Ieihbittivchet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6dnard Ottmann in Giehen, Siſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Jeſehedingungen. 1. otensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 6 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden 3g von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Pirſonen müſſen, bei Entgegennahme p eines Buches, eine dem Werthe tſelhen entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und betrigt für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „ —— Monat: 1 Wr Pf. 1 Mr 50— Pf Answärtige abhonnenten⸗ haben für Hin⸗“ und Zurückſendung der 3 auf ihre eig Bi und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der 3, er zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. usleihezeit. Dieſelbe auf 14 Tage ſfii etzt und wird darauf aufmertſ am gemacht, daß das Preunteihe der Bücher nicht ſtattfinden i indem iepher welche Se ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eeeeeeee ———————— — 7 Schillers ſämmtliche Werke der in zwölf Bänden. ut⸗ Mit Privilegien gegen den Nachdruck von Seiten des Koͤnigreichs Wuͤrtemberg, der Staaten und Staͤdte des deutſchen Bundes, von Daͤnemark und den ſchweizeriſchen Staͤnden Aargau, Appenzell, Bern, Luzern, Schaffhauſen, Schwytz, Solothurn, Theſſin, Thurgau, Unterwalden, Uri, Zuͤrich, Zug. err, kar Erſter Band. ſi⸗ der alb eſer 5 Zer⸗ Stuttgart und Tübingen. der us Verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. w⸗ 1838. ach Mit Privilegien gegen den Machdruck und Verkauf des Nuchdruckes der ſimmtlichen Schiller ſchen Werke. Von denjenigen Privilegien ſämmtlicher Staaten des deut⸗ ſchen Bundes und der einzelnen Cantone der ſchweizeriſchen Eidgenoſſenſchaft, welche den Abdruck ihres Inhalts vor⸗ ſchreiben, folgt derſelbe hier. Röniglich Preußiſches Privilegium. Nachdem Se. Majeſtät der Koͤnig, Unſer Allergnädisſter Hert⸗ geruhet haben, mittelſt Allerhoͤchſter Kabinetsorder vom sten Februar d. J., den Hinterbliebenen des Dichters von Schiller auf die nüchſt⸗ folgenden Fuͤnf und Zwanzig Jahre das litterariſche Eigenthum der Schriften deſſelben durch Ertheilung eines Privilegiums innerhalb ſammilicher Koͤniglichen Staaten dergeſtalt ſicher ſtellen zu laſſen: daß waͤhrend des gedachten Zeitraums eine Ausgabe dieſer Schriften, deren Verlagsrecht von den Hinterbliebenen des Ver⸗ faſſers rechtmaͤßig erlangt worden, in hieſigen Landen weder ganz, noch in einzelnen Theilen, nachgedruckt, noch durch Aus⸗ zuge oder Verkauf eines anderwaͤrts unternommenen Nach⸗ drucks dem jener Ausgabe wenigſtens dem Hauptinhalte nach vorzudruckenden Privilegio entgegengehandelt werden ſoll, bei Vermeidung der den Beeintraͤchtigten geſetzmaͤßig zu leiſtenden Entſchaͤdigung und derjenigen Strafen, welche der Nachdruck inlaͤndiſcher Verlagsartikel und der Handel mit auswärts nach⸗ gedruckten Buͤchern nach ſich zieht; ſo wird ſolches hierdurch allgemein zur dffentlichen Kenntniß und Nachachtung bekannt gemacht. Berlin, den 29. April 1826. Frhr. v Altenſtein. v. Schuckmann. Röniglich Jayeriſches Privileginm. Lndwig von Gottes Gnaden König von Bayern, Pfalz⸗ graf bei Rhein, Herzog von Bayern, Franken und in Schwaben ꝛe. 2e. Nachdem Uns die Tochter des verſtorbenen Friedrich von Schiller— Emilie von Gleichen⸗Rußwurm, geborne von Schiller— in ihrem und ihrer Geſchwiſter Namen um Schutz gegen den Nachdruck der Werke ihres Vaters in Unſerem Koͤnigreiche aller⸗ unterthaͤnigſt gebeten hat,— ſo wollen Wir in Anerkennung der ſeltenen Verdienſte und des hohen Ruhmes, welchen ſich der ver⸗ ewigte Dichter Friedrich von Schiller um die deutſche Literatur und um die Veredlung der Geiſtes⸗Eultur des deutſchen Volkes insbeſondere durch ſeine ausgezeichneten Schriften erworben hat, ſeinen Hinter⸗ laſſenen ein neuerliches formliches Privilegium gegen den Nachdruck der erwähnten Schriften und gegen den Verkauf dieſer etwa ander⸗ waͤrts nachgedruckten Werke in Unſerem Kdnigreiche auf den Zeit⸗ raum von zwanzig Jahren, vom Tage gegenwaͤrtiger Ausfertigung v v IM anfangend, hiemit tar⸗ und ſiegelfrei ertheilen, und gebieten dem⸗ nach ſaͤmmtlichen Unterthanen Unſeres Koͤnigreichs, insbeſondere allen darin angeſeſſenen Buchdruckern und Buchhaͤndlern, bei Ver⸗ meidung Unſerer Allerhoͤchſten Ungnade und einer Strafe von hun⸗ dert Dukaten, wovon die eine Haͤlfte Unſerem Aerar, die andere Hälfte dem Verleger zufallen ſoll, wider Wiſſen und Willen des rechtmaͤßigen Verlegers der Friedrich von Schiller'ſchen Werke dieſe in keinerlei Form weder ſelbſt nachzudrucken, noch den Verkauf freinder Nachdruͤcke derſelben zu uͤbernehmen oder auf irgend eine Art zu beguͤnſtigen. Hiernach weiſen wir ſammtliche Obrigkeiten Unſeres Koͤnig⸗ reichs an, den privilegirten Verleger mehrerwaͤhnter Werke gegen alle Beeintraͤchtigungen kräftigſt zu ſchuͤtzen, und die ihnen ange⸗ zeigten Nachdruͤcke ſogleich wegnehmen, und jenem zu ſeiner freien Diſpoſition ſtellen zu laſſen. Wir geſtatten, daß dieſes Privilegium zu Jedermanns Nachricht und Warnung den während der zwanzigjährigen Privilegiumsdauer veranſtaltet werdenden Auflagen der Geſammtwerke Friedrichs von Schiller vorgedruckt werde; auch ſoll daſſelbe in gleicher Abſicht durch das Regierungsblatt bekannt gemacht werden. Zu deſſen Urkunde haben Wir dieſes Privilegium eigenhaͤndig unterzeichnet und Unſer geheimes Kanzley⸗Inſiegel beidrucken läſſen. Gegeben in Unſerer Haupt- und Reſidenzſtadt Muͤnchen den achten Maͤrz im Jahre Eintauſend achthundert acht und dreißig. Ludwig. Staatsrath v. Ibel. Auf Koͤniglich Allerhoͤchſten Befehl der General⸗Setretär Fr. v. Robell. IW Röniglich Päniſches Privileginm. Ueberſetzung. Wir Friedrich VI., von Gottes Gnaden Koͤnig zu Daͤnemart, der Wenden und Gothen, Herzog zu Schleswig, Holſtein ꝛc., thun kund hiermit: Nachdem der Aſſeſſor bei dem Koͤnigl. Preußiſchen Appellationsgerichte zu Coln, Friedrich Wilhelm Ernſt von Schiller, in ſeinem und ſeiner Geſchwiſter Namen, allerunterthaͤnigſt darauf angetragen hat, daß ihnen, da ſie eine neue Ausgabe der literaviſchen Werke ihres verſtorbenen Vaters, Friedrich von Schiller, zu veranſtalten gedenken, ein Privilegium ertheilt werde, durch welches ſie ſowohl vor dem Nachdruck beſagter Ausgabe, als auch vor dem Verkaufe von anderwaͤrts erſchienenem Nachdrucke geſichert wuͤrden, ſo wollen Wir in Folge des Uns dergeſtalt Allerunterthänigſt vor⸗ getragenen Geſuches und der Uns Allerunterthaͤnigſt bemerkten Um⸗ ſtände, hiemit fur einen Zeitraum von 25 Jahren, vom Tage dieſer Unſerer Bewilligung an gerechnet, jeden Nachoͤruck von Friedrich von Schillers Werken, welche deſſen Sohn, der vorbenannte Aſſeſſor von Schiller, und ſeine Geſchwiſter veranſtalten, ſowohl als den Verkauf des Nachdrucks beſagten Werkes, der moͤglicherweiſe an einem andern Orte herauskommen koͤnnte, in Unſerm Reiche Daͤne⸗ mark Allergnaͤdigſt verboten haben, alles unter gebuͤhrender Gel und Confiscation der etwa vorgefundenen Exemplare. Wor männiglich zu richten. Gegeben in Unſerer Reſidenzſtadt Kopenhagen, den 30. Mai1827. Unter Unſerer Königl. Hand und Siegel. (L.§.) Friedrich R. Inhalt. Gedichte der erſten Periode. Bettors Abſchied Amalia Eine Leichenfantaſite„ Fantaſie an Laura Laura am Clavier Die Entzuͤckung an Laura Das Geheimniß der Reminiscenz„. Melancholie an Laura Die Kindsmoörderin Di Grsße de Wl Elegie auf den Tod eines Juͤnglings. ſ ſt Gruppe aus dem Tartarus Elyſium Der Fluͤchtling An den Fruͤhling„„ ₰. 2 An Minna Der Triumph der Liebe„ Das Gluͤck und die Weisheit An einen Moraliſten Graf Eberhard der Greiner von Wuͤrtemberg Semele Seite 20 24 26 30 44 44 50 5¹ 53 Gedichte der zweiten Periode. A eFreude Die unuͤberwindliche Flotte 2 Die Goͤtter Griechenlands Die Kuͤnſtler Die beruͤhmte Frau„ Einer Freundin ins Stammbuch Metriſche Ueberſetzungen. Die Zerſtoͤrung von Troja. Gedichte der dritten Periode. Die Begegnung Das Geheimniéß„. Die Frwatüng Sehnſucht Die Ideale Des Maͤdchens Klage„.. Der Juͤngling am Bache.. Die Gunſt des Augenblicks. Der Alpenjäger Dithhrämbe Dis bier Wellter Punſchlied die Freunde Punſchlied, im Rorden zu ſingen Nadoweſſiſche Todtenklage. Däs Siegesfeſt Klage der Geres„ W Seit⸗ 57 92 95 95 956 104 120 126 133 173 2419 220 224 222 225 225 227 228 232 233 255 236 258 240 204 2 à 4 245 247 249 251 — Sene Das Eleuſiſche Feſt Bei Ring des Pylhkkates ꝓ Die Hraniche des Ibyküs Serolüd Leander Kaſſandra Die Burgſhaft Der Tauchet Ritter⸗Toggenbür Der Kampf mit dein Drachen Der Gang nach dem Eiſenhammer Der Graf von Habsburg Der Pandſchuh Das verſchleierte Bild zu Sais Die Thelung der Erde ꝓS Das Mädchen aus der Fremde Das Ideal und das Leben Parabeln und Rathſel Der Spaziergang Das Lied von der Gloce Die Macht des Geſange Wurde der Frauen Boffnung Die deutſche Nuſe Der Sämann Deauſſi 38 5 ohſeus Karthago Pie hanite Deutſche ie Columbus Ponßeit uid Berculan Si Zeus zu Hercules Die Antike an den nordiſchen Wanderer„3369 Die Sänger der Vorgeltt Die Antiken zu Paris ꝓꝓ Thetia, eine Geiſterſtime Das Mädchen von Hrleans 3 NRenie Der ſpielende 5 Di Geſchlechter Macht des Weibes„ Der Tanz Der Genius.. Der philoſophiſche Ezriſt Die Worte des Glaubens.. Die Worte des Wahns. Spruͤche des Confucius. Licht und Waͤrme„„ Breite und Tieſe Die Fuͤhrer des Lebens. Archimedes und der Schuͤler„ Menſchliches Wiſſen„. Die zwei en 5 Wuͤrden„ Zenith und Vadir Das Kind in der Wiege Das Unwandelbare Shesa i Die beſie Staatsverſaſſung.. An die Geſetzggeber Das Ehrwuͤrdige Falſcher Studirtrieb Duelle der Verjuͤngung. Se Nätürkreis Der Genius mit der umgekehrten Tugend des Weibes„ Die ſchoͤnſte Erſcheinung„. Forum des Weibes„ Weibliches Urtheil Fackel — 3 „ — — „ „ „ — „ — „ — Seite 592 393 394 394 395 396 597 400 402 403 404 405 407 407 406 409 409 à410 410 410 444 441 414 414 442 423 423 42 4 424 4 24 424 424 425 425 425 425 425 Das weibliche Ideal Crwartung und Erfuͤllung Das gemeinſame Schickſal Menſchliches Wirken Der Vrer Liebe und Begierde.. Guͤte und Groͤße Die Triebfedern„„ Naturforſcher und Transſcendental⸗ Deutſcher Genius„„ Kleinigkeiten.„ An die Proſelytenmacher Das Verbindungsmittel Der Zeitpunkt„„ Deutſches Luſtſpiel„ Buchhaͤndler-Anzeige. efaͤhrliche Nachfolge„ Griechheit„ Die Sonntagskinder. Die Philoſophen 6. Die Bomeriden„„ Der moraliſche Dichter„ Die Danaiden„. Der echabene Steff Der Kunſigriff„ Jeremiade Wiſſenſchaft„ Kant und ſeine Ausleger Shakeſpeares Schatten. Die Fluͤſſe Die Metaphyſiter. Die Weltweiſen Pegaſus im Joche.„ Das Spiel des Lebens VII . „ Philoſophen Einem jungen Freunde, als er ſich der Weltwei Poeſie des Lebens„„ . theit widmete „ — — — „ 3. „ — „„ — — „ * — „„ — — — — . „ 5 . „ — An Göthe, als er den Mahomet von Voltaire auf die Buͤhne brachte An Demoiſelle Slevvigt Der griechiſche Genius an Mayer in Ztalien 5 Einem Freunde ins Stammbuch In das Folio⸗Stammbuch eines Kunſtfreundes„ Das Geſchent Dem Erbprinzen von Weimar, als er nach Paris reiste Der Antritt des neuen Fahrhunderts. Gedichte der erſten Periode. Schillers ſämmtl. Werke. I. 1 Hektors Abſchied. Andromache. Will ſich Hektor ewig von mir wenden, Wo Achill mit den unnahbarn Haͤnden Dem Patroklus ſchrecklich Opfer bringt? Wer wird kuͤnftig deinen Kleinen lehren Speere werfen und die Gotter ehren, Wenn der finſtre Orkus dich verſchlingt? Fektor. Theures Weib, gebiete deinen Thränen! Nach der Feldſchlacht iſt mein feurig Sehnen, Dieſe Arme ſchuͤtzen Pergamus. Kaͤmpfend für den heil'gen Herd der Götter Fall' ich, und des Vaterlandes Retter Steig' ich nieder zu dem ſtyg'ſchen Fluß⸗ Andromache. Nimmer lauſch' ich deiner Waffen Schalle, Muͤßig liegt dein Eiſen in der Halle, Priams großer Heldenſtamm verdirbt. Du wirſt hingehn, wo kein Tag mehr ſcheinet⸗ Der Kochytus durch die Wuͤſten weinet, Deine Liebe in dem Lethe ſtirbt. 4 Hektor. All mein Sehnen will ich, all mein Denken In des Lethe ſtillen Strom verſenken, Aber meine Liebe nicht. Horch! der Wilde tobt ſchon an den Mauern, Guͤrte mir das Schwert um, laß das Trauern Hektors Liebe ſtirbt im Lethe nicht. Nmalia. Schdn, wie Engel voll Walhallas Wonne, Schdoͤn vor allen Juͤnglingen war er, Himmliſchmild ſein Blick, wie Maienſonne, Ruͤckgeſtrahlt vom blauen Spiegelmeer. Seine Kuͤſſe— paradieſiſch Fuͤhlen! Wie zwo Flammen ſich ergreifen, wie Harfentoͤne in einander ſpielen Zu der himmelvollen Harmonie— Stuͤrzten, flogen, ſchmolzen Geiſt und Geiſt zuſammen, Lippen, Wangen brannten, zitterten, Seele rann in Seele— Erd' und Himmel ſchwammen Wie zerronnen um die Liebenden! ₰ Er iſt hin— vergebens, ach! vergebens Stoͤhnet ihm der bange Seufzer nach! Er iſt hin, und alle Luſt des Lebens Wimmert hin in ein verlornes Ach! 5 Eine Leichenfantaſie. Mit erſtorbnem Scheinen Steht der Mond auf todtenſtillen Hainen, Seufzend ſtreicht der Nachtgeiſt durch die Luft— Nebelwolken ſchauern, Sterne trauern Bleich herab, wie Lampen in der Gruft. Gleich Geſpenſtern, ſtumm und hohl und hager, Zieht in ſchwarzem Todtenpompe dort Ein Gewimmel nach dem Leichenlager Unterm Schauerflor der Grabnacht fort. Zitternd an der Kruͤcke Wer mit duͤſterm, rückgeſunknem Blicke, Ausgegoſſen in ein heulend Ach, Schwer geneckt vom eiſernen Geſchicke, Schwankt dem ſtummgetragnen Sarge nach? Floß es„Vater“ von des Juͤnglings Lippe? Naſſe Schauer ſchauern fuͤrchterlich Durch ſein gramgeſchmolzenes Gerippe, Seine Silberhaare baͤumen ſich.— Aufgeriſſen ſeine Feuerwunde! Durch die Seele Hoͤllenſchmerz! „Vater“ floß es von des Juͤnglings Munde, „Sohn“ geliſpelt hat das Vaterherz. Eiskalt, eiskalt liegt er hier im Tuche, Und dein Traum, ſo golden einſt, ſo ſuͤß! Suͤß und golden, Vater, dir zum Fluche! Eiskalt, eiskalt liegt er hier im Tuche, Deine Wonne und dein Paradies! 6 Mild, wie, umweht von Elyſiumsluͤften, Wie, aus Auroras Umarmung geſchluͤpft, Himmliſch umguͤrtet mit roſigen Duͤften, Florens Sohn uͤber das Blumenfeld huͤpft, Flog er einher auf den lachenden Wieſen, Nachgeſpiegelt von ſilberner Flut, Wolluſtflammen entſprühten den Kuͤſſen, Jagten die Maͤdchen in liebende Glut. Muthig ſprang er im Gewuͤhle der Menſchen, Wie auf Gebirgen ein jugendlich Reh; Himmel umflog er in ſchweifenden Wuͤnſchen Hoch, wie die Adler in wolkiger Hoͤh'; Stolz, wie die Roſſe ſich ſtraͤuben und ſchäumen, Werfen im Sturme die Maͤhnen umher, Koͤniglich wider den Zuͤgel ſich baͤumen, Trat er vor Sklaven und Fuͤrſten daher. Heiter, wie Fruͤhlingstag, ſchwand ihm das Leben, Floh ihm voruͤber in Hesperus Glanz, Klagen ertraͤnkt' er im Golde der Reben, Schmerzen verhuͤpft' er im wirbelnden Tanz. Welten ſchliefen im herrlichen Jungen, Ha! wenn er einſten zum Manne gereift— Freue dich, Vater, des herrlichen Jungen, Wenn einſt die ſchlafenden Keime gereift! Nein doch, Vater— Horch! die Kirchhofthuͤre brauſet Und die ehrnen Angel klirren auf— Wie's hinein ins Grabgewoͤlbe grauſet!— Nein doch! laß den Thraͤnen ihren Lauf! 7 Geh, du Holder, geh im Pfad der Sonne Freudig weiter der Vollendung zu, Loͤſche nun den edeln Durſt nach Wonne, Gramenthundner, in Walhallas Ruh! Wiederſehen— himmliſcher Gedanke!— Wiederſehen dort an Edens Thor! Horch! der Sarg verſinkt mit dumpfigem Geſchwanke, Wimmernd ſchnurrt das Todtenſeil empor! Da wir trunken um einander rollten, Lippen ſchwiegen, und das Auge ſprach— Haltet! haltet!— da wir boshaft grollten— Aber Thraͤnen ſtuͤrzten wärmer nach—— Mit erſtorbnem Scheinen Steht der Mond auf todtenſtillen Hainen, Seufzend ſtreicht der Nachtgeiſt durch die Luft. Nebelwolken ſchauern, Sterne trauern Bleich herab, wie Lampen in der Gruft. Dumpfig ſchollert's uͤberm Sarg zum Huͤgel— O, um Erdballs Schaͤtze, nur noch einen Blick!— Starr und ewig ſchließt des Grabes Riegel, Dumpfer— dumpfer ſchollert's überm Sarg zum Huͤgel, Nimmer gibt das Grab zuruͤck. Fantaſie an Laura. Meine Laura! nenne mir den Wirbel, Der an Koͤrper Koͤrper maͤchtig reißt, Nenne, meine Laura, mir den Zauber, Der zum Geiſt gewaltig zwingt den Geiſt! Sieh! er lehrt die ſchwebenden Planeten Ew'gen Ringgangs um die Sonne fliehn, Und, gleich Kindern um die Mutter huͤpfend, Bunte Cirkel um die Fuͤrſtin ziehn. Durſtig trinkt den goldnen Strahlenregen Jedes rollende Geſtirn, Trinkt aus ihrem Feuerkelch Erquickung, Wie die Glieder Leben vom Gehirn. Sonnenſtaubchen paart mit Sonnenſtaͤubchen Sich in trauter Harmonie, Sphären in einander lenkt die Liebe, Weltſyſteme dauern nur durch ſie. Tilge ſie vom Uhrwerk der Naturen— Truͤmmernd aus einander ſpringt das All, In das Chaos donnern eure Welten, Weint, Newtone, ihren Rieſenfall! Tilg' die Goͤttin aus der Geiſter Orden, Sie erſtarren in der Koͤrper Tod; Ohne Liebe kehrt kein Fruͤhling wieder, Ohne Liebe preist kein Weſen Gott! 9 Und was iſt's, das, wenn mich Laura kuͤſſet, Purpurflammen auf die Wangen geußt, Meinem Herzen raſchern Schwung gebietet, Fiebriſch wild mein Blut von hinnen reißt? * Aus den Schranken ſchwellen alle Sehnen, Seine Ufer uͤberwallt das Blut, Kdrper will in Koͤrper uͤberſtuͤrzen, Lodern Seelen in vereinter Glut. Gleich allmaͤchtig, wie dort in der todten Schoͤpfung ew'gem Federtrieb, Herrſcht im arachneiſchen Gewebe Der empfindenden Natur die Lieb'. Siehe, Laura, Froͤhlichkeit umarmet Wilder Schmerzen Ueberſchwung; An der Hoffnung Liebesbruſt erwarmet Starrende Verzweifelung. Schweſterliche Wolluſt mildert Duͤſtrer Schwermuth Schauernacht, Und, entbunden von den goldnen Kindern, Strahlt das Auge Sonnenpracht. Waltet nicht auch durch des Uebels Reiche Fuͤrchterliche Sympathie? Mit der Holle buhlen unſre Laſter, Mit dem Himmel grollen ſie. Um die Suͤnde flechten Schlangenwirbel Scham und Reu', das Eumenidenpaar, Um der Groͤße Adlerfluͤgel windet Sich verraͤthriſch die Gefahr. 10 Mit dem Stolze pflegt der Sturz zu taͤndeln, Um das Gluͤck zu klammern ſich der Neid, Ihrem Bruder Tode zuzuſpringen, Dffnen Armes, Schweſter Luͤſternheit. Mit der Liebe Fluͤgel eilt die Zukunft In die Arme der Vergangenheit, Lange ſucht der fliehende Saturnus Seine Braut— die Ewigkeit. Einſt— ſo hoͤr' ich das Orakel ſprechen, Einſten haſcht Saturn die Braut; Weltenbrand wird Hochzeitfackel werden, Wenn mit Ewigkeit die Zeit ſich traut. Eine ſchdnere Aurora roͤthet, Laura, dann auch unſrer Liebe ſich, Die ſo lang als jene Brautnacht dauert. Laura! Laura! freue dich! Laura am Clavier. Wenn dein Finger durch die Saiten meiſtert, Laura! jetzt zur Statue entgeiſtert, Jetzt entkorpert ſteh' ich da. Du gebieteſt uͤber Tod und Leben Mächtig, wie von tauſend Nervgeweben Seelen fordert Philadelphia. Ehrerbietig leiſer vauſchen Dann die Luͤfte, dir zu lauſchen. 11 Hingeſchmiedet zum Geſang Stehn im ew'gen Wirbelgang, Einzuziehn die Wonnefuͤlle, Lauſchende Naturen ſtille. Zauberin! mit Toͤnen, wie Mich mit Blicken, zwingſt du ſie. Seelenvolle Harmonien wimmeln, Ein wolluͤſtig Ungeſtuͤm, Aus den Saiten, wie aus ihren Himmeln Neugeborne Seraphim; Wie, des Chaos Rieſenarm entronnen, Aufgejagt vom Schoͤpfungsſturm, die Sonnen Funkelnd fuhren aus der Nacht, Stroͤmt der Toͤne Zaubermacht. Lieblich jetzt, wie uͤber glatten Kieſeln Silberhelle Fluten rieſeln, Majeſtaͤtiſch praͤchtig nun, Wie des Donners Orgelton, Stuͤrmend von hinnen jetzt, wie ſich von Felſen Rauſchende, ſchaͤumende Gießbaͤche waͤlzen, Holdes Geſäuſel bald, Schmeichleriſch linde, Wie durch den Espenwald Buhlende Winde, Schwerer nun und melancholiſch duͤſter, Wie durch todter Wuͤſten Schauernachtgefluͤſter, Wo verlornes Heulen ſchweift, Thraͤnenwellen der Kochtus ſchleift. . 12 Mädchen, ſprich! Ich frage, gib mir Kunde: Stehſt mit hoͤhern Geiſtern du im Bunde? Iſt's die Sprache, lug' mir nicht, Die man in Elyſen ſpricht? Die Entzückung an Laura. Laura, uͤber dieſe Welt zu fluͤchten Waͤhn' ich— mich im Himmelmgienglanz zu lichten, Wenn dein Blick in meine Blicke flimmt; Aetherluͤfte traͤum' ich einzuſaugen, Wenn mein Bild in deiner ſanften Augen Himmelblauem Spiegel ſchwimmt. Leyerelang aus Paradieſes-Fernen, Harfenſchwung aus angenehmern Sternen Raſ' ich in mein trunknes Ohr zu ziehn; Meine Muſe fühlt die Schaͤferſtunde, Wenn von deinem wolluſtheißen Munde Silbertdne ungern fliehn. Amoretten ſeh' ich Flugel ſchwingen, Hinter dir die truntnen Fichten ſpringen, Wie von Orpheus Saitenruf belebt; Raſcher rollen um mich her die Pole, Wenn im Wirbeltanze deine Sohle Fluͤchtig, wie die Welle, ſchwebt. 13 Deine Blicke— wenn ſie Liebe laͤcheln, Koͤnnten Leben durch den Marmor faͤcheln, Felſenadern Pulſe leihn; Traume werden um mich her zu Weſen, Kann ich nur in deinen Augen leſen: Laura, Laura mein! Das Geheimniß der Reminiscenz. An Laurn. Ewig ſtarr an deinem Mund zu hangen, Wer enthuͤllt mir dieſes Glutverlangen? Wer die Wolluſt, deinen Hauch zu trinken, In dein Weſen, wenn ſich Blicke winken, Sterbend zu verſinken? Fliehen nicht, wie ohne Widerſtreben Sklaven an den Sieger ſich ergeben, Meine Geiſter hin im Augenblicke, Stuͤrmend uͤber meines Lebens Bruͤcke, Wenn ich dich erblicke? Sprich! warum entlaufen ſie dem Meiſter? Suchen dort die Heimat meine Geiſter, Oder finden ſich getrennte Bruͤder, Losgeriſſen von dem Band der Glieder, Dort bei dir ſich wieder? 14 Waren unſre Weſen ſchon verflochten? War es darum, daß die Herzen pochten? Waren wir im Strahl erloſchner Sonnen, In den Tagen lang verrauſchter Wonnen, Schon in Eins zerronnen? Ja, wir waren's!— Innig mir verbunden Warſt du in Aeonen, die vetſchwunden; Meine Muſe ſah es auf der trͤben Tafel der Vergangenheit geſchrieben, Eins mit deinem Lieben! Und in ewig feſtverbundnem Weſen, Alſo hab' ich's ſtaunend dort geleſen, Waren wir ein Gott, ein ſchaffend Leben, Und uns ward, ſie herrſchend zu durchweben, Frei die Welt gegeben. Uns entgegen goſſen Nektarquellen Ewig ſtroͤmend ihre Wolluſtwellen; Machtig lösten wir der Dinge Siegel, Zu der Wahrheit lichtem Sonnenhuͤgel Schwang ſich unſer Fluͤgel.— Weine, Laura! dieſer Gott iſt nimmer, Du und ich des Gottes ſchone Truͤmmer, Und in uns ein unerſättlich Dringen, Das verlorne Weſen einzuſchlingen, Gottheit zu erſchwingen. Darum, Laura, dieſes Glutverlangen, Ewig ſtarr an deinem Mund zu hangen, Und die Wolluſt, deinen Hauch zu trinken In dein Weſen, wenn ſich Blicke winken, 5 Sterbend zu verſinken. Darum fliehn, wie ohne Widerſtreben Sklaven an den Sieger ſich ergeben, Meine Geiſter hin im Augenblicke, Stuͤrmend uͤber meines Lebens Bruͤcke, Wenn ich dich erblicke. Darum nur entlauſen ſie dem Meiſter, Ihre Heimat ſuchen meine Geiſter, Losgerafft vom Kettenband der Glieder, Kuͤſſen ſich die langgetrennten Bruͤder Wiederkennend wieder. Und auch du— da mich dein Auge ſpaͤhte, Was verrieth der Wangen Purpurrothe? Flohn wir nicht, als waͤren wir verwandter, Freudig, wie zur Heimat ein Verbannter, Gluͤhend an einander? „ 16 Melancholie an Laura. Laura— Sonnenaufgangsglut Brennt in deinen goldnen Blicken, In den Wangen ſpringt purpuriſch Blut, Deiner Thränen Perlenflut Nennt noch Mutter das Entzuͤcken— Wem der ſchoͤne Tropfe thaut, Wer darin Vergoͤtt'rung ſchaut, Ach, dem Juͤngling, der belohnet wimmert, Sonnen ſind ihm aufgedämmert! Deine Seele, gleich der Spiegelwelle Silberklar und ſonnenhelle, Maiet noch den truͤben Herbſt um dich; Wuͤſten, dd' und ſchauerlich, Lichten ſich in deiner Strahlenquelle; Duͤſtrer Zukunft Nebelferne Goldet ſich in deinem Sterne; Laͤchelſt du der Reizeharmonie? Und ich weine uͤber ſie.— Untergrub denn nicht der Erde PVeſte Lange ſchon das Reich der Nacht? Unſre ſtolz aufthuͤrmenden Paläſte, Unſrer Städte majeſtät'ſche Pracht Ruhen all' auf modernden Gebeinen; Deine Nelken ſaugen ſuͤßen Duft Aus Verweſung; deine Quellen weinen Aus dem Becken einer— Menſchengruft. ** 3 17 Blick empor— die ſchwimmenden Planeten, Laß dir, Laura, ſeine Welten reden“ Unter ihrem Cirkel flohn Tauſend bunte Lenze ſchon, Thuͤrmten tauſend Throne ſich, Heulten tauſend Schlachten fuͤrchterlich. In den eiſernen Fluren Such' ihre Spuren! Fruͤher, ſpäter reif zum Grab, Laufen, ach, die Räder ab An Planetenuhren. Blinze dreimal— und der Sonnen Pracht Loͤſcht im Meer der Todtennacht! Frage mich, von wannen de ine Strahlen lodern! Prahlſt du mit des Auges Glut? Mit der Wangch friſchem Purpurblut, Abgeborgt von muͤrben Modern? Wuchernd fuͤr's geliehne Roth, Wuchernd, Maͤdchen, wird der Tod 6 Schwere Zinſen fodern! Rede, Mädchen, nicht dem Starken Hohn! Eine ſchoͤnre Wangenrothe Iſt doch nur des Todes ſchoͤnrer Thron; Hinter dieſer blumigen Tapete Spannt den Bogen der Verderber ſchon Glaub' es— glaub' es, Laura, deinem Schwaͤrmer: Nur der Tod iſt's, dem dein ſchr machtend Auge winktz Jeder deiner Strahlenblicke trinkt Deines Lebens karges Laͤmpchen ärmer. Schillers ſämmtl. Werke. 1. 2 18 Meine Pulſe, prahleſt du, Huͤpfen noch ſo jugendlich von dannen— Ach! die Kreaturen des Tyrannen Schlagen tuckiſch der Verweſung zu. Auseinander blaͤst der Tod geſchwind Dieſes Laͤcheln, wie der Wind Regenbogenfarbiges Geſchaͤume. Ewig fruchtlos ſuchſt du ſeine Spur; Aus dem Fruͤhling der Natur, Aus dem Leben, wie aus ſeinem Keime, Wächſt der ew'ge Wuͤrger nur. Weh! entblättert ſeh' ich deine Roſen liegen, Bleich erſtorben deinen ſuͤßen Mund, Deiner Wangen wallendes Rund Werden rauhe Winterſtuͤrme pflugen, Duͤſtrer Jahre Nebelſcheing Wird der Jugend Silberquelle truͤben, Dann wird Laura— Laura nicht mehr lieben, Laura nicht mehr liebenswuͤrdig ſeyn. Madchen— ſtart wie Eiche ſtehet noch dein Dichter; Stumpf an meiner Jugend Felſenkraft Niederfältt des Todtenſpeeres Schaft; Meine Blicke— brennend wie die Lichter Seines Himmels— feuriger mein Geiſt, Denn die Lichter ſeines ew'gen Himmels, Der im Meere eignen Weltgewimmels Felſen thuͤrmt und niederreißt; Kuhn durchs Weltall ſteuern die Gedanken, Furchten nichts— als ſeine Schranken. 19 Glühſt du, Laura? Schwillt die ſtolze Bruſt? Lern' es, Mädchen, dieſer Trank der Luſt, Dieſer Kelch, woraus mir Gottheit duͤftet— Laura— iſt vergiftet! Ungluͤckſelig! ungluͤckſelig! die es wagen, Gdtterfunken aus dem Staub zu ſchlagen. Ach! die kuͤhnſte Harmonie Wirft das Saitenſpiel zu Truͤmmer, Und der lohe Aetherſtrahl Genie Nährt ſich nur vom Lebenslampenſchimmer— Wegbetrogen von des Lebens Thron, Frohnt ihm jeder Wächter ſchon! Ach! ſchon ſchworen ſich, mißbraucht, zu frechen Flammen Meine Geiſter wider mich zuſammen! Laß— ich fuͤhl's— laß, Laura, noch zween kurze Lenze fliegen— und dies Moderhaus Wiegt ſich ſchwankend uͤber mir zum Sturze, Und in eignem Strahle loͤſch' ich aus.—— Weinſt du, Laura?— Thraͤne, ſey verneinet, Die des Alters Straf-Los mir erweinet! Weg! verſiege, Thraͤne, Suͤnderin! Laura will, daß meine Kraft entweiche! Daß ich zitternd unter dieſer Sonne ſchleiche, Die des Juͤnglings Adlergang geſehn?— Daß des Buſens lichte Himmelsflamme Mit erfrornem Herzen ich verdamme, Daß die Augen meines Geiſts erblinden, Daß ich fluche meinen ſchoͤnſten Suͤnden? Nein! verſiege, Thräne, Suͤnderin!— Brich die Blume in der ſchoͤnſten Schdne, Loſch', o Juͤngling mit der Trauermiene, Meine Fackel weinend aus;„ Wie der Vorhang an der Trauerbuͤhne Niederrauſchet bei der ſchoͤnſten Scene, Fliehn die Schatten— und noch ſchweigend horcht das Haus.— Die Kindsmörderin. Horch— die Glocken hallen dumpf zuſammen, Und der Zeiger hat vollbracht den Lauf. Nun, ſo ſey's denn!— Nun, in Gottes Namen! Grabgefaͤhrten, brecht zum Richtplatz auf. Nimm, o Welt, die letzten Abſchiedstuſſe! Dieſe Thränen nimm, o Welt! noch hin. Deine Gifte— o ſie ſchmeckten ſuße!— Wir ſind quitt, du Herzvergifterin! Fahret wohl, ihr Freuden dieſer Sonne, Gegen ſchwarzen Moder umgetauſcht! Fahre wohl, du Roſenzeit voll Wonne, Die ſo oft das Maädchen luſtberauſcht! Fahvet wohl, ihr goldgewebten Traͤume, Paradieſeseinder, Fantaſien! Weh! ſie ſtarben ſchon im Morgenkeime, Ewig nimmer an das Licht zu bluͤhn. Schdn geſchmuͤckt mit roſenrothen Schleifen, Deckte mich der Unſchuld Schwanenkleid, In der blonden Locken loſes Schweifen Waren junge Roſen eingeſtreut. 21 Wehe!— die Geopferte der Hoͤlle Schmuͤckt noch jetzt das weißliche Gewandz Aber ach!— der Roſenſchleifen Stelle Nahm ein ſchwarzes Todtenband. Weinet um mich, die ihr nie gefallen, Denen noch der Unſchuld Liljen bluͤhn, Denen zu dem weichen Buſenwallen Heldenſtaͤrke die Natur verliehn! Wehe!— menſchlich hat dies Herz empfunden! Und Empfindung ſoll mein Richtſchwert ſeyn? Weh! vom Arm des falſchen Manns umwunden, Schlief Luiſens Tugend ein. Ach, vielleicht umflattert eine Andre, Mein vergeſſen, dieſes Schlangenherz, Ueberfließt, wenn ich zum Grabe wandre, An dem Putztiſch in verliebten Scherz? Spielt vielleicht mit ſeines Maͤdchens Locke, Schlingt den Kuß, den ſie entgegenbringt, Wenn, verſpritzt auf dieſem Todesblocke, Hoch mein Blut vom Rumpfe ſpringt⸗ Joſeph! Joſeph! auf entfernte Meilen Folge dir Luiſens Todtenchor, Und des Glockenthurmes dumpfes Heulen Schlage ſchrecklich mahnend an dein Ohr— Wenn von eines Maͤdchens weichem Munde Dir der Liebe ſanft Geliſpel quillt, Bohr' es plotzlich eine Hoͤllenwunde In der Wolluſt Roſenbild! 22 Ha, Verraͤther! nicht Luiſens Schmerzen? Nicht des Weibes Schande, harter Mann? Nicht das Knaäblein unter meinem Herzen? Nicht, was Loͤw' und Tiger ſchmelzen kann? Seine Segel fliegen ſtolz vom Lande! Meine Augen zittern dunkel nach; Um die Maͤdchen an der Seine Strande Winſelt er ein falſches Ach! Und das Kindlein— in der Mutter Schoße Lag es da in ſuͤßer, goldner Ruh, In dem Reiz der jungen Morgenroſe Lachte mir der holde Kleine zu— Toͤdtlichlieblich ſprach aus allen Zuͤgen Sein geliebtes, theures Bild mich an, Den beklommnen Mutterbuſen wiegen Liebe und— Verzweiflungswahn. Weib, wo iſt mein Vater? lallte Seiner Unſchuld ſtumme Donnerſprach'; Weib, wo iſt dein Gatte? hallte Jeder Winkel meines Herzens nach— Weh! umſonſt wirſt, Waiſe, du ihn ſuchen, Der vielleicht ſchon andre Kinder herzt, Wirſt der Stunde unſres Gluͤckes fluchen, Wenn dich einſt der Name Baſtard ſchwärzt. Deine Mutter— o im Buſen Hoͤlle! Einſam ſitzt ſie in dem All der Welt, Duͤrſtet ewig an der Freudenquelle, Die dein Anblick fuͤrchterlich vergaͤllt. 23 Ach, mit jedem Laut von dir erklingen Schmerzgefuͤhle des vergangnen Gluͤcks, Und des Todes bittre Pfeile dringen Aus dem Laͤcheln deines Kinderblicks. Hoͤlle, Hoͤlle, wo ich dich⸗vermiſſe! Hoͤlle, wo mein Auge dich erblickt! Eumenidenruthen deine Kuͤſſe, Die von ſeinen Lippen mich entzuͤckt! Seine Eide donnern aus dem Grabe wieder, Ewig, ewig wuͤrgt ſein Meineid fort, Ewig— hier umſtrickte mich die Hyder— Und vollendet war der Mord. Joſeph! Joſeph! auf entfernte Meilen Jage dir der grimme Schatten nach, Moͤg' mit kalten Armen dich ereilen, Donnre dich aus Wonnetraͤumen wach; Im Geflimmer ſanfter Sterne zucke Dir des Kindes graſſer Sterbeblick, Es begegne dir im blut'gen Schmucke, Geißle dich vom Paradies zuruck. Seht! da lag's entſeelt zu meinen Fuͤßen,— Kalt hinſtarrend, mit verworrnem Sinn Sah ich ſeines Blutes Strome fließen, Und mein Leben floß mit ihm dahin!— Schrecklich pocht ſchon des Gerichtes Bote, Schrecklicher mein Herz! Freudig eil' ich, in dem kalten Tode Auszuldſchen meinen Flammenſchmerz⸗ 24 Joſeph! Gott im Himmel kann verzeihen, Dir verzeiht die Suͤnderin. Meinen Groll will ich der Erde weihen, Schlage, Flamme, durch den Holzſtoß hin!— Gluͤcklich! gluͤcklich! Seine Briefe lodern! Seine Eide frißt ein ſiegend Feu'r, Seine Kuͤſſe! wie ſie hochauf lodern!— Was auf Erden war mir einſt ſo theu'r? Trauet nicht den Roſen eurer Ingend, Trauet, Schweſtern, Maͤnnerſchwuͤren nie! Schoͤnheit war die Falle meiner Tugend, Auf der Richtſtatt hier verfluch' ich ſie!— Zähren? Zähren in des Wuͤrgers Blicken? Schnell die Binde um mein Angeſicht! Henker, kannſt du keine Lilje knicken? Bleicher Henker, zittre nicht! Die Größe der Welt. Die der ſchaffende Geiſt einſt aus dem Chavs ſchlug, Durch die ſchwebende Welt flieg' ich des Windes Flug, Bis am Strande Ihrer Wogen ich lande, Anker werf', wo kein Hauch mehr weht, Und der Markſtein der Schoͤpfung ſteht. Sterne ſah ich bereits jugendlich auferſtehn, Tauſendjährigen Gangs durchs Firmament zu gehn, 25 Sah ſie ſpielen Nach den lockenden Zielen; Irrend ſuchte mein Blick umher, Sah die Raͤume ſchon— ſternenleer. Anzufeuern den Flug weiter zum Reich des Nichts, Steur' ich muthiger fort, nehme den Flug des Lichts, Neblig truͤber Himmel an mir voruͤber, Weltſyſteme, Fluten im Bach, Strudeln dem Sonnenwand'ver nach. Sieh, den einſamen Pfad wandelt ein Pilger mir Raſch entgegen—„Halt an! Waller, was ſuchſt du hier?“ „„Zum Geſtade. Seiner Welt meine Pfade! Segle hin, wo kein Hauch mehr weht, Und der Markſtein der Schoͤpfung ſteht!““ „Steh! du ſegelſt umſonſt— vor dir Unendlichkeit!“ „„Steh! du ſegelſt umſonſt— Pilger, auch hinter mir“— Senke nieder, Adlergedank', dein Gefieder! Kuͤhne Seglerin, Fantaſie, Wirf ein muthloſes Anker hie.““ 26 Elegie auf den Tod eines Jünglings. Banges Stoͤhnen, wie vorm nahen Sturme, Hallet her vom dden Trauerhaus, Todtentoͤne hallen von des Muͤnſters Thurme! Einen Juͤngling traͤgt man hier heraus, Einen Juͤngling— noch nicht reif zum Sarge, In des Lebens Mai gepfluckt, Pochend mit der Jugend Nervenmarke, Mit der Flamme, die im Auge zuͤckt! Einen Sohn, die Wonne ſeiner Mutter, (D, das lehrt ihr jammernd Ach!) Meinen Buſenfreund, ach! meinen Bruder— Auf, was Menſch heißt, folge nach! Prahlt ihr, Fichten, die ihr, hoch veraltet, Stuͤrmen ſtehet und den Donner neckt? Und ihr, Berge, die ihr Himmel haltet, Und ihr, Himmel, die ihr Sonnen hegt? Prahlt der Greis noch, der auf ſtolzen Werken Wie auf Wogen zur Vollendung ſteigt? Prahlt der Held noch, der auf aufgewaͤlzten Thatenbergen In des Nachruhms Sonnentempel fleugt? Wenn der Wurm ſchon naget in den Bluͤthen: Wer iſt Thor, zu wähnen, daß er nie verdirbt? Wer dort oben hofft noch und hienieden- Auszudauern— wenn der Juͤngling ſtirbt? 27 Lieblich huͤhften, voll der Jugendfreude, Seine Tage hin im Roſenkleide, Und die Welt, die Welt war ihm ſo ſuͤß— Und ſo freundlich, ſo bezaubernd winkte Ihm die Zukunft, und ſo golden blinkte Ihm des Lebens Paradies; Noch, als ſchon das Mutterauge thraͤnte, Unter ihm das Todtenreich ſchon gaͤhnte, Ueber ihm der Parzen Faden riß, Erd' und Himmel ſeinem Blick entſanken, Floh er aͤngſtlich vor dem Grabgedanken— Ach, die Welt iſt Sterbenden ſo ſuͤß! Stumm und taub iſt's in dem engen Hauſe, Tief der Schlummer der Begrabenen; Bruder! ach, in ewig tiefer Pauſe Feiern alle deine Hoffnungen; Oft erwaͤrmt die Sonne deinen Huͤgel, Ihre Glut empfindeſt du nicht mehr; Seine Blumen wiegt des Weſtwinds Fluͤgel, Sein Geliſpel horeſt du nicht mehr; Liebe wird dein Auge nie vergolden, Nie umhalſen deine Braut wirſt du, Nie, wenn unſre Thraͤnen ſtromweis rollten,— Ewig, ewig ſinkt dein Auge zu. Aber wohl dir!— koͤſtlich iſt dein Schlummer, Ruhig ſchlaͤft ſich's in dem engen Haus; Mit der Frende ſtirbt hier auch der Kummer, Roͤcheln auch der Menſchen Qualen aus. 28 Ueber dir mag die Verleumdung geifern, Die Verfuͤhrung ihre Gifte ſpein, Ueber dich der Phariſäer eifern, Fromme Mordſucht dich der Hölle weihn, Gauner durch Apoſtel-Masken ſchielen, Und die Baſtardtochter der Gerechtigkeit, Wie mit Wuͤrfeln, ſo mit Menſchen ſpielen⸗ Und ſo fort, bis hin zur Ewigteit. Ueber dir mag auch Fortuna gaukeln, Blind herum nach ihren Buhlen ſpaͤhn, Menſchen bald auf ſchwanken Thronen ſchaukeln, Bald herum in wuͤſten Pfuͤtzen drehn; Wohl dir, wohl in deiner ſchmalen Zelle! Dieſem komiſch-tragiſchen Gewuͤhl, Dieſer ungeſtuͤmen Gluͤckeswelle, Dieſem poſſenhaften Lottoſpiel, Dieſem faulen, fleißigen Gewimmel, Dieſer arbeitsvollen Ruh, Bruder!— dieſem teufelvollen Himmel Schloß dein Auge ſich auf ewig zu. Fahr' denn wohl, du Trauter unſrer Seele, Eingewiegt von unſern Segnungen! Schlummre ruhig in der Grabeshoͤhle, Schlummre ruhig bis auf Wiederſehn! Bis auf dieſen leichenvollen Huͤgeln Die allmaͤchtige Poſaune klingt, Und nach aufgeriſſ'nen Todesriegeln Gottes Sturmwind dieſe Leichen in Bewegung ſchwingt— 29 Bis, befruchtet von Jehovahs Hauche, Graͤber treiſen— auf ſein mächtig Draͤun In zerſchmelzender Planeten Rauche Ihren Raub die Gruͤfte wiederkaͤun— Nicht in Welten, wie die Weiſen traͤumen, Auch nicht in des Poͤbels Paradies, Nicht in Himmeln, wie die Dichter reimen,— Aber wir ereilen dich gewiß. Daß es wahr ſey, was den Pilger freute? Daß noch jenſeits ein Gedanke ſey? Daß die Tugend uͤbers Grab geleite? Daß es mehr denn eitle Fantaſei?—— Schon enthuͤllt ſind dir die Raͤthſel alle! Wahrheit ſchluͤrft dein hochentzuͤckter Geiſt, Wahrheit, die in tauſendfachem Strahle Von des großen Vaters Kelche fleußt— Zieht denn hin, ihr ſchwarzen, ſtummen Träͤger! Tiſcht auch den dem großen Wuͤrger auf! Hdret auf, geheulergoſſ'ne Kläger! Thürmet auf ihm Staub auf Staub zu Hauf! Wo der Menſch, der Gottes Rathſchluß pruͤfte? Wo das Aug', den Abgrund durchzuſchaun? Heilig, heilig, heilig biſt du, Gott der Gruͤfte! Wir verehren dich mit Graun! Erde mag zuruͤck in Erde ſtaͤuben, Fliegt der Geift doch aus dem morſchen Haus! Seine Aſche mag der Sturmwind treiben, Seine Liebe dauert ewig aus. 30 Die Schlacht. Schwer und dumpfig, Eine Wetterwolke, Durch die gruͤne Ebne ſchwankt der Marſch. Zum wilden eiſernen Wuͤrfelſpiel Streckt ſich unabſehlich das Gefilde. Blicke kriechen niederwarts, An die Rippen pocht das Maͤnnerherz. Voruͤber an hohlen Todtengeſichtern Niederjagt die Front der Major: Halt! und Regimenter feſſelt das ſtarre Kommando. Lautlos ſteht die Front. Praͤchtig im gluͤhenden Morgenroth Was blitzt dort her vom Gebirge? Seht ihr des Feindes Fahnen wehn? Wir ſehn des Feindes Fahnen wehn. Gott mit euch, Weib und Kinder! Luſtig! hort ihr den Geſang? Trommelwirbel, Pfeifenklang Schmettert durch die Glieder; Wie braust es fort im ſchonen wilden Takt! Und braust durch Mart und Bein. Gott befohlen, Bruͤder! In einer andern Welt wieder! 31 Schon fleugt es fort wie Wetterleucht, Dumpf bruͤllt der Donner ſchon dort, Die Wimper zuckt, hier kracht er laut, Die Loſung braust von Heer zu Heer. Laß brauſen in Gottes Namen fort, Freier ſchon athmet die Bruſt. Der Tod iſt los— ſchon wogt der Kampf, Eiſern im wolkigen Pulverdampf, Eiſern fallen die Wuͤrfel. Nah umarmen die Heere ſich, Fertig! heult's von P'loton zu P'loton; Auf die Knie geworfen Feuern die Vordern, viele ſtehen nicht mehr auf, Luͤcken reißt die ſtreifende Kartaͤtſche, Auf Vormanns Rumpf ſpringt der Hintermann⸗ Verwuͤſtung rechts und links und um und um, Batnitone miederwätzt der Tod. Die Sonne loͤſcht aus, heiß brennt die Schlacht, Schwarz bruͤtet auf dem Heer die Nacht— Gott befohlen, Bruͤder! In einer andern Welt wieder! Hoch ſpritzt an den Nacken das Blut, Lebende wechſeln mit Todten, der Fuß Strauchelt uͤber den Leichnamen— „Und auch du, Franz?“—„„Gruße mein Lotte 32 Wilder immer wuͤthet der Streit; „Gruͤßen will ich“— Gott! Kameraden, ſeht! Hinter uns wie die Kartätſche ſpringt!— „Gruͤßen will ich dein Lottchen, Freund! „Schlummre ſanft! wo die Kugelſaat „Regnet, ſtuͤrz' ich Verlaff'ner hinein.“ Hieher, dorthin ſchwankt die Schlacht, Finſtrer bruͤtet auf dem Heer die Nacht, Gott befohlen, Bruͤder! In einer andern Welt wieder! Horch! was ſtampft im Galopp vorbei? Die Adjutanten fliegen, Dragoner raſſeln in den Feind, Und ſeine Donner ruhn. Victoria, Bruͤder! Schrecken reißt die feigen Glieder, Und ſeine Fahne ſinkt— Entſchieden iſt die ſcharfe Schlacht, 5 Der Tag blickt ſiegend durch die Nacht! Horch! Trommelwirbet, Pfeifenklang Stimmen ſchon Triumphgeſang! Lebt wohl, ihr gebliebenen Brüder! In einer andern Welt wieder! 33 Rouſſean. Monument von unſrer Zeiten Schande, Ew'ge Schmachſchrift deiner Mutterlande, Rouſſeaus Grab! gegruͤßet ſeyſt du mir! Fried' und Ruh' den Truͤmmern deines Lebens! Fried' und Ruhe ſuchteſt du vergebens, Fried' und Ruhe fandſt du hier! Wann wird doch die alte Wunde narben? Einſt war's finſter, und die Weiſen ſtarben; Nun iſt's lichter, und der Weiſe ſtirbt. Sokrates ging unter durch Sophiſten, Rouſſeau leidet, Rouſſeau faͤllt durch Chriſten, Rouſſeau— der aus Chriſten Menſchen wirbt. Die Freundſchaft. Aus den Brieſen Julius an Raphael, einem noch ungedruckten Roman. Freund! genuͤgſam iſt der Weſenlenter— Schämen ſich kleinmeiſteriſche Denter, Die ſo änsſtlich nach Geſetzen ſpähn— Geiſterreich und Korperweltgewühle Wälzet eines Rades Schwung um Ziele; Hier ſah es mein Newton gehn. Schillers ſaͤmmtl. Werke. I. 3 34 Sphären lehrt es, Selaven eines Zaumes, Um das Herz des großen Weltenraumes Labyrinthenbahnen ziehn— Geiſter in umarmenden Syſtemen Nach der großen Geiſterſonne ſtroͤmen, Wie zum Meere Bäche fliehn. War's nicht dies allmächtige Getriebe, Das zum ew'gen Jubelbund der Liebe Unſre Herzen aneinander zwang? Raphael, an deinem Arm— o Wonne! Wag' auch ich zur großen Geiſterſonne Freudigmuthig den Vollendungsgang. Gluͤcklich! glucklich! dich hab' ich gefunden, Hab' aus Millionen dich umwunden, Und aus Millionen mein biſt du— Laß das Chaos dieſe Welt umruͤtteln, Durcheinander die Atome ſchütteln; Ewig fliehn ſich unſre Herzen zu. Muß ich nicht aus deinen Flammenaugen Meiner Wolluſt Widerſtrahlen ſaugen? Nur in dir beſtaun' ich mich— Schoͤner malt ſich mir die ſchoͤne Erde, Heller ſpiegelt in des Freunds Geberde, Reizender der Himmel ſich. Schwermuth wirft die bangen Thränenlaſten, Suͤßer von des Leidens Sturm zu raſten, In der Liebe Buſen ab! Sucht nicht ſelbſt das folternde Entzuͤcken In des Freunds beredten Strahlenblicken Ungeduldig ein wolluͤſt'ges Grab? Staͤnd' un All der Schoͤpfung ich alleine, Seelen traͤumt' ich in die Felſenſteine, Und umarmend kuͤßt' ich ſie— Meine Klagen ſtöhnt' ich in die Luͤfte, Freute mich, antworteten die Kluͤfte, Thor, genug! der ſuͤßen Sympathie. Todte Gruppen ſind wir— wenn wir haſſen; Goͤtter— wenn wir liebend uns umfaſſen! Lechzen nach dem ſuͤßen Feſſelzwang— Aufwärts durch die tauſendfachen Stufen Zahlenloſer Geiſter, die nicht ſchufen, Waltet göttlich dieſer Drang. Arm in Arme, hoͤher ſtets und höher, Vom Mongolen bis zum griech'ſchen Seher, Der ſich an den letzten Seraph reiht, Wallen wir, einmuͤth'gen Ringeltanzes, Bis ſich dort im Meer des ew'gen Glanzes Sterbend untertauchen Maß und Zeit— Freundlos war der große Weltenmeiſter, Fuͤhlte Mangel— darum ſchuf er Geiſter, Sel'ge Spiegel ſeiner Seligkeit!— Fand das hoͤchſte Weſen ſchon kein Gleiches, Aus dem Kelch des ganzen Seelenreiches Schäumt ihm— die Unendlichteit. 36 Gruppe aus dem Tartarus. Horch— wie Murmeln des empoͤrten Meeres, Wie durch hohler Felſen Becken weint ein Bach, Stoͤhnt dort dumpfigtief ein ſchweres, leeres Qualerpreßtes Ach! Schmerz verzerret Ihr Geſicht; Verzweiflung ſperret Ihren Rachen fluchend auf. Hohl ſind ihre Augen, ihre Blicke Spähen bang nach des Kochtus Bruͤcke, Folgen thraͤnend ſeinem Trauerlauf, Fragen ſich einander ängſtlichleiſe, Ob noch nicht Vollendung ſey?— Ewigkeit ſchwingt uͤber ihnen Kreiſe, Bricht die Senſe des Saturn entzwei. Elyſinm. Voruͤber die ſtoͤhnende Klage! Elyſiums Freudengelage Erſaufen jegliches Ach— Elyſiums Leben Ewige Wonne, ewiges Schweben, Durch lachende Fluren ein floͤtender Bach. 37 Jugendlich milde Beſchwebt die Gefilde Ewiger Mai; Die Stunden entfliehen in goldenen Traumen, Die Seele ſchwillt aus in unendlichen Räumen, Wahrheit reißt hier den Schleier entzwei. Unendliche Freude Durchwallet das Herz. Hier mangelt der Name dem trauernden Leide Sanftes Entzuͤcken nur heißet hier Schmerz. Hier ſtrecket der wallende Pilger die matten Brennenden Glieder im ſäuſelnden Schatten, Leget die Buͤrde auf ewig dahin— Seine Sichel entfällt hier dem Schnitter, Eingeſungen vom Harfengezitter, Träumt er, geſchnittene Halme zu ſehn. Deſſen Fahne Donnerſtuͤrme wallte, Deſſen Ohren Mordgebruͤll umhallte, Berge bebten unter deſſen Donnergang, Schläft hier linde bei des Baches Rieſeln, Der wie Silber ſpielet uͤber Kieſeln; Ihm verhallet wilder Speere Klang. Hier umarmen ſich getreue Gatten, Kuͤſſen ſich auf gruͤnen ſammtnen Matten, Liebgekost vom Balſam-Weſt; Ihre Krone findet hier die Liebe: Sicher vor des Todes ſtrengem Hiebe, Feiert ſie ein ewig Hochzeitfeſt. 38 Der Flüchtling. Friſch athmet des Morgens lebendiger Hauch; Purpuriſch zuckt durch duͤſtrer Tannen Ritzen Das junge Licht und äugelt aus dem Strauch; In goldnen Flammen blitzen Der Berge Wolkenſpitzen. Mit frendig melodiſch gewirbeltem Lied Begruͤßen erwachende Lerchen die Sonne, Die ſchon in lachender Wonne Jugendlich ſchön in Auroras Umarmungen gluͤht. Sey, Licht, mir geſegnet! Dein Strahlenguß regnet Erwärmend hernieder auf Anger und Au. Wie ſilberfarb flittern Die Wieſen, wie zittern Tauſend Sonnen in perlendem Thau! In ſäͤuſelnder Kuͤhle Beginnen die Spiele Der jungen Natur. Die Zephyre koſen Und ſchmeicheln um Roſen, Und Duͤfte beſtroͤmen die lachende Flur. Wie hoch aus den Städten die Rauchwolken dampfen! Laut wiehern und ſchnauben und knirſchen und ſtampfen Die Roſſe, die Farren; Die Wagen erknarven 39 Ins ächzende Thal. Die Waldungen leben, Und Adler und Falken und Habichte ſchweben Und wiegen die Fluͤgel im blendenden Strahl. Den Frieden zu finden, Wohin ſoll ich wenden Am elenden Stab? Die lachende Erde Mit Juͤnglingsgeberde Fuͤr mich nur ein Grab! Steig' empor, o Morgenroth, und roͤthe Mit purpurnem Kuſſe Hain und Feld! Säuſele nieder, Abendroth, und flote Sanft in Schlummer die erſtorbne Welt! Morgen— ach! du rotheſt Eine Todtenflur, Ach! und du, o Abendroth! umfloͤteſt Meinen langen Schlummer nur. Die Blumen. Kinder der verjuͤngten Sonne, Blumen der geſchmuͤckten Flur, Euch erzog zu Luſt und Wonne, Ja, euch liebte die Natur. 140 Schoͤn das Kleid mit Licht geſticket, Schoͤn hat Flora euch geſchmuͤcket Mit der Farben Gotterpracht. Holde Fruͤhlingskinder, klaget! Seele hat ſie euch verſaget, Und ihr ſelber wohnt in Nacht. Kachtigall und Lerche ſingen Euch der Liebe ſelig Los, Gaukelnde Sylphiden ſchwingen Buhlend ſich auf eurem Schoß. Woͤlbte eures Kelches Krone Nicht die Tochter der Dione Schwellend zu der Liebe Pfuͤht? Zarte Fruͤhlingstinder, weinet! Liebe hat ſie euch verneinet, Euch das ſelige Gefühl. Aber hat aus Nanny's Blicken Mich der Mutter Spruch verbannt, Wenn euch meine Haͤnde pfruͤcken Ihr zum zarten Liebespfand? Leben, Sprache, Seelen, Herzen, Stumme Boten ſuͤßer Schmerzen, Goß euch dies Beruͤhren ein, Und der maͤchtigſte der Gotter Schließt in eure ſtillen Blaͤtter Seine hohe Gottheit ein. 4¹ An den Frühling. Willkommen, ſchoͤner Juͤngling! Du Wonne der Natur! Mit deinem Blumenkoͤrbchen Willkommen auf der Flur! Ei! ei! da biſt ja wieder! Und biſt ſo lieb und ſchoͤn! Und freun wir uns ſo herzlich, Entgegen dir zu gehn. Dentſt auch noch an mein Mädchen? Ei, lieber, denke doch! Dort liebte mich das Maͤdchen, Und's Madchen liebt mich noch! Fuͤrs Maͤdchen manches Bluͤmchen Erbat ich mir von dir— Ich komm' und bitte wieder, Und du?— du gibſt es mir. Willtommen, ſchoͤner Juͤngling! Du Wonne der Natur! Mit deinem Blumentoͤrbchen Willtommen auf der Flur! — 42 A n Minna. Träum' ich? iſt mein Auge truͤber? Nebelt's mir ums Angeſicht? Meine Minna geht voruͤber? Meine Minna kennt mich nicht? Die am Arme ſeichter Thoren Blaͤhend mit dem Fäͤcher ficht, Eitel in ſich ſelbſt verloren— Meine Minna iſt es nicht. Von dem Sommerhute nicken Stolze Federn, mein Geſchenk, Schleifen, die den Buſen ſchmuͤcken, Rufen: Minna, ſey gedenk! Blumen, die ich ſelbſt erzogen, Zieren Bruſt und Locken noch— Ach, die Bruſt, die mir gelogen! Und die Blumen bluͤhen doch! Geh! umhuͤpft von leeren Schmeichlern! Geh! vergiß auf ewig mich.. Ueberliefert feilen Heuchlern, Eitles Weib, veracht' ich dich. Geh! dir hat ein Herz geſchlagen, Dir ein Herz, das edel ſchlug, Groß genug, den Schmerz zu tragen, Daß es einer Thoͤrin ſchlug. 43 Schoͤnheit hat dein Herz verdorben, Dein Geſichtchen!— ſchäme dich! Morgen iſt ſein Glanz erſtorben, Seine Roſ' entblättert ſich. Schwalben, die im Lenze minnen, Fliehen, wenn der Nordſturm weht. Buhler ſcheucht dein Herbſt von hinnen, Einen Freund haſt du verſchmaͤht. In den Truͤmmern deiner Schoͤne Seh' ich dich verlaſſen gehn, Weinend in die Blumenſeene Deines Mai's zuruͤcke ſehn. Die mit heißem Liebesgeize Deinem Kuß entgegenflohn, Ziſchen dem erloſchnen Reize, Lachen deinem Winter Hohn. Schoͤnheit hat dein Herz verdorben, Dein Geſichtchen!— ſchäme dich! Morgen iſt ſein Glanz erſtorben, Seine Noſ' entblattert ſich— Ha! wie will ich dann dich hoͤhnen! Hoͤhnen? Gott bewahre mich! Weinen will ich bittre Thränen, Weinen, Minna! uͤber dich. 44 Der Triumph der Liebe. Eine Bymne. Selig durch die Liebe Goͤtter— durch die Liebe Menſchen Goͤttern gleich! Liebe macht den Himmel Himmliſcher— die Erde Zu dem Himmelreich. Einſtens hinter Pyrrhas Ruͤcken, Stimmen Dichter ein, Sprang die Welt aus Felſenſtuͤcken, Menſchen aus dem Stein. Stein und Felſen ihre Herzen, Ihre Seelen Nacht, Von des Himmels Flammenkerzen Nie in Glut gefacht. Noch mit ſanften Roſenketten Banden junge Amoretten Ihre Seelen nie— Noch mit Liedern ihren Buſen Hoben nicht die weichen Muſen, Nie mit Saitenharmonie. Ach! noch wanden keine Kraͤnze Liebende ſich um! Traurig fluͤchteten die Lenze Nach Elyſium. 4⁵5 Ungegruͤßet ſtieg Aurora Aus dem Schoß des Meers, Ungegruͤßet ſank die Sonne In den Schoß des Meers. Wild umirrten ſie die Haine, Unter Lunas Nebelſcheine, Trugen eiſern Joch. Sehnend an der Sternenbuͤhne Suchte die geheime Thraͤne Keine Götter noch. Und ſieh! der blauen Flut entquillt Die Himmelstochter ſanft und mild, Getragen von Najaden Zu trunkenen Geſtaden. Ein jugendlicher Maienſchwung Durchwebt, wie Morgendammerung, Auf das allmächt'ge Werde Luft, Himmel, Meer und Erde. Des holden Tages Auge lacht In duͤſtrer Wälder Mitternacht; Balſamiſche Narciſſen Bluͤhn unter ihren Fuͤßen. Schon floͤtete die Nachtigall Den erſten Sang der Liebe, Schon murmelte der Quellen Fall In weiche Buſen Liebe. 46 Gluͤckſeliger Pygmalion! Es ſchmilzt, es glüht dein Marmor ſchon! Gott Amor, Ueberwinder! Umarme deine Kinder! Selig durch die Liebe Goͤtter— durch die Liebe Menſchen Göttern gleich! Liebe macht den Himmel Himmliſcher— die Erde Zu dem Himmelreich. Unter goldnem Nektarſchaum, Ein wolluͤſt'ger Morgentraum, Ewig Luſtgelage, Fliehn der Goͤtter Tage. Thronend auf erhabnem Sitz, Schwingt Kronion ſeinen Blitz; Der Olympus ſchwankt erſchrocken, Wallen zuͤrnend ſeine Locken— Goͤttern läßt er ſeine Throne, Niedert ſich zum Erdenſohne, Seufzt arkadiſch durch den Hain, Zahme Donner untern Fuͤßen, Schläft, gewiegt von Ledas Kuͤſſen, Schläft der Rieſentoͤdter ein. 47 Majeſtaͤt'ſche Sonnenrvoſſe Durch des Lichtes weiten Raum Leitet Phoͤbos goldner Zaum; Volker ſturzt ſein raſſelndes Geſchoſſe. Seine weißen Sonnenroſſe, Seine raſſelnden Geſchoſſe, Unter Lieb' und Harmonie, Ha! wie gern vergaß er ſie! Vor der Gattin des Kroniden Beugen ſich die Uraniden. Stolz vor ihrem Wagenthrone Bruͤſtet ſich das Pfauenpaar; Mit der goldnen Herrſcherkrone Schmuͤckt ſie ihr ambroſiſch Haar. Schoͤne Fuͤrſtin! ach, die Liebe Zittert, mit dem ſuͤßen Triebe Deiner Majeſtät zu nahn; Und von ihren ſtolzen Hoͤhen Muß die Goͤttertonigin Um des Reizes Guͤrtel flehen, Bei der Herzenfeßlerin. Selig durch die Liebe Goͤtter— durch die Liebe Menſchen Goͤttern gleich! Liebe macht den Himmel Himmliſcher— die Erde Zu dem Himmelreich. 48 Liebe ſonnt das Reich der Nacht! Amors ſuͤßer Zaubermacht Iſt der Orkus unterthänig, Freundlich blickt der ſchwarze Koͤnig, Wenn ihm Ceres Tochter lacht. Liebe ſonnt das Reich der Nacht! Himmliſch in die Hoͤlle klangen Und den wilden Huͤter zwangen Deine Lieder, Thracier— Minos, Thraͤnen im Geſichte, Milderte die Qualgerichte, Zaͤrtlich um Megaͤrens Wangen Kuͤßten ſich die wilden Schlangen, Keine Geißel klatſchte mehr; Aufgejagt von Orpheus Leyer Flog von Tityon der Geier; Leiſer hin am Ufer rauſchten Lethe und Kochtus, lauſchten Deinen Liedern, Thracier! Liebe ſangſt du, Thracier! Selig durch die Liebe Goͤtter— durch die Liebe Menſchen Goͤttern gleich! Liebe macht den Himmel Himmliſcher— die Erde Zu dem Himmelreich. 49 Durch die ewige Natur Duͤftet ihre Blumenſpur, Weht ihr goldner Fluͤgel. Winkten mir vom Mondenlicht Aphroditens Augen nicht, Nicht vom Sonnenhuͤgel, Lächelte vom Sternenmeer Nicht die Goͤttin zu mir her, Stern' und Sonn' und Mondenlicht Regten mir die Seele nicht. Liebe, Liebe lächelt nur Aus dem Auge der Natur, Wie aus einem Spiegel! Liebe rauſcht der Silberbach, Liebe lehrt ihn ſanfter wallen; Seele haucht ſie in das Ach Klagenreicher Nachtigallen— Liebe, Liebe liſpelt nur Auf der Laute der Natur. Weisheit mit dem Sonnenblick, Große Goͤttin, tritt zuruͤck, Weiche vor der Liebe! Nie Erobrern, Füͤrſten nie Beugteſt du ein Sklavenknie, Beug' es jetzt der Liebe! Wer die ſteile Sternenbahn Ging dir heldenkuͤhn voran Schillers ſämmtl. Werke. 1. 4 50 Zu der Gottheit Sitze? Wer zerriß das Heiligthum, Zeigte dir Elyſium Durch des Grabes Ritze? Lockte ſie uns nicht hinein, Moͤchten wir unſterblich ſeyn? Suchten auch die Geiſter Ohne ſie den Meiſter? Liebe, Liebe leitet nur Zu dem Vater der Natur, Liebe nur die Geiſter. Selig durch die Liebe Goͤtter— durch die Liebe Menſchen Goͤttern gleich! Liebe macht den Himmel Himmliſcher— die Erde Zu dem Himmelreich. Das Glück und die Weisheit. Entzweit mit einem Favoriten, Flog einſt das Gluͤck der Weisheit zu: „Ich will dir meine Schätze bieten, Sey meine Freundin du! 51 Mit meinen reichſten, ſchoͤnſten Gaben Beſchenkt' ich ihn ſo muͤtterlich, Und ſieh, er will noch immer haben Und nennt noch geizig mich. Komm, Schweſter, laß uns Freundſchaft ſchließen? Du marterſt dich an deinem Pflug, In deinen Schoß will ich ſie gießen, Hier iſt fuͤr dich und mich genug.“ Sophia lächelt dieſen Worten Und wiſcht den Schweiß vom Angeſicht: „Dort eilt dein Freund, ſich zu ermorden, Verſoͤhnet euch! dich brauch' ich nicht.“ An einen Moraliſten. Was zuͤrnſt du unſrer frohen Jugendweiſe Und lehrſt, daß Lieben Tändeln ſey2 Du ſtarreſt in des Winters Eiſe Und ſchmäleſt auf den goldnen Mai. Einſt, als du noch das Nymphenvolk bekriegteſt, Ein Held des Carnevals, den deutſchen Wirbel flogſt, Ein Himmelreich in beiden Armen wiegteſt Und Nektarduft von Maädchenlippen ſosſt, 52 Ha, Seladon! wenn damals aus den Achſen Gewichen waͤr' der Erde ſchwerer Boll,— Im Liebesknaͤul mit Julien verwachſen, Du haͤtteſt uͤberhoͤrt den Fall! O dent' zuruͤck nach deinen Roſentagen Und lerne: Die Philoſophie Schlägt um, wie unſre Pulſe anders ſchlegen; Zu Goͤttern ſchaffſt du Menſchen nie. Wohl, wenn in's Eis des klügelnden Verſtandes Das warme Blut ein Bischen muntrer ſpringt: Laß den Bewohnern eines beſſern Landes, Was nie dem Sterblichen gelingt. Zwängt doch der irdiſche Gefährte Den gottgebornen Geiſt in Kerkermauern ein, Er wehrt mir, daß ich Engel werde: Ich will ihm folgen, Menſch zu ſeyn. Graf Eberhard der Greiner von Würtemberg. Kriegslied. Ihr— ihr dort außen in der Welt, Die Naſen eingeſpannt! Auch manchen Mann, auch manchen Held, Im Frieden gut und ſtark im Feld, Gebar das Schwabenland. Prahlt nur mit Karl und Eduard, Mit Friedrich, Ludewig! Karl, Friedrich, Ludwig, Eduard Iſt uns der Graf, der Eberhard, Ein Wetterſturm im Krieg. Und auch ſein Bub', der Ulerich, War gern, wo's eiſern klang; Des Grafen Bub', der Ulerich, Kein'n Fußbreit vuͤckwaͤrts zog er ſich, Wenn's drauf und drunter ſprang. Die Reutlinger, auf unſern Glanz Erbittert, kochten Gift Und buhlten um den Siegeskranz Und wagten manchen Schwertertanz Und guͤrteten die Huͤft'— 54 Er griff ſie an— und ſiegte nicht Und kam gepantſcht nach Haus; Der Vater ſchnitt ein falſch Geſicht, Der junge Kriegsmann floh das Licht, Und Thraͤnen drangen raus. Das wurmt' ihm— Ha! ihr Schurken, wart! Und trug's in ſeinem Kopf. Auswetzen, bei des Vaters Bart! Auswetzen wollt' er dieſe Schart' Mit manchem Städtlerſchopf. Und Feho' entbrannte bald darauf, Und zogen Roß und Mann Bei Doͤffingen mit hellem Hauf, Und heller ging's dem Junker auf, Und hurrah! heiß ging's an. Und unſers Heeres Loſungswort War die verlorne Schlacht! Das riß uns wie die Windsbraut fort Und ſchmiß uns tief in Blut und Mord Und in die Lanzennacht. Der junge Graf, voll Loͤwengrimm, Schwang ſeinen Heldenſtab, Wild vor ihm ging das Ungeſtuͤm, Geheul und Winſeln hinter ihm, Und um ihn her das Grab. Doch weh! ach weh! ein Säbelhieb Sank ſchwer auf ſein Genick. Schnell um ihn her der Helden Trieb— Umſonſt, umſonſt! erſtarret blieb Und ſterbend brach ſein Blick. Beſtuͤrzung hemmt des Sieges Bahn, Laut weinte Feind und Freund— Hoch fuͤhrt der Graf die Reiter an: Mein Sohn iſt wie ein andrer Mann! Marſch, Kinder! in den Feind! Und Lanzen ſauſen feuriger, Die Rache ſpornt ſie al', Raſch uͤber Leichen ging's daher, Die Städtler laufen kreuz und quer Durch Wald und Berg und Thal. Und zogen wir mit Hoͤrnerklang Ins Lager froh zuruͤck, Und Weib und Kind im Rundgeſang Beim Walzer und beim Becherklang Luſtfeiern unſer Gluͤck. Doch unſer Graf— was thäͤt er itzt? Vor ihm der todte Sohn, Allein in ſeinem Zelte ſitzt Der Graf, und eine Thraͤne blitzt Im Aug' auf ſeinen Sohn. 56 Drum hangen wir ſo treu und warm Am Grafen, unſerm Herrn. Allein iſt er ein Heldenſchwarm, Der Donner rast in ſeinem Arm Er iſt des Landes Stern. Drum, ihr dort außen in der Welt, Die Naſen eingeſpannt! Auch manchen Mann, auch manchen Held, Im Frieden gut und ſtart im Feld, Gebar das Schwabenland. Semele in zwei Scenen. Perſonen. Zunv. Semele, Prinzeſſin von Theben. Zupiter. Mercur. Die Bandlung iſt im Palaſite des Kadmus zu Theben. Erſte Scene. Juno (ſteigt aus ihrem Wagen, von einer Wolke umgeben). Hinweg den gefluͤgelten Wagen, Pfauen Junos, erwartet mein Auf ECythärons wolkigem Gipfel. (Wagen und Wolke verſchwinden.) Ha, ſey gegruͤßt, Haus meines grauen Zornes! Sey grimmig mir gegruͤßt, feindſelig Dach, Verhaßtes Pflaſter!