an. Die Gräfin erzählte unter anderen Hofneuigkeiten, wie ungehalten noch immer der Kurfürſt darüber ſei, daß man ihm von Seite Frankreichs einen Erzjakobiner geſchickt habe, und daß er ſich noch immer nicht entſchließen könne, ihn zu empfangen. Der Admiral hielt es für bedenklich, daß man den Geſandten ſo behandle, und die Franzoſen reize. Im Verfolg dieſer Unterhaltung nahm Agnes den Baron bei Seite, und eröffnete ihm ihr Anliegen.— Sie wiſſen doch, daß den 19. dieſes Monats Joſephinens Namenstag iſt, ſagte ſie. Zu den ſchönen Geſchenken, die ſie erhält, wollen wir einen Spaß ausführen, wozu Sie mir behülflich ſein müſſen. Der Hund Amor, habe ich mir eben ausgedacht, müßte an jenem Morgen ſeine Ver— wandlung beſtanden haben. Ich beſorgte voraus eine große Puppe mit dem Anzuge eines Domicellars in weltlicher Hoftracht. Die hohe Schulter und vorgeſchobene Bruſt würden ſchon den rechten Mann kenntlich machen. Ich entfernte an jenem Morgen heimlich den Hund und legte den Domicellar von Lappen in den Korb. Wenn dann meine Schweſter erwacht, und wie gewöhnlich, aber ver— gebens, den Amor ruft, ſo erblickt ſie im Korbe die Ver⸗ wandlung, die ſich jedoch durch einige artige Verſe erklä⸗ ren müßte. Und dieſe Verſe ſollen Sie mir liefern, Baron! ———— — — —— 294 Franz Karl lachte, fand den Gedanken charmant, wollte aber die Verſe ablehnen. Doch gerade um dieſe war es der Comteſſe zu thun. Sie dachte, dem ſtummen Lieb— haber wo möglich einen Anlaß zu geben, ſich halb ver⸗ ſteckt auszuſprechen. Daher beſtand ſie auf ihrem Wunſche. Sie deutete ihm an, daß er mit dieſen Verſen dem Scherze eine beliebige Wendung geben, und Manches andeuten könnte, was er vielleicht für oder wider Joſephinen auf dem Herzen habe. Franz Karl verſtand den Wink, und verſprach das Seinige zu thun, ſo gut er es vermöchte. Sie haben die ſchönſte Gelegenheit artig zu ſein, flü⸗ ſterte Agnes. Sorgen Sie nur, daß ich die Verſe zur rechten Zeit habe. Franz Karl nickte lächelnd Viertes Kapitel. Die verlockende Zuſage beunruhigte den jungen Baron nicht ſehr. Er vergaß ihrer leicht. Andere Gedanken traten hervor. Die Kaiſerkrönung, die erſt ſeine Feder beſchäftigte, ſetzte bald auch ſeine Phantaſie in Schwung, und regte manchen ſtillen Wunſch an.— So gingen ein paar Tage hin, und als im kurfürſtlichen Kabinet der Drang der Arbeiten ein wenig abgefloſſen war, erwartete ihn ein Privatgeſchäft des bishe Eigen durfte Grifi wähn wand die 2 Paro dener ſowi unbe theil ſtück erfod Zu geüb theil Eras ſchlag enen entfe ihn Jar 295 wollte Die Baronin, ſeine Mutter, mit dem Heirathsproject ar es der Gräfin Coudenhove einverſtanden, drang mit Anbruche Lieb⸗ des Frühjahres darauf, die rheingauer Beſitzung, die ſie vet⸗ bisher verwaltet hatte, an den Sohn abzutreten, deſſen nſche Eigenthum ſie war. Bei der Unentſchloſſenheit Franz Karl's chetze durfte ſie jedoch, nach dem ausdrücklichen Wunſche der deuten Gräfin, der Angelegenheit ſeiner Verheirathung nicht er⸗ nauf wähnen, und nahm daher das Geſchäft ſelbſt zum Vor⸗ wande, das zu ſeinem Abſchluß gerichtliche Formen und das die Zuſtimmung des eigentlichen Beſitzers erfodere. Die Baronin hatte nämlich letzten Herbſt den Ankauf verſchie— flü⸗ dener Grundſtücke zur Erweiterung des ſchönen Beſitzthums, ſowie zu deſſen Abrundung den Verkauf und Umtauſch unbequem gelegener Grundſtücke eingeleitet. Eine Ver⸗ theilung und Ausgleichung der auf den verſchiedenen Grund⸗ ſtücken haftenden Zinſen, Zehnten, Beete u. dgl. war jetzt erfoderlich, um die Sache dann gerichtlich zu beendigen. Zu dieſer Vertheilungsarbeit hatte ſie ſich lange nach einem geübten und erfahrenen Manne umgeſehen, der ihren Vor— theil zu wahren verſtände. Franz Karl dachte gleich an Erasmus Lennig: aber es ward ihm ſchwer, ihn vorzu— ſchlagen. Er ſcheute ſich, in ſo nahe Berührung mit einem Manne zu kommen, von dem er ſich auf eine Weiſe ſe zur — Parb —. entfernt hatte, die er oft genug bereute. Oder ſollte er gin ihn fremd behandeln, und vergangener ſchöner Stunden gar nicht gedenken? Da erwachte wieder mit aller Leben⸗ mn digkeit das Bild der lieben Fides in ſeinem Herzen, kus .„ bisher mit ſo viel anderen, wie ihm ſchien,— ſo nich— 8 tigen Dingen erfüllt geweſen war. Jener Abend ſtand . zauberduftig vor ihm, als er Fides in ihrem jungfräuli— 296 * 1 chen Stübchen überraſchte. Sein Fuß hatte, jedem frem 1 6 den Manne voraus, zuerſt dies Heiligthum betreten, und 3 als er es damals verlaſſen, war ihm zu Muthe geweſen, als ob er mit jenem flüchtigen Kuß auf ihre Stirne einen ewigen Bund beſiegelt hätte. Und er hatte Fides die lange Zeit des Winters nicht geſehen; ſie war, wie er bald nach jenem Zank wegen der Granaten gehört hatte, — —— gar nicht in Mainz. Wo war ſie, und warum war ſie fort? Dieſe Fragen und Erinnerungen beſiegten endlich ſeine 1 Verlegenheit oder ſeinen falſchen Stolz: er nannte ſeiner Mutter den Gefälleverweſer Lennig, den ſie von ihrem ſeligen Manne her kannte. Sie ließ ihn rufen, und Erasmus ſich bereitwillig finden; worauf dann die Vor arbeiten nach vorliegenden Riſſen und Regiſterauszügen auf Franz Karl's Zimmer ſo weit gebracht wurden, daß „ man das Geſchäft an Ort und Stelle in wenig Tagen . beendigen konnte. 3 Vor ſeiner Abreiſe nach Hattenheim beſuchte Franz Karl noch einmal den Forſter'ſchen Abend. Er traf von den gewöhnlichen Hausfreunden nur Stadion und Söm mering an. Huber wurde, wie Frau Thereſe beklagte, von ſeinem Geſandten zurückgehalten. Forſter gab ſich p etwas leidend. Er beſchwerte ſich über ſeinen Arzt, der auf wiederholte Einladung noch nicht gekommen war. Warum haſt du auch dieſen vornehmen Mann? ſagte Frau Thereſe. Mein Doctor Wedekind iſt voller Sorgfalt und Aufmerkſamkeit. Ich lernte den Geheimerath beim Kurfürſten kennen als ich nach meiner erſten Ankunft in Mainz noch allein ahen Wiſſen 62 elbſt Kal ftem n, und eweſen, e einen die wie er hatte, m war hſeim ſeiner ihren und e Vor⸗ zügen n, duf Lagen Fron af von Söm Klagte, ab ſich t, der , gr. e Fral lt und ennen lleil 297 hier war und zum erſten Mal bei Hofe ſpeiſte, erwiderte Forſter. Ich kam auf meine Geſundheit mit ihm zu reden, und er gab mir ſehr freundlichen Rath. Ich kannte ihn damals ſchon als berühmten Arzt von ſeltenem Blick. Sie reden vom Leibarzte des Kurfürſten? fragte Sta⸗ dion. Der iſt als nachläſſig bekannt. Es liegt nicht blos an dem genialen, fahrigen Weſen des alten Mannes: er iſt auch ſchmuzig geizig und übernimmt aus Habſucht zu viel Kranke und zu viel literariſche Arbeiten. Schade um einen ſo ausgezeichneten Arzt, und daß mit umfaſſendem Wiſſen und durchdringendem Scharfſinn ſo viel raffinirte Selbſtſucht, mit hellem Kopf und tiefem Denken eine ſo eiskalte Herzloſigkeit verbunden ſein kann! Forſter nahm ſich vor, ihn aufzuſuchen, und da er den Vogel ſchon an ſeinen Federn kenne, auch einen Blick in ſein Neſt zu thun. Franz Karl gedachte ſeiner Abreiſe nach Hattenheim, und Stadion beneidete ihn um die ſchönen Abende des Schnepfenſtrichs,— wenn bei ſtillmildem Wetter die Wald vögel ſchlügen, und das zarte Laub der Birke im Abend⸗ winde zitterte.— Die Schnepfe und ſpäter der Auerhahn ſtreichen in poetiſchem Revier, meinte der geiſtliche Jä ger; aber als Kur ziehe ich die Winterjagd vor, und habe ſie diesmal wieder fleißig getrieben. Sie ſpendet Wangenfarbe, Knochenſtählung, Damascirung des Magens, — unſchätzbare Vortheile für unſer Pappejahrhundert,— gibt Unerſchrockenheit, Muth, Geiſtesgegenwart, Entſchloſ ſenheit und Entſagung. Sie ſtäubt die im Papier- oder Societätsſtaube, hinterm Ofen der Pedanterei oder am Kaminfeuer der Converſation erſchlafften Geiſter aus 298 So verlaſſen uns alſo zwei Freunde, bemerkte Frau Thereſe, und dieſer ſtille Abend läßt uns einen Blick in unſere nächſte Zukunft thun. Dieſer zweite war Hofrath Sömmering, der eben Ab ſchied nehmen wollte, um ſich in Frankfurt mit ſeiner ge liebten Eliſabeth zu verbinden, und mit ihr eine Reiſe nach Wien auf mehrere Monate zu thun. Forſter erzählte von ſeinem früheren Aufenthalt in jener großen Reſidenz; aber er ward nicht heiterer davon, wie bei ſonſtigen Ge ſprächen und Erinnerungen. Stadion empfahl ſich bald, und als auch Sömmering in ſeiner heut noch geſteigerten Unruhe gehen wollte, um noch Einiges zu packen, ergriff Forſtern eine tiefe Wehmuth. Sömmering hatte Frau The reſen, die vertraulich neben Franz Karl auf dem Kanape ſaß, die Hand gereicht,— etwas kalt und ſcheu, weil ſein ſtrenges Bräutigamsherz ihre Empfindungen für Huber durchſchaut hatte und mißbilligte. Jetzt umarmte er ſei nen George mit einem langen Kuſſe, blickte ſtumm und tief in dies gefärbte Weiß des Auges und ſagte: Gott erhalte dir dein edles Herz, George, und dein Seelenauge, das Alles gern verklärt erblickt! Wir ſehen uns wieder! Zieh' hin! rief Forſter, und hebe den ganzen Schatz von Liebe und Treue deiner herrlichen Eliſabeth! Er drückte den Freund mit Ungeſtüm an die Bruſt, und indem er mit heißen Worten an ihr altes freund— ſchaftliches Verhältniß erinnerte, ſetzte er mit feuchtem Auge hinzu: Ach! Gott weiß es, ich bin noch ganz der Alte, opfere noch immer ſo gern auf jedem Altar des Genius, den ich auf meinem Weg antreffe, erkenne noch immer ſo gern und ſo ohne U fühle ſi thun de ich wär Reachtet kn, we ſcirt keiner, ſiben 2 ſiin ſoe eine ii kümw zenam Le Sömn Forſte hinab, bornſt ung Di Wile Forſtu 1A Mheir r haft A oſch Ich te Frau Blick in ben Ab⸗ iner ge⸗ ne Reiſe etzihlte Reſidenz; gen Gl⸗ bald, teigerten ergtif rnu The Kangpe eu, weil ir Hubet e er ſei mm und ter Goi elenauge, wirder n Schas ie Bruſt, fteund⸗ em Auge , opfelt den ich ſo 0 er 299 und ſo theilnehmend fremdes Verdienſt, freue mich ſein ohne Mißgunſt und achte doch mein Wiſſen ſo gering, fühle ſo ſehr meine Nichtigkeit gegen den göttlichen Reich⸗ thum des Verſtandes, der Anderen zu Theil ward! Allein, ich wäre doch auch unwürdig dein Freund und von dir geachtet zu ſein, ein Urtheil und einen Vergleich anzuſtel⸗ len, wenn ich nicht gewahr würde, daß ich hier ohne dich iſolirt ſtehe, und kein Menſch iſt, der ſich an mich ſchließt, keiner, der mich verſteht, keiner, der mit den Worten die— ſelben Begriffe verbindet, keiner, der einen Trieb fühlte, ſein ſogenanntes Fach um einen Fuß breit zu erweitern, eine einzige neue Entdeckung zu machen; keinen den es kümmerte, ob er je außerhalb der Mauern von Mainz genannt werden wird! Lebhafter ergriffen, als es der ſonſt nicht ſentimentale Sömmering gewohnt war, verließ er das Zimmer. Doch Forſter hing ſich ihm an; er begleitete ihn die Treppe hinab, vor das Haus, die ſtille Gaſſe an der Schön⸗ born'ſchen Gartenmauer entlang, bis zur benachbarten Woh⸗ nung des Freundes. Die Zurückgebliebenen auf dem Kanape ſaßen eine Weile ſtill und von Nachbetrachtungen bewegt; bis Frau Forſter, ein Geſpräch anzuknüpfen, fragte: Auch Sie, Herr Baron, gehen damit um, ſich zu verheirathen? Franz Karl ſchüttelte leiſe den Kopf, und brach dann lebhaft aus: Ach! ich verzweifle an einer Frau! Muß ich doch eben ſo ſchmerzlich empfinden, daß ich noch keinen Freund habe. Ich bin Ihrem vortrefflichen Manne nichts, kann ihm — 300 nichts ſein! Und er—? Nicht wahr, mir könnte er viel ſein? O ſagen Sie ihm das, liebe Freundin! Er ſoll mich lehren, einen Freund zu verdienen, und Sie— eine Frau, eine Frau, wie Thereſe Forſter! Ach beſter Herr Baron, verſetzte lächelnd Thereſe,— Liebe muß Jeder mit eigenem Herzen finden. Man geht an einem Kleeacker hin: aber ein zwei— oder vierblättriges Kleeſtengelchen fällt nur dem in die Augen, dem es ein Glück bedeutet. Ich darf Ihnen keines ſuchen helfen! Alſo ſind Sie noch nicht ſo weit? Nach Ihren neulichen ſo befangenen Aeußerungen— Zu denen Sie ein ſo froſtig Geſicht machten—? fiel der Baron ein. Ei, mein lieber Freund! rief Thereſe aus. Ihr Glück und mein Intereſſe können ſehr verſchiedene Augen haben Die Heirath, die ich meinte, iſt ſehr paſſend für die Ver⸗ hältniſſe, und kann ſehr glücklich für Sie ausfallen, und das wünſche ich Ihnen mit meinem beſten Herzen! Aber Ihre frühere, vielleicht unpaſſende Neigung war mir in tereſſanter. Dieſe Neigung hatte eine Welt von Vorur⸗ theilen wider ſich; da erblickte ich Liebe, junge Liebe und — eine alte Welt; ich hoffte zu ſehen, ob die Liebe oder die Welt ſtärker ſei. Jetzt ſehe ich oder erwarte nur— Glück, und Glück iſt ruhig oder doch fertig; man wendet ſich ab, und— hat vielleicht auch einen Kampfgenoſſen verloren. Dieſe letzte Aeußerung war ſo flüchtig hingehaucht, daß ſie überhört ward. Franz Karl ſchwieg nachdenklich, viel— leicht auch ein wenig empfindlich. Ich kenne beide Geliebten nicht, fuhr Thereſe fort iſt bei blonden zen Ha leberra angeneh ſcharfin L lieber wechſel fenden uſſe einen ſhwar, gerade Eie ni wer te et viel Er ſoll e— eine hereſe,— Ran geht blättriges m es ein nhelfen! neulichen — fiel Ihr Glüc en haben die V len, wd n Aber mir Vorur jebe und iebe odel emn n wendel fgenoſſen ucht daß ich, vil eſe for 301 haben ſie Aehnlichkeit in ihrer äußeren Erſcheinung? Ihre inneren Eigenſchaften haben Sie mir ſchon geſchildert. Ziemlich trocken antwortete Franz Karl: Soll ich ſie Ihnen ſteckbrieflich beſchreiben? Fides iſt ſchöner, Joſephine pikanter; jene ſchlank und edel, dieſe zierlich und graziös; jene ſchwebt, dieſe tanzt. Der Teint iſt bei Beiden gleich klar und rein: aber Joſephine hat bei blondem Angeſichte die Seltenheit eines glänzend ſchwar zen Haares, und Fides bei ſchönſten blonden Locken die Ueberraſchung ſchwarzer tiefer Augen. Beide haben einen angenehmen Mund, Fides mit runden, Joſephine mit ſcharfen Lippen. Thereſe unterbrach ihn mit Lachen.— Verzeihung, lieber Freund! ſagte ſie entſchuldigend. Aber Ihr Auge wechſelt noch zu leicht zwiſchen beiden ſchwebenden, ſchwan kenden Wagſchalen, und nichts nöthigt Sie, Ihr Herz in eine oder die andere einzuwerfen, um ſie herabzuziehen. Darf ich Ihnen ſagen, wie's um Sie ſteht? Um die Stimmung Ihres Herzens, meine ich!— Bei Fides möch⸗ ten Sie, bei Joſephinen könnten Sie: aber bei welcher müſſen Sie—? Die wahre Liebe, mein Freund, hat einen magnetiſchen Zug für eine Perſönlichkeit, ob ſie ſchwarz⸗ oder blauäugig ſei, eine nothwendige Sympathie gerade für dieſe Seele in dieſer Erſcheinung. So lange Sie nicht müſſen, und Ihr Herz zagt, ſtatt gezogen zu werden, ſo lange— Aber, mein Gott! an wem liegt es denn, wenn ich eben nicht gezogen werde? rief Franz Karl ungeduldig. Vielleicht nur an Ihnen, mein Herr Baron! antwor⸗ tete Thereſe mit Ernſt. Sie haben eine ſehr getheilte 302 Lebensſtellung: die reinmenſchlichen Rückſichten oder Nei⸗ gungen haben ſich mit Ihren Standesbegriffen wunderbar verſchlungen; Sie ſtehen, herüber und hinüberſchwankend auf einer Markſcheide der Geſellſchaft, vielleicht auch der Zeit. Unſere Zeit iſt eine unglückliche, eine Zeit der Halbſcheiden und neuer Miſchungen. Wie manche Ver⸗ bindung geht da als Probe, als erſter Verſuch zu Grund! Und Sie, mein Freund, ſcheinen mir ein rechter Sohn dieſer Zeit: für ariſtokratiſche und für revolutionaire Ieen empfänglich. Aber jede Zeit hat ihre Märtyrer; die unſerige hat ihre Opfer des Schwankens. Was ſoll ich Ihnen rathen? Laſſen Sie ſich noch gehen, und wenn Ihnen auf derſelben Lebenslinie kein eben ſo getheiltes Weſen begegnet: ſo müſſen Sie ſich entſchieden nach einer oder der anderen Seite wenden. Machen Sie vor Allem Ihr Herz frei, und es wird einen Zug haben! Forſter, der ſich zu ſammeln geſucht hatte, kam zurück Doch war ſein Herz noch nicht ganz von Sömmering los: er brachte das Geſpräch auf die großen wiſſenſchaftlichen Verdienſte ſeines Freundes, ohne zu bemerken, daß er an dem Baron einen zerſtreuten, ſehr in ſich ſelbſt verſunke— nen Zuhörer hatte. Franz Karl nahm dann auch Abſchied in einer ſehr nachdenklichen Stimmung, die ihn noch des anderen Morgens nach Hattenheim begleitete, nachdem er die Nacht über, wachend und träumend, ſich mit Thereſens Gedanken zu ſchaffen gemacht hatte woran mit ſt beſich zulade 7— Kurf Zim trepp eben an, zugät tete Weſe Ihnet ſchm ſtent ſudi ſchen him wun oder Nei⸗ vunderbar wankend auch der Fünftes Kapitel. Zeit der ſche V u Gtund! Auch Forſter hatte wieder eine ſchlafloſe Nacht gehabt, tr Soh woran gewiß die Gemüthsbewegung des vorigen Abends in Wen nmit ſchuld war. Er entſchloß ſich daher, ſeinen Arzt zu ver; die beſuchen, ſtatt ihn vielleicht noch einmal vergebens ein— ſoll ich zuladen. Der Geheimerath Hoffmann bewohnte als Leibarzt des gehlis Kurfürſten und da er unverheirathet war, einige hübſche nach einer Zimmer im älteren Schloßflügel. Hier auf der Seiten⸗ or Alem treppe begegnete Forſter dem Staatsrathe von Müller, der eben vom Kurfürſten kam. Forſter redete ihn franzöſiſch an, wie er von jeher auch an dieſen vereinſamten, ſchwer in zurick 3 zugänglichen Mann zu ſchreiben pflegte. Müller antwor— 6 nd wenn tete diesmal deutſch, mit unſtetem Blick und unruhigem uß er an Weſen über den Drang der Geſchäfte klagend.— Ich kann 13 vrſunke Ihnen verſichern, ſagte er, daß alle meine Augenblicke ver— Abſchied ſchlungen ſind. Wann wird mir Gott die Zeit wieder 3 6 ſchenken, daß ich meine Freunde genießen, daß ich wieder nin n ſtudiren und den Nationen die Wege Gottes mit den Men ghnſ ſchen werde darſtellen können! Bei ſolchen Wünſchen und perſönlichen Bedürfniſſen werden Sie gewiß keinen Krieg machen helfen, Herr ge— heimer Staatsrath? äußerte Forſter. Was den Krieg betrifft, lieber Herr Hofrath, ſo wünſche ich, daß die Titanen zur Selbſterkenntniß gebracht — — 304 werden, und wie ich von Herzen gern ſehen und dazu helfen werde, daß der erſte, über andere ſich erhebende König, wie Kaiſer Joſeph, gedemüthigt werde ſo würde es mich auch freuen, wenn Gott gibt, daß Die von den Thronen ihres Dünkels erniedrigt werden, welche— Gott, der Religion, der Erfahrung aller Jahrhunderte, allen großen Männern, der Majeſtät, ja der Menſchheit Hohn ſprechen, und in ihrer Aufgeblaſenheit keine göttliche noch menſchliche Macht erkennen, als den pariſer— Mob. Laſſen Sie den Kurfürſten dies Emigranten-Ungeziefer vertreiben! eiferte Forſter. Wenn dies Volk nicht bald von den kleinen Fürſten an der Grenze ihr consilium abeundi erhält: ſo können wir eines Angriffs von Frankreich ge wärtig ſein; denn zu deutlich ſieht man in Frankreich ein, daß es die Politik der großen Höfe iſt, zu zögern und die Anarchie in Frankreich ſo lange als möglich zu unterhal⸗ ten. Ich lache indeß über dieſe Weisheit, die am Ende immer nur nach Ereigniſſen handelt, folglich nicht frei, ſondern dienſtbar iſt. Wenn die franzöſiſche Revolution wichtige Folgen haben ſoll, werden es dieſe armen Po litiker nicht hindern! Ja, ja! rief Müller, ich ſehe wohl, eine neue Ordnung der Dinge, ein anderer Ton, als des vorigen Geſchlechts alters, fängt an. Gott wird wiſſen, ihn auf ſeine Har— monie zu ſtimmen. Gott befohlen! Er eilte keuchend und geſchäftig fort. Im Vorzimmer fand Forſter den alten Bedienten des Leibarztes in hechtgrauer, fadenſcheiniger Livree mit lan⸗ gem Wickelzopfe und breiten Schnallenſchuhen Sein kupfer⸗ rothes Geſicht und die kleinen gefurchten Augen glänzten anf kön ſehr und dazu erhebende ſo würde von den — Grtt, te, allen eit Hohn liche noch Mob. ngeziefer bald von abeundi treich ge⸗ kreich ein, nund dl unterhal⸗ am Ende nicht frei, eolutn men Po⸗ Ordnun elht ine Har⸗ mten dei mit lon⸗ nkuyfn glinʒie eben von der Unterhaltung mit Garzweiler's alter Haus⸗ hälterin, die ſehr herausgeputzt daſtand, und hier gar nicht ſo ſchwer zu hören ſchien, wie zu Hauſe. Der Bediente ließ ſie in ein Kabinet treten und fragte nach Forſter's Anliegen, auf welches er erklärte, daß der Herr Geheime⸗ rath heute Niemand annähme. Forſter bat, er möge nur ſeinen Namen nennen, und anfragen, wann er den Herrn Geheimerath ſprechen könne. Darf gar nicht eintreten! erklärte der Alte; indem er ſehr gleichgültig dabei im Zimmer aufräumte. Forſter, der erſt eine bloße Unart oder Wunderlichkeit des alten Dieners eines genialen Herrn vermuthete, be⸗ ſtand mit einigem Nachdrucke darauf, gemeldet zu werden; worauf ihn der Hechtgraue verwundert anſah, und ſtill⸗ ſchweigend mit dem Kopfe ſchüttelte; ſo daß Forſtern end⸗ lich nichts übrig blieb, als mit Stolz fortzugehen. Doch ſchnell erreichte ihn der Bediente.