, ———— — Leihbiblivthel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmunn in Gießen, — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus fbezahlt werden und„ eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: W— Ff TW 6 3„„ 5— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene', verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. —— — ——— ——— Ein hiſtoriſcher Vomnn aus dem vierten Jahrhundert. Berlin, Louis Gerſchel Verlagsbuchhandlung. 1866. Das Recht der Ueberſetzung wird vorbehalten. Wacht uuf, ihr Todten! Erhebt euch, Schatten, aus der Gruft zu gleiten— Wir Lebenden entboten Die Hand euch, einmal noch zu ſchreiten Aus Grabesdunkel durch des Lebens Kreis— Nehmt Blut aus unſren Herzen, ſchnell und heiß, In eure längſt erſchlafften Adern, Noch einmal hier zu lieben und zu hadern Im wirren Streite der Gefühle Und in der Menſchen Kampfgewühle! Ihr zögert noch? Ihr fühlt euch fremd hier droben— Die Welt ward anders— eure iſt zerſtoben, Verweſt, geſchwunden?— Schaut dasſelbe Licht Auf eure bleichen Angeſichter nicht? Weht eine andre Luft um eure Wangen? Und wölbt ſich nicht desſelben Himmels Prangen?.. O blickt hinein in unſre Herzen: Dieſelbe Luſt, dieſelben Schmerzen, Wie ſie einſt bebten durch der euren Schlag; Des Sturmes Nacht, des Friedens Tag, Ganz wie ſie ſtanden einſt in euren Seelen— Dasſelbe Suchen und dasſelbe Fehlen! —— —— —— ————————— Zeigt eure Wundenmale, Und kehrt das heimliche Gebreſt dem Strahle Des Tages zu!— o wir verſtehn ſie gut!— Lechzt nicht dasſelbe Schwert nach unſtem Blut? Reicht nicht der gleiche Feind des Giftes Becher Auch uns noch heut' und ſpottet laut dem Racher? In Euch, die ſtritten, ſeh'n wir uns, die ſtreiten—— Mag auch die Welle ſtets vom Ufer gleiten, Wenn ſie nur muthig hin zur Brandung fliegt— Wir wollen ſiegen, wie Ihr einſt geſiegt!— 4—— Der Genius der Poeſie und der Genius der Geſchichte trafen ſich in der Höhe. Der erſtere ſah ſorgenvoll und betrübt aus, und wurde vom andern voll Theilnahme ge⸗ fragt, was ihn ſo ſchwer bekimmere?—„Soll mein Herz nicht gramvoll ſein? lautete die Antwort, werde ich nicht, nachdem ich eine Zeitlang auf den Höhen des Lichtes und der Schönheit ge⸗ wandelt, gegenwärtig von einem Epigonengeſchlecht täglich in gebundener und ungebundener Rede, aher ſtets in maßloſer, in gereimter und reimloſer Sprache, aber ſtets in ungereim⸗ ter, mißhandelt?“—„Das darf Dich nicht betrüben, er⸗ widerte der Genius der Geſchichte, ſondern muß getragen wer⸗ den. Was dem Menſchen übergeben wird, iſt wechſelndem Ge⸗ ſchicke ausgeſetzt, und ſteigt und ſinkt, wie es der Geiſt im Men⸗ ſchen ſelbſt thut. Siehe auf alle unſre Brüder, und Keiner von ihnen erfrent ſich ewiger Blüthe und dauernden Glückes. Geht es mir anders? Und wenn ich freudig bekenne, daß ſehr wohlgethan, mir die Schwingen gelüftet und ſie von Feſſeln und Gewichten befreit hat, ſo habe ich doch noch immer von meinen Todfeinden, der Lüge, der Fälſchung, dem eingewurzelten Vorurtheil, der Kurzſichtigkeit und dem Urtheilsmangel, und wie ſie alle noch heißen, viel zu leiden und kann mich ihrer kaum erwehren!“— Die beiden Brü⸗ der reichten ſich die Hände und wondelten eine Strecke Weges neben einander. Aus dieſem ihrem Verſtändniß ent⸗ ſprang— der geſchichtliche Roman. Ob ſie hiermit ihrem Leidweſen wirklich abgeholfen, oder es nur gelindert, oder ſich mur neue ſchwache Seiten geſchaffen haben, wollen wir nicht entſcheiden.— Dichtung und Geſchichte widerſprechen ſich ihrem We⸗ ſen nach nur in einigen Punkten, in anderen kommen ſie mit einander überein. In Beiden muß die Wahrheit leben. Die innere Entwickelung muß hier wie dort folgerichtig, im innigſten Zuſammenhang von Urſache und Wirkung, aus naturgemäßen Vorausſetzungen hervorgehend ſein: ſonſt iſt Dichtung wie Geſchichte verfälſcht. Aber die Geſchichte darf mur gegebene Vorausſetzungen reproduziren, die Dich⸗ tung produzirt ſich die Vorausſetzungen ſelbſt; die Geſchichte muß den äußeren Gang, in welchem ſich die Entwickelung dieſe Neuzeit, die über den jetzigen Menſchen ſteht, mir IX als Perſönlichkeit und Thatſache manifeſtirte, treu nach der Wirklichkeit bewahren und wiedergeben, während die Dich⸗ tung ſich jenen frei ſchaffen kann, wenn ſie nur dieſe Kund⸗ gebungen den innern Motiven entſprechend zu finden und zu wählen verſteht. Im geſchichtlichen Roman giebt aber die Poeſie einen Theil dieſes ihres Vorrechtes auf, indem ſie die Grundelemente ihrer Geſtalten und Vorgänge der Ge⸗ ſchichte entlehnt, und damit die freie Waltung nicht unwe⸗ ſentlich beſchränkt. Aber auch die Geſchichte bleibt in ihm nicht ohne Opfer; denn ſie muß es ſich gefallen laſſen, daß die Dichtung dem von ihr gelieferten Stoffe ein inneres Leben einflößt, das nicht immer, noch weniger ganz der Wirklichkeit entſpricht. Wenn es daher die beſondere Auf⸗ gabe, welche die neuere Geſchichtsforſchung ſich geſtellt hat, iſt, das innere Leben der geſchichtlichen Erſcheinungen wieder⸗ zuſchaffen, und ein treues Bild der Motive und Charaktere aufzuſtellen: ſo tritt ihr der hiſtoriſche Roman hierin viel⸗ mehr hemmend entgegen, und zerſtört nicht ſelten ihre müh⸗ ſamſten Schöpfungen. Entlehnt derſelbe von der Geſchichte nichts weiter als den äußern Faden der Ereigniſſe, wie Namen, Stand und Zeit der Perſouen, den er noch dazu mit eigenem buntfarbigem Zuſchuß verſieht, und ihn nach Belieben ausſpinnt oder abſchneidet, ſo hat der Dichter ſich nur eine bequeme Aushülfe für den Mangel an ſchöpferiſcher M Phantaſie bereitet, ſein Werk wird aber nur mit Unrecht den Titel eines geſchichtlichem Romans ſich anmaßen. Die Folge wird die Verbreitung vieler falſchen Vorſtellungen geſchichtlicher Epochen und Perſönlichkeiten im großen Leſe⸗ publikum ſein, und die Geſchichte wird⸗ ſich hierüber mur zu beklagen haben. Der währe geſchichtliche Roman aber muß vielmehr den Zweck haben, einer vergangenen Zeit innerſtes Leben durch die dichteriſche Intuition aufzurollen, und dies durch ſelbſterfundene Details, durch eigen geſ chaffene Zwiſchen⸗ perſonen und Vorgänge zu ergänzen und um ſo eingänglicher and plaſtiſcher zu machen, wo die Geſchichte nur ſparſame und unzulängliche Mittel beſitzt, ſo jedoch, daß die Wahrheit des geſchichtlichen Lebens nicht geradezu zerſtört und verfülſcht wird. Es iſt dabei zu Lerücſſichtigen, daß die Geſchichte Alles, ſelbſt das Einzelnſte und Kleinſte, mur aus dem Ge⸗ ſichtspunkte des Ganzen und Großen betrachten darf; ſie muß überall fragen, was vorher, was zugleich und was nach⸗ her war; Alles iſt ihr mn ein Glied eines gewaltigen, un⸗ endlich fortſchreitenden Ganzen. Entgegengeſ etzt die Dich⸗ tung, ſelbſt im hiſtoriſchen Roman; ſie faßt ihren Gegen⸗ ſtand als ſelbſtändiges, abgeſchloſſenes Daſein, auf welches zwar von Außen eingewirkt wird, und das von Außen ab⸗ hängig iſt, aber in ſeiner innern Exiſtenz für ſich lebt, ſeine Kämpfe für ſein eigenes Weſen führt, und darin ſich auslebt. M Wos macht nun dem beſonderen Reiz des geſchichtlichen Romnis aus, und hat ihm eine ſo ſchnelle und große Ver⸗ breitung gegeben? Der Menſch liebt es, die Schattenbilder ſeiner Phantaſie der Wirklichkeit angehörig und entnommen zu wiſſen, und ſieht daher gern eine gewiſſe Bürgſchaft da⸗ für von der Geſchichte gewährt. Andeverſeits erfreut es ihn, bedeutende hiſtoriſche Erſcheinungen, welche die Geſchichte nur in großen Umiſſen und Zügen zeichnet, mit Fleiſch und Blut vor ſich vorüber wandeln zu ſehen, und in die Tiefe ihrer Gedanken⸗ und Gefühlswelt, wie ſie geweſen ſein mug, zu ſchauen. Aus dem großen Meere der Geſchichte tauchen die Inſeln, die vulkaniſchen Eilande und Felſen her⸗ vor; aber wir möchten ſie nicht blos als geographiſche Punkte, ſondern in ihrer ganzen eigenthümlichen Geſtaltung und mit allem Dem kennen, womit ſie die Zeit bekleidet hat, was ſie geſchaffen, getragen, und erlitten haben— Ob es dem Verfaſſer der folgenden Etzählung gelungen iſt, jener Aufgabe des geſchichtlichen Romans annähernd zu entſprechen, und die weſentlichen Forderungen an denſelben einigermaßen zu erfüllen, ſteht ihm zu beurtheilen nicht zu. Aber er hat mit Ernſt danach geſtrebt, den Charakter der Zeit und der Perſonen tren wiederzugeben, und die Haupt⸗ züge ſeines Gemäldes aus den weitzerſtrenten geſchichtlichen Notizen zu ſammeln. Doch er verhehlt ſich nicht, daß für XII ihn eine beſondere Schwierigkeit noch daraus entſprang, daß er nicht allein Geſchichte in der Reproduction der Dichtung geben, ſondern auch eine beſtimmte Tendenzfrage zu löſen verſuchen wollte. Seit langer Zeit betrachtet man es als eine geſchichtliche Räthſelfrage: wie ſich der jüdiſche Stamm mit ſeinem eigenthümlichen Glauben mitten durch die lange Reihe der Jahrhunderte, mitten durch den Wechſel der Ge⸗ ſchicke, mitten durch die zerſtörendſten Kämpfe der Völker, den Zuſammenſtoß von Welttheilen, den Einſturz von Thro⸗ nen und Staaten, und im ſteten Widerſtreit mit allen ſei⸗ nen Umgebungen zu erhalten vemochte? Alle Verſuche, dieſe Frage durch eine einſeitige Löſung zu beantworten, ſind geſcheitert. Noch intereſſanter wird aber dieſe Frage, wenn wir ſie auf jene Zeitperiode beſchränken, wo nach dem Untergange ſeiner ſtaatlichen Exiſtenz, nach der Zerſtörung ſeines kultuellen Mittelpunktes, ja nach dem Verluſte jedes geiſtigen und geiſtlichen Centrums, die zerſplitterte Exiſtenz jenes Stammes mehr als gefährdet erſcheint; auf jene Epoche, wo das junge Chriſtenthum nicht blos ſeinen rieſigen Geg⸗ ner, das Heidenthum, in den Staub warf und zertrümmerte, und die ganze Cultur des Alterthums auflöſte, freilich nicht ohne mächtige Reſte jenes und dieſer in ſich aufzunehmen und mit ſich zu amalgamiren, ſondern wo der Sieger auch ſein Schwert gegen Alles was ihm gegneriſch erſchien, alſo XIII auch gegen das Judenthum und den es treu bekennenden Stamm wandte, und ihm das Bürgerrecht der irdiſchen Welt, das ihm der Römet eingeräumt, entzog, ſo alle An⸗ hänger desſelben theils grauſamer Verfolgung, theils noch grauſamerer Ausſchließung unterwerfend; auf jene Zeit, wo zugleich von Norden her ein neues, jetzt noch barbariſches Men⸗ ſchengeſchlecht in die alten Kulturſtätten eindrang, und auf den Trümmern einer verlebten Civiliſation einen neuen kräftigen, aber noch rohen Beſtand gründete, wo alſo Alles, was bis dahin geweſen und gegolten, zuſammenbrach, und die Ruinen nur den Boden für eine neue Pflanzung des menſchenge⸗ ſchlechtlichen Lebens hergaben.— Wie auch unter ſolchen Kämpfen, Erſchütterungen, Umwälzungen und Wiedergebur⸗ ten, bei dem vernichtenden Andrang und der unermeßlichen Wucht ſo vieler feindſeligen Elemente der jüdiſche Stamm dennoch beſtehen blieb, ſich dennoch ein energiſches Leben wahrte, das damals noch viel weniger als ſpäterhin durch feſte, theils organiſche, theils verſteinte Formen zuſammen⸗ gebunden war? Dieſe ſchwierige Frage in ihren Haupt⸗ momenten zu beantworten, war die Aufgabe, die wir uns geſtellt, und ihre Beantwortung konnte der freien Waltung der Dichtung nur um ſo größere Schwierigkeiten ſchaffen. Wir konnten hier uns ſelbſt nur durch die Erwägung Muth einflößen, daß das vielfache Intereſſe, welches dieſer Vor⸗ wurf an ſich einflößt, uns zu Gute kommt, und in dem Gegenſtande ſelbſt ſo viele Herrlichkeit des menſchlichen Gei⸗ ſtes, ſo viele Kraft des Gemüthes, ſo viel Liebe und Treue, enthalten ſind,* er ale k„ den Leſer zu vermag. önf pntch Möge es uns giluejei nbem znutzii: Sehnen des Judenthums hierdurch ein Volksbuch im höheren Sinne des Wortes geſchaffen zu haben, in welchem ſie auch die— ſehen. 8 Verfaſſer. Erfter Cheil. Sepphoris. Tiefblauer Himmel Aſiens, warum wölbeſt du dich über ſo viele Einöden und Trümmer? Wo die Wiege der Menſchheit und des Menſchenthums ge⸗ ſtanden, ſo gewaltige Reiche erwuchſen, ſo viele üppige Städte geblüht; wo ſo viele Weiſe gewandelt, ſo viele Geiſter von den erſten Strahlen der Erkenntniß erleuchtet worden; wo die Kunſt ihre prächtigen Säulengänge aufgerichtet, und die Menſchenſeele ihren Flug zum Himmel nahm, wo der göttliche Geiſt durch den Mund von Sterblichen ſprach, die Wahrheit ihre Lehren verkündete, das Recht ſeine Grundſätze aufſtellte, und nun das geflügelte Wort über alle Räume der Erde ſeine Schwingen breitete— warum ſind da die Ebenen zu Steppen, die Berge zu kahlen Höhen, die Bäche zu trockenen Rinnſalen geworden, und die herrlichen Werke der Menſchen in den Schvoß der Erde geſunken, von Wüſtenſand und Gerölle bedeckt, oder als düſtere Ruinen von der allmächtigen Hand der Zeit in den Staub geworfen? Ich ſtand auf einem ſteil und abgeſondert ſich erhebenden Berge; ich erſtieg, durch wildes Geſtrüpp mich durcharbeitend, die Trümmerwand eines verfallenen Caſtells, das den Gipfel der Höhe krönte. Es war noch in den erſten Stunden des Vormittags, die Luft war vollkommen klar und heiter. Am Fuße der Höhe lag ein geringes Dorf, Sefurieh genannt, deſſen niedrige Lehmhütten von der Armuth und dem Elend ihrer Bewohner zeugten. Aber welch ein Rundgemälde breitete ſich vor meinem Blicke aus! Dort 4 lag die herrliche Ebene Esdraelon; zur Linken zeigten ſich über den Höhenzügen der runde Gipfel des Tabor, Spitzen des kleinen Hermon und des Gilboa und die waldbewachſenen Hügel, die ſich bis zum Carmel hinziehen, dann der lange Rücken dieſes Berges ſelbſt, deſſen Fuß die Wellen des Meeres beſpülen. Vor mir funkelte der Spiegel des Mittelmeeres in der Morgenſonne, wie eine weite Silbertafel, umrahmt von dem Goldſande der Küſte. Rechts aber kam aus kahlen Berggruppen die Ebene el⸗Büttauf heraus, von einzelnen Silberfüden der Winterbäche durchſchnitten, die ſich weiterhin in ein enges Felsthal zuſammendrängen, um den Kiſchon zu ſpeiſen, der am Fuße des Carmel in das Meer ſich ergießt. Von dem Rande dieſer Ebenen ſchaute ich über die Rücken von Bergzügen, die, einer über den andern anſteigend, zu⸗ letzt zu einem wilden Chaos von Höhen werden, über welches der majeſtätiſche Hermon mit ſeinem ewigen Schnee hoch in die Himmel ſteigt. So faßte mein Auge mit einem Blicke den Spiegel des Meeres, den Teppich der Ebenen, die kahlen Scheitel der Berge und die ſchimmernden Firnen des Libanon. Aber alle dieſe Herr⸗ lichkeit der Natur lag wie ohne Leben, wie von den Feſſeln des Todes gebannt, zu meinen Füßen. Ueberall blickte nur eine kärg⸗ liche Pflanzenwelt herauf, kaum da üppiger gedeihend, wo ſich ein ſchmaler Bach durch die Ebene wand; nirgends die mannigfaltige Bewegung der Thiere, außer daß drüben über den Bergen von Samarien ein Adler ſeine weiten Kreiſe zog; nirgends das geſchäf⸗ tige Gewühl der Menſchen auf den Straßen, die ſie ziehen, auf den Fluren, die ſie bebauen, und außer dem elenden Dörfchen zu meinen Füßen keine Menſchenſtätten in dem weiten Umkreiſe, als das Eliaskloſter auf dem nördlichen Ende des Carmel und in weiter Ferne die Mauern von Safed an der Hüfte eines ragen⸗ den Berges! 5 Biſt du das, Land Juda's? Einſt ſo reich an Städten und Flecken, ſo ergiebig an Korn und Moſt, an Oel und Datteln, fließend von Milch und Honig, einſt ſo dicht bevölkert, wie ein Luſtgarten blühend— und jetzt ſo todt und verödet, daß ſelbſt der Löwe und der Bär deine Bezirke fliehen, und nur der Schakal ſein nächtliches Gehäul durch die menſchenleeren Steppen tönen läßt? Und doch biſt du kein Grab; denn deine Kinder leben noch. Du haſt ſie nicht mit deinem Sande und deinen Ruinen ver⸗ ſchüttet, ſondern ſie zogen nur hinaus über alle Meere und Länder und gedenken dein und zeugen von dir. Wie iſt dies alſo ge⸗ kommen? Ich wußte, wo ich ſtand. Wo das verfallene Caſtell ſeine zerbröckelnden Wände hebt, ſtand einſt die Veſte Sepphoris, und um ſie lagerte rings an allen Seiten des Berges und noch weit in die Ebene hinab die Stadt, die volkreiche und wohlgebaute, die Königin Galiläas, gewerbreich und eine feſte Wehr zugleich. Sie iſt verſchwunden von dem Erdboden; noch lebt ihr Name in dem armſeligen Dorfe da unten. Noch vor wenigen Jahrzehnten blühete es, denn zahlloſe Bienenſchwärme brachten aus den Ebenen und den Haiden ihren Honig dahin, zu lohnendem Ertrage für die Bewohner. Aber die Beherrſcher des Landes ſogen auch das letzte Beſitzthum der Verarmenden aus, und die Räuberhorden der Beduinen zerſchlugen die Bienenſtöcke, und ſo werden nur wenige Jahre noch hinziehen, und auch dieſe Erdhütten werden verſchwun⸗ den ſein. Und doch ruhen auf ihnen die Schatten einer großen Vergangenheit und laſſen dieſen Fleck Erde nicht in dem Gedächt⸗ niß der Menſchen verlöſchen. War es doch hier, wo die Nach⸗ kommen Inda's, als ſchon Jahrhunderte über das zerſtörte Zion hinweggegangen, zum letzten Male das Schwert gegen den grau⸗ ſamen Römer erhoben, wo zum letzten Male das Todesröcheln der 6 Krieger Juda's gehört ward; war es doch dieſe Stätte, von welcher die letzten Söhne Iſrael's dem Lande ihrer Väter entflohen, und für Jahrtauſende, die noch nicht geendet, ihm den Rücken zuwandten. Vorüber, Schatten des Herodes, der dieſe Veſte mit ſtürmen⸗ der Hand genommen; vorüber, Schatten des Varus, der ſie in Aſche gelegt, bevor er ſeine Legionen in den Wäldern Germaniens begrub; vorüber, ihr Schatten der Kreuzfahrer, die ihr in prun⸗ kendem Pomp an der großen Quelle von Sefurieh gelagert am Tage vor der Niederlage bei Hattin, und Du, edelherziger Sala⸗ din, deſſen wilde Schaaren dieſes Caſtell zum letzten Male ge⸗ brochen— Ihr Alle ziehet vorüber, denn Ihr waret doch nur dahingleitende Figuren in dem großen Drama dieſes Landes. Kehren wir vielmehr ein in der mächtigen Veſte, als ſie ihre zahl⸗ reichen Bewohner, ihre vielen Synagogen und Lehrhäuſer, blühen⸗ des Gewerbe und unermüdliche Thätigkeit umſchloß— aber ihre Tage waren gezählt, und der Feind, der die ſtolze Palme nieder⸗ ſchmettern ſollte, rückte heran. £ Das Weſtthor von Sepphoris ſtand weit offen, und durch ſeine dunkle Wölbung ergoß ſich der Strom der Bewohner. Ein Theil derſelben hatte bereits die letzten Wälle der ſtark befeſtigten Stadt überſchritten und zu beiden Seiten der großen Straße, welche gen Nordweſt nach Munda und von da nach Akko führte, die angrenzenden Felder beſetzt. Aber immer mehr Maſſen brachen aus der Stadt und mußten immer weiter ziehen, um Platz an der Heerſtraße zu finden. Es war ein Gewühl von Männern, Jünglingen und Knaben aus allen Ständen und Gewerben, in die bunteſten Gewänder gekleidet. Aber kein weibliches Weſen war unter ihnen zu ſehen. Draußen auf den Feldern längs der Straße vertheilten ſie ſich in Gruppen, ſtanden, hockten nieder oder bewegten ſich von einer Stelle zur andern. In Allen ſchien eine große Aufregung zu herrſchen, und dies that ſich inſonders durch die lebhaften Geſpräche kund, die ſich überall anſpannen, ſo daß ein Toſen vieler Stimmen über der ganzen Menge ſchwebte. Nicht minder lebhaft ging es auf den Straßen der Stadt zu. Aus den kleinen Pforten der Außenmauern aller Häuſer kamen immer mehr Leute heraus und nahmen ihren Weg nach der breiten Hochſtraße, welche vom Weſtthore durch die ganze Stadt zu dem auf der Höhe gelegenen Caſtell anſtieg. Dieſes Caſtell nahm nicht blos die höchſte Stelle der Stadt ein, ſondern bildete auch den Mittelpunkt derſelben. Denn nach allen Seiten hin liefen von der Höhe die Straßen der Stadt hinunter in die Ebene, allerdings nicht in regelmäßiger Form, ſondern wie man in der 8 Vorzeit die Abdachung des Berges nach den verſchiedenen Seiten hin zum Anbau von Häuſern mehr oder weniger geeignet gefunden, ſo daß dann durch Quergaſſen die herunterſteigenden Straßen wie⸗ der verbunden waren. Hieraus war ein Knäuel von Staßen und Gaſſen entſtanden, in welchem der Fremde nur ſchwer ſich durch⸗ zufinden vermochte. Bald war die Hochſtraße von Menſchen an⸗ gefüllt, zwiſchen denen nur ſchwer die Mitte frei gehalten werden konnte. Hier war es denn, wo man auch Frauen und Mädchen unter der Menge erblickte, die ſich aber ſtets am Eingange der Nebenſtraßen aufhielten, wie um ſich den Weg frei zu halten, wenn es galt, dem Schauplatze der Neugierde zu entfliehen. Je lebhafter es in und vor der Stadt zuging, deſto ſtiller und ge⸗ räuſchloſer war es auf dem Caſtell und in deſſen nächſter Um⸗ gebung. Auch ſein Thor war geöffnet, und man konnte von unten ſehr wohl den finſtern Schatten erkennen, der deſſen Ein⸗ gang bezeichnete. Aber vor ihm war eine Anzahl gewaffneter Soldaten aufgeſtellt, die regungslos auf ihrem Poſten ſtanden, und auf den Mauern des Caſtells ſah man einzelne Wachen hin und her ſchreiten. Der Strahl der Morgenſonne ſandte von den Panzern, Schilden und Waffen dieſer römiſchen Krieger fun⸗ kelnde Blitze hinunter, aber kein Laut, nicht einmal Waffengeklirr drang von der Höhe in das Thal hinab. Ungeführ eine Viertelſtunde von der Stadt war auf der Straße und den angrenzenden Feldern ein ziemlich großes Viereck abgeſteckt und zu einer Tenne geebnet. Man hatte es durch einen Zaun eingeſchloſſen, der durch daran gebundene Sträucher ein friſches Ausſehen erhalten. Wo die Straße in dieſes Viereck ein⸗ trat, war aus Palmenzweigen eine Art Triumphbogen aufgerichtet. Der Eintritt in dieſes Viereck war Niemandem geſtattet, und einige handfeſte Jünglinge hielten den Eingang beſetzt, um jeden Ein⸗ 9 dringling zurückuweiſen. Bewaffnet waren ſie nicht, aber ſie hatten ſtarke, lange Stäbe in den Händen, die, weiß gefärbt, zum Zeichen ihres Amtes dienten, ſie aber auch befähigten, wenn es koth that, empfindliche Hiebe auszutheilen. Um dieſes Viereck drängte ſich daher die Maſſe am meiſten, ſo daß die Jünglinge Mühe hatten, ſich auf ihrem Platze zu erhalten und ſich ihrer Stäbe bisweilen ſchon bedienen mußten. Bei all dieſer Unruhe und dieſem Lärmen konnte man dennoch wahrnehmen, daß es wohl keine freudige Veranlaſſung war, welche die ſonſt ſo thätige und geſchäftige Bevölkerung der Stadt auf die Straßen und vor das Thor gedrängt habe. Nirgends vernahm man Ausbrüche der Luſt oder nur der Volksheiterkeit; von Scherzen und Schwänken, die ſonſt, wo Haufen des Volkes ſich umhertreiben, niemals auszu⸗ bleiben pflegen, hörte man nichts; eher ruhete eine ernſte, ja ängſtliche Spannung auf allen Geſichtern und Geſtalten, die ſich nur darum noch in Wort und Bewegung einige Freiheit geſtat⸗ teten, weil der Gegenſtand der Befürchtung noch nicht da war. Endlich erhob ſich in der auf der Heerſtraße befindlichen Menge der Ruf:„Platz gemacht! Das Sanhedrin kommt!“ und die Maſſe theilte ſich, um dem herannahenden Zuge freien Raum zu gewähren, während dieſer ſich langſam vom Stadtthore nach jenem Viereck hinbewegte. Die Männer, welche dem Sanhedrin von Sepphoris angehörten, gingen paarweiſe hintereinander, nur daß der Vorſteher desſelben ihnen einzeln voranſchritt. Die Erſten des Zuges waren zwei hochbejahrte Greiſe mit langen Silber⸗ bärten, und nur die Schwäche, die ihrer Haltung ſichtlich aufge⸗ prägt war, minderte in etwas das ehrwürdige Ausſehen, welches ebenſo durch den geiſtigen Ausdruck ihres Geſichtes, wie durch die Würde und heilige Ruhe, die aus ihren Zügen und Geſtalten blickte, bewirkt ward. Die andern Männer des Zuges glichen 10 ihnen darin wenig; ſie waren ſämmtlich aus den mittleren Lebens⸗ jahren, theils derbe, theils ſchwache Geſtalten, alle aber ohne be⸗ ſondere Haltung, ohne mehr als gewöhnlichen Ausdruck. Auffal⸗ lend war es, daß der voranſchreitende Vorſteher des hohen Rathes ein noch ſehr junger Mann war, kaum über die Hälfte der zwan⸗ ziger Jahre hinaus. Aber ſeine Erſcheinung war darum doch nicht ohne Bedeutung. Er war von Geſtalt groß, ſchlank und kräftig und trug das wohlgeformte Haupt ſtolz aufgerichtet. Sein eben⸗ mäßiges, von einem ſtarken ſchwarzen Barte umrahmtes Geſicht trug den Ausdruck einer tiefen, langgenährten Trauer, und die etwas harten Züge um ſeinen Mund bewieſen, daß durch dieſe Seele ſchon ſchwere Kämpfe hindurchgegangen. Deſto feuriger blitzte ſein dunkles Auge, das lebhaft über alle Dinge um ihn her⸗ ſchweifte und ſie ſchnell in ſich aufzunehmen ſchien. Solche Augen zeugen von einem hohen, idealen Feuer, das im Geiſte brennt, und dennoch zugleich von der Fähigkeit, die Dinge in ihrer Wirk⸗ lichkeit zu beurtheilen und ſie praktiſch zu verwerthen. Die Zahl der Mitglieder des Sanhedrins einſchließlich ihres Vorſtandes war drei und zwanzig, wie bei allen dieſen örtlichen Gerichts⸗ höfen. Ihre Kleidung glich ſich mit etwa kleinen Verſchiedenheiten des Schnittes; ſie trugen weiße Unter⸗ und Obergewänder von feinem Linnen und großer Sauberkeit; von derſelben Farbe war der Bund, mit welchem ſie ihr Haupt umhüllt hatten, und nur der Gürtel, der ihr Obergewand umſchloß, war von beliebiger Farbe. Aber auch hierin unterſchied ſich der voranſchreitende Vor⸗ ſteher von den übrigen, denn er hatte über dieſer Kleidung noch einen Ueberwurf von einem feinen Thierfell, carmoiſinroth ge⸗ färbt und auf der Bruſt von einer goldenen Spange zuſammen⸗ gehalten. In der Hand trug er einen großen vergoldeten Schlüſſel. Wie ſich dieſer Zug auf der Heerſtraße nach dem Viereck 11 hinbewegte, hörte man immer von Neuem den Ruf:„Platz dem Sanhedrin!“ Die Menge wich auscinander, und wo dies nicht ſchnell genug geſchah, halfen einige vorangehende Gerichtsboten mit langen, ſchwarzen Stäben nach. Alle Welt blickte achtungs⸗ voll auf den Zug, aber ſtillſchweigend, und wenn eine einzelne Stimme dann und wann:„Es lebe das Sanhedrin!“ anhob, verhallte ſie ſchnell wieder, unbeantwortet von der Menge. Die Zeit und Gelegenheit mochte wohl nicht dazu angethan ſein, ſolche Jubelrufe und Ausbrüche freudigen Beifalls hervorzulocken. Das Sanhedrin war endlich an das Viereck gelangt, wo die jungen Leute ihre weißen Stäbe mit allem Aufwande von Kraft ausge⸗ ſtreckt hielten, um nur nothdürftig ein Spalier zu bilden, durch das jenes in den umzäumten Raum einziehen könne. Nahe am Eingang ſtanden hinter einem ſolchen Jüngling zwei Männer, wie es ſchien, ehrſame Bürger. Der eine wandte ſich zum andern und ſprach:„Freund Hunna, kannſt Du mir ſagen, warum das Sanhedrin für heute dieſen jungen Mann zum„Vater des Ge⸗ richtshofes“(Ab beth din) gewählt hat? Doch nicht weil er der reiche Patrika iſt? Die Römer wiſſen ſchon allein, wo was zu holen iſt, man braucht ſie nicht erſt mit Fingern darauf zu weiſen. Und es iſt gewiß doch wider Recht und Sitte und wird auch keinen guten Eindruck bei unſern Widerſachern, Gott ver⸗ tilge ſie! machen, wenn man die Jugend dem Alter voranſtellt.“ „Das hat man auch nur gethan, weil es nicht anders ging⸗ Siehſt Du, Eldad,“ erwiderte der Angeredete,„unſere beiden großen Gelehrten, Gott erhalte ſie! Rabbi Jona und Rabbi Joſé, können beide nicht römiſch ſprechen; ſie verſtehen es wohl, denn ſie haben ja einſt in dem großen Sanhedrin in der heiligen Stadt Tiberias geſeſſen, und ein jeder, der darin ſitzt, verſteht ſiebenzig Sprachen, denn ſo viel Sprachen giebt es, und das große 12 Sanhedrin muß Jeden, der vor dasſelbe tritt, in ſeiner Mutter⸗ ſprache verſtehen können. Aber ſie ſprechen es nicht, weil es eine unreine Sprache iſt, die Sprache unſerer Feinde und Unterdrücker. So ein Wort darf nicht über ihre heiligen Lippen kommen. Die übrigen Mitglieder verſtehen aber alleſammt von den Sprachen keine außer der griechiſchen, die wir Alle ſprechen; verſteht ſich die heilige Sprache der göttlichen Thora ausgenommen. Dieſer junge Patrika iſt der einzige unter ihnen, der römiſch ſpricht, und da mußte man ihm wohl den Vortritt einräumen, um die Anrede an den furcht⸗ baren Feldherrn zu halten, deſſen Einzug wir hier erwarten.“ „Das wundert mich aber ſehr, Hunna, daß Ihr ſo unge⸗ lehrte Männer in Euer Sanhedrin ſetzt, da halten wir es in Safed doch anders, und ſolche junge Männer laſſen wir nun erſt recht nicht hinein.“ „Wie Du's weißt, man ſchnitzt Stäbe eben nur aus einem Holze, das man hat. Leider Gottes! Die Zeiten haben ſich geän⸗ dert. Der frommen und gelehrten Männer werder immer wenigere, und unter der Zuchtruthe Gottes über ſein armes Volk ſterben ſie immer mehr aus. Sind wir doch ſchon froh, wenn wir geſcheidte und rechtliche Bürger finden, die noch etwas vom heiligen Geſetze verſtehen, um ſie in das Sanhedrin zu bringen, mögen ſie Bäcker, Gewürzkrämer oder ſonſt etwas ſein.“ „Wahrhaftig, Du haſt Recht, da ſehe ich ja auch den Bäcker Marcus unter ihnen, der bei meinem Bruder in Safed oft genüg ſeinen Bedarf an Waizen kauft. Er mag freilich von der Gelehr⸗ ſamkeit herzlich wenig verſchluckt haben.“ „Nun, nun, wir haben Gelehrte in der Vorzeit genug gehabt, von großem Anſehn, die nur Schuſter oder Holzhauer waren und doch aus der Quelle der lebendigen Wahrheit geſchöpft hatten. Bei unſerm Volke, weißt Du, macht Geburt und Stand nichts 13 aus, wenn nur Frömmigkeit und Gelehrſamkeit da iſt, und ſo ſoll es bleiben für alle Zeiten.“ „Um ſo mehr wundert es mich, daß Ihr einen ſo jungen Menſchen, wie den Patrika, ſeines Reichthums wegen zu ſo hoher Würde erhoben habt. Das muß man nicht dulden, das darf man nicht aufkommen laſſen, wenn nicht Alles zu Grunde gehen 4 „Da irrſt Du doch ſehr, Eldad, Patrika—“ Der Sprecher hatte nicht Zeit, ſeinen Satz zu denn der Jüngling, hinter welchem die Männer ihr Geſpräch ge⸗ führt, drehte ſich raſch um und fiel ihnen in die Rede: „Was wißt Ihr vom Patrika, Ihr Schwätzer, muß es Euch nicht genug ſein, daß das Sanhedrin dieſen jungen Mann zu dieſem hohen Amte gewählt hat? Seht, das iſt alter Wein in einen neuen Schlauch gefüllt, und das iſt viel beſſer, als abgeſtan⸗ dener Moſt in einem zerſchliſſenen Ziegenfell. Euch freilich, die Ihr unten ſteht, erſcheint die Ceder auf der Höhe klein, während ihr Gipfel ſchon in die Wolken reicht. Und wißt Ihr nicht, daß in ſeinen Adern königliches Blut fließet? Seine Mutter war die Schweſter des großen Patriarchen Hillel, des Fürſten, den Gott erhalten möge! Heil dem, den dieſer junge Aar auf ſeine Schwingen nimmt und mit ſich emporträgt! Aber—“ Der junge Mann mußte den Fluß ſeiner Rede einhalten, denn während derſelben hatten die Umſtehenden die Unterbrechung ſeiner Aufmerkſamkeit benutzt, um ſich vorzudrängen, und er hatte genug zu thun, um die Ordnung leidlich wieder herzuſtellen. Der Bürger von Safed flüſterte dem Bürger von Sepphoris leiſe in das Ohr:„Wer iſt dieſer Grobian, der ſein Loblied auf den Reichen nicht ohne Schimpf für uns laſſen konnte?“ „Riechſt Du das nicht, lautete die Antwort, es iſt ein Gerber, Amnon ſein Name, und ein Milchbruder Patrika's.“ In dieſem Augenblicke war das Sanhedrin in das Viereck eingezogen und ſtellte ſich alsbald auf der rechten Seite der Heer⸗ ſtraße auf, dieſe frei laſſend. Man brauchte nicht lange mehr zu warten. Die Straße nach Munda zog ſich über einen wellen⸗ förmigen Boden, der in einiger Entfernung zu kleinen Hügeln anſchwoll. Jetzt hörte man bereits die Tuba's und Hörner der römiſchen Legion aus der Ferne ſchmettern, und bald erſchienen blinkend im Sonnenſtrahl die erſten Reiter auf der Spitze der nächſten Hügelreihe. Sie ſprengten zur Ebene herab, während immer neue Züge von Reitern auf der Höhe ſichtbar wurden. Bei dem erſten Tone der Inſtrumente und dem Anblick der erſten Reiter trat eine lautloſe Stille in der unabſehbaren Menge, die zwiſchen der Stadt und dem Viereck verſammelt war, ein; Jeder⸗ mann hatte ſeine Stelle eingenommen und verblieb auf derſelben. Doch wollen wir nicht verſchweigen, daß ſich die Menſchen doch etwas von der Straße auf beiden Seiten zurückgezogen hatten, wie um mit den gefürchteten Kriegern nicht in allzu nahe Be⸗ rührung zu kommen. Bald kam die glänzende Leibwache, die Cohorte der Prätorianer, heran und zog ſchweigend durch das Viereck und auf der Heerſtraße weiter, voran der ſilberne Adler auf der hohen, mit Silberblech überzogenen Stange, die auf gol⸗ denem Schildchen mit dem Bildniß des Kaiſers geziert war. Ihre Rüſtungen und Waffen ſchimmerten von Gold und Silber; es waren auserleſene Männer von hoher Geſtalt und edlererm Aus⸗ ſehen. Hinter ihnen folgte eine Abtheilung Reiterei in Eiſen⸗ panzern, Thierfelle über die Schultern geworfen, wilde, trotzige Geſtalten aus Thracien und dem noch ferneren Germanien. Nach einigem Zwiſchenraume kam auf milchweißem Roſſe, das mit gold⸗ belegten Zügeln und einer Purpurſchabracke geziert war, der Feld⸗ herr Urſicinus. Er war von mittlerer Statur, aber von breiter, 15 gedrungener Geſtalt; die wilden Züge ſeines Geſichts waren zum Theil von einem röthlichen Barte bedeckt, kleine, ſtechende Augen funkelten ein erſchreckendes Feuer aus, und der goldene Helm, auf welchem ein Adler von demſelben Metalle ſeine breiten Schwingen ausſtreckte, bedeckte das ſtruppige und ſtarke Haar, das rund um den Nacken abgeſchnitten war. Alles an ihm verrieth eine wilde Kraft, die jedoch von Liſt und Schlauheit geleitet werde. Als er des laubumſchloſſenen Vierecks anſichtig wurde, hielt er einen Augenblick ſein Roß an und ſein Auge ſchweifte über die dort verſammelten Männer, ſo wie über die weiterhin bis zur Stadt dicht gedrängten Volksſchaaren hin. Dann ſprengte er raſch in das Viereck hinein und hielt abermals an. Da trat Patrika einige Schritte näher und redete den römiſchen Feldherrn, die Rechte mit dem goldenen Schlüſſel erhebend, mit den Worten an: „Durchlauchtigſter Feldherr, der im Namen unſeres erhabenen Kaiſers die tapferen Legionen Roms gegen den Feind von Oſten führt, das Sanhedrin der getreuen Stadt Sepphoris naht ſich Dir, um ſeine Huldigung darzubringen und den Schlüſſel—“ Mit einer heiſern ſtarken Stimme, die ſchneidend in das Ohr und wohl auch das Herz der Hörer eindrang, unterbrach Urſicinus den Redner und ſagte:„Was maßt Ihr Euch an, Ihr niedrigen Ge⸗ ſellen, hier mit Eurem Schlüſſel zu erſcheinen— ein römiſcher Feldherr braucht Euren Schlüſſel nicht; der Schlüſſel zu tauſend Städten hängt an ſeiner Seite. Ihr ſeit Selaven und habt ſchweigend meine Befehle zu erwarten. In einer Stunde erſcheint Ihr im Caſtell, um ſie entgegen zu nehmen; aber nicht in Begleitung von ſo vielem Geſindel, drei von Euch genügen; das iſt ſchon mehr als ich zu ſehen brauche.“ Hiermit wandte er ſich ab und gab ſeinem Roſſe die Sporen. Dieſes bäumte ſich und ſchlug aus, daß Patrika ſich ſchnell gegen die beiden Greiſe werfen und ſie 16 zurückziehen mußte, damit ſie nicht von den Hufen des Pferdes niedergeſchmettert würden. Dann ſchoß es wie ein Pfeil den Reiter⸗ ſchaaren nach. Entſetzen malte ſich auf allen Geſichtern. Die Worte des Römers waren weithin über das Viereck gehört wor⸗ den, und das Volk murmelte ſie ſchnell von Haufe zu Haufe weiter, nachdem einige Kundige ſie eiligſt in der landesüblichen Sprache mitgetheilt. Schrecken verbreitete ſich überall, denn ſolch eines rauhen und drohenden Empfanges hatte man ſich nicht ge⸗ wärtigt. Man vergaß die Schmach, die dem Sanhedrin ange⸗ than worden, über die Gefahren, welche ſchon die nächſte Zeit bedroheten. Kaum war daher das Gefolge des Feldherrn vorüber und die Reihen der Legionäre noch nicht herangezogen, als die Männer des Sanhedrin in großer Verwirrung ſich aus dem Viereck drängten und quer über die Felder eilten, um auf einem anderen Wege durch ein anderes Thor in die Stadt zurück zu gelangen. Ihnen folgte das Volk, wenigſtens zum Theile, wäh⸗ rend andere Haufen ſich nach Süden zerſtreuten, um auf andern Wegen dasſelbe Ziel zu erreichen. Als die Cohorten näher kamen, fanden ſie die ganze Stätte leer, und nur mit höhniſchen Spott⸗ reden wieſen die Soldaten auf die fernhin eilenden Bürger. Der römiſche Feldherr war in übelſter Laune in das Caſtell von Sepphoris eingezogen. Er hatte Grund dazu. Damals rangen um die Herrſchaft in Aſien die Römer und die Perſer. Der Tigris war die Grenze beider Reiche; aber keine Grenze, die durch feierliche Verträge als rechtlich ſicher geſtellt angeſehen wurde. Zwiſchen dem Orient und Occident gab es keinen Frieden, ſondern nur einen ewigen Kampf. Die wilden Völkerflutheu des Oſtens rangen nach Herrſchaft, ſoweit ſie dieſe ausdehnen konnten. Die Kriegskunſt und Mannszucht des Weſtens vertheidigte ſeinen Beſitz, denn er wußte wohl, daß je mehr er zurückwiche, der ungeſtüme Feind deſto weiter vorwärts dringe. Der große Länderſtrich, welchen der Tigris und der Euphrat umfließen, war der Schauplatz der Jahrhunderte währenden Kämpfe zwiſchen den perſiſchen Herrſchern und den römiſchen Imperatoren; jene führten ihre zahlloſen Schaaren über den Tigris nach dem zum Theil üppig fruchtbaren Meſopotamien, dieſe ſandten ihre tapferſten Legionen immer von Neuem eben dahin. Auf dem Cä⸗ ſarenthrone ſaß jetzt Conſtantius, der Sohn des Chriſt gewor⸗ denen Conſtantin; die Perſer wurden von dem tapfern und wilden Sapor beherrſcht. Am römiſchen Hofe waltete die Intrigue und es kam darauf an, welcher von den Günſtlingen des Kaiſers ſich am tiefſten in ſeine Gunſt zu ſchleichen, die Andern zu verdäch⸗ tigen und zu ſtürzen vermöchte. Lange kämpften Euſebius und Antoninus um Sieg oder Fall. Euſebius überwand, und Anto⸗ 2 18 ninus konnte von Glück ſagen, daß er, die Zeichen des nahenden Sturmes auf der Stirn ſeines Gebieters erkennend, zur' rechten Zeit entflohen war. Er nahm ſeinen Weg zu den Perſern, und bekannt mit allen Perſönlichkeiten, Hülfsmitteln und Schwächen des Reiches, war er für Sapor ein kluger, unſchätzbarer Rath⸗ geber. Der Perſer hatte alle ſeine Kräfte aufgeboten, um endlich Meſopotamien zu überwältigen, den Euphrat zu überſchreiten und in Syrien einzudringen. In früheren Jahren hatte Conſtantius den Einfällen der Perſer ſeinen Feldherrn Urſicinus entgegengeſtellt, und dieſer hatte ſie ſtets abzuwehren und zurückzutreiben verſtanden. Aber Urſicinus war dem flüchtigen Antoninus befreundet geweſen, Euſebius betrachtete ihn deshalb als ſeinen Feind und ſuchte ihn zu verderben. Als daher die Kunde von dem neuen Einfall Sapor's über den Tigris nach Rom kam, beredete der Günſtling den von ihm beherrſchten Kaiſer, ſeinen Vetter Sabinianus als Feldherrn gegen die Perſer zu ſchicken, und ihm Urſicinus unter⸗ zuordnen, ſo daß dieſer von deſſen Befehlen gänzlich abhängig ſein ſolle. Er dachte, daß jeder glückliche Erfolg des Feldzuges dem ebenſo unfähigen wie trägen Sabinianus zugeſchrieben, jeder Unfall aber dem Urſicinus zur Laſt gelegt werden ſollte. Wohl erkannte dieſer die Schlinge, die ihm gelegt war, aber er mußte gehorchen, und ſelbſt ſein Freund, der Cäſar Gallus, welchem Aſien als Statthalterei zuertheilt war, vermochte ihn nicht zu ſchützen. So zog er mit der Aſten Legion nach Syrien, entſchloſſen, mit aller Kraft und Anſtrengung wenigſtens den Euphrat zu halten und dem übermächtigen Feinde den Uebergang zu wehren, den Sabinianus aber, da er es doch nicht hindern konnte, den weiteren Krieg führen zu laſſen nach ſeinem Belieben. Er ſah die dunkle Wolke, die ſich über ſeinem Haupte ſammelte, fühlte aber, daß er ebenſo wenig ſie ſich zu entladen verhindern könnte, wie der Landmann, 19 der die Hagelſchauer auf ſeine Saaten niederfallen ſieht. Seine Seele knirſchte vor Wuth und ließ dieſe Alle empfinden, die mit ihm in Berührung kamen. Sein Weg führte ihn durch Galiläa, und er beſchloß in der Bergveſte Sepphoris ſo lange Raſt zu machen, bis er von den Bewegungen des Feindes, der bereits tief in Meſopotamien eingedrungen war, genauere Nachrichten erhalten hätte. Galiläa war damals noch vorzugsweiſe von den Jüden bewohnt, unter welchen nur hier und da eine Anzahl Griechen und Samaritaner zerſtreut waren. Während Judäa öde und verwüſtet dalag, da die Nachkommen ſeiner früheren Bewohner aus ihm ver⸗ bannt waren, hatten dieſe ſich in Galiläa angehäuft und innerhalb gewiſſer Grenzen faſt wieder ein nationales Leben begonnen. Unter den galiläiſchen Städten war es wiederum Sepphoris, welches, obſchon Tiberias der Sitz des Patriarchen und des großen San⸗ hedrin war, den Vorrang einnahm, weil ſeine Bewohner, nur Juden, durch Gewerbthätigkeit wohlhabend und durch ſeine Feſtig⸗ keit vor allen Plünderungen von Streifparteien und Räuberhaufen geſchützt waren. Aber Urſicinus haßte die Juden noch aus zwie⸗ fachem Grunde, zuerſt als Römer, der überall, wo er die Juden in größerer und unvermiſchter Menge und in einer gewiſſen Selb⸗ ſtändigkeit fand, in ihnen hartnäckige Feinde und, wo ſich die Ge⸗ legenheit bot, Verräther witterte, was ihm jetzt um ſo näher zu liegen ſchien, als ein überwiegender Theil Juden friedlich unter der Herrſchaft der Perſer wohnte und in beträchtlicher Zahl im Heere diente, ſo daß die Vermuthung nicht fern lag, es beſtehe eine geheime Verbindung zwiſchen den Juden in Babylonien und denen in Syrien. Waren doch die jüdiſchen Schulen in Baby⸗ lonien bereits zu hoher Blüthe gediehen, ſo daß vor ihrem Glanze die paläſtinenſiſchen Schulen erblichen, Jünglinge aus Paläſtina nach den babyloniſchen Lehrhäuſern zogen, um ſich in jüdiſcher 20 Weisheit auszubilden, und bisweilen als angeſehene Lehrer in ihre Heimath zurückkehrten. Auch hier dachte man, daß die Gemein⸗ ſamkeit religiöſer Studien politiſchen Plänen zur Hülle oder zum Mittel diente. Urſicinus glaubte ſich daher unter der jüdiſchen Bevölkerung ſchon wie auf feindlichem Boden. Alsdann war er aber auch ihr Widerſacher als eifriger Chriſt. Mit dem Be⸗ kenntniß des Kaiſers Conſtantin zum Chriſtenthum hatte dieſes zwar einen Sieg errungen, aber durchaus noch keinen vollſtändigen. Noch ſtanden dem Heidenthum große Volksſchaaren, einflußreiche Männer und viele Reichthümer zu Gebote. Das früher ſo hart verfolgte Chriſtenthum konnte daher den Kampf noch nicht aufgeben, und jemehr es zugleich politiſche Partei war, deſto mehr mußte es ſich gedrängt fühlen, Alles was ihm noch Widerſtand leiſtete, niederzuwerfen. War es nun gegen das zuſammenbrechende Heiden⸗ thum ſiegender Kämpfer, ſo trat es gegen das längſt wehrloſe Judenthum als Verfolger auf, und ſchliff bereits die Waffen gegen dasſelbe, welche das Heidenthum in den früheren Jahrhunderten gegen das Chriſtenthum verwendet hatte. Obgleich der Kaiſer Conſtantius dem Chriſtenthume anhing und durch große Geſchenke und Vorrechte die Kirche und ihre Prieſterherrſchaft begünſtigte und groß machte, ſo hatte er ſich doch noch nicht öffentlich zu ihm bekannt, was aber bald geſchah. Um ſo mehr ſuchten ſeine Beamten den größtmöglichen Schaden allen nichtchriſtlichen Parteien zuzu⸗ fügen und dem Siege ihrer Religion nachzuhelfen. Mit ſolcher Geſfinnung und in ſolcher Stimmung hatte Urſicinus das Caſtell von Sepphoris bezogen. Es war noch nicht eine Stunde vergangen, als Patrika in Begleitung zweier anderer Mitglieder des Sanhedrin in das Caſtell eintrat. Auf der Hochſtraße und vor dem Caſtell ſtanden noch die römiſchen Legionäre, der Anweiſung zu ihren Quartieren ge⸗ uhe— 21 wärtig. So düſter das äußere Ausſehen des Caſtells auch war, ſo barg es doch außer den Vorkehrungen, die zu ſeinem militäri⸗ ſchen Zwecke nothwendig waren, auch Räume in ſich, die auf das prachtvollſte ausgeſtattet waren und den üppigſten Anſprüchen des jeweiligen Commandanten zu genügen vermochten. Eine, wenn auch nicht große, doch herrliche Gartenanlage war— ein Wunder auf ſolcher Höhe— mit einem köſtlichen Springbrunnen geziert, der ſeinen Strahl ſo hoch in die Luft hob, daß zu allen Tages⸗ zeiten die Sonne ihren goldenen Glanz darüber goß und ihn in allen Farben des Regenbogens ſchimmern ließ. Der im Caſtell befindliche, tief in den Felſen eingeſprengte Brunnen ſpeiſte die Cascade reichlich mit Waſſer, und ein kunſtvoll gearbeitetes Mar⸗ morbecken fing in Abſätzen den plätſchernden Waſſerſturz auf. Rings um den Garten führte eine hohe Arkade, die von den Römern mit Marmorſtatuen ausgeſchmückt und deren Fuß⸗ boden von köſtlichem Moſaik gebildet war. Eine hohe Pforte von Cedernholz mit herrlichem Schnitzwerk und goldenen und ſilbernen Zierrathen führte in das Innere der Prunkgemächer. Die drei Männer der Stadt traten in das Vorzimmer und meldeten ſich; aber ſie mußten noch lange harren, bis ſie vor das Angeſicht des Feldherrn gelaſſen wurden. Es fand ein reger Verkehr, ein Zu⸗ und Abſtrömen von Legaten, Kriegstribunen und Centurionen aller Grade und Woffengattungen ſtatt. Endlich wurden ſie hereinbe⸗ rufen. Sie fanden Urſicinus nachläſſig in einen prächtigen Seſſel gelehnt, neben ſich auf einem dreifüßigen Tiſche eine Amphora voll duftenden Weines ſammt gefülltem Becher. Als er die drei be⸗ merkte, warf er ihnen einen gehäſſigen Blick zu und hob mit rauher Stimme an:„Ich betrachte Euch als die Vorſteher dieſer Stadt und ertheile Euch hiermit einfach meinen Befehl, deſſen pünktliche Ausführung ich erwarte, wenn nicht die härteſten Strafen 22 Euch treffen ſollen. Ich werde hier mit meiner Legion eine längere Raſt halten, und zu dieſem Ende werden die Soldaten in die Häuſer der Stadt einquartirt. Schärfet den Bürgern wohl ein, daß ſie ſich gut gegen meine Soldaten benehmen, denn wenn dieſe gegen Ungehörigkeiten ſich ſchützen, werde ich keine Klage annehmen; die Stadt aber hat täglich Alles zu liefern, was zum Unterhalte der Soldaten und Roſſe gehört, Wein, Fleiſch, Brod und Hafer. Außerdem hat ſie täglich hundert Minen(2500 Thaler) zur Beſol⸗ dung der Truppen zu zahlen. Einen Nachlaß hierin gewähre ich nicht, und jedes Geſuch würde umſonſt ſein. Bereitet Euch übrigens zur Lieferung dieſer Dinge für mehrere Monate vor, ſo lange kann unſer Aufenthalt hier dauern.“ Die drei Männer ſtanden vor Schreck wie eingewurzelt da, was den Feldherrn zu ergötzen ſchien, denn es begann wie ein leiſes Lächeln um ſeinen Mund zu ſpielen. Patrika aber faßte ſich bald, kämpfte den in ihm aufſteigenden Unwillen nieder und ſprach:„Erlauchter Feldherr, dies kann unmöglich Dein Ernſt ſein. Mit Freuden bringen wir alle Opfer, die in unſern Kräften ſtehen. Aber wie ſollen wir in den Häuſern der Stadt über ſechs⸗ tauſend Mann Monatelang mit Allem, was ſie bedürfen, und mit ihrem Solde erhalten können? Giebt es auch unter uns eine Anzahl wohlhabender Bürger, ſo iſt doch die Menge nur arm und lebt von der Arbeit des Tages. So würde dieſe ungeheure Laſt doch nur auf den Schultern Weniger ruhen, und dieſe würden in kurzer Zeit zu Grunde gerichtet ſein.“—„Du biſt ſehr verwegen, Jude,“ unterbrach ihn Urſicinus,„an meinem Ernſte zu zweifeln. Ich ſcherze nicht mit Leuten Eures Schlages. Ich habe Euch meine Befehle gegeben, und an Euch iſt es, ſie zu vollführen. Gehen dabei Etliche von Euch zu Grunde, was iſt daran ge⸗ legen?“ 23 Aber Patrika ließ ſich nicht von den ſtolzen Blicken des Römers abſchrecken und erwiederte:„Herr, Du überſchätzeſt unſere Kräfte. Uns bliebe nichts übrig, als auszuwandern und dieſe Stadt ihrem Schickſale zu überlaſſen. Was haben wir gethan, um Deinen Zorn zu erregen, Herr? Wir ſind getreue Unter⸗ thanen des erhabenen Kaiſers, haben pünktlich geleiſtet, was uns auferlegt worden, und niemals fand auch nur ein Schein von Widerſetzlichkeit innerhalb dieſer Mauern ſtatt. Wolle uns alſo nicht züchtigen für ein Vergehen, das wir nicht begangen, und ſchenke uns, erlauchter Herr, Deine Schonung!“ Der Römer maß mit erſtaunten Blicken den Sprecher. „Solche Einreden, ſagte er, kommen ſtets von den faulen und niedrigen Bürgern der Städte. Unter unſerem Schutze erwerben und ſchachern ſie, häufen ihr Vermögen und genießen; wir ſollen unſer Blut zu dieſem Schutze vergießen, und wenn wir hierzu die Mittel verlangen, ſo entſteht Jammern und Klaggeheul. Nichts da— und wenn Du mit Auswandern droheſt, ſo wiſſe, daß unſer Arm auch über die Mauern dieſer Stadt hinausreicht und den Flüchtling zu finden weiß, wo er ſich auch verbirgt, ſei es auch unter den Feinden des Kaiſers.“ Dieſe letzten Worte ſprach er mit einem gewiſſen Nachdruck und begleitete ſie mit ſtechenden Blicken. „Wir werden natürlich liefern,“ antwortete Patrika,„was Du verlangſt, ſo lange, wie wir es herbeizuſchaffen vermögen. Und wenn wir zu Ende ſind?“ „Dann werde ich mich an Eure Perſonen halten und ſehen, was meine Soldaten aus dieſen an Geld, Waizen und Wein herauszupreſſen vermögen. Aber gemach, wir ſind noch nicht fertig. Meine Kriegstribunen melden mir, daß in Eurer Stadt nicht Stallung genug vorhanden iſt, daß Ihr aber fünfzehn Synagogen zählt— ſo nennt Ihr wohl die Häuſer, in denen Ihr Euren falſchen Glauben bekennet— nun, der Dienſt des Kaiſers geht Allem vor, und ich habe befohlen, daß zehn dieſer Häuſer zu Ställen eingerichtet werden; mit fünfen habt Ihr genug. Ihr könnt meine Nachſicht daraus erkennen, daß ich Euch dies mittheile und zwei Stunden Zeit gebe, ſelbſt ſie auszuräumen. Machet ſchnell damit, denn meinen Soldaten würde dies leichter ſein und Spaß genug machen.“ Wer könnte das Entſetzen malen, das die drei Männer bei dieſen Worten ergriff! Sie, die, wie ihr Amt ſchon erwies, zu den frömmſten und in ihrem Glauben eifrigſten Bürgern dieſer Stadt gehörten, mußten den einfachen Befehl vernehmen, der ihre ſeit Jahrhunderten gepflegten Heiligthümer zu ſolcher Entweihung verdammte. Aber auch jetzt ermannte ſich Patrika, kühn trat er einen Schritt dem Römer näher, der ſich behaglich in den Seſſel zurückgeworfen hatte, und hob mit kräftiger Stimme an:„Herr, das wirſt Du nicht thun. Wir haben das Ediect des Kaiſers Conſtantin für uns, in welchem er unſeren Heiligthümern Unan⸗ taſtbarkeit und deren Vorſtehern ein unverletzliches Privilegium zugeſichert hat. Auf Grund dieſes Edictes verlangen wir, daß unſere Synagogen unangetaſtet bleiben!“ Urſicinus ſprang auf und hob die Rechte geballt in die Höhe: „Ihr wagt es, zu widerſprechen? Ich kenne das Edict nicht, und Conſtantin iſt todt. Jetzt regiert Kaiſer Conſtantius, und deſfen Befehle ſind Geſetz. Ihr empfangt ſie aus meinem Munde und ich thue, was nöthig iſt zu ſeinem Dienſte. Uebrigens wer biſt Du, Knabe, daß Du hier ſo zu ſprechen wagſt? Wenn ich Dir nun den Kopf zu Deinen Füßen legen laſſe? Wie? Du kannſt Dich dann in Rom beklagen.“ „Dies ſteht in Deinem Belieben, und Deine Soldaten wer⸗ 25 den Deine Befehle mit Vergnügen ausführen. Aber wiſſe, aus dem Blute eines Getödteten erhebt ſich oft ein mächtigerer Rächer, als der Lebende zu finden vermag. So lange Du uns mit Füßen trittſt, mögen wir kein Gehör in Rom finden. Aber Hand an uns zu legen, könnte Jedem ſchlimm bekommen. Kennſt Du einen gewiſſen Meſchullam in Rom? Der kennt auch die Wege des kaiſerlichen Hofes und weiß ſie mit Sicherheit zu betreten. Er iſt mein Oheim und ich war jahrelang ſein Hausgenoſſe....“ Urſicinus biß ſich auf die Lippen; denn er kannte dieſen Meſchullam ſehr wohl und wußte, daß er das Ohr des Euſebius beſaß, des allvermögenden Günſtlings des Kaiſers:„Ja, ja, ich weiß es,“ ſprach er mit einem Anflug von Bitterkeit;„Ihr Juden habt Eure Schliche überall und ſtecket Eure ſchmutzigen Hände in alle Schüſſeln; doch das wird anders werden, verlaßt Euch darauf. An meinen Befehlen ändert dies nicht. Ihr ſeid weder Römer noch Chriſten, folglich ſchützt Euch weder Rom noch die heilige Kirche. Saget Eurem Unglauben ab, empfanget das Sakrament der Taufe, und das Joch ſoll von Euren Schultern fallen.“ Die beiden Begleiter Patrika's murmelten unwillig, und dieſer entgegnete: „Wir ſind Römer, wie alle Aſiaten. In Rom ſind unſere Brüder römiſche Bürger ſo gut, wie die Eurigen; hier ſind Alle römiſche Unterthanen. Unſerm Glauben bleiben wir treu; hätten wir von ihm abfallen wollen um des grauſamen Druckes willen, hätten wir es längſt gethan. Aber wir tragen ihn, um den Namen des Einig⸗Einzigen zu heiligen!“ „Haltet es wie Ihr wollet. Ich habe Euch nicht hierher befohlen, um Geſpräche mit Euch zu führen. Ihr wiſſet wohl, mit wem Ihr es zu thun habet.“ 26 Er drehte den Männern den Rücken zu, und dieſe verließen das Gemach. Draußen fanden ſie außer der Beſatzung des Caſtells die Soldaten nach der Stadt abgezogen.„O, mein unglückliches Sepphoris!“ rief Patrika aus, und die drei Männer gingen ſtillſchweigend die Hochſtraße hinab. 3. Welche Schreckenszeit war über das unglückliche Sepphoris gekommen! Urſicinus hatte ſeinen Legaten Ammianus Marcel⸗ linus nach Meſopotamien geſchickt, um über den Feind Nachrichten einzuziehen und ihm zu überſenden. Von dieſem erfuhr er nach einiger Zeit, daß der Vortrab des perſiſchen Heeres bereits über den Tigris gegangen. Dennoch war er über die Pläne Sapor's völlig im Dunkel. In der Regel breiteten ſich die perſiſchen Heere über die nächſten Landſchaften aus und belagerten und er⸗ ſtürmten die Feſtungen, auf die ſie ſtießen. Dies Mal aber konnte man einen andern Feldzug erwarten. Man mußte vorausſetzen, daß der ſchlaue Antoninus ſeinem Beſchützer ganz andere Gedanken eingeflößt, die den Feind geradezu an den Euphrat führen und einen Einfall in Syrien ſelbſt veranlaſſen würden. Da Urſicinus wußte, wie wenig auf den alten einfältigen Sabinianus zu rechnen ſei, ſtand ſein Entſchluß dahin feſt, die Euphratlinie möglichſt zu vertheidigen. Aber auf welchen Punkt dieſes Stromes würde Sapor ſeinen Angriff richten? Darüber bedurfte es zuvor be⸗ ſtimmter Anzeichen. Urſicinus hielt daher ſeine Legion in Sep⸗ phoris feſt, um von da aus am leichteſten nach jedem bedrohten Punkte eilen zu können. Inzwiſchen ließ er den Bewohnern Me⸗ ſopotamiens nur den Befehl zukommen, die offenen Städte zu verlaſſen, ſich und ihre Güter in die feſten Plätze zu flüchten und die reifenden Saaten anzuzünden, um den Feinden den Zug durch ihr Land durch den Mangel an Unterhalt unmöglich zu machen. So kam es, daß ſich der Aufenthalt der Römer in Sepphoris immer länger ausdehnte, und Urſicinus hatte gerade dieſe Bergveſte ge⸗ wählt, weil er von hier Galiläa und ſelbſt Syrien am beſten in ſeiner Gewalt behielt. Um ſo mehr litten die Bewohner der Stadt. Jedes Haus war von zahlreicher Einquartirung angefüllt und die römiſchen Soldaten, zuſammengewürfelt aus allen Ländern der römiſchen Herrſchaft, von den germaniſchen Reitern bis zu der baleariſchen Schleuderern und kretiſchen Bogenſchützen, begnüg⸗ ten ſich nicht mit dem, was ihnen von der Stadt geliefert ward, ſondern verlangten für jedes Gelüſte, das ihnen kam, Befriedigung von den geängſteten Hausleuten und die härteſten Dienſte in der ungeſtümſten Weiſe, und ließen es an Mißhandlungen oft ſchwerer Art nicht fehlen. Hier half weder Widerſtand noch Demüthigung und Bitte. Brachte ein verzweifelnder Bürger eine Klage vor Urſicinus, ſo lautete die höhniſche Antwort:„Nehmet das heilige Sakrament der Taufe an, und Euch ſoll geholfen werden!“ Dieſer Hohn verſchärfte nur das Gefühl des Mißgeſchicks, aber ebenſo ſehr die Glaubenstreue. Selbſt Geſchenke und Opfer aller Art richteten hier nichts aus, ſondern fachten die Begierden nur um ſo ſtärker an. Die Stadt als ſolche kam in nicht geringere Bedrängniß. Zwar hatten die Begüterten gleich anfangs eine bedeutende Summe freiwillig zuſammengeſchoſſen, um die verlang⸗ ten Contributionen und Lieferungen zu leiſten. Aber dieſe Summe war bald erſchöpft und man mußte dazu ſchreiten, die Laſten durch Steuern zu vertheilen, welche das Eigenthum der Bürger bald völlig aufzuzehren drohten. Daher kam es, daß be⸗ reits Viele die Stadt auf jede mögliche Weiſe verließen, und beſonders war in kurzer Zeit beinah die ganze weibliche Bevöl⸗ kerung, ſoweit ſie dem jüngeren Lebensalter angehörte, aus der Stadt verſchwunden. Freilich ordnete Urſicinus, als ihm dies 29 hinterbracht wurde, die ſtrengſte Bewachung der Stadt an; aber dies konnte die Auswanderung doch nicht verhindern, wenn er nicht jeden Verkehr der Stadt mit der Umgegend abſchneiden wollte, wobei dann wieder für ſeine Soldaten ſelbſt die Zufuhr hätte aufhören müſſen. Auch die gewerbliche Thätigkeit erlahmte faſt gänzlich, da theils die beſtändige Angſt und Furcht die Bürger unthätig machte und die Soldaten immerwährende Dienſtleiſtungen forderten, theils weil ſich von Außen her Niemand mehr in die bedrängte Stadt hineinwagte, welche alle Schrecken des Krieges erfuhr und zwar von den Herren und Vertheidigern des Landes ſelbſt. In dieſen Tagen entwickelte Patrika eine Thätigkeit, eine Hingebung und Selbſtaufopferung, welche ihn für alle Bewohner der Stadt zu einem Gegenſtande der Bewunderung und des unbe⸗ grenzten Vertrauens machte. Er war unaufhörlich in Bewegung, gab hin was er beſaß, ſchlichtete, beſchwichtigte und tröſtete überall. Ihm kam jetzt zur Hülfe, daß das Sanhedrin nicht blos aus tiefgelehrten Männern beſtand, ſondern praktiſche Gewerbesleute in ſeiner Mitte zählte. Es waren ſofort geeignete Commiſſionen gebildet worden, um die einzelnen Zweige der Geſchäfte nachdrück⸗ lich zu beſorgen. Für Alle aber war Patrika das Haupt und die Seele. Nur vermied er es, mit den Römern ſelbſt, ſo weit er es konnte, zuſammenzutreffen und am wenigſten ließ er ſich auf eine Dazwiſchenkunft bei Urſicinus ein, den er ſchon genügend zu kennen glaubte, um jede Einwirkung auf ihn für unmöglich zu halten. Sein großes, ſchönes Haus auf der Hochſtraße hatte man mit einem Dutzend Offiziere ſammt ihren Dienern belegt, und als er deren Treiben in ſeinem Hauſe gewahrte und es ein⸗ zuſchränken für unmöglich erkannte, hatte er bald das Haus ihnen gänzlich überlaſſen und ſich in ein Gebäude zurückgezogen, das in einem entfernten Stadttheile an der Stadtmauer lag. Eigentlich war es eine große Waarenniederlage, aber einige Zimmer, die daran gefügt waren, genügten ihm. Hierhin begab er ſich am ſpäten Abend und verließ es am frühen Morgen, den Geſchäften des Tages nachzugehen. So konnte er ſich wenigſtens einige Stunden der Nachtruhe ſichern, um den aufreibenden Anſtrengungen des Tages gewachſen zu ſein. Eines Abends ging er in ſeinem Gemach hin und her; die Ereigniſſe des Tages beſchäftigten ſeine Seele. Eine tiefe Weh⸗ muth erfüllte ſein Herz, denn in den meiſten Fällen hatte er keine Abhülfe, kaum eine Erleichterung ſchaffen können. Wann und wie ſollte dies Schickſal enden, das in wenigen Monden den Wohl⸗ ſtand ſeiner Vaterſtadt zu verzehren drohte, welchen der Fleiß und die Arbeit von Jahrhunderten begründet hatte, und ſo viele wackere Familien in das tiefſte Elend ſtürzte? Aus der Wehmuth ſchwang ſich ſein Geiſt in die Tage der Vergangenheit zurück, in die Blüthezeit ſeiner Nation, zu deren geſchwundenem Glücke, und richtete ſich dann fragend in die Zukunft, in deren geheimnißvolles Dunkel nur die göttliche Verheißung einige Lichtſtrahlen warf, Lichtſtrahlen, welche in die Nacht verzitterten, weil die Verheißung nicht den Zeitpunkt ihrer Erfüllung enthielt, und noch grauſige Jahrhunderte zwiſchen Weiſſagung und Erfüllung ſich legen konnten. „Ja, er wird kommen,“ murmelte er in ſich hinein,„wer könnte daran zweifeln?... Aber wenn er es ſoll, ſo muß er es bald.... Sind die Zeiten nicht danach angethan? Können die Uebel ſich noch vergrößern, die Leiden noch härter werden, die Demüthigung noch tiefer beugen?.... O du Tropfen des heiligen Blutes David's, wie ſiedeſt Du in meinen Adern, wie klopfeſt Du in meinem Herzen!.... Hammerſchläge des Geſchickes von Außen, und Hammerſchläge des Geiſtes von Innen, noch begegnet 31 ihr euch, noch trefft ihr auf eurem Wege zuſammen, und hebet eure zerſchmetternde Kraft einander auf.... Wie aber, wenn....“ Er verlor ſich in tiefe Betrachtungen— aber nicht lange, da weckte ihn ein raſches Klopfen an die Pforte des Hauſes, ein eiliges Laufen über den Hof, und die Thüre des Gemaches wurde aufgeriſſen. Ein junger Mann ſtürzte herein mit verwildertem Haar, zerſtörtem Geſicht und blutbeflecktem Arme. Patrika blickte auf und rief:„Amnon, Amnon, was iſt geſchehen? Was hat's gegeben?“ Es war Amnon der Gerber, der Milchbruder Patrika's, und er ſtürzte auf dieſen zu, ergriff deſſen Hand und ſchrie:„Hülfe, Rettung, Patrika, ich bin verloren!“ Patrika ſuchte ihn zu be⸗ ruhigen, führte ihn zu einem Seſſel und forderte ihn auf, deutlich und bündig zu reden. Dies gelang endlich dem wilderregten Jüng⸗ ling.„O, rief er, wir haben viel gelitten, ich und meine arme Mutter, wir haben Alles ertragen. Heute Abend aber, als die übrigen vier ausgegangen waren, wohin weiß ich nicht, verlangte der Fünfte unſerer Einquartirung, der Schlimmſte und Händel⸗ ſüchtigſte, ein rieſiger Menſch aus Epirus, meine Mutter ſolle ihm noch Würzwein ſchaffen und zwar auf der Stelle. Aber wir haben keinen Tropfen und keinen Obol mehr im Hauſe, und die Mutter ſagte ihm dies mit ſanften, bittenden Worten. Ich ſchwieg und biß die Zähne auf die Lippen, um das Uebel nicht ärger zu machen. Da ſprang der Wütherich auf die Mutter los, ſtürzte ſie durch einen Stoß auf den Boden und trat ſie unter Schimpf⸗ reden mit dem Fuße auf den Leib. Da kannte auch meine Wuth keine Grenzen mehr, ich ergriff einen Schemel und ſchmetterte ihn auf den Schädel des Elenden. Der Rieſe fiel nieder und er wär todt „Um Gottes willen,“ rief Patrika aus und ſchlug die Hände entſetzt zuſammen,„das iſt ſchlimm... Aber erzähle weiter, weiter. „Es iſt nicht mehr viel zu ſagen. Da Niemand im Hauſe war, blöſchte ich die Lichter aus, trug den Leichnam nach der Gerbergrube und warf ihn in die Lohe, auf deren Boden ihn Niemand ſo bald ſucht. Die Mutter brachte ich, nachdem ſie wieder zum Bewußtſein gekommen, zur Tante in das Weidengäß⸗ chen und eilte ſelbſt hierher zu Dir. Du mußt mich retten.“ Patrika ſtand eine Zeit lang, den ſtarren Blick auf den Boden geheftet. Dann richtete er ſich auf und ſagte leiſe:„Du haſt gethan, Amnon, wie Du nicht anders konnteſt, wie ich ſelbſt in gleichem Falle auch gethan hätte. Es iſt nicht Deine That, es iſt das Werk des Geſchickes, dem wir uns beugen müſſen. Werden die Kameraden des Todten bald nach Hauſe kommen?“ „Ich glaube es nicht. Sie kehren ſtets tief in der Nacht und von Wein berauſcht zurück. Sie werden ſich auf ihr Lager be⸗ geben und den Kameraden erſt am andern Morgen vermiſſen.“ „Gut, ſo haben wir einen ziemlichen Vorſprung. Hat Jemand geſehen, daß Du Deine Schritte hierher gerichtet?“ „Niemand, glaube ich; die Nacht iſt ſehr dunkel, und die mir begegneten, hatten nicht einmal Zeit mich zu erkennen, ſo ſchnell eilte ich vorüber.“ „Dennoch kann ich Dich hier nicht verbergen. Denn man kennt zu gut das innige Verhältniß zwiſchen uns beiden, um nicht bald auch hier Nachſuchungen nach Dir zu halten. Du mußt Sepphoris verlaſſen; für Deine Mutter werde ich ſchon Sorge tragen. Wenn ſie im Nothfalle die Wahrheit offen bekennt, kann man ihr doch nichts anhaben, und ich werde ſie mit meinem Leben vertheidigen. Die Thore ſind verſchloſſen, und wenn ich ſelbſt als Vorſteher des Sanhedrin unter irgend einem Vorwande 33 die Eröffnung bewirkte, würde man Dich doch bemerken und nicht außer Acht laſſen.— Doch halt, ich hab' es jetzt. Wozu ſtößt dieſes Haus an die Stadtmauer? Wir machen ſofort aus einigen Seilen eine Strickleiter und befeſtigen einen Haken an deren Ende. Damit erſteigſt Du die Mauer, ziehſt die Leiter Dir nach, um Dich auf der andern Seite hinunter zu laſſen und ebenſo ſteigſt Du aus dem Graben heraus. Glücklicherweiſe ſteht hier herum gar kein Wachtpoſten. Unſere Stadt iſt zwar belagert von Feinden, aber dieſe Feinde ſind innen in der Stadt. Unter dem Schutze der Nacht kannſt Du dies mit aller Ruhe und Beſonnenheit be⸗ werkſtelligen. Du flieheſt nach Tiberias; ich gebe Dir ein Wahr⸗ zeichen an den Patriarchen, meinen Oheim, mit, und im Innern ſeines Hauſes biſt Du ſicher. Sei ruhig; die Sache wird hier nicht ſo viel Lärmen machen, wie Du fürchteſt. Die Römer kümmern ſich um einen todten Soldaten blutwenig: ein anderer erhält ſeine Nummer, und er iſt vergeſſen. Vielleicht übt es ſogar eine heilſame Wirkung aus, und die Böſewichter werden ſich ein wenig mehr zurückhalten, wenn ſie merken, wohin die Verzweiflung das Volk bringt!“ Patrika ſagte dies, um den jungen Mann zu beruhigen; ein leiſer Seufzer, der ſich ſeiner Bruſt entwand, verrieth, daß er nicht ganz dieſer Zuverſicht war. Aber auf Amnon hatten die Worte den erwünſchten Erfolg. Seine zuſammengefallene Geſtalt richtete ſich ſchnellkräftig auf, ſeine Thränen trockneten raſch und ſeine Augen blitzten feurig wieder auf. Er ergriff die Hand Pa⸗ trika's und küßte ſie; dieſer aber zog ihn in ſeine Arme und drückte ihn herzlich an ſeine Bruſt. Die beiden jungen Männer gingen ſofort an's Werk, und nach weniger als einer halben Stunde ſchlüpfte Amnon, welchem ſein Freund noch einige Gold⸗ ſtücke in die Taſche geſchoben, zu einem Hinterpförtchen hinaus 3 und war in wenigen Minuten über die Mauer geſtiegen. Sobald die dunklen Umriſſe ſeiner Geſtalt von der Höhe der Mauer ver⸗ ſchwunden waren, ſchloß Patrika das Pförtchen wieder. Abermals ſchritt er, aber unruhiger als zuvor in dem Gemache hin und her und horchte öfter unwillkührlich, ob ſich von außen kein Geräuſch erhebe. Alles blieb ruhig und endlich, mit einem Gebete ſeine ſchwere Sorgenlaſt dem ewigen Herrn der Geſchicke empfehlend, legte er ſich zu einigen Stunden des Schlummers nieder. Die Nacht verlief ruhig, wie Amnon vorausgeſehen hatte. Aber am andern Morgen wurde die Soache ſchneller ruchbar, als die Mitwiſſer geglaubt. Amnon war zu ſehr darauf bedacht ge⸗ weſen, ſeine Mutter in's Leben zurückzurufen und in Sicherheit zu bringen, um die Spuren ſeiner That unkenntlich zu machen. Bei dem erſten Blick in den Raum, in welchem das unglückliche Ereigniß ſtattgefunden, gewahrten die Kameraden des Getödteten die Blutlachen, folgten den Blutſpuren, die ſie an die Lohgrube führten, und ſchafften den Leichnam bald aus derſelben an das Tageslicht. Das gleichzeitige Verſchwinden ihres bisherigen Wirthes deckte den Vorgang ſchnell auf. Eine gewaltige Wuth bemächtigte ſich dieſer Männer, ſchnell wie ein Lauffener verbreitete ſich das Gerücht, umd eine nicht geringere Aufregung erfaßte die ganze römiſche Beſatzung. In hellen Haufen verſammelten ſich die Soldaten vor dem Gerberhauſe, und als der entſtellte Leichnam ihres Kameraden herausgebracht wurde, ſtürzten ſie ſich in ihrem erſten Grimm auf das Haus und demolirten es gänzlich. Urſi⸗ cinus ſelbſt begab ſich auf den erſten Bericht zur Stelle, und ſeine Gegenwart verhinderte wenigſteus die wüthende Soldateska, ihre Rache an den wehrloſen Bürgern zu kühlen. In ihm ſelbſt kochte die Leidenſchaft, und ſein Stolz fühlte ſich ſchwer verletzt, daß ein Jude gewagt, ſeine Hand an einen römiſchen Soldaten 35 zu legen. Aber er fühlte doch, daß ſeine Lage zu ſchwierig ſei zwiſchen ſeinen Gegnern in Rom und den nahenden Feinden von Oſten, um die Bevölkerung von Galiläa durch das Vergießen von Bürgerblut wider ſich aufzubringen und in Sepphoris ſelbſt ſeine Hülfsmittel zu ſchwächen. Indem er ſich vorbehielt, ſeine Rache auf andere Weiſe zu befriedigen, befahl er den Soldaten auseinander zu gehen und ordnete die ſtrengſte Unterſuchung an. Dieſe aber konnte zu keinem Ziele führen. Denn die Mutter Amnons lag— im Sterben. Durch die Stöße und Tritte des rieſigen Soldaten war ihr eine ſchwere Verletzung beigebracht, die durch den furchtbaren Schreck und die Angſt um ihren Sohn tödtlich wurde. Patrika hatte ſich frühzeitig an ihrem Lager ein⸗ gefunden, und ihr die Nachricht von der glücklich bewerkſtelligten Flucht ihres Sohnes in's Ohr geflüſtert. Sie lächelte befriedigt, drückte dem edlen Retter die Hand und bat ihn mit flehendem Blicke, ſich auch ferner Amnon's anzunehmen, der jetzt ſeiner Heimath, ſeiner Mutter und ſeiner ganzen Habe durch einen Schlag des Schickſals beraubt worden. Patrika gelobte es ihr; ſie wiſſe ja, daß ſo lange er noch einen Becher Weins und ein Stück Brodes beſitze, Amnon ſeinen Theil daran habe. Als nun der Legat des Urſicinus ſich bei ihr einfand, erzählte ſie mit heller Stimme und klaren Worten den ganzen Vorgang. Weiter war nichts zu thun, denn eine halbe Stunde ſpäter war ſie verſchie⸗ den. Aber alle Mühe war vergebens, von Amnon's Verbleiben eine Spur aufzufinden. Die Juden hüteten ſich wohl, irgend etwas von der Freundſchaft kund zu geben, welche Patrika und Amnon verband und von ihrer Vermuthung, daß Jener das Verſchwinden dieſes bewerkſtelligt habe, verlauten zu laſſen. Die Römer hatten hiervon keine Ahnung, und ſo fehlte ihnen jeder Faden, der ſie weiter leiten konnte. Die ausgeſandten Schaaren 36 kehrten zurück, ohne eine Spur aufgefunden zu haben. Denn Amnon, dem jeder Steg im Lande bekannt war, hatte ſich auf Nebenwegen nach Tiberias begeben und war noch zum Hauſe des Patriarchen gelangt, bevor ein Bewohner dieſer Stadt ſein nächt⸗ liches Lager verlaſſen hatte. Dort war er wohl geborgen und durch Veränderung ſeines Bartes und ſeiner Kleidung für Jeden, der ihn nicht genau kannte, unkenntlich gemacht. 4. In demſelben Gemache, wo Amnon eine Woche zuvor bei Patrika ſeine Zuflucht geſucht, ſollte ſpät am Abend das San⸗ hedrin von Sepphoris eine Verſammlung halten. Sonſt waren die Sitzungen dieſes hohen Rathes in der Gerichtshalle der Stadt öffentlich, und Jedermann ſtand der Zutritt frei. Jetzt aber fürchtete man Störungen durch römiſche Eindringlinge, und dann hatte man heute Fragen vorliegen, über welche man nicht gern vor den Ohren ſelbſt der Bürger ſprechen wollte, da ſie möglicher Weiſe zu langen und heftigen Verhandlungen führen konnten. Deshalb hatte Patrika die Mitglieder des ehrwürdigen Rathes zu ſich eingeladen, und dieſe begriffen die Abſicht ſo gut, daß ſie darin keine Anmoßung ihres jungen Vorſtandes fanden. Nach und nach langten die Männer an, thaten ſich in Gruppen zuſam⸗ men und führten lebhafte Geſpräche. Lieferten doch die letzten Wochen leider zu viel Stoff dazu, und Jeder hatte traurige Er⸗ lebniſſe aus ſeinem eigenen Kreiſe zu berichten. Endlich waren die drei und zwanzig Mitglieder vollſtändig beiſammen, und man nahm nach Alter und Rang um die lange Tafel Platz. Zuvor aber redete Patrika die Männer an und erſuchte ſie, ihn für heute des Vorſitzes zu überheben. Er habe ſich beſtimmen laſſen, dieſe hohe Ehre anzunehmen, da es galt, mit den Widerſachern zu ver⸗ kehren und ſich Anſtrengungen zu unterziehen, welche jugendliche Kräfte erforderten. Aber heute, wo es ſich zumeiſt um Entſchei⸗ dung über Geſetzesfragen handele, würde es unpaſſend und unbe⸗ 38 ſcheiden ſein, wenn er, noch ſo jung an Jahren, Männern von ſo hohem Alter und ſo tiefer Gelehrſamkeit präſidiren wolle. Dieſe Anſprache brachte ein beifülliges Murmeln hervor, und ſo nahm auf das Erſuchen der Verſammlung der ehrwürdige Greis R. Jona den Vorſitz ein. „Ihr wißt, meine Freunde,“ hob dieſer an,„welcher ſchwierige und wichtige Gegenſtand uns heute beſchäftigen muß. Wie ſchwer ſich die Hand des Geſchickes auf unſere Stadt gelegt hat, wie dornig die Zuchtruthe, die über uns ausgeſtreckt iſt, brauche ich nicht zu ſagen. Wir beugen demüthig unſer Haupt vor dem Willen unſeres Gottes, des Allheiligen, gelobt ſei er! Zu viel haben die Schultern unſeres Volkes zu tragen gelernt, als daß ſie nicht auch noch neue Laſten auf ſich nehmen ſollten. Wir haben hier lange Zeit in Frieden und Glück gelebt, warum ſollten wir murren, wenn eine Zeit des Zornes und des Unwetters über uns gekommen? Unſere Gottesfurcht und Frömmigkeit wird geprüft: loſſet uns beſtehen darin vor Gott und vor den Men⸗ ſchen!... Was uns aber bis heute betroffen, galt nur unſerer irdiſchen Habe. Aber der Geier, der ſeine Kreiſe jetzt über unſern Häuptern zieht, greift mit ſeinen ſcharfen Krallen nunmehr auch nach unſrem beſten und edelſten Gute und ſucht die Grundſäulen unſerer heiligen Religion zu erſchüttern. Was ſollen wir thun? Sollen wir uns widerſetzen oder nachgeben? Was mich anbe⸗ trifft, ſo würde ich, gälte es nur meiner Perſon, nicht zaudern und ſchwanken. Denn meine Jahre ſind abgelauſen und meine Augen blöde vor Alter. Ich habe genug gelebt und erlebt und hege keine Luſt in mir nach mehr. Aber um uns ſteht ein trauern⸗ des und ſchwaches Volk, das nach Erleichterung ſchmachtet, und für dieſes müſſen wir ſorgen und wohl bedenken, was wir ihm thun... Es nahet jetzt das heilige Feſt, das unſre Väter feierten 39 ſeit den Tagen des Auszuges aus Egypten. Das ſtrenge Geſetz, das wir da zu üben haben, iſt unſren Bedrückern wohl bekannt, und da hat denn der römiſche Feldherr an uns das Gebot ergehen laſſen: auch an den Tagen des Feſtes geſäuertes Brod für die Soldaten backen und von den Bäckern feil bieten zu laſſen. Fer⸗ ner hat er damit zugleich den Befehl verbunden, von nun an un⸗ weigerlich jeden Tag friſches Brod zu liefern, und darum auch am Sabbath es ſowohl zu bereiten, als auch zu verkaufen. Ich brauche es Euch nicht zu ſagen, liebe Freunde, von welcher Wich⸗ tigkeit dieſe Befehle ſind. Sabbath und Peſſach ſind zwei Grund⸗ ſteine unſres Geſetzes: werden dieſe aus ihren Fugen geriſſen, wie wird das ganze Bauwerk wanken, vielleicht zuſammenbrechen! Die freche Verletzung beider, Ihr wißt es, iſt mit ſchweren Strafen belegt. Wie? Sollen wir in dieſes Verlangen unſres Feindes einwilligen, können, dürfen wir es? Das Volk harret unſer, es wartet auf unſre Erlaubniß oder unſre Verwerfung. Hierüber habt Ihr Eure Stimme zu erheben.“ Obſchon dieſe neuen, mehr aus Hohn und Schadenfreude als aus der Dringlichkeit des Bedürfniſſes gefloſſenen Befehle des Urſicinus bereits allen Anweſenden bekannt waren, wurden ſie doch durch die Rede des Greiſes in tiefe Traurigkeit und Beäng⸗ ſtigung verſenkt, ſo daß ein langes Stillſchweigen eintrat. End⸗ lich erhob ſich an der Mitte der Tafel ein Mann von einfachem, ſchlichtem Ausſehen und ſprach: „Mit Erlaubniß, geehrte Herren und Freunde, ich ſehe eigent⸗ lich nicht ein, wie wir über dieſe Frage zweifelhaft ſein können. Es iſt ein klares Geſetz der heiligen Thorah: kein Sauerteig ſoll in Euren Wohnungen gefunden werden, und ebenſo beſtimmt das Verbot, am Sabbath zu kochen, zu backen, Feuer anzuzünden, Geſchäfte zu treiben und zu verkaufen. Wie könnten wir alſo 40 erlauben oder für erlaubt erklären, was ſo unzweideutig von Gott ſelbſt verboten iſt?“ Dieſe Worte machten gerade in ihrerKlar⸗ heit einen peinlichen Eindruck, eben weil ſie in dem Bewußtſein eines Jeden der Verſammelten ſtanden. Plötzlich ſprang ihm gegenüber ein kleiner, magerer Mann auf, dem die Züge der Schlauheit auf dem markirten Geſichte ausgeprägt waren. „Ich kann dem nicht beiſtimmen,“ rief er mit ſchneidender Stimme,„in der Thorah ſtehen die Gebote allgemein und ohne weitere Erklärung da, und den Weiſen und Lehrern iſt es nun ge⸗ geben, nach den vorgeſchriebenen Regeln die allgemeinen Ge⸗ und Verbote auf die beſonderen Verhältniſſe und Umſtände zu deuten und anzuwenden. Ich behaupte nun, daß wir dem Volke die Erlaubniß wohl geben können, denn wir begehen damit keine Ge⸗ ſetzesübertretung, da wir ja das Geſetz nicht für uns, nicht zu unſerem Nutzen und Genuß verletzen, ſondern es zur Verpflegung des Heeres nothwendig iſt, alſo Alles, was daraus fließt, zum Nothbedarf des Heeres für den Krieg gehört.“ Vieler Augen leuchteten bei dieſer Erklärung auf, und ſie nickten beifüllig mit dem Kopfe. Aber ein Dritter begann:„Wie kannſt Du, Rabbi Muna, behaupten, daß, wenn wir die Erlaub⸗ niß ertheilen, dies nicht zu unſerm eigenen Nutzen geſchähe? Denn da, wenn wir das Verbot aufrecht erhalten, Schaden und Gefahr für uns, für unſre Perſonen und unſre Habe entſtehen würde, ſo gereicht offenbar die Erlaubniß zu unſerem Nutzen. Der Be⸗ weis iſt alſo nur halb geführt. Vielmehr komint es darauf an, nachzuweiſen, wie groß die Gefahr ſein würde, die daraus für uns entſtände. Iſt es eine Gefahr für unſer Leben? Dann ſtände die Erlaubniß von ſelbſt feſt und hätte hundert Fälle ähnlicher Art, die Euch Allen bekannt ſind, für ſich. Iſt die Gefahr nicht N 41 ſo groß, daß wir an unſerem Leben bedroht ſind, ſo iſt jene noch zweifelhaft.“— „Die Gefahr iſt da!“ rief ein Anderer aus vom Ende der Tafel her.„Der Feldherr hat erklärt, daß er von dem nächſten Sabbath an, an jedem Sabbath, an welchem nicht friſches Brod gebacken und verkauft würde, eine Thorahrolle aus einer Synagoge nehmen und verbrennen würde. Daß er der Mann dazu iſt, könnt Ihr vorausſetzen, denn er hat Solches ſchon einmal in der Stadt Neve gethan. Nun frage ich Euch, iſt die heilige Thorah nicht mehr werth als ein Leben von uns? Sind wir nicht ver⸗ pflichtet, ſie mit unſerm Leben zu vertheidigen? Iſt alſo die Lebens⸗ gefahr nicht da, vor der das Geſetz zurückweicht?“ Bei dieſen Worten gerieth die Verſammlung in die größte Aufregung. Fra⸗ gen aller Art wurden an den Sprecher gerichtet:„Woher weißt Du dies? Wem hat er dies erklärt? Wie könnte er dies wagen?“ ertönte es von allen Seiten, und in dem Geräuſche und Lärmen gingen die Worte des Einzelnen verloren. Aber die Sache verhielt ſich ſo und wurde von mehreren der Anweſenden beſtätigt. Endlich kam wieder etwas Ruhe in die Verſammlung, und die Blicke der Meiſten richteten ſich bereits nach dem Vor⸗ ſitzenden, damit er die Abſtimmung vornehme, als ſich Patrika erhob und damit das Wort nahm. Alle ſchwiegen und lauſchten geſpannt ſeinen Worten. Schon das Stillſchweigen, das er bis jetzt beobachtet hatte, und ſeine ganze Erſcheinung machten, daß der Geiſt der Zuhörer ſich aufmerkſam ihm zuwandte. Jeder empfand, daß hier ein höherer Geiſt ſich ausſprechen, ein höherer Geſichtspunkt ſich eröffnen werde, und je nach ſeiner Meinung und ſeinem Wunſche fühlte ſich Jeder entweder freudig oder ängſt⸗ lich in Erwartung deſſen, was er hören werde. „Verehrte Freunde,“ begann er mit ſeiner klaren, volltönen⸗ 42 den Stimme,„mit Recht hat der ehrwürdige R. Jona bemerkt, daß unſer Bedrücker bis jetzt nur unſre Habe und Perſon ange⸗ taſtet hat, mit dieſen Befehlen aber ſeine blutgetränkte Hand in das innerſte Heiligthum unſrer Religion ſtreckt. Dies iſt es, was unſre beſondere Aufmerkſamkeit, unſre gewiſſenhafte Erwä⸗ gung wecken muß. Läge hier nur ein einzelner Fall, irgend ein eigenthümlicher Vorgang zu unſerer Beantwortung vor, ſo hätten wir allerdings auch nur das beſondere Geſetz zu berückſichtigen und könnten uns dreiſt an den Buchſtaben desſelben halten. Aber fühlen wir nicht Alle, daß ein großes Netz über uns ausgeſpannt wird, in welches wir gefangen und darin wir vernichtet werden ſollen? Er ſteht da, unſer Feind, mit der Schlinge in der Hand, ſie uns um den Nacken zu werfen; iſt ſie erſt um dieſen gelegt, ſo wird er ſie immer enger und enger ziehen, uns damit auf den Boden ſchleudern, uns erwürgen. Als die Römer unter dem eiſernen Titus unſre Väter bekämpften und niedertraten, da hatten ſie nichts weiter im Sinn als unſere Selbſtſtändigkeit zu vernich⸗ ten, uns aus einem freien Volke zu ihren Knechten zu machen. Aber ſie ließen unſere Religion beſtehen, uns nach unſeren Ge⸗ ſetzen und Sitten leben, und noch aus den Thoren des belagerten Jeruſalem zog Jochanan ben Sakkai nach Jamnia und gründete dort ein zweites, ein geiſtiges Zion. Jetzt aber iſt es anders. Seitdem die Lehre des Nazareners die Obergewalt im römiſchen Reiche erhalten und ihr das Heidenthum nur noch mit gefeſſelten Armen gegenüberſteht, ſeitdem ſie die heidniſchen Altäre unge⸗ ſtürzt, ihre Prieſter in den Kerker geworfen, ihre Anhänger ver⸗ folgt und zurückgeſtoßen hat, will ſie jetzt auch die Religion Iſraels von der Erde verdrängen. Wie? Haben wir ſie zu dieſem Kampfe herausgefordert? Sind wir ihren Vorfechtern irgendwie zum Hinderniß geweſen? Haben wir nicht in Frieden 43 und Ruhe gelebt, nur bedacht, geräuſchlos das heilige Geſetz zu erfüllen? Es mag ſein, daß in den erſten Zeiten, als wir noch frei in unſerm Lande wohnten, den Anhängern jener Lehre unſre Väter nicht gutwillig freien Raum gewährten und Manches ge⸗ ſchehen, was beſſer unterblieben wäre. Aber ſind nicht ſeitdem Jahrhunderte verfloſſen, und wir geſellten uns niemals zu ihren Feinden und ſtellten ihrer Verbreitung niemals Hinderniſſe in den Weg? Und fürwahr, wir thaten dies nicht zu einer Zeit und unter Umſtänden, wo wir es wohl vermocht. Warum laſſen ſie alſo nicht auch uns ruhig gewähren? Iſt nicht auf Gottes Erde Raum für Viele und wird es ihnen jemals gelingen, die Allein⸗ herrſchaft an ſich zu reißen? Aber ihr Plan iſt klar und ſteht feſt. Jetzt wollen die Römer nicht mehr geradezu unſre Perſonen ausrotten, aber unſre Religion. Die Religion des Einzig⸗Einigen ſoll von der Oberfläche der Erde verſchwinden, wie ſie hiermit das Heidenthum bedrohen. Wir haben es aus dem fluchwürdigen Munde des Urſicinus oft genug gehört: der Abfall von Iſrael ſoll jedem Juden mit völliger Befreiung von allen Laſten gelohnt werden. Alſo nicht den Juden, ſondern dem Judenthum will man zu Leibe, und die Bedrückungen, die man gegen uns übt, ſollen nur das Volk mürbe und müde machen, bis daß es ſich ergiebt und den Willen ſeines Henkers thut. Wohlan, meine Brüder, hiergegen müſſen wir uns erheben, dies iſt der Kampf Gottes, hierin dürfen wir keinen Schritt nachgeben! Mögen ſie unſre Habe nehmen, mögen ſie unſre Leiber peinigen— aber die Religion des Herrn muß unentweiht und unverkümmert bleiben! ... Bedenken wir wohl, mag die Frage, die uns heute vorliegt, ſo oder ſo entſchieden werden können, darum handelt es ſich nicht; aber es ſind die erſten Maßnahmen, um die ehernen Pforten unſeres Heiligthums zu zerſchlagen, ſeine goldenen Zinnen herabzu⸗ reißen, ſeine Grundveſten zu unterwühlen. Vertheidigen wir ſie nicht, öffnen wir die Thore mit eigener Hond, ſo werden die grimmigen Feinde hineindringen und das Werk der Zerſtörung vollenden! Bedenket das wohl, Ihr Lehrer und Führer des Volkes, habet Ihr erſt das Volk gewöhnt, nachzugeben und ein Geſetz nach dem andern unbeachtet zu ſehen, ſo wird es immer weniger Widerſtand leiſten und Alles aufgeben. Saget nicht, dieſe Erlaubniß ſei blos für die Zeit der Bedrängniß. Das Volk wird ſie ſich auch nach dieſer gewähren und in jedem Falle, wo ihnen das Geſetz unbequem iſt, ſich mit der Noth entſchuldigen. Unſre Väter haben uns befohlen, einen Zaun um das Geſetz zu pflanzen, damit es ſelbſt nicht angetaſtet werde: wir aber wollen nicht allein den Zaun niederreißen, ſondern die heiligſten Geſetze, Sabbath und Peſſach, dem Andringen der Feinde Preis geben. Wo bleibt da das Erbe Iſrael's? Haben unſre Väter darum gelitten und geblutet, daß wir es jedem kleinen Tyrannen zu Füßen legen ſollen? Nein! auch ich habe dazu gerathen, in allen Dingen, die unſre Perſon und unſre Habe betreffen, den willigſten Gehorſam zu leiſten— aber in den religiöſen keine Nachgiebigkeit, denn dieſe macht uns ohnmächtig und ſchneidet uns Nerv und Sehne entzwei. Hier Trotz, hier Widerſtand, hier die Folgen männlich ertragen!“ Dieſe begeiſterten und doch ſo verſtändlichen Worte machten den tiefſten Eindruck. Eine lange Stille folgte ihnen. Die Männer ſaßen da mit niedergeſchlagenen Augen, und mauches Antlitz zeigte die Röthe der Erregung und um manche Lippe zuckte es wie Schmerz und Kampf. Aber Entſchloſſenheit verrieth ſich nirgends, und kein Ruf der Zuſtimmung brach hervor. Patrika ſchaute ſich um und begegnete keinem Blicke, der ihm den Sieg ſeiner Meinung verkündet hätte. Er ſetzte ſich nieder und mur⸗ 45 melte vor ſich hin:„Es iſt noch nicht Zeit und die Ernte noch nicht reif.“ Nach einer ängſtlichen Pauſe erhob ſich R. Joſe von ſeinem Sitze, auch ein Greis und von würdigſtem Ausſehen. Er ſprach: „Die Worte, die wir eben vernommen, rufen gewiß unſer ganzes Mitgefühl hervor, und im Innerſten unſerer Seele ſtimmen wir Alle ihnen bei. Es iſt Alles wahr, und wir ſehen klar den großen, unermeßlichen Kampf, der abermals unſerm Volke bevorſteht, und der ihm nicht erſpart werden wird. Aber um ſo mehr müſſen wir uns fragen, ob unſer armes Volk dazu vorbereitet und ge⸗ rüſtet iſt, und ob wir nicht, wenn wir es jenem Kampfe bei einer Veranlaſſung ausſetzen, die noch abzuwenden wäre, die Fackel der Zwietracht in dasſelbe hineinwerfen und ihm gerade die Kraft nehmen, durch welche allein der Widerſtand möglich, die Kraft der Einheit und der Eintracht?“ „Als der Gott unſrer Väter Iſrael aus Egypten führen wollte, da ließ er es erſt Jahrhunderte lang die Knechtſchaft, den ſich immer mehr ſteigernden Druck fühlen, da ließ er erſt zehn Plagen über Pharao und ſein Land kommen, um den Iſraeliten zu zeigen, daß alle Mittel vergeblich, daß ſie es mit einem unbeugſamen Feinde zu thun, daß ſie ausziehen müßten, um frei zu werden. Und nun ſehen wir uns um— drängen nicht alle Bewohner dieſer unglücklichen Stadt auf uns, ihnen die erwünſchte Erlaub⸗ niß zu geben? Iſt unter ihnen nur eine größere Zahl zur Verweigerung entſchloſſen? Werden ſie nicht murren gegen einen ſolchen Beſchluß, uns für die Folgen verantwortlich machen, vielleicht ſich uns widerſetzen? Und doch haben ſie das Geſetz für ſich. Unſere Weiſen ſagen: der Sabbath iſt um des Menſchen willen, nicht der Menſch um des Sabbath's willen da. Das heißt: der Sabbath iſt ein unverletzliches Gottesgeſetz, um Iſrael 46 zu heiligen und ohne den Sabbath keine Heiligung— aber wo der Menſch in Gefahr, wo ſein Leben bedroht iſt, wo er unter⸗ gehen würde durch den Sabbath, tritt der Sabbath zurück, bis die Gefahr vorüber. Das weiß das Volk ſo gut wie wir. Unſre Weiſen ſagen; nur drei Verbrechen ſind es, vor deren Ver⸗ übung wir den Tod vorziehen ſollen: Götzendienſt, Blutſchande und Mord— die Verletzung des Sabbath's und Peſſach's iſt nicht darunter. Das weiß das Volk ſo gut wie wir. Was das Peſſach betrifft, ſo hat das h. Geſetz ſelbſt ſogar zugeſtanden, daß es unter hindernden Umſtänden ſpäter gefeiert werden dürfe, und wenn wir nur eine feſte Scheidung zwiſchen den Backhäuſern und unſerer Wohnung machen, haben wir das Geſetz des Peſſachs nicht verletzt, wenn wir nachgeben. Thun doch unſere Brüder, die in den Ländern der Heiden wohnen, auch ſo. Wie ſollen wir nun dem Volke ſagen, wir geben euch die Erlaubniß nicht? Jo, unſer Bruder Patrika hat Recht, und ich bin glück⸗ lich, die Worte dieſes jungen Mannes gehört zu haben. Aber Sepphoris iſt nicht ganz Iſrael, und die Gegenwart iſt nicht die Zukunft. Was kommen wird, dem werden wir begegnen müſſen, und es iſt beſſer, abzuwarten und unſere Kräfte zu ſammeln, als ſelbſt zu beginnen und uns ohnmächtig entgegen zu ſtemmen. Dennoch wollen wir nicht eigenmächtig entſcheiden. Ich trage darauf an, daß das Sanhedrin einen Beſchluß faßt, dieſen aber unſerm Patriarchen, Gott ſegne ihn! zur Beſtätigung oder Ver⸗ werfung vorlege, und daß wir unſern Bruder Patrika ſelbſt beauftragen, die Entſcheidung von Naſſi einzuholen.