— Hier alſo die Stätte, Wo wider meinen Torus Jupiter Im Angeſicht des keuſchen Tages frevelt! Hier, wo ein Weib ſich, eine Sterbliche, Erfrecht, ein ſtaubgebildetes Geſchoͤpf, Den Donnerer aus meinem Arm zu ſchmeicheln, An ihren Lippen ihn gefangen halt! Juno! Juno! Einſam Stehſt du, ſtehſt verlaſſen Auf des Himmels Thron! Reichlich dampfen dir Altare, Und dir beugt ſich jedes Knie. Was iſt ohne Liebe Ehre? Was der Himmel ohne ſie? 60 Wehe, deinen Stolz zu beugen, Mußte Venus aus dem Schaume ſteigen! Goͤtter bethoͤrte, Menſchen und Goͤtter ihr zaubriſcher Blick! Wehe, deinen Gram zu mehren, Mußt' Hermione gebaͤren, Und vernichtet iſt dein Gluͤck! Bin ich nicht Fuͤrſtin der Goͤtter? Nicht Schweſter des Donnerers, Nicht die Gattin des herrſchenden Zeus? Aechzen nicht die Achſen des Himmels Meinem Gebot? Umrauſcht nicht mein Haupt die olympiſche Krone? Ha, ich fuͤhle mich! Kronos Blut in den unſterblichen Adern, Koͤniglich ſchwillt mein goͤttliches Herz. Rache! Rache! Soll ſie mich ungeſtraft ſchmaͤhen? Ungeſtraft unter die ewigen Goͤtter Werfen den Streit, und die Eris rufen In den froͤhlichen himmliſchen Saal? Eitle! Vergeſſene! Stirb und lerne am ſtygiſchen Strom Goͤttliches unterſcheiden von irdiſchem Staub! Deine Rieſenruͤſtung mag dich erdrücken, Nieder dich ſchmettern Deine Goͤtterſucht! Rachegepanzert Steig' ich vom hohen Olymnpus herab. Suͤße, verſtrickende 61 Schmeichelnde Reden Hab' ich erſonnen; Tod und Verderben Lauern darin. Horch, ihre Tritte! Sie naht! Naht dem Sturz, dem gewiſſen Verderben! Verhuͤlle dich, Gottheit, in ſterblich Gewand! (Sie geht ab.) Semele(ruft in die Scenc). Die Sonne neigt ſich ſchon! Jungfrauen, eilt, Durchwuͤrzt den Saal mit ſuͤßen Ambraduͤften, Streut Roſen und Nareciſſen rings umher, Vergeßt auch nicht das goldgewebte Polſter— Er kommt noch nicht— die Sonne neigt ſich ſchon— Zuno(in Geſtalt einer Alten hereinſtuͤrzend). Gelobet ſeyen die Gotter! Meine Tochter! Semele. Ha! Wach' ich? Traͤum' ich? Goͤtter! Beroe! Zuno. Sollt' ihre alte Amme Semele Vergeſſen haben? Semele. Berve! Beim Zeus! Laß an mein Herz dich druͤcken— deine Tochter! Du lebſt? Was führt von Epidaurus dich Hieher zu mir? Wie lebſt du? Du biſt doch Noch immer meine Mutter? 62 Juno. Deine Mutter! Eh' nannteſt du mich ſo. Semele. Du biſt es noch, Wirſt's bleiben, bis von Lethes Taumeltrank Ich trunken bin. Junv. Bald wird wohl Berve Vergeſſenheit aus Lethes Wellen trinken; Die Tochter Kadmus trinkt vom Lethe nicht. Semele. Wie, meine Gute? Räthſelhaft war ſonſt Nie deine Rede, nie geheimnißvoll; Der Geiſt der grauen Haare ſpricht aus dir; Ich werde, ſagſt du, Lethes Trank nicht koſten. Juno So ſagt' ich, ja! Was aber ſpotteſt du Der grauen Haare?— Freilich haben ſie Noch keinen Gott beſtricket, wie die blonden! Semele. Verzeih' der Unbeſonnenen! Wie wollt' ich Der grauen Haare ſpotten? Werden wohl Die meinen ewig blond vom Nacken fließen? Was aber war's, das zwiſchen deinen Zähnen Du murmelteſt?— Ein Gott? Juno. Sagt' ich, ein Gott? Nun ja, die Götter wohnen überall! Sie anzuflehn ſteht ſchwachen Menſchen ſchoͤn. 63 Die Goͤtter ſind, wo du biſt— Semele! Was fragſt du mich? Semele. Boshaftes Herz! Doch ſprich: Was fuͤhrte dich von Epidaurus her?. Das doch wohl nicht, daß gern die Gotter wohnen Um Semele? Juno. Beim Jupiter, nur Das! Welch Feuer fuhr in deinen Wangen auf, Als ich das Jupiter ausſprach?— Nichts Andres Als Jenes, meine Tochter— Schrecklich rast Die Peſt zu Epidaurum, tödtend Gift Iſt jeder Hauch, und jeder Athem wuͤrget; Den Sohn verbrennt die Mutter, ſeine Braut Der Braͤutigam, die feuerflammenden Holzſtoße machen Tag aus Mitternacht, Und Klagen heulen raſtlos in die Luft; Unuͤberſchwaͤnglich iſt das Weh'— Entruͤſtet Blickt Zeus auf unſer armes Volk herab; Vergebens ſtroͤmt ihm Dpferblut, vergebens Zermartert am Altare ſeine Knie Der Prieſter, taub iſt unſerm Flehn ſein Ohr— Drum ſandt' zu Kadmus Koͤnigstochter mich Mein wehbelaſtet Vaterland, ob ich Von ihr erbitten koͤnnte, ſeinen Grimm Von uns zu wenden— Beroe, die Amme, Gilt viel, gedachten ſie, bei Semele— bei Zeus Gilt Semele ſo viel— mehr weiß ich nicht, Verſteh' noch weniger, was ſie damit Bedeuten: Semele vermag bei Zeus ſo viel. S 64 Semele cheſtig und vergeſſen). Die Peſt wird morgen weichen— ſag's dem Volk! Zeus liebt mich! ſag's! heut' muß die Peſt noch weichen! Juno(aufſſahrend, mit Staunen). Ha! iſt es wahr, was tauſendzungiges Geruͤcht Vom Ida bis zum Hämus hat geplaudert? Zeus liebt dich? Zeus gruͤßt dich in aller Pracht, Worin des Himmels Buͤrger ihn beſtaunen, Wenn in Saturnias Umarmungen er ſinkt?— Laßt, Gotter, laßt die grauen Haare nun Zum Orkus fahren— ſatt hab' ich gelebt— In ſeiner Gotterpracht ſteigt Kronos großer Sohn Zu ihr, zu ihr, die einſt an dieſer Bruſt Getrunken hat— zu ihr— Semele. O Beroe! Er kam, Ein ſchoͤner Juͤngling⸗ reizender, als keiner Auroras Schoß entfloſſen, paradieſiſch reiner, Als Hesperus, wenn er balſamiſch haucht, In Aetherflut die Glieder eingetaucht, Voll Ernſt ſein Gang und majeſtätiſch⸗ wie Hyperions, wenn Koͤcher, Pfeil' und Bogen Die Schultern niederſchwirren, wie Vom Oeean ſich heben Silberwogen⸗ Auf Maienluͤften hinten nachgeflogen Sein Lichtgewand, die Stimme Melodie, Wie Silberklang aus fließenden Kryſtallen— Entzuͤckender als Orpheus Saiten ſchallen— ZJuno. Ha! meine Tochter!— Die Begeiſterung Erhebt dein Herz zum helikon'ſchen Schwung! Wie muß das Hdren ſehn! wie himmelvoll das Blicken! Wenn ſchon die ſterbende Erinnerung Von hinnen ruckt in delphiſchem Entzuͤcken?— Wie aber? Schweigſt du mir Das Koſtbarſte, Kronions hoͤchſte Zier, Die Mazeſtaͤt auf rothen Donnerkcilen, Die durch zerviſſene Wolken eilen, Willſt du mir geizig ſchweigen?— Liebereiz Mag auch Prometheus und Deukalion Verliehen haben— Donner wirft nur Zeus! Die Donner, die zu deinen Fuͤßen Er niederwarf, die Donner ſind es nur, Die zu der Herrlichſten auf Erden dich gemacht.— Semele. Wie, was ſagſt du? Hier iſt von keinen Donnern Die Rede.— Juno(lächelnd). Auch Scherzen ſteht dir ſchoͤn! Semele. So himmliſch, wie mein Jupiter, war noch Kein Sohn Deukalions— von Donnern weiß ich nichts! Juno. Ei! Eiferſucht! Semele. Nein, Beroe! beim Zeus! 6 Juno. Du ſchworſt? Semele. Beim Zeus! Bei meinem Zeus! Schillers ſämmtl. Werke. I. * Juno(ſchreiend). Du ſchwoͤrſt? Ungluͤckliche! Semele(nsgſtlich). Wie wird dir? Berve! Junv. Sprich's noch einmal, das Wort, das zur Elendeſten Auf Tellus ganzem großen Rund dich macht!— Verlorene! Das war nicht Zeus! Semele. Nicht Zeus? Abſcheuliche! Zuno. Ein liſtiger Betruͤger Aus Attika, der unter Gottes Larve Die Ehre, Scham und Unſchuld wegbetrog! (Semele ſinkt um.) Ja, ſturz' nur hin! Steh' ewig niemgls auf! Laß ew'ge Nacht dein Licht verſchlingen laß um dein Gehoͤr ſich lagern ew'ge Stille! Bleib ewig hier, ein Felſenzacken, kleben!— O Schande! Schande! die den keuſchen Tag Zuruͤck in Hekates Umarmung ſchlendert! So, Gotter! Gotter! ſo muß Beroe Nach ſechzehn ſchwerdurchlebten Trennungsjahren Die Tochter Kadmus wiederſehn!— Frohlockend Zog ich von Epidaurus her; mit Scham Muß ich zuruͤck nach Epidaurus kehren.— Verzweiflung bring' ich mit! O Jammer! O mein Volk! Die Peſt mag ruhig bis zur zweiten Ueberſchwemmung — 67 Fortwuͤthen, mag mit aufgebäumten Leichen Den Deta uͤbergipfeln, mag Ganz Griechenland in ein Gebeinhaus wandeln, Eh' Semele den Grimm der Gotter veugt. Betrogen ich und du und Griechenland und Alſes! Semele (richtet ſich zitternd auf und ſtreckt einen Arm nach ihr aus). D meine Berve! Junv. Ermuntre dich, mein Herz! Vielleicht iſt's Zeus! Wahrſcheinlich doch wohl nicht! Vielleicht iſi's dennoch Zeus! Jetzt muͤſſen wir' Jetzt muß er ſich enthuͤllen, oder du Fliehſt ewig ſeine Spur, gibſt den Abſcheulichen Der ganzen Todesrache Thebens Preis.— s erfahven! Schau, theure Tochter, auf— ſchau deiner Berve Ins Aigeſicht, das ſympathetiſch dir Sich dffnet— wollen wir ihn nicht Verſuchen, Semele? Semele Nein, bei den Goͤttern! Ich wuͤrd' ihn dann nicht finden— Zuno. Wuͤrdeſt du du in bangen Zweifeln enn er's dennoch wäre— Semele(Crerbirgt ihr Baupt in Junos Schoß). Ach! Er iſt's nicht! Wohl minder elend ſeyn, wenn Fortſchmachteteſt— und w Juno. Und ſich in allen Glanz Worin ihn der Diympus je geſehen, 68* Dir ſichtbar ſtellte?— Semele! wie nun? Dann ſollte dich's gereuen, ihn verſucht Zu haben? Semele(auffahrend). Ha! Enthuͤllen muß er ſich! Juno(ſchnell). Eh' darf er nicht in deine Arme ſinken— Enthuͤllen muß er ſich— drum hoͤre, gutes Kind! Was dir die redlich treue Amme räth⸗ Was Liebe mir jetzt zugeliſpelt, Liebe Vollbringen wird— ſprich, wird er bald erſcheinen? Semelr. Eh' noch Hyperion in Thetis Bette ſteigt, Verſprach er zu erſcheinen— Juno Cergeſſen, heftig). Wirklich? Ha! Verſprach er? heut' ſchon wieder?(faßt ſich.) Laß ihn kommen, Und wenn er eben liebetrunken nun Die Arme auseinander ſchlingt nach dir, So trittſt du— merk' dir's— wie vom Blitz Geruͤhrt, zuruͤck. Ha! wie er ſtaunen wird Nicht lange läſſeſt du, mein Kind, ihn ſtaunen; Du faͤhrſt ſo fort, mit froſt'gen Eiſesblicken Ihn wegzuſtoßen— wilder, feuriger Beſtuͤrmt er dich— die Sprddigkeit der Schoͤnen Iſt nur ein Damm, der einen Regenſtrom Zuruͤckepreßt, und ungeſtuͤmer prallen Die Fluten an— Jetzt hebſt du an zu weinen— Giganten mocht' er ſtehn, mocht' ruhig niederſchaun, Wenn Typheus hundertarmiger Grimm 69 Den Oſſa und Olymp nach ſeinem Erbthron jagte— Die Thraͤnen einer Schoͤnen fallen Zeus— Du lächelſt?— Gelt! die Schuͤlerin Iſt weiſer hier als ihre Meiſterin?— Nun bitteſt du den Gott, dir eine kleine, kleine, Unſchuld'ge Bitte zu gewähren, die Dir ſeine Lieb' und Gottheit ſiegeln ſollte— Er ſchwoͤrt's beim Styr!— Der Styx hat ihn gebannt: Entſchluͤpfen darf er nimmermehr! Du ſprichſt: „Eh ſollſt du dieſen Leib nicht koſten, bis „In aller Kraft, worin dich Kronos Tochter „Umarmt, du zu der Tochter Kadmus ſteigeſt!“ Laß dich's nicht ſchrecken, Semele, wenn er Die Grauen ſeiner Gegenwart, die Feuer, Die um ihn krachen, dir die Donner, die Den Kommenden umrollen, zu Popanzen Aufſtellen wird, den Wunſch dir zu entleiden: Das ſind nur leere Schrecken, Semele,— Die Goͤtter thun mit dieſer herrlichſten Der Herrlichteiten gegen Menſchen karg— Beharre du nur ſtarr auf deiner Bitte, Und Juno ſelbſt wird neidiſch auf dich ſchielen. Semele. Die Häßliche mit ihren Ochſenaugen! Er hat mir's oft im Augenblick der Liebe Geklagt, wie ſie ihn mit ihrer ſchwarzen Galle Ihn martere— Juno Ergrimmt, verlegen bei Seite). Ha? Wurm den Tod fuͤr dieſen Hohn! Semele. Wie? meine Berve!— Was haſt du da gemurmelt? 70 Juno Cverlegen). Nichts— meine Semele! Die ſchwarze Galle quält Auch mich— ein ſcharfer, ſtrafender Blick Muß oft vei Buhlenden fuͤr ſchwarze Galle gelten— Und Schſenaugen ſind ſo wuͤſte Augen nicht.* Semele. D pfui doch! Beroe! die garſtigſten, Die je in einem Kopfe ſtecken konnen! Und noch dazu die Wangen gelb und grun, Des gift'gen Neides ſichtbarliche Strafe— Mich jammert Zeus, daß ihn die Keiferin Mit ihrer ekelhaften Liebe keine Nacht Verſchont und ihren eiferſuͤcht'gen Grillen: Das muß Jrions Rad im Himmel ſeyn. Juno (in der aͤußerſten Verwirrung und Wuth auf und ab raſend). Nichts mehr davon! Semele. Wie, Berve! ſo bitter? Hab' ich wohl mehr geſagt, als wahr iſt, mehr, Als klug iſt?— Juno. Mehr hhaſt du geſagt, Als wahr iſt, mehr als klug iſt, junges Weib! Preiſ' dich begluͤckt, wenn deine blauen Augen Dich nicht zu fruͤh in Charons Nachen laͤcheln! Saturnia hat auch Altär' und Tempel Und wandelt unter Sterblichen— die Gottin Rächt nichts ſo ſehr, als hoͤhniſch Naſenruͤmpfen, 71 Semele. Sie wandle hier und ſey des Ruhmes Zeugin! Was kuͤmmert's mich?— Mein Fupiker beſchuͤtzt Mir jedes Haar, was kann mir Juno leiden? Doch laß uns davon ſchweigen, Berve! Zeus muß mir heute noch in ſeiner Pracht erſcheinen, Und wenn Saturnia darob den Pfad zum Orkus finden ſollte— Juno Cbeiſei. Dieſen Pfad Wird eine Andre wohl noch vor ihr finden, Wenn je ein Blitz Kronions trifft!— (Zu Semele.) Ja, Semele, ſie mag vor Neid zerberſten, Wenn Kadmus Tochter, Griechenland zur Schau, Hoch im Triumphe zum Olympus ſteigt!— Semele(leichtfertig lächelndy. Meinſt du, Man werd' in Griechenland von Kadmus Tochter hören? Junv. Pal ob man auch von Sidon bis Athen Von einem Andern hoͤret! Semele! Goͤtter, Goͤtter werden ſich vom Himmel neigen, Goͤtter vor dir niederknien,* Sterbliche in demuthsvollem Schweigen Vor des Rieſentodters Braut ſich beugen Und in zitternder Entfernung—— Vemele Eriſch auſhuͤpfend, ihr um den Bals fallend). Berye! Junv. Ewigkeiten— grauen Welten Wird's ein weißer Marmor melden: Hier verehrt' man Semele! Semele, der Frauen ſchonſte⸗ Die den Donnerſchleuderer Vom Olymp zu ihren Kuͤſſen In den Staub herunterzwang. Und auf Famas tauſendfach rauſchenden Fluͤgeln Wird's von Meeren ſchallen und brauſen von Huͤgeln— Semele(außer ſich). Pythia! Apollo!— Wenn er doch Nur erſchiene! Juno. Und auf dampfenden Altären Werden ſie dich gottlich ehren. Semele(begeiſtert). Und erhoͤren will ich ſie! Seinen Grimm mit Bitten ſohnen, Loſchen ſeinen Blitz in Thraͤnen! Gluͤcklich, gluͤcklich machen will ich ſie! Zuno(or ſich). Armes Ding! Das wirſt du nie.— (Rachdenkend.) Bald zerſchmilzt——— doch— garſtig mich zu heißen!— Nein! Das Mitleid in den Tartarus! (Zu Semele.) Flieh' nur! Flieh' nur, meine Liebe, Daß dich Zeus nicht merke! Laß ihn lange Deiner harren, daß er feuriger Nach dir ſchmachte— 73 Semele. Beroe! der Himmel Hat erkoren dich zu ſeiner Stimme! Ich Gluͤctſel'ge! vom Olympus neigen Werden ſich die Goͤtter, vor mir niedertnien Sterbliche in demuthsvollem Schweigen—— Laß nur— laß— ich muß von hinnen flieyn! (Eilig ab.) Juno(ſiegjauchzend ihr nachblickend): Schwaches, ſtolzes, leichtbetrogenes Weib! Freſſendes Feuer ſeine ſchmachtenden Blicke, Seine Kuͤſſe Zermalmung, Gewitterſturm Seine Umarmung dir!— Menſchliche Leiber Moͤgen nicht ertragen die Gegenwart Deß, der die Donner wirft!— Ha! (In raſender Entzuͤckung.) k Wenn nun ihr wächſerner, ſterblicher Leib Unter des Feuertriefenden Armen Niederſchmilzt, wie vor der Sonne Glut Flockiger Schnee— der Meineidige, Statt der ſanften weicharmigen Braut, Seine eigenen Schrecken umhalst,— wie frohlockend dann Will ich heruͤber vom Cythaͤron weiden mein Auge, Rufen heruͤber, daß in der Hand ihm der Donnerteil Niederbebt: Pfui doch! umarme Nicht ſo unſanft, Saturnius! (Sie eilt davon.) (Symphonie.) —— Zweite Scenue. Der vorige Saal. Plötzliche Klarheit. Zeus in Juͤnglingsgeſtalt. Mercur in Entfernung. Zeus. Sohn Maja! Mercur(knieend, mit geſenktem Zaupt). 5 Zeus! Zeus. Auf! Eile! Schwing' Die Flügel fort nach des Stamanders Ufer! Dort weint am Grabe ſeiner Schäferin Ein Schaͤfer— Niemand ſoll weinen, Wenn Saturnus liebet—. Ruf' die Todte ins Leben zuruͤck. Mercu(aufſtehendy. Deines Hauptes ein allmaͤchtiger Wink Fuͤhrt mich in einem Hui dahin, zuruck In einem Hui— Zeus. Verzeuch! Als ich ob Argos flog⸗ Kam wallend mir ein Opferdampf entgegen Aus meinen Tempeln— Das ergotzte mich, Daß mich das Volk ſo ehrt— Erhebe deinen Flug gu Eeres, meiner Schweſter— ſo ſpricht Zeus: Zehntauſendfach ſoll ſie guf fuͤnfzig Jahr' Den Argiern die Halme wiedergeben— 75 Mercur. Mit zitternder Eile Vollſtreck' ich deinen Zorn— mit jauchzender, Allvater, deine Huld; denn Wolluſt iſt's Den Goͤttern, Menſchen zu begluͤcken; zu verderben Die Menſchen, iſt den Goͤttern Schmerz— Gebeut! Wo ſoll ich ihren Dank vor deine Ohren bringen, Nieden im Staub oder droben im Goͤtterſitz? Zeus. Nieden im Gotterſitz!— Im Palaſte Meiner Semele! Fleuch! (Mercur geht ab.) lle t mir nicht entgegen, Wie ſonſt, an ihre wolluſtſchwellende Bruſt Den Koͤnig des Olympus zu empfangen? Warum kommt meine Semele mir nicht Entgegen?— Oedes— todtes— grauenvolles Schweigen Herrſcht ringsumher im einſamen Palaſt, Der ſonſt ſo wild und ſo bacchantiſch laͤrmte— Kein Luͤftchen regt ſich— auf Cythärons Gipfel Stand ſiegfrohlockend Juno— ihrem Zeus Will Semele nicht mehr entgegen eilen— Wauſe, er faͤhrt auf.) Ha! ſollte wohl die Frevlerin gewagt In meiner Liebe Heiligthum ſich haben?— Saturnia— Cythäron— ihr Triumph— Entſetzen, Ahnung!— Semele—— Getroſt!— Getroſt! Ich vin dein Zeus! Der weggehauchte Himmel Soll's lernen: Semele! ich bin dein Zeus! Wo iſt die Luft, die ſich erfrechen wollte, Rauh anzuwehn, die Zeus die Seine nennt? 76 Der Ränke ſpott' ich— Semele, wo biſt du? Lang' ſchmachtet' ich, mein weltbelaſtet Haupt An deinem Buſen zu begraben, meine Sinne 6 Vom wilden Sturm der Weltregierung eingelullt, Und Zuͤgel, Steu'r und Wagen weggeträumt, Und im Genuß der Seligkeit vergangen! O Wonnerauſch! Selbſt Goͤttern ſuͤßer Taumel! Gluͤckſel'ge Truntenheit!— Was iſt Uranos Blut, Was Nektar und Ambroſia, was iſt Der Thron Olymps, des Himmels goldnes Scepter, Was Allmacht, Ewigkeit, Unſterblichkeit, ein Gott DOhne Liebe? Der Schaͤfer, der an ſeines Stroms Gemurmel Der Lammer an der Gattin Bruſt vergißt, Beneidete mir meine Keile nicht.„ Sie naht— ſie kommt— O Perle meiner Werte, Weib!— Anzubeten iſt der Kuͤnſtler, der Dich ſchuf—— Ich ſchuf dich— bet' mich an, Zeus betet an vor Zeus, der dich erſchuf! Ha! wer im ganzen Weſenreiche, wer Verdammt mich?— Wie unbemerkt, verachtlich Verſchwinden meine Welten, meine ſtrahlenquillenden Geſtirne, meine tanzenden Syſteme, Mein ganzes großes Saitenſpiel, wie es Die Weiſen nennen, wie das Alles todt Gegen eine Seele! Semele kommt naͤher, ohne außzuſchauen. Zeus. Mein Stolz, mein Thron ein Staub! O Semele! (Fliegt ihr entgegen, ſie will fliehen.) Du fliehſt?— Dnu ſchweigſt?— Ha! Semele! du fliehſt? Semele(ihn wegſtoßend). Hinweg! Zeus(nach einer Pauſe des Erſtaunens). Traͤumt Jupiter? Will die Natur Zu Grunde ſtuͤrzen?— So ſpricht Semele?— Wie, keine Antwort?— Gierig ſtreckt mein Arm Nach dir ſich aus— ſo pochte nie mein Herz Der Tochter Agenors entgegen, ſo Schlug's nie an Ledas Bruſt, ſo brannten meine Lippen Nach Danaes verſchloſſ'nen Kuͤſſen nie, Als jetzo— Semele. Schweig, Verraͤther! Zeus(unwillig, zaͤrtlich). Semele! Semelr. Fleuch! Zeus(mit Majeſtät ſie anſehend). Ich bin Zeus! Semele. Du Zeus? Erzittre, Salmoneus, mit Schrecken wird Er wiederfordern den geſtohlnen Schmuck, Den du geläſtert haſt— Du biſt nicht Zeus! Zeus(groß). Der Weltbau dreht im Wirbel ſich um mich Und nennt mich ſo— Semele. Ha! Gottesläſterung! Noch zweifeln? 78 Zeus(ſanfter).. Wie, meine Goͤttliche? Von wannen dieſer Ton? Wer iſt der Wurm, der mir dein Herz entwendet? Semele. Mein Herz war Dem geweiht, deß Aff' du biſt— Oft kommen Menſchen unter Goͤtterlarve, Ein Weib zu fangen— Fort! Du biſt nicht Zeus! Zeus. Du zweifelſt? Kann an meiner Gottheit Semele Bemele(wehmuͤthig). Waͤrſt du Zeus! Kein Sohn ½ Des Morgennimmerſeyns ſoll dieſen Mund beruͤhren. 5 Zeus iſt dies Herz geweiht——— O warſt du Zeus! Zeus Du weineſt? Zeus iſt da, und Semele ſoll weinen? (Niederſallend.) Sprich, fordre! und die knechtiſche Natur Soll zitternd vor der Tochter Kadmus liegen!. Gebeut! und Stroͤme machen gaͤhlings Halt! Und Helikon und Kaukaſus und Cynthus Und Athos, Mykale und Rhodope und Pindus, Von meines Winkes Allgewalt Entfeſſelt, kuͤſſen Thal und Triften Und tanzen, Flocken gleich, in den verfinſterten Lüften. Gebeut! und Nord- und Oſt- und Wirbelwind Belagern den allmaͤchtigen Trident, Durchruͤtteln Poſidaons Throne, Emporet ſteigt das Meer,⸗ Geſtad' und Damm zu Hohne, 4 Der Blitz prahlt mit der Nacht, und Pol und Himmel krachen, 79 Der Donner bruͤllt aus tauſendfachem Rachen, Der Ocean läuft gegen den Olympus Sturm, Dir floͤtet der Orkan ein Siegeslied entgegen, Gebeut— * Semele. Ich bin ein Weib, ein ſterblich Weib Wie kann vor ſeinem Topf der Töpfer liegen, Der Kuͤnſtler knien vor ſeiner Statue? Zeus. Pygmalion beugt ſich vor ſeinem Meiſterſtuͤcke Zeus betet an vor ſeiner Semele! Semele cheftiger weinend). Steh' auf— Steh' auf— O weh mir Zeus hat mein Herz, nur Götter Und Gbotter lachen mein, und Zeu armen Mädchen! kann ich lieben. s verachtet mich! Zeus. Zeus, der zu deinen Fuͤßen liegt— Semele. Steh' auf! Zeus thronet uͤber hoͤhern Donnerkeilen Und ſpottet eines Wurms in Junos Armen. Zeus(mit Heſtigkeit). Ha! Semele und Juno!— Wer Ein Wurm? Semele. D unausſprechlich gluͤcktich wäre Die Tochter Kadmus— w ärſt du Zeus— O weh! Du biſt nicht Zeus! — Zeus(ſteht auf). Ich bims! 3 (Reckt die Sand aus, ein Regenbogen ſteht im Saal. Die Muſik begleitet die Erſcheinung.) Kennſt du mich nun? 4 Semele. Stark iſt des Menſchen Arm, wenn ihn die Götter ſtuͤtzen, Dich liebt Saturnius— Nur Gbotter kann Ich lieben— Zeus Noch! noch zweifelſt du, Ob meine Kraft nur Goͤttern abgeborget⸗ Nicht gottgeboren ſey?— Die Gotter, Semele⸗ Verleihn den Menſchen oft wohlthatige Krafte, Doch ihre Schrecken leihen Goͤtter nie— Tod und Verderben iſt der Gottheit Siegel, DTodtend enthuͤllt ſich Jupiter dir! (Er reckt die Band aus. Knall, Feuer, Rauch und Erdbeben. Muſik begleitet hier und in Zukunft den Zauber.) Semele. Zieh' deine Hand zuruͤck!— O Gnade! Gnade Dem armen Volk!— Dich hat Saturnius Gezeuget— Zeus. Ha! Leichtfertige! Soll Zeus dem Starrſinn eines Weibes wohl Planeten drehn und Sonnen ſtillſtehn heißen? Zeus wird es thun!— Oft hat ein Gotterſohn Den feuerſchwangern Bauch der Felſen aufgeritzt⸗ —— 81 Doch ſeine Kraft erlahmt in Tellus Schranken; Das kann nur Zeus! Er reckt die Hand aus, die Sonne verſchwindet, es wird plotzlich Racht.) Semwele(ſtuͤrzt vor ihm nieder). Allmaͤchtiger!— O wenn Du lieben koͤnnteſt! (Es wird wiederum Tag.) Zeus. Ha! die Tochter Kadmus fragt Kronion, ob Kronion lieben koͤnnte! Ein Wort— und er wirft ſeine Gottheit ab, Wird Fleiſch und Blut und ſtirbt und wird geliebt. Femele. Das thäͤte Zeus? Zeus. Sprich, Semele, was mehr? Apollo ſelbſt geſtand, es ſey Entzuͤcken, Menſch unter Menſchen ſeyn— Ein Wink von dir— Ich bin's! Semele(faͤllt ihm um den Hals). D Jupiter, die Weiber Epidaurus ſchelten Ein thoricht Maͤdchen deine Semele, Die, von dem Donnerer geliebet, nichts Von ihm erbitten kann— Zeus Cheftigh. Erroͤthen ſollen Die Weiber Epidaurus!— Bitte! bitte nur! Und bei dem Styr, deß ſchrankenloſe Macht Selbſt Goͤtter ſtlaviſch beugt— wenn Zeus dir zaudert, Schilers ſämmtl. Werke. I. 6 So ſoll der Gott in einem einz'gen Nu Hinunter mich in die Vernichtung donnern! Semele(ſroh aufſpringend)⸗ Daran ertenn' ich meinen Jupiter! Du ſchwurſt mir— und der Styr hat es gehort! So laß mich denn nie anders dich umarmen, Als wie— Zeus Erſchrocken ſchreiend). Ungluͤckliche! halt' ein! Semele. Saturnia— Zeus(will ihr den Mund zuhalten). Verſtumme! Semele. Dich umarmt! Zeus(bleich, von ihr weggewandt). Zu ſpaͤt! Der Laut entrann!— Styx!— Du hoſt den Tod Erbeten, Semele! Semele. Ha! ſo liebt Jupiter? Zeus. Den Himmel gaͤb' ich drum, haͤtt' ich dich minder nur Geliebt! Mit kaltem Entſetzen ſie anſtarrend.) Du biſt verloren— Semele. Jupiter! Zeus(grimmig vor ſich hinredend). Ha! mert' ich nun dein Siegfrohlocken, Juno? Verwuͤnſchte Eiferſucht!— O, dieſe Roſe ſtirbt! Zu ſchdn— o weh!— zu koſtbar fuͤr den Acheron 83 Semele. Du geizeſt nur mit deiner Herrlichteit! Zeus. Fluch uͤber meine Herrlichteit, die dich Verblendete! Fluch uͤber meine Groͤße, Die dich zerſchmettert! Fluch, Fluch uͤber mich, Daß ich mein Gluͤck auf morſchen Staub gebaut! Semele. Das ſind nur leere Schrecken, Zeus, mir bangt Vor deinem Drohen nicht! Zeus. Bethoͤrtes Kind!„ Geh'— nimm das letzte Lebewohl auf ewig Von deinen Freundinnen— nichts— nichts vermag Dich mehr zu retten— Semele! ich bin dein Zeus! Auch Das nicht mehr— Geh'— Semele. Neidiſcher! der Siyr!— Du wirſt mir nicht entſchluͤpfen. Zeus. Nein! triumphiren ſoll ſie nicht.— Erzittern Soll ſie— und kraft der todtenden Gewalt, Die Erd' und Himmel mir zum Schaͤmel macht, Will an den ſchroffſten Felſen Thraciens Mit diamantnen Ketten ich die Arge ſchmieden— Auch dieſen Schwur— (Mercur erſcheint in Entfernung.) Was will dein raſcher Flug? (Sie geht ab.) Mercur. Feurigen, gefluͤgelten, weinenden Dank Der Gluͤcklichen— Zeus. Verderbe ſie wieder! Mercur Eerſiaunt)⸗ Zeus! Zeus. Gluͤcktich ſoll Niemand ſeyn!— Sie ſtirbt.— (Der Vorhang faͤllt.) Gedichte zweiten Periodr. „ 5 * An die Freude. Freude, ſchoͤner Goͤtterfunken, Tochter aus Elyſium Wir betreten feuertrunken, Himmliſche, dein Heiligthum. Deine Zauber binden wieder, Was die Mode ſtreng getheilt; Alle Menſchen werden Brüder,* Wo dein ſanfter Fluͤgel weilt. Chor. Seyd umſchlungen, Millionen! Dieſen Kuß der ganzen Welt! Bruͤder— uͤberm Sternenzelt Muß ein lieber Vater wohnen. Wem der große Wurf gelungen, Eines Freundes Freund zu ſeyn, Wer ein holdes Weib errungen, Miſche ſeinen Jubel ein! * Erſte Lesart: Bettler werden Fuͤrſtenbruͤder, 88 Ja— wer auch nur eine Seele Sein nennt auf dem Erdenrund! Und wer's nie gekonnt, der ſtehle Weinend ſich aus dieſem Bund⸗ Chor. Was den großen Ring bewohnet,. Huldige der Sympathie! Zu den Sternen leitet ſie, Wo der Unbekannte thronet⸗ Freude trinken alle Weſen An den Bruͤſten der Natur; Alle Guten, alle Boͤſen Folgen ihrer Roſenſpur. Kuͤſſe gab ſie uns und Reben⸗ Einen Freund, gepruͤft im Tod; Wolluſt ward dem Wurm gegeben, Und der Cherub ſteht vor Gott. Chor. Ihr ſtuͤrzt nieder, Millionen?. Ahneſt du den Schoͤpfer, Welt? Such' ihn uͤberm Sternenzelt! Ueber Sternen muß er wohnen. Freude heißt die ſtarke Feder In der ewigen Natur. Freude, Freude treibt die Raͤder In der großen Weltenuhr. Blumen lockt ſie aus den Keimen, Sonnen aus dem Firmament, Sphaͤren rollt ſie in den Raͤumen, Die des Sehers Rohr nicht kennt. * Chor. Froh, wie ſeine Sonnen fliegen Durch des Himmels praͤcht'gen Plan, Laufet, Bruͤder, eure Bahn, Freudig, wie ein Held zum Siegen. Aus der Wahrheit Feuerſpiegel Lächelt ſie den Forſcher an. Zu der Tugend ſteilem Huͤgel Leitet ſie des Dulders Bahn. Auf des Glaubens Sonnenberge Sieht man ihre Fahnen wehn, Durch den Riß geſprengter Särge Sie im Chor der Engel ſtehn. Chor. Duldet muthig, Millionen! Duldet fuͤr die beſſere Welt! Droben uͤberm Sternenzelt Wird ein großer Gott velohnen. Gottern kann man nicht vergelten; Schdn iſt's, ihnen gleich zu ſeyn. Gram und Armuth ſoll ſich melden, Mit den Frohen ſich erfreun 90 Groll und Rache ſey vergeſſen⸗ unſerm Todfeind ſey verziehn: Keine Thraͤne ſoll ihn preſſen⸗ Keine Reue nage ihn. Chor. Unſer Schuldbuch ſey vernichtet, Ausgeſohnt die ganze Welt! Bruͤder— uͤberm Sternenzelt Richtet Gott, wie wir gerichtet. Freude ſprudelt in Pokalen; In der Traube goldnem Blut Trinten Sanftmuth Kannibalen⸗ Die Verzweiflung Heldenmuth—— Brüder, fliegt von euren Sitzen⸗ Wenn der volle Roͤmer kreist! Laßt den Schaum zum Himmel ſpritzen: Dieſes Glas dem guten Geiſt Chor. Den der Sterne Wirbel loben, Den des Seraphs Hymne preist, Dieſes Glas dem guten Geiſt Ueberm Sternenzelt dort oben! Feſten Muth in ſchweren Leiden, Huͤlfe, wo die Unſchuld weint⸗ Ewigkeit geſchwornen Eiden⸗ Wahrheit gegen Freund und Feind, 9¹ Maͤnnerſtolz vor Koͤnigsthronen— Bruͤder, gaͤlt' es Gut und Blut— Dem Verdienſte ſeine Kronen, Untergang der Luͤgenbrut! 1 Chor. Schließt den heil'gen Cirkel dichter, Schwoͤrt bei dieſem goldnen Wein, Dem Geluͤbde treu zu ſeyn, Schwoͤrt es bei dem Sternenrichter!* * In der Thalia, wo dieſes Gedicht zuerſt erſchien, endigt es mit folgender Strophe: Rettung von Thrannenketten, Großmuth auch dem Boſewicht, Boffnung auf den Sterbebetten, Gnade auf dem Bochgericht: Auch die Todten ſollen leben! Bruͤder, trinkt und ſtimmet ein: Allen Suͤndern ſoll vergeben, Und die Bolle nicht mehr ſeyn. Chor. Eine heitre Abſchiedsſtunde! Suͤßen Schlaf im Leichentuch! Bruͤder— einen ſanften Spruch Aus des Todtenrichters Munde! Die unüberwindliche Flotte. Nach einem aͤltern Dichter.. 4 Sie tömmt— ſie koͤmmt, des Meeres ſtolze Flotte, Das Weltmeer wimmert unter ihr, Mit Kettenklang und einem neuen Gotte„ Und tauſend Donnern naht ſie dir— Ein ſchwimmend Heer furchtbarer Ciradellen, (Der Ocean ſah ihresgleichen nied Unuͤberwindlich nennt man ſie, Zieht ſie einher auf den erſchrocknen Wellen; Den ſtolzen Namen weiht . Der Schrecken, den ſie um ſich ſpeit. Mit majeſtaͤtiſch ſtillem Schritte Traͤgt ſeine Laſt der zitternde Neptun; Weltuntergang in ihrer Mitte, Naht ſie heran, und alle Stuͤrme ruhn. Dir gegenuͤber ſteht ſie da, Gluͤctſelge Inſel— Herrſcherin der Meere! Dir drohen dieſe Gallionenheere⸗ Großherzige Britannia! Weh deinem freigebornen Volke! Da ſteht ſie, eine wetterſchwangre Wolke. Wer hat das hohe Kleinod dir errungen⸗ Das zu der Laͤnder Fürſtin dich gemacht? Haſt du nicht ſelbſt, von ſtolzen Koͤnigen gezwungen⸗ Der Reichsgeſetze weiſeſtes erdacht? 93 Das große Blatt, das deine Koͤnige zu Buͤrgern, Zu Fuͤrſten deine Buͤrger macht? Der Segel ſtolze Obermacht, Haſt du ſie nicht von Millionen Wuͤr Erſtritten in der Waſſerſchlacht? Wem dankſt du ſie— errothet, Volker dieſer Erde Wem ſonſt, als deinem Geiſt und deinem Schwerte* Ungluͤckliche— blick' hin auf dieſe fenerwer fende nKoloſſe, Blick' hin und ahne deines Ruhmes Fall! Bang ſchaut auf dich der Erdenball, Und aller freier Männer Herzen ſchlagen, Und alle gute, ſchdne Seelen klagen Theilnehmend deines Ruhmes Fall. Gott, der Allmaͤcht'ge, ſah herab, Sah deines Feindes ſtolze Loͤwenflaggen wehen, Sah drohend offen dein gewiſſes Grab— Soll, ſprach er, ſoll mein Albion vergehen, Erloͤſchen meiner Helden Stamm, Der Unterdruckung letzter Felſendamm Zuſammenſtuͤrzen, die T yrannenwehre Vernichtet ſeyn von dieſer Hemiſphäre Nie, rief er, ſoll der Freiheit Paradies, Der Menſchenwuͤrde ſtarker Schirm verſchwinden! Gott, der Allmaͤcht'ge blies, die Armada flog nach allen Winden. 8 Un Die zwei letzten Verſe ſind eine Anſpielung auf die Medallle, welche Eliſabeth zum Andenken ihres Sieges ſchlagen ſieß. Es wird auf derſelber eine Flotte vorgeſitekt, welche im Sturm untergeht, mit der beſcheidenen Inſchrift: Argavit H „et dissipati aunt. 2 Der Kampf. Nein, laͤnger werd' ich dieſen Kampf nicht kaͤmpfen, Den Rieſenkampf der Pflicht. Kannſt du des Herzens Flammentrieb nicht dämpfen, So fordre, Tugend, dieſes Opfer nicht. Geſchworen hab' ich's, ja, ich hab's geſchworen, Mich ſelbſt zu baͤndigen. Hier iſt dein Kranz, er ſey auf ewig mir verloren! Nimm ihn zuruͤck und laß mich ſuͤndigen! Sie liebt mich— deine Krone ſey verſcherzt! Gluͤckſelig, wer, in Wonnetrunkenheit begraben, Zerriſſen ſey, was wir bedungen haben! 3 So leicht, wie ich, den tiefen Fall verſchmerzt!* Sie ſieht den Wurm an meiner Jugend Blume nagen Und meinen Lenz entflohn, Bewundert ſtill mein heldenmuͤthiges Entſagen, und großmuthsvoll beſchließt ſie meinen Lohn. Mißtvaue, ſchdne Seele, dieſer Engelguͤte! Dein Mitleid waffnet zum PVerbrechen mich. Gibrs in des Lebens unermeßlichem Gebiete, Gibt's einen andern, ſchonern Lohn, als dich? Als das Verbrechen, das ich ewig fliehen wollte?— WTyranniſches Geſchick! Der einz'ge Lohn, der meine Tugend kronen ſollte, Iſt meiner Tugend letzter Augenblick — 95 Reſignativn. Auch ich war in Arkadien geboren, Auch mir hat die Natur An meiner Wiege Freude zugeſchworen; Auch ich war in Arkadien geboren, Doch Thraͤnen gab der kurze Lenz mir nur. Des Lebens Mai bluͤht einmal und nicht wieder; Mir hat er abgebluͤht. Der ſtille Gott— 0 weinet, meine Bruͤder— Der ſtille Gott taucht meine Fackel nieder, Und die Erſcheinung flieht. Da ſteh' ich ſchon auf deiner finſtern Bruͤcke, Furchtbare Ewigkeit! Empfange meinen Vollmachtbrief zum Gluͤcke! Ich bring' ihn unerbrochen dir zuruͤcke, Ich weiß nichts von Gluͤckſeligkeit. Vor deinem Thron erheb' ich meine Klage, Verhuͤllte Richterin! Auf jenem Stern ging eine frohe Sage, Du throneſt hier mit des Gerichtes Wage Und nenneſt dich Vergelterin. Hier— ſpricht man— warten Schrecken auf den Boͤſen, Und Freuden auf den Reblichen. Des Herzens Kruͤmmen werdeſt du entbloͤßen, Der Porſicht Räthſel werdeſt du mir loſen Und Rechnung halten mit dem Leidenden. Hier dffne ſich die Heimat dem Verbannten⸗ Hier endige des Dulders Dornenbahn. Ein Gotterkind, das ſie mir Wahvheit nannten⸗ Die meiſten flohen, Wenige nur kannten⸗ 6 Hielt meines Lebens raſchen Zuͤgel an. „Ich zahle dir in einem andern Leben, Gib deine Jugend mir! Nichts kann ich dir, als dieſe Weiſung geben.“ Ich nahm die Weiſung auf das andre Leben⸗ Und meiner Iugend Frenden gab ich ihr „Gib mir das Weib, ſo theuer deinem Herzen Gib deine Laura mir! Jenſeits der Graͤber wuchern deine Schmerzen.“— Ich riß ſie blutend aus dem wunden Herzen Und weinte laut und gab ſie ihr. —— „Die Schuldverſchreibung lautet an die Tod len,“ Hohnlächette die Welt; „Die Luͤgnerin, gedungen von Deſpoten, Hat fur die Wahrheit dir geboten: Du biſt nicht mehr, wenn dieſer Schein vevfaͤllt.“ Frech witzelte das Schlangenheer der Spotter: „PVor einem Wahn⸗ den nur Verjaͤhrung weiht, Erzitterſt du? Was ſollen deine Gotter⸗ Des kranken Weltplans ſchlau erdachte Retter⸗ Die Menſchenwitz des Menſchen Nothdurft leiht?“ 97„ „Was heißt die Zukunft, die uns Graͤber decken? Die Ewigkeit, mit der du eitel prangſt? Ehrwuͤrdig nur, weil Huͤllen ſie verſtecken, Der Rieſenſchatten unſrer eignen Schrecken Im hohlèn Spiegel der Gewiſſensangſt.“ „Ein Lugenbild lebendiger Geſtalten, Die Mumie der Zeit, Vom Balſamgeiſt der Hoffnung in den kalten Behauſungen des Grabes hingehalten— Das nennt dein Fieberwahn Unſterblichkeit?“ „Für Hoffnungen— Verweſung ſtraft ſie Lüͤgen— Gabſt du gewiſſe Guͤter hin? Sechstauſend Jahre hat der Tod geſchwiegen: Kam je ein Leichnam aus der Gruft geſtiegen, Der Meldung that von der Vergelterin?“— . Ich ſah die Zeit nach deinen Ufern fliegen; Die bluͤhende Natur Blieb hinter ihr, ein welker Leichnam, liegen, Kein Todter kam aus ſeiner Gruft geſtiegen, Und feſt vertraut' ich auf den Goͤtterſchwur. All' meine Freuden hab' ich dir geſchlachtet; Jetzt werf' ich mich vor deinen Richterthron. Der Menge Spott hab' ich beherzt verachtet; Nur deine Guͤter hab' ich groß geachtet: Vergelterin, ich fordre meinen Lohn. Schillers ſämmtl. Werke. I. 7 „Mit gleicher Liebe lieb' ich meine Kinder!“ Rief, unſichtbar, ein Genius. „Zwei Blumen,“ rief er,„hoͤrt es, Menſchenkinder⸗ 5 „Zwei Blumen bluͤhen fuͤr den weiſen Finder, Sie heißen Hoffnung und Genuß.“ „Wer dieſer Blumen eine brach⸗ begehre Die andre Schweſter nicht! Genieße, wer nicht glauben kann! Die Lehre Iſt ewig, wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre! Die Weltgeſchichte iſt das Weltgericht. „Du haſt gehofft, dein Lohn iſt abgetragen: Dein Glaube war dein zugewognes Gluͤck. Du konnteſt deine Weiſen fragen: Was man von der Minute ausgeſchlagen, Gibt keine Ewigkeit zuruͤck.“ Die Götter Griechenlands. Da ihr noch die ſchoͤne Welt regieret⸗ An der Freude leichtem Gaͤngelband Selige Geſchlechter noch gefuͤhret, Schdne Weſen aus dem Fabelland! Ach, da euer Wonnedienſt noch glaͤnzte, Wie ganz anders, anders war es da! Da man deine Tempel noch bekraͤnzte, Venus Amathuſia! 99 Da der Dichtung zauberiſche Huͤlle Sich noch lieblich um die Wahrheit wand— Durch die Schoͤpfung floß da Lebensfulle, Und, was nie empfinden wird, empfand. An der Liebe Buſen ſie zu druͤcken, Gab man hoͤhern Adel der Natur, Alles wies den eingeweihten Blicken, Alles eines Gottes Spur. Wo jetzt nur, wie unſre Weiſen ſagen, Seelenlos ein Feuerball ſich dreht, Lenkte damals ſeinen goldnen Wagen Helios in ſtiller Majeſtat. Dieſe Hoͤhen fuͤlten Oreaden, Eine Dryas lebt in jenem Baum, Aus den Urnen lieblicher Najaden Sprang der Ströme Silberſchaum. Jener Lorbeer wand ſich einſt um Huͤlfe Tantals Tochter ſchweigt in dieſem Stein, Syrinx Klage tont' aus jenem Schilfe, Philomelas Schmerz aus dieſem Hain. Jener Bach empfing Demeters Zaͤhre, Die ſie um Perſephonen geweint, Und von dieſem Huͤgel rief Cythere— Ach, umſonſt! dem ſchoͤnen Freund. Zu Deukalions Geſchlechte ſtiegen Damals noch die Himmliſchen herab; Pyrrhas ſchoͤne Toͤchter zu beſiegen, Nahm der Leto Sohn den Hirtenſtab. 100 Zwiſchen Menſchen, Goͤttern und Heroen Knuͤpfte Amor einen ſchonen Bund, Sterbliche mit Goͤttern und Heroen Huldigten in Amathunt⸗* * In de Betend an der Grazien Altären, Kniete da die holde Prieſterin, Sandte ſtille Wuͤnſche an Cytheren Und Gelübde an die Charitin Hoher Stolz, auch droben zu gebieten, Lehrte ſie, den gottergleichen Rang Und des Reizes heil'gen Guͤrtel huͤten, Der den Donn'rer ſelbſt bezwang. Himmliſch und unſterblich war das Feuer, Das in Pindars ſtolzen Bymnen floß, NRiederſtroͤmte in Arions Leyer, In den Stein des Phidias ſich goß. Beſſ're Weſen, edlere Geſtalten Kuͤndigten die hohe Abkunſt an. Goͤtter, die vom Bimmel niederwallien, Sahen hier ihn wieder aufgethan ⸗ Werther war von eines Gottes Guͤte, Theurer jede Gabe der Natur, Unter Fris ſchoͤnem Bogen bluͤhte Reizender die perlenvolle Flur. Prangender erſchien die Morgenroͤthe In Bemerens roſigem Gewand', Schmelzender erklang die Flote In des Birtengottes Hand⸗ rerſten Ausgabe finden ſich hiet folgende Strophen: 101 Finſtrer Ernſt und trauriges Entſagen War aus eurem heitern Dienſt verbannt; Gluͤcklich ſollten alle Herzen ſchlagen, Denn euch war der Gluͤckliche verwandt. Damals war nichts heilig, als das Schoͤne; Keiner Freude ſchaͤmte ſich der Gott, Wo die keuſch errdthende Kamene, Wo die Grazie gebot. Eure Tempel lachten gleich Palaͤſten, Euch verherrlichte das Heldenſpiel An des Iſthmus kronenreichen Feſten, Und die Wagen donnerten zum Ziel. Schon geſchlungne, ſeelenvolle Taͤnze Kreisten um den prangenden Altar; Eure Schlaͤfe ſchmuͤckten Siegeskraͤnze, Kronen euer duftend Haar. Das Evoe muntrer Thyrſusſchwinger Und der Panther prachtiges Geſpann Meldeten den großen Freudebringer; Faun und Satyr taumeln ihm voran, Um ihn ſpringen raſende Maͤnaden, Ihre Taͤnze loben ſeinen Wein, Und des Wirthes braune Wangen laden Luſtig zu dem Becher ein. Damals trat kein graͤßliches Gerippe Vor das Bett des Sterbenden; ein Kuß Nahm das letzte Leben von der Lippe, Seine Fackel ſenkt' ein Genius. 102 Selbſt des Orkus ſtrenge Richterwage Hielt der Enkel einer Sterblichen, Und des Thrakers ſeelenvolle Klage Ruͤhrte die Erinnyen. Seine Freuden traf der frohe Schatten In Elyſiens Hainen wieder an; Treue Liebe fand den treuen Gatten⸗ Und der Wagenlenker ſeine Bahn, Linus Spiel tont die gewohnten Lieder In Alceſtens Arme ſinkt Admet, Seinen Freund erkennt Oreſtes wieder Seine Pfeile Philoktet. Hdhre Preiſe ſtaͤrkten da den Ringer Auf der Tugend arbeitvoller Bahn: Großer Thaten herrliche Vollbringer Klimmten zu den Seligen hinan. Vor dem Wiederforderer der Todten Neigte ſich der Gotter ſtille Schaar; Durch die Fluten leuchtet dem Piloten Vom Olymp das Zwillingspaar. Schdne Welt, wo biſt du? Kehre wieder⸗ Holdes Bluͤthenalter der Natur! Ach, nur in dem Feenland der Lieder Lebt noch deine fabelhafte Spur. Ausgeſtorben trauert das Gefilde, Keine Gottheit zeigt ſich meinem Blick; Ach, von jenem lebenswarmen Bilde Blieb der Schatten nur zuruͤck. 103 Alle jene Bluͤthen ſind gefallen Von des Nordens ſchauerlichem Wehn; Einen zu bereichern unter allen, Mußte dieſe Sotterwelt vergehn. Traurig ſuch' ich an dem Sternenbogen— Dich, Selene, find' ich dort nicht mehr, Durch die Waͤlder ruf' ich, durch die Wogen— Ach, ſie widerhallen leer! Unbewußt der Freuden, die ſie ſchenket, Nie entzuͤckt von ihrer Herrlichteit, Nie gewahr des Geiſtes, der ſie lenket, Sel'ger nie durch meine Seligkeit, Fuͤhllos ſelbſt fuͤr ihres Kuͤnſtlers Ehre, Gleich dem todten Schlag der Pendeluhr, Dient ſie knechtiſch dem Geſetz der Schwere Die entgotterte Natur. — Morgen wieder neu ſich zu entbinden, Wuͤhlt ſie heute ſich ihr eignes Grab, Und an ewig gleicher Spindel winden Sich von ſelbſt die Monde auf und ab. Muͤßig kehrten zu dem Dichterlande Heim die Eoͤtter, unnuͤtz einer Welt, Die, entwachſen ihrem Gängelbande, Sich durch eignes Schweben haͤlt. Ja, ſie kehrten heim, und alles Schdne, Alles Hohe nahmen ſie mit fort, Alle Farben, alle Lebenstdne, Und uns blieb nur das entſeelte Wort. 104 Aus der Zeirflut weggeriſſen, ſchweben Sie gerettet auf des Pindus Hohn: Was unſterblich im Geſang ſoll leben⸗ Muß im Leben untergehn Die Künſtler.* Wie ſchdn, o Menſch, mit deinem Palmenzweige 3 Stehſt du an des Jahrhunderts Neige In edler ſtolzer Maͤnnlichkeit, Mit aufgeſchloſſ'nem Sinn, mit Geiſtesfuͤlle, PVoll milden Ernſts, in thatenreicher Stille, Der reifſte Sohn der Zeit⸗ Frei durch Vernunft, ſtark durch Geſetze, Durch Sanftmuth groß und reich durch Schaͤtze, Die lange Zeit dein Buſen dir verſchwieg, Herr der Natur, die deine Feſſeln liebet, Die deine Kraft in tauſend Kaͤmpfen uͤbet Und prangend unter dir aus der Verwild'rung ſties! Berauſcht von dem errungnen Sieg⸗ Verlerne nicht, die Hand zu preiſen, Die an des Lebens ddem Strand 3 Den weinenden verlaſſ'nen Waiſen⸗ Des wilden Zufalls Beute, fand, Die fruͤhe ſchon der kuͤnft'gen Geiſterwüͤrde Dein junges Herz im Stillen zugekehrt Und die befleckende Begierde Von deinem zarten Vuſen abgewehrt, Die Guͤtige, die deine Jugend In hohen Pflichten ſpielend unterwies Und das Geheimniß der erhabnen Tugend In leichten Rathſeln dich errathen ließ, Die, reifer nur ihn wieder zu empfangen, In fremde Arme ihren Liebling gab— O falle nicht mit ausgeartetem Verlangen Zu ihren niedern Dienerinnen ab! Im Fleiß kann dich die Biene meiſtern, In der Geſchicklichkeit ein Wurm dein Lehrer ſeyn, Dein Wiſſen theileſt du mit vorgezognen Geiſtern, Die Kunſt, o Menſch, haſt du allein. Nur durch das Morgenthor des Schdnen 3 Drangſt du in der Erkenntniß Land. An hoͤhern Glanz ſich zu gewoͤhnen, Uebt ſich am Reize der Verſtand. Was bei dem Saitenklang der Muſen Mit ſuͤßem Beben dich durchdrang, Erzog die Kraft in deinem Buſen, Die ſich dereinſt zum Weltgeiſt ſchwang. Was erſt, nachdem Jahrtauſende verftoſſen, Die alternde Vernunft erfand, Lag im Symbol des Schonen und des Großen Voraus geoffenbart dem kindiſchen Verſtand. Ihr holdes Bild hieß uns die Tugend lieben, Ein zarter Sinn hat vor dem Laſter ſich geſtraͤubt, Eh' noch ein Solon das Geſetz geſchrieben, Das matte Blͤthen langſam treibt. 106 Eh' vor des Denkers Geiſt der kuͤhne Begriff des ew'gen Raumes ſtand— Wer ſah hinauf zur Sternenbuͤhne, Der ihn nicht ahnend ſchon empfand? Die, eine Glorie von Orionen ums Angeſicht, in hehrer Majeſtät, Nur angeſchaut von reineren Daͤmonen, Verzehrend uͤber Sternen geht, Geflohn auf ihrem Sonnenthrone, Die furchtbar herrliche Urania— Mit abgelegter Feuerkrone Steht ſie— als Schoͤnheit vor uns da. Der Anmuth Guͤrtel umgewunden, Wird ſie zum Kind, daß Kinder ſie verſtehn. Was wir als Schonheit hier empfunden, Wird einſt als Wahrheit uns entgegen gehn. Als der Erſchaffende von ſeinem Angeſichte Den Menſchen in die Sterblichteit verwies Und eine ſpaͤte Wiederkehr zum Lichte Auf ſchwerem Sinnenpfad ihn finden hieß, Als alle Himmliſche ihr Antlitz von ihm wandten Schloß ſie, die Menſchliche, allein Mit dem verlaſſenen Verbannten Großmuͤthig in die Sterblichkeit ſich ein. Hier ſchwebt ſie, mit geſenktem Fluge, Um ihren Liebling, nah am Sinnenland, Und malt mit lieblichem Betruge Elyſium auf ſeine Kerkerwand. 107 Als in den weichen Armen dieſer Amme Die zarte Menſchheit noch geruht, Da ſchürte heil'ge Mordſucht keine Flamme, Da rauchte kein unſchuldig Blut. Das Herz, das ſie an ſanften Banden lenket, Verſchmaͤht der Pflichten knechtiſches Geleit; Ihr Lichtpfad, ſchoͤner nur geſchlungen, ſenket Sich in die Sonnenbahn der Sittlichkeit. Die ihrem keuſchen Dienſte leben, Verſucht kein niedrer Trieb, bleicht kein Geſchic: Wie unter heilige Gewalt gegeben, Empfangen ſie das reine Geiſterleben, Der Freiheit ſuͤßes Recht, zuruͤck. Gluͤckſelige, die ſie— aus Millionen Die Reinſten— ihrem Dienſt geweiht, In deren Bruſt ſie wuͤrdigte zu thronen, Durch deren Mund die Maͤchtige gebeut, Die ſie auf ewig flammenden Altaren Erkor, das heil'ge Feuer ihr zu naͤhren, Vor deren Aug' allein ſie huͤllenlos erſcheint, Die ſie in ſanftem Bund um ſich vereint! Freut euch der ehrenvollen Stufe, Worauf die hohe Drdnung euch geſtellt In die erhabne Geiſterwelt War't ihr der Menſchheit erſte Stufe! Eh' ihr das Gleichmaß in die Welt gebracht, Dem alle Weſen freudig dienen— Ein unermeſſ'ner Bau im ſchwarzen Flor der Nacht, Naͤchſt um ihn her, mit mattem Strahl beſchienen, 108 Ein ſtreitendes Geſtaltenheer, Die ſeinen Sinn in Sklavenbanden hielten Und ungeſellig, rauh, wie er, Mit tanſend Kräften auf ihn zielten: — So ſtand die Schdpfung vor dem Wilden. Durch der Begierde blinde Feſſel nur An die Erſcheinungen gebunden, Entfloh ihm, ungenoſſen, unempfunden, Die ſchoͤne Seele der Natur. Und, wie ſie fliehend jetzt voruͤber fuhr, Ergriffet ihr die nachbarlichen Schatten Mit zartem Sinn, mit ſtiller Hand Und lerntet in harmon'ſchem Band Geſellig ſie zuſammen gatten. Leichtſchwebend fuͤhlte ſich der Blick Vom ſchlanken Wuchs der Ceder aufgezogen⸗ Gefallig ſirahlte der Kryſtall der Wogen Die huͤpfende Geſtalt zuruͤck. Wie konntet ihr des ſchoͤnen Winks verfehlen, Womit euch die Natur huͤlfreich entgegen kam? Die Kunſt, den Schatten ihr nachahmend abzuſtehlen, Wies euch das Bild, das auf der Woge ſchwamm. Von ihrem Weſen abgeſchieden, Ihr eignes liebliches Fantom, Warf ſie ſich in den Silberſtrom, Sich ihrem Raͤuber anzubieten. Die ſchoͤne Bildkraft ward in eurem Buſen wach. Zu edel ſchon, nicht muͤßig zu empfangen, Schuft ihr im Sand, im Thon den holden Schatten nach, Im Umriß ward ſein Daſeyn aufgefangen. 109 Lebendig regte ſich des Wirkens ſuͤße Luſt, Die erſte Schoͤpfung trat aus eurer Bruſt. Von der Betrachtung angehalten, Von eurem Späheraug⸗ umſtrickt, Verriethen die vertraulichen Geſtalten Den Talisman, wodurch ſie euch entzuͤckt. Die wunderwirkenden Geſetze, Des Reizes ausgeforſchte Schaͤtze Verknuͤpfte der erfindende Verſtand In leichtem Bund in Werken eurer Hand. Der Obeliste ſtieg, die Pyramide, Die Herme ſtand, die Saͤule ſprang empor, Des Waldes Melodie floß aus dem Haberrohr, Und Siegesthaten lebten in dem Liede. Die Auswahl einer Blumenflur, Mit weiſer Wahl in einen Strauß gebunden— So trat die erſte Kunſt aus der Natur; Jetzt werden Straͤuße ſchon in einen Kranz gewunden, Und eine zweite, hoͤhre Kunſt erſtand Aus Schoͤpfungen der Menſchenhand. Das Kind der Schoͤnheit, ſich allein genug, Vollendet ſchon aus eurer Hand gegangen, Verliert die Krone, die es trug, Sobald es Wirklichkeit empfangen. Die Saͤule muß, dem Gleichmaß unterthan, An ihre Schweſtern nachbarlich ſich ſchließen, Der Held im Heldenheer zerfließen. Des Maͤoniden Harfe ſtimmt voran. 110 Bald draͤngten ſich die ſtaunenden Barbaren Zu dieſen neuen Schoͤpfungen heran.. Seht, riefen die erfreuten Schaaren, Seht an, Das hat der Menſch gethan! In luſtigen, geſelligeren Paaren Riß ſie des Saͤngers Leyer nach, Der von Titanen ſang und Rieſenſchlachten Und Lowentoͤdtern, die, ſolang der Saͤnger ſprach, Aus ſeinen Hoͤrern Helden machten. Zum Erſtenmal genießt der Geiſt⸗ Erquickt von ruhigeren Freuden⸗ Die aus der Ferne nur ihn weiden⸗ Die ſeine Gier nicht in ſein Weſen reißt, Die im Genuſſe nicht verſcheiden. Jetzt wand ſich von dem Sinnenſchlafe Die freie, ſchoͤne Seele los; Durch euch entfeſſelt, ſprang der Sklave Der Sorge in der Freude Schoß. Jetzt fiel der Thierheit dumpfe Schranke, Und Menſchheit trat auf die entwolkte Stirn' Und der erhabne Fremdling, der Gedanke⸗ Sprang aus dem ſtaunenden Gehirn.„ Jetzt ſtand der Menſch und wies den Sternen Das koͤnigliche Angeſicht; Schon dankte nach erhabnen Fernen Sein ſprechend Aug' dem Sonnenlicht. Das Laͤcheln bluͤhte auf der Wange; Der Stimme ſeelenvolles Spiel Entfaltete ſich zum Geſange; Im feuchten Auge ſchwamm Gefuͤhl, 111 und Scherz mit Huld in anmuthsvollem Bunde Entquollen dem beſeelten Munde. Begraben in des Wurmes Triebe, Umſchlungen von des Sinnes Luſt, Erkanntet ihr in ſeiner Bruſt Den edeln Keim der Geiſterliebe. Daß von des Sinnes niederm Triebe Der Liebe beſſ'rer Keim ſich ſchied, Dankt er dem erſten Hirtenlied. Geadelt zur Gedankenwuͤrde, Floß die verſchaͤmtere Begierde Melodiſch aus des Saͤngers Mund. Sanft gluͤhten die bethauten Wangen; Das uͤberlebende Verlangen Verkuͤndigte der Seelen Bund. Der Weiſen Weiſeſtes, der Milden Milde, Der Starken Kraft, der Edeln Grazie Vermaͤhltet ihr in einem Bilde Und ſtelltet es in eine Glorie. Der Menſch erbebte vor dem Unbekannten, Er liebte ſeinen Widerſchein; Und herrliche Herven brannten, Dem großen Weſen gleich zu ſeyn. Den erſten Klang vom Urbild alles Schdnen— Ihr ließet ihn in der Natur ertoͤnen. Der Leidenſchaften wilden Drang, Des Gluͤckes regelloſe Spiele, Der Pflichten und Inſtinkte Zwang Stellt ihr mit pruͤfendem Gefuhle, 112 Mit ſtrengem Richtſcheit nach dem Ziele. Was die Natur auf ihrem großen Gange In weiten Fernen auseinander zieht, Wird auf dem Schauplatz, im Geſange Der Oroͤnung leicht gefaßtes Glied. Vom Eumenidenchor geſchrecket, 5 Zieht ſich der Mord, auch nie entdecket, Das Los des Todes aus dem Lied. Lang, eh' die Weiſen ihren Ausſpruch wagen, Lost eine Flias des Schickſals Raͤthſelfragen Der jugendlichen Vorwelt auf; Stil wandelte von Theſpis Wagen Die Vorſicht in den Weltenlauf. Doch in den großen Weltenlauf Ward euer Ebenmaß zu fruͤh getragen. Als des Geſchickes dunkle Hand, Was ſie vor eurem Auge ſchnuͤrte, Vor eurem Aug' nicht auseinander band, Das Leben in die Tiefe ſchwand, Eh' es den ſchoͤnen Kreis vollfuͤhrte— Da führtet ihr aus kuͤhner Eigenmacht Den Bogen weiter durch der Zukunft Nacht; Da ſtuͤrztet ihr euch ohne Beben In des Avernus ſchwarzen Oeean Und trafet das entflohne Leben Jenſeits der Urne wieder an; Da zeigte ſich mit umgeſtuͤrztem Lichte, An Kaſtor angelehnt, ein bluͤhend Polluxbild, Der Schatten in des Mondes Angeſichte, Eh' ſich der ſchone Silberkreis erfuͤllt. 113 Doch höher ſtets, zu immer hoͤhern Hoͤhen Schwang ſich das ſchaffende Genie. Schon ſieht man Schoͤpfungen aus Schoͤpfungen erſtehen, Aus Harmonien Harmonie. Was hier allein das trunkne Aug' entzuͤckt, Dient unterwuͤrfig dort der hoͤhern Schoͤne; Der Reiz, der dieſe Nymphe ſchmuͤckt, Schmilzt ſanft in eine gottliche Athene; Die Kraft, die in des Ringers Muskel ſchwillt, Muß in des Gottes Schoͤnheit lieblich ſchweigen; Das Staunen ſeiner Zeit, das ſtolze Jovisbild, Im Tempel zu Dlympia ſich neigen. Die Welt, verwandelt durch den Fleiß, Das Menſchenherz, bewegt von neuen Trieben, Die ſich in heißen Kämpfen uͤben, Erweitern euren Schopfungstreis. Der fortgeſchrittne Menſch traͤgt auf erhobnen Schwingen Dankbar die Kunſt mit ſich empor, Und neue Schoͤnheitswelten ſpringen Aus der bereicherten Natur hervor. Des Wiſſens Schranken gehen auf, Der Geiſt, in euren leichten Siegen Geuͤbt, mit ſchnell gezeitigtem Vergnuͤgen Ein kuͤnſtlich All von Reizen zu durcheilen, Stellt der Natur entlegenere Saͤulen, Ereilet ſie auf ihrem dunkeln Lauf. Jetzt wägt er ſie mit menſchlichen Gewichten, Mißt ſie mit Maßen, die ſie ihm geliehn; Verſtaͤndlicher in ſeiner Schdnheit Pflichten Muß ſie an ſeinem Aug' voruͤber ziehn. Schillers ſaͤmmtl. Werke. 1. 8 114 In ſelbſtgefaͤll'ger jugendlicher Freude Leiht er den Sphaͤren ſeine Harmonie, Und, preiſet er das Weltgebaͤude, So prangt es durch die Symmetrie. In Allem, was ihn jetzt umlebet, Spricht ihn das holde Gleichmaß an⸗ Der Schoͤnheit goldner Guͤrtel webet Sich mild in ſeine Lebensbahn; Die ſelige Vollendung ſchwebet In euren Werten ſiegend ihm voran⸗ Wohin die laute Freude eilet, Wohin der ſtille Kummer flieht, Wo die Betrachtung denkend weilet, Wo er des Elends Thraänen ſieht, Wo tauſend Schrecken auf ihn zielen⸗ Folgt ihm ein Harmonienbach, Sieht er die Huldgoͤttinnen ſpielen Und ringt in ſtill verfeinerten Gefuͤhlen Der lieblichen Begleitung nach. Sanft, wie des Reizes Linien ſich winden, Wie die Erſcheinungen um ihn In weichem Umriß ineinander ſchwinden, Flieht ſeines Lebens leichter Hauch dahin. Sein Geiſt zerrinnt im Harmonienmeere, Das ſeine Sinne wolluſtreich umfließt, Und der hinſchmelzende Gedanke ſchließt Sich ſtill an die allgegenwaͤrtige Eythere. Mit dem Geſchick in hoher Einigkeit, Gelaſſen hingeſtuͤtzt auf Grazien und Muſen, Empfaͤngt er das Geſchoß, das ihn bedraͤut⸗ 115 Mit freundlich dargebotnem Buſen Vom ſanften Bogen der Nothwendigkeit. Vertraute Lieblinge der ſel'gen Harmonie, Erfreuende Begleiter durch das Leben! Das Edelſte, das Theuerſte, was ſie, Die Leben gab, zum Leben uns gegeben, Daß der entjochte Menſch jetzt ſeiner Pflichten dentt, Die Feſſel liebet, die ihn lenkt, Kein Zufall mehr mit ehrnem Scepter ihm gebeut: Dies dankt euch— eure Ewigkeit Und ein erhabner Lohn in eurem Herzen. Daß um den Kelch, worin uns Freiheit rinnt Der Freude Gboͤtter luſtig ſcherzen, Der holde Traum ſich lieblich ſpinnt, Dafuͤr ſeyd liebevol umfangen! Dem prangenden, dem heitern Geiſt, Der die Nothwendigkeit mit Grazie umzogen Der ſeinen Aether, ſeinen Sternenbogen Mit Anmuth uns bedienen heißt, Der, wo er ſchreckt, noch durch Erhabenheit entzucket Und zum Verheeren ſelbſt ſich ſchmuͤcket, Dem großen Kuͤnſtler ahmt ihr nach. Wie auf dem ſpiegelhellen Bach Die bunten Ufer tanzend ſchweben, Das Abendroth, das Bluͤthenfeld: So ſchimmert auf dem duͤrft'gen Leben Der Dichtung muntre Schattenwelt. Ihr fuͤhret uns im Brautgewande Die fuͤrchterliche Unbekannte, Die unerweichte Parze vor. Wie eure Urnen die Gebeine, Decit ihr mit holdem Zauberſcheine Der Sorgen ſchauervollen Chor. Jahrtauſende hab' ich durcheilet⸗ Der Vorwelt unabſehlich Reich: Wie lacht die Menſchheit, wo ihr weilet! Wie traurig liegt ſie hinter euch! Die einſt mit fluͤchtigem Gefieder Voll Kraft aus euren Schdpferhaͤnden ſtieg, In eurem Arm fand ſie ſich wieder, Als durch der Zeiten ſtillen Sieg 3 Des Lebens Bluthe von der Wange, Die Stärte von den Gliedern wich, Und traurig, mit entnervtem Gange, Der Greis an ſeinem Stabe ſchlich⸗ Da reichtet ihr aus friſcher Quelle Dem Lechzenden die Lebenswellez Zweimal verjuͤngte ſich die Zeit, Zweimal von Samen, die ihr ausgeſtreut. Vertrieben von Barbarenheeren⸗ Entriſſet ihr den letzten Opferbrand Des Orients entheiligten Altaͤren Und brachtet ihn dem Abendland. Da ſtieg der ſchone Fluchtling aus dem Oſten, Der junge Tag im Weſten neu empor⸗ und auf Heſperiens Gefilden ſproßten Verjuͤngte Bluͤthen Joniens hervor. Die ſchonere Natur warf in die Seelen Sanft ſpiegelnd einen ſchonen Widerſchein, 117 Und prangend zog in die geſchmuͤckten Seelen Des Lichtes große Goͤttin ein. Da ſah man Millionen Ketten fallen, Und uͤber Selaven ſprach jetzt Menſchenrecht; Wie Bruͤder friedlich mit einander wallen, So mild erwuchs das juͤngere Geſchlecht. Mit innrer hoher Freudenfuͤlle Genießt ihr das gegebne Gluͤck Und tretet in der Demuth Hulle Mit ſchweigendem Verdienſt zuruͤck. Wenn auf des Denkens freigegebnen Bahnen Der Forſcher jetzt mit kuͤhnem Gluͤcke ſchweift Und, trunken von ſiegrufenden Päanen, Mit raſcher Hand ſchon nach der Krone greift; Wenn er mit niederm Soldnerslohne Den edeln Fuͤhrer zu entlaſſen glaubt Und neben dem getraͤumten Throne Der Kunſt den erſten Sklavenplatz erlaubt:— Verzeiht ihm— der Vollendung Krone Schwebt glaͤnzend uͤber eurem Haupt. Mit euch, des Fruͤhlings erſter Pflanze, Begann die ſeelenbildende Natur; Mit euch, dem freud'gen Erntekranze, Schließt die vollendende Natur. Die von dem Thon, dem Stein beſcheiden aufgeſtiegen, Die ſchoͤpferiſche Kunſt, umſchließt mit ſtillen Siegen Des Geiſtes unermeſſ'nes Reich. Was in des Wiſſens Land Entdecker nur erſiegen, Entdecken ſie, erſiegen ſie fuͤr euch. 118 Der Schaͤtze, die der Denker aufgehaͤufet, Wird er in eurem Arm erſt ſich freun, Wenn ſeine Wiſſenſchaft, der Schoͤnheit zugereifet, Zum Kunſtwerk wird geadelt ſeyn, Wenn er auf einen Huͤgel mit euch ſteiget⸗ Und ſeinem Ange ſich, in mildem Abendſchein, Das maleriſche Thal— auf Einmal zeiget. Je reicher ihr den ſchnellen Blick vergnuͤget, Je hoͤhre, ſchonre Ordnungen der Geiſt In einem Zauberbund durchflieget, 2 In einem ſchwelgenden Genuß umkreist;. Je weiter ſich Gedanken und Gefuͤhle Dem uͤppigeren Harmonienſpiele, Dem reichen Strom der Schoͤnheit aufgethan— Je ſchoͤnre Glieder aus dem Weltenplan, Die jetzt verſtuͤmmelt ſeine Schdpfung ſchänden⸗ Sieht er die hohen Formen dann vollenden, Je ſchonre Räthſel treten aus der Nacht, Je reicher wird die Welt, die er umſchließet⸗ Je breiter ſtroͤmt das Meer, mit dem er fließet⸗ Je ſchwaͤcher wird des Schickſals blinde Macht⸗ Je hoͤher ſtreben ſeine Triebe, Fe kleiner wird er ſelbſt, je großer ſeine Liebe. So fuͤhrt ihn, in verborgnem Lauf, Durch immer reinre Formen, reinre Toͤne, Durch immer hohre Hohn und immer ſchoͤnre Schone Der Dichtung Blumenleiter ſtill hinauf— Zuletzt, am reifen Ziel der Zeiten⸗ Noch eine gluͤckliche Begeiſterung, Des juͤngſten Menſchenalters Dichterſchwung, und— in der Wahrheit Arme wird er gleiten. 119 . Sie ſelbſt, die ſanfte Cypria, Umleuchtet von der Feuerkrone, Steht dann vor ihrem muͤnd'gen Sohne Entſchleiert als— Urania, So ſchneller nur von ihm erhaſchet, Je ſchoͤner er von ihr geflohn! So ſuͤß, ſo ſelig uͤberraſchet Stand einſt Ulyſſens edler Sohn, Da ſeiner Jugend himmliſcher Gefaͤhrte Zu Jovis Tochter ſich verklaͤrte. Der Menſchheit Wuͤrde iſt in eure Hand gegeben: Bewahret ſie! Sie ſinkt mit euch! Mit euch wird ſie ſich heben! Der Dichtung heilige Magie Dient einem weiſen Weltenplane: Still lenke ſie zum Oceane Der großen Harmonie! Von ihrer Zeit verſtoßen, fruchte Die ernſte Wahrheit zum Gedichte Und finde Schutz in der Kamenen Chor. In ihres Glanzes hochſter Fuͤlle, Furchtbarer in des Reizes Huͤlle, Erſtehe ſie in dem Geſange Und raͤche ſich mit Siegesklaenge An des Verfolgers feigem Ohr. Der freiſten Mutter freie Sohne, Schwingt euch mit feſtem Angeſicht Zum Strahlenſitz der hoͤchſten Schone! 120 Um andre Kronen buhlet nicht! Die Schweſter, die euch hier verſchwunden, Holt ihr im Schoß der Mutter ein: Was ſchdͤne Seelen ſchoͤn empfunden, Muß trefflich und vollkommen ſeyn. Erhebet euch mit kuͤhnem Fluͤgel Hoch uber euren Zeitenlauf! Fern daͤmmre ſchon in eurem Spiegel Das kommende Jahrhundert auf.