teratur⸗ ächſt in ten Fabeh en wieder, durch welche ectzu werden pfleßt ——————— Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Leſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat; 1 Wr.— Pf. 1F 2 „ 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ ind Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemächt, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * Prave Veute. Eine Erzählung für — meine jungen Freunde. 4 Von Frunf uffnun Mit vier Stahlſtichen. —..—— . tuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. ſer Erzählung allein da Rech Deutſchland nur durch uns zu Mathey in Vern hat von die zoͤſiſche Ueberſetzung, welche für —0 — Erſtes Kapitel. Die Fiſcherhütte. In einer der lieblichſten Gegenden deutſchen Lan⸗ des, nahe am Rheine, und kaum eine Viertelſtunde von einem in Buſch und Gärten verſteckten Dorfe entfernt, über welches ein grün bewachſener Hügel mit einem ſchönen und ſtolzen Schloſſe emporragte, lag ſtill und einſam eine niedere, kleine Fiſcherhütte. Ja, gewiß, niedrig und klein war ſie, aber dabei ſo blank und ſauber mit ihren weiß getünchten Wänden, und ihren im Sonnenſchein blitzenden Fenſtern, ſo an⸗ muthig und freundlich mit den rankenden weißen und rothen Roſen und den dicht belaubten Weinreben, die ſich bis unter das Dach und ſelbſt noch auf das Dach hinauf zogen, daß man beim erſten Erblicken dieſer klei⸗ nen, hellen, blanken, grün umlaubten Hütte unwill⸗ kührlich auf den Gedanken kommen mußte, ſie müſſe auch von frohen, zufriedenen, alſo glücklichen, wenn auch vielleicht armen Leuten bewohnt ſein. Und doch würde man mit dieſem Gedanken nicht ganz das Rechte getroffen haben. Frohen Sinn und Brave Leute. Zufriedenheit fehlten freilich nicht unter dem Dache der Fiſcherhütte, aber Armuth mit ihrem böſen Gefolge von Mangel, Entbehrung, Elend und Hinfälligte war noch niemals durch die Thür des Häuschens einge⸗ drungen. Freilich, auch Reichthum und Ueberfluß nicht! Aber was fragten denn Fiſcher⸗Anton und ſein wacke⸗ res Weib Marie nach Reichthum? Sie hatten Ge⸗ nüge an ihrer Hütte, und an der braun gefleckten Kuh im Stalle, und an den zwei Ziegen, die munter auf den nahen Hügeln umherſprangen, und an den Dutzend Hühner, die auf dem Hofe luſtig gluckten und mit den Füßen im Sande ſcharrten, oder laut riefen und gacker⸗ ten, wenn eines von ihnen ein Ei im Stalle gelegt. Dazu waren Kuh, Hühner und Ziegen noch nicht einmal der ganze Reichthum Fiſcher-Antons. Hinter dem kleinen Hauſe lag noch ein ſchöner, großer Gar⸗ ten, und hinter dem Garten eine hübſche Wieſe mit duftigen Gräſern und Kräuter, und ſeitwärts davon endlich noch ein gutes Stück Ackerland, wo Fiſcher⸗ Anton für ſich und ſeine Familie, eingeſchloſſen Kuh, Ziegen und Hühner, in ſchlechten Jahren grade genug Korn und Kartoffeln zog, und in guten Jahren noch Ueberſchuß ärndtete, den er für blankes, baares Geld allezeit verkaufen konnte. Und außerdem hatte er nicht ſeine Netze, und den Nachen, und den Vater Rhein mit ſeinem Fiſchen, die Keiner geſchickter, als er, in das Garn zu locken verſtand? Und endlich und zu⸗ wohnte er nicht in einer wunderlieblichen, herr⸗ lichen Gegend, wie ſie im ganzen deutſchen Reiche kaum ſchöner und anmuthiger zu finden ſein mochte? So zu wohnen, inmitten einer blühenden, frucht⸗ baren Landſchaft iſt an und für ſich ſchon ein Reich⸗ thum, der nur von denjenigen Leuten recht geſchätzt und gewürdigt werden kann, die aus einer ſolchen Ge⸗ gend in eine arme, traurige, reizloſe Ebene verſetzt wer⸗ den, wo das Auge nichts erblickt, als Haide, Sand, Kiefern und magere Felder, mit einem graublauen Him⸗ mel darüber, der ſich endlos bis an den fernen, ver⸗ ſchwimmenden Horizont hin ausſpannt. Da erſt fühlt man, was man früher beſeſſen, und das Herz ſehnt ſich ewig aus der einförmigen Haide fort, zurück in das blühende Land mit den ſonnigen Rebenhügeln, den ſchattigen Wäldern, und dem prächtigen Strome, in deſſen klarer Fluth ſich Berge, Schlöſſer und Burgen ſpiegeln. Es wollte Abend werden. Die Sonne neigte ſich raſch dem Untergange zu, und ſtrahlte zum Abſchiede Gluth und Purpur über Himmel und Erde. Die Luft war ruhig und ſtill. Am Nachmittage hatte man wohl entferntes Rollen des Donners gehoͤrt, aber das Ge⸗ witter war nicht herauf gekommen, ſondern lagerte nur noch am äußerſten Horizonte als eine dunkle, graue Wolkenwand. Vor der Hütte ſaß Marie, die Frau des Fiſchers, auf einer niederen Holzbank, und ſchnitt grüne Bohnen, welche ſie zum morgigen Mittagseſſen kurz vorher im Garten gepflückt hatte. Wilhelm und ihre Kinder, gingen ihr fleißig dabei zur Hand. Aus der Küche im Hauſe, deren Fenſter weit offen ſtand, erklang eine friſche Stimme und ſang die Melodie eines jener einfachen, reizenden Lieder, die an den geſegneten Ufern des Rheines im Munde des Volkes leben. Tie⸗ fer unten am Strande zimmerte ein kräftiger Mann an einem Boote. Es war der Fiſcher⸗Anton, welcher ſeinen Nachen ausbeſſerte, um anderen N . der Frühe, lange vor dem erſten Sonnenſtrahl, auf den Fiſchfang auszufahren. Auf dem Rheine zogen große Segelſchiffe und klei⸗ nere Fahrzeuge ſtromauf und ab, und mitunter tönte ein helles Jauchzen von Bord eines der Schiffe oder Boote an das Ufer herüber, das von Anton, indem er ſeine Arbeit auf einen Augenblick unterbrach, durch ein Schwenken ſeiner leichten Mütze und wohl auch durch einen ähnlichen Zuruf beantwortet wurde. Nicht weit von der Hütte ſchlängelte ſich eine wenig befahrene Straße nach dem Dorfe hin. Sie lag ſtill und menſchenleer. Die Winzer aus dem nahen Dorfe welche faſt allein den ſchmalen Fahrweg benutzten, um zu ihren nahe gelegenen Weinbergen zu gelangen, wa⸗ ren bereits zu ihren Hütten heimgekehrt, und nur ſelten zeigte ſich noch ein verſpäteter einſamer Wanderer, welcher der jungen Frau des Fiſchers, ein freundliches „Gute Nacht“ oder„Grüß' Gott“ zurief. »Der Vater könnte nun wohl auch aufhören, er hat genug gearbeitet den Tag über,“ ſagte Wilhelm, ein hübſcher, rothbackiger Knabe von neun oder zehn Jahren, zu ſeiner Mutter.„Eben ging der alte Mar⸗ tin vorbei, und der iſt immer der Letzte in ſeinem Wein⸗ berge. Warum ſoll ſich der Vater länger abmühen, als unſere Nachbarn im Dorfe 2“ „Er wird wohl wiſſen, daß ſeine Arbeit nöthig iſt, Wilhelm,“ erwiederte die Mutter lächelnd, und ſtreichelte die blühende Wange des Knaben.»Aber ſieh', es ſcheint mir, als ob der Vater eben jetzt den letzten Na⸗ gel in die Planken geſchlagen hätte, denn er wiſcht ſich den Schweiß von der Stirn, und legt die Art bei Seite. werkszeug tragen!“ Der Knabe ſprang ſogleich auf, und rannte die paar Schritt weit zum Vater hinüber. Fiſcher-Anton ließ ihn an ſich in die Höhe hüpfen, hob ihn dann vollends mit ſeinen kräftigen Armen empor, drückte ihn an die Bruſt und küßte ihm die rothen, vollen Lippen. „Du haſt's ja ſo eilig, Willy!“ ſagte er.„Was bringſt du mir Neues? Sind die Fiſche gahr, und ſoll ich zum Nachteſſen kommen?“ „Ob die Fiſche gahr ſind, das weiß ich nicht, Va⸗ ter!« erwiederte der Knabe, indem er ſtürmiſch die Liebkoſungen des Fiſchers erwiederte.„Aber das weiß ich, daß du nun Feierabend machen und uns eine hübſche Geſchichte aus den alten Zeiten erzählen könnteſt, vom Drachen und Lindwurm, oder vom Ritter Roland, oder vom großen Kaiſer Karl, oder von dem hörnenen Siegfried! Bitte, Bitte, Vaterle! Anne wartet auch ſchon längſt darauf, und die Mutter meint, es ſei ge⸗ wiß Alles gar ſchön anzuhören, was du noch für uns im Sack haſt. Alſo laß mich die Art tragen, Vater, und den Kaſten mit den Nägeln! das iſt mir nicht zu ſchwer, und du nimmſt dann das übrige Geräth, daß wir nicht zweimal zu gehen brauchen.“ „Ei, ei, wie du es eilig haſt!“ ſprach lächelnd der Vater und ſchüttelte den Kopf.»Aber heute wird ſchwerlich noch etwas werden aus dem Erzählen, denn ſiehſt du, die Sonne geht ſchon unter, und ich muß noch den Kahn in Sicherheit bringen, denn mich dünkt, als ob über Nacht großes Waſſer kommen könnte. So trage nur Art und Nägel und alles Andere nach Haus, und ich will indeß den Nachen höher an's Ufer ziehen⸗“ Flink laufe hinüber zu ihm und hilf' ihm das Hand⸗ „Aber nachher, Vater? Nachher?“ „Nachher wollen wir ſehen, ob Schweſter Luiſe uns noch Zeit läßt bis zum Nachteſſen, denn nach Tiſch, das weißt du wohl, müßt ihr Kleinen zu Bett. Aber ich ſehe, die Mutter winkt ſchon! Da werden die Fiſche wohl gahr ſein, und wir müſſen wohl eilen, da⸗ mit ſie nicht wieder kalt werden!“ »Oh, wie ſchade, daß wir heute nun nichts mehr hören!“ klagte Willy, indem er die ſchwere Axt auf ſeine Schulter lud und den Nägelkaſten aufhob.„Aber morgen, Vater? Nicht wahr, morgen erzählſt du uns?« »Wenn nichts Wichtigeres zu thun noth iſt, ja, mein Kind,“ ſagte Fiſcher⸗Anton, gutmüthig tröſtend. „Für heute wollen wir unſer Tagewerk beſchließen, und Gott danken für alle verliehene Güte und Barmherzig⸗ keit. Friſch vorwärts, Willy!“ Der Knabe ſchleppte ſeine Laſt den Strand hinauf, und der Vater ſchob mit den ſtarken Armen und Schul⸗ tern den Nachen der Hütte zu. Der Strand war nicht ſehr abſchüſſig und die Hütte lag nicht hoch. So brachte er's zuwege, daß er mit ein paar Mal abſetzen und ausruhen nach wenigen Minuten ſein Ziel er⸗ reichte. »Aber warum quälſt du dich nur, Anton?“ rief ihm ſeine Frau entgegen.„Der Nachen liegt ja unten ſo gut, als hier oben, und du haſt morgen nur die Mühe, ihn wieder hinab zu ſchieben!“ „Das wird nicht ſchwer ſein, weil's bergabwärts geht,“ antwortete Fiſcher-Anton lächelnd, und reichte ſeinem Weibe dir derbe, kräftige Hand zum Gruße. „Aber ſiehſt du, vorſehen iſt beſſer als nachſehen, und der Rhein hat ſeine Mucken. Dort weit oben wird's S —————— S ſtark gewittert haben, und wo es gewittert, da reg⸗ nets auch. Ueber Nacht kann der Strom ſchwellen, und dann wäre das gewiß nicht recht, wenn er. uns den Nachen mitnähme! Alſo beſſer bewahrt, wie be⸗ klagt, Marie!“ „Ach, es wird ſo gefährlich nicht geweſen ſein mit dem Gewitter und dem Regen, du biſt zu ängſtlich, Anton!“ ſprach die Frau halb vorwurfsvoll, halb zärt⸗ lich, indem ſie ihn mit dem linken Arme umſchlang, und ihm mit dem Zipfel ihrer Schürze die glühende Stirn trocknete.„Immer arbeiteſt du mehr als nö⸗ thig iſt, und fleißiger, als die Anderen.“ „Ich arbeite, weil's mir Freude macht, denn ich arbeite ja für dich und unſere Kinder,“ erwiederte Anton lächelnd.„Du ſorgſt indeſſen für Küche und Haus. Seh' ich doch an dem Korbe voll Bohnen, daß du auch nicht müßig gegangen biſt! Wozu wäre der Menſch auf der Welt, wenn er nicht arbeiten wollte? Meinſt du, Marie, ich möchte tauſchen mit unſerem Gutsherrn dort droben, deſſen Fenſter eben jetzt wie Feuerflammen zu uns herüber blitzen? Der arme, alte Mann, Langeweile und Lebens-Ueberdruß laſſen ihn zu keiner rechten Freude kommen! Oder mit ſeinem Sohne, dem Junker Ottfried? Gott ſollte mich behüten und be⸗ wahren! Er weiß ja nicht, wie er nur eine einzige Stunde vom lieben, langen Tag nützlich verbringen ſoll, und da iſt er bei ſeiner Jugend noch ſchlimmer daran, als ſein Vater. Nein, nein! Der Himmel er⸗ halte mir, was ich beſitze, mein kleines Gut, mein bra⸗ ves Weib, meine Kinder, und meine Geſundheit, und ich will mich glücklich preiſen mein Leben lang!“ „Guter Anton!“ erwiederte ſeine Frau innig.„Du biſt ſo genügſam und beſcheiden, du beneideſt Nieman⸗ den, und doch iſt dein Leben von Jugend auf nur Mühe und Entbehrung geweſen!“ „Mühe? Entbehrung?“ fragte Anton ganz ver⸗ wundert.„Was entbehre ich denn? Habe ich nicht Alles, was mein Herz ſich wünſcht? Was kann der Menſch mehr verlangen vom guten Gott, und wofür kann er ihm dankbarer ſein, als für Geſundheit und das tägliche Brod?“ „Aber wenn du alt und ſchwach wirſt, Anton?“ „Ei, haben wir dann nicht unſere Kinder“ rief der wackere Fiſcher mit einem frohen, ſtrahlenden Blicke auf Willy und Anne, welche eben jetzt mit den letzten Geräthen vom Strande heraufkamen.„Wenn wir alt und ſchwach ſind, werden ſie noch jung und rüſtig ſein, und dann für uns ſorgen, wie wir für ſie geſorgt ha⸗ ben in ihrer ſchwachen Kindheit. Und warum auch ſorgen und ſich kümmern um die folgenden Tage? Gott hat uns geholfen, Gott hilft uns, Gott wird uns fer⸗ ner helfen. Haſt du ſo wenig Vertrauen zum All⸗ mächtigen, daß du an Unglück und Kummer denkſt, während wir dem Glücke ſo recht mitten im Schooße ſitzen?* Frau Marie drückte gerührt die Hand ihres Man⸗ nes; aber eine weitere Antwort gab ſie ihm nicht, denn eben jetzt erſchien in der Thür der Hütte die Geſtalt eines blühenden, jungen Mädchens von vierzehn oder fünfzehn Jahren, und verkündigte mit heller Stimme, daß nun die Fiſche ganz braun geröſtet ſeien, und nicht länger über dem Feuer bleiben dürften. „Nun, ſo bringe ſie, Luiſe!“ antwortete Fiſcher⸗ Anton.„Mein Appetit ſoll deiner Kochkunſt Ehre 6 — 4 machen! Aber bringe ſie heraus in's Freie! Warum ſollen wir in das enge Zimmer kriechen, wenn Gottes ſchöne Welt ſo herrlich vor uns ausgebreitet liegt?“ „Aber drinnen iſt der Tiſch ſchon gedeckt!“ erwie⸗ derte das Mädchen ein wenig beſtürzt.„Und während ich abräume, verbrennen mir die Fiſche wohl gar. „Dann laß das Abräumen unſere Sorge ſein,“ entgegnete der Fiſcher wohlgelaunt.„Flink, Marie, wir tragen den ganzen Tiſch heraus, und Willy holt die Stuhle! Nur flink, und im Umſehen iſt Alles gethan!“ Und ſo war's auch. Fiſcher⸗Anton und ſeine Frau eilten in die Hütte, und kehrten in derſelben Minute mit dem Tiſche zurück, welcher auf einen grünen Raſen⸗ fleck neben der Hausthür geſtellt wurde. Willy und Anne brachten die hölzernen Stühle, und ehe noch Luiſe mit den lecker geröſteten Fiſchen kam, war ſchon Alles in Ordnung. Willy ſprach ein kurzes Gebet, und dann theilte der Vater Fiſch und Kartoffeln aus. Jeder bekam reichlich, aber Jedem ſchmeckte auch köſtlich das einfache Gericht, das man der Arbeit und dem Fleiße des Vaters verdankte. Nach dem Eſſen räumte Luiſe den Tiſch ab, und dann wurde die Tafel aufgehoben. Willy und Anna ſagten gute Nacht, und Luiſe brachte ſie zu Bett, um nachher das Geſchirr wieder zu ſäu⸗ bern und jeden Teller, jede Schüſſel an ihren gehöri⸗ gen Ort zu bringen. Fiſcher⸗Anton und ſein Weib Marie ſaßen wieder allein, und blickten in ſtillem Sin⸗ nen hinaus in die ſchöne, duftige Sommer⸗Landſchaft, die ſich vor ihren Blicken ausbreitete. 8 Das Abendroth war zwar bereits verglüht, aber eine ſanfte Dämmerung geſtattete noch den Blick in die Ferne, und nun ging auch der Vollmond auf, und erhellte mit ſeinem weichen Silberlichte die Gegend. Ein kühler Hauch wehte, friſch und erquickend nach des Tages Schwüle, vom Rheine herauf. In fernſter Ferner zuckte zuweilen raſch verſchwindend, ein mattes Wetterleuchten über dem nächtlichen Himmel. Eine geraume Zeit ſchon mochten Fiſcher-Anton und ſeine Frau ſchweigend ſo geſeſſen haben, Jedes ſei⸗ nen eigenen Gedanken nachhängen, als von der Hütte her flüchtige Schritte ertönten, und gleich darauf das junge, hübſche Mädchen in den hellen Mondſchein her⸗ austrat, und die Richtung nach dem Rheine hinunter einſchlug. „Wohin noch ſo ſpät, Luiſe, mein Kind?“ fragte Anton, indem ſie vorbeihuſchte. „Nur noch ein wenig waſchen und ſpülen will ich,“ erwiederte des Mädchens helle Stimme.„Der Abend iſt mild und ſchön, und wenn ich morgen früh auf⸗ ſtehe, wird die Wäſche bereits trocken ſein. Die Lei⸗ nen zum Aufhängen habe ich im Garten ſchon aus⸗ geſpannt!“ Und flüchtig, wie ſich gekommen war, verſchwand ſie wieder. Gleich darauf hörte man vom Fluſſe her das Plätſchern des Waſſers, zum Beweiſe, wie fleißig Luiſe die Arme rührte.„ „Braves Mädchen! Brav bis in's innerſte Herz hinein!“ ſagte Anton noch einem Weilchen.„Immer thätig, immer vergnügt, immer zufrieden, und immer zu einem frohen Liedchen aufgelegt. Es iſt ein rechter Segen mit dem wackeren Mädchen in unſere Hütte eingekehrt! „Oh, Anton, lieber Mann,“ ſprach Marie mit bewegter Stimme,„ſo trägſt du auch dieſe Laſt, die ich dir aufgebürdet, mit Langmuth und Freundlichkeit. Noch nie haſt du dem Mädchen ein böſes, hartes Wort ge⸗ ſagt, und doch... „Nun? Doch? Sprich weiter, Marie!“ ſagte An⸗ ton, als ſeine Frau ſtockte. „Doch iſt es eine Bürde mehr für dich,“ fuhr ſie faſt weinend fort.„Du brauchteſt dich nicht ſo ſehr ab⸗ zumühen, wenn Luiſe nicht auch noch zu uns gekom⸗ men wäre.“ „Ei, was du auch redeſt, Frau,“ entgegnete der Fiſcher mit ſanftem Vorwurfe.„Luiſe, dein Schweſter⸗ kind, eine Laſt, eine Bürde für mich? Sie, die uns Alle froh und heiter macht mit ihren luſtigen Einfällen und munteren Liedern? Sie, die vom frühen Morgen bis in die ſinkende Nacht hinein, wie eben jetzt rührig iſt, und dir die Hälfte der häuslichen Sorgen abnimmt? Haſt du ſchon vergeſſen, wie ſie dich pflegte, als du dieſes Frühjahr krank darnieder lagſt? Haſt du ver⸗ geſſen, wie ſie nicht vom Lager unſerer kleinen Anna wich, als das arme Kind am Scharlachfieber beinahe geſtorben wäre? Sie ſollte mir eine Laſt ſein? Ei, gute Marie, welche ſeltſamen Einfälle kommen dir heute?“ „Ach ich denke nur, wie viel ſorgenfreier und glück⸗ licher du leben würdeſt, Anton, wenn du mich gar nie geſehen und kennen gelernt hätteſt,“ ſagte Marie. onule, als wir uns heiratheten, dachte ich derglei⸗ chen freilich nicht, denn wir glaubten ja Alle, mein guter, ſeliger Vater, der Schulmeiſter von Emmenbach⸗ ſei ein recht wohlhabender Mann, und ich hoffte, nicht mit leerer Hand in deine Hütte einzuziehen,— da, 12 auf einmal, als mein guter Vater, wenige Wochen nach unſerer Hochzeit ſtarb, da zeigte ſich's, daß... ach, ich bin immer noch unglücklich, wenn ich an jene traurigen Tage denke!« »Nun, was zeigte ſich denn, mein gutes Weib2“ ſagte Anton, indem er leiſe die Wange ſeiner Frau ſtreichelte, die er von Thränen benetzt fand.„Was zeigte ſich?“ »Nun, du weißt doch,“ fuhr Marie fort,—„der Kaufmann in Bonn, dem der Vater unſer ganzes klei⸗ nes Vermögen anvertraut hatte, weil er ihn für ſeinen beſten, treueſten, rechtſchaffenſten Freund hielt, machte Bankerott und wurde landflüchtig, und wir, wir be⸗ kamen von dem ganzen Vermögen unſeres ſeligen Va⸗ ters nicht einen Kreuzer zu ſehen! Dazu kam nun noch, daß die arme Luiſe nach dem Tode des Vaters ganz und gar eine arme, verlaſſene Waiſe wurde, und endlich, daß der Baron auch die Schuld von fünfhun⸗ dert Gulden abläugnete, die ihm der Vater noch ein ein Jahr vor meinem Tode in meiner Gegenwart blank und baar geliehen hatte. Kurz, du armer Anton, an⸗ ſtatt deine Umſtände zu verbeſſern, haſt du ſie nur ver⸗ ſchlimmert dadurch, daß du mich in deine Hütte brach⸗ teſt, und oft, oft macht mir dieß das Herz ſchwerer, als ich ſagen mag!“ Sie weinte ſtill vor ſich hin. Anton aber druckte ſie zärtlich an ſeine Bruſt und küßte ſie auf dien 5 Stirn. »Mein liebes Weib,« ſagte er,„vergißt du über ſolchen Gedanken denn ganz und gar, was für einen großen Reichthum der gütige Himmel mir durch dich ſelbſt gegeben hat? Wohnt nicht der Frieden, das Glück —————— — und die herrlichſte Liebe unter dem Dache unſerer klei⸗ nen Hütte? Soll ich dir immer und immer wieder⸗ holen, daß ich dich und meine lieben Kinder nicht für alle Schätze der Welt vertauſchen möchte? Nein, nein, Marie! Nicht Reichthum iſt es, was glücklich macht, ſondern wahrhaft glücklich iſt nur ein beſcheidenes, ge⸗ nügſames Herz! Gott hat uns bisher immer gehol⸗ fen, und ich dank' es Ihm täglich aus dem Grunde der Seele! Er hat unſere Scholle Erde und meine Netze geſegnet, ſo daß wir bis zu dieſem Tage nicht zu ſorgen brauchten um den kommenden Tag; alſo warum klagen über Verluſte, die wir ſo leicht ver⸗ ſchmerzen können? Nichts mehr davon, gute Marie! Und wer weiß, vielleicht wendet ſich noch einmal Alles zum Guten! Jener Mann, dem dein Vater ſein Ver⸗ trauen ſchenkte, kann er nicht eines Tages zurückkehren, und Alles erſtatten, was er, gedrängt von Umſtänden, nicht dem Strudel entziehen konnte, die ihn ſelber in ſeinen Wirbeln verſchlang. Dein Vater hielt ihn im⸗ mer für einen redlichen Mann, und als er fort war, erfuhren wir ja, daß er keinen betrügeriſchen Ban⸗ kerott gemacht hatte. Er verdient weit eher Mitleiden als Verachtung und Haß. Werfen wir keinen Stein auf den armen Tirberg!“ „Ich haſſe ihn ja nicht, ich beklage nur, daß wir in ſein Unglück hineingezogen werden mußten,“ erwie⸗ derte Marie.„Aber der Baron! Wirſt du auch ihn entſchuldigen, Anton? Er iſt reich! Iſt es nun nicht ſchändlich, daß er ſeine Schuld abläugnet? Wenn wir die fünfhundert Gulden hätten, könnten wir uns noch ein paar Morgen Acker kaufen, und ruhiger der Zu⸗ kunft entgegenſehen. Nein, was du auch zu ſeiner Entſchuldigung ſagen magſt, Anton, den Baron ver⸗ achte ich!“ »Und auch ihn bedaure ich vielmehr,“ entgegnete der Fiſcher nachdenklich.„Es wird Mancherlei heim⸗ lich gemunkelt über den alten Herrn, und, wenn er ſeine Schuld nicht abträgt, ſo geſchieht es vielleicht eher, weil er nicht kann, als weil er nicht mag! Nicht Alles iſt Gold, was glänzt, meine gute Marie, und dem Baron iſt vielleicht nicht ſo leicht und froh zu Muthe in ſeinem großen, prächtigen Schloſſe, als uns in unſerer kleinen, niedrigen Hütte. Wenn man den Menſchen auf den Grund des Herzens ſchauen könnte, ach wie oft fände man da wohl Angſt, Betrübniß, Sorge und Bitterkeit ſtatt Lebensluſt und Frohſinn, wie man vielleicht erwartete. Laß darum den Baron! Wer weiß, hat er nicht gar die fünfhundert Gulden ſchon längſt an deinen Vater zurüͤckgezahlt!“ „Nein, oh nein!“ erwiederte die junge Frau mit Beſtimmtheit.„Noch kurz vor ſeinem Ende erinnerte mich der Vater an das Darlehen, damit ich es ja nicht vergeſſen ſolle, und vielleicht hätte er mir auch den Ort angezeigt, wo er den Schuldſchein aufbewahrt hat, wenn der Tod ihn nicht zu früh überraſcht hätte.“ „Nun denn, der Schuldſchein iſt verſchwunden, alſo denken wir nicht mehr daran!“ ſagte Anton.„Lieber wäre mir's, irgend etwas von dem Vater unſerer bra⸗ ven Luiſe zu wiſſen, der nun ſchon ſeit ſo manchem Jahre verſchollen iſt. Erzählte dir dein Vater nichts von ihm, Marie?«“ „Nichts! Er ſelbſt wußte ja nicht, wohin ſich der Unglückliche verloren haben mag, vorausgeſetzt, daß er überhaupt noch am Leben iſt.“ „Auch von ſeiner Vergangenheit, wie er zu Euch in's Haus kam, wie er deine arme Schweſter Anna kennen lernte, weißt du nichts?“ fragte Anton. „Wenigſtens nicht viel,“ erwiederte Marie.„Ich war ja nur noch ein kleines Kind damals, und erin⸗ nere mich des armen Murray nur als eines ſchönen, ſtattlichen Mannes mit großen, ſchwarzen Augen und lockigem Haar. Er kam zu Fuß, auf einer Reiſe, die er den Rhein hinauf machen wollte. Des Abends kam er, und anſtatt am folgenden Tage weiter zu gehen, blieb er bei uns,— dieſen Tag und dann noch viele Tage und Wochen, unter dem Vorwande, vom Vater die deutſche Sprache zu erlernen. Nachher heirathete er meine arme Schweſter, und dann auf einmal war er fort und kehrte nicht wieder. Die Schweſter wartete in ſtillem Grame auf ſeine Rückkunft zwei, drei Jahre. Dann nahm ſie Gott zu ſich. Sie ſtarb in der feſten Ueberzeugung, daß Murray ihr ſchon vorausgegangen ſei zum Himmel. Der Vater aber ſprach nie von ihm, ſeit Anna begraben war, doch liebte er die kleine Luiſe von ganzem Herzen. Gewiß glaubte auch er an den Tod Murray's, und wer möchte überhaupt daran zweifeln, daß der Arme irgendwo plötzlich ſeinen Unter⸗ gang gefunden hat? Vielleicht litt er Schiffbruch auf dem Meere, denn ich erinnere mich, daß er, als er uns verließ, die Abſicht hatte, eine Reiſe in ſeine Heimath, nach Schottland, zu machen. Vielleicht ſtarb er an einer hitzigen Krankheit, vielleicht verungluckte er durch einen Sturz mit dem Pferde in den Bergen ſeines Vaterlandes,— gewiß iſt jedenfalls, daß er durch irgend ein unbezwingliches Verhängniß verhindert wurde, 16 zu uns zurückzukehren, denn er war gut und edel, und liebte uns, wie wir ihn.