“ Ein allgemeines Beifallsmurmeln folgte den Worten des Greiſes. Jedermann ſchien befriedigt, und als R. Jona die Stimmen einſammelte, war keine verneinende darunter. Patrika hatte ſchweigend zugehört, die Rechte feſt auf das Herz gedrückt. —— 5. Patrika hatte bereitwillig den Auftrag des Sanhedrin über⸗ nommen. Wie Jemand ſich gern auf einige Stunden aus einem Kran⸗ kenzimmer entfernt, wenn der Leidende für dieſe Zeit keiner Hülfe⸗ leiſtung bedarf, ſo athmete Patrika friſch auf, als er Sepphoris auf einige Tage verlaſſen konnte, wohl wiſſend, daß er doch nur wenig zur Erleichterung ſeiner bedrängten Mitbürger daſelbſt zu thun vermöchte. Tiefe Naturen fühlen aus gegebenen Verhält⸗ niſſen und Stimmungen wie durch Inſtinkt die Zukunft voraus, und Patrika wußte daher, daß ein Kampf auf Leben und Tod nicht ausbleiben könne, daß er einen Feind vor ſich habe, mit welchem eine Ausgleichung oder Abfindung unmöglich ſei. Er wußte alſo, daß er den Feind doch wieder finden werde, wenn er auch eine Zeit lang abweſend wäre. Er kannte jetzt hinlänglich die Streitmittel, die in ſeiner Vaterſtadt vorhanden, und es kam ihm daher ſehr viel darauf an, auch die Geſinnungen ſeiner Lands⸗ leute und Glaubensgenoſſen in der Ungegend, vor Allem aber die Anſichten und Willensmeinungen des Patriarchen, ſeines Oheims von Mutters Seiten, kennen zu lernen. Hierzu geſellte ſich ſein Verlangen, dieſen hochverehrten Oheim und deſſen einzige Tochter, ſeine Baſe Mirjam nach langjähriger Trennung wiederzuſehen. Er ſtand ſo allein in der Welt und hatte ſchon ſo viele Täuſchun⸗ gen erfahren, daß er ſich ſehnte, einmal wieder in das Antlitz 48 von Menſchen zu ſchauen, denen ſein unbedingtes Vertrauen gehörte. Wie er in der Frühe des Morgens auf einem flüchtigen Maulthiere durch die thauigen und von dem Strahl der Morgen⸗ ſonne beglänzten Gefilde ritt, kehrten die Bilder der Vergangenheit in ſeiner Seele ein, und glitten in langer Reihe mit all der bit⸗ terſüßen Empfindung vorüber, welche in unſrer Seele die Erinne⸗ rung an entſchwundenes Glück und Leid, das niemals wiederkehrt, erweckt. Patrika war der einzige Sohn eines der angeſehenſten Bürger Sepphoris', und die ganze Geſchichte dieſer Stadt war mit dem Namen des Geſchlechts verwachſen, welchem Patrika entſtammte. Seine Mutter, die Schweſter des Patriarchen Hillel, der ſeine Abſtammung aus dem Davidiſchen Geſchlechte herleitete, war ihm in ſeinem ſechſten Lebensjahre durch den Tod entriſſen worden. Ach, ſeine Eltern hatten ſo glücklich mit einander gelebt und ſich in der zärtlichſten Liebe zu ihrem einzigen Kinde vereinigt. Konnte ihr engelbleiches Bild jemals aus ſeiner Seele ſchwinden? Hob ſich nicht immer wieder ſeine Bruſt von einem tiefen Schmerzens⸗ ſeufzer, wenn er ihrer gedachte? Ja, der frühzeitige Verluſt einer geliebten Mutter legt auf die Seele des Kindes für ſein ganzes Leben einen Trauerſchein, den nur die Hand des Laſters verwiſchen könnte. Sein Vater war von dieſem Verluſte tief gebeugt. Konnte er doch die Jahre ſeines lautern Glückes mit einer geringen Zahl benennen, während ſeine Zukunft nun düſter und in Trauer ge⸗ hüllt vor ihm ſtand. Doch erinnerte ſich Patrika ſehr wohl, daß ſein Vater ſich bercits wieder zu faſſen und aufzurichten be⸗ gonnen hatte, als ein Ereigniß eintrat, welches den herrlichen Mann unendlich erſchütterte und gänzlich verwandelte. Was dies für ein Vorfall geweſen, hatte er erſt vor wenigen Jahren 49 erfahren. Damals war es ihm unbekannt geblieben; ſein Vater hatte ſich nur wochenlang in ſein Zimmer eingeſchloſſen und ihn ſelbſt der Pflege ſeiner Amme, der Mutter Amnon's, überlaſſen. Es lebte noch in ſeinem Gedächtniſſe, welche drückende Schwüle damals auf dem ganzen Hauſe laſtete, ſo daß Niemand in dieſem laut zu ſprechen oder ſich zu bewegen wagte. Endlich kam ſein Vater wieder hervor, aber als ein düſterer, in ſich verſchloſſener Mann, der nur wenig ſprach und nur ernſt um ſich blickte. Nicht daß er ſeinem Kinde ſeine Liebe entzogen: vielmehr ver⸗ doppelte er nur ſeine Fürſorge und hütete unermüdlich den Kna⸗ ben. Aber jeder Ausdruck der Zärtlichkeit unterblieb; und wenn der Sohn mit überwallendem Herzen ſich einmal an die Bruſt des Vaters warf, ſo wies dieſer ihn nicht zurück, aber eine Hand⸗ bewegung und ein Blick ließen die Gefühle ſchnell wieder zur Ruhe und in das alte Geleiſe zurückkehren. Sein Vater betrieb ſein ausgebreitetes Geſchäft ohne Unterbrechung fort, aber ſobald die Stunden der Arbeit vorüber waren, zog er ſich in ſein Ge⸗ mach zurück, in welchem er nur mit ſeinem Sohne und den Die⸗ nern des Hauſes verkehrte. Von der Welt hatte er ſich gänzlich zurückgezogen und ſeine ſtädtiſchen Aemter niedergelegt. Aber das wußte Patrika, daß trotzdem ſein Vater niemals aufhörte, den reichen Strom ſeiner Wohlthätigkeit über alle Darbenden der Stadt fließen zu laſſen. Er erfuhr ſpäterhin oft genug davon. Die Jugend beobachtet mit ſehr ſcharfem Blicke, was um ſie her vorgeht; aber ebenſo ſchnellſchickt ſie ſich in Alles, wie es einmal iſt, und vergleicht wenig das Frühere und das Spätere, ſucht wenig nach dem Zuſammenhange von Urſache und Wirkung. So wuchs Patrika heran bei dem edelmüthigen, aber verſchloſſenen Vater, von Ernſt und Geheimniß umgeben, ohne die Liebesfülle einer Mutter, Gegenſtand der Zuneigung für Alle, die ihn umgaben, aber genöthigt 4 50 und gewöhnt, ſeine heißen Gefühle in ſich zu bergen, ſie in Handlungen, aber weder in Worten, noch in Liebkoſungen, auszu⸗ drücken. Sein Herz ward eine reiche Quelle ſtets friſch ſprudelnder Empfindungen, die aber, von einem marmornen Becken umfaßt, ſich nicht über die grünende Au mit ihren Blumen und Halmen ergießen kann. Sein Vater ließ ihn ſorgfältig unterrichten, vor Allem in dem heiligen Wiſſen der Religion, ſo daß er frühzeitig heimiſch wurde in dem großen Gebäude der Satzungen, dann aber auch in der griechiſchen und römiſchen Sprache. Als Patrika fünfzehn Sommer zählte, verlor er auch dieſen heißgeliebten und verehrten Vater, und er ſtand nun allein und ohne Führer unter Fremden. Bald aber langte ein Bruder ſeines Vaters Namens Meſchullam von Rom, ſeinem Wohnorte, an. Es war eigenthümlich, daß Patrika zwar aus ſeiner Kindheit her irgend eine Kunde von dieſem Oheim hatte, ſpäter aber nichts wieder von ihm erfuhr, da ſein Vater niemals von ihm ſprach und nur mit dem Kopfe ſchüttelte, wenn er einmal danach gefragt wurde, was daher ſpäter ganz unterblieb. Dieſer Oheim mußte eine vornehme Perſon ſein, denn er traf mit einem großen Gefolge ein, und man ſprach von ihm gar viel in der Stadt; Alles drängte ſich zu ihm und um ihn. Trotz einer gewiſſen vornehmen Zurückhaltung war er aber gegen Alle äußerſt freundlich und wußte Jeden befriedigt von ſich zu entlaſſen. Den⸗ noch machte er auf Patrika nicht einen völlig günſtigen Eindruck. Er war ſo ganz verſchieden von ſeinem Vater in Ausſehen und Weſen, und hinter ſeiner Freundlichkeit ſchien dem empfindſamen Knaben ein ſchlauer, berechnender Geiſt zu wohnen, und aus den ſcharfen, kleinen Augen ein lauernder Blick zu leuchten, der in unbewachten Momenten ſogar etwas Böſes, Tückiſches ihm zu 51 haben däuchte. Dennoch war dieſer Oheim als ſein einziger väterlicher Verwandter berechtigt, ſein Geſchick zu beſtimmen, und er verpflichtet, ihm gehorſam zu ſein. Nachdem Meſchullam die Fortführung des Geſchäftes unter ſeiner eigenen Oberleitung durch den bisherigen erſten Diener, den alten Amnon, geordnet, verab⸗ redete er mit dem Patriarchen, daß Patrika drei Jahre bei dieſem verbleiben und dann zu ihm nach Rom kommen ſollte. So ver⸗ ließ der Knabe ſein väterliches Haus und ſiedelte nach Tiberias über. Wie liebevoll wurde er da von ſeinem ehrwürdigen Oheim, von ſeiner Tante, die ihm eine zweite Mutter galt, und ſelbſt von der kleinen zehnjährigen Mirjam aufgenommen! Wenn der Oheim durch ſein Alter, ſeine hohe Stellung und immerwährende Beſchäf⸗ tigung ihm mehr Achtung und Verehrung einflößte, ſo ſättigte ſich ſein liebebedürftiges Herz um ſo mehr an der Zärtlichkeit ſeiner Tante und an der ſchweſterlichen Zuneigung ſeiner lieblichen Baſe. Dennoch umwehte ihn auch in dieſem Hauſe nur der Geiſt des Ernſtes und der Würde, und unter dem Schwunge gottes⸗ fürchtigſter Frömmigkeit konnte die Fröhlichkeit der Jugend nicht aufkommen. Patrika geſellte ſich zu den zahlreichen Schülern ſeines Oheims und wurde bald einer ſeiner Lieblingsſchüler, ohne daß er nicht auch der Unterweiſung mehrerer der dort verſammel⸗ ten Meiſter des jüdiſchen Glaubens theilhaftig geworden wäre. Schnell verfloſſen die drei Jahre, Jahre des Friedens, der Ent⸗ wickelung und Ausbildung, in welchen ſein Geiſt einen großen Fond des Wiſſens und der Gedanken in ſich aufſammelte, und eine unverlöſchliche Fackel der edelſten Begeiſterung ſich in ſeinem Her⸗ zen entzündete. So ſchmerzlich aber auch die Trennung war, ſo wallte doch ſein Herz friſch auf, als ein Bote ſeines Oheims ihn nach Rom abholte. Der Drang in die Weite, das Verlangen, die Herrlichkeit der Welt, den Glanz der Hauptſtadt zu ſchauen, 52 ſpannte ſeinen Geiſt an und trieb ihn mit Begierde vorwärts. Auch in Rom fand er eine gaſtliche Stätte. Seines Vaters Bru⸗ der und deſſen einzige Tochter Iddo, ziemlich von gleichem Alter mit ihm, empfingen ihn auf's freundlichſte und in dem großen Hauſe, welches dieſe bewohnten, wurden ihm prächtig ausge⸗ ſchmückte Gemächer und zahlreiche Dienerſchaft zu Gebote geſtellt. Die Wunder Rom's, das unermeßliche Leben, das daſelbſt fluthete, und der große Verkehr im Hauſe ſeines Oheims überwältigten ihn anfangs, daß er wie betäubt ſich darin kaum zu finden ver⸗ mochte. Aber ſein ſcharfer Geiſt, an prüfende Forſchung gewöhnt, zerſtreute bald die Nebel des erſten Rauſches und ließ ihn die treibenden Kräfte dieſes großen Weltlebens durchſchauen. Der Reiz der Neuheit ſchwand allmälig; Patrika zog ſich innerhalb gewiſſer Grenzen zurück und bewegte ſich darin ſelbſtändig und leicht. Sein Oheim hatte das erſte Jahr für ihn zu ſeiner äußeren Ausbildung beſtimmt, ſeine Erſcheinung abzuglätten, ihm die Sitten und Formen des Kreiſes, in welchem er lebte, beizu⸗ bringen und ihn in den Künſten zu unterrichten, deren ein Mann nicht entbehren konnte, welcher mit der Welt zu leben hatte. Auch hier zeigte ſich Patrika fähig und gewandt, dennoch aber ſich auf das Nothwendige beſchränkend und überall das Weſent⸗ liche von dem Unweſentlichen unterſcheidend. Als das Jahr vor⸗ über war, trat er in das Geſchäft ſeines Oheims ein, das auch ſein Lebensberuf werden ſollte. So freundlich ſein Oheim ihn auch behandelte, ſo ſehr ſich Patrika eingeſtehen mußte, daß alle Anordnungen desſelben nur väterlich, vernünftig und zu ſeinem Beſten ſeien, ſo konnte er doch niemals ein Gefühl der Scheu, ja faſt der Abneigung unterdrücken, und alle Vorwürfe, die er ſich ſelbſt darüber machte, beſſerten dieſen Schaden an ſeinem da⸗ maligen Leben nicht aus und bereiteten ihm nur fortgeſetzte Kämpfe 53 mit ſich ſelbſt. Um ſo lieber flüchtete er ſich zu deſſen Tochter Iddo, die, bereits eine gefeierte Schönheit und vielfach umworben, ihm mit Freundlichkeit entgegen kam und, ſo weit es die Etikette des Hauſes und ihre in Anſpruch genommene Zeit, denn ſie ſtand dem großen Hausweſen wenigſtens der Form nach vor, ihr erlaubte, ihn gern bei ſich ſah. So fühlte Patrika ſich auch an dieſer dritten Stätte ſeines Jugendlebens zumeiſt allein und auf ſich ſelbſt angewieſen. Er hatte Zeit und Gelegenheit, viele Erfahrung zu ſammeln, tauſendfültige Beobachtungen zu machen, und ſein Geiſt beſaß Ruhe und Kraft genug, um ſie zu verarbeiten. Nähere Freunde, die ſeinem Herzen theuer geworden, fand er nicht; denn die jungen Römer, mit denen er in Berührung kam, ſtießen ihn durch ihre Frivolität und Sittenloſigkeit ab und von ſeinen jüngern Glaubensgenoſſen traf er auch nur auf ſolche, welche, oberflächlich oder einſeitig, eine innere Beziehung ihm nicht gewähren konnten. Je mehr er daher in ſeiner Entwickelung fortſchritt, je edler und ſchöner er ſich an Geiſt und Körper aus⸗ bildete, deſto mehr fühlte er ſich von Iddo angezogen, und deſto williger widmete ſie ihm ihre Zeit und Gunſt und zeichnete ihn unzweideutig aus. Freilich drückte es den jungen Mann, der ſich zu fühlen anfing, ein wenig, daß das ihm altersgleiche Mädchen ihn zu bevormunden ſchien und ſtets von ihm erwartete, daß er ihren Anordnungen willig Folge leiſte und ſie mit dankbarem Gehorſam aufnehme. Aber je länger dieſes Verhältniß dauerte, deſto ſichtlicher änderte es ſich. Der reiche umfaſſende Geiſt des Jünglings wuchs über ſeine Gönnerin hinaus, und der Adel ſeiner Erſcheinung imponirte ihr. Bald zeigte es ſich, daß er ihr über⸗ legen war, und dies reizte ſie nur um ſo mehr, ihn durch ihre Anmuth und Liebenswürdigkeit zu feſſeln. War es wirklich das Gefühl der Liebe, das in ſeinem Herzen ſich regte? Oder war 54 es das Bedürfniß für den Alleinſtehenden, irgend ein Herz doch für ſich ſchlagen zu wiſſen, und der Reiz der Schönheit, welchen die liebliche Jungfrau auch auf ihn ausüben mußte— immer inniger fühlte er ſich zu ihr gezogen, und er hing bald mit ganzem Herzen an ihr. Und Iddo verrieth unzweideutig, daß der Vetter ihr nicht gleichgültig ſei. Andere gewahrten dies, nicht Wenige mit Neid und Eiferſucht, und bald verbreitete ſich das Gerücht, daß die Beiden für einander beſtimmt ſeien. Dies konnte auch dem Vater nicht entgehen und Meſchullam ſchwieg; er ſtörte das Verhältniß nicht und behandelte Patrika mit immer größerer Freundlichkeit, mit immer ſichtlicherem Vertrauen. So ſchienen die Dinge einem gewünſchten Ziele zuzureifen. Da trat plötzlich ein Ereigniß ein, das alle dieſe wohlgeſchürzten Bande zerreißen ſollte. Eines Tages befand ſich Patrika in dem Arbeitszimmer ſeines Oheims, wo dieſer mit mehreren Männern vom höchſten Range in einer wichtigen Verhandlung begriffen war. Er bedurfte hierzu eines Dokumentes, und da er ſich ſelbſt nicht entfernen konnte, gab er Patrika den Schlüſſel zu einem Schrein in einem geheimen Gemache, zu welchem Niemand Zutritt hatte, mit dem Auftrage, das Dokument zu holen, deſſen Lage und Beſchaffen⸗ heit er ihm genau beſchrieb. Aber Meſchullam mußte ſich doch geirrt haben, denn Patrika fand das Dokument nicht an dem an⸗ gegebenen Orte, und da das Verlangen des Oheims nach dem⸗ ſelben dringend war, fühlte er ſich bewogen, danach weiter zu ſuchen. Nachdem er mehrere Fächer durchforſcht hate, fand er das Dokument, ergriff es und wollte eben den Schrein wieder ſchließen, als ſein Blick auf ein anderes, daneben liegendes fiel, auf welchem er ſofort die Handſchrift ſeines Vaters erkannte und mit Erſtaunen die Worte las:„Meinem Sohne Patrika nach meinem Tode zu übergeben.“ Es durchfuhr ihn mit einem gewaltigen Schauer, 55 und wie Blitze folgten in ſeinem Geiſte die Gedanken: mein Vater, an mich, und man hat es mir vorenthalten? Iſt dies nicht mein Eigenthum? Dürfen die Worte meines Vaters an mich mir ver⸗ borgen bleiben? Muß ich es nicht in Beſitz nehmen, wo ich es finde? Eine Stimme meines Vaters über das Grab hinweg, und ſoll ich ſie nicht vernehmen? Sind es Befehle für mich, und ich ſoll ſie nicht ausführen? Rathſchläge, und ich ſoll ſie nicht befolgen? Geheimniſſe, und ich ſoll ſie nicht wiſſen und ihrer nicht achten? Dieſe und noch andere Gefühle überflutheten ſeine Seele, Todesbläſſe bedeckte ſein Antlitz, ſeine Hand zitterte, aber unbedenklich griff er nach dem Papiere und ſteckte es in ſein Gewand. Warum hat der Oheim mir das nicht übergeben, ſondern heimlich aus der Heimath mit⸗ genommen und verborgen gehalten?.... Er verſchloß den Schrein und das Gemach, kehrte nach dem Arbeitszimmer des Oheims zurück und übergab dieſem das Dokument. Meſchullam war zu ſehr in die Verhandlung mit den Anweſenden vertieft, um die verſtörten Mienen ſeines Neffen zu gewahren, und dieſer zog ſich alsbald nach ſeinem Gemache zurück. Hier las er die Schrift ſeines verklärten Vaters. Mit jeder Zeile ergriff das Entſetzen immer ſtärker ſein zuckendes Herz, das ſich unter den furchtbaren Eindrücken krampfhaft zuſammenzog. Was mußte er erfahren? Der ſchändlichſte Verrath, von dem eigenen Bruder an ſeinem Vater ausgeführt, durch welchen nicht blos ein großer Theil ſeines Vermögens verloren gegangen, ſondern auch ſein Leben gefährdet und nur durch eine glückliche Fügung der Vorſehung gerettet, was aber noch mehr dem Edlen galt, das Vertrauen zu ſeinem einzigen Bruder in teufliſcher Weiſe getänſcht worden! Mühſam rang Patrika nach Faſſung; ſtundenlang ſtürmte er in ſeinem Zimmer auf und nieder, ballte ſeine Fauſt, hob die Augen zum Himmel, murmelte Worte der Verwünſchung und fand keine Thräne der Erleichte⸗ 56 rung. So hatte man ſeinen Vater um das Glück ſeines Lebens betrogen, ſo ihn zu einem die Menſchen fliehenden Einſiedler gemacht und ſo auch ſeine eigene Jugend vergiftet! Und dennoch hatte ihm ſein edelherziger Vater jeden Schritt der Rache, jede That der Beſtrafung gegen den Böswilligen und ſeine Helfer unterſagt und ihm das Geheimniß nur mitgetheilt, um ihm Rechte zu überliefern, die er in der Stunde der Bedrängniß, aber auch nur dann, geltend machen könnte. Dieſes Gebot ſeines Vaters ſtand ihm zu lebhaft vor dem Geiſte, als daß er es zu halten ſich nicht geloben ſollte. Auch jetzt war die Zeit hierzu noch nicht gekommen, aber in ſeiner ahnungsvollen Seele ſtand die Gewißheit, daß ſie kommen werde, ſelbſt wenn er die Vor⸗ theile nicht für ſich, ſondern ſür Andere daraus ziehen müßte. Er verſchloß das Geheimniß tief in ſeine Bruſt.„Die Zeit wird kommen,“ rief er aus,„wer weiß wie bald— du wirſt gerächt werden, edler Vater, aber nur auf die Weiſe, die Du ſelbſt gewünſcht!“ Sein Entſchluß war endlich gefaßt. Er konnte in dieſem Hauſe nicht länger verweilen, nicht mehr unter einem Dache ath⸗ men mit einem Manne, der das Leben ſeines Vaters vergiftet. Einen Augenblick dachte er an Iddo, die keinen Theil an den Verbrechen ihres Vaters hatte. Sie trat mit dem ganzen Lächeln ihrer Anmuth vor die Seele des Jünglings, und der Zauber ihres Weſens übte einige Augenblicke einen aufregenden Eindruck auf ſein Herz. Aber er ſchüttelte wild ſein Hanpt:„Hinweg, auch Du, auch Dein Bild ſei aus meiner Seele geriſſen, alle dieſe Bande müſſen gelöſt werden, wie könnte ich ihr näher treten, der Tochter des einzigen Mannes, den ich haſſe!.... Und wie ſollte nicht auch in ihren Adern ein Tropfen des Giftes ſchleichen, das er meinem Vater in den Kelch ſeines Lebens geträufelt? 57 Aus ſolchem Boden kann nur eine bittre Pflanze erſprießen, mag ihre Blüthe in den lieblichſten Farben prangen und den berau⸗ ſchendſten Duft ausſtrömen!“ Sofort ſchrieb er an den alten Amnon, daß er unter irgend einem Vorwande ſeine ſchleunige Rückkehr nach der Heimath ver⸗ langen ſolle und beſchwor ihn, hiermit keinen Augenblick zu zögern. Fiel es ihm doch ſchon ſchwer genug, bis dahin in Rom ausharren zu müſſen. Aber er ſah ein, daß es nicht möglich war, das Geheimniß ſeines Vaters zu bewahren, wenn er einen Bruch herbeiführte. So mußte der Jüngling zu einer Verſtel⸗ lung greifen, die ſeinem Charakter ſo fern lag, und in welcher ihn nur die Feſtigkeit und Beſonnenheit unterſtützten, die der eigenthümliche Gang ſeines Lebens in ihm groß gezogen. Einem ſo viel beſchäftigten und den großartigſten Unternehmungen ob⸗ liegenden Manne gegenüber wie Meſchullam es war, konnte ihm dies nicht ſchwer werden. Aber dem ſcharfen Auge und zarten Gefühle Iddo's konnte freilich die Veränderung ihres Freundes nicht lange entgehen, und ſie verſuchte mehrere Male die Wün⸗ ſchelruthe ihrer Reize und ihrer Zuneigung, um den Jüngling aus ſeiner Zurückhaltung zu ziechen. Doch er war zu ſehr von dem einen Gedanken und einen Gefühle beherrſcht, als daß es ihr möglich werden konnte, den verſchütteten Quell ſeiner Liebe wieder aufzudecken. Als ſie dies gewahrte, fühlte ſich ihr Stolz verwundet, und ſie kehrte dem Jüngling, auf welchen nicht einmal die Eiferſucht einige Wirkung that, den Rücken zu. Der Brief Amnon's kam an und ſtellte ſo gebieteriſche Gründe auf, daß Patrika die ſchleunigſte Rückkehr treffen und alle Gegengründe ſeines Oheims zurückweiſen konnte. Nachdem er in der Heimath wieder angelangt war, deutete er in einem Schreiben an Meſchul⸗ lam den wahren Grund ſeiner Abreiſe, wenigſtens für dieſen 58 verſtändlich, an. Sein Oheim ſollte wiſſen, wie er mit ihm ſtehe, wenn es ihm bis dahin entgangen wäre, daß das Schreiben ſeines verſtorbenen Bruders nicht mehr in ſeinem Beſitze ſei. Aber auch in Sepphoris fand Patrika keinen freudigen Empfang. Eine peſtartige Krankheit war durch das Land gegangen und hatte den alten Amnon, den treuen Wächter ſeines Hauſes, dahinge⸗ rafft, und auch die Gattin ſeines Oheims Hillel war ihr erlegen. Patrika mußte alle ſeine Kräfte zuſammen nehmen, um ſich in die Lage ſeines Geſchäftes einzuweihen und dieſes fortan ſelbſt zu führen. Daher kam es, daß er ſich keinen Augenblick vom Hauſe entfernen durfte, denn Niemand war jetzt da, der ihn auch nur unterſtützen konnte. Bald auch forderten ſeine Mitbürger ſeine Hülfe für die Angelegenheiten der Stadt und zogen ihn in das Sanhedrin. Er betrachtete dies als eine um ſo heiligere Pflicht, als ſein Vater in ſeiner letzten Lebenszeit ſich dieſem entzogen hatte. Drei Jahre verfloſſen abermals, Jahre der Arbeit der ernſteſten Art, und nun ſah er ſich plötzlich auf dem Wege dahin, wo ſeine Gedanken ſo oft geweilt. In's Geheim machte er ſich auch einige Vorwürfe, den Beſuch bei ſeinem Oheim doch nicht früher möglich gemacht zu haben und fand nur darin ſeine Entſchuldigung, daß ihn die Kunde von dem Verrathe ſeines Oheims zu tief erſchüttert und verbittert hätte, um dieſe Verſtimmung nicht auf Alle zu übertragen, denen er näher treten ſollte. Iſt doch der Menſch und namentlich die Jugend gar zu ſehr geneigt, das Unrecht, däs ihr geſchehen, zu einem Mißtrauen und zu einer Abneigung gegen Alle auszudehnen. Aber dieſe Stimmung war jetzt ſeit längerer Zeit ſchon gewichen, und der Strom der Liebe floß wieder unge⸗ dämmt durch die Kammern ſeines Herzens, und ſein groß angelegter Geiſt fühlte ſich wieder leicht und friſch. 6. Patrika ritt jetzt durch ein enges Thal, welches von einem lebhaften Winterbache durchſtrömt ward. Eine Zeitlang verfolgte der Weg den Lauf des Baches, bis das Thal immer enger wurde und die Felſen, durch welche das Gewäſſer ſich eine Bahn gebrochen immer dichter an einander traten, ſo daß der Pfad den Bach verlaſſen und ſich längs der Bergmauer in die Höhe winden mußte. Mühſam ging es bergauf, von Höhe zu Höhe, bis Patrika, um einen Felſenvorſprung biegend, den Rand des Berg⸗ zuges erreicht hatte. Der großartige und überraſchende Anblick, der ſich ihm bot, ergriff ihn tief, obgleich dieſer ihm nicht ganz neu war, und er ſchon bedeutendere Scenerien geſehen. Aber die erwachten Erinnerungen an ſeine Jugend, das Gedächtniß jener Stunde, in welcher er von derſelben Stelle aus den letzten Blick auf dieſe ſchöne, von ihm ſo oft durchſtreifte Gegend geworfen, bewegten ſein Herz um ſo mehr. Zu ſeinen Füßen lag, in ein tiefes Becken gebettet, der See von Chinnereth, und bot dem Beſchauer ſeiner ganzen Ausdehnung nach den blauen, glatten Waſſerſpiegel, deſſen leichtes Wellenſpiel von der Höhe nicht ge⸗ wahrt wurde, und der nur um ſo lebhafter den Silberglanz der Sonnenſtrahlen ſchimmernd zurückwarf. Von beiden Seiten war der See von hohen Bergmauern umgeben, die dem Standpunkte Patrika's gegenüber ſich zu impoſanter Höhe erhoben und ſich nur von wenigen Schluchten durchbrochen zeigten. Der Früh⸗ 60 ling hatte die Höhen mit dem ſaftigen Grün der Gräſer und Sträucher überzogen, und üppige Saaten, der Ernte zugereift, dichte Oleandergebüſche, von hohen Palmen hie und da überragt, Wein⸗ und Melonengärten zogen einen prächtigen Gürtel um den See. Und wo irgend die Berge nur ein wenig vom Ufer des Sees zurückgewichen waren, lagen Städtchen und Dörfer ausge⸗ breitet und erhoben ihre weißgetünchten Häuſer und ihre grau⸗ braunen Mauern aus dem reichen Grün hervor. Von Norden her gewahrte man aus einer ſich weithin dehnenden Ebene den Jordan in den See fallen und nicht minder ſeinen Ausfluß im Süden, den er ſich durch ſtarre Felſen erzwingen mußte, ſo daß er ſeinen Lauf bald zu einer großen Krümmung gen Abend zu nehmen genöthigt war. Auf dem See ſelbſt aber flogen zahlloſe Barken und Boote von einem Ufer zum andern nach allen Rich⸗ tungen hin und glichen mit ihren weißen Segeln einer Schaar verſcheuchter Tauben, die mit ihren ſchimmernden Flügeln ihre Zufluchtsſtätten aufſuchen. Nicht lange, und das Auge unſeres Reiſenden haftete am weſtlichen Ufer des Sees an den Häuſern und Mauern von Tiberias. Da lag ſie, ausgebreitet vor ſeinem Blicke, die Stätte ſeiner ſchönſten und aufſtrebendſten Jugend⸗ jahre, die er vor ſieben Jahren mit ſo reichen Hoffnungen verlaſſen hatte, und zu welcher ſein Geiſt ſo oft zurückgekehrt war. Am nördlichen Ende einer kleinen hügeligen Ebene, dicht am Rande des Sees lag die Stadt, welche von dreien Seiten durch eine hohe und breite Mauer, in regelmäßigen Zwiſchenräumen mit ſtarken Thürmen verſehen, umſchloſſen, von dem See her offen war. Mitten aus ihrem Häuſermeer erhob ſich die ſtattliche Proseuche, der Sitz des Sanhedrin, ſo wie Bet⸗ und Verſammlungshaus der Bewohner der Stadt, welche, wie viele Städte Galiläas, damals noch allein der jüdiſchen Nation angehörte Nach und von 61 der Stadt fand der größte Verkehr auf dem See ſtatt, und die Fahrzeuge kreuzten ſich unaufhörlich vor deren Landungsplätzen. Sinnend ſchauete Patrika lange Zeit nach dieſem den Juden nächſt Jeruſalem damals geheiligteſten Orte, wo ſeit einem Jahr⸗ hunderte das große Sanhedrin, der religiöſe Mittelpunkt aller durch die Welt zerſtreuten Inden, ſeinen Sitz hatte, und von wo Belehrung, Erhebung und Tröſtung in den Zeiten blutigſter und drückendſter Verfolgung bis zu den fernſten Hütten gefloſſen, in welchen das„der Ewige iſt einzig“ von Lippe und Herz erklang. Dann nach Süden ſtreifend gewahrte er die weiße Dunſtwolke, welche ſich von den warmen Quellen zum Himmel erhob, die, wenige Schritte vom See entfernt, eine halbe Stunde von der Stadt, ſo vielen Leidenden Geneſung oder doch Erleichterung ihres Wehes bereiteten. Es war noch Alles ſo, wie er es ehedem geſehen, nur ſich ſelbſt fühlte er verändert, und darum ſtritten die Gefühle der Wehmuth und inniger Sehnſucht in ſeiner Seele um den Vorrang. Endlich lenkte er ſein Thier den ſteilen Pfad, der von der Höhe zu Thale führte, hinab, und nach kurzem Ritte gelangte er auf die breite Heerſtraße, die von Damaskus an Tiberias vorüber nach dem Süden führte. Er ſetzte ſein Maul⸗ thier in ſchnellere Bewegung und kam bald, an den Dreſchtennen der Einwohner von Tiberias vorbei, zu deſſen Thor. Tiberias war keine alte Stadt; nur einige Jahrzehnte vor dem Falle Je⸗ ruſalems hattr Herodes Antipas ſie erbaut, mit den Umwohnern bevölkert und nach ſeinem Freunde und Gönner, dem Kaiſer Tiberius, benannt. Er hatte ſich einen großen und reich geſchmück⸗ ten Pallaſt erbaut, der aber von der Wuth des Volkes in einem Aufſtande wegen der heidniſchen Gebilde, die er daran angebracht, zerſtört wurde. Doch blieb die Stadt im römiſchen Kriege ver⸗ ſchont, weil ſich ſeine Einwohner dem heranrückenden Vespaſian 62 ohne Schwertſchlag unterworfen und dem Titus ſogar Beiſtand geleiſtet, um die nah gelegene Veſte Tarichäa zu erobern. Darum wurde ſie mit mancherlei Vorrechten von den römiſchen Kaiſern beſchenkt, als ſie ſich auch unter Hadrian von den heißen Kämpfen der wieder erſtandenen Juden gegen die römiſche Zwingsherrſchaft fern hielt; und ſo kam es, daß das Sanhedrin, als es Jamnia verlaſſen, nach einem kurzen Aufenthalte in Sepphoris, in Tibe⸗ rias ſeine bleibende Stätte ſuchte. Noch hatte Patrika das Thor nicht paſſirt, als eine ihm wohlbekannte Geſtalt ihm entgegen eilte. Es war Amnon, der, durch einen vorausgeſandten Boten von der Ankunft ſeines Freundes unterrichtet, hier ſeiner geharrt und ihn nun mit leuchtenden Augen und ſtarkem Händedruck begrüßte.„Friede mit Dir, theurer Patrika!“ klang es aus überſtrömendem Herzen.„Mit Dir Friede, mein Amnon!“ erwiderte Patrika,„wie geht es meinem ehrwür⸗ digen Oheim und meiner guten Baſe?“ Das Antlitz Amnon's wurde ernſter und nach einigem Zögern antwortete er:„Deine Baſe iſt die Anmuth und Güte ſelbſt und erwartet Dich mit großem Verlangen; Dein Oheim, der ehrwürdige Patriarch, iſt ſo heilig und gütig wie immer, aber er iſt älter geworden und ſchwächer, und Du mußt Dich darauf gefaßt machen, ihn nicht ganz ſo zu finden, wie Du ihn verlaſſen...“ „Wann fänden wir das jemals und irgendwo, Amnon!“ ſprach Patrika, und ſeine Stimme verrieth die Bewegung ſeines Herzens. Bei dieſen Worten waren wohl die Gedanken Amnon's, der vorher nur von der Freude, ſeinen Freund und Retter wieder zu ſehen, be⸗ herrſcht war, auch nach Sepphoris zurückgekehrt, und er ſtammelte: „Du haſt Recht... o meine Mutter! meine Mutter!..... „Komm, komm, Amnon!“ unterbrach ihn Patrika.„Hier iſt nicht der Ort, um uns zu beſprechen. Laß uns zum Hauſe 63 des Patriarchen gehen.“ Amnon trocknete eine Thräne, ließ den Zügel des Maulthieres los und wandelte zur Seite die Straße hinab, während Patrika in der Mitte derſelben weiterritt. Das Haus des Patriarchen lag in einem ruhigen und ent⸗ fernten Stadttheile, und man mußte von der Hauptſtraße durch viele gewundene Gäßchen ſchreiten, ehe man dahin gelangte. Das wußte Patrika; und doch überraſchte ihn die Einſamkeit, die jetzt auf dem Platze vor dem Hauſe herrſchte, in welchem der ehr⸗ würdige Hillel ſeit einem halben Jahrhundert ſeinen Sitz hatte. Wo war das lebhafte Treiben der zu⸗ und abſtrömenden Schüler, der herbei und von dannen eilenden Menge, der Boten aus allen Weltgegenden geblieben, die von dem ehrwürdigen Meiſter Beleh⸗ rung, Rath und Entſcheidung ſuchten? Es war öde und ſtill geworden um den Ort, als ob das geiſtige Oberhaupt Juda's hier nicht mehr reſidirte oder nicht mehr zu den Lebenden gehörte. Patrika ſtieg vor der Pforte ab und Amnon führte das Maul⸗ thier davon. Kaum hatte der Erſtere einige Schritte durch die Flur des Hauſes gethan, als ein Seitengemach ſich öffnete und Mirjam heraus⸗ und ihm entgegen trat.„Willkommen, theurer Patrika, dein Eingang ſei geſegnet!“ rief ſie aus und ſtreckte ihm die Hand entgegen. Patrika blieb wie gefeſſelt vor dieſer Erſchei⸗ nung ſtehen. Was war aus dem lieblichen, dreizehnjährigen Mädchen geworden, die er vor ſieben Jahren verlaſſen, die er immer geliebt, und mit der er ſo freundlich geſpielt und geſcherzt? Jetzt ſtand ſie vor ihm, eine herrliche Jungfrau voll Liebreizes, aber auch voll Ernſtes, ja mit dem Schatten der Trauer, durch welche jetzt ein voller Strahl der Freude gebrochen war. Mochte ſie an blendender Schönheit jenem Mädchen in Rom nicht völlig gleichkommen und ihr jene feine Eleganz und vor Allem der Glanz der Toilette fehlen, durch welche Iddo's Reize um ſo mehr 64 hervorgehoben wurden: aber der Adel der Erſcheinung und die Innigkeit und Hingebung, welche aus allen Zügen Mirjam's hervorleuchteten, ſicherten ihr einen tieferen Eindruck auf das Herz ihres Vetters. Dieſe ſchlanke Geſtalt, das feine Haupt auf dem vollen weißen Halſe, das ſich ſo weiblich etwas nach der einen Seite ſenkte, die hohe Stirn von einer Fülle ſchwarzer Locken umſchattet, die zart geſchwungenen Brauen, unter denen die blauen Augen ſo lichtvoll und doch ſo tiefſinnig hervor⸗ ſchauten, die feingeſchnittene Naſe und der liebliche Mund, um welchen die herzgewinnende Freundlichkeit ihr Lächeln gelegt, gaben ihr einen unendlichen Reiz, der unſern Patrika ſofort umſtrickte. Gern hätte er ſein Vorrecht als nächſter und einziger Verwandter in Anſpruch genommen, und ſie zum Gegengruße an ſein überwallen⸗ des Herz gedrückt; aber die jungfräuliche Scheu, die über Mir⸗ jam's ganzem Weſen ausgebreitet lag, wehrte es ihm, ſo daß er ſich mit den innigſten Begrüßungsworten begnügte. Aber auch ſie war vön dem Wiederſehen tief ergriffen und von dem ſchönen, männlichen Weſen Patrika's ſo überraſcht, daß ihre Blicke in ſeinen Zügen und ſeiner Geſtalt immer wieder nach dem zarten Jüngling ſuchten, der vor langer Zeit von ihr geſchieden.„Komm herein, Patrika,“ ſagte ſie endlich,„Du wirſt ermüdet ſein vom langen Ritt und einen Imbiß nicht verſchmähen; dann erwartet Dich der Vater.“ Er folgte ihr und ſtand alsbald in dem ihm wohlbekannten Gemache. Wie war hier Alles ganz ſo geblieben, wie es vordem geweſen, nichts verändert an Räumlichkeit und Geräth, und es muthete ihn an, als ob er geſtern erſt von dan⸗ nen gegangen. Und dennoch fehlte Etwas, und ſeine Augen ſuchten danach, obſchon er wußte, daß ſie es nicht finden könnten und würden. Dort auf jenem Divan hatte ja die immer gütige Tante geſeſſen, die ihn ſtets mit ſo vieler Liebe und Zärtlichkeit auf⸗ 65 genommen. Mirjam verſtand dieſen Blick, ihre Arme ſanken nieder, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen:„Du ſucheſt die Mutter, Patrika, aber ſie iſt geſchieden, wie Du ja weißt, und ruht unter dem kühlen Raſen der Erde. Ihre letzten Worte enthielten auch einen Segen für Dich.“ Patrika ergriff die Hand Mirjam's und ſprach mit geſenk⸗ tem Haupte:„Wohl, Mirjam, ich wehre es nicht ab, daß mein erſter Gedanke in dieſem Hauſe ihr gehöre, der Verklärten, die mir die früh geſchiedene Mutter erſetzte. O, ihre Seele war ſo rein und heilig, daß ſie, jetzt in den Bund des Lebens geſchloſſen, auch in unſere Seelen nur eine lautere und heiligende Erinnerung ſenken kann. Ihrer zu gedenken, thut nur wohl und löſt den Schmerz in eine ſüße Befriedigung auf.“— Mirjam dankte dem jungen Manne für dieſe Worte durch einen leiſen Druck der Hand. Er folgte ihr zum bereitſtehenden Mahle, und ſo ergoſſen ſich bald die jungen Herzen in ein trau⸗ liches Geſpräch, welches ſchnell über alle die mannigfaltigen Er⸗ lebniſſe hineilte, die in der Zeit der Trennung durch das Leben Beider gegangen. eeine Stunde ſpäter trat Patrika in das Gemach ſeines Oheims. Er fand den Greis in einen Lehnſeſſel hingeſtreckt, aus welchem er ſich bei ſeinem Eintritt nur mühſam erhob. Alter und Schwäche hatten die hohe Geſtalt Hillel's gebeugt, Kränklichkeit ihm die Kraft der Bewegung entzogen, und ſeine eingefallenen Züge verriethen bereits die Nähe jenes Augenblicks, in welchem die ſcheidende Seele den letzten Blick auf die lange Bahn der irdiſchen Pilgerſchaft wirft. Patrika gewahrte dies ſchnell, und eine unendliche Trauer fiel in ſein Herz. Aber als ihm aus den Angen des hinfälligen Greiſes noch alle Kraft des Geiſtes, alle Wärme der Empfindung, all' die Tiefe der Gedanken 5 66 ntgegen leuchteten, die er früher an dem Meiſter und Lehrer be⸗ wundert, und als ihm die Worte:„Geſegnet ſeiſt Du, mein Sohn!“ mit dem ganzen vollen Klange aus dem Munde des Greiſes entgegen tönten: da hob es ſich voll Liebe und Begeiſte⸗ rung in ſeiner Bruſt, er eilte zu dem Sitze des Oheims hin und beugte ſein Haupt tief vor ihm, daß der Greis ſeine Hände da⸗ rauf legen konnte und mit leiſem Tone den Vaterſegen über ihn ausſprach. Eine Handbewegung des Greiſes bedeutete Patrika, ſich auf einen Divan neben dem Lehnſeſſel niederzulaſſen. Die Augen des Oheims ruheten einige Zeit auf dem Angeſichte des Neffen, bevor er anhob:„Ich danke meinem Gott, theurer Sohn, daß er mir gewährte, Dich noch einmal zu ſehen, und Dich ſo zu finden, wie Du da vor mir ſitzeſt, erwachſen in Kraft und Zucht und, wie ich glaube, durch die Verſuchungen der Ingend ſiegreich geſchritten. Die Klarheit und Innigkeit Deines Blickes, die Offenheit Deiner Züge und die Kraft Deiner Geſtalt bezeugen mir, daß Du ſelbſt in jener Hauptſtadt der Edomiter, Rom, Dir, den Deinigen und Deinem Geſchlechte treu geblieben. So erzähle mir nun von dem, was Dir begegnet iſt.“ „Ach, verehrter Ohm, wer von Jugend auf im Lichte ſolcher Vorbilder wandelt, unter der Obhut ſolcher Freunde und Lehrer, der kann wohl nicht anders als dem ihm vorgeſteckten Ziele mit Ernſt und Trene nachgehen!“ Und Patrika erzählte dem Greiſe von Rom und ſeiner Rückkehr nach der Heimath und Allem, was ſich da zugetragen. Oft unterbrach ihn ſein aufmerkſamer Zu⸗ hörer durch Fragen, die er ihm ſchnell und beſtimmt beantwortete, ſo daß jener ihm beiſtimmend und befriedigt zulächelte. Mit leich⸗ tem Uebergang berichtete er ihm dann von den Vorgängen der letzten Tage in Sepphoris, trug ihm die Fragen vor, welche das Orts⸗Sanhedrin dort zuletzt beſchäftigt hatten, ſo wie ausführlich 67 die Beantwortung und deren Motive, damit er nun die Entſchei⸗ dung des Patriarchen erhalte. Dieſer ſchwieg eine Zeit lang. Mit geſchloſſenen Augen lag er in ſeinem Seſſel, zurückgelehnt, und nur eine leiſe Bewegung auf der tief durchfurchten Stirn bezeugte, daß ſein Geiſt wach und in ſorgfältige Erwägungen verſunken ſei. Endlich redete er Patrika wieder an:„Und die Männer von Sep⸗ phoris haben lediglich meine Entſcheidung gefordrrt und nicht die des großen Sanhedrin?“ „Ja, verehrter Oheim, es war nur von Deiner Entſcheidung die Rede, und man iſt mit dieſer im Voraus völlig beruhigt.“ „Nun, Parika, ſo ſage ich Dir, daß die Beantwortung des dortigen Sanhedrin vollſtändig richtig iſt und zwar dem Geiſte des Geſetzes gemäß und den vorliegenden Verhältniſſen angemeſſen. Die Weiſen Ifrael's ſind dazu da, das Geſetz Gottes ſtreng zu erhalten und es nimmer untergehen zu laſſen, aber es zu dehnen oder zuſammenzuziehen nach dem Gebote der Zeit und ihrer Umſtände. Die Zeit des Widerſtandes iſt vorbei, die Zeit der Nachgiebigkeit iſt gekommen, und letztere allein kann uns retten.“ Aus der Bruſt Patrika's erhob ſich ein tiefer Seufzer und er ſprach:„Ja, es ſteht ſchlimm in Sepphoris, und wir haben ſchwer zu tragen....“ „Und glaubſt Du,“ unterbrach ihn der Greis,„daß für Tiberias ſolche Tage ausbleiben werden? Nun ſo wiſſe, daß wir jeden Augenblick das Eintreffen des Cäſar Gallus zu erwarten haben, und Du biſt gewiß genugſam mit den Männern Rom's bekannt, um zu wiſſen, daß dieſer Gallus als eifrigſter Chriſt auftritt und ſich zum ſchonungsloſen Gegner aller andern Reli⸗ gionen erklärt hat. Ich erkenne ſehr wohl das Schauſpiel, das hier aufgeführt werden ſoll. Der Kaiſer Conſtantius hat ſich bis jetzt noch nicht öffentlich zum Chriſtenthum bekannt, um ſich dem 68 noch immer mächtigen Heidenthum nicht geradezu entgegenzuſtellen, und darum übernimmt dieſer Cäſar die Rolle des Verfolgers. Du wirſt ſehen, Euch ergeht es ſchlimm in Sepphoris, uns hier in Tiberias noch ſchlimmer, und ich glaube kaum, daß die von den Kaiſern meinem Hauſe verliehenen Privilegien unangetaſtet bleiben werden.“ „Nun gut,“ ſprach Patrika mehr zu ſich ſelbſt als zu ſeinem Oheim,„kommt nach dem Schlimmen das Schlimmere, ſo folgt auf das Schlimmere das Schlimmſte. Und mit dem Schlimmſten kommt die Rettung....“ Aber der Gries hatte wohl aufgemerkt und richtete lebhaft Auge und Wort an den Sprecher:„O, mein Sohn, das iſt eine ſehr ungewiſſe Schlußfolgerung: denn vom Schlimmen bis zum Schlimmſten iſt eine große Stufenleiter, die ſich über viele Jahr⸗ hunderte erſtrecken kann.... Denn was wir ſchon für ſchlimm erachten, erſcheint vielleicht dem folgenden Geſchlechte leidlich gegen das, was ihnen ſelbſt auferlegt wird.“ „Aber wie, Oheim, kann es wohl ſchlimmer werden, als wenn nunmehr der Feind auch an den letzten Beſtand unſeres Volkes im heiligen Erbe ſeiner Väter die Art legt, wenn er auch die Städte Galiläa's zum Schauplatz ſeiner Gräuel macht, hier uns entwurzeln, zerſchlagen und die Splitter nach allen vier Säu⸗ men der Erde zerſtreuen will? Wie? Kann Juda auch in ſeinen Trümmern nur beſtehen bleiben, ſobald die letzte Sohle ſeiner Söhne von dem geweiheten Boden, der ſie erzeugte, geſchwunden iſt? Wo aller Mittelpunkt, aller Anhalt, jeder Zuſammenfluß, jeder Knoten, nach welchem die zahlloſen einzelnen Fäden zuſam⸗ menlaufen, fehlt— wie ſoll da ſich irgendwie die Eigenthüm⸗ lichkeit des Weſens und der Erſcheinung erhalten? Menſchen und Völker ſind keine Kryſtalle, die ſich im Großen und Kleinen un⸗ 69 endlich wiederholen; ſie ſind lebendige Weſen, die ohne Herz nicht beſtehen können. Aber mit dem heiligen Lande wird Inda das Herz aus dem Leibe geriſſen.“ „War es doch allzu ſichtbar ein Werk der Vorſehung, daß, als Judäa von unſern Vätern geräumt werden mußte, ja als ſie aus den Gauen Judäa's unter Androhung der ſchärfſten Strafen ver⸗ bannt wurden, ſie ſich hier in Galiläa um ſo zahlreicher nieder⸗ laſſen konnten, der Unwille und Haß der Römer ihnen Galiläa nicht verſagte, ja daß hier ein neues geiſtiges Jeruſalem aufgebaut werden konnte, deſſen Strahlenglanz vielleicht unmittelbarer ſich über unſere fernſten Enkel ergießen wird, als ſelbſt der des wirk⸗ lichen Jeruſalem. Aber wenn es nun kommt, wie ich es voraus⸗ ſehe, daß wir auch aus Galiläa als heimathloſe Flüchtlinge ver⸗ trieben werden, was ſoll dann geſchehen? Kann es noch etwas für unſer Volk und unſern Glauben Schlimmeres geben? Für⸗ wahr, dann müſſen die göttlichen Verheißungen in Erfüllung gehen; dann muß endlich der Reis aus David's Stamm auf⸗ ſprießen und in die Höhe wachſen; dann muß der Meſſias kommen und ſeine Standarte aufpflanzen für uns und die Völker, und wir müſſen mit willigem Gehorſam unſeren letzten Tropfen Blutes vergießen, das große Siegeswerk vollführen zu helſen! Bei jedem dieſer Worte hatte ſich die Stimme Patrika's ſtärker erhoben, ſeine Augen leuchteten und ſeine Rechte zeigte durch eine edle Bewegung, welch mächtige Gefühle ſeine Bruſt durch⸗ wogten. Aber auch der alte Patriarch war immer aufmerkſamer und geſpannter geworden und hatte ſich zuletzt mit ſeinem Ober⸗ körper gänzlich aufgerichtet, den Blick feſt auf den jungen Mann gerichtet. Jetzt unterbrach er dieſen.„Nicht weiter, Kind, nicht weiter 70 — will es da hinaus? Biſt auch Du ſchon zu jenem Uhurufe unſres Volkes gekommen, der es ſo oft in den Sumpf des Truges verlockt und in ein Meer von Blut hineingeſtürzt hat? Nimmer⸗ mehr! Wer da nach einem Meſſias verlangt, dem kommt er wohl — aber ein Meſſias der Lüge! Sprich zu einem Volke: Siehe da, dein Meſſias kommt und bedeckt Deine Straßen mit Gold und baut Dein Haus aus Rubin— und es wird einen Meſſias haben ehe es ſich deſſen verſehen, mag dieſer ein Betrüger oder ein Be⸗ trogener ſein oder Beides zugleich! Nein, Patrika, zu viel des Unglücks, zu viel des Verderbens hat dieſer Meſſiasglaube unſerm Volke gebracht, dicht an den Rand völligen Verderbens hat er unſere heilige Religion, unſer göttliches Geſetz gedrängt und Ströme von Blut nutzlos vergoſſen aus den Adern der beſten Männer, der herrlichſten Jünglinge. Wodurch, frage ich, haben wir Judäa verloren, wenn nicht durch jenen„Sohn der Lüge“(Bar Coſiba), der ſich den„Sohn des Sternes“(Bar Cochba) nannte? Soll nun auch Galiläa einem ſolchen zum blutigen Opfer fallen? Um Gottes Willen alſo, Nichts mit dieſem Glauben jetzt wieder an⸗ gerührt, jetzt wo eine feindliche Hand, wie ſie Iſrael noch nie er⸗ fahren, nur danach harrt, das Henkerſchwert über Alle zu ſchwin⸗ gen, welche dem Schema Israel nicht entſagen wollen!... Ich erkläre Dir daher, Patrika, feierlich und mit dem ganzen Nach⸗ druck meines Amtes, was ich bereits in voller Sitzung dem großen Sanhedrin erklärt habe: alle meſſianiſchen Verheißungen, die an Iſrael ergingen, ſind bereits in Erfüllung gegangen, die erſten mit dem Könige Hiskia, die andern mit Juda Makkabi; andere exiſtiren nicht.... So ſprach ich und ſo ſpreche ich zu Dir, und wenn jener Rabbi mir zurief: Gott möge es mir verzeihen— nun jeder Nerv meines Geiſtes und jeder Schlag meines Herzens ſagt mir, daß dieſe Verzeihung mir geworden, und je näher ich 71 dem großen Augenblicke des göttlichen Gerichtes trete, deſto mehr fühle ich, daß ich recht geſprochen und daß ich hierfür nicht die Verzeihung, ſondern die Zufriedenheit meines Gottes erhalten habe.“ Die Energie, mit welcher der Greis anfangs geſprochen, hatte ſich nach und nach zu ruhiger Stimmung geſänftigt, und mit den letzten Worten hatte er ſich in ſeinen Seſſel wieder zurückgelegt, und eine heitere Zufriedenheit breitete ſich über ſein edles Antlitz aus. Patrika aber war bleich geworden, und einer ſchnell vorübergehen⸗ den Röthe folgte wieder eine todtenähnliche Bläſſe. Dann ſchlug er die Hände zuſammen und rief ſchmerzlich aus:„Wie, mein Oheim, war Ifrael nicht auf jedem ſeiner Verbannungswege von göttlicher Verheißung begleitet und umgeben, und nur dieſe ver⸗ mochte es aufrecht zu erhalten. Nach Egypten gingen mit Jakob und ſeiner Familie die Verheißungen Gottes an Abraham; nach Babel die Verheißungen durch den Mund der Propheten und ins⸗ beſondere das Wort des Jeremias— und wir auf unſerm weiten Wüſtengange, der bereits mehr als drittehalb Jahrhunderte währt, ſollten keine, gar keine haben? Haben wir nicht wenig⸗ ſtens Daniel?“ „Daniel iſt kein Prophet; unſre Weiſen haben das Buch unter die heiligen Schriften, nicht unter die Propheten geſtellt, und ſein dunkles Wort iſt am wenigſten geeignet, eine Verheißung darzubieten, die uns Kraft und Troſt zu gewähren vermag. Du frägſt nach Verheißungen, Kind, und willſt Du eine größere haben, als das Wort: eher werden die Himmel vergehen und Sonne und Mond ſich verfinſtern, denn daß mein Bund aufhören ſollte mit Iſrael, meinem Volke! Genügt dies Euch nicht, das uns doch eine ewige Dauer verſpricht, und wollet Ihr durchaus eine Verheißung auf Kampf und Sieg, auf Blut und Herrſchaft? 72 Laßt Euch genügen, Ihr Thoren, mit den Worten des Pro⸗ pheten: Der Cwige wird König ſein über die ganze Erde, zu jener Zeit wird wie der Cwige einzig iſt, auch ſein Name einzig ſein!“ „Und was ſollen wir, Oheim, dem Volke antworten, wenn es danach frägt, was ſeine Zukunft und der Ausgang aller dieſer Leiden und Kämpfe ſein werde?“ Bei dieſer Frage erhob ſich der Greis noch einmal und ſprach mit lauter Stimme:„Saget dem Volke, daß Alles, was geſchieht, nach dem Willen und unter der Obhut Gottes geſchieht, daß keine Thräne aus einem Auge guillt, ohne daß ſein Rathſchluß ſie will und ſein Auge ſie ſieht. Saget ihm, daß inſonders Juda unter ſeiner ewigen Obhut ſteht und kein Schmerzensſchrei aus dem Munde einer ſeiner Söhne, aus der Bruſt einer ſeiner Töchter hervorgehe, ohne daß Er ihn gewollt und Er ihn vernimmt. Das lehret dem Volke, und es wird ausharren kund auf dem rech⸗ ten Wege bleiben!.... Siehe, Patrika, auch Du frägſt mich nach der Zukunft, und ich will Dir ſagen, wie ich ſie ſchaue. Meineſt Du, die Menſchen könnten immer in dieſem Gewühl von Leiden⸗ ſchaft und Verbrechen, von Tyrannei und Unterjochung verbleiben? Meinſt Du, daß ſich auf alle Zeiten die Millionen von Menſchen durch einige Wenige niedertreten, plündern und zur Schlachtbank führen laſſen werden? Meinſt Du, daß Gott darum ſeine Menſchheit auf dieſen Erdboden geſetzt, damit ſie immer tiefer in den Pfuhl der Sünde und des Verderbens hineinſinke? Meinſt Du, daß der Geiſt, den Gott von ſeinem Odem in den Leib des Menſchen gehaucht, in ſeinem Verlangen nach Reinheit, in ſeiner Sehnſucht nach Frieden, in ſeinem Durſte nach Heil und Glück niemals den Staub der Erde von ſich abſchütteln und ſich zur Höhe, zu Gott erheben werde? Nicht ſo; das meinſt Du, das 73 glaubſt Du nicht— oder Du hätteſt keinen Buchſtaben unſrer heiligen Lehre begriffen.... Wohl, Patrika, es wird alſo eine Zeit kommen, in welcher die Menſchheit und alle Völker in Frieden leben, jeder Menſch ſeiner Freiheit ſich erfreuen, und jeder Sterb⸗ liche in der Anbetung des einzigen Gottes nur Recht und Liebe üben wird.... Und bis dahin hat Inda auszuharren durch alle Stürme der Zeiten und durch alle Gefahren und Leiden, die ihm bereitet werden; je mehr der Friede ſich ausbreitet, je mehr die Freiheit erſteht, je mehr in der Anbetung des einzigen Gottes das Recht und die Liebe das Scepter über die Erde führen, deſto fried⸗ licher und freier wird es auch um Inda; mit jedem Schritt näher, einen Schritt weiter.... Sieh, Patrika, willſt Du mehr Erweis— weißt Du nicht, wie unſer Stern hier in Galiläa immer bleicher wird, deſto ſtrahlender geht das Licht in den Schulen Babels auf, und je ſchwerer der Tritt des chriſtlichen Römers wird, deſto leich⸗ ter wird der Stab des heidniſchen Perſers für unſer Volk. 5 Nein, nein, auch an die Fluren Galiläa's ſind wir nimmer gebunden, und die heilige Thorah kann an den Ufern der fernſten Ströme ſo gut gelernt und gehalten werden, wie am Jordan— glaube mir das, der ich vermöge meines Amtes mit den fernſten Gegenden in Verbindung ſtehe,— und allein um der Thorah willen iſt ja unſer Volk da. Gott hat es zerſtreut, aber nur aus Gnade, denn ſo es an dieſem Orte niedergedrückt oder verjagt wird, vermag es an einem andern ſich zu ſammeln und zu erheben. Hat es keine Heimath, findet es ſeine Heimath überall, wo brüderliche Herzen ſchlagen, und verwandte Geiſter das Wort ſeiner Lehre bekennen.“ Unter der langen Rede des Greiſes hatte Patrika ſeine Ruhe wieder gewonnen. Ob er von den Worten ſeines Meiſters und Oheims überzeugt worden oder nicht, er ſprach es nicht aus. Als 74 Hillel geendet und erſchöpft zurückgeſunken war, bengte er ſich über deſſen Hand, küßte ſie und ſprach:„Ich danke Dir, verehrter Oheim, für das tiefe Wort Deiner Belehrung. Aber jetzt mußt Du ruhen, und wenn Du es geſtatteſt, kehre ich morgen früh zu Dir zurück.“ Der Greis winkte ihm freundlich lächelnd zu, und mit leiſen Schritten verließ Patrika das Gemach. Hinter dem Hauſe des Patriarchen erſtreckte ſich ein mäßi⸗ ger Garten bis an den See hinunter, von welchem er jedoch durch eine tiefer gelegene Straße getrennt war. Eine hohe Palme ſtand an ſeinem Eingang, deren weitgeſtrecktes Blätterdach ſich bis über die Firſt des Hauſes erhob. Myrthen und Oleandergebüſche um⸗ grenzten zierliche Blumenrabatten, die von hohen Roſengeſträuchen durchzogen und eingefaßt waren. An dieſe ſchloſſen ſich üppig wuchernde Gemüſe⸗ und Melonenbeete, die ſich an einen langen Weingang lehnten, welcher die Rückſeite des Gartens einnahm und den Blick auf den See und die Höhen völlig frei ließ. Hierher begab ſich jetzt Patrika und kaum eingetreten, gewahrte er das weißſchimmernde Gewand Mirjam's, die ſich in dem Wein⸗ gang befand. Mit ſchnellem Schritte wandte er ſich zu ihr.„Wie haſt Du den Vater gefunden, lieber Patrika?“ fragte ſie mit leiſem Tone, der die Bangigkeit ihres Herzens verrieth. „Theure Mirjam!“ antwortete Patrika, indem er zugleich ſeine Augen umherſchweifen ließ und ſeine Linke in die Höhe richtete,„Laß es mich offen ſagen. Siehſt Du dort die ſcheidende Sonne, die, halb noch ſichtbar hinter den Gipfeln des weſtlichen Bergzuges, mit ihrem ſtarken, faſt blendenden Lichte dieſe Spitzen beleuchtet und die Höhen am jenſeitigen Ufer mit einem roſigen Goldglanz übergießt, wie er niemals ſo licht und ſo zauberiſch während des ganzen Tages auf ihnen geruht, während die Schat⸗ 76 ten der Nacht ſich bereits auf den See geſenkt und deſſen blaue Welle ſtahlgrau zu färben begonnen! Horch, wie der Abendwind durch die Blätter der Palme flüſtert und den Duft der Myrthen und Roſen durch die Luft ſtrent. Alles iſt Frieden und Ruhe und ſelbſt die weiß bewimpelten Boote kehren bereits zu ihren Häfen zurück. Nur die Welle des Sees plätſchert an das Ufer, und am blauen Himmel zieht hier und da ein purpurumſäumtes Wölkchen. Dies iſt das Bild des Vaters. Ich habe ihn ſchwächer und vor der Zeit gealterter gefunden, als ich es erwartet; aber ſein Geiſt ſendet voll Erhebung und Klarheit ein helles Licht auf alle Höhen des Lebens, während deſſen ſtürmiſches Treiben ihm bereits verdeckt und entſchwunden iſt.“ Mirjam ſeufzte tief auf. Dann ſprach ſie:„Ach, er hat ſich ſo ſehr auf Dich gefreut; die Erinnerung an Dich hat ihn niemals verlaſſen, und er ſprach Deinen Namen immer mit Liebe aus. Wie hat er ſich gegen Dich geäußert?“ „Er hat große erleuchtete Worte geſprochen, tiefen Sinnes und voll herrlicher Anſchauung. Aber ihr Glanz, ſcheint mir, trifft nur die jenſeitigen Höhen, von denen uns dunkle Thäler und ſteile, beſchattete Felſen trennen. Ich geſtehe es Dir: ſeine Ausſprüche haben einen großen Kampf in meiner Bruſt geweckt, ſie traten meinen wärmſten Hoffnungen, allen Ausſichten für die Zukunft unſerer Nation entgegen. Wir ſollen den tief gebeugten Nacken nur immer tiefer beugen und die gefeſſelten Arme ruhig hinſtrecken, mit noch ſtärkerern Banden umwunden zu werden. Er hat Recht; er ſpricht die Wahrheit. Wir aber, die wir im Kampfe des Lebens ſtehen, müſſen doch anders. Nicht von dem eigenen Gedanken, von dem eigenen Willen hängen wir ab, und die Ereigniſſe können uns zwingen zu dem, was wir vom Be⸗ ginne an nicht beabſichtigt. Mirjam, wir müſſen dem Kommen⸗ 77 den männlich die Stirn bieten und den Arm bereit halten zum Kampfe, den wir nicht heraufbeſchworen.“ Beide verſanken in Schweigen. Plötzlich fuhr Mirjam auf, ergriff die Hand ihres Vetters und ſprach:„Patrika, ſieheſt Du, die Sonne iſt verſchwunden; ſie iſt untergegangen hinter jene Berge, ihre Strahlen haben die Höhen drüben verlaſſen, die Nacht breitet ihre Schatten immer dichter und dunkler aus, und der weiße Nebel ſteigt aus der Tiefe des Sees herauf. Dies iſt mein Schickſal, und es ſteht mir nahe bevor, du haſt es ſelbſt geſagt.... Patrika war betroffen, er wandte ſein Antlitz ihr zu und ſenkte ſeinen Blick in ihre großen, weit geöffneten Angen, aus denen die Trauer und der Schrecken ſo tief bewegend hervorſahen. „Nicht doch, Mirjam, ſchau Dich um, noch eine kurze Weile und an dem ganzen Nachthimmel leuchten die funkelnden Sterne Gottes und ſenden ihre milden Strahlen beruhigend auf uns nieder. Und ſiehſt Du, hinter jenen dunklen Bergen ſteigt der Mond auf, ſchnell erhebt er ſich, und bald legt er eine helle Silberſäule auf den See, und ſein freundliches Licht fällt auf jedes grüne Blatt und ſchimmert. Mirjam, und wenn Deine Sonne untergegangen, laß mich jene zweite Leuchte Dir ſein, welche Deinen Pfad erhellt und Dir Friede und Sicherheit ver⸗ heißt Mirjam ſchwieg, und ihre Hand zitterte in der Patrika's. Aber dieſer hob von Neuem an:„Es iſt eine ſeltene Stunde der Weihe, Mirjam, die uns vergönnt iſt. Jahre mußten vorübergehen, ehe ſie kommen durfte, und die ſchnell vorüber⸗ eilende Zeit könnte ſie bald wieder mit ſich fortführen. Darum ſei jetzt geſprochen, was doch geſprochen werden muß, und was ſo ſüß zu ſprechen iſt: als ich Dich heute zum erſten Male wiederſah, beſchwerten und bekümmerten Herzens, da fiel es wie ein Strahl 78 Gottes in meine Seele: Du biſt es, Mirjam, die mein Herz liebt, welcher die Sehnſucht meiner Seele und alles Verlangen meiner Bruſt angehört. Wo anders hätte ich wohl die Gefährtin meines Lebens zu ſuchen, als in der Genoſfin meiner ſchönſten Jugend⸗ jahre? Hat der Herr uns nicht in ſeiner Liebe für einander be⸗ ſtimmt, wie zwei Lilien, die einer Wurzel entſproſſen? Ja, Mirjam, nimm das Geſtändniß meiner Liebe zu Dir an, und wenn eine gleiche Stimme wach iſt in Deinem Herzen, laß mich deren Wiederhall vernehmen.... Dann komme, was da wolle, ich werde kämpfen für Dich; und welcher Ausgang uns auch er⸗ wartet, bei Dir iſt mir Sieg und Friede bereitet... Mirjam hatte ihr Haupt tief geſenkt, ein Zittern überflog ihren Körper, ihre Lippen regten ſich, doch kein Laut kam über dieſelben, aber als Patrika ſie an ſich zog und ſeine Arme um ſie legte, ſank ſie willig an ſeine Bruſt, und Thränen fielen aus ihrem Auge auf ſeine Hand.... Der Bund der beiden Herzen war geſchloſſen. Sie waren glücklich. Sie fragten in dieſer Stunde nicht, was er ihnen brin⸗ gen werde. Der Mond war aufgegangen hinter den dunklen Bergen und warf ſeine Silberſäule über den ganzen See und ſeinen Strahl auf jedes grüne Blatt, daß es ſchimmerte. Und die Blätter der Palme rauſchten unermüdlich, und die Myrthen und Roſen ſtreuten ihren Duft durch den Garten aus. Und es war Friede und Schweigen rings umher. 8. Das Peßachfeſt war herangekommen. Alle Bewohner von Sepphoris waren voll Unmuths und Zornes, als ſie die Befehle des Urſicinus vernonmen, nach welchen ihre Wohnungen während der Tage des ungeſäuerten Brodes nicht von Sauerteig befreit bleiben konnten. Wenn ſie nun auch nach der Entſcheidung des Sanhedrin, deſſen Beſtätigung durch den Patriarchen Patrika am folgenden Tage vermittelſt eines Eilboten nach Sepphoris gemeldet hatte, willig ſich fügten und dieſen Beſchluß ihres Rathes gewiß lieber ſahen, als die Gefahren, denen ſie im Falle der Widerſetz⸗ lichkeit ausgeſetzt waren: ſo ſammelte ſich doch in ihrem Herzen ein um ſo biterer Groll bei dieſer Entweihung einer der heiligſt gehaltenen Satzungen, und die Rede Patrika's, welche das Gegen⸗ theil verlangt hatte, wurde von Mund zu Mund weitergetragen und nährte die Zuverſicht, die ſie zu ihm hegten. Mit einem wahren Abſcheu boten ſie den römiſchen Soldaten das geſäuerte Brod und erſannen die ſeltſamſten Vorrichtungen, um ſo wenig wie möglich damit zu ſchaffen zu haben und es von ihren Zim⸗ mern und Küchen entfernt zu halten. Bevor aber noch das Feſt zu Ende gegangen, waren bei Urſicinus ſichere Nachrichten einge⸗ laufen, daß das Perſerheer, über 100,000 Mann wohlbewaffneter und kriegsgeübter Streiter ſtark, bereits durch Ninive, in der Provinz Adiabene, marſchirt, die Brücke des Anzabas in Aſſyrien paſſirt ſei und ſich direct gegen den Euphrat wende. Urſicinus zögerte keinen Angenblick mit ſeiner Legion Sepphoris zu verlaſſen, 80 um in Eilmärſchen den Euphrat zu erreichen. Hier ließ er den ganzen ſüdlichen Theil des öſtlichen Ufers mit Verſchanzungen und Pfahlwerken verſehen, dieſe mit Kriegsgeräthen aller Art aus⸗ rüſten, und vertheilte die ihm zu Gebote ſtehende Mannſchaft in angemeſſener Weiſe zu deren Vertheidigung. Dann eilte er hin⸗ auf nach der im nördlichen Theile gelegenen Feſtung Amida, um dieſe für die ernſteſte Belagerung geeignet zu machen. Waren nun hierdurch die Laſten der bedrängten Bewohner von Sepphoris etwas geringer geworden, ſo hatte doch Urſicinus dafür geſorgt, daß ihnen dieſe Erleichterung wenig fühlbar werde. Er befahl, daß Sepphoris die Hauptzufuhren für ſeine Truppen am Euphrat fortwährend zu liefern habe und ließ der Stadt nichts von ihren Contributionen nach. Mit jedem Tage wurden daher ihre Mittel immer erſchöpfter, immer mehrere ihrer Einwohner geriethen in Armuth und äußerſten Mangel, und die Erbitterung in ihren Gemüthern wuchs von Tage zu Tage. Außerdem hatte er eine ſtarke Beſatzung im Caſtell zurückgelaſſen und für dieſe in be⸗ ſonderer Abſicht eine Auswahl aus ſeinen Schaaren getroffen. Während er alle fremden Nationen angehörenden Söldner mit ſich genommen, ließ er nur Griechen und Kleinaſiaten, die ſich zur chriſtlichen Religion bekannten, zurück, wohl wiſſend, daß dieſe einen beſondern Haß gegen die Juden hegten und ſie in keinerlei Weiſe ſchonen würden. Er hatte den Befehl zurückgelaſſen, daß die Garniſon das Caſtell ſo wie die Thore der Stadt auf's Strengſte bewachen und Niemand ohne genaue Prüfung heraus und hinein laſſen ſollte. Nicht minder hatte er die in Beſitz ge⸗ nommenen und in der Stadt zerſtreut gelegenen Synagogen ſo gut es ging befeſtigt und ſtarke Wachtpoſten hineingelegt. Von allen dieſen Punkten mußten Tag und Nacht Patrouillen die Straßen der Stadt durchziehen, um jeden etwaigen Auflauf im Keime zu erſticken. 81 Dies Alles gereichte den Bewohnern nicht blos zu großem Aer⸗ gerniß, ſondern auch zu vielfacher Beſchwerde. Denn die feind⸗ lich geſinnten Soldaten verhöhnten die Juden immerfort und nahmen beſonders jede Kundgebung ihres Gottesdienſtes und Ge⸗ ſetzes als Veranlaſſung zu Spott und Neckereien. Setzte ſich hierbei irgend Einer zur Wehr oder erwiederte die Spöttereien mit gleicher Münze, ſo war es ihnen nur eine willkommene Ge⸗ legenheit, um Händel zu ſuchen und Mißhandlungen auszuüben. So entzündete ſich ein unterirdiſches Feuer, das immer weiter brannte und einen nahen grauenvollen Ausbruch befürchten ließ. Die Häupter der Stadt ſandten daher nach Patrika, deſſen Ab⸗ weſenheit man zu empfinden begann. Aber auch dieſer war in ſchwere Sorgen verſenkt. Es war eine ſelige Stunde, in welcher Patrika und Mirjam dem greiſen Vater ihre Liebe geſtanden und ſeine väterliche Ein⸗ willigung erbaten. Der Naſſi hatte kein Hehl, daß hiermit ein Lieblingswunſch ſeines Herzens erfüllt, und daß er beruhigter von hinnen ſcheiden werde, da er ſein Kind nicht mehr allein, ſondern außer der Hut Gottes unter dem Schirme eines liebenden Gatten zurücklaſſe. Niemals ſprach ein Vater die Worte des Segens über ſeine Kinder mit größerer Innigkeit, mit beſeligterem Herzen. Als nun die Nachricht von dem Abzuge des Urſicinus von Sepphoris kam, beſchloß Patrika noch eine Zeit lang bei ſeiner Mirjam zu verbleiben. Es waren glückliche Tage, die er theils in bedeutungsvollem und lehrreichem Geſpräche mit Hillel, theils im Genuſſe des ſüßeſten Verſtändniſſes mit der lieblichen Mirjam verbrachte, Sonnentage, wie ſie dem Menſchen nur wenige in ſeinem Leben aufgehen, und die nur zu bald unterbrochen werden ſollten. Eines Tages war Mirjam, als es bereits zu dämmern 6 82 begann, in den Garten gegangen, während Patrika noch bei ihrem Vater weilte und bald nachzufolgen verheißen. Sie hatte ſich wieder in dem Weingange niedergelaſſen, und ihr Geiſt war in liebliche Träume verſenkt. Da mit einem Male hörte ſie ein Kniſtern auf dem Sande hinter ſich und eine Stimme leiſe, aber ſcharf ihren Namen nennen. Erſchrocken wandte ſie ſich um und ſah eine Geſtalt wie aus dem Boden herausgewachſen vor ſich ſtehen, die in leidenſchaftlicher Bewegung nach ihrem Arme griff. Sie wich zurück und rief aus:„Wer biſt Du? Waos willſt Du?“— Der Mann blieb ſtehen, ſchob den Kopfbund, der ihm“ tief in's Geſicht gerückt geweſen, in die Höhe und den verdeckenden Kragen des Obergewandes herab und ſprach:„Kennſt Du mich nicht, Mirjam? Kennſt Du nicht den Mann, den Du in die weite Ferne getrieben, und der doch wieder zu Dir zurückkehren mußte, von denſelben Gefühlen beherrſcht, von derſelben Leiden⸗ ſchaft gepeinigt, von demſelben Sturme gejagt?!“ Mirjam hatte ihn jetzt erkannt. Wie ſollte ſie nicht dieſe lange, hagere Geſtalt, dieſe ſcharfen, häßlichen Züge, dieſe glühen⸗ den, ſtechenden Augen, dieſe grelle und heiſere Stimme wieder er⸗ kennen? Aber zugleich mit dieſem Wiedererkennen ergoſſen ſich die Schauern des Entſetzens über das Mädchen, ihr Herz zog ſich krampfhaft zuſammen, und nur konnte ſie die Worte her⸗ vorſtoßen:„Jo, ich erkenne Dich.... was willſt Du hier?.... Weiche von mir!....“ „Ich bin nicht gekommen, Mirjam, um von hinnen zu weichen, nicht einmal, wenn ich Dir Alles geſagt haben werde, was ich Dir zu ſagen....“ „Sprich kein Wort, Mann,“ unterbrach ihn Mirjam, die alle ihre Kraft zu ſammeln begann,„Du darfſt vor mir nichts mehr ſprechen, ich bin die Braut eines Andern...“ 83 Dieſe Worte ſchienen auf den Ankömmling nur geringen Ein⸗ druck zu machen; ein wildes Lächeln zog über ſein Geſicht, und mit höhniſchem Tone fuhr er fort:„Das macht nichts aus; ein Band, das die heilige Kirche nicht geſchloſſen, hat keine Gültig⸗ keit.... Doch laſſen wir dies; höre, Mirjam, höre aufmerkſam meine Worte; ich ſage Dir, Leben und Tod hängt davon ab; Du haſt zu wählen, zu wählen in dieſer Stunde. Ich werde mich kurzfaſſen; Du wirſt mich verſtehen, denn Du weißt jetzt, daß meine Worte keine leeren Drohungen ſind, daß ſie zu ſchweren, blutigen Thaten werden. Du weißt, daß mein Herz ſeit Jahren Dir gehört, daß all mein Sinnen und Fühlen zu meinem Unglück von der Leiden⸗ ſchaft zu Dir erfüllt iſt. Ich hatte Jahre um Dich geworben, und Du ſtießeſt mich zurück; ich diente und demüthigte mich, ich bat und rang um Dich, aber Du wieſeſt mich verächtlich fort. Dies trieb mich in Verzweiflung von dannen; ich brütete Rache, ich geſellte mich zu den Feinden unſeres Volkes, ich verſchwor meinen Glauben, ich verfolgte die, welche ich früher geliebt, früher beſchützt. Aber vergebens; die Leidenſchaft wich nicht aus meinem zerriſſenen Herzen, ja immer ſtärker und ſtärker ſchwoll ſie an, nichts ſtillte, nichts ſättigte ſie, und jeder Tag, den ich fern war von dieſem Boden, welchen Dein Fuß betritt, währte mir ein Jahr⸗ hundert. Weib, kannſt Du gleichgültig bleiben bei ſo vieler Liebe? Siehſt Du nicht, daß Gott ſelbſt ſie unüberwindlich in meine Seele geworfen, willſt Du Dich nicht davon überwinden laſſen?.... Nun, ich bin zum Kampfe gekommen, wenn Du den Frieden mir verweigerſt. Ich habe das Ohr der Tyrannen gewonnen, ich bin die Seele geworden, die ihren Arm, ihr Schwert, ihre Geißel leitet, und furchtbar, wie nie zuvor, ſollen dieſe auf Deinen, Deines Vaters, Deines Geſchlechtes, Deines Volkes Nacken fallen und Alles verderben, was Du liebſt. Jene ſind die rohe Gewalt, 84 die zugleich blind iſt, der Hammer, der treffen will und nicht weiß, wohin er zu ſchlagen habe. Ich kenne Euer Herz, ich weiß, wo Euer Pulsſchlag klopft, und dahin will ich den Dolch führen, und einen vergifteten Dolch.... Wohlan, Mirjam, Du haſt zu wählen. Ich habe Alles vorbereitet. Willigſt Du jetzt ein, mir anzugehören, ſo führe ich Dich von dannen, gehe mit Dir nach dem Lande der Perſer, kehre zurück in den Schooß der Gemeinde, und ich habe bereits Schätze genug geſammelt, um Dir ein glück⸗ liches und glänzendes Loos zu bereiten. Stößeſt Du mich aber auch heute zurück, zertrittſt Du noch einmal mein Herz mit ſchnödem Fuße: ſo beginnt die Zeit der Rache, morgen ſchon, ja morgen ſollſt Du die erſten Schläge des Unwetters hören und die erſten Blitze des Zornes ſehen, welche die Deinigen treffen werden bis zum Tode!.... Ja, Mirjam, in Deiner Hand liegt das Geſchick Juda's, Du hältſt die Waage in Deiner Rechten, aber nur einen, dieſen Augenblick: hüte Dich Deinen Finger auf die Schaale zu legen, daß ſie ſinke— denn dann ſteigt ſie niemals wieder empor....“ Regungslos hatte Mirjam während dieſer Anrede dageſtan⸗ den. Ihr Fuß war wie an den Boden gefeſſelt, daß ſie nicht fliehen, ihr Mund wie geſchloſſen, daß ſie nicht um Hülfe rufen konnte. Ihr Ohr lauſchte den grimmigen Worten des Sprechers, ihr Auge ſtarrte unverwandt auf jede wilde Geberde, mit der er ſeine Rede begleitete. Als er geendet und geſpannt ihrer Ant⸗ wort harrte, da hob ſich ein ſchwerer Seufzer aus ihrer beklom⸗ menen Bruſi, als ob ein Bann gewichen, der auf ihr gelaſtet. Sie raffte ſich zuſammen und ſprach entſchieden und kräftig:„Ich habe nicht zu wählen, ich habe nie zu wählen gehabt Dir gegen⸗ über. Ich gebe mich und die Meinigen in die Hand des Gottes Iſrael's, und der wird Deine teufliſchen Pläne vereiteln. Du 85 biſt entſetzlich, abſcheulich, aus der Hölle entſtammt, und die Fackel Satans in Deiner Hand— das kann Gott nicht wollen, daß ich an Deinem Fluche Theil nehme, um Deinen Fluch ab⸗ zuwenden!....“ Ein unſäglicher Grimm flog über das Geſicht des Mannes, als er dieſe Worte vernahm. Aber in der Fluth ſeiner Leidenſchaft wich dieſer ſchnell, und noch einmal ſchien die Stimmung der Zärtlichkeit über ihn zu kommen. Er warf ſich vor Mirjam nieder, erhob ſeine Hände bittend zu ihr empor und ſprach mit weicherem Tone:„Noch einmal flehe ich Dich an, Mirjam, holdes, theures Weſen: habe Mitleid, hab' Erbarmen mit mir, mit meiner Verzweiflung! Bin ich Schuld an den Gefühlen, die mein Herz durchſtürmen? Ich fluche dem Geſchicke, das ſie mir in die Seele geſtreuet und ihnen eine Kraft gegeben, der ich nicht zu widerſtehen vermag! Hätteſt Du eine Ahnung von den Qualen, die ſie mir ſchon bereitet haben, von den Käm⸗ pfen, in welchen ich ſie aus meiner Beuſt auszurotten geſucht: Du würdeſt nicht ſo hart und herzlos auf mich blicken, ſondern ein Opfer bringen auf dem Altar der Menſchlichkeit, meine Seele zu retten und die Ruhe und den Frieden ſo Vieler! Strecke Deine Hand aus, Mädchen, und richte mich aus dem Staube auf, in welchen ich verſunken bin.“ Mirjam blickte gerührt auf den vor ihr knieenden Mann, deſſen Auge ſich mit einer Thräne zu füllen ſchien. Sie ſprach, und ihre Stimme bebte:„O, Joſeph, was haſt Du gethan! Wie biſt Du, der einſt ſo hoch ſtand im Geiſte, ſo tief herab⸗ gekommen! Raffe Dich auf! Du biſt ein Mann, kehre von dem Pfade des Verderbens zurück, werde Deinem Volke ein Schirm und eine Säule, und mein Herz wird Dich ſegnen, und mein Mund Dich Bruder nennen.... Sieh', noch iſt es nicht zu ſpät, und wir reichen Dir freudig die Hand, um Dich wieder zu 86 empfangen. Vor Deinen Drohungen ſchrecke ich nicht zurück, denn unſerer Feinde ſind ſo Viele, daß einer mehr oder weniger unſer Geſchick nicht verändern wird. Aber Deine Rückkehr würde uns glücklich machen.... Was mich betrifft, ich habe es Dir geſagt, ich bin die Braut eines Andern....“ Wie von einer Schlange geſtochen, fuhr der Mann bei dieſen Worten in die Höhe, und mit wilderem Tone, als zuvor, rief er us:„Ha, das hat Dein böſer Geiſt geſprochen.... Wohlan, der Krieg iſt erklärt, und wo das Wort nicht ausreicht, muß die Gewalt es übernehmen!“ Er ſtürzte auf Mirjam los, ergriff ihre Hände, preßte ſie zuſammen und wollte ſie mit ſich ziehen. Das Müdchen ſchrie voll Entſetzens um Hülfe nach Patrika, nach Amnon— da naheten eilige Schritte den Garten herab.„Wer ruft? Was iſts? Ich komme, Mirjam, ich komme!“ tönte es ſchon aus der Nähe; der Mann blickte ſich um, er gewahrte den Nahenden, ließ Mirjam los und mit einem gräßlichen Fluche hatte er ſich über die niedrige Mauer geſchwungen, über welche er gekommen, und war ſchnell im Zwielicht der hereingebrochenen Dämmerung verſchwunden. Patrika ſtürzte in die Weinlaube mit dem Rufe:„Was iſt geſchehen, Mirjam? Was geht hier vor? Warum riefſt Du nach Hülfe? Wer war der Mann, der hier war, und wo iſt er geblieben?“ Aber Mirjam konnte nicht ſprechen, ſie eilte Patrika entgegen und warf ſich ſchluchzend an ſeine Bruſt.„Faſſe Dich, Mirjam, beruhige Dich, was hat Dich ſo aufgeregt, ſprich...“ Müh⸗ ſam gewann Mirjam das Wort:„O, Patrika, es iſt ſchrecklich... Wir ſind verloren... Der Abgrund öffnet ſich zu unſern Füßen.... Rette mich, Dich, den Vater.... Der Mann, der eben er entſetzlich, es iſt— Joſeph, der Abtrünnige. 87 Die Nennung dieſes Namens wirkte auch auf Patrika mit vollem Schrecken.„Ich habe von ihm gehört,“ ſprach er erblei⸗ chend,„aber ich kenne ihn nicht. Seine ſchlechten Handlungen gegen unſre Brüder in Cilicien hat man mir erzählt. Aber wie kommt er hierher? Was hat er mit Dir zu ſchaffen?“ Mirjam hatte ſich jetzt gefaßt, richtete ſich aus den Armen Patrika's auf und ſagte:„Komm herein, Patrika, ich will Dir Aufſchluß geben. Aber dem Vater muß es verborgen bleiben; ſein Name darf nicht vor ihm genannt werden, es könnte ſein Tod ſein.“ Sie verließen den Garten und gingen in das Haus. 9. Vor ungefähr ſechs Jahren klopfte ein junger Mann in der Mitte der Zwanziger mit zerriſſenen Kleidern und verworrenem Barte und Haupthaare an die Pforte des Hauſes des Patriarchen Hillel und verlangte mit hartnäckigen Bitten, vor den Naſſi ge⸗ laſſen zu werden. Man gab ihm endlich nach, obgleich Hillel es nicht liebte, wenn er mit Studien beſchüftigt war, ſich ſtören zu laſſen. Mit beweglicher Stimme und hier und da Thränen ver⸗ gießend, erzählte der Fremdling dem Rabbi ſeine Lebens⸗ und Leidens⸗ geſchichte. In einem Zeltdorfe weit, weit unten an der öſtlichen Küſte Arabiens hatte er das Licht der Welt erblickt, in der Mitte eines Wüſtenſtammes, der ein Zweig der Bne Yehudi war, welche, wie die Sage behauptete, unter dem Könige Saul vom Stamme Simeon nach dem ſüdlichen Theil der arabiſchen Halbinſel ausge⸗ wandert waren. Die Beſchäftigung der Horde beſtand in der Thätigkeit als Hirten, im ſchlechten Anbau einiger Felder da, wo ſie ſich zur Saatzeit gerade befand, und in derlmannhaften Ver⸗ theidigung gegen die benachbarten heidniſchen Stämme, mit denen der Krieg ein ewiger war. Seit vielen Jahrhunderten daher in einem Zuſtande der Verwilderung, hatten dieſe Abkömmlinge Ja⸗ kob's Alles vergeſſen, bis auf einige Lehren und Geſetze, die ſich durch Ueberlieferung bei ihnen erhalten hatten, und welche ſie mit um ſo größerer Zähigkeit und Strenge ausübten. Der Knabe hatte weder Eltern noch Verwandte, die entweder in irgend einem unglücklichen Gefechte oder durch eine Seuche, wie ſie nicht ſelten 89 jene Lünder durchzieht, ihr Leben verloren hatten; er ſelbſt wußte es nicht und Niemand ſagte es ihm, denn es kümmerte ſich Keiner um ihn. Er wuchs auf unter den Knaben, überall mit Hand anlegend und kümmerliche Nahrung erhaltend, wo er eben war. Und dennoch regte ſich in ihm frühzeitig ein anderer Geiſt. Miß⸗ achtet und nicht ſelten mißhandelt, jeder Liebe und Fürſorge beraubt, ſträubte ſich ſein Herz gegen dieſe Verlaſſenheit, ſein Scharfſinn wetzte ſich an den kleinen Schwierigkeiten, die ihn umgaben, und trotz eines ſchwächlichen Körpers, der bei ſeinen wilden Genoſſen den Spott hervorrief, beherrſchte er druch ſeine Klugheit bald alle ſeine Genoſſen. In's Jünglingsalter getreten, wußte er ſich durch ſeine Liſt und die Fähigkeit, in allen Schwierigkeiten einen klugen Ausgang zu finden, Anſehen und Einfluß zu gewinnen. Vor einigen Jahren ſtreifte er einſt durch die Wüſte, als er einen Pilger ausgeſtreckt auf dem Boden fand, der dem Verſchmachten nahe, ergeben ſeinem Ende entgegenſah. Er richtete ihn auf, gab ihm von ſeinem Waſſer und ſeinen Datteln und trug und führte ihn bis in das Zeltdorf ſeines Stammes. Der Mann nannte ſich Nahum und war ein Gelehrter, der heimathlos von Land zu Land pilgerte, überall die Stätten ſeiner Glaubensbrüder aufſuchend, bei denen er ſtets gaſtliche Aufnahme zu finden gewiß war. Das Schickſal hatte ihn auch in dieſe entlegenen Gegenden geführt. Seit langen, langen Zeiten war er der erſte Rabbi, der ſich zu der kleinen Horde verirrt, die ihn deshalb mit großer Verehrung aufnahm. Mit tiefem Kummer gewahrte Nahum die völlige Unwiſſenheit dieſes Häufleins des zerſprengten Juda und beſchloß daher, einen längern Aufenthalt hier zu nehmen. Aber er überzeugte ſich bald, daß, ſo unbegrenzt die Liebe dieſer Men⸗ ſchen zu den geringen Ueberlieferungen ihrer Väter war, ihnen doch in ihrem wilden Zuſtande alle Fähigkeit fehlte, ſich zu unter⸗ 90 richten und ein größeres Maaß geiſtiger Bildung in ſich aufzu⸗ nehmen. Nur in Joſeph, ſeinem Retter, verſpürte er einen Geiſt, der die Keime bedeutender Entwicklung in ſich trug, Keime, wie ſie die Hand Gottes in alle Zonen, alle Racen, alle Völker, alle Stämme ausſtreut. Er brachte ihm, ſo gut es ging, die Kunſt des Leſens und Schreibens bei, belehrte ihn über Vieles, und als er aus Mangel an allen Hülfsmitteln nicht weiter mit ihm gehen konnte, forderte er ihn auf, ſeine Heimath zu verlaſſen und zu den Brüdern im heiligen Lande zu pilgern, wo es ihm an Fort⸗ hülfe nicht fehlen werde. Der Funke zündete und loderte bald zu heller Flamme auf. Der Entſchluß Joſeph's ſtand feſt, und in einer Nacht verließ er unter den Segenswünſchen ſeines Lehrers, aber ohne von Jemandem Abſchied zu nehmen, das Zeltdorf. Wußte er doch, daß er kaum vermißt werden würde. Auch der Rabbi wollte nach einigen Tagen wieder von dannen ziehen: wo⸗ hin? Das überließ er der Gnade des Geſchickes. Jeder Platz war ihm genügend, wo er Glieder ſeines Volkes und Glaubens finden würde. Es waren unſägliche Mühſale, die Joſeph's war⸗ teten. Denn nur ſelten traf er auf Ortſchaften, in welchen er bei Glaubensbrüdern eine Zeitlang der Ruhe pflegen und ſich er⸗ holen konnte. Oft mußte er, um ſich vor feindlich geſinnten Ara⸗ bern zu ſchützen, in Einöden und Höhlen Zuflucht ſuchen; oft mußte er mit den wilden Thieren um ſein Leben kämpfen; am öfterſten war er dem Tode durch Hunger und Durſt oder Er⸗ ſchöpfung aller Kräfte nahe. Der Samum ereilte ihn, fuhr über ihn hinweg, bedeckte ihn mit Sand und erſtickte ihn faſt. Dann wie⸗ der verlor er die Richtung ſeiner Wanderſchaft, irrte in den Ber⸗ gen umher und war tagelang ſeit⸗ und rückwärts gekommen, ſtatt vorwärts ſeinem Ziele zu. Dennoch hielt er ſich aufrecht, und die Hoffnung, endlich den Preis ſeiner Mühen zu erreichen, ſtählte ihn gegen alle Gefahren und Drangſale. Viele Monde war er ſo unterwegs und kam endlich innerhalb der Grenzen Indäa's an. Aber auch hier fand er überall öde Stätten und Trümmer, und wenn er auf einen Mann ſeines Glaubens traf, ſo konnte dieſer nichts für ihn thun, als ihn nach Tiberias zum Patriarchen ver⸗ weiſen. Jetzt ſtand er vor dieſem, und von dem nächſten blicke hing ſein ganzes Geſchick ab. Hillel war nicht der Mann, der ſolchem außerordentlichen Be⸗ gegniß ſein Herz verſchließen konnte. Er bewunderte den jungen Mann, ſeine ungeheure Kraft, ſeinen unbezähmbaren Eifer. Nicht minder war es ihm eine Gewiſſensſache, einem Menſchen, der ſo nach dem Worte Gottes dürſtete, zu dieſem zu verhelfen; er ſagte ihm ſeinen Beiſtand zu. Er nahm ihn unter ſeine Haus⸗ genoſſen auf, bekleidete und nährte ihn vier Jahre hindurch, ließ ihn zunächſt von angemeſſenen Lehrern unterrichten und geſellte ihn dann ſeinen nächſten Jüngern zu. Aber dieſe Wohlthaten fielen auch auf einen fruchtbaren Boden. Mit einer ebenſo be⸗ wunderungswürdigen Geiſteskraft, wie einem unermüdlichen Fleiße, der Tag und Nacht nicht abließ, errang Joſeph die außerordent⸗ lichſten Erfolge und gelangte in wenigen Jahren zu einer Stufe, zu welcher ſonſt nur die Erziehung und Unterweiſung von Ju⸗ gend auf zu führen pflegt. Joſeph wurde ſelbſt zu den Mitglie⸗ dern des Sanhedrin geſellt. Der Patriarch war daher für dieſe glänzenden Vorzüge vollſtändig eingenommen; er begünſtigte Jo⸗ ſeph wo und wie er nur vermochte; er betrachtete ihn als eine der ſtärkſten Säulen des Judenthums für die nächſte Zukunft, hoffte von ihm Vieles zur Wiederherſtellung des alten Ruhmes der Schule von Tiberias und ſchloß ihn tief in ſein Herz ein. Was Wunder, daß er die Fehler überſah, an denen ſein wunder⸗ ſamer Schüler litt. Ein kränkelnder Ehrgeiz, eine wenig bezwun⸗ 92 gene Streitſucht, eine wüſte Herrſchgier machten ihn zum unleid⸗ lichen Genoſſen, den daher Niemand gern hatte, dem man ſo viel wie möglich aus dem Wege ging. Seine Vergangenheit und die bedeutende Kraft, die er bewährt hatte, flößten dem jungen Manne einen Hochmuth ein, den die leiſeſte Berührung kränkte und zu Zorn und Haß entflammte. Sein Geiſt war in Tiberias bei den Meiſtern jüdiſchen Wiſſens, aber ſein Gemüth war draußen ge⸗ blieben in dem Zeltdorfe der arabiſchen Wüſte und hatte die Lei⸗ denſchaft und die Liſt des herumirrenden Beduinen beibehalten. Wie er ſich nun erſt aus der Unwiſſenheit und untern Stel⸗ lung herausgearbeitet hatte, geſellte ſich noch ein anderes Gefühl hinzu. Er konnte die Blüthe der reizenden Mirjam nicht ſich entfalten ſehen, ohne eine tiefe Neigung zu ihr zu faſſen. In ſeiner fruchtbaren Einbildungskraft vereinigten ſich die Liebe und der Ehrgeiz; er ſah ſich ſchon im Beſitze der ſchönen Tochter des Naſſi und durch deren Hand mit den Anſprüchen auf die Würde ihres Vaters verſehen, der keinen Sohn zum Nachfolger hatte. Er begann daher, ſich auf jede mögliche Weiſe Mirjam zu nähern. Harmlos nahm ſie ſeine kleinen Liebesdienſte an, obgleich ſie eine innere Abneigung gegen ihn empfand. Aber wie ihr Vater, fürch⸗ tete ſie nichts mehr, als Jemanden zu beleidigen und ahnte von der Bedeutung jener Gefälligkeiten nichts, die ſie für Joſeph hatten. Dadurch kühn gemacht, geſtand er endlich Mirjam ſeine Neigung und forderte von ihr die Erlaubniß, bei ihrem Vater um ſie anzuhalten. War Mirjam hiervon höchlichſt überraſcht, ſo war es Joſeph von ihrer entſchiedenen Abweiſung um ſo mehr, weil er in ſeiner Selbſtüberſchätzung dieſe gar nicht für möglich gehalten. Er bat, er flehete und drohete— aber mit einer Beſtimmtheit, die er dem zarten Mädchen nicht zugetraut, erklärte Mirjam alle ſeine Bemühungen für vergeblich und bat 93 ihn ernſtlich, davon abzuſtehen. Joſeph hatte durchaus nicht im Sinne, hiervon abzulaſſen; er ſetzte ſeine Bewerbungen unermüd⸗ lich fort; je öfter er dafür eine unabweisliche Kränkung erlitt, und je bitterer ſeine Stimmung dadurch wurde, deſto kühner ward er und fand eine Befriedigung darin, Mirjam zu verletzen. Sie konnte zuletzt nicht anders, als zu ihrem natürlichen Be⸗ ſchützer ihre Zuflucht zu nehmen, ihrem Vater Alles zu geſtehen. Zu derſelben Zeit aber war Joſeph mit allen andern Mit⸗ gliedern des Sanhedrin zerfallen. Der Stellvertreter des Pa⸗ triarchen im Vorſitz, R. Dima, hatte, zum Theil von dem intri⸗ ganten Benehmen Joſeph's lbewogen, beſonders aber weil er die ſich häufenden Plackereien ſeitens der römiſchen Behörden müde geworden, beſchloſſen, nach Sura in Babylonien auszuwandern, wohin ihm bereits zwei ſeiner Söhne vorangegangen. Jetzt ſetzte Joſeph Alles in Bewegung, um, obſchon er Einer der Jüngſten war, dieſe Würde zu erlangen. Es hätte ihm an geiſtiger Be⸗ fähigung nicht gefehlt. Aber, wie es immer geſchieht, fielen auch bei ihm die Folgen des Ehrgeizes und des Hochmuthes auf ſein Haupt zurück. Er hatte keine einzige Stimme für ſich, und ſeine Collegen beſtürmten vielmehr den Patriarchen mit Klagen über das verletzende Benehmen des Fremdlings, der mit Wohlthaten überhäuft worden war. Hillel beſchloß daher, ihn auf eine gute Weiſe für einige Zeit zu entfernen. Es war in den letzten Jahr⸗ zehnten Brauch geworden, von Zeit zu Zeit Männer aus dem Sanhedrin nach Provinzen und Landſchaften zu ſenden, die es be⸗ durften und wünſchten, dort die Lehre und das Geſetz zu predigen, das Volk in der Glaubenstreue zu befeſtigen, Streitigkeiten zwiſchen Gemeinden, Vorſtehern und Beamten zu ſchlichten und ſchwierige Fragen zu beantworten. Es verſteht ſich, wie dies bei allen Verrichtungen des Sanhedrin der Fall war, daß dies un⸗ 94 entgeltlich geſchah, und die Gemeinden nur für den Unterhalt des Sendlings, ſowie für deſſen Weiterbeförderung von Gemeinde zu Gemeinde zu ſorgen hatten, obſchon es ſich auch Viele nicht nehmen ließen, dem Vertreter des Patriarchen freiwillige Ge⸗ ſchenke zu überreichen. Es kam dann auf dieſen ſelbſt an, ob er dergleichen annehmen wollte. Der Patriarch ließ daher Joſeph vor ſich kommen, ſtellte ihm ſanft und ſchonend die Fehler vor, die er begangen, führte ihm namentlich zu Gewiſſen, daß es eines Mannes unwürdig ſei, ſich einer Jungfrau aufzudrängen, die einmal ihre Neigung ihm nicht ſchenken könnte, und übertrug ihm eine Botſchaft an die ciliciſchen Gemeinden, die ſich um einen Sendboten des Patriar⸗ chen beworben hatten. Er machte ihn aufwerkſam, daß er ihm hiermit das ehrenvollſte Vertrauen erweiſe, und daß es ihm eine hohe Befriedigung ſchaffen müſſe, jetzt ſchon als ein Verkünder des göttlichen Wortes aufzutreten, nach welchem er noch vor we⸗ nigen Jahren ſo ſehr gedürſtet hatte. Aber Hillel kannte ſeinen Mann wenig, als er glaubte, dem Sohne des Zeltdorfes hierdurch Ehre und Befriedigung genug verſchafft und ihn mit Dank und Freude erfüllt zu haben. Joſeph verbeugte ſich vor ihm und be⸗ reitete ſich zur Abreiſe. Aber in ſeinem Innern kochte und wühlte es. Wie ein heißer Wirbelwind der Wüſte erhob es ſich in ſeiner Vruſt und trocknete alle Bäche der Dankbarkeit, der Verehrung und des Gehorſams aus. Seine Liebe verſchmäht, ſeine Hoffart gedemüthigt, ſeine Anſprüche zurückgewieſen zu ſehen, erfüllte den leidenſchaftlichen Menſchen mit ſtürmiſchem Ingrimme. In ſeinem Gemache lief er umher, wie ein gereizter Tiger, ballte die Fäuſte, ſchwor die bitterſte Rache und gelobte ſich, nicht zu ruhen, bis er Alle niedergetreten, die ihm entgegengeſtanden. Schon jetzt brütete er über die feindſeligſten Pläne und machte 95 Entwürfe, um Alle, mit denen er die letzten vier Jahre ſo eng verkehrt hatte, auf's Tiefſte zu kränken und endlich zu vernichten. In der letzten Stunde vor der Abreiſe machte er dennoch einen letzten Verſuch auf das Herz Mirjam's. An derſelben Stelle, wo er ſie heute überraſcht, in der Weinlaube des Gartens, in der Dämmerungsſtunde des Abends trat er vor ſie; redete zu ihr zuerſt Worte der Zärtlichkeit, dann des bitterſten Unmuthes und des Rachegefühls— aber umſonſt. Vergebens ſuchte Mirjam mit ſanften Worten ihn zu beſchwichtigen und ihn mit Gründen der Vernunft und des Gewiſſens zum rechten Pfade zurückzufüh⸗ ren. Sein letztes Wort war ein Schrei des Fluches, ein Gelöb⸗ niß der Rache; er ſtürmte fort und zog davon. Eine ſchwere Bangigkeit ſenkte ſich in die Seele des Mädchens; er hatte ſie zu ſehr in die grauſigen Tiefen ſeines Geiſtes blicken laſſen, als daß ſie nicht von den ängſtigendſten Befürchtungen und den trübſten Ahnungen erfüllt werden mußte. Joſeph ging nach Cilicien. Mit großer Argliſt verhüllte er Alles, was an böſen Entwürfen in ſeinem Innern lebte. Er zog zuerſt nach einigen kleineren Gemeinden, kleidete ſich da in den Mantel der ſtrenſten Frömmigkeit, heuchelte einen überſpannten Zelotismus und predigte und handelte in dieſem Geiſte, wobei er zugleich eine Uneigennützigkeit zur Schau trug, welche ſchon die Anmuthung einer Gabe hart zurückwies und einen Wider⸗ willen gegen did Genüſſe und Güter der Erde vorſpiegelte. Um ſolchen Ruf war es ihm zu thun. Und als ſich dieſer mit Blitzesſchnelle von Ort zu Ort verbreitet hatte, zog er nach der Hauptſtadt Ciliciens, nach Tarſus, wo die anſehnliche Gemeinde ihn mit den höchſten Ehrenbezeugungen empfing. Von jetzt an begann er das abſcheuliche Spiel, das er in ſeiner tückiſchen Seele entworfen. Zunächſt ſammelte er, immer noch == ——— 96 den Schein der edelſten Uneigennützigkeit vor ſich tragend, frei⸗ willige Beiträge für alle möglichen vorgeſchützten Wohlthätigkeits⸗ zwecke, zur Erbauung von Lehr⸗ und Gotteshäuſern, für ver⸗ armte Gemeinden und dergleichen mehr. Da er es wohl verſtand, den großen Haufen durch Schlagwörter zu begeiſtern und gelehr⸗ terere Männer durch außergewöhnlichen Scharfſinn zu ergötzen, ſo hatte er nicht unbedeutende Erfolge und häufte große Geld⸗ ſummen auf. Dann warf er ſich zum Richter in allen allge⸗ meinen und Privatſtreitigkeiten auf und zeigte ſich bald der Be⸗ ſtechung zugänglich, wohl wiſſend, daß die Beſtechenden das Ge⸗ heimniß ebenſo bewahren wie die Beſtochenen, und daß bei einem einmal erlangten guten Rufe man lange auf deſſen Koſten ſündigen könne. Wo es keine Streitigkeiten gab, wo Frieden und Eintracht herrſchten, ſtellte er Unterſuchungen über die Zuſtände der öffentlichen Anſtalten an und rief überall Hader und Parteiung hervor, aus denen er Vortheil zog. Endlich trat er im Namen des Patriarchen geradezu mit Geldforderungen auf, die ihm auch ſelten verweigert wurden. So zog er von Ort zu Ort im ebenen wie im rauhen Cilicien, brandſchatzte die Ge⸗ meinden in immer frecherer Art und ließ Unruhe, Zwiſtigkeiten und Zerrüttungen üllerall hinter ſich zurück. Es war natürlich, daß die Gemeinden endlich dahinter kommen mußten, daß ein allgemeiner Ruf der Unzufriedenheit und des Widerwillens ertönte, und man zuletzt an den Patriarchen Boten ſandte, welche das Verfahren ſeines Sendlings in all ſeiner Häßlichkeit ſchilderten. Hillel war tief davon erſchüttert und ſehr kummervoll; er nahm den Auftrag für Joſeph zurück und richtete an dieſen ein Schreiben im Tone der Entrüſtung, die ſich ſeiner unvermeidlich bemächtigt hatte. Dieſer verhöhnte öffentlich das Schreiben ſeines Lehrers und Wohlthäters und fuhr in ſeinem Treiben ſo weit fort, wie 97 er es vermochte, da er hier und da noch immer einige Frömmler auf ſeiner Seite hatte. So mußte ſich endlich der Unwille gegen ihn ſelbſt in Thätlichkeiten Luft machen; an vielen Orten jagte man ihn fort, bisweilen mißhandelte man ihn, und als er eines Tages am Ufer des Kydnus bei Tarſus ſpazieren ging und auf zwei Söhne einer von ihm gänzlich ruinirten Familie ſtieß, ergriffen ihn dieſe und warfen ihn in den kleinen, aber wilden Strom. So weit hatte er es bringen wollen, und mit durchnäßten Kleidern eilte er in den Palaſt des Biſchofs von Tarſus, vorgebend, daß er ſchon lange nach der Lehre Chriſti verlangt habe, und die Juden ihn deshalb verfolgten und mißhandelten. Er wollte als ein Märtyrer in die Pforten der Kirche einziehen. Der Biſchof nahm ihn mit Freuden auf, gab ihm in ſeinem eigenen Hauſe Wohnung, um ihn in den Lehren der chriſtlichen Religion zu unterrichten, und erließ die ſtrengſten Strafandrohungen an die Juden, wenn ſie ſeinen Schützling irgend wie beläſtigen würden. Ein Schrei des Entſetzens über das Unerhörte, Niedageweſene ging durch alle Gemeinden des Landes. Aber es ſollte noch ſchlimmer kommen. An der Küſte des rauhen Cilicien liegt auf einer Landſpitze eine Hafenſtadt Korykus. Hinter derſelben erhebt ſich ein ſteiler, durchklüfteter Berg, aus deſſen Seiten mehrere Bäche hervorbrechen. In der Mitte des Berges ſenkt ſich tief in deſſen Inneres eine Felshöhle, in welche mehrere dieſer Bäche zu⸗ ſammenſtrömen, um in wildem Laufe hindurch zu ſtürzen. Die Felswände zittern immerfort von dem gewaltigen Falle der Ge⸗ wäſſer, und ein lautes Toſen erfüllt den Raum der Höhle, in welche das Tageslicht nur ſchwach durch einige Spalten hinein⸗ dringt. Der Heiligenſchein der Sage umgab ſeit älteſter Zeit die koryciſche Höhle, in welcher früher ein heidniſches Orakel ſeinen Sitz gehabt. Hierhin zog ſich der heimtückiſche Joſeph 7 98 zurück, um mit dem Glanze des Martyriums auch den Schein der Heiligkeit in den Augen des chriſtlichen Volkes zu vereinigen, und brachte einige Monate in dieſer Höhle in völliger Einſamkeit, ſcheinbar mit Gebeten und Bußübungen beſchäftigt, zu. Als er endlich wieder hervortrat, gab er vor, daß ihm Jeſus in eigener Perſon wiederholt erſchienen ſei und ihn aufgefordert habe, nun⸗ mehr öffentlich vor allem Volke ihn zu bekennen. Auf dem Markte von Korykus hielt er ſeine erſte Rede an das zuſammen⸗ gelaufene Volk, ſchilderte ihm in übertriebenſter Weiſe die Ver⸗ folgungen, die er erlitten, die wunderbareu Erſcheinungen, die er gehabt, ſo daß eine fanatiſche Begeiſterung ſich der Menge be⸗ mächtigte, die ſich alsbald auf die Häuſer der Juden ſtürzte, um an ihnen die ihrem neuen Heiligen angethane Unbill und die Schmähungen zu rächen, welche er ſeinen früheren Glaubensbrüdern gegen die Kirche und ihren Stifter in den Mund legte. In ſolcher Weiſe hielt der Abtrünnige, wie die Juden ihn jetzt nann⸗ ten, einen abermaligen Zug durch das Land, indem er überall von den Gemeinden große Summen erpreßte, wenn er den Pöbel nicht gegen ſie hetzen ſollte. Zugleich richtete er ein ausführliches Schreiben an den Kaiſer Conſtantius, in welchem er mit den grellſten Farben ſeine Schickſale ſchilderte, und die Gnade, die ihm ſeinen Verfolgern gegenüber widerfahren, und ließ ſich alles Dieſes von den Biſchöfen der Provinz bezeugen und beſtätigen. Der Kaiſer antwortete ihm auf's Huldreichſte, empfahl ihn dringend dem Cäſar Gallus, der ihn in Aſien vertrat, und gewährte dem Joſeph, ſich eine Gnade auszubitten. Dieſer verlangte nichts Anderes, als— eine Vollmacht, in den Städten Galiläa's Kirchen erbauen zu dürfen, obſchon es in dieſen noch gar keine Chriſten gab. Er erhielt ſie und gewann zugleich die Gunſt des Cäſars in vollem Maße, der in ihm einen klugen Rathgeber erblickte, 90 um ſeinen Glaubenseifer gegen die Juden bethätigen zu können. So verließ Joſeph der Abtrünnige den bisherigen Schauplatz ſeiner Thaten und eilte dem Gallus nach Tiberias voran. Jetzt hatte ihn Mirjam wiedergeſehen, und erzählte Patrika Alles, was ſie von ihm wußte. Ach, Niemand hatte darunter mehr gelitten als ihr greiſer Vater. Er mußte ſich jetzt blutige Vorwürfe machen über eine That des Edelſinnes und des Lehr⸗ eifers; er mußte ſich geſtehen, daß er den Warnungen ſeiner Freunde, die ihm über den Argliſtigen und ſeine wahre Geſinnung oft genug Vorſtellungen gemacht, kein Gehör geliehen; er ſah ſich nicht bloß in ſeinem Urtheil, ſondern auch in großen Hoff⸗ nungen auf's Bitterſte getäuſcht, und erblickte ſeinen begabteſten Schüler in der Reihe, ja an der Spitze der gefährlichſten Feinde, nicht ſowohl ſeiner Perſon, als ſeines Volkes und ſeines Glau⸗ bens. In vielen Nächten hörte man ihn ſchlaflos auf ſeinem Lager ſeufzen und ſtöhnen und ſich laut der Mitſchuld an all' dem Unheil anklagen, das nun hereinzubrechen drohte. Um ſo mehr wollte man ihm jetzt die Ankunft des ſchrecklichen Mannes ſo lange verbergen, wie es möglich war. 10. Am andern Morgen fanden ſich die Bewohner von Tiberias in trauriger Weiſe überraſcht. Während der Nacht war mner⸗ wartet eine bedeutende Schaar römiſcher Soldaten unter einem obern Kriegstribun in die Stadt eingerückt, und hatte das weit⸗ läufige Gebäude der Proseuche vollſtändig beſetzt, Niemanden aber von den die einzelnen Räume bewohnenden Inſaſſen hinausgelaſſen, um keine Unruhe und Störung während der Nacht in der Stadt zu veranlaſſen. Als am Morgen das Volk in die zu den Gebet⸗ verſammlungen beſtimmten Säle eingehen wollte, fand es die Thü⸗ ren verſchloſſen und von zahlreichen Wachen umſtellt, die in voller Kriegsrüſtung den Eingang verwehrten. Als die Mitglieder des Sanhedrin in den großen Sitzungsſaal zu ihren Berathungen eintreten wollten, fanden ſie die Thüren verſchloſſen und von zahlreichen Wachen umſtellt, die ihnen den Eintritt verwehrten⸗ und der Kriegstribun erklärte Rabbi Joſe, dem Vorſitzenden, daß in den nächſten Tagen der Cäſar Gallus nach Tiberias kommen und eine Zeitlang dort reſidiren werde, und da in der ganzen Stadt kein Gebäude vorhanden ſei, das den Mitkaiſer würdig aufnehmen könne, ſo ſei hierzu die Proseuche beſtimmt worden, und es läge der Stadt ob, noch heute die prächtigſten Hausge⸗ räthe, die aufzufinden, herbeizuſchaffen, um damit die Räumlich⸗ keiten angemeſſen auszuſchmücken. Vergebens verwies auch hier Rabbi Joſe auf die kaiſerlichen Privilegien, nach welchen alle gottesdienſtlichen Gebände der Inden und die Wohnungen ihrer 101 Vorſteher unantaſtbar und von allen Auflagen befreit ſein ſollten: der Kriegstribun berief ſich auf die ihm gegebenen Befehle, an denen er nichts ändern dürfe, und fügte nur hinzu: was der Kaiſer gegeben, könne der Kaiſer wieder nehmen. Auf die Klagen, wo⸗ hin nun das Volk zum Gebet gehen und das Sanhedrin ſeine Verſammlungen verlegen ſolle, lächelte er ſpöttiſch und meinte, dies müßten ſie, welche die ganze Stadt genau kennten, beſſer wiſſen als er, der Fremdling. Das Volk war von Entſetzen er⸗ griffen, denn es ſah darin nicht nur den an ihm verübten Raub, ſondern auch eine Entweihung ſeiner Heiligthümer, und fühlte im Voraus, daß auf ſolchen Schlag noch andere, noch ſchwerere folgen müßten. Die Sanhedriſten eilten zum Patriarchen. Ob⸗ ſchon dieſer von dem Eintreffen des Cäſars, das ſchon längere Zeit erwartet wurde, nichts Gutes erhofft hatte, war er doch gerade von dieſer Maßregel betroffen. Aber im Bewußtſein ſeiner Pflicht, Allen an Beſonnenheit und Ruhe voranzugehen, faßte er ſich, beſchwichtigte ſeine trauernden Genoſſen, indem er ſie an das Wort der Weiſen erinnerte, daß nicht der Ort den Mann, ſondern der Mann den Ort ausmache. Er ließ ſofort in ſeinem Hauſe einen geräumigen Saal einrichten, damit der hohe Rath ſeine Sitzungen allda halten könne, und ſandte nach den angeſehenſten Einwohnern der Stadt, um in verſchiedenen Theilen derſelben kleinere Localitäten zu Gebetverſammlungen herzuſtellen. Roch war man hiermit beſchäftigt, ats der Kriegstribun dei dem Patriarchen erſchien und ihm einen Erlaß des Cäſars einhändigte, mit dem Bedeuten, daß er, der Kriegstribun, die ge⸗ meſſenſte Ordre habe, über die unbedingteſte Ausführung der Be⸗ fehle zu wachen, ja daß er mit ſeinem Kopfe dafür haften müſſe. Hillel erſchrak bis in die Tiefe ſeiner Seele hinein; ſeine Hand zitterte, indem ſie das Schreiben hielt, und er konnte kaum 102 die Kraft finden, das Siegel zu löſen, denn er wußte, daß nun⸗ mehr auf dieſem Pergamente das Schickſal ſeines Volkes auf lange Zeit hin in traurigſter Weiſe entſchieden ſei. Endlich eröffnete er es, ſein Blick fuhr darüber hin— das Blatt entfiel ſeiner Hand, und er ſank ohnmächtig in den Lehnſeſſel zurück.. Der Erlaß des Cäſars Gallus begann mit den heftigſten Schmähungen gegen die Juden. Er nannte ſie Gottesleugner und Rebellen; Gottesleugner, weil ſie Jeſum, den Sohn Gottes, verleugneten, und Rebellen, weil ſie, dem Willen des Kaiſers zu⸗ wider, ihrem alten Aberglauben nicht entſagen wollten. Zu lange hätte man Geduld und Nachſicht jmit ihnen gehabt und dadurch den Zorn des Himmels auf ſich herabbeſchworen. Jeder Unfall, den das römiſche Reich erfahre, wäre nichts als die Strafe Got⸗ tes dafür, daß man die noch auf Erden dulde, welche Jeſum ge⸗ kreuzigt. Der Kaiſer wäre es daher ſeinem ganzen Reiche und allen ſeinen Unterthanen ſchuldig, endlich dieſen Unfug gänzlich ab⸗ zuſtellen. Er fordere ſie daher auf, in kürzeſter Zeit reuig und bußfertig ſich unter dem Zeichen des Kreuzes zu ſammeln, oder der härteſten Maßregeln gewärtig zu ſein. Um aber die Axt an die Wurzel zu legen, befehle er hiermit wie folgt: Das San⸗ hedrin iſt auf ewige Zeiten aufgelöſt und darf ſich von jetzt ab an keinem Orte des römiſchen Reiches wieder verſammeln bei augenblicklicher Todesſtrafe Aller, die daran Theil nehmen. Die Mitglieder des jetzigen Sanhedrin hätten ſich binnen zweier Tage ſämmtlich aus Tiberias zu entfernen, und es dürften an keinem Orte mehr als zwei ſich fernerhin zu gleicher Zeit aufhalten, bei Strafe der Einkerkerung auf jedes Zuwiderhandeln. Hierzu fügte Gallus hinzu, daß Niemand wagen ſolle, vor ihm zu erſcheinen, um etwa Gegenvorſtellungen oder auch nur Bitten vorzutragen. Schon der Verſuch hierzu ſolle mit Kerker geſtraft werden, denn die Beſchlüſſe ſeien unwiderruflich. Als dieſer grauſame Erlaß den Mitgliedern des Sanhedrin mitgetheilt wurde, brachen Alle in Jammern und Wehklagen aus; ſie zerriſſen ihre Kleider, ſie rauften ſich das Haar aus, und eine unſägliche Verzweiflung bemächtigte ſich aller Gemüther. Und wie die Unglücksbotſchaft ſich von Mund zu Mund unter dem Volke verbreitete, ertönte Klagegeſchrei in der ganzen Stadt, man trauerte, betete, faſtete; man ſtreute Aſche auf das Haupt und kleidete ſich in Trauergewänder. Man umlagerte das Haus des Patriarchen, um irgend eine weitere Kunde zu erhaſchen; man ſtand in Gruppen auf den Straßen zuſammen und theilte ſich ſeinen Kummer und ſeine Thränen mit. Was ſollte man aber thun?... In ernſtem Schweigen ſtanden die römiſchen Legionäre in Reih und Glied auf dem Platze vor der Proseuche, die Schwerter in der Fauſt, die Pfeile auf dem Bogen, die Schilde vor der Bruſt, um dem geringſten Anlauf zu Widerſtand und Tumult mit aller Kraft zu begegnen. Als daher wirklich unter den jüngern Männern der Ruf ſich erhob: dies dürfe man nicht dulden, man müſſe das Sanhedrin mit ſeinem Leben vertheidigen, man dürfe kein Mitglied desſelben aus der Stadt laſſen, und jede Gewalt der Römer mit gleicher Gewalt zurückweiſen; als ſich bereits einige Jünglinge bewaffnet zeigten und ſich zuſammenrot⸗ teten; als inſonders ein Schrei der Wuth ſich erhob, wie man in der Mitte der römiſchen Cohorten den wohlbekannten Joſeph den Abtrünnigen erblickte, der, ein Kreuz in der Hand, mit hohn⸗ lachendem Angeſichte ſeine früheren Glaubensgenoſſen anſtierte und den Vorübergehenden Worte des triumphirenden Spottes zurief— da eilte Patrika durch die Straßen der Stadt, trat überall zu den verſammelten Haufen und ſprach zu ihnen die Worte der Ab⸗ 104 mahnung und der Beruhigung. Er feuerte mit begeiſternden Worten ihren Muth an, beſtärkte ſie in den Gefühlen des Zornes und der Rache, ermunterte ſie zu Widerſtand und Kampf— noch aber ſei die Stunde nicht gekommen, noch der Feind zu übermäch⸗ tig und ſie völlig unvorbereitet; jetzt ſei es ſicheres Verderben, wenn man ſich widerſetzte; man ginge nutzlos unter und vergeude die heiligen Kräfte, die man für den rechten⸗Zeitpunkt aufſparen müſſe. Darum jetzt Unterwerfung, ruhiges Ertragen des Unab⸗ wendbaren, aber unter dem Schwure heiliger Rache, und indem man ſich vorbereite und rüſte zu einem Kampfe, der doch nicht ausbleiben könnte, und in günſtiger Stunde begonnen werden müſſe. Dieſe Reden fanden Wiederhall in allen Herzen. Patrika war zu ſehr Mann des Volkes, dachte und fühlte zu ſehr wie dieſes ſelbſt, als daß nicht ſeine Worte Gehorſam, lauten Zuruf, Verſicherungen und Gelöbniſſe hätten finden ſollen. Das Sanhedrin war verſammelt, und der Erlaß des Mitkaiſers ihm verleſen worden. Entſetzen und Verzweiflung hatte ſich aller Herzen bemächtigt, und Alle ſaßen ſtumm und in ſich verſunken auf ihren Stühlen, während Dieſem und Jenem Thränen aus den Augen quollen und über das gramdurchfurchte Angeſicht floſſen. Da öff⸗ nete ſich die Saalthüre, und der ehrwürdige Patriarch wurde auf ſeinem Lehnſeſſel hereingetragen und am Ende der Tafel nieder⸗ gelaſſen. Patrika und Amnon ſtanden zu beiden Seiten. Der Greis hatte ſeine bewunderungswürdige Faſſung wieder erlangt, und wiewohl der tiefſte Kummer aus ſeinem Antlitz und aus ſeiner hohlen Stimme ſprach, war doch eine ruhige Haltung über ihn ausgegoſſen. Er hob an:„Meine Brüder! Abermals iſt eine ſchwere Zeit der Prüfung über Iſrael hereingebrochen und die letzte der drei Kronen, welche die Hand des Herrn auf deſſen Haupt geſetzt, ſoll— doch nein! Die Krone des Königthums iſt 105 zerbrochen, die Krone des Prieſterthums in den Staub gefallen, aber vergebens ſtrecken unſere Feinde die verbrecheriſche Hand aus, die Krone der heiligen Lehre herunterzureißen: ſie wird feſtſtehen auf dem Haupte Iſrael's und leuchten durch alle Zeiten, wie grauſam auch das Geſchick ſeiner Kinder ſein möge. Ja, meine Freunde, wir werden in Verbannung und Elend geſchickt; meine Füße wollen nicht mehr voran, und ſie ſollen noch die Pfade der Verbannung wandeln, meine Augen nicht mehr ſehen, und ihre Thränen ſollen auf das Land der Verbannung fließen, und ich ſoll mein Haupt nicht niederlegen an dem Orte, wo es meine Väter gethan. Doch vertrauen wir auf das Wort des Herrn: „An jedwedem Orte, wo ich dich meines Namens gedenken laſſe, werde ich zu dir kommen und dich ſegnen.