— Sehen Sie, beſter Herr Hofrath, ſagte er,— ich thät's ja gerne, und wollte mir wol noch eine zweite Ohrfeige gefallen laſſen. Aber es iſt erſt ſo kurz, daß ich es für einen fremden Herrn verſucht habe. Sehen Sie, am linken Ohr da muß es noch ganz roth ausſehen! Der fremde Herr Patient ver— gütete mir freilich den Schlag. Und wenn ich es für Sie nochmal wagen ſollte: ſo müßte ich gerade mit der rechten Seite anmelden; denn zwei Feigen auf Ein Ohr würden doch zu ſtark aufweichen. Forſter ſah den Heuchler durchdringend an. Jetzt fiel ihm Huber's Bemerkung ein, daß der Bediente ſich beſte— chen ließ. Es intereſſirte ihn, den Spitzbuben zu beob⸗ Koenig, Clubiſten in Mainz. l. 20 ——-—————— 306 achten, und lag ihm zugleich Alles daran, den Arzt zu ſprechen. Er zog alſo die Börſe, und reichte dem Be⸗ 5 dienten einen Laubthaler. Der Alte ging, und öffnete bald darauf die Thüre mit einem kläglichen Geſicht und die Hand an das rechte Ohr gedrück. † 3 Hoffmann, ein Siebenziger, groß und ſtark von Ge 6. ſtalt, mit genialem Blick unter einer Knotenperrücke, em pfing Forſtern mit zuvorkommenden Höflingsmanieren Seine Zimmer, überfüllt mit Büchern, Naturkörpern, Kunſtſachen, Modellen u. dgl., verriethen einen Bewoh ner, der ſehr auseinanderliegende Studien betrieb:— ne ben den medieiniſchen Wiſſenſchaften die mathemaliſchen, Telegraphie, allgemeine Sprache u. ſ. w. Dabei herrſchte in allen Ecken die launige Unordnung eines Hageſtolzen, der die Hand eines ſorgfältigen Bedienten nicht duldet oder entbehrt. Der Wirrwarr fiel noch mehr in den ſchönen Zimmern auf, aus denen man eine reizende Ausſicht über den Rhein hatte. Forſter ſetzte ſein Uebelbefinden auseinander. Alles von dem alten Scorbut! rief Hoffmann dazwiſchen, wenig aufmerkſam, mit Dieſem und Jenem beſchäftigt. Ich glaub's! erklärte Forſter. Seit jenem Uebel aus der Südſee iſt Kälte mein Tod und Näſſe lähmt meine . körperlichen und moraliſchen Kräfte. Freilich habe ich den Winter auch viel krumm an meinem Schreibepulte geſeſſen. Am Ende, fürchte ich nur, geht auch etwas von meinen Krankheiten auf meine ſchriftſtelleriſchen Arbeiten über: ſie bekommen etwas Scharfes, was mir hinterdrein leid thut. Aber, ſehen Sie, ich hatte in Polen einmal das Gallen⸗ fieber,— ein ehrlicher Mann kann es auch ſchon um ma ver geg im Fi un vot Ha Arzt zu m Be⸗ öffnete und die on Ge ke, em gnieten körpern, Bewoh aſchen, hertſcht iſtozen, det odel ſchönen icht übn Alles wenig bel aus t weine ich den geſiſſn minen ber: ſie eld thut Gallen⸗ hon um Polens willen bekommen— es war wenige Wochen, ehe ich nach Deutſchland reiſte, meine Frau zu heirathen. Ha, ha! lachte der Alte, da hatten Sie alſo früher die Galle, ehe Sie die Leber hatten? Sie meinen, Herr Geheimerath, wie Sie eine Maitreſſe früher, als ein Herz gehabt haben? He! Seien Sie nicht grob, junger Menſch! rief Hoff⸗ mann. Nur die gute Wirkung Ihrer Rhabarber, Herr Doector! verſetzte Forſter, und fuhr fort: Hören Sie! Hernach befand ich mich jedes Frühjahr gegen den Sommer übel, weil die galligen Schärfen ſich im Körper herumtrieben, obgleich ich die Rückkehr des Fiebers zu verhüten gelernt hatte. Sie ſterben einmal an der Gicht! ſagte Hoffmann kurz und kalt. Aber Sie haben wirklich viel richtige Anſichten von der Natur der Krankheiten nach meinem Syſtem. Haben Sie es denn ſtudirt? Nein! antwortete Forſter. So müſſen Sie wiſſen, fuhr Hoffmann fort, daß ich von Boerhave und Stahl ganz abweiche. Entſchuldigen Sie, daß ich die Namen zweier berühmten Quackſalber in Ihrer Gegenwart nenne! Ich erkläre und behandle alle Uebel aus der Empfindlichkeit und Reizbarkeit der feſten Theile, auf welche die Verdorbenheiten der Säfte als Reize wirken. Mir iſt es gelungen, was bis jetzt noch Keinem, nämlich Humoral- und Nervenpathologie in ein Ganzes zu bringen. Verſtehen Sie! Ich nehme zehn Grade der erregten Reizung an. Zehn? Das ſtimmt ja mit dem decadiſchen Syſtem W —-—— 308 des revolutionairen Frankreichs überein! bemerkte Forſter ſcherzend. Hoffmann ſah ihn ſtarr an, ſenkte darauf nachdenklich den Blick, und nahm eine Priſe.— Auf welche wunder⸗ bare Combination bringen Sie mich da! ſagte er, und fuhr mit ſteigender Stimme fort: Wahrhaftig! Mein Syſtem iſt mit der franzöſiſchen Revolution verwandt; beide haben übereinſtimmende Vor⸗ ausſetzungen. Vergleichen Sie die Reizbarkeit der feſten Theile unſeres Körpers mit der Reizbarkeit eines Volkes vermittelſt der Nerven einer geſteigerten Bildung; nehmen Sie ferner die Verdorbenheit der edelſten Säfte einer Nation,— Sie verſtehen mich!— des Adels und der Geiſtlichkeit! Und— beim heiligen Hippokrates!— auch das trifft wieder überein, daß ich in meinem Syſtem juſt zwei Hauptverderbniſſe der thieriſchen Säfte an⸗ nehme, und daß ganz ähnliche im Staatsleben der fran⸗ zöſiſchen Revolution vorausgegangen ſind, nämlich Säue⸗ rung,— im Staate der Selbſtſucht durch Privilegien vergleichbar, und zweitens Fäulniß,— in den Nationen durch ſittliche und ſpeiale Verderbniſſe dargelegt. Da haben Sie's! Tauſend Donnerwetter! Er ſprang von ſeinem Seſſel auf und rannte durch das Zimmer, die platten Hände an den Bauch gedrückt, die Fingerſpitzen in die Klappentäſchchen der geſtickten Weſte geſteckt. Ich bin ja, bei Gott! von der Vorſehung, vom Welt⸗ geiſte berechnet, rief er aus. Chriſtoph Ludwig Hoffmann aus Rehda in Weſtphalen iſt prädeſtinirt. Mein Sy⸗ ſtem und die franzöſiſche Revolution begegnen ſich, um Forſter enklich under⸗ und öſiſchen Vot fiſten Volkes ehmen e einet nd del — auch en juſt te an⸗ ftau⸗ Säue— vilegie ationen haben e durh rict Weſte Wllt ffmann in S Mm die erkrankten Staaten und die leidende Menſchheit nach gleichen Naturgeſetzen zu heilen.— Warten Sie, das muß ich notiren! Das gibt eine merkwürdige Abhandlung, nicht mit Gelde zu bezahlen! Er ſetzte ſich, und warf haſtig in groben Zügen einige Gedanken auf ein Blatt Papier, wobei er mit gleicher Lebhaftigkeit ſprach: Das aber bitt' ich mir aus, Hofrath Forſter, daß Sie mir nicht etwa mit Ihrer voreiligen Feder ins Revier kommen! Sie haben zwar den erſten Gedanken gehabt, eigentlich nur eine Wahrnehmung: aber von der Aus⸗ führung verſtehen Sie doch nichts. Sie ſind hier der Vater eines Kindes, das Sie nicht ernähren können,— Proletarier! Plötzlich hielt er inne, und ließ die Feder aus der Hand fallen, daß ſie einen Klecks gab.— Tauſend Schock Ha⸗ gelwetter! rief er. Ich darf ja darüber nichts ſchreiben, nichts publieiren! Wenn der Kurfürſt lieſt, daß mein Syſtem mit der franzöſiſchen Revolution harmonirt: ſo bin ich ſein geheime Rath geweſen! Keine Fürſtlichkeit ver⸗ traut mir mehr ihren durchlauchtigen Leichnam an; der Adel will nicht mehr curirt ſein,— incurabel iſt er ohne dies!— meine Recepte kommen ins Fallen, wie die fran⸗ zöſiſchen Aſſignaten. Mitgegangen, ihr Recepte, wird es heißen, mitgehangen! Nein, es geht nicht! Daß dich— daß dich das Mäuschen beiße! Er ſank wie ein Verzweifelter in den Seſſel zurück, und ließ die Arme lahm über beide Lehnen hangen. Probiren Sie Ihr Syſtem einſtweilen an mir! ſagte Forſter lachend. Ich fürchte die Revolution nicht. Ver⸗ — 3410 ſchreiben Sie mir gleich einmal mit der ſo glücklich ein— getunkten Feder! Nun ja, erwiderte der Doctor kleinlaut. Aber zuerſt, lieber Forſter,— recipe ſieben Gran Diseretion! Sie verſtehen mich! Wegen der Verſchwörung oder Verſchwä⸗ gerung meines Syſtems mit der Revolution. Wiſſen Sie? Und nun! Indem er einen ſchmalen Streif Papier beſchrieb, mur— melte er vor ſich hin: Rangiren unter Fäulniß— will ſagen Säuerung. Scorbut an den Knochen, Gicht in den Gelenken. Aus⸗ ſcheidende Mittel, Ausdünſtung, beſonders Ausathmen! So! das nehmen Sie! Er reichte Forſtern das Recept, und ordnete ihm eine Diät an.— Ich ſchätze Sie ſehr, ſagte er darauf. Mit Ihnen läßt ſich doch ein geſcheites Wort wechſeln. Unſere Mainzer, hoch und niedrig, ſind coloſſal, wahrhaft trans⸗ ſcendental in der Ignoranz. Ich bin glücklich, wenn ich einmal einen Mann, wie Sie, habe. Dennoch hat meine Anmeldung Ihrem Bedienten eine Ohrfeige eingetragen, lächelte Forſter. Was? rief Hoffmann. Hat er das geſagt? Wart, Knabe! Er rannte nach ſeinem ſpaniſchen Rohr, das er dro⸗ hend ſchwang, ohne den Bedienten aufzuſuchen. Ja, das verdient er! mahnte Forſter. Laſſen Sie ihm das gute Rohr nur immer angedeihen! Zweifeln Sie, daß er's angemeſſen bekomme? rief der Doctor. Ja, er bekommt ſeine Züchtigung! Beim Hippo⸗ krates! Nur nicht in Ihrem Beiſein: das würde ins Un— nta weil kong geitg ſhick ausſ Antl mir erwit Ihr ken artig ten t Zieg Rub . h ein⸗ zuerſt, Sie ſchwi⸗ nEie! mur erung. Aus thmen! m eine Nit Unſtre trans⸗ enn ih en ee Wart, et dro Sie ihn rief der Hippo⸗ n Un⸗ anſtändige fallen, und verletzte den Burgfrieden. Nicht weil wir hier im Schloſſe— ſondern weil Sie mir ein königlicher Menſch ſind! Und indem er das Rohr bei Seite ſtellte, klagte er: Es iſt ein fataler Knabe, mein Franz. Ein nichts⸗ nutziger Knabe! Ich kann ihn nur nicht los werden. Forſter empfahl ſich, und Hoffmann begleitete ihn nach dem Vorzimmer. Kommen Sie recht bald wieder! ſagte er. Jetzt muß ich leider! hinüber zum Kurfürſten. Der alte Herr hat ſich wieder über Broſchüren und Zeitungen geärgert, die ihm der Director der Leſegeſellſchaft über ſchickt hat.— Was gibt's hier? fragte er eine dürftig ausſehende Frau, die der Bediente abzuweiſen ſuchte. Frau Godron läßt Sie ſchönſtens grüßen, war die Antwort, und ſie läge in den Wochen. Frau Godron! Wer iſt die Frau Godron? Was ſoll mir eine Frau Godron? rief Hoffmann; worauf das Weib erwiderte: Ihre arme Tochter wollen Sie nicht kennen? Ihr natürliches Kind? O, Herr Geheimerath, beden ken Sie Ihr Gewiſſen! Ich empfehle mich, Herr Hofrath! ſagte der Arzt ſehr artig, und als Forſter hinaus war, hieß er den Bedien⸗ ten die Bettlerin fortſchaffen. Meiſter Godron muß fleißig Ziegel machen! ſagte er. Seine Lehmgrube iſt eine Gold— grube, wenn er's verſteht! Der Bediente hatte ſeine Noth, das ſcheltende Weib fortzubringen. Während er ſich draußen und auf der Treppe mit der Zänkerin herumſtritt, öffnete Hoffmann mit Be— hendigkeit einen Wandſchrank, und brachte die Büchſe her— vor, in welche der Bediente den Laubthaler Forſter's zu —— ——-———— den übrigen Abfällen des Vorzimmers eingeworfen hatte Hoffmann ſchüttelte ſie aus und überzählte das Geld. Darüber kam der Bediente zurück, ſprang hinzu, und faßte ſeinen Herrn am Arme, ihn wegzuziehen. Dieſer grapste ſchnell eine Handvoll des Geldes, und der Bediente packte die gefüllte Fauſt des Arztes. So zogen und zerrten ſich Beide hin und her; wobei Hoffmann drohend rief: Knabe, Knabe! Ich rathe dir im Guten! Vergiß nicht, daß ich dein Herr bin! Du ſollſt Vater und Mutter ehren, weißt du? Ich bin jetzt dein Vater, Knabe! Und dieſe Geldbüchſe iſt meine Mutter! ſchrie der Be diente. Ich leid's nicht, daß Sie mir ſchon wieder mei nen Bienenſtock ausheben! Dir, dir ausheben! ſchalt der Herr. Für wen hab ich dir erlaubt, Anmeldungen nur gegen Vergütung zu machen, he? Für dich, Knabe,— für dich allein? Dabei ſchlug er mit der leeren Hand nach dem Be dienten; wogegen dieſer in die aufgekräuſelte Perrücke ſei nes Herrn griff, daß der Puder herausſtäubte. Im Zorn erfaßte Hoffmann den langen Zopf ſeines„Knaben“, und zog an dieſem Drehling den Kopf deſſelben ſo ſtark zur Seite, daß das Geſicht nach dem Kabinet gewendet war, aus welchem in dieſem Augenblicke die alte Urſel, von dem Schreien und Schelten geängſtigt, zum Vorſchein kam. Beide Streittheile fuhren auseinander; wobei jedoch der Geheimerath das Geld in der Fauſt behielt.— Was will Sie? fragte er in ſtolzer Poſitur und vornehmem Ton. Wer iſt Sie, alte Perſon? Ach! ich hörte meinen Franz in Noth, und wollte— Und wollteſt mir beiſpringen? rief Franz. O was der ſrom en hatte 8 Geld. nd füfie grapöte ſte vackte rten ſich Knabe, duß ich n, weißt det Be der mei⸗ wen hab itung zu ein? dem Be rück ſei n Zem n und turk zut det war, von dem ein kmm doch der ßas ill em Lon ollte— O wo 313 haſt du für ein Gemüthchen, du Engelsgemüth! Aber nun ſoll's auch biegen oder brechen! Ja, Herr Geheime⸗ rath, Sie ſollen es wiſſen, daß es die Urſula Suſanna Rudelbachin iſt, meine Verlobte. Die iſt es! Was, Knabe? du willſt heirathen? fragte Hoffmann ſehr betroffen. Ja, wir bitten um Ihre Einwilligung dazu: Hand und Herz ſind einig! Mit dieſen Worten faßte der ſogenannte Knabe die Alte bei der Hand, und zog ſie aus ihren Zickzackkniren gegen den Geheimerath hervor. Wer iſt Sie denn nur? Woher iſt Sie denn? fragte der Arzt. Ich weiß ja gar nichts von Ihr! Sie iſt aus der Stadt und beſorgt den Haushalt des frommen Herrn geiſtlichen Rathes Garzweiler! antwor⸗ tete Franz. Aha! lachte Hoffmann. Sie hat wol auch ſo einen Bienenſtock, wie mein Franz da? Und ihr wollt euch heirathen? Geht mir! Das kenn' ich ſchon. Heirathen? Nennt es nicht heirathen,— ſprecht mir nicht vom Bunde eurer Herzen: eure Bienenſtöcke wollt ihr zuſammenſchla— gen. Aber dazu habt ihr noch Zeit genug; ihr könnt immer noch einſammeln, Honig machen: eure Herrſchaften blühen noch. Heirathen? Du Franz? Schäme dich, Knabe! Was brauchſt du ſchon eine Frau? Du biſt ja noch ein ganz rüſtiger Menſch. Und,— nimm guten Rath an, Knabe! Da deine— wie heißt ſie? Suſanne, dein Bienchen hat eben bös Beiſpiel geſehen, wie ich dich nämlich nachdrücklich gezüchtigt habe. Und nun weißt du, was du von deiner Frau zu erwarten haſt. Laß ſie fah⸗ 314⁴ ren ſie hat dich in deiner Schwäche geſehen! Sie hat mir abgemerkt, wo man dich packt! Und Sie, Jungfer Suſanne oder Urſel, Sie muß dem Franz nicht Alles glauben, was er Ihr von ſeiner Liebe und ſeinem Bie⸗ nenſtocke vorſchwatzt. Liebe? Ein Leckermaul iſt er! Glaube Sie mir:— es gilt nicht der Suſanne, es gilt ihrer Bratpfanne! Da, nehme Sie Abſtand, und halte Sie Ihr Maul über Alles, was hier vorgefallen! Er reichte ihr das Geld, das er noch in der linken Fauſt hielt, und verließ mit vornehmer Haltung das Zimmer. Sechstes Kapitel. Die Geſchäfte, die den Baron Franz Karl nach ſeiner Beſitzung bei Hattenheim gerufen hatten, führten ihn auch mit dem Krahnmeiſter Cratz im nahen Oeſtrich zuſammen. Mit ihm hatte die alte Baronin den Verkauf eines Stücke Weinberg verabredet. Cratz bewohnte ein allerliebſtes Häuschen, nicht weit vom Ufer auf einem Hügel, einſtöckig mit Manſarden. Gegen den Strom gerichtet, genoß es der ſchönſten Ausſicht ins Rheinthal. Ein hübſcher Gar— ten mit Beeten und Bäumen ſchloß ſich an das Häuschen an; einige Feldſtücke erweiterten den Beſitz, und reich ten an das Weinbergsſtück, das nun noch dazu kommen ſollte b Be heitere ſprchen Wiih, fillend gboge Nzji n Kunſiſt eine, und Bl bald ni ſe am handel nit d zuletzt Herrn ſicht 1 hung handlu mit de Jute L der R dr ſie Herin da he chn 9 F die Knh das Sie hat Pungfir cht Alles em Bie⸗ Glaube gilt ihrer halte Sie der linken ung das ach ſeiner nihn auch uſummen llerlibfes genß e er Gar⸗ Hiuschen nd reich⸗ kommen 1 315 Bei einer Flaſche Wein, an welche ſich auf rheiniſch heitere Weiſe die Unterhaltung knüpfte, erſchien auch mit— ſprechend die Hausfrau, ein hübſches, anmuthiges, junges Weib, deſſen Züge dem Baron beim erſten Anblicke auf⸗ fallend bekannt vorkamen,— ſeelenvolle Augen, etwas gebogene Naſe und edle Geſtalt. Sie brachte ihren kleinen Nazi mit, und ließ ihn zur Unterhaltung des Barons ſeine Kunſtſtücke im Laufen machen. Der heitere Verſtand, das reine, freie Herz des Weibes verrieth ſich in jedem Wort und Blicke. Mit dem geſunden, unruhigen Kinde, das bald niedergeſetzt, bald aufgenommen ſein wollte, ſtand ſie am Tiſche vor den Papieren, die zwiſchen den Unter⸗ handelnden lagen, mahnte ihren Mann, nicht ſo kleinlich mit dem vornehmen Herrn zu handeln, und würde doch zuletzt mit ihren freundlichen Blicken dieſem vornehmen Herrn alle Vortheile aus den Händen geſpielt haben, wäre nicht der genaue, pünktliche Lennig mit billiger Ausglei— chung dazwiſchen getreten. Und als zum Schluſſe der Ver⸗ handlungen Franz Karl auf das Gedeihen des kleinen Nazi mit der Mutter anklingte, und dem künftigen Beſitzer viel gute Weinjahre wünſchte, zeigte ſich die lebendige Anmuth der Rheinländerin in der einen gefälligen Bewegung, mit der ſie ſich verneigend ihren Knaben emporſchwang, dem Herrn Baron eine Patſchhand zu geben. Man ſchied mit der heiterſten Zufriedenheit unter Vorbehalt des gerichtli⸗ chen Abſchluſſes. Franz Karl war innerlich bewegt, als er neben Lennig die Obſt⸗ und Nußbaum Allee einſchlug, an der eben Knospen und Kätzchen zu treiben anfingen. Er kam auf das Glück dieſer ſtillen Familie zu reden— Natur und 316 Liebe, rief er, ſichern doch am Ende allein die Wahrheit und das Glück unſeres Daſeins. Die Natur, indem ſie uns unwiderſtehlich beherrſcht, gewöhnt uns an ewige Ge⸗ ſetze, deren Joch aber ſüß iſt und den willigen Gehorſam mit dem unſchätzbaren Glücke der Sicherheit und Wahr⸗ haftigkeit belohnt. Und je feſter wir uns in ihrem Arme halten laſſen, deſto freier herrſchen wir im unendlichen Reiche der Liebe, wo Alles von uns abhangt, und was wir ſchaffen und ſpenden ſo unermeßlich iſt, wie das, was wir erſt durch Gehorſam empfangen haben. Was ſind dagegen dieſe papiernen Geſchäfte voll Willkür und Ekel, und unſere Geſellſchaft mit ihren hohlen Formen und ge⸗ ſchminkter Zuthätigkeit? Ja, ich will für die ſchönſten Sommertage hierher flüchten, um zu vergeſſen, was ſie dort guten Ton nennen, und was doch nie ſo rein und tief in der Seele anklingt, als was in jenem Häuschen laut wird und ich früher ſchon bei Ihnen, lieber Lennig— Dieſe abbrechende Aeußerung, die dem edelmüthigen Herzen des Barons entſchlüpft war, ſetzte Beide in einige Verlegenheit. Das frühere Verhältniß war unerwartet berührt, und jeder empfand, daß der gute Augenblick eine Verſtändigung fodere. Erasmus brach das Stillſchweigen zuerſt, indem er den Baron um Verzeihung für ſein da— maliges barſches Benehmen bat. Er ſchob das Mißver⸗ ſtändniß wie ſeine eigene üble Laune auf Garzweilern.— Wie oft bin ich nicht in Gedanken zu Ihnen gegangen, ſagte er, Sie um Verzeihung zu bitten und zugleich vor dem Pater zu warnen. Da ich aber gegen dieſen nichts Beſtimmtes beibringen konnte ſo unterblieb auch immer wieder das Andere 65 bannen lihen ich nich Ihre li nen,„ worübe W Bnon ſens k n den wiß ſte Baron gend! bürge ju reſ Li ieſen ſucht, lnterſc vo ſie hr tro den an ichen de den H hher nich Nini a d Sene Wahrheit inden ſi ewige Ge⸗ Gehorſan nd Wahr⸗ hren Arme unendlichen „und was das, was Was ſind und Ekel, n und ge⸗ e ſchönſten 1 wos ſe o rein und Hinschen Lennig— ulmithigen ein inigt unwartet enblit eine lſhweigen r ſein da⸗ weilem gehn ugleih 0 eſen nicht⸗ uch inm“ ngen, 347 Es galt alſo nicht, mich von Ihrem Hauſe zu ver⸗ bannen? fragte der Baron lächelnd. Denn in dieſer herz⸗ lichen Stunde darf ich es Ihnen ja wol geſtehen, daß ich nicht um Ihretwillen allein kam, und daß mich auch Ihre liebenswürdige Fides— Doch wie ſoll ich es nen⸗ nen, was mich damals ſo dunkel als tief bewegte, und worüber ich auch Sie im Unklaren gelaſſen habe? Was hätten Sie mir auch klar machen wollen, Herr Baron? erwiderte Erasmus. Ihr Schweigen rief wenig⸗ ſtens keinen Widerſpruch hervor; Ihr Benehmen hielt ſich in den Schranken der guten Geſinnung, mit der Sie ge⸗ wiß ſtets zu uns gekommen ſind. Aber ſehen Sie, Herr Baron,— meine Fides war ein Kind: Natur und Ju— gend liegen ihrem Herzen näher, als die Einrichtungen des bürgerlichen Lebens, die der Vater dieſes Kindes ehrt und zu reſpectiren weiß. Lieber Mann, ſagte nach einer Weile Franz Karl,— dieſen unglücklichen Einrichtungen fehlt Eins: eine Zu⸗ flucht, ein Aſyl außerhalb der Schranken der Standes⸗ unterſchiede, wohin ſich rein menſchliche Liebe retten könnte, wo ſie eine Anerkennung, eine Geltung für ſich und für ihr trautes Glück fände, ungemahnt, unangefochten von den anderen Beziehungen und Anſprüchen des geſellſchaft⸗ lichen Lebens. Warum ſoll das Reinmenſchliche, das den Hohen wie den Niederen gemeinſam iſt, ſtets nur in hoher oder niedriger Verbindung erſcheinen? Warum ſoll es nicht auch einmal, wo es ſich eben ſchickt, Hoch und Niedrig vereinen und Beides ausgleichen? Warum wird das reine, ſich ſelbſt genügende Daſein der Herzen von Denen nicht geduldet ſondern geſtört, verfolgt, die ——— — ——— 318 im hochmüthigen Dienſte der geſellſchaftlichen Vorurtheile ſtehen? Das iſt es, was ich ſagen will, Herr Baron! ant— wortete Lennig. Und wollen Sie dem grauſamen Her⸗ kommen trotzen? An dieſem Trotze zerſtört, zerbröckelt ſich doch am Ende das ſtille Glück einer Familie; bei der lei⸗ ſeſten Bewegung ſtößt ſich das bedrängte Herz wund, und verblutet ſich eine edle Liebeskraft. Wer könnte ſolche Vorurtheile bewältigen? Vielleicht die kommende Zeit. Aber auch mit Ihrem Aſyl, wie Sie es nennen, Herr Baron, iſt es nichts. Offen geſtanden, iſt mir nicht recht klar, was Sie damit meinen. Gäbe es aber wirklich in irgend einem Winkel des bürgerlichen Lebens eine aner⸗ kannte und gültige Zuflucht für reine Liebe, die nicht in die Standesverhältniſſe paßt: ſo würde ſolche gewiß die edelſten Kräfte dem geſellſchaftlichen Leben entziehen, wie in jenen früheſten Jahrhunderten gerade die Menſchen eines tiefen, beharrlichen Gemüths die Einöde aufſuchten und Einſiedler wurden. Nein, Herr Baron, das Leben der Wirklichkeit iſt der Herrſcher, in deſſen Ordnung man ſich gern oder ſchmerzlich finden und fügen muß. Nach einer kleinen Stille ſetzte Erasmus hinzu: Sie haben das auch ſelber ſchon eingeſehen, und ſtehen daran, einen Lebensbund zu ſchließen, wie er innerhalb Ihres Lebenskreiſes Geltung hat und— Glück bringen kann. Verzeihung! Ich hörte wenigſtens davon, und will durchaus nicht neugierig ſein. Der Baron machte mit verdüſtertem Geſicht eine Be⸗ wegung, wie man etwas nicht Erwünſchtes zurückweiſt Dann ſagte er in weicher Stimmung: Auft, zerſpe ſücht auge ing mich und ſonde ſitun ſich e Das uns Gha Wein Hin dung Ung zufti nich Vorurtheil aron! ant⸗ amen Her⸗ thröcklt ſich hei der lei— wund, und nnte ſolhe ſende Zeit men, Her t nicht recht wirklich in eine aner⸗ die nicht in geniß di ichen, wit nſchen eins ſuchten und Leben der n nn ſich inzu: un ſihe imerhalt ick beingen , und wil g, t eine B ückwei 319 Ich bin ſo ſeltſam bewegt, lieber Lennig. Dieſe ſtille Luft, dies geheime Treiben an Buſch und Baum, dies zerſpaltene Gewölk, aus dem von Zeit zu Zeit die Sonne flüchtig auf die ſprießende Landſchaft fällt, wie ein Mutter⸗ auge durch den Spalt des Vorhangs nach ihrem Säug⸗ ling blickt, der ſich zu erwachen regt,— dies Alles ſtimmt mich wunderbar zu jener frohen Wehmuth des Frühlings, und doch, wie mir ſcheint, keines bloßen Jahresfrühlings, ſondern eines Lebensftühlings. Da unten liegt meine Be— ſitzung mitten im Schooſe dieſes herrlichen Stromthales. Wieſen und Ländereien, Weinberg und Waldung ſchließen ſich an das Schlößchen mit ſeinem kleinen lieblichen Park. Das Erdgeſchoß überwintert tropiſche Pflanzen, und hinter dem hohen Balkon— welche ſchöne Folge von Zimmern, die den reinſten Himmel athmen! Bilder und Bücher rei⸗ hen ſich an, von meinem Oheim mit Geſchmack und Kennt— niß geſammelt. Welche ſelige Stille zur Einkehr in ſich, welche Natur zum Ausblick, und der Strom zum Verkehr mit der Welt! Ich fühle mich zum erſten Mal als Be⸗ ſitzer mit jener paradieſiſchen Sehnſucht, die unſer Stamm⸗ herr Adam empfand, als ihn verlangte nicht allein zu ſein. Aber— Ihre Hand darauf, lieber Lennig, daß es unter uns bleibt!