und frarzſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Pesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 6 eines Buches, eine dem Werthe entſprechende Summe hinterkegen, welche bei deſſen Zurü gabe von mir zurückerſtattet wird— beträgt: 2 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— P 3 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 5. Sehadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erfetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Hieleihen welche die⸗ aben. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Crayonsſkizzen. Von Heinrich Bchetter. Erſter Band. S—————— Marburg. Druck und Verlag von N. G. Elwert. 1 8 3 9. Inhalt. Pie Shiidtin Seite 1 Bojarenleben. 5. 19¹ Te souviens tu? disait un capitaine Au vetéran, qui mendiait son pain. Pe souviens tu? quautrefois dans la plaine Tu détournas un sabre de mon sein. Pis moi camerad! t'en souviens tu? „Je m'en souviens, car je te dois la vie.“ BhRANeEn. „Grhlict du in jener Gegend einen alten dunk⸗ len Streifen, der ſich kaum aus dem Meere zu er⸗ heben und doch mit den lichten, ſich eben röthenden Wolken eins zu ſein ſcheint? Sprich Joannita! Dein Auge muß noch ſchärfer als das meine ſein; laß mir das ewige Schauen nach der beweglichen Nadel.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ſeiner Sache ſicher, fuhr der Mann fort: „Weiter rechts, wird ein langer Kuͤſtenſtrich mit hohen Bergen, wie ein dunkler Vordergrund hervor⸗ treten. Es iſt das Ufer von Aſien und das gegenuber liegende Eiland war einſt Chios. Zwiſchen beiden hin⸗ durch geht unſer Weg. Mein Schiff hat die Fahrt gar oft gemacht, als die ſchonſte Stadt des Orients noch nicht zerſtoͤrt war und die reichen Kaufherrn ihre vol⸗ len Magazine verſchiffen ließen. Da war ein Leben und Treiben, das Paradies auf Erden— jetzt ſieht man nichts als Schutt und Truͤmmer. Eine tiefe Todtenſtille herrſcht, wo froͤhlicher Geſang ertonte 1* und ſeit die Erde ſo viel Blut getrunken, wollen die Roſen von Chios nicht mehr wachſen. Die vierzig Dörfer ſind herabgekommen; die ſchoͤnen Wälder von Orangen, deren ſüßen Duft der Wind uͤber das Meer trug ſind verbrannt. Bis in die Berge hin⸗ auf hat der Osmane gegen Natur und Menſchen in ſeiner zerſtoͤrenden Wuth gefrevelt.“ Der Mann, der in zitternder Haſt dieſe Worte geſprochen, ſchwieg hier und nur die Lippen beweg⸗ ten ſich fort. Es ſchien als trage er Scheu, ſich weiter auszulaſſen. In ſichtbarer Erregung ſchritt er zwiſchen Ballen und ſchlafenden Menſchen, die auf dem Decke ſeines Schiffes zuſammengekauert la⸗ gen und den nahenden Morgen nur an der feuchte⸗ ren Atmoſphaͤre empfinden mochten, indem ſie ſich dichter in die braunen Capotten eingehullt hatten, einher. Ein friſcher Wind führte die Arche von Holz mit vollen Segeln uͤber das Meer. Der lange, weiße Streifen, wie eine Schlange durch die Fluth ſich ziehend, vom ranſchenden, ſchaͤumenden Kiele ausgehend, zeugte von dem raſchen Laufe. Das duͤ⸗ ſter gluͤhende Auge des Seemanns, nicht mehr in der Ferne, ſondern auf dem wohlbekannten Decke und den vollen Segeln ſeines Schiffes weilend, klärte ſich auf. Eine europäiſche Meernatur— dem griechi⸗ ſchen Grundſatze, daß der Orient mit ſeinen jungen Hoffnungen nicht zu den alten fraͤnkiſchen Laͤndern gehoͤre, bei dieſer Benennung huldigend— wuͤrde weniger Zufriedenheit gezeigt haben. Denn ſo leicht auch die Brigantine uͤber das Waſſer glitt uud die in den erſten Strahlen des Fruͤhroths glaͤnzenden Segel ſich dehnten und reckten, daß die Spitzen der Maſten ſich knarrend hin und her beugten, zu leben ſchienen, auf und in ihr ſelbſt, herrſchte kei⸗ neswegs die ſonſt ſtereotype Ordnung und Reinlich⸗ keit. Waaren und Menſchen lagen in bunter Mi⸗ ſchung untereinander und den in ſüßem Schlafe Da⸗ hingeſtreckten ſchien es gleichgultig zu ſein, ob ſie auf Tauen und Seilern, auf Ballen oder auf den harten, nackten Dielen des Deckes ruhten. Ein ge⸗ nuͤgſames, nicht zu reinliches Geſchlecht, das ſeine Bedurfniſſe mit ſich fuͤhrte, wie die mager gewor⸗ denen Weinfelle, die ſchmalen Brodſaͤcke mit Schaaf⸗ kaͤſe und den ſtark riechenden Knoblauchknollen, deut⸗ lich bewieſen. Noch zeigte ſich keine Bewegung un⸗ ter ihm und nur hie und da gab ein ſich ſchwer⸗ faͤllig dehnendes Bein, oder ſchlaftrunken erhobener Arm zu erkennen, daß der Tag bald ſein Recht ver⸗ langen wuͤrde. Der zeitige Befehlshaber dieſer Ladung und Schiffes, der mit ſeinem jungen Steuermanne fuͤr Alle wachte, war über dieſe tiefe Stille in ſeiner —m—— Umgebung zufrieden. War ſie ihm doch Beweis, daß Keiner ſeine patriotiſche Klage vernommen. Einem gefahrvollen Berufe, der jedoch zugleich ſorg⸗ los und kuͤhn macht, angehörend, in ſeinem Aeußern den ſtarken Mann ankuͤndigend, mochte die Vorſicht mit der er nach einer etwaigen Wirkung ſeiner Worte forſchte, überfluͤſſig erſcheinen. Das Auge Joannitas wenigſtens, das nicht ohne leichten Spott dem Herrn gefolgt, drückte eine ähnliche Empfindung aus und nur wenn jener Kummer um das Va⸗ terland, bleich und vernichtend, in den Zügen des Alten ſichtbar wurde, uͤberzog ein ungewohnter Ernſt das Antlitz des jungen Mannes. Die leicht abſpre⸗ chende Jugend ſchaute dann ehrfurchtvoll auf den bejahrten Seemann, unter deſſen buſchigen Brauen, Augen in wilder Gluth der Rache und des Haſſes hervorleuchteten. In die ſtarren Zuͤge von Marmor kam dann Leben, die gedrungene Geſtalt, faſt ge⸗ beugt von Jahren voll Muͤhſeligkeiten und Kämpfen, reckte ſich in die Hoͤhe, die breite Bruſt, umſchloſ⸗ ſen von der engen Weſte, dem knapp anliegenden, braunen Schifferwams, geſtickt mit gar ſonderbaren Figuren und Blumen, ſchien zu enge, um die mäch⸗ tigen Empfindungen zu bergen.— Andreas war der Name dieſes Mannes und in der Joniſchen Flagge ſeines Schiffes herrſchte das Kreuz des meergebietenden. Den fein geroͤtheten Himmel, da wo er im Oſten ſich in die ſalzigen Fluthen getaucht hatte, uͤberzog jetzt ein dunkler Purpur, deſſen lichtere Schattirun⸗ gen ſich in das Blau der Wolken verloren. Die Sonne trat hervor und weiter, immer weiter reckten ſich die goldenen Strahlen dem fernen Weſten zu. Um das Vordertheil und den Kiel der Brigantine ſtiegen dampfende Nebel auf, die jedoch bald von der ſiegenden Wärme zertheilt wurden. Der friſche, junge Tag, wie ihn die ſtolze Pracht des Suͤdeus nur hervorzubringen vermag, mit allen ſeinen Zau⸗ bern war da. Eine belebende Kuͤhle ſtroͤmte uͤber das Deck des Schiffes. Die bislang von ſuͤßem Traume um⸗ fangen, wachten auf und nach den erſten Augen⸗ blicken voll Gähnen, gewann eine heitere Stimmung die Oberhand. Aus allen Enden, uͤber und unter dem Deck der Brigantine, draͤngten ſich die zahlrei⸗ chen Gäſte hervor, an des Morgens Helle. In dem eng begrenzten Raume, der nur in unbewegli⸗ chem Zuſtande die vielen Menſchen beherbergen zu koͤnnen ſchien, lebte ein reges Treiben. Die Stimme des Herrn Andreas hatte Muͤhe ſich uͤberall hin vernehmen zu laſſen. Vorhin mit Großem beſchaͤftigt, in der Stille einem andern Ideengange ſich hingebend, ſchien er jetzt nur daran zu denken, dem oberen Theile ſeines Schiffes ein Ektae beſſeres Anſehen zu geben. Die beiden Schiffsjun⸗ gen in emſiger Arbeit, dem Meere die uͤberfluͤſſigen, ſchmutzigen Ueberbleibſel der Geſellſchaft zu uͤberge⸗ ben, hatten vollauf zu thun und ihr Unternehmen war ein ſchwieriges. Was eigene Eßluſt nicht verſchmaͤht haben wuͤrde und die magern Hände der in mehr denn einer Hinſicht beduͤrftigen Gäſte zu bewahren ſuchten, ſollten ſie ſchonungslos hinwegſchaffen. „Fort damit!“ heiſchte der Capitano, die mit⸗ unter zu Nachſichtigen an,„von Syra bis Smyrna braucht man kein Magazin und am Lande harren ihrer die neuen Dienſtherrn.“ Ein Zug des Schmerzes fuhr über die blaſſen Geſichter, die ohnehin an Reſignation gewoͤhnt ſchie⸗ nen und deren naher Beruf wohl noch manche ſchwere Pruͤfung mit ſich bringen mochte*). Das Deck wurde nun reichlich mit Meerwaſſer uͤbergoſſen und ein Theil der Schiffsmannſchaft be⸗ eilte ſich, kleine Büſchel von Binſen unter den nack⸗ ten Fuͤßen, die Spuren der nicht zu ſauberen Ge⸗ ſellſchaft hinwegzuſchaffen. Die unzufriedenen Mie⸗ *) Von den ärmeren Bewohnern des Archipelagus ſchifft alljährlich ein Theil nach Smyrna, um als Dienſt⸗ voten dort Erwerb zu ſuchen. Oft bleiben ſie längere Zeit in der reichen Stadt, um ſpäter mit den Erſparniſſen ſich eine Exiſtenz in der Heimath zu gründen. nen, die oft komiſchen Klagen konnten die Arbeit nicht aufhalten. Die Brigantine gewann ſo ein freundliches Anſehen. Die warmen Strahlen der Sonne leckten begierig die Feuchtigkeit auf und ob⸗ gleich Kummer und Elend noch genug auf den Bret⸗ tern, herrſchte doch fuͤr den Augenblick eine groͤßere Reinlichkeit. „Noch ein Stuͤck Leinen auf die Spitze des hohen Maſtes und die noch eingerefften Segel vol⸗ lends ausgelaſſen. Es darf Niemand ſchneller ͤber das Meer fahren als ein Grieche“ rief ſelbſtzufrie⸗ den Herr Andreas, indem er in raſchen Schritten die Laͤnge ſeines Deckes ausmaß. „Siehſt du nun, du gelehrter Seemann“ fuhr er zu Joannita, in die Naͤhe des Steuers tretend, fort,„daß ich alter Praktiker Eure Karten und In⸗ ſtrumente nicht brauche. Vor uns liegt das Feſt⸗ land und wenn wir jetzt mehr links ſteuern, muͤſſen wir bald in den Canal von Chios kommen. Die dunklen Berge der ungluͤcklichen Inſel, einſt bewal⸗ det und bebaut, viele Menſchen naͤhrend, treten im⸗ mer naͤher. In Kurzem werden wir auch den Ha⸗ ſen und die Stelle ſehen, wo die praͤchtige Stadt ſtand. Der alte Leuchtthurm, wie ein hoͤhnender Spott in die Zerſtorung und Trauer der Gegenwart hineinſchauend, wird ſich zuerſt zeigen.“ 1*½ Eei uuwerreeeee — 10— Bitterer Unmuth lag auf dem Antlitz des See⸗ manns; eine Wolke von Schmerz verduͤſterte ſeine hohe Stirne. „Ruft die Gebieterin und den fremden Ingleſe“ rief er barſch„ſie ſollen ſehen wie eilig wir dahin⸗ ſegeln.“ Er war jetzt ſtille, ſchien ſich zu faſſen, ſeinen Muth wieder aufrichten zu wollen. Und was iſt ein gewöhnlicher Muth, neben dem eines Mannes, der ein gluͤhendes Herz voll Rache? Die Sonne ſchien ſchon warm auf die Scheitel der Schiffenden. Es war die Zeit des Faſchings im Jahre 187. Ein voller uͤppiger Fruͤhling war uͤber die Berge, das Meer, hoch in den Luͤften ge⸗ flogen und hatte ſeine duftender Bluͤthenpracht über die Erde ausgeſtreut. Von den Hoͤhen der nahen Inſel lachte ein friſches Gruͤn. Die dunkeln Oran⸗ genhaine, da wo der zerſtoͤrende Fuß der Eroberer nicht hingedrungen, reckten, Bluͤthen und Fruͤchte zumal tragend, ſtolzer die Haͤupter empor, waͤhrend die Niederung, das nahe Ufer am Meeresſtrande nur kleines Buſchwerk belebte. Nur ſelten daß hier unten das Auge einen einſamen Oleander, Lorbeer oder Feigenbaum entdeckle. Hie und da unterbrach die duͤſtere Trauer ein weidender Hirte mit ſeiner Ziegenheerde, der in ſchweigſamer Gleichguͤltigkeit den Schatten eines Olivenbaumes, der dem Beile „ — 11— der Barbaren durch Zufall entgangen, geſucht hatte. Es mochten wohl Manche auf dem Schiffe ſein, die das Eiland in beſſeren Tagen geſehen. Der klare Himmel, die friſche, milde Luft, das Gruͤn der Natur, die blauen, durchſichtigen Meereswellen brachten keiuen freundlichen, belebenden Eindruck hervor. Alle ſchienen in ſtummen Schmerz verſun⸗ ken. Leiſe Gebete zuckten uͤber die Lippen der Frauen. Schwuͤre des Haſſes, der Rache ſtiegen in den Her⸗ zen der Männer auf. Es war viel Kummer in dem engen Raume, von leichten Brettern gebaut. Doch al⸗ les Einzelne, Perſoͤnliche war zuruͤckgetreten vor dem Allgemeinen, dem Großen, dem nationalen Gefühle des Schmerzes. Es gab kein niedriges, ſo ſelbſt⸗ ſuͤchtiges Herz, das nicht bittend, heiß flehend zu der heiligen Mutter ſich gewendet haͤtte. Eben wurde die Staͤtte ſichtbar, wo erſt vor wenigen Jahren in ſchoͤner, ſtolzer und wuͤrdiger Umgebung, ein rei⸗ ches, griechiſches Leben ſich bewegt hatte, als die Augen, feſt gerichtet auf jene Erde, von Chriſten⸗ blut getraͤnkt, ſich noch um einige vermehrten.„ Die ſtattliche Figur eines hochgewachſenen Man⸗ nes, in ihrer europaͤiſchen Kleidung mit dem orien⸗ taliſchen Coſtuͤme, der andere in grellem Contraſte, ſtieg aus der Cajuͤte hervor. Die mehr volle, als ſchlanke Geſtalt, das helle Haupthaar, die grauen —— Augen, die weis rothe Haut, die weicheren, wenn auch friſchen Zuge, zeigten den Nordlaͤnder an. Un⸗ willkuͤhrlich warf er einen kurzen, fluͤchtigen Blick auf die Umgebung, dann wandte er ſich wieder ruͤckſichtsvoll und mit den Manieren eines Man⸗ nes, dem Sitte und Anſtand nicht fremd, zu den ihm Folgenden. Einen Augenblick zogen dieſe bei ihrem Hervortreten die Aufmerkſamkeit der Uebrigen auf ſich, doch auch nur einen Augenblick und es ſchien, als truͤgen die aus ſo heterogenen Beſtandtheilen zuſammengeſetzten, zeitigen Bewohner des Schiffes eine ehrerbietige Scheu, jetzt gerade, ih⸗ rer Neugier den Lauf zu laſſen. Nur der Capitano ſein graues Haupt vor einer der beiden Frauen— denn ſolche waren es— tief verneigend, die rechte Hand nach der Sitte des Morgenlandes vom Herzen zu der Stirne fuͤhrend, trat zu dieſer heran. „Aspaſia, geehrte Gebierin!“ ſprach er mit leiſer Siimme,„das vom Zorne Gottes ſchwer heim⸗ geſuchte Land deiner Geburt liegt vor uns. Noch weht das bluthrothe Banner der Osmanen von der eroberten Burg, moͤge der Tag bald erſcheinen, wo die blaue Kreuzesfahne es ſiegend verdraͤngt. Mein Arm und noch viele andere ſind dir geweiht.“ Andreas ſchwieg hier. Ihm ward keine Ant⸗ wort. Und wenn diejenige, von welcher er eine — — 13— ſolche erwartete, auch gewollt haͤtte, ſie waͤre jetzt nicht im Stande geweſen. Eine tiefe Wunde in Jahren nicht vernarbt, blutete von Neuem. Ein Schmerz, ein tiefes Weh, ein gerechter, großer, heiliger Schmerz, hatte ſich in ihr Denken und Fuͤhlen mit rieſiger Ge⸗ walt hineingeriſſen. In Truͤmmern lag jede andere Leidenſchaft, alles Wollen war zuruͤckgedraͤngt in die dunkelſte Kammer ihrer Seele, alle andern Gefuͤhle hinabgeſunken in die tiefſten Schluchten ihres Her⸗ zens. Thränenlos ſtarrten die dunkeln Augen auf das Geſtade, üͤber das einſt ihr fluͤchtiger Fuß ge⸗ wandelt, wo das Hauß ihrer Heimath, wo die Wiege geſtanden, die ſie gebettet, wo der Blick der lieben⸗ den Mutter, von Thraͤnen unflort, doch voll himm⸗ liſcher Seligkeit, zum erſtenmale auf ihr geruht, die ſorgenſchwere Stirne des Vaters in ihrem Anſchauen ſich erheitert hatte. Ja! es war ihr Vaterland, ihr theures Vaterland, das ſie nach Jahren der Tren⸗ nung wieder ſah. Doch keine Freude ſtieg in ihrem Herzen auf. Sie ſah die Stätte, wo zuerſt lobernde Rauch⸗ ſaͤulen und der grelle Allahruf die zerſtoͤrende, wuͤr⸗* gende Wuth des Feindes verkuͤndigt hatten.— Ihr Auge erkannte— und brach nicht— die Stelle, wo die frechen Arme luſtgluͤhender, Rache ſchnaubender Moslems, die unberuhrte, keuſche Jungfrau, an den Haaren herbeigeſchleppt, wo das im Tode ringende taxre —— Auge der Mutter zum letztenmale auf ihr geruht, wo das bluttriefende Haupt des Vaters die vergeblichen Anſtrengungen zu ihrer Rettung hatte bezahlen muͤſ⸗ ſen. Jene Augenblicke des Todes und der Vernich⸗ tung, in denen ihr ganzes Leben bis in ſeine edel⸗ ſten Keime zernichtet worden war— denn was galt ihr das Leben! dunkel war ihr Himmel, ihr Weg⸗ öde, ſchwer, nie endend mit Qualen— ſie durch⸗ lebte ſie jetzt noch einmal. Ach! ſchreckticher faſt in der Erinnerung, der ſtets ſchmerzenden, als damals. Die bleichen Haͤnde krampfhaft ineinandergeſchlun⸗ gen, mit dem Obertheile ihres Korpers, ſich an die Bruſtwehr des Hinterdecks lehnend, ein Bild des ſtarren Ungluͤcks, des Entſetzens ſtand ſie da. Was kuͤmmerten ſie die Troſtworte der dienen⸗ den Gefaͤhrtin? welche Bedeutung hatte der Durſt nach Rache in den Herzen ihrer Landsleute fuͤr ſie? Sie hatte zuviel verloren, als daß ſie Erſatz haͤtte hoffen düͤrfen. Ihre Bahn war fortan enge begrenzt. Fuͤr ſich ſelbſt hoffte ſie nichts mehr, nur fuͤr Eines, die Leiden des Vaterlandes, ſchlug noch ihr edles Herz. Und doch erregte dieſes Herz, das fuͤr immer aufgehoͤrt hatte, für Gewoͤhnliches zu ſchlagen, noch andere Gefuͤhle als die der Theilnahme. Dieſes Weib der tiefſten Leiden war auch ſchoͤn. Die Schmer⸗ zen, genuͤgend füͤr mehr denn ein Leben, hatten es nicht vermocht den Zauber der Natur zu zerſtoͤren, denn es giebt etwas Edles ſelbſt in dem menſchlichen Körper, wenn Herz und Gluck vernichtet, der ſuͤße Thau der Jugend ſich in Reif verwandelt hat. Die Augen ſo dunkel, in denen der Glanz der Liebe vor Thränen für immer verloſchen, fachten noch heißes Ve Verlangen an. Einſt bluͤhend wie eine junge Roſe, die ihre duftenden Blätter unter dem Flammenkuſſe des Mor⸗ gens entfaltet, war ſie jetzt bleich wie der Schnee, wenn er auf der Höhe des Ida ſein Lager aufge— ſchlagen hat. Sonſt angethan mit dem Guͤrtel der Venus, prangend in ſuͤßer Fuͤlle, ehe Barbaren⸗ arme ſie umſchlungen, war ſie jetzt hager wie ein Geiſt, wenn er die Hülle des Menſchen anzieht. Das Haar zuvor ſo glaͤnzend und in langen Locken uber ihren Rücken hinabfallend, war dunkler zwar, doch in ſchoͤnen Feſſeln ſich um die Schlaͤfe windend. Und jenes Auge, vordem beſtimmt Liebe zu erwecken, wo kalte Gleichguͤltigkeit, ſchaute jetzt in duͤſterem Grame vor ſich hin, flammte nur ſelten auf in unheimli⸗ cher Gluth einer wilden Begeiſterung.— Warum ſollte ſie auch heiter ſein? Sie hatte der Taͤuſchun⸗ gen viele erfahren und jene Kenntniß der Men⸗ ſchen, die im Gefolge des Ungluͤcks, lag auf ihren meiſt unbeweglichen Zuͤgen. Ein dunkles Trauer⸗ gewand umfloß ihren Körper, ein ſchwarzer Schleier ——————————— —— umwand das Haupt. Keine Blume ſchmuͤckte ſie mehr. Eine Stunde des Schmerzes in ihrem Leben war wiederum abgelaufen. Das ſchnell ſegelnde Schiff hatte Mitleid mit der Armen. Noch einen jener ſpahenden Blicke auf die Truͤmmer der Hei⸗ math und das Auge mußte ſchon die Einbildungs⸗ kraft zu Huͤlfe nehmen, um das Erſchaute wieder hervorzurufen. Die bleichen Lippen der Chiotin bis⸗ her ſtumm, bewegten ſich, eine Thräne ſenkte ſich auf die Wange, von Linien tiefen Grames durchzo⸗ gen. Leiſe Toͤne entſtiegen ihrer gepreßten Bruſt. „Sir Richard!“ redete ſie den von ihrem Schmerze faſt mehr, als von dem verſchwundenen Schauplaße der Zerſtoͤrung in Anſpruch genomme⸗ nen Fremden an,„der Sieg meines kaͤmpfenden Volkes wird theuer erkauft ſein. Wie viele Jahre, Muͤhen und guͤnſtige Gluckswechſel muͤſſen noͤthig ſein, um das wieder aufzubauen, was ein einziger Tag zerſtoͤrt hat. Des Menſchen Schaffen iſt meiſt ein kleines und wenn es von Ungewoͤhnlichem be⸗ gunſtigt, das Gewöhnliche uͤberſteigt, mag nur die Nachwelt ſich der Fruͤchte erfreuen. Die Bewunde⸗ rung zählt die Opfer und Entbehrungen nicht, ſie iſt zufrieden mit dem Genuſſe.“ Nicht unbekummert um den Eindruck ihrer Worte — ſo ſehr hatte ſie die Weiblichkeit nicht abgelegt. doch auch gleich ferne von Eitelkeit, ſchwieg ſie. Der Sohn Britanniens aber, nicht unbekannt mit dem Streben der Hellenin, empfand nur eine groͤ⸗ ßere Verehrung fuͤr die Reſignirende. Ihm war es als wenn ein reiner Klang des Himmels ihn be⸗ ruͤhrt haͤtte; an fremder Tugend ſtaͤhlte ſich die eigene. Doch was in ſeinem Buſen höhere und rei⸗ nere Gefuͤhle hervorrief, er that es der Welt nicht kund. Tief in ſich verwahrte er den Schatz. Das gluͤhende Herz ſchlug unter kalter Huͤlle. Die ernſte Stimmung auf dem Schiffe wich allmählich anderen Eindruͤcken. Wenn der Anblick des voruͤberfliehenden Dramas die Gemuͤther eine Zeit lang von den eigenen Intereſſen, hatte abzie⸗ hen koͤnnen, ſo gab die raſch fortſchreitende Fahrt zu Anderem Veranlaſſung. Selbſt Herr Andreas, vorhin durch die in fraͤnkiſcher Sprache gefuͤhrte Un⸗ terhaltung ſeiner Gebieterin etwas zuruͤckgeſtoßen und deßhalb wohl zu ſeinem Vortheile von einem allzu⸗ lebhaften Ausbruche des inneren Haſſes zuruckgehal⸗ ten, gab ſich ganz ſeinem Berufe hin. Die Spitze von Cara burnu an der Kuͤſte Aſiens erſchien, das gluͤckliche Ende der Reiſe war ziemlich ſicher. So nahe dem Ziele und dem Beginn neuer Thätigkeit— denn wo gaͤbe es je im menſchlichen Leben einen Haltpunkt, der iſolirt— überließ ſich — 8— Aspaſia einem ernſten Nachdenken. Vielleicht war es eine letzte Pruͤfung, die die Jungfrau uͤber die Groͤße ihrer Kraͤfte zu ihrem Wollen hielt, beſiegte ſie die letzten Zweifel.— Die Toͤchter der Cykladen und deren Genoſſen maͤnnlichen Geſchlechts zum erſtenmale in die fremde Welt geſtoßen, in roſigem Schleier ſelbſt die Un⸗ ebenheiten des Lebens ſehend, hatten andere Bilder. Eine lebhafte Unterhaltung, an der auch ihre ſchon mit mehr Erfahrung ausgeſtatteten Gefährtinnen, Antheil nahmen, beſchaͤftigte ſie. Gluͤckſeliges Ge⸗ fuͤhl der Unerfahrenheit und Beſchränktheit, entſchaͤ⸗ digend für die Entbehrungen der Armuth. Die lee⸗ ren Weinflaſchen von Holz wurden wiederholt ge⸗ ſchuͤttelt, um die letzten Tropfen in die zinnernen Schalen zu gieſen. Was von Oliven und Brod noch uͤbrig war, vielleicht noch einen Tag länger vor Hunger geſchuͤtzt hätte, mußte im Angeſicht des Landes verzehrt werden. Laute Heiterkeit herrſchte auf dem Verdeck und alles Anſehen des gefuͤrchteten Capitano reichte jetzt nicht hin, um das Treiben ſeiner Ladung zu zuͤgeln. Die Freuden und Schoͤn⸗ heiten des reichen Smyrna wurden mit den lebhaf⸗ ten Farben ſudlicher Phantaſie geſchildert. Die Lei⸗ den der kurzen Seefahrt waren vergeſſen. Jene lie⸗ benswuͤrdige, unſchuldige Unwiſſenheit dachte nicht einmal daran, daß eine dunkle Wolke am Himmel = 4— all die frohen Ausſichten zerſtoͤren, ein Sturm das Fahrzeug— zerbrechlich weil es von Menſchenhand — an Felſen ſcheitern laſſen konnte.— Es war Nachmittag geworden, als die Bri⸗ gantine, ſtets von guͤnſtigem Winde geleitet, im An⸗ geſicht des Hafens anlangte. An ihrem Bord herrſchte eine gewaltige Verwirrung und die wachſende Un⸗ zufriedenheit des Capitano und ſeiner untergebenen Mannſchaft aͤußerte ſich in lautem Schelten. Die Ungeduldigſten der Paſſagiere hatten ihre Habe ſchon heraufgeholt und ſtanden harrend an der Schiffs⸗ wand oder waren kuͤhner an den Maſten hinaufge⸗ klettert. Wie es gar oft zu ergehen pflegt, daß ſelbſt raſchen Ereigniſſen die ungeſtuͤmen Wuͤnſche der menſchlichen Herzen noch voraneilen und dann Kleinmuth eintritt, wenn die Täuſchung des Augen⸗ blicks die Sinne befaͤngt, war es auch hier. Als die Stadt mit ihren weißen Minareten und wo das chriſtliche Quartier, auch mit einer Kreuzeskirche, mit ihrem Walde von Maſten und den dunkelgruͤ⸗ nen Cypreſſenbaͤumen noch immer nicht erſcheinen wollte, verlor ſich die uͤberfrohe Stimmung und die von lauter Luſt ſtrahlenden Geſichter zeigten ploͤtzli⸗ chen Unmuth. Es war dies ein guͤnſtiger Moment fuͤr die Herrſchaft des Herrn Andreas, den er nicht verſaͤumte, um fuͤr ſich und ſeine Matroſen, freie Hand vor der Ueberzahl der Paſſagiere zu ge⸗ — — —— winnen. Ein großer Theil der Mißmuthigen wurde unter heftigen Drohungen unter Deck geſchickt.— Endlich wurden die weißen uͤbertuͤnchten Mauern des Hafenforts ſichtbar und ganz im Hintergrunde der Bucht tauchte ſie auf, die meerbeſpuͤlte Stadt der Levantiner, die hier trotz tuͤrkiſcher Herrſchaft einen Stapelplatz des Handels dreier Welttheile er⸗ richtet haben.. „Smyrne!“ toͤnte die helle Stimme des Schiffs⸗ jungen, von der Maſtenſpitze und der frohe Ausruf ging von Mund zu Munde. Die Brigantine zeigte ihre ſchützende Flagge und ſegelte raſch und keck auf ihr Ziel los. Die ruͤſtigen Matroſen legten die An⸗ kertaue zurecht, Herr Andreas aber ſtand dicht hin⸗ ter ſeinem Steuermann Joannes, das Sprachrohr in der Hand, uͤber ſeinem Haupte flatterte die bunte Fahne. „Mehr rechts, Jvannita!“ ſprach er ernſt,„auf das Fort zu, wir muͤſſen den Beſuch der Tuͤrken⸗ hunde annehmen, die Papiere abgeben. Mit der Zeit ſoll's wobl anders werden.“ Die mächtigen Mauern der Tuͤrkenveſte mit ihren weithin reichenden Batterien waren jetzt ganz nahe und Angeſichts der drohenden Feuerſchluͤnde, zeigten die dunklen, von Wind und Wetter gebraͤun⸗ ten Geſichter der griechiſchen Seeleute einige Angſt. Selbſt die ſonſt ſtarke und volltoͤnende Stimme des — Capitano war nicht ohne einen zitternden Klang, als er den Befehl ertheilte, das Schiff vor den Wind zu legen, damit der tuͤrkiſche Nachen mit den Viſi⸗ tatoren anlanden konnte. Alle Neugier der Paſſa⸗ giere war durch Angſt verbannt, nur das friſche Antlitz des Englaͤnders, war nicht ohne jenen trotzi⸗ gen Muth, den das Bewußtſein einer uͤberall an⸗ erkannten und gefuͤrchteten Nationalität gewährt. Aspaſia, die Erregung, den der Anblick ihrer Tod⸗ feinde in ihr hervorbringen mußte, ſcheuend, hatte ſich in die Cajüte zuruͤckgezogen. „Ihr habt eine lebendige Ladung“ ſprach der türkiſche Beamte, der mit einigem Mißtrauen die Verſammlung an Bord muſterte und nur durch die Furcht vor dem meergebietenden Albion in Schran⸗ ken der Mäßigung gehalten wurde,„eine Waare die in Ismir willkommen iſt. Eure Papiere koͤnnt ihr in der Douane am Hafen holen, doch wo wollt ihr von Ismir hinfahren, denn eine ſtete Verbin⸗ dung mit den rebelliſchen Laͤndern der Giaurs S nicht geduldet werden.“ „Nach Odeſſa, Effendi!(hoher Herr) um Frucht fuͤr Stambul zu laden;“ antwortete mit demuͤthiger Geberde, doch nicht ohne die triumphirende Freund⸗ lichkeit erprobter Verſchlagenheit der Capitano, indem er Datteln aus Afrika und einen Korb ſuͤßer Oran⸗ gen zu den Füßen des Officiers niederſetzte. Der Paschà en miniature entfernte ſich mit ſeiner Beute. Die Brigantine ſchickte ſich an, den Ankerplatz zu erreichen. „Fuͤr ein Schiff, wie das unſere,“ ſprach An⸗ dreas wieder ſorglos zu ſeinem Genoſſen,„hat die linke Seite des Hafens, Fahrwaſſer genug und dann konnen die langen Kanonen des Feindes uns nichts anhaben. Doch jetzt Joannita! nimm dich in Acht. Wir muͤſſen bei vollen Segeln den Anker auswer⸗ fen und an unſerem Manoͤuver ſoll man erkennen, daß wir tuͤchtige Seefahrer ſind. „Vom Bugſpriet weg da, Ir Leute, fort von den Maſten und Tauen!“ ſchrie er jetzt mit lauter Stimme,„Matroſen Alle herauf!“ Der ſtrenge Befehl fand Folge, nur Sir Ri⸗ chard, wohlerfahren im Leben zur See, behielt ſei⸗ nen Platz auf dem Hinterdeck. Unverwandt ſchaute er in die im Gruͤn des Fruͤhlings prangende Ge⸗ gend. Mit vollen Zugen trank er die linde Luft ein und ſein glaͤnzendes Auge ſah bald auf den vor ihm liegenden, von tauſend Maſten bedeckten Hafen, verfolgte die ab⸗ und zufahrenden Nachen, oder weilte auf den ſanft anſteigenden Ufern. Die große Stadt mit ihren europaiſch gebauten Häuſerreihen am Hafen, den tuͤrkiſchen und armeniſchen Quar⸗ tieren mit den hohen in der Abendſonne glaͤnzenden Minareten und Kuppeln, machte einen ſi ichtbaren Eindruck auf ihn. Die weiter in's Land hinein lie⸗ gende Gegend mit den großen Schatten dunkler Cy⸗ preſſenwaͤlder, gewäͤhrte einen nicht minder anzie⸗ henden Anblick. Auf dem Schiffe war eine Stille; nur das Geraͤuſch der nahen Stadt, das Treiben in dem Hafen unterbrach die Herrſchaft des Schweigens. Das Meer war klar und durch⸗ ſichtig. Wie ein heller, S Spiegel lag es da. Schon war die znnine in ihrem ſtolzen, ſichern Laufe an den vorderen Schiffen im Hafen voruͤbergeſegelt und der Capitano hatte noch immer kein Zeichen zum Auswerfen der Anker gegeben. Schweigend ſtanden die Matroſen und harrten des Commandos. Hie und da auf den benachbarten Schiffen hatte ſich die Mannſchaft auf dem Deck zuſammengeſtellt und ſah neugierig auf den verwe⸗ genen Ankoͤmmling. Mehr denn einer ſchuttelte be⸗ denklich das Haupt. Doch dies focht den Segler unter joniſcher Flagge nicht an. „Steuerbord rechts! Joannita. Jetzt links“ ſprach ruhig Herr Andreas. Das Schiff wand ſich wie eine Schlange durch den vollen Hafen. „Die Anker los! hinauf zu den Segeln, Jungen!“ rief er endlich mit aller Anſtrengung ſeiner Lunge, als er in geringer Entfernung vom Kai war. Wort und That waren eins. Die ſchweren, eiſernen Haken fielen rauſchend in das Meer. Die Strickleitern hinauf ſprangen die gewandten Matro⸗ ſen und in wenigen Minuten waren die vollen Se⸗ gel eingerafft. Die Ankertaue ſtraff angezogen hemm⸗ ten den Lauf des Fahrzeugs. Vorhin ſo lebendig, lag es nun unbeweglich, faſt erſtorben auf der glat⸗ ten Flaͤche. Doch es war ſchwer zu entſcheiden, ob es. früͤ⸗ her als ſtolzer Segler, oder jetzt in ſeinem ru⸗ higen Zuſtande mehr Aufmerkſamkeit erhielt. Kaum hatte ſich die Kunde ſeiner Ladung verbreitet und war die Barke am Spiegel heruntergelaſſen, in der Herr Andreas zu ſeinem Conſulate fahren wollte, als auch ſchon Bekannte und Freunde, aus fretem Antriebe und in Auftrag Anderer, heranruderten, um die laͤngſt Erwarteten im Empfang zu nehmen. Es gab ein Handeln und Maklen an Bord, wie auf einem türkiſchen Selavenmarkte und die Einig⸗ gewordenen verließen in eiliger Zufriedenheit das Schiff, um nicht genoͤthigt zu ſein, die Nacht auf dem Waſſer zuzubringen*). Nur Wenige, der in *) Die Behandlung des Geſindes in den chriſtlichen Familien des Orients iſt im Ganzen gut. Meiſt macht es einen Theil der Familie aus. — ſolcher Abſicht uach Jsmir Gekommenen, die ſich der beſondern Gunſt Aspaſias erfreuten, deren Sorge ſie ihr Schickſal überließen, blieben an Bord.— Nun es leerer geworden auf der Brigantine und ſelbſt ein Theil der zu ihr gehoͤrigen Seeleute ſich ans Land begeben, um in ſpaͤter Nacht oder erſt am andern Tage wieder zu ihr zurückzukehren, können wir uns einige Augenblicke zu ihrer naͤheren Betrachtung vergoͤnnen. Sie war von Weitem klein, doch in der Nähe groͤßer— wohl kein ſtarker Beweis unſerer Beob⸗ achtungsgabe, da es mit allen Gegenſtaͤnden ſo zu ergehen pflegt, hier aber war es beſonders der Fall. Ihr Bau war zierlich und fein, doch auch ſtark und die Querbalken in ihrem Bauche unter dem Deck waren breiter denn gewohnlich, ſo daß das Schiff mehr Naum darbot, als es auf den erſten Anblick zu verſprechen ſchien. Nichts deſto weniger und da der groͤßte Theil dieſes breiten Bauches unter Waſ⸗ ſer ging, das obere Ende ein minder beleibtes An⸗ ſehen hatte, erſchien der ganze Körper ſchlank. Die hohen Maſten, kuͤhn in die Luft ragend, von nicht. ſehr dickem, doch feſtem, glattem Holze beſtaͤrkten noch in dieſem Eindruck. Die Seiten nach Auſſen hin⸗ waren mit ſchwarzer Oelfarbe angeſtrichen, nur ein dänner Streifen von Weiß zog ſich einige Fuß 2 — uͤber dem Waſſer durch das dunkle Gewand. Die inneren Waͤnde auf dem Verdeck waren in ein freund⸗ liches Gruͤn gekleidet. Der Boden war aus feſten, tannenen Dielen, deren Fugen verkittet waren, zuſammengeſetzt. Die vielen Flecken, die auf dieſen jetzt ſichtbar waren, zeiglen eben dadurch, daß ſie ſo in's Ange ſielen und die Grundfarbe noch eine weiße, nicht ſchmuzige war, daß ſie von der Menge der ungewohnten Gaͤſte, nicht aber von den Seeleuten ſelbſt herruͤhrten. Nur zwei Luken an den Seiten— an jeder Seite eine— mit Kanonen beſezt waren offen, aber ein ſcharfes und aufmerkſames Auge wuͤrde der Oeffnungen noch mehre, trotz der ſorgſam eingefuͤgten Bretter, an den Schiffswaͤnden entdeckt haben. Ihm wuͤrde es auch nicht entgangen ſein, daß in der Naͤhe des hinteren Maſtes, wo ſonſt auf Kriegsſchiffen die Stelle der Gewehre, Saͤbel und Piken, zwar dieſe nicht, wohl aber die Haken und Einbiegungen, um ſolche zu bewahren, ſich vorfanden. Das klein⸗ Compaßhaͤuschen vor dem Steuer, mit durch Glas geſchuͤzten Lampen verſehen um auch bei Nacht ſeine wirkſame Huͤlfe gewaͤhren zu koͤn⸗ en— von dem alten Capitano eben nicht ſehr, deſto höher aber von dem Herrn Joannis in Ehren gehalten, war mit mehr als gewöhnlicher Eleganz ausgeſtattet. — Rahen und Stangen waren in Ordnung, die Segel feſt eingebunden, das Bauwerk ſtraff ange⸗ zogen. Dem ganzen Fahrzeuge ſah man es an, daß es zu etwas Anderem, als einem Kauffahrer taug⸗ lich und Alles deutete an, daß Andreas ſein Hand⸗ werk verſtand und ein alter, erfahrner Seemann ſein mußte.— Eine dunkle Nacht hatte ſich uͤber Stadt und Land gelagert. Der rauhe Wind pfiff uͤber den Hafen und die Haͤuſer hin. Nur wenige Sterne leuchteten in fahlem Glanze am wolkenumzogenen Himmel. Einem mit dem Clima am Meere Unbe⸗ kannten wuͤrde es geſchienen haben als koͤnne der Lenz ſein Recht nicht behaupten, ſo aber verlangte der Herr der Joniſchen Brigantine mit ziemlich unbeſorgter Miene ſeinen Pelz und ſezte ſchweig⸗ ſam den einſamen Gang auf dem Quaderdeck fort. Von Zeit zu Zeit ſchweifte ſein dunkles Auge uͤber den Hafen, hinüͤber an den Kai am Meeres⸗“ ufer und die tiefe Ruhe, die auf das laute Treiben des Tages und der erſten Nachtſtunden gefolgt war, mochte ihm wohl nicht unangenehm ſein. Seine Schritte wurden nach ſolchen Beobachtungen immer raſcher, bis er wieder von Neuem ſtehen blieb und — — lugte. Nachdem er ſo wohl eine Stunde auf und nieder gewandelt, die Zeit um Mitternacht ſein konnte. und er bei einer lezten Unterſuchung der Umgebung, Freuden und Leiden Befehl die Barke bereit zu hal⸗ ten. Er ſelbſt ſtieg die Treppe des Schiffes hinab in die Cajüte, wo Aspaſia ſeiner harrte. „Es iſt Zeit, meine Gebieterin,“ ſprach er zu ihr,„daß du ans Land geheſt. Alles iſt ſtille und tod, nur der Kerzenſchein in den Haͤuſern der Rei⸗ chen verkuͤndet noch menſchliches Treiben. Niemand wird uns auf dem Wege begegnen und ſollte der Zufall es anders fuͤgen, ſo wird man uns jezt, wo man dem Vergnuͤgen bis in die ſpäte Nacht hinein huldigt, in keinem andern Verdachte, als dem des Leichtſinns haben.“ Die ruhigen Worte des alten Seemanns riefen auf dem blaſſen Antlitz der Chiotin eine andere Em⸗ pfindung hervor. Jener Widerſpruch in dem We⸗ ſen des Weibes mit dem des Mannes, der ſich nur bei Unnatuͤrlichkeit verleugnet, ward jetzt deutlich ſichtbar. Ein leiſes Zittern flog uͤber den Koͤrper der ſchönen Frau, die in nachdenklicher Stellung in die Ecke eines niedern Divans ſich zuruͤckgezogen batte, während ihre Dienerin, unbekuͤmmert um die Sorgen und Gefuͤhle der Einſamen, dem Schlafe 1 nichts Verdächtiges weder mit Auge noch Ohr ent⸗ 3* deckt hatte, gab er dem jungen Gefaͤhrten ſeiner huldigte. Jetzt, wo ſie ſeit mit Schmach beladener Gefangenſchaft zum erſtenmale den Boden der Bar⸗ baren betretend, ſich ſelbſt und freiwillig in die Macht der Feinde begeben ſollte, ſchanderte ſie vor der Ausfuͤhrung ihres Unternehmens zuruͤck. Dem ſonſt ſcharfen Verſtande, noch getragen durch die maͤchtige Leidenſchaft des tiefſten, dauerndſten Haſ⸗ ſes, entging es ganz und gar, daß eine andere als tuͤrkiſche Klugheit erforderlich, um aus ſcheinbar unbedeutenden und gleichgultigen Verhaͤltniſſen, das Ernſte und Gefahrdrohende ihres Berufes heraus⸗ zufinden. Vielleicht, daß ſie nach allen Pruͤfungen und Nachdenken, trotz der hehren und tiefhaltigen Be⸗ geiſterung ihres reinen Gemuͤths, in dem nur die Eine Saite ewigen Schmerz klagend, wiedertoͤnte, zuruͤckgetreten wäre, um ſpaͤter der Reue anheim⸗ zufallen. Sie hatte ſich unruhig, in Angſt erhoben und ihre Lippen wollten ſich ſchon oͤffnen, um den Moment des Weggehens von dem Schiffe weiter hinauszuſchieben, als die Scene ploͤtzlich eine Ver⸗ aͤnderung erhielt. Die hohe Geſtalt Richards, voͤllig geruͤſtet zu dem naͤchtlichen Gange, drang durch die niedere Thuͤre der Cajuͤte hindurch und bot ihr Begleitung an. Sein maͤnnlicher Sinn, die Theilnahme die er fuͤr die Sache der Hellenin empfand und wohl ——— noch ein anderes, nicht minder reges Gefuͤhl, das ihm ſelbſt noch nicht ganz klar, aber darum eben nicht unthaͤtig mitwirkte, kannte keine Moͤglichkeit des Zauderns. Zwar zaghaft wie es die Liebe in dem Herzen des Mannes hervorruft, doch entſchloſ⸗ ſen trat er zu der Schwankenden und bot ihr ſei⸗ nen Schuz an. „Wer wird es wagen einen Sohn Britanniens anzuhalten?“ ſprach er mit einer Stimme, aus deren Ton ſo manche Empfindung hindurchklang, „ich wuͤrde dich, Aspaſia! am hellen Tage mitten durch die Moslems fuͤhren, wenn ich nicht fuͤrch⸗ tete, daß deren Anblick, in Frieden gegenuͤber, ſchmerzliche Gefuͤhle in dir erregen müßte. Wir ſind jezt, wie immer bei Vorſicht, ſicher und ſolſte ein Unberufener es wagen uns beleidigend in den Weg zu treten, dieſer Arm iſt nicht ſchwach, meine Hand mit dem Schwerte vertraut.“ Der Anblick des Muthigen, der herausfordernd, wie ein mit Gefahr ſpielender und ſchuͤzender Gott zugleich, daſtand, brachte in dem Herzen der Grie⸗ chin einen andern Entſchluß hervor. Richt laͤnger zaudernd, feſt vertrauend und gehoben durch den Beiſtand, hüllte ſie ſich eilends in ihren Pelz, warf den langen, ſchwarzen Schleier,— ſie war ge⸗ woͤhnt an den Begleiter der Trauer— uͤber ihr Haupt, daß nur die dunklen Augen hervorleuchte⸗ — 31— teten, Schlaͤfe, Stirn und Kinn verhullt waren und eilte auf das Deck. Es war ſtille auf dem Schiffe, das Steuer be⸗ wegte ſich geraͤuſchlos, faſt unſichtbar, hin und her. Das leiſe Schwanken der ſchlanken Maſten zeigte an, daß außer dem Hafen das Meer, weniger ru⸗ hig ſein mochte. Die Wellen flüſterten vernehmlich um den Rumpf. Herr Andreas empfahl ſein lie⸗ bes Hauß dem treuen Joannes und ſtieg dann zu⸗ erſt die Treppe hinunter in die leichte Barke, von zwei Matroſen bemannt. Vorſichtig nahm er auf dem Ruͤckſitz Platz und lehnte den rechten Arm anf das kleine Steuer, um die Richtung des Kahnes in ſeiner Gewalt zu haben. Aspaſia mit der Dienerin und Richard folgten. Niemand ſprach ein Wort. Die Ruder ſielen in das Meer und wenige Zuͤge der ſtarken Arme genuͤgten um das Schiff als einen ſchwarzen Punkt erſcheinen zu laſſen, den Kai zu erreichen. „Zieht die Ruder leiſe heraus,“ ſprach mit gedämpfter Stimme der Capitano,„und wenn wir gelandet, ſtoßt den Nachen etwas zurück, dann aber harrt meiner.“ „Nimm die Leuchte hier, Theodoſia,“ wendete er ſich zur Dienenden, als ſie auf dem breiten Ha⸗ fendamm, im Hintergrunde mit hohen Häuſern be⸗ grenzt, angelangt waren. Die Polizeygeſetze der — Moslems muͤſſen befolgt werden. Doch nicht ſo!“ fuhr er aͤrgerlich fort, als der Schimmer des Lich⸗ tes die nächſten Gegenſtände erhellte und die ſonſt ſchweigſame Gruppe ſichtbar wurde.„Wenn du die Schritte von Wachen hoͤren ſollteſt, dann zeige die kleine Laterne, ſonſt halte ſie unter der Capotte verborgen.“ Des Weges ſicher, ohne Zaudern ſchritt er voran in die Stadt. Die türkiſchen Quartiere mit ihrer tiefen Nachtrube ließ er rechts liegen und wandte ſich mehr nach der entgegengeſezten Seite zu. Er mußte auf einem ſehr bekannten Terrain ſich be⸗ ſinden, denn er verweilte keinen Augenblick und die vier Geſtalten ſchluͤpften eilig, lautlos durch die langen Straßen, voruͤber an den fraͤnkiſchen Häu⸗ ſern. „Sr. Majeſtät von Großbrittannien Conſulat hat hier ſeinen Sitz aufgeſchlagen, Sir!“ begann der redſelige Andreas, dem das raſche Segeln zu Lande am Ende doch unbequem,„das Hauß iſt groß und morgen werdet Ihr auch das Innere ſe⸗ hen. Es ſcheint noch Geſellſchaft da zu ſein, hinter den Gardinen erſcheinen ſchwankende Schatten. Es iſt ein heiteres Leben in Jsmir, dem todten Jölam zum Trotz-“ Vielleicht daß der alte Herr intereſſante Eröff⸗ nungen gemacht hätte, wenn er willigere Zuhoͤrer — 33— gefunden. Aspaſia eilte und der Mann zu ihrem Schutze, hatte keinen Willen. Erſt als ſie aus der Naͤhe des Hafens heraus und in die, von Le⸗ vantinern und Griechen zugleich, bewohnten Theile der Stadt gekommen waren, mäßigten ſie ihre Schritte. Sie waren jezt nahe dem Ziele, in jener Ge⸗ gend von Smyrne, die man die Roſenſtraße nennt und von der es unentſchieden iſt, ob ſie das ſchmei⸗ chelhafte Epitheton wegen ihrer eigenen Reize, oder der ihrer Bewohnerinnen erhalten hat. Die jungen Elegants und Dandys des reichen Handelsplatzes, die alltaglich hier auf und niederwandeln und deren Blicke ſtets ſich aufheitern, wenn ein feiner, durch⸗ ſichtiger Schleier oder golddurchwirkter Frauentur⸗ ban an den hohen Fenſtern ſichtbar wird, moͤgen wohl der lezteren Anſicht huldigen. Das Herz Aspaſiens ſchlug hoͤrbar. Ihr gan⸗ zes Weſen war in Aufregung. Sie erkannte das Haus jener Verwandten, die ſie mit Liſt und Gold aus niedriger Sclaverei errettet hatten. „Theodoſia!