“ Wandern wir, wan⸗ dern wir, Genoſſen, wohin die Hand des Herrn uns weiſt, es ſind Wege des Herrn, die wir beſchreiten; wandere, Iſrael, das Ziel hat dir der Herr geſteckt, und du wirſt es erreichen... Und in dieſer felſenfeſten Zuverſicht laſſet uns jetzt berathen, was in dieſer Bedrängniß zu thun ſei.“ Das Wort des edlen Greiſes wirkte belebend auf alle Zuhörer. Wußten ſie doch, daß ſein Theil der ſchwerſte und trübſte ſei, während ihnen noch beſſere Tage kommen konnten. Alle richteten ſich auf an ſeinem Vertrauen auf die gute Sache und gewannen ſchnell die Sprache wieder. Es wurden verſchiedene Vorſchläge gemacht. Ein jüngeres Mitglied ſchlug einen feierlichen Proteſt vor mit Berufung auf die kaiſerlichen Edicte, welche Schutz und Gewähr verhießen. Dies wurde aber verworfen, weil doch damit nichts auszurichten ſei, und man mit dieſem Dokumente hülfloſer Schwäche den Feinden doch nur Gelegenheit zu deſto größerer Verhöhnung gäbe. Von einer andern Seite wurde eine Deputation an den Kaiſer vorgeſchlagen. Aber man kannte Conſtantius zu gut, um ſich A 106 etwas von ihm zu verſprechen, und begnügte ſich, zwei Mitglieder des Sanhedrin, welche die Abſicht hatten, ſich nach Rom zu wenden, wo ſie bei der dort anſäſſigen großen Gemeinde Schutz und Wirkſamkeit zu finden hoffen durften, damit zu beauftragen, Alles was ſie vermöchten zu verſuchen. Nach längeren Verhand⸗ lungen, welche die Troſtloſigkeit der Lage nur noch mehr offen legten, begann der Patriarch von Neuem:„Ihr ſehet, meine Brüder,“ ſprach er,„daß wir mit allem dieſem zu keinem Ziele kommen. Aber es bedaaf einer That, ja, Genoſſen, einer That, welche wir dem vernichtenden Werke der Römer entgegenſetzen. Mögen dieſe die Bedeutung derſelben zu würdigen wiſſen oder nicht: ſie muß geſchehen. Die Römer wollen einen verderblichen Schlag gegen unſern Glauben ausführen: wir müſſen dieſen Schlag pariren, mit der Fauſt des Geiſtes müſſen wir ihn von dem Haupte abwenden, auf das er fallen will. Nicht uns, nicht unſere Perſonen und unſere Sicherheit müſſen wir in's Auge faſſen, die werden ſchon Rettung finden, aber das Heil der Thorah und unſeres Volkes. Mag dieſes Tiberias ſeines jetzt hundertjährigen Glanzes beraubt werden: jenſeits des Euphrat, in dem Vaterlande unſeres Urvaters Abraham, wird die Leuchte um deſto heller aufflackern. Ja, mag mit meinem Haupte das ehrwürdige Patriarchenhaus zuſammenbrechen, das, von meinem großen Ahn, deſſen Namen ich trage, an viertehalb Jahrhunderte eine Grundſäule Iſraels geweſen: der Segen, der von ihm aus⸗ ging, darf nicht verloren gehen für alle kommenden Geſchlechter. Als Titus die heilige Stadt beſtürmte, ließ Jochanan ben Sakkai ſich von ſeinen Schülern in einem Sarge zu dem Thore hinaus⸗ tragen, und gründete in Jamnia das große Lehrhaus, und die blöden Römer gewahrten nicht, daß, was ſie in Zion zu verbren⸗ nen glaubten, dort bereits ſtärker und unſterblicher erſtanden war. 107 Jetzt, da ſie das Sanhedrin vernichten und den letzten Patriar⸗ chen in's Exil ſchicken wollen: da, meine Brüder, wollen auch wir eine That vollbringen, welche den ſchändlichen Plan unſerer Gegner vereitelt.“ Dieſe Rede erweckte eine ungewöhnliche Spannung in dem Geiſte jedes Anweſenden; jedes Auge hing an den Lippen des Greiſes, um zu vernehmen, was Großes und Bedeutendes nach dieſer Ankündigung ausgeſprochen werden würde. Nachdem er ſich etwas geſammelt, hob er von Neuem an:„Es iſt eine Zeit zu ſchweigen und eine Zeit zu reden, eine Zeit zu verbergen und eine Zeit zu offenbaren, ſpricht der weiſe König. Das San⸗ hedrin war der Mittelpunkt aller Gemeinden von den vier Säu⸗ men der Erde her, und der Patriarch war das Haupt des San⸗ hedrin. Das war eine große Wohlthat für die Zerſtreuten, die unter unſrer Fürſorge in allen Ländern der Erde groß gezogen wurden. Darum vererbte in unſerm Hauſe ein Geheimniß vom Vater auf den Sohn, daß alle Gemeinden in ihrem heiligſten Werke immerfort auf uns hingewieſen blieben, von uns die Be⸗ ſtimmung der Feſte des Herrn von Jahr zu Jahr zu erwarten hatten. Von Jahr zu Jahr gingen die Botſchaften vom Pa⸗ triarchen aus nach den Gemeinden in Babylonien und Aegypten, nach Rom und dem ganzen Abendland, um ihnen anzukündigen die Tage, an welchen ſie ſich heiligen ſollten dem Ewigen Ze⸗ baoth. Ihr wiſſet es, ich meine das Sod ha-ibbur, das Ge⸗ heimniß der Zeitberechnung für die Feſte des Herrn. Jetzt ſind die Gemeinden mündig geworden; der Mittelpunkt und das Haupt werden ihnen genommen; ſo müſſen ſie für ſich allein ſtehen ler⸗ nen, frei, ſelbſtändig, unabhängig, jede Gemeinde, groß oder klein, ein ganzes Iſrael für ſich. Ich gebe das Erbe meines Hauſes hin; ich entziehe den Abkömmlingen meines Hauſes den Vorzug 108 und den Ruhm, den ihnen der Beſitz dieſes Geheimniſſes zuſichert; ich zerreiße das Band, das alle Gemeinden an die Perſonen meines Hauſes unlöslich feſſelte, damit die Gemeinden nicht ge⸗ führdet und das Heiligthum den Händen der Menſchen entzogen ſei..... In der Tiefe meiner Bruſt wachte ſchon lange die Ahnung, daß es ſo kommen werde, und unter den Sorgen und Kümmerniſſen meines Alters reifte dieſer Entſchluß. Ich habe es ſeit Jahren niedergeſchrieben: es iſt ein Sendſchreiben an alle Gemeinden, das ihnen das Geheimniß offenbart!....“ Mit flammenden Augen, wenn auch mit zitternden Händen holte der Greis eine kleine Pergamentrolle aus der Bruſttaſche ſeines Obergewandes hervor, und legte ſie auf die Tafel nieder. Dann breitete er die Hände darüber aus und ſprach mit leiſem Tone:„Gott ſegne dich, du meine letzte Botſchaft an mein ge⸗ liebtes Volk, und laſſe dich hingelangen zum Segen über Berge und Ebenen, über Ströme und Meere, und über allen Wandel der Zeiten, bis zu den fernſten Küſten, wo das zerſprengte und verfolgte Juda einen Heerd gegründet und eine heilige Lade auf⸗ geſchlagen.... Das Werk meines Lebens iſt nun vollendet.“ Er ſank erſchöpft in ſeinen Lehnſeſſel zurück. Patrika beugte ſich über die gefalteten Hände des Greiſes, küßte ſie und hielt die heißen Thränen nicht zurück, die auf ſie herabfloſſen. Da zog Hillel ſeine Hand hervor, und legte ſie auf Patrika's Haupt und ſprach:„Sei geſegnet, mein Sohn, Du giebſt die Zuſtimmung, und wäreſt doch der Erbe geweſen.“ Langes Schweigen beherrſchte die Verſammlung. Da erhob ſich R. Joſe und ſprach mit gehobener Stimme:„Vater und Meiſter, Du haſt wohl gethan. Dein Name wird für dieſe That mit leuchtenden Buchſtaben in das Buch unſrer Geſchichte eingetragen ſein. Das Sanhedrin giebt Dir in dieſer letzten 109 Frage, die Du ihm vorgelegt, ſeine Zuſtimmung. Es geſchehe ſo, wie Du geſagt, und der Herr ſegne die Folgen deſſen. Aber Eines gebe ich noch zu bedenken. Wenn die Gemeinden außer⸗ halb des heiligen Landes fortan das Geheimniß der Zeitberech⸗ nung kennen, das Deine großen Vorfahren gefunden, wenn ſie fähig ſind für alle Zeiten, die Tage der heiligen Feſte ſelbſt und unzweifelhaft zu beſtimmen— dann werden ſie ablaſſen von dem uralten Gebrauche,— die Feſte an zweien Tagen zu feiern. Mir aber ſcheint es eine große Gefahr, Brauch und Satzung der Väter in dieſen Tagen aufzuheben. Es möchten Zweifel und Unglauben ihr Haupt erheben, und die eine Uebertretung viele andere nach ſich ziehen. Geſtatte daher, daß wir Deinem Send⸗ ſchreiben noch ein andrres hinzufügen, worin wir die Gemeinden ermahnen und auffordern, von dem heiligen Gebrauche nicht ab⸗ zulaſſen, auf daß wir nicht einen Stein aus dem Gebäude reißen, das ſonſt unter den Stürmen der Zeit ſchwanken und einen Riß erhalten könnte.“ Nach einigem Nachdenken nickte Hillel mit dem Haupte und ſprach:„Es mag ſo geſchehen.“ So endete die letzte Sitzung des großen Sanhedrin, das niemals wieder erſtehen ſollte.— Am andern Morgen war im Hauſe des Patriarchen Alles zur Abreiſe vorbereitet. Am Tage vorher hatte Amnon die Stadt verlaſſen, um unter dem Schutze des Abenddunkels Sepphoris zu erreichen und im Hauſe Patrika's die Zurüſtungen zum Empfange zu treffen. Er konnte hoffen, nur von Wenigen erkannt zu wer⸗ den, und da die Cohorte, in welcher der von ihm getödtete Soldat geſtanden, längſt ausgerückt war, und unter den Bewohnern der Stadt ſchwerlich ein Verräther ſich fand, glaubte er nichts be⸗ fürchten zu müſſen. Alle Mitglieder des Sanhedrin hatten ſich 110 im Hauſe des Patriarchen verſammelt, um ihrem verehrten Haupte das letzte Lebewohl zu ſagen und das letzte Geleit bis zu dem Thore von Tiberias zu geben. Dann erſt wollte ein Jeder an ſeine eigene Abreiſe denken. So vieler Schonung der erſchöpfte Greis auch bedurfte, weder er noch ſie wollten ſich dieſes trau⸗ rigen Abſchieds entſchlagen. Ach, er war nur zu herzzerreißend! Ein Jeder der Genoſſen trat vor den Greis, drückte mit Thränen ſeine Hand, ſtammelte einen kaum vernehmbaren Abſchiedsgruß und empfing den leiſegeflüſterten Segen des Naſſi. Dann wurde der Greis auf eine bequem eingerichtete Tragbahre gebracht, die zwiſchen zwei ſanften Maulthieren befeſtigt war. Jedes Maul⸗ thier hatte einen Führer, der Schritt vor Schritt es geleitete. Patrika eröffnete den Zug, und Mirjam, in dichte Schleier gehüllt, ritt an der Seite ihres Vaters. Dann kamen paarweiſe ſümmt⸗ liche Mitglieder des Sanhedrin, und an ſie ſchloſſen ſich die Vor⸗ ſteher und Beamten der Stadt und die Hausleute des Patriarchen mit den Pockthieren. So ging der Zug durch die Nebenſtraßen zur Hauptſtraße nach dem Thore hin, durch welches vor kurzer Zeit Patrika eingezogen war, nicht ahnend, was er hier erleben und was er mit davonführen würde. Alle Bewohner der Stadt, jung und alt, Männer und Frauen hatten ſich nach allen Punkten, die der Zug berühren mußte, gedrängt und füllten die Straßen, daß der Zug nur mühſam ſich hindurch bewegte. Jeder wollte noch einmal in das Autlitz des wie ein Heiliger verehrten Mannes blicken, der ſterbend, aber ergeben von dem Hauſe ſeiner Väter fliehen mußte. Er ſaß bewegungslos da, mit bleichem, einge⸗ fallenem Geſichte, und nur aus ſeinen Augen leuchteten noch die Freundlichkeit ſeines Gemüthes und die Trauer, mit der er von hinnen ſchied. Die Spannung der Erwartung und die Achtung vor ihm hielt die verſammelten Menſchen ſtumm, aber ſo wie die 411 Thiere, die ihn trugen, vorüber waren, brach die Menge in Weinen, Schreien und Wehklagen aus, ihre Hände erhoben ſich zum Himmel, um Hülfe und Rettung, oder Strafe und Rache herabzuflehen. Und dieſes Jammern pflanzte ſich immer weiter hinter dem Zuge her, bis er das Thor durchſchritten hatte, und die Sanhedriſten zu einer Gruppe geſchaart dem dahinziehenden Häuflein nachblickend und Gebete flüſternd zurückblieben. Es war ein ſchöner Morgen, der auf den Bergen und Fluren ſtand, und die glänzenden Strahlen der Sonne vergoldeten den blauen See und blitzten auf die weißen Schaumköpfe ſeiner Wellen, und von den grünen Bergen ſtiegen dünne Nebel auf, wie der Opferrauch von Altären. Es mochten wohl Jahre vor⸗ übergegangen ſein, daß der Patriarch den See und die Höhen nicht geſchaut— aber er verlangte nicht danach, und als er die tadt hinter ſich gelaſſen, verhüllte er ſein Antlitz mit dem Kra⸗ gen ſeines Obergewandes und ſchloß die Augen, ſich in die innere Welt ſeines bewegten Geiſtes verſenkend. Patrika aber ritt neben Mirjam, deren Hand er ergriff und feſthielt, und auf den Schwin⸗ gen der Liebe erhoben ſich ihre jungen Seelen über den drücken⸗ den Dunſtkreis der Gegenwart zum ewig klaren, blauen Aether, und Wehmuth und Trauer zerfloſſen in dem ſtillen Jubel gegen⸗ ſeitigen Glückes. Ach, dieſe junge Liebe war in dem Treibhauſe der Bedrängniß ſchnell emporgeſchoſſen und hatte ihre vollen far⸗ bigen und duftenden Blüthen entfaltet. Und auch das wußten und fühlten ſie, daß ſie ihren Bund für eine Zukunft voll Kampfes und Gefahr geſchloſſen— aber der Sonnenſchein glücklicher Ge⸗ genwart war ja da und blitzte ihnen aus dem See, und glänzte ihnen von der Höhe, und ſchimmerte ihnen aus dem Himmel ent⸗ gegen, und das iſt für die hoffende Seele Bürgſchaft genug auch für kommende Seligkeit.... Ueber Tiberias aber lagerte ſich 112 der Schatten, und der iſt niemals wieder gewichen, bis zu unſeren Tagen nicht, bis der Donner in der Erde unter ihm rollte und ſeine Wohnungen in Trümmer ſtürzte... Auf dem Platze vor der Proseuche ſtanden abermals die römiſchen Legionäre kampfgerüſtet aufmarſchirt, aber Niemand achtete ihrer, Niemand erſchien auf dem Platze. Das Volk hatte ſich ſtill in die Häuſer zurückgezogen. Gegen Abend rückte der Cäſar Gallus in das Stadtthor ein. Die Tubas ſchmetterten, die Hörner klangen, die Hufen der Roſſe dröhnten— ober die Straßen blieben todt und öde, und Niemand begrüßte den Mit⸗ kaiſer und hieß ihn willkommen. Unmuthig betrat er die Pros⸗ euche, und durchſchritt neugierig die verlaſſenen Säle und Räum⸗ lichkeiten, von welchen nur einige und ſpärlich in der Eile zu ſeinem Empfange hergerichtet waren. Schlimme Botſchaft vom Euphrat her wartete ſeiner, und da er in Tiberias ſchon Alles gethan fand, was er gewollt, ſo verließ er nach kurzer Raſt die Stadt wieder, ſandte die Truppenſchaar bis auf eine kleine Be⸗ ſatzung dem Urſicinus zu, und kehrte ſeines Weges zurück. 11. Nicht minder feierlich war der Empfang des Patriarchen in Sepphoris, als es ſein Abſchied von Tiberias geweſen. Weit hinaus war das Volk ihm entgegen geſtrömt. In den Herzen der Menge ſtritten ſich der Schmerz und die Wuth über die Un⸗ terdrückung des Sanhedrin, ohne welches ſich die Maſſe noch gar nicht zu denken wußte, mit der geheimen Hoffnung, es möchte das Verbot wieder rückgängig gemacht werden und das Sanhedrin durch die Gegenwart des Patriarchen veranlaßt ſein, ſich in Seppho⸗ ris wieder zuſammenzufinden, von wo es doch erſt vor hundert Jahren durch den Patriarchen Juda II. nach Tiberias verlegt worden. Als daher der Tragſeſſel des Patriarchen ſichtbar wurde, wollte das Volk in lauten Jubelruf:„Es lebe der Naſſi!“ ausbrechen. Aber der erſte Blick auf die zuſammenge⸗ brochene Geſtalt und das todesblaſſe Angeſicht des von der Reiſe erſchöpften Greiſes ließ es verſtummen und in dumpfem Schwei⸗ gen ſich dem Zuge anſchließen. So geleiteten Tauſende die An⸗ kömmlinge nach dem ſchönen Hauſe Patrika's, das jetzt, von den Soldaten längſt verlaſſen, zu ſeinem früheren Glanze wiederher⸗ geſtellt war. Wie glücklich machte es Patrika, Mirjam ſchon jetzt in dieſe geſchmückte Häuslichkeit einzuführen, wo ſie bald als Gebieterin walten ſollte. Als er ihr dies beim Eintritt zuzuflü⸗ ſtern Gelegenheit fand, erröthete ſie, aber ihre Blicke zeigten, daß ſie an dieſen neuen Umgebungen, die ſie nicht ſo glänzend erwar⸗ tet hatte, eine hohe Befriedigung fand. Das Volk bewegte ſich wieder freier in den Straßen der Stadt. Jemehr die Perſer an den armeniſchen Bergen hin nach dem nördlichen Theile des Euphrat zogen, fühlte Urſicinus ſeine Streitkräfte zu ſchwach, um dieſen wichtigen Punkt gegen ein ſo gewaltiges Heer vertheidigen zu können. Er zog daher Alles an ſich, was in Syrien an Truppen irgend entbehrt werden konnte. Auch von der zurückgebliebenen Beſatzung zu Sepphoris hatte er vor einigen Tagen den größern Theil zu ſich befohlen: Der Reſt konnte kaum das Caſtell in genügender Zahl beſetzen. Die Wacht⸗ poſten verſchwanden aus der Stadt, und ſo wurden die Syna⸗ gogen den Bewohnern wieder überlaſſen. Dieſe nahmen jubelnd die geheiligten Stätten wieder in Beſitz und ſetzten in kürzeſter Zeit Alles wieder in den alten Stand. Aber es war nur eine kurze Raſt, die ihnen vergönnt war. Hinter jedem Lichte fliegt auch ein Schatten dahin. Am Tage nach der Ankunft des Patriarchen langte auch Joſeph der Ab⸗ trünnige im Caſtell von Sepphoris an. Die Vollmachten des Kaiſers und die Empfehlungen des Cäſars bewirkten, daß er wie ein Befehlshaber aufgenommen wurde. Er verſchob nun auch die Ausführung ſeiner ſchwarzen Entwürſe nicht lange. Das Maß ſeines Rachegefühls war noch lange nicht gefüllt, und ſein leiden⸗ ſchaftliches Begehren nach der Tochter des Patriarchen ließ ihn nicht ruhen. Da die Beſatzung nur aus Chriſten beſtand, ver⸗ ſammelte er dieſe, und ſuchte ihren Glaubenseifer mit feuer⸗ ſprühenden Worten anzufachen.„Wie?“ rief er ihnen zu,„Ihr wollt chriſtliche Krieger ſein und laſſet die Feinde Chriſti unbe⸗ kämpft und ungeſtört an den Stätten und in dem Lande weilen, die ſein göttlicher Fuß betreten? Sie verleugnen, ſie läſtern, ſie kreuzigen ihn noch heute, und die Waffen ruhen in Euren Hän⸗ den? Fürwahr, ſo machet Ihr Euch derſelben Sünde ſchuldig, 115 und bald werden die Heiden an Euren Brüdern und an Euch die Strafe vollziehen. Ihr ſeid Streiter Chriſti, und ſo müſſet Ihr vor Allem dieſes Land von ſeinen Haſſern reinigen und Euch zu den Vollſtreckern jenes Fluches machen, der über dieſes Volk ausgeſprochen worden, das ihn verſtoßen und gepeinigt! Jeder Streich, den Ihr gegen Einen von dieſen führt, entſühnt und heiligt Euch! Auf, es iſt keine Zeit zu verlieren, gebet dem Herrn die Ehre! Dann wird ſich der Sieg wieder an die rö⸗ miſchen Fahnen knüpfen, und Eure Herrſchaft bis zu den Säumen der Erde ſich dehnen. Reichthum auf Erden und Herrlichkeit im Himmel werden Euer Lohn ſein!“ Mit ſolchen Reden fanatiſirte der heimtückiſche Böſewicht die Soldaten. Allerdings ſchüttelten die Officiere den Kopf dazu. Sie erkannten die Gefahren, die ihrem Häuflein bei einem Auf⸗ ſtande der Bewohner dieſes Landes drohten. Sie ſahen ein, daß zu einer Zeit, wo ein gewaltiger Feind nicht allzu fern war, Schonung und Milde allein am Platze wären. Aber ſchon ver⸗ mochten ſie nicht mehr die wilderregten Soldaten im Zaume zu halten, und andererſeits imponirten ihnen die kaiſerlichen Befehle, welche Joſeph bei ſich trug. Sie mußten alſo der Sache ihren Lauf laſſen. Aber auch Joſeph erkannte, daß er mit dieſer Schar nicht viel auszurichten vermöchte, und wollte daher die Bewohner von Sepphoris für jetzt mehr kränken als mißhandeln und ſich zum unumſchränkten Gebieter im Caſtell machen. Und Niemand verſtand es beſſer als er, die empfindlichſten Seiten ſeiner früheren Glaubensbrüder zu treffen. Wenn er wußte, daß die Juden zum Gottesdienſte in den Synagogen verſammelt waren, ſandte er kleine Trupps von Soldaten dahin aus; ſie warfen Steine durch die Fenſter in die Verſammlungen, öffneten die Thüren und ſchrieen Schmähungen und Schimpfworte mitten 116 in die Hymnen, welche die Betenden angeſtimmt, ſie brachen ſelbſt hinein und mißhandelten die Perſonen, welche ſie abwehren woll⸗ ten. Dies war den galiläiſchen Juden etwas ganz Neues. Solche Kränkungen hatten ſie noch niemals erfahren. Alles, was ſie früher gelitten, konnte auf Rechnung des Kriegszuſtandes ge⸗ ſchoben werden. Aber die Vertreibung und Vernichtung des San⸗ hedrin und nun dieſe täglichen Schmähungen ihres Heiligſten er⸗ bitterten ſie maßlos, und ſie fragten ſich immer und immer wieder, wo dies hinauswolle. Die kaum beruhigte Fluth des Unwillens ſtieg wieder von Neuem auf, und eine wilde Bewegung bemächtigte ſich der Gemüther. Zu gleicher Zeit mit Joſeph waren aber noch einige anbere fremde Geſtalten in Sepphoris erſchienen. In der Tracht gali⸗ läiſcher Landleute waren drei Männer einer nach dem andern in kurzen Zwiſchenräumen in das Thor von Sepphoris eingezogen. Einige ländliche Waaren auf dem Rücken, konnten ſie keine beſon⸗ dere Aufmerkſamkeit erwecken. Wer ſie aber genauer betrachtet hätte, würde ſie doch bald als Fremdlinge erkannt haben. Sie ſahen ſich ſo vielfach um, gingen ſo unſicher voran, kehrten, als ob ſie ſich geirrt, auf ihren Schritten bisweilen zurück, daß ſie ſich gewiß zum erſten Male in den Straßen dieſer Stadt befan⸗ den. Endlich traten ſie in einem dunkeln Nebengäßchen in ein kleines, verſtecktes Haus ein, deſſen Lage und Beſchaffenheit ihnen ſehr ſorgfältig beſchrieben ſein mußten, denn Jeder von ihnen nickte nach einigem Beſchauen, nachdem ſie es erreicht hatten, mit dem Haupte und öffnete ohne Zögern die Pforte. Es war am ſpäten Abend, als dieſelben Männer in das Haus Patrika's traten, auf deſſen Schwelle Amnon ſie erwartete, der ſie alsbald in ein abgelegenes Gemach führte. Hier ging Patrika in großer Spannung auf und nieder, bis die Schritte der 117 Kommenden ihm ihre Ankunft verriethen. Sie traten ein, und er empfing ſie mit neugierigem Blicke, aber auch mit einer kühlen und förmlichen Haltung. Nach einigen Begrüßungsworten zog der eine der Männer eine kleine Pergamentrolle hervor und über⸗ gab ſie Patrika mit den Worten:„Ihr müßt vor Allem erfah⸗ ren, wer wir ſind, und eine Einſicht von unſern Beglaubigungs⸗ ſcheinen nehmen.“ Patrika las. Es war ein Schreiben der an⸗ geſehenſten Inden aus der Mitte der Perſer. Unterzeichnet war es von dem Riſch⸗Glutha, dem weltlichen Oberhaupte aller Juden im perſiſchen Reiche, dann von den berühmten Oberhäup⸗ tern der Schulen zu Sura und Pumbeditha, ſowie von einigen Oberofficieren jüdiſchen Glaubens im perſiſchen Heere; ganz darunter befand ſich auch die Namensunterſchrift eines königlichen Vezirs. Das Schreiben enthielt die Verſicherung, daß dieſe drei Männer von den Unterzeichneten, und zwar im Namen der ganzen perſiſchen Judenheit an ihre Brüder in Galiläa abge⸗ ſchickt worden, daß ſie ſich mit großer Selbſtaufopferung den Ge⸗ ahren und Mühen dieſer Wanderung unterzogen, daß ſie das un⸗ bedingteſte Vertrauen erwecken mußten, und daß Alles, was ſie ſprechen und verſprechen würden, in ihrem Namen geſagt und von ihnen völlig verbürgt werde. Als ſich Patrika hiervon über⸗ zengt hatte, wandte er ſich mit den herzlichſten Worten an die Männer und lud ſie in freundſchaftlichſter Weiſe ein, ſich nieder⸗ zulaſſen. Ja, die Männer hatten große Gefahren beſtanden. Auf unwegſamen Pfaden hatten ſie ſich durch die armeniſchen Berge geſchlagen, um mit Umgehung des römiſchen Heeres über den Euphrat zu gelangen, hatten ſich dann mitten durch ein von rö⸗ miſchen Streifparteien durchzogenes Land geſchlichen, wochenlang unter keinem Dache einer menſchlichen Wohnung geweilt, nur mit Mühe die nothwendigſten Lebensmittel ſich verſchaffend, der Ent⸗ 118 behrung und den anſtrengendſten Strapazen ununterbrochen aus⸗ geſetzt. Aber der Gott Iſrael's habe ſie geſchützt und geſtärkt, ſo daß ſie ihr örtliches Ziel glücklich erreicht; nun aber käme es darauf an, ob ſie auch den Zweck ihrer Sendung, um deſſent⸗ willen ſie ſo viele Schwierigkeiten ertragen hätten, erreichen wür⸗ den. Patrika, voll Bewunderung für dieſe Männer, ſicherte ihnen im Voraus ein offenes Herz für alle ihre Forderungen zu und wünſchte nur, daß dieſe ſo beſchaffen ſeien, daß ihrer Erfüllung nichts im Wege ſtehe. Die Männer ergriffen nun nach einander das Wort und ſchilderten zunächſt das Glück, welches ſie unter dem Scepter der perſiſchen Könige genoſſen. Da war ihnen völlige Freiheit der Religionsübung, völlige Freiheit nach dem väterlichen Geſetze und nach der ererbten Sitte zu leben. Sie ſtanden unter ihrrn eigenen, von ihnen ſelbſt gewählten Richtern und Beamten, die allein nach dem heiligen Geſetze und deſſen Auslegung entſchieden; ihre Lehrſtühle blühten jetzt als die erſten der Welt; ſie wohnten wo und trieben was ſie wollten; ſie baueten das Land, trieben Gewerbe und Handel, und ihre Zahl und ihr Beſitz mehrten ſich von Tag zu Tag; ſie zahlten dem Könige die Kopfſteuer und reiheten ihre Jünglinge ſeinen Heeren ein, und weiter erführen ſie nichts von ihm; alle ihre Intereſſen wären durch das„Haupt des Exils,“ den Riſch⸗Glutha, aus davidiſchem Geſchlecht, am Hofe des Königs vertreten und dieſer ſei mit faſt königlichen Ehren, mit der Würde und Pracht eines Fürſten umgeben. Da⸗ für ſeien ſie aber auch dem perſiſchen Könige von ganzem Herzen ergeben und widmeten ihm gern oll ihr Gut und Blut. Auch für den jetzigen Heereszug hätten ſie ihn freiwillig mit großen Sub⸗ ſidien unterſtützt und faſt ein Viertel des Heeres beſtände aus Männern jüdiſcher Abkunft. Dagegen ſchilderten ſie mit Nach⸗ 119 druck die traurigen Zuſtände, in welchen ſich die Juden unter der gegenwärtigen Herrſchaft im römiſchen Reiche befanden. In ge⸗ ſchickter Weiſe miſchten ſie in dieſes düſtere Gemälde das ein, was ſie auf ihrer Wanderung ſelbſt geſehen und erfahren und blieben bei dem jüngſten Ereigniß zu Tiberias ſtehen. Sie knüpften daran die Frage an Patrika und an alle, die zur Für⸗ ſorge für Volk und Glauben berufen ſeien, was ſie ſich als den Endzweck und den Ausgang von all dieſem dächten?„Wie?“ rief der Eine aus,„ſehet Ihr nicht, daß Vernichtung unſerer Religion und Untergang aller treuen Söhne Iſrael's das allei⸗ nige Ziel Eurer jetzigen Herrſcher iſt, und daß Ihr von dieſem nur noch durch einen kleinen Raum geſchieden ſeid? Und glaubet Ihr, daß man noch lange zögern werde, dieſe wenigen Schritte bis dahin noch zu thun? Nein! Nein! Laſſet dieſen perſiſchen Feldzug nur erſt vorüber und abgewehrt ſein, und Tod und Ver⸗ treibung harret Euer! Wagte man ſchon unter den Gefahren des Krieges, in der Erwartung eines feindlichen bis jetzt ſiegreichen Heeres, ſo ſchwere Schläge auf Euch zu führen und Euch in der Wurzel Eures Lebens zu verwunden— was ſollte ſie zurückhal⸗ ten, wenn ſie von dieſer Furcht befreit und dieſer Gefahr entgan⸗ gen ſein würden?“ Patrika ſchwieg auf dieſe Worte; denn ſie beleuchteten ja nur mit hellen Lichtſtrahlen, was ſchon ſo lange, wenn auch dun⸗ kel in ſeinem Geiſte gelebt. Jetzt wurden alle ſeine trüben Ahnungen, alle ſeine düſtern Gedanken an das Tageslicht gezogen und wie von der Mittagsſonne beſchienen. In ſolchem Momente ſträubt ſich aber das menſchliche Herz noch einige Augenblicke vor der ganzen Erkenntniß der troſtloſen Lage, und gern möchte es noch einige Einwenduugen erheben und einige Ausgangswege an⸗ deuten— und dieſer Kampf bringt nichts als Schweigen hervor. Endlich ermannte er ſich und entgegnete:„Und was für einen Antrag bringt Ihr uns?“ 2 „Wir bringen Euch nichts, als die Frage: ob Ihr Eurem Verderben widerſtandslos entgegengehen, oder die ſichere Gelegen⸗ heit, die ſich jetzt Euch bietet, und die vielleicht niemals wieder⸗ kehrt, mit feſter Hand zu ergreifen geneigt ſeid?.... Wohlan, laſſet uns zu offener Erklärung kommen!“ Und nun legten die Männer den Plan des perſiſchen Königs dar, über den nördlichen Theil des Euphrat nach Syrien einzu⸗ dringen und es zu erobern. Aber er habe die Abſicht nicht, dieſes Land nur vorübergehend zu beſetzen, ſondern es dauernd zu einer perſiſchen Provinz zu machen. Von hier aus ſollten dann die Römer über das Meer zurückgeworfen, und ganz Aſien unter einem Herrſcher wieder vereinigt werden. Die Zeit ſei hierzu reif, denn die Römer wären nicht mehr eine widerſtandsfühige Macht, ſondern ſelbſt nur von barbariſchen Völkern abhängig, und die Spaltung zwiſchen Chriſtenglauben und Heidenthum er⸗ leichtere ihren Fall vor dem Schwerte der Feinde. An dem Er⸗ folge Sapor's ſei nicht zweifeln. Sie ſelbſt hätten noch die Eroberung zweier römiſcher Feſtungen, Reman und Buſan, ge⸗ ſehen, und ein ſolcher Schrecken vor den Perſern ſei über die römiſchen Soldaten gekommen, daß die Beſatzung beider Plätze theils entwichen ſei, theils ſich ohne Schwertſchlag ergeben habe. Jetzt ſei es nun der Beruf und die Pflicht der galiläiſchen Juden, ſich zu erheben, mit bewaffneter Hand die geringen Beſatzungen in ihren Städten niederzuſchlagen und das Land von ihren grau⸗ ſamen Tyrannen zu befreien. Das Unteenehmen wäre leicht, und zwiſchen ihnen und den Perſern ſtände nur noch das ſchwache Heer des Urſicinus, das dann auch vom Rücken bedroht, nur geringen Widerſtand leiſten könnte. Und nun ergoſſen ſich die 121 Abgeſandten in eine warme Schilderung des Glückes, das ihres Volkes harre, wenn es ſo dem Sieger von Oſten die Hand biete und den Weg ebene. Sie ſahen im Könige Sapor einen neuen Cyrus, der vom Herrn berufen ſei, ſeinem Volke die Freiheit wiederzugeben und zu geſtatten, daß es die Trümmer von Zion noch einmal erbaue. Auch Cyrus ſei ein Perſer geweſen, und eines andern Glaubens, habe er dennoch das verbannte Juda nach dem heiligen Lande zurückgeführt. Ja, ſie ſeien geradezu bevoll⸗ mächtigt, ihnen von Seiten der perſiſchen Machthaber im Vor⸗ aus zuzuſichern, daß die Söhne Iſrael's Judäa wieder bevölkern und ihre zertrümmerten Städte wieder erbauen ſollten. Dann wären Babylonien und Iudäa wieder vereinigt, und bildeten einen mächtigen Bund, der allen Widerſachern wiederſtehen werde. „Und dann,“ fragten ſie,„was bleibt Euch für eine andere Wahl übrig? Wollet Ihr Euch von Joſeph dem Abtrünnigen, vom Urſicinus und Gallus willig abſchlachten laſſen? Oder könntet Ihr glauben, daß Eure Pflicht Euch an Rom binde und Euch verbiete, Euren Todfeinden entgegenzutreten? Nein, ſchüttelt Eure Schwäche ab, werfet Eure Muthloſigkeit von Euch, Euch bleibet keine Wahl übrig, und diejenigen laden ſchwere Verantwortlichkeit auf ſich, welche an der Spitze unſeres Volkes ſtehen, und doch ſtatt ſeiner Verzweiflung zu Hülfe zu kommen, feige die Hände in den Schvoß ſinken laſſen!“ Jetzt war jedes Bedenken aus der Seele Patrika's gewichen. Er ſtand aufrecht, feſt und ruhig, die geballte Rechte auf ſeinem Herzen, das Haupt erhoben, mit flammenden Augen und um den Mund die Züge der Entſchloſſenheit und der Kampfesfreude. „Ich danke Euch,“ hob er mit feſter, klingender Stimme an,„ich danke Euch für Eure Hingebung und Treue, wie für die Nach⸗ richten und den Rath, die Ihr uns bringt. Eure Worte ſind 122 inhaltsſchwer, aber ſie enthalten die Wahrheit. Ich werde unter meine Brüder treten und ihnen Alles mittheilen. Leider werden die nächſten Tage ſchon genug bringen, was ihren Kampfesmuth und ihren Rachedurſt unaufhaltſam entzünden und den letzten Tropfen in den Becher zum Ueberfließen werfen wird. Ich ſelbſt werde Alles vorbereiten, was zum Gelingen des Ausbruches noth⸗ wendig iſt, wenn er einmal unvermeidlich geworden. Ihr aber, wenn Ihr Euer heiliges Werk vollenden wollt, ziehet durch die Städte Galiläas und verkündiget auch dort, was Ihr uns hinter⸗ bracht habt. Meine Boten ſollen Euch vorangehen. Aber ein Bedenken iſt noch vorhanden. Der greiſe Patriarch weilt in meinem Hauſe. Ach, ſeine Tage ſind gezählt.... Und er will nichts von Widerſtand und Gewalt wiſſen. Sein Geiſt lebt mehr in der Vergangenheit, als in der Gegenwart. Er ſieht in jedem Aufſtande eine Gefahr für alle Juden im römiſchen Reiche; er ſieht ſie dadurch wie in früheren Zeiten alleſammt verfolgt, ver⸗ jagt, gefoltert und hingemordet. Wir müſſen ſein brechendes Auge ſchonen, daß deſſen Blick nicht auf Aufruhr und Mord falle. Darum Geduld: was da kommen ſoll, kann doch nicht aufgehalten werden, und wir bedürfen noch einiger Zeit, um ge⸗ rüſtet zu ſein. Was mich anbetrifft, ich bin bereit!“ Auch die Männer hatten ſich erhoben und ſtanden um Pa⸗ trika, der in ſeiner männlichen Schönheit und in ſeiner gemeſſenen, faſt gebieteriſchen Haltung ihre Bewunderung feſſelte. Er ſtreckte ihnen die Hände entgegen, und als ſie dieſe gefäßt, ſprach er aus innerſter Erregung der Seele:„Ja, Brüder, geloben wir uns, alle unſere Kräfte, uns ſelbſt dem Heile unſeres Glaubens und Volkes hinzugeben.— Iſrael darf, kann und wird nicht unter⸗ gehen— aber an uns iſt es, für ſeinen Beſtand zu leben und wenn es nöthig, zu ſterben!“ 123 Schon am andern Morgen begann Patrika eine unermüd⸗ liche Thätigkeit zu entwickeln. Er hielt Zuſammenkünfte mit den Angeſehenſten der Stadt, verſammelte in den einzelnen Quartieren alle rüſtigen Männer, begeiſterte ſie durch ſein Wort, ließ die vielfachen und immer wachſenden Klagen von Jedem ausſprechen, verabredete die Zuſammenſcharung in kleine Abtheilungen und ließ dieſe ihre Führer wählen, beſtimmte die Alarmzeichen, aber beſchwor Alle, ſich ruhig zu verhalten, was auch geſchehen werde, bis die Stunde gemeinſamen Handelns gekommen. Es konnte dies Alles um ſo freier vor ſich gehen, als die Bewachung der Stadt von Seiten der Römer aufgegeben war, und nur dann und wann einzelne kleine Scharen von Soldaten zu beſtimmten Zwecken in die Stadt eindrangen und ſie durchzogen. Dann ſchickte Patrika Ab⸗ geſandte nach Tiberias, Saphed, Lydda und anderen Städten, um ſie mit Sepphoris in Verbindung zu erhalten und ſie zu gleichen Schritten zu veranlaſſen. Alles dies vollbrachte er mit einer ge⸗ wiſſen Freudigkeit und Herzenserhebung, denn er ſagte ſich, daß er nicht blos für das Allgemeine kämpfe, ſondern auch ſein eigenes Glück ſicher zu ſtellen, das von Gefahren bedroht und umringt war. Wenn er dann nach ſeinem Hauſe zurückkehrte, und hier Mirjam geſchäftig walten ſah, denn ſie hatte ſchnell das Regiment daſelbſt in ihre Hände genommen— dann konnte er um ſo freier den Ergießungen ſeines Herzens bei der Geliebten und dem fried⸗ lichen Geſpräche mit dem freilich immer ſchwächer werdenden Naſſi ſich hingeben. Die Schwüle war von ſeinem Geiſte ge⸗ nommen, die Ungewißheit aus ihm gewichen, er ſah den kom⸗ menden Gefahren kühn in's Auge— und ach! die Jugend hofft immer und Großes!.... Freilich verbarg er ſeine geheimen Pläne ſorgfältig vor dem Greiſe, was leicht, und vor dem theuren Mädchen, was ſchwer war, denn das Auge der Liebe iſt ſcharf⸗ 124 ſichtig. Aber ſo ſehr er ſich auch jeder Andeutung über die wirk⸗ liche Lage enthielt, ſo tanſchte er doch mit Mirjam alle ſeine Ge⸗ danken und Gefühle aus und fand in dem Herzen des jungen Müdchens einen ſo lauten und vollen Wiederhall, einen ſo ent⸗ ſchiedenen Ausdruck für alle Empfindungen der Glaubenstreue und das Patriotismus, daß er ihrer Zuſtimmung und ihres Beiſtandes im Voraus ſicher war, wenn ſich erſt die Wirklichkeit vor ihr aufdecken würde. Es waren glückliche Stunden, an denen ſein Geiſt ſich immer mehr erhob, immer höheren Aufſchwung nahm, Stunden, deren Zahl gering, deren Inhalt und Bedeutung für ihn unendlich reich war. Patrika ſah ein, daß das dringendſte Be⸗ dürfniß in der Anſchaffung von Waffen lag. Er und ſeine Freunde ſchoſſen eine bedeutende Summe zuſammen, und er beſchloß, ſelbſt nach Akko zu gehen, einem Platze, wo ſich große Waffenhändler befanden, Glaubensgenoſſen, auf deren Schweigen und regſte Mit⸗ wirkung er rechnen durfte, um den Ankauf und die ſchleunigſte Herbeiſchaffung einzuleiten. Am Abend theilte er Mirjam und ihrem Vater mit, daß ihn ein unabweisliches Geſchäft zwei Tage von Hauſe entfernt halten werde. Als er dies ausgeſprochen, winkte ihm Hillel zu ſeinem Lehnſeſſel heranzukommen und ſprach: „Mein Sohn, bleibe ja nicht länger aus. Jch fühle, daß es mit mir zu Ende geht. Ich folge dem Rufe des Herrn willig; aber zuvor möchte ich den Bund meiner Kinder mit dem Siegel der Religion verſehen, und ſo beſtimme ich, wenn es Dir recht iſt, den dritten Tag von heute, Euch, meine Kinder, als Ehegatten den väterlichen Segen zu ertheilen.“ 2 Auch Mirjam war näher getreten und hatte den Worten ihres Vaters gelauſcht. Da beugten ſich die Beiden auf die Hände des Vaters herab, die bleichen, ſchwachen, zitternden Hände, und Patrika flüſterte:„Dein Wille geſchehe, theurer Vater!“ ———— 12. Mit freudigem Herzen hatte Patrika die Reiſe begonnen und in Akko den freundlichſten Empfang und die ſchnellſte Förderung ſeines Werkes gefunden. Die Waffen ſollten in kleinen Partien, aber in ſchneller Aufeinanderfolge unter Waaren und ländlichen Vorräthen verſteckt nach Sepphoris gebracht und dort an ver⸗ ſchiedenen Orten niedergelegt werden, um jede Möglichkeit, die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, zu vermeiden. Aber ſchon am folgenden Tage änderte ſich die Stimmung Patrika's in eigen⸗ thümlicher Weiſe. Schon die aufgehäuften Waffen betrachtete er mit einem wehmuthsvollen Blicke, indem der Gedanke ſich ihm aufdrängte, wie bald ſie ſich mit Blut röthen würden, mit dem Blute vielleicht ſeiner beſten Freunde, mit dem Blute von Fami⸗ lienvätern, deren Wittwen und Waiſen den Urhebern des Kampfes fluchen würden, von Söhnen, deren Eltern an der frühzeitigen Gruft verzweifeln müßten.... Und dann überkam ihn plötzlich eine unfägliche Angſt; es war ihm, als ob jeden Augenblick ein Bote erſcheinen müßte, der ihm von einem Unglücksfalle der Seinen zu berichten käme; er lauſchte unwillkürlich, als ob ein Hülferuf ſeiner Mirjam in ſein Ohr dränge. Ob er auch dieſe ihm ganz neuen Empfindungen niederzukämpfen ſuchte, und ſich damit beruhigen wollte, daß er ſie ja unter dem zuverläſſigen Schutze Amnon's zurückgelaſſen— dieſe Angſt ließ ihm keine Ruhe. Er machte den Reſt ſeines Geſchäftes eiligſt ab, beſtieg ſein Pferd, und beſchleunigte ſeine Heimkehr ſo ſehr er konnte. 126 Es war ein ſchwüler Tag; eine verſengende Hitze hatte ſich auf die Fluren gelagert, und die Strahlen der Sonne prallten glühend von den Berg⸗ und Felswänden ab; die Pflanzen ſenkten ihre Häupter zur lechzenden Erde herab, und kein Blatt rührte ſich an den Bäumen; kein Vogel durchſchnitt die Luft, und die ganze Natur war in ein tiefes Schweigen verſunken. Jetzt ſtiegen im Oſten ſchwarze Wolken herauf, die in ihrem Schooße ſchweres Unwetter zu bergen ſchienen. Aber Patrika eilte unaufhaltſam vorwärts auf der ausgeſtorbenen Landſtraße; immer ſchneller trieb er ſein trenes Roß an, das von der Hitze des Tages und von der Schnelligkeit des Laufes keuchte und triefte. Schon ſenkte die Sonne ſich zum Abend nieder, und berührte faſt die Häupter der weſtlichen Höhen, als er Sepphoris anſichtig wurde. Da war hinter demſelben das ſchwarze Gewölk aufgethürmt und warf be⸗ reits ſeinen verdunkelnden Schatten über Stadt und Caſtell, daß deren Umriſſe kaum kenntlich waren. Und wie er nun durch wellenartige Gründe ritt, bald auf einer Erhebung, bald in einer Niederung ſich befand, kam und ſchwand ihm wechſelnd die Anſicht des hochgelegenen und darum weithin ſichtbaren Sepphoris. Und während nun die Sonne hinter den Bergen niederging und ihre letzten Strahlen über die Landſchaft warf, fuhren Blitze aus dem Gewölk über die Stadt hin und beleuchteten mit grellem Lichte ihre Mauern, Dächer und Thürme und das feſt geſchloſſene Caſtell auf der Höhe.... Unwillkührlich erbebte das Herz des ſonſt ſo feſten Mannes, Schauern der Angſt überrieſelte ihn und Worte des Gebetes drängten ſich über ſeine Lippen. Ein Sturm⸗ wind erhob ſich ihm und ſeinem Roſſe entgegen; der Donner rollte immer lauter und lauter herauf, der Staub wirbelte um ihn her, und es wurde dunkler und dunkler. Endlich erreichte er das Thor und galoppirte durch die menſchenleeren Straßen nach 127 ſeinem Hauſe. Er ſprengt in den Hof und ſitzt ab; Alles iſt ſtill und verödet. Er läßt das Thier den Stall aufſuchen und eilt in das Haus hinein. Noch immer regt ſich nichts, kommt ihm Niemand entgegen. Immer ſtärker erfaßt ihn die Angſt, er ſchreitet ſchnell nach dem Gemache des Raſſi und öffnet die Thüre, da... bleibt er wie erſtarrt ſtehen— auf dem Eſtrich des Zimmers, auf einem Strohlager mit weißer Leinwand bedeckt, liegt der Patriarch, eine Leiche, eine ſchwarze Decke darüber ge⸗ breitet, daß nur das ehrwürdige Antlitz mit den auf immer ge⸗ ſchloſſenen Augen ſichtbar war. Dunkle Geſtalten ſitzen als Wächter zur Seite. Wie dieſe ihn erblicken und erkennen, ſpringt einer von ihnen, ein alter Diener des Hauſes, auf und eilt auf ihn zu. Aus den zitternden Lippen Patrika's ringen ſich nur die Worte: „Alſo todt, todt....“ und mit Haſt fügte er hinzu:„Wo iſt Mirjam?“... Der Diener, ſelbſt zitternd, ergreift Patrika's Hand und ſpricht leiſe, kaum den Strom der Thränen zurück⸗ haltend:„Komm, Herr, in ein anderes Gemach, daß wir die Ruhe des Todten nicht ſtören....“ Er führt ſeinen Herrn in ein anderes Zimmer, und dieſer läßt ſich ſtill von ihm dahin führen. Dort aber ſchüttelt Patrika die Hand des Dieners von ſich und ruft mit ſchneidender Stimme:„Sprich, wo iſt Mir⸗ jam 7....“ Der Diener antwortet zögernd:„Ich weiß es nicht, wir wiſſen es Alle nicht; geſtern Abend wurde ſie mit Gewalt aus dem Hauſe fortgeführt.....“ Ein tödtliches Entſetzen war über Patrika gekommen, ſtarr und ſteif ſtand er da, und die Augen ſtierten aus dem bleichen Antlitz, deſſen Züge wie weiß⸗ grauer Marmor feſtgebannt ſtanden. Jetzt begann ſeine Bruſt zu keuchen, ſeine geballten Fäuſte erhoben ſich in die Luft, und mühſam ſtammelte er:„Wer hat dies gethan?....“„Eine Schar römiſcher Soldaten, an ihrer Spitze Joſeph der Abtrünnige...“ 128 Ein Schrei, furchtbarer als der eines Raubthieres, fuhr durch die Luft, und Patrika brach zuſammen.. Lange Zeit währte es, bis Patrika ſenes Bewußtſeins und ſeines Willens wieder mächtig wurde. Die Diener des Hauſes hatten ſich um das Lager, auf welchem er ſaß, geſammelt, Freunde waren herbeigeeilt, ein Arzt bemühte ſich um ihn. Da fuhr ein ſchwerer Seufzer ans ſeiner Bruſt hervor, ſeine Lider hoben ſich, und aus den geöffneten Augen blitzte wieder das Licht des Ver⸗ ſtändniſſes. Er winkte die Menge von ſich, und daß ſie das Zimmer verlaſſen ſollten, und nur einen älteren Freund bat er mit einigen Worten bei ihm zu bleiben.„Wo iſt Amnon?“ war ſeine erſte Frage. Die Antwort lautete:„Er iſt verſchwunden, ſeitdem das Schreckliche geſchah. Niemand hat in der Verwirrung ihn das Haus verlaſſen ſehen; er iſt nicht wieder znrückgekehrt.“— „So theile Du mir Alles mit, Alles was geſchehen. Ich bin gefaßt, bin ſtarl, und nur die Gewißheit, daß ich Alles weiß, kein Umſtand mir verborgen worden, kann mir die Ruhe wieder⸗ geben.“ „Du ſollſt Alles wiſſen, denn Du mußt es,“ erwiederte der Freund und begann ſeinen Bericht. Spät am vorhergehenden Abend war plötzlich und ſo ge⸗ räuſchlos wie möglich eine große Schar römiſcher Soldaten vor dem Hauſe Patrika's erſchienen, und hatte es von allen Seiten umgeben. Niemand in demſelben hatte eine Ahnung hiervon. Sechs von ihnen mit gezückten Schwertern, Joſeph an der Spitze, näherten ſich der Pforte, klopften an, und als man arg⸗ los geöffnet, drangen dieſelben ein, bemächtigten ſich aller Ent⸗ gegenkommenden und warfen ſie in ein Zimmer, in welchem zwei Soldaten ſie bewachten. Die andern traten in das Gemach des Naſſi, bei welchem auch Mirjam war. Als in dem Scheine 129 der Kerzen Hillel den Abtrünnigen erkannte, fuhr er auf ſeinem Seſſel auf und ſchrie voll Entſetzens und Abſcheu:„Verräther, Verräther, was willſt Du vor meinem Angeſichte? Wie kommſt Du hierher?“... Mit höhniſchem Grinſen trat der Böſewicht vor den ſchwachen Greis und rief ihm zu:„Ich komme als Jünger des wahren Meſſias zu Dir, den Du bis heute ver⸗ lengnet haſt. Ich ſaß einſt zu Deinen Füßen, jetzt will ich Dein Lehrer ſein, damit Dir in Deiner Sterbeſtunde noch die Gnade werde, und Deine Seele nicht in die Hölle fahre. Siehſt Du, Du haſt mich vor den Menſchen verläugnet und beſchämt, ich aber komme zu Deinem Heile und will auf Deine erlöſchende Lampe das Oel des neuen Lichtes gießen...“ „Hinweg von mir, Du Ausgeburt eines Wüſtengeſpenſtes!“ rief der Greis mit einer Stimme aus, welche die Kraft ſeiner Mannesjahre wieder erlangt hatte.„Läſtre Gott nicht vor mei⸗ nem Angeſicht! Entweihe nicht die Luft, die ich athme, laß nicht den giftigen Strahl Deines Geſichtes in mein brechendes Auge fallen. Nein, ich fluche Dir nicht, denn Du biſt ſchon ver⸗ dammt genug!....“ Die Hoheit des Greiſes, ſeine mächtige Stimme und die Kraft ſeiner Worte machten den Abtrünnigen erbeben. Er hatte zu trium⸗ phiren geglaubt, und fühlte vor dieſem Geiſte und dieſem Antlitze ſich in den Staub gedrückt. Aber ſeinem Erbeben folgte raſch die Fluth des Haſſes; er knirſchte mit den Zähnen und rief mit kreiſchender Stimme:„Nun gut, um Deinetwillen bin ich eigent⸗ lich auch nicht gekommen, ſondern um dieſer willen, dieſe will ich haben, dieſe iſt mein, und ſie will ich aus den Klauen des Verderbens retten.“— Dann wandte er ſich zu Mirjam, die bleich die Hände ringend da ſtand. Er ergriff ihre Hände und zog das widerſtrebende und hülferufende Mädchen mit ſich fort. 9 130 Da ſprang der alte Mann, der ſeit Jahren von ſeinem Seſſel ſich nicht erhoben hatte, auf und ſtürzte auf die Ringenden los und ſchrie:„Vater im Himmel, mein Kind, mein Kind!“.. Aber der Böſewicht ſtieß den ſchwachen Greis mit dem Arme zu⸗ rück, daß er taumelte und zu Boden fiel. Dann winkte er den Soldaten, ſie ergriffen das Mädchen und trugen ſie hinaus; Joſeph folgte. Dann entfernten ſich auch die beiden, welche die Diener des Hauſes in dem Seitenzimmer gefangen gehalten, die draußen Stehenden umgaben Joſeph, das Mädchen und die ſie trugen; ſo zog die Schaar ab. „Wos ſollten die wehklagenden Diener thun?“ fuhr der Freund fort.„Als ſie in das Gemach des Naſſi traten, fanden ſie ihn auf dem Boden liegend todt. Der Herr hat ſeine Seele gnädig zu ſich berufen, des herbſten Schmerzes befreit zu ſein. Die Diener liefen in die Stadt zu den Freunden, und noch in der Nacht breitete ſich wie ein Lauffeuer das Gerücht junter den Bewohnern aus: Joſeph der Abtrünnige habe mit Hülfe rö⸗ miſcher Soldaten den Patriarchen erſchlagen und deſſen Tochter geraubt. Alles kam in Bewegung, alle Häuſer öffneten ſich, in allen Fenſtern war Licht, Alles ſtrömte hierher, Alles fragte und rief nach Dir, denn die Wenigen, welche in das Geheimniß Dei⸗ ner Reiſe eingeweiht waren, wußten, daß ſie es nicht verrathen durften. Daß Du abweſend ſeieſt, ward bald bekannt. Nie⸗ mand wußte ſich Rathes, und wir hatten genug zu thun, um das Volk zurückzuhalten, nicht gegen das Caſtell anzuſtürmen. Dies iſt Alles, theurer Patrika, freilich unendlich viel des Kummers, aber ſo wenig des Troſtes für Dich, armer, unglücklicher Freund! Doch ich weiß, Du wirſt Dein großes Herz, Deinen ſtarken Geiſt auch hier bewähren; Du biſt berufen, ein Kämpfer Gottes X 131 zu ſein, und ſo wirſt Du zuerſt den Kampf mit Dir ſelber aus⸗ zufechten wiſſen!“ Bei dieſen Worten brach ſich endlich ein Thrinenſtrom aus den Augen Patrika's Bahn und ſprengte die ehernen Bande, die ſich um ſeine Bruſt gelegt. Er ſprach kein Wort, hatte das Haupt geſenkt und drückte nur die Hand des Freundes, als dieſer die ſeine ergriffen. Endlich fragte er noch einmal:„Und wo iſt Amnon?“ „Es iſt für uns Alle ein Räthſel,“ lautete die Antwort, „ob er bei dem Ueberfall im Hauſe geweſen oder nicht, auch das wiſſen wir nicht einmal, und kein Ange hat ihn ſeitdem wieder geſehen. Ich halte dies für ein gutes Zeichen; der treue Menſch muß irgend ein Unternehmen verfolgen, von dem er einen glück⸗ lichen Ausgang erhofft, ſonſt wäre er jedenfalls zurückgekehrt.“ Patrika ſchüttelte mit dem Haupte und murmelte leiſe: „Wenn er nicht auch ſchon umgekommen... Vater, Braut, Freund.. in einem Augenblick!“... Er verſank in tiefes Nachdenken. Nach einer Weile ſprang Patrika von ſeinem Sitze auf und ſchritt im Gemache auf und nieder. Eine neue Kraft ſchien über ihn gekommen, und Haltung und Bewegung waren ſtark und elaſtiſch.„Freund!“ rief er entſchloſſen aus,„es muß gehandelt werden. Und was wir zu thun haben, liegt klar vor unſern Blicken. In dieſer Stunde kann noch Nichts geſchehen. Waos hülfe es, wenn wir ohne genügende Waffen das Volk gegen die Mauern und Wälle dieſes feſten Caſtells zum Sturme führ⸗ ten? Wir würden abgeſchlagen, und unſer Kampf wäre auf ſeinem erſten Schritte verunglückt. Zuvor müſſen die Waffen herein, die Maſſe vollſtändig gegliedert, und vor Allem der erſte Schlag ein unvermutheter ſein. Es bedarf hierzu noch einiger Tage. Für jetzt iſt nur Zweifaches zu thun. Gott gebe, daß 132 meine theure Mirjam noch nicht aus dem Caſtell entfernt worden ſei! Wir miüſſen ſofort alle Ausgänge desſelben durch kluge, treue Männer Tag und Nacht bewachen laſſen, die uns von jeder Bewegung droben Kunde geben, und eine bewaffnete Schaar be⸗ reit halten, ſobald etwa ein Trupp das unglückliche Mädchen aus dem Caſtell ſchaffen will, mit bewaffneter Hand ſie zu befreien. Dann aber müſſen wir mit aller Anſtrengung das Volk in Ruhe halten. Die Römer müſſen ſich wieder ſicher glauben, ſie müſſen uns für die feigen Selaven halten, denen ſie, wie bisher, unge⸗ ſtraft auf Kopf und Herz treten können. Auch ſie werden ſich einige Tage ruhig verhalten, dann aber mit neuen Plänen her⸗ vortreten— dafür bürgt uns der verruchte Böſewicht in ihrer Mitte— und dann, Freund, dann wird auch unſere Zeit gekom⸗ men ſein!“ Bei dieſen Worten trat Patrika zu ſeinem Freunde und legte ſchwer ſeine Hand auf deſſen Schulter. Aus ſeinem Angeſicht blitzte das Feuer des Zornes, der Kampfesluſt, des Rachedurſtes ſo gewaltig, daß der Freund zuſammenſchrack und der Gedanke durch ſeine Seele fuhr: ſo ſieht der Löwe aus, wenn er zum Sprunge anſetzt; wird er ſo blicken in der Stunde des Kampfes, wer kann ihm widerſtehen?... Aber nach wenigen Augenblicken ſprach Patrika mit weicher Stimme: „Ach, Freund, wie blutet mir das Herz! Wie möchte ich hinausſtürmen in das Dunkel der Nacht mit Schwert und Fackel in den Händen, das Schwert in das Herz des Feindes zu ſenken und mit der Fackel ſein Haus anzuzünden, und gälte es den letzten Augenblick meines Lebens. Aber es darf nicht ſein; ich muß mich bezähmen, und die Stunde wird ja doch nicht aus⸗ bleiben!“ Noch in der erſten Stunde der Nacht traf Patrika die noth⸗ 133 wendigſten Maßregeln. Eine Kette von wachſamen Poſten wurde an Stellen, wo man ihrer nicht gewahr werden konnte, um das Caſtell geſchloſſen, und eine Schaar wohlbewaffneter Jünglinge im Hauſe Patrika's ſelbſt verſammelt, um auf jede Kunde los⸗ brechen zu können. Um das Volk nicht noch mehr aufzuregen und es vor tumultuariſchen Auftritten, die gar nicht zu vermeiden geweſen wären und den ſchlimmſten Ausgang nehmen konnten, zu bewahren, beſchloß man, die Leiche des Patriarchen in der erſten Frühſtunde des Morgens zur Erde zu beſtatten, und die übliche Trauerfeier zu einer Zeit eintreten zu laſſen, wo ihre Wirkung auf das Volk um ſo erſchütternder ſein müßte. Patrika ſuchte ſeinen Gram, ſeine Sorge, ſeine Angſt in einer raſtloſen Thätigkeit zu erſticken, einer Thätigkeit, die Wun⸗ der vollbrachte, denn ſie ſchuf in kürzeſter Zeit aus einer wirren Volksmaſſe eine wohlgegliederte und gutbewaffnete Kämpferſchaar und dies im Schatten der Verborgenheit. Er vermochte dies aber, weil jedes Herz ihm entgegenſchlug, jeder Arm ſich ihm willig bot, und die erwachte Leidenſchaft des Volkes aus Allen be⸗ reite Werkzenge ſeines Willens machte. Freilich, als er dann er⸗ ſchöpft nach Hauſe zurückkehrte, und zu einer Stunde der Ruhe auf ſein Lager ſich warf, zog die rechte Unruhe in ſeine Seele ein, eine fürchterliche Angſt um das Schickſal der Geliebten wühlte in ſeinem Herzen und zerriß es durch die ſchrecklichſten Gedanken und Bilder. Er ſprang auf, ergriff ſeine Waffen, wollte hinausſtürzen, den Mör⸗ der ſeines Glückes zu ſtrafen und das unglückliche Mädchen zu be⸗ freien... Aber an der Thüre des Gemaches blieb er ſtehen, ſeine Arme fielen herab, die Waffen klirrend zu Boden, Muthloſigkeit, Verzweiflung ſenkte ſich bleiern in ſein Herz, ſein Auge ſtierte in die Luft... So ſtand er lange, lange Zeit, und konnte ſeiner Seele nicht mächtig werden. 13. Als Amnon nach Sepphoris zurückgekehrt war, hatte er, nachdem er die Aufträge Patrika's für die Vorbereitungen zum Empfange des Patriarchen in ſeinem Hauſe ausgerichtet, nichts Eiligeres zu thun, als das noch friſche Grab ſeiner Mutter zu beſuchen und es mit den Zähren eines treuen Sohnes, dem die Mutter faſt Alles geweſen, zu befeuchten. Von da ging er nach der zweiten Trümmerſtätte ſeines Glückes, nach den Ruinen ſeines väterlichen Hauſes. Hier ſtand er lange und betrachtete mit düſtern Blicken die vollſtändige Zerſtörung, die an den Mauern vollbracht worden, welche die Fröhlichkeit ſeiner Kindheit und die Arbeitsluſt ſeiner Jugend umſchloſſen hatten. Er kletterte über die Steinhaufen und Balkenſplitter, jeden einzelnen Raum zu durch⸗ lorſchen und zu ſehen, ob er nicht irgend Etwas noch fände, was ihm theuer wäre, und zu erwägen, was ſich hier wohl noch ſchaffen fieße. Ach, er fand nichts, als werthloſe Reſte. Dann ſtieg er auch in die Keller hinab, die geräumig und wohl ausgemauert geweſen, weil er darin ſeine Vorräthe an Häuten und Leder be⸗ wahrte. Auch ſie waren leer und zum Theil eingeſtürzt. Er hatte ſich eine Fackel angezündet, weil die ehemaligen Oeffnungen nach außen verſchüttet waren. Und als er nun in die Winkel hinein leuchtete, bemerkte er, daß durch das Zuſammenbrechen einer Mauer hinter derſelben eine ziemlich weite Oeffnung in der Erde blos gelegt worden. Es fiel ihm dies auf, da er nie davon ge⸗ wußt, und bei dem Bau des Hauſes durch die Mauer jene Oeff⸗ 135 nung abgeſchnitten worden. Seine Neugierde war rege geworden, und der gute Amnon war auch nicht von dem kindlichen Glauben frei, daß die Vorſehung ihm für ſo vielen Verluſt doch auch irgend einen Erſatz ſchuldig ſei. Derlei Hoffnungen wachten unbewußt in ihm auf und ſpornten ihn an, die Oeffnung zu unterſuchen. Er ſtieg hinein und kam nach einigen Schritten auf abſchüſſigem Boden in einen Gang, der leicht und roh in die Erde gegraben, nach geringer Entfernung ſich als einen Seitengang erwies, welcher in einen Hauptgang mündete, der ſorgfältiger gewölbt war, bald tiefer, bald in die Höhe lief und hier und da durch Stützen und Säulen befeſtigt war. Dann wieder erkannte er, daß der Gang geradezu durch eine Steinſchicht geſprengt worden, bis er in Stufen hinabſteigend wieder zu einer Lage lockerer Erde geführt war. So wohl erhalten im Ganzen der Gang war, ſo hatte doch im Laufe der Zeit mancher Stein nachgegeben, war heruntergefallen und hatte große Erdhaufen in ſeinem Sturze mit⸗ genommen. Beſonders war dies der Fall da, wo geräumige Seitenhöhlen angebracht waren, was einige Male geſchehen, Höhlen, wo eine ziemliche Anzahl Menſchen Raum finden konnte. Gerölle und Erde hatten ſich gehäuft, und Amnon ſah ſich zuletzt genöthigt, ſeine Forſchungen vorerſt aufzugeben. Er überlegte genau, nach welcher Richtung dieſer Gang wohl laufe; und als er an das Tageslicht zurückgekehrt war, und er ſich genau das Bild der ganzen Lage vor die Seele führte, war eseihm klar, daß jener Hauptgang geradezu die Richtung unter der Stadt nach dem Caſtelle verfolge, zu welchem er, nach den erſten Beiſpielen der aufſteigenden Treppen zu urtheilen, ſich erheben müßte. Es konnte dies Amnon durchaus nicht auffüllig ſein; denn es war ihm und Jedem im Lande bekannt, daß es Sitte der alten Iſraeliten ge⸗ weſen, ſobald ſie Burgen und Veſten auf Höhen angelegt hatten, 136 dieſe mit unterirdiſchen Gängen und Höhlen zu verſehen, die theils als Waſſerleitungen dienten, um zur Zeit von Belagerungen in ſolchen Reſervoiren Waſſer zu haben und die anderntheils bis in die Ebenen führten, um ſich im Falle des Unterliegens retten zu können. War doch in ſolcher Weiſe ſelbſt der heilige Tempel⸗ berg nach allen Seiten hin durch Gräben zerſchnitten und unter⸗ höhlt, daß es erſt den ſpäteſten Zeiten würde gelingen können, alle dieſe Gänge und Höhlen in ihrem Zuſammenhange und nach ihrem Plane wiederzuentdecken, zu öffnen und wo möglich gang⸗ bar zu machen. Auch bei der Gründung von Sepphoris mußten ähnliche Gedanken vorgelegen haben und ausgeführt worden ſein. Aber bei dem mehrfachen Mißgeſchicke, das die Stadt betroffen, war es längſt in Vergeſſenheit gerathen und bei der Erweiterung der Straßen, bei der Vermehrung der Häuſerbauten unbeachtet geblieben. Jetzt aber konnte es Amnon nicht entgehen, wie wich⸗ tig in ſolcher Zeit ein ſolcher Gang, und gerade weil ihn Nie⸗ mand mehr kannte, werden konnte, und er nahm ſich daher vor, Patrika damit bekannt zu machen. Hierzu jedoch fand er bei der großen Bewegung in den letzten Tagen keine Gelegenheit. An dem Abend, wo jener unglückliche Ueberfall geſchah, war Amnon allerdings im Hauſe Patrika's gegenwärtig; aber er be⸗ fand ſich gerade in einem Seitengebäude und wurde erſt durch ein ſtarkes Geräuſch aufmerkſam gemacht, daß etwas vorgehen müſſe. Er ſtürzte bach dem Vorderhauſe, aber erſt in dem Augen⸗ blicke, wo Mirjam in der Mitte der Soldaten fortgeſchleppt wurde. Er wollte ſich in den Haufen werfen und ſein Leben da⸗ ran ſetzen, die Braut ſeines Freundes zu retten. Aber er ſah ſchnell ein, daß dies ganz nutzlos ſein würde. Was ſollte er, der Unbewaffnete, Einzelne, gegen eine Schaar von dreißig Kriegern vermögen können, von denen ein Schwertſtoß hingereicht hätte, 137 ihn wehrlos zu Boden zu ſtrecken?! Schnell bewaffnete er ſich daher und eilte in der Dunkelheit der Nacht dem Haufen nach, um vor Allem Gewißheit zu erlangen, wohin man das Mädchen brächte. Er folgte dem Waffengeklirr und gelangte bis zum Thore des Caſtells, durch welches ſo eben die Letzten des Haufens ge⸗ ſchritten, und das dröhnend ſich hinter ihnen ſchloß. Was nun beginnen? Ha, er ſchwor ſich, nicht zu ruhen und nicht zu raſten, bis er über das Schickſal Mirjam's Gewißheit erlangen und in ihre Nähe dringen könne. Da fiel ihm wie ein zündender Funke der Gang unter den Trümmern ſeines Hauſes in die Erinnerung, und es war ihm, als ob die gütige Vorſehung ihm einen lichten Stern in der düſtern Nacht angezündet, um ihm den Pfad zu zeigen, den er zu beſchreiten. Er eilte fort, holte ſich Spaten, Hacke und Brechſtange, Fackel und einige Nahrungsmittel, und verſenkte ſich alsbald in den Schooß der Erde, um Nacht und Tag daran zu arbeiten, den Gang frei zu machen bis an ſeinen Endpunkt. Er vertraute dabei auf die Kraft ſeines Armes, auf die Entſchloſſenheit ſeines Willens und vor Allem auf den Bei⸗ ſtand Gottes. Er mochte ſich aber das Werk leichter gedacht haben, als es in Wirklichkeit war. Hatte er irgend ein Hinderniß hinweg⸗ geſchafft, ſo zeigte ſich wenige Schritte dahinter ein voch größeres, noch ſchwieriger aus dem Wege zu räumendes, das ſtundenlanger Arbeit bedurfte, um endlich einen Durchgang frei zu geben, und das nicht minder die größte Vorſicht erforderte, damit nicht noch mehr nachſtürze, als er ſchon beſeitigt, und vielleicht der Einſturz des ganzen Gemäuers den Gang auf immer verſperre. Amnon ſetzte ſeine Arbeit unermüdlich fort und geſtattete ſich kaum dann und wann eine Viertelſtunde des Ausruhens; dann trieb ihn die Angſt, er könne den rechten Moment verſäumen, wieder auf. Und 138 wenn es ihm dann gelungen war, wieder einen weitern Raum frei zu haben und ſeinem Ziele näher zu kommen, daß ſeins Seele darüber in Jubel ausbrechen wollte, ſo beſchlich ihn bald die Befürchtung, daß ihm zuletzt doch noch der Weg gänzlich ver⸗ ſperrt werden könne, oder ob überhaupt der Gang nach einer Stelle führe, von wo aus er ſich mit Mirjam in Verbindung ſetzen und ihr nützlich ſein könne, ſo daß alle ſeine Anſtrengungen vergeblich ſein und er eine koſtbare Zeit nur verloren haben würde. Aber alle dieſe Erwägungen ſchüttelte er immer wieder von ſich ab. Ein Trieb, ein Drang, eine Stimme aus ſeinem Innern heraus wieſen ihn immer wieder an, fortzuarbeiten und ſagten ihm, daß er auf dem einzig rechten Wege ſei. So arbeitete er Nacht und Tag hindurch, er wußte es ſelbſt nicht wie lange, und nur an dem dunkleren oder helleren Flackern ſeiner Fackel glaubte er Tag und Nacht unterſcheiden zu können.*) Endlich gelangte Amnon zum Fuße einer ſteil anſteigenden ſteinernen Treppe, deren Stufen wohl erhalten waren, und die bald in eine Wendeltreppe verengte. Ein Freudenruf wollte ſeinen Lippen entfahren— aber er überwand ſich ſchnell, denn er wußte, daß er jetzt in die Nähe des Feindes gekommen und die äußerſte Vorſicht nöthig wäre, um ſich nicht zu verrathen und ſein ganzes Werk zu vereiteln. Ja, der ſtarke Mann hielt inne, knieete nie⸗ der auf eine der ſteinernen Stufen und betete zu Gott aus der Tiefe ſeines Herzeis, daß er die ſchwere Arbeit, die er hinter ſich habe, mit endlichem Erfolge ſegne und ein guter Engel ihn dahin geführt habe, wohin er wollte. Und er war ſchon erhört.... Mit leiſem Schritte ſtieg er die Wendeltreppe hinan und gewahrte *) Nach einem Bericht Ber. rab. c. 31., wo vom unterirdiſchen Gange die Rede. 8 139 bald, daß ſie zu einem Thurme heraufführe, der kein anderer als einer der Eckthürme des Caſtells ſein konnte. Jetzt aber hatte er das Ziel ſeiner Wanderung erreicht. Quer durch den Thurm war eine Lage ſchwerer Balken gezogen, welche denſelben gänzlich von dem unterirdiſchen Gange abſchied, wodurch der letztere auch den Bewohnern des Caſtells unbekannt geblieben ſein mußte. So viel er auch forſchte, nirgends war eine Unterbrechung, nir⸗ gends eine Oeffnung. Die Balken, welche den Raum des Thur⸗ mes durchzogen und in das Mauerwerk eingelaſſen waren, ſtanden nur ſo weit von einander ab, daß er höchſtens den Kopf zwiſchen je zwei derſelben ſtecken konnte, und auf ihnen lag ein Eſtrich von Brettern, die freilich in der Länge der Zeit ſich geworfen und Ritzen und Spalten genug gelaſſen hatten. Er ſah ein, daß um in die höheren Räumlichkeiten zu gelangen, mindeſtens zwei der Balken durchſchnitten werden müßten, eine Arbeit, die ihm allein kaum gelingen konnte und wozu man beſonderer Werkzeuge bedurfte. Noch überlegte er dies Alles und erwog die Frage, was er jetzt zu thun habe, als plötzlich Stimmen an ſein Ohr ſchlugen, die von dem Gemache über ihm herkommen mußten. Schnell verbarg er ſeine Fackel, damit nicht etwa Strahlen derſelben durch die Ritzen des Eſtrichs dringend, ihn verrathen könnten, und zwängte ſeinen Kopf zwiſchen zwei Balken in die Höhe, daß ſein Ohr an eine der Spalten des Bodens ſich ziemlich nahe legte. Stimmen wurden lauter und.... o Gott!... er vernahm die Stimme Mirjam's, er hörte ihre Worte, hörte die Worte eines Mannes, der kein Anderer ſein konnte, als der Räuber, als Joſeph der Abtrünnige... Als dieſer mit dem Trupp römiſcher Soldaten und der ge⸗ raubten Mirjam in dem Caſtell angekommen war, ließ er die letztere nach einem hierzu bereit gehaltenen, mäßig ausgeſtatteten 140 Gemache in einem der Eckthürme bringen. Hier wurde ſie der Obhut eines alten rohen Weibes überlaſſen. Joſeph wußte, daß er in der Behandlung des Mädchens gewiſſe Schranken einhalten müſſe. Er hatte den Soldaten vorgeſpiegelt, daß ſie Neigung habe, Chriſtin zu werden, nur daß ſie ſich nicht von ihrem greiſen Vater trennen könne und wolle. Man miüſſſe ihr alſo zu Hülfe kommen, indem man ſie ſelbſt mit Gewalt von ihrem Vater entferne, wodurch dann die Kirche einen großen Triumph erlange, da der Uebertritt der Tochter des Patriarchen ein Sieg über alle Juden ſein würde. Dieſer Rolle gemäß durfte er Mir⸗ jam zu keinem Schritte der Verzweiflung drängen und ge⸗ dachte daher vielmehr, ſie durch die Gefangenſchaft mürbe und nachgiebig zu machen. Mirjam fand in dieſer Nacht keine Ruhe, und ſie ſaß ſtill vor ſich hin brütend auf einem Seſſel, als am andern Morgen Joſeph eintrat. Wie ſie ihn erblickte, ſprang ſie auf und wandte ihm den Rücken zu. Er aber hob mit gleißneriſch ſanfter Stimme an: „O, theure Mirjam, wende Dich zu mir! Willſt Du denn ewig der Liebe, die mich ſo ganz beherrſcht, kein Gehör ſchenken? Siehe, Alles was ich that und thue, iſt nur ein Ausfluß dieſer Liebe, deren ich mich zu meinem Unglücke nicht entledigen kann. Sie iſt mein böſer Geiſt, ſie peinigt und quält mich, ſie läßt mich nicht ruhen und raſten, bis ich zum Ziele, zum Beſitze Deines Herzens gekommen. Was ſchuldigſt Du mich an? Ich leide am meiſten darunter. Dieſe Leidenſchaft iſt es, die uns bis hierher gebracht, und da Du ſiehſt, daß ſie unüberwindlich iſt, ſo ergieb Dich ihr endlich, und Alles wird zum Gliücke ſich wenden WMirjam antwortete nicht; ſie verharrte in ihrer Stellung und ihrem Stillſchweigen.„Mirjam,“ fuhr er fort,„Du haſt 141 die Gewalt nun kennen gelernt, die ich beſitze, die Macht, die in meiner Hand liegt, aber noch heute wiederhole ich mein An⸗ erbieten: reiche mir die Hand, folge mir, und ich führe Dich in ein anderes Land, zurück in den Schooß der Glaubensgenoſſen, und wir wollen ein Leben voll Glückes, in Glanz und Fülle leben.“ Da wandte ſich Mirjam um, ihr Antlitz glühte vor Scham, ihr Auge funkelte vor Zorn.„Es ſteht einem Geier mit blutigen Klauen ſchlecht an, wie eine Taube zu girren, und ob er es auch verſucht, alle Vögel der Luft fliehen vor ihm. Du Gottesleugner, zwiefacher Verräther an Deinem Volke, das Du mißhandelt, und deſſen Feinden Du die Stellen zeigeſt, an welche ſie ihre Schlacht⸗ meſſer legen ſollen, Undankbarer, der Du für den Kelch der Wohlthat den Becher des Giftes zurückgegeben haſt, der Du die Tochter von dem Herzen des ſterbenden Vaters geriſſen, ach, und an deſſen Händen....“ ſie ſchlug die Hände vor ihr Angeſicht und ſprach mit jammervollem Tone— vielleicht das Blut meines Vaters klebt—— hebe Dich hinweg von mir! Sieh', eher ſtürze ich mich durch dieſes Fenſter auf die Steine des Hofes, oder zerſchelle mein Haupt an dieſer Mauer, oder entziehe die Nahrung meinem Leibe, als Dir anzugehören! Dies iſt mein letztes Wort; nun gehe und verſchaffe mir den Troſt der Ein⸗ ſamkeit!“ Joſeph ſchwieg eine Zeit lang. Er biß die Zähne auf die Lippen und murmelte:„Gut, ich gehe, Du wirſt Dich anders beſinnen.“ Mirjam ſah in den nächſten vier und zwanzig Stunden weder ſein noch des Weibes Angeſicht. Sie blieb völlig allein und ſelbſt ohne Speiſe und Trank. Von der Höhe des Thurmes hörte ſie nur die Schritte vorübergehender Soldaten und das Gemurmel von 142 Sprechenden und Rufenden. Hunger und Durſt ſtellten ſich bei ihr quälend ein. Eine Stunde Schlafes konnte ſie noch. immer nicht finden, ſie ging unruhig in dem Zimmer auf und ob. Dann warf ſie ſich auf ein Lager, um es bald wieder zu ver⸗ laſſen. Dennoch war ihr dieſe Behandlungsweiſe lieber, als wenn die Hand Joſeph's ſie mit reicher und zarter Sorgfalt umgeben hätte. Sie fühlte die Kraft des Widerſtandes dadurch wachſen und glaubte es den Ihrigen ſchuldig zu ſein, in jeder Art zu leiden, während jene um ſie litten und voll Angſt und Sorge um ſie wären. Es war gegen Abend, als Joſeph abermals in das Gemach trat. Diesmal erſchien er mit einer ſtolzen Haltung, mit ſtrenger Miene und hartem Blick.„Du haſt nun Zeit genug gehabt, Mirjam,“ hob er an,„über Deine Lage nachzudenken und Deinen Entſchluß zu faſſen. Biſt Du zur Beſinnung gekommen, und haſt Du Dein wahres Wohl in's Auge gefaßt? Ich hoffe es.“ Er ſuchte offenbar durch ein abſtoßendes Weſen, die Strenge ſeiner Blicke, die Kälte ſeiner Worte dem Mädchen zu imponiren, das er durch Einſamkeit und Mangel herabgeſtimmt glaubte; er meinte ſie endlich in Furcht ſetzen zu können. Aber er hatte ſich geirrt. Mirjam hob das Auge ſtolz empor und blickte ihn mit Verachtung an.„Meinen Entſchluß zu faſſen,“ antwortete ſie kalt und feſt,„bedurfte ich keiner Zeit, und bekannt iſt er Dir auch.“ Da trat Joſeph einen Schritt näher an ſie und ſprach: „Nun, Mädchen, ſo ſoll die Komödie vorüber ſein. Mein Wille iſt unwiderruflich, der Deine muß ſich ändern. Wähle, entweder Du erklärſt binnen einer Stunde, in Alles einzuwilligen, was ich verlange, oder noch heute Abend wird Patrika hierher gebracht, und er erleidet vor Deinen Augen den Tod nach tanſendfachen 143 Martern. Du kennſt mich zu gut, um das für eine bloße Drohung zu halten, und weißt auch, daß ich ihn auf dieſelbe Weiſe hierher ſchaffen kann, wie es mit Dir geſchehen. Das be⸗ denke aber, daß, wenn er einmal hier iſt, ſelbſt die Aenderung Deines Willens ihn, wenigſtens nicht vor dem Tode retten kann... Noch einmal, halte dies Wort für Wahrheit; es iſt der ſnchilarſte Ernſt; ich würde es Dir ſchwören, wenn meine Schwüre Dir etwas gälten. Wähle— in Deiner Hand liegt Leben und Tod!“ Mirjam erblaßte; ſie ſank, wie getroffen, auf einen Seſſel, und ihre Hände falteten ſich unwillkürlich in einander. Aber nicht lange. Dann richtete ſie ſich wieder auf und ſprach ernſt und gemeſſen:„Ich habe nicht zu wählen, wo keine Wahl möglich iſt. Patrika wird zehnmal den Tod vorziehen, als mich in Deinem Beſitze zu ſehen, und ich werde zu ſterben wiſſen, wenn Patrika den Tod erleidet.“ Joſeph erkannte, daß dies der unveränderliche Wille des Mädchens ſei, das allen Künſten und allen Schlägen zu wider⸗ ſtehen Kraft genng beſitze. Er ſtampfte mit dem Fuße und rief mit flammender Wuth:„So ſei es, Dirne— ſo komme der Fluch Deines Starrſinnes auf Dich und Dein ganzes Geſchlecht, und was mir die Liebe verſagt, ſoll mir die Rache gewähren. Ich werde nicht raſten, bis auch der Letzte Deines Stammes von dieſem Erdboden getilgt worden... Dann, dann erſt ſollſt auch Du ſterben und im Tode Dir ſagen müſſen:„All' deſſen trage ich die Schuld— ich hätte ſie retten können, und habe es nicht gethan!“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer.— Während dieſer letzten Unterredung war es geſchehen, daß Amnon bis an den Fußboden desſelben Gemaches vorgedrungen war, und, wenn auch nicht genau, doch die Worte, welche ge⸗ 144 wechſelt wurden, durch eine der vielen Spalten, welche ſich in dem alten Eſtrich befanden, vernahm. Als es oben ſtill geworden, und er vermuthen konnte, daß Mirjam jetzt allein ſei, klopfte er an den Boden und rief, wenn auch mit gehaltener Stimme: „Mirjam, Mirjam!“ Dieſe mochte wohl in Gedanken verſunken ſein, denn er mußte ſein Klopfen und Rufen mehrmals wieder⸗ holen, bevor ſie aufmerkſam wurde. Entſetzt fuhr ſie auf, eilte zu der Stelle, von welcher die unterirdiſche Stimme herkam, und rief:„Was iſt das? wer klopft, wer ruft da?“—„Ich bin es, Amnon!“—„Um Gotteswillen!“ rief Mirjam ängſtlich, „biſt auch Du gefangen? Iſt Patrika...“„Nein, nein!“ ſchallte es ihr von unten entgegen. Wir ſind frei und werden frei bleiben! Aber die Hand Gottes hat mich hierher geführt, und nun, Mirjam, ſoll die Rettung nicht lange mehr ausbleiben!“ Und mit flüchtigen Worten berichtete er ihr, wie er bis zu dieſem Thurme vorgedrungen, und was noch zu geſchehen habe.„Was macht mein Vater?“ frug Mirjam ängſtlich dazwiſchen.„Ich kann es Dir nicht ſagen, Mirjam, denn ich verließ gleich nach Dir das Haus. Gott wird ſein theures Leben geſchützt haben, und uns erhalten. Jetzt aber darf keine Zeit verloren werden. Lebe wohl, mit Gottes Hülfe bin ich in kurzer Zeit wieder hier!“ Es drängte Amnon von dannen, nicht blos um die Rettung Mirjam's zu bewerkſtelligen, ſondern auch, weil er nach den Worten Joſeph's auch für Patrika zu fürchten begann, denn er wußte nicht, welche Maßregeln unterdeſſen von Patrika getroffen worden. Er eilte daher durch den Gang zurück, trat aus den Trümmern ſeines Vaterhauſes, und beſchleunigte ſeine Schritte zur Wohnung Patrika's. Dieſer ſtand, wie wir ihn verlaſſen, wie betäubt in ſich ver⸗ ſunken in ſeinem Gemach, als die Thüre ſich öffnete, Amnon 145 hereintrat und ſeine Hand auf die Schulter des Freundes legte. Patrika fuhr auf und rief:„Amnon, endlich, Amnon, biſt Du da? Wo warſt Du? Waos bringſt Du?“ Und das Auge des treuen Freundes erglühte vor Freude, und er antwortete mit heller, fröhlicher Stimme:„Gutes bringe ich, Patrika, Hülfe, Rettung!“ Sein Bericht währte nicht lange, und Patrika hob die Hände zum Himmel empor und ſtammelte freudigen Dank für das Werk der göttlichen Gnade, Dank für den treuen, unermüdlichen Freund. Es bedurfte nur einer kurzen Berathung, und die beiden Männer waren einig, was ſie zu thun hätten. Einen Augenblick ſchwank⸗ ten ſie, als ihnen der Gedanke gekommen, daß ſie das Geheimniß des unterirdiſchen Ganges, welches für das Wohl der Stadt von ſo unermeßlicher Wichtigkeit war, leicht auf das Spiel ſetzen könnten, wenn auf dieſem Wege Mirjam ihrem Gefängniſſe ent⸗ zogen würde. Aber ihr Bedenken wich vor dem Drängen des Augenblickes und der Nothwendigkeit, Mirjam aus der Gewalt ihres Räubers zu retten, und ſie nahmen ſich vor, jede Möglich⸗ keit der Entdeckung durch die höchſte Vorſicht zu verhindern. Als⸗ bald eilten ſie zu einem zuverläſſigen Zimmermanne, einem glühenden Anhänger Patrika's, zogen ihn in das Geheimniß und verſenkten ſich mit den nöthigen Werkzengen verſehen in den Schooß der Erde. Die Wanderung war bald zurückgelegt und das Ziel erreicht. Um ſich in keinerlei Weiſe zu verrathen, gingen ſie ſofort auf die vorſichtigſte Weiſe an das Werk. Es wurden zwei neben einander befindliche Balken zweimal durch⸗ ſchnitten, um die Stücke herauslöſen zu können. Es konnte dies ohne einiges Geräuſch nicht geſchehen, aber es blieb Alles ſtill im darüber befindlichen Gemach. Jetzt hatten ſie die herausgeſchnit⸗ tenen Balken niedergelaſſen und Amnon klopfte an den Eſtrich, 10 146 aber Alles blieb ſtill. Er rief Mirjam wiederholt und lauter, keine Antwort erfolgte. Da hielt Patrika nicht länger zurück, er ſchlug mit einem Schlage ein Brett des Eſtrichs in die Höhe und ſchwang ſich in den Raum hinauf. Die Freunde folgten ihm, aber— das Zimmer war leer, und keine Spur verrieth, daß noch vor Kurzem hier Jemand geweilt. Patrika eilte zum Fenſter, aber die Dunkelheit ließ ihn nichts erblicken, und er ver⸗ nahm nur die Schritte der Wachtpoſten auf dem Hofe... Er konnte in die Verſicherung Amnon's, hier mit Mirjam geſprochen zu haben, keinen Zweifel ſetzen, und es war nur zu gewiß, daß jener verruchte Räuber ſeine Beute anders wohin gebracht haben müßte. Keiner ſprach es aus, aber ſie fühlten nur zu gut, daß dies aus böſen Abſichten geſchehen ſein müßte. In der That hatte die Nähe der Leute bei dieſem Thurme Joſeph beunruhigt, und beim Anbruch der Nacht brachte er mit Hülfe einiger Ver⸗ trauten Mirjam in einen andern entlegenern Thurm auf einem Seitenhofe. Potrika war voll Verzweiflung— aber die drei mußten an den Rückzug denken, denn ein weiteres Vorrücken im Caſtell wäre eben ſo gefährlich, wie nutzlos geweſen. Sie ſtiegen wieder hinunter, der Zimmermann befeſtigte das aufgeſchlagene Brett wieder ſo ſorgfältig wie möglich, ſie hoben die herausge⸗ ſchnittenen Balkenſtücke wieder in die Höhe und machten ſie durch Keile feſt.„Amnon,“ ſagte Patrika,„ich ſoll ſie nicht anders, als durch blutigen Kampf wieder erringen. Aber die Stunde des Kampfes muß ſchnell kommen!“ 14. Die Kunde von dem Ueberfall im Hauſe Patrika's, von dem Tode des Patriarchen und dem Raube ſeiner Tochter ging über das ganze Land und ſchwoll von Stadt zu Stadt, von Flecken zu Flecken immer lauter, immer ſchreckenerregender an. Es war nicht blos die Theilnahme an dem Schickſale des hochverehrten geiſtlichen Oberhauptes, ſo groß und ſchwer die Trauer hierüber auch war, was die Bewohner Galiläa's ſo tief erſchütterte, ſon⸗ dern auch das Gefühl, daß, wo ſolche Verbrechen durch die Werk⸗ zeuge der Regierung ſelbſt geſchehen, alſo mit deren Willen und Gutheißen, jeder Rechtsſchutz fehle, und ein grauſames Spiel mit dem Theuerſten und Heiligſten getrieben werde. Wer war noch ſicher, wenn Solches an dem tadelloſeſten, ehrwürdigſten Greiſen⸗ haupte, an dem Erſten und Beſten des Volkes verübt ward? Dazu nun noch die unſäglichen Laſten, die in unerträglicher Weiſe der Bevölkerung des kleinen Galiläa aufgebürdet worden waren, welche die ſchweren Koſten des Krieges allein zahlen zu ſollen ſchien. Sepphoris war völlig ausgeraubt; die wenigſten Bürger konnten noch etwas leiſten; die Executionen und Confiscationen anden täglich ſtatt; aber der erhaltenen Weiſung gemäß murrten, und beſchwerten ſich die Leute zwar, widerſetzten ſich jedoch in keiner Art. Aber Aehnliches hatte man jetzt über alle Städte Galiläa's verhängt. Die Geſandten der perſiſchen Juden zogen durch das ganze Land, und, von Patrika's Boten begleitet, fachten ſie überall die Flammen des Zornes an; überall war man ent⸗ 148 ſchloſſen, das Joch der Römer abzuſchütteln. Hierzu kam nun noch eine Nachricht, welche gern geglaubt, dem Aufſtande einen günſtigen Erfolg verbürgte. Es hieß, daß Urſicinus, als der Feind der Feſtung Amida näher rückte, dieſe verlaſſen habe, aber von einer perſiſchen Streifpartei gefangen genommen ſei. War dies der Fall, ſo fehlte den Römern der erfahrene und muthige Feldherr, denn der ſchwache und alte Sabinianus konnte ſie nur zu ihrem Verderben leiten. Boten eilten daher nach Sepphoris, und es wurde verordnet, daß dieſes das Zeichen zum Aufſtande durch ein mächtiges Feuer geben ſollte, das dann auf allen Höhen wiederholt, ſeine Kunde ſchnell über das ganze Land ausbreiten ſollte. Dann wollte man die kleinen römiſchen Beſatzungen in jedem Orte, wo ſich eine ſolche befand, überfallen und nieder⸗ metzeln. Das Benehmen, welches die Bewohner von Sepphoris ein⸗ hielten, hatte die Römer völlig getäuſcht und in Sicherheit einge⸗ wiegt. In ihrem Hochmuthe verachteten ſie die jüdiſche Bevölke⸗ rung zu ſehr und hielten ſich von der waffen⸗ und muthloſen Menge zu wenig gefährdet, um ſelbſt einigen drohenden Anzeigen Berückſichtigung zu ſchenken. Dabei war ihr religiöſer Fanatis⸗ mus durch Joſeph den Abtrünnigen immer ſtärker angeſchürt worden: ſie glaubten im Dienſte Gottes zu handeln und um ſo mehr in deſſen unmittelbarem Schutze zu ſtehen. Ob auch Joſeph der Sache ſo ganz gewiß war? Allein, wenn dies auch nicht der Fall geweſen, würde ihn die Gefahr eines Aufſtandes ſeiner früheren Glaubensgenoſſen nicht zurückgeſchreckt haben, vielleicht lag es ſogar in ſeinem Plane, ſie dahin zu treiben, damit der Brand, der ſie vernichten ſollte, nur um ſo ſchneller und zerſtören⸗ der wüthe. Er ſtand daher nicht an, kurze Zeit, nachdem er Mirjam 149 entführt und den Tod des Patriarchen verurſacht hatte, die Sol⸗ daten des Caſtells zu verſammeln und eine feurige Anrede an ſie zu halten. Dann fuhr er fort:„Was bietet aber dieſes Land, in welchem der Heiland der Welt geboren worden und gelebt hat, in welchem er ſeine erſten Wunder verrichtet und jeder Fußbreit Boden Spuren ſeines göttlichen Fußes trägt, was bietet es für einen Anblick dar? Keine einzige Stätte ſeiner Anbetung, kein einziger Ort ſeines Dienſtes, keine Kirche, keine Kapelle erhebt ſich darin, kein Zeugniß wird gegeben, kein Bekenntniß ſeiner Lehre abgelegt. Verdrängt ſind ſie durch die Widerſacher Gottes. Alles im Beſitze ſeiner Feinde. Und ſeine Diener ſchweigen und legen müßig die Hände in den Schooß. Alle ſchweigen in Feig⸗ heit und verleugnen ſo ihren Herrn. Ihr wollet die Gebieter dieſes Landes ſein und benehmet Euch als die Knechte der Juden? Ihr traget die Waffen in der Hand und gebrauchet ſie nur zum Schutze der elenden Widerſacher des Herrn?.... So wiſſet denn, daß hier in Sepphoris die Eltern der gebenedeiten Jungfrau, der heilige Joachim und die heilige Anna gewohnt, daß auf dem Grunde ihres Hauſes, in welchem ſie gewohnt, eine Kirche ſich erhoben, welche aber die Inden, geſchützt von den Privilegien eines heidniſchen Kaiſers, in eine Synagoge gewandelt haben. Dieſe Privilegien ſind zerriſſen, hier ſeht die Vollmachten unſeres kaiſerlichen Herrn, die mir geſtatten, in Galiläa Kirchen zu bauen wo es mir beliebt, und ſo ſoll dieſer Greuel nicht mehr geduldet werden, und ich fordere Euch auf, mich zu unterſtützen, jene Synagoge wieder in eine Kirche des heiligen Jvachim und der heiligen Anna zu verwandeln und ſie zu einem Sammelplatz der Gläubigen zum Heile der Menſchen zu machen Glaubet nur, Hunderte wandeln hier umher und ſchmachten im Verborgenen nach dem Heile, und wagen es nicht, damit hervorzutreten. Aber 150 zeigen wir ihnen, daß es uns ernſt iſt, ſo werden ſie ſich um uns ſchaaren und die heiligen Räume mit Andächtigen füllen.“ Die Zuhörer wurden mächtig ergriffen, riſſen die Schwerter heraus und forderten Joſeph auf, ſie zum angegebenen Platze zu führen. Was wußten ſie, daß der ſchlane Redner Wahres und Falſches gemiſcht, um ſie ſich dienſtbar zu machen? Allerdings berichtete eine Sage, daß Jvachim und Anna in Sepphoris ge⸗ wohnt; aber niemals hatte ſich hier eine Chriſtengemeinde befunden, niemals eine Kirche geſtanden, und um ſo weniger war ſie in eine Synagoge gewandelt worden. Aber je leichter er dadurch die Soldaten für ſich gewann, deſto tiefer zugleich mußte die Wunde ſein, die er damit den Juden ſchlug. Er beſchwichtigte die Sol⸗ daten für den Augenblick und ſetzte einen Befehl an die Vorſteher der Stadt auf, binnen drei Tage die bezeichnete Synagoge zu räumen— es war die größte, älteſte und prächtigſte der Stadt— um ſie zu einer Kirche zu weihen. Ein Schrei des Entſetzens erhob ſich— es war entſchieden: hier mußte es zum Ausbruche kommen. Patrika verſammelte das Sanhedrin der Sadt, verſammelte Vorſteher jedes Quartiers, verſammelte einzeln die Männer jedes Stadttheiles— er legte ihnen einfach die Frage vor: er fügte kein Wort der Ueberredung hinzu— Alle waren einig, keine Stimme erhob ſich dagegen:„es galt Untergang oder Sieg!