“ .»Und ſtellte dein Vater keinerlei Nachforſchungen an?“ fragte Anton. „Doch! Er ſchrieb nach Schottland,— aber ſein Brief kam uneröffnet zurück. Man hatte den armen Murray nicht auffinden können.“ „Nun denn, zehn oder elf Jahre ſind ſeitdem ver⸗ ſtrichen,“ ſagte Anton,—„Niemand hat in dieſer langen Zeit von ihm vernommen, er ſelbſt ließ nichts von ſich hören,— da muß man freilich die Hoffnung aufgeben, ihn einſt wiederkehren zu ſehen. Ich ſelbſt fürchte, unſerer armen Luiſe lebt kein Vater mehr, als der Vater im Himmel, und um ſo mehr iſt es nun unſere Pflicht, uns der hülfloſen Waiſe anzunehmen, die ja unſere nächſte Verwandte iſt. Doch ſtill jetzt! Sie kommt eben vom Rheine zurück, und ich möchte ſie nicht merken laſſen, daß wir von ihr und ihrem Vater geſprochen haben. Auch wird es kühl, und die Luft wehtrkalt über das Waſſer her. Laſſen wir die Vergangenheit ruhen, und ſuchen wir ſelbſt die Ruhe für dieſe Nacht!“ Luiſe näherte ſich mit raſchen, leichten Schritten und wurde mit freundlichen Worten empfangen. Alle begaben ſich in die Hütte. Tiefe Stille herrſchte. Weit in der Ferne zuckte noch immer das Wetterleuchten über den nächtlichen Himmel; aber kein Donner wurde ver⸗ nehmbar, und miſchte ſeine grollenden Töne mit dem leiſen Murmeln des Rheines, deſſen Wellen raſtlos dem Meere zueilten. In der Hütte war Alles ruhig; die wacke⸗ ren Bewohner derſelben ſchliefen nach des Tages Laſt und Hitze den ſanften und erquickenden Schlaf des Gerechten. Zweites Kapitel. 6 Die Ueberſchwemmung. Es mochte gegen zwei oder drei Uhr des Morgens ſein, da erwachte Fiſcher-Anton plötzlich aus ſeinem tiefen Schlummer. Noch halb träumend horchte und lauſchte er. Ein ſeltſames Rauſchen drang in ſein Ohr. Es hörte ſich an, als ob er in ſeinem Kahne ſäße, und als ob die ſchwellenden Wogen an die Borde deſſelben ſchlügen. Dichte Finſterniß umgab ihn, denn der Mond war längſt untergegangen, und die Sonne ſtand noch tief im Oſten unter dem Horizonte. „Aber wie iſt mir denn?“ murmelte Anton vor ſich hin.„Träum' ich oder wach' ich?«“ Bin ich in mei⸗ nem Boote oder in meiner Hütte?“ Ein plötzlicher Schrecken fuhr jäh durch ſeine Ge⸗ beine. Mit einem Rucke ſaß er aufrecht in ſeinem Bette, und rief laut: Wacht auf! Wacht auf! Um Gotteswillen! Oder wir müſſen Alle ertrinken!“ „Was gibt es, Anton?“ fragte ganz verwirrt Ma⸗ rie, indem ſie haſtig aus dem Schlafe aufſchreckte. „Das Waſſer! Das Waſſer!“ erwiederte Anton. „Der Rhein iſt ausgetreten! Hörſt du nicht, wie es durch alle Fugen in unſere Hütte eindringt? Oh, ich ahnte etwas der Art, und deßhalb, zum Glück, brachte ich den Kahn vom Ufer herauf! Doch nur ruhig, ruhig, liebes Weib! Die Gefahr wird nicht ſo nahe ſein, daß wir ihr nicht mit leichter Mühe entrinnen Brave Leute. 2. 18 könnten. Wirf' den Kindern die Kleider über! Ich will indeß ſehen, wie es draußen ſteht!“ Anton ſprang von ſeinem Lager auf, mitten in die Stube hinein. „Oho!“« rief er.„Das iſt ſchlimmer, als ich dachte! Das Waſſer ſteht mir ſchon bis dicht an die Knie! Es muß furchtbar gewittert haben am Rheine droben, und der Schwall iſt gekommen, wie Nicodemus, über Nacht. Doch hier hab' ich das Zündfeuerzeug, nun werden wir bald ſehen können!“ Er ſtippte ein Schwefelholz in das Zündfläſchchen, ein bläulicher Schein erhellte das kleine Zimmer, und wenige Augenblicke ſpäter brannte die Lampe. Nun ſah man deutlich, daß der Boden des Zimmers bereits fußhoch vom Waſſer bedeckt war, und daß es noch im⸗ mer mit Macht durch die Fugen der Thür herein⸗ quoll. „Herr, mein Gott,“ rief Marie ganz entſetzt aus. „Wir ſind verloren! Leben, Hütte, Alles ſchwemmt die Fluth mit ſich fort!“* Auch Anton war heftig erſchrocken, aber durch eine mannhafte Anſtrengung erlangte er bald ſeine Faſſung wieder. »Sei ganz ruhig, liebes Weib,“ ſagte er.„Unſer Kahn iſt vor der Thür angebunden und auch die Ru⸗ der liegen darin. So ſchnell auch das Waſſer ſteigt, es wird uns immer noch Zeit bleiben, wenigſtens unſer Leben zu retten. Kleide die Kinder an! Ich werde den Kahn holen!“ Ein klägliches Brüllen drang in dieſem Augenblicke Hülfe flehend aus dem nahen Stalle. „Ach Gott, unſere arme Kuh! Unſere Ziegen, unſere Hühner!“ ſeufzte Frau Marie. 8 „Können wir die Thiere nicht retten, ſo will ich ihnen wenigſtens die Stallthür öffnen!“ ſagte Anton entſchloſſen.„Dann retten ſie vielleicht ſich ſelbſt, und müſſen wenigſtens nicht elendiglich ohne Kampf erſticken!“ Raſch ein Fenſter aufreißend, ſprang er in den Hof hinaus. Hier ging ihm das Waſſer bis an den Gür⸗ tel, aber er watete durch und erreichte glücklich die Ställe, deren Riegel er zur Seite ſchob und die Thü⸗ ren weit aufſperrte. Die Kuh, die Ziegen, die Hühner ſtürzten heraus. Ihrem Inſtinkte folgend, flüchteten ſie durch den Garten in's Weite. Die Kuh und die Ziegen verſchwanden ſchnell im Dunkel der Nacht, die Hühner flatterten kreiſchend von Baum- zu Baum. Anton überließ Alle ihrem Schickſale und kehrte eiligſt in die Hütte zurück, um nach Frau und Kindern zu ſehen. „Eile dich, Marie!“ ſagte er.„Das Waſſer wächst noch mit Macht, und wir dürfen keine Minute verlie⸗ ren, wenn wir unſer Leben in Sicherheit bringen wol⸗ len! Wo iſt Luiſe 2“ Luiſe kam ſchon die Treppe herunter, die nach dem Boden führte. Sie war bleich, aber beſonnen und ge⸗ faßt. Auch Marie hatte ſich aus der Beräubung des erſten Schreckens aufgerafft, und warf, obwohl mit noch ein wenig zitternden Händen, den laut weinenden Kin⸗ dern die Kleider über. Luiſe ging ihr dabei zur Hand. Anton rief ihnen einige ermunternde Worte zu, und verſuchte dann durch den Hausflur nach ſeinem Kahne zu kommen, von deſſen Erhaltung e ihre 20 Rettung abhing. Das Waſſer ſtrömte ihm wild ent⸗ gegen, ſo daß er Mühe hatte, ſich dagegen zu ſtäm⸗ men. Aber er bot ſeine ganze Kraft auf, und drang durch. Ein Ausruf der Freude entrang ſich ſeinen Lip⸗ pen, als er den am Abend erſt ausgebeſſerten Kahn noch unbeſchädigt an Ort und Stelle fand. Zwar ver⸗ ſuchten ihn die ſchäumenden, wilden Fluthen mit ſich fortzureißen, aber Pfahl und Kette hielten, und mit ſtarkem Arme ſchob Anton das Fahrzeug dicht an die Thür ſeiner Hütte, wo er die Kette um einen Pfoſten ſchlang. „Gott ſei gedankt, das Werkzeug zu zuſce Ret⸗ tung iſt uns nicht entriſſen,“ ſprach er, als er in die Stube zuruͤckkehrte, wo das Waſſer niitetell⸗ aber⸗ mals ſtark geſtiegen war, denn es reichte ihm nun ſchon bis über die Knie.„Hurtig, Marie! Gib mir den Willy! Ich trag' ihn in's Boot, und hole dann auch Anna und Euch. Aber geſchwind! Jeder blick iſt koſtbar!“ Ein Baumſtamm, ein Balken, oder was es ſonſt ſein mochte, gab ſeinen Worten Nachdruck, denn, von den raſch fluthenden Wellen getragen, donnerte der⸗ ſelbe gleich einem Mauerbrecher außen gegen die Wand der Hütte, und erſchütterte ſie bis in ihre Grundveſten. Marie und die Kinder kreiſchten laut auf vor Schrecken, als ob das Dach bereits über ihrem Haupte zuſam⸗ menſtürzte; aber Anton achtete nicht viel auf das, neue Gefahr drohende Ereigniß, ſondern nahm raſch ſeinen zitternden Knaben auf den Arm, und trug ihn in den Kahn, wo er ihn ſanft niederſetzte und ihm empfahl, ganz ruhig und ſtill zu bleiben. Wieder in die Hütte 21 zurückkehrend, begegnete ihm ſchon Luiſe, welche die kleine Anna herbei trug. „Braves Mädchen!“ rief ihr Anton zu, und nahm ihr die Kleine ab.„Steige ein, ſteige ein! Ich reiche dir Anna zu, und die Kinder werden unter deiner Ob⸗ hut ſicherer ſein, als wenn ich ſie allein ſich ſelbſt über⸗ laſſen müßte. Ich hole dann nur noch mein gutes Weib, und nachher in Gottes Namen vorwärts, den nächſten Hügeln zu.“ Luiſe gehorchte. Anton reichte ihr ſeine Tochter hin, und kehrte dann in das Zimmer zurück. Er fand Marie, wie ſie weinend im Waſſer umher watete, und von ihren Habſeligkeiten zuſammenraffte, was ihr eben zunächſt zur Hand lag. Die oberſten Schubkaſten des Schrankes und der Kommode ſtanden offen, und zit⸗ ternd langte ſie Wäſche und Kleidungsſtücke heraus. Aber ihre Verwirrung war zu groß, oder ihre Kraft zu ſchwach. Was ſie ergriff, entfiel faſt zu gleicher Zeit wieder ihren Händen, und ſchwamm in buntem Durcheinander auf dem Waſſer umher. „Laß das, gute Marie, laß das!“ rief ihr Anton zu.„Es bleibt uns keine Zeit, die Kiſten und Kaſten auszuräumen, und überdieß darf der Kahn nicht allzu⸗ ſehr belaſtet werden, wenn ich ihn durch die wild an⸗ ſtürmende Waſſerfluth zwängen ſoll.“ „Aber wenn unſere Hütte fortgeriſſen wird,“ jam⸗ merte Marie mit gerungenen Händen,—„ſo iſt ja Alles, Alles verloren!“ „Fleiß und Sparſamkeit können Alles wieder ge⸗ winnen,“ antwortete ihr Mann und faßte ſie in ſeine ſtarken Arme.„Auch kann ja die Hütte dem Sturme Trotz bieten und ſtehen bleiben! Dann, wenn ſich die 22 Waſſer verlaufen haben, iſt es immer noch Zeit, nach den Ueberbleibſeln unſerer geringen Habe zu ſchauen. Jetzt aber gilt es vor Allem, das Leben zu retten, alſo folge mir ohne Zögern!“ Ein neuer erſchütternder Stoß traf von außen die Hütte, und dießmal ſchien ſie wirklich zu wanken. Marie ſträubte ſich nicht mehr. Auf ihren Gatten ge⸗ ſtützt, verließ ſie unter Thränen das geſtern Abend noch ſo trauliche, und jetzt, nach wenigen Stunden ſchon, ſo verwüſtete Zimmer, und folgte ihm nach dem Kahne. Anton hob ſie raſch hinein, ſprang nach, und war ſchon im Begriffe, die Kette zu löſen, als ein jammervoller Aufſchrei ſeines Weibes ihn wieder inne halten ließ. »Was iſt, Marie?“ fragte er tödtlich erſchrocken. „Es iſt doch Niemand über Bord geſtürzt?“ „Nein, oh nein!“ erwiederte ſie,„aber meine Bi⸗ bel! Meine liebe alte Bibel! Das letzte Andenken meines guten Vaters, das er mir noch wenige Augen⸗ blicke vor ſeinem Tode empfahl! Anton, wenn ich meine Bibel verlieren müßte, ich würde mich niemals darüber zufrieden geben!« „Du ſollſt ſie haben, Marie!« erwiederte Anton entſchloſſen.„Das heilige Buch hat uns manche ſchöne, gottſelige Stunde gewährt, und es ſoll nicht den Unter⸗ gang in den Wellen finden, wenn wir ſelber gerettet werden.“ S Und bevor der Angſtruf Marie's ihn zurückhalten konnte, drang er von Neuem in die Hütte ein, nahm das Buch von dem Geſims über der Thür, wo es ſtets aufbewahrt wurde, und kehrte triumphirend zu ſeiner Frau zurück. „Da haſt du deinen Schatz, gute Marie, und meinen 23 Dank dazu, daß du mich daran erinnert haſt,“ ſagte er.„Ich würde mir's nie vergeben haben, wenn wir ohne die Bibel hinweggefahren wären. Jetzt bin ich ruhig! Da Gottes Wort mit uns iſt, was kann uns aller Wogenſchwall anhaben 2“ Marie preßte das heilige Buch an ſich, und legte es dann auf ihren Schooß. Mit ihrem rechten Arme umſchlang ſie Anna, mit dem linken Willy, und kauerte ſich mit ihnen im Nachen nieder. Anton löste die Kette und ergriff das Ruder. Kaum losgebunden, riß die brauſende Fluth den Nachen wild mit ſich fort in ihre Strudel hinein, ſo daß die geübte und ſtarke Hand des Fiſchers nur mit Mühe das Fahrzeug lenken konnte. Zum Glück brach aber allmählig die Morgendämmerung an, und man konnte im Zwielicht die weſentlichſten Gegenſtände erkennen, welche dem leichten Nachen Ge⸗ fahr drohten. Balkentrümmer, Baumſtämme und ähn⸗ liche Hinderniſſe wurden umfahren, und bald erreichte man den offenen Strom, wo man wenigſtens nicht das Schlimmſte, ein Umwerfen durch unter dem Waſſer verborgene Mauern oder Stumpfen von Bäumen zu befürchten brauchte. „Kann ich dir gar nichts helfen, Vater?“ fragte Luiſe den mühſam gegen den Ungeſtüm der Wogen an⸗ kämpfenden Anton.„Ich möchte auch gern etwas zu unſerer Rettung beitragen!“ „Und du kannſt es, Mädchen! Du kannſt es,“ erwiederte ihr Pflegevater.„Nimm das Steuer und drücke es hart nach rechts hinüber, bis die Spitze des Kahnes auf jenen Hügelvorſprung zeigt, der eben jetzt aus der Dämmerung hervortritt. Wenn wir dorthin 24 gelangen, ſo ſind wir geborgen, und mit Gottes Hülfe denk ich den Punkt zu erreichen!“ Luiſe gehorchte ſogleich der empfangenen Weiſung, und brachte das Steuer in die gehörige Lage. Mit ver⸗ doppelter Anſtrengung arbeitete Anton, und nach einer ſchweren halben Stunde gelang es ihm in der That, den Nachen an das rettende Land hinan zu zwängen. Schon hatten ſich noch ein paar Dutzend andere Men⸗ ſchen an dieſen ſicheren Ort geflüchtet, und ſtarke Arme ſtreckten ſich aus, um die Kette zu ergreifen, welche Anton ihnen zuwarf, damit nicht der Kahn, während er ſeine theure Ladung an's Ufer in Sicherheit brachte, von den immer mit neuer Wuth anſtrömenden Wellen wieder mit fortgeriſſen würde. Die Kinder brachte man zuerſt in Sicherheit, indem man ſie auf das Ufer hin⸗ übergab. Dann mußten Luiſe und Marie ausſteigen, und zuletzt folgte Anton. Der Nachen wurde an den Strand hinaufgezogen, und nun erſt ſchüttelte Anton den hülfreichen Nachbarn, meiſt Weinbauern aus dem ſeiner Hütte zunächſt gelegenen Dorfe, dankbar die Hände. »Aber, Freunde,“ ſagte er,„warum ſeid Ihr nicht hinauf in's Schloß geflüchtet, das Euch doch näher lag, als der Hügel⸗Vorſprung?« 3 „Es war zu ſpät, Anton,“ erwiederte Martin, ein alter Bauer.„Die Fluth kam uns ſo raſch über den Hals, daß bereits faſt das ganze Dorf überſchwemmt war, ehe wir nur aus dem Schlafe aufwachten. Die Senkung zwiſchen dem Dorfe und dem Schloßberge ſtand ſchon voll Waſſer, und da blieb uns nichts wei⸗ ter übrig, als hierher zu flüchten. An Kähnen fehlte es glücklicherweiſe nicht, und die Strömung trieb uns 25 faſt ohne unſer Zuthun hierher. Das Leben iſt geret⸗ tet,— aber Gott allein weiß, was aus unſeren armen Thieren und aus unſeren Hütten geworden iſt.“ „Hofft immerhin das Beſte, Nachbar,“ tröſtete An⸗ ton.„Die Thiere haben ihren Inſtinkt und werden eben ſo gut, wie wir, an ihrer Rettung gearbeitet ha⸗ ben. Gewiß ſind ſie irgendwo an's Land geſchwom⸗ men, und wenn ſich das Waſſer verlaufen hat, werden ſie ſich auch wieder einſtellen. Ihr in Eurem Dorfe waret beſſer dran, als ich in meinem Häuschen, das grade ſo recht vom Strome getroffen wird. Ich darf nicht hoffen, daß ich morgen noch einen Stein oder einen Balken auf dem anderen finden werde. Nun, laß fahren dahin! Der alte Gott bleibt uns doch! Er hat bis hierher geholfen,— er wird auch weiter helfen!“ „Gewiß, Anton, wir wünſchen's Euch Alle von ganzem Herzen,“ ſagte Martin und drückte dem Freunde mit Wärme die Hand.„Bravere Leute, als Ihr, gibt's nicht auf zehn Meilen in der Runde! Aber horch,— was iſt denn das? Ich glaube, es wird Sturm geläutet in unſerem Dorfe! Sollte noch irgend ein Unglücklicher zurückgeblieben ſein, deſſen Leben nun in Gefahr ſchwebt?“ Alles lauſchte und horchte. Einen Augenblick hoffte man, es möge dem alten Martin nur ſo vor den Ohren geklungen haben, aber bald überzeugten ſich ſämmtliche Anweſende, daß wirklich der Schall der Glocke in raſch wiederholten Schlägen vom Dorfe her über die brau⸗ ſenden Waſſer erklang. „Jeſus, mein Heiland,“ rief plötzlich Einer von den Umſtehenden,—„ich kann mir's denken, wer der 26 Unglückliche iſt! Wenn ihm keine Hülfe zu Theil wird, ſo iſt er verloren!“ »Wer iſt es? Wer kann es ſein?“ fragten zehn, zwanzig Stimmen raſch durch einander.„Redet, Jakob“ Jakob war der Wirth des kleinen Gaſthauſes im Dorfe.„Ach Gott,“ ſagte er,»geſtern Abend ſpät noch, es war ſchon zehn Uhr vorbei, kam ein fremder Herr zu Pferde in mein Gehöft und verlangte ein Nachtlager. Ich quartierte ihn oben in meine Boden⸗ kammer ein, weil ich ſonſt keinen Platz weiter im Hauſe hatte, und in der Eile der Flucht vor der Ueberſchwem⸗ mung erinnerte ſich heute früh kein Menſch des frem⸗ den Herrn, der wahrſcheinlich nun erſt vom Schlafe aufgewacht iſt, und ſich auf den Thurm geflüchtet hat, um durch das Läuten der Glocke ſeine Gefahr zu ver⸗ kündigen und Hülfe herbei zu rufen. Aber wer kann ihm helfen bei dieſem Waſſerſchwalle? Wir am we⸗ nigſten, denn wer vermag gegen die wilde Strömung anzukämpfen? „Warten wir erſt, bis es heller wird und wir ſehen können, ob Eure Vermuthung gegründet iſt,“ ſagte Martin.„Die Glockentöne können am Ende auch vom Schloſſe des Barons herunter ſchalle.«. »Aber wozu das? Der Baron iſt ſicher. Bis zu ſeinem Schloſſe ſteigt das Waſſer nicht, und wenn es noch hundert Ellen ſtiege!“ »Aber kann er nicht die Glocken läuten laſſen, um Anderen ein Zeichen zu geben, daß ſie von Gefahren bedrohet ſind?« entgegnete Martin.„Der Schall einer Sturmglocke dringt weit!“ »Es wäre nicht unmöglich, daß der Baron auf 27 dieſe Weiſe ein Warnungszeichen gäbe,“ ſagte Anton. „Doch rechten Glauben habe ich nicht davon, und überdieß, der Ton dieſer Glocke da klingt mir ganz ſo, wie der unſerer Dorfglocke!“ „Mir auch! Mir auch!“ riefen andere Stimmen. „Unſere Glocke iſt es, und wenn Jakob ſich in ſeiner Vermuthung nicht täuſcht, ſo muß dem Fremden Hülfe gebracht werden. Der alte Kirchthum ſteht ſchon lange auf ſchwachen Fundamenten, und wenn das Waſſer daran herum wühlt, ſo kann er jeden Augenblick ein⸗ ſtürzen!“ „Ja, ja, der Verſuch muß gemacht werden, den Mann zu retten,“ ſprach der alte Martin.„Aber war⸗ tet nur noch ein wenig. Die Sonne kommt bald her⸗ auf, und dann können wir deutlicher ſehen, um was es ſich handelt. Irgend etwas Ungewöhnliches gibt es da, denn das Läuten der Glocke hört nicht auf!“ Alle ſchwiegen und horchten wieder. In der That dauerte das Sturmgeläut fort, und die rufenden, kla⸗ genden Töne, wie ſie ſo durch das Rauſchen und Wo⸗ Ln des Waſſers herüberdrangen, erſchütterten jedes erz. Endlich wurde es Tag. Der erſte Strahl der Sonne zuckte golden über die weite Waſſerwüſte, und ſchimmerte hell auf der vergoldeten Spitze des Dorf⸗ thurmes. So weit man ſehen konnte, war die ganze Ebene zu beiden Seiten des Fluſſes von trüben, ſchmutzigen Wellen bedeckt, die wild zwiſchen Bäumen, Häuſern und Dörfern daher ſchäumten. Nur einige höher gelegene Punkte tauchten aus der Fluth hervor. So das Schloß des Barons, und der viel tiefer ge⸗ legene, keineswegs hohe Kirchthum, der übrigens eben⸗ 3. 28 falls bis zur Hälfte ſeiner Höhe im Waſſer ſtand, während die ihn umgebenden, niedrigen Häuſer kaum noch mit den Dachfirſten uͤber die Wellen ragten. »Unbegreiflich, wie eine ſolche Ueberſchwemmung möglich werden konnte,« ſagte der alte Martin.„Es mag freilich weiter oben am Rhein ſtarke Regengüſſe und wohl gar Wolkenbrüche gegeben haben, aber eine Fluth ſo wilder Art iſt ja ſeit Menſchengedenken nicht geſehen worden.“ »Blickt dorthin!“ nahm Anton das Wort, und deu⸗ tete mit dem Finger ſtromaufwärts.„Seht Ihr, wie da der Strom gleich einem Waſſerfalle ſchäumt und tobt? Er hat an jener Stelle den Damm gebrochen, und daher das ganze Ungluͤck!« Aller Augen richteten ſich nach der bezeichneten Stelle. Anton hatte ganz richtig geſehen. Etwa eine halbe Stunde oder dreiviertel oberhalb des Vorſprunges, wo die Leute ſtanden, zeigte ſich eine deutlich kenn⸗ bare, breite Lücke in dem Walle, und das Plötzliche und Gewaltige der Ueberſchwemmung war nun Jedem lärt. „Es muß da eine ſchadhafte Stelle geweſen ſein,“ ſagte Martin.„Schlimm genug freilich, daß wir da⸗ von betroffen werden,— auf der anderen Seite aber ſteht zu hoffen, daß ſich das Waſſer, wie es unge⸗ wöhnlich ſchnell gekommen, ſich auch ſchnell wieder ver⸗ laufen wird. Doch was macht unſer Fremder auf dem Kirchthurme? Ich höre die Glocke nicht mehr!“ Die Aufmerkſamkeit, welche für einige Minuten abgelenkt worden war, wendete ſich bei dieſen Worten ſogleich wieder dem Thurme zu. „Ich ſehe etwas Weißes, aus der Luke weht es 29 heraus!“ rief eine Stimme, und zehn andere riefen es nach. „Kein Zweifel mehr, es iſt ein Menſch im Thurme,“ ſagte Martin, und nachdem er die Glocken geläutet hat, um nach Hülfe zu rufen, ſo lange es dunkel war, läßt es jetzt, wo es hell iſt, ein weißes Tuch wehen. Es muß ihm Hülfe werden, und ſchnell! Der Unglück⸗ liche ſchwebt in großer Gefahr, und ſie wächst noch mit jeder Minute! Ehe wir's denken, kann der Thurm von den raſenden Wellen fortgeriſſen werden, und dann möge Gott dem Armen gnädig ſein! Auf, Leute! Hier ſind Kähne genug! Springt hinein, und vor⸗ wärts in Gottes Namen!“ Tiefes Schweigen folgte dem Aufrufe des Alten. Mit bangen, zweifelnden Blicken ſchauten die umſtehen⸗ den Männer auf die ſchäumende, wirbelnde Fluth, welche auf ihrem Rücken entwurzelte Stämme, Balken und andere Trümmer dieſer Art mit ſich fortriß, und maßen die Entfernung von ihrem ſicheren Zufluchtsorte bis hinüber nach dem Kirchthurme, von welchem das weiße Tuch flatterte. „Es iſt unmöglich!“ entgegnete nach ziemlich langer Pauſe eine ſchüchterne Stimme.„Seht doch nur, Va⸗ ter Martin! Wir müßten ſtroman rudern, und bie Fluth ſchießt ſo ſchnell einher, daß wir nicht hundert Schritt weit dagegen ankämpfen könnten, ohne Kraft und Athem zu bren⸗* Und dieſe Blöcke da, die Balken!“ ſagte ein An⸗ derer.„Ein Zuſammenſtoß mit einem davon würde ſofort jeden Nachen zertrümmern und unrettbares Ver⸗ derben bringen! Es iſt nicht möglich, Vater Martin! Sollen wir unſer eigenes Leben daran ſetzen, um einen 6 Menſchen zu retten, den Niemand von uns kennt, der nicht zu unſerem Dorfe gehört und Gott weiß woher iſt? Ich thu' es nicht! Ich nicht!“ „Ich auch nicht! Ich auch nicht!“ murmelten zehn andere Stimmen.„Einen fremden Menſchen retten, und dabei das eigene Leben verlieren! Nein! Nein!« „Ueberhaupt,“ ſprach Einer aus der Mitte des Haufens,—„der Thurm ſteht ja noch, und wer weiß, ob er nicht hält, bis ſich das Waſſer wieder verlaufen at? Lange kann das ja nicht dauern, wie Ihr ſelber geſagt habt, Vater Martin!“ »Aber die Todesangſt des unglücklichen Menſchen!“ rief Martin aus.„Rechnet Ihr die für nichts? Pfui, ſchämt Euch, ſo ſäumig zu ſein, wenn es gilt, einem Nebenmenſchen Beiſtand zu bringen! Ich ſage Euch, unſer Thurm ſteht auf ſchwachen Füßen! Ihr wißt Alle, daß er noch in dieſem Jahre abgebrochen werden ſollte, und man kann kaum daran zweifeln, daß er zu⸗ ſammenſtürzt, ehe zwei Stunden vergehen, wenn das Waſſer ſo lange noch gegen ihn anſtürmt! Und Ihr Pun doch nicht behaupten, daß es ſich ſchon in zwei Stunden verlaufen haben kann? Vor Abends wird es ſchwerlich ſo weit fallen, daß man, ohne zu ſchwimmen, hinüber zu kommen vermag!“ „Wohl wahr, Vater Martin!“ lautete die Ant⸗ wort.„Aber ſeht nur die Balken, die Baumſtämme,— die Untiefen gar nicht zu rechnen,— und dann fragt Euch ſelbſt, ob es möglich iſt, lebendig hinüber zu kommen! Keiner von uns Allen wird es wagen, auch nur einen Verſuch zu machen!