— die Sie vorhin meinten, iſt mir die rechte Eva nicht: ſie rückt mir ferner, ſeit ich hier bin, und wird meinem Herzen fremder, ſeit es ſo froh in ſeiner neuen Heimath ſchlägt. Ich kann ſie nicht in lebendiger Verbin— dung mit meinem frohen Beſitze, nicht als Seele dieſer Umgebung empfinden; ich zweifle ſelbſt, daß ſie ſich hier zufrieden fühlen würde. Natur und Liebe, verlaßt mich nicht! Alles Herrliche und Selige, was der Himmel über 320 dies Fleckchen Erde ausſchüttet, fällt neben ihrem un ruhigen Köpfchen nieder. Vielleicht flattert ein Roſenblatt auf ihren ſchimmernden Nacken, und ſie zerdrückt es, da 1 ran zu riechen; vielleicht auch ſtreut eine Lilie ihren Gold ſtaub auf das Medaillon unter ihrem Herzen, und ihre lachenden Lippen blaſen ihn vom gemalten Bilde der Groß⸗ mutter ab. Nein, nein, hier iſt ihr Element nicht. Ihr luſtiges Auge lodert gern unter den Kronleuchtern des . Hofballs; die kleine Muſchel ihres Ohres brauſt von der 3 Huldigung der Gecken. Ein Leid ergreift mich bei dieſen Erinnerungen, lieber Lennig; ich möchte nicht wieder fort 13 3 von hier; eine leiſe Stimme ruft mir zu,— hier werde ich noch einmal Zuflucht vor Verdruß und Staub, vor Schmach und Dienſtbarkeit finden. Er ſchwieg und nahm einen lebhafteren Schritt. Eras⸗ . mus, neben ihm einherwandelnd, ſah den jungen Mann mit Staunen und Rührung an. Er hätte ihn gern um— armt und an ſich gedrückt; wären nur nicht die Rückſich— ten des Anſtandes und der Schicklichkeit dazwiſchen ge— . treten Und warum haben Sie Ihre Tochter von Mainz ent— fernt? fragte plötzlich ſtehen bleibend der Baron, als ob er mit Einem Sprunge aus dem Banne ſeines Trübſinnes 6 entkommen wollte. Entfernt, Herr Baron? Nein, das iſt es nicht. Meine Schwägerin, die Witwe des Amtsvogtes Scheppler in Alzenau, war bedenklich erkrankt, und wünſchte, ſelbſt ohne Kinder, ihre Pathe zur Pflege um ſich zu haben. Ich brachte meine Fides über Hanau dahin,— gern und un⸗ gern. Für mein Kind war es heilſam, aus ſeinen Träu— bürge ine h baren brachti tiglich lang hrucht Kind Bicht A Büche in ſie vorko könnt verſch räum geben rem un koſenblatt es, da en Gold und ihre er Groß⸗ icht. Ihr htern des on der hei dieſen ieder fort iet werde aub, v0 it. Gras⸗ en Mom germ un Richit iſchen 9 zent als ob rübſinne in ht Meine ebbler in ſolbſt ohne 3 ben nund un nen xrir mereien herauszukommen, und an ernſten Pflichten ſich bürgerlich tüchtig zu entwickeln. Dabei ſtand zugleich auch eine hübſche Erbſchaft in Ausſicht, ein Gütchen am frucht⸗ baren Abhange des Freigerichts. Doch auch ungern brachte ich ſie fort, Herr Baron, weil Fides zu meinem täglichen Glück gehört. Wahrlich, der Winter iſt mir recht lang geworden, obſchon er mir gar ſchöne Briefe einge⸗ bracht hat. Aus dieſen Briefen habe ich ſelbſt erſt mein Kind recht kennen gelernt. Der Himmel weiß, woher das Mädchen Alles hat, was es ſo denkt und ſchreibt! Ihre Bücher, Herr Baron, haben freilich Vieles gethan. Ach nein, lieber Lennig! wendete Franz Karl ein. Die Bücher thun das nicht. Aber das menſchliche Herz hat in ſich ſelbſt Quellen, die aus unbegreiflichen Tiefen her⸗ vorkommen Sie ſpringen oft im Lenze,— und man könnte ſie auch Märzquellen nennen. Das Leben kann ſie verſchütten; aber Bücher und Bildung können nur auf— räumen und dem tiefen Quell eine gute und ſchöne Faſſung geben. Ich möchte wohl dieſe Briefe leſen, wenn's ginge—2 Nun,— vielleicht ſchickt ſich's einmal, Herr Baron. Meine Fides hat ſich aus Ihren Büchern und aus denen, die ich ihr nach Alzenau geſchickt habe, Auszüge und Ab⸗ ſchriften gemacht,— eine Sammlung, ein Album, wie's die Mode nennt. Ich werde zuſehen, wenn ich ſie wie— der abhole, ob ſie dabei an den Pflichten der Kranken— pflege und der Hauswirthſchaft nichts verſäumt hat. Sie waren an der Einfahrt des Gartens angelangt, wo ſie zwiſchen den hohen Hecken die Baronin⸗Mutter vom Hauſe herankommen ſahen. Keenig, Clubiſten in Mainz. I. 21 1 Siebentes Kapitel. 3 % ſi Die Geſchäfte waren nun ſo weit in Ordnung gebracht, daß Lennig nach Mainz zurückkehren konnte. Franz Karl ü aber blieb noch. Er nahm den Schnepfenſtrich zum Vor— wand, um dem Zuge ſeiner Empfindungen zu folgen. 6 Der Morgen war den Gutseinrichtungen gewidmet; wobei 1* ihn die alte Baronin, in beſter Meinung von ihren öko nomiſchen Einſichten, mit Erſprießlichem und Ueberflüſſigem beſchäftigte. Die anmuthige Frau des Krahnmeiſters kam . dazwiſchen dem jungen Herrn auch wieder in Erinnerung. Er hatte ſie von ihrem Manne Gertrud nennen hören, und der Kalender, der in dieſen Tagen, der ökonomiſchen Vorkehrungen wegen, oft zu Rathe gezogen wurde, brachte 3 ihm dieſen Namen auf Sonnabend vor Lätare unter die Augen. In ſeiner Orangerie blühte und duftete Manches. Franz Karl ſchnitt einen vollen Strauß zuſammen, und ſchlenderte Nachmittags mit Büchſe und Ranzen, den Strauß vorgeſteckt, wie ein Brautjäger nach Oeſtrich hinab. Vor dem Häuschen begegnete ihm die Frau, ihren Nazi auf dem Arm. Sie empfing des Barons Strauß und Glück— wünſche mit einem Anſtand, als ob ſie ihr auch von einem . ſo vornehmen Herrn gebührten. Fröhlich und ſcherzend, wie ſie früher in Beiſein ihres Mannes ſich gezeigt, war ſie heute nicht, ſondern hatte, dem Baron allein gegen⸗ über, etwas wahrhaft Vornehmes angenommen. Der Rna uft hefti luſti Fre Ge lih dol g gebracht, Frunz Karl zum Vot⸗ zu folgen. mt; wobei ihren öko⸗ buflüſſgen riſers kun Frinnerung⸗ mn hören, onomiſchen tde, bruhhe unter die e MVnches. men, und den Stuuf inab. Niji auf mnd Glück wn inen ſherzen oq gigt, n in ge men Vor 323 Knabe reichte nach den Blumen, und ſie hielt ihm den duftigen Strauß dicht unter das Stumpfnäschen, daß er heftig nieſen mußte. Da war plötzlich wieder die lachende, luſtige Frau da.— Ja, nieſ' nur, du Schelm, ſagte ſie. Stärke dir dein kleines Hirn! Das Leben wird nicht im— mer ſo gnädig ſein, wie der Herr Baron, und dir einen Strauß der Freuden vorhalten, daß du nieſen mußt, und ein ehrliches Herz dir zuruft: Zur Geneſung! Sie ließ den Knaben ein Dankhändchen geben, und flog mit ihm zum Krahn hinab, wo ihr Mann beim Ausladen eines Bootes zu ſchaffen hatte. Auch er ſollte erſt an den ſchönen Blumen riechen, und mitlachen, daß Nazi davon genieſt habe.— Inzwiſchen ſtellte der Baron ſeine Büchſe an einen Nußbaum, und ſetzte ſich auf einen der Balken am Ufer des Rheins. Die Sonne ſchien durch Florgewölk; der Weſt trieb ſanftſchäumende Wellen über die Kieſel des Ufers. Zu Füßen des Jägers legte ſich der Hund. Bald kam Gertrud zurück, nahm Platz auf den Balken, und ſetzte ihren Knaben auf den Sand. Sie wollte ſehen, ob er ſich vor dem Hund fürchte. Als er das aber nicht that, ſondern auf Damon zurutſchte und ihn am Schlappohr packte, machte es ihr die herzlichſte Freude.— Es iſt ein rechtes Glück für meinen Kleinen, ſagte ſie, daß er am Strom aufwächſt. Der Rhein iſt ein rechter Lehrmeiſter des Muthes, und macht ein junges Herz weit. Noch letzt, wo Stürme die langen Wellen herantrieben, die ſchäumend wie mit Pudelköpfen über das Geſtad heranſprangen, war unſer Nazi noch viel ängſt⸗ licher; er ſchmiegte ſich feſt um meinen Hals, und ſah doch zuweilen wieder ſchüchtern zurück, ob die gehetzten Pudel 21* 3 . 90 32 4 noch da wären. Aber mein Nazi ſoll mir muthig wer⸗ den. Muth iſt gar ein guter Begleiter im Leben. Nur ſchade, daß er eine ſo ſchlimme Sippſchaft hat! Der Un⸗ muth iſt nämlich ſein Stiefbruder, und dann hat er noch einen alten Onkel am Mißmuth. Im Laufe der Unterhaltung bemerkte ihr der Baron, wie bekannt ihm ihr Ausſehen vorkomme.— Flüchtig erröthend verſetzte ſie: Ich ſoll einem geiſtlichen Oheim ſehr ähnlich ſehen, einem Bruder meiner Mutter. Sind Sie eine Mainzerin? fragte Franz Karl. Nein, ich bin in der Gegend von Amorbach ländlich erzogen worden. Amorbach! rief der Baron, nicht verwundert, ſondern durch dieſen Namen an den Schvoshund Amor erinnert. Er knüpfte einen Knoten in das Sacktuch, um die ver— ſprochenen Verſe nicht zu vergeſſen; indeß die Frau zu erzählen fortfuhr: Später lebte ich mit meiner Mutter in Milteberg, wo mich auch mein Mann kennen lernte und nicht lange darauf mit ſich vom Main an den Rhein führte. So habe ich mich an den ſchönſten Flüſſen geſtreckt, und freue mich, daß mein alter Main bis hierher nach Oeſtrich herab gelb bleibt. Franz Karl mochte nicht zudringlicher ſein; denn er fühlte der haſtig erzählenden, ſcherzhaft ausweichenden Frau gar wohl an, daß ſie über den Namen und Wohnort ihres geiſtlichen Oheims hinauskommen wollte, wahrſchein⸗ lich, weil ſie ihn nicht nennen durfte. Sie machte aber kein Hehl daraus, daß ſie ihren kleinen Wohlſtand dem He ihn leb der ho Fr U hig wer⸗ n. Nur Der Un⸗ at er noch rBaron, Flüchtig ſch ſehen, M. ch ländlich , ſondem rrinnert. die ver⸗ Frau zu eberg, wo ſge dmauf habe ich eu nich rich herab dem er nden Fral Pohnort ahrſchin⸗ ahte abt ſtond den Herrn Oheim verdankten, der auch dann und wann bei ihnen einſpreche, und ſich an ihrer Häuslichkeit erfreue. Es iſt gar ſchön, erklärte Franz Karl, wenn ein Geiſt⸗ licher ſich in Verbindung mit verwandten oder befreunde⸗ ten Familien erhält: es macht dieſe unverheiratheten Herren milder und wärmer für das echtmenſchliche Glück, das ſie entbehren müſſen. Da haben Sie Recht, Herr Baron! rief die Frau lebhaft. Wenn ich manchmal bedenke, beſonders ſeit wir den Nazi haben, was ſo ein Prieſter an Frau und Kind entbehrt: ſo erſcheint mir all ihr Wohlleben und ihre hohe Würde gar nicht beneidenswerth. Die wahrhaften Freuden und die echten Sorgen fehlen ihnen doch. Für ihre Schmerzen grünt keine Hauswurz auf ihrem Dache, und ihre Freuden blühen ohne Duft für Andere ab. Das iſt ſo wahr, erwiderte Franz Karl, daß die mei⸗ ſten Geiſtlichen es auch empfinden, und manche dies Glück gar nicht entbehren können, ſondern es auf verſtohlenen Wegen ſuchen. Gertrud erröthete. Nach einer Weile ſagte ſie mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen: Billigen Sie denn ſo was, gnädiger Herr? Vielleicht muß man es entſchuldigen, antwortete er, wenn es auch nicht zu rechtfertigen iſt. Kein Menſch ſollte das Allermenſchlichſte von ſich thun wollen oder müſſen. Es rächt ſich gewiß, und— an wem, und an was? Das ſage ich auch! rief ſeiner Zuſtimmung froh, die ufgeregte Frau. Niemand ſoll Freuden ſuchen, die nicht aufjauchzen dürfen. Es ſind gleichſam Blumen in ver⸗ ſchloſſenem Gemach und verwandeln ihren Duft in Gift —= ——-———— 326 für das Herz. Aber nun muß ich mich erſt recht verwun— dern. Sie leben doch in Mainz, und könnten an ſo Manches gewöhnt ſein, was man von dort Arges erzäh⸗ len hört; dennoch ſind Sie meiner Meinung; während mein braver, rechtſchaffener Mann der Sache manchmal zum Gu— ten ſprechen will. Nein, nun bin ich durch Sie noch recht beſtärkt! Und nun denken Sie ſich einmal ein Kind, eine Jungfrau, die einen Prieſter zum verheimlichten Vater hätte—! Sie erröthete bei dieſen Worten, fuhr aber deſto leb⸗ hafter fort: Bei Gott, Herr Baron! Lieber wollt' ich einen blin⸗ den Bettler, meinen Vater, von Dorf zu Dorf führen, als vor einem Abte ſtehen, der mir die Schürze mit Gold füllte und ſagen dürfte: Nimm's Gertrud, es iſt von deinem Vater! O in die Erde verſänk' ich unter ſolchen ſegnenden Händen! Wie ſie den Kopf wendete, ihre Schürze an die Augen zu drücken, ſah ſie eben, wie ihr Nazi, gegen den Hund vorgerutſcht, ihm ein Händchen voll Sand ins Geſicht warf, daß er heulend entſprang. Schnell zugreifend, hob ſie ihr Kind auf, und da ihm alſo nichts geſchehen war, blickte ſie den Baron an, mit einer Thräne im Auge hell auflachend.— Gibt's nicht einen ganz wilden Jungen? ſagte ſie. Aber zu ſchelten iſt er noch nicht, ſo lange er ſelber auf allen Vieren kriecht. Nicht wahr, ich brauche ihn nicht zu ſtrafen? Der Baron brach lachend auf. Er nahm ſeine Büchſe, reichte Gertruden die Hand, und ſagte: Nun will ich ſehen, ob ich mir eine ſo wackere Frau erjage; aber ich werde höch norg und Läta Ihne ich G Kna dm Vo gen M verwun⸗ nan ſo s erzih⸗ end mein un Gu⸗ noch recht ind, eine n Vater eſto leb nen blin⸗ führen, mit Gold iſt von r ſolchen je Augen en Hund Giſcht nd, hob en wäl, uge hell Jungen lunge er hruuche Bichſ⸗ ſehen, werde höchſtens in Schnepfen glücklich ſein. Ich ſchick Euch dann morgen früh ein Paar, die laßt Euch ſchmecken auf Lätare, und denkt: Lätare heißt— Freue dich! Nein, Herr Baron! antwortete ſie, die Jäger ſagen: Lätare— gilt einem Paare. Und das wünſche ich Ihnen. Und ich auch! verſetzte Franz Karl. Aber nur ſo, daß ich Euer Nachbar werde, und dann heb' ich Euern nächſten Knaben aus der Taufe. Franzel ſoll er heißen. Ei ja, erwiderte ſie, die Augen niederſchlagend,— dann heißt er ja, wie unſer künftige Kaiſer! Der junge Jäger ſchritt vergnügt der Waldhöhe zu. Vor ihm lag die rothe Abendſonne; die Lerchen ſan⸗ gen über ihm, und in ſeinem Herzen ſtieg ein friſcher Muth auf. Als Franz Karl vom Strich nach Hauſe kam, dachte er über die Verſe nach, die er der Comteſſe Agneſe zu Joſephinens Namenstage verſprochen hatte. Dieſer fiel übermorgen. An dem Tage ſollte in der Frühe die Puppe eines Domiecellars im Korbe des Hundes liegen, und ein paſſender Gedanke die Verwandlung Amors in dieſe neue Geſtalt ausſprechen. Der Baron ſchlief über ſein poeti⸗ ſches Nachdenken ein, und als er ſich in der Frühe des Sonntags an den Schreibtiſch ſetzte, brachte er leicht und lachend folgende Zeilen zu Papier: An Joſephine: Was du ſo oft und heiß begehrt, Hat heut' das Schickſal dir gewährt. Als Hätſchelhündchen legt' ich mich nieder, Als Domicellar erwach' ich wieder. O drückende Metamorphoſe— Aus weichem Fell in knappe Hoſe! Die Pfötchen, die dir ſonſt gefallen, Stecken ſo plump in Schuh' und Schnallen, Und wenn ich in deinen Schoos mich drücke, So ſtäubt umher die Stutzperrücke. Nur Eines tröſtet mich fürwahr: Daß dieſer Tag dich ſelbſt gebar, Und daß es ſich nun darum handle, Zu welchem Glück ich mich verwandle. D'rum frag' ich, jetzt aufs neu erwacht: Was wird aus meiner alten Macht? Darf ich nun küſſen, wo ich ſonſt geleckt? Einſchlüpfen, wo ſonſt ich ſo warm geſteckt? Doch ja! Ich bin ja nur erſchienen, Der Herrin in jeder Geſtalt zu dienen. Und wie ich dein Günſtling als Hündchen war, Bleib' ich es auch— als Domicellar! Zu dieſen Worten ſchrieb er einen ſehr artigen Brief an Joſephinen mit Glückwünſchen für ihre Zukunft un mit Klagen über ſeine Abhaltungen von ihrem feſtlichen Tage. Den Brief verſiegelt, die Verſe offen, legte er in eine große Schachtel, die er mit 8 D Blumen füllte, und ſchickte ſie Nachmittags durch einen reitenden Boten nach Mainz an Comteſſe Agnes von Cou denhove. den ſchönſten, duftigſten en Brie unſt un feſtlichen te er n uftigſten c einen on Cou Achtes Kapitel. Während dieſer empfindſamen Stunden, die Franz Karl auf ſeinem Landſitze mit tiefen Zügen genoß, hatte ſein älterer Freund Forſter in Mainz unter den Mitgliedern der Leſegeſellſchaft eine lebhafte Aufregung der Gemüther an gerichtet. An jenem Abende nach ſeinem Abſchiede vom Baron raſch entſchloſſen, die Geſellſchaft davon in Kennt niß zu ſetzen, daß der Director Schriften und Zeitungs blätter an das kurfürſtliche Kabinet abliefere, war Forſter doch am anderen Morgen wieder zweifelhaft geworden. Er überlegte, daß der Director die Sache in Abrede ſtel len könnte, und daß man ſich dann auf die Quelle der vertraulichen Mittheilung berufen müſſe. In welche Ver⸗ legenheit konnte aber dadurch der Baron vor dem Kurfür ſten geſetzt werden! Es war vielleicht um die ganze Stel lung des jungen Mannes geſchehen. Nach ſchwerem Kampfe ſeines Rechtsgefühls mit den Rückſichten der Freundſchaft gab Forſter ſein Vorhaben auf. Nun hatte er aber dieſelbe Mittheilung aus dem Munde des geheimen Rathes Hoffmann vernommen,— eines Mannes, gegen den er ſich, beſonders nach jenem Beſuche, weniger zart und ſchonend geſtimmt fühlte. Er verließ das Schloß mit einer ihm ungewohnten Aufregung, die daher rühren mochte, daß ihm nach dem leidigen Kampf ſeiner Gefühle eine ſo unerwartete Auskunft geworden war 330 Geraden Weges eilte er nach der Leſegeſellſchaft im ſoge— nannten Höfgen. Es war die Stunde, in welcher die friſchen Zeitungen aufgelegt wurden und das Local ſtark beſucht war. Der Erſte, der ihm vor dem Hauſe mit einem leb⸗ haften Gruß aufſtieß, war der Profeſſor Hofmann. Und ſo fügte es ſich ſpaßhafterweiſe, daß eine Hofangelegenheit von einem Hoffmann an einen Hofmann gelangte,— zwei höchſt verſchiedene Charaktere, von denen jener Arzt vom Hoffen, dieſer Profeſſor von Hof, Beide wahr ſcheinlich mit gleich geringem Fug ihre Namen herſchriehen. Hofmann, Profeſſor des Naturrechts und der philo⸗ ſophiſchen Geſchichte an der Univerſität, war ein feuriger Kopf, ein ungeſtümer Charakter, ehrlich und von lebhaf⸗ tem Rechtsgefühl, aber ebenſowenig ängſtlich und vorſichtig in ſeinen Entſchlüſſen, als zart und geſchmackvoll in ſeiner oft genialen Ausdrucksweiſe.— Auf Forſter's Eröffnung ſtürmte er ins große Leſezimmer, ſchwang die Schelle, und ſetzte die aufhorchenden und zudringenden Leſer in Kenntniß, daß jene Journale, Blätter und Broſchüren, die man bisher öfter vermißt und für ausgeblieben gehal⸗ ten habe, vom Director Hartleben, dieſem berühmten Leh⸗ rer des Rechts, zurückbehalten, und an das kurfürſtliche Kabinet ſeien abgeliefert worden Dieſe Erklärung kam ſo überraſchend für Alle, daß erſt nach einer ſtummen Weile ebenſoviel Zweifel als Miß⸗ billigungen laut wurden.— Woher iſt dieſe Beſchuldigung? fragten einige Freunde Hartleben's. Ich behaupte ſie! rief Hofmann, bis Hartleben etwa läugnen wird. Iſt er ſchon hier? im ſoge lcher die eal ſtark inem leb m. Und tlegenheit — enet Arzt e wahr ſchriehen er philo n fiuriger n lbhaf⸗ vorſchtig in ſeiner Eröffnung Schelle, Luſer in oſchüren en gehal nten Leh⸗ fürſilche Alle, daß glö Miß 2 ulbigung ben etwa 331 Er war im hinterſten kleinen Zimmer, die Neuigkeiten des Tags zum Auflegen zu ordnen. Einige ſtürmten hin, ihn zu rufen, als er eben mit einem groß beſiegelten Blatt und mit Ruhe gebietender Hand hervortrat. Eine tiefe Stille entſtand.— Iſt es wahr, Herr Profeſſor— rief ihm Hofmann entgegen, daß Sie— Mit feierlicher Geberde abwehrend, ſprach Hartleben: Still! Ich weiß ſchon, was Sie fragen wollen, Herr Profeſſor, und ich habe die Antwort hier in der Hand. Aber der Reſpekt vor hocfürſtlicher Regierung gebietet, daß man erſt vernehme, bevor man raiſonnire. Er verlas hierauf ein Reſeript der Landesregierung an das Vicedomamt, wornach mehrere namhaft gemachten Journale verboten, alle Broſchüren der Cenſur unterwor⸗ fen und die Annahme von Zuſchriften aus Frankreich unterſagt wurden— Alles bei ſtrenger Ahndung und Strafe. Kaum war der Director an das Datum und an die Worte: Aus kurfürſtlicher— gekommen, als Hofmann unter ſchallendem Lachen ausrief: Da haben wir ja die Beſtätigung! Hartleben's Freunde ſchwiegen betreten, die Anderen im Erſtaunen über eine in Mainz bis jetzt unerhörte Maß regel. In dieſe Stille hinein donnerte Hofmann ſeine Be ſchuldigung gegen den Director, der im erſten Augenblicke betroffen, im zweiten mit Ruhe das Wort nahm: So iſt es, meine Herren! Das Alles war ich mei— ner Stellung als wirklicher Hof- und Regierungsrath, als Decan der Facultät und Lehrer des bürgerlichen Rechtes ſchuldig. Es waren Blätter, die abgeſchafft werden muß— ten, weil ſie die Gemüther aufregen und offenbar Revo lution predigen. Uebrigens iſt aber dieſe hohe Maßregel eigentlich durch die Inſinuationen jener Emigrirten her— vorgerufen worden, die ſeither die Leſegeſellſchaft beſuchen durften. Hat denn aber nicht über An—- und Abſchaffung der Lectüre die Geſellſchaft zu beſchließen? fragte Hof— mann. Hat denn der Herr Profeſſor ſelbſt dieſe Ordnung ſo gar gewiſſenhaft beobachtet? fragte dagegen der Direetor. Hat nicht auch die Geſellſchaft zu beſchließen, was hier aufgelegt werden ſoll? Aber das nimmt ſich hier auch der Einzelne heraus. Dieſer und Jener legt hier Broſchü⸗ ren, Blätter, ja Privatbriefe auf, die von der Geſellſchaft nicht beſtellt ſind. Wir haben heimliche Freunde der Pro— vaganda unter uns, die ſich ein Geſchäft daraus machen, falſche Nachrichten zu verbreiten, die Gemüther zu ängſti⸗ gen, und dem Aufruhr einen Heiligenſchein umzulegen. Ei welch' eine feine Naſe Sie haben, Herr Regie rungsrath und Decan! rief Hofmann. Nun ja, mit ſol cher Naſe iſt denn freilich auch der unwiderſtehliche Trieb verbunden, zu apportiren! Warum denn aber die mißfälligen Sachen gleich ans Kabinet abliefern? fragte Profeſſor Blau. Weil endlich Maßregeln zur Sicherheit des Staats ge⸗ troffen werden müſſen, antwortete Hartleben heftig. Seine kurfürſtlichen Gnaden haben bisher ein edles, humanes Vertrauen bewieſen; des Herrn Hofkanzlers Albini Er⸗ cellenz haben ſich unſerer Anſtalt ſtets mit Eifer ange⸗ nommen. Weder Preſſe noch freies Wort waren bewacht; Coll glie Hof vorz ot rüh unt ben wo wi Lſe len der ſun wu ar Revo Maßtegel rten her beſuchen ffung der gte Hof⸗ rdnung ſo Direetor was hier hier auch Broſchi⸗ geſellſchaft der Pr⸗ 6 mahen, zulegen. rr Regie nit ſol iche Trieb gleih ans Staats ge⸗ „ Seine 2 humanes öni Er ifer ange⸗ n bewn kein loſes Maul, die man in Mainz ſchockweiſe zählt, iſt verfolgt worden. Aber iſt man ſo edler Liberalität mit Dank oder nur mit Anſtand entgegengekommen? Ich ſage, nein! Geheime Zuſammenkünfte beſtehen hier, es beſteht ein nächtlicher Club,— daß ich nur gleich das rechte Wort brauche!