“ — Die Vorbereitungen wurden getroffen. Alles war gerüſtet, ernſt, ſchweigſam. Joſeph zeigte ſich wiederholt in der Stadt. So wie er erſchien, wich Alles aus, zerſtob die Menge, und er ſetzte einſam in den menſchenleeren Straßen ſeinen Weg fort. Aber Keiner beſchimpfte ihn, Keiner machte die Miene, ihm ein Leid anzuthun. Am Morgen des dritten Tages zog ein großer Theil der 151 römiſchen Beſatzung unter dem lauten Klang der Tubas und Hörner, Joſeph mit einem großen Krucifixe in der Mitte, zu den Thoren des Caſtells heraus und in die Stadt zu dem Platze der Hauptſynagoge hinein. Sie fanden dieſen völlig menſchen⸗ leer; die Pforten des großen und weitläufigen Gebäudes ſtanden offen und ebenſo die Thüren der heiligen Lade, aus welcher die Thorahrollen entfernt waren; ſonſt war Alles unangerührt ge⸗ beblieben, und die Gerüſte, Tribünen, Gallerien und Sitze waren, wie wenn ſie eben von ihren Inhabern verlaſſen worden; ſelbſt die Decken und Teppiche befanden ſich an ihren Plätzen, ja man konnte deren mehr bemerken, als gewöhnlich darin ausgebreitet waren. Die Römer machten vor dem Eingang Halt, dann zog der größere Theil mit Joſeph in das Innere des Gebäudes hinein, während ein kleiner Trupp vor der Pforte aufgeſtellt blieb. Die Hineingekommenen begannen alles Umherſtehende aufzuräumen, um latz zu gewinnen. Da mit einem Male drang ein dröhnender Ruf, wie aus tauſend Kehlen durch die Luft, und hervorbrachen aus allen Thüren der Häuſer und aus allen Nebenſtraßen Maſſen bewaffneter Männer, an der Spitze Patrika, und ſtürzten ſich jühlings auf die vor der Pforte ſtehenden Soldaten. Der An⸗ ſturm war ſo plötzlich und ſo maſſenhaft, daß dieſe weder Zeit noch Raum hatten, von ihren Waffen genügend Gebrauch zu machen. Unter den wüthenden Streichen der Angreifer fielen Viele, und die Anderen flohen in die Synagoge hinein, durch ihren Hülſe⸗ und Schreckensruf Entſetzen unter ihren Kameraden ver⸗ breitend. Als ſie die Urſache erkannt hatten, ſtürzten ſie vor, aber ein Hagel von Pfeilen und Lonzen fuhr auf ſie los und ſchreckte ſie zurück. Die Officiere kommandirten zurück, und eiligſt wurden die Pforten geſchloſſen und von Innen verbarrikadirt. Die Angreifer thaten nichts, um dies zu hindern, aber kaum war es geſchehen, 152 ſo flogen von allen Seiten durch die offenen Fenſter Brandpfeile in das Innere, fielen auf die Decken und Teppiche, auf die Sitze und Gerüſte, und dieſe fingen Feuer, daß bald Rauchwolken alle Räume erfüllten, und, durch die Fenſter wallend, den Feinden draußen bezeugten, daß ihre Liſt gelungen. Mit derſelben Haſt entfernten nun die Römer die Verrammelung von Innen, öffneten die Pforten und machten einen Ausfall mit all der Heftigkeit und Kraft, welche die Verzweiflung verleiht. Jetzt aber fanden ſie von Außen und in größeren Maſſen den Ausgang durch aufge⸗ häufte Steine und Balken verſchloſſen und hinter dieſen eine un⸗ abſehbare Menge wehrhafter Männer, die jedes Entrinnen un⸗ möglich machte. Mit wüthendem Ingrimme ſtürmten dennoch die Römer auf den Wall los, ſuchten ihn zu zerſtören oder zu er⸗ klimmen— aber überall begegneten ſie Schwerterſchlag und Lan⸗ zenſtoß, Steinwürfen und Pfeilen, die aus den Fenſtern und von den Dächern auf ſie geſchleudert und abgeſchoſſen wurden, daß Blut und Leichen bald den engen Raum bedeckten. Hinter ihnen aber ſtand das Gebäude bald in hellen Flammen, die Balken und der Dachſtuhl ſtürzten nieder und erſchlugen Diejenigen, welche zum Kampfe nicht vordringen konnten. Eine Stunde— und von den Männern, welche ſiegestrunken in das heilige Ge⸗ bäude eingedrungen waren, lebte Keiner mehr. Nur ein Mann hatte ſich gleich Anfangs in eine Seitenhalle geflüchtet, und war durch ein niedriges Fenſter auf der Hinterſeite entkommen, an welches die Angreifer nicht gedacht hatten. Da alle Bewohner der Stadt nach dem Kampfplatze ſich zuſammengedrängt hatten, konnte er unbemerkt aus ihr ſich retten— es war der Uhrheber dieſes Sturmes, Joſeph der Abtrünnige. Zu gleicher Zeit war ein anderer Trupp durch den unter⸗ irdiſchen Gang zum Eaſtell hinaufgezogen. An ihrer Spitze ſtand 153 Amnon. Gern hätte Patrika dieſen Platz vorgezogen, aber er durfte heute da nicht fehlen, wo die Gefahr am größten und die Augen Aller auf ihn gerichtet waren. Die Männer gelangten zum Thurme und entfernten die Balken, hoben die Bretter des Eſtrichs auf und ſtiegen in die Höhe. Sie hatten bald den Aus⸗ gang des Thurmes auf den Hof gefunden und geöffnet. Sie ſtürzten hinaus, hieben die einzelnen Wachen und Soldaten nieder und durchſtreiften das Innere des Caſtells, Alles niederſtoßend, worauf ſie trafen. Das Geſchrei der Verwundeten und Kämpfen⸗ den hatte den Alarmruf bald durch das ganze Caſtell verbreitet, und die kleine noch übrige Schaar der Soldaten rottete ſich ſchnell zuſammen und ſtürzte ſich dem Feinde entgegen. Aber die Ueber⸗ macht, die Kampfgier und der Siegesmuth der Juden trugen es bald über die kleine Schaar davon, und Alle fielen unter den Schwerthieben ihrer unerbittlichen Gegner. Amnon's Sorge war alsbald darauf gerichtet, Mirjam aufzufinden und zu befreien. Er zog von Thurm zu Thurm und fand ſich immer getäuſcht, bis er auf den letzten und hinterſten Hof gerieth, in den äußerſten Thurm drang, die verſchloſſenen Pforten aufſchmetterte und hier in einem faſt verborgenen Gemache Mirjam fand, welche ſchwach und faſt ohnmächtig auf ihren Knieen lag. Der immer näher ſchwellende Tumult hatte das viel geängſtigte Mädchen mit Schrecken erfüllt, und ſie konnte ihre Rettung kaum begreifen, als Amnon ſie auf ſeine Arme hob und hinaustrug. Die Thore des Caſtells rauſchten auf, die Zugbrücken raſſel⸗ ten nieder und von der Stadt aus zog eine Schaar ſiegjubelnder Streiter herauf. Ihnen voran eilte ein junger Mann mit be⸗ flügelten Schritten. Ein Panzerhemd umſchloß ſeine Glieder, ein Helm bedeckte ſein Haupt, ein blutbeflecktes Schwert war in ſeiner Rechten. Es war Patrika. Noch hatte er nicht das Thor des 154 Caſtells erreicht, als Amnon, Mirjam auf dem Arme tragend, erſchien. Der Hand Patrika's entfiel das Schwert, und Amnon legte ihm das Mädchen in die ausgeſtreckten Arme:„Hier, haſt Du Deine Mirjam wieder!....“ Der Sieg der Männer von Sepphoris war vollſtändig. Sie hatten ihre prächtige Synagoge zum Opfer gebracht. Aber als der Abend niedergeſunken, da ſtieg ſie als Feuerſäule zum nächt⸗ lichen Himmel empor und kündete Sieg und Freiheit in das Land hinaus. Alsbald erhoben ſich Flammenzeichen von Berg zu Berg, von Höhe zu Höhe, und die Männer aller Städte griffen zu den Waffen und gingen an das blutige Werk. Sie überfielen die römiſchen Beſatzungen, kämpften mit ihnen um Leben und Tod, und ſtreckten ſie nieder hier mit mehr, dort mit weniger Opfern. Am andern Morgen befand ſich kein römiſcher Soldat mehr auf galiläiſchem Boden. Das Sanhedrin von Sepphoris gab unter dem Vorſitze des greiſen R. Joſe den Beſcheid, daß ſo außerordentliche Umſtände Patrika und Mirjam trotz der Trauer um den Vater der letzteren die Erlaubniß gewährten, den ehelichen Segen zu empfangen. Es war eine ſtille Feier, der Kelch des Glückes mit Schmerz und Wehmuth bekränzt, aber doch voll ſüßer Innigkeit und voll Zu⸗ verſicht auf die Hülfe des Herrn. 15. Patrika war ſich wohl bewußt, daß eine Zeit ſtürmiſchen Kampfes vor ihm liege, daß ſein junges Glück zwiſchen gewalti⸗ tigen und ſcharfkantigen Felsblöcken emporwachſen müſſe, und daß der Erfolg zwar von vielen Umſtänden, zunächſt aber von ſeiner eigenen raſtloſen Thätigkeit abhänge. Aber er ging muthig, entſchloſſen und Gott vertrauend an das Werk. Erfüllt von der wunderbaren Geſchichte ſeines Volkes, das ſo oft, wie ſonſt kei⸗ nes, den Wechſel des Glückes erfahren, ſo oft, wie ſonſt keines, in den höchſten Nöthen und Gefahren Rettung und Erhebung auf ungeahnte Weiſe erlangt, und erwieſen hat, daß, wo der Geiſt gewaltig, die Mittel nur ſchwach zu ſein brauchen, um den höchſten Sieg dennoch zu erreichen, war er voll Zuverſicht und meinte, daß jetzt wiederum eine Zeit gekommen, wo der göttliche Retterarm an Iſrael ſich bewähren, das niedergetretene erhöhen, dem zerſtreuten einen Mittelpunkt ſchaffen werde, um den es ſich ſchaaren könne. Vor Allem ſchickte er daher die perſiſchen Brüder nach dem Heere Sapor's zurück. Sie ſollten nur berichten, was ſie ſelbſt geſehen, und die Aufforderung an diejenigen, welche ſie entſandt hatten, bringen, ſo ſchnell wie möglich den Uebergang des per⸗ ſiſchen Heeres über den Euphrat zu bewirken, um ſich ſo einan⸗ der die Hände zu reichen, und das ſchwache römiſche Heer zwiſchen ihnen von beiden Seiten zu erdrücken. Dann waren ſie des leichten Sieges gewiß. 156 Alsdann zog Patrika mit der auserleſenen Schaar wohlbe⸗ waffneter junger Männer, die er zum Kern der kampffühigen Mannſchaft ausgebildet, aus und durch alle Städte Galiläas. Ueberall wurde er mit Jubel empfangen, überall als der eigent⸗ liche Held, als das Haupt der Nation, als das Pfand des Sie⸗ ges begrüßt, und die frendigſte Bereitwilligkeit gezeigt, zu noch bevorſtehenden Kämpfen Gut und Blut hinzugeben. Er verſchaffte ſich hierbei eine genaue Kenntniß der Oertlichkeiten und ihrer Be⸗ ſchaffenheit, ſo wie der vorhandenen Streitmittel. Aber er be⸗ gnügte ſich hiermit nicht. Aus dem benachbarten Syrien hatten ſich einzelne römiſche Schaaren an den Grenzen aufgeſtellt, um möglichſt die Verbreitung des Aufſtandes zu verhindern. Da ſie die galiläiſchen Grenzen unbewacht gefunden, waren ſie in das Land eingefallen, und hatten hie und da Dörfer und offene Flecken überfallen, ausgeplündert, und von den flüchtigen Einwohnern ge⸗ tödtet, wen ſie erreichen konnten. Patrika zog daher gegen dieſe aus. Von wohlunterrichteten Führern geleitet, konnte er die kleinen feindlichen Haufen einen nach dem andern erreichen, ſie oft genug überraſchen, und in muthigen Kämpfen vernichten. Ueberall blitzte ſein Schwert voran, gab ſeine Unerſchrockenheit und Tapferkeit leuchtendes Vorbild, und erwarb ihm ſeine Unermüd⸗ lichkeit und ſeine treue Sorge für die Seinen das unbedingteſte Vertrauen. An ſeine Perſon ſchien der Sieg gefeſſelt, und noch mehr, er verdiente ihn. Eine ſchwärmeriſche Anhänglichkeit er⸗ füllte alle, die ihm nahe ſtanden. Zu gleicher Zeit lehrte er durch dieſen kleinen Krieg ſeine Mannen die Römer nicht fürchten, ge⸗ wöhnte ſie an den Kampf und den Gebrauch der Waffen. Endlich kehrte er nach Sepphoris zurück, nachdem er den Städten einen Tag beſtimmt hatte, an welchem ihre Abgeordneten in Sepphoris ſich verſammeln ſollten, um in gemeinſamer Be⸗ 157 rathung die Ordnung der Dinge für das nun freie Golilüa feſt⸗ zuſtellen. Mirjam empfing voll Sehnſucht und freudigen Stolzes ihren jungen Gemahl, und in ihr liebendes Herz ergoß er alle ſeine Pläne und Sorgen, alle ſeine Hoffnungen und Befürch⸗ tungen. Ihre Seele war groß genug, um ſie zu verſtehen und zu theilen, und nicht ſelten vermochte ihr heller Verſtand, der in der Vertraulichkeit mit ihrem Vater geſchärft und mit dem wirk⸗ lichen Leben wohl bekannt geworden, ihm nützlichen Rath zu er⸗ theilen und ihn zu vortheilhaften Beſchlüſſen zu führen. Welche Seligkeit erfüllte dann die Herzen Beider! Nichts gleicht der Wonne, welche zwei liebende Ehegatten durchdringt, wenn ſie in dem Verſtändniß eines großen heiligen Werkes des Lebens ſich be⸗ gegnen und zu deſſen Ausführung in Rath und That ſich verbun⸗ den fühlen!— Der Tag, an welchem die Abgeordneten in Sepphoris er⸗ ſcheinen ſollten, war nahe. Patrika ſaß in einem Gemache ſeines Hauſes, eine Schreibtafel vor ſich, auf die er die Entwürfe ver⸗ zeichnet hatte, welche er der Verſammlung vorlegen wollte, und Mirjam befand ſich neben ihm, bald ſein Nachſinnen ſchweigend achtend, bald ſeinen Worten lauſchend, wenn er die Bedenken über irgend einen Punkt durch ein Geſpräch mit ihr aufhellen und be⸗ ſeitigen wollte. Da trat Amnon ein mit erhitztem Angeſicht und funkelnden Augen. Sein ganzes Weſen war ſo aufgeregt, daß er ſich erſt faſſen und überwältigen mußte, bevor er ſprechen konnte. „Patrika,“ hob er an,„ich komme von der Verſammlung Deiner Krieger, zu denen ſich alle Jünglinge und jungen Männer dieſer Stadt geſchaart haben, ich komme zu Dir von ihnen mit einem großen, gewichtigen Worte. Wir alle ſehen ein, daß uns ein Kampf auf Leben und Tod bevorſteht. Rom wird und kann nicht gutwillig zuſehen, wie wir ſeine Soldaten getödtet und ſeine Herr⸗ ſchaft gebrochen haben. Ob uns Hülfe von Oſten kommt, dauernde Hülfe, wir wiſſen es noch nicht, aber der Kampf mit Rom wird nicht bloß heftig, ſondern auch lang und immer wie⸗ derholt ſein. Der Geier, der das ſchwache Lamm in ſein Neſt getragen und ſeinen Jungen zur Aetzung vorgeworfen, läßt es nicht wieder los, wenn nicht der Jäger ihn ins Herz getroffen. Ja, wir wiſſen, es iſt der letzte Kampf, den Juda in dieſem Lande, ja auf der ganzen Erde, zu kämpfen hat; wir ſind ſeine letzten Streiter, und wenn unſere Fahne diesmal in den Staub gefallen, wird kein Sonnenſtrahl ſie je wieder beſcheinen, kein Luft⸗ zug ſie je wieder ſchwellen. Um da zu ſiegen, bedürfen wir eines höheren Geiſtes, eines höheren Armes... Nicht Kampfesmuth, nicht Verzweiflung genügen... Von oben her muß der Geiſt Got⸗ tes kommen, und das Ange erleuchten und jede Sehne ſtählen und jedes Schwert heiligen, und Greiſe, Frauen und Kinder, zu Hel⸗ den machen!... Patrika, wer holt uns dieſen Geiſt herab, wer gießt ihn durch unſere Seelen und Arme— wer anders, wenn nicht Du? Patrika, Du biſt ein Zweig auf Davids Stamm— die Zeit iſt gekommen, die Gefahr iſt da, die Rettung muß er⸗ ſcheinen... Patrika, wir erkennen Dich als Boten Gottes, als Geſandten des Herrn, als Meſſias an— erkläre Dich dafür, und Heil uns— wir werden ſiegen!“.. Dieſe feurige Anſprache, die mit jedem Worte begeiſterter, entzückter, zuverſichtlicher wurde, traf Patrika bis ins innerſte Herz. Eine flammende Röthe ergoß ſich über ſein Antlitz. Es war, wie wenn tauſend geheime Gedanken, tauſend halbwache Gefühle ſich von dem Boden ſeines Geiſtes erhöben, die Fäden durchriſſen, die ſie daran feſt gehalten, daß ſie nun hinaufſtiegen in den lichten Sonnenſchein und in die klare Himmelsluft, um ſich da frei und verklärt zu bewegen. Er konnte nicht antworten, 159 ſein Auge blitzte nur weit geöffnet auf den leidenſchaftlich erreg⸗ ten Freund, der in ſeiner Verzückung ihm eine Botſchaft des Himmels zu bringen ſchien. Da trat Mirjam auf ihren Gatten zu, legte die Hand auf ſeine Schulter, und ſprach ſanft, aber entſchieden:„Nicht doch, mein Patrika, laß Dich von der Liebe Deines Freundes und von der Schwärmerei der Jünglinge nicht verleiten. Eine Stimme aus dem Grabe ruft Dir zu: Gieb der Verſuchung nicht nach, und bethöre Dich nicht ſelbſt. Es iſt die Stimme meines Va⸗ ters, Du kennſt ſie, es iſt die Stimme deſſen, der Dir ſelbſt Vater war, und ein Mann in Iſrael, wie keiner mehr. Sei Du der Retter Deines Volkes, aber kein Meſſias!...“ Die beiden Männer hatten ſich Mirjam zugewendet, und lauſchten geſpannt ihren Worten. Aber Amnon ließ ſich von ihnen nicht zurückſchrecken, ſondern mit Haſt unterbrach er ſie, und rief aus:„Wie, Mirjam, Du trittſt mir entgegen? Du weiſt die Verherrlichung Patrika's zurück? Bei Dir hoffte ich Unterſtützung zu finden. Deine Seele mit ihren Schwingen ſollte den großen Gedanken zur Höhe tragen, und das Feuer Deines Herzens ihn mit Gluth und Leben durchflammen! Patrika, laß Dich nicht durch das Wort eines Weibes zurückhalten— geh in Dich— woher ſind Dir die Gedanken des Kampfes gekommen? wer hat Dir den Blick geöffnet und Dich die That zur rechten Zeit ſehen laſſen? was hat Dich an unſere Spitze geſtellt, und Dir den Sieg erworben? Es iſt die Kraft, die von oben ſtammt, der Ruf, der vom Himmel tönt! Geh, ich glaube an Dich, wir Alle glauben an Dich... Kannſt Du dieſem Glauben Dich ent⸗ zichen? Und Du, Mirjam, willſt Du Dich kleiner machen als Du biſt? Deinen Gatten mit Dunkel umgeben, ſtatt mit dem goldenen Lichte der Morgenſonne? Liebſt Du, verehrſt Du ihn wirklich ſo?...“ Noch immer ſchwieg Patrika, und ſeine Seele ſchien der Kampfplatz mächtiger Gewalten zu ſein, die ſich wider einander erhoben und mit einander rangen, und keine vermochte es über die andere. Seine Bruſt hob und ſenkte ſich, und ſein Blick irrte bald zur Höhe, bald zum Boden nieder. Aber Mirjam ſprach: „Nein, nein! Meine Liebe iſt ſo groß, wie eines Menſchen Herz ſie zu faſſen vermag, mein Patrika mir ſo hoch, wie ein Sterblicher zu ſtehen vermag, meine Hingebung für unſern Glau⸗ ben und unſer Volk ſo ſtark, wie ſie eine Seele zu erfüllen ver⸗ mag. Ja, ich bin bereit, wenn es gefordert wird, ihn und mich für unſeren Sieg zu opfern! Aber nicht dieſer geheimnißvolle Bund mit unſichtbaren Mächten, nicht dieſe Erhebung zwiſchen Himmel und Erde, dieſes Halbdunkel von Menſch und Gott!... Ein Held ſoll er ſein, ein Held, der kämpft und ſiegt, und, wenn es ſein muß, fällt.— So will ich ihn ſehen und ſein Haupt mit der Krone des Muthes, der That und des Ruhmes ſchmücken, unter ſeinen Brüdern der erſte, unter ſeinen Genoſſen der höchſte. Nicht aber in einer Höhe, die uns entrückt iſt, nicht mit einem Glauben, in den der Zweifel ſich einſchleicht, nicht mit einem Rauſche, der vorübergeht und der Täuſchung in die Arme fält Amnon ſtampfte mit dem Fuße, und über ſein Geſicht flog die Wolke des Unmuths.„Nicht ſo, Mirjam!“ hob er wieder an,„Du mußt, Patrika! Wir können deſſen nicht entbehren! Wiſſet ihr nicht, mit wem wir es zu thun haben? Mit einem Volke, des Kampfes ungeübt, raſch und feurig im Angriff, aber bei dem geringſten Mißgeſchick eben ſo ſchnell entmuthigt, und wie der Trunkenheit des Sieges, ſo auch dem Zweifel am Erfolge, der Erſchlaffung, der Furcht zugänglich. Seit Jahrhunderten ver⸗ dammt, nur zu dulden, iſt ſeine Spannkraft nur gering, und der 161 erſte harte Schlag wird ſeine Arme ſinken machen. Es bedarf eines höheren Odems, eines begeiſternden Hauches; es darf nicht bloß ſich auf ſich ſelbſt geſtellt wiſſen, ſondern muß glauben, daß eine höhere Macht es unterſtützet, es ſchützt, dafür ſtreitet... Dann wird das Lallen des Säuglings zum Schmettern der Kriegstrompete, und der letzte Seufzer des Greiſes zum feurigen Segen für Schwert und Schild!... Und wie? Ziehen ſich jetzt nicht die Kinder unſeres Volkes wie Metalladern durch den thö⸗ nernen Coloß von Rom?— Der Ruf: Der Meſſias iſt da! wird dieſes Metall zum Glühen und in den Fluß bringen, daß es zurückſtrömt zu ſeiner Quelle, und die Leere hinter ſich läßt, daß der Coloß zuſammenbricht. Bei der bloßen Kunde von un⸗ ſerem Aufſtande bleiben ſie alle kalt, und ſind wohl gar unmu⸗ thig, daß wir ſie aus ihrem Frieden ſtören. Darum, Patrika, beſchwöre ich Dich, höre auf meine Stimme, es iſt die Stimme des Volkes, es iſt die Stimme des ganzen Iſrael und ſeines Geſchickes!....“ Da erhob ſich Patrika und trat vor den Freund hin. Sein Antlitz war ruhig geworden, und hatte ſelbſt den Ausdruck des Schmerzes angenommen.„Streitet nicht, meine Theuren!“ ſprach er.„Streitet nicht, Du mein Weib und Du mein Freund, mit einander über Etwas, was weder von euch, noch von mir abhängt. Amnon, das Licht, in welchem Du mich ſchaueſt, ſtammt aus einem Herzen voll Freundſchaft und einer edlen Schwärmerei. Aber iſt es darum das echte, das wahre, das göttliche? Dieſe Frage muß entſcheiden, nicht mein Wille, nicht die Klugheit, nicht der Vortheil. Ich verſenke mich in mein Inneres, und ich em⸗ pfinde da die Sehnſucht, daß es ſo ſei, wie Du es wiünſcheſt. Aber iſt die Sehnſucht auch die Erfüllung? O daß der Tag erſcheine, wo die Verheißung unſeres Gottes eintrifft, wo der 11 162 Geſandte des Heils in unſere Mitte tritt, und das Reich des Herrn beginnt. Aber bin ich wirklich dieſer Geſandte?.„. Keine Antwort erfolgt in mir. Nur die flammende Begeiſterung, für mein Volk zu leben und zu ſterben— aber keine Antwort auf meine Frage... nicht der Ruf, der zum Himmel, nicht die Wunderkraft, die Uebermenſchliches vollbringt, nicht die Ueber⸗ zeugung, vor der jeder Zweifel verſtummt.... Soll, Freund, ſoll ich täuſchen? mich und Andere täuſchen? die heilige Sache der Wahrheit mit Lug beflecken? und wenn der Taumel vorüber, und die Wahrheit an den Tag kommt, meinen Namen dem Fluche vermählen? Ach, Amnon, auch mein Schmerz iſt groß; ich möchte das Kniee beugen vor einem göttlichen Boten und den Führerſtab legen in ſeine ſiegreiche Rechte— aber da ich nicht fühle und nicht weiß, ob ich es bin, darf ich mich dafür ausgeben?... Nein, Amnon, warten wir, ob der Ruf des Herrn in meiner Seele erſchallt, ob das Verborgene zu Tage kommt— dann werde ich bereit ſein, und ſollte die Flamme mich verzehren!“ Amnon hatte das Haupt ſinken laſſen; er ergriff die darge⸗ botene Hand Patrika's und ſprach leiſe:„O Patrika, Du haſt Recht wie immer; dann aber kommt zum erſten Male der bleiche Strahl der Verzagtheit in mein Herz, und es will ſich in ihm regen wie ein Zweifel am glücklichen Ausgang.... Da trat Mirjam auch zu ihm hin, und ergriff ſeine andere Hand.„Das darfſt Du nicht, Amnon, dies wäre ein Verrath an unſerer heiligen Sache, dieſen Gedanken mußt Du von Dir abſchütteln! Trauſt Du der Kraft der Wahrheit und des Rech⸗ tes ſo wenig zu, bauſt Du auf die Hülfe Gottes für den Unter⸗ drückten, der ſeine Feſſeln ſprengt, ſo wenig, ſchätzeſt Du den Todesmuth und die Entſchloſſenheit von Männern ſo gering, daß ihr Schwert Nichts anszurichten vermöchte, wenn ihre Hand nicht 163 vom Glauben an überirdiſche Mächte, an eine wunderbare Sen⸗ dung geleitet wird? Nein, der Gott Iſraels iſt gegenwärtig, auch wenn er nicht einen eigenen Boten ſendet, Patrika iſt der Erkorene des Herrn, der erwählte Führer ſeines Volkes, auch wenn kein Salböl des Meſſias ſeine Stirn bethaut hat.... Kämpfet mit ganzer Kraft, mit ganzem Herzen, und wir werden ſiegen Patrika umarmte voll Bewunderung ſein Weib, Amnon rich⸗ tete ſich an der Macht ihrer Worte wieder auf; aber der erſtere litt es nicht, daß Amnon allein die Antwort in die Verſammlung der Jünglinge brächte, ſondern begleitete ihn dahin, unm ſelbſt das Wort der Beruhigung zu ihr zu ſprechen, und die feurige Zuver⸗ ſicht nicht abſchwächen zu laſſen. Als die Abgeordneten der Städte in Sepphoris zuſammenge⸗ treten, wählten ſie mit Einſtimmigkeit Patrika zum Dux Galilaeae, billigten alle ſeine Vorſchläge, und ſtellten ihm Waffen und Güter zur Verfügung, ſo weit er ihrer zur Vertheidigung des Landes und der Freiheit bedurfte. Allgemeiner Jubel umgab ihn, allge⸗ meines Vertrauen begleitete ihn. Sobald er alſo die Macht in ſeinen Händen hatte, traf er unverzüglich die angemeſſenſten Verfügungen. In allen Städten ließ er die Befeſtigungen ausbeſſern und verſtärken; die Mauern wurden wieder hergeſtellt und erhöht, die Gräben gereinigt und vertieft, die Wälle vermehrt; Vorräthe wurden in allen feſten Plätzen aufgehäuft, Waffen angeſammelt und verfertigt, beſonders auch Wurfgeſchoſſe aller Art, Balliſten, Katapulten, Scorpionen angeſchafft, und unter die befeſtigten Plätze vertheilt. Vor Allem hob er an jedem Orte die tüchtigſte Mannſchaft aus, ordnete ſie in Rotten und ließ ſie unaufhörlich einüben. An dieſen Kern ſollte ſich überall die ganze Männerſchaar an⸗ ſchließen, ſobald es die Vertheidigung galt; jene aber mußten auch zum Ausrücken bereit ſein. Patrika fand ſo viele Bereit⸗ willigkeit, daß ſein Herz immer mehr voll Muthes ward. Sein Auge war jetzt nur gen Oſten gerichtet. * 16. Die perſiſchen Boten hatten ſich eiligſt und voll ſchöner Hoffnungen auf den Rückweg begeben. Sie konnten dieſen ſchneller zurücklegen, da ſie die Pfade, die ſie zu wandern, ſchon kannten und jetzt viel ſeltener auf römiſche Poſten ſtießen, die ſie zu um⸗ gehen hatten. Aber ſie fanden das perſiſche Heer nicht, wo ſie es zu treffen gewünſcht, nicht diesſeits und jenſeits des Euphrat, nicht im raſchen Anzuge auf Syrien, ſondern— vor der Feſtung Amida gelagert. Allerdings hatte Sapor den Plan, welchen ihm Antoninus entworfen, verfolgen wollen, und da er auf dem Marſche am ſüdlichen Abhang der armeniſchen Berge auf die furchtbare Veſte Amida ſtieß, welche der Kaiſer Conſtantius vor Jahren nach den Angaben des Urſicinus erbaut hatte, hatte er nicht im Sinne, ſie zu belagern und ſie zu erobern. Aber theils mochte er die Ge⸗ ſinnung der römiſchen Beſatzung erproben und ſie durch Schrecken zur Uebergabe bewegen wollen, theils war er zu eitel, um nicht vor den nahen Feinden mit ſeiner Macht und Herrlichkeit prunken zu wollen. Er ordnete einen Vorbeizug ſeines ganzen Heeres dicht unter den Mauern Amida's an, und ſtellte ſich ſelbſt an die Spitze des Zuges, wobei er ſeine ganze königliche Pracht entfaltete. Alle Würdenträger des Hofes in ihren koſtbarſten Staatsgewän⸗ dern zogen vor ihm her, alle ſeine Generäle und Oberoffiziere folgten ihm, und er ſelbſt in den ſchimmerndſten Kleidern und mit dem funkelndſten Geſchmeide geſchmückt, einen goldenen Widder⸗ 166 kopf, mit den leuchtendſten Edelſteinen beſetzt, ſtatt des Diadems auf dem Haupte, ſaß hoch zu Roß, neben ihm ſein Sohn Grum⸗ bates, ein ſchöner hoffnungsvoller Jüngling. Die Römer ſahen dieſem glänzenden Schauſpiel von den Mauern aus zu, aber ſtatt geblendet zu werden, verlangten ſie nur Hohn mit Hohn zu be⸗ zahlen, und als der König nahe kam, ließen ſie auf ihn eine Wolke von Pfeilen und Wurfſpießen los. Ein Pfeil flog un⸗ glücklicher Weiſe in die königlichen Gewänder und zerriß ſie, und ein anderer traf den Jüngling und durchbohrte ihm das Herz, daß er todt zu den Füßen des Vaters nieder fiel. Schmerz und Wuth erfüllten Sapor, und kein Einreden brachte ihn von dem Ent⸗ ſchluſſe ab, anf der Stelle Rache an den Mördern ſeines Kindes und an denen zu nehmen, die ihn ſo arg verhöhnt hatten. Er befahl, Amida einzuſchließen und zu belagern. Er hatte ſich aber getäuſcht, wenn er die Beſatzung erſchrocken und die Eroberung leicht geglaubt. Mit einer beiſpielloſen Hartnäckigkeit vertheidigten die Römer ihre Feſtung, wohl wiſſend, daß Tod oder Knecht⸗ ſchaft ihr Loos ſein werde. Vergebens führte Sapor ſeine tapfer⸗ ſten Krieger zu immer wiederholtem Sturme. Sie wurden immer wieder und mit großem Verluſte abgeſchlagen, und die Leichen der Perſer füllten die Gräben und verpeſteten die Luft. Vergebens errichtete er Wälle und Thürme, höher als die der Stadt, um von da aus die Beſatzung von den Mauern zu vertreiben und die Stadt in Brand zu ſetzen. Die Römer achteten des all nicht und kämpften mit ungebrochenem Muthe. So zog ſich die Belagerung durch drei Monde hin. Hier war es, wo die Männer, welche aus Sepphoris zurück⸗ kehrten, auf das perſiſche Heer trafen, und ſich ihrer Aufträge bei denen entledigten, von welchen ſie abgeſandt worden. Sie hatten erreicht, was ſie jemals hätten erwünſchen können; alle 167 ihre Zwecke waren erfüllt. Ihre Brüder in Galiläa hatten das römiſche Joch abgeſchüttelt, und ſtanden ſo gut ſie konnten, in den Waffen, einen zuverläſſigen und begabten Führer an ihrer Spitze. Jetzt war es an ihnen, ihre Verheißungen zu erfüllen, und mit dem perſiſchen Heere den vollen Sieg und die dauernde Freiheit zu bringen. Und ſiehe! hier hatte die Eitelkeit und die Rachſucht eines aſiatiſchen Despoten Halt geboten, und in nutzloſen Kämpfen um einige Mauern, die ihn in ſeinem Siegeslaufe nicht gehindert hätten, rieb er ſeine Kräfte auf. Die einflußreichſten Männer in der Umgebung Sapor's ſuchten ihn von der Fortſetzung der Belagerung abzubringen, zeigten ihm die großen Erfolge, die er jenſeits des Euphrat erringen würde, und welche die kleinliche Rache an den Männern von Amida nicht aufwöge, um ſo weniger, als ſpäter dieſe Feſtung doch fallen müßte. Selbſt der Großvezier ſtrengte alle ſeine Kräfte an, ſeinen Herrn auf andere Gedanken zu bringen. Es war vergebens! Je länger der Widerſtand der Römer dauerte, deſto ſtärker ſchwoll die Wuth des Perſerkönigs an, und mit jedem Sturme, der abge⸗ ſchlagen, mit jedem Angriff, der vereitelt wurde, ſtärkte ſich ſein Eigenſinn. Vielmehr machte er ſeinen Offizieren die heftigſten Vorwürfe, daß ſie die Ausführung ſeines Willens zu lau be⸗ trieben und die Befriedigung ihres Herrn politiſchen Entwür⸗ fen nachſetzten. Mit tiefem Kummer ſahen die jüdiſchen Offi⸗ ziere die günſtige Zeit verfließen und den Zweck des ganzen Heereszuges ſcheitern. Antoninus begriff, daß ſeine Rolle hier ausgeſpielt ſei; Sapor ließ ihn nicht mehr vor ſich, um ſeinen Vorwürfen und Mahnungen ſich zu entzichen. Er verließ das perſiſche Heer, und niemals hörte man wieder von ihm. Endlich ſchlug auch die Stunde, in welcher Amida der uebermacht des Feindes fallen mußte. Die Erſchöpfung der 168 kleinen Beſatzung, die immer mehr zuſammengeſchmolzen war, und um ſo mehr Tag und Nacht wachen und kämpfen mußte, war ſo groß, daß ihr Widerſtand endlich aufhörte; die halb in Schutthaufen verwandelten Mauern boten jetzt breite Breſchen dar, und ſo drangen die Perſer endlich in die Stadt, und hieben alles Lebende darin nieder. Nur wenige Männer entwiſchten durch ein Hinterpförtchen, das die Perſer außer Acht gelaſſen, unter ihnen der Anführer der Römer, Ammianus Marcellinus, der uns die Kunde von dieſer merkwürdigen Belagerung hinter⸗ laſſen hat. Der Rachedurſt Sapor's war übefriedigt, ber den Grab⸗ hügel ſeines Sohnes war ein Monument von Trümmern und Leichen aufgethürmt. Aber in dieſer Gruft lag auch der große Plan, Rom's Herrſchaft in Aſien zu vernichten und die aſiatiſchen Nationen von dieſem Joche zu befreien, begraben. Der Sommer war zu Ende; Stürme und unaufhörliche Regenſchauer fuhren von den Gipfeln der rauhen armeniſchen Berge herab. Aber auch ohne dieß war das perſiſche Heer ſo geſchwächt, daß an eine Fortſetzung des Feldzuges nicht zu denken war. Dreißigtauſend Perſer lagen um die Ruinen Amida's. Grimm und Verzweif⸗ lung im Herzen ſtießen die Männer des babyloniſchen Juda ihre Schwerter in die Scheide zurück, und folgten dem Befehle zur Heimkehr nach einem eben ſo nutzloſen wie ſchmachvollen Feldzuge. Dos perſiſche Heer ging über den Tigris zurück. Aber früher ſchon war ein anderer Uebelſtand eingetreten. Urſicinus war weder gefangen noch getödtet. Es war ein falſches Gerücht, das ſich in Syrien und Galiläa hierüber verbreitet hatte. Allerdings war er, als er Amida vor dem Heranzuge der Perſer verlaſſen, auf eine ſtarke Streifſchaar der letzteren geſtoßen. Sein kleiner Trupp wurde überwältigt und niedergehauen. Er 169 ſelbſt aber mit wenigen Begleitern rettete ſich durch die Flucht, und ſah es gewiß gern, daß die Perſer ihn unter den Erſchlagenen glaubten, weil er um ſo leichter ihrer Verfolgung entkommen konnte. Er warf ſich in die armeniſchen Berge, und irrte hier lange Zeit umher. Ja, er verlor eines Tages auch ſeine Be⸗ gleiter, die ſich um Nahrung zu ſuchen zerſtreut hatten, und mußte unter großen Mühſeligkeiten ſeinen Weg allein fortzuſetzen ſuchen. Aber endlich gelangte er nach Syrien, und erfuhr hier zu gleicher Zeit den Aufſtand der galiläiſchen Juden und die Be⸗ lagerung Amida's durch die Perſer. Sein Entſchluß war ſchnell gefaßt. Er wußte, daß er ſich auf die Feſtigkeit Amida's und die Tapferkeit der römiſchen Beſatzung verlaſſen konnte; er wußte daß er nunmehr von den Perſern nichts mehr zu fürchten habe. Er eilte daher zu dem Heere am Euphrat, zog ſo viele Truppen zuſammen, wie ihm der eiferſüchtige Sabinianus nur geſtattete, und rückte mit ihnen an die Gränzen Galiläas. So erhebe Dich, Löwe von Juda, aus dem Dickicht, in welchem Du allzulange gelagert: die Jäger ſind da, ihre Netze geſtellt, ihre Schwerter gewetzt, ihre Pfeile geſchärft, und alle ihre Waffen haben ſie mit Gift getränkt— denn ſie wollen Dich treffen zum Tode! Wie wirſt Du ihnen ſtehen? 17. Abermals flammten die Feuer auf den Bergen Galiläas. Aber diesmal nur von einer Richtung von Norden her, von Dan und Kedes bis nach Sepphoris. Und ſie waren keine Zeichen des Jubels und des fröhlichen Sieges, ſondern die Verkünder des Angriffs, daß der Feind erſchienen wäre und bereit, in die Marken des Landes zu dringen. Die nach und nach eingetroffenen Nachrichten, daß Urſicinus lebe und an der Spitze eines Heeres heranziehe, zugleich ein Be⸗ weis, daß er von den Perſern nichts zu fürchten, die Juden alſo nichts zu hoffen hätten, hatte die Gemüther tief erſchüttert, aber den Muth derer nicht gebrochen, welche an der Spitze der Er⸗ hebung ſtanden. Inſonders Patrika, obgleich er einſah, wie ſchwierig der Kampf des kleinen Volkes gegen das noch immer gewaltige Rom ſein würde, rechnete zu ſehr auf die Gerechtigkeit ihrer Sache, auf die Schwäche der römiſchen Regierung und auf die Hülfe, die der Herr durch ſeine Fügung, wenn nur der Kampf ſich in die Länge zöge, ihnen ſchaffen könne, um nicht ſeine ganze Freudigkeit ſich zu bewahren. Er trat hinaus vor ſeine verſam⸗ melten Schaaren und das ſie umringende Volk, und ſprach zu ihnen Worte der Begeiſterung.„Habet Ihr jemals gehört, ſagte er, daß Iſrael Hülfe und Rettung empfing von Außen her, und dennoch überdauert es die Jahrtauſende? Waren es nicht ſtets ſeine eigenen Helden, die ihm ſein Gott berufen, ſeine eigenen 171 Männer, die ihm ſein Gott begeiſterte, welche den Feind nieder⸗ ſchlugen, und die Standarte der Freiheit auf ſeinen Bergen auf⸗ pflanzten? Mögen ſie heranziehen, die römiſchen Syrer: wir wollen die neuen Makkabäer ſein, und wären ihre Heere ſo zahl⸗ los wie damals, und unſre Schaaren ſo klein wie die der Hasmonäer— von denſelben Höhen wollen wir herabrauſchen, ein unwiderſtehlicher Bergſtrom, und ſie mit ihren eigenen Schwertern tödten und mit ihren eigenen Feſſeln beladen! Was unſre Väter gekonnt, das vermögen auch wir, denn derſelbe Gott iſt mit uns, wenn wir Dieſelben mit ihm ſind!.... Warum ſollten wir alſo den Kampf ſcheuen und vor der Schlacht zu⸗ rückweichen? Bedenkt, was wir gethan, das mußten wir thun, und ſelbſt die Niederlage könnte uns nichts Schlimmeres brin⸗ gen, als wir ſchon ertragen haben. Unſre Heiligthümer geſchändet, unſre Religion erdrückt, unſer Geſetz verletzt, unſre Habe verzehrt, wir, unſer Leben, unſre Frauen, Kinder und Greiſe der Willkür der Barbaren anheimgegeben!.... Darum erhoben wir die Waffen, und Gott ſegnete ſie mit Sieg— darum tragen wir ſie muthig dem Feinde entgegen, und Gott wird ſie ſegnen mit Sieg! Nein, Iſrael wanket nicht, Iſrael geht nicht unter, Iſrael kämpft ſo lange es befteht, und es beſteht immerdar!“.... Lauter Ruf der Zuſtimmung, des Muthes, der Hingebung folgte auf dieſe Worte, und wie die Strahlen der Sonne auf dieſe Männer und Jünglinge, auf ihre begeiſterten Angeſichter, ihre Muth blitzenden Augen, ihre erhobenen Arme und Waffen fielen, und den belebten, beweglichen und entſchloſſenen Haufen zeigten, konnte die frendigſte Zuverſicht in das Herz ihrer Führer einziehen, und die feurige Einbildungskraft Zeiten des Sieges, Tage des Glückes vorausſehen.... Urſicinus hatte beſchloſſen, wenn auch ſein Heer noch klein und kaum mit den nöthigen Vorräthen verſehen war, einen raſchen Zug in das aufſtändiſche Land zu wagen. Theiks ver⸗ achtete er die Juden zu ſehr, und hatte keine Vorſtellung von ihrer Widerſtandskraft, und daß befähigte Führer an ihrer Spitze ſtehen könnten, theils glaubte er ſie überraſchen zu können, und durch ſeine Kühnheit ihnen den Muth zu benehmen. Endlich ſtand ihm das drohende Geſpenſt der kaiſerlichen Ungnade vor der Seele, wenn ſeine mächtigen Feinde in Rom den galiläiſchen Aufſtand ihm, ſeinem Verfahren und ſeiner Härte zuſchrieben. Je ſchneller er alſo dieſen unterdrücken würde, deſto eher entwand er ſeinen Gegnern dieſe Waffe. Aber auch Patrika war ebenſo ſchnell entſchloſſen, ihm kräf⸗ tig entgegen zu treten. Er zitterte nicht vor dem Gedanken, eine Feldſchlacht mit den erfahrenen Feldherrn und ſeinen erprobten Soldaten zu wagen. Sich jetzt ſchon hinter die Mauern der Städte zu bergen, wäre ein Eingeſtändniß der Schwäche geweſen, das jeden Erfolg abgeſchnitten hätte. Alle Männer, die er zu Führern ſeiner Rotten eingeſetzt, ſtimmten im Rathe hierin mit ihm überein; ſeine Boten durcheilten das Land; die Kriegstrom⸗ peten erſchallten an allen Orten, und die im Voraus beſtimmten Mannſchaften ſtellten ſich an den Sammelplätzen ein. Die Stunde des Abſchiedes war gekommen. Patrika ſtand in ſeiner Waffenrüſtung vor Mirjam, neben ihm Amnon. Sie ſelbſt hatte ihm den Panzer um die Bruſt befeſtigt, das Schwert um die Hüfte gegürtet, den Helm ihm in die Rechte gegeben. Nun ſtand ſie vor ihm, und ihre Augen waren in einander ge⸗ ſenkt, und ihre Lippen bebten unter dem Worte des Abſchiedes. Da konnte ſie den Sturm ihrer Gefühle nicht mehr zurückhalten; ſie warf ſich an ſeine Bruſt, ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken und ein Strom von Thränen fiel auf das ſtählerne Bruſtkleid 173 nieder.„O meine Mirjam, flüſterte Patrika ihr zu, faſſe Dich, mit Gott ſehen wir uns bald wieder, und feiern den Triumph unſerer heiligen Sache mitſammen.... faſſe Dich, es muß ſo ſein Da erhob ſich Mirjam, mit aller Kraft ſich überwindend, daß wie ein letzter Krampfſchauer durch ihre Glieder zuckte, aus ſeinen Armen, und mit aufgerichtetem Haupte ſprach ſie:„Ja Patrika, ich will die Tochter des Patriarchen Hillel, ich will das Weib des Helden von Sepphoris ſein! Geh, Geſegneter des Herrn, und ſtreite für Dein Volk, für Deine Mirjam, für Dein Glück!.... Und wenn die Stadtthore ſich hinter Dir ſchließen, ſei ruhig, ich werde den Thurm beſteigen, und ausſchauen Tag und Nacht, bis Dein Bote kommt, der uns Sieg verkündet! Aber dennoch, mein Patrika, bedenke Eines. Mit Dir ſänke das Haupt dieſes Volkes, mit Dir alle Hoffnung, aller Erfolg. Da⸗ rum ſchone Dich, und ſetze Dich nicht mehr aus, als nothwen⸗ dig. Ja, Du wirſt zurückkehren, mein Herz ſagt es mir, mein Glauben macht mich deß ſicher!....“ Da umarmte Patrika noch einmal und ſtürmiſch ſein Weib, und eilte hinaus. Aber kaum hatte ſich die Pforte hinter ihm geſchloſſen, als ſie ſich noch einmal öffnete, und Amnon wieder eintrat. Da ſtand Mirjam noch an derſelben Stelle, ſtarr wie eine Bildſäule, ihr Antlitz bleich und feſt wie von Marmor, die Augen dahin gerichtet, wo der theure Mann ihnen entſchwunden war.„Mirjam,“ rief Amnon ihr zu,„ſei ruhig, ich werde der Schild Deines Patrika ſein, ich werde vor den Pfeil treten, der auf ihn gezielt iſt, vor das Schwert mich werfen, das ihn treffen ſoll, und drei Mal und vier Mal ſoll dieſe Bruſt durchbohrt Hand, und küßte ſie, und eilte von dannen.—— Die Männer Juda's hatten ſich um Patrika geſammelt; es waren ihrer ungefähr 5000. Mit ihnen zog er dem Feinde ent⸗ gegen. Raſcher noch als die Römer die Grenze überſchritten, waren die Befehle Patrika's vorangeeilt. Er forderte die Be⸗ wohner des Landes auf, überall vor den nahenden Römern zu⸗ rückzuweichen, die Dörfer und Weiler zu verlaſſen, alle Vorräthe mit ſich zu nehmen oder zu vernichten, die Brunnen zu verſchütten, aber unfern der Wege, welche das römiſche Heer zog, Schwärme aufzuſtellen, die alle Kundſchafter des Urſicinus auffangen könn⸗ ten. Er fand den willigſten Gehorſam, und die pünktliche Aus⸗ führung beraubte die Römer nicht blos unentbehrlicher Hülfs⸗ mittel, ſondern entzog dem Urſicinus auch jede Kunde von dem, was er vor ſich finden werde. Die Römer konnten daraus auch entnehmen, daß ihnen die Unterwerfung nicht leicht werden würde, und Unmuth und Verzagtheit begannen ſchon, ſich ihrer zu be⸗ mächtigen. Auf dem Wege, auf dem die Römer in der Richtung nach Sepphoris marſchirten— denn Urſicinus wußte wohl, daß in dieſer Stadt das Herz des Aufſtandes ſchlug— befand ſich ein Thalkeſſel, zu welchem man über einen bewaldeten Höhenzug ge⸗ langte. Sobald man die Höhe erreicht hatte, ſenkte ſich der Weg in das enge Thal hinab, das, von beiden Seiten durch mäßige Höhen begrenzt, von einem hohen Berge geſchloſſen wurde, um deſſen Fuß herum die Straße durch einen Engpaß weiter führte. Auf dem Gipfel dieſes Berges lagen die Ruinen eines ehemali⸗ gen, befeſtigten Bergortes, Achabara, der im Römerkriege verwüſtet und zertrümmert worden. In den Seitenhöhen, aus Kalkgeſtein gebildet, befanden ſich mehrere große Höhlen, die in den früheren Zeiten nicht ſelten den Umwohnern und ihren Heerden zur Zu⸗ fluchtsſtätte gedient hatten. Dieſen Platz hatte Patrika für den 175 Kampf auserſehen. Die weitläufigen Ruinen waren ganz geeig⸗ net, ſein kleines Heer vor den Blicken des Feindes ſo lange zu maskiren, wie er es für gut befände, und in die Höhlen legte er Hinterhalte, welche von den Seiten in den überraſchten Feind ein⸗ fallen ſollten. Am ſechſten Tage, nachdem er Sepphoris ver⸗ laſſen, erhielt er hier die Kunde, daß der Feind ſich nähere. Raſch, wenn auch nicht ohne Vorſicht, zog Urſicinus heran. Die erſten Cohorten gelangten auf die buſchige Höhe, und ſahen den Thalkeſſel vor ſich liegen. Schweigen herrſchte ringsum, kein Laut tönte aus der Tiefe, nichts regte ſich auf den Höhen, das Auge ruhte nur auf den von der Sonne beſtrahlten Ruinen Achabara's, die völlig verödet erſchienen, auf den bewaldeten Höhen und der ſtillen ſteinigen Thalſohle. Ruhig und ohne ein Hinderniß zu befürchten, zogen ſie die Straße hinunter, die fol⸗ genden Cohorten rückten nach, und ſchon war faſt die Hälfte des römiſchen Heeres in die Tiefe gelangt, und wandte ſich dem Berge zu, deſſen Fuß ſie umſchreiten mußten. Plötzlich dröhnte das Schmettern eines Kriegshornes mitten aus den ſchweigſamen Trümmern der Veſte und klang im dumpfen Widerhall durch das ganze Thal, und brach ſich donnernd an den riſſigen und zerktüfteten Höhen. Und mit furchtbarem Schlachtruf ſtürzten die Reihen der jüdiſchen Männer aus den Ruinen hervor und in geſchloſſenen Gliedern den Abhang des Berges hinunter und in die marſchirenden Glieder der Feinde hinein. Nicht minder wurden die Seiten des Berges von einer Menſchenmenge beſetzt, welche mächtige Steine und Blöcke, die ihnen die Burgtrümmer in Menge lieferten, auf die feindlichen Soldaten niederrollen ließen und zahlloſe Wurfſpieße und Pfeile auf ſie entſandten. Die Römer wurden von dieſem plötzlichen Angriff zum Entſetzen getroffen; kaun konnten ſie Zeit und Kraft finden, ihre Schwerter zu 176 faſſen und ihre Schilder zurecht zu rücken, kaum ihre loſen Reihen enger zuſammen zu ziehen, als ſchon Tod und Verderben unter ihnen wütheten, die Schwerter ihrer Feinde mit jedem Hiebe ſie zum Tode trafen, und die Steine und Wurfſpieße mitten in den Reihen die tapferſten und unerſchrockenſten Krieger niederwarfen. Aber nicht blos von vorn und von oben her drohte ihnen der Untergang. Wie aus der Erde heraus ſtiegen von allen Seiten bewaffnete Männer, die den Zügen der Römer in die Flanken fielen, daß der Kampf bald die ganze Länge des Thales einnahm. Von hinten her drangen immer mehr Cohorten über die Höhe, und indem ſie ihre Vordermänner immer weiter vorſchoben, keilte ſich die Menge ſo eng zuſammen, daß das ſchmale Thal bald überfüllt war, und die, die in der Mitte ſich befanden, jeder Be⸗ wegung unfähig wurden. Das Morden und Niedermetzeln wurde immer allgemeiner, und der Schrecken lähmte die meiſten der rö⸗ miſchen Soldaten, daß nur hier und da die Vertheidigung eine kräftigere wurde. Urſicinus hatte den Schall der Hörner, das Kriegsgeſchrei und den Tumult des Angriffes gehört. Er ſprengte eiligſt die Höhe hinan, und überblickte von da aus den ganzen Kampſplatz. Er ſah, wie die erſten Glieder ſeines Heeres bereits die Flucht ergriffen, ſich um den Berg herum nach dem Ausgange des Tha⸗ les drängten, und ſo weit ſie nicht von den Waffen und Ge⸗ ſchoſſen der Juden getroffen wurden, die Waffen von ſich wer⸗ fend, hinaus und auseinander liefen. Die Feinde ließen offenbar dies zu, weil der Untergang der Fliehenden durch die Nachhut der Juden geſichert ſein mußte. Er ſah, daß der Kampf hier unmöglich, eine Entfaltung ſeiner Kräfte, beſonders die Anwen⸗ dung ſeiner Reiterei, keinen Raum habe. Er ließ zum Rück⸗ zuge blaſen, um hinter den unglückſeligen Höhen eine feſte Poſi⸗ 177 tion zu nehmen und dte Feinde zu erwarten. Aber nur ein ge⸗ ringer Theil derer, die vor ihm in das Thal hinabgeſtiegen, konnte zurück, denn die Feinde, die aus den Höhlen der Seitenberge in immer größerer Zahl herausgekommen, ſchnitten ihnen den Weg ab, und von vorn her drang Patrika mit ſeinen ſiegreichen Schaaren immer tiefer in den Knäuel hinein. Nur die Einzelnen wehrten ſich mit der Kraft und Gewandtheit erprobter Krieger, die Andern fielen wehrlos unter den Streichen der erbitterten Gegner. Mehr als die Hälfte des römiſchen Heeres war verloren. Nach weniger als zwei Stunden gab es im Thale nur Sieger, Todte und Ver⸗ wundete und eine kleine Zahl Gefangener. Urſicinus hatte den Reſt eine Stunde hinter das Schlachtthal zurückgeführt und hier eine wohlgelegene Höhe beſetzt. Nach dem Kriegsgebrauch der Römer umgab er den Platz ſofort mit Palliſaden und Gräben. Die ſiegenden Juden waren ihrerſeits ebenfalls über die Höhen gezogen. Aber Patrika hütete ſich wohl, einen Angriff auf das römiſche Lager zu machen, der ihm nur große Opfer und viel⸗ leicht geringen Erfolg verſprochen hätte. Seine Macht reichte auch nicht hin, das Lager ſo einzuſchließen, daß Urſicinus von keiner Seite einen Ausfall und Durchbruch hätte wagen können. Er begnügte ſich daher, das Lager ſo zu umſtellen, daß jede römiſche Streifpartie unmöglich, und Lebensmittel und Waſſer den Römern entzogen waren. Urſicinus mußte daher am andern Morgen das Lager verlaſſen und langſam in feſtgeſchloſſenen Gliedern den Rückzug antreten. Dieſen konnte er aber nur mit einem wachſen⸗ den Verluſte bewerkſtelligen. Von jeder Höhe, an der er vorüber⸗ zuziehen, fiel ein Regenſchauer von Geſchoſſen hernieder; aus jeder Schlucht, an der er paſſirte, brach unvermuthet der Feind hervor, und ſchnitt, mit Löwenmuth kämpfend, einen Theil ſeiner Truppen ab; jeder Engpaß, den er zu durchſchreiten, wurde ein 12 178 Kampfplatz, auf welchem er ſeine entſchloſſenſten Krieger zurück⸗ laſſen mußte. So kam es, daß, ehe er die Grenze Galiläa's er⸗ reicht hatte, ſein Rückzug zu einer wilden Flucht wurde, auf welcher er nur eine kleine Schaar um ſich behielt: ſein Heer war vernichtet oder aufgelöſt.. Wenn Du, Mirjam, wie Du geſagt, auf der Warte ſtandeſt, dann ſahſt Du einen Reiter über die Ebene galoppiren, der ſchon von fern fort und fort mit einem weißen Tuche wehete, dann den Berg heraufſprengte, und„Sieg! Sieg! Es lebe Patrika!“ in das Thor von Sepphoris rief. Da Du von dem Thurm eiligſt herabgeſtiegen, fandeſt Du Amnon durch das Volk vom Pferde gehoben, auf den Armen zur Pforte des Thurmes getragen, und er ruft Dir zu mit der letzten Kraft ſeiner erſchöpften Bruſt: „Heil Dir, Mirjam, Heil Patrika— die Römer ſind ge⸗ ſchlagen!“ Und da fielſt auch Du dem treuen Boten um den Hals, und zogeſt mit ihm und dem ganzen Volke in die Hallen der Synagoge, in den Pſalmen Deines erhabenen Ahns den Dank zum„Herrn des Krieges“ hinaufzujubeln. 18. Die Kunde von dieſem Siege fand einen lauten Wiederhall nach Innen und Außen. Jetzt erſt hatte der Aufſtand einen be⸗ ſtimmten Charakter angenommen. Die galiläiſchen Iuden waren voll Siegesjubel; in immer größerer Zahl eilten die jungen Männer zum Heere Patrika's, das ſich bald verdoppelt ſah. Er ſelbſt ſandte neue Boten zum perſiſchen Heere, un die Siegesnachricht zu hinterbringen und ſich ſchleunige Hülfe zu erbitten. Aber gerade von hier aus wurde ihm immer mehr die Gewißheit, daß nicht darauf zu rechnen ſei, und die perſiſchen Glaubensbrüder theilten ihm offen mit, daß ſie ihn außer mit ihren lebhafteſten Wünſchen nur mit Geldmitteln unterſtützen könnten, die ſie ihm auch reichlich zukommen ließen. Im ganzen römiſchen Reiche machten die Nochrichten aus Galiläa das größte Aufſehen, hatten aber keine Wirkung, welche den befreiten Juden günſtig geweſen wäre. Patrika hatte Send⸗ ſchreiben an ſeine Stammesgenoſſen in allen weſtlichen Ländern erlaſſen, in welchen er alle die Umſtände, all den unerträglichen Druck, alle die Gewaltthätigkeiten ſchilderte, die ſie zu ertragen gehabt, und welche den Aufſtand unvermeidlich gemacht. Er for⸗ derte ſie darin auf, das freie Galiläa als ihren nunmehrigen Mittelpunkt anzuſehen, dahin ihre Söhne zu ſenden, um an der Wiederherſtellung eines freien und ſelbſtändigen Juda Theil zu nehmen; er verhieß, daß Alle, die ihre Zuflucht dahin nähmen, 180 freudig aufgenommen würden, und ein Aſyl für alle leidenden und gedrückten Brüder hergeſtellt werden ſollte. Dieſe Schreiben machten keinen Eindruck. Selbſt das Erlöſchen des Patriarchats und die gewaltſame Auflöſung des großen Sanhedrin gingen vorüber, ohne eine tiefere Aufregung zu bewirken. Zu lange waren die zerſtreuten Haufen bereits vom Lande der Väter ent⸗ fernt, hatten ſich zu ſehr gewöhnt, in ihren Gemeinden für ſich zu leben, in die Verhältniſſe ſich zu ſchicken und ſo gut es ging, zu beſtehen, als daß ſie an dem Geſchicke ihrer galiläiſchen Brü⸗ der einen thatkräftigen Antheil genommen hätten: der Verbindungs⸗ draht fehlte, der den elektriſchen Schlag aus dem Herzen Aſiens zu den weſtlichen Küſten des Mittelmeeres hätte führen können. Der große, weitgeſtreckte Körper des jüdiſchen Volkes hatte bereits den Prozeß der Zerſetzung durchgemacht. Der Organismus war zerfallen. Aber ſo groß war die Lebenskraft in dieſem merk⸗ würdigen Menſchenſtamme, daß ein jeder einzelne Theil, wie und wo er ſich fand, ſich zu einem Ganzen für ſich organiſfirte, und einen Körper voll Lebens, voll Ausdauer und Entſchiedenheit bildete, in welchem, ſo weit die Verhältniſſe es geſtatteten, das frühere Daſein ſich ausprägte im Kleinen und Einzelnen. Eine glückliche Veränderung, welche die Bürgſchaft des Fortbeſtandes in ſich trug, aber für das Ganze keine Begeiſterung und keine Thatkraft zurückließ. Ja, noch mehr. Die jüdiſchen Gemeinden im römiſchen Reiche befürchteten von dem galiläiſchen Aufſtande einen Rückſchlag auf ſich ſelbſt von den traurigſten Folgen. Je heftiger jener war, je ſtärker der Widerſtand, je größer der augen⸗ blickliche Erfolg, ein deſto größerer Haß würde gegen ſie entſtehen und von Seiten der herrſchenden Parteien in Druck und Ver⸗ folgung ſich äußern. Die Leiden ihrer Brüder erweckten jetzt, wo dieſe ſich zu energiſchem Widerſtand hatten hinreißen laſſen, kein 181 Mitgefühl; war man doch ſchon zu ſehr gewöhnt, bald von dieſem, bald von jenem Orte her Aehnliches zu hören. So kam es, daß die Sendſchreiben Patrikas entweder gar nicht oder durch heftige Abmahnungen und ſelbſt bittere Vorwürfe beantwortet wurden, und im Laufe der Zeit bei dem römiſchen Hofe von allen Seiten Ergebenheitsadreſſen, Verſicherungen der Treue und Anhänglichkeit eingingen, durch welche die jüdiſchen Gemeinden die von ihnen befürchteten harten Maßregeln gegen ſich abwenden wollten. Nur aus den nächſten ſyriſchen Städten langten einige begeiſterte Jünglinge in Sepphoris an, welche Herz und Arm der Sache der Freiheit leihen wollten. Patrika und die Führer der Erhebung wurden von dieſen Erfahrungen tief betroffen, aber dem Erſteren kam es doch nicht unerwartet. Mirjam, welche von ihrem klar ſchauenden Vater in das Geheimniß, das tief in der Exiſtenz des jüdiſchen Stammes verborgen liegt, genugſam eingeweiht worden und die vielfachen Erfahrungen entgegengenom⸗ men hatte, die der Greis in ſeinen letzten Jahren zu machen Gelegenheit gehabt, hatte ihm den Erfolg vorausgeſagt, ohne ihn damit abmahnen zu wollen, ſeiner Pflicht nachzukommen, die ihm den Erlaß jener Sendſchreiben gebot. Dahingegen wurde römiſcherſeits eine große Thätigkeit ent⸗ wickelt. In Tyrus waren der Cäſar Gallus, der Feldherr Ur⸗ ſicinus und der Abtrünnige Joſeph verſammelt, um die kräftigſten Maßregeln zu ergreifen, die Galiläer zu unterwerfen. Zunächſt wurden von allen Seiten die tapferſten Legionen und alle Kriegs⸗ bedürfniſſe in großer Menge zuſammengezogen. Aus Griechen⸗ land, Thracien und Egypten wurden alle entbehrlichen Truppen auf's Schlennigſte herbeibeordert; der alte Haß der Syrer gegen die Juden flammte noch einmal in die Höhe, und große Maſſen derſelben ſtellten ſich dem römiſchen Feldherrn zu Gebote. Was 182 dieſer Haß nicht vermochte, das übernahm der religiöſe Fanatis⸗ mus, der den Arm der chriſtlichen Bevölkerung gegen die Juden doppelt belebte, ſeitdem ſie es gewagt, ihren Bedrückern mannhaft entgegen zu treten. Monde waren vergangen, die Perſer längſt über den Tigris zurückgezogen, die Regenzeit nahte ihrem Ende. Die Kriegs⸗ rüſtungen waren beendet. Ueber 60,000 Streiter erwarteten die Befehle des Urſicinus. Dieſer hatte ſeinen Feldzugsplan mit Hülfe jener ſeiner Genoſſen wohl entworfen. Seine Abſicht war, die Streitkräfte der Juden zu zerſplittern, und Uneinigkeit, ja Zwietracht unter ſie zu bringen, jede Feldſchlacht, in welcher das gebirgige Terrain und der Ungeſtüm der Feinde ihm Nach⸗ theil bringen konnten, ſorglich zu vermeiden, dann die vereinzelten Heerhaufen der Gegner in die Städte einzuſchließen und dieſe auf immer unſchädlich zu machen. Er trennte daher ſein Heer in vier Abtheilungen, welche von verſchiedenen Seiten in die auf⸗ ſtändiſche Provinz einrücken ſollten. Den drei kleinerern ſtellte er ſeine zuverläſſigſten Befehlshaber an die Spitze, während er ſelbſt den ungleich ſtärkeren vierten Heerhaufen, der über 30,000 Mann züählte, befehligte. Mit dieſem wollte er von Süden her über Nazareth gegen Sepphoris ziehen, während die eine Abthei⸗ lung von Tyrus gegen Safed, die zweite von Akko gegen Tiberias, die dritte von Ekdippa gegen Gabara marſchiren ſollte. Dabei erließ er die gemeſſenſten Befehle, daß ſie nur langſam und unter Beobachtung der ſtrengſten Kriegszucht vorrücken ſollten. Alle dieſe Heeresabtheilungen ſollten je nach ihrer Entfernung vom Kriegsſchauplatze ſo ausrücken, daß ſie zur ſelben Zeit in Galiläa erſchienen und in unzweideutiger Weiſe die Plätze bezeichnen würden, welche ſie bedrohen ſollten. So ſehr ſich Patrika, und mit ihm die Führer und das 183 geſammte Volk auf einen außerordentlichen Kampf vorbereitet hatten, und ſelbſt bei den Nachrichten über die außerordentlichen Kriegsrüſtungen muthig entſchloſſen geblieben waren: ſo machten doch die Botſchaften, welche ihnen das Erſcheinen des Feindes an ſo vielen Punkten und mit ſo überlegenen Streitkräften auf einmal verkündeten, einen großen und verwirrenden Eindruck. Von allen Punkten des Landes trafen dieſe, Stunde auf Stunde, und mit ihnen die Forderungen an Patrika, Hülfe zu ſenden, zuſam⸗ men. Denn nicht allein jene Zielpunkte, welche der Marſch der römiſchen Heerhaufen als ſolche bezeichneten, ſondern auch alle davor liegenden Ortſchaften, die jener berühren mußte, ſandten ihren Hülferuf ein. Patrika ſuchte nun vor Allem aus dieſen vielen verworrenen Nachrichten ein klares Bild von den Entwürfen und Abſichten des Feindes ſich zu machen, und dies war um ſo wen'ger ſchwierig, je vollſtändiger die Mittheilungen waren und je weniger Urſicinus ſeinen Plan hatte verbergen, ſondern viel⸗ mehr durch deſſen Offenlegung die Juden ſchrecken und verwirren wollen. Die letztere Abſicht gelang vollkommen, denn einerſeits mußte Patrika einſehen, daß ſeine Streitkräfte nicht genügten, den vier Heeren der Römer hinlängliche Maſſen entgegen zu ſtellen, anderſeits verlangte jeder Ort, daß vorzugsweiſe Patrika zu ſeiner Rettung herbeieile, und daß jedenfalls ſeine Mann⸗ ſchaft nach Hauſe zur Vertheidigung zurückkehre. In dieſer ſchwie⸗ rigen Lage faßte er den Entſchluß, auf keine Einreden zu hören, ſoudern dem Plane des Urſicinus dadurch die Spitze abzubrechen, daß er mit ſeiner ganzen Mannſchaft dieſem entgegentrete und wo möglich einen Sieg über ihn erringe, wodurch dann die übrigen römiſchen Abtheilungen von ſelbſt aufgehalten werden würden. In überraſchender Weiſe rückte er daher ſchon am folgenden Morgen nach Süden ab, und marſchirte ſo ſchnell, wie er konnte, 184 über Nazareth, erreichte den Gebirgszug des kleinen Hermon, und beſetzte deſſen ſüdliche Abhänge, um dem Urſicinus den Weg zu verlegen, und ihn zu einem Kampfe zu zwingen. Aber er hatte ſich verrechnet. Langſam und mit den außerordentlichſten Vorſichtsmaßregeln zog der römiſche Feldherr von Jeſreel her⸗ auf, und als er die ſichere Kunde von der Beſatzung des Gebirges durch Patrika erhalten hatte, lenkte er links ab und in die Ebene Esdraelon hinein, umging das Gebirge, und drohte Patrika von Sepphoris abzuſchneiden. Vergebens ſandte Patrika Streifpar⸗ teien ab, welche die Römer zum Kampfe aufreizen und in eine Schlacht hineinziehen ſollten. Die Römer blieben in ihren ge⸗ ſchloſſenen Gliedern, oder rührten ſich nicht in ihren umwallten Nachtlagern, und— Patrika mußte an den Rückzug denken, bevor es zu ſpät würde. Er gedachte nun, ſich zwiſchen Nazareth und Sepphoris zu werfen, und daſelbſt ein verſchanztes Lager zu bilden. Aber es waren hierüber viele Tage vergangen, und die andern römiſchen Heere waren ihren Beſtimmungsorten immer näher gerückt, die Schwärme des aufgebotenen Volkes, die ſich ihnen entgegen geſtellt, vor ſich her treibend. Da kamen die Nothrufe immer dringender bei Patrika an, und die Boten ver⸗ handelten mit den Männern aus ihren Orten, und drangen in ſie nach Hauſe zurückzukehren, um ihre Frauen und Kinder, ihre Eltern und Geſchwiſter zu vertheidigen. Und ob Patrika wollte oder nicht, in jeder Nacht verließ ein Haufe ſein Heer, um nach Safed oder Tiberias, nach Gabara oder ſonſt einem Platze zu eilen, und die Mauern zu vertheidigen, hinter denen ihr Theuer⸗ ſtes geborgen war. Patrika konnte es nicht verhindern, ſein Heer ſchmolz zuſammen, die fünfmal überlegene Armee des Urficinus drückte und drängte auf ihn, ohne ihm auch nur die geringſte Gelegenheit zu geben, ſeinen Heldenmuth an ihr zu 185 erproben, und ſo ſah auch er ſich gezwungen, ſich in Sepphoris einzuſchließen. Der Plan des Römers war vollſtändig gelungen, und es kam nun darauf an, die Feſtungen zu brechen, um die Juden Galiläas dem gänzlichen Verderben anheimzugeben. 19. Mirjam ging unruhig in dem Gemache auf und ab, welches ſie jetzt im Caſtell von Sepphoris bewohnte. Es war dasſelbe Gemach, in welches Joſeph der Abtrünnige ſie zuerſt gebracht hatte, aber in ganz veränderter Ausſtattung und koſtbar verziert. Ob Patrika dasſelbe mit Abſicht für ſie gewählt, um ſie für jeden Fall in der Nähe des unterirdiſchen Ganges zu haben? Niemand geſteht ſich gern böſe Ahnungen ein, aber handelt mit mehr oder weniger Bewußtſein nach ihnen. Jedenfalls hatte er durch Amnon, den Zimmermann und einige Vertraute den Haupt⸗ gang, in welchen von Amnon's väterlichem Haufe der Seitenein⸗ gang mündete, weiter verfolgen, reinigen und wo es Noth that, wieder herſtellen laſſen; und es hatte ſich gefunden, daß derſelbe weitab von der Stadt in eine abgelegene Felsſchlucht führte, welche von oben her durch den jähen Abfall der Wände unzu⸗ gänglich ſchien und jetzt im langen Laufe der Zeit, wo der Gang nicht betreten und unbekannt geworden, mit dichtem Dornengeſtrüpp erfüllt war. Sie hatten dieſes vorerſt unberührt gelaſſen, damit nicht einmal der Zufall den ſchwer aufzufindenden Eingang einem Unberufenen entdecken möge. Außerdem hatte Patrika in einigen oben ſchon erwähnten Seitenhöhlungen einen bedeutenden Vorrath von Lebensmitteln, Werkzeugen, Waffen und Fackeln niederlegen, laſſen, um im unglücklichſten Falle eine Flucht oder gar einen längeren Aufenthalt hier im Innern der Erde zu ermöglichen. Mirjam war von lebhafter Unruhe beſeelt. Bald ließ ſie 187 ſich auf einen Divan nieder, ſtützte das ſchöne Haupt ſinnend in die Hand; dann wieder wie von einem Gedanken ergriffen, ſprang ſie auf und maß das Zimmer mit ihren Schritten. Durch die Stille um ſie her drang von draußen mancherlei Getöſe, dem ſie dann und wann ihr Ohr aufmerkſam lieh, ſich aber bald wieder abwendend und ihren Gedanken ſich überlaſſend. Kriegs⸗ geſchrei des Angriffs wie der Abwehr, Schmerzensruf von Ver⸗ wundeten, das Ziſchen der Wurfgeſchoſſe, das Dröhnen gewalti⸗ ger Steine, die an die Mauern prallten und dann ſchmetternd niederſtürzten, alles dies erſchallte vereinzelt herein, bald lauter, bald ſchwächer, bald von ferne oder von nahe. Da öffnete ſich die Thüre des Zimmers, und herein trat Patrika langſamen, wenn auch feſten Schrittes, mit der Rechten auf Amnon geſtützt. Sein Antlitz war bleich, aber es lächelte dennoch Mirjam entgegen, als ſie von dieſem Anblick betroffen, mit einem Angſtruf ihm entgegenſtürzte:„Um Gott, Patrika, was iſt Dir?!“ „Sei ruhig, theures Weib, es iſt nichts, es hat gar nichts zu bedeuten; ein Pfeil hat mir das Fleiſch am rechten Arm etwas aufgeſchlitzt, und da wir eben einen heftigen Angriff abge⸗ ſchlagen, will ich einige Stunden bei Dir ruhen. Reiche mir einen Trunk Weines.“ Damit hatte er mit ſeiner Linken ihren Arm ergriffen, und ließ ſich von ihr zum Divan geleiten. Mirjam blickte Amnon an, aber ſchon aus dem heitern Ge⸗ ſichte des treuen Freundes las ſie heraus, daß ihr Gemahl die Wahrheit geſprochen.„Es iſt ſo, Mirjam,“ hob er an,„aber was Dir Patrika verſchweigt, iſt, daß er von ſeiner, an ſich nicht bedeutenden Wunde ſich nicht abhalten ließ, fortzukämpfen und des rinnenden Blutes nicht achtend, den Arm im Streite ſo lange gebrauchte, bis dieſer zu Ende, aber auch der Blutverluſt ſo 188 ſtark war, daß eine fühlbare Schwäche ihn überkam und ihn nöthigte, ſich meiner Hülfe zu bedienen, um hierher zu gelangen. Darüber magſt Du ihm immerhin eine Strafpredigt halten.“ Patrika drohte dem Freunde mit der Hand, und erwiederte lächelnd:„Das fehlt noch; bring mir keinen Streit hier herein, Amnon, wir haben deſſen draußen genug; bei meiner Mirjam will ich Friede haben. Geh Du nur wieder hinaus, mein Am⸗ non, auf Deinen Poſten; dann bin ich ruhig, während ich hier verweile.“ Amnon ging. Aber ſchon hatte Mirjam den Aermel von Patrika's Arm abgeſtreift und den leichten Verband abgenommnen, der ihm draußen um die Wunde angelegt worden. Die letztere klaffte bedeutend, aber ſchien nicht tief. Ein kühlender Balſam und eine feſte Binde thaten Patrika wohl und in kurzer Zeit war er, auf den Divan zurückgelehnt, entſchlummert. Mirjam ſaß neben ihm, den Blick unaufhörlich auf ſein Angeſicht gerich⸗ tet, wie wenn eine Mutter den Schlaf ihres kranken Kindes be⸗ wacht, ihre Lippen bewegten ſich zu leiſem Gebet, und dann und wann ſtahl ſich eine Thräne aus ihren glänzenden Augen. Ach, ſie liebte ihn ſo ſehr.... Plötzlich ſchlug er die Augen auf und blickte ſeiner Gattin ins Angeſicht. Er erhob ſich.„Wie, theure Mirjam, Thränen in Deinem Antlitz? Was iſt Dir, was bewegt Dein Gemüth ſo ſehr?“ „Ach, Patrika, zürne nicht Deinem ſchwachen Weibe. Ich überwinde es ſchnell wieder. Aber dieſe ununterbrochenen Kämpfe. dieſe unermeßlichen Anſtrengungen, wohin werden ſie führen? Wann und wie werden ſie enden! Sechs Wochen ſind bereits verfloſſen, ſeitdem der Römer dieſe Mauern umlagert, und nicht Tag und nicht Nacht den bedrängten Vertheidigern Ruhe läßt....“ 189 Patrika ergriff die Hände Mirjams.„Nun, meine Mirjam, fehlte es uns an Erfolg? Sind die Römer einen Fuß breit weiter gekommen? Sind wir einen Fuß breit zurückgewichen? Und wenn wir ſo manchen braven Streiter für Gottes und ſeines Volkes Sache verloren, haben wir es den römiſchen Söldnern nicht zehnfach zurückgezahlt, daß bereits tauſende ihrer Leichen in den Schooß unſerer Erde ſanken?“ „Ja, und der Heldenmuth eurer Vertheidigung wirb in der Geſchichte unſres Volkes ſicher eine glänzende Seite füllen. Aber wer uns entriſſen wird, der fehlt uns für immer, während ſtets neue Schaaren in das feindliche Lager rücken und jeden Verluſt ſchnell wieder erſetzen. Müſſet ihr nicht endlich unter der Laſt dieſes Kampfes, unter der Ermüdung der unaufhörlichen Wachſam⸗ keit erliegen, daß das Schwert aus der erſchlafften Hand zu Bo⸗ den ſinkt, wäh das Herz noch kampfesmuthig ſchlägt?“ „Nicht ſo; Mirjam, Du ſiehſt es trüber an, als nothwendig iſt. Unſere Zahl iſt noch groß genug, ſo groß, daß ich heute die Verfügung getroffen, ſämmtliche Mannſchaft in zwei Abtheilungen zu bringen, von denen die eine, die Jüngeren und Stärkeren be⸗ faſſend, nach je zwei Tagen einen Tag, die zweite, einen Tag um den andern ruhen ſoll, und für die Nächte die eine mit der andern abwechſeln. Nur, wenn die Gefahr dringend, ſoll ein be⸗ ſtimmtes Alarmzeichen Alle auf die Mauern rufen. So denke ich, wird jeder Erſchöpfung vorgebeugt. Auch ſind ſie noch Alle guten Muthes, und wehe Dem, der nur ein Wort von Ergebung ſpräche! Dieſe Einmüthigkeit, dieſe unbegrenzte Hingebung, ſie iſt es, welche die Hoffnung in mir nährt, und meine Zuverſicht nicht wanken läßt.“ „Aber wie, theurer Gatte, fuhr Mirjam fort, ich ſtieg heute auf die Zinne dieſes Thurmes, und da gewahrte ich wohl, daß die Feinde 190 Fortſchritte gemacht. Sie haben ihre ſchrecklichen Werkzeuge, die eiſen⸗ beſchlagenen Widderköpfe, die hohen, gewaltigen Thürme bis an un⸗ ſere Mauer gebracht. Alſo umſonſt waren eure ſiegreichen Ausfälle; vergebens habt ihr die Gerüſte ihrer Belagerungswerke verbrannt und zerſtört; ſie haben andere errichtet, von deren Eiſenpanzern die Fackel und die Axt abprallen. Und ich gewahrte, wie die Mauer bereits er⸗ ſchüttert und voll Riſſe iſt; die großen Sand⸗ und Wollſäcke, die ihr gegen die Widder an den Mauern herunterließet, haben deren Wirkung und die Wucht ihrer Steingeſchoſſe nicht abhalten kön⸗ und die Mauer wird eheſtens zuſammenbrechen.“ „Du haſt recht geſehen, Mirjam. Aber blickteſt Du nicht auch rückwärts? Saheſt Du nicht, wie wir einen Gürtel von Häuſern hinweggeräumt, und eine zweite ſtärkere und höhere Mauer aus den Beſtandtheilen jener aufgerichtet haben? Laß ſie nnr einſtürzen, dieſe erſte Mauer— wenn ſie nach ſchwerem, blutigem Kampfe durch die Breſche eingebrochen ſein werden, werden die Tyrannenknechte am Fuße des zweiten Bollwerks ſtehen und erfolglos zurückweichen....“ „Ha,“ rief Mirjam aus,„Du und Juda ſind groß und des Sieges würdig.... Aber wenn auch dieſe Mauer dasſelbe Schickſal ereilt, denn Urſicinus kann und wird nicht ablaſſen, was ſoll deſſen das Ende ſein?“ „Sei nicht ſo ſchwachmüthig, Mirjam, was iſt Dir heute, Dir, die mir ſonſt nur mit freudigem Muthe entgegentritt und mit dem holden Lächeln ihres Mundes mir verkündet, daß Du mit uns zufrieden biſt und Dein Geiſt des Schwunges nicht entbehrt, der ſich über die dunkeln Wolken des Tages zum hellen Sonnenlicht einer beſſern Zukunft zu erheben vermag? Hat Dich die leichte Schramme an meinem Arme ſo hart getroffen, ſo ſchwer niedergedrückt? Ei, Dich hat das Glück verwöhnt. Weil 191 ich bis heute unverſehrt aus allen Kämpfen in Deine Arme zu⸗ rückgekehrt bin, ſchreckt Dich der erſte Tropfen Blutes, der den rollenden Wogen in meinen Adern entzogen wird, bis zum Ver⸗ zugen? Nicht doch, jetzt erſt beweiſe, daß Du das Weib eines Feldherrn biſt, der nicht ohne Erfolg den Schreibeſtift mit dem Schwerte und die Waarenniederlage mit dem Schlachtfelde und den Mauern vertauſcht hat. Wenn auch die zweite Mauer gefallen, ſo werden wir die dritte errichtet haben, und dieſe Stadt iſt groß genug, um noch auf Jahre hin Raum zu neuen Bollwerken zu bieten. Vor Allem vergiß aber nicht, daß wir noch Einen Bun⸗ desgenoſſen haben, der ſeine Hülfe zur rechten Zeit ſenden wird! Hat er uns nicht vor drei Tagen, für dieſe Jahreszeit wunderbar genug, die ſtarken Regenwetter geſchickt, die alle unſere Eiſternen wieder bis an den Rand gefüllt? Dies ſei uns eine Bürgſchaft für Mehr und Größeres. Einſt lagen hundert Tauſende der Aſſyrer um die Mauern Jeruſalems, und in Einer Nacht ſah Sanherib ſeine Heere vor dem Schwerte des göttlichen Boten, vor der mörderiſchen Seuche hinfallen. Hoffen wir auf ihn! Wir kämpfen für ſeinen Glauben, und dieſer Glaube ſollte uns nicht ſtärken und aufrecht erhalten? Noch ſind wir geſund und ſtark, noch unſre Vorräthe unermeßlich, warum ſollten wir ver⸗ zagen? Laß nur die Zeiten der Stürme und des Regens wieder kommen, daß ſie nur unter ihren Zeltdächern vom eiſigen Nordwind, der von den Eisgipfeln des Libanon herunterſtürzt, von den Fluthen des Himmels, die aus dem Schoße der Wolken hernie⸗ derſtrömen, betroffen werden, und das Anſehen unſerer Lage wird ſich ändern. Dann zur rechten Zeit hinaus geſtürzt und mit den Tatzen der Löwin, die ihre Jungen vertheidigt, in die geſchwäch⸗ ten Glieder des verhaßten Feindes hineingegriffen— und der Sieg wird unſer ſein und wir wieder frei!“ 192 Die Begeiſterung Patrika's drang auch in Mirjam's Seele ein. Das Feuer ſeiner Augen zündete auch die Flamme ein den ihrigen wieder an. Sie blickte voll Bewunderung in ſein ſchönes, männliches Antlitz, das von Kampfesmuth und Siegesfreude ſich wieder höher geröthet und ihr ſo anmuthig entgegenleuchtete, als ob jede Fiber desſelben ihr ſagte: ſiehe, ich kämpfe ja nur für Dich, und all mein Triumph gehört Dir, und meine Liebe iſt der Sieg und kann nichts Anderes ſein! Aber noch ein Mal ſenkte ſich ihr Haupt, und mit zögernder Stimme ſprach ſie: „Vergieb mir, theurer Partrika, ich ſollte wohl eigentlich vor Dir ſchweigen, daß ich Deinen erhabenen Geiſt nicht herunterzöge in den niedern Kreis weiblicher Angſt und Beſorgniß. Aber Du haſt mir ſtets geboten, Dir Alles zu ſagen, was mir im Herzen lebt, und Dein Gebot iſt mir heilig, daß ich Dir nichts ver⸗ ſchweigen kann. Was mich ſo ſchwer bedrückt, und mich in dieſen fieberhaften Schrecken verſetzt hat, das iſt die Flammenſäule, die in voriger Nacht den nördlichen Himmel ſo furchtbar durch⸗ glühte, daß ihr Wiederſchein bis in die Fenſter dieſes Thurmes drang.... ich habe ſie geſehen, ſtundenlang wuchs und wuchs ſie an, bis ſie rieſenhaft in das Herz des Himmels zu dringen ſchien, immer weiter und weiter dehnte ſie ſich aus, als ob ſie den ganzen Rand der Erde verzehren wolle.... Ich weiß es wohl, es war das brennende Safed, das mit Flammenſchrift in die Wolken zeichnete: Safed, das hohe, große, weisheitsvölle Safed iſt nicht mehr!... Und wie wird es Tiberias ergangen ſein? Hinter den Höhen verborgen, kann es uns ſeine Zeichen nicht ſichtbar machen, und mir nicht verkünden, ob die Stätte meiner Kindheit und Jugend, ob das Haus meiner Väter noch beſteht.... was mag der liebliche See unterdeß an den Ufern N 193 ſeines blauen Spiegels geſehen haben?!....“ Mirjam bedeckte mit ihren Händen ihr kummerdurchzogenes Antlitz. Patrika ſeufzte tief auf.„Auch ich will Dir nichts verbergen, theures Weib. Ich würde Dich minder achten, wenn ich dies für nothwendig halten müßte. Safed iſt nicht mehr; geſtern früh fiel es durch Verrätherei von Samaritanern, welche die thörichten Führer gegen meinen ausdrücklichen Willen in der Stadt zurück⸗ gelaſſen hatten. Aber auch Tiberias iſt nicht mehr unſer. Der abtrünnige Joſeph, der die Schwächen dieſer Stadt nur zu genau kannte, führte die Feinde nächtlicher Weile auf hunderten von Barken an eine vernachläſſigte Stelle des ſchwachbefeſtigten Ufers, und ſo drangen die Römer hinein, haben aber die Stadt ſelbſt auf Befehl des Gallus verſchont.... So ſind es allerdings Gabara und Sepphoris allein, welche, hoch auf ihren Berges⸗ ſpitzen dem Römer widerſtehen und mit Gott für immer wider⸗ ſtehen werden! Nun, Mirjam, wir ſind unſchuldig an dem Blute unſeres Volkes, das in Strömen den Boden unſrer Väter tränkt. Nicht ich, nicht dieſe und jene haben den Aufſtand gemacht und die Erhebung unſres Volkes bewirkt. Dieſes ſelbſt hat ihn gemacht, unſre Feinde haben ihn mit tauſend teufliſchen Künſten in's Leben gerufen. Wir können mit ruhigem Bewußtſein in die Feuerflammen und auf das Mordfeld blicken. Und was thuts? Bleiben wir nur an dieſem einen Fleck Erde beſtehen, hält nur Sepphoris ſeine Bergkrone hoch in der Höhe: mit dem erſten Schritt aus ſeinen Thoren wieder, gehört auch das Land wieder uns, und ſeine Städte und Flecken füllen ſich wieder mit rüſtigen und ſchaffenden Menſchen, die den Einig⸗Einzigen rühmen als den Gott des Sieges und des Friedens!.... Darum friſch und muthig beim Werke! Nur der Fuß, füllt in 13 194 die Schlinge; und der Arm, der die Hand ſinken läßt, wird von der Feſſel umſchlungen!“ Und mit dieſen Worten umſchlangen die Arme Patrikas ſein Weib, und ſie legte ihr Haupt an ſeine Bruſt, und ihr Mund fand den ſeinen, und in einem heißen Kuſſe ſagten ſich ihre Seelen: wir ſind Eines, und was uns beſchieden, es findet uns bei einander und gehört uns geciſan an, ſei es Sieg, ſei es Untergang! ——— 20. Wunder der Tapferkeit von beiden Seiten! Die Mauer der Stadt war an verſchiedenen Stellen einge⸗ ſtürzt. Als aber die Römer nach einem furchtbaren Kampfe durch die Breſchen eingedrungen, ſahen ſie ſich zu ihrem Entſetzen vor einer breiten Fläche, einem tiefen Graben und einer neuen höheren und ſtärkeren Mauer, die um ſo ſchwerer zugänglich war, als das Terrain der an dem Berge hinangebauten Stadt aufwärts ſtieg. Muthloſigkeit überfiel alle Feinde von Sepphoris; kaum daß ſie ſich überwanden, ſich in den Breſchen feſtzuſetzen und aus der eroberten Mauer eine Vertheidigungslinie zu machen. Urſicinus tobte und raſte, denn er ſah ſich jetzt noch nicht viel weiter gekommen, als er zu Anfang der Belagerung geweſen. Aber es kam für ihn ein noch härterer Schlag hinzu. Bei der Rückkehr vom Sturme fand er zwei Depeſchen vor. Die eine meldete ihm den Tod ſeines eifrigſten Beſchützers, des Cäſars Gal⸗ lus. Der eitle, eiferſüchtige und tückiſche Kaiſer Conſtantins hatte das große Anſehen, welches Gallus in allen öſtlichen Provinzen des Staates ſich erworben, lange ſchon mit Mißmuth wahrgenommen. Bald bildete er ſich ein, daß Gallus nach der Alleinherrſchaft ſtrebe. Iſt in einem Despoten der Verdacht erſt rege, ſo wird er von den Kreaturen, die ihn umgeben, ſchnell erlauſcht und ſorgfültig genährt. Jeder Schritt, jedes Wort des Gallus, von Spionen aufgefangen, wurde als ein Zeichen ſeiner verbrecheriſchen 196 Abſichten dem Kaiſer hinterbracht, und dieſer beſchloß, ihn aus dem Wege zu räumen. Der Befehl kam von Rom, und der Mitkaiſer fiel durch das Schwert. Urſicinus war wie vom Donner gerührt.„Gallus todt, vom kaiſerlichen Meuchelmörder gemordet!“ rief er aus,„o Urſicinus, was wird dann Dein Schickſal ſein?!“ Er öffnete mit zitternder Hand die andere Depeſche. Sie war an ihn von Rom ſelbſt datirt, und befahl 6 ihm bei der höchſten Ungnade, die Einnahme Sepphoris ſofort zu bewerkſtelligen, da jede Verzögerung bei dem großen Heere, das man ihm bewilligt, und bei der Verächtlichkeit und Gering⸗ fügigkeit der Gegner als böſer Wille angeſehen werden würde. Es wurde ihm deutlich zu verſtehen gegeben, daß die ſchlechten Er⸗ folge des Feldzuges in Meſopotamien, der Verluſt Amida's, ebenſo wie der Aufſtand der Juden nur ihm und ſeinem Verfahren zu⸗ geſchrieben wurden. Nur der ſchnellſte Sieg könne ihn retten, ſonſt würde ihm alsbald der Prozeß gemacht werden. Eine unſägliche Bitterkeit erfüllte die Seele des wilden, aber tapfern und erfahrenen Feldherrn. Dies war alſo der Erfolg . eines unter Kämpfen und Strapazen vollbrachten Lebens; dies der Lohn Roms für tauſendfache geleiſtete und mit dem eigenen Blute vollbrachte Dienſte! Hinter all' den Kämpfen und Siegen, der wiederholten Rettung des Reiches aus den drängendſten Ge⸗ fahren drohte ihm das Henkerſchwert!.... Da erwachte in ihm aus der Tiefe des Unmuths leiſe die Frage, ob er nicht oft genug allzuviel gethan? Ob er dieſem Rom, dieſem eitlen und grauſamen Kaiſer nicht das Leben und Glück zahlloſer Menſchen geopfert? Die Schatten Tauſender von Menſchen, die ſein Befehl weit über die Grenze der kriegeriſchen Nothwendigkeit hinaus hin⸗ geſchlachtet, das Feuermeer von hundert zerſtörten Städten, die er ſeiner Soldateska übermüthig preisgegeben, umringten ſein nächt⸗ 197 liches Lager, und wieſen als gerechte Vergeltung auf ſeinen Sturz und Tod in naher Zeit hin. Doch mitten durch die Qualen ſeines Geiſtes hindurch mußte zu einem Eutſchluſſe gekommen werden. Er wollte einen Verſuch anderer Art machen, und er ließ Joſeph den Abtrünnigen rufen. Am andern Morgen trat ein Kriegstribun als Parlamentair vor die neue Mauer der Stadt, mit einer weißen Standarte verſehen. Patrika wurde zur Stelle gerufen und bewilligte eine Unterredung für Den, welchen Urſieinus ſenden werde. Zu dem Ende wollte auch er eine weiße Wimpel auf der Mauer auf⸗ ſtellen laſſen, und behielt ſich vor, zu jeder Zeit durch das Herab⸗ laſſen der Wimpel die Unterredung abbrechen zu dürfen, und dann noch eine Viertelſtunde für die Entfernung der römiſchen Abge⸗ ſandten vorübergehen zu laſſen. Die weiße Wimpel erhob ſich in die Luft, das neugierige Volk von Sepphoris verſammelte ſich auf der Mauer, ſo weit dieſe Raum dazu bot. Plötzlich erſchien auf dem Raume zwiſchen der alten und neuen Mauer— Joſeph der Abtrünnige in einem koſtbaren Prieſtergewande und machte das Zeichen, ſprechen zu wollen. Sowie das Volk ihn erblickte, ſchrie es:„Nieder mit der Wimpel! Wir wollen ihn nicht hören, den Verräther, den Mörder des Patriarchen!“ Drohende Geberden zeigten ſich überall, und leicht hätte es zu Thätlichkeiten kommen können. Aber Patrika gebot mit Donner⸗ ſtimme Ruhe; ſie ſollten ihn anhören und antworten, damit der Römer erkenne, daß die Vertheidigung von Sepphoris die freie That freier Männer ſei, daß hinter den Mauern dieſer Stadt kein Zwang, keine Gewalt geübt werde. Man gehorchte ihm, und die wildbewegte Woge des Volksgrimmes legte ſich allmälig, es ward Stille, daß jedes Wort auch in weiter Entfernung gehört werden konnte. 198 „Männer von Sepphoris!“ hob Joſeph an,„hört auf meine Worte. Wer euch geſagt, daß ich euch haſſe, der hat das Gift der Lüge in eure biedern Herzen geträufelt. Ja, ich liebe euch, meine Brüder in Judo, liebe euch mehr als alle die, welche euch zu den Werken des Krieges aufgeſtachelt, für die ihr nicht beſtimmt ſeid, und die euch an den Rand des Verderbens bringen. Aber ich verſtehe meine Liebe anders, und wünſche das Glück des Friedens euch zurückzubringen, dem ihr entflohen ſeid und das euch geflohen. Darum höret auf mein Wort. Genng ſind der Gräuel geſchehen. Sehet ihr nicht zahlloſe Leichen den Vögeln des Himmels und dem Gewilde des Feldes zum Fraße hinge⸗ worfen? Eure Städte ſind zu Trümmern geworden, auf euren Feldern wachſen Dornen und Diſteln, eure Straßen ſind verödet, und ſelbſt das Getümmel des Krieges hat ſich von ihnen zurück⸗ gezogen— ihr allein, Männer von Sepphoris, ſeid noch übrig, und ihr könnet glauben, daß ihr allein der Weltherrſcherin Rom widerſtehen könnt? Was kann euer Loos ſein? Noch einige Tage, vielleicht auch einige Wochen, und eure ſtolze Stadt liegt in Trümmern wie Safed und alle Städte Judäas und Galiläas, und die Pflugſchar geht über ihre Stätte, um ihre Trümmer zu ewigem Schweigen zu verdammen, und eure Frauen und Kinder ſchmachten in der Sklaverei und ihr ſelbſt ſeid zum Fraße des Schwertes geworden! Könnet ihr hierüber zweifelhaft ſein? Wollet ihr noch ferner denen folgen, die eure Verblendung be⸗ nutzen, um euch in dieſes Verderben zu ſtürzen? Wohlan, kehret auf eurem Wege um— ich, ich rufe euch den Gruß des Salem zu, ich bringe euch den Oelzweig, der zu einem Baume werde, unter deſſen Schatten ihr euch labet, ich trage euch Verſöhnung entgegen, Verzeihung alles Geſchehenen, Wiederherſtellung eurer Stadt, eures Wohlſtandes, eurer Freiheit! Nur die Wenigen, 199 die euch verführt haben, ſollen die gerechte Strafe erleiden, alle Andern aber frei ausgehen, und Niemand zur Rechenſchaft ge⸗ zogen werden für das Vorgefallene. Ja, die Hand des Kaiſers will noch mehr thun, ſie will euch das Geſchenk ſeiner Gnade bieten, indem er denen Erſatz verheißt, die Schaden erlitten, denen Aufhülfe, die in ihrem Beſitzthum herunter gekommen....“ Das Volk auf den Mauern hatte aufmerkſam zugehört. Waren die erſten Worte des Verhaßten mit höhniſchem Gelächter beantwortet worden, ſo horchten doch die Hörer bei der Aufzäh⸗ lung ſeiner Verheißungen immer mehr auf, immer tiefer wurde die Stille, ein Nachdenken flog über manches Geſicht, und wenn hier und da aus der Menge der Ruf ertönte:„Das iſt Alles Lug und Trug!“ ſo rief man von allen Seiten:„Stille, ſtille!“ Jetzt aber, nach einer kleinen Pauſe, erhob ſich Joſeph in der ganzen Länge ſeiner Geſtalt, und mit noch ſtärkerer, ja kreiſchender Stimme rief er:„Wollet ihr dies Alles haben, Frieden, Glück und Reichthum, Zufriedenheit und Ehre, ſo öffnet die Thore, ſtrömet heraus und folget dieſem Zeichen!“ und plötzlich zog er ein goldenes, mit Edelſteinen beſetztes Cru⸗ zifix unter ſeinen Kleidern hervor, und hob es mit ausgeſtrecktem Arme in die Höhe, daß die Strahlen der Sonne glänzend darauf fielen.„Ja,“ fuhr er fort,„dies iſt das Zeichen, worin wir Alle ſiegen werden, dies das Zeichen des Heils und des Friedens! Zu ihm wendet euch, ihr verlorenen Schafe aus Is⸗ raels Heerde, die ihre Hirten irre geleitet haben! Dieſer iſt euer wahrer Hirt, verleugnet ihn nicht ferner, ſeid nicht das hartnäckige Volk von vordem, das den Fluch auf ſein Haupt gerufen....“ Aber weiter konnte ſeine Stimme nicht gehört werden. Mit fürchterlichem Geſchrei ſtürzte das Volk auf die weiße Wimpel los und riß ſie gewaltſam nieder und zerfetzte 200 ſie in tauſend Stücke.„Fort mit dem Gottesläſterer!“ rief es aus tauſend Kehlen.„Fort mit dem Verräther, fort mit dem Seelenverkäufer!“ Und das Gebrauſe der Stimmen wurde ſo gewaltig, daß man nichts mehr daraus vernehmen konnte. Mit vieler Mühe gelang es endlich Patrika und ſeinen Begleitern durch immer wiederholte ſichtbare Zeichen einige Ruhe wieder herzuſtellen, die ſogleich ganz wiederkehrte, als die klangvolle Stimme Patrikas hörbar geworden.„Kriegstribun,“ redete er den römiſchen Parlamentair an,„das Volk von Sepphoris hat euch Antwort gegeben. Hätteſt Du gleich Anfangs geſagt, wen Du hierherbringen und wen Du ſprechen laſſen wolltteſt, ſo hätten wir Dir die Mühe des Kommens erſpart. Ich glaubte, Du hätteſt uns Anträge von eurem Feldherrn zu bringen, und dieſe ſollte das ganze Volk von Sepphoris ver⸗ nehmen und darüber beſchließen. So aber wollet ihr nur, daß wir das aufgeben, wofür wir den Streit unternommen, daß wir Gott entſagen und unſern Vätern fluchen ſollen, daß wir für ein armſeliges Stück Leben das opfern ſollen, wofür wir in tauſend Tode gehen— es iſt eitel Wind, gehet, und kommet nicht wieder. Das Volk von Sepphoris iſt einig, es will keinen Verrath an ſeinem Heiligthume, es ruft mit ſeinem letzten Athemzuge:„Der Ewige iſt Gott, und Keiner mehr!“ Kaum waren dieſe Worte von den Lippen Patrika's ge⸗ kommen, ſo hallte es in tanſendfachem Echo wieder:„Der Ewige iſt Gott, der Ewige iſt Gott, Keiner mehr!“ Und die Arme des Volkes erhoben ſich, Schwerter wurden gezückt, Bogen geſpannt, Wurfſpieße in die Höhe gerichtet— Joſeph eilte ſchnell vom Platze, langſamer folgte ihm der Kriegstribun. Urſicinus ſah ein, daß abermals ſein Glaubenseifer ſeine Feldherrnklugheit über⸗ wunden und geſchlagen hätte. ————— Wieder waren einige Monde vergangen. Auch Gabara war gefallen, und ſein ſtolzes Haupt heruntergerollt vom Gipfel ſeines Berges. Die Legionen, welche es belagert und mit Sturm ein⸗ genommen hatten, waren in das Lager des Urſicinus gerückt, um die Lücken ſeines Heeres wieder auszufüllen und neuen Muth in die niedergeſchlagenen Gemüther der Belagerer von Sepphoris zu bringen. Mit den außerordentlichſten Anſtrengungen hatten die Römer ihre Sturmböcke und Widderköpfe auch an die zweite Mauer gebracht, und man konnte den Tag vorausſehen, an welchem auch dieſe ihrem Schickſale erliegen werde. Aber konnten nicht die hartnäckigen Vertheidiger hinter derſelben ein neues Bollwerk geſchaf⸗ fen haben? Man konnte es ihnen zutrauen, und Zeit und Ma⸗ terialien hatten ſie genug gehabt. Die Männer in der einge⸗ ſchloſſenen Stadt zeigten immerfort denſelben hartnäckigen Muth, dieſelbe unerſchütterliche Entſchloſſenheit; unter den Hammerſchlä⸗ gen des Kampfes war ihr Herz nur immer eiſerner geworden und immer geſtählter. Dennoch ſah es innen übel genug aus. Ganze Straßen waren durch die Feuerbrände und glühenden Pfeile, welche die Römer hineingeſchoſſen, entzündet und niedergebrannt worden. Weit über ein Drittheil der Streiter ruhte bereits vom Kampfe im Schoße der Erde aus; mancherlei Krankheiten hatten unter den Einwohnern gewüthet. Auch die Vorräthe waren knapper ge⸗ worden. Aber die Seelengröße Patrika's, ſeiner Genoſſen, ja aller Bewohner der Stadt, ſah über dieſe unvermeidlichen Uebel 202 ruhig hinweg; jede Gefahr, jede Anſtrengung, jede Noth traf ſie auf ihrem Platze, bereit zur Abwehr und zum Ertragen. War die Gefahr vorüber, die Anſtrengung überſtanden, die Noth beſei⸗ tigt, dann füllte ſich ihr Herz mit Jubel, ihr Geiſt mit neuer Zuverſicht; ſie eilten nach den Gotteshäuſern, ſo viele deren übrig geblieben, und drückten ihre Gefühle in Pſalmen und Hymnen aus. Auch waren ihre Ausſichten durchaus noch nicht ganz dun⸗ kel. Ihre Widerſtandskraft hatte ſich bewährt; ein Jeder von den Uebriggebliebenen war ein Held; ein Jeder konnte ſich auf alle Andern verlaſſen, mehr als auf Brüder, faſt noch mehr als auf ſich ſelbſt; ein heiliger Bund unſchloß ſie und machte aus ihnen Allen eine unzerreißbare Kette, aus welcher nur der Tod dieſes oder jenes Glied zu löſen vermochte. Auch war es Pa⸗ trika gelungen, in dunkeln Nächten Sendboten durch den unterir⸗ diſchen Gang zu entlaſſen, und kleine Vorräthe unbemerkt herein⸗ zuſchaffen. Auf demſelben Wege waren ihm Zuſicherungen ge⸗ kommen, daß Sapor dennoch ſich entſchließen könnte, im Frühjahr einen neuen Feldzug zu beginnen, da alle Friedensverhandlungen zwiſchen ihm und Rom geſcheitert waren. Vor Allem aber ſah Patrika geſpannt dem Beginn der Regenzeit entgegen, denn wenn dieſe nur rauh und ſtürmiſch einträte, hoffte er, daß Urſicinus genöthigt ſein würde, Winterquartiere zu beziehen, und ſo die Be⸗ lagerung zu unterbrechen, wenigſtens doch in eine bloße Umzin⸗ 3 gelung auf einige Zeit zu verwandeln. Dieſem immer friſchen Muthe in dem Herzen der Juden glichen die Gefühle in der Seele des Urſicinus nicht. Düſter und in ſich verſunken ſaß er in ſeinem Zelte, und konnte ſeinem ent⸗ ſchloſſenen Geiſte nur mit Mühe die ſtete Erneuerung des An⸗ griffs und die Fortſetzung der Belagerungsarbeiten abringen. Frei⸗ lich ſtand ihm das Ziel nicht minder ſicher vor den Augen, wie 203 Patrika das ſeine. Er glaubte, Sepphoris müſſe fallen, ebenſo feſt wie Patrika, Sepphoris müſſe widerſtehen. Das ganze Land war unterworfen, Stadt für Stadt niedergebrannt, Dorf nach Dorf verwüſtet, die Bewohner getödtet oder in die Gefangenſchaft geſchleppt— Galiläa war nur noch ein großer Altar, auf welchem dem Geiſte der Verwüſtung zahlloſe Opfer gebracht waren, und die Opfer rauchten nicht mehr, ſondern waren in Aſche zerfallen auf den erloſchenen Feuerſcheiten. Und dieſes Sepphoris mußte fallen, früher oder ſpäter; es glich einem Ster⸗ benden, deſſen Herz noch ſchlägt, aber aus ſeinen Gliedern weicht das Leben Stunde für Stunde zurück. Aber wird er den Augen⸗ blick erleben, wo auch dieſes Herz dem Tode erliegen, dieſe Bruſt den letzten Athemzug ausſtoßen werde? Er knirſchte mit den Zähnen, denn vor ihm lag ein Befehl des Kaiſers Conſtantius an ihn, daß in wenigen Tagen ein anderer Befehlshaber eintref⸗ fen werde und er ſelbſt ſich nach ſeinem Vaterlande Dacien in die Verbannung zu begeben und dort den Ausgang des wider ihn zu eröffnenden Prozeſſes zu erwarten habe. Und was konnte der Ausgang dieſes Prozeſſes ſein, in welchem Ankläger und Richter dieſelben Perſonen, ſeine erbittertſten Feinde waren, und er nicht einmal gehört wurde? Aber die Regenzeit kam nicht und wollte nicht kommen. Kein Luftzug bewegte ſich, um die Winde anzumelden, auf deren Schwingen die dunkeln Wolken über den azurblauen Himmel ge⸗ zogen kämen. Unendliche Gluthen ſtrömten vielmehr von dieſem unveränderlichen Himmelsgewölbe herab, und ſteigerten ſich zur Unerträglichkeit. Fluren und Berge lagen wie verbrannt da, und die Bäume des Waldes wie der Gärten hatten ihr falbes Laub längſt abgeworfen und in Staub zerfallen ſehen. Selbſt in den Nächten kam keine Kühlung, denn die ſtillſtehende Luft war 204 ſo durchglüht, daß auch die Schatten der Nacht die Hitze nur wenig zu mindern vermochten. Die Ordnung der Dinge war umgekehrt: Menſchen und Thiere lagen am Tage wie gefeſſelt danieder, und nur um Mitternacht konnten die Arbeiten fortgeſetzt werden. Eine unfägliche Bangigkeit ging durch die ganze Natur, und hielt felbſt die ſtärkſten Gemüther in den Banden ängſtlicher Erwartung deſſen, was einer ſo außergewöhnlichen Erſcheinung folgen werde. Patrika befand ſich eines Nachmittags in dem Gemache Mir⸗ jams in dem oft erwähnten Thurme. Ausdrücke ihrer Liebe, Be⸗ merkungen über die Lage der Dinge, Hoffnungen und Befürch⸗ tungen hatten ſie mit einander ausgetauſcht. Die Jugend iſt ſtets geneigt, die helleſte Seite an Gegenwart und Zukunft heraus⸗ zukehren, noch dazu, wenn ſie damit ein geliebtes Weſen zu er⸗ freuen und zu erleichtern denkt. Es war daher faſt eine fröhliche Stimmung über die beiden Gatten gekommen, und nur Mirjam blickte bisweilen ſinnend nieder, und erhob dann ihr Haupt, als ob ſie etwas ſagen wollte, was ſie dennoch wieder zurückhielt. Aber es mußte dies nichts Betrübendes ſein, denn ihre Augen lenchte⸗ ten dabei in wunderſamen Glanze und eine liebliche Röthe über⸗ goß ihr Angeſicht. Plötzlich fuhr Mirjam auf, entwand ſich den Armen Patri⸗ ka's und rief:„Um Gott, was iſt das?