“ „Ich will es wagen,“ ſprach Fiſcher⸗Anton jetzt, nachdem er bisher ſtill, aber mit ſcharfem Auge jede 31 Strömung des Waſſers beobachtet hatte.„Seht dort⸗ hin, Leute! Wir müſſen uns noch eine kurze Strecke vom Strome hinunter treiben laſſen, bis wir an jene Stelle da kommen, wo der Strom plötzlich eine ſcharfe Biegung macht. Dort angelangt, ſchneiden wir quer durch den Strom und erreichen jenen Waſſerſtreifen, der beinahe glatt wie ein Spiegel zwiſchen den ſchäu⸗ menden Seitenſtrömen liegt. Dann eine kräftige An⸗ ſtrengung, und wir rudern ſo lange ſtromauf, bis wiz den Nachen wenden und ohne weitere große Mühe an den Thurm gelangen können! Wir nehmen den frem⸗ den Herrn an Bord, und die Rückkehr hieiht wird ſodann ein Leichtes ſein, da wir mit der Strömung treiben, und beim hellen Tageslichte jedem Hinderniſſe leicht ausweichen können. Muth, Freunde! Nur Ein Paar kräftige Arme noch, und ich wag' es!“ „Braver Anton!“ ſagte Martin erfreut.„Ja, es gibt kein ſo wackeres Herz mehr zehn Meilen in der Runde, wie das deinige, und ich wiederhole es! Und du haſt recht! Auf dieſe Weiſe iſt es möglich, gegen den Strom anzukämpfen und den Thurm zu erreichen! Es gehört nichts weiter dazu, als ein wenig Ausdauer und Kaltblütigkeit. Nun denn, Ihr Männer, Einer unter Euch wird doch noch ſein, der dem braven Anton zum Rettungswerke ſeine Arme leihet!“ Die Leute ſchwiegen ſtill.„Wir haben ſchon ge⸗ nug verloren!“ murmelte endlich eine grollende Stimme. „Wer kann verlangen von uns, daß wir auch noch das nackte Leben in die Schanze ſchlagen! Ich wag's nicht!“ „Ich auch nicht! Nicht um Alles in der Welt!“ murmelten Andere, und Alle ſchoben ihre Hände in 32 die Taſchen und wendeten ſich mit finſteren, verdrieß⸗ lichen Mienen ab, wie ganz entſchloſſen, auch nicht eine Sylbe mehr über die Sache zu verlieren. »Nun denn, in Gottes Namen, ſo will ich's allein verſuchen mit meiner ſchwachen Kraft!“ ſagte Anton. „Der arme Mann jammert mich, wie er ſo verzweif⸗ lungsvoll mit ſeinem weißen Tuche wehet, und er ſoll wenigſtens den Troſt haben, daß irgend Etwas zu 5 Pire Rettung geſchieht! Wenn Niemand mitfahren wrill, ſo fahr' ich allein!“ »Ahgr, Mann, um's Himmels willen, gedenke dei⸗ ner Kitder!« flüſterte Marie, indem ſie ſich mit beben⸗ der Angſt an ihren Gatten ſchmiegte.„Wenn das Unglück wollte, daß du zu Grunde gingeſt,— ſie hät⸗ ten keinen Vater mehr!“ »Doch immer den Vater im Himmel!“ erwiederte Anton ſanft.„Weine nicht, meine gute Marie! Laß 4 mich gewähren! Er wird meinen Armen Kraft ein⸗ flößen, daß ſie nicht ermatten im Kampfe für ein gu⸗ tes Werk! Und bedenke doch, Marie! Kann nicht jener verlaſſene, arme Mann auch ein Vater ſein, hen Untergang ſeine Kinder mit ißen, ſchmerzlichen Thränen beweinen würden? Wenn ich nun dort ſtünde auf dem Thurme, Marie, und betete in Todes⸗ angſt um Rettung aus der Todesgefahr, und riefe mit Glockentönen um Hülfe, und Niemand, Niemand hörte mtich, erbarmte ſich meiner,— wie dann, Marie? Wie dann? Nein, laß mich, gutes Weib! Ich kann es nicht über's Herz bringen, kaltblütig dem Untergange eines Menſchen zuzuſehen!« Marie richtete ſich auf.„Geh'!“ ſagte ſie, und ein edles Feuer ſtrahlte aus ihren Blicken.„Geh', und 33 Gott, der Allmächtige ſei mit dir! Ich weiß, ſein Schutz wird dir nicht fehlen bei ſolchem Werke!“ Zärtlich drückte Anton ſein braves Weib an ſeine Bruſt, und dann ging er entſchloſſen zu ſeinem Nachen, den er mit einem Rucke in den Strom ſchob. „Alſo Niemand,“ fragte er im letzten Augenblicke, —„Niemand will mir helfen?“ Die Männer ſchwiegen, der alte Martin ſchüttelte traurig ſein greiſes Haupt. „Wenn ich nicht mehr eine Laſt als eine Hülfe für dich wäre,“ ſagte er ſchmerzlich,„ſo würde ich nicht zurückbleiben. Aber dieſer Arm iſt ſchwach, er kann nicht mehr das Ruder führen oder das Steuer lenken!“ „Der meinige aber kann es, ich hab' es bewieſen, Vater!“ rief jetzt eine helle, faſt noch kindliche Stimme, und Luiſe, die Pflegetochter Antons, näherte ſich mit von Begeiſterung gerötheten Wangen, und ſtieg in den Nachen, wo ſie am Steuer Platz nahm.„Rudere zu, Vater!“ fuhr ſie fort.„Wir Beide ſind genug, den leichten Nachen durch die Strömung zu zwängen!“ „Wohlan denn, Gott mit uns!“ ſprach Anton, nachdem er ein Weilchen noch in der Hoffnung gezö⸗ gert hatte, daß Beſchämung Einen oder den Anderen von den Männern antreiben würde, den Platz Luiſe's einzunehmen,— eine Hoffnung, die aber nicht in Er⸗ füllung ging,—„wohlan, meine brave Luiſe, ver⸗ ſuchen wir unſer Heil und hoffen auf den Beiſtand des Himmels. Lebe wohl, Marie! Lebt wohl, meine Kinder! Bald, ſo hoffe ich zum Höchſten, werden wir uns glücklich wiederſehen!“ Ein neuer Stoß trieb den Nachen vollends in's Waſſer; mit leichtem Schwunge ig en hinein Brave Leute. 34 und ergriff das Ruder. Raſch trieb das Schifflein auf den Wellen ſtromab. Mit gemiſchten Gefühlen ſahen die Zurückbleiben⸗ den dem Kahne nach. In manchem Herzen regte ſich die Scham, Alle aber wünſchten aufrichtig, daß die kühne That des braven Anton von gutem Erfolge ge⸗ frönt werden möchte. Marie lag bleich und zitternd auf den Knieen, und betete inbrünſtig zu Gott für das Heil ihres Gatten. Willy und Anna knieten und be⸗ teten mit ihr. Der alte Martin legte ſegnend die Hände auf die lockigen Häupter der Kleinen. „Seiet unbeſorgt,“ ſagte er.„Mit eurem Vater iſt Gott, und Sein mächtiger Wille wird die Bahn vor ihm ebnen, ſo daß die Woge machtlos vor ihm zerſchellt!“ In Wahrheit ſchien es, als ob alle Wünſche und Gebete für das Wohl Antons Erhörung gefunden hät⸗ ten, denn raſch und ſicher flog ſein Nachen über die ſchäumenden Wogen hin, bis zur Stelle, wo er die erwähnte Biegung machen mußte, um in das ruhigere Waſſer zu gelangen. „Jetzt gilt es, Luiſe,“ ſagte er.„Raſch herum das uns bei!“ in der ſchwächeren Strömung. Dennoch war ſie im⸗ merhin ſtark genug, um die äußerſte Anſtrengung An⸗ tons nöthig zu machen, dem nach wenigen Minuten ſchon die hellen Schweißtropfen über die Stirne ran⸗ nen. Luiſe ſah es und faßte einen raſchen Ent⸗ ſchluß. Sie löste ihre Schürze ab, und band mit der⸗ Steuer! So! Und jetzt— jetzt ſtehe der Himmel Der Kahn hatte gewendet und befand ſich mitten 4 —— . aller Kräfte anzuſtrengen. 35 ſelben das Steuer feſt, ſo daß es nicht aus ſeiner Lage weichen konnte.* „Was thuſt du, mein Kind!“ fragte Anton.„Zu was bindeſt du das Steuer an?“ „Damit ich die Arme frei habe, um dir helfen zu können, Vater!“ erwiederte Luiſe.„Du ſiehſt, wir müſſen eine tüchtige Strecke ſtromaufwärts in grader Richtung rudern, und da iſt es beſſer, ich nehme ein Ruder zur Hand, und laſſe das Steuer ſo wie es iſt. Wenn wir wenden müſſen habe ich es in einem Augen⸗ blicke wieder losgebunden!“ Mit dieſen Worten verband ſie zugleich die That, und tauchte das ergriffene Ruder in's Waſſer. Sie war nicht ungeübt in der Führung eines Nachens, und häufig ſchon hatte ſie das Ruder, bald zum Vergnü⸗ gen, bald auch zum Beiſtande ihres Pflegevaters, wenn er zum Fiſchfange ging, gehandhabt. Ihre Hülfe kam in dieſem Augenblicke dem Vater weſentlich zu ſtatten. Der Kahn glitt ſchneller gegen die Strömung an, und Anton brauchte ſich nicht mehr bis zur Erſchöpfung „Es wird gelingen, es wird uns glücken, mein Mädchen,“ ſagte er nach einer Weile.„Nur noch eine kurze Viertelſtunde und wir haben den Punkt erreicht, wo wir wenden und wieder mit dem Strome fahren können. Schon ſind wir dem Thurme gegenüber, und dort, wo der Schaum wie ein Kamm ſich über das Waſſer erhebt, dort werden wir das Schlimmſte über⸗ ſtanden haben. Nur eine Viertelſtunde noch halte aus, Luiſe!“ „Ich halte aus, Vater,“ erwiederte Luiſe muthig und blitzenden Augen.„Noch bin 1 im geringſten müde, und je näher wir unſerem Ziele kom⸗ men, deſto freudiger bin ich zur Arbeit.« * Weiter und weiter ruderten ſie den Kahn ſtroman, vorſichtig ausweichend, wenn ſie auf Hinderniſſe trafen, und mit friſchem Muthe ausholend, wenn die Waſſer⸗ bahn frei vor ihnen lag. So gelangten ſie endlich an den Punkt, wo ſie umwenden und wieder mit dem Strome fahren konnten. Erleichtert athmeten Beide auf, denn das Schwerſte war jetzt vorüber, und was noch zu thun übrig blieb, vergleichsweiſe nur ein Kinder⸗ ſpiel. In zwei Minuten hatten ſie den Thurm er⸗ reicht, und den Kahn dicht vor einer Luke feſtgelegt. Der Fremde, ein ſtattlicher Herr mit dunkel gebräun⸗ tem Geſicht, mit großen, ernſten, ſchwarzen Augen, mit dichtem Barte, und von vornehmer Haltung, ſtand in der Bogenwölbung der Luke, und ſtreckte ſeinen Ret⸗ tern beide Arme entgegen. .„Dank Euch, Dank Euch, mein braver Mann, mein wackeres Mädchen!“ rief er ihnen mit klangvoller, tie⸗ fer Stimme, aber etwas fremdartiger Ausſprache zu. „Es iſt hohe Zeit, daß Ihr kommt, denn der Thurm wankt bereits unter meinen Füßen, und droht ſchon ſeit einer Weile über meinem Haupte zuſammenzu⸗ ſtürzen.“ »Ja, ja, Herr, er ſteht nicht mehr ganz feſt auf ſeinem Fundamente,“ erwiederte Anton,—„und darum alſo zaudert nicht, ſondern ſpringt ſchnell herein in den Kahn, damit wir aus der gefährlichen Nähe wieder fortkommen. Nehmt meine Hand! So! Und nun ſteht feſt und ſeit unbeſorgt,— bald werden wir uns in Sicherheit am Ufer befinden.“ —— ——— 37 Der Fremde ſtieg in den Kahn, ſetzte ſich nieder und nahm Luiſen das Ruder aus der Hand. „Du haſt genug für mich gethan, mein gutes Kind,“ ſagte er,„jetzt laß auch mich ſelber ein wenig für meine Sicherheit arbeiten. Ich weiß ebenfalls ein Ru⸗ der zu führen, und wenn ich nur einen Nachen hätte erreichen können, ſo würde ich nicht in die gefahrvolle Lage gekommen ſein, aus der Ihr mich ſo hochherzig befreit habt. Jetzt friſch angeholt, und mitten'in den Strom hinein!“ 2 Der leichte Nachen ſchoß davon, und legte kurz dar⸗ auf wieder an dem Vorſprunge an, wo man ſeiner Rückkehr mit banger Hoffnung und heißen Wünſchen entgegen geſehen hatte. Anton ſprang an's Ufer und druͤckte Frau und Kinder an ſein Herz, welche vor Freuden weinten, während die Umſtehenden in lauten Jubel ausbrachen, und auch beſonders Luiſen mit prei⸗ ſenden Worten und Lobſprüchen überhäuften. Der fremde Herr ſtand ſtill daneben und betrachtete mit Rührung dieſes junge Mädchen, ohne deſſen entſchloſ⸗ ſenen Muth ſeine Rettung ſchwerlich gelungen ſein würde. „Wunderbar, dieſe Aehnlichkeit!“ murmelte er vor ſich hin.„So muß auch ſie ausgeſehen haben in ihrer Jugend!— Wie nennſt du dich, mein Kind?“ wen⸗ dete er ſich plötzlich an Luiſe, welche erröthend die Lob⸗ ſprüche des alten Martin und der übrigen Leute aus dem Dorfe anhörte. „Luiſe!“ erwiederte ſie.„Und dieß iſt mein guter Vater, Anton der Fiſcher!“ Der Fremde ſeufzte leiſe, und fuhr mit der 38 über ſeine Stirn, als ob er trübe Gedanken und trau⸗ rige Erinnerungen verwiſchen wollte. „Ich werde mich deiner erinnern, liebes Mäbchen,“ ſagte er dann;„deiner und deines Vaters! Für jetzt vermag ich nichts weiter, als Euch meinen herzlichen Dank für Euren treuen Beiſtand auszuſprechen!“ »Und auch das iſt ſchon zum Ueberfluß, lieber Herr,“ ſprach Fiſcher⸗Anton, welcher die Worte des Fremden vernommen hatte.„Was wir thaten, war unſere Pflicht, und die Freude, daß uns Eure Rettung glückte, iſt Lohn genug für die kurze Anſtrengung. Aber ſeht hin! Es war wirklich an der Zeit, daß wir kamen, denn da bricht wahrhaftig der ganze alte Thurm zuſammen. Fort iſt er! Das Waſſer hat dem Maurer die Mühe geſpart, ihn abzutragen!“ In der That, Alle ſahen mit eigenen Augen, wie die Thurmſpitze ſich neigte und plötzlich das ganze alte, morſche Gebäude in ſich ſelber zuſammenſtürzte und unter der aufſchäumenden Fluth verſchwand. Einige Augenblicke herrſchte tiefes Schweigen im Kreiſe der Leute, dann aber erſchallte plötzlich ein lauter Zuruf für Anton, und zehn, zwölf derbe Hände ſtreckten ſich aus, um die ſeinige zu ſchütteln. Seine wackere That ſtieg im Werthe, da jetzt der Augenſchein lehrte, wie dringend nothwendig ſie geweſen war. Der fremde Herr, als ſich die Aufregung wieder gelegt hatte, faßte Anton unter den Arm und führte ihn ein wenig auf die Seite. „Mein Freund,“ ſagte er,„du haſt jetzt geſehen, daß ich dir und deiner wackeren Tochter das Leben ver⸗ danke. Ohne deine raſche, entſchloſſene Hülfe läge ich jetzt unter Trümmern in einem naſſen Grabe, und der 39 Tod würde mir nie unwillkommener geweſen ſein, als grade jetzt, wo. doch das gehört nicht hierher! Ich bitte dich, Freund, beantworte mir aufrichtig einige Fragen. Willſt du?“ „Recht gern, lieber Herr, wenn Euch ein Gefallen damit geſchieht,“ entgegnete Fiſcher⸗Anton. „Nun denn, vor Allem, ich ſehe, du haſt eine Frau und Kinder,— biſt du in Verhältniſſen, die es dir leicht machen, ſie zu erhalten?“ Anton ſenkte den Kopf, und ein dunkler Schatten verdüſterte ſeine Stirn.„Ja, es war mir leicht,“ ſagte er mit ein wenig gepreßter Stimme.„Ich hatte ein Häuschen, ein wenig Garten, Acker und Vieh, aber dieſe wilde Fluth hat mir Alles entriſſen und fortge⸗ ſchwemmt. Ich weiß nicht, ſtehen auch nur die Mauern von meiner Hütte noch? Ich weiß nicht, ob mein bischen Grund und Boden nicht ſo verſchlammt und verſandet iſt, daß Jahre darüber hingehen können, ehe er wieder Früchte zu tragen vermag. Indeß, wie dem auch,“ fügte er muthiger hinzu,—„der alte Gott lebt noch, er hat bis hierher geholfen, er wird auch weiter helfen. Bin ich doch jedenfalls noch im Beſitz meiner träftigen Arme! Die müſſen eben ſchaffen, daß den Meinigen das tägliche Brod nicht fehlt. Auch iſt da noch mein Kahn! Die Netze freilich ſind fort,— aber nur Geduld, wir werden neue ſtricken! Ja, ja, lieber Herr! Nur den Muth nicht verlieren, wenn auch alles Uebrige verloren iſt. Wer recht arbeiten will, findet am Ende auch ſeinen Unterhalt!“ „Geſprochen, wie ein braver, rechtſchaffener Mann!“ ſagte der Fremde und drückte die Hand Antons.„Wir werden gelegentlich noch mehr darüber reden. Für den * Augenblick ergeht es mir, wie dir,— ich habe aus der Fluth nichts gerettet, als das bloße Leben. Ob ich mein Pferd und den Mantelſack wiederbekom⸗ men werde, der hinter dem Sattel aufgeſchnallt iſt, das iſt die Frage und wir müſſen's abwarten. Jedenfalls kann ich nicht ſo lange hier bleiben, bis ſich das Waſſer verlaufen hat, denn mich treibt ein drängendes, eiliges Geſchäft weiter fort. Aber ich werde dich wie⸗ derſehen, mein Freund. Jetzt vor Allem nenne mir deinen Namen. Sie heißen dich hier den Fiſcher⸗An⸗ ton, aber das kann dein ganzer Name nicht ſein!“ »Nein, lieber Herr,“ erwiederte Anton.„Es iſt nur, weil es noch mehr als einen Anton im Dorfe gibt, daß man mich zur Unterſcheidung nach meinem Gewerbe ſo nennt. Eigentlich heiß' ich Anton Trau⸗ gott Steinbach.“ Gut! Ich danke dir für die Auskunft,“ ſagte der Fremde, und ſchrieb einige Worte in ſeine Schreib⸗ tafel, die er aus der Bruſttaſche ſeines Rockes zog. „Und wohin wirſt du dich wenden, falls deine ſchlim⸗ men Vermuthungen ſich beſtätigen, und du dein Gehöft völlig verwüſtet wiederfinden ſollteſt?“ »Das kann ich jetzt noch nicht mit Beſtimmtheit wiſſen, lieber Herr!“ antwortete Anton.„Es kommt Alles auf die Umſtände an, je nachdem ſich mir eben irgend ein rechtſchaffener Erwerbszweig darbietet. Auf alle Fälle werd' ich mich ſchwerlich weit von meinem Dorfe entfernen.“ „Alſo bleibſt du in der hieſigen Gegend,— das genügt, und ich werde dich ſchon wieder aufzufinden wiſſen, wenn die rechte Zeit gekommen iſt. Für jetzt, mein wackerer Anton, behüte dich und die Deinen der 41 Himmel. Theile mit mir das Wenige, was ich in meiner Börſe habe. Es ſind zwei Goldſtücke,— eines für dich, eines für mich! Nein, keine Weigerung, Mann! Ich bedarf nicht mehß für den Augenblick, und überdieß, Bonn liegt ja von hier, und dort ſtrömen mir genügende Hülfsquellen. Du aber bedarfſt wenigſtens einige Tage, um Arbeit zu ſuchen und zu finden, und brauchſt alſo einen Nothpfennig. Keine Weigerung, ſag' ich! Nimm! Und nun will ich noch ein paar Worte mit meinem Wirthe reden, den ich da unter den Leuten ſehe.“ Er drückte Anton das Goldſtück in die Hand, und verließ ihn dann raſch. Ein paar Minuten ſprach er leiſe mit dem Wirthe, grüßte hierauf noch einmal mit freundlicher Miene ſeine Lebensretter Anton und Luiſe, und entfernte ſich mit ſchnellen Schritten landeinwärts. Anton blickte ihm nach, ſo lange er ihm mit den Augen folgen konnte. Aber der nächſte Hügel ſchon entzog ihn ſeinen Blicken. „Hm! Ich hätte ihn doch auch nach ſeinem Namen fragen können!“ murmelte er vor ſich hin. „Gewiß, Anton, gewiß, das hätteſt du müſſen,“ fiel ſeine Frau Marie lebhaft ein.„Ich habe nicht anders gedacht, als du würdeſt es thun, ſonſt hätte ich danach geforſcht!“ „Und warum du grade, Marie?“ fragte Anton, ein wenig verwundert über die ſichtliche Aufregung ſei⸗ ner Frau.„Was haſt du, was haben wir überhaupt noch mit dem Fremden zu ſchaffen? Ich holte ihn vom Thurme herüber, und er bezahlte mir ein gutes Fähr⸗ geld, ein blankes Goldſtück,— ſieh' hier, Marie! Alſo er und ich, wir ſind guitt!“ 42 „Und doch, es thut mir erſchrecklich leid, daß du ihn nicht nach ſeinem Namen und ſeiner Heimath frag⸗ teſt!“ wiederholte die Frau. Ich weiß nicht, was mir ſo ſehr an dem fremdeh Herrn aufgefallen iſt, aber ich konnte ihn nicht aus den Augen laſſen, und je mehr ich ihn betrachtete, deſto weniger fremd kam er mir vor, ganz ſo, als ob ich ihn in früherer Zeit ſchon einmal geſehen haben müßte.« »Ei nun, das wäre ja nicht unmöglich, Marie, aber auch weiter nicht verwunderlich,⸗ entgegnete An⸗ ton.„Der Fremden gibt es jeden Sommer Viele am Rheinſtrom, und wo du ſo Viele geſehen, kann dir auch dieſer einmal vor die Augen gekommen ſein.“ „Das iſt's nicht, nein, nein!“ erwiederte Marie ſinnend und nachdenklich.»Es liegt tiefer! Auch die Stimme klang mir nicht fremd! Ich muß den Mann ſchon unter Umſtänden geſehen haben, die wichtiger waren, als ein flüchtiges Begegnen iſt.“ »Irgend eine Aehnlichkeit täuſcht dich vielleicht, Marie,“ ſagte Anton leichthin.„Dergleichen kommt wohl vor! Ich für meinen Theil weiß beſtimmt, daß der Fremde mir wirklich ganz fremd iſt, und wenn er in der That ein alter Bekannter von dir wäre, ſo müßte ich mich Seiner doch auch wohl entſinnen. Nein, nein, Marie! Das ſind Träumereien und Thorheiten! Uebrigens, wenn dir ſo ſehr daran liegt, ſeinen Namen zu erfahren, ſo fragen wir den Wirth. Er weiß ihn vielleicht, da der Fremde geſtern bei ihm eingekehrt iſt. „Ja, das wäre möglich!« rief Marie mit einer ge⸗ wiſſen Heftigkeit.„Frage ihn, Mann!“ Fiſcher⸗Anton gab dem Wunſche ſeiner Frau nach, ——— 43 aber ohne Erfolg. Auch der Wirth wußte keine Aus⸗ kunft zu geben. „Der Herr kam geſtern in der Nacht ziemlich ſpät,“ ſagte er.„Wer frägt da nach dem Namen? Für ſeine Zeche war er mir lange gut, denn er ritt ein ſchönes Pferd und hatte einen vollen runden Mantelſack hinten aufgeſchnallt. Kaum war das Pferd in den Stall ge⸗ bracht, ſo ging der Herr auch zur Ruhe, und wir ließens uns Alle nicht träumen, daß wir ſo unwill⸗ kommen im Schlafe geſtört werden würden.“ „Aber er ſprach doch eben mit Euch,“ ſagte Anton. „Erfuhret Ihr da nichts, Herr Löwenwirth?“ „Nichts von ſeinem Namen wenigſtens und von ſeiner Perſon,“ erwiederte der Mann.„Er trug mir nur auf, für ſeinen Mantelſack zu ſorgen und denſelben in Verwahrung zu nehmen, falls er gefunden werden ſollte, was man wohl hoffen darf, obgleich die Kleider darin recht hübſch eingeweicht ſein werden,— und hin⸗ tenher fragte er nach Euch, Anton, und Euren Ver⸗ hältniſſen. Da hab' ich ihm rechtſchaffen Beſcheid ge⸗ geben, Ihr könnt mir's glauben!“ „Ich zweifle nicht daran,— aber ſagte er ſonſt gar nichts weiter? Auch nicht, wohin er jetzt gegangen iſt?« fragte Anton. „Ei doch, er fragte, wie weit es ſei nach Emmen⸗ bach und Bonn, wohin er noch vor Nacht zu kommen wünſchte, und auch darauf gab ich ihm Beſcheid.“ „Aber was will er in Emmenbach, Herr Wirth?“ fragte Marie haſtig.„Sagte er davon Nichts?“ „Kein Wort, Frau!“ entgegnete der Wirth.»Der Weg führt ja durch auf der Straße nach Bonn, und vielleicht will er ſich in Emmenbach nur ein Wägelein 5 44 miethen, um nicht zu Fuß weiter gehen zu müſſen. danach aus, als ob er das Fußwandern ſehr gewöhnt wäre.“ „Ja, freilich, das könnte wohl zutreffen,“ ſagte Marie mit dem ſichtlichen Ausdrucke der Enktäuſchung. „Aber trotzdem, ich hätt' es gern erfahren, wer er iſt, wie er heißt, woher er kommt, und beſonders, was er in Emmenbach zu thun hat!“ i, hätt' ich Euch doch nimmermehr für ſo neu⸗ gierig gehalten, gute Frau!“ ſagte der Löwenwirth lächelnd.„Indeß, vielleicht kann's noch Rath werden, daß Ihr Alles erfahrt, was Euch das Herz bedrückt. Der Herr ſagte mir, daß er die Abſicht habe, ſo bald als es ſeine Geſchäfte erlauben, wieder zu kommen, und ich meine wohl, daß es geſchehen wird, wär's auch nur, um nach ſeinem Mantelſack zu ſchauen. Das iſt's aber noch nicht allein, dünkt mich, was ihn wie⸗ der hertreiben wird. Es ließ ein Wörtchen fallen „Nun, wovon, Herr Löwenwirth? Sagt's auch!« bat Frau Marie. »Nun, wenn Ihr's nicht weiter reden wollt, Frau⸗ chen,“ flüſterte leiſer der Wirth,—„er fragte mich nach dem Schloſſe unſeres Baron Windheim, und er⸗ kundigte ſich, ob es war ſei, daß er die Abſicht habe, ſein Gut zu verkaufen. Ihr wißt vielleicht, die mun⸗ keln ſchon längere Zeit davon und es mag wohl etwas Wahres daran ſein. Das ſagte ich dem fremden Herrn auch,— denn ſo recht gut ſteht es nicht droben im Schloſſe. Der alte Herr hat viel Geld verbraucht, und ich fürchte, der Junker noch mehr. Gold und Der Herr hat etwas Vornehmes, und ſieht mir nicht A. 45 Silber ſollen mitunter ſehr knapp ſein in der Truhe des gnädigen Herrn. Aber was kümmert das uns? Wir haben jetzt mit unſeren eigenen Angelegenheiten zu thun, und Gott mag nur geben, daß die Ueber⸗ ſchwemmung keinen größeren Schaden angerichtet hat, als wir ohnehin fürchten müſſen!“ „Und Ihr glaubt wirklich, Herr Löwenwirth, daß der Fremde damit umgeht, das Gut des Barons zu kaufen?“ fragte Marie. „Kann ſein, ja,— kann ſein, auch nicht“— ent⸗ gegnete der Wirth und zuckte die Achſeln.„Mir hat er nichts beſonderes davon anvertraut, aber vermuthen ließe ſich's ſchon. Warum wäre er ſonſt in unſer Dörfchen gekommen? Und warum hätte er ſich erkun⸗ digt nach dem Schloſſe? Ich glaube eher, daß er's kaufen will, als nicht!“ „Dann freilich hab' ich mich doch wohl geirrt, flü⸗ ſterte Marie in ſich hinein.„So reiche Leute, daß ſie Schlöſſer und Rittergüter kaufen könnten, gehörten nicht zu meiner Bekanntſchaft und Freundſchaft. Es iſt ſchon Alles recht, Anton, frage nicht weiter, ich ſehe ſchon ein, daß ich eine Träumerin war! Laß uns nach den Kindern ſehen und überlegen, was wir thun ſollen. Hier auf der Landſpitze können wir ja doch nicht blei⸗ ben, bis ſich das Waſſer verlaufen hat, und für die nächſte Nacht wenigſtens müſſen wir Quartier ſuchen, um die Kinder unterzubringen.“ „Ja, ja, ich habe ſchon daran gedacht,“ erwiederte Anton.„Weißt ja, Marie, unſere alte Muhme, die WDorothee, die drüben über'm Schloß wohnt in ihrem kleinen Häuschen, die wird uns ſchon aufnehmen für eine Nacht oder zwei, und nachher müſſen wir ja ſehen, 3 wie wir uns weiter helfen und ein anderes Obdach finden. Komm' gutes Weib! Für heute iſt hier doch nichts weiter zu machen, und ich will nur den Kahn feſtlegen, daß er mir nicht noch den Rhein hinunter entführt wird!