— und Mitglieder deſſelben ſchleppen den Aufruhr in unſere ſtets wohlgeſinnte Leſegeſellſchaft. Und es beſteht ein Hofraths⸗- und Landesregierungs⸗ Collegium, parodirte ein gewiſſer Herr Bittong, und Mit⸗ glieder deſſelben ſchleppen die freimüthigen Journale nach Sof, um Verfolgung über das wohlgeſinnte Mainz her⸗ vorzurufen. Sie, Herr Profeſſor, haben ſich hier im Höfgen in Ihrer Eigenſchaft als Reviſionsrath be⸗ nommen: was wollen Sie denn noch bei Hof werden? Ein ziemlich allgemeines Ziſchen entſtand. Hartleben rührte die Schelle und es wurde ſtill.— Sie haben den unverſchämten Redner ausgeziſcht, ſprach er blaß und be⸗ bend, wofür ich Ihnen danke. Aber das Wort des Arg⸗ wohns und der Mißdeutung iſt einmal laut geworden zwiſchen dieſen Wänden, und ich lege die Direction der Leſegeſellſchaft nieder Leben Sie wohl! Seine Freunde fingen den Forteilenden auf, umarm⸗ ten ihn und ſprachen zur Verſöhnung. Vergebens! An⸗ dere nahmen die Abdankung lebhaft an; ein Tumult ent⸗ ſtand, in welchem das Wildeſte durcheinander geſprochen wurde. Man ſchlug eine Abendverſammlung vor, zu der die nicht anweſenden Mitglieder eingeladen werden ſollten, um zu beſchließen, was nun zu thun ſei. Makowitzki, der Diener, wurde mit einer ſchnell entworfenen Einladung in Stadt geſchickt. Er zog es aber auf ſeine eigene Fauſt — —— — —-—— 334⁴ vor, zuerſt zu Garzweiler zu eilen, ihm dieſe merkwür⸗ dige Stunde zu berichten. Er nahm den Weg an ſeiner eigenen Wohnung vorüber, um eine unbezahlte Brotrech⸗ nung des Bäckermeiſters Schnaz zu ſich zu ſtecken, die er als Zulage ſeines wichtigen Berichtes dem Pater überlie⸗ fern wollte. Forſter hatte keine Stimmung, zu dieſer Abendver⸗ ſammlung zu kommen, empört, wie er über Bittong's freche Worte war. Denn ihm ſelbſt wäre es nicht in den Sinn gekommen, den geachteten Hartleben einer böſen Ab⸗ ſicht oder auch nur der Wohldienerei zu beargwohnen; ſondern er maß deſſen unrechtes Benehmen nur einer ängſtlichen politiſchen Anſicht bei. Nun wollte er dieſe Aufregung ausgähren und ihre Hefe abſetzen laſſen, ohne ihren übeln Ausdunſt einzuathmen. Bisher ſelten in den Stunden zahlreichen Beſuchs ins Höfgen gekommen, ward er von dieſem in letzter Zeit ſehr verwilderten Ton un⸗ angenehm berührt. Ja, er empfand etwas von Zwieſpalt mit ſich ſelbſt. Das Gefühl des Rechts hatte ihn zu einem Schritte getrieben, der nun zu einer ſo öden Ver⸗ wirrung geführt hatte. Heftige Worte, leidenſchaftlicher Widerſpruch, gemeiner Argwohn waren laut geworden, und nichts war dem edeln Manne mehr zuwider, als was gegen die innere Würde und den äußeren Anſtand des Betragens anſtieß. nunn zuht nit d bſchr ſin ſtes ( ſamn alte ſchr merkwür⸗ an ſeiner Brottech⸗ n, die er rüberlie Abendver⸗ Bittongs cht in den öſen Ab⸗ wohnen; aur einer er dieſe ſin, ohne en in den en, ward Ton un⸗ gricpat e ihn 0 den Vrr⸗ ſhaftlichet geworden⸗ als was ſtand des Neuntes Kapitel. Des anderen Morgens bei guter Zeit kam Profeſſor Hof— mann zu Forſtern, ihn zur Verſammlung einiger Freunde abzuholen. Er umarmte Forſtern wiederholt und ſtürmiſch mit der Miene des Geheimniſſes, die den Freund eher abſchreckte. Doch Hofmann war nicht leicht abzuweiſen: ſein biederber Zuſpruch widerſtand allen Ausflüchten For— ſter's. Er erzählte, daß es den Abend in der großen Ver— ſammlung noch ſtürmiſch genug zugegangen ſei, und die alte Geſellſchaft ſich aufgelöſt habe.— Stürme ſind oft ſehr heilſam! ſetzte er hinzu. Es gab ſeither doch gar viel Trübſeliges im Höfgen. Die Miſchung der Mitglieder war doch über die Maßen unklar. Nun hat der kurfürſtliche Blitzſtrahl eine Scheidung der Elemente bewirkt, das Höf⸗ gen iſt dem Hof unterlegen, wir gewinnen aber eine Ge— ſellſchaft aus gleichartigen Beſtandtheilen. Der Buchhänd— ler Sartorius gibt uns Local und ſchafft das Leſefutter; wir ſind kleiner und reiner geworden. Vor Allem blei ben die Emigrirten, dies verlaufene Geſindel, verbannt. Forſter lehnte es ab, bei der neuen Unternehmung zu ſein.— Was? rief Hofmann. Sie nicht? Sind Sie denn nicht der Urheber der ganzen Umwandlung? Und Sie wollen ſich unſerem Danke und Vertrauen entziehen? Ghment! Sie gerade ſind der wahre Mann! Wir haben 336 Sie bisher nur nicht recht gekannt: deſto feſter halten wir jetzt an Ihnen. Mein Herz ſagt mir,— Sie werden die Seele unſeres Club ſein! Er riß Forſtern an ſich, umarmte und küßte ihn wie der und wieder, und mit geheimnißvollem Zunicken ihm in die dunkeln Augen blickend, ſchüttelte er ihm beide Hände. Club—? fragte Forſter verwundert, und ſich lang— ſam loswindend. Ein Club in Mainz? Nun ja,— wie Sie wollen! Kommen Sie nur! Mit dieſen Worten zog Hofmann den Freund halb mit Gewalt fort, ſchlang ſich in ſeinen Arm und ſtürmte mit ihm über den Thiermarkt. Forſter fand in ſeinen feineren Formen keine Wendungen der Abwehr gegen ſolche Stöße und Angriffe der Biederbigkeit, und ließ ſich denn auch, um den Profeſſor Dietler mitzunehmen, von Hof— mann in ein altes Haus und drei Treppen hoch fort⸗ führen. Oben betraten ſie ein großes Zimmer mit alten ver brauchten Möbeln und eben nicht in beſter Ordnung ge halten.— Nun, Hanns Narr und kein Ende! rief Hof⸗ mann beim Vortritt, und krümmte ſich vor Lachen, als er den Profeſſor in einem Weiberrocke mit kattunener Jacke und einer nicht gar reinlichen Backenhaube erblickte. Mit einer angenommenen Fiſtelſtimme unter ernſthaf⸗ ten Knixen empfing Dietler die beiden Herren.— Sie ſuchen den Profeſſor Dietler, Bürger Hofmann? ſagte er. Nur einen Augenblick! Er wird gleich kommen. Er ſitzt eben noch ein bißchen drüben hinter ſeinen Heften über praktiſche Philoſophie. Sie kennen mich nicht? Ich bin ſelh Neh halten wir werden te ihn wie micken ihm ihm beide ſich lang⸗ Sie nur! rund halb nd ſtürmte in ſeinen gegen ſolche ſich den von Hof— hoch fort glten vel dnung ge rief Hof⸗ achen, als futtunenel e erblicke . anſthaf⸗ Sil , ſagte er . eten übe Ic bi 7 6 ſeine neue Haushälterin und beſorge eben ſein Frühſtück! Nehmen Sie doch Platz! Mit der lächerlichen Geſchäftigkeit einer alten Magd trippelte er hin und her, räumte ein paar Stühle von Büchern und Wäſche, ſtrich mit der Schürze den Staub ab, und bot ſie den Beiden an. Während er dann in derſelben feinen Stimme vom Wetter ſprach, von der theuern Butter und daß doch zum Glück die Hühner wie— der legten, ſetzte er Taſſen auf den ungedeckten Tiſch, trug friſches Backwerk und Wurſtſchnittchen auf, und ſtellte eine Flaſche Wein in die Mitte.— Ihr werdet wol ein Täßchen mitnehmen, edle Bürger? ſagte er dann, lief mit jüngferlicher Verſchämtheit durch das Zimmer ins Kabinet und rief, als ob es leiſe ſein ſollte: Herr Pro⸗ ſeſſor Dietler! Es ſind Fremde da,— Hungerleider, die mit Ihnen frühſtücken wollen. Nun, was ſagen Sie dazu, Herr Hofrath? rief Hof— mann und hielt ſich, bei Forſter's verblüfftem Ausſehen, den Bauch vor Lachen. Der Dietler iſt ein Original, ein Genie! rief er wiederholt,— ein Originalgenie! Gleich darauf trat der Profeſſor der praktiſchen Phi⸗ loſophie wieder aus der Kammer in ſeinem beſten, das heißt einzigen Anzuge nach neufranzöſiſchem Schnitt des zeiſiggrünen Fracks, ohne Friſur und Zopf. Er begrüßte die beiden Freunde mit gravitätiſchen Schritten, zwiſchen denen er regelmäßig einen Bockſprung machte, und lud ſie zu ſeinem Frühſtücke. Mit affectirter Anſtrengung bohrte er die Flaſche an, und zog unter den lächerlichſten Verzerrungen des Geſichts den Kork aus. Die größte Freude machte es ihm, daß die Freunde ſich über ſein Koenig, Clubiſten in Mainz. I. 22 338 frühes Weintrinken aus Taſſen befremdeten. Er nannte das ſeinen erſten Tagesjucks, behauptend, jede Stunde müſſe, wo möglich, ihren Jucks haben, ſonſt entbehre ſie ihres Schutzengels. Hofmann trieb ihn an mitzukommen, ohne den Schwätzer zu bewegen. Sprach man ernſthaft mit ihm, ſo antwortete er mit einer Schnurre oder Grimaſſe; ſtimmte man einen ſcherzhaften Ton an, ſo erwiderte er pedantiſch oder ſentimental. Was er ſagte, war treffend, oft geiſtreich; nahm ſich aber in widerſinniger Einkleidung und widerſprechendem Ausdrucke nicht ſelten wie ver rückt aus. Erſt Forſter's Ungeduld, der nach Hut und Stock griff, ſetzte Dietlern in Bewegung. Ueber der Straße benahm ſich der ſonderbare Philoſoph ſehr gemeſſen; vielleicht nur weil er durch ſolchen Ernſt ſeinen neufranzöſiſchen An⸗ zug, den das gemeine Volk als Narrentracht belachte, ins rechte Licht zu ſetzen glaubte. In der Verſammlung bei Sartorius aber, wo es ſehr hitzig zuging, fiel er gleich wieder in Späße und Poſſen, und ſtörte die Ver handlung. Die Vorſchläge des Buchhändlers Sartorius zur Be⸗ gründung eines neuen Leſevereins waren ſehr billig, und wurden ohne Umſtände angenommen. Aber die Reden einiger Mitglieder warfen auf den Verein ſelbſt ein neues Licht. Es ſollten Vorträge über die Ereigniſſe der Zeit, über die wichtigſten Fragen des Staates und der bürger— lichen Geſellſchaft gehalten werden; weil man ſich auf alle Weiſe bereit halten müſſe, die franzöſiſche Revolution in Mainz zu empfangen Dieſe Erwartung ſtreute 339 rnannte man ſchon aus; ſo behutſam auch die Eingeweihten, aus Stunde Rückſicht auf manche Anweſende, mit ihren Abſichten noch tbehr ſie zurückhielten. Forſter aber durchblickte dieſe Bewegung der revolutionären Elemente, und ſah die Anfänge einer ohne den Verbindung ſich geſtalten, wie er ſolche bei ſeiner letzten mit ihm, Anweſenheit in Paris als lebendigen Club kennen ge Grinnſe; lernt hatte. Er nahm das Wort, und man ſchien es widerte er erwartet zu haben.— Joa, ſagte er mit der Unbefangen rtreffend, heit und Wärme, mit welcher er in einer Verſammlung inkleidung beſſer, als vom Katheder zu ſprechen pflegte, ja, wenn nicht alle Zeichen trügen, ſo regt ſich hier und dort in Deutſchland etwas, was der dienſtbaren Gelehrigkeit der und Stock Nation eben nicht das Wort redet. Doch das macht er Ett mir wenig Freude. Ich bekenne Ihnen, meine Herren,— n bielleicht die Reihe iſt jetzt nicht an Deutſchland, durch eine Revo— lution erſchüttert zu werden: unſer Vaterland hat die Un koſten der Reformation getragen, ſo wie Holland und England, jedes zu ſeiner Zeit, den Schritt, den ſie zur ſittlichen und bürgerlichen Freiheit vorwärts thaten, mit wie ver — iſchen An lachte, in mlung ba el er glich Pr einem blutigen Jahrhunderte haben erkaufen müſſen Jetzt 3 gilt es uns, und ich wünſche ſo herzlich, wir möchten ge uns am franzöſiſchen Feuer wärmen, ohne uns zu ver . brennen! . p bilig, und die Reden Wie der Sprecher einige Zeichen der Unzufriedenheit bemerkte, fuhr er fort: tein„ Glauben Sie nicht, daß ich die Revolution an ſich dn 3 mißbillige. Ich erkenne die Wichtigkeit derſelben im gro— 2 ürger*... li ßen Kreiſe menſchlicher Schickſale, und glaube, daß ſie ———————— ſich au 3 2 2. 7 ui nicht nur ſich ereignen mußte, ſondern auch den Köpfen, 3 ſtreu den Fähigkeiten eine andere Entwicklung, den Ideen eine n9 1 neue Richtung geben wird Frankreichs Einwohner gera then in eine Activität, die ganz außer dem gemeinen Gang der Dinge liegt Ob ſie glücklicher dadurch im ge wöhnlichen Sinn des Wortes werden, das können nur Diejenigen fragen, die über menſchliche Angelegenheiten nie nachgedacht und keine Erfahrung eingeſammelt haben. Die Natur oder das Schickſal fragt nicht nach dieſer beſondern Art von Glück. Ihre Sache iſt es, daß die Menſchen wirken und leiden, und in beiden bald Freude genießen, bald Schmerz empfinden. Dies ſcheint der Zweck unſeres Daſeins zu ſein. Uns bleibt es nur überlaſſen, in dies Alles Moralität zu bringen; indem wir mit Bewußt ſein leiden und wirken. So bin ich überzeugt, daß die Haupturſache, warum in Frankreich eine neue Form zt Stande kömmt, in der Verderbniß der vorigen liegt; wobei die Kräfte zu ſtocken anfingen, und ein Stoß nö thig war, um einmal Alles wieder in friſche Bewegung zu ſetzen. Ich erwarte für Frankreich lang keine Ruhe und kein ſogenanntes Glück der Einwohner. Es iſt, als ſollten die Menſchen, die zu ſehr an Sachen hingen, nun lernen, indem ihnen der Unbeſtand der Dinge recht fühl bar gemacht wird, einmal wieder, von allem Aeußern un abhängig, mehr im Genuß ihrer Kräfte zu leben. Profeſſor Blau erhob ſich.— Brav, Herr Hofrath! rief er mit ſeinem milden, einnehmenden Lächeln. Sie haben den Revolutionen einen erhebenden Geſichtspunkt abgewonnen. Ich möchte Sie umarmen, zum Zeichen, wie ſehr ich in dieſer echt moraliſchen Anſicht mit Ihnen einverſtanden bin. Aber wer hätte in ſolcher Weiſe mehr zu lernen, als gerade wir in Deutſchland? Sie ſprechen voh len ſthe ri wit noch Sſſ kun woh hen Vie Rer ung Kör cher ner gera⸗ gemeinen rch in ge⸗ nnen nut rheiten nie haben Die beſondern Munſchen genießen, ck unſeres n, in dies t Bewußt t, önß die Forn z igen liegti Stoß ni⸗ Bewegung keine Ruhe 6s iſt, als ingen, nun recht fühl eußern un⸗ en.— Hoftath r Sit heln 8S ſichtöpunt 3 Zeichen mit Ihne Weiſe mih e ſprec 341 von einer neuen Richtung der Kräfte in Frankreich ſol— len wir nicht wenigſtens lernen, auf eignen Beinen zu ſtehen und frei in die politiſche Welt hinaus zu treten? Wo gibt es denn ein zweites Volk ſo reich an herrlichen Kräften, in deren Genuß eben Niemand leben kann, wie wir Deutſchen? Sind wir denn nicht in allen Stücken noch ſchwankbeinige Kinder? Wie dieſe von Seſſel zu Seſſel, vom Knie des Papa zur Hand des Großpapa taumeln: ſo ſind die deutſchen Völker noch immer ge— wohnt, ſich an die überall errichteten Throne und Thrön⸗ chen zu halten. Aber was für Nationalpfeiler ſind das! Wie wollen dieſe verwitterten Pfoſten dem Anſtoß der Revolution widerſtehen? Der neue Kaiſer iſt noch ein ungekrönter Knabe, von dem ich nichts ſagen will; der König von Preußen— werden ihn die ſymboliſchen Bü⸗ cher oder ſeine Maitreſſen beſſer ſtützen? Oder viel⸗ leicht ſeine adeligen Offiziere, unter denen Verachtung der Moral und des Bürgerthums wie eine anſteckende Seuche wüthet? Und was ſagen Sie zu Karl Theodor in Mün⸗ chen? Dieſem mürben Backwerk, von den Händen der Mönche und der Weibsbilder geknetet, die nebenbei auch die Staatsſtellen, ſelbſt die Profeſſorate in Heidelberg verkaufen, und für alles Dies durch Verfolgung der Pro⸗ teſtanten und der Denkenden Buße thun. Oder was er⸗ warten Sie vom regierenden Herzog in Braunſchweig, dem großen Feldherrn aus dem Gefechte bei Kloſter Campen? Es iſt wahr, er übt ſich fortwährend im Be— lagern und Erobern— bei der berüchtigten Branconi, bei Fräulein Hartfeld u. dgl. Ach! und der Landgraf von Heſſen! der ſeine Regimenter ausſtellt, wie Aecker, 342 1 um zu ernten; der die Revolution haßt, und für die * Flüchtlinge derſelben doch keinen Weißpfennig in der Ta⸗ Ub 4 ſche hat. Wo mein Schatz iſt, da iſt mein Herz, heißt lib es in der Bibel, und ſo wird der Landgraf bei der er⸗ Ein * ſten Gefahr gewiß eher ſein Kattenvolk als ſeine Kabi⸗ vet netskaſſe ſtecken laſſen. Ich will nicht weiter gehen, nicht bis hinab auf die regierenden Gräflein in Franken und ſot 4 Schwaben, die in ihrer perſönlichen und politiſchen a 1 5 6 Unbedeutenoheit wenigſtens mit eignen Galgen und Hof⸗ der 1 räthen großthun. Aber wohin ich blicke, zeigen ſich die ſe Spuren des Wurmfraßes an den deutſchen Thronen. küh Wer von uns hat die Schneealpen leuchten ſehen? Herr— ta liche Glut der Firne! Aber ſie verlöſchen in ein Leichen⸗ Ka grau. Blicken Sie, meine Freunde, über die Höhenzüge e des Vaterlandes! Der Augenblick naht, da dieſe Pur⸗ un purgipfel eine Leichenfarbe annehmen. Wo wird unſer 30 Halt ſein, wenn das kochende Frankreich über unſere Gren⸗ G6t zen ſchäumt? ſchl 13 Dieſe Rede erhielt ſtürmiſchen Beifall; während Blau ſich etwas blaß und hüſtelnd niederſetzte. Auch Forſter ra ſtimmte bei, und rief aus: Ja, die Corruption iſt wirk⸗ . lich ſo weit gekommen, daß man ſich wundern muß, wie ſhe Alles noch zuſammenhält. Deſto eher ſtürzt Alles mit Be 5. einmal über den Haufen. Das iſt die Verfaſſung, auf die man ſo ſtolz iſt! in Alſo! rief Profeſſor Hofmann. Eingeſtanden, daß die k „ edle deutſche Nation einer würdigen Herrſchergewalt ent⸗ behrt, und daß nur Dienſtbarkeit— in der höhern Re⸗ gion Dienſtbarkeit der Schmach, in der untern des Miß⸗ N geſchicks— auf den herrlichen Ländern laſtet. Allenthalben d füt dir der Ta⸗ rz, heißt ei der er⸗ eine Kabi⸗ ehen, nicht anken und politiſchen und Hof⸗ en ſich die Thronen. en! Hen⸗ in Leichen⸗ hührüge diſt Pur⸗ wird unſir nſere Gren⸗ hrend Blau uch Forſtet iſt wirt⸗ mß, ni Ales nit ſſung, au n diß wlt en⸗ ern Re⸗ die höh ves if des hen llenthil welkt und ſchrumpft die fruchtbringende Volksklaſſe von Arbeit und Erniedrigung, und allenthalben taumelt in Ueberfluß und Uebermuth das gefräßige Hofhummelvieh. Eine neue Herrſchaft muß aus der Nation ſelbſt geboren werden. Ihr verſteht mich! Auch andere Sprecher tauchten auf. Einer derſelben ſtotterte ein widerliches Gerede zuſammen, das von Nie⸗ mand verſtanden wurde; man hörte nur ſchmähende Worte, deren Ziel man nicht entdeckte, und ſah Geberden, wie ſie einem kriechenden Menſchen geläufig ſind, der einmal kühn ſein möchte. Forſter nahm Hofmann bei Seite und fragte nach dem widerlichen Redner.— Das iſt der Kammerſeeretair Stumme, lächelte Hofmann,— ein Re⸗ chenmeiſter und Kalfactor. Seine Frau iſt Hofſängerin und das edle Pärchen calculirt und fiſtulirt ſich über 3000 Gulden zuſammen. Aber der gemeine Kerl iſt voll Grimm auf den Hof, weil ihm der Hofkammerrath abge⸗ ſchlagen worden iſt. Alſo ſolche Burſche habt ihr auch in euerm— Club? fragte Forſter. Club! rief ungeduldig der Profeſſor aus. Der Club ſcheint Ihnen ein Dorn im Auge. Kommen Sie! Im Vertrauen! Er faßte Forſtern unterm Arm und führte ihn nach einem Seitenzimmer. In dieſem Augenblicke riefen Einige lachend: Nun, Profeſſor Dietler! Was ſagen Sie denn zu dem Allem? Sie ſehen ja ſo nachdenklich aus? Allerdings denk' ich nach, antwortete Dietler ſehr gravitätiſch, etwas nach, was Swift einmal vorgedacht hat. Dieſer ſagt: Unſere Vorfahren haben es weiſe 34 4 eingerichtet, daß Leute, die gern viel und ohne Wider— ſpruch reden wollen, drei hölzerne Gerüſte, und zwar zwei auf öffentliche Koſten errichtet finden,— Kanzel, Galgen und Theater. Eine Kanzel wird euch Wohlrednern die Geiſtlichkeit nicht einräumen, auf der Bühne werdet ihr ſchlechte Einnahmen machen: ihr ſeht alſo, was euch übrig bleibt! Ein ſchallendes Gelächter fiel auf den zeiſiggrünen Rock. Indeß ſaß Hofmann vertraulich neben Forſter und flüſterte ihm ins Ohr: Sehen Sie, es beſtand früher in Mainz eine Geſell— ſchaft von Illuminaten, die ſich aber ſchon vor ſechs Jahren auflöſte. Es waren meiſt Emmerizianer. Her⸗ nach bildete ſich an der Stelle des Illuminaten-Bundes ein Abzweig jener weit verbreiteten Propaganda, die bis zum Ausbruche der franzöſiſchen Revolution ein europäi⸗ ſches Geheimniß blieb. Sie haben von der ſogenannten „deutſchen Union“ gehört. In Mainz war der Sam⸗ melpunkt jenes Bundes, deſſen Tendenz eine allgemeine Republik, Vernichtung des Königthums, Auflöſung des Chri⸗ ſtenthums war. Wir verbinden nicht ſo zerſtörende Abſichten mit unſerer„deutſchen Union“, und ſind bis jetzt noch ein halbes Geheimniß. Aber was man einen Club nennt, ſind wir dermal noch nicht; wir ſind, wenn Sie wollen ein Kluppert— adeliger und bürgerlicher— Ganz oder Halbvögel. Wie wär's, Herr Hofrath— Sie knüpf— ten ſich mit ein? Forſter wich aus. Ich glaube mit Ihnen, ſagte er, daß für unſer Vaterland eine neue Herrſchaft geboren werden muß. Ob die franzöſiſche Revolution zur Heb 5 aun nöh ſind fen, ienſ dß ſiſſe Vert Fntſ hinü der lerſt ſagt Sch falle Ihn Wider⸗ war zwei Galgen nern die erdet ihr was euch ſiggrünen rſter und eGeſell vor ſich r. Hrr⸗ Bundes dit bis eurpüi⸗ genannten er Sam⸗ ilgemeine Abſchten jetzt noch ib nennt, ie wollen Ganz⸗ ie küpf⸗ ſugte er, geboren ur Heb⸗ „ 345 amme der Zukunft beſtimmt iſt, weiß ich nicht; ich aber möchte kein Handlanger dabei ſein. Möglich, daß Um— ſtände eintreten, die uns in das Verhängniß hineinſto⸗ ßen, und dann, lieber Profeſſor, müſſen wir zugreifen, dienſtbar dem öffentlichen Wohl mit dem Seelenmuthe, daß es der Himmel wolle. Wir machen ja die Ereig⸗ niſſe nicht,— die Ereigniſſe machen uns. Sie wurden durch Makowitzki unterbrochen, der mit Verneigungen in das Zimmer kam.— Tauſendmal um Entſchuldigung! rief er. Ich ſoll den Herrn Profeſſor hinüberrufen: es gilt um meine Annahme als Diener der neuen Leſegeſellſchaft. Ich flehe um Ihre gütige Un⸗ terſtützung! Hofmann maß ihn mit ruhigem Blicke.