“ rief ſie mit zitternder, haſtiger Stimme:„hebe den Klopfer und laß ihn raſch nie⸗ derfallen auf die eherne Thüre, daß der laute Ton nach Innen dringt.“ 2** — 34— Doch die bange Vorſicht war unnoͤthig. Noch ehe die ſtarken Schläge verklungen, oͤffnete ſich die große Pforte. Aspaſia, ſehnlichſt erwartet, befand ſich inmitten liebender Verwandten. „Erkennſt du die Schweſter deiner ſeeligen Mutter?“ ſprach eine alte, wuͤrdige Matrone, de⸗ ren Arme die von frohen und tief ſchmerzlichen Em⸗ pfin dungen zumal Beſtürmte zuerſt umſchloſſen.„Ach! es ſind viele Jahre und welche Jahre, verfloſſen ſeit ich dich nicht geſehen. Gelobt ſei die Mutter Gottes und allen Heiligen Dank! daß ich nicht Zeuge war deines Elends, daß es meinem Sohne hier vorbehalten blieb, dich zu erloͤſen.“ Die alte Frau hielt das ungluͤckliche Vermächt⸗ niß eines noch größeren Ungluͤcks, enge in ihren Armen. Ihre Thraͤnen befeuchteten das bleiche Ant⸗ litz des Opfers. Alle drängten ſich hinzu Aspaſia zu begruͤßen. Sie war umringt von Freunden. Kinder und Dienſtboten kuͤßten den Saum ihres Gewandes. Es war ein ſchoͤnes Bild, dies Wiederſehen. Die hellen Kerzen mit den vor dem Zuge der Haus⸗ flur beweglichen Flammen, beleuchteten die aus⸗ drucksvollen, ſudlichen Geſichter. Die dunkle Nacht drauſſen, warf ihre Schatten hinein. Die Scene liebender Theilnahme, freudiger Ruͤh⸗ rung ward durch den Hausherrn unterbrochen. Er — . uahm die Freundin am Arme und ſchickte ſich an ſie die breite Stiege des Hauſes hinaufzufuͤhren. „Wir ſind nicht allein, Aspaſia!“ ſprach er gleichſam entſchuldigend„die Zeit der Feſte, nur einmal im Jahre, denn noch wagen wir es nicht⸗ an anderem Orte als im Hauſe, unſre Freude an den Tag zu legen und gegen ſonſt, hat ſich ſelbſt in dieſer Hinſicht Manches verändert, bringt es ſo mit ſich. Doch wenn auch diejenigen, welche du jetzt ſehen wirſt, dem Aeuſſern nach dir fremd ſein moͤgen, in der Geſinnung ſtimmen ſie ſicher mit dir uͤberein.“ Kannte der Mann wohl das Herz ſeiner Freun⸗ din?! Schwerlich. „Capitano Andrea!“ rief er ſich noch einmal umwendend, wenn auch ſchon im Gehen,“ Ihr folgt doch?“— Das Antlitz des ſo Angeredeten ſchien etwas unzufrieden. Er hatte ſich gleich anfangs mit dem fremden Begleiter mehr in den Hintergrund geſtellt, um bei der erſten Begrüßung nicht ſtoͤrend zu er⸗ ſcheinen. Niemand hatte den Beiden beſondere Aufmerk⸗ ſamkeit geſchenkt und ſo war es gekommen, daß ſie ſtumme Theilnehmer geblieben. Die Gelegenheit dieſe Lage zu ändern, ließ der alte Seemann jezt voruͤbergehen. Sein kluges Auge verweilte einen —————— — 36— kurzen Moment auf der hohen Geſtait Richards, die faſt gebeugt und mit in ſich verſunkenem Weſen an die Wand lehnte, daun antworteie er raſch, indem er den Genoſſen zur Ruͤckkehr mahnte.“ „Zu beſſerer Gelegenheit, Herr Syſopulo. Jetzt iſt's ſchon ſpät und es ſchlaͤft ſich nirgends beſſer als in einer Hängematte. Gute Nacht denn und ein ſchoͤnes Erwachen!“ Ohne eine neue Aufforderung abzuwarten,— jene ſtiegen ſchon die Stufen hinauf— eilte er von dannen. Asvaſia, von ſo Vielem in Anſpruch genommen, hatte keinen Blick des Abſchieds fuͤr die Getreuen. Andreas legte ſeinen Arm in den des Freun⸗ des und die Beiden ſchritten nun ſchweigend dem Strande wieder zu. Der alte Seemann ſprach nicht viel und doch war er herzlich und traulich, viel zuthunlicher gegen den Franken als ſonſt. Wollte er denſelben fur die griechiſche Vernachlaͤſſigung ent⸗ ſchaͤdigen oder hatte er vielleicht tiefer in das ju⸗ gendliche Herz des Fremdlings geſchaut, noch eine andere Gluth, als die fuͤr Freiheit entdeckt?!— Die Chiotin aus der Einſamkeit ihres bisheri⸗ gen Lebens— das nur reich war in einem Wech⸗ ſel von Empfindungen, tiefer Niedergeſchlagenheit und heroiſcher, mehr denn weiblicher Erhebung— plotzlich in eine glänzende Geſellſchaft voll Reich⸗ thum, Schoͤnheit und Lurus verſezt, war bei ihrem Erſcheinen in dem hell erleuchteten Saale, beklom⸗ men. Der Uebergang war zu raſch, als daß ſic fuͤr den erſten Augenblick dieſes Gefühl haͤtte bemei⸗ ſtern koͤnnen. Doch ein ſolcher Zuſtand, gemildert durch ein allſeitiges, freundliches Entgegenkommen— ſie war die Traͤgerin eines großen Namens und die Welt hatte Ehrfurcht vor ihrem Geiſte— dauerte nicht lange. Augen ans Ungluͤck gewoͤhnt, lernen auch den Glanz einer vornehmen Geſellſchaft er⸗ tragen. Mit einem Herzen voll Gram inmitten der Frende, beſaß ſie Feinheit genug ſich unterzuordnen, um die heitere Stimmung nicht zu truͤben. Jenes unſcheinbare und doch ſo ſichere Benehmen, nur in hoͤheren Kreiſen einheimiſch, außer dieſen nur vor⸗ zugsweiſe Begabten eigen, half ihr uͤber jede Verle⸗ genheit. Sie war nichts weniger als furchtſam, nur beſcheiden, denn was jezt vor ihren Augen ſich be⸗ wegte, hatte ſie im Geiſte laͤngſt vorausgeſehen. Sie war gekommen um dieſes Leben zu ſchauen, nicht um daran Theil zu nehmen, ſondern aus ihm durch die Herrſchaft ihres Geiſtes Vortheil zu ziehen. Keinen ſchnoͤden, perſoͤnlichen Vortheil, ſondern Ge⸗ winn für die Sache, der ſie den Reſt ihres Daſeins gewidmet. ———— — 38— Armes, ungluͤckliches Weib! fuͤrchteſt du nicht, daß andere, laͤngſt begraben geglaubte Empfindungen in dir wieder erſtehen, daß deine Seele zu ſchwach in zu reizbaren Nerven liegt, an der Verſuchung des Reichihums nicht zu unterliegen? Nein! denn es giebt ein Feuer, das auch aus dem Herzen einer Frau, wenn ſie jung und ſchoͤn, die Sinnlichkeit verbannen, alles Andere beſiegen kann. Vom Schick⸗ ſal, dem unergründlichen, zu Leiden auserkoren, dem Grame, dem bleichen Gefährten geweiht, jede Stunde mit Qual gefullt, flieht dich die Frende. Nur in der Vernichtung iſt das Ende deiner Schmer⸗ zen. Du mußt eine einſame Bahn, voller Klippen, wandeln. Verzweiflung treibt dich vorwärts. Die Thore des frohen Lebens ſind fuͤr dich zuſammenge⸗ fallen— und doch harrſt du aus!— Die äuſſeren, wie innern Verhaͤltniſſe, in die Aspaſie jetzt gewieſen war, bildeten mit der Umge⸗ bung auf dem Schiffe einen maͤchtigen Contraſt. Sie war in einem der reichſten und glänzendſten Haͤuſer Smyrnas und wo ihr Auge ſich hinwendete, ſah es nichts als Pracht. Die türkiſche Herrſchaft mit ihren rechtsloſen Zuſtänden verbietet es den reichen Rajahs in dem Aeuſſern ihre Bauten, je⸗ nen Glanz und Geſchmack, der in Europa den Be⸗ gleiter des Goldes, zu zeigen, daher ſich die Liebe zum Luxus auf das Innere beſchraͤnken muß, hier aber auch mit wahrer Verſchwendung zu Werke geht. Der Saal, in dem ſich zu feſtlicher Nacht, ein Theil der beſten griechiſchen Geſellſchaft verſammelt hatte, war nicht ſehr groß, doch bot er mit ſeinen Nebengemaͤchern hinlaͤnglichen Raum fuͤr eine noch groͤßere Zahl. Fenſter von mittlerer Groͤße erhell⸗ ten ihn bei Tage. Doch dieſe Fenſter waren jezt vorſichtig verhangen, damit kein neidiſcher Blick das Leben im Innern verrathe. Von der Hoͤhe der Waͤnde herab bis auf den mit dunkelblauem Samt überzogenen Divan, deſſen Saum mit ſchweren Sil⸗ berfrangen eingefaßt war, während weiche Polſter mit denſelben Stoffen die Lehne bildeten und der faſt durch das ganze Gemach gieng, hiengen wollene und ſeidene Shwale. Die weiße und zarte Schulter einer Europäerin wuͤrde ſich nicht geſchämt haben, ahnliche zu tragen. In ſonderbarem Widerſpruche mit dieſer Ver⸗ ſchwendung und ein Beweis, daß nicht allenthalben Kunſt dem Golde folgt, waren die Waͤnde des Ge⸗ machs mit weißem Gips uͤbezogen. Auch der Fuß⸗ boden war hoͤchſt mittelmäßig mit duͤnnen Dielen von Tannenholz zuſammengeſetzt. Doch Teppiche aus Perſien, in bunter Farbenpracht ſchillernd, be⸗ deckten dieſe Blöße. In einer Niſche des Gemachs hieng das mit Steinen und Perlen uͤberladene, mit —— Gold eingefaßte Bild der Panagia. Das braune Colorit der heiligen Mutter zeigte eben nicht von einer großen Kunſt in Anwendung der Farben. Die Zuͤge waren grob aufgetragen. In ſilberner Schale brannte ein ewiges Licht. Die Beſchreibung des Saales zu vollenden, genuͤgt es zu bemerken, daß verſchiedene, mehr oder minder reiche Meubles von Trieſte, da wo die Wände Raum darboten, aufge⸗ ſtellt waren. Sie ſchienen jedoch mehr des guten Tones halber, als aus Beduͤrfniß hier zu ſein. Der groͤßte Theil der Frauen hatte um einen großen, mit rothen Caſhemir⸗Tuche bedeckten runden Tiſch, der in einer Ecke des Zimmers, wo zwei Divane aneinander ſtießen, ſtand, Platz genommen. Der kupferne Tandur mit gluͤhenden Kohlen gefullt, auf die von Zeit zu Zeit Myrrhen, Aloö und fein ge⸗ ſtoßener Zucker geſtreut wurden, zeigte eine maͤch⸗ tige Anziehungskraft. Der groͤßte Reiz in der Verſammlung beſtand in der ausgezeichneten Schönheit der Frauen, die noch durch eine geſchmackvolle, reiche Kleidung gehoben wurde. Die dunklen Feueraugen hervorſtralend aus den fein geroͤtheten, leben⸗ und ausdruckvollen Ge⸗ ſichtern, wetteiferten mit dem Lichtglanze der kry⸗ ſtallenen und ſilbernen Luͤſtres. Und all dieſe Fuͤlle von kuͤnſtlicher Pracht und natuͤrlicher Schoͤnheit, an und fuͤr ſich ſchon genuͤgend, das Auge eines — Verwoͤhnten zu befriedigen, erſchien vervielfacht in dem Widerſtralen des Glanzes der hohen und brei⸗ ten Wandſpiegel. Es waͤre wohl nur natürlich geweſen, wenn die Maͤnner in dieſen Sonnen ſich erwaͤrmt haͤtten. Dem war aber fuͤr den Augenblick wenigſtens nicht ſo. Noch war die Stunde der Vereinigung nicht gekommen und Etikette herrſchte auch hier. Zu beiden Seiten des Salons befanden ſich zwei kleine Gemaͤcher, in deneu eine verſchiedene Unterhaltung gepflogen wurde. Das eine derſelben war nach europaͤiſcher Art ausſtaffirt und das Trei⸗ ben, das hier ſichtbar, mochte wohl ein aus der Fremde eingefuͤhrtes, wenn auch mit dem Buͤrger⸗ rechte verſehenes ſein. Die Herrn waren zum Theile fränkiſch gekleidet und jenes Jargon von Italieniſch. Griechiſch und andere Miſchungen, wie es in den Laͤndern des Orients, wo einſt Venedig und Genna geherrſcht, ziemlich gebraͤuchlich, war das Mittel der Verſtändigung. Doch verband auch ein in hoͤ⸗ herem Grade anziehendes Intereſſe, die kleine Ge⸗ ſellſchaft. Zu beiden Enden einer langen, mit gruͤ⸗ nem Tuche uͤberzogenen Tafel, ſaßen je zwei Spie⸗ ler ſich gegenuͤber und an dem Eearté dieſer Herrn nahmen Alle den lebhafteſten Antheil. Es wurde hoch geſpielt. Das Spruͤchwort,„viel Gold in der Levante“ erwies ſich als vollkommen wahr. Die tuͤrkiſchen Mahmudiis, Ducaten, Guineen und Qua⸗ drupeln aus Spanien, als es noch ſein goldenes Wappen in alle Welt ſendete, auf den Gewinn oder Verluſt eines der Spieler geſezt— wie ſchade! daß Pharao und Lanzknecht Euch unbekannt— nahmen die Mitte der Tafel ein und wanderten von Einem zum Andern, um dann von Neuem wieder gewagt zu werden. Die gierigen Blicke der blaſſen, un⸗ heimlich ausſehenden Männer mit dunkeln Bärten, folgten jeder Miene und Bewegung ihrer Partner. Mann an Mann gedraͤngt, ſtanden ſie in ſichtbarer Spannung, fuͤr nichts Anders Sinn habend, um den gruͤnen Tiſch. Was galten ihnen die ſchoͤnen Frauen, in dem anſtoßenden Gemache? Die blieben ihnen immer. Ihre Eiferſucht war fuͤr den Augenblick ſicher und die Gelegenheit zum Spiele nur zu bald voruͤber. Hier konnte genug gewonnen werden, um neue und kuͤhne Spekulationen, aus denen dann wieder ein großer Vortheil zu erzielen war, zu wagen. Ein minder einſeitiges, weniger grelles Bild, gewaͤhrte die andere Piöce. Es war dieſes ein rein orientaliſches Zimmer, in das fremde Sitte keiner⸗ lei Zugang gefunden hatte. Kein Tiſch noch Stuhl entſtellte oder verſchoͤnerte es. Waͤnde und Fenſter waren nackt. Der niedrige Divan mit ſeinen wei⸗ chen Polſtern war das einzige Zeichen der Wohn⸗ lichkeit. Zwei Thüren, die eine auf den Corridor, die andere zum Saale fuͤhrend, nnterbrachen die angenehme Lagerſtätte. Zeigte das Gemach keine Pracht, ſo konnte man doch Reichthum an ſeinen Gäſten ſehen. Dieſe waren meiſt uͤber die Stuͤrme des Lebens hinaus, in mittlern und aͤlteren Jahren. Die koſtbaren Anzuge, aus ſeidenen und fein tuche⸗ nen, bisweilen mit Gold oder Silber geſtickten Stoffen, mit Pelz verbraͤmt, verkuͤndigten ſchon die reichen Handelsherrn, ohne daß man genoͤthigt ge⸗ weſen wäre einen Blick auf die ſchweren Uhrketten oder die gewichtigen Boͤrſen, die aus den um den Leib gewundenen Shwalen hervorſchauten, zu wer⸗ fen. Die Unterhaltung, belebter als die aͤuſſere Stellung der Redenden es deutete— ſie lagen, oder ſaßen mit untergekreuzten Beinen auf dem türkiſchen Sorgenverſcheucher— wurde in nationaler, griechi⸗ ſcher Sprache gefuͤhrt. Doch waren ſie weit ent⸗ fernt, nationale Ideen zu verfolgen. Sie waren zu reich, zu ſehr Cosmopoliten und vorſichtig genug, um ſo Gefährliches zu beruͤhren. Abgang und An⸗ kunft von Schiffen, gelungene oder mißrathene Han⸗ delsunternehmungen gaben den Stoff zu Geſpraͤchen. Dabei ſchlurften ſie behaglich den echten Trank aus Arabien, beſchauten mit Wohlgefallen die reichen und ſaubern Tſchimboukis des Hausherrn und lie⸗ ßen die Ringel blauen, wohlriechenden Dampfes aus Naſe und Mund hervorſtroͤmen. Selten nur daß man der Franken gedachte und dann geſchah es meiſt mit einiger Geringſchätzung*).— *) Die türkiſche Anſicht des auserwählten Volkes, hat ſich auch auf die griechiſchen Rajahs verpflanzt und in ge⸗ wiſſer Hinſicht haben ſie Recht, ſtolz zu ſein. Klügere Kaufleute giebt es wohl nicht. Mangelhafte Kenntniß der Cultur und Geiſteszuſtände der bejahrten Jungfrau, wie die oft nicht auserwählten Repräſentanten derſelben mögen das Ihrige zu dem Vorurtheile beitragen. Schreiber die⸗ ſes, in ſeinem Wahne ein bezauberter Prinz, im Oriente zur Beſiznahme ſeiner Länder angewieſen— ach! die ſchöne Zeit liegt hinter ihm und wenn er jezt Kraut und Rüben wachſen ſieht, ja ſehen muß, erinnert er ſich nicht ohne Wehmuth der Vergangenheit— hat mehr denn ein⸗ mal Gelegenheit gehabt, die Sufſisance einer levantiſchen Million zu bewundern. Er kann es ſich zum Ruhme nach⸗ ſagen, daß er ſeinem Europaſtolze nichts vergeben hat. Dennoch ließ ihn die Eiferſucht der Aſiaten oft nicht wei⸗ ter dringen, als in das Gemach, wo Tabak und Café ge⸗ trunken werden und mußte er ſich mit einem flüchtigen Blick in das leicht erröthende Antlitz einer ſtolzen Joni⸗ ſchen Schönheit oder dem Vorüberrauſchen ihres Seiden⸗ gewandes begnügen. Dieſe Joniſchen Schönheiten ange⸗ hend, ſo ſind ſie weniger vrientſtolz als die Männer. Die franzöſiſchen Claſſiker erfreuen ſich ihrer Anerkennung und es iſt leicht möglich, daß ſie in einem Decennium auch mit unſerer modernen Weltlitteratur bekannt werden. Eine Die fuͤnfte Stunde der Nacht— die echten Smyrnioten zählen nicht näch nuſern Zeitbeſtimmun⸗ gen— konnte voruͤber ſein, als die Maͤnner, ein Beweis ihrer ſehr cultivirten Lebensart, ſonſt wuͤrden ſie allein geblieben ſein, ſich in das Gemach der Frauen begaben, wo man indeſſen eine lange Tafel errichtet hatte. Der Augenblick der galanten Huldi⸗ gung war jezt gekommen und die vorhin mit dem Spiele Beſchaftigten, wie die Schmaucher par ex- cellence legten in zierlichen Reden ſich ſelbſt und ihre Herzen zu den Fuͤßen der ſchonen Welt. Mit wenigen Ausnahmen behaupteten ſie noch ein zu pa⸗ ſchamaͤßiges Benehmen und konnten ſich von den eingeſogenen Vorurtheilen nicht losſagen. Heute jedoch war die Unterhaltung belebter als gewoͤhnlich. Die neue Erſcheinung bildete den Mit⸗ telpunkt. Es ſchien, als entſpreche dieſes den Wuͤn⸗ ſchen des reichen Herrn Siſopulo, der es ſich an⸗ gelegen ſein ließ, Aspaſia die Bluͤthe der jungen Ritterwelt vorzufuͤhren. „Alerander Argyros aus der Stadt'), unſer Vetter, der mit Vergnügen neben dir ſeinen Siz ——— Reiſe dorthin würde daun wohl für Manche mehr Reize haben. Gare! Gare! ihr Millionen.— *) Conſtantinvpeſ. „ einnehmen wird;“ ſchloß er die Vorſtellung und ließ ſtch dann an der Mitte der Tafel nieder*). Inmitten von Verwandten beſchlich Aspaſia ein Gefuͤhl des Heimiſchen. Zwar war ſie nicht froh wie die Uebrigen— das Meer der Gewoͤhnlichkeit rauſchte tief unter ihr— doch empfand ſie ihre Gei⸗ ſteseinſamkeit jezt weniger. Wie Nebel ſtiegen die Erinnerungen von Aehnlichem aus ihrer Kindheit vor ihren Augen auf, um Geſtalt zu gewinnen, ſich in die Umgebung zu verwandeln. Doch auch dieſe Gedanken ſollten nicht ungeſtoͤrt in ſie einkehren. Ueber die gluͤckliche Aera des vollen Genuſſes war ſie hinaus. Vor den Jahren war ſie in der Zeit wo die Sorgen des„Morgen“ die Gegenwart ver⸗ bittern. Wohl konnte ſie hoffen und wußte es von Vielen, daß man ihr geneigt, ja daß man ihr hul⸗ **) Die Mahlzeiten im Oriente ſind meiſt heiter. Je⸗ der ernſte, trübe Gedanke wird verſcheucht und damit die Kunde eines unerwarteten Ereigniſſes nicht ſtörend in die allgemeine Freude ſich hineindränge, fragt ſelbſt der Hiener, vor dem Empfange, ob ſie auch eine glückliche ſei, um ſie im entgegen geſezten Falle zu verſchieben. Uunmäßigkeit entſtellt die Vereinigungen faſt nie. Nur ſelten, wenn die kirchlichen Faſten, die ſtrenge gehandhabt werden, zu lange gedauert haben— im Ganzen nehmen ſie mehr als die Hälfte des Jahres in Anſpruch— wird den fleiſchlichen Gerichten dann mit verdoppeltem Eifer zugeſprochen. — digen werde, doch noch hatte ihr prüfender Ham⸗ mer nicht geſchlagen an die von Reichthum ſtrozen⸗ den Truhen der Landsleute.— Wie ſie jezt da ſaß eine weiße Lilie, ſtolz und ſchoͤn, ihr Haupt vor keiner üppigen Roſe neigend und die Blicke der Freunde liebend auf ihr ruhten, ſie ein Gegenſtand der Bewunderung war und das Auge Argyros noch lebhaftere Empfindungen zeigte, — wußte ſie es wohl, welche Hemmniſſe ſie zu uͤberwinden hatte. Sie war gekommen um Herzen umzukehren, edle Empfindungen, aufopfernde Geſinnungen, See⸗ lengroͤße— da hervorzurufen, wo bislang nur Gold die Loſung geweſen. Gegen Sinnlichkeit ohne Geſchmack, gegen kleine Leidenſchaften, Kaſten⸗ nnd Coteriegeiſt, gegen Apathie und Weichlichkeit im Bunde mit dem Alles gewährenden Metalle, ſollte ſie ankaͤmpfen. Energie und Hervismus wollte ſie aus einem Nichts hervorlocken, Begeiſterung ſchaf⸗ fen und zur That umwandeln. Ein ungluckliches Weib wollte die Fibern und Nerven der Geldmaͤn⸗ ner betaſten und befuͤhlen, um zu ſehen ob in den Nachkommen der„Sophorles, Ariſtides, Themi⸗ ſtoeles und Anderer, noch ein Reſt von dem Geiſte ihrer Vorfahren! Eitles Streben einer vermeſſenen Einbildungs⸗ kraft, vor dem Verſtande. Wo eine Reihe von — 48— Jahrhunderten mit Erniedrigung, Sclaverei, Un⸗ wiſſenheit und Verdorbenheit ſich dazwiſchen ſtellt, wie eine eherne Mauer, ſoll die ſchwache Erinnerung an graue Vergangenheit, die nicht einmal als Sage im Volke fortlebt, durch Fremde wieder erweckt werden mußte, Großes hervorbringen?! Verſuche! ruft mahnend das Herz. Die Traum⸗ geſtalten der Poöſie, des Idealen fliehen fruͤhe genug, die Wirklichkeit mit ihren kalten Schauern naht lei⸗ der nur zu raſch. Sie iſt ſchneller als der Huf eines Roſſes, eiliger als der Wind, reißender als die Zeit.— Als der dunkle Wein aus Cypern in den ſil⸗ vernen, innen vergoldeten Schalen in glänzenden Perlen aufſchäͤumte und der Reihe nach unter den Männern herumgieng, auch die Frauen ihre roſigen Lippen nezten, wurde die Stimmung der Geſellſchaft lebenswarmer. Jene Ruͤckſichten, die noch vor kur⸗ zem den Enthuſiasmus der reichen Handelsherrn in Feſſeln gehalten, waren verſchwunden. Die innige, ſich nie verläugnende, edle Theilnahme der Frauen hatte den erſten Impuls gegeben und Aspaſia, ſchon fruͤher von allgemeiner Aufmerkſamkeit umgeben, ſah ſich jezt gezwungen die Schleußen ihres Her⸗ zens zu öffnen. Es war des Fragens und Drän⸗ gens kein Ende, es ſchien als wolle Jeder das Verſäumte nachholen. Die raſche, griechiſche Le⸗ bendigkeit machte ſich geltend und der Bruder in der Morea, dem Peloponneſos, der kuhnen See⸗ fahrer auf Hydra, Spezzia, der heimathloſen Hel⸗ den von Pſara, der Freunde in Syra wurde zumal gedacht. Eine leichte Röthe war über das feine, blaſſe Antlitz der Chiotin geflogen. Ihr Herz ſchlug höher vor Freude. Die Augen von den Schatten des Grames umzogen, glaͤnzten in herrlicher Begei⸗ ſterung. Den zart geformten Lippen, auf denen ſonſt das ſtille Lächeln des Entſagens einheimiſch, entſtroͤmten kühne, auffordernde Worte des Muthes, der feſteſten Entſchloſſenheit. Den ſchwachen Arm, von der Natur nicht zum Waffenwerke beſtimmt, hielt ſie erhoben und flehte den Beiſtand der Maͤn⸗ ner aus eigenem Volke an. Sie war und fuͤhlte ſich in ihrem Berufe; jede Schwachheit hatte ſie abgeſtreift, weit von ſich geſchleudert. Der reine Enthuſiasmus, der in ihr ganzes Sein ſich tief hin⸗ eingerankt hatte, der reiche Quell ihres Wirkens war, fachte die Geſinnungen der Freunde zu neuer“ Wuͤrme an. Die weiblichen Herzen, die noch nicht verknoͤcherten der jungen Männer jauchzten ihr Bei⸗ fall entgegen, boten Opfer jedweder Art an. Schon war Aspaſia bereit, ihr noch von Kei⸗ nem geahntes Unternehmen zu offenbaren, den treuen und tapfern Andreas zu ſchildern— der Mutter 3 —— Schweſter hatte ſich ihr genaht, ihr Haupt ruhte an treuer Bruſt, um ſich ſah ſie nichts als entgluͤhte Landsleute, wie konnte ſie vorſichtige Zuruͤckhaltung behaupten!— als ſie unterbrochen wurde. Eine jener praktiſchen Naturen, für die Po⸗ ſitives, Specielles, mehr als Allgemeines, in de⸗ ren Angen die Entſchloſſenheit zu einer That, hoͤ⸗ her ſteht, als die Bereitwilligkeit zu Allem, die im Leben meiſt Erfolg gewinnen und die man in der Ingend ſelten, oͤfter aber im Mannesalters antrifft, ſuchte ſich geltend zu machen. „Iſt“ fragte der neue Redner mit volltoͤnender Stimme, nichts weniger als Furcht in ſeinem We⸗ ſen„jener Lord aus England*), in dem,— eine gute und boͤſe Vorbedeutung fuͤr uns Griechen— die Liebe zum Ruhme und Gelde, enge verbunden ſind, in Hellas angekommen? du ſagſt ja, Aspa⸗ ſia. Nun wohlan denn! ſo iſt ein guͤnſtiger Mo⸗ ment in der gefaͤhrlichen Kriſis eingetreten und wir moͤgen jetzt minder karg mit unſern Schaͤzen ſein. Es iſt an der Zeit eine Gabe auf den Altar des Vaterlandes zu legen. Wer jung und ſtark, ſoll ſeine Kraft an Feindes Kraft ſezen, wir Alten aber wollen ein Uebriges beiſtenern. Es giebt der Schiffe genug und der Weg zu den Bruͤdern ſteht offen.“ —— *) Cochrane. — 51— Eine tiefe Stille, Ergebniß des allgemeinen Staunens ob ſolcher Kühnheit folgle den Worten. Doch die Fluth ſollte nicht ausbleiben. Das Meer, wie vom Sturme erregt, ſchlug mit verdop⸗ pelter Macht an die Felſen der Brandung. Alerander, von Schoͤnheit und Liebe zum Ruhme berauſcht, das Spiel einer auflodernden Begeiſte⸗ rung, erhob ſich ungeſtuͤm von ſeinem Size und forderte Waffen. Ein lanter Zuruf, aus dem die Stimmen der Frauen, welche die in Gegenwart der Maͤnner ſonſt eigenthuͤmliche Schuͤchternheit abge⸗ legt zu haben ſchienen, vernehmlich hervortoͤnten, belohnte den Tapfern. Die Chiotin, holdes Lächeln auf den Lippen, ſo froh und gluͤcklich wie ſie einſt auf dem heimathlichen Eiland geweſen, entwand ſich den Armen der muͤtterlichen Freundin und trat zu dem neuen Gefährten. Ihr folgten die Andern und der neue Kämpfer des Fanars, umringt von den ſchoͤnſten Blumen Iömirs, hoͤrte ſein Lob er⸗ klingen. Hohe Röthe hatte ſeine Wangen uͤberzogen. Er ſchien groͤßer geworden, ſein Aeuſſeres ſah aus wie ein Mann. In das lockige, dunkle Haar wan⸗ den ſie ihm einen Kranz. Die Jungfrauen tanzten die Romaika um ihn. Theurer Triumph! Frieden mit Sicherheit waͤre beſſer fuͤr dich geweſen, als Krieg mit ruhmvoller Gefahr. Du wähnſt deine Seele von einer geheim⸗ 3 — nißvollen Leidenſchaft erfuͤllt— du glaubſt fuͤr die Freiheit mit ihrem geiſtigen Muthe ergluͤht zu ſein? Doch es iſt nur Taͤuſchung. Es iſt ein anderer Geiſt, als der tiefhaltiger Begeiſterung, der dich umrauſcht mit ſeinen Fittigen. Eine ſinnliche Gluth fuͤr das Weib, nicht fuͤr das Heldenthum iſt in dir aufgeſprungen, umlodert dich mit ihren Flammen. Dein Erwachen wird Strafe ſein. Hat dich bisher das Leben aus ſeinem uͤppigen Schooße mit Reichthum und Spenden uͤberhaͤuft, haſt du von dem Taumel dieſer Welt in vollen Zuͤgen genoſſen, all den ungeſtuͤmen Wuͤnſchen dei⸗ nes Herzens gefroͤhnt— darfſt du auf Ruhm nicht hoffen. Einmal hineingeriſſen in den Strom, iſt die Jungfräulichkeit deiner Seele befleckt, dein Ge⸗ nius dem Verderben geweiht. Bislang vom Gluͤck getragen hat deine Kraft ſich nicht geſtaͤhlt und du kannſt der Welt als einem Feinde nicht mehr in's Antlitz ſchauen. Wärſt du mit Thraͤnen geſaäͤugt, in Kummer und Mißgeſchick, Elend, dem unerbittlichen, heran⸗ gewachſen, wäre Vernachläſſigung, Unterdruͤckung, Hohn dein Schickſal geweſen, moͤchteſt du fuͤr Gro⸗ ßes etwas wagen. Hätteſt du in einſamer, naͤch⸗ tiger Stunde deinen Geiſt an ernſtes Nachden⸗ ken gewöhnt, verſtuͤndeſt du es, deine Leidenſchaften zu verhehlen, zu beherrſchen, wuͤrden die boͤſen Täu⸗ —— ſchungen dich geruͤſteter finden. Aber deine Kraft iſt eingeſchlafen, das Gluͤck— wie die Menſchen es nennen— hat deine Seele geſchwächt. Die Freude und der Jubel hatten lange genug gedanert. Waren die ernſten Handelsherrn begei⸗ ſterte Theilnehmer oder ſtumme Zuhoͤrer geblieben, ſo glaubten ſie, daß es jezt an der Zeit ſei, die Scene zu wechſeln. Jener Redner zu energiſcher Unterſtuͤzung anregend, kannte ſeine Leute ſchlecht. Sein Wiſſen war hierin ein oberflaͤchliches. Ehr⸗ ſame Rajahs erkennen die Hoheit des Padiſchah. Die Sonne des Gehorſams ſenkt ihre Stralen auch in die Herzen von Aſiaten. Ruhe, Behaglichkeit, Reichthum und Leben ſtanden auf dem Spiele, wie ſollten ſi laͤnger gleichguͤltig ſo gefährliches Treiben geſtatten! „Zuviel des ernſten Scherzes! ſelbſt in dieſer Zeit;“ begann der Hausherr mit verlegener Miene. „Unſer junger Freund Argyro mag immerhin nach, Hellas ziehen. Vielleicht daß ſein Haupt dann fruͤ⸗ her nach Stambul kommt, als ſonſt. Wer fuͤr Arme und Kranke hier nicht zur Genuͤge thun kann, darf auch wohl mit Syra in Verbindung treten; aber mit Vorſicht, wenn etwa ein Wechſel von dort auf uns gezogen wird. Anders Geſinnte moͤgen be⸗ denken, daß das Schwert des Paſcha uͤber unſern Haͤuptern und gar leicht der Scheide entrufen wer⸗ den kann.“ Es mochte wohl Ehrfurcht vor dem Willen des angeſehenen Herrn Siſopoulo ſein, Niemand wider⸗ ſezte ſich. Eilfertige Knaben brachten die langen, mit Tabak von Seres gefuͤllten Tſchimboukis, reich⸗ ten ſie unter demuͤthigen Verbeugungen den Herrn dar und ſezten kleine ſilberne Teller zu den Fuͤßen derſelben, um den Kaimak nicht zu verlieren oder die feurigen Kohlen von den Teppichen fern zu hal⸗ ten*). Weibliche Dienſtboten entfernten die Reſte des Mahles. Eine mehr geregelte Stimmung kehrte maͤhlich wieder in die Geſellſchaft ein und ein Fremder wuͤrde keine Spur von dem kurzen Daſein einer ſo großen Aufregung entdeckt haben. Nur in zwei Gemuͤthern klang die einmal be⸗ rührte Saite, ſtaͤrker und zwar in verſchiedenem Tone, nach. Alerander Argyros, der Sohn des Fanars in Stambul, reich und in dem uͤppigen Leben des Suͤdens aufgewachſen, von der Natur mit guͤnſtigen *) Die erſte Pfeife in der Türkei wird durch den Diener mit brennender Kohle überbracht. Die zweite— für den echten Raucher bei Weitem die vorzüglichere— wird mit dem glühenden Tabak der erſten angezundet. Anlagen verſehen, doch ſchon vor der Haͤlfte ſeiner Jahre mit dem groͤßeren Theile ſeiner Kräfte auf der Neige— fuͤhlte ſich gluͤcklich. Eitel und ſchoͤn zugleich, uͤberhob er ſich der Andern. In ſeinem Geiſte hatte er den Ruhm errungen, ſah er ſich als Helden, als gluͤcklichen Beſchuͤzer und Raͤcher der Chiotin. Noch fuͤhlte er den Lorbeer auf ſeinen Schläfen. Die dunklen Haare weit zuruͤckgeſtrichen, das Haupt hoch tragend, ſah er nicht ohne ſtolze Verachtung auf die Geſellſchaft, die ihm ſeiner und der Gefaͤhrtin unwerth erſchien. Ihn draͤngte es die Bahn des Kampfes zu betreten. Noch hatte er die Gefahr nicht gewuͤrdigt. †Aspaſia durch die ploͤtzliche und unerwartete Enthuͤllung der eigentlichen Denkart ihrer Freunde, empfand die neue Täuſchung um ſo ſchmerzlicher. Der Uebergang von Freud zu Leid war zu raſch ge⸗ weſen. Sie kam ſich einſamer, verlaſſener vor, als auf dem Schiffe, wie ſie die Truͤmmer der Heimath erblickte. Thraͤnen zitterten in den großen Augen.“ Sie wußte nicht ob ſie die Menſchen, das Vater⸗ land oder die Groͤße des eignen Ungluͤcks beweinen ſollte. Gut daß es noch Herzen gab, die ſie ver⸗ ſtanden und zu wuͤrdigen wußten, daß ein Troſt, der nie verlaͤßt, das Vertrauen zu Gott, dem All⸗ erbarmer, tief in ihrer Seele Wurzel gefaßt hatte; daß ſie zu ihm empor ſchaute, wenn Alles ſie ver⸗ ließ. „Es iſt ſieben Uhr voruͤber und Zeit, daß wir gehen;“ ließ ſich ein bejahrter Beſitzer von zehen Schiffen vernehmen.„Moͤglich daß die Andromeda mit Reis und Baumwolle beladen, morgen von Alerandrien im Hafen anlangt. Der Wind hieher iſt guͤnſtig.“ „Fuͤr das hundert Oka, zwoͤlf Piaſter uͤber den Einkaufspreis, Bruder*)!“ draͤngte ſich ein Kauf⸗ luſtiger hinzu. „Viel zu ſpät und auch wieder zu fruͤhe, für Geſchäfte!“ erwiderte freundlich ſchmunzelnd der Alte. Dabei ließ er die glatten Perlen des duften⸗ den Roſenkranzes durch die hagern Finger gleiten, richtete eine Menge verbindlicher Redensarten an den Hausherrn und empfahl ſich mit den Seinen. — Die Uebrigen folgten nach und das Haus Si⸗ ſopoulos war bald verlaſſen von ſeinen vielen 8 ſten. „Raſch die Kerzen ausgeloͤſcht, den Tandur in die kleine Stube geſetzt und dann zu Bette!“ heiſchte der ſtrenge Herr, der ſeine Sparſamkeit, das Mittel zum Reichthum, nie verleugnete und nur wenn es die 5„Adelphe“, gebräuchliche Anrede, mit der ſehr ver⸗ ſchwenderiſch umgegangen wird. — 6— Ehre ſo erforderte Gold gab, aber dann auch in Menge, den kleinen Pfeifentraͤger an. Die Smyrniotiſche Familie war nun allein. Das Haupt derſelben, die möglichen Folgen der heutigen Nacht in Ueberlegung nehmend, konnte ſeine Mißſtimmung nur ſchwer verbergen. Zwar lag et⸗ was in ihm, das ſich gegen ſo unfreundliches We⸗ ſen ſtraubte. Ein Anflug von Schaam und Ver⸗ legenheit ſtieg auf ſeinem Antlitz hervor, ſo oft die Freundin aus Chios ihre Blicke auf ihn richtete, doch konnte er ſich nicht beherrſchen. In dem Be⸗ ſize, im ſchnoͤden Golde war ſein beſſeres Selbſt untergegangen und doch war er wieder, einer jeden edlen Geſinung noch nicht baar. Noch gab es ei⸗ nen Ton, der an ſein Herz ſchlug, bis in die in⸗ nerſte Fiber drang. Er war ſtolz. Jene mächtige, Alles verzehrende, die Freude truͤbende, aber im Ungluͤck aufrecht erhaltende Leidenſchaft, die ein Gott auch in die Herzen Unglaͤubiger, Ehrgeiziger, Selbſt⸗ ſuͤchtiger gelegt, damit ſie nicht untergehen in dem Strome dieſes Lebens, ſich feſtklammern wenn die lezten Truͤmmer des Wracks zu ſinken drohen— beherrſchte ſeinen Sinn. Geiſt, Sitte und Charakter hatten ſich ſo an ihm entwickelt und es war ſchwer einen Einfluß auf ihn zu uͤben. Doch wo waͤre der Mann, deſſen Denken dem Weibe gegenüber, nicht einer Stoͤrung ausgeſetzt 1 Schon hatten die dunkeln Brauen in Runzeln ſich zuſammengezogen, wollte ein Strom von unfreund⸗ lichen Vorwürfen ſich uͤber die drohend aufgeworfe⸗ nen Lippen ergießen, als ſeine Mutter ihn an⸗ redete. „Laß uns lieber Gott dienen, mein Sohn, als menſchlicher Nuͤckſicht. Was iſt denn aber ſo Ge⸗ fährliches geſchehen, daß es dich! den Herrn eines der reichſten Haͤuſer in Smyrna, der ſich des Schu⸗ zes der Franken erfreut*), dem Paſcha aus man⸗ cher Verlegenheit geholfen, bedrohen könnte? Und ſelbſt, wenn von da zu fuͤrchten wäre, wo Vorſicht mit Klugheit die Streiche abwehren kann, ſoll ein Siſopoulo gleichguͤltig bleiben, wenn die Moslems mit den lezten Kräften gegen Gott und ſein glaͤu⸗ biges Volk ausziehen! Willſt du in der That nichts thuen, in dem Kampfe der Hellenen gegen die Un⸗ terdruͤcker, gegen die Barbaren? Siehe! Aspaſia, dir verwandt, der Eltern beraubt, auf deinen Schuz angewieſen, iſt hier um deine Huͤlfe anzuflehen. Nicht um die Freuden der ſchoͤnen Stadt zu genie⸗ ßen, iſt ſie gekommen, nein! um Opfer zu ſammeln fuͤr das arme, unterdruͤckte, blutende Land unſeres *) Bedeutende Griechen ꝛc. ſtehen oft unter Juris⸗ ktion ausländiſcher Conſulate. — 29— Ruhmes, unſerer Liebe, zu dem auch wir wieber ge⸗ hören werden, wenn der Halbmond im Staube liegt. Und es wird ſinken, dieſes Zeichen des Pro⸗ pheten, die Macht des Kreuzes wird triumphiren. Chriſtus ſpricht ſo, die heilige Mutter, die ſchmer⸗ zenreiche, wird uns erloͤſen.“ Die Matrone ſchwieg hier. Sie war in hefti⸗ ger Aufregung, hatte ſich begeiſtert, wo ſie auf ei⸗ nen Andern wirken wollte. Aber auch dieſer An⸗ dere war nicht gleichguͤltig geblieben. Es kam ihm vor, als durfe er nicht zuruͤckſtehen vor der Groͤße eines Weibes. Er wollte nicht mit der Menge kriechen. Der Zauberton aus Mutterherz hatte ihn vom Zweifel erloͤſet. Rauh und hart ward er nachgiebig der Tugend gegenuͤber. Nacht hatte ſich mit Tag vermiſcht.— Der reiche Han⸗ delsherr war bereit eine Feder an der wohlverwahr⸗ ten Kiſte ſeines Schazes ſpringen zu laſſen. Einmal zu ſo Vielem entſchloſſen, war er nun minder furchtſam in dem Fluge ſeiner Gedanken.. Die hohe, hagere Geſtalt des Mannes ſchritt noch lange auf und nieder, als die Frauen ſchon die Ruhe geſucht hatten. Der weite, ſeidene Talar, aus dem die gelbledernen Struͤmpfe und Pantof⸗ feln aus Stambul, die rothen„Unnennbaren“ be⸗ grenzend bei jeder Bewegung des Koͤrpers hervor⸗ ſchauten, rauſchte auf der Erde. Das blaſſe, antike — 60— Geſicht mit dem rothen Feſi auf dem Haupte, dem dunklen, fein geſtuzten Barte auf der Oberlippe, ſah bewegter aus als ſonſt. Die Liebe des„Ha⸗ bens“ ſchien weniger tief eingepraͤgt, die Zuͤge nicht mehr ſo ſtarr wie Marmor. Eine bisher noch nicht hoͤrbare Stimme fluͤſterte ihm vom Ruhme, von der Dauer ſeines Namens, der von den Lippen der Nachwelt nur mit Ehrfurcht ausgeſprochen werden wuͤrde. Das Grauen des jungen Tages ſah ihn noch ſo und als er endlich auf ſein Lager ſich nie⸗ ließ, wichen auch da die neuen Gedanken nicht. Der Knabe Dimitri zeigte am Morgen eine gar ſonderbare Miene des Erſtaunens, als er die ſchoͤne und lange Pfeife des Herrn unberuͤhrt, das koſtliche Kraut noch in dem dunkel gebrannten, roth⸗ erdenen Kopfe fand. Umſonſt nahm er ſeine Feder zur Hand und pruͤfte das mit Steinen und Moſaik gezierte Mundſtuͤck von milchgelbem Bernſtein, das lange mit Taft umwickelte Rohr. Alles war rein, an dem weißen Flaum nicht die leiſeſte Spur einer Unſauberkeit zu ſehen.— „Du biſt ſo ſtille und nachdenklich, Gebieterin! Unſer Haus hier iſt viel ſchoͤner, als das in Syra. Die Leute ſind ſo freundlich, reden nicht ſtets vom Kriege und der Franken, die doch mit großen, bunt⸗ beflaggten Kriegsſchiffen hier im Hafen liegen, ge⸗ ſchieht nicht ſo oft Erwaͤhnung als in Hellas. Soll — ich noch ein Polſter unter dein Haupt legen oder jene kryſtallne Flaſche mit Roſenoͤl oͤffnen, damit der ſtärkende Duft um deine Schlaͤfe ſpiele? Der reiche Herr aus der Stadt nannte auf der Flur deinen Namen. Er will am Tage wieder kommen. Ob auch der rauhe Capitano und der Ingleſe mit der weißen Stirn und den rothen Wangen erſchei⸗ nen werden? Wir haben noch viele Sachen auf dem Schiffe.“ „Ich bin muͤde Endoria; ſchweige, morgen magſt du reden.“ Die Laͤſtige entfernte ſich. Mit oder ohne Ab⸗ ſicht hatte ſie die Ruhe um einige Augenblicke län⸗ ger von dem Geiſte der Erſchoͤpften ferne gehalten. Sir Richard und Alerander Argyros, zwei Geſtalten verſchieden an innerem Gehalte wie äuſſerem Weſen, traten aus der Maſſe hervortauchend, noch einmal vor ſie hin. Die Lider mit den langen Wimpern ho⸗ ben ſich, der Blick der Augen ward glaͤnzend. Der Eine, Fremdling im Lande und Volke, hatte ſein Leben ſchon oͤfter gewagt, war be⸗ reit zu Allem, was der Ehre nicht zuwieder. In kalter Huͤlle das heiße, gluͤhende Herz, hatte die Griechin nur eine Ahnung von ſeiner Begeiſterung. Noch hatte ſie ihn nicht im Kampfe geſehen, den Stolz der blauen Angen in Stunde der Gefahr noch nicht erſchaut. Ein edler Kern in rauher —„ Schale ward er erſt anziehend in naͤherer Bekannt⸗ ſchaft. Er hatte es ſeiner unwerth gehalten, es an den Tag zu legen, wieviel Muth und Tugend in ihm wohnte. Der Ueberdrang des ſchwellenden Herzens hatte noch keine Worte gefunden. Der Andere, ein Sohn des armen Volkes— zwar bislang dem Kriege fremd geblieben— ſchien aufzuwallen in hohem Muthe, in gerechter Entruͤ⸗ ſtung zu erglühen, bei der Schilderung ſeiner Lei⸗ den. Reich, ſchoͤn und beliebt war er das Schooß⸗ kind der Geſellſchaft. Mit Vielem ausgeſtattet, mußte es ſein Beruf ſein, Kuͤhnes zu unter⸗ nehmen. Ein Läͤcheln der Zufriedenheit umſchwebte die feinen Lippen der Chiotin. Ach! ſie kannte nicht die Herzen der Männer. Schwer gepruͤft, beſaß ſie nicht Erfahrungen genug. Des eigenen Vertrau⸗ ens Maßſtab an Andere legend, galt ein Wort ihr fuͤr die That. Sie kannte nicht Verdorbenheit, war auch nicht im Stande den Hauch auf dem Antlitz eines Mannes zn pruͤfen. Beſcheidenheit des Ungluͤcks! das neue Leiden fuͤr ſie ſammelte, weil es Unmoͤglichkeit alle zumal zu tragen. Noch ein Blick der muͤden Augen auf die Um⸗ gebung, ein fluͤſterndes Gebet der blaſſen Lippen, die . kleinen Hände zuſammengefalten und ihr Auge ſchloß ſich fuͤr heute. Die leiſen, ruhigen Athemzuͤge verkuͤndeten daß die Seele ſich nach Innen gewendet, der ſchwache Koͤrper ſich zu neuem Leben ſtarkte. Holder Genius! freundlicher Bruder des To⸗ des! halte ſie liebreich umfangen. Fuͤhre in ſuͤßen Traͤumen lichte Geſtalten herbei. Die Wirklichkeit, der Zuſtand des Bewußtſeins, das Erkennen iſt ſchmerzenvoll. Es war ein heiterer Nachmittag als Sir Ri⸗ chard jeinen Beſuch bei dem reichen Statthalter Sr. brittiſchen Majeſtät beendigt hatte und aus der weiten Pforte des großen Conſulatsgebaͤudes her⸗ vortrat. Er hatte Briefe und Wechſel in Empfang genommen und die hoöfliche, zuvorkommende Auf⸗ nahme des Anglolevantinen hatte einen angenehmen Eindruck bei ihm hinterlaſſen. In der Hand hielt er ein Blatt liebenden Andenkens und die Augen uͤberflogen noch einmal den warmen Inhalt der eng geſetzten Zeilen. Ueber den Ocean her, aus der fernen Heimath toͤnte ihm die Stimme der Freundſchaft. Sein Herz war bewegt. Jedes Zei⸗ chen, jedes Wort, vielleicht abſichtlos hingeworfen, gewann an Bedeutung. Er fuͤhlte es, daß er noch nicht herausgeriſſen aus den Erinnerungen jenes Vaterlandes, das in der Ferne nur noch ſchoͤner war. Daß die Liebe zu ihm, tief in ſeinem Innern Wurzel gefaßt hatte, Zweige und Bluͤthen trieb. Er war ſtolz ein Britte zu ſein. Und warum ſollte er — 65— chen Tour aber, moͤgt Ihr mich brauchen kön⸗ nen.“ Es lag eine ſo freundliche, natuͤrliche Hinge⸗ bung in dem jungen Griechen, daß der Engländer das Anerbieten annahm. „Um auſſerhalb der Stadt einen Gang zu ma⸗ chen, iſt es zu ſpät, es bleibt uns nur eine Wan⸗ derung im Innern mit dem Beſuche eines Café⸗ haußes. Da iſt jedoch Auswahl vorhanden und es hängt von Euch, edler Herr, ab, ob wir Franken, Levantiner, Griechen, Türken, Armenier, Araber oder Juden beſuchen wollen.