“ Sie eilte zum Fen⸗ ſter, und Patrika folgte ihr. Ein ſchwefelgelber Glanz hatte ſich über den ganzen Himmel gezogen, ſo ſonderbar, ſo ſtark, und er wuchs an Dichtigkeit und Glanz der Farbe, wie an Ausdeh⸗ nung, daß er bereits einen tiefgelben Schein durch die Fenſter in das Gemach warf. Die Bläue des Himmels war davor gänzlich geſchwunden. Und hinter dem ſchwefelgelben Glanze erhob ſich langſam von Nordoſten her eine tiefſchwarze Wolke, ſie ſtieg wie 205 ein ſchlanker Stamm aus dem Saume des Horizontes herauf, und als ſie die Höhe des Himmels erreicht hatte, breitete ſie ſich wie ein dichtes Laubdach aus, daß ſie von dem gelben Hintergrunde wie ein ſchwarzer, rieſiger Baum abſtach, und immer höher ſtieg ſie, und immer greller unterſchied ſie ſich von dem gelben Glanze um ſie her. Dabei war die Natur lautlos, und nur in dieſen Himmelsgebilden ſchien das Leben, ein verderbenſchwangeres Leben ſich zu bewegen. Da brach mit einem Male ein Sturm los, der mit Krachen und Toſen durch die Lüfte fuhr. Einen Augen⸗ blick, dann war Alles ſtill, und er kam wieder in einem furcht⸗ baren Stoße, daß es raſte und heulte um die Höhe des Berges, um das Caſtell und ſeine Thürme, über die Dächer und Mauern. Dann wieder Ruhe und lautloſe Stille. Und immer höher und weiter dehnte ſich das ſchwarze Gewölk aus, und hatte die Sonne, die ſich nach Weſten ſenkte, erreicht und überdeckt, daß ſich wie Dämmerung über die Erde legte.„Was iſt das?“ rief Mirjam voll Angſt und Schrecken, und klammerte ſich an den Armen ihres Mannes an.„Nur ruhig, theure Mirjam,“ ſprach Pa⸗ trika,„es geht etwas Außergewöhnliches vor; das Wetter ſteigt vom See bei Tiberias auf; aber es verkündet uns wahrſcheinlich das Ende dieſer Dürre und das Nahen der Regenzeit, die wir ſo ſehnlichſt herbeiwünſchen. Gott iſt allmächtig, und ſeine Gnade ſteht uns bei!“ Da mit einem Male begann es wie Donner zu rollen. Aber es war kein Donner, der durch den Himmel rollt, und ſeine Blitze aus dem Gewölke wirft, bald hier hin, bald dort hin auf die Erde: es war ein dumpfer Donner, der durch die Erde ſelbſt unter den Füßen der Menſchen rollte. Er klang nicht wie Zorn und Groll, der dann und wann ſeinen Ungeſtüm losläßt, und ſich dann wieder beſänftigt: er tönte wie das Verderben 206 ſelbſt, das ewige, unerbittliche Verderben, das alles Lebende ver⸗ ſchlingen und in ſeinen Schlund begraben will. Und wie dieſer Donner unterirdiſch in der Tiefe dahinzog, begann die Fläche der Erde zu beben, und hob und ſenkte ſich wie ein Schiff auf wild⸗ bewegter Welle. Und mitten in dieſes Schwanken ſcholl ein furchtbares Gepolter und Krachen herein, und der gegenüber lie⸗ gende Thurm beugte und ſenkte ſich, und ſtürzte zuſammen. Und von überall her erhob ſich das Krachen einſtürzender Bauwerke, herunter geſchleuderter Dächer, zuſammen brechender Mauern, und mitten hindurch der Weheruf und das Jammergeheul unzähliger Menſchenſtimmen und Gebrüll von Thieren. Das Schwanken der Erde wiederholte ſich, und auch der Thurm, in welchem Pa⸗ trika und Mirjam ſich befanden, wankte hin und her, wenn auch die mächtigen Quaderſteine, aus denen er in älteſter Zeit, der er entſtammte, erbaut war, ſich noch nicht von einander zu löſen ſchienen.„Es iſt ein Erdbeben!“ rief Patrika entſetzt aus,„wir müſſen hinaus, daß der Thurm uns nicht begräbt— Gott ſtehe uns bei!“ und mit ſtarkem Arme erhob er die ohnmächtige Mir⸗ jum und ſtürzte mit ihr aus dem Thurme auf den Hof des Ca⸗ ſtells hinaus. Hierhin eilten bereits die Bewohner des Caſtells zuſammen, ſo weit ſie nicht ſchon unter den Trümmern und Schutthaufen ihrer Wohnungen erſchlagen und begraben lagen. Die Verwirrung und das Wehklagen war grenzenlos. Alles lief durch einander, Männer und Frauen und Kinder, und jammerten und rangen die Hände und warfen ſich zur Erde. Und aus der Stadt tönte nicht minder der Nothſchrei der Menſchen, und durch denſelben das Krachen des Einſturzes, und darüber hinweg der wilde Klang der Hörner und Tuba's vom Felde her, als ob der Feind die entſetzten Menſchen ſeine Gegenwart und ſeine verderb⸗ liche Macht nicht vergeſſen laſſen wolle. Auch Amnon ſtürzte 207 herbei.... Da erhob ſich Patrika, und ſeine gewaltige Stimme drang durch das furchtbare Gewühl, und er rief das donnernde Befehlswort:„Alle Männer herbei und in das Glied getreten! Wir müſſen hinaus zu Hülfe und Vertheidigung, ich ſtelle mich an eure Spitze!“ Immer öfters und lauter wiederholte er dies Commando, und hier und da ſonderte ſich ein Mann aus dem Knäuel, und eine kleine Schaar begann ſich zu ſammeln. Da warf ſich Mirjam an die Bruſt Patrika's und ſchlang die Arme um ſeinen Nacken und rief flehend:„Bleibe bei mir, Patrika, verlaß mich nicht!“ Aber Patrika rief ihr zu:„Ich muß, ich muß, thenres Weib, meine Brüder rufen, mein Volk merket auf mich, ich muß retten, wenn der Feind jetzt anrückt, iſt Alles verloren!“ Er ſuchte ſich ihrer Umarmung zu entwinden, aber ſie umhalſte ihn nur um ſo feſter und flüſterte ihm zu:„Patrika, ich trage das Pfand deiner Liebe unter meinem Herzen, bleibe bei mir, verlaß mich nicht!“ Schauern durchrieſelten Seele und Gebein Patrika's, und er vermochte einen Augenblick nicht zu antworten.„Wie, ſtam⸗ melte er, dieſe Botſchaft des Glückes in einem ſolchen Augen⸗ blicke! Mirjam, Mirjam....“ und er drückke ſie feſter an ſeine Bruſt.... Da rollte der Donner noch einmal unter ihren Füßen, da ſchwankte und ſtürzte es von Neuem um ſie her, da erhob ſich wieder das Jammergeſchrei, und ſtärker als zuvor der Schall der feindlichen Drommeten.„Amnon,“ rief Patrika, „Du bleibſt bei Mirjam und wacheſt über ſie, ich weiß es, mehr als über Dein eigenes Leben— ich muß fort, an jedem Augen⸗ blick hängt Leben oder Tod!“ Er riß ſich los, ſtellte ſich an die Spitze der zehn oder zwölf Männer, welche ſich geſammelt hatten, und verließ das Caſtell. Mühſam und nur langſam konnte er in die Stadt eindringen, und durch ſie hindurch nach den Außen⸗ werken gelangen. Ueberall verſperrten die Balken und Steine 208 zuſammengeſtürzter Häuſer die Straßen; die Plätze waren durch Menſchenknäuel verſtopft, immer mehr breitete ſich Dunkelheit aus, dichte Staubwirbel beklemmten den Athem und verſchleierten den Blick, ein feiner Aſchenregen fiel herab, und begann die Schreitenden zu bedecken, hier und da brach eine Feuerſäule aus den eingeſtürzten Häuſern hervor. Schritt vor Schritt bahnte Patrika mit ſeinen Begleitern ſich den Weg über die Trümmer⸗ haufen und zahlreichen Leichen Erſchlagener, durch die Menſchen⸗ haufen, die beſinnungslos durch einander liefen. So gelangte er nach übermenſchlicher Anſtrengung zu den Außenwerken der Stadt, und in welchem Zuſtande fand er ſie! Die ſchon vorher erſchütterte Mauer hatte den unterirdiſchen Stößen, dem Wellen⸗ gang der Erde an vielen Stellen nachgegeben, war eingeſtürzt und zeigte weite, klaffende Breſchen. Patrika war unterwegs auf einen ſeiner Alarmbläſer geſtoßen, und dieſer ließ jetzt ſein Horn mit aller Kraft erſchallen. Aber nur wenige Bewaffnete folgten dem Tone, welchem früher Alle freudig und mit Haſt gehorcht hatten. Der jüdiſche Held ſtellte ſich mit ſeiner Schaar hinter dem größten und dem Feinde nächſten Mauerriſſe auf, entſchloſſen den letzten Reſt ihrer Kräfte zur Vertheidigung der unglücklichen Stadt zu verwenden. Siehe, da noch einmal unterirdiſcher Donner, noch einmal Zuſammenſturz—— dann ward es ſtill umher, es war vorüber.... Die Nacht war noch nicht ange⸗ brochen, da hellte ſich der Himmel wieder auf; die Sonne ſandte hinter einer glühenden Roſenwolke ihre letzten Strahlen vergol⸗ dend über die Höhen und die Ebene und die zerſtörten Menſchen⸗ wohnungen hin. Ein linder Wind zerſtrente die Wolken, daß der Mond und die Sterne bald ſchimmernd am lichten Himmels⸗ gewölbe hervortraten. Als das furchtbare Erbeben der Erde, der ſchreckenvolle Auf⸗ 209 ruhr der Natur begonnen, hatte Urſicinus ſofort ſein Heer zur Schlachtordnung durch die Hörner und Tubas aufrufen laſſen, die Zeltdächer und Laubhütten des Lagers waren theils einge⸗ ſtürzt, theils vom Sturmwinde fortgeriſſen worden. Auf dem weiten Blachfelde ſtanden die bewaffneten Krieger in feſtgeſchloſſenen Gliedern aufmarſchirt, und erwarteten ruhig, was da kommen werde. Sobald nun die Natur zu ihrer Ordnung und zur Ruhe zurückgekehrt ſchien, und die Sonne ihren Scheidegruß der wieder beſchwichtigten Erde zuſandte, erkannte der römiſche Feldherr all zu ſehr den Vortheil, den ihm das Geſchick über den hartnäckigen Feind gegeben, und er ließ alsbald zum Angriff ſchreiten. Die Wege waren ihm geöffnet. Von allen Seiten drangen die Römer über die niedergeſtürzte Mauer in die Stadt ein. Patrika warf ſich entſchloſſen mit ſeiner Schaar dem Feinde entgegen, aber bald war er umzingelt, ein Wurfſpieß lähmte ſeine Linke, ein Schwert⸗ ſchlag ſpaltete ſeinen Helm und warf ihn bewußtlos nieder. Ueber ſeinen und der Seinigen Körper hielt das römiſche Heer ſeinen Einzug in die verwüſtete Stadt und ihren namenloſen Jammer, und traf nur noch auf wehrloſe Menſchen, für die das Schwert nur den Tod, die Feſſeln den Beginn einer langen Knechtſchaft bereit hatten. Als Amnon das Heranrücken des Feindes gewahrte, und ſo lange wie es nur möglich, auf die Rückkehr Patrika's gewartet hatte, führte er endlich Mirjam in den Thurm zurück, um in den unterirdiſchen Gang hinunterzuſteigen. In dem Gemache ſuchte er die Spuren der Oeffnung ſo viel wie möglich zu be⸗ ſeitigen, und verſenkte ſich nun in die Tiefe des Ganges. Er wollte bis an das äußerſte Ende desſelben vorrücken, um vom Feinde ſo weit es nur ging, entfernt zu ſein und bei nahender Gefahr den Ausgang leicht erreichen zu können. Aber kaum hatte 14 210 er einige hundert Schritte zurückgelegt, ſo fand er das Gewölbe eingeſtürzt. Was die Jahrhunderte nicht vermocht, hatte das Erdbeben in wenigen Augenblicken vollbracht. Er fand ſich ein⸗ geſchloſſen, gebannt in den Schoß der Erde, ein dunkles, ſtilles Grab für Lebende.... Aber Amnon durfte der Verzweiflung, die ſich ſeiner Seele bemächtigen wollte, keinen Raum geſtatten. Er hob die ohnmächtige Mirjam auf, und wandte ſich nach einer der Seitenhöhlen, die durch die Fürſorge Patrika's mit allerlei Vorräthen verſehen war. Hier mußten ſie verweilen, ſo lange der Feind ſie nicht aufgefunden oder die dichte, dumpfe Luft es geſtatten würde. Das war das Ende von Sepphoris. Das letzte Stück Erde, das die Söhne Iſraels auf dieſem Erdball das ihrige genannt, war nur noch ein Trümmerhaufen, ein Aufenthalt für Schakale geworden. Jahrhunderte vergingen, bis einige elende Beduinen aus den Trümmern Steine entnahmen, um am Fuße des Berges ein armſeliges Dorf zu erbauen. — — — *= — — 8 Ronm. Ein gewaltiger Königsadler ſitzt einſam auf der Spitze eines Hügels. Ringsum noch andere Hügel, an deren Fuße eine weite, unfruchtbare, ſumpfige Ebene beginnt, rechts und links von hohen Gebirgszügen begrenzt, deren kahle, zackige Felſengipfel ſich in die Wolken erheben. Was macht dieſen Aar ſo gewaltig? Nicht die mächtigen Klauen allein, deren Maſſe dem Erze, deren Spitzen den Speeren gleichen, ſondern mehr noch der furchtbare Blick des Auges, der weit über Berg und Ebene mit unglaublicher Schärfe nicht blos das Reh, das durch die Gebüſche ſchlüpft, das Lamm, das ſorg⸗ los auf der Weide ſpringt, auch das kleine Kaninchen gewahrt, das zwiſchen den Kräutern des Feldes hockt, und die Schlange, die im Staube ſich ringelt. Da entfaltet der Adler ſeine mächtigen Schwingen, und fährt mit ſicherem Stoß auf die Beute, die er ſich erkoren. Er erfaßt das Reh im Gebüſch, das Lamm auf der Weide, das Kaninchen zwiſchen den Kräutern und die Schlange im Staube, und trägt eines nach dem andern nach ſeinem Horſte, ſich und ſeinen Jungen zur Nahrung. Und was hilft es, daß kräftige Jäger und Hirten ihn end⸗ lich nach der Spitze des Hügels, auf der er ſeinen Raub ver⸗ zehrt, verfolgen, und ihr ſtürmender Fuß die Hügel betritt? 214 Der Adler erhebt ſich, und, nicht mehr ſicher auf Erden, fährt er hinauf in den Himmelsraum, immer höher und höher, wo nicht der Stab des Hirten, nicht das Geſchoß des Jägers ihn ereilt; dort zieht er ſeine gewaltigen Kreiſe, ſcheinbar bis zur Sonne hinauf, und von dort ſchießt er aber⸗ und abermals auf die Beute nieder, die ſein flammendes Auge erſchaut hat. Seinen Horſt hat er aber nunmehr auf der Höhe eines unzugänglichen Felſen in einer Klippenſpalte angelegt: es wird lange währen, viele Jahrhunderte lang, bevor der Pfad dahin gangbar ge⸗ macht werde. Ich ſtehe in dunkelndem Abend auf dem Capitol Roms. Ich erblicke am Fuße desſelben gegen Süden das Forum und die mächtigen Trümmer, die es bedecken und umgeben, die zer⸗ brochenen Mauern, die umgeſtürzten Säulen, das hochragende Coloſſeum, die einſam ſtehenden Triumphbogen mit den verſtüm⸗ melten Bildwerken. Die Schatten der Dämmerung haben ſich darüber gebreitet. Aber die letzten Strahlen der untergehenden Sonne vergolden drüben die Kuppel von St. Peter und die zahl⸗ loſen Fenſter des Vaticans. Aber auch ſie ſind in Schweigen gehüllt, und nur elende Hütten in engen Gaſſen umgeben den Fuß dieſer rieſigen Bauwerke. Nach Norden hin dehnt ſich das moderne Rom; eine weite Flucht von Häuſern mit Plätzen und Thoren: nichts Großes, nichts Bedeutungsvolles, nichts für die Zukunft Ahnungsreiches ſtrebt daraus hervor; es iſt eine Stadt der Fremden und des arbeitſamen Bürgers. Aber der Fremde kommt nur um jener Ruinen, um des Vaticans und St. Peter's willen, und der Bürger arbeitet für den Fremden.. Rom iſt der gewaltige Königsadler, der von der Spitze dieſer Hügel die ganze Welt der Erde zu ſeiner Beute machte, dann, von einem kräftigeren Menſchengeſchlechte von ſeinen 215 Hügeln vertrieben, vom Himmel her die Kreiſe ſeiner neuen Herrſchaft zog und auf einem unzugänglichen Felſen ſeinen Horſt anlegte. Rom, nicht Deine zerfallenen Trümmer, nicht Dein himmelanſtrebender Dom, nicht Deine Stadt mit dem Corſo und dem Monte Pincio machen Dein ewiges Intereſſe im Herzen des Menſchengeſchlechtes aus, ſondern Deine Geſchichte von dritthalb Jahrtauſenden. Denn wo iſt noch ein Fleck dieſer Erde, wo ſo viel gekämpft, gerungen und geſtritten worden, wo ſo viel Kriegs⸗ geſchrei und Triumphgeſänge, ſo viele Seufzer der Gefallenen und ſo viel Stöhnen der Gefangenen ertönten, wo ſo viele Reich⸗ thümer aufgehäuft und wieder vergeudet wurden, wo ſo viele Thränen und ſo viele Ströme des Blutes floſſen? Und doch war all dies nur Beute, die Dein ſcharfes Auge in der Ferne geſchaut und Deine ehernen Klauen aus der Ferne geholt. Du ſelbſt haſt Nichts geſchaffen, höchſtens vermochteſt Du nach⸗ zuahmen. Deine Götter holteſt Du aus allen Ländern, Wiſſen und Kunſt brachten die Söhne der Gefangenſchaft zu Dir, und die Lehre, auf welche Du Deine Herrſchaft zum zweiten Male gründeteſt, ſtammte aus dem kleinen, verachteten Volke, das Du mit dem Fuße zu zertreten dachteſt, und doch nur mit dem Arme über die Erde zu zerſtreuen vermochteſt, wo es alle Deine Trüm⸗ mer überdauert. Aber Du biſt von den ſieben Hügeln bereits in die Ebene hinabgeſtiegen, und ſollte endlich auch Dein zweiter Horſt von den Jägern umſtellt, von den Kämpfern, dies Mal des Geiſtes, erſtiegen werden: Du magſt immerhin noch die Haupt⸗ ſtadt eines Staates werden, die Hauptſtadt der Welt wirſt Du niemals wieder.... Schlagen wir eine Seite dieſer langen und wirrenreichen Geſchichte auf. Auch ſie iſt an Kampf, an Thränen und Blut reich, wie alle ihre Schweſtern. Aber aus den einzelnen Schrift⸗ 216 zügen, die darauf verzeichnet ſtehen, leſen wir bereits eine lange inhaltsreiche Zukunft heraus. Gehe unter, ſtrahlendes Licht der Sonne; komm, Schatten der Nacht, und verhülle dieſe Trümmerſtätten und Menſchen⸗ wohnungen; der Morgen kommt doch wieder, und die Sonne geht auf mit Licht und Wärme, und wenn ſie ſich zu Mittag hebt, erhellen ihre Strahlen alles Verborgene und Verhüllte, und ver⸗ ſcheuchen die Nebel trotz des Widerſtrebens all derer, welche das Licht zu fürchten haben. Wenn man im alten Rom von dem Forum oder andern großen Plätzen, die von Tempeln und Prachtbauten umgeben waren, in das Innere der Stadt einlenkte, ſo lag ein Knäuel von längeren und kürzeren, meiſt ſchmalen Straßen und Gaſſen vor dem Wan⸗ derer, in denen es ſchwer war, ſich zurecht zu finden. Die Wohn⸗ häuſer zeigten nichts als die grauen Mauern, die nur wenig durch die Hauspforte und einige kleine vergitterte Fenſteröffnungen unterbrochen waren. In den Hauptſtraßen allerdings waren in dem Erdgeſchoſſe vieler Häuſer Verkaufsläden eingerichtet, vor denen aus der vorüberfluthenden Menge diejenigen ſtehen blieben, welche Einkäufe zu machen gedachten. Hatte man das Haus er⸗ reicht, in welches man eintreten wollte, ſo mußte man an die ver⸗ ſchloſſene Hausthüre klopfen, und harren, bis ſie geöffnet werde. Durch einen kurzen, ſchmalen Gang gelangte man in das Atrium, ein viereckiges, großes Gemach, das aber ungedeckt war, ſo daß der Himmel ſein blaues Dach darüber wölbte. Hier ſtand der Hausaltar, den Laren, den Göttern des Hauſes, geweiht; hier hingen die Bildniſſe der Ahnen, die nur bei einem Todesfalle von ihren Stellen genommen wurden, um bei dem Leichenbegängniſſe vor der Bahre einhergetragen zu werden. Symmetriſch geordnete Thüren führten von hier in Seitengemächer, die für die verſchie⸗ denen Bedürfniſſe des häuslichen Lebens beſtimmt waren. Durch eine Hauptpforte trat man vom Atrium in das große Periſty⸗ 218 lium. Um einen bedentenden Raum zog ſich ein luftiger Säulen⸗ gang, von welchem wiederum Thüren in eine große Zahl Zim⸗ mer ſich öffneten. Mitten in dieſem Raume befanden ſich Blu⸗ menrabatten, die einen Springbrunnen umgaben, der ſeine feuchte Kühle mit dem Dufte der Gewächſe vereinigte. Dies war das Haus des geringen wie des vornehmen Römers, und nur die Pracht der Ausſchmückung und die Größe der Räumlichkeiten bil⸗ deten einen mannigfaltigen Unterſchied. Die feinen oder groben Malereien auf den Wänden, die Kunſt und Schönheit des Mo⸗ ſaikbodens, die Menge der koſtbaren Hausgeräthe, Kunſtwerke und Bildſäulen, welche das Atrium und das Periſtylium enthielten, die Seltenheit und Pracht der Blumen und Sträncher, dieſe zeug⸗ ten von dem Reichthum oder von den geringen Mitteln des Be⸗ wohners. Und alſo war auch das Haus des Kaiſers, der kaiſerliche Palaſt, beſchaffen, nur daß hier die Größe und Zahl aller Räumlichkeiten, die außerordentliche Pracht in den Vorhän⸗ gen von purpurner Seide und Sammet, in der Fülle der edel⸗ ſten Metalle, die überall verſchwenderiſch angebracht waren, in der unüberſehbaren Menge von Kunſtwerken, den erhabenen Rang und den unermeßlichen Reichthum dieſes allmächtigen Herrſchers über die halbe Erdenwelt kundthaten; nur daß hier ſich auf küh⸗ nen Bogen und gewaltigen Wölbungen mehrere Stockwerke über einander thürmten, und in dem ausgedehnten Raume, den der kaiſerliche Palaſt bedeckte, die Zahl und Größe der Säle un⸗ überſehbar war. Aus den köſtlichſten Steinen und Stiften waren die Moſaikböden in wunderbarem Farbenglanze und nach den reizendſten Muſtern angelegt; hoch aufſtrebten die Säulen aus den verſchiedenſten Steinen und in mannigfacher Ordnung, das Getäfel beſtand aus den köſtlichſten Hölzern, und die fernſten 219 Zonen mußten ihre ſchönſten und edelſten Gewächſe liefern, um an Formen, Farben und Düften ein Paradies zu ſchaffen. Ein ſolcher Palaſt glich an Ausdehnung einer ganzen Stadt, und ſeine Bevölkerung war nicht minder zahlreich. Vor wenigen Tagen hatte dor Kaiſer Conſtantius mit ſeiner von ihm zärtlich geliebten Gemahlin Euſebia wieder einmal, was ſelten geſchah, ſeinen Aufenthalt in Rom genommen, und der kaiſerliche Palaſt, der Jahre lang vereinſamt gelegen, glich jetzt einem Bienenſtocke, in welchem unzählige Beamten und Würden⸗ träger ein⸗ und ausſtrömten. Der Kaiſer liebte nicht, ſich öffent⸗ lich zu zeigen, und hielt daher ſtets ſeinen Einzug in ſpäter oder früher Stunde. Sein Begriff von der Würde des Auguſtus war ein ſo hoher, daß er dem Volke nicht wie ein gewöhnlicher Erdenſohn erſcheinen mochte, und mußte er vor dieſem ſich ſehen laſſen, ſo richtete ſich ſeine lange Geſtalt hoch auf, er vermied möglichſt jede Bewegung, und hielt den ſtarren Blick nur nach einer Richtung hingewendet. Es war noch in den Morgenſtunden, und Conſtantius daher noch nicht ſichtbar. Aber in dem Atrium ſchritt ein Weib leb⸗ haft auf und nieder. Es war ein ſchönes Weib, noch in der Vollblüthe der Jugend, ſchlank und von Anmuth und Würde zu⸗ gleich. Sie allein wandelte auf und ab, und nur wenige Frauen ſtanden an der linken Wand, deren Thüren zu den Gemächern der Kaiſerin führten, unbeweglich neben einander, wenn auch ihre Blicke die Bewegungen ihrer Gebieterin verfolgten. Ja, es war die Kaiſerin ſelbſt, aber eine Wolke des Unmuths lag auf ihrem ſchönen, ovalen Antlitz, auf ihrer weißen hohen Stirn, um ihren reizenden Mund, deſſen Lippen ſich ſtolz und zornig gewölbt, und aus ihren großen dunklen Augen blitzte es wie verwundete Eitel⸗ keit und Verlangen nach Rache. Sie ſtand bisweilen ſtill, nicht 220 weit von dem Altar mit dem Cruzifixe, der den alten der Laren erſetzt hatte. Aber ſie achtete deſſen nicht, ſondern lauſchte nach der rechten Seite des gewaltigen Saales hin, und ſtampfte mit dem zarten Fuße auf den glänzenden Moſaik, wenn ſie wieder und wiederum von dorther Nichts vernahm. Offenbar hatte der Unmuth ſie hierher getrieben, um dem Kaiſer ſobald wie möglich zu begegnen, dem ſie wohl die ihrer Erregung klagend vor⸗ tragen wollte. Endlich vernahm man ein unverkennbares Geräuſch, das ſich aus den Gemächern der rechten Seite näherte; die Flügel einer Thüre ſprangen auf, ein Zug von Kämmerern, Miniſtern, Quä⸗ ſtoren, Schatzmeiſtern und Comites, gekleidet und geſchmückt nach ihren verſchiedenen Aemtern und Rangſtufen, trat ein, dann kam der Oberkämmerer mit dem Zeichen ſeiner Würde und hierauf der Kaiſer ſelbſt im Purpurgewande und mit dem Diadem. Die Kaiſerin war in der Mitte des Atriums ſtehen geblieben, und als der Zug der Hofbedienten zur Seite geſchritten und der Kaiſer ſich ihr näherte, verbeugte ſie ſich tief. Er aber ſchritt auf ſie zu, umarmte und küßte ſie auf die Stirn. „Euſebia,“ rief er erſtaunt aus,„Du ſchon hier, was führte Dich ſo frühzeitig hierher?“ „Mein kaiſerlicher Herr und Gemahl, wäre mir nicht ſchon das Verlangen, Dein Antlitz zu ſchauen, eine genügende Entſchul⸗ digung, da Du am geſtrigen Tage durch die mühſeligen Geſchäfte und Audienzen von mir fern gehalten worden? Allein ich geſtehe, es waltet noch eine andere Urſache vor, eine Urſache ernſteſter Art, die mich nöthigte, Dir ſo bald wie möglich zu begegnen.“ „Ja, ja,“ erwiderte der Kaiſer, und ein Lächeln ſchlich heim⸗ lich über ſein Geſicht,„ich bemerkte es gleich, Du biſt aufgeregt, beinah ſagte ich erzürnt; ſo ſprich es nur aus, was Dich verletzt 221 hat oder was Du wünſcheſt. Du weißt, wie gern ich Dir Alles erfülle.“ Und er verbeugte ſich leicht vor ihr. „Die Sache iſt von Bedeutung, Conſtantius, laß die Leute abtreten, nur der Oberkämmerer Euſebius mag hier bleiben.“ Der Kaiſer machte eine Bewegung mit der Hand, wodurch er allen Anweſenden ſich zu entfernen gebot, und winkte zugleich ſeinem Vertrauten, dem Oberkämmerer, zurück zu bleiben. Die Herren und Frauen ſchritten, nachdem ſie eine tiefe Verbeugung gemacht, zu den verſchiedenen Thüren hinaus, und Euſebius trat einige Schritte dem in der Mitte des Atriums weilenden Herr⸗ ſcherpaare näher. „Mein kaiſerlicher Gemahl,“ hob Euſebia an,„mir ſind tiefe Kränkungen widerfahren, und da ich weiß, daß Du die kaiſerliche Würde in mir ſo hoch hältſt, wie in Dir ſelbſt, ſo halte ich es für meine Pflicht, die ich Deiner Majeſtät ſchulde, Dir mitzutheilen, was vorgefallen.“ Conſtantius wurde auf dieſe Anrede ſehr ernſt, blickte die Kaiſerin prüfend an und nickte ihr dann mit dem Haupte ſchwei⸗ gend zu. „Nachdem wir hier angelangt,“ fuhr die Kaiſerin fort,„hielt ich es für Schuldigkeit und rathſam, den armen Chriſten meine Gegenwart durch freigebige Spenden fühlbar zu machen, und ich ſandte daher eine bedeutende Summe an den Biſchof Liberius von Rom, mit der Bitte, ſie an die Armen ſeines Sprengels zu ver⸗ theilen. Da ſandte mir dieſer Mann das Geld zurück mit den Worten: Da ich mich zu den ketzeriſchen Biſchöfen Auxentius und Epictetus hielte, ſo ſollte ich dieſe auch zur Verwaltung meiner Almoſen gebrauchen, und ehe ich mich nicht zum ni⸗ cäiſchen Symbolum bekannt hätte, werde er nichts von mir an⸗ nehmen.“ Der Kaiſer ſchien betroffen, und ſprach:„Das iſt allerdings vermeſſen!“ „Aber das iſt noch nicht Alles. Ich hatte erfahren, daß Leontins, der Biſchof von Tripolis in Lydien hier verweile, und da ich längſt vorhatte, alldort eine fromme Stiftung zu machen, ließ ich ihn geſtern einladen, vor mir zu erſcheinen. Wie lautete nun aber ſeine Antwort? Er ließ mir ſagen: da ich für die arianiſchen Biſchöfe ſo viele Ehrerbietung hätte, ſo müßte er be⸗ zweifeln, ob ich ihm, dem katholiſchen Biſchof, genügende Ehrfurcht bezeugen werde. Er müſſe daher, wenn er der Einladung folgen ſollte, die Bedingung ſtellen, daß ich, ſobald er eingetreten, von meinem Throne herabſteige, ihm bis an die Thüre entgegenkom⸗ me, ſeinen Segen in einer demüthigen Stellung annehme, und ſo lange ſtehen bleibe, bis er ſeinen Platz eingenommen und mir erlaube, mich niederzuſetzen. Ich brauche es Dir nicht auszu⸗ drücken, mein Gemahl, mit welchem Mißmuthe mich dieſes un⸗ ehrerbietige und hochmüthige Verlangen erfüllte. Wie? Sind wir ſchon ſo weit gekommen, daß dieſe Prieſter ihren Stuhl hoch über den kaiſerlichen Thron ſtellen? Daß ſie den Auguſtus und ſeine Gemahlin als ihre Untergebenen behandeln? Die Hand Deines großen Vaters hat ſie ans dem Staube erhoben, ſind ſie ſchon ſo mächtig geworden, daß ſie uns erniedrigen können? Wa⸗ gen ſie dies heute ſchon, geben wir ihnen hierin nach, wéiſen wir dieſe Uebergriffe einer eingebildeten Prieſterſchaft nicht jetzt ernſt⸗ lich zurück, wie wird es uns ſpäter ergehen? Werden ſie nicht aus dieſen Vorgängen nur immer neue Anſprüche erheben? Wie, iſt das die Lehre unſeres Heilandes:„Gehet dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt,“ wenn man dem Kaiſer die ſchuldige Ehrfurcht verweigert? Iſt das die Vorſchrift des heiligen Apoſtels, der Obrigkeit ſich unterthan zu zeigen, weil ſie von Gott verordnet 223 iſt, wenn man ſich über ſie erhebt und von ihr Demüthigung und Unterordnung verlangt? Ja, vergieb, Auguſtus, meine Stimme erſtickt der Ingrimm, und mein Auge füllt ſich mit Thränen— und doch weißt Du am beſten, was hier zu thun, und ich füge nur hinzu: ich klage dieſe Biſchöfe vor Deinem Throne an, ent⸗ ſcheide Du als Richter über die Strafe, die ſie treffen ſoll.“ Euſebia hatte mit vieler Leidenſchaft geſprochen; jetzt ſenkte ſie das Haupt, kreuzte die Arme über die Bruſt, und ſchien ruhig den Ausſpruch des Kaiſers zu erwarten, ohne jedoch verhindern zu können, daß es wie ein Zittern durch ihre Glieder fuhr und ihr Buſen ſich hob und ſenkte. Der Kaiſer hatte nach ſeiner Gewohnheit, je länger ſeine Gemahlin ſprach, ſein Geſicht deſto mehr abgewandt und ſeinen Blick ſeitwärts auf die Wand des Saales gerichtet. Nach längerem Schweigen ſprach er:„Euſebius, was iſt Deine Meinung?“ Der Oberkämmerer trat mit tiefer Verbeugung näher, und ſprach dann in unterwürfigem Tone:„Kaiſerlicher Herr, ich kann nur Deine und meiner erhabenen Gebieterin Meinung aus⸗ ſprechen: beide Vorgänge ſind Majeſtätsverbrechen, und miſſen als ſolche beſtraft werden. Aber ich habe aus Deinem göttlichen Munde ein Wort gehört, das ſeitdem niemals aus meinem Geiſte geſchwunden; Du ſagteſt:„Ich vergeſſe Nichts, aber ich warte.“ Die Zeitumſtände ſind ſchwierig. Mein kaiſerlicher Herr hat ſeine Hand offen gegen den finſtern Glauben des Götzendienſtes erhoben; Du haſt aus der Fülle Deiner Weisheit das Dekret erlaſſen: Jedes öffentliche heidniſche Opfer ſoll mit dem Tode des Prieſters und mit der Einziehung der Güter aller Anweſen⸗ den beſtraft werden. Die heidniſche Welt liegt zu Deinen Füßen, denn ſie fühlt ſich zu ſchwach, den chriſtlichen Kriegern gegenüber. Aber hüten wir uns, dieſe ſelbſt zu einer offenbaren Spaltung 224 zu bringen: dann würden ſich dem gegneriſchen Theil alle Heiden mit ihrem heimlichen Groll anſchließen, und das Reich in un⸗ überſehbare Gefahren ſtürzen. Warten wir eine Zeit lang, bis dieſe katholiſchen Biſchöfe in ihrem Einfluß auf das Volk abge⸗ ſchwächt worden, bis die erhabenen Lehren des Arias ſich über das geſammte Volk verbreitet haben— dann wird es Zeit ſein, ſie zur Rechenſchaft zu ziehen, und Diejenigen zu zertreten, die es wagten, der Würde der erhabenen Kaiſerin nahe zu treten. Dies iſt es, was aus dem Worte meines göttlichen Gebieters folgt.“ Man ſah es der Kaiſerin an, daß ſie ſich nur wenig von dieſen Worten befriedigt fühlte, und ſchon ſchwebte eine Antwort auf ihren Lippen, als Conſtantius ſich zu ihr wandte und ſprach: „Euſebius hat Recht, theure Gemahlin, wenn er die Anwendung meines eigenen Wahlſpruches auf dieſen Fall anräth. Mein Va⸗ ter, der große Conſtantin, da er einſah, daß das Heidenthum nur noch ein verkommenes Geſchlecht für ſich habe und die Begei⸗ ſterung würdigte, welche das Chriſtenthum ſeinen Bekennern ein⸗ flößt, hat dieſes für die herrſchende Religion des römiſchen Staa⸗ tes erklärt. Seitdem iſt der Auguſtus identiſch mit ihm gewor⸗ den, und ſeine Herrſchaft ſtützt ſich auf die Herrſchaft des Chri⸗ ſtenthums. Aber kaum zu dieſer Bedeutung gelangt, welchen An⸗ blick bietet es uns dar! Hundert verſchiedene Lehrmeinungen treten auf, hundert Sekten und Parteien machen ſich geltend. Kaum iſt die eine niedergeſchlagen, ſo drängen ſich zehn dafür hervor. Mein Vater hat die Donatiſten mit Gewalt ausgerottet, viele ſtarben den Tod durchs Schwert, mehr noch wanderten ins Exil, aber ſind ſie darum verſchwunden? Jetzt iſt die Chriſtenheit in die beiden großen Lager der Arianer und Katholiken geſpalten, und ſchon tauchen aller Orten neue Ketzereien auf, die ſich Manichäer, Pelagianer, Unitarier und wer weiß wie! nennen. Es wäre mir 225 dies ſchon ganz recht, denn allerdings erheben ſich die katholiſchen Biſchöfe zu ungeahnter Anmaßung und ein Gegengewicht that Noth. Ich aber darf jetzt noch keiner Partei mich anſchließen, ich muß die Chriſtenheit zuſammenhalten, bis das Heidenthum ganz ohnmächtig geworden. Daher gedulde Du Dich, meine Ge⸗ mahlin. Ich vergeſſe Nichts, aber ich warte. Gehe in Deine Gemächer, beruhige Dich aus Liebe zu mir, ich werde Deine Liebe belohnen. Die einzige Strafe ſei, daß Du dieſer Männer nicht achteſt. Begegneſt Du ihnen, ſiehſt Du ſie nicht; Deinen Wohl⸗ thaten und Gunſtbezeugungen werden ſich ſchon Hände genug öff⸗ nen. Iſt die Zeit gekommen, ſollen Liberius und Leontius ſammt ihrem Anhange die Strafe ihres Vergehens ſchon fühlen.“ Die Kaiſerin war noch nicht zufrieden geſtellt, ſie wollte ſprechen, aber Conſtantius umarmte und küßte ſie, ergriff ihre Hand und führte ſie zu den Thüren ihrer Gemächer. Sie ſah ein, daß ſie ſich beherrſchen müſſe, und verſchwand ſchweigend hinter den Pforten ihrer Zimmer. Dann kehrte Conſtantius zu ſeinem Vertrauten zurück, und redete dieſen an:„Laß Dich nicht bekümmern, daß die Kaiſerin ungnädig iſt. Sie beſitzt zu viel Einſicht, um nicht bald zu erkennen, welchen treuen Diener wir in Dir haben, daß Du um unſres Nutzens willen ſelbſt ihren Unwillen nicht ſcheuſt. Jetzt aber zu etwas Anderem; Du woll⸗ teſt mir noch einen Vortrag halten.“ Der Oberkämmerer verbeugte ſich abermals und hob an: „Du weißt, göttlicher Auguſtus, daß der Aufſtand in Galiläa niedergeſchlagen worden; aber wir haben dieſen Sieg mit einer völlig verwüſteten Provinz, mit dreißig zerſtörten Städten und dem Verluſte aller Einkünfte aus ihr erkauft. Urſicinus, das Werkzeug des Gallus, des Cäſars, der ſein Verlangen nach Dei⸗ nem Purpur mit dem Tode gebüßt, hat zwar die Empörer ver⸗ 15 226 nichtet, aber er war es auch, der das ruhige Volk durch ſeine Härte und Grauſamkeit zum Aufſtande gezwungen, und als die urſache dieſes Unheils aus ehrgeizigen Abſichten ſtrafbar iſt. Er wollte ſich Dir unentbehrlich machen, und zettelte darum die Em⸗ pörung an, um durch ihre Beſiegung ſich Verdienſt und Ruhm zu gewinnen. Derſelbe ſchickte nun den Führer des Aufſtandes in Feſſeln hierher, einen gewiſſen Patrika, hoch angeſehen unter den Juden, und frägt bei Deiner kaiſerlichen Majeſtät an, ob Du nicht über dieſen Sieg, wie zugleich über die ruhmreiche Schlacht bei Straßburg über die Deutſchen einen Triumphzug halten woll⸗ teſt, wobei Patrika und einige Genoſſen, ſo wie die gefangenen deutſchen Fürſten, die der Cäſar Julianus Dir zugeſandt, vor Deinem Triumphwagen einherziehen können. Du hätteſt, Herr, Siege genug erfochten, als daß dieſe Ehren Dir nicht zukämen, ja, daß man ſie anzunehmen von Dir verlangen müſſe. Dein Diener, mein kaiſerlicher Herr, erwartet Deine Befehle.“ Der Kaiſer trat einige Schritte zurück, und eine Zornesröthe breitete ſich über ſein Geſicht.„Was maßt ſich dieſer Menſch an?“ ſtieß er mit heiſerer Stimme aus.„Habe ich ſeinen Rath verlangt? Will er mir Vorſchriften machen? Ich will keinen Triumphzug; ich will mich vom Pöbel nicht begaffen laſſen; ich will ſeine trunkenen Lieder nicht hören; ich bin kein Schauſpieler. Ich habe Siege genug erfochten und werde alle meine Feinde zer⸗ treten. Julianus ſoll nicht ſagen, daß er mir einen Triumph bereitet hat. Ich nehme es Dir übel, Euſebius, daß Du mir von ſo eklen Dingen nur ſprichſt. Ich habe Dir ſchon geſagt, Urſicinus geht ins Exil nach Illyricum, und Du ſtreichſt ihn aus der Liſte aller Beamten und Würden aus. Er iſt ſchuld, daß der Perſerkrieg ſo unglücklich ausgefallen. Er hat den Perſern Amida verkauft. Ich will ihn nicht mehr nennen hören. Ihm 227 zum Trotze ſoll dieſer Patrika leben bleiben; es wird dies die Juden wohlgeſinnt machen, und das iſt mir lieb, und ſo ſoll es auch mit den deutſchen Fürſten gehalten werden. In's Gefängniß mit ihnen, Euſebius; da mögen ſie ihre Verbrechen verbüßen. Aber leben ſollen ſie bleiben; und keinen Triumphzug, Euſebius, hörſt Du!“ „Ich bewundre in Demuth Deine göttliche Beſcheidenheit, mein Herr und Kaiſer. Dir genügt es, unſterblichen Siegen Deinen Namen zu geben, und die Völker ſollen es hören und ſchweigen.“ Der Kaiſer nickte dieſen Worten beifällig zu und wandte ſich zum Gehen. Der Oberkämmerer eilte ihm voran zu der Pforte, und öffnete ſie. Hinter ihr ſtand der kaiſerliche Zug be⸗ reit. Euſebius trat dem Kaiſer voran, und bald verloren ſich die Schritte in das Innere der Gemächer. 2. Hinter der Kirche, welche nach ihrem Stifter die Baſilika des Conſtantin benannt wurde, lag ein großes Gebäude, das derſelbe Kaiſer zum Sitze des Biſchofs von Rom beſtimmt hatte, bis ſpäter der in der Nähe befindliche Lateranpalaſt hierzu er⸗ koren wurde. In einem geräumigen Gemache dieſes Hauſes ſaßen zwei Prälaten im eifrigen Geſpräche neben einander. Der eine, eine hohe, magere Geſtalt mit ſehr markirten Geſichtszügen und mit feurigen, ſtechenden Augen über den bleichen, hagern Wangen, verrieth den Asketiker, der mit ſtrenger Uebung from⸗ mer Gebräuche einen heißbewegten Geiſt, zu Kampf und Abwehr ſtets geneigt, verband. Der andere zeigte die ganze Fülle eines behäbigen Weſens, ohne daß jedoch Geiſtesſchärfe und Willens⸗ kraft dem Inhaber dieſes wohlbeleibten Körpers abzuſprechen ge⸗ weſen. Der erſtere ſaß in einem etwas erhöhten Lehnſtuhle, über deſſen Arm er ſich zu dem Andern neigte, der auf einem Divan Platz genommen und ſich ruhig mit dem Rücken an die Wand lehnte. Cs waren Liberius, der Biſchof von Rom, der ſchon damals Papa angeredet und deſſen Würde als die erſte in der katholiſchen Chriſtenheit anerkannt wurde, ohne daß ihm jedoch eine hierarchiſche Macht über ſeine Collegen bis jetzt eingeräumt worden; der andere Leontius, der Biſchof von Tripolis. Sie waren Jugendfreunde, und wenn auch in ihrer Gemüthsart ſehr verſchieden, doch von gleichen religiöſen und kirchlichen Anſichten 229 beſeelt, und von gleichem Eifer für die katholiſche Kirche an⸗ getrieben. „Wie geſagt, theurer Bruder,“ ſprach der Erſtere, und Ton und Geberde verriethen die leidenſchaftliche Bewegung ſeiner Seele, „die ſchönen Zeiten des Friedens und der unbedingten Herrſchaft, welche unſre heilige Kirche unter Conſtantin geſehen, ſind jetzt vorüber. Die Feinde derſelben erheben wieder ihr Haupt, und mehren ſich von Tag zu Tag. Aber dies darf uns nicht beirren. Die Kirche muß eine ecclesia militans, eine kriegführende, ſtreitende werden und es bleiben, bis dem letzten Ketzer das ver⸗ ruchte Wort auf den Lippen entſchwunden. Die katholiſche Kirche iſt die allein wahre Heilsanſtalt Chriſti, ſie muß den ganzen Erdball beherrſchen und alle Menſchenkinder unter ihren ſelig⸗ machenden Hirtenſtab bringen. Sie darf nicht ruhen, nicht dulden, und hätte ſie das Schwert des heiligen Geiſtes bis zum Tage des jüngſten Gerichtes zu führen. Sie darf nicht nachgeben und nicht Sanftmuth üben, denn dies iſt ihr Beruf. Es war ein Traum, ein Wahn, daß dieſe Herrſchaft in fried⸗ licher Weiſe gewonnen ſei und niemals beſtritten werden würde. Es iſt damit vorbei. Das Reich des Satans hat ſich wieder Raum geſchafft und ſendet ſeine ſchwarzen Rauchwollen über die Völker hin, die ſich zu Chriſto bekennen, um ſie zu betäuben und in Finſterniß zu verſtricken. Dürfen wir müßig zuſehen? Und wenn die Strahlen der Heilsſonne ſtechen und brennen, ſollen wir darum lieber unſre Schutzbefohlenen dem Feuerpfuhl der Hölle überlaſſen?“ „Und ſollte wirklich,“ erwiderte Leontius,„dieſer Conſtan⸗ tius der arianiſchen Ketzerei ſich zuneigen? So ungleich ſeinem Vater, ſo wenig ſeinem Bekenntniß treu, und noch weniger ſeinen Vortheil begreifend? Schlägt er die Unterſtützung, die 230 wir ihm gewähren können, minder an, als die Kraft unſrer Gegner, deren Zahl doch noch immer gering iſt? Zeigt nicht vielmehr ſeine Strenge gegen die Heiden, daß er völlig auf uns rechnet?“ „Lieber Bruder,“ lautete die Antwort,„in einer ſo ent⸗ fernten Stadt wie Dein Biſchofsſitz, kann man die Gedanken und Wege der Perſonen, welche den Staat beherrſchen, weniger verſtehen und beurtheilen. Conſtantius hat ſein Reich mit einer zahlreichen Rotte von Spionen bedeckt, die ihm von jedem Schritt, der gethan, ja von jedem Wort, das geſprochen wird, Kunde geben. Nun, ich habe dies von ihm angenommen, ſo weit es nöthig iſt, und meine Kundſchafter wiſſen mir ebenſo gut über Alles, was er und ſeine Vertrauten vorhaben, genaue Mit⸗ theilungen zu machen. Liſt gegen Liſt, und ſogar Gewalt gegen Gewalt. O, er iſt ſchlau, dieſer Conſtantius. Warum hat er ſeinen Vetter Julianus, deſſen Vater und Brüder er hinge⸗ ſchlachtet, zum Cäſar und Feldherrn der weſtlichen Provinzen erhoben? Iſt doch dieſer Julianus einer unſrer erbittertſten Feinde, und wird, ich ſehe es voraus, ſobald er die Macht dazu hat, ſeine heuchleriſche Maske abwerfen und als heidniſcher Philoſoph auftreten, der den ſchnöden Götzendienſt wieder empor⸗ bringt. Der Kaiſer verfolgt auf der einen Seite die Heiden, und begünſtigt ſie wieder in dieſem ſchändlichen Apoſtaten. Wa⸗ rum ſchlägt er die ketzeriſchen Arianer nicht ebenſo nieder, wie ſein Vater die Donatiſten? Warum ſchützt er das Verlangen der Gerechtigkeit vor und beraumt Concil nach Concil an, ihre Vereinigung mit der katholiſchen Kirche zu bewerkſtelligen, wäh⸗ rend er doch die reine Lehre gegen jeden Schmutzfleck vertheidigen ſollte? O, ich durchſchaue ſeine Abſicht. Er will uns Alle be⸗ herrſchen; er will ein Gleichgewicht zwiſchen den Parteien her⸗ 231 ſtellen, die Starken ſchwächen und die Schwachen ſtärken, daß wir Alle ihm unterthan ſeien!“ „Deine Anſicht iſt gewiß die richtige, und ich bewundre die Schärfe Deines Geiſtes, mit der Du dieſe verworrenen Verhält⸗ niſſe ſo klar durchſchauſt. Warum aber reizeſt Du den eitlen Mann noch mehr, wie durch unſer Benehmen gegen die Kaiſerin Du es ſoeben gethan? Ich bin Deinem Rathe gefolgt, aber ich geſtehe, mit widerſtrebendem Herzen. Von unſrer Provinz aus hat man eine ſo tiefe Ehrfurcht vor der kaiſerlichen Majeſtät, daß ſie zu verletzen wie ein todeswürdiges Verbrechen erſcheint.“ „O, mein Freund, das ſind kindiſche Anſichten, die wir Alle aufgeben müſſen! Vor der heiligen Majeſtät der Kirche erliſcht alle irdiſche Herrlichkeit, und es muß die Zeit kommen, wo dieſe Kaiſer und ihre Frauen an den Pforten der Kirche ebenſo in Büßergewändern erſcheinen müſſen, wie die Geringſten ihrer Unterthanen. Ihre Kronen ſind nur eitel Gold und Edel⸗ geſtein, die erſt von unſrer Hand geſegnet und geheiligt werden, und darum ebenſo leicht von unſrer Hand zerbrochen werden, wenn ihre Träger ungetren ſind. Warum ich ſo handelte? Weil wir den Männern im Palaſte zeigen müſſen, was wir ſind; weil wir es ihnen in kleinen Dingen zeigen müſſen, damit ſie ſich gefaßt machen, was wir in großen thun werden. Beuge Dich vor ſolch einem Menſchen, und er wird Dir den Fuß auf den Nacken ſetzen; ſtelle Dich ihm aufrecht gegenüber, und er wird zurückweichen öder mit Dir kämpfen.“ Es trat eine kleine Pauſe ein, denn der Prälat, zu welchem dieſe feurigen Worte geſprochen wurden, ſchien Zeit haben zu müſſen, um ſie in ſich aufzunehmen. Er ſaß ſinnend da, wie wenn eine neue Welt der Anſchauung ihm eröffnet worden. Aber auf ſeinem ruhigen Antlitz verrieth Nichts, ob er die An⸗ 232 ſichten ſeines Freundes billige oder nicht. Jener aber war wie⸗ derum mit ſeinen Gedanken allzuſehr beſchäftigt, als daß er ſeinen Freund zum Gegenſtand prüfender Beobachtung gemacht hätte. Endlich hob Leontius an:„So ſage mir denn, Liberius, welche Deine Pläne, Deine beſtimmten Entwürfe für die Zu⸗ kunft ſind?“ „Gerade hierzu habe ich Dich zu mir berufen,“ antwortete der Biſchof von Rom.„In den nächſten Tagen werden noch mehrere unſrer vertrauteren Brüder hier eintreffen, um einen gemeinſamen Rath zu pflegen. Dich aber habe ich zuerſt ein⸗ geladen, ſowohl weil Niemand meinem Herzen ſo nahe ſteht und meine Geſinnungen ſo theilt, wie Du, theils weil ich Deine ausgezeichneten Gaben kenne, mit welchen Du das zu vertheidigen weißt, was Du einmal als recht und wahr anerkannteſt; wodurch Du denn auch, ſo wie durch Deine Beſcheidenheit und Ruhe das größte Vertrauen bei unſern Collegen beſitzeſt. Wir müſſen zu jenem Concil in Rimini mit feſten Entſchlüſſen kommen und mit treu gegebenem und feſt gehaltenem Worte, damit unſre Phalanx einen unerſchütterlichen Wall um die heilige Kirche bilde. Alſo höre. Wir haben dreifache Feinde: die Heiden, die Juden und die Ketzer. Alle drei müſſen vernichtet werden. Denn ſo lange noch irgend eine Genoſſenſchaft wider die katholiſche Kirche zeuget, wird dieſelbe weder im Innern dauernde Ruhe häben, noch nach Außen die Herrſchaft des Satans verdrängen können. Gegen die Heiden müſſen wir den weltlichen Arm verwenden, und dieſer römiſche Staat muß begreifen, daß, weil er ein chriſtlicher ge⸗ worden, er jeder Einheit entbehrt, ſo longe noch einer ſeiner Unterhanen den Geiſtern des Hades huldigt. Gegen die Juden haben wir einen andern Weg zu verfolgen, und Du wirſt in wenigen Augenblicken einen Mann hier eintreten ſehen, der uns 233 die Mittel dazu darbieten wird. Gegen die Ketzer aber müſſen wir ſelbſt Front machen, wir ſelbſt, die Diener der Kirche, müſſen alle unſre Kraft vereinigen, ſie zu zermalmen. Unſre nächſte Aufgabe iſt daher, die Irrlehren des Arias zu unterdrücken. Keine Vermittelung, keine Ausgleichung, das nicäiſche Symbolum und kein anderes! Wir verdammen ſie, wir ſchließen ihre An⸗ hänger von jeder Kirchengemeinſchaft aus, wer es auch ſei, wie hoch er auch ſtehe, wer ſich nicht zu uns bekennt, wird von den Glücklicher Weiſe iſt der Ketzer Arias ſo weit gegangen, daß ihm doch nur Wenige gänzlich folgen werden. Ich ſehe es daher kommen, daß unter ſeinen Anhängern Zerwürfniſſe nicht aus⸗ bleiben werden, und iſt erſt die Verwirrung in ihre eigenen Reihen gedrungen, ſo wird der Sieg uns leicht werden. Er wagte es, die Gleichheit des Sohnes mit dem Vater zu leugnen; weil der Sohn erzeugt worden, könne er nicht ewig ſein, darum auch nicht unveränderlich, folglich auch nicht Gott an ſich, ſon⸗ dern nur Gott durch die Gnade des Vaters, darum auch nicht rein und ſündenlos an ſich, ſondern in der Freiheit, zu ſündigen und Recht zu thun, daß er das Letztere aus eigenem Willen wählte. Dies iſt zu ſtark, zu ſehr gegen die Lehre der Kirche, zu frech aus der menſchlichen Vernunft und falſchen Auslegung der Schrift gezogen, als daß nicht die meiſten Derer, die ſich ſeine Schüler nennen, jetzt, wo ihr Meiſter dahin iſt, wohin er gehörte, in dem Feuer der Hölle, nicht einen Ausweg ſuchen ſollten. So fängt ſich Satan in ſeiner eigenen Liſt, und weil er die Maſchen ſeines Netzes zu groß angelegt, wird er ſeine Beute verlieren. Von uns aber heiſcht es: unbeugſame Ausdauer, und an ſolchem Felſen wird alle Brandung zerſchellen. Ich habe daher, werther Bruder, einen Entwurf abgefaßt, worin die Wege 234 genau angegeben ſind, die wir für die nächſte und weitere Zu⸗ kunft einzuſchlagen haben. Ich werde ihn Dir vorlegen.“ Kaum waren dieſe Worte beendet, als ein leiſes Klopfen an der Thüre vernehmbar ward, und ein Diener hereintrat, der zu ſeinem Herrn ſprach:„Der Fremde iſt da.“ Liberius hieß, dieſen nach einigen Augenblicken eintreten zu laſſen, und wandte ſich zu ſeinem Freunde:„Der Mann, den Du ſogleich erblicken wirſt, iſt ein großer Gewinn für unſre heilige Kirche. Es iſt ein Jude, aber der das Heil erkannt hat und nun ein Streiter Chriſti geworden, der mit ſeinem Leben für die heilige Sache einſteht. Er hat bereits Großes gethan, und der Untergang ſeiner Stammesgenoſſen in Gaoliläa iſt vorzugsweiſe ſein Werk. Du mußt von ihm gehört haben, er nennt ſich Joſeph.“ „Allerdings habe ich von ihm gehört, denn er hat in Aſien einen großen Ruf.“ Die Blicke beider geiſtlichen Herren richteten ſich auf die Thüre, durch welche alsbald eintrat— Joſeph der Abtrünnige. Mit vorgebeugtem Oberkörper ſchritt er langſam auf die beiden Biſchöfe zu, und angekommen vor dem Lehnſtuhle des römiſchen Prieſters, warf er ſich auf beide Knieen, ergriff den Fuß des Liberius und küßte ihm den Pantoffel, auf welchen ein goldenes Kreuz geſtickt war. Dann rief er aus:„Heiliger Vater, gieb mir Deinen Segen! So wie ich jetzt Dich verehrt habe, ſo werden die Geſchlechter aller zukünftigen Zeiten hierher pilgern, um die Naochfolger des heiligen Petrus in ſelbiger Weiſe zu verehren und ihren Segen zu erflehen!“ Die beiden Prälaten hatten erfreut dem Beginnen dieſes Mannes zugeſehen und ſeine Worte vernommen. In den Augen des Liberius flammte es wie die Befriedigung eines Gedankens, den er ſeit langer Zeit, wenn auch verborgen, in ſich getragen 235 und der jetzt unerwartet, plötzlich den Ausdruck gefunden. Auf dem Antlitz ſeines Freundes dagegen konnte man ein Mißbehagen erkennen, das ſich durch ein leichtes Schütteln mit dem Haupte kund that. Aber der Biſchof von Rom war zu ſehr von dem Strome der Gefühle und Gedanken, der ſeinen Geiſt augenblick⸗ lich durchfluthete, ergriffen, als daß er ſeinen Nachbar hätte beobachten können.„Steh auf, mein Sohn,“ ſprach er mit bewegter Stimme,„ich ertheile Dir den apoſtoliſchen Segen, den der heilige Apoſtel des Herrn in die Hand und das Wort ſeines demüthigen Knechtes gelegt hat.“ Bei dieſen Worten erſt ſtreifte ſein Blick über ſeinen Collegen hin, fand hier aber nichts als den tiefen, ruhigen Ernſt, den dieſer ſtets bewahrte. Dies machte ihn um ſo ſicherer. Er lehnte ſich in ſeinem Seſſel zurück, und ſagte:„Du wollteſt mir beſondere Mittheilungen machen, mein Sohn, ſprich jetzt, dieſer ehrwürdige Biſchof kann Alles, auch das tiefſte Geheimniß, ſo gut hören wie ich ſelbſt: es iſt der fromme Biſchof Leontius von Tripolis.“ Joſeph machte auch vor dem Letzteren eine Kniebeugung, erhob ſich dann und ſprach mit feſter Stimme:„Heiliger Vater, es iſt Dir bekannt, daß ich es als den Beruf meines Lebens anſehe, die verirrte Heerde Iſrael zu ſammeln, und zu der Hürde der heiligen Kirche zu führen. Eine innere Stimme ſagt mir, daß ich für dieſe Aufgabe erwählt ſei, und mit der Gnade unſres Heilandes werde ich ſie vollführen, ſo weit ich es vermag.“ „Gut, wir glauben es auch. Aber welche Wege meinſt Du, daß ſie dahin führen?“ „Mein Volk iſt mit dem Fluche des Herrn beladen, und dieſer muß von ihm abgenommen werden. Nichts gleichet der Sanftmuth des Hirten für die, welche ſeinem Rufe folgen und ſich von ſeinem Stabe leiten laſſen; aber wehe denen, die ſich 236 widerſetzen, ihnen kann keine Gnade werden, und kein Mittel darf geſcheut werden, um, wenn nicht ſie ſelbſt, doch die Seelen ihrer Kinder und Nachkommen vor der ewigen Verdammniß zu retten.“ „Du ſprichſt, Mann, die Ueberzeugung Aller aus, welche vor dem Altare des Gekreuzigten ſtehen, und was denkſt Du nun weiter? Du biſt im Aberglauben Deiner Väter erzogen, Du kennſt die Weiſe Deiner ehemaligen Brüder genau, und mußt daher wiſſen, auf welchem Wege wir zu dem hohen Ziele ge⸗ langen, die Verlorenen Iſraels in den Schooß der Kirche zu retten.“ „Wohl, heiliger Vater, es giebt zwei Mittel, und beide müſſen angewendet werden: ſo Viele wie möglich zum Abfall von ihrem Aberglauben zu bewegen, und die Uebrigen— aus Rom zu vertreiben. Laß mich von dem Letzteren zuerſt ſprechen. Ein jedes zerſtreute Volk muß irgend einen ſichtbaren Mittelpunkt haben, ein Haupt oder Herz, ohne welches die vereinzelten Glie⸗ der abſterben müſſen. Darum ſtrebt ein ſolches Volk ſtets, ſelbſt unbewußt, einen folchen Mittelpunkt wieder zu erlangen, wenn er ihm genommen worden. Nun, Jerufalem iſt zerſtört, Tibe⸗ rias und Sepphoris durch die Hand Gottes ſelbſt zerträmmert; im Orient dieſſeits des Euphrats und in Griechenland wohnt nur noch eine geringe Zahl— und ſo iſt es Rom, Rom allein, wo ſie ſeit Jahrhunderten Wurzel gefaßt, wo ihre Gemeinde zu einem ſtarken Stamme aufgeſchoſſen, Rom, das ſie als ihren Mittel⸗ punkt, als ihr Haupt und Herz anſehen müſſen. Hierher flüch⸗ ten ſich viele ihrer verjagten Lehrer, daß ſich hier bald ein an⸗ ſehnliches Lehrhaus erheben wird; hierher wandern die Verjagten des Morgenlandes, und der friſche Anwachs wird immer neue Maſſen an ſich ziehen. Wohlan, ſo muß dieſe Wurzel noch rechtzeitig abgeſchnitten werden. Auch darf nicht vergeſſen werden, 237 daß in Rom, der Hauptſtadt des Reiches, die Juden bei den Großen und Mächtigen durch ihre Schlauheit und ihren Reich⸗ thum ſich immer den Weg offen halten, immer einen großen Einfluß bewahren werden, und dies muß ihnen verwehrt werden.“ Der Biſchof hatte mit Aufmerkſamkeit zugehört, und die Worte Joſeph's machten einen großen Eindruck auf ihn.„Du haſt Recht,“ rief er lebhaft aus,„bei dem Heiland, Du haſt Recht. Daran hätten wir längſt denken ſollen, und hätten es wohl auch, wenn nicht die abſcheulichen Ketzereien alle unſere Ge⸗ danken in Anſpruch genommen hätten. Rom, das durch die Kirche des heiligen Petrus zum Haupte der Chriſtenheit beſtimmt iſt, muß von dieſem Flecken gereinigt werden. Du haſt Recht, und ich glaube ſelbſt, daß, wenn wir dieſe Hauptgemeinde der Halsſtarrigen erſt aus einander geſprengt, die andern Splitter der lodernden Flamme nicht werden widerſtehen können. Aber es iſt kein leichtes Werk, und wir werden hart damit zu ſchaffen haben. Aber ſprich weiter.“ „Was den Weg der Bekehrung betrifft, ſo kommt es darauf an, einige bedeutende und angeſehene Häupter ihrer Nation dahin zu bringen, das Beiſpiel zu geben, und durch dieſes Tauſende nach ſich zu ziehen. Sehen ſie, wie die Gewitterwolken ſich über ihnen ſammeln, wie die Blitze niederſchlagen und treffen und zünden, ſo werden ſie in ihrer Bangigkeit auf ihre Führer ſchauen, und gewinnen wir Einige dieſer, ſo folgen ihnen die Anderen wie von ſelbſt, um den Pfad der Rettung zu finden. Hieran, heiliger Vater, will ich ſelbſt die Hand legen und mit Deiner Erlaubniß und unter Deinem Schutze ſofort beginnen. In dieſen Tagen iſt ein gewiſſer Patrika in Rom eingebracht worden. Er war der Führer des Aufſtandes in Galiläa und genießt bei den Juden ein unbegrenztes Anſehen. Fürwahr, hätte er gewollt, ſie würden 238 ihn für ihren Meſſias erklärt haben. Aufgefunden unter den Trümmern von Sepphoris, welche durch das Erdbeben eingeſtürzt, hat den ſchwer Verwundeten Urſicinus ſorgſam pflegen laſſen, um ihn, in Feſſeln geſchlagen, dem Kaiſer zuzuſenden, dieſem dadurch zu huldigen, den Gefangenen bei einem etwaigen Triumphzuge figuriren oder doch ſein Schickſal aus der Hand des Kaiſers empfangen zu laſſen. Aber die Feinde des Urſicinus wußten den Kaiſer zu beſtimmen, dem Patrika das Leben zu ſchenken, um dem Urſicinns zu beweiſen, daß er ihn ſchuldiger erachte, als den Führer des Aufſtandes. Er iſt zu ewigem Gefängniß verur⸗ theilt. Nun, heiliger Vater, wenn wir dieſen Patrika zur Ver⸗ leugnung ſeines Aberglaubens bringen können, wenn wir ihm da⸗ für die Freiheit bieten, und ich glaube, daß er in kurzer Zeit dazu geneigt ſein wird, ſo würde dies bei allen Juden einen großen Einfluß üben, und die Wege wären uns geebnet bei Tauſenden. Hierzu bedarf ich aber Deiner Vollmachten, heiliger Vater, und Deiner Empfehlung, die mir die Pforte des Gefängniſſes öff⸗ nen wird.“ Ein tieſes Wohlwollen und der Ausdruck heiterſter Befrie⸗ digung hatte ſich auf das Antlitz des römiſchen Biſchofs gelagert. Er nickte dem Sprechenden wiederholt ſeinen Beifall zu, und ſagte endlich:„Man hat mir nicht zu viel von Dir geſagt, mein Sohn. Ich erkenne Deinen Eifer, und finde olle Deine Vorſchläge recht und vernünſtig. Die gewünſchten Vollmachten und Empfehlungen ſollſt Du erhalten; melde Dich hierzu in meiner Kanzlei. Auch wenn Du der Geldmittel bedarfſt, fordere ſie, und ſie ſollen Dir angewieſen werden. Wir werden noch Weiteres mit einander verhandeln; für jetzt biſt Du mit meinem Segen entlaſſen.“ Der Angeredete ließ ſich noch einmal auf die Knie, ſenkte 239 ſein Haupt tief vor dem Prälaten, erhob ſich und verließ das Gemach. Auch die beiden Biſchöfe ſtanden von ihren Sitzen auf, und Liberius ergriff die Hand ſeines Gaſtes und führte ihn mit den Worten:„Laß uns jetzt zur Tafel gehen, mein Bruder,“ durch eine andere Thüre in ein Seitengemach. Leontius folgte ihm ſchweigend. 3. Wir befinden uns in dem Toilettenzimmer einer römiſchen Dame, einer Dame, die, wenn nicht zu den vornehmen, doch zu den reichen Geſchlechtern der Welthauptſtadt gehörte. Beſchreiben wir es nicht näher; denn zu allen Zeiten waren ſolche Räume ein Platz, auf welchem die koſtbarſten und geſchmackvollſten Klei⸗ nigkeiten, welche die betreffende Zeit hervorzubringen vermochte, ſich zuſammenfanden, die aber doch nur den einen Zweck erfüllten, dem weiblichen Geſchlechte zur vermeintlichen Zier und Aus⸗ ſchmückung zu gereichen, und der Kunſt zu dienen, die Schönheit zu erhöhen oder deren Mangel zu verdecken. Oft erſetzt hier die Seltenheit den Geſchmack und die Kunſt, und der Reichthum die Zweckmäßigkeit. Das Boudoir war in der That ein Sammel⸗ platz aller Herrlichkeiten der damaligen Welt, und jene Zeit war mit ſolchen überladen genug. Dennoch fällt es uns auf, daß wir in den Wandgemälden dieſes reich geſchmückten Zimmers, unter den Deckenbildern und auf dem Moſaikboden jede Darſtel⸗ lung einer Menſchengeſtalt, ſei es eines Gottes oder einer Göttin, eines Genius oder einer allegoriſchen Figur vermiſſen; der Pinſel oder der Griffel des Künſtlers hat mit den lebhafteſten Farben und Formen doch nur eine Fülle von Arabesken, Blumen und Thieren hervorgebracht, wie wir ſie ſonſt auf den Wänden des Alterthums nicht erblicken. Selbſt in den Formen der Gefüße 241 gewahren wir dasſelbe, und jede Andeutung des heidniſchen Glau⸗ bens und heidniſcher Kunſt ſcheint mit Aengſtlichkeit vermieden zu ſein. Auch in der Ausſtattung des weiten und doch traulichen Gemaches zeigt ſich etwas Fremdartiges, ſagen wir Orientaliſches mit dem römiſchen Geſchmacke vermiſcht, wie ſich z. B. ſchwel⸗ lende, aber niedrige Divans rings an den Wänden hinziehen. Die Beſitzerin muß eine Römerin, aber aus fremder, einge⸗ wanderter Familie ſein. Sie ſitzt auf einem Seſſel, und viele Dienerinnen ſind um ſie beſchäftigt, ihre Toilette zu beenden. Ihr prachtvolles ſchwarzes Lockenhaar iſt bereits unter den kunſtfertigen Fingern ihrer Sclavinnen nach der Mode des Tages geordnet, und ihr prüfender Blick betrachtet das künſtliche Werk in vorgehaltenen großen Metallſpiegeln, die ihr das ſchöne Bild ihres anmuthi⸗ gen Kopfes von verſchiedenen Seiten wiedergeben. Man beginnt jetzt die Schminkbüchschen zu öffnen, welche in goldenen, mit Edel⸗ ſteinen beſetzten Gefäßen die verſchiedenen Ingredienzen enthalten, mit welchen die Angenbrauen, die Fingerſpitzten und alle Theile des Geſichtes gefärbt werden, welche irgend ein Fältchen, irgend eine Spur der vorrückenden Zeit, die auch die Schönheit nicht verſchont, tragen. Man mußte freilich hier mit ſehr ſcharfem Auge bewaffnet ſein, um etwas Dergleichen zu gewahren, denn obſchon die Dame über die erſte Friſche der Jugend hinaus war, blühte ſie noch in der Fülle jugendlicher Schönheit, und eine vollendete Grazie ſchmückte ihr Antlitz, ihre Geſtalt, jede Ge⸗ berde und Bewegung. Eine Dienerin trat ein, und fragte die Herrin, ob die alte Fauſta, die Amme der Gebieterin, eintreten dürfe.... „Ja wohl, laß ſie kommen!“ rief die Herrin, und eine gewiſſe Befriedigung ſprach ſich in ihrem Geſichte aus.„Warum habe ich Dich ſo lange nicht geſehen, gute alte Fauſta? Biſt 16 Du ſo gleichgültig gegen Deine Iddo geworden, daß Du Dich nicht mehr gedrungen fühlſt, ſie dann und wann aufzuſuchen?“ Die Alte ſchmunzelte bei dieſer Begrüßung, und erwiderte: „Es iſt nicht meine Schuld, theure Herrin, die alte Fauſta war oft genug hier, um das Antlitz ihres ſchönen Kindes zu ſehen, aber dies iſt ja immerfort ſo umlagert und beſchäftigt, daß der Zutritt ſelten gewährt werden kann. Ich preiſe mich daher glücklich, heute den rechten Zeitpunkt getroffen zu haben, und meine erſte Frage iſt: wie geht es der theuren IJddo?“ Die Dame lehnte ſich in den Seſſel zurück, und antwortete mit ſcheinbar trübſeligem Tone:„Wie es mir geht? Wie es einer armen Wittwe gehen kann, die nun ſchon über Jahr und Tag ihren Ehegemahl betrauert, und in Zurückgezogenheit die Tage ihres Wittwenſtandes hinbringt. Du haſt Recht, Fauſta, Dich danach zu erkundigen, denn wem läge ſonſt etwas an meinem Befinden?“ Ein ſchalkhaftes Lächeln ſchien über das runzlige Antlitz der Alten zu gleiten, das wohl ſagen mochte: Deine Trauer war und iſt wohl eine erträgliche, denn Du wurdeſt ja nur durch die Hand des günſtigen Geſchickes von dem verlebten und eiferſüch⸗ tigen Greiſe befreit, den Du Deinen Ehegeſpenſt nennen mußteſt; und Deine Einſamkeit iſt von ſo vielen Zerſtrenungen, Beſuchen und Feſten unterbrochen, daß ſie ſich auf die Stunden verkürzter Nächte beſchränkt. Aber die kluge Fauſta wußte das Lächeln ſchnell wieder zu verdrängen, und ihr Geſicht in ernſte Falten zu bringen. „Es wäre nun aber wohl Zeit,“ erwiderte ſie, und ſchien ihre Worte mit einem Seufzer zu begleiten,„daß meine theure Herrin dieſe Trauer aus ihrem Herzen und ihren Umgebungen entferne, denn die Jugend darf nicht für immer an den Rand 243 eines Grabes gebannt ſein, das bereits einzuſinken beginnt, ſo viele Tage gingen darüber hinweg. Sie hat ja auch Fflichten gegen die Lebenden, und deren ſchmachten genug nach dem Anblick der ſchönen IJddo. Das Trauern und Seufzen mußt Du dem Alter überlaſſen.“ Und bei dieſen Worten kamen ſchwere Seufzer über die falben Lippen der Alten, und drangen recht hörbar in das Ohr der jungen Dame. Dieſe blickte ſchärfer das Geſicht ihrer Amme an, und ſagte, wenn auch ohne einen Ausdruck der Beſorgniß:„Fehlt Dir was, Fauſta? Mangelt Dir Etwas? Brauchſt Du wieder Geld, um die Schulden Deines lockern Sohnes zu bezahlen? Sprich nur, wenn es nicht allzuviel iſt, weißt Du, daß ich es Dir nicht verſage.“ Fauſta ſchien dieſe Worte wohlgefällig zu— erwi⸗ derte aber lebhaft:„Nein, Geld brauche ich nicht. Ich danke Dir, theure Gebieterin, und weiß, daß Deine Freigebigkeit mich vor allen Nöthen ſchützet. Aber meinen armen Fauſtus mußt Du nicht ſchmähen. Deine Ungnade würde ihn elend machen, und er iſt ein ſo treuer Geſell, ein ſo wackrer Burſche, wie wohl We⸗ nige in dieſem ſchlechten Rom. Er mag wohl dann und wann ein wenig über die Schnur hauen, aber dies geſchieht ſo ſelten, und iſt ihm wahrlich nicht zu verargen, denn wenn ein junger Menſch Tag für Tag hinter den Mauern des Gefängniſſes einen harten Dienſt bei den ſchlechten Geſellen leiſten muß, welche die Hand der Gerechtigkeit hinter Schloß und Riegel gelegt, ſo ver⸗ dient er wohl, daß ihm dann und wann ein kleines Vergnügen mit ſeinen Altersgenoſſen geſtattet werde. Nein, Herrin, tadle ihn nicht, er iſt ein braver Junge, und ſeine Vorgeſetzten ſind ſehr zufrieden mit ihm, und loben ihn als den zuverläſſigſten Gefangenwärter, und treu iſt er bis in den Tod, und wie unbe⸗ 244 grenzt iſt ſein Verlangen, Dir einmal durch einen Dienſt die Wohlthaten vergelten zu können, die Du uns unaufhörlich zu⸗ fließen läßt.“ Jetzt war es wohl an Iddo, zu lächeln, und ſie ſcheute ſich nicht, es auf den roſigen Lippen ſehen zu laſſen, die ſich ſanft von dem Gedanken kräuſelten, wie es wohl einem niedrigen Ge⸗ fängnißdiener möglich ſein könnte, der Tochter des reichen Me⸗ ſchullam, der Wittwe des noch reichern Abthalion einen Dienſt zu leiſten, der ſeine Treue auf die Probe ſtellte. Die Alte merkte und verſtand dies wohl, ließ ſich aber nicht darüber aus, ſondern hob nach einer kleinen Pauſe an:„Ich habe meiner Herrin aller⸗ lei Neuigkeiten zu berichten, aber ich muß hinzufügen, daß ſie nicht für Jedermanns Ohr geeignet ſind.“ Sie blickte dabei be⸗ deutungsvoll auf die umſtehenden Dienerinnen. Die Morgen⸗ toilette der Dame war jetzt beendet, und dieſe zögerte daher nicht, ſie durch einen Wink zu verabſchieden. Schnell brachten die Scla⸗ vinnen die Geräthe in Ordnung, ſtellten ſie an die dazu beſtimm⸗ ten Plätze und verließen dann das Gemach. Iddo ſtand von dem Seſſel auf, warf noch einen Blick auf einen großen Spiegel, der ihre ganze Geſtalt wiedergab, und ließ ſich dann auf dem Divan nieder und in eine bequeme Lage fallen.„Komm näher, Fauſta, ſprach ſie, und berichte, was Du zu erzählen haſt.“ Die alte Frau folgte dem Befehle und ſetzte ſich auf ein Tabouret an die Seite ihrer Herrin. „Es iſt allerdings wieder eine Bitte, die ich Dir. vor⸗ zutragen habe, und Du darfſt es nicht übel nehmen, wenn ich Dich damit ermüde. Aber was kann ein Mutterherz dafür, daß es bis zu ſeinem letzten Schlage von Sorgen für das einzige Kind heimgeſucht und bedrängt wird und nun nach der einzigen Stätte wandert, wo es Gehör zu finden glauben darf.“ 245 „Na, das dachte ich doch,“ antwortete Iddo, ohne damit Un⸗ ruhe oder Unwillen zu verrathen.„Aber ſprich nur und komme zur Sache.“ „Die Sache iſt einfach: es kommt jetzt die Stelle des Auf⸗ ſehers auf dem linken Flügel unterſter Stock zur Erledigung; die Stelle iſt eine der beſten im Gefängniſſe, denn es werden da die gefährlichſten Verbrecher untergebracht und der Aufſeher ſehr reich bezahlt. Mein Fauſtus wünſcht dieſe Stelle zu erhalten. Du weißt, der Kaiſer weilt ſeit einiger Zeit hier, und da bedarf es nur einiger Worte der ſchönen, glänzenden Iddo oder ihres Va⸗ ters bei dem Oberkämmerer Euſebius, um meinem armen Fauſtus die ſchöne Stelle zuzuſichern.“ Iddo war ernſt geworden; ihr ſchönes Haupt wiegte ſich hin und her, und nach einigem Nachdenken ſagte ſie:„Das kann ich Dir nicht verſprechen, Fauſta. Das iſt eine ſehr ſchwere Sache. Unter uns, man iſt bei Hofe jetzt ſehr verſtimmt, und weil man die Dinge nicht gehen ſieht, wie ſie gehen ſollten, will man von Bitten und Geſuchen nichts wiſſen. Es muß Etwas im Werke ſein, denn Euſebins hält ſich zurück und zeigt ſich ſehr kalt gegen uns. Ueberdies iſt die Stelle, die Du nannteſt, mit großer Ver⸗ antwortlichkeit verbunden, wie Du ſelber wiſſen mußt, und man traut ſie daher ſchwerlich einem jungen Manne, wie Fauſtus iſt, an, für welchen nur eine ſo geringe Bürgſchaft geboten werden kann, wie die unſrige. Nein, Fauſta, ich glaube nicht, daß wir hierin eine Verwendung nur wagen dürfen, und noch weniger, daß ſie irgend einen Erfolg hätte. Du verlangſt zu viel, Fauſta, Dein Sohn muß ſich noch gedulden.“ Das alte Weib ließ den Kopf hängen, bald aber erhob ſie ihn wieder und zeigte eine zuverſichtliche Miene.„Ich habe meiner Herrin noch etwas Anderes anzuvertrauen, was freilich nicht 246 Viele wiſſen dürften. Du gedenkeſt doch ſicherlich des jungen, ſchönen Mannes, Deines Vetters, der mehrere Jahre in Deines Vaters Hauſe weilte, der dann plötzlich es verließ, worauf Du kurze Zeit nachher Deine vielumworbene Hand dem ſeligen Ab⸗ thalion reichteſt?“ „Weſſen?“ fuhr Iddo heftig auf, und eine glühende Röthe ergoß ſich ihr über Antlitz und Nacken. „Patrika meine ich,“ fuhr die Alte ruhig fort,„den herr⸗ lichen Jüngling, dem wir Alle ſo herzlich zugethan waren, welches Glaubens wir auch waren, Chriſten oder Heiden. Ich ſehe, Her⸗ rin, Du nimmſt noch Theil an ihm.“ Der flammenden Röthe war eine tiefe Bläſſe auf dem Ge⸗ ſichte Iddo's gefolgt; ihre Hand zitterte, als ſie die der alten Fauſta ergriff und mit bebender Lippe rief ſie aus:„Um Gott Fauſta, was weißt Du von ihm, er iſt ja todt, gefallen unter den einſtürzenden Mauern von Sepphoris. Ich denke ja ſein nu wie eines geſchiedenen Helden, und nur leiſe blutet mein Herz noch, das von der Trauernachricht zerriſſen worden!“ „Nun, theures Kind, er iſt nicht todt, aber gefangen. Wie er gerettet worden, weiß ich nicht, aber das weiß ich, er iſt ge⸗ fangen zu Rom, und ſitzt im linken Flügel unterſter Stock des Gefängniſſes, wo mein Fauſtus ſo gern Aufſeher werden will. Ich kann Dir noch mehr ſagen, Kind, er war zuerſt im rechten Flügel zweiter Stock untergebracht, wo diejenigen ſitzen, welche dem Todesurtheil entgegenharren. Hier hatte ihn mein Fauſtus zu bedienen, aber ſeit einigen Tagen hat er das Beil des Henkers nicht mehr zu fürchten, denn er wurde in den linken Flügel über⸗ geführt, wo diejenigen ſich befinden, die zu einer langen oder ewi⸗ gen Gefangenſchaft verurtheilt ſind.“ Eine tiefe Traurigkeit hatte ſich über das Antlitz der reizen⸗ 247 den Iddo gebreitet; ihr Haupt war herabgeſunken auf die Bruſt, und ihre Hände hatten ſich in einandergefaltet. Deſto lauernder fielen die Blicke der Alten auf die Geſtalt ihrer Gebieterin, und ſchienen die Wirkung ihrer Worte und das nothwendige Ergebniß derſelben aus ihr herausziehen zu wollen. Eine Todtenſtille herrſchte im Gemach, bis leiſe die Stimme Iddo's in der Frage erklang: „Und hat Dir Dein Sohn etwas über ſein Befinden und ſeinen Zuſtand geſagt?“ „Nicht viel, denn es waren ſtets nur Augenblicke, in denen er ihn ſehen konnte, wenn es etwas zur Bedienung gab und auch dann nur in Begleitung eines Andern. Denn Du weißt wohl daß einem ſolchen Gefangenwärter nur wenige Freiheit zuſteht, während der Aufſeher zu aller Zeit freien Zugang zu den Ge⸗ fangenen hat. Fauſtus konnte nicht einmal dem gefangenen Herrn ein Zeichen geben, daß er ihn kenne, daß ihm ein Freund in der Nähe ſei. Aber als ich ihn mit Fragen beſtürmte, theilte er mir mit, daß ſich Patrika ziemlich wohl befinde und ſein Schickſal mit großer Ruhe ertrage; ſein Ausſehen wäre nach den überſtan⸗ denen Leiden doch noch über Erwarten gut, und ſeine Geſtalt auf⸗ recht und feſt; eine große Narbe ziehe ſich über ſeine hohe, bleiche Stirn und ſein linker Arm ſei ſteif geworden. Dies iſt Alles, was er wußte und mir ſagte.“ Nach einer Weile ſtand Iddo von Sitze auf und ſagte mit ruhiger, klarer Stimme zu der alten Fauſta:„Ich brauche es Dir nicht erſt zu ſagen: die Dinge haben ſich hierdurch geän⸗ dert; dein Sohn muß die Aufſeherſtelle erhalten; wenigſtens werde ich Alles verſuchen, um zu dieſem Ziele zu gelangen. Aber er wird auch ſeine Bedingungen zu erfüllen haben. Sobald ich etwas erreicht habe, werde ich Dich rufen laſſen, und Du wirſt dann mit Deinem Sohne hierher kommen. Hier haſt Du etwas für 248 Deine kleinen Bedürfniſſe.“ Iddo ging nach einem Tiſchchen, auf welchem ſich eine kunſtvoll gearbeitete elſenbeinerne Truhe be⸗ fand, öffnete dieſe, griff hinein und reichte der Alten eine Hand voll Goldmünzen. Dieſe beugte ſich über die freigebige Hand, küßte ſie und verließ das Gemach. Lange Zeit ſchritt IJddo unruhig in dem Zimmer auf und nieder. Endlich blieb ſie ſtehen, ſtrich mit der Hand über die Stirn und ging nach der Thüre, durch welche ſie alsbald in das Atrium gelangte. Sie eilte über dieſes hinweg und verſenkte ſich in die Reihe der Gemächer auf der gegenüberliegenden Seite. An einer kleinen Pforte blieb ſie ſtehen und öffnete ohne Zögern. Sie ſtand ſofort vor ihrem Vater. Meſchullam war älter geworden, ſein weniges Haupthaar noch weißer, ſein Rücken noch gebeugter denn ehemals; ſeine Züge hatten aber in ihrem Ausdruck an dem Charakter gewinnender Schlauheit nichts verloren, und nur der ſtechende Blick hatte ſich noch tiefer hinter die herabhängenden Augenbrauen zurückgezogen. Tief in Berechnungen und Papiere verſunken, hörte er bei ſeiner ſteten Aufmerkſamkeit doch ſofort die Schritte ſeiner Tochter, und nachdem er einen flüchtigen Blick auf ſie geworfen, ſprach er: „Was iſt Dir, meine Iddo? ich ſehe, Du biſt aufgeregt.“—„Ja ich bin es, Vater, denn ſo eben habe ich vernommen, daß Patrika nicht todt, daß er gefangen, daß er hier in Rom zu ewigem Kerker verurtheilt iſt. Vater, er muß befreit, er muß gerettet werden!“ Meſchullam blickte ſeine Tochter ſcharf an, legte Schreibtafel und Griffel aus der Hand und antwortete ruhig:„Meinſt Du, daß dies ſo geht, daß dies von uns abhängt? Ich ſehe keinen Weg, auf dem dies gelingen könnte.“ „Alſo wußteſt Du es ſchon?“ Und ein gewiſſes Erſtaunen 249 malte ſich auf dem Antlitze S„Und warum haſt Du es mir nicht mitgetheilt?“ „Auch ich habe es erſt vor wenigen Stunden erfahren und war noch nicht einig mit mir darüber, ob ich Dich durch die Nachricht aufrege, oder ſie Dir verſchweigen ſoll, da wir ſchwer⸗ lich etwas in der Sache ändern können.“ „Vater, es muß etwas geſchehen. Ich ſage Dir, ich will es ſo haben, und wenn Dir der Sohn Deines Bruders nichts gilt, ſo mußt Du es um meinetwillen, um Deines Kindes willen thun, welche die Freiheit dieſes Mannes mit ihrem eignen Leben bezahlen möchte. Vater, Du weißt, daß ich Deinen Wünſchen und Plänen mich immer willig gezeigt, und ihnen meine Jugend geopfert habe. Jetzt verlange ich die Vergeltung dieſer Opfer, die Freiheit Patrika's!... Der alte Meſchullam ſchien von der Heftigkeit ſeiner Tochter ſehr betroffen; er ſammelte ſich etwas und ſprach dann:„Liebe Iddo, Du biſt ſehr leidenſchaftlich, und mußt doch wiſſen, daß mit ſolcher Heftigkeit nichts auszurichten, aber Alles zu verderben iſt. Vor Allem beruhige Dich daher und laß uns die Angelegen⸗ heit mit Beſonnenheit erwägen. Das Leben Patrika's iſt nicht bedroht; eine Zeitlang Haft wird dem ungeſtümen Menſchen, der ſo vie Unheil angeſtiftet, gar nichts ſchaden, und nun, weißt Du denn ſchon, ob er eine Wohlthat, und ſei es die Erlöſung aus dem Kerker von unſren Händen annehmen werde? Er hat unſer Hauns, worin ihm ſo viel Gutes geſchehen, in einer für uns kränkenden Weiſe verlaſſen, und nie wieder etwas von ſich hören laſſen. Ich bin noch heute über die Urſache im Dunkel, oder kennſt Du ſie vielleicht?“ Unter den buſchigen Augenbrauen des Greiſes ſchoß 250 lauernder Blick auf ſeine Tochter hin; dieſe aber murmelte nur; „Ich kenne ſie nicht.“ „Nun gut, fuhr jener fort, es mag irgend ſo ein Lie⸗ beshandel geweſen ſein, der ihn plötzlich von dannen getrie⸗ he 4. Iddo ſchüttelte heftig das Haupt.„Nein, nein, das war es nicht. Er hatte hier in Rom keine Bekanntſchaft und das Mädchen, das er ſpäter geheirathet, war noch klein und unbe⸗ deutend, als er ſein Vaterland verlaſſen hatte.“ Sie ſprach dies mit trübem Tone und düſterer Miene, und es ſchien ſie zu ſchmer⸗ zen, die Worte ausſprechen zu müſſen. Meſchullam hingegen hatte den Ausdruck der Befriedigung und fuhr gelaſſen fort: „Ich ſtehe mich jetzt mit dem Euſebius durchaus nicht gut. Komm näher, Tochter, was ich Dir ſagen will, muß das tiefſte Geheimniß bleiben, ich darf es nur in Dein Ohr flüſtern. Der Hof verlangt von mir eine Anleihe, die alle meine Kräfte über⸗ ſteigt; und wenn ſie dies nicht thäte, würde ich die Summe auch nicht hergeben. Wiſſe, mein Kind, die Angelegenheiten des Reiches ſehen ſehr ſchlimm aus. Das galliſche Heer iſt ſchwierig; der Cäſar Julian ſteht im Begriff, ſich gegen ſeinen Vetter aufzu⸗ lehnen und ſich zum Auguſtus ausrufen zu laſſen. Die Partei des Conſtantius iſt groß, aber ſchwach und durch ſeine Hinneigung zu den Arianern geſpalten. Ich will allen Erwerb meines Lebens nicht auf dieſes Spiel ſetzen. Darum iſt der Hof mir jetzt ab⸗ hold, obgleich ich für meine Perſon nichts zu fürchten habe, weil er meiner anderweitig nicht entbehren kann. Ich kann daher gegenwärtig für Patrika nichts ausrichten, und ich ſage Dir, wir müſſen ſogar Alles vermeiden, was einen Verdacht wecken könnte, daß wir uns für ihn intereſſiren. Es wäre der nächſte Schritt zu unſrem eigenen Verderben!“ 251 Iddo hate aufmerkſam den Worten ihres Vaters gelauſcht; aber ſie ſchüttelte jetzt ungläubig ihr Haupt, und ſagte:„Ich ſehe, Du willſt es nicht, und ſo bin ich auf mich ſelbſt ange⸗ wieſen.“ Sie wandte ſich und ging. Unruhig blickte ihr Vater ihr nach, und murmelte vor ſich hin:„Es darf nicht ſein. Hat das Erdbeben und der Feind ihn verſchont, muß die Nacht des Kerkers ihn behalten. Sein Mund muß verſchloſſen bleiben auf immer.“ 4. Das moderne Rom dehnt ſich nach Weſten aus, während das alte im Oſten lag. Wer vom Forum abwärts, an den Rieſen⸗ trümmern des Coloſſeums vorüberſchreitet, und die weite gras⸗ arme Flur durchwandelt, weiß kaum, daß ſein Fuß über dem Grabe von Straßen, Paläſten und— Gefängniſſen ſchreitet. Ja, von Gefängniſſen. Denn nirgends auf dieſem Erdball beſteht noch ein Platz, auf welchem wie in Rom, ſeitdem es gegründet worden, bis auf den heutigen Tag, alſo mehr als 26 Jahr⸗ hunderte hindurch, ſo viel politiſch gekämpft wurde, die politiſchen Parteien ſich ſo erbittert gegenüber ſtanden, und Sieg und Niederlage ſo viele Menſchen zur Herrſchaft oder in die Gefängniſſe brachten. Denn Niemand wird verkennen, daß der Kampf des Papſtthums gegen die ihm widerſtrebenden Elemente doch nichts Anderes war und iſt, als ein Kampf um politiſche Herrſchaft— die Religion ſtand fernab davon, und trauerte... In ziemlicher Entfernung von der Stadt lag das ſogenannte Conſulargefängniß. Ein Graben und eine hohe Mauer, mit Feſtungsthürmen verſehen, umſchloſſen das koloſſale Gebäude, welches aus einem Mittelbau und zwei langen Flügeln beſtand. Alle Vorkehrungen waren hier getroffen, welche denjenigen, die das Innere betreten, und hinter welchen ſich die Kerkerpforten geſchloſſen hatten, den verſagten Ausgang auf immer behinderten. Was man auf beiden Flügeln den erſten Stock nannte, hätte man 253 richtiger als den unterſten oder den unterirdiſchen bezeichnen ſollen; denn viele Stufen führten in die Zellen hinunter und nur am oberſten Rande der der Fronte zugekehrten Wand derſelben ließ eine vergitterte Oeffnung, die ſich gerade über dem Boden des Hofes befand, Licht und Luft in kargem Maße zu. Obſchon dumpf, feucht und dunkel, waren dieſe Zellen doch nicht allzu klein, denn gewöhnlich nur für einen Gefangenen beſtimmt, ſollten ſie doch zu andern Zeiten eine größere Anzahl aufnehmen können, weshalb rings an den Wänden eiſerne Ringe eingelaſſen waren, von denen die Ketten herabhingen, durch welche die Unglücklichen angeſchloſſen wurden, und die ihnen nur einen kleinen Raum zn beſchreiten geſtatteten. Außerdem lief an den Mauern eine ſteinerne Erhöhung hin, welche den Eingekerkerten zum Sitz und Ruheplatze diente. Ein Waſſerkrug daneben geſtellt, und die Ausſtattung des Raumes, aus welchem der Verurtheilte ſich niemals wieder ent⸗ fernen ſollte, war fertig. Hatte er nach kürzerer oder längerer Zeit des jammervollen Daſeins den letzten Athemzug gethan, ſo wurde ſein Leichnam an derſelben Stelle verſcharrt, wo er die Ketten getragen. Ein langer, hagrer Mann hat die Brücke und das gewölbte Thor, ſo wie die Wachtpoſten paſſirt. Er wird zum Vorſteher des Gefängniſſes geführt, und legt dieſem die Vollmacht des Biſchofs von Rom vor, mittels welcher dieſer für den Ueber⸗ bringer als den von ihm beauftragten Seelſorger den Einlaß in jede Kerkerzelle, die er bezeichnen würde, verlangt. Schon damals fand jede Forderung des römiſchen Biſchofs in der von den letzten Kaiſern hintenan geſetzten Hauptſtadt der Welt mehr Gewicht und pünktlicheren Gehorſam als die Befehle des Kaiſers ſelbſt. Der Vorſteher winkte einem Aufſeher, und dieſer geleitete den Mann die Stufen hinunter, und öffnete ihm raſſelnd die eiſenbeſchlagene 254 Pforte zu einer Zelle. Der Mann trat ein, und die Pforte ſchloß ſich wieder hinter ihm. Es war dunkel in der Zelle, und längere Zeit ſtierte der Eingetretene in die Finſterniß hinein, ohne daß er irgend Etwas unterſcheiden, oder ein dort vorhandenes Weſen auch nur in ſeinen Umriſſen gewahren konnte. Aber das Raſſeln von Ketten ſagte ihm, daß hier doch Jemand da wäre, der ſich von ſeinem Sitze erhoben. Endlich ſah er aus der Nacht zwei große funkelnde Augen auf ſich gerichtet, und als er ſich mehr an die Dämmerung gewöhnt, eine aufgerichtete Geſtalt, welche den rechten Arm über die Bruſt gelegt hatte. Ach! Wenige Monde hatten an dieſer Geſtalt große Ver⸗ änderungen hervorgebracht. Die jugendliche Friſche, die ſtolze Haltung war verſchwunden; in ſchlichten Strängen hing das dunkle Haupthaar herab, eine breite, kaum geſchloſſene Narbe, daher von rothen Linien noch umſäumt, lief über die hohe Stirn; wie bleich und eingefallen waren die Wangen und wild vom ſich ſelbſt überlaſſenen Barte unſchloſſen; und der linke Arm hing ſchlaff und ſteif am Körper nieder. Und dennoch waren die Spuren der Schönheit und des Edelſinns dieſem jungen Manne ſo tief eingeprägt, daß ſie ſelbſt aus dieſem dunkelnden Raume und aus den Schrecken ſolcher Umgebung noch erkennbar hervorleuch⸗ teten, und verbunden mit dem Gedanken des furchtbaren Geſchickes, das über dieſen Menſchen hinweggegangen und das ihn noch jetzt in ſeinen Banden hielt, dem mitfühlenden Herzen Wohlwollen und Bewunderung in unbegrenztem Maße einflößen mußten. Viel⸗ leicht würde er dem Auge des Freundes ſchöner und edler als jemals zuvor erſchienen ſein. Die weiße Stirn leuchtete, die großen, dunklen Augen ſprühten ein gedämpftes Feuer aus, und die ebenmäßigen Züge und die hochgeformte Geſtalt drückten Trauer, Reſignation und Hoheit der Gedanken ſichtlich aus. 255 Die beiden Männer hatten ſich eine Zeitlang ſtillſchweigend angeblickt. Der eine empfand wohl Verwunderung, ja Entrüſtung über den Eindringling, der andere Neugier und ſelbſt Befriedigung über den Anblick, der ſich ihm bot. Endlich begann Patrika, und ſeine Stimme klang dumpfer, aber immer noch voll Metalls und Kraft, wenn ſie ſich auch an den Kerkerwänden brach:„Wagſt Du, Verräther, auch das Aſyl des Kerkers zu betreten und zu entweihen? Iſt Dir ſelbſt das Grab des Gefängniſſes nicht heilig genug, um ſein Schweigen durch Deinen ſchleichenden Tritt zu ſtören? Was willſt Du bei mir und von mir?“ Der Andere antwortete nicht; nur ein bitterer Hohn legte ſich um ſeinen Mund, und ein giftiger Blick des Triumphes fuhr aus ſeinem Auge über den Gefangenen hinweg. Dieſer, als er keine Antwort erhielt, wandte ſich, und kehrte dem Eingetretenen den Rücken zu. Eine weitere Bewegung war ihm verſagt. „Raſſele nur mit Deinen Ketten nicht allzuſehr,“ hob dieſer an,„Du erſchreckſt mich doch nicht; Du biſt zwar ein gewaltiger Held, aber dieſe Feſſeln vermagſt Du nicht abzuſchütteln, und Deine Drohungen ſind leerer Schall.“ Der Gefangene wandte ſich dem Sprecher wieder zu, und rief aus:„Alſo biſt Du kein Schatten, der aus den Höhlen der Unter⸗ welt heraufgeſtiegen, mir noch einmal das widerwärtige Antlitz eines Abtrünnigen und Mörders zu zeigen, und meine Zelle mit den Geſtalten des Abſcheus zu bevölkern? Alſo auch Du biſt den Trümmern von Sepphoris entkommen, um dieſen Erdboden durch Deine Gegenwart zu beflecken?.... Doch ſtill, ſo wenig wie ich Dir drohen kann, will ich auch mit Dir hadern; ich kann Dich nicht von meinem Angeſichte hinwegtreiben, ſo will ich auch von Deiner Anweſenheit keine Kenntniß nehmen.“ Er ließ ſich auf ſeinen Steinſitz nieder, und ſtützte das Haupt in ſeine rechte 256 Hand. Auch Joſeph ſetzte ſich auf die Mauererhöhung und zwar dem Gefangenen ſo nahe, wie es möglich war, ohne von deſſen Arm und Ketten berührt werden zu können. Nach einer Pauſe ſprach er in gelaſſenem Tone:„Ich habe gedacht, daß Du einige Befriedigung empfinden werdeſt, Deine ewige Einſamkeit durch das Erſcheinen eines Menſchen unterbrochen zu ſehen, ſelbſt wenn dieſer Dir einſt unangenehm geweſen. Dem Hungrigen iſt ja ſelbſt die bittre Frucht willkommen, und der Durſtige verſchmäht den Becher Wermuth nicht. Laß daher, Patrika, Deine Auf⸗ wallung vorübergehen. Vieles könnte ich Dir enthüllen, was mich in Deinen Augen rechtfertigen würde, und eine That der Feind⸗ ſchaft kannſt Du doch darin nicht erblicken, daß ich in dieſe Höhle zu Dir hinabgeſtiegen, wo es nur dem erträglich iſt zu ver⸗ weilen, der gezwungen worden, alle ſeine Zeit an dieſem Orte zu verbringen. Patrika, ein gleiches Schickſal hat uns Beide betroffen, und darum ein Band zwiſchen uns geknüpft, das uns zu gutem Vernehmen und Einverſtändniß bringen ſollte. Ich ſehe, Du hörſt auf meine Worte, Du blickſt verwundert auf. Wie? Haben wir nicht Beide um Ein und Dasſelbe gerungen, und wir haben es verloren auf immer? Denk an Mirjam, denk an Ga⸗ liläa und unſre Brüder daſelbſt. Die Tochter des Patriarchen war das Ziel unſrer Wünſche, aber auch Dir iſt ihr Beſitz auf ewig verſagt; die Herrſchaft über die Juden Galiläa's war der Preis unſres Ringens, und ſie liegt im Staube, um ſich niemals wieder zu erheben. Dies iſt unſer Schickſal, dies unſer Schmerz, und weil Beides für und in uns gleich iſt, ſollten wir uns verſtehen und an einander halten.“ Patrika hatte ſein Haupt wieder erhoben und erwiderte: „Wühle nur in den Wunden meines Herzens— es thut nicht weh. Zwiſchen mir und Dir iſt eine weite Kluft: um die Gluth 257 meiner Trauer weht der kühlende Wind der Erinnerung, daß ich beſeſſen, was ich verloren habe— Dir war es immer verſagt. Ja, Mirjam war mein, und die Liebe und Anhänglichkeit meiner Brüder war mein— und nicht bloß beſeſſen habe ich ſie: ich habe ſie auch vertheidigt mit meinem Arm und meinem Blute, und nicht der Feind hat ſie mir entriſſen, ſondern der Wille Got⸗ tes, ſein Name ſei geprieſen! Fühle es mir nach, wenn du es vermagſt— aus dem wühlenden Schmerz des Verluſtes hebt mich der Jubel der Erinnerung empor, wie ich ſie mir errungen und wie ich ſie genoſſen! Ich ſtand auf der Höhe, und mein Auge trank das Licht und den Aether des Himmels, und ihre Verklä⸗ rung wirft noch goldene Strahlen in die Schatten des Kerkers. Du aber biſt aus der Nacht ungeſtillten Verlangens niemals herausgekommen. Galiläa iſt eine Trümmerſtätte; aber mitten in ihr erhebt ſich ein Denkmal und neben ihm ein Schandpfahl; auf dem erſteren ſteht mein Name, auf dem andern— der Deinige.... Nein, unſer Geſchick hat nichts Gleiches, denn Du haſt nichts verloren, weil Du es nie beſeſſen....“ Ein ſeltſames Zucken war bei dieſen Worten über das Ge⸗ ſicht Joſeph's gefahren, ſeine ſtechenden Augen warfen giftige Blicke auf den Mann im Hintergrunde der Kerkerzelle. Aber er beherrſchte ſich, er empfand, daß er, wo er zu triumphiren ge⸗ dacht, das Gefühl des Unterliegens nicht laut werden laſſen dürfe. In einem leichtern Tone begann er:„Streiten wir nicht über das Vergangene, das doch niemals zu ändern iſt. Wenden wir lieber unſern Blick auf die Zukunft. Hier wirſt Du mir doch eingeſtehen, daß nur das tiefſte Mitgefühl mich hierher führen konnte. Ich habe nichts zu fürchten und nichts zu hoffen von Dir; Du haſt mir nichts zu nehmen und nichts zu geben, ich konnte Dich Deinem Schickſale überlaſſen, wie es Alle thun— 17 258 oder wer hätte ſchon dieſe Schwelle überſchritten von Allen, die einſt Dir nahe ſtanden?...„Er ließ jetzt ſeine Blicke in der furchtbaren Zelle umherwandern, und fuhr fort:„Man hat Dich in eine ſchreckliche Höhle gebracht— Dich, der Du von Kindheit an Luxus und Reichthum um Dich geſehen. Was die Erde Furcht⸗ bares hat, was jede Stunde zur Ewigkeit, jeden Tag zu endloſer Qual machen kann, das iſt hier vereinigt. Und doch konnte man nicht anders. Der Kaiſer hat Dich zu ewiger Gefangenſchaft begna⸗ digt, und dieſe Gnade kann nach dem Geſetze der Römer nur in einem ſolchen Kerker genoſſen werden—— ſoll es ſo bleiben? Sollen wirklich Dir die Jahre, die Dir noch beſchieden ſind, hier vorübergehen? Von dem Manne, der noch in der Vollkraft der Jugend ſteht, bis zu dem gealterten Greiſe iſt ein langer Weg, und einer ſo ſtarken Natur öffnet ſich das Grab erſt ſpät. Du darfſt nicht hier bleiben!“ „Ich habe entſagen gelernt; was könnte mich auch noch herausrufen in das wildbewegte Leben? Die Welt hat mir Alles genommen; was ſie noch hätte, mag ſie behalten.... „Das iſt Schwäche, Patrika, eine Schwäche, die heute noch in Dir wohnen mag, die aber über Jahr und Tag wieder ent⸗ ſchwinden und dann der wühlenden Verzweiflung Platz machen wird. Das Herz des Menſchen hört nicht auf zu pochen, und wie die Blutwellen ſich durch dasſelbe drängen, bringen ſie Ver⸗ langen und Sehnſucht zurück, bis ſie im Tanz der wilden Leiden⸗ ſchaft wirbeln. Und dann— hätteſt Du wirklich Alles verloren? Doch verſtändigen wir uns erſt. Höre mich an, Patrika; vergiß einen Augenblick, daß Du einen Feind und Gegner in mir ſiehſt, und widme Deinen Sinn nur den Gedanken, die ich ausſpreche.— Du mußt erkannt haben, daß es jetzt aus iſt mit Juda, und daß der Chriſt geſiegt hat. Laß uns über Glaubensſätze nicht ſtreiten. —— 259 Wo Gott ſpricht, da muß der Menſch verſtummen; wo Er ſein Wort durch den Mund der Geſchichte verkündet, wo Er ſeinen Ur⸗ theilsſpruch durch die unerbittlichen Thatſachen kundgegeben, muß der Sterbliche ſich beugen.„Dies iſt der Finger Gottes!“ rief man einſt Pharao zu, und da er doch nicht gehorchen wollte, be⸗ gruben ihn die Wogen des rothen Meeres. Juda hat ſeine letzte Pflanzſtätte verloren, iſt aus ſeiner letzten Zuflucht herausgetrie⸗ ben. Vergeblich irrt es in dieſer Welt umher, überall wird es zurückgewieſen. Entſchließt es ſich nicht, auf ſeinem Wege unzu⸗ kehren, will es ſeine Pilgerſchaft hartnäckig fortſetzen, ſiehe, die bis jetzt es befeindet, werden nicht ruhen; ſie werden es jagen von Land zu Land, und nirgend es dulden. Siehe, die Treibjagd be⸗ ginnt ſchon; das Dekret des Kaiſers, das die Juden aus Rom verbannt, iſt ſchon geſchrieben. Und iſt dies vollbracht, werden die andern Städte des Reiches nachfolgen. Mögen ſie ſich in den Wäldern des Nordens verbergen, auch dort wird das Schwert der Barbaren ſie treffen, und was übrig bleibt, werden Hunger und Froſt aufreiben. Vielleicht irrt dann noch Dieſer und Jener am Rande des Oceans, bis deſſen Fluth den letzten verſchlingt. Dies iſt Wahrheit. Sträube Dich nicht, ſie zu erkennen. Der Prophet ſchon hat es geſagt:„Ihr habet Augen und ſehet nicht, Ohren und höret nicht, Herzen und verſtehet nicht!“ Wie? Wenn Du das Laub von einem Baume fallen, die Zweige und Aeſte zu trocknen Reiſern werden, den Stamm ſich aushöhlen und ſein Mark verlieren ſiehſt, kannſt Du noch zweifeln, daß die Wurzel todt, abgeſtorben iſt? Der Löwe von Juda hat ſich in ſeine Grabhöhle zurückgezogen; ſein Auge iſt erloſchen, ſein Gebiß aus⸗ gefallen, ſeine Tatze liegt hingeſtreckt, und der gewaltige Schweif regt ſich nicht mehr— zweifelſt Du, daß die Stunde des Ster⸗ 260 bens gekommen, und die Verweſung es iſt, die aus ſeinen Ge⸗ beinen den Geruch des Moders verbreitet?....