— Makowitzki, ſagte er dann, Er hat etwas an ſich, was mir an Schleichern, Horchern und Spitzbuben immer wohl ge— fallen hat. Komm' Er nur mit herüber,— ich kann Ihn empfehlen! Forſter nahm des Augenblicks wahr, ſich unvermerkt zu entfernen. Zehntes Kapitel. Auf ſo verſchiedene Weiſe, hier ſo unruhig, dort ſo ge— müthlich, verbrachten Forſter und Franz Karl eine folgen⸗ reiche Märzwoche. Ein bedeutendes Ereigniß ſollte ihnen gemeinſam begegnen. Einige Tage nach dem Namensfeſte der Comteſſe Joſephine kehrte Franz Karl mit Ablaufe ſeines Urlaubs nach Mainz zurück. Schon von der Schiffsbrücke aus bemerkte er ein ungewöhnliches Rennen der Menſchen nach dem Schloß hinab. Er ließ den Kutſcher dahin lenken, und als er an der Ecke des deutſchen Hauſes Forſtern ſtehen ſah, ſtieg er begrüßte ihn, und ſchloß ſich ihm an. Er vernahm daß der neue franzöſiſche Geſandte, der Herr von Villars, zur erſten feierlichen Andienz auffahre, die der Kurfürſt endlich dem verhaßten Jakobiner bewilligt hatte. März war Herr von Villars in Mainz und heut war aus, nun, Seit dem ſiebenten der zweiundzwanzigſte. Freunde durchwandelten jetzt die ſtehenden Gruppen, um die Stimmung des Volkes und die Eindrücke des Vorgangs zu beobachten. Die große Menge ſtand in jener gaffenden Neugier da, die nur auf eine ſeltene und vielbeſprochene Erſcheinung geſpannt iſt, Doch Beide zuſammen⸗ deren tiefere Beziehungen ſie hingeſtellt ſein läßt. bemerkte Forſter bald manche Bekannte von der Leſegeſell Hofmann, Wedekind, jenen fatalen Redner Gecken Dietler nach untergeordnete Beamte, ſchaft, wie Stumme, den und andere, dem Anſehen alle ſehr geſchäftig, den angeſeheneren Bürgern etwas auseinanderzuſetzen, ſie zu etwas zu überreden. Einzelne ſchienen auch gewonnen und Straße vor, Andere wichen aus, Franz Karl hatte ſein Auge drängten ſich nach der oder zogen ſich gar zurück. mehr auf die franzöſiſchen Emigrirten gerichtet, und folgte mit Aufmerkſamkeit der leidenſchaftlichen Haſt, womit ſie Schloß verſammelten. ſich zahlreich am Eingang ins Comteſſe s Urlaubs rücke aus Menſchen cher dahin en Huuſes ihn, und der neue zur erſten nlih den ſiebenten heut war zuſammen⸗ olkes und Dit grßt ie nur auf ſpumt iſ⸗ iſt Lot oſmil— en Redner u Wſchen häftig, den zen, ſ zu vonnen un vichen allö, ſin Aug und fog womit ſi ſamml en 347 Außer dieſen Bewegungen, die aber auch ziemlich geräuſch— los geſchahen, herrſchte auf dem weiten Schloßplatze eine den Mainzern ſonſt nicht gewöhnliche Stille, wie die Ahnung eines großen Verhängniſſes. Man hüllte ſich in die Mäntel und Rokelore; denn das milde Wetter war umgeſchlagen; es ſtürmte rauh, und auf den Bergen des Rheingaues lag ein ſchweres Gewölk. Endlich kam der Geſandte von der großen Bleich her in Gala gefahren. Durch den Glaswagen erblickte man Herrn von Villars in ſeiner großen Uniform mit Schärpe um die Schulter. Ein ſchmales lebhaftes Geſicht, das durch ein Toupet noch verlängert erſchien. Die Menge wich zurück, ſo daß jene geſchäftigen Männer frei ſtanden, die ſich verabredet zu haben ſchienen, ihre Hüte abzuneh⸗ men, und mit großer Schwenkung derſelben den vorüber— fahrenden Franzoſen zu begrüßen. Der Geſandte dankte lebhaft rechts und links mit Winken der Hände und lä⸗ chelndem Zunicken. Dieſe Freundlichkeit machte einen gu— ten Eindruck; die Menge belebte ſich, und drängte dem Wagen nach. Bald vernahm man aus dem Schloßhofe ein lautes Murren, und eine kräftige Stimme, die man für Jeanbaptiſt's erkannte, rief: Kriegt ihr ſo viel Un⸗ glück, als Tag' im Jahr ſind, ihr verlaufenes Geſindel! Ein Lachen und Pfeifen folgte dieſer kecken Verwün⸗ ſchung.— Was iſt denn? Was geht denn da vor? frag— ten die Zurückſtehenden. Man drängte vorwärts; das Murren erneuerte ſich; Einzelne warfen über die Köpfe der Andern, was ſich zu ihren Füßen Werfbares greifen ließ. Endlich hörte man etwas von der Urſache der Be⸗ wegung. Die Emigrirten hatten ſich nämlich am Ein⸗ 348 gange zur großen Treppe zuſammengefunden, um den ausſteigenden Geſandten zu verhöhnen, und dies hatte den ſtillen Groll der Bürger aufgeregt.— Sie ſehen, lieber ha Baron, ſagte Forſter, wenn unſer ehrliches mainzer Hand⸗ Si werk je revolutionair werden kann, ſo danken wir es die⸗ mi ſen Königlichgeſinnten. Ja, ſo machen ſich alle Revolu⸗ jun tionen: wenn die weiße Coearde ſchmutzig iſt, ſo ſteckt Au man eine dreifarbige auf! Neues Ziſchen und Pfeifen brach aus— Hi, hi! h rief eine Weibsſtimme— der Musje Wulewu! Wie Ne wird mir's! Will der noch einmal ausgeladen ſein?— 1 Alles Dies durfte heut im Schloßhofe vorgehen; denn tri man erblickte auch keine Seele von dem zahlreichen Per— V ſonal der Hoflivree, des Hofmarſchalamtsſtabs, des Ober⸗ Er 5 ſtallmeiſterſtabs, der Heiducken und Leibgarde. ſo 6 Inzwiſchen hatte der Wagen des Geſandten langſam Gi gewendet; die Emigrirten verließen haufenweis den Schloß⸗ Fa hof. Man hielt es für eine Flucht, und jubelnd zog V 1 13 alles Volk hinter ihnen drein. be Forſter und Franz Karl folgten langſam nach, ver⸗ un wundert über die plötzlich fieberhafte Stimmung der Menge. — Es wird Alles davon abhangen, meinte Franz Karl, ie . wie der Kurfürſt den Geſandten aufnimmt, und während tin 5 ſeines Aufenthalts behandelt. Weſſen Auge könnte das hei 63 Verhängniß erblicken, das vielleicht am Deichſelende jenes m Galawagens ſich anfaßt! die . Forſter theilte dem Baron kürzlich mit, was in deſſen lit Abweſenheit bei der Leſegeſellſchaft vorgefallen war. Er n ließ ihn dabei einen Blick in die Anſichten und Stimmung ſt thun, die unter vielen Gelehrten und Angeſtellten herrſch— lieber Hand⸗ es die⸗ Revolu⸗ ſo ſteckt i, hi! Vie 7 n* den n Per⸗ Ober⸗ langſam Schloß⸗ nd zog , ver⸗ Menge. 3 Karl, wihrn nte das e jenes ſſen Et nde n mmun 34⁴9 ten. Franz Karl war durch Forſter's Geſpräche nach und nach für die öffentliche Meinung intereſſirt worden, und that durch die Augen und unvermerkt auch durch den Sinn des älteren Freundes manchen Blick in jene Lebens⸗ kreiſe, von denen ihn ſein Stand, ſeine Stellung und zuweilen auch überkommene Vorurtheile entfernt hielten. Auch hier auf offener Straße ſahen wir Ruhe und Auf⸗ regung raſch in einander übergehen, bemerkte Forſter. Ich lege übrigens darauf kein zu großes Gewicht. Die Menge iſt ein Strom, der ſich auf der Oberfläche von jedem Wechſelwinde bewegt, mit leichten Schauerwellen treibt. Das ändert ſo leicht die Strömung der tiefen Maſſe nicht. Die Geſinnungen, die der Menſch durch Erziehung und Gewöhnung erhält, bemächtigen ſich ſeiner ſo gänzlich, daß ſie allen andern den Zugang verſperren. Ganz beſonders iſt dies mit politiſchen Meinungen der Fall. Die Hartnäckigkeit, womit die Menſchen an ihren Verfaſſungen, Geſetzbüchern, Gerichtsformen, kurz an allen herkömmlichen Einrichtungen im Staate haften, läßt ſich nur mit der ſogenannten Kraft der Trägheit vergleichen. Ohne vorhergegangene gewaltſame Erſchütterung nehmen die Menſchen keine neue Meinung an, und es folgt mit hin offenbar, daß der angeblichen Anſteckung mit Frei heitsgedanken ein leidender Zuſtand vorausgegangen ſein muß, wodurch dieſelbe erſt möglich ward. Daher iſt mir die Staatsweisheit unſerer großen Miniſter in Wien ſo lächerlich, die nur von einer gegen die Fürſten verſchwore⸗ nen Partei reden. Wahrlich! es muß erſt an die Men ſchen gebracht werden. Wenn aber ein Volk hungert, ſind freilich alle Magen verſchworen, ſich zu ſättigen 350 Der Freund war im beſten Zuge, die verſchiedenen Localurſachen der neuſten revolutionairen Bewegungen in Holland und Brabant, in Ungarn, Polen und Schweden, in Lüttich und Frankreich darzulegen, als der junge Ba— ron aus der Wohnung der Gräfin Coudenhove von lockenden Winken angezogen ward. Die Damen ſtanden noch am Fenſter, in Erwartung der Rückkehr des fran⸗ zöſiſchen Geſandten. Es war dem Baron nicht unlieb, im Reiſeanzug als eben erſt Zurückkehrender bemerkt zu werden. Er eilte hinauf, und ward mit den artigſten Vorwürfen wegen ſeines Ausbleibens über das Namens⸗ feſt empfangen. Der Spaß mit dem verwandelten Amor ward erzählt, und als Comteſſe Joſephine die Puppe des Domieellars herbeiholte, war es auch für Franz Karl ergötzlich, den Herrn von Venningen mit der ſchiefen Schulter ſo kenntlich abgebildet zu ſehen.— Comteſſe Agnes rühmte nun ſelbſt die Klugheit des Hundes, be⸗ hauptend, er verſtehe den ganzen Spaß mit ſeiner Ver— wandlung und könne den Domiecellar nicht mehr ausſtehen. — Sehen Sie nur, Baron! rief ſie, und reizte den Hund mit der vorgehaltenen Puppe, die ſie zuletzt ſeinen Zähnen und Pfoten preisgab. In Abweſenheit des Admirals ſchien auf Comteſſe Agnes aller Muthwille übergeſprungen zu ſein, den ſonſt Joſephine übte; wogegen dieſe heut etwas ſo Sinniges, Schmachtendes in den ſchönen Augen hegte, und ohne den Baron ſeiner Vernachläſſigung halber nur mit einem Wort anzuklagen, doch eine ſo ſprechende Leidesmiene trug, daß es den jungen Freund höchſt angenehm be⸗ fremdete.— Was haben Sie? gnädigſte Comteſſe, fragte nit indlich ſheiner ie Si V lichel N inen Uns Ihr ſanft Com o0n kon f L vrück nit ſ ſegr hen ſch i 6 inge ſtoß hiedenen ngen in chweden, nge Ba⸗ o von ſtuden es fran⸗ unlieb, merkt zu artigſten lamens⸗ n Anor uppe des u Krl ſqhiefin Comteſt er Ver⸗ usſtehen. ijte den t ſeinen Comtiſe den ſont zimiges, ohne den t einem debmiene hm be⸗ e frngt 354 er mit der gutmüthigſten Zärtlichkeit, als ob er ſeine ländliche Abneigung wieder gut machen wolle. Sie er⸗ ſcheinen mir unausſprechlich lieb mit dieſer ſanften Miene, die Sie mir noch nie gezeigt. Auch Sie haben, ſcheint es, eine Verwandlung beſtanden. Oder wäre vielleicht mit Ihrem Namensfeſt ein anderer Jahres-Planet an die Reihe gekommen? Wie meinen Sie das, Herr Baron? fragte ſie ſanft lächelnd. Nun, Sie wiſſen doch, daß uns der Kalender jährlich einen der ſieben Planeten als herrſchend bezeichnet, und uns von deſſen Einfluß auf die Erde erzählt. So ſcheint Ihr blitzender Geiſt ſeine bisherige Herrſchaft an Ihr ſanftes ſchwärmeriſches Herz abgetreten zu haben. Und als die Gräfin mit einem ſchalkhaften Blick auf Comteſſe Agnes fragte, was denn des Barons Kalender von dem neuen Planeten erwarten laſſe, fuhr der Ba⸗ ron fort: Wenn das vergangene Jahr heiß, gewitterhaft, nieder— drückend geweſen iſt: ſo wird das laufende hoffentlich mit ſanften Regenſchauern und fruchtbaren Sonnenblicken geſegnet ſein, oder vielmehr ſegnen, und die geſellſchaftli⸗ chen Gegenſtände der Anziehung und des Abſtoßes werden ſich ändern. Gut prophezeit! rief die Gräfin. Der von Ven⸗ ningen ſcheint in der That ſeit dem I9ten ziemlich ab⸗ geſtoßen. Ach! fiel Agnes ein, den hat ſein Ebenbild aus Lap⸗ pen abgeſtoßen; er hat an der Puppe ſich endlich einmal von hinten geſehen, wie's ihm der Spiegel niemals zeigt, ——————— —.-— und desavouirt ſich nun ſelbſt. Nein, Baron, ich will's Ihnen ein andermal beſſer erklären. 3 Bei dieſen Worten nahm die Gräfin, wie zufällig, Joſephinen mit ſich in ihr Kabinet, und als der Baron um die Erklärung auf der Stelle bat, fuhr die Comteſſe fort: Sie ſehen hier, ohne alle Verwandlung, wie liebens würdig meine Schweſter ſein kann, wenn ſie gekränkt iſt. 1 Sie, Herr Baron, hätten mein Thema von Amors Ver 3 wandlung nicht witziger aber viel zarter ausführen können. 6 Die Verſe ſind charmant, aber ſie haben Joſephinen aufs Tiefſte verletzt. Im Vertrauen, lieber Wallbrun! Es ſchien 11 mir manchmal, als ob Joſephine Ihrem Herzen eine zärt liche Empfindung abgewonnen hätte: wer aber dem ver— wandelten Amor ſolche Gedanken und Wünſche in den 1 Mund legen, ja nur einen andern Mann ſich in der Si— tuation zu einer Dame denken kann, in welche Sie den Domicellar verſetzt haben, der liebt dieſe Dame nicht mit . einem Funken! Das glauben Sie mir, Herr Baron! Und als Franz Karl aus einer gewiſſen Beſchämung 3. nichts erwiderte, ſprach Agnes weiter: 5 Sie haben meiner Schweſter großes Unrecht gethan, blos nach ihren kleinen witzigen Koketterien zu beur theilen, die ich ſelbſt nicht immer billige. Aber Sie ha ß ben noch mehr Schuld! Sie haben in dem ſchönen Her zen, das Sie noch gar nicht kannten, den unglücklichſten Zwieſpalt angerichtet. Mein Gott! Comteſſe—? rief Franz Karl, und Agnes mit beſchwichtigender Geberde fuhr fort: Sie werden es begreifen, lieber Baron, wenn ich Ihnen ſage, daß gerade dieſe kränkenden Verſe meine Schweſter nußt denker ßeſten Geger loren Recht 9 Giner Ciner denke habe an L Sle ſolche en beſcht Sch ur nn baber z liſt ſſch Sel 0 ch wills zufüllig, won um eſſe fort: liebens⸗ rinkt iſt kömen. en aufs Es ſchien ine zürt dem ver— in den der Si⸗ Sie den nicht mit aon! ſchämunh gethan, u be Sie ha un hr ickichſten d Agnes ch Ihnen 5 hweſte 353 über ihr verſchwiegenſtes Gefühl für Sie klar gemacht haben in einem Augenblicke, da ſie zugleich empfinden mußte, daß es eine ganz unerwiderte Neigung ſei. Be⸗ denken Sie, was das heißt, eine edle Seele aus dem ſü⸗ ßeſten Traum erwecken, um ihr zu verkünden, daß ſie den Gegenſtand ihres ſeligen Traums in der Wirklichkeit ver— loren habe!—— Sie ſchweigen? Und geben mir alſo Recht? Recht und Unrecht! erwiderte Franz Karl mit Gefühl. Einer der liebt, macht ſolche Verſe freilich nicht: wol aber Einer der— vielleicht Liebe ſuchte und ein Herz fand, oder zu finden glaubte, an dem ſolche Verſe ſich nicht ver⸗ ſündigen konnten, und das vielmehr— Baron! fiel Agnes ein. Ich beſchwöre Sie! Laſſen Sie die arme Joſephine nicht ahnen, daß Sie ſo von ihr denken, oder wie ich hoffe, nur einen Augenblick gedacht haben! Sie fühlt aus Ihren Reimen nur den Mangel an Liebe, aber zum Glück nicht die üble Meinung, die Sie hineingelegt haben. Gehen Sie! Schämen Sie ſich ſolcher unwürdigen Empfindungen! Eins befehle ich Ih⸗ nen: daß Sie nie gegen Joſephinen weder bereuend noch beſchönigend jener Verſe gedenken Laſſen Sie meine Schweſter mit ihrem edlen Herzen ſelbſt fertig werden! Nur durch zarte, ſchonende Aufmerkſamkeit gegen Joſephi⸗ nen können Sie ſchweigend abbüßen, was Sie verbrochen haben, und worüber Ihnen die gute Seele leider! nicht böſe genug iſt. Dieſe Eröffnung machte auf den jungen Freund den erſchütternden Eindruck, auf den ſie berechnet ſein mochte. Seinem argloſen Herzen erſchien Joſephine in einer neuen Koenig, Elubiſten in Mainz. 1 23 — . 1 1 354⁴ Offenbarung ihres ſo ſehr verkannten Weſens. Und dieſe unvermutheten Schätze einer ſo zarten und edeln Empfind⸗ ſamkeit erſchienen zugleich als Schmuck einer heimlichen Neigung für ihn gefaßt. Er hatte das beſte Herz ver— kannt, ja tief verletzt, und war an ſeiner eignen Einſicht ſowie gegen das ſüße Geheimniß der Liebe zum Sünder geworden. In dieſer Verwirrung ſeiner Gedanken und Empfindungen wußte er nicht, war es das Gefühl ſeiner Schuld oder ſeines Entzückens, was ihn zu Joſephinens Füßen hinziehen wollte, als die Comteſſe mit der Gräfin eben wieder in den Salon zurückkehrte. Doch Agnes, die ſeine Gemüthsbewegung beobachtete, hielt ihn zurück. Er ergriff und küßte die Hand, die abwehrend nach ihm ausgeſtreckt war, mit den leiſen Worten: Ich ſegne mei nen leichtfertigen Scherz, wenn er Joſephinen von ihrem Witze und mich von meinem Irrthum geheilt hat! Elftes Kapitel. Eben fuhr ein Wagen am Hauſe an, und der Admiral in Gala ſtieg aus. Comteſſe Agnes ging ihm einige Schritte nach der Thüre entgegen. Sie ſind eine Prophetin, meine kluge Comteſſe! rief der Eintretende, indem er der ihm zuerſt begegnenden Agnes und dann mit ſeiner etwas ſteifen Eilfertigkeit den übri⸗ gen beiden Damen ſeine Handküſſe darbrachte. Man fragte nehm L habel ſandt Anfe mpf ben. ige in und Civi ſand geſt man kein Bli ſchri fürſ uſte ſor g Stel org Cor Kur gen, lnd dieſe mpfind eimlichen Nrz ver inſicht Sünder en und hl ſeine ephinens Graäfin Agnes nzurück nach ihm gue we oh ihrew Adwiral n einige eſe! nie en Agne en übri an frog 355 nach dem Was und Wie, und er fuhr, einen Seſſel ein nehmend, fort: Wie meine geiſtreiche kleine Freundin vorausgeſagt, haben Seine kurfürſtlichen Gnaden den franzöſiſchen Ge ſandten ausgezeichnet übel aufgenommen. Schon bei der Anfahrt war kein Menſch ihn zurecht zu weiſen, ihn zu empfangen da, die Treppe, die Corridors wie ausgeſtor ben. Herr von Villars durchläuft alle Gänge, die rich tige Thüre zum Audienzſaale zu finden. Denken Sie ſich, in welcher Wuth er endlich durch Zufall den Eingang und den prachtvollen Saal mit Menſchen angefüllt trifft! Civil, Militair, Hoſchargen, Geiſtlichkeit, wir von der Ge ſandtſchaft, Alles, glaub' ich, blos als Zeugen dieſer aus geſuchten Demonſtration mit eingeladen. Aber da konnte man den Franzoſen von Adel erkennen! Kein Blick, keine Miene verrieth ſeine Wuth; nur ein Anflug von Bläſſe bebte um ſeinen ſcharf geſchnittenen Mund, und er ſchritt mit einer Haltung gegen den Thronſeſſel des Kur fürſten, als ob er ihn einzunehmen herbeikomme. Die erſten Beamten umſtanden den Thron. Herr von Villars ſprach ruhig, fein und mit Würde; aber ich hätte jede Stelle bezeichnen mögen, wo er etwas ſtockend in den vorausgeflochtenen Kranz ſeiner Rede einige auf den leeren Corridors ſchnell aufgeleſene Stacheln einmiſchte Der Kurfürſt erwiderte kurz, kalt, in geſchraubten Wendun gen, und entließ dann den Jakobiner denken Sie nur! — ohne ihn, wie üblich, zur Tafel zu laden An dem Kopſſchütteln und den bedauerlichen Mienen des Erzählers merkte man, wie wenig er mit der leiden ſchaftlichen Politik des Kurfürſten zufrieden war Die 9* 2 ———— — Gräfin ließ es ihm nicht hingehen; ſondern glaubte das Verfahren ihres hohen Freundes rechtfertigen zu müſſen. — Sie vergeſſen ganz, Herr Admiral, ſagte ſie lebhaft, was der Kurfürſt der Politik Preußens und Oeſtreichs ſchuldig iſt. In Berlin werden die Kriegsrüſtungen be⸗ trieben. Ich kann Ihnen im Vertrauen ſagen, daß in dieſem Augenblicke der Plan dazu zwiſchen dem Prinzen Hohenlohe und dem Herzog von Braunſchweig verabredet wird. Wir ſprachen doch jüngſt von der Note des jetzi⸗ gen franzöſiſchen Miniſters, des kriegsluſtigen Dumouriez: geſtern haben wir Nachricht, wie das wiener Kabinet ſie beantwortet. Vor Allem wird auf Herſtellung der fran⸗ zöſiſchen Monarchie auf die Grundlage der königlichen Sitzung vom 23. Juni 89 beſtanden, dem Adel und Klerus werden ihre Beſitzungen reelamirt, und die deut⸗ ſchen Fürſten werden im Elſaß wieder in ihre weggenom⸗ menen Hoheits- und Lehnrechte eingeſetzt werden. Dieſe Stellung der europäiſchen Politik hat der Kurfürſt im Auge, ſehen Sie! Noch geſtern ſagte er mit Würde, er ſtehe politiſch wie geographiſch an der Spitze Deutſchlands gegen Frankreich. Nicht wahr, Baron Wallbrun, das iſt ſein energiſcher Ausdruck? Leider wahr, meine Gnädigſte! antwortete Franz Karl. Warum leider? fragte ſie betreten. Weil die Spitzen auch von einem Mißgeſchicke zu⸗ abbrechen, Gräfin Dies ernſte, ſchwere Wort rollte, ſo zu ſagen, dem Domicellar von Venningen zwiſchen die Füße, der eben hereintänzelte, vom Hündchen Amor heftig angebellt. Den Hund neckend und hetzend, erzählte er, welch' göttlicher erf — 6haß fonm wrüb gnom inen und ſche i hitzte ſche zurüc Kutſt ſeinn daß ſchob Rade ben und unter Vutl ſeu iſe Unſt us l ubte das müſſen lebhaft, Oeſtreichs ngen be „dß in Prinzen verabredet des jetzi⸗ mouriez: binet ſie der fran⸗ niglichen Adel und die deut⸗ eggenom⸗ n Dirſ fürſt in ginde, utſchlands dus iſt tanz Kul ſhicke zu en dem der ben ange bellt ʒulih⸗ 357 Spaß ihm eben auf der Straße begegnet ſei.— Ich komme, ſagte er, an der Ecke des Kaufmanns Rapallo vorüber, wo doch der fatale franzöſiſche Geſandte Wohnung genommen hat. Stehen da wol fünfzig Emigrirte um einen Scheerenſchleifer, den ſie ſelbſt dahin poſtirt haben, und laſſen ihre Säbel und Degen ſchleifen. Nicht lange ſehe ich dem Dinge zu, ſpreche mit einigen der ſehr er⸗ hitzten Franzoſen, und lache in die Fauſt über dieſe kin— diſche Demonſtration; ſo kömmt der Geſandte vom Hofe zurückgefahren. Ich ſehe, wie er bei dieſem Anblicke dem Kutſcher ein Wort zuruft, worauf dieſer ſchmunzelnd mit ſeinem Prachtgeſpann mitten durch den Haufen lenkt, ſo daß einige Emigranten von den Pferden bei Seite ge⸗ ſchoben werden, und der Schleifkarren von der Nabe eines Rades umgeworfen wird. Unter dem Schimpfen und To⸗ ben der Franzoſen betritt Herr von Villars das Haus, und kaum iſt er oben, ſo läßt er aus dem Fenſter über dem Scheerenſchleifer die dreifarbige Fahne mit dem fran⸗ zöſiſchen Wappen ausſtrecken, als ob er all' das Geſindel unter ſeinen Schutz nehmen wolle. Da hätten Sie die Wuth dieſer Herren ſehen ſollen, wie ſie mit Luftſprüngen, Kreuzſprüngen, Tanzſprüngen die Fahne zu erreichen und mit ihren Degen zu durchſchlitzen ſuchten. Aber jedesmal hob ſich vom Wind in großwallender Bewegung die pom⸗ pöſe Fahne, als ſpotte ſie der hüpfenden Knaben Das umſtehende Volk lachte und ſpottete die wüthenden Tänzer aus Es war ein koſtbarer Spaß, ich möchte ſagen— ein himmliſcher Schabernack! Die Gräfin ſchalt alles Ernſtes dieſe Geſinnung des Domicellars.— Wären Sie ſelbſt nicht ſo kindiſch, Herr 358 von Venningen, ſagte ſie, ſo würden Sie ſolche Zeichen edeln Muthes beſſer verſtanden und gewürdigt haben. Doch Venningen lachte nur, und jagte ſich in ſeiner un⸗ bekümmerten Weiſe mit dem Hund umher, ziſchte und hetzte ihn zum Bellen, erwiſchte ihn am Ohr oder Schweif, bellte ihm nach, ſo daß es einen wahren Hundelärm ab⸗ ſetzte. Dieſem Spektakel machte Herr von Montleveau ein Ende, der Freund der Gräfin, der ſehr aufgeregt eintrat, finſter und flüchtig grüßte, und ſich ſehr mürriſch in einen Seſſel warf. Aha! rief Venningen in ſeinem ſeltſamen Franzöſiſch, ich ſehe, Sie ſind müde, Herr von Montleveau. Sie haben Ihre Sprünge gemacht,— Ihre dreifarbigen Kreuzſprünge! Beten Sie Ihr Brevier, Herr von Venningen! ant— wortete der Franzoſe mit verächtlichem Blick, und brach in die heftigſten Aeußerungen über Mainz und dieſe Bürger⸗ Canaille aus, in die der Dämon des Jakobinismus ge— fahren ſei.— Man ließ ihn eine Weile reden; als er aber auch den mainzer Adel beſchuldigte, daß derſelbe we⸗ nigſtens theilweiſe der Revolution zugethan ſei, verſetzte Franz Karl ruhig, aber nicht ohne Empfindlichkeit: Es wäre kein Wunder, mein Herr, wenn man die Revolution weniger haſſenswerth fände, nachdem man die Feinde und Flüchtlinge derſelben näher kennen gelernt hat. Ich muß unſere Mainzer vertheidigen. Man braucht der Revolution noch nicht anzuhangen, wenn man ſich von übermüthigen Gäſten nichts gefallen läßt oder manche Antipathien der Revolution lächerlich findet. Der mainzer Lirge Fremd nordi 5 au's ihn L Ausf hn Fran Rger born deln ſage ſie thig hat iſt d wor Söl Sol ind, M Due Zeichen haben iner un⸗ chte und Schweif, lirm ab Nau ein eintrat, in einen uzöſiſch Sie ifarbigen gen ant— hnch in Bürger⸗ mus Re⸗ elbe we⸗ vrſtzte it: man die man die euut hat aucht der ſich von manche mainel 3 Bürger iſt gutmüthig, ja unterthänig, und wirft keinen Fremden aus ſeinem Garten, wenn ſich der Gaſt nicht unordentlich beträgt. Dieſe Anſpielung auf das frühere Begegniß Montle— veau's im Vaurhall beſchämte den Franzoſen und brachte ihn vollends in Wuth. Er vergaß ſich ſoweit, daß er Ausfälle gegen den deutſchen Adel überhaupt that, und ihn einer niedrigen Geſinnung beſchuldigte. Dies war für Franz Karl doch zu viel: er ward heftiger, als er ſonſt gegen einen Mann geworden wäre, den er für ebenſo bornirt, als eitel kannte.