S— Leihbibliothek SLeih- und Jeſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens g deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. von Eduurd Otimann in Gießen, 2. Lesepreis. Bei Rukgabe eines geliehenen Buches wird von Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bübher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe it auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eS— 2„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung S—— Kleine Romane von Leopold Schefer⸗ Fünfter Theil. Das Volk ohne Magen.— Die Prin⸗ zeninſeln.— Winkelmann.— Mar⸗ — Bunzlan, Appun's Buchhandlung. 1839. Das Volt ohne Magen. Die Prinzeninſeln. Winkelmann. M artaban. . Romane von Leopold Schefer. Bunzlan, Appun's Buchhandlung. 1839. Das Volk ohne Magen. Reiſegeſchichte des Prinzen Famescr. Mitgetheilt von Levopold Schefer. . Bd V. Reiſe nur Niemand zu ſeinem Vergnügen zur See! Denn das iſt ſo, und noch ſchlimmer, als ſetzte ſich Jemand auf einen ungezähmten Wall⸗ fiſch, weil er gerade, ruhig ſcheinend, ſein Mit⸗ tagsſchläfchen macht. Dieſe Herren Wallfiſche ſollen zwar jetzt gezähmt werden, als Roſſe des Schiffes, aber ich denke mir immer, daß ſie durchgehen, wie Pferde in den Hafer, wenn ſie ein ſchönes Wallfiſchfräulein, Kameraden und alte Bekannte finden. Sollte man aber auch ſo glücklich ſein, dieſe Staatsequipage zu Stande zu bringen, und tüchtige Kutſcher mit oder ohne Peruquen dazu aufzutreiben, ſo weiß doch das Meer von unſerm Menſchenvergnügen nichts, und brüllt wie ein Löwe, ſo bald und ſo oft und ſo plötzlich es will. Nur Einen Tag und den andern vielleicht huſchen viel tauſend Schiff⸗ 1* chen wie Schwalben dahin, und kommt dann der Sturm und ſieht ſich um— weg ſind ſie im Hafen! Der Sturm mag ſich vielleicht auch darüber aͤrgern, aber Aergerniß der argen Her⸗ ren, wie Herr Wind, iſt gut und zum Heil. Ueber mich aber hatte er Freude, große Freude, denn ich fuhr auf einer Seereiſe im ſtillen Ocean, wenigſtens auf drei Monat vom Hafen von Lima— Callao de Lima— aus, und wollte in den indiſchen Archipel, nach Japan u. ſ. w. Wir fuhren getroſt und ich mit allem mir Nothwendigen, allen theuerſten Delicateſſen Süd⸗ amerika's reichlich verſchen; was mich nicht ge⸗ nirt, wenn auch die Bewohner meiner Beſitzun⸗ gen; denn laut meinen faſt komiſchen Nebenti⸗ teln bin ich auch: Duque de los Reales, San- zillos, 7 Ducados, y Pistolas, oder auf Deutſch etwa: Herzog der Zwanzigkreuzer und Gulden, Ducaten und Louisd'or; und ich war ſtets ihr tüchtiger Herzog! und führte meine gelaſſenen Untergebenen ſchonungslos in den kleinen Krieg mit der ganzen Welt, ja wirklich, oft wirklich ſpielend zur Schlachtbank. Ich vermißte alſo Nichts, was zum täglichen Brod gehört; und zu meinem täglichen Brode gehörte ſehr viel; denn ich konnte und wollte mir nichts verſagen, ——,— — 5 und was ich als Herzog der Dukaten nicht er⸗ obern konnte, das bekam oft der Prinz umſonſt als Tribut ſeines Ranges; und was der Prinz noch nicht gratis bekam von allerhand Volke, von Männern und Weibern, das erſchlich ſich gewiß der Croqueur, wie mein Kammerdiener ſich erlaubte, einſt meinen werthen Namen Fa⸗ mesco zu überſetzen. Nur ihn ſelber vermißte ich ungern. Denn er hatte den albernſten Streich eines Reiſenden gemacht und ſich verliebt in die ſchöne Limanerin— Iſabella; und einen Streich, der noch ärger iſt, er hatte ſie geheirathet, und war mir bei ſeiner Frau Liebſten geblieben, was mir allerdings ſehr lieb ſein konnte, denn wer nimmt gern einen vertrauten Diener von Reiſen nach Hauſe, wenn er nicht ſtumm iſt, oder auch ſtumm iſt, aber noch ſchreiben kann! Er konnte mir ma future— meine Braut, abwen⸗ den, ſchon mit einer Geſchichte, auch wenn ich ihn unter einem leichtfindlichen Vorwande aus dem Dienſt gejagt, und gerade dann! Für dieſe Möglichkeit hatte er aber ſeinen Lohn ſchon wirk⸗ lich im Voraus erhalten. Denn er hatte zwar ſeine ſchöne Iſabelle blos um ihrer jetzigen Treue in spe zum Weibe genommen— und doch fand ich ſie heimlich verſteckt in meinem Cabin auf dem Schiffe am Abfahrtsabend. Aber ich ſandte ihm das arme Ding in tauſend Thränen ſchwim⸗ mend, doch in der männerverderblichen Saya unerkannt, treu wieder zurück ans Land. Statt ſeiner hatte ich ein Factotum, gleich dem Winde, mit mir— einen perfecten Koch, der auch zugleich ein imperfecter Doctor war, meinen edlen Ignazio. Ich war alſo wohl ver⸗ ſehen, und brauchte nicht mehr. Denn ſtatt den Sturm zu beſchreiben, der uns ſechs Wochen peitſchte— man merke wohl, wie weit man in ſechs Wochen verſchlagen werden kann, da ein Sturm, ein Himmelskind von 24 Stunden uns ſchon 100 Meilen weit bläſt— ſtatt deſſen will ich lieber ſagen, was der Sweck meiner Reiſe war— der Magen! Nicht aller Menſchen Ma⸗ gen, ſonſt blos meiner, meine Zunge, mein Fein⸗ geſchmack! Es war mir nämlich nicht viel Neues mehr auf der Welt übrig. Pferde, Spiel, Thea⸗ ter und alles dergleichen hatte ich herzlich ſatt — und die Weiber, ſelbſt die jüngſten ſind ſo erſtaunend klug und haben ſo ſcharfe Augen, daß ſie durch alle Toiletten durchſehen, ob Einer noch jung iſt, wirklich jung oder ſchon wirklich etwas alt und etwas ſchwach. Und ich lobe ſie drum; denn mit Recht will Jugend und Kraft 7 und Schönheit wieder die Jugend. Da ich alſo gewiſſer Weiſe täglich demaskirt ward, auch wohl — ſehr wohlthätig und ſchmeichelhaft für mich — ſehr holdſelig ausgelächelt, ſo hatte ich bonne mine à mauvais jeu gemacht und verſchworen:; irgend eine fatale Schöne nur anzuſehen, ge⸗ ſchweige ihr durch ſüße Worte erſt glaublich zu machen: ſie ſei da und Ich nicht, nämlich nicht da in der herrlichen Welt der ewigen Jugend⸗ Aergerniß wirft ſich auf den Magen. Das mei⸗ nige erregte ihn mir dermaßen, daß ich beſchloß, ein ganz anderer Menſch zu werden, und alle gute Biſſen der Erde an Ort und Stelle, von wo ſie Andern erſt alt und theuer zukommen, lieber wohlfeil, zauberiſch friſch und in Maſſe zu eſſen, oder wenn es trinkbare Sachen wären, ſie zu trinken. Mit den paar vriginellen Delicen Europa's war ich fertig— und in meiner noch einzig fehlenden„Reiſe eines Magenkünſt⸗ lers um die Welt“ wird man mit Bedauern leſen, wie wenig Zeit zu Europa nöthig war, nicht von dem Bosporus bis Gibraltar, ſondern von Caviar bis zu Malaga⸗Wein über Hymet⸗ tiſchen Honig, lacrimae Christi alle Sorten, Neapolitaniſches Gefrornes, Schweizer Schab⸗ ſicker, Böhmiſche Faſanen, Leipziger Lerchen⸗ 8 Holſteiner Auſtern, und alle die wenigen und wenig wichtigen Stellen der Magen⸗Geographie! Denn in der Türkei mußte ich mir zu den paar ſehr einförmigen aber delicaten Confitüren und dem Chalvah aus Deſam, den Rauchtabak an⸗ gewöhnen, um den Mund zum Narren zu haben. Amerika hatte mich garſtig betrogen— als De⸗ lice, nur ſeine fetten Truthühner, Tauben ꝛc. waren aufrichtig gut; und nun reiſete ich mit deſto heftigerem Verlangen nach den Schätzen des Indiſchen Archipels, nach genuinen Vogel⸗ neſtern und dergleichen— ich mache Andern nicht gern den Mund darnach wäſſerig— beſonders aber nach einer Taſſe chineſiſchen Kaiſerthee; denn China und Japan müſſen die ſchmackhafte⸗ ſten Länder ſein; denn wer wohl geſpeiſet hat, dejeunirt, dinirt und ſoupirt, der iſt mit der ganzen Welt ganz wunderbar zufrieden, Jahr⸗ tauſende! Und das ſind die Chineſen! Oder iſt ihr Magen ſo vortrefflich! oder ihre Zunge ſo fein und ſinnig— wie aus noli me tangere! Ich konnte den ſüßen Zweck meiner Reiſe nicht bereuen! ſelbſt in der Gefahr des Unter⸗ ganges nicht. Denn wenn ich ferner lebte, was ſollte ich als ein vornehmer und origineller Mann noch wohl Anderes thun! Beſonders da Tau⸗ 9 ſende gar ohne Zweck und ohne Nutzen reiſen. Und ſo bedauerte ich nur, daß das Hin⸗ und Herwerfen des Schiffes mit ſolcher Gewalt, Nie⸗ manden ruhig zu Tiſche ſitzen ließ! daß der Ap⸗ petit nach und nach verging, ja daß man in dem Sturm kaum mehr Feuer anmachen durfte! Da muß man ein Mann von feſter Hoffnung ſein! Und allerdings befanden wir uns ſchon Aſien näher als Amerika, aber wie ſüdlich? bei welchen Inſeln?— Wer konnte das ſagen, die Sonne, Mond und Sterne uns hinter den ſchwar⸗ zen Wolken wie geſtorben waren, der Sturm⸗ wind umſetzte und der Capitain nicht mehr die vom Schiffe geſchlagenen Haſenhaken nachrech⸗ nete, blos aus dem Grunde: weil er geſtorben war, unter böſen Prophezeihungen. Endlich riſſen die Wolken! Ein Streifen Himmelblau erſchien! Die Sonne fragte uns mit ſtillem Geſicht: ob wir noch lebten? Aber Wogen und Winde lebten noch fort und noch ſchrecklicher. Mein Koch⸗Doctor, der nichts zu thun hatte, als ſich nach dem Befinden und Leben des Schiffes zu erkundigen, und auf die Pulsſchläge der Wogen zu hören, brachte mir bei dem reinſten Himmel die Nachricht:„Das 10 Schiff iſt lec! Wir gehen unter! Was befeh⸗ len Durchlaucht noch geſchwind zu eſſen?“ — trocknes Brot. „Durchlaucht haben befohlen! und Durch⸗ form. und ich befahl weiter: Waſſer! Und auf ſein: Durchlaucht haben befohlen! und Durch⸗ laucht befehlen?. erhielt er nur ſeinen Geh⸗ und Bringe⸗Wink. Aber auch dieſe mehr als paradieſiſche Speiſe ſollte ich nicht mehr genießenz denn ſtatt der be⸗ der Prinz ſich retten, ſo geruhen Sie mit in das große Boot zu ſteigen, das ſo eben die beſte Mannſchaft einnimmt und ſo Gott will ausſetzt — es ſollen einige Inſeln zu ſehen ſein, ob ich gleich keine ſehe; doch das iſt kein Beweis. Ich nahm einen Schinken und eine Flaſche Wein unter den Mantel und eilte hinauf. Aber wie viel Hände da langten von dem Verdeck in das Boot, das ein offenes Grab war, ſo ſchau⸗ relten und umbrauſeten es die Wogen. Ich fühlte keinen Appetit nach Seewaſſer. Unſer neue Vice⸗Commandant und Herr uber Leben und ich befahl: Den Feind aller Menſchen laucht befehlen?“— ſprach er in der Diener⸗ fohlenen Dinge brachte er die Nachricht: Wollen 11 und Tod befahl das Seil zu kappen— das Boot fuhr ab— aber ſchlug ſogleich um, und ich drückte meinen Schinken und meine Flaſche Wein vor Gefühl der Selbſterrettung an die er⸗ ſchrockene Bruſt. Die Eingeſtiegenen ertranken. Das war aber eine Aufforderung, das kleine Boot auszuſetzen, das desgleichen bald wieder von den Uebrigen voll, ja überladen war. Sie fragten mich und den Doctor⸗Koch, ob wir denn wirklich nicht mit wollten? Da ſie aber unſere Frage: wohin? nur mit Achſelzucken und Jam⸗ mergeſchrei beantworteten, ſo kappte mein nun⸗ mehr einziger Freund auf der Welt, oder noch ſchlimmer, auf der offenbaren See in allmälig ſinkendem Schiffe, das Tau des kleinen Bootes, und es fuhr ab! aber nicht hinab— ſondern dahin! dahin!— Aber ich mochte nicht mitziehen. Zu einer Mahlzeit hielt ſich das Schiff wohl noch. Und es hielt! Ja es hielt noch, als wir zu Bett gegangen waren und genug getrunken hatten, um recht feſt zu ſchlafen. Wir ſchliefen auch gewiß zum Bewundern feſt; aber der Stoß, der uns aus den Betten warf, war doch zu un⸗ geheuer, als daß wir nicht aufgeweckt, halbmun⸗ ter und ganz munter wurden. Wir wußten nicht, was geſchehen war, ſahen uns an, und ich er⸗ 12 zählte meinem einzigen Freunde, dem Koch: Mir hat geträumt, daß ich einen Kopf ſo groß als das Pantheon hätte, und ein infamer Bauer ſollte mir einen verhältnißmäßig großen, alſo einen ungeheuren Backzahn ausnehmen; er hieß mich immer das Maul aufſperren, und ich machte es kirchthürengroß auf— dann ſetzte er an wie brach mir den Zahn ab! Und von dem Krachen erwacht' ich! gewiſſermaßen geſchehen iſt; denn ich habe nichts getraͤumt, habe auch gehört Ihren Zahn ausneh⸗ men und abbrechen— wir ſind alſo geſcheitert! Das Schiff iſt geborſten! Und in der pechfin⸗ ſtern Nacht!“ Geh' auf's Verdeck und ſiehe! ſprach ich. „Durchlaucht haben befohlen!“ verſetzte er und ging. Er brachte aber die Nachricht:„Das Schiff ſchwimmt! es geht! Es zieht kein Waſſer mehr! Der Leck iſt geſtopft! wie eine Wunde durch die Kugel. Schöner Fahrwind treibt uns! und treibt uns gewiß nun ſanft wo an.“ Auf ſolche Nachrichten machten wir Morgen, und mein einziger Freund bereitete ein koſtbares Frühſtück, wenigſtens hat mir nie eins beſſer ge⸗ mit einem Schiffsanker— zog, riß„und „Durchlaucht haben geruht zu träumen, was btehee 13 ſchmeckt— das ganze Leben war darin, es duf⸗ tete nach allen Gewürzen beider Indien und des glückſeligen Arabiens. Das war aber das letzte Aufflammen des Appetites geweſen. Denn wir trieben ruhig ſo noch acht Tage und Nächte, aber, als wenn wir an den Magnetberg kämen, ſo flogen alle Sorten Appetit nach Dieſem und Jenem— wie Nägel aus mir und meinem ein⸗ zigen Freunde fort— in die Luft, in das neue Clima, oder wohin— wir wußten es nicht. Aber er wochte allmälig nicht mehr kochen, und ich nicht mehr eſſen. Wir lebten zuletzt nur von unbegreiflich wenig Biscuit und Madera. Gott ſei Dank!— trinken konnten wir, wenn auch der Magen wie zugeſchnürt war. Was iſt das? Was ſoll das werden? Was kann aus einem Menſchen werden? ſprachen wir, untereinander verwundert.