“ „Geh' du nur, Anton,“ riefen mehrere Stimmen. „Für deinen Kahn wollen wir ſchon Sorge tragen, daß er dir nicht abhanden kommt. Geh' du nur, und bring' die Deinen unter Dach und Fach!“ Anton dankte für den guten Willen der Leute, und vertraute ihnen ſeinen Kahn an. Dann nahm er ſein jüngſtes Kind auf den Arm, Marie faßte Willy bei der Hand, und ſo ſchritten ſie, von Luiſen gefolgt, welche die Bibel und die wenigen aus der Fluth ge⸗ retteten Habſeligkeiten trug, landeinwärts dem Häus⸗ chen der Muhme zu, welches jenſeits des Schloſſes, zwar noch zu dem Dorfe gehörig, aber in ſicherer Ent⸗ fernung von dem Waſſer lag. Nach halbſtündiger Wan⸗ derung war dieſer Zufluchtsort erreicht, und herzlich wurden die armen Flüchtlinge willkommen geheißen. Die gute alte Muhme öffnete ihnen Thür und Herz und lud ſie ein, ſo lange unter ihrem niedrigen Dache zu weilen, bis ſie entweder in die eigene Hütte zurückteh⸗ ren könnten, oder ſonſt ein gelegenes, paſſendes Obdach finden würden. „So hat denn Gott vor der Hand wieder gehol⸗ fen!“ ſagte Marie tröſtend und ermuthigend zu den Ihren.„Gute Menſchen gibt es ja überall, und ſo wollen wir denn nicht verzagen, wenn uns der Sturm des Unglücks auch ein wenig rauh in das Antlitz bläſ' Gott hilft zuletzt doch den Seinen, die auf ihn und ihm vertrauen!“ — 47 Bald waren ſie in dem kleinen Stübchen der Muhme eingerichtet. Obſchon eng genug, fanden ſie doch Alle Platz, und Anton ſorgte auch für die Nacht, indem er auf dem Boden etliche weiche, duftige Heulager zu⸗ recht machte, auf denen ſich's unter Gottes Hut am Ende nicht viel ſchlechter ſchlafen ließ, als daheim in den gewohnten, jetzt wahrſcheinlich vom Waſſer weit mit hinweg geſchwemmten Betten. Drittes Kapitel. Die waldhütte. Bwei volle Tage dauerte es, bis ſich die Fluth ſo weit verlaufen hatte, daß Anton nach ſeiner Hütte zu⸗ rückkehren konnte, ohne bis über die Knöchel im Waſ⸗ ſer waten zu müſſen. Er entſchloß ſich am Morgen des dritten Tages zu dem ſchweren Gange. Marie wollte ihn begleiten. Er hielt ſie aber davon ab, in⸗ dem er fürchtete, daß der Anblick der Verwüſtung, den er natürlich nach den Umſtänden erwarten mußte, ihr Herz und Gemüth allzu tief erſchüttern und betrüben werde. Und wohl that er recht daran, denn was er daheim fand, war nicht geeignet, Troſt einzuflößen und Hoffnung zu gewähten. Die Mauern ſeines Häuschens ſtanden zwar noch, aber durch die geſprengten Thüren und Fenſter waren 48 mit dem Waſſer auch noch andere böſe Dinge einge⸗ drungen und hatten ſo ziemlich Alles verwüſtet, was von den Wellen nicht fortgeſpült und fortgeſchwemmt war. Ein mächtiger Dachbalken, der noch ein paar Ellen weit aus dem Fenſter hinaus ſtand, hatte den Schrank zertrümmert, wo Frau Marie die Kleider und Wäſche aufbewahrte, und von dem ganzen Inhalte deſſelben lagen nur noch einzelne Stücke in der Näſſe und dem Schlamme umher. Die Betten, die Stühle, die Tiſche ſuchte Anton vergebens. Eben ſo ſeine Netze und ſonſtigen kleinen Vorräthe; das war Alles fort, und lag entweder auf dem Grunde des Stromes oder trieb, der Himmel mochte wiſſen wo, noch auf den Wellen umher. Der Fußboden in Stube und Kammer war mit zollhohem, zähem Schlamme und Sande be⸗ deckt; der Kalk von den Wänden war abgefallen, und ſelbſt die Mauern hatten Riſſe bekommen, denen mit einer bloßen Ausbeſſerung nicht abzuhelfen war. Was noch ſtand, mußte niedergeriſſen und das kleine Haus vom Grunde herauf neu gebauet werden, wenn man dieſe verwüſtete Stätte wieder bewohnen wollte. Seufzend wendete Anton ſeinem Häuschen den Rücken zu, und ging durch die angelweit offen ſtehende Hinterthür nach dem Hofe, um nach den Ställen, dem Gärtchen und dem Felde zu ſehen. Noch ein trauri⸗ gerer Anblick harrte Seiner hier. Die Ställe waren gänzlich verſchwunden, und Garten und Land zeigten ſich ſo verwüſtet, daß weder für dieſes Jahr, noch für das nächſte auf eine Aerndte gerechnet werden konnte. Das gute Erdreich war hinweggeſpült, und an ſeiner Statt lag unfruchtbarer Sand und Schlamm, wie drin⸗ nen im Hauſe. Selbſt die paar Obſtbäume waren der 49 unterwaſchen und einzelne Stämmch ren ganz und gar abgefnickt. Anton ſchüttelte beträbt den Kopf. „Da iſt nur wenig zu retten,“ ſagte er leiſe vor ſich hin,—„und ſeibſt das Wenige iſt ſo gut als werthlos. Vor wenigen Tagen noch ein zufriedener, glücklicher Mann, bin ich heute ſo arm, wie ein Bett⸗ ler, und kann nicht einmal auf eine Unterſtützung der Nachbarn rechnen, denen es ja kaum beſſer geht, als mir. Indeß, klagen nützt nichts! Wir müſſen eben von vorn anfangen, und zum Glück hat mir der liebe Gott doch wenigſtens Muth und Geſundheit erhalten. Wir müſſen eben überlegen, wie wir uns rechtſchaffen durch die Welt forthelfen, bis alle der Schaden hier ausgebeſſert iſt!“ Um vorläufig etwas zu thun, ſammelte er das Wenige, was die Ueberſchwemmung ihm von ſeiner Habe übrig gelaſſen, auf ein Häuflein, machte ein Verwüſtung nicht entgangen; ihre. zeigten ſich Bündel daraus, lud es auf ſeine Schulter, und ſtand im Begriff, ſein verwüſtetes Häuschen zu verlaſſen, um zu Weib und Kind zurückzukehren. Da fiel ihm die Stubenthür in's Auge, und auf der Stubenthür zwei Lotterie⸗Looſe, die er einſt vor Monaten von einem hauſirenden Juden gekauft hatte. „Hm!“ murmelte er vor ſich hin,—»das Geld wäre auch beſſer geſpart geweſen! Aber da wir's ein⸗ mal ausgegeben, will ich die Looſe wenigſtens nicht im Stich laſſen. Wer weiß, am Ende gewinnt eine von den Nummern ein pagar Thaler, und die wären doch jetzt willkommen in unſerer jetzigen Noth!“ Er verſuchte, die Looſe vorſichtig von der Thür abzulöſen; aber ſie waren, damit ſie nicht verloren gehen Brave Leute. 4 50 hätte er ſie gr zerreißen müſſen. Das wollte er doch auch nicht. Alſo kurz und gut entſchloſſen, legte er ſeinen Packen zur Seite, hob die Thür aus ihren Angeln, huckte ſie auf, nahm den Packen in die Hand, und nun trat er den Ruckmarſch zum Häuschen der Muhme an. „Die Thür iſt noch gut und feſt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Man wird ſie gebrauchen können, wenn wir die Hütte wieder aufbauen, und da mag ſie eben ſo gut im Trocknen ſtehen, wie hier im Schlamm und Moder!“ Mancher lachte wohl, der dem Fiſcher⸗Anton auf ſeinem Gange begegnete, aber er kümmerte ſich nichts darum, ſo wenig wie um die Schwere der Thür, die er ſchleppte. War er doch ſtark genug, daß ihn die Laſt nicht allzuſehr niederdrückte. Von Schweiß be⸗ deckt kam er bei der Muhme an, und ſtellte die Thür hinter den Ofen, wo ſie nicht im Wege ſtand. „Ach mein Gott,“ rief Marie ihm zu,„iſt das Alles, was von unſerer Hütte übrig geblieben iſt?“ „So ziemlich Alles, Marie,“ erwiederte Fiſcher⸗An⸗ ton.„Noch ein paar Balken und Pfoſten und Sper⸗ ren ſind wohl zu gebrauchen, aber ich konnte ſie doch nicht fortſchleppen, wie die Thür?“ „Und warum überhaupt auch die Thür?“ fragte Marie verwundert. „Ei, ſiehſt du's nicht? Wegen der Lotterie⸗Looſe, die dran kleben!“ antwortete der Mann.„Warum ſoll ich ſie dem Zufall preisgeben, da ſie doch einmal be⸗ zahlt ſind? Gelt, es wär' dir doch verdrießlich, wenn wir ein kleines Gewinw'le machten, und die Lvoſe wären ſollten, zu und um ſie los zu machen, 51 dann fort, und wir könnten's nicht einziehen! Uebrigens weißt du ja, nur eines davon gehört uns, und das andere Auiſen, der wir's zu ihrem letzten Geburtstage ſchenkten. Sollt' ich ihr einziges Geburtstagsgeſchenk dahinten laſſen? Nein, lieber hab' ich mir gleich die ganze Thür aufgebündelt.“ „Du biſt ein verwunderlicher Anton!“ ſagte Marie lächelnd.„Machſt dir immer ſo viel Müh' und um nichts. Wir und in der Lotterie gewinnen! Der bloße Gedanke daran lächert mich ſchon. Nun denn aber, da du's einmal hier haſt, welches iſt das unſrige Lvos, und welches Luiſen ihres?“ „Das mit dem rothen Strich unter den Nummern gehört dem Mädchen, und das ohne Strich, unſer. Merk' dir's, Marie, damit wir uns nicht fremdes Gut aneignen, wenn die Nummer mit dem rothen Strich herauskommen ſollte.“ „Ja, ja, ich will mir's merken! Aber warum ſagſt du's nicht lieber dem Mäd'le ſelber, daß Jenes ihr Loos iſt?“ „Ei, weil ich ihr die Unruhe ſparen will, bis die Lotterie gezogen wird,“ entgegnete Anton. Vielleicht gewinnt ihre Nummer nichts, und dann hat ſie keine Enttäuſchung davon; wenn ſie aber gewinnt, dann ſoll das Mäd'le recht lachen, wenn ihr die blanken Thaler in den Schooß fallen. Laß du's nur dabei, Marie, und ſag' ihr kein Wort von dem Looſe. Will das Glück ihr wohl, ſo erfährt ſie früh genug, daß wir ihrer an ihrem Geburtstage nicht vergeſſen haben.“ „Nun, ſo ſei's drum, und ich will nur wünſchen, daß eine glückliche Hand ihre Nummer zieht,⸗ ſagte Marie, „Aber laß uns jetzt auch an uns denken⸗ S Weißt 52 du ſchon, was mit uns werden ſoll und wie wir unſer Brod ſollen verdienen?“ Anton zuckte die Achſeln.„Ich werde eben müſſen auf Tagelohn gehen,“ ſagte er.„Wenigſtens ſeh' ich nicht, was mir weiter übrig bleibt.“* Und mit kurzen Worten ſchilderte er die Verwü⸗ ſtung, die er in ſeiner Hütte, im Garten und auf dem Acker vorgefunden hatte. „So ſchlimm' hätt' ich's mir nicht vorgeſtellt!“ ſeufzte Marie und trocknete eine Thräne, die ihr Auge verdunkelte.„Aber weißt, Anton, während du drunten warſt, hab' ich Beſuch hier gehabt, und ich glaube wohl, das könnte von guten Folgen ſein.“ „Und wer iſt's geweſen?“ „Der Friedrich war's, des Barons Jäger, mein Vetter mütterlicher Seits.“ „Der Friedrich? Und was könnte der für uns thun, Marie? Du weißt ja doch, er ſteht nicht in großem Gehalt, und außerdem klagte er erſt neulich noch, daß er das Wenige auch nicht einmal ordentlich ausbezahlt bekäm'! Von ihm kann man nichts neh⸗ men, wenn er's auch geben wollte.“ „Du haſt wohl recht, Anton!“ erwiederte die Frau. „Er will auch nichts geben, ſondern dir nur einen Vorſchlag machen. Hör' ihn wenigſtens an. Er muß bald wiederkommen, denn er hat mir's verſprochen.“ In der That dauerte es auch nicht lange, ſo kam Friedrich, ein junger, ſchlanker Burſch, mit freundlichem Geſicht, in eine ſchmucke Jäger-Uniform gekleidet, mit Büchſe, Jagdtaſche und Hirſchfänger daher, und reichte dem Vetter die Hand. „Das Waſſer hat übel gegen dich gehaust, Vetter,“ 53 ſagte er.„Es thut mir ſchwer Leid an, kannſt es glauben, und ich wäre ſchon geſtern gekommen, um dir meine Theilnahme zu bezeigen, wenn ich nicht mit dem jungen Baron Ottfried hätte in den Wald müſſen. Aber ſiehſt, Anton, in einer Art war's recht gut, daß er mich mitnahm, denn vielleicht wäre mir ſonſt nicht eingefallen, woran ich denke, daß es dir gut thun ſoll.“ „Was iſt's denn eigentlich, Vetter?“ fragte Anton. „Die Märie hat mir ſchon davon geſprochen, aber ich kann nicht errathen, was du vorhaſt.“ „Ei, ſchau', ſagte Vetter Friedrich treuherzig,— dein Häuschen iſt in Grund und Boden verwüſtet, ſo daß du nicht mehr drin wohnen kannſt, ich hab' es mit meinen eigenen Augen geſehen. Und ſo wird dir denn auch dein Fiſcherhandwerk auf eine gute Weile verleidet ſein, denn allein nährt's die Familie nicht, und außerdem iſt ja dir auch alles Geräth fortge⸗ ſchwommen, bis auf den einzigen Nachen, aus dem heraus du doch die Fiſche nicht mit den Händen grei⸗ fen kannſt. Nun horch' mir zu, Vetter. Drin im Wald liegt eine Hütte, wo vor Zeiten einmal ein Waldhüter gewohnt hat. Es war ein alter Diener vom Vater unſeres jetzigen Herrn, der ſich's ausbat, da bis an ſein ſeliges Ende hauſen zu dürfen. Jetzt iſt er nun freilich ſchon ein Jahrer zehn oder zwölf todt, und du kannſt dir wohl denken, daß die Wald⸗ hütte nicht ſo ganz gut mehr im Stande iſt, weil kein Menſch ſeitdem auch nur einen Nagel eingeſchlagen hat,— aber doch iſt ſie auch noch nicht ſo arg ver⸗ fallen, daß man ſie nicht mit einiger Mühe in weniger Zeit wieder herrichten könnte. Da hab' ich nun ge⸗ dacht, du könneſt mit Frau und Kindern hinausziehen, und ſo lange im Wald wohnen bleiben, bis eben deine Umſtände ſich ſo weit gebeſſert haben, daß du dein altes Gewerbe wieder anfangen kannſt.“ „Du meinſt es gut, Friedrich, und biſt ein braver Burſch,“ ſagte Anton;—„aber haſt du auch bedacht, daß es nicht ein Obdach allein iſt, was wir brauchen?“ „Ei wohl,“ erwiederte der junge Jäger.„Siehſt du, der alte Balthaſar hatte ſich um ſeine Hütte herum auch ein Stück Waldland zurecht gemacht, die Bäume ausgerodet und fleißig den Spaten gehandhabt, ſo daß er ſich an Feldfrüchten und Gemüſe reichlich ziehen konnte, was er bedurfte. Freilich, ſeit er todt iſt, hat das Unkraut wieder überhand genommen und auch das Unterholz iſt wieder gewachſen, aber, wenn du's an⸗ greifſt, ſo wirſt du bald reine Bahn gemacht haben, und der Waldboden iſt ſo fruchtbar, daß er dir drei, vier Aerndten bringt, ohne daß du nur ein einziges Mal düngen müßteſt.“ „Ei nun, wir ſind noch ziemlich früh in der Jah⸗ reszeit,“ erwiederte Anton nachdenklich,—„wenn man ſich friſch dazu hielte, ſo könnt' es wohl ſein, daß man vor Winterszeit noch eine Aerndte herein brächte! Du biſt ein braves Herz, Friedrich! Ja denn, ich nehm' es an, vorausgeſetzt, daß dein Baron keinen Einſpruch dagegen thut. Du weißt, er iſt nicht immer gut auf die armen Leute zu ſprechen. Haſt du ihm ſchon ge⸗ ſagt davon?“ Friedrich wurde ein wenig verlegen, und ſchlug die Augen zu Boden. „Ja freilich,“ erwiederte er,—„und da kommt noch das böſe Ende von der Sache. Der Baron hat ſchon nichts dagegen, daß du nach der Hütte ziehſt und 55 ſie in Beſchlag nimmſt, und das Feld ausrodeſt und wieder anbaueſt,— aber er meint, verſchenken thu' er nichts, und wo er dir einen Vortheil gäbe, da müß⸗ teſt du ihm auch Dienſt dafür leiſten!“ „Aha, ich dacht' es wohl!“ ſagte Anton.„Ich kenne ja den jungen Herrn, der mir ſchon lange nicht gewogen iſt, ſeit ich ihm meine Fiſche nicht halb um⸗ ſonſt in das Schloß liefere. Ja, Friedrich,— da wird denn wohl nichts werden mit der Waldhütte, und ich danke dir für den guten Willen. Ja, ja, dein Vor⸗ ſchlag wäre mir ſchon ganz recht geweſen, nur freilich haben wir die Rechnung ohne den Wirth gemacht!“ „Nicht ſo haſtig, lieber Mann!“ fiel Marie ſanft ein.„Willſt du nicht wenigſtens hören, was der Ba⸗ ron für Bedingungen ſtellt?“ „Doch gewiß ſolche, die ich nicht annehmen kann!“ ſagte Fiſcher-Anton.„Ich kenne meine Leute. Für ihn iſt zwar die Hütte gar nichts werth, aber ich würde ſie theuer bezahlen müſſen, wenn ich ſie ihm zurecht machte und wieder her ſtellte. „Doch wohl nicht, Anton,“ widerſprach der Jäger. „Hör' mich nur an, und du kannſt ja nachher immer noch thun, was du willſt. Der Baron verlangt nichts weiter, als nur den Zehnten von deiner Aerndte, und daß du jezuweilen Frohndienſte thuſt bei Treibjagden im Winter. Das iſt Alles!“ „Den Zehnten, und auch noch Frohndienſt!“ ſagte Anton kopfſchüttelnd.„Eines davon iſt zu viel, Friedrich. Den Zehnten wollt' ich ſchon geben, ob⸗ gleich es hart iſt, da ich doch erſt den Acker, auf dem ich ärndten will, umbrechen und zurecht machen muß; — aber auch noch Frohndienſt? Soll ich mich frei⸗ willig in Knechtſchaft begeben? Nein, Friedrich, das iſt zu viel verlangt! Lieber will ich doch Tagelöhner⸗ Arbeit thun und trockenes Brod eſſen, aber ein freier Mann dabei bleiben!“ Der junge Jäger zuckte die Achſeln.„Ich mag nicht zureden, ich mag nicht abrathen,“ ſprach er.„Aber ich meine doch, da es nicht für immer iſt, und da du jeden Tag die Hütte mit dem Rücken anſehen kannſt, wenn man dir zu viel oder Ungebührliches zumuthet, ſo ſollteſt du es doch verſuchen, Anton. Tagelöhnern kannſt du immer noch, wenn dir der Vertrag mit dem Baron nicht länger anſteht. Was iſt denn weiter mit dem bischen Frohndienſt? Kaum drei, vier Mal gibt es ein Waldtreiben im Winter, und im ſchlimmſten Fall werd' ich dir auch das ein' oder andere Mal hel⸗ fen können durchſchlüpfen. Ich würd's doch darauf hin wagen, Anton!“ „Ja, ja, Mann, Friedrich ſpricht gut und verſtän⸗ dig,“ ſagte Frau Marie eindringlich, als der Fiſcher zweifelhaft den Kopf ſchüttelte.„Bedenk' auch: die Muhme hat uns wohl Obdach gegeben auf ein paar Tage aus chriſtlicher Liebe und Verwandten-Pflicht, aber für alle Zeit wird ſie uns doch nicht bei ſich be⸗ halten wollen in ihrem kleinen Häuschen, wo man ſich kaum umdrehen kann, ohne an einander zu ſtoßen. Laß du uns nur hinaus in den Wald. Ich und Luiſe helfen dir beim Zimmern und Hacken und Graben, bis Alles in Ordnung iſt, und dann, wenn die Frucht in der Erde liegt, kannſt du immer auf Tagelohn gehen, oder auch dein Gewerbe treiben und Fiſche fangen, ſo daß wir nicht Hunger zu leiden brauchen. Wenn dann der Winter kommt, ei, der liebe Gott hat immer ge⸗ — 57 holfen, jetzt hilft er uns wieder durch den braven Vet⸗ ter Friedrich, und ſo wird er denn auch weiter helfen. Nimm du nur die Hütte, Anton, und für alles Uebrige mag dann auch ſchon Rath werden. Weißt du,“— fügte ſie leiſe flüſternd hinzu, indem ſie ſich dicht an Antons Ohr neigte,—»im ſchlimmſten Fall, wenn der Baron dich ja allzu übel behandeln wollte. Denn erinnern wir ihn wieder einmal an die fünfhundert Gulden, die er vom Vater geborgt hat, und drohen mit einer Klage vor Gericht, was wir damals noch nicht gethan, ais er Alles in Abrede ſtellte, und dann wird er wohl in ſich gehen und es nicht auf's Aeußerſte ankommen laſſen. Nein, nein, ohne Bedenken! Nimm du die Hütte, und kränke den Vetter nicht ſo ſehr, daß du von ſeinem guten Willen keinen Gebrauch machſt!“ Anton war noch immer unſchlüſſig.»Du weißt nicht, was ich weiß!“ ſagte er.„Ich hab' es dir im⸗ mer verſchwiegen, um dir eine überflüſſige Sorge zu erſparen, aber der junge Baron mag mich nicht leiden und hätte mich gewiß ſchon gekränkt, wenn es nur in ſeiner Macht geweſen wäre. Aber ſo lang' ich in mei⸗ nem eigenen Häuschen ſaß, konnt' er nicht an mich kommen, und ich fragte wenig nach ſeinem Groll. Das wird anders, wenn ich die Waldhütte in Pacht nehme, und ſeinen böſen Willen hat er mir ſchon verrathen, da er zum Entgelt Frohndienſte von mir verlangt. Bin ich erſt abhängig von ihm, wird er ſeine Hand gewiß ſchwer auf meine Schulter legen, und mich bis in den Staub niederdrücken, wenn er's vermag.“ „Aber er vermag's nicht,“ erwiederte Marie eifrig. „Was kann er dir thun? Friedrich hat recht, wenn er ſagt, daß du ja jede Stund' aus der Hütte gehen 58 kannſt, falls es dir nicht länger darin gefällt. Und was haſt auch mit dem jungen Baron gehabt? Es wird ſo ſchlimm nicht ſein, wie du's anſiehſt!“ „Schlimm genug jedenfalls, wenn ich in ſeiner Macht bin,“ entgegnete Anton.„Vorigen Herbſt wars; ſie hatten auf dem Schloſſe den ganzen vorherigen Sommer über Fiſche von mir gekauft, aber nie an's Bezahlen gedacht, ſo daß ich endlich meinte, es ſei wohl Zeit, einmal daran zu erinnern, und ſelber mit dem Eimer hinauf auf's Schloß ging. Im Hof begegnete mir der junge Baron, und da er mich mit dem Eimer kormen ſah, rief er mir zu, ich ſolle näher treten und auch ſehen laſſen, was ich bringe. Es war eine Lachs⸗ forelle im Eimer von über zehn Pfund ſchwer, ſo ſchön, wie mir lange keine in's Netz gegangen. Der junge Baron wollte ſie auch gleich in Beſchlag nehmen, und wies mich an, ſie in die Küͤche zu tragen, ich aber ſagte:„Nichts für ungut, Herr Baron, ich gebe Ihnen die Forelle gern, doch möcht ich auch bitten, Sie möch⸗ ten den Koch anweiſen, daß er mich fein bezahlt für de Fiſche, die ich ſeit dem Frühjahr daher gebracht abe!“ „Wie ich das ganz beſcheidentlich ſagte, fuhr dem jungen Herrn der Zorn flammenroth in's Geſicht, und er fuhr mich grimmig an. „Unverſchämter Kerl,“ ſchalt er mich und fitſchelte mir mit ſeiner Reitpeitſche vor dem Geſicht herum,— „packe dich fort in die Küche, und unterſteh' dich nicht wieder, ſo frech vor mich hinzutreten. Wenn der Koch dir ſchuldet, ſo wird er dir's zahlen, wenn die Reih' an dich kommt!“ „Sie ſollte ſchon längſt an mir geweſen ſein, Herr n⸗6— 59 Baron,“ antwortete ich,„denn ich bin ein armer Fiſcher und habe Kinder, die nach Brod verlangen. So muß ich denn ſchon bitten, daß Sie mich nicht ohne Geld fortſchicken, denn wahrlich, ich bedarf's.“ Der junge Herr warf einen finſteren Blick auf mich, und drehte mir mit den Worten:„es wird ſich finden!“ den Rücken zu. Ich dachte, das ſei mein Be⸗ ſcheid, und nahm meinen Eimer auf, um zu gehen,— natürlich nicht in die Küche, denn was hätt' ich dort ſollen? Geld bekam ich ſchon nicht, das ſah ich deut⸗ lich genug, und dazu noch die ſchöne Forelle hergeben, für die mir jeder Gaſtwirth in Bonn gern drei oder wohl gar vier Gulden bezahlt hätte, das mochte ich doch auch nicht. Alſo ging ich an der Küche vorüber, dem Thore zu, und war ſchon beinahe hindurch, als plötzlich der junge Baron ganz wild hinter mir her ſchrie,„wo ich hinaus wolle, und ob ich nicht wiſſe, wo die Küche ſei?“ „Ei ja,“ ſagte ich,„aber ich habe nichts darin zu thun, Herr Baron.“ „Die Forelle mußt du abliefern!“ brüllte er.„Ich habe ſie gekauft!“ „Ja, Herr, aber nicht bezahlt,“ ſagte ich,„und auch alle Fiſche nicht vom vergangenen Sommer her, und da ich Geld brauche, ſo bitt' ich nichts für ungut zu nehmen, aber die Forelle da trag' ich nach Bonn!“ Jetzt wurde er erſt vollends zornig, und ſchrie in mich hinein, die Forelle ſei ihm und ich dürfe ſie nicht weiter verkaufen, nachdem ich ſie ihm angeboten und er ſie angenommen, und mein Geld werde mir nicht davon laufen, ob ich denn vergäße, vor wem ich ſtehe, und derlei Redensarten mehr. Da ich aber ruhig blieb und auch ganz ruhig weiter ging, ſchalt er hinter mir drein, gab mir böſe Worte und drohte mir:„Hüt' dich nur! Ich krieg' dich doch ſchon einmal, und dann ſollſt fühlen, was du frech und unverſchämt geweſen biſt. Die Lachsforelle ſoll dir verſalzen werden, daß du zeitlebens an ſie gedenkſt.“ Was er noch mehr ſchrie und tobte, weiß ich nicht, denn ich machte mich davon und war froh, als ich den Berg hinunter war und gar nichts mehr von ihm hörte. Seit jener Zeit nun iſt's mit aller Freund⸗ ſchaft zwiſchen uns vorbei. Den Tag drauf ſchickte mir der Baron mein Geld, aber mit dem Empfehl, ich ſolle mir's nicht unterſtehen, mich noch einmal auf ſei⸗ nem Schloß droben blicken zu laſſen, und überdieß, wo er mich ſeitdem zu Geſicht bekam, ſah er ſtets wild und grimmig drein, ſo daß ich wohl merken konnte, wie er mir die Lachsforelle und meine Weigerung, ſie ihm zu geben, nicht vergeſſen hat. Und jetzt nun ſoll ich glauben, daß er auf einmal andere Geſinnungen gegen mich hege? Das kann ich nicht!“ „Ich habe das nicht gewußt! Nicht eine Ahnung hab' ich davon gehabt!“ ſagte Marie, nachdem ſie eine Weile ſtill vor ſich nieder geblickt und wie Friedrich kein Wort geſprochen hatte.