“ „Am Beſten waͤre es, wenn ich all dieſe ver⸗ ſchiedenen Nationalitäten auf einem Schauplaze be⸗ obachten koͤnnte.“ Der junge Mann beſann ſich einen Augenblick. Offenbar kam ihm die Zumuthung nicht recht. Am liebſten hätte er mit dem angeſehenen Freunde bei ſeinen Landsleuten geprunkt. Zu offen um mit einer Lüge ſich zu helfen, war er entſchloſſen ſich zu fuͤgen. „Wir wollen uns rechts wenden,“ begann er mit der nie ermuͤdenden Beredſamkeit ſeines Volkes, „am Hafen hinabgehen, um die Douane zu ſehen, dann den Bazar durchſtreifen, um ſpäter in einem weiten Halbkreiße durch das türkiſche Quartier, wie⸗ der zuruͤck an den Strand des Meeres zu gelangen. — Ein Hauß, wie ihr es meint, giebt es hier, und ſind die Beſucher ſehr gemiſchter Art. Man trifft da Reiche, Vornehme, Leichtſinnige, Seninßtie⸗ kurz Abenteurer jeder Gattung.“ Beide ſchritten nun vorwaͤrts. Der Grieche ſtets voran, um ein etwaiges Hinderniß, ſelbſt wenn es lebend, aus dem Wege zu raͤumen und zugleich die Aufmerkſamkeit des Fremden auf die richtigen Gegenſtaͤnde zu lenken. Jvannes war ſchon oͤfter in Smhrna geweſen. Seine Kenntniſſe giengen in's Detail. „Die hohen, ſtattlichen Haͤuſer hier am Kai, wo auf manchem eine europaͤiſche Flagge weht, ge⸗ hoͤren meiſt Franken und Levantinern. Ihre Beſitzer zählen nach Millionen und die Tuͤrken ſehen mit Neid auf die ſchoͤnen Gebaͤude, deren innere Ein⸗ richtung noch mehr Glanz zeigt, als das Aeuſſere verſpricht. Die großen Bauten, an denen man von dieſer Seite keine Fenſter, wohl aber ſtarke, mit Eiſen beſchlagene Thore erblickt, ſind die eigent⸗ lichen Stapelplaͤtze des Reichthums, das heißt die Waarenlager der Kaufherrn. Selten daß ein Rajah ſich in dieſem Sitze des Smyrniotiſchen Reichthums niederlaͤßt. Sie haben nur wenige Buden hier und bergen den gluͤcklichen Erwerb vor der Habſucht des Paſcha in den un⸗ ſcheinbaren Wohnungen im Innern der Stadt. Zu — 69— Anfange der Revolution,“ hier fluͤſterte der Grieche leiſe, doch ſah man die innere Wuth in ihm,„haben die blutdurſtigen Moslems ſich mehr als einmal durch heimliche Hinrichtungen zu Erben eingeſetzt. „Feco!“ fuhr er jetzt fort,„dieſer unfoͤrmliche Bau iſt die Douane. Fuͤr eine tuͤrkiſche Arbeit, doch die Hunde gebieten uͤber unſre Kenntniſſe, im⸗ mer noch ein Meiſterſtuͤck. Es wird viel Geld da hinein getragen und es iſt ungewiß, in weſſen Beu⸗ tel das meiſte fließt. Der Paſcha erhaͤlt immer noch genug, der Direktor und die Unterbeamten, die einer weit verbreiteten Bekanntſchaft ſich er⸗ freuen, muͤſſen auch leben. Nicht alle Waaren wer⸗ den hier verladen. So bequem auch die Barken anſtoßen koͤnnen, ſcheut doch mancher Handelsherr den Umweg und landet lieber gleich bei ſeinem La⸗ ger.— Es iſt ein buntes Treiben. Tuͤrken, Ju⸗ den, Armenier, von allen Nationen. Einer draͤngt den Andern. Die Franken mogt Ihr leicht heraus⸗ finden, auch die Moslems mit den langen, kuͤnſtlich gepflegten Herrſcherbaͤrten. Aber die Uebrigen? Ihr muͤßt die Farben der Turbane und Pan⸗ toffeln beſchauen. Gelbe Pantoffeln, ein weißer, gruͤner oder rother Shwalbund, ſind das Vorrecht der Anbeter des Propheten und ein reicher Rajah muß die Eitelkeit oft theuer bezahlen. In die an⸗ dern Farben, doch müſſen die Turbane weniger umfangreich ſein, tuͤrkiſche Haͤupter nehmen die Waͤrme vorzugsweiſe in Anſpruch, theilen ſich die Unterthanen der hohen Pforte. Der Jude zieht Schwarz vor, der Armenier blau, der Grieche ſchwebt zwiſchen Gelb und der bunten Miſchung. Man wirft uns Eitelkeit vor und behauptet, daß wir auf offener Straße das rothe Feſi ohne Shwal, daheim aber die Farben des Moslems trügen. Es wird wohl eine Lüge ſein. In Hellas kleiden wir uns in die Stoffe, welche wir von den durch unſre Waffen danieder geſtreckten Tuͤrkenleichen, als gute Beute herunterreißen. Weiter, Herr! ich will links einbiegen um in den Bazar zu gelangen. Es wird ſonſt zu ſpaͤt, denn vor Sonnenuntergang hat das Kaufen und Verkaufen ſein Ende. Die Gegend hier iſt dann geſperrt. Das große ſteinerne Bad rechts, moͤgt Ihr ein andermal beſuchen. Die Dulchazzas*) ſind ſuͤß, der Café wie uͤberall in der Levante gut, ſchwarzer und gelber Tabak in Auswahl. Doch nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht falſch gehet. Ein Blick in das benachbarte Frauenbad koſtet oft das Leben.“ *) Eingemachte Gelées von Erdbeeren ꝛc. mit Ro⸗ ſenertrakt verſetzt; ſie werden neben einem Glaſe Waſſer genoſſen. Voruͤber an einem großen Chane, in deſſen Hofe eine Menge von Kameelen und Pferden be⸗ und entladen wurde, folgten ſie jetzt der Stroͤmung der Menge, die ihre wirklichen oder eingebildeten Beduͤrfniſſe, noch vor dem Schluſſe befriedigen wollte. Betaͤubende Wohlgeruͤche dufteten ihnen entgegen. Das Auge konnte ſich an den koſtbaren Erzeugniſ⸗ ſen dreier Welttheile weiden. Morgen⸗ und Abend⸗ land wetteiferten in Entfaltung ihrer Reichthuͤmer. Doch nicht ohne Ordnung waren die Niederlagen. Jedes Gewerbe hatte ſeinen Stand. Glaͤubige und unglaͤubige Kaufleute waren ſtreng geſchieden. In den engen Straßen wogte es auf und nieder. Ein angenehmes Halbdunkel lag uͤber den meiſt niedrigen Buden. Lange Stangen mit Segeltuch waren Oben an den Simſen befeſtigt und gewährten Schutz ge⸗ gen Regen, wie Sonne. Armenier, Juden, und Griechen, die demuͤthig, doch Liebe zum Gelde in den lauernden Phyſiognomien vor ihren Waaren ſaßen und die Kaͤufer zu ſich heranriefen, ſtachen gegen die ernſten Moslems, die mit untergeſchlage⸗ nen Beinen in philoſophiſchem Gleichmuthe aus den langen Pfeifen rauchend, auf Teppichen ſaßen, gar unvortheilhaft ab. Was Allah ſeinen Glaͤubigen beſtimmt hatte, konnte ihnen Niemand entziehen, wenn die Giaurs auch noch ſo große Ueberredungs⸗ gabe anwendeten. Die einzige Anſtrengung, die dieſe — Auserwaͤhlten des Herrn ſich auferlegt hatten, war, daß ſie von Zeit zu Zeit die langen Bärte, um die magern und ſchwachen, der Arbeit ungewohnten Haͤnde ſchlangen und dann wieder loswickelten. Selbſt eine verneinende Kopfbewegung war zu viel. Der Kauf⸗ luſtige, der einen Para unter dem geſtellten Preiße den Gegenſtand ſeiner Auswahl zu beſitzen wünſchte, mußte aus eigenem Scharfſinn die abſchlagende Ant⸗ wort ſich zuſammenſezen. Sir Richard verweilte mit Verwunderung in dieſen mit Wohlgeruͤchen aller Art geſchwängerten Regionen und ſchien an kein Weitergehen zu den⸗ ken, als in die maleriſchen Geſtalten der ruhigen Tuͤrken plotzlich bewegliches Leben kam. „Die Stunde des Gebets, Herr! laßt uns ei len,“ drängte ſich ängſtlich Jvannes zu ihm. Sie wenden ſich zu dem Grabe des Propheten, beugen die Stirnen zur Erde und zeigen einen heiligen Eifer, den ſie nur in Noth durch die Blicke— Chriſten entweihen laſſen. Der junge Seemann eilte voran, der vriue folgte langſam. Die ſchoͤne Stadt zeigte ſich jetzt von minder vortheilhafter Seite. Zwar wurden die Haͤuſer wieder höher, als in dem Beſeſtan, allein ſchon ihr aͤußerer Bau erſchien ſehr unvollkommen. „Seht hier die Werkſtätte eines Arztes und Apothekers, aͤberhaupt in Allem gefalligen Mannes. — Es iſt ein Jude und gegen vieles Geld und Ver⸗ ſchwiegenheit weiß er auch ſeltene Waare zu ver⸗ ſchaffen. In Jsmir iſt ein großſtadtiſches Leben.“ Der Angeredete hatte keine Luſt einzutreten und ſo ſezten ſie die Wanderung fort. Die Straßen waren ſchlecht oder nicht gepflaſtert; eine Menge hungriger Hunde, heilige Thiere, trieb ſich in ihnen herum. Bisweilen oͤffnete ſich ein Holz⸗Gitter, die roth gefärbten Fingerſpitzen einer Türkin„die nicht ohne neugierige Theilnahme den Fremdlingen nach⸗ ſchaute, wurden ſichtbar. Nur ſelten, daß eine Palme, Cypreſſe oder Feigenbaum, ein kleiner Gar⸗ ten das einfoͤrmige Bild des Tuͤrkenthums in ſeiner wahren Geſtalt unterbrach. Sie ſchritten raſch durch die ſchmuzigen Win⸗ kel, um das Ziel zu erreichen. Ein leichter Wind ſpielte in der Luft. Die Sonne war im Sinken. Die letzten Stralen fielen in das nahende Dunkel und vergoldeten die Zinne eines hoch gelegenen Haußes oder warfen einen glänzenden Widerſchein auf die hellen Fenſter einer Frankenwohnung, als die beiden Genoſſen einen freundlicheren Theil der Stadt erreicht hatten. Sie ſahen ein ziemlich un⸗ ſcheinbares Gebaͤude vor ſich liegen. „Da wären wir,“ ſprach der Grieche zu Ri⸗ chard,„und es haͤngt von Euch ab, ob wir einkehren 4 — ſollen. Allein möchte ich nicht in die beruͤhmte Se verne treten.“ Der Englaͤnder warf einen forſchenden Blic auf das Antlitz des Freundes und wenn er auch etwas Schuͤchternheit mit Furcht in dem Spiegel des jungen Menſchen fand, hielt ihn dieſes in ſeinem Vorhaben nicht auf. „Traͤgſt du etwa Scheu dich zu verrathen, willſt du es vermeiden tanzenden Knaben deiner Nation zu begegnen, oder fuͤrchteſt du die Roheit eines Tuͤrken? Alles dieſes haſt du nicht noͤthig. Brittiſcher Schuz uͤberhebt dich jedweder Verle⸗ genheit.“ Dabei ſchritt er raſch auf die nahe Thuͤre los und oͤffnete ſie. Der Steuermann folgte minder eilig. Die ihm ſonſt eigene Zuverſicht war von ihm gewichen. Er ſah aus wie ein Juͤngling, der zum erſtenmale im Begriffe, die Gebote der fernen Eltern zu übertreten und deſſen Geiſt die Folgen des verboteneu Schrittes aͤngſtlich uͤberlegt. Doch war er nicht frei von Reugier. Es war ein hohes, ſehr geraͤumiges und gut erleuchtetes Gemach, in das ſie eintraten. Ein gruͤ⸗ nes Billard nahm die Mitte ein und die Wände dieſes beliebten Spieltiſches waren dicht mit Zu⸗ ſchauern beſezt. Es war ein ſehr wichtiges Ereig⸗ niß, das lebhafte Debatten in verſchiedenen Mund⸗ — ℳ— arten herbeifuͤhrte, wenn das Doublé eines der Spieler den Ball ſeines Gegners mitten in die Ke⸗ gel fuͤhrte und es ſich zeigte, daß man die Espag⸗ nole hier verſtand. Herr Jvannes geſellte ſich als⸗ bald zu dieſem Treiben. Er betrachtete das Men⸗ toramt als beendet und ſchien nur auf ſich acht haben zu wollen. In einer Ecke dieſes bevölkerten Saales befand ſich ein hohes Kamin, auf dem die Kohlen luſtig glimmten und kniſterten. Große und kleine Blech⸗ kannen, je nach dem Beduͤrfniſſe eines oder mehre⸗ rer Gaͤſte eingerichtet, ſtanden auf dem Feuer. Der nebenan befindliche Tiſch, vor dem in gravitätiſcher Wuͤrde, doch Unterwuͤrfigkeit in ſeinen Mienen, ſo⸗ bald die befehlende Stimme eines Gaſtes erklang, der griechiſche Inhaber dieſes Haußes ſaß, zeigte fränkiſche und tuͤrkiſche Taſſen. Ringsum an den Waͤnden waren Divane und kleine von Rohr oder Schilf geflochtene Stuͤhle, auf denen gar mannifaltige Individuen ſich nieder⸗. gelaſſen hatten. Alle waren in mehr als einer Hin⸗ ſicht beſchäftigt durch Rauchen und den Trank der Levante. Eingehuͤllt in blaue Wolken ſaßen ſie da und die dunklen, gluͤhenden Augen nahmen ſich in den bewegungloſen Koͤrpern gar ſonderbar aus. Bevor der Britte Zeit hatte die bunte Geſell⸗ ſchaft zu muſtern, zog er die Aufmerkſamkeit derſel⸗ 4* ben auf ſich. Was er in Griechenland ſchon oft vergebens verſucht, wollte ihm auch hier nicht gelin⸗ gen. Sein Beſtreben, nach Art der Orientalen ſich niederzulaſſen, war von ſchlechtem Erfolge. Die langen Beine wollten ſich nicht bequemen. Die Muͤhe, ſie zu kreuzen und ſo den Oberkoͤrper auf ihnen ruhen zu laſſen, wurde nicht belohnt. Nur zur Haͤlfte gelang ihm das Werk und das trium⸗ phirende Lächeln ſeiner glůcklicheren Nebenbuhler lies die ſtrafende Empfindung verletzter Eitelkeit in ihm zuruͤck. Erſt als er dieſen Wermuth nieder⸗ gekaͤmpft, ſeine Hand die Tuͤrkenpfeife hielt und der aromatiſche Geruch der dampfenden Schale vor ihm aufſtieg, konnte er die Augen uͤber die Ver⸗ ſammlung gleiten laſſen. „Allah iſt groß!“ toͤnte es ganz in ſeiner Nähe aus dem Munde eines Rechtglaͤubigen, der der be⸗ redten Zunge eines verſchmizten, griechiſchen Gi⸗ aurs ſein leicht vertrauendes Ohr geliehen hatte. Der Tuͤrke ſaß in ſtolzer Ruhe da und reichte dem Mährchenerzaͤhler zum Lohne ſeinen Tſchimbouki dar, nicht um jenen durch einige Zuͤge aus ihm zu ehren — ſo weit vergaß ſich der Herrſcher nicht— ſon⸗ dern um denſelben von Neuem fuͤllen zu laſſen. Der Geiz des Rajah, auf deſſen Geſicht der ſtille Tri⸗ umph uͤber die Leichtglaͤubigkeit ſeines Zuhoͤrers lag, kam in Conflikt mit ſeiner Furcht. Doch ſiegte die leztere. Osman dehnte ſich behaglich auf dem weichen Size und begehrte eine neue Hiſtorie. Wohl oder uͤbel der Grieche mußte ſich fuͤgen, fuͤr ihn war es Auszeichnung genug, daß ſolche Herablaſſung gegen ihn ausgeuͤbt wurde. Juden, die ſuͤßen, klangreichen Laute des ro⸗ mantiſchen Spaniens redend, aus dem ſie die ſtrenge katholiſche Herrſchaft vertrieben, die duldſamere Politik des Halbmondes aber aufgenommen hatte, bildeten eine andere Gruppe. Doch dieſe ſuͤdlichen, von der Gluth einer heißen Sonne gebraͤunten Ge⸗ ſichter, in die ſich maͤchtige Leidenſchaften tief ein⸗ gegraben hatten, waren es nicht, wegen denen der Britte hierher gekommen. Ihn verlangte es die Europamuͤden, die mit dem Schickſal zerfallenen, fluchtigen, abenteuerlichen Geſtalten zu ſehen, die ſich den Orient zur Schau⸗ buͤhne ihres Ungluͤcks erkoren. Viel ſchlechte Spreu mit wenigen guten Koͤrnern! Sie ſaßen in dunkler Ecke und hatten auf den, der ſie ſuchte, ſchon lange ihr Augenmerk geworfen. „Er wird noch wenig Erfahrung, wahrſcheinlich aber einen groͤßeren Vorrath von Geld beſitzen;“ ſprach mit einer entſetzlichen Bitterkeit, während unheimliches Läͤcheln die Winkel ſeines Mundes — 78— umzog, einer jener Abendlaͤnder in der lingua franca, dem Mittel der Verſtändigung unter ſo ver⸗ ſchiedenen Zungen.„In jedem Falle darf uns ſeine Bekanntſchaft nicht entgehen, nur gehoͤrt er einer Nation an, deren Gliedern man nie die erſten Schrite entgegen thun muß, um eines ſichern Er⸗ folges gewiß zu ſein. Er wird ſchon kommen, wenn er uns zur Genuͤge beſchaut hat.“ Die Worte des ſchwer gepruͤften, durchs Leben gepeitſchten Fluͤchtlings erfreuten ſich nur theilweiſe einer allgemeinen Anerkennung. „Dunque,“ entgegnete ein langer Mann, ger⸗ maniſcher Abkunft,„ſollen wir uns moͤglicherweiſe eine intereſſante Bekanntſchaft entſchluͤpfen laſſen. Ihr Italiener wollt immer eine beſondere Lebens⸗ kenntniß an den Tag legen, ich mache es anders.“ Darauf erhob er ſich, ſuchte die alte abgetra⸗ gene Halsbinde in moͤglichſt guten Zuſtand zu ſe⸗ tzen, knöpfte den grauen, beſchmuzten Mantel— eine Reliquie beſſerer Zeiten, die vielleicht noch in dem Buche eines vaterlaͤndiſchen Studentengläubi⸗ gers figurirte— von Oben bis Unten zu und ſchritt auf Richard los.— So wie er jetzt daſtand, der verungluckte Muſenſohn mit dem blaſſen, verwilder⸗ ten Antlitz, dem halb gewachſenen Barte und dem ſtruppigen Haupthaare, die Schatten der Leiden⸗ ſchaft um die begehrlichen Augen, wuͤrde ſeine Mut⸗ — 79— ter ihn beweint, der Vater dem Abtruͤnnigen ge⸗ flucht haben. Ein Gluͤck, daß ſein Blut in leicht beweglichen Wellen auf⸗ und niederſtieg, daß das Entbehren von den kleinen Gaben des Lebens ge⸗ ſchwaͤcht wurde, die kuͤhnen Hoffnungen aus der Vergangenheit den geringen Erwartungen der Ge⸗ genwart gewichen waren, ſich in Vergeſſenheit ge⸗ taucht hatten, daß er, um Alles in Wenigem zu ſagen, den Leichtſinn ſich bewahrt hatte. Seine Stimme klang nicht zaghaft, Keckheit, nahe an eine hoͤhere Potenz ſtreifend, lag in ſeiner Haltung, als er den Britten anredete. Aber die Genoſſenſchaft wurde kalt abgelehnt, als jener aus den eigenen Worten des fahrenden Schuͤlers, die ſchwachen Anfaͤnge, das muthloſe Aufgeben aben⸗ teuerlicher Plaͤne erfahren. Und doch, war nicht in dieſer ruͤckſichtsloſen Offenheit, die ſich ſelbſt, wenn auch bewußtlos, den Stab brach, die ein ganzes Leben mit ſeinen geringen Reſultaten in einige Worte zu⸗ ſammendraͤngte, eine gewiſſe Anziehungskraft? Gut, daß der kalte Britte uͤber den, wieder zu ſeinen. Gefaͤhrten ſich wendenden, von dieſen mit leichtem Hohne empfangenen Germansman vortheilhafter dach⸗ te, als wie er vor ihm ſtand,— daß in dem Ge⸗ genſtande der Zuruͤckweiſung das feinere Gefühl für Ehre untergegangen. So blieb noch immer Gele⸗ genheit, das Verlorene wieder einzubringen. — 80— „Moͤglich,“ dachte Richard bei ſich und weſſen Herz iſt von Stolz und Ueberſchäzung wohl frei! —„daß du den Gefallenen wieder aufrichteſt, ihn zuruͤckfuͤhrſt auf den Pfad der Ehre und des Ruh⸗ mes, daß er dann zu denen gehoren wird, die mit dir gemeniſchaftlich ſchoͤnem Ziele entgegen ſtre⸗ ben.“— Unentſchloſſen, ob er zu der Gruppe der Heimathloſen, die er jezt entdeckt und einer Pruͤ⸗ fung unterworfen hatte, hintreten oder eine Anna⸗ herung des ganzen corpus erwarten ſollte, ſchaute er bald hie, bald dorthin. Nach den vielen Ein⸗ druͤcken des Tages befand er ſich, trotz koͤrperlicher Ermudung in einem Zuſtande der Aufregung und er würde noch lange den hin und herſpringenden Gedanken freien Spielraum gelaſſen haben, ohne zu einem Willen zu kommen, wenn er nicht plötz⸗ lich auf Anderes gezogen worden waͤre. Ein Name, der fuͤr ihn ſtets Zauber hatte, drang zu ſeinem Ohre, feſſelte ihn ganz.„Aspa⸗ ſia,“ toͤnte es leiſe aus dem Munde des jungen Steuermannes, den er, vom Spiele abgezogen, in lebhafter, doch heimlicher Unterhaltung mit einem fraͤnkiſch gekleideten Griechen ſah. Es war Aleran⸗ dros, der enthuſiaſtiſche Verehrer der Chiotin, der die ſchlanke Brigantine ſchon in der Fruͤhe beſucht hatte, um Bekanntſchaft anzuknuͤpfen, durch echt nationale Schlauheit das zu erfahren, was man — — 61— ihm nicht anvertraut hatte. Jezt war ihm Joannes ein glucklicher Fund, ein wichtiger Mann. Der Steuerlenker mochte ihm wohl ſein ganzes Wiſſen offenbart haben, denn beide, nachdem ſie noch eine Weile mit einander geſprochen, naͤherten ſich Richard. Der junge Held vom Meere blieb ſchuͤchtern, war ſogar etwas betroffen, als er in das große, ernſte Auge ſeines Goͤnners blickte; den Griechen aus Stambul aber ſchien dieſes nicht im Mindeſten zu beruͤhren. „Ein Freund meines Vaterlandes,“ redete er verbindlich und nachläͤſſig zugleich, doch mit halb un⸗ terdruͤckter Stimme, denn trotz des neuen Enthuſias⸗ mus hatte er die Naͤhe der tuͤrkiſchen Herrn nicht vergeſſen, den Sir an.„Es freut mich ſchon jezt eine Bekanntſchaft zu machen, die mir ſpäter und unter anderen Verhältniſſen nicht entgangen ſein wuͤrde.“ Dabei faßte er ganz europaiſch civiliſations⸗ mäßig die Hand des Angeredeten und druͤckte ſie mit ſeinen bereiften Fingern. Als der kalte Abend⸗ länder keine Miene machte, die Freundlichkeit zu erwidern, ſtand er deßhalb von ſeinem Unternehmen nicht ab, ſondern rief den Beiſtand des fernen Zau⸗ bers mit dem Gewande des Heldenthums und der Schönheit zur Hülfe. Dies wirkte inſofern, daß 4** — 82— der Engländer zuvorkommender, wenn auch nicht herzlicher wurde. Sie wechſelten eine Menge ſchoͤ⸗ ner Reden und ſuchten einander zu erforſchen. Es war, als fuͤhle ein Jeder den Nebenbuhler und ſuche nur zu ergruͤnden, ob ein Zuſammenſtoß mit dem Geg⸗ ner gefahrbringend. Wie konnte es auch anders ſein? Nur Verwandtes vermag ſich zu verſtehen. Dem Scheine nach moͤgen ſich Widerſpruche verſoͤhnen, in der That aber bleiben ſich Tiefe und Oberflaͤch⸗ lichkeit, Wahrheit und Luge ſtets fremd. Als ſie ſich uber Weſentliches nicht verſtandi⸗ gen konnten, die entgegenſtehenden Pole immer mehr zum Vorſchein kamen, wandten ſie ſich auf Aeuſſe⸗ res. Der Sohn des Fanars erkannte die Noth⸗ wendigkeit, den feſten, kalten Blick von ſich abzuzie⸗ hen. Es kam ihm vor, als beſize der Fremde, der auf den Ton ſeiner Stimme acht gab, mehr iunern Gehalt als er und koͤnne er nur durch ſeine groͤ⸗ ßere Gewandheit im Leben der Pruͤfung entgehen. Den jungen Liebenden druͤckte das Anerkennen einer Ueberlegenheit. „Unter jenen Franken dort,“ ſprach Argyros, indem er auf die finſter ſchauenden Europaͤer deu⸗ tete,„die ich groͤßtentheils kenne, ſind einige, die fruher da waren, wo Ihr herkommt. Es ſind wilde, verwegene Leute, deren Duͤrſtigkeit ein gewiſſes In⸗ tereſſe anklebt. Wenn Ihr, edler Freund und Herr! —— — —— — nichts dagegen habt, wollen wir uns zu ihnen be⸗ geben. Eine Taſſe Caffé, ein kleines Glaß oder ſelbſt eine Pfeife wird uns Eingang in den Cercle verſchaffen. Die Herrn haben gar manche Beduͤrf⸗ niſſe und wenige Mittel, ſie zu befriedigen.“ Der hoͤhnende Stolz des Reichthums zeigte ſich in dem Laͤcheln ſeiner Lippen, als er Richard vor⸗ tretend, die Bekannten gruͤßte. „Ein Freund von mir,“ ſprach er raſch und eilig, als koͤnne ihm ein Einwurf gemacht werden, die Vertriebenen an.„Drei Maͤnner aus Italien, einer aus Frankreich und einer aus Teutſchland,“ wendete er ſich wieder zu Richard,„die Namen moͤ⸗ gen ſie ſelbſt Euch ſagen.“ Ein Knabe brachte auf ſeinen Wink Pfeifen und Café und die Geſellſchaft ruͤckte näher anein⸗ der. Uebergroße Zuruͤckhaltung war nicht Sitte. Waͤhrend der Grieche die Unterhaltung leitete, die Uebrigen ſich dieſes gefallen ließen— ſie waren ſeine Gaͤſte— hatte Richard Muſe ſich mit den fremdartigen Geſtalten näher zu befreunden. Welch eine Maſſe von Erfahrung, Gram, Lei⸗ den, Elend, Trotz, innerer Zerriſſenbeit, Stolz und Demuth lag auf dieſen Geſichtern! Eine duſtere Gluth brannte in den Augen der Italiener, ein her⸗ ber Zug um den Mund herum, hatte ſich bei jedem feſtgeſetzt. Die einzelnen, abgeriſſenen Worte, die ſie — 84— in das Geſpräch hineinwarfen, klangen wie hohni⸗ ſche Schmerzenslaute. Alles deutete an, daß ſie im Leben gar arge Täuſchungen erfahren und daß ſie mit Muͤhe die Maske behaupteten, um Andere zu täuſchen. Ach! ihnen ſelbſt war das Ungluͤck nur zu klar. Weniger ſchroff mit der Welt und Menſchen im Contraſte, ſah der Franzmann aus. Ein leich⸗ tes Roth belebte noch ſeine Wangen. Die Bloͤßen ſeines Koͤrpers bedeckte die Erinnerung mit ihrem Ruhmesglanze. „Wie in Spanien,“ ſprach er laͤchelnd, als ein Piemonteſe den wohlgefuͤllten, mit goldenen Blu⸗ men geſtickten Tabaksbeutel des Herrn Argyros zur Hand nahm und von dem lang und fein geſchnit⸗ tenen Kraute in eine kleine Papierrolle wickelte, nicht jedoch ohne einen Theil des Vorrathes in die weiten Aermel des vielbewährten Kleides zu ſchieben. „Noch eine Taſſe!“ rrief jetzt plotzlich der Teutſche, der die lang laufende, waͤſſrige Gewohn⸗ heit des Vaterlandes noch im Andenken haben mochte. Die Gelegenheit war guͤnſtig. Er zeigte wenigſtens, daß er einige praktiſche Kenntniſſe ſich erworben hatte. Bei alle dem, daß Argyros heute eine unge⸗ wöhnliche Theilnahme gegen die Franken an den Tag zu legen, ſich den Anſchein gab, mußte er doch —— die Erfahrung machen, daß ſein eben aufgelebter Nationalſtolz von dieſen beleidigt wurde. Eine dunkle Ahnung oder ſchnelles Durchſchauen nicht ſchwer zu errathender Verhältniſſe ſagte dem Abenteurern, daß ſie Richard gegenüber von einer vortheilhaften Seite ſich zeigen muͤßten und da war es denn auch nothwendig das Verlaſſen einer mit Leidenſchaft ergriffenen Sache zu beſchoͤnigen. Es war der Aelteſte der kleinen Geſellſchaft, derſelbe, welcher ſchon fruͤher das Benehmen in Bezug auf Richard vorgeſchrieben hatte, der eine Bemerkung des Griechen unterbrach. „Wir ſind Waffenmaͤnner,“ hob er mit einem Tone an, der keineswegs von Enthuſiasmus, wohl aber von einem gewiſſen Stolze fuͤr den vom Schick⸗ ſal auferlegten Beruf zeigte,„die vielen Narben reden davon, wenn wir auch ſtille ſchweigen woll⸗ ten. Lebten wir einige Jahrhunderte fruͤher, wuͤrde man uns Condottieri nennen. Die Menſchen ur⸗ theilen raſch ab. Meiſt aber kommen ſie erſt ſpaͤt oder gar nicht zur Erkenntniß der eigenen Zuſtaͤnde — wie ſollten ſie die Anderer richtig begreifen ler⸗ nen! In dem Vaterlande ungluͤcklich, von den gluͤcklicheren Feinden mit dem eiſernen, blutigen Banne belegt— was kuͤmmern uns da die Ideen der Fremde! Iſt es nicht Verdienſt genug, wenn wir erſt dem Rechte nachfragen, das Schwert zu ſeiner Vertheidigung ziehen, dann aber, wenu man uns ſchnoͤde behandelt, zu Anderem uns wenden? Das Kaiſerreich ſah uns kuͤhn und tapfer, mit ſeinen Adlern durchzogen wir Europa. Spanien, die neue Welt haben uns zuruͤckgeſtoßen, Italien uns mit dem Fluche der Empörer belaſtet, Hellas verſagte die Nahrung— wer mag es uns verar⸗ gen, wenn wir mit dem Halbmonde es verſuchen? Eine Klinge, die man in den eigenen Reihen kaum der Beachtung werth gefunden, gewinnt leicht an Anſehen, wenn ſie gegenuber ſich zeigt. Wer wird auch von dem Wiederaufſtehen des helleniſchen Volkes reden, wenn die Haͤlfte der Na⸗ tion in andern Ländern dem Glucke nachjagt oder als demuͤthige Rajahs ſich zu dem Saume des He⸗ wandes eines Paſcha drängt?“ Sein dunkles Auge rnhte einen Moment auf dem Antlitz Richards. Als er keiner Billigung, nur einer Regung tiefen Mitleids ſich erfreuen durfte, ſchwieg er nachdenklich. „Eumino!“ begann er darauf wieder zu ei⸗ nem blaſſen, ſtillen Gefährten,„erzaͤhle eine Ge⸗ ſchichte. Wir ſind in dem Lande der Mährchen und Wunder, doch bleibe der Wahrheit treu, ſie bie⸗ tet des Reizes genug, ſelbſt für einen verwöhnten Gaumen.“ Der Angeredete ließ ſein großes, ſeelewolles — Augenpaar uͤber die Geſellſchaft gleiten. Er ſah leidend aus. Ein leiſer, doch tiefer Huſten, draͤngte ſich bisweilen aus ſeiner kranken Bruſt hervor. Er hatte bisher wenig Theil an dem Geſpräch ge⸗ nommen, die Freigebigkeit des Griechen verſchmaͤht. Fragend ſchaute er auf den Gegenſtand der allge⸗ meinen Aufmerkſamleit, ob dieſer auch ſoviel ver⸗ diene. Die Meinung der Uebrigen konnte ihn nicht beſtimmen, wenn gleich er ſonſt ſehr fuͤgſam und fuͤr die Ruͤckſicht, die ſie ihm ſtets erwieſen, ſehr dankbar war. Er galt etwas mehr als ſeine Freun⸗ de, war feineren, geiſtigeren Gehaltes, wovon das bleiche, kummervolle Antlitz, die ſtille Reſignation, mit der er ſein Ungluͤck ertrug, Kunde gab. Nach einigen Minuten inneren Beſchauens hob er das edle, ſtolze Haupt von langen Locken um⸗ wallt, in die Hoͤhe und fieng an. Er war ſchoͤn anzuſchauen. Richard horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit.— „Es war ein ſchoͤner Sonntagmorgen. Die glühenden Stralen der Maiſonne durchbrachen den duftigen Schleier, der uͤber dem ſtolzen Gardaſee hieng. Ein leichter Wind kräuſelte die dunkel⸗ blauen Wellen und die Glocken der nahe jliegenden Orte tönten laut zu Ehren des Herrn, als die Frau des Signore Giacomo Calasſo eine ſchwere und doch glückliche Stunde hatte. Die langen, dunklen Haare hiengen ihr um die Schläfe, Perlen der Angſt ſtanden auf der blaſſen Stirne, als ſie endlich zu frohem Bewußtſein kam. Sie hatte einen Knaben geboren. Der Herr des Hauſes, der, bange Qual in der ſtuͤrmiſchen Bruſt uͤber den Balkon ſeiner Villa ſich gelehnt hatte und unempfaͤnglich in das ſuͤße Spiel der ko⸗ ſenden Wellen, die ſich fluſternd umarmten, ſchaute, kehrte mit frohem, jubelnden Herzen zuruͤck, um ſeine Liebe zu umſchließen. Er richtete ſich hoch auf, prieß ſein Gluͤck und ließ dem Kleinen den Namen Felice geben. S — Damals war die Welt noch ruhig. Der Krieg hatte ſeine eherne Trommete noch nicht ertoͤnen laſ⸗ ſen. Nur eine dumpfe, druͤckende Schwuͤle lag auf den Voͤlkern. Die unverſtaͤndlichen Vorboten der blutigen Kataſtrophe zogen— er von Land zu Land, wie der Schweif eines Kometen am hohen Himmel. In dem ſchonen Hauße am Gardaſee aber gieng es ſtill und heiter zu. Der Knabe wuchs heran zu ſeiner Mutter Gluͤck und ſeines Vaters Stolz. Die liebende Frau dachte nicht daran, wenn der Kleine ſein lockiges Haupt in ihren Schooß legte und ſie ſo freundlich mit den klugen Augen anſah, daß es einſt anders werden muͤſſe. Das Schickſal ſchreitet ruhig fort, ihm ſchlaͤgt kein Herz im marmornen Buſen. Zehn Jahre ſpaͤter hatte die Welt eine neue Geſtalt gewonnen, die Menſchen fremde Ideen an⸗ gezogen. Es war eben auch nur eine Wiederholung fruͤhern Zuſtände, in der Menſchheit ſelbſt giebt's wenig Neues. Das Stillleben an dem lachenden, gruͤnen Ufer, von dunkelgruͤnen, ſmaragdenen Wogen beſpuͤhlt, hatte der Sturm der Zeit zerſtoͤrt. Die Waſſer rauſchten vor wie nach, wenn der Wind ſie an's Geſtade trieb. Die Sonne ſchien noch eben ſo warm, die Knospen trieben Blüthen, die gruͤnen Orangen⸗ —— baͤume trugen ihre Fruͤchte. Der ſtolze Barone war ein Opfer ſeiner Meinung geworden. Der Gram um die Vergangenheit hatte ihm den Tod gebracht. Den Knaben uͤberſchlich ein unbekanntes Seh⸗ nen. Ihn zog es er die Berge hinaus in die dunkelblaue von Aether umſchwommene Ferne. So kam er mit ſeiner Mutter in die ſchoͤne Stadt Turin. Es ward immer weiter in ſeiner Bruſt. Der Ruhm und die Groͤße mit ihren lockenden Träumen durchzogen das jugendliche Herz. Die glänzenden Ge⸗ ſtalten des neuen Heldenthums durchſchritten Italien. Faſt taͤglich ſah er die kuͤhnen Geſichter, die Augen voll Muth, in denen der alte Imperatorenſtolz wie⸗ der aufgelebt war. Und wenn er die langen mäch⸗ tigen Kolonnen mit den bunten Adlerfahnen, die gruͤ⸗ nen mit Gold geſchmuͤckten Reiterſchaaren erblickte, wenn die berauſchende Janitſcharenmuſik ſein entzuͤck⸗ tes Ohr beruͤhrte, jauchzte er laut auf. Ach! er wußte nicht, daß jeder Laut der Freude, eine Thraͤne aus dem Auge ſeiner Mutter lockte. Es war an einem grauen Fruͤhlingsmorgen und die Nacht warf noch einen letzten Blick voll Schaam in das kommende Roth. In dem mar⸗ mornen Kamine glimmten noch einzelne Kohlen und zwei hohe Wachskerzen brannten auf der run⸗ den Tafel, die auch am Ufer des ſchoͤnen Sees die —— ————— gaſtliche Stube geziert hatte, als der junge und kräftige Felice ſich ruͤſtete die neue Heimath zu ver⸗ laſſen. Er war zu einem gar ſtattlichen Burſchen herangewachſen, der die blinckende Waffe wohl tra⸗ gen mochte. Seine Mutter ſaß auf einem runden Seſſel von Nußbaumholz, in der Naͤhe des faſt erloſchenen Feuers und ſah ſtille vor ſich nieder. Nur biswei⸗ len hob ſie das dunkle Auge auf den einzigen Sohn und die Thraͤnen glitten dann reichlicher uͤber die blaſſen Wangen. Die arme, bald einſame Frau fuhlte ſich troſtlos und doch entſchluͤpfte keine Bitte des Bleibens ihrem Munde. Es geht eben nichts uͤber eine treue, opfernde Mutterliebe. Als die Znruͤſtungen beendigt und Felice den neuen Torniſter auf den Tiſch legte, draußen auf der Straße die dumpfen Toͤne der Trommel roll⸗ ten, fuhr die ungluckliche Frau erſchrocken zuſammen. Der neue Volontair aber bedeutete ſie, daß es erſt die Reveille ſei. Es draͤngte ihn hinaus in das Leben; die Gefahr und der Ruhm winkten ihm und doch fuͤhlte er, daß ihm etwas fehlen werde, wenn er die heimathliche Schwelle verlaſſen. Vielleicht dachte er auch an das traurige Le⸗ ben derjenigen, welche zuruͤckblieb. Verlegen, be⸗ klommen ſezte er ſich zu ihr. Seine Hand faßte die der Mutter und er preßte ſeine Lippen auf die⸗ ſelben. Sie zog ſein Haupt an ihre Bruſt, bedeckte ihm Stirn und Mund mit Kuͤſſen und ſchluchzte laut. „Du gehſt nun fort, mein Sohn!“ begann ſie in heftigem, Alles uberwältigendem Schmerze, doch mehr konnte ſie nicht ſagen. Da tönte von Neuem die Trommel; es klang zum Appel. In den Haͤußern, auf den Straßen wurde es lauter. Die jungen Conſerits eilten zu ihren Fahnen. Felice riß ſich und griff zu ſeiner Waffe. Die Mutter ſchrie auf, ſchlang ihren Arm um ihn und wollte ihn nicht loslaſſen. Er aber S fort. Da ermannte ſich das Weib. Das nůtterliche Herz empfand die Entſcheidung des Augenblicks. „Bleibe brav, mein Sohn,“ ſprach ſie mit müh⸗ ſamer Faſſung,„„erlaſſe den Pfad der Tugend nicht. Halte feſt an der Ehre, wie dein Vater es nannte. Im Leben aber wie im Sterben gedenke des Heilands, er wird dich nie troſtlos laſſen. Und wenn mein Auge dich nie wiederſehen ſollte, wenn dieſe Arme dich zum letztenmale umſchlängen“ „Mutter! Mutter!“ rief er mit zitternder Stimme und draͤngte ſich noch einmal an das war⸗ me Herz. Er ſchritt zum Zimmer hinans, ſie ſchwankte — ihm nach. Auf der Hausflur wollte der alte Die⸗ ner der leichten Habe ſich bemächtigen. Felice ſchob den Alten zuruͤck. Es war nicht Unwille. Weinend zog er fort, doch im trocknete er ſeine Thraͤnen. Die Mutter ſah ihm lange nach. Ihr Schmerz ward nicht geſtillt, wurde jetzt viel ſichtbarer, ſie klagte laut, legte ſich nun keine Feſſeln mehr an. Eine friſche, belebende Luft zog durch die Straßen; ihr kam es kalt vor. Ein Schauer überlief ſie. Es mußte wohl ein Schauer des Schmerzes, der tiefſten Trauer ſein; denn als ſie ſchon lange wie⸗ der in ihrem Seſſel ſaß, die fernher rauſchenden Toͤne eines Siegesmarſches ihrem Ohre wie Gra⸗ besläuten duͤnkten,— fror ſie noch immer.— Es iſt eine ſchoͤne Sache um den Ruhm. Wenn aber das Gluͤck aufhoͤrt, beginnt er für die Lebenden zu erbleichen und er ſteht dann den Tod⸗ ten nur noch ſchoön. Das Gluͤck hält ſich nicht auf mit Dankbarkeit und wen es verſchwenderiſch mit ſeinen Gaben uͤberſchüttet hat, gegen den iſt es ſpaͤ⸗ ter oft karg. Der Donner der Schlachten war verſtummt, die Soͤhne der Lager kehrten zuruͤck. An der Stelle, die der Lorbeer haͤtte einnehmen muͤſſen, waren Narben. Bleiche, kummervolle Geſichter gaben Kunde von dem Schmerze, mit dem die große Tragodie getragen wurde. Da gab es keine Faſſung. Tiefe Niedergeſchlagenheit, Haß und Grimm auf der einen Seite, maßloſer Uebermuth, ſtolzer Jubel auf der andern. Fuͤr den in Gram um die dahingeſchwundene Groͤße ſich verzehrenden Felice ward das Leben eine Trauer. Ach! er konnte ſich nicht freuen mit der Mutter, die den Wiedergefundenen mit doppelter — 95— Liebe umfaſſte. Sie hatte genug. War ihr Einzi⸗ ger ein kuͤhner, ſtolzer Mann unter den Fremden geworden, warum ſollte ihm die Bahn unter dem Banner des eigenen Koͤnigs verſchloſſen ſein? Sie hatte es verlernt in dem Herzen ihres Kindes zu leſen; ſie konnte ſich nicht zurecht finden, den Un⸗ begreiflichen nicht faſſen, wenn er die ſchwermuthi⸗ gen Klaͤnge ſeines Innern ertönen ließ, ſchauerliche Weiſen von Kampf und Blut in dem eiſigen Nor⸗ den erzaͤhlte, oder den kuͤhnen, rieſenhaften Gedan⸗ ken des Cäſars Weihrauch ſtreute. All das ſchlug nicht melodiſch an ihr Ohr. Die trauliche Zeit am Kamine war voruͤber. Armer Sohn der Zeit! die Welt und die Heimath bieten dir nichts mehr, was wird dein Loos ſein? Zerriſſenheit. Als eine Hoffnung nach der andern ſchwand, das Mutterherz mit Wehmuth da ein thatloſes Le⸗ ben ſah, wo es jungen Wuͤnſchen vertrauend ſich hingegeben hatte, ward dem Sohne bange und wuſte zu Muth. Nicht einmal Mitleid zollte ihm die Welt, denn ſolches gewährt ſie nur den Fuͤhrern mit dem flatternden Helmbuſche oder den Maſſen. An den minder beguͤnſtigten Geſtalten, den Einzel⸗ nen, wenn auch eine verborgene Größe ihnen inne wohnt, wenn tauſend Qualen in ihrem Herzen wuͤh⸗ len, geht ſie gleichgultig, kalt voruͤber. Er wollte ſich raͤchen an der undankbaren, gab Verſchworungen und gewaltſamem Umſturze ſich hin. Er kannte die Stunde nicht, die vom Thurme ſchallte. Der erſte gluͤckliche Erfolg verwandelte ſich bald in eine Niederlage und nun ward er ver⸗ bbannt und verfehmt. eein Fuß wandte ſich noch einmal— ach! jetzt der eiſernen Nothwendigkeit weichend— von der vaterländiſchen Erde. Wie gruben ſich die Er⸗ eigniſſe, die Bilder des Unglücks und Jammers mit blutigen Mälern in ſein Gedächtniß! wie ſtarb jede Hoffnung in ihm, wie ſtumpfte ſich ſein Gefuͤhl ab, als er von der ſchwer gebeugten, dann wieder in wilder Verzweiflung ſich und das Geſchick an⸗ rlagenden, mit der letzten Kraft ihn krampfhaft um⸗ ſchlingenden Mutter, auf immer ſein Antlitz kehren mußte! Jene Stunde that viel. Sein tiefſtes Seelen⸗ leben war vergriffen, er mußte fortan eine duͤſtere Natur werden. Ein zerriſſenes Herz war ſein Ant⸗ litz, das Leben der Liebe baar, keine Romanze. Nur die Erniedrigung war ihm gewiß, die Erhebung fehlte. Vie ein ſchwarzer Reiter auf dunklem Roſſe ſtuͤrmte er durch die Welt, ohne Ziel ohne Stern.— Auch das Land der Hellenen ſah ſeine Spur, doch den, der ſo Vieles verloren gegeben, mochte — die Entbehrung mit elaſſiſchen Erinnerungen nicht feſſeln. Wild und ſtorriſch wollte er befehlen, ver⸗ ſchmaͤhte es, wie gar Manche, fremdartiger Natio⸗ nalitaͤt ſich anzuſchmiegen. Mit daͤmoniſcher Gewalt trieb es ihn raſtlos von Ort zu Ort. Der Schmerz verlor ſo maͤhlig ſeinen ſpitzen Stachel. Wer eine eherne Stirne zeigt, kann das Schickſal muͤde machen. Wenn der Menſch nichts mehr zu verlieren hat, muß er wie⸗ der gewinnen. Nur den innern Frieden nicht.— Eine heiße Mittagsſonne brannte. Der Se⸗ raskier von Stambul konnte den Schlaf nicht fin⸗ den. Er lag unter gruͤnem Zelte auf weichem Pol⸗ ſter. Die blauen Ringel aus der langen Pfeife umzogen ihn. Die weiten Naſenflügel hoben und ſenkten ſich. Suͤß duftendes Ambra war unter dem Tabak. Zwei Sclaven ſtanden dem Gebieter de⸗ muͤthig zur Seite und wehrten mit breiten Palm⸗ blättern die läſtigen Fliegen ab. Verſchnittene, auch andere Diener, harrten entfernter mit gebeug⸗ ten Haͤuptern ſeiner Befehle. Doch der Paſcha⸗ wußte jezt nichts zu befehlen. Von der hohen Ter⸗ raſſe vor ſeinem Palaſte ſah man den Bosporus, Skutari, das Marmorameer und die Prinzeninſeln. Weiße Segel, denen der Wind fehlte, bewegten ſich langſam dem Hafen des goldenen Hornes zu. Es war ein entzuͤckender Anblick. Der Paſcha hatte 5 ihn ſchon oft genoſſen. Unmuthig ſchaute er vor ſich hin und dachte an die unbeholfenen tuͤrkiſchen Knaben, die trotz dem himmliſchen Willen des Pa⸗ diſchah die Reglemens und Taktik der Ungläubigen nicht begreifen lernten. Vielleicht, daß ſein erleuch⸗ teter Verſtand ſich ebenwohl einige kuͤhne Bemer⸗ kungen erlaubte. Doch dieſe angreifende Beſchaͤfti⸗ gung ſollte nicht zu lange dauern. Zufaͤllig hob er die dunklen Augen empor und da ward ſein moslemitiſcher Stolz beleidigt. Dicht vor dem Palaſte ritt ein Franke voruͤber. Der verwegene Reiter konnte nicht zu den perotiſchen Geſandtſchaftshotels gehoͤren, keine türkiſche Leib⸗ wache begleitete ihn. „Allah iſt groß!“ ſprach der Osmane,„die Giaurs nehmen ſich viele Freiheit. Doch Roß und Reiter paſſen wohl zuſammen. Er ſizt auf einem flachen Sattel, wie die frankiſchen Muſter ſind, die man uns von der fernen Inſel, welche ſo viele Schiffe zählt, geſendet hat und die ein Tuͤrke nur beſteigt, weil es der Wille des Maͤchtigſten auf Er⸗ den iſt. Omar! rufe den Franken.