* Auf tauſendfach verſchlungnen Wegen Der veichen Mannigfaltigkeit Kommt dann umarmend euch entgegen Am Thron der hohen Einigkeit! Wie ſich in ſieben milde Strahlen Der weiße Schimmer lieblich bricht, Wie ſieben Regenbogenſtrahlen Zerrinnen in das weiße Licht: So ſpielt in tanſendfacher Klarheit Bezaubernd um den trunknen Blick, So fließt in einen Bund der Wahrheit, In einen Strom des Lichts zuruͤck! Die berühmte Frau. Epiſtel eines Ehemanns an einen andern. Beklagen ſoll ich dich? Mit Thraͤnen bittrer Reue Wird Hymens Band von dir verflucht? Warum? weil deine Ungetreue In eines Andern Armen ſucht, 121 Was ihr die deinigen verſagen?— Freund, hoͤre fremse Leiden an Und lerne deine leichter twagen. Dich ſchmerzt, daß ſich in deine Rechte Ein Zweiter theilt?— Beneidenswerther Mann! Mein Weib gehoͤrt dem ganzen menſchlichen Geſchlechte. Vom Belt bis an der Moſel Strand, Bis an die Apenninenwand, Bis in die Vaterſtadt der Moden Wird ſie in allen Buden feil geboten, Muß ſie auf Diligencen, Packetbvoten Von jedem Schulfuchs, jedem Haſen Kunſtrichterlich ſich muſtern laſſen, Muß ſie der Brille des Philiſters ſtehn Und, wie's ein ſchmutz'ger Ariſtarch befohlen, Auf Blumen oder heißen Kohlen Zum Ehrentempel oder Pranger gehn. Ein Leipziger— daß Gott ihn ſtrafen wollte! Nimmt topographiſch ſie wie eine Feſtung auf Und bietet Gegenden dem Publikum zum Kauf⸗ Wovon ich bilrig doch allein nur ſprechen ſollte. „ Dein Weib— Dank den kanoniſchen Geſetzen— Weiß deiner Gattin TLitel doch zu ſchatzen. Sie weiß warum und thut ſehr wohl daran. Mich kennt man nur als Ninons Mann. Du klagſt, daß im Parterre und an den Pharotiſchen, Erſcheinſt du, alle Zungen ziſchen? D Mann des Gluͤcks! Wer einmal Das von ſich Zu ruͤhmen haͤtte!— Mich, Herr Bruder, mich, 122 Beſcheert mir endlich eine Molkenkur Das rare Gluͤck— den Platz an ihrer Linken, Mich merkt kein Aug'“ und alle Blicke winken Auf meine ſtolze Haͤlfte nur. Kaum iſt der Morgen grau, So kracht die Treppe ſchon von blaun und gelben Roͤcken, Mit Briefen, Ballen, unfrankirten Paͤcken, Signirt: an die beruͤhmte Frau. Sie ſchlaͤft ſo ſuͤß!— Doch darf ich ſie nicht ſchonen. „Die Zeitungen, Madame, aus Jena und Berlin!“ Raſch offnet ſich das Aug' der holden Schlaͤferin: Ihr erſter Blick fallt— auf Recenſionen. Das ſchoͤne blaue Auge— mir Nicht einen Blick!— durchirrt ein elendes Papier, (Laut hoͤrt man in der Kinderſtube weinen Sie legt es endlich weg und fragt nach ihren Kleinen. Die Toilette wartet ſchon, Doch halbe Blicke nur begluͤcken ihren Spiegel. Ein muͤrriſch ungeduldig Drohn Gibt der erſchrocknen Zofe Fluͤgel. Von ihrem Putztiſch ſind die Grazien entflohn, Und an der Stelle holder Amorinen Sieht man Erinnyen den Lockenbau bedienen. Caroſſen raſſeln jetzt heran, Und Miethlakaien ſpringen von den Tritten, Dem duͤftenden Abbé, dem Reichsbaron, dem Britten, Der— nur nichts Deutſches leſen kann, Großing und Compagnie, dem 3** Wundermann Gehdr bei der Beruͤhmten zu erbitten. 123 Ein Ding, das demuthsvoll ſich in die Ecke druͤckt Und Ehmann heißt, wird vornehm angeblickt. Hier darf ihr— wird dein Hausfreund ſo viel wagen! Der duͤmmſte Fat, der ärmſte Wicht, Wie ſehr er ſie bewundre, ſagen Und darf's vor meinem Angeſicht! Ich ſteh' dabei, und, will ich artig heißen, Muß ich ihn bitten, mitzuſpeiſen. Bei Tafel, Freund, beginnt erſt meine Noth, Da geht es uͤber meine Flaſchen! Mit Weinen von Burgund, die mir der Arzt verbot, Muß ich die Kehlen ihrer Lober waſchen. Mein ſchwer verdienter Biſſen Brod Wird hungriger Schmarotzer Beute; D dieſe leidige, vermaledeite Unſterblichkeit iſt meines Nierenſteiners Tod! Den Wurm an alle Finger, welche drucken! Was, meinſt du, ſey mein Dank? Ein Achſelzucken, Ein Mienenſpiel, ein ungeſchliffenes Beklagen— Erraͤthſt du's nicht? O, ich verſteh's genau! Daß den Brillant von einer Frau Ein ſolcher Pavian davon getragen. Der Fruͤhling kommt. Auf Wieſen und auf Feldern Streut die Natur den bunten Teppich hin; Die Blumen kleiden ſich in angenehmes Gruͤn, Die Lerche ſingt, es lebt in allen Waͤldern. — Ihr iſt der Fruͤhling wonneleer. Die Saͤngerin der ſußeſten Gefuͤhle, Der ſchoͤne Hain, der Zeuge unſrer Spiele, Sagt ihrem Herzen jetzt nichts mehr; 124 Die Nachtigallen haben nicht geleſen, Die Lilien bewundern nicht. Der allgemeine Jubelruf der Weſen Begeiſtert ſie— zu einem Sinngedicht. Doch nein! Die Jahrszeit iſt ſo ſchoͤn— zum Reiſen. Wie draͤngend voll mag's jetzt in Pyrmont ſeyn! Auch hoͤrt man uͤberall das Karlsbad preiſen. Huſch iſt ſie dort— in jenem ehrenvollen Reihn, Wo Griechen, untermiſcht mit Weiſen, Celebritaͤten aller Art, Vertraulich, wie in Charons Kahn, gepaart, An einem Tiſch zuſammen ſpeiſen; Wo eingeſchickt von fernen Meilen, Zerriſſene Tugenden von ihren Wunden heilen, Noch andre— ſie mit Wuͤrde zu beſtehn, Um die Verſuchung luͤſtern flehn— Dort, Freund— o, lerne dein Verhaͤngniß preiſen! Dort wandelt meine Frau und laͤßt mir ſieben Waiſen. D meiner Liebe erſtes Flitterjahr! Wie ſchnell— ach, wie ſo ſchnell biſt du entflogen! Ein Weib, wie keines iſt, und keines war, Mir von des Reizes Gottinnen erzogen, Mit hellem Geiſt, mit aufgethanem Sinn Und weichen, leicht beweglichen Gefuͤhlen— So ſah ich ſie, die Herzenfeßlerin, Gleich einem Maitag, mir zur Seite ſpielen; Das ſuͤße Wort: Ich liebe dich! Sprach aus dem holden Augenpaare— So fuͤhrt' ich ſie zum Traualtare: D, wer war gluͤcklicher, als ich! 125 Ein Bluthenfeld beneidenswerther Jahre Sah lachend mich aus dieſem Spiegel an, Mein Himmel war mir aufgethan. Schon ſah ich ſchoͤne Kinder um mich ſcherzen, In ihrem Kreis die Schonſte ſie, Die Glücklichſte von allen ſie Und mein durch Seelenharmonie, Durch ewig feſten Bund der Herzen. Und nun erſcheint— o, moͤg' ihn Gott verdammen! Ein großer Mann— ein ſchdner Geiſt. Der große Mann thut eine That!— und veißt Mein Kartenhaus von Himmelreich zuſammen. Wen hab' ich nun?— Beweinenswerther Tauſch! Erwacht aus dieſem Wonnerauſch, Waos iſt von dieſem Engel mir geblieben? Ein ſtarter Geiſt in einem zarten Leib, Ein Zwitter zwiſchen Mann und Weib, Gleich ungeſchickt zum Herrſchen wie zum Lieben, Ein Kind mit eines Rieſen Waffen, Ein Mittelding von Weiſen und von Affen! Um kummerlich dem ſtäͤrkern nachzukriechen, Dem ſchdneren Geſchlecht entflohn, Herabgeſtuͤrzt von einem Thron, Des Reizes heiligen Myſterien entwichen, Aus Cythereas goldnem Buch“ geſtrichen Fuͤr— einer Zeitung Gnadenlohn. * Goldnes Vuch: ſo wird in einigen italieniſchen Republiken das Verzeichniß genannt, in welchem die adeligen Familien eingeſchrieben ſtehen. 126 Einer jungen Freundin ins Stammbuch. Ein bluͤhend Kind, von Grazien und Scherzen Umhuͤpft— ſo, Freundin, ſpielt um dich die Welt; Doch ſo, wie ſie ſich malt in deinem Herzen, In deiner Seele ſchonen Spiegel faͤllt— So iſt ſie nicht. Die ſtillen Huldigungen⸗ Die deines Herzens Adel dir errungen, Die Wunder, die dn ſelbſt gethan, Die Reize, die dein Daſehn ihm gegeben, Die rechneſt du fuͤr Reize dieſem Leben, Fuͤr ſchoͤne Menſchlichkeit uns an. Dem holden Zauber nie entweihter Jugend, Dem Talisman der Unſchuld und der Tugend— Den will ich ſehn, der dieſem trotzen kann! Froh taumelſt du im ſuͤßen Ueberzaͤhlen Der Blumen, die um deine Pfade bluͤhn, Der Gluͤcklichen, die du gemacht, der Se Die du gewonnen haſt, dahin. Sey gluͤcklich in dem lieblichen Betruge! Nie ſtuͤrze von des Traumes ſtolzem Fluge Ein trauriges Erwachen dich herab. Den Blumen gleich, die deine Beete ſchmuͤcken, So pflanze ſie— nur den entfernten Blicken! Betrachte ſie, doch pfluͤcke ſie nicht ab. Geſchaffen, nur die Augen zu vergnuͤgen— Welk werden ſie zu deinen Fuͤßen liegen, Je naͤher dir, je naͤher ihrem Grab! Metriſche Ueberſetzungen. Vorerinnerung des Verfaſſers. Einige Freunde des Verfaſſers, die der lateiniſchen Sprache nicht kundig, aber fäͤhig ſind, jede Schoͤnheit der alten Claſſiker zu empfinden, wuͤnſchten durch ihn mit der Aeneis des großen roͤmiſchen Dichters etwas bekannt zu werden, von welcher, ſeines Wiſſens, noch keine nur irgend lesbare Ueber⸗ ſetzung ſich findet. Die hauptſaͤchlichſte Schweerigkeit, die ihm bei Aus⸗ fuͤhrung ſeines Vorhabens auſſtieß, war die Wahl einer Versart, bei welcher von den weſentlichen Vorzugen des Driginals am Wenigſten einge⸗ buͤßt wuͤrde, und welche Dasjenige, was ſchon allein der Sprachverſchieden⸗ heit wegen unvermeidlich verloren gehen mußte, von einer andern Seite einigermaßen erſetzen koͤnnte. Der deutſche Hexameter ſchien ihm dieſe Eigenſchaft nicht zu beſitzen, und er hielt ſich fuͤr uͤberzeugt, daß dieſes Sylbenmaß, ſelbſt nicht unter Klopſtock'ſchen und Voß'ſchen Baͤnden, die⸗ jenige Biegſamkeit, Barmonie und Mannigfaltigkeit erlangen könnte, welche Virgil ſeinem Ueherſetzer zur erſten Pflicht macht. Durch dieſes Medium alſo glaubte er es ſchlechterdings aufgeben zu muͤſſen, mit der Schoͤnhelt des Virgilbſchen Verſes zu ringen. Er glaubte, die ganz eigene magiſche Gewalt, wodurch der Virgil'ſche Vers uns hinreißt, in der ſelte⸗ nen Miſchung von Leichtigkeit und Kraft, Eleganz und Größe, Majeſtät und Anmuth zu finden, wobei der roͤmiſche Dichter von ſeiner Sprache unſtreitig weit mehr unterſtuͤtzt wurde, als der Deutſche von der ſeinigen hoffen kann. Mußte von dieſen beiden ſo verſchiedenen Eigenſchaften des Ausdrucks eine der andern in der Ueberſetzung nachgeſetzt werden, ſo glaubte Schillers ſämmtl. Werke. I. 9 130 er bei derjenigen Versart, welche der Kraft, Majeſtät und Wuͤrde zwar einigen Abbruch thut, aber dem Ausdruck von Grazie, Gelenkigkeit, Wohl⸗ klang deſto guͤnſtiger iſt, am allerwenigſten zu wagen. Staͤrke, Erhabenheit, Wuͤrde ſind weit weniger abhängig von der Form und bedurfen weit we⸗ niger von dem Ansdruck unterſtuͤtzt zu werden, als die letztern Eigen⸗ ſchaften; und wahre Kunſt, wahre Erhabenheit, wahres Pathos muß in jeder Art von Darſiellung der Probe halten, welches bei den andern Eigen⸗ ſchaften der Fall nicht iſt, denen man alſo durch eine gottliche Wahl der Form zu Puͤlfe kommen muß. Es ließe ſich vielleicht ſogar mit triftigen Gruͤnden behaupten, daß fuͤr einen ernſthaften, gewichtigen, pathetiſchen Inhalt die retzende leichte Form, ſo wie in einer bekannten Gattung des Komiſchen fuͤr den geringfuͤgigen Inhalt die feierliche Form, vorzuziehen ey. Die harten Schlaͤge, welche der Verfaſſer der Aeneis ſo oft auf das Berz ſeines Leſers fuͤhrt, der großentheils kriegeriſche Inhalt ſeines Gedichts, die ganze Gravität ſeines Ganges werden durch die gefaͤllige Versart ge⸗ mildert, und die Harmonie, die Anmuth in der Einkleidung ſoͤhnt vielleicht nicht ſelten mit der anſtrengenden, oft gar emporenden Schilderung aus. Dieſe Rückſicht vorzüglich bewog den Verfaſſer, den achtzeiligen Stanzen den Vorzug zu geben, derjenigen unter allen deutſchen Versarten, wobei unſte Sprache noch zuweilen ihrer angeſtammten Baͤrte vergißt und durch ihren maͤnnlichen Charakter doch noch hinlaͤnglich verhindert wird, ins Weichliche oder Spielende zu fallen. Der Verfaſſer konnte dieſe Wahl um ſo mehr bei ſich rechtfertigen, da es ſeit Erſcheinung des Idris und Oberon zur ausgemachten Wahrheit geworden iſt, daß die achtzeiligen Stanzen, beſonders mit einiger Freiheit behandelt, fuͤr das Große, Erhabene, Pa⸗ thetiſche und Schreckhafte ſelbſt einen Ausdruck haben— freilich nur unter den Baͤnden eines Meiſters; aber wer pflegt auch im erſien Feuer eine Entſchluſſes, und von Vegeiſternng hingeriſſen, eine ſo ſtrenge Abrechnung mit ſeinen Kraͤften zu halten, um Dasjenige, was die Form leiſiet, von Dem, was er ſelbſt dazu mitbringen muß, ſorgfoͤltig abzuſondern? Der Leſer wird entſcheiden, ob ſich der Perfaſſer auf das Inſtrument, das er 131 wählte, verſtanden hat; genug, wenn ihm nicht bewieſen werden kann, daß ſchon in der Wahl der Versart gefehlt worden ſey. Wer uͤbrigens die Schwierigkeiten kennt, die ſich einem Ueberſetzer der Aeneis, und vollends in einer gereimten Versart, in den Weg ſiellen, wird eher im Fall ſeyn, zu wenig als zu viel zu erwarten. Nicht die ge⸗ ringſte darunter war, eine glückliche Eintheilung zu treffen, weil der la⸗ teiniſche Dichter ſeinem Ueberſetzer nicht nur nicht vorgearbeitet, ſondern ſehr oft entgegen gearbeitet hat. Das lateiniſche Driginal bewegt ſich in einem ſtetigen Strome fort, und Virgil hat ſich in vollem Maße der Frei⸗ heit bedient, welche dieſe Form ihm gewaͤhrte. Dieſer fortſtroͤmende Gang des Gedichts mußte nun in der Ueberſetzung durch viele kurze Ruhepunkte unterbrochen, und ein einziges zuſammenhaͤngendes Ganze in mehrere kleine, ſich leicht aneinander ſchmiegende Ganze aufgeloͤst werden, wenn anders die Stanzenform ungezwungen ſcheinen, und das ſtlaviſche Gepraͤge einer Ueberſetzung verwiſcht werden ſollte. Bier konnte es freilich nicht fehlen, daß nicht oͤfters vier oder fuͤnf lateiniſche Bexameter in eine Stanze aus⸗ geſponnen, oder auch umgekehrt acht und neun Verſe des Driginals in den engen Raum von acht Stanzenzeilen gepreßt wurden. Bei einem Dichter, der ſich ſo wenig nehmen laͤßt, als Virgil, war die letztere Ope⸗ ration unſtreitig die bedenklichſte; doch glaubt der Verfaſſer, die ſeinem Driglual gebhrende Achtung ſelten oder nie dabei uͤbertreten zu haben. Es kam ihm zu Statten, daß ſelbſt der gedraͤngte, wortſparende Virgil, dem Wohllaut oder der unerbittlichen Versſorm zu gefallen, nicht ſelten ent⸗ behrliche Wiederholungen und ſelbſt Flickwoͤrter ſich erlaubte, welche die Schonung des Ueberſetzers weniger verdienten. Sehr gern unterwirft er ſich einer jeden kaltblütigen kritiſchen Pruͤ⸗ fung, was die Gewiſſenhaftigkeit und Treue ſeiner Ueberſetzung betrifft, derbittet ſich aber hiemit aufs Feierlichſte jede Vergleichung ſeiner Arbett, mit der unerreichbaren Diction des roͤmiſchen Dichters, welche unausbleib⸗ lich und ohne ſeine Schuld zu ſeinem Nachtheil ausfallen muß: denn er fordert alle geweſene, gegenwaͤrtige und noch kommende deutſche Dichter 132 auf, in einer ſo ſchwankenden, unbiegſamen, breiten, gothiſchen, rauh⸗ klingenden Sprache, als unſere liebe Mutterſprache iſt, mit der feinen Organtſatlon und dem muſikaliſchen Fluß der lateiniſchen ohne Nachtheil zu ringen. Von dem Gedanken weit entfernt, ſich an eine Ueberſetzung der ganzen Aeneis wagen zu wollen, verſpricht er in der Folge noch einige Bruchſtuͤcke aus dem vierten und ſechsten Buche, waͤre es auch nur, um den roͤmiſchen Dichter bei unſerm unlateiniſchen Publikum in die ihm gebuͤhrende Achtung zu ſetzen, welche er ohne ſeine Schuld ſcheint verſcherzt zu haben, ſeitdem es der Blumauer'ſchen Muſe gefallen hat, ihn dem einreißenden Geiſt der Frivolität zum Opfer zu bringen. * Die Zerſtörung von Trvja. Freie Ueberſetzung des zweiten Buchs der Aeneide. Still war's, und jedes Dhr ying an Aeneens Munde, Der alſo anhob vom erhabnen Pfuͤhl: Koͤnigin, du weckſt der alten Wunde Unnennbar ſchmerzliches Gefuͤhl! Von Trojas klaͤglichem Geſchick verlangſt du Kunde, Wie durch der Griechen Hand die Thraͤnenwerthe fiel, Die Drangſal' alle ſoll ich offenbaren,. Die ich geſehn und meiſtens ſelbſt erfahren. Wer, ſelbſt ein Myrmidon und Kampfgenoß Des grauſamen ucyß, erzaͤhtte thraͤnenlos! Und ſchon entflieht die feuchte Nacht, es laden Zum Schlaf die niedergehenden Pleiaden. Doch treibt dich ſo gewaltige Begier, Der Teutrer letzten Kampf und mein Geſchick zu hören, Sey's denn, wie ſehr auch die Erinnrung mir Die Seele ſchaudernd mag empdren! Der Griechen Fuͤrſten, aufgerieben Vom langen Krieg, vom Gluck zuruͤckgetrieben, Erbauen endlich durch Minervens Kunſt Ein Roß aus Fichtenholz, zum Berge aufgerichtet, 134 Begluͤckte Wiederkehr, wie ihre Liſt erdichtet, Dadurch zu flehen von der Gorter Gunſt. Der Kern der Tapferſten birgt ſich in dem Gebaͤude, Und Waffen ſind ſein Eingeweide.* Die Inſel Tenedos iſt aller Welt bekannt, Von Priams Stadt getrennt durch wen'ge Meilen, An Guͤtern reich, ſolange Troja ſtand, Fetzt ein verraͤtheriſcher Strand, Wo im Voruͤberzug die Kaufmannsſchiffe weilen. Dort birgt der Griechen Heer ſich auf verlaſſenem Sand. Wir wähnen es auf ewig abgezogen Und mit des Windes Hauch Mycenen zugeflogen. Alsbald ſpannt von dem langen Harme Die ganze Stadt der Teukrier ſich los; Heraus ſtuͤrzt alles Volt in frohem Jubelſchwarme, Dos Lager zu beſehn, aus dem ſein Leiden floß. Dort, heißt es, wuͤtheten der Myrmidonen Arme, Hier ſchwang Achill das ſchreckliche Geſchoß, Dort lag der Schiffe zahlenlos Gedraͤnge, Hier tobete das Handgemenge. Mit Staunen weilt der uͤberraſchte Blick Beim Wunderbau des ungeheuren Roſſes; Thymdt, ſey's boͤſer Wille, ſey's Geſchick, Wuͤnſcht es im innern Raum des Schloſſes. „Erſte Lesart: Und eiſern iſt ſein Eingeweide. 135 Doch, bang' vor dem verſteckten Feind, Räth Kapys an, und wer es redlich meint, Den ſchlimmen Fund dem Meer, dem Feuer zu vertrauen, Wo nicht, doch erſt ſein Innres zu beſchauen. Die Stimmen ſchwankten noch in ungewiſſem Streite, Als ihn der Prieſter des Neptun vernahm, Laokoon, mit maͤchtigem Geleite Von Pergams Thurm erhitzt herunter kam. Raſ't ihr, Dardanier? ruft er voll banger Sorgen, Ungluͤckliche, ihr glaubt, die Feinde ſey'n geflohn? Ein griechiſches Geſchenk, und kein Betrug verborgen? So ſchlecht kennt ihr Laertens Sohn? Wenn in dem Roſſe nicht verſteckte Feinde rauern, So droht es ſonſt Verderben unſern Mauern, So iſt es aufgethuͤrmt, die Stadt zu uͤberblicken, So ſollen ſich die Mauern buͤcken Vor ſeinem ſturzenden Gewicht, So iſt's ein anderer von ihren tauſend Raͤnken, Der hier ſich virgt. Trojaner, trauet nicht! Die Griechen furchte ich und doppelt, wenn ſie ſchenken. Dies ſagend, treibt er den gewalt'gen Speer Mit ſtarken Kraften in des Roſſes Lende, Es ſchuͤttert durch und durch, und weit umher Antworten dumpf die vollgeſtopften Waͤnde, Und, haͤtte nicht das Schickſal ihm gewehrt, Nicht eines Gottes Macht umnebelt ſeine Sinne, Jetzt haͤtte den Betrug ſein Eiſen aufgeſtoͤrt, 6 Noch ſtaͤnde Ilium und Pergams feſte Zinne. 136 Indeſſen wird durch eine Schaar von Hirten, Die Haͤnde auf dem Ruͤcken zugeſchnuͤrt, Mit laͤrmendem Geſchrei ein Juͤngling hergefuͤhrt. Der Juͤngling ſpielte den Verirrten Und bot freiwillig ſich den Banden dar, Durch falſche Botſchaft Troja zu verderben,* Mit dreiſter Stirn“ gefaßt auf jegliche Gefahr, Und gleich bereit zum Luͤgen oder Sterben. Ihn zu betrachten, ſammelt um und um Die wilde Jugend ſich aus Flium, Metteifernd hohnt mit herbem Spotte Den eingebrachten Fang die rachbegier'ge Rotte, Und, wehrlos bloßgeſtellt ſo vieler Feinde Grimm, Fliegt er mit aͤngſtlichſcheuem Blicke Die Reihen durch. Jetzt, Konigin, vernimm Aus einer Frevelthat der Griechen ganze Tuͤcke! Weh'! ruft er aus, wo dffnet ſich ein Port, Wo thut ein Meer ſich auf, mich zu empfangen? Wo bleibt mir Elenden ein Zufluchtsort? Dem Schwert der Griechen kaum entgangen, Seh' ich der Trojer Haß nach meinem Blut verlangen! Schnell umgeſtimmt von dieſem Wort, Legt ſich der wilde Sturm der Schaaren, Und man ermahnt ihn, fortzufahren. Weß Stamms er ſey, was ihn hieher gebracht, Ihm Lebenshoffnung ließ, ſelbſt in des Feindes Macht, Soll er bekennen. Furcht und Ansſt verſchwanden. Was es auch ſey, ruft er, dir, Koͤnig, ſey's geſtanden! 137 — Empfange den Beweis von Sinons Redlichkeit. Ich lengne nicht, zum PVolk der Griechen zu gehoͤren. Hat mein Verhaͤngniß gleich dem Elend mich geweiht, Zum Luͤgner ſoll es nimmer mich entehren. Trug das Gerucht vielleicht den Namen und die Thaten Des großen Palamed zu deinem Ohr, Der, boshaft angeklagt, weil er den Krieg mißrathen, Sein Leben durch der Griechen Spruch verlor, Den ſie im Grabe ſchmerzlich jetzt beklagen? Mit dieſem hat, er iſt mir anverwandt, Seit dieſes Krieges erſten Tagen Der duͤrft'ge Vater mich nach Aſien geſandt. Solange Palamed der Herrſchaft ſich erfreute Und in dem Rath der Koͤnige mitſaß, Stand ich geehrt und gluͤcklich ihm zur Seite. Doch Das verging, als ihn Ulyſſens Haß, Wer kennt den Schwaͤtzer nicht? dem Ortus uͤbergeben. Da floß in Trauer hin mein unbemerktes Leben, Und der verhaltnen Rache Schmerz Zernagte ſtill mein wundes Herz. Weh' mir, daß ich ſie nicht verſchwieg, Zu laut zu ſeinem Raͤcher mich erkläͤrte, Wenn einſt ein Gott aus dieſem Krieg Siegreiche Heimkehr mir gewaͤhrte! Mit eitler Rede weckt' ich ſchweren Groll. Seitdem ermudete, mir Feinde zu erwecken, Ulyſſes nicht und wußte rachevoll Mit immer neuen Raͤnken mich zu ſchrecken. 138 Auch ruh. er nimmermehr, bis Kalchas— doch warum Mit widrigem Bericht fruchtlos die Zeit verlieren? Verurtheilt Alle, die ihn uͤhren, Der Name Grieche ſchon in Flium: Wohlan, ſo wuͤrgt mich ohne Schonen! Das wird dem Ithaker willtommne Botſchaft ſeyn, Das wird die Soͤhne Atreus hoch erfreun, Und berrlich werden ſie's euch lohnen. Dhn' Ahnung bes Betrugs, der aus dem Griechen ſpricht, Steigt unſre Neugier, ihm den Aufſchluß abzufragen, Und er, mit ſchlau verſtelltem Zagen, Vollendet ſo den taͤuſchenden Bericht: Oft, ſpricht er, war der Wunſch lebendig bei dem Heere, Der langen Kriegesnoth ſich endlich zu entziehn, Von Troja heimlich zu entfliehn. O, daß es doch geſchehen waͤre! Stets hinderten die frohe Wiederkehr Der rauhe Suͤd und das empoͤrte Meer. Dies Roß von Fichtenholz ſtand laͤngſt ſchon aufgethuͤrmet, Als, vom Orkan gepeitſcht, die finſtre Luft geſtuͤrmet. Verlegen ſendet man zuletzt Euripylus, Zu fragen an des Schickſals Throne, Nach Delphi zu Latonens Sohne; Der kommt zuruͤck mit dieſem traur'gen Schluß: Mit Blut erkauftet ihr die Herfahrt von den Winden, Und eine Jungfrau ſiel an Deliens Altar. Mit Blut allein konnt ihr den Ruͤckweg finden: Ein Grieche bringe ſich zum Todesopfer dar. 139 Eiskalte Angſt burchlief die zitternden Gebeine, Als in dem Lager dieſe Poſt erklang, Und jedes Auge fragte bang: Wen wohl der Zorn der Gottheit meine? Jetzt riß Ulyß mit rarmendem Geſchrei Den Seher Kalchas in des Heeres Mitte Und dringt in ihn mit ungeſtuͤmer Bitte, Zu ſagen, weſſen Haupt zum Tod bezeichnet ſey? Schon ließen Viele mich, mit ahnungsvollem Grauen, Des Schalks verruchten Plan und mein Verderben ſchauen. Zehn Tage ſchließt der Prieſter ſchlan ſich ein, Um Keinen aus dem Volk dem Untergang zu weihn. Zuletzt, als könnt' er dem beredten Flehn Ulyſſens nicht mehr widerſtehn, Laßt er geſchickt den Namen ſich entreißen Und zeichnet mich dem Moͤrdereiſen. Man ſtimmt ihm bei, und froh ſieht Jeder die Gefahr, Die Alle gleich bedroht, auf Einen abgeleitet. Der Ungluͤckstag iſt da, die Binde ſchmuͤckt mein Haar, Man ſtreut das Mehl, das Opfer iſt bereitet. Ja, da entriß ich mich dem Tod, zerbrach die Bande Und harrete des Nachts in eines Sumpfes Rohr, Bis die Armee, wenn ſie zum Vaterlande Vielleicht ſich eingeſchifft, vom Ufer ſich verlor. Nie werd' ich, ach! die Heimat mehr begruͤßen, Nie Vater, Kinder mehr in dieſe Arme ſchließen, Und mein Entrinnen rächt vielleicht die Wuth Der Danaer an dieſem theuren Blut. 140 Und nun, bei allen himmliſchen Dämonen, Die in des Herzens tiefſte Falten ſehn, Wenn Treu' und Glaube noch auf Erden irgend wohnen, 8 ſo vier Leiden dir zu Herzen gehn! du Erbarmen mit dem Unglücksvollen, r, was er nicht verſchuldete, erfuhr!— Wir ſehen jammernd ſeine Thraͤnen rollen; Es ſiegt in uns die Stimme der Natur. Sogleich räßt Priamus der Haͤnde Band ihm loͤſen Und ſpricht ihm Troſt mit milden Worten ein. Du biſt, ſpricht er, ein Danaer geweſen; Wer du auch ſeyſt, hinfort wirſt du der Unſre ſeyn. Und jetzt laß Wahyrheit mich auf meine Fragen yoren: Warum, wozu das ungeheure Roß Wer gab es an? warum ſo rieſengroß? Zu welchem Brauch? ſprich! welchem Gott zu Ehren? Er ſprach's, und jener Boͤſewicht, gewandt In jeder Liſt, Pelasger im Betrugen, Hebt himmelan die losgebundne Hand. Dich, ruft er, ew'ges Licht, dich, Rächer aller Luͤgen, Dich, Opferherd, dem ich durch Flucht entrann, Dich, frevelhafter Stahl, den Mordgier auf mich zuͤckte, Dich, prieſterliches Band, das meine Schlaͤfe ſchmuͤckte, Euch ruf' ich jetzt zu Zeugen an! Von jeder Pflicht, die mich an Griechen band, Erklär' ich mich auf ewig losgezaͤhlet. Fuͤr Sinon gibt's hinfort kein Vaterland, Ich mache laut, was ihre Liſt verhehlet. 141 Gedenke du nur deines Wortes, Fuͤrſt, Und ſchone, Troja, Den, der Rettung dir geſchenket, Iſt's anders wahr, was du jetzt hoͤren wirſt, Und werth, daß man es uͤberdenket. Von jeher barg im Krieg mit Flium Minervens Schutz der Myrmidonen Schwaͤche; Doch ſeit Ulyß, der Schalk, und Diomed, der Freche, Der Goͤttin Bild aus ihrem Heiligthum Zu reißen ſich ertühnt, die Huͤter zu durchbohren, Der Jungfrau Stirne ſelbſt mit mordbefleckter Hand Verwegen zu beruͤhren, ſchwand Der Griechen Gluͤck dahin, ging ihre Kraft verloren. Auf immer war Athenens Gunſt entwichen, „ Bald zeigte ſich in fuͤrchterlichen Erſcheinungen der Gottin Strafgericht. Kaum ſteht das Bild im Lager ſtill, ſo blitzen Die offnen Augen, und die Glieder ſchwitzen, Und dreimal ſcheint Entſetzliches Geſicht!) Die Goͤttin ſich vom Boden zu erheben, Und Schild und Lanze ſchuͤtternd zu erbeben.* Ein Gott gebeut jetzt durch des Sehers Mund, Auf ſchneller Flucht die Heimat zu gewinnen: Denn nimmer fallen durch der Griechen Bund, So ſpricht das Schictſal, Pergams feſte Zinnen, * Erſte Lesart: Und dreimal ſieigt, entſetzliches Geſicht! Mit Schild und Speer und wuͤthender Geberde Die Goͤttin ſelbſt aus der zerriſſenen Erde. 142 Sie hätten denn aufs Neu' der Heimat Strand beruͤhrt, In wiederholter Fei'r die Goͤtter zu befragen, Zum alten Heiligthum das Bild zuruͤckgetragen, Das ſie auf krummen Schiffen weggefuͤhrt. Jetzt zwar ſind ſie nach Argos heimgefahren, Doch fuͤhrt ſie Kalchas bald mit neuen Kriegerſchaaren Und Goͤttern furchtbarer zuruͤck. Dies Roß Ward aufgethuͤrmt, den Zorn der Pallas zu verſoͤhnen, Und nicht umſonſt ſeht ihr's ſo rieſengroß. Es ſollte der Koloß das enge Thor verhoͤhnen, Nie ſollt' euch der Beſitz des Wunderbilds erfreun, Nie ſollt' es eurer Stadt den alten Schutz erneun. Denn, wagtet ihr's, Minervens Heiligthum Mit Frevelhaͤnden zu verſehren, So traf der Goͤttin Fluch ganz Flium. Moͤcht' ihn ein Gott auf ihre Haͤupter kehren!) Doch, haͤttet ihr mit eigner Hand Dies Roß in eure Stadt gezogen, So waͤlzte Aſien zu uns des Krieges Wogen, Und weh' dann uͤber Griechenland! Von dieſer Lugen ſchlau gewebten Banden Ward unſer redlich Herz umſtrickt; Der Zweifel wird in jeder Bruſt erſtickt. Die dem Tyodiden maͤnnlich widerſtanden, Die der theſſaliſche Achill nicht zwang, Nicht zehenjaͤhr'ge Kriegeslaſten, Nicht das Gewuͤhl von tauſend Maſten, Weint ein Betruͤger in den Untergang! FHFDH+FFÜYÜHÜ˖ÜY§Ü“FF „ 143 Jetzt aber ſtellt ſich den entſetzten Blicken Ein unerwartet, ſchrecklich Schauſpiel dar. Es ſtand, den Opferfarren zu zerſtuͤcken, Laokvon am feſtlichen Altar. Da kam(mir bebt die Zung', es auszudruͤcken) Von Tenedos ein graͤßlich Schlangenpaar, Den Schweif gerollt in fuͤrchtertichem Bogen, Dahergeſchwommen auf den ſtillen Wogen. Die Bruͤſte ſteigen aus dem Wellenbade, Hoch aus den Waſſern ſteigt der Kaͤmme blut'ge Glut, Und nachgeſchleift in ungeheurem Rade Netzt ſich der lange Ruͤcken in der Flut, Lautrauſchend ſchaͤumt es unter ihrem Pfade, Im blut'gen Auge flammt des Hungers Wuth, Gewetzt am Rachen ziſchen ihre Zungen: So kommen ſie ans Land geſprungen. Der bloße Anblick bleicht ſchon alle Wangen, Und auseinander flieht die furchtentſeelte Schaar; Der pfeilgerade Schuß der Schlangen Erwaͤhlt ſich nur den Prieſter am Altar. Der Knaben zitternd Paar ſieht man ſie ſchnell umwinden, Den erſten Hunger ſtillt der Soͤhne Blut; Der Ungluͤckſeligen Gebeine ſchwinden Dahin von ihres Biſſes Wuth. Zum Beiſtand ſchwingt der Vater ſein Geſchoß; Doch in dem Augenblick ergreifen Die Ungeheu'r ihn ſelbſt, er ſteht bewegungslos, Geklemmt von ihres Leibes Reifen; 6 Zwei Ringe ſieht man ſie um ſeinen Hals und noch Zwei andre ſchnell um Bruſt und Huͤfte ſtricken, Und furchtbar uͤberragen ſie ihn doch Mit ihren hohen Haͤlſen und Genicken.* Der Knoten furchtbares Gewinde Gewaltſam zu zerreißen, ſtrengt Der Arme Kraft ſich an; des Geifers Schaum beſprengt Und ſchwarzes Gift die prieſterliche Binde. Des Schmerzes Hoͤllenqual durchdringt Der Wolken Schoß mit berſtendem Geheule: So bruͤllt der Stier, wenn er, gefehlt vom Beile Und blutend, dem Altar entſpringt. Die Drachen bringt ein blitzgeſchwinder Schuß Zum Heiligthum der furchtbarn Tritonide; Dort legen ſie ſich zu der Goͤttin Fuß, Beſchirmt vom weiten Umkreis der Aegide. Entſetzen bleibt in jeder Bruſt zuruͤck, Gerechte Buͤßung heißt Laokoons Geſchick, Der frech und kuͤhn das Heilige und Hehre Verletzt mit frevelhaftem Speere. Zum Tempel, ruft das Volk, mit dem geweihten Bilde! Und flehet an der Goͤttin Milde! Sogleich ſtrengt jeder Arm ſich an, Die Mauer wird getheilt, die Stadt iſt aufgethan, * Erſte Lesart: Zwei Ringe haben ſich um ſeinen Bals geſtrickt, Zweimal den Schuppenleib geſchnürt um Bruſt und Huͤften, Und ihres Halſes ſchwanke Saͤule nickt Boch uͤber ſeinem Scheitel in den Luͤften. 145 Und auf der Walze kuͤnſtlichen Wogen Rollt es dahin, von Straͤngen fortgezogen; Verderbentraͤchtig, ſchwanger mit dem Blitz Der Waffen, rollt's in Priams Koͤnigsſit. Und hochbegruͤckt, den Strang beruͤhrt zu haben, Der es bewegt, begleiten Jungfrauen und Knaben Mit heil'gen Liedern die verehrte Laſt. D meine Vaterſtadt, ſo reich an Siegeskronen! D heil'ges Land, wo ſo viel Goͤtter thronen! In deiner Mitte ſteht der furchterliche Gaſt. Viermal hat es am Eingang ſtil gehalten, Und viermal klang das Erz in ſeines Bauches Falten. Uns warnt es nicht! Von wuͤthender Begierde Verblendet, ſetzen wir die ungluͤckſchwangre Buͤrde Beim Tempel ab. Apolls Drakel ſpricht Weisſagend aus Kaſſandrens Munde, Es ſpricht von Trojas letzter Stunde; Wir glauben ſelbſt der Gottheit nicht. Von feſtlich gruͤnem Laub muß jeder Tempel wehen, Und— morgen iſt's um uns geſchehen! Indeſſen wandelt ſich des Himmels Bogen, Und Nacht ſtuͤrzt auf des Meeres Wogen, Mit breitem Schatten huͤllt ſie Land und Hain Und den Betrug der Myrmidonen ein. In Trojas Mauern faͤngt es an zu ſchweigen, Der Schlummer ſpannt die muͤden Glieder los; Da naht, den Mond allein zum ſtillen Zeugen, Der Griechen Flotte ſich von Tenedos. Schillers ſämmtl. Werke. 1. 10 146 Geleitet von dem Feuerbrande, Der aus dem koͤniglichen Schiffe blitzt, Dringt ſie hinan zum wohlbekannten Strande, Und, von der Goͤttin Grimm beſchuͤst, Erdffnet Sinon ſtill den Bauch der Fichte: Gehorſam gibt das aufgethane Roß Die Krieger von ſich, die ſein Leib verſchloß, Und hocherfreut entſpringen ſie zum Lichte⸗ Herab am Seile gleiten ſchnell die Fuͤrſten Therſandrus, Sthenelus, Machaon, Akamas; Ihm folgt mit Blicken, die nach Blute duͤrſten, Uulyß, Neoptolem, drauf Thoas, Menelas, Zuletzt Epeus, der das Roß gefuͤgt; Sie ſtuͤrzen in die Stadt, die Wein und Schlaf beſiegt; Die Wachen wuͤrgt ihr Stahl, indeß ſchon die Genoſſen, Durchs Thor eindringend, zu den Fürſten ſtoßen. d Schon neigte aus der Goͤtter Hand Des erſten Schlummers Wohlthat ſich hernieder Und ſchloß mit ſuͤßem Zauberband Die kummerſchweren Augenlieder. Da ſah ich Hektors Schattenbild Im Traumgeſichte mir erſcheinen, In tiefe Trauer eingehuͤllt, Ergoſſen in ein lautes Weinen.* * Erſte Lesart: Den Blick in tiefen Gram gehuͤllt, Der Stimme Ton erſtickt von lautem Weinen. ———— 147 So wie ihn einſt durch des Skamanders Feld Des rauhen Siegers Zweigeſpann geriſſen, Von blut'gem Staub geſchwaͤrzt und mit durchbohrten Fuͤßen, Ihr Goͤtter, wie von. Schmach entſtelt! Der Hektor nicht mehr, der, gleich einem Gotte In des Peliden Ruͤſtung heimgekehrt, Den Feuerbrand von der Trojaner Herd Geſchleudert hatte in der Griechen Flotte. Den Bart befleckt, der Locken ſchoͤnes Wallen Gehemmt von blut'gem Leime, ſtand er da, Den Leib beſaͤt mit jenen Wunden allen, Die Trojas Mauer ihn empfangen ſah. Den hohen Schatten zu beſprechen, Gebietet mir des Herzens feur'ger Drang; Die Wange brennt von heißen Thraͤnenbaͤchen, Und von den Lippen flieht der Trauerklang: „D Trojas Hoffnung, die uns nie betrogen, D du, nach dem das Herz geſchmachtet hat!. O, ſey willtommen, Licht der Vaterſtadt! Warum und wo haſt du ſo lang verzogen? So viele Kaͤmpfe mußten wir beſtehn, Von ſo viel Noth und Herzensangſt ermatten, So viel geliebte Leichname beſtatten, Eh' dich die Freunde wieder ſehn! 5 D, ſprich, und welcher Frevel durft' es wagen, Der Augen ſonnenheitern Schein Mit Blut und Staub unwuͤrdig zu entweihn? Was ſollen dieſe Wundenmaler ſagen?“ 148 Doch keinen Laut verlor der Geiſt⸗ Des Fragers eitle Neugier zu vergnuͤgen⸗ Bis unter tief geholten Odemzuͤgen Ein ſchweres Ach der Zunge Band durchreißt. „Fort, Gottinſohn! Fort, fort aus dieſem Brand! Die Mauern ſind in Feindes Hand⸗ Die ſtolze Troja ſtuͤrzt von ihren Hohen⸗ Genug, genug iſt fuͤr das Vaterland, Genug fuͤr Priams Thron geſchehen! Waͤr's eines Mannes tapfre Hand, Die Trojas letztes Schickſal wendet⸗ So hätt' es dieſer Arm vollendet.“ Die Heiligthuͤmer ſind dir uͤbergeben, Nimm zu Gefaͤhrten ſie auf deiner flͤcht'gen Bahn!. Fuͤr ſie wirſt du ein neues Jlium erheben Nach langer Irrfahrt auf dem Deean.“ Er ſpricht's und holt in ſchneller Eile Mir vom Altar mit eigner Hand Der maͤcht'gen Veſta heil'ge Saͤule, Den Prieſterſchmuck, den ew'gen Feuerbrand. Und draußen hoͤrt man ſchon ein tauſendſtimmig Heulen F Mit wachſendem Getdn' die bangen Luͤfte theilen, ² Es dringt der Waffen eiſernes Gebrauſe Bis zu Anchiſens, meines Vaters, Hauſe, * Erſte Lesart: War Pergamus durch eines Kriegers Eiſen Dem letzten Schickſal zu entreißen, Glaub' mir, ſo war's durch Bektors Hand. 149 Das hinter Baͤumen einſam ſich verlor; Es donnert aus dem Schlummer mich empor; Den hoͤchſten Standort waͤhl' ich mir im Hauſe Und ſtehe da mit offnem Ohr. So fallen Feuerflammen ins Getreide, Gejagt vom Wind, ſo ſtuͤrzt der Wetterbach Sich rauſchend nieder von des Berges Haide; Zertreten liegt, ſoweit er Bahn ſich brach, Der Schweiß der Rinder und des Schnitters Freude, Und umgeriſſene Waͤlder ſturzen nach, Es horcht der Hirt, unwiſſend, wo es droͤhne, Vom fernen Fels verwundert dem Getdne. Jetzt lag es kund und aufgethan, Wie Danaer auf Treu' und Glauben haiten! Das Truggeweb' ſieht man jetzt ſchrecklich ſich entfalten; Schon liegt, beſiegt vom praſſelnden Vulcan, Deiphobus erhabne Burg im Staube, Schon wird Ukalegons, ihr Nachbar, ihm zum Raube, Und des ſigaͤ'ſchen Sundes Flut Scheint wider von des Feuers Glut.⸗ Von lautem Kriegsgeſchrei erzittern jetzt die Zinnen, Und ſchrecklich ſchmettert des Achaiers Horn. Sinnlos bewaffn' ich mich. Bewaffnet was beginnen? Ein Heer zu ſammeln ſchnell, treibt mich der edle Zorn, * Erſte Lesart; Vom flammenrothen Widerſcheine brennt Des Meeres Spiegel und das Firmament. 150⁰ Und mit der Freunde Schaar die Veſte zu gewinnen. Verzweiflung ſelbſt iſt des Entſchluſſes Sporn. Will, ruf' ich aus, das Schickſal mit uns enden, So ſtirbt ſich's ſchon, die Waffen in den Haͤnden. Indem ſeh' ich, entflohn der Feinde Pfeilen, Den Prieſter des Apoll bei mir voruͤber eilen; Die uͤberwundnen Goͤtter in der Hand, Am Arm den kleinen Sohn, flieht er betaͤubt zum Strand. Halt', rief ich, o, halt' an, mich zu belehren, Mein Panthus, was beſchließt das zuͤrnende Geſchick? Welch feſtes Schloß wird uns noch Schutz gewaͤhren? Da gibt er ſeufzend mir zuruͤck: Der Tage letzter iſt vorhanden, Gekommen iſt die unabwendbar boſe Zeit; Einſt gab es Teukrer, Troja hat geſtanden, Und ſeines Ruhmes Schimmer ſtrahlte weit. Der grimme Zeus gab Alles dem Argeier, Der waltet jetzt in der entflammten Stadt; Bewaffnete ergießt das Ungeheuer, und Sinon ſchuͤrt die Glut, frohlockend ſeiner That. Und durch die zweifach offnen Thore wogen Schon Tauſende und Tauſende einher, Als aus dem raͤumigen Mycene nie gezogen; Es ſtehen Andre mit geſtrecktem Speer, Mordluſtig hingepflanzt auf engen Wegen, Des Eiſens Blitz ſtarrt jeder Bruſt entgegen. Kaum thun die erſten Wachen Widerſtand⸗ Und wagen das Gefecht mit ungewiſſer Hand. 151 Von dieſen Reden feurig aufgefodert, Und fortgezogen von der Goͤtter Macht, Flieg' ich dahin, wo's hoher, heller lodert, Der Donner ſtͤrzender Palaͤſte kracht, Wo vom Geſchrei und vom Geklirr der Eiſen Die Luft erbebt, wohin die Furien mich reißen; Der guͤnſt'ge Mond gibt mir den trefflichen Epyt Und Ripheus Staͤrke zu Begleitern mit. Dymas und Hypanis beſeelen gleiche Triebe, Auch Mygdons Sohn, Chordbus, folgt dem Zug, Den für Kaſſandra die unſelge Liebe Verhängnißvoll zu Trojas Ende trug. Dem Vater ſeiner Braut bracht' er huͤlfreiche Schaaren Und glaubte nicht dem warnungsvollen Laut, Nicht den verkuͤndigten Gefahren Im Mund der gottbeſeelten Braut. Wohlan, beginn' ich zu der kampfbegier'gen Jugend, Ihr Herzen, jetzt umſonſt voll Heldentugend! Gewichen ſind, ihr ſeht's, aus allen ihren Sitzen Die Gotter, welche Troja ſchuͤtzen. Treibt euch der Muth, dem kuͤhnen Fuͤhrer nachzugehn, Kommt, der entflammten Troja beizuſtehn, Kommt mit mir, kommt und fechtend endigt euer Leben! Beſiegte rettet nichts, als Rettung aufzugeben. Entflammet durch dies Wort iſt ihres Eifers Glut, Und, Wolfen gleich, die durch den Nebel ſpuͤrend ſchleichen, Herausgeſtachelt von des Hungers Wuth, Mit trocknem Gaum erwartet von der Brut, 152 Seht's zum gewiſſen Tod durch Schwerter und durch Leichen. Der hohlen Nacht furchtbare Schatten ſtreichen Rings durch die Straßen; unſer kuͤhner Muth Verſchmaͤht, aus Trojas Mitte zu entweichen. D Nacht des Grauens, welcher Mund Spricht deine Schrecken aus, die Todesnoth der Meinen! Wer macht die Opfer, die du wuͤrgteſt, kund! Wo nehm' ich Thraͤnen her, ſie zu beweinen! Sie faͤllt, die hohe Stadt, ſeit grauem Alterthum Gewohnt zu herrſchen und zu ſiegen. Auf Straßen, Schwellen, ſelbſt im Heiligthum Der Gboͤtter ſieht man Todtentorper liegen. Doch glaube nicht, daß nur trojaniſch Blut Der Nächte ſchrecktichſte getrunken. Auch meines PVolts erſtorbner Muth Glimmt auf in manchem Heldenfunken, Und dann fließt auch des Siegers Blut. Der Ansſt, der Qual, des Jammers Stimmen ſpalten Des Hoͤrers Ohr, wo nur das Auge ruht, Des Todes ſchrecklich wechſelnde Geſtalten! Von Feinden warf zuerſt mit einer großen Schaar Androgeos ſich uns entgegen. Sein Irrthum ſtellt in uns der Freunde Heer ihm dar. Auf, Bruder, eilt! ruft er. Woher ſo ſpät, ihr Traͤgen? Die Andern tragen ſchon das ganze Pergam ſort; Ihr habt erſt jetzt den Schiffen euch entriſſen? Kaum endigt er, ſo ſagt ihm ein verdaͤchtig Wort, Daß Feindeshaufen ihn umſchließen. 5 153 Sein Fuß erſtarrt, und auf den Lippen ſtirbt die Stimme. So zittert, wer, in Dornen tief verſteckt, Die Natter unverhofft mit rauhem Fußtritt weckt; Ihr blauer Hals ſchwillt an, mit gift'gem Grimme Knirſcht ſie empor, und bleich frieht er zuruͤck. So wendet bei geſchaͤrftem Blick Androgeos erſchrocken um. Wir dringen In ſeine dichte Schaar, es miſchen ſich die Kringen. In Troja fremd und halb vor Furcht entſeelt, erliegen Sie unſerm Arm. Den Anfang kroͤnt das Gluͤck. Auf, Freunde, ruft, erhitzt von dieſen erſten Siegen⸗ Chordbus, voll von Muth. Es zeigt uns das Geſchick In dieſem Zufall ſelbſt den Weg zum Leben. Vertauſcht den Schild! den griech'ſchen Helm aufs Haupt! Liſt oder Kraft— was waͤre Feinden nicht erlaubt? Die Todten werden Waffen geben. Er ſpricht's, und ſchleunig weht auf ſeinem Haupt Des fremden Helmes Buſch, Androgeos geraubt. Er eilt, des Schildes Zierde zu vertauſchen, Und laͤßt ein griechiſch Schwert von ſeinen Huͤften rauſchen. Ihm folgt die ganze Jugend und umhaͤngt Sich ſchnell die friſch gemachte Beute. So ſtuͤrzen wir, mit Danaern vermengt, Doch ohne unſern Gott! zum Streite. Begünſtigt von der blinden Nacht, Gelingt uns manche heiße Schlacht, Und mancher Grieche fält von unſern Streichen. Schon fliehn ſie ſchagrenweis, dem drohenden Geſchick 154 Am ſichern Bord der Schiffe zu entweichen; Bis in des Roſſes Bauch ſcheucht ſie die Furcht zuruck. Ach, Niemand ſchmeichle ſich, im Duͤnkel großer Thaten Der Goͤtter Gnade zu entrathen! Was zeigt ſich uns! Selbſt an Tritoniens Altar Erkuͤhnt man ſich, Kaſſandra zu ergreifen. Wir ſehn mit aufgeldstem Haar Die Tochter Priams aus dem Tempel ſchleifen; Zum tauben Himmel fleht ihr gluͤhend Angeſicht, Denn, ach! die Feſſel klemmt der Jungfrau zarte Haͤnde. Chordbus Wahnſinn traͤgt es nicht, Er ſucht im Schlachtgewuͤhl ein Heldenende. Ihm ſtürzt in dichtgeſchloſſenen Gliedern Die ganze Schaar der Freunde nach; Doch, ach! von unſern eignen Bruͤdern Kommt hier vom hoͤchſten Tempeldach Ein moͤrdriſch Pfeilgewolt auf uns herabgeflogen. Des Federbuſches fremde Zier, Der Schilde Zeichen, welche wir Verwechſelt, hatte ſie betrogen. Die Prieſterin uns abzuringen, (Verrathen hat uns laͤngſt der Sterbenden Geſchrei) Umſtuͤrmt uns der Dolopen Schaar. Es dringen Mit Ajax die Atriden ſelbſt herbei. So, wenn im Sturme ſich die Winde heulend ſchlagen, Der wilde Suͤd, des Nordes rauhe Macht, Der muth'ge Oſt, auf Titans raſchem Wagen, Es rauſcht des Meeres Grund, des Waldes Eiche tracht. Jetzt ſehn wir noch zu ganzen Heeren, Die unſrer Waffen glucklicher Betrug Vor Kurzem noch im finſtern Dunkel ſchlug, Von ihrer Flucht zuruͤcketehren. Ihr ſchneller Blick erkennt in dunkler Schlacht Des Helmes Liſt, der Schilde falſche Zeichen. Jetzt muß der Augen Wahn dem Klang der Stimmen weichen, Jetzt ſiegt des Feindes Uebermacht. Es faͤllt zuerſt, von Peneleus durchſtochen, Chordbus an Tritoniens Altar. Es faͤllt, der das Geſetz der Tugend nie gebrochen, Ripheus, der Redlichſte, den Ilium gebar. Die Gotter richteten nicht ſo! Von Freundesſtreichen Liegt Hypanis, liegt Dymas hingeſtreckt; Und kann der Prieſterſchmuck, der dich, o Panthus, deckt, Kann ſelbſt dein ſchuldlos Hérz die Himmliſchen erweichen? Bezeugt mir's, Trojas heil'ge Truͤmmer, Du Flammengrab, das meine Stadt verſchlang, Daß ich an jenem Schreckenstage nimmer Mich feig entzogen des Gefechtes Drang, Und, war's mein Los, an jenem Tag zu enden, Daß ich's verdient mit meinen Wuͤrgerhaͤnden! Jetzt wich ich der Gewalt, mir folgt, vor Alter laß, phyt und, ſchwer von Wunden, Pelias. Zu Priams Burg ruft uns der Stimmen lautſter Hall; Als raſ'te nirgends ſonſt der Streitenden Gedraͤnge, Nicht durch ganz Ilium der Waffen wilder Schall, Erblic ich hier ein furchterrich Gemenge, 156 Des Andrangs Ungeſtuͤm, ergrimmten Widerſtand⸗ Den Feind ſeh' ich die hohen Daͤcher ſtuͤrmen Und mit der Schilde dichtgeſchloſſenem Band Sich furchtbar vor den Eingang thuͤrmen. Ich ſehe Leitern an die Mauern legen, Entſchloſſen klimmt der trotz'ge Sieger nach, Die Linke haͤlt den Schild der Pfeile Sturm entgegen, Feſt klammert ſich die Rechte an das Dach, Beſchaͤftigt iſt mein Volk, die Thuͤrme abzutragen, Und mit den Truͤmmern wird der Stuͤrmende bedroht, Die letzte Zuflucht ihrer Noth, Wenn Alles, Alles fehlgeſchlagen! Herabgeſtuͤrzt ſeh' ich die uͤbergold'ten Zinnen, Denkmaͤler alter koͤniglicher Pracht. Mit bloßem Schwert wird jeder Weg nach Innen Von einer dichten Schaar Dardanier bewacht. Ein friſcher Muth lebt auf in unſern Seelen, Der ſchwerbedraͤngten Burg des Koͤnigs beizuſtehn, Mit Staͤrke Staͤrke zu vermaͤhlen Und der Beſiegten Muth mitſtreitend zu erhoͤhn. Roch fuͤhrten zum Palaſt, der Menge unbekannt, Geheime, abgelegne Thuͤren, Durch deren nie entdecktes Band Die Zimmer in einander ſich verlieren. Oft hatte, frei von des Gefolges Zwang, Andromache!— rojas ſchoͤnen Tagen. Auf dieſem unbemerkten Gang Zum frohen Ahn den Enkel hingetragen⸗ 157 Mich bracht' er jetzt zum hochſten Dach hinauf, Von wo die Teukrier mit ſegenleeren Haͤnden, Verlorne Pfeile niederſenden. Zum jähen Thurm verfolg' ich meinen Lauf, Der uͤbers Dach empor zum Sternenhimmel ſchreitet; Ganz Ilium liegt vor mir ausgebreitet, Der feindlichen Gezelte ganzes Heer, Das ganze ſchiffbedeckte Meer. Vom Tod umringt, zerreißen wir voll Muth Der Decke ſchon gewichne Fugen Und ſchleudern ſie auf der Achiver Flut Mit ſammt den Pfeilern, die ſie trugen. Herunter ſtuͤrzen ſie mit donnerndem Gekrach, Und weh' den Stuͤrmenden, die ſich darunter ſtellten! Doch friſche Krieger dringen nach, Der Streit brennt fort, und alle Waffen gelten. Als woltt' er jeden Feind zermalmen, Pflanzt Pyrrhus ſich im Glanz der Räſtung vor das Thor, Der Schlange gleich, genaͤhrt von boſen Halmen, Die giftgeſchwollen ſchlief im eisbedeckten Moor Und neuverjuͤngt jetzt von ſich ſtreift die Schale, Den glatten Leib im Reif zuſammenringt, Sich mit erhabner Bruſt aufbäumt zum Sonnenſtrahle Und dreier Zungen Blitz im Munde ſchwingt. Dicht an ihm ſteht der hohe Periphas, Nächſt dem Automedon, Achillens Wagenwender, Es draͤngt ſich Styros Jugend an den Paß, Und nach dem Giebel fliegen Feuerbrander; 158 Vom Angel haut er ſelbſt das erzbeſchlagne Thor, Und alle Baͤnder ſtuͤrzt des Beiles Schwung zu Grunde, Leicht wird das Holz durchbohrt, das ſeinen Schirm verlor, Und weit geoͤffnet klafft des Thores Wunde. Des innern Hauſes weiter Hof, die Schaar Der Trojer, die den Eingang huͤten, Der altkn Koͤnige geheimſte Säle bieten Dem uͤberraſchten Blick ſich dar, Und aus den innerſten Gemaͤchern dringet Der Maͤnner Schrei, der Weiber jammernd Ach, Die ganze Woͤlbung hallt das Klaggeheule nach, Das in den Wolken widerklinget. Man ſieht der Muͤtter Heer die weite Burg durchſchweifen, Zum letzten Lebewohl die Säulen noch umgreifen Und kuͤſſen den empfindungsloſen Stein. Ganz mit des Vaters Trotz bricht Pyrrhus ſchon herein. Ihn haͤlt kein Schloß, die Thuͤre liegt in Truͤmmern, Vom Widder eingerannt, Gewalt macht Bahn, Tod iſt der erſte Gruß, ſo fluten ſie heran, Von Waffen rauſcht's in allen Zimmern. So wuͤthet nicht der hochgeſchwollne Bach, Der ſchaͤumend ſeinen Damm durchbrach, Der Fer“ Kerterwand mit wildem Grimm durchhauen. Er ſtuͤrzt u. 5 mit truͤber Wogen Kraft, Der Heerden Schaar auf den ertraͤnkten Auen Wird mit den Huͤrden fortgerafft. Ich ſelbſt ſah, Mord im Blick, den Achilleiden Am Eingang ſtehn und bei ihm die Atreiden. Ich ſah auch Hekuba, ſah ihre hundert Tochter, Sah Priam ſelbſt an den Altar geſtreckt, Den Vater bluͤhender Geſchlechter, Noch mit dem Blut der Opfer friſch befleckt. Es tritt der Feind die Saat von fuͤnfzig Ehen, Der Enkel ſchone Hoffnung in den Staub, Die goldne Saͤule ſtuͤrzt, behangen mit Trophaͤen, Und, was dem Brand entging, Das wird des Wuͤrgers Raut. Mitleidig, Fuͤrſtin, wirſt du fragen, Wie Konig Priam ſeine Tage ſchloß? So wiſſe denn: Kaum hoͤrt er Trojens Stunde ſchlagen Und ſah den Feind, der durch die Pforten ſich ergoß, So eilt er, ſich den Panzer anzuſchnallen, Der die entwoͤhnten Glieder niederzog, Umhaͤngt das Schwert, das laͤngſt der Scheide nicht entflog, Und ſtuͤrzt zur Schlacht, als Fuͤrſt zu fallen. Es ſtieg in des Palaſtes mittlerm Raume Ein hoher Altar in des Aethers Plan, Ihn fächelte von einem alten Lorbeerbaume Die nachbarliche Kuͤhlung an. Gleich ſcheuen Tauben, die das donnerſchwuͤle Wetter Zuſammentrieb, lag dorten Hekuba Mit allen Toͤchtern kniend da 8 3 Und ſchloß in ihren Arm die unerweichten Gotter. F Jetzt ſah ſie den Gemahl, bereit zur Gegenwehr, Im jugendlichen Schmuck der Waffen ſich bewegen. Ungluͤcklicher, wohin? ruft ſie ihm bang entgegen, Was fuͤr ein Wahnſinn reichte dir den Speer? 2 160 Und waͤre ſerbſt mein Hektor noch zugegen, Jetzt helfen Schwert und Lanzen uns nicht mehr. Hieher tritt! Dieſes Heiligthum ſchuͤtzt Alle, Wo nicht, vermaͤhlt uns doch im Falle! Sie ſprach's und zog ihn zu ſich hin und ließ Im Prieſterſtuhl den Greis ſich niederſetzen; Da kam, von Pyrrhus moͤrderiſchem Spieß Durchbohrt, ſein Sohn Polyt, bluttriefend, voll Entſetzen⸗ Der Feinde Haufen durch, den weiten Bogengang Dahergerannt. Sein Blick ſucht in der dden Leere Der weiten Zimmer Schutz; den ſchon gewiſſen Fang Verfolgt Neoptolem mit mordbegier'gem Speere. Schon haſcht ihn ſein furchtbarer Arm, Und uͤber ihm ſieht ſchon den Stahl der Vater ſchweben; Noch flieht er bis zu Priams Fuß, und warm Entquillt in Stroͤmen Bluts das junge Leben. Nicht laͤnger ſchweigt das Vaterherz; Obgleich verurtheilt von des Moͤrders Grimme, Erhebt er feierlich des Zornes Donnerſtimme Und heult in dieſe Worte ſeinen Schmerz: Fuͤr dieſe Frevelthat, fuͤr dieſen bittern Hohn, Fuͤr dies verfluchenswuͤrdige Ertuͤhnen, Wenn noch Gerechtigkeit wohnt auf der Goͤtter Thron, Erwarte dich, wie ſolche Thaten ihn verdienen, Dich, Ungeheu'r, ein granſenvoller Lohn! Dich, dich, der mit verruchtem Bubenſtuͤcke, Mit dem erwuͤrgten lieben Sohn * Gefoltert hat die vaͤterlichen Blicke! 161 So, wahrlich, hielt's mit ſeinem Feinde nicht Achill, den du zum Vater dir gelogen; Es ehrte mit erroͤthendem Geſicht Der Held mein Alter und der Liebe Pflicht, Als ich zu ihm, ein Flehender, gezogen. Er weigerte mir Hektors Leichnam nicht, Des Todten Feier wuͤrdig zu begehen, Und ließ mich Troja wiederſehen. Mit dieſen Worten ſchleudert er den Schaft, Der ohne Klang der ſchwachen Hand enteilet Und, aufgefangen von des Gegners Kraft, Des Schildes Spitze kaum zertheilet. Geh' denn, erwidert Pyrrhus ihm voll Hohn, Sag' dem Achill, wie ſehr ihn meine Thaten ſchaͤnden! Verklage dort den tiefgeſunknen Sohn! Jetzt aber ſtirb von meinen Haͤnden! Er reißt den Zitternden, dies ſagend, zum Altare, Der noch vom Blut des Kindes raucht, Faßt mit der linken Hand die ſilbergrauen Haare, Indeß die Rechte tief ſich in den Buſen taucht. So endigt Priamus. Sein Aug' ſah Troja brennen, Die uͤber Aſien den Scepter ausgeſtreckt, Fetzt ein gigant'ſcher Rumpf, am Meeresſtrand entdeckt, Es fehlt das Haupt, und Niemand kann ihn nennen. Jetzt wird zum Erſtenmal mein Herz mit Furcht erfuͤllt. Des alten Konigs letztes Blaſſen Weckt mir des eignen theuren Vaters Bild, Zeigt mir mein Haus im Schutt, Gemahlin, Kind verlaſſen; Schillers ſämmtl. Werke. 1. 11¹ 162 Ich ſpaͤhe ringsum, wer mir folgen kann. Ach, matt vom Streit ſind Alle laͤngſt verſchwunden: Hier hatten ſie vom Thurm den kuͤhnen Sprung gethan, Dort in den Flammen ihren Tod gefunden. So war ich denn der einzig Uebrige von Allen, Ais meinem Blick, der durch die Gegend fleugt, Des Brandes heller Schein in Veſtas Tempelhalen Die Tochter Tyndars ſprachlos ſitzend zeigt. Der Griechen Furie, der Phrygier Verderben, Bang, durch des Gatten ſtrenges Strafgericht, Bang, durch der Teukrier gerechte Wuth zu ſterben, Barg ſie im Heiligthum ihr bleiches Angeſicht. Mein Zorn entbrennt. Es reißt mich hin, ſie zu durchbohren, Zu raͤchen mein zerſtoͤrtes Vaterland. Was? Troja ſetzte ſie in Brand Und zoͤge prangend ein in Lacedaͤmons Thoren, Die Teukrer hinter ſich in ſtlaviſchem Gewand? Sie ſaͤhe Gatten, Kinder, Eltern, Vaterland? Sie dürfte mit das Siegesfeſt begehen? Nein, Das wird nimmermehr geſchehen! Mag's ſeyn, daß des geſtraften Weibes Blut Des Mannes Schwert entehrt, den leichten Sieger ſchaͤndet. Genug, ich ſaͤttige der Rache heiße Glut, Der Frevel wird geſtraft, geraͤcht der Freunde Blut, Und eine Schuldige dem Orkus zugeſendet. So ſprach aus mir des eiteln Grimmes Wuth, Als plotzlich, ſchoͤn, wie ſie ſich nimmer mir gezeiget, Der Mutter Glanzgeſtalt ſich zu mir neiget. ——————————— 163 Ganz Eoͤttin, ganz umfloſſen von dem Lichte, Worin ſie ſteht vor Jovis Angeſichte, Durchſchimmerte ihr Glanz die Dunkelheit. Von welcher Wuth, mein Sohn, von welcher Wunde Entbrennt dein Herz? ertont's von ihrem Roſenmunde, Indem ihr Arm zu ſtehen mir gebeut. Wohin mit dieſen wuͤthenden Geberden? Was ſoll aus deiner Mutter werden? Du willſt nicht lieber ſehn, ob dein Aſtan noch lebt, Wo du des Vaters graues Haupt verlaſſen, In welchen Noͤthen jetzt dein Weib Kreuſa ſchwebt, Die der Achaier Schwaͤrme rings umfaſſen, Laͤngſt, ohne mich, ein Raub des Feuers oder Schwerts? Nicht die ſpartan'ſche Helena laß buͤßen, Nicht Paris klage an! Da! zuͤrne himmelwaͤrts! Die Goͤtter ſind's, die Trojas Fall beſchließen! Blick' auf! Der Nebel ſey zerſtreut, Der noch mit Finſterniß dein ſterblich Aug' umhuͤllet; Doch werde ſtreng' von dir erfuͤllet, Was deine Mutter dir gebeut. Du ſiehſt, wie Qualm und Rauch in ſchwarzen Fluten ſteiget, Siehſt Schutt auf Schutt und Stein auf Stein gehaͤuft. Das iſt Neptun, der Trojas Veſte ſchleift Und mit dem Dreizack ihre Mauern benget. Am Staͤerthor ſiehſt du Saturnia, Die Unbarmherzige, in rauhem Eiſen blinken, Siehſt von den Schiffen ſie ſtets neue Feinde winken; Auf Pergams Thurm ſiehſt du Tritonia, 164 In ihrer Hand der Gorgo Schreckniß, blitzen; Du ſiehſt— o, fliehe, fliehe, theurer Sohn! Des Himmels Konig ſelbſt auf Idas duſterm Thron Den Feinden Krafte leihn, die Himmliſchen erhitzen. Gib auf die eitle Gegenwehr! D ſaͤume nicht, noch zeitig zu entrinnen, g Noch unverletzt wirſt du dein Haus gewinnen: Ich bin mit dir.— Sie ſprach's, und Nacht war um mich her Und mir erſchienen, mit des Grimmes Falten, Der hohen Goͤtter feindliche Geſtalten; Verwuͤſtung, Einſturz, Grauſen um und um, In Aſche ſank vor mir ganz Ilium. So, wenn der Pfluͤger Schaar, auf hoher Bergeshaide, Der Aexte moͤrderiſche Schneide Auf den bejahrten Stamm der wilden Eſche zuͤckt, Sie murrt erzuͤrnt herab, die ſchwanke Krone nickt, Erſchuͤttert rauſcht der dichtbelaubte Wipfel; Bis, von der Wunden Macht beſiegt, Sie ächzend ſich herunter wiegt Und ſich zermalmend walzt von des Gebirges ovn Jetzt eil' ich fort. ,. Flammen, Schwert und Leichen Fuͤhrt unbeſchaͤdigt mich ein Gott, es weichen Die Lanzen vor mir aus, das Feuer macht mir Bahn. Schon hab' ich mich zur Wohnung durchgeſchlagen; Mit dem verehrten Vater fang ich an, Ihn will ich rettend erſt auf das Gebirge tragen; Umſonſt beſtuͤrmt ihn ſeines Sohnes Flehn, Mit Troja will er untergehn.. 165 Ihr Andern, ruft er aus, in deren feſten Bruͤſten Der Jugend uͤppige Geſundheit gluͤht, Spart euch fuͤr beſſre Tage— flieht! War's mir von Zeus beſtimmt, des Lebens Reſt zu friſten, So war er Gott genug, den Flammen ſelbſt zum Hohn, Ein Haus mir zu verleihn. Genug, baß einmal ſchon Dies grane Haupt den Fall Dardaniens betrauert, Genng, daß es ihn einmal uͤberdauert! So will ich es. Jetzt, Kinder, nehmt Den letzten Abſchied von Anchiſen! Den Weg zum Tode find' ich ſelbſt, es ſchämt Der Feind ſich nicht, mein Blut mitleidig zu vergießen. Er zieht mich aus. Gleichviel, begraben oder nicht! Die Goͤtter haſſen mich. Wozu noch laͤnger tragen Des ſiechen Lebens laſtendes Gewicht, An Thaten leer, ſeitdem mich Jovis Blitz geſchlagen! Er ſprach's, und unbeweglich blieb er ſtehn, Ihn beugt nicht unſer heißes Dringen, Nicht ſeines Enkels, nicht Kreuſens Haͤnderingen, Nicht unſrer Thränen Bund, die ſtrdmend zu ihm flehn, Durch ſolchen Trotz doch nicht den Tod herbeizurufen, Nicht uns, uns Alle mit in ſeinen Fall zu ziehn; Er bleibt auf ſeinem Nein und weicht nicht von den Stufen, Aufs Neu' muß ich dem Tod entgegen fliehn. Denn, Goͤtter, welche Wahl ward mir gegeben! Dich, Vater, ließ ich fliehend hinter mir? Solch grauſames Begehren kam von dir? Iſt's Jovis Schluß, ſoll nichts die Heimat uͤberleben? *———————— 166 Beharreſt du darauf, daß uns derſelbe Tod Vereinige, wohlan, der Wunſch iſt zu erhoͤren. Schon naht, von Priams Blut und ſeines Sohnes roth Neoptolem, bereit, der Dpfer Zaht zu mehren. Und darum fuͤhrteſt du durch Schwert und Feuer, Erhabne Mutter, deinen Sohn? Ich ſolt den Feind Auch hier noch wuͤthen ſehn, ſoll Alles, was mir theuer Und heilig iſt, in einem Fall vereint, An ſeinem Speere ſich verbluten ſehen? D, Waffen, Waffen her! Der letzte Tag bricht an; Laßt uns aufs Nen' dem Feinde ſtehen! Nicht ungerochen ſtirbt, wer maͤnnlich fechten kann! Sogleich gurt' ich das Schwert mir um den Leib, Und in des Schildes Griff muß ſich die Linke fuͤgen. So geht's zum Thor. Ach, hier ſeh' ich mein theures Weib Den Kleinen zu mir neigend, vor mir liegen. Zum Tod gehſt du, ruft ſie, ſo nimm auch uns mit fort! Doch, hoffſt du Rettung noch von deinen Heldenarmen, So bleib' und ſchuͤtze dieſen Ort! 5 Was wird aus uns? wer wird der Deinen ſich erbarmen? So ruft ſie heulend und erfuͤlt 5 Das ganze Haus mit ihren Schmerzen, Als unverhofft, da wir den kleinen Julus herzen, Dem uͤberraſchten Blick ein Wunder ſich enthuͤllt. Sieh'! von des Knaben Scheitel quiltt Hellleuchtend eine Feuerflocke; Sie waͤchst, indem ſie niederfaͤllt, und mil Durchkraͤuſelt ſie die unverſehrte Locke. 167 Schnell ſchuͤtteln wir ſie weg und eilen, fuͤr Aſtan Beſorgt, die heil'ge Glut mit Waſſer zu erſticken; Anchiſes aber ſtreckt die Haͤnde himmelan Und dankt hinauf mit freudehellen Blicken: Jetzt endlich, großer Zeus, ſind wir erhoͤrt! O, blick', wenn anders Bitten dich bewegen, Mit Huld auf uns herab und, ſind wir's werth, Verleih' uns Schutz, bekraͤft'ge dieſen Segen! Er ſpricht es, und zur Linken kracht Ein lauter Donnerſchlag. In ſchoͤnem Strahlenbogen Kommt durch die weit erhellte Nacht Ein funkelndes Geſtirn geflogen; In unſern Zenith ſtieg es auf und zog Die Silberfurche hin nach Idas Triften, Den Weg uns zeigend, den es flog; Die ganze Gegend raucht von Schwefelduͤften. Von dieſer Zeichen Macht beſiegt, Rafft ſich Anchiſes auf und betet zu dem Sterne. Fort, ruft er, fort! die Zeit iſt koſtbar, fliegt! Fuͤhrt mich von dannen, ſey's auch noch ſo ferne! Euch, Goͤtter, die dies Zeichen uns geſandt, Vertrau' ich dieſes Kind, vertran' ich dieſe Beiden; In eurer Obhut ſteht das PVaterland. Jetzt komm, mein Sohn! ich folge dir mit Freuden. Und lauter, immer lauter hoͤrt man ſchon Des Brandes nahe Feuerflammen krachen. Auf, Vater, ruf' ich, auf! Ich trage dich, den Schwachen; Leicht druͤckt des Vaters theure Laſt den Sohn. 168 Was nun auch toinmen mag, wir theilen Tod und Leben, Die Hand will ich dem Kleinen geben, In ein'ger Ferne folgt Kreuſa ſtill. Ihr Knechte, merkt, was ich verkuͤpden will. Gleich vor der Stadt ſteht ihr an einem Felſenhange, Den ein verlaſſ'ner Cerestempel ſchmuͤckt, Daneben ein Cypreſſenbaum, ſeit lange Mit Achtung von den Vätern angeblickt. Dort treffen wir uns in verſchiednen Schaaren! Du, Vater, wirſt die Heiligthuͤmer wahren! Wie duͤrfte ſie, noch nicht genetzt von friſcher Flut, Beruͤhren dieſe Hand voll Blut! Sogleich ward ein Gewand den Schultern umgehangen, Vom Ruͤcken walt noch eine Lowenhaut; Ich neige mich, die Laſt des Vaters zu empfangen, Der Rechten wird mein Julus anvertraut, Der neben mir mit kuͤrzern Schritten eilet, Und hinter unſerm Ruͤcken weilet, Zu hintergehn den lauernden Verdacht, Kreuſens Schritt— ſo fliehn wir durch die Nacht. Wie oft auch ſonſt im wildeſten Gemenge Der Schlacht mein Buſen unerſchuͤttert blieb, Wie wenig mir der Feinde furchtbarſtes Gedränge Die Roͤthe von den Wangen trieb, Jetzt machte jeder Laut mich beben, Mir ſchauerte vor jedes Luͤftchens Zug, Beſorgt fuͤr des Begleiters Leben, Bang fuͤr die Buͤrde, die ich trug. 169 Schon ſehn wir uns in raſchen Schritten Unfern dem Thore, frei von feindlicher Gewalt, Als ein Geraͤuſch von Menſchentritten In die erſchrocknen Ohren ſchallt, Und nahe hinter uns im Dunkeln Sah meines Vaters Schrecken Schilde funkeln Und blank geſchliffne Helme gluͤhn. Sie ſind's, ruft er, o, laß uns eilends fliehn Noch heute weiß ich nicht, welch feindliches Geſchick Den Muth mir nahm, die Sinne mir verwirrte In dieſem ungluͤcksvollen Augenblick. In unwegſame Gegenden verirrte WMein Fuß. Ach, hielt ein Gott Kreuſen mir zuruͤck? Verlor ſie ſich auf unbekannten Pfaden? Blieb ſie ermattet ſtehn? Ich hab' es nie errathen; Verſchwunden war ſie ewig meinem Blick! Und erſt, als am bezeichneten Altar Verſammelt waren alle Seelen, Ward ich den ſchrecklichen Verluſt gewahr, Sah ich von Allen ſie allein uns fehlen. Wen im Olymp ſchalt nicht mein blutend Herz⸗ Wen klagt' mein Grimm nicht an auf Tellus weitem Runde! Was war mir gegen dieſen Schmerz Des Reiches Fall und Trojas letzte Stundes In der Gefaͤhrten treuer Hand Verlaſſ' ich Julus und Anchiſen Und unſrer Goͤtter heil'ges Pfand; Im Thal wird ih'n Zuflucht angewieſen. 