„Aber gleichwohl, Um⸗ ſtände verändern die Sache. So lange du im Glücke ſaßeſt, Anton, konnt' es wohl ſein, daß der Baron dir nichts Gutes wünſchte. Aber jetzt ſind wir ja un⸗ glücklich, oder doch wenigſtens arm und von allen Hülfsquellen entblößt, da wird er um eines erbärm⸗ lichen Fiſches willen nicht noch ſeinen Haß an dir aus⸗ laſſen wollen. So entrüſtet kann er nicht ſein gegen dich. Und dann bedenke auch, der Baron kam ja nicht 2 61 von ſelber auf den Gedanken, dich in die Waldhütte zu locken, ſondern Friedrich brachte ihn erſt darauf, und bat um die Hütte für dich. Daß er ſie bewilligte, ſieht mir doch nicht aus, wie Haß und Feindſchaft.“ „Mir auch nicht, Vetter, gewiß nicht,“ ſagte der junge Jäger.„Er iſt grade kein böſer Menſch, der junge Baron. Ich meine immer, du ſolleſt doch die Hütte nehmen.“ Anton ſchüttelte immer und immer wieder den Kopf. „Ich trau' ihm nicht, ich trau' ihm nicht!“ murmelte er.„Laßt mich für jetzt in Ruhe, Kinder! Bis mor⸗ gen will ich's mir bedenken, und Euch dann Beſcheid ſagen.“ Damit war für heute der Verhandlung ein Ende gemacht. Friedrich ging fort, und Anton folgte ihm bald darauf unter dem Vorwande, noch einmal nach der Hütte zu ſehen. Aber er ging nicht nach der Hütte, denn er wußte wohl, daß dort nichts mehr zu holen ſei, ſondern in das Dorf ging er, und fragte hier und da bei den wohlhabendſten Bauern an, ob ſie ihm wohl Arbeit und Verdienſt auf ein Jahr hinaus oder auch nur auf ein halbes Jahr geben könnten. Aber überall, wo er anklopfte, empfing er abſchlägigen Beſcheid. Unverrichteter Sache mußte er nach dem Hauſe der Muhme zurückkehren. Plötzlich blieb er mitten auf dem Wege ſtehen. „Wenn es mir geglückt wäre, ein Unterkommen zu finden,“ ſprach er in ſich hinein,„ſo hätt' ich mir lie⸗ ber den Baſt von den Händen gearbeitet, als mich in Abhängigkeit vom jungen Baron begeben! Aber es hat nicht ſein ſollen, und da mir nun in der Welt 62 nichts weiter übrig bleibt, ſo will ich mir die Wald⸗ hütte zum wenigſten einmal anſehen!“ Er machte rechtsum und ging mit eiligen Schritten dem Walde zu. Den Ort, wo die Hütte lag, kannte er aus der Beſchreibung Friedrichs, und bald hatte er ſie auch richtig aufgefunden. Er betrachtete ſie mit neugierigen Blicken. Es war eine Art Blockhaus, aus unbehauenen Baumſtämmen aufgeführt und mit Stroh gedeckt. Fenſter und Thüren ſchienen in gutem Stande, nur das Dach hatte in der Länge der Zeit hier und da ein wenig gelitten. „Ein paar Bündel Schilfrohr helfen dem Schaden ab,“ murmelte er.„Im Uebrigen iſt das Häuschen. nicht übel, und am Ende.. aber erſt will ich mich weiter umſehen.“ Er faßte die Umgebungen in's Auge. Etwa zwei bis drei Morgen Land befanden ſich in einem Zuſtande, der deutlich erkennen ließ, daß ſie vor Jahren zum Ackerbau benutzt worden waren. Jetzt wucherten Un⸗ fraut und allerlei Geſträuch und Geſtrüpp darauf, aber Anton erkannte nach kurzer Prüͤfung, daß es keiner großen Anſtrengung bedürfen würde, den Boden wieder zu ſäubern und urbar zu machem. Etwas weiter von der Hütte entfernt, in einer Waldlichtung, erhob ſich die runde Kuppe eines Hügels. Ein munteres Gezwitſcher von allerlei kleinen Sing⸗ vögeln ſchallte von dort herüber.. „Einen beſſeren Ort für einen Vogelherd gibt es gewiß weit und breit im Walde nicht,“ ſagte Anton, „und ich möchte darauf wetten, daß ſchon mein Vor⸗ gänger dort ſeine Netze geſtellt hat. Hm! Wenn ich Erlaubniß bekäme, mir ſolchen Vogelherd einzurichten, ſo möchte ſich's machen. Ich will mit Friedrich dar⸗ über reden!“ Noch einen letzten prüfenden Blick warf er auf die Waldhütte, und ſchlug dann den Heimweg ein. Mit heiterem Geſicht reichte er ſeiner Frau die Hand und küßte die Kinder, die ſich jubelnd an ihn hingen. .„Du erräthſt gewiß nicht, woher ich komme, Ma⸗ rie,“ ſagte er.„Ich war im Wald und hab' mir die Hütte beſchauet!“ Und haſt nun deinen Entſchluß gefaßt?“ fragte ſie lebhaft. „Ja, hab' ihn gefaßt,“ erwiederte er.„Wir wol⸗ len's verſuchen, Marie, ob mir's gleich anfangs ſchwer angekommen iſt, den Vorſchlag anzunehmen. Aber ich hab' mir's hin und her überlegt. Zwar bleib ich da⸗ bei, daß ich dem jungen Baron nicht viel traue, doch ich denk', ich werde mich ſo zu ihm ſtellen, daß er mir nichts beſonderes Böſes anhaben kann. Das mit den Frohnden muß ſchriftlich gemacht werden, und ſeinen Zehnten ſoll er richtig bekommen. Nachher, wenn ich meine Verpflichtung erfülle, will ich mich ſeiner Bos⸗ heit ſchon erwehren, falls er ſie an mir auslaſſen ſollte.“ „Das iſt brav und verſtändig geredt, Anton!“ ſagte Marie hoch erfreut.„Siehſt du, ich muß dir nur be⸗ kennen, die alte Muhme, ſo bereitwillig ſie uns auch aufnahm, hat doch ſchon, während du fort wareſt, ein paar Worte fallen laſſen, daß ihre Hütte doch gar eng und klein für ſo viele Leute, und ob es nicht beſſer wäre, daß wir unſere Kinder austhäten zu fremden Leuten, die ſie um Gottes und ſeiner Barmherzigkeit willen wohl aufnehmen würden, und was dergleichen Reden mehr waren. Es hat mir durch's Herz ge⸗ chnitten, obgleich die arme alte Muhme eigentlich recht hat, denn man kann ſich wirklich nicht umdrehen in dem Häuschen hier,— aber ein rechter Stein iſt mir nun doch von der Bruſt gefallen, nun du ſagſt, daß wir unſere kleine Wirthſchaft wieder für uns anfangen können!“. „Ja, ja, das ſoll geſchehen,“ erwiederte Anton, nun vollends feſt entſchloſſen.„Die Muhme meint es gut mit uns, aber ſie weiß eben nicht, was es heißen will, ſeine Kinder von ſich thun! Nein, lieber wollt' ich das Härteſte ertragen, als mich von ihnen trennen. Sei du nur friſchauf, Marie! Morgen ſchon ziehen wir nach der Waldhütte, und mit dem jungen Baron will ich ſchon fertig werden!“ Noch am nämlichen Abend wurde der Muhme mit⸗ getheilt, daß ſie blos noch für eine Nacht die ſchwere Einquartierung behalten ſolle, und ſie war wohl damit zufrieden, da ſie hörte, daß Anton ein anderes Obdach für die Seinen gefunden hätte. „Es kommt mir ſchwer genug an, daß ich euch nicht behalten kann,“ ſagte ſie;—„aber ihr müßt ja ſelbſt einſehen, daß es auf die Länge nicht geht. Im ſchlimmſten Fall freilich, wenn gar weiter nichts übrig blieb; nun, denn in Gottes Namen müßten's wir eben einzurichten ſuchen, aber wenn ſich's auf andere Weiſe thun läßt, um ſo beſſer. Uebrigens weißt du wohl, Anton, die Thür zeig' ich dir nicht!“ „Ja, ja, Muhme, Ihr ſeid eine brave Frau und ich dank Euch für Euren guten Willen,“ entgegnete Anton und drückte der alten Frau die Hand.„Gott 65 wird uns behüten, daß wir's nicht bedürfen, aber wenn das Schlimmſte zum Schlimmen kommen ſollte, ſp „So denke du wieder an die alte Muhme,“ fiel ſie ein.„Ein letztes Plätzchen, wenn's auch eng iſt, ſollſt du immer finden bei ihr.“ So war's denn entſchieden, daß die ganze Familie morgen nach der Waldhütte hinaus ziehen ſollte. Fried⸗ rich kam ſchon zu früher Stunde und lobte den Ent⸗ Gicluß Antons. „Auch wegen der Frohnden mache du dir keine Sorge, lieber Vetter,“ ſagte er.„Ich will's ſchon ein⸗ richten, daß du nicht zu viel beläſtigt wirſt, und dann ſind ja die Wild⸗Treiben auch erſt im Spätherbſt und im Winter, wo es außerdem nicht viel zu thun gibt. Zwei, drei Tage kannſt du ſchon abkommen, und das Andere laß dich nicht kümmern!“ Friedrich hatte den Schlüſſel zur Waldhütte bei ſich und machte das Anerbieten, die Familie hinaus zu be⸗ gleiten, was von Allen mit Freuden angenommen wurde. Mit Sack und Pack begaben ſie ſich auf den Weg, nachdem ſie dankbaren Abſchied von der Muhme ge⸗ nommen. Marie ſtutzte ein wenig, als ſie die alte Hütte er⸗ blickte, und die Wüſtenei voll Unkraut rings herum, und das ſchadhafte Dach,— aber Anton ſprach ihr Muth ein. „Nur acht Tage laß mir Zeit, dann wird es hier ſchon ganz anders ausſehen, und du ſollſt dich bald ganz heimiſch fühlen, wenn nur von außen her nichts Böſes auf uns eindringt. Aber höre du, Vetter Fried⸗ rich, wird mir's wohl geſtattet ſein, einen Vogelherd auf der Lichtung dort einzurichten?“ 65 Brave Leute. 8 5 66 „Thu' du's nur,“ erwiederte der Jäger.„Der alte Waldhüter hat auch ſeinen Vogelfang da gehabt, und ſo gehört's gewiſſermaßen zu der Hütte als ein Recht. Nur darfſt du dich an keinem anderen Wild vergreifen, als an den Singvögeln!“ Ich weiß wohl,“ entgegnete Anton.„Lieber möcht' ich mir ja die rechte Hand abhacken, als zum Wild⸗ diebe werden. Nein, da kannſt du ruhig ſein, Friedrich, und dein Baron auch. Aber jetzt ſchließe auf! Wirz müſſen doch ſehen, wie die alte Hütte innen beſchaf⸗ fen iſt!“ Friedrich öffnete und ſchlug die Laden vor den Fen⸗ ſtern zuruͤck, damit Luft und Licht in das Innere des Häuschens einſtrömen konnte. Neugierig folgten ihm jetzt die Uebrigen und ſchauten ſich um in dem Raume, der ihnen künftig Schutz und Obdach gewähren ſollte. „Ei nun,“ ſagte Marie,„es iſt nicht ſo übel hier, und nicht ſo ſchlimm, als ich gefürchtet habe. Da ſind ja auch noch Tiſch' und Stühle, Alles gut und feſt, und geräumig iſt die Stube auch, daß wir Alle be⸗ quem darin ſitzen können.“ „Schauet Euch auch die Kammern an und die Küche,“ ſagte Friedrich.„Sie ſind noch ziemlich gut im Stande, und was fehlt, wird Anton bald zu ſchaffen und zu beſſern wiſſen!“ Sie gingen das ganze Häuschen durch, auch die Treppe hinauf zu den oberen Räumen, und das an⸗ fänglich etwas bedenkliche Geſicht Marie's heiterte ſich mehr und mehr auf, je weiter ſie vorſchritt; Pracht⸗ zimmer waren's freilich nicht, die ſie betrat, aber doch ließen ſich die Räume mit einiger Mühe wohnlich her⸗ richten und boten, im Ganzen genommen, mehr Platz, 67 als ihr zerſtörtes Fiſcherhäuschen am Rheine gehabt hatte. Nur oben war Manches ſchadhaft, denn das morſche Dach hatte Schnee und Regen durchgelaſſen. Dem aber verſprach Anton ſchleunigſt abzuhelfen. Nach vollſtändiger Beſichtigung der Waldhütte erfolgte die Erklärung der ganzen Familie, daß man in Gottes Namen die Wohnung darin aufſchlagen wolle, und Friedrich übergab den Schlüſſel an Anton, womit der Vertrag im Namen des Barons, als des Grundeigen⸗ thümers, ohne weitere Formalitäten abgeſchloſſen war. „Nun denn,“ ſagte Marie am Abend, als man im Begriff war, ſich zur Ruhe zu begeben,— vein Ob⸗ dach hätten wir wieder, gebe Gott jetzt nur ſeinen Segen dazu!“ „Ja, möge der Herr unſeren Einzug ſegnen,“ er⸗ wiederte Anton.„Wenn Er mit uns iſt, was ſollten wir fürchten?“ Viertes Kapitel. Der Vogelherd. Anton liebte es nicht, die Hände in den Schvoß zu legen, wenn es Arbeit zu verrichten gab. Und an ihrem neuen Zufluchtsorte fehlte es denn wahrlich nicht. Das nächſte, was er in Angriff nahm, war eine Aus⸗ beſſerung des Daches. Schilfrohr wußte er in Maſſe ſtehen, und mit Benutzung ſeines Kahnes und eines 68 Karren, den ihm gern Einer von ſeinen früheren Nach⸗ barn borgte, ſchaffte er es in hinreichender Menge her⸗ bei. Noch vor Abends war das Nöthigſte geſchehen, denn Marie und die Kinder, beſonders Luiſe, griffen wacker mit zu und halfen nach Kräften. Dann wurde das Innere der Waldhütte beſtmöglich hergerichtet. Anton holte die wenigen Geräthſchaften, welche allen⸗ falls noch zu gebrauchen waren, aus der Fiſcherhütte, und während er damit beſchäftigt war, wuſchen, putz⸗ ten und ſcheuerten daheim die Frau und die Kleinen, bis ſich Alles ſo gut im Stande befand, als es nach den Umſtänden irgend herzuſtellen war. Nach Beendigung der häuslichen Einrichtung ging es an die Bearbeitung des Ackerlandes. Hier mußte Anton das Meiſte allein verrichten, denn das Feld um⸗ zubrechen, das Geſträuch auszuroden und das Unkraut zu beſeitigen, erforderte mehr Kraft, als die Uebrigen aufzuwenden hatten. Gleichwohl gingen auch ſie in⸗ deſſen nicht müßig. Anton dachte auf die Zukunft und wies ſie an, aus Bindfaden Netze zu ſtricken, die er ſpäter zum Vogelfange benutzen wolle. Das war eine leichte Arbeit für die flinken Hände der Kinder und ihrer Mutter, denn ſie waren darin ſchon geübt vom Stricken der Fiſchnetze her. Ehe noch Anton den Acker umgegraben und beſtellt hatte, lagen die Netze fertig bereit, und Anton konnte daran denken, ſein Vorhaben, einen Vogelherd einzurichten, zur Ausführung zu bringen. Während aller dieſer Arbeiten und Vorbereitungen hatten die armen Leute freilich mancherlei Entbehrungen dulden und tragen müſſen, denn es fehlte ihnen ſo * Z ziemlich an Allem, was ſie früher zur Genüge gehabt hatten. Aber das beugte ihren Muth nicht. „Wir müſſen uns eben behelfen!“ ſagten Anton und Marie, wenn ſich irgend ein Mangel fühlbar machte,— und ſie behalfen ſich. Zum Glück wurde Anton von allen ſeinen Nachbarn geſchätzt und geliebt, und ſie halfen ihm gern aus, ſo viel eben in ihren Kräften ſtand. Der Eine borgte ihm Spaten, Hacke und anderes Geräth, wie er's grade bedurfte, ein An⸗ derer gab ihm Korn und Kartoffeln zur Ausſaat für ſeinen Acker, der Dritte half ihm mit Lebensmitteln aus, und Jeder that es mit Vergnügen und ohne allen Eigennutz.„Gib du's wieder, Anton, wenn du kannſt,“ ſagten ſie;—„und wenn du's nicht kannſt, ſo iſt's auch kein Unglück!“ Anton nahm Alles, was ihm ſo freundlich geboten wurde, mit dankbarem und gerührtem Herzen an, in⸗ dem er die feſte Zuverſicht hegte, daß er eines Tages alles Empfangene ehrlich und redlich werde wieder heim⸗ geben können. Auch ſchrieb er pünktlich auf, was er bekam und von wem, damit er ſpäterhin ja nicht den Einen oder den Anderen von ſeinen Wohlthätern ver⸗ geſſen möge, und im Uebrigen that er ſelber rechtſchaf⸗ ſen ſeine Schuldigkeit. Zu alledem kam es ihm recht zu ſtatten, daß ihm der fremde Herr, den er bei der Waſſersnoth vom Thurme gerettet, das Goldſtück ge⸗ ſchenkt hatte. Es war allerdings auch kein Reichthum, aber ihm konnt' es doch als ein großer Schatz gelten, da es, mit äußerſter Sparſamkeit verwendet, ſchon häufig die allerdringendſte Noth von den Seinigen abgewendet hatte. Nur reichte es auch nicht für alle Ewigkeit aus, wie ſehr auch Frau Marie die Groſchen und Kreuzer „ 70 an ſich zu halten ſuchte, und als eines Abends Anton nach vollbrachtem Tagewerk in die Waldhütte heim⸗ kehrte, ſagte ihm ſchon das niedergeſchlagene Weſen ſei⸗ ner ſonſt immer ſtandhaften und heiteren Frau, daß irgend etwas Ungewöhnliches ſie bedrücken müſſe. „Was iſt dir begegnet, Marie?“ fragte er freund⸗ „Dir liegt etwas auf dem Herzen und peinigt . Anton, du haſt es errathen,“ erwiederte ſie und zwang ſich, eine Thräne zurückzudrängen, die ihr heiß aus dem bangen Herzen heraufquoll.„Ich muß dir's nur bekennen, daß ich heute den letzten Groſchen habe, den ich noch in meinem Beutelchen and!“ „Nun, ſo iſt's ja nur gut, daß ich heut' ein paar Gulden für Fiſche gelöst habe!“ antwortete Anton ganz vergnügt und zog eine En voll kleine Silbermünzen aus der Taſche.„Sieh' 6 Jetzt biſt du doch wieder aus aller 302. Die arme Frau jubelte laut aiflt Freuden.„Wie haſt du das angefangen, daß du zu dem Gelde gekom⸗ men biſt, Anton?“ rief ſie aus.„Ach, es bleibt doch wahr: wenn die Noth am größten, iſt die Hülf' am nächſten! Du kannſt dir nicht denken, wie bang mir's um's Herz herum geweſen iſt ſchon ſeit ein paar Ta⸗ gen, und nun auf einmal möcht' ich weinen vor Freuden!“ „Ja, ja, Marie, ich ſah's dir wohl an geſtern und vorgeſtern,“ erwiederte Anton,„und ich brauchte nicht lange nachzuſinnen, um zu wiſſen, wo dich der Schuh drückte, und da bin ich dann vorgeſtern und geſtern Nacht, derweil 2 ſanft ſchliefet, ſtill von meinem * „ 71 Lager aufgeſtanden und an den Rhein hinab gegangen, um ein paar Dutzend Schnüre zu legen zum Fiſchfang, da ich doch kein Netz mehr auswerfen kann, weil ich kein's habe. Nun, kannſt du dir aber auch meine Freude denken, als ich geſtern und heute früh faſt an allen Schnüren Fiſche fand, und darunter ein paar prächtige Kerle von vier und fünf Pfund ſchwer. Da bin ich dir denn gleich nach Bonn gewandert, und von dorther komm' ich jetzt mit dem Gelde, das man mir für die Fiſche bezahlt hat. Jetzt kannſt du nun auch für's Erſte wieder aller Sorgen ledig ſein, denn da wir mit dem Hauſe fertig ſind und auch das ganze Feld beſtellt haben, ſo daß wir nichts weiter thun können, als Gottes Segen zur Aerndte anflehen, ſo kann ich wieder anderweit mein Geſchäft treiben und ſo lange Schnüre legen, bis mir deine und der Kinder fleißige Hände wieder zu einem Fiſchnetz verholfen haben. Bis das fertig iſt, haben wir einſtweilen auch die Vogel⸗ netze, und morgen will ich auch wirklich daran gehen, den Herd zu bauen, damit wir die kleinen Vögel fan⸗ gen können, die wohl ſo viel werth ſind, als die kleinen Fiſche im Rhein.“ „Und was ſoll's werden mit den Vögeln, Anton?“ fragte Marie. „Ei, kannſt du's nicht errathen? Der Willy trägt ſie Hauſiren in kleinen Vogelbauern, und du wirſt ſehen, daß er manchen Sechsbätzner aus Dorf und Stadt dafür heimbringt.“ „Aber wo ſollen wir die Vogelbauer hernehmen, Anton?“ „Aus den Weiden am Bach, verſteht ſich, Marie! Solch ein Käfig iſt bald zurecht geſchnitzt, und ich werde 72 dir und Luiſen ſchon Anleitung geben, wie man ſie macht. Das hält nicht ſo ſchwer, als du meinſt. Nur Muth, Marie, du ſiehſt ja wohl, daß Gott uns bei⸗ ſteht, wie er uns immer beigeſtanden, und wenn wir nur erſt den Sommer glücklich überſtanden haben, dann kommt die Aerndte, und wir ſind aus aller Noth und Sorge heraus. Bete nur fleißig, daß uns kein Hagel⸗ wetter in die Saaten fährt und die jungen Halme zerſchlägt.“ „Oh, daran will ich's ſchon nicht fehlen laſſen,“ erwiederte Marie.„Sind doch alle meine Gedanken auf Gott gerichtet, und meine Seele iſt voll Dankes die große Gnade und Barmherzigkeit, die uns der immliſche Vater in all' unſerer Noth und unſerer rmuth gewährt hat. Gewiß, gewiß, ich vertraue dem Herrn und hoffe auf Ihn, denn Er wird ſchon Alles wohl machen!“ Wohl bedurfte die gute Marie aber auch ihres ganzen unerſchütterlichen Vertrauens, denn ſchon, nach⸗ dem die Armen kaum ſich von den erlittenen ſchweren 3 Verluſten zu erholen begannen, ſchwebte eine neue üſtere Wolke am Himmel, deren Schooß zerſchmetternde Blitze in ſich trug. Etwa ſechs Wochen mochten ſeit dem Einzuge An⸗ tons in die Waldhütte verfloſſen ſein, und noch hatte ſich in dieſer ganzen Zeit der junge Baron nicht ein einziges Mal blicken laſſen. Anton beruhigte ſich all⸗ mählig gänzlich über die Abſichten ſeines vermeintlichen Gegners, und redete ſich zuletzt ſelber ein, daß er doch wohl ganz überflüſſige und unnöthige Beſorgniſſe gehegt habe. Eifrig und fleißig ging er ſeinen Geſchäften nach. Viele Nächte brachte er außer dem Hauſe auf 73 dem Rheine in ſeinem Nachen zu, und legte ſeine Schnüre an verſchiedenen Stellen aus, die ihm als vorzüglich fiſchreich bekannt waren. Dann, wenn er heimkehrte, oft erſt nach Mitternacht, vergönnte er ſich kaum ein paar Stunden Schlaf, denn er mußte vor Sonnenaufgang auf dem Hügel bei ſeinem Vogelherde ſein, wenn er ſich Rechnung auf einen reichen Fang machen wollte. Kam er dann vom Vogelherde mit ſeiner kleinen, luſtig zwitſchernden, befiederten Jagd⸗ beute zurück, ſo trieb es ihn ſchon wieder fort nach dem Rhein, wo er nach den Angelſchnüren ſehen mußte, für den Fall, daß etwa die Fiſche angebiſſen hätten. Fand er ſich in dieſer Hoffnung nicht getäuſcht, ſo galt es abermals weiter wandern, um den Ertrag ſeiner Fiſcherei zu verwerthen. Stunden weite Wege mar⸗ ſchirte er zu dieſem Zwecke, und wenn er dann endlich, oft erſt ſpät des Nachmittags heimkehrte, genoß er haſtig nur eben ein paar Biſſen von dem ihm aufgehobenen, kärglichen Mittagseſſen, und ſetzte ſich dann zu ſeinen Kindern, um ihnen Vogelkäfige ſchnitzen zu helfen, deren man gar viele bedurfte. Denn Anton wurde und er merkte bald, daß ihm ſein Vogelherd eine beſ⸗ ſere Einnahme abwarf, als ſeine Fiſcherei. Willy trug die kleinen Gefangenen in ihren zierlich geſchnitzten Käfigen weit und breit im Lande umher, und brachte nicht ſelten drei bis vier Tage auf ſeinen Wanderungen zu. Wenn er aber dann heimkehrte, brachte er auch immer ein ſtraffes Beutelchen voll Geld mit nach Hauſe. Seine Waare fand ſtarken Abſatz, wozu das freund⸗ liche hübſche Geſicht des Vogelhändlers allerdings wohl etwas beitragen mochte. „„ bald ein eben ſo geſchickter Vogelfänger, als Fiſcher, 74 Während ſo Alle, ein Jeder nach ſeinen Kräften, fleißig und betriebſam waren, ſproßten auf dem Acker in fröhlichem Gedeihen die der Erde anvertrauten Saa⸗ ten, und erweckten die Hoffnung auf eine recht geſeg⸗ nete Aerndte. Alles ſchien gut zu ſtehen, und Anton blickte frohgemuth in die Zukunft. Die empfangenen Vorſchüſſe von den Nachbarn hatte er nach und nach. zurückbezahlt, ja, er hatte ſogar ſchon wieder einen klei⸗ nen Nothpfennig für die Zukunft geſammelt, weil er nur wenige Bedürfniſſe kannte und ſeine Geſchäfte kei⸗ nerlei Auslagen von irgend welcher Bedeutung erfor⸗ derten,— da auf einmal rollte der Donner des nahen⸗ den Gewitters in der Ferne und die drohende, düſtere Wolke ſchien ihre Blitze auf ſein unbeſchütztes Haupt entladen zu wollen. Es war an einem hellen, friſchen Sommermorgen, als Anton ſeinen Willy weckte und ihn aufforderte, mit nach dem Vogelherde zu gehen. „Munter, munter, Büble!“ rief er ihm zu;— „die Sonne wird bald herauf kommen, und wir müſſen friſch zur Hand ſein, wenn uns nicht die beſte Stunde verloren gehen ſoll.“ Der muntere Knabe war flink bei der Hand. Im Nu hatte er ſich gewaſchen und ſeine Kleider über⸗ geworfen, und fünf Minuten ſpäter ſchon wanderte er † mit dem Vater dem Hügel zu. Der Fang verſprach gut zu werden. Die Luft war hell und friſch, und ſchon regten ſich die kleinen Sänger im Walde, und ſtimmten ihre Kehlen zu ihrem Morgengeſange. Der Thau hing in Tropfen an den Spitzen der Grashalme, oder ſchimmerte in feinen Perlen auf den Blättern der Sträucher und Bäume. Der Himmel gänzte in köſt⸗ 8 —,— 75 licher Klarheit, und im fernen Oſten ſchimmerten einige leichte Wölkchen in purpurnem Hauche, von den erſten Strahlen der Sonne vergoldet, die noch unter dem Ho⸗ rizonte ſtand. Alles verkündigte einen ſchönen, herr⸗ lichen Tag. „Paſſ' auf, Vater,“ ſagte Willy, indem er die nö⸗ thigen Vorbereitungen treffen half, die Netze legte und die Lockvögel an die geeigneten Orte ſtellte,—„paſſ' auf, Vater, heute geht uns Alles in's Garn, was nur in der Nähe herum iſt. Höre nur, wie ſie jubiliren und zwitſchern. Da ſchlagen die Finken, daß es ſchmet⸗ tert, von dort herüber klingt das Lied der bunten Stieg⸗ litze, auch ein paar Hänflinge hör' ich ſingen, und die Zeiſige ſind, wie immer, in Menge da. Einen präch⸗ tigen Fang wird's geben, ſo daß ich wieder acht Tage oder noch länger zu hauſiren habe, bis die Zwitſcherle alle untergebracht ſind!“ „Ja, ja, Willy,“ erwiederte der Vater,— paſſ' du nur hübſch auf, daß du mir die Zugleinen nicht ver⸗ wirrſt, wie neulich, wo uns der ſchönſte Fang noch unter den Händen entwiſchte!“ „Ohne Sorge, Vater,“ entgegnete Willy.„Ich hab' es mir zur Lehre dienen laſſen, denn du haſt dich gewiß nicht halb ſo ſehr über meine Dummheit geär⸗ gert, als ich mich ſelber. Es waren ſogar ſeltene Vö⸗ gel darunter, ſogar ein Blaukehlchen, was ſonſt ſo ſchwer in's Netz geht, und wofür mir ein Herr in Königswinter einen ganzen Gulden verſprochen hat, wenn ich ihm eins bringe. Wenn ich noch dran denke, möcht' ich mir ſelber ein paar Watſchen geben!“ „Nun, du haſt eine von mir gekriegt, Willy, und daran mag's für das Mal genug ſein,“ entgegnete der G Vater lächelnd.„Nimm dir's zum Denkzettel für die Folgezeit. Aber jetzt iſt Alles in Ordnung, wie ich ſehe. Fort in die Hütte, daß der Fang angehen kann.