“ Der Franke kam. Es war Felice und Felice lehrte die Turken europäiſch reiten. Der Seraskier erhielt volle Entſchädigung fuͤr die verlorene Sieſte, in der er ſo große Menſchen⸗ kenntniß an den Tag gelegt. Die Gunſt der Sonne der Welt ſchien waͤrmer auf ſein Haupt. Wie die neuen Lanciers des zufriedenen Bei⸗ falls des Padiſchah ſich immer mehr erfreuten, ſtieg auch der Lehrmeiſter im Werthe. Der aber zeigte eine große Lebensklugheit. Er blieb zuruͤckhaltend und einſam, ſtreifte die hemmenden Frankenfreunde von ſich ab und ließ ſich von den tuͤrkiſchen Gro⸗ ßen ſuchen. Reichthum und Ehre wurden ihm zu Theil. Der Sultan ward ſein Freund, gab ihm im zweiten Hofe des Serail eine glaͤnzende Wohnung und es iſt ſchon mehr denn einmal vorgekommen, daß der Seraskier ſich tief verneigt hat vor dem maͤchtigen Fremdling. Felice Calaſſo, der Flüchtling aus Italien, ſteht viel hoͤher, als er jemals geſtrebt hat. Ob er gluͤcklich iſt, weiß ich nicht. Macht und hohe Stellung gewähren eine andere Anſicht, der Blick von den Hoͤhen herab, aus den Thälern herauf, iſt ein ſehr verſchiedener. Wenn die dunkeln Locken, in die nur die fruͤ⸗ here Zeit ihr Grau gemiſcht hat, ihm wild um die Schlaͤfe flattern und er die tuͤrkiſchen Reiterſchaa⸗ ren in ſauſendem Galopp uͤber den alten Hippo⸗ drom fuͤhrt, voruͤber an ſeinem Herrn, dem Herr⸗ ſcher in dreien Welttheilen„der unter der Moſchée 5 5 = 465— Achmets auf einem weißen Araber haͤlt——— ſoll er da nicht zufrieden ſein? Er iſt Soldat. ⸗ Nur, wenn ein Ruf aus dem verlaſſenen Lager Europas zu ihm dringt, oder wenn er auf ſeide⸗ nem, golddurchwirktem Divane ſchlaͤft und ihm die blutige Vergangenheit im Traume jene Fahne ent⸗ rollt, in die der Ruhm geſtickt iſt, ſoll er unruhig aufſpringen. Die Gegenwart, in rothe tuͤrkiſche Ho⸗ ſen gekleidet, tritt ihm dann entgegen wie ein Ge⸗ ſpenſt. Die Erinnerung an ſeine Mutter, jene Mut⸗ ter, die in ſtreng katholiſchem Glauben die Haͤnde faltete, wenn vom Tuͤrken die Rede war, lebt in ihm auf. Mit blutig gebiſſener Lippe folgt er dann dem Rufe des Sultans. Ob wohl die Odalisken mit den glaͤnzenden Augen, den Fuͤßen leichter und raſcher als Gedan⸗ ken im Champagnenrauſche, die boͤſen Bilder nicht wegbringen koͤnnen? — 101— Eumino ſchwieg hier. Seine Erzahlung hinter⸗ ließ bei deu Zuhoͤrern einen verſchiedenen Eindruck; der Grieche war gleichguͤltig geblieben, hatte oͤfter nach der goldenen Uhr geſehen, gruͤßte Richard ver⸗ bindlich, die Uebrigen etwas nachlaͤſſig und gieng. Der Steuermann folgte ihm, die Brigantine ver⸗ langte ſeine Anweſenheit. Bei den Genoſſen ſelbſt durfte der Darſteller keine zu großen Anſpruͤche auf Lob machen. Er hätte die ſchoͤne, uͤppige Gegen⸗ wart mehr hervorheben, die innern Kaͤmpfe ver⸗ ſchweigen muͤſſen. Der Mahner iſt dem Gewiſſen ein ſchlechter Freund. So blieb nur Richard, der dem kranken, blaſ⸗ ſen Fluͤchtling freundlich ſſch entgegen neigte, die ſchnell gemachte Bekanntſchaft nicht ſo leicht aufzu⸗ geben beſchloß. Waͤhrend die Andern den offenbaren Vorzug vorerſt nicht ſtreitig zu machen ſuchten, tranken ſie auf das Wohl des neuen Goͤnners. Der Wirth mußte mehr Wein herbeiholen. Die Moslems war⸗ —— fen Blicke voll Gift auf die ausgelaſſene Gruppe, doch wagten ſie keine Inſulte. Als die Taverne von Rajahs leer geworden, nur die luſtigen Fran⸗ ken noch daſaßen, ſchlich Einer nach dem Andern von den Rechtglaͤubigen in die dunkle Nebenſtube⸗ Die mangelhafte Beleuchtung konnte als Entſchul⸗ digung dienen, wenn ſie hier Waſſer und Wein nicht zu unterſcheiden vermochten. Die lockenden Taͤnze griechiſcher Knaben, die wie unſichtbare Dämone jetzt hereinſchluͤpften, ver⸗ ſetzten ſie vollends in gluͤckliche Laune. Das tolle Leben, vor dem der ſchuͤchterne Jo⸗ annes ſich geſcheut hatte, zeigte ſich jetzt in ſeiner ganzen Ausgelaſſenheit. Gut, daß Richard eine be⸗ ſonnene Natur. Zwar gluͤhte der Wein in ſeinen Adern, das Blut ſprang in ſeinen Wangen, doch zog er ſich zuruͤck. Die jubelnden Fluͤchtlinge wollten ihn begleiten, Er lehnte es ab. Dank ſeiner nordiſchen Phyſiog⸗ nomie, die nichts Handelndes, Hartherziges an ſich hatte, hieng es nur von ihm ab, uͤber den aben⸗ teuerlichen Cortége zu gebieten. Es ſchien, als habe ihn das Schickſal aus der Menge herausgeriſſen⸗ Die Sterne leuchteten am Himmel, das Mond⸗ licht brach ſich in Silberſtralen auf den dunklen Haͤußermaſſen, die Meereswellen ſprühten goldene Funken, die hohe, edle Geſtalt Sir Richards ſchritt — 103— uͤber die Straßen. So lebhaft und aufgeregt, wie er jezt war, ſah man ſchon in ſeinem Gange den muthigen Mann. Er ſchaute nicht empor zu den Palaͤſten, in denen eine tolle Faſchingsluſt noch ihr Weſen trieb, um vor der ſtillen Zeit die Freuden des Lebens in vollen Zuͤgen zu genießen. Was küͤmmerten ihn die Masken? ſie ſchlangen keinen Reigen um ihn. Ganz andere Gedanken erhoben ſeinen Geiſt. Der Ehrgeiz belebte ihn. Schon ſah er ſeinen Namen glaͤnzen unter den Rettern eines unterdruͤckten Volkes. Der Triumph der Freiheit ſchwebte ihm vor, ſchoͤnere Zeiten zogen herauf. Die fernen Klaͤnge der Jugend begruͤßten ihn, die Liebe reichte ihm den Kranz. Er ſtand jetzt unter dem Hauße Aspaſias. Thuͤre und Fenſter waren wohl verwahrt. Der Blick konnte das innere Leben nicht einmal errathen. Dennoch fuͤhlte er ſich gebannt in dieſe Naͤhe. Sein Ohr lauſchte ſorgfaͤltig auf das geringſte Geraͤuſch. Sein Ange ſuchte begierig den leichten Schatten der Geliebten. Die Entfernung hatte ihm die Sehnſucht des Herzens offenbart. Das Weib war ihm ſo ge⸗ faͤhrlicher, als in der Gegenwart, die geſchaͤftige Phantaſie gab mehr als Erſatz fuͤr die kahle Wirk⸗ lichkeit. Die ſchlanke Geſtalt mit der romantiſchen Me⸗ lancholie in den regelmäͤßigen ſchoͤnen Zuͤgen, den — 104— dunkel umſchatteten Angen mit den langen Wim⸗ pern, die ſich gleich ſeidenen Vorhaͤngen ſenkten, um das innere Leid zu verbergen, jener kleinen, weißen Hand, die einen graziöſen Zauber in jede Bewegung zu legen wußte, der ganze Liebreiz der fremden, ſuͤd⸗ lichen Erſcheinung in dem Gewande des Grames und Heroismus ſchwebte ihm vor. Er glaubte Thraͤ⸗ nen in ihrem Antlitz zu ſchauen. Er ſah die un⸗ gluͤckliche Geſchichte von Chios auf ihrer blaſſen Stirne, die Moslems, wie ſie die Arme nach der ſchoͤnen Beute ausſtreckten, wie das Opfer beſin⸗ nungslos in verzweiflungsvollem Schmerze die wei⸗ ßen Haͤnde ſich blutig rang. Das arme ſchoͤne Weib und die Liebe zu ihm erhoͤhte ſeinen Muth. Er waͤre jetzt mit einer Welt von Feinden in den Kampf ge⸗ gangen. Sein Mund rief laut ihren Namen. Die hohe Geſtalt mit dem reizenden Schleier ihrer Leiden und Hoffnungen wollte er ſehen. Sie ſchritt einher. Es kam ihm vor, als würden Stimmen in dem Innern des Hauſes lautbar und er taͤuſchte ſich nicht. Der Glanz von Lichtern ſchwebte von Oben nach Unten. Die Hausflur erhellte ſich. Das Herz Richards zitterte vor freudiger Un⸗ geduld. Schon hoͤrte er den ſuͤßen Ton jener Stimme, deren ſchmeichelnde Melodie in ſein inner⸗ „ — 105— ſtes Weſen drang. Die Riegel klirrten, die Pforte oͤffnete ſich und er ſah Aspaſia. Auf ihren Wan⸗ gen war ein leichtes Roth, wie der Morgenhauch es hervorruft. Hier mußte die Freude es gethan haben. Sie war ſchoͤner als je. Er ſog Leben aus ihrem Anblick, berauſchte ſich, hatte fuͤr nichts An⸗ deres Sinn. Doch der Verzuͤckung ſollte das Er⸗ wachen gar bald folgen. War es Täuſchung, die ihn umfieng, oder Wahrheit? Ein Name, der fuͤr ihn nichts Freundliches, kam uͤber ihre Lippen, getragen von dem falſchen Winde auch zu ihm. Der legte ſich mit leiſen Armen um ſeine Bruſt, doch immer feſter, enger fuͤhlte Richard ſich umſchlungen von dem Feinde. In Angſt und Furcht richtete er jetzt ſeine Augen dahin, wo ihm ihre Geſtalt erſchienen. Sie war nicht allein. Er ſah Lieb und Feind⸗ ſchaft bei einander. Er glaubte, es muͤſſe etwas ge⸗ ſchehen, die Pole wuͤrden ſich begegnen. Aber er kam zu dem ſchmerzlichen Erkennen ſeines Irthums. Alexandros war gluͤcklich, ein Himmel von Freude, Stolz und Ruhm glaͤnzte auf ſeinem Antlitz. Suͤße Liebesſchauer durchzuckten ihn, als er die Hand der Chiotin kuͤßte, dem Herrn Syſopoulos mit gewinnendem Laͤcheln ſich empfahl. Das Un⸗ gluͤck in den dunkeln Augen Aspaſias ſchien ge⸗ ſchmeidiger geworden, ihr Blick war minder ſtreng 5** — 106— und ſtarr, haftete einen kurzen Moment auf dem ſich Entfernenden. Das Bild der Frende war fuͤr Richard zerron⸗ nen, ein ſtechender Schmerz nur blieb zuruͤck. Ei⸗ ferſucht, Haß, Hohn, Stolz und Zwieſpalt kämpften in dem vorhin ſo gluͤcklichen Herzen. Wo er kaum zu hoffen gewagt, aus ehrfurchtsvoller Entfernung ſeine tiefſten Gefuͤhle an den Tag gelegt, wo er Geld, Blut und Leben eingeſetzt hatte, um Gemein⸗ ſames zu erringen, ſollte ein Anderer und welch ein Anderer! in einer Spanne Zeit den Vorzug er⸗ langt haben. Der haͤßliche Gedanke ſchnitt ſich tief und azend ein. Es kam ihm vor, als muͤſſe er mit gekraͤnktem Stolze zuruͤcktreten und ſei es Pflicht eine Parthie zu verlaſſen, wo ihm nur mit Undank gezahlt werde. Da hoͤrte er aus der Ferne die jubelnd heran⸗ ziehenden Genoſſen der Taverne. Ihr lautes Schreien beleidigte ſein Ohr. Sie kamen naͤher. Eine Weile blieb er ſo ſtehen. Ganz leiſe und unheimlich fluͤ⸗ ſterte eine Stimme in ihm zu Gunſten der Renega⸗ ten. Mit den nahenden Schritten derſelben wurde dieſe Stimme lauter. Schon wollte er auf die wankende Gruppe zuſchreiten, in wilder Aufregung ihre Orgien theilen und die Groͤße des Sultan —,———— — 107— Mehmnd preiſen, als die klingenden Saiten einer Guitarre ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen. „Ton Marko Bozzari,“ toͤnte es halb verſtoh⸗ len aus der Tiefe eines Gemaches, deſſen Fenſter⸗ fluͤgel angelehnt waren. Es war die Stimme der Griechin. Der Geſang, furchtſam und ſchuͤchtern vorgetragen, gewann maͤhlich an Ausdruck. Die Finger griffen raſcher in die Saiten, die Toͤne quollen reiner und heller aus der Bruſt. Man hoͤrte es der Saͤngerin an, daß innere, gluͤhende Begeiſterung jede Rückſicht der Furcht vergeſſen ließ. „Iſt das deine Liebe? Beſchaͤftigt ſich deine Seele mit Kampf und Ruhm,“ ſprach Richard bei ſich,„ſo darf ich hoffen den Grüchen zu ver⸗ drängen. Er druͤckte ſich lauſchend an die dunkle Wand. „Viva il Sultano!«“ jubelten in wilder, ba⸗ chantiſcher Luſt die trunkenen Fluͤchtlinge. Sie wa⸗ ren auf der Straße mit Argyros zuſammengetrof⸗ fen, behandelten ihn als wilikommenes Spielzeng. Unter lautem Lachen und rohen Scherzen warf ihn Einer dem Andern zu. Der Rebell des Fanars ließ es geduldig uͤber ſich ergehen. Er mußte ſeinen Muth auf beſſere Gelegenheit ſparen. . Als das wohlbekannte Lied, das ſich beſaͤnfti⸗ gend an ſein Herz legte und ihm ſo viel ſchoͤner duͤnkte, als aus den rauhen Kehlen wilder Palika⸗ ren, beendet, die johlenden Bruͤder in eine andere Straße eingebogen, ſchlich Richard nach Hauſe. — 109— Es iſt eine eigene Erſcheinung der Fremde und eben nicht die angenehmſte Seite des romantiſchen Herumfahrens, daß gerade die fluͤchtigſte Bekannt⸗ ſchaft ſich fortſpinnt und feſtſaugt, um mit dem, wie eine Gabe des Himmels beſchiedenen Freunde, Lager und Mahlzeit zu theilen. Das rohe Beduͤrf⸗ niß wirkt ſtoͤrend auf die Erſcheinungen der Civili⸗ ſation. Zart⸗ und Selbſtgefühl, gerechter Stolz u. A. m. werden ſo mit der Zeit ſeltene Dinge. Sir Richard war weit entfernt ſolchen Betrach⸗ tungen ſich hinzugeben. Seine Augen hiengen an der weißen Decke des prunkloſen Gemachs und ſuch⸗ ten da ein Bild feſtzuhalten, das ihm der Traum in allem Zauber magiſcher Schoͤnheit vorgefuͤhrt hatte. Er dachte nicht an Ismir und ſeine lockern Geſellen, auch nicht an den Comfort der vaterlän⸗ diſchen Inſel und doch lebte eine Fuͤlle von Gedan⸗ ken in ihm, nur konnte er ihrer nicht Herr werden — die eine Geſtalt erſchien immer wieder. — 110— Aus ſo behaglichem, traͤnmeriſchen Zuſtande ſollte er jetzt erwachen. Nicht umſonſt hatte er die Rolle eines Bekehrers geſpielt. Die Gelegenheit das Werk fortzuſetzen war da. Die edlen Gefaͤhrten vom Weine her draͤngten ſich in das Cloſet. Der ſcheue Sohn Albions fuhr erſchrocken von ſeinem Lager auf. Zuruͤckhaltung fruchtete nicht, wollte er zu keinem Aeuſſerſten ſchreiten, mußte er ſich den unbequemen, freundſchaftlichen Fuß gefallen laſſen. „Fuͤr Euch Britten, die Ihr in Euren Schu⸗ len mit dem claſſiſchen Alterthume Euch befreunden muͤſſt,“ redete jener widerwaͤrtige Freibeuter, der auf Richard bei der erſten Zuſammenkunft ſein Au⸗ genmerk geworfen,„bietet die Gegend von Smyrna viele Reize. Ein Gang in der friſchen Morgenluft wird nach durchſchwaͤrmter Nacht dem Koͤrper wohl⸗ thuen und da unſere Geſundheit und Euer Drang nach Wiſſen und Schoͤnheit einen Weg machen koͤn⸗ nen, wollen wir hinaus an die Ufer des Moles. Vielleicht daß uns eine verſchleierte Tuͤrkin begeg⸗ net, wo Homer geſungen, auch ſeine Wiege geſtan⸗ den haben ſoll, wie eifrige Smyrnioten, noch bis heute die Anſprüche ihrer Vorfahren fortſetzend, behaupten.“ „Am pont de caravane, unter dem Schatten hoher Cypreſſenbaͤume iſt ein lieblicher Punkt. Stadt und Land erſcheinen von da in reizendem Gewande — 111— und der Café, den ein alter Osmaue dort zuberei⸗ tet, ſchmeckt koͤſtlich. Ein Theil der ſchoͤnen Welt erſcheint regelmaͤßig und die benachbarten Gärten ſind beliebte Sammelplaͤtze. Freilich, wenn Ihr die chriſtlichen Frauen von Jsmir, und es hat ſchoͤne und ſeltene Blumen hier, in ihrem groͤßten Glanze ſehen wollt, müßt Ihr nach Burnaba zu einem Feſte, wie ſie dort oͤfter ſtattfinden. Da kann ſich aber ein abgetragenes Kleid keine Anerkennung verſchaf⸗ fen und ſo wie ich jetzt bin wuͤrde ich nicht mitge⸗ hen. Begleitung,“ betonte er ſcharf,„iſt immerhin gut.“ Richard, der durch ſeinen Beſuch ſich beengt fuͤhlte, gieng auf jeden Vorſchlag ein. Er warf einen weißen Bernons uber die Schullern, bot dem Worffuͤhrer nebſt Begleitung ein Fruͤhſtuͤck in dem Vorzimmer an und beendigte dann ſeinen Anzug. Er ſtrich ſich die mißmuͤthigen Falten aus dem ſonſt klaren Geſicht. Es kam ihm vor, als ſei er in den Händen beſonnener Abenteurer. Auch an Aspaſia, den Herrn Andreas und das heimliche Kriegsſchiff dachte er wieder. Er fuͤrchtete die Dinge nicht bei⸗ ſammen faſſen zu koͤnnen.— Vorerſt beſchloß er den verworrenen Knäul in Ruhe zu laſſen. Ein Aleranderſchwert ſtand ihm noch immer zu Gebot. So ſehr gefäͤhrlich konnten die Maͤnner nicht ſein, — 112— deren Pläne ſich durch eine volle Flaſche und Schuͤſ⸗ ſel durchkreuzen ließen. Nur auf ſich ſelbſt mußte er alle Spannkraft wenden. Ein hoher Gipfel, ruhmvoll zu erſteigen, war ſein Ziel. Durfte ein Paar dunkler Augen ſolchen Einfluß auf ihn gewinnen, daß Alles An⸗ dere ihm unklar wurde? Bevor er die Liebe ge⸗ kannt, hatte ihn nach Ruhm und Freiheit ver⸗ langt.— „Und doch willſt du ſie heute ſehen,“ ſprach er leiſe vor ſich hin, als er unten auf der Straße mit ſeinem Gefolge angekommen war. Dieſes letz⸗ tere hatte bisher ſo wenig Anziehungskraft fuͤr ihn gehabt, daß er erſt jetzt den bleichen Erzaͤhler des Abends vermißte. Sie hatten ſchon einige Schritte vorwärts ge⸗ than und wollten eben in die innere Stadt einbie⸗ gen, als Eumino ploͤtzlich aus dem Winkel einer engen Gaſſe hervortrat und ſich ihnen anſchloß. Sein blaſſes Geſicht ſtach gegen die weinrothen ſei⸗ ner Ungluͤcksbruͤder gar ſehr ab. In ihm ſelbſt ſchien ein Zwieſpalt aufzutauchen. Der Mangel, der Hunger empoͤrten ſich gegen ſeinen Stolz, der ihn abgehalten hatte mit den zudringlichen Beſuchern zugleich zu erſcheinen. Er fuhlte ſich matt und ab⸗ geſpannt, nicht im Stande uͤber den entkraͤfteten, kranken Koͤrper die Herrſchaft zu behaupten. — 113— Jene giengen muthig einher, ihr Schiff fuhr mit vollen, ausgeſpannten Segeln. Was lag daran, wenn ſie im Sturme die Ehre als unnoͤthige La⸗ dung uͤber Vord geworfen batten? Beſſer Wetter, neuer Ballaſt!— Armer Fluͤchtling! Du haſt dir einen falſchen Namen gewaͤhlt. Sie haͤtten dich aus der Heimath mit ihren Reichthuͤmern nicht vertrei⸗ ben duͤrfen, die argen Menſchen. Auſſer ihr giebt es fuͤr dich kein Gluͤck. „Wir wollen die Andern vorauslaſſen, Eumino!“ ſprach Richard, vertraulich zu ihm tretend,„ſie werden uns nicht verloren gehen und wir moͤgen dann ungeſtoͤrter miteinander reden.“ Der Englaͤnder blickte voll Theilnahme in die leidenden Zuͤge und als er wenig Hoffnung, nur eine muͤhſame Reſignation ſah, fuhr er gleich wie⸗ der fort. „Die Kenntniß fruͤherer Verhältniſſe eines Menſchen floͤßt Intereſſe fuͤr deſſen Gegenwart ein. Beſchuldigen und Anklagen der Vergangenheit iſt zwecklos. Doch warum jetzt dieſer ſtarre Stolz, wo es viel erſprießlicher in den Drang der Umſtaͤnde ſich zu fuͤgen. Die Zeit iſt unangreifbar, ſelbſt wenn wir mit verzweifeltem Widerſtande kaͤmpfen und ringen, kann hoͤchſtens fuͤr uns ein Reſultat hervor⸗ gehen, das fremden Augen unſichtbar bleibt. Wie die Welle des Meeres, ſo oft ſie auch anſtromt mit — 114— Brauſen, ſtets von dem Felſenriffe zuruͤckgeſchleudert — wird, daß ſie in weißem Schaume aufſprizt, iſt es auch fuͤr uns verderblich das Unmogliche zu wol⸗ len. Vermoͤgen wir es nicht, fehlerhafte Verhaͤlt⸗ niſſe zu ertragen, in die Lächerlichkeit der Menſchen uns zu ſchmiegen— hinaus in die Welt! Aber da dann einen Standpunkt ausgeſucht und wenn das Eine nicht geht, das Andere ergriffen. Das Hängen in der Vergangenheit, das trube Forſchen wirkt zerſtoͤrend.“ „Jene flachen Geſellen da vor uns mit ihren trivialen Bedürfniſſen, den fleiſchlichen Geſinnungen befinden ſich beſſer, als du, mein Freund! Du ver⸗ magſt nicht das Weltliche wegzuleugnen, das Irdi⸗ ſche reißt dich herab von der Hoͤhe deines Stolzes. Die Racht der Verzweiflung wird immer mehr dich umſchatten und wenn du in deinem bisherigen Le⸗ ben verharrend, der Nothwendigkeit weichen mußt, wenn du Hunger, Regen, Kälte, wenn du die Men⸗ ſchen nicht fuͤrder ertragen kannſt, wirſt du ihnen gewaltſam zu entfliehen ſuchen. Du weißt, welche Flucht ich meine. Der Tod kommt auch ohne uns. Er allein laͤßt ſich nicht ſuchen. Das Leben aber, das Wirken muͤſſen wir uns bilden. Eumind! willſt du mit mir ziehen? Ich gehe wieder nach Hellas. Dort iſt ein Beruf, ein Wirken, ich will mit dir theilen. Freilich kann auch da das Schickſal mit — 115— Sturm und Donner heranziehen. Was es bringt muͤſſen wir dann als eine Pruͤfung unſeres inneren Ichs betrachten. Soll ich dich loskaufen von dei⸗ nen Gefaͤhrten?“ Richard ſah ihm tief in die dunkeln Augen, in denen Funken des alten Feuers wieder aufflamm⸗ ten. Ein leiſes Roth hatte ihm die Wangen über⸗ zogen. Der arme Fluͤchtling ergriff jezt die Hand des Beſchuͤzers und druͤckte ſie an ſein Herz. Er war weich geworden vor Wehmuth und doch war der fruͤhere muthige Geiſt wieder eingezogen in die kranke Huͤlle. Seine Willenskraft war nicht mehr gelaͤhmt, er wollte ſich aufraffen vom Boden. „Fort, fort von hier, in den Kampf, in den Krieg!“ rief er leidenſchaftlich. Sie waren noch in der Tuͤrkenſtadt. Die lau⸗ ten Reden hatten die Moslems aufmerkſam gemacht und mehr als einmal kam das verhaͤngnißvolle, dro⸗ hende„Biaur“ uͤber die Lippen der eiferſuͤchtigen Herrſcher. Die neuen Freunde eilten raſcher vor⸗⸗ wärts um das Freie zu erreichen. Richard, der voran, hatte keine Ahnung davon, daß der kranke Enminvo die letzte Kraft anwendete, ihm gleich zu bleiben.— So gelangten ſie, durch die bald krummen, bald graden, meiſt jedoch engen und ſchmuzigen Straßen, hinaus. — 116— Die Natur prangte in uͤppigem Fruͤhlings⸗ ſtolze. Die Stralen der Sonne ſprangen und glaͤnz⸗ ten auf Sträuchern und Baͤumen. Ringsum war es grün, Berg und Thal in das Gewand der Ah— nung eines Juͤnglingsherzens, des ſtuͤrmiſchen, jauch⸗ zenden Dranges gekleidet. Das Auge Richards ſchwelgte. Die Fluͤchtlinge waren vor ihm, ſchon an dem Vereinigungspunkte ſeiner harrend. Er achtete ihrer nicht. Für den Augenblick hatte er ſelbſt fuͤr Eumino, der keuchend, mit fieberhaft ge⸗ roͤtheten Wangen hinter ihm ſtand, keine Aufmerk⸗ ſamkeit. Sein Herz war zu voll. Mitten in die bluͤhende Gegenwart kamen ihm die nebelhaften Ge⸗ ſtalten der grauen Vergangenheit, die glänzenden Bilder der Zukunft. Hier, im Anſchauen des herr⸗ lichen Landes, konnte er ſich die fabelhafte Sehn⸗ ſucht der Barbaren, den Grund ihrer Voͤlkerzuͤge, ihre mörderiſchen Kaͤmpfe, erklaͤren. „Wird der glaͤnzende Himmel ſtets ein ſo traͤ⸗ ges, entartetes Volk beſcheinen, oder entgeht dieſem das ſchoͤpferiſche Element und muß erſt ein neuer Kreuzzug das Alte zerſtoren,“ ſprach er halb fuͤr ſich,„wird kein junges Leben auf den Truͤmmern erſtehen?“ „Sicher!“ antwortete ihm mit leiſer, erſchoͤpfter Stimme Eumino.„Doch ich,“ fuhr er wehmuͤthig fort,„ich werde es micht mehr ſehen, ſelbſt wenn die Welt ein neues zauberhaftes Schaffen und Gebaͤ⸗ ren, ſtatt der maͤhligen Uebergaͤnge von Tod zu Leben, von Sein zu Erſtarren, beginnen ſollte.“ Richard ſah beſorgt den Klagenden an, der huͤlfebeduͤrftig das Haupt auf die Bruſt herab haͤn⸗ gen ließ. Behutſam fuͤhrte er ihn weiter, forſchte liebevoll und ſchonend nach der Urſache ſo unge⸗ gewoͤhnlichen Zuſtandes. Aber jene Kraft, die ſich vorhin zum letzten⸗ male ermannt hatte, war jetzt am Ende. Der Stolz des Fluͤchtlings war geknickt. Die Natur verlangte gebieteriſch ihr grauſames Recht. Seine veraͤchtlich aufgeworfenen Lippen wollten zu keinem ſchmerzli⸗ chen Laͤcheln ſich glaͤtten, der verzweifelnde Hohn ſaß feſt. Jede Anſtrengung war vergebens, der ei⸗ gentlich tiefe, graſſe, innere Schmerz kam zum Vor⸗ ſchein. „Was mir fehlt?“ antwortete er jezt in einem Tone, in dem er das ganze Leben anklagte,„es iſt ſehr wenig, ach! und doch ſo viel.“ „Brod, Brod!“ ſchrie er in ſichtbarer Ver⸗ zweiflung,„Hunger, quälender Hunger in meinen Eingeweiden.“ Er hatte in Tagen nichts gegeſſen. Das ueber⸗ treten aller Gefuͤhle, die mählige Auftegung hatte den Zuſtand der Erſchoͤpfung noch mehr vermehrt. Er ward ploͤtzlich ſtille. Es war offenbar, daß es . — 118— ihn ſchmerzte die heimliche Qual nicht verſchwiegen zu haben. „Es hat nun keine Noth mehr. Es wird bald voruͤber ſein,“ ſetzte er noch beſchwichtigend hinzu, als er Schrecken und Schauder in den Mienen des Freundes ſah. Er wußte nicht, wie wahr er re⸗ dete. Richard zitterte am ganzen Koͤrper, und wenn es auch ein Widerſpruch ſcheint, ſo iſt es doch wahr, wie der Schrecken ſich an ihn legte und alle Kraͤfte ſeines Geiſtes zu beherrſchen ſchien, war ſein Blick am ſchaͤrfſten. Er ſah, daß hier jede Huͤlfe zu ſpät. Einzelne Worte des Troſtes entſchluͤpften ihm noch, doch draͤngten ſich ſchon die Gedanken uͤber das trau⸗ rige Schickſal des Armen dazwiſchen. Muͤhſam hatten ſie den geruͤhmten pont de caravane, wo die Uebrigen bereits, gleichguͤltige Geſpraͤche fuͤhrend, die ſchoͤne Gegend betrachteten, erreicht. Der Britte war jetzt nicht in der Stim⸗ mung mit ſo gewoͤhnlichen Menſchen zu verkehren, er war nicht unbefangen genug. Was zarte Ruͤck⸗ ſicht irgend noch erfinden konnte, ließ er dem Kran⸗ ken angedeihen. Dies war aber auch Alles. Es fehlte ihm jede Anknuͤpfung mit den vom hoͤheren Leben Verlaſſenen, aller Stolz erwachte wieder in ihm. Sie waren ihm zu leer, er ſah nichts als — 5 die dunkeln Schatten auf ihren Geſichtern. Unwil⸗ lig wandte er das tiefblaue Auge von ihnen ab. Waͤhrend dieſe ſich jetzt um ihren alten, treuen Gefaͤhrten hielten, jeder eine beſondere Urſache ſuchte, wo Alles zuſammengewirkt hatte, Richard von Mitleid getrieben, ab und zugieng, kuͤmmerte ſich die zahlreiche Geſellſchaft auf dem Pont de ca- ravane nicht im Geringſten um die Frankengruppe. Der ſchoͤne Morgen hatte Viele herausgelockt. Es war jedoch mehr ein dumpf ſinnloſes Verlangen, den Körper in die freie Luſt zu tragen, als tief liegendes Beduͤrfniß das Schoͤne zu genießen. Auch Levantiner zeigten ſich, aber ſelbſt dieſe blieben gleichgultig. Die blaſſen, trockenen Geſichter ſahen aus wie Zahlen. Ihre Haͤupter waren Rechnenma⸗ ſchinen, die ſich mit dem fallenden oder ſteigenden Courſe der türkiſchen Paras und Piaſter beſchaͤft⸗ tigten. Ein leichter Wind bewegte fluſternd die hohen Cypreſſen des nahen Tuͤrkenkirchhofs. Vielleicht, daß ſie den armen, unglücklichen Europaer, der ſich⸗ mitten in dieſer Herrlichkeit zum letztenmale in ſeine irdiſche Heimath ſehnte, beklagten. Die Sonne ſchien auf die bunt bemalten, ſteinernen Turbane der Graͤber, ihre glänzenden Stralen ſchillerten in allen Farben. Die Wellen des beruͤhmten, doch mit der Zeit gar klein gewordenen Fluſſes, murmelten ein⸗ 120— toͤnig fort. Moͤglich, daß ſie bei den alten Joniern andere Weiſen ſangen. Die Menſchen, ja die Men⸗ ſchen, die Geſtalten und Traͤger der Gegenwart, die Sildner der Zeit und ihrer Zuſtände, ſaßen auf kleinen Rohrſtuͤhlen— im Palais royal ſind aͤhn⸗ liche— ließen ſich von dem alten Tuͤrken Café ge⸗ ben und ſtarrten unempfindlich uͤber die vielen Rauchwolken hinaus in die ſchoͤne Welt. Dieſe Ruhe und Groͤße der Orientalen, wie klein erſchien ſie jetzt! Wenn ſie eine oder zwei Stunden ſo da⸗ geſeſſen, ſtanden ſie langſam auf, legten die Tſchim⸗ boukis und einige duͤnne Metallplättchen mit dem Schriftzuge des Sultans auf einen abgeſchnittenen Baumſtamm und entfernten ſich. Es iſt uͤbel, wenn das Leben der abgeſtumpf⸗ ten Sinnlichkeit keinen Reiz mehr bietet, und doch hat der Geiſt nicht Kraft genug, ohne Aeuſſeres zu beſtehen. Da gilt denn Alles. Die Befriedigung roher Neugier, wenn ſie noch nicht verſchwunden, iſt auch ein Genuß. Moͤglich, daß ein Theil derjenigen, die ſchon die Stadt wieder aufgeſucht, die Zuruͤckgebliebenen um das Schauſpiel beneidet haͤtte. „Herr Jeſus!“ ertoͤnte eine Stimme aus der europaͤiſchen Gruppe,„er ſtirbt.“ Der Ruf der Verzweiflung drang gellend in die Ohren der Tuͤrken. Jener abſcheuliche Name — 121— erregten den Zorn der glaͤubigen Herzen. Sie ſchauten auf, um den Propheten zu vertheidigen. Es war kein Angrif. Ein Chriſt lag in den letzten Zugen, rang mit dem Tode. Das Blut ſtuͤrzte ihm aus Naſe und Mund, uͤberſtroͤmte den zuckenden Leichnam, wenn man ein dem Tode verfallenes Erbe, in dem der letzte Kampf noch ſichtbar, ſo nennen kann. Eumino hatte ſich an die Bruſt ſeines aͤlteren Landsmanns gelegt. Sein Gaumen war trocken, der Mund brante heiß und fieberiſch. Tiefe Blaͤſſe und hohes Roth wechſelte auf ſeinem Antlitz. Die Augen gluͤhten in duͤſterem Glanze. Krampfhaftes Lächeln zuckte um ſeine Lippen, mit den Haͤnden hatte er Stuͤcke Brod erfaßt, die die Maͤler ſeiner Finger zeigten. Sein Bemuͤhen etwas zu genießen, war vergebens geweſen, nur einen Trunk Waſſers hatte er hinunter gebracht. Auf dieſen Zuſtand furchtbarer innerer und aͤußerer Aufregung war ſcheinbar Ruhe gefolgt. Er lag der Laͤnge nach ſchlafaͤhnlich, als er plotzlich aufſprang, das blaſſe Haupt hoch empor⸗ richtete und mit dem Arm einen unſichtbaren Feind abzuwehren ſuchte. „Italia“ war das lezte Wort, das uͤber ſeine Lippen kam, dann ſank er zuſammen wie eine Eiche unter dem Beile des Frevlers. Der Quell des Blutes drang unaufhaltſam hervor. Der ſcharfe 6 — 122— Gang, die feine, ungewohnte Luft— er hatte Tage lang ſeinen Kummer in ſchlechter Kneipe verborgen — der uͤberreizte Zuſtand der kranken Bruſt moch⸗ ten wohl Urſache ſein. Wie er jezt dalag, der einſt reiche und ange⸗ ſehene Mann, dem das Gluͤck und die Ehre in der Wiege gelächelt, um ihm ſpaͤter treulos den Ruͤcken zu wenden, gab er ein trauriges Bild menſchlichen Elends. Die halbe Welt hatte er durchirrt, nir⸗ gends eine Heimath gefunden, um im lezten Hoff⸗ nungſchimmer den Tod zu finden. Einen Tod in fremdem Lande, umgeben von Barbaren, gleichguͤl⸗ tigen, trockenen Herzen. Selbſt die ſchwarzen Fit⸗ tige hatten ſich nicht freundlich auf ihn herabgeſenkt. Das ſchoͤne, geiſtreiche Antlitz, in das manches glänzende Frauenauge mit ſehuſüchtigem Verlangen geſchaut, war krampfhaft verzerrt. Kein ruhiges Lacheln, wie wohl ſonſt der Fall, milderte den Anblick des ewigen Schlafes. Verzweiflung lag in den ſtarren, gebrochenen Augen und die Hand hielt noch immer jenen Biſſen Brod, der vielleicht einige Tage fruͤher, ein ſtolzes, reines, unbeflecktes Leben länger gefriſtet hätte. Die, welche jezt ſeinen Leichnam umſtanden und denen er, ein Lebender, durch mannigfache Entbehrungen und Opfer, das harte Daſein gemil⸗ dert hatte, waren ſo ergriffen, als es ihre harten, — 123— rauhen Nakuren nur geſtatteten. Sie beweinten ihn nicht— ach! Thränen waren ihren Augen fremd— aber ein ungewoͤhnlicher Ernſt hatte auf den verwilderten, zerfezten Geſichtern, die fruͤhere bittere Gleichgültigkeit und Frivolität verdrangt. Einen Augenblick berathſchlagten ſie, ob ſie dem Todten gleich hier die lezte Ruheſtaͤtte graben, oder ihn in die Stadt tragen ſollten. „Wir haben kein Geld, um ihn in geweihte Erde zu legen,“ ſprach ihr Wortfuͤhrer mit moͤg⸗ lichſt kalter Stimme, der man es aber anhörte, daß tief in ſeinem Innern die Leidenſchaft tobte, „und wenn er wuͤßte, daß wir für ihn bettelten, er würde ſich im Grabe umwenden. Er war ja im⸗ mer ſo ſtolz. Dort unter den Cypreſſen, dicht ne⸗ ben den Tuͤrkengrabern, laßt uns ihm ſein Lager zu recht machen.“ Die uͤbrigen entſezten ſich. Den tiefen, beſeli⸗ genden Glauben hatten ſie laͤngſt aufgegeben. Vor dem Verlaſſen der aͤußeren Form ſchreckten ſie zuruͤck. „Geld,“ ſprach Richard dazwiſchen,„Geld! ſollt ihr haben. Kauft ihm eine Staͤtte, begrabt ihn chriſtlich. Doch mir erſpart die Folge; ich bin ein Ketzer.“ Er reichte ihnen einen vollen Beutel dar, warf noch einen langen, langen Blick auf den Dahinge⸗ ſchiedenen und trat zuruck. 6 N — Er ſezte ſich tief in den Hintergrund von den Menſchen fern und weinte. Der Morgen auf dem pont de caravane war nicht ſchoͤn, ſondern ſchmer⸗ zenreich.— Lange, nachdem die Fluͤchtlinge ihren Todten weggetragen, die ob dem fremden Ereigniſſe neugierig zuſammengetretenen vielgläubigen Bewoh⸗ ner von Jsmir ſich entfernt hatten, oder doch den Vorfall nicht mehr beſprachen, gieng Richard ein⸗ ſam ſeiner Wohnung zu. Mitten in der Stadt un⸗ ter dem lauten Draͤngen und Treiben des Tages ſchwebte ihm noch immer das bleiche Todesantlitz des Freundes vor.—— Der Britte ſaß duͤſter und in ſich gekehrt bei Tiſche. Die Speiſen ſtanden unberuͤhrt vor ihm. Es ſchien, als trage er Groll gegen die fleiſchliche Materie, von deren Nothwendigkeit er einen furcht⸗ baren Beweis erhalten hatte. Es war eine gar traurige Stimmung. Die Schwingen der Leiden⸗ ſchaft, die ohne Weiteres uͤber die Erſcheinungen im Leben hinfliegen, jede Wirklichkeit in buntem Ge⸗ wande ſehen und dabei der einen Richtung ſo lange folgen, bis ein gewaltſamer Ruck ſie wider Wiſſen zu Anderem treibt, fehlten ihm. Sein Geiſt be⸗ ſchaͤftigte ſich mit Prüfungen. Zweifel ſtiegen in ihm auf. Aengſtlich wog er die Fuͤr und Wider ab. Er war viel zu gebildet und mannichfaltig, um an Einem ſich aͤngſtlich feſtzuklammern, wenn er auch Conſequenz nie auſſer Acht ließ. Die Taverne mit den grauſen, abenteuerlichen Geſtalten, der raſche Tod, das wilde, verwegene Leben machte ihm viel zu ſchaffen. Er vergaß es ganz, daß er die Anſpruͤche eines engliſchen Gentle⸗ — 126— man an die fremdartigen Erſcheinungen Cultur und Civiliſation entbehrender Laͤnder mache. Vielleicht auch, daß der mangelnde Comfort, das ihm nun bevorſtehende Alleinſein in der großen Stadt Vieles zu ſeiner gruͤbelnden Unbehaglichkeit beitrug. Oft, wenn wir auf hohem Cothurn einherſchreiten, folgen wir einem kleinen Motive. „Du mußt hinaus in den Hafen, auf einem Schiffe weht dich gewohnte Luft an. Das vom Tode umarmte Intereſſe muß aus dem Gedächtniß, das bunte Leben mit ſeinen Illuſionen wird dich zerſtreuen. Oder waͤre die Begeiſterung in dir er⸗ ſtorben, erfaſſte dich die Reue, haäͤtte in der That das fremde Volk mit ſeinem Kampfe keinen Reiz mehr für dich! In deine Naͤhe muß ich wieder, blaſſes Weib, den verführeriſchen Glanz deiner dun⸗ keln, ſchmerzumflorten Augen will ich ſehen.“ Er ſprach ſo leiſe vor ſich hin, als die Thuͤre ſich aufthat und Andreas vor ihm ſtand. Mit dem äuſſeren Weſen des alten Seemanns war eine voll⸗ ſtändige Metamorphoſe vorgegangen. Wer ihn jetzt zum erſtenmale ſah, wuͤrde laͤngere Zeit gebraucht haben, um den hydriotiſchen Schiffbeſitzer herauszu⸗ finden. Ein feiner, ſchwarzer Anzug umſchloß den nervigen Körper, das rothe Feſi auf dem grauen Haupte war verſchwunden. In der Hand hielt er einen runden Caſtorhut, die Haare waren fein ge⸗ — 1— kämmt und lagen dicht auf den Schlaͤfen. Das ganze Geſicht war glatt, nur der dunkel gefuͤrbte Schnubart war geblieben. Als der ſchlaue Grieche die Verwunderung des Fremden bemerkte, uͤberflog ein freundliches Laͤcheln ſeine Zuͤge und nachdem er ſich einen Augenblick an dem ihm ſchmeichelhaften, ſtillen Wohlgefallen geweidet hatte, redete er Richard an. „Ich muß wohl zu Ihnen kommen, mein lieber Lord, um Ihnen den Beweis zu liefern, daß wir Griechen fuͤr fraͤnkiſche Sitten nicht ſo unempfind⸗ lich ſind. Ich hätte früher ſchon erſcheinen muͤſſen und die Vernachläſſigung ſo angenehmer Pflicht iſt mir ſchwer aufs Herz gefallen. In meiner Unwiſ⸗ ſenheit habe ich Sie ſchon oͤfter erwartet, nicht um mir einen Beſuch abzuſtatten, ſondern dem Schiffe. An Bord iſt eine Einladung für Sie erſchienen. Hier iſt die Karte, auch Aspaſia kommt zu dem Feſte. Sie hat ſich angelegentlich nach Ihnen er⸗ kundigt und wuͤnſcht ſehr, Sie zu ſprechen. Ich darf doch wohl eine bejahende Antwort mitnehmen.“ Die klugen, durchdringenden Augen ſuchten ſich ſelbſt die Antwort. Der triumphirende Zug um die zuſammengekniffenen Lippen zeigte ſeine Befriedigung. — Es liegt ein feines, geiſtiges Element in den Griechen, das durch die kraͤftige, heiß⸗ſinnliche At⸗ — mosphaͤre, die uͤber ihren Naturen herrſcht, nicht unterdruͤckt wird. Für den Augenblick konnte ſich Richard die un⸗ gewohnte Frankenrolle des Capitanos, die wie eine Ueberlegenheit ausſah, nicht erklaͤren. Moͤglich, daß es nur die Form, in die er ſich nicht fand. Wir Menſchen haͤngen immer von äuſſeren Eindrucken ab, wenn wir noch ſo ſehr auf Fuͤhrung der Welt durch Prinzipien dringen. Der kurze Aufenthalt im Orient, die fruͤher unbekannten Sitten, die ſich wie eine Nothwendigkeit an den Europaͤer gelegt, hatten ihn des heimiſchen Tones, wenigſtens bei Griechen entwoͤhnt. Andreas ſchien dieſes nicht zu beachten, oder lag ihm uͤberhaupt daran in jeder Hinſicht den Bei⸗ ſtand des fränkiſchen Freundes zu gewinnen. „Die Brigantine, Herr!“ fuhr er fort, indem er leiſer ſprach und das Haupt Richard mehr ent⸗ gegen neigte,„iſt in trefflichem Zuſtande. Geſtern Nacht haben wir aus dem engliſchen Kutter, der hinter uns vor Anker liegt, Pulver geladen. Die Joniſche Flagge iſt ein herrlicher Schuz. Sir Tho⸗ mas Maitland thut ſich viel zu gut auf ſeine Klug⸗ heit. Dieſesmal iſt er hintergangen worden. Wir ſind aber auch vorſichtig und eben darin„ daß Nie⸗ mand ſo verwegenen Frevel im befreundeten, mir — ½ — ½ — 129— aber feindlichen Hafen ahnt, beruht unſere Sicher⸗ heit.“ Eine Priſe habe ich ſchon ausgekundſchaftet. Jener tuͤrkiſche Schooner mit dem entſetzlich hohen Vorderborde und den zwoͤlſ metallenen Feuerſchlün⸗ den, die ſo ſchoͤn glaͤnzen, hat ohnweit der Douane ſein Segelwerk in Ordnung gebracht. Er iſt zum Auslaufen bereit, ich denke wir machen Jagd auf ihn. Freilich der muntere Faſching in Smyrna wird fuͤr uns noch vor Aſchermittwoch ſein Ende erreichen. Sie ſind ſo ſtille, lieber Herr! thut es Ihnen etwa leid, dem froͤhlichen ausgelaſſenen Trei⸗ ben den Ruͤcken zu kehren? In Griechenland fin⸗ den wir Alles wieder. Sie ſind noch nicht in das innere Leben von Syra eingedrungen. Man iſt arg⸗ woͤhniſch, ſelbſt gegen Philhellenen, die Eiferſucht mag wohl dazu beitragen. Wenn die Brigg den Hafen wieder erreicht, ſollen Sie ſehen, daß ſich in den kleinen Haͤuſern am Strande, zwar unſcheinbar von Anſehen, doch herrſcht im Innern derſelbe Reich⸗ thum wie hier, recht gut verweilen laͤßt. Der grie⸗ chiſche Handel hat noch Vieles aus der blutigen Zerſtorungsperiode der Revolution gerettet.“ Der Angeredete ſchwieg noch immer, aber in ſeinem Herzen gieng ploͤtzlich eine gewaltige Verän⸗ derung vor. Er hatte wieder Etwas, das Geiſt und Gemuͤth in Anſpruch nahm. In die erſtarrten Ge⸗ 6 4 —— danken war wieder Leben gekommen. Junges, fri⸗ ſches, bewegliches Leben ſprang in ihm. Das ſkep⸗ tiſche, nachdenkliche Weſen, das Warum, die Schick⸗ ſalsfrage war erdruͤckt. Die Empfindungen giengen auf, wuchſen und wogten in ihm. Der arme Pa⸗ ria des modernen Europa's war todt, er vergaß ihn jetzt. In der Ausſicht auf Kampf und Ruhm ſchwanden die truͤben, bleichen Kummergeſtalten. Es kam ihm ſogar vor, als ſei es ein Irrthum ge⸗ weſen, ſie aufzuſuchen. In ſeinen Adern rann hei⸗ ßes, jugendliches Blut, was hatte er mit den Zeriſ⸗ ſenen zu ſchaffen, deren Zuſtände keiner Heilung mehr faͤhig! „Capitän Andreas,“ ſprach er freudig,„das Leben in Syra mag ſein wie es will, ein ander⸗ mal von ihm, die Fahrt zur See reizt mich mehr. Des ſteten Herumziehens mit den Palikaren bin ich muͤde, auf dem Meere iſts beſſer. Wenn der Kiel rauſcht, die weißen, vollen Segel ziehen, dann jauchzt mein Herz. Das Volk der Hellenen mag uns ſeinen Beifall ſchenken, wenn wir den Tuͤrken in den Hafen von Poros oder nach Aegina brin⸗ gen. Ihr habt doch nicht an meiner Theilnahme gezweifelt?“ „Gewiß nicht und die Luſt am Kampfe iſt man an Eurer Nation gewohnt. Aber mein Auf⸗ trag von Aspaſia, das Feſt des Conſuls?“ 2— — 131— „Ich will erſcheinen und Morgen wieder an Bord gehen.“ „Ihr kommt dann einige Stunden fruͤher, als ſie,„ſezte der Hydriote hinzu. Zufrieden und heiter gieng er weg⸗ Der nun Einſame, ja Richard, ſchmuͤckte ſich zum Balle.— „Viene esser pregalo di onorar con sua presenza la festa di ballo che si dara in questa residenza consolar di S. M.“ Feiner diplomati⸗ ſcher Ton, in der Sprache des Signore Macchia- velli, die Worte klingen voll. Iſt man hier wei⸗ ter, als anderwaͤrts oder zuruͤck, ſprach der wohl⸗ bekannte Leſer vor ſich hin, als er die geſchmack⸗ volle Einladungskarte einſteckte, nachdem er einen lezten Blick in das hohe Spiegelglas geworfen. Er war ziemlich geſpannt auf die neuen Orienter⸗ ſcheinungen. Fuͤr einen Gentlemann, der die AMmals mancher Fashion genoſſen und die blonden Locken⸗ koͤpfe Altenglands dankbar in ſeinem Gedaͤchtniſſe aufbewahrte, konnten die dunklen Gluthaugen Ana⸗ toliens wohl auch Anziehungskraft beſizen. In je⸗ dem Falle war er gewiß, Eine, fuͤr die er Intereſſe hatte, zu ſehen. Ob er gegen Anderes gleichguͤltig bleiben wuͤrde— das wußte er ſelbſt nicht. Die Herzen der Maͤnner ſind oft bewegter und empfuͤnglicher, als die der Frauen und wenn eine — 132— maͤchtige Leidenſchaft ſie beherrſcht, ſind ſie im Uebrigen der Treue nicht unterthan.— Der feſtliche Palaſt lag dicht am Hafen. Es konnte zehn Uhr türkiſch ſein, die Nacht zog be⸗ reits heran und wahrſcheinlich um die Ideenverbin⸗ dung des Contraſtes in den levantiniſchen Haͤuptern nicht erſterben zu laſſen, wogte eine Menge ſchmu⸗ zigen Volkes auf dem mit ſchoͤnen Quadern geplat⸗ teten Kai neugierig auf und nieder. Die große Fahne des Conſulates flatterte luſtig im Abend⸗ winde. Reich bewaffnete Arnauten ſtanden vor der hohen Eingangspforte. Sie ſchienen mehr des Prunks halber und um auch ſichtbar die beigegebene Macht zu entfalten, da zu ſein. Denn dem Volke, das die unmittelbare Naͤhe des Hauſes ehrerbietig ſcheute, fehlte noch jene Keckheit, die ſich allenthal⸗ ben hinzugedrängt. In den europaͤiſchen Laͤndern iſt's freilich anders. In der Maſſe lebt ſchon das dunkle Gefuͤhl, daß ſie mit ſtarkem Arme ſich vor arbeiten duͤrfe, ſie weicht da nur der Gewalt als einem Feinde, deſſen Herrſchaft ſie ertraͤgt, weil es ein Muß.„ Die eben um ein großes Transparent ange⸗ zuͤndeten Oellampen rangen noch mit ihrem flackern⸗ den Lichte gegen die ſchwindende Helle des Tages. Das Aeußere bot ſo ein unvollendetes Bild dar. Im Innern des Palaſtes war der Anblick ein an — 133— derer. Die Fenſter waren verhangen und eine glaͤnzende Beleuchtung warf ihre reinen, ſchimmern⸗ den Stralen allenthalben hin. Die Hausflur, die Treppen waren mit Teppichen belegt. Eine Schaar von Dienern rannte geſchaͤftig hin und her. Die neuen Eindruͤcke des lang entbehrten, fremd gewordenen Elements fanden keinen Widerſtand in Richard. Er gab ſich ihm willig hin. Die Rich⸗ tung des Morgens war verloren, wenn ja noch eine Erinnerung in anderem Tone aufzutauchen verſuchte, wurde ſie durch die rege Erwartung zu⸗ ruͤckgedraͤngt. Heiteren und leichten Sinnes hatte er den Palaſt betreten. Vier kraͤftige, ſtarke Arme hatten ihn Unten ergriffen und ſchwebend die Trep⸗ pen hinauf durch dle Vorzimmer in den Saal mehr getragen, als gefuͤhrt. Der Marſchall rief ſeinen Namen.