— Ich will nichts von den edeln Manieren und Grundſätzen der hieſigen Emigrirten ſagen, rief er unter Anderem, denn der Kurfürſt würdigt ſie noch immer der Gaſtfreundſchaft und ſeiner großmü⸗ thigen Unterſtützung. Allein der franzöſiſche Adel an ſich hat nicht Urſache ſich über den deutſchen zu erheben Was iſt der hohe Adel in Frankreich unter den Bourbonen ge⸗ worden? Ein langes Gefolge königlicher Diener, deren Söhne nur auf die Gelegenheit warten, königliche Beamte, Soldaten, Gerichtsleute oder Geiſtliche zu werden. Was ſind, worin beſtehen ihre erhabenen Vorzüge und Ehren? In Vortritt bei Hof, Hofetikette, adeligem Waffen- und Duellunterſchiede, Ahnenprobe, Ebenbürtigkeit in einem von politiſchen Rechten leeren Raum und endlich in dem hohen Privileg,— das Bürgerthum zu verachten. Wo ſind die großen Rechte Ihres hohen Adels,— ich meine genoſſenſchaftliche Rechte? Sie haben die Gunſt, keine Steuern zu bezahlen, aber nicht das Recht, dem König Steuern zu bewilligen. Sie haben den Vortheil über dem Bürger zu ſtehen: haben Sie aber auch das Recht, . nur von Standesgenoſſen gerichtet zu werden? Unſer hohe Adel hat ein Recht an der Reichsſtandſchaft, an der Geſetzgebung des Reichs, er hat genoſſenſchaftliche Rechte, er iſt Richter und Herrſcher auf ſeinem Beſitz, er iſt ein Glied der Majeſtät des Reichs. Sie ſehen, Herr von Montleveau,— ſoviel hatte der franzöſiſche Adel nicht zu verlieren, als er das Reich und den König im Stiche ließ, und über die Grenze floh. Er verneigte ſich gegen die Damen, küßte Joſephinen die Hand, und verließ mit ſtolzer Haltung das Zimmer. Sie haben geſprochen, wie ein kleiner Herrgott, Baron! rief ihm Venningen in deutſcher Sprache nach. Zwölftes Kapitel. Franz Karl, als er folgenden Tags zu ſeinen Geſchäften zurückkehrte, fand den Kurfürſten etwas verſtimmt über Papieren ſitzen, die er im Laufe des Geſprächs mit einer ſtillen Ungeduld hin- und herwarf, wie etwas, was man gern los wäre, worüber man aber nicht hinaus kann. Er kam endlich, wie der Baron erwartete, auf den ihm ärgerlichen Gegenſtand zu reden. Es war ein Plan zu den nöthigen Herſtellungen an den Feſtungswerken. Dieſe waren in der ſchönen Friedenszeit und bei dem guten Einverſtändniſſe des franzöſiſchen Hofes mit Oeſtreich in tiefen Verfall gerathen Man hatte die Wälle und Gribe wiſche hatter griu allen und Kom und tben wertt umfa Aufn der erſch die des hofft Proj zurü aber Unſer an der* Rechte, r iſt ein err von nicht zu tiche leß, oſephinen Zinmer Baron! eſchäften nt über tit einer vas man 5 kann on ihm Plan zu Dieſe nguten reich in lle und 361 Gräben zu Obſt- und Gemüsbau wie zu andern ökono⸗ miſchen Zwecken benutzt. Vortheil und Bequemlichkeit hatten vielleicht an Mauer- und Bohlenwerk Manches weg⸗ geräumt, was ſelbſt die Zeit geſchont hatte. Nun von allen Seiten angegangen, mußte der Kurfürſt etwas thun, und hatte den Ingenieur-Major Eickemeyer durch den Kommandanten von Gymnich mit Entwerfung eines Plans und Koſtenanſchlags beauftragen laſſen. Dieſe Arbeit lag eben vor. Sie war nicht etwa mangelhaft und tadelns⸗ werth, ſondern im Gegentheil nur zu gründlich und umfaſſend ausgefallen, ſo daß ſie den Kurfürſten mit dem Aufwand ängſtigte, der zu einer zweckmäßigen Herſtellung der Werke gegen kriegeriſche Verhängniſſe unvermeidlich erſchien. Um die Sache los zu werden, hatte der Fürſt die Arbeit ſeines Offiziers zweien franzöſiſchen Ingenieuren des Prinzen von Conde zur Prüfung mitgetheilt. Er hoffte im Stillen, dieſe eingebildeten Herren würden das Project verwerfen; ſie gaben es aber mit Beifall und Lob zurück; wodurch nun der Gegenſtand deſto dringender, aber für den alten Herrn auch um ſo ärgerlicher gewor— den war. Er wußte im Augenblicke nicht, wie ſich die Sache ſchicklich beſeitigen ließe, und begnügte ſich fürerſt, ſie zu verplaudern. Ein ſehr geſchickter Mann, der Eickemeyer! ſagte er. Er iſt nur bürgerlich, aber ich habe ihn um ſeiner Thä⸗ tigkeit willen zum Major befördert. Er ſollte in Dien⸗ ſten einer größern Macht ſein: uns fehlen die Mittel, ſeine Talente vollauf zu beſchäftigen. Solche Leute kön— nen einem Fürſten gerade durch ihre große Brauchbarkeit zur Laſt werden. Es iſt immer fatal, wenn der Diener 362 mehr Geſchicklichkeit hat, als ſein Herr Geld. Sehen Sie, Baron, der Eickemeyer hat nur ſo gründlich gear⸗ beitet, um ſeine Geſchicklichkeit an den Tag zu legen. Die Ausführung wäre ja in ſolchem Umfang gar nicht nöthig. Man kann ſagen, Baron,— ha, ha! es ſei eine ganz unbezahlbare Arbeit. Es klingt wie ein Scherz, aber es iſt wahr. Der alte Herr, der gern eine moraliſche Laſt, die ihn drückte, mit einem Witz oder Lachen abſchüttelte, kam nun auf den viel dringenderen Aufwand der Kaiſerkrönung und der nachfolgenden Feſte zu reden. Franz Karl glaubte in dieſen Worten und Gedanken die Gräfin Coudenhove zu hören, die jetzt auch über dieſen Gegenſtand unerſchöpf⸗ lich war. Er wußte wohl, daß ſie dem Fürſten allerlei vorſchwatzen durfte, ahnete aber nicht, was bei dieſer An⸗ gelegenheit im Hintergrunde lag, daß nämlich die berech⸗ nende Frau bei den Hofausgaben leichter, als bei Kriegs⸗ koſten die eigne niedliche Hand einmiſchen konnte. Um aber nicht ganz unthätig zu erſcheinen, hatte ſich der Kurfürſt ausgedacht, daß die Herſtellungen an der Feſtung vielleicht auf die Zug⸗ und andere Brücken, auf das Gatterwerk, die dringendſten Verpalliſadirungen und Ueberſchwemmungs⸗Einrichtungen beſchränkt werden könn— ten. Es galt ihm nur noch darum, den Einwendungen aus dem Hofkriegsrath und von Seite des Kommandanten auszuweichen. Da kam er nun, wie öfter, durch ſein kindiſches Plaudern auf eine Auskunft. Er erklärte dem Baron, mit Hinweiſung auf den vorliegenden Riß, ſeine Anſicht und ſchickte ihn unmittelbar an Eickemeyer mit dem Auftrage, den Plan und Koſtenanſchlag in dieſem ſichtb proje lüſſ ſtehe Sehen lich gear egen. Die nöthig eine ganz hetz aber t, die ihn kam nun rkrönung l glaubte oudenhove merſchöpf⸗ en llerlei dieſet An⸗ ie berec— hatte ſih an der cken, guf ngen und en fönn⸗ vendungen nundanten durch ſein lirt den iß, eyel ſeine mit in diſſen 363 Sinn zu ermäßigen. Darauf wollte er dann einen un— abänderlichen Befehl an die Militiarbehörde erlaſſen. Dieſer Auftrag führte den Baron zu neuen, unerwar— teten Einblicken in die innern mainzer Zuſtände. Er eilte nach der Wohnung des Ingenieurs, und traf ihn im Be⸗ griff zu verreiſen. Der Arzt Wedekind war bei ihm auf dem Zimmer, und Beide ſchienen von einer Verhandlung ſehr beunruhigt, die bei des Barons Eintritt abgebrochen wurde. Eickemeyer vernahm den Befehl des Kurfürſten mit ſichtbarem Widerwillen.— Ich habe das Nothwendige projectirt, ſagte er, etwas mürriſch, nun wird das Ueber⸗ flüſſige genehmigt. Wie meinen Sie das? fragte der Baron. Ich ver⸗ ſtehe Sie nicht. Was der Kurfürſt will, iſt ungenügend für den Zweck, und mithin überflüſſig, antwortete jener. Franz Karl gab dem Major zu verſtehen, daß ihm der Befehl des Kurfürſten überbracht werde, um ihn aus⸗ zuführen, nicht aber zu kritiſiren. Eickemeyer nahm die Papiere auf, und ſchob ſie bei Seite. Der Baron verlangte alsbaldige Erledigung der Sache; wogegen der Major ſeine Abreiſe einwendete,— dringende Arbeiten, die er als Waſſerbaudirector am Main auszuführen habe, deſſen Ufer vom letzten Eisgang be— ſchädigt ſeien, wodurch der Zug des Commerzes gehindert werde. Franz Karl mußte abermal ein rauhes Wort heraus wenden, womit er auf alsbaldiger Erledigung des Auf⸗ trags beſtand Gut! dann aber auch noch eiliger als eilig! verſetzte Eickemeyer, und ging heftigen Schrittes nach ſeinem Ar⸗ beitszimmer.— Laſſen Sie mein Pferd wieder einſtellen, Doctor, rief er an der Thüre, aber geſattelt bleiben! Franz Karl, der ſich in dem fürſtlichen Auftrage fühlte, war über dies Betragen höchſt ungehalten.— Ich finde dieſe Art von einem Offizier ganz verwerflich, ja ſtrafbar! ſagte er zu Wedekind. Ich weiß nicht, ob es nicht meine leidige Schuldigkeit iſt, dem Kurfürſten Anzeige zu machen, wie wenig zuverläſſig dieſer bedeutend geſtellte Mann erſcheint. Solcher Geiſt im Militair,— in jetziger Zeit!— Bringen ſich da nicht dieſe bürgerlichen Offiziere ſelbſt um alles Vertrauen? Wedekind ſuchte den jungen Herrn zu begütigen.— Eickemeyer iſt der bravſte Offizier, Herr Baron! verſicherte er. Aber eine Sorge, eine Angelegenheit menſchlicher Art laſtet eben auf ſeinem Herzen, und iſt einen Augen⸗ blick Herr über den Major geworden. Vergeſſen Sie es, Herr Baron, beim Kurfürſten! und gewiß werden Sie das, wenn ich Ihnen meines Freundes Noth ent decke. Ich darf es um ſo unbedenklicher, als dieſelbe von der Art iſt, daß ſie an den Fürſten ſelbſt gebracht werden muß, wenigſtens an die geiſtliche Behörde. Es iſt eine Herzensgeſchichte, und deren kann ein junger Mann nicht genug hören, ſo lange das Herz ihm ſelbſt noch die ſchlimmſten Streiche ſpielen kann. Der Arzt bot dem Baron einen Stuhl, ſetzte ſich zu ihm und erzählte leiſe und flüchtig: Sie kennen ja den Kunſthändler Appiano im Eckhauſe der Quintins- und Schuſtergaſſe? Dieſer hatte eine Vohte Nigu ſonder nch natit Niede riſte. verſette inem Ar⸗ inſtellen, iben! Auſtrage n.— 3ch erflich, ja ht, ob es n Anzeige d geſtellte n jetziger Offiziere ſtigen.— verſcherte iſchlicher n Augen⸗ eſin Sie ß werden Noth ent ſilbe von t werden s iſt eine lann niht noch die ie ſich zu 6dhuuſt att eine Tochter, nicht ſchön, aber lebhaft und einnehmend, deren Neigung der Artillerie-Lieutenant Eickemeyer gewann. Das liebende Paar war verlobt, als der Kurfürſt aus be⸗ ſonderer Gnade den jungen Mann zu ſeiner Ausbildung nach Paris ſchickte, wo er anderthalb Jahre der Mathe⸗ matik und den Naturwiſſenſchaften oblag, und dann die Niederlande, Holland und einen Theil von England be— reiſte. Während dieſer Abweſenheit näherte ſich der reiche und leichtſinnige Kaufmann Zucci der Mamſel Appianvo, und wußte ſich in die Gunſt der Aeltern und Angehörigen zu ſetzen. Mit dieſen im Einverſtändniſſe, wurde ein eben nicht neuer, aber recht italieniſcher Kunſtgriff ange⸗ wendet, dem entfernten Offizier das Herz ſeiner Verlobten zu entziehen. Man unterſchlug den Briefwechſel der Lie⸗ benden, und wußte ihnen falſche Nachrichten von wechſel⸗ ſeitiger Untreue beizubringen. Manſel Appiano faßte mit ihrem eiferſüchtigen Herzen keinen Zweifel, und überließ ſich nur zu lebhaft der Empfindung des Trotzes, der ſol⸗ chen Gemüthern ſehr nahe liegt. Die Bewerbung Zucci's fand Eingang bei ihr, und ſie war bereits ſeine Frau, als Eickemeyer von ſeinen Reiſen in Mainz eintraf. Beide vermeintlich Ungetreuen mieden einander, wie ſich denken läßt. Jahre gingen vorüber, ohne daß ſie ſich zu ſehen ſuchten. Frau Zucci bekam Kinder, und ihr Mann brachte ſein Vermögen durch. Erſt in vorigem Herbſte, nach Eickemeyer's Rückkehr aus dem lütticher Feldzuge, be⸗ gegneten ſich Beide zufällig in der Rheinallee Frau Zucci hatte ihr älteſtes Kind bei ſich. Der Abend dämmerte trüb und melancholiſch, und vielleicht regten ſich eben in beiden Herzen die Erinnerungen lebendiger an jene Zeit, 366 da ſie hier ſo manchmal mit frohen Erwartungen gewan— delt waren. Sie blickten einander an, ſie blieben ſtehen; er grüßte, ſie redete ihn an; Beide gingen zuſammen eine Strecke, verſtändigten ſich über den ihnen geſpielten Be— trug, und— das Bündniß der Herzen, einſt in Hoffnung geknüpft, ward in Verzweiflung erneuert.— Welche Er— örterungen zwiſchen beiden Eheleuten nach ſolcher Ent— deckung vorfielen, läßt ſich denken. Sie werden auch be— greifen, Herr Baron, daß ein ſo leidenſchaftliches Herz, wie das der durch ihren Mann und mit ihrem Manne dop— pelt betrogenen Frau Zucci, die Schranken wenig reſpec— tirte, in die der verwerflichſte Betrug ſie gebracht hatte. Sie glaubte dem mitbetrogenen Geliebten jede Entſchädigung der Neigung und Gunſt für alle die verlornen Jahre ſchuldig zu ſein und war zum Unglücke dem verliederlich— ten und verlumpten Betrüger keine Achtung und kein ver— ſöhnendes Gefühl ſchuldig geworden. Sie beſtand auf Scheidung, und da die häuslichen Scenen ſehr heftig wurden, trat meine Frau ins Mittel und unterhandelte die Uebereinkunft. Frau Zucci wollte nämlich ihren Mann, nicht aber ihre Kinder fahren laſſen, und dieſen Umſtand benutzte der unwürdige Zucci zu ſeinem Vortheil. Er verhandelte als letzten Artikel ſeines bankerotten Ge⸗ ſchäftes die Kinder, und beſtand noch geſtern, bei Abtre⸗ tung des jüngſten gegen die verabredete Summe, auf der Zugabe eines halben Dutzendes feiner Hemden. Mein Freund Eickemeyer hat die Frau gleich anfangs nach Of⸗ fenbach gebracht und unterhält ſie dort mit den drei Kin⸗ dern, an denen er ſeine Freude findet. Die Verſöhnten werden nun Schritte thun, ſich zu verbinden. Da jedoch Fru Sheit ſin. Beſor liegen im L Rwif ſrave uchſe 66 1 ſhrof merte zu n von dieſe Dem Mar Geſt Stat Fu eit Bar und Geſi gewan⸗ . n ſtehen; men eine elten Be⸗ Hofnung elche Er⸗ cher Ent⸗ auch be— Herz, wie une dop⸗ g reſper⸗ icht hatte. chädigung en Jhre liederlich⸗ kein ver⸗ ſnd auf hr heftig erhandelte ich ihren nb dieſen Vorcheil iten Ge⸗ ei Abtre⸗ uf det Mein nch Of⸗ rei Kin⸗ ſöhnten dn jidot 367 Frau Zucci ſtrenge Katholikin iſt, ſo wird keine völlige Scheidung zu einer Wiederverheirathung möglich zu machen ſein.— Sehen Sie, Herr Baron, ſolche Sorgen und Beſorgungen, mit ſo Vielem was d'rum und drran hangt, liegen jetzt auf dem Herzen meines Freundes, der eben im Begriff war, nach Offenbach zu reiten. Sie fühlen gewiß, Herr Baron, lebhaft genug, was ſich einem ſo braven, herzvollen Manne, wie mein Freund Rudolph iſt, nachſehen und vergeſſen läßt! Franz Karl war von dieſer Geſchichte ſehr ergriffen. Es that ihm ſchon leid, daß er die Dienſtſtrenge mit ſo ſchroffen Worten gegen die Empfindlichkeit eines beküm⸗ merten Herzens geltend gemacht hatte. Um es wieder gut zu machen, bot er ſeine Verwendung beim General-Vicar von Redwitz und dem Weihbiſchof Heimes an, ſobald dieſe Scheidungsſache an die Behörde gelangen würde.— Dem Kurfürſten muß Alles daran liegen, ſagte er, einen Mann beruhigt und lebensmuthig zu wiſſen, auf deſſen Geſchicklichkeit bei einem allenfallſigen Ueberfall unſerer Stadt ſo ſehr gerechnet werden muß. Doctor Wedekind nahm dies Anerbieten für ſeinen Freund mit dem beſten Dank an, und verſprach die Ar beit Eickemeyer's, ſobald ſie fertig ſein würde, an den Baron zu beſorgen. Er geleitete ihn die Treppe hinab, — im Intereſſe ſeines unglücklichen Freundes hoöflicher und geſchmeidiger, als er es mit ſeinen revolutionairen Geſinnungen für ſich ſelbſt geweſen ſein würde. Dreizehntes Kapitel. — Eickemeyer war ein fertiger Zeichner, ein gewandter Ar beiter, und die Sehnſucht nach Offenbach zu ſeiner har renden Geliebten zu kommen, beflügelte ſeine Hand. So waren die vom Kurfürſten gewünſchten Herſtellungen an den Feſtungswerken auf dem Plane mit rothen Linien bald umriſſen und die Koſtenbeträge auf dem Anſchlage mit rothen Ziffern beruntergeſetzt. Er übergab die Pa piere ſeinem Freunde zur Beſorgung, und als er von die ſem, der ihn an das Pferd begleitete, das Anerbieten des Barons vernommen hatte, erheiterte ſich der ſorgenvolle Mann, und ritt mit friſchen Hoffnungen geſtreckten Trabs der Schiffbrücke zu Auf dem Wege zum Baron begegnete Wedekind ſei nem Freunde Hofmann, und ließ ihn die Papiere durch blicken Beide ſahen einander verwundert an, bis Hof mann ein wildes Gelächter aufſchlug.— Adieu, du gold nes Mainz! rief er. Weißt du, Wedekind, was ich dem Albini ſagen werde, wenn er mir wieder mit ſeinen ſüßen Verſprechungen begegnet? Ercellenz, werd' ich ihm ſagen nehmen Sie Ihre große Kabinets⸗Aktenſcheere, und ſchnei den aus dem mainzer Kurhut ein Paar weiche Socken die Füße eines blödſinnigen Greiſes warm zu halten Sieh', das iſt die Weisheit, mit der die höchſte mainzer Schuhuperrücke die Kabinete Europas zu erleuchten glaubt! andter Ar⸗ einet har⸗ and. So ungen an en inien Anſchlage b die Pa r Wn die⸗ rbirten des ſorgewoll tten Trabs dekind ſii jere durch⸗ his Hof d goh⸗ s ich den inn ſißen ihn ſigen, und ſchnei⸗ e Socken, u halten ſ mainzel . en gluubt 369 Was? Mit ſolcher Flickerei bedenkt man unſere Feſtung im Augenblicke, da man den franzöſiſchen Geſandten miß⸗ handelt? Erkühnt ſich zu Trotz und Herausforderung, während man ſich ohnmächtig auf einen morſchen Stab zu ſtützen ſucht? Iſt das nicht Unſinn, Wahnſinn? Ich weiß nicht, antwortete Wedekind bedenklich,— ob ich nicht an Forſter's Vermuthung glauben ſoll. Wir ſprachen von dieſem unſinnigen Treiben der Emigrirten am Rhein, von dieſen tollen, unerklärbaren Anſtalten, und Forſter, der ſonſt einen prächtigen ſtaatsmänniſchen Blick hat, meinte, all' das Sonderbare könnte gleichwol combi⸗ nirt ſein, und zu einem zuſammenhangenden Plan gehören; man könne im Kabinet des Kurfürſten die möglichen Fol⸗ gen ſolcher Vertheidigungsloſigkeit wohl bedacht, und den kühnen Gedanken gefaßt haben, den Feind heranzulocken, Mainz, dieſe wichtige Feſtung, den Schlüſſel der Rhein⸗ und Mainländer, abſichtlich in Gefahr zu bringen, um endlich das deutſche Reich aus ſeinem Todesſchlaf aufzu⸗ ſchrecken, damit es dem revolutionairen Frankreich den Krieg erkläre. Das iſt zu weit geſucht! rief Hofmann. Dieſe Jam⸗ mermenſchen muß man ja nicht mit ſtaatsmänniſchen Blicken meſſen, ſondern mit dem Auge des Arztes. Wann fühlt ſich der Schwindſüchtige am wohlſten, Doctor? Wann er bald drauf ſchnappt! antwortete Wedekind. Richtig Alter! klatſchte Hofmann in die Hände. Sie wurden von Vorübergehenden unterbrochen. We⸗ dekind eilte mit ſeinen Papieren fort, Hofmann ging mit den Andern nach der Leſegeſellſchaft. Hier bildeten ſich wirklich die Anfänge eines Clubs Koenig, Clubiſten in Mainz. l. 24 —,— —-————— 370 in einer verſchwiegenen Hinterſtube, wohin die alten Ver— trauten nach und nach neue Einverſtandene mitbrachten. Selbſt im allgemeinen Leſezimmer waren jetzt die Beſpre chungen über Zeitfragen lebhafter und kühner; die viel— fache Unruhe dieſer Frühlingszeit ging hier in eine poli⸗ tiſche Tonart über. Das kurfürſtliche Verbot gewiſſer Journale und die Beſchränkung der Zeitblätter hatte auch diejenigen gelaſſenen Männer aufgeregt, die in ihrer Zu⸗ friedenheit mit der eigenen Lage und dem mainzer Leben doch von entfernten Unruhen gern etwas vernehmen moch⸗ ten, um mit der Zeit fortzugehen, wie ſie meinten. Was dieſe Bürger und Beamten früher blos zu flüchtiger Be⸗ friedigung ihrer Neubegierde aufgeſucht hatten, war nun durch jenes Verbot in den Kreis ihrer Befürchtniſſe und ihres Nachdenkens gezogen worden.— Was will der Kurfürſt damit? fragte man ſich, denn er ſelbſt denkt an⸗ ders. Hat er je den Roman ſeines Bibliothekars Heinſe, den Ardinghello, verboten? Im Gegentheil, er hat ſich das Buch vorleſen laſſen, und hat dem Verfaſſer, dieſem ledernen Egoiſten, wegen ſeiner angenehmen Schreibart, ein Geſchenk von 220 Gulden gemacht. Und welche ſtarke Sachen ſagt der Dichter nicht in dieſem Buche gegen Adel und Fürſten und zu Gunſten der Volksherrſchaft! Leſet nur von Seite 265 bis 277 und fragt euch ſelber, ob man's ärger machen kann! In der That blieb auch jenes Zeitungs-Verbot verein⸗ zelt ſtehen, ohne nachwirkende Maßregeln, die es gegen die Aufregung in gewiſſen Kreiſen unterſtützt hätten. Der Hofkanzler Albini verſicherte bei jeder Gelegenheit den Pro⸗ feſſoren, daß er jenem Befehl des Kurfürſten gänzlich lten Ver nitbrachten die Beſpre ie viel⸗ ein poli⸗ ot gewiſſer hatte auch ihrer Zu⸗ inzer Leben men moch⸗ ten. Wos htiger Be⸗ wart mun chmiſſe und 3 will der tdenkt an⸗ ur Hiinſe, er hat ſch ſſer, dieſem Schribart, eche ſtarke gegen Wel i Liſtt ſelber, ob hot verein 5 gegen itrn Der den Pro⸗ ginjih 1 371 fremd ſei. Dieſer Mann ſetzte ſich gern in Anſehen bei den Gelehrten und Literaten, mit deren wichtigem Einfluß in Deutſchland er den Kurfürſten ängſtigte, um ſich ſelbſt gegen die Abneigung der Gräfin Coudenhove bei ſei⸗ nem Einfluſſe zu erhalten. Hierzu benutzte er denn auch die unzufriedene Stimmung, die jenes Verbot erweckt hatte. Die mainzer Unzufriedenen waren indeß keineswegs klar und entſchieden in ihren Abſichten. In mainzer und in deutſchen Verhältniſſen fand man vieles mit Recht Ver⸗ werfliche, und die franzöſiſche Revolution hatte große, welt⸗ beglückende Gedanken verkündigt: aber wie man jenes Drückende entfernen und dieſe neuen Ideen geltend machen könne, blieb doch eine gar verwickelte und bedenkliche Auf⸗ gabe. Denn wenn auch ein oder der andere verwegene Kopf an einen Umſturz der Dinge mit Hülfe der Fran⸗ zoſen dachte: ſo war es doch nicht das Volk.