“ Sie ſchlüpften Beide in eine kleine Hütte aus Schilf und Laub, die nahe bei dem Vogelherde in einem Ge⸗ büſche ſtand. Hier ſtellte ſich ein Jeder an ein Lug⸗ loch, und Beide horchten und ſchauten nun ſtill und mit geſpannter Begierde in's Freie hinaus, wo fort und fort, bald hell und ſchmetternd, bald flötend, bald zwitſchernd der Chor der beweglichen bunten Vögel er⸗ ſchallte. Die Töne klangen näher und näher. Auch die Lockvögel bei den Netzen wurden laut, und riefen, Andere gaben Antwort, und es dauerte nicht gar lange, ſo war eine ganze Schaar der kleinen, befiederten Sän⸗ ger in der Nähe rings um den Vogelherd verſammelt, und zwitſcherte luſtig von den Zweigen der nächſten Bäume und Sträuche herab. Aber obgleich die Ver⸗ führer in den Käfigen lockten, obgleich Anton das herr⸗ lichſte Futter geſtreut und die Netze möglichſt verborgen hatte, ſchienen die ſcheuen Wildlinge doch eine Ahnung der ihnen drohenden Gefahren zu haben, und es dauerte noch eine ziemliche Weile, ehe ſich Einer von ihnen entſchloß, an der von ihnen ausgebreiteten Tafel zu ſpeiſen und die angebotenen Leckereien zu verſuchen. Endlich wagte es ein ſtattlicher Fink, näher zu fliegen. Mit keckem Sprunge glitt er von dem Zweige herab, wo er eben noch ſein pink! pink! laut ſchallend hatte ertönen laſſen, und ſetzte ſich mitten in die reich⸗ lich ausgeſtreuten Leckerbiſſen hinein. Da ſaß er! Anfänglich ſchien er ſelber über ſeine Kühnheit zu 77 erſchrecken, denn er machte einen langen Hals, blickte ſcheu umher, und rührte kein Körnchen an, ſondern ſah viel eher aus, als ob er im nächſten Momente wieder eiligſt die Flucht ergreifen wollte. Da aber Alles ſtill blieb und auch nicht das geringſte Verdächtige zu be⸗ merken war, ſo beſann ſich der Herr Fink eines ande⸗ ren, faßte friſchen Muth, ließ wiederholentlich ſein keckes pink! pink! erſchallen, und wagte es ſeggß etwas zerquetſchten Hanfſamen von der reichen Tafel aufzu⸗ picken. Das ging gut von ſtatten. Zwar erhob er ſogleich ſein bläuliches Köpfchen wieder, und ſchaute faſt ängſtlich mit den hellen Aeuglein umher, als ob ſeiner Verwegenheit die Strafe auf dem Fuße folgen müſſe, aber da auch jetzt nichts Schrecken Erregendes zu ſehen und zu hören war, ſo rief er nochmals pink! pink! pink! und dann pickte er friſch zu und ſchmauste, als ob er ſich für drei ganze Tage ſättigen wollte. Sein Beiſpiel machte den Kameraden rings auf den Zweigen umher Muth, aber vielleicht regte ſich auch der Neid bei dem Einen oder dem Anderen, oder ſie bekamen Furcht, daß der dreiſte Fink Alles weg⸗ ſchmauſen würde, wenn ſie ſich nicht ebenfalls ohne weiteres Zögern zu Tiſche ſetzten;— kurz und gut, das Zwitſchern und Zirpen ringsum verdoppelte ſich plötzlich, und mit einem Male ſchwirrten vier, fünf, ſechs muntere Kameraden, Finken, Zeiſige und auch ein etwas ſchüchterner Hänfling, von den nahen Bäumen, und pickten eben ſo luſtig drauf los, wie ihr verwegener Anführer. „Jetzt haben wir ſie, Vater!“ flüſterte Willy drin⸗ nen in der Hütte ganz leiſe.„Es geht gut!“ „Pſt, pſt! Keinen Laut, Junge!“ erwiederte Anton, ² 78 — oder du wirſt ſehen, daß ſie Alle wieder davon fliegen!“ In der That ſchien es, als ob die Vögel ſchon Verdacht geſchöpft hätten; der ſchüchterne Hänfling machte ſich aus dem Staube, und ſelbſt die Finken ſtanden auf dem Punkte, davon zu ſchnurren, beſannen ſich aber doch anders, als ſie ſahen, daß die gefräßigen kleinen Zeiſige ſich bei ihrer Mahlzeit nicht ſtören ließen. Ein warnender Blick des Vaters ermahnte Willy, ſich fortan mäuschenſtill zu verhalten, und Willy war nun klug genug, den Wink zu verſtehen. Er nickte und blieb ſodann unbeweglich wie eine Mauer. Nur ſein Auge ſchien noch Leben zu haben; es blitzte und fun⸗ kelte und ſprühte vor Wonne, als er ſah, daß der kleine Sänger⸗Chor draußen immer lauter und kecker erſchallte, und daß ein Vöglein nach dem anderen ſich verleiten ließ, der gefährlichen Mahlzeit beizuwohnen. Kreuz⸗ ſchnäbel flogen herbei mit ihrem ſchönen rothen oder grüngelben Gefieder; Staare kamen und pluſterten ſich auf und biſſen, wenn man ihnen nicht gleich Platz machen wollte; der würdevolle, prächtige Dompfaff miſchte ſich unter das bunt geflügelte Corps; Ammern, Bergfinken, Stieglitze, Hänflinge und anderes kleines Geſindel ſchwirrte truppweiſe herbei und fiel gierig über die Lockſpeiſe her, und jetzt— Willy wagte kaum zu athmen und ſtieß nur ganz ganz leiſe den Vater an, — jetzt kamen ja auch wirklich und wahrhaftig nicht nur ein, ſondern zwei Blaukehlchen, wiegten ſich auf einem ſchlanken Zweige in der nächſten Nähe des Her⸗ des, machten lange Hälschen, äugten umher, hüpften vor, hüpften zurück, und hefteten endlich einen längeren Blick auf die leckeren Mehlwürmer in dem Käſtchen, . 79 das Willy erpreß für rare Vögel ſolcher und ähnlicher Art hingeſetzt hatte. Aber wie der köſtliche Leckerbiſſen auch verfüͤhreriſch lockte, die Blaukehlchen wagten ſich nicht daran. Viel⸗ leicht war Eins davon grade das, was vor acht Ta⸗ gen ſchon gefangen im Netze gezappelt hatte, und nur durch Willy's Unvorſichtigkeit wieder entwiſcht war, und— wie das Sprichwort ſagt— gebranntes Kind ſcheut das Feuer! Die Blaukehlchen zögerten und zö⸗ gerten, mochten gern,— man ſah's ihnen an,— mochten gar zu gern die fetten Biſſen ſchlucken, und trauten doch dem Frieden nicht,— bis jetzt auf ein⸗ mal ein dreiſter Sproſſer jach auf die Mehlwürmer zuſtürzte, zwei, drei dann mit wahrem Heißhunger ver⸗ ſchlang, und jetzt ſchon den vierten und fünften im Schnabel zerdrüͤckte. Das war den Blaukehlchen denn voch zu viel; der Neid überwand die Furcht; mit leich⸗ tem Zwitſchern flog erſt der Eine herbei, der Andere zögerte noch ein ganz klein wenig,— aber dann— huſch, da ſaßen ſie Beide im Käſtchen, und den Mehl⸗ würmern erging es nicht beſſer, wie dem Hanf⸗ und Mohnſamen, der mit wunderbarer Geſchwindigkeit von den flinken Schnäbeln der kleinen, gierigen Räuber ver⸗ ſchluckt wurde und in ihren Kröpfchen verſchwand. „Jetzt!“ ſagte der Blick des Vaters zu Willy, und zitternd vor Eifer ergriff der Knabe die Zugleinen. Ein zweiter Blick,— der Ruck erfolgte, und laut aufjubelnd vor Entzücken ſtürzte Willy an des Vaters Bruſt, und umſchlang frohlockend mit beiden Armen ſeinen Hals. „Gefangen! Wir haben ſie! Die Blaukehlchen und den Sproſſer dazu! Das iſt ein Glückszug, Vater!“ 80 ſchrie er,—„der iſt wenigſtens zehn oder gar zwölf Gulden werth!“ „Ich denk' es wohl!« erwiederte der Vater vergnügt. „Die Mutter wird ſich recht freuen, wenn wir ihr die gute Beute heimbringen. Aber ruhig jetzt, Willy, wir müſſen vor Allem den raren Fang in die Käfige ver⸗ theilen. Bringe ſie mir geſchwind, damit ſich die Thier⸗ chen in den Netzen nicht allzuſehr abzappeln.“ Willy gehorchte mit frohem Geſicht. Der Vater löste einen Vogel nach dem andern, die koſtbaren Blau⸗ kehlchen und den Sproſſer zuerſt, vorſichtig aus dem Netze, damit ſie ihm nicht etwa gar wieder entwiſchen möchten, und ſteckte ſie in die bereit gehaltenen kleinen Käfige, die Willy flink mit einem großen leinenen Tuche zudeckte, damit ſich die Thierchen in ihrer ſcheuen Wild⸗ heit nicht die Köpfe einrennen ſollten. Der Fang war reich, und in die Hälfte der Käfige mußten zwei und drei Vögel geſteckt werden, um ſie nur alle unterzu⸗ bringen. Aber endlich war man damit fertig, und An⸗ ton nahm eben ſeine Netze zuſammen, um den Heim⸗ weg anzutreten, als plötzlich raſcher Hufſchlag auf dem weichen Raſen erſcholl, und im nächſten Augenblicke ein junger Herr in goldgeſticktem Jagdrocke hoch zu Roß auf dem Hügel anlangte. Anton erſchrak ein wenig über die unerwartete Erſcheinung, nahm jedoch höflich ſeine Mütze ab und verbeugte ſich. Der junge Herr erwiederte aber den Gruß nicht, ſondern warf Anton nur einen ht drohenden, halb ſchadenfrohen Blick zu. „Holla!“ rief er barſch,—„was iſt das hier? Ich will doch nicht hoffen, Fiſcher⸗Anton, daß du Wilddieberei in meinem Forſte treibſt?“ „Oh nein, gnädiger Herr Baron,“ erwiederte Anton 81 mit offenem Blicke,—„ich und mein Willy haben hier nur ein paar Vögel gefangen auf dem Vogelherde!“ „Auf dem Vogelherde?“ rief der Baron aus. „Und wie könnt Ihr Euch unterſtehen, hier auf mei⸗ nem Grund und Boden, ohne meine Erlaubniß einen Vogelherd einzurichten? Wißt Ihr wohl, Kerl, daß ich Euch dafür zur Strafe in's Hundeloch werfen laſſen 23 4 Eine dunkle Röthe färbte Antons Stirn bei dieſen ſchnöden und höhniſchen Worten. Er fühlte, daß er eine ſolche Behandlung nicht verdient habe, und ſie kränkte, ſchmerzte und erzürnte ihn daher. Doch be⸗ herrſchte er ſeine Gefühle dem jungen Baron gegen⸗ über, und erwiederte ruhig:„Wenn ich unrecht gethan habe, gnädiger Herr, ſo iſt es nicht mit Abſicht ge⸗ ſchehen. Als Sie die Gnade hatten, mir die kleine Waldhütte zu überlaſſen, fragte ich Ihren Jäger Fried⸗ rich, ob es mir wohl geſtattet ſein würde, kleine Sing⸗ vögel zu fangen, und er gab mir zur Antwort, daß der Herr Baron gewiß nichts dagegen haben würde, weil ja auch mein Vorgänger, der alte Waldhüter, auf die⸗ ſer Stelle hier einen Vogelherd gehabt hätte.“ „Der alte Walbhüter war auch ein treuer Diener meines Großvaters und Vaters, dem man wohl eine kleine Gunſt erweiſen konnte,“ entgegnete Baron Ott⸗ fried in dem vorigen barſchen Tone.„Aber was ſeid Ihr? Welche Verdienſte habt Ihr gegen unſer Haus, die Ihr geltend machen könntet, wenn es ſich um eine Art von Recht hier handeln ſollte? Ich wüßte keine! Ich weiß nur, daß Ihr ein unverſchämter, frecher Ha⸗ lunke ſeid, dem ich für ſeine Dieberei,— denn das und nichts anderes iſt Euer Vogelfang, S mit der Brave Leute. 82 Reitpeitſche tüchtig das Fell gerben ſollte. Die Vögel hier im Forſte gehören mir! Verſtehſt du mich, Burſche?“ Anton wurde bleich.„Herr Baron,“ ſagte er zit⸗ ternd, aber nicht zitternd vor Furcht, ſondern allein vor Entrüſtung,—„Sie gehen zu weit! Ich laſſe mich nicht von Ihnen beſchimpfen, denn ich bin weder Ihr Knecht, noch Ihr Diener! Zwar bewohne ich Ihr Häuschen, aber ich bewohne es nicht umſonſt, ſondern muß Verpflichtungen dafür erfüllen, die ich erfüllen werde, wenn die Zeit dazu kommen wird. Uebrigens geſetzt auch, ich hätte unrecht gethan, hier einen Vogel⸗ herd anzulegen, ſo gibt Ihnen das immer noch kein Recht, weder mich Dieb und Halunke zu ſchelten, noch mich zu ſchlagen. Auch rath' ich Ihnen, Letzteres nicht zu verſuchen, denn ich fürchte mich nicht vor Ihnen und Ihrer Peitſche. Hab' ich gefehlt, ſo verklagen Sie mich, und ich werde dann vor Gericht Rede ſtehen! Im Uebrigen aber, keine Beleidigung weiter, Herr!“ Der Baron lachte ſpöttiſch.„Verklagen? Einen Lump, wie dich, verklagen! Was würde dabei wohl herauskommen? Nein, Burſche, nichts der Art! Du haſt nicht das Recht, hier Vögel zu fangen, und ich befehle dir, das, was du gefangen haſt, auf mein Schloß zu tragen,— Alles, verſtehſt du wohl? Weg mit dem Tuche da! Ich will doch ſehen, was das gute Glück mir heute beſcheert hat, und ob das Tuch nicht noch etwas Anderes verbirgt, was noch mehr nach Jagdfrevel ſchmeckt, als Rothkehlchen und Gold⸗ ammern!“ Willy, mit Thränen in den Augen, blickte fragend ſeinen Vater an.„Nimm es nur weg, das Tuch, 83 Willy,“ ſagte dieſer mit mühſamer Faſſung.„Ich fürchte, der Herr Baron mag wohl in ſeinem Rechte ſein, obgleich es eine Härte von ihm iſt, uns das zu wehren, was jedem Bauernjungen und Hirtenknaben geſtattet wird: ein paar Vögel wegzufangen. Aber wir müſſen gehorchen, Willy! Nimm weg das Tuch!“ Willy warf das Tuch zur Seite.„Ei ſieh' doch, ein hübſcher Fang,“ ſagte der Baron voller höhniſcher Schadenfreude.„Der iſt wohl ziemlich eben ſo viel werth, wie eine zehnpfündige Lachsforelle? Wie, An⸗ ton? Was meinſt du?“ „Ich meine, Herr Baron,“ entgegnete der arme Fiſcher,„daß es nicht ſehr großmüthig iſt, eines un⸗ glücklichen Mannes zu ſpotten! Ich ſehe ſchon, Sie wollen ſich rächen dafür, daß ich damals die Forelle nicht in die Küche zu Ihrem Koche trug. Nun, wie es Ihnen gefällt! Ich muß es wohl über mich ergehen laſſen, und Gott wird ja geben, daß ich die Meinigen auch ohne die paar Vögel ernähren kann. Nehmen Sie ſie hin, Herr Baron! Aber glauben Sie mir auch, daß ich Sie nicht um das Gefühl beneide, mit dem Sie hier vor mir armen Manne ſtehen müſſen! Komm, Willy! Laß die Vögel dem gnädigen Herrn!“ »Nicht von der Stelle!“ ſchrie der Baron zornig. „Hierher kommſt du, Junge! Und jetzt vor meinen Augen öffneſt du ſämmtliche Käfige und läßt die Vögel herausfliegen, bis auf die zwei Blaukehlchen, die ich da zwiſchen den anderen bemerke. Ich habe mir ſchon längſt eines gewünſcht, und du wirſt ſie ohne Wider⸗ rede auf das Schloß tragen! Gnade dir Gott, wenn du ſie entwiſchen läßt! Mit den übrigen aber— fort!“ Willy brach in lautes Weinen aus. Dem armen Jungen brach faſt das Herz über den Verluſt der Blaukehlchen, deren Fang ihn eben erſt ſo gluͤcklich ge⸗ macht hatte, und eben ſo konnte er es nicht über ſich gewinnen, mit eigener Hand die übrigen Käfige zu öff⸗ nen, und ſo dem empfangenen harten Befehle Folge zu leiſten. Sein Vater empfand das innigſte Mitgefühl für den armen Knaben. „Laß du nur, Willy,“ ſagte er,—„ich ſehe ſchon, es kommt dir allzu ſchwer an, und da will ich denn lieber ſelbſt dem gnädigen Herrn den Willen thun.“ Und die Käfige öffnend, ließ er die kleinen Gefan⸗ genen davon fliegen. Luſtig zwitſchernd ſchwangen ſie ſich in die Lüfte, und mit bitteren Thränen ſah ihnen Willy nach. „Aber die Blaukehlchen, Herr Baron!“ ſchluchzte er.„Ach, ich bitte Sie gar ſchön, laſſen Sie mir nur die Blaukehlchen wenigſtens! Ich bitte, ich bitte, Herr Baron!“ „Auf das Schloß damit!“ wiederholte der junge Herr barſch und unbarmherzig ſeinen früheren Befehl, gab ſeinem Roſſe die Sporen, und ſprengte hohnlachend von dannen. „Sei du ruhig, Willy,“ ſagte der Vater, und ſtreichelte mitleidig die blaſſen Wangen des ſchluchzen⸗ den Knaben,—„wenn wir auch dieſe nicht behalten dürfen, wollen wir doch ſchon gelegentlich ein paar andere Blaukehlchen fangen. Es gibt ja noch mehr Forſten und Wälder da herum in der Gegend, als dem Herrn Baron ſeine, und es iſt ja kein Unglück, eine Stund' oder zwei weiter nach dem Vogelherd laufen zu müſſen. Wir ſtehen eben eine oder zwei Stunden 85 früher auf, das iſt's Ganze! Alſo weine und ſchluchz du nicht, Willy, ſondern trage ganz ruhig die Vögel nach dem Schloſſe, wie dir's befohlen iſt.“ „Aber er iſt doch ſo ſchlecht, ſo läſterlich ſchlecht, der Baron!“ rief der Knabe, noch immer bitterlich ſchluchzend.„Einem armen Buben, wie mir, nicht einmal die kleine Freude und den geringen Verdienſt zu gönnen! Oh wie ſchlecht und hartherzig iſt er!“ „Laſſ' du ihn, Willy!“ entgegnete der Vater.„Was hat er dir denn groß Böſes gethan? Ein paar Vögel weggenommen! Um ſolche Kleinigkeit darf man ſich nicht erzürnen oder ſchelten. Trage die Vögel nach dem Schloſſe! Wenn du wiederkommſt, wollen wir überlegen, wo wir in Zukunft unſere Netze aufſtellen. Munter, Willy und trocke dir die Thränen ab! Es gibt ja noch mehr Blaukehlchen als dieſe da in der Welt!“ Der Knabe ſuchte ſeinen Schmerz zu verbeißen. Er nahm die Käfige und trug ſie fort. Anton aber kehrte ſehr nachdenklich und mit bekümmerter Miene nach Hauſe zurück. „Du wirſt ſehen, Marie,“ ſagte er zu ſeiner Frau, nachdem er ihr den Vorfall erzählt hatte,—„du wirſt ſehen, dieß iſt nur erſt der Anfang der Böswilligkeiten. Der Baron ſucht Rache an mir, und wird nicht ruhen, als bis er ſeine ſchlimmen Abſichten erreicht hat. Es wäre beſſer geweſen, ich hätte mich zweimal bedacht, bevor ich dieſe Hütte annahm.“ Marie ſuchte die Beſorgniſſe ihres Mannes zu beſchwichtigen, aber es gelang ihr nur ſchecht, denn ihr ſelber war auch das Herz ſchwer. So ſchwieg ſie denn endlich, und ein Jeder hing den Tag über ſeinen gehörten. Die Ahnung kommenden Unheils laſtete drückend auf ihrer Seele. Fünftes Kapitel. Die Schuldklagr. „Weißt du, Anton,“ ſagte am folgenden Morgen Marie zu ihrem Manne, nachdem ſie die Kinder in den Wald hinaus geſchickt hatte, um ganz ungeſtört mit ihm reden zu können,—„ich habe die halbe Nacht nicht ſchlafen können, weil mir der Vorfall von geſtern am Vogelherd keine Ruhe gegönnt hat. Und da iſt mir nun etwas eingefallen, was wir verſuchen ſollten.“ »Was denn, gutes Weib?“ fragte Anton. „Nun, ſieh',« fuhr Marie fort,—„recht heimiſch wird es uns doch in der Hütte hier niemals werden. Wie wär's, wenn wir ſie liegen ließen, wo ſie liegt, und wieder in unſer Fiſcherhäuschen zögen 26 »Ei, das wäre mir ſchon recht,“ antwortete Anton lächelnd.„Aber du vergißt wohl, daß ſie erſt von Grund auf ausgebeſſert werden muß, und daß dazu vor allen Dingen Geld gehört.“ »Nein, nein, ich habe ſchon daran gedacht, und eben wegen des Geldes wollt' ich dir einen Vorſchlag Gedanken nach, die eben nicht zu den erfreulichſten 87 machen. Wie viel wird nöthig ſein, uns am Rhein drunten wieder ſo einzurichten, wie's früher war?“ „Eine große Summe, Marie! Unter drei⸗ bis vierhundert Gulden wird's nicht geſchehen können!“ „Nun denn, Anton, wenn ich dir nun fünfhundert verſchaffte?“ Anton zuckte die Achſeln.„Jetzt merk' ich ſchon, wohinaus du willſt,“ ſagte er.„Du willſt zum alten Baron gehen und das Geld einfordern, das er von deinem ſeligen Vater geborgt hat. Das wird dir nichts helfen, Marie, und klug wär' es in unſerer Lage auch nicht.“ „Was klug oder nicht, Anton!“ entgegnete Marie eifrig.„So viel ſehen wir doch ſchon, daß der junge Baron uns nicht wohl will und danach trachtet, uns alles gebrannte Herzeleid anzuthun! Da verſchlägt's nichts, denk' ich, ob er nicht ein Biſſel mehr oder min⸗ der Zorn auf uns hat. Auch iſt es ja nichts Unrech⸗ tes, was ich verlange! Der Baron iſt das Geld ſchuldig, und ſo mag er's bezahlen oder vor Gericht abläugnen, daß er's empfangen hat. Vielleicht, wenn er ſieht, daß wir Ernſt machen, ſchämt er ſich und fürchtet auch wohl die üble Nachrede der Leute, und wir kommen zu unſerem Kapital. Denk' dir, Anton, was für ein Glück das wäre!“ »Ein großes Glück, ja, viel zu groß, als daß ich darauf hoffen könnte,“ erwiederte Anton.„Wie nun, wenn er ſich nicht ſchämt, und keine üble Nachrede fürchtet, und uns für Betrüger erklärt, die nur damit umgehen, ihn zu beſchwindeln? Wie dann, Marie?“ „Dann iſt's auch noch kein Unglück!“ entgegnete ſie.„Kein Menſch wird ihm glauben, daß wir die 88 Betrüger ſind. Dazu ſind wir unſeren Nachbarn doch zu wohl bekannt. Höchſtens werden ſie denken, es ſei ein Irrthum von unſerer Seite!“ »Alles recht, Marie! Aber wenn wir vom Ge⸗ richt abgewieſen werden, dann mag ich gar nicht dran denken, was der Baron uns Alles anthun wird. Das Nächſte iſt gewiß, daß er uns die Waldhütte weg⸗ nimmt.“ „Ja, wenn er dürfte! Aber das geht nicht ſo ge⸗ ſchwind, Anton. Wir haben die Hütte in Pacht auf ein Jahr, und ehe das Jahr nicht um iſt, kann er uns nicht die Wege weiſen. Dafür iſt noch Gerechtigkeit im Lande, Anton.“ »Wenn auch! So viel iſt doch klar, Marie, daß er uns bis auf's Aeußerſte verfolgen wird, und ein böſer Menſch kann Einem vielen Schaden anthun.“ „Was denn wohl, Anton? Du biſt ja brav und rechtſchaffen, und thuſt deine Schuldigkeit! Da kann er lange ſuchen, bis er dich auf unrechtem Wege findet, und auf gradem Wege ſoll er's wohl bleiben laſſen, der Herr Baron, ſeine Heimtücke an dir zu üben. Ehr⸗ lichkeit iſt ein guter Schild, der gegen alle Bosheit ſchütz. Wir ſind ja nicht des Barons Leibeigene, Anton! Wir wohnen nur zur Miethe bei ihm, und wenn wir ihm ſeinen Zins zahlen, ſei's mit Geld oder mit Arbeit, ſo muß er uns in Frieden laſſen. Nein, nein, Anton, rede mir meinen Plan nicht aus. Ich gehe auf das Schloß, ich ſpreche mit dem alten Herrn ganz frei und offen, und wenn er die Schuld abläug⸗ net, ſo weiß ich, wo der Gerichts⸗Amtmann wohnt. Aber paſſ' auf, es wird nicht nöthig ſein, den zu be⸗ ſuchen. Ich weiß es ja zu ſicher und gewiß, daß wir 89 mit unſerer Forderung im guten Recht ſind, und alſo wird Alles ein gutes Ende nehmen, wenn der alte Herr nur erſt überzeugt iſt, daß wir's ernſthaft nehmen mit der Sache. Und nicht wahr, Anton, wie würden wir uns Alle freuen, wenn wir wieder in unſer altes Häuschen ziehen könnten, wo wir ſo viele glückliche Tage verlebt haben?“. Anton ließ ſich endlich überreden. Die wach ge⸗ rufene Erinnerung an die früheren ſchönen Zeiten in der Fiſcherhütte, und mehr noch die innige Ueberzeu⸗ gung, daß Marie in der Sache gewiß recht hatte, überwältigten ſeinen Widerſtand, und machten ihn ſo⸗ gar geneigt, einem Schimmer von Hoffnung Raum zu geben. „Wohlan,“ ſagte er,—„wenn wir's denn einmal verſuchen wollen, ſo laß es uns auf der Stelle thun! Wir wiſſen dann wenigſtens, wie wir daran ſind, und brauchen uns nicht von Zweifel und Ungewißheit pei⸗ nigen zu laſſen. Laſſ' uns gehen, Marie! Ich be⸗ gleite dich natürlich, und mag nun Alles kommen, wie's will, jedenfalls müſſen wir endlich einmal in dieſer Angelegenheit reine Bahn haben und klar ſehen!“ „Mir iſt's recht! Ich gehe lieber heute als mor⸗ gen!“ ſagte Marie entſchloſſen, und ohne weiteren Aufenthalt begaben ſich Beide auf den Weg. „Wird dir's nicht bang?“ fragte Anton, als ſie in den Schloßhof eintraten. „Nicht ein bischen!“ erwiederte Marie, und ſtieg leichten Fußes die Freitreppe hinauf. Anton folgte. Sie verlangten den gnädigen Herrn zu ſprechen, und wurden zu ihm geführt. Der Baron ſaß, als ſie in ſein Zimmer traten, in einem großen Lehnſtuhl. Es war ein alter Mann mit grauem Haare und Schnurrbart, aber noch von kräf⸗ tiger Geſtalt, obgleich er eben jetzt an einem Gicht⸗ anfalle zu leiden ſchien, wie ſeine in wollene Decken eingehüllten Füße andeuteten. Er befand ſich nicht in der beſten Laune, denn er fuhr die Eintretenden barſch an und warf ihnen finſtere, mürriſche Blicke zu. „Was zum Henker führt denn Euch daher,“ rief er ihnen mit rauher Baßſtimme zu.„Gewiß hat Euch Euer Junge geſtern die Ohren voll geheult und Ihr kommt, die beiden Vögel wieder zu verlangen, die mein Ottfried Euch abgenommen hat. Aber ſpart Euch die Mühe und alle Worte! Mein Sohn hat ganz recht gethan, und ich duld' es eben ſo wenig als er, daß Ihr Euch einen Vogelherd in meinem Walde einrichtet. Jetzt habt Ihr Euren Beſcheid und nun packt Euch!« »Wir ſind nicht deßhalb gekommen, Herr Baron,“ erwiederte Marie auf die barſche Anrede. »Und weßhalb denn, in Teufels Namen?“ ſchrie der Baron.„Was hab' ich denn mit Euch Volk wei⸗ ter zu ſchaffen? Macht's wenigſtens kurz, was Ihr zu ſagen habt, denn Ihr ſeht doch wohl, daß ich nicht in der Laune bin, geduldig Euer dummes Geſchwätz anzuhören! Nun, was wollt Ihr?“ »Nur den gnädigen Herrn an die fünfhundert Gul⸗ den erinnern, die der gnädige Herr vor ſo und ſo viel Jahren von meinem Vater ſelig, dem Schulmeiſter in Emmenbach, geborgt hat,“ entgegnete Marie dreiſt. Eine dunkle Röthe ſtieg dem Baron in's Geſicht, ſei es aus Schaam oder aus Zorn, und heftig ſtampfte er mit dem Krückſtocke, der neben ſeinem Lehnſtuhle ſtand ein paar Mal auf den Fußboden. Iſt das 91 Frauenzimmer nicht recht geſcheut?