“ Tief war die Bewegung, welche dieſe Worte Joſeph's in dem Herzen ſeines Zuhörers erregten: er hatte ſich von ſeinem Sitze erhoben und ſich wieder niedergelaſſen, er hatte ſeine Rechte wie zum Widerſpruch ausgeſtreckt, und aus ſeinen Augen ſprüheten feurige Blitze. Aber Joſeph ließ ſich nicht davon ſtören und fuhr fort: „Und nun blicke auf das ſiegende Chriſtenthum. Sein Stifter, ob von den Händen der Römer oder unſerer Väter, wir wollen nicht darüber ſtreiten, ſtarb am Kreuze, ſchmachvoll verurtheilt. Aber ſeine Jünger ließen nicht ab. Unſere Väter verfolgten ſie in ihrem Lande, aber ſie nahmen den Pilgerſtab zur Hand und wanderten hinaus unter die Heiden, und wohin ſie kamen, erwar⸗ ben ſie Anhänger. Die Heiden, machten ſich über ſie auf, und verleumdeten und verurtheilten ſie; Ströme von Blut wurden ver⸗ goſſen, die Zahl ihrer Märtyrer wuchs von Tag zu Tag— aber auch ihr Sieg. Stadt nach Stadt, Land nach Land füllte ſich mit den Bekennern Chriſti, bis das römiſche Weltreich ſich ihm unterwarf, und das Scepter der Welt in ſeine Hände überging. Wie lange noch, und die Barbaren des Nordens werden vor dem Kreuze niederfallen, und die Roſſe der chriſtlichen Krieger werden die Waſſer des Indus ſchlürfen. Mehrt ſich nicht die Zahl der Biſchöfe ſchon in ganz Nordafrika, und das Licht der Kirche dringt über die Säume der Wüſte hinaus?.... Patrika, dies überlege; vor ſolchen Thatſachen, die doch nur Deinem eigenen Glauben gemäß nach dem Willen Gottes ſich vollbringen konnten, kein Menſchenwerk, ſondern ein Gotteswerk ſind, wolle die Augen Deines Geiſtes nicht verſchließen, und was Du ſo erkannt haſt, 3 261 wie Du ein Mann warſt im Kampfe für das vermeintliche Recht, ſo tritt als Mann vor die Welt und bekenne die Wahrheit!.... Patrika hatte ſich während dieſer letzten Rede längſt be⸗ ruhigt, und als dies Joſeph bemerkt, fuhr er fort:„Laß mich meine Gedanken ganz unverhohlen Dir entſchleiern. Wenn es alſo wahr iſt, daß das Chriſtenthum als die alleinige Wahrheit die ganze Welt einnehmen und beherrſchen ſoll, ſo iſt dennoch Juda berufen, auch in ihm die erſte Stelle zu behaupten. Vom Beginn an hat ſich mitten im Schoße der Kirche eine ſtille Gemeinde zu⸗ ſammen gethan, die aus Söhnen und Nachkommen Juda's be⸗ ſteht, welche ſich zum Kreuze bekannten„und welche das Geſetz Moſis, ſo weit es in der Schrift verzeichnet iſt, mit der Lehre Chriſti vereinigen. Dieſe ſind es, welche dereinſt das Haupt der Kirche bilden und dieſe immer wieder von allen Verirrungen der Zeiten läutern werden. Siehe, Patrika, in dieſe tritt ein, ſie iſt bereit, Dich als einen ihrer Führer anzuerkennen und Dir eine einflußreiche Stellung zu bereiten, durch welche es Dir auch mög⸗ lich ſein wird, das traurige Geſchick vieler unſerer Brüder zu mildern.“ Patrika blickte jetzt lange und ſcharf in das Angeſicht Jo⸗ ſeph's, und erwiderte dann:„So; jetzt alſo haſt Du mir geſagt, weshalb Du gekommen. Es iſt mir lieb, denn ich ſehe doch, daß nicht das niedrige Verlangen, Dich am Anblick meines Unglücks zu laben, Dich hierhergeführt, ſondern die Sucht zu bekehren, die einmal unvertilgbar in jedem Anhänger des Chriſtenthums lebt. Ich habe Dir ruhig zugehört, ſo leihe auch Du meinen Worten das Ohr. Deine Schilderung, Joſeph, paßt nicht, und wenn Du das unterliegende Juda und das ſiegende Chriſtenthum gegenüber⸗ ſtellſt, ſo iſt dies unwahr. Das Chriſtenthum hat nicht Juda beſiegt, ſondern der Römer. Nicht Juda iſt der Gegner, dem 262 das Chriſtenthum den Sieg abgerungen, ſondern das große Schlacht⸗ und Siegesfeld des Chriſten iſt das Heidenthum. Mit dem Heidenthum kämpft der Chriſt, und jenes unterliegt dieſem. Juda hat nie die Herrſchaft der Welt beanſprucht, hat nie ſie beſeſſen und darum nicht verloren. Deine Thatſache vom ſiegen⸗ den Chriſtenthum beweiſt alſo Nichts, als daß dieſes höher ſteht, mehr Wahrheit enthält und jugendlich friſcher iſt als das Heiden⸗ thum. Und dies beſtreite ich Dir nicht. Und hätte ich die Wahl zu treffen zwiſchen beiden, würde ich das Chriſtenthum wählen. Denn es iſt hervorgegangen aus Juda, und was wahr und gut in ihm iſt, hat es mitgenommen aus dieſem. Aber nicht minder falſch iſt es, was Du vom Untergange Juda's ſagſt. Meine Augen haben ſich geöffnet, und aus dem Dunkel meines Kerkers heraus ſehe ich jetzt, daß der Fall Galiläa's nichts iſt als die Vollendung des Werkes, das die göttliche Vorſehung ſeit einem Jahrtauſende vorbereitete. Iſrael ſoll nicht mehr zuſammenge⸗ drängt und abgeſchloſſen im Lande ſeiner Väter wohnen, ſondern als Zeuge Gottes hingeſtreut ſein über die Oberfläche der ganzen Erde; es ſoll nicht mehr als ein abgeſondertes Volk in engen Grenzen wohnen, ſondern mitten unter den Nationen als Beken⸗ ner des Einig⸗Einzigen und Träger ſeiner heiligen Lehre. Wie? Kehrten alle unſere Väter aus Babel zurück, und blieben ſie nicht zu Hunderttauſenden in den Ländern des Oſtens? Wander⸗ ten nicht Millionen in das Abendland und nach Afrika Jahr⸗ hunderte, bevor Jeruſalem fiel? Und überall fanden ſie ruhige Wohnſtätten, und ſiedelten ſich zu ihrem und der Völker Frommen überall an. Freilich, jetzt iſt es anders geworden, und kaum hat das Chriſtenthum die Macht erlangt, verhängt es Schwert und Verfolgung über die treuen Söhne Juda's. Aber was hilft es ihm? Verbannt aus einem Orte, finden wir neue Stätten im 263 andern. Juda hat nicht mehr Ein Haupt und Einen Leib, und ſo kann kein Schwert es zu Tode treffen. Oeffne doch auch Du die Augen, und was wirſt Du da ſehen? Wie wenn Du einen hellen, funkelnden Bergkryſtall zerbrichſt und in tauſend Stücke zerſchlägſt, und jeder Splitter iſt immer wieder derſelbe Kryſtall, zeigt Dir dieſelbe Form und denſelben Glanz. So auch Juda. Mag der Hammer des Geſchickes es in tauſend Stücke zerſchlagen und dieſe über die Länder zerſtreuen, allüberall geſtaltet es ſofort die Gemeinde wieder, baut ſich ſeinen Tempel, errichtet ſeine Lehrſchule, legt ſich die Ruheſtätte für ſeine Entſchlafenen an, und ordnet ſeine Werke der Barmherzigkeit. Dies iſt die unerſchöpfliche Le⸗ benskraft, die in ihm treibt und die ſeinen Leib unſterblich macht, wie ſein Geiſt es iſt. Laß nur die Stürme darüber hinwegraſen. viele einzelne Bäume fallen vor der furchtbaren Gewalt der Ele⸗ mente, aber der Wald bleibt beſtehen und auch die geknickten Saaten richten ſich immer wieder empor. Kennſt Du, kurzſichtiger Sterb⸗ licher, den Rathſchluß des Herrn? Weißt Du, weßhalb er dieſen ewigen Erhaltungstrieb Juda eingeſenkt? Wozu er es noch be⸗ ſtimmt hat? Was er noch aus ihm machen will? Ja, blick auf die Thatſache— aber dieſe iſt, daß das Chriſtenthum zwar das verkommene Heidenthum im Abendlande niedergeworfen— vom Euphrat an ſteht es noch unbeſiegt— doch über Juda hat es nichts vermocht. Juda hat es von ſich abgewieſen, weil es für eiuen Theil der Wahrheit nicht die ganze Wahrheit hingeben will. Iſrael iſt noch heute unbeſiegt. Und nun wirf einen Blick auf das Chriſtenthum. Sprich ſelbſt, wenn wir heute uns entſchlöſſen, uns ihm zu ergeben, wohin ſollen wir uns wen⸗ den? In hunderte von Sekten zerſpaltet, in große, ſich be⸗ kämpfende Kirchen getrennt, eine jede wieder von Parteien durch⸗ wühlt, zu welcher ſollen wir uns wenden? Eine jede ſtreckt 264 ihre Hand uns entgegen und ruft: Nur in mir iſt das Heil, bei allen andern die Verdammniß— wer ſagt uns, bei welcher wirklich das Heil? Wie Du mir da den Schleier lüfteſt, verrietheſt Du mir nicht ſelbſt, daß Du und Deinesgleichen ſchon wieder der Geſammtheit entwichen, und ihr das Chriſtenthum wo anders ſuchet, als wo es ſich euch dargeboten?.... Nein, nein, wir haben nur ein Judenthum, das kennen und beſitzen wir, darin leben und ſterben wir, mit dieſem iſt unſer Weſen verwachſen, unſre Seele athmet darin, und wer ihm abſagt, ſagt Gott und ſich ſelbſt ab.“ Joſeph ſchwieg lange Zeit, in Sinnen verſunken; dann ſprach er:„So hat ſich die Hartnäckigkeit unſeres Volkes auch in Dir erneuert, und mit ſolcher läßt ſich nicht rechten und ſtrei⸗ ten. Kommen wir zu Dir ſelbſt, Patrika. Was willſt Du? Iſt es wirklich Dein Ernſt, in dieſem furchtbaren Kerker zu ver⸗ ſchmachten und zu verenden? Haſt Du überlegt, was Deiner wartet? Iſt er nicht jetzt ſchon ſchrecklich genug? und doch haſt Du erſt die Monde des Sommers darin verbracht. Laß nur ourch jene ſchmale Oeffnung erſt den eiſigen Hauch des Nords hereinſtrömen und dieſe unterirdiſche Höhle mit Froſt und Fieber⸗ ſchauern erfüllen, wie wird die Kälte ſchneidend in das Gebein und das Herz Dir dringen. Biete Deinen Eingeweiden fort und fort dieſelbe elende Koſt, ſie werden ſich empören und Dir den Dienſt verſagen. Und abgeſehen hiervon, ſoll die Kraft Deines Geiſtes hier zur Ohnmacht erlahmen, bis die Oede der Einſam⸗ keit Deine Gedanken verwirrt, Deine Phantaſie mit Schreckens⸗ bildern erfüllt und die Troſtloſigkeit Dein Herz langſam ver⸗ zehrt. Menſch, ich trete zu Dir in dieſer Grabeshöhle, und rufe Dir ins Ohr: Freiheit, Erlöſung, komm heraus an das goldene Licht der Sonne, auf die grünen Fluren und Höhen, unter das 265 blaue Gewölbe des Himmels— und Du wirfſt nicht Alles von Dir ab, was Dich zurückhält, was Deinen Fuß und Deinen Arm in dieſen ehernen Feſſeln hält?....“ Joſeph hatte ſich bei dieſen Worten von ſeinem Sitze erhoben und war nahe an Patrika herangetreten, als ob er ihm die flam⸗ menden Worte gerade in das Ohr rufen wollte— und auch Patrika war aufgeſprungen, und ſein rechter Arm raſſelte mit den Ketten, als ob er ſie zerreißen, oder, da ſeine Linke ihm den Dienſt verſagte, an der Kerkermauer zerſchlagen wolle. „Patrika,“ fuhr Joſeph fort,„Du haſt genug gekämpft, geopfert und gelitten für das Judenthum, Du haſt Deine Schuld bezahlt, Du biſt quitt, Du biſt todt für dasſelbe in Zu⸗ kunft, werde Chriſt— und Du biſt frei, frei, ganz frei!“ Patrika ſank in ſich zuſammen; ein ſchwerer Kampf zuckte durch ſeinen Körper, bis ſein Haupt ihm auf die Bruſt ſank. Er murmelte wie aus der Tiefe ſeines Herzens vor ſich hin: „Freiheit, ja Freiheit, Luft des Lebens, Nahrung des Daſeins! Einen Tag der Freiheit und nimm ein Jahr meines Lebens dafür!.... Doch nein, ich kann nicht....“ Seine Geſtalt richtete ſich hoch auf, er trat einen Schritt zurück und ſtreckte ſeinen Arm abwehrend gegen Joſeph aus.„Es iſt ein hohes Gut, das Du, Verſucher, mir bieteſt, aber der Preis, den Du dafür von mir verlangſt, iſt zu hoch, ich vermag ihn nimmer zu zahlen.“ Und ſeine Stimme erhob ſich, und klang wunderſam von dem düſtern Gewölbe zurück. „Was ich dem Indenthum gethan, und ob ich ihm noch etwas leiſten könne, darauf kommt es nicht an. Ich kann nicht hintreten, und ſagen: Alles, was ich geweſen, was ich gethan und geſprochen, es war falſch, und das heilige Erbe meiner Väter iſt eine Lüge, und der Gott, der Himmel und Erde ge⸗ S 266 ſchaffen, iſt ein Wahn! Wie, was jeder Tropfen meines Herz⸗ blutes enthält, was jede Fiber meines Geiſtes in ſich ſchließt, ich ſoll es verläugnen vor der Welt, vor mir ſelbſt, vor Gott? und wie, ich ſoll leben fortan ohne das Geſetz, das mich ver⸗ pflichtet, ohne die Sitte, die meine Väter geübt, ohne den Brauch, den die Weiſen meines Volkes eingeſetzt? Nimmermehr. Auch um der Freiheit willen kann ich zum Lichte nicht ſagen: Du biſt dunkel, und zur Dunkelheit: Du biſt Licht; zur Wahrheit: Du biſt Lüge, und zur Lüge: Du biſt Wahrheit!.... Geh, und komme niemals wieder! Willſt Du den Schandfleck Deines Lebens mit dem meinigen bedecken: es ſoll niemals geſchehen!.... O Mirjam, o Amnon, wenn ihr nicht mehr unter dieſen Sterblichen wandeln ſolltet, wenn eure treuen und erhabnen Seelen hinaufgeſtiegen zur Ver⸗ ſammlung der verklärten Väter, wie könnte ich dereinſt euch ent⸗ gegentreten, und ſagen müſſen: ich habe euch verleugnet, ich habe euer heiliges Andenken in den Staub geworfen!....“ Er warf ſich auf ſeinen Sitz nieder und bedeckte ſein Antlitz mit ſeiner Rechten, als ob er Reue empfände, einem ſolchen Gedanken nur einen Augenblick den Zugang zu ſeiner Seele geſtattet zu haben. Joſeph aber war von den letzten Worten Patrika's betroffen, ein ſchlaues Lächeln zog um ſeinen Mund, und mit einer erheuchelten Sanftmuth der Theilnahme ſprach er:„Und wenn nun Mirjam und Amnon aus den Trümmern von Sepphoris ebenſo gut ge⸗ rettet wären, wie Du— wollteſt Du nicht um ihrerwillen frei werden? Du könnteſt ſie aufſuchen, Du könnteſt Dich wieder mit ihnen vereinen, Du....“ Die Stimme ſchien ihm hierbei zu verſagen, aber Patrika merkte es nicht, ſondern war von Neuem aufgeſprungen, und rief ihm zu:„Wie, leben ſie? weißt Du von ihnen? wo ſind ſie, was machen ſie? ſprich, halte nicht zurück, ich flehe Dich an, Joſeph, wenn noch eine Spur von 267 Gefühl in Dir iſt, wenn Du nicht ganz Schlange, ganz Tieger geworden, ſage mir, was Du weißt!....“ Patrika hatte ſich ſoweit vorgedrängt, Joſeph nahe zu kom⸗ men, wie die Feſſeln es ihm nur erlaubten, ſeine Bruſt, ſein Kopf ragten weit voran, während die Ketten ſeine Arme und Füße zurückhielten. Joſeph erwiderte ruhig:„Sie leben, ich weiß auch, wo und wie; ich werde wiederkehren, überlege Dir, was ich Dir angeboten; Du ſollſt es erfahren, ſobald Du frei biſt, und Du wirſt dies ſein, ſobald Du thuſt, was ich verlange.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich und verließ das Gefängniß. Patrika rief ihm nach:„Halt ein, bleib hier, ſage mir....“ Aber Joſeph war ſchon verſchwunden, und die Pforte wieder geſchloſſen.„Böſewicht, grauſamer Schuft!“ rief Patrika voll Verzweiflung, und rang die Hände, daß die Ketten klirrten und raſſelten. Dann ſank er wie betäubt auf den Stein nieder. Schwere Stunden gingen über den Dulder dahin, der immer und immer mit ſich rang. Aber auch immer wieder machten ſeine Gedanken und Gefühle ſich in den Worten Luft:„Es iſt Alles Lüge, Alles Trug— ſie ſind todt, wohl ihnen!“ 5. War Iddo wirklich das Schoßkind des Glückes, als das ſie von aller Welt gerühmt und beneidet ward? Sie war aller⸗ dings ſehr reich, eines der reichſten Männer Roms einziges Kind, nun auch eines der reichſten Männer Roms Wittwe. Sie war ſehr ſchön, und wenn die Friſche der erſten Jugend abgeſtreift war, ſo ſchmückten die Fülle der Formen, der Glanz ihrer ſchönen Farben und das Feuer ihrer Augen, ſo wie die hinreißende Anmuth ihres Weſens, die ſich mit einer imponirenden Würde verband, ihre Erſcheinung, ſo daß ſie jetzt faſt noch mehr be⸗ wundert und umworben war, als in ihrer erſten Blüthezeit. Sie war nach dem Maße jener Zeit fein gebildet, kannte die hervor⸗ ragendſten Werke des klaſſiſchen Alterthums und war auch den heiligen Schriften ihres Glaubens nicht ganz fremd; denn trotz des Weltlebens, das in ſeinem Hauſe herrſchte, hatte Meſchullam ſtets auf die Uebung der religiöſen Vorſchriften für ſich ſelbſt und bei ſeiner Umgebung gehalten. Bei ihrem ſcharfen Ver⸗ ſtande hatte ſie ſich daher auch die Gabe feiner und klarer Sprache in hohem Grade angeeignet, und galt hierin wie in edler Sitte und geſchmackvoller Kleidung für ein Muſter ſelbſt im großen Rom. Aber glücklich war ſie darum doch nicht, und wer durch alle dieſe äußern Hüllen in die Tiefen ihres Herzens zu ſchauen vermocht hätte, würde darin oft genug unbefriedigte Sehn⸗ ſucht, Kampf und Traurigkeit gewahrt haben. Denn das iſt der Bann, unter welchem die äußern Güter dieſer Erde liegen, daß 269 ihr Mangel oder Verluſt ſehr ſchmerzlich empfunden wird, ihr Beſitz aber entweder gleichgültig für ſie oder immer begieriger nach ihnen macht. Es iſt eine falſche Meinung, daß das Leben in der großen Welt, in großen Städten und oberen Kreiſen den Geiſt für alles Höhere und Edlere abſtumpfe. Es iſt dies, namentlich bei den Frauen, viel weniger der Fall, als in den mittleren und unteren Schichten der Geſellſchaft, wo die Klein⸗ lichkeit der Beſchäftigung und der Intereſſen die Seele des Weibes gefangen hält. So hatte ſich auch Iddo ein reiches Leben der Phantaſie und lebhafte, reizbare Gefühle bewahrt, die von außen nur durch die gemeſſenen Formen der feinen Welt und durch die Zurückhaltung, welche ihre Stellung ihr auferlegte, umſchanzt waren. Frühzeitig der Mutter durch den Tod beraubt und von ihrem Vater zwar züärtlich geliebt, aber bei ſeiner außerordent⸗ lichen Geſchäftigkeit wenig beachtet, fühlte ſie ſtets den Mangel eines Herzens, dem ſie ſich vertrauensvoll anſchließen und hin⸗ geben könnte. Darum machte der Eintritt Patrika's in ihr väter⸗ liches Haus einen ſo tiefen Eindruck auf ſie. Er erſchien ihr zuerſt wie ein jüngerer Bruder, den ſie bei der größern Reife ihres Geiſtes zu ſchützen und zu leiten habe. Dann aber, als der Jüngling ſich ſo herrlich entfaltete, männlich ſchön und geiſteskräftig ſich entwickelte, umfaßte ihn ihr Herz mit inniger Liebe, und ſie baute dieſem Manne ein Heiligthum auf in der verborgenſten Kammer ihrer Seele. Als er ſo plötzlich, und ohne daß ſie die Urſache zu durchſchauen vermochte, ſich von ihr wandte und dann ihr Haus verließ, erhob ſich zwar ihr Stolz gegen dieſes ſein Benehmen, konnte aber nicht verhindern, daß ihr romantiſcher Sinn ſich ſeiner nur um ſo mehr bemächtigte und den Glorienſchein des Geheimniſſes um ſein Haupt wand. In dem erſten Zorne ihres Stolzes reichte ſie Abthalion ihre Hand, 270 aber ihr Herz gehörte ihm nicht. Als der Name Patrika's als ein glänzender Stern am Himmel des Morgenlandes aufſtieg und zu einem feurigen Meteor ward, der ſchnell, aber um ſo ſtrahlenreicher durch den Horizont fuhr, war ihre Seele bei ihm und begleitete ihn auf jedem Schritt ſeiner glänzenden, aber ge⸗ führlichen Laufbahn. Zwar füllte ſich ihr Herz mit einer unſäg⸗ lichen Bitterkeit, als die Kunde ſeiner Vermählung mit Mirjam zu ihr drang, aber dieſe wich ſchnell dem tiefſten Mitgefühl, da ſie den Untergang Beider erfuhr. Zu derſelben Zeit legte ſich ihr Mann zum Sterben, und da ſie ſo bald nur Gräber um ſich erblickte, welche, ihren Vater ausgenommen, Alles umſchloſſen, was zu ihr in einer näheren Beziehung geſtanden, ſo gefiel ſie ſich in dem Gedanken, daß ihr Leben nach dieſer Seite hin ab⸗ geſchloſſen und für ihr Herz nichts mehr zu erhoffen ſei. In welche Aufregung geriethen daher ihre Gefühle, als ſie vernahm, daß Patrika gerettet und als Gefangener nach Rom gebracht ſei. Das ganze Feuer ihres bis jetzt unbefriedigten Herzens erwachte von Neuem. Sie wollte ihn befreien, aber zugleich für ſich erwerben, das Schickſal habe geſprochen, und beide auf einander angewieſen. Alles hatte ihr das Geſchick bis dahin in den Schoß geworfen, aber dieſes Alles mißachtete ſie; das wahre und höchſte Gut ihres Lebens müſſe ſie ſich ſelbſt erringen, und eine Fluth von Plänen und Entwürfen ging ihr durch den Kopf. Als eine Zuverſicht, über deren Richtigkeit auch nicht einmal ein Zweifel in ihr erwachte, ſtand in ihr feſt, daß auch Patrika ſie lieben würde, wenn ſie als Erretterin in ſeinen Kerker treten werde. Er gehöre ihr, und ſie brauche nur die Hand auszuſtrecken, um Beſitz von ihm zu ergreifen. Iddo kannte die Verhältniſſe zu gut, um nicht zu wiſſen, daß die Befreiung Patrika's mit außerordentlichen Schwierigkeiten 271 verbunden ſei. Sie kannte den unverlöſchlichen Haß, den der Kaiſer Conſtantius gegen Jeden hegte, der irgend einmal die Hand gegen ihn zu erheben gewagt, und daß Patrika ſein Leben nur demſelben Haſſe gegen Urſicinus als einen geheimen Anhänger des ermordeten Gallus zu verdanken habe. Niemand würde es daher wagen, der Rache des Kaiſers eines ihrer Opfer zu ent⸗ ziehen. Aber ſie verließ ſich darauf, daß in Rom Alles feil ſei, und daß es daher nur der Zeit und der Wachſamkeit bedürfe, um das rechte Werkzeug und den rechten Augenblick zu finden; daß ihr Vater ſeine Mithülfe ihr verſagte, that ihr kaum leid. Sie brauchte keinen Mitwiſſer, und war eiferſüchtig darauf, ganz allein für Patrika die rettende Vorſehung zu ſpielen. Ueber Geld⸗ mittel hatte ſie genug zu verfügen und war Niemandem Rechen⸗ ſchaft ſchuldig. Sie begann ihr Werk damit, dem Sohne ihrer Amme die Aufſeherſtelle über die Gefängnißreihe, unter welcher ſich die Zelle Patrikas befand, zu verſchaffen. Weniger die Fürſprache ihrer ſchönen Lippen, als ihre volle Hand führte ſie zu dieſem Ziele, Aber ſie kannte ihre Leute zu gut, und bewirkte daher nur, daß Fauſtus unter dem Vorwande, er müſſe noch erprobt werden, erſt proviſoriſch auf ein Jahr den Poſten erhielt, welchen ſeine Ehr⸗ und Habgier ſo ſehr erwünſchte. Es hieß das nichts An⸗ deres für den Oberaufſeher der Gefängniſſe, als Iddo müſſe eine noch fünf Mal größere Summe zahlen, um ihren Schützling zur dauernden Beſtallung zu bringen, und für Fauſtus, daß er ſeiner Beſchützerin weſentliche Dienſte leiſten müſſe, um zu dieſem Ziele zu gelangen. Die nächſte Aufgabe war nun, Patrika's Lage in der feuchten und kalten Kerkerzelle erträglicher zu machen. Dies vermochte Fauſtus einigermaßen, weil ihm die Bedienung dieſes Gefangenen 272 und ſeiner nächſten Nachbarn allein anvertraut war; jedoch mußte die größte Vorſicht beobachtet werden, um keinen Verdacht zu er⸗ regen, der alle Hoffnungen vernichtet hätte, und weil der Ober⸗ aufſeher verpflichtet war, in jeder Woche wenigſtens einmal von der Anweſenheit der Gefangenen ſich perſönlich zu unterrichten. Dagegen war der Knecht, den Patrika zu ſeiner Hülfe noch hatte, bald gänzlich gewonnen, und Fauſtus wußte die Dinge ſo anzu⸗ legen, daß derſelbe die Entdeckung nicht minder als er ſelbſt zu fürchten hatte. Es wurden alſo warme Decken und Kiſſen in die Zelle geſchafft, beſſere Kleidung dem Gefangenen gebracht, und eine beſſere Koſt ihm bereitet. Selbſt einige Bücher und Rollen zur Lectüre wurden ihm nicht vorenthalten. Da der Oberauf⸗ ſeher es ſich ſo bequem wie möglich machte, und daher ſeine Beſuche in den Zellen wie den ganzen Gang der Geſchäfte nur in mäßigſter und geregeltſter Weiſe betrieb, ſo vermochte Fauſtus den Zuſtand des Gefangenen immer wieder zu der früheren Weiſe herzuſtellen, und alles Verdächtige hinwegzuräumen, bevor ſein Vorgeſetzter in der Zelle erſchien. Immerhin aber legte dies Beſchränkungen auf und machte die größte Vorſicht nothwendig. Es verſteht ſich, daß Fauſtus dies Alles nicht aus Liebe zu Patrika oder aus Dankbarkeit gegen Iddo unternahm, ja daß er in's Geheim über dieſe Wagniſſe und Beſchwerden knirſchte— aber nur ſo konnte er hoffen, ſein Ziel zu erreichen, und daher mußte er ſich dieſem unterwerfen. Er hatte dabei durchaus nicht den Auftrag, die Quelle zu verſchweigen, aus welcher alle dieſe Hülfe floß, und es bereitete dem Herzen Patrika's nur eine dop⸗ pelte Befriedigung, Iddo als ſeine Beſchützerin zu wiſſen, der er Zuneigung und Achtung immer bewahrt hatte. Seine Lage war auf dieſe Weiſe ſehr erleichtert worden, und noch mehr durch das Gefühl, ſich nicht mehr völlig vereinſamt auf dieſer Erde zu 223 wiſſen, ſondern ein Herz zu kennen, das ihm eine thatkräftige Theilnahme zugewendet, einen Menſchen zu haben, der ſeiner noch gedenke. Das Verlangen Iddo's ging nun dahin, Patrika in ſeinem Kerker zu ſehen. Sie wußte, daß ſie ihm dadurch eine große Freude bereite, und fühlte den innerſten Drang, ihm einmal wieder gegenüber zu ſtehen und den Ausdruck ſeines Dankes ent⸗ gegen zu nehmen; ohne daß ſie es ſich klar machte, lebte in ihr auch die Abſicht, ſich zu vergewiſſern, ob ſie ſeine Liebe beſäße. Es bedurfte hierzu langer Vorbereitungen. Fauſta mußte zu ihrem Sohne in das Conſulargefängniß ziehen, wozu dieſer wiederum die Erlaubniß nur durch die Gunſt des Oberaufſehers erlangte, die er ſich durch die unbedingte Willfährigkeit erwarb, welche er für ſeinen Obern bethätigte. Die Wachen gewöhnten ſich hierdurch an das Ein⸗ und Ausgehen der alten Frau, und es kam nun darauf an, Iddo in den Kleidern derſelben das Paſſiren des Thores und des Hofes möglich zu machen. Die Geſtalt und Größe beider Frauen boten hierin kein Hinderniß, und Iddo hatte die Bewegungen ihres Körpers zu ſehr in der Gewalt, als daß ſie ſich nicht der Erſcheinung ihrer Amme hätte anpaſſen können. In der Dämmerung eines Abends langte Iddo nun wirklich in der Wohnung ihres Schützlings an. Man hatte ſie für Fauſta gehalten und ohne ſie zu befragen, paſſiren laſſen. Eine weitere Vorkehrung, die man getroffen, war, daß man ein Brett und Vorhänge bereit hielt, um die Fenſteröffnung in der Zelle ſo zu bedecken, daß kein Strahl der Lampe, die in der Zelle angeſteckt werden ſollte, nach außen dränge. Auch dies gelang, und die Kerkerthüre öffnete ſich für Iddo. Patrika erwartete ſie. Unruhig hatte er ſich ſeit Stunden innerhalb der wenigen Schritte bewegt, welche ihm ſeine Feſſeln 18 274 zu durchſchreiten geſtatteten. Jetzt hörte er die Schritte des Auf⸗ ſehers; jetzt vernahm er das Klirren des Schlüſſels, das Auf⸗ ſchieben des Riegels, das Knarren der Thüre. Aber es war noch dichte Dunkelheit. Die Pforte ſchloß ſich, eine Lampe wurde nie⸗ dergeſetzt und angezündet. Bei dem erſten Lichtſtrahle gewahrte er die herrliche Frauengeſtalt, die ſich der verhüllenden Gewänder der alten Frau entkleidete. In demſelben Augenblicke entfernte ſich Fauſtus. Da ſtanden ſie ſich gegenüber und blickten ſich in die leuch⸗ tenden Augen und Angeſichter. Wie ſie ſich einſt gekannt und nahe geſtanden, wie ſie ſich getrennt und Jahre vergingen und gewaltige Geſchicke in ihrem Wandel gingen an ihnen vorüber, alles dies fuhr wie ſich jagende Gedanken durch ihre Seelen; wie vergaßen ſie der Kerkerwände, die ſie umgaben, der Ketten, welche ihn belaſteten, und vergebens bei jeder Bewegung ihre Anweſen⸗ heit verkündeten; Patrika ſtreckte die gefeſſelte Rechte aus, und „O Iddo!“„O Patrika!“ entfuhr ihren Lippen, und Iddo ſank an die Bruſt Patrika's, und er umſchloß ſie und drückte ſie an ſein pochendes Herz. Langſam beruhigten ſich ihre Gefühle in etwas, und ſie nahmen neben einander auf der Steinerhöhung Platz. Pa⸗ trika ergoß ſich in feurigen Dankausbrüchen für Alles, was Iddo für ihn gethan, und in langen Geſprächen theilten ſie ſich mit, was ihnen begegnet, beantworteten ſie ſich die Fragen über das, wus jedem aus dem Leben des andern noch dunkel war. Immer höher erhoben ſich ihre Seelen, immer inniger ergoſſen ſich ihre Herzen, Iddo hielt die Hand Patrika's feſt und ſchaute ihm in die großen, von ebenſo vieler Trauer wie Glück erfüllten Augen. Da begann ſie:„Du ſagſt, Patrika, daß Du mir Dank ſchul⸗ deſt; ich ſehe dies nicht, denn was ich gethan, war eben ſo na⸗ türlich wie ein Gebot der Fflicht; wie hätte ich vor mir ſelbſt 275 beſtehen können, hätte ich es unterlaſſen?! Und dann, das größte und nothwendigſte muß erſt noch geſchehen. Wenn einſt dieſe Kerkerpforte ſich hinter Dir geſchloſſen, um Dich auf immer frei zu laſſen, dann erſt iſt unſer Ziel erreicht. Dennoch erhebe ich einen Anſpruch an Dich, und Du mußt ihn mir erfüllen. Es muß klar ſein zwiſchen uns Beiden, völlig klar, und darum mußt Du mir mittheilen, was Dich damals pon uns trieb, was Dich bewog, mir ſelbſt, die Dir mit ſo vieler Liebe zugethan war, den Rücken zu wenden.... ach, es hat mich ſehr unglücklich gemacht.“ Patrika ſchwieg; er war zurückgefahren und hatte ſeine Hand unwillkürlich aus der Iddo's gezogen; dunkle Schatten legten ſich auf ſein Geſicht, und ſeine Lippen bebten. Iddo erſchrak über die Wirkung ihrer Worte, aber beharrte um ſo mehr in ihrem Verlangen.„Um Gott, Patrika, iſt es denn etwas ſo Fürchter⸗ liches? Ich bin mir doch nichts bewußt, und habe niemals einen argen Gedanken, weder gegen Dich, noch gegen einen der Deinen gehegt.“... Patrika hatte ſich gefaßt, und ſprach in bittendem Tone:„Fordre dies nicht von mir, theure Iddo, nimm Deine Frage zurück, laß die traurigen Vorgänge mit der Nacht des Schweigens verhüllt! Nein, Du biſt ſchuldlos, ebenſo wie ich; aber Du kennſt das Wort der Schrift: die Schuld der Väter wird an den Kindern geahndet, und warum die Wunde wieder aufreißen, nachdem ſie vernarbt? warum den Riß wieder auf⸗ decken, nachdem er verhüllt worden?....“ Aber Iddo gab nicht nach. Sie fühlte, daß hier etwas ver⸗ borgen lag, worüber ſie hinweg müſſe, wenn ſie ihr Ziel erreichen woollte, daß etwas aus der Seele Patrika's geräumt werden müſſe, was ſonſt ewig trennend zwiſchen ihm und ihr ſtehen würde. Im⸗ mer dringender wurden daher ihre Worte, immer feuriger ihre ⸗ 276 Blicke, immer zuſprechender ihre Geberden, und Patrika konnte nicht länger widerſtehen. Er hob mit einer Stimme an, in welcher ſich Abmahnung und Widerwillen miſchte:„Siehe, Iddo, es betrifft beſonders Deinen Vater und ſeine nicht zu rechtfertigende Handlungsweiſe; und warum muß ich die Tochter deshalb erröthen laſſen? wirſt Du mir nicht darum gram geſinnt werden? Doch Du forderſt es unbedingt, und ich muß Dir willfahren.“ „Von Kindheit an ſah mein Vater in dem Umſtande, daß er der Aeltere war, die Verpflichtung, Deinem Vater, als ſeinem ein⸗ zigen Bruder, beizuſtehen und hülfreich zu ſein, wie er nur konnte. Sie hatten ihr väterliches Haus in zerrütteten Umſtänden über⸗ kommen, die eine natürliche Folge der Unruhen und Heimſuchun⸗ gen waren, die über ihr unglückliches Vaterland hinweggegangen. Es gelang meinem Vater frühzeitig, den drückenden Verhältniſſen abzuhelfen, und als Meſchullam erwachſen, vereinigten ſie ihre Anſtrengungen, und knüpften bald wieder die weitreichenden Ver⸗ bindungen an, welche unſere Vorväter geſchloſſen, und durch welche ſie Anſehen und Reichthum erworben hatten. Es wurde noth⸗ wendig, ſich auch in Rom feſtzuſetzen, und obſchon es vorausſicht⸗ lich war, daß dem Gliede des Hauſes, das ſich dort niederließ, eine glänzende Zukunft ſich eröffnete, trat mein Vater dies ſeinem jüngern Bruder willig ab, und begnügte ſich, ſein beſcheidenes Theil in der dunkleren Heimath zu behalten. Dein Vater, Iddo, beſaß Gewandtheit und Klugheit genug, um ſich in Rom empor zu arbeiten; aber ſeine Stellung war auch mit vielen Gefahren verknüpft, und jedes Mal fand er meinen Vater bereit, ihm die rettende Hand entgegen zu reichen und mit eigener Aufopferung ihn vom Rande des Verderbens zurückzureißen. Es liegen ſolcher Fälle nicht wenige vor. Mein Vater fand ſein Glück und ſeinen 277 Stolz darin; ſo eifrig er in ſeinen Geſchäften war, ſo lag ihm doch an dem Beſitze von Reichthümern nur ſo viel, als er damit den Seinigen und Andern Gutes thun konnte. Doch gehen wir weiter. Du wirſt es wiſſen, daß vor fünf und zwanzig Jahren ſich ſechs Männer in die Herrſchaft des römiſchen Reiches ge⸗ theilt; aber kaum waren die äußeren Feinde von den Grenzen des Reiches durch glückliche Schlachten zurückgewieſen, als jene Auguſti ſich einander zu befehden anfingen, und Einer durch den Andern in das unfreiwillige Grab ſtürzte. So blieben zuletzt nur Maxen⸗ tius und Conſtantin übrig, und auch dieſe Beiden, lange verbun⸗ den, um ihre Mitkaiſer niederzuwerfen, erklärten einander den Krieg auf Leben und Tod. Die Spaltung ging mitten durch alle Völ⸗ ker. Denn Conſtantin hatte ſich zum Beſchützer der Chriſten auf⸗ geworfen; wohin er kam, gründete er Kirchen und Klöſter und beſchenkte ſie aufs reichlichſte mit den Gütern, die er ſeinen heid⸗ niſchen und jüdiſchen Unterthanen abgenommen. Er erklärte die katholiſche Kirche für die Religion des Staates, und ſicherte ihr die höchſten Vorrechte zu; und wenn er auch noch den Schein einer gewiſſen Toleranz gegen Andersgläubige zu bewahren ſuchte, ſo konnte ihm dies bei dem Haſſe der Parteien nur ſchlecht ge⸗ lingen. Alle daher, die dem Judenthume anhingen und die dem Heidenthume noch nicht entſagt hatten, blickten auf Maxentius als ihren Hort und Schützer, der wiederum nicht minder die Chriſten verfolgte und ſich allen Andern geneigt erwies.“ „Jedermann fühlte, daß es weniger einen Kampf zwiſchen den beiden Herrſchern gälte, als zwiſchen den Religionen, von denen die eine die Herrſchaft erringen, die andere nicht fahren laſſen wollte und auch nicht konnte, ohne ſich ſelbſt den größten Gefahren, den furchtbarſten Verfolgungen auszuſetzen. Auf welche Seite ſollten die Juden ſich ſtellen? Die Antwort war einfach. 278 Von jeher hatten die Heiden ſich duldſam gegen ſie bewieſen, und, ſobald der nationale Haß zum Schweigen gebracht war, ſie ſtets als freie Bürger behandelt. Die Chriſten hingegen bethätigten gegen ſie einen Haß, den ſie ſeit Jahrhunderten nicht verdient und der ſie mit völliger Vernichtung bedrohte. So entſtand eine große Verſchwörung von Italien bis zum Euphrat, um den Maxentius mit allen Mitteln zum Kampfe zu verſehen, eine Ver⸗ ſchwörung, an der die Heiden und die Inden Theil nahmen, die im Allgemeinen bekannt, aber in ihren Details mit dem dichten Schleier des Geheimniſſes verhüllt war. Sie ging beſonders da⸗ hin aus, in jedem Lande die Widerſtandsmittel zu organiſiren, daß, wenn Conſtantin ſelbſt dieſes oder jenes erobert hätte, er in dem dritten denſelben Kampf zu beſtehen haben und ſich in dieſen unaufhörlichen Kriegen erſchöpfen ſollte. An der Spitze der jü⸗ diſchen Partei ſtanden unſre Väter, Iddo, indem die abendländi⸗ ſchen ihren Mittelpunkt in Meſchullam, die morgenländiſchen in Patrika fanden. Der Kampf brach aus, Conſtantin drang in Italien ein, und hier zeigte es ſich, daß wir eine ſchlechte Bun⸗ desgenoſſenſchaft in den Heiden hatten. Ohne Zuverſicht, ohne Begeiſterung, ohne Haupt und Zuſammenhang gaben ſie den Kampf nach dem erſten Angriff auf, und ließen uns im Stich. Die Juden hatten es fürchterlich zu büßen, und in Mailand und Ravenna floſſen die Straßen vom Blute unſrer Brüder über, ihre Häuſer wurden geplündert, ihre Güter confiscirt, ihre Sy⸗ nagogen zu Kirchen und Kapellen umgewandelt. Der Kampf zog ſich um Rom zuſammen und hier war es, wo die Heiden ſelbſt Maxentius verriethen, ſo daß er ſeinen Tod in den Wellen des Tibers fand. Noch war Conſtantin nicht in Rom einge⸗ rückt, als Meſchullam ſchon in ſeinem Lager erſchien, und ihm Alles verrieth, was von dem geheimen Bunde noch übrig war; 279 alle Maßregeln, die getroffen, alle Vorräthe, die geſammelt waren. Auf der Liſte der Verſchworenen, die er dem Kaiſer vorlegte, ſtand an der Spitzr der Name— meines Vaters, gewiß eine Bürg⸗ ſchaft ſeiner Aufrichtigkeit. Meſchullam wurde belohnt; nicht allein ſein Leben und ſein Reichthum waren ihm geſichert, ſondern ſein Einfluß verdoppelte ſich. In Rom iſt der Verrath und die An⸗ geberei eine ſo tägliche Erſcheinung, daß man nicht einmal mehr die Verachtung für den Verräther und Angeber hegt, die ihn anderswo am meiſten bei denen trifft, welche aus ſeinem Frevel Nutzen ziehen. An demſelben Tage gingen von Rom Boten nach allen Provinzen, welche die gemeſſenſten Befehle brachten, alle Verſchworenen einzuziehen und ſofort hinzurichten und jeden Aufſtand im Keime zu unterdrücken. Da Maxentius todt war, fand Conſtantin überall Gehorſam. Aber aus den Umgebungen des Kaiſers ſelbſt flogen, von treueren Herzen geſendet, andere Boten noch ſchneller über das Meer, um einige Häupter der Ver⸗ ſchworenen zu rechter Zeit von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu ſetzen. Mein Voater ſäumte nicht, eilte hierher und bot dem Eu⸗ phrates, dem Günſtling und Kämmerling Conſtantins, ſeine ganze Habe an, wenn er ihn rettete. Euphrates ſah ein, daß, wenn mein Vater fiel, nur ein geringer Theil dieſer ſchönen Beute in ſeine Hände käme. Er griff zu, und ſicherte meinem Vater Leben und Freiheit. Als er aber dem Höfling die verſprochene Summe auszahlen wollte, und dazu von Meſchullam die Gelder verlangte, welche er in deſſen Geſchäft und zu deſſen Rettung verwendet hatte, leugnete dieſer ſie ihm ab, oder wollte ſie doch nicht her⸗ beiſchaffen können. Mein Vater wäre verloren geweſen, wenn nicht einige andere Juden ſich ſeiner angenommen und die feh⸗ lende Summe zuſammengeſchoſſen hätten. Mein Vater kehrte ge⸗ brochenen Herzens nach Hauſe zurück. Nicht der Verluſt ſeines 280 Vermögens, ſelbſt nicht die Niederlage der guten Sache— denn Beides ſah er als eine Fügung und den Willen Gottes an— hatten ſeinen Mannesmuth geknickt, ſondern die ſchwere Täuſchung, welche ihm ſein eigener Bruder bereitet hatte. Er erhob ſich von dieſem Schlage nie wieder, und ſelbſt in der Liebe ſeines Kindes fand er keinen genügenden Troſt.— Ich war ohne Kenntniß alles deſſen aufgewachſen, ohne Kunde dieſer Vorgänge in Euer Haus gekommen. Da brachte ein böſer Zufall durch die Hand Meſchullams ſelbſt eine von meinem Vater an mich gerichtete und für mich hinterlaſſene Schrift mir zu, welche die einfache, aber um ſo erſchütterndere Erzählung dieſer Ereigniſſe enthielt, und die Dein Vater aus meines Vaters Schrank bei ſeinem Beſuche in Sepphoris genommen, zu irgend einem geheimen Zwecke aufbewahrt und mir vorenthalten hatte. Du ſiehſt ein, Iddo, von dem Augenblicke an, wo ich jene Schrift in meinen Händen gehalten, war meines Blei⸗ bens im Hauſe Meſchullams nicht mehr. Jetzt weißt auch Du es.“ Eine tiefe Traurigkeit war über Patrika ſelbſt während ſeiner Erzählung gekommen, und klang in jedem ſeiner Worte, in jedem Ton ſeiner Stimme wieder. Es war, wie wenn er von Neuem den ganzen Schmerz ſeines Vaters und ſeinen eigenen noch einmal durchempfünde, und wie ein trübes Geſchick hiermit auch trennend zwiſchen die Kinder jener beiden Männer träte, und ſie nicht mehr zu der unbefangenen Herzlichkeit kommen ließe, in der ſich ihre verwandten Seelen ſo gern ergießen mochten. Iddo war bleich geworden und konnte keine Worte finden. Sie hatte ihren Vater nie hoch geachtet, weil ſie trotz ſeiner Verſtellungskunſt doch längſt den geringen Adel ſeiner Geſinnung erkannt hatte. Daß er aber ſo tief geſunken und der Verräther am eigenen Fleiſch und Blute werden, und um ſich zu retten, den großherzigen Bruder, ſeinen Wohlthäter, verderben und aus Geiz ihm deſſen eigenes Gut 281 und die Mittel zu ſeiner Rettung vorenthalten konnte— das war zu viel für ihr ſtolzes und zugleich für ihr kindliches Herz. Und doch konnte ſie in dieſe ſchlichte Erzählung keinen Zweifel ſetzen! So ſaßen ſie lange ſtumm neben einander, bis ſie endlich flüſterte:„O Patrika, wie viel habe ich an Dir gut zu machen!“ Der Angeredete richtete ſich auf:„Du, Iddo? Was hätteſt Du damit zu ſchaffen? In welcher Verbindung ſtehſt Du da⸗ mit? Was kannſt Du dafür, daß Du die Tochter Meſchullams, ich der Sohn Patrika's bin? Das iſt nur Fügung Gottes. Es hätte ebenſo gut umgekehrt ſein können, und ich als der Sohn Meſchullams vor der Tochter des verrathenen Bruders ſitzen müſſen. Nein, Iddo, Du biſt ſo ſchuldlos wie ich, und haſt Nichts gutzumachen. Alles, was Du für mich thuſt, kommt aus Dei⸗ nem reinen, liebevollen Herzen, und legt mir unendliche Verpflich⸗ tung auf.“ Dieſe Worte übten eine heilende Wirkung auf Iddo aus, ihr Antlitz röthete ſich wieder, ihre Augen leuchteten von Neuem auf, ihr Mund fand auf einen Angenblick ſein Lächeln wieder. Sie faßte die Hand ihres Vetters, neigte ihr Haupt näher 6 zu, und ſprach:„Wirſt Du meinem Vater jemals n Wirſt Du es thun um meinetwillen?“.. Patrika blickte ſie ſtarr an und rief dann mit entſchiedener Stimme aus:„Nein, Iddo, niemals.... Mein Vater hat mir jeden Verſuch der Rache unterſagt; und hätte er es nicht gethan, ich darf es ſagen, ich bin meines Herzens ſicher, ich hätte ihn nie unternommen.... Sieh, Iddo, ich hatte Deinen Vater in meiner Hand. Nachdem ich nach Sepphoris zurückgekehrt war, fand ich in einem Schreine meines Vaters wichtige Papiere, Dokumente, welche Deinen Vater noch heute in große Gefahr bringen, und die mich in den Stand ſetzen würden, große Summen von ihm zurückzu⸗ 282 fordern. Ich habe keinen Gebrauch davon gemacht. Ob ſie unter den Trümmern meines Vaterhauſes ſich erhalten haben oder nicht, ich weiß es nicht; ich würde nicht nach ihnen ſuchen, wäre ich auch frei— mögen ſie unter den Ruinen meines Glückes, mögen ſie im Schoße der Erde vergraben bleiben auf immer!.... Aber vergeben kann ich ihm nicht. Es iſt keine Schuld, die er an mir begangen. Der Schatten meines Vaters ſtehet zwiſchen ihm und mir auf immer....“ Eine große Unruhe ſchien ſich Iddo's zu bemächtigen, bis ſie, wenn auch zögernd, die Frage an Patrika richtete:„Und wenn Du die Freiheit erlangeſt, würdeſt Du Dich unſerm Hauſe nicht näher verbinden können?“ Patrika ſchien dieſe Frage nicht recht zu verſtehen; er blickte Iddo an, und ſprach:„Noch einmal, Iddo, was haſt Du mit Deinem Vater zu ſchaffen? Du biſt kein unmündiges Kind mehr, und haſt ſeine Schuld nicht mitzutragen. Laß mich es offen ſagen, Iddo, Du gehörſt zu den edelſten Geſtalten, denen ich be⸗ gegnet bin, und ich habe mich immer glücklich geprieſen, Dich getrof⸗ fen zu haben. Sieh, Theure, man trifft im Leben auf ſo viele Bosheit, Schlechtigkeit und Gemeinheit; man ſieht ſo zahlloſe Menſchen auf der Oberfläche der Mittelmäßigkeit ſchwimmen und bei dem erſten Gewichte, das die Prüfung ihnen anlegt, nieder⸗ ſinken, daß es der höchſte Gewinn iſt, nur einigen wenigen Per⸗ ſonen zu begegnen, die von dem Lichte höheren Geiſtes angeſtrahlt und von dem Dufte edlerer Geſinnung umgeben erſcheinen. Dazu gehörſt Du für mich, Iddo, und ich habe Dir neben dem Hei⸗ ligthum, welches meiner Mirjam im Innerſten meiner Seele ge⸗ hört, eine Weiheſtätte bereitet, in welcher Dein Bild in klarem Lichte glänzt. So habe ich Dich unzählige Male meiner Mirjam vorgeſtellt, und nun habe ich Dich alſo wiedergefunden.... Du 283 frägſt, was ich thun werde, wenn ich die Freiheit wieder erlange? Kannſt Du zweifeln? Ruft es mich nicht ſofort nach der Stätte hin, wo mein letzter Blick auf mein Weib fiel, und muß ich nicht von da ab ihre Spuren verfolgen unabläſſig.... o, bis ich mein Schickſal weiß.... Hat ihre edle Seele den unter den Trümmern von Sepphoris begrabenen Leib verlaſſen und weilt unter den Verklärten? Oder wandelt ſie noch auf dieſer Erde, ſie, und vielleicht das Kind, das ſie unter ihrem Herzen getragen, mein Kind.... und ſie ruft mich am Tage, und ruft mich in ruheloſen Nächten, und ich höre und antworte nicht.... Wo weilt ſie? Was iſt ihr Geſchick?... Iddo welch andern Gedanken, welch andres Verlangen könnte ich in meinem Herzen hegen....“ Eine leidenſchaftliche Aufregung hatte ſich des Gefangenen be⸗ mächtigt, er athmete ſchwer, wie unter einem großen Drucke, Tropfen des Schweißes rannen von ſeiner Stirn, gewaltſam un⸗ terdrückte Thränen ſchimmerten in ſeinen Augen. Aber Iddo's Antlitz zeigte keine Theilnahme; ihre Züge erſchienen kalt, die Formen ihres Geſichtes wie von Stein, ihre Haltung bewegungs⸗ los. Hatte ſie von ihrer Gegenwart das Erwachen anderer Ge⸗ fühle in dem Gefangenen erwartet? Vor dem eigenen Leid wich das Leid des Andern zurück. Als er zu ſprechen aufgehört, er⸗ hob ſie ſich, und ſagte mit kaltem Tone:„Wir wollen ſehen, was ſich machen läßt; wir müſſen die rechte Zeit abwarten. Jetzt aber muß ich gehen; die Zeit, die mir vergönnt, iſt bereits abge⸗ laufen; wir werden uns wiederſehen, Patrika.“ Und ehe ſich noch dieſer zum Abſchiedsworte wieder geſammelt, war ſie zur Thüre getreten, hatte ſie geöffnet und war verſchwunden. Sofort trat auch der Aufſeher ein, löſchte die Lampe aus, nahm die Verhül⸗ lung von der Fenſteröffnung, eilte hinaus und verſchloß die Ker⸗ kerpforte. S 284 Patrika wußte ſich dieſen ſchnellen Abſchied Iddo's nicht zu deuten. Die Luft war ſchwül geworden in der Zelle und er wandte ſich der Oeffnung zu, durch welche die friſche Nachtluft hereinſtrömte und ſeine heiße Stirn abkühlte. Bald hatte er das Vorgefallene vergeſſen, und ſeine aufgeregten Gedanken verloren ſich in der Erinnerung an ſein entflohenes Glück. Seufzer hoben ſich aus ſeiner Bruſt, und immer wieder flüſterten ſeine Lippen 3 die Frage:„Lebſt Du noch, Mirjam, oder ſchwebt Dein Geiſt um mich und begrüßt mich in den Tönen des Nachtwindes? Und mein Kind?.... o, wer mir Kunde brächte?!“.... Iddo aber eilte durch die Gänge des Gefängniſſes nach dem Zimmer des Fauſtus. Nur einmal war ſie ſtehen geblieben; ihr zarter Fuß ſtampfte heftig auf den Boden, und ſie ließ die Worte hören:„Nein, für eine Andere thue ich es nicht!“ Der Geiſt ihres Vaters ſchien über ſie gekommen und verzerrte ihre edlere Erſcheinung. 6. Im kaiſerlichen Palaſte herrſchte große Beunruhigung. Es waren Nachrichten ſchlimmſter Art eingetroffen, und es hatte ſich erfüllt, was man längſt gefürchtet, und was vielleicht geſchehen, weil man es gefürchtet und ihm zuvorkommen gewollt hatte. Julianus, der, zum Mönch erzogen, zum Philoſophen ſich gebildet hatte, und welchen Conſtantius, nachdem er ihn auf die Fürbitte ſeiner Gemahlin Euſebia allein von allen ſeinen Verwandten ver⸗ ſchont, auf ihren Rath zum Cäſar erhoben und als Feldherrn nach Gallien geſchickt, war von ſeinen Truppen zum Auguſtus ausgerufen worden und hatte auch dieſe Würde angenommen. Alle Männer ſeines Hauſes hatte Conſtantius ſeiner Herrſchgier geopfert, und nur den Julian am Leben gelaſſen, konnte er aber auf deſſen Dankbarkeit rechnen, da er ihm Vater und Brüder gemordet? Julianus rechtfertigte ſeine Wahl, wahrſcheinlich wider Erwarten des Kaiſers, erfocht die glänzendſten Siege über die Germanen, die unermüdlichen Feinde des römiſchen Reiches, und ſeine Leutſeligkeit und Freigebigkeit gewannen ihm die Herzen aller ſeiner Offiziere und Soldaten. Es konnte dies dem Kaiſer und ſeinen Räthen nicht unbekannt bleiben, und es bemächtigte ſich ihrer das alte Mißtrauen. Obſchon Julianus ſich immerfort allen Befehlen und Inſtruktionen des Kaiſers gehorſam zeigte, und Alles that, um ihn von ſeiner Ergebenheit zu überzeugen, obgleich er ſich ſtets der unterwürfig⸗ 286 ſten Ausdrücke bediente und der ſchwachen Seite des Conſtan⸗ tius huldigte, indem er ihm die Erfolge ſeiner Waffenthaten zu⸗ ſchrieb und ſeine Siege dem Namen des Kaiſers zutheilte, hielt man dies am Hofe doch nur für eine Maske, die jener bei guter Gelegenheit fallen laſſen würde. Es iſt dies das rächende Ge⸗ ſchick des Böſen, daß er allen Andern ſeinen eigenen Frevel zu⸗ traut. Aber es bildeten ſich am Hofe über die zu ergreifenden Maßregeln zwei Parteien. Die Kaiſerin, welche die Vorwürfe ihres Gemahls, die Schuld an Julianus' Erhebung zu tragen, von ſich ablenken wollte, drang darauf, ihrem früheren Schützling in liſtiger Weiſe die Mittel zu entziehen, ſchaden zu können; ſie rieth dem Kaiſer, dem Julian einen Theil ſeiner Heere unter einem nachdrücklichen Vorwande abzufordern. Die Gegenpartei, den Oberkämmerer Euſebius an der Spitze, widerrieth dies, und ver⸗ langte, daß man dem Julian kein Zeichen des Mißtrauens zeigen und ihn vielmehr bei irgend einer kommenden Gelegenheit zum Hofe einladen ſolle, um ſich ſeiner zu bemächtigen. Conſtantius, ungeduldig ſich ſeines vermeintlichen Gegners zu entledigen, und vorausſetzend, daß Julianus niemals zu ihm kommen werde, weil er in gleichem Falle dies nie gethan hätte, folgte noch ein Mal dem Rathe ſeiner Gemahlin. Er ſandte ſeinen Geheimſchreiber Decentins nach Paris, wo Julianus, nachdem er die Allemannen geſchlagen und ihr Land verwüſtet hatte, ſein Winterquartier hielt, und ſtellte an ihn die Forderung, aus jedem ſeiner Heerhaufen dreihundert der auserleſenſten Veteranen ihm zuzuſenden, um den Krieg gegen die Perſer mit genügenden Streitmitteln beginnen zu können. Es hieß dies nichts Anderes, als dem Julian den Kern ſeines Heeres nehmen, und zugleich die galliſchen und germaniſchen Provinzen dem Eindringen der Barbaren preisgeben. Julianus zeigte ſich dem Verlangen des Kaiſers willfährig, verſammelte 287 ſein Heer zu einer großen Truppenſchau, und ſonderte die zahl⸗ reichen Schaaren aus, die nach Italien abziehen ſollten. Aber die Truppen ſelbſt erhoben den lebhafteſten Widerſpruch. Es waren Völker, die unter der Bedingung in das römiſche Heer getreten, niemals in den ſüdlichen und öſtlichen Ländern ver⸗ wendet zu werden, ſondern nur zur Vertheidigung der nördlichen Provinzen fechten zu müſſen. Zugleich beſtanden ſie nur aus Nationen, die noch dem Heidenthum angehörten, und es hatte ſich unter ihnen längſt das Gerücht verbreitet, wie hart der Kaiſer gegen Alle verfuhr, die zum Chriſtenthume nicht übertreten wollten, weshalb ſie ſich fürchteten, die Länder zu verlaſſen, in welchen dieſes noch wenig Boden gewonnen. Dazu kam, daß die Offi⸗ ziere den eigentlichen Zweck dieſes ganzen Manoeuvers wohl durch⸗ ſchauten und in ihrer Anhänglichkeit an Julianus für dieſen das Aergſte befürchteten. Durch Reden und Schriften wiegelten ſie daher die Soldaten auf, dem Befehle des Kaiſers nicht zu ge⸗ horchen. Kaum war auch die Kunde in das Volk gedrungen, als alle Bewohner Galliens in die äußerſte Furcht geriethen, daß nach dem Abzuge der beſten Truppen die Feinde über den Rhein in das Land eindringen, die Menſchen niedermetzeln und das Land verwüſten würden. Alles ſtieß die lauteſten Klagen aus, und das Jammergeſchrei pflanzte ſich von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf fort. Plötzlich verbreitete ſich das Gerücht, es ſei ein Kämmerling des Julianus von dem Kaiſer gewonnen worden, ihn zu ermorden, und habe auch den Verſuch hierzu gemacht. Sofort verſammelten ſich Soldaten und Volk um den Palaſt, welchen Julianus bewohnte, ſchlugen die verſchloſſenen Pforten desſelben auf, holten den Cäſar aus ſeinen Gemächern, hoben ihn auf ihre Schultern, bekleideten ihn mit Purpurgewändern, ſetzten ihm ein Diadem auf, trugen ihn durch die Straßen der Stadt, 288 und riefen ihn als Auguſtus aus. Julian, ob gern oder ungern, fügte ſich dem Willen ſeines Heeres und des Volkes und nahm die höchſte Herrſcherwürde an. Dies waren die Nachrichten, welche in Rom eingelaufen waren, und am Hofe Schrecken und Entſetzen verbreitet hatten. Man ſuchte ſie möglichſt geheim zu halten, aber ein dumpfes Gerücht über jene Vorgänge war bereits in die Stadt gedrungen. Der Kaiſer berief ſeine Vertrauteſten zum Rathe. Die Kaiſerin war nicht darunter, denn wie alle ſchwachen Gemüther, wälzte Conſtantius alle Schuld von ſich ab und auf das Haupt derer, die ihm die unglücklichen Rathſchläge gegeben haben ſollten. Euſe⸗ bius triumphirte, und mit ihm und dem arianiſchen Biſchof Epictet ſchloß Conſtantius ſich in das geheimſte Gemach ein, um Rathes zu pflegen. „Es wäre doch zu erwägen, erhabener Auguſtus,“ begann der Biſchof, nachdem die Depeſchen aus Gallien verleſen waren, „ob Julian wirklich verbrecheriſche Abſichten gegen Deine göttliche Autorität hegt, oder ob er nur gezwungenermaßen dem Willen der aufrühreriſchen Soldateska nachgab, und bei erſter Gelegen⸗ heit zu dem Gehorſam zurückkehrt, den er bis hierher ſtets gegen ſeinen kaiſerlichen Herrn und Wohlthäter bewieſen. Wenn ſich Deinem weiſen Geiſte dies alſo vorſtellen möchte, ſo würde ſich ergeben, daß am füglichſten der Befehl zur Abſendung ſeiner Kerntruppen nach Italien unter der Bedingung zurückgenommen werde, daß er ſofort den Purpur wieder ablege und einige der Rädelsführer zur Beſtrafung in Feſſeln hierherſchicke. Käme ihm dies letztere auch hart an, ſo wäre es doch der vollgültigſte Beweis ſeines Ernſtes, die Majeſtät des Kaiſers wieder zu verſöhnen.“ Conſtantius lächelte verächtlich, wandte ſich aber zu Euſebius, und fragte ihn um ſeine Meinung. 289 Dieſer erwiderte:„Ich finde den Rath des ehrwürdigen Vaters ſehr angemeſſen, um dem abtrünnigen Cäſar eine Brücke zum Rückzuge zu ſchlagen. Aber wehe uns, wenn wir das ge⸗ ringſte Vertrauen darauf ſetzen. Ja, hoffen wir den mindeſten Erfolg von dieſer Nachſicht, ſo könnte dies nur der Fall ſein, wenn mein kaiſerlicher Gebieter zugleich alle ſeine Macht ent⸗ faltete, und dadurch den Frevlern Bangigkeit und Furcht ein⸗ flößte.“ „Ich ſtimme Dir völlig bei, Euſebius,“ antwortete der Kaiſer, aber was meinſt Du, was wir deshalb zu thun hätten?“ „Wer den Purpur ein Mal um ſeine Glieder geworfen, und den Zauber des Diadems auf ſeiner Stirn empfunden, der läßt nicht davon, es ſei denn mit dem Tode. Sollte, was ich nicht glaube, Julian jetzt im Gefühle der Schwäche nachgeben: früher oder ſpäter würde der Kampf dennoch losbrechen, um mit dem Sturze Julians zu enden. Deshalb müſſen wir uns ſchon jetzt zu dieſem Kampfe mit äußerſter Anſtrengung rüſten, als ob wir ihn für die nächſten Tage ſchon vorausſähen. Was wir zu thun? Die Lage der Dinge antwortet uns auf die Frage. Julian iſt, ich ſcheue mich nicht es zu ſagen, nicht blos Verräther an ſeinem Kaiſer, ſondern auch Abtrünniger von ſeinem Gotte und deſſen heiligen Kirche, er iſt ein Apoſtat, und die Nachwelt wird ihn als ſolchen brandmarken. Er bekennt ſich als einen Jünger der heidniſchen Philoſophen, er will die götzendieneriſchen Gebräuche wiederherſtellen, und das Heidenthum wieder auf den Thron der Cäſaren erheben. Wohlan, mein kaiſerlicher Herr, laß ihn das Haupt des barbariſchen Heidenthums ſpielen, Du aber ſtelle Dich an die Spitze der Chriſtenheit, rege den Glau⸗ benseifer der Bekenner Chriſti zum flammenden Fanatismus an, mache den Kampf zwiſchen Dir und Julian zu einem Kampfe 19 290 der göttlichen Wahrheit mit der teufliſchen Lüge, des Chriſten⸗ thums mit dem Heidenthume!“ Ein Lächeln der Schlauheit lief über das kalte Geſicht des Conſtantius. Er blickte den Euſebius ſcharf an, da er aber auch in deſſen Augen nichts gewahrte, was etwa einem höheren Feuer, einer tiefern Begeiſterung geglichen hätte, und ſomit wußte, daß dieß Alles nur kühle Berechnung ſei, nickte er zuſtimmend mit dem Kopfe, und fügte nur die Worte hinzu:„Weiter, Euſebius, was ſollen wir alſo thun?“ Dieſer fuhr fort:„Vor Allem muß Deine göttliche Perſon, Auguſtus, in Sicherheit gebracht werden, und da man auf dieſes Italien niemals mit Beſtimmtheit rechnen darf, da ſeine Be⸗ wohner nur zu ſehr geneigt ſind, den Barbaren ihre Thore zu öffnen und ſich ihnen zu unterwerfen, ſo glaube ich, daß Dn dieſes Rom verlaſſen und nach Syrmium gehen mögeſt. uZ⸗ gleich müſſen alle verfügbaren Truppen nach Griechenland gezogen werden, um die möglich größte Heeresmacht zuſammenzubringen. Unterdeß muß Alles daran geſetzt werden, die ſtreitenden Parteien im Chriſtenthume mit einander zu verſöhnen, und alle ſeine Söhne zu einem Glaubensheer zu vereinigen. Dein heiliger Wille, Herr, muß ſich in den unerbittlichſten Geſetzen gegen die Heiden und ihre Prieſter ausſprechen, der Tod muß verhängt werden über alle ihre Hierophanten, Auguren, Haruſpices als über Zauberer, welche die Künſte des Satans treiben, jede götzendieneriſche Hand⸗ lung, die ſich an das Licht des Tages wagt, muß ebenſo mit dem Tode beſtraft, und Belohnungen für die treuen Chriſten ausgeſetzt werden, welche dergleichen Verbrechen zur Kenntniß der Behörden bringen. Während wir ſo entſchieden mit unſern Geg⸗ nern brechen und den Eifer der Unſrigen von Neuem anfachen, müſſen die arianiſchen und katholiſchen Biſchöfe zu einer Aus⸗ 291 gleichung gebracht werden, und dazu, ehrwürbiger Vater, müſſet Ihr die Hand reichen.“ Conſtantius und Euſebius wandten ihr Geſicht dem Biſchof Epictet zu, und erwarteten deſſen Antwort. Nach einigem Still⸗ ſchweigen ſagte er:„Daß ich und meine Brüder, erhabener Be⸗ ſchützer der Kirche, ſo weit gehen wollen, wie es nur irgend mög⸗ lich, haben wir ſchon oft genug verſichert und es durch die That bewieſen. Nur unſre Gegner ſind hartnäckig und wollen uns zum nicäiſchen Sybolum zwingen. Und das können wir nicht, ohne uns ſelbſt zu verläugnen, und wenn wir es ſelbſt wollten, würde das Volk nicht darauf eingehen, das hinter uns ſteht. Wer will dem Geiſte Befehle ſchreiben? Genug, wir ſind bereit, eine neue Satzung einzugehen, in welcher wir unſre Lehrmeinung ſo wenig wie es uns möglich iſt, zum Ausdruck bringen.“ „Da heißt es denn,“ fiel Euſebius raſch ein, denn er hatte dieſe Antwort erwartet und wollte dem Gedankengang zuvorkom⸗ men,„die katholiſchen Biſchöfe auf eine andre Weiſe zu uns herüberbringen. Wir müſſen ihre Nachgiebigkeit erkaufen, einer⸗ ſeits durch die Furcht vor den heidniſchen Greueln des Julian, andrerſeits durch neue Opfer, die wir ihnen bringen.“ Conſtantius ſchüttelte mit dem Haupte.„Darauf gehe ich ungern ein. Wie? Die katholiſche Geiſtlichkeit hebt bereits ihr Haupt zu hoch empor; erinnert auch, welche Forderungen ſie ſogar an die Kaiſerin geſtellt. Sie wollen ſchon ihre Stühle über den kaiſerlichen Thron erheben, und es kann bald kommen, daß ſie die Majeſtät des Herrſchers als ihnen unterthänig betrachtet wiſſen wollen. Ich bin es meinen Nachfolgern ſchuldig, ihre prieſterliche Herrſchgier in Schranken zu halten. Und welche Opfer wären dies, die ſie zu befriedigen vermöchten?“ „Erlauchter Herr,“ antwortete Euſebius,„was die Zukunft 292 bringt, müſſen wir der Zukunft auszumachen überlaſſen; unſre Sache iſt es, die Schwierigkeiten des Augenblicks glücklich zu überwinden. Unſre Zugeſtändniſſe müſſen mehr ein Zuwachs an Hab' und Gut als an Macht und Einfluß ſein; die erſteren können leichter als die letzteren zurückgenommen werden. Ver⸗ leihe ihnen Abgabenfreiheit für alle Prieſter, ihre Frauen und Kinder, gieb ihren Biſchöfen und Kirchen neue Einkünfte und Grundſtücke; vor Allem aber gewähre dem Biſchofe Liberius von Rom die erbetene Audienz, um zu hören, was er verlangt.“ „Dies Alles ſoll geſchehen, Euſebius, aber ich ſehe noch nicht, woher wir die Mittel nehmen ſollen, um ein ſo gewaltiges Heer auszurüſten. Du weißt, die Kaſſen ſind leer, und die nächſten Einkünfte ſchon im Voraus verzehrt.“ Euſebius ſchwieg eine Weile und verlor ſich in Nachdenken. Dann ſagte er langſam:„Die einzige Zuflucht hierfür bleiben die Juden. Aber ſie ſind ſchwierig. Die Summen, die wir brauchen, ſind ihnen zu groß, und ſie weigern ſich hartnäckig, darauf einzugehen. Ich habe ſie gebeten, ſie beſchworen und ihnen nunmehr die härteſte Behandlung angedroht. Aber das Erſtere läßt ſie kalt und an das Letztere glauben ſie noch nicht. Sie ſind von Deinen Vorgängern, erhabner Auguſtus, zu ſehr verwöhnt, und ſelbſt Dein großer Vater, hat ihnen die Geißel mehr von ferne gezeigt, als auf den gekrümmten Rücken fallen laſſen. Jetzt ſind ſie bei dem reichen Meſchullam verſammelt, denn ich habe ihnen die letzte Friſt zur Erklärung gewährt.“ Conſtantius war von ſeinem erhöheten Sitze aufgeſprungen, und roth vor Zorn im Geſichte, ſprach er zu ſeinen beiden Ver⸗ trauten, die ſich alsbald ebenfalls erhoben hatten:„Gut, weigern ſie ſich, ſo will ich meine Geißel mit Stacheln beſetzen, die ihnen in das verſtockte Fleiſch eindringen ſoll. Hinterbringe mir ihre 293 Antwort, ſobald ſie erfolgt iſt, und bereite zur Audienz des römi⸗ ſchen Biſchofs Alles vor.“ Unruhig maß er das Gemach noch einige Male mit ſeinen Schritten, und entließ dann durch eine Handbewegung den Biſchof und den Oberkämmerer. Die Verſammlung der Notabeln aus der jüdiſchen Gemeinde zu Rom unter dem Vorſitze Meſchullam's kam bald zu einem Beſchluſſe. Sie willigten ein, die verlangte Anleihe des Kaiſers zu übernehmen, jedoch ſo, daß die Zahlung in monatlichen Raten auf vier Jahre vertheilt, und der Ertrag der iberiſchen Silber⸗ bergwerke ihnen dafür verpfändet werde. Ihr geheimer Gedanke war hierbei, daß ſie, ſobald eine Umwälzung im Staate vor ſich ginge, oder das Schwert gegen Conſtantius entſchiede, ſie mit jedem Monate die Zahlungen einſtellen konnten, und daß andererſeits der Kaiſer auf dieſe Weiſe an ſie gebunden war, und jede Gewalt⸗ that von ihnen fernhalten mußte. Der Kaiſer und ſeine Räthe durchſchauten dies wohl, und waren nur um ſo erbitterter gegen ſie, als ſie ſich dieſen Bedingungen unterwerfen mußten, um nur Etwas in die leeren Staatskaſſen zu erhalten. Aber ſie hielten ſich hierdurch nur um ſo weniger verpflichtet, und waren ent⸗ ſchloſſen, die Juden zu opfern, ſobald ihnen ein höherer Preis oder Vortheil geboten würde. Bald darauf ſollte die Zuſammenkunft des Kiſers mit dem römiſchen Biſchof ſtattfinden. Man war übereingekommen, um jede Etikettenfrage zu vermeiden, daß der Kaiſer dem Gottesdienſte in der Laterankirche beiwohnen, und nach deſſen Beendigung den Biſchof Liberius in der Sakriſtei finden ſollte. Sobald der Kaiſer hier eintrat, hielt ihm der Biſchof das Kruzifix entgegen, vor welchem jener das Hanpt neigte und den Segen des Biſchofs empfing. Hierauf geleitete dieſer Conſtantius zu einem Thron⸗ ſeſſel, neben welchem er ſich auf einen Sitz niederließ. Der 294 Kaiſer begann hierauf:„Heiliger Vater, Du haſt eine Unter⸗ redung mit mir gewünſcht, um mir Einiges vorzutragen, was Dir am Herzen liegt, und nachdem ich dem Herrn der Heerſchaaren meine Huldigung dargebracht, will ich gern die Worte eines ſeiner ehrwürdigſten Diener vernehmen.“ Lieberius ließ lange Zeit ſeinen forſchenden Blick auf dem Angeſichte des Kaiſers ruhen, und hob dann an:„Erlauchter Auguſtus, Du haſt den Biſchöfen der h. katholiſchen Kirche ge⸗ boten, in Rimini zu einem Concil mit jenen verirrten Söhnen der Kirche zuſammen zu kommen, die ſich nach dem Namen ihres Verführers Arianer nennen. Eine große Anzahl meiner Brüder hat ſich auf meinen Ruf hier verſammelt, um nach dem Gebote des Herrn unterthan zu ſein der Obrigkeit, dieweil ſie von Gott eingeſetzt iſt. Aber wir fragen uns, was ſollen wir dort? Denn wohl thut es Noth, uns im Voraus zu verſtändigen, um nicht noch einmal das unwürdige Schauſpiel zu bieten, nach nutzloſem Streite erfolglos auseinander zu gehen, dem chriſtlichen Volke zum Aergerniß und Anſtoß, den Feinden der Kirche zum Ergötzen und Hohne. Man antwortet uns: wir ſollen uns mit jenen Ketzern vereinigen. Aber vermögen wir dies? Dürfen wir von den Lehren und Satzungen der h. Apoſtel und Väter der Kirche ab⸗ weichen? Dürfen wir unſren Herrn und Heiland hingeben, deſſen Gottheit jene Irrlehrer angetaſtet und verleugnet haben? Wir ſuchen nach einem Wege, erhabener Kaiſer, Deinem Willen zu genügen, aber wir finden ihn nicht, denn wir können ſelbſt dem Kaiſer nicht geben was Gottes iſt.“ Der Kaiſer hatte aufmerkſam den Worten des Biſchofs zu⸗ gehört, erwiderte aber, da er ſie nicht anders erwartet hatte, ſo⸗ fort darauf:„Heiliger Vater, Du weißt beſſer als irgend wer, daß außerordentliche Umſtände auch außerordentliche Zugeſtändniſſe 295 von uns verlangen. Mit tiefer Herzenstrauer muß ich es ſagen: Die Chriſtenheit iſt von den äußerſten Gefahren umringt. Denn während ein gewaltiger Feind, jener von meinen Wohlthaten ge⸗ nährte Julianus auszieht, um ſie zu verderben, und den heidni⸗ ſchen Hunden hinzuwerfen, iſt ſie von innen durch einen tiefen Riß geſpalten, und diejenigen richten die Waffen gegeneinander, welche ſich verbinden ſollten, um dem Feinde mit aller Kraft zu begegnen. Mein großer Vater hat der Lehre Chriſti zum Siege verholfen, aber noch unvollſtändig. Ich will ihn vollkommen machen, aber dazu müſſet Ihr mir beiſtehen, in deren Händen die Seelen der Gläubigen. Und was iſt es denn, was ich verlange? Haben Worte ſo vielen Werth, daß ihnen der Beſtand der Kirche geopfert werde?“... Er hielt inne, wie um die Wirkung ſeiner Worte zu erwarten. Der Biſchof hatte den erſten Sätzen des Kaiſers zuſtimmend gelauſcht— jetzt aber fuhr er wie entſetzt auf:„Um Gott, mein Kaiſer, dieſe Worte, die Deinem erhabenen Munde, wohl unbe⸗ dacht, entglitten, zeigen, daß Du Deine Seele vor den Ketzereien der Irrlehre nicht genug gehütet haſt. Das Wort iſt das Heil, denn das Wort iſt Fleiſch geworden. Das Wort iſt Alles, denn im Worte iſt der Herr und Heiland ſelbſt. Wir können das Wort nicht Denen hingeben, die es verdrehen und entſtellen nach dem Sinne des Satans.“ „Aber ſoll die Kirche darüber untergehen?“ warf Conſtan⸗ tius unwillig ein. „Das ſoll ſie nicht, und das wird ſie nicht— dazu iſt ſie auf den Felſen Petri gebaut, der unerſchütterlich in den Stürmen der Zeiten. Die Throne der Erde können zertrümmert werden, aber die Kirche und ihr Fundament ſind ewig.“— Conſtantius biß ſich auf die Lippen. Aber ehe er noch antworten konnte, fuhr . 296 Liberius fort.„Warum, erlauchter Kaiſer, haſt Du das Schwert Conſtantin's nicht zur Hand genommen, und jene arianiſchen Ketzer niedergehauen, wie Dein großer Vater die der Verdamm⸗ niß geweihten Donatiſten? Warum geſtatteteſt Du ihnen ſich aus⸗ zubreiten, bis ſie ſelbſt die Schwelle des kaiſerlichen Palaſtes überſchritten?“ „Und warum, ehrwürdiger Vater,“ erwiderte der Kaiſer, „habt Ihr ſie nicht überwunden mit dem Schwerte des Geiſtes? Warum erhebet Ihr nicht das feurige Wort, um ſie im Keime zu verzehren? Warum vermochtet Ihr nicht, um das Uebel eine Schranke zu ziehen, daß das gläubige Volk davon verſchont bleibe?.... An Eurem Willen zweifle ich nicht, aber Ihr ver⸗ mochtet es nicht. Denn das Wort des Arias war ausgegangen, wie ein Vogel aus ſeinem Neſte, und über Land und Meer ge⸗ flogen, und bald hatte es die Geiſter aller Länder ergriffen, daß ſie deſſen nicht wieder frei wurden. Wie? ſoll ich die eine Hälfte der Chriſtenheit bewaffnen, um die andere Hälfte auszurotten? und wäre dann doch nicht ſicher, daß nicht einige Samenkörner jener Lehre doch zurückgeblieben und wieder emporſchöſſen?... Nein, ehrwürdiger Vater, nicht ich, nicht Ihr ſeid im Stande, mit Gewalt zu vernichten, was überall iſt, was aller Orten und, in allen Ländern gefunden wird. Da thut es vielmehr Noth, daß wir uns verſtändigen, daß Nachſicht und Verträglichkeit geübt werden, bis die Zeit gekommen, wo das Böſe ſeine Kraft verloren und von ſelbſt vom Baume des Lebens als dürre Reiſer abfällt. Ich habe Euch gezeigt, daß ich für die katholiſche Kirche thun will, was ich dermag, ſo zeiget nun auch Ihr, daß Ihr für das Heil und den Beſtand der Chriſtenheit thut, was Ihr vermöget.“ „Wir wollen Euch zu Willen ſein, hoher, erhabener Kaiſer. Beſtimmet ein Haus, in welchem einige der hier verſammelten 8 297 Biſchöfe mit einigen jener Irrlehrer zuſammenkommen, und wir wollen verſuchen, entweder ſie zu überzeugen, oder, wenn die Schlinge des Satans noch zu feſt um ſie geſchlungen iſt, eine Formel zu finden, die ihrem blöden Sinne genügt, ohne die reine katholiſche Lehre zu verletzen, damit dieſe dann dem Concil zu Rimini vorgelegt werde.“ Der Kaiſer nickte beifällig und erwiderte:„Um Euch auf dieſem Wege zu fördern und Euer gutes Werk im Voraus zu lohnen, habe ich Euch durch meinen Kanzler die Liſte der Bene⸗ ficien zuſtellen laſſen, die ich, ſobald die Verſtändigung gelungen, neuerdings der Kirche will zufließen laſſen, und worunter ein un⸗ geheures Geſchenk— die Abgabenfreiheit für alle Geiſtlichen jeden Ranges und alle Kirchengüter obenanſteht. Bleibt Euch nun noch ein Wunſch übrig?“ „Allerdings, erhabener Conſtantius. Wenn wir dem chriſt⸗ lichen Volke ein Beiſpiel unerhörter Duldſamkeit geben ſollen, ohne ihm einen Zweifel an unſrer Standhaftigkeit einzuflößen; ſo müſſen wir anderweitig ihm einen Beweis liefern von unſerem unermüdlichen Eifer für die Sache der Kirche, von unſrer un⸗ wandelbaren Fürſorge für deren Heil, von unſerm ernſten Wider⸗ ſtande gegen ihre Feinde. Und daher richten die verſammelten Biſchöfe das unterthänigſte Geſuch an die kaiſerliche Majeſtät, endlich die Schärfe des Geſetzes gegen jenes Unkraut im Wein⸗ berge des Herrn, gegen jenes giftige Rankengewächs zu wenden, das ſeine weithin geſtreckten Fäden und Spitzen immer wieder in den Boden der Erde treibt, um Wurzel zu faſſen und neue Zweige und Ranken emporzutreiben, gegen das Volk, das die Blutſchuld Chriſti trägt und durch ſeine Verleugnung ihn immer wieder kreuzigt. Wir verlangen, daß die Juden endlich aus dem Schoße des chriſtlichen Volkes ausgeſondert und von jeder Gemeinſchaft 298 mit ihm abgeſchieden werden. Es ſoll von Dir, Auguſtus, das Gebot ausgehen, daß die Juden von allen Aemtern des Staates und von allem Kriegsdienſte ausſchließe, und zwar, daß alle Beamte, Offiziere und Soldaten, die ihrem Aberglauben nicht ent⸗ ſagen und die heilige Taufe nicht empfangen, ſofort entlaſſen werden,„ungeachtet der Verdienſte, die ſie ſich erworben;“ ferner das Gebot, daß Niemand bei Strafe der Confiscation aller ſeiner Güter zum Judenthum übertreten dürfe; daß kein Jude einen chriſtlichen Sclaven oder auch nur einen chriſtlichen Diener haben dürfe, und daß keine Gemeinſchaft in Leid und Freude zwiſchen Chriſten und Juden beſtehen ſolle. Du wirſt einſehen, erlauchter Kaiſer, wie ſehr hierdurch die Kirche in dem Glanze ihrer Vor⸗ rechte von Neuem aufſtrahlt, und wie ſehr die Pflege chriſtlichen Sinnes im Volke hierdurch gewinnt. Aber es wäre dies nur un⸗ vollſtändig, wenn nicht noch Eines hinzugefügt wird. Rom iſt es, welches die heiligen Apoſtel Petrus und Paulus als die große Haupt⸗ und Mutterſtadt der Chriſtenheit geweiht, wo ſie den Felſen Petri gegründet haben. Dieſes Rom muß befreit werden von jedem Flecken der Ketzerei, damit es die Leuchte ſei für alle Län⸗ der, die rein lodernde Fackel für alle Völker. So befreie uns von der entweihenden Nähe, von dem Peſthauche der Ungläubigen und ſprich das Verbannungsdekret aller Juden aus den Mauern des heiligen Roms aus, und ertheile ihre Grundſtücke, die ſie hier in Menge beſitzen, als Eigenthum dem römiſchen Biſchofsſtuhle zu. Wenn Du, hoher Kaiſer, alſo Deinen glühenden Eifer für die Kirche erweiſt, ſo werden wir im Stande ſein, den Frieden in derſelben wiederherzuſtellen, wir werden unſer Wort und unſre That, unſer Gebet und unſre Kräfte gegen alle Deine Widerſacher wenden, Du wirſt über ſie triumphiren und unter dem Segen der Kirche ein langes glückliches Regiment führen!“ 299 Der Kaiſer erhob ſich nach dieſen Worten von ſeinem Thron⸗ ſeſſel, und ſprach mit dem Tone der Zufriedenheit:„So ſei es. Ich bin einverſtanden. Nur mußt Du mir noch einige Zeit gönnen, bis der rechte Augenblick gekommen ſein wird. Mein Ge⸗ heimſchreiber wird Dir hierüber Aufſchluß geben. Alles ſoll ge⸗ ſchehen wie Du es geſagt haſt, und ſo wirſt auch Du Dein Ver⸗ ſprechen halten.“ Der Biſchof hielt dem Kaiſer zum Abſchiede das Kruzifix hin, dieſer küßte es demüthig und verließ die Sakriſtei. 7. Durch weite Ländergebiete rollt der Euphrat ſeine hellblauen Wellen. Durch rauhe Gebirge öffnet er ſich ſeine Bahn, durch weite Ebenen höhlt er ſich ſein Bett, langhingeſtreckte Steppen umſäumt er, und ſeine Gewäſſer beſpülen die Mauern zahlloſer Menſchenwohnungen, Städte, Flecken und Ruinen. Zu Krieg und Frieden ſetzen die Menſchen über den tiefen und raſchfluthenden Strom, der ſeinen Rücken gewaltigen Kriegermaſſen mit ihren Rüſtungen und Werkzeugen der Zerſtörung ebenſo, wie den langen Zügen der Karawanen mit ihren Heerden belaſteter Kameele und Maulthiere darbietet, Länder und Völker verbindend. Von Nord⸗ oſten her eilen ihm mächtige Flüſſe zu, um ihre Gewäſſer mit den ſeinigen zu vermiſchen; vor Allem der Chaboras, der, aus den Gletſchern der armeniſchen Hochgebirge entſpruugen, ſeine grüne Fluth in raſchem Laufe dem Euphrat zuführt. Wo er in dieſen mündet, erhebt auf dem fruchtbaren Winkel des Landes, den beide Ströme einſchließen, die Stadt Karchemiſch ihre ſtarken Mauern und langen Häuſerreihen. Wechſelnde Geſchicke waren über ſie dahin gegangen, denn oft begegneten ſich hier die Völker des Oſtens und des Weſtens zum blutigen Kampfe. Aber immer wieder ſiedelten ſich die Menſchen auf dieſem Fleck der Erde an, angelockt durch die günſtige Lage und den üppigen Boden, und die Stadt erſtand immer von Neuem aus Aſche und Trümmern. Glücklicher war ihr Loos in den Kriegen zwiſchen den Perſern 301 und Römern des letzten Jahrhunderts, indem der Sturm theils nördlicher theils ſüdlicher über den Euphrat hin und her fuhr und Karchemiſch verſchonte. Darum war die Stadt herrlich er⸗ blüht und ſtreckte ihre Vorſtädte wie zwei Arme öſtlich am Ufer des Chaboras, nördlich am Ufer des Euphrat hin. Je weiter ſich die Häuſer der letzteren von der Stadt entfernten, deſto ein⸗ facher und kleiner wurden ſie, durch immer längere Zwiſchenräume von einander getrennt, aber auch deſto üppiger glänzten die Gär⸗ ten, von denen ſie umringt waren, und die ſich von ihnen bis zum ſteilabfallenden Ufer der Ströme erſtreckten, im ſaftigen Grün und Blüthenſchmuck der Bäume und Geſträuche. In eines der letzten der Euphratvorſtadt treten wir ein. Mit der Vorderſeite liegt es an der großen Heerſtraße, die von Norden her dicht am Ufer nach der Stadt führt, von da auf einer prächtigen Brücke über den Chaboras ſetzt und ſüdlich bis Eteſiphon, gegenüber den Trümmern des alten Babylon, ſich erſtreckt. Eine lautloſe Stille herrſcht in dem Häuschen, und wir ſchreiten raſch durch die Flur, um nach den Bewohnern in dem wohlgepflegten Garten zu ſuchen. Eine offene Laube lehnt ſich an die Hinterſeite des Hauſes, von der einen Seite von Oleander, von der andern von Myrthe um⸗ wachſen, die wie liebende Gatten ihre dunkelgrünen Zweige, ihre rothen und weißen Blüthen zu einem dichten Laubdache mit einan⸗ der vereinigten. In der Laube war ein Sitz mit weichen Kiſſen bereitet, aber er war leer, und eine weibliche Handarbeit verrieth nur, daß die Beſitzerin noch vor Kurzem hier geweilt. Nur der Zephyr, der ſich von der ſinkenden Sonne her durch die Gipfel der Bäume regte und in den blühenden Gebüſchen flüſterte, un⸗ terbrach die friedliche Stille. Vom Ufer her rauſchten die Wellen des Stromes, wie ſie ſich über den ſteinigen Boden am Rande desſelben ergoſſen. Doch wir hören Schritte, und eine kräftige 302 Mannesgeſtalt ſchreitet uns nach durch die Flur in den Garten und zur Laube hin. Als er dieſe leer ſieht, ſpricht er vor ſich hin:„Wo iſt ſie?..„. Doch was frage ich, ich ſehe ihr Ge⸗ wand durch das Gebüſch ſchimmern. Sie kniet wieder an dem Grabe ihres Kindes, wo der Morgen ſie findet und der Abend ſie verläßt.“ Mit leiſem Schritt wandelt er den ſchmalen Weg hinunter, und bleibt in einer Entfernung vor dem knieenden Weibe ſtehen, auf deſſen gebrochener und doch noch reizender Geſtalt ſein Auge voll Liebe und Rührung ruhet. Ach, ſo lange das Herz einer Mutter ſchlägt, verſiegt der Thränenquell nicht in ihrem Auge an der Gruft ihres Kindes! Die Frau hält ihre Hände gefaltet über ihren Knieen, und ihr Blick dringt durch den dichten Raſen der kleinen Gruft, als ob er die zarte Geſtalt, die drunten ruhet, ſchauen und die Mutterliebe in die gebrochenen Angen und das ver⸗ weſende Herz ergießen könnte. So lag ſie lange, und durch ihre Seele mochten die Bilder einer glücklichen Vergangenheit und einer traurigen Gegenwart in langſamer Reihenfolge gehen, und lange harrte der Mann, die Trauer des Weibes mit tiefem Stillſchwei⸗ gen ehrend. Endlich trat er zu ihr heran, legte ſeine Hand leiſe auf ihre Schulter und ſprach mit mildem Tone:„Mirjam, ſtehe auf, laß es genug ſein für heute, die Sonne ſendet ihre letzten Strahlen über den Fluß, und dann, weißt Du, ſteigen die weißen Nebel herauf, die Deiner Geſundheit ſchaden. Alſo komm in das Haus.“ Die Frau, die bei der Berührung zuerſt leiſe zuſammenge⸗ ſchauert, wandte dem Sprecher ihr thränenfeuchtes Antlitz zu, und mit einem milden Lächeln erwiderte ſie:„Ich komme, Amnon, ich gehorche Dir, treuer Freund.“ Sie erhob ſich; er ergriff ihren Arm, damit ſie ſich auf ihn ſtütze, denn ihr ſchwankender Schritt zeigte, wie ſchwach ſie noch ſei, und er geleitete ſie nach der Laube, wo ſie ihn bat, ſich noch einige Augenblicke nieder⸗ laſſen zu dürfen.„Habe Geduld mit mir,“ ſprach ſie, und der Ausdruck der Bitte verklärte ihr bleiches, edles Antlitz, das ſich aus dem Rahmen ihrer ſchwarzen Locken um ſo ſtärker hervorhob, „habe Geduld mit mir, theurer Freund! Ach, jede Stunde, die ich von dieſem kleinen Grabe entfernt bin, dünkt mich ein Raub an dem Andenken derer, die ich auf immer verloren— es iſt das ſichtbare Band, das mich noch mit ihnen verknüpft—— doch was ſprech' ich von Geduld bei Dir, der Du unerſchöpflich an Güte und Freundſchaft....“ „Meine Sorge iſt nur,“ erwiderte der Mann, und ein ſanf⸗ tes Lächeln verſchönte das Geſicht mit den markirten, energiſchen und wiederum ſo gutmüthigen Zügen,„daß Dir der Gram und die Thränen die ſchwer errungene Geſundheit nicht wieder ſchädi⸗ gen!“ Das Weib drückte die ihr dargebotene ſchwielige Rechte des Mannes herzlich. Ja, es waren Mirjam und Amnon. Viele Monde waren verfloſſen, viele Leiden waren ertragen, viele Beſchwerden über⸗ ſtunden. Aus den zuſammenbrechenden Trümmern von Sepphoris waren ſie bis zu den Ufern des Euphrat gelangt und hatten eine Ruheſtätte, wenn auch nicht für ihren Kummer, in der Vorſtadt von Karchemiſch gefunden. Als Patrika bei dem Klange der römiſchen Tuben von dem Hofe des Caſtells eilte, war Mirjam ohnmächtig in die Arme Amnon's geſunken. Die Mauern krachten und ſtürzten, die Men⸗ ſchen ſchrieen und jammerten, die Erde ſchwankte noch immer, wenn auch in leiſeren Stößen— aber Amnon ſtand feſt und hielt das ihm anvertraute theure Gut ſeines Freundes an ſeiner Bruſt. Aber nicht lange dauerte es, ſo vernahm man von ferne 304 her das Siegesgeſchrei der in die Stadt eindringenden Römer, und als es ſich näher heranwälzte, als es offenbar wurde, daß die Stadt ohne Vertheidiger, als die Flüchtigen aus der Stadt hinaus⸗ eilten, mit dem Rufe:„Patrika iſt gefallen, rette ſich wer kann, es iſt Alles verloren!“— da liefen Alle, die noch auf den Hö⸗ fen des Caſtells verweilten, wehklagend nach allen Richtungen aus⸗ einander, und Amnon ſtand allein, die bewußtloſe Mirjam im Arme. Glücklicher Weiſe hatte der alte Thurm von dem Erdbe⸗ ben wenig gelitten, und ſeine ſchweren Quaderſteine waren nicht aus der Stelle gewichen. Amnon hob Mirjam mit ſeinen Armen empor, eilte mit ihr in den Thurm, und ſtieg in den unterirdi⸗ ſchen Gang hinab. Nicht weit, und er fand die Wölbung von den Erdſtößen eingeſunken, ein unüberwindliches Hinderniß. Er trat in eine jener Höhlungen, welche Patrika vorſichtig angelegt und mit Vorräthen verſehen hatte, und legte Mirjam auf einige Kiſſen nieder. Er benetzte ihr Antlitz mit Waſſer und rief ihren Namen mit immer ſteigender Angſt. Es währte lange, bevor ſie wieder erwachte und bei dem röthlichen Schein einer Fackel mit ſtierem Blick umherſchaute.„Patrika, Patrika, wo biſt Du?“. waren die erſten Laute ihrer zurückkehrenden Seele.„Halte Dich ruhig, Mirjam,“ beſchwichtigte ſie Amnon,„Patrika wird bald hierher kommen, er kennt unſre Zufluchtsſtätte, ſei gewiß, er kommt bald wieder!“.... Mirjam ſchwieg; aber ſie rang un⸗ aufhörlich die Hände, ihre Lippen bebten, ihre Augen rollten vor wilder Angſt und dumpfe Seufzer drangen ihr aus der gepreßten Bruſt. Es waren fürchterliche Stunden. Lautloſe Stille in der unterirdiſchen Höhle; nur von Zeit zu Zeit drang ein furchtbares Rollen, ein gewaltiger Donner, balb aus weiter Ferne, bald in nächſter Nähe wie vom Sturze mächtiger Mauern und Balken, ein Getöſe wie von wildbewegten Menſchenmaſſen in den Schoß 305 der Erde herab. Mirjam ſprang von ihrem Lager auf und rief mit dem Tone der Verzweiflung:„Amnon, laß mich hinauf, laß mich zu Patrika, ich will mit ihm ſterben, mit ihm unter⸗ gehen.... hörſt Du, er ruft mich, ich muß hin.....“ Aber Amnon hielt ſie zurück, er ſchlang ſeine Arme um ſie und drängte ſie auf ihr Lager zurück.„Ich kann, ich darf nicht, Mirjam; droben wüthen die Feinde; Gott iſt mit Patrika, er rettet ihn, und wenn er dann kömmt und fordert ſein Weib von mir, und Du biſt nicht hier, wie könnte ich beſtehen vor ihm! Er hat Dich mir anvertraut und mit meinem letzten Blutstropfen muß ich dafür einſtehen!“... So dauerte der Kampf lange, lange— bis die Ermattung einige Stunden des Schlafes auf das ſchwache Weib ſenkte, aus dem ſie immer wieder aufſchreckte und durch ihre verzweiflungs⸗ vollen Ausrufe verrieth, daß auch während des Schlummers Angſt und Schrecken ihre Seele erfüllten und furchtbare Bilder dem Auge des Geiſtes vorüberführten. Die Stunden dehnten ſich zu Tagen— Patrika kam nicht. Nur mit Mühe beſchwichtigte Amnon immer wieder die trauernde Gattin, die allmälig ihres Verluſtes gewiß ward. Nur ein Mittel kam ihrem Gefüährten zur Hülfe. Mitten in den wilden Phantaſien hatte das unglück⸗ liche Weib ihr Geheimniß verrathen, und nach langem Zögern benutzte es Amnon, um das Pflichtgefühl der zukünftigen Mutter zum Troſtmittel für die verwittwete Gattin zu verwenden. Freilich wurde auch ihm hierdurch nur bänger und bänger ums Herz und die Schwere der Pflichten, die auf ſeine Schultern ge⸗ laden, drückte ſeine treue Seele tiefer nieder. Um wie viel lieber wäre er in den Kampf geeilt und hätte mit dem Schwerte in der Hand den Heldentod gefunden. Aber er fühlte, das göttliche Ge⸗ ſchick habe ihn an dieſen Platz geſtellt und er müſſe erfüllen, 20 306 was ihm oblag. Zu hoffen wagte er nichts mehr, aber es mußte geſchehen, was nothwendig war. Ob Tag oder Nacht auf der Erde ſtehe, ſie wußten es nicht. Aber droben war es immer ſtiller geworden; auch nicht das leiſeſte Geräuſch war länger vernehmbar. Amnon beſchloß, vorſichtig hinaufzuſteigen, um, ſo weit er es ohne Gefahr ſich zu verrathen vermochte, zu erkunden, wie es oben ſtehe. Mirjam trieb ihn dazu an, aber unter der Bedingung, daß er ſie nach ſeiner Rück⸗ tehr mit hinauf nähme, um die Spuren Patrika's aufzuſuchen und zu verfolgen. Er kam zum Thurme, aber Alles war ſtill; er ſtieg in das Gemach hinauf, und fand es öde und verwüſtet; Thüren und Fenſter zerſchlagen, aber der Thurm, der den Stößen der Erde widerſtunden, war auch dem Toben der Menſchen nicht gewichen. Amnon warf verſtohlene Blicke in den Hof hinaus: auch da Alles todt und ſchweigſam. Das Caſtell war in einen Trümmerhaufen verwandelt, aus welchem nur hier und da ein Stück Mauer, eine Wand, eine Zinne hervorragte. Hier und da lag eine Leiche, welche die Schaaren der Aasvögel, die ſich eingefunden, oder der Zahn der Schakale und Hyänen bereits zu Skeletten gewandelt. Er drang weiter vor. Hatten hier jemals Menſchen gewohnt? Die Ruinen gaben ein trauriges Zeugniß davon, aber kein Menſch wandelte unter ihnen, und die Schritte Amnons hallten dumpf zurück. Als er ſich der Stadt näherte, konnte er nicht weiter. Die ſich mehrenden und ge⸗ häuften Trümmer machten jedes Vorwärtskommen unmöglich. Der Boden war heiß von den Flammen, die im Innern der zuſammengeſtürzten Wohnungen noch brannten, und hier und da, wo ſie einen Ausgang fanden, hoch aufſchlugen. Der Fuß ver⸗ ſank in Aſche, Staub, Löcher und Spalten, und das loſe Geröll gab ihm keinen Halt. Amnon gab jeden Verſuch auf, und erſtieg 307 nur eine hoch gelegene, ſtehen gebliebene Wand, um von da aus Stadt und Gegend zu überſchauen. Der Anblick war überall der⸗ ſelbe, troſtlos, regungslos. Nur an der Rückſeite des Berges, wo die Hütten der Armuth von der Höhe in eine Thalſchlucht ſich geſenkt, war die Verwüſtung weniger ſtark, und ſein ſcharfes Auge gewahrte zu ſeiner Beruhigung, daß es hier möglich ſein werde, einen Ausgang aus der Stadt zu finden. Er begab ſich ſofort dahin, und fand ſeine Meinung beſtätigt. Aber auch ſelbſt hier, wo der Aufenthalt von Menſchen noch irgendwie möglich geweſen wäre, fand er keine Spur eines lebenden Weſens mehr. Die Römer waren abgezogen, aber erſt nachdem ſie den letzten der Bewohner getödtet hatten oder gefangen mit ſich geführt: die Stadt ſollte ewiger Verwüſtung übergeben ſein... Und doch, ſo furchtbar das Jammerbild war, das vor den Augen Amnons lag, ſtieg ein Gefühl des Dankes in ſeiner Seele auf: denn er erkannte, daß die einzige Stätte, wo Rettung möglich geweſen, die unterirdiſche Höhle war, und daß die Flucht mit dem ſchwachen Weibe nur dadurch geſchehen konnte, daß die Stadt gänzlich verlaſſen worden. Er kehrte zu Mirjam zurück, und ſchilderte ihr getreulich, was er gefunden. Sie wollte es nicht glauben; ſie wollte den Ort nicht verlaſſen, ohne den Leichnam ihres Gatten gefunden und mit ihren Thränen benetzt zu haben; ſie ſchmeichelte ſich ins Geheim mit der Hoffnung, daß dieſer Anblick auch ihr Herz brechen und ihren und ihres Kindes Geiſt mit dem verklärten vereinigen würde. Was ſollten auch die beiden Verlaſſenen noch auf dieſer Erde?! Amnon ging noch ein Mal allein hinaus, um, mit Werk⸗ zeugen bewaffnet, diejenigen Hinderniſſe aus der Straße hinweg⸗ zuräumen, welche den Ausgang verſperren könnten. Er fand dies glücklicher Weiſe weniger ſchwierig, als er vorausgeſetzt, und nach 308 einigen Stunden emſigſter Anſtrengung konnte er die Flucht für geſichert halten. Aber die äußerſte Vorſicht war nöthig, denn wußte er, ob nicht die Römer oder feindlich geſinnte Menſchen doch noch in der Nähe weilten oder das Land durchſtreiften? Doch er baute auf den Beiſtand Gottes, der ſie ſo wunderſam erhalten, und auf ſeine genaue Ortskenntniß bis über die Grenzen Galiläas hinaus. Die Beſorgniß, die ihn drückte, war nur die, ob die ſchwachen Kräfte Mirjams die Strapazen einer langen Reiſe aushalten würden. Denn weithin mußten ſie fliehen, das ſah er ein. So weit die Römer herrſchten, war keine Sicherheit. Der geringſte Verdacht oder Verrath würde ſelbſt an der äußerſten Grenze drs Reiches ſie ereilen und ſie ins Ver⸗ derben ſtürzen. Sein Plan war daher, wenn auch noch ſo lang⸗ ſam, bis nach Niſibis zu dringen, wo Verwandte des Patriarchen wohnten und eine ſichere Zukunft boten. Beim erſten Grauen der Morgendämmerung verließen die Beiden den unterirdiſchen Gang. Amnon ſegnete die Umſicht Patrika's, denn außer den Vorräthen an Lebensmitteln, die er mit ſich nehmen konnte, hatte ſein Freund auch eine bedeutende Summe Geldes in Edelſteinen und Goldſtücken niedergelegt, welche ſie vor Mangel ſicher ſtellte und die Reiſe möglich machte. Am Arme des Freundes, auf welchen allein ſie jetzt angewieſen war, trat Mirjäm an das Licht des Tages, vor dem ihr daran ungewöhntes Ange ſich ſchloß. Aber unſägliches Leid durchwogte ihr Herz, als ſie jetzt die Gräuel der Verwüſtung, die über die einſt ſo blühende Stadt hereingebrochen, gewahrte und Amnon ſie überzeugte, daß es unmöglich ſei, nach dem Orte hinzudringen, wo ſie ihren Gatten gefallen glauben mußte. Sie wandte ſich ab, ſchlang die Arme um den Nacken ihres Freundes, und ihr Schmerz ergoß ſich in einem Strom von Thränen. Amnon 309 benutzte dieſen Augenblick, hob das zitternde Weib auf ſeinen ſtarken Arm und trug ſie die Straße hinab, auf welcher er die verödete Stadt verlaſſen konnte. Seine Stärke und Ausdauer überwand die Hinderniſſe, und bald ließ er ſeine theure Bürde im Schatten der engen Thalſchlucht auf den Boden nieder. Seine Mahnung ſtärkte ſie, und ſie verfolgten den ſich krümmenden Hohlweg, bis ſie nach einer Stunde einen ſichern Verſteck er⸗ reichten, wo Amnon den Abend erwarten wollte. Von hier legten die Wanderer in ſehr kleinen Tagesmärſchen den Weg bis zu der Grenze Galiläas zurück. Sie vermieden und umgingen jede Menſchenwohnung, jede Stadt, jedes Dorf, übernachteten in Wäl⸗ dern und Felsklüften, und nur ein ſo ſicherer Führer wie Amnon und der Schutz Gottes, der ſie vor jedem Unfall bewahrte, ver⸗ mochten das erſehnte Ziel zu erreichen. Sobald ſie eine Strecke über ihr ehemaliges Vaterland hinaus waren, ſchlich ſich Amnon in ein Dorf, erhandelte hier Kleider, wie die Landbewohner ſie trugen, und Maulthiere für ſich und Mirjam, und wagte ſich mit dieſer nun auf die gangbaren Straßen hinaus. Unſägliche Beſchwerden harrten ihrer. Ihre Pilgerſchaft dauerte lang, und war von tauſendfültigen Gefahren umringt. Sie umgingen Damaskus, ſie kamen bis zu den Ruinen Palmyra's, die Wiüſte nahm ſie auf und ſchien ſie nicht wieder aus ihrem Bannkreis entlaſſen zu wollen. Ihre Maulthiere fielen verſchmachtet, ſie aber rafften ſich empor und pilgerten weiter. Tagelang ertrug Amnon Hunger und Durſt, um es Mirjam nicht fehlen zu laſſen. In der Nacht wachte er in der Nähe ihres Lagers, das gefräßige Raubthier abzuwehren. Nach Monden endlich begrüßten ſie das geſegnete Ufer des Euphrat und ſetzten nach Karchemiſch über. Kaum aber hatten ſie die Straßen dieſer prächtigen Stadt betreten, als Schmerzen ungekannter Art Mirjam überfielen und von Vier⸗ 310 telſtunde zu Viertelſtunde wuchſen. Amnon ahnte, was bevor⸗ ſtehe. Das Wunder, das zarte Weib mit ihrer Bürde alle Mühſeligkeiten der Wanderung überſtehen zu laſſen, mußte ein Ende nehmen. In ſeiner Angſt ſprach er ein altes Mütterchen, dem er begegnete und das ihm die Züge jüdiſcher Abkunft zu verrathen ſchien, an, und machte ſie mit ſeiner verzweifelten Lage bekannt. Die alte Frau war bis zu Thränen gerührt, und erbot ſich, die Wanderer in ihrem Häuschen in der Vorſtadt aufzu⸗ nehmen. Die Wanderer folgten ihr dahin, und Mirjam fand hier alle Sorgfalt und Pflege, deren ſie bedurfte. Stunden des Wehes und der ſchwerſten Beängſtigung gingen vorüber. Endlich gebar ſie ein Knäblein, das aber ſeine Augen dem Lichte des Tages nicht erſchloß. Mirjam lag bewußtlos; die äußerſte Schwäche und Erſchöpfung war über ſie gekommen, und Tage verfloſſen, bevor man eine Hoffnung, ſie am Leben zu erhalten, faſſen konnte. Amnon, in dem zurten Vorausgefühle, was die Mutter, ihres Kindes ſo ſchnell wieder beraubt, empfinden würde, beſtattete die kleine Leiche am Ende des Gartens hinter dem Häuschen, und unter reichlichen Thränen häufte er den kleinen Raſenhügel und bepflanzte ihn mit Blumen und blühenden Ge⸗ ſträuchen. Als Mirjam ſich in Etwas erholte und wieder zum vollen Be⸗ wußtſein kam, konnte man ihrer dringenden Frage nach ihrem Kinde die Wahrheit nicht lange verbergen. Aber ſie nahm die Kunde ruhiger auf, als man geglaubt; ſie ſchrie nicht auſ, ſie verzweifelte nicht, nur ihre Thränen floſſen und eine unwiderſtehliche Wehmuth zog ſie nach der Stelle, wo das Pfand der Vebe, welches Patrika ihr hinterlaſſen, auf immer geborgen lag. Ihre Seele war von der Schwäche ihres Leibes gebunden, und das Leben erſchien ihr ſo inhalts⸗ und werth⸗ los, daß ihr deſſen Verluſt für ihr Kind kaum bedauernswerth vor⸗ 311 kam. Aber kaum konnte ſie ihr Lager verlaſſen, als ſie Amnon zwang, ſie zu dem Grabe zu führen, wo ſie bewußtlos nieder⸗ fank Amnon ſah ein, daß Mirjam vorerſt eine weitere Reiſe nicht ertragen könne, daß ſie ſich aber auch um keinen Preis von der Gruft ihres Kindes werde entfernen laſſen. Karchemiſch war damals von den Römern wie von den Perſern verlaſſen, da beide kämpfende Parteien ſich hinter ſtärkere Bollwerke zurückgezogen hatten. Die Stadtbehörde hatte kräftig die Zügel der Herrſchaft ergriffen, und Ruhe und Sicherheit wohnten in der Stadt und rings um ſie. Amnon beſchloß daher, hier zu bleiben, kaufte der alten Frau, die er für alle ihre Mühe und Freundlichkeit reichlich belohnt hatte, das Häuschen ab, nahm zwei Frauen zur Bedie⸗ nung Mirjams und zur Haushaltung an, und machte es nun zum Berufe ſeines Lebens, für die Gattin ſeines Freundes, die er ſelbſt ſo innig verehrte und liebte, die Sorge eines zärtlichen Bruders zu üben. Mit dem feinen Gefühle edler Seelen, auch wenn ſie keine höhere Bildung beſitzen, ordnete er das Leben Mirjams, ließ ihr freie Bewegung und wahrte ſie doch ängſtlich vor jedem Schaden. Mirjam ſaß noch in der Laube, das Auge in die letzten Strahlen der untergehenden Sonne geſenkt, und Amnon ſtand vor dem Eingang jener, als ein Fremder am Gitter des Gartens ſichtbar ward und Amnon anredete. Dieſer hatte ihn bereits früher bemerkt, wie er mit langſamen, ſchleichenden Schritten die Heerſtraße herangekommen war und vor großer Ermüdung kaum ſich weiter ſchleppen konnte. Er ſetzte daher in ihm einen er⸗ ſchöpften und bedürftigen Wanderer voraus, und dieſer Gedanke allein genügte ſchon, ihn an das Gitter zu ziehen und den Worten des Fremden lauſchen zu machen. 