— Hier ſah er ſich jezt inmitten einer zahlreichen, glaͤnzenden Geſellſchaft. Die Toͤne der Muſik rauſch⸗ ten ihm entgegen, alt bekannte, liebe Melodien legten ſich ſchmeichelnd an ſein Ohr. Eine zauber⸗. hafte Helle, klar und ſtralend wie das Prisma eines Edelſteines, umſieng ihn. Faſt ergieng es ihm wie in einem Feenmaͤhrchen. Seine Blicke ſchweiften trunken umher, ohne vorerſt durch einen Gegenſtand ſich feſſeln zu laſſen. Die allgemeine Freude riß ihn hin, er fuͤhlte ſich von raſcher, — 134— überſchwellender Bewegung ergriffen, ließ ſich von dem rauſchenden Strome treiben. So fremd war ihm das reiche Leben geworden und doch hegte er tief in ſich einen ſolchen Drang zu demſelben, daß er laut haͤtte aufjauchzen moͤgen. Der Hausherr in Begleitung ſeines Conſuls kam ihm hoͤflich entgegen. Die freundliche Begruͤ⸗ ßung wirkte vortheilhaft und mit Wohlgefallen ſah er ſich wieder als Glied einer hoͤhern Geſellſchaft. Selbſt die Freiheit, der Kampf um ſie, die wech⸗ ſelnden Affekte erregter Leidenſchaften laſſen uns die Sehnſucht nach einer ſolchen nicht aufgeben. Nur dem ſtarren, fanatiſchen Schwaͤrmer mag es gelingen.— Der Ball nun, der ihn ſo anſprach, war auch in der That ein ſehr ſchoͤnes Feſt. Richard ſtand an die Wand gelehnt und ſchaute trunken von ſo vielen Reizen in das froͤhliche Treiben. Die wun⸗ derſchoͤnen Frauen, anmuthig zu dem, daß die Natur ſie ſchon ſo verſchwenderiſch ausgeſtattet, zogen an ihm voruͤber. Die dunkeln, ſieggewohnten und ſtra⸗ lenden Augen, die ausdrucksvollen, erregten Ge⸗ ſichter, die friſchen, ſchwellenden Koͤrper, getragen von dem Takte der Muſik, leicht und elaſtiſch uͤber den glatten Boden hinſchwebend, alle Kraͤfte in groͤßerer Spannung als gewoͤhnlich, wirkten mäch⸗ tig auf ihn ein. Schwerſeidene Gewaͤnder, gold und ſilberflimmernde Ballkleider umrauſchten ihn, bisweilen ſtreifte das loſe Ende eines perlenum⸗ wundenen Turbans ſeine Stirne, ſüßer, verlocken⸗ der Athem drang zu ihm Elektriſches Leben durch⸗ zuckte ihn, wenn ſeine Hand einen weißen, vollen Arm beruͤhrte, verlangende, ſtolze, uͤbermuͤthige, ſchmeichelnde Blicke ſich auf die fremde Erſcheinung richteten. Frohe ſinnliche Luſt ſchlug in den Herzen. Eine gleiche Seele, ein Element der Freunde wohnte in Allen. Und wenn er das Auge nun von den reizen⸗ den Geſtalten ab, auf die uͤbrige Umgebung wandte, begegnete ihm nur Uebereinſtimmendes. Der Glanz der vielen Luſtres und Kronleuchter ſtralte in tau⸗ ſend Brechungen aus den hohen Spiegeln zuruͤck, flimmerte und glizerte in den reichen Edelſteinen, welche das Haar, Arme und Bruſt der Frauen ſchmuͤckten. Bluͤhende Blumen aus Europa in das uͤppige Elima Aſtens verpflanzt, von kunſtfertiger Hand gepflegt und geſchmackvoll aufgeſtellt, hauch⸗ ten ihre Wohlgeruͤche aus. Oleander, Myrrthen, Caktus, Amaranthen, Orangen u. A., hier nur durch Kunſt in ihrer ſudlichen Entwickelung gehemmt, ſtan⸗ den in großen, marmornen Vaſen umher. Die Cultur Europas hatte ſich mit dem Reich⸗ — 136— thum Aſiens verſchmolzen. Geiſt und Sinnlichkeit waren ein Buͤndniß eingegangen. Immer neue Gaͤſte ſtroͤmten hinzu. Faſt alle Nationen waren repraͤſentirt. Europaͤiſche Seeof⸗ ficiere in glaͤnzenden Uniformen, den kleinen Dolch in einer zierlichen Scheide von Perlmutter an der Seite, die mit ihren Schiffen in dem weiten und ſichern Hafen von Smyrna von den muͤhſamen Pi⸗ ratenjagden ausruhten, bewegten ſich unter den Le⸗ vantinern. Ste dachten jetzt nicht an den Ruhm der Waffen, fuͤr den Zauber joniſcher Schoͤnheit ſchienen ſie deßhalb nicht unempfaͤnglich. Eben hatte Richard mit einigen Landsleuten ein Geſpräch angeknuͤpft und die kalten Engländer waren gleich entzuͤckt von der very fairness der ver⸗ fͤhreriſchen Aſiatinnen, als der Tanz begann. Die lockenden Toͤne des Orcheſters rauſchten durch den Saal. Die Paare eilten ſich anzuſtellen zu der Po⸗ lonaiſe. In das chaotiſche Durcheinander war ploͤtz⸗ lich Ordnung gekommen. Die einzelnen, hervor⸗ ragenden Figuren der reizenden Frauen wurden ſo noch bemerkbarer. Die dunkelroth ſeidenen, hellwei⸗ ßen, blanen und gelben Anzuͤge nahmen ſich wunder⸗ bar aus. Die lebhaften, etwas phantaſtiſchen Trach⸗ ten ſchmiegten ſich maleriſch um die uͤppigen und doch feinen Geſtalten, die ſchoͤn geformten Glieder, die entbloͤßten Arme, die vollen Schultern und Na⸗ — 137— cken noch mehr hervorhebend. Die glaͤnzenden Haare waren meiſt mit koſtbaren Shwals, denen Perlen und Edelſteine nicht fehlten, à l[Orient durchwun⸗ den, doch ſah man auch einfache Blumen, wie die Kunſtgeflechte fraͤnkiſcher Coiffeurs. Die feurigen, ſtralenden, lachenden Augen ſchweiften von den ei⸗ genen Reizen, kuͤhn, ſelbſtbewußt auf die Maͤnner. Die Herren und Gebieter der ſchoͤnen Frauen!— wir ſind mehr werth. Wie in den langen Reihen ein Paar nach dem andern an der hohen Geſtalt des Philhellenen vor⸗ uͤberſchritt und manches ſchoͤne Auge unter lang ſeidenen Wimpern hervorſchauend, den eigenen Par⸗ teer fuͤr den intereſſanten Fremden hingegeben haͤtte, wurde deſſen Herz noch bewegter. Hatte er ge⸗ ſchwelgt in dem Anblicke des Triumphzuges, waren alle Gedanken im Schoͤnheitsrauſche untergegangen, ſollte er einen hoͤheren Genuß haben. Die jetzt ein⸗ herkam, hatte er ſchon oͤfter geſehen, mehr denn einmal hatten ihn ſuͤße Schauer in ihrer Nähe durchrieſelt, doch ſo reizend wie heute war ſie ihm noch nie erſchienen. Alles Blut in ihm ſtroͤmte zu⸗ ſammen,— er ſah die Griechin. Schon von wei⸗ tem warf ſie ihm einen freundlichen Gruß zu und wie ſie näher kam, neigte ſie zutraulich das Haupt ihm entgegen und fragte, wo er ſo lange geblieben. Ihre Stimme klang wie Harfenton. Er konnte — 138— nur muͤhſam den Innen aufſpringenden Jubel zu⸗ ruͤckzuhalten. Und doch war dieſes Weib, welches einen ſo wunderbaren Eindruck auf ihn machte, we⸗ niger ſchoͤn als Andere, die er hier ſah. Ihnen gegenuͤber mit den jungen, ſchwellenden, verlangen⸗ den Formen, dem friſchen, ſinnlichen Hauche, der knospenden Sehnſucht, war Aspaſia eine tragiſche Erſcheinung. Sie war nicht bunt gekleidet zu hei⸗ terem, froͤhlichem Leben wie alle Uebrigen, ſchwarzer Sammt umfloß ihren Leib, Hals und Bruſt waren in feine Spitzen von Bruͤſſel gehuͤllt. Es war ein vornehmer Zauber uͤber die Geſtalt ausgegtſſen. Stirn und Wangen waren bleich. Kein Blutstro⸗ pfen ſchimmerte durch die weiße Haut. Das dunkle Haar in Flechten auf den Scheitel gewunden, die dunklen Augen hoben die tiefe Blaͤſſe des Angeſichts noch mehr hervor. Aus den feinen und zarten Zuͤ⸗ gen ſah der Schmerz, lang verborgenes Leid ſchwebte auf ihnen. Für Richard war dieſer Reif des Ungluͤcks ge⸗ fabrlich und die viel verheißenden Reize der bluͤ⸗ hendſten Jugend um ihn, waren nicht ſo mächtig. Eine hohe Roͤthe war uͤber ſein Antlitz geflogen und als er dem innern Drange gehorchend, von Neuem in die Augen der ſchoͤnen Frau ſehen, mit ihr re⸗ den wollte, war ſie laͤngſt an ihm voruͤbergeglitten. Er erblickte fremde Geſtalten. Nur der Mann, — 139— der ihre Hand haltend, ſtolz und gluͤcklich vor ihm geſtanden, den er in der gluͤcklichen Befangenheit des Augenblicks keiner Aufmerkſamkeit gewuͤrdigt hatte, glaubte er noch zu erkennen. Es war ihm plotzlich, als müſſe er dieſen ſchon irgendwo geſehen haben. Er ſtrich ſich mit der Hand uͤber die heiße, gluͤhende Stirne, aͤnderte haſtig ſeinen Standpunkt und ſuchte das Paar noch einmal aus der Reihe herauszufinden. Ein jaͤher Schmerz durchzuckte ihn. Argyros ſchritt neben der hohen Frauengeſtalt in dunkler Sammtrobe, einher. Die Rythmen der Polonaiſe klangen nicht mehr verfuͤhreriſch in ſein Ohr, ſie ſchnitten ſich in das zitternde bebende Herz. Aengſtlich harrte er auf das Ende des Tanzes. Es kam und waͤhrend ihm wilde Gedanken durch den Sinn flogen, ſein beleidigtes Herz ſich empoͤrte und nach Rache duͤrſtete, war die Griechin, immer noch neben dem Fanarioten, wieder in ſeine Naͤhe gelangt. Wie er ſie ſah, blieb er einen Au⸗ genblick unſchluͤſſig und bewegungslos. Er erkannte, daß er ſich faſſen müſſe, vielleicht regte ſich auch ein edler Trotz in ſeinem Buſen— Doch wo waͤre der Mann, der dem Gegenſtande ſeiner Neigung gegen⸗ uͤber, ein kaltes, ruhiges Benehmen behaupten koͤnnte? Es kam ihm plotzlich vor, als liege ein weicher Schmerz um den ſchonen, ſonſt ſo ſtolzen — 140— Mund, als rufe ihn ihr Auge. Das Verlangen ſie zu ſprechen, uͤberwaͤltigte ihn. Haſtig ſchritt er auf ſie zu.— Ueber das edle, blaſſe Geſicht der reizen⸗ den Frau flog ein Stral von Freude, ſie empfing ihn auf das verbindlichſte. „Sie ſind nicht heiter, mein edler Gefaͤhrte,“ ſprach ſie mit leiſer, ſchmeichelnder Stimme.„Wenn es Ihnen hier nicht gefaͤllt, wo aller Glanz von Smyrna verſammelt iſt und wo man ſich aͤngſtlich beſtrebt, die Sitten und Gebräuche ihres höheren, geſellſchaftlichen Lebens nachzuahmen, muß die Schuld an Ihnen liegen. Warum ſind Sie nicht zu mir gekommen?“ Alexandros riß die Antwort an ſich. „Herr Richard,“ redete er ſchnell hinein und ſeine Sprache toͤnte ſcharf, ein leichter Hohn lachte auf ſeinen Zügen,„ſucht die Nähe europaͤiſcher Officiere auf, die in Hellas geweſen ſind und hier eine guͤnſtige Laune des Paſcha abwarten, um in tuͤrkiſche Dienſte zu treten.“ „Das heißt,“ fuhr der Beſchuldigte auf und ſeine großen, blauen Augen ſpruͤhten Feuer und Zorn, hafteten mit unendlicher Verachtung auf dem verwegenen und nun ploͤtzlich furchtſamen Redner, „der Herr hier, der mir ſo viel Ehre anthut, als mein Dolmetſch aufzutreten, hat den Vermittler ab⸗ gegeben und er muß allerdings in vertrauten Ver⸗ — 141— haltniſſen mit den Tuͤrkenfreunden ſtehen. Noch in ſpäter Nacht, auf offener Straße haben ſie Scherz miteinander getrieben. Oder waͤre es vielleicht das fein berechnete Reſultat ausnehmender Klugheit ge⸗ weſen, haͤtte er als eifriger Freund ſeines Vaterlan⸗ des danach geſtrebt, den feindlichen Feldzugsplan zu erfahren, als er an den verwegenen Sprüngen der trunkenen Geſellen Antheil, wenn auch paſſiven, nahm?“ Sprachlos, bleich, vernichtet ſtand der Fana⸗ riote dem Feinde gegenuͤber. Der Spott hatte blu⸗ tig in ſein Herz gegriffen. Sein verwundeter, ge⸗ hoͤhnter Stolz verlangte nach Rache. Doch zur Rache des Augenblicks gehoͤrt der Muth. Die Worte ſchlugen wie ein ſchwerer Hammer von Eiſen an ſeine Stirne. Er hatte keine Waffe ſich zu ver⸗ theidigen. Ein Schrei der Entruͤſtung wollte tief aus der Bruſt uͤber ſeine Lippen dringen. Die Furcht hielt ihn zuruͤck. Einen falſchen, giftigen Blick auf den Franken werfend, hatte er kaum die Geiſtesgegenwart ſich gegen Aspaſia zu verbeugen und gieng. Im Gehen ſchien er die Sprache wie⸗ der gefunden zu haben. Zitternde Laute des Haſ, ſes, nicht mehr zu den Ohren der Beiden gelan⸗ gend, ſtieß er da hervor. Die Griechin ſah erſchrocken den Freund an. Die Schatten des Zweifels, des Verdachtes zogen leiſe uͤber ihr Angeſicht. Das Gefuͤhl der Natio⸗ nalitat mochte ſie zu Gunſten des Landsmannes ſtimmen— ſie hatte ihm einen ſchmerzlichen Blick nachgeſendet— Achtung. Erinnerung an das alte, wohlbegruͤndete Vertrauen, ſprachen Richard das Wort. „Sie ſind ſo ſtreng, ſo aufgeregt mein Freund? Hat Argyros Sie beleidigt?“ fragte ſie ſchuͤchtern, mit faſt bebender Stimme.„Wäre es moͤglich, daß ein ſein Vaterland liebender Grieche Sie belei⸗ digen könnte? Ich wuͤnſchte Sie waͤren Freunde. Ich moͤchte leichter in der Hoffnung eines gluͤckli⸗ chen Erfolges unſerer Beſtrebungen leben, wenn ich edle Kraͤfte vereint ſaͤhe.“ Der Britte ſchuͤttelte das Haupt. Ein truͤbes Lächeln ſaß um die feinen Lippen. Mehr that er nicht. Der Eindruck den, die ſchoͤne Frau auf ihn machte, hielt ihn zuruͤck. „Ich habe wohl unrecht,“ ſprach ſie wieder „meine Stimmung iſt nicht ballmaͤßig und ich ſtoͤre Ihr Vergnügen, aber Sie wiſſen es ja, die Idee des Wiederauflebens Griechenlands iſt ſtehend bei mir geworden, ſie verfolgt mich all uͤberall, iſt unauf⸗ loͤslich in mein denken und Thun hineingewunden⸗ Was wäre mir auch das Leben ohne dieſe Hoff⸗ nung! ich trage ſo ſchwer genug. Schauen Sie mich nicht ſo traurig an. Ich weiß, daß Sie nicht — 143— immer mit mir uͤbereinſtimmen. Doch wo iſt ihre Begeiſterung geblieben, daß ſie auf einmal meine Wuͤnſche fuͤr unerreichbar halten? Stehen uns we⸗ niger Mittel zu Gebot als fruͤher? Haben wir an Raum verloren, ſo iſt auch der noch nicht eroberte Theil mit einem ſtaͤrkeren Walle von Vertheidigern umgeben.“ Sie war lebhafter geworden. In der Bewe⸗ gung ſtreifte ihre zarte weiße Hand ſeine Schultern. Ein eigenes Leben ſtroͤmte durch ſeine Nerven. Er war jezt viel weniger zuruͤckhaltend als fruͤher. Waͤhrend ein neuer Tanz die Aufmerkſamkeit der Handelnden und Zuſchauenden feſſelte, die laute Stimme des Maestro francese die Touren einer Quadrille angab, ſchritt er an der Seite der ſchoͤ⸗ nen Geliebten, durch den großen glänzenden Saal. Er war nicht länger traurig, ſondern gluͤcklich. Fuͤr den Augenblick ruhten alle Zweifel in ihm. Die glaͤnzende Erſcheinung dicht zur Seite warf einen lichten Zauber uͤber alle Gegenſtaͤnde. „Sie werden mich nicht mißverſtehen“ hob er wieder an, als Aspaſia von Nenem in ihn drang und er das ungluckliche Zuſammentreffen mit Cu⸗ mino geſchildert hatte.„Sie ſind ſtets ſo guͤtig ge⸗ gen mich geweſen und entſchuldigen meinen fränki⸗ ſchen Ideengang. Ich kann in den raſchen Auf⸗ ſchwung von Menſchen, die Jahre gleichguͤltig ge⸗ * — 144— blieben, kein Zutrauen ſezen. Es muͤſſen da andere Motive zu Grunde liegen. Jede Halbheit haſſe ich, ganz oder nicht iſt mein Wahlſpruch. Doch ich vergeſſe mich, ich ſage was ein Anderer verſchwei⸗ gen wuͤrde. Laſſen wir Herrn Argyros, dem ich viel Gluͤck zum Siege wuͤnſche, ohne daß ich meine Anſicht uͤber ſein Heldenthum hier niederlege. Und nun noch Eines. Durch die Griechen allein wird ſchwerlich das Tuͤrkenthum vertilgt werden, ſie ſind ſelbſt zerriſſen. Aber es iſt eine gegebene Noth⸗ wendigkeit tn der Geſchichte ruhend, daß es unter⸗ gehe und da muͤſſen die chriſtlichen Voͤlker im Orient von ſelbſt ohne ihr Verdienſt zu einer freieren und ſelbſtſtändigeren Wirkſamkeit gerufen werden.“ „Sie ſehen mich unwillig, ſtrafend an,“ fuhr er laͤchelnd weiter.„Laſſen Sie uns ein anderes Ge⸗ ſpraͤch beginnen, denn die Vorſicht wollen wir nicht außer Acht laſſen. Haben Sie viele Verwandte und Freunde hier? Verzeihung fuͤr meine Frage. Es ſcheint mir ſo. Vieler Blicke ſuchen ſie auf und es ſpricht ein anderes Intereſſe, als das der Neuheit, aus den lebhaften Augen.“ Ein liebliches Lächeln ſpielte um ihre fein ge⸗ roͤtheten Lippen. Die Muſik ruhte; die ſchoͤnen Frauen kehrten zu ihren Sizen zuruͤck oder ſchritten Arm in Arm auf und nieder. Die dunkle Sammt⸗ robe zog Manchen an. Eine Menge Herrn und — 145— Damen umgab ſie. Keiner jedoch ſah ſich bevor⸗ zugt. Gewandten Geiſtes beantwortete ſie die viel len Fragen. Die Unterhaltung ward zu lebhaft und in dem Eifer zu gefallen, gieng das Beſondere verloren. „Mr. Blaque, der Redakteur des Couricr de Smyrne“ wendete die Griechin, vertraulich fluͤ⸗ ſternd, ſich wieder zu Richard,„legen Sie keine zu große Offenheit an den Tag.“ Die Worte klangeu ihm gar zu freundlich, wenn es auch der Warnung nicht bedurft hätte. Er hatte die Vorſicht eines armen Rajah nicht no⸗ thig, konnte frei und kuͤhn ſeine Meinung bekennen, wußte auch, daß hier jede Beſorgniß uberfluͤſſig. Ue⸗ berraſcht von den vielen freundlichen Erſcheinungen den lieblichen und intereſſanten Geſtalten, die ſich um ihn bewegten, wie haͤtte er da dem Verdachte einen Raum in ſeiner Seele geſtatten können! Das ganze Treiben erhoͤhte ſeine Stimmung und brachte ein recht inniges Behagen in ihm hervor. Die leb⸗ hafte Courtoisie, deren Gegenſtand die Chiotin war, fachte ſeine Eiferſucht nicht an. Noch mehr — er ſah mit unverhehltem Wohlgefallen die Be⸗ muͤhungen der fremden Chevaliers Sie ehrten was er liebte. Nur die nähere Beruͤhrung mit dem fanariotiſchen Vetter dünkte ihm minder ſchmeichel⸗ haft. 7 — 146— Auch Syſopoulo, der ſtolze Handelsherr in dem reichen aſiatiſchen Gewande, der ſich fragend an Aspaſia gewendet hatte, trat jetzt zu ihm heran. Kaum hatte der Rajah mit einem verbindlichen Danke die Unterhaltung begonnen und des nahen Abganges des gefährlichen Fremden ſicher, eine dringende Einladung ergehen laſſen, als jener kleine Franke vor dem die Griechin gewarnt hatte, ſich zu ihnen geſellte. Der Mann war geiſtig mehr werth, als Viele in dem glaͤnzenden Salon. Unter ſeiner hohen Stirne ſchauten große, kluge Augen hervor. Die ſpitze Naſe, der zuſammengekniffene Mund mit dem Lächeln des Sarkasmus zeigte von ſcharfer Beobachtungsgabe. Dennoch war unge⸗ meine Beweglichkeit der Grundtypus ſeines Weſens. In Smyrna, wie ſpaͤter in Stambul und uͤber⸗ haupt in den groͤßeren Staͤdten der Levante, galt er fuͤr eine gewaltige Geiſtesautorität und jene Sehnſucht nach den goldenen Mahmoudiés, die in begehrlichen Linien um die Winkel ſeiner Augen ausgepraͤgt war, konnte er mit der ſcharfen, dem Tuͤrkenthum geweihten Feder wohl befriedigen. Die drei bildeten eine ſonderbare Gruppe.— Der erſte, vorſichtige, auf ſeine Ahnen von mehr den einem Jahrtauſende ſtolze Grieche mit der De⸗ muth eines tuͤrkiſchen Unterthanen, die er nicht zu verlengnen wagte, mochte in den traurigen Wider⸗ —— — 147— ſpruͤchen ſeines Weſens, von den verderbten Zu⸗ ſtaͤnden des monotonen, ſeit lange unveraͤnderlichen Orients, Zeugniß geben. Die vornehme Zuruͤckhal⸗ tung des Englanders, deſſen uͤberall ſicheres Auf⸗ treten auf geiſtigem Bewußtſein beruhen mußte, die leicht erregbare und erregende Tbaͤtigkeit des ſcharf⸗ blickenden Franzoſen, bewieſen die Herrſchaft und Mannigfaltigkeit Europas. Im Anfange durfte man gleiche Verhaͤltniſſe und Gaben unter ihnen vermuthen. Aeußerer Anſtand fehlte dem Abkoͤmm⸗ ling ſo großer Vorzeit keineswegs. Das feine, in⸗ triguirende Benehmen, faſt Jedem ſeiner Nation eigen, machte ſich geltend. Als jedoch das Ge⸗ ſpräch immer lebhafter und waͤrmer, auch geiſtige Intereſſen von den Franken beruͤhrt wurden, er den Schein der Gleichgültigkeit nicht durchblicken zu laſſen wagte, uberkam ihn Verlegenheit. Mehr als einmal fuͤhlte er ſchmerzlich das wegwerfende Lä⸗ cheln, das die Lippen der Beiden uͤberzog. Der Stolz auf Reichthum beugte ſich vor dem Wiſſen. Es war gut für ihn, daß der Ruf zur Tafel die feinen Entwickelungen und Darſtellungen der ver⸗ ſchiedenen Syſteme unterbrach. Sir Richard ſtand ruhig, das Gegebene und Aufgenommene in ſeinem Geiſte nochmals uberſchauend, da, als Syſopoulo ſchon die Nähe Aspaſias aufgeſucht hatte; der ar⸗ tige Mentor des Orients ihm freundlich eine junge 7* —— Europäerin zufuhrte. Eine leichte Freude flog uͤber ſein Antlitz, als er ihren Arm in den ſeinen nahm und ſie die Sprache der Seine mit dem reinſten Engliſch beantwortete. Paar an Paar zogen die Gaͤſte in den Speiſe⸗ ſaal. Die langen, reich beſetzten Tafeln mit den mannigfaltigen Fremden und Einheimiſchen, die in allen Zungen redeten, gewaͤhrten einen eigenthuͤm⸗ lich anziehenden Anblick. Wie Richard jezt das Bule Britania hoͤrte, er hier in der Fremde ſich doppelt von Heimiſchem angeſprochen fuͤhlte, ward ihm ſo traulich, wie lange nicht, zu Muthe. Mit freundlich en Worten liebenswuͤrdigen Scherz heiter erwiedernd, wandte er ſich oft zu ſeiner ſchoͤnen Nachbarin. Wer einem mit dem bunten Wechſel in der Levante Unbekannten geſagt hätte, daß Viele der hier Verſammelten ſich zum erſten und lezten Male ſahen, würde keinen Glauben gefunden haben. Die Beſtändigkeit iſt im Leben nicht noͤthig. Der Au⸗ genblick erregt oft die ſchoͤnſten Gefuhle und an das ſtrenge Daſein anderer Zuſtände werden wir im⸗ mer noch gewaltſam erinnert. Damals bewegte die Herzen der Europäer noch nicht jene Liebe zur Regeneration des Türkenthums, die ſeitdem wie ein Alb oder wie eine politiſche Rothwendigkeit auf die weiſen Gemhther ſich gelegt — 149— hat und an der ſchoͤnen Abendtafel in Jsmir ſaßen viele Gentlemans, die ſonder Scheu gegen das Reich des Herrſchers der Glaͤubigen redeten. Der junge Lord wie ſie ihn nannten, nebſt ſeiner rei⸗ zenden Landsmaͤnnin, war ohnweit von ihnen und ſo ſehr er auch einer andern Richtung ſeine Auf⸗ merkſamkeit gewidmet haben wuͤrde, die innig ver⸗ wandten Klange ſchlugen zu freudig an ſein Herz- Die helle Saite beruͤhrt, toͤnte laut. Gegenöͤber dem begeiſterten Worte, blieb der Verfechter des Islam ſtumm, er war zu klug, um ohne Erfolg aufzutreten. Die mächtige Handelswelt ſelbſt, die hier einen Theil ihres Glanzes und Reichthümer, unter der rothen Halbmondfahne erworben, entfal⸗ tet hatte, blieb ruhig. Die Intereſſen ſchwiegen ei⸗ nen Augenblick. Die freie Rede, die tief in jedem Menſchen wohnenden Gefuͤhle für die Unterdruͤckten machten ſich geltend. Hie und da, bei Griechen, regte ſich ſogar der Uebermuth.— Der lang ge⸗ feſſelte Sclave jauchzt bei dem Schimmer von Frei⸗ heit. Zwiſchen ihm und dem erſehnten Ziele ſchwingt der Tod ſeine Hippe; doch er ſieht nicht die Ver⸗ nichtung.— Du bliebſt ſo ſchweigſam, Alerander! Sah'ſt dn vielleicht die Stroͤme von Blut, machte das Graͤßlichſte dich erzittern, oder war die tiefe Bläſſ⸗ — 150— deines Antlitzes, das Zittern deines Armes, die Folge einer andern, gleich ſtarken Empfindung? Aspaſia, zu beiden Seiten die Verwandten, ſah mit einer Miſchung von Wehmuth, Stolz und Begeiſterung heruber zu dem kuͤhnen Freunde. Je länger er ſprach. deſto erregter ward ſie. Die ſchoͤnen Augen ſtralten in glaͤnzendem Feuer, die bleichen Wangen waren roth geworden, die feinen Lippen ſahen froͤhlich aus, wie zum Leben. Wenn der ſtrenge Blick Syſopoulos ihr begegnete, kam ſie in Verwirrung. Sie war dann noch ſchoͤner. „Der Cyper hier iſt zu ſtark, der ſprudelnde Wein aus der Champagne berauſcht ſehr leicht. Selbſt wenn du nippſt, magſt du ſeine Kraft ſpuͤ⸗ ren. Was kuͤmmern uns Griechen die engliſchen Toaſte? ohnehin thun dieſe Herrn als waͤren ſie hier zu Hauſe“ eiferte der graͤmliche, eiferſuͤchtige Kaufmann. Sie warnicht trunken vom Weine. Das Feuer, das ihre Adern durchgluͤhte, die innerſten Nerven und Faſern durchdrungen hatte, war ein anderes. Doch die Wonne ihrer Seele ſollte nicht ohne eine Gabe herben Schmerzes ſein. Das an Ungluͤck gewoͤhnte Herz gab ſich nur zu leicht dunklen Ah⸗ nungen hin, mochte die Freude nicht dauernd er⸗ tragen. Den tiefen Eindruck, den jeder Laut auf ihr Gemuͤth machte, konnte ſie bei Andern nicht — 151— entdecken. Geſpannte Aufmerkſamkeit, ſo lange die ſchoͤnen und fremden Worte erklangen, war der ein⸗ zige Tribut, den der reife Theil der Geſellſchaft dar⸗ brachte. Sie haͤtte weinen moͤgen, als ſie ſah, daß kurz darauf ganz heterogene Gegenſtände mit derſel⸗ ben Empfaͤnglichkeit aufgenommen wurden. Der jähe Uebergang von hellem, ſtralendem Sonnen⸗ ſcheine zu gewoͤhnlichem Wetter legte ſich druͤckend auf ihren Sinn. Sie ſaß ſtille und kalt unter den feſtlichen Leuten und als es immer ausgelaſſener und lauter wurde, nur frohe Scherze hinuͤber und heruͤber wanderten an den langen Tafeln, glitt eine Thraͤne in den kleinen Silberbecher, der vor ihr ſtand. Ueber die eigene Schwaͤche erſchrocken, ſchaute ſie in den dunklen Cyper. Ein leichter Kreiß zitterte auf der Oberfläche. Der Wein kam ihr vor wie Blut. Ihre Lippen beruͤhrten ihn nicht mehr. Sir Richard, dem es gelang die eigenen Wuͤn⸗ ſche unterzuordnen, wenn Andere auf ſeine Theil⸗ nahme Anſpruͤche hatten, ſprach nicht mehr von Krieg und Freiheit. Mit gefaͤlligem Anſtande un⸗ terhielt er ſich mit der reizenden Miß Mary. Das ſchoͤne Mädchen ſaß dicht neben ihm und das Ge⸗ ſpraͤch gewann immer mehr an Lebhaftigkeit. Hier in der reichen, aſiatiſchen Stadt, unter den uͤppi⸗ gen Centifolien, hatte die zarte Blume der Heimath — 152— groͤßere Anziehungskraft. Die feine Huldigung, die der blonden Landsmännin mit den blauen Augen, den rothen Wangen und Lippen, reichlich geſpendet wurde, ſchmeichelte ihm nicht wenig. Sie hatte die kalte Huͤlle des nebligen Vaterlandes abgeſtreift, nur die echt weibliche Schamhaftigkeit bewahrt, die muntern Augen ſchauten blizend zur Welt hin⸗ ein und wenn ſie ſich laͤchelnd zu dem neuen Be⸗ kannten wendete, ihm eine Bemerkung mittheilte oder eine ſolche erwartete, trug ſie es nicht hehl, daß ſie Gefallen an ihm habe. „Tanzen wir Mary?“ ſprach Richard als die Tafel autgehoben und die junge Welt wieder in den Saal eilte. Mary nickte freundlich.— Ueber dem Hafen von Smyrne lag tiefe Stille. Die dunklen Schiffe zuckten lautlos an den ſchwe⸗ ren Ankertauen. Die Wolken ſahen grau und fahl aus. Der kuhle Morgenwind trieb ſie vor ſich her, damit der Tag die Nacht verdraͤnge. Die feſtlichen Reigen hatten aufgehört. Aus dem ſtattlichen Palaſte kamen immer mehr Gaͤſte⸗ Schlaftrunkene Diener mit großen Leuchten voran, geleiteten ſie nach Hauſe. Es giebt keine Wagen in der großen Tuͤrkenſtadt und den Beſizern von Millionen iſt es nicht gegeben, von ſtolzen Roſſen in raſchem Fluge ſich dahin führen zu laſſen. Ein⸗ — 153— gehüllt in winterliche Pelze ſchritten ſie mit ihren Frauen uͤber die oͤden Straßen. Jenes behagliche Gefuͤhl in die weichen Polſter eines Ruckſizes ſich zu druͤcken und mit der warmen Hand über die Augen ſtreichend, die gehabten Erſcheinungen noch einmal hervorzurufen, mußten die reichen Herrn entbehren. Richard hatte Mary bis zur Pforte begleitet und ſtieg jezt noch einmal die Stufen hinauf.. Er befand ſich in einer unbehaglichen Unruhe und wuß⸗ ten nicht, ob er gehen oder bleiben ſollte. Beſorg⸗ niß von der Lezten zu ſein, war nicht die Urſache dieſes ploͤtzlichen Zuſtandes. Unter den ſchoͤnen Frauen des Suͤdens gab es auch vorſichtige. Sie kannten die verderbliche Kuͤhle des Morgens nach genoſſener Nacht. Die leichten, durchſichtigen Ball⸗ kleider waren zwar verſchwunden, doch der Geſtal⸗ ten in Schleier und Roben ſah er noch manche. Die fremden Flottenoffiziere ſchienen geziemende Achtung vor den elimatiſchen Verhältniſſen erlangt zu haben. Im Gegenſaze zu dem zarten Geſchlechte waren ihre Vorſichtsmaßregeln auf innere Mittel gerichtet. Den neuen Genoſſen empfiengen ſie mit Jubel. Er ſtuͤrzte haſtig einen Becher mit Wein hinunter; dann trieb es ihn hinweg. War es vielleicht das Bild der ſchoͤnen Lands⸗ maͤnnin, das ihn verfolgte, oder ſuchte er von 7 —— Neuem die Naͤhe der ungluͤcktichen Frau aus Chios? Beide hatten ihn den ganzen Abend beſchaͤftigt und er hatte hinlaͤngliche Muͤhe gehabt ihre Vorzuͤge ge⸗ geneinander abzuwägen. Vorerſt ward ihm kein Reſultat und wie er eine Zeit lang hin und her gegangen, auf alle Gruppen das forſchende Auge gewendet, verließ er den Saal. Als er das Freie erreicht hatte und er ſtatt des feenhaften Lichtglanzes den nahenden Morgen ſah, kam ihm der verſchwundene Tag mit ſeinen tauſend Eindruͤcken wie ein Traum vor.— Alles war Bewegung in ihm, ſelbſt ſein Herz im Sturme. So ſchritt er denn immer zu, nur nach Hauſe konnte er nicht, die Waͤnde waren zu enge fuͤr ihn. Der Zufall fuͤhrte ihn wieder den fruͤheren Weg und als er an dem Hauſe Syſopoulos einen Au⸗ genblick ſtille ſtand, bemerkte er Licht. Er glaubte eine Gardine bewege ſich, doch konnte es auch ein Irthum ſein. „Gute Nacht! Aspaſia“ rief er in die Hoͤhe. Es regte ſich nichts in der Straße und ſo mochte ſie ſeine Stimme vernommen haben. Der Fluͤgel eines Fenſters oͤffnete ſich und wie er ſie jezt ſah, war es Gewißheit. „Schoͤnes Erwachen!“ erwiederte ſie freundlich. Da kam ein Stral des Gluͤcks uͤber ihn. Er ſah mit leuchtendem Blick zu ihr hinauf. Es war — 155— ihm, als wenn er einen Flor vor den Augen ge⸗ habt und ſei er, jezt erſt in voller Klarheit zu neuem, ſeligem Leben erwacht. Die Liebe hatte ihre Knospe geſprengt. Er hob das Haupt in die Hoͤhe, wie eine Blume, wenn der erſte Kuß der Morgenſonne den verſchloſ⸗ ſenen Kelch geoͤffnet hat. „Ich liebe dich, liebe dich unſäglich!“ rief er voll ſeeliger Hoffnung. Ein leichter Schauer uͤberrieſelte die Chiotin An Liebe hatte ſie nicht gedacht, die wähnte ſie tod im Herzen, das nur dem Vaterlande geweih, war. Wenn ſie einem Manne entgegenlaͤchelte war es nur um ein Schwert zu gewinnen, damit ſein ſcharfer Stahl den Altar von Hellas ver⸗ theidigen ſollte. Erkannte ſie das gefaͤhrtiche Spiel fuͤr eine Frau?— Sie antwortete nicht, aber wenn ſie es auch gewollt; er wuͤrde es nicht ver⸗ nommen haben. Er war weiter geeilt. Die Sonne ſtand ſchon glaͤnzend am Himmel, als er in das Hötel d'Eu- rope zurückkehrte und auf kurze Zeit ſein Lager ſuchte. Er hatte Smyrne nach allen Richtungen hin durchſtreift, er glaubte, nie eine ſchoͤnere Stadt geſehen zu haben. — 156— Im Leben kommt das Meiſte auf die Menſchen ſelbſt an. Die Welt bietet allenthalben Reize dar, es gehoͤrt nur ein eigenes Auge, eine offene Scele dazu, um ihr die ſchoͤnſten Seiten abzugewinnen. Die Brigantine hatte ihre Flagge aufgezogen. Viele Boote umkreißten das Schiff; mehre hatten angelegt, andere ſteuerten auf es zu oder ſtießen ab. Es herrſchte ein geſchaͤftiges, haſtiges Treiben, wie es meiſt der Abfahrt vorangeht. Mancherlei Vor⸗ rathe, lebende und todte, wurden noch emporge⸗ wunden. Erſtere kamen in ihre Behaͤlter auf dem Deck, leztere in die unteren Räume. Die nicht ſelbſt mit Hand anlegten, waren deshalb nicht minder beſchäftigt. Des Fragens, Rufens und Schreiens ſchien kein Ende. Hier wurde ein froͤhlicher, dort ein trauriger Abſchied genommen, uuter dem Schwenken bunter Tuͤcher den zuruͤckkehrenden Begleitern das lezte Lebewohl nachgerufen. So ohne Ordnung, wie bei der Ankunft, gieng es jedoch nicht zu. Das Schiff hatte ein beſſeres Anſehen. Herr Andreas ſtand auf dem Hinterdeck und ſeine laute Stimme drang rauh und feſt durch all das Reden und Schreien. Niemand widerſezte — 158— ſich den ſichern Anordnungen und die ſtolze Hal⸗ tung ſeines Koͤrpers ſchien es ſchon anzudeuten, daß er im Bewußtſein eines Befehlshabers handle. Maͤhlich wurden der Nachen weniger und auf dem Vorderdeck ertönte jenes geſangartige Schreien der Matroſen, das ſtets das Emporwinden der Anker begleitet. Aspaſia, den dunklen Schleier zuruͤckgeſchla⸗ gen, lehnte ſich über die Bruͤſtung hinaus und blickte auf die ſtolze Häuferreihe am Hafen, die in der Sonne des Nachmittags glänzte. Die ſchönen Züge ihres Angeſichts waren bewegter als ſonſt. Ihre Fahrt nach Smyrna war keine vergebene geweſen. Die Gelegenheit dem Vaterkande außergewoͤhnlich zu nuͤzen, ſollte erſcheinen. Ihr zur Seite ſtand Argyros, der durch fein Aeußeres von der raſchen Umwandlung des innern Menſchen Zeugniß gab. Ein Schwert hieng die Schultern herab auf ſeiner Huͤfte und daß es zum Kampfe gegen die Osma⸗ nen beſtimmt ſei, bewies der Grif in Kreuzesform. Etwas entfernt von Beiden, hinter dem Steuer auf der gruͤnen Bank unter der in wohlverborge⸗ nem Fache die Fahne des jungen Hellas ſich befand, ſaß Richard. Er ſtuzte nachdenklich das Haupt auf die offene Hand und nur wenn er die Waffe des Fanarioten anſah, milderte ein Schein von Lächeln den ernſten Ausdruck, der in ſeinen Mienen — 159— lag. Die kurzen Lippen waren feſt zuſammenge⸗ preßt. Vornehmer Stolz thronte auf der hohen Stirne und die weit auseinander liegenden Augen deuteten auf die inne wohnende Thatkraft, den kal⸗ ten, uͤberlegenen Muth. Die Entſchluͤſſe die er jezt faßte, waren der Ausführung gewiß. Doch innerer Beſchauung nachzugeben fehlte die Gele⸗ genheit. Die Erſcheinungen der Außenwelt nahmen alle Aufmerkſamkeit in Anſpruch, wenn es auch oft leichter iſt, durch die tiefe See zu ſchiffen als die Stuͤrme des Gemuͤths zu uͤberwaͤltige. Ueber den Haͤuptern der Sitzenden und Ste⸗ henden wurden die Segel entfaltet. Sie flatterten einen Augenblick ungewiß, dann faßte die leichte Briſe die aufgerollten Tuͤcher. Die Anker waren noch nicht vollends emporgewunden. Doch tauchten ſchon die eiſernen Haken aus den Wogen hervor. Die Wellen des Meeres ſchlugen ſtaͤrker an den Kiel der Brigantine, die Waſſer rauſchten und braußten. Smyrna erſchien ploͤtzlich von einer andern Seite. Das Schiff hatte gewendet, tenn ſeinen Lauf. „Fahre wohl! du Stadt der Freuden!“ rief der Capitano, indem er vergnügt ſeinen Schnurr⸗ bart drehte und die unruhigen, über Bord ſchwei⸗ fenden Augen, auf den Hafen mit ſeinen vielen Schiffen und die große Stadt richtete.“ Es muͤſſen — 60— andere Zeiten kommen, ehe ich dich wiederſehe. Um Tynioter dir zuzufuͤhren, Reis fuͤr Stambul zu la⸗ den, braucht man ſolch ein ſchmuckes Fahrzeug nicht, da genuͤgen ſchlechte Feluken. „Sir Richard! der Wind wird ſtaͤrker; wie leicht und ſicher durchſchneidet mein Schiff die Wellen!“ Der aber war wieder in Traͤumen und Schauen verſunken, hatte fuͤr jezt nicht Acht, auf den ra⸗ ſchen Segler, ſelbſt den leiſen Ruf der Chiotin uͤberhoͤrte er. Unverwandt blickte er auf die ſchei⸗ dende Stadt. Es ſchien als wolle er die reizende Anſicht tief in ſein Gedaͤchtniß praͤgen, denn als die hohen, weißen Minarete zu kleinen Spitzen ge⸗ worden, die Haͤuſer und Palaͤſte nur als eine zu⸗ ſammenfließende Maſſe von Bergen und Gruͤn um⸗ kraͤnzt dem Auge ſich darboten, ſchaute er noch immer. Suͤß traurige Melancholie hatte ihn uͤber⸗ ſchlichen und wenn auch das Gefuͤhl die Sprache ver Seele uͤber unſre inneren Zuſtaͤnde, ſich ſelbſt konnte er es eigentlich nicht geſtehen, was ihn be— gluͤcke und Schmerz bereite. Zog etwa der bleiche Schatten des todten Freundes mit dem grauen, geiſterhaften Weh um den geſchloſſenen Mund, die hohlen gebrochenen Augen, daß es ausſah als ſtamme es aus einem fruͤheren Daſein und ſei nur der treue Begleiter in dem raſch verſchwundenen Leben — 161— geweſen, an ihm voruͤber? oder war es die Liebe, die ihre Stimme erhob, traurig und glücklich zu⸗ mal? Da drang über die Wogen her, der dumpfe Schall einer Kanone zu ſeinem Ohr. Er fuhr auf von ſeinem Size, ſah um ſich. „Die Nacht bricht ein, Sir!“ ſprach Andreas. Der Schuß kommt vom Hafenfort, das hinter uns liegt. Kein Schiff darf mehr einlaufen nach Smyrna, wir aber ſind wohlbehalten auf offenem Meere, griechiſcher Heimath. Die Kuͤſte neben uns wirft ihre Schatten. Es wird raſch dunkel hier, ich muß noch einmal hinauf, um zu kundſchaften.“ Dabei ſprang er, ſein Fernglas uͤber die Schul⸗ ter haͤngend, behende die Strickleiter hinauf und kletterte bis unter die Spitze des oberen Maſtes. So, faſt mehr ſchwebend als ſtehend, lugte er ei⸗ nige Minuten, dann ſtieg er eilig herunter, nahm Joannes das Steuer ab, reichte ihm den Tubus und hieß ihn die eben verlaſſene Stelle einnehmen. „Suͤdoſt ein Segel,“ rief der Alte fragend in die Hoͤhe und als er Beſtaͤtigung erhielt überzog ein Glanz der Freude ſein rauhes Antlitz. „Herab, herab!“ heiſchte er nun und ſchritt, nachdem er das Steuer wieder abgegeben, voran an den Bug, um mit den Falkenaugen das Schiff noch einmal zu entdecken. — 162— „Wir ſollen genau unſern Papieren folgen“ begann er wieder mit triumphirendem Hohn„die lauten nach der Stadt und da muͤſſen wir wohl auf die Dardanellen zuſegeln.“ Die Sonne war untergegangen. Am Himmel flimmerten die Sterne und leuchteten in uͤberirdi⸗ ſcher, herrlicher Schoͤnheit. Es war ein die Seele uͤberwaͤltigendes, erhabenes Schaufpiel. Der alte Capitano und die Meiſten auf ſeiner Brigantine, die von friſchem Winde getrieben, raſch uͤber die Meereswellen dahin glitt, fühlten nicht die mächtige Groͤße der Natur. Ihre Herzen waren voll menſch⸗ licher Leidenſchaft. Waͤhrend rings umher lautloſe Stille herrſchte, der Glanz von tauſend Sternen aus dem dunklen Waſſerſpiegel widerſtralte, war auf dem Deck ein geraͤuſchvolles, thaͤtiges Leben. Andreas ertheilte Befehl uͤber Befehl. Der bejahrte Mann ſchien plötzlich alle Kraft und Friſche der Jugend wieder erlangt zu haben, ſo raſch und eifrig ſchritt er zu dem Werke. Wo es noth that, legte er ſelbſt Hand an, den ruhig herrſchenden Ton, die aͤußere Wuͤrde ſeiner Stellung hatte er ganz abgelegt. Unter lautem Sange, nicht unaͤhn⸗ lich den Liedern, die der Schiffer von Hydra oder Spezzia, wenn er mit vollen Netzen von dem Fange zuruͤcktehrt, aus froͤhlich bewegter Seele uͤber die Wellen zu dem Strande hin ertoͤnen laͤßt, wurden — —— Kanonen und Lavetten aus dem untern Raume der Brigg empor gewunden. Die wilden Marinaris begruͤßten jauchzend jeden Ankoͤmmling. Es waren alt bekannte, bewährte Freunde. „Ihr muͤßt die Pforten fuͤr die einzelnen Stuͤcke noch kennen. Beobachtet genan die alte Ordnung und beſezt beide Batterien zugleich damit das Schiff ſich nicht neige und ſo in ſeinem ſchnellen Laufe gehindert werde.“ Der edle Schiffsherr hätte nicht noͤthig gehabt ſo zu eifern. Ein eigenes Leben war uͤber die Mannſchaft gekommen. Die Sache gieng wie von ſelbſt und Mitternacht mochte voruͤber ſein, als die Joniſche Handelsbrigantine ſich in ein ſtattliches Fahrzeug zum Kriege umgewandelt hatte. „Geh zur Ruhe Joannes,“ ſprach jezt der Alte wieder„nur drei Mann ſollen Wache thun. Staͤrke und Kraft werden wir morgen beduͤrfen. Mancher geht vielleicht dem lezten Schlafe entge⸗ gen. Träume gut, das Erwachen wird bei dir heiter ſein.“*) Er warf einen vaͤterlichen Blick, *) Die ſcharfe Entfernung zwiſchen Offizieren und Matroſen findet man auf den griechiſchen Schiffen nicht wie auf europäiſchen. Die Subordination iſt minder ſtreng und gewöhnlich ſind die einzelnen Seeleute bei dem gan⸗ zen Unternehmen betheiligt. Lezteres neutraliſirt einiger⸗ maßen das Nachtheilige dieſer Einrichtung. — 164— voll liebender Sorge auf den jungen Mann, nahm das Steuerrad zur Hand und ſah abwechſelnd zu dem Sternenhimmel empor und auf den vor ihm ſtehenden Compaß Wenn er dann fand, daß ſein erfahrenes Auge ſchon aus den hell ſtralenden Freun⸗ den die zu nehmende Richtung erkannt hatte und die Nadel die Wahrnehmung beſtaͤtigte, lächelte er ſtolz vor ſich hin. Bisweilen entſchluͤpfte ihm ein Wort des Beifalls, doch folgte ſtets die Klage, daß es der Jugend zu leicht, Seeleute von altem Schrot und Korn, wohl nur ſelten aus ihr hervorgehen wuͤrden. „Edle Herrin!“ redete er die Chiotin an, die neben Richard und Alerandros noch auf dem ein⸗ ſamen Deck auf und niederſchritt„wollt ihr nicht hinuntergehen? Es iſt ſo Seemannsbrauch bei uns, daß der Capitano die Nacht vor dem Kampfe ein leztes Wort mit ſeinem Schiffe ſpricht“ Moͤglich, daß ich es Morgen verlaſſe, wendete er ſich laͤchelnd zu den beiden Maͤnnern,„wer wird dann die Brig in den Hafen führen? Sir Richard iſt ein Seemann, wie ſieht's mit dem Herrn aus der Stadt des Padiſchah aus? „Ein Grieche und des Lebens, wie der Zufälle auf dem Meere in jeder Art und Weiſe nicht kun⸗ dig— erwiederte keck Argyros— das wäre ſchlimm! dabei legte er die Hand au ſeine Waffe und ſah 3 —— ſtolz um ſich. Der dankbare, aufmunternde Blick Aspaſias erhöhte noch ſeinen Muth. „Es iſt ſo leicht nicht, Schiff und Leute zu regieren, nur durch lange Erfahrung mag man die Kunſt erlangen“ entgegnete unwillig uͤber die raſche, zuverſichtliche Antwort, Herr Andreas. Doch den neuen Helden focht es nicht an⸗ Die Freundin hinunter fuͤhrend, wuͤnſchte er raſch eine gute Nacht. In dem Tone ſeiner Stimme klang der kraͤftige Fuͤhrer. Richard ließ ihn ruhig gewaͤhren. Der vor⸗ ausſichtliche Kampf erfuͤllte ſeine Seele. Jezt trat ſelbſt die Liebe zuruͤck, er war nur Mann. Jene lächerliche Eitelkeit konnte wohl ein mitleidiges Lä⸗ cheln bei ihm hervorrufen, aber ſelbſt dieſe Empfin⸗ dung war nicht von Dauer. Sein Geiſt beſchaͤf⸗ tigte ſich mit Anderem. Die ſternenhelle Nacht war ſchoͤn, die ſtärkende Seeluft wehte ſein Antlitz an. Sein Herz ſchlug voll und gluͤcklich, er mochte ſich nicht entſchließen das Deck zu verlaſſen, auf einſamem Lager der Zukunft ins Auge zu blicken. Der Wind ward jezt ſtaͤrker und fuͤr den al⸗ ten Andreas war er ein freudiger, Gluͤck verhei⸗ ßender Gruß. Er ſchaute nicht mehr nach den Sternen, ſondern betrachtete nur die vollen Segel und prieß den raſchen Bau⸗ der Brig. Anblick dar. Es fuhr pfeilſchnell durch das Meer, es gab kein Hemmniß fuͤr es. Wenn die Woge, die gegen ſeinen Kiel anrollte noch ſo groß, es ſtuͤrzte ſich wie ein muthiger, furchtloſer Mann, der Alles verachtet und die Gefahr nicht kennt, hin⸗ ein, zerriß ſie und ſchwebte dann wieder ſtolz auf dem Waſſer. Sein Vordertheil badete ſich in den Wellen, der Schaum ſprizte hoch empor, uͤber⸗ goß das Deck. In Richard rief die ſchnelle Fahrt andere Ge⸗ danken hervor. Sein uͤberlegener Geiſt furchtete ein unangenehmes Reſultat. „Kyr Andrea!