* Eine Nacht empfanden wir einen leiſen Stoß. Unſer Schiff war gegen Morgen an eine wun⸗ derſchöne Inſel getrieben! Wir waren gerettet! Wir ſtiegen in das Storchneſt des Schiffes hinauf, in den Maſtkorb, der auf dem noch ein⸗ zig übrigen, aber auch abgebrochenen Hauptmaſt als höchſtes Belvedere geblieben war. O Himmel! welcher Einblick in welches Land! 14 Man kann auch betrunken werden durch die Augen, nicht blos durch den Mund, und der bloße Anblick, geſchweige erſt der Gegenanblick ſchöner Mädchen macht Jünglinge trunken! Uns ſahe aber zur Linken ein unbeſchreiblich ſchöner Berg an, und wir ihn, allein ſtehend, fünfmal ſo hoch als der Stephansthurm und bis zu ſei⸗ nem geraden, aber nicht wie eine Torte, ſondern nur ganz ſanft anſteigend, breiten Gipfel mit blü⸗ henden Bäumen und Blumen bewachſen. Aber droben hoch oben auf ſeiner Plateau mußte wie⸗ der un plat enorme— eine ungeheure Schüſſel ſein, ein runder, unerſchöpflich quellender, über⸗ ſtrömender Becher— denn von dem Gipfel des Berges ſloß, in ſanftem Zuge zwar, aber ge⸗ wiß hundert Menſchenlaͤngen breit, ein gleichſam himmliſcher Fluß! Die Augen aber können nicht allein berauſcht werden, ſondern ſie können ſich auch ſatt eſſen — und auf dieſer meiner Theorie iſt die ſchöne Form der Schüſſeln, das heißt: der Speiſen, begründet, ſelber die äußerſte Reinlichkeit, ohne welche keine table garnie denkbar iſt. Als wir uns nun an dem Berge— der, wie wir nach⸗ her erfuhren:„Ao“ hieß— und dem lieblichſten Waſſerfall— den ſie„Ha“ nannten— mit 15 Augen ordentlich ſatt gegeſſen, folgten ſie ihm, wie er als reizender Fluß— der„Koppo⸗poppo⸗ P“ hieß— mit grünenden Ufern die Ebene der Inſel durchzog, ſchattige Haine— und dann immer weiter rechts hin eine Stadt ein Dorf„ein liebliches Herrnhut— mit einem Wort, eine Schaar von Menſchenwohnun⸗ gen durchzog, die nicht einfacher, lockender, das Auge ſättigender ſein konnten. Alſo waren Menſchen hier! Aber nirgends rauchte eine Hütte zwiſchen den ſie umblühenden hohen Bäumen empor. Sie frühſtückten alſo wohl ſpät! oder nichts Warmes! Aber mit Verwunderung ſahe ich auch, daß ſich nirgends ein Schornſtein ent⸗ decken ließ, alſo vielleicht auch keine ordentliche Küche wo war! Keine Maſchine, die da Koch⸗, Brat⸗ und Backofen heißt, die nöthigſte, Men⸗ ſchen erfreuendſte Maſchine der Welt! Auf der andern Seite der freundlichen Hütten, die mit dem Namen„Cottages“ zu beehren waren, zog der Fluß— was mir jetzt auffiel— wieder durch lauter ungeackertes Feld; alſo, dacht' ich, leben die Menſchen von Fiſchen hier, oder von Wildpret, oder von der Viehzucht, von der Kuh der Indier— aber ich ſah auch nirgends nur ein Kalb! ein Schaaf! eine Ziege! Keins 16 Nichts! Und mich beſiel eine eigene Art Ohn⸗ macht— die Magenohnmacht! die dem Gefühl entgegengeſetzt iſt, wenn man eine ſchöne Dame an eine prachtvoll beſetzte, blinkende, dampfende Naſe berauſchende Tafel fuͤhrt. Denn auch die Naſe iſt des Rauſches und der Bezauberung fä⸗ hig— alſo dazu beſtimmt! Meine Magenohn⸗ macht dagegen war mehr mit dem Heißhunger verwandt, ja die Mutter derſelben. Denn alle Krankheiten, beſonders die des Magens, haben auch Vater und Mutter— und Nachkommen! Kinder! heilloſe Cretins! Alpe! häßliche Träume und dergleichen Geſindel! und ſo belebte mich auf's Neue die angenehme Hoffnung— doch, wie ein Affe, von Früchten zu leben, von unge⸗ molkener Milch, vom einbeinigen ungehörnten Kuh⸗Baum, oder von der lieben Cocusnuß. Wir ſtiegen dann auf das Verdeck, ſtiegen in die Räume, und fanden noch in vielen vorhan⸗ denen größtentheils koſtbaren Lebensmitteln den Troſt, doch noch mehrere Wochen die würdigſten Menſchen zu bleiben. Unſer Schiff war ſo weit in die tiefe Bucht, ſo nahe an's ufer getrieben, und ſtand ſo ſicher in der gänzlichen Windſtille, daß ein Brett an das blumige ufer langte. Ich ließ alſo meine Wohnung unter dem ſchönſten, 17 ſchattigſten Baume aufſchlagen, Tiſch und Stühle hinbringen, und ſetzte mich hin, zu leſen, zu ſchreiben oder zu ſchlummern, bis mein einziger Freund das Diner bereitet, das nach gerettetem Leben das prächtigſte ſein ſollte. Während ich nun ſo ſaß und eingeſchlafen war, mochten Menſchen aus der Inſel genaht ſein, und den Kreis um mich gebildet haben, den ich beim Erwachen erblickte. Ich muſterte ihn aber erſt blos mit halbgeöffnetem Augenlide und erſtaunte über den ſchönen Menſchenſchlag. Zwar napoleonsfarbene Geſichter, aber ſo ſchön, ſo edel, ſo rein, ſo frei und freimüthig ihr Auge, ſo fehlerlos ihre Geſtalt, und beſonders die Mäd⸗ chen und Frauen.. zwar ſehr leicht, faſt nur wie mit dem Netz, aber doch, was man gern bekleidet nennen kann... von hinreißen⸗ der Schönheit! Feines Haar! einen gewiß nie getruͤbten Teint; wie Silber ſchimmernde Haut! kurz, ſchön wie Eva, ehe ſie in den Apfel gebiſ⸗ ſen, ſich alſo den Magen verdorben und den Tod geholt. Selbſt die älteren Frauen waren beneidenswerth friſch und ſo conſervirt, daß man die Möglichkeit nicht begriff, da Paris doch zu weit von hier war. Aber dem Paris wäre ſein Bd. V. 2 18 Apfel gewiß in der Hand vor Unentſchloſſenheit mürbe geworden. Die Leute waren freundlich und neugierig freilich, das konnte mir nicht auffallen. Ich ließ alſo das Eſſen auftragen, legte mir Champagner⸗ ſuppe— meine Erfindung— mit dem großen böffel vor und aß. Da entſtand ein Geflüſter unter ihnen. Darauf ſchnitt ich von dem delicaten Roſt⸗ beaf von braſilianiſchem unvergleichlichen Rind und aß. Da fingen einige Kinder an zu weinen, lie⸗ fen fort und auch Männer gingen mit ſchnellen Schritten hinweg, indeß ſie ſich oft, ich weiß nicht, ob ſchüchtern oder entſchloſſen, umſahen, denn ich hatte meine Brille aus Ehrfurcht vor dem Eftiſch abgelegt. Auch die feinſten Speiſen wollen, wie die ſchönſten Damen, nicht gern mit der Brille angeſehen ſein.(Avis aux gourmands) Aber, o Himmel, was geſchah! Ich war noch erſt bei dem in Fett gegoſſen geweſenen Taubenbraten, als ich mich umſah, und plötzlich eine Schaatwache von ſtreitbaren Männern mit Bogen und Pfeilen und Spießen bewaffnet mich umzubringen drohte, ja ſchon auf mich losging, lungſam, aber dicht geſchloſſen und mit größter 19 Vorſicht, etwa wie man ein reißendes Thier ein⸗ ſtellt und abfangen will. Auf den Baum zu klettern, war ich nicht Affe genug, und was half das auch! Meine Piſtolen hingen hinter den Mördern an einem Baume; mich hinter den Tiſch zu verſchanzen, ließ mir den Rücken doch bloß. Nach Hülfe ſchreien, rief nur meinen Koch⸗Arzt, einen Ritter voll Furcht und Tadel hervor. Uebrigens war ſchon eine Patrouille auf das Schiff und in das Schiff gegangen. Da hier nun unleugbarer Ernſt war, ſo blieb mir nichts als die Flucht— zwar in meinem großen großblumigen Schlafrock, aber ich ſchürzte ihn auf, und lief mit ſolcher Haſt und Schnelligkeit, als wenn ich Monate nicht gelaufen wäre, und ſo war es wirklich. Mein Lauf ging nach der Stadt, wo doch wohl ein vernünftiger Menſch ſein mußte, ein Oberhaupt, ein heiliger Tempel, oder was ſonſt. Kurz, ich mußte. Meine Mörder kamen mir nach; ſie ſuchten mich abzuſchneiden von dem großen dunklen Hain, darum aber rannte ich um deſto mehr gerade auf ihn los. Sie riefen in ihrer Sprache mir nach. Aber natürlich vergebens. Ich hatte zwanzig Pferde zu Hauſe in meinem Stall— aber was man nicht zur Hand hat, gilt nicht, wie Lord C. zu dem italieniſchen Räuber ſagte:„Wart'“ du Lump! Meine Piſtolen ſind unten im Kof⸗ fer.“ Aber der Lump wartete nicht! Nicht meine Verfolger, und ich nicht. 5 So erreicht' ich den Hain, den der Fluß durchſtrömte. Da ſpielte die Erde mir eine Scene, wie einſt dem geretteten Ulyß. Und ich war der primo uomo dabei, verſteht ſich, beklei⸗ det, und die fünf Mädchen, die im Fluſſe geba⸗ det hatten, waren auch ſchon wieder bekleidet, und warf der Einen, Schönſten und Stolzeſten, noch das letzte Gewand um die herrliche Schul⸗ ter. Mein— je ne sais quoi— Inſtinkt, Ah⸗ nungsvermögen oder Divinationsgabe vornehmer Herrſchaften, führte mich auch hier an den rech⸗ ten Mann, oder die rechte Frau, der ich mich zu Füßen warf und ihre Kniee als frommer Fle⸗ hender umſchlang. Und dies Manövre gelang mir ſo ſicher, als einem wohleinexercirten Solda⸗ ten, und hundert Fußfälle, deren ſelten einer vergeblich geweſen, und ſich die kleine erſchrek⸗ kende Mühe gelohnt, blitzten mir dabei als Hoff⸗ nungsſterne vor den Augen. Ich erzählte das ſo kurz, was mit der gehörigen Haltung und Vorreden der Augen und Geberden geſchah. Ge⸗ rade der Elligſte muß ſich nicht übereilen. Es 21 giebt eine Sprache, die jedes Weib verſteht, ver⸗ ſtehen wird, oder doch verſtanden hat, und wel⸗ che die Aelteſte noch wie ein altes„Lexicon ob- soletorum“ oder unbrauchbar gewordener Wörter im Herzen trägt. Wer übrigens ein Weib um etwas bitten will, der bitte, wo möglich, wenn ſie aus dem Bade kommt, dann ſind ſie wun⸗ derbar weich und gnädig. Das Denouement meiner Schutzanrufung war alſo, daß die junge ſchöne Fuͤrſten⸗ oder Königs⸗Tochter mich wie den Uyſſes zwar nicht mit ſich nach Hauſe nahm, aber ſie ſprach mit ihren Schweſtern oder Be⸗ gleiterinnen, und Eine derſelben führte mich ſo⸗ gar an der Hand wieder zurück zu meinen am Saume des Heaines ſtehen gebliebenen Jägern und Verfolgern, ſagte ihnen einige Worte, und dieſe geleiteten mich wieder zum Schiffe, aber ſchuͤchtern, vorſichtig, ſchlag⸗, ſchuß⸗ und ſtich⸗ fertig, als wenn ſie ein reißendes Thier, Löwe, Wolf oder Bär, gefangen ohne Kette oder Ring durch die Naſe führten. Run, die Weiber be⸗ ſchützen am Beſten; ihr Rock iſt der wahre Man⸗ tel der Liebe, der Doctor⸗Fauſt⸗Mantel, der über alle Hinderniſſe führt. Sie befehlen aber alles ſo gewiß prinzeßlich, nur das gros der Sache, und ſetzen verſtändige, alles richtig im Einzelnen 22 ausführende Diener voraus, denn ſie machen auch oft die vornehmſten ſtolzeſten Männer zu willigen oder unwilligen Dienern. Hier war aber der kurze Befehl in Hände gerathen, die mit Grund und Urſache ungeſchickt waren, weil die Schaarwache mehr wußte als die Prinzeſſin. Seltener Fall! Und ſo ließ man mich zwar ruhig wieder unter meinen Baum, aber ein Volksſchwarm hatte ihn umgeben, der nicht be⸗ 3 drohlicher ſein konnte. Ich ſchien mir mit Recht nur bewahrt, aufgeſpart, nicht erlöſt. Einige zimmerten hier und machten die Fabel von Ba⸗ jazet wahr, denn ſe bauten einen geräumigen Käfig, faſt wie ein Luſthaus, wie über dem Grabe eines türkiſchen Heiligen ſteht, wer es ge⸗ ſehen hat; Andere unterhielten ein gewaltiges Feuer und hatten breite Meſſer und Beile zur Hand. Kurz, ich hatte Urſache mich an die Küſte der Stythen oder Patagonen verſetzt zu glauben. Da kam mein einziger Freund, der Doctor⸗ Koch, oder Koch⸗Doctor. Ich mußte ihm erlau⸗ ben, mir um den Hals zu fallen. Und er fiel mir tüchtig darum. Zum Glück ſah es aber Niemand von Nobleſſe, als etwa die Sonne, die eben keine Stadt⸗ oder Welt⸗Flatſche iſt. Ich 23 fiel ihm alſo wieder darum, damit er Muth vor Ehre bekaͤme. Denn ich war nun wieder zu un⸗ ſern Waffen gelangt! und eh' ich mich braten ließ, wehrte ich mich bis auf den letzten Mann. Ja nicht anrühren ließ ich mich mehr! Wir leg⸗ ten einen großen Stern von geladenen Geweh⸗ reu um uns, die wir aus dem Schiffe holten; denn im Schiffe uns vertheidigend, konnte man uns blos einfach vernageln und aushungern! Der ſchrecklichſte Tod für mich! Mit einem Magen voll koſtbarer Dinge aber bin ich hyper⸗ ſtheniſch— mehr als muthig, denn: Der Tiſch der Erde ſieht ſich ruhig an, Wenn man ein gutes Fowl im Magen trägt. Ein gebratenes Huhn, oder gebackenes Hähnd'l. In Rückſicht der lebensgefährlichen Lage konnte ich mich nun vollkommen mit den be⸗ rühmteſten großen Reiſenden vergleichen, mit La Peyrouſe, mit Lander; ja ich hatte die Expectanz zum König im Hamlet, nämlich: end⸗ lich einmal auch paſſiv und todt noch beim Eſ⸗ ſen zu ſein, ja das Gaſtmahl ſelber zu ſein! Ich hätte mir ſo Hohes von mir ſelbſt nie ein⸗ gebildet und fing mich faſt an zu bewundern, wie einen menſchengroßen Lachs, oder einen ganz am Spieße gebratenen Stier. Die Scene hatte 24 Wunderbares, Traumähnliches, aber ſie war nicht weniger wahr, denn das Feuer brannte unleugbar und mannshoch, und es verſengte mir, als ich hinzutrat, den auch nun einzigen letzten Freund, den Wiener Schlafrock, und ein dürrer Aſt, den ich in die Flammen hielt, brannte lich⸗ terloh! Das überraſchte mich. Die Sache war wirklich. Nun aber nahm ich meinen unerſchüt⸗ terlichen Gleichmuth an, und betrachtete meine — Hamlets⸗Würmer recht genau, denn die Scene konnte ſich verwandeln und für meine Reiſebe⸗ ſchreibung ein wahrer Brillant werden, und ich preßte den ſchönen Leſerinnen Angſtſchweiß auf die Stirn— was ich denn jetzt hiermit thue.— Der Koch⸗Arzt zeigte Furcht, und ſo war ich ſein ſchlauer Herr, und rieth ihm zu wachen. Ich aber ſchlief ruhig die ganze Nacht bis gegen den andern Mittag. Denn ich muß von den Antipoden ſtammen, die unſere Tage Nacht ha⸗ ben, hier aber zu den Antipoden zurückgekehrt, hatte ich noch meinen nordiſchen Wendekreis in den Gliedern, und ſchlief die hieſige Nacht, weil ſie ſonſt mein Schlaftag geweſen war, und den hieſigen Tag, weil er ſonſt meine Nacht geweſen war. Welches Glück! und unglück verſchläft man am beſten! Schlaf iſt beſſer als alle Weis⸗ 25 heit! Kein Türke ſogar kann der äußerſten Mar⸗ ter ſo ruhig entgegenſehen als ein Schlafender — der es nicht ſieht.„Schlaf“ alſo war von jeher eine meiner großen„Maximen“— une de mes grandes mesures. Ich hatte mich mit dem Kopf nach meinem jetzigen Süd⸗Norden gelegt, und genoß ſo das Schauſpiel am andern Tage, die Sonne von der rechten zur linken Hand über den Himmel ziehen zu ſehen. Am andern Mittag nun ward mir mein Wie⸗ ner Schlafrock abgefordert, und zwar durch einen Miniſter des Königs, der uns lächelnd anſah, an Farbe und Wuchs, ſo ſteinalt er war, einem Mexikaner glich, und wirklich noch einige Worte mit meinem Koch⸗Arzt hatte ſprechen können. Ich verſtand nichts davon. Mein Ignazio aber war darüber höchſt betreten, und ſahe in ſtun⸗ denlangem Schweigen mich manchmal mit äußer⸗ ſtem Bedauern an. Es iſt aber der größte er⸗ bärmlichſte Jammer, ſein Unglück nicht zu wiſſen, und die dupe miserable eines Andern, ſelbſt des beſten Freundes zu ſein! Ich verſuchte ihm alſo die Zunge zu löſen, durch die Ehre: eine Flaſche Champagner mit ihm zu trinken, die mir ſchwer vom Herzen ſiel; denn ſie war die Erſte aus der letzten Kiſte! Mir war Epernay untetgegan⸗ 26 gen! Die Champagne war für mich nicht mehr geſchaffen! Mit welchem traurig ſüßen Gefühl hört man dann den Pfropf losſchießen! beſonders neben die Scheibe— denn mein Koch⸗ Arzt ſchwieg. Er richtete aber ein großes Diner zu, und ohne mich zu fragen, ließ er es durch Ein⸗ geborene hin in die Stadt tragen, zwar auf W röchauds, aber es wanderte doch fort. Zu eini⸗ gem Troſt aber bat er mich zuletzt— auf aller⸗ höchſten Befehl— dem Diner nachzuwandern, um, wie er mir es nannte, Probe zu eſſen. Ich fügte mich, kleidete mich in die ſchönſten, glänzenden Stücke meiner Uniformen, legte alle meine Orden an, und folgte dem alten Mexika⸗ ner. Mein Koch war leider der einzige Diener zu einem großen Diner, wenn auch nur für Einen. Er meinte es aber, wie ich nachher er⸗ fuhr, herzlich gut mit mir, denn er ließ mir die Ehre, allein zu eſſen. Das Haus, in welchem mein Diner aufge⸗ tragen worden, war aber nur das eines soi-di- sant Oberhofceremonienmeiſters oder dergleichen. Die Vornehmſten des Landes ſaßen an den Wän⸗ den des Zimmers umher, etwa wie um ein Kunſt⸗ ſtück, einen Taſchenſpieler zu ſehen, oder eine Demoiſelle Sontag zu hören, oder wie wir zu 27 einer Bude mit Bodokuden und Kaffern gehen. Ich ſahe klar: Ich aß Probe! vielleicht um die neuſte Faſhion von mir zu lernen, und ich war lange unſchlüſſig, ob ich Hochengliſch, Feinfran⸗ zöſiſch, oder nur Türkiſch ſchlechtweg eſſen ſollte. Ich mußte lächeln, denn mir fiel ein: Als ich noch Rittmeiſter war, hatte ſich ein Bauertölpel von Huſaren ſo ausgezeichnet, daß er bei dem General Fürſten von** eſſen ſollte, und ich hatte die Ehre der Marter, ihn