170 Ich ſelber wende mit dem blanken Stahl Zur Stadt zuruͤck. Gaͤlt's auch, ganz Troja zu durchſpaͤhen, Mein Schluß ſteht feſt, der Schrecken ganze Zahl Und jegliche Gefahr von Neuem zu beſtehen. . Erſt eil' ich nach dem Thor, das Rettung uns gewaͤhrt, Und meiner Tritte Spur muß mir den Ruͤckweg zeigen, Mir graut bei jedem Schritt, es ſchreckt, mich ſelbſt das Schweigen. Vielleicht, daß ſie zur Wohnung umgelehrt: Drum eil' ich hin, was dort mich auch bedrohe. Hier herrſcht bereits der Feind; vom Wind gegeißelt wehn Die Flammen ſchon bis an des Giebels Höhn, Zum Himmel ſchlaͤgt die fuͤrchterliche Lohe. Des Koͤnigs Burg wird jetzt aufs Nen' von mir beſucht. Hier huͤten Phoͤnix und Ulyß, von allen Achaiern auserwaͤhlt, in den geraͤum'gen Hallen, Wo Junos Freiheit iſt, des blut'gen Raubes Frucht. Fier ſeh ich unter Trojas reichen Schätzen, Dem Feuer abgejagt, der Tempel goldne Zier. In langen Reihn gelagert ſeh' ich hier Der Muͤtter bleiches Heer, die Kinder voll Entſetzen. Kuͤhn ließ ich durch die todtenſtille Nacht, Verlorne Muͤh'! der Stimme Klang erſchallen, Ließ durch ganz Flium den theuren Namen hallen; In eitelm Suchen hab' ich Stunden hingebracht, Als ein Geſicht, Der aͤhnlich, die ich miſſe, Nur groͤßer von Geſtalt, als ſie im Leben war, Dahertritt durch die Finſterniſſe. Mir graust's, der Athem ſtockt, zu Berge ſteigt mein Haar. ————— . 171 Warum, ruft es mich an, mit Suchen dich ermuͤden Wozu, geliebteſter Gemahl,- Des langen Forſchens undankbare Qual? Kreuſens Schickſal hat ein Gott entſchieden. Nie, nie wirſt du auf deinem irren Pfad Von deiner Gattin dich begleitet ſehen. Dagegen ſett ſich Jovis Rath, Der droben herrſcht in des Olympus Höhen. Ein Fluͤchtling wirſt du lang den Wogen dich vertrauen, Bis dein geduld'ger Muth Heſperien erringt, Durch deſſen ſegenvolle Auen Der lyd'ſche Tiberſtrom die ſtillen Fluten ſchlingt. Dir winkt an ſeinen lachenden Geſtaden Ein Thron und einer Koͤnigstochter Hand. Drum hoͤre auf, in Thraͤnen dich zu baden Um das zerriſſ'ne Liebesband. Ich werde nicht der Griechen Staͤdte ſteigen, Nicht jubeln ſehn der Stolzen Vaterland, Nicht vor den Griechinnen die Sklavenknie beugen, Ich, Dardans Enkelin, der Venus anverwandt! Es haͤlt bei Priams umgeſtuͤrztem Throne Der Götter hohe Mutter mich zuruck. Leb' wohl! dich gruͤßt mein letzter Blick! Leb' wohl und liebe mich in unſerm theuren Sohnel— Auf meiner Zunge ſchwebt noch manches Wort, Noch manchen Laut will ich von ihren Lippen ſaugen; In duͤnne Luͤfte war ſie fort, Ihr folgen weinend meine Augen; 172 Dreimal will ich in ihre Arme fliehn, Dreimal entſchluͤpft das Bild dem feurigen Beruͤhren Gleich leichten Nebeln, die am Hugel ziehn, Ein Traum, den Titans Pferde raſch entführen. Schnell wend' ich jetzt(der Tag fing an zu grauen) Zu den Gefährten um. Verwundert fand ich hier Ein neues großes Heer von Juͤnglingen und Frauen, Des Elends Kinder! gleichgeſinnt mit mir, Auf fremdem Strand ſich anzubauen. Entſchloſſen ſtroͤmten ſie mit Hab und Gut herbei, Bereit, durch welche Fluten es auch ſey, Sich meiner Fuͤhrung zu vertrauen. Der Stern des Morgens ſtieg empor Auf Idas hoher Wolkenſpitze Und leuchtete der Sonne Wagen vor. Geſperrt hielt der Achaier jedes Thor, Und nirgends Hoffnung mehr, die vaͤterlichen Sitze Zu retten von der Feinde Flut. Ich weiche dem Geſchick. Die Schultern beugen— Sich unter meines Vaters Laſt; mit Muth Raff' ich mich auf, den Ida zu beſteigen. 173 Dido. Freie Ueberſetzung des vierten Buchs der Aeneide. Doch lange ſchon im ſtillen Buſen naͤhrt Die Koͤnigin die ſchwere Liebeswunde; Ergriffen tief hat ſie des Mannes Werth, Des PVolkes Glanz und ſeines Ruhmes Kunde; An ſeinen Blicken haͤngt ſie, ſeinem Munde, Und, leiſe ſchleichend, an dem Herzen zehrt Ein ſtilles Feuer; es entfloh der Friede, Der goldne Schlaf von ihrem Augenliede. 2. Kaum zog Aurorens Hand die feuchte Schattenhülle Vom Horizont hinweg, als ihres Buſens Fuͤlle Ins gleichgeſtimmte Herz der Schweſter uͤberwalt. Ach, welche Zweifel ſind's, die ſchlaflos mich durchbohren! Geliebte, welcher Gaſt zog ein zu unſern Thoren: Wie edel! welche maͤnnliche Geſtalt! Wie groß ſein Muth! ſein Arm wie tapfer im Gefechte! Gewiß, er ſtammt von goͤttlichem Geſchlechte. 174 3. Durch welche Pruͤfung ließ das Schickſal ihn nicht gehn! Gemeine Seelen wird das feige Herz verklagen, Du hoͤrteſt, welche Schlachten er grſchlagen! Ja konnte Liebe je in dieſer Bruſt erſtehn, Seit mein Sichaͤus in das Grab geſtiegen, Und waͤre mein Entſchluß, mein Abſcheu zu beſiegen An Hymens Banden— ſoll ich dir's geſtehn? Der Einz'ge konnte ſchwach mich ſehn. 4. Ja, Anna, ohne Ruͤckhalt ſoll vor dir Das Herz der Schweſter ſich erſchließen! Seitdem ein Brudermord Sichaͤus mir, Der meine erſte Liebe war, entriſſen, Seit meiner Flucht war Dies der erſte Mann, Der meinem Herzen Neigung abgewann, Der erſte, ſag' ich dir, der mich zum Wanken brachte; Neu iſt die Glut erwacht, die einſt mich ſelig machte. 5. Doch eher ſchlinge Tellus mich hinab, Mich ſchleudre Jovis Blitz hinunter zu den Schatten Zu des Avernus bleichen Schatten, 3 Hinunter in das ewig finſtre Grab, 5 Eh' daß ich deine heiligen Geſetze, Schamhaftigkeit, und meinen Eid verletze“ Er nahm mein Herz dahin, ihm war's zuerſt geweiht; Sein bleibt's in alle Ewigteit. 175 6. Sie ſpricht's, und ihren Schoß bethauen milde Zaͤhren. O, uͤber Alles mir Geliebte! gibt Die Schweſter ihr zuruͤck. Allein und ungeliebt Willſt du verbluͤhn, den Kummer ewig nähren? Die Wonne, die aus holden Kindern lacht, Der Venus ſüße Freuden dir verſagen? Nach ſolchen Opfern, meinſt du, fragen Die Todten in des Abgrunds Nacht? 7. Und ſey's! Hat denn der vielen Freier einer Dein kummerkrankes Herz zur Liebe je geneigt? Von allen kriegeriſchen Fuͤrſten keiner, Die Afrika in ſeinem Schoß gezeugt. Selbſt Der, vor dem die Libyer erbeben, Den Tyrus längſt gehaßt, ſelbſt Jarbas konnt' es nicht; Und einer Neigung willſt du widerſtreben, Fuͤr die dein Herz ſo maͤchtig ſpricht? S Vergaßeſt du, wo du dich eingewohnet, Daß ohne Zaum hier der Numider jagt, Der unbezwungne Getuler hier thronet, Die Syrte dort die Landung dir verſagt, Hier unwirthbare Wuͤſten dich umgrauſen, Dort der Barcaͤer wilde Volker hauſen, Der Bruder ſelbſt, deß Habſucht du entflohn⸗ Und Tyrus Waffen dich von Oſten her bedrohn? 176 § Glaub' mir, die Gotter, die dich lieben, Lucina ſelber war's, die an Karthagos Strand Die Schiffe dieſer Freindlinge getrieben. Welch eine Stadt ſeh' ich durch dieſes Eheband, Welch einen Thron, o Schweſter, ſich erheben! Zu welchen ſtrahlenvollen Hoͤhn Wird der Karthager Name ſchweben, Wenn ſolche Helden uns zur Seite ſtehn! 10. Verſohne du nur erſt der Götter Zorngericht Durch friſcher Opfer Blut. Die Fremdlinge zu halten, Laß koͤniglich des Gaſtrechts Fuͤlle walten; An Gruͤnden, ſie zu feſſeln, fehlt es nicht. Seht die zerbrochnen Schiffe! Seht, wie Nebel rauchen, Die See noch ſtuͤrmt, Orion Regen zieht! So wußte Die zur Glut den Funken aufzuhauchen, Die Hoffnung naht, und das Errothen flieht. 11. Jetzt fragt ſie das Geſchick an blutigen Altären. Dir, Phoͤbus, der das Kuͤnftige enthuͤlt, Dir, ſtädtegruͤndende Demeter, quillt Zweijaͤhr'ger Rinder Blut, dir, Bromius, zu Ehren, Vor Allen, Juno, dir, der Ehen Schuͤtzerin. Vor dem Altar ſieht man die ſchoͤnſte aller Frauen, Den Becher in der Hand, Karthagos Koͤnigin, Des weißen Rindes Haupt mit heil'ger Flut bethauen. 177 12. Bald geht ſie vor der Goͤtter Angeſicht An den noch dampfenden Altaren auf und nieber, Beſchenkt die ſchon Beſchenkten wieder Und forſcht, was rauchend noch das Eingeweide ſpricht. Bethörtes Sehervolt! befreien Gebet und Opfer wohl das ſchwerbefangne Herz? Am innerr Mark zehrt der verhehlte Schmerz Und ſpottet eurer Traͤumereien. 13. Der Flammen unheilbare Pein Treibt ſie, Karthagos Stadt im Wahnſinn zu durcheilen. So flieht die Hindin, die in Kretas Hain Mit zwecklos abgeſchoſſ'enen Pfeilen Der ferne Jaͤger traf. In ihrem Fleiſch das Rohr Des Todes, das der Feind verlor, Bethaut ſie die durcheilten Felder „Mit ihrem Blut und Dittes finſtre Waͤlder. 14. Jetzt fuͤhrt ſie durch Karthago ihren Gaſt, Zeigt prahlend ihm der Mauern ſtolze Laſt Und laͤßt vor ſeinem Blick die Groͤße Sidons prangen. Ein flüchtiges Geſpraͤch wird ſchuͤchtern angefangen; Schnell reißt die Furcht es wieder ab. Kaum bricht Der Abend ein, ſo winet das Mahtl; ſie fodert Von Try'ens Fall aufs Neu' von ihm Bericht Und naͤhrt die Glut, die in dem Herzen lodert. Schillers ſammtl. Werke. I. ——— 178 15. Trennt enblich ſie der ſtrenge Ruf der Nacht, Und winkt der Sterne ſinkend Licht zum Schlummer, So naͤhrt ſie einſam ihren Kummer, Und ſein verlaſſ'nes Polſter wird bewacht. Abweſend hoͤrt ſie ihn, verſchlingt ſie ſeine Zuͤge, Herzt in Aſtan des theuren Vaters Bild, Ob ſie vielleicht die Leidenſchaft betruͤge,„ Die gluͤhend ihren Buſen fuͤllt. 16. Der Thuͤrme hochgefuͤhrte Laſten Erlahmen bald in ihrem muntern Lauf; Kein Wall, kein Giebel ſteigt mehr auf, Und tauſend fleiß'ge Haͤnde raſten. Der Jugend muͤß'ger Arm entwoͤhnt ſich von dem Speer, Im Hafen toͤnt kein Hammer mehr, Und unvollendet trauert das Geruͤſte, Das prahlend ſchon die Wolkten kuͤßte. 15 Als Zeus Gemahlin ſie von Liebesflammen brennen Und ſelbſt des Rufes Stimme trotzen ſah, Begann ſie ſo zur ſchoͤnen Cypria: Glorwuͤrdiges— man muß bekennen! Habt ihr vollbracht, du und dein wackrer Sohn! Mit reichem Raub zieht ihr davon! Ein wahres Heldenwert, ein Weib zu uͤberliſten! Werth, daß zwei Goͤtter ſich mit ihrer Allmacht ruͤſten! So ſcheint es doch, man habe meinen Sitzen Und meiner Puner Treu' nicht ſonderlich getraut? Doch wo das Ziel? wozu in Kaͤmpſfen uns erhitzen? Laß Friede ſeyn, und Dido werde Braut! Du haſt's erreicht: ſie liebt, ſie rast von Liebesflammen. Sey's denn! ſie werde dieſes Phrygers Magd, Dir ſey der Tyrer Volk zur Mitgift zugeſagt, Wir Beide ſchützen es zuſammen. 19. Idalia durchdrang der Rede liſt'gen Sinn, Das Reich Heſperiens, den Teukriern entriſſen, In Libyens Graͤnzen einzuſchließen, Und ſchlau erwidert ihr der Schoͤnheit Koͤnigin: Wer waͤre Thor genug, mit deiner Macht zu ſtreiten Und dein Erbieten feindlich zu verſchmaͤhn? Nur muͤßte, was durch uns geſchehn, Das Gluͤck zum guten Ende leiten. 20. Zu wenig bin ich ſelbſt mit dem Geſchick vertraut; Doch wird es Jupiter geſtatten, Daß der Trojaner an den Tyrer baut, Daß beide Staͤmme ſich in Eins zuſammen gatten, Zu einem Volk vereint durch ew'gen Bund? Du, ſeine Gattin, magſt dich bittend an ihn wenden, Neig' ihn durch deinen hochberedten Mund; Ich will das Uebrige vollenden. 180 21. Daruͤber laß Saturnien gewaͤhren! Gibt ihr des Himmels Koͤnigin zuruͤck. Doch, wie dies dringende Geſchaͤft mit Gluck Zu enden ſey, laß mich vor Allem dich belehren. Sobald der erſte Morgen tagt, Und Titans Strahlen kaum die junge Welt beſcheinen, Fuͤhrt in den naͤchſtgelegnen Hainen Die Liebestrunkene den Teukrer auf die Jagd. 22. Wenn das Geſchwader nun auf flugelſchnellen Roſſen Dahinſchwebt, mit dem Garn das Wildgeheg⸗ umzaͤunt, Send' ich von oben her, vermengt mit ſchwarzen Schloſſen, Ein Ungewitter ab; der ganze Himmel ſcheint Im Wolkenbruch herabgefloſſen, Durch die zerriſſenen Luͤfte kracht Mein Donner, und Gewitternacht Trennt von dem Fuͤrſtenpaar die fliehenden Genoſſen. 23. In einer Grotte wird alsdann die Koͤnigin Mit dem Trojaner ſich zuſammen finden; Dort werd' ich gegenwaͤrtig ſeyn und, bin Ich deiner nur gewiß, auff ewig ſie verbinden. Dort kroͤne Hymen ihrer Herzen Bund!— Ihr winkt die Andre zu mit hochzufriednen Blicken; Ein Laͤcheln ſchimmert um der Goͤttin Mund, Daß ihr's gegluͤckt, die Feindin zu beruͤcken. 181 24. Indeß war Eos leuchtendes Geſpann Aus blauer Wogen Schoß geſtiegen. Beim erſten Gruß der Goͤttin fliegen Karthagos Pforten auf, es fluten Roß und Mann In munterm Schwarm laut laͤrmend durch die Felder, Das weite Garn, den Jagdſpieß in der Hand, Kommt der Maſſylier im Flug daher gerannt; Es ſchnaubt der Doggen Spuͤrtraft durch die Walder. 25. Am Eingang des Palaſtes harrt Der Koͤnigin, die noch am Putztiſch ſäumet, Der Puner Fuͤrſtenſchaar, und an den Stufen ſcharrt, In Gold und Purpur praͤchtig aufgezaͤumet, Das ſtolze Roß der edeln Jaͤgerin Und knirſcht voll Ungeduld in die beſchaͤumten Zuͤgel. Auf thun ſich endlich des Palaſtes Fluͤgel: Umringt von Volk, erſcheint Karthagos Koͤnigin. 26. Ein tyriſch Oberkleid, geſchmuͤckt Mit buntem Saum, umfließt die ſchdͤnen Glieder; Durch ihre Locken iſt ein goldnes Netz geſtrickt, Vom Ruͤcken ſchwankt der volle Koͤcher nieder, Von goldnem Haken wird der Purpur aufgetnuͤpft. Ihr folgt der Phryger Schaar; mit kind'ſchem Jubel huͤpft Aſtan voraus, und, Alle zu verdunkeln, Sieht man Aeneen ſelbſt im mittlern Reihen funkeln, 182 27. So, wenn Apoll zu Delos heim'ſchem Herd Von ſeinem Winterſitz am Kanthus wiederkehrt— Da lebt Geſang und Tanz, die feſtlichen Altäre Umjauchzt der Agathyrſen bunte Schaar, Der Kreter, der Dryopen Heere. Er ſelbſt, den zarten Zweig des Lorbeers in dem Haar, Durch deſſen Wellen ſich ein goldnes Band gezogen, Steigt von des Cynthus Hoͤhn, und ihn umrauſcht der Bogen. 28. So majeſtätiſch zog Aeneas jetzt heran. Kaum hatte man der Berge Hohn erſtiegen, Kaum aufgeſcheucht das Wild auf unwegſamer Bahn, So werfen Gemſen ſich und wilde Ziegen Im Sprung vom ſteilen Fels, und vom Gebirge fliegen Durch der Gefilde weiten Plan Der Hirſche ſcheue Heerden, von den Wogen Des aufgeruͤhrten Staubs den Blicken bald entzogen. 29. Den raſchen Renner tummelt ab und auf Aſtan im tiefen Thal mit kindiſchem Vergnuͤgen, Bemuͤht, in vogelſchnellem Lauf Jetzt Dieſen, Jenen dann wetteifernd zu beſiegen. Wie feurig lechzt ſein junger Muth, Zu treffen auf des Ebers Wuth Und einmal doch in dieſem ſchenen Haufen Auf einen Loͤwen anzulaufen! 183 30. Indeſſen kracht des Himmels ganzer Plan Von fuͤrchterlichen Donnerſchloͤgen; Auf ſchwarzen Fluͤgeln bringt ein heulender Orkan Geborſtner Wolken Flut, des Hagels finſtern Regen. Erſchrocken fliehen auf zerſtreuten Wegen Die Punier, die Teukrer mit Aſtan, In Kluͤften ſich, in Hoͤhlen einzuſchließen, ⸗ Indem von Bergen ſchon ſich Wetterbaͤche gießen. 31. 1 In einer Felſenkluft, Eliſa, findeſt du Mit dem Trojaner⸗-Fuͤrſten dich zuſammen! Dem Braͤutigam fuͤhrt Juno ſelbſt dich zu, Und Mutter Tellus winkt. Der Horizont in Flammen Bezeugt den ungluͤckſel'gen Liebesbund. Statt Hochzeitfackeln leuchten dir die Blitze, Und heulend ſtimmt der Dreaden Mund Dein Brautlied an auf hoher Felſenſpitze. 32. Der Fuͤrſtin Gluͤck entfloh mit dieſem Tag. Nichts kann aus ihrem Taumel ſie erwecken!— Nicht das verklagende Geruͤcht vermag Aus ihrer Trunkenheit die Raſende zu ſchrecken. Jetzt kein Gedanke mehr, in ſcheuer Heimlichkeit Des Herzens Glut der Neugier zu entruͤcken— Der Ehe heil'ger Name wird entweiht, Die Schuld der Leidenſchaft zu ſchmuͤcken⸗ 184 33. Alsbald macht das Geruͤcht ſich auf, Die große Poſt durch Libyen zu tragen. Wer kennt ſie nicht, die Kraͤfte ſchbpft im Lauf, Der Weſen fluchtigſtes, die ſchnellſte aller Plagen? Klein zwar vor Furcht kriecht ſie aus des Erfinders Schoß, Ein Wink— und ſie iſt rieſengroß, Beruͤhrt den Staub mit ihrer Sohle, Mit ihrem Hanpt des Himmels Pole. 34. Das ungeheure Kind gebar einſt Tellus Wuth, Zu raͤchen am Dlymnp den Untergang der Bruͤder, Die juͤngſte Schweſter der Gigantenbrut, Behend im Lauf, mit fruͤchtigem Gefieder. Groß, ſcheußlich, furchterlich! So viel es Federn traͤgt, Mit ſo viel Ohren kann es um ſich lauſchen, Durch ſo viel Augen ſieht's, ſo viele Rachen reckt Es auf, mit ſo viel Zungen kann es rauſchen. 35. Winkt Hekate die laute Welt zur Ruh', So fliegt es brauſend zwiſchen Erd' und Himmel, Kein Schlummer ſchließt ſein Auge zu. Am Tage ſucht's der Staͤdte rauſchendes Getuͤmmel, Da pflanzt es horchend ſich auf hoher Thuͤrme Thron Und ſchreckt die Welt mit ſeinem Donnerton, So eifrig, Laͤſterung und Luͤgen feſt zu halten, Als fertig, Wahrheit zu entfalten. 185 36. Jetzt brannt' es ſchadenfroh, die mannigfachſten Sagen Wahr oder falſch, gleichviel! durch Libyen zu ſtreun. Ein trojiſcher Aeneas ſoll gekommen ſeyn, Der ſchoͤnen Dido Hand im Raub davon zu tragen; Zerfließen ſoll in uͤppigen Gelagen Die lange Winterzeit dem ſchwelgeriſchen Paar, Vergeſſen ſie, ihr Reich zu ſchirmen vor Gefahr, Er, neue Kronen zu erjagen. 37. Zu Jarbas nimmt das Unthier ſeinen Lauf, Weckt in des Konigs Bruſt die alten Liebesflammen Und thuͤrmt des Zornes Donnerwolken auf. Es ruͤhmt ſich dieſer Fuͤrſt, von Ammon abzuſtammen Dem die entfuͤhrte Garamantis ihn gebar. Des Stifters hohe Abkunft zu bezengen, Sieht man in ſeinem Reich unzähl'ge Tempel ſteigen, Und hundertfach erhebt ſich Zeus Altar. 38. Des Vaters hoher Gottheit leuchtet Ein ewig waches Feu'r, von Prieſtern angefacht; Stets iſt des Gottes Herd von Opferblut befeuchtet, Indem das Heiligthum von bunten Kraͤnzen lacht. Hier war's, wo jetzt, durchdonnert vom Geruͤchte Und uͤberwältigt von des Zornes Laſt, Der Fuͤrſt ſich niederwarf vor Ammons Angeſichte Und flehend ſo zum Himmel rast: Das duldeſt du, ruft er, mit allen deinen Blitzen, Allmaͤcht der Zeus, den Libyen verehrt? Dem wir auf pracht'gen Polſterſißzen Beim frohen Mahl der Traube Blut verſpritzen? So iſt's ein Irrlicht nur, was durch die Wolken faährt? So zittern wir umſonſt vor deinem Donnerkeile? So iſt's ein leerer Schall, ein nichtiges Geheule, Was unſer bebend Ohr dort oben rauſchen hoͤrt? 40. Ein fluͤchtig Weib, bedraͤngt, ein Obdach nur zu finden, Erſcheint in meinem Reich. Auf halb geſchenktem Strand Gelingt's ihr endlich, eine Stadt zu gruͤnden; Die Ufer geb' ich ihr zum Ackerland, Schent' ihr großmuͤthig alle Fuͤrſtenvechte,* Erroͤthe nicht, um ihre Hand zu frein— Umſonſt, ein Fluͤchtling kommt aus trojiſchem Geſchlechte: Den nimmt ſie auf, deß Stlavin will ſie ſeyn. 41. Und dieſer Weiberheld mit ſeiner Knabenſchaar, Herausgeſchmuͤckt mit ſeiner lyd'ſchen Muͤtze, Unwiderſtehlich durch ſein ſalbentriefend Haar, Genießt nun ſeines Raubs in ihrem Fuͤrſtenſitze. Und wir, die mit verſchwenderiſcher Hand Das Fleiſch der Rinder dir geſchlachtet, Gefuͤrchtet uͤber Meer und Land, Wir werden ungeſtraft verachtet! 187 42. Erhoͤrung findet er vor Ammons Angeſicht. Der blickt nach Tyrus Stadt, wo, reich durch ihre Herzen, Der Schmaͤhſucht Pfeil die Liebenden verſchmerzen, Winkt dann vor ſeinen Thron Cyllenius und ſpricht: Wohlan, mein Sohn! laß dich die Winde niederſchwingen Zu dem Dardanier, der in Karthago ſaͤumt Und den verheißnen Thron im Arm der Luſt vertrͤumt, Und eile, mein Gebot zu ſeinem Ohr zu bringen! 43. Nicht, wie man jetzt ihn uͤberraſcht, verhieß Ihn ſeine Mutter mir, die Goͤttin von Cythere; Nicht, daß er ſchwelgen ſollt' in Tyrus Stadt, entriß Sie zweimal ihn der Myrmidonen Speere. Das kriegeriſche Land, der Reiche kuͤnft'ges Grab, Italien ſollt' er regieren, Verherrlichen den Stamm, der ihm den Urſprung gab, »Und die bezwungne Welt in Sklavenketten fuͤhren. 44. Kann ſolcher Groͤße Glanz ſein Herz nicht mehr beleben Will er fuͤr eignen Ruhm den Arm nicht mehr erheben Warum mißgoͤnnt er ſeinem Sohn Unvaͤterlich der Roͤmer Thron? Was iſt ſein Zweck? was haͤlt in Tyrus ihn vergraben, Wo ein verjaͤhrter Haß den Untergang ihm droht? Er ſegle fort! Er ſegle! will ich haben, Das iſt mein ernſtliches Gebot. 45. Er ſpricht's, und, was der große Vater ihm befohlen, Läßt Jener ſchleunig in Erfuͤllung gehn. Erſt knuͤpft er an den Fuß die goldnen Fluͤgelſohlen, Die reißend mit des Sturmes Wehn Ihn hoch wegfuͤhren uͤber Meer und Land, Faßt dann den Stab, der einwiegt und erwecket, Der die Verſtorbnen fuͤhrt zu Lethes ſtilem Strand, Zuruͤckbringt und das Aug' mit Todesnacht bedecket. 46. Mit dieſem Stab gebeut er dem Orkan, Durchſchwimmt der Wolken Meer und lentt der Stuͤrme Wagen. Jetzt langt er bei der Stirn' des rauhen Atlas an Und ſieht im Fluge ſchon die ſchweren Schultern ragen, Die hoch und ſteil den Himmel tragen. In der Gewolke ſchwarzem Kiſſen ruht Sein ſichtenſtarres Haupt, jetzt von des Hagels Wuth Gepeitſcht, jetzt von der Winde Grimm geſchlagen. 47. Die Achſeln dect ein ew'ger Schnee. Es ſtarrt, Von tauſendjaͤhr'gem Eis umfangen, Des Greiſen ſchauervoller Bart, Und Wetterbäche waſchen ſeine Wangen. Hier haͤlt Mercur zuerſt die raſchen Flügel an* Und ruht in ſanftem Fall auf dem beeisten Zacken, Wirft dann von des Gebirges Nacken Mit ganzem Leib ſich in den Ocean. 189 48. So ſchwebt in tiefgeſenktem Bogen Um fiſchbewohnter Klippen Rand Die Move laͤngs dem Meeresſtrand Und netzt den niedern Fittig in den Wogen. So kam jetzt zwiſchen Meer und Land Durch Libyens gethuͤrmten Sand Vom muͤtterlichen Ahn Mercurius geflogen Und brach mit ſchnellem Flug der Winde Widerſtand. 49. Kaum weilt ſein Flugelfuß in Tyrus nächſten Gauen, So ſtellt Aeneas ſich ihm dar, bemuͤht, Die Mauern zu erneun und Thuͤrme zu erbauen. Ein Schwert, mit Jaſpis reich bezogen, gluͤht An ſeinem Gurt, hell flammt um ſeine Lenden Ein Oberkleid, mit Purpurblut getraͤnkt, Von der Geliebten ihm geſchenkt Und veich mit Gold durchwirkt von ihren eignen Haͤnden. 50. Schnell tritt der Gott ihn an. So, ruft er, Weiberenecht! So uͤberraſcht man dich! Du bauſt Karthagos Veſte, Du gruͤndeſt zierliche Palaͤſte, Und dein Beruf, dein auf dich hoffendes Geſchlecht, Wea ſind ſie, weg aus deiner Seele? Mert' auf! Ich bringe dir Befehle Vom Herrſcher des Olymps, von jener furchtbarn Macht, Vor der der Himmel bebt, des Erdballs Achſe kracht. 190 51. Von welcher Hoffnung Zauberſeilen Läßt ſich dein muͤß'ger Fuß in Libyen verweilen? Reizt dich des Ruhmes lorbeervolle Bahn Nicht mehr, willſt du fuͤr eignen Glanz nichts wagen, Warum ſoll dein aufbluͤhender Aſtan Der Groͤße, die ihm winkt, entſagen? Warum das Scepter ſich entriſſen ſehn, Das ihm beſchieden iſt auf des Janiculs Hoͤhn? 52. Kaum ſchweigt der Gott, ſo iſt er ſchon den Blicken Der Sterblichen in duͤnne Luft entruͤckt. Mit ſchweigendem Entſetzen blickt Aeneas nach, ihm ſchauerts durch den Ruͤcken, Die Locken ſtehn bergan, im Munde ſtirbt der Laut. Durchdonnert von dem gottlichen Befehle, Beſchließt er ſchnelle Flucht, und mit entſchloſſner Seele Entſast er ſeiner theuren Braut. 33. Ach, aber wo der Muth, die Flucht ihr anzukuͤnden? Wo die Beredſamkeit, ein liebeflammend Herz Zu heilen von der Trennung Schmerz? Wo auch den Eingang nur zu dieſer Botſchaft finden? Nach allen Mitteln wird geſpaͤht, Und von Entwurfe zu Entwurfe ſchwanken Die ſtuͤrmiſch wogenden Gedanken, Bis endlich der Entſchluß bei Dieſem ſtille ſteht: 191 54. Still ſoll Kloanth verſammeln alle Schaaren, Die Flotte ziehen in den Ocean, Doch nicht den Zweck der Ruͤſtung offenbaren. Indeſſen ſie in ihres Gluͤckes Wahn Nicht traͤumt, daß ſolche Bande koͤnnen reißen, Will er, die nahe Flucht ihr zu geſtehn, Der Augenblicke guͤnſtigſten erſpaͤhn.— Mit Luſt vollſtrecken Die, was ſie der Fuͤrſt geheißen. 55. Doch bald errieth— wer taͤuſcht der Liebe Seherblick? Ihr ahnungsvoller Geiſt das drohende Geſchick. Den Schlag, der ſpaͤter erſt ſie treffen ſoll, beſchleunigt Ihr fuͤrchtend Herz, im Schoß der Ruhe ſelbſt gepeinigt. Derſelbe Mund, der ſo geſchäftig war, Das Gluͤck der Liebenden den Voͤlkern zu berichten, Entdeckt ihr, daß der Trojer Schaar Sich fertig macht, die Anker ſchnelt zu lichten. 56. So faͤhrt, wenn der Orgyen Ruf erſchallt, Die Maͤnas auf, wenn durch ihr gluͤhendes Gehirne Die nahe Gottheit braust, und von Cithaͤrons Stirne Das naͤchtliche Geheul der Schweſtern widerhallt. So ſchweifte Dido nun durch Tyrus ganze Weite Im Wahnſinn ihrer Qual, bis ſie, erſchoͤpft im Streite Des Stolzes und der Leidenſchaft, Mit dieſen Worten den Trojaner ſtraft: 192 57. Was deine Bruſt doch zu beſchließen faͤhig war? Du willſt dich heimlich aus Karthägo ſtehlen? Dich haͤlt die Liebe nicht, Barbar, Die Treue nicht, die du mir einſt geſchworen? Die Unſchuld nicht, die ich durch dich verloren? Dich haͤlt mein Tod, dich haͤlt der Sterbeblick Des Opfers, das du wuͤrgteſt, nicht zuruͤck? 58. Im Winter ſelbſt willſt du die Segel ſpannen, Willſt dem Orkan zum Trotz von dannen? Und, ach! wohin? nach einem fremden Strand! Zu Voͤlkern, dir noch unbekannt! Ja! waͤre nun dein Troja nicht gefallen, Waͤr's noch das Land der väterlichen Hallen, Dem du durchs wilde Meer entgegen ziehſt! Unmenſch! und ich bin's, die du fliehſt! 59. Bei dieſer Thraͤnenflut, bei deiner Manneshand, Weil ich an dich doch Alles ſchon verloren, Bei unſrer Liebe friſch geflochtnem Band Bei Hymens jungen Freuden ſey keſchworen! Empfingſt du Gutes je aus meiner Hand, Hat jemals Wonne dir gebluͤht in meinen Armen— Laß dich erbitten, bleib'! D, hab' Erbarmen Mit meinem Polk, mit dem verlornen Land! Verraäther! ruft ſie aus, du hoffſt noch zu verhehlen, 193 60. Um deinetwillen haßt mich der Numide, Um deinetwillen ſind die Tyrier mir gram, Um deinetwillen floh der Unſchuld ſtolzer Friede Auf ewig mich mit der entweihten Scham; Mein Ruf iſt mir geraubt, die ſchoͤnſte meiner Kronen, Der meinen Namen ſchon an die Geſtirne ſchrieb. Mein Gaſt reist ab— mit Tod mich abzulohnen! Gaſt! Das iſt Alles, was mir von dem Gatten blieb. 61. Wozu das traur'ge Leben mir noch friſten? Bis Jarbas mich in ſeine Ketten zwingt? Bis ſich der Bruder zeigt, mein Tyrus zu verwuͤſten? Ja, laͤge nur, wenn dich die Flucht von dannen bringt, Ein Sohn von dir an meinen Mutterbruͤſten, Saͤh' ich dein Bild, in einem Sohn verjuͤngt, In einem theuren Julus mich umſpielen, „Getroͤſtet wuͤrd' ich ſeyn, nicht ganz getaͤuſcht mich fuͤhlen! 62. Sie ſchweigt, und Zeus Gebot getren bezwingt Mit weggekehrtem Blick der Tenkrier die Qualen, Mit denen ſtill die Heldenſeele ringt. Nie, rief er jetzt, werd' ich mit Undank dir bezahlen, Was dein beredter Mund mir in Erinnrung bringt! ie wird Eliſens Bild aus meiner Seele ſchwinden, Solange Lebensglut durch meine Adern dringt, Der Geiſt noch nicht verlernt hat, zu empfinden! Schillers ſämmtl. Werke. 1. 13 194 63. Jetzt wen'ge Worte nur. Nicht heimlich, wie ein Dieb, D, glaub' Das nicht! wollt' ich aus deinem Reich mich ſtehlen. Wann maßt' ich je mich an, mit dir mich zu vermaͤhlen? War's Hymen, der an deinen Strand mich trieb? Waͤr' mir's vergdnnt, mein Schickſal mir zu wählen, Was von der Heimat mir nur irgend uͤbrig blieb, Mein Troja ſucht' ich auf, die Reſte meiner Theuern, Mit friſcher Hand den Thron der Väter zu erneuern. 64. Jetzt heißt Apolls Orakel nach dem Strand Des herrlichen Italiens mich eilen. Dort iſt mein Hymen, dort mein Vaterland! Kann dich, die Tyrerin, Karthagos Strand verweilen, Den du erſt kurz zum Eigenthum gemacht— Warum in aller Welt wird's Teukriern verdacht, Sich in Anſonien nach Huͤtten umzuſchauen? Auch uns ſteht's frei, uns auswaͤrts anzubauen. 65. Nie breitet um die ſtille Welt Die Nacht ihr thauiges Gewand, nie ſticken Die goldnen Sterne des Olympus Zelt, Daß nicht Anchiſens Geiſt, Entruͤſtung in den Blicken, Im Traumgeſicht ſich mahnend vor mich ſtellt. Mich ſtraft ein jeder Blick, der auf den Knaben fallt, Daß ich durch Zoͤgern ihn von einem Thron entferne, Der ſein iſt durch die Gunſt der Sterne. 195 66. Und jetzt gebeut der Goͤtterbote mir 2 Das Naͤmliche, vom Herrn des Himmels ſelbſt geſendet. Bei meinem Leben, Fuͤrſtin, ſchwoͤr' ich's dir, Bei meines Sohnes Haupt! kein Wahn hat mich geblendet. Ich ſelbſt ſah ihn— bei hellem Sonnenlicht— In dieſe Mauern ziehn. Ich hoͤrte ſeine Stimme. Drum quaͤl' uns Beide nicht mit undankbarem Grimme: Nicht freie Wahl entfernt mich, ſondern Pflicht. 67. Längſt hatte ſie, indem er ſprach, den Ruͤcken Ihm zugekehrt und ſchaute wild um ſich; Dann mißt ſie ſchweigend ihn mit großen Blicken; Jetzt reißt der Zorn ſie fort. Verraͤther! ruft ſie, dich, Dich häͤtte Cypria, die Goͤttin ſanfter Luͤſte, Dich Dardanus gezeugt?— In grauſenvoller Wuͤſte Schuf Kaukaſus aus rauhen Felſen dich, „Und Tigermuͤtter reichten dir die Bruͤſte. 68. Denn, was verberg' ich mir's? braucht's mehr Beweis? Hat einen Seufzer nur mein Jammer ihm entriſſen? Mein Schmerz nur einmal aufgethaut das Eis In ſeinem Blick? erſchuttert ſein Gewiſſen? Floß eine Thraͤne nur, ſein Leid mir zu geſtehn? O, was emport mich mehr? ſein Undank? dieſe Kälte? Gerechte Goͤtter! nein, von eurem hohen Zelte Koͤnnt ihr Dies nicht gelaſſen ſehn! 69. Trau' Einer Menſchen! Nackt an meinem Strande Fand ich den Fluͤchtling, da er ſcheiterte; Zu wohnen gonnt' ich ihm in meinem Lande, Erhielt ihm die Gefaͤhrten, rettete Der Flotte Truͤmmer— O, mich bringt's von Sinnen! Nun kommt ein Gotterſpruch! nun ſpricht Apoll! Nun ſchickt Kronion ſelbſt von des Olympus Zinnen Befehle nieder— graͤßlich, ſchauervoll! 70. D freilich! Das bekuͤmmert Die dort oben! Das ſtort ſie auf in ihrer goldnen Ruh'! Doch ſey's, wie's ſey! Ich ſchenke dir die Proben. Geh' immer, ſteure friſch dem Tiberſtrome zu! Noch leben Goͤtter, die den Meineid raͤchen. Auf ſie vertraut mein Herz. Geh', uͤberlaſſe dich Den Wellen nur! Ich weiß, du denkſt an mich, Wenn zwiſchen Klippen deine Schiffe brechen. 71. Abweſend eil' ich dir in ſchwarzen Flammen nach, Und ſchrecklich ſoll, wenn dieſes Leibes Bande Des Todes kalte Hand zerbrach, Mein Geiſt dich jagen uͤber Meer und Lande. Bezahlen ſollſt du mir, entſetzlich, fuͤrchterlich! Ich hoͤr' es noch, wenn man mich laͤngſt begraben; Im Reich der Schatten will ich mich An dieſer Freudenbotſchaft laben. 197 72. Hier bricht ſie ab, entreißt in ſchneller Flucht Sich zuͤrnend des Trojaners Blicken, Der noch verlegen ſaͤumt und fruchtlos Worte ſucht, Des Kummers Groͤße auszudruͤcken. Beſiegt von ihrem ſchweren Harm, Sinkt ſie in ihrer Dienerinnen Arm, Die auf ein Marmorbett ſie niederlegen Und den erſchoͤpften Leib auf weichen Kiſſen pflegen. 73. Wie feurig auch der Menſchliche ſich ſehnt, Durch ſanfter Worte Kraft die Leidende zu heilen, Wie mancher Seufzer auch den Heldenbuſen dehnt, Der Wink des Himmels heißt ihn eilen, Und Amors Stimme weicht dem goͤttlichen Geheiß. Er fliegt zum Strand, wo der geſchaͤft'ge Fleiß Der Seinen brennt, die Schiffe flott zu machen; Schon tanzen auf der Flut die wohlverpichten Nachen. 74. Noch ungezimmert bringen ſie den Baum, (So ernſtlich gilt's) noch gruͤn die Ruder hergetragen; Es lebt von Menſchen, die zum Ufer jagen, Vom Hafen bis zur Stadt der ganze Zwiſchenraum. So, wenn geſchäftiger Ameiſen Schaaren, Dem kargen Winter Nahrung aufzuſparen, Den Weizenberg zu pluͤndern gluͤhn Und mit dem Raube dann in ihre Löcher ſliehn. Der ſchwarze Trupp durchzieht die Schollen, Bemuͤht, die Beute fortzurollen, Auf ſchmalem Weg, durch Gras und Kraut, Stemmt dort, die ſchweren Koͤrner zu bewegen, Sich mit den Schultern kräftiglich entgegen; Dem Dritten iſt die Anſicht anvertraut, Der ſpornt das Heer und ſtraft die Traͤgen Lebendig iſt's auf allen Wegen. 76. Wie war bei dieſem Anblick dir zu Muth⸗. Eliſa? welche Seufzer ſchickteſt Du zum Olymp, als du des Eifers Glut Von deiner hohen Burg am Meeresſtrand erblickteſt? Vor deinem Angeſicht die ganze Waſſerwelt Erzittern ſahſt von vauhen Schifferkehlen? Grauſame Leidenſchaft, auf welche Proben ſtellt Dein Eigenſinn der Menſchen Seelen! 77. Aufs Neue wird der Thraͤnen Macht Erprobt, aufs Neu' das ſtolze Herz den Siegen Der Leidenſchaft zum Opfer dargebracht. Wie ſollte ſie, eh' alle Mittel truͤgen, Hinunter eilen in des Grabes Nacht? Sieh', Anna, ruft ſie aus, wie ſie zum Hafen fliegen! Wie's wimmelt an dem Strand! Sieh'! ſieh! die Schiffe ſind Bekraͤnzt, die Segel rufen ſchon den Wind! Haͤtt' ich zu dieſem Schlage mich verſehen, So haͤtte, ihn zu uͤberſtehen, Mir auch gewiß die Faſſung nicht gefehlt. Drum noch dies Einzige. Dir ſchenkt er ſein Vertrauen, Dir noch allein, du darfſt in ſeine Seele ſchauen, Nie hat er eine Regung dir verhehlt. Du weißt des Herzens weiche Seiten auszuſpahen, Drum geh', den ſtolzen Feind noch einmal anzuflehen. 79. Sag' ihm, nie hab' ich mich an Aulis Strand Verſchworen mit dem Feind, ſein Flium zu ſchleifen, Nie Schiffe mitgeſandt, die Veſte anzugreifen, Des Vaters Aſche nie aus ihrer Gruft entwandt. Warum ſchließt er ſein Ohr hartherzig meiner Bitte? Er warte doch, bis ein geneigter Wind ihm weht. Er wage doch die Fahrt nicht in des Winters Mitte. Dies ſey der letzte Dienſt, um den ihn Dido fleht. 80. Nicht jenes alte Band will ich erneuern, Das er zerriß, nicht hinderlich ihm ſeyn, Nach ſeinem theuren Latium zu ſteuern; Um Aufſchub bitt' ich ihn allein, Um etwas Friſt, den Sturm des Buſens zu bezähmen, Gelaſſ'ner zu verſchmerzen dieſen Schlag! Noch dieſen Dienſt laß in das Grab mich nehmen, Der deiner Liebe Maß an mir vollenden mag. 200 81. So fleht die Elende. Der Schweſter heiße Zaͤhren Bringt Anna vor ſein Ohr. Umſonſt, die Goͤtter wehren, Sein fuͤhlend Herz verſchließt des Schickſals Macht. So, wenn, den hundertjaͤhr'gen Eichſtamm umzureißen, Die Alpenſtuͤrme wuͤthend ſich befleißen Und brauſend ihn umwehn— bis an den Wipfel kracht Der Stamm, ſie faſſen heulend ſeine Glieder, Und von den Zweigen rauſcht ein gruͤner Regen nieder. 82. Er ſelbſt haͤngt zwiſchen Klippen feſt: ſo weit Sein Wipfel aufwaͤrts in den Himmel draͤut, So tief dringt ſeine Wurzel in die Holle. So ward von fremdem Flehn, noch mehr von eignem Schmerz Zerriſſen jetzt des Helden Herz; Doch der Entſchluß behauptet ſeine Stelle. Wie auch ſein Herz in allen Tiefen leidet, Geſchehen muß, wie das Geſchick entſcheidet. 83. Verhaßt iſt ihr fortan des Himmels Bogen; Von graͤßlichen Erſcheinungen bedroht, Vom Schickſal ſelbſt zum Abgrund hingezogen, Beſchließt die Ungluͤckſelige den Tod. Einſt, als ſie den Altar beſchenkt mit frommen Gaben, Verwandelt jaͤhlings ſich des heil'gen Weines Flut, Entſetzliches Geſicht! in Blut, Und dies Geheimniß ward mit ihr begraben. Auch ſtand, den Manen des Gemahls geweiht, Im Hauſe eine marmorne Kapelle, Verehrt von ihr mit frommer Zaͤrtlichkeit, Geſchmuͤckt mit manchem Laub und glaͤnzend weißem Felle. Von hier aus hoͤrte ſie, wenn Alles ringsum ſchlief, Des Gatten Ton, der ſie mit Namen rief, Und einſam wimmerte auf hohem Dach die Eule Ihr tpoͤweisſagendes Geheule. 85. Auch manch Orakel wird in ihrem Buſen wach, Aeneens Schatten ſelbſt ſcheucht ſie mit wildem Blicke, Eilt der Geaͤngſtigten in Traͤumen drohend nach, Und einſam ſtets bleibt ſie zuruͤcke. Ihr daͤucht, ſie wandle hin auf menſchenleerer Flur, Sie ganz allein auf einem langen Pfade, Und ſuche ihrer Tyrer Spur Laͤngs dem verlaſſenen Geſtade. 86. So ſiehet Pentheus Fieberwahn Die Schaar der Furien ihm nahn, Zwei Theben um ſich her, zwei Sonnen aufgegangen. So ruft der Buͤhnen Kunſt Oreſtens Bild hervor, Wenn mit der Fackel ihn und fuͤrchterlichen Schlangen Der Mutter Schatten jagt, der Racheſchweſtern Chor, Geſpien aus dem Schlund der Hoͤlle, Ihn angraust an des Tempels Schwelle. 202 87. Als jetzt, ein Raub der ſchwarzen Eumeniden Eliſa ſich dem Untergang geweiht, Auch uͤber Zeit und Weiſe ſich entſchieden, Tritt ſie die Schweſter an mit falſcher Heiterkeit, Läßt im verſtellten Aug' der Hoffnung Strahlen blitzen, Tief ſcheint der lange Sturm des Buſens jetzt zu ruhn: Geliebte, freue dich, ein Mittel weiß ich nun, Ihn zu vergeſſen oder zu beſitzen. 88. Am fernen Mohrenland, dort, wo des Tages Flamme Sich in des Weltmeers letzte Fluten neigt, Wo unterm Himmel ſich der Atlas beugt, Wohnt eine Prieſterin aus der Maſſyler Stamme. Ihr iſt der Heſperiden Haus vertraut, Sie huͤtete die heil'gen Zweige, Beſaͤnftigte mit ſuͤßem Honigteige Des Drachen Wuth und mit dem Schlummerkraut. 89. Die ruͤhmt ſich, jedes Herz, verletzt von Amors Pfeilen, Durch ihres Zaubers Kraft zu heilen; Auf andre druͤckt ſie ſelbſt den Pfeil des Kummers ab. Sie zwingt in ihrem Lauf die Stroͤme, ſtill zu ſtehen, Die Sterne kann ſie ruͤckwaͤrts drehen, Und Nachtgeſpenſter ruft ſie aus dem Grab, Zerreißt der Erde bruͤllend Eingeweide Und zieht den Eichbaum von des Berges Haide. 203 90. Daß es bis dahin mit mir kommen muß! Bei deinem theuren Haupt, bei Zeus Olympius, Es faͤllt mir ſchwer! doch jetzt kann Zauber nur mich retten. Drum, Liebe, richte ſtill mir einen Holzſtoß auf Im innern Hof des Hauſes! Lege drauf Das Schwert, jedweden Reſt des Schaͤndlichen, die Betten, Wo meine Unſchuld ſtarb! Die Prieſterin gebeut, Zu tilgen jede Spur, die mir ſein Bild erneut.* 91. Sie ſpricht's, und Todesbläſſe deckt Ihr Angeſicht. Doch, daß in dieſem Schleier Der Schweſter eigne Leichenfeier Sich birgt, bleibt Annens bloͤdem Sinn verſteckt. In der Verzweiflung Tiefen unerfahren, Beſorgt ſie Schlimmres nicht, als was Eliſens Gram Beim Tod des erſten Gatten unternahm: Drum ſaͤumt ſie nicht, der Schweſter zu willfahren. 92. Bald ſteht durch ihrer Haͤnde Fleiß Ein großer Holzſtoß aufgerichtet, Aus Fackeln und ans duͤrrem Reis Im innern Hofraum aufgeſchichtet. Ihn ſchmuͤckt die Koͤnigin, wohl wiſſend, was ſie thut, Mit einem Kranz und der Cypreſſe traur'gen Aeſten, Und hoch auf ihrem Brautbett ruht Des Trojers Bild und Schwert mit allen Ueberreſten. 204 93. Auf jeder Seite zeigt ſich ein Altar, Und in der Mitte ſteht mit aufgelostem Haar Die Prieſterin, in heil'ge Wuth verloren. Ihr fuͤrchterlicher Ruf durchdonnert ſelbſt die Nacht Des Erebus. Des Chaos wilde Macht, Ein ganzes Heer von Goͤttern wird beſchworen, Perſephoneiens dreifache Gewalt, Dianens dreimal⸗wechſelnde Geſtalt. 94. Die Fluten des Avernus vorzuſtellen, Beſprengt ſie den Altar mit heil'gen Wellen. Nach jungen Kraͤutern wird geſpaͤht, Die von des Giftes ſchwarzen Tropfen ſchwellen, Beim Mondlicht mit der Sichel abgemaͤht; Auch forſcht man nach dem Liebesbiſſen, Der auf der Fohle jungem Haupt ſich blaͤht, Dem Zahn des Mutterpferds entriſſen. 95. Sie ſelbſt, das Opferbrod in frommer Hand, Mit bloßem Fuß, mit losgebundenem Gewand, Zum Tod entſchloſſen, ſteht an den Altaͤren, Des Himmels Zorn, der Goͤtter Strafgericht Auf ihres Moͤrders Haupt herabzuſchwodren, Und, ſchuͤtzt ein Gott der Liebe fromme Pflicht, Der Treue heiliges Verſprechen, Ihn ruft ſie auf, zu ſtrafen und zu raͤchen. 96. Gekommen war die Nacht, und alle Weſen ruhten Erſchoͤpft im ſuͤßen Arm des Schlafs. Tief ſchweigt Der Wald, gelegt hat ſich der Zorn der Fluten, Zur Mitte ihrer Bahn die Sterne ſich geneigt. Der Voͤgel bunter Chor verſtummt, die Flur, die Heerden, Was ſich in Suͤmpfen birgt und in der Waͤlder Nacht, Vergißt der Arbeit und Beſchwerden, Gefeſſelt von des Schlummers Macht. 97. Nur deines Buſens immer wachen Kummer, Ungluͤckliche Eliſa! ſchmelzt kein Schlummer, tie wird es Nacht auf deinem Angenlied. Empfindlicher erwachen deine Schmerzen, Aufs Neu' entbrennt in deinem Herzen Der Kampf, den, ach! Verzweiflung nur entſchied. Jetzt Raub des Grimms, jetzt ihres Kummers Beute, Beginnt ſie ſo in dieſem innern Streite. 98. Ungluͤckliche, ruft ſie, was ſoll nunmehr geſchehn? Gehſt dn, von Neuem dich den Freiern anzutragen, Die du veraͤchtlich ausgeſchlagen, Und der Nomaden Hand ſußfaͤllig zu erflehn? Gehſt du, den Teukriern als Magd dich anzubieten? Du kennſt ja ihre Dankbarkeit; Du ſollteſt wiſſen, wie bereit Sie ſind, empfangne Opfer zu verguͤten. 206 99. Und offnen ſie dir wohl der Schiffe ſtolzen Schoß, Sey's auch, du konnteſt dieſe Schmach verſchmerzen? So wenig weißt du, wie gewiſſenlos Laomedontier mit Treu' und Glauben ſcherzen! Folgſt du den ſtolzen Ruderern allein? Holſt du mit deinen Tyriern ſie ein? Und, kaum aus Sidons Stadt gewaltſam fortgezogen, Vertrauſt du ſie aufs Neu' dem Spiel von Wind und Wogen? 100. Nein, ſtirb, wie du verdient! Das Schwert befreie dich. Dir, Schweſter, dant' ich meinen Fall. Du gabeſt mich Dem Feinde preis, von meinem Flehn beſtochen! Konnt' ich nicht ſchuldlos, von Begierden rein, Nicht frei von Hymens Band mich meines Lebens freun? Mein Wort hab' ich, Sichaus, dir gebrochen, Geſchworen deinem heiligen Gebein; Erzuͤrnter Geiſt, du wirſt gerochen! 101. So quaͤlte Jene ſich, indeß auf hohem Schiff, Entſchloſſen und bereit, Karthagos Strand zu raͤumen, Aeneas ſchlief. Ihm zeigte ſich in Traͤumen Dasſelbe Bild, das jungſt mit Schrecken ihn ergriff⸗ Und bringt denſelben Auftrag wieder, Dem Fluͤgelboten gleich an Stimme, an Geſtalt, Dasſelbe blonde Haar, das Majens Sohn umwallt, Derſelbe ſchlanke Bau der jugendlichen Glieder. 207 102. Iſt's moͤglich, ruft er, Goͤttinſohn! An des Verderbens Rand kannſt du des Schlummers pflegen? Siehſt die Gefahren nicht, die ringsum dich bedrohn, Und hoͤrſt die Winde nicht, die deine Segel regen? Von wilder Wuth empoͤrt, ſinnt Jene, dich mit Liſt, Mit unentrinnbarem Verderben zu umſchlingen: Du eilſt nicht mit des Windes Schwingen Davon, da dir noch Flucht verſtattet iſt? 103. Gruͤßt dich Aurora noch in dieſem Land, So ſiehſt du weit und breit die Wellen Mit Schiffen uͤberdeckt, den ganzen Meeresſtrand Von mordbegier'gen Fackeln ſich erhellen. Flieh' ohne Aufſchub! flieh'! Veraͤnderlich Iſt Frauenſinn, und nimmer gleicht er ſich— Er ſpricht's und fließt in Nacht dahin. Voll Schrecken Fährt Jener aus dem Schlaf und eilt, ſein Volk zu wecken. 104. Wacht auf! Geſchwind! Ergreift die Ruder! Spannt Die Segel aus! Ein Gott, vom Himmel hergeſandt, Treibt mich aufs Neu', nicht laͤnger mehr zu weilen, Die Straͤnge zu zerhaun, die Abfahrt zu beeilen. Wer du auch ſeyſt, erhabne Gottheit! Ja, Frohlockend folgen wir dem Wink, den du gegeben. Verleih' uns Schutz! O, ſey uns hold und nah! Laß uͤber unſerm Haupt geneigte Sterne ſchweben! Er ſpricht's, und aus der Scheide blitzt Sein flammend Schwert und trennt des Ankers Seile; Ihm folgt die ganze Schaar, von gleicher Glut erhitzt⸗ Rafft Alles fort und treibt und rennt in voller Eile. Schnell iſt die ganze Kuͤſte leer⸗ Verſchwunden unter Schiffen iſt das Meer, Es keucht der Rudertnecht und quirlt zu Schaum die Wogen, Zahlloſe Furchen ſind durchs blaue Feld gezogen. 106. Und jetzo windet ſich aus Tithons goldnem Schoß Des Morgens junge Goͤttin los Und uberſtroͤmt die Welt mit neugebornen Strahlen. Aus ihren Fenſtern ſieht mit ſilberfarbnem Gran Die Koͤnigin den Horizont ſich malen, Sieht durch der Waſſer fernes Blau Die Flotte ſchon mit gleichen Segeln fliegen, Die Kuͤſte leer, den Hafen dde liegen⸗ 107. Da ſchlaͤgt ſie mit ergrimmter Hand Die ſchoͤne Bruſt, zervauft die gelben Locken. Allmaͤcht'ger Zeus! ruft ſie erſchrocken, Er geht, er flieht von meinem Strand! Dem Freindling ging es hin, mich ſtraflos zu verſpotten? Bewaffnet nicht ganz Tyrus mein Geheiß? Auf, auf! Reißt aus dem Zeughaus meine Flotten! Bringt Fackern! Rudert friſch! Gebt alle Segel preis! 209 108. Wo bin ich?— Weh', was fuͤr ein Wahnſinn reißt mich fort? Jetzt hat dein feindlich Schickſal dich ereilet, Ungluͤckliche! Da galt's, da war der rechte Ort, Als du dein Reich mit ihm getheilet. Das alſo iſt der Held voll Treu', voll Edelmuth, Der ſeines Vaters Laſt auf fromme Schultern lud, Der mit ſich fuͤhren ſoll auf allen ſeinen Bahnen Die Heiligthuͤmer ſeiner Ahnen! 109. Konnt' ich in Stuͤcken ihn nicht reißen, nicht zerſtreun Im Meer ihn und ſein Volk? nicht ſeinen Sohn erwuͤrgen, Auftiſchen ihm zum Mahl?— Wo aber meine Buͤrgen, Daß er nicht ſiegte? Mocht' es immer ſeyn! Was fuͤrchtet, wer entſchloſſen iſt, zu ſterben? Sein Lager ſteckt' ich an mit einer Loͤwin Wuth, Vertilgte Vater, Sohn, die ganze Schlangenbrut Und theilte dann frohlockend ihr Verderben! 110. D du, vor deſſen Strahlenangeſicht Kein Menſchenwert ſich birgt, erhabnes Licht! Du, Gattin Zeus, die meine Leiden kennet! Du, Hekate, die man durch Stadt und Land Auf finſtern Scheidewegen heulend nennet! Ihr, Furien, ihr, Goͤtter, deren Hand Die Sterbende ſich weiht! Vernehmt von euren Hoͤhen Der Rache Aufgebot, neigt euch zu meinem Flehen! Schillers ſaͤmmtl. Werke. I. 14 210 111. Muß der Verworfne doch zum Ufer ſich noch ringen, Iſt dem Verhaͤngniß nichts mehr abzudingen, Iſt's Jovis unabänderliches Wort:* D, ſo erduld' er alle Kriegesplagen! Von einem tapfern Volk aus ſeinem Reich geſchlagen, Geriſſen aus des Sohnes Armen, Such' er bei Fremdlingen Erbarmen Und ſehe ſchaudernd der Gefaͤhrten Mord! 112. Und, fuͤgt er ſich entehrenden Vertraͤgen⸗ So mog' er nimmer ſich des Throns noch Lebens freun, Er falle vor der Zeit! Dies ſey mein letzter Segen! Mit dieſem Wunſch geh' ich dem Styr entgegen; Im Sande liege unbeerdigt ſein Gebein! Dann, Tyrier, verfolgt mit ew'gen Kriegeslaſten Den ganzen Samen des Verhaßten! Dies ſoll mein Todesopfer ſeyn! 113. Kein Friede noch Vertrag ſoll jemals euch vereinen Ein Raͤcher wird aus meinem Staub erſtehn, In ihren Pflanzungen mit Feu'r und Schwert erſcheinen Fruͤh oder ſpät, wie ſich die Kraͤfte tuͤchtig ſehn. Feindſelig drohe Kuͤſte gegen Kuͤſte, Rachgierig thuͤrme Flut ſich gegen Flut, Schwert blitze gegen Schwert, der ſpäten Enkel Bräſte Entflamme unverſohnte Wuth! 211 114. Sie ſprach's und ſann voll Ungeduld, die Bande Des traur'gen Lebens zu zerreißen, rief Sichäus Amme(ihre eigne ſchlief Den langen Schlummer ſchon im muͤtterlichen Lande). Laß, ſpricht ſie, theure Barce, ſchnell Die Schweſter ſich mit friſchem Quell Benetzen! Sag' ihr an, daß ſie die Thiere Und die bewußten Opfer zu mir fuͤhre! 115. Du ſelbſt, Geliebte, ſaͤume nicht, Mit frommer Binde dir die Schläfe zu verhuͤllen: Ich will des angefangnen Opfers Pflicht Dem unterird'ſchen Zeus erfuͤllen Und meinen Gram auf ewig ſtillen. Sogleich flammt mit dem Boͤſewicht Der Holzſtoß in die Luft!— Sie ſpricht's, und ſonder Weile Wankt Jene fort mit ihres Alters Eile. 116. Sie ſelbſt, zur Furie entſtellt Vom gräßlichen Entſchluß, der ihren Buſen ſchwellt, Mit bluterhitztem Aug', geſtachelt von Verlangen, Der Farben wechſelnd Spiel auf krampfhaft zuckenden Wangen, Jetzt flammroth, jetzt, vom nahenden Geſchick 2 Durchſchauert, bleich, wie eine Buͤſte, Stuͤrzt in den innern Hof, und, Wahnſinn in dem Blick, Beſteigt ſie das entſetzliche Geruͤſte, 212 117. Reißt aus der Scheide des Trojaners Schwert, Ach, nicht zu dieſem Endzweck ihr geſchenket! Doch, als ihr Blick ſich auf Aeneens Kleider ſenket Und auf das wohlbekannte Bette, kehrt Sie ſchnell in ſich, verweilt bei dieſem theuren Srte⸗ Laßt noch einmal den Thranen freien Lauf, Schwingt dann aufs Bette ſich hinauf Und ſcheidet von der Welt durch dieſe letzten Worte: 118. Geliebte Reſte! Zeugen meiner Freuden, Solang's dem Gluͤck, den Himmliſchen gefiel! Entbindet mich von meinen Leiden! Empfangt mein fließend Blut! Auf euch will ich verſcheiden: Ich bin an meines Lebens Ziel; Vollbracht hab' ich den Lauf, den mir das Los beſchieden. Jetzt fliehet aus des Lebens wildem Spiel Mein großer Schatten zu des Grabes Frieden. 119. Gegruͤndet hab' ich eine weit beruͤhmte Stadt, Und meine Mauern ſah ich ragen; Beſtraft hab' ich des Bruders Frevelthat, Der Rache Schuld dem Gatten abgetragen. Ach, hätte nie ein Segel ſich Aus der Trojaner fernem Lande Gezeigt an meines Tyrus Strande: Wer war gluͤckſeliger, als ich! 213 120. Sie ſpricht's und druͤckt ins Kiſſen ihr Geſicht. Und ohne Rache, ruft ſie, ſoll ich fallen? Doch will ich fallen, doch! geraͤchet oder nicht! So ziemt's, ins Schattenreich zu wallen! Es ſehe der Barbar vom hohen Ocean Mit ſeinen Augen dieſe Flammen ſteigen Und nehme meines Todes Zeugen Zum Plagedaͤmon mit auf ſeiner Wogenbahn. 121. Eh' dieſe Worte noch verhallen, Sehn ihre Frauen ſie, durchrannt Vom ſpitz'gen Stahl, zuſammenfallen, Das Schwert mit Blut beſchäumt, mit Blut die Hand; Ihr Angſtgeſchrei ſchlagt an die hohen Saͤulen Der Koͤnigsburg. Sogleich macht des Geruͤchtes Mund Die grauenvolle That mit tauſendſtimm'gem Heulen Dem aufgedonnerten Karthago kund. 122. Da hort man von Geſchrei, von jammervollem Stoͤhnen, Von weiblichem Geheul die hohlen Daͤcher droͤhnen, Des Aethers hohe Woͤlbung heult es nach. Nicht fuͤrchterlicher konnt' es toͤnen, Wenn in Karthagos Stadt die Flut der Feinde brach⸗ Das alte Tyrus fiel, der Flammen wilde Blitze Sich freſſend waͤlzten durch der Menſchen Sitze Und durch der Goͤtter heil'ges Dach. 214 123. Geſchreckt durch den Zuſammenlauf der Menge, Durchſchauert von dem gräßlichen Geruͤcht, Stuͤrzt Anna, halb entſeelt, ſich durchs Gedraͤnge, Zerfleiſcht mit grimm'gen Naͤgeln das Geſicht, Die Bruſt mit moͤrderiſchen Schlägen. Das alſo war's! ruft ſie der Sterbenden entgegen; Mit Argliſt fingſt du mich! Dazu der Opferherd, Dazu das Holz und des Trojaners Schwert! 124. Weh' mir Verlaſſnen! Wen ſoll ich zuerſt beweinen? Unzaͤrtliche! warum verſchmaͤhteſt du im Tod Die Schweſter zur Begleiterin? Vereinen Sollt uns derſelbe Staht, von Beider Blute roth! Fleht' ich darum die Goͤtter an? erbaute, Daß ich allein dich deinem Schmerz vertraute, Dies Holzgeruͤſte? Weh'! mich ziehſt du mit ins Grab, Dein armes Volk, dein Reich, dein Tyrus mit hinab! 125. Gebt Waſſer, gebt, daß ich die Wunden waſche, Mit meinen Lippen ihn erhaſche, Wenn noch ein Hauch des Lebens auf ihr ſchwebt! Sie ruft's und ſteht ſchon oben auf den Stufen, Stuͤrzt weinend an der Schweſter Hals, beſtrebt, An ihrer warmen Bruſt ins Leben ſie zu rufen, Die ſchon der Froſt des Todes uͤberflogen, Zu trocknen mit dem Kleid des Blutes ſchwarze Wogen. 215 126. Umſonſt verſucht, aus weitgeſpaltnem Munde Pfeift unter ihrer Bruſt die Wunde, Umſonſt die Sterbende, den ſchwerbeladnen Blick Dem Strahl des Tages zu entfalten, Rafft dreimal ſich empor, von ihrem Arm gehalten, Und dreimal taumelt ſie zuruͤck, Durchirrt, das ſuͤße Licht der Sonne zu erſpaͤhen, Des Aethers weiten Plan und ſeufzt, da ſie's geſehen. 127. Erweicht von ihrem langen Kampf, gebeut Saturnia der Iris, fortzueilen, Der Glieder zaͤhe Bande zu zertheilen, Zu endigen der Seele ſchweren Streit. Denn da kein Schickſal, kein Verbrechen, Verzweiflung nur ſie abrief vor der Zeit, So hatte Hekate den unterird'ſchen Baͤchen Das abgeſchnittne Haar noch nicht geweiht. 128. Jetzt alſo kam, in tauſendfarbnem Bogen, Der Sonne gegenuͤber, feucht von Thau, Die Goldbeſchwingte durch der Luͤfte Grau Herab aufs Haupt der Sterbenden geflogen. Dies weih' ich auf Befehl der Gottheit dem Kochyt! Ruft ſie; vom Leibe frei mag ſich dein Geiſt erheben! Sie ſagt's und lost die Locke: ſchnell entflieht Der Wärme Reſt, und in die Luͤfte rinnt das Leben. Gedichte der 6 — — = — — * 5 — — — — — — — — Die Begegnung. Noch ſeh' ich ſie— umringt von ihren Frauen, Die Herrlichſte von allen, ſtand ſie da. Wie eine Sonne war ſie anzuſchauen: Ich ſtand von fern und wagte mich nicht nah. Es faßte mich mit wolluſtvollem Grauen, Als ich den Glanz vor mir verbreitet ſah; Doch ſchnell, als hätten Fluͤgel mich getragen, Ergriff es mich, die Saiten anzuſchlagen. Was ich in jenem Augenblick empfunden, Und was ich ſang, vergebens ſinn' ich nach. Ein neu Organ hatt' ich in mir gefunden, Das meines Herzens heil'ge Regung ſprach, Die Seele war's, die, Jahre lang gebunden, Durch alle Feſſeln jetzt auf Einmal brach Und Toͤne fand in ihren tiefſten Tiefen, Die ungeahnt und goͤttlich in ihr ſchliefen. Und, als die Saiten lange ſchon geſchwiegen, Die Seele endlich mir zuruͤcke kam, Da ſah ich in den engelgleichen Zuͤgen Die Liebe ringen mit der holden Scham, Und alle Himmel glaubt' ich zu erfliegen, Als ich das leiſe, ſuͤße Wort vernahm— O, droben nur in ſel'ger Geiſter Choͤren Werd' ich des Tones Wohllaut wieder hoͤren! 220 „Das treue Herz, das troſtlos ſich verzehrt Und, ſtill beſcheiden, nie gewagt, zu ſprechen— Ich kenne den ihm ſelbſt verborgnen Werth: Am rohen Gluͤck will ich das Edle röchen. Dem Armen ſey das ſchoͤnſte Los beſchert: Nur Liebe darf der Liebe Blumen brechen. Der ſchoͤnſte Schatz gehoͤrt dem Herzen an, Das ihn erwidern und empfinden kann.“ An Emma. Weit in nebelgrauer Ferne Liegt mir das vergangne Gluͤck, Nur an einem ſchoͤnen Sterne Weilt mit Liebe noch der Blick; Aber, wie des Sternes Pracht, Iſt es nur ein Schein der Nacht. Deckte dir der lange Schlummer, Dir der Tod die Augen zu, Dich beſaͤße doch mein Kummer, Meinem Herzen lebteſt du. Aber, ach! du lebſt im Licht, Meiner Liebe lebſt du nicht. Kann der Liebe ſuͤß Verlangen, Emma, kann's vergaͤnglich ſeyn? 221 Was dahin iſt und vergangen, Emma, kann's die Liebe ſeyn? Ihrer Flamme Himmelsglut— Stirbt ſie, wie ein irdiſch Gut? Das Geheimniß. Sie konnte mir kein Woͤrtchen ſagen, Zu viele Lauſcher waren wach; Den Blick nur durft' ich ſchuͤchtern fragen, Und wohl verſtand ich, was er ſprach. Leiſ' komm' ich her in deine Stille, Du, ſchoͤn belaubtes Buchenzelt, Verbirg in deiner gruͤnen Huͤlle Die Liebenden dem Aug' der Welt! Von Ferne mit verworrnem Sauſen Arbeitet der geſchäft'ge Tag⸗ Und durch der Stimmen hohles Brauſen Erkenn' ich ſchwerer Haͤmmer Schlag. So ſauer ringt die kargen Loſe Der Menſch dem harten Himmel ab; Doch leicht erworben, aus dem Schoße Der Gotter faͤllt das Gluͤck herab. Daß ja die Menſchen nie es hoͤren, Wie treue Lieb' uns ſtill begluͤckt! Sie koͤnnen nur die Freude ſtoren, Weil Freude nie ſie ſelbſt entzuͤckt. 222 Die Welt wird nie das Gluͤck erlauben, Als Beute wird es nur gehaſcht; Entwenden mußt du's oder rauben, Eh' dich die Mißgunſt öberraſcht. Leiſ' auf den Zehen kommt's geſchlichen, Die Stille liebt es und die Nacht; Mit ſchnellen Fuͤßen iſt's entwichen, Wo des Verraͤthers Ange wacht. O, ſchlinge dich, du, ſanfte Quelle, Ein breiter Strom, um uns herum, Und, drohend mit empoͤrter Welle, Vertheidige dies Heiligthum! Die Erwartung. Hor' ich das Pfoͤrtchen nicht gehen? Hat nicht der Riegel geklirrt? Nein, es war des Windes Wehen, Der durch dieſe Pappeln ſchwirrt. O, ſchmuͤcke dich, du, gruͤn belaubtes Dach, Du ſollſt die Anmuthſtrahlende empfangen! Ihr, Zweige, baut ein ſchattendes Gemach, Mit holder Nacht ſie heimlich zu umfangen! Und all' ihr Schmeichelluͤfte, werdet wach Und ſcherzt und ſpielt um ihre Roſenwangen, Wenn ſeine ſchoͤne Buͤrde, leicht bewegt, Der zarte Fuß zum Sitz der Liebe träͤgt. 223 Stille! Was ſchluͤpft durch die Hecken Raſchelnd mit eilendem Lauf? Nein, es ſcheuchte nur der Schrecken Aus dem Buſch den Vogel auf. O, loͤſche deine Fackel, Tag! Hervor Du, geiſt'ge Nacht, mit deinem holden Schweigen! Breit' um uns her den purpurrothen Flor, Umſpinn' uns mit geheimnißvollen Zweigen! Der Liebe Wonne flieht des Lauſchers Ohr, Sie flieht des Strahles unbeſcheidnen Zeugen; Nur Heſper, der Verſchwiegene, allein Darf, ſtill herblickend, ihr Vertrauter ſeyn. Rief es von Ferne nicht leiſe, Fluͤſternden Stimmen gleich? Nein, der Schwan iſt's, der die Kreiſe Ziehet durch den Silberteich. Mein Ohr umtoͤnt ein Harmonienfluß, Der Springquell faͤllt mit angenehmem Rauſchen, Die Blume neigt ſich bei des Weſtes Kuß, Und alle Weſen ſeh' ich Wonne tauſchen, Die Traube winkt, die Pfirſche zum Genuß, Die, uͤppig ſchwellend, hinter Blättern lauſchen, Die Luft, getaucht in der Gewuͤrze Flut, Trinkt von der heißen Wange mir die Glut. Hoͤr' ich nicht Tritte erſchallen? Rauſcht's nicht den Laubgang daher? Nein, die Frucht iſt dort gefallen, Von der eignen Fuͤlle ſchwer. Des Tages Flammenauge ſelber bricht In ſuͤßem Tod, und ſeine Farben blaſſen; Kuͤhn dffnen ſich im holden Dämmerlicht Die Kelche ſchon, die ſeine Gluten haſſen⸗ Stin hebt der Mond ſein ſtrahlend Angeſicht, Die Welt zerſchmilzt in ruhig große Maſſen. Der Guͤrtel iſt von jedem Reiz gelost, Und alles Schdne zeigt ſich mir entblost. Seh' ich nichts Weißes dort ſchimmern? Glänzt's nicht wie ſeidnes Gewand? Nein, es iſt der Säule Flimmern An der dunkeln Taxuswand. O ſehnend Herz, ergotze dich nicht mehr, Mit ſuͤßen Bildern weſenlos zu ſpielen! Der Arm, der ſie umfaſſen will, iſt leer; Kein Schattengluͤck kann dieſen Buſen kuͤhlen. O, fuͤhre mir die Lebende daher, Laß ihre Hand, die zaͤrtliche, mich fuͤhlen! Den Schatten nur von ihres Mantels Saum— Und in das Leben tritt der hohle Traum. Und leiſ', wie aus himmliſchen Hoͤhen Die Stunde des Gluͤckes erſcheint, So war ſie genaht, ungeſehen, Und weckte mit Kuͤſſen den Freund. 225 Der Abend. Nach einem Gemaͤlde. * Senke, ſtrahlender Gott— die Fluren duͤrſten Nach erquickendem Thau, der Menſch verſchmachtet, Matter ziehen die Roſſe— Senke den Wagen hinab! . Siehe, wer aus des Meers kryſtallner Woge Lieblich laͤchelnd dir winkt! Erkennt dein Herz ſies Raſcher fliegen die Roſſe, Thetis, die göttliche, winkt. Schnell vom Wagen herab in ihre Arme Springt der Fuͤhrer, den Zaum ergreift Cupido, Stille halten die Roſſe, Trinken die kuͤhlende Flut. An dem Himmel herauf mit leiſen Schritten Kommt die duftende Nacht; ihr folgt die ſuͤße Liebe. Ruhet und liebet!. Phobus, der liebende, ruht. Sehnſucht. Ach, aus dieſes Thates Grunden, Die der kalte Neber druͤckt, Koͤnnt' ich doch den Ausgang finden, Ach, wie fuͤhlt' ich mich begluͤckt! Schillers ſämmtl. Werke. 