„trat er freundlich zu dem Al⸗ ten,„wenn wir ſo fortfahren, wird der Tuͤrke hinter, ſtatt vor uns bleiben und kann leicht ſeinem Verfolger entgehen. Es muß heller Morgen ſein, wenn wir ihn angreifen und da koͤnnen wir ein Segel beiziehen.“ Der Capitano ſah ihn groß an. Offenbar war es ihm nicht recht, daß ein Anderer fuͤr ihn ge⸗ vacht hatte, doch war die geäußerte Anſicht zu tref⸗ fend, als daß er ihr nicht haͤtte beiſtimmen ſollen. „Pietro, Marko! rief er der Wache zu,„laßt uns das oberſte Segel an jedem Maſte wegnehmen und Ihr, mein Freund, ſprach er lachend zu Richard, „werdet wohl meine Stelle am Steuer einnehmen Das Schiff bot in der Ehat einen herrlichen — — 167— muͤſſen, denn den armen Burſchen da unten wollen wir den Schlaf nicht rauben.“ 4 Die Segel flatterten im Winde. Der ſchlanke Bau des Schiffes zuckte einen Augenblick. Es war, als wuͤrde ihm eine Feſſel angelegt, dann glitt er von Neuem uͤber die vollen Wogen. Der Brite ſchritt noch einigemale uͤber das Deck, und ſuchte die Ruhe. Nur Andreas blieb auf ſeinem alten Plaze. Er ſah nachdenklich vor ſich nieder. Die Meerluft ſpielte mit ſeinem wei⸗ ßen Haare. Vornen an der Spitze der Brigg wach⸗ ten noch ein Paar Augen, ſie ſchauten munter in die Nacht hinein Der Ausdruck des jungen Ge⸗ ſichts zeigte keine beſondere Empfaͤnglichkeit fuͤr den Reiz des klaren Himmels, den Glanz der gruͤnen, flimmernden Wellen. Der dem erſten Kampfe ent⸗ gegen ſehende Seemann ſuchte das türkiſche Segel. In ſeinem Erfolge ungewiß, ſtieß er bisweilen mit dem nackten Fuße an den Gefährten; der aber hielt gute Wache Die braune Kapotte uͤber das Antlitz gezogen, lag er ruhig, in tiefem Schlafe, auf dem harten Boden. Ein zuſammen gerolltes Seil, war das Kiſſen, auf dem ſein Haupt ruhte. Der Morgen kam, ein ſchoͤner Morgen! und das große, weite Meer, von dem Fruͤhroth be⸗ leuchtet, erhabene Gefuͤhle in ſeiner maͤchligen Ein⸗ ſamkeit hervorrufend, je weniger Gegenſtaͤnde es — 168— dem menſchlichen Auge darbot, trug ſtolz und ru⸗ hig den kecken Seefahrer. Oben unter der Spitze des Maſtes, am Vordertheile dicht uͤber den plat⸗ ſchernden Wellen an den Queermaſten lauerten gie⸗ rige Blicke auf die erſten Zeichen von dem Daſein des Feindes. Ein Segel: Suͤdoſt ein Segel! rief es plotzlich von der Spitze herunter. Alles lebte auf dem Schiffe, wie mit elektriſcher Schnelle waren die Augen nach der Gegend hin gerichtet. Es war kein Trug, ſondern Wirklichkeit. Das laute Jauchzen des Schiffsvolkes, wie die zufriedene Miene des Capitäns gab es deutlich zu erkennen, daß die Brigg auf der Fährte des Feindes. Sie fuhr wieder mit vollen Segeln und offenbar näherte ſie ſich dem andern Schiffe, deſſen Rumpf und Maſten immer mehr aus der Waſſerflaͤche hervortauchten und Ge⸗ ſtalt gewannen. Ein ernſtes Blatt in der Geſchichte unſres Le⸗ bens liegt vor uns aufgeſchlagen, Aspaſia,„begann Richard, indem er zu ihr hintrat.“ Ob wir die Seite vollends erkennen werden, oder bei ihr unſre Erfahrungen ſich ſchließen, iſt die Frage. Sie iſt wichtig fur uns, füͤr die Welt von gar geringer Bedeutung; die urtheilt nach der Groͤße, und dem Siege oder Untergang eines kleinen Schiffes wird taum eine fluͤchtige Erwähnung zu Theil.“ — 169— „Sey es“ ſprach das Weib aus Chios“ auf dem Altare des Vaterlandes werden unſre Opfer⸗ Namen prangen.“ Die ſchwachen Nerven der Frau waren ſtark geworden. Der Hauch des Muthes hatte ihre Wangen uͤberflogen, in den Augen lag die Ent⸗ ſchloſſenheit des Mannes. Nicht Alle waren ſo wie ſie. Jene Stunde, die Argyros in eitlem Traume erſehnt, ſie war jezt da, doch Schauer im Gefolge. Die Täuſchung, der Trug, er ward ihm offenbar. Seine Seele rang vergebens. Wie die wilden Matroſen, ver⸗ wegene Freibeuter von Hydra, aufjauchzten, Alles zum Kampfe ſich vorbereitete, ward ihm bange zu Muthe. Sein Herz war muthlos, gebeugt durch den Gedanken der Gefahr, zerbrochen, wie ein ſchwaches, duͤrres Rohr vom Winde. Und doch ſtieg bei dem Anblick des Gegenſtandes ſeiner Liebe etwas in ihm empor, das ſeine Wangen mit Gluth uͤberzog. Nicht die Gluth hinreißender Begeiſterung, die der Schaam. Er fuͤhlte ſeine Feigheit. Sie lag auf ihm mit furchtbarer Gewalt, wie ein Berg von Blei. Die Gedanken der werdenden Schmach, ſie riſſen ſich hinein in den tiefſten Grund der Seele. Die Bilder ſeiner aufgeregten, erſchreckten Einbildungs⸗ kraft umſchlangen ihn in wildem Reigen. Unſin⸗ 8 — 0 nigen Hoffnungen entſprachen ſeine Kraͤfte nicht, ſein Ergeiz war lächerlich. Wo blieb die lachende Ausſicht auf Groͤße und Ruhm? Wie anders war es in Ismir unter den leuchtenden Schoͤnheiten, als auf dem gruͤnen Meere, dem Feinde auf der Ferſe. Nahe dem Erfolge, dem leicht zu erringen⸗ den, ſah er ſich am Ende der gläͤnzenden Laufbahn, zuruͤckgeworfen in ein leeres Nichts. Er ſah ſich verrathen, verrathen durch ſich ſelbſt— ihr gegen⸗ uͤber, dem Weibe ſeiner raſchen Leidenſchaft. Das Schwert an ſeiner Seite, ſo hell, ſo glaͤnzend, dem Ruhme beſtimmt, wie hieng es ſchwer an ihm! Ein Schrei der Verwirrung, der Angſt, der Schaam, des Zornes, der Zerriſſenheit, der Verzweiflung, die einzige Waffe die ihm ubrig blieb. Das Schiff war unaufhaltbar, es ſchritt vorwaͤrts zum Tode, dem ſchwarzen Feinde jungen Lebens. Eine Stunde mochte verfloſſen ſein, der Rumpf des feindlichen Schiffes war jezt ganz ſichtbar. „Hißt die Flagge auf!“ rief Herr Andreas mit rauher Stimme,„doch nicht das Kreuz von Griechenland, die roth⸗weißen Streifen von Auſtria. Sie ſollen ſehen, daß wir Freunde ſind.“ Der Eindruck, den die mit vollen Segeln rei⸗ ßend dahingleitende Brigantine machte, war kein furchterregender. Das feindliche Schiff, auf dem — 171— Hackborde die rothe tuͤrkiſche Fahne, ſezte in ruhi⸗ ger Gleichgultigkeit ſeinen Lauf fort. Doch dieſe Ruhe war Berechnung. Der alte Hydriote, das Fernrohr in der Hand, bewachte jede Bewegung des Gegners und ſo feſt ſeine Augen auch auf der ſtatt⸗ lichen Kriegsbrigg hefteten, die Anſtalten und Vor⸗ bereitungen auf dem eigenen Schiffe vergaß er des⸗ wegen nicht. Die griechiſche Mannſchaft verrichtete mit mehr Ordnung als gewoͤhnlich, doch mit dem alten Ei⸗ fer, geleitet durch Luſt nach Rache und Beute, ih⸗ ren Dienſt. Alles Tauwerk, damit es den Kano⸗ nen nicht im Wege, lag zuſammengerollt dicht um die Maſten. Die Kanonen ſelbſt waren losgebun⸗ den und geladen. Neben den Geſchützen in eigenen Kiſten waren Pulver, Kugeln und Kartätſchen. Lanzen, Saͤbel und Enterhaken hiengen um die Wand des Hinterdeckes und an den Maſtbäumen. Geſpannt, voller Erwartung, die Blicke ab⸗ wechſelnd auf den alten Andreas und das feindliche Schiff gerichtet, ſtand jezt die ganze Bemannung der Brigantine auf den ihr angewieſenen Stellen. Kur Richard gieng frei umher. Aspaſia ſah bis⸗ weilen auf ihn, wenn das blaſſe Geſicht des Fan⸗ arioten mit ſeinen krampfhaften Zuckungen ihre Un⸗ ruhe erregte. 8 — 172— Endlich in der Naͤhe des Feindes aͤnderte die Brigantine ihren Lauf, daß ſie ſich unter den Wind legen konnte. Die Zeit der Vorſtellung war laͤngſt voruͤber. Am Hackbord, oben von den Spitzen der Maſten ſanken die falſchen Zeichen, das blauweiße Kreuz von Griechenland flatterte im Winde. „Ergebt Euch!“ rief vom Vordertheile durch das Sprachrohr die rauhe Stimme eines Boots⸗ mannes. Der rollende Donner der feindlichen Batterie, einem feurigen Blitze der Geſchuͤtz-Lucken folgend war Antwort genug. Die Kugeln fuhren ziſchend in das Meer, ſchlanke Waſſerſäulen ſtiegen aus der Tiefe empor; die Maſten ſchwankten einen Augen⸗ blick. „Feuer! Feuer!“ ſchrie im aufflammenden Zorne der graue Hydrivte. Die brennenden Lun⸗ ten ſanken zumal. Die Ladung braußte hinuͤber zu dem Feinde, das Schiff bewegte ſich gewaltſam. Wolken von Pulverdampf hemmten den Blick auf das eigene, wie feindliche Schiff. Noch bevor ſie ſich verzogen, ward der erlittene Schaden offen⸗ var. Klagen Verwundeter drangen durch die be⸗ wegte Menge, einzelne Seile fielen auf das Deck⸗ Das Segelwerk, die Querſtangen an den Maſten waren beſchaͤdigt. — „Ihr Ziel zu hoch gerichtet, um den Rumpf dieſes raſchen Fahrzeuges zu treffen“ wendete ſich der Alte zu Richard,“ doch die Moslems haben Franken am Bord. So klug ſind Tuͤrken nicht. Ein herbes Laͤcheln zuckte um ſeinen Mund. Die Augen ſpruͤhten Feuer. Die Chiotin ſah klagend zu 5 heruͤber; ſie furchtete füͤr den Erfolg. Ihr Held und Schuͤtzer ſtand rathlos, vernichtet, die innere Seelenangſt in der entſetzlichen Blaͤſſe ſeines Antlitzes zeigend, ihr zur Seite. Das feindliche Schiff war nur leicht beſchäͤ⸗ digt. Es ſezte jezt eiliger ſeinen Lauf fort. Die Brigantine blieb zuruͤck. Der laute Jubel der Feinde drang zu den Ohren der Chriſten. „Hinauf in die Maſten und die Segel in Ord⸗ nung gebracht!“ rief in wilder Entſchloſſenheit der Capitän. Während hundert Haͤnde geſchaͤftig dem Be⸗ fehle des Herrn nachkamen, einzelne Schuͤſſe von dem tuͤrkiſchen Schiffe noch abgeſendet wurden, ging der Brite ruhig auf und nieder. Sein Geiſt berechnete die Stärke des Feindes, legte den kalten, pruͤfenden Maßſtab des Verſtandes an die eigenen Hoffnungen und Zweifel, wobei er oͤfters an die Freundin im dunklen Gewande dachte. — 174— „Offenbar,“ ſprach er in ſeinem Gange inne haltend und zu dem Steuer tretend, wo Andreas mit den Uebrigen ſtand„ſind wir noch im Vor⸗ theile. Der Sieg des Feindes iſt ein ſcheinbarer, nur muͤſſen wir kalt zu Werke gehen und die Hun⸗ dert Weſen, die in jenem dunklen, befluͤgelten Koͤr⸗ per wohnen, gehoͤren dann uns an. Vorerſt wol⸗ len wir Pulver ſparen, die Geſchutze hier zu beiden Seiten in Ruhe laſſen und nur die Hülfe jener beiden langen Kanonen am Bug des Schiffes, un⸗ ter dem Vorderſegel in Anſpruch nehmen.“ Die Worte ſchlugen lange an das ſtarre Haupt des Herrn der Brigantine, bis ſie Eingang fanden. Er war zu aufgeregt; ihm nach wuͤrde das Schiff mit vollen Segeln gleich wieder auf den Feind zu⸗ geſteuert ſein.„Entern, entern,“ murrte er vor ſich hin, ließ es jedoch geſchehen, daß Richard ſeine Anordnungen vollzog. „Waͤren Franken auf dem Schiffe, Capitän Andreas!„begann dieſer wieder, als die Kanonen gerichtet waren und die Seeleute nur des Winkes harrten„die Tuͤrken wuͤrden umkehren und den Kampf von Neuem aufnehmen. Sie haben die Anſtalten hier bemerkt und ſetzen alle Segel bei, um uns zu entgehen. Sie ſind verloren.“ Die Chiotin ſah ihn mit einem Blick voll Se⸗ ligkeit an. Alexander athmete leichter. Schon — 175— wähnte er ſich in Sicherheit. Das Gluͤck des Sie⸗ gers lag auf ſeiner Stirne. Das Antlitz des Alten druͤckte Zweifel aus und ſeine Augen ruhten fragend auf dem Steuermann Joannes. „Feuer!“ rief jezt der Brite und die langen metallenen Läufe ſandten ihre Donner aus, daß die Brigantine von der Erſchuͤtterung auf und nieder ſchwankte. Das ganze Vordertheil war in Rauch gehuͤllt. Als der Wind ihn kraͤuſelnd weggetragen⸗ ward die Wirkung ſichtbar. Sie hatten gut gezielt und gut getroffen. Ein Topſegel des Feindes hieng in Fetzen, die Rahe war zerſplittert. „Vorwärts! alle Segel beigeſetzt!“ jauchzte Herr Andreas.„Vorwaͤrts!“ rief Beifall ſpendend das wilde Matroſenvolk. Doch der erfahrene Meer⸗ ſohn machte ſich noch einmal geltend. „Was ſchadet der Verluſt einiger Ellen Lein⸗ wand einem Gegner der an Flucht nicht zu denken braucht“ ſprach Richard eifrig in die Menge hin⸗ ein.„Seht ihr nicht, wie ſie von Neuem den Kampf aufnehmen? Alles ruhig und ihr, Feu r⸗ werker, niedriger gehalten, den Rumpf in's Auge genommen!“ Der tuͤrkiſche Schooner zeigte abwechſelnd ſeine beiden Seiten, er feuerte mit vollen Batterien, ein dichter Rauch umzog ihn Aliah beſchuͤzte die Un⸗ — 176— glaͤubigen; hatte die Seinen verlaſſen, ihre Kugeln trafen nicht. Sie ſezten eine Zeit lang ſo den ungleichen Kampf fort, bis eine wohl gerichtete Kugel der Länge nach uͤber das Deck des türkiſchen Schiffes fuhr. Ihre Wirkung war furchtbar. Das tuͤrkiſche Feuer verſtummte einen Augen⸗ blick, ein Schrei der Verzweiflung ward hoͤrbar. Das Blut der Gefallenen rieſelte zu den Loͤchern heraus. Die Griechen jubelten laut. Die Brigantine ſegelte wieder zur Seite heran. Andreas ruͤſtete ſich zum Entern. Die blutrothe Tuͤrkenfahne mit der weißen Si⸗ chel hieng in Fetzen, das uͤbel zugerichtete Schiff bewegte ſich unſicher. Es ſchien, als ſei aller Wi⸗ derſtand auf ihm gelaͤhmt, der Muth, Jahrhun⸗ derte hindurch, in tauſend Schlachten bewährt, von den Osmanen gewichen. Die Chriſten ſchon trunken vom Siege, dach⸗ ten nur daran, wie des Feindes Habe zu theilen, ihre Augen ſpaͤhten ob der Halbmond nicht ſinke, dem lezten Kampfe ſchmachvolle Unterwerfung nicht vorziehe. Noch ſank er nicht. Das Feuer hatte einige Minuten geſchwiegen⸗ Die Brigantine fuhr immer naͤher heran. Die Kanoniere mit brennenden Lunten ſtanden bei den Geſchuͤtzen. Richard, Andreas und ſein Volk, — 177— geruͤſtet zum lezten, entſcheidenden Kampfe auf dem Deck. Die Vorderen auf der Wand des Schiffes zunaͤchſt dem feindlichen Schooner. Da riſſen unter lautem Jubel der Sieger die eigenen Haͤnde der Osmanen die rothe Flagge herunter. Tiefe Stille herrſchte auf dem Tuͤrkenſchiffe; ſie fuͤhlten die Erniedrigung. Die wilden Geſichter waren voll Grimm. Demuth lag nicht in ihren Mienen. Der rauhe Sinn, die Rache brach hervor. Wie die Griechen nur an das Blut der Feinde noch dachten, ſich ſelbſt ſchon auſſer aller Gefahr ſahen, ward die Taͤuſchung ihnen offenbar. Vielen die lezte.* „Allah! Allah!“ toͤnte es in ihre Ohren und dem gellenden Rufe folgte der Donner der Kano⸗ nen. Der vordere Maſt der Brigantine ſtuͤrzte krachend zuſammen, ihr Rumpf war durchloͤchert von Kugeln, ein Theil ihrer Männer auf immer in den Armen des Todes. In Wehklagen und Jam⸗ mer war der voreilige Jubel verwandelt. Doch jezt zeigte ſich der Muth der Beſonnenheit, wie wilder, fanatiſcher Wuth. „Feſt am Steuer! Legt an Bord!“ ſchrie Ri⸗ chard mitten in die graͤßliche Verwirrung. Der junge Steuermann, getrofſen von einer tuͤrkiſchen Kugel wendete ſeine lezte Kraft an. Das 8* — 178— Rad drehte ſich, dann ſank er zuſammen eine Leiche. Fuͤr jezt war auch kein Steuer mehr noͤthig. Sie waren jezt nahe, nahe bei einander. Die langen Enterhaken ſanken, ſie lagen Schiff an Schiff. Die lezten Kugeln fuhren in den Bauch des Schooners. Mir nach! mir nach!“ toͤnte die Stimme des alten Hydrioten. Mitten im Pulverdampfe ſpran⸗ gen ſie hinuͤber aufs feindliche Deck. Hinter ihnen, vor ihnen lag der Tod. Verzweiflung trieb ſie vorwärts zum Ende, Mann gegen Mann. Ein dichter Rauch hüllte die Streitenden ein⸗ Das Auge ſah nichts als einen wilden, verworre⸗ nen Haufen, aus dem die wuthentbrannten Laute der Osmanen, hervorgerufen durch das„Chriſtus und Maria!“ der Griechen, mit dem Klirren der Schwerter, einzelnen Schuͤſſen, ſich vernehmbar machten. Der Kampf dauerte lange. Da war keine Schonung, keine Bitte um Gnade, ſelbſt die Verwundeten, auf dem Boden liegend, rafften die lezte Kraft zuſammen, um Meſſer gegen Meſſer den Todfeind zu uͤberwaͤltigen. Als das Deck des Schooners mit Leichen uͤber⸗ ſaͤet, auf das laute Schreien Stille gefolgt war, nur das Roͤcheln der zu Tode Getroffenen in die Ohren ſchnitt, ſah Andreas, daß er Sieger. Mit der Kraft eines Junglings ſprang er uͤber die Koͤr⸗ — 179— per der Gefallenen hinweg, unter den Hackbord. Der lezte Zug ſeiner krummen Sichel galt dem Seile, das die rothe Fahne hielt. Sie ſank auf immer, bedeckte im Fallen einen kleinen Theil des blutigen Schauſpiels. Als der Fuͤhrer ſo den Akt vollendet, ſchaute er um ſich. Theurer Sieg! die Reihe der eigenen Streiter war gelichtet, die Tuͤrken faſt Alle in der Vertheidigung des Schiffes dahin geſtreckt von den Griechen. Doch fuͤr das Mitleid gab es keine Stelle in den Herzen der Enterer. Wer noch am Leben von Feinden, wurde aufgeſucht und ihre Schwerter tauchten ſich in das Blut Wehrloſer. Jeder Raum im Schiffe wurde durchforſcht. Bald gab es keine fahlen Geſichter Verwundeter mehr⸗ Ueber und unter dem Deck, wo die truͤbe Laterne brannte und ein ſchwachgelbes Licht auf die Scene des Grauens warf, ward es ſtille von Stoͤhnen. Raub war bald das Einzige, was die Gemuͤther der Chriſten beſchaͤftigte. Nur Einer ſah theilnahmlos auf die reichen Shwale und Turbane, die goldglaͤnzenden, bluti⸗ gen, herrenloſen Schwerter, forſchte nicht nach den ſeidenen Börſen mit Mahmudiés. Richard ſein Rame. Um ſeine Lippen ſpielte nicht das Lächeln des Triumphes, das Ange zeigte keinen Stolz. Schmerz, tiefer Schmerz zuckte uͤber ſein Antlitz. — 180— Er hatte einen andern Gegenſtand gefunden der ihn feſſelte. Auf dem Vordertheile des eroberten Fahrzenges haftete ſein vorwurfsvoller Blick. Hier war eine andere Gruppe. Das Weib von Chios knieete neben einem Manne, der der Laͤnge nach ausgeſtreckt dalag. Sein Geſicht war von tiefer Bläſſe uͤberzogen, kein Hauch des Lebens zeigte ſich auf ihm. Die langen, dunklen Flechten Aspaſias hatten ſich aufgeldst. Mit den Haͤnden bemuͤhte ſie ſich das Haupt desjenigen zu ſtuͤtzen, den ihre Mahnung in den Tod gefuͤhrt. Was galt ihr jezt Ddas Vaterland, wo einer ſeiner beſten Streiter ver⸗ loren! die Augen an Thraͤnen gewoͤhnt, die im Leiden Erfahrung, weinten von Neuem. „Das Herz muß ſtählern ſein“ ſprach An⸗ dreas zu der in Schmerz Aufgeloͤßten,„nur durch den Tod kommt der Menſch zum Ziele. Im Kriege iſt's nicht anders, ſelbſt im ſtillen Leben des Frie⸗ dens. Wenn der Vater ſtirbt, tritt der Sohn das Erbe an.“ „Joannes! Joannita!“ rief er plöblich. Ihm ward keine Antwort, vergebens ſchweifte ſein Auge umher. Da uͤberkam ihn Angſt, er dachte nicht mehr an den Fanarioten; lebend oder tod ihm gleichviel. Er lief umher, ſeine Schritte waren haſtig, ſein Koͤrper, ſtramm und jugendlich im Kampfe, zitterte hefiig. Als er endlich auf dem 6 — 181— Deck der Brigantine den Vermißten gefunden, weinte er laut, warf ſich ungeſtuͤm auf den Todten und wollte ihm Leben einfloͤßen. Nacht ward's in ſeiner Seele. Die Lippen des Steuermannes waren kalt geworden, kein war⸗ mes Blut ſchlug in ihnen, der rothe Streifen an der Bruſt zeigte die S wo die 1e Kraft ent⸗ ſchwunden. emnnt Keine Klage rief den Tovten zuruͤck in's Da⸗ ſein. Herr zweier Schiffe, war Andreas ein armer, alter Mann geworden. Er hatte nichts mehr auf der Erde. Kein Weſen, dem er ſeine Ehre, Ruhm hinterlaſſen konnte. In wildem Schmerze, Verzweiflung auf ſeinem Antlitz, raffte er ſich empor. Die um ihn, ver⸗ ſtanden ihn nicht; er war jezt anders als ſonſt. Moͤglich, daß der Wahnſinn ihn uͤberwaͤltigt oder die Reue ſeinem Herzen genaht und er aus einem Krieger, ein Moͤnch geworden waͤre, wenn ein Frem⸗ der, ſelbſt darnieder gedruckt, ihn nicht aufgerichtet haͤtte. „Raſtt nicht! weint nicht! den ihr beklagt moͤchten Andere gluͤcklich preißen. Ein ſchoͤnes Ende, der Tod im Siege, er war ein wackerer Seemann“ Der Alte fuͤhlte keinen Troſt, die Worte er⸗ regten ſeinen Zorn. Er richtete ſich von dem Leich⸗ nam auf, ſtand ſtolz und gereizt da. Seine Lippen — waren geſchwollen, dunkle Gluth hatte ſeine Wan⸗ gen uͤberzogen, die Augen funkelten. „Ein ſchoͤner Tod, wehrlos von der Kugel eines Saracenen zu fallen, ohne die Rache im Voraus genommen zu haben.“ Richard ward nicht verlegen, ſein Geiſt er⸗ kannte raſch das Vorurtheil des rauhen Hydrioten, wie die Unmoͤglichkeit ein ſo wildes Element zu ſaͤnftigen. Eine andere Richtung ihm zu geben war viel nothwendiger. Noch hatte Niemand daran ge⸗ dacht, der herrſchenden Unordnung auf den Schiffen zu ſteuern, die nur ihrem eigenen Willen folgende Mannſchaft zu zuͤgeln. Es ſelbſt zu uͤbernehmen— abgeſehn von dem Erfolge— war Richard zu ſtolz; er fuͤhlte ſich angewidert von der rohen Luſt nach Beute, doch daß es geſchehen muͤſſe, ſah er nur zu ſehr ein. „Nicht gegen mich, Freund!“ hob er ziemlich ruhig an,„wendet euren Zorn, zu ihm, wie zur Klage iſt keine Zeit. Soll der Sieg nicht in Un⸗ tergang enden, iſt von Noth, euer Anſehen geltend zu machen. Mit den ſchwer beſchädigten Schiffen gelangen wir ſo nicht nach Griechenland. Ein ein⸗ ziger Sturm und wir ſind verloren, muͤſſen es als ein Gluck betrachten, wenn wir an feindlicher Kuſte ſtranden. — 1— „Hieher ihr Leute! rief jezt ploͤtzlich zu ſeiner ſchwierigen Pflicht zuruͤckkehrend, der Capitano, hieher! wer traͤgt die Beute weg? das Schiff iſt unſer, im ſichern Hafen die Theilung, erſt zur Heimath!“ Der Seemann zeigte ſich. Mit einer Umſicht und Kenntniß, wie man ſie von bloßer Erfahrung nicht hätte erwarten duͤrfen, gab er der Mannſchaft Befehle und legte ſelbſt Hand an. Die Art des Zim⸗ mermanns wieß er zum Einſetzen von Pfloͤcken an. Die ſchwache Kraft des Schiffsjungen mußte bei dem Ausbeſſern des Segelwerkes Dienſte leiſten⸗ Wo wenige Stunden zuvor ein Kampf um Leben und Tod, Sein oder Vernichtung gewuͤthet, mit⸗ ten unter Leichen, auf dem mit Blut gefaͤrbten Decke des Schiffes, herrſchte jezt ein emſiges Trei⸗ ben. Jene Haͤnde, gezeichnet mit den rothen Spu⸗ ren der Erſchlagenen, regten ſich in friedlicher Ar⸗ beit. Es ſchien als werde der rohe Sinn der Ma⸗ troſen ſo geſchmeidiger. Die verzerrten, ſtarren Geſichter der Gefallenen, deren Leichen ſie vorhin gehoͤhnt, erfuͤllten ſie nun mit unheimlichem Grauen. Sie ſonderten Freund vom Feind und warfen die nackten, blutigen Koͤrper der Tuͤrken uͤber Bord. Die gruͤne Farbe der Oberflaͤche des Meeres ward purpurn. — 184— Lößt die Enterhaken, damit die Schiffe aus⸗ einanderkommen“ befahl Andreas,„die wenigen Verwundeten bringt hier an Bord, denn ich glaube unſer Schiff, noch heute der beſte Segler im Mit⸗ telmeere, geht weniger ſicher als die Priſe. Dann laßt uns die Freunde begraben“ endigte er ernſt und traurig. „Sieh da!“ begann er ploͤtzlich von Neuem und ein Zug des Hohnes uͤberflog die Furchen ſei⸗ nes Antlitzes, ſeine Augen richteten ſich vorwurfs⸗ voll nach Oben, als wenn er den Lebenden und Todten miteinander abwaͤgen wollte„Alexander Argyros wird nicht neben dem Steuermann Joan⸗ nes genannt werden. Es war keine Kugel aus feindlichem Rohre, die euch fallen machte, als ihr uͤber die Bruſtwehr des Schvoners hinſtuͤrztet. Doch nicht verwundet?“ Der ſo zu neuem Leben Begruͤßte ward roth vor Schaam. Es war ihm als muͤſſe er verſinken in die tiefſte Tiefe des Meeres. Das Schiff wiegte ſich ruhig und ſicher auf dem Waſſer. Die Chiotin mußte jezt die bittere Erfahrung machen, daß es noch Schmerzen auf dieſer Erde gebe, von denen ſie fruͤher keine Ahnung gehabt. Den langen, ſchwarzen Schleier uͤber das Haupt gehuͤllt, bengte ſie ſich uber die Wand des Fahr⸗ zeuges. Ihre Thraͤnen floſſen reichlich. Ach! ſie — konnten die Schande nicht rein waſchen, kaum daß die ſalzigen Tropfen eine leichte Spur auf dem dunklen, mit Blut uͤberklebten Holze zuruͤck⸗ ließen.—— Zwei Tage ſpäter— die Sonne ſchien hell und glänzend, milde Fruͤhlingsluft wehte, die Kuͤſte von Morea hatte ein junges Gewand angezogen und ſelbſt auf dem felſigen Eilande grünten einige Baͤume, deren Erde Menſchenhaͤnde zuſammenge⸗ tragen— war im Hafen und in der Stadt Hydra ein reges, freudiges Draͤngen und Treiben. Zwei Schiffe umringt von zahlreichen Kaiken und Booten kamen herangezogen. Voran die Flagge Griechen⸗ lands und in dem Schlepptau des uns wohlbekann⸗ ten Fahrzeuges, der genommene Schooner, uͤber der niederhaͤngenden rothen Fahne, das ſiegreiche blau und weiße Kreuz entfaltend. „Es muß Capitano Andreas ſein;“ ſprach freundlich Herr Condouriottis— moͤglich daß er bei der Priſe betheiligt.— „Sito Kapitän Andrea! ſito elephtheria!“ ju⸗ belten tauſende von Stimmen, dabei ertoͤnte der Donner der Kanonen von den Hafenbatterien zum feſtlichen Gruß der Sieger. Das Volk trug ſeinen — 187— alten Seemann auf den Schultern, die Weiber nahten ſich und beruͤhrten den Saum ſeines Ma⸗ troſenkleides. Er aber weinte. Ob vor Freude oder Schmerz, darum kümmerte ſich die Menge nicht. Der Franke, der kuͤhne Ingleſe, wie ſie ihn nannten, beſtieg noch am Abende deſſelben Tages ein kleines bedecktes Seegelboot und ſchiffte nach Syra. Vor dem Abſchiede ſah er noch einmal in die dunklen Augen der ſchmerzenreichen Frau. Die Zuͤge ihres Antlitzes waren ſtarr, kein Tropfen Blu⸗ tes ſchimmerte durch die weiße Haut und die Hand, die ſie ihm zum leztenmale reichte, war kalt. Ihn zog es nach der heimathlichen Inſel, ſie aber hatte fortan keine Wuͤnſche mehr. Hatte ſie Ueberweibliches gewollt? Ein Geheimniß, das ſi⸗ Keinem enthuͤllt, denn ſelbſt wenn ſie die Menſchen fliehend, an einſamem Meeresſtrande ſich niederſezt und ſtarr in die Weite ſieht, entſchluͤpft kein Laut ihrem Munde. Kein heitrer Sonnenſtrahl durch⸗ glänzt ihre Seele, ſie iſt umhangen von Wolken. — 188— Ich muͤßte ſehr irren„redete ein reicher Han⸗ delsherr, ſein Fernrohr einem neben ihm ſtehenden Franken reichend, dieſen an„wenn das an Tinos voruͤbergleitende Segel, nicht das erwartete waͤre. Schiff und Segelwerk ſind nicht griechiſch, wohl aber fraͤnkiſch und da muß das Fahrzeug⸗ wohl ih⸗ rer Nation angehoͤren, mein Lord!“ verbengte ſich verbindlich der Grieche,“ dieweil Englands Schiffe auf allen Meeren die zahlreichſten.“ Die Beiden ſtanden auf dem Balkon jenes be⸗ ruͤhmten Syriotiſchen Caféhauſes, deſſen unterer Stock auf meerumſpuͤhltem Felſen ruht, waͤhrend der obere, vorgebaute, ſich kuͤhn uͤber die Wellen erhebt. Das Auge hat hier eine entzuͤckende Aus⸗ ſicht auf das Meer und die Inſeln des Archipela⸗ gus, die bald wie gruͤne Gaͤrten aus dem Waſſer hervortauchen, bald wie lange Rieſen, die felſigen Ruͤcken in die Wolken recken. Der Fremde ſchaute einen Augenblick auf das angedeutete Schiff, dann ſtimmte er der Meinung des Griechen bei und verließ den Balcon. — 189— Eine Stunde ſpäter hielt ſein Boot an der ſtattlichen Handelsbrig, die vor dem Hafen die Segel gekreuzt hatte und einige Briefe abgab und empfieng, er ſelbſt ſtieg die Leiter hinan. Hier warf er einen langen Blick auf die Inſel. Es war, als kampfe er in ſeinem Innern und ſei noch un⸗ entſchieden, als er ploͤtzlich ein ſchoͤnes Frauenbild auf dem Quarterdeck ſah. Er trat naͤher. Marh, die Wangen geroͤthet, in lieblicher Verlegenheit, lächelte ihm ſittſam entgegen.— Die Leiter ward eingezogen, das leere Boot kehrte in den Hafen zuruͤck, das Schiff ſezte ſeine Fahrt in die Heimath fort.— — — — — — = — *— — — — — Mein Leben ſteht in gelbem Laub, und Blüth' und Früchte ſind dahin. Byron. — — 193— E⸗ lag ein graues Wolkenmeer uͤber den Stra⸗ ßen und Haͤuſern der Stadt Bukureſt. Die Stra⸗ len der winterlichen Sonne waren nicht ſtark genug, die auf und nieder wogenden Nebelſchleier zu zer⸗ reißen. Selten drang ein durchglaͤnzender Licht⸗ ſtreifen in die feuchte Atmosphäre, übergoß die hohen Thuͤrme einer der vielen Kirchen oder den Giebel eines Bojarenpalaſtes mit einem roͤthlichen Scheine. Eingehuͤllt in einen waͤrmenden Schafpelz, deſ⸗ ſen unbearbeitete Haut den Traͤger eben nicht vor— theilhaft erſcheinen ließ, wäͤhrend die lange Wolle, ſchon ſehr graugelb von vielem Gebrauche, ſich an die faſt nackten Glieder des Oberkoͤrpers ſchmiegte einen mächtigen, eichenen Stab in der nervigen Hand, ſchritt ein junger Mann in aller Fruͤhe dem Palaſte eines Bojaren zu. Auf dem Haupte trug er eine rohe Pelzmutze. Die Zuͤge ſeines rauhen . 9 — 194— Antlitzes beſchattete ein ſtarker, dunkler Bart, die ſtereotype Erſcheinung in dem Colorite des Orien⸗ talen. Der kraͤftige Hirte, denn ein ſolcher war er, mußte ſchon einen langen Weg zuruͤckgelegt haben oder einen ſonſtigen Anziehungspunkt in dem Bojarenhauſe beſitzen. Seine Angen druͤckten eine unverkennbare Freude aus, als er durch die kleine Nebenpforte in den Hof ſchluͤpfte. Willkommen Conſtantin!“ rief den Eingetre⸗ tenen mit lauter Stimme der Hofwaͤchter an.„Du willſt doch wohl mit dem Herrn nichts zu ſchaffen haben. Dieſer iſt heute fur keinen ſeiner Untertha⸗ nen zu ſprechen. Großes Feſt! ſchoͤnes Feſt!“ fuhr er in ſeine Klauſe ſchreitend, wohigefällig fort: „faͤllt auch wohl fuͤr uns Etwas ab“ Der junge Mann mochte die Worte als eine Aufforderung zur Folge anſehen. Ohne viele Um, ſtuͤnde, den Koͤrper etwas gebeugt, trat er durch die niedere Thuͤr. War die Huͤtte eben nicht reinlich, die Waͤnde ruſig und das Geräthe nichts weniger als koſtbar, fuͤr den Angekommenen barg ſie ein Kleinod, um deſſen Beſitz er alle Guͤter der Welt vertauſcht ha⸗ ben wuͤrde. Doch dieſes Kleinod, das Ziel ſeiner Wuͤnſche, ſuchte ſein Auge vergebens. Er hoͤrte es nicht, wie der Alte von dem erwarteten Treiben und Draͤngen des Tages ſprach, ſah es auch nicht, — 195— daß die vielgebrauchte Fiedel und die mit ſchlechten Darmſaiten überzogene Mandoline aus dem be⸗ ſtaubten Winkel neben dem Feuerheerde hervorge⸗ holt worden waren.„Marizza, Deine Tochter“ antwortete er endlich auf ein wiederholtes Anſpre⸗ chen des Thorwartes, als dieſer muͤde, ſeine ver⸗ ſtändigen Reden ſo ohne alle Beachtung zu ver⸗ ſchwenden, nach der Urſache des ungewohnten Still⸗ ſchweigens ſich etwas kurz erkundigte. „Was frage ich nach meiner Tochter!“ fuhr jetzt der Vater auf, nicht wiſſend, wie treffend die unbewußt gegebene Gegenrede geweſen. Doch noch bevor der verlegene Hirte eine andere und mehr uͤberlegte Antwort gegeben, vermehrte ſich die Zahl der hier Handelnden. Marizza ſelbſt, der Gegen⸗ ſtand der Rede war emgetreten. Die braunen Wangen des ſchoͤnen Zigeunermädchens uͤberzog ein dunkles Roth. Die langen ſeidenen Wimpern ihrer großen Augen ſenkten ſich und der liebliche Mund ſchon zum Sprechen geoffnet, ſchloß ſich wieder, als ſie Denjenigen erblickte, der ihr bereits oͤfter im Traume, als im Leben, erſchienen war. In dem einfach natuͤrlichen, durch Bildung weder ge⸗ hobenen, noch verderbten Herzen wogten plötzlich die leidenſchaftlichſten Gefuͤhle auf und nieder. Eine Maſſe von Gedanken beſtuͤrmte ſie zumal, ohne daß ſie ihr zur Klarheit geworden wären, wie die Flamme 9* — 196— erloͤſcht, wenn von allen Seiten die Luft gegen ſie anſtroͤmt. Schuͤchtern neigte ſie ihr Haupt und das„guten Morgen Marizza!“ aus dem Munde des Geliebten, das ſich wie ein ſchmeichelnder Wohl⸗ laut an ihr Ohr legte, fand nur eine halbverſtaͤnd⸗ liche Erwiederung. „Seid Ihr Euch ſo fremd geworden“, toͤnte wieder mitten in die Empfindungen der Liebenden die Stimme des Alten,„daß Ihr Euch nicht mehr zu begrußen wißt? Tritt näber Marizza! und Du Conſtantin“, fuͤgte er ſcherzhaft hinzu„warum biſt Du nicht aufgeſtanden als mein Maͤdchen kam? Glaubt mir, ſeit dem letzten Tuͤrkenkriege hat ſich ſo Vieles in unſerm Rumaniſchen Lande veraͤndert, daß wir armen Leute auch anfangen duͤrfen, vor⸗ nehm zu thun. Die Walachen auf dem Lande ſol⸗ len weniger an die Bojaren zahlen, aber die Steuer⸗ einnehmer werden wohl um ſo mehr verlangen. Am Ende bringen die Moscalis uns auch noch Veraͤn⸗ derungen. Zu den neuen Soldaten koͤnnen ſie un⸗ ſere Burſchen ſchon brauchen. Und was die Maͤd⸗ chen anbetrifft, an ihnen haben ſie, gleich den Bo⸗ jaren, Geſchmack gefunden“ Die Worte des Alten, halb ſcherzhaft hinge⸗ worfen, waren doch nicht ohne eine Beimiſchung von Bitterkeit. In niederer Lage und in niedrigen Beſchäftigungen ergraut, zu allen Dienſten gemiß⸗ — 197— braucht, hatte er dennoch Einſehens genug, die Fehler und Laſter ſeiner Herrſchaft kennen zu ler⸗ nen. In den Buſen des jungen Mannes aber hatten ſeine Worte eine Brandfackel geworfen, de⸗ ren Feuer raſch aufloderte zu heller, lichter Flamme. Weſſen Schafe er huͤtete, ob Ruſſiſche oder Bojaren⸗Schafe, war dem rohen Sohne der Kar⸗ pathen ganz einerlei. Gleichviel wem er ſeine Kopf⸗ ſteuer bezahlen mußte. Ein armer Mann, war er auch kein unabhängiger, und er kannte das Leben viel zu wenig, um große Wuͤnſche zu Veränderun⸗ gen zu hegen. Aber Marizza, ſeine ſchoͤne Ma⸗ rizza, von den Augen eines Bojaren oder Ruſſen mit luͤſternem Gefallen betrachtet zu ſehen, war ihm ſchrecklich, war ihm Tod, mehr als Tod— die Hoͤlle! Die Qualen der Eiferſucht ſtuͤrmten auf ihn ein, krallten ſich in ſein Herz, das auf⸗ ſchwoll von giftigem Haſſe. Das Auge, das we⸗ nige Minuten vorher mit ſo unendlichem Wohl⸗ gefallen auf der lieblichen Geſtalt der Zigeunerin geruht hatte, ſpruͤhte jetzt in leidenſchaftlicher Erregung. „Iſt es nicht genug“, klang es aus ſeiner tief erregten Bruſt hervor,„daß unſere Arme fur ſie arbei⸗ ten, daß unſere Leiber Tag und Nacht gluͤhender Hitze, erſtarrendem Froſte ausgeſetzt ſind, daß die hoͤchſte = 8— Stufe unſeres Gluͤckes darin beſteht, daß wir un⸗ ſere Haͤupter auf die ſteinernen Stufen ihrer Haͤu⸗ ſer, auf das Pflaſter ihrer Hoͤfe legen duͤrfen, daß ihre Füße uͤber unſere Ruͤcken ſchreiten: ſollen wir auch noch unſere Weiber ihren Luͤſten Preis geben?!“ Der junge Hirte hatte ſich halb erhoben. Sein ganzes Weſen zitterte vor Aufregung. Der nervige Arm machte eine drohende Bewegung. Sonderbares Ding, das Menſchenherz! Wie wenig iſt erforderlich, um es aufzuregen in Sturm, wie die glatte Meereswelle ſich aufthuͤrmt, wenn der Stoß des Orkanes uͤber ſie hinbraust, und wie viel weniger genuͤgt, um es zur Ruhe zu bringen! „Coſtaki! Coſtaki! Ruhig mein Blut! wer will denn mein Maͤdchen?“ beſaͤnftigte der Thorwart ſeinen jungen Freund.„Den Pope und die Herr⸗ ſchaft kann ich bezahlen. Wenn der Herr bei guter Laune iſt, will ich mein Geſuch anbringen, und dann moͤgt Ihr Euch nehmen, fuͤr jetzt und in alle Zukunft. Aber gerne laſſe ich mein Kind nicht mit hinausziehen in das rauhe Leben, und beſſer wäre es, Du wuͤrdeſt hier Leibkutſcher.“ Der Alte, deſſen wunderliche Laune es bisher ſtets unterlaſſen hatte, der Werbung des Hirten ein williges Ohr zu geben und der jetzt ſo zuvor⸗ kommend die Wuͤnſche der Liebenden gekroͤnt hatte, — —.—— —————— — 199— weidete ſich an der gluͤcklichen Verlegenheit ſeiner ſchönen Tochter. Er hatte Muͤhe, die ſtuͤrmiſchen Liebkoſungen ſeines kuͤnftigen Eidams abzuwehren. „Es iſt Zeit, daß ich gehe. Es wird heute wieder ein Fahren und Reiten ſein, wobei un⸗ ſer Hof gewiß nicht vergeſſen wird. Seit die Mos⸗ cowiten im Lande, giebt es Orden fuͤr die alten Herrn und Liebhaber fuͤr die ſchoͤnen Frauen. Fuͤr mich“, ſchloß der Alte ſchmunzelnd,„fuͤr mich iſt die Sache nicht unangenehm. Wer gab mir fruͤher Caffee, Wein und Fleiſch? Von den Abfaͤllen des Herrenhauſes mußte ich mich ernaͤhren. Jetzt aber habe ich Alles in Fuͤlle, ſchoͤne Rubel noch dazu, und dafuͤr brauche ich nichts zu thun, als Nachts die kleine Pforte zu oͤffnen und wieder zu ſchließen. Du ſchauſt mich unwillig an, Marizza. Thue ich nicht meine Pflicht, wenn ich den Befehlen der Herrin gehorche? und was wuͤrde aus uns werden, wollte ich anders handeln?“ Laͤchelnd ſchritt er zur Thuͤre hinaus, das junge Paar ſich ſelbſt überlaſſend. Wie die kleine tannene Pforte ſich geſchloſſen hatte, der Fuß des alten auf dem Pflaſter hoͤrbar wurde, erhob ſich Conſtantin. Er war froh, reich wie ein Koͤnig. Die ſchlanke Geſtalt Marizzas war ihm nahe, ganz nahe. Ein Schrilt genuͤgte, um das zögernde, verſchämte, gluͤhende Maͤdchen — 20— in ſeine Arme zu ſchließen. Sie war ſtumm in ſeiner Umarmung. Ihr Mund ſprach nicht, aber ihr ganzes Weſen ſagte es, wie ſie ihn liebe. Die langen ſchwarzen Haare ihres Hauptes waren auf⸗ geloͤſt und fielen in Wellen uͤber ihren Ruͤcken hin⸗ ab. Ihr Geſicht ruhte auf dem ſtuͤrmiſchen Herzen des Freundes, als wollte ſie die geheimnißvolle Sprache ſeiner innerſten Seele erfahren. Der junge Hirte fuͤhlte eine Freude, eine Wonne, wie er ſie nie empfunden hatte. Seine Arme umfingen die zarte Geſtalt, und keine Macht wuͤrde dieſe Arme haben loͤſen koͤnnen. Das Ge⸗ fuͤhl des unerwarteten Gluͤckes hatte ihn uͤberraſcht, betäubt, und es ſchien, als halte er das Mädchen ſo feſt, um ſich des ſuͤßen Beſitzthums erſt recht zu ſichern. Sie ſchwiegen. Denn es giebt Gefuͤhle, welche man ſchweigend eben ſo, wie redend, ausdruͤcken kann. Indeſſen wurde es draußen immer lauter. Das Geraͤuſch von den Hufen der Pferde, das Raſſeln der Wagen, die lauten Stimmen der Die⸗ ner und ihrer Herren erfuͤllten den Hof. Die ſchoͤne Zigennerin ſchreckte aus dem Arme ihres Geliebten. Das Treiben der Außenwelt hatte ſie aufgeweckt aus dem ſuͤßen Traume ihrer Seele. Eine Erinnerung ganz anderer Art ſchien uͤber ſie — —— — 201— gekommen zu ſein. Sie verbarg ihr Geſicht mit den Haͤnden und ihre Stimme war ſchluchzend, als ſie leiſe den Namen„Conſtantin“ hervorbrachte. Die fruͤhere Lieblichkeit ihres Antlitzes ſchien zer⸗ brochen, ihre Augen hingen voll Leid. Jungfräu⸗ liche Schüchternheit, bange Sorge und Schaam blickten auf Augenblicke aus ihnen hervor. Doch die langen Wimpern ſenkten ſich dann gleich wie⸗ der, wie zum Schutze. Das Maͤdchen ſah aus wie die Angſt vor einer entehrenden Bewerbung, und die tiefe Roͤthe, abwechſelnd mit Bläſſe auf dem ſchoͤnen Geſicht, zeigte die innere Entruͤſtung. Dieſe tiefe Riedergeſchlagenheit, abwechſelnd mit Aufregung, war nur von kurzer Dauer. Die Augen erhoben ſich wieder. Stolz, Zorn und Haß, gluͤhender Haß, ſchienen aufzuflammen in ihrem Antlitz. Das veraͤnderte Weſen Marizzas machte einen wunderlichen Eindruck auf Conſtantin. Auf⸗ geſchreckt aus ſeinem Gluͤck, ſtumm und verwun⸗ dert, dann wieder neugierig, mit aͤngſtlicher Sorge, ſchaute er auf ſie. Die Arme ſeines Koͤrpers hin⸗ gen ſchlaff herunter. Um die Winkel ſeines Mun⸗ des zeigten ſich ſchmerzliche Linien. Sollte er ſich getaͤuſcht haben in ſeiner ſuͤßen Hoffnung? lebte ihre Gegenliebe nur in ſeiner Einbildung? — 202— Marizza, beinahe zuſammengeſunken, hatte ſich wieder erhoben. Ihre ſchlanke Geſtalt ſchien jetzt viel hoͤher denn fruͤher. Ihre Zuͤge hatten ſelbſt einen Anflug von Kraft und Muth. „Hoͤre Conſtantin“, ſprach ſie mit vernehm⸗ licher Stimme, die voll Leidenſchaft klang,„hoͤre, Du mußt mich bald heirathen, ſonſt wirſt Du mich nie erhalten.“ Sie ſchwieg hier, als waͤre ihre Staͤrke ſchon erſchoͤpft, und die Lippen zitterten, als haͤtten ſie ſchon zu viel verrathen. „Ich faſſe Dich nicht, Marizza Ich weiß nicht, ob Deine Worte mir Gluͤck oder Ungluͤck verkuͤnden. Du ziehſt Dich zuruͤck vor mir und willſt meine Frau werden?“ „Unterbrich mich nicht, mein Freund“, fuhr Marizza, jetzt entſchloſſen die Marter ihres Seelen⸗ zuſtandes vollends zu offenbaren, wieder fort. „Stefano will mich haben, und nur wenn ich mich ihm ergebe, verſpricht er mir Rettung vor dem Herrn.