312 „Ich bin ein Fremdling,“ ſprach dieſer,„komme von fern her und bin erſchöpft; ich bitte, eine Stunde ruhen zu tönnen in Eurem Hauſe, um einen Biſſen Brodes und einen Trunk Waſſer.“ „Das ſoll Dir werdeu, und mehr,“ erwiderte Amnon, „tritt nur zur Thür herein, die an der Vorderſeite des Hauſes.“ Er kehrte darauf zur Laube zurück, geleitete Mirjam in ihr Zimmer, und nahm den Fremden in dem anſtoßenden Gemache auf. Nur ein Vorhang, der heruntergelaſſen war, ſchied die beiden Zimmer, welche den größten Raum des kleinen Hauſes einnahmen. Eine Magd trat ein und trug reichliche Speiſen und einen Krug guten Weines auf. Des Wanderers Auge er⸗ glänzte vor Befriedigung, und gierig genoß er von dem Darge⸗ botenen als einer wahrſcheinlich lang entbehrten Stärkung. Jetzt eröffnete ſich auch leicht ein Geſpräch zwiſchen den beiden Män⸗ nern, und der Fremde verheimlichte nicht, daß er ein Jude aus Tyrus ſei, der, da er ohne Familie und die Verfolgungen und Bedrückungen der Glaubensgenoſſen immer unerträlicher wurden, ſeine Vaterſtadt verlaſſen hätte, um im glücklicheren Oſten eine Ruheſtätte für ſeine alten Tage zu finden. Es war natürlich, daß ſich hieran von Seiten Amnons Fragen über die dortigen Zuſtände knüpften, und das benachbarte Galiläa bald der Gegen⸗ ſtand ihrer Unterhaltung wurde. Ach, die Nochrichten lauteten ſo traurig wie nur möglich. Die jüdiſchen Bewohner dieſes Landes waren gänzlich verſchwunden. Ein Dekret des Kaiſers hatte ſie auf fünfzig Jahre daraus verbannt und jeden Iuden, der ſeinen Fuß über die Grenzen ſetzte, mit der ſchwerſten Strafe bedroht. Ein großer Theil von ihnen war im Kampfe gefallen oder von den Siegern niedergemetzelt, ein andrer ohne Unterſchied des Alters und des Geſchlechtes fortgeführt und als Sklaven verkauft, nur 2—— 313 eine kleine Zahl hatte ſich durch die Flucht gerettet. Aber mitten in dieſem furchtbaren Unfall hatte ſich die unerſchöpfliche Lebens⸗ kraft des jüdiſchen Volksſtammes von Neuem im hellſten Lichte gezeigt. Die Flüchtigen fanden überall bei ihren Glaubensge⸗ noſſen, ſo ſchwer dieſe auch ſelbſt bedrückt waren, gaſtlichſte Auf⸗ nahme, bereite Weiterbeförderung und zuletzt Heimath und Heerd. Für die Sklaven aber bildeten ſich aller Orten Vereine, um die Mittel, ſie loszukaufen, zuſammen zu ſchaffen, und der größte Theil von ihnen begrüßte nach kurzer Friſt die Freiheit wieder. Aber Galiläa lag verödet und verwüſtet da; die Städte waren bis auf wenige zertrümmert, die Dörfer verlaſſen, die Landſtraßen verein⸗ ſamt, und die Fluren, der fleißigen Arbeiter beraubt, drohten, in kurzer Zeit zur Steppe zu werden. Auch die Erdſtöße hatten ſich wiederholt und zu Ruinen gewandelt, was noch ſtehen geblieben. Die Männer ſchwiegen eine lange Zeit, denn eine tiefe Trau⸗ rigkeit erfüllte ihre Herzen. So Herrliches war gefallen, ſo Blü⸗ hendes und Reiches niedergetreten, und die Zukunft? Sie ver⸗ hieß keine Wiederkehr.. Als das Geſpräch von Neuem begann, wandte es ſich auf die Nachfrage nach einzelnen Familien und Männern, die ihnen bekannt waren, nach deren Schickſalen, ſo weit der Fremde von ihnen Kunde beſaß oder nicht. Da ſagte dieſer:„Ich weiß nicht, wer oder woher Du ſeieſt, aber aus Allem erkenne ich, daß Du aus Galiläa ſtammeſt, und ſo kann ich Dir doch wenigſtens eine erfreulichere Nachricht geben, als Dank für Deine Gaſt⸗ freundſchaft. Du mußt doch von dem gehört oder ihn ſelbſt ge⸗ kannt haben, welcher mit ſo vielem Heldenmuthe an der Spitze des Kampfes geſtanden— nun, Du wirſt wiſſen, daß man ihn für gefallen und todt hielt, aber es iſt nicht ſo: Patrika iſt lebend nach Rom gebracht worden.“ ————— —— 314 Bei diefen Worten war Amnon von ſeinem Sitze aufge⸗ ſprungen und eine brennende Röthe hatte ſein Angeſicht bedeckt. Aber noch hatte er den Mund zu einer Antwort nicht öffnen können, als ein lauter Schrei aus dem Nebenzimmer gehört, der Vorhang zurückgeriſſen wurde und Mirjam bleich, zitternd, in wildeſter Aufregung hereinſtürzte und zum Fremdling gewandt, aufſchrie:„Patrika lebt? In Rom?.... Was ſagſt Du? Iſt dies die Wahrheit? Um Gottes willen, ſprich!....“ Der Gaſt hatte ſich auch ſeinerſeits erhoben, mit erſtaunten Blicken ſchaute er auf das Weib und den Mann, und leicht er⸗ rieth er, daß er vor den nächſten Anverwandten des todtgeglaubten Helden ſtehe.„Ja,“ erwiderte er mit feſter Stimmne,„ich kann es beſchwören, denn in Tyrus wurde er eingeſchifft, und alle unſre Glaubensgenoſſen alldort hielten an dieſem Tage einen Bet⸗ und Bußtag, um für das Leben und die Erlöſung Patrika's zum Gotte Iſraels zu flehen. Schwer verwundet war er an den Mauern von Sepphoris aufgehoben und ſorgſam verpflegt, dann aber nach Rom geſchickt worden, um ſein Schickſal aus den Händen des Kaiſers zu empfangen. Noch vor meiner Abreiſe aus der Heimath vernahm ich, daß ſeine Fahrt cine glückliche geweſen und daß er noch immer am Leben ſei. Ein Weiteres weiß ich nicht.“ Er hatte dies mit ſo feſter Stimme und unzweifel⸗ hafter Ueberzeugung ausgeſprochen, daß die Gewißheit der Wahr⸗ heit die Seelen ſeiner Zuhörer überkommen mußte. Mirjam ſank wie außer ſich auf ihre Kniee, ſtreckte ihre Arme zum Himmel empor, aber nur unverſtändliche, unzuſammenhängende Worte dräng⸗ ten ſich aus ihrer wogenden Bruſt und zeugten von dem Sturme der Gefühle, der in ihrem Herzen entſtanden.„Gott, Gott... Dank.... Patrika lebt.... Rom....“ Das waren die Laute, die ſich ihren Lippen entrangen. Voll tiefſter Bewegung 315 ſenkte auch Amnon ſeine Knice, ließ ſich neben Mirjam nieder, und ſandte ein heißes Gebet zum Himmel auf, ſeine Lippen bewegten ſich, aber ſeine Worte wurden nicht gehört. Endlich ergriff er den Arm Mirjams, hob ſie empor und beruhigte ihre Aufwallung durch Glückwunſch und Segensſprüche. Mirjam fand endlich Worte:„Amnon, wir müſſen auf, wir müſſen nach Rom, denke Dir, zu Patrika! Er lebt, und ich weile noch hier? Schnell, Amnon, keinen Aufenthalt länger, nicht wahr, Du begleiteſt mich. Und wäre ich allein und breiteten ſich noch zehn Mal mehr Wüſten und Berge zwiſchen mir und ihm aus, ich muß hin!.... Aber,“ fuhr ſie fort, zu dem Fremden gewandt,„ich habe Dir noch nicht einmal Dank geſagt, Dank für die Glücksbotſchaft, die Du dem Weibe Patrika's gebracht— denn ſieh, das bin ich....“ Der Fremde antwortete mit vieler Rührung und aus wahr⸗ haftem Gefühle heraus. Aber dennoch wich ein trüber Ernſt nicht aus ſeinen Zügen; denn der Gedanke, was aus Patrika in den Händen ſeiner erbitterten Feinde geworden, trübte das Freuden⸗ gefühl, das er bei der frohen Botſchaft, die er hierhergebracht, empfinden mußte. Dieſer Zweifel zuckte wohl auch bald in Amnon auf, und ohne ihn auszudrücken, bewog er Mirjam ſich zu beruhigen, ſich in ihr Gemach zurückzuziehen und alle weitere Erwägung auf den morgenden Tag zu verſchieben. Aber Mirjam folgte ſeinem Rathe nicht eher, als bis ſie den Fremden immer und immer wieder über alle Einzelheiten, ſo kärglich dieſe im Ganzen auch waren, befragt, und beſtürmt hatte, ihr zu ſagen, was er ſich wohl von dem Aufenthalte Patrika's in Rom vorſtelle. Der Fremde ſchützte bald das hereinbrechende Dunkel der Nacht vor, um Abſchied zu nehmen, da er einen Gaſtfreund in der Stadt beſitze, bei dem er nothwendig eintreffen müſſe. 316 Am audern Morgen hatte Amnon kaum das Wohnzimmer betreten, als Mirjam aus dem ihrigen völlig wie zur Reiſe ge⸗ kleidet, hervorkam, und ihren Entſchluß ausſprach, ohne Zögern noch heute die Reiſe anzutreten. Hier aber ſtieß ſie auf einen feſten Widerſpruch bei Amnon. Er wolle und könne mit ihr nicht noch einmal die Mühſale und Gefahren einer einſamen Reiſe durch die Wüſte übernehmen. Jetzt erſt empfinde er doppelt die Verantwortlichkeit, die er Patrika gegenüber für ihre Erhaltung trage. Glücklicherweiſe ſei die Zeit nahe, wo der große Kara⸗ wanenzug, der von Inneraſien nach Tyrus jährlich gehe, Karche⸗ miſch erreichen werde. Dicſem wollten ſie ſich anſchließen, um geſchützt vor den Gefahren, mit welchen Elemente und Menſchen eine ſolche Reiſe bedrohen, und in der Menge leichter unerkannt und beſſer geborgen an die Küſte des mittelländiſchen Meeres zu gelangen. Gerade auf dieſe Weiſe könnten ſie noch ſchneller die Reiſe zurücklegen. Mirjam konnte ſich dieſen triftigen Gründen nicht verſchließen und mußte ihre Unruhe überwinden. Vierzehn Tage ſpäter war die Karawane eingetroffen. Am⸗ non hatte die Friſt benutzt, um die nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Das Häuschen ging wieder in den Beſitz der alten Frau über, die nur einen geringen Theil des Kaufgeldes zu⸗ rückzuzahlen brauchte, das kleine Grab am Ende des Gartens, am ſteilabfallenden Ufer des Euphrat ſorgſam zu hüten. Sie gelobte es der weinenden Mutter in die zitternde Hand. Aber der Abſchied von dem theuren Hügel am Morgen der Abreiſe wurde Mirjam nicht ſchwer. In ihrem Herzen hallte nur noch ein Ruf wieder: Nach Rom, zu Patrika! Sie ſenkte das Haupt tief auf den Raſen nieder, küßte ihn mit ihren Lippen, benetzte ihn mit ihren Thränen und ſprach Worte des Segens über ihn und das, was unter ihm ruhete. 317 Lebe wohl, Du einſames, verlaſſenes, kleines Grab, und wenn der Abendwind über Dich hinfährt und die Wellen des Stromes zu Dir heraufrauſchen, glaube, daß es der Gruß des Mutter⸗ herzens iſt, das Dein niemals vergeſſen wird, welcher Troſt, welches Glück, welche Aufrichtung ihrer auch harren möge! 8. In einer Nebenſtraße der Via Lata zu Rom, in dem Atrium eines kleinen, ziemlich verfallenen Hauſes ſaß ein kleiner, lebhafter Greis, deſſen Angen, Züge und Haltung die Unruhe der Erwar⸗ tung ausdrückten. Die Silberlocken, die ſein Haupt umgaben, der ſchneeweiße Bart, der ihm bis auf den Gürtel herabhing, und die geiſtathmenden Züge des Geſichtes verliehen ihm trotz ſeiner wenig imponirenden Geſtalt ein ehrwürdiges Ausſehen, welchem nur die ſich immer bewegenden Augen Eintrag thaten, denn ſie verriethen, daß hier noch eine feurige Serle mit dem Froſthauche des Winters kämpfe. Nicht lange und er verließ ſeinen Sitz, eilte durch das Gemach und blieb vor einem ſtillen ältlichen Mäd⸗ chen ſtehen, ſeiner Tochter, die ihm aber wenig glich. „So iſt es, meine Nina,“ redete er ſie an,„je mehr der Menſch die Erwartung über ſich Herr werden läßt, deſto mehr beſchneidet ſich die Zeit ihre Flügel, während ſie mit dem raſche⸗ ſten Fittig daboneilt, wenn man ſie gern aufhalten möchte. Es iſt dunkel geworden, Du haſt Licht angezündet, und ſie ſind noch immer nicht da. Gieb Acht, es dauert noch lange, trotzdem wir ſchon ſo viele Stunden warten.“ Das ſchweigſame Mädchen nickte nur mit dem Kopfe und antwortete leiſe:„Sie werden ſchon kommen, Vater.“ Dieſer ſchritt hin und her, ſetzte aber ſeine Unterhaltung theils mit der Tochter, theils mit ſich ſelbſt fort:„Ja, kommen müſſen ſie. 319 Sie können nicht irren. Sie haben von Brunduſium nach ihrer Ankunft im Hafen geſchrieben, und ich habe ihnen meinen Boten entgegengeſchickt, der ſie ſicher an mein Haus bringt.... Still, hörſt Du nicht das Rollen eines Wagens?... Nein, es geht in der Ferne vorüber.... Wie ſchmerzlich meine Gefühle ſind, die Tochter meines verehrten Meiſters und Freundes— das Gedächt⸗ niß des Gerechten iſt zum Segen— in ſolcher Noth und Küm⸗ merniß hier bei mir zu ſehen! Nach ſo vielen traurigen Schick⸗ ſalen, nach ſo großem Sturz und Verluſt!.... Und doch ſchlägt mein Herz vor Freude, die Erinnerung aus beſſeren Zeiten leben⸗ dig wieder aufzufriſchen, an die Zeit, wo wir in der heiligen Stadt Tiberias im Sanhedrin zuſammen ſaßen, und die Fragen von allen vier Ecken der Welt ankamen, und wir die Antworten im heißen Kampf der Debatten beriethen,— wo ſind ſie hin, dieſe ſchönen Tage, und wo die ehrwürdigen enoſſen? Zerſtreut über die Erde, oder unter ihr ruhend— und ich, allein von ihnen hier, ich, der Rabbi Gideon, denn Du weißt, daß der Gefährte, der mit mir hierherziehen wollte, Rabbi Gedaljah, zu Candia in meinen Armen geſtorben— Friede über ihn!— Und was habe ich hier zu thun.... Ja, ſie ſind doch glücklicher als ich, denn ihr Fuß hat vor Kurzem noch den Boden betreten, den der mei⸗ nige nie wieder betreten wird, und ihr Auge die Stätten geſehen, die mein Auge nie wieder ſehen wird.... Und doch, wie freue ich mich, die theure Mirjam wiederzuſehen, die vor meinen Augen aufgewachſen, und die immer ſo gut und lieb war, Du weißt es ja, Nina, gegen den Letzten wie gegen den Erſten.... Nina, ich ſage Dir, ſei nur gut mit ihr; denke, ſie ſei Deine verſtorbene Schweſter, die Du nach dem Tode Deiner Mutter— Friede ſei über ſie!— gepflegt und gehegt, bis der Herr ſie zu ſich genom⸗ men...“ Den Greis überwältigte die trübe Erinnerung, er 320 ſchwieg— was ſonſt ſelten geſchah— und ſeine ſchweigſame Tochter wiſchte eine Thräne aus ihren träumeriſchen Augen... Da rollte wirklich ein Wagen vor die Thüre, und hielt ſtill, und man klopfte an die Pforte des Hauſes. Der Greis ſprang in die Höhe, und rief:„Sie ſind da, Nina, komm, komm, Nina....“ und eilte hinaus. Bald darauf erſchien er mit Mirjam, die er väterlich an der Hand leitete, und Amnon wieder im Gemach, aber während der Rabbi mit vielen zärtlichen Worten die erſchöpfte Frau zum Di⸗ van führte, entfernte ſich Amnon mit Nina, um das Gepäck in die für ſie beſtimmten Zimmer bringen zu laſſen und das Nö⸗ thigſte für die ſchon weit vorgerückte Nacht zu ordnen. „Gott ſegne Deinen Eingang, mein theures, theures Kind,“ rief der Greis,„ſei willkommen, Tochter meines unvergeßlichen Meiſters und Freundes, nimm vorlieb in meiner armſeligen Woh⸗ nung, Du Sproß eines heiligen Stammes, unſre Herzen ſind reich und bergen Schätze der Liebe, und ſie gehören alle, alle Pir Mirjam erwiderte dieſe, aus treueſtem Herzen geſprochenen Worte mit einer Umarmung des Greiſes, auf deſſen Schulter ſie ihr Haupt legte und ihre Thränen fließen ließ.„Sei ſtill, ſei ruhig, Kind! Der Gott, der Dich bis hierher geführt, der den Thieren des Waldes verbot, Dich zu ſchädigen, und den Arm des Frevlers zurückhielt, Dich zu umgarnen, der dem Sande der Wüſte unterſagte, Deine Sohle zu verbrennen, und der Welle des Mee⸗ res, ſie zu benetzen, Er wird Alles zum Guten lenken.... Wen Er erhält, erhält er zum Segen, aber die Wege der Böſen führt er zum Untergang.“ Bei dieſen Worten erhob ſich Mirjam. Ach, man gewahrte wohl die Spuren der Mühſale, die ſie auf der weiten Reiſe er⸗ 321 tragen, die tiefen Linien, welche die angſtvolle Spannung ihrer Seele durch viele Monde hindurch in ihr jugendliches Antlitz ge⸗ graben— aber in dieſem Augenblicke fuhr eine Röthe über ihr Geſicht, ſie hob die Hände empor, das Feuer ihrer Augen drängte ſich wie in einen Strahl zuſammen, als ſie rief:„Rabbi, Va⸗ ter, ſage mir, was weißt Du von Patrika? Sage mir Alles, was Du weißt, und ganz, wie Du es weißt.... Auf unſrer Reiſe konnten wir nichts erfahren, und ſeit wir in Brunduſium gelandet, wagten wir nicht danach zu fragen, um keinen Verdacht zu erwecken. Jetzt ſpringt mir mein Herz von der Angſt, alſo ſage es mir!“ „Nun, nun, mein Kind, ſei ruhig, es iſt Alles gut, ſo gut es ſein kann. Dein Patrika lebt, und iſt wohlauf und trägt es ſtark, wie ein Weiſer und Held von Israel. Ich habe es ſelbſt von der Iddo, der Tochter des Meſchullam; die Frau iſt ſo tapfer wie ſie ſchön iſt, und ſo klug wie ſie reich iſt: ſie war ſelbſt bei ihm im Gefüngniß,“ fuhr er mit leiſerem Tone fort,„und hat ihn geſprochen, und es iſt ihm viel Erleichterung durch ihre Für⸗ ſorge geworden. Wie ſie das zu Stande gebracht, weiß Niemand, aber es iſt ſo, und ſo ſei ruhig, mein Kind, Gott iſt mit uns!“ Mirjam ließ ſich auf den Divan nieder, ihre Geſtalt brach zuſammen, ihre Arme ſanken nieder, aber ihre Augen ſprachen von unendlichem Danke gegen Gott und gegen den Mann, der ihr ſo Gutes verkündete. Freilich hatte ihre Farbe einen Augenblick ge⸗ wechſelt, als der Greis Idbo ſo lobpries und von ihrem Beſuche im Kerker ſprach— denn Patrika hatte ihr oft genug von der Freundlichkeit, Bildung und Schönheit Iddo's erzählt, und das Herz keines Weibes iſt dem Andrang der Eiferſucht gänzlich ver⸗ ſchloſſen, wenn ſeine Alleinherrſchaft über das Herz des geliebten Mannes irgendwie bedroht erſcheint— aber die Bewegung ging 21 322 raſch in ihrer Seele vorüber, und durch die Pforte ihres Herzens, durch welche die tödtliche Angſt und Beſorgniß hinauszog, hielten die Freude und das Glück ihren beſeligenden Einzug.„Und iſt keine Hoffnung da, ihn aus dem Kerker zu erlöſen?“ fragte ſie mit zögernder Stimme.„Nun! antwortete Rabbi Gideon, ſei ruhig, mein Kind, das wird ſich Alles finden; ich habe es Dir geſagt: wen Gott erhält, erhält er zum Segen. Zu viel dürfen wir mit Einem Male nicht von ihm verlangen, wer könnte auch das Uebermaß des Glückes ertragen!“ Jetzt kehrten Amnon und Nina wieder zurück, und die Letz⸗ tere begrüßte Mirjam mit ſchlichten, herzlichen Worten, und bat ſie, auf ihr Zimmer zu kommen, einige Erfriſchung zu nehmen, und ſich dann zur Ruhe zu begeben: ſie müßte ja deſſen ſo ſehr bedürfen. Mirjam folgte ihr, bis zur Thüre von den Segens⸗ wünſchen des Greiſes und den Blicken Amnon's begleitet. Auch für Amnon war Sorge getragen, aber bald ſaß er wieder in ein langes Geſpräch mit dem Greiſe verſunken, dieſem gegenüber.„Wie geſagt, beſter Freund, im Augenblicke iſt wenig Ausſicht. Du kannſt denken, wir haben den Meſchullam genug⸗ ſam gedrängt, denn dieſer iſt der Einzige, der etwas ausrichten kann, aber es iſt gar ſonderbar mit ihm in dieſer Sache. Der reiche Meſchullam iſt der freundlichſte Mann von der Welt, und ich glaube, daß noch Keiner von ihm gegangen, dem er nicht zu thun verſprochen, was er wünſchte— aber es geſchieht darum noch nicht. Aber in unſrer Sache ſpricht er ſich immer ablehnend aus. Er geräth in Unruhe, ſobald man von Patrika mit ihm ſpricht, und weiſt mit kurzen Worten darauf hin, daß man jetzt Nichts thun könne, daß er nicht gut angeſchrieben ſei beim Kaiſer, daß man nicht einmal ſprechen dürfe von dem Unglücklichen, ohne deſſen Lage zu verſchlimmern. Es muß Etwas dahinter ſtecken, 323 das iſt klar— aber wer weiß, was? Ich ſage Dir alſo, mein Sohn, wir müſſen uns allein an ſeine Tochter, an Iddo halten. Gut, der Meſchullam iſt noch lange nicht der Schlimmſte. Du weißt, die Zahl unſrer Glaubensbrüder iſt groß in Rom. Aber es iſt wenig Zuſammenhang unter ihnen. Ich will, Gott behüte, nicht ſagen daß man in der Noth nicht auf ſie rechnen dürfe. Alle Söhne Israels ſind Söhne des Erbarmens, ſagen unſre Weiſen. Aber es iſt kein Band unter ihnen hier. Wenige nur ſind in Rom geboren; aus den entlegenſten Orten fließen ſie hier zuſammen, und fließen von hier wieder auseinander, beſonders ſeit Byzanz mit Rom um den Vorrang ſtreitet. Und da giebt es drei Klaſſen. Die erſte ſind die Reichen und Angeſehenen, von denen man froh ſein muß, wenn ſie noch ein Stückchen jü⸗ diſches Herz und noch ein kleineres vom heiligen Geſetz behalten haben. Sie ſtehen groß, gehen mit der feinen Welt um, verlan⸗ gen nach dem Umgang mit den Mächtigen, treiben darum großen Lurus, ſehen auf ihre Brüder hochmüthig herab, und möchten am liebſten vergeſſen machen, daß ſie Inden ſind, wenn es die Welt nur vergeſſen wollte. Was kümmern ſie ſich um uns? Sie wer⸗ fen uns höchſtens einige Goldſtücke hin für die Gemeinde und zu guten Werken, und dann iſt ihr Gewiſſen befriedigt. Und da iſt, wie geſagt, Meſchullam nicht der Schlimmſte, denn er hält noch aufs Geſetz, und wo das Geſetz iſt, iſt Gottesfurcht. Da giebt es noch eine zweite Klaſſe, das iſt ein verlorener Poſten: es ſind Schauſpieler, Künſtler, Gaukler aller Art. Laß mich ſchweigen von ihnen. Wir hören von ihnen nur, wenn ſie betteln oder ge⸗ ſtorben find. Sie wären längſt nicht mehr Juden, aber die Chri⸗ ſten verabſcheuen dieſe heidniſchen Künſte, und die Heiden haben ihnen nichts mehr zu bieten. Nur die dritte Klaſſe iſt unſer Kern und unſre Zuverſicht. Es iſt die Maſſe derer, welche emſig — 3 4 324 arbeiten und mit dem Leben ringen, und im Schweiße ihres An⸗ geſichts ihr Brod verzehren. Nicht daß es unter ihnen nicht auch viele Bemittelte gäbe und die im Wohlſtande leben und Gut ſich erwerben— aber der Mehrzahl wird es nicht leicht, und unter den zahlloſen Schlemmern und Nichtsthuern dieſes Babels gehö⸗ ren ſie zu den nützlichſten und thätigſten Menſchen, die hier noch weilen. Die ſind noch eifrig in ihrem Glauben, ſtreng im Geſetz und bereit zu jeglichem Opfer. Aber frägſt Du mich, mein Sohn, wie es mit dem Studium des heiligen Geſetzes ſteht? Ach, da iſt dichter Schatten, der meine alten Augen nach dem Sonnen⸗ lichte, das ſie ſo lange gewohnt waren zu ſchauen, trübe ver⸗ ſchleiert! Sie haben keine Zeit dazu, und wenn ſie dieſe hätten, ſie ſind zu unwiſſend. Sieh, Amnon, äußerlich iſt dieß für uns Gelehrte nicht ſchlimm, denn wo die Thorah auf der Straße liegt, zahlt man keinen hohen Preis für ſie; nur wo ſie ſelten iſt, ſchätzt man ihren Inhaber über die Maßen. Als ich hier⸗ herkam, wurde ich daher mit großen Ehren empfangen, und ich leide wahrlich keine Noth. Aber was hilft das? Ich kann der Vorſchrift unſrer Weiſen: ſtelle viele Schüler aus, nicht nach⸗ kommen, denn es ſind keine Schüler da, und die tauſendfältigen Fragen, welche die guten Leute an Einen ſtellen, ſind Zengen ihrer Unwiſſenheit und oft von der lächerlichſten Art. Und da kommt es auch, daß die drei, vier Gelehrten, die hier ſich befinden, nei⸗ diſch und eiferſüchtig auf einander ſind; Jeder hält ſich für groß und unfehlbar, und ſein Wort ſoll allein gelten. Aber was thut es? Wir haben Gott ſei Dank Nichts für unſre Religion zu fürchten, Amnon! Dieſe große Maſſe unſres Volkes iſt geſund und hält feſt an unfrem Heiligthum, auch wenn ſie nur in der Vorhalle desſelben verweilt. Es iſt gut, daß die ſchlimmen Zei⸗ ten nur ſo allmälig und nicht mit Einem Male gekommen. Sie 325 haben ſich daran gewöhnt. Kommt ein Stoß oder ein Sturm, ſo flüchten ſie ſich hinter die unüberſteigliche Mauer ihrer Familie, — da finden ſie die Liebe und die Treue, die Verehrung und die Ergebenheit. Ja, dieſe Himmelsgabe, welche unſer Erzvater Abra⸗ ham ſeinen Nachkommen überlieferte, ſie hat wie das Manna am Sabbath an Friſche und Köſtlichkeit nichts verloren. Hinter dieſen feſten Wall kann der Peſthauch des Unglaubens und des Abfalles nicht dringen, und wo die Erkenntniß mangelt, führt die Liebe und die Hochachtung die Kinder auf den Pfad der Eltern. Sieh, Amnon, was den Chriſten große Vortheile verſchafft, daß ihre Menge unzählig und ſtets noch im Wachſen, und ſie die Herrſchaft im Reiche erlangt haben, das gereicht dem Chriſten⸗ thume zu großem Schaden. Denn die Heiden haben ihre Unſit⸗ ten und Zuchtloſigkeit mit hineingebracht, und die Frevel dahin verpflanzt, wie ſie ſeit undenklichen Zeiten unter ihnen geblüht. Wer die heutigen Chriſten in Rom mit ihren heidniſchen Vor⸗ fahren vergleicht, wird nicht viel Unterſchied bemerken, denn die Einfalt und Einfachheit, die Brüderlichkeit und Familienliebe, welche die neue Religion in ihren erſten Zeiten lehrte und übte, ſind längſt vor den Laſtern der Heiden geſchwunden. Aber was den Juden Druck und Nachtheil verſchafft, das gereicht dem Juden⸗ thume zur Stärkung und Befeſtigung, und die zerſtreuten Söhne Israels hängen um ſo mehr an dem, um was ſie zu leiden haben. Und da, denke ich, werden ihnen auch die Leuchten nicht fehlen in finſterer Nacht, und die Flammen der Gotteslehre ſich immer wieder an der Fockel der Gottesfurcht entzünden. Doch, mein Sohn, ich habe Dich ſchon zu lange mit meinem Geſpräch aufge⸗ halten, Du mußt zur Ruhe gehen. Verzeihe dem Greiſe, wenn ſich ſeine Seele einmal wieder ihres Inhalts entladet, wo ſie ſich 326 ſo ſelten auszuſprechen Gelegenheit hat. Ach die ſchönen vergan⸗ genen Tage, ſie kehren niemals wieder!“. Amnon hatte voll Theilnahme zugehört, und verſicherte dem Rabbi, wie dankbar er ihm für ſeine Belehrung ſei. Aber die Ruheſtätte ſuchte er doch gern.—— Die Berathung, was zu thun ſei, währte am andern Mor⸗ gen nicht lange. Es war klar, daß man ſich zunächſt an Iddo wenden müßte. Aber ein Inſtinkt lehrte ſie, eine gewiſſe Zurück⸗ haltung zu beobachten, und ſich noch Hülfsmittel aufzubewahren. Man kam überein, daß Mirjam allein mit Iddo in Verbindung treten, Amnon aber zurück⸗ und vorläufig Iddo ganz unbekannt bleiben ſollte. Einige Zeilen gingen von Mirjam an Iddo ab, in welchen ſie dieſer ihre Ankunft in Rom anzeigte, und ſie um eine Unterredung bat. Iddo hatte die Zeit über einen harten Kampf in ihrer Seele geführt, der ſelbſt die leuchtende Röthe ihrer Wangen und den Glanz ihrer Augen etwas gemindert hatte. Das Bild des Ge⸗ fangenen ſtand Tag und Nacht vor ihrem Geiſte, und indem ihre Liebe daraus immer neue Nahrung zog, und ſich bis zur Leiden⸗ ſchaft ſteigerte, hob es die gefeſſelten Arme mahnend gegen ſie em⸗ por, warum ſie nicht an dem Werke ſeiner Befreiung arbeite? Aber zwiſchen ihm und ihr ſtand nicht blos die Unbill, die ihr Vater dem Patrika zugefügt, ſondern mehr, bei weitem mehr der Gedanke, daß er nichts für ſie fühle, daß ſein Herz und all ſein Sinnen einer andern zugehöre, und, wenn er den Kerker verlaſſen hätte, für ſie nur noch mehr verloren ſei. Wenn ſie ſo ruhelos in der Nacht durch ihr Schlafgemach ſchritt, wiederholte ſie dann immer ihre Worte:„Wenn nicht für mich, für eine andere thue ich es nicht!“ Ihr Entſchluß ſtand hierin feſt. Da erwachte in ihr ein anderer Gedanke. Wie? wenn ſie 327 dem Gefangenen die Gewißheit verſchaffte, daß ſeine frühere Liebe unter den Trümmern von Sepphoris auf ewig begraben liege, oder in den Wüſten Aſiens ihren Tod gefunden? Wenn ſie ihn dann aus dem Kerker erlöſte, welche Opfer dies auch koſte, wenn ſie ihr Vermögen, ihre geſellſchaftliche Stellung, ihre Ruhe und Sicherheit, ja auch ihren Vater opferte— in welchem Lichtglanze müſſe ſie ihm erſcheinen, wie könnte er anders als an ſie allein ſich anklammern, als ſeinen einzigen Halt auf Erden, wie müßte ſeine frühere Hinneigung za ihr mit ganzer Kraft in ihm er⸗ wachen und ihn fortan allein beherrſchen?!.... Dies brachte Licht in das ſtürmiſche Chaos ihrer Seele. Alsbald legte ſie Hand ans Werk, und ſie ſandte zwei Boten nach dem Oriente ab, denen ſie eine große Belohnung verhieß, wenn ſie dahin gelangten, die Spuren Mirjams aufzufinden und ihr Gewißheit über deren Schickſal zu verſchaffen. Aber Monde vergingen, und es kam keine Botſchaft von ihren Sendlingen; waren dieſe ſelbſt ſpurlos ver⸗ ſchwunden? Waren ſie der Peſt, die im Morgenlande hauſte, er⸗ legen, oder hatte das tückiſche Geſchick ſie in einer andern Weiſe dem Untergange geweiht?.... Aber ein anderes kam— der Brief Mirjam's. Mit der Bläſſe des Todes bedeckt, ſaß Iddo in ihrem Ge⸗ mache, und ſtarrte auf die Zeilen der Gattin deſſen hin, den ſie für ſich gewinnen wollte. Sie lebt, ſie iſt in Rom!.... An⸗ fangs wollte Iddo gar nichts von ihr wiſſen, ſie einfach zurück⸗ weiſen. Dann aber ſiegte in ihr jenes Gefühl unwiderſtehlicher Neugierde, welche ein liebendes Weib drängt, diejenige kennen zu lernen, die ihr das Herz des geliebten Mannes voraus genommen. Sie bedachte ferner, welch Aufſehen dieſe brüske Zurückweiſung einer unglücklichen Verwandten machen würde, und endlich, daß ſie dann die Fäden dieſer ganzen Angelegenheit aus den Händen verlieren würde. Ja, ein anderer Plan ſtellte ſich ihrem ge⸗ wandten Geiſte dar, bei welchem ſie auf die unbegrenzte Opfer⸗ fähigkeit Mirjams rechnete. Zur beſtimmten Stunde ſtellte ſich Mirjam in dem palaſt⸗ ähnlichen Hauſe ein, welches Iddo bewohnte. Nur einige Augen⸗ blicke, und die beiden Frauen ſtanden ſich gegenüber. Prüfende Blicke warfen ſie auf einander, und die erfahrene Iddo erkannte ſogleich, trotz des leidenden Ausſehens Mirjams, ſelbſt in den ein⸗ gefallenen Wangen, in den Furchen der Stirn, in den gram⸗ erfüllten Augen eine Schönheit, die ihren höchſten Reiz aus der Unſchuld des Herzens, aus dem erhabenſten Feuer der Seele, aus einem unverlöſchlichen Adel des Geiſtes zog, und allerdings das Herz eines gefühlvollen Mannes auf immer zu feſſeln vermochte. Mirjam aber war betroffen von der blendenden Schönheit Iddo's, von dem Glanz ihrer Erſcheinung, von der Feinheit ihrer Formen, und ihr demüthiger Sinn wand heimlich einen Seufzer aus ihrer Bruſt, wenn ſie dieſe vollendete Anmuth mit dem eigenen Bilde verglich, das ihr nur noch eine vom Sturme des Lebens geknickte Blume darzubieten ſchien. Aber dieſe Gedanken Beider waren nur flüchtig, und ſie mußten ihre Aufmerkſamkeit auf den Gegenſtand richten, der ſie ſo ganz beſchäftigte. Mirjam trat zu Iddo heran, die ſich von ihrem Sitze leicht erhoben hatte, ſtreckte die Hände gegen ſie aus, und ſprach mit tief bewegter Stimme:„Hohe Frau, verzeihe, wenn ein unglück⸗ liches Weib ſich in Deine Nähe drängte. Aber ich muß vor Allem den Dank meines Herzens Dir darbringen für die unendliche Großmuth, die Du an meinem vom Geſchick verfolgten Gatten geübt! O, wie Du ſo edel und hochherzig in die dunkelen Räume ſeines unterirdiſchen Kerkers hinabgeſtiegen, und das ſchon erloſchene Licht des Troſtes und der Hoffnung dem Verlaſſenen, 329 Verzweifelnden wieder angezündet haſt, wie Du für ſeine Erhal⸗ tung geſorgt, daß er in dem Elend ſeines Gefängniſſes nicht ver⸗ ſchmachtete. Fürwahr, Du biſt unſer Schutzengel, und hätte der Herr ein Wunder gethan, und einen Rettungsboten aus ſeinen Höhen gefandt, er hätte nicht mehr für uns thun können, und weniger Verdienſt gehabt, denn Du haſt die perſönlichen Mühen und Gefahren nicht geſcheut!....“ Selbſt Iddo, deren Geiſt doch von ganz andern Gedanken beherrſcht war, konnte ſich einer tiefen Rührung nicht entſchlagen, als ſie dieſe von einem Strom von Thränen begleiteten Worte vernahm. Und dennoch brachte ſie es nicht dahin, Mirjam zu umarmen und zu beruhigen, ſondern ſie ſprach nur die Worte: „Aber, Mirjam, wie kannſt Du ſo viel aus dem machen, was ich gethan, da es doch nur die einfachſte Schuldigkeit eines Ver⸗ wandten für ihren unglücklichen Vetter und Jugendfreund“— und ſie betonte dieſes Wort ſehr ſtark—„war, was geſchehen.“ Es waren weniger dieſe einfachen Worte, als der kalte Ton, mit welchem ſie geſprochen wurden, der auf Mirjam in eigen⸗ thümlicher Weiſe wirkte, und ſchnell ihre Thränen trocknete. Sie folgte der Einladung Mirjams, ſich niederzulaſſen. Dann erhob ſie die flehenden Blicke zu Iddo und ſprach leiſe:„Wirſt Du mir ſagen, wie Du ihn gefunden?“ Iddo erwartete dieſe Frage, und fand ſich bereit, ſie zu beantworten. Aber es geſchah in keiner ſchonenden Weiſe, ſondern wie abſichtlich malte ſie die un⸗ erträgliche Beſchaffenheit des unterirdiſchen Gewölbes, den leiden⸗ den Zuſtand des Gefangenen, die kaum verharſchten Narben, den faſt gelähmten Arm und die trübe Stimmung, die ſich des zur Gefangenſchaft Verurtheilten bemächtigt haben mußte, ausführlich aus. Während die Erzählerin nur leicht über das hinwegging, was ſie ſelbſt für ihn gethan, betonte ſie alle Schrecken, die in dem dunklen. Kerker herrſchten. Sie machten eine furchtbare Wir⸗ kung auf die arme Zuhörerin. Ihre Wangen wurden immer bleicher, ihre Augen ſanken immer tiefer, ihre Lippen waren krampfhaft geſchloſſen, ſie bebte und kalter Schweiß rann über alle Glieder ihres Körpers. Aber ihre Spannung war ſo groß, daß ſie gierig jedes Wort von den Lippen Iddo's erhaſchte. Als dieſe geendet, brach Mirjam zuſammen, und ſank in eine tiefe Ohnmacht. Iddo blieb allein mit ihr und ſuchte durch ſtarke Eſſenzen ihre Lebensgeiſter zurückzurufen. Es gelang ihr nach einiger Zeit; aber als Mirjam ihr Bewußtſein wieder erlangt, verrieth der erſte Blick ihrer Angen ihrer Gegnerin, daß keine Dankbarkeit mehr in ihrem Gemüthe lebe, daß ſie die Feind⸗ ſeligkeit Jddo's wohl erkannt habe. Sie lehnte ſanſt allen ferne⸗ ren Beiſtand ab, gewann nach einer kräftigen Anſtrengung eine ſichere Haltung wieder, und richtete nur die Frage an Iddo: „Iſt keine Hoffnung für die Befreiung Patrika's vorhanden?“ Die Römerin hatte ihren Sitz wieder eingenommen, und erwiderte mit Entſchiedenheit:„Von oben her keine. Conſtan⸗ tius iſt kein Mann der Begnadigung, ſeinen einmal ausgeſprochenen Willen ändert er nie, und die Verhältniſſe ſind derart, daß wir nur noch geduldet werden. Er könnte nur durch die Flucht gerettet werden, ich ſage gerettet werden, denn lange Zeit vermag er das Elend der Gefangenſchaft nicht mehr zu ertragen.“ Mirjam fühlte wohl, daß hier noch etwas Beſonderes ver⸗ borgen liege, daß ihrer noch etwas Furchtbares warte, nur daß ſie noch keine Vorſtellung hatte, was dieſes ſei, und mit tiefer Niedergeſchlagenheit fragte ſie weiter:„Und wird dieſe Flucht zu ermöglichen ſein?“ „Sie wird es,“ erwiderte Iddo,„aber nur durch die aller⸗ größten Opfer. Sie würde eine außerordentliche Summe koſten, 331 denn es müßte eine große Zahl von Menſchen beſtochen werden, welche alle gierig, einige gar nicht zu befriedigen ſind. Und auch da wäre noch die ungewöhnlichſte Vorſicht, die feinſte Liſt nothwendig.“ „Und was könnte ich hierbei thun?“ „Nichts und Alles. Zur Ausführung des Planes kannſt Du gar nichts beitragen. Die Perſonen, die dabei betheiligt wären, ſind nur mir bekannt, und nur ich weiß ſie zu behandeln. Die Geldmittel, die Dir aus den Trümmern eures Beſitzes ge⸗ blieben ſein können, würden nur einen ſehr geringen Theil deſſen ausmachen, was erforderlich iſt. Selbſt von meinem Vermögen, ſo beträchtlich es iſt, wird nur wenig übrig bleiben, und auf meinen Vater darf ich nicht rechnen. Dennoch ſoll es geſchehen, aber den eigentlichen Preis, Mirjam, hätte kein Anderer als Du zu zahlen.“ Iddo ſah bei dieſen Worten das unglückliche Weib mit einem durchbohrenden Blicke an, daß es zuſammenzuckte, und faſt tonlos erwiderte:„Und worin ſoll dieſer Preis beſtehen?“ Iddo nahm einen wärmeren Ton an, riückte ihren Seſſel näher an den Sitz Mirjams, und ſprach:„Mirjam, ich will offen mit Dir ſprechen. Es muß klar zwiſchen uns werden. Hat Dir Patrika von dem Grunde geſprochen, weshalb er da⸗ mals Rom verlaſſen hat?“ Mirjam ſchüttelte mit dem Haupte. „Nun gut, nicht an ihm und nicht an mir lag es, es war ein böſes Geſchick, das zwiſchen ſeinem und meinem Vater geſpielt. Aber, bevor es Patrika bekannt geworden, gehörten unſre Herzen einander zu, wir liebten uns, wir waren für einander beſtimmt.... Patrika riß ſich los, wie geſagt, ohne unſre Verſchuldung, ging nach ſeiner Heimath, ſah dort Dich, und Du wurdeſt ſein. Ich aber blieb mit meinen Gefühlen allein zurück, und ſie ſchlummerten nur unter der dünnen Decke, welche der Zwang der Verhältniſſe darüber gebreitet. Sie ſprengten dieſe, als er 332 gefangen und. verwundet nach Rom zurückkam. Für den Unglück⸗ lichen erwachten ſie wieder, während ſie vor ſeinem Glücke ruhig geblieben. Ich wagte und that Alles, ich ſah ihn wieder, und der Anblick des edlen und großen Mannes fachte die Funken zur Flamme an. Darum, Mirjam, urtheile über mich, wie Du willſt: Ich will ihn befreien, aber nur— wenn Du ihm entſagſt. Mirjam fuhr von ihrem Sitze auf, Entſetzen hatte ſie er⸗ griffen; wie eine Marmorſäule ſtand ſie da, den Arm ausge⸗ ſtreckt und das unbewegliche Auge auf Iddo gerichtet. Aus ihrer keuchenden Bruſt drängte ſich nur wie ein Schrei der Verzweif⸗ lung ein„Ha!“.. heraus. Iddo blieb ruhig und fuhr fort: „Verſtehe mich recht, Mirjam, ich verlange nicht, daß Du ihm entſageſt, damit ich Deine Rechte erlange. Anch ich will ihm fern bleiben; ich werde ihn niemals aufſuchen, ich gelobe es, ich werde Nichts thun, ihn anzulocken oder zu feſſeln— aber ich mag und will ihn nicht befreien, um ihn in die Arme einer Andern zurückzuführen.“ Sie hatte lange Zeit auf eine Antwort zu warten; end⸗ lich ſtieß Mirjam die Worte aus:„Ich kann es nicht, ich kann es auch um ſeinetwillen nicht. Ich weiß es, ſein Herz gehört mir, mir allein. Du magſt ihn geliebt haben, er Dich nicht. Es iſt keine Falte ſeines edlen Herzens mir verborgen geblieben, aber in ihm war Nichts als die Erinnerung an Deine Güte, die Anerkennung Deiner Schönheit und Deines Geiſtes und das Gefühl der Freundſchaft zurückgeblieben. Mich ver⸗ lieren zu müſſen, würde ihn unſäglich unglücklich machen, und auch er zöge den Verluſt des Lebens vor.“ „Tod und Gefangenſchaft ſind ſehr verſchiedener Art. Der Mann kann ſterben, aber Jahre lang im Kerker ſchmachten, iſt 333 ein ganz anderes Loos. Du irrſt ſehr. Er wird die Nachricht Deines Todes mit großem Schmerz erfahren. Aber der Freiheit wiedergegeben, im rüſtigen Schaffen und Treiben des Lebens wird er ſeinen Gram überwinden und ſtark und feſt ſeinen Weg weiter gehen wie früher. Ich will Nichts, als daß er aus der Ahnung Deines Todes, die jetzt in ihm lebt, zur Gewißheit ge⸗ bracht werde. Glaubt er dieſe zu haben, und verpflichteſt Du Dich durch einen Schwur, ihm dieſen nie zu nehmen und unter allen Umſtänden ihm fern zu bleiben: ſo wird er frei.“ „Ich kann ihn nicht belügen!“ rief Mirjam aus,„ich kann ihn nicht auf meinem Grabe weinen laſſen, während ich unter den Lebenden umherwandle! Ich kann nicht todt ſein, während ich lebe. O Grauſame, er allein iſt die Sonne meines Lebens, er iſt mein Herz, mein Gedanke, mein Odem, und Du willſt alles Dies mir nehmen, daß ich ein belebter Schatten auf dieſer Erde einherwanke? Ich werde es nicht thun....“ Zornesröthe zog über das Antlitz Iddo's.„Wie, rief ſie, das iſt Deine Liebe? Von mir verlangſt Du, von mir, die ich ihn nie beſeſſen, daß ich Alles aufopfere, Allem entſage, nur um ihn Deiner Zärtlichkeit wieder zu überliefern— von Dir ſelbſt aber verlangſt Du Nichts, Du willſt Nichts opfern, und ich Alles! Das iſt Selbſtſucht, größere Selbſtſucht als Du mir vorwerfen kannſt, da ſehe ich keine Liebe darin, es weht kein Hauch derſelben in allem Dieſem. Doch ich will Dich nicht drängen. Ueberlege es Dir, geh mit Dir zu Rathe. Nur das Eine ſteht unabänderlich feſt: Seine Freiheit gilt Deine Ent⸗ ſagung.“ Mirjam machte eine Geberde, als ob ſie antworten wolle. Doch ſchnell hielt ſie zurück, wandte ſich und verließ das Zimmer. — 8. Trotz der tiefen Erſchütterung, in welcher Mirjam ſich befand, führte ihre unbegrenzte Liebe, ihre unendliche Hingebung für Patrika ſie doch in wenigen Stunden zu einem Entſchluß. Sie hatte ſo viel ertragen gelernt, der Prüfungen ſo große überſtanden, daß ihrer Seele Nichts näher lag, als auch die größten Opfer für den Mann zu bringen, der ihr ganzes Daſein erfüllte. Wie ein muthiger Seefahrer auch in die Eisregion des Weltmeeres hineinzuſteuern nicht zögert, wenn es ſich zeigt, daß dort ſein Ziel gelegen ſei, ſo wollte auch ſie die ſchwerſte Entſagung über⸗ nehmen, wenn Patrika dem Elend des Kerkers entriſſen würde. Sie war daher ſchon völlig entſchieden, als ſie den Rath ihrer Getreuen zuſammenberief. Amnon, nachdem ihm Mirjam verſichert, daß bei Iddo an eine Aenderung ihres Willens nicht zu denken, ſtimmte ihr bei.„Vor Allem, ſagte er, müſſen wir Patrika der Freiheit zurückgeben. Ihn der Gefangenſchaft über⸗ laſſen, heißt ihn dem Tode übergeben, deſſen Bitterkeit nur durch die Dauer jener vermehrt wird. Das Uebrige, theure Mirjam, ſteht in der Hand Gottes, in welcher die Geſchicke und die Herzen der Menſchen nur wie weiches Wachs in der Hand des Bild⸗ ners ſind. Ihm wollen wir vertrauen, daß er das Werk der Erlöſung an uns vollenden werde!“ Am wenigſten konnte ſich Rabbi Gideon in die Sache hin⸗ einfinden. Aus der heil. Stadt Tiberias, aus der Mitte ſeiner 335 alten Studiengenoſſen in das Getümmel der Weltſtadt geſchleudert, hatte ihn die kindliche Naivetät des Gelehrten, der nur zwiſchen ſeinen vier Pfählen und in ſeiner Gedankenwelt Beſcheid wußte, nicht verlaſſen. Nur von fern her vernahm er die Brandung des tobenden Meeres, und verſtand deſſen Wellenſchlag, ſeine jagenden und brechenden Wogen nicht. Er konnte es ſich nicht enträthſeln, weshalb Iddo ein ſolches Verlangen wider Recht und Geſetz ſtellte, und es mit ihrer ſonſtigen Freundlichkeit und Wohlthätigkeit gar nicht vereinbaren. Ach, er hatte in Rom nur die aufgehäufte Maſſe von Quaderſteinen und Marmor, von Paläſten, Häuſern und Hütten, von Tempeln und Kirchen ge⸗ ſehen, nicht aber in die Herzen der Millionen, die durch ſeine⸗ Straßen, Plätze und Wohnungen flutheten; er hatte nur wenig von den wüſten Leidenſchaften und Laſtern gewahrt, welchen ſeit langer und beſonders in dieſer Zeit die Menſchen verfallen waren, und vor denen jede Regung des Gewiſſens, jede Bildung des Verſtandes und des Herzens verſchwunden, und Käuflichkeit, Ver⸗ rath, Mord, Fälſchung und das ganze Heer der ſcheußlichſten Verbrechen Werke jedes Tages geworden. Er bot ſich daher im⸗ mer wieder zum Vermittler zwiſchen den beiden Frauen an, und glaubte zuverſichtlich an ſeinen Erfolg. Mirjam lächelte bitter. Aber man mußte ſich ſeinen Anerbietungen fügen, und da Amnon jetzt erſt recht in der ſchützenden Dunkelheit vor Iddo bleiben wollte, war der Greis als Zwiſchenträger bei den weiteren Ver⸗ handlungen willkommen. Iddo hörte der langen Rede des Greiſes ruhig zu; als aber auch die Quelle ſelbſt ſeiner Beredtſamkeit erſchöpft war, fragte ſie ihn ſtatt aller Antwort, ob ihn Mirjam mit keinem weiteren Auftrage zu ihr geſandt? Der alte Gideon ſah ein, daß er das Räthſel nicht gelöſt, und ergab ſich niedergeſchlagen in die Noth⸗ 336 wendigkeit, es ungelöſt zu laſſen. Er geſtand daher Iddo, daß Mirjam zu Allem bereit ſei, und nur zu wiſſen verlange, was Iddo von ihr fordere. Es war bald geſagt: Mirjam ſollte ihr durch einen Eid geloben, Patrika niemals wieder anzugehören, ohne daß ſie— Iddo— Mirjam von dieſem Eide entbinde; und es müßte auf irgend eine Weiſe ein Dokument herbeigeſchafft werden, durch welches dem Gefangenen die Ueberzeugung vom Tode ſeines Weibes beigebracht würde. In letzterer Beziehung aber ſtieß Iddo bei dem Greiſe ſelbſt auf einen hartnäckigen Widerſtand. Iddo wünſchte nämlich, daß die Beſcheinigung vom Rabbi Gideon ausgehe, weil dann jeder Zweifel an die Glaub⸗ „würdigkeit der Nachricht bei Patrika gehoben ſein würde. Aber er verweigerte es entſchieden.„Rein,“ rief er aus,„ich liebe Pa⸗ trika, ich liebe Mirjam, faſt mehr als eigene Kinder, ich könnte Alles für ſie opfern— aber mein graues Haupt mit einer Lüge in die Gruft hinabſenken, meine zitternde Hand zu einem Betruge herzugeben, bevor ſie ausgezittert, das kann ich nicht! Eine ſolche Lüge, Lebende in das Verzeichniß der Todten zu ſchreiben, würde Alles in Lüge verwandeln, was ich jemals geſprochen, alle meine Ausſprüche und Entſcheidungen, und dies griffe verwirrend und zerſtörend in das Leben zahlloſer Menſchen ein! Dazu gebe ich mich nicht her.“ Alle liſtigen Reden, alle Schmeicheleien und Drohungen Id⸗ do's brachten ihn von dieſem Entſchluſſe nicht ab; ja, nicht einmal dazu verſtand er ſich, wenn ihm ein Schreiben aus einer Stadt Griechenlands von dortigen Männern über das vorgeſchützte Ab⸗ leben Mirjam's zugeſandt würde, es mit den einfachen Worten an Iddo zu ſchicken, daß er es empfangen habe und ihr überſende. Iddo mußte daran denken, ſich ein folches Schreiben ſelbſt zu ver⸗ ſchaffen, und es mit ſo vieler Glanbwürdigkeit zu verſehen, als dies 337 ohne einen Beiſtand der Freunde Patrika's geſchehen könnte. Jede Leidenſchaft macht blind, blind nicht bloß für das Unrecht und das Verbrechen, ſondern auch für die Mittel, die ſie verwendet. Wußte ſie gar nichts von Amnon? Hatte ſie nicht einmal da, nach gefragt, unter weſſen Schutz Mirjam vom fernen Oſten nach Rom gekommen? Begnügte ſie ſich mit der Zuſicherung des alten Gideon, daß er wenigſtens ſchweigen wolle? Genug, ſie glaubte zu triumphiren, und ſchritt raſch an die Ausführung ihres Planes. Freilich mußte auch ſie das Verſprechen wiederholen, Patrika nicht aufzuſuchen und an ſich zu ziehen. Aber ſie that dies mit dem Vorbehalt und der heimlichen Hoffnung, daß Pa⸗ trika viel zu ſehr von Dankbarkeit gegen ſie, ſeine Retterin, glühen würde, um nicht, ſobald die Umſtände es geſtatteten, zu ihr zu kommen. Da damals Geſetz und Sitte die Ehelichung mehrerer Frauen nicht unterſagten, ſo glaubte ſie ohne Gewiſſensunruhe dereinſt die Hand Patrika's annehmen zu können. Iddo entfaltete, um ihre beiden Ziele zu erreichen, alle die Liſt, welche in der Schule der ſchönen Römerinnen erlernt und geübt wurde, wenn ſie ihren Leidenſchaften fröhnen wollten. Wäh⸗ rend ſie an dem leichteren Werke arbeitete, von dem feilen Ma⸗ giſtrate irgend einer griechiſchen Stadt auf dem Wege, den Mir⸗ jam zu paſſiren gehabt, ſich ein Dokument zu verſchaffen, das die Erkrankung und den Tod der unglücklichen Pilgerin an dortigem Orte amtlich bekundete, traf ſie die Vorbereitungen, die Flucht Patrika's zu ermöglichen. Es konnte dieſe bei der außerordent⸗ lichen Bewachung des Gefängnißhauſes nur durch ein fein geſpon⸗ nenes Gewebe von Liſten und ein ganz grobes von Beſtechungen bewerkſtelligt werden. So groß auch die letzteren waren, erreich⸗ ten ſie aber doch die Summen nicht, welche Iddo der Gattin des Gefangenen vorgeſchützt hatte. Sie ließ zunächſt ihren Schützling 22 Fauſtus kommen, der wohl wußte, daß ſeine ganze Zukunft von der ſchönen Frau abhinge. „Nun,“ ſagte ſie in leichtem Tone,„Fauſtus, wie geht es Dir?“ „Recht gut, Herrin, wenn die Zukunft der Gegenwart ent⸗ ſpricht und jene erfüllt, was dieſe verheißt.“ „Das iſt nicht viel; man muß nach mehr ſtreben, Fauſtus; ſonſt iſt man deſſen nicht einmal werth, was man hat.“ „Und was ſollte einem ſo armen Burſchen bevorſtehen, wie ich bin, der allein von der Gnade meiner Herrin abhängt, und lediglich das iſt, wozu Deine Güte mich macht?“ „Nun ſprich, Fauſtus, was ſind denn wohl Deine nächſten Wünſche?“ „Doch wohl keine andere, als daß Deine Fürſprache mir meine jetzige Stellung für immer ſichere.“ „Ei, Fauſtus,“ fuhr Iddo lächelnd fort,„iſt denn die Stel⸗ lung eines Aufſehers über den„linken Flügel Nro. 1“ eine ſo trefflich dotirte und ſo ſchön ausgeſtattete, daß Dir keine andere behagen, Du Dich in jeder andern unglücklich fühlen würdeſt?“ Fauſtus fing an, aufzuhorchen. Er merkte, daß ſeine gütige Beſchützerin etwas Beſonderes im Schilde führe, und da er ein geſcheidter Kopf war, begann er die ganze Angelegenheit zu wit⸗ tern. Aber votſichtig wie er war, ſchwieg er, um von Iddo einen Schritt weiter zu erwarten. Dieſe fuhr bald fort: „Biſt Du denn Fauſtus in das Gefängnißleben ſo vernarrt, daß Du eine andere Lebensart gar nicht vertragen könnteſt? Im Grunde genommen, iſt ſo ein Gefangenaufſeher auch nicht viel beſſer als ein Gefangener, nur mit dem Unterſchiede, daß er von ſeinem Zimmer zum Kerker, und von dieſem zu jenem gehen darf, während der Gefangene nur innerhalb ſeiner Zelle verbleiben 339 muß. Selten genug darf auch jener die ſchwarzen Mauern ver⸗ laſſen, welche die Aufſeher wie die Beaufſichtigten umſchließen.“ „Herrin,“ ſagte Fauſtus, als Iddo zu ſprechen anhielt,„es iſt doch wohl nicht recht, in Jemandem den Durſt zu wecken, der ihn bis jetzt nicht empfand, und ihm nicht zugleich den Becher zu reichen, aus welchem er ihn zu ſtillen vermag.“ „Gemach, mein Junge,“ lautete die Antwort,„zuvor muß man doch erſt ſehen, ob der Durſt in dem Manne überhaupt möglich iſt. Doch reden wir offen. Fauſtus, Dein Schickſal macht Deinem Namen Ehre, wenigſtens bietet es Dir die Gele⸗ genheit dar, glücklich(Fanſtus) zu werden. Du ſollſt die Freiheit haben, Du ſollſt Dich begeben können, wohin Du willſt, treiben könuen, was Du willſt, ſein können, wer Du willſt. Ich will Dir eine Summe geben, groß genug, um überall davon leben und den Herrn ſpielen zu können, wo und wie es Dir gefüllt. Es ver⸗ ſteht ſich, daß Du eine Zeit lang Rom und Deine bisherigen Spießgeſellen vermeiden mußt; allein das wird nicht ſehr lange dauern. Du weißt, die Dinge gehen hier zu Lande ſchnell.“ Fauſtus ſtand verblüfft da; ein ſolches Anerbieten konnte er nicht vermuthen, und doch imponirte ihm die Zuverſicht, mit wel⸗ cher Iddo redete und aus der ihm ſofort klar geworden, daß es ſich hier durchaus um keinen Scherz handle. Langſam kamen die Worte aus ſeinem Munde:„Und was habe ich dafür zu thun?“ „Du biſt ein kluger Kerl,“ antwortete Iddo,„und ein ge⸗ wiſſenhafter Menſch zugleich. Du willſt nichts geſchenkt haben, und weißt, daß eine Liebe die andere werth iſt. So komm her; was ich Dir zu ſagen, taugt allein für Dein Ohr: Du mußt Patrika zur Flucht verhelfen!“ Fauſtus machte jetzt ein weit weniger verlegenes Geſicht als zuvor, denn während Iddo ſprach, hatte die Wahrheit ſchon in 340 ihm gedämmert. Er ſann lange nach; aber endlich richtete er ſich auf, warf ſich in die Poſitur eines Mannes, der ſeiner Sache ſchon gewiß iſt, und ſprach:„Herrin, für Dich iſt mir Alles möglich. Aber haſt Du bedacht, wie viel dieſes Wageſtück koſten wird?“ Sein lauernder Blick ruhte auf dem entſchloſſenen Geſichte Iddo's. „Wohl habe ich dieſes bedacht,“ erwiderte ſie,„aber ſich Fauſtus, wenn zu viel gefordert wird, brauche ich es ja nicht zu thun. Mir wäre die Befreiung des Gefangenen lieb, ſehr lieb, aber eine Grenze hat Alles. Geh nach Hauſe, Fauſtus, entwirf einen Plan, berechne Alles, und komm dann her und lege es mir vor. Ich habe Dir geſagt, welche meine Abſicht mit Dir iſt, was aus Dir werden ſolle, und ich weiß, was hierzu wohl nöthig wäre. Zwiſchen dieſem und dem Verluſte Deiner bisherigen Stel⸗ lung würdeſt Du zu wählen haben. Dies bedenke wohl.“ Fauſtus war über die Drohung, die in den letzten Worten zu liegen ſchien, durchaus nicht erſchrocken. Ihn ſelbſt hatte das Bild der Freiheit, die Vorſtellung eines müßigen, üppigen Lebens ſchon ſo ergriffen, daß er an nichts Anderes mehr dachte. Er ver⸗ ſprach, bald wieder zu kommen, und empfahl ſich kurz. Iddo knüpfte nunmehr die Correſpondenz mit Patrika wieder an. Mit Freuden kündete ſie ihm an, daß es ihr endlich geglückt ſei, einen Weg zu finden, auf welchem er ſeine Freiheit wiederer⸗ langen könne; ſie habe ſo lange geſchwiegen, bis die Ausſicht des Gelingens etwas geſicherter ſei. Die Schwierigkeiten wären groß, aber ſie hoffe ſie mit Ausdauer und Opfern zu überwinden. In einer Reihenfolge von Briefen ließ ſie das Herz des armen Ge⸗ fangenen auf dem Meere der Hoffnung bald niederſinken, bald in die Höhe ſteigen, ſo daß es von dem Verlangen nach der Freiheit erfüllt und gequält wurde wie nie zuvor, und um ſo tiefer mußte 341 ſich ihm der glühende Dank einprägen für die, welche ſo viel für ihn wagte, ſo viel für ihn that. Fauſtus hatte ſeinen Plan entworfen, Iddo ihn gebilligt und mit freigebiger Hand Alles hergegeben, was dazu nöthig war. Der Plan war einfach, und konnte leicht gelingen, wenn man nicht geradezu Unglück hatte. Iddo ſchrieb noch einen Brief an Patrika, und ſagte darin:„Die Stunde naht, in welcher Deine Bruſt die Luft der Freiheit wieder athmen, Dein Auge in den Horizont des Himmels ſich wieder verlieren wird. Aber ich weiß es, es iſt Dir nicht darum zu thun, unbeſchränkt müßige Wege auf dieſer Erde zu wandeln, und ich thue daher mehr für Dich, als Deinen Fuß auf freien Boden zu ſetzen. Ich eröffne Dir auch eine neue Laufbahn, wo Dein Arm für die Freiheit der Welt, für die Freiheit Deines Volkes fechten und wirken kann. Biſt Du erſt außerhalb des Kerkers, ſo erhältſt Du Briefe an einige Offiziere des Julianus. Dahin wende Deine Flucht. Die unterdrückte Welt erhebt ſich gegen ihren Bedrücker, und Julianns iſt beſtimmt, einen Hauch der Freiheit wieder über die Welt der Sklaven fahren zu laſſen. Ihm biete Deinen Arm an, und er wird ihn gern annehmen. Nur durch ihn kannſt Du Dir den Weg nach Rom zurück bahnen, ſo wie den Weg nach dem Orient zu den Gräbern der Deinen... denn, theurer Patrika, wie ſich in jeden Becher der Freude ein Tropfen Wermuth miſcht, ſo kann ich Dir nicht verhehlen, daß alle Nachrichten, die ich bis jetzt eingezogen, dahin lauten, daß die nicht mehr ſind, welche Deinem Herzen am nächſten ſtanden. Zch darf leider nicht mehr daran zweifeln, und werde bald im Beſitz vollgültiger Zeugniſſe darüber ſein. Aber ich weiß, Patrika, Du biſt ein ganzer Mann, und wirſt Dich über jede Schwäche erheben. Wiſſe, daß uns von dem Hofe die außerordentlichſten Gefahren bereitet und alle unſre 342 Glaubensbrüder von einer Verfolgung bedroht werden, wie wir ſie noch nicht erlitten. Nur Julianus kann uns retten, bei ihm aber müſſen wir vertreten ſein; unſer Geld vermag hier nichts, Männer müſſen wir haben, Männer der That, des Schwertes. Wird da das niedergetretene Juda vergeblich nach Patrika ru⸗ fen?. Nein! Patrika iſt da— er vergißt ſein eigenes Leid um des Leides ſeines Volkes willen; er vergißt es auch um derentwil⸗ len, die noch lebt und die ihm ſo innig zugethan iſt!“.... Dieſes Schreiben wurde Patrika an demſelben Tage von Fauſtus übergeben, als dieſer ihn aufforderte, ſich zum Abend be⸗ reit zu halten, das Wagniß zu unternehmen. Welch ein Sturm wurde hierdurch in ſeiner Bruſt aufgeregt! Wie ein Wirbelwind auch einen ſchweren Gegenſtand erfaßt und ihn mit gewaltigem Treiben im Kreiſe umher ſchwingt und ihn nicht wieder zur Ruhe kommen läßt, ſo wogten die verſchiedenartigſten Gefühle im Her⸗ zen Patrika's, deren aller er ſich nicht erwehren konnte, und die ihn der einzelnen Empfindung ſich nicht hingeben ließen. Wenn ihn der Gedanke an ſeinen unerſetzlichen Verluſt niederdrücken wollte, wenn die bleichen Geſtalten ſeiner Mirjam und ſeines Amnon vor ihm vorüberglitten, und ihm das unterirdiſche Ge⸗ wölbe zeigten, in welchem er ſie noch verſchüttet und begraben wähnte, wenn der Schmerz ihm das Herz zuſchnüren und ihm ſein ganzes zukünftiges Leben als nichtig und leer zeigen wollte— da ſtieg das Bild der Freiheit vor ſeiner dürſtenden Seele auf, und das Bild des männlichen Streites gegen Knechtſchaft und Lüge, und das Bild ſeines niedergetretenen Volkes, das ihn zum Heldentode für ſein Recht und ſeine Freiheit rief— und alle Trauer war vergeſſen, und ſein Geiſt hob ſich mächtig empor, und zornig rief er aus:„Ha, ihr Feigen und Feilen, ihr ſollt mer⸗ ken, daß eure Ketten die Kraft Patrika's nicht feſſeln, und eure 343 Kerkerqualen ihn nicht entnerven konnten!“ Vor ſeinen Augen verſchwanden die finſteren Mauern, ſein Blick ſchweifte über weite Fluren und ſuchte das Schlachtfeld, wo der Sieg des Rechtes entſchieden würde. In ſolchem Kampfe der ſtreitenden Gefühle verbrachte Patrika die Stunden, bis das karge Licht, das durch die Oeffnung in ſeine Zelle drang, völlig erloſchen war. Es hatte ſich Vieles vereinigt, um den Plan des Fauſtus zu begünſtigen. Nach der Einrichtung, die oben ſchon angedeutet worden, beſuchte der Oberaufſeher ein Mal die Woche jede Ge⸗ fängnißzelle, um ſich von der Gegenwart und dem Zuſtande der Gefangenen zu überzeugen. Fauſtus wollte nun wo möglich die Flucht an dem Abend eines ſolchen Tages, wo der Oberaufſeher die Zelle Patrika's beſucht hatte, bewerkſtelligen. Hierzu war je⸗ doch nothwendig, daß in derſelben Nacht eine Cohorte die Wache im Gefängniß habe, in welcher Fauſtus ſelbſt gedient und viele vertraute Freunde hatte. Unter dieſen hatte er vier durch bedeu⸗ tende Geſchenke gewonnen, den Gefangenen ungeſtört paſſiren zu laſſen, wollte aber zugleich ſie dadurch vor der Strafe ſichern, daß er ſelbſt noch einige Tage zurück⸗ und in Funktion bliebe, damit die Flucht Patrika's erſt nach ſeiner eigenen Entfernung bekannt werde, die genauere Zeit der Flucht jenes dann ganz un⸗ gewiß ſei und die Soldaten, welche an dem Vergehen Theil hät⸗ ten, unbekannt bleiben konnten. Auf dieſe Weiſe war Patrika von der Verfolgung unerreichbar, da er einen großen Vorſprung gewinnen konnte, während Fauſtus ſelbſt ſich leicht in dem unge⸗ heuren und ſchlecht bewachten Rom verbergen und unter bequemen Umſtänden aus der Stadt entſchlüpfen konnte.— Es war eine dunkle, ſtürmiſche Nacht hereingebrochen, ganz ge⸗ ſchaffen zu einem Unternehmen, das die Augen der Menſchen ſcheuen muß. Zur beſtimmten Stunde, als die vier beſtochenen Soldaten, zwei 344 an der inneren und zwei an der äußern Pforte des Conſulargefäng⸗ niſſes die Wachtpoſten bezogen, begab ſich Fauſtus geräuſchlos in die Zelle Patrika's. Die Feſſeln waren bald gelöſt, Bart und Haupt⸗ haar verändert, ein dunkler Mantel umgeſchlagen, und die Füße von aller Bekleidung befreit. So durchſchritten die Beiden die Gänge, erſtiegen die Stufen und traten durch die Thüren, zu denen Fauſtus die Schlüſſel beſaß, in den innern Hofraum. Der Wind blies ſo heftig und kalt, ein eiſiger Sprühregen fiel hernieder, daß der wachthabende Offizier und die Soldaten in das ihnen angewieſene Gewölbe ſich zurückgezogen und den Armen des Schlafes übergeben hatten. Fauſtus blieb regungslos hinter einem Mauervorſprung ſtehen, um den Ausgang zu erwarten. Mit ge⸗ beugtem Oberkörper ſchlich Patrika unter den Fenſteröffnungen der Wachtſtube ungehört vorüber, und gelangte zu der innern Pforte, deren roſtige Riegel ſchon vorher mit Oel getränkt waren. Auf ein verabredetes Zeichen wurden ſie geränſchlos von den Sol⸗ daten zurückgeſchoben. Noch einige hundert Schritte durch den äußern Hof; dasſelbe Verfahren. Die Pforte knarrte in den An⸗ geln, aber das Stöhnen des Windes überrauſchte es— Patrika war außerhalb des Kerkers. Kaum hinausgetreten, empfing ihn ein Mann, der ſeiner geharrt, und führte ihn durch viele enge und gewundene Straßen und Gaſſen in ein Haus, das unbewohnt ſchien. In einem Hinterraume desſelben wurde ihm die Kleidung eines Centurionen nebſt Waffen übergeben, welche Patrika ſchnell mit ſeiner Gefangenentracht vertauſchte. Derſelbe Mann überreichte ihm verſchiedene Papiere: es waren fingirte Depeſchen an Ober⸗ offiziere des Conſtantius, die er auf ſeinem Wege vorzeigen ſollte, um überall frei paſſiren zu können und Weiterbeförderung zu er⸗ halten. Aber einen Brief an Eupolemos, einen der vorzüglich⸗ ſten Feldherren des Julian, mußte er aufs Aeußerſte verbergen. 345 Alles dies geſchah in Eile und ohne daß ein Wort geſprochen wurde. Auf dem Hofe fand er ein ſtarkes, wohlgeſatteltes Roß, das er beſtieg. Alsbald öffnete ſein Führer das Thor des Hau⸗ ſes und leitete ihn abermals durch ein Gewirr von Gaſſen nach einem Nebenausgang der Stadt, durchwatete mit ihm eine Fuhrt des Tiber, brachte ihn auf Umwegen auf die große Heerſtraße, und nannte ihm die Hauptorte, nach denen er ſeinen Weg nehmen ſollte. Hierauf ſprach er:„Jetzt geh, und erreiche das Ziel, das man Dir wünſcht. Hier aber iſt noch ein Schreiben, das lies am nächſten Platze, wo Du raſteſt..“ Der Mann war ver⸗ ſchwunden. Dieſes ganze Befreiungswerk hatte kaum eine Stunde in An⸗ ſpruch genommen, und der Wechſel der Scene war ſo ſchnell vor Patrika vorübergegangen, daß dieſer, als der Mann im Dunkel der Nacht verſchwunden war, ſich erſt beſinnen mußte, wie es eigentlich mit ihm ſtehe. Der kühle Nachtwind, der ſein Antlitz umſpielte, war ihm ſo ungewohnt, die freie Bewegung der Glie⸗ der ihm ſo verloren gegangen, daß er wie berauſcht und ſeiner kaum mächtig war. Aber ſchnell erfaßte ſein Geiſt das Drängende des Momentes, er ſchüttelte den Nebel von ſeiner Seele, richtete ſich auf, zog den Zügel an, trieb den Fuß in die Weiche des Pferdes, und fort ſprengte er in die Nacht hinein. Sein an das Dunkel gewöhnte Auge gewahrte die Dinge in ihren grauen Umriſſen. Fort ging es durch Felder, Thäler und Berge, an rauſchenden Bächen vorüber und an tiefſchattigen Wäldern, deren Wipfel im Sturme rauſchten, mitten durch Dörfer und Flecken, deren Be⸗ wohner ſchliefen. Wie hoch hob ſich ſeine Bruſt, wie athmete er ſo frei, ſo frei, wie kämpfte er ſo ſelig dem Anprall des Windes entgegen, und fühlte mit Wonne, daß er frei, frei ſei! Der Wind 346 legte ſich; die Sterne traten funkelnd hervor am weiten Himmels⸗ bogen, den die grauen Wolken abziehend verließen, es wurde lich⸗ ter um ihn. Da hob er die Rechte nach oben, ſein Auge ſtrahlte feurig empor, und über ſeine Lippen drangen die Worte:„Ja, Du haſt es gethan, göttlicher Hirt, der Du die Sterne des Him⸗ mels herausführſt, keiner bleibt aus, und Deine Kinder auf Erden leiteſt, keiner gehet verloren! Ich war geſunken in die Tiefen der Erde, die Riegel der Unterwelt waren vorgeſchoben, meine Seele verſchmachtete und ſprach: mein Ange wird das Licht nicht wiederſehen— aber Deine Hand hat die ehernen Pforten zer⸗ trümmert, und aus dem Abgrund mich emporgehoben, und ich bin frei, frei. Zwei Tage ſpäter entfernte ſich auch Fauſtus, aber im Lichte des Tages, als wenn Nichts geſchehen, aus dem Conſulargefäng⸗ niß und kehrte nicht wieder dahin zurück. Er holte ſich von Iddo die bedeutende Summe ab, die ſie ihm verheißen, und be⸗ ſtieg nach Verlauf von zwei Wochen ein Schiff, das ihn nach Spanien führte. So groß der Schreck auch über die Ent⸗ weichung des Gefangenen und ſeines Wärters bei den nächſten Beamten des Gefängniſſes war, und ſo leicht auch die Spuren von dem entwichenen Aufſeher bis zu Iddo hätten aufgefunden werden können, ſo hielten es jene doch für das Gerathenſte, die Sache mit Stillſchweigen zu verdecken, um für ihre eigenen Per⸗ ſonen keinen Sturm heraufzubeſchwören, wenn die Kunde bis zum Kaiſer dringen ſollte. Auch waren bereits die Angelegen⸗ heiten des Staates ſo ſchwierig geworden, daß man ſich mit un⸗ tergeordneten Vorfällen nicht aufhielt. So kam es, daß von der Befreiung Patrika's gar nichts verlautbar ward, und jede Ver⸗ folgung nach einigen unerheblichen Verſuchen unterblieb. Mir⸗ 347 jam und Amnon erhielten die Kunde. Aber das Aufjauchzen ihrer Seele über die Rettung des Geliebten ging in die ſchweren Seuf⸗ zer der Entſagung über, und die Thränen, die den Augen des verlaſſenen Weibes entquollen, waren eben ſo ſüßer wie bittrer Art. 10. Die Bekehrungsverſuche Joſeph's des Abtrünnigen hatten einen ſehr geringen Erfolg. Es war ein großer Irrthum, durch Juden die Juden bekehren zu wollen. Wenn die letzteren vor dem chriſtlichen Prieſter als vor dem Vertreter einer Religionsmeinung, vor dem Träger einer Seelſorge Achtung empfinden, und ſich zu deſſen Bekehrungsverſuchen zwar abwehrend, aber nicht feindlich verhalten; ſo ſchwindet dies Alles bei ihnen, wenn ein geborener Jude, der den größten Theil ſeines Lebens ihr Genoſſe im Glau⸗ ben geweſen, jetzt zu ihnen tritt, um ihnen die Religion ihrer Väter als Irrthum und Wahn auszugeben; ſie wenden ſich voll Verachtung und Widerwillen ab. Eine zwiefache Kluft dehnte ſich zwiſchen dem Chriſtenthume und dem Judenthum. Von der einen Seite ſollten ſie Glaubensſätze annehmen, welche den Lehren ihrer Religion gänzlich widerſprachen, und für deren Begründung ſie keine Motive fanden, und von der andern Seite das Geſetz und die Sitte aufgeben, welche ſie von ihren Vätern als heilige Vor⸗ ſchrift ererbt, und die ihnen als gleichbedeutend mit Gottesfurcht, Pflicht und Tugend erſchienen. Alles dieſes war bei den heidni⸗ ſchen Völkern nicht der Fall, welchen das Chriſtenthum ſo viel Neues und Herrliches brachte, das aber die Iuden als längſt be⸗ ſeſſenes Gut erkannten. Joſeph ſtieß daher überall auf Wider⸗ ſtand und Unwillen, und da er immer zudringlicher und heftiger wurde, konnte er mancher unangenehmen Behandlung nicht ent⸗ 3. 349 gehen. Nur einige wenige verkommene Subjekte ſchaffte er für die großen Mittel, die ihm zu Gebote ſtanden, herbei, und waren dieſe auch willige Werkzeuge zu glänzenden Schauſpielen, die dem Volke geboten wurden, ſo konnten dadurch doch die Augen der höheren Geiſtlichkeit nicht mehr geblendet werden. Aber man irrte nicht minder, wenn man dieſen Beiſpielen einen günſtigen Einfluß auf die Juden zuſchrieb. Im Gegentheil, der Uebertritt ſtellte ſich dieſen nur um ſo unwürdiger dar, und in ihrem Her⸗ zen wuchs der Widerſpruch und der Gegenſatz. Deſto mehr drang Joſeph bei dem Biſchof Liberius auf die Durchſetzung jener gehäſſigen Maßnahmen, welche die Juden in ihrer Geſammtheit treffen ſollten. Und hierin fand er völlige— Uebereinſtimmung bei dem Biſchof. Derſelbe wollte gern ſeinen Frieden mit dem Kaiſer ſchließen, und der Kirche weuigſtens den Schein wiederhergeſtellter Einheit verſchaffen, zugleich aber der Welt einen Triumph der Kirche darbieten können, der deren fort⸗ ſchreitende Macht bewieſe und ihm für ſeine Nachgiebigkeit Nach⸗ ſicht verſchaffe. Da nun Joſeph behauptete, daß dem Andrange dieſer Edikte ein beträchtlicher Theil der jüdiſchen Maſſe nicht widerſtehen würde, ſo begann Liberius die nöthigen Schritte zu thun. Auch war augenblicklich die politiſche Conſtellation günſtig. Hatte auch Julianus den Botſchaften des Kaiſers nicht gehorſamt, keine Truppen entlaſſen und den Purpur nicht abgelegt: ſo ſchien doch ſeine Sache auch nicht vorwärts zu gehen. Unbeweglich ſtand er mit ſeinem Hauptquartier in Paris, und hatte ſeine Truppen nicht einmal zuſammengezogen. Es war, als ob er den Angriff erwarte und nur zur Abwehr geneigt ſei. In Rom ſah man die Dinge nie anders an, als wie ſie in Rom ſelbſt erſchienen, und Jeder, der in den Zauberkreis dieſer Weltſtadt, die ſich noch 350 immer als den Heerd aller politiſchen und Macht Herrſchaft träumte, getreten, konnte ſein Auge über dieſen Geſichtskreis nicht erheben. Man war aber in Rom an einen ſchnellen Fortgang und Verlauf gewöhnt; wer die Waffen gegen dieſen Mittelpunkt der Welt nicht vorwärts trug, erſchien ihm ſchon überwunden. Man glaubte daher in Rom den Julian ohnmächtig und in die⸗ ſem Gefühle den letzten Schlag erwartend; oder man dachte ihn ſich dem Conſtantius unbedingt ergeben, aber von ſeinen empöre⸗ riſchen Soldaten zu der Rolle des Auguſtus gezwungen. Con⸗ ſtantius und ſeine Räthe waren daher entſchloſſen, das Schwert gegen Julian zu ergreifen, den Feldzug gegen ihn zu eröffnen und ihn zu erdrücken. Dazu wollten ſie inſonders die Chriſten⸗ heit aufrufen und deshalb in die Pläne des Klerus bereitwillig eingehen. Nach vielen Verhandlungen war endlich eine Formel zu Stande gebracht, welche die Spaltung zwiſchen den Lehrſätzen der katholi⸗ ſchen Kirche und der Arianer mit zweideutigen Worten verdeckte. Liberius und ſeine verſammelten Freunde ſtimmten ihr zu, und wollten ſie auf dem Concil zu Rimini, das daher in den nächſten Tagen eröffnet werden ſollte, in Vorſchlag bringen und unter⸗ ſtützen. Man hoffte dann nur auf eine geringe Oppoſition zu ſtoßen. Zuvor aber ſollten die Dekrete gegen die Juden erlaſſen werden und zur Ausführung kommen. Das römiſche Volk war auf das Forum zuſammenberufen worden. Noch ſtand dieſer weltgeſchichtliche Platz in ſeiner alten Pracht und Herrlichkeit da. War er auch ſchon des Schmuckes zahlloſer Bildſäulen beraubt, ſo erhoben ſich doch noch ringsum die prächtigen und koloſſalen Bauwerke, die Paläſte und Tem⸗ pel, die Triumphbögen und Monumente, an welche die Zerſtö⸗ rung ihre räuberiſche Hand noch nicht gelegt hatte. Noch ſchwebte 351 ein Schatten der alten republikaniſchen Formen über dieſem Platze, wenn auch nur als eine leichte Staubwolke, welche die verzehrende Sonne des kaiſerlichen Despotismus nicht zu ſchwächen oder ab⸗ zukühlen vermochte. Die kaiſerlichen Dekrete wurden dem verſam⸗ melten Senate verleſen und dem verſammelten Volke bekannt ge⸗ macht, um die ſtolze Floskel Senatus Populusque Romanus zu rechtfertigen.— Auch heute ſtrömte das Volk von Rom auf dem Forum zuſammen, und ſchaarte ſich Kopf bei Kopf um die mar⸗ morne Rednerbühne, und füllte den ungeheuren Raum des Forums mit dichtgedrängten Maſſen an. Aber es war längſt nicht mehr das Volk, das in ſeine Comitien getheilt und mit ſeinen Tribu⸗ nen voran in ernſter, männlicher Haltung ſeine beſtimmten Plätze einnahm, und aus deſſen Mitte jeder Fremdling, jeder Niedrigge⸗ borene, jeder Freigelaſſene verbannt war, ſo daß nur der legitime römiſche Bürger hier erſcheinen durfte. Ein unabſehbares Geſin⸗ del in den verſchiedenſten Trachten, von der verſchiedenſten Ge⸗ ſichtsbil dung und Geſtaltung, die Hefe des Volkes, die aus allen Welttheilen zuſammengefloſſen ſchien und den ſchmutzigen Nieder⸗ ſchlag aller Völker und Länder bildete, drängte ſich aus den Ca⸗ nälen der in das Forum ſich mündenden Straßen wie in ein ungeheures Baſſin zuſammen, und fluthete ſo lange durcheinander, bis es an Raum zur Bewegung gebrach. Die Sonne ſtieg bereits zum Mittag herauf und brannte auf die Köpfe der verſammelten Menge, aus welcher Stimmen der Ungeduld hervorbrachen. Ein dumpfes Gerücht war durch die Stadt gegangen, daß es eine große, bis jetzt unbekannte Maß⸗ nahme gelte, welche aber nicht das geſammte Volk, ſondern einen Theil, Einige ſprachen ſchon von den Juden, treffen werde. Die zuſammengeſtrömte Menge wiegte ſich daher in dem doppelt er⸗ 352 freulichen Gefühle eigener Sicherheit und eines ſtaunenswerthen Ereigniſſes, das ihrer warte. Endlich erſchienen die Lictorenreihen der beiden Conſuln, welche unter dem Rufe:„Es lebe der Auguſtus Conſtantius! Platz den Conſuln!“ die gaffende Menge auseinander trieben. Langſam und im Bewußtſein ihrer Würde ſchritten die beiden Con⸗ ſuln nach den curuliſchen Sitzen zu beiden Seiten des Redner⸗ ſtuhles und ließen ſich auf ſie nieder, von wo ſie die harrende Menge überblickten. Bald darauf betraten die Lictoren des Prae⸗ tors die Grenze des Forums und geleiteten dieſen zu dem Roſtrum. Hinter ihnen ſchloſſen ſich die Wogen des Volkes wieder und drängten ſich vorwärts nach der Rednerbühne. Denn obſchon der Praetor ein Mann von außerordentlicher Lunge ſein mußte, oder ſich durch einen ſolchen erſetzen ließ, ſo hatte doch das Forum eine ſo ungeheure Ausdehnung, daß nur der vordere Menſchen⸗ knäuel die Worte deutlich zu vernehmen hoffen durfte. Der Prae⸗ tor trat nun vor und entfaltete ein langes Pergament. Ein all⸗ gemeines„Still! ſtill!“ erfolgte und ſtörte lange Zeit die Ruhe. Auf ſeine Anrede an die Cives romani ließ er keine Schmeichel⸗ worte folgen, wie es ehemals zu geſchehen pflegte, keine eaptatio benevolentiae, keine Bitte um Gehör, keine Worte der Hoffnung, daß das weiſe und einſichtsvolle Volk dem Beſchluſſe des Senates ſeine Zuſtimmung geben werde, ſondern nur Blicke der Verach⸗ tung über die verſammelten Haufen ſchweifen. Von der Majeſtät und Weisheit des Kaiſers ſprach er, von ſeinen Heldenthaten und ſeiner unbegrenzten Fürſorge für das Wohl des Volkes. Heute fügte er nun noch einen Wortſchwall über das Heil der Seelen, über den Glanz und die Macht der Kirche, über den Sieg der Wahrheit und das Verderbniß der hartnäckigen Ketzer hinzu. Die Langmuth ſei erſchöpft, die Geduld bis auf den letzten Tropfen 353 verbraucht, es gelte nun, jede Schonung bei Seite zu ſetzen, und die Gefahr der Gläubigen nicht zu mehren. Doch eines klang aus alten Zeiten wieder: Rom wurde auf den Gipfel der Welt erhoben, ihm die Siegerkrone über die Menſchheit dargereicht. Aber ehemals war es die Macht und die Herrſchaft der Welt— jetzt die Heiligkeit und Göttlichkeit ſeiner Stätten. Es wurde über⸗ ſehen, daß, wie Rom ehemals die Götter aller Länder in ſeinen Mauern verſammelte, und ſich ſo nur zum Piedeſtal deſſen machte, was die Völker als göttlich verehrten: ſo auch jetzt der neue Gott und ſein Glaube aus einem entlegenen Winkel des Oſtens gekom⸗ men und ſich Rom unterworfen hatte. Es that, als ob es die von der Vorſehung erkorene Geburtsſtätte und der allein geheiligte Platz der neuen Religion ſei; doch wie dem auch ſei, der Prae⸗ tor ging nun auf ſeinen eigentlichen Gegenſtand über. Allerdings hatte man damals noch nicht die Stirn, die Juden für den Ab⸗ ſchaum der Menſchheit zu erklären, ſie als gefährliche Feinde der menſchlichen Geſellſchaft zu brandmarken, ihnen die feindſeligſten Abſichten und verbrecheriſche Künſte zuzuſchreiben. Theils war man hierauf noch nicht gekommen, theils ſcheute man doch noch die öffentliche Meinung und die allbekannte Wahrheit zu ſehr, um ihr geradezu ins Geſicht zu ſchlagen. Man mußte erſt die Juden aus der ganzen Geſellſchaft ausſchließen, ſie in eine Stellung und zu Beſchäftigungen zwingen, welche ſie dem Volke in mißlichem Lichte ſehen ließen— dann hatte man einen ſcheinbaren Inhalt, ſie zu verurtheilen und zu verunglimpfen. Sondern der Praetor begnügte ſich mit der Behauptung, daß es nothwendig ſei, zwiſchen den Gläubigen und Ungläubigen einen Unterſchied zu machen, je⸗ nen die ihnen gebührenden Vorzüge, dieſen die durch ihre Hart⸗ näckigkeit verſchuldeten Nachtheile zukommen zu laſſen, und die er⸗ ſteren vor den gefährlichen Berührungen mit den letzteren zu be⸗ 23 354 wahren. Aus der unerſchöpflichen Quelle des väterlichen Herzens ſeien daher die folgenden kaiſerlichen Befehle gefloſſen. Zuerſt wurde das Dekret des Conſtantin aus dem Jahre 321 beſtätigt, durch welches den Juden das Recht, von den Curialpflichten frei zu ſein, genommen worden, wodurch, da jene Pflichten nur als eine Strafe wohlhabender Bürger, die ſich eines Verbrechens ſchul⸗ dig gemacht, angeſehen wurden, die Juden aus der Reihe der höheren Bürgerſchaft herausgeſtoßen wurden. Zu zweit wurde den Inden bei Strafe der Confiscation aller Güter verboten, Selaven zu kaufen und zu halten. Alsdann wurde die Verhei⸗ rathung zwiſchen Juden und Chriſten mit der Todesſtrafe bedroht. Endlich wurden ſie vom Kriegsdienſte ausgeſchloſſen, und alle, die jetzt unter den Waffen ſtänden, ſollten„ohne Berückſichtigung alter Verdienſte“ ſofort entlaſſen werden; ebenſo wenig ſollten ſie das Recht zu advociren behalten,„wenn ſie es auch nach dem Prärogativ der Geburt und der Glanz der Familie erlangt hät⸗ ten;“ ja, jede Ehrenſtelle und Würde, jede Verwaltung eines bür⸗ gerlichen Amtes ſollte ihnen verſagt bleiben, und wer von ihnen bereits zu einer Ehrenſtelle gekommen ſei, ſollte unter den Pöbel gerechnet werden,„wenn er auch die ehrenvolle Würde verdient hatte.“*) Aber mit allem dieſem war man noch nicht zufrieden. Der Praetor fügte hinzu, daß es der unveränderliche Wille des Kaiſers ſei, daß die in Rom anſäſſigen Juden binnen zweier Mo⸗ nate das Weichbild der Stadt mit aller ihrer beweglichen Habe verlaſſen und ihre unbeweglichen Güter veräußern ſollten. Die Verleſung dieſer Edikte machte auf die verſammelte Menge bei Weitem den Eindruck nicht, den man vielleicht erwartet hatte. Hier und da erſcholl wohl aus der Menge der Ruf:„Es lebe 355 der Auguſtus! Es lebe die heilige Kirche! Tod den Ketzern!“ Aber dieſer Schrei der Fanatiker pflanzte ſich nicht fort und verhallte daher bald wieder. Im großen Ganzen blieb die Maſſe theilnahmlos, weil ſie weder Spiele noch Beute aus den kaiſerlichen Edikten für ſich erfließen ſah. Anderntheils waren noch Heiden genug da, die ſich an die Weiſe und Gegenſtände der Verehrung ihrer Vorfahren klammerten, und deren ſich das Ge⸗ fühl bemächtigte, daß auch ihnen ein gleiches Schickſal beſtimmt ſei. Nicht minder gab es ſolche, deren Verhältniſſe mit denen der Juden in enger Verbindung ſtanden. Denn die Letzteren ge⸗ hörten damals allen Klaſſen und Lebensberufen an, und wenn eine Anzahl Reicher unter ihnen den Neid und die Mißgunſt in Fülle auf ſich zogen, ſo lebte die Mehrzahl der Juden doch mit der Maſſe in Frieden, mit denſelben Arbeiten beſchäftigt und den⸗ ſelben Uebelſtänden unterworfen. Allerdings hatten im letzten Jahrhundert zuerſt die Heiden gegen die Chriſten ſchwere Ver⸗ folgungen geübt; dann hatten die Chriſten gegen die Heiden die⸗ ſelben Verfolgungen in nicht geringerem Maße aufgenommen— aber dies war doch immer nur von den Häuptern ausgegangen, und im Volke hatte ſich noch immer der Geiſt der Duldung, wie er im Alterthume gelebt, erhalten, und es konnte nicht gut be⸗ greifen, warum man ſich wegen religiöſer Meinungen unterdrücken und morden ſolle, am wenigſten aber die ungefährlichen Juden, die überall neutral geblieben. Darum erhob ſich nur ein lautes Gemurmel im Volke, das bald zum Gebrauſe einer lebhaften Volksmenge anſchwoll. Der Prartor hatte geendet; er und die Con⸗ ſulen zogen mit ihren Lictoren ebenſo von dannen wie ſie gekom⸗ men, die Volksmaſſe lichtete ſich zu Haufen, dieſe zu Gruppen, und bald hatte das Forum ſein gewöhnliches Ausſehen wieder. Nicht ſo war es in den Häuſern der Juden. Die Beſtürzung 356 war allgemein, Entſetzen bemächtigte ſich der Gemüther, Rathloſig⸗ keit aller Geiſter. Der Streich war neu und furchtbar zugleich. Schon jene ſtrengen Ausſchließungsdekrete bedrohten die Exiſtenz zahlloſer Familien, immer aber doch am meiſten die reicheren und wohlhabenderen, und man konnte vorausſetzen, daß, weil allzu ſtreng, Vieles nicht oder doch nur wenig zur Ausführung kommen würde. Aber dieſe Verbannung aus Rom, dieſe Entwurzelung aus einer Stätte, die ſeit mehr als vier Jahrhunderten von zahl⸗ reichen Anſiedlern zur dauernden Heimath gemacht worden. Wo⸗ hin ſollten ſie ihr Haupt tragen? Woher die meiſten die Mit⸗ tel zur Auswanderung nehmen? Wie an fremden Orten den Le⸗ bensunterhalt wieder gewinnen? Und dabei ein ſo kurzer Zeit⸗ raum von zwei Monden!.... Man lief zuſammen, man berath⸗ ſchlagte, man ſetzte Buß⸗ und Faſttage ein. Die Angeſehenen er⸗ forſchten die Geſinnungen der höchſten Beamten und Würdenträger. Aber zu ihrem Schrecken erfuhren ſie, daß der Wille des Kaiſers entſchieden, ſein Entſchluß unabänderlich ſei; daß dem ganzen Vor⸗ gange Motive zu Grunde lagen, welche aus dem innerſten Zu⸗ ſammentreffen der Verhältniſſe, aus den gewichtigſten politiſchen Zwecken hervorliefen. Man mußte auf die ſtrengſte Durchführung gefaßt ſein. Alle Einſprache, alles Sollicitiren, alle Anerbietun⸗ gen wurden zurückgewieſen. Das Nächſte war, daß jene Nota⸗ beln, welche die Zahlung von monatlichen Subſidien übernommen hätten, dieſe als ihnen nunmehr unmöglich einſtellten. Hatten ſie ſich hiervon eine Wirkung verſprochen, ſo ſollten ſie zu ihrem Ent⸗ ſetzen enttäuſcht werden. Sie ſahen ſich von einer Seite verra⸗ then, von welcher ſie es am wenigſten vermuthet. Meſchullam hatte dem Kaiſer angetragen, die Weiterzahlung zu bewerkſtelligen, wenn ihm ausnahmsweiſe das Verbleiben in Rom geſtattet wür⸗ de.. Man war begierig darauf eingegangen. Dieſer Greis, der —— 357 dem Ende ſeiner Erdenlaufbahn ſchon ſo nahe ſtand, hatte dieſen Verrath nicht geſcheut, verblendet von der Habgier, aus dem all⸗ gemeinen Sturze ſeiner Glaubensbrüder einen unermeßlichen Vor⸗ theil zu ziehen— denn nun mußten die einträglichſten Geſchäfte ihm allein in die Hände fallen. Mit eherner Stirne ertrug er alle die Vorwürfe, alle die Beſchimpfungen und Verwünſchungen, die auf ihn gehäuft wurden; lächelnd wie immer zog er ſich zu⸗ rück und hielt die Dränger möglichſt von ſich ab; wurde es ihm zu arg, ſo fing er an zu drohen, und man wußte, daß er die Mittel und das Herz hatte, ſeine Drohungen auszuführen. Die angeſehenſten Rabbiner begaben ſich zu ihm, um ihn zur Zurück⸗ nahme des unſeligen Vertrages mit dem Hofe zu bewegen: er hörte ihnen höflich zu, entſchuldigte ſich mit der Nothwendigkeit und gab vor, dadurch den Weg offen zu erhalten, auf welchem nach einiger Zeit die Verbannung zurückgenommen werden würde. Die mehrmals wiederholte Erinnerung von Seiten der Be⸗ hörden ließ keinen Zweifel darüber, daß es bittrer Ernſt ſei. Die bemittelten und kräftigen Glieder der Gemeinde ſahen ſich raſch nach neuen Sitzen in den benachbarten Städten um. Die große Maſſe aber wollte die Gewalt abwarten, die man gegen ſie an⸗ wenden würde. Sie verließ ſich auf die Wucht ihrer Menge. Am wenigſten aber erfüllte ſich auch hierbei die Hoffnung der Kle⸗ rikalen. So ſehr ſie auch die Ueberzeugung unter den Juden aus⸗ breiteten, daß ſie durch den Uebertritt allem dieſem Drucke ent⸗ gehen, ja noch Belohnungen erhalten würden: ſo blieb dies doch gänzlich wirkungslos, und nicht ein einziger namhafter Mann folgte der Lockung. Wuth und Verzweiflung im Herzen, hatten⸗ ſie nur bittern Hohn zur Antwort für ihre Verſucher. ——— 11. Es war einige Monate vor dieſen Vorgängen. In einem prächtig ausgeſchmückten Gemache des kaiſerlichen Palaſtes am Ufer der langſam fließenden Seine, in der ſchon damals auf⸗ blühenden Stadt Paris, deren Häuſermenge bereits längſt von der Seineinſel über den Fluß auf deſſen beide Seiten hinausge⸗ rückt war, lag auf einem mit den feinſten Decken bekleideten Lager ein krankes, ſterbendes Weib. Ihr Haupt war tief in die Kiſſen hineingeſunken, ihr Körper ausgeſtreckt, daß die feinen Hüllen die Formen der ſchlanken Geſtalt erkennen ließen, die zarten und weißen Hände über der Decke bezeugten in ihrer völligen Abzeh⸗ rung die Fortſchritte der Krankheit. Sie ſchlummerte, aber der unruhige, röchelnde Athem ihrer Bruſt, die umſchriebene Röthe auf den bleichen Wangen und die falben, bebenden Lippen erwie⸗ ſen, daß eine fieberhafte Erregung durch den Körper zuckte, und daß dieſer gewölbte Buſen nur ein zerſtörtes Organ umſchloß. Neben dem Lager hatte ſich auf einen Seſſel eine männliche Ge⸗ ſtalt niedergelaſſen, die mit den Zeichen der höchſten Würde be⸗ kleidet war. Wie der Mann da ſaß, das Haupt in die Rechte geſtützt, ſchmerzliche Trauer in den Zügen, ſah man, daß er nur klein an Geſtalt, aber ebenmäßig gebaut, und durch den Geiſt wie die Grazie, die über ihn ausgebreitet waren, gewinnend und imponirend war. Ebenſo waren ſeine Züge unſchön, markirt, und von einem mächtigen Barte faſt verunziert; aber die hohe 359 Denkerſtirn, die großen leuchtenden Augen und der wohlgebildete Mund, um welchen tiefes Gefühl und Menſchenfreundlichkeit ſpiel⸗ ten, machten einen wohlthuenden Eindruck auf den Beſchauer. Er mochte wohl ſchon eine Zeit lang geſeſſen haben, als eine Be⸗ wegung der Kranken ihm verrieth, daß ſie aus dem Schlummer erwacht ſei; er richtete das Haupt empor und ſeine Blicke begeg⸗ neten den Augen ſeiner Gattin, die in einem unnatürlichen Feuer glänzten. Ueber ihr Antlitz flog der Schein der Befriedigung, als ſie ihren Gemahl gewahrte, und er zu ihr ſprach:„Du haſt mich herbeſcheiden laſſen, theure Helena, und obſchon ich gern alle Aufregung für Dich vermeiden möchte, weil ſie Dir nur ſchädlich ſein kann, ſo wollte ich doch Deinem Rufe gehorchen, und wenn Du mir verſprichſt, Dich ſo ruhig wie möglich zu verhalten, bin ich bereit zu vernehmen, was Du mir zu ſagen habeſt.“ „O mein theurer Julian,“ erwiderte die Kranke,„ich danke Dir; ich will, wie Du geſagt, ſo ruhig wie möglich ſein. Aber ſieh, widerſtreite es mir nicht, ich fühle, ich weiß es gewiß, daß das Ende meines Lebens nahe iſt. Es können noch Stunden, vielleicht einige Tage vergehen, bis ich den letzten Seufzer ausge⸗ haucht, aber mehr ſicher nicht. Und ich will nicht, daß Du noch länger an meinem Schmerzenslager weileſt und Dir, der Du ſo Vieles und Großes zu bedenken und zu beſchicken haſt, von meinem Leiden das Herz beſchwert und der Geiſt erdrückt werde. Ich wünſche auch, daß Du das freundlichere Bild von mir in Deiner Erinnerung bewahreſt, das ich Dir jetzt noch biete; daß wenn Du in Zukunft an mich denkeſt, nicht die bleichen, entſtellenden Züge des Todes vor Deine Seele treten. Darum, da nach dem letzten Anfall mir jetzt leichter iſt und ich ſprechen kann, will ich die Stunde des Abſchiedes mit Dir feiern; ich will Dir Alles ſagen, was mir auf dem Herzen liegt. Wehre mir nicht, ſchüttle nicht 360 das Haupt, ſage nicht, der Arzt hat es verboten— der Arzt kann mir nicht helfen, die Stunde iſt nahe, und ich will von Dir ſcheiden, nachdem zwiſchen uns Alles licht und wahr geworden.“ Allerdings wehrte der Cäſar Julian, den jetzt ſein Heer zum Auguſtus erhoben, das Beginnen ſeiner Gemahlin ab, ſchüttelte mit dem Haupte, und wollte Einwendungen erheben; aber er ſah ein, daß er ihrem Begehren werde nicht widerſtehen können, ein Seufzer erhob ſich aus ſeiner Bruſt, er ergriff die Hand ſeiner Gattin und ſagte:„So ſprich, Helena, aber ruhig und langſam.“ Die Kranke ſuchte ſich aufzurichten, wobei ihr Julian zu Hülfe kam und einige Polſter ihr in den Rücken legte, auf die ſie ſich lehnen konnte; auch reichte er ihr eine Schale mit einem er⸗ friſchenden Getränk, mit welchem ſie ihre trocknen Lippen benetzte. „Mein Julian,“ hob ſie an,„laß mich vor Allem den heiße⸗ ſten Dank meiner Seele Dir ausſprechen für alle die Liebe, die Du mir erwieſen, für alle die zärtliche Sorgfalt, die Du um mich gehabt. Ich fühle es tief, wie unendlich ich Dir dafür ver⸗ pflichtet bin, und um ſo mehr, als ich mit dem einzigen Schmerze ſcheide, daß es die Hoheit Deines Geiſtes, die Pflichttreue Deines Herzens, Dein zarter und edler Sinn es waren, die Dich leiteten, und nicht— die Liebe... Es war die treue Hand meiner Schweſter Euſebia, die meine Gefühle für Dich kannte, es war die gewaltthötige Hand des Conſtantius, der Dich an ſich feſſeln wollte, ſie waren es, die mich zu Dir führten. Du nahmſt mich als Deine Gattin an, und widmeteſt mir ſeit dieſem Augenblick die zärtlichſte Fürſorge, die treueſte Ergebenheit. Ach, und ich liebte Dich ſo ſehr; all mein Sinnen und Trachten ging dahin, Deine Liebe für mich zu gewinnen und Dir ein ſüßes Glück zu hereiten „Aber, geliebte Helena,“ unterbrach ſie Julian,“ wie kannſt 361 Du ſo ſprechen?— Dieſes Glück, von dem Du redeſt, Du haſt es mir geſchaffen, und niemals wird ein Weib im Stande ſein, mir innigere und heiligere Gefühle einzuflößen, als Du es gethan!“ „Nein, mein Julian! Ich zweifle nicht an der Wahrheit Deiner Worte. Wer ſo wie Du handelt, an deſſen Aufrichtigkeit einen Zweifel zu hegen, wäre eine Läſterung. Aber dennoch war es nur Dein treuer, edler Sinn, der mir entgegenkam, und wenn meine Liebe zu heißer Gluth anſchwoll, fühlte ich wohl, daß die Deinige zwar rein und lauter leuchtete, aber nicht wärmte....“ „Aber, Helena, biſt Du nicht ungerecht? Ich gebe zu, daß mein Sinn von Kindheit an zu ſehr auf das Allgemeine, auf das Weſen der Dinge, das ich zu faſſen und zu begreifen ſuchte, ge⸗ richtet war, das ich ſelbſt dann nicht von mir weiſen kann, wenn ich mit den Gegenſtänden der Wirklichkeit und Politik beſchäftigt bin, und dieſe meine volle Aufmerkſamkeit verlangen. So kann es wohl gekommen ſein, theure Gattin, daß ich bisweilen etwas abweſend erſchienen, wenn Du mir mit den Beweiſen Deiner Liebe entgegenkamſt; aber ich habe dieſe immer zu würdigen verſtanden und ſie mit aller Zärtlichkeit erwidert.“ „Ja, das haſt Du. Doch ſchilt Deine thörichte Helena nicht, wenn ſie ungenügſam war, wenn ſie Dich ganz einnehmen, Dich allein beſitzen wollte. Aber dies iſt ja nun vorüber, und ich muß aus dem Paradieſe ſcheiden, durch deſſen Pforte ich eben eingetre⸗ ten und in deſſen innerſtes Heiligthum einzudringen die größte Sehnſucht meines Lebens geweſen. Was ich nun noch von Dir verlangen möchte? O, daß Du mein Gedächtniß in den hellſten, ungetrübteſten Farben bewahrteſt, daß mir der Vordergrund in Deinem Herzen erhalten bleibe, damit, wenn auch Dein Geiſt dereinſt die Schwelle des Jenſeits überſchritten, meine Seele Dir 362 entgegenjauchzen und das Band wieder anknüpfen könne, das der Tod jetzt mit ſeinem grauſamen Schwerte durchſchneidet....“ „Helena, wie kannſt Du hieran zweifeln? Deine liebliche Er⸗ ſcheinung, welche unberührt von der Hand des Alters, in unſterb⸗ licher Schöne, vor meinem Geiſte blühen wird, Deine reine Seele, Dein Herz voll edelſter Gefühle, ſie haben ſich mir eingeprägt unverlöſchlich, und ob mir das Geſchick eine lange oder kurze Spanne Zeit auf dieſer Erde gönnen wird, die Zeit wird macht⸗ los an Deinem Bilde vorübergehen, das auf dem Hintergrunde der bittern Erfahrungen, die mit jedem Schritte im Leben an den Menſchen gemacht werden, nur immer leuchtender, nur immer reiner und heller hervortreten wird.“ Die Kranke lächelte bei dieſen Worten wie von einem hohen Glücke, ſie erfaßte beide Hände des Auguſtus und drückte ſie an ihr Herz; er aber ſchlang den Arm um ihre Schultern und legte ihr Haupt leicht an ſeine Bruſt. So ſaßen ſie eine Zeit lang ſchweigend, ein Jeder in ſeine Gefühle verſunken. Da richtete ſich Helena noch einmal auf und begann wieder:„Und doch, mein Julian, drückt mich noch Eines ſchwer. Ich gehe von dieſer Erde, und laſſe außer Dir nur noch ein Weſen zurück, um deſſen Glück ich bange, das meinem Herzen ſo nahe ſteht.... meine Schweſter Euſebia. Wenn ich geſchieden bin, ſo iſt das letzte Band zerriſſen, das Dich an den Kaiſer Conſtantius knüpft: der furchtbare Kampf wird anheben, und wie deſſen Ausgang ſein Sage mir, Julian, was gedenkſt Du zu thun? Sage es mir offen und ganz.“ Julianus ſah ſeine Gattin mit feſtem Blicke an, und ant⸗ wortete nach einer Pauſe:„Du verpflichteſt mich, die Wahrheit mitzutheilen, und dieſer Deiner letzten Bitte kann ich nichts ver⸗ 363 ſagen. Ja, Helena, der Kampf beginnt, aber er iſt unvermeidlich und lange vorbereitet. Gerade darum verſchweige ich es Dir nicht, denn Du kennſt die Verhältniſſe zu gut. Aber Du wirſt es mir zugeſtehen, daß ich ihn nicht hervorgerufen, und daß ich ihn nicht vermeiden kann. Ich könnte Dir ſagen: ſiehe die Pflicht legt ihn mir auf; die Menſchheit, die Völker des römiſchen Reiches rufen mich; es iſt Zeit, daß das Joch der Tyrannei und Unter⸗ drückung wieder etwas gelüftet werde. Ein Hauch der Freiheit, ein Luftzug der Erhebung will wieder und muß wieder über die Nationen fahren, wenn nicht Alles erlahmen, Alles zu Sklaven⸗ thum erſchlaffen ſoll. Die Barbaren ſtehen an allen unſern Grenzen, ſie rütteln an allen unſern Pforten, und wird jener knechtiſche Geiſt, jene Entſittlichung noch länger genährt, welche den Völkern alles Mark verzehrt und alle Kraft entnervt haben, ſo werden die Fluthen der wilden Horden über uns hereinbrechen, Alles zerſtö⸗ ren, Alles verwüſten, und eine troſtloſe Nacht über die Bewohner dieſes Erdballs breiten!....