1. 15 — 226 Dort erblick' ich ſchoͤne Hugel⸗ Ewig jung und ewig gruͤn! Haͤtt' ich Schwingen, haͤtt“ ich Fluͤgel, Nach den Huͤgeln zog' ich hin. Harmonien hoͤr' ich klingen, Toͤne ſuͤßer Himmelsruh', Und die leichten Winde bringen Mir der Duͤfte Balſam zu. Goldne Früchte ſeh' ich gluͤhen, Winkend zwiſchen dunkelm Laub, Und die Blumen, die dort bluhen, Werden keines Winters Raub⸗ Ach, wie ſchoͤn muß ſich's ergehen Dort im ew'gen Sonnenſchein⸗ Und die Luft auf jenen Hdoͤhen— O, wie labend muß ſie ſeyn! Doch mir wehrt des Stromes Toben, Der ergrimmt dazwiſchen braust; Seine Wellen ſind gehoben⸗ Daß die Seele mir ergraust. Einen Nachen ſeh' ich ſchwanken, Aber, ach! der Fährmann fehlt⸗ Friſch hinein und ohne Wanken! Seine Seger ſind beſeelt. Du mußt glauben, du mußt wagen⸗ Denn die Goͤtter leihn kein Pfand; Nur ein Wunder kann dich tragen In das ſchone Wunderland. — Bn 227 Der Pilgrim. Noch in meines Lebens Lenze War ich, und ich wandert' aus, 6 Und der Ingend frohe Taͤnze Ließ ich in des Vaters Haus. All mein Erbtheit, meine Habe Warf ich froͤhlich glaubend hin, Und am leichten Pilgerſtabe Zog ich fort mit Kinderſinn. Denn mich trieb ein maͤchtig Hoffen Und ein dunkles Glaubenswort; Wandle, rief's, der Weg iſt offen, Immer nach dem Aufgang fort, Bis zu einer goldnen Pforten Du gelangſt, da gehſt du ein, Denn das Irdiſche wird dorten Himmliſch, unvergaͤnglich ſeyn. Abend ward's und wurde Morgen, Nimmer, nimmer ſtand ich ſtilt; Aber immer blieb's verborgen, Was ich ſuche, was ich will. erge lahen mir im Wege, Stroͤme hemmten meinen Fuß, Ueber Schruͤnde baut' ich Stege, Bruͤcken durch den wilden Fluß. 228 Und zu eines Stroms Geſtaden Kam ich, der nach Morgen floß; Froh vertrauend ſeinem Faden, Warf ich mich in ſeinen Schoß. Hin zu einem großen Meere Trieb mich ſeiner Wellen Spiel; Vor mir liegt's in weiter Leere, Näher bin nicht dem Ziel. Ach, kein Steg will dahin fuͤhren, Ach, der Himmel uͤber mir Will die Erde nie beruͤhren, Und das Dort iſt niemals Hier! Die Ideale. So willſt du treulos von mir ſcheiden Mit deinen holden Fantaſien, Mit deinen Schmerzen, deinen Freuden⸗ Mit allen unerbittlich fliehn? Kann nichts dich, Fliehende, verwiilen, O meines Lebens goldne Zeit? Vergebens! deine Wellen eilen Hinab ins Meer der Ewigkeit. ——————— 229 Erloſchen ſind die heitern Sonnen, Die meiner Jugend Pfad erheut; Die Ideale ſind zerronnen, Die einſt das trunkne Herz geſchweht;⸗ Er iſt dahin, der ſuͤße Glaube An Weſen, die mein Traum gebar, Der rauhen Wirklichteit zum Raube, Was einſt ſo ſchon, ſo gottlich war. Wie einſt mit flehendem Verlangen Pygmalion den Stein umſchloß, Bis in des Marmors kalte Wangen Empfindung gluͤhend ſich ergoß, So ſchlang ich mich mit Liebesarmen um die Natur, mit Jugendluſt, Bis ſie zu athmen, zu erwarmen Begann an meiner Dichterbruſt, Und, theilend meine Flammentriebe, Die Stumme eine Sprache fand, Mir wiedergab den Kuß der Liebe Und meines Herzens Klang verſtand; * Im Muſenalmanach vom Jahr 1796, wo dies Gedicht zuerſt erſchien, ſindet ſich nach dieſen Worten folgende Stelle: Die ſchoͤne Frucht, die kaum zu keimen Begann, da liegt ſte ſchon erſtarrt. Mich weckt aus meinen frohen Traͤumen Mit rauhem Arm die Gegenwart. Die Wirklichkeit mit ihren Schranken Umlagert den gebundnen Geiſt. Sie ſtuͤrzt, die Schoͤpfung der Gedanken; Der Dichtung ſchoͤner Flor zerreißt. — Da lebte mir der Baum, die Roſe, Mir ſang der Quellen Silberfall, Es fuͤhlte ſelbſt das Scelenloſe Von meines Lebens Widerhall. Es dehnte mit allmächt'gem Streben Die enge Bruſt ein kreiſend All, Herauszutreten in das Leben, In That und Wort, in Bild und Schall. Wie groß war dieſe Welt geſtaltet, Solang die Knoſpe ſie noch barg; Wie wenig, ach! hat ſich entfaltet⸗ Dies Wenige, wie klein und karg!* Wie ſprang, von kuͤhnem Muth befluͤgelt⸗ Begluͤckt in ſeines Traumes Wahn, Von keiner Sorge noch gezuͤgelt, Der Juͤngling in des Lebens Bahn! Bis an des Aethers bleichſte Sterne Erhob ihn der Entwuͤrfe Flug; Nichts war ſo hoch und nichts ſo ferne, Wohin ihr Fluͤgel ihn nicht trug. * Bier folgt in der erſten Ausgabe die Strophe: Wie aus des Berges ſtillen Quellen Ein Strom die Urne langſam fullt Und jetzt mit koniglichen Wellen Die hohen Ufer uͤberſchwillt; Es werſen Steine, Felſenlaſten Und Wälder ſich in ſeine Bahn, Er aber ſtuͤrzt mit ſtotzen Maſten Sich rauſchend in den Ocean! So ſprang ꝛc. . —— —,— 231 Wie leicht ward er dahin getragen, Was war dem Gluͤcklichen zu ſchwer! Wie tanzte vor des Lebens Wagen Die luftige Begleitung her: Die Liebe mit dem ſüßen Lohne, Das Glück mit ſeinem goldnen Kranz) Der Ruhm mit ſeiner Sternenkrone, Die Wahrheit in der Sonne Glanz! Doch, ach! ſchon auf des Weges Mitte Verloren die Begleiter ſich, Sie wandten treulos ihre Schritte, Und einer nach dem andern wich. Leichtfuͤßig war das Gluͤck entflogen, Des Wiſſens Durſt blieb ungeſtillt, Des Zweifels finſtre Wetter zogen Sich um der Wahrheit Sonnenbild. Ich ſah des Ruhmes heil'ge Kraͤnze Auf der gemeinen Stirn entweiht. Ach, allzuſchnelt, nach kurzem Lenze, Entfloh die ſchone Liebeszeit! Und immer ſtiller ward's und immer Verlaſſner auf dem rauhen Steg; Kaum warf noch einen bleichen Schimmer Die Hoffnung auf den finſtern Weg. Von all dem rauſchenden Geleite Wer harrte liebend bei mir aus? Wer ſteht mir troͤſtend noch zur Seite Und folgt mir kis zum finſtern Haus? Du, die du alle Wunden heileſt⸗ Der Freundſchaft leiſe, zarte Hand, 4 Des Lebens Buͤrden liebend theileſt⸗. Du, die ich fruͤhe ſucht' und fand⸗ Und du, die gern mit ihr ſich gattet,— Wie ſie, der Seele Sturm beſchwoͤrt, Beſchaͤftigung, die nie ermattet, Die langſam ſchafft, doch nie zerſtort⸗ 4 Die zu dem Bau der Ewigkeiten 3 Zwar Sandtorn nur fuͤr Sandkorn reicht, Doch von der großen Schuld der Zeiten Minuten, Tage, Jahre ſtreicht. † Des Mädchens Klage. Der Eichwald brauſet, Die Wolken ziehn, Das Mgdlein ſitzet An ufers Gruͤn, 3 Es bricht ſich die Welle mit Macht, mit Macht⸗ Und ſie ſeufzt hinaus in die finſtre Nacht, Das Auge vom Weinen getruͤbet: „Das Herz iſt geſtorben, Die Welt iſt leer, Und weiter gibt ſie Dem Wunſche nichts mehr. — — — — — — 233 Du Heilige, rufe dein Kind zuruͤck, Ich habe genoſſen das irdiſche Gruͤck, Ich habe gelebt und geliebet!“ Es rinnet der Thraͤnen Vergeblicher Lauf, Die Klage, ſie wecket Die Todten nicht auf; Doch nenne, was troſtet und heilet die Bruſt Nach der ſuͤßen Liebe verſchwundener Luſt Ich, die Himmliſche, will's nicht verſagen. Laß rinnen der Thraͤnen Vergeblichen Lauf! Es wecke die Klage Den Todten nicht auf! Das ſußeſte Gluck für die traurende Bruſt Nach der ſchoͤnen Liebe verſchwundener Luſt Sind der Liebe Schmerzen und Klagen. Der Jüngling am Bache. An der Quelle ſaß der Knabe, Blumen wand er ſich zum Kranz, Und er ſah ſie, fortgeriſſen, Treiben in der Wellen Tanz. Und ſo fliehen meine Tage, Wie die Quelle, raſtlos hin! Und ſo bleichet meine Jugend, Wie die Kraͤnze ſchnel verbluͤhn. Fraget nicht, warum ich traure In des Lebens Bluͤthenzeit!. Alles freuet ſich und hoffet⸗ Wenn der Fruͤhling ſich erneut. Aber dieſe tauſend Stimmen Der erwachenden Natur Wecken in dem tiefen Buſen Mir den ſchweren Kummer nur. Was ſoll mir die Freude frommen, Die der ſchdne Lenz mir beut? Eine nur iſt's, die ich ſuche, Sie iſt nah' und ewig weit⸗* Sehnend breit' ich meine Arme Nach dem theuren Schattenbild,. Ach, ich kann es nicht erreichen⸗ Und das Herz bleibt ungeſtillt! Komm herab, du ſchoͤne Holde, Und verlaß dein ſtolzes Schloß! Blumen, die der Lenz geboren, Streu' ich dir in deinen Schoß. Horch', der Hain erſchallt von Liedern Und die Quelle rieſelt Klar! Raum iſt in der kleinſten Huͤtte Füͤr ein gluͤcklich liebend Pasv. „ 235 Die Gunſt des Angenblicks. Und ſo finden wir uns wieder . In dem heitern bunten Reihn, — Und es ſoll der Kranz der Lieder Friſch und gruͤn geflochten ſeyn. Aber wem der Gotter bringen Wir des Liedes erſten Zoll? Ihn vor allen laßt uns ſingen, Der die Freude ſchaffen ſoll. Denn was frommt es, daß mit Leben Ceres den Altar geſchmuͤckt? Daß den Purpurſaft der Reben Bacchus in die Schale druͤckt? Zuͤckt vom Himmel nicht der Funken, Der den Herd in Flammen ſetzt: Iſt der Geiſt nicht feuertrunken, Und das Herz bleibt unergotzt. Aus den Wolken muß es fallen, Aus der Goͤtter Schoß das Gluͤck, Und der maͤchtigſte von allen Herrſchern iſt der Augenblick. Von dem allererſten Werden Der unendlichen Natur Alles Gottliche auf Erden Iſt ein Lichtgedanke nur. 236 Langſam in dem Lauf der Horen Fuͤget ſich der Stein zum Stein, Schnell, wie es der Geiſt geboren⸗ Will das Werk empfunden ſeyn. Wie im hellen Sonnenblicke Sich ein Farbenteppich webt, Wie auf ihrer bunten Bruͤcke Iris durch den Himmel ſchwebt, So iſt jede ſchoͤne Gabe Fluͤchtig, wie des Blitzes Schein; Schnell in ihrem duͤſtern Grabe Schließt die Nacht ſie wieder ein. Berglied. Am Abgrund leitet der ſchwindlichte Steg⸗ Er fuͤhrt zwiſchen Leben und Sterben; Es ſperren die Rieſen den einſamen Weg Und drohen dir ewig Verderben, Es ſchwebt eine Bruͤcke, hoch uͤber den Rand * Der furchtbaren Tiefe gebogen, Sie ward nicht erbauet von Menſchenhand, Es haͤtte ſich's Keiner verwogen, Der Strom braust unter ihr ſpät und fruͤh, Speit ewig hinauf und zertruͤmmert ſie nie. Und willſt du die ſchlafende Lowin nicht wecken, So wandle ſtill durch die Straße der Schrecken. ——„ 237 Es oͤffnet ſich ſchwarz ein ſchauriges Thor, Du glaubſt dich im Reiche der Schatten, Da thut ſich ein lachend Gelaͤnde hervor, Wo der Herbſt und der Fruͤhling ſich gatten; Aus des Lebens Muͤhen und ewiger Qual Mocht' ich fliehen in dieſes gluͤckſelige Thal. Vier Stroͤme brauſen hinab in das Feld, Ihr Quell— der iſt ewig verborgen; Sie fließen nach allen vier Straßen der Welt, Nach Abend, Nord, Mittag und Morgen, Und wie die Mutter ſie rauſchend geboren, Fort fliehn ſie und bleiben ſich ewig verloren. Zwei Zinken ragen ins Blaue der Luft, Hoch ͤber der Menſchen Geſchlechter, Drauf tanzen, umſchleiert mit goldenem Duft, Die Wolken, die himmliſchen DToͤchter. Sie halten dort oben den einſamen Reihn, Da ſtellt ſich kein Zeuge, kein irdiſcher, ein. Es ſitzt die Koͤnigin hoch und klar Auf unvergaͤnglichem Throne, Die Stirn' umkraͤnzt ſie ſich wunderbar Mit diamantener Krone; Darauf ſchießt die Sonne die Pfeile von Licht Sie vergolden ſie nur und erwaͤrmen ſie nicht. Anmerkung— Löwin, an einigen Orten der Schweiz der ver⸗ dorbene Ausdruck fuͤr Lawine. „ 4 Der Alpenjäger. Willſt du nicht das Lämmlein huͤten? Laͤmmlein iſt ſo fromm und ſanft⸗ Nährt ſich von des Graſes Bluͤthen⸗ Spiclend an des Baches Rauft. „Mutter, Mutter, laß mich gehen⸗ Jagen nach des Berges Hoͤhen!“ Willſt du nicht die Heerde Locken Mit des Hornes munterm Klang? Lieblich tont der Schall der Glocken In des Waldes Luſtgeſang. „Mutter, Mutter, laß mich gehen⸗ Schweifen auf den wilden Hoͤhen!“ Willſt du nicht der Bluͤmlein warten, Die im Beete freundlich ſtehn? Draußen ladet dich kein Garten; Wild iſt's auf den wilden Hoͤhn! „Laß die Bluͤmlein, laß ſie bluͤhen! Mutter, Mutter, laß mich ziehen!“ Und der Knabe ging zu jagen⸗ Und es treibt und reißt ihn fort⸗ Raſtlos fort mit blindem Wagen An des Berges finſtern Ort: Vor ihm her mit Blitzesſchnelle Flieht die zitternde Gazelle. — —— 239— Auf der Felſen nackte Rippen Klettert ſie mit leichtem Schwung, Durch den Riß geborſtner Klippen Traͤgt ſie der gewagte Sprung; Aber hinter ihr verwogen Folgt er mit dem Todesbogen. Jetzo auf den ſchroffen Zinken Haͤngt ſie, auf dem hoͤchſten Grat, Wo die Felſen jaͤh verſinken, Und verſchwunden iſt der Pfad. Unter ſich die ſteile Hoͤhe, Hinter ſich des Feindes Naͤhe. Mit des Jammers ſtummen Blicken Fleht ſie zu dem harten Mann, Fleht umſonſt, denn, loszudruͤcken, Legt er ſchon den Bogen an; Plotzlich aus der Felſenſpalte Tritt der Geiſt, der Bergesalte, Und mit ſeinen Goͤtterhaͤnden Schuͤtzt er das gequaͤlte Thier. „Mußt du Tod und Jammer ſenden,“ Ruft er,„bis herauf zu mir? Raum fuͤr Alle hat die Erde: Was verfolgſt du meine Heerde?“ 240 Dithyrambe. Nimmer, Das glaubt mir, Erſcheinen die Götter, Nimmer allein. Kaum, daß ich Baechus, den Luſtigen, habe, Kommt auch ſchon Amor, der laͤchelnde Knabe, Phoͤbus, der Herrliche, findet ſich ein. Sie nahen, ſie kommen— Die Himmliſchen alle, Mit Goͤttern erfuͤllt ſich Die irdiſche Halle. Sagt, wie bewirth' ich, Der Erdegeborne, Himmliſchen Chor? Schenket mir euer unſterbliches Leben, Goͤtter! Was kann euch der Sterbliche geben? Hebet zu eurem Olymp mich empor! Die Freude, ſie wohnt nur In Jupiters Saale; O, fuͤllet mit Nektar, O, reicht mir die Schale! Reich' ihm die Schale! Schenke dem Dichter, Hebe, nur ein! *Die fruͤhere Ueberſchrift dieſes Gedichts(im Muſenakmanach von 1797) war: Der Beſuch. 241 Netz' ihm die Augen mit himmliſchem Thaue, Daß er den Styx, den verhaßten, nicht ſchaue,. Einer der Unſern ſich duͤnke zu ſeyn. Sie rauſchet, ſie perlet, Die himmliſche Quelle: Der Buſen wird ruhig, Das Auge wird helle. Die vier Weltalter. Wohl perſet im Glaſe der purpurne Wein, Wohl glaͤnzen die Augen der Gaͤſte; Es zeigt ſich der Saͤnger, er tritt herein, Zu dem Guten bringt er das Beſte: Denn ohne die Leyer im himmliſchen Saal Iſt die Freude gemein auch beim Nektarmahl. Ihm gaben die Goͤtter das reine Gemuͤth, Wo die Welt ſich, die ewige ſpiegelt; Er hat Alles geſehn, was auf Erden geſchieht, Und was uns die Zukunft verſiegelt; Er ſaß in der Goͤtter uraͤlteſtem Rath Und behorchte der Dinge geheimſte Saat. Er breitet es luſtig und glaͤnzend aus, Das zuſammengefaltete Leben; Zum Tempel ſchmuͤckt er das irdiſche Haus, Ihm hat es die Muſe gegeben; Kein Dach iſt ſo niedrig, keine Huͤtte ſo klein, Er fuͤhrt einen Himmel voll Goͤtter hinein. Schillers ſämmtl. Werke. I. 16 242 Und wie der erfindende Sohn des Zeus Auf des Schildes einfachem Runde Die Erde, das Meer und den Sternenkreis Gebildet mit goͤttlicher Kunde: So druͤckt er ein Bild des unendlichen All In des Augenblicks fluͤchtig verranſchenden Schall.* Er kommt aus dem kindlichen Alter der Welt, Wo die Voͤlker ſich jugendlich freuten; Er hat ſich, ein froͤhlicher Wandrer, geſellt Zu allen Geſchlechtern und Zeiten. Vier Menſchenalter hat er geſehn Und laͤßt ſie am fuͤnften voruͤbergehn. Erſt regierte Saturnus ſchlicht und gerecht, Da war es heute wie morgen, Da lebten die Hirten, ein harmlos Geſchlecht, Und brauchten fuͤr gar nichts zu ſorgen; Sie liebten und thaten weiter nichts mehr: Die Erde gab Alles freiwinig her. Drauf kam die Arbeit, der Kampf begann Mit Ungeheuern und Drachen, Und den Maͤchtigen ſuchten die Schwachen, Und der Streit zog in des Stamanders Feld; Und die Helden fingen, die Herrſcher an,. Doch die Schoͤnheit war immer der Gott der Welt. Aus dem Kampf ging endlich der Sieg hervor, Und der Kraft entbluͤhte die Milde, Da ſangen die Muſen im himmliſchen Chor, Da erhoben ſich Gottergebilde— 243 Das Alter der goͤttlichen Fantaſie, Es iſt verſchwunden, es kehret nie. Die Göotter ſanken vom Himmelsthron, Es ſtuͤrzten die herrlichen Saͤulen, Und geboren wurde der Jungfrau Sohn, Die Gebrechen der Erde zu heilen; Verbannt ward der Sinne fluͤchtige Luſt, Und der Menſch griff denkend in ſeine Bruſt. Und der eitle, der uͤppige Reiz entwich, Der die frohe Jugendwelt zierte; Der Moͤnch und die Nonne zergeißelten ſich, Und der eiſerne Ritter turnierte. Doch; war das Leben auch finſter und wild, So blieb doch die Liebe lieblich und mild. Und einen heiligen, keuſchen Altar Bewahrten ſich ſtille die Muſen: Es lebte, was edel und ſittlich wan, In der Frauen zuͤchtigem Buſen; Die Flamme des Liedes entbrannte neu An der ſchènen Minne und Liebestren'. Drum ſoll auch ein ewiges zartes Band Die Frauen, die Saͤnger umflechten, Sie wirken und weben, Hand in Hand, Den Gürtel des Schoͤnen und Rechten. Geſang und Liebe in ſchoͤnem Verein, Sie erhalten dem Leben den Jugendſchein. 2¹4 Punſchlied. Vier Elemente, Innig geſellt, Bilden das Leben, Bauen die Welt. Preßt der Citrone Saftigen Stern! Herb iſt des Lebens Innerſter Kern. Jetzt mit des Zuckers Linderndem Saft Zaͤhmet die herbe, Brennende Kraft! Gießet des Waſſers Sprudelnden Schwall! Waſſer umfaͤnget Ruhig das All. Tropfen des Geiſtes Gießet hinein! Leben dem Leben Gibt er allein. Eh' es verduͤftet, Schoͤpfet es ſchnell! Nur, wenn er gluͤhet Labet der Quell. 245 An die Freunde. Liebe Freunde, es gab ſchoͤnre Zeiten, Als die unſern— Das iſt nicht zu ſtreiten! Und ein edler Volk hat einſt gelebt. Koͤnnte die Geſchichte davon ſchweigen, Tauſend Steine wurden redend zengen, Die man aus dem Schoß der Erde graͤbt. Doch, es iſt dahin, es iſt verſchwunden, Dieſes hochbeguͤnſtigte Geſchlecht. Wir, wir leben! Unſer ſind die Stunden, Und der Lebende hat Recht. Freunde, es gibt gluͤcklichere Zenen, Als das Land, worin wir leidlich wohnen, Wie der weitgereiste Wandrer ſpricht. Aber, hat Natur uns viel entzogen, War die Kunſt uns freundlich doch⸗ gewogen, Unſer Herz erwarmt an ihrem Licht. Will der Lorbeer hier ſich nicht gewoͤhnen, Wird die Myrte unſers Winters Raub: Gruͤnet doch, die Schlaͤfe zu bekroͤnen, Uns der Rebe muntres Laub. Wohl von groͤßerm Leben mag es rauſchen, Wo vier Welten ihre Schaͤtze tauſchen, An der Themſe, auf dem Markt der Weilt. Tauſend Schiffe landen an und gehen; Da iſt jedes Koͤſtliche zu ſehen, Und es herrſcht der Erde Gott, das Geld. 246 Aber nicht im truͤben Schlamm der Bäche, Der von wilden Regenguſſen ſchwilt, Auf des ſtillen Baches ebner Flaͤche Spiegelt ſich das Sonnenbild. Praͤchtiger, als wir in unſerm Norden, Wohnt der Bettler an der Engelspforten, Denn er ſieht das ewig einz' ge Rom! Ihn umgibt der Schonheit Glanzgewimmel, Und, ein zweiter Himmel, in den Himmel Steigt Sanct Peters wunderbarer Dom. Aber Rom in allem ſeinem Glanze Iſt ein Grab nur der Vergangenheit; Leben duftet nur die friſche Pflanze, Die die gruͤne Stunde ſtreut. Groͤßres mag ſich anderswo begeben, Als vei uns in unſerm kleinen Leben; Neues— hat die Sonne nie geſehn. Sehn wir doch das Große aller Zeiten Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, Sinnvoll ſtill an uns voruͤbergehn. Alles wiederholt ſich nur im Leben, Ewig jung iſt nur die Fantaſie: Was ſich nie und nirgends hat begeben, Das allein veraltet nie! 247 Punſchlied. Im Norden zu ſingen. Auf der Berge freien Hoͤhen, In der Mittagsſonne Schein, An des warmen Strahles Kraͤften Zeugt Natur den goldnen Wein. Und noch Niemand hat's erkundet, Wie die große Mutter ſchafft; Unergruͤndlich iſt das Wirken, Unerforſchlich iſt die Kraft. Funkelnd, wie ein Sohn der Sonne, Wie des Lichtes Feuerquell, Springt er perlend aus der Tonne, Purpurn und kryſtallenhell, Und erfreuet alle Sinne, Und in jede bange Bruſt Gießt er ein balſamiſch Hoffen Und des Lebens neue Luſt. Aber matt auf unſre Zonen Faͤllt der Sonne ſchraͤges Licht; Nuk die Blätter kann ſie fäͤrben, Aber Fruͤchte reift ſie nicht. Doch der Norden auch will leben, Und, was lebt, will ſich erfreun: Darum ſchaffen wir erfindend Dhne Weinſtock uns den Wein. 248 Bleich nur iſt's, was wir bereiten Auf dem haͤuslichen Altar; Was Natur lebendig bildet, Glaͤnzend iſt's und ewig klar. Aber freudig aus der Schale Schoͤpfen wir die truͤbe Flut: Auch die Kunſt iſt Himmelsgabe, Borgt ſie gleich von ird'ſcher Glut. Ihrem Wirten freigegeben Iſt der Krafte großes Reichz Neues bildend aus dem Alten, Stellt ſie ſich dem Schdoͤpfer gleich. Selbſt das Band der Elemente Trennt ihr herrſchendes Gebot, Und ſie ahmt mit Herdesftammen Nach den hohen Sonnengott. Fernhin zu den ſel'gen Inſeln Richtet ſie der Schiffe Lauf, Und des Sudens goldne Fruͤchte Schuͤttet ſie im Norden auf. Drum ein Sinnbild und ein Zeichen Sey uns dieſer Feuerſaft, Was der Menſch ſich kann erlangen Mit dem Willen und der Kraft. Nadoweſſiſche Todtenklage. Seht, da ſitzt er auf der Matte, Aufrecht ſitzt er da, Mit dem Anſtand, den er hatte, Als er's Licht noch ſah. Doch, wo iſt die Kraft der Fäuſte, Wo des Athems Hauch, Der noch juͤngſt zum großen Geiſte Blies der Pfeife Rauch? Wo die Augen, falkenhelle, Die des Rennthiers Spur Zaͤhlten auf des Graſes Welle, Auf dem Thau der Flur? Dieſe Schenkel, die behender Flohen durch den Schnee,* Als der Hirſch, der Zwanzigender, Als des Berges Reh? Dieſe Arme, die den Bogen Spannten ſtreng und ſtraff? Sebt, das Leben iſt entflogen! Seht, ſie haͤngen ſchlaff! Wohl ihm, er iſt hingegangen, Wo kein Schnee mehr iſt, Wo mit Mais die Felder prangen, Der von ſelber ſprießt⸗ Wo mit PVögeln alle Straͤuche, Wo der Wald mit Wild, Wo mit Fiſchen alle Teiche Luſtig ſind gefuͤlt.* Mit den Geiſtern ſpeist er droben, Ließ uns hier allein, Daß wir ſeine Thaten loben Und ihn ſcharren ein. Bringet her die letzten Gaben, Stimmt die Todtenklag'! Alles ſey mit ihm begraben, Was ihn freuen mag. Legt ihm unters Haupt die Beile, Die er tapfer ſchwang, Auch des Bären fette Keule, Denn der Weg iſt lang; Auch das Meſſer, ſcharf geſchliffen, Das vom Feindeskopf Raſch mit drei geſchickten Griffen Schaͤlte Haut und Schopf; Farben auch, den Leib zu malen, Steckt ihm in die Hand, Daß er rothlich moge ſtrahlen In der Seelen Land. 3 —— Das Siegesfeſt. Priams Veſte war geſunken, Troja lag in Schutt und Staub, Und die Griechen, ſiegestrunken, Reich beladen mit dem Raub, Saßen auf den hohen Schiffen, Laͤngs des Hellespontos Strand Auf der frohen Fahrt begriffen Nach dem ſchoͤnen Griechenland. Stimmet an die frohen Lieder! Denn dem vaͤterlichen Herd Sind die Schiffe zugekehrt, Und zur Heimat geht es wieder. Und in langen Reihen, klagend, Saß der Trojerinnen Schaar, Schmerzvoll an die Bruͤſte ſchlagend, Bleich, mit aufgeldstem Häarz, In das wilde Feſt der Freuden Miſchten ſie den Wehgeſang, Weinend um das eigne Leiden In des Reiches Untergang. Lebe wohl, geliebter Boden! Von der ſuͤßen Heimat fern Folgen wir den fremden Herrn. Ach, wie gluͤcklich ſind die Todten! Und den hohen Gottern zuͤndet Kalchas jetzt das Opfer an; Pallas, die die Staͤdte gruͤndet Und zertruͤmmert, ruft er an 252 Und Neptun, der um die Laͤnder Seinen Wogenguͤrtel ſchlingt, Und den Zeus, den Schrectenſender, Der die Aegis grauſend ſchwingt. Ausgeſtritten, ausgerungen Iſt der lange ſchwere Streit, Ausgefüllt der Kreis der Zeit, Und die große Stadt bezwungen. Atreus Sohn, der Fuͤrſt der Schaaren, Ueberſah der Voͤlker Zahl, Die mit ihm gezogen waren Einſt in des Stamanders Thal. Und des Kummers finſtre Wolke Zog ſich um des Koͤnigs Blick: Von dem hergefuͤhrten Volke Bracht' er Wen'ge nur zuruck. Drum erhebe frohe Lieder, Wer die Heimat wieder ſieht, Wem noch friſch das Leben bluͤht! Denn nicht Alle kehren wieder. Alle nicht, die wieder kehren, Moͤgen ſich des Heimzugs freun: An den häuslichen Altären Kann der Mord bereitet ſehn. Mancher fiel durch Freundestuͤcke, Den die blut'ge Schlacht verfehit! Sprach's Ulyß mit Warnungsblicke, Pon Athenens Geiſt beſeelt. ——— 253 luͤcklich, wem der Gattin Treue Rein und keuſch das Haus bewahrt! Denn das Weib iſt falſcher Art, Und die Arge liebt das Neue. Und des friſch erkaͤmpften Weibes Freut ſich der Atrid' und ſtrickt Um den Reiz des ſchonen Leibes Seine Arme hochbegluͤckt. Boͤſes Werk muß untergehen, Rache folgt der Frevelthat: Denn gerecht in Himmelshoͤhen Waltet des Kroniden Rath. Boſes muß mit Boͤſem endenz An dem frevelnden Geſchlecht Raͤchet Zeus das Gaſtesrecht, Waͤgend mit gerechten Haͤnden. „ Wohl dem Gluͤcklichen mag's ziemen, Ruft Oileus tapfrer Sohn, Die Regierenden zu ruͤhmen Auf dem hohen Himmelsthron! Ohne Wahl vertheilt die Gaben, Ohne Billigkeit das Gluͤck: Denn Patroklus liegt begraben, Und Therſites kommt zuruͤck! Weil das Gluͤck aus ſeiner Tonnen Die Geſchicke blind verſtreut, Freue ſich und jauchze heut'⸗ Wer das Lebenslos gewonnen! 254 Ja, der Krieg verſchlingt die Beſten! Ewig werde dein gedacht, Bruder, bei der Griechen Feſten, Der ein Thurm war in der Schlacht. Da der Griechen Schiffe brannten, War in deinem Arm das Heil; Doch dem Schlauen, Vielgewandten Ward der ſchoͤne Preis zu Theil. Friede deinen heil'gen Reſten! Nicht der Feind hat dich entrafft: Ajax fiel durch Ajax Kraft. Ach, der Zorn verderbt die Beſten! Dem Erzenger jetzt, dem großen, Gießt Neoptolem des Weins: Unter allen ird'ſchen Loſen, Hoher Vater, preiſ' ich deins. Von des Lebens Gutern allen Iſt der Ruhm das hoͤchſte doch:. Wenn der Leib in Staub zerfallen, Lebt der große Name noch. 2 Tapfrer, deines Ruhmes Schimmer Wird unſterblich ſeyn im Lied: Denn das ird'ſche Leben flieht, Und die Todten dauern immer. Weil des Leidens Stimmen ſchweigen Von dem uͤberwundnen Mann, So wilt ich fuͤr Hektorn zengen, Hob der Sohn des Tydeus n— —— Der, fuͤr ſeine Hausaltaͤre Kaͤmpfend, ein Beſchirmer, fiel: Kroͤnt den Sieger groͤßre Ehre, Ehret ihn das ſchoͤnre Ziel! Der, fuͤr ſeine Hausaltaͤre Kaͤmpfend, ſank, ein Schirm und Hort, Auch in Feindes Munde fort Lebt ihm ſeigmens Ehre. Neſtor jetzt, der alte Zecher, Der drei Menſchenalter ſah, Reicht den laubumkraͤnzten Becher Der bethraͤnten Hekuba: Trink' ihn aus, den Trank der Labe, Und vergiß den großen Schmerz! Wundervoll iſt Bacchus Gabe, Balſam fuͤrs zerriſſ'ne Herz. Trink' ihn aus, den Trank der Labe, Und vergiß den großen Schmerz! Balſam fuͤrs zerriſſ'ne Herz⸗ Wundervoll iſt Bacchus Gabe. Denn auch Niobe, dem ſchweren Zorn der Himmliſchen ein Ziel, Koſtete die Frucht der Aehren Und bezwang das Schmerzgefuͤhl: Denn, ſolang die Lebensquelle Schaͤumet an der Lippen Rand, Iſt der Schmerz in Lethes Well⸗ Tief verſenkt und feſtgebannt! 256 Denn, ſolang die Lebensquelle An der Lippen Rande ſchäumt, Iſt der Jammer weggeraumt, Fortgeſpult in Lephes Welte.. Und, von ihrem Gott ergriffen, Hob ſich jetzt die Seherin, Blickte von den hohen iffen Nach dem Rauch der Heimat hin. Rauch iſt alles ird'ſche Weſen; Wie des Dampfes Säule weht, Schwinden alle Erdengroͤßen, Nur die Götter bleiben ſtet. Um das Roß des Reiters ſchweben, Um das Schiff die Sorgen her; Morgen koͤnnen wir's nicht mehr, Darum laßt uns heute leben! Klage der Ceres. Iſt der holde Lenz erſchienen? Hat die Erde ſich verjuͤngt? Die veſonnten Huͤgel gruͤnen, Und des Eiſes Rinde ſpringt. Aus der Strome blauem Spiegel Lacht der unbewolkte Zeus, Milder wehen Zephyrs Flügel, Augen treibt das junge Reis. In dem Hain erwachen Lieder, Und die Oreade ſpricht: Deine Blumen kehren wieder, Deine Tochter kehret nicht. Ach, wie lang iſt's, daß ich walle Suchend durch der Erde Flur! Titan, deine ahlen alle Sandt' ich nach der theuren Spur; Keiner hat mir noch verkuͤndet Von dem lieben Angeſicht, Und der Tag, der Alles findet, Die Verlorne fand er nicht. Haſt du, Zeus, ſie mir entriſſen? Hat, von ihrem Reiz geruͤhrt, Zu des Orkus ſchwarzen Fluͤſſen Pluto ſie hinabgefuͤhrt? „ Wer wird nach dem duͤſtern Strande Meines Grames Bote ſeyn? Ewig ſtoͤßt der Kahn vom Lande, Doch nur Schatten nimmt er ein. Jedem ſel'gen Aug' verſchloſſen Bleibt das nächtliche Gefild, Und, ſolang der Styx gefloſſen, Trug er kein lebendig Bild. Nieder fuͤhren tauſend Steige, Keiner fuͤhrt zum Tag zuruͤck; Ihre Thraͤnen bringt kein Zeuge Vor der bangen Mutter Blick. Schillers ſämmtl. Werke. I. 17 258 Mutter, die aus Pyrrhas Stamme Sterbliche geboven ſind, Duͤrfen durch des Grabes Flamme Folgen dem geliebten Kind; Nur, was Jovis Haus bewohnet, Nahet nicht dem dunkeln Strand, Nur die Seligen verſchonet, Parcen, eure Sturzt mich in die Racht der Nächte Aus des Himmels goldnem Saal! Ehret nicht der Gottin Rechte: Ach, ſie ſind der Mutter Qual! Wo ſie mit dem finſtern Gatten Freudlos thronet, ſtieg' ich hin, Traͤte mit dem leiſen Schatten Leiſe vor die Herrſcherin. Ach, ihr Auge, feucht von Zähren, Sucht umſonſt das goldne Licht, Irret nach entfernten Sphaͤren, Auf die Mutter fäut es nicht, Bis die Freude ſie entdecket, Bis ſich Bruſt mit Bruſt vereint, Und, zum Mitgefuͤhl erwecket, Selbſt der rauhe Orkus weint. Eitler Wunſch! verlorne Klagen! Ruhig in dem gleichen Gleis Rolit des Tages ſichrer Wagen, Ewis ſteht der Schluß des Zeus. 259 Weg von jenen Finſterniſſen Wandt' er ſein begluͤcktes Haupt, Einmal in die Nacht geriſſen, Bleibt ſie ewig mir geraubt, Bis des dunkeln Stromes Welle Von Aurorens Farben gluͤht, Iris mitten durch die Hoͤdle Ihren ſchoͤnen Bogen zieht. Iſt mir nichts von ihr geblieben, Nicht ein ſuͤß erinnernd Pfand, Daß die Fernen ſich noch lieben, Keine Spur der theuren Hand? Knuͤpfet ſich kein Liebesknoten Zwiſchen Kind und Mutter an? Zwiſchen Lebenden und Todten Iſt kein Buͤndniß aufgethan? Nein, nicht ganz iſt ſie eniflahen! Nein, wir ſind nicht ganz getrennt! Haben uns die ewig Hohen Eine Sprache doch vergoͤnnt! Wenn des Fruͤhlings Kinder ſterben, Wenn des Nordes kaltem Hauch Blatt und Blume ſich entfärben, Traurig ſteht der nackte Strauch: Nehm' ich mir das hoͤchſte Leben Aus Pertumnus reichem Horn, Opfernd es dem Styx zu geben, Mir des Samens goldnes Korn. 260 Traurend ſenk' ich's in die Erde, Leg' es an des Kindes Herz, Daß es eine Sprache werde Meiner Liebe, meinem Schmerz. Fuͤhrt der gleiche Tanz der Horen Freudig nun den Lenz zuruͤck: Wird das Todte nechoren Von der Sonne Lebensblick. Keime, die dem Auge ſtarben In der Erde kaltem Schoß, In das heitre Reich der Farben Ringen ſie ſich freudig los. Wenn der Stamm zum Himmel eilet, Sucht die Wurzel ſcheu die Nacht; Gleich in ihre Pflege theilet Sich der Styx, des Aethers Macht. 5 Halb beruͤhren ſie der Todten, Halb der Lebenden Gebiet: Ach, ſie ſind mir theure Boten, Suͤße Stimmen vom Kocht! Haͤlt er gleich ſie ſelbſt verſchloſſen In dem ſchauervollen Schlund: Aus des Fruͤhlings jungen Sproſſen Redet mir der holde Mund, Daß auch fern vom goldnen Tage, Wo die Schatten traurig ziehn, Liebend noch der Buſen ſchlage, Zaͤrtlich noch die Herzen gluhn. 261 D, ſo laßt euch froh begruͤßen, Kinder der verjuͤngten Au! Euer Kelch ſoll uͤberfließen Von des Nektars reinſtem Thau. Tauchen will ich euch in Strahlen, Mit der Fris ſchoͤnſtem Licht Will ich eure Blaͤtter malen, Gleich Aurorens Angeſicht. In des Lenzes heiterm Glanze Leſe jede zarte Bruſt, In des Herbſtes welkem Kranze Meinen Schmerz und meine Luſt. Das Eleuſiſche Feſt.* Windet zum Kranze die goldenen Aehren, Flechtet auch blaue Cyanen hinein! Freude ſoll jedes Auge verklaͤren: Denn die Koͤnigin ziehet ein, Die Bezaͤhmerin wilder Sitten, Die den Menſchen zum Menſchen geſellt Und in friedliche, feſte Huͤtten Wandelte das bewegliche Zert. * Dies Gedicht wat zuerſt überſchrieben: Das Bürgertied. Muſenalmanach von 1799. S. 262 Scheu in des Gebirges Kluͤften Barg der Troglodyte ſich; Der Nomade ließ die Triften Wuͤſte liegen, wo er ſtrich; Mit dem Wurfſpieß, mit dem Bogen Schritt der Jaͤger durch das Land: Weh' dem Fremdling, den die Wogen Warfen an den Unglücksſtrand! Und auf ihrem Pfad begruͤßte, Irrend nach des Kindes Spur, Ceres die verlaſſ'ne Kuͤſte. Ach, da gruͤnte keine Flur! Daß ſie hier vertraulich weile, Iſt kein Obdach ihr gewährt; Keines Tempels heitre Saͤule Zeuget, daß man Gbotter ehrt. Keine Frücht der ſuͤßen Aehren Laͤdt zum reinen Mahl ſie ein; Nur auf graͤßlichen Altaͤren Dorret menſchliches Gebein. Ja, ſoweit ſie wandernd kreiste Fand ſie Elend uͤberall! Und in ihrem großen Geiſte Jammert ſie des Menſchen Fall. Find' ich ſo den Menſchen wieder, Dem wir unſer Bild geliehn, Deſſen ſchoͤngeſtalte Glieder Droben im Olympus bluͤhn? 263 Gaben wir ihm zum Beſitze Nicht der Erde Goͤtterſchoß, Und auf ſeinem Koönigsſitze Schweift er elend, heimatlos? Fuͤhlt kein Gott mit ihm Erbarmen? Keiner aus der Sel'gen Chor Hebet ihn mit Wunderarmen Aus der tiefen Schmach empor? In des Himmels ſel'gen Hoͤhen Ruͤhret ſie nicht fremder Schmerz; Doch der Menſchheit Angſt und Wehen Fuͤhlet mein gequaͤltes Herz. Daß der Menſch zum Menſchen werde, Stif'' er einen ew'gen Bund Glaͤubig mit der frommen Erde, Seinem muͤtterlichen Grund, Ehre das Geſetz der Zeiten* Und der Monde heil'gen Gang, Welche ſtill gemeſſen ſchreiten Im melodiſchen Geſang. Und den Nebel theilt ſie leiſe, Der den Blicken ſie verhuͤllt. Plotzlich in der Wilden Kreiſe Steht ſie da, ein Goͤtterbild. Schwelgend bei dem Siegesmahle Findet ſie die rohe Schaar, Und die blutgefuͤllte Schale Bringt man ihr zum Opfer dar. 264 Aber ſchauernd, mit Entſetzen Wendet ſie ſich weg und ſpricht: Blutge Tigermahle netzen Eines Gottes Lippen nicht. Reine Dpfer will er haben, Fruͤchte, die der Herbſt beſchert; Mit des Feldes frommen Gaben Wird der Heilige verehrt. Und ſie nimmt die Wucht des Speeres Aus des Jaäͤgers rauher Hand; Mit dem Schaft des Mordgewehres Furchet ſie den leichten Sand, Nimmt von ihres Kranzes Spitze Einen Kern, mit Kraft gefullt, Senkt ihn in die zarte Ritze, Und der Trieb des Keimes ſchwillt. Und mit grünen Halmen ſchmuͤcket Sich der Boden alſobald, Und, ſoweit das Auge blicket, Wogt es, wie ein goldner Wald. Lächelnd ſegnet ſie die Erde, Flicht der erſten Garbe Bund, Waͤhlt den Feldſtein ſich zum Herde, Und es ſpricht der Goͤttin Mund: Vater Zeus, der uͤber alle Goͤtter herrſcht in Aethers Hoͤhn! Daß dies Opfer dir gefalle, Laß ein Zeichen jetzt geſchehn! Und dem ungluͤckſel'gen Volke, Das dich, Hoher, noch nicht nennt, Nimm hinweg des Auges Wolke, Daß es ſeinen Gott erkennt! Und es hoͤrt der Schweſter Flehen Zeus auf ſeinem hohen Sitz: Donnernd aus den blauen Hohen Wirft er den gezackten Blitz. Praſſelnd faͤngt es an zu lohen, Hebt ſich wirbelnd vom Altar, Und daruͤber ſchwebt in hohen Kreiſen ſein geſchwinder Aar. Und geruͤhrt zu der Herrſcherin Fuͤßen Stuͤrzt ſich der Menge freudig Gewuͤhl, Und die rohen Seelen zerfließen In der Menſchlichkeit erſtem Gefuͤhl, Werfen von ſich die blutige Wehre, Deffnen den duͤſtergebundenen Sinn Und empfangen die goͤttliche Lehre Aus dem Munde der Koͤnigin. Und von ihren Thronen ſteigen Alle Himmliſche herab, Themis ſelber fuͤhrt den Reigen, Und mit dem gerechten Stab Mißt ſie Jedem ſeine Rechte, Setzet ſelbſt der Graͤnze Stein, Und des Styr verborgne Maͤchte Ladet ſie zu Zeugen ein. 266 Und es kommt der Gott der Eſſe, Zeus erfindungsreicher Sohn, Bildner kuͤnſtlicher Gefaͤſſe, Hochgelehrt in Erz und Thon. Und er lehrt die Kunſt der Zange Und der Blaſebaͤlge Zug; Unter ſeines Hammers Zwange Bildet ſich der erſte Pflug. Und Minerva, hoch vor Allen Ragend mit gewicht'gem Speer, Laͤßt die Stimme maͤchtig ſchallen Und gebeut dem Gotterheer. Feſte Mauern will ſie gruͤnden, Jedem Schutz und Schirm zu ſeyn, Die zerſtreute Welt zu vinden In vertraulichem PVerein. Und ſie lenkt die Herrſcherſchritte Durch des Feldes weiten Plan, Und an ihres Fußes Tritte Heftet ſich der Graͤnzgott an. Meſſend fuͤhret ſie die Kette Um des Huͤgels gruͤnen Saum; Auch des wilden Stromes Bette Schließt ſie in den heil'gen Raum. Alle Nymphen, Dreaden, Die der ſchnellen Artemis Folgen auf des Berges Pfaden, Schwingend ihren Jägerſpieß, 2⁵7 Alle kommen, Alle legen Hände an, der Jubel ſchallt, Und von ihrer Aexte Schlaͤgen Krachend, ſtuͤrzt der Fichtenwald. Auch aus ſeiner gruͤnen Welle Steigt der ſchilfbekraͤnzte Gott, Waͤlzt den ſchweren Floß zur Stelle Auf der Goͤttin Machtgebot, Und die leichtgeſchuͤrzten Stunden Fliegen ans Geſchaͤft gewandt, Und die rauhen Stämme runden Zierlich ſich in ihrer Hand. Auch den Meergott ſieht man eilen; Raſch mit des Tridentes Stoß Bricht er die granitnen Saͤulen Aus dem Erdgerippe los, Schwingt ſie in gewalt'gen Händen Hoch, wie einen leichten Ball, Und mit Hermes, dem behenden, Thuͤrmet er der Mauern Wall. Aber aus den goldnen Saiten Lockt Apoll die Harmonie Und das holde Maß der Zeiten Und die Macht der Melodie. Mit neunſtimmigem Geſange Fallen die Kamenen ein; Leiſe nach des Liedes Klange Fuͤget ſich der Stein zum Stein. 268 Und der Thore weite Fluͤgel Setzet mit erfahrner Hand Cybele und fuͤgt die Riegel Und der Schlöſſer feſtes Band. Schnell durch raſche Goͤtterhaͤnde Iſt der Wunderbau vollbracht, Und der Tempel heitre Waͤnde Glaͤnzen ſchon in Feſtespracht. Und mit einem Kranz von Myrten Naht die Goͤtterkdnigin, Und ſie fuͤhrt den ſchoͤnſten Hirten Zu der ſchoͤnſten Hirtin hin. Venus mit dem holden Knaben Schmuͤcket ſelbſt das erſte Paar, Alle Goͤtter bringen Gaben Segnend den Vermaͤhlten dar. Und die netzen Buͤrger ziehen, Von der Goͤtter ſel'gem Chor Eingefuͤhrt, mit Harmonien In das gaſtlich offne Thor, Und das Prieſteramt verwaltet Ceres am Altar des Zeus; Segnend ihre Hand gefaltet, F Spricht ſie zu des Volkes Kreis: Freiheit liebt das Thier der Wuͤſte, Frei im Aether herrſcht der Gott, Ihrer Bruſt gewalt'ge Luͤſte Zaͤhmet das Naturgebot; 269 Doch der Menſch in ihrer Mitte Soll ſich an den Menſchen reihn, Und allein durch ſeine Sitte Kann er frei und maͤchtig ſeyn. Windet zum Kranze die goldenen Aehren, Flechtet auch blaue Cyanen hinein! Freude ſoll jedes Auge verklären: Denn die Koͤnigin ziehet ein, Die uns die ſuͤße Heimat gegeben, Die den Menſchen zum Menſchen geſellt. Unſer Geſang ſoll ſie feſtlich erheben, Die begluͤckende Mutter der Welt! Der Ring des Polykrates. Ballade. Er ſtand auf ſeines Daches Zinnen, Er ſchaute mit vergnuͤgten Sinnen Auf das beherrſchte Samos hin. „Dies alles iſt mir unterthaͤnig,“ Begann er zu Aegyptens Koͤnig, „Geſtehe, daß ich gluͤcklich bin.“— „Du haſt der Goͤtter Gunſt erfahren! Die vormals deines Gleichen waren, Sie zwingt jetzt deines Scepters Macht. 270 Doch einer lebt noch, ſie zu raͤchen: Dich kann mein Mund nicht gluͤcklich ſprechen, Solang des Feindes Auge wacht.“— * Und, eh' der Koͤnig noch geendet, Da ſtellt ſich, von Milet geſendet, Ein Bote dem Tyrannen dar: „Laß, Herr, des Opfers Duͤfte ſteigen, Und mit des Lorbeers muntern Zweigen Bekraͤnze dir dein gortlich Haar!“ „Getroffen ſank dein Feind vom Speere; Mich ſendet mit der frohen Maͤhre Dein treuer Feldherr Polydor“«— Und nimmt aus einem ſchwarzen Becken, Noch blutig, zu der Beiden Schrecken Ein wohlbekanntes Haupt hervor. Der Konig tritt zuruͤck mit Grauen. „Doch warn' ich dich, dem Gluͤck zu trauen,“ Verſetzt er mit beſorgtem Blick. „Bedent'“ auf ungetreuen Wellen— Wie leicht kann ſie der Sturm zerſchellen— Schwimmt deiner Flolte zweifelnd Gluͤck.“ Und, eh' er noch das Wort geſprochen, Hat ihn der Inbel unterbrochen, Der von der Rhede jauchzend ſchaut. Mit fremden Schätzen reich veladen, Kehrt zu den heimiſchen Geſtaden Der Schiffe maſtenreicher Wald. 271 Der koͤnigliche Gaſt erſtaunet: „Dein Gluͤck iſt heute gut gelaunet, Doch fuͤrchte ſeinen Unbeſtand. Der Kreter waffenkund'ge Schaaren Bedraͤuen dich mit Kriegsgefahren; Schon nahe ſind ſie dieſem Strand.“ Und, eh' ihm noch das Wort entfallen, Da ſieht man's von den Schiffen wallen, Und tauſend Stimmen rufen:„Sieg! Von Feindesnoth ſind wir befreiet, Die Kreter hat der Sturm zerſtreuet, Vorbei, geendet iſt der Krieg!“ Das hort der Gaſtfreund mit Entſetzen. „Fuͤrwahr, ich muß dich gluͤcklich ſchaͤtzen! Doch,“ ſpricht er,„zittr' ich fuͤr dein Heil: Mir grauet vor der Goͤtter Neide; Des Lebens ungemiſchte Freude* Ward keinem Irdiſchen zu Theil.“ „Auch mir iſt Alles wohl gerathen, Bei allen meinen Herrſcherthaten Begleitet mich des Himmels Huld; Doch hatt' ich einen theuren Erben, Den nahm mir Gott, ich ſah ihn ſterben, Dein Gluͤck bezahlt' ich meine Schuld.“ „Drum, willſt du dich vor Leid bewahren, So flehe zu den Unſimtbaren, Daß ſie zum Gluͤck den Schmerz verteihn. 272 Noch Keinen ſah ich froͤhlich enden, Auf den mit immer vollen Haͤnden Die Goͤtter ihre Gaben ſtreun.“ * „Und, wenn's die Goͤtter nicht gewähren, So acht' auf eines Freundes Lehren Und rufe ſelbſt das Ungluͤck her, Und, was von allen deinen Schaͤtzen Dein Herz am Hoͤchſten mag ergoͤtzen, Das nimm und wirf's in dieſes Meer!“ Und Jener ſpricht, von Furcht beweget: „Von Allem, was die Inſel heget, Iſt dieſer Ring mein hoͤchſtes Gut. Ihn will ich den Erinnen weihen, Ob ſie mein Gluͤck mir dann verzeihen,“ Und wirft das Kleinod in die Flut. und, bei des nächſten Morgens Lichte— Da tritt mit froͤhlichem Geſichte Ein Fiſcher vor den Fuͤrſten hin: „Herr, dieſen Fiſch hab' ich gefangen, Wie keiner noch ins Netz gegangen; Dir zum Geſchenke bring' ich ihn.“ Und, als der Koch den Fiſch zertheilet, Kommt er beſtuͤrzt herbeigeeilet Und ruft mit hocherſtauntem Blick: „Sieh', Herr, den Ring, den du getragen, Ihn fand ich in des Fiſches Magen; D, ohne Graͤnzen iſt dein Gluͤck!“ Hier wendet ſich der Gaſt mit Grauſen: „So kann ich ferner hier nicht hauſen, Mein Freund kannſt du nicht weiter ſeyn. Die Goͤtter wollen dein Verderben: Fort eil' ich, nicht mit dir zu ſterben.“ Und ſprach's und ſchiffte ſchnell ſich ein. — Die Kraniche des Ibykus. Ballade. Zum Kampf der Wagen und Geſaͤnge, Der auf Korinthus Landesenge Der Griechen Staͤmme froh vereint, Zog Ibykus, der Goͤtterfreund— Ihm ſchenkte des Geſanges Gabe,“ Der Lieder ſuͤßen Mund Apoll— So wandert' er, am leichten Stabe, Aus Rhegium, des Gottes voll. Schon winkt von hohem Bergesruͤcken Akrokorinth des Wandrers Blicken, Und in Poſeidons Fichtenhain Tritt er mit frommem Schauder ein. Nichts regt ſich um ihn her, nur Schwaͤrme Von Kranichen begleiten ihn, Die fernhin nach des Suͤdens Wärme In graulichem Geſchwader ziehn. Schillers ſämmtl. Werke. I. 18 274 „Seyd mir gegruͤßt, befreund'te Schaaren, Die mir zur See Begleiter waren! Zum guten Zeichen nehm' ich euch— Mein Los, es iſt dem euren gleich: Von Fern her kommen wir gezogen Und flehen um ein wirthlich Dach— Sey uns der Gaſtliche gewogen, Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!“ Und munter fördert er die Schritte Und ſieht ſich in des Waldes Mitte; Da ſperren, auf gedrangem Steg, Zwei Moͤrder plotzlich ſeinen Weg. Zum Kampfe muß er ſich bereiten; Doch bald ermattet ſinkt die Hand: Sie hat der Leyer zarte Saiten, Doch nie des Bogens Kraft geſpannt. Er ruft die Menſchen an, die Goͤtter, Sein Flehen dringt zu keinem Retter; Wie weit er auch die Stimme ſchickt, Nichts Lebendes wird hier erblickt. „So muß ich hier verlaſſen ſterben, Auf fremdem Boden, unbeweint, Durch boͤſer Buben Hand verderben, Wo auch kein Racher mir erſcheint!“ Und, ſchwer getroffen, ſinkt er nieder. Da rauſcht der Kraniche Gefieder; Er hoͤrt— ſchon kann er nicht mehr ſehn— Die nahen Stimmen furchtbar kraͤhn. 4 275 „Von euch, ihr Kraniche dort oben, Wenn keine andre Stimme ſpricht, Sey meines Mordes Klag erhoben!“ Er ruft es, und ſein Auge bricht. Der nackte Leichnam wird gefunden, Und bald, obgleich entſtellt von Wunden, Erkennt der Gaſtfreund in Korinth Die Zuͤge, die ihm theuer ſind. „Und muß ich ſo dich wieder finden Und hoffte, mit der Fichte Kranz Des Saͤngers Schlaͤfe zu umwinden, Beſtrahlt von ſeines Ruhmes Glanz!“ Und jammernd hoͤren's alle Gaͤſte, Verſammelt bei Poſeidons Feſte; Ganz Griechenland ergreift der Schmerz: Verloren hat ihn jedes Herz. Und ſtuͤrmend drängt ſich zum Prytanen Das Polk, es fordert ſeine Wuth, Zu raͤchen des Erſchlagnen Manen, Zu ſuͤhnen mit des Moͤrders Blut. Doch wo die Spur, die aus der Menge, Der Voͤlker flutendem Gedraͤnge, Gelocket von der Spiele Pracht, Den ſchwarzen Thäter kenntlich macht? Sind's Raͤuber, die ihn feig erſchlagen2 That's neidiſch ein verborgner Feind? Nur Helios vermag's zu ſagen, „Der alles Irdiſche beſcheint. Er geht vielleicht mit frechem Schritte Jetzt eben durch der Griechen Mitte, Und, waͤhrend ihn die Rache ſucht, Genießt er ſeines Frevels Frucht. Auf ihres eignen Tempels Schwelle Trotzt er vielleicht den Gottern, mengt Sich dreiſt in jene Menſchenwelle, Die dort ſich zum Theater draͤngt. Denn Bank an Bank gedraͤnget ſitzen— Es brechen faſt der Buͤhne Stutzen— Herbeigeſtromt von Fern und Nah, Der Griechen PVölker wartend da, Dumpfbrauſend wie des Meeres Wogen; Von Menſchen wimmelnd, waͤchst der Bau In weiter ſtets geſchweiftem Bogen Hinauf bis in des Himmels Blau. Wer zaͤhlt die Polker, nennt die Namen, Die gaſtlich hier zuſammen kamen! Von Theſeus Stadt, von Aulis Strand, Von Phocis, vom Spartanerland, Von Aſiens entlegner Kuͤſte, Von allen Inſeln kamen ſie Und horchen von dem Schaugeruͤſte Des Chores grauſer Melodie, Der ſtreng und ernſt, nach alter Sitte, Mit langſam abgemeſſ'nem Schritte, Hepnortritt aus dem Hintergrund, des Theaters Rund. 277 So ſchreiten keine irdſche Weiber! Die zeugete kein ſterblich Haus! Es ſteigt das Rieſenmaß der Leiber Hoch uͤber Menſchliches hinaus. Ein ſchwarzer Mantel ſchlaͤgt die Lendenz Sie ſchwingen in entfleiſchten Haͤnden Der Fackel duſterrothe Glut; In ihren Wangen fließt kein Blut, Und, wo die Haare lieblich flattern, Um Menſchenſtirnen freundlich wehn, Da ſieht man Schlangen hier und Nattern Die giftgeſchwollnen Baͤuche vlaͤhn.* Und ſchauerlich, gedreht im Kreiſe, Beginnen ſie des Hymnus Weiſe, Der durch das Herz zerreißend dringt, Die Bande um den Suͤnder ſchlingt. Beſinnungraubend, herzbethdrend“ Schallt der Erinnyen Geſang, Er ſchallt, des Hoͤrers Mark verzehrend, Und duldet nicht der Leyer Klang: „Wohl Dem, der frei von Schuld und Fehle Bewahrt die kindlich reine Seele! Ihm duͤrfen wir nicht raͤchend nahn; Er wandelt frei des Lebens Bahn. Doch wehe, wehe, wer verſtohlen Des Mordes ſchwere That vollbracht! Wir heften uns an ſeine Sohlen, Das furchtbare Geſchlecht der Nacht.“ 278 „Und, glaubt er fliehend zu entſpringen, Gefluͤgelt ſind wir da, die Schlingen Ihm werfend um den fluͤcht'gen Fuß, Daß er zu Boden fallen muß. So jagen wir ihn, ohn' Ermatten— Verſoͤhnen kann uns keine Reu'— Ihn fort und fort bis zu den Schatten Und geben ihn auch dort nicht frei.“ So ſingend, tanzen ſie den Reigen, Und Stille, wie des Todes Schweigen, Liegt uͤberm ganzen Hauſe ſchwer, Als ob die Gottheit nahe waͤr'. Und feierlich, nach alter Sitte, Umwandelnd des Theaters Rund, Mit langſam abgemeſſ'nem Schritte, Verſchwinden ſie im Hintergrund. Und zwiſchen Trug und Wahrheit ſchwebet Noch zweifelnd jede Bruſt und bebet Und huldiget der furchtbarn Macht, Die richtend im Verborgnen wacht, Die, unerforſchlich, unergruͤndet, Des Schickſals dunkeln Knaͤuel flicht, Dem tiefen Herzen ſich verkuͤndet, Doch fliehet vor dem Sonnenlicht. Da hoͤrt man auf den hoͤchſten Stufen Auf Einmal eine Stimme rufen: „Sieh 5 ſieh' da, Timotheus,* Die Franiche des Ibykus!“— Und, wie im Meere Well' auf Well', 279 Und fiünſter plotzlich wird der Himmel, Und uͤber dem Theater hin Sieht man, in ſchwaͤrzlichem Gewimmel, Ein Kranichheer voruͤberziehn. „Des Ibykus!“— Der theure Name Ruͤhrt jede Bruſt mit neuem Grame, So laͤuft's von Mund zu Munde ſchnell: „Des Ibykus? den wir beweinen? Den eine Moͤrderhand erſchlug? Was iſt's mit Dem? was kann er meinen? Was iſt's mit dieſem Kranichzug?“— Und lauter immer wird die Frage, Und ahnend fliegt's, mit Blitzesſchlage, Durch alle Herzen:„Gebet Acht, Das iſt der Eumeniden Macht! Der fromme Dichter wird gerochen, Der Moͤrder vietet ſelbſt ſich dar— Ergreift ihn, der das Wort geſprochen, Und ihn, an den's gerichtet war!“ Doch Dem war kaum das Wort entfahren, Mocht' er's im Buſen gern bewahren; umſonſt! der ſchreckenbleiche Mund Macht ſchnell die Schuldbewußten kund. Man reißt und ſchleppt ſie vor den Richter, Die Scene wird zum Tribunal, Und es geſtehn die Boͤſewichter, Getroffen von der Rache Strahl. 280 Hero und Leander. Ballade. Seht ihr dort die altergrauen Schloſſer ſich entgegen ſchauen, Leuchtend in der Sonne Gold, Wo der Hellespont die Wellen Brauſend durch der Dardanellen Hohe Felſenpforte rollt? Hoͤrt ihr jene Brandung ſtuͤrmen, Die ſich an dem Felſen bricht? Aſien riß ſie von Europen; Doch die Liebe ſchreckt ſie nicht. Heros und Leanders Herzen Ruͤhrte mit dem Pfeil der Schmerzen Amors heil'ge Goͤttermacht. Hero, ſchoͤn wie Hebe bluͤhend, Er, durch die Gebirge ziehend Ruͤſtig, im Geraͤuſch der Jagd. Doch der Väter feindlich Zuͤrnen Trennte das verbundne Paar, Und die ſuͤße Frucht der Liebe Hing am Abgrund der Gefahr. Dort auf Seſtos Felſenthurme, Den mit ew'gem Wogenſturme Schaͤumend ſchlägt der Hellespont, Saß die Jungfrau, einſam grauend, Nach Abydos Kuͤſte ſchauend, Wo der Hißgeliebte wohnt. — 281 Ach, zu dem entfernten Strande Baut ſich keiner Bruͤcke Steg, Und kein Fahrzeng ſtoßt vom Ufer; Doch die Liebe fand den Weg. Aus des Labyrinthes Pfaden Leitet ſie mit ſicherm Faden; Auch den Bloͤden macht ſie klug, Beugt ins Joch die wilden Thiere, Spannt die feuerſpruͤhnden Stiere An den diamantnen Pflug. Selbſt der Styx, der neunfach fließet, Schließt die Wagende nicht aus: Maͤchtig raubt ſie das Geliebte Aus des Pluto finſterm Haus. Auch durch des Gewaͤſſers Fluten Mit der Sehnſucht feur'gen Gluten Stachelt ſie Leanders Muth.* Wenn des Tages heller Schimmer Bleichet, ſtuͤrzt der kuͤhne Schwimmer In des Pontus finſtre Flut! Theilt mit ſtarkem Arm die Woge, Strebend nach dem theuren Strand, Wo, auf hohem Soͤler leuchtend, Wintt der Fackel heller Brand. Und in weichen Liebesarmen Darf der Gluͤckliche erwarmen Von der ſchwerbeſtandnen Fahrt Und den Goͤtterlohn empfangen, 282 Den in ſeligem Umfangen Ihm die Liebe aufgeſpart, Bis den Saͤumenden Aurora Aus der Wonne Träumen weckt Und ins kalte Bett des Meeres Aus dem Schoß der Liebe ſchrect. Und ſo flohen dreißig Sonnen Schnell, im Raub verſtohlner Wonnen, Dem begluͤckten Paar dahin, Wie der Brautnacht ſuͤße Freuden, Die die Goͤtter ſelbſt beneiden, Ewig jung und ewig gruͤn. Der hat nie das Gluͤck gekoſtet, Der die Frucht des Himmels nicht Raubend an des Hoͤllenfluſſes Schauervollem Rande bricht. Heſper und Aurora zogen Wechſelnd auf am Himmelsbogen; Doch die Glucklichen, ſie ſahn Nicht den Schmuck der Blätter fallen, Nicht aus Nords beeisten Hallen Den ergrimmten Winter nahn. Freudig ſahen ſie des Tages Immer kuͤrzern, kurzern Kreis; Fuͤr das längre Gluͤck der Naͤchte Dankten ſie bethoͤrt dem Zeus. Und es gleichte ſchon die Wage An dem Himmel Nächt' und Tage, 283 Und die holde Jungfrau ſtand Harrend auf dem Felſenſchloſſe, Sah hinab die Sonnenroſſe Fliehen an des Himmels Rand. Und das Meer lag ſtill und eben, Einem reinen Spiegel gleich: Keines Windes leiſes Weben Regte das kryſtallne Reich. Luſtige Delphinenſchaaren Scherzten in dem ſilberklaren, Reinen Element umher, Und in ſchwaͤrzlich grauen Zuͤgen, Aus dem Meergrund aufgeſtiegen, Kam der Thetis buntes Heer. Sie, die Einzigen, bezeugten Den verſtohlnen Liebesbund; Aber ihnen ſchloß auf ewig Hekate den ſtummen Mund. „ Und ſie freute ſich des ſchoͤnen Meeres, und mit Schmeicheltonen Sprach ſie zu dem Element: „Schoͤner Gott, du ſollteſt truͤgen? Nein, den Frevler ſtraf' ich Luͤgen, Der dich falſch und treulos nennt. Falſch iſt das Geſchlecht der Menſchen, 2 Grauſam iſt des Vaters Herz; Aber du biſt hold und guͤtig, Und dich ruͤhrt der Liebe Schmerz.“ 284 „In den oden Felſenmauern Muͤßt' ich freudlos einſam trauern Und verbluͤhn in ew'gem Harm; Doch du traͤgſt auf deinem Ruͤcken, Dhne Nachen, ohne Brücen, Mir den Freund in meinen Arm. Grauenvoll iſt deine Tiefe, Furchtbar deiner Wogen Flut; Aber dich erfleht die Liebe, Dich bezwingt der Helbenmuth.“ „Denn auch dich, den Gott der Wogen, Ruͤhrte Eros macht'ger Bogen, Als des goldnen Widders Flug Helle, mit dem Bruder fliehend, Schdn in Jugendfülle blühend, Ueber deine Tiefe trug. Schnell, von ihrem Reiz beſieget, Griffſt du aus dem finſtern Schlund, Zogſt ſie von des Widders Rücken Nieder in den Meeresgrund.“ „Eine Göttin mit dem Gotte, In der tiefen Waſſergrotte, Let ſie jetzt unſterblich fort; Puͤtfreich der verfolgten Liebe, Zaͤhint ſie deine wilden Triebe, Fuͤhrt den Schiffer in den Port. Soöne Helle, holde Gdttin, Selige, dich fleh' ich an: Bring' auch heute den Geliebten Mir auf der gewohnten Bahn!“ 285 Und ſchon dunkelten die Fluten, Und ſie ließ der Fackel Gluten Von dem hohen Soͤller wehn. Leitend in den dden Reichen Sollte das vertraute Zeichen Der geliebte Wandrer ſehn. Und es ſaust und droͤhnt von Ferne, Finſter kraͤnſelt ſich das Meer, Und es loͤſcht das Licht der Sterne, Und es naht gewitterſchwer. Auf des Pontus weite Flaͤche Legt ſich Nacht, und Wetterbaͤche Stuͤrzen aus der Wolken Schoß; Blitze zucken in den Luͤften, Und aus ihren Felſengruͤften Werden alle Stuͤrme los, Wuͤhlen ungeheure Schluͤnde In den weiten Waſſerſchlund;„ Gaͤhnend, wie ein Hoͤllenrachen, Deffnet ſich des Meexes Grund. „Wehe, weh' mir!“ ruft die Arme Jammernd.„Großer Zeus, erbarme! Ach, was wagr' ich zu erſlehn! Wenn die Goͤtter mich erhdren, Wenn er ſich den falſchen Meeren Preis gab in des Sturmes Wehn! Alle meergewohnte VPoͤgel Ziehen heim, in eil'ger Flucht; Alle ſturmerprobte Sciffe Bergen ſich in ſichrer Vucht.“ 286 „Ach, gewiß, der Unverzagte Unternahm das oft Gewagte, Denn ihn trieb ein maͤcht'ger Gott. Er gelobte mir's beim Scheiden Mit der Liebe heil'gen Eiden; Ihn entbindet nur der Tod. Ach, in dieſem Augenblicke Ringt er mit des Sturmes Wuth, Und hinab in ihre Schluͤnde Reißt ihn die empoͤrte Flut!“ *„Falſcher Pontus, deine Stille War nur des Verrathes Huͤlle; Einem Spiegel warſt du gleich; Tüͤckiſch ruhten deine Wogen, Bis du ihn heraus betrogen In dein falſches Lugenreich. Jetzt, in deines Stromes Mitte, Da die Ruͤcktehr ſich verſchloß, Laͤſſeſt du auf den Verrathnen Alle deine Schrecken los! Und es wächst des Sturmes Toben, Hoch, zu Bergen aufgehoben, Schwillt das Meer, die Brandung bricht Schaͤumend ſich am Fuß der Klippen: Selbſt das Schiff mit Eichenrippen Nah'te unzerſchmettert nicht. Und im Wind erliſcht die Fackel, Die des Pfades Leuchte war; Schrecken bietet das Gewaͤſſer, Schrecken auch die Landung dar. 287 Und ſie fleht zur Aphrodite, Daß ſie dem Orkan gebiete, Saͤnftige der Wellen Zorn, Und gelobt, den ſtrengen Winden Reiche Opfer anzuzuͤnden, Einen Stier mit goldnem Horn. Alle Goͤttinnen der Tiefe, Alle Goͤtter in der Hoͤh' Fleht ſie, lindernd Oel zu gießen In die ſturmbewegte See. „Hoͤre meinen Ruf erſchallen, Steig' aus deinen gruͤnen Hallen, Selige Leukothea! Die der Schiffer in dem dden Wellenreich, in Sturmesndthen, Rettend oft erſcheinen ſah. Reich' ihm deinen heil'gen Schleier, Der, geheimnißvoll gewebt, Die ihn tragen, unverletzlich Aus dem Grab der Fluten hebt!“ Und die wilden Winde ſchweigen, Hell an Himmels Rande ſteigen Eos Pferde in die Hoͤh',* Friedlich an dem alten Bette Fließt das Meer in Spiegelglätte, Heiter lächeln Luft und See, Sanfter brechen ſich die Wellen An des Ufers Felſenwand, Und ſie ſchwemmen, ruhig ſpielend, Einen Leichnam an den Strand. 288 Ja, er iſt's, der, auch entſeelet, Seinem heil'gen Schwur nicht fehlet! Schnellen Blicks ertennt ſie ihn. Keine Klage laͤßt ſie ſchallen, Keine Thraͤne ſieht man fallen, Kalt, verzweifelnd ſtarrt ſie hin. Troſtlos in die dde Tiefe Blickt ſie, in des Aethers Licht, Und ein edles Feuer rothet Das erbleichte Angeſicht. „Ich erkenn' euch, ernſte Maͤchte! Strenge treibt ihr eure Rechte, Furchtbar, unerbittlich ein. Früh' ſchon iſt mein Lauf beſchloſſen; Doch das Gluͤck hab ich genoſſen, Und das ſchönſte Los war mein. Lebend hab' ich deinem Tempel Mich geweiht als Prieſterin: Dir, ein freudig Dpfer, ſterb' ich, Venus, große Koͤnigin!“ Und mit fliegendem Gewande Schwingt ſie von des Thurmes Rande In die Meerflut ſich hinab. Hoch in ſeinen Flutenreichen Waͤlzt der Gott die heil'gen Leichen, Und er ſelber iſt ihr Grab; Und, mit ſeinem Raub zufrieben, Zieht er freudig fort und gießt Aus der unerſchopften Urne Seinzn Strom, der ewig fließt. . 289 Kaſſandra. Freude war in Trojas Hallen, Eh' die hohe Veſte fiel; Jubelhymnen hoͤrt' man ſchallen In der Saiten goldnes Spiel; Alle Haͤnde ruhen muͤde Von dem thraͤnenvollen Streit, Weil der herrliche Pelide Priams ſchoͤne Tochter freit. Und, geſchmuͤckt mit Lorbeerreiſern, Feſtlich wallet Schaar auf Schaar Nach der Goͤtter heil'gen Haͤuſern, Zu des Thymbriers Altar. Dumpf erbrauſend durch die Gaſſen Waͤlzt ſich die bacchant'ſche Luſt, Und in ihrem Schmerz verlaſſen War nur eine traur'ge Bruſt. Freudlos in der Freuden Fuͤlle, Ungeſellig und allein, Wandelte Kaſſandra ſtille In Apollos Lorbeerhain. In des Waldes tiefſte Gruͤnde Fluͤchtete die Seherin, Und ſie warf die Prieſterbinde Zu der Erde zuͤrnend hin: Schillers ſämmtl. Werke. 1. ¹19 290 „Alles iſt der Freude offen, Alle Herzen ſind begluͤckt, Und die alten Eltern hoffen, Und die Schweſter ſteht geſchmuͤckt. Ich allein muß einſam trauern, Denn mich flieht der ſuͤße Wahn, Und geftuͤgelt dieſen Mauern Seh' ich das Verderben nahn.“ „Eine Fackel ſeh' ich gluhen, Aber nicht in Hymens Hand; Nach den Wolken ſeh' ich's ziehen, Aber nicht wie Opferbrand; Feſte ſeh' ich froh bereiten, Doch im ahnungsvollen Geiſt Noͤr' ich ſchon des Gottes Schreiten, Der ſie jammervoll zerreißt.“ „Und ſie ſchelten meine Klagen, Und ſie hoͤhnen meinen Schmerz. Einſam in die Wuͤſte tragen Muß ich mein gequaͤltes Herz, Von den Gluͤcklichen gemieden, Und den Froͤhlichen ein Spott: Schweres haſt du mir beſchieden, Pythiſcher, du arger Gott!“ „Dein Orakel zu verkuͤnden, Warum warfeſt du mich hin In die Stadt der ewig Blinden Mit dem aufgeſchloſſenen Sinn? ——— ——— 291 „ Warum gabſt du mir zu ſehen, Was ich doch nicht wenden kann? Das Verhaͤngte muß geſchehen, Das Gefuͤrchtete muß nahn.“ „Frommt's, den Schleier aufzuheben, Wo das nahe Schreckniß droht? Nur der Irrthum iſt das Leben, Und das Wiſſen iſt der Tod. Nimm,o, nimm die traur'ge Klarheit Mir vom Aug', den blut'gen Schein! Schrecklich iſt es, deiner Wahrheit Sterbliches Gefaͤß zu ſeyn.“ „Meine Blindheit gib mir wieder Und den froͤhlich dunkeln Sinn! Nimmer ſang ich freud'ge Lieder, Seit ich deine Stimme bin. Zukunft haſt du mir gegeben. Doch du nahmſt den Angenblick, Nahmſt der Stunde froͤhlich Leben— Nimm dein falſch Geſchenk zuruͤck!“ „Nimmer mit dem Schmuck der Braͤute Kraͤnzt' ich mir das duft'ge Haar, Seit ich deinem Dienſt mich weihte An dem traurigen Altar. Meine Jugend war nur Weinen, Und ich kannte nur den Schmerz; Jede herbe Noth der Meinen Schlug an mein empfindend Herz.