“ rief er dann. „Fünfhundert Gulden verlangt ſie? Und ich ſoll ſie geborgt haben? Ihr ſeid toll!“ „Halten zu Gnaden, Herr Baron, ich bin nicht toll,“ entgegnete Marie ruhig und ohne ſich irgendwie einſchüchtern zu laſſen.„Vielmehr erinnere ich mich ganz genau aus meiner Jugend, wie mein ſeliger Va⸗ ter dem gnädigen Herrn die ſchönen blanken Kronen⸗ thaler auf den Tiſch zählte, und wie ſie der gnädige Herr einſteckte und auch einen Schuldſchein dafür gab. Ich weiß es noch, wie wenn es erſt geſtern geſchehen wäre, und außerdem hat mir mein Vater auch noch auf ſeinem Sterbebette geſagt, daß der gnädige Herr Baron das Darlehen nicht zurückgezahlt habe. Da möcht' ich nun bitten, weil wir jetzt in bedrängter Lage ſind, daß der Herr Baron die Güte hätten...« „Still, Weib!“ unterbrach ſie der Baron mit wil⸗ der Heftigkeit und ſtampfte von Neuem mit der Krücke auf den Boden.„Da iſt die Thür! Macht, daß Ihr fort kommt mit Eurer Unverſchämtheit, oder ich ver⸗ geſſe mich, und laſſ' Euch von meinen Bedienten hin⸗ auswerfen und mit den Hunden vom Hofe hetzen! Hat man ſchon jemals ſolche Frechheit geſehen! Macht Euch fort, macht Euch fort, und dankt dem Himmel, daß mein Ottfried nicht da iſt, der würde Euch noch ganz anders heimleuchten! Fort! ſag' ich auf der Stelle!“ Marie wankte nicht und zeigte auch keinen Schim⸗ mer von Furcht.„In Gegenwart Ihres Herrn Soh⸗ nes wie der ganzen Welt würde ich doch wiederholen, daß der gnädige Herr Baron von meinem Vater fünf⸗ hundert Gulden entlehnt und nicht wieder heimgezahlt 92 hat bis auf den heutigen Tag,“ ſagte ſie gelaſſen. Wüthen und toben Sie nicht, gnädiger Herr! Es iſt die Wahrheit, was ich behaupte, und die Wahrheit ſollte man immer ruhig anhören. Ich bitte nochmals, daß Sie mir das Geld auszahlen, und will nicht ein⸗ mal von den Zinſen ſprechen! Wenn der gnädige Herr aber meine Forderung in Abrede ſtellen, nun denn, ich meine, wir hätten lange genug gewartet, und wir müſ⸗ ſen dann zuſehen, daß uns der Herr Gerichts⸗Amtmann zu dem Unſrigen verhilft!“ Der alte Baron ſchnaubte vor Zorn. Wenn es ſein Zuſtand erlaubt hätte, würde er wohl gar auf⸗ geſprungen ſein und Hand an die tapfere junge Frau gelegt haben, ſo aber mußte er ſich begnügen, ſeinem Grimme mit Stampfen und Wuthgeſchrei Luft zu machen, und böſe Drohungen gegen Marie und ihren Mann ausgeſtoßen. Anton hielt es endlich an der Zeit, ſich einzumiſchen, und trat dem tobenden, höchſt ungnädigen gnädigen Herrn keck unter die Augen. „Jetzt iſt's grade genug geſchimpſt, Herr Baron!“ ſagte er mit feſter Stimme.„Wenn wir auch nur arme Leute ſind, ſo gibt Ihnen das doch immer kein Recht, uns zu ſchmähen und zu beſchimpfen. Sie haben gehört, was meine Frau verlangt, und Sie wiſſen wohl, daß ſie eine rechtſchaffene Frau iſt, die nichts fordern wird, worauf ſie nicht ein Recht hat, und nichts ausſagen oder behaupten, was nicht die Wahrheit wäre. Darum geben ſie uns kurz und bündig Beſcheid. Er⸗ kennen Sie die Schuld an, oder nicht?“ „Nein, nein, nein, tauſend Mal nein!“ ſchrie der Baron, und ſein rothes Geſicht färbte ſich vor innerer Wuth mit einem bläulichen Schimmer.„Wenn ich das 93 Geld von dem alten Kerl, dem Schulmeiſter geborgt hätte, ſo müßte ja mein Schuldſchein da ſein! Das Weib da ſagt ja ſelbſt, ich hätte ihrem Vater einen Schein ausgeſtellt! Wo iſt der nun? Wenn Ihr einen hättet, würdet Ihr ihn ſchon lange gebracht ha⸗ ben! Alſo habt Ihr keinen, alſo iſt Euer ganzes Ge⸗ ſchwätz nichts wie unverſchämte Lüge, alſo ſeid Ihr Betrüger, die darauf ausgehen, mich zu prellen! Aber Ihr ſeid da an den Unrechten gekommen, und ich weiß ſchon, wie man mit Leuten Eures Gelichters umſprin⸗ gen muß! Jetzt zum letzten Male, packt Euch, oder ich laſſe Euch hinaus werfen!“ „Wir gehen ſchon, Herr Baron,“ erwiederte Marie. „Wenn Sie es vor Ihrem Gewiſſen verantworten kön⸗ nen, mir in's Geſicht die Schuld abzuläugnen, nun denn, in Gottes Namen! Aber wir werden ja ſehen, ob Sie ſich nicht vor Gericht eines Beſſeren beſinnen werden! Leben Sie wohl, Herr Baron! Wir gehen, aber von hier aus graden Weges zum Amtmann! „Meinetwegen zum Henker!“ ſchrie der Baron ihr nach. Marie aber nahm ruhig ihres Mannes Arm, und entfernte ſich. „Ich hab' mir's faſt gedacht, daß es ſo kommen würde, Marie,“ ſagte Anton.„Er iſt ein gar böſer, alter Herr, der Baron, und du wirſt's erleben daß von jetzt an ein gar ſchwerer Druck auf uns laſten wird. Indeß: Füͤrchte Gott, thue recht, und ſcheue Niemand! Das ſei unſer Wahlſpruch. Es reuct mich nicht, daß wir dort waren, denn jetzt glaub' ich feſter, als jemals an die Wahrheit deiner ganzen Geſchichte. Wenn ſie nicht wahr wäre, wozu dann die Heftigkeit und der wilde, grimmige Zorn des alten Barons? Ich 94 ſah's ja auch, wie ihm die Röthe in's Geſicht ſtieg, als du von dem Darlehn anfingeſt! Das war das Schuldbewußtſein, und ſein Gewiſſen ſchlug ihn. Jetzt habe du nur Geduld! Es wird ſchon Alles an's Ta⸗ geslicht kommen zu rechter Zeit, wie der Apfel vom Baume fällt, wenn er reif iſt. Du haſt dich übrigens tapfer gehalten dem grimmigen, alten Herrn gegenüber! Es hat mich gefreut und gewundert, Marie! „Warum hätt' ich denn Furcht vor ihm haben ſol— len?“ erwiederte ſie.„Ich weiß ja doch, daß ich eine gerechte Sache habe, und außerdem wareſt ja auch du bei mir! Aber komm jetzt nur, wir müſſen mit dem Herrn Amtmann reden.“ Das Amthaus lag nicht weit vom Schloſſe, und nach wenigen Minuten waren ſie dort. Der Gerichts⸗ amtmann ließ ſie ſogleich eintreten und fragte freund⸗ lich nach ihrem Begehren. Marie erzählte klar und bündig die Thatſachen, und ſchilderte die Unterredung, die ſie eben erſt mit dem Baron gehabt hatten. Der Amtmann, zum Glück ein braver, rechtſchaffener Herr, der das Recht handhabte ohne Anſehen der Perſon, hörte ihr aufmerkſam zu, ſchüttelte zuletzt aber doch bedenklich den Kopf. „Der Baron ſtellt alſo die Schuld in Abrede?“ fragto er. „Ja, das thut er, Herr Amtmann,“ erwiederte Marie. „Und Ihr habt keinen Schuldſchein, und überhaupt nichts, was beweiſen könnte, daß er das Geld wirklich empfangen hat?“ „Nein, Herr! Nichts. Aber ich war dabei, wie der Herr Baron das Geld in ſeine Taſche ſtrich!“ „Das wird uns nicht viel helfen, wenn ich auch ganz geneigt bin, Eurer Ausſage allen Glauben zu ſchenken, Marie! Warum habt Ihr nur nicht ſchon frü⸗ her einmal die Sache angeregt? Jetzt ſind Jahre dar⸗ über hingegangen, und wenn wir dem Baron nichts beweiſen können, ſo wird er entweder Alles in Ab⸗ rede ſtellen, oder gradezu behaupten, das Geld ſei längſt zurückbezahlt. Ich kann Euch nur wenig Hoff⸗ nung geben, Marie, wenn Ihr nicht den Schuldſchein beibringt!“ „Ja, wenn ich nur wüßte, wo er wär'!“ ſagte ſie. „Vorhanden iſt er, daran zweifl' ich keinen Augen⸗ blick,— aber wohin hat er ſich verkrochen? Ich habe ſchon zehn Mal Alles durchgefucht und durchgeblättert, aber nichts gefunden! Und jetzt nun vollends, wo uns die Ueberſchwemmung faſt Alles genommen hat, jetzt ſeh' ich nun gar keine Ausſicht mehr!“ „Nun denn, ſo müſſen wir eben einen Verſuch machen, in Güte mit dem Baron zurecht zu kommen,“ ſagte der Amtmann.„Ich will heute noch mit ihm reden, und morgen könnt Ihr wieder anfragen und ſchauen, was ich ausgerichtet habe. Aber, wie ſchon erwähnt, viel Hoffnung hab' ich nicht auf einen guten Ausweg! Doch werd' ich thun, was ich kann, denn ich kenne Euch, Marie, und weiß wohl, daß Ihr eine brave Frau ſeid, der man Glauben ſchenken darf. Und ſo behüt' Euch Gott, und kommt morgen wieder.“ In Zweifel und Sorgen ſahen Anton und Marie dem folgenden Tage entgegen, und am anderen Mor⸗ gen wußte Marie wohl eingeſtehen, daß ſie eine noch unruhigere Nacht verbracht habe, als die Nacht vor⸗ her. Und leider mußte ſie dann auch die Erfahrung 96 machen, daß ihre Beſorgniß nicht ohne Grund geweſen ſei. Als ſie Mittags zum Herrn Amtmann ging, er⸗ hielt ſie den traurigen Beſcheid, daß der Baron aber⸗ mals rundweg Alles abgeläugnet habe und von keiner Schuld an den Schulmeiſter oder ſeine Tochter etwas wiſſen wolle. „Laßt's damit gut ſein und gebt Euch zufrieden, Marie,“ ſagte der Amtmann.„Wolltet Ihr eine förm⸗ liche Klage gegen den Baron einreichen, das würde viel Geld koſten, und am Ende würdet ihr noch ganz und gar mit Eurer Klage ab und zur Ruhe verwieſen, da gar kein Beweis gegen den Baron vorliegt. Wenn Eure Forderung gerecht iſt, und ich glaube Euch, daß ſie es iſt, ſo wird früher oder ſpäter ein Tag kom⸗ men, wo Euch der Himmel Gerechtigkeit widerfahren läßt.“ 0 Traurig verließ Marie das Amthaus, traurig kehrte ſie nach ihrer Hütte zurück. Anton brauchte ſie nicht zu fragen, wie der Beſuch abgelaufen ſei. Er ſah den empfangenen Beſcheid ſchon an ihrem betrübten Geſicht. »So iſt's denn eben nichts geweſen mit unſerer Hoffnung!“ ſagte er.„Aber gräme dich darum nicht, Marie! Wir haben gelebt ohne die fünfhundert Gul⸗ den bis auf den heutigen Tag, und Gott, der immer geholfen hat, wird auch ſchon weiter helfen!“ Er ruhte nicht, bis er das betrübte Herz Marie's getröſtet und aufgerichtet hatte, und dann ging er mit gelaſſenem Weſen, als ob nichts Beſonderes geſchehen wäre, an ſeine gewöhnliche Arbeit. u 5„— Sechstes Kapitel. „ Verfolgung. Wenn Anton die Befürchtung gehegt hatte, daß der Baron rückſichtslos ſchwere Rache an ihm nehmen würde, ſo täuſchte er ſich. Wenigſtens verſtrich eine ganze Woche, ohne daß der junge Herr ſich blicken ließ, und es ſchien, als ob er ſich überhaupt gar nicht mehr um die armen Leute in ſeiner Waldhütte beküm⸗ mern wolle. „Er wird wohl einſehen, daß er uns nichts an⸗ haben kann,“ ſagte er zu Marien.„Wer nichts Böſes thut, dem widerfährt auch nichts Böſes, alſo ſei du ganz ruhig und ohne Furcht.“ „Ich fürchte mich gar nicht,“ erwiederte ſie.„Mich dauert nur unſer Willy! Seit der Baron dem armen Bubele die Blaukehlchen weggenommen und uns den Vogelfang unterſagt hat, ſchleicht er ganz traurig um⸗ her und grämt ſich, daß er nicht ein paar Groſchen in die Wirthſchaft verdienen kann.“ „Schau, da erinnerſt du mich!“ ſagte Anton.»Ich habe gar nicht wieder an den Vogelherd gedacht, weil ich Anderes zu thun hatte, aber ich will auch ſogleich zum Herrn Oberförſter gehen und anfragen, ob ich nicht Erlaubniß bekommen kann, im königlichen Forſt ein paar Vögel zu fangen. Ich denke ſchon, es wird mir nicht abgeſchlagen werden.“ Brave Leute. 98 Anton machte ſich ſogleich auf den Weg. Schon um Mittag kam er vergnügt wieder zurück und be⸗ richtete, daß Alles abgemacht und in Ordnung ſei. Der Herr Oberförſter habe ihm ſogar durch einen Jägerburſchen zwei gute Fangſtellen anweiſen laſſen, und ihm erlaubt, den Vogelherd einzurichten, wenn er Luſt habe. Willy jubelte vor Freuden über dieſe herr⸗ liche Nachricht, und ließ dem Vater keine Ruhe, bis er noch am ſelbigen Nachmittage mit ihm in den Forſt ging, um für den nächſten Morgen die nöthigen Vor⸗ bereitungen zu treffen, daß man gleich anfangen könne. 1 Anton gab den Bitten Willy's gern nach, denn einmal 7 gönnte er dem braven Buben die Freude am Fange von Herzen, und dann war's ihm auch ganz recht, durch den Vogelherd eine Erwerbsquelle wieder eröff⸗ net zu ſehen, welche bereits manchen blanken Gulden in die Haushaltung geliefert hatte, wo man jeden klei⸗ nen Verdienſt recht wohl brauchen konnte. Alſo wurde der Vogelherd ſofort in Ordnung gebracht, und bereits in der Frühe des anderen Morgens befanden ſich Willy und ſein Vater im Walde und trieben wieder ihr altes Geſchäft in der früheren Weiſe. Wenn ſie auch am erſten Tage nicht gleich wieder ein paar Blaukehlchen oder andere ſeltene und koſtbare Sänger in's Garn lockten, ſo konnte der Fang doch immerhin für ziemlich gut gelten, und jedenfalls war Willy ſehr zufrieden, daß er nur überhaupt wieder ſeine Netze ſtellen durfte. Der einzige Uebelſtand war die größere Entfernung des neuen Vogelherdes. Er lag an anderthalb Stunden von der Waldhütte entfernt, und wenn ſich auch Willy darüber hinwegſetzte, ſo war doch ſchon vorauszuſehen, daß ihn der Vater nicht immer werde begleiten können, 99* weil ihm der Fiſchfang am Rhein zu viel Zeit weg⸗ nahm. „Du mußt eben öfter allein gehen, Willy,“ ſagte der Vater.„Fürchten wirſt du dich doch nicht, will ich hoffen 2“ Der Knabe kannte keine Furcht.„Ein biſſel mehr langweilig wird's werden, Vater,“ erwiederte er.„Aber laß du mich nur! Ich verſtehe mich jetzt ſchon auf's Geſchäft und will ſchon allein fertig werden. Wenn du die halbe Nacht auf dem Fluſſe im Nachen zu⸗ bringſt, wird es dir auch wohl thun, ein paar Stun⸗ den zu ſchlafen, und dann, wenn deine Arbeit aufhört, fängt die meinige an. Auf die Art gibt's keine Unter⸗ brechung, und wo Arbeit iſt, da iſt auch Lohn!“ So geſchah's denn. Anton konnte ſich wie früher faſt ganz ſeinem Fiſchergewerb' ergeben, was jetzt ſchon wieder mehr Gewinn abwarf, da Marie und Luiſe mit ihren fleißigen Fingern bereits einige neue Fiſchnetze n hatten, und Willy betrieb den Vogelfang mit Einem Eifer, der nicht ohne Erfolg blieb. Schon nach ein paar Tagen konnte er wie ſonſt mit ſeinen kleinen gefiederten Sängern durch das Land hauſiren gehen, und keine Woche war vergangen, da hatte er auch wirk⸗ lich wieder ein Blaukehlchen erwiſcht, und brachte es frohlockend mit heim, um es am nächſten Tage nach Königswinter zu dem Herrn zu tragen, der es beſtellt hatte, und ihm richtig nicht nur einen blanken Gulden auszahlte, ſondern auch wieder eine neue Beſtellung machte, die ihm abermals ein Guldenſtück in Ausſicht ſtellte. Kurz, Alles ſchien den beſten Gang zu gehen, und die drohende Wolke für immer verſchwunden zu ſein, welche vor einiger Zeit den erſten Blitz auf unſere armen Freunde geſchleudert hatte. Still, friedlich und fleißig verlebten ſie ihre Tage, und dachten an nichts Böſes,— da plötzlich ſtieg ein neues Gewitter auf, und entlud ſich über den Häuptern der nichts ahnenden Familie,— dieß Mal mit harten, ſchwer niederbeugen⸗ den Schlägen. Eines Tages kehrte Willy ſtrahlend vor Freude von ſeinem Vogelherde zurück, brachte aber nicht, wie ge⸗ wöhnlich, gefangene Vögel, ſondern ein lebendes, jun⸗ ges Reh in ſeinen Armen mit, das er jubelnd ſeiner Mutter zeigte. »Was iſt damit?“ fragte Marie eher erſchrocken, als erfreut.„Wie kommſt du zu dem Rehe, Willy? Ich will nicht hoffen, daß du es gefangen haſt?« „Ja, gewiß hab' ich's gefangen, Mutter!“ enigeg⸗ nete Willy.„Aber nicht auf des Barons Grund und Boden, ſondern drüben im Reviere des Herrn Ober⸗ förſters. Das arme Thierchen war in eine tiefe Grube gefallen und beinahe ſchon verſchmachtet. Zum Glück hatte ich mein Frühſtück noch nicht angerührt, ſprang ſogleich in die Grube hinunter, als ich das arme, hübſche Thierchen in ſeinem kläglichen Zuſtande erblickte, und gab ihm von meinem Brode zu eſſen und Milch aus meiner Flaſche zu trinken. Mit Begierde und ohne alle Furcht oder Scheu fraß das Thierchen aus meiner Hand, dann, als es geſättigt war, ließ es ſich willig von mir auf den Arm nehmen, und machte auch nicht einmal einen Verſuch, mir zu entrinnen. Ich wußte eigentlich nicht recht, was ich mit dem Reh anfangen ſollte, nachdem ich mit ihm nicht ohne Mühe aus der Grube wieder herausgeklettert war. Da fiel mir ein, das Beſte wäre, zum Herrn Oberförſter zu gehen, und — 101 ihm Alles zu erzählen. Das that ich, und nachher, als nun der Herr Oberförſter Alles wußte, klopfte er mich auf die Schulter und lobte mich, daß ich ſo ehr⸗ lich geweſen und hübſch zu ihm gekommen wäre.„Das junge Rehlein kannſt du übrigens behalten, wenn du willſt,« ſagte er dann.„Jedenfalls hat es ſeine Mut⸗ ter verloren und würde doch nur umkommen, wenn man es wieder freilaſſen wollte. Alſo nimm dir's mit nach Hauſe, wenn dir's Spaß macht.“ „Ich wollte erſt gar nicht glauben, daß der Herr Oberförſter Ernſt machte, ſo glücklich machte mich das Geſchenk,“ fuhr Willy fort.„Als er mir's aber noch einmal verſicherte, ich dürfe das Reh mitnehmen, da jauchzte ich laut auf vor Freuden, bedankte mich, ſo gut ich konnte, und dann ſprang ich, haſt du nicht ge⸗ ſehen, durch den Wald nach Hauſe, weil ich mir wohl dachte, Ihr würdet auch Freude an dem niedlichen Thierchen haben. Seht nur, wie reizend es iſt, und was es für ein zartes Fellchen und für große, ſchöne, ſanfte Augen hat! Das darf ich auf dem Hof umher⸗ ſpringen laſſen, nicht wahr, Mutter?“ „Ja, das darfſt du,“ ſagte Frau Marie,—„denn es iſt wirklich ein allerliebſtes Geſchöpfchen, und ganz zuhm. Da es dir der Herr Oberförſter geſchenkt hat, wird der Vater auch damit zufrieden ſein, um ſo mehr, weil es an Futter für das Thierchen hier im Walde nicht fehlt.“ Willy war wirklich ganz ſelig über das Reh, und auch ſeine Schweſter Anna hatte große Freude darüber. Sie brachten es auf den Hof, der rings von einem Garten eingefaßt war, ließen es hier laufen, und freu⸗ ten ſich, wie es ſo luſtig und munter umherſprang, und 2 102 doch auch wieder ſo zutraulich war, daß es ihnen aus der Hand fraß. Bei ihrem Entzücken über das Reh achteten ſie nicht darauf, und merkten es wohl auch nicht einmal, daß der junge Baron Ottfried an dem Gehöft vorüber ritt, und einen ſpähenden Blick über tter in den Hof warf. Als er das Reh er⸗ lächelte er ſchadenfroh, verhielt ſich aber ganz ſtill und ritt, nachdem er dem Spiele der Kinder ein Weilchen zugeſehen, ohne ein Wort zu reden, weiter. Niemand hatte ihn bemerkt, als nur Luiſe, aber ſein Erſcheinen war ihr ſo gleichgültig, daß ſie ſeiner flüch⸗ tigen Anweſenheit nicht einmal Erwähnung that. Bald nach Mittag kehrte auch Anton von ſeinem Fiſchfange und dem Verkaufe der Fiſche heim, und Willy führte ihn ſogleich zu ſeinem Rehe, indem er er⸗ zählte, wie er in den Beſitz deſſelben gekommen ſei. „Wenn es dir der Herr Oberförſter geſchenkt hat, darfſt du s freilich behalten,“ ſagte der Vater, indem er das zierliche Thierchen mit ſichtbarem Vergnügen be⸗ trachtete.„Uebrigens will ich doch nicht unterlaſſen, den Herrn Oberförſter zu bitten, daß er von dem Ge⸗ ſchenk unſerem Baron Anzeige macht. Wir könnten ſonſt leicht in den Verdacht kommen, als ob wir das Reh widerrechtlich eingefangen hätten, und das dürfte böſe Folgen für uns haben. Unſerem gnädigen Herrn iſt nicht zu trauen, und daher müſſen wir ſehr vor⸗ ſichtig ſein!“ Das Unglück wollte, daß Luiſe dieſe Worte nicht hörte, denn ſonſt würde ſie gewiß ſogleich geſagt haben, daß der junge Baron da geweſen ſei und das Reh be⸗ reits geſehen habe. So erfuhr denn Anton nichts von ſeiner Anweſenheit, und ſchob den Gang zum Ober⸗ 103 förſter bis zum anderen Tage auf, da er Eile nicht ſo ſehr nöthig glaubte. Und doch ſollte er die unſchul⸗ dige kleine Verſäumniß bitter bereuen! Der Abend kam, ohne daß ſich etwas Ungewöhn⸗ liches ereignete, und ſorgloſen Herzens gingen alle un⸗ ſere Freunde zur Ruhe. Plötzüch aber, gegen Mitter⸗ nacht hin, wurden ſie durch ein heftiges Pochen an der Thür aus dem ſanfteſten Schlummer aufgeſchreckt. An⸗ ton ſprang an das Fenſter, und ſah mehr mit Erſtau⸗ nen als Furcht eine kleine Schaar Gerichtsdiener, welche die Thir beſetzt hielten. „He, gute Leute, was gibt es denn?“ fragte er aus dem geöffneten Fenſter.„Warum kommt Ihr mit⸗ ten in der Nacht zu uns?“ Um dich zu verhaften, Fiſcher⸗Anton!“ erwiederte der Polizei⸗Sergeant, der die Gerichtsdiener befehligte. „Es thut mir leid genug, daß ich gegen einen alten Bekannten ſo verfahren muß, aber der Befehl iſt da, und da nützt kein Weigern.“ „Wie? Mich verhaften? Mich? Du träumſt wohl, guter Anſelm!“ entgegnete Anton.„Ja habe ja nichts verbrochen!“ „Es muß doch wohl nicht Alles richtig ſein,“ ant⸗ wortete der Sergeant.„Mein Befehl iſt gemeſſen, dich und deinen Sohn Willy zu verhaften, und zwar wegen Wilddiebſtahl. Der junge Baron hat dich angezeigt, und zugleich ſelber die Verhaftung verfügt.“ „Ach, jetzt verſteh' ich!“ entgegnete Anton.„Das Reh, das kleine arme Reh iſt die unſchuldige Urſache! Nun, Anſelm, in Gottes Namen, führe uns fort! Heute ſperrſt du uns ein, und ehe es morgen Mittag wird, wirſt du uns wieder freilaſſen. Mein Willy hat ein 104 junges Reh vom Herrn Oberförſter geſchenkt bekom⸗ men, und das wird nun zum Vorwande genommen, uns zu verdächtigen und zu verfolgen. Aber, Gott ſei Dank, es koſtet nur ein Wort vom Herrn Ober⸗ förſter, und Ihr müßt uns wohl freigeben. Wart ein bischen, Anſelm! Wir wollen uns nur ankleiden und gehen dann mit dir!“ »Aber du wirſt dich doch nicht heimlich aus dem Staube machen?“ fragte der Sergeant. „Ei, behüte der Himmel!“ entgegnete Anton lachend. „Nein, nein, ich will's ſehen, wie beſchämt gen Euer Baron vor dem Herrn Oberförſter ſtehen wird. Vielleicht dient es ihm zur Lehre, daß er uns künftig in Ruhe läßt. Warte nur ein paar Augenblicke, wir kommen ſogleich.“ Haſtig warf Anton ſich und Willy die Kleider über, beruhigte dabei ſeine Frau vollſtändig über die Verhaf⸗ tung, die nur von wenigen Stunden Dauer ſein könne, und trug Luiſen auf, ſobald es Tag würde, zum Herrn Oberförſter zu gehen und ihm kund zu thun, wie drin⸗ gend man ſeines Beiſtandes und Schutzes vor Will⸗ kühr bedürfe. »Es iſt keine Frage, Marie,“ fügte er hinzu,„daß der wackere Herr, ſobald er nur erfährt, um was es ſich handelt, ſein Pferd beſteigt und Zeugniß für uns ablegt. Alſo ſei du ganz ruhig und unbeſorgt.“ Marie empfand ſchon ohnehin keine fonderliche Furcht, denn ſie wußte ja ſich und alle Ihrigen ſchuld⸗ los. Alſo ließ ſie ihren Mann und Willy unbeſorgt in der zweifelloſen Erwartung gehen, ſie morgen friſch und wohlgemuth wiederzuſehen. »So, da ſind wir, Sergeant Anſelm,“ ſagte Anton, 105 als er mit ſeinem Knaben aus der Thür trat.„Nun brauchſt du nur zu befehlen, wohin wir gehen ſollen, und du wirſt willigen Gehorſam finden.“ „In den Thurm ſoll ich Euch ſperren, Anton,“ erwiederte der Sergeant.„So hat's der Baron be⸗ fohlen.“ „Auch den unſchuldigen, ſchwachen Knaben da2* „Auch ihn! Aber fuͤrchte nur nichts, Anton, wir wollen's ſchon einrichten, daß Ihr gut quartiert wer⸗ det. Komm' nur, und«“— wendete er ſich zu ſeinen Len„zwei von Euch langen das Reh und die etwa vorhandenen Vögel, und bringen ſie nach dem Schloſſe.“ Willy, der ſich bis jetzt ganz ruhig und verſtändig gehalten, ſchrie und weinte jetzt, da man ihm ſeine klei⸗ nen Lieblinge nehmen wollte. Aber auch ihn beſchwich⸗ tigte der Sergeant. „Sei du ganz ruhig,“ ſagte er.„Wenn dir der Herr Oberförſter das Reh geſchenkt hat, ſo muß man es dir ohne Weiteres wieder herausgeben, und übrigens geſchieht dem Thiere ja nichts!“ Dieſer freundliche Zuſpruch gab Willy einigen Troſt; ſein Vater nahm ihn an der Hand, und ſo folgten ſie ohne alles Widerſtreben dem Sergeanten nach dem für ſie beſtimmten Gefängniſſe. Unterwegs erzählten ſie ausführlicher, wie ſie zu dem Reh und den Vögeln ge⸗ kommen waren, und der Sergeant ſelber gewann dar⸗ aus die Ueberzeugung, daß die Haft nicht länger als ein paar Stunden dauern könne. Aber leider,— Alles kam ganz anders, als ein Jeder vermuthet hatte. Als Luiſe am folgenden Mor⸗ gen den Herrn Oberförſter aufzuſuchen eilte, wurde ihr 106 die erſchreckende Kunde gegeben, daß er am vorigen Tage auf unbeſtimmte Zeit verreist ſei; und dieſelbe traurige Nachricht wurde auch Anton zu Theil, als er ſich bei dem Verhör auf das Zeugniß des Oberförſters berief, deſſen Ausſage ohne Weiteres ſeine und ſeines Willy völlige Unſchuld beweiſen werde. „Seht doch den frechen Lügner!