“ Die Zigeunerin ſtand ſtill. Ihr Geſicht war leichenblaß und ihr Koͤrper zitterte von der Locke ihres Hauptes bis zur Sandale ihres nackten Fu⸗ ßes. Die Knice wankten, und ſie fiel in die Arme ihres Freundes. — Conſtantins Ange haftete auf ihr, ſtarr, leb⸗ los; faſt ſchien es, als ringe ſeine ehnmächtige Wuth nach Thraͤnen. Doch dieſe Stille, wie beim Orkane, war nur der Vopbote ſeines Zornes. „Marizza“, ſprach er mit eiskalter Stimme, „ich entſage Dir. Doch“ fuhr er auf,„der Bo⸗ jar wird verloren gehen, ſein Diener nicht leben bleiben!“ Die Adern ſeiner Stirn waren dick geſchwol⸗ len; auf ſeinem Antlitze lag eine furchtbare Wild⸗ heit. „Rache! Rache!“ ſchrie er laut und ergriff mit wahnſinniger Haſt den langen knotigen Stab, die einzige Waffe, die er finden konnte. Schon wollte er aus der Huͤtte ſtuͤrmen, als der eintre⸗ tende Thorwart ihm in die Arme fiel, ein tiefes Schluchzen ſein Ohr erreichte, und die weichen Arme Marizza's ihn umklammerten. „Biſt Du raſend!“ zuͤrnte ihm der Alte, deſ⸗ ſen Geiſt die Urſache dieſes Zuſtandes wohl ahnen mochte,„willſt Du uns Alle in Dein Verderben reißen? Leibeigene Zigeuner mit ihren Herrn duͤr⸗ fen nur Liſt und Klugheit anwenden.“ Der Laͤrmen draußen auf dem Hofe uͤbertaͤubte das Leben in der Huͤtte.— — 21— „Es iſt heute ein feſtlicher, ein hoher Tag der Tag des heiligen Nicolaus,“ ſprach gar wohl⸗ gefällig und mit ſich ſelbſt zufrieden, der alte Vo⸗ jar Athanaſius Dragasco zu ſeinem Haushofmei⸗ ſter, einem ſchlauen Sohne des Fanars zu Stam⸗ bul,„und ich daͤchte, wir koͤnnten den Boſtelniks und Dienern des Hauſes auch eine Freude vergoͤn⸗ nen. Der weithin ſtrahlende Glanz meines von Innen und Auſſen erleuchteten Hauſes, die laute Froͤhlichkeit ſeiner Bewohner, und meine Theil⸗ nahme an der Cour der Mitglieder des großen Divans, werden es hinlaͤnglich beurkunden, daß ich ein treuer Verehrer meines erhabenen Herrſchers bin.“ Die lange, auf einen gewaltigen Effekt berech⸗ nete Rede des Großbojaren, der ſtolz, und im Ge⸗ fuͤhle ſeiner neuen Würde, auf den ihm juͤngſt ver⸗ liehenen Orden der heiligen Anna, dann wieder auf ſein, dem Anſcheine nach, ſo treues und ge⸗ faͤlliges Echo ſchaute, machte den gehoͤrigen Ein⸗ druck. „Wie Du beſiehlſt, o Herr! ſoll es geſchehen und die Dir erb⸗ und eigenthuͤmlichen Zigeuner mö⸗ gen Deine Guͤte bei den Toͤnen der Fiedel und ei⸗ nem feſtlichen Mahle preiſen.“ Eine devote Verbeugung gegen den hohen Wuͤr⸗ denträger begleitete diefe Worte und der Grieche — 205— entfernte ſich, um die erhaltenen Befehle in Voll⸗ zug zu bringen. In gemeſſenen Schritten langſam auf und nie⸗ der ſchreitend, dann aber einem hohen Trumeau gegenuͤber, auf dem prachtvollen rothen Divan, deſſen golddurchwirkte Franzen faſt den Boden be⸗ ruhrten, ſich niederlaſſend, blieb der Bojar allein. Ihm war es, als empfinde er die Erfuͤllung von etwas Großem. Sturm und Aufruhr, Wuͤnſche und Beſtrebungen, ſociales Mißbehagen und ein Anflug moderner Zerriſſenheit— bis in die Laͤnder des Profeten ſich ausdehnend— hatten ſich in ihm gelegt. Das ſuͤße Gefuͤhl des Poſitiven hatte in ihm die Ueberhand gewonnen. Die Wuͤrde eines Großdvorniks, das Chevalierkreuz an der hellro⸗ then Schleife ſeines Halſes begluͤckte ihn ganz. Mit einem zierlichen Elfenbeinkamme die langen grauen Haare des ſtattlichen Bartes ordnend, nicht jedoch ohne von Zeit zu Zeit einen zufriedenen Blick in das hohe Spiegelglas zu ſenden, ließ er die kommenden Erſcheinungen des Feſttages an ſeinem Auge voruͤbergleiten. Ein zufriedenes Lächeln um⸗ ſpielte die zuſammengefallenen Lippen. Aus dem durchfurchten Antlitz ſchauten die dunkelgroßen Au⸗ gen viel freundlicher denn ſonſt hervor. Das pelz⸗ verbraͤmte ſeidene Oberkleid in Falten ſich um den Koͤrper ſchmiegend, das goldgeſtickte offene Wamms, — 206— die weiten tuͤrkiſchen Inerpreſſibles vom einſten rothen Tuche in der Mitte des Leibes von einem koſtbaren Shwale gehalten, die leichten Oberſtruͤmpfe von gelbem Leder aus Stambul, gaben dem chriſt⸗ lichen Bojaren das Anſehen eines turkiſchen Paſcha. Doch wenn auch die Haltung und das Benehmen des Mannes dem Oriente angehoͤrten und nur die Ausſchmuͤckung ſeines Gemaches jene Miſchung Eu⸗ ropa's und Aſien's zeigte, wie ſie in den minder barbariſchen Laͤndern der europäiſchen Tuͤrkei, von Chriſten bewohnt, zu finden,— ſein Ideengang war in dem Augenblicke ein rein nationaler. Das große Werk, die Umgeſtaltung der Walachei, deſ⸗ ſen Ban der Bojar mit begonnen, ſtand jetzt ſeiner Vollendung nahe. In ſich ſelbſt, ſo ſtuͤſterte ihm eine ſchmeichelnde Stimme— und wie oft wuͤnſcht ſich nicht die Mittelmäßigkeit Gluͤck, wo ſie nur das Spiel An⸗ derer geweſen— fand er jetzt Belohnung fuͤr Op⸗ fer, deren glaͤnzende Anerkennung von oben herab ihm ſchon geworden. Traͤume kuͤnftigen Glanzes ſtiegen in ſeiner Seele auf und eine geſchaͤftige Fantaſie fuͤhrte ihn in jenen hellen, magiſchen Kreis der Zukunft, den fonſt nur das ſehnende Auge der Jugend erſchant. Doch bevor noch die lichten Ge⸗ ſtalten Conſiſtenz gewonnen, die ſüßen Bilder auf die reellen Verhältniſſe Anwendung gefunden, wurde — 207— bojar in das Gebiet des Materiellen zu⸗ Die hohe Thuͤre ſeines Zimmers öffnete ſich, um den Fanariotiſchen Stellvertreter ſeiner Herr⸗ ſchaft, der die erhaltenen und nicht erhaltenen Be⸗ fehle anderen von ihm beguͤnſtigten Dienern mit— getheilt hatte, wieder herein zu laſſen. Das Auge des Griechen zeigte beinahe Verachtung, ein nur leicht verborgener Hohn lag um die Winkel ſeines Mundes, als er den Gebieter anredete. „Auf deinem Hofe, Herr! ſteht ſchon eine Menge fremder Troſchken, deren Beſitzer in das Haus getreten. Sind ſie auch nicht zu Dir gekom⸗ men— Du wirſt ſie heute ohnehin noch ſehen— ſo mag doch Deine Gemahlin ſich des Beſuches derſelben erfreuen. In den Gemaͤchern der Gebie— terin draͤngt eine Uniform die andere und die frem⸗ den Gäſte, Deine dem Staate gewidmete Zeit eh⸗ rend, beeilen ſich, ihr wenigſtens die Gluckwuͤnſche öͤber die vor Kurzem Dir gewordene Auszeichnung an den Tag zu legen. Ich ſah bekannte und un⸗ bekannte Geſichter.“ Der Bojar hoͤrte mit Schmerz diefe Worte. Ein ſchon oft in ihm rege gewordenes Mißtrauen ſtieg von Neuem in ſeinem Buſen auf. Für jezt hatte er Faſſung genug, ſeine Gefuͤhle nicht in Worte ausbrechen zu laſſen. —— Doch iſt der Schmerz, den man in ſich ſchlie⸗ ßen muß, nicht der ſchmerzlichſte! Sind die zuruͤck⸗ gehaltenen verborgenen Gefuͤhle nicht nachhaltiger, leidenſchaftlicher, als die offen vor die Welt ge⸗ legten! Indeſſen, inmitten ſeiner ſo lblich aufgereg⸗ ten Stimmung, hatte er der neuen Ehren und Freuden nicht ganz vergeſſen und um den Groll noch mehr in den Hintergrund zu draͤngen, erſchien der Pfeifentraͤger zur rechten Zeit. Es war ein reinilcher Knabe von ohngefähr 11 Jahren, nicht allzugroßen Wuchſes und einneh— mender Haltung. Ein rothes Fes mit blauer Quaſte, feſt auf ſeinem Haupte ſitzend, hob die feinen Zuge des blaſſen Antlitzes noch mehr hervor. Die mit Schnuͤren beſetzte Jacke, die an Huͤften und Schen⸗ keln faltigen, vom Knie an eng ſchließenden Bein⸗ kleider, in Mitten des zuſammengepreßten Leibes von einem Shwaltuche gehalten, gaben dem Kör⸗ per kein ungefälliges Anſehen. Und doch zeigte das Auge des Knabeu jene Kenntniß des Laſters und des Walachiſchen Boudoir⸗Lebens, wie ſie in ſol⸗ chem Alter in den verſchrieenen Staͤdten des uͤppi⸗ gen und reichen europaͤiſchen Lebens ſelten zu fin⸗ den. Der Arme hatte die Gebete ſeiner einſamen Mutter nicht erfaßt. Wenn der Mund ſie biswei⸗ len hermurmelte, die Hand auch zum Kreuze ſich —— — 203— bequemte, den ſtillen, frommen, kindlichen Sinn hatte er abgelegt. In der linken Hand die lange Pfeife mit dem koſtbaren, bernſteinenen Mundſtuͤck und den zierli⸗ chen Email⸗ und Moſaikverzierungen, wie ſie die beruͤhmten Meiſter in der tuͤrkiſchen Hauptſtadt trotz europaͤiſchen Kuͤnſtlern verfertigen, in der Rech⸗ ten die kleine Feuerzange mit gluͤhender Kohle hal⸗ tend, trat er, demüthig ſich verneigend, zu dem Bojaren⸗ „Hoher Herr,“ begann er mit leiſer ſchmei⸗ chelnder Stimme,„trinke den Tabak mit Vergnuͤ⸗ gen und moͤgeſt Du zunehmen an Glanz und Ehre. Es iſt heute im Jahre 1830 der ſechste December. Sonſt wohl ein gewoͤhnlicher Tag, wie mir der Pope von der Kirche der heiligen Irene geſagt hat, aber ſeitdem die Moscowiten hier ſind, ein gar wichtiges bedeutungsvolles Feſt. Das ganze Hans iſt in Unruhe. Deine Wagen ſind ſchon ſeit geſtern in Stand geſetzt, ſchimmern und glänzen ſo hell und freundlich, daß ſich die Zigeuner mit ihren ſchwarzen Geſichtern darin beſchauen. Das ſchlechte Naͤmſenvolk*) laͤuft ſchon die Straßen unſerer gu⸗ ten Stadt Bukureſt auf und nieder, alle Soldaten *) Die deutſchen Handwerker, obgleich nothwendig in der Walachei, ſind nichts weniger wie beliebt. — 210— ſind neu gekleidet und ich moͤchte gerne das Schau⸗ ſpiel mit anſehen. Ich habe ſchon mehr denn ein⸗ mal hinten auf Deinem Staatswagen geſtanden, Deine Herrlichkeit*) wird mich auch wohl heute beguͤnſtigen.“ Dabei kuͤßte er den gelben Pantoffel ſeines Gebieters und beobachtete eine ſchmeichelhafte Un⸗ terwuͤrfigkeit. „Es wird nicht gehen, Baſilaki,“ ſprach, die blauen Dampfwolken in lieblichen Ringeln wohlge⸗ fallig aus Mund und Naſe fördernd, der geſtrenge Herr Athanaſius,„denn Stefano muß neben Gre⸗ gor ſeinen Platz einnehmen. Doch“, fuͤgte er, ei⸗ nen ſchlauen Blick auf den Knaben werfend, raſch hinzu,„geh' zu Eufemia, der Herrin. Hinter ih⸗ rem Sitze wird noch Raum für Dich ſein.“ Der kluge Kleine wolite ſich entfernen, als ein leiſer Wink des Gebieters ihn feſthielt. Sich näher zu dem lanſchenden Ohr Baſils neigend und das Abtreten des verſtaͤndigen Haus⸗ hofmeiſter mit einem dankbaren Blick begleitend, fluͤſterte der Bojar:„beobachte genau das Beneh⸗ men meines Weibes mit den Offizieren des großen *) Gewöhnliche Anrede der höheren Bejaren, die mit den Lords von Altengland wohl noch mehr gemein haben⸗ —————— — 211— Zaars, und wenn Du anch die Pariſer Franken⸗ ſprache nicht verſtehſt, ſo hoffe ich doch, daß Dir nichts Wichtiges entgehen wird.“ Der gewandte Pſeifentraͤger entfernte ſich, und der Bojar, zufrieden mit ſeiner Liſt, blieb allein. Sein Herz ahnte es nicht, daß der Bote ſeines Geheimniſſes ſich eines aͤhnlichen Vertrauens Sei⸗ ten des Gegenſtandes ſeiner Beobachtung erfreute. Trug um Trug! War es ein Vergehen, wenn die ſinnliche, vom verderbenden Hauche eines fri⸗ volen Lebens berührte Frau, ſich um die Zigeuner⸗ liebſchaften ihres Herrn und Gebieters bekümmerte? Wenn ſie die Huldigungen galanter Fremden in ihr leichtſinniges Gemuͤth aufnahm? Auf dem langen Corridor des großen Hauſes wurde es jetzt noch lauter, denn zuvor. Die ſchoͤne Bojarin, nach der neueſten Wintermode der Salons an der Seine in ſchwer ſeidene Stoffe gekleidet, die kuͤnſtlich geordneten ſchwarzen Haarflechten mit einem weißen Turbane durchzogen, von koſtbaren Perlen umwunden, einen reichen Pelz von den Schultern herabhaͤngend, ſchritt leichten und gra⸗ cieuſen Ganges aus der hohen Fluͤgelthuͤre ihres Gemaches hervor. Ein nicht unanſehnliches Gefolge erfahrener Roues, Soͤhne des Mars, in ihrem bunten Schimmer die gefaͤhrlichen Freunde der Frauen, umgab in froͤhlichen Reden, ſuͤße Schmei⸗ — 212— chelworte an die Gefeierte richtend, die ſtolze Vo⸗ jarin. Ein leichter Blick der dunklen Angen, ein feines Laͤcheln der ſchoͤnen Lippen, genuͤgte, um Gluͤck wie Neid zu erregen. Sie war nicht ſtreng, die ſchoͤne Frau, und wie ſie an der Thuͤre ihres Gebieters voruͤber— ſchwebte, regte ſich keine warnende Stimme in ih— rem Buſen. Iſt die Liebe in dem Weibe wohl zu feſſeln? iſt ſie nicht frei, wie der ſuͤße Duft der Blumen, der Alles durchdringt, ſich nicht einengen läßt, bis die Bluͤthe zerfallen und nur die blaͤtter⸗ loſe Staude noch daſteht?— Mit welcher Grazie und Hingebung legte die ſchoͤne Frau ihren vollen ſchwellenden Arm auf die Schulter des glucklichen Fedor, deſſen innerſte Nerven in wonnigem Rauſche erzitterten, als ſie unter der weiten Vorhalle ſte⸗ hend, ſich anſchickte die breiten Stufen hinabzuſchrei⸗ ten. Ein gewinnendes Lächeln glänzte auf ihren Zuͤgen. Die Augen ſtrahlten in freudigem Verlan⸗ gen, wie ſie die ſchoͤnen Glieder dem Arme des Guͤnſtlings uͤberlaſſend, die tiefen Verbeugungen der Abgehenden mit einem leichten Neigen des ſtol⸗ zen Hauptes erwiederte und in den ihrer harrenden Wagen ſtieg. Doch im Rauſche des Vergnuͤgens lebend und demſelben entgegen gehend, ſollte die ſchöne Bojarin den eigenen Hof nicht verlaſſen ohne einen ſchmerz⸗ — 213— lichen Eindruck. Als die Roſſe den Zuͤgel des Fuͤh⸗ rers fuͤhlten und in raſchem Trabe dem harrenden Zuge der im Hofe ſtehenden Wagen Raum mach⸗ ten, die lezten Gruͤße der zufriedenen und unzu⸗ friedenen Gaͤſte ihr Auge erreichten, fuͤhlte ſie die kleine verwegene Hand Baſils in ihrem Ruͤcken. „Hohe Frau“, lispelte der liſtige Knabe,„ſieh dort Marizza, die ſchoͤne Zigeunerin, wie ſie ſtolz und uͤbermuͤthig ſich von den uͤbrigen Haus⸗ genoſſen abgeſondert, wie ſie ſich feſtlich gekleidet hat und die Augen der Fremden verſtohlen ſich auf ſie richten. „Feuer und—!“ fuhr es aus dem Munde der Erzuͤrnten. Doch ihre Worte verhallten ungehört. Der Wagen lenkte auf die breite Straße. Die ſcheue Menge wich auseinander und nur hie und da gab es eine boͤſe Zunge, welche ihre Bemerkun⸗ gen uͤber die ſchoͤne Frau, die ſich ſo nahe an den ſtolzen Offizier ſchmiegte, nicht unterdruͤcken konnte.— Maſſen Volkes wogten hin und her. Es ſchien, als hätte die ganze Bevoͤlkerung der unfangreichen Stadt ſich in die ſteinernen Hauptſtraßen zuſam⸗ mengedrängt. Das Streben der Menge hatte je⸗ doch nach der Metropolitenkirche, die auf einem Huͤgel jenſeit der Dumbovitza mit der Ausſicht auf die Stadt und die naͤchſte Umgebung gelegen, ſeine vorzuͤgliche Richtung. Der Eindruck, den das Volk — 214— wie die Umgebung machte, war keineswegs ein an⸗ genehmer. Letztere wie das Erſte, entbehrte der Mannigfaltigkeit. Von Entfernung zu Entfernung ein großer Bojarenhof, ohne ſonderlichen Geſchmack gebaut, eine Kirche mit nicht ſehr hohen Thuͤrmen, an allen Enden das griechiſche Kreuz tragend, eine mehr oder minder große Anzahl gewoͤhnlicher Haͤu⸗ ſer, fuͤr die meiſt der Name Baracke genuͤgt haben wuͤrde, in ihrer Mitte oder gegenuͤber— war Al⸗ les, was auf den erſten Blick das Auge des Bev⸗ bachters hier finden konnte. Selten nur, daß die architektoniſchen Formen eines in neuerer Zeit er⸗ bauten Palaſtes, wo jedoch die Verhältniſſe auch meiſt fehlerhaft benutzt worden waren, die Aufmerk⸗ ſamkeit auf laͤngere Zeit zu feſſeln wußten. Den einzigen Wechſel boten die Straßen dar. Ein Theil derſelben, breite Kothrinnen in der Mitte, war mit Steinen gepflaſtert. Ein anderer aber, fuͤr Fremde ſicher der merkwuͤrdigere, mit breiten Eichen⸗ und Tannenbohlen belegt, unter denen ſich eine Maſſe Schmuz angehaͤuft hatte, deſſen Ausduͤnſtung dem Volke der guten Stadt Bukureſt ſchon mannigfachen Tod gebracht, uͤbrigens aber den Holzreichthum des Landes evident beurkundete. Und dieſe Stra⸗ ßen mit Holz bedeckt, nahmen auch in anderer Hinſicht Achtung in Anſpruch.„Gewahrt, gewahrt!“ hieß es da. So oſt ein Bojarenwagen dumpf drohnend uͤber die Hoͤlzer rollte, gaben die Fugen eine Maſſe der unter ihnen ſich geſammelten uͤbel⸗ riechenden Fluͤſſigkeit von ſich, deren Spuren die naheliegenden Haͤuſer, wie die Kleider der zufallig Voruͤberwandelnden zeigten. Fuͤr Leute zu Fuße ein großer Mißſtand. Doch da es von dieſen in der Walachei ungewiß iſt, ob ſie zu den Menſchen gehoͤren, eben auch wieder kein erhebliches Uebel. Das Volk nun angehend, das ſich heute ſo zahlreich an den eben beſchriebenen Orten einge⸗ funden hatte, ſo war es mit Ausnahme etwa aus der Ferne gekommener Landleute, ein etwas ent⸗ artetes und ſchwaͤchliches. Wie es bei allen unter⸗ drückten Voͤlkern der Fall, blickte aus ſeinen Lum⸗ pen ein ſchwaͤrmeriſch elegiſches Weſen hervor. Die Neugier, die es heute gewahren ließ, bot eben auch nichts Erfreuliches dar. Denn wo draͤngte ſich die Menge nicht hin! Ihr gilt es gleich, ob ſie zum Tode oder zur Freude der Menſchen ge⸗ fuͤhrt wird. Bei dem Aublick des blutgetränkten Schaffots, wie beim hochzeitlichen Reigen jauchzt ſie auf in wilder, Schrecken erregender Freude, und ihre unedle Schauluſt erfuͤllt das Herz mit Grauen. Oder boͤte vielleicht die erſchuͤtterte Einbil⸗ dungskraft der rohen Maſſen, wie Mitleid aus⸗ ſehend, dem Ungluͤcklichen Troſt— kann das Jauch⸗ zen von Tauſenden, aus oberflaͤchlichem, vergaͤng⸗ — 216— lichem Eindruck hervorgehend, die Seele des Gluck⸗ lichen hoͤher ſtimmen? Nur ein Rauſch, keine tiefe nachhaltige Erregung kann das Ergebniß ſein. Indeſſen hatte die Sonne ſich hoͤher am Him⸗ mel erhoben. Der Tag war ſo ſchoͤn und hell, wie er in der winterlichen Jahreszeit nur ſein konnte⸗ Lauter und geraͤuſchvoller erſcholl das Getuͤmmel der Menge innerhalb der Stadt, welche von unge⸗ woͤhnlicher Bewegung erfuͤllt war. Auf den Stra⸗ ßen hoͤrte man das Geraſſel der Wagen, welche die Großen des Staates zu dem feierlichen Ryrie eleison in der Kirche fuͤhrten. Das Volk fand voll⸗ auf Befriedigung ſeiner Schauluſt. Die trauten Schlaͤge der hoͤlzernen Staͤbe*), die ſchweren Glocken, mit ihren lang gehaltenen, weithin toͤnenden KFläͤn⸗ gen erfuͤllten die Luft. Von allen Seiten eilte man, die Naͤhe der Kirche zu erreichen. Von Zeit zu Zeit rollte der Donner der Kanonen uͤber die Stadt hin und die Truppen der Beſatzung bereite⸗ ten ſich zur feſtlichen Parade. In dieſem Augenblick fuhr auch der ſtolze und maͤchtige Bojar Athanaſius zu dem Tedeum. Sein kluges Alter ego ſtand hinter ihm. Doch die Linie *) Lange Stäbe, mit denen man, da die Glocken ſelten, in den meiſten Theilen ſogar verboten ſind, auf eiſerne Stangen ſchlägt und zur Andacht ruft. — 217— ſeines Standes wenig beachtend, denn ſehr oft beugte Stefano ſich uͤber die Ruͤckſeite des Gala⸗ wagens und fluͤſterte mit ſeinem Herrn und Gebie⸗ ter. Dieſer aber ſchaute gar vergnuͤglich empor zu den ſchönen Frauen⸗ und Mädchenköpfen, welche die Fenſter der Bojarenhäuſer zierten. Nur als er die eigene Gattin, die holde Eufemia, in dem Hauſe eines Standesgenoſſen und unter dem Schutze ihres modernen Ritters ſah, zog eine leichte Wolke des Mißmuths über ſein Antlitz. Sein Auge wandte ſich ab auf die gaffende Menge. Sie hatte den neuen Orden bemerkt und folgte ihm mit ihren Blicken, als er, vorüber an dem Divanpalaſte, die ruſſſche Hauptwache paſſirte. Das„Wache heraus!“ ein ſchuldiger Tribut fuͤr den Traͤger des Kreuzes, entſchädigte ihn fuͤr Alles. Das Gefuͤhl ſeiner Wur⸗ de kam uͤber ihn. Einen Augenblick hielt er an, um ſich des wonnigen Gefühls recht zu freuen. Dann gruͤßte ſeine feine duͤrre Hand, ſonſt nur gewohnt, den großen Bart zu ſtreichen und die Pfeife zu halten, rechts und links mit gleicher Huld und Herablaſſung. Vergnuͤglich wiegte er wieder ſein hohes, mit dem künſtlichen Kalpack*) geſchmuͤck⸗ Einem umgeſtürzten Bienenkorbe nicht unähnlich. Nur in der Walachei giebt es eine ſo widerſinnige Kopf⸗ bedeckung. 10 — 218— tes Haupt. Wer da behauptet haͤtte, der Bojar verſtehe die feine Lebensart nicht, wuͤrde in einen ſehr großen Irrthum gerathen ſein. Sein Wagen war der letzte, welcher auf dem Hofe des Metro⸗ politen anlangte. Die Kirchenthuͤren ſchloſſen ſich hinter ihm. Fuͤr die große Menge der Betluſtigen wuͤrden ſelbſt die weiten Raͤume nicht hingereicht haben. Das Polk mußte ſich begnuͤgen, mit ein⸗ zelnen verwehten Akkorden der feſtlichen Kirchen⸗ muſik mit Geſang. Indeſſen wußte es ſich ſchadlos zu halten. Unbeobachtet und auf kurze Zeit den Augen ſeiner betenden Herrſcher entrückt, ließ es der gemeinen Laͤſterzunge freien, ungezuͤgelten Lauf. Waͤhrend der groͤßte Theil der hier Verſam⸗ melten in ſo edler Beſchaͤftigung die Blitze ſeiner Geiſter leuchten ließ, oder in ſtummem Hinbruͤten das Ende der kirchlichen Feier und den Anfang der weltlichen erwartete, gab es eine andere Klaſſe, die ihrer Meinung nach viel hoͤhere Sachen behan⸗ delte. Es waren die Koryfäen des walachiſchen Geſchäftslebens, die feinen Unterhändler in den Angelegenheiten des Staates, wie der Leidenſchaf⸗ ten. Von den uͤbrigen abgeſondert, in Kleidung und Benehmen verſchieden, hatten ſie die weite Vorhalle der Kirche vorzugsweiſe in Beſitz genom⸗ men. Feine Geſichtszuͤge, wenn auch öfters ver⸗ lebt und mit den Spuren heftiger Leidenſchaften, — 219— gewandte Bewegungen, ſorgfaltige Beobachtung der fremden Perſoͤnlichkeiten und Aeußerungen, ein Zu⸗ ruͤckhalten des allzugrellen Hervortretens ihrer An⸗ ſichten, zeichneten dieſe Leute nicht unvortheilhaft aus. Dem Urſprunge nach waren es meiſt Grie⸗ chen, deren Eltern im Gefolge der Fanariotiſchen Fuͤrſten ſich in dem fremden Lande eingebuͤrgert hatten. Wenn auch hie und da eine Vermiſchung mit ſlaviſchem Blute ſtattgefunden und ſie Sprach⸗ und Lebenskenntniß ſich angeeignet, fuͤr ſich und in Gegenwart von Ihresgleichen bedienten ſie ſich der griechiſchen Zunge. Noch mehr— ihre groͤßere Faͤhigkeiten und der hitraus entſtandene Einfluß hatten es dahin gebracht, daß ſelbſt die Bojaren, in denen keine Miſchung mit Griechenthum, wenig⸗ ſtens einen Theil ihrer Sitten und Sprache ſich angeeignet hatten. Vom Volke und einem Theile der Großen mit Mißtrauen betrachtet, waren ſie doch die eigentlichen Lenker. Die Bojaren, zufrie⸗ den mit der äußeren Anerkennung, gehorchten ih⸗ ren Einfluͤſterungen. Daher auch der uͤberwiegende Ruſſiſche Einfluß in den Furſtenthuͤmern, die heim⸗ liche und offene Antipathie gegen die Tuͤrkei, das Ablaſſen von dem maͤchtigen Nachbarſtaate. „Dimitri,“ ſprach einer von dieſen Maͤnnern, „es ſcheint als hätte Dein Herr ſich auch zum mo⸗ dernen Leben bequemt. Die fraͤnkiſche Auszeichnung, 10* — 220— ſters von glaͤnzendem Erfolge begleitet, belohnt doch ſelbſt Sultan Mahmud die Anhaͤnger des Pro⸗ feten mit Sternen, ſcheint ihre Wirkung gethan zu haben. Ich glaube,“ fuhr er nicht ohne einen Anflug von Ironie fort,„die Pariſer Kleidung wird folgen. Mit dem Barte iſt es bald geſchehen. Es mag nur etwas lange dauern, bis das glatt geſchorene Haupt behaart. Doch am Ende findet ſich auch hierfuͤr Erſatz, die Franken wiſſen fuͤr Alles zu ſorgen. So gut unſre Frauen die ſchoͤ⸗ nen Zoͤpfe der Siebenbuͤrgerinnen zu tragen ver⸗ ſtehen, können auch unſre hohen Haͤupter zu dem käuflichen Eigenthum Fremder ihre Zuflucht nehmen⸗ Daß es nicht außer ihrer Politik, Andere zu Rathe zu ziehen, wiſſen wir am beſten.“ Der Grieche ſchwieg hier. Ein beifaͤlliges Laͤ⸗ cheln des Genoſſen war der Lohn ſeiner verwegenen Rede. Das Geſicht Dimitris zeigte jedoch einen andern Eindruck. Offenbar fuͤrchtete er den Kuͤr⸗ zern zu ziehen, ohne die Geſinnungen ſeines Gebie⸗ ters zu verrathen, daher er ſchwieg und unter der Maske der Gleichguͤltigkeit ſeine innere Bewegung zu verbergen ſuchte. Der leicht gewonnene Erfolg riß jetzt den Sieger fort, der ſich in einer glaͤnzen⸗ den Schilderung ſeiner Hoffnungen gefiel, welche die maßloſe Nationaleitelkeit ſeiner Freunde nur zu ſehr theilte. — 221— „Gieb acht, Dimitri: oder horchſt Du der walachiſchen Predigt, die ein Grieche gedacht hat? Oder ſchauſt Du vielleicht nach dunklen Augen, weichen vollen Armen und willigen Lippen in der Menge, die Dir die Sorgen wegkuſſen ſollen? Er⸗ ſtes wie Letzteres waͤre uͤberfluͤſſig und das leber⸗ fluͤſſige, Freund, iſt vom Uebel. Die Weiber in der Menge entgehen uns nicht. Noch haben wir Einfluß und Geld. Was aber die Bojarenfrauen angeht, wie Stefano uns bekräftigen wird, da muͤſſen wir warten, bis die Epauletten aus den Hospodarenländern verſchwunden ſind. Selbſt die jungen Gebieter, trotz Pariſer Sitten, ſtehen den Balkanuͤberſchreitern nach.“ Ein lauter Beifall unterbrach hier den Spre⸗ cher, der dann ſich und den Andern zu Gefallen fortfuhr. „Sie wird voruͤbergehen, die Zeit der Ent⸗ behrung; fuͤr uns gewiß. Da drinnen in der Kir⸗ che iſt mehr denn Einer, der fruͤher unſer Kleid trug und jetzt gebietet. Wie koͤnnte es auch an⸗ ders kommen und ſind wir nicht Griechen? Bis vor kurzer Zeit nur Menſchen der Gedanken, ſind wir jetzt auch Menſchen des Handelns. Waren die ſtolzen Moslems zur Zeit unſerer tiefſten Er⸗ niedrigung nicht Diener Griechiſchen Geiſtes? Konnte ein Anderer, als einer der Unſern, Frieden oder — 222— Verträge abſchließen und haben die Allahbekenner nicht vor Kurzem erſt die Erfahrung gemacht, daß ſie der klugen Dragomane entbehrten? Wir ſtehen jetzt in anderen Reihen. Viele ſind zu Reichthum und Ehre gelangt, Viele werden ſie erreichen. Die Zukunft aber muß uns noch Groͤßeres bringen. Wie unſer Volk in vergangener Zeit, das herrlichſte und klugſte vor allen, ſoll es auch wieder werden. Das Kreuz wird herrſchen, der Halbmond unter⸗ gehen. Selbſt dieſe Franken, welche hochmuͤthig auf uns niederſchauen, uns fur Barbaren erklaͤren, werden wir uͤberragen. Ihre Sprachen bekennen die eigenen Schwaͤchen. Ihre Wiſſenſchaften, von denen ſie ſo viel Aufhebens machen, haben ſie nicht helleniſche Namen? Sie ſind unſer Gut, von un⸗ ſern Vorfahren haben ſie dieſelben geſtohlen.“ „So erwirb ſie Dir wieder durch Fleiß und Eifer,“ ſprach der bisher ſo ſtumme Demetrius, „kuͤhne Floskeln machen ſie nicht einheimiſch bei uns.“ Die wenigen Worte gaben das Signal einer allgemeinen Mißbilligung und Grund zu weiteren Lobeserhebungen). Ein Gefuͤhl von Wichtigkeit * Es iſt eine eigene Erſcheinung, daß der unwiſſendſte Grieche, überhaupt Orientale, ſich über die civilifirteſten Nationen erhebt. Bei den Lürken iſt der Stolz, das — 223— hatte die hier Verſammelten beſchlichen. Ihr gan⸗ zes Weſen und Benehmen druͤckte unverkennbaren Hochmuth aus. Zufrieden und glücklich in ihren Vorzuͤgen, ſchauten ſie auf die des Anblicks ihrer Großen ungeduldigen Maſſen. „Seht hin, ſeht hin, es oͤffnen ſich die Thuͤ⸗ ren, das Hochamt iſt zu Ende,“ ſchrie es aus der Menge, als die Bojaren und uͤbrigen Großen jezt zur Kirche heraustraten. Die vorhin erwähnten Leute nahmen ein ehrerbietiges Weſen an und ſuch⸗ ten die Nähe ihrer Gebieter. Je nach Zufall oder Abſicht bildeten ſich Gruppen. Die Etikette, ſo noͤthig, damit aus einem feierlichen Aufzuge kein Gewuͤhl entſtehe, erlaubte es nicht ſich zu entfer⸗ nen, bevor nicht derjenige, welcher kraft äußerer Macht und nach dem Rechte des Siegers die Herr⸗ ſchaft uͤber die Walachei fuͤhrte, geſchieden. Die pomphafte Lobrede, wie die kommenden Ereigniſſe dieſes Tages, boten unterdeſſen Stoff genug, um Unterhaltungen anzuknuͤpfen. „In der That,“ begann der ernſte contempla⸗ auserleſene Volk des Propheten zu ſein, und das Be⸗ wußtſein der Herrſchaft über die Bewohner des eroberten Landes, die Urſache dieſes edlen Wahnes. Bei den Grie⸗ chen aber, deren Fanatismus minder nachhaltig, iſt es reine Eitelkeit und die Arroganz des Halbwiſſens. — 224— tive Repraͤſentant jenes wellenumſpuͤlten Eilands, das ſeine gefuͤrchteten Dreizacke in alle Meere der Welt ausſchickt, zu einem Standesgenoſſen, „Sitten und Gebräuche andern ſich, wenigſtens im Aeußern, hier bald. Die Zeit liegt nicht mehr ferne, in der man dieſe Laͤnder, auch in anderer als in Hinſicht der Lage, zu Europa rechnen muß. Neue Geſetze werden eingefuͤhrt, ein milderes Strafſyſtem, beſſere Einrichtung der Schulen hat man verſprochen. Aber Alles dieſes muß auf Vernunft und Gebräuchen beruhen. Ich fuͤrchte, man geht zu raſch. Wie kann man er⸗ ſprießliches erwarten, bevor nicht Helle in dieſes Chaos von orientaliſchen und oecidentaliſchen Ideen gekommen? Und woraus kann dieſe Klarheit her⸗ vorgehen, wenn die Intereſſen dieſer Länder ſich unaufloͤslich mit denen des Rieſenſtaates verbinden, waͤhrend ihre Ideen aus den politiſchen Journalen des Vaterlandes der Revolutionen Nahrung ſchoͤp⸗ fen! Nur Eins iſt ſicher, daß unſer Einfluß nicht im Wachſen. Unſere Privilegien werden bei der Umänderung der Dinge hier, nicht in Betracht ge⸗ zogen.“ „Sir!“ antwortete mit verbindlichem, wahr⸗ haft diplomatiſchem Lacheln der Angeredete. Aber dieſes„Sir“ war auch Alles was ſeinem Mun⸗ de Lentſchluͤpfte, denn die vorzugsweiſe Excellenz —— ſchritt ſo eben voruͤber zu ihrem Viergeſpann. Die hohe Frage der Folge kam jetzt in Ueberlegung. Mit hoͤflichem Scheine den Vorzug gewährend, ſuchten manche den Vorrang zu gewinnen. Gene⸗ rale und Conſuln gingen vorher. Die Walachi⸗ ſchen Wuͤrdenträger mußten folgen. Offiziere, Bo⸗ jaren mittlern Ranges machten den Beſchluß. Der Wagen des geſtrengen Herrn Athanaſins Dragasco ſammt ſeinem theuren Juhalte war gleich⸗ falls in der zweiten Reihenfolge der Abfahrenden geweſen. Der wuͤrdige Beſitzer zeigte einige Unge⸗ duld, aus dem geräuſchvollen Treiben herauszu⸗ kommen. Die lange Predigt hatte ihn nicht ſehr erbaut und gar weltliche Regungen waren in ihm aufgeſtiegen.„Zugefahren, zugefahren!“ rief er mit ärgerlicher Stimme, als der Wagen die freie⸗ ren Theile der Stadt erreicht hatte. Sehr raſch, etwas ungnädig, keinem Gehoͤr gebend, eilte der Bojar in ſeine Gemaͤcher. „Es iſt heute kein Faſttag?“ redete er ſeinen Stefano an, der ihm den hohen Kalpak, das pelz⸗ gefutterte weite Oberkleid abnahm. Ohne eine Ant⸗ wort abzuwarten, als fuͤrchte er etwas zu erfahren, was er nicht wiſſen wollte, beſtellte er eine Mahl⸗ zeit. „Das neue Geſellſchaftsleben“, ſprach er ſeuf⸗ zend,„die neuen Ehren erfordern ungewohnte An⸗ — 226— ſtrengungen und Opfer. Faſt zwei Stunden„ ſte⸗ bend, in kalter Jahreszeit, mit ernſtem Anſtand, in einer Kirche zubringen zu muͤſſen, iſt keine kleine Aufgabe. Und nun die Cour, wo man genoͤthigt iſt, die Bewegungen und Manieren der Fremden nachzuahmen!“ Unbehaglich warf er ſich auf ſeinen Divan, das Erſcheinen der Speiſen ſehnlich erwartend. „Haſt Du keine Fleiſchſpeiſen, Jordaki? eile, eile!“ redete in der geräumigen Kuͤche des Erdge⸗ ſchoſſes Stefano einen ſchwarzen Zigeuner, der den Koch abgab, an.„Der Herr will ein anderes Mal, weun ſein Magen verdorben iſt, die Faſten halten,“ fügte er leiſe und nur halb verſtaͤndlich hinzu.„Lammbraten genugt. Vergiß nicht den. Sellerie, weun er auch gelb ausſieht. Vor Allem aber bringe Caviar und Hauſen von Brailow, der den fremden Zungen ſo wohl behagt.“ Der Bojar blieb nur kurze Zeit allein mit ſei⸗. nen Gedanken. Bald ſtand die niedrige Tafel vor ihm. Feines Waizenbrod, Oliven, gefrorner Wein, wie auch mit Wermuth vermiſchter, nebſt den ſchon genannten Leckerbiſſen lachten ihm entgegen. Er befand ſich jetzt abermals in einer Lage, wo er ſeine Civiliſationsneigungen an den Tag legen konnte. Und er that es auf glanzende Weiſe. Statt, wie es vor nicht zu langer Zeit bei ſeinen Stan⸗ — desgenoſſen noch üblich, auf türkiſche Art zu eſſen, bediente er ſich ſilberner Meſſer und Gabeln. Nichts weniger als maͤßig bei den Speiſen beobachtete er eine ſeltene Zuruͤckhaltung beim Weine. Sein Be⸗ hagen wuͤrde vollſtaͤndig geweſen ſein, wenn ihn nicht eine innere Unruhe, welche er nicht bemei⸗ ſtern konnte, in bald mehr, bald minder großer Aufregung gehalten hätte. „Stefano,“ begann er, eine ſaftige Citrone uͤber den friſchen Caviar auspreſſend, eine duͤn⸗ ne geroͤſtete Brodſchnitte dann ergreifend,„ich nahm Eufemia zum Weibe, weil ſie, die einzige Tochter eines reichen Mannes, eine bedeutende Sestra*) beſaß. Damals dachte ich nicht an die Ruſſen und ich konnte es nicht vorherſehen, daß ihre jungen Offiziere hier von den Strapazen des Krieges ausruhen wuͤrden. Ich uͤberlegte mir nur die Groͤße meines Einkommens. Fuͤnf Jahre hin⸗ durch habe ich ein ſchoͤnes Leben an ihrer Seite zugebracht, aber jezt—“ „Ihr ſeid eiferſuͤchtig, Herr,“ erwiederte ihm mit angenommener Gleichgultigkeit der Angeredete, „die Frau meines Gebieters darf wohl die Huldi⸗ gungen ihrer Schoͤnbeit annehmen, die Wuͤrde ih⸗ ) Mitgift. — res Ehegatten wird ſie darum nicht vergeſſen. Zwar, — Ihr liebt ſie nicht und ſie bedarf wohl der Liebe. Vielleicht,“ fuhr er hoͤhniſch fort,„habt Ihr gar Gefallen an einer Andern. Aber wir Maͤnner duͤr⸗ fen ja Alles. Gebt ihr ein gutes Wort, behandelt ſie milde, laßt ihren Neigungen freien Lauf und ſie wird Euch, Herr, gewiß nicht undankbar ſein. Moͤglich, mein Gebieter, daß Sie vor Euch einen Andern liebte, denn ſie iſt weit jünger an Jahren als Ihr, und Eure kluge Einſicht mag ſie ſchwer zu ſchaͤtzen wiſſen.“ „Du biſt ſehr verſchwenderiſch mit Deiner Zunge und Deine Gedanken ſind kuͤhn.“ Der Bojar wuͤrde ſich einem weiteren Aus⸗ bruche ſeines Zornes uͤberlaſſen haben, wenn ihn nicht der dienende Rathgeber auf eine eigne Art beſaͤnftigt haͤtte. Er holte eine ſchoͤn geſtickte Ta⸗ ſche aus ſeinem Leibſhwale hervor, nahm eine lange Pfeife zur Hand und fuͤllte ſie mit dem Inhalte der Boͤrſe. Ohne irgend etwas zu entgegnen, zuͤn⸗ dete er den Beſaͤnftiger an und uͤbergab denſelben, noch immer ſtumm, ſeinem Gebieter. Der ſo Be⸗ handelte, ſchwach genug, glaubte zu weit gegangen zu ſein und fing nun aus einem andern Tone an. „Du biſt mir treu geweſen. Ich habe Dir Vieles gegeben, doch ich werde dir noch mehr ge⸗ ben, wenn Du Alles erfuͤllſt, was ich Dir auftrage.“ — 229— „Was ſoll ich thun, um Deiner Herrlichkeit zu gefallen? Der Bojar ſann eine Weile. Es ſchien, als treibe ihn ſeine argwoͤhniſche Racheluſt zu et⸗ was Entſcheidendem. „Die Nacht wird heute ſehr dunkel werden, die Straßen nach dem bunten Treiben des Tages öde und menſchenleer. Niemand wird von unſerm Un⸗ ternehmen Kunde erhalten. Sage dem Thorwart, daß er den ſchoͤnen Offizier, den man ueulich in aller Fruͤhe hier geſehen haben foll, ohne Wider⸗ rede hereinlaſſe. Man muß dann Sorge tragen, daß er nicht wieder hinauskomme. Erſcheint er wirklich und iſt er der Buhle meiner Frau, ſo muß er den Weg uͤber den Corridor nehmen. Hier wol⸗ len wir ihn ergreifen. Halte jedermann ferne, Al⸗ les muß mit dem Schleier der Heimlichkeit bedeckt werden. Nur zuverlaͤſſige und wenige Leute können wir brauchen.“ Auf dem Geſichte des Mannes lag, nachdem er geredet, kein entſchloſſener Muth. Es ſchien als fuͤrchte er die Erfuͤllung ſeines Vorhabens. Der gequaͤlte Geiſt beſchaͤftigte ſich ſchon mit den Fol⸗ gen des Verbrechens. Der Grieche, die Gedanken Gefuͤhle ſei⸗ nes Gebietes ſtets errathend, noch bevor jener ſie — 230— in Worte gekleidet, weidete ſich an der Muthloſig⸗ keit des rachſuͤchtigen Eheherrn. „Euer Herz, Herrlichkeit, iſt voll Haß und Eure Rede macht mich zu Eis. Kennt Ihr jenen Mann? habt Ihr ihn geſehen? wißt Ihr daß Eure Gattin ihn ſtrafbar beguͤnſtigt? Und wenn Alles dieſes, nehmt Euch in Acht! er iſt tapfer, wohl be⸗ waffnet. Selbſt wenn wir ihn uͤberwaͤltigten, ich glaube nicht daß Ihr als Sieger, denn auf Euren Schultern wuͤrde has Unternehmen laſten, auf Be⸗ lohnung Anſpruch machen duͤrftet. Ein Ritter, ein Divanbojar in Unterſuchung! Mir ſchaudert.“ Den Bojaren wehte es gluͤhend heiß, dann wieder eiſig kalt an; er befand ſich auf einer Fol⸗ ter. Alle Schrecken des Verbrechers legten ſich auf ſeine Seele. Er ſah ſich angeklagt, gerichtet, ent⸗ ehrt, in Feſſeln. „Höre auf!“ rief er mit einer Stimme, die das Entſetzen durchdrang.„Ich will nichts, ich wollte nichts. Du unterlegſt mir fremde, nie ge⸗ hegte Abſichten. Du biſt ein Narr.“ Mit ſeinen Fuͤßen ſtieß er die Taſel weg, daß der gefullte Becher umſtuͤrtzte und die goldene Fluth ſich üͤber den Parketboden ergaß. Er flüchtete un, gewiß ob vor ſich ſelbſt oder vor den Worten ſei nes Getreuen, in ein anderes Gemach. 8 — 21— „Bin ich allein der Narr hier?“ ſprach Ste⸗ fano, den Becher vom Boden aufhebend, ihn fuͤl⸗ lend und den wurzigen Trank in behaglichen Zuͤgen hinabſchluͤrfend. Dann lehnte er das lauſchende Ohr an die Thuͤre, durch welche ſein Herr ver⸗ ſchwunden war. Eine hoͤhniſche Freude belebte ſein blaſſes Geſicht, wie er die unruhigen Schritte des Bojaren hoͤrte. „Ich hatte Marizza beſtellt, mein Gebieter! auf daß ſie mit Geſang und Rede Euch erheitere. Doch fuͤrchte ich Eufemia moͤge zurückkehren, auch wird es Zeit ſein, um zur Cour der Bojaren zu fahren.“ Es war eine Viertelſtunde nachher, daß der Bojar aus ſeinem Hoſe herausfuhr. Wie fruͤher ſtand auch jetzt Stefano hinter ihm. „Da kommt die Herrin,“ ſprach er gleichguͤl⸗ tig, ruhig, als der Wagen an dem neuen Fuͤrſten⸗ palaſte, auf der großen Hauptſtraße voruͤberfuhr. „Sie wird nach Hauſe eilen, um die langen Stun⸗ den bis um Beginne des Feſtballes mit der Aus⸗ wahl paſſender Kleider hinzubringen. Der teutſche Haarkuͤnſtler und die fremde Kammerzofe werden wohl freien Zutritt haben.“ Das Geſicht der ſchoͤnen Frau glänzte vor Freu⸗ de, es waren die Nachklänge des genoſſenen Vergnuͤ⸗ gens. Die Stirne ihres Gatten lag voller Sorgen.— —— Das oͤffentliche Treiben, das ſo fruͤhe ange⸗ fangen, war nicht unbedeutender geworden, be⸗ ſchraͤnkte ſich nur auf einen kleineren Raum. Das Harren und Draͤngen der niederen Menge galt jetzt einer rein weltlichen Ceremonie, von der ſie nur die Unbequemlichkeit und unbefriedigte Neugier hatte. Auſſer den ſchon geſehenen Wagen, Roſſen und bekannten Geſichtern ihrer Großen, ſah ſie nichts. Das Volk konnte ſich nur eine oberflaͤch⸗ liche Idee von einer europaͤiſchen Gratulation ma⸗ chen und ſeine Einbildungskraft behielt groſſen Spielraum, um das Fehlende zu erſetzen. Verge⸗ bens ſchauten die vielen Augen auf die hohen Fen⸗ ſter des in gutem Style und reich erbauten Pala⸗ ſtes, in deſſen Raͤumen die jetzige Herrſchaft ihren Sitz anfgeſchlagen hatte. Das innere Leben blieb verborgen. Ganz anders war es mit den Beguͤnſtigten der hoͤheren Claſſe. In vollem Trabe fuhren ſie durch die geoͤffneten weiten Thore uͤber den mit Kies be⸗ ſtreuten geraͤumigen Hof an das Portal des Her⸗ renhauſes. Von dienſtfertigen Händen getragen er⸗ reichten ſie das Innere. Die großen Thuͤren oͤffne⸗ ten ſich für ſie, ein weiter Saal nahm ſie auf. Erſt als eine bedeutende Anzahl der ſo Eingefuͤhr⸗ ten beiſammen war, der hohe Divan des walachi⸗ ſchen Landes in dem groͤßten Theile ſeiner Mitglie⸗ — 233— der ſich verſammelt hatte, erſchien der Held des Tages, um die Huldigungen fuͤr ſeinen fernen maͤchtigen Herrſcher in Empfang zu nehmen. Hier war kein Zweifel ob der Orient oder Oceident ei⸗ nen ſeiner Großen zeige. Dem Aeußeren der Ex⸗ cellenz ging ſelbſt jener nationale Typus, der anch bei civiliſirten Nationen noch nicht verwiſcht iſt, vollig ab. Feine Abgeſchliffenheit, leichtes Lächeln, mit ſreundlich beobachtendem Blick, ein gewandtes und doch vorſichtiges Benehmen, gleich entfernt von allem Zwange wie aller Nachlaͤſſigkeit, war das Ein⸗ zige, was die Oberflaͤche dieſes Mannes ſehen ließ. Ob es innen in dieſem glatten Koͤrper ſo ſtille war, ob Ruhe und Leidenſchaft, wie Ebbe und Fluth mit einander ſtritten um die Oberherrſchaft, liegt nicht in der Beſtimmung dieſer kunſtloſen Blaͤtter. Was liegt uns uͤberhaupt an dem Leben und Lieben der ſo verſchiedenartig zuſammengeſetz⸗ ten Verſammlung? Dem Leſer kann es gleichguͤltig ſein, ob er eingeweiht ſei in die Verhaͤltniſſe und Geheimniſſe dieſer Maͤnner oder nicht. Das diplomatiſche Air fremder Conſuln, die ehrfurchtsvolien, verwunder⸗ ten Bojaren, das bekeidigende Selbſtgefuͤhl junger Protegés, die harten, zerfetzten Fyſiognomien im Kriege ergrauter Soldaten, Maͤnner auf deren Stirnen ſich ein ganzes Leben voll ſchwerer Entbeh⸗ — 234— rungen eingegraben hat, die Mienen Anderer, de⸗ nen das ſtete Gluͤck zur Langenweile, vermoͤgen wir hier nicht wieder zugeben. Sie Alle hielt auch die Schranke der geſelligen Bildung, mächtiger als der eigene Wille, in ſtrenger Zuruͤckhaltung. Und dieſer geſellige Anſtand, mit ſeinen tyranniſchen Forde⸗ rungen die eigene innere Natur oft zerſtoͤrend, dem ſich zu entziehen Niemand den Muth hat, weil der Eine ſich ſtets der Menge unterordnet, wurde von den Bojaren ebenſo, wie von den routinirten Hof⸗ leuten gewahrt. Laſſen wir daher die Menſchen, im Grunde ſind ſie allenthalben dieſelben, um einen kurzen Blick auf die Raͤume, in denen ſich die edle Verſammlung befindet, zu thun, das Turkenthum iſt auch hier ſeinem Untergange nahe. Es war ein hoher, weiter Saal, deſſen Winde mit dunkelblauen, ſeidendurchwirkten Tapeten be⸗ hangen waren. Der Kunſtfleiß Lyons zeigte ſich in der Walachei. Die Decke dieſes Saales zierte ringsum eine breite Blumenguirlande, in ihren Ecken Gruppen ſpielender Kinder dem Auge vor⸗ fuͤhrend. In die Mitte hatte der Pinſel des Ma⸗ lers eine italiſche Erndteſcene voll Leben und Waͤr⸗ me hingezaubert. Der Meiſter aus Italien war dem Golde mit dem Zeichen des Sultans gefolgt. Hohe Fenſter, in ihrer halbzirkelſoͤrmigen Woͤlbung durch bunte Scheiben ein magiſches Licht ausſtra⸗ 235— lend, während die untern Flügel das feinſte Glas enthielten, gaben dem Hrunkgemache eine vornehme Helle. Rothſeidene Gardinen, mit Mouſſelin aus Indien durchſchlungen, milderten dieſe Helle. An den Zwiſchenwaͤnden waren ſilberne Armleuchter. Ery⸗ ſtallene Luſtres hiengen von der Decke herab. Grie⸗ chiſche Kaufleute hatten ſie auf dem Leipziger Welt⸗ markte geholt. Lange und breite Trumeaur, mit Mahagoniſaͤulen eingerahmt, hatte der Reichthum ſich aus Venezia verſchafft. Gemaͤlde und Kupfer⸗ ſtiche, wenn auch viel zu tbeuer erkauft und ohne feinen Geſchmack gewaͤhlt, ſollten Zeugniß geben von dem Sinne fuͤr Kunſt. Deutſche Schreiner endlich, das karge Leben im Vaterlande mit einem kuͤrzeren, doch uͤppigeren Daſein in der fernen Fremde vertauſchend, hatten die glatten, gebohnten Quadrate des Fußbodens verfertigt. Und um die wuͤrdige Ausſtattung zu vollenden, waren Meublen von Wien da. Alles bewies eine vollendete Kennt⸗ niß der Genuͤſſe der reicheren Welt und nur hie und da zeigte die dunkle Wand eines Nebenzim⸗ mers den rothen Divan, das erſehnte Ruheziel tuͤrkiſchen Lebens. In dem ernſten, gemeſſenen Kreiſe, der hier ſich jetzt bewegte, fand Athanaſius ſeine Ruhe wie⸗ der. Die glaͤnzende Verſammlung, der anzugehoͤren er die Ehre hatte, eine Ehre, die er tief fuͤhlte, aus einer Fenſterniſche miſhhrnd, trat das eigene Leid in ihm zuruͤck. Er ſah nur den Staat, ſich als deſſen maͤchtiges Glied. Wie nun gar der mit reichen Orden geſchmuͤckte Regenerator der Fuͤrſten⸗ thuͤmer, freundliche Worte ſpendend, die Reihen auf und abſchritt, nach allen Seiten ſich wandte und auch ihm ſo Angenehmes, Verbindliches zu ſa⸗ gen wußte, war aller Groll vergeſſen. „Du biſt ein wichtiger, geehrter Mann,“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Wo groͤßere Verhältniſſe dich in Anſpruch nehmen, darfſt du auf Kleinliches nicht Ruͤckſicht nehmen Und noch dazu wollteſt du Erſcheinungen verhindern, die mit dem Leben der Großen, in den cciviliſirteſten Staaten verbunden ſind. Es ſei!