— Wie viel ſind wir denn, wir Gewaltmenſchen, lieber Hofmann? ſagte heut, bei abermaliger Verhandlung im Clubiſten⸗ Zimmer, der lächelnde Profeſſor Blau. Muß ich mich doch ſelbſt anlächeln, wenn ich mich einen Gewaltmenſchen nenne! Denn wenn mein ſchwarzes Prieſtergewand auch einige dünne Stellen hat, und hier und dort brüchig werden will: ſo denke ich es doch nicht mit einem rothen, blutrothen zu erſetzen, und mich zu einem Prieſter oder Cardinal der Guillotine weihen zu laſſen Sehen Sie, wir haben noch über all' den vielen, den wenig guten und den oft erbärmlichen Fürſten in Deutſchland einen gar ge— waltigen Volksbeherrſcher. Ich meine nicht etwa den Kai⸗ ſer, ſondern den politiſchen Gehorſam. Man iſt unterwürfig, nicht gerade aus Furcht vor der oft ſchwachen 24* —— Gewalt, auch nicht aus Liebe zu der oft verabſcheuten Macht, ſondern aus alter Gewohnheit. Man begreift gar nicht, wie man dem Fürſtengeſchlecht ungehorſam ſein könne, von dem ſchon die Väter und Großväter ihre Schläge und Tritte gekriegt haben. So? lachte Hofmann. Und worauf ſollen wir alſo warten? Ich weiß es nicht, antwortete Blau. Ich denke, wenn das Hühnchen wächſt, zerbricht es von innen ſeine Schaale. Oder die franzöſiſche Revolution wälzt ſich über uns herein, und zertrümmert das morſche Alte. Vielleicht auch laufen unſere Fürſten, wenn ſie Jakobiner riechen, davon; nur um Spaßeswegen zu ſehen, wie wir ohne ſie zurecht kom⸗ men wollen. Kurz, wir ſind in der Lage des Wartens, und dürfen nur unſere Lampen nicht ausgehen laſſen, wie ſchlafende Jünglinge, die von der Braut unſerer Zukunft, von der Freiheit, überraſcht werden. So kamen in den Verhandlungen der Vertrauten be⸗ deutende und verwerfliche Gedanken zum Vorſchein. Es war eben jene eigenthümliche Zeit zu Ausgang des Jahr— hunderts, in der ausgezeichnete Köpfe und Lumpe, edle und gemeine Seelen einander begegneten und ſich mißver⸗ ſtanden, indem ſie ſich für einverſtanden hielten. Die Reichsverfaſſung war vermorſcht, das Nationalbewußtſein getrübt, und das geſellſchaftliche Leben in ſeinen, wenn auch heiteren und humanen Formen doch vom Egoismus der Herrſchenden, von der Sittenloſigkeit der Vornehmen und der Geſinnungsloſigkeit der Gebildeten wie von einem Beiſchmack der Fäulniß durchzogen. Die Einen empfan⸗ den den Zuſtand mit Entrüſtung, die Andern waren bſcheuten hegreift ſam ſein iter ihre wir alſo te, wenn Schale 5 herein, h laufen on nur echt kom⸗ Wartens, ſſen, wie Zukunft auten be⸗ ein. G e5 hr⸗ pe edle mißver⸗ en. Die ewuftſin n wenn Spismus omehmen on einem enpfan⸗ n waren 373 davon angeſteckt. So mit der Oeffentlichkeit überworfen, und zur wahren Freiheit noch nicht erwachſen, wühlten die Kräfte in Kirche und Staat, oder zerarbeiteten ſich in ſich ſelbſt. Und indem man das Wohl des Vaterlan⸗ des oder ſein eigenes ſuchend, einander zu den verwegen⸗ ſten Wünſchen mit lodernden Redensarten anfeuerte, ſahen ſich die Einen plötzlich von ihrem Uebermuthe, die Andern von ihren Kräften verlaſſen. Solche Unruhe herrſchte jetzt in dem noch ungeborenen mainzer Club. Man war insgeheim in Verbindung mit dem franzöſiſchen Geſandten getreten, und hatte es mit einem angenehmen aber klugen Manne zu thun. Herr von Villars begegnete unſeren Mainzern mit aller Artig⸗ keit und bezeigte eine lebhafte Theilnahme an ihren öffent⸗ lichen und perſönlichen Verhältniſſen; wobei er ſie von dieſer oder jener Seite in das franzöſiſche Intereſſe blicken ließ, ohne doch irgend Zumuthungen oder Anſprüche an ſie zu ſtellen. Um ſo treuherziger gingen ſie mit gemüth⸗ lichem Vertrauen gegen ihn heraus. Er lernte die Stim⸗ mung des Volkes und die Neigungen und Kräfte der Freunde Frankreichs kennen, und da er zum Theil Ge⸗ lehrte vor ſich hatte, die mit den Emmerizianern am Hof in Verbindung ſtanden, ſo erfuhr er auch die Schwächen von Mainz und gewann ein Urtheil über die Verworren— heiten in Deutſchland. Dies Alles aber behandelte Herr von Villars als bloße Converſationsſtücke, ohne die Miene, einen Gebrauch davon zu machen, und lockte ſo die gut⸗ müthigen und eraltirten Männer immer weiter, die viel⸗ leicht ſtutzig geworden wären, wenn ſie ſich als Spione erkannt hätten. 374 Der Verkehr mit dem Geſandten mußte ſehr vorſichtig geſchehen; denn ſeine Wohnung war mit Aufpaſſern der Emigrirten umſtellt, die ſeine Schritte und Beziehungen nicht aus dem Auge ließen. Villars konnte nicht aus⸗ reiten oder ſich auch nur zu Wagen ſehen laſſen, ohne von den franzöſiſchen Flüchtlingen Verhöhnungen zu er⸗ fahren, über die er ſich vergebens bei Hofe beſchwerte. Ja, ſelbſt ſeine wiederholten Klagen über Beſchimpfung der jetzigen franzöſiſchen Nationalfarben blieben ohne Erfolg. Der Geſandte intereſſirte ſich beſonders für die Lebens⸗ verhältniſſe der Männer, die zur geheimen Verbindung gehörten. Manche Erſcheinung blieb aber dem weltklugen Manne doch lange ein Räthſel. Denn dieſe Freunde tru— gen noch mehr oder weniger von den Spuren der eigen⸗ thümlichen deutſchen Richtungen an ſich, die hernach von der franzöſiſchen Revolution theils verſchlungen, theils ab⸗ gebrochen wurden. Manche hatten noch Anwandlungen von Sentimentalität, und knüpften in ihre politiſche Re⸗ den ſchöne Floskeln aus Werther oder Siegwart; ein Anderer ſchwor nicht höher als auf Lavater's Phyſiogno— mik und empfahl dem Geſandten Leute auf die Bürg⸗ ſchaft ihrer Naſen und Mundwinkel. Dietler, den um ſeines franzöſiſchen Anzugs willen der Geſandte gleich in Affection genommen hatte, blieb ihm doch durch die Wun⸗ derlichkeiten ſeiner Genieſucht unbegreiflich. Profeſſor Hofmann ſchwärmte für Weltbeglückung und hatte An— fülle ſtürmiſcher Gefühle der Freundſchaft und Bewunde— rung. Doch ſchenkte gerade ihm der Geſandte ſehr bald das beſte Vertrauen; indem er durch die ungemeſſene Ms glich Vah hing Sie Geſi bür She hirlt zu 2 heit Spi wo orſichtig ſſern der iehungen cht aus⸗ en, ohne zu er⸗ eſchwerte. himpfung n ohne Lebens⸗ rbindung veltklugen nde tru⸗ er eigen⸗ nach von heils ab⸗ mdlungen iſhe Re⸗ art; ein ſiohno⸗ den un gli in die Wun Pyftſſor ate An gewunde⸗ ſehl halt gemeſſen Ausdrucksweiſe des Mannes doch mit Achtung, wenn gleich nicht ohne Lächeln, die Ehrlichkeit und rückſichtloſe Wahrheit des Schwärmers erkannte. An einem Spätabende bei ſtürmiſchem Regenwetter ging Hofmann mit einigen Freunden wieder zu Villars. Sie hatten Studentenmäntel umgethan, und Bärte ins Geſicht gebunden, um unkennbar zu ſein. An der Haus— thüre drängte ſich ein bezahlter Aufpaſſer im matten Schein der Straßenlaterne dicht an die Eintretenden, er⸗ hielt aber von Hofmann einen ſolchen Fauſtſchlag, daß er zu Boden taumelte. Villars empfing ſeine Gäſte mit heiterer Laune und feinem Bordeaur in echten Flaſchen. Sein Sekretair, ein Elſaſſer, bediente die Herren, machte, wo das Bißchen Deutſch ſeines Geſandten oder das Fran⸗ zöſiſch der Mainzer nicht zureichen wollte, den Dolmetſcher, und brachte ab- und zugehend, über das was geſprochen wurde, im anſtoßenden Kabinet Notizen nach den Augen⸗ winken des Geſandten zu Papier. Wedekind war nicht mitgekommen; doch fiel Hofmann, deſſen Aufwallung noch nicht ganz verdampft war, auf die Mittheilung deſſelben über die Herſtellung an den Feſtungswerken, und machte ſich über des Kurfürſten weiſes Sparſyſtem luſtig. Wer weiß, wozu das gut iſt, rief Stumme in ſeinem rohen Tone. O ja! meinte Hofmann. Vielleicht— wie einſt Cornelia, die Mutter der Gracchen, als man nach ihren Juwelen fragte,— ihre Söhne vorführte, weiſt unſer alter Herr auf ſeinen Adel und zahlloſen Hofſtaat und ruft: Seht da meine Feſtungswerke! Und warum auch nicht? Der mainzer Adel iſt ſo ſchroff und unzugänglich, 376 wie man nur eine Citadelle wünſchen kann, und die Hof⸗ ſchranzen übertreffen an moraliſchem Wohlgeruch die faul⸗ ſten Feſtungsgräben! Ha, ha! lachte Villars. Et les lunettes—? Wie ſagen Sie lunettes in der Fortification? Ja doch! rief Hofmann. Lünetten ſind die Augen⸗ gläſer, womit das hochmüthige Pack der Prälaten und Kammerherren ehrbaren Frauen ins Geſicht ſtarrt und brave Bürgersleute über die Schulter anſieht. Was mich bei dem allen freut, iſt das ſchöne Vertrauen unſeres er⸗ fahrenen Kurfürſten, der ſeine Feſtung im— Negligé für unbezwinglicher hält, als die Gräfin Coudenhove, die Frau von Ferrette und die Frau von Straus in ihrem vollen Staat: denn dieſe da, ſo aufgedonnert ſie immer waren,— gaben bald Breſche. Man lachte und trank. Im Verlauf der Unterhaltung fragte Villars nach Wedekind und warum er beim Kur⸗ fürſten in Ungnade gefallen ſei.— Sehen Sie, ſagte er, ich ſammle mir eine kleine Galerie meiner Freunde in Mainz. Ich habe nichts zu thun, wie Sie wiſſen. Der Kurfürſt beſchäftigt nicht einmal meine Kinnbacken mit Kauen. Man lernt aber eine jede Zeit am beſten an den Zeitgenoſſen kennen, und eine kranke Zeit läßt ſich an ihren Patienten ſtudiren,— an denen, die von ihr zu leiden haben. Die Ariſtokraten ſchreien: Revolution wird immer von den Unzufriedenen und Schurken gemacht. Ah pah! die Revolutionen brechen nur an den leidenden oder verdorbenen Gliedern des Staates aus, und dieſe helfen nur die neue Geſundheit herſtellen, wobei ſie ſelbſt oft abſterben. Warum iſt der Wedekind in Ungnade gefallen? 9 ſtn weit Hoff des nahn Er Stur ihm dign wom Hof dabt die Hof⸗ die faul⸗ e Augen⸗ laten und tarrt und Wns nich ſeres er hove, die in ihrem ſie immer terhaltung eim Kur⸗ ſagte e, reunde in en. Der cken nit ſerolution znaht idenden und dieſe ſelbſt oft gefullent 3 22 Ich will's Ihnen erzählen! ſagte Hofmann. Mein Freund ſtammt von Mühlheim bei Köln, und ſtand, als zweiter Leibarzt hierher berufen, mit dem Geheimenrathe Hoffmann im beſten Vernehmen, bis die beſondere Gunſt des Fürſten, der meinen Freund oft mit ſich auf Reiſen nahm, den Egoiſten Hoffmann neidiſch und beſorgt machte. Er verband ſich mit der Coudenhovin zu Wedekind's Sturz. Eines Tages erklärte er in Aſchaffenburg, es ſei ihm das Manuſeript einer Druckſchrift geſtohlen worden, das nur den Wedekind intereſſiren könne. Dieſe Beſchul⸗ digung genügte, eine Specialunterſuchung zu verfügen; womit zugleich Wedekind vom Amte ſuspendirt und vom Hof entfernt wurde. Er blieb zwar noch Profeſſor, aber vabei nicht ungeneckt. Denn der Unterſuchungsrichter, der Herr von Linden, ein Vertrauter der Gräfin Coudenhove, nahm ſein Geſchäft gewöhnlich in Stunden vor, in denen der Profeſſor vom Catheder eitirt werden mußte. Die Studenten ſchickten Deputationen an den Kurfürſten zur Abwendung ſolcher Störungen; was aber nichts half. Nun hat ſich mein mißhandelter Freund zuletzt an unſeren großen Staatsrechtslehrer Pütter in Göttingen um ein Gutachten gewendet, und auch vor Kurzem vorläufige Nachricht erhalten, die Behandlung werde als reichsrechts— widrig dargelegt werden. Man ſcheint auch bei Hofe Wink davon zu haben, und die Berufung Wedekind's an das Reichskammergericht abwenden zu wollen; denn vor wenigen Tagen war der Staatsrath Müller bei meinem Freunde, und hat ihm die erſte Profeſſur in Erfurt mit dem Titel eines Geheimenraths angetragen, wenn er in die Niederſchlagung des Rechtsſtreites ohne weitere Erklä⸗ ———-—————— 378 rung einwillige. Unſer Wedekind hat aber geantwortet, er wolle nichts Geheimes weder an ſeinem Titel noch an ſeinem Rechte. Ah, bravo! rief der Geſandte. Die Deutſchen ſind brave Leut', und der bürgerlichen Freiheit werth. Das hab' ich geſtern auch dem Herrn Metternich geſagt. Nicht wahr, er lehrt die Mathematik an der Univerſität? Der Metternich? Ah, wiſſen Sie, er iſt ſchroff und hart, wie ein Lehrſatz der Algebra: iſt er auch ſo zuverläſſig? Iſt er ein Mainzer? O nein! antwortete Stumme. Ich erinnere mich noch wie heut', daß er aus dem Trierſchen hierher kam, in zerriſſener Bauernjacke, die Schuhe mit einer Schnur zu⸗ ſammengehalten. Mit Empfehlung des Grafen Wallendorf beſuchte er die Normalſchule, und ward Lehrer an der Pfarrſchule zu St.-Quintin, machte ſich aber die Bürger aufſäſſig und mußte Mainz verlaſſen. Später kehrte er jedoch wieder zurück, und ſchmeichelte ſich ins mainzer Brot als Rechenmeiſter. Ah pah! rief der Geſandte. Dem Brot iſt Ehre an gethan, wenn es von einem braven Mann gegeſſen wird, und zerriſſene Schuhe ſind keine Schande, wenn der Kopf ganz iſt. Aber iſt er nicht Profeſſor? Ja, der Kurfürſt hat ihn nach Göttingen geſchickt, um ſich bei Käſtner und Lichtenberg auszubilden, fiel Hof⸗ mann ein. Er iſt brav und rechtſchaffen, ich kenne ihn lang aus unſerer geheimen Geſellſchaft. Er hat ſich den Grundſatz gemacht, die Höfe zu haſſen, und befleißigt ſich darum eines unhöflichen Weſens. Auf ſolche Weiſe ſuchte der Geſandte ſeine Leute nach und! Won zend 1 nit e und dieſer . loſt 379 ntworte, und nach kennen zu lernen,— ihre Eigenheiten, ihre itel noch Vorurtheile, ihre Beweggründe und Beſtrebungen. Scher⸗ zend und wie zum Spaß warf er das Senkblei aus, wo⸗ hen ſind mit er das mainzer Fahrwaſſer der Revolution erforſchte, th. Das und hatte ſchon alle Mitglieder des Club im Netze, ehe gt. Nicht dieſer ſelbſt noch aus ſeiner dunkeln Tiefe hervorgezogen it? Der war. hart wie Es ſchlug eben Mitternacht, als die Freunde das Haus ig? Iſ verließen und mit Vorſicht in die ſtillen Gaſſen ſich ver⸗ loren, in denen die Laternen vom feuchten Winde bereits ich noch erloſchen waren. iam, in hnun zu⸗ zallendorf an der e Vürget kehrte er nzer Brot Vierzehntes Kapitel. Während deſſen verlebte unſer junge Baron Franz Karl ganz vergnüglich die letzte heitere Märzwoche. Von einem en wird geheimen Treiben der Revolutionsfreunde in Mainz hörte er Kopf er im Forſterſchen Kreiſe. Dunkle Gerüchte kamen ſelbſt an den Hof, ohne Beſorgniß zu erregen. Von dieſer un⸗ bekümmerten Stimmung der hohen Geſellſchaft ging leicht Ehre al ſchickt 6. etwas auf den jungen Freund über. Die weitblickende in ihn Politik ſeines Fürſten, der wegwerfende Stolz ſeiner Stn⸗ ſch dn desgenoſſen zerſtreuten ihn immer wieder, wenn ihn die igt ſi großen Anſichten Forſter's oder die abwägenden Beſorg⸗ niſſe des Grafen Stadion eingenommen hatten. Forſter nh beobachtete dies Schwanken und Wechſeln des jungen u 380 Freundes, den er mit ſo viel Liebe an ſich gezogen hatte. Er ſah es nicht für Schwäche des Charakters, ſondern für ein Merkmal vielſeitigen, aber noch unentſchiedenen Geiſtes an, der für alle Gegenſätze und Richtungen des Lebens empfänglich, nach und nach Alles in ſich aufnimmt, es in ernſten Stunden prüfend zuſammenhält, in heiteren eines durch das andere verdrängt. Forſter hatte das Vertrauen zu dem edeln Sinn des jungen Freundes, daß er ſchon das Rechte ergreifen werde, wenn der Augenblick eine That verlange, oder ein höheres Verhängniß den Schwankenden mit ſich fortreiße. Ueberdies zerſtreute den Baron manches Andere. Die Berathungen und vorbereitenden Arbeiten im Kabinet zo⸗ gen ſeine Aufmerkſamkeit auf die bevorſtehende Kaiſerkrö⸗ nung. Bei der Krönung Leopold's, vor anderthalb Jah⸗ ren, war er in Göttingen ziemlich gleichgiltig geblieben, und hatte wacker mitgeſungen, wenn die Studenten Spott⸗ lieder auf den Papſt und Kaiſer anſtimmten. Jetzt war es anders. Ein neuer Einblick in das Staatsleben, die prunkhaften Feierlichkeiten einer ſo bedeutſamen Staats⸗ action, ja manche ahnungsvollen oder ausgeſprengten Ge⸗ rüchte, die im Volk umliefen, daß es die letzte Kaiſerkrö⸗ nung ſein werde, regten ihn mächtig auf. Er ſah, welche bedeutende Rolle bei dieſem großen politiſchen Schauſpiele ſeinem fürſtlichen Herrn durch die Reichsverfaſſung zuge— theilt war.— Die Abſendung der Wahlbotſchafter hatte ſich verzögert, weil der Kurfürſt unwohl geworden, oder weil er, wie es ſchien, über die Männer nicht einig mit ſich werden konnte, denen er, mit dem größten Vortheil für ſeine geheimen Abſichten, dieſe vielbegehrte Ehre über⸗ trage die ei innerl dem den Oua und giſtr ſon Pfe grü näch und kon ſie ogen hatte s, ſondern ntſchiedenen htungen des aufnimmt, in heiteten hatte das eundes, daß Augenblic ngniß den der. Die Kabinet zo⸗ Kaiſerkrö⸗ thalb Joh⸗ ebleben nten Spott⸗ Jetzt wat gleben, die n Staats⸗ engten Ge⸗ Kuiſerkt⸗ ſuh, welhe Schuſpilt ſung zuge⸗ aſter hatte rden, odel einig mit Vorthil ihre übn tragen mochte. Die Pergamentbriefe lagen fertig bis auf die einzutragenden Namen der Geſandten.— Nun ſtand innerhalb dreier Monate das Krönungsfeſt bevor. Von dem Tage ſelbſt war der Magiſtrat der Wahlſtadt aus dem kurfürſtlichen Kabinet zu benachrichtigen, um die Quartiere der Kurfürſten und ihres Gefolges anzuordnen und für die öffentlichen Bedürfniſſe zu ſorgen. Der Ma— giſtrat antwortete und leiſtete ſeine feierlichen Zuſagen. Die Kurfürſten meldeten, ob ſie in Perſon oder durch Bevollmächtigte erſcheinen würden. So bereitete ſich der große Tag vor, zu dem der Kurfürſt mit zahlreichem Ge— folge nach Frankfurt ziehen und das Haupt der Majeſtät wählen und ſalben ſollte. Franz Karl wünſchte ſich einen nähern Antheil an dem hohen Vorgang, wenigſtens als begünſtigter Zuſchauer, da er keine Möglichkeit ſah, als Mithandelnder oder Theilnehmer dabei aufzutreten. Die Frühlingsſtimmung kam noch dazu, die ihn be— ſonders ergriff und ſchwärmeriſch erhob, wenn er zu Pferd an den Ufern des Rheins oder zwiſchen den auf— grünenden Hügeln und aufblühenden Bäumen nach den nächſten Dörfern hinausſtürmte. Mit ſo viel innerer Aufregung beſuchte er wieder flei⸗ ßiger die Abende der Gräfin Coudenhove. Hier hörte er denn auch wieder von Leopold's Krönung, bei welcher die Famlie Coudenhove in den Grafenſtand erhoben wor⸗ den war. Die kluge Frau beſchäftigte ſeine Phantaſie und ſeine Erwartungen, und irrte nicht in der Berechnung, daß die hohe Stimmung des Barons ihrer Nichte zu gut kommen müſſe, mehr, als jenes trauliche Alleinſein, das ſie jetzt zu hindern wußte.— Der junge Freund ſchwärmte —. —.— 382 in den edelſten Irrungen eines liebeſuchenden Herzens. Bo Ein Anbetender kniet vor dem Bildniſſe ſeiner Gottheit, 6 das er mit ſeinen beſten Geſchenken ausgeſchmückt hat, ſch und empfängt ſeine Opfer von ihrem Altar als Gnaden Ml geſchenke zurück. Franz Karl bedurfte jetzt nur einer ſo zu reizenden Zuhörerin, nur dieſer ſchönen, lachenden, leuch hin 16 5 tenden Augen, die ſeine eigene Begeiſterung beſtrahlten, An um ſich an dem zu entzücken, was doch nur auf ihn zu 3 rückfloß. ßi 3 3 Jetzt hielt es die Gräfin an der Zeit, den Kurfürſten K 13 3 für ihre Abſicht der Verheirathung und Ausſtattung Jo le ſephinens zu gewinnen. Die Umſtände begünſtigten ſie. e Der alte Herr litt nämlich an einem Anfalle von Po— G dagra, und ſie leiſtete ihm halbe Tage Geſellſchaft. Die li Hof- und Staats⸗Conferenzen wurden im Krankenzimmer ſt gehalten, und während derſelben eilte die Freundin nach ſt Hauſe, ihre eigenen Angelegenheiten zu beſorgen. Bei 4 13 kürzeren Audienzen blieb ſie entweder um ihren hohen G S Freund, oder trat auf die Dauer der Unterbrechung in n 4 das anſtoßende Gemach. p Der Leibarzt hatte den Patienten aus dem Bett ent— n laſſen und auf einen hohen Rollſeſſel mit vorſpringendem Ruheſchemel für den leidenden Fuß gebannt. Es war F n ein lauer Apriltag, der mit Regenſchauern und Sonnen— P blicken wechſelte. Die Lüfte gaukelten in den ſeidenen K Vorhängen des offenen Fenſters und ſpielten um die blü henden Stauden, die aus dem Gewächshauſe vor die gro ſ ßen Spiegel geſtellt waren. Der Fürſt ſaß in Mitte des Zimmers neben einem Mahagoni-Tiſchchen, auf welchem n zwiſchen Büchern und Schriften die Waſſerflaſche und die Gerzens Gpttheit, mickt hat, 6 Gnaden⸗ ur einer ſo den, beuch⸗ beſtrahlten, uf ihn zu⸗ Kurfürſten tung Jo⸗ ſtgten ſi⸗ n Po⸗ nknzimmet undin nuch gen Bei ren hohen hrehung in Bett ent⸗ pringenden Es war d Sonnen⸗ n ſeidenen bli⸗ gu n die r die Mitte de! uf welchen he und i 383 Bonbonniere ſtanden. Die Gräfin hatte ihr Tabouret dicht an den Seſſel gerückt, an den ſie, etwas tiefer ſitzend, ſich anlehnen konnte. Sie war einfach, aber geſchmackvoll gekleidet; ihr Haar duftete von der Pomade, die der Fürſt zu riechen liebte; ihr Kleid war tief ausgeſchnitten; doch hing ein ſeidenes Tuch neben ihr, zum Umlegen, wenn Anmeldungen geſchahen. Wunderſamer Contraſt dieſes vertraulichen Paares! Ein welker erzbiſchöflicher Talar, mit großem diamantenen Kreuze behangen, neben einem ſtrotzenden ſeidenen Damen⸗ kleide mit hoher Taille und goldenem Medaillon, aus wel— chem von den zwei Seiten die Bildniſſe des verſtorbenen Gemahls und des noch lebenden Freundes ſo bedeutſam lächelten. Ueber dem Marmorſchimmer der ſchönen Frauen— ſchulter wackelte der greiſe Kopf des Fürſten mit den ge⸗ ſpannten Augen, der geſchwungenen Naſe und den derben Lippen. Aus dieſen Falten der Stirne blickten ſchalkhafte Erinnerungen, und zwei ſtarke Furchen, von der Naſe nach dem Kinn geſchweift, umhegten das Gebiet der Lip⸗ pen, auf deren welkem Roth die alte Begehrlichkeit noch nicht ganz erloſchen war. Auf die rechte Lehne des Seſſels geſtützt, blickte Karl Friedrich über die Schulter der ſchönen Frau— in das Buch, aus welchem ſie ihm vorlas. Es war der vor Kurzem erſchienene Roman Louvet's de Couvray,— „Les amours de Faublas“, eine bändereiche Ge⸗ ſchichte, die jetzt von der vornehmen Welt verſchlungen wurde. Mehre Bände in fein marmorirtem Leder mit marmorirtem Schnitte lagen auf dem Tiſchchen. Die Gräfin las, und der alte Herr ſchmunzelte.— Wie allerliebſt, wie graziös! rief er dazwiſchen bei halb⸗ verdeckten lüſternen Scenen, und ſetzte wol auch, wenn unſittliche Verhältniſſe der Geſellſchaft dargeſtellt waren, hinzu: Aber, wie wahr, Sophie! Manche ſeiner Bemerkungen erſtickten unter dem lei— nenen Taſchentuche der abwehrenden Gräfin, und ſeine verwegene Hand zuckte wol auch einmal von einem Stich in der großen Zehe zurück.— Heinſe berichtet mir, der Louvet de Couvray ſei Conventsmitglied, bemerkte der Kurfürſt. Dann aber gehört er gewiß zur Hofpartei: man kann nicht ſo fein, ich möchte ſagen, ſo adelig ſchrei⸗ ben, und dabei ein wüthender Republikaner ſein. Solche geſchmackvolle Poeſie kann nur bei Höfen beſtehen und Glück machen. Hier ſpringen dem Dichter die Quellen ſeiner Erfindung, und wachſen die Lorbern ſeines Ruhms. Bei Freiheit und Gleichheit arten die Muſen in Fiſchwei— ber aus. Der Weihbiſchof Heimes ward gemeldet, und die Grä⸗ fin entfernte ſich in das Kabinet. Der Fürſt empfing den ſtracken Mann, der ſich ſteif und tief verneigte, mit vornehmer Freundlichkeit.