“ . 292 „ ðrthlich ſeh' ich die Geſpielen, Alles um mich lebt und liebt In der Jugend Luſtgefuͤhlen; Mir nur iſt das Herz getruͤbt, Mir erſcheint der Lenz vergebens, Der die Erde feſtlich ſchmuͤckt. Wer erfreute ſich des Lebens, Der in ſeine Tiefen blickt!“ „Selig preiſ' ich Polyxenen In des Herzens trunknem Wahn, Denn den Beſten der Hellenen Hofft ſie braͤutlich zu umfahn. Stolz iſt ihre Bruſt gehoben, Ihre Wonne faßt ſie kaum, Nicht euch, Himmliſche dort oben, Neidet ſie in ihrem Traum.“ „Und auch ich hab' ihn geſehen, Den das Herz verlangend waͤhlt; Seine ſchoͤnen Blicke flehen, Von der Liebe Glut beſeelt. Gerne moͤcht' ich mit dem Gatten In die heim'ſche Wohnung ziehn; Doch es tritt ein ſthg'ſcher Schatten Naͤchtlich zwiſchen mich und ihn.“ „Ihre bleichen Larven alle Sendet mir Proſerpina; Wo ich wandre, wo ich walle, Stehen mir die Geiſter da; ti— In der Jugend frohe Spiele Drängen ſie ſich grauſend ein, Ein entſetzliches Gewuͤhte! Nimmer kann ich froͤhlich ſeyn.“ „Und den Mordſtahl ſeh' ich blinten Und das Moͤrderauge gluͤhn; Nicht zur Rechten, nicht zur Linken Kann ich vor dem Schreckniß fliehn; Nicht die Blicke darf ich wenden, Wiſſend, ſchauend, unverwandt Muß ich mein Geſchick vollenden, Fallen in dem fremden Land.“— Und noch hallen ihre Worte— Horch'! da dringt verworrner Ton Fernher aus des Tempels Pforte: Todt lag Thetis großer Sohp! Eris ſchuͤttelt ihre Schlangen, Alle Goͤtter fliehn davon, Und des Donners Wolken hangen Schwer herab auf Jlion. 294 Die Bürgſchaft. Ballade. Zu Dionys, dem Tyrannen, ſchlich Mdros, den Dolch im Gewande; Ihn ſchlugen die Haͤſcher in Bande. „Was wollteſt du mit dem Dolche, ſprich!“ Entgegnet ihm finſter der Wäͤtherich.— „Die Stadt vom Thrannen beſreien!“— „Das ſollſt du am Kreuze bereuen.“— „Ich bin,* ſpricht Jener,„zu ſterben bereit Und bitte nicht um mein Leben; Doch, willſt du Gnade mir geben— Ich flehe dich um drei Tage Zeit, Bis ich die Schweſter dem Gatten gefreit— Ich laſſe den Freund dir als Buͤrgen, Ihn magſt du, entrinn' ich, erwuͤrgen.“ Da lächelt der Koͤnig mit arger Liſt Und ſpricht nach kurzem Bedenken: „Drei Tage will ich dir ſchenken; Doch, wiſſe! wenn ſie verſtrichen, die Friſt. Eh' du zuruͤck mir gegeben biſt, So muß er ſtatt deiner erblaſſen, Doch dir iſt die Strafe erlaſſen.* Und er kommt zum Freunde:„Der Koͤnig gebeut, Daß ich am Kreuz mit dem Leben Bezahle das frevelnde Streben; Doch will er mir goͤnnen drei Tage Zeit⸗ Bis ich die Schweſter dem Gatten gefreit: So bleib' du dem Koͤnig zum Pfande, Bis ich komme, zu loͤſen die Bande.“ Und ſchweigend umarmt ihn der treue Freund Und, liefert ſich aus dem Tyrannen; Der Andere ziehet von dannen. Und, ehe das dritte Morgenroth ſcheint, Hat er ſchnell mit dem Gatten die Schweſter vereint, Eilt heim mit ſorgender Seele, Damit er die Friſt nicht verfehle. Da gießt unendlicher Regen herab, Von den Bergen ſtuͤrzen die Quellen, Und die Baͤche, die Stroͤme ſchwellen, Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab— Da reißet die Bruͤcke der Strudel hinab, Und donnernd ſprengen die Wogen Des Gewolbes trachenden Vogen. Und troſtlos irrt er an Ufers Rand: Wie weit er auch ſpaͤhet und blicket Und die Stimme, die rufende, ſchicket, Da ſtoͤßet kein Nachen vom ſichern Strand, Der ihn ſetze an das gewuͤnſchte Land, Kein Schiffer lenket die Faͤhre, Und der wilde Strom wird zum Meere. 296 Da ſinkt er ans Ufer und weint und fleht, Die Haͤnde zum Zeus erhoben: „D, hemme des Stromes Toben! Es eilen die Stunden, im Mittag ſteht Die Sonne, und, wenn ſie niedergeht, Und ich kann die Stadt nicht erreichen, So muß der Freund mir erbleichen.“ Doch wachſend erneut ſich des Stromes Wuth, Und Welle auf Welle zerrinnet, Und Stunde an Stunde entrinnet, Da treibt ihn die Angſt, da faßt er ſich Muth Und wirft ſich hinein in die brauſende Flut Und theilt mit gewaltigen Armen Den Strom— und ein Gott hat Erbarmen— Und gewinnt das Ufer und eilet fort Und danket dem rettenden Gotte; Da ſtuͤrzet die raubende Rotte Hervor aus des Waldes naͤchtlichem Ort, Den Pfad ihm ſperrend, und ſchnaubet Mord Und hemmet des Wanderers Eile Mit drohend geſchwungener Keule. „Was wollt ihr?“ ruft er, vor Schrecken bleich⸗ „Ich habe nichts, als mein Leben, Das muß ich dem Koͤnige geben!“ Und entreißt die Keule dem Naͤchſten gleich: „Um des Freundes willen, erbarmet euch!“ Und Drei, mit gewaltigen Streichen, Brleot er, die Andern entweichen. 297 Und die Sonne verſendet gluͤhenden Brand, Und, von der unendlichen Muͤhe Ermattet, ſinken die Knie— „D, haſt du mich gnaͤdig aus Raͤuberhand, Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land, Und ſoll hier verſchmachtend verderben, Und der Freund mir, der liebende, ſterben!“ Und, horch'! da ſprudelt es ſilberhell, Ganz nahe, wie rieſelndes Rauſchen, Und ſtille haͤlt er, zu lauſchen, Und, ſieh', aus dem Felſen, geſchwatzig, ſchnell, Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell, Und freudig buͤckt er ſich nieder Und erfriſchet die brennenden Glieder. Und die Sonne blickt durch der Zweige Gruͤn Und malt auf den glaͤnzenden Matten Der Baͤume gigantiſche Schattenz“ Und zwei Wanderer ſieht er die Straße ziehn, Will eilenden Laufes voruͤber fliehn, Da hoͤrt er die Worte ſie ſagen: „Jetzt wird er ans Kreuz geſchlagen.“ Und die Angſt befluͤgelt den eilenden Fuß, Ihn jagen der Sorge Qualen, Da ſchimmern in Abendroths Strahlen Von Ferne die Zinnen von Syrakus, Und entgegen kommt ihm Philoſtratus, Des Hauſes redlicher Huter, Der erkennet entſetzt den Gebieter: X 298 „Zuruck du retteſt den Freund nicht mehr, So rette das eigene Leben! Den Tod erleidet er eben. Von Stunde zu Stunde gewartet' er Mit hoffender Seele der Wiederkehr, Ihm konnte den muthigen Glauben Der Hohn des Thrannen nicht rauben.“— „Und, iſt es zu ſpaͤt, und kann ich ihm nicht Ein Retter willkommen erſcheinen, So ſoll mich der Tod ihm vereinen. Deß ruͤhme der blut'ge Tyrann ſich nicht, Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht, Er ſchlachte der Opfer zweie Und glaube an Liebe und Treue!“ Und die Sonne geht unter— da ſteht er am Thor Und ſieht das Kreuz ſchon erhoͤhet, Das die Menge gaffend umſtehet; An dem Seile ſchon zieht man den Freund empor, Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor: „Mich, Henker!“ ruft er,„erwuͤrget! Da bin ich, fuͤr den er gebuͤrget!“ Und Erſtaunen ergreift das Volk umher, In den Armen liegen ſich Beide Und weinen vor Schmerzen und Freude. Da ſieht man kein Ange thränenleer, Und zum Konige bringt man die Wunbermaäͤhr'; Der fuͤhlt ein menſchliches Ruͤhren, Laäst ſchnell vor den Thron ſie fuͤhren— Und blicket ſie lange verwundert an. Drauf ſpricht er:„Es iſt euch gelungen, Ihr habt das Herz mir bezwungen, Und die Treue, ſie iſt doch kein leerer Wahn, So nehmet auch mich zum Genoſſen an: Ich ſey, gewaͤhrt mir die Bitte, In eurem Bunde der Dritte.“ Der Taucher. Ballade. „Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp' Zu tauchen in dieſen Schlund? Einen goldnen Becher werf' ich hinab, Verſchlungen ſchon hat ihn der ſchwarze Mund. Wer mir den Becher kann wieder zeigen, Er mag ihn behalten, er iſt ſein eigen.“ Der Koͤnig ſpricht es und wirſt von der Hoͤh' Der Klippe, die ſchroff und ſteil Hinaushaͤngt in die unendliche See, Den Becher in der Charybde Gehenl. „Wer iſt der Beherzte, ich frage wieder Zu tauchen in dieſe K iet Und die Ritter, die Knappen um ihn her Vernehmen's und ſchweigen ſtill, Seben hingb in das wilde Meer⸗ 5 Und reißend ſieht man die brandenden Wogen 300 Und Keiner den Becher gewinnen will. Und der Konig zum dritten Mal wieder fraget: „Iſt Keiner, der ſich hinunter waget?“ Doch Alles noch ſtumm bteſpt wie zuvor— Und ein Edelknecht, ſanft und keck, ʒ Tritt aus der Knappen zagendem Chor, Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg, Und alle die Maͤnner umher und Frauen Auf den herrlichen Juͤngling verwundert ſchauen. Und, wie er tritt an des Felſen Hang Und blickt in den Schlund hinab, Die Waſſer, die ſie hinunter ſchlang, Die Charybde jetzt brullend wiedergab, Und, wie mit des fernen Donners Getoſe, Entſtürzen ſie ſchaͤumend dem finſtern Schoße. Und es wallet und ſiedet und brauſet und ziſcht, Wie wenn Waſſer mit Feuer ſich mengt, Bis zum Himmel ſpritzet der dampfende Giſcht, Und Flut auf Flut ſich ohn' Ende draͤngt, Und will ſich nimmer erſchoͤpfen und leeren, Als wollte das Meer noch ein Meer gebaͤren. —— Doch endlich, da legt ſich die wilde Gewalt, Und ſchwarz aus dem weißen Schaum Klafft hinunter ein gähnender Spalt, Grundlos, als ging's in den Hoͤllenraum, Hinaß in den ſtrudelnden Trichter gezogen. 5 301 Jetzt ſchnell, eh' die Brandung wiederkehrt, Der Juͤngling ſich Gott befiehlt, Und— ein Schrei des Entſetzens wird rings gehoͤrt, Und ſchon hat ihn der Wirbel hinweggeſpuͤlt, Und geheimnißvoll uͤber dem kuͤhnen Schwimmer Schließt ſich der Rachen, er zeigt ſich nimmer. Und ſtille wird's uͤber dem Waſſerſchlund, In der Tiefe nur brauſet es hohl, Und bebend hoͤrt man von Mund zu Mund: „Hochherziger Juͤngling, fahre wohl!“ Und hohler und hohler hoͤrt man's heulen, Und es harrt noch mit bangem, mit ſchrecklichem Weilen. Und, waͤrſſt du die Krone ſelber hinein Und ſpraͤchſt: Wer mir bringet die Kron', Er ſoll ſießtragen und Koͤnig ſeyn! Mich geluͤſtete nicht nach dem theuren Lohn. Was die heulende Tiefe da unten verhhle, Das erzaͤhlt teine lebende gloͤckliche Seele. Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefaßt,— 5 8 Z— Schoß gaͤh' in die Tiefe hinab; Doch zerſchmettert nur rangen ſich Kiel und Maſt Hervor aus dem Alles verſchlingenden Grab— Und heller und heller, wie Sturmes Sauſen, Hoͤrt man's naͤher und immer naͤher brauſen. Und es wallet und ſiedet und brauſet und ziſcht, Wie wenn Waſſer mit Feuer ſich mengt, Bis zum Himmel ſpritzet der dampfende Giſcht, 302 Und Well' auf Well' ſich ohn' Ende draͤngt, Und, wie mit des fernen Donners Getoſe, Entſtuͤrzt es bruͤllend dem finſtern Se * Und, ſieh'! aus dem finſter frutenden Schoß, Da hebet ſich's ſchwanenweiß, Und ein Arm und ein glaͤnzender Nacken wird bleß Und es rudert mit Kraft und mit emſigem Fleiß, Und er iſt's, und hoch in ſeiner Linken Schwingt er den Becher mit freudigem Winken— Und athmete lang und athmete tief Und begruͤßte das himmliſche Licht. Mit Frohlocken es Einer dem Andern rief: „Er lebt! er iſt da! es behielt ihn nicht! Aus dem Grab, aus der ſtrudelnden maſerer Hat der Brave gerettet die lebende Seele. Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schaar; Zu des Koͤnigs Fuͤßen er ſinkt, Den Becher reicht er ihm kniend dar, Und der Koͤnig der lieblichen Tochter winkt, Die fullt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande; Und der Juͤngling ſich alſo zum Koͤnig wandte: „Lang lebe der Konig! Es freue ſich, Wer da athmet im roſigen Licht! Da unten aber iſt's fuͤrchterlich, Und der Menſch verſuche die Götter nicht und begehre nimmer und nimmer zu ſchauen, Was Srib bedeaen mit Nacht und Grauen.“ 303 „Es riß mich hinunter blitzesſchnell, Da ſtuͤrzt' mir aus felſigem Schacht Wildflutend entgegen ein reißender Quel; WMich packte des Doppelſtroms wuͤthende Macht, Und, wie einen Kreiſel, mit ſchwindelndem Dreben Trieb mich's um, ich konnte nicht widerſtehen.“„ „Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief, In der hoͤchſten ſchrecklichen Noth, Aus der Tiefe ragend, ein Felſenriff, Das erfaßt' ich behend und entrann dem Tod. hin ach der Becher an ſpitzen Korallen, vär' er ins Bodenloſe gefallen.“ „Denn unter mir lag's noch bergetief In purpurner Finſterniß da, Und, ob's hier dem Ohre gleich ewig ſchlief⸗ Das Auge mit Schaudern hinunter ſah, Wie's von Salamandern und Molchen und Drachen Sich regt' in dem furchtbaren Hollenrachen.“ „Schwarz wimmelten da, in grauſem Gemiſch, Zu ſcheuslichen Klumpen geballt, ¹ Der ſtachlichte Roche, der Klippenfiſch, Des Hammers graͤuliche Ungeſtalt, Und draͤuend wies mir die grimmigen Zaͤhne Der entſetzliche Hay, des Meeres Hyaͤne.“ „Und da hing ich und war's mir mit Grauſen bewußt, Von der menſchlichen Huͤlfe ſo weit, Unter Larven die einzige fuͤhlende Bruſt 304 Allein in der graͤßlichen Einſamteit, Tief unter dem Schall der menſchlichen Rede Bei den Ungeheuern der traurigen Oede.“ * „Und ſchaudernd dacht' ich's— da kroch's heran, gte hundert Gelenke zugleich, ſchnappen nach mir; in des Schreckens Wahn Laſſ' ich los der Koralte umklammerten Zweig, Gleich faßt mich der Strudel mit raſendem Toben; Doch es war mir zum Heil, er riß mich nach Oben.“ Der Koͤnig darob ſich verwundert ſchier Und ſpricht:„Der Becher iſt dein, Und dieſen Ring noch beſtimm' ich dir, Geſchmuͤckt mit dem koͤſtlichſten Edelgeſtein, Verſuchſt du's noch einmal und bringſt mir Kunde, Was du ſahſt auf des Meeres tiefunterſtem Grunde.“ Das hoͤrte die Lochter mit weichem Gefuͤhl, Und mit ſchmeichelndem Munde ſie fleht: „Laßt, PVater, genug ſeyn das grauſame Spiel! Er hat Euch beſtanden, was Keiner beſteht Und, koͤnnt Ihr des Herzens Geluͤſte nicht zaͤhmen, So mogen die Ritter den Knappen beſchaͤmen.“ Drauf der Koͤnig greift nach dem Becher ſchnell, In den Strudel ihn ſchleudert hinein: „Und ſchaffſt du den Becher mir wieder zur Stell', So ſollſt du der trefflichſte Ritter mir ſeyn Und ſollſt ſie als Ehgemahl heut' noch umarmen, Die jezt für dich bittet mit zartem Erbarmen.“ — — 305 Da ergreift's ihm die Seele mit Himmelsgewalt, Und es blitzt aus den Augen ihm kuͤhn, Und er ſiehet erroͤthen die ſchoͤne Geſtalt Und ſieht ſie erbleichen und ſinken hin— Da treibt's ihn, den koſtlichen Preis zu erwerben, Und ſtuͤrzt hinunter auf Leben und Sterben.— Wohl hoͤrt man die Brandung, wohl kehrt ſie zuräck, Sie verkuͤndigt der donnernde Schall, Da buͤckt ſich's hinunter mit liebendem Blick— Es kommen, es kommen die Waſſer all, auſchen herauf, ſie rauſchen nieder— üngling bringt keines wieder. 3 Ritter Toggenburg. Ballade. „Ritter, treue Schweſterliebe „Widmet Euch dies Herz. „Fordert keine andre Liebe, „Denn es macht mir Schmerz. „Ruhig mag ich Euch erſcheinen, „Ruhig gehen ſehn. „Eurer Augen ſtilles Weinen „Kann ich nicht verſtehn.“ Schilers ſämmtl. Werke. 1. 306 Und er hoͤrt's mit ſtummem Harme, Reißt ſich blutend los, Preßt ſie heftig in die Arme, Schwingt ſich auf ſein Roß, Schickt zu ſeinen Mannen allen In dem Lande Schweiz; Nach dem heil'gen Grab ſie wallen, Auf der Bruſt das Kreuz. Große Thaten dort geſchehen Durch der Helden Arm; Ihrer Helme Buͤſche wehen In der Feinde Schwarm, Und des Toggenburgers Name Schreckt den Muſelmann; Doch das Herz von ſeinem Grame Nicht geneſen kann. Und ein Jahr hat er's getragen, Traͤgt's nicht laͤnger mehr, Ruhe kann er nicht erjagen Und verlaͤßt das Heer, Sieht ein Schiff an Joppes Strande, Das die Segel blaͤht, Schiffet heim zum theuren Lande, Wo ihr Athem weht. Und an ihres Schloſſes Pforte Klopft der Pilger an, Ach, und mit dem Donnerworte Wird ſie aufgethan: 307 „Die Ihr ſuchet, träͤgt den Schleier, „Iſt des Himmels Braut. „Geſtern war des Tages Feier, „Der ſie Gott getraut.“ Da verlaͤſſet er auf immer Seiner Vaͤter Schloß, Seine Waffen ſieht er nimmer, Noch ſein treues Roß. Von der Toggenburg hernieder Steigt er unbekannt, Denn es deckt die edeln Glieder Haͤrenes Gewand. Und er baut ſich eine Huͤtte Jener Gegend nah, Wo das Kloſter aus der Mitte Duͤſtrer Linden ſah; Harrend von des Morgens Lichte Bis zu Abends Schein, Stille Hoffnung im Geſichte, Saß er da allein, Blickte nach dem Kloſter druͤben, Blickte Stunden lang Nach dem Fenſter ſeiner Lieben Bis das Fenſter klang, Bis die Liebliche ſich zeigte, Bis das theure Bild Sich ins Thal herunter neigte Ruhig, engelmild. 308 Und dann legt' er froh ſich nieder, Schlief getroͤſtet ein, Still ſich freuend, wenn es wieder Morgen wuͤrde ſeyn. Und ſo ſaß er viele Tage, Saß viel' Jahre lang, Harrend ohne Schmerz und Klage, Bis das Fenſter klang, Bis die Liebliche ſich zeigte, Bis das theure Bild Sich ins Thal herunter neigte, Ruhig, engelmild. Und ſo ſaß er, eine Leiche, Eines Morgens da. Nach dem Fenſter noch das bleiche, Stille Antlitz ſah. 4—— Der Kampf mit dem Drachen. Romanze. Was rennt das PVolk, was waͤlzt ſich dort Die langen Gaſſen brauſend fort? Stuͤrzt Rhodus unter Feuers Flammen? Es rottet ſich im Sturm züſammen, Und einen Ritter, hoch zu Roß, Gewahr' ich aus dem Menſchentroß, Und hinter ihm, welch Abenteuer! Bringt man geſchleppt ein Ungehener, 309 Ein Drache ſcheint es von Geſtalt, Mit weitem Krokodilesrachen, Und Alles blickt verwundert bald Den Ritter an und bald den Drachen. Und tauſend Stimmen werden laut: „Das iſt der Lindwurm, kommt und ſchaut Der Hirt und Heerden uns verſchlungen! Das iſt der Held, der ihn bezwungen! Viel' Andre zogen vor ihm aus, Zu wagen den gewalt'gen Strauß, Doch Keinen ſah man wiederkehren; Den kuͤhnen Ritter ſoll man ehren!“ Und nach dem Kloſter geht der Zug, Wo Sanct Johanns, des Taͤufers, Orden, Die Ritter des Spitals, im Flug Zu Rathe ſind verſammelt worden. Und vor den edeln Meiſter tritt Der Juͤngling mit beſcheidnem Schritt; Nachdraͤngt das Volk, mit wildem Ruſen, Erfuͤllend des Gelaͤnders Stufen, Und Jener nimmt das Wort und ſpricht: „Ich hab' erfuͤllt die Ritterpflicht. Der Drache, der das Land verddet, Er liegt von meiner Hand getodtet; Frei iſt dem Wanderer der Weg⸗ Der Hirte treibe ins Gefilde, Froh walle auf dem Felſenſteg Der Pilger zu dem Gnadenbilde.“ „ 310 Doch ſtrenge blickt der Fuͤrſt ihn an Und ſpricht:„Du haſt als Held gethan: Der Muth iſt's, der den Ritter ehret, Du haſt den kuͤhnen Geiſt bewaͤhret; Doch, ſprich! was iſt die erſte Pflicht Des Ritters, der fuͤr Chriſtum ficht, Sich ſchmuͤcket mit des Kreuzes Zeichen?“ Und Alle rings herum erbleichen. Doch er, mit edelm Anſtand, ſpricht, Indem er ſich errdthend neiget: „Gehorſam iſt die erſte Pflicht, Die ihn des Schmuckes wuͤrdig zeiget.“ „Und dieſe Pflicht, mein Sohn,“ verſetzt Der Meiſter,„haſt du frech verletzt: Den Kampf, den das Geſetz verſaget, Haſt du mit frevelm Muth gewaget!“— „Herr, richte, wenn du Alles weißt,⸗ Spricht Jener mit geſetztem Geiſt, „Denn des Geſetzes Sinn und Willen Vermeint' ich treulich zu erfullen. Nicht unbedachtſam zog ich hin, Das Ungeheuer zu bekriegen; Durch Liſt und kluggewandten Sinn Verſucht' ich's, in dem Kampf zu ſiegen.“ „Fuͤnf unſers Ordens waren ſchon. Die Zierden der Religion, Des kuͤhnen Muthes Opfer worden: Da wehrteſt du den Kampf dem Orden. 311 Doch an dem Herzen nagten mir Der Unmuth und die Streitbegier, Ja, ſelbſt im Traum der ſtillen Nächte Fand ich mich keuchend im Gefechte, Und, wenn der Morgen daͤmmernd kam Und Kunde gab von neuen Plagen, Da faßte mich ein wilder Gram, Und ich beſchloß, es friſch zu wagen.“ „Und zu mir ſelber ſprach ich dann: Was ſchmuͤckt den Juͤngling, ehrt den Mann? Was leiſteten die tapfern Helden, Von denen uns die Lieder melden, Die zu der Goͤtter Glanz und Ruhm Erhob das blinde Heidenthum? Sie reinigten von Ungeheuern Die Welt in kuͤhnen Abenteuern, Begegneten im Kampf dem Leun Und rangen mit dem Minotauren,“ Die armen Opfer zu befrein, und ließen ſich das Blut nicht dauren.“ „Iſt nur der Saracen' es werth, Daß ihn bekaͤmpft des Chriſten Schwert? Betriegt er nur die falſchen Goͤtter? Geſandt iſt er der Welt zum Retter, Von jeder Noth und jedem Harm Befreien muß ſein ſtarker Arm; Doch ſeinen Muth muß Weisheit leiten, Und Liſt muß mit der Staͤrke ſtreiten⸗ 312 So ſprach ich oft und zog allein, Des Raubthiers Fährte zu erkunden. Da floßte mir der Geiſt es ein; Froh rief ich aus: Ich hab's gefunden!“ „Und trat zu dir und ſprach dies Wort: Mich zieht es nach der Heimat fort. Du, Herr, willfahrteſt meinen Bitten, Und gluͤcklich ward das Meer durchſchnitten. Kaum ſtieg ich aus am heim'ſchen Strand. Gleich ließ ich durch des Kuͤnſtlers Hand, Getren den wohlbemerkten Zuͤgen, Ein Drachenbild zuſammenfuͤgen. Auf kurzen Fuͤßen wird die Laſt Des langen Leibes aufgethuͤrmet; Ein ſchuppicht Panzerhemd umfaßt Den Rucken, den es furchtbar ſchirmet.“ „Lang ſtrecket ſich der Hals hervor, Und graͤßlich, wie ein Hoͤllenthor, Als ſchnappt' es gierig nach der Beute, Eroffnet ſich des Rachens Weite, Und aus dem ſchwarzen Schlunde dräun Der Zaͤhne ſtachelichte Reihn, Die Zunge gleicht des Schwertes Spitze, Die kleinen Augen ſpruͤhen Blitze, In eine Schlange endigt ſich Des Ruͤckens ungeheure Laͤnge, Rollt um ſich ſelber fuͤrchterlich, Daß es um Mann und Roß ſich ſchlaͤnge.“ ——— —— 3¹3 „Und Alles bild' ich nach genau Und kleid' es in ein ſcheuslich Grau: Halb Wurm erſchien's, halb Molch und Gezeuget in der gift'gen Lache. Und, als das Bild vollendet war, Erwaͤhl' ich mir ein Doggenpaar, Gewaltig, ſchnell, von flinken Laͤufen, Gewohnt, den wilden Ur zu greifen; Die hetz' ich auf den Lindwurm an, Erhitze ſie zu wildem Grimme, Zu faſſen ihn mit ſcharfem Zahn, Und lenke ſie mit meiner Stimme.“ „Und, wo des Bauches weiches Vließ Den ſcharfen Biſſen Bloße ließ, Da, reiz' ich ſie, den Wurm zu packen Die ſpitzen Zaͤhne einzuhacken. Ich ſelbſt, bewaffnet mit Geſchoß, Beſteige mein arabiſch Roß, Von adeliger Zucht entſtammet, Und, als ich ſeinen Zorn entflammet, Raſch auf den Drachen ſpreng' ich's los Und ſtachl' es mit den ſcharfen Sporen Und werfe zielend mein Geſchoß, Als wollt' ich die Geſtalt durchbohren.“ „Do auch das Roß ſich grauend baͤumt und knirſcht und in den Zuͤgel ſchäumt Und meine Doggen äͤngſtlich ſtohnen, Nicht raſt' ich, bis ſie ſich gewdhnen. Drache. 3¹4 So uͤb' ich's aus mit Emſigkeit, Bis dreimal ſich der Mond erneut, Und, als ſie Jedes recht begriffen, Fuͤhr' ich ſie her auf ſchnellen Schiffen. Der dritte Morgen iſt es“ nun, Daß mir's gelungen, hier zu landen; Den Gliedern goͤnnt' ich kaum zu ruhn, Bis ich das große Wert beſtanden.“ „Denn heiß erregte mir das Herz Des Landes friſch erneuter Schmerz: Zerriſſen fand man juͤngſt die Hirten, Die nach dem Sumpfe ſich verirrten, Und ich beſchließe raſch die That, Nur von dem Herzen nehm' ich Rath. Flugs unterricht' ich meine Knappen, Beſteige den verſuchten Rappen, Und, von dem edeln Doggenpaar Begleitet, auf geheimen Wegen, Wo meiner That kein Zeuge war, Reit' ich dem Feinde friſch entgegen.“ „Das Kirchlein kennſt du, Herr, das hoch Auf eines Felſenberges Joch, Der weit die Inſel uͤberſchauet, Des Meiſters kuͤhner Geiſt erbauet. Veraͤchtlich ſcheint es, arm und klein Doch ein Mirakel ſchließt es ein: Die Mutter mit dem Feſustnaben, Den die drei Koͤnige begaben 63 31⁵ Auf dreimal dreißig Stufen ſteigt Der Pilgrim nach der ſteilen Hohe; Doch, hat er ſchwindelnd ſie erreicht, Erquickt ihn ſeines Heilands Naͤhe.“ „Tief in den Fels, auf dem es haͤngt, Iſt eine Grotte eingeſprengt, Vom Thau des nahen Moors befeuchtet, Wohin des Himmels Strahl nicht leuchtet. Hier hauſete der Wurm und lag, Den Raub erſpaͤhend, Nacht und Tag. So hielt er, wie der Hollendrache, Am Fuß des Gotteshauſes Wache, Und, kam der Pilgrim hergewallt Und lenkte in die Ungluͤcksſtraße, Hervorbrach aus dem Hinterhalt Der Feind und trug ihn fort zum Fraße.“ „ „Den Felſen ſtieg ich jetzt hinan, Eh' ich den ſchweren Strauß begann; Hin kniet' ich vor dem Chriſtuskinde Und reinigte mein Herz von Suͤnde. Drauf guͤrt' ich mir im Heiligthum Den blanken Schmuck der Waffen um, Bewehre mit dem Spieß die Rechte, Und nieder ſieig' ich zum Gefechte. Zuruͤcke bleibt der Knappen Troß; Ich gebe ſcheidend die Befehle Und ſchwinge mich behend aufs Roß⸗ Und Gott empfehl' ich meine Seele.“ 316 Kaum ſeh' ich mich im ebnen Plan, Flugs ſchlagen meine Doggen an, Und bang beginnt das Roß zu keuchen Und bäumet ſich und will nicht weichen: Denn nahe liegt, zum Knaͤul geballt, Des Feindes ſcheusliche Geſtalt Und ſonnet ſich auf warmem Grunde. Auf jagen ihn bie flinken Hunde; Doch wenden ſie ſich pfeilgeſchwind, Als es den Rachen gaͤhnend theilet Und von ſich haucht den giftgen Wind Und winſelnd wie der Schakal heulet.“ „Doch ſchnell erfriſch' ich ihren Muth, Sie faſſen ihren Feind mit Wuth, Indem ich nach des Thieres Lende Aus ſtarker Fauſt den Speer verſende; Doch machtlos, wie ein duͤnner Stab, Prallt er vom Schuppenpanzer ab, Und, eh' ich meinen Wurf erneuet, Da baͤumet ſich mein Roß und ſcheuet An ſeinem Baſiliskenblick Und ſeines Athems gift'gem Wehen, Und mit Entſetzen ſpringt's zuruͤck, Und jetzo war's um mich geſchehen—“ „„Da ſchwing' ich mich behend vom Roß, Schnell iſt des Schwertes Schneide bloß; Doch alle Streiche ſind verloren, Den Felſenharniſch zu durchbohren. 317 Und wuͤthend mit des Schweifes Kraft Hat es zur Erde mich gerafft; Schon ſeh' ich ſeinen Rachen gaͤhnen, Es haut nach mir mit grimmen Zaͤhnen, Als meine Hunde, wuthentbrannt, An ſeinen Bauch mit grimm'gen Biſſen Sich warfen, daß es heulend ſtand, Von ungeheurem Schmerz zerriſſen.“ „Und, eh' es ihren Biſſen ſich Entwindet, raſch erheb' ich mich, Erſpaͤhe mir des Feindes Bloͤße Und ſtoße tief ihm ins Gekroͤſe, Nachbohrend bis ans Heft, den Stahl. Schwarzquellend ſpringt des Blutes Strahl. Hin ſinkt es und begraͤbt im Falle Mich mit des Leibes Rieſenballe, Daß ſchnell die Sinne mir vergehn., Und, als ich neugeſtaͤrkt erwache, Seh' ich die Knappen um mich ſtehn⸗ Und todt im Blute liegt der Drache.“ Des Beifalls lang gehemmte Luſt Befreit jetzt aller Hoͤrer Brunſt, So wie der Ritter Dies geſprochen, Und, zehnfach am Gewoͤlb' gebrochen, Waͤlzt der vermiſchten Stimmen Schall Sich brauſend fort im Widerhall. Laut fordern ſelbſt des Ordens Söhne, Daß man die Heldenſtirne kroͤne, 318 Und dankbar im Triumphgepraͤng' Will ihn das Volk dem Volke zeigen; Da faltet ſeine Stirne ſtreng Der Meiſter und gebietet Schweigen— Und ſpricht:„Den Drachen, der dies Land Verheert, ſchlugſt du mit tapfrer Hand: Ein Gott biſt du dem Volke worden, Ein Feind kommſt du zuruͤck dem Orden, Und einen ſchlimmern Wurm gebar Dein Herz, als dieſer Drache war. Die Schlange, die das Herz vergiftet, Die Zwietracht und Verderben ſtiftet, Das iſt der widerſpenſt'ge Geiſt, Der gegen Zucht ſich frech empdret, Der Ordnung heilig Band zerreißt: Denn er iſt's, der die Welt zerſtoret.“ „Muth zeiget auch der Mameluck, Gehorſam iſt des Chriſten Schmuck; Denn, wo der Herr in ſeiner Groͤße Gewandelt hat in Knechtesblöße, Da ſtifteten, auf heil'gem Grund, Die Väter dieſes Ordens Bund, Der Pflichten ſchwerſte zu erfullen⸗ Zu baͤndigen den eignen Willen! Dich hat der eitle Ruhm bewegt, Drum wende dich aus meinen Blicken! Denn, wer des Herren Joch nicht trägt, Darf ſich mit ſeinem Kreuz nicht ſchmuͤcken.“ 319 Da bricht die Menge tobend aus, Gewalt'ger Sturm bewegt das Haus, um Gnade flehen alle Bruͤder; Doch ſchweigend blickt der Juͤngling nieder. Still legt er von ſich das Gewand Und kuͤßt des Meiſters ſtrenge Hand Und geht. Der folgt ihm mit dem Blicke, Dann ruft er liebend ihn zuruͤcke Und ſpricht:„Umarme mich, mein Sohn! Dir iſt der haͤrtre Kampf gelungen. Niinm dieſes Kreuz. Es iſt der Lohn Der Demutb, die ſich ſelbſt bezwungen.“ Der Gang nach dem Eiſenhammer. Ballade. Ein frommer Knecht war Fridolin Und in der Furcht des Herrn Ergeben der Gebieterin, Der Graͤfin von Savern. Sie war ſo ſanft, ſie war ſo gut; Doch auch der Launen Uebermuth Haͤtt' er geeiſert zu erfuͤllen Mit Freudigkeit, um Gottes willen. Fruͤh von des Tages erſtem Schein, Bis ſpaͤt die Vesper ſchlug, Lebt' er nur ihrem Dienſt allein, That nimmer ſich genng. Wird nimmer dem PVerſucher gläcken.⸗ Und ſprach die Dame:„Mach' dir's leicht!“ Da wurd' ihm gleich das Auge feucht Und meinte, ſeiner Pflicht zu fehlen, Durft' er ſich nicht im Dienſte quälen. Drum vor dem ganzen Dienertroß Die Graͤfin ihn erhob; Aus ihrem ſchoͤnen Munde ſtoß Sein unerſchoͤpftes Lob. Sie hielt ihn nicht als ihren Knecht, Es gab ihr Herz ihm Kindesrecht; Ihr klares Auge mit Vergnuͤgen Hing an den wohlgeſtalten Zügen. Darob entbrennt in Roberts Bruſt, Des Jägers, gift'ger Groll, Dem laͤngſt von boͤſer Schadenluſt Die ſchwarze Seele ſchwoll— Und trat zum Grafen, raſch zur That, Und offen des Verfuͤhrers Rath, Als einſt vom Jagen heim ſie kamen Streut' ihm ins Herz des Argwohns Samen: „Wie ſeyd Ihr glücklich, edler Graf,“ Hob er voll Argliſt an, „Euch raubet nicht den goldnen Schlaf Des Zweifels gift'ger Zahn: Denn ihr beſitzt ein edles Weib, Es guͤrtet Scham den keuſchen Leib. Die fromme Treue zu beruͤcken 321 Da rollt der Graf die finſtern Braun: „Was red'ſt du mir, Geſell'? Werd' ich auf Weibertugend baun, Beweglich wie die Well'? Leicht locket ſie des Schmeichlers Mund; Mein Glaube ſteht auf feſterm Grund. Vom Weib des Grafen von Saverne Bleibt, hoff' ich, der Verſucher ferne.“ Der Andre ſpricht:„So denkt Ihr recht. Nur Euren Spott verdient Der Thor, der, ein geborner Knecht, Ein Solches ſich erkuͤhnt Und zu der Frau, die ihm gebeut, Erhebt der Wuͤnſche Luͤſternheit“— „Was?“ faͤllt ihm Jener ein und bebet, „Red'ſt du von Einem, der da lebet?“— „Ja doch, was Aller Mund erfüllt, Das baͤrg' ſich meinem Herrn?. Doch, weil Ihr's denn mit Fleiß verhuͤllt, So unterdruͤck' ich's gern“— „Du biſt des Todes, Bube, ſprich!“ Ruft Jener ſtreng und fuͤrchterlich. „Wer hebt das Aug' zu Kunigonden?“— „Nun ja, ich ſpreche von dem Blonden.“ „Er iſt nicht haͤßlich von Geſtalt,“ Fährt er mit Argliſt fort, Indem's den Grafen heiß und kalt Durchrieſelt bei dem Wort. Schillers ſämmtl. Werke. I. 21 322 „Iſt's moͤglich, Herr? Ihr ſaht es nie, Wie er nur Augen hat fuͤr ſie? Bei Tafel Euer ſelbſt nicht achtet, An ihrem Stuhl gefeſſelt ſchmachtet?“ „Seht da die Verſe, die er ſchrieb Und ſeine Glut geſteht“— „Geſteht!“—„Und ſie um Gegenlieb', Der freche Bube! fleht. Die gnaͤd'ge Graͤfin, ſanft und weich, Aus Mitleid wohl vervarg ſie's Euch; Mich reuet jetzt, daß mir's entfahren, Denn, Herr, was habt Ihr zu befahren?“ Da ritt in ſeines Zornes Wuth Der Graf ins nahe Holz, Wo ihm in hoher Oefen Glut Die Eiſenſtufe ſchmolz. Hier naͤhrten fruͤh und ſpät den Brand Die Knechte mit geſchaͤft'ger Hand: Der Funke ſpruͤht, die Baͤlge blaſen, Als gaͤlt' es, Felſen zu verglaſen. Des Waſſers und des Feuers Kraſt Verbuͤndet ſieht man hier; Das Muͤhlrad, von der Flut gerafft, Umwaͤlzt ſich fuͤr und fuͤr; Die Werke klappern Nacht und Tag⸗ Im Takte pocht der Haͤmmer Schlag, Und bildſam von den maͤcht'gen Streichen Muß ſelbſt das Eiſen ſich erweichen ——— 323 Und zweien Knechten winket er Bedeutet ſie und ſagt: „Den Erſten, den ich ſende her⸗ Und der euch alſo fragt: „„Habt ihr befolgt des Herren Wort?““ Den werft mir in die Holle dort, Daß er zu Aſche gleich vergehe, Und ihn mein Aug' nicht weiter ſehe!“ Deß freut ſich das entmenſchte Paar Mit roher Henkersluſt, Denn fuͤhllos, wie das Eiſen, war Das Herz in ihrer Bruſt. Uund friſcher mit der Baͤlge Hauch Erhitzen ſie des Ofens Bauch Und ſchicken ſich mit Mordverlangen, Das Todesopfer zu empfangen. Drauf Robert zum Geſellen ſpricht Mit falſchem Heuchelſchein: „Friſch auf, Geſell', und ſaͤume nicht! Der Herr begehret dein.“ Der Herr, der ſpricht zu Fridolin: „Mußt gleich zum Eiſenhammer hin, Und frage mir die Knechte dorten, Ov ſie gethan nach meinen Worten?“ Und Jener ſpricht:„Es ſoll geſchehn!“ Und macht ſich flugs bereit⸗ Doch ſinnend bleibt er plotzlich ſtehn: „Ob ſie mir nichts gebeut?“ 324 Und vor die Grafin ſtellt er ſich: „Hinaus zum Hammer ſchickt man mich: So ſag', was kann ich dir verrichten? Denn dir gehoͤren meine Pflichten.“ Darauf die Dame von Savern Verſetzt mit ſanftem Ton: „Die heil'ge Meſſe hoͤrt' ich gern, Doch liegt mir krank der Sohn: So gehe denn, mein Kind, und ſprich In Andacht ein Gebet fuͤr mich, Und, denkſt du venig deiner Suͤnden, So laß auch mich die Gnade finden.“ Und, froh der vielwilltommnen Pflicht, Macht er im Flug ſich auf, Hat noch des Dorfes Ende nicht Erreicht im ſchnellen Lauf, Da tont ihm von dem Glockenſtrang Heuſchlagend des Geläutes Klang, Das alle Suͤnder, hochbegnadet, Zum Sacramente feſtlich ladet. „Dem lieben Gotte weich' nicht aus Find'ſt du ihn auf dem Weg!“— Er ſpricht's und tritt ins Gotteshaus. Kein Laut iſt hier noch reg': Denn um die Ernte war's, und heiß Im Felde gluͤht der Schnitter Fleiß; Kein Chorgehuͤlfe war erſchienen, Die Meſſe kundig zu bedienen. ——————— 325 Entſchloſſen iſt er alſobald Und macht den Sacriſtan; „Das,“ ſpricht er,„iſt kein Aufenthalt, Was foͤrdert himmelan.“ Die Stola und das Cingulum Haͤngt er dem Prieſter dienend um, Bereitet hurtig die Gefaͤſſe, Geheiliget zum Dienſt der Meſſe. Und als er Dies mit Fleiß gethan, Tritt er als Miniſtrant Dem Prieſter zum Altar voran, Das Meßbuch in der Hand, Und kniet rechts und kniet links und iſt gewaͤrtig jedes Winks, Und, als des Sanctus Worte kamen, Da ſchellt er dreimal bei dem Namen. Drauf, als der Prieſter frommeſich neigt, Und, zum Altar gewandt, Den Gott, den gegenwaͤrt'gen, zeigt In hocherhabner Hand, Da kuͤndet es der Sacriſtan Mit hellem Glocklein klingend an. und Alles kniet und ſchläͤgt die Bruͤſte, Sich fromm bekreuzend vor dem Chriſte. So uͤbt er Jedes puͤnktlich aus Mit ſchnell gewandtem Sinn; Was Brauch iſt in dem Gotteshaus Er hat es Alles inn' — Und wird nicht muͤde bis zum Schluß, Bis beim Vobiscum Dominus Der Prieſter zur Gemein' ſich wendet, Die heil'ge Handlung ſegnend endet. 6 Da ſtellt er Jedes wiederum In Ordnung ſaͤnberlich, Erſt reinigt er das Heiligthum, Und dann entfernt er ſich Und eilt, in des Gewiſſens Ruh', Den Eiſenhuͤtten heiter zu, Spricht unterwegs, die Zahl zu fuͤllen, Zwolf Paternoſter noch im Stillen. Und, als er rauchen ſieht den Schlot und ſieht die Knechte ſtehn, Da ruft er:„Was der Graf gebot, Ihr Knechte, iſt's geſchehn?“ Und grinſend zerren ſie den Mund Und deuten in des Ofens Schlund: „Der iſt beſorgt und aufgehoben: Der Graf wird ſeine Diener loben.“ Die Antwort bringt er ſeinem Herrn In ſchnellem Lauf zuruck. Als Der ihn kommen ſieht von Fern, Kaum traut er ſeinem Blick: „Ungluͤcklicher! wo kommſt du her?“— „Vom Eiſenhammer.“—„ Nimmermehr! So haſt du dich im Lauf verſpätet?“— „Herr, nur ſo lang, bis ich gebetet.“ 327 „Denn, als von Eurem Angeſicht Ich heute ging, verzeiht! Da fragt' ich erſt nach meiner Pflicht Bei Der, die mir gebeut. Die Meſſe, Herr, befahl ſie mir Zu horen; gern gehorcht' ich ihr Und ſprach der Roſenkränze viere Fuͤr Euer Heil und fuͤr das ihre.“ In tiefes Staunen ſinket hier Der Graf, entſetzet ſich: „Und welche Antwort wurde dir Am Eiſenhammer? ſprich!“— „Herr, dunkel war der Rede Sinn, gum Ofen wies man lachend hin: Der iſt beſorgt und aufgehoben: Der Graf wird ſeine Diener loben.“— „Und Fobert?“ fällt der Graf 6 ein, Es uͤberlaͤuft ihn kalt, „Sollt' er dir nicht begegnet ſeyn? Ich ſandt' ihn doch zum Wald.“— „Herr, nicht im Wald, nicht in der Flur Fand ich von Robert eine Spur“— „Nun,“ ruft der Graf und ſteht vernichtet, „Gott ſelbſt im Himmel hat gerichtet!“ und guͤtig, wie er nie gepflegt⸗ Nimmt er des Dieners Hand, Bringt ihn der Gattin, tiefbewegt⸗ Die nichts davon verſtand⸗ 328 „Dies Kind, kein Engel iſt ſo rein, Laßt's Eurer Huld empfohlen ſehn! Wie ſchlimm wir auch berathen waren, Mit Dem iſt Gott und ſeine Schaaren.“ Der Graf von Habsburg. Ballade. Zu Aachen, in ſeiner Kgiſerpracht, Im alterthuͤmlichen Sagle, Saß Koͤnig Rudolphs heilige Macht Beim feſtlichen Kronungsmahle. Die Speiſen trug der Pfalzgraf des Rheins, Es ſchenkte der Bohme des perlenden Weins, Und alle die Waͤhler, die Sieben, Wie der Sterne Chor um die Sonne ſich ſtellt, Umſtanden geſchaͤftiß den Herrſcher der Welt, Die Wuͤrde des Amtes zu uͤben. Und rings erfuͤllte den hohen Balcon Das Polk in freud'gem Gedraͤnge; Laut miſchte ſich in der Poſaunen Ton Das jauchzende Rufen der Menge: Denn geendigt nach langem verderblichen Streit War die kaiſerloſe, die ſchreckliche Zeit, Und ein Richter war wieder auf Erden. Nicht blind mehr waltet der eiſerne Speer, Nicht fuͤrchtet der Schwache, der Friedliche mehr, Des Mächtigen Beute zu werden. 329 Und der Kaiſer ergreift den goldnen Pokal Und ſpricht mit zufriedenen Blicken: „Wohl glaͤnzet das Feſt, wohl pranget das Mahl, Mein koͤniglich Herz zu entzuͤcken; Doch den Sänger vermiſſ' ich, den Bringer der Luſt, Der mit ſuͤßem Klang mir bewege die Bruſt Und mit goͤttlich erhabenen Lehren. So hab' ich's gehalten von Jugend an, Und, was ich als Ritter gepflegt und gethan, Nicht will ich's als Kaiſer entbehren.“ Und, ſieh'! in der Fuͤrſten umgebenden Kreis Trat der Saͤnger im langen Talare; Ihm glaͤnzte die Locke ſilberweiß, Gebleicht von der Fuͤlle der Jahre. Süßer Wohllaut ſchlaͤft in der Saiten Gold, Der Saͤnger ſingt von der Minne Sold, Er preiſet das Hochſte, das Beſte, Was das Herz ſich wuͤnſcht, was der Sinn begehrt; Doch, ſage, was iſt des Kaiſers werth An ſeinem herrlichſten Feſte?“— „Nicht gebieten werd' ich dem Saͤnger,“ ſpricht Der Herrſcher mit laͤchelndem Munde, „Er ſteht in des groͤßeren Herren Pflicht⸗ Er gehorcht der gebietenden Stunde. Wie in den Lüften der Sturmwind ſaust, Man weiß nicht, von wannen er kommt und braust, Wie der Quell aus verborgenen Tiefen: So des Sängers Lied aus dem Innern ſchallt Und wecket der dunkeln Gefuͤhle Gewalt⸗ Die im Herzen wunderbar ſchliefen“ Und der Saͤnger raſch in die Saiten falt Und beginnt ſie maͤchtig zu ſchlagen: „Aufs Waidwerk hinaus ritt ein edler Held, Den fluͤchtigen Gemsbock zu jagen. Ihm folgte der Knapp' mit dem Jagergeſchoß, Und, als er auf ſeinem ſtattlichen Roß In eine Au kommt geritten, Ein Glocktein hort er erklingen fern— Ein Prieſter war's mit dem Leib des Herrn; Voran kam der Meßner geſchritten.“ „Und der Graf zur Erde ſich neiget hin, Das Haupt mit Demuth entbloͤßet, Zu verehren mit glaubigem Chriſtenſinn, Was alle Menſchen erloſet. Ein Baͤchlein aber rauſchte durchs Feld, Von des Gießbachs reißenden Fluten geſchwellt, Das heinmte der Wanderer Tritte, Und beiſeit' legt Jener das Sacrament, Von den Fußen zicht er die Schuhe behend, Damit er das Baͤchlein durchſchritte,⸗ „Was ſchaffſt du? redet der Graf ihn an, Der ihn verwundert betrachtet.— Herr, ich walle zu einem ſterbenden Mann, Der nach der Himmelskoſt ſchmachte, Und, da ich mich nahe des Baches Steg, Da hat ihn der ſtroͤmende Gießbach hinweg Im Strudel der Wellen geriſſen. Drum, daß dem Lechzenden werde ſein Heil So will ich das Waͤſſerlein jetzt in Eil⸗ Durchwaten mit nackenden Fuͤßen.“ 331 „Da ſetzt ihn der Graf auf ſein ritterlich Pferd Und reicht ihm die praͤchtigen Zaume, Daß er labe den Kranken, der ſein begehrt, Und die heilige Pflicht nicht verſaͤume. und er ſelber auf ſeines Knappen Thier Vergnuͤget noch weiter des Jagens Begier; Der Andre die Reiſe vollfuͤhret, Und am naͤchſten Morgen, mit dankendem Blick, Da bringt er dem Grafen ſein Roß zuruͤck, Beſcheiden am Zuͤgel gefuͤhret.“ „Nicht wolle Das Gott, rief mit Demuthſinn Der Graf, daß zum Streiten und Jagen Das Roß ich veſchritte fuͤrderhin, Das meinen Schdpfer getragen! Und, magſt du's nicht haben zu eignem Gewinnſt, So bleivt es gewidmet dem goͤttlichen Dienſt: Denn ich hab' es Dem ja gegeben, Von dem ich Ehre und irdiſches Gut Zu Lehen trage und Leib und Blut Und Seele und Athem und Leben.“ „So moͤg' auch Gott, der almaͤchtige Hort, Der das Flehen der Schwachen erhdret⸗ Zu Ehren Euch bringen hier und dort⸗ So wie Ihr jetzt ihn geehret. Ihr ſeyd ein maͤchtiger Graf, bekannt Durch ritterlich Walten im Schweizerland; Euch vluͤhen ſechs liebliche Tochter. So mogen ſie, rief er begeiſtert aus⸗ Sechs Kronen Euch bringen in Euer Haus⸗ Und glänzen die ſpatſten Geſchlechter!“ 332 Und mit ſinnendem Haupt ſaß der Kaiſer da, Als dächt' er vergangener Zeiten; Jetzt, da er dem Sanger ins Auge ſah, Da ergreift ihn der Worte Bedeuten. Die Zuͤge des Prieſters erkennt er ſchnell Und verbirgt der Thraͤnen ſturzenden Quel In des Mantels purpurnen Falten. Und Alles blickte den Kaiſer an Und erkannte den Grafen, der Das gethan, Und verehrte das gottliche Walten. Anmerkung.— Tſchudi, der uns dieſe Anekdote uͤberlleſert hat, erzählt auch, daß der Prieſter, dem Dieſes mit dem Graſen von Habsburg begegnet, nachher Caplan bei dem Kurfuͤrſten von Mainz geworden und nicht wenig dazu beigetragen habe, bei der naͤchſten Kaiſerwahl, die auf das große Interregnum erfolgte, die Gedanken des Kurfuͤrſten auf den Grafen von Babsburg zu richten.— Fuͤr Die, welche die Geſchichte jener Zeit kennen, bemerke ich noch, daß ich recht gut weiß, daß Boͤhmen ſein Erzamt bei Rudolphs Kaiſerkrönung nicht ausuͤbte. 6 * 4 Der Handſchuh.* Erzählung. Vor ſeinem Loͤwengarten, Das Kampfſpiel zu erwarten, Saß Koͤnig Franz, Und um ihn die Großen der Krone, Und rings auf hohem Balcone Die Damen in ſchoͤnem Kranz. 333 Und, wie er winkt mit dem Finger, Auf thut ſich der weite Zwinger⸗ Und hinein mit bedaͤchtigem Schritt Ein Lowe tritt Und ſieht ſich ſtumm Rings um Mit langem Gaͤhnen Und ſchuͤttelt die Maͤhnen Und ſtreckt die Glieder Und legt ſich nieder. Und der Koͤnig winkt wieder— Da doffnet ſich behend Ein zweites Thor, Daraus rennt Mit wildem Sprunge Ein Tiger hervor. Wie der den Loͤwen erſchaut Bruͤllt er laut, Schlaͤgt mit dem Schweif Einen furchtbaren Reif Und recket die Zunge, Und im Kreiſe ſcheu Umgeht er den Leu, Grimmig ſchnurrend; Drauf ſtreckt er ſich murrend Zur Seite nieder. Und der Koͤnig winkt wieder— Da ſpeit das doppelt gedffnete Haus Zwei Leoparden auf Einmal aus. 334 Die ſtürzen mit muthiger Kampfbegier Auf das Tigerthier; Das packt ſie mit ſeinen grimmigen Tatzen, Und der Leu mit Gebruͤll Richtet ſich auf, da wird's ſti; Und herum im Kreis, Von Mordſucht heiß, Lagern ſich die graͤulichen Katzen. Da faͤllt von des Altans Rand Ein Handſchuh von ſchoͤner Hand Zwiſchen den Tiger und den Leun Mitten hinein. Und zu Ritter Delorges, ſpottender Weiſ⸗ Wendet ſich Fraͤulein Kunigund: „Herr Ritter, iſt Eure Lieb' ſo heiß, Wie Ihr mir's ſchwoͤrt zu jeder Stund', Ei, ſo hebt mir den Handſchuh auf!“ Und der Ritter, in ſchnellem Lauf, Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger Mit feſtem Schritte, Und aus der Ungeheuer Mitte Nimmt er den Handſchuh mit keckem Finger. Und mit Erſtaunen und mit Grauen Sehen's die Ritter und Edelfrauen, und gelaſſen bringt er den Handſchuh zuruͤck. Da ſchallt ihm ſein Lob aus jedem Munde, Aber mit zaͤrtlichem Liebesblick— — 335 Er verheißt ihm ſein nahes Gluͤck— Empfaͤngt ihn Fraͤulein Kunigunde. und er wirft ihr den Handſchuh ins Geſicht:* „Den Dank, Dame, begehr' ich nicht!“ Und verläßt ſie zur ſelben Stunde. Das verſchleierte Bild zu Sais. Ein Juͤngling, den des Wiſſens heißer Durſt Nach Sais in Aegypten trieb, der Prieſter Geheime Weisheit zu erlernen, hatte Schon manchen Grad mit ſchnellem Geiſt durcheilt; Stets riß ihn ſeine Forſchbegierde weiter⸗ Und kaum befaͤnftigte der Kierophant Den ungeduldig Strebenden.„Was hab' ich, Wenn ich nicht Alles habe,“ ſprach der Juͤngling⸗ „Gibt's etwa hier ein Weniger und Mehr? Iſt deine Wahrheit, wie der Sinne Gluͤck, Nur eine Summe, die man groͤßer, kleiner Beſitzen kann und immer doch beſitzt? Iſt ſie nicht eine einz'ge, ungetheilte? Nimm einen Ton aus einer Harmonie, Nimm eine Farb' aus dem Regenbogen: Und Alles, was dir bleibt, iſt nichts, ſolang Das ſchone All der Tone fehlt und Farben.“ „ Statt dieſer Zeile ſteht im Muſenalmanach von 1798 folgende: Und der Ritter ſich tief verbeugend ſpricht: 336 Indem ſie einſt ſo ſprachen, ſtanden ſie. In einer einſamen Rotonde ſtill, Wo ein verſchleiert Bild von Rieſengroße Dem Juͤngling in die Augen fiel. Verwundert Blickt er den Fuͤhrer an und ſpricht:„Was iſt's, Das hinter dieſem Schleier ſich verbirgt?“— „Die Wahrheit,“ iſt die Antwort—„Wie?“ ruft Jener, „Nach Wahrheit ſtreb' ich ja allein, und dieſe Gerade iſt es, die man mir verhuͤllt?“ „Das mache mit der Gottheit aus,“ verſetzt Der Hierophant.„Kein Sterblicher, ſagt ſie, Ruͤckt dieſen Schleier, bis ich ſelbſt ihn hebe. Und, wer mit ungeweihter, ſchuld'ger Hand Den heiligen, verbotnen fruͤher hebt, Der, ſpricht die Gottheit“—„Nun?“—„Der ſieht die Wahrheit.“— „Ein ſeltſamer Orakelſpruch! Du ſelbſt, Du haͤtteſt alſo niemals ihn gehoben?“— „Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu Verſucht.“—„Das faſſ' ich nicht. Wenn von der Wahrheit Nur dieſe duͤnne Scheidewand mich trennte“— „Und ein Geſetz,“ faͤllt ihm ſein Fuͤhrer ein. „Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinſt, Iſt dieſer duͤnne Flor— fuͤr deine Hand Zwar leicht, doch centnerſchwer fuͤr dein Gewiſſen.“ Der Juͤngling ging gedankenvoll nach Hauſe; Ihm raubt des Wiſſens brennende Begier Den Schlaf, er waͤlzt ſich gluͤhend auf dem Lager Und rafft ſich auf um Mitternacht. Zum Tempel Fuͤhrt unfreiwillig ihn der ſcheue Tritt. 337 Leicht ward es ihm, die Mauer zu erſteigen⸗ Und mitten in das Innre der Rotonde Traͤgt ein beherzter Sprung den Wagenden. Hier ſteht er nun, und grauenvoll umfaängt Den Einſamen die lebenloſe Stille, Die nur der Tritte hohler Widerhall In den geheimen Gruͤften unterbricht. Von Olen durch der Kuppel Oeffnung wirft Der Mond den vleichen, ſilberblauen Schein, Und furchtbar, wie ein gegenwaͤrt'ger Gott, Erglänzt durch des Gewoͤlbes Finſterniſſe In ihrem langen Schleier die Geſtalt. Er tritt hinan mit ungewiſſem Schritt; Schon will die freche Hand das Heilige beruͤhren, Da zuckt es heiß und kuͤhl durch ſein Gebein Und ſtoßt ihn weg mit unſichtbarem Arme. Ungluͤcklicher, was willſt du thun? ſo ruft In ſeinem Innern eine treue Stimme.* Verſuchen den Allheiligen willſt du? Kein Sterblicher, ſprach des Drakels Mund, Ruͤckt dieſen Schleier, bis ich ſelbſt ihn hebe. Doch ſetzte nicht derſelbe Mund hinzu: Wer dieſen Schleier hebt, ſoll Wahrheit ſchauen? „Sey hinter ihm, was will! Ich heb' ihn auf.“ Er ruft's mit lauter Stimm':„Ich will ſie ſchauen.“ Schauen! Gellt ihm ein langes Echo ſpottend nach. Er ſpricht's und hat den Schleier aufgedeckt. „Nun,“ fragt ihr,„und was zeigte ſich ihm hier?“ Schillers ſämmtl. Werke. 1. 22 338 Ich weiß es nicht. Beſinnungslos und bleich, So fanden ihn am andern Tag die Prieſter Am Fußgeſtell der Iſis ausgeſtreckt. Was er allda geſehen und erfahpen, Hat ſeine Zunge nie bekannt. Auf ewig War ſeines Lebens Heiterkeit dahin, Ihn riß ein tiefer Gram zum fruͤhen Grabe. „Weh' Dem,“ Dies war ſein warnungsvolles Wort, Wenn ungeſtuͤme Frager in ihn drangen, „Weh' Dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld: „Sie wird ihm nimmermehr erfreulich ſeyn.“ Die Theilung der Erde. Nehmt hin die Welt! rief Zeus von ſeinen Hoͤhen Den Menſchen zu; nehmt, ſie ſoll euer ſeyn. Euch ſchenk' ich ſie zum Erb' und ew'gen Lehen; Doch theilt euch braͤderlich darein. Da eilt, was Haͤnde hat, ſich einzurichten, Es regte ſich geſchaͤftig Jung und Alt: Der Ackersmann griff nach des Feldes Fruͤchten, Der Junker birſchte durch den Wald, Der Kaufmann nimmt, was ſeine Speicher faſſen, Der Abt waͤhlt ſich den edeln Firnewein, Der Koͤnig ſperrt die Bruͤcken und die Straßen Und ſpricht: Der Zehente iſt mein. 339 Ganz ſpaͤt, nachdem die Theilung laͤngſt geſchehen, Naht der Poet: er kam aus weiter Fern' Ach, da war uͤberall nichts mehr zu ſehen, Und Alles hatte ſeinen Herrn! Weh' mir! ſo ſoll ich denn allein von Allen Vergeſſen ſeyn, ich, dein getreuſter Sohn? So ließ er laut der Klage Ruf erſchallen Und warf ſich hin vor Jovis Thron. Wenn du im Land der Traͤume dich verweilet, Verſetzt der Gott, ſo hadre nicht mit mir. Wo warſt du denn, als man die Welt getheilet? Ich war, ſprach der Poet, bei dir. Mein Auge hing an deinem Angeſichte, An deines Himmels Harmonie mein Ohr; Verzeih' dem Geiſte, der, von deinem Lichte Berauſcht, das Irdiſche verlor!* Was thun? ſpricht Zeus— die Welt iſt weggegeben⸗ Der Herbſt, die Jagd, der Markt iſt nicht mehr mein— Willſt du in meinem Himmel mit mir leben: So oft du kommſt, er ſoll dir offen ſeyn. 340 Das Mädchen aus der Fremde. In einem Thal bei armen Hirten Erſchien mit jedem jungen Jahr, Sobald die erſten Lerchen ſchwirrten⸗ Ein Maͤdchen ſchoͤn und wunderbar. Sie war nicht in dem Thal geboren, Man wußte nicht, woher ſie kam; Doch ſchnell war ihre Spur verloren, Sobald das Maͤdchen Abſchied nahm. Beſeligend war ihre Naͤhe, Und alle Herzen wurden weit; Doch eine Wuͤrde, eine Hohe Entfernte die Vertraulichkeit. „ Sie brachte Blumen mit und Fruͤchte, Gereift auf einer andern Flur, In einem andern Sonnenlichte, In einer glucklichern Natur, Und theilte Jedem eine Gabe, Dem Fruͤchte, Jenem Blumen aus; Der Juͤngling und der Greis am Stabe, Ein Jeder ging beſchenkt nach Haus. Willkommen waren alle Gaͤſte; Doch nahte ſich ein liebend Paar, Dem reichte ſie der Gaben beſte, Der Blumen allerſchoͤnſte dor. —— — 5 341 Das Ideal und das Leben.“ Ewigklar und ſpiegelrein und eben Fließt das zephyrleichte Leben Im Olymp den Seligen dahin. Monde wechſeln, und Geſchlechter fliehen; Ihrer Gotterjugend Roſen bluͤhen Wandellos im ewigen Ruin. Zwiſchen Sinnengluͤck und Seelenfrieden Bleibt dem Menſchen nur die bange Wahl; Auf der Stirn' des hohen Uraniden Leuchtet ihr vermählter Strahl.** Wolt ihr ſchon auf Erden Goͤttern gleichen, Frei ſeyn in des Todes Reichen, Brechet nicht von ſeines Gartens Frucht! An dem Scheine mag der Blick ſich weiden; Des Genuſſes wandelbare Frenden Raͤchet ſchleunig der Begierde Flucht? *In den Boren vom Jahr 1795 erſchien dies Gedicht unter der Ueber⸗ ſchrift: Das Reich der Schatten. * Im der fruͤhern Ausgabe folgt hier die Strophe: Fuhrt kein Weg hinauf zu jenen Boͤhen? Muß der Blume Schmuck vergehen⸗ Wenn des Herbſtes Gabe ſchwellen ſoll? Wenn ſich Lunens Silberhorner fuͤllen, Mut die andre Bälfte Nacht umhullen? Wird die Strahlenſcheibe niemals voll? Nein, auch aus der Sinne Schranken fuͤhren Pfade aufwaͤrts zur Unendlichkeit⸗ Die von ihren Guͤtern nichts berhren Feſſelt kein Geſetz der Zeit⸗ 342 Selbſt der Styx, der neunfach ſie umwindet, Wehrt die Ruͤckkehr Ceres Tochter nicht; Nach dem Apfel greift ſie, und es bindet Ewig ſie des Ortus Pflicht. Nur der Korper eignet jenen Maͤchten⸗ Die das dunkle Schickſal flechten; Aber frei von jeder Zeitgewalt, Die Geſpielin ſeliger Naturen, Wandelt oben in des Lichtes Fluren, Goͤttlich unter Gottern, die Geſtalt. Wollt ihr hoch auf ihren Fluͤgeln ſchweben, Werft die Angſt des Irdiſchen von euch! Fliehet aus dem engen, dumpfen Leben In des Ideales Reich!* * Bier finden ſich in der erſien Ausgabe noch folgende Strophen: Und vor jenen ſuͤrchterlichen Schaaren Euch auf ewig zu bewahren, Prechet muthig alle Bruͤcken ab. Zittert nicht, die Heimat zu verlieren: Alle Pfade, die zum Leben fuͤhren, Alle fuͤhren zum gewiſſen Grab. Opfert freudig auf, was ihr beſeſſen, Was ihr einſt geweſen, was ihr ſeyd, Und in einem ſeligen Vergeſſen Schwinde die Vergangenhelt. Keine Schmerzerinnerung entwelhe Dieſe Freiſtatt, keine Reue, Keine Sorge, keiner Thraͤne Spur. Losgeſprochen ſind von allen Pflichten, Die in dieſes Beiligthum ſich fluͤchten, Allen Schulden ſterblicher Natur. 343 Jugendlich, von allen Erdenmalen Frei, in der Vollendung Strahlen Schwebe hier der Menſchheit Goͤtterbild, Wie des Lebens ſchweigende Fantome Glanzend wandeln an dem ſtyg'ſchen Strome, Wie ſie ſtand im himmliſchen Gefild, Ehe noch zum traur'gen Sarkophage Die Unſterbliche herunter ſtieg. Wenn im Leben noch des Kampfes Wage Schwankt, erſcheinet hier der Sieg. Nicht, vom Kampf die Glieder zu entſtricken, Den Erſchoͤpften zu erquicken, Wehet hier des Sieges duft'ger Kranz ⸗ Maͤchtig, ſelbſt wenn eure Sehnen ruhten, Reißt das Leben euch in ſeine Fluten⸗ Euch die Zeit in ihren Wirbeltanz Aber, ſinkt des Muthes kuͤhner Fluͤgel Bei der Schranken peinlichem Geföhl, Dann erblicket von der Schonheit Huͤgel Freudig das erflogne Ziel. Wenn es gilt, zu herrſchen und zu ſchirmen, Kaͤmpfer gegen Kaͤmpfer ſtuͤrmen Auf des Gluͤckes, auf des Ruhmes Bahn: Da mag Kuͤhnheit ſich an Kraft zerſchlagen, Aufgerichtet wandle hier der Stlave, Seiner Feſſeln gluͤcklich unbewußt; Selbſt die raͤchende Erinne ſchlafe Friedlich in des Suͤnders Bruſt⸗ 344 Und mit krachendem Getoͤs' die Wagen Sich vermengen auf beſtaͤubtem Plan. Muth allein kann hier den Dank erringen, Der am Ziel des Hippodromes winkt. Nur der Starke wird das Schickſal zwingen, Wenn der Schwaͤchling unterſintt. Aber der, von Klippen eingeſchloſſen, Wild und ſchaͤumend ſich ergoſſen, Sanft und eben rinnt des Lebens Fluß Durch der Schoͤnheit ſtille Schattenlande, Und auf ſeiner Wellen Silberrande Malt Aurora ſich und Heſperus. Aufgeldst in zarter Wechſelliebe, In der Anmuth freiem Bund vereint, Ruhen hier die ausgeſohnten Triebe, Und verſchwunden iſt der Feind. Wenn, das Toste bildend zu beſeelen, Mit dem Stoff ſich zu vermaͤhlen, Thatenvoll der Genius entbrennt: Da, da ſpanne ſich des Fleißes Nerve, Und, beharrlich ringend, unterwerfe Der Gedanke ſich das Element, Nur dem Ernſt, den keine Muͤhe bleichet, Rauſcht der Wahrheit tief verſteckter Born; Nur des Meiſels ſchwerem Schlag erweichet Sich des Marmors ſprodes Korn. Aber dringt bis in der Schoͤnheit Sphare, Und im Staube bleibt die Schwere 345 Mit dem Stoff, den ſie beberrſcht, zuruͤck. Nicht der Maſſe aualvoll abgerungen, Schlank und leicht, wie aus dem Nichts geſprungen, Steht das Bild vor dem entzuͤckten Blick: Alle Zweifel, alle Kaͤmpfe ſchweigen In des Sieges hoher Sicherheit; Ausgeſtoßen hat es jeben Zeugen Menſchlicher Beduͤrftigkeit. Wenn ihr in der Menſchheit traur'ger Bloße Steht vor des Geſetzes Groͤße, Wenn dem Heiligen die Schuld ſich naht: Da erblaſſe vor der Wahrheit Strahle Eure Tugend, vor dem Ideale Fliehe muthlos die beſchaͤmte That. Kein Erſchaffner hat dies Ziel erflogen; Ueber dieſen grauenvollen Schlund Traͤgt kein Nachen, keiner Bruͤcke Bogen⸗ Und kein Anker findet Grund. Aber fluͤchtet aus der Sinne Schranken In die Freiheit der Gedanken, Und die Furchterſcheinung iſt entflohn, Und der ew'ge Abgrund wird ſich fuͤllen; Nehmt die Gottheit auf in euren Willen, Und ſie ſteigt von ihrem Weltenthron. Des Geſetzes ſtrenge Feſſel bindet Nur den Sklavenſinn, der es verſchmaͤht; Mit des Menſchen Wiberſtand verſchwindet Auch des Gottes Majeſtät. 346 Wenn der Menſchheit Leiden euch umfangen, Wenn dort Priams Sohn der Schlangen Sich erwehrt mit namenloſem Schmerz: Da empdre ſich der Menſch, es ſchlage An des Himmels Woͤlbung ſeine Klage Und zerreiße euer fuͤhlend Herz! Der Natur furchtbare Stimme ſiege, Und der Freude Wange werde bleich, Und der heil'gen Sympathie erliege Das Unſterbliche in euch! Aber in den heitern Regionen, Wo die reinen Formen wohnen, Rauſcht des Jammers truͤber Sturm nicht mehr. Hier darf Schmerz die Seele nicht durchſchneiden, Keine Thraͤne fließt hier mehr dem Leiden, Nur des Geiſtes tapfrer Gegenwehr. Lieblich, wie der Iris Farbenfener Auf der Donnerwolke duft'gem Thau, Schimmert durch der Wehmnth duͤſtern Schleier Hier der Ruhe heitres Blau. Tief erniedrigt zu des Feigen Knechte, Ging in ewigem Gefechte Einſt Alcid des Lebens ſchwere Bahn, Rang mit Hydern und umarmt' den Leuen, Stuͤrzte ſich, die Freunde zu befreien, Lebend in des Todtenſchiffers Kahn. Alle Plagen, alle Erdenlaſten Waͤlzt der unverſohnten Goͤttin Liſt Auf die will'gen Schultern des Verhaßten Bis ſein Lauf geendigt iſt— 347 Bis der Gott, des Irdiſchen entkleidet, Flammend ſich vom Menſchen ſcheidet Und des Aethers leichte Luͤfte trinkt. Froh des neuen ungewohnten Schwebens, Fliegt er aufwaͤrts, und des Erdenlebens Schweres Traumbild ſinkt und ſinkt und ſinkt. Des Olympus Harmonien empfangen Den Verklaͤrten in Kronions Saal, Und die Goͤttin mit den Roſenwangen Reicht ihm laͤchelnd den Pokal. Parabeln und Räthſel. 1. Von Perlen baut ſich eine Bruͤcke Hoch uͤber einen grauen See;„ Sie baut ſich auf im Augenblicke, Und ſchwindelnd ſteigt ſie in die Hoͤh'. Der hoͤchſten Schiffe hoͤchſte Maſten Ziehn unter ihrem Bogen hin, Sie ſelber trug noch keine Laſten Und ſcheint, wie du ihr nahſt, zu fliehn. Sie wird erſt mit dem Strom und ſchwindet, Sowie des Waſſers Flut verſiegt. So ſprich, wo ſich die Bruͤcke findet, Und, wer ſie kuͤnſtlich hat gefuͤgt? 348 2. Es fuͤhrt dich meilenweit von dannen Und bleibt doch ſtets an ſeinem Ort, Es hat nicht Fluͤgel auszuſpannen Und traͤgt dich durch die Luͤfte fort; Es iſt die allerſchnellſte Fähre, Die jemals einen Wandrer trug, Und durch das groͤßte aller Meere Trägt es dich mit Gedankenflug; Ihm iſt ein Augenblick genug! 3. Auf einer großen Waide gehen Viel tauſend Schafe ſilberweiß; Wie wir ſie heute wandeln ſehen, Sah ſie der alleraͤltſte Greis. Sie altern nie und trinken Leben Aus einem unerſchoͤpften Born, Ein Hirt iſt ihnen zugegeben Mit ſchoͤn gebognem Silberhorn. Er treibt ſie aus zu goldnen Thoren, ½ Er uͤberzaͤhlt ſie jede Nacht Und hat der Laͤmmer keins verloren, So oft er auch den Weg vollbracht. 8 349 Ein treuer Hund hilft ſie ihm leiten, Ein muntrer Widder geht voran. Die Heerde, kannſt du ſie mir deuten, Und auch den Hirten zeig' mir an! 4. Es ſteht ein groß geraͤumig Haus Auf unſichtbaren Saͤulen, Es mißt's und geht's kein Wandrer aus, Und keiner darf drin weilen; Nach einem unbegriffnen Plan Iſt es mit Kunſt gezimmert, Es ſteckt ſich ſelbſt die Lampe an, Die es mit Pracht durchſchimmert; Es hat ein Dach, kryſtallenrein, Von einem einz'gen Edelſtein—„ Doch noch kein Auge ſchaute Den Meiſter, der es baute. 5. Zwei Eimer ſieht man ab und auf In einem Brunnen ſteigen, Und ſchwebt der eine voll herauf, Muß ſich der andre neigen. Sie wandern raſtlos hin und her, Abwechſelnd voll und wieder leer, Und, bringſt du dieſen an den Mund, Haͤngt jener in dem tiefſten Grund: Nie koͤnnen ſie mit ihren Gaben In gleichem Augenblick dich laben. 6. Kennſt du das Bild auf zartem Grunde? Es gibt ſich ſelber Licht und Glanz. Ein Andres iſt's zu jeder Stunde, Und immer iſt es friſch und ganz. Im engſten Raum iſt's ausgefuͤhret, Der kleinſte Rahmen faßt es ein; Doch alle Groͤße, die dich ruͤhret, Kennſt du durch dieſes Bild allein. Und kannſt du den Kryſtall mir nennen? Ihm gleicht an Werth kein Edelſtein; Er leuchtet, ohne je zu brennen, Das ganze Weltall ſaugt er ein. Der Himmel ſelbſt iſt abgemalet In ſeinem wundervollen Ring; Und doch iſt, was er von ſich ſtrahlet, Noch ſchoͤner, als was er empfing⸗ 7. Ein Gebaude ſteht da von nralten Zeiten, Es iſt kein Tempel, es iſt kein Haus; Ein Reiter kann hundert Tage reiten, Er umwandert es nicht, er reitet's nicht aus. — 351 Jahrhunderte ſind voruͤber geflogen, Es trotzte der Zeit und der Stuͤrme Heer; Frei ſteht es unter dem himmliſchen Bogen, Es reicht in die Wolken, es netzt ſich im Meer. Nicht eitle Prahlſucht hat es gethuͤrmet, Es dienet zum Heil, es rettet und ſchirmet; Seines Gleichen iſt nicht auf Erden bekannt, Und doch iſt's ein Werk von Menſchenhand. 