“ war der Schluß ſeiner Selbſtbetrach⸗ tung—„Genuß um Genuß! Freiheit um Freiheit! Du willſt nicht zuͤrnen, wenn ſie einen Theil der Ungebundenheit, welcher du dich bisher allein er⸗ freut haſt, auch fuͤr ſich in Anſpruch nimmt.“ Das ſuͤße, Leben⸗athmende Bild Marizzas durch⸗ kreuzte ſeinen Gedankenflug. Sein alter Koͤrper ſchmiegte ſich ſchon an den uͤppigen Gliederbau des braunen Maͤdchens. Seine Arme hielten die ſchöne Laſt umfangen. In ſo heiterer Stimmung nahm er freudigen Antheil an dem déjeüner dinatoire, das den feſt⸗ lichen Tag fuͤr die Wuͤrdentraͤger verherrlichen ſoll⸗ — 237— te. Bisher ein Spiel wechſelnder Eindruͤcke, war er nun das Bild der Beſtaͤndigkeit. Sein hochro⸗ thes Antlitz zeugte von dem inneren Wohlbehagen und es war gut, daß das durch inneren Aerger vergaͤllte Mahl in ſeinem Hauſe nicht alle Eßluſt in ihm zerſtoͤrt hatte. „Der Kaiſer, der Kaiſer!“ jubelten unter dem froͤhlichen Zuſammenklange der feingeſchliffenen Glaͤ⸗ ſer die munteren Gaͤſte. „Segen und Gedeihen den Fuͤrſtenthuͤmern!“ toͤnte es von der andern Seite heruͤber. An den armen Sultan in Stambul dachte Niemand. Viel⸗ leicht war es nur zarte Ruͤckſicht, das Wohl des Padiſchah nicht in verbotenem Weine zu trinken. „Eure ſchoͤne Gattin! edler Herr, die lie⸗ benswürdige Eufemia!“ fluͤſterte uͤber die Tafel hinweg, das Vis à Vis des Bojaren, das ihm heute nicht zum Erſtenmale begegnete. Ihr erlaubt doch, daß ich den Maſurka mit ihr tanze? Bald ruft mich ohnehin die Pflicht aus dieſem ſchoͤnen Lande.“ Der Bojar ſetzte ſein Glas an die Lippen und trank es aus. In nachlaͤſſiger Stellung, das ſchoͤne Haupt auf die kleine, zarte, weiße Hand gelehnt, mit dem — 6— vollen Arme, deſſen ſeidene Verhuͤllung ſie zuruck⸗ geſtreift hatte, auf eine Toilette ſich ſtuͤtzend, ſaß Eufemia einſam in ihrem Gemache. Die langen Wimpern hatten ſich ſchuͤtzend herabgeſenkt, als wollten ſie das ſchwere Leiden, das in den dunklen Augen der ſtolzen Frau lag, verbergen. Von ih⸗ ren Wangen war das Roth gewichen, tiefe Blaͤſſe hatte es verdraͤngt. Sie hatte geweint. Die dunk⸗ len Schattenkreiſe der Leidenſchaft zogen ſich um ihre Augen. Ihr Herz, nur leicht bewegt in dem gleichguͤltigen Wechſel eines Lebens, dem es an tieferen Erregungen gefehlt hatte, fuͤhlte jetzt zum Erſtenmale die Schmerzen der Liebe. Und dieſe Liebe war eine verbotene, ſtand im Widerſpruche mit ihren Pflichten. Lange Zeit ſpielend mit den Huldigungen der Männer, mit dem leicht beweg⸗ lichen Sinne bald hier⸗, bald dorthin ſich neigend, empfand ſie endlich das ungeſtuͤme Verlangen einer großen Leidenſchaft, die ihr ganzes Weſen erfuͤllte. Mit heißen Thraͤnen hatte ſie es gefuͤhlt, es tief gefuͤhlt, daß ſie ungluͤcklich ſei, daß in ihrem Buſen fuͤr den Mann, an den ſie ein unaufloͤsba⸗ res Band feſſelte, nur Haß und Verachtung leb⸗ ten. Unklar, verworren, ſtuͤrmiſch ſah es in ihr aus. Sie fürchtete, von dem Gegenſtande ihrer Liebe ſich uͤber Alles hinreißen zu laſſen— wieviel — 239— batte ſie nicht ſchon gewaͤhrt— und doch ſehnte ſie ſich nach dem verbotenen Genuſſe ſeiner Naͤhe⸗ Die ſchmerzliche Unſicherheit vermehrte nur ihre Leidenſchaft, fachte die langverbotenen Gluthen der Sinnlichkeit in ihr immer mehr an. Als die ſchoͤne Frau eine Zeit lang in ſolchem Kampfe dageſeſſen, erhob ſie ſich und trat vor den Spiegel. Sie ſchauderte vor dem eigenen, blaſſen Bilde, und doch gefiel ſie ſich wieder, in dieſem Leiden um den Geliebten, in dem Grame, daß ſie das Eigenthum eines Andern. Sie loͤßte den gold⸗ durchwirkten Turban von indiſchem Stoffe aus ih⸗ rem Haare, daß die langen Flechten feſſellos um Rücken und Schultern fielen. Sie ſah aus wie Perſefone. Eine fluͤchtige Entruͤſtung flog jetzt uͤber das ſchoͤne Geſicht. Sie dachte an das freie Leben des eigenen Gatten. Was dieſem erlaubt, ſollte ihr verboten ſein! Der Gedanke uͤberwaͤltigte ſie. Sie weinte von Neuem, heftiger denn zuvor. Dann ward ſie wieder ſtille und weich. Ihr ganzes We⸗ ſen war durchdrungen vom Schmerze der Liebe. So gebeugt fuhr ſie plotzlich, laut und unmäßig klagend auf:„Fedor, Fedor! Geliebter! warum bin ich nicht dein?“ Sie warf das ſchoͤne Haupt hin und zurück. Die ſchwarzen Ringellocken ſchlan⸗ gen ſich ihr um Geſicht und Hals. Fieberhafte — 240— Unruhe drohte ihre Bruſt zu zerſprengen, preßte ſie krampfhaft zuſammen. Mit haſtiger Hand zer⸗ riß ſie das ſeidene Leibchen mit Spitzen beſetzt. Die Fuͤlle des ſchönen Buſens, weiß wie Schnee, quoll hervor. Ein leiſes wiederholtes Pochen riß ſie aus ih⸗ rem Schmerze. „Hohe Frau!“ ſprach der Knabe Baſil,„Herr Fedor iſt draußen. Er will Abſchied nehmen von Dir, er geht zuruͤck ins Land der Moskowiten. Mir hat er ſchoͤne Goldſtuͤcke gegeben, ich werde ihn nicht vergeſſen.“ Der liſtige Burſche ſchluͤpfte raſch hinaus, um einen Andern hereinzulaſſen. Das Herz der ſchoͤnen Frau zitterte vor Freude. Aller Schmerz war aus ihr gewichen. Sie dachte nicht daran, daß der Mann ihrer Liebe vielleicht zum letzten Male dieſe Schwelle uͤberſchreite, ſie war zufrieden ihn zu ſehen. Der Mann ſolcher Leidenſchaft war ein ſcho⸗ ner Mann von hohem Wuchſe. Die knapp anlie⸗ gende Uniform hob die einzelnen Theile des mus⸗ kelvollen Koͤrpers noch mehr hervor. Die Haltung ſeines Kopfes war vornehm. Der Ausdruck des braunen Geſichts, ſorgloſe Keckheit. Die großen Augen, von dunkeln dichten Brauen uͤberſchattet, lagen weit auseinander und zeugten von Entſchloſ⸗ ſenheit. Die weiten Fluͤgel der Naſe deuteten auf . — 241— vorherrſchende Sinnlichkeit. Die Lippen, mehr dick als fein, zeigten Trotz. Leichtſinnige Frivolität ſtreifte uͤber ſeine Zuͤge. „Eufemia! ſchoͤne Eufemia!“ ſprach er, in freudiger Ueberraſchung auf die Bojarenfrau zuei⸗ lend,„wirſt Du mir zuͤrnen? Du darfſt es nicht. Um Dich zu ſehen habe ich Freunde und Vorge⸗ ſetzte verlaſſen.“ Unter ſeiner Umarmung, ſeinen Kuͤſſen, er⸗ ſtarben die Vorwuͤrfe der holden Fran. Sie ſchmiegte ſich nur feſter an ihn, damit er die offenen Reize ihres Koͤrpers nicht ſehe. Sie war weich und ſanft wie eine warme Sommernacht, verlangend, wie der Duft der ſich oͤffnenden Knospe. Niemand ſah es, wie ſie ihr ſchoͤnes Haupt, die Augen feucht vor Liebe an ſein von Sinnlichkeit berauſch⸗ tes Herz druͤckte. Gruͤnſeidene Gardinen verſetzten das Gemach in ein ſuͤßes Halbdunkel. Kein lau⸗ ſchendes Ohr vernahm das Gefluͤſter der Liebe, die leidenſchaftvollen, ſinnloſen Schwuͤre. Der Knabe, zufrieden mit ſeinem Golde, hatte ſich zu⸗ ruͤckgezogen in eine ferne Ecke des Corridors. „Du biſt mein, Eufemia, Du wirſt mir an⸗ gehoͤren und nur mir,“ ſprach in der Gluth des Rauſches, als die ſchoͤne Frau ſeinem Arm ſich entwunden hatte, der junge Moskowite. 1¹ Ein Blick der Liebe, hingebender Liebe war die einzige Antwort. In Scham und Verwirrung, gluͤcklich in dem Beſitze des theuren Gegenſtandes und doch nicht ohne jenen Daͤmon der Rache, den man Gewiſſen nennt, ſaß ſie vor ihm auf einem Tabouret. Er beugte ſich zu ihr herab, ſchlang von Neuem den ſtarken Arm um ihren Leib. Der heiße Hauch ſeines Mundes kuͤßte ihre Stirn, ſeine Finger ſpielten mit ihren zitternden Locken. „Weib meiner Liebe!“ flehte er mit verfuͤhre⸗ riſchem Schmerze,„das Leben an meiner Seite willſt Du verſchmaͤhen, um ein elendes, frenden⸗ leeres Daſein mit einem ſchwachkoͤpfigen, eitlen Greiſe hinzubringen? Sein muͤrriſches Auge ſoll Dich mit quaͤlender Eiferſucht bewachen, ſtatt daß Du frei, in ungebundener Freiheit nur dem Zuge Deines Herzens folgend, mit mir vereint, einer heitern Zukunft entgegen gehſt. Er, Dein Herr, wird Dich nicht miſſen, wenn er nur im Beſitze Deines Goldes, ich aber werde nicht leben koͤnnen ohne Dich. Du biſt unſchluͤſſig, ſchwankſt, wählſt zwiſchen ihm, den Dein Herz haſſen ſollte und mir, der ich Dich anbete? O! hoͤre mich, verlaſſe die⸗ es Haus, wo Niemand Dich verſteht, folge mir! Ich will die Wuͤnſche Deiner Seele erfullen, noch bevor ſie Dein Geiſt in Worte gekleidet. Dein —,.—— — 2¹3— Auge ſoll mich rufen, ein leiſer Wink Deiner Hand mich verweiſen. Ihre Worte verſtummten unter ſeinen Kuͤſſen. Mit roher Kraft druͤckte er den ſchoͤnen Leib an ſich. Er ſah es nicht und ſein Herz ahnte es nicht, daß ihr Auge weinte, wie ein tiefer, innerer, ſchmerzlicher Kampf ihre Bruſt bewegte. „Ich, der ich Dich liebe, werde Dich hinweg⸗ fuͤhren, die Riegel Deines Kerkerlebens zerbrechen und die klirrenden Bruchſtuͤcke dem Bojaren vor die Fuͤße werfen,“ rief er in lauter, verletzender Freude aus, als das verſchmitzte Geſicht Baſils in der Thuͤre ſich blicken ließ. Einen Augenblick, doch nur einen Augenblick, war er betreten, als der Knabe die Mahnung der Zofe und die Ankunft des Haarkuͤnſtlers verkuͤndete. „Ich werde hier bleiben und zuſehen, wie ſie Dich ſchmuͤcken, Eufemia, obgleich Du jetzt mir reizender erſcheinſt, als in feſtlichem Kleide.“ Es half nur wenig, daß die ſchoͤne, in Schmerz und Reue verſunkene Fran ihn abwehren wollte; ſie war ein Spiel widerſprechender Zuſtaͤnde. Der beglückte Liebhaber blieb trotz ihres Draͤngens. Er war nur im Bewußtſein ſeiner Staͤrke, die Regun⸗ gen des Zartgefuͤhls blieben ihm fremd. Sein trunkener Blick haftete auf ihren Reizen. Was kuͤmmerte ihn ein Reſt von Schamhaftigkeit an 11* dem Weibe, deſſen Gunſt einmal errungen, er nicht wieder zu verlieren fuͤrchtete? Alle Gluthen der Sinnlichkeit waren in ihm aufgeſprungen, hat⸗ ten ſich mit praſſelnder Flamme ſeiner bemaͤchtigt. Jedes andere Gefuͤhl war fuͤr den Augenblick todt. „Fedor, Fedor! gehe!“ ſagte die ſchoͤne Bo⸗ jarenfrau, als die dienſtbaren Geiſter eingetreten waren. Dabei ſah ſie ihren Ritter halb zuͤrnend, halb ſchmerzlich an. Hatte ſie den Wein des Le⸗ bens genoſſen, durfte ſie vor der Hefe nicht zuruͤck⸗ ſchrecken. Nur mit Widerſtrebrn uͤberließ ſie ihr langes, ſeidenweiches Haar der kunſtfertigen Naͤmſenhand. Ihr Auge erhob ſich nicht, blieb zur Erde geſenkt. Eine dunkle Roͤthe uͤberzog die Wangen, als die leuchtenden Wachskerzen das Dunkel des Zimmers erhellten. Sie gab auch keine Befehle und fuͤr die⸗ ſesmal mußte der galante Offizier die Zofe bedeu⸗ ten Es ſchien als beſitze dieſer Erfahrung. Er ließ die koſtbarſten Kleider bringen, ſorgte dafuͤr, daß aller Schmuck der reichen Frau hervorgeholt wurde.— Unterdeſſen war auch Athanaſius nach Hauſe zuruͤckgekehrt, wo ſeine Ankunft das Signal zu der lärmenden Freude ſaͤmmtlicher Dienerſchaft gab, die Vorbereitungen zu der Erleuchtung des Boja⸗ renhofes waren getroffen und Alles drängte ſich zu der weiten Flügelpforte, um den gnädigen Gebie⸗ ter zu begruͤßen. Er war in der That gnädig und leutſelig, hatte für den Augenblick ſeine ſtolze Wuͤr⸗ de ganz abgelegt. Mit Wohlgefallen und herablaſ⸗ ſendem Weſen die demuͤthigen Ehrenbezeugungen ſeiner Hoͤrigen annehmend, verſchmaͤhte er die Huldigung des Geringſten nicht und munterte zur Luſtigkeit auf, wo er ſonſt nur ernſt befahl. „Es ſoll heute nicht Nacht werden in und um mein Haus, ſprach er zu den Untergebenen „und meine Augen ſollen ſich weiden an eurer Freude.“ Ein lauter Jubel war die Entgegnung, die vielen Lampen wurden angezuͤndet und das Feſt begann. Der Bojar zog ſich zuruͤck um ſpäter wieder hervorzutreten. Ein fremdes Ohr wuͤrde ſich beleidigt gefunden haben durch die wirren Zu⸗ rufe der ausgelaſſenen Walachen, die, gehorſam in Allem, die Herablaſſung des Herrn als ein Zeichen der Ungebundenheit anſahen. Der Schall des Tambourins, die kreiſchenden Toͤne der Fidel, die ſchwermuͤthigen Klaͤnge der antiken Mandoline mit langſam getragenem, durch die Naſe gezogenem Geſange begleitet, lockten zum Tanze. „Sei ſtille, mein Junge!“ redete heimlich der alte Thorwart den unruhigen Conſtantin an„hier von meinem Sitze aus, wo ich die Geige ſtreiche, — 246— will ich Dir meinen Plan mittheilen. Stelle Dich links zu mir, ich kann ſpielen und reden zugleich, laß Dein Maͤdchen mit einem Andern tanzen, da⸗ mit Niemand argwoͤhniſch werde.“ Der junge Hirte, den die wohlgefälligen Blicke, die ſein Gebieter auf die ſchoͤne Braut geworfen, in neue Qualen verſetzt hatte, ließ nur ungern die Hand Marizzas fahren, die zu ſeinem großen Leidweſen nicht ohne Tänzer blieb. Der Alte ſtimmte ſeine Geige, that dann einen maͤchtigen Strich, der Alles elektriſirte und die Paare gewaltſam fortriß. Die Saiten tönten laut zur ſtuͤrmiſchen Freude, verkuͤndeten den Jubel des Zigeunerorfeus. „Er hat mir Geld gegeben, iſt mit Deiner Heirath zufrieden, nur ſollſt Du hier bleiben. Doch dem ſei nicht ſo! Ein raſcher Griff mit den langen hagern Fingern der linken Hand, grellere Striche lockten eine andere Melodie hervor. Die Toͤne der Fidel wurden heftiger und ſauſten in raſchen, grellen Schwingen durch das Zimmer. In kurzeren, en⸗ geren Kreiſen raſten die Zigeuner. „Wir wollen den Herrn betruͤgen. Er ſoll Deine Frau nicht koſten, der alte, tyranniſche, lü⸗ ſterne Bojar. „Hei! Juchhei!“ johlte der Schwarze triumfi⸗ rend in die bachantiſche Umgebung, deren Spruͤnge ——— ——— — 247— das Werk ſeines Zanberbogens waren. Conſtantin wollte ſich unter ſie ſtuͤrzen, im Rauſche ſich mit Marizza drehen. Ein kraͤftiger Ruck des Thor⸗ warts erinnerte ihn gewaltſam an ſeine Pflicht. Er mußte ruhig mit anſehen, wie die Augen ſeines Maͤdchens zu ihm heruͤberleuchteten in wildem, lo⸗ derndem Feuer, wie die Tanzluſt der Uebrigen den hoͤchſten Gipfel erreichte. Die raſchen Schlaͤge auf dem Tambourin mit Schellenklang begleiteten die Striche des Alten, bisweilen drang ein Ton der Darmſaiten mit durch. Die jungen Burſche arbei⸗ teten mit Händen und Fuͤßen, ſprangen hoch in die Luft, drehten ſich, mit den Fußſpitzen kaum den Boden beruͤhrend, umfingen ſie wieder die braunen Zigeunerinnen. Die ſchwarzen Augen gluͤh⸗ ten, die gelben Wangen waren geroͤthet, ſchnee⸗ weiße Zaͤhne lachten hinter hochrothen Lippen her⸗ vor. Die Tuͤcher und Baͤnder wehten, die langen Flechten ihrer rabenſchwarzen Haare flatterten auf⸗ geloͤſt. Roch ein ſchrillender, durchdringender Schrei der Geige, einer jener wunderlich grauſen Toͤne, die den innerſten Nerv erſchuͤttern, die Wortes „Du mußt noch heute mit Marizza den Krug zerbrechen, dann fliehen“ und der Alte ging zu ei⸗ ner andern Weiſe uͤber. Sein Geſicht, das bisher eine wilde Frende, nicht ohne Beimiſchung von — 248— Rache ausgedruͤckt, zeigte einen ploͤtzlichen tiefen Schmerz. Er hatte ſein graues Haupt auf die alte Viola geneigt, eine Thraͤne zitterte in dem dunklen Auge, es ſchien als uͤberwaͤltige ihn der ſchwere Gedanke der nahen Trennung von ſeinem Kinde. Die Hand zauberte eine jener duͤſteren, ſchmerzvollen, klagenden Melodien hervor, wie ſie der Osmane Nachts unterm Sternenhimmel in ſei⸗ nem Feldlager ſingt. Oder wie ſie der Magyare auf der einſamen oͤden Puſtta, wenn der Himmel von Wolken umhangen und die Rinder den Hirten ſuchen, in die weiten Ebenen ertönen laͤßt. Die dumpfen Schlaͤge des Tambourin klangen gar trau⸗ rig hinein. Die Bewegungen der Tanzenden wur⸗ den langſamer. Die Geſichter aus Afrika konnten ihre Empfindungen nicht verbergen, als nun end⸗ lich der Alte, das duͤſtere, walachiſche Volkslied: „Marck, marck, noi te duce, cara mou i sin- gora“*) anſtimmte. Der Tanz endigte in einem ernſten, leiſe ſchwe⸗ benden Gang, nach und nach machten Alle Chorus zu dem ſchwermuͤthigen Liede. Eine tief traurige Stimmung hatte ſich der Verſammlung bemaͤchtigt und nur das Geſicht Conſtantins ſtralte vor Freude. Seine Hand hielt die Marizzas feſt *) Ich bitte, bitte, geh' nicht, denn ich bleib' allein. —,— — 249— umfaßt. Er that ſo ſicher, als wäre ſie ſchon ſein rechtmaͤßiges Eigenthum. Das Mädchen konnte ſich nicht losmachen. „Bringt Wein, Wein her!“ ließ ſich plotzlich die ſtolze, befehlshaberiſche Stimme des mächtigen Herrn Stefano vernehmen.„Hat der alte Schuft mit ſeiner ſchlechten Geige euch wieder zu Trauer⸗ bildern gemacht? Wer iſt hier traurig, wenn ihr froh ſein ſollt? Der Herr wird kommen. Auf! rührt euch, tanzt, trinkt.“ Ein neuer Reigen begann. Die in ſtetem Wechſel, bald hier⸗, bald dorthin ſich richtenden Blicke des Haushofmeiſters, waren nichts weniger als ſittſam. Seine Freigebigkeit hatte heute keine Grenzen. Nach allen Seiten hin, an Maͤnner und Weiber ließ er Wein austheilen. „Der Herr, der Herr!“ hieß es jetzt. Seine Erſcheinung brachte eine neue Unterbrechung her⸗ vor. Die Tanzenden trennten ſich und ſteliten ſich ehrerbietig in den Hintergrund. Der Bojar ſah viel ſchoͤner aus, als bei Tage. Das weite, rei⸗ che Gewand gab ihm ein ſtattliches Anſehen. Der helle Schein der Kerzen von Innen, die vielen Oel⸗ lampen von Außen, hoben die ſtarken Zuͤge ſeines Geſichts mehr hervor, ſo daß es als ein ſehr mar⸗ kirtes erſchien. Der lange dunkle Bart, aus dem jedes weiße Haar ſorgfaͤltig vertilgt war, gab ihm — 250— eine gewiſſe Wuͤrde. Nur das Auge zeigte nichts von dieſer Würde, es ruhte mit zu großem Wohl⸗ gefallen auf der Tochter des Thorwarts. „Michael,“ redete er dieſen an„es iſt die rechte Gelegenheit, daß ich Dir eine Gunſt erweiſe. Deine Tochter mag den Conſtantin zum Mann erhalten. Sie ſoll zur Dienerſchaft meiner Gattin Eufemia gehoͤren, er mag ſich auf Pferde einuͤben, um hier bleiben zu koͤnnen, ein Anderer ſoll ſeine Heerde huͤten. Marizza“ endigte er dann un⸗ gemein gnaͤdig,„Du darfſt Dir morgen, wenn Coſtaki auf's Land gegangen, um ſeine Sachen abzugeben, eine Ausſtener holen. In acht Tagen wird die Hochzeit ſein.“ Die Geſichter der Umſtehenden zeigten eine hohniſche Freude, ſie wußten was Bojarengunſt bedeute. Das Mädchen, eine ſeltene Schuͤchtern⸗ heit in ihrem Stande, ſtand ſprachlos, ſchamroth, in Verwirrung. Der Alte blieb ruhig, dem An⸗ ſcheine nach ganz gleichguͤltig. Nur die Stellung des Braͤutigams war eine drohende. Mit finſte⸗ rem Unmuth ertrug er den hoͤhniſchen Blick Stefa⸗ nos, ſeine Fauſt war geballt. Kurz nachher hatte das tolle Treiben wieder freien Lauf. Den Gebieter zog es zum feſtlichen Balle, wenn er auch nur als Zuſchauer erſcheinen konnte. Für ihn gab es dort mehr zu ſchen als — 251— er hoffen durfte und auch, ohne dem Pharaoſpiele ſich hinzugeben, wuͤrde es ihm an Stoff nicht ge⸗ fehlt haben.—— Einen ſo feſtlichen, glaͤnzenden und zahlreich beſuchten Ball, als an dem Abende des oben ge⸗ nannten Tages, hatte die gute Stadt Bukureſt wohl nie geſehen. Und es iſt nicht wenig dieſes zu ſagen, denn was Sucht nach Vergnuͤgen, glaͤn⸗ zende Equipagen, reiche Anzuͤge, Perlen und Edel⸗ ſteine anbetrifft, kann ſie ſich mit jeder Hauptſtadt Europa's meſſen. Die Bojaren ſind reich. Der Erwerb des ganzen Landes ſtroͤmt in ihre Reſidenz, die vielen und namenloſen Bedürfniſſe des hoͤheren ſocialen und litterariſchen Lebens, die in unſern Laͤndern zu den Nothwendigkeiten gehoͤren und nur mit Geld befriedigt werden, kennt man dort nicht. Alles wird auf aͤußern Lurus verwendet. Nichts Auſſerordentliches daher, wenn ihre Pracht gran⸗ dioſer erſcheint und nur ſchade, daß oft jener feine Geſchmack, der ſich im Kleinſten wie Groͤßten kund zu geben weiß, fehlt. Heute jedoch konnte Nie⸗ mand ſelbſt dieſen Mangel an Feinheit bemerken, alle Anordnungen zeigten von Umſicht und Ge⸗ ſchmack. In dem weiten durch Pechfackeln erleuchteten Hofe des Herrn Antonaki ſtanden in langen Rei⸗ he die Wagen, deren Zahl ſich immer noch ver⸗ — 252— mehrte. Rothe Decken lagen auf den dampfenden Pferden und die Kutſcher waren tief gehuͤllt in Winterpelze. Keine unnoͤthige Vorſicht und ſie hatten volle Muße ſich in trivialen Späßen zu ergehen, denn ſie mußten der Gebieter harren. Muͤßiges Volk ſtand vor dem Thore. Braune Zigeunerinnen, junge Walachinnen ſtanden ſchon eine Stufe hoͤher in der Gunſt der Wachen: ſie hatten ſich eingeſchlichen und die dunkeln Augen ſchauten nach Eroberungen. An dem breiten Portale des Hauſes, zu deſ⸗ ſen beiden Seiten abermals Wachen poſtirt waren, die jeden Unberufenen zuruckwieſen, war die Scene ſchon intereſſanter. Eine Schaar der Uebergalan⸗ ten, nicht achtend des rauhen Zugwindes, der mit Heftigkeit ſtuͤrmte, daß die Flammen der Lichter in den Reverbéren mit den Spitzen hin und her leck⸗ ten, hatte hier ihren Standpunkt auserwaͤhlt, um die vorzugsweiſen Heldinnen der Bewegung gebuͤh⸗ rend zu empfangen. Die kuͤhnen Dandy's des krie⸗ geriſchen Nordlandes hatten allen Stolz verloren. Den heißen Blicken aus großen Augen vermochten ſie nicht zu widerſtehen. Je nachdem eine gefeierte Schoͤnheit ihren gruͤnen Wagen aus Wien verlaſ⸗ ſen und die Stufen erſtiegen hatte, verſchwand einer oder mehrere aus der Zahl dieſer seigneurs, — 253— um als ein treuer chevalier zu figuriren, bis ein Anderer ihn verdraͤngte. Wohl tauſend Kerzen ſtralten ihren Glanz aus in den hohen und geraͤumigen Gemaͤchern, die mit bluͤhenden Blumen, gruͤnen Guirlanden an den Waͤnden ausgeſchmuͤckt waren. An der Hauptwand des großen Saales, der Fluͤgelthuͤre gegenuͤber, zwiſchen zwei hohen, breiten Spiegeln, hieng das lebensgroße Bild des Caͤſar, deſſen Namenszug in brillantenem Feuer an vielen Stellen erglaͤnzte. Gruͤne Orangenbäume, ſchneeweiße Bluͤthen und gelbe Fruͤchte zugleich tragend, ſtroͤmten ſuͤßen be⸗ rauſchenden Duft aus. Die Wohlgeruͤche des Suͤ⸗ dens erfuͤllten die Luft, das Roſenoͤl mit ſeinem die Sinne uberwaͤltigenden, in ſuͤße Befangenheit verſetzenden Parfuͤm drang hindurch. Alle diejenigen nun, die Beduͤrfniß oder Con⸗ venienz hierher gefuͤhrt hatte, und die in den er⸗ leuchteten Zauberſaͤlen, ſich wechſelſeitig begruͤßend und anmuthig, doch uͤber gleichguͤltige Gegenſtände redend, ſich ergingen, waren, was ihr Aeußeres betraf, in vollkommener Harmonie mit der glaͤn⸗ zenden Umgebung. Wenn die Mittheilungen, die ſie ſich jetzt machten, das Feſt nicht angingen und ihre halb andeutenden Manieren nur die Wuͤnſche und nicht die Gewißheit des rauſchenden Vergnuͤ⸗ gens ausdruͤckten, in ihren Planen, auf alle und — 254— jede Art zu genießen, zu nehmen und zu geben, waren ſie ebenwohl uͤbereinſtimmend. Die liebliche Anmuth der Frauen, ſtralend in dem Doppelreize ihrer gewinnenden Perſoͤnlichkeiten und den uͤber⸗ reichen Anzuͤgen, von denen es ungewiß war, ob man die Pracht oder den modernen Geſchmack am Meiſten bewundern ſollte, erhielt mit Recht allge⸗ meine Huldigung. Junge Maͤnner in glänzenden Uniformen, mit Orden geſchmuͤckt und auf ihren nordiſchen Geſichtern die Spuren der ſuͤdlichen Sonne tragend, waren nicht ſparſam mit den Beweiſen leichter Erregbarkeit fuͤr ſo viel Schoͤnes. Umgeben von der wohlthuenden Gegenwart ſo lieb⸗ licher Weſen, wuͤrden ſie vielleicht zu ercentriſch in den Ausdruͤcken ihrer Empfaͤnglichkeit geweſen ſein, wenn der ernſte Anſtand ihrer Oberen und die friedlichen Mienen der Bojaren, die in ihren lan⸗ gen, weiten, vrientaliſchen Gewaͤndern hier wenig⸗ ſtens auf fremdem Terrain ſich bewegten, ſie nicht in angenehmem Gleichgewicht erhalten hätten. Alle die verſchiedenen Geiſter und Geſtalten, die hier verſammelt waren, fanden jetzt einen guͤltigen Vorwand, die Neigungen ihrer Herzen ſich zu ge⸗ ſtehen und zu offenbaren. Die rauſchenden Toͤne einer Polonaiſe, von zwei Orcheſtern an den beiden Enden des Saales zugleich vorgetragen, brachten eine wunderſchnelle . —— Veraͤnderung hervor. Die zuſammengetretenen Grup⸗ pen trennten ſich. Die Aeltern traten zuruͤck, der beweglichen Jugend freien Spielraum uͤberlaſſend, die maͤchtigen Tonwellen wallten durch die hohen Raume, und die vielen Paare, glänzend in Ju⸗ gend, Schoͤnheit und Pracht, bewegten ſich zumal wie in magiſchem Zauber. Unter den Schoͤnen die Schoͤnſte, ſtralte Eu⸗ femia hervor. Sie war gluͤcklich, wenn man ſagen kann, daß es ein Gluͤck giebt, daß es etwas an⸗ deres als Schaum iſt— oberflächlicher, vergaͤng⸗ licher Schaum, aus Neigungen und Temperament hervorgehend. Die Blicke Aller ruhten auf ihr und ſelbſt das Auge des Herrn Athanaſtus zeigte ein wahrhaftes Wohlgefallen, als er die reizende, von Allen bewunderte Gattin, umſchlungen von dem Arm eines Andern, wie eine Halbgoͤttin leicht da⸗ hin ſchweben ſah. Der junge Mann, Fedor, dem ihr ſuͤßer Mund entgegen lächelte, unter deſſen Schulter ihr warmer, lebenvoller Arm ruhte, deſ⸗ ſen Fingerſpitzen die ihren beruͤhrten, daß ein elek⸗ triſches Feuer ihn durchglühte, er fuͤhlte nur Ver⸗ gnuͤgen und Luſt. Raſch und ſicher bewegte er ſich daher. Das Haupt trug er ſtolz im Bewußt⸗ ſein ſeines Vorzuges, die Bruſt hob ſich wie von befriedigtem Ehrgeiz. Und doch war er nicht ge⸗ nuͤgſam, verlangte er ungeſtuͤm noch mehr, als er — 256— ſchon beſaß. Konnte er nicht zufrieden ſein mit der Gunſt der ſtolzen Frau? Hatte ſein uͤbermuͤ⸗ thiger Sinn nicht Freude genug an den neidiſchen Blicken der Genoſſen? Wohl war er zu beneiden, denn die Frau des Bojaren war heute hinreißender denn je. Ihr ſchoͤner Kopf blickte ſtolz hervor aus der kunſtvollen Blumenguirlande, die, um ein Netz von Edelſteinen gewunden, die glatt anliegenden Flechten des dunklen Haares nur verhuͤllte, um die in Feſſeln gehaltene Fuͤlle noch mehr zu ver⸗ rathen. Keine Wolke bedeckte die hohe Stirne. Liebeslieder lagen in ihren Augen. Um die ſchwel⸗ lenden Lippen des kleinen Mundes ſpielte jenes Verlangen, das die Kenntniß des Genuſſes vor⸗ ausſetzt. Ihr weißer Hals war nackt. Nur eine duͤnne ſchwarze Schnur wohlriechender Perlen, von Armeniern aus ſuͤß duftenden Pflanzen bereitet, von der Hand eines Prieſters geweiht und ſchuͤtzend gegen Uebel, ſchlang ſich um ihn. Ueber einen Rock von Orange⸗Atlas, der den vollen, uͤppigen Gliederbau hindurchſchimmern ließ, trug ſie eine hellblaue Robe mit weiten Aermeln und mit brei⸗ ten Spitzen garnirt. Ein enges Leibchen mit Atlas drappirt und mit dem feinſten Gewebe von Flan⸗ dern eingefaßt, umſchloß ihren Buſen. Bruſt und Schultern geziert mit blauen Schleifen. Hellſei⸗ — 257— dene, durchbrochene Struͤmpfe, blaue Atlasſchuhe mit Goldplaͤttchen geſtickt, ſchmiegten ſich um die kleinen Fuͤße. Der Gram des Tages war unter⸗ gegangen in Freude. Das Bild des Herrn und Gebieters lebte nicht in ihr, ihr inneres und äu⸗ ßeres Weſen geboͤrte nur dem Geliebten. Die Erinnerung ſelbſt war erſtorben in Luſt. Die Bil⸗ der der Verfuͤhrung umſchlangen ſie in wildem Reigen- „Eufemia!“ toͤnte die Stimme Fedors in ihr Ohr, als die Polonaiſe mit einer Galoppade geen⸗ digt und er die ſchoͤne Frau, roth, erhitzt, gluͤhend, zu einem Sitze fuͤhrend,„Eufemia, nach Mitter⸗ nacht biſt Du mein fuͤr immer!“ Ein leiſer Druck„ der Hand verhieß ihm ihre Zuſtimmung. Der Bojar ans der Ferne zuſehend, von meh⸗ ren Seiten das Lob ſeiner Gattin hörend, war zufrieden. Selbſt gegen die courtoisie des Mos⸗ kowiten wußte er nichts einzuwenden, jener wahrte den Anſtand. Sein Herz hatte keine Ahnung von dem Schlage, der ihm bereitet wurde, und mit mehr als gewoͤhnlicher Liebenswürdigkeit eilte er in die Naͤhe ſeiner Frau.„Eine eigene Sache mit dem Tanzen“ dachte Athanaſius, als ihm nur kurze, unfreundliche Worte auf ſeine Anrede zu Theil wurden und er die gewaltige Aufregung der ſchönen Gemahlin ſich nicht erklaͤren konnte. Der — 258— nun beginnende Walzer verhinderte jede fernere Unterhaltung und der seigneur zog ſich zuruͤck in eines der anſtoßenden Spielzimmer, wo ſein Gold volle Anerkennung fand. Er hatte hier nicht Urſache ſich uͤber Gleich— guͤltigkeit zu beſchweren. Die hinuͤber und heruͤber wandernden Rollen erhielten die Spieler in gewalt⸗ ſamer Spannung. Es war wieder einer jener Abende, wo die Bojaren mit ihren Kriegsgaͤſten in trauriger Entfaltung des Reichthums und der Ver⸗ ſchwendung wetteiferten. An denen es keine unge⸗ woͤhnliche Erſcheinung, wenn Vermoͤgen, hinrei⸗ Nchend um eine ganze Familie vor Mangel zu wah⸗ ren, von dem Erſcheinen einer einzigen Karte ab⸗ hing. Eine tiefe Stille, mit der lauten Freude in dem nahen Saale einen grellen Contraſt bildend, herrſchte in dem kleinen Cabinet, in dem ſich ne⸗ ben Andern der Bojar befand. Das monotone agne et perd“ aus dem Munde des Banquiers war der einzige, ſich ſtets in gleicher Weiſe wieder— holende Laut, der hier hoͤrbar ward. Nur ein lei⸗ ſes Zucken der Augenwimpern, ein engeres Zuſam⸗ menziehen oder ein freundlicheres Auseinandergehen der finſtern Brauen, ein mehr oder minder verzo⸗ genes Lächeln der zuſammengekniffenen Lippen zeigte die tiefe Aufregung der Spieler. — 259— „Die Dame zum drittenmal verloren, Groß⸗ dvornik!“ ſprach verbindlich der Bankhalter, deſſen Lippen ſich ſelten oͤffneten und deſſen glaͤſerne Au⸗ gen nur aͤngſtlich beſchaͤftigt waren die Karten zu uͤberſchauen. Der Bojar ließ ſich nicht irre machen, ein doppelter Satz ſollte das Verlorene wieder einbrin⸗ gen.— Der begluͤckte Fedor hatte ſich ſo ſehr als moͤglich gewahrt, ſeinen Enthuſiasmus fuͤr die ſchoͤne Eufemia einer Andern mitzutheilen. Wenn auch nichts weniger als Denker, wußte er doch, daß eine Frau ſtets und allein fuͤr ſich Huldigung in Anſpruch nimmt. Eben ſo wenig hatte er ſein Vorhaben einem Freunde offenbart. Die Furcht, der Gegenſtand des Neides wie der Unterhaltung zu werden, hatte ihn abgehalten. So war es ge⸗ kommen, daß er bis jetzt der Gunſt der reizenden Frau, unbemerkt von der Welt, ſich erfreut hatte, und erſt heute, wo ihm ein ſo in die Augen fallen⸗ der Vorzug geworden, waren auch Andere als der eiferſuͤchtige Eheherr, aufmerkſam auf das neue Verhaͤltniß geworden. An dem Ziele ſeiner Wuͤn⸗ ſche war es ihm gleichguͤltig. Seine modernen Geſinnungen wußten nichts von der ritterlichen Liebe des Mittelalters. — 260— Mitternacht war voruͤber, die Damen hatten ſich erhoben von einem ſolennen Mahle. Der Tanz ſollte mit neuem Eifer beginnen. Der Bojar, nur mit dem Gewinn und Verluſt beſchäftigt, achtete ſeiner Frau nicht. Er hatte ſeinen alten Platz ein⸗ genommen. Eufemia ſah ſich von einem Kreiſe junger Männer umgeben. Den vielen Bitten und Aufforderungen ſetzte ſie nur ſchwachen Widerſtand entgegen. Ihr bangte vor der nächſten Stunde. Die Furcht und das Entſetzen des Vergehens ſtrit⸗ ten mit ihrer ſtrafbaren Liebe. Ein treuer Warner wuͤrde ſie gerettet haben ſo nahe am Abgrunde. Ihr Auge, in Verwirrung, ſuchte umſonſt den leitenden Polarſtern, der verſchwunden war. Jede Bitte, zuruͤck zu gehen, war unmoͤglich. Sie war jetzt willenlos, dem unterthan, den ſie vor Kurzem beherrſcht hatte. Doch dieſer neue Gebieter, den ſich ihr Herz erkoren hatte, ließ ſie nicht laͤnger in Spannung. Die Verfuͤhrung bleibt nie aus. Er kam, um ihr volle Gewißheit zu geben. „Gnaͤdige Frau!“ ſprach Fedor mit lauter Stimme, und die Stimme des Mannes zitterte nicht, ſeine Haltung war feſt und ſtolz, als ſage er die Wahrheit und handele nach Recht„Ihr Wagen iſt breit, ſo wie Sie befohlen.“ — 261— Das allgemeine Bedauern der naͤchſten Um⸗ gebung ſetze die Bojarin noch in groͤßere Unruhe. Sie zitterte heftig, es war, als empfaͤnde ſie das Gewicht ihrer That, als ſchaudere ſie zuruͤck vor dem verbrechenvollen Unternehmen. Sie war blaß geworden, alles Leben in ihr war zuruͤckgetreten. Dem Offizier half ſeine Faſſung uͤber das Bedenkliche des Augenblicks. Mit leichtem An⸗ ſtande trat er zu der bebenden Frau, ergriff ihren Arm und fuͤhrte ſie zum Saale hinaus, uͤber den langen Corridor an die Stufen der Ausgangspforte. Hier warf er einen weiten Mantel uͤber die ſchoͤne Beute und rief laut und entſchloſſen nach ſeinem Wagen. Die ungluͤckliche Frau machte eine widerſtre⸗ bende Bewegung vor dem Einſteigen. Sein kräf⸗ tiger Arm uͤberwand dieſes Hinderniß. Fort rollte der Wagen. Raſch, ohne Aufenthalt ging es die Straßen hinweg, hinaus uͤber die Barrieren der Stadt. Die ſtolze Eufemia war herausgeriſſen aus ihren Verhaͤltniſſen, bewußtlos in eine neue, fremde Bahn geſchleudert. Fuͤr jetzt konnte ſie nicht zur Beſinnung kommen. Die Schwuͤre des geliebten Mannes draͤngten jeden Vorwurf zurück. Seine Lippen preßten ſich auf die ihren. Ihr Blut kam 12 — 262— in Wallung. Sie lag in den Armen, an dem Herzen Fedors.—— Wohl zu derſelben Stunde, als der Wagen des jungen Officiers in rauſchendem Fluge die Straße nach Jaſſy dahin braußte und der baͤrtige Ruſſe die Pferde peitſche, als gelte es noch heute den Pruth zn erreichen, verließen drei verhüllte Geſtalten den Hof des Bojaren. Der ſchneidende Wind mit kalten Regenſchauern mochte die Wan⸗ derer gar unfreundlich beruͤhren. Sie dräͤngten ſich dicht an einander. Der nächtige Himmel hing voll grauer Wolken, die vor dem Winde in dich⸗ ten Wogen einherzogen. Bisweilen leuchtete die fahle Sichel des Mondes durch einen zerriſſenen Fetzen. Einen Augenblick pruͤfte die vordere der Geſtalten das drohende Wetter und es ſchien, als zandere ſie voran zu ſchreiten. Doch eine Bewe⸗ gung des Gefaͤhrten veranlaßte ſie bald zur Fort⸗ ſetzung des Weges. Die zwei Männer und eine Frau oder Jung⸗ frau wichen von der großen Hauptſtraße ab und wandten ſich in eine der Mahalas*). Von Zeit zu Zeit ſchauten ſie vor- und ruͤckwaͤrts, als fuͤrch⸗ teten ſie Aufenthalt oder Verfolgung. Wenig re⸗ — *) Vorſtädte mit Gärten. — 263— dend und ſo geraͤuſchlos als moͤglich forteilend— eine ganz unnöthige Vorſicht, der Wind pfiff laut um die Dächer und Baͤume— gelangten ſie end⸗ lich in's Freie, wo ſie in freudiger Haſt auf einen ſchwarzen beweglichen Punkt zuſchritten. Die dunkle Erſcheinung mußte mit dem Un⸗ ternehmen der Leute in Verbindung ſtehen. Auch ſie näherte ſich demſelben. Es war ein Walache, der ein mageres Thier, zum Pferdegeſchlechte ge⸗ hoͤrig, an der Hand fuͤhrte, es wortlos Einem der Dreie uͤbergab und ſich dann haſtig entfernte. „Gott weiß es, daß ich nicht Unrecht thue“ begann jetzt derjenige, welcher das Seil des Pfer⸗ des, ſtatt eines Zaumes dienend, erfaßt hatte und in dem wir den alten Thorwart erkennen, mit vor Ruͤhrung zitternder Stimme zu dem jungen Paare,„und es ſchmerzt mich tief, aber ich kann es nicht aͤndern.“ „Du haſt mein beſtes Kleinod, Conſtantin““ fuhr er weinend fort,„bewahre es gut. Ich habe Dir das gegeben, was ich in meinem Alter wohl brauchen koͤnnte. Doch wenn Du Schätze mir an⸗ boͤteſt und mein Kind verließeſt, ich würde Dich von mir ſtoßen, ſelbſt im Tode Dich verwuͤn⸗ ſchen.“ „Habt einander lieb, ſeid vorſichtig gegen die Welt, die uns mit boͤſen Augen anſieht und ver⸗ — 264— geßt Euren alten Vater nicht“ wandte er ſich zur heftig ſchluchzenden Tochter, die ihn mit herbem Trennungsſchmerze umfaßt hatte, als duͤrfe ſie nicht von ihm laſſen. Eine Weile blieb er ſprachlos, dann wiſchte er ſich die Thraͤnen aus dem durchfurchten Antlitz, druͤckte Eines nach dem Andern aws Herz und trieb die Saͤumigen, ſchmerzlich Ergriffenen zur Eile an. Den ſchwachen Zügel legte er in die Hand des Sohnes und hob ſein weinendes Kind auf das duldſame Thier. Der junge Hirte zog hinaus in die dunkle Ferne, uͤber die weite Ebene, von den hohen Kar⸗ pathenbergen begrenzt. Der Alte aber blieb eine Weile ſtehen und verfolgte die Beiden ſo lange als moͤglich mit ſeinen Augen. Selbſt als er nichts mehr erblickte, ſtarrte er noch immer ohne Bewe⸗ gung nach der Gegend. „Sie werden ſich finden müſſen in die Frem⸗ de“ redete er beſorgt vor ſich hin. Doch ploͤtzlich ſchien es, als verſchwinde dieſe Beſorgniß.„Eine Huͤtte wird er doch finden, ein Weib hat er. Ue⸗ ber's Jahr ein Kind. Eine Stunde ſpaͤter ſind ſie nicht heimathlos.“ Langſam ging er zuruͤck in die Stadt. Je naͤher er kam, deſto mehr gewann er Herrſchaft über ſich und als er den Bojarenhof erreicht hatte, ſchritt er gleichguͤltig in ſein nun einſames Häus⸗ chen.. Vielleicht, daß er da von Neuem weinte.—— Es war um die Mittagsſtunde des 7ten Dezem⸗ ber alten Stieles, daß der Bojar aus ſeinem Schlafe erwachte. Die unangehme Kunde machte einen tie⸗ fen Eindruck auf ihn. Ein langſamer, doch immer zunehmender Schmerz zuckte uͤber ſein Antlitz. Sein Stolz war gebrochen, die Leidenſchaft verraucht. Ein Gegenſtand der freien Läſterzunge mit ihrem lang⸗ ſam toͤdtenden Gifte, was half ihn da der chevalier? Rath⸗ und thatlos wollte er ſein Anſehen benutzen, um der Fluͤchtigen habhaft zu werden.„Herrlich⸗ keit!“ erwiederte ihm der Griechiſche Major Domus, deſſen Einfluß und Machi nun fuͤr immer und unter allen Umſtaͤnden geſichert bleiben mußten.„Frau Eufemia iſt verreiſt in die Moldau. Was die ent⸗ laufenen Zigeuner angeht, ſo haben wir deren noch viele, wenn auch Wenige ſo ſchoͤn ſein moͤgen wie Marizza. Dem Alten kann man zu guter Gele⸗ gelegenheit ein Paar Dutzend Fuß ſohlenhiebe aufbe⸗ wahren.“ Die Ruͤckkehr der ſchoͤnen Frau, geneigter Leſer! iſt eine lange Geſchichte. Ein andermal von ihr.— ſſſiſſſſ 1 13 10 1 14 15 16 17 18 5 „ 8 12*