„Fürwahr, Helena, das Auge Deines Geiſtes iſt klar und offen genug, um dies zu durchſchauen und mich für keinen dunkelſchauenden Träumer zu halten; Du haſt lange genug an den Grenzen der civiliſirten Welt gelebt, um nicht meine Befürchtung zu theilen und ſie als gerechtfertigt anzuſehen. Ich kenne Deine Ueberzeugung und will ſie nicht antaſten. Du ſollſt unverletzt in Deinem Glauben hinüberſchlummern, wie Du rein in Deinem Gewiſſen biſt. Aber ich habe mich auf die Höhe geſtellt, und da ſehe ich die Dinge anders au. Ich ſpreche dem Chriſtenthum ſeine Größe und ſeine Bedeutung nicht ab. Es iſt gekommen, um dem entarteten Menſchengeſchlecht eine Wiederge⸗ burt zu bereiten, und die entſittlichten Söhne einer großen Ver⸗ gangenheit mit einem neuen Leben zu erfüllen. Aber es hat nicht gehalten, was es verheißen. Sei es, daß der Stamm des Baumes 364 ſchon zu dürre geweſen, ſei es, daß die neue Religion zu ſchnell ſich der Früchte an dem alten Stamme bemächtigen wollte, und darüber vernachläſſigt hat, langſam neue Schößlinge aus geſunder Wurzel zu treiben: das Chriſtenthum wollte die Herrſchaft der Welt, und hat darum die Herrſchaft des Geiſtes hintenangeſetzt; und weil es jene wollte, hat es dieſen knechten, ihm die Freiheit abſprechen, ihm die Selbſtändigkeit rauben, ihm einen engen Pfad anweiſen müſſen, aus dem es ihn nicht herauskommen laſſen darf. Wahrlich, Helena, ich bin kein Anbeter von Stein und Holz; aber jenes Heidenthum, wie es jetzt genannt wird, läßt mir den Geiſt frei, läßt mich die Gottheit in dem Weſen der Dinge, in den Erſcheinungen des Weltalls, in der Natur der Geſchöpfe er⸗ kennen und anbeten, und darum iſt es mein Glaube. Und was will ich? Das Chriſtenthum, wie es jetzt iſt, wie es von ſeinen Prieſtern und den Machthabern gehandhabt wird, trägt Schwert und Brandfackel in der Rechten, eherne Ketten in der Linken. Dies ſoll es nicht länger, dies will ich ihm nehmen. Ich werde es niemals verfolgen, das ſchwöre ich Dir in dieſer Stunde; es ſoll frei ſein, aber auch frei laſſen; ich will den Anhängern der alten Religionen die Erlaubniß geben, ſich wieder ans dem Staube zu erheben, und aus ihrem Innern zu ſchaffen, wozu ſie noch die Kraft beſitzen. Wohlan, ſehen wir, wer ſiegt: Der Rö⸗ mer oder der Galiläer! Unter meiner Herrſchaft ſoll Jeder frei bekennen, was ſein Geiſt bekennt!“ Julianus hatte dieſe Worte in griechiſcher Sprache, die ihm mit hinreißender Beredtſamkeit von den Lippen floß, voll Begei⸗ ſterung geſprochen, und einen tiefen Eindruck auf ſeine Gattin hervorgebracht, deren Ange an ſeinem Munde hing. Nach eini⸗ gem Schweigen wandte er ſich zu ihr:„Helena, haſt Du mir Etwas zu erwidern?“.... 365 „Nein,“ ſprach ſie mit feſter Stimme,„ich habe Nichts zu erwidern.“ „So könnte ich ſagen, Helena, und habe es geſagt, weil Du meine Gedanken ganz kennen ſollteſt. Aber wahrlich, ich brauche dieſe höhern Gründe zu meiner Vertheidigung nicht anzuführen. Hat mir Conſtantius eine andere Wahl gelaſſen? Muß ich nicht kämpfen oder ſchweigend untergehen? Als er mich hierherſandte, kam ich mit dem feſten Vorſatz, ihm meinerſeits niemals eine Veranlaſſung zu Verdacht und Unwillen zu geben, mich genau nach ſeinen Inſtruktionen zu richten, und dieſe waren beſchränkend genug, denn er ſchrieb mir bis auf meine Wohnung und Klei⸗ dung vor. Ich habe dieſen Vorſatz getreulich ausgeführt. Daß ich alsbald gewahrte, wie die galliſchen Völker die ihnen aufer⸗ legte Steuerlaſt nicht mehr zu tragen vermöchten und ich ſie ihnen daher erleichterte, daß mir daraus die Liebe des Volkes erwuchs, daß ich in vielen Schlachten die Feinde des Reiches beſiegte, deſ⸗ ſen Grenzen befreite und befeſtete, wie konnte ich dies ändern, und floſſen nicht dem Kaiſer ſelbſt die Vortheile und der Ruhm davon zu? Aber nun erwachte der düſtre Geiſt dieſes Mannes, und traute mir die Unthaten zu, deren er ſelbſt ſich ſchuldig ge⸗ macht. Er beſchloß, mich zu verderben, wollte mich wehrlos machen und dadurch in ſeine Hände bekommen. Er befahl mir, meine meiſten und beſten Truppen ihm zuzuſenden, und kümmerte ſich wenig darum, daß dadurch Gallien ſeiner Vertheidiger ent⸗ blößt und den Einfällen der Barbaren preisgegeben würde, noch weniger, daß dieſe Truppen durch ihre Capitulation nicht ver⸗ pflichtet wären, außer Landes zu dienen. Aber ich war entſchloſſen, ihm auch hierin zu gehorchen, was auch daraus kommen möge. Doch Du haſt es geſehen, die Truppen verweigerten den Gehor⸗ ſam und riefen mich wider meinen Willen zum Auguſtus aus. Dies war mein Todesurtheil in den Augen des Conſtantius, und ich mußte daher auf das Verlangen der Soldaten eingehen. Noch jetzt habe ich Alles gethan, um Conſtantins zu beſchwichtigen; ich habe ihm als Cäſar geſchrieben, und meinen Gehorſam zuge⸗ ſichert. Und was that er? Er zieht ſeine Heere zuſammen, um ſich auf mich zu ſtürzen; er hat Briefe an die deutſchen Stämme geſchrieben, um ſie aufzuhetzen, in Gallien einzufallen und ihnen große Verſprechungen gemacht; er will ihnen Gallien preisgeben, um mich zu erdrücken— ſolche Briefe ſind in meinen Händen.“ Die Kranke ſeufzte tief auf, Trauer verbreitete ſich über ihr Angeſicht und zögernd ſprach ſie:„O Julianus, das wird ein ſchwerer Kampf werden, und mein Herz zittert für Dich. Und doch, laß mich es ſagen, hat nicht Conſtantius, von meiner Schwe⸗ ſter angetrieben, Dich aus Deiner Dunkelheit hervorgezogen und Dich zum Cäſar gemacht? Müßte nicht die Dankbarkeit....“ „Fahre nicht fort, Helena,“ unterbrach ſie Julian.„Dankbar⸗ keit?.. O Helena, Du kennſt meine Vergangenheit nicht; ich habe ſie Dir nie enthüllt, denn ich wollte Dein argloſes, kindliches Gemüth nicht durch den Gifthauch dieſer Welt verbittern. Die Blume, die an meinem Herzen blühte, ſollte von dem ſengenden Strahl dieſes vergif⸗ teten Lebens nicht getroffen werden!.... Dankbarkeit— ich gegen Conſtantius!.... Wiſſe, daß es weniger der Verdacht, den Conſtan⸗ tius gegen meinen Ehrgeiz und meine Herrſchſucht hegte, war und iſt, der ihn antrieb, mich zu ſtürzen— es war der Gedanke der Rache, den ſeine kleinliche Seele in mir lebendig glauben mußte; es waren die Geiſter meines gemordeten Vaters, meiner erdolchten Brüder, die nächtlich um ſein Lager ſchleichen, und ihm die Blutflecken zeigen, die an ſeinen Händen kleben; der Geiſt meiner gemor⸗ deten Jugend, der ihm ſtündlich den Weheruf: Rache! in ſein Ohr ſchreien mußte. Nein, Du ſollſt, theure Helena, nicht von 367 hinnen ſcheiden, ohne daß der geringſte Makel an mir vor Dei⸗ nen Augen ausgelöſcht ſei. Du ſollſt einen Blick in meine Ju⸗ gend werfen.“ „Bis zum Tode des großen Conſtantin wurde ich zu Con⸗ ſtantinopel erzogen. Kaum aber hatte dieſer mächtige Herrſcher ſeine Augen geſchloſſen, ich zählte damals ſechs und mein Bruder Gallus ſieben Jahre, als Conſtantius aus Beſorgniß die Herr⸗ ſchaft mit denen theilen zu müſſen, welche dieſelben Anrechte da⸗ rauf hatten, alle Glieder meines Hauſes tödten ließ, nur Gallus und ich blieben übrig. Der erſtere wurde verſchont, weil er da⸗ mals hoffnungslos an einem Fieber daniederlag, mich aber ent⸗ führte Marcus, der Biſchof von Arethuſa, und verbarg mich in einer Kirche, bis unaufhörliches Bitten den Kaiſer bewog, auch mich leben zu laſſen. Er gab mir ſogar mein mütterliches Ver⸗ mögen zurück, das allerdings unbeträchtlich war, aber ein un⸗ ſchätzbares Gut enthielt, von welchem Conſtantius keine Ahnung hatte. Es war ein Sklave meiner Mutter, Mardonius, der uns mit unerſchütterlicher Treue ergeben war. Ein erleuchteter Geiſt, ein umfangreiches Wiſſen zierten ſein edles Gemüth, und mit unbegrenzter Sorgfalt lag er meiner Erziehung ob, unterrichtete mich, entfaltete meinen Geiſt, übte mein Denken und gab mir die Richtung auf alles Schöne und Edle. Ach es waren vier ſchöne Jahre, die ſchönſten meines Lebens, die ich mit ihm auf meinem Landgut in Bithynien verbrachte, und wo noch heute ein Wein⸗ berg, den ich mit eigenen Händen bepflanzt, von des Knaben Luſt und Ernſt zeuget. Dann kam eine ernſtere Zeit, ich wurde dem Biſchof Euſebius von Nikomedien übergeben, der mich in den Leh⸗ ren und Formen der chriſtlichen Kirche unterrichtete, in ſeiner Gutmüthigkeit mir aber noch Raum ließ, der Wiſſenſchaft und den ſchönen Künſten obzuliegen. Aber die ſorgloſe Zeit der Kind⸗ 368 heit ſollte bald auf immer vorüber ſein. Meinen Bruder Gallus hatte man auf einem Landgut in Jonien eingeſperrt gehalten. Jetzt, als ich fünfzehn Jahre zählte, wurden wir beide nach einer kleinen Feſtung Macella im ödeſten Theile des wilden Cappa⸗ docien gebracht, wo wir ſechs Jahre als Gefangene gehalten wur⸗ den. Niemand als unſre Sklaven und Lehrmeiſter durften uns ſehen und ſprechen. Unſre ganze Zeit, ſelbſt in den Nächten wurde auf Gebet, Leſen heiliger Schriften, Beſuch der Kirchen und der Grabmäler der Märtyrer verwendet, ja wir mußten öf⸗ fentlich die Aemter der Kirchendiener verſehen. Dieſe Behand⸗ lungsweiſe machte auf die beiden Jünglinge einen entgegengeſetzten Eindruck. Gallus gab ſich dieſen kirchlichen Uebungen ganz und gar hin, lag ihnen mit einem Eifer ob, der nur allzu oft die Abſicht verrieth, bemerkt zu werden, und redete nicht anders als in der Sprache, welche die Chriſten die Sprache der Gottſeligkeit zu nennen pflegen. Ob es ihm Ernſt geweſen und aus der Tiefe einer vollen Ueberzeugung gekommen, ich will es nicht beurtheilen, aber ſein Herz war lieblos und verſchloſſen, und ſeine Handlungs⸗ weiſe hinterliſtig und hart. Ich fühlte mich unſüglich unglücklich, abgeſtoßen von dem, was ich treiben mußte, und zurückgehalten von Allem, was ich liebte. Nach und nach richtete ich mich wieder auf, und warf mich um ſo begieriger in den nächtlichen Stunben der Einſamkeit in der engen, ſchmuckloſen Zelle, die ich bewohnte, auf die Studien, in welche mich mein geliebter Mardonius, den man in die Verbannung geſandt, eingeführt hatte. O, meine Helena, auch ich hatte eine Zeit, wo ich für den Glauben, den man mir eingepflanzt, ſchwärmte, und meine entflammte Phan⸗ taſie nichts als Engel und Geiſter ſah, und ich Nachts auf den Kirchhöfen umherſchlich, Gebete zu murmeln, und mit der überir⸗ diſchen Welt und ihren Bewohnern geheimnißvolle Verbindungen 369 anzuknüpfen. Aber da man die Sehne zu ſtraff anzog, riß ſie, die Vernunft machte ihre gefeſſelten Arme frei, und Alles ver⸗ ſchwand wie dunkles Schattenwerk vor ihrem Lichte!.... Das Benehmen meines Bruders Gallus trug ſeine Früchte. Als er einundzwanzig Jahre geworden, wurde er von Conſtantius zum Hofe berufen, zum Cäſar erhoben und als Statthalternach dem Orient geſchickt. Du kennſt ſeine kurze Laufbahn; Conſtantius ſchöpfte Verdacht gegen ihn und ließ ihn hinrichten. Ich hatte ihn nie wiedergeſehen. Ich aber verblieb noch eine Zeit lang in Macella, bis die Bitten der Kaiſerin, Deiner Schweſter, auch mich von dort erlöſten. Ich kam nach Conſtantinopel und man ließ mich dort einige Zeit nach meinem Gefallen leben, obſchon man mir Lehrmeiſter aufzwang, die zu mittelmäßig und zu ver⸗ kehrten Sinnes waren, als daß ich ſie nicht verachten mußte. Frühzeitig hatte mir Mardonius Lehren der Klugheit eingeflößt, und ich wachte daher ängſtlich darüber, daß man mir auch nicht die geringſte Ehrenbezeugung erwies und mich Jedermann nur wie einen Jüngling gewöhnlichen Standes behandle. Dennoch ſchöpfte Conſtantius Verdacht gegen mich, und glaubte, daß die Bewohner der Stadt eine Neigung für mich faſſen könnten. Sein Befehl verbannte mich wieder nach Nicomedien und unterwarf mich der ſchnödeſten Behandlung. Man ſchor mir den Kopf, klei⸗ dete mich in das Gewand eines Mönchs, und zwang mich, unauf⸗ hörlichen Bet⸗ und Bußübungen beizuwohnen. Der einzige Licht⸗ blick in meinem damaligen Leben war meine Bekanntſchaft mit einem der größten Geiſter unſrer Zeit, dem Weltweiſen Maximus, der damals in Nicomedien lebte, und mich nächtlicher Weile dann und wann beſuchte, um mich in meinem Elend aufzurichten und meinem Geiſte neue Nahrung zu bereiten.“ „Dieſelben Ankläger, welche ſpäter den Untergang meines 24 Bruders Gallus herbeiführten und an deren Spitze der Kämmerer Euſebius ſtand, richteten ihre Angriffe auch auf mich. Unerwar⸗ tet trafen Abgeordnete des Kaiſers in Nicomedien ein, ſchlugen mich in Feſſeln, rafften alle meine Papiere zuſammen und führ⸗ ten mich über das Meer nach Italien. Es war das erſte Mal, daß ich dieſen durch die Geſchichte geheiligten Boden betrat, und wie geſchah dies! Ich wurde nach Mailand gebracht und ſechs Monate eingekerkert gehalten, ſechs lange Monate, während derer ich jeden Tag meinen Tod erwarten konnte. Ja, nur Deiner Schweſter, Helena, nur ihren Vorſtellungen, geſtützt auf die Un⸗ ſchuld, die aus meinen Papieren hervorging, da ſich keine einzige Zeile vorfand, welche auf böswillige Abſichten gegen den Kaiſer gedeutet werden konnte, nur ihren unermüdlichen Bitten verdanke ich mein Leben. Sie wußte zwei Mal den Kaiſer zu bereden, mich zu ſehen, und indem ſie heimlich mich hierauf vorbereitete, war ich im Stande, durch ein einfaches, ebenſo jeder Anklage wie jeder Kriecherei fremdes Benehmen das Vertrauen des Con⸗ ſtantius zu gewinnen, der mich für einen gutmüthigen Charakter und beſchränkten Geiſt zu halten ſchien. Die Kaiſerin wirkte mir die Erlaubniß aus, eine Zeit lang in Athen zu verweilen. Bald aber wurde ich nach Mailand zurückberufen, und der Kaiſer befahl mir, das Mönchsgewand abzulegen und bei Hofe zu er⸗ ſcheinen. Damals war es, Helena, wo wir uns zum erſten Male ſahen, und ein guter Gott mir Deine Liebe verſchaffte. Allen Ränken der Höflinge zuwider, trug die Kaiſerin den Sieg davon, und gegen meine eigenen Vorſtellungen erhob mich Conſtantius zum Cäſar und gab mir Deine Hand. So glücklich mich die letztere machte, ſo ſehr erfüllte jene Würde mich mit ſchweren Be⸗ ſorgniſſen: denn ich ſah ſchon damals ein, wohin der unabwend⸗ bare Gang der Ereigniſſe mich führen mußte. Dies, geliebte He⸗ 371 lena, war meine Jugend. Ich habe Dir ihre Schreckniſſe, ihre Entbehrungen und Demüthigungen nur mit ſchwachen Worten ge⸗ ſchildert: ſie war eine lange Nacht, deren dunklen Wolkenſchleier nur hier und da ein Stern des Geiſtes mit ſeinem Lichtſtrahl durchbrach, und nur dieſer allein vermochte meine Seele vor dem Untergang zu retten. Sprich, habe ich Dankbarkeit gegen Con⸗ ſtantins zu hegen?“ Die Kranke hatte längſt ihr müdes Haupt wieder an die Schulter ihres Gatten gelehnt und mit ihren Händen ſeinen Arm umfaßt, wie um ſich aufrecht zu erhalten. Thränen waren ihren Augen entfloſſen, und mit zitternden Lippen ſprach ſie:„O Du Liebling meines Herzens, was haſt Du gelitten!.... Aber meine Schweſter?“ „Wie anders,“ fuhr Julian fort,„kannſt Du denken, als daß all mein Streben dahin gehen wird, ſie ſicher zu ſtellen, ſo weit ich es nur vermag, und von ihrem edlen Haupte jeden ſchwe⸗ ren Schlag fern zu halten, ſo weit es in meinen Mitteln liegen wird! Ich gelobe es Dir nicht in dieſer Stunde, denn ich weiß, Du vertraueſt mir. Ein gutes Geſchick wird mich leiten: laß uns das Beſte hoffen.... Nun aber iſt es genug. Unſre See⸗ len haben ihr Geheimſtes mit einander ausgetauſcht, und alſo mögen ſie ſich einſt wiederfinden. Doch verlange nicht, Theure, daß ich von Dir fern bleibe. Ruhe jetzt, und ſowie die dringend⸗ ſten Geſchäfte abgethan ſind, erſcheine ich wieder bei Dir.“ Er löſte ſanft die Hände ſeines Weibes von ſeinem Arm, und legte ihr Haupt auf die Kiſſen zurück. Helena ließ es ge⸗ ſchehen, denn ſie war völlig ermattet, und ſie ſchloß die Augen wie zu einer Ohnmacht. Julian verließ ihr Lager und rief ihren Frauen. Aber Helena hatte Recht behalten. Er kam nicht wieder zu . ihr zurück. Gegen Abend erwachte ſie aus einem unruhigen Schlum⸗ mer. Ein abermaliger Blutſtrom entquoll ihrem Munde, aber bald ſtockte dieſer, denn das Leben war plötzlich aus dem ſchönen Körper des jungen Weibes entflohen. Ihr Leichnam wurde einbalſamirt und nach Rom zur Bei⸗ ſetzung geſandt. 12. Kaum hatte die Sonne ihre erſten Strahlen über die Ebene geworfen, welche Patrika gerade durchritt, als er vom Pferde ſtieg, es einige Schritte in einen nahen Wald führte, und auf einer lichten Stelle den Brief herausholte, den ihm Iddo noch beſon⸗ ders hatte übergeben laſſen. Er riß ihn auf und las: „Patrika, ich begrüße Dich in der Freiheit. Sei ein Held, wie Du es geweſen. Ich muß zu meinem Schmerze der Herold großen Leides für Dich ſein. Es wird Dein Herz zerreißen— aber Du mußt es überwinden. Du mußt ein Held ſein um unſertwillen.“ Und da lag die Unglücksrolle in ſeiner Hand, und ſein Auge ſah die unſeligen Worte, die ihm den Tod der treuen Pilgerin verkündeten, den Tod, den ſie für ihn erlitt, als ſie ihre letzten Kräfte aufrieb, um zu ihm zu eilen. Er hatte dies ſo oft ge⸗ dacht, glaubte es ſo oft zu ahnen, ſeine Mirjam erſchien ihm ſchon längſt als der Geiſt einer Abgeſchiedenen, der ihm noch immer Worte der Liebe und des Troſtes in die verzweifelnde Seele flü⸗ ſtere— und doch! dieſe Gewißheit, wie zerfleiſchte ſie ſein Herz, wie erfüllte ſie ihn mit unendlicher Traurigkeit!.... Er war auf den Boden geſunken, ſeine Fauſt hatte einen nahen Stamm einer jungen Ulme gefaßt, und ſein Haupt lehnte an einen Strauch, deſſen Dorn ihn verwundete, er fühlte es nicht. So brütete er Stunden hin, ohne feſten Gedanken, ja ohne eigentliches Bewußt⸗ 374 ſein, bis ſich ſeine Lebensgeiſter allmählich wieder ſammelten, und plötzlich der Hufſchlag eines Roſſes auf der Heerſtraße ihn aus ſeinem dumpfen Trübſinn weckte. Er ſprang auf, der Ge⸗ danke an die Gegenwart und ihre Forderungen überkam ihn. „Fliehe, fliehe, vielleicht entfliehſt Du Deinem Kummer! Hinein in den Strom des Lebens, kämpfe mit ſeinen tobenden Wellen, bis ſie Dich hinunterziehen in die dunkle Tiefe, oder Dich ſchlen⸗ dern an den ſteinigen Strand!“ So rief es in ihm, und ſchnell holte er ſein Roß herbei, gelangte wieder auf die Straße, ſchwang ſich in den Sattel, und galoppirte fort. Ach! jenes Siegesgefühl wieder erlangter Freiheit war aus ſeiner Seele geſchwunden; nur der Sturm des Schmerzes, des Haderns mit dem Geſchick, des Unwillens über die Launen des Lebens, das uns Großes verleiht, um ihm im nächſten Augenblick ſeinen Werth zu nehmen, trieb ihn von dannen und erfüllte ihn zuletzt mit Trotz. Doch nein— ein Gedanke an das verlorene Weib, und ſeine Stimmung löſte ſich wieder in Wehmuth auf, und er gedachte nur des einen Zie⸗ les: durch den Sieg über Rom zum Grabe ſeiner Gattin zu gelangen. So durchzog er die üppigen Fluren Italiens, die, damals noch nicht vom Fuße der Verwüſtung zertreten, ſondern von fleißigen Völkern bewohnt, einem einzigen Garten glichen. Die größeren Städte vermied er, und in den kleineren verſchafften ihm ſein Offizierge⸗ wand und die falſchen Depeſchen, die er vorzeigte, Alles, weſſen er zu einer raſchen Förderung bedurfte. Dabei ließ er es ſich jedoch angelegen ſein, über den Stand der Dinge, namentlich über die vorhandenen Kriegsmittel und die Vorbereitungen, die getrof⸗ fen wurden, Erkundigungen einzuziehen und Nachrichten zu ſam⸗ meln. Endlich erreichte er den Fuß des hohen Gebirges, das Ita⸗ lien von Germanien und Gallien ſcheidet. Aber er vermied die 375 damals gewöhnliche Straße durch das weſtliche Helvetien nach dem Lemaner See, weil hier Heerhaufen ſtanden, welche Conſtan⸗ tius zugethan ſein ſollten. Er verſchaffte ſich vielmehr Führer, die ihn über das weniger gangbare Gebirg im Oſten leiteten. Es war eine ſchwierige und gefährliche Fahrt. Ueber hohe, faſt ungangbare Berge und Felſen lief der ſchmale Pfad, immer höher, bis in die Region des ewigen Schnees; ſteile Klippen waren hinauf und herab zu klimmen, ſchwindelnde Stege über donnernde Waſſerſtürze zu überſchreiten; dicht an Abgründen vorüber führte der ſchmale Pfad, wo ſelbſt das Saumroß kaum einen Halt für ſeinen Huf fand; dabei der Froſt der Eisfelder und der Mangel an Nahrung zu ertragen. Aber Patrika überwand Alles, und ſein Gemüth ſtärkte ſich an den Schreckniſſen der Natur und an den Mühſalen und Gefahren des Weges. Endlich gelangte er nach der kleinen Stadt Curia(Chur), und verfolgte von hier aus das breite Rheinthal. Hier erhielt er die überraſchende Kunde, daß er bald auf Truppen des Julia⸗ nus ſtoßen würde. Während nämlich Conſtantius, verleitet durch die ſcheinbare Unbeweglichkeit Julians und verblendet durch die Vorſpiegelungen falſcher Freunde, ſich in der Ueberzengung wiegte, daß der neue Bewerber um die Würde des Auguſtus Nichts gegen ihn zu unternehmen wage und zufrieden mit der Herrſchaft in Gallien ſeinen Angriff abwarte: hatte Julian mit außerordent⸗ licher Umſicht und unermüdlichem Eifer alle Vorbereitungen ge⸗ troffen, um den Kampf zu beginnen, wo möglich aber die Partei⸗ gänger des Kaiſers zu überrafchen. Conſtantius hatte Rom und Italien verlaſſen und war nach Griechenland und Pannonien ge⸗ eilt, um die Heerhaufen zu vereinigen, die gegen die Perſer ge⸗ führt werden ſollten, um mit ihnen nach Gallien zu zichen. Ju⸗ lian, der von Allem genau unterrichtet worden, beſchloß daher, 376 nach Italien zu gehen und Rom zu überrumpeln. Seine kampf⸗ gewohnten Legionen hatte er in Eilmärſchen, aber geräuſchlos bis zum Brigantiner See(Bodenſee) vorrücken laſſen; dann eilte er ihnen nach und nahm ſein Hauptquartier augenblicklich in Con⸗ ſtanz, während die Cohorten bereits um den ganzen See herum bis nach Brigantium(Bregenz) ſich ausdehnten. Patrika legte klopfenden Herzens den Weg durch das Rhein⸗ thal zurück. Er hatte ſich der militäriſchen Bekleidung wieder entledigt, und nur die prächtigen Waffen an ſich gehalten, mit denen er ausgerüſtet worden. Die himmelanſteigenden Berge, die in ununterbrochener Kette von beiden Seiten das ſtromdurchfloſſene Thal umſchloſſen, und von denen viele ihre grauen Stirnen mit jungfräulichem Schnee bekränzt hatten, die lachenden Fluren des Thales ſelbſt mit ihren wohlbeſtellten Feldern, das dunkle Grün der Forſte, welche die Seiten der Höhen anſtiegen, die zerſtreuten Menſchenwohnungen, die ſich hier und da zu Dörfern und Flecken zuſammengethan, die rauſchenden Bergſtröme, die wild aus den Seitenthälern herausſtürzten, um ſich mit den weißgrünen Wellen des Rheines zu vermählen, alle dieſe Herrlichkeiten, die nach den Schreckniſſen der Hochalpen, welche er ſoeben überwunden, ſo wohlthuend wirken mußten, mögen wohl ſein Auge unbewußt er⸗ götzt haben; aber ſeine Gedankenwelt war zu ſehr erfüllt von dem, was vor ihm lag, als daß ſie bei jenen hätte lange verweilen können. Noch hatte er die Stelle nicht erreicht, wo der Rhein ſich in den See ergießt, um erſt nach einem Laufe von vielen Stunden aus demſelben wieder herauszutreten, als ihm eine Schaar berittener Sol⸗ daten entgegenkam, ihn anhielt und ihn befragte: wer er ſei, wohin er wolle, woher er komme? Poatrika zeigte das Schreiben an den Unterfeldherrn Eupolemos vor, und verlangte, zu dieſem geführt zu werden. Glücklicherweiſe befehligte dieſer die ganze Vorhut des 377 Heeres und befand ſich in Brigantium. Von zwei Soldaten be⸗ wacht, wurde Patrika dahin geführt, und bei dem Quartier des Generals angelangt, ſandte er das Schreiben zu ihm hinein. Nach kurzer Zeit wurde er hereingerufen, und ſtand vor dem tapfern Krieger. Prüfend ſah ihn dieſer an, und auch Patrika konnte nicht lange mehr Zweifel darüber hegen, wen er vor ſich habe. Es war derſelbe Eupolemos, mit welchem er in ſeiner Jugend zu Rom eine freundliche Bekanntſchaft gemacht, und mit dem er zugleich die ritterlichen Künſte der Waffenführung und des Roſſe⸗ bändigens erlernt hatte. Er brauchte nicht lange zu harren, denn Eupolemos ſtreckte ihm die Hand entgegen und hieß ihn in wärm⸗ ſter Weiſe willkommen. Das Gemüth Patrika's erheiterte ſich, denn er däuchte ſich ſeiner ſchwerſten Sorge entledigt, da er einen ſo trefflichen Fürſprecher gefunden. Bald ſaßen ſie in trauliches Geſpräch verſunken ſich gegen⸗ über, und die Bilder der vergangenen Zeit rollten ſich vor ihrer Erinnerung auf. Sie gedachten der Tage, in welchen ſie zu Rom in gemeinſchaftlichem Streben wetteiferten, und die von Strapazen, Sorgen und Kümmerniſſen ſchon etwas gealterten Geſichter wur⸗ den von heiterem Lächeln überzogen, da ſich manche komiſche Scene aus jener Zeit vor ihnen erneuerte. Aber unwillkürlich verdü⸗ ſterte ſich das Antlitz des Eupolemos, als der Name Meſchullams genannt wurde.„Das iſt ein böſer Name,“ rief er aus,„und ich rathe Dir wohlmeinend, in Gegenwart des Auguſtus ihn nicht zu nennen. Meſchullam hat uns dem Conſtantius verkauft, und dieſem die Mittel geliefert, den Krieg auf lange Zeit zu führen. Viel von dem Blute, das vergoſſen, von dem Menſchengut, das zerſtört werden wird, hat er darum auf ſeinem Gewiſſen, und wenn er in die Hände der Unſrigen fällt, hat er eines ſchlim⸗ men Schickſals zu gewärtigen!— Du aber, Patrika,“ ſchloß er 378 ſeine Rede,„biſt bei dem Kaiſer hoch angeſchrieben. Wie Du ſiehſt, ſind wir von Deinem Lebensgang wohl unterrichtet, und die Tapferkeit und die Umſicht, die Du in der Vertheidigung Ga⸗ liläas bewieſen, haben Dir ſelbſt bei dem Kaiſer eine günſtige Meinung bewirkt. Da ich eben den Tagesbericht an denſelben zu ſchicken habe, ſo werde ich in ihm Deiner Ankunft erwähnen und um eine Audienz für Dich bitten. Ich werde Dir jetzt ein Quartier anweiſen laſſen; dahin begieb Dich und pflege der Ruhe, deren Du nach einer ſo mühſeligen Reiſe bedürfen wirſt.“ Es war am Morgen des zweitfolgenden Tages, als Patrika nach dem Gebot des Kaiſers ſich auf den Weg nach Conſtanz machte. Eupolemos begleitete ihn, da er zu einem Kriegsrath be⸗ rufen worden. Von einer Schaar Reiter begleitet, ritten ſie längs des ganzen halbmondförmigen Ufers des Sees. Die gekräuſelten blauen Wellen desſelben ſchlugen im regelmäßigen Wechſel rau⸗ ſchend an das Ufer und benetzten zuweilen ſelbſt die Hufe der Roſſe. Gegenüber erhob ſich terraſſenartig ein grünes Gelände, von Häuſern überſät, über welches ſich ein grauer Gebirgsſtock thürmte, auf deſſen höchſten Spitzen ewiger Schnee ruhete. Die Strahlen der aufgehenden Sonne übergoſſen den See und die Almen und die grauen Felſen mit Goldglanz und prallten in ſilbernem Lichte von den Schneefirſten zurück. Darüber war ein tiefblauer Himmel geſpannt. In der Seele Patrika's tauchte das Bild eines andern blauen Sees mit grünen Gärten und grauen Felſen auf, und ſtellte ſich neben das farbenreiche Gemälde, das vor ſeinen Augen ſich ausbreitete. Und langſam trat aus den Myrthen⸗ und Oleandergebüſchen eine weibliche Geſtalt in weißen Gewändern zu ihm heran, und richtete die trübernſten und doch ſo liebesſüßen Augen auf ihn, und der leiſe flüſternde Mund trug den ſchmeichelnden Laut in ſein Ohr.„O, mein Patrika!“... 379 Das Haupt Patrika's war längſt ihm auf die Bruſt geſunken, und ſein Blick war nach innen gekehrt; aber ſein Auge ſah die Geſtalt und ſein Ohr vernahm die Laute. Nicht ſo? Die Wellen des heiligen Sees von Tiberias plätſchern noch und ſchimmern im Sonnenſtrahl, und der Wind flüſtert durch die Palmzweige— aber die liebliche Geſtalt mit den großen Augen und der ſüßen Stimme, wohin iſt ſie geſchwunden?.... In dieſem Augen⸗ blicke erſcholl die ranhe Stimme eines Kriegers, der Eupolemos eine Meldung brachte— der perlende Thautropfen im Ange Pa⸗ trika's verſchwand, er richtete ſich hoch im Sattel auf und wußte wieder, daß er am Ufer des brigantiniſchen Sees ſei. Julianus ſtand vor einer Gruppe von Offizieren im großen Saale der Burg von Conſtanz, als Patrika hereingeführt ward. Er wandte ſich zu dieſem und blickte ihn prüfend an. In ſeinem ſprechenden Auge drückte ſich Wohlgefallen an der hohen, kriegeri⸗ ſchen Geſtalt und dem wohlgebildeten, männlichen Antlitz des ein⸗ ſtigen galiläiſchen Anführers aus. Nach einigem Schweigen re⸗ dete er Patrika an:„Alſo das iſt der jüdiſche Rebell, der ſich jetzt dem Arme der ſtrafenden Gerechtigkeit entzogen hat?“ Patrika erſchrak über dieſe Worte, faßte ſich aber ſchnell und erwiderte ruhig:„Mein erlauchter Auguſtus weiß wohl, daß ich niemals gegen die Macht des Kaiſers den Arm erhoben habe, ſondern nur gegen die frevelhaften Diener desſelben, welche mein Volk marterten und folterten. Meine Hand griff uur nach der Schlinge, mit der man uns erwürgte, um ſie zu lockern, und wenn es nicht anders ginge, ſie zu zerreißen. Das Beil war er⸗ hoben, das unſern Nacken treffen und zerſchneiden ſollte, und ich wollte nichts weiter, als es in ſeinem furchtbaren Falle aufhalten. Ebenſo weiß ich auch, daß der Auguſtus Julianus einem Manne nicht zürnt, der aus den Tiefen des unterirdiſchen Kerkers zur Sonne ſeines Antlitzes ſich flüchtet.“ Aus dem Geſichte des Kaiſers wich bei dieſen Worten alle Strenge, und die Freundlichkeit, die gewöhnlich ihren Sitz um ſeinen Mund hatte, kehrte zurück und zeigte Patrika, daß er nichts zu fürchten habe. Da jener noch ſchwieg, hob er muthig von Neuem an:„O Herr, unter den Völkern iſt die Kunde ver⸗ breitet, daß Du als ein Herold neuen Glückes über ſie gekom⸗ men, daß Du jedem die Freiheit ſeines Glaubens und ſeiner Sitte wiederbringeſt, daß Du Gehorſam Deinen Geboten forderſt, aber dieſe Gebote Vorſchriften der Gerechtigkeit und des Friedens ſeien. Darum jauchzen ſie Dir zu, und der Sieg eilt Deinen Standarten voran!“ Julian nickte beifällig mit dem Haupte.„Du ſprichſt gut, Hebräer,“ ſagte er,„und ich ſehe es gern, wenn Männer, wie Du biſt, mich und meine Pläne begreifen. Ja, ich habe es gut auch mit Deinem Volke vor, und an dem Tage, wo mein Fuß den Boden Italiens betritt, werden meine Manifeſte es bezeugen. Aber was willſt Du hier und was führte Dich zu mir?“ Pa⸗ trika antwortete:„Meinen Arm Deinem Dienſte weihen, wenn Du ihn nicht verſchmähſt.“ „Das freut mich, und ich werde Dir eine Stelle anweiſen in meinem Heere.“ Julian trat nach dieſen Worten nach einer Fen⸗ ſtervertiefung hin und winkte Patrika zu ſich. Er fragte ihn nach dem, was er bei ſeinem Ritt durch Italien erfahren habe, und Patrika theilte dem erlauchten Herrn Alles mit, was er wußte; wo und welche Heerhaufen des Conſtantius nördlich von Rom an einzelnen Punkten ſtanden, und wer ſie befehligte, und was er aus dem Munde der Männer, mit denen er zuſammengetroffen, über die Niedergeſchlagenheit und die Furcht Aller vor Julian erfahren. 381 Er that dies in ſo kurzer und beſtimmter Weiſe, mit ſo ange⸗ meſſener Würdigung aller der Punkte, auf die es ankam, daß der Kaiſer davon betroffen und darüber hoch erfreut ſchien und ihn mit gnädigen Zuſicherungen entließ. Hoch beglückt und mit der wärmſten Begeiſterung verließ Patrika die kaiſerliche Burg und machte ſeinen Gefühlen in ſo feurigen Worten Luft, daß Eupolemos darüber lächelte.„Jo,“ ſagte er,„Julianus hat hochfliegende Pläne, und ergeht ſich am lieb⸗ ſten in Bildern des allgemeinen Menſchenwohles. Glücklicher Weiſe verbindet er damit einen ſehr praktiſchen Sinn, ſobald es ſich um die Geſchäfte des Tages handelt, und ſeine Feldzüge wie ſeine Verordnungen erweiſen ſein richtiges Urtheil und ſeinen glücklichen Takt. Sieh, Patrika, ich kümmre mich um ſeine großen Pläne nicht. Ich traf mit ihm in Mailand zuſammen, wo ich einer der Begünſtigten war, die ihn in ſeinem Gefängniſſe beſuchen durften. Ich wurde darauf, als er nach Gallien geſandt ward, unmittelbar bei ſeiner Perſon angeſtellt. Ich liebe ihn, und er iſt mir zugethan. Aber ich bin ein Weltkind, und es iſt mir völlig gleichgültig, an welchem Altar die Prieſter beten, ob an dem der Pallas oder an dem des Kreuzes. Aber glaubſt Du wirklich, Patrika, daß Julian das Heidenthum wieder in die Höhe bringen und dem alten Cultus der Griechen und Römer neues Leben und neuen Geiſt wird einflößen, und, laß mich offen ſprechen, ſelbſt dem Glauben Deiner Brüder eine hohe Stellung unter den Völkern verſchaffen können? Denn, ich muß es ſagen, auch über das Judenthum ſpricht er ſich oft ſo anerkennend aus, und wie es der griechiſchen Philoſophie am Nächſten ſtehe und mit ſeiner Grundidee ſchon mehrere alte Weltweiſen übereingeſtimmt hätten, daß ich ihn faſt darauf angeſehen, ob er nicht ſelbſt einmal Jude werden würde?“ Patrika hörte aufmerkſam zu, weil er aus dem Munde des offenherzigen Eupolemos die eigentlichen Meinungen des Kaiſers erfahren zu können glaubte. Jetzt antwortete er auf die Frage ſeines Begleiters:„Ich glaube, es wird einen ſchweren Kampf koſten, und ich zittere, daß Julian demſelben erliegen werde. Con⸗ ſtantius wird er beſiegen, aber das Chriſtenthum nicht. Ich habe genug von der Welt geſehen, um zu wiſſen, daß mit den An⸗ hängern des alten Götzenthums nichts mehr zu machen ſei; ſie haben nichts weiter, als die Gewohnheit für ſich; der Geiſt iſt ihm entſchwunden, und die Form iſt tönern und leblos. Das Chriſtenthum aber iſt noch jung und neu, und, ſo viel ſeine Prie⸗ ſter auch ſchon daran verdorben haben, in der großen Maſſe facht es eine unbezwingliche Begeiſterung an, die weder mit den Waf⸗ fen, noch mit Dekreten zu erdrücken iſt. Was der Kaiſer er⸗ kämpfen kann, wird ſein, daß die Gewalt und der Druck, mit denen jetzt das Chriſtenthum gegen Andersgläubige verfährt, auf⸗ höre, die Freiheit des Gewiſſens die Herrſchaft führe, und unter dieſer das Heidenthum ruhig und ohne Blutvergießen ausſterben könne. Und fürwahr! auch dies iſt ſchon ein Preis, der des Kampfes werth iſt. Was das Indenthum betrifft, ſo hat es nie hervſchen, nie unter den Mächten der Erde glänzen wollen; es will nur beſtehen, und dieſen Beſtand kann ihm Niemand rauben; ja, je größer der Druck, deſto unbezwinglicher wird der Gegen⸗ druck ſein.“ Die Ankunft und die Perſönlichkeit Patrika's hatte auf Ju⸗ lianus einen tiefen Eindruck gemacht. In der größten Abge⸗ ſchloſſenheit erzogen, dann mit einem Male nach Gallien verſetzt, hatte er wenig Gelegenheit gehabt, Juden und Judenthum kennen zu lernen, und ſie vielmehr durch die Brille der chriſtlichen Zelo⸗ ten betrachtet. Als er dieſe abgethan, imponirte ihm zwar der 383 Geiſt der heiligen Schrift Israel's, aber die Individuen und die Nation blieben ihm fern gerückt. Jetzt trat ihm in Patrika ein Mann entgegen, in welchem er im erſten Begegnen ſchon die löb⸗ lichſten Eigenſchaften gewahrte. Er ließ ihn daher in den nächſten Tagen öfter zu ſich kommen, unterhielt ſich lange Zeit mit ihm und forderte von ihm Aufſchluß über die Geſchichte und die gegen⸗ wärtige Lage ſeiner Nation. Er legte ihm alle die Vorurtheile vor, die ſchon damals gegen die Juden im Schwange waren, und ließ ſie ſich erklären und widerlegen. Ohne ſein Urtheil gefangen zu geben, ſchöpfte er daraus die feſteſten Entſchlüſſe, die Pläne, die er ſich auch hierüber gebildet, zur Ausführung zu bringen. Pa⸗ trika jubelte in ſeinem Herzen, daß es auch hier ihm vergönnt ſei, für ſein Volk, und, wie er glaubte, für Wahrheit und Recht einzutreten. Der Kaiſer verlieh Patrika die Anführung einiger Cohorten unter dem Befehle des Eupolemos, ſo daß er faſt die Spitze des ganzen Heeres einnahm, da ſeine Leute die erſten Glieder der von Eupolemos befehligten Vorhut bildeten. Nach kurzer Zeit hatten ſich ſämmtliche Heerhaufen am Brigantiner See verſammelt, und Julian gab den Befehl zum Aufbruch, um über die letzte Vor⸗ mauer Italiens in die große Ebene hinabzuſteigen, welche den Norden der Halbinſel einnimmt und ſpäter den Namen der Lom⸗ bardei erhielt. Zu gleicher Zeit erließ er ein Manifeſt an die Völker des römiſchen Reiches, in welchem er Allen Befreiung von jeglichem Drucke und freie Exiſtenz nach Recht und Geſetz zuſicherte; was eine Religion, eine Sekte, eine Kirche beſäße, ſolle ſie behalten, eine jede aber unbehindert und von der Herrſchaft der andern frei ſein. Dem Chriſtenthume nahm er die erlangte Suprematie, und dem alten Cultus ſtellte er Glanz und Würde wieder her, ohne jedoch das erſtere irgend einer Verfolgung Preis zu geben. Auch 384 die weit zerſtreuten Inden redete er an; er hob die jüngſt erfloſſe⸗ nen Dekrete des Conſtantius auf, gewährte ihnen die Rückkehr nach Rom, befahl die Wiederanſtellung der entlaſſenen Beamten, Offiziere und Soldaten ihres Glaubens, und gab allen Inden das römiſche Bürgerrecht ungeſchwächt zurück, das ſie bis zu Con⸗ ſtantin beſeſſen hatten. Ja, noch mehr, er erklärte das Verban⸗ nungsdekret, nach welchem die Juden das heilige Land und Je⸗ ruſalem nicht mehr betreten durften, für aufgehoben. Dieſes Ma⸗ nifeſt wurde von den Agenten Julians mit einer wunderbaren Schnelligkeit über ganz Italien verbreitet, erweckte in zahlloſen Gemüthern eine flammende Begeiſterung, und bereitete dem Heere Julians einen offnen Weg und Millionen dienſtwilliger Hände. 13. Auch der Rabbi Gideon hatte nach dem Dekrete des Con⸗ ſtantius Rom verlaſſen müſſen, und war mit ſeiner Tochter, mit Mirjam und Amnon nach dem nahen Landſtädtchen Bovillae ge⸗ zogen. Er wollte nicht weiter gehen, weil er ſich überzeugt hielt, daß dieſe neue Zuchtruthe des Herrn, wie er ſich ausdrückte, bald wieder zurückgezogen werden würde. In Bovillae war ſeit länge⸗ rer Zeit eine kleine Gemeinde anſüſſig, welche jetzt durch einigen Zuzug aus Rom verſtärkt worden. Sie empfing den Rabbi mit außerordentlicher Freude; denn ſie fühlte ſich hoch geehrt und ge⸗ ſegnet durch die Anweſenheit eines ſo berühmten Gelehrten, der zu den Genoſſen des Patriarchen gehört hatte. Man richtete ihm eine beſcheidene, aber bequeme Wohnung ein und verſah ſie mit Allem, was zu ſeiner Behaglichkeit gereichen konnte. So verlebte denn auch hier Mirjam ruhige Tage, in welchen die Wunden ihres Herzens ſich ausheilen konnten. War ſie auch mit den fer⸗ neren Schickſalen ihres Gatten nicht bekannt, ſo wußte ſie ihn doch frei und gerettet, und wenn ſie auch an ihrem eigenen Schmerze ſein Leid um ſie bemeſſen konnte, dachte ſie doch, daß das Herz des Mannes, der in die Geſchäfte des Lebens einzugreifen ge⸗ trieben war, ſich leichter beruhige. Ihre Liebe war ſo frei von aller Selbſtſucht, daß ſie ſich nur in den Gedanken verſenkte, wie ihr Patrika ſich wieder aus der Tiefe zu den Höhen des Lebens heraufarbeiten und noch zu einer glücklichen Zukunft gelangen 25 386 werde. Nur das eine Verlangen beherrſchte ſie noch, zu wiſſen, wohin er geflohen und was er unternehmen werde. So kam es, daß die Stimmung ihrer Seele eine ruhige, gleichmäßige ward, und hierdurch auch ihr körperliches Befinden ſich ſchnell beſſerte. Sie verließ das Haus des Rabbi nie, aber ein hübſcher Garten hinter demſelben mit ſchattigen Ruheplätzen bot ihr einen willkom⸗ menen Aufenthalt, und die kühlenden Winde, die vom nahen Ge⸗ birge herabkamen, brachten ihr Geneſung und Stärke. Die Kraft der Jugend bewährte ſich an ihr, und ſie blühete von Neuem auf. Eines Morgens trat Amnon mit eiligen Schritten in den Garten und ſuchte ſie an ihrem Lieblingsplatze auf. Ihr ſcharfes Auge bemerkte an dem treuen Freunde ſofort eine ungewöhnliche Bewegung. Sein Antlitz war geröthet, ſeine Augen blitzten. „Was iſt geſchehen, Amnon?“ rief ſie ihm entgegen.„Du ſiehſt ſo aufgeregt aus.“ „Mirjam,“ rief er lebhaft aus,„ich habe Dir vor einigen Ta⸗ gen das Manifeſt des Kaiſers Julian gebracht. Es hat überall gezün⸗ det. Von allen Seiten ſtrömt die Jugend zu ſeinen Standarten. Auch hier iſt ein halb Dutzend jüdiſcher Jünglinge zuſammengetreten, um zu ſeinem Heere zu eilen. Geſtern Abend, denke Dir, ſind zwei Männer hier durchgekommen, zwei Männer, die— nun ich will es Dir ſagen— Männer aus Sepphoris, die einſt mit uns gegen die Römer gekämpft und die ſich glücklich aus der Stadt gerettet— ich habe ſie nicht zu Dir gebracht, um Dich nicht aufzuregen, aber weißt Du, wohin ſie gehen?... Nach den Feldern von Oberitalien zu— Patrika!“ „Wo iſt Patrika? Was iſt er?“ rief Mirjam, von ihrem Sitze aufſpringend, aus. „Er iſt in der Vorhut des Heeres Julians und zwar als ein höherer Offizier. In ganz Italien weiß man es bereits, und — 387 die jüdiſche Jugend eilt hin, ſich unter ſeinen Befehl zu ſtellen, ſo daß der Kaiſer berrits eingewilligt hat, daß er unter ſeinem Commando eine beſondere Schaar jüdiſcher Krieger bilde. Es ſind viele erprobte Veteranen darunter, welche der thörichte Conſtan⸗ tius nach dem ihm von den Prieſtern abgerungenen Dekret ent⸗ laſſen hatte. Wohlan, Mirjam, auch ich ziehe hin an der Spitze der ſechs Jünglinge von hier.“ „Du thuſt Recht daran, Amnon,“ erwiderte feurig Mirjam, „Du könnteſt gar nicht anders. Wo Patrika kämpft, kann Am⸗ non nicht feiern. Du mußt an ſeiner Seite ſein, für ihn ſorgen, ihn ſchirmen, wie er es auch für Dich thut. Mein Segenswunſch begleitet Dich, meine Seele folgt euch, ſie weiß nun, wo ſie ihn zu ſuchen.“ „Ich wußte es im Voraus, Mirjam, daß Du damit einver⸗ ſtanden ſein wirſt. Aber— Mirjam.... wenn ich nun zu ihm komme— was ſoll ich zu ihm ſagen?“ Mirjam ſchwieg; ihre Lippen fingen an zu zittern, ihr Antlitz ward bleich. „Ich habe die ganze Nacht,“ fuhr Amnon fort,„die Sache überlegt, und kein Schlaf kam über dieſe Frage und ihre Antwort auf mich. Aber ich bin nun zum Entſchluſſe gekommen... „Nun?....“ fragte Mirjam leiſe den zögernden Amnon. „Ich werde ihm die Wahrheit ſagen!“ antwortete dieſer jetzt entſchloſſen. „Die Wahrheit!“ rief Mirjam erſchrocken aus,„und haſt Du bedacht, in welche neue Kämpfe Du dadurch ſein Herz hin⸗ einſchleuderſt, das ſich kaum wird beruhigt haben? Und jetzt, wo er Beſonnenheit und Feſtigkeit im Schlachtenkampf ſo ſehr bedarf!?“ „Mirjam, ich kann nicht anders. Ich habe nie lügen kön⸗ 388 nen, und ich ſoll Patrika belügen? Nimmermehr. Wenn ſein großes, treues Auge auf mir ruhet, mit all dem unbegrenzten Vertrauen, das er ſtets in mich geſetzt, und die Lüge wäre auf meinen Lippen— ich würde zuſammenbrechen vor dieſem Blick, und all der Trug käme doch zu Tage. Und meinſt Du, ich wäre im Stande, von Dir, die lebend und blühend vor mir ſteht, aus⸗ zuſagen, daß Du zu den Todten gehörſt und unter dem Raſen ſchlummerſt? Nimmermehr. Und denkſt Du endlich, wenn er zu mir tritt und frägt mich: Ich habe Dir das theuerſte Gut meines Lebens anvertraut, was haſt Du damit gemacht? Wa⸗ rum haſt Du es nicht geſchützt? Warum ließeſt Du ſie ſich aufreiben und untergehen? Denkſt Du, daß ich dies aushalten und ſeine Vorwürfe ertragen könnte, mag er ſie nun ausſprechen oder nicht? Mirjam, ich kann Beides nicht: ich kann nicht zu⸗ rückbleiben und kann Patrika nicht die Wahrheit verbergen.“ Mirjam ſchwieg noch immer. Es kämpfte in ihrem Herzen; es bangte ihr vor dem Beginnen Amnon's, und doch wieder er⸗ ſehnte ſie es als ihren heißeſten Wunſch. „Und dann,“ hob Amnon noch einmal an,„habe ich noch einen Hintergedanken, den ich Dir ehrlich bekennen will. Iddo's heimlicher Plan, Patrika an ſich zu ziehen, wird dadurch gründlich zu Schan⸗ den. Patrika wird zurückſchauern vor ſolch giftiger Liebe, und die Wohlthaten, die ſie ihm gethan, werden dadurch gänzlich aufge⸗ hoben. Warum war ſie auch in ihrer Liſt ſo thöricht, in ihrer Schlauheit ſo kurzſichtig! Konnte ſie Dich hinter Schloß und Riegel bergen? Konnte Niemand Dich ſehen, der Dich kannte, und der mit Patrika zuſammenträfe, um ihm von Dir zu be⸗ richten?“ „Und was, denkſt Du, wird daraus erfolgen? fragte Mirjam. „Das iſt nicht meine, das iſt Patrika's Sache. Er muß 389 wiſſen, was er zu thun habe. Und gelt, Mirjam, ich bin nicht ſo unbewandert in unſerm heiligen Geſetze, als daß ich nicht wüßte, was geſchrieben ſteht. Wenn ein Weib ein Gelübde ge⸗ than, und an dem Tage, wo der Mann davon hört, erklärt er es für ungültig, ſo iſt es aufgelöſt, und das Weib trägt deſſen keine Schuld.“ Mirjam fuhr auf, und mit einer faſt zornigen Geberde ſtreckte ſie ihre Arme wie abwehrend gegen Amnon aus.„Nein, Amnon, nein, nein!“ rief ſie aus,„das iſt nicht wahr, das iſt nicht recht! Das war kein Gelübde, ſondern ein heiliger unverbrüch⸗ licher Eidſchwur bei Gott! Das war ein Kauf, durch welchen ich die Freiheit und das Leben meines Patrika erkaufte, und nach⸗ dem er beide erhalten, kann ich den Kauf nicht rückgängig machen und den Kaufpreis zurücknehmen. Das wäre ein Meineid, der auf meiner und Patrika's Stele brennen würde für immer und all unſer Glück vergiftete. Was auch an uns geſündigt worden, wir müſſen es tragen, bis die gnädige Schickung Gottes uns einen Ausweg finden läßt. Geh, Amnon, zieh hin, thue, wie Du uicht anders kannſt, und ich werde auf meinen Kniern Gott anflehen Tag und Nacht, euch zu ſchützen und zu ſegnen in Kampf und Gefahr und nach ſeinem heiligen Willen unſer Geſchick zu leiten, wie es ſein Rathſchluß iſt. Den Sinn meines Patrika und ſeinen hochherzigen Geiſt kenne ich zu gut, um nicht zu ahnen, wie er handeln werde!“ Das Antlitz Mirjam's ſtrahlte von der Erhebung ihrer Seele und von ihrer tiefen Begeiſterung. Aber ſo tröſtlich es ihr war, Amnon bei Patrika zu wiſſen, einen ſolchen Freund ihm zur Seite und zur Hülfe, wo es galt, und ſo ſüß insgeheim der Gedanke, daß Patrika über ſeine Tänſchung nun doch aufgeklärt und ſie lebend wiſſen werde— neue Hoff⸗ 390 nungen klopften an die Pforte ihres Herzens und begehrten Ein⸗ laß— dennoch fiel ihr die Trennung von dem jahrelangen Ge⸗ fährten, der ihr eine unerhörte Treue unveränderlich gewidmet, ſehr ſchwer, und ſie fühlte ſich noch einſamer nach ſeinem Abzuge, noch verlaſſener. Amnon eilte mit ſeinen Begleitern nach dem nördlichen Ita⸗ lien, und hie und da ſchloſſen ſich unterwegs Gleichgefinnte ihm an. Bald aber mußten ſie ſehr vorſichtig zu Werke gehen. Die beiden Conſuln Turnus und Florentius hatten, was ſich an Truppen in Italien vorfand, zuſammengerafft und ſich am rech⸗ ten Ufer des Po dem heranziehenden Heere des Julian entge⸗ gengeworfen. Amnon mußte ſich daher weſtlich halten, um die An⸗ hänger des Conſtantius zu umgehen. Unterdeſſen hatten ſich wie Bergſtröme von den Höhen die Heerhaufen Julians von den Alpen über die mailändiſchen Ebe⸗ nen ergoſſen. Sie hielten nach den Befehlen ihres Anführers die ſtrengſte Disciplin, und wo ſie keinen Widerſtand fanden, trat Sicherheit und Ordnung mit ihnen ein. Dagegen war den Sol⸗ daten verſprochen worden, ſobald ſie in Rom eingezogen, die Plün⸗ derung der Häuſer aller derer vornehmen zu dürfen, welche die Macht des Conſtantius in ſo ſchnöder Weiſe getheilt, und ſich noch jetzt als deſſen Parteigänger benommen hätten. Die Vorhut des Eupolemos rückte mit außerordentlicher Schnelligkeit gegen den Po vor, um die beiden Conſuln möglichſt zu überraſchen. Furcht und Schrecken waren ihnen vorangeeilt und hatten das Heer der Letz⸗ teren, das an ſich ſchon ſchwächer war, mit Angſt erfüllt und alle Zucht in ihm gelockert. Patrika war mit ſeiner Schaar zuerſt an das Ufer des Po gelangt. Ohne ſich zu beſinnen, ſetzte er durch eine Fuhrt, die man ihm gezeigt, über, und griff mit Ungeſtüm den erſten feindlichen Haufen, auf den er ſtieß, von der Seite an. 391 Als das Gefecht begann, ſchickten die beiden Conſuln einige tap⸗ fere Mannſchaft an den Ort des Kampfes, um dadurch Zeit zu gewinnen— ihre perſönliche Flucht zu bewerkſtelligen. Mit un⸗ widerſtehlichem Löwenmuth ſtürzten ſich Patrika und die Männer von Juda, die er führte, auf den Feind, hieben nieder, was ſich in den Weg ſtellte, und jagten den Feind nach einigem Wider⸗ ſtande mit geringem Verluſte auf ihrer Seite in die Flucht. Die Flüchtlinge warfen ſich auf das wenig geordnete Lager, und da es ſchon ruchbar geworden, daß die Conſuln ſich entfernt hätten, war bald die geſammte Truppe auf die Flucht mitgeriſſen; ſie warfen die Waffen von ſich und flohen auseinander. Anfangs verfolgte Patrika den fliehenden Feind; bald aber erkennend, daß das aufgelöſte Heer des Feindes ſich doch nicht wieder zuſammen⸗ ſcharen werde, kehrte er zu der Fuhrt zurück, um hier erſt die Befehle ſeines Oberen zu erwarten, an den er einen Boten mit der Siegesnachricht ſandte. Hatte es auch keine große Anſtrengung gekoſtet, dieſen Sieg zu erlangen, ſo machte doch der unerſchrockene Muth und der unwiderſtehliche Ungeſtüm, welchen Patrika erwie⸗ ſen, einen ſehr günſtigen Eindruck auf Julianus, der ſein Lob und ſeinen Dank auszuſprechen nicht zurückhielt. Noch ſtand Patrika am andern Morgen auf dem Kampf⸗ platze, als Amnon mit ſeiner Schaar auf ihn traf. Der Freund ſtellte dem Freunde ſich vor das Angeſicht, und erſchien dieſem wie eine Geſtalt aus dem Reiche der Geiſter. Patrika hatte ſeit dem Unglückstage von Sepphoris durchaus nichts von ihm ge⸗ hört, und da er bei dem vermeintlichen Tode Mirjam's nicht er⸗ wähnt worden, ihn längſt untergegangen geglaubt. Als aber der Ausruf:„Patrika, ich bin es, Amnon!“ ihn überzeugte, daß es der lebende Freund ſei, der vor ihm ſtehe, ſtürzten ſie ſich Beide in die Arme, und in halb lauten, halb erſtickten Ausrufen brach der Sturm der Gefühle, der Freude und der Trauer, des Ent⸗ zückens und des Schmerzes hindurch. Doch welche Worte könnten die wechſelnden und verſchiederartigen Empfindungen ſchildern, welche Patrika überkamen, als Amnon ihm das ganze Geheimniß ent⸗ hüllte! In ſeinen Gedanken wirbelte es, und viele Stunden ver⸗ gingen, bevor er nur zu einer klaren Auffaſſung der Dinge kom⸗ men konnte. Sagte er ſich im erſten Augenblicke:„Ha, das iſt die echte Tochter Meſchullam's, und wie der Vater den meinigen vernichtete, that es die Tochter mit mir,“— ſo konnte doch ſeine edle Seele ſich nicht lange dem Bewußtſein verſchließen, daß Iddo aus Liebe gefehlt, und daß er in ihr die zu ehren habe, welche mit großen Opfern und vieler Klugheit ihn der Freiheit zurück⸗ gegeben und wahrſcheinlich auch ſein Leben erhalten, das ohne ihre Hülfe in dem furchtbaren Kerker verloren geweſen. Bald be⸗ herrſchte ihn nur ein Gefühl, das Glück, Mirjam unter den Lebenden zu wiſſen, aber auch eine unſägliche Wehmuth über die ſchmerzlichen Kämpfe, die das theure Weſen zu durchringen ge⸗ habt und noch hatte.„Amnon,“ rief er endlich aus,„wir haben nur Eines vor uns: auf nach Rom— dort wird ſich Alles ent⸗ ſcheiden!“ Auf nach Rom! war jetzt auch das Loſungswort des ganzen Heeres Julians. 14. Als das Manifeſt Julians nach Rom gekommen, entſtand im Volke eine ſehr lebhafte Aufregung. Fürwahr, das Verlangen nach Freiheit ſtirbt niemals im Menſchen aus. Jahrhunderte des Despotismus können es nicht auslöſchen, und der tiefgebengteſte Sklave hebt den Nacken empor, wenn das Wort Freiheit weckend, erhebend, berauſchend an ſein Ohr ſchlägt. Aus dem kaiſerlichen Manifeſte wehte Allen ein Geiſt der Gerechtigkeit und der Men⸗ ſchenwürde entgegen, daß ſie einen Augenblick ſelbſt die religiöſen und kirchlichen Streitigkeiten vergaßen und eine begeiſterte Sym⸗ pathie für Julian fühlten. Es kam hiermit zugleich ein Gefühl der Sicherheit, eine Gewißheit des Sieges über Alle, daß die Sache des Conſtantius verloren war, bevor noch ein Schwert⸗ ſchlag geſchehen. Dies zeigte ſich auch darin, daß alsbald die Juden nach Rom zurückſtrömten und kühn die kaum verlaſſenen Wohnungen wieder einnahmen, ein Beginnen, worin Niemand ſie ſtörte. Als nun die erſten Flüchtlinge vom Po nach der Haupt⸗ ſtadt kamen und die Kunde von der gänzlichen Niederlage und Auflöſung der Truppen des Conſtantius in Italien verbreiteten, als die Großen und Beamten, alle Würdenträger und bedeutenden Anhänger des Conſtantius die Stadt zu verlaſſen begannen, da er⸗ hob ſich das Volk von allen Seiten, erklärte ſich für Julian und zog in hellen Haufen vor die Paläſte und Häuſer aller Jener, um ihre Entfernung zu verhindern. Es kam bald Ordnung in 394 die Sache, und man ſtellte regelmäßige Wachen auf, ſo daß Nie⸗ mand von jenen Verdächtigen ſein Haus zu verlaſſen oder ſeine Hobſeligkeiten fortzuſchaffen vermochte. Unter dieſen befand ſich auch Meſchullam. Nicht bloß durch ſeinen Reichthum und ſeine Stellung zum Hofe, ſondern noch mehr durch den Verrath, den er an ſeinen Glaubensgenoſſen verübt, ſo daß er allein von ihnen in Rom verblieben war, und endlich durch ſeine allgemein be⸗ kannte Verbindung mit Conſtantius, welchem er ſo große Mittel zu Gebote geſtellt, war er in den Vordergrund getreten., Man wollte ihn wie alle, die an den Gewaltthaten des Conſtantius, an dem Druck, den er, beſonders durch unerträgliche Laſten auf das Volk verübt hatte, betheiligt geweſen, und ſich vom Schweiße des Volkes bereichert hatten, dem ſtrafenden Richter aufbewahren und ſie der gerechten Vergeltung ſich nicht entziehen laſſen. Na⸗ türlich ging dies nicht ohne tumultuariſche Auftritte, ohne Belei⸗ digungen, Beſchimpfungen, ja dann und wann ſogar Thätlich⸗ keiten ab; doch enthielt ſich das Volk jeder eigentlichen Mißhand⸗ lung, und bewies dabei eine Mäßigung, die ſeinen Gegnern zu wünſchen geweſen wäre. Meſchullam war von dem Augenblicke, wo die üblen Nach⸗ richten eingetroffen, und das Volk an die Pforte ſeines prächtigen Hauſes geklopft, wie gebrochen, kraftlos, ohnmächtig. Er ſaß in dem verſteckteſten Gemache, im dunkelſten Winkel, auf einen Di⸗ van gekauert und weinte wie ein Kind, und vermochte nicht die geringſte Anordnung zu treffen. War es das Bewußtſein ſeiner ſchlechten Handlungen, war es die hoffnungsloſe Furcht vor der unvermeidlichen Rache, die ihn treffen werde, es überkam den alten Mann wie die Nähe des Endes, das unwiderſtehlich über ihn her⸗ eingebrochen ſei. Ganz anders Iddo. Man hatte ihr bedeutet, daß ihrer Ent⸗ 395 fernung nichts im Wege ſtehe. Aber ſo wenig ſie die Zärtlichkeit ihres Vaters erfahren hatte während ihres ganzen Lebens, wie er es auch geweſen, der ſie genöthigt, ihre Jugend an der Seite eines ungeliebten, alternden Gatten zu vertrauern: ſie wollte ihn nicht verlaſſen in ſeiner Noth. Da die Diener des Hauſes größten⸗ theils geflohen waren, übernahm ſie alle Sorge für ihren Vater und bediente ihn aufmerkſam; ſie ſprach den Männern des Volkes zu und dies zugleich mit einer Herzhaftigkeit und mit einer Milde, daß ſie einen gewiſſen Einfluß auf ſie gewann; ſie ſuchte ſie nicht ihrer übernommenen Pflicht untren zu machen, aber durch Speiſe, Trank und kleine Geſchenke höflicher und wohlwollender zu ſtim⸗ men. Dann ging ſie daran, die wichtigſten Papiere und werth⸗ vollſten Gegenſtände an geheimen Orten zu verbergen, und durch alles dies dem gebeugten Greiſe einige Zuverſicht einzuflößen. Ob ſie in ihrem Herzen ihre Hoffnung auf Patrika geſtellt, ob ſie mit dem Siege“ des Julian auch die Erfüllung ihrer geheimen Wünſche erwartete? Sie verrieth ſich hierüber nicht, bewährte aber überall Entſchloſſenheit, Energie und Hingebung. Schneller noch, als man geglaubt, kamen die Heerhaufen des Julian nach Rom. Sie hatten keinen Widerſtand gefunden, und ihr Marſch glich mehr einem Triumph⸗ als einem Kriegszug. Je enthaltſamer, den Befehlen ihrer Oberen getreu, ſich dieſe, Italien faſt alie fremden Truppen bis dahin benommen hatten, deſto ſicherer rechneten ſie auf die Erfüllung des ihnen gegebenen Verſprechens, daß ihnen die Häuſer und Güter der Anhänger des Conſtantius zur Plünderung überlaſſen werden. Die einzelnen Trup⸗ pentheile ſollten zu den verſchiedenen Thoren Roms einbrechen, jedem derſelben war ein beſonderes Quartier angewieſen. Die Pro⸗ ſcriptionsliſten waren von kundiger Hand entworfen und den ein⸗ zelnen Cohorten übergeben. Sobald daher die Soldaten die Thore 396 paſſirt hatten, vertheilten ſie ſich, um unter Führung ortskundiger Männer auf ihre Beute loszuſtürzen. Die Paläſte und mächti⸗ gen Häuſer jener Großen waren leicht gefunden; denn nirgends mehr als im damaligen Rom ragten die glanzvollen Wohnungen der Reichen unter den ſie umgebenden Hütten der Armen und den beſcheidenen Häuschen der kleinen Bürger hervor. Das Toben der Plünderung, das Raſen der aufgeregten Soldateska hallte bald durch die Stadt, und vermiſchte ſich mit dem Geſchrei der Be⸗ troffenen, welche, aus ihren Verſtecken geholt, zur Haft gebracht, oder, wenn ſie in ihrer Verzweiflung einigen Widerſtand wagten, mißhandelt wurden, und mit dem Hohnlachen des Volkes, das ſich an dem Sturze derer weidete, vor denen es ſo lange ſich hatte beugen müſſen. Patrika war bei dem Kaiſer während eines großen Kriegsrathes zurückgehalten worden, zu dem auch er berufen war. Es galt die weiteren Operationen zu beſtimmen, Unteritalien und Sicilien zu beſetzen und nach Griechenland überzugehen, während ein anderes Heer durch Pannonien dringe, um ſo Conſtantius von zweien Seiten aus zu begegnen. Der Kaiſer wollte erſt nach einigen Tagen in Rom eintreffen. Nach Beendigung des Kriegsrathes eilte Pa⸗ trika zu Pferde ſeiner Schaar nach, die vorangezogen und holte ſie am beſtimmten Platze ein. Er ſetzte nun mit ihr den Marſch bis zur Nähe von Rom fort. Da hielt es ihn aber nicht länger, und er ſprengte ihr voran nach Rom hinein. Bevor er die Sei⸗ nen verließ, raunte er Amnon, der in ſeiner Abweſenheit befeh⸗ ligte, einige Worte ins Ohr. Ein heftiger Kampf war in der Bruſt Patrika's entbrannt. Er wußte, welches Geſchick Meſchullam erwartete. Sollte er es ruhig über ihn ergehen laſſen? Sollte er, ſoviel an ihm ſei, hindernd dazwiſchen treten? Vor ſeine Seele trat das Bild ſei⸗ 397 nes von Meſchullam in ſeiner Lebenskraft gebrochenen Vaters, der ihm zugerufen:„Räche Dich nicht, denn Gott wird die Bos⸗ heit rächen, die der Treuloſe geübt;“ vor ihm ſtand das Bild ſeiner grauſam verwundeten Gattin, die mit unſäglicher Härte von ihm getrennt, von ſeinem Herzen auf immer losgeriſſen ſein ſollte; all die Liſt, all der Trug, all die Bosheit, die von dieſem Hauſe ausgegangen, und ſo oft ſeine Jugend und ſein Leben ver⸗ giftet hatten, gingen an ſeinem Geiſte vorüber, und ergoſſen eine unſägliche Bitterkeit durch ſein Gemüth:„Was geht ihr mich an, unholde Menſchen, wenn ihr jetzt den Becher zu leeren habt, den ihr euch ſelbſt gefüllt! Ich will keine Hand an euch legen; ich trage keinen Stein herbei, der auf euer Haupt und auf euren Rücken fallen ſoll. Möge, was das ſtrafende Geſchick beſtimmt hat, über euch ergehen. Mein edler Vater ſank längſtens vor Kummer in die Gruft, die Du, Meſchullam, ihm gegraben: ſo fahre Du nun hinunter in die Deine, ich habe ſie Dir nicht bereitet!“ Und warum pocht Dir dennoch, Patrika, das Herz ſo heftig? Warum hältſt Du alle dieſe Bilder ſo feſt vor Deiner Seele, und ſucheſt ſie immer wieder Dir zurückzurufen? Und warum folgſt Du dennoch unwillkürlich den Impulſen Deiner Seele, und jageſt auf Deinem Roſſe voran, immer ſchneller, immer heftiger? Er paſſirt das Thor; er reitet in die Straßen hinein; ſchon zeiget ſich ſeinem Ange hier und da das Werk der Verwüſtung. Paläſte weiſen die Spuren der Zerſtörung, die an ihnen vollbracht worden; die Thüren zerbrochen, die Fenſter zerſchlagen, zertrüm⸗ merte Geräthe; hier und da eine Feuerſäule aufſteigend, die bald wieder gelöſcht wurde, ſelbſt Blut war gefloſſen. Patrika ſchau⸗ dert, und lenkt faſt unbewußt ſein Roß nach der Gegend, wo das Haus Meſchullams ſtand. Er gelangt dahin; er ſieht wilde Ge⸗ ſtalten ein⸗ und ausſtrömen, Männer mit Beute beladen davon⸗ 398 eilen, er hört. die Wuthausbrüche des Pöbels, der den Tod des verhaßten Juden verlangt; überall Gefahr und Verderben. Da ſtürzt er ſich vom Pferde, zieht das Schwert, und bricht ſich durch die Menge Bahn. Er dringt in das Haus, verfolgt die ihm be⸗ kannten Gänge, eilt von Gemach zu Gemach, und gelangt endlich in das Zimmer, in welches Meſchullam und Iddo ſich geflüchtet, und das jetzt von wüthenden Soldaten erfüllt war. Sie hatten Iddo von ihrem Vater losgeriſſen und hielten ſie in einer Ecke des Gemachs zurück, während Andere dem Meſchullam, der re⸗ gungslos mit ſtarrem Blicke daſaß, die Schwerter auf die Bruſt ſetzten, um ihm das Geſtändniß der Verſtecke zu entreißen, in denen ſeine Reichthümer verborgen lägen. Der gedankenloſe Greis ver⸗ mochte nicht zu antworten, und im nächſten Augenblicke mußte er entſeelt zu den Füßen der Wüthenden liegen, die für Trotz nah⸗ men, was Erſtarrung des Geiſtes war. Im Nu war Patrika an ſeiner Seite, ſchlug mit ſeinem Schwerte die gezückten Waffen zurück, drängte die Nächſtſtehenden bei Seite, ſtellte ſich vor den Bedrohten, und rief mit donnernder Stimme:„Zurück, ihr Krie⸗ ger Julians! Nehmt, was ihr findet, und ihr ſollt mehr haben, auf mein Wort! Aber ſchont das Leben von Greiſen und Wei⸗ bern!“ Einen Augenblick ſtutzten die Soldaten; ſie erkannten den höheren Offizier— bald aber riefen einige Rädelsführer:„Wer Du auch biſt, Du haſt hier nichts zu befehlen— wir haben die Erlaubniß des Kaiſers, alles was hier iſt, gehört uns— der Hund hat uns ſeine Reichthümer verſteckt, er ſoll ſie uns heraus⸗ geben, oder ſein faules Blut muß fließen!“ Sie drangen von Neuem auf den Greis und ſeinen Beſchützer los. Vergebens rief dieſer:„Zurück, im Namen des Kaiſers, es ſoll kein Blut vergoſſen werden!“ Mit Rieſenkraft ſtieß er die Dränger zurück, und ließ ſein Schwert unaufhörlich kreiſen, 399 daß die Vorderen zurückwichen. Aber die Hinterſtehenden dräng⸗ ten nach vorn, und ſchrien:„Hauet ihn nieder! Seid keine Memmen, vor Einem werdet ihr euch nicht fürchten!“ Und die Schwerter klirrten, und bald dieſer, bald jener wurde verwundet, und auch Patrika blutete.... Da rief es plötzlich von den Gängen her:„Patrika! Patrika! drauf und dran, es lebe Patrika!“ Und durch aufgeſprengte Seitenthüren ſtürzten Amnon und ſeine Leute in das Gemach, und hieben mit den flachen Klingen auf die Soldaten ein, daß dieſe, die Uebermacht erkennend, nach und nach aus dem Gemache flohen und die nächſten Zimmer ſich leer⸗ ten. Amnon's und Patrika's Leute beſetzten dieſe, während draußen Plünderung und Zerſtörung nur um ſo ſchonungsloſer hauſten. Kaum war dies geſchehen, Meſchullam und Iddo gerettet, als dieſe zu Patrika, der mit geſenktem Schwerte daſtand, eilte, und mit leuchtenden Augen und ausgeſtrecktem Arme ihm zurief: „Dank, Patrika, Dank Dir für Deine heldenmüthige Ret⸗ tung, Dank dem Herrn, der Dich zur rechten Zeit erſcheinen ließ!“.... Aber ein eiſiger Blick Patrika's war die ganze Er⸗ widerung, die ihr wurde. Sie wich erſchrocken zurück.„Was iſt das, Patrika? Warum ſchweigſt Du auf den heißen Ausbruch des Dankes für die edle That, die Du an uns geübt?“ Patrika ſteckte jetzt ſein Schwert in die Scheide und trat Iddo einige Schritte näher.„Iddo,“ ſprach er ernſt und gelaſſen, „wir ſind jetzt quitt. Du haſt mich aus dem Kerker befreit, ich habe Dich und Deinen Vater aus den Händen der Soldaten be⸗ freit. Ich bin Dir nichts mehr, Du mir nichts mehr ſchuldig. Und darum nimm dieſes Papier zurück, das ich von Dir empfan⸗ gen habe, und das vielleicht ſonſt auf der einen oder auf der an⸗ dern Seite die Rechnung vergrößern könnte.“ Bei dieſen Worten zog er ein Blatt aus ſeinem Gewande und hielt es Iddo vor die 400 Augen. Es war jene Beſcheinigung von dem Tode Mirjam's. Ein Blick darauf lehrte Iddo, daß ihr Spiel verrathen ſei. Sie erbleichte, brach zuſammen, und ſank auf den Divan zurück. Pa⸗ trika aber zog das Blatt zurück, zerriß es und warf die Stücke vor die Füße Iddo's. Nach einer Pauſe ſprach er:„Nun ich das Werk begonnen, muß ich es auch beenden. Ich gehe zum Kaiſer, um eure Be⸗ gnadigung zu erbitten. Ich bin gewiß, er wird ſie mir nicht ver⸗ ſagen, wenn ſie euch auch ein bedeutendes Strafgeld koſten wird.“ Er wandte ſich zum Ausgang des Zimmers mit raſchen Schritten, und wollte es verlaſſen. Da entrang ſich ein furcht⸗ barer Schrei der Bruſt Iddo's; ſie ſprang auf, eilte ihm nach, ergriff ſeinen Arm, und rief:„Patrika, bleib, höre mich!“ Er wandte ſich um und blieb ſtehen.„Patrika,“ fuhr ſie fort,„ich kann Deine Verachtung nicht ertragen, Dein Unwille iſt mir mehr als Tod. Du weißt jetzt, was mich zu ſolcher Handlung trieb. Wohlan, Du ſollſt mich wieder achten lernen; Dein Herz ſoll mir nicht ganz verſchloſſen bleiben. Auch ich habe ein Blatt Dir zu übergeben, ein Blatt zu zerreißen. Sieh, hier....“ Und mit zitternder Hand zog ſie ein Blatt aus ihrem Gewande, hielt es Patrika hin, und zerriß es dann vor ſeinen Augen in tauſend Stücke. Es war der Eidſchwur Mirjams, durch welchen ſie für das ganze Leben von Patrika getrennt bleiben ſollte.„Wie ich dieſes Blatt vernichte,“ ſprach Iddo mit dumpfem Tone,„ſo ver⸗ nichte ich auch jenen Schwur, und hebe alle Anſprüche auf Dich und Mirjam auf. Möge Gott euch zuſammenführen und bei einander erhalten— ich, ich werde mich in Alles finden, was mir noch beſchieden iſt!“ Patrika hatte ſtaunend das Thun Iddo's geſehen und ihre Worte vernommen. Ein Lächeln unendlichen Glückes zog über 401 ſein Antlitz, das vor Freude leuchtete. Er konnte ſich nicht zu⸗ rückhalten; er umarmte Iddo, preßte ſie an ſeine Bruſt, drückte mit der Hand ihr Haupt auf ſeine Schulter.„Habe Dank, Iddo, tauſend Dank,“ rief er mit bebender Stimme,„Du haſt über⸗ wunden, und reicher, ſchöner, geſegneter biſt Du ſo, als je zuvor. Jetzt werden wir Deinen Namen mit Freuden und Segnungen nennen, und die Hand auf immer verehren, die mir die Pforte des ewigen Kerkers erſchloſſen!“ Lange beſprachen ſie ſich mit einander, und beide wurden ru⸗ higer und gefaßter. Patrika brach auf, um von Julian das Wort der Gnade zu erwirken. 26 13. Der Rabbi Gideon hatte Bovillae nicht verlaſſen wollen. Die Liebe und Verehrung, welche er in der zwar unwiſſenden, aber die heilige Wiſſenſchaft hochſchätzenden Gemeinde gefunden, die Entfernung vom Treiben der Welt, von den Eiferſüchteleien und Ränken, denen er in Rom begegnet war, bewogen ihn zu dem Entſchluſſe, hier ſeine Tage beenden zu wollen, und ſo weilte auch Mirjam noch daſelbſt. Amnon eilte ſofort dahin, um die lei⸗ densvolle Gattin Potrika's von der glücklichen Löſung des auf ihr ruhenden Bannes zu unterrichten und auf die Ankunft ihres Gat⸗ ten vorzubereiten. Sobald dieſer in aller Eile die nöthige Sorge für die ihm anvertraute Schaar abgethan, folgte er dahin mit der Schnelligkeit, welche ſein gutes Roß ihm geſtattete. Er kommt an, ſteigt ab, ſtürzt in das Haus, ein Ausruf des Glückes tönt von den Lippen Beider— ſie haben ſich wieder, ſie umſchlingen ſich, ihre Herzen ſchlagen wieder an einander, ihre Blicke verſen⸗ ken ſich wieder in einander voll unſäglichen Entzückens... Von dem Hofe des Caſtells zu Sepphoris bis zu dem kleinen Gemach zu Bovillae ein Schritt, ein Zeitraum— aber welchen In⸗ halts!.... O menſchliches Herz, wer vermöchte Deine Tiefen zu ermeſſen und Deine Höhen zu erſteigen durch das Wort? Nur das ſelbſtempfindende Gefühl dringt bis dahin, wo das Heilig⸗ thum, das göttliche Heiligthum in Dir beginnt— ja, das Hei⸗ ligthum, denn den Sturm des Haſſes und der Sünde vermögen 403 wir zu begreifen und zu ſchildern, nicht aber den Sturm der Liebe, obſchon die Töne ſeines Rauſchens reine Harmonie, und die Strahlen ihres Lichtes lauterer Aetherglanz ſind.... Julianus hatte ſeine Verheißung erfüllt. Nach ſeiner An⸗ kunft in Rom erließ er die in ſeinem Manifeſte verſprochenen Dekrete. Ohne der chriſtlichen Kirche in einem weſentlichen Rechte nahe zu treten, ſetzte er den heidniſchen Cultus wieder in ſeine volle Gleichberechtigung ein, öffnete wieder ſeine Tempel, ſtellte ſeine Altäre wieder her. Nicht minder hob er alle Erlaſſe des Conſtantin und des Conſtantius, welche irgend eine Rechtsbe⸗ ſchränkung der Iuden enthielten, wieder auf, und ehrte ſie und ihren Glauben durch die Anerkennung als gleichberechtigt im gan⸗ zen römiſchen Reiche. Ja, noch mehr: er veröffentlichte eine Anſprache an die geſammte Judenheit, in welcher er ihr kund that, daß er zu Rom bereits vom Kaiſer unterzeichnete Schrift⸗ ſtücke vorgefunden, durch welche ſie beſondern ſchweren Abgaben unterworfen werden ſollte, die er, Julian, aber ſelbſt wieder ver⸗ nichtet habe; er hebe ferner ihre Verbannung aus dem Londe ihrer Väter, aus Judäa und Galiläa auf, ein jeder Jude könnte die Grenzen dieſer Provinzen wieder betreten und ſich nach ſeinem Belieben daſelbſt niederlaſſen. Endlich wollte er auch den zerſtör⸗ ten Tempel zu Zeruſalem wieder erbauen, damit daſelbſt die Opfer wieder gebracht und für ſein Wohl und ſein Leben der Segen der höchſten Gottheit erfleht werden könnten. Er beſtimmte den Baumeiſter Apylius zu dieſem Werke und wies die nöthigen Gelder und Baumaterialien an. Dieſe Beweiſe der kaiſerlichen Huld und Gerechtigkeit mach⸗ ten einen begeiſternden Eindruck auf die Juden. Sie fühlten eine ungeheure Laſt von ihren Schultern gefallen, ein Joch auf ihrem Nacken zerbrochen und deſſen Stücke auf den Boden geſchleudert. 404 Ihre Dankbarkeit gegen Julian kannte keine Grenzen und Leben und Gut hätten ſie willig für ihn geopfert, wenn er es verlangt. Aber weiterhin folgte ihr Enthuſiasmus dem Kaiſer nicht. Die Abſicht, den Tempel von Jeruſalem wieder zu erbauen, ließ ſie kalt. Zu ſehr lebte in ihnen der Glaube, daß der Meſſias nur aus dem eigenen Schoße ihres Volkes hervorgehen, daß ſie von Außen zwar Ruhe und Sicherheit, nicht aber Wiederherſtellung und Erhebung erwarten dürften; zu oft hatten bereits ihre be⸗ deutendſten Lehrer ſie gewarnt, die Meſſiaszeit nicht ſtürmiſch her⸗ beiführen, ſich nicht mehr gegen die herrſchenden Völker auflehnen, ſondern das Joch geduldig ertragen zu wollen— als daß ſie das Heiligthum auf Zion von der Hand eines heidniſchen Kaiſers wieder erbaut haben mochten. Die jüdiſche Jugend ſtrömte freu⸗ dig zu den Standarten des Kaiſers; die jüdiſchen Reichen boten ihm willig ihre Mittel an; aber die Städte Judäa's und Gali⸗ läa's waren zu ſehr in Trümmer gefallen, und deren Fluren zu Einöden geworden, als daß ſie ſich wieder dahin gezogen fühlten; ſie ließen geſchehen, was der Kaiſer that, aber unterſtützten ſein Unternehmen in Jeruſalem nicht. Galt es doch jetzt auch vor Allem, die noch furchtbare Macht des Conſtantius zu brechen. Drei Feldherren des Julian waren mit ihren Heeren durch Pannonien nach Thracien eingezogen, und Julian ſelbſt ſetzte mit einer kleinen, aber überall ſich mehrenden Macht nach Hellas über, um ſo von allen Seiten die dort be⸗ findlichen Truppen des Conſtantius einzuſchließen, und in Syr⸗ mium, der Lieblingsreſidenz des Conſtantius, zuſammenzutreffen. Auf dieſem Feldzuge hatte auch Patrika dein Kaiſer ver⸗ ſprochen, ihn zu begleiten, und das Schwert nicht cher niederzu⸗ legen, als bis die Herrſchaft Julians überall ſiegreich und aner⸗ kannt wäre. Nur wenige Tage durfte er daher bei ſeiner wieder⸗ 405 gefundenen Gattin weilen, Tage unendlichen Glückes, in denen die Trauer der Erinnerung zu um ſo höherem Entzücken, zur wahrhaften Weihe ihrer Wiedervereinigung wurde. Mirjam ver⸗ langte, daß, um nicht ganz wieder von Patrika getrennt zu ſein, ſie in einiger Entfernung dem Heere nachfolgen dürfe. Er wil⸗ ligte gern daxein, und noch einmal war Amnon beſtimmt, der treue Hüter Mirjams zu ſein. Aber der Feldzug war ein gefahrloſer. Wie die Geſchichte und das Leben ſo oft zeigen, traf auch hier Schlag auf Schlag den Unglücklichen, der einmal zu ſinken begonnen. Die Truppen des Conſtantius wichen überall, ohne den Kampf aufzunehmen. Er ſelbſt eilte nach Aſien, ſchloß mit dem Perſerkönige Sapor einen höchſt unvortheilhaften Frieden, um das gegen dieſen beſtimmte Heer gegen Julian zu führen. Da ereilt ihn die Nachricht, daß ſeine Gemahlin Euſebia in Byzanz verſchieden ſei. Ihn ſelbſt er⸗ greift ein heftiges Fieber; aber er gönnt ſich keine Raſt, ſondern treibt ſeine Begleiter immer heftiger vorwärts. In ſeinem Ge⸗ müthe tobt ein leidenſchaftlicher Sturm. Die Wuth über die er⸗ littenen Nachtheile, die Furcht, nun endlich dennoch einem Gegner gänzlich zu unterliegen, wechſeln mit den Vorwürfen, die er ſich machte, durch die Begünſtigung des Arianismus einen Riß durch die Chriſtenheit bewirkt zu haben, der ihn ſelbſt der beſten Kräfte beraubte, der weder durch Blut ausgefüllt, noch durch trockene Formeln zugedeckt werden konnte, und noch viele Jahrhunderte dus Fundament der chriſtlichen Kirche erſchüttern würde. Bald raſt er gegen ſich ſelbſt, und verwünſcht das Andenken ſeiner Gemah⸗ lin, daß er, durch ihre Vorſtellungen bewogen, Julian aus dem Kerker entlaſſen und zum Cäſar erhoben habe; bald wieder treten die Schatten ſeiner von ihm gemordeten Verwandten, der hinge⸗ opferten Glieder der kaiſerlichen Familie vor ihn hin, und weiſ⸗ 406 ſagen ihm höhnend den nahen Untergang. So kommt er bis nach dem Städtchen Mopſucrene an den Grenzen von Cilicien an dem Fuße des Taurus. Hier überwältigt ihn das Fieber, und er muß verweilen. Bald liegt er bewußtlos, von wilden Phan⸗ taſien beherrſcht, ſein ſchwacher Körper von Fieberfroſt durchſchüt⸗ telt. Er unterliegt, und zwei Tage ſpäter hatte Julians Gegner den letzten Seufzer ausgehaucht. Der Krieg war zu Ende. Allerorten huldigte man Julian als Auguſtus, als dem einzigen Imperator des ganzen römiſchen Reiches. Er verlegte ſeine Heere in die Winterquartiere, um im nächſten Frühjahre ſie gegen die Perſer zu führen, und entließ die Hülfstruppen, die ſich ihm zugeſellt hatten. Er bereiſte jetzt die Provinzen des Reiches, um überall den Rechtszuſtand, wie er ihn auffaßte, herzuſtellen. Niemand wagte, ſich ihm zu wider⸗ ſetzen, und Unzählige ſegneten ſeine feſte und doch ſo milde Hand. Auch Patrika durfte die Waffen niederlegen. So fanden ſich denn die beiden Gatten für immer wieder vereint, und unter dem Sonnenſcheine dieſes Glückes erlangte Mir⸗ jam bald ihre Jugendkraft und Friſche wieder, und die Leiden der Vergangenheit ſchwebten ihr nur noch wie ein böſer Traum vor, aus dem ihr ein ſeliges Erwachen geworden. Als die Beiden noch in Byzanz weilten, erhielten ſie ein Schreiben Iddo's, das Patrika den Tod ihres Vaters mittheilte. Er hatte ſich von dem ſchweren Schlage, der ihn getroffen, nicht wieder erholt; das Licht ſeines Lebens erloſch allmählich; vor ſeinem Tode jedoch forderte er von Iddo, daß ſie nach ſeinem Scheiden Patrika möglichſt den Schaden erſetze, den er deſſen Vater zugefügt. Iddo mußte es ihm geloben, und dieſes Verſprechen ſchien die Unruhe und Be⸗ ängſtigung ſeiner Seele vor den nahenden Schatten des Todes zu mildern. Seine Hinterlaſſenſchaft zeigte ſich trotz aller Verluſte —— — 407 und der großen Strafſumme, die er hatte bezahlen müſſen, noch über alle Erwartung groß, und es gereichte Iddo zu aufrich⸗ tigem Vergnügen, die Sünde ihres Vaters, ſo weit es möglich, wieder gut zu machen. Um jedes Bedenken Patrika's im Voraus zu entfernen, zog ſie die Summen ab, die ſie für ſeine Befreiung aus dem Gefängniß hatte verausgaben müſſen. So ſtand denn auch Patrika nicht an, das Gut ſeines Vaters zurückzunehmen, und es ſchaffte ſeinem Herzen ſogar eine tiefe Befriedigung, den Segen ſeines Vaters gerade jetzt zu verſpüren, wo die Mittel, die aus dem Ruin ſeines Vermögens gerettet worden, zu Ende zu gehen droheten. Iddo hatte ſich dem regen Leben der Welt wieder zugewandt, ſie blieb unverheirathet, und erſt in einem höheren Alter zog ſie ſich zurück, um in der Uebung wohlthätiger Werke ihr Leben zu ſchließen. Patrika und Mirjam wußten, was ſie zu thun hatten. Sie kehrten nach Aſien zurück, um zum letzten Male die Stätten zu beſuchen, wo ſie gelebt, gekämpft und gelitten, und die Gauen des Landes ihrer Väter noch einmal zu durchwandern. Es war eine traurige Pilgerſchaft durch das öde Land und die zertrümmerten Städte; aber ihr Herz verlangte danach. Sie ſahen das zwar verſchonte, aber völlig heruntergekommene Tiberias am blauen See, von den immer grünen Gärten umgeben und mit den heißſpru⸗ delnden Quellen geſegnet. Aber fremde Bewohner, voll Haß gegen die Nachkommen Inda's, hatten ſich darin heimiſch gemacht. Müh⸗ ſam drangen ſie auf dem Wege, den Amnon einſt gebahnt, als er Mirjam aus dem unterirdiſchen Gange rettete, zur Höhe von Sepphoris durch die Trümmerwüſte hinan, und betraten noch ein⸗ mal den Hof des zerfallenen Caſtells, wo die einſtige Bitterkeit der Trennung durch das ſüße Glück der Wiedervereinigung geho⸗ ben ward. Weiter konnten ſie aber in die Stadt nicht kommen; 408 überall ſtarrten ihnen die Ruinen entgegen, und jeder Schritt bot nicht bloß Schwierigkeiten, ſondern auch Gefahr. Alle Verſuche, die von Einzelnen gemacht worden, den Trümmern Etwas abzu⸗ gewinnen, waren vergeblich geweſen; jetzt war die einſt ſo blühende Stadt gänzlich verlaſſen, und das Schweigen, das auf ihr ruhete, wurde allein durch das Krachen der bald hier, bald dort tiefer ein⸗ ſtürzenden Trümmer und in der Nacht durch das Geheul der Schakale, die ſich hier eingeniſtet, unterbrochen. Thränen ſtanden ſelbſt in den Augen des ſtarken Mannes, als ſie für immer Abſchied nahmen von der geliebten und geheiligten Stätte. Sie ſetzten ihre Pilgerſchaft nach Süden fort, und gelangten zu dem zertrümmerten Jeruſalem. Drei Jahrhunderte waren be⸗ reits über dieſen, der Menſchheit geheiligten Platz dahingegangen, ſeitdem der römiſche Soldat die Brandfackel durch das goldene Fenſter des Tempels geſchleudert. Allerdings war von der innern Stadt ein ziemlicher Theil längſt wieder angebaut und von Ab⸗ kömmlingen aller Nationen bewohnt. Doch bis jetzt hatten nur wenige Söhne Israels von der Erlaubniß des Kaiſers Julianus, Jeruſalem wieder betreten und bewohnen zu dürfen, Gebrauch ge⸗ macht, fromme Männer und Frauen, die dahin kamen, um auf den Trümmern des Heiligthums zu beten und den Staub ihres Leibes mit dem geheiligten Stanbe Zions zu vermählen. Indeß war vom Apylius nach den Befehlen des Kaiſers der Anfang zum Wiederaufbau des Tempels gemacht worden. Julian wollte ſeinen Namen auch an dieſem Bauwerke verewigen, und hatte die größ⸗ ten Summen dafür angewieſen und den Statthaltern von Syrien und Paläſtina befohlen, alle erforderlichen Materialien in reich⸗ lichem Maße zu liefern. Aber die Juden unterſtützten ihn nicht; es zeigte ſich nirgends ein Eifer, nirgends eine Begeiſterung für dieſen Gedanken. Der Tempel, nicht von der Hand des Meſſias 409 gebaut, Jeruſalem, von andern Völkern mit andern Tempeln und Altären bewohnt waren für ſie Bilder ohne Inhalt, Körper ohne Seele. So traf Patrika Jeruſalem. Schauer der Wehmuth, ſchmerz⸗ liche Trauer im Herzen, den Blick in die Troſtloſigkeit einer weiten Zukunft der Verödung gewendet, bis dereinſt die Herrlichkeit des Herrn in die Hallen des wiedererſtandenen Zions einziehen werde, verrichtete er mit ſeiner Gattin die andächtigen Gebete, die ihren Seelen entquollen. Als Patrika eines Tages gen Abend von den Mauerreſten des Tempels, wo er einſam gebetet, nach dem Hauſe ging, in welches er mit Mirjam eingekehrt— da huſchte eine dunkle, ver⸗ hüllte Geſtalt an ihm vorüber. Die Schatten der Dämmerung hatten ſich ſchon über die engen Straßen der Stadt gebreitet, ſo daß er den vorübereilenden Mann nicht erkennen konnte— aber dieſe lange, hagere Geſtalt mit vorwärtsgebeugter Haltung, dieſe ſtechenden Augen aus dem ſchief geneigten Haupte warfen eine Ahnung, eine erſchreckende, eine den Sturm in ſeinem Herzen auf⸗ regende Ahnung in ſeine Seele. Er blieb ſtehen, und ſah ihr nach.„Wie? war dies nicht.... nicht— Joſeph der Ab⸗ trünnige?....“ Aber ſchneller als er dieſe Worte geſprochen, war die Erſcheinung verſchwunden, als hätte die Nacht ſie ver⸗ ſchlungen, der ſie entſtiegen. Leicht machte er ſich glauben, daß ſein Auge ſich geirrt, daß ſeine geſchäftige Phantaſie aus den dun⸗ keln Tiefen heraufbeſchworen, was für immer darin begraben ſein ſollte. Aber er war es doch.... Die Arbeiter des Apylius waren bereits daran gegangen, von dem Tempelplatze die Trüm⸗ mer hinwegzuſchaffen und die gewölbten Gänge im Fundamente wieder zu öffnen, indem ſie angefangen die Stein⸗ und Schutt⸗ haufen aus denſelben hinweg zu räumen. Aber wenn auch die Juden ſelbſt dem Werke des Kaiſers gleichgültig zuſahen, ſo lebten 410 unter ihren Gegnern doch Tauſende, welche deſſen Ausführung mit Haß und Entſetzen erfüllte. Zu beſtimmt war ausgeſprochen worden, daß dieſer Tempel aus ſeinen Trümmern ſich niemals wieder erheben werde— was ſollte aus dieſen Weiſſagungen werden, wenn er nun dennoch aus ſeiner Aſche erſtände?! In Niemandem aber ſtand der Entſchluß feſter, ſich dieſem zu widerſetzen, als in der Seele Joſephs des Abtrünnigen. Längſt war er bei ſeinem Beſchützer in Rom in Mißachtung gefallen, da keines der von ihm angegebenen Mittel ſich bewährt, keiner der von ihm entworfenen Pläne ſich verwirklicht hatte. Seine un⸗ bündige Seele knirſchte darüber voll Wuth, und ſein Entſchluß ſtand feſt, durch eine That das verlorene Anſehen wieder zu ge⸗ winnen oder darüber unterzugehen. Als die Befehle Julians er⸗ gangen waren, den Tempel wieder zu erbauen, blitzte es in ihm auf, welche dieſe That ſein müſſe. Er eilte nach Jeruſalem; er beobachtete mit fieberhafter Hitze jeden Schritt, der geſchah; ſeine geſchäftige Phantaſie brütete über die Mittel, Alles zu hintertrei⸗ ben, und— er kannte die Menſchen ſeiner Zeit zu gut. Er be⸗ reitete Alles vor. Bei der genauen Kenntniß der Oertlichkeiten, die er ſich verſchafft hatte, und bei der ſorgfältigen Prüfung, der er Alles unterzog, war es ihm gelungen, in das Labyrinth der unterirdiſchen Gänge einzudringen. Er häufte hier eine Maſſe zündbarer Stoffe, Schwefel und Zunder aller Art auf, und ſchaffte ſie zwiſchen die Trümmerſtücke hinein. In der Nacht vor dem Tage, wo die Arbeiter die Schutthaufen aus den Gängen zu räu⸗ men beginnen wollten— es war derſelbe Abend, an welchem Pa⸗ trika ihn an ſich vorüber eilen geſehen— verſenkte er ſich in die Höhlen, und brachte die Nacht daſelbſt zu. Kaum hatten die Ar⸗ beiter die erſten Trümmer fortgeſchafft, als er mit einer Fackel all den aufgehäuften Zündſtoff anzündete. Ein lautes Krachen 41¹¹ und Ziſchen hallte durch die Gänge, die Flammen ſchlugen auf und zündeten auch die böſen Wetter, die ſich in den lang ver⸗ ſchloſſenen Gängen gebildet hatten, wie Donner rollte es, und die Feuerzungen fuhren den Arbeitern entgegen, ergriffen einige von ihnen und tödteten ſie. Mit lautem Wehegeſchrei entflohen die Uebrigen, denen ſich Rauchwolken und lodernde Flammen nach⸗ wälzten.... Der Plan war gelungen. Niemand getraute ſich wieder Hand anzulegen. Dem abergläubiſchen Sinne der damali⸗ gen Menſchen waren es Flammen von Gott geſendet, Boten des göttlichen Willens, daß der Tempel für jetzt nicht wieder erbaut werde. Selbſt Aphlius ſchreckte zurück, und berichtete dem Kaiſer darüber. Und Joſeph? Sein Werk war vollbracht, aber es hatte ihn ſelbſt zum Tode getroffen. Die Flammen, die er gezündet, waren ſchneller, als ſein flüchtiger Fuß, der dem Brande ſich ent⸗ ziehen wollte; ſie ergriffen ſeine Gewänder, der Schwefelrauch be⸗ täubte ihn— er ſtrauchelte— er war verloren.... ſeine ver⸗ kohlten Gebeine liegen unter dem Schutte von Zion begraben. Patrika erlebte dies Alles in Jeruſalem noch mit. In un⸗ klarer Gedankenverbindung mochten ſich in den geheimen Tiefen ſeiner Seele der Schatten des Abtrünnigen, der an ihm vorüber⸗ geeilt, mit den Flammen aus den unterirdiſchen Gängen, mit der Beſeitigung des Tempelbaues ſich verknüpfen— wenigſtens war es ihm, als ob mit dieſem Tage auch das tückiſche Treiben des Böſewichts aus der arabiſchen Wüſte auf immer verſchwunden ſei. Er verließ mit Mirjam den heiligen, aber entheiligten Boden ſeiner Väter. Wohin aber waren jetzt eure Schritte gelenkt, Mirjam und Patrika? Wohin ging ſchon von Byzanz aus ener Denken und Sinnen?.... Nach Oſten— dorthin, wo der Chaboras ſeine grünen Wellen mit den blauen des Euphrat vermiſcht; dorthin, 412 wo Karchemiſch ſich an den Ufern beider Ströme hinſtreckt; dort⸗ hin, wo hinter dem Häuschen der Euphratvorſtadt am Ende des Gartens ein kleiner Grabhügel ſich wölbt.... Vergißt ein Mut⸗ terherz des Kindes, auch wenn es unter dem Raſen der Erde ruht? Patrika hatte es nie geſehen, auch nicht einen Augenblick auf ſeinem Arme getragen, aber ſeine Seele verlangte danach, den Reſten des kleinen Körpers einmal nahe, ſo nahe zu ſein, wie die Scheidewand, die zwiſchen Leben und Tod ſteht, es geſtattet. So zog Mirjam zum dritten Male durch die ſchreckensvolle Wüſte; aber ihren Patrika zur Seite und das Grab ihres Kindes vor Augen, waren für ſie alle Beſchwerden, alle Mühſale leicht zu er⸗ tragen. Sie gelangten glücklich dahin, wohin ihr Sehnen gegan⸗ gen, und ſtanden endlich an dem wohlerhaltenen kleinen Hügel, von Myrthenbüſchen umſchattet, von den Wogen des Euphrat um⸗ ranſcht, vom klingenden Geſang der Nachtigall umtönt. Hier lagen ſich die Gatten in den Armen, und die Thränen ihres Schmer⸗ zes vereinigten ſich in heiliger Weihe. Das drunten ſchlief, ſollte ihr einziges Kind bleiben und das Geſchlecht der Patrika's er⸗ löſchen. Das kleine Haus ging wieder in den Beſitz Patrika's über, und Frieden und ſüßes Glück wohnten darin. Bald auch kam Amnon ihnen nach. Mit den Mitteln, die Patrika ihm bot, be⸗ gann er ſein Handwerk von Neuem zu üben, führte ein braves Weib heim, und ſah ſich nach Jahren von zahlreicher Familie umgeben und bei einem arbeitsvollen Leben in genügendem Erwerb und Beſitz. Doch nur wenige Jahre ſollte Patrika dieſe ungeſtörte Ruhe genießen. In Machuza, dem damaligen Hauptſitze der jüdiſchen 1 Weisheit im Oſten, war Rabah, der ruhmreichſte Meiſter der heiligen Wiſſenſchaft, geſtorben. Kein ihm ähnlicher Nachfolger be⸗ —— ——— 413³ ſtieg ſeinen Sitz, R. Iſaak, ein Greis, hatte mehr durch ſeine Vergangenheit als durch die Leiſtungen, deren er noch fähig war, Anſpruch auf dieſe Würde. Zugleich war durch eine römiſche Be⸗ lagerung der Stadt große Bedrängniß bereitet worden. Da ſandten die Einwohner von Machuza zu Patrika, ihn zu bitten, das Amt ihres Vorſtehers zu übernehmen. Sie beriefen ſich auf ſeine Liebe zu ſeinem Volke, auf ſeinen Eifer für ſeinen Glauben, auf ſeine Pflichttreue, beiden eine Stütze zu ſein, wo ſie derer bedurften. Patrika trennte ſich ungern von der ihm lieb gewordenen neuen Heimath, trat ungern aus der ſüßen Zurückgezogenheit in den Kampf des menſchlichen Lebens zurück. Aber er fühlte, daß es ſeine Pflicht ſei, dem Rufe zu folgen, und Mirjam, in welcher ſich ihr Patriarchenblut regte, ſtimmte ihm bei. Sie ſiedelten nach Machuza über, und es eröffnete ſich hier für Potrika eine lange, ruhmreiche Laufbahn. Mit ſeinem Wiſſen und ſcharfen Geiſte unterſtützte er die Meiſter der Lehrſchule, daß dieſe bald wieder in ihrem vorigen Glanze ſtrahlte; mit ſeiner Thatkraft vertrat er ſeine Glaubensgenoſſen bei den perſiſchen Fürſten, und durch die Achtung, die er ihnen einflößte, wußte er das Wohl ſeiner Nation zu fördern. Spät ſank er ins Grab, dahin ihm Mirjam nach wenigen Monden folgte. Sein Andenken erhielt ſich lange Zeit bei ſeinem dankbaren Volke, und erloſch ſelbſt nicht in der Nacht der Jahrhunderte. Dem Kaiſer Julian war nur eine kurze Regierung beſchieden. Nach zwei Jahren ſchon traf ihn in einem ſiegreichen Treffen gegen die Perſer am Tigris ein tödtlicher Pfeil. Die oft ſo düſter brennende Fackel der Geſchichte vermochte es nicht zu er⸗ hellen, ob der Pfeil von einem perſiſchen Bogen oder von der Sehne eines Verräthers gekommen. Er war nicht der letzte Held für Glaubensfreiheit, über deſſen Gruft dieſelbe Frage ſich erhob. 414 Seine Geſchichte wurde zumeiſt von ſeinen Feinden niedergeſchrie⸗ ben, und dies ſo wie die kurze Zeit ſeiner Regierung verhinderte ihn, den Namen zu erlangen, den er durch ſeinen Geiſt, ſeinen Charakter und ſeine Thatkraft wohl verdient hätte, den Namen eines der Großen im Menſchengeſchlechte. Aber der Hauch ſeines Geiſtes durchwehte noch die nächſte Folgezeit, und war inſonders für die Juden von unmeßbarem Segen. Seine Nachfolger, mitten in den Kampf zwiſchen den Arianern und Katholiken hin⸗ eingeſtellt, konnten nicht ſo ſchnell den Weg der Unduldſamkeit und Bedrückung wieder betreten, und noch der dritte derſelben, Valentinian, erließ ein Toleranzedikt, das ausdrücklich die ſreie Uebung jeder Religion ohne irgend eine Benachtheiligung der bür⸗ gerlichen Rechte ſicherte. Erſt nach und nach begannen die Aus⸗ ſchließungen von Neuem, und faſt eines Jahrhunderts bedurfte es, bis die Dekrete des Conſtantius nochmals publicirt und end⸗ lich verwirklicht wurden. Bis dahin hatten ſich auch die Juden allmählich gewöhnt, dieſes ſchwere Joch ruhig zu tragen, und was ſie am Beginne dieſer Zeit zum größten Theile erdrückt hätte, konnte ſie nunmehr in ihrer Treue und Anhänglichkeit für ihren Glauben nicht wankend machen. Dunkle Schatten lagerten ſich über den Gemeinden im Abendlande; aber deſto heller ſtrahlte das Licht für ſie im Morgenlande, wo die großen Lehrhäuſer der babyloniſchen Juden und die Duldſamkeit der perſiſchen Herrſcher ihnen die Leuchte des Glanbens und des friedlichen Glückes nicht erlöſchen ließen. Da, als der Orient abermals zu ſinken und von neuen Stürmen heimgeſucht zu werden begann, wurde auf einem einſamen Schiffe die Fackel über den Ocean nach Weſten getragen, und der Geiſt, der nie ruhende, der ſtets ſchaffende, weckte ein neues Leben in den Juden des Abendlandes. In Spa⸗ ———— ———— 415 nien, Gallien und Deutſchland erſtanden neue Heerde des jüdiſchen Geiſtes und des jüdiſchen Lebens. Erhabener Weltgeiſt, der Du in der Geſchichte Deiner Menſch⸗ heit eben ſo wie in Deiner Schöpfung lebſt und wirkeſt, wie wunderſam ſind die Gewebe, die Deine Vorſehung aus zahlloſen einzelnen Fäden zuſammenwebet, und welche in erhabener Zeich⸗ nung und mit hellen Farben Deine Weisheit und Deine Liebe klar und erkennbar wiedergeben! Bonn, Druck von Carl Georgi. — 2———————— ——*.— S ſ 6 17 18 19 20 21 ſſſſ 9 12 14 15 1 10 11 13