8. Unter allen Schlangen iſt eine, Auf Erden nicht gezengt, Mit der an Schnelle keine, An Wuth ſich keine vergleicht. Sie ſturzt mit furchtbarer Stimme Auf ihren Raub ſich los, Vertilgt in einem Grimme Den Reiter und ſein Roß. Sie liebt die hoͤchſten Spitzen, Nicht Schloß, nicht Riegel kann Vor ihrem Anfall ſchuͤtzen; Der Harniſch— lockt ſie an. Sie bricht, wie duͤnne Halmen, Den ſtaͤrkſten Baum entzwei; Sie kann das Erz zermalmen, Wie dicht und feſt es ſey. Und dieſes Ungeheuer Hat zweimal nie gedroht— Es ſtirbt im eignen Feuer: Wie's todtet, iſt es todt! g. Wir ſtammen, unſer ſechs Geſchwiſter, Von einem wunderſamen Paar, Die Mutter ewig ernſt und duͤſter, Der Vater froͤhlich immerdar. Von Beiden erbten wir die Tugend, Von ihr die Milde, von ihm den Glanz; So drehn wir uns in ew'ger Jugend Um dich herum im Cirkeltanz. Gern meiden wir die ſchwarzen Hoͤhlen Und lieben uns den heitern Tag; Wir ſind es, die die Welt beſeelen Mit unſers Lebens Zauberſchlag. Wir ſind des Fruͤhlings luſt'ge Boten Und fuͤhren ſeinen muntern Reihn; Drum fliehen wir das Haus der Todten: Denn um uns her muß Leben ſeyn. Uns mag kein Gluͤcklicher entbehren, Wir ſind dabei, wo man ſich freut Und, laͤßt der Kaiſer ſich verehren, Wir leihen ihm die Herrlichkeit. 353 10. Wie heißt das Ding, das Wen'ge ſchaͤtzen? Doch ziert's des größten Kaiſers Hand; Es iſt gemacht, um zu verletzen; Am Naͤchſten iſt's dem Schwert verwandt. Kein Blut vergießt's und macht doch tauſend Wunden, Niemand beraubt's und macht doch reich; Es hat den Erdkreis uͤberwunden, Es macht das Leben ſanft und gleich. Die groͤßten Reiche hat's gegruͤndet, Die aͤltſten Städte hat's erbaut; Doch niemals hat es Krieg entzuͤndet, Und Heil dem Volk, das ihm vertraut! 11.* Ich wohn' in einem ſteinernen Haus, Da lieg' ich verborgen und ſchlaſe; Doch ich trete hervor, ich eile heraus, Gefordert mit eiſerner Waffe. Erſt bin ich unſcheinbar und ſchwach und klein, Mich kann dein Athem bezwingen, Ein Regentropfen ſchon ſaugt mich ein; Doch mir wachſen im Siege die Schwingen. Wenn die mächtige Schweſter ſich zu mir geſellt, Erwachſ' ich zum furchtbarn Gebieter der Welt. Schillers ſämmtl. Werke. 1. 12. Ich drehe mich auf einer Scheibe, Ich wandle ohne Raſt und Ruh'; Klein iſt das Feld, das ich umſchreibe, Du deckſt es mit zwei Haͤnden zu; Doch brauch' ich viele tauſend Meilen, Bis ich das kleine Feld durchzogen, Flieg' ich gleich fort mit Sturmes Eilen Und ſchneller, als der Pfeil vom Bogen. 13. Ein Vogel iſt es, und an Schnelle Buhlt es mit eines Adlers Flug; Ein Fi ſch iſt's und zertheilt die Welle, Die noch kein groͤßres Unthier trug; Ein Elephant iſt's, welcher Thuͤrme Auf ſeinem ſchweren Ruͤcken tragt; Der Spinnen kriechendem Gewuͤrme Gleicht es, wenn es die Fuͤße regt; Und, hat es feſt ſich eingebiſſen Mit ſeinem ſpitz'gen Eiſenzahn, So ſteht's gleichwie auf feſten Fuͤßen Und trotzt dem wuͤthenden Orkan. — Der Spaziergang. Sey mir gegruͤßt, mein Berg mit dem roͤthlich ſtrahlenden Gipfel! Sey mir, Sonne, gegruͤßt, die ihn ſo lieblich beſcheint! Dich auch gruͤß' ich, belebte Flur, euch, ſaͤuſelnde Linden, Und den frohlichen Chor, der auf den Aeſten ſich wiegt, Ruhige Blaͤue, dich auch, die unermeßlich ſich ausgießt Um das braune Gebirg', uͤber den gruͤnenden Wald.„ Auch um mich, der, endlich entflohn des Zimmers Gefaͤngniß Und dem engen Geſpraͤch, freudig ſich rettet zu dir: Deiner Luͤfte balſamiſcher Strom durchrinnt mich erquickend, Und den durſtigen Blick labt das energiſche Licht. Kraͤftig auf bluͤhender Au erglaͤnzen die wechſelnden Farben, Aber der reizende Streit loͤſet in Anmuth ſich auf. Frei empfaͤngt mich die Wieſe mit weithin verbreitetem Teppich, Durch ihr freundliches Gruͤn ſchlingt ſich der laͤndliche Pfad, Um mich ſummt die geſchoͤftige Biene, mit zweifelndem Fluͤger Wiegt der Schmetterling ſich uͤber dem roͤthlichen Klee, Gluͤhend trifft mich der Sonne Pfeil, ſtill liegen die Weſte, Nur der Lerche Geſang wirbelt in heiterer Luft. Doch jetzt braust's aus dem nahen Gebuͤſch, tief neigen der Erlen Kronen ſich, und im Wind wogt das verſilberte Gras; Mich umfaͤngt ambroſiſche Nacht; in duftende Kuͤhlung Nimmt ein praͤchtiges Dach ſchattender Buchen mich ein. In des Waldes Geheimniß entflieht mir auf Einmal die Landſchaft, Und ein ſchlaͤngelnder Pfad leitet mich ſteigend empor. * Elegie war die Ueberſchrift dieſes Gedichts in den Horen vom Jahr 1795. 356 Nur verſtohlen durchdringt der Zweige laubiges Gitter Sparſames Licht und es blickt lachend das Blaue herein. Aber plotzlich zerreißt der Flor. Der gedffnete Wald gibt Ueberraſchend des Tags blendendem Glanz mich zuruͤck. Unabſehbar ergießt ſich vor meinen Blicken die Ferne⸗ Und ein blaues Gebirg' endigt im Dufte die Welt. Tief an des Berges Fuß der gählings unter mir abſtuͤrzt, Wallet des gruͤnlichen Stroms fließender Spiegel vorbei. Endlos unter mir ſeh' ich den Aether, uͤber mir endlos, Blicke mit Schwindeln hinauf, blicke mit Schandern hinab. Aber zwiſchen der ewigen Hoͤh' und der ewigen Tiefe Traͤgt ein gelanderter Steig ſicher den Wandrer dahin. Lachend fliehen an mir die reichen Ufer voruͤber, Und den froͤhlichen Fleiß ruͤhmet das prangende Thal. Jene Linien, ſieh'! die des Landmanns Eigenthum ſcheiden, In den Teppich der Flur hat ſie Demeter gewirkt. Freundliche Schrift des Geſetzes, des menſchenerhaltenden Gottes, Seit aus der ehernen Wert fliehend die Liebe verſchwand! Aber in freieren Schlaͤngen durchkrenzt die geregelten Felder, Jetzt verſchlungen vom Wald, jetzt an den Bergen hinauf Klimmend, ein ſchimmernder Streif, die laͤnderverknuͤpfende 8 Straße; Auf dem ebenen Strom gleiten die Floͤße dahin; Vielfach ertdnt der Heerden Gelaͤut' im belebten Gefilde, Und den Widerhall weckt einſam des Hirten Geſang. Muntre Dorfer bekraͤnzen den Strom, in Gebuͤſchen verſchwinden Andre, vom Ruͤcken des Bergs ſturzen ſie gaͤh dort herab. Nachbarlich wohnet der Menſch noch mit dem Acker zuſammen, Seine Felder umruhn friedlich ſein laͤndliches Dach, Traulich rankt ſich die Reb' empor an dem niedrigen Fenſter, Einen umarmenden Zweig ſchlingt um die Huͤtte der Baum. ———— Gluͤckliches Volt der Gefilde! noch nicht zur Freiheit erwachet⸗ Theilſt du mit deiner Flur froͤhlich das enge Geſetz; Deine Wuͤnſche beſchraͤnkt der Ernten ruhiger Kreislauf⸗ Wie dein Tagewerk, gleich⸗ windet dein Leben ſich ab! Aber wer raubt mir auf Einmal den lieblichen Anblick? Ein fremder Geiſt verbreitet ſ ſchnell uͤber die fremdere Flur. Sprdde ſondert ſich ab, was kaum noch liebend ſich miſchte, und das Gleiche nur iſi's, was an das Gleiche ſich reiht. Stände ſeh' ich gebildet, der Pappeln ſtolze Geſchlechter Ziehn in geordnetem Pomp vornehm und prächtig daher⸗ Regel wird Alles, und Alles wird Wahl, und Alles Bedeutung, Dieſes Dienergefolg' meldet den Herrſcher mir anz Prangend verkuͤndigen ihn von Fern die beleuchteten Kuppeln,. Aus dem felſigen Kern hebt ſich die chuͤrmende Stadt. In die Wildniß hinaus ſind des Waldes Faune verſtoßen⸗ Aber die Andacht leiht hoͤheres Leben dem Stein. Naͤher gerückt iſt der Menſch an den Menſchen. Enger wird um ihn„ Reger erwacht, es umwälzt raſcher ſich in ihm die Welt. Sieh', da entbrennen in feurigem Kampf die eifernden Krafte, Großes wirket ihr Streit, Groͤßeres wirtet ihr Bund. Tauſend Haͤnde belebt ein Geiſt, hoch ſchlaͤget in tauſend Bruͤſten, von einem Gefühl gluͤhend, ein einziges Herz⸗ Schlägt fuͤr das PVaterland und gluͤht fuͤr der Ahnen Geſetze. Hier auf dem theuren Grund ruht ihr verehrtes Gebein; Nieder ſteigen vom Himmel die ſeligen Goͤtter und nehmen In dem geweihten Bezirt feſtliche Wohnungen ein; Herrliche Gaben beſcherend, erſcheinen ſie; Ceres vor Allen Bringet des Pfluges Geſchenk, Hermes den Anker herbei, Bacchus die Traube, Minerva des Oelbaums gränende Reiſer⸗ Auch das kriegriſche Roß fuͤhret Poſeidon heran, Mutter Cybele ſpannt an des Wagens Deichſel die Lowen, In das gaſtliche Thor zieht ſie als Buͤrgerin ein. Heilige Steine! Aus euch ergoſſen ſich Pflanzer der Menſchheit, Fernen Inſeln des Meers ſandtet ihr Sitten und Kunſt, Weiſe ſprachen das Recht an dieſen geſelligen Thoren, Helden ſtuͤrzten zum Kampf fuͤr die Penaten heraus. Auf den Mauern erſchienen, den Saugling im Arme, die Muͤtter, Blicten dem Heerzug nach, bis ihn die Ferne verſchlang. Betend ſtuͤrzten ſie dann vor der Goͤtter Altaͤren ſich nieder, Flehten um Ruhm und Sieg, flehten um Ruͤcktehr fuͤr euch. Ehre ward euch und Sieg, doch der Ruhm nur kehrte zuruͤcke. Eurer Thaten Verdienſt meldet der ruͤhrende Stein: „Wanderer, kommſt du nach Sparta, verkuͤndige dorten, du habeſt „Uns hier liegen geſehn, wie das Geſetz es befahl.“ Ruhet ſanft, ihr Geliebte! Von eurem Blute begoſſen⸗ Gruͤnet der Delbaum, es keimt luſtig die koſtliche Saat. Munter entbrennt, des Eigenthums froh, das freie Gewerbe, Aus dem Schilfe des Stroms winket der blaͤuliche Gott. Ziſchend fliegt in den Baum die Arxt, es erſeufzt die Dryade, Hoch von des Berges Haupt ſtuͤrzt ſich die donnernde Laſt. Aus dem Felsbruch wiegt ſich der Stein, vom Hebel befluͤgelt; In der Gebirge Schlucht taucht ſich der Bergmann hinab. Mulcibers Ambos tont von dem Taet geſchwungener Haͤmmer; Unter der nervigen Fauſt ſpritzen die Funken des Stahls. Glaͤnzend umwindet der goldene Lein die tanzende Spindel; Durch die Saiten des Garns ſauſet das webende Schiff. Fern auf der Rhede ruft der Pilot, es warten die Flotten, Die in der Fremdlinge Land tragen den heimiſchen Fleiß; Andre ziehen frohlockend dort ein mit den Gaben der Ferne, Hoch von dem ragenden Maſt wehet der feſtliche Kranz. Siehe, da wimmeln die Maͤrkte, der Krahn von frdhlichem Leben Seltſamer Sprachen Gewirr' braust in das wundernde Ohr. Auf den Stapel ſchuͤttet die Ernten der Erde der Kaufmann, Was dem gluͤhenden Strahl Afrikas Boden gebiert, Was Arabien kocht, was die aͤußerſte Thule bereitet, Hoch mit erfreuendem Gut fuͤllt Amalthea das Horn. Da gebieret das Gluͤck dem Talente die gottlichen Kinder, Von der Freiheit geſaͤugt, wachſen die Kuͤnſte der Luſt. Mit nachahmendem Leben erfreuet der Bildner die Augen, Und, vom Meiſel beſeelt, redet der fuͤhlende Stein; Kuͤnſtliche Himmel ruhn auf ſchlanken joniſchen Säulen⸗ Und den ganzen Olymp ſchließet ein Pantheon ein; Leicht, wie der Fris Sprung durch die Luft, wie der Pfeil von der Sehne, Huͤpfet der Bruͤcke Joch uͤber den branſenden Strom. Aber im ſtillen Gemach entwirft bedeutende Eirkel Sinnend der Weiſe, beſchleicht forſchend den ſchaffenben Geiſt. Pruͤft der Stoffe Gewalt, der Magnete Haſſen und Lieben, Folgt durch die Luͤfte dem Klang, foldt durch den Aether dem Strahl, Sucht das vertraute Geſetz in des Zufalls granſenden Wundern, Sucht den ruhenden Pol in der Erſcheinungen Flucht. Koͤrper und Stimme leiht die Schrift dem ſtummen Gedanken, Durch der Jahrhunderte Strom traͤgt ihn das vedende Blatt. Da zerrinnt vor dem wundernden Blick der Nebel des Wahnes, und die Gebilde der Nacht weichen dem tagenden Licht. Seine Feſſeln zerbricht der Menſch, der begluͤckte! Zerriſſ' er Mit den Feſſeln der Furcht nur nicht den Zuͤgel der Scham! Freiheit! ruft die Vernunſt, Freiheit! die wilde Begierde, Von der heil'gen Natur ringen ſie luͤſtern ſich los. Ach, da reißen im Sturm die Anker, die an dem Ufer 360 Warnend ihn hielten, ihn faßt maͤchtig der flutende Strom; Ins Unendliche veißt er ihn hin, die Kuͤſte verſchwindet, Hoch auf der Fluten Gebirg wiegt ſich entmaſtet der Kahn, Hinter Wolken erloͤſchen des Wagens beharrliche Sterne, Bleibend iſt nichts mehr, es irrt ſelbſt in dem Buſen der Gott. Aus dem Geſpraͤche verſchwindet die Wahrheit, Glauben und Treue Aus dem Leben, es luͤgt ſelbſt auf der Lippe der Schwur; In der Herzen vertrgglichſten Bund, in der Liebe Geheimnis Dräͤngt ſich der Syiößhant, reißt von dem Freunde den Freund; Auf die Unſchuld ſchielt der Verrath mit verſchlingendem Blicke, Mit vergiftendem Biß toͤdtet des Laͤſterers Zahn; Feil iſt in der geſchaͤndeten Bruſt der Gedanke, die Liebe Wirft des freien Gefuͤhls gottlichen Adel hinweg; Deiner heiligen Zeichen, o Wahrheit, hat der Betrug ſich Angemaßt, der Natur koſtlichſte Stimmen entweiht, Die das beduͤrftige Herz in der Freude Drang ſich erfindet; Kaum gibt wahres Gefuͤhl noch durch Verſtummen ſich kund; Auf der Tribune prahlet das Recht, in der Hütte die Eintracht, Des Geſetzes Geſpenſt ſteht an der Koͤnige Thron. Jahre lang mag, Jahrhunderte lang die Mumie dauern, Mag das truͤgende Bild lebender Fuͤlle beſtehn, Bis die Natur erwacht, und mit ſchweren, ehernen Haͤnden An das hohle Gebaͤu ruͤhret die Noth und die Zeit— Einer Tigerin gleich, die das eiſerne Gitter durchbrochen Und des numidiſchen Walds plotzlich und ſchrecklich gedenkt— Aufſteht mit des Verbrechens Wuth und des Elends die Menſchheit Und in der Aſche der Stadt ſucht die verlorne Natur. O, ſo oͤffnet euch, Mauern, und gebt den Gefangenen ledig, Zu der verlaſſenen Flur kehr' er gerettet zuruͤck! 361 Aber wo bin ich? Es birgt ſich der Pfad. Abſchuſſige Gruͤnde Hemmen mit gaͤhnender Kluft hinter mir, vor mir den Schritt. Hinter mir blieb der Gaͤrten, der Hecken vertraute Begleitung, Hinter mir jegliche Spur menſchlicher Haͤnde zuruͤck. Nur die Stoffe ſeh' ich gethuͤrmt, aus welchen das Leben Keimet, der rohe Baſalt hofft auf die bildende Hand, Brauſend ſtuͤrzt der Gießbach herab durch die Rinne des Felſen, Unter den Wurzeln des Baums bricht er entruͤſtet ſich Bahn. Wild iſt es hier und ſchauerlich dd'. Im einſamen Luftraum Hängt nur der Adler und knuͤpft an das Gewolke die Welt. Hoch herauf bis zu mir traͤgt keines Windes Gefieder Den verlorenen Schall menſchlicher Muͤhen und Luſt. Bin ich wirklich allein? In deinen Armen, an deinem Herzen wieder, Natur, ach! und es war nur ein Traum, Der mich ſchaudernd ergriff; mit des Lebens furchtbarem Bilde, Mit dem ſtuͤrzenden Thal ſtuͤrzte der finſtre hinab. Reiner nehm' ich mein Leben von deinem reinen Altare, Nehme den froͤhlichen Muth hoffender Jugend zuruͤck! Ewig wechſelt der Wille den Zweck und die Regel, in ewig Wiederholter Geſtalt waͤlzen die Thaten ſich um. Aber jugendlich immer, in immer veraͤnderter Schdne Ehrſt du, fromme Natur, zuͤchtig das alte Geſes; Immer Dieſelbe, bewahrſt du in treuen Haͤnden dem Manne, Was dir das gaukelnde Kind, was dir der Juͤngling vertraut⸗ Nähreſt an gleicher Bruſt die vielfach wechſelnden Alter; Unter demſelben Blau, uͤber dem nämlichen Grun Wandeln die nahen und wandeln vereint die fernen Geſchlechter⸗ Und die Sonne Homers, ſiehe! ſie lächelt auch uns. 352 Das Lied von der Glocke. Vivos voco. Mortuos Rlango. Fulgura frango. Feſt gemauert in der Erden Steht die Form, aus Lehm gebrannt. Heute muß die Glocke werden! Friſch, Geſellen, ſeyd zur Hand! Von der Stirne heiß Rinnen muß der Schweiß, Soll das Werk den Meiſter loben Doch der Segen kommt von Oben. Zum Werke, das wir ernſt bereiten, Geziemt ſich wohl ein ernſtes Wort; Wenn gute Reden ſie begleiten, Dann fließt die Arbeit munter fort. So laßt uns ſetzt mit Fleiß betrachten, Was durch die ſchwache Kraft entſpringt; Den ſchlechten Mann muß man verachten, Der nie bedacht, was er vollbringt. Das iſt's ja, was den Menſchen zieret, Und dazu ward ihm der Verſtand, Daß er im innern Herzen ſpuͤret, Was er erſchafft mit ſeiner Hand. Nehmet Holz vom Fichtenſtamme Doch recht trocken laßt es ſeyn, Daß die eingepreßte Flamme Schlage zu dem Schwalch⸗hinein! ———— —— Kocht des Kupfers Brei: Schnell das Zinn herbei! Daß die zaͤhe Glockenſpeiſe Fließe nach der rechten Weiſe. Was in des Dammes tiefer Grube Die Hand mit⸗Feuers Huͤlfe baut⸗ Hoch auf des Thurmes Glockenſtube, Da wird es von uns zeugen laut. Roch dauern wird's in ſpaͤten Tagen Und ruͤhren vieler Menſchen Ohr Und wird mit dem Betruͤbten klagen Und ſtimmen zu der Andacht Chor. Was unten tief dem Erdenſohne Das wechſelnde Verhaͤngniß bringt, Das ſchlägt an die metallne Krone, Die es erbaulich weiter klingt. Weiße Blaſen ſeh' ich ſpringen:* Wohl! die Maſſen ſind im Fluß. Laßt's mit Aſchenſalz durchdringen, Das befoͤrdert ſchnell den Guß. Auch vom Schaume rein Muß die Miſchung ſeyn, Daß vom reinlichen Metalle Rein und voll die Stimme ſchalle. Denn mit der Freude Feierklange Begruͤßt ſie das geliebte Kind Auf ſeines Lebens erſtem Gange Den es in Schlafes Arm begihnt 364 Ihm ruhen noch im Zeitenſchoße Die ſchwarzen und die heitern Loſe; Der Mutterliebe zarte Sorgen Bewachen ſeinen goldnen Morgen— Die Jahre fliehen pfeilgeſchwind. Vom Maͤdchen reißt ſich ſtolz der Knabe, Er ſtuͤrmt ins Leben wild hinaus* Durchmißt die Welt am Wanderſtabe, Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus; Und herrlich, in der Jugend Prangen, Wie ein Gebild aus Himmelshoͤhn, Mit zuͤchtigen, verſchäͤmten Wangen Sieht er die Jungfrau vor ſich ſtehn. Da faßt ein namenloſes Sehnen Des Juͤnglings Herz, er irrt allein, Aus ſeinen Augen brechen Thraͤnen, Er flieht der Bruͤder wilden Reihn; Erroͤthend folgt er ihren Spuren Und iſt von ichrem Gruß begluͤckt, Das Schonſte ſucht er auf den Fluren, Womit er ſeine Liebe ſchmückt. O zarte Sehnſucht, ſuͤßes Hoffen, Der erſten Liebe goldne Zeit, Das Auge ſieht den Himmel voffen, Es ſchwelgt das Herz in Seligkeit— D, daß ſie ewig gruͤnen bliebe, Die ſchoͤne Zeit der jungen Liebe! Wie ſich ſchon die Pfeifen braͤunen! Dieſes Stäbchen rauch' ich ein, Sehn wir's uͤberglast erſcheinen, Wird's zum Guſſe zeitig ſeyn. * Jetzt, Geſellen friſch! Pruͤft mir das Gemiſch, Dro das Sprdode mit dem Weichen Sich vereint zum guten Zeichen. Denn, wo das Strenge mit dem Zarten, Wo Starkes ſich und Mildes paarten, Da gibt es einen guten Klang. Drum pruͤfe, wer ſich ewig vindet, Ov ſich das Herz zum Herzen finder! Der Wahn iſt kurz, die Reu' iſt lang. Lieblich in der Braͤute Locken Spielt der jungfraͤuliche Kranz⸗ Wenn die hellen Kivchenglocken Laden zu des Feſtes Glanz. Ach! des Lebens ſchoͤnſte Feier Endigt anch den Lebensmai. Mit dem Guͤrtel, mit dem Schleier Reißt der ſchone Wahn entzwei. Die Leidenſchaft flieht. Die Liebe muß bleiben;* Die Blume verbluͤht Die Frucht muß treiben; Der Mann muß hinaus Ins feindliche Leben Muß wirken und ſtreben Und pflanzen und ſchaffen, Erliſten, erraffen, Muß wetten und wagen, Das Gluͤck zu erjagen. — Da ſtroͤmet herbei die unendline Gabe „ 366 Es fuͤllt ſich der Speicher mit koſtlicher Habe, Die Raͤume wachſen, es dehnt ſich das Haus, Und drinnen waltet Die zuͤchtige Hausfrau,„ Die Mutter der Kinder, Und herrſchet weiſe Im haͤuslichen Kreiſe Und lehret die Maͤdchen Und wehret den Knaben Und reget ohn' Ende Die fleißigen Haͤnde Und mehrt den Gewinn Mit ordnendem Sinn Und fuͤllet mit Schaͤtzen die duftenden Laden F Und dreht um die ſchnurrende Spindel den Faden Und ſammelt im reinlich geglaͤtteten Schrein Die ſchimmernde Wolle, den ſchneeigen Lein Und fuͤget zum Guten den Glanz und den Schimmer Und ruhet nithmer. Und der Vater, mit frohem Blick, Von des Hauſes weitſchauendem Giebel Ueberzaͤhlet ſein bluͤhend Gluͤck, Siehet der Pfoſten ragende Vaͤume Und der Scheunen gefuͤllte Raͤume Und die Speicher, vom Segen gebogen Und des Kornes bewegte Wogen, Ruͤhmt ſich mit ſtolzem Mund: Feſt, wie der Erde Grund, Gegen des Unglücks Macht Doch mit des Geſchickes Maͤchten Iſt kein ew'ger Bund zu flechten, Und das Ungluͤck ſchreitet ſchnell. Wohl! nun kann der Guß beginnen, Schdn gezacket iſt der Bruch; Doch, bevor wir's laſſen rinnen, Betet einen frommen Spruch! Stoßt den Zapfen aus! Gott bewahr' das Haus! Rauchend in des Henkels Bogen Schießt's mit feuerbraunen Wogen. Wohlthaͤtig iſt des Feuers Macht, Wenn ſie der Menſch bezaͤhmt, bewacht, Und, was er bildet, was er ſchafft Das dankt er dieſer Himmelskraft; Doch furchtbar wird die Himmelskraft⸗ Wenn ſie der Feſſel ſich entrafft, Einhertritt auf der eignen Spur„ Die freie Tochter der Natur.— Wehe, wenn ſie, losgelaſſen, Wachſend ohne Widerſtand, Durch die volkbelebten Gaſſen Waͤlzt den ungeheuren Brand! Denn die Elemente haſſen Das Gebild' der Menſchenhand. Aus der Wolke Quillt der Segen, Stroͤmt der Regen; Aus der Wolke, ohne Wahl⸗ Zuckt der, Strahl. 4 „ Hort ihr's wiihmern ßoch dom Thurm? Das iſt Sturm! Roth, wie Blut** Iſt der Himmel⸗ 8 Das iſt nicht des Tages Glut! Welch Getuͤmmel Straßen auf! Dampf wallt auf! Flackernd ſteigt die Feuerſaͤule, Durch der Straße lange Zeile Waͤchst es fort mit Windeseile. Kochend wie aus Ofens Rachen⸗ Gluͤhn die Luͤfte, Balken krachen, Pfoſten ſtuͤrzen, Fenſter klirren, Kinder jammern, Muͤtter irren, Thiere wimmern Unter Truͤmmern: Alles rennet, rettet, fluͤchtet, Taghell iſt dis Nacht gelichtet. Durch der Hände lange Kette Um die Wette Fliegt der Eimer, hoch im Bogen Spritzen Quellen Waſſerwogen. Heulend kommt der Sturm geflogen⸗ Der die Flamme brauſend ſucht. Praſſelnd in die duͤrre Frucht Faͤllt ſie, in des Speichers Raͤume, In der Sparxen duͤrre Baume, Und, ale wollte ſie im Wehen Mit ſich fort der Erde Wucht Reißen in gewalt'ger Flucht, 369 Waͤchst ſie in des Himmels Hohen Rieſengroß. Hoffnungslos Weicht der Menſch der Gotterſtaͤrke, Muͤßig ſieht er ſeine Werke Und bewundernd untergchen. Leergebrannt Iſt die Staͤtte, Wilder Stuͤrme rauhes Bette. In den dden Fenſterhoͤhlen Wohnt das Grauen, Und des Himmels Wolten ſchauen Hoch hinein. Einen Blick Nach dem Grabe Seiner Habe Sendet noch der Menſch zuruͤc— Greift frohlich dann zum Wanderſtabe: Was Feuers Wuth ihm auch geraubt, Ein ſuͤßer Troſt iſt ihm geblieben, Er zaͤhlt die Haͤupter ſeiner Lieben, Und, ſieh'! ihm fehlt kein theures Haupt. In die Erd' iſt's aufgenommen, 5 Gluͤcklich iſt die Form gefuͤllt; Wird's auch ſchoͤn zu Tage kommen, Daß es Fleiß und Kunſt vergilt? Wenn der Guß mißlang? Wenn die Form zerſprang? Ach, vielleicht, indem wir hoffen⸗ Hat uns Unheil ſchon getroffen. Sauers ſämmtl. Wetke. 1. 2⁴ 370 Dem dunkeln Schoß der heil'gen Erde Vertrauen wir der Haͤnde That, Vertraut der Säͤmann ſeine Saat Und hofft, daß ſie entkeimen werde Zum Segen, nach des Himmels Rath. Noch ioſtlicheren Samen bergen Wir trauernd in der Erde Schoß Und hoffen, daß er aus den Saͤrgen Erbluͤhen ſoll zu ſchoͤnerm Los. Von dem Dome, Schwer und bang, Toͤnt die Glocke Grabgeſang, Ernſt begleiten ihre Trauerſchlaͤge Einen Wandrer auf dem letzten Wege. Ach! die Gattin iſt's, die theure, Ach! es iſt die treue Mutter, Die der ſchwarze Fuͤrſt der Schatten — Weofuͤhrt aus dem Arm des Gatten⸗ Aus her zarten Kindgr Schaar 2„ ie ſie vähend ihm gebar,— 3 Die ſie an der treuen Bruſt 8 Wachſen ſah mit Mutterluſt 2 Ach! des Hauſes zarte Bande Sind geldst auf immerdär: Denn ſie Wahk ſin Schattenkinde, Die des Hanſes Mutter war; Denn es Vhlt ihr treues Walten„. Ihre Sorge wacht nicht mehr; — 371 An verwaister Stätte ſchalten Wird die Fremde, liebeleer. Bis die Glocke ſich verkuͤhlet, Laßt die ſtrenge Arbeit ruhn. Wie im Laub der Vogel ſpielet, Mag ſich Jeder guͤtlich thun. Winkt der Sterne Licht: Ledig aller Pflicht, Hoͤrt der Burſch' die Veſper ſchlagen; Meiſter muß ſich immer plagen. Munter foͤrdert ſeine Schritte Fern im wilden Forſt der Wandrer Nach der lieben Heimathuͤtte. Bloͤckend ziehen heim die Schafe, Und der Rinder Breitgeſtirnte, glatte Schaaren Kommen bruͤllend, Die gewohnten Staͤlle fuͤllend. 2 Schwer herein Schwankt der Wagen, Kornbeladen; Bunt von Farben, Auf den Garben Liegt der Kranz, Und das junge Volk der Schnitter Fliegt zum Tanz. Markt und Straße werden ſtiller; Um des Lichts geſell'ge Flamme Sammeln ſich die Hausbewohner, Und das Stadtthor ſchließt ſich knarrend. Schwarz bedecket Sich die Erde; Doch den ſichern Buͤrger ſchrecket Nicht die Nacht,* Die den Boͤſen gräßlich wecket: Denn das Auge des Geſetzes wacht. Heil'ge Ordnung, ſegensreiche Himmelstochter, die das Gleiche Frei und leicht und frendig bindet⸗ Die der Staͤdte Bau gegruͤndet, Die herein von den Gefilden Rief den ungeſell'gen Wilden, Eintrat in der Menſchen Huͤtten⸗ Sie gewoͤhnt zu ſanften Sitten Und das theuerſte der Bande Wob, den Trieb zum PVaterlande! Tauſend fleiß'ge Haͤnde regen, Helfen ſich in⸗munterm Bund⸗. Und in feurigem Bewegen Werden alle Kraͤfte kund. Meiſter ruͤhrt ſich und Geſelle. In der Freiheit heil'gem Schutz⸗ Jeder freut ſich ſeiner Stelle, Bietet dem Veraͤchter Trutz. Arbeit iſt des Buͤrgers Zierde, Segen iſt der Muͤhe Preis; Ehrt den Koͤnig ſeine Wuͤrde: Ehret uns der Haͤnde Fleiß. Holder Friede, Suße Sntracht, 373 Weilet, weilet Freundlich uber dieſer Stadt! Moͤge nie der Tag erſcheinen, Wo des rauhen Krieges Horden Dieſes ſtille Thal durchtoben, Wo der Himmel, Den des Abends ſanfte Roͤthe Lieblich malt, Von der Dörfer, von der Stadte Wildem Brande ſchrecklich ſtrahlt: Nun zerbrecht mir das Gebaͤude Seine Abſicht hat's erfuͤllt, Daß ſich Herz und Auge weide An dem wohlgelungnen Bild. Schwingt den Hammer, ſchwingt, Bis der Mantel ſpringt! Wenn die Glock' ſoll auferſtehen, Muß die Form in Stuͤcke gehen.„ Der Meiſter kann die Form zerbrechen Mit weiſer Hand, zur rechten Zeit; Doch wehe, wenn in Flammenbaͤchen Das gluͤhnde Erz ſich ſelbſt befreit! Blindwuthend, mit des Donners Krachen Zerſprengt es das geborſtne Haus, Und, wie aus offnem Hoͤllenrachen, Speit es Verderben zuͤndend aus. Wo rohe Kraͤfte ſinnlos walten, Da kann ſich kein Gebild geſtalten; Wenn ſich die Volker ſelbſt befrein, Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn. 374 Weh', wenn ſich in dem Schoß der Srädte Der Feuerzunder ſtill gehaͤuft, Das Volk, zerreißend ſeine Kette, Zur Eigenhuͤlfe ſchrecklich greift! Da zervet an der Glocke Straͤngen Der Aufruhr, daß ſie heulend ſchallt Und, nur geweiht zu Friedensklaͤngen, Die Loſung anſtimmt zur Gewalt. Freiheit und Gleichheit! hoͤrt man ſchallen; Der ruh'ge Buͤrger greift zur Wehr'. Die Straßen fuͤllen ſich, die Hallen, Und Wuͤrgerbanden ziehn umher. Da werden Weiber zu Hyaͤnen Und treiben mit Entſetzen Scherz: Noch zuckend, mit des Panthers Zaͤhnen, Zerreißen ſie des Feindes Herz. Nichts Heiliges iſt mehr, es loͤſen Sich alle Bande frommer Scheuz Der Gute raͤumt den Platz dem Boſen, Und alle Laſter walten frei⸗ Sefähr'ich iſt's, den Leu zu wecken⸗ Verderblich iſt des Tigers Zahn; Jedoch der ſchrecklichſte der Schrecken, Das iſt der Menſch in ſeinem Wahn. Weh' Denen, die dem Ewigblinden Des Lichtes Himmelsfackel leihn! Sie ſtrahlt ihm nicht, ſie kann nur zuͤnden Und aͤſchert Städt' und Laͤnder ein⸗ Freude hat mir Gott gegeben! Sehet! wie ein goldner Stern, 375 Aus der Huͤlſe, blank und eben, Schaͤlt ſich der metallne Kern. Von dem Helm zum Kranz Spielt's wie Sonnenglanz; Auch des Wappens nette Schilder Loben den erfahrnen Bilder. Herein, herein, Geſellen alle! ſchließt den Reihen, Daß wir die Glocke taufend weihen, Concordia ſoll ihr Name ſeyn. Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine Verſammle ſie die liebende Gemeine. Und Dies ſey fortan ihr Beruf, Wozu der Meiſter ſie erſchuf! Hoch uͤberm niedern Erdenleben Soll ſie im blauen Himmelszelt, Die Nachbarin des Donners, ſchweben Und graͤnzen an die Sternenwelt,* Soll eine Stimme ſeyn von Oben, Wie der Geſtirne helle Schaar, Die ihren Schoͤpfer wandelnd loben Und fuͤhren das bekraͤnzte Jahr. Nur ewigen und ernſten Dingen Sey ihr metallner Mund geweiht, Und ſtuͤndlich mit den ſchnellen Schwingen Beruͤhr' im Fluge ſie die Zeit. Dem Schickſal leihe ſie die Zunge; Selbſt herzlos, ohne Mitgefühl, Begleite ſie mit ihrem Schwunge Des Lebens wechſelvolles Spiel. 376 Und, wie der Kilang im Ohr vergehet⸗ Der, maͤchtig toͤnend, ihr entſchallt, So lehre ſie, haß nichts beſtehet, Daß alles Irdiſche verhallt. Jetzo mit der Kraft des Stranges Wiegt die Glock' mir aus der Gruft, Daß ſie in das Reich des Klanges Steige, in die Himmelsluft! Ziehet, ziehet, hebt! Sie bewegt ſich, ſchwebt! Freude dieſer Stadt bedeute, Friede ſey ihr erſt Gelaͤute. Die Macht des Geſanges. Ein Regenſtrom aus Felſenriſſen— Er kommt mit Donners Ungeſtuͤm, Bergtruͤmmer folgen ſeinen Guͤſſen, Und Eichen ſtuͤrzen unter ihm; Erſtaunt, mit wolluſtvollem Grauſen, Hoͤrt ihn der Wanderer und lauſcht, Er yoͤrt die Flut vom Felſen brauſen, Doch weiß er nicht, woher ſie rauſcht: So ſtroͤmen des Geſanges Wellen Hervor aus nie entdeckten Quellen. — 377 Verbuͤndet mit den furchtbarn Weſen, Die ſtill des Lebens Faden drehn, Wer kann des Saͤngers Zauber loͤſen, Wer ſeinen Toͤnen widerſtehn? Wie mit dem Stab des Göͤtterboten Beherrſcht er das bewegte Herz; Er taucht es in das Reich der Todten Er hebt es ſtaunend himmelwaͤrts Und wiegt es zwiſchen Ernſt und Spiele Auf ſchwanker Leiter der Gefuͤhle. Wie wenn auf Einmal in die Kreiſe Der Freude, mit Gigantenſchritt, Geheimnißvoll nach Geiſterweiſe, Ein ungeheures Schickſal tritt: Da beugt ſich jede Erdengroͤße Dem Fremdling aus der andern Welt, Des Jubels nichtiges Getdͤſe Verſtummt, und jede Larve faͤllt, Und vor der Wahrheit mächt'gem Siege Verſchwindet jedes Wert der Luge. So rafft von jeder eiteln Buͤrde, Wenn des Geſanges Ruf erſchallt, Der Menſch ſich auf zur Geiſterwuͤrde Und tritt in heilige Gewalt; Den hohen Göttern iſt er eigen, Ihm darf nichts Irdiſches ſich nahn, Und jede andre Macht muß ſchweigen; Und kein Verhaͤngniß faͤllt ihn an; Es ſchwinden jedes Kummers Falten, Solang des Liedes Zauber walten. Und, wie nach hoffnungsloſem Sehnen, Nach langer Trennung bitterm Schmerz, Ein Kind mit heißen Reuethraͤnen Sich ſtuͤrzt an ſeinen Mutter Herz: So fuͤhrt zu ſeiner Jugend Huͤtten, Zu ſeiner Unſchuld reinem Gluͤck, Vom fernen Ausland fremder Sitten Den Fluͤchtling der Geſang zuruͤck, In der Natur getreuen Armen Von kalten Regeln zu erwarmen. Würde der Frauen. Ehret die Frauen! ſie flechten und weben Himmliſche Roſen ins irdiſche Leben, Flechten dev Liebe begluͤckendes Band, Und, in der Grszie zuͤchtigem Schleier, Naͤhren ſie wachſam das ewige Feuer Schoͤner Gefuͤhle mit heiliger Hand. Ewig aus der Wahrheit Schranken Schweift des Mannes wilde Kraft; Unſtet treiben die Gedanken Auf dem Meer der Leidenſchaft; Gierig greift er in die Ferne, Nimmer wird ſein Herz geſtillt; Raſtlos durch entlegne Sterne Jagt er ſeines Traumes Bild. * 13 379 Aber mit zauberiſch feſſelndem Blicke Winken die Frauen den Fluͤchtling zuruͤcke. Warnend zuruͤck in der Gegenwart Spur. In der Mutter beſcheidener Huͤtte Sind ſie geblieben mit ſchamhafter Sitte, Treue Töochter der frommen Natur. Feindlich iſt des Mannes Streben, Mit zermalmender Gewalt Geht der wilde durch das Leben, Ohne Raſt und Aufenthalt. Was er ſchuf, zerſtoͤrt er wieder, Nimmer ruht der Wuͤnſche Streit, Nimmer, wie das Haupt der Hyder Ewig faͤllt und ſich erneut. Aber, zufrieden mit ſtillerem Ruhme, Brechen die Frauen des Augenblicks Blume, Naͤhren ſie ſorgſam mit liebendem Fleiß, Freier in ihrem gebundenen Wirken, Reicher, als er, in des Wiſſens Bezirken Und in der Dichtung unendlichem Kreis.* * Im Muſenalmanach vom Jahre 1796 folgt hier die Strophe: Seines Willens Berrſcherſiegel Druͤckt der Mann auf die Ratur; In der Welt verfaͤlſchtem Spieget Sieht er ſeinen Schatten nur. Offen liegen ihm die Schaͤtze Der Vernunft, der Fantaſie; Nur das Vild auf ſeinem Netze, Nur das Nahe kennner nie. » Streng und ſtoiz, ſich ſelbſt genuͤgend, Kennt des Mannes kalte Bruſt, Herzlich an ein Herz ſich ſchmiegend Nicht der Liebe Goͤtterluſt, Kennet nicht den Tauſch der Seelen, Nicht in Thraͤnen ſchmilzt er hin; 4 Selbſt des Lebens Kampfe ſtählen Haͤrter ſeinen harten Sinn. Aber wie, leiſe vom Zephyr erſchuttert, Schnell die aͤoliſche Harfe erzittert, Alſo die fuͤhlende Seele der Frau. 4 Zaͤrtlich geaͤngſtigt vom Bilde der Qualen, Wallet der liebende Buſen, es ſtrahlen Perlend die Augen von himmliſchem Than. In der Maͤnner Herrſchgebiete Gilt der Staͤrke trotzig Recht; Mit dem„Schwert beweist der Scythe, Und der Perſer wird zum Knecht. Aber die Bilder, die ungewiß wanken Dort auf der Flut der bewegten Gedanken, In des Mannes verduͤſtertem Blick, Klar und getreu in dem ſanfteren Weibe Zeigt ſich der Seele kryſtallene Scheibe, Wirft ſie der ruhige Spiegel zuruͤck. * Anſtatt der vier erſten Zeilen dieſer Strophe ſtehen in dex erſten Ausgabe folgende: 6 Immer widerſirebend, immer Schoffend, kennt des Mannes Berz Des Empfangens Wonne nimmer, Nicht den ſuͤß getheilten Schmerz. 381 Es beſehden ſich im Grimme Die Begierden wild und roh Und der Eris rauhe Stimme Waltet, wo die Charis floh. Aber mit ſanft uͤberredender Bitte Führen die Frauen den Scepter der Sitte, Loͤſchen die Zwietracht, die tobend entgluͤht, Lehren die Kraͤfte, die feindlich ſich haſſen, Sich in der lieblichen Form zu umfaſſen, Und vereinen, was ewig ſich flieht.* *Nach dieſer Strophe enthaͤlt die erſte Ausgabe noch ſolgende: Seiner Menſchlichkeit vergeſſen, Wagt des Mannes eitler Wahn Mit Daͤmonen ſich zu meſſen, Denen nie Begierden nahn. Stolz verſchmaͤht er das Geleite Leiſe warnender Natur, Schwingt ſich in des Simmels Weite Und verliert der Erde Spur.* Aber auf treuerem Pfad der Gefuͤhle Wandelt die Frau zu dem goͤttlichen Siele, Das ſie ſtill, doch gewiſſer erringt, Strebt auf der Schoͤnheit gefluͤgeltem Wagen Zu den Sternen die Menſchheit zu tragen, Die der Mann nur ertoͤdtend bezwingt. Auf des Mannes Stirne thronet Boch, als Koͤnigin, die Pflicht; Doch die Berrſchende verſchonet Grauſam das Beherrſchte nicht. Des Gedanken Sieg entehret Der Gefuͤhle Widerſtreit. Nur der ew'ge Kampf gewaͤhret Fuͤr des Sieges Ewigkeit. 382 Hoffnung. Es reden und traͤumen die Menſchen viel Von beſſern kuͤnftigen Tagen; Nach einem gluͤcklichen, goldenen Ziel Sieht man ſie rennen und jagen. Die Welt wird alt und wird wieder jung, Doch der Menſch hofft immer Verbeſſerung. Die Hoffnung fuͤhrr ihn ins Leben ein, Sie umflattert den frohlichen Knaben, Den Juͤngling begeiſtert ihr Zauberſchein, Sie wird mit dem Greis nicht begraben: Denn, beſchließt er im Grabe den muͤden Lauf, Noch am Grabe pflanzt er— die Hoffnung auf. Aber fuͤr Ewigkeiten entſchieden In in dem Weibe der Leidenſchaſt Frieden, Der Nothwendigkeit heilige Macht Huͤtet der Züchtigkeit koſtliche Blüthe, Buͤtet im Buſen des Weibes die Guͤte, Die der Willè nur treulos bewacht. Aus der Unſchuld Schotß geriſſen, Klimmt zum Ideal der Mann Durch ein ewig ſtreitend Wiſſen, Wo ſein Berz nicht ruhen kann, Schwankt mit ungewiſſem Schritte, Zwiſchen Gluͤck und Recht getheilt, Und verliert die ſchoͤne Mitte, Wo die Menſchheit fröhlich weilt. Aber in kindlich unſchuldiger Huͤlle Pirgt ſich der hohe gelaͤuterte Wille In des Weibes verklärter Geſtalt. Aus der bezaubernden Einfalt der Suͤge Leuchtet der Menſchheit Vollendung und Wiege, Berrſchet des Kindes, des Engels Gewalt. 383 Es iſt kein leerer ſchmeichelnder Wahn, Erzeugt im Gehirne des Thoren, Im Herzen kuͤndet es laut ſich an: Zu was Beſſerm ſind wir geboren; Und, was die innerſiinme ſpricht, Das taͤuſcht die hoffende Seele nicht. Die deutſche Muſe. Kein Auguſtiſch Alter bluͤhte, Keines Medicaͤers Guͤte Lächelte der deutſchen Kunſt; Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme, Sie entfaltete die Blume Nicht am Strahl der Fuͤrſtengunſt. Von dem groͤßten deutſchen Sohne, Von des großen Friedrichs Throbe Ging ſie ſchutzlos, ungeehrt. Ruͤhmend darf's der Deutſche ſagen, Poͤher darf das Herz ihm ſchlagen: Selbſt erſchuf er ſich den Werth. Darum ſteigt in hoͤherm Bogen, 4 Darum ſtroͤmt in vollern Wogen Deutſcher Barden Hochgeſang, Und, in eigner Fuͤlle ſchwellend Und aus Herzens Tiefen quellend, Spottet er der Regeln Zwang. Der Sämann. Siehe, voll Hoffnung vertrauſt du der Erde den goldenen Samen Und erwarteſt im Lenz frdhlichbie keimende Saat. Nur in die Furche der Zeit bedenkſt du dich Thaten zu ſtreuen, Die, von der Weisheit geſät, ſtill fuͤr die Ewigkeit bluͤhn? Der Kaufmann. Wohin ſegelt das Schiff? Es traͤgt ſidoniſche Maͤnner, Die von dem frierenden Nord bringen den Bernſtein, das Zinn. Trag' es gnädig, Neptun, und wiegt es ſchonend, ihr Winde, In bewirthender Bucht rauſch' ihm ein trinkbarer Quell. Euch, ihr Göotter, gehort der Kaufmann. Guͤter zu ſuchen, Geht er, doch an ſein Schiff knuͤpfet das Gute ſich an. „ Odyſſeus. Alle Gewäſſer durchkrenzt, die Heimat zu finben, Odyſſeus; Durch der Schlla Gebell, durch der Charybde Gefahr⸗ Durch die Schrecken des feindlichen Meers, durch die Schrecken des Landes, Selber in Aides Reich fuͤhrt ihn die irrende Fahrt. Endlich traͤgt das Geſchick ihn ſchlafend an Ithakas Kuͤſte: Er erwacht und erkennt jammernd das Vaterland nicht. 385 Karthagv. Ausgeartetes Kind der beſſern menſchlichen Mutter, Das mit des Roͤmers Gewalt paaret des Tyriers Liſt! Aber Jener beherrſchte mit Kraft die eroberte Erde, Dieſer belehrte die Welt, die er mit Klugheit beſtahl. Sprich! was ruͤhmt die Geſchichte von dir? Wie der Römer erwarbſt du Mit dem Eiſen, was du tyriſch mit Golde regierſt. Die Johanniter. Herrlich kleidet ſie euch, des Kreunzes furchtbare Ruſtung, Wenn ihr, Löwen der Schlacht, Akkon und Rhodus beſchutzt, Durch die ſyriſche Wuͤſte den bangen Pilgrim geleitet Und mit der Cherubim Schwert ſteht vör dem heiligen Grab. Aber, ein ſchoͤnerer Schmuck, umgibt euch die Schuͤrze des Waͤrters, Wenn ihr, Lowen der Schlacht, Sdhne des edelſten Stamms, Dient an des Kranken Bett, dem Lechzenden Labung bereitet Und die niedrige“ Pflicht chriſtlicher Milde vollbringt. Religion des Kreuzes, nur du verknuͤpfteſt, in einem Kranze, der Demuth und Kraft doppelte Palme zugleich! * Im Muſenalmanach von 1796 ſteht: ruhmloſe Pflicht⸗ Schillers ſämmtl. Werke 1. 25 386 Deutſche Treue. um den Scepter Germaniens ſtritt mit Ludwig dem Bayer Friedrich aus Habsburgs Stamm, Beide gerufen zum Thron; Aber den Auſtrier fuͤhrt, den Juͤngling, das neidiſche Kriegsgluͤck In die Feſſeln des Feinds, der ihn im Kampfe bezwingt. Mit dem Throne kauft er ſich los, ſein Wort muß er geben, Fuͤr den Sieger das Schwert gegen die Freunde zu ziehn; Aber, was er in Banden gelobt, kann er frei nicht erfuͤllen; Siehe! da ſtellt er aufs Neu' willig den Banden ſich dar. Tief geruͤhrt umhalst ihn der Feind, ſie wechſeln von nun an, Wie der Freund mit dem Freund, traulich die Becher des Mahls, Arm in Arme ſchlummern auf einem Lager die Fuͤrſten, Da noch blutiger Haß grimmig die Volker zerfleiſcht. Gegen Friedrichs Heer muß Ludwig ziehen. Zum Wäaͤchter Bayerns laͤßt er den Feind, den er beſtreitet, zuruͤck. „Wahrlich! So iſt's! Es iſt wirklich ſo! Man hat mir's geſchrieben.“ Rief der Pontifex aus, als er die Kunde vernahm. — Columbus. Steure, muthiger Segler! Es mag der Witz dich verhoͤhnen, und der Schiffer am Steu'r ſenken die laſſige Hand. Immer, immer nach Weſt! Dort muß die Kuͤſte ſich zeigen, Liegt ſie doch dentlich und liegt ſchimmernd vor deinem Verſtand. Traͤue dem leitenden Gott und folge dem ſchweigenden Weltmeer: War ſie noch nicht, ſie ſtieg' jetzt aus den Fluten empor. Mit dem Genius ſteht die Natur in ewigem Bunde: Was der Eine verſpricht, leiſtet die Andre gewiß. 387 Pompeji und Hereulanum. Welches Wunder begibt ſich? Wir flehten um trinkbare Quellen Erde, dich an, und was ſendet dein Schoß uns herauf! Lebt es im Abgrund auch? Wohnt unter der Lava verborgen Noch ein neues Geſchlecht? Kehrt das entflohne zuruͤck? Griechen, Roͤmer, o, kommt! o, ſeht, das alte Pompeji Findet ſich wieder, aufs Neu' bauet ſich Hercules Stadt. Giebel an Giebel ſteigt, der raͤumige Porticus offnet Seine Hallen: o, eilt, ihn zu beleben, herbei! Aufgethan iſt das weite Theater, es ſtuͤrze durch ſeine Sieben Muͤndungen ſich flutend die Menge herein. Mimen, wo bleibt ihr? Hervor! das bereitete Opfer vollende Atreus Sohn, dem Oreſt folge der grauſende Chor! Wohin fuͤhret der Bogen des Siegs? Erkennt ihr das Forum? Was fuͤr Geſtalten ſind Das auf dem curuliſchen Stuhl? Traget, Lictoren, die Beile voran! Den Seßſel beſteige Richtend der Prätor, der Zeug' trete, der Kläger vor ihn. Reinliche Gaſſen breiten ſich aus, mit erhoͤhetem Pflaſter Ziehet der ſchmaͤlere Weg neben den Haͤuſern ſich hin! Schuͤtzend ſpringen die Dächer hervor, die zierlichen Zimmer Reihn um den einſamen Hof heimlich und traulich ſich her. Deffnet die Läden geſchwind und die lange verſchutteten Thuͤren! In die ſchaudrige Nacht falle der luſtige Tag! Siehe, wie rings um den Rand die netten Baͤnke ſich dehnen, Wie von buntem Geſtein ſchimmernd das Eſtrich ſich hebt! Friſch noch erglaͤnzt die Wand von heiter brennenden Farben. Wo iſt der Kuͤnſtler? Er warf eben den Pinſel hinweg. Schwellender Fruͤchte voll und lieblich geordneter Blumen Faſſet der muntre Feſton reizende Bildungen ein. 388 Mit beladenem Korb ſchluͤpft hier ein Amor voruͤber, Emſige Genien dort keltern den purpurnen Wein, Hoch auf ſpringt die Bacchantin im Tanz⸗ dort ruhet ſie ſchlummernd⸗ Und der lauſchende Faun hat ſich nicht ſatt noch geſehn. Fluchtig tummelt ſie hier den raſchen Centauren, auf einem Knie nur ſchwebend, und treibt friſch mit dem Thyrſus ihn an. Knaben! was ſaumt ihr? Herbei! da ſtehn noch die ſchoͤnen Geſchirre. Friſch, ihr Madchen, und ſchdpft in den etruriſchen Krug! Steht nicht der Dreifuß hier auf ſchoͤn gefluͤgelten Sphinxen? Schuͤret das Feuer! Geſchwind, Sklaven, beſtellet den Herd! Kauft, hier geb' ich euch Muͤnzen, vom mächtigen Titus gepräget, Auch noch die Wage liegt hier, ſehet, es fehlt kein Gewicht. Stecket das brennende Licht auf den zierlich gebildeten Leuchter, Und mit glaͤnzendem Oel fuͤlle die Lampe ſich an! Was verwahret dies Kaͤſtchen? O, ſeht, was der Braͤutigam ſendet, Mädchen! Spangen von Gold, glaͤnzende Paſten zum Schmuck. Fuͤhret die Braut in das duftende Bad! hier ſtehn noch die Salben⸗ Schminke find' ich noch hier in dem gehoͤhlten Kryſtall. Aber wo bleiben die Männer? die Alten? Im ernſten Muſeum Liegt noch ein köſtlicher Schatz ſeltener Rollen gehaͤuft. Griffel findet ihr hier zum Schreiben, waͤchſerne Taſeln; Nichts iſt verloren, getreu hat es die Erde bewahrt. Auch die Penaten, ſie ſtellen ſich ein, es finden ſich alle Goͤtter wieder; warum bleiben die Prieſter nur aus? Den Caduceus ſchwingt der zierlich geſchenkelte Hermes, Und die Victoria fliegt leicht aus der haltenden Hand. Die Altäre, ſie ſtehen noch da, o, kommet, o, zuͤndet— Lang ſchon entbehrte der Gott— zuͤndet die Opfer ihm an! 389 Flias. Immer zerreißet den Kranz des Homer und zaͤhlet die Vaͤter Des vollendeten ewigen Werks! Hat es doch eine Mutter nur und die Zuͤge der Mutter, Deine unſterblichen Zuͤge, Natur! Jeus zu Hereules. Nicht aus meinem Nektar haſt du die Gottheit getrunken; Deine Gotterkraft war's, die dir den Nektar errang. Die Antike an den nordiſchen Wanderer. Ueber Stroͤme haſt du geſetzt und Meere durchſchwommen, Ueber der Alpen Gebirg trug dich der ſchwindlige Steg, Mich in der Naͤhe zu ſchaun und meine Schdne zu preiſen Die der begeiſterte Ruf ruͤhmt durch die ſtaunende Welt; Und nun ſtehſt du vor mir, du darfſt mich Heil'ge beruͤhren, Aber biſt du mir jetzt naͤher, und bin ich es dir?“ * In den Horen von 1795 folgen hierauf noch die Verſe: Hinter dir liegt zwar dein nebliger Pol und dein eiſerner Himmel, Deine arkturiſche Nacht flieht vor Auſontens Tag: Aber haſt du die Alpenwand des Jahrhunderts geſpalten, Die zwiſchen dir und mir finſter und traurig ſich thürmt? Haſt du von deinem Herzen gewaͤlzt die Wolke des Nebels, Die von dem wundernden Aug' waͤlzte der frohliche Strahl? Ewig umſonſt umſtrahlt dich in mir Joniens Sonne, Den verduͤſterten Sinn bindet der nordiſche Fluch. — Die Sänger der Vorwelt. Sagt, wo ſind die Vortrefflichen hin, wo find' ich die Saͤnger, Die mit dem lebenden Wort horchende Voͤlker entzuͤckt, Die vom Himmel den Gott, zum Himmel den Menſchen geſungen Und getragen den Geiſt hoch auf den Fluͤgeln des Lieds? Ach, noch leben die Saͤnger; nur fehlen die Thaten, die Lyra Freudig zu wecken, es fehlt, ach! ein empfangendes Ohr. Gluͤckliche Dichter der gluͤcklichen Welt! Von Munde zu Munde Flog, von Geſchlecht zu Geſchlecht euer empfundenes Wort. Wie man die Goͤtter empfaͤngt, ſo begruͤßte Jeder mit Andacht, Was der Genius ihm, redend und bildend, erſchuf. An der Glut des Geſangs entflammten des Hdrers Gefuͤhle, An des Hoͤrers Gefuͤhl naͤhrte der Saͤnger die Glut— Naͤhrt' und reinigte ſie, der Gluͤckliche! dem in des Volkes Stimme noch hell zuruͤck toͤnte die Seele des Lieds, Dem noch von Außen erſchien, im Leben, die himmliſche Gottheit, Die der Neuere kauln, kaum noch im Herzen vernimmt.* * Die erſte Ausgabe in den Boren von 1795 enthält hler noch folgende Stelle: Weh' ihm, wenn er von Außen es jetzt noch glaubt zu vernehmen Und ein betrogenes Ohr leiht dem verſuͤhrenden Rut! Aus der Welt um ihn her ſprach zu dem Alten die Muſe; Kaum noch erſcheint ſie dem Reu'n, wenn er die ſeine— vergitt. 391 Die Antiken zu Paris. Was der Griechen Keſt erſchaffen, Mag der Franke mit den Waffen Fuͤhren nach der Seine Strand, Und in prangenden Muſeen Zeig' er ſeine Siegstrophaen Dem erſtaunten Vaterland! Ewig werden ſie ihm ſchweigen, Nie von den Geſtellen ſteigen In des Lebens friſchen Reihn. Der allein beſitzt die Muſen, Der ſie traͤgt im warmen Buſen; Dem Vandalen ſind ſie Stein. Thekla. Eine Geiſterſtimme. Wo ich ſey, und wo mich hingewendet, Als mein fluͤcht'ger Schatten dir entſchwebt? Hab' ich nicht beſchloſſen und geendet, Hab' ich nicht geliebet und gelebt? Willſt du nach den Nachtigallen fragen, Die mit ſeelenvoller Melodie Dich entzuͤckten in des Lenzes Tagen? Nur, ſolang ſie liebten, waren ſie⸗ 392 Ob ich den Verlorenen gefunden? Glaube mir, ich bin mit ihm vereint, Wo ſich nicht mehr trennt, was ſich verbunden, Dort, wo keine Thraͤne wird geweint. Dorten wirſt auch du uns wieder finden, Wenn dein Lieben unſerm Lieben gleicht; Dort iſt auch der Vater frei von Suͤnden, Den der blut'ge Mord nicht mehr erreicht. Und er fuͤhlt, daß ihn kein Wahn betrogen, Als er aufwaͤrts zu den Sternen ſah: Denn, wie Jeder waͤgt, wird ihm gewogen; Wer es glaubt, Dem iſt das Heil'ge nah. Wort gehalten wird in jenen Raͤumen Jedem ſchoͤnen, glaubigen Gefuͤhl. Wage du zu irren und zu traͤumen: Hoher Sinn licgt oft in kind'ſchem Spiel. Das Mädchen von Orleans. Das edle Bild der Menſchheit zu verhoͤhnen, Im tiefſten Staube waͤlzte dich der Spott; Krieg fuͤhrt der Witz auf ewig mit dem Schoͤnen, Er glaubt nicht an den Engel und den Gott; Dem Herzen will er ſeine Schaͤtze rauben, Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glanben. 6 — 393 Doch, wie du ſelbſt, aus kindlichem Geſchlechte, Selbſt eine fromme Schaͤferin, wie du, Reicht dir die Dichtkunſt ihre Gotterrechte, Schwingt ſich mit dir den ew'gen Sternen zu. Mit einer Glorie hat ſie dich umgeben: Dich ſchuf das Herz, du wirſt unſterblich leben. Es liebt die Welt, das Strahlende zu ſchwärzen Und das Erhabne in den Staub zu ziehn; Doch fuͤrchte nicht! Es gibt noch ſchoͤne Herzen, Die fuͤr das Hohe, Herrliche entgluͤhn. Den lauten Markt mag Momus unterhalten; Ein edler Sinn liebt edlere Geſtalten. Nenie. Auch das Schdne muß ſterben, das Menſchen und Gotter bezwinget! Nicht die eherne Bruſt ruͤhrt es des ſtygiſchen Zeus. Einmal nur erweichte die Liebe den Schatenbeherrſcher, Und an der Schwelle noch, ſtreng, rief er zuruͤck ſein Geſchent. Nicht ſtillt Aphrodite dem ſchoͤnen Knaben die Wunde, Die in den zierlichen Leib grauſam der Eber geritzt. Nicht errettet den goͤttlichen Held die unſterbliche Mutter, Wenn er, am ſkaͤiſchen Thor fallend, ſein Schickſal erfuͤllt. Aber ſie ſteigt aus dem Meer mit allen Tochtern des Nereus, Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn. Siehe, da weinen die Goͤtter, es weinen die Gottinnen alle, Daß das Schdͤne vergeht, daß das Vollkommene ſtirbt. Auch ein Klaglied zu ſeyn im Mund der Geliebten, iſt herrlich Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab. 394 Der ſpielende Knabe. Spiele, Kind, in der Mutter Schoß! Auf der heiligen Inſel Findet der truͤbe Gram, findet die Sorge dich nicht; Liebend halten die Arme der Mutter dich uͤber dem Abgrund, Und in das flutende Grab laͤchelſt du ſchuldlos hinab. Spiele, liebliche Unſchuld! Noch iſt Arkadien um dich, Und die freie Natur folgt nur dem froͤhlichen Trieb; Noch erſchafft ſich die uͤppige Kraft erdichtete Schranken, Und dem willigen Muth fehlt noch die Pflicht und der Zweck. Spiele! Bald wird die Arbeit kommen, die hagre und ernſte, Und der gebietenden Pflicht mangeln die Luſt und der Muth. Die Geſchlechter. Sieh' in dem zarten Kind zwei liebliche Blumen vereinigt, Jungfrau und Juͤngling, ſie deckt beide die Knoſpe noch zu. Leiſe loͤst ſich das Vand, es entzweien ſich zart die Naturen, Und von der holden Scham trennet ſich feurig die Kraft. Goͤnne dem Knaben zu ſpielen, in wilder Begierde zu toben; Nur die geſaͤttigte Kraft kehret zur Anmuth zuruͤck. Aus der Knoſpe beginnt die doppelte Blume zu ſtreben: Koſtlich iſt jede, doch ſtillt keine dein ſehnendes Herz. Reizende Fuͤlle ſchwellt der Jungfrau bluͤhende Glieder, Aber der Stolz bewacht ſtreng, wie der Guͤrtel, den Reiz. Scheu, wie das zitternde Reh, das ihr Horn durch die Waͤlder verfolget, Flieht ſie im Mann nur den Feind, haſſet noch, weil ſie nicht liebt. Trotzig ſchauet und kuͤhn aus finſtern Wimpern der Juͤngling, Und, gehaͤrtet zum Kampf, ſpannet die Sehne ſich an. Fern in der Speere Gewuͤhl und auf die ſtaͤubende Rennbahn Ruft ihn der lockende Ruhm, reißt ihn der brauſende Muth. Jetzt beſchuͤtze dein Werk, Natur! Auseinander auf immer Fliehet, wenn du nicht vereinſt, feindlich, was ewig ſich ſucht. Aber da biſt du, du Mächtige, ſchon: aus dem wildeſten Streite Ruſſt du der Harmonie goͤttlichen Frieden hervor. Tief verſtummet die laͤrmende Jagd, des ranſchenden Tages Toſen verhallet, und leiſ' ſinken die Sterne herab. Seufzend fluſtert das Nohr, ſanft murmelnd gleiten die Bäche, Und mit melodiſchem Lied fuͤllt Philomela den Hain. Was erreget zu Seufzern der Jungfran ſteigenden Buſen? Juͤngling, was fullet den Blick ſchwellend mit Thraͤnen dir an? Ach, ſie ſuchet umſonſt, was ſie ſanft anſchmiegend umfaſſe, Und die ſchwellende Frucht beuget zur Erde die Laſt. Ruhelos ſtrebend verzehrt ſich in eigenen Flammen der Juͤngling, Ach, der brennenden Glut wehet kein lindernder Hauch. Siehe, da finden ſie ſich, es fuͤhret ſie Amgr zuſammen, Und dem gefluͤgelten Gott folgt der gefluͤgelte Sieg. Göttliche Liebe, du biſi's, die der Menſchheit Blumen vereinigt! Ewig getrennt, ſind ſie doch ewig verbunden durch dich. Macht des Weibes. Maͤchtig ſeyd ihr, ihr ſeyd's durch der Gegenwart ruhigen Zauber: Was die Stille nicht wirkt, wirket die Rauſchende nie. Kraft erwart' ich vom Mann, des Geſetzes Wuͤrde behaupt' er; Aber durch Anmuth allein herrſchet und herrſche das Weib. 396 Manche zwar haben geherrſcht durch des Geiſtes Macht und der Thaten; Aber dann haben ſie dich, hoͤchſte der Kronen, entbehrt. Wahre Koͤnigin iſt nur des Weikes weibliche Schoͤnheit: Wo ſie ſich zeige, ſie herrſcht, herrſchet bloß, weil ſie ſich zeigt. Der Tanz. Siehe, wie ſchwebenden Schritts im Wellenſchwung ſich die Paare Drehen! Den Boden beruͤhrt kaum der gefluͤgelte Fuß. Seh' ich fluͤchtige Schatten, befreit von der Schwere des Leibes? Schlingen im Mondlicht dort Elfen den luftigen Reihn? Wie, vom Zephyr gewiegt, der leichte Rauch in die Luft fließt, Wie ſich leiſe der Kahn ſchaukelt auf ſilberner Flut: Huͤpft der gelehrige Fuß auf des Takts melodiſcher Woge; Saͤuſelndes Saitengetoͤn hebt den aͤtheriſchen Leib. Jetzt, als wollt' es mit Macht durchreißen die Kette des⸗Tanzes, Schwingt ſich ein muthiges Paar dort in den dichteſten Reihn. Schnell vor ihm her entſteht ihi die Bahn, die hinter ihm ſchwindet; Wie durch magiſche Hand oͤffnet und ſchließt ſich der Weg. Sieh'! jetzt ſchwand es dem Blick; in wildem Gewirr durch⸗ einander Stuͤrzt der zierliche Bau dieſer beweglichen Welt. Nein, dort ſchwebt es frohlockend herauf, der Knoten entwirrt ſich; Nur mit veraͤndertem Reiz ſtellet die Regel ſich her. Ewig zerſtoͤrt, es erzeugt ſich ewig die drehende Schoͤpfung, Und ein ſtilles Geſetz lenkt der Verwandlungen Spiel. 6 . 397 Sprich, wie geſchieht's, daß, raſtlos erneut, die Bildungen ſchwanken, Und die Ruhe beſteht in der bewegten Geſtalt? Jeder, ein Herrſcher, frei, nur dem eigenen Herzen gehorchet Und im eilenden Lauf findet die einzige Bahn? Willſt du es wiſſen? Es iſt des Wohllauts maͤchtige Gottheit, Die zum geſelligen Tanz ordnet den tobenden Sprung⸗ Die, der Nemeſis gleich, an des Rhythmus goldenem Zaͤgel Lenkt die brauſende Luſt und die verwilderte zaähmt. Und dir rauſchen umſonſt die Harmonien des Weltalls? Dich ergreift nicht der Strom dieſes erhabnen Geſangs? Nicht der begeiſternde Takt, den alle Weſen dir ſchlagen? Nicht der wirbelnde Tanz, der durch den ewigen Raum Leuchtende Sonnen ſchwingt in kuͤhn gewundenen Bahnen? Das du im Spiele doch ehrſt, fliehſt du im Handeln, das Maß. Das Glück. Selig, welchen die Goͤtter, die gnaͤdigen, vor der Geburt ſchon Liebten, welchen als Kind Venus im Arme gewiegt, Welchem Phoͤbus die Augen, die Lippen Hermes geldſet, Und das Siegel der Macht Zeus auf die Stirne gedruͤckt! Ein erhabenes Los, ein goͤttliches, iſt ihm gefallen, Schon vor des Kampfes Beginn ſind ihm die Schlaͤfe bekränzt. Ihm iſt, eh' er es lebte, das volle Leben gerechnet; Eh' er die Muͤhe beſtand, hat er die Charis erlangt. Groß zwar nenn' ich den Mann, der, ſein eigner Bildner und Schdpfer, 398 Durch der Tugend Gewalt ſelber die Parze bezwingt; Aber nicht erzwingt er das Gluͤck, und, was ihm die Charis Neidiſch geweigert, erringt nimmer der ſtrebende Muth. Vor Unwuͤrdigem kann dich der Wille, der ernſte, bewahren; Alles Hoͤchſte, es kommt frei von den Goͤttern herab. Wie die Geliebte dich liebt, ſo kommen die himmliſchen Gaben: Dben in Jupiters Reich, herrſcht, wie in Amors, die Gunſt. Neigungen haben die Goͤtter, ſie lieben der gruͤnenden Jugend Lockige Scheitel, es zieht Freude die Froͤhlichen an. Nicht der Sehende wird von ihrer Erſcheinung beſeligt; Ihrer Herrlichkeit Glanz hat nur der Blinde geſchaut. Gern erwaͤhlen ſie ſich der Einfalt kindliche Seele; In das beſcheidne Gefaͤß ſchließen ſie Gottliches ein. Ungehofft ſind ſie da und taͤuſchen die ſtolze Erwartung; Keines Bannes Gewalt zwinget die Freien herab. Wem er geneigt, Dem ſendet der Vater der Menſchen und Gbeter Seinen Adler herab, trägt ihn zu himmliſchen Hohn. Unter die Menge greißt er mit Eigenwillen, und welches Haupt ihm gefaͤllet, um das flicht er mit liebender Hand Jetzt den Lorbeer und jetzt die herrſchaftgebende Binde: Kroͤnte doch ſelber den Gott nur das gewogene Gluͤck. Vor dem Gottlichen her tritt Phoͤbus, der pythiſche Sieger, Und, der die Herzen bezwingt, Amor, der laͤchelnde Gott. Vor ihm ebnet Poſeidon das Meer, ſanft gleitet des Schiffes Kiel, das den Caͤſar fuͤhrt und ſein allmaͤchtiges Gluͤck, Ihm zu Fuͤßen legt ſich der Leu, das brauſende Delphin Steigt aus den Tiefen, und fromm beut es den Ruͤcken ihm an⸗ Ein geborener Herrſcher iſt alles Schoͤne und ſieget Durch ſein ruhiges Nahn, wie ein unſterblicher Gott. Zuͤrne dem Gluͤcklichen nicht, daß den leichten Sieg ihm die Goͤtter Schenken, daß aus der Schlacht Venus den Liebling entruͤckt. 399 Ihn, den die Laͤchelnde rettet, den Goͤttergeliebten beneid' ich, Jenen nicht, dem ſie mit Nacht deckt den verdunkelten Blick. War er weniger herrlich, Achilles, weil ihm Hephaͤſtos Selbſt geſchmiedet den Schild und das verderbliche Schwert, Weil um den ſterblichen Mann der große Olymp ſich beweget? Das verherrlichet ihn, daß ihn die Goͤtter geliebt, Daß ſie ſein Zuͤrnen geehrt und, Ruhm dem Liebling zu geben, Hellas beſtes Geſchlecht ſtuͤrzten zum Orkus hinab. Zürne der Schoͤnheit nicht, daß ſie ſchoͤn iſt, daß ſie verdienſtlos, Wie der Lilie Kelch, prangt durch der Venus Geſchenk! Laß ſie die Gluͤckliche ſeyn; du ſchauſt ſie, du biſt der Begluckte! Wie ſie ohne Verdienſt glänzt, ſo entzuͤcket ſie dich. Freue dich, daß die Gabe des Lieds vom Himmel herabkommt, Daß der Saͤnger dir ſingt, was ihn die Muſe gelehrt! Weil der Gott ihn beſeelt, ſo wird er dem Hoͤrer zum Gotte; Weil er der Gluͤckliche iſt, kannſt du der Selige ſeyn. Auf dem geſchaͤftigen Markt, da fuͤhre Themis die Wage, Und es meſſe der Lohn ſtreng an der Mühe ſich ab; Aber die Freude ruft nur ein Gott auf ſterbliche Wangen: Wo kein Wunder geſchieht, iſt kein Begluͤckter zu ſehn. Alles Menſchliche muß erſt werden und wachſen und reifen, Und von Geſtalt zu Geſtalt fuͤhrt es die vildende Zeit; Aber das Gluͤckliche ſieheſt du nicht, das Schoͤne nicht werden: Fertig von Ewigkeit her ſteht es vollendet vor dir. Jede irdiſche Venus erſteht, wie die erſte des Himmels, Eine dunkle Geburt aus dem unendlichen Meer; Wie die erſte Minerva, ſo tritt, mit der Aegis geruͤſtet, Aus des Donnerers Haupt jeder Gedanke des Lichts. 400 Der Genius.“ „Glaub' ich,“ ſprichſt du,„dem Wort, das der Weisheit Meiſter mich lehren, „Das der Lehrlinge Schaar ſicher und fertig beſchwoͤrt? „Kann die Wiſſenſchaft nur zum wahren Frieden mich fuͤhren, „Nur des Syſtemes Gebaͤlk ſtuͤtzen das Gluͤck und das Recht? „Muß ich dem Trieb mißtraun, der leiſe mich warnt, dem Geſetze, „Das du ſelber, Natur, mir in den Buſen gepraͤgt, „Bis auf die ewige Schrift die Schul' ihr Siegel gedruͤcket, „Und der Formel Gefaͤß bindet den fluͤchtigen Geiſt? „ Sage du mir's! du biſt in dieſe Tiefe geſtiegen, „Aus dem modrigen Grab kamſt du erhalten zuruͤck. „Dir iſt bekannt, was die Bruft der dunkeln Woͤrter bewahret, „Ob der Lebenden Troſt dort bei den Mumien wohnt? „Muß ich ihn wandeln, den naͤchtlichen Weg? Mir graut, ich „ bekenn' es! „Wandeln will ich ihn doch, fuͤhrt er zu Wahrheit und Recht.