“ rief ihm höhniſch der junge Baron zu.„Er weiß wohl, daß ſein ſo⸗ genannter Beſchützer nicht erſcheinen kann, und darum ſucht er ſich auf ſolche Weiſe rein zu waſchen. Aber das wird dir nichts helfen, Burſche. Das Reh und die Vögel ſind bei dir in der Hütte gefunden, und alſo mußt du als Wilddieb verurtheilt werden. Machen Sie es kurz, Herr Aktuar! Die Beweiſe ſind zur Hand, und auf freches Abläugnen werden Sie hoffent⸗ lich nicht hören wollen!“ Der Aktuar zuckte die Achſeln. Weniger brav und rechtſchaffen als der Gerichtsamtmann, welchen Baron Ottfried klüglich bei Seite gelaſſen, ließ er ſich durch das Drängen des gnädigen Herrn verleiten, nach dem Scheine zu urtheilen, und fällte den Ausſpruch, daß Anton bei Waſſer und Brod bis auf Weiteres in das Hundeloch eingeſperrt, Willy aber vier Wochen im Thurme verbleiben ſolle. Es nützte nichts, daß Anton gegen dieß Urtheil Widerſpruch einlegte und die Ge⸗ rechtigkeit des Himmels anrief. Auf den Befehl des Barons wurde er mit Gewalt fortgeſchleppt, und in das ſogenannte Hundeloch, das elendeſte Gefängniß, geworfen, welches nur zur Verwahrung von Dieben und Strolchen benutzt wurde. Den armen Willy, der herzbrechend weinte, brachte man in den Thurm zurück, ₰ 107 und ſchluchzend ſank er auf ſein hartes Lager, und flehte Gott um Rettung und Hülfe an. Siebentes Kapitel. Brave Teutr. —— Während Anton und Willy unſchuldig im Kerker ſchmachteten, verweinten daheim die Mutter, Luiſe und die kleine Anna traurige Stunden. Man hatte ihnen ihren Ernährer genommen, und ihre Armuth und Hülf⸗ loſigkeit war nun ſo groß, daß ſie nicht wußten, wie ſie nach Ablauf von nur wenigen Tagen ihren Hunger ſtillen ſollten. Auf eine kurze Zeit reichten die kleinen Vorräthe in der Hütte zwar noch aus,— was aber dann geſchehen müſſe und könne, um den allerbitterſten Mangel fern zu halten, das konnte Niemand ſagen! Und doch war das Maß ihrer Leiden noch nicht einmal gefüllt; es genügte ihrem Verfolger noch nicht, ihnen den Vater und Willy entriſſen zu haben; um ſeinen Haß vollends zu ſättigen, mußte er auch noch die verwaiste Familie ihres letzten Obdaches berauben. Gegen Abend nämlich kam ein Diener des Barons und kündigte Marien an, daß ſie am nächſten Tage die Hütte räumen müſſe, indem man Spitzbuben und Wild⸗ diebe nicht länger in derſelben dulden könne. Marie war ganz erſtarrt über dieſen harten Befehl, und 108 glaubte ihrem Ohre nicht trauen zu dürfen. Aber der Burſche wiederholte die ſtrenge Weiſung mit dem Hin⸗ zufügen, daß die Gerichtsdiener ſie mit Gewalt ver⸗ treiben würden, wenn ſie allenfalls nicht von ſelber gehen wollte. Mit dieſer Drohung entfernte er ſich, und ließ die unglückliche Frau in tiefſter Niedergeſchla⸗ genheit und Trauer zurück. »Was nun, Luiſe? Was nun?“ fragte ſie in bit⸗ terem Schmerze.„Was bleibt uns nun weiter übrig, als in den Wald zu gehen und unſere Wohnung, wie die Vögel des Himmels, unter freiem Himmel aufzu⸗ ſchlagen? Oh mein Gott, nimmermehr hätte ich ge⸗ dacht, daß ein Menſchenherz ſo gefühllos ſein könnte, wie das Herz jenes rachſüͤchtigen Mannes! Luiſe, ich weiß nicht mehr, was nun geſchehen ſoll!“ „Weine nicht, Mutter,“ erwiederte das verſtändige Mädchen;—„du haſt mich ja immer gelehrt, mein Vertrauen auf den Herrn zu ſetzen, und jetzt, in der Stunde der Prüfung, will ich mehr als je auf Gottes Beiſtand bauen. Ich weiß ſchon, was wir thun kön⸗ nen. Ich werde mich im Dorfe bei guten Leuten nach einem Dienſte umſehen, und du gehſt mit Anna zur guten alten Muhme Dorothea, die Euch eben ſo freund⸗ lich aufnehmen wird, als nach der Ueberſchwemmung damals. Es iſt ja auch nur für kurze Zeit. Der Va⸗ ter und Willy ſind unſchuldig, und ihre Unſchuld wird und muß augenblicklich an den Tag kommen, ſobald nur erſt der Herr Oberförſter von ſeiner Reiſe zurück⸗ kehrt. Darum getroſt, Mütterchen! Gott hat immer geholfen, Gott wird weiter helfen! Unſere Noth iſt groß, und unſere Herzen ſind ſchwer vor Betrübniß, aber wenn die Noth am höchſten, dann iſt auch die 109 Hülfe am nächſten, und Gott hilft ſtets denen, die zer⸗ ſchlagenes Gemüth haben!“ „Ach, der Herr hat ſein Angeſicht von uns abge⸗ wendet!“ entgegnete Marie kleinmüthig.„Seit der furchtbaren Ueberſchwemmung haben wir faſt keinen ein⸗ zigen ſorgloſen und völlig ruhigen Tag verlebt. Wie ſoll ich nicht zaghaft werden, wenn Gott ſeine Hand von uns abzieht?“ „Was Gott thut, Mütterchen,“ erwiederte Luiſe mit ſchöner Zuverſicht,—„das iſt wohlgethan! Wenn es uns auch ſcheint, als ob der Stab Wehe über un⸗ ſerem Haupte ſchwebe, wer ſagt uns, daß es nicht eher eine Wohlthat für uns iſt, als eine Strafe? Ver⸗ mögen wir es, die Gedanken Gottes zu durchſchauen? Nein, mein Mütterchen, das noch nie den Muth ver⸗ lor, darf nicht zaghaft werden, wenn einmal der himm⸗ liſche Sonnenſchein durch Schatten verdunkelt wird. Der Schatten verweht, wie ein Hauch des Windes, aber die Sonne ſtrahlt ewig aus den Himmelsräumen nieder. Laß du mich machen, Mütterchen! Ich gehe nach dem Dorfe; in wenigen Stunden bin ich wieder zurück, und du wirſt ſehen, daß dann die Schatten, die uns umdüſtern, ſchon minder dunkel geworden ſind.“ Luiſe rüſtete ſich zu dem Gange, und Marie ließ ſie gewähren. Wie konnte ſie anders? Das wackere Mädchen hatte in ihrem einfachen Sinne das Beſte getroffen, was in ihrer Lage gethan werden konnte, und entſchloſſen führte ſie ihren Vorſatz aus. Schon nach zwei Stunden kehrte ſie mit heiterer Miene aus dem Dorfe zurück. „Alles ſteht wohl, Mütterchen,“ ſagte ſie.„Der alte Martin will mir Beſchäftigung geben, damit ich 6 110 etwas, wenn auch nur ein Geringes, verdienen kann, und Muhme Dorothea heißt dich mit Freuden bei ſich willkommen. Da ganze Dorf nimmt herzlich Theil an uns, denn ein Jeder iſt entrüſtet über die Härte des Barons, da kein einziger Menſch den Vater für ſchul⸗ dig hält. Alſo komm' du nur, Mütterchen! Gott hat uns bereits wohlwollende Herzen erweckt, und wie lange wird's dauern, ſo müſſen auch Vater und Willy wieder frei werden.“ „Und was dann? Was dann, Luiſe?“ „Ei,« erwiederte das wackere Mädchen,—„ſteht denn nicht geſchrieben: du ſollſt nicht ſorgen für den kommenden Tag, und ferner: Gott, der die jungen Raben nährt, wird auch dich nicht darben laſſen? Much, Mütterchen! Nach Gewittern ſtrahlt der blaue Himmel doppelt ſchön!“ Der Zuſpruch des muthigen Kindes wirkte erfriſchend auf das gebeugte Herz Marie's. Sie raffte ſich auf aus der Tiefe ihres Schmerzes, und verbannte mit einer kräftigen Anſtrengung die Trauer aus ihrem Gemüthe. „Wohlan denn, laß uns gehen!“ ſagte ſie.„Auch nicht eine Nacht mehr will ich unter dieſem Dache ſchlafen, das uns von böſen Menſchen nicht gegönnt wird!“ Sie rief die kleine Anna herbei, packte ihre geringe Habe zuſammen in ein Tuch, legte ihre Bibel oben auf, band Alles in einen Kreuzknoten, und verließ die Waldhütte, unter deren Strohdache ſie ſo wenige frohe Stunden hatte verleben ſollen. So, ihr Kind an der Hand, ihr Päckchen mit dem Beiſtande Luiſe's tragend, wanderten ſie nach dem Dorfe, und wurden von Muhme 111 Dorothea mit Freundlichkeit empfangen. Für Zwei wat ſchon Raum in dem Hauſe, und Luiſe erklärte, daß ſie ſofort den Dienſt beim alten Martin antreten wollte, um weder der Muhme noch der Mutter be⸗ ſchwerlich zu fallen. Marie wollte ſie zurückhalten, aber fort wie der Wind war das Mädchen und kehrte, für heute wenigſtens, nicht zurück. Marie ſchickte ihr die beſten Segenswünſche nach. Ein paar Tage vergingen in Trauer und Betrüb⸗ niß. Fiſcher⸗Anton und ſein Sohn blieben im Gefäng⸗ niſſe eingeſchloſſen, und feine Nachricht meldete, daß der Herr Oberförſter von ſeiner Reiſe zurückgekehrt ſei. Marie hatte ihren letzten Kreuzer ausgegeben, und drückend lag es ihr auf der Seele, daß ſie mit Anna der guten, alten Muhme zur Laſt fallen mußte, die zwar gern Alles mit ihr theilte, aber leider nicht viel zu theilen beſaß. Am vierten Tage kämpfte ſie eben einen ſchweren Kampf mit ſich ſelbſt, ob ſie nicht auf das Schloß gehen und den Baron um Gnade und Barmberzigkeit für ihren Mann anflehen ſolle. Schon 5 war ſie wirklich halb und halb entſchloſſen dazu, ſo wenig Hoffnung ſie auch auf den Erfolg ſetzte, als plötzlich an die Stubenthür gepocht wurde, und ein alter Jude mit langem Barte, aber freundlichem Ge⸗ ſicht zu ihr eintrat. „„Gottes Wunder!“ ſagte er,—„hab' ich doch müſſen laufen und fragen Haus bei Haus, bis ich habe gefunden das Glückskind, die Frau Marie Stein⸗ bach! Segen über Ihr Haupt, Frau! Wo ſind die Looſe zur Lotterie, die Ihr Mann vom alten Baruch vor vier Monaten gekauft hat. Ich hoffe, ſie ſind 112 doch nicht weggeſchwemmt worden mit ſo vielem Ande⸗ ren vom Waſſer?“ Marie hatte noch nicht wieder an die Looſe ge⸗ dacht, und jetzt erſt erinnerte ſie ſich, daß ſie, aufge⸗ klebt auf die Thür, bei der Frau Muhme geblieben waren. Sie blickte nach der Thür, und da ſtand ſie noch hinter dem Ofen, wohin ſie Anton geſtellt atte. „Die Looſe?“ erwiederte ſie.„Was iſt damit, ehr⸗ licher Baruch? Sag' geſchwind— ſie haben doch nicht gewonnen?“ „Erſt, wo ſind ſie?“ fragte der Jude mit freund⸗ lichem Lächeln und klimperte mit Geld in ſeiner Taſche. „Da!“ ſagte Marie, und deutete auf die Thür. Baruch ſchaute die angeklebten Looſe und lachte. „Das lob' ich mir!“ rief er aus, und zog ein ziemlich beſchmutztes und abgegriffenes Notizbuch aus der Taſche, in dem er blätterte.„Nenn' ich mir das einen guten Hausvater, der für Alles den ſicherſten Platz zu finden weiß, daß man's jederzeit finden kann und zur Hand hat. Ah, da iſt's! Nummer 10, 217. Wünſch' viel Glück, gute Frau! Haben Sie doch gewonnen auf das eine Loos zweihundert Gulden, und ich führ' ſie ſchon bei mir, daß Sie nur brauchen zuzugreifen!“ Marie konnte vor freudigem Schrecken kaum Athem ſchöpfen.„Und das andere Lvos?“ Das andere?“ rief ſie. „Das andere iſt eine Niete, Frau Steinbach!“ er⸗ wiederte der Jude lächelnd.„Kann doch nicht jedes Loos gewinnen, und ich mein', Sie dürfen wohl zu⸗ frieden ſein!“ 5 „Aber welche Nummer hat gewonnen, guter Baruch?“ * fragte Marie mit Herzpochen, denn ſie erinnerte ſich der Worte ihres Mannes, daß die roth unterſtrichene Nummer Luiſen gehörte, freilich, ohne daß dieſe es wußte.„Welche Nummer, Baruch? Die rothe, oder die andere?“ „Die rothe, Frau,“ entgegnete der Jude und lächelte wieder.„Ich weiß nicht, was Sie fragen. Bleibt ſich's doch gleich, gewinnt die eine oder die andere, wenn's nur gewonnen iſt. Hier nehmen Sie, Frau Steinbach! Vier Röllchen, jedes mit fünfzig Gulden, und freut's mich doch, daß grade Euch das Glück hat wohl gewollt!“ Er glaubte, der alte, gute Baruch, die Freude ſei es, die Frau Marie's Wangen plötzlich gebleicht habe, und um ſie nicht zu ſtören, ſchlich er ſacht davon. Marie aber brach in Thränen aus, denn nicht ihr, ſondern Luiſen war das Glück in den Schooß gefallen, und ſie war ſo arm als vorher. Aber nicht lange dauerte ihre Betrübniß.„Wie wird ſie ſich freuen!“ murmelte ſie und lächelte unter Thränen, wie wohl ein Sonnenſtrahl zwiſchen Thautropfen blitzt, und raſch die Rollen in ihre Schürze packend, ließ ſie Alles ſtehen und liegen, und eilte fort nach dem Gehöft des alten Martin. „Da ſieh', Luiſe!“ rief ſie fröhlich.„Das hat dir dein letzter Geburtstag gebracht!“ Luiſe ſtaunte, hörte, und brach endlich in frohen Jubel aus. „Nun iſt's ja vorbei mit aller Angſt und Noth!“ rief ſie.„Mutter, nun können wir unſere Hütte wie⸗ der aufbauen! Oh, Mutter, warum freueſt du dich nicht?“ Brave Leute. 8 114 „Ich freue mich über dein Glück! Das Geld iſt dein, nicht unſer, Luiſe!“ Oh, was du ſprichſt, Mütterchen, liebes wunder⸗ liches Mütterchen!“ rief Luiſe wieder.„Unſer, unſer iſt es, unſer bleibt es, und Gott dank' ich, der es uns geſchickt hat. Weiß denn die Muhme ſchon? Nicht! So komm, mein Mütterchen, ſie muß auch Theil haben an unſerer Freude, wie ſie Theil genommen an unſerem Kummer und Unglück!“ Da half kein Sträuben. Wie ein Wirbelwind riß Luiſe die betäubte Mutter mit ſich fort, und ſo kamen ſie zum Häuschen der Muhme, wo ſie aber Niemand fanden, als die kleine. Anna, denn die Muhme war auf's Feld gegangen. Anna ſaß am kleinen Tiſche, und vor ihr lag die Bibel, in welcher die Mutter kurz vorher Troſt geſucht, und das Kind beluſtigte ſich, die hübſchen Bilder darin zu beſehen. Aber vorher mußte ſie noch anders damit geſpielt haben, denn Marie ſah, daß ſie den Umſchlag von dem Einbande des ihr ſo lieben, heiligen Buches halb abgeriſſen hatte, und öff⸗ nete ſchon den Mund, um auf das Kind zu zanken,— da auf einmal entdeckte ſie zwiſchen dem Einbande und dem Umſchlage ein vergilbtes Papier, zog es neugierig vollends heraus, warf einen Blick darauf, und mit einem lauten Ausrufe, halb des Erſtaunens, halb des Entzückens, ſank ſie blaß, zitternd, kaum ihrer Sinne mächtig, auf einen Stuhl. „Um Gottes willen, Mütterchen, was gibt es?“ fragte Luiſe ängſtlich. „Nichts, das ſchlimm wäre,“ entgegnete Marie nach ſchnell wiedergewonnener Faſſung, und reichte Luiſen das gefundene Blatt Papier. Wunderbar kommt das Glück 5 — 6 — — 115 jetzt doppelt zu uns.„Sieh' hier, Gott hat den Fin⸗ ger des Kindes geführt. Der ſo lange vermißte Schuld⸗ ſchein des Barons, dieß iſt er! Mein guter, ſeliger Vater barg ihn im Theuerſten, was er hatte, und Gott läßt ihn uns finden durch die Hand des Kindes!“ Luiſe ſtand verwundert und erſtaunt.„Oh, dieſe Bibel!“ ſagte ſie dann mit einem Blicke zum Himmel. „Weißt du, Mutter, ſie war das Einzige, was du aus der Verwüſtung der Waſſerwirbel retten wollteſt! So wurde dir das Irdiſche erhalten, indem du das Heilige bewahrteſt. Hier iſt wahrlich Gottes Fügung, Mutter!“ „Gottes Fügung!“ wiederholte Marie.„Oh, wie dank' ich dem Vater im Himmel, der ſo ſichtbar ſeine Gnade an uns offenbart. Wie dank' ich ihm! Nun ſind wir ganz gerettet, und heute noch wird der Vater mit Willy bei uns ſein!“ „Ja gerettet!“ ſagte eine tiefe, wohllautende Stimme von der Thür her, welche leiſe geöffnet wor⸗ den war, ohne daß Jemand es gehört hatte.„End⸗ lich, endlich finde ich, die meine Seele ſeit Jahren ſuchte, und nun ruf' ich, kommt, kommt Alle, daß ich Euch an mein Herz ſchließe!“ Verwundert ſchauten Luiſe, Marie und die kleine Anna auf die hohe Geſtalt des Fremden, welcher mit leuchtenden Blicken vor ihnen ſtand und die Arme nach ihnen ausbreitete. Jetzt erkannte ihn Marie. „Sie ſind es, lieber Herr!“ ſagte ſie,—„Sie ſind es, den mein Mann und Luiſe im Kahne vom Thurme retteten, als die Ueberſchwemmung uns überraſchte. Seien Sie herzlich willkommen! Mein armer Anton 116 kann Sie freilich nicht begrüßen, denn er ſitzt unſchuldig verhaftet im Kerker, aber..“ „Wer ſagt, daß er im Kerker ſitzt?“ erwiederte der Fremde. Siehe, Marie: hier iſt dein Mann und dein Knabe!“ Er öffnete die Thür, und herein ſtürzten Beide. Mit Wonnethränen ſanken die ſo hart Getrennten ein⸗ ander in die Arme, und ſie ſahen es nicht, wie der Fremde ſtill auf Luiſe zutrat und ſich zu ihrem Ohre neigte; ſie ſahen es nicht, wie Luiſe ſchneebleich zu⸗ ruͤckwankte und dann plötzlich an die Bruſt des frem⸗ den Herrn ſtürzte, der ſie mit heißer Liebe an ſich druͤckte; ſie hörten nicht den Aufſchrei Auiſe's und die ſüßen, ſüßen Laute, die über ihre Lippen glitten und die der Fremde eben ſo erwiederte,— bis endlich Marie ſich aus den Armen ihres ſo unverhofft befreiten Man⸗ nes losriß, und mit Verwunderung den Fremden und ihre Pflegetochter anſtaunte. Jetzt richtete auch dieſer ſich auf, und Luiſen mit dem rechten Arme umſchlin⸗ gend, fragte er:„Marie, erinnerſt du dich Meiner gar, gar nicht mehr?“ Marie ſtarrte ihn zweifelhaft an, und eine ſchon einmal gehabte Ahnung blitzte von Neuem auf ſie hin. „Wär's, wär' es möglich?“ fragte ſie. Sie wären..« „An mein Herz, Schweſter!“ unterbrach er ſie. „Ja, ich bin Murray, der Schotte, dein Schwager, und dieſes Kind, das ihr brave Leute hegtet und pfleg⸗ tet, meine Luiſe, das theure Andenken an meine theure, entſchlafene Gattin, deine Schweſter, ſie iſt mein Kind, meine Tochter!“ Welch ein Wiederſehen voll Wonne und Schmerz, voll Wehmuth und Entzücken nach ſo langer Trennung! —————— — — 117 Thränen floſſen, viele Thränen, ſchmerzliche und freu⸗ dige, ehe die tief bewegten Gemüther Faſſung gewan⸗ nen, die Erklärung des kaum mehr Gehofften, faſt Un⸗ glaublichen anzuhören. Stunden vergingen, ehe es zu Erörterungen kam; und der Gewinn des Lotterie⸗Loo⸗ ſes, ſelbſt der wunderbare Fund des Schuldſcheines wurde nur vorübergehend von Marie erwähnt. Aber auch die ſtürmiſchſten Wellen ebnen ſich endlich, und als die Dämmerung nahte, ſaßen unſere Freunde Alle beiſammen in der niederen Hütte um den Tiſch, auch die alte Muhme, die nicht wenig überraſcht aber auch erfreut über den Beſuch war, und Murray erzählte den lauſchenden Ohren die ſeltſamen Ereigniſſe, welche ihn ſo viele Jahre lang fern von ſeinen Theuerſten ge⸗ halten hatten. Faſſen wir ſeine Erzählung kurz zuſammen. Bei der Ueberfahrt in ſein Heimathland, welche Murray unternommen hatte, um ſeine dortigen Güter zu verwerthen und dann für immer an die Ufer des Rheines zurückzukehren, war ſein Schiff, vom Sturme verſchlagen, von einem Piraten aus Tunis genommen und er ſelbſt in lange Sklaverei geſchleppt worden. Erſt vor einigen Monaten war es ihm gelungen, ſich durch die Flucht zu retten, und das urſprüngliche Ziel ſeiner Reiſe, die Heimath, zu gewinnen. Von hier aus hatte er geſchrieben, daß er kommen, bald kommen werde, und nicht lange darauf war er ſelbſt dem Briefe gefolgt, welcher nie an ſeinen Beſtimmungsort gelangte. In dem Dorfe, wo ſeine Tochter lebte, ohne daß er es wußte, hatte die Ueberſchwemmung ihn überraſcht, und ſeine Tochter war es nach Gottes Fügung, die dem unbekannten Vater das Leben retten helfen ſollte ⸗ an 118 Von Anton hatte er Abſchied genommen, in der Hoff⸗ nung, bald wiederzukehren; aber ein heftiges Fieber, wahrſcheinlich eine Folge der die Ueberſchwemmung be⸗ gleitenden Umſtände, hatte ihn in Emmenbach, dem Heimathsorte Marie's auf ein hartes Krankenlager ge⸗ worfen, von dem er erſt vor wenigen Tagen wieder erſtanden war. Die jetzt ſofort eingezogenen Erkundi⸗ gungen ſagten ihm Alles. Er erfuhr den Tod ſeiner Gattin und ihres Vaters, und nur die Nachricht von dem Leben Luiſe's konnte ſeinen Schmerz über jene traurigen Nachrichten mildern. Er erfuhr ferner, wo Luiſe eine Heimath gefunden, und der Name ihres Pflegevaters mußte zugleich der ſeines Retters ſein. „So kehrte ich denn hierher zuruck,“ ſchloß er ſeine Erzählung.„Ich forſchte nach Anton und hörte, er ſchmachte im Kerker. Beſondere Umſtände geſtatteten, daß ein Wort von mir an den Baron hinreichte, ihn zu befreien. Ich ſuchte ihn auf, wir holten auch Willy, und eine kurze Erklärung unterrichtete Anton von Allem. Nach Euch fragend, wies man uns hier⸗ her, und ſo fand ich Euch, fand mit Dank gegen Gott mein theures Kind, deſſen treue Pflege mich zu Eurem ewigen Schuldner macht.“ „Und nun zu Euch!“ fuhr er fort.„Ihr ſeid arm, Anton! Arm, meine gute Marie! Von jetzt 6 „Oh, halt ein, Murray!“ unterbrach ihn Marie ſchnell.„Nicht arm,— reich ſind wir, und das alte, für kurze Zeit verlorene Glück lächelt uns wieder mit holden Augen an. Gott, der uns darnieder beugte, hat uns wieder erhoben, und ein einziger Tag bringt uns in die Fülle des Segens, was wir kaum jemals 119 wiederzuſehen, zu finden hoffen. Gott wollte es ſo! Und wie das Unglück, ſo kommt auch das Glück ſelten vereinzelt!“ Und ausführlicher erzählte ſie nun die Schickſale der vergangenen, ſchweren Tage, ihre Ausweiſung aus der Waldhütte durch den harten Baron, ihre Sorgen, die treue Aufopferung Luiſe's, den Lotterie⸗Gewinn, das wunderſame Auffinden des Schuldſcheines. Mit finſte⸗ ren Blicken hörte Luiſe's Vater ihre Erzählung. „Gott gibt Euch noch mehr, als Euer Gluͤck wie⸗ der, Er gibt Euch die Macht, zu vergelten, was Euch Uebles geſchehen von Euren Feinden!“ ſagte er. „Der Baron iſt morgen ein Bettler, wenn ich ihm nicht ſein Schloß und Gut abkaufe, und nur Ein Wort koſtet es Euch, ſo... „Du, Murray? Du ihm das Schloß abkaufen?“ unterbrach ihn Marie.„Biſt du denn reich?“ „So reich, Marie,“ erwiederte Murray lächelnd, „daß ich dir alle deine Taſchen mit Golde füllen, und doch noch drei Mal das Schloß des Barons bezahlen könnte, ohne daß ich eine große Lücke in meinen Schätzen verſpüren würde. Und natürlich, was mein iſt, iſt auch den Pflegeeltern meiner geliebten Tochter Luiſe!“ Nein, nein, Murray! Du erſchreckſt mich!“ rief Marie aus.„Wir bedürfen nichts! Sieh' hier den Schein! Der Baron kann jetzt nicht mehr ſeine Schuld abläugnen, ſondern muß ehrlich und redlich die fünf⸗ hundert Gulden bezahlen, die er vom ſeligen Vater entlehnt hat. Und nachher,“— fügte ſie mit ſtrah⸗ lendem Blicke, zu ihrem Manne gewendet hinzu,— „achher, Anton, nicht wahr, bauen wir uns unſer 120 Häuschen wieder und leben, wie ſonſt, in ſtillem Glück, in Genüge und Zufriedenheit!“ Anton nickte und reichte Marie ſeine Hand. „Aber der Baron!“ ſagte Murray.„Ich wieder⸗ hole Euch, er iſt in meiner Macht! Alle ſeine Gläu⸗ biger haben mir ihre Forderungen abgetreten, weil ich wirklich die Abſicht hegte, dieſes Schloß zu kaufen, und den Baron zwingen wollte, zu verkaufen;— ein Wink von mir, und er muß in den Schuldthurm wandern ſammt ſeinem Sohne!— Wie nun, wollt Ihr nicht Rache an ihm nehmen, da er durch mich auch in Euren Händen iſt?“ Marie blickte ſchweigend auf Anton; Anton ſchwei⸗ gend auf Marie; Beide lächelten und drückten ſich die Hände. „Ihr zögert?“ fuhr Murray fort.„Und dieſe Menſchen haben Euch ſo viel Böſes zugefügt?“. „Aber du vergißt, Murray,“ ſagte Marie ſanft, —„Gott hat uns ſo viel Gutes zugefügt und ſo reichen Segen über uns ausgegoſſen. Wäre Rache ein Dankgebet fuͤr Seine Gnade und Barmherzigkeit? Nein, nichts davon, mein Freund!“ „Aber du, Anton?“ fragte Murray. „Ich lobſinge dem Herrn,“ erwiederte Anton. „Wo iſt der Raum für Groll, Haß und Rachſucht. Möge Gott dem Baron vergeben, wie ich ihm vergebe von Herzen!“ „Oh, brave, brave Leute!“ rief Murray tief gerührt und ergriffen aus, und zog ſeine Ver⸗ wandten an ſein Herz.„Wohlan denn, keine Rache! Nur Frieden, nur Freude, nur Liebe, nur Glück⸗ ſeligkeit!“ 121 „Und ewigen Dank dem Vater im Himmel, der uns geführt hat durch Nacht zum Licht, durch Trübſal zur Freude!“ ſprach Marie, und„Amen!“ ſagten Alle mit ihr aus tiefbewegtem Herzen. ——— An den ſchönen Ufern des Rheines leben ſie in Glück und Freude, in Demuth und Dankbar⸗ keit gegen Gott. Fragſt du dort irgend Jemand nach ihnen, lieber Leſer, und erkundigſt dich, ob es ihnen wohl gehe, ſo wirſt du ſicher die Antwort hören:„Ja, Gottes Segen ruhet auf ihnen Allen! Aber ſie ver⸗ dienen es auch durch ihre Milde und Frömmigkeit. Herr Murray, Anton und Alle: brave, brave Leute ſind es, wie ſie am Rheinſtrom nicht braver gefunden werden!“ tuttgart. S S offmann in Druck von C.