— Herr Biſchof zu Vallona, redete er ihn an, ich wollte Ihnen nur zur Berathung iimn Vicariat eine Sache von Wichtigkeit an das Herz legen. Wir haben jetzt unſere Anſchläge zur Beſtreitung der Kaiſerkrönung und des Beſuches der hohen Potenta⸗ ten gemacht. Wir werden die Hauptſache durch Verkauf einiger Güter und mittelſt eines Anlehns decken; können aber unſere getreuen Unterthanen nicht ganz mit Steuer⸗ aufſchlag verſchonen. Nun wiſſen Sie,— durch Geben und Nehmen beſteht die bürgerliche und moraliſche Welt, bei halb⸗ wenn lt waren, den lei⸗ und ſeine nen Stich mir, der nerkte der ofparte: lig ſchrei— Solche ehen und Duellen 3 Ruhms. ßiſchwei⸗ die Gri⸗ ſ mnpfng igte, nit Vallond, Berathung ds hen Beſtreitung Potenta⸗ 5 Verkauf können Steuer⸗ rch Geben ſhe Wel, 385 und indem wir das Irdiſche nicht entbehren können, be⸗ ſitzen wir zum Glück Ewiges, was wir dafür verleihen mögen. Daher dachte ich, daß wir vor dem Steueraus⸗ ſchreiben für die Zeit der bevorſtehenden Kaiſerwahl einen vollkommenen Ablaß verkündigen mit einer achttägigen Andacht zur Erhaltung des Friedens und Bewahrung des deutſchen Reiches. Für die Predigten auf jene Sonntage ſchreiben wir einen Tert vor, in welchem zur Eintracht gegen die Feinde der Religion und des Reiches ermahnt wird Von Opfern für das allgemeine Wohl kann auch etwas mit unterlaufen. Sehen Sie, ſo tritt das Steuer— ausſchreiben in Bezug zu ſeiner höheren Beſtimmung! Ueberhaupt laſſen Sie uns darauf denken, die heranna— hende Zeit der öffentlichen Bittgänge ſo ſchwungvoll wie möglich zu machen. Ich mißtraue unſerer Politik nicht; allein die Verhängniſſe ſtehen in der Hand Gottes, und auf das Volk wirken wir durch unſere heilige Kirche Sie werden hiernach zu allem Dieſem die weiteren Einlei— tungen treffen und als General⸗Vicar in pontificalibus und Provicar in spiritualihus verfügen. Heimes hatte dieſen fürſtlichen Aeußerungen mit ruhi— gen Verneigungen zugehört, und brachte nun in der erſten Anwandlung ſeines bürgerlichen Herzens die Frage vor, ob der berechnete Steueraufſchlag bei dieſer außerordent— lichen Gelegenheit nicht durch einen freiwilligen Zuſchuß der Prälaten und des Adels erſetzt werden könne, um den ohnehin ſo gedrückten Bauernſtand zu ſchonen. Der Kurfürſt ſchüttelte lebhaft den Kopf.— Wo den⸗ ken Sie hin! rief er. Vergeſſen Sie denn, daß ich mit all' meinen Finanz Operationen an die Zuſtimmung des Koenig, Clubiſten in Mainz. J. 25 386 Kapitels gebunden bin? Das ſetze ich diesmal nicht durch, daß ſie ſich ſelbſt und den Adel beſteuern. Jeder ſorgt natürlich für ſeine Standesgenoſſen, und es iſt ſehr löb lich von Ihnen, daß Sie die armen Bauern nicht ver geſſen! Er ſprach dies mit einem ſchalkhaften Bezug auf die Herkunft ſeines Weihbiſchofs. Der alte Herr war nicht ohne eine ſatiriſche Ader, die aber ſonderbarer Weiſe faſt nur gegen Diejenigen zu pulſiren pflegte, die er wohl lei den mochte. Vielleicht war es eine kleine Bosheit, ſeine Gunſtbezeigungen etwas zu verbittern oder auch ein kleiner Zorn über die Schwäche ſeiner Zuneigungen ſelbſt. Am wenigſten blieb die Gräfin, ſeine Freundin, verſchont So hatte er den ihm durch ſeinen energiſchen Charakter ſehr brauchbaren Heimes ſtets befördert, und mit reichlichen Pfründen bedacht. Er wußte, wie ſehr ſein Weihbiſchof das Geld liebte und für ſeine armen Verwandten ſorgte, und bemerkte daher noch mit Lächeln: Jedenfalls müßten neben den Prälaturen zugleich die Kollegiatſtifte zuſchießen, auch die zu St. Victor, zu Un— ſerer lieben Frauen, zu St.⸗Johann in Mainz, ſowie zu St. Paul in Worms. Das waren eben diejenigen, aus denen Heimes ſeine hübſchen Pfründen bezog. Der Weihbiſchof ſchwieg, und brachte einige andere dringende Geſchäftsfragen vor.— Schon gnädig entlaſſen, kehrte er noch einmal zurück, und kam auf die Eickemeyer'ſche Scheidungsangelegenheit.— Der Baron von Wallbrun intereſſirt ſich ſehr dafür, ſagte er; ich habe ihm aber erklärt, daß eine Wiederverheira⸗ thung der Frau Zucci nicht möglich und in Rom nicht t durch, er ſorgt ihr löb icht ver auf die ar nicht eiſe faſt ohl lei ſeine kleiner . Am ont So ter ſehr eichlichen ihbiſchof ſorgte, leich die zu Un owie zu es ſeine , und o ic und rſagle theira⸗ m nicht durchzuſetzen ſei. Kurfürſtliche Gnaden werden mein Wort unterſtützen, wenn der Baron— Gewiß! rief der Kurfürſt. Das geht ja durchaus nicht! Wir können mit„Gefühl der Herzen, Glück der Familie, Wohlfahrt der Nachkommenſchaft“ und wie es alles heißt, nicht über die Satzung unſerer Kirche hinaus Wo ſollte das hinführen? Was denkt nur der Baron! Es thut mir leid: der Eickemeyer iſt erſtaunlich brauchbar. Die Herſtellungen an der Feſtung, die ich jetzt befohlen habe, geſchehen ganz nach ſeinem Plan,— das Weſent liche, nichts Unnöthiges, mit Erſparniß zum Wohl des Landes! Er iſt Sachverſtändiger und muß es wiſſen, worauf es ankömmt,— der Eickemeyer! Ich möchte ihn gar gern häuslich beglückt ſehen. Je nun,— er iſt ja Soldat, war mit gegen Lüttich:— der Soldat greift zu; — er wird's ſchon zu machen wiſſen, daß er glücklich wird! Als die Gräfin nach Abgang des Weihbiſchofs wieder hervortrat, ſagte ſie: Ich höre alſo, das Finanzproject iſt fertig? Ja, dort liegt's! antwortete der Kurfürſt. Dem Seckendorff hat's heiß genug gemacht! Sehen Sie, wir verkaufen Nußbaum und Benichheim mit Zubehör. Dem Erlös von circa anderthalb Hunderttauſend Gulden fügen wir ein kleines Anlehn bei, nöthigenfalls aus Gemeinde geldern, und ſchreiben eine Extraſteuer aus. So, denke ich, geht's wieder eine Strecke über die theure Zeit, die uns bevorſteht. Nun,— und das Kapitel—? fragte die Gräfin geſpannt 388 Ich habe ſondiren laſſen, lächelte er, und kenne nun Diejenigen, die dermal den meiſten Anhang zum Wider⸗ ſprechen haben. Sie kommen hernach hier vor, und ich denke ſie geſchmeidig zu machen,— ich habe eine Salbe dazu, liebe Sophie! Die Gräfin erinnerte auf heitere, neckiſche Weiſe an die Zuſagen für ihre Nichten.— Hm, hm! lachte der Fürſt mit ſeiner ſatiriſchen Miene, die Frau Gräfin haben gelauſcht und wollen Nun ja, ich wünſchte von Ihrem vollkommenen Ablaß zu profitiren, fiel ſie keck und lachend ein. Ja, ja! Ich kenne ſchon Ihren Glauben; etwas von dem, was die Bauern ablaſſen ſollen, iſt der Frau Nichte lieber, wenn's auch unvollkommen iſt. Es gibt nichts Vollkommenes in der Welt! Wie ſtehen Sie denn mit Franz Karl? Hat er ſich denn erklärt? Nicht mit Worten, antwortete ſie, aber das zärtlichſte Verhältniß des glücklichen Paares erklärt ſich von ſelbſt. Ich rechne vielmehr dem Baron ſein zartes Schweigen hoch an, und bin überzeugt, daß er nur erſt von der Gnade ſeines Fürſten eine Stellung abwarten will, die einer Comteſſe Coudenhove angemeſſen iſt. Joſephine ge hört durch ihre glänzenden Eigenſchaften an einen geiſt⸗ reichen Hof, und der Baxon fühlt zu lebhaft, daß er bis jetzt der Großnichte des Kurfürſten von Mainz nur das Glück eines Landjunkers bieten kann. Freilich! da haben Sie Recht! ſagte nach kurzem Ueberlegen der Kurfürſt. Ich habe mir auch ſchon was ausgedacht. Laſſen Sie ihn hernach rufen! Und für Joſephinen beſtimmen Sie ſelbſt die Ausſteuer, und ſagen kenne nun n Wider⸗ und ich ein Salbe Weiſe an lachte der äfin haben nen Ablaß twas von der Frau Es gibt Sie denn zirllihſte von ſilſt Schweigen t von der ill, die phine R⸗ nn geiſ⸗ mr das kutzeln hon was un ſir nd ſagen mir, was Sie für angemeſſen halten. Ich weiß, Sophie, Sie ſind vernünftig und kennen die Kräfte des alten Erthal. Die Gräfin küßte mit der Geberde entzückter Ueber⸗ raſchung des Fürſten Hand.— Aha! Nun iſt die Cou⸗ ſine zufrieden! lächelte er ſpöttiſch. Ich kenne das ſchon: wenn mein Täubchen da mit dem rothen Schnabel auf meine Hand pickt, hat es ein goldenes Gerſtenkorn gefunden. — Er wollte bei dieſem Scherz die tätſchelnde Hand nach ihr ausſtrecken, als er wieder von einem Stich in der Zehe aufzuckend ächzete. Der Domdechant ward gemeldet, und die Gräfin ent⸗ fernte ſich, Franz Karln rufen zu laſſen. Fünfzehntes Kapitel. Der Kurfürſt hatte ſich vom Kammerdiener näher ans Fenſter rollen, und die Bücher entfernen laſſen. Stühle wurden geſetzt, und der Dechant trat ein, vom Fürſten mit huldvollen Handbewegungen empfangen, und zum Sitzen eingeladen. Der Kurfürſt klagte ſein Uebel, und fügte ſcherzend hinzu: Leopold's Tod iſt mir in den Fuß geſchlagen, lieber Fechenbach! Kurfürſtliche Gnaden hatten ſtets viel Anhänglichkeit an den hochſeligen Kaiſer, bemerkte der Domdechant. Das meinte ich weniger, verſetzte der alte Herr; doch iſt es auch wahr. Gewiß! Nehmen Sie aber die vielen 390 Sitzungen über den Angelegenheiten der neuen Wahl, der Krönung und all' dergleichen. Im Vertrauen, lieber Fechenbach! Die neue Wahl macht mir erſtaunlich viel Sorgen. Sie wiſſen, daß höchſt wahrſcheinlich nachher ein Fürſten-Congreß hier gehalten wird. Ich rede nicht von den großen Koſten, die uns dadurch erwachſen: denn dazu müſſen Mittel beſchafft werden. Mainz iſt es ſich ſelbſt ſchuldig, dieſer Ehre würdig zu erſcheinen. Es iſt für uns ein ewig denkwürdiges Ereigniß: die Schickſale Europas ſollen hier gewürfelt werden! Nein, ich rede von der Politik, die dabei zu befolgen iſt. Die Gewichte der Kabinete drücken auf Mainz; mein Fuß ſteckt ſchon mit darunter, und— was ſagen Sie dazu, Fechenbach, daß ich auch noch Ihren Kopf darunter ſchieben will? Kurfürſtliche Gnaden—? verſetzte der Domdechant etwas zweifelhaft über den Sinn des Scherzes. Hören Sie! Wenn je zu einem Wahlconvent in Frankfurt ein ausgezeichneter Kopf nöthig war; ſo iſt es diesmal. Dort muß vorbereitet werden, was wir hier beſchließen,— gegen Frankreich und für die Welt. Die Würfel und die Würfe müſſen verſucht werden, ſo daß die beſten Augen obenauf kommen und zählen. Ich habe Sie mir dazu erleſen, Herr Domdechant. Sie ſollen dort unſer erſter Miniſter ſein. Sonſt thaten es Rang und Vermögen: diesmal ſind auch noch Einſichten und Talent nöthig. Ich ſchätze mich glücklich, dies Alles jetzt beiſam⸗ men zu finden— bei meinem Freunde Fechenbach! Der Dechant, der etwas dergleichen erwartet haben mochte, nahm den Antrag mit einer verbindlichen Ruhe auf, durch die jedoch der ſcharfblickende Fürſt eine innere l, der viel achher nicht denn iſt ickſale wichte ſchon nbach, chant 39 1 Befriedigung hervorleuchten ſah. Die heitere und huld⸗ volle Art und Weiſe, wie die erwartete Ehre angeboten wurde, war doch überraſchend. Fechenbach ſuchte nach Worten, die des Kurfürſten verbindlichen Ausdruck durch Beſcheidenheit aufwiegen ſollten. Doch dieſer verſetzte Nein, lieber Fechenbach, keine unzeitige Beſcheidenheit. Wir leben in Tagen, wo ſich gegen den unbeſcheidenſten Aufruhr alle edeln Kräfte erkennen und erheben müſſen. Der Domdechant verneigte ſich, und gab ſeine Zuſage in die Hand des Kurfürſten, der ihn nach einigen Erör— terungen über das, was zu dieſer Sendung vorzubereiten ſei, mit der Bitte entließ, dieſe Beſtimmung vor der Hand noch geheim zu halten.— Die Gegner, die Ihnen mein Auſtrag erweckt, ſagte er, könnten ſich leicht in Wi⸗ derſpruch gegen die Vorſchläge ſetzen, die ich dem Kapitel wegen Aufbringung der großen Koſten machen muß. Ich werde ohnehin Ihre ganze Unterſtützung dazu nöthig haben! Während deſſen hatten ſich im Vorzimmer drei Kapi⸗ tulare und Baron Franz Karl eingefunden. Der Kurfürſt ließ die drei geiſtlichen Herren vor, und lud ſie auf die hingeſtellten Seſſel ein.— Sie finden hier einen Feſtge bannten, ſagte er heiter, der ſich damit beſchäftigt, ſeine Freunde auf Reiſen zu ſchicken. Wir erkennen darin die generöſe Art Eurer kurfürſt⸗ lichen Gnaden, Ihren Freunden zu gönnen, was Sie ſelbſt entbehren müſſen; antwortete Graf Walderdorf, mit einem Lächeln verrathend, daß er während des Sprechens die Zweideutigkeit ſeiner Worte bemerkte. Die beiden anderen Herren verneigten ſich blos auf den einfachen Werth der Antwort ihres Vorſprechers 392 Der Kurfürſt, etwas empfindlich über Walderdorf's Lächeln, ging raſch über die Einleitung hinaus und ſagte mit ſtolzer Haltung: Ich habe Ihnen die erſte Wahlbot⸗ ſchaft zur kaiſerlichen Krönung zugedacht, Herr von Wal derdorf. Sie gehen nach Wien, Prag und München. Sie— wendete er ſich zum Freiherrn von Harf in Drei— born— gehen in gleicher Eigenſchaft nach Dresden und Berlin, und Sie, Herr von Warsberg, nach Hannover, Bonn und Koblenz. Ich brauche diesmal Leute, die re— präſentiren können. Sie wiſſen, wie ſehr meine Politik den europäiſchen Kabineten imponirt. Die Potentaten kommen nach Mainz zur Berathung. Es iſt eine wenig erfreuliche Ehre, ſo alt zu ſein, um den Neſtor unter den Fürſten zu machen. Sie, meine Herren, müſſen mir im⸗ poniren helfen, und dem Congreß voraus durch das Ge⸗ wicht Ihres Auftretens an den Höfen unſer Mainz in Achtung ſetzen. Es verſteht ſich daher, daß Sie brillant auftreten. Ihr Geſandtſchaftsperſonal, Sekretair, Schrei— ber u. dgl. wählen Sie ſich aus. Das iſt einmal eine Gelegenheit, wo man für einen jungen bürgerlichen Men— ſchen etwas thun kann, ſeine Anhänglichkeit und Talente zu belohnen. Bereiten Sie Alles zu Ihrer baldigen Ab⸗ reiſe vor. Ich werde Veranſtaltung treffen, daß es Ihnen an nichts fehle, was Ihre Sendung angenehm und glän⸗ zend machen kann. Ihre Vollmachten ſind in der Aus⸗ fertigung, auch iſt die Verſpätung der Botſchaften durch meine Krankheit bei den Höfen auf vertraulichem Weg ent⸗ ſchuldigt. Aber nun gilt's Eile. Man konnte dieſem Dreiblatt des Kapitels die ſtolze Zufriedenheit mit ihrer Wahl an den Mienen anſehen, 393 dorfs mie ſie einander anlächelten. Der Graf von Walderdorf agte behielt noch die beſte Haltung, und ſprach mit Einſicht hbot⸗ und Verſtand über die Verhältniſſe, mit denen er durch Wel dieſe Sendung in Berührung geſetzt würde. Die beiden inchen Andern thaten verſchiedene Fragen über die Zeit ihrer Dri Reiſe, über die Zahl ihres Gefolges u. dgl. Zuletzt em⸗ en und pfahlen ſich alle Drei mit Worten des Dankes und mit mooer Verſicherungen der Ergebenheit; worauf ihnen der Kurfürſt die re⸗ noch nachrief: Sie werden mir an den Ehrengeſchenken, Politik die Sie mitbringen, nachweiſen, wie ſchwer oder leicht Sie ntaten den Höfen imponirt haben. Sparen Sie ja nichts! Das wenig goldene Mainz muß diesmal glänzen. Es wird freilich ter den einen Riß in unſere Finanzen machen; aber das Land iſt it in⸗ es ſich ſchuldig. Wir ökonomiſiren dann auch wieder! 6 Ge Nach dem Abgang der Herren kam die Gräfin lachend zum Vorſchein.— Sie haben die rechten Leute getroffen! rief ſie. Ich denk's! antwortete zunickend der Fürſt. Ich habe ihnen ſo viel Schönes geſagt, daß ſie ſich einſtweilen im Kopfnicken üben konnten, um zu meinen Geldforderungen im Kapitel lebhaft Ja zu ſagen. Sie werden ſich nun wol im eigenen Intereſſe um eine Majorität für meine Vor⸗ ſchläge im Kapitel bemühen. Und was es für eine Unruhe in der Stadt abſetzen wird! lachte die ſchöne Frau. Bis die Herren zu all' ihren Bekannten fahren, um— ihr Pfauenrad zu ſchlagen— Und das Rennen und Laufen und Scherwenzeln der Gra⸗ tulanten und Derer, die mitgenommen ſein wollen— Es wird ihnen nicht an Gefolge fehlen und an guten Leuten! meinte der alte Herr . 394 O gewiß nicht! rief die Gräfin. Der Harf zu Drei⸗ born z. B. hat eine Wäſcherin, deren Bruder eine recht hübſche Hand ſchreiben ſoll, ſo daß die Geheimniſſe der Sendung in der Schwägerſchaft bleiben werden. Der Kurfürſt lachte, und ſie erinnerte, daß Franz Karl im Vorzimmer harre.— Ich halte mich in der Nähe, um unter Umſtänden hervorzutreten. Vielleicht— ſetzte ſie lachend hinzu— erſcheine ich nicht allein! Der Fürſt empfing den Baron mit gnädigem Nicken. — Ich habe diesmal Sie zu keinem Geſchäft rufen laſſen, ſagte er, ſondern hinter den Geſchäften her.— Mit einer gewiſſen zerſtreuten Ueberlegung ſprach ſich dann der Fürſt darüber aus, wie zufrieden er mit dem Ernſt und ſchweig⸗ ſamen Eifer, ſowie mit der ganzen Geſchäftshaltung des Barons ſei. Er habe ſchon öfter daran gedacht ihn zu befördern, nur ſei er dermal wegen ſo viel dringender Ausgaben außer Stand, neue Gehalte zu bewilligen. Dann ſetzte er hinzu: Jetzt endlich findet ſich etwas für Sie, was Ihnen wenigſtens Freude machen kann. Ich höre, die bevorſte— hende Kaiſerkrönung intereſſirt Sie. Ich kann mir's den ken: es iſt ein politiſches und poetiſches Schauſpiel zugleich, und doppelt anziehend für ſo einen doppelten jungen Mann, wie Sie ſind, Baron. Ich will Sie alſo zu ei— nem der geheimen Sekretaire mit dem Titel Regierungs⸗ rath ernennen, an die Stelle des Herrn von Zwehl, der auf ſeine Güter zu gehen wünſcht. Auch ſollen Sie un— ter meine Kammerherren treten, und in beiden Eigen— ſchaften mich nach Frankfurt begleiten. Iſt Ihnen das recht? ————————— nz Karl he, um ehte ſi. Nicken laſſen, t einer Fürſt chweig⸗ ng des ihn zu Welche Ueberraſchung für unſern Freund! Er fand nicht gleich Worte; er bog das Knie zum Dank gegen ſeinen Fürſten, der ihm die Hand zum Kuß reichte, und ſeine Bewegung mit den Worten unterbrach: Schon gut, lieber Baron! Ich mache ja eine Acquiſition an Ihnen für das Kabinet, und bin nur zufrieden, Sie ſo geſtellt zu haben, daß Sie eine Acquiſition für Ihr Herz machen können. Ich höre, daß Sie ein Tendre für die Comteſſe Coudenhove hegen, für die Joſephine, und ich kann Ihnen verrathen, daß Sie ihr nicht gleichgiltig ſind. Dieſe Eröffnung verwirrte den jungen Freund. Das Schmeichelhafte derſelben aus fürſtlichem Munde drängte ſich einer ernſten Betrachtung und allen Bedenklichkeiten vor, die unter anderen Umſtänden Zutritt bei ihm gefun⸗ den hätten. Schon durch die vorausgegangene Beförde⸗ rung war ſeine Stimmung für jede ruhige Prüfung des Herzens zu hoch geſpannt. Er erklärte ſich, als dèr Kur fürſt mit erwartenden Blicken ſchwieg, über Joſephinens Vorzüge und war im Schwung ſeiner Empfindungen nicht mäßig mit ſeinem Lobe. Der Kurfürſt lächelte ſchalkhaft. — Ein junger Baron, wie Sie, Herr Regierungsrath, ſagte er, der bei ſo viel eigenen Anſprüchen ſo lebhaft von den Reizen und Vorzügen einer jungen Dame ein— genommen iſt, kann nicht ohne Wunſch ſein, ſelbſt wenn er ohne Muth wäre. Aber ein Cavalier wie Sie,— wie wäre der ohne Muth? Ja, ja, die Comteſſe iſt der ſchönſte Schmuck unſeres an reizenden Damen doch nicht armen Hofs. Sie war letzten Winter auf den Hofbällen am Damenhimmel die ſtrahlende Venus, und ich bemerkte oft einen jungen Baron, der mit ſeinen ſchwärmeriſchen — — 396 — Augen an dieſem Abendſtern hing. Nun ſind Sie ja ſelbſt von heut an im Aufgehen an dieſem Himmel, und können— meinetwegen als Mars in die Conſtellation mit der Venus treten. Und wenn Sie mich etwa als Jupiter in der Conjunction haben wollen—2 Ich bin nicht ſo bewandert in der Mythologie, lieber Baron, ob Jupiter, der ſeiner Zeit ſelbſt ein gefährlicher Liebhaber war, im Alter etwa— Eheprocurator geworden iſt, ha, ha! Was ſagen Sie? Der Fürſt lachte über ſeinen witzigen Einfall, daß es ſchallte. Und als der geſchmeichelte Baron verſetzte, dem ho⸗ hen Zeus werde wenigſtens ein gebietendes Nicken mit den ambroſiſchen Augenbrauen beigelegt: ſo rief der alte Herr vergnügt: O mit den Augenbrauen kann ich noch Ju— piter ſein! Wenn ſonſt nichts fehlt—! Er ſchwang die ſilberne Handſchelle, und fragte den Kammerdiener, ob zufällig vielleicht die Gräfin noch im Schloſſe ſei. Eben ſind die gnädige Comteſſe Joſephine angefahren, Ihro Gnaden die Gräfin abzuholen,— war die Antwort. Sie ſollen Beide kommen, befahl der Kurfürſt, und ſetzte, als der Diener hinaus war, mit gefalteten Händen hinzu: Da haben wir's ja! Der Himmel miſcht ſich auch ſchon in die Angelegenheit! In welcher Befangenheit, in welchem Wirbel aller Empfindungen der junge Freund ſich den Eintretenden näherte, läßt ſich denken. Der Kurfürſt ſtellte ihn als Regierungsrath und Kammerherrn vor, und Franz Karl empfing die Glückwünſche der beiden Damen. Aber es gehen viel höhere Dinge vor! lachte der ——— und kllation daß es em ho⸗ h J⸗ fahren, ntwort und unden 6 auch aller enden Rall 397 aufgeräumte Fürſt, Dinge am Himmel und— im Him⸗ mel! Wir haben eine merkwürdige Conſtellation, Frau Couſine! Und Sie ſelbſt müſſen die Erde vorſtellen; denn es rücken lauter Planeten zu einer himmliſchen Ver— bindung zuſammen. Sehen Sie,— Mars will mit Ve⸗ 5 nus in Conjunction treten, und der alte Jupiter wirft nickende Strahlen ſeiner Augenbrauen. Ha, ha! Die gnädige Couſine iſt etwas perpler. Wir müſſen uns durch ſprechende Action erklären. Auf denn! edler Mars und rücken Sie gegen Venus vor! Gräfin Erde, ſtellen Sie ſich einmal hierher! Franz Karl, von der huldvollen Laune des Kurfürſten vollends exaltirt, fühlte ſich wie auf einer Bühne. Es war ihm nicht anders zu Muth, als daß er ſeine Rolle zum Beifall ſeines Fürſten geſchickt durchführen müſſe, und nicht wieder eine Antwort ſchuldig bleiben dürfe. Von Joſephinens reizendem Erröthen entzückt und hingeriſſen, trat er mit einer Liebeswerbung hervor, die bald durch ſelbſterweckte Rührung aus dem Hofton in den Herzens ton fiel. Die niedergeſchlagenen Blicke der Comteſſe, ihre kleinen, zuckenden Hände drückten eine Hingebung aus, bei der das Mädchenherz nicht unbetheiligt war. Franz Karl kniete vor ihr nieder, wie ein Schäfer im Koſtüm; Joſephine neigte ſich ihn aufzurichten, und eine Um⸗ armung war da, wie man einen plötzlichen Schwindel bekömmt. Jupiter und Erde warfen einander bedeutende Blicke zu. Wie charmant es ſich fügt, liebe Gräfin Couſine, rief der Kurfürſt, daß zur Krönung des neuen Kaiſers eine Coudenhove als Braut zieht, deren Familie bei der letzten 398 1 Krönung in den Grafenſtand erhoben wurde Alles Glück 3 zu einer ſo glanzvollen Verlobungsfahrt! Die Gräfin führte das Paar vor den Fürſten, der 1 ſich in ſeinem Rollſtuhl aufrichtete, es zu ſegnen. Doch 6 wie er die bebende Hand vorſtreckte, durchzuckte die pro⸗ phetiſchen, ſalbungsvollen Worte ein heftiger Stich in der 1 großen Zehe, und der ſegnende hohe Prieſter ſtöhnte Au weh! — * 6 4 3 . Glück Doch ie pro⸗ in der öhnte oour& Srey Sortrol Chärt Magenta CGyan Green NVellow Red