“— Freund, du kennſt doch die goldene Zeit? Es haben die Dichter Manche Sage von ihr ruͤhrend und kindlich erzaͤhlt— Jene Zeit, da das Heilige noch im Leben gewandelt, Da jungfraͤulich und keuſch noch das Gefuͤhl ſich bewahrt, Da noch das große Geſetz, das oben im Sonnenlauf waltet Und, verborgen im Ei, reget den huͤpfenden Punkt, Noch der Nothwendigkeit ſtilles Geſetz, das ſtetige, gleiche, Auch der menſchlichen Bruſt freiere Wellen bewegt, * Die Ueberſchrift dleſes Gedichts in den Boren von 1795 war: Natur und Schule. 60 401 Da nicht irrend der Sinn und tren, wie der Zeiger am Uhrwert, Auf das Wahrhaftige nur, nur auf das Ewige wies?— Da war kein Profaner, kein Eingeweihter zu ſehen; Was man lebendig empfand, ward nicht bei Todten geſucht, Gleich verſtändlich fuͤr jegliches Herz war die ewige Regel, Gleich verborgen der Quell, dem ſie belebend entfloß. Aber die gluͤckliche Zeit iſt dahin! Vermeſſene Willkuͤr Hat der getreuen Natur goͤttlichen Frieden geſtort. Das entweihte Gefuͤhl iſt nicht mehr Stimme der Goͤtter, Und das Drakel verſtummt in der entadelten Bruſt. Nur in dem ſtilleren Selbſt vernimmt es der horchende Geiſt noch, Und den heiligen Sinn huͤtet das myſtiſche Wort. Hier beſchwoͤrt es der Forſcher, der reines Herzens hinabſteigt, Und die verlorne Natur gibt ihm die Weisheit zuruͤck. Haſt du, Gluͤcklicher, nie den ſchuͤtzenden Engel verloren, Nie des frommen Inſtinets liebende Warnung verwirkt; Malt in dem keuſchen Auge noch treu und rein ſich die Wahrheit⸗ Toͤnt ihr Rufen dir noch hell in der kindlichen Bruſt; Schweigt noch in dem zufriednen Gemuͤth des Zweifels Em⸗ poͤrung, Wird ſie, weißt du's gewiß, ſchweigen auf ewig, wie heut'; Wird der Empfindungen Streit nie eines Richters beduͤrfen, Nie den hellen Verſtand truͤben das tuͤckiſche Herz—* D, dann gehe du hin in deiner koſtlichen Unſchuld! Dich kann die Wiſſenſchaft nichts lehren. Sie lerne von dir! Jenes Geſetz, das mit ehrnem Stab den Straͤubenden lenket, Dir nicht gilt's. Was du thuſt, was dir gefaͤllt, iſt Geſetz, * In der erſten Ausgabe folgten hier noch die Verſe: Nie der verſchlagene Witz des Gewiſſens Einfalt beſtricken, Riemals, weißt du's gewiß, wanken das ewige Steu'r— Schlllers ſaͤmmtl. Werke. I. 26 402 und an alle Geſchlechter ergeht ein gottliches Machtwort. Was du mit heiliger Hand bildeſt, mit heiligem Mund Redeſt, wird den erſtaunten Sinn allmaͤchtig bewegen; Du nur merkſt nicht den Gott, der dir im Buſen gebeut, Nicht des Siegels Gewalt, das alle Geiſter dir beuget, Einfach gehſt du und ſtill durch die eroberte Welt. Der philvſophiſche Egviſt. Haſt du den Sängling geſehn, der, unbewußt noch der Liebe, Die ihn waͤrmet und wiegt, ſchlafend von Arme zu Arm Wandert, bis bei der Leidenſchaft Ruf der Juͤngling erwachet, Und des Bewußtſeyns Blitz daͤmmernd die Welt ihm erhellt? Haſt du die Mutter geſehn, wenn ſie ſuͤßen Schlummer dem Liebling Kauft mit dem eiggnen Schlaf und fuͤr das Traͤumende ſorgt, Mit dem eigenen Leben ernaͤhrt die zitternde Flamme Und mit der Sorge ſelbſt ſich fuͤr die Sorge belohnt? Und du läſterſt die große Natur, die, bald Kind und bald Mutter, Jetzt empfaͤnget, jetzt gibt, nur durch Beduͤrfniß beſteht? Selbſtgenuͤgſam willſt du dem ſchoͤnen Ring dich entziehen⸗ Der Geſchopf an Geſchoͤpf reiht in vertraulichem Bund? Willſt du, Armer, ſtehen allein und allein durch dich ſelber, Wenn durch der Kraͤfte Tauſch ſelbſt das Unenbliche ſteht? 403 Die Worte des Glaubens. 5 Drei Worte nenn' ich euch, inhaltſchwer, Sie gehen von Munde zu Munde, Doch ſtammen ſie nicht von Außen her; Das Herz nur gibt davon Kunde. Dem Menſchen iſt aller Werth geraubt, Wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt. Der Menſch iſt frei geſchaffen, iſt frei, und wuͤrd' er in Ketten geboren. Laßt euch nicht irren des Pobels Geſchrei, Nicht den Mißbrauch raſender Thoren! Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, Vor dem freien Menſchen erzittert nicht! — Und die Tugend, ſie iſt kein leerer Schall, Der Menſch kann ſie uͤben im Leben; Und, ſollt' er auch ſtraucheln uͤberall, Er kann nach der goͤttlichen ſtreben; Und, was kein Verſtand der Verſtändigen ſieht, Das uͤbet in Einfalt ein kindlich Gemuͤth. Und ein Gott iſt, ein heiliger Wille lebt, Wie auch der menſchliche wanke; Hoch uͤber der Zeit und dem Raume webt Lebendig der hoͤchſte Gedanke; Und, ob Alles in ewigem Wechſel kreist Es beharret im Wechſel ein ruhiger Geiſt. „ Die drei Worte bewahret euch, inhaltſchwer, Sie pflanzet von Munde zu Munde; Und, ſtammen ſie gleich nicht von Außen her, Euer Innres gibt davon Kunde. Dem Menſchen iſt nimmer ſein Werth geranbt⸗ Solang er noch an die drei Worte glaubt. Die Worte des Wahns. Drei Worte hoͤrt man, bedeutungſchwer, Im Munde der Guten und Beſten. Sie ſchallen vergeblich, ihr Klang iſt leer, Sie konnen nicht helfen, noch troſten, Verſcherzt iſt dem Menſchen des Lebens Frucht, Solang er die Schatten zu haſchen ſucht⸗ So lang er glaubt an die goldene Zeit⸗ Wo das Rechte, das Gute wird ſiegen— Das Rechte, das Gute fuͤhrt ewig Streit, Nie wird der Feind ihm erliegen; Und, erſtickſt du ihn nicht in den Luͤften frei⸗ Stets wachst ihm die Kraft auf der Erde neu. Solang er glaubt, daß das buhlende Gluͤck Sich dem Edeln vereinigen werde— Dem Schlechten folgt es mit Liebesblick; Nicht dem Guten gehoͤret die Erde. Er iſt ein Fremdling, er wandert aus Und ſuchet ein unvergaͤnglich Haus. 405 Solang er glaubt, daß dem ird'ſchen Verſtand Die Wahrheit je wird erſcheinen— Ihren Schleier hebt keine ſterbliche Hand, Wir koͤnnen nur rathen und meinen. Du kerkerſt den Geiſt in ein töͤnend Wort, Doch der Freie wandelt im Sturme fort. Druin, edle Seele, entreiß' dich dem Wahn Und den himmliſchen Glauben bewahre! Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht ſahn, Es iſt dennoch das Schoͤne, das Wahre! Es iſt nicht draußen, da ſucht es der Thor; Es iſt in dir, du bringſt es ewig hervor. Sprüche des Confuecins. 1. Dreifach iſt der Schritt der Zeit: Zoͤgernd kommt die Zukunft hergezogen, Pfeilſchnell iſt das Jetzt entflogen, Ewig ſtill ſteht die Vergangenheit. Keine Ungeduld befluͤgelt Ihren Schritt, wenn ſie verweilt. Keine Furcht, kein Zweifeln zuͤgelt Ihren Lauf, wenn ſie enteilt. Keine Reu', kein Zauberſegen Kann die Stehende bewegen. Moͤchteſt du begluͤckt und weiſe Endigen des Lebens Reiſe, Nimm die Zoͤgernde zum Rath⸗ Nicht zum Werkzeug deiner Waͤhle nicht die Fliehende zum Freund, Nicht die Bleibende zum Feind! 2 2. Dreifach iſt des Raumes Maß. Raſtlos fort ohn' Unterlaß Strebt die Laͤnge fort ins Weite; Endlos gießet ſich die Breite; Grundlos ſenkt die Tiefe ſich. Dir ein Bild ſind ſie gegeben: Raſtlos vorwaͤrts mußt du ſtreben Nie ermuͤdet ſtille ſtehn, Willſt du die Vollendung ſehn; Mußt ins Breite dich entfalten, Soll ſich dir die Welt geſtalten; In die Tiefe mußt du ſteigen, Soll ſich dir das Weſen zeigen. Nur Beharrung fuͤhrt zum Ziel, Nur die Fuͤlle fuͤhrt zur Klarheit⸗ Und im Abgrund wohnt die Wahrheit. Licht und Wärme. Der beſſ're Menſch tritt in die Welt Mit froͤhlichem Vertrauen: Er glaubt, was ihm die Seele ſchwellt, Auch außer ſich zu ſchauen Und weiht, von edelm Eifer warm, Der Wahrheit ſeinen treuen Arm. Doch Alles iſt ſo klein, ſo eng: Hat er es erſt erfahren, Da ſucht er in dem Weltgedraͤng' Sich ſelbſt nur zu bewahren; Das Herz, in kalter, ſtolzer Ruh', Schließt endlich ſich der Liebe zu. Sie geben, ach! nicht immer Glut, Der Wahrheit helle Strahlen. Wohl Denen, die des Wiſſens Gut Nicht mit dem Herzen zahlen. Drum paart zu eurem ſchoͤnſten Gluͤck Mit Schwaͤrmers Ernſt des Weltmanns Blick! Breite und Tiefe. Es glaͤnzen Viele in der Welt, Sie wiſſen von Allem zu ſagen, Und, wo was reizet, und wo was gefaͤllt, Man kann es bei ihnen erfragen; 408 Man daͤchte, hoͤrt man ſie reden laut, Sie häͤtten wirklich erobert die Braut. Doch gehn ſie aus der Welt ganz ſtill, Ihr Leben war verloren. Wer etwas Treffliches leiſten will, Haͤtt' gern was Großes geboren, Der ſammle ſtill und unerſchlafft Im kleinſten Punkte die hoͤchſte Kraft. Der Stamm erhebt ſich in die Luft Mit üppig prangenden Zweigen; Die Blaͤtter glaͤnzen und hauchen Duft, Doch koͤnnen ſie Fruͤchte nicht zeugen; Der Kern allein im ſchmalen Raum Verbirgt den Stolz des Waldes, den Baum. Die Führer des Lebens.“ Zweierlei Genien ſind's, die dich durchs Leben geleiten. Wohl dir, wenn ſie vereint helfend zur Seite dir ſtehn! Mit erheiterndem Spiel verkuͤrzt dir der Eine die Reiſe, Leichter an ſeinem Arm werden dir Schickſal und Pflicht. Unter Scherz und Geſpraͤch begleitet er bis an die Kluft dich, Wo an der Ewigkeit Meer ſchaudernd der Sterbliche ſteht. * In den Boren von 1795 war dies Gedicht berſchrieben: Schön und Erhaben. 409 Hier empfängt dich entſchloſſen und ernſt und ſchweigend der Andre, Tragt mit gigantiſchem Arm uͤber die Tiefe dich hin. Nimmer widme dich Einem allein! Vertraue dem Erſtern Deine Wuͤrde nicht an, nimmer dem Andern dein Gluͤck! Archimedes und der Schüler. Zu Archimedes kam ein wißbegieriger Juͤngling. „Weihe mich,“ ſprach er zu ihm,„ein in die goͤttliche Kunſt, Die ſo herrliche Frucht dem Vaterlande getragen Und die Mauern der Stadt vor der Sambuca* beſchuͤtzt!“ „Göttlich nennſt du die Kunſt? Sie iſt's,“ verſetzte der Weiſe; „Aber Das war ſie, mein Sohn, eh' ſie dem Staat noch gedient. Willſt du nur Fruͤchte von ihr, die kann auch die Sterbliche zeugen; Wer um die Göͤttin freit, ſuche in ihr nicht das Weib.“ * Menſchliches Wiſſen. Weil du lieſeſt in ihr, was du ſelber in ſie geſchrieben, Weil du in Gruppen fuͤrs Aug' ihre Erſcheinungen reihſt, Deine Schnuͤre gezogen auf ihrem unendlichen Felde, Waͤhnſt du, es faſſe dein Geiſt ahnend die große Natur. So beſchreibt mit Figuren der Aſtronome den Himmel, Daß in dem ewigen Raum leichter ſich finde der Blick, * Anmerkung des Verfaſſers bei der erſten Ausgabe. Der Rame einer Belagerungsmaſchine, deren ſich Marcellus gegen Syrakus be⸗ diente. 410 Knuͤpft entlegene Sonnen, durch Siriusfernen geſchieden, Aneinander iin Schwan und in den Hornern des Stiers. Aber verſteht er darum der Sphären myſtiſche Taͤnze, Weil ihm das Sternengewoͤlb' ſein Planiglobium zeigt? Die zwei Tugendwege. Zwei ſind der Wege, auf welchen der Menſch zur Tugend emporſtrebt; Schließt ſich der eine dir zu, thut ſich der andre dir auf: Handelnd erringt der Gluͤckliche ſie, der Leidende duldend. Wohl ihm, den ſein Geſchick liebend auf beiden gefuͤhrt! Würden. Wie die Saͤule des Sihts auf des Baches Welle ſich ſpiegelt— Hell, wie von eigener Glut, flammt der vergoldete Saum; Aber die Well' entfuͤhret der Strom, durch die glaͤnzende Straße Draͤngt eine andre ſich ſchon, ſchnell, wie die erſte, zu fliehn— So beleuchtet der Wuͤrden Glanz den ſterblichen Menſchen: Nicht er ſelbſt, nur der Ort, den er durchwandelte, glaͤnzt. Zenith und Nadir. Wo du auch wandelſt im Raum, es knuͤpft dein Zenith und Nadir An den Himmel dich an, dich an die Achſe der Welt. 411 Wie du auch handelſt in ihr, es beruͤhre den Himmel der Wille, Durch die Achſe der Welt gehe die Richtung der That! Das Kind in der Wiege. Gluͤcklicher Saͤugling! dir iſt ein unendlicher Raum noch die Wiege. Werde Mann, und dir wird eng die unendliche Welt. Das Unwandelbare. „Unaufhaltſam enteilet die Zeit.“— Sie ſucht das Beſtänd'ge. Sey getren, und du legſt ewige Feſſeln ihr an. Theophanie Zeigt ſich der Gluͤckliche mir, ich vergeſſe die Gotter des Himmels; Aber ſie ſtehn vor mir, wenn ich den Leidenden ſeh'. Das Höchſte. Suchſt du das Hoͤchſte, das Groͤßte? Die Pflanze kann es dich lehren. Was ſie willenlos iſt, ſey du es wollend— Das iſt's! 412 Unſterblichkeit. Vor dem Tod erſchrickſt du! Du wuͤnſcheſt, unſterblich zu leben? Leb' im Ganzen! Wenn du lange dahin biſt, es bleibt. Votivtafeln. Was der Gott mich gelehrt, was mir durchs Leben geholfen, Häng' ich, dankbar und fromm, hier in dem Heiligthum auf. Die verſchiedene Zeſtimmung. Millionen beſchaͤftigen ſich, daß die Gattung beſtehe; Aber durch Wenige nur pflanzet die Menſchheit ſich fort. Tauſend Keime zerſtreuet der Herbſt, doch bringet kaum einer Fruͤchte; zum Element kehren die meiſten zuruͤck. Aber entfaltet ſich auch nur einer, einer allein ſtreut Eine lebendige Weit ewiger Bildungen aus. Das Belebende. Nur an des Lebens Gipfel, der Blume, zuͤndet ſich Neues In der organiſchen Welt, in der empfindenden an. . Zweierlei Wirkungsarten. Wirte Gutes, du nährſt der Menſchheit gottliche Pflanze Bilde Schones, du ſtreuſt Keime der Göttlichen aus. 413 Unterſchied der Stände. Adel iſt auch in der ſinnlichen Welt. Gemeine Naturen Zahlen mit Dem, was ſie thun, edle mit Dem, was ſie ſind. Das Werthe und Würdige. Haſt du etwas, ſo theile mir's mit, und ich zahle, was recht iſt; Biſt du etwas, o, dann tauſchen die Seelen wir aus. „ Die moraliſche Kraft. Kannſt du nicht ſchoͤn empfinden, dir bleibt doch, vernuͤnſtig zu wollen Und als ein Geiſt zu thun, was du als Menſch nicht vermagſt. MWittheilung. Aus der ſchlechteſten Hand kann Wahrheit mächtig noch wirken; Bei dem Schoͤnen allein macht das Gefaͤß den Gehalt. An* Theile mir mit, was du weißt: ich werd' es dankbar empfangen. Aber du gibſt mir dich ſelbſt: damit verſchone mich, Freund! 414 An*5 Du willſt Wahres mich lehren? Bemuͤhe dich nicht! Nicht die Sache Will ich durch dich, ich will dich durch die Sache nur ſehn. Dich erwaͤhl' ich zum Lehrer, zum Freund. Dein lebendiges Bilden Lehrt mich, dein lehrendes Wort ruͤhret lebendig mein Herz. — Jrtzige Generation. War es immer wie jetzt? Ich kann das Geſchlecht nicht begreifen. Nur das Alter iſt jung, ach! und die Jugend iſt alt. „ An die Muſe. Was ich ohne dich waͤre? ich weiß es nicht— aber mir grauet, Seh' ich, was ohne dich Hundert' und Tauſende ſind. Der gelehrte Arbeiter. Nimmer labt ihn des Baumes Frucht, den er müͤhſam erziehet: Nur der Geſchmack genießt, was die Gelehrſamkeit pflanst. * 41⁵ Pflicht für Zeden. Immer ſtrebe zum Ganzen! und, kannſt du ſelber kein Ganzes Werden, als dienendes Glied ſchließ' an ein Ganzes dich an! Aufgabe. Keiner ſey gleich dem Andern, doch gleich ſey Jeder dem Hoͤchſten! Wie Das zu machen? Es ſey Jeder vollendet in ſich. „ Pas eigene Ideal. Allen gehoͤrt, was du denkſt; dein eigen iſt nur, was du fühleſt. Soll er dein Eigenthum ſeyn, fuͤhle den Gott, den du denkſt. An die Wyſtiker. Das iſt eben das wahre Geheimniß, das Allen vor Augen Liegt, euch ewig umgibt, aber von Keinem geſehn. Der Schlüſſel. Willſt du dich ſelber erkennen, ſo ſieh', wie die Andern es treiben. Willſt du die Andern verſtehn, blick' in dein eigenes Herz. Der Aufpaſſer. Strenge, wie mein Gewiſſen, bemerkſt du, wo ich gefehlet: Darum hab' ich dich ſtets, wie— mein Gewiſſen, geliebt. 416 Weisheit und Klugheit. Willſt du, Freund, die erhabenſten Hoͤhn der Weisheit erfliegen, Wag' es auf die Gefahr, daß dich die Klugheit verlacht. Die Kurzſichtige ſieht nur das Ufer, das dir zuruͤcflieht, Jenes nicht, wo dereinſt landet dein muthiger Flug. Die Uebereinſtimmung. Wahrheit ſuchen wir Beide, du außen im Leben, ich innen In dem Herzen, und ſo findet ſie Jeder gewiß. Iſt das Auge geſund, ſo begegnet es außen dem Schopfer; Iſt es das Herz⸗ dann gewiß ſpiegelt es innen die Welt. Politiſche Lehre. Alles ſey recht, was du thuſt; doch dabei laß es bewenden, Freund, und enthalte dich ja, Alles, was recht iſt, zu thun. Wahrem Eifer genuͤgt, daß das Vorhandne vollkommen Sey; der falſche will ſtets, daß das Vollkommene ſey. Majeſtas populi. Majeſtät der Menſchennatur! dich ſoll ich beim Haufen Suchen? Bei Wenigen nur haſt du von jeher gewohnt. Einzelne Wenige zählen, die uͤbrigen Alle ſind blinde Nieten; ihr leeres Gewuͤhl huͤllet die Treffer nur ein. 417 An einen Weltverbeſſerer. „Alles opfert' ich hin,“ ſprichſt du,„der Menſchheit zu helfen; Eitel war der Erfolg, Haß und Verfolgung der Lohn.“— Soll ich dir ſagen, Freund, wie ich mit Menſchen es halte? Traue dem Spruche! Noch nie hat mich der Fuͤhrer getaͤuſcht. Von der Menſchheit— du kannſt von ihr nie groß genug denken: Wie du im Buſen ſie traͤgſt, prägſt du in Thaten ſie aus. Auch dem Menſchen, der dir im engen Leben begegnet, Reich' ihm, wenn er ſie mag, freundlich die helfende Hand; Nur fuͤr Regen und Thau und fuͤrs Wohl der Menſchenge⸗ ſchlechter Laß du den Himmel, Freund, ſorgen, wie geſtern, ſo heut'⸗ Meine Antipathie. Herzlich iſt mir das Laſter zuwider, doppelt zuwider Iſt mir's, weil es ſo viel ſchwatzen von Tugend gemacht. „Wie, du haſſeſt die Tugend?“— Ich wollte, wir uͤbten ſie alle: Und ſo ſpraͤche, will's Gott, ferner kein Menſch mehr davon. An die Aſtronomen. Schwatzet mir nicht ſo viel von Nebelflecken und Sonnen: Iſt die Natur nur groß, weil ſie zu zaͤhlen euch gibt? Euer Gegenſtand iſt der erhabenſte freilich im Raume; Aber, Freunde, im Raum wohnt das Erhabene nicht⸗ Schillers faͤmmtl. Werke. 1 27 418 Aſtronomiſche Schriften. So unermeßlich iſt, ſo unendlich erhaben der Himmel! Aber der Kleinigkeitsgeiſt zog auch den Himmel herab. 6 Der beſte Staat. „Woran erkenn' ich den beſten Staat?“ Woran du die beſte Frau kennſt— daran, mein Freund, daß man von Beiden nicht ſpricht. Mein Glaube. Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, Die du mir nennſt.— Und warum keine? Aus Religion⸗ Inneres und Aeußeres. „Gott nur ſiehet das Herz.“— Drum eben, weil Gott nur das Herz ſieht⸗ Sorge, daß wir doch auch etwas Ertraͤgliches ſehn⸗ Freund und Feind. Theuer iſt mir der Freund; doch auch den Feind kann ich nuͤtzen: Zeigt mir der Freund, was ich kann⸗ lehrt mich der Feind⸗ was ich ſoll. 419 Licht und Farbe. Wohne, du ewiglich Eines, dort bei dem ewiglich Einen! Farbe, du wechſelnde, komm' freundlich zum Menſchen herab! Schöne Individualität. Einig ſollſt du zwar ſeyn, doch Eines nicht mit dem Ganzen. Durch die Vernunft biſt du Eins, einig mit ihm durch das Herz. Stimme des Ganzen iſt deine Vernunft, dein Herz biſt du ſelber: Wohl dir, wenn bie Vernunft immer im Herzen dir wohnt. Die idealiſche Freiheit. Aus dem Leben heraus ſind der Wege zwei dir gedffnet: Zum Ideale fuͤhrt einer, der andre zum Tod. Siehe, daß du bei Zeiten noch frei auf dem erſten entſpringeſt, Ehe die Parce mit Zwang dich auf dem andern entfuͤhrt. Die Mannipfaltigkeit. Viele ſind gut und verſtaͤndig; doch zaͤhlen fuͤr Einen nur Aue Denn ſie regiert der Begriff, ach! nicht das liebende Herz. Traurig herrſcht der Begriff, aus tauſendfach wechſelnden Forinen Bringet er duͤrftig und leer ewig nur eine hervor; Aber von Leben rauſcht es und Luſt, wo bildend die Schdnheit Herrſchet: das ewige Eins wandelt ſie tauſendfach neu. 420 Die drei Alter der Matur. Leben gab ihr die Fabel, die Schule hat ſie entſeelet, Schaffendes Leben aufs Neu' gibt die Vernunft ihr zuruͤck. * Der Genius. Wiederholen zwar kann der Verſtand, was da ſchon geweſen; Was die Natur gebaut, bauet er waͤhlend ihr nach. Ueber Natur hinaus baut die Vernunft, doch nur in das Leere. Du nur, Genius, mehrſt in der Natur die Natur. Per Uachahmer. Gutes aus Gutem, das kann jedweder Verſtaͤndige bilden; Aber der Genius ruft Gutes aus Schlechtem hervor. An Gebildetem nur darfſt du, Nachahmer, dich uͤben; Selbſt Gebildetes iſt Stoff nur dem bildenden Geiſt. „ Genialität. Wodurch gibt ſich der Genius kund? Wodurch ſich der Schoͤpfer Kund gibt in der Natur, in dem unendlichen All. Klar iſt der Aether und doch von unermeßlicher Tiefe; Offen dem Aug', dem Verſtand bleibt er doch ewig geheim. Die Forſcher. Alles will jetzt den Menſchen von Innen, von Außen ergruͤnden: Wahrheit, wo retteſt du dich hin vor der wuͤthenden Jagd? 421 Dich zu fangen, ziehen ſie aus mit Netzen und Stangen; Aber mit Geiſtestritt ſchreiteſt du mitten hindurch⸗ Die ſchwere Verbindung. Warum will ſich Geſchmack und Genie ſo ſelten vereinen? Jener fuͤrchtet die Kraft, dieſes verachtet den Zaum. Correctheit. Frei von Tadel zu ſeyn, iſt der niedrigſte Grad und der poͤchſte: Denn nur die Unmacht fuͤhrt oder die Große dazu. Das Uaturgeſetz. So war's immer, mein Freund, und ſo wird's bleiben: die Unmacht Hat die Reger fuͤr ſich, aber die Kraft den Erfolg. Wahl. Kannſt du nicht Allen gefallen durch deine That und dein Kunſtwerk: Mach' es Wenigen recht; Vielen gefallen, iſt ſchlimm. Tonkunſt. Leben athme die bildende Kunſt, Geiſt fordr' ich vom Dichter; Aber die Seele ſpricht nur Polyhymnia aus. 422 Sprache. Warum kann der lebendige Geiſt dem Geiſt nicht erſcheinen? Spricht die Seele, ſo ſpricht, ach! ſchon die Seele nicht * mehr. An den Dichter. Laß die Sprache dir ſeyn, was der Koͤrper den Liebenden. Er nur Iſt's, der die Weſen trennt, und der die Weſen vereint. Der Meiſter. Jeden anderen Meiſter erkennt man an Dem, was er ausſpricht; Was er weiſe verſchweigt, zeigt mir den Meiſter des Styls. Der Gürtel. In dem Guͤrtel bewahrt Aphrodite der Reize Geheimniß: Was ihr den Zauber verleiht, iſt, was ſie bindet, die Scham. Dilettant. Weil ein Vers dir gelingt in einer gebildeten Sprache⸗ Die für dich dichtet und denkt, glaubſt du ſchon Dichter zu ſeyn? 423 Die Runſtſchwätzer. Gutes in Kuͤnſten verlangt ihr! Seyd ihr denn wuͤrdig des Guten, Das nur der ewige Krieg gegen euch ſelber erzeugt? Vie Philoſophien. Welche wohl bleibt von allen den Philoſophien? Ich weiß nicht. Aber die Philoſophie, hoff' ich, ſoll ewig beſtehn. Die Gunſt der Muſen. Mit dem Philiſter ſtirbt auch ſein Ruhm. Du, himmliſche Muſe, Tragſt, die dich lieben, die du liebſt, in Mnemoſynens Schoß. Der Jomeruskopf als Ziegel. Treuer alter Homer, dir vertrau' ich das zarte Geheimniß: Um der Liebenden Gluͤck wiſſe der Saͤnger allein. Die beſte Staatsverfaſſung. Dieſe nur kann ich dafuͤr erkennen, die Jedem erleichtert Gut zu denken, doch nie, daß er ſo denke, bedarf. An die Geſetzgeber. Setzet immer voraus, daß der Menſch im Ganzen das Rechte Will; im Einzelnen nur rechnet mir niemals darauf. 1 Das Ehrwürdige. Ehret ihr immer das Ganze; ich kann nur Einzelne achten: Immer im Einzelnen nur hab' ich das Ganze erblickt. Falſcher Studirtrieb. O, wie viel neue Feinde der Wahrheit! Mir blutet die Seele, Seh' ich das Eulengeſchlecht, das zu dem Lichte ſich draͤngt. Quelle der Verjüngung. Glaubt mir, es iſt kein Maͤhrchen, die Quelle der Jugend, ſie rinnet Wirklich und immer. Ihr fragt, wo? In der dichtenden Kunſt. Der Naturkreis. Alles, du Ruhige, ſchließt ſich in deinem Reiche: ſo kehret Auch zum Kinde der Greis kindiſch und kindlich zuruͤck. * S Der Genius mit der umgekehrten Fackel. Lieblich ſieht er zwar aus mit ſeiner erloſchenen Fackel; Aber, ihr Herren, der Tod iſt ſo aͤſthetiſch doch nicht. Tugend des Weibes. Tugenden brauchet der Mann, er ſtuͤrzt ſich wagend ins Leben, Tritt mit dem ſtaͤrkeren Gluͤck in den bedenklichen Kampf. Eine Tugend genuͤget dem Weib: ſie iſt da, ſie erſcheinet Lieblich dem Herzen, dem Aug' lieblich erſcheine ſie ſtets! Die ſchönſte Erſcheinung. Saheſt du nie die Schoͤnheit im Augenblicke des Leidens, Niemals haſt du die Schoͤnheit geſehn. Sahſt du die Freude nie in einem ſchoͤnen Geſichte, Niemals haſt du die Frende geſehn. Forum des Weibes. Frauen, richtet nur nie des Mannes einzelne Thaten; Aber uͤber den Mann ſprechet das richtende Wort! Weibliches Urtheil. Maͤnner richten nach Gruͤnden; des Weibes Urtheil iſt ſeine Liebe: wo es nicht liebt, hat ſchon gerichtet das Weib. 426 Das weibliche Ideal. An Amanda. Ueberall weichet das Weib dem Manne; nur in dem Hochſten Weichet dem weiblichſten Weib immer der maͤnnlichſte Mann. Was das Hochſte mir ſey? Des Sieges ruhige Klarheit, Wie ſie von deiner Stirn', holde Amanda, mir ſtrahlt. Schwimmt auch die Wolke des Grams um die heiter glaͤnzende Scheibe, Schdner nur macht ſich das Bild auf dem vergoldeten Duft. Duͤnke der Mann ſich frei! Du biſt es: denn ewig nothwendig Weißt du von keiner Wahl, keiner Nothwendigkeit mehr. Was du auch gibſt, ſtets gibſt du dich ganz; du biſt ewig nur Eines, Auch dein zarteſter Laut iſt dein harmoniſches Selbſt. Hier iſt ewige Jugend bei niemals verſiegender Fuͤlle, Und mit der Blume zugleich brichſt du die goldene Frucht. . Erwartung und Erfüllung · In den Ocean ſchifft mit tauſend Maſten der Juͤngling; Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis. Das gemeinſame Schickſal. Siehe, wir haſſen, wir ſtreiten, es trennet uns Neigung und Meinung Aber es bleichet indeß dir ſich die Locke, wie mir. 427 Menſchliches Wirken. An dem Eingang der Bahn liegt die Unendlichkeit offen, Doch mit dem engeſten Kreis hoͤret der Weiſeſte auf. Der Vater. Wirke, ſo viel du willſt, du ſtehſt doch ewig allein da, Bis an das All die Natur dich, die gewaltige, knuͤpft. Liebe und Begierde. Recht geſagt, Schloſſer! Man liebt, was man hat; man be⸗ gehrt, was man nicht hat: Denn nur das reiche Gemuͤth liebt, nur das arme begehrt. Güte und Größe. Nur zwei Tugenden gibt's. D, waͤren ſie immer vereinigt⸗ Immer die Guͤte auch groß, immer die Groͤße auch gut! Die Triebfedern. Immer treibe die Furcht den Sklaven mit eiſernem Stabe Freude, fuͤhre du mich immer an roſigem Band! 428 Naturforſcher und Transſcendental-Philoſophen. Feindſchaft ſey zwiſchen euch! Noch kommt das Buͤndniß zu fruͤhe: Wenn ihr im Suchen euch trennt, wird erſt die Wahrheit erkannt. Deutſcher Genins. Ringe, Deutſcher, nach romiſcher Kraft, nach griechiſcher Schonheit! Beides gelang dir; doch nie glückte der galliſche Sprung. Kleinigkeiten. Der epiſche Herameter. Schwindelnd traͤgt er dich fort auf raſtlos ſtrdmenden Wogen: Hinter dir ſiehſt du, du ſiehſt vor dir nur Himmel und Meer. Vas PDiſtichon. Im Hexameter ſteigt des Springquells fluͤſſige Saͤule; Im Pentameter drauf faͤllt ſie melodiſch herab. Die achtzeilige Stanze. Stanze, dich ſchuf die Liebe, die zaͤrtlich ſchmachtende— dreimal Flieheſt du ſchamhaft und kehrſt dreimal verlangend zuruͤck. Der Obelisk. Aufgerichtet hat mich auf hohem Geſtelle der Meiſter. Stehe, ſprach er, und ich ſteh' ihm mit Kraft und mit Luſt. 429 Der Triumphbogen. Fuͤrchte nicht, ſagt der Meiſter, des Himmels Bogen; ich ſtelle Dich unendlich, wie ihn, in die Unendlichkeit hin⸗ Die ſchöne Brücke. Unter mir, uͤber mir rennen die Wellen, die Wagen, und guͤtig Eoͤnnte der Meiſter mir ſelbſt, auch mit hinuͤber zu gehn. Das Thor. Schmeichelnd locke das Thor den Wilden herein zum Geſetze; Froh in die freie Natur fuͤhr' es den Buͤrger heraus! Vie Peterskirche. Suchſt du das Unermeßliche hier, du haſt dich geirret: Meine Groͤße iſt die, groͤßer zu machen dich ſelbſt. An die Proſelytenmacher. Nur ein Weniges Erde beding ich mir außer der Erde, Sprach der goͤttliche Mann, und ich bewege ſie leicht. Einen Angenblick nur vergoͤnnt mir, außer mir ſelber Mich zu begeben, und ſchnell will ich der Eurige ſeyn⸗ Das Verbindungsmittel. Wie verfährt die Natur, um Hohes und Niedres im Menſchen Zu verbinden? Sie ſtellt Eitelkeit zwiſchen hinein. 430 Der Zeitpunkt. Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren; Aber der große Moment findet ein kleines Geſchlecht. * Deutſches Luſtſpiel. Thoren haͤtten wir wohl, wir häͤtten Fratzen die Menge; Leider helfen ſie nur ſelbſt zur Komddie nichts. Buchhändler⸗Anzeige. Nichts iſt der Menſchheit ſo wichtig⸗ als ihre Beſtimmung zu kennen: Um zwolf Groſchen courant wird ſie bei mir jetzt verkauft. Gefährliche Nachfolge. Freunde, bedenket euch wohl, die tiefere, kuͤhnere Wahrheit Laut zu ſagen: ſogleich ſtellt man ſie euch auf den Koyf. Griechheit. Kaum hat das kalte Fieber der Gallomanie uns verlaſſen, Bricht in der Graäcomanie gar noch ein hitziges aus. Griechheit, was war ſie? Verſtand und Maß und Klarheit. Drum daͤcht' ich, 43¹ Etwas Geduld noch, ihr Herrn, eh' ihr von Griechheit uns ſprecht! Eine wuͤrdige Sache verfechtet ihr; nur mit Verſtande, Bitt' ich, daß ſie zum Spott und zum Gelaͤchter nicht wird. Die Sonntagskinder. Jahre lang bildet der Meiſter und kann ſich nimmer genug thun; Dem genialen Geſchlecht wird es im Traume beſchert. Was ſie geſtern gelernt, Das wollen ſie heute ſchon lehren: Ach, was haben die Herrn doch fuͤr ein kurzes Gedaͤrm! Die Philoſophen. Lehrling. Gut, daß ich euch, ihr Herrn, in pleno beiſammen hier finde: Denn das Eine, was Noth, treibt mich herunter zu euch. Ariſtoteles. Gleich zur Sache, mein Freund! Wir halten die Jenaer Zeitung Hier in der Holle und ſind laͤngſt ſchon von Allem belehrt. Lehrling. Deſto beſſer! ſo gebt mir, ich geh' euch nicht eher vom Halſe, Einen allguͤltigen Satz, und der auch allgemein gilt. Erſter. Cogito, ergo sum. Ich denke, und mithin ſo bin ich! Iſt das Eine nur wahr, iſt es das Andre gewiß. Lehrling. Denk' ich, ſo bin ich. Wohl! Doch wer wird immer auch denken! Oft ſchon war ich und hab' wirklich an gar nichts gedacht. Zmeitei. Weil es doch Dinge gibt, ſo gibt es ein Ding aller Dinge: In dem Ding aller Ding' ſchwimmen wir, wie wir ſo ſind. Pritter. Juſt das Gegentheil ſprech' ich. Es gibt kein Ding als mich ſelber; Alles Andre, in mir ſteigt es als Blaſe nur auf. Pierter. Zweierlei Dinge laſſ' ich paſſiren: die Welt und die Seele; Keins weiß vom Andern, und doch deuten ſie Beide auf Eins. Fünfter. Von dem Ding weiß ich nichts und weiß auch nichts von der Seele; Beide erſcheinen mir nur, aber ſie ſind doch kein Schein. ⸗. Sechster. Ich bin Ich und ſetze mich ſelbſt, und, ſetz' ich mich ſelber Als nicht geſetzt, nun gut, hab' ich ein Nicht-Ich geſetzt⸗ Siebenter. Vorſtellung wenigſtens iſt! Ein Vorgeſtelltes iſt alſo; Ein PVorſtellendes auch: macht mit der Vorſtellung Drei. Lehrling. Damit lock' ich, ihr Herrn, noch keinen Hund aus dem Ofen. Einen erklecklichen Satz will ich, und der auch was ſetzt! Achter. Auf theoretiſchem Feld iſt weiter nichts mehr zu finden; 4 Aber der praktiſche Satz gilt doch: Du kannſt, denn du ſollſt! . Lehrling. Dacht' ich's doch! Wiſſen ſie nichts Vernuͤnftiges mehr zu erwidern⸗ Schieben ſie's Einem geſchwind in das Gewiſſen hinein. Vavid Hume. Rede nicht mit dem PVolk! der Kant hat ſie Alle verwirret. Mich frag' ich bin mir ſelbſt auch in der Hoͤlle noch gleich. Bechtsfrage. Jahre lang ſchon bedien' ich mich meiner Naſe zum Riechen; Hab' ich denn wirklich an ſie auch ein erweisliches Recht? Pufendorf. Ein bedenklicher Fall! Doch die erſte Poſſeſſion ſcheint Fuͤr dich zu ſprechen, und ſo brauche ſie immerhin fort. Gewiſſensſcrupel. Gerne dien' ich den Freunden, doch thu' ich es leider mit Neigung⸗ Und ſo wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin. Entſcheidung. Da iſt kein anderer Rath, du mußt ſuchen, ſie zu verachten, Und mit Abſcheu alsdann thun, wie die Pflicht dir gebeut: G. G. Jeder, ſieht man ihn einzeln, iſt leidlich Aug und verſtaͤndig; Sind ſie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus. Die Homeriden. Wer von euch iſt der Saͤnger der Flias? Weil's ihm ſo gut ſchmeckt, Fſt hier von Heynen ein Pack Gottinger Wuͤrſte fuͤr ihn— Schillers ſämmtl. Werke. I. 28 434 „Mir her! ich ſang der Koͤnige Zwiſt!“—„Ich die Schlacht bei den Schiffen!“— „Mir die Wuͤrſte! ich ſang, was auf dem Ida geſchah!“— Friede! zerreißt mich nur nicht! Die Wuͤrſte werden nicht reichen. Der ſie ſchickte, er hat ſich nur auf Einen verſehn. Der moraliſche Dichter. Ja, der Menſch iſt ein aͤrmlicher Wicht, ich weiß— doch Das wollt' ich Eben vergeſſen und kam, ach, wie gereut mich's, zu dir! — Die Danaiden. Jahre lang ſchoͤpfen wir ſchon in das Sieb und bruͤten den Stein aus; Aber der Stein wird nicht warm, aber das Sieb wird nicht 3 . voll. Der erhabene Stoff. Deine Muſe beſingt, wie Gott ſich der Menſchen erbarmte, Aber iſt Das Poeſie, daß er erbaͤrmlich ſie fand? Der Kunſigriff. Wollt ihr zugleich den Kindern der Welt und den Frommen gefallen? 4 Malet die Wolluſt— nur malet den Teufel dazu!* 435 Jeremiade. Alles in Deutſchland hat ſich in Proſa und Verſen verſchlimmert, Ach, und hinter uns liegt weit ſchon die goldene Zeit! Philoſophen verderben die Sprache, Poeten die Logik, Und mit dem Menſchenverſtand kommt man durchs Leben nicht mehr. Aus der Aeſthetit, wohin ſie gehoͤrt, verjagt man die Tugend, Jagt ſie, den läſtigen Gaſt, in die Politik hinein. Wohin wenden wir uns? Sind wir natuͤrlich, ſo ſind wir Platt; und, geniren wir uns, nennt man es abgeſchmackt Schdne Naivetaͤt der Stubenmaͤdchen zu Leipzig⸗ Komm doch wieder, o, komm, witzige Einfalt, zuruͤck! Komm, Komddie, wieder, du ehrbare Wochenviſite, Siegmund, du ſuͤßer Amant, Mascarill, ſpaßhafter Knecht! Trauerſpiele voll Salz, voll epigrammatiſcher Nadeln, Und du, Menuetſchritt unſers geborgten Kothurns! Philoſoph'ſcher Roman, du Gliedermann, der ſo geduldig Still hält, wenn die Natur gegen den Schneider ſich wehrt. Alte Proſa, komm wieder, die Alles ſo ehrlich herausſagt⸗ Was ſie denkt und gedacht, auch, was der Leſer ſich denkt. Alles in Deutſchland hat ſich in Proſa und Verſen verſchlimmert, Ach, und hinter uns liegt weit ſchon die goldene Zeit! Wiſſenſchaft. Einem iſt ſie die hohe, die himmliſche Gottin, dem Andern Eine tuͤchtige Kuh, die ihn mit Butter verſorgt. Kant und ſeine Ausleger. Wie doch ein einziger Reicher ſo viele Bettler in Nahrung Setzt! Wenn die Koͤnige baun, haben die Kaͤrrner zu thun. 8 Shakespeares Schatten. Parodie. Endlich erblickt' ich auch die hohe Kraft des Herakles, Seinen Schatten. Er ſelbſt, leider, war nicht mehr zu ſehn. Ringsum ſchrie, wie Voͤgelgeſchrei, das Geſchrei der Tragoͤden Und das Hundegebell der Dramaturgen um ihn. Schauerlich ſtand das Ungethuͤm da. Geſpannt war der Bogen, Und der Pfeil auf der Sehn' traf noch beſtändig das Herz. „Welche noch kuͤhnere That, Ungluͤcklicher, wageſt du jetzo, Zu den Verſtorbenen ſelbſt niederzuſteigen ins Grab!“— Wegen Tireſias mußt' ich herab, den Seher zu fragen, Wo ich den alten Kothurn faͤnde, der nicht mehr zu ſehn. „Glauben ſie nicht der Natur und den alten Griechen, ſo holſt du Eine Dramaturgie ihnen vergeblich herauf.“— O, die Natur, die zeigt auf unſern Buͤhnen ſich wieder, Splitternackend, daß man jegliche Rippe ihr zahlt. „Wie? So iſt wirtlich bei euch der alte Kothurnus zu ſehen, Den zu holen ich ſelbſt ſtieg in des Tartarus Nacht?“— Nichts mehr von dieſem tragiſchen Spuk. Kaum einmal im Jahre Geht dein geharniſchter Geiſt uͤber die Bretter hinweg. „Auch gut! Philoſophie hat eure Gefuͤhle gelaͤutert, Und vor dem heitern Humor fliehet der ſchwarze Affect.“— Ja, ein derber und trockener Spaß, nichts geht uns daruͤber; 437 Aber der Jammer auch, wenn er nur naß iſt, gefaͤllt. „Alſo ſieht man bei euch den leichten Tanz der Thalia Neben dem ernſten Gang, welchen Melpomene geht?“— Keines von Beiden! Uns kann nur das Chriſtlich⸗Moraliſche ruͤhren Und, was recht populaͤr, haͤuslich und buͤrgerlich iſt. „Was? Es duͤrfte kein Caͤſar auf euren Buͤhnen ſich zeigen, Kein Achill, kein Dreſt, keine Andromache mehr?“— Nichts! Man ſiehet bei uns nur Pfarrer, Commerzienraͤthe, Fähndriche, Secretairs oder Huſarenmajors. „Aber, ich bitte dich, Freund, was kann denn dieſer Miſere Großes begegnen, was kann Großes denn durch ſie geſchehn?“— Was? Sie machen Kabale, ſie leihen auf Pfaͤnder, ſie ſtecken Silberne Loͤffel ein, wagen den Pranger und mehr. „Woher nehmt ihr denn aber das große, gigantiſche Schickſal, Welches den Menſchen erhebt, wenn es den Menſchen zer⸗ malmt?“— Das ſind Grillen! Uns ſelbſt und unſre guten Bekannten, Unſern Jammer und Noth ſuchen und finden wir hier. „Aber Das habt ihr ja alles bequemer und beſſer zu Hauſe; Warum entfliehet ihr euch, wenn ihr euch ſelber nur ſucht?“— Nimm's nicht uͤbel, mein Heros, Das iſt ein verſchiedener Caſus: Das Geſchick, das iſt blind, und der Poet iſt gerecht. „Alſo eure Natur, die erbaͤrmliche, trifft man auf euren Buͤhnen, die große nur nicht, nicht die unendliche an?“— Der Poet iſt der Wirth, und der letzte Actus die Zeche: Wenn ſich das Laſter erbricht, ſetzt ſich die Tugend zu Tiſch⸗ 438 Die Flüſſe. Rhein. Treu, wie dem Schweizer gebuͤhrt, vewach' ich Germaniens Graͤnze; Aber der Gallier huͤpft uͤber den duldenden Strom. Bhein und Moſel. Schon ſo lang' umarm' ich die lotharingiſche Jungfrau; Aber noch hat kein Sohn unſre Verbindung begluͤckt. Donau in** Mich umwohnt mit glänzendem Aug' das Volt der Phaiaken: Immer iſt's Sonntag, es dreht immer am Herd ſich der Spieß. Main. Meine Burgen zerfallen zwar; doch getroſtet erblick' ich Seit Jahrhunderten noch immer das alte Geſchlecht. 6 Faale. Kurz iſt mein Lauf und begruͤßt der Fuͤrſten, der Pdlker ſo vieles Aber die Fuͤrſten ſind gut, aber die Volker ſind frei. Ilm. Meine Ufer ſind arm; doch hoͤret die leiſere Welle⸗ Fuͤhret der Strom ſie vorbei, manches unſterbliche Lied. Pleiße. Flach iſt mein Ufer, und ſeicht mein Bach: es ſchdpften zu durſtig Meine Poeten mich, meine Proſaiker aus⸗ Elbe. All' ihr Andern, ihr ſprecht nur ein Kauderwaͤlſch— unter den Fluͤſſen Deutſchlands rede nur ich, und auch in Meißen, nur deutſch. 439 Spree. Sprache gab mir einſt Rammler und Stoff mein Caͤſar: da nahm ich Meinen Mund etwas voll, aber ich ſchweige ſeitdem. Weſer. Leider von mir iſt gar nichts zu ſagen: auch zu dem kleinſten Epigramme, bedenkt⸗ geb' ich der 6 nicht Stoff. Geſundbrunnen zu** Seltſames Land! Hier haben die Fluͤſſe Geſchmack und die Quellen, Bei den Bewohnern allein hab' ich noch keinen verſpuͤrt. Pegnitz. Ganz hypochondriſch bin ich vor langer Weile geworden⸗ Und ich fließe nur fort, weil es ſo hergebracht iſt. e schen Flüſſe. Unſer Einer hat's halter gut in**cher Herren Ländern; ihr Joch iſt ſanft, und ihre Laſten ſind leicht. Falzuch. Aus Juvaviens Bergen ſtröm' ich, das Erzſtift zu ſalzen, Lenke dann Bahern zu, wo es an Salze gebricht. Der anonyme Fluß. Faſtenſpeiſen dem Tiſch des frommen Biſchofs zu liefern⸗ Goß der Schopfer mich aus durch das verhungerte Land. Les fleuves indiscrets. Jetzt kein Wort mehr, ihr Fluſſe! Man ſieht's, ihr wißt euch ſo wenig Zu beſcheiden, als einſt Diderots Schatzchen gethan. 440 Der Metaphyſiker. „Wie tief liegt unter mir die Welt! Kaum ſeh' ich noch die Menſchlein unten wallen. Wie traͤgt mich meine Kunſt, die hoͤchſte Dnter allen, So nahe an das Himmelszelt!“ So ruft von ſeines Thurmes Dache Der Schieferdecker, ſo der kleine große Mann, Hans Metaphyſikus, in ſeinem Schreibgemache. Sag' an, du kleiner großer Mann, Der Thurm, von dem dein Blick ſo vornehm niederſchauet, Wovon iſt er— worauf iſt er erbauet? Wie kamſt du ſelbſt hinauf— und ſeine kahlen Hohn, Wozu ſind ſie dir nuͤtz, als in das Thal zu ſehn? Die Weltweiſen. Der Satz, vurch welchen alles Ding Beſtand und Form empfangen; Der Kloben, woran Zeus den Ring Der Welt, die ſonſt in Scherben git Vorſichtig aufgehangen— Den nenn' ich einen großen Geiſt, Der mir ergruͤndet, wie er heißt, Wenn ich ihm nicht drauf helfe— Er heißt: Zehn iſt nicht Zwolfe. Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt, Der Menſch geht auf zwei Fuͤßen, Die Sonne ſcheint am Firmament— 44¹ Das kann, wer auch nicht Logik kennt⸗ Durch ſeine Sinne wiſſen. Doch, wer Metaphyſik ſtudirt, Der weiß, daß, wer verbrennt⸗ nicht friert, Weiß, daß das Naſſe feuchtet, Und, daß das Helle leuchtet. Homerus ſingt ſein Hochgedicht, Der Held beſteht Gefahren⸗ Der brave Mann thut ſeine Pflicht Und that ſie, ich verhehl' es nicht⸗ Eh' noch Weltweiſe waren; Doch hat Genie und Herz vollbracht, Woas Lock' und Des Cartes nie gedacht: Sogleich wird auch von Dieſen Die Moͤglichkeit bewieſen. Im Leben gilt der Staͤrke Recht, Dem Schwachen trotzt der Kuͤhne⸗ Wer nicht gebieten kann, iſt Knecht— So geht es ganz ertraͤglich ſchlecht Auf dieſer Erdenbuͤhne. Doch, wie es waͤre, fing der Plan Der Welt nur erſt von Vorne an⸗ Iſt in Moralſyſtemen Ausfuͤhrlich zu vernehmen⸗ „Der Menſch vedarf des Menſchen ſehr Zu ſeinem großen Ziele; Nur in dem Ganzen wirket er⸗ PViel Tropfen geben erſt das Meer, Schillers ſämmtl. Werke. 1. 29 Viel Waſſer treibt die Muͤhle. Drum flieht der wilden Woͤlfe Stand Und knuͤpft des Staates dauernd Band.“ So lehren vom Katheder. Herr Pufendorf und Feder. Doch weil, was ein Profeſſor ſpricht, Nicht gleich zu Allen dringet, So uͤbt Natur die Mutterpflicht Und ſorgt, daß nie die Kette bricht, Und daß der Reif nie ſpringet. 6 Einſtweilen, bis den Ban der Welt 5 Philoſophie zuſammenhaͤlt, Erhaͤlt ſie das Getriebe Durch Hunger und durch Liebe.„ Pegaſus im Joche. Auf einen Pferdemarkt— vielleicht zu Haymarket Wo andre Dinge noch in Waare ſich verwandeln, Bracht' einſt ein hungriger Poet Der Muſen Roß, es zu verhandeln. g 5 Hell wieherte der Hippogryph Und bäumte ſich in praͤchtiger Parade; Erſtaunt blieb Jeder ſtehn und rief:. Das edle, konigliche Thier! Nur Schade⸗. Daß ſeinen ſchlanken Wuchs ein haͤßlich Flügelpaar Entſtellt! Den ſchoͤnſten Poſtzug wuͤrd' es zieren. ð „ 443 Die Race, ſagen ſie, ſey rar, Doch wer wird durch die Luft kutſchieren? Und Keiner will ſein Geld verlieren. Ein Pachter endlich faßte Muth. Die Fluͤgel zwar, ſpricht er, die ſchaffen keinen Nutzen; Doch die kann man ja binden oder ſtutzen, Dann iſt das Pferd zum Ziehen immer gut; Ein zwanzig Pfund, die will ich wohl dran wagen. Der Täuſcher, hoch vergnuͤgt, die Waare loszuſchlagen⸗ Schlaͤgt hurtig ein.„Ein Mann, ein Wort!“ Und Hans trabt friſch mit ſeiner Beute fort. Das edle Thier wird eingeſpannt; Doch fuhlt es kaum die ungewohnte Buͤrde, So rennt es fort mit wilder Flugbegierde Und wirft, von edelm Grimm entbrannt, Den Harren um an eines Abgrunds Rand. Schon gut, denkt Hans. Allein darf ich dem tollen Thiere Kein Fuhrwerk mehr vertrauen. Erfahrusg macht ſchon klug. Doch morgen fahr' ich Paſſagiere, Da ſtell' ich es als Vorſpann in den Zug. Die muntre Krabbe ſoll zwei Pferde mir erſparen; Der Koller gibt ſich mit den Jahren. Der Anfang ging ganz gut. Das leichtbeſchwingte Pferd Belebt der Klepper Schritt, und pfeilſchnell ſliegt der Wagen. Doch was geſchieht? Den Blick den Wolken zugekehrt, Und ungewohnt, den Grund mit feſtem Huf zu ſchlagen, Verlaͤßt es bald der Raͤder ſichre Spur, Und, treu der ſtaͤrkeren Natur, Durchrennt es Sumpf und Moor, geackert Feld und Hecken; 444 Der gleiche Taumel faßt das ganze Poſtgeſpann, Kein Rufen hilft, kein Zuͤgel haͤlt es an, Bis endlich, zu der Wandrer Schrecken, Der Wagen, wohlgeruͤttelt und zexſchelt⸗ Auf eines Berges ſteilem Gipfel haͤlt. Das geht nicht zu mit rechten Dingen! Spricht Hans mit ſehr bedenklichem Geſicht, So wird es nimmermehr gelingen; Laß ſehn, ob wir den Tollwurm nicht Durch magre Koſt und Arbeit zwingen, Die Probe wird gemacht. Bald iſt das ſchone Thier, Eh' noch drei Tage hingeſchwunden, Zum Schatten abgezehrt. Ich hab's, ich hab's gefunden! Ruft Hans. Jetzt friſch, und ſpannt es mir Gleich vor den Pflug mit meinem ſtaͤrkſten Stier! Geſagt, gethan. In laͤcherlichem Zuge Erblickt man Ochs und Fluͤgelpferd am Pfluge! Unwillig ſteigt der Greif und ſtrengt die letzte Macht Der Sehnen an, den alten Flug zu nehmen. Umſonſt, der Nachbar ſchreitet mit Bedacht, Und Phoͤbus ſtolzes Roß muß ſich dem Stier bequemen, Bis nun, vom langen Widerſtand verzehrt, Die Kraft aus allen Gliedern ſchwindet, Von Gram gebeugt das edle Goͤtterpferd Zu Boden ſtuͤrzt und ſich im Staube windet. Verwuͤnſchtes Thier! bricht endlich Hanſens Grimm Laut ſcheltend aus, indem die Hiebe flogen. So biſt du denn zum Ackern ſelbſt zu ſchlimm, Mich hat ein Schelm mit dir betrogen, —.—— —— —.—— — 445⁵5 Indem er noch in ſeines Zornes Wuth Die Peitſche ſchwingt, kommt flink und wohlgemuth Ein luſtiger Geſell die Straße hergezogen. Die Cither klingt in ſeiner leichten Hand, Und durch den blonden Schmuck der Haare Schlingt zierlich ſich ein goldnes Band. Wohin, Freund, mit dem wunderlichen Paare? Ruft er den Baur von Weitem an. Der Vogel und der Ochs an einem Seile, Ich bitte dich, welch ein Geſpann! Willſt du auf eine kleine Weile Dein Pferd zur Probe mir vertraun? Gibt Acht, du ſollſt dein Wunder ſchaun. Der Hippogryph wird ausgeſpannt, Und laͤchelnd ſchwingt ſich ihm der Juͤngling auf den Ruͤcken. Kaum fuͤhlt das Thier des Meiſters ſichre Hand, So knirſcht es in des Zuͤgels Band Und ſteigt, und Blitze ſpruͤhn ans den beßrelten Blicken. Nicht mehr das vor'ge Weſen, koniglich⸗ Ein Geiſt, ein Gott, erhebt es ſich, Entrollt mit einem Mal in Sturmes Wehen Der Schwingen Pracht, ſchießt brauſend himmelan, Und, eh' der Blick ihm folgen kann, Entſchwebt es zu den blauen Hohen. 6 Das Spiel des Lebens. Wollt ihr in meinen Kaſten ſehn? Des Lebens Spiel, die Welt im Kleinen, Gleich ſoll ſie eurem Aug' erſcheinen; Nur muͤßt ihr nicht zu nahe ſtehn: Ihr muͤßt ſie bei der Liebe Kerzen Und nur bei Amors Fackel ſehn. Schaut her! Nie wird die Buͤhne leer: Dort bringen ſie das Kind getragen, Der Knabe huͤpft, der Juͤngling ſtuͤrmt einher, Es kaͤmpft der Mann, und Alles will er wagen. Ein Jeglicher verſucht ſein Gluͤck, Doch ſchmal nur iſt die Bahn zum Rennen; Der Wagen rollt, die Achſen brennen, Der Held dringt kuͤhn voran, der Schwaͤchling bleibt zuruͤck, Der Stolze faͤllt mit laͤcherlichem Falle, Der Kluge uͤbekholt ſie Adle. ————— Mit holdem Blick, mit ſchoͤnen Haͤnden Die Frauen ſeht ihr an den Schranken ſtehn, Den Dank dem Sieger auszuſpenden. Einem jungen Freunde, als er ſich der Weltweisheit widmete.„ Schwere Pruͤfungen mußte der griechiſche Juͤngling beſtehen, Eh' das eleuſiſche Haus nun den Bewahrten empfing. ———— 447 Biſt du bereitet und reif, das Heiligthum zu betreten, Wo den verdächtigen Schatz Pallas Athene verwahrt? Weißt du ſchon, was deiner dort harrt? wie theuer du kaufeſt? Daß du ein ungewiß Gut mit dem gewiſſen bezahlſt? Fuͤhlſt du dir Staͤrke genug, der Kaͤmpfe ſchwerſten zu kämpfen, Wenn ſich Verſtand und Herz, Sinn und Gedanken entzwein? Muth genug, mit des Zweifels unſterblicher Hydra zu ringen Und dem Feind in dir ſelbſt maͤnnlich entgegen zu gehn? Mit des Auges Geſundheit, des Herzens heiliger Unſchuld Zu entlarven den Trug, der dich als Wahres verſucht? Fliehe, biſt du des Fuͤhrers im eigenen Buſen nicht ſicher, Fliehe den lockenden Rand, ehe der Schlund dich verſchlingt! Manche gingen nach Licht und ſtuͤrzten in tiefere Nacht nur; Sicher im Daͤmmerſchein wandelt die Kindheit dahin. Poeſie des Lebens. An*— „Wer mochte ſich an Schattenbildern weiden, Die mit erborgtem Schein das Weſen uͤberkleiden, Mit truͤgriſchem Beſitz die Hoffnung hintergehn? Entbloͤßt muß ich die Wahrheit ſehn. Soll gleich mit meinem Wahn mein ganzer Himmel ſchwinden, Soll gleich den freien Geiſt, den der erhabne Flug Ins graͤnzenloſe Reich der Moglichkeiten trug⸗ Die Gegenwart mit ſtrengen Feſſeln binden: Er lernt ſich ſelber uͤberwinden; Ihn wird das heilige Gebot Der Pflicht, das furchtbare der Noth 448 Nur deſto unterwuͤrf'ger finden. Wer ſchon der Wahrheit milde Herrſchaft ſcheut, Wie traͤgt er die Nothwendigkeit?“— So rufſt du aus und blickſt, mein ſtrenger Freund, Aus der Erfahrung ſicherm Porte Verwerfend hin auf Alles, was nur ſcheint. Erſchreckt von deinem ernſten Worte Entflieht der Liebesgoͤtter Schaar, Der Muſen Spiel verſtummt, es ruhn der Horen Taͤnze, Still tranernd nehmen ihre Kraͤnze Die Schweſtergöttinnen vom ſchoͤn gelockten Haar, Apoll zerbricht die goldne Leyer, Und Hermes ſeinen Wunderſtab, Des Traumes roſenfarbner Schleier Faͤllt von des Lebens bleichem Antlitz ab, Die Welt ſcheint, was ſie iſt, ein Grab. Von ſeinen Augen nimmt die zauberiſche Binde Cytherens Sohn: die Liebe ſieht, Sie ſieht in ihrem Goͤttereinde Den Sterblichen, erſchrickt und flieht, Der Schoͤnheit Ingendbild veraltet, Auf deinen Lippen ſelbſt erkaltet Der Liebe Kuß, und in der Freude Schwung Ergreift dich die Verſteinerung. — — 449 An Göthe, als er den Mahomet von Voltaire auf die Buͤhne brachte. Du ſelbſt, der uns von falſchem Regelzwange Zur Wahrheit und Natur zuruͤckgefuͤhrt, Der, in der Wiege ſchon ein Held, die Schlange Erſtickt, die unſern Genius umſchnuͤrt⸗ Du, den die Kunſt, die gottliche, ſchon lange Mit ihrer reinen Prieſterbinde ziert, Du opferſt auf zertruͤmmerten Altaͤren Die Aftermuſe, die wir nicht mehr ehren? Einheim'ſcher Kunſt iſt dieſer Schauplatz eigen: Hier wird nicht fremden Goͤtzen mehr gedient. Wir koͤnnen muthig einen Lorbeer zeigen, Der auf dem deutſchen Pindus ſelbſt gegruͤnt. Selbſt in der Kuͤnſte Heiligthum zu ſteigen, Hat ſich der deutſche Genius erkuͤhnt, Und auf der Spur des Griechen und des Britten Iſt er dem beſſern Ruhme nachgeſchritten. Denn dort, wo Selaven knien, Deſpoten walten, Wo ſich die eitle Aftergroͤße blaͤht, Da kann die Kunſt das Edle nicht geſtalten, Von keinem Ludwig wird es ausgeſaͤt; Aus eigner Fuͤlle muß es ſich entfalten, Es vorget nicht von ird'ſcher Majeſtät, Nur mit der Wahrheit wird es ſich vermaͤhlen, und ſeinc Glut durchflammt nur freie Seelen. Drum nicht, in alte Feſſeln uns zu ſchlagen, Erneuerſt du dies Spiel der alten Zeit, Nicht, uns zuruͤckzufuͤhren zu den Tagen Charakterloſer Minderjaͤhrigkeit. Es waͤr' ein eitel und vergsblich Wagen, Zu fallen ins bewegte Rad der Zeit: Gefluͤgelt fort entfuͤhren es die Stunden; Das Neue kommt, das Alte iſt verſchwunden. Erweitert jetzt iſt des Theaters Enge, In ſeinem Raume draͤngt ſich eine Welt; Nicht mehr der Worte redneriſch Gepraͤnge, Nur der Natur getreues Bild gefaͤllt; Verbannet iſt der Sitten falſche Strenge, Und menſchlich handelt, menſchlich fuͤhlt der Held. Die Leidenſchaft erhebt die freien Doͤne, Und in der Wahrheit findet man das Schdne. Doch leicht gezimmert nur iſt Theſpis Wagen, Und er iſt gleich dem acheront'ſchen Kahn: Nur Schatten und Idole kann er tragen, Und, draͤngt das rohe Leben ſich heran, So droht das leichte Fahrzeug umzuſchlagen, Das nur die fluͤcht'gen Geiſter faſſen kann. Der Schein ſoll nie die Wirklichkeit erreichen, Und ſiegt Natur, ſo muß die Kunſt entweichen. Denn auf dem bretternen Geruͤſt der Scene Wird eine Idealwelt aufgethan. Nichts ſey hier wahr und wirklich, als die Thraͤne: Die Ruͤhrung ruht auf keinem Sinnenwahn; —5 — —B „——— 451 Aufrichtig iſt die wahre Melpomene, Sie kuͤndigt nichts als eine Fabel an, Und weiß durch tiefe Wahrheit zu entzuͤcken; Die falſche ſtellt ſich wahr, um zu beruͤcken. Es droht die Kunſt vom Schauplatz zu verſchwinden Ihr wildes Reich behauptet Fantaſie; Die Buͤhne will ſie wie die Welt entzuͤnden, Das Niedrigſte und Hochſte menget ſie. Nur bei dem Franken war noch Kunſt zu finden, Erſchwang er gleich ihr hohes Urbild nie: Gebannt in unveraͤnderlichen Schranken Haͤlt er ſie feſt, und nimmer darf ſie wanken. Ein heiliger Bezirk iſt ihm die Scene: Verbannt aus ihrem feſtlichen Gebiet Sind der Natur nachlaͤſſig rohe Doͤne, Die Sprache ſelbſt erhebt ſich ihm zum Lied; Es iſt ein Reich des Wohllauts und der Schdne, In edler Ordnung greifet Glied in Glied, Zum ernſten Tempel fuͤget ſich das Ganze, Und die Bewegung borget Reiz vom Tanze. Nicht Muſter zwar darf uns der Franke werden: Aus ſeiner Kunſt ſpricht kein lebend'ger Geiſt; Des falſchen Anſtands prunkende Geberden Verſchmaͤht der Sinn, der nur das Wahre preist; Ein Fuͤhrer nur zum Beſſern ſoll er werden, Er komme, wie ein abgeſchiedner Geiſt, Zu reinigen die oft entweihte Scene gum wuͤrd'gen Sitz der alten Melpomene. 45² An Demviſelle Slevvigt, bei ihrer Verheirathung mit Berrn Dr. Sturm, von einer muͤtterlichen und fuͤnf ſchweſterlichen Freundinnen. Zieh', holde Braut, mit unſerm Segen, Zieh' hin auf Hymens Blumenwegen! Wir ſahen mit entzuͤcktem Blick Der Seele Anmuth ſich entfalten, Die jungen Reize ſich geſtalten Und bluͤhen fuͤr der Liebe Gluͤck. Dein ſchoͤnes Los, du haſt's gefunden: Es weicht die Freundſchaft ohne Schmerz Dem ſuͤßen Gott, der dich gebunden; Er will, er hat dein ganzes Herz. Zu theuren Pflichten, zarten Sorgen, Dem jungen Buſen noch verborgen, Ruft dich des Kranzes ernſte Zier. Der Kindheit taͤndelnde Gefuͤhle, Der freien Ingend fluͤcht'ge Spiele, Sie bleiben fliehend hinter dir, Und Hymens ernſte Feſſel bindet, Wo Amor leicht und flatternd huͤpft; Doch fuͤr ein Herz, das ſchon empfindet, Iſt ſie aus Blumen nur geknuͤpft. Und willſt du das Geheimniß wiſſen, Das immer gruͤn und unzerriſſen Den hochzeitlichen Kranz bewahrt? — — 453 Es iſt des Herzens reine Guͤte, Der Anmuth unverwelkte Bluͤthe, Die mit der holden Scham ſich paart, Die, gleich dem heitern Sonnenbilde, In alle Herzen Wonne lacht, Es iſt der ſanfte Blick der Milde Und Wuͤrde, die ſich ſelbſt bewacht. Der griechiſche Genius an Mayer in Italien. Tauſend Andern verſtummt, die mit tauben Herzen ihn fragen, Dir, dem PVerwandten und Freund, redet vertraulich der Geiſt. Einem Freunde ins Stammbuch.. Herrn von Mecheln aus Baſel. Unerſchopflich an Reiz, an immer erneuerter Schonheit Iſt die Natur! Die Kunſt iſt unerſchoͤpflich, wie ſie. Heil dir, wuͤrdiger Greis! fuͤr Beide bewahrſt du im Herzen Reges Gefuͤhl, und ſo iſt ewige Ingend dein Los. 454 In das Folio⸗Stammbuch eines Runſtfreundes. Die Weisheit wohnte ſonſt auf großen Foliobogen, Der Freundſchaft war ein Taſchenbuch beſtimmt; Jetzt, da die Wiſſenſchaft in's Kleine ſich gezogen Und leicht, wie Kork, in Almanachen ſchwimmt, Haſt du, ein hochbeherzter Mann, Dies ungeheure Haus den Freunden aufgethan. Wie, fuͤrchteſt du denn nicht, ich muß dich ernſtlich fragen, An ſo viel Freunden allzuſchwer zu tragen? Das Geſchenk. Ring und Stab, o, ſeyd mir auf Rheinweinflaſchen willkommen! Ja, wer die Schafe ſo traͤnket, Der heißt mir ein Hirt. Dreimal geſegneter Trank! dich gewann mir die Muſe, die Muſe Schickt dich, die Kirche ſelbſt druͤckte das Siegel dir auf. Wilhelm Tell.* Wenn rohe Krafte feindlich ſich entzweien, Und blinde Wuth die Kriegesflamme ſchuͤrt; *Mit dieſen Stanzen begleitete der Verfaſſer das Exemplar ſeines Schauſpiels: Wilhelm Tell, das er dem damaligen Kurfuͤrſten Erz⸗ kanzler uͤberſendete. 455⁵5 Wenn ſich im Kampfe tobender Parteien Die Stimme der Gerechtigkeit verliert; Wenn alle Laſter ſchamlos ſich befreien, Wenn freche Willkuͤr an das Heil'ge ruͤhrt, Den Anker loͤst, an dem die Staaten haͤngen: — Da iſt kein Stoff zu freudigen Geſaͤngen. Doch, wenn ein Volk, das fromm die Heerden weidet, Sich ſclbſt genug, nicht fremden Guts begehrt, Den Zwang abwirft, den es unwuͤrdig leidet, Doch ſelbſt im Zorn die Menſchlichkeit noch ehrt, Im Gluͤcke ſelbſt, im Siege ſich beſcheidet: — Das iſt unſterblich und des Liedes werth. Und ſolch ein Bild darf ich dir freudig zeigen, Du kennſt's, denn alles Große iſt dein eigen. Dem Erbprinzen von Weimar, als er nach Paris reiste. In einem freundſchafttichen Cirkel geſungen. So vringet denn die letzte volle Schale Dem lieben Wandrer dar, Der Abſchied nimmt von dieſem ſtillen Thale, Das ſeine Wiege war. Er reißt ſich aus den vaͤterlichen Hallen. Aus lieben Armen los, Nach jener ſtolzen Buͤrgerſtadt zu wallen Vom Raub der Laͤnder groß. 4⁵6 Die Zwietracht ftieht, die Donnerſtuͤrme ſchweigen, Gefeſſelt iſt der Krieg, Und in den Krater darf man niederſteigen, Aus dem die Lava ſticg. Dich fuͤhre durch das wild bewegte Leben Ein gnaͤdiges Geſchick! Ein reines Herz hat dir Natur gegeben: D, bring' es rein zuruͤck! Die Laͤnder wirſt du ſehen, die das wilde Geſpann des Kriegs zertrat; Doch lächelnd gruͤßt der Friede die Gefilde Und ſtreut die goldne Saat. 1 Den alten Vater Rhein wirſt du begruͤßen,* Der deines großen Ahns Gedenken wird, ſolang ſein Strom wird fließen Ins Bett des Oceans. Dort huldige des Helden großen Manen Und opfere dem Rhein, Dem alten Graͤnzenhuͤter der Germanen, F Von ſeinem eignen Wein,. Daß dich der vaterlaͤnd'ſche Geiſt begleite, Wenn dich das ſchwanke Brett Hinuͤbertraͤgt auf jene linke Seite, Wo deutſche Treu' vergeht. 457 Der Antritt des neuen Jahrhunderts. An*** Edler Freund! Wo offnet ſich dem Frieden, Wo der Freiheit ſich ein Zufluchtsort? Das Jahrhundert iſt im Sturm geſchieden, Und das neue oͤffnet ſich mit Mord. Und das Band der Laͤnder iſt gehoben, Und die alten Formen ſtuͤrzen ein; Nicht das Weltmeer hemmt des Krieges Toben, Nicht der Nilgott und der alte Rhein. Zwo gewalt'ge Nationen ringen Um der Welt alleinigen Beſitz; Aller Laͤnder Freiheit zu verſchlingen, Schwingen ſie den Dreizack und den Blitz. Gold muß ihnen jede Landſchaft wägen, Und, wie Brennus in der rohen Zeit, Legt der Franke ſeinen ehrnen Degen In die Wage der Gerechtigkeit. Seine Handelsflotten ſtreckt der Britte Gierig wie Polypenarme aus, Und das Reich der freien Amphitrite Will er ſchließen, wie ſein eignes Haus. Schilers ſämmtl. Werke. 1. 26 Zu des Suͤdpols nie erblickten Sternen Dringt ſein raſtlos ungehemmter Laufz Alle Inſeln ſpuͤrt er, alle fernen 6 Kuͤſten— nur das Paradies nicht auf. Ach, umſonſt auf allen Laͤndercharten Spaͤhſt du nach dem ſeligen Gebiet, Wo der Freiheit ewig gruͤner Garten, Wo der Menſchheit ſchoͤne Jugend bluͤht. Endlos liegt die Welt vor deinen Blicken, Und die Schifffahrt ſelbſt ermißt ſie kaum; Doch auf ihren unermeſſ'nen Ruͤcken* Iſt fuͤr zehen Gluͤckliche nicht Raum. In des Herzens heilig ſtille Raͤume Mußt du fliehen aus des Lebens Drang! Freiheit iſt nur in dem Reich der Träume, Und das Schone bluͤht nur im Geſang. 45⁵9 Abſchied vom Leſer. Die Muſe ſchweigt. Mit jungfraͤulichen Wangen⸗ Errothen im verſchaͤmten Angeſicht, Tritt ſie vor dich⸗ ihr Urtheil zu empfangen: Sie achtet es, doch fuͤrchtet ſie es nicht. Des Guten Beifall wuͤnſcht ſie zu erlangen, Den Wahrheit ruͤhrt, den Flimmer nicht beſticht. Nur, wem ein Herz, empfaͤnglich fuͤr das Schdne⸗ Im Buſen ſchlaͤgt, iſt werth, daß er ſie krdne. Nicht länger wollen dieſe Lieder leben, Als bis ihr Klang ein fuͤhlend Herz erfreut, Mit ſchoͤnern Fantaſien es umgeben⸗ Zu hoͤheren Gefuͤhlen es geweiht; Zur fernen Nachwelt wollen ſie nicht ſchweben, Sie tonten, ſie verhallen in der Zeit. Des Augenblickes Luſt hat ſie geboren⸗ Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen. Der Lenz erwacht, auf den erwaͤrmten Triften Schießt frohes Leben jugendlich hervor⸗ Die Staude wuͤrzt die Luft mit Nektarduͤften⸗ Den Himmel fuͤllt ein muntrer Saͤngerchor, Und Jung und Alt ergeht ſich in den Luͤften Und freuet ſich und ſchwelgt mit Aug' und Ohr. Der Lenz entflieht! Die Blume ſchießt in Samen, Und keine bleibt von allen, welche kamen.