tafelfähig eſſen zu lehren, was mich zwanzig Diners und ihn unzählige Hiebe koſtete, ſo daß der arme Teufel im Schweiße ſeines Angeſichtes ſeine— heißt: meine— kleinen Paſteten, ſein— heißt: mein — Gefrornes aß, und wohl zwanzig Gläſer Champagner trank, um richtig anſtoßen und eine Geſundheit trinken zu lernen. Gott ſei Dank! ich war nun kein Schüler, ſondern Meiſter und Muſter und Speiſenerfinder! und ich beſchloß, mir Ehre zu machen. Auch hatte ich noch einen Troſt: die ſchöne Koͤnigstochter aus dem Bade war gegenwärtig. Sie verleugnete ſich zwar ein wenig und nahte mir nicht, doch zeigte ſie gro⸗ ßes Foible für mich, ja, ſie hatte ſich aus mei⸗ nem großblumigen Schlafrock ein prächtiges Kleid nach hieſiger Mode machen laſſen, dem freilich 28 keines der andern ſchönen Damen nur von fern ähnlich ſah, denn hier machte Niemand welche, aus ſehr hohen Gründen, die ich noch verſchweige. Denn ich kann auch ſchweigen, aber blos zu mei⸗ nem Vortheil. Am nächſten Tage mußte ich vor dem König und der Königin ſpeiſen. Den folgenden Tag bei dem großen Land⸗Wahrſager, in deſſen Hauſe ſich ſeine wunderlich gekleidete Gilde verſammelt hatte und ſich in tiefe Geſpräche verlor. Und ſo ging es fort. Das Penſum war nun eben nicht ſchwer. Aber, aber, aber! Meine Diner⸗ Mittel, ja unſere Lebensmittel gingen auf die Neige und drohten uns zu verlaſſen. Zwar ga⸗ ben uns Fäſſer und Krüge ehrlich den letzten Biſſen, den letzten Tropfen— aber was half dieſe Ehrlichkeit! Nur zum Untergange! So viel hatten wir auf den Hin⸗ und Her⸗ gaͤngen bemerkt, daß auf dieſer ſonſt zauberiſch ſchönen Inſel unter dem ſeligſten Himmel wenig, oder nichts beſonderes Eßbares war, außer viel⸗ leicht Fiſche und dergleichen mehr. Als nun meine gewohnten Lebensmittel zur Neige gingen, ergriff uns billig Verzweiflung. Die neue Mode, zu Diners auf des Gaſtes Koſten geladen zu werden, die ich mir gefallen laſſen mußte— wie 29 denn überhaupt jeder Vornehme, der ſich etwas gefallen laſſen muß, am beſten thut, es ſchwei⸗ gend und avec grace, de bonne grace, zu thun, wurden mir zu ſteigender Angſt, ſo daß mit dem Vergnügen zu eſſen, das tragiſche Gefühl ſich verſchmolz:„Gott! nun eſſ' ich noch höchſtens acht Tage!„nun noch ſieben! nun noch ſechs!„fünf! vier!„drei! noch zweimal! und entſetzlich„ nun nur noch einmal! Nur noch eine Brocken⸗Mahlzeit. dann bin ich verhungert! Doch das iſt nichts — aber dann eſſ ich nicht mehr, poſitiv nicht mehr, das iſt fürchterlich! Ich hoffe, daß ich dieſe Reiſeerfahrung für die mir gleich eßluſtige europäiſche Welt allein gemacht! Da wollte mir denn mein Koch— was iſt da ein Koch! alſo lieber mein Doctor, zum Troſt denn endlich das Glück der Inſel ſagen: daß hier das Volk nicht ißt! Da weinte ich wie ein Kind, während er mir die Hand auf die Schulter gelegt, denn ich hatte mich hingeſetzt und wie eine Niobe verhüllt. Und als ich mich erholt, brach ich in alle Kla⸗ gen der Menſchheit aus: O Himmel, was denkſt du? was machſt du? Hat Adam und Eva im Paradies denn gar nicht eſſen ſollen, oder nur 30 Verbotenes nicht? Iſt in dieſem Paradieſe hier Alles veboten? Und was hat das Kind, der Greis, die Matrone, ja was haben die Männer und Weiber in ihren beſten Jahren Beſſeres als die Tafelfreuden? Kann noch ein Geburtstag gefeiert werden, ein Namenstag, der Sterbetag eines großen Mannes ohne tüchtige Schüſſeln und Flaſchen? Was ſollen die Geſandten, die Diplomaten thun? Die Politik iſt aus ohne Koch, Küche und Keller. Jeder Menſch würde ja redlich das Seine thun, wenn ihn nicht die ſüßen Werke der Erde mit und auf ſeiner eige⸗ nen Zunge beredeten, das zu thun, was ein An⸗ derer will. Um eine Mahlzeit iſt die ganze ſchwache Welt feil. Aber iſt das möglich, nicht zu eſſen? fragte ich laͤchelnd. „Die Natur iſt wunderbar!“ antwortete der Doctor.„Alle Blumen, alle Bäume leben nur vom Einſaugen des naͤhrenden Aethers— ſie ſind über und über nur ein großer, ein totaler Magen! Erſtaunen Sie!... und bedauern Sie! Denn Sie, zum Beiſpiel, haben nur einen Magen, der auch nur einſaugt, wie ein Blatt oder eine Hohlwurzel! Und leben nicht auch ſchon viele Menſchen, Kranke, Siebenmo⸗ nats⸗Kinder u. ſ. w. blos und recht gut und 31 lange von Bouillon, oder Milch⸗ und Weinbä⸗ dern, und Andere auch nicht a priori! Durch⸗ laucht verſtehen!“ Mir kam die Magenohnmacht wieder! Und als ich ſie, wie einen geiſtigen Magenkrampf nothdürftig überwunden, ſagte der Doctor mir, wie er meinte, zu noch größerem Troſt:„daß Wir vielleicht hier auch nicht eſſen„aber doch leben würden!“ Ich? Ich auch? fuhr ich auf. Wie? fragte ich, leben und nicht eſſen? Iſt das Leben bei allen Vernünftigen, wie Homer ſagt. Und was würde Ulyſſes hier ſagen, der doch bei den puren Lotoseſſern und bei dergleichen Narren ge⸗ weſen. Aber ſo ein Volk, das vom Waſſer lebt, das es noch nicht einmal trinkt, ſondern nur die ewige Waſſerkur braucht, das iſt nicht in ſeine Seele gekommen. Selber die Todten⸗ aßen bei Homer und allen ſo würdigen Griechen, die den Geſtorbenen noch heut Speiſe hinſetzen— nur leider einen oder zwei Tage im Jahr, ſo daß für die armen Todten 363 Faſttage ſind in einem Jahr! Wer mag da in Griechenland ſter⸗ ben! Aber ich Lebendiger, ich, ich Prinz Fa⸗ mesco, Herzog der Ducaten und Louisd'or, ich ſollte nicht mehr eſſen? und o die reine Freude 32 eines Eſſers nicht haben: eſſen zu ſehen, was ich das reine Eſſen nenne, das geiſtige, gnädige, das glückliche Eſſen, ohne Magenver⸗ derbung wie bei dem angewandten, auf mich angewandten Eſſen! Das iſt mein Tod! Denn wer nichts Inneres mehr zu thun hat, der iſt ſchon todt, der muß ſterben. Und was hätte nun ich wohl auf Erden noch irgend zu thun. Sagen Sie!— Ich weiß nichts!— Doch, be⸗ ſchied ich mich, muß denn der Menſch etwas thun? Und was thun denn die Meiſten— ein umſchriebenes lärmendes Nichts! Ich will nicht beſſer ſein als Andere! Allah kerim! Gott iſt groß! ſchloß ich wie ein unerſchütterlicher Türke. „Nun wiſſen Sie mein Geheimniß, Prinz!“ ſagte der Doctor,„es hat mir bald das Herz abgedrückt, nicht vor Schadenfreude über Sie, denn die wäre zu groß geweſen; ſondern vor Kummer, ob Sie die Offenbarung überſtehen würden. Gott Lob, ich athme aufl Ich ſehe, Sie ſind ein Mann— und kein Magen, und Sie ſind ſein Herr— weil er nicht mehr ihrer ſein kann. Ich verſichere Ihnen aber auch,— denn nun komme ich mit dem Troſte, den ich hätte vorausſchicken ſollen— ſo ein Bad im Strome, im Koppo⸗Poppo⸗Y, iſt ein unbeſchreib⸗ 33 licher Genuß— auf barbariſchen Hunger mit dem ganzen Leibe eſſen, trinken, ſatt und be⸗ rauſcht werden. Das iſt die wahre Waſſerkur! und welche Männer wären denn in der That die Waſſerdoctoren, die jetzt nicht aus dem Waſ⸗ ſer die Krankheit ſehen, ſondern mit Waſſer ſie heilen— und wahrlich der Hungerz iſt die ſchlimmſte Krankheit, das alltägliche Zehrfieber, und die Menſchen wiſſen es ſo ſchon zu maski⸗ ren, daß ſie eigentlich nichts wollen, als recht barbariſch eſſen, dadurch daß ſie den koſtbarſten Salon dazu einräumen, koſtbar räuchern, Blu⸗ men auf die Tafel ſtellen, Schüſſeln, Teller, Löffel, Gabeln und Meſſer und alles von Silber anwenden, ſich koſtbar putzen und allen Schmuck anlegen, am Tiſch lachen, ſchwatzen, mediſiren, kannegießern, liebäugeln, ſich heimlich die Hände oder die Zehen drücken— aber wer Augen hat, ſieht doch, daß ſie eſſen, aus der äußerſten ſchimpflichſten Noth, der Hungersnoth, er ſieht doch, daß ſie Alle pauvre canaille ſind— wie Sie oft ſagen, und daß kein Held vor dem Kam⸗ merdiener und keine Heldin vor der Kammerfrau, iſt! Furz, alle die Schmach ſind Sie los: Va⸗ veurs, Magendrücken, Sodbrennen, Leibſchneiden, Chininpillen, Magenfrottiren und mit eau de Bd. V. 3 34 Cologne Einreiben— werfen Sie alle den Plun⸗ der zum Kukuk! und mich dazu— als Koch und als Doctor, denn des Doctors Leibjäger iſt der Koch, und ein Doctor iſt nur das Antidotum, das Gegengift gegen den Koch. Jetzt kann ich das ſagen, denn ich bin curirt. Und wie geſund werden Sie nun ſein, mehr als wenn Sie ein Jahr in der Kur in Graͤfenberg geweſen waͤren! Ich mußte ſchon baden im Koppo⸗Poppo⸗Yz; und darum aß ich ſchon nicht, verzeihen Durch⸗ laucht, nicht aus ſonſt unmöglicher Differenz gegen Sie und die Speiſen! Sie durften aber nicht baden, damit die hieſige Grandezza einmal, ver⸗ zeihen Durchlaucht, einen Menſchen als reißen⸗ des Thier ſähen. Nun aber beſtehen die Prieſter und Wahrſager darauf, damit Sie nicht das ſchrecklichſte Laſter ins Land brächten, den Appe⸗ tit! oder die ſchrecklichſte Landplage: das Eſſen! Ihre hier glückliche Natur, ihr ſchlafender Ma⸗ gen köante aufwachen— und das Land und die Thiere verheeren! Kurz, durch alte Orakel iſt gräßlich gegen die Menſchen⸗Thiere gewarnt. Aber auch die ſchöne reizende Prinzeſſin Amma will Sie erlöſt wiſſen— um Sie zu heirathen. Und der König Abba hat nur Töchter— Durch⸗ laucht ſollen alſo auch noch Majeſtät werden, 35 verdientermaßen! Denn die Liebe einer Frau verdienen, iſt ja das größte Verdienſt und bringt, wie Sie ſehen, das Meiſte ein, und Ihnen einen Thron, ein Land wie ein Paradies und wohl zehnmal ſo groß und voll herrlicher Even, ohne Schlangen!— Ich bitte alſo inſtändigſt um Ihre fernere Freundſchaft, verzeihen Durchlaucht, nur um Ihre Gnade, aber um dieſe auch tief⸗unter⸗ thänigſt. Was ich weiß, aber weiß ich durch den alten Mexikaner, der ſich Ihnen gleichſam zu Füßen wirft.“ So ſprach er und wollte faſt vor mich hin⸗ knieen. Ich warf mich nun in die Bruſt und parodirte Shakeſpears Wort mir im Herzen ſo: Einen Magen für ein Königreich! ja— mei⸗ nen Magen! Dann legte ich die Hand auf ſeine mir ſehr wohlbekannte Stelle, ſtreichelte ihn und ſagte: Schlafe du nun, mein guͤtes Kind, mein liebes Kind, das ich gehalten wie meinen Augapfel! Schlafe! Vielleicht haſt du Hoff⸗ nung in jener Welt wieder zu erwachen— in Europa! „Noch iſt nicht aller Tage Abend! „Noch iſt nicht aller Nächte Morgen „Noch iſt nicht aller Morgen Licht!“ Schlaf' alſo bis zum Morgenlicht, zu deinem neuen, und ich verſichere dich, beſſerem Leben! 3 36 Wie an meinen Einzigen und Erſtgebornen will ich Alles an dich wenden und dich in Gold ein⸗ faſſen. Jetzt nur leider ſind goldbeſetzte Weſten nicht Mode!„Ein Reiſender kann zu allem kommen und von allem!“ ſchrieb ich darauf in mein Tagebuch. Schon die eigene Luft hier— eine, ja die fatalſte Art Sirocco, hatte in dieſen Tagen her meine Eßluſt ſo gemindert, daß ich bei den letz⸗ ten Diners die mir ſonſt ſchuldig gezollte Be⸗ wunderung leider nur wenig verdiente. Auf die neue Entdeckung aber fiel mein Appetit wie in einen Born! Ich hatte auf dem Schiffe gegen die für einen Gourmand contradictoriſche See⸗ krankheit das in England patentirte Mittel: Euphorbium, in den Magen eingerieben, und bis jetzt dieſem allein die Verſagung meiner edel⸗ ſten, der Eß⸗Werkzeuge zugeſchrieben. Nun wußte ich es anders, aber nicht beſſer! Ich ſtand die Nacht auf, wandelte verzweifelt am Strande, und weinte wie Achill zu der Göttin⸗ Mutter, daß ein Schiff kaͤme, das mich an eine gedeckte Tafel führe. Verbannung iſt ſchrecklich, aber leben und nicht eſſen können, das war ſchlimmer als die Hölle. O wie gern hätte ich jetzt als Delice das trockene Brot, ja ihren Su⸗ 37 perlativ: einen Gänſebraten meiner ſeligen Bauern gegeſſen, denn ſie waren nun ſelige Götter gegen mich! beſonders durch ihren unzerſtörbaren Appe⸗ tit, und jeder Kenner vom Fach wird mir fteu⸗ dig Recht geben, wenn ich ſage: Appetit haben iſt goldener als rſſen; denn eſſen kann ich in vier und zwanzig Stunden zuſammengenommen nur etwa zwei Stunden und einige Minuten lang, aber Appetit kann derjenige die ganzen vier und zwanzig Stunden haben, wer wenig und nichts zu eſſen hat. Koſtbarer Schatz des gemeinen Volks! O wie fühlte ich mich ernie⸗ drigt von meiner Höhe! Sch ſahe ein: In mei⸗ ner Mutterſprache heißt der Menſch mit Recht „Hombre“— eine Art Schatten. Und wie viel verlor ich, gerade Ich! Denn ich hatte ein ſo glückliches Talent und meine angeborne Zuſchaue⸗ rin und wachſame Nachbarin des Mundes— meine Naſe für den Geſchmack ausgebildet, daß ich jede Wette gewann: zu erwachen, wenn die Nacht leiſe eine Trüffelpaſtete durch mein Zim⸗ mer getragen würde, oder Rheinwein⸗Gelée er⸗ kannte ich ſchlafend, zuletzt ſelbſt doch geruchloſe Auſtern. Ja ich gewann die Wette, zu wiſſen, welche und welcherlei Speiſen im dritten Zimmer von mir, auf den Tiſch geſtellt wären, jede un⸗ 38 rerſcheiden, zuletzt ſo gut kalte als warme, ſo wie ein fein geöhrter Componiſt angiebt, welcher Ton auf einem ihm fern ſtehenden Pianoforte angeſchlagen, ob A oder C u. ſ. w; indeß die gewöhnlichen Trinker⸗ und Eſſer⸗Naſen nur etwa Punſch und ein angebranntes Spanferkel er⸗ rathen. Die armen Schlucker! Ich aber hatte das mit Entzücken an mir bemerkte ungeheure Talent ſo ausgebildet, daß auch Naſe und Augen zuletzt mit mir aßen, nicht nur der Mund — Cdie Ohren ſind incortigible und merken höch⸗ ſens Champagneraufpftopfen, und im Glaſe noch leiſe mouſſiren, weiter ſcheinen die Ohren mir nicht zum Eſſen geboren, eher noch von manchen Thieren zum Gegeſſenwerden)— und ich bin eigentlich der Entdecker der großen Wahr⸗ heit, daß Farbe, Geruch und Geſchmack die drei Elemente der Eß⸗ und Trinkkunſt ſind, und Jegliches, was man leider nur einmal genießen kann, doch dreifach genoſſen werden kann, muß und ſoll. Und o Himmel, jetzt bekam ich von den wenigen noch daſtehenden verwaiſeten Schüſ⸗ ſeln einen Schauer— zu Lande die Seekrank⸗ heit! Ein eigener Fall für Phyſiologen! S ich mit Ovid nur ſagte: Nequitia est, quae te non sinit esse„senem. 39 Das„senem“ unterdrückte ich aber, und ver⸗ ſtand den herrlichen Spruch nur ſo: Es iſt die Schändlichkeit, die dich nicht eſſen läßt!— ſtatt die dich nicht alt ſein läßt. Darauf verfiel ich— und auch der Doctor billig— in eine Krankheit, die aber nach des alten Mexikaners Verſicherung nicht tödtlich ſein ſollte, und nur den Magen ſchließen würde, was ich ſonſt beſſer mit dem Deſſert und einem Glas Longkork gethan hatte. Nicht tödtlich? Sterb' ich da nicht, wenn der Magen ſtirbt? Dieſe Criſis aber brachte mein Schickſal zu freu⸗ digem Wechſel, denn die ſchöne Prinzeſſin ging kaum gern die Nacht von mir und pflegte mich redlich, ja holdſeliger, geduldiger, als Manchen ſein Weib— um mich zu erhalten, ja nur zu erwerben. Meine Natur änderte ſich und ich träumte entzückt davon, daß ich nun über und über— wie ein Baum, und jede Faſer am Blatte ein Magen werden ſollte, und wirklich ward. Denn meine Schöne begleitete mich bis zu dem Blumenſtrande des Koppo⸗PoppoY⸗ und wie ein Gläubiger in den heiligen Strom Ganges, ward ich am Morgen und Abend in ſeine labende, erquickende, ſaͤttigende Fluth ge⸗ ſenkt. Und wie ein vor Durſt faſt Sterbender 40 auf der See in die See ſich taucht, und da⸗ durch den Durſt ſtillt, den nur der ganze Leib hat, und der Magen nur anzeigt, ſo ward ich im Strome ſatt, Trinkens und Eſſens ſatt. Ich kann es nicht anders ausdrücken. Und wie angenehm ward man darin ſatt,— unbeſchreib⸗ lich, reizend, duftend, betäubt bis zur Wonne. Nektar war gewiß Donauwaſſer gegen dieſes Waſſer! So ward ich gemach wie ein anderer Menſch oder Unmenſch hier. Aber nur im Traume war mir nur noch manchmal ſo gewiß unbe⸗ ſchreiblich— zu Magen, und da kauete und ſchlang ich noch, wie oft noch größere Kinder im Schlafe ſaugen aus unvergeßlicher Wonne der Mutterbruſt. Als ich nun gleich den andern Vewohnern eine Acht⸗Tage⸗Uhr geworden war,— denn wir badeten nur alle acht Tage, die Frauen und Mädchen früh, die Männer und Jünglinge Abends, nur die Kinder alle Tage, und die ganz kleinen Kinder zweimal alle Tage— da war unſere Hochzeit, deren beſte Ceremonie— die herrliche Braut war. Fuͤr ſo viel hohe Gunſt von meiner unvergleichlichen Frau, bin ich ihr ſchuldig, eine Folie unterzulegen durch eine kleine Anekdote. Eine vornehmſte, reichſte, galanteſte 41 Dame in B.„wird ſo mager und elend— durch voiehen e reich, oder galant ſein, laſſe ich unentſchieden— daß der Arzt als einziges Nittel gegen den Tod ihr vorſchlaͤgt, wenn ſie Muth habe— ungekochtes Fleiſch zu eſſen. Sie hat Löwenmuth. Mit Auſtern und Schnecken und Froſchkeulen faͤngt ſie an und ſteigt bis zu Schöps⸗ und Schweinskeulen. Zauberhaft wird ſie geſund, ungeheuer beleibt, ſie blüht wie eine Roſe, ſie geht entzückt in Geſellſchaft, da aber fragt man ſie: ob ſie auf der BIynſel den Adler beſucht habe? Sie erblaßt, ſie merkt, daß ſie ſelbſt ein Adler geworden und muß ſich ſelber einſperren. So ſitzt ſie wohl noch, wenn ſie nicht wieder Gekochtes und Gebratenes ißt.— Meine Frau aber, die nie gegeſſen, duftete aus dem Munde, wie Trauben⸗„Hyazinthen! wie bei uns nur die kleinen Kinder. Nacken und Bruſt und alles duftete wie Veilchen, wie einige Tage im Frühling bei uns die Mädchen, wenn ſie Veil⸗ chen in ihrem Buſen verborgen haben. Meine Eßkunſt mit der Naſe fand alſo hier im Lande gedeckten Tiſch, ich ward ein verklärter Eſſer. Bei dieſer Gelegenheit bekam ich, faſt wie zur Satyre auf mich— den Knochen⸗Orden! nicht einen Handring, wie auf den Palew⸗In⸗ 42 ſeln, ſondern ein Kreuz auf der Magengrube zu tragen. Aber keine Mitgift! Von einem Könige keine Mitgift. Aber ich mußte heirathen, was auch erfolgte oder nicht erfolgte, denn deswegen war mir das Leben geſchenkt. Dafür hatte ich nur auf dem Berge droben, wie auf einem Altare, Topan für meine Frau zu danken, und meine Frau hatte Topan nur zu danken für ihren Mann. Auch für Kinder geht man ihm danken.— Das iſt der ganze Kindtaufenſchmaus. Ueberhaupt be⸗ ſteht die ganze Religion dieſes armen Volkes in Dank, und in einem Leben, wie ein Zeit Lebens Dankender vor den Augen ſeines tagtäglichen Beſchenkers führt. Saure Geſichter, Traurigkeit, ja nur Freudloſigkeit ſind hier Gottloſigkeit, die man aber ſich ſelbſt beſtrafen läßt. Außerdem war ich und bin ich ein Freund alles Außeror⸗ dentlichen! Hatte nicht ein Engländer eine unge⸗ heure dicke Hottentottin geheirathet, um ſie mit in das hohe Leben ſeiner Heimath zu nehmen, und jeder ſchönen, ſchlankgehüfteten Engländerin durch die Präſentation ſeiner Frau das ſchwei⸗ gende Compliment zu machen, wieviel eher er ſie geheirathet haben würde, wie unendlich ſchöner ſie ſei und leichter, da er einen beſonders ſtarken ele⸗ 43 ganten Laſtwagen zu ſechs Pferden hatte bauen laſſen, für ſeine ungeſchlachte Dick⸗ und Breit⸗ Rieſin, ſeine fälſchlich ſogenannte Hälfte, da er nur der achte Theil des Ganzen war. Wenn ich aber meine Frau in der Welt präſentirte, ſo dürfte ich hoffen, überall bewundert zu werden, von Schöngeiſtern, Geizhaͤlſen und zarten Frauenzim⸗ mern, die lieber Engel wären, als Schweinebra⸗ ten eſſen. Ich ward zu allen Féten geladen, zu Tafeln und prächtigen Gaſtmählern, um das Nichteſſen meiner Frau zu ſehen. Einige frei⸗ lich, die vor allen Diners zu Hanſe entſetzlich „vorlegen,“ wie die Schweden, um bei Tiſch doch reden zu können, oder zu antworten ohne zu hungern, konnten meine unſchuldige Frau auch für ſo ſchwatzhaft oder heißhungrig halten; aber die Aerzte ſtellten mir wohl das Atteſt aus, daß meine Frau weder Nachts, noch Morgens, Vor⸗ nittags, Mittags, Nachmittags, Abends und zu Nacht, wie Andere, aͤße und tränke, und ſie kam in mediciniſche Journale und war weltbekannt — und Ich daneben! In der angenehmen Ausſicht als Inhaber ei⸗ nes Wunderwerkes bewundert zu werden, hatte ich nun auf den beiden Enden der Inſel für vor⸗ überſegelnde Schiffe Signale aufgepflanzt, eine 44 hohe Stange mit flatterndem Wimpel aus den übrigen Segeln unſtes geborgenen Schiffes, und eine Kanone, die aber wie ein ſchlafendes Pferd, drei Jahre daſtand mit offenem, ſchweigendem Munde, wie ein Stummgeborner. Ich hatte ein Söhnchen, eine Traube von meiner Frau, dieſer großen, duftigen Trauben⸗ Hyazinthe, und ſchon Mahomet rechnete die Wei⸗ ber zu den Parfüms. Das aber war mein letz⸗ res Glück hier. Von nun an kam Unglück nach Unglück. Das Erſte: furchtbare Zahnſchmer⸗ zen, als Nachwehe ihrer Strapatzen in meiner Mühle. Hier zu Inſel war kein Mittel, kein Schlüſſel dagegen, denn die Menſchen hatten die perlengleichen glänzenden Zähne zum Schmuck. Man begriff mich nicht, man lachte, wenn ich die Wände kratzte, oder auf dem Kopfe ſtand. Ich mußte ein Dutzend meiner alten Zähne, lauter verdiente, penſionswerthe Leute, ausnehmen und einſetzen laſſen! Wo aber, als in London, Paris, Berlin oder Wien— und ſo weit es war, gern wäre ich nach der lieben Wienerſtadt gereiſet, da ich, ſchon nur Einen Zahn mit Gold zu verbleien oder zu plombiren, hundert Meilen weit mit Ex⸗ trapoſt gereiſet war, gleich vom Flecke weg, auf dem ich den kleinen Krater darin bemerkt. Ein 45 Zahn iſt nun ſchon ein guter Muſikant, hinrei⸗ ßender als Lanner oder Strauß, aber eine ganze Bande ſolcher Herren Muſikanten giebt die Tor⸗ tur und die Tarantella. Je u'en pouvois plus! Das zweite Unglück verlangt die kleine Vorrede: daß ſehr viele unſrer Vornehmen und Gemeinen Herren und Damen, ſehr ſchlechte Wilde ſein würden an Leib und Seele, und daß ſie ſo⸗ gar als Sklaven in Amerika kaum zehn Dollars werth ſein würden, wo ſie, ſtatt Viel zu verthun, Etwas verdienen ſollen. Ich war alſo ein ſchlech⸗ ter Wilder und nahm mich in der ziemlich ſpar⸗ ſamen Kleidung derſelben micht beſonders aus. Ich wurde mit Gewalt alt und grau, oder er⸗ ſchien jetzt nur wie ich war, und ſchon lange un⸗ ter allerhand Perüquen und Salben und Wäſſern geweſen— die aber nun alle auf die Neige ge⸗ gangen. Und woher hier neue bekommen! Kein Menſch ließ Ein Haar ab, denn Alle waren ſtets ſatt. O glücklich machender Hunger! Das Dritte war alſo: Ich konnte keine neue Fran bekommen. Denn man hat auswärts keinen Begriff, wie capricieuſe die Maͤdchen hier waren, da ſie keiner in Europa höchſt nützlicher Stiftung der Drei Ringe, oder unverheiratheter Mädchen Verſorgung der edlen höchſt ſchätzbaren vor. Ich hatte meine Frau verloren, mein ein⸗ 46 Fräulein Halberſtadt in Caſſel bedurften. Man ſollte glauben und glaubte mit Recht, daß die Männer hier gern ſo viel Weiber als möglich gehabt hätten, weil ihre Ernährung und alles darauf Nothwendige nichts koſtet. Aber die Mäd⸗ chen waren hier prall, patzig, protzig, ſtutzig, witzig und kurz und bündig, tauſendmal mehr, als ein hübſcher Naſeweis unter den Tirolerinnen. Sie brauchten keinen Mann als Ernährer. Eſſen war ihnen unbekannt, Kleider brauchten ſie wahrhaftig bis zum„Leider“ nicht viel und ſo ſahe man hier ſchlagend den Satz ein: In den vier oder fünf Welttheilen, wo die Weiber eſſen und trinken, ſich putzen, fahren, reiten u. ſ. w., u. ſ. w., da wird die Hälfte der Ehen nicht, oder nicht nur von Herzen, ſondern von Magen— de part de Fes⸗ tomac— geſchloſſen. Hier aber heirathete Keine aus Magenſucht; ſie brauchte und wollte nichts als einen Mann. Damit baſta! Und die mei⸗ ſten Männer ſind immer viel Andres und Be⸗ durftes, als blos ein Mann. Ein verzweifelter Zuſtand: man mußte hier ſchon jung und friſch wie ein Adam zu einem Weibe kommen, ſonſt war man verloren.. Aus dem Dritten geht mein Viertes her⸗ 47 ziges Agrément und Parfum Schon in Caacaty, in der ſuͤdamerikaniſchen Provinz Corrientes, wo die reizendſten aller Mädchen und Frauen ſind, hatte ich mit auf dem Markte geſchlafen, wo alle Einwohner des Nachts ihre Betten aufſchlagen, wie leichte Buden oder größere Vogelbauer. Hier war nun derſelbe Gebrauch, ein herrnhutiſcher Gemein⸗Schlafſaal mit der blauen, luftigen, küh⸗ lenden Decke des Himmels. Wir ſchliefen in hel⸗ lem Mondſchein, Alles ſang in den Betten, bis es einſchlieſ, wie gefangene wunderbare Vögel unter dem Netz zarter, farbiger Faſern gegen die nächt⸗ lichen Muͤcken. Da kam meine Frau eines Abends nicht zur Geſellſchaft! Sie war am Morgen nir⸗ gends, in der ganzen Inſel nirgends! Ich ließ alle Maͤnner zählen— ein Jüngling fehlte. Ihr Kind, mein Sohn, war da, den ſie unausſprech⸗ lich liebte, darum war ſie geraubt, in eine andere Inſel entführt, wo aber ſo herrliche Quellen und Baͤche waren! Das Fünfte war: mein Schwiegervater, der gute Abba, war im höchſten Alter obwohl, aber denn doch geſtorben, und ſo ſollte ich, Sechs⸗ tens: König werden. Das war hier ohne alles Vergnügen. Das Enſemble dieſer ſechs Nöthe war die Siebente! In dieſer langen Pein kam endlich des Nachts ein Traum, mich zu tröſten: ein herrlicher Jüng⸗ ling mit engelſchönem Geſicht, das allein zu ſe⸗ hen war, denn ſeine übrige Geſtalt umfloß vom Halſe herab ein ſilberner Mantel, aber es war, als wenn ſich tauſend Hände unter demſelben regten, als er zu mir ſprach mit ſo rührender Stimme, wie ich nie eine vernommen! Denn wer konnte mich tröſten? Und wer kann mich tröſten? — Mein Freund mein Bruder— der Magen! Ich gaubte unter die Seligen verſetzt zu ſein, als er mir ſeinen Namen nannte und Stand. Ich wollte ihn zu Gaſte laden, aber mit gemilderter Erhabenheit meinte er:„Ich ar⸗ beite nur und eſſe nicht, als Wute der Mund⸗ Köche. 7. Das rührte mich tief, aber er ſprach:„Ar mer Freund! Wahrer Wittwer— ohne brauch⸗ baren Magen! Großgünſtiger Gönner und mäch⸗ tiger Wohlthäter, ach⸗ wie dauerſt Du mich! in einem Lande hier ohne eine einzige Küche, ohne Topf! Ich komme Dich tröſten— ich lebe noch! und Du ſollſt mit mir ein neues Leben leben, ja, ich will Dich lehren, daß Du nicht nur mit Mund, und Augen und Naſe genießen ſollſt— ſondern mit Seele! Gefühl und Edelmuth! Er⸗ 49 fahre alſo, daß ich die große Dampfmaſchine der Welt bin, mit aller Millionen Pferde⸗ und Och⸗ ſenkraft. Ich ſpreche, wie die große Boaſchlange zu Kaninchen, zur ganzen Welt:— AMons! passen par moi! und ſo wird die Welt verklärt. Lerne Schlüſſe machen! Siehe! Hier iſt zwar nur kein Topf und kein Tiegel—— aber auch keine Biscuitvaſe, keine Büſte, keine Statüe als der Topf in höchſter Potenz! Hier iſt zwar uur kein Pflugſchaar, aber auch kein Zirkelſchmidt, alſo kein Optikus, alſo keine Sternwarte alſo keine Himmelskunde! Hier iſt zwar nur kein Fiſchernetz— aber, o Schreck! auch kein Shawl, kein Seil, keine Schifffahrt, kein Verkehr, kein Profitchen, kein Kaufmann, keine Kaufmannsfrau. Darum ſiehe; erkenne, o Prinz Famesco, mit Stolz und zu Deiner Ehre: alle Künſte und Wiſ⸗ ſenſchaften kommen aus dem Magen, wie Stü⸗ vers Leuchtkugeln und Feuerwerke aus erbärmli⸗ chen Pappkaͤſtchen. Alle Weisheit und Klugheit, alle Bücher, Bilder, Conzerte, Conzertmeiſter, Schteiber und Maler, kurz der ganze Markt kommt aus dem bloßen leeren Magen. Hier hat Jeder das Eine, was Noth ſcheint: einen gründlich ſat⸗ ten Magen— und ſo hilft kein Menſch dem andern— und ſo fehlt denn hier Alles, was Einer Bd. V. 4 oder Dieners giebſt, ſo denke:„O ich großer „Mäcen und Auguſt, wie befördre ich die Kunſt! „— ich eſſe blos wilden Schweinskopf und helfe „große Schlachtſtücke malen! Ich trinke blos „Cap⸗Wein— und erhalte die Sternkunde! Ich „eſſe Torte und docire Gewerbkunde, ich trinke „Champagner und erbaue die Chemie! Ich reiße „meinen Koch herunter und befördere Kritik! Ich „leſe mein Lochbuch und bin eine Stütze der Li⸗ „teratur. Ich verderbe ir den Magen, ja ich „ſterbe an Indigeſtion und beeeichte Medizin und „Doktoren, und des Todtengräbers Junge bekommt „ſeinen Geſellenrock! O Famesco, erkenne Dich „als großen Mann! Sei ein würdiger Herzog „der Zwanzigkreuzer und Gulden und Dukaten, „und Louisd'or! Und damit Du meine Worte „allen vortrefflich Eſſern und Trinkern verkündigſt „— welche edle Geſellſchaft ſie ſind— denn nicht „Alle haben das Glück den Magen zu hören— „darum zieh', Du Geprüfter, denn hin, wo Du „ſo ehrwürdig ſein kannſt, und ſo Ehrwürdige „machen— ziehe hin! In Wien ſehn wir uns „wieder!“ Ich erwachte vor Herzklopfen. Ein Traum iſt Schaum, aber Schaum vom Champagner un⸗ nicht allein kann! Wenn Du alſo künftig iſſeſt 51 ſres Geiſtes. Und wenn auch ſonſt nur der Ma⸗ gen— den Hunger verkündigt, und ich an der Wahrheit ſeiner Worte zweifeln wollte, ſo bekam ich doch ſeit Jahren wieder den Schlucken! O himmliſche Beſtätigung, daß der ſchöne Jüngling auch in uns wohnt! Ja, ich konnte heut' einen Theelöffel voll Schweizer⸗Kirſchwaſſer hinunter⸗ nippen, wie eine Nachtigall ihren erſten Trunk. Ich habe dem Magen immer geglaubt, ja faſt nichts Anderes, und da er geſagt„Ziehe hin!“ ſo mußte doch ein Schiff daherziehen! Und ich war kaum auf dem Berge Ao, als ich drunten am Fuße deſſelben ſchon Eins geankert ſah. Und noch eine Freude, die Menſchen darauf waren meine Reiſegefährten, die auf dem letzten Boote nicht umgekommen waren, ja in einer entfernten Inſel ein andres daſelbſt geſcheitertes Schiff müh⸗ ſelig und nothdürftig ausgebeſſert hatten, um da⸗ mit zu verſuchen, endlich wieder nach Hauſe zu kommen. Sie waren zwar wirklich verſchlagene Menſchen, aber nicht ſo klug, daß ſie einmal wußten, wo ſie ſich befänden, oder wohin ſie ſteu⸗ ern müßten. Und ſo ging es mir Verſchlagenen auch. Wie gern hätte ich für Menſchen, die ohne zu arbeiten, ja, ohne zu eſſen, gern leben möch⸗ ten, die Inſel gemerkt, als die paſſendſte zu einer 4* 52 Colonie für ſie. Aber ohne Compaß, ohne Ser⸗ tant, war es nicht möglich, Länge und Breite derſelben zu beſtimmen, ja mit dem Sextanten und allen Himmelsröhren wäre ich erſt in der größten Verlegenheit geweſen. Meinen Koch⸗Doktor ſetzte ich eilig und hef⸗ tig, aber vergeblich zu, von hier mit mir zu gehn. Denn als mein Schwager, wie ich ihn mit Be⸗ ſchämung nennen würde, wenn er nicht die zweite Königstochter zur Frau hatte, wollte er lieber über ein Volk ohne Magen herrſchen, als wieder Koch, oder wohl gar mein Koch ſein. Ja, er nahm ſich heraus, aus Gefuhl ſeiner erfolgenden Würde mir die Lehre zu geben:„Wer gar nicht müde werden kann zu eſſen, der werde ein Koch! Es giebt gar kein beſſeres Mittel, das Eſſen fatal und unter aller Würde zu ſinden, als für Andere unaufhörlich zu müſſen,„ zum Uun fallen.“ So packte ich denn meine Sachen ein ohne ihn. Denn ich mußte fort. Ich hatte die Ma⸗ troſen am Strande eſſen geſehen, und mich hatte der Heißhunger überfallen.. Zittern.. Schwäche Appetit bis zur Ohnmacht. Appetit wie eines Dürſtenden nach Citronen, in welche die Kinder vor ſeinen Augen beißen. 8 Himmel/ welchet 53 Vorſchmack der Seligkeit! Ich war ganz wieder Menſch! ganz Prinz! ganz Herzog der Dukaten, und wirklich ganz reich! Nicht, als wenn ich auch Herr aller Louisd'or und Dublonen gewor⸗ den, ſondern, was mehr iſt, aller Faſanen, Ca⸗ paunen, Kibitzeier, Indianiſchen Vogelneſter, aller fetten Ochſen und Gänſe der Welt, aller Lachſe und Aale. Aber indeß gingen wir nur les petites et les grandes grenouilles im Leibe herum, wie Einem, der wie ich ſo viele Jahre von Waſſer gelebt, und ich ſtand voll Entzücken und horchte, als wenn mir Nachtigallen im Leibe ſchlügen! Ich rieth den Matroſen aus eigner fatalen Er⸗ fahrung, ſich nicht in der Inſel ſehen zu laſſen. Meinen Sohn nahm ich aber mit, und ließ für mich ſowohl in der erſten Zeit, als auch für ihn, ganze Tonnen Waſſer und Kruken aus dem Koppo⸗Poppo⸗ Wdes Nachts füllen und zu Schiffe bringen; denn erſtlich, welcher Reiſende, welcher Prinz bringt einen Sohn oder nur ein Kind mit von Reiſen,— wie ich! Und gewöhnte er ſich zu eſſen— ſo war ein glücklicher Menſch mehr! Gewöhnte er ſich nicht, ſo hoffte ich ihn am Le⸗ ben zu erhalten, bis etwa Dr. Struve das Waſſer des Ao unterſucht und nachgemacht, wie er Spaa, Pyrmont und Selters nachmacht, ja halbtodt 54 macht ohne Noth und großen Profit— durch mein Waſſer aber ward er ein Millionair, wenn er ein Gemeinbad davon anlegte. So fuhren wir denn in Gottes Namen voll gänzlicher Unwiſſenheit, auf gut Glück, aber mit e Muth ab— immer weiter nach Abend ins Morgenland. Ein Sturm jagte uns lange Wochen und verſchlug uns wieder, aber glücklichz denn wir befanden uns nach Angabe eines uns begegnenden Schiffes in dem Mikroneſien oder im Archipel der Karolinen— ein reizender Name! bald wie eine Brigittenau voll ſchöner Brigitten. Dann kamen wir nach Udia Milai. Endlich nach Java. Wieder endlich nach Bombay. Von dort ſchiffte ich nach Aegypten und ging von Cairo und Alerandrien nach Venedig und Wien, wohin meine Anverwandten aus Spanien geflüchtet, weil ſie dort keinen Biſſen in Ruhe eſſen können. Ich hatte, nach einer im Lazareth von Vene⸗ dig überſtandenen Krankheit wieder allmaͤlig eſſen gelernt. Aber mein Magen hatte einen Knacks behalten, oder war ich auf die höchſte Stufe eines Gourmands gekommen. Ein gewöhnlicher Menſch kann an einem Diner zwanzigmal ſatt werden: 1. die Suppe ſatt, ſo daß er keinen Löffel mehr eſſen kannz 2. das Rindfleiſch ſatt, ſo daß er kein 55 Slice mehr hinuntet bringt. Darauf kann er aber wieder vom Aal, wie ein ganz friſchbackener Hun⸗ griger eſſen— welche Wohlthat in dieſer herr⸗ lichen Anlage der Menſchennatur, bis er 3. auch fiſchſatt iſt wie ein Haifiſch. Dann hat er noch wieder Bratenhunger, und iſt er 4. Braten⸗ ſatt, ſo, daß alles Vorlegen, alles gute Beiſpiel rein vergebens iſt, da hat er noch wieder Mehl⸗ ſpeiſen⸗Hunger! und wenn er 5. Mehlſpeiſen⸗ ſatt iſt, ſo daß ſeinetwegen im Leben keine mehr gebacken werden dürften, da hat er noch zehn⸗ fachen Deſſert⸗Hunger!— beſondern relativen oder ſveciellen Waſſer, Bier⸗„Wein⸗, Caffee⸗, Cho⸗ koladen⸗ Punſch und Liqueur⸗Durſt, giebt es der⸗ gleichen, und alſo auch Wein⸗ und Liqueur⸗Sa⸗ turirung.. als tauſendfache Wohlthat— die ich verlor. Wie Ich an einer delikatrn Speiſe ſatt war, war ich abſolut ſatt! Dadurch aber genoß ich den immenſen Vortheil— am andern Tag ohne Migraine oder Magendrücken und Trägheit mich wieder an einer andern delikaten Speiſe ab ſo⸗ lut ſättigen zu können! Und wie geſchmackreich aß ich! Als den größten Kunſtkniff für Gour⸗ mand rathe ich ihnen alſo: ſich an dem Beſten, Gefälligſten, aber nur Einem oder Wenigem himm⸗ üſch ſatt zu eſſen— wegen der Conſequenz! Sonſt 56 fallen ihnen die nächſten, gewiß gleich himmliſchen Mahlzeiten aus. Ich machte auch endlich einmal die Hanptbetrachtung und fragte die Hauptfrage des Lebens: wie ein Menſch denn wohl das Meiſte aus der Welt fortbringt, oder arbeitet? ſei er ein Eſſer, Trinker oder ſonſtiger Arbeiter. Und da fand ich denn: Wenn ein ungeheurer Haufen Steine daliegt, und Jemand ladet ſich auf einmal eine zu große Bürde davon ein und auf, ſo thut er ſich Schaden, wird bucklich hinten und bucklich vorn— und muß nun faſt Alles mit Seufzen da vor ſich liegen laſſen! Doch das ſind nur Steine! Aber vor Einem einzigen eſſenden Menſchen liegen und ſtehen zu ſemer lebens⸗ langen höchſt angenehmen Arbeit, zu ſeiner wah⸗ ren Conſummation wohl 100 Scheffel Waizen zu Weißbrot und Kuchen, Zwieback und allerhand Backwerk, 5000 Kannen Butter, 600 Kälber⸗ 800 Schöpſe, 200 Rinder—(Beefſteaks ver⸗ ſchwenden viel) 100 Rehe, 900 Haſen, 2000 Ler⸗ chen, 500 Ortolane und Wachteln, 100 Gänſe, 400 Hühner und Capaunen, 100 Schock Eier, 50 Schock Krebſe, 1000 Kannen Milch und Sahne, 20 Pfund Choccolade, 40 Pfund Thee, 700 Pfund Zucker, ein Paar Heuwagen voll Sallat, 2 Wa⸗ gen voll Gurken, 10 Wagen voll Mohrüben, Ar⸗ 57 tiſchoken, Sellerie, Welſchkohl, Welſchkraut, Rüb⸗ chen, Radischen, Peterſilie, Körbel, Bohnen und Kartoffeln. Alles ganz billig angeſetzt, ſo daß die Erde mit dem Bedarf für ihre 1000 Millio⸗ nen bloßer Menſchen ſchon zum ungeheuren Küchen⸗ garten, Obſtgarten, und Thiergarten und Hühner⸗, Gänſe⸗, und Entenſtall wird! Vor manchem Menſchen ſtehen mehr Wagen von dieſem, vor dem Andern mehr Wagen von jenem, ja vor manchem Menſchen ſtehen blos 40 Wagen voll Kartoffeln und 5 Tonnen Salz und vielleicht 2 Tonne Speck. Vor Jedem von uns Auserwähl⸗ ten ſtehen aber noch ganze Körbe Erdbeeren, Him⸗ beeren, Johannis⸗, Stachel⸗, Maul⸗, Brom⸗ und Heidelbeeren, Kirſchen, Pfirſiſche, Weintrauben, Drangen, Citronen und Annanas; 1 ganzes Ge⸗ wölbe voll Eingemachtes, Gelées, Grysseilles de Bar ꝛc. ꝛc. ꝛc., ganze Dispenſen voll Zucker, Mok⸗ kakaffee, Roſinen, Sultaninen, Traubenroſinen, Knackmandeln, Trüffeln und alle das Teufels⸗ Magenzeug und Magen⸗Teufelszeug; dann im Fiſchhälter doch 500 Karpfen und Hechte, 10 Centner Speiſefiſche und ſo weiter—(der Paar Tauſend Auſtern gar nicht erſt zu gedenken) dann erſt im Keller doch für Jeden von uns 9000 Flaſchen Wein(im Durchſchnitt nur 4 Flaſche 58 auf den Tag bei nur 50 Lebens⸗ das heißt Eß⸗ und Trinkjahren gerechnet)—— in Summa, es ſteht eine ungeheure Honigtonne voll guter Dinge vor Jedem, durch welche er ſich wie ein Bär durcharbeiten ſoll, bis ins Grab. Erſäuft er nun, wie die Fliege, darin, und ſogleich bei dem erſten Koſteverſuch, ſo iſt er sonica erſoffen— und das iſt Jammerſchade, denn der Baͤr war ein Menſch! Aber, aus unendlicher Speiſe⸗ und Trinkwuth mäßig, jeden Tag mäßig, jede Mahlzeit mäßig im Eſſen und Trinken aus reinſter, höchſter Be⸗ gierde danach, ſo, ſo bringt der Menſch die un⸗ geheure Maſſe guter Dinge, alle richtig auf die Zunge, in den Magen, ins Grab, und in ſüßem Angedenken daran, noch dereinſt ſogar ſelbſt in den Himmel! Alſo Mäßigkeit aus Unmäßig⸗ keit! Und um Himmelswillen ja Vernunft, aus dem reinen Willen: das Schöne und Gute im Leben ja richtig zu vollenden— de le consom- mer! Denn Thiere und Pflanzen, ja die klarſte Weintraube, alles wird erſt im Menſchen wirklich verklärt, wird menſchlich, wird ein Menſch.(Noch muß ich einſchalten, daß es die ſchändlichſte Un⸗ dankbarkeit wäre, ein liebes Reh ohne Andacht zu verzehren, à la Wolf, odet ein ſchönes Birk⸗ huhn ohne dankbare Rührungz denn dann wären 59 die Aermſten umſonſt geſtorben, und es iſt gar kein Spaß, ſich für Andre in den Bauch ſchießen, oder den Hals abdrehen zu laſſen, wie eine Taube. Alſo Dankbarkeit! Gefühl! als die geiſtige Würze.) Und nun fahre ich fort: Wer ſich alſo nur manch⸗ mal ſogenannte gute Tage macht, nur manchmal bon lebt, der iſt ein ſchaͤndlicher Verwüſter ſeines Lebens, ein abſcheulicher Verderber der koſtbarſten Sachen! Denn eine Krankheit koſtet bald 24— 48 Diners, oder den Geſchmack daran; und ein hohler Zahn koſtet leicht einen Monat lang alle heißen oder kalten Getränke und Speiſenz denn die edle Natur ſtraft den Menſchen nicht doppelt um Beide, um kalt und warm! Wo ich daher einen mäßigen Menſchen ſehe, da muß ich lächeln! da fühle ich einen eigenen Neid im Leibe und denke: Aha, Der iſt ſo klug und andächtig wie Du! In ſo fern aber die Haupr⸗Liſt der Le⸗ benskunſt dieſe iſt, daß der edle Menſch ſich jeden Augenblick, alſo immer kernwobl befindet und himmliſch⸗behaglich, alſo nicht blos bei dem Eſſen, ſondern von Mahlzeit zu Mahlzeit die lange, un⸗ endliche Zwiſchenzeit, in ſo fern, alſo in ſo nahe iſt endlich die Haupt⸗Liſt für alle Lebens⸗Gour⸗ mands dieſe: nur ſolche Speiſen und Getränke zu genießen, die Ton, guten Ton geben, Span⸗ 60 nung, Erhebung! Die alſo durchaus nihts Veic⸗ liches, Abgeſchacktes— das Gefühl des Leibes und ſomit der Welt der Gourmands Abſchmek⸗ kendes zurucklaſſen; daher ich ernſtlich gegen dum⸗ men Gänſebraten, Ortolane, friſchen Lachs, Aal und unbedingt gegen alle Créme ſtimme ja votire; und wenn ich ein Prinzenerzieher wäre, durchaus Alles gegen den bon ton ihm bei den härteſten Strafen, etwa mit rauchrigem Caffe oder mit Biereſſig zum Salat und mit altem Oel beſtra⸗ fen würde und müßte— der Stimmung des Magens wegen, als welche die Stimmung des Menſchen für oder gegen Alles Genießbare, alſo gegen Menſchen, Volk, und Welt iſt, ja gegen den Himmel. Die Zunge iſt das Titelblatt des Magens, aber der Magen ſelbſt iſt das Buch des Lebens, und heißt ſchon bei dem ſchwer⸗ wandelnden Hornvieh auch wirklich das Buch! Ja ſchlüßlich machte ich die große Entdeckung, daß der außerordentliche Appetit jede Speiſe zur außerordentlichen mache! Daß abet Arbeit und friſche Luft Vater und des Appetites ſind. Was nun meinen ſchönen Knaben snz p traf des Kocharztes Wort an ihm zu: daß ſein Magen nur latent wäre und in unſrem glück⸗ 61 lichen Clima ſich gewiß evolviren würde, erſt durch Theelöffel, dann Eßlöffel voll Wein, dann gewäſ⸗ ſerte Milch, Bouillon, Honig, Lebzelten, und ſo⸗ zu den höhern Potenzen hinauf. Das Waſſer war alle geworden zum Baden und Waſchen, und ich war in Verzweiflung als wir in Wien ankamen! Aber wie geſagt— der glückliche Him⸗ melsſtrich! das gute, ja vortreffliche Beiſpiel — kurz, kein geborner Wiener kann meinen Sohn mehr von einem gebornen Wiener unter⸗ ſcheiden! Nur wenn ich mit ihm in der Donau bade, ſeufze ich oft: O wäre das der Koppo⸗Poppo⸗Y! Dann küſſe ich meinen ſchönen Knaben zum An⸗ denken an ſeine Mutter! und er küßt mich wieder, und ſein Athem duftet wie Trauben⸗Hyazinthen! Und das Kind weiß nicht, was ich weine! 8 — 22 — = — * — = — * = 2 *8 & Von Leopold Schefer. 2 ₰ S. — — — — 8 5 — * — — — — S 5 — S 5 — — — — — 5 Der Kaiſer war todt. Das Volk von Conſtantinopel war auf den Beinen. Es wunderte ſich ſelbſt, daß ſo viel Eſeltreiber, geiſtliche Herren, Ankerſchmiede und Grobſchmiede mit ſchwarzen Armen und beſtaub⸗ ten Geſichtern, Färber mit blauen und bluthro⸗ then Händen. Schlaͤchter mit Meſſern, Schuhma⸗ cher mit braunen, Zimmerlinge und Maurer mit weißen Schurzfellen, Schneider und Weiber und Iuden und Jungen in den Häuſern geſteckt und jetzt, wie Ameiſen hervorgewirbelt, in deren Hau⸗ fen ein muthwilliger Knabe mit dem Stocke ge⸗ ſchlagen. „He! Guten Lag, Fledermaus! Wer hat Dich denn hervorgeſtirlt?“ fung ein Tiſchler einen Ciſternenwärter. „Der Kaiſer iſt todt!“ antworlete Jener. Bd. v. 66 „Freilich! Freilich! Das iſt ſchlimm für ihn,“ ſagte ein Töpfer darein. „He, was?“ rief der Tiſchler.„Wo bekä⸗ men wir ſonſt einen neuen her? Neue Beſen kehren gut. Und alle Wochen wird neues Keh⸗ richt. Jeder Menſch bringt neue Augen auf die Welt; und Jeder ſieht was Anderes, was Beſ⸗ ſeres.“ „Beſonders wenn er Dich anſiehtt“ ſagte ihm der Zimmermann und das Volk lachte. „Aber Bruder Zimmermann, nun könnteſt Du einen Neuen zimmern! Denn geſtern iſt dem Kaiſer der letzte Sohn geſtorben, und über den Schreck, daß nun nicht ſein Sohn unſer Regment fort⸗ führen ſoll, iſt auch in die Grube gefah⸗ ren. Alſo. Rit Hiz rief der gimmermann und ſchwang die Axt etwas unvorſichtig um die Köpfe. „Wo hernehmen? Das plagt uns eben!“ ſprach ein Schuhmacher.„Wären wir Pferde und Eſel und Ochſen und dergleichen, ſo müßte nicht grade der Sohn des vorigen Kutſchers uns füttern und ſtriegeln und fahren“ „Allerdings ſind wir beſſer ai viel Sper⸗ linge, die ſo herumfliegen,“ ſprach der Schneider⸗ „Ja wir ſind beſſer als viel Elephanten, die 67 ſich auch das Kind des todten Kornak's mit dem Rüſſel auf den Hals zum Führer ſetzen,“ ſprach ein Kaufmann.„Vernunft iſt des Menſchen Vorrecht, beſonders hier in unſerm Conſtanti⸗ nopel.“— „Meinm Ambos ſoll auch nur mein Sohn haben!“ rief der Schmied. „Deſito ſchlimmer, lieber Bruder, daß der Kaiſer ſeinen Vorfahr vertrieben hat! Der hätte nun einen Sohn! Nun wird doch ein bloßer Menſch auf den Thron ſteigen müſſen, der kein Recht darauf hat, als ſeine Beine und einen tüch⸗ tigen Sitz!“ ſagte der Schuhmacher. „Das wäre entſetzlich!“ rief es in der Menge. Und dann rief eine Stimme:„Weiß denn Nie⸗ mand von Euch, Schuhputzern und Straßenläu⸗ fern allen, Einen, deſſen Vater, Großvater⸗ Mut⸗ ter, Tante, auf unſerm Thron geſeſſen hat?“ „Ach!“ ſeufzte ein alter Mann mit weißen Haaren.„Ich weiß wohl Einen, aber man ſagt es nicht gern!“ „Heraus mit der S Heute gilt es!“ rief der Kreis ihm zu. „Nun,“ fuhr der alte Mann fort,„drüben im Leanderthurm, mitten im Meere, da lebt wahr⸗ ſcheinlich noch der Brudersſohn des Kaiſers, den 5* 68 er dorthin hat ſetzen laſſen— denn ich habe den Knaben in einer finſtern Nacht ſelbſt mit hinüber gefahren und ſchwören müſſen, es nie zu ſagen— aber nun iſt er ja todt— dorthin hat er ihn ſetzen laſſen, in den ſchweren finſtern Kerker ohne Tageslicht, ohne Licht bei Nacht, ohne daß ein Menſch ihn ſehen, oder ſprechen durfte, damit er nicht nach dem Throne ſtrebe durch allezeit fertige Diener, die ſich in Zeiten hohe Aemter und große Belohnungen ſichern wollen. Der alte Kaiſer war ſelbſt mit und wer merkt nicht ſolcher Leute Worte alle für ſich und ſeine Kinder, und ſo höre ich ihn noch ſagen: Kein Menſch findet leich⸗ ter Freunde und Geld, als wer nur mit einem Scheine des Rechtes nach einer Krone greift. Und freilich war das Kind der Sohn ſeines Bru⸗ ders, den er dieſelbige Nacht vom Throne geſto⸗ ßen, und ſo derb, daß er geſtorben war.“ „Zum Leanderthurm! Zum Leanderthurm!“ ſummte und brauſte das Volk und warf Mützen, Tücher und allerhand Dinge in die Höhe, die im Gedränge der Fortſtoßenden verloren gingen, ſo daß die Meiſten in bloßen Köpfen bald in den Booten ſaßen, mit welchen ſie aus dem Hafen hinüber nach dem Thurme fuhren. „Hat ein Schiffer heut Fährgeld verlangt? 69 Wird einer einen Heller bekommen?“ frug mit lautem Lachen der Eſeltreiber den Zimmermann⸗ als man in dem Getöſe endlich wieder ein Wort verſtehen konnte. „Was thut der Menſch nicht, um Ruhe zu haben!“ ſprach der Schneider.„Wir ſind beſſer, als viel Sperlinge!“ „Sprich, was thut er nicht, um was zu thun, ſelber zu thun!“ ſprach der Schuhmacher. „Wir ſind beſſer, als viel Sperlinge!„oder Schneider!“ Der Schneider ſchwieg klug, denn er ſaß ganz am Rande des dicht voll gedrängten ſchmalen Kahnes. „Aber“ ſprach der Schuhmacher weiter, „der arme gefangene junge Menſch iſt doch gewiß ganz ohne Lehre und Bildung, ohne alle Kenntniß der Menſchen und der Welt;— — wird er denn wiſſen, was wir in unſern Ta⸗ gen bedürfen? Was er zunächſt, was er nach⸗ her thun ſoll? Was er ſoll einführen zu ſeiner Zeit, und ausführen zu ſeiner Zeit? Das weiß ich als Lohgerber zu fragen!“ „Schweig!“ erhob ſich der Zimmermann und der Schmied zugleich.„Er iſt ſeines Vaters Sohn. Mehr wollen wir nicht. Mein Vater war ein Geiſtlicher, der hatte Bienen! Die machten Wei⸗ 70 ſel! Der Menſch ſoll hinter dem Vieh nicht zu⸗ rückbleiben! Nicht wahr, Fieiſchhauer? „Das verſteht ſich!“ rief der ſtarke, fette Mann. „Nun, was willſt Du alſo reden?“ ftug der Schmied. „Wenn ich der junge Menſch wäre“— äu⸗ ßerte der Schneider—„wollte ich mir ſchon tüch⸗ tige Geſellen halten und einen Bretmeiſter! Mein Sohn ſoll aber doch kein Schneider werden. Erſt⸗ lich iſt er zu ſchwächlich; zweitens zu gebrechlich und viertens habe ich zu viel Elend bei der Na⸗ del ausgeſtanden. Das macht Alles die Nadel und der Zwirn. Was hat nun unſer arme todte Faiſer ſeinem nun auch, ja vor ihm todten Sohne Reich und Schätze aufgehoben, und iſt vor Schreck geſtorben, daß derſelbe ſein Elend nicht erben ſollte, als wenn es das einzige glückliche Loos ſei, einem Menſchen die Qual und Sorge für Andere als Erbe des Vaters zu hinterlaſſen— ein Erbe und ein Glück, das der himmliſche Vater ſo ge⸗ ring achtet, daß er es uns allen lieben Vätern und Kindern erſpart hat! Wenn ich das manch⸗ mal denke, ſo greife ich mit einer ganz gewiſſen Haſt wieder nach Nadel und Zwirn, kneife mein Söhnchen in die Backen und ſage:„ja, ich will Dir erlauhen mein Bügeleiſen zu handthieren, wenn meine müde Hand im Grabe ruht.“ „Kerl! Du biſt nicht geſcheid!“ rief der Zim⸗ mermann.„Glaubſt Du Elendsthierchen denn nicht, daß uns nicht das Leben ſaurer iſt, die wir uns mit dem großen ſchweren Holze plagen, mit dem Häuſer- und Tiſche machen⸗ nicht mit dem blo⸗ ßen Drin⸗ und Dranſitzen? Du Lump! Herr, das ſage ich Dir und mucke nicht: Meine Frau zu regieren, meine Kinder immer richtig und tüch⸗ tig durchzuprügeln, mein Korn in die Mühle zu tragen, als mein eigner Eſel— nicht wahr, Eſel⸗ treiber, ich bringe und hole alles ſelber?— das iſt gar ein ſchweres Geſchaͤft, und eine Lebensart, die für keinen Menſchen barbariſcher und ehren⸗ feſter erdacht werden kann!“ „Herr! und ein Ambos verlangt ſeinen Mann!“ rief der Schmied.„Mit meinen paar Hellern Alles zu thun in meinem Hauſe, das iſt gar ein ander Werk, und mit meinen Knochen, als mit andrer Leuts Hellern und Knochen! Der Bruder Zimmetmann wollte alſo nut ſagen: Du brauchteſt Deinen Sohn nicht grade zum Schneider zu zwin⸗ gen, aus Furcht, daß wir Ihn etwa aus dem Thurme holten, wenn er nämlich die Ehre hätte, erſt drinnen zu ſtecken, und wit nämlich hätten 72 keinen Herrn, der uns erben könnte. Herr! Wir ſind ehrenhafte Leute! Wir!“ „Ich hab's ja geſagt! Ich hab's ja geſagt!“ rief der Schneider, was jetzt wie Hohn klang: „Wir ſind beſſer, als viel Und zu dem Wir gehört ihr mit.“ Der Zimmermann, der neben ihm ſaß, ſtieß ihn, darüber beleidigt, zu derb an, und der Schnei⸗ der fiel in das Meer, und arbeitete, oben zu bleiben. „Wer hat heut ʒeit einen Schneider zu ret⸗ ten!“ lachten die Andern, und ruderten fort. Ein folgendes Boot aber nahm ihn auf, und nun ſchimpfte er herzhaft und muthig den groben Brü⸗ dern nach, ohne zu bedenken, daß ſie Alle auf einem engen Platze ſo eben landen würden. Bald ſtand allerlei Volk, dicht gedrängt, um und vor dem Thurme. Ein Boot, wahrſcheinlich mit dem Gefangenwächter und den Schlüſſeln, tahr eilig nach Kleinaſien über. Das Volk ſchlug vor Ungeduld vie Lyüren zum Thurme mit Aerten ein. Die Eifrigſten ſtürmten zuerſt die Treppen hinab, und ſchlugen abermals die Thüre zum Kerker ſelber ein, zer⸗ trümmerten die eiſernen Riegel und Schlöſſer, und ſteckten ſich die Stücken davon zum me für ihre Kinder ein. Alles aber geſchah unter dem fortwährenden, vor Töſen faſt unverſtändli⸗ chen Zuruf:„Lange lebe unſer König!“*) Endlich fiel die letzte innere Thüre vor den hallenden Schlägen der großen Hämmer der An⸗ kerſchmiede des Hafens. Alle ſtarrten hinein in das finſtre Gemach. Niemand ſahe etwas, als Nacht. Da rief eine Stimme im Winkel:„Er⸗ tretet mich nicht! Hier bin ich! Hier in der Ecke!“ Sie traten hinzu. Doch als ſie den Erlöſten von ſeinem Stroh aufheben und fortführen woll⸗ ten, da merkten ſie erſt, daß ihn Ketten hielten, die in die Wand befeſtigt waren. Neue Arbeit. Neue Wuth. Und als die Klammern nun aus der Wand gehauen waren, als ſie ihren König aus dem Gefängniß mit den nachraſſelnden Ket⸗ ten hinaus an das Tageslicht geführt, da ſahen ſie ihn wohl, den ſchönen blaſſen Jüngling, blaß, wie einen lichtloſen Keim das ſchwarze, lo⸗ ckige Haar ungekämmt und verworren der jugendlich ſproſſende Bart ſchon lang und die weit geöffneten rollenden, ſuchenden Augen.. *) Die Griechiſchen Herrſcher nannten ſich nur Kö⸗ nige, nach dem großen Perſerkönig. die ganze ungewiſſe, furchtſamè Geſtalt, die ſich ſcheute einen Schritt zu thun, und die ausgebrei⸗ tete Hand vorhielt, um nach dem nächſten Sn ſtande zu fühlen. „Er hat ſchwarze Augen!“ rief ein Schmidt. „Nein! ſieh doch, weiße, ganz weiße!“ ver⸗ ſetzte ein Schneider. „Iht ſeid Narren!“ rief ein Schuhmacher; „blaue Augen hat er, dunkelblaue, wie blauer Saffian.— Sie ſtritten ſich, was er für Augen habe, und geriethen ſo an einander, daß ſie ſich ſchlu⸗ gen und rauften und endlich im Staube wälzten⸗ ohne daß man ein anderes Wort hörte, als: „blaue!— weiße!„ſchwarze!“ und da⸗ zwiſchen das Geſtöhn Wuth und den dumpfen Hall der Schläge. Als er ſelbſt aber ſich dieſem vam entzie⸗ hen, und von der Thür hinwegtreten wollte, ſiel er über einen daliegenden rollenden Pfahl, und jammernd Sn rief ein Prieſter:„Er iſt blind!“ „Er iſt blind! Er iſt tun Er hat gar keine Augen!“ riefen Alle, drängten ſich in einem Kreiſe um ihn, ſtarrten dann ſchweigend auf ihn, ———— 2 75 wie er ſich ſelbſt aufhalf, und dann noch einmal hinfiel. „Hu!“ riefen nun Einige, ſich ſchauernd. „Was ſollen wir nun mit ihm machen?“ fragten die Schneider. „Sperrt ihn wieder ein! Was ſoll er uns!“ riefen die Schneider und faßten ihn an. Biſt Du wirklich blind?“ Sie richteten ſein Geſicht in die Hoͤhe, und frugen ihn: Siehſt Du da oben was?“ Er ſuchte aber nur mit den Augen irr' umher. „Mein Gott! er ſieht die Sonne nicht!“ ſprach der Prieſter. „So ſchafft ihn binein!“ klang es— „Schafft ihn hinein!“ „Bin ich blind?“ fragte der ſebſ er⸗ ſchreckt. „Wie, Du ſiehſt! Jaz ſiehſt n daß ich vor Dir kniee“ fragte ihn ein Schuhmacher;„wie willſt Du Deine Huldigung ſehen, Deine Krone, das Land, das Volk, Deine Miniſter und Be⸗ fehlshaber? Und wenn unſer König nicht ſieht, was kann er thun? Alle Welt betrügt Dich, ſelber Dein Weib. Ich daͤchte, guter Freund, Du gingeſt freiwillig hinein!“ 76 Der arme junge Mann faltete ſeine Haͤnde und wollte gehn und ging, aber ſtieß ſich mit dem Kopf an die Thürpfoſte, daß ihm das Blut von der Stirn lief. Das rührte die Menge. und wie verabre⸗ det ergriffen ſie ihn, hoben ihn auf ihre Hände, und trugen ihn fort vom Leanderthurm in das Boot, führten ihn unter Jubelgeſchrei über das Meer in die Stadt, den Hügel hinauf, bis in ſeines Vaters Schloß, ſetzten ihn auf ſeines Va⸗ ters Thron, und ließen ihn dort einſam und allein ſitzen, unbekümmert, was er nun weiter thun würde oder könnte, und alle verliefen ſich in ihre Häuſer, Alle feſt entſchloſſen, nicht mit dem tod⸗ ten Kaiſer zu Grabe zu gehen, da er ſeinem ge⸗ fürchteten Nebenbuhler und vermeinten Rächer mit heißem Eſſig die Augen geblendet hatte. Da ſaß nun der arme blinde, junge Mann im Kaiſerpalaſt, und wußte weiter nichts, als daß ihm die Stimmen geſagt hatten, er ſei nun Kaiſer. So ſaß er lange allein, ſtill und begnügt, wie er ſo viele Jahre im Kerker geſeſſen. Endlich kam ein alter Diener des Palaſtes mit einem Licht, und beleuchtete die ſonderbare Geſtalt auf dem Throne, und als ſie redete, wollte ſie davon laufen, das weggeworfene Licht brannte 77 am Boden, und da er ſelbſt gefallen war, erholte er ſich von ſeinem Schreck, hörte die bittende Stimme um einen Trunk Waſſer, nahte ſich mit dem aufgegriffenen Licht ihr wieder, fragte nun, hörte, glaubte, denn als ein treuer Diener des todten Kaiſers hatte er ſich vor dem hereinſtür⸗ menden Volke mit den andern Dienern verbor⸗ gen, und ſo huldigte er nun zuerſt dem neuen Kaiſer mit einem Teller Speiſe und einem ſilber⸗ nen Becher Wein, die er auf den Tiſch ſetzte, und ſeinen neuen Herrn dazu. Dann rief er den andern, und mit Verwunderung und Stille tra⸗ ten ſie ihre alten Aemter wieder an. Sie bade⸗ ren ihren Gebieter, führten ihn in ein prachtvolles Bett, legten ihm zu Morgen prächtige Kleider hin, fragten noch nach ſeinen Befehlen, wünſchten ihm gute Nacht und zogen ſich dann in die Vor⸗ gemächer des Kaiſerpallaſtes zurück. ⸗ Ueber Nacht war ſo viel in den Gemüthern der Bewohner der ungeheuren Stadt und des Pallaſtes vorgegangen, daß ſich ſchon am Mor⸗ gen Niemand getraute, ihn zu wecken, ſo Viele auch auf den Ausſpru« eines Willens harrten, irgend eines Willens, denn Jeder war der Men⸗ ſchennatur nach gewohnt und angewieſen, dieſen Willen bei ſich und im ganzen Lande ſo viel wie 78 möglich wiederum in ſeinem Sinne zu verſtehen, und zu ſeinem Beſten zu kehren. Aus einem er⸗ laubten Drange befahl der neue Kaiſer, ihn ſo⸗ gleich in der Sophienkirche zu krönen, und in den Anſtalten dazu ward der todte Kaiſer, zu wohl⸗ verſtandener Rache, ſtill und ohne eine Leichenrede in das Heroon beigeſetzt. Darauf ließ er alte Diener des Staates vor ſich kommen, befal jedem nach der Reihe zu reden, zu ſagen, was er für gut halte, fortan zu thun und zu laſſen, und nach ſei⸗ nem Sinne und beſonders nach der Seele, die dem Ton ihrer Stimme beiwohnte, wählte er ſich ſeine Miniſter und Räthe, und ſetzte ſo nach und nach die Mühle zuſammen, welche Staatsmaſchine heißt, und vor allen des Lebensſtromes bedarf, um zu gehen und zu klappern. So verging mehrere Zeit. Statt der Bücher dienten ihm Vorleſer und erfahrene Männer. Er liebte nicht Bilder, nicht Bauwerke, nicht Jagd, nicht Pracht der Geräthe und Kleider, denn er hatte keine Augen. Er beſtieg kein Pferd; ja er ging kaum aus, um nicht zu zeigen, daß er ſich führen laſſen mußte; er reiſete nicht. Er konnte nur hören und reden, und führte eine koſtbare, ja leckere Tafel, und trotzdem war der Pallaſt wie der Pallaſt eines Todten. Denn die ſchönen 79 Frauen, deren die Stadt ſo viele enthielt, die ſonſt ſo viel am Hofe gegolten, welchs Spiele der Schönheit, des Neides, der Gunſt und des Haſ⸗ ſes, geſpielt, galten nun nichts und waren Alle wie von Werth und Schönheit abgeſetzt. Das erdul⸗ deten ſie lange und immer ſchwerer und unwilli⸗ ger, bis eine eigne Bewegung unter ſie kam, als des Kaiſers Wort erſcholl! Er wolle ein Weib nehmen. Viele lachten, viele biſſen ſich auf die Lippen, ſelber die Häßlichen, aber ſonſt Befähig⸗ ten durchdrang ganz unverhofft ein ſonderbarer Muth— denn der Kaiſer war blind. Doch ob er gleich blind war, ſo wollte er doch ein ſchönes Weib haben, aus einer unerklär⸗ lichen, wenn nicht angebornen Sehnſucht, auch Das, und in vorzüglichem Grade zu beſitzen, was er von Andern ſo rühmen und ſo begehren hörte. Wenn er jedoch in andern Dingen, die das Reich betrafen, wohl oft glauben mochte, betrogen zu ſein, da ſelber die blos ſehenden, nicht durch⸗ ſchauenden Augen eines mit Augenlicht begabten Kaiſers betrogen werden, ſo ließ er das hingehen, zumeiſt, weil er ſolche Dinge nicht ſogleich, ſon⸗ dern vielleicht nur wieder durch falſche Angaben verbeſſern konnte. Aber daß ſein Weib ſchön ſei, dabei wollte er ſich nicht betrügen laſſen. Und 5 80 das fing er auf zweierlei Weiſe an. Er ſprach einzeln mit den ihm als ſchön vorgeſtellten vor⸗ nehmen Jungfrauen, und in der Ueberzeugung, daß ein ſchönes Weib ruhig, etwas ſtolz, doch ohne Neid, ohne Tadel anderer ſei, unterhielt er ſich mit jeder über andere Jungfrauen ſprechend, und hatte auf dieſe Weiſe ſich richtig drei derſel⸗ ben heimlich gemerkt, welche in der That ſchön waren. Dann ließ er ſich verkleidet und hinter ein Fenſtergitter verborgen, in Geſellſchaſten jun⸗ ger Leute führen, deren Geſpräche gewöhnlich nach reichlich genoſſenem Wein auf die ſchönſten Frauen und Jungfrauen der Stadt verfielen. So hörte er vor allen die Tochter ſeines Kanzlers, Thekla, als die Schönſte auszeichnen, obgleich der Kanzler ſelbſt ſie ihm nicht vorgeſtellt. Und er hielt ihn für einen ehrlichen Mann, oder für ſo verſtändig, daß er ſeine Tochter nicht mit einem blinden Manne unglücklich machen wollte; denn der gemeinſte Mann der gemeinſten Frau hat doch ſeine richtigen fünf Sinne, und er ſeufzte tief nach dem allgemeinen Glück ſolcher an Hab' und Gut armen, an wahrem Lebensglück reichen Men⸗ ſchen. Aber er konnte nicht widerſtehen, ließ den Kanzler kommen und fragte ihn, warum er ihm ſeine eigne Tochter Thekla nicht vorgeſtellt.— 81¹ „Um mir nicht Feinde zu machen, wenn ſie Dir gefiele.“ „Mir gefiele! Da haſt Du es geſagt!“ ſprach der heirathsluſtige Kaiſer;„denn wenn ſie noch ſo ſchoͤn iſt, kann und wird mir ein Weib auch wirklich gefallen?— O, ich Armer! was iſt ein Reich ohne Augen, was ein ſchönes Weib für einen blinden Mann! Aber Feinde darf der nicht achten, der ſeinen Herrn zum Freunde, zum Schwie⸗ gerſohn hat!“ „Und doch!“ ſprach der Kanzler.„Ein Herr hilft nicht gegen Tod und Unglück, gegen Neider und Feinde! Es iſt beſſer, alle andere Welt zum Freunde haben, als blos ſeinen Herrn; ja beſſer, ihn blos zum Feinde haben, und keinen Feind weiter, dann lebt es ſich ſicherer. Denn einem Herrn widerſpricht Jeder immerfort im ganzen Lande ſtill, und hilft dem und liebt und ehrt den, welchen er haßt. So iſt die Welt!“ „Ich kenne ſie nicht!“ verſetzte der Verliebte faſt unwillig über ſolche Aufrichtigkeit, und bat ihn dann gütig um die Hand ſeiner Tochter. „Sie iſt eitel, denn ſie iſt ſchön, verſetzte der Kanzler. Aber ſie iſt auch gut und weſſen Frau ſie ſein wird, dem gewiß auch treu, aus eigener Ehre, und da ſie Dich immerfort Tag und Nacht Bd. V. 6 82 bemitleiden muß, ſo wird ſie Dich auch lieben wie ein krankes Kind, wie ihre kranke Mutter, die auch blind iſt. Und weil ſie alſo gewöhnt iſt,— unſichtbar, wie ein Geiſt um ſie zu ſchwe⸗ ben und ihr Gutes zu thun, ſo hoffe ich Gutes von ihr fuͤr Dich, wenn ſie Dein Weib iſt. Sonſt gäbe ich Dir ſie nict.“ „Ich danke Dir! Du biſt ehrlich. Der Klang Deiner Stimme hat den Seelenlaut der Wahrheit den ich wohl verſtehe. Bitte Dir eine Gnade aus!“ 3 „Nun die, daß meine Thekla noch ihre Mut⸗ ter pflegt, bis ſie ihr die Augen zudrückt.“ „Mein Gott! Sie wird doch nicht mehr lange leben? Iſt ſie ſehr krank? ſehr alt? Du biſt alt, und haſt alſo gewiß vor langen Jahren gehei⸗ rathet.“ mit einem Ausdruck im Geſicht, der dem Kaiſer unſichtbar war, und ihm gewiß ein herber Vor⸗ wurf über ſeine kaiſerlich⸗freche Frage geweſen wäre. Doch beſchied er ſich von dem Tage an bis zu der Zeit, bis er von ihm hörte:„Mein Weib iſt geſtorben, die Augen ſind zugedrückt. In ſechs Wochen kannſt Du Beilager halten, und im Stillen ſchon Alles dazu bereiten, ſo pracht⸗ „Gewiß!“ verſetzte der alte, redliche Mann 83 voll Du willſt, ſo ſehr Du Dein Weib zu ehren gedenkſt!“ „Es ſolle eine große Hochzeit ſein, ſo präch⸗ rig, wie je eine im Kaiſerpallaſt!“ ward ihm be⸗ fohlen. Allen war ſeine, blos mit dem Vater verab⸗ redete Vermählung mit der ſchönen Thekla noch ein Geheimniß, und er gebrauchte dieſe Friſt aus Mißtrauen in ſein Mißgeſchick beſonders dazu, alle ihm als ſchön und liebenswürdig an ſeinem Hofe vom Hörenſagen bekannten jungen Männer davon zu entfernen, durch Beförderungen und Verſetzungen in entfernte Städte und wie es un⸗ auffällig und jedem noch lieb wohl ſonſt geſche⸗ hen konnte. Nach einigen Wochen beſuchte det junge Kai. ſer ſeine Braut desgleichen ſchlau zuerſt in ange⸗ hender Abenddämmerung, wo ſie ihn nicht klar ſah, und ſie nicht den Anſpruch machen konnte, von ihm in ihrer ganzen Schönheit geſehen und mit Blicken bewundert zu werden, und blos mit dem Preis ſeiner Worte zufrieden zu ſein. Und ſo war ſie bei dem Ehrgeiz aller Weiber und be⸗ ſonders der Weiber in ihrer Vaterſtadt, die, um einige Jahre oder Monde zu herrſchen, ſich unbe⸗ ſonnen in offenbares Unglück mit Freuden ſtürz⸗ 6 84 ten, vor freudiger Ueberraſchung kaum eines Wor⸗ tes maͤchtig, als er zum Abſchiede ſie bat, ihm bald in den Pallaſt nachzufolgen und ſeine Kaiſerin, ſeine ſchöne, geliebte, über alles Glück gewünſchte und hochgeehrte Thekla zu ſein. Er ließ ſie ihrem Erſtaunen, und ließ ſich jetzt erſt die Kerzen brin⸗ gen und vorleuchten, daß ſie in ihrer Freude nicht achte: er ſei blind! er ſehe ſie nicht! Und Thekla lebte nun wirklich in einer Be⸗ rauſchung, die von Tage zu Tage wuchs durch die Gluͤckwünſche ihrer Freundinnen und heimli⸗ chen Neiderinnen und Feindinnen, die ſie auf ein⸗ mal alle ſo hoch überflogen hatte; durch die red⸗ liche Theilnahme ihrer Familie, die aus einem verunglückten Kaiſerſtamme in ihrer Erhebung zur Gemahlin des Kaiſers, und nach ſeinem Tode zur wirklichen Kaiſerin, einen Erſatz, eine Gerechtig⸗ keit des Schickſals, und in ihr die Neugeſegnete erblickte. Die Geſchenke des Kaiſers, Perlen ohne Zahl und von kaum ſchätzbarem Werthe, Orien⸗ taliſche feine Kleider und Tücher, Diamanten, Armbänder, Ringe, Ketten, Diademe, die alle vor ihren Freundinnen gezeigt, wieder vorgezeigt, auf⸗ gehoben, wieder hervorgelangt, und ſoviel ſich nur vertrugen, ohne ſich zu verwirren und in der Wür⸗ digung zu beeinträchtigen, zu gleicher Zeit ange⸗ 85 legt wurden, beſchäftigten die fröhliche Seele mit ihrem ſchönen Antlitz, ihrem Nacken, ihrem Bu⸗ ſen, ihren reizenden Armen— und wenn ſie ihr blinder Bräutigam dabei überraſchte, ſo hörte ſie ihn an der Thür im Zimmer fragen: wo ſie ſei? und ſie ſahe, daß er ſie nicht ſah! und aus ju⸗ gendlichem Verdruß ſtampfte ſie wohl mit dem Füßchen, und drückte den Blinden dann in ihren Armen, aus Mitleid, Liebe und Verzweiflung ſo feſt, ſo feſt, weinte leiſe an ſeiner Bruſt, und trocknete ſich ihre Thränen, Alles ihm ungeſehn und ungemerkt, und ſo konnte ſie nicht umhin, ſeinen Führer und Begleiter mit einem mädchen⸗ haften, verzeihlichen Blicke anzuſehn und zu lä⸗ cheln, wenn er von ihrer Schönheit betroffen⸗ nicht Sehkraft genug in den Augen zu haben ſchien, und ſein Seufzen durch langſames Einath⸗ men ſchuldig ſchicklich verbarg und die Augen nie⸗ derſchlug. Dieſer Verdruß wiederholte ſich ihr recht in⸗ nerlich, aber auch heimlichſt, als die Fackelträger ihnen zur Brautnacht in das Brautgemach zu dem goldenen Hochzeitbett leuchteten. Aber dort erloſch er ihr aus keuſcher Scheu, und am Mor⸗ gen und die folgenden Tage und Morgen war 86 ihrem fortblühenden, jungfräulichen Herzen der blinde Gemahl über alle ſehende lieb und innig verehrt. Sehr heilſam iſt der Menſch mit einem Schick⸗ ſal zufrieden, dem er nicht hat ausweichen können⸗ oder ein beſſeres ſich zu bereiten vermocht. Ge⸗ wöhnlich aber beſteht er nicht auf die erſten, größ⸗ ten, natürlichen Güter dabei, ſondern läßt ſie treulos im Stich, um Nebengüter des Lebens ſich ja zu erwerben. So war Thekla denn glücklicher, daß ſie einen Kaiſer hatte, als unglücklich, daß der Katſer blind war. Iber der blinde Kaiſer war doch ihr Mann. Der blinde Mann aber war Kaiſer und bedurfte ihrer täglich und ſtünd⸗ lich, und ihre Augen waren ſeine geiſtigen und leiblichen Augen über Perſonen und Sachen, und folglich die Umſtände und Begebenheiten, die einen Blinden nur umbrauſen wie Nebel. Sie aber färbte ihm die Gebilde mit ihren wahren Farben und erführte durch ihre Treue und Liebe ein neus Leben. Sie aber genoß ein groß erweitertes Glück, und es konnte nicht fehlen, daß die Meiſten, Bit⸗ tende und Andere, ſich an ſie wendeten; und es war nöthig, daß ihr dies ſchmeichelte, um auch die Laſt deſſelben zu tragen, die ſelbſt der Kaiſer ihr machte; denn, da er Tag und Nacht nicht un⸗ terſchies, und oft auch am Tage ſchlief, ſo mußte 87 ſie die Nacht mit ihm wachen, mit ihm eſſen und trinken, oder in der goldnen Gondel auf dem ru⸗ higen, ſchaukelnden Meere fahren. Sie gewöhnte ſich an ihren und ſeinen Zuſtand, an ihren Ein⸗ fluß und ihre Macht, und fühlte ſich nach einem Jahre als Weib erſt wieder vollendet unglücklich, als ſie ihrem Gemahl zwei Knaben geboten hatte, und der nur vom Hörenſagen und Glauben im Herzen ſelige Vater, vor Freude die Knaben, je⸗ den auf Einen Arm nahm, einmal ſich freuen wollte, wie ein andrer vollkommen geborner Menſch⸗ ſie umhertrug, und mit Beiden zu Boden ſiel. Vor Wehmuth blieb er liegen, mit dem Geſicht an der Erde— die Mutter las die Knäbchen auf, beſahe ſie, fand ſie unbeſchädigt; ſie weinten nicht einmal, aber die Mutter weinte über Vater. Zu dieſer— menſchlich betrachtet.— furcht⸗ baren Scene kam, nach Thekla's Meinung, die Ueberzeugung: der Gemahl liebe ſie doch nicht recht, er könne ſie nicht recht lieben, weil er ſie nicht ſehe, ihre Güte, ihre Liebe, vor allem ihren mütterlichen Reiz, und ihre, als an der Kaiſerin, von Jedem faſt unverſchämt laut geprieſene, ent⸗ zückende, hinreißende Schönheit, von welcher ihr armer blinder Kaiſer freilich immer ſchwieg; und ¹ 88 ſie meinte doch:„Zur Liebe gehören Augen— um geliebt zu werden, muß man doch geſehn werden— weniger kann man doch nicht verlan⸗ gen!“ Und ſie hatte nicht ganz Unrecht. Er wußte doch nicht recht die Geſtalten zu unterſcheiden, ſich ein Bild von ihr zu machen, das in jedem Menſchen durch den Umgang mit ihm vom Men⸗ ſchen wird. Von ihr konnte er blos ein Tonbild haben, ein Bild ihrer Stimme, das ihn feſſeln konnte und ſich ſeiner bemächtigen; ſonſt keine Vorſtellung von einem lebendigen, ſich bewegen⸗ den, holden, treuen Weibe. Nur ein Gefühlbild, meinte ſie, habe ſich von ihr in ihm feſtgeſetzt⸗ das Gefühl ſeiner Hände von ihrem ſchönen, lan⸗ gen, vollen Haar; nur das ſchien ihn an ihr zu reizen. Und wie ſchwarz, wie glänzend war es noch, ſelbſt für ihre Augen! Und ſo war ſie in der Stimmung, einer vom Kaiſer nicht gewählten, ſehr ſchönen, ſehr neidi⸗ ſchen, ihr heimlich Feind gewordenen Freundin zu glauben, daß der Blinde in der Stadt von einem Mädchen noch eine kleine Tochter habe; das Mädchen aber ſei grundhäßlich und grund⸗ bös, nur habe ſie unvergleichlich ſchönes Haar. Thekla forderte von der Freundin, zu dem Mädchen geführt zu werden. Und als eines Abends 89 ihr Wille geſchah, ſah ſie ihre Schmach mit eige⸗ nen Augen: die Häßlichkeit der Vorgezogenen oder Gleichgeachteten, das Kind, das ſchöne Haar, und vergaß vor Jammer und Wuth⸗ ſie ſcharf zu fragen: ob der Blinde, der ſie beſuche, auch der Kaiſer ſei. Mit dieſer Nacht ging ihre ſchwere Zeit an. Sie klagte dem Vater ihre Noth. „Seine unglücklichen Kinder zu bedauern und ihnen wo möglich zu helfen, iſt der Aeltern We⸗ ſen!“ ſagte er ihr.„Ich habe Dich redlich ge⸗ warnt! Du aber haſt doch einen blinden Kaiſer einem ſehenden Manne vorgezogen! Du ſiehſt nun, was es heißt: allgemeines Naturglück zu verſchmähen. Was Dich nun damals getrieben, es zu thun, das möge Dich auch nun oben hal⸗ ten, es zu leiden. Hätte Dein Mann aber den Fehler der Rachſucht, der Machtſucht, der Unver⸗ ſöhnlichkeit, ſo wäre es ja noch ſchlimmer. Wiſſe wenigſtens, was Dir fehlt: ſeine Augen, und auf ſie ſchiebe alle Schuld, die Er wieder nicht trägt, ſondern herrſchſüchtige Menſchen, die alle Welt, alle Häuſer unglücklich machen!“ Und ſo kam Thekla erſt jetzt auf den natür⸗ lichſten Gedanken, ob es nicht möglich ſei, ihrem Manne ſein Geſicht wieder zu geben; ob ſeine 90 Blindheit nicht zu löſen ſey? Denn kein Höfling, kein Vorſichtiger hatte ſich noch unterſtanden zu ſagen: Der Kaiſer ſei blind, man ſolle ihm den Staar ſtechen, oder was ſonſt nöthig ſei. Ge⸗ brechen anzuregen, geht nur ſchicklich vom Inha⸗ ber deſelben aus. Ehe nun Thekla noch einen Entſchluß gefaßt, kam ein Legat vom ſogenannten heiligen Stuhle in Rom zur Beglückwünſchung des neuen Griechen⸗Kaiſers, als einen gewöhnli⸗ chen Vorwand: auszuforſchen, was an dem neuen Herrſcher ſey, was er wolle, was von ihm zu fürchten oder zu hoffen, kurz: was mit ihm zu machen ſei. Und ein neuer Herrſcher iſt meiſt verwogen und wagt gern auszuführen, wozu ſeine Vorgänger zu viel Erfahrung, oder zu wenig Muth, Geld und Zeit gehabt. So hoffte der unermüdlich hoffende römiſche Prieſter, daß der neue, blinde Kaiſer vielleicht beide Kirchen wie⸗ der vereinigen wolle, was nun hieß: die Griechen wieder Rom unterwerfen. Schon zum Schluſſe der erſten Audienz beklagte er mit verſtockter Un⸗ verſchämtheit die leibliche und geiſtige Blindheit des Kaiſers. Wenn er geiſtig ſehen werde, werde er auch leiblich ſehen. Dazu bedürfe es noch kei⸗ nes Wunders, ſondern nur der ganz gewöhnlichen Heimittel der Kirche. Sie allein habe tauſend 9¹ Heilige mehr, als die armen Griechen, die mit ihren Paar allgemeinen Heiligen gleichſam verwaiſet ge⸗ blieben ſeit ihrer Scheidung. Sie aber hätten gegen alle Uebel geiſtige Aerzte an den Heiligen, und gegen Jedes einen Beſonderen: Einen gegen den Huſten, einen Andern gegen das Fieber, ge⸗ gen dürre Zeit, gegen Regen, für Wind und Wet⸗ ter und gegen Wind und Wetter; gegen Leibſchnei⸗ den,„und“— ſchloß er—„gegen Blindheit haben wir den ſpecifiſch wirkenden berühmten hei⸗ ligen Lorenz, ja in zwei Exemplaren, entweder den in Kaiſer Auguſtus Geburtsſtadt, im Kloſter zu Velletri, oder den in Rom. Sie ſind Beide probat.“ Um nun durch den todten Lorenz geheilt zu werden, mußte der blinde Kaiſer hin nach Ita⸗ lien, nach Rom, er mußte einen Lateiniſchen Hei⸗ ligen anbeten— der Lateiniſche Lorenz that das Wunder. Der Kaiſer, was unſchätzbar war, glaubte an die Wunder der Lateiniſchen Kirche, war dadurch innerlich übergetreten, trat äußerlich über, das Volk ſah: daß er ſah, glaubte blind nach, und unermeßliche Schätze, Kräfte und Macht ging dem Römiſchen Stuhle wie aus Gewitter⸗ wolken zu, und erhielt zu ſeinen Füßen auch eine neue, breite, goldene Lehne im Orient. Indeß 92 war der Legat auch ſo herablaſſend, auf weltliche Mittel zu bauen. Er hatte für ſeine Reiſe einen berühmten Juden, den Doctor Elias, mit; dieſem hatte er aufgetragen, während der Audienz ſo nahe als möglich die Augen des blinden Kaiſers zu beobachten, der es ſchlau vollzog und ihm nach⸗ her verſicherte, der gnädige Despot habe nur ein Fell über die ganzen Augen, welches ſich leicht verdünnen ließe, und bei einer Anſtrengung dann wahrſcheinlich auf einmal zerteißen würde, wie Wolken, und die Sonnen des Menſchen neu vor⸗ ſcheinen laſſen. Der Legat verſicherte ihn aber, das könnte und ſollte erſt die Anſtrengung thun⸗ den heiligen Lorenz zu ſehen. Indeſſen habe der Herr doch auch äußere Mittel gebraucht, und Augen der Blinden damit beſtrichen. Der ſchelmiſche Jude bedauerte, daß die Blindmacher ihr Handwerk mit dem Eſſig nicht recht verſtanden haben, um den Ruhm des Heiligen unglaublich groß zu machen. In der Audienz hatten Alle gezittert, da der Kaiſer aber kein Wort entgegnete, ſo ward der Legat nur wie ein frecher eingedrungener Verfüh⸗ rer aus dem Schlafgemach eines keuſchen Weibes von hohen und niedern Dienern wiederum aus dem Pallaſt geführt, von welchen Einige hinter ihm das Zeichen der langen Naſe machten, indem 93 ſie den linken Daum auf die Naſe ſtützten, die Hand ausſpreizten, an den kleinen Finger der Linken den Daumen der Rechten ſetzten, und nun mit den ſieben freien Fingern gleichſam Schal⸗ mei ſpielten, indem ſie mit dem Munde leiſe dazu pfiffen. Die drunten verſammelte Jugend hatte das geſehen, begriff leicht, wie die immer und überall verhaßte fremde Erſcheinung aufge⸗ nommen worden und begleitete nun den armen, kecken und für ſeine Rede gewiß theuer bezahlten Mann, mit verſelben Geberde ſtill ihm voraus muſicirend, nach Hauſe. Das Geſicht aber, das der jüdiſche Doctor Elias dazu machte, konnten nur die unter das Volk gemiſchten Juden verſte⸗ hen und würdigen. Kein Lüftchen aber bleibt ohne Wirkung, viel weniger das Wort irgend eines Menſchen. Etwas wirkt es gewiß, es befeſtigt oder löſt, ver⸗ ändert, miſcht, zeugt Neues, beſtimmt, bedingt, macht zufrieden oder unzufrieden, macht Erinne⸗ rung oder Hoffnung. Ein Wort iſt der Hammer, der an das Ohr der Seele klopft. Auch an die Seele des blinden Kaiſers hatte es geklopft, und wirkte in ihm, wie Mohn in der Nacht einen feſten Schlaf und im Schlaf einen Traum. Die Kaiſerin ſchlief nach löblichem Gebrauch —— 94 mit dem Kaiſer in Einem Bett. Sie ſchlief. Eine Lampe brannte. Auf einmal ſetzte er ſich auf, faßt ſie dämoniſch an, rüttelt ſie wach. Sie erſchrickt, ſie iſt munter das Herz klopft ihr laut, ſie fragt ihn:„Was iſt Dir?“ „Ich ſehe!“ ruft er aus.„Ich ſehe Dich!“ und fällt ihr in die Arme, und ſie ſchließt ihn an ihre Bruſt.„O, ich bin glücklich,“ ſpricht er leiſe,„nun bin ich ein Menſch! Nun kann ich mei⸗ nem geſtorbenen Feinde vergeben, nun hat er Nichts gethan. Denn welche Laſt das iſt, Rache gegen einen Menſchen zu fühlen, bei jedem Schritte zu ſollen und nicht zu wollen, und doch zu müſ⸗ ſen. Dieſe größte Laſt iſt von mir. Und nun bin ich ein Mann, ich habe ein Weib, wie andere Menſchen, denn wie ſchön, wie unglaublich ſchön biſt Du! Steh' auf und bringe die Kinder! die Kinder! Aber zuerſt laß Dich noch einmal anſe⸗ hen und die Stirne küſſen, die Augen, die Wan⸗ gen⸗ den Mund und die Bruſt und Deine lieben Hände, die mir im Finſtern ſo viele Wohlthat gethan. Ach, alle Deine Glieder, ſelbſt Dein Haar iſt mir nur ein neuer Bekannter und doch ein alter Freund! Du—. Jetzt weine nicht mehr!“ Er hatte ſich von hr ʒrüdgejngen/ um ſich 95 zum zweiten Male recht ſatt an ihr zu ſehen⸗ Sie war ihm verſchwunden. Er glaubte, ſie ſei ſtill aufgeſtanden und mit nackten Füßen unhör⸗ bar nach den Kindern geeilt. Aber ſie hatte nur die goldene Lampe ergriffen und leuchtete ihn ſich an. Die Kette klirrte. Thekla wandte ſich zu ihm. Ihre Glieder rauſchten mit der ſeidenen Decke.—„Du biſt hier?“ fragte er.—„Biſt Du wirklich hier?“ Sie küßte ihn auf den Mund. „Iſt Licht im Zimmer?“ fragte er wieder. „Ich halte die Lampe vor Dir!“ rief ſie bebend. „Laß mich fühlen!“ bat er ſie. Und nun ergriff ſie ſeine Hand und führte den ausgeſtreck⸗ ten Spitzfinger derſelben nach der Flrmme. Er zuckte, er warf ſich zurück und rief:„Ich bin blind! Es war nur ein Traum! Aber ich habe geſehen! Ich werde ſehen! Ich will ſehen, ſelbſt um meinen Thron!“ Sie lehnte ſich zu ihm, ſie umſchlang ihn, ſe vegütigte ihn. Und endlich erzählte er ſeinen Traum:„Ich ſchiffte nach Italien, nach Nom. Der Papſt begrüßte mich. Ich walfahrtete zum heiligen Lorenz. Unter Geſängen umſchloß ich ſeine feſte Geſtalt— da ſah ich! Ich rannte zum 96 ufer. Ich flog über die Wellen— in Deine Arme. Ach, ich ſah Dich!— Ach! ich ſehe Dich nicht! Ich bin nicht da geweſen! Aber ich reiſe, ich reiſe ſogleich mit dem Legaten. Beſorge mir Alles! Ich bitte Dich! Ich befehle es Dir!“ Thekla ſchwieg in der tiefſten Beftürzung. Am Morgen eilte ſie ſelbſt zu ihrem Vater. Der Vater entbot den Patriarchen zu ſich. Das ehr⸗ würdige Oberhaupt der Griechen, die ſich der er⸗ ſten, ächten Ueberlieferung der neuen Religion rühmen, und ſie in faſt ſtarrer Einfachheit ängſt⸗ lich und treu bewahrt haben, erſchien. Die Män⸗ ner erfuhren des Kaiſers Entſchluß. Sie be⸗ klagten ſeine Blindheit, die ihn dazu trieb. Aber ſie waren der Meinung, daß der Beherrſcher nicht einen andern Glauben bekennen dürfe, als das Volk, daß ſonſt keine wahre Vereinigung, kein wahrer Glaube an ſeine Redlichkeit ſei, daß das Volk von ihm abfallen werde, wenn er nur den Willen äußere, ſich mit dem Papſte oder ſeinen Heiligen einzulaſſen. Thekla wünſchte ihm ſeine leiblichen Augen von Herzen, aber nicht auf Ko⸗ ſten ſeiner geiſtigen. Sie verſprach, ihn von der Reiſe abzubringen, denn ſie fürchtete mit Grund, daß das Volk indeß ſeine und ihre Knaben ermor⸗ 97 den und irgend einen nur rechtglaͤubigen Griechen zum Kaiſer ausrufen werde. Der ſonſt ſo geduldige Mann, der ſonſt viele Stunden lang allein auf ſeinem Thron geſeſſen hatte, ohne nach etwas in ſeiner Blindheit zu begehren, kannte aber fortan die Geduld nicht mehr. Er beharrte vor ihr auf der Reiſe, nur wünſchte er freilich, von ihren Bitten bewegt, daß ſie dem Volke verborgen erfolge. Der Kanzler bat ihn vergebens. Der Patriarch bat vergebens, ja ſelbſt mit heiligem Zorn. Der Le⸗ gat kam ſich zu beurlauben, um nach dem heili⸗ gen Grabe zu reiſen, und der Kaiſer ſchwur ihm in ſeine Hand, daß er zu dem heiligen Lorenz nach Italien reiſen würde. Und der für ſeine Sache gleichfalls heftig eingenommene Mann weinte Freudenthränen auf die Hand des Kai⸗ ſers und verſprach, ihm ſeinen 4rzt auf die lange Reiſe mitzugeben, und der Jude trat auf dies Wort ſogleich hinüber auf die Seite des Kaiſers.„Ich kann alſo nach Rom melden“, fragte der Legat getroſt,„daß Du kommſt?“ „Ja, aber nur nach Rom!“ gebot der Kai⸗ ſer; hier ſoll es Niemand wiſſen!“ „Wenn Du aber kommſt, ſo kommſt Du ja als Sohn, ſonſt kämſt Du ja nicht;“ ſetzte Bd. V. 7 98 der Legat hinzu. Der Kaiſer ſchwieg. Der Jude lächelte. Der Legat verſprach ſich, in dem Briefe nach Rom mit hinzuzuſetzen, daß die Griechen würden lateiniſch werden. Denn, dachte er, das muß der Kaiſer dann verſuchen, und was ein Vater glaubt, glauben Kinder und Frau; und fällt Er, ſo wird es mit einem Zwei⸗ ten, Zehnten, Hundertſten verſucht. Am andern Morgen hörte der Kaiſer, daß ſein alter redlicher Logothet aus Furcht für ihn und aus Liebe zu ihm, ſeiner Tochter, der Kai⸗ ſerin, und ſeinen beiden Enkeln geſtorben ſei. Thekla ſelbſt brachte ihm dieſe Kunde. Aber er nahm es hin als des alten Mannes Schreck und Thorheit, nicht als ſeine. Jetzt hatte die Kaiſerin nur noch Einen treuen, aber gewaltigen Freund, den Patriarchen. In ihrer heimlichen Zuſammenkunft wurde ihnen bald klar, daß nur im Aufſchub der Reiſe Hoff⸗ nung veranderter Geſinnung ſei. Sie verſpra⸗ chen alſo dem Kaiſer Verſchwiegenheit, und baten ihn, nur ſo lange zu warten, bis für ihn ein ſi⸗ cheres, bequemes Schiff gebaut, und Alles für die Zeit ſeiner langen Abweſenheit in der nöthi · gen Ordnung ſei. Heimlich bekümmerte die bei⸗ den Vertrauten das Räthſel:„Er will reiſen— 99 und ſoll und muß doch da bleiben. Dieſer Wi⸗ derſpruch iſt zu vereinigen, ſonſt iſt Er verloren und Wir.“ Auf die Löſung deſſelben ſtand alſo ein hoher Preis, ein unüberſehbares Glück, und ſie war der Mühe werth. Aber wozu iſt jener ungeheure Reichthum von Mitteln in der Natur, wenn er nicht dem Geiſte dienen ſoll zu ſeinem Leben, zu ſeinen Wünſchen! Wozu iſt der Geiſt, zu welcher Qual waͤre er, wenn ihm nicht der ungeheure Reichthum von Mitteln, jener Schatz von Kraft in der Natur dienſtbar wäre, wenn Geiſt und Natur, wie vor⸗ her. auch im Leben nicht Eins wären? Darum darf jeder Menſch vertrauen, daß ſein innerſter Wunſch ihm erfüllt wird, wenn er wohlthätig und gerecht iſt, um wie viel mehr, wenn ihn Tauſende zugleich tragen und Tag und Nacht danach ſtreben. Thekla ging eines Abends in Errathung ih⸗ res Räthſels mit dem Patriarchen um den run⸗ den Tiſch in ihrem Zimmer. Dabei ſiel ihr als guten Tochter ein: wie ſie ihre Mutter zur Ge⸗ neſung um den Tiſch geführt, und dieſer Rund⸗ gang hatte einen halbenſtunden⸗ und ſtundenlan⸗ gen Gang durch die Straßen bis vor das Thor — vom Thore bis zu den Ziegelöfen— von da 4 100 bis zu den Höhen mit den Windmühlen bedeu⸗ tet. Sie hatten wirklich die Bewegung, die Reiſe gemacht, und doch waren ſie nicht von der Stelle gekommen.„Ich hab' es!“ rief ſie dem Patriarchen zu und blieb ſtehen, und während er ſie anſah, ſagte ſie ihm:„Nicht wahr, heiliger Vater, Dinge geſchehen am Menſchen auch, wenn er ſie nur glaubt; und wie Ihr von den Römi⸗ ſchen ſagt, tauſend Dinge, ja die meiſten ſind gar nicht geſchehen, und doch glaubt ſie die Welt als ihr Heil. Alſo unſer blinde Freund ſoll auch nur glauben zu reiſen, und hier bleiben; aber, um es glauben zu können, im Schiffe fahren, das natürlich gehen muß, um ihn zu täuſchen, aber blos in großen Kreiſen um die Prinzen⸗ inſeln! So iſt er nicht fort! Das Volk glaubt nicht, daß er von ihm abfällt! Ich bin in ſei⸗ ner Nähe, und pflege und verſorge ihn, ihm un⸗ ſichtbar. So reiſet er, wie ſich jede Fürſtin wünſchen möchte, unter den Augen ſeiner Ge⸗ mahlin, bewacht, beſchützt, geliebt. Während der Reiſe baue ich eine Capelle auf der ſchönen In⸗ ſel Prinkipo für unſern griechiſchen Heiligen, Spiridion.“. ——„und wenn der blinde Kaiſer nun, wie er meint in Italien ankommt“, fuhr der 101 Patriarch in ihrem Plane fort,„und den todten Lorenz umarmt und nicht ſieht, ſo verleiden wir ihm den heiligen Lorenz durch ſeine fernere Blind⸗ heit auf der langweiligen Rückfahrt. Sieht er aber, ſo ſieht er, daß der heilige Spiridion das Wunder gethan, und Reich und Glaube iſt ge⸗ rettet, und er wird ſich ſchämen. Nur Eins iſt zu fürchten: Wenn ſich große Herren ſchämen müſſen, ſo mag ſich derjenige Klügere oder Beſ⸗ ſere ja in Acht nehmen, daß die Schaam vor ihm ihn nicht verdirbt. Indeß Ich, ich bin zum Märtyrer bereit, und Du, o Kaiſerin, Du biſt ſein Weib!“ Sie gaben ſich fröhlich die Hand⸗ ihren Plan auszuführen, ſahen das Ganze in ſeinen Einzel⸗ heiten, und Tag für Tag nach einander vor Au⸗ gen geſehen, ſo daß ihnen leicht war, alles dazu Nöthige zu ſchauen und zu beſorgen.“ Ein gutes Weib iſt ſeelenvergnügt, wenn ſie ihrem Mann alle Wünſche erfüllen darf, und in⸗ dem ſie dieſelben erfüllt. Und hier miſchten ſich Liebe, Schönheit, Eitelkeit, Religionstreue, Kin⸗ derliebe und haͤusliches Glück in ihren Eifer. Mit Inbrunſt ſchloß ſie ihren Mann in die Arme und verhieß ihm, daß ſie ihm Alles zur Reiſe bereite. Nur gab ſie ihm noch indeſſen angeb, 102 lich eingegangene Berichte über Grauſamkeiten der Seeräuber, ſie erlangte ſeine Billigung zur Erbauung eines ſichern, bequemen, würdigen Schiffes. Und ſo war auch der Kaiſer ſeelen⸗ vergnügt. Denn die Hoffnung iſt größer und ſüßer, als jedes erlangte Glück. Dieſe durch Liſt erworbene Zwiſchenzeit be⸗ nutzte nun Thekla mit allen ihr zu Gebot ſtehen⸗ den Kräften, eine ſchöne Capelle auf der Prin⸗ zeninſel erbauen zu laſſen, und hatte kein Be⸗ denken, daß die ſchönen Marmorſäulen, welche ſie aus den alten Göttertempeln der hundert ver⸗ fallenen Städte Kleinaſiens dazu herbeiſchaffen ließ, jetzt auch chriſtlicher⸗ chriſtlich⸗griechiſcher Marmor ſein würden, denn der Patriarch hatte den Ausſpruch gethan: Marmor ſei blos natür⸗ lich, und die Weche entzaubre und bezaubre aufs Neue jedes Werk der Natur. Sonſt durfte ein Chriſt kein Thier eſſen, beſonders ein Grieche keine Taube braten. Das Schiff gedieh deſto ge⸗ ſchwinder,— da es gar nicht gebaut ward, ſon⸗ dern ein fertiges nur für die Fahrt in den Dar⸗ danellen eingerichtet. Als aber die Bauſtoffe alle zur Hand, mit ſaurer Mühe auf den Berg ge⸗ ſchafft und die Grundmauern ſchon hoch aus der Erde gebracht waren, da konnte die Reiſe nach 103 Rom beginnen, denn in der Zeit, welche es zur Wahrſcheinlichkeit der Hin⸗ und Herfahrt für den Kaiſer bedurfte, konnte die Capelle ge⸗ ſchmückt und prächtig und greifbar genug für einen Blinden vollendet ſein. Eine alte Bild⸗ ſäule des heiligen Spiridion, neu gemalt und ver⸗ goldet, ſtand aber ſchon laͤngſt auf dem Gipfel des Berges unter einem Wetterdach. Nach und nach gingen auch die Sachen ein, welche der Kaiſerin nöthig ſchienen, um den blinden Kaiſer glaubhaft zu machen, er ſei wirklich an einigen Küſten gelandet, die auf ſeinem Wege lagen⸗ und ſo kamen Kleider der Mädchen in Chio, Merkwürdigkeiten aus den Klöſtern vom Berge Athos, Früchte, beſonders die Calabrien eigen⸗ thümlichen Bergamotten, Capern, Manna, Stü⸗ cken Lava und endlich auch Schalmeienbläſer und Dudelſackpfeifer aus der Campagna di Roma, welche vor Weihnachten, als Hirten, die Ankunft des Herrn den Kindern in der Stadt gar lieb⸗ lich verkündigen kommen. Und ſo geſchahe Alles von ihr, was für den Schein der Reiſe nur nöthig erſchien. Aber vor Allem mußte Thekla auch ſorgen, daß der Kaiſer wirklich wiederum ſahe, Sie ſahe, ſahe, wer das Wunder gethan. Sie ließ alſo den Doctor 104 Elias vor ſich kommen. Sie hatte ſich reizend angezogen, mit Gold und Juwelen zum Blenden bedeckt, da ſie ſchon oft erfahren, daß ſie als ſchönes Weib da leicht Wunder gethan, wo ſie als Kaiſerin eine häßliche Geſtalt im Stiche ge⸗ laſſen hätte. Sie empfing den feinen, klugen Mann allein in ihrem von Kerzen erleuchteten Zimmer; ſie reichte ihm die Hand zum Kuſſe, ja ſie drückte ſie ihm und nannte ihn„lieber Freund“. unter heitern Erzählungen vom Morgenlande aus alter Zeit ſpeiſte ſie mit ihm allein die lek⸗ kerſten Dinge, kredenzte ihm lächelnd Wein aus Vater Noah's Krug, und als er ſie anſah und bewunderte, ſchenkte ſie Alles, was ſie am Leibe trüg, ſeinem Weibe, damit er ihr geneigt ſei. Der Erfahrene ſah ſchon bei ſeinem Eintritt, wo das Alles hinaus wölle, und verſchwieg ſchon immer lange Antworten und neue Rede, damit ſie es ausſpräche. Und ſo ſagte ſie endlich bit⸗ tend und voll Reiz: Rabbüni! Der mußte ohne Verſtand Eures großen ewigen Volkes ſein, der da glaubte, Einer von Euch, oder Ihr gar ſelbſt, diente einem Andern, und gar einem Römer, den Nachkommen der Leute, die Eure Friedens⸗ ſtavt zerſtört. Hier finde ich ewig jungen Haß in jedem neugebornen, vaterlandloſem Kinde na⸗ 105 türlich, nicht unrecht, nein menſchlich und ehren⸗ werth. Nun, lieber Meiſter, ſind Wir ſo reich für Einen, als jener Stuhl auch unſrer Feinde, und Feinde der Aller, die ihr Haupt mit ſeiner Vernunft nicht zu ſeinem Fußſchemmel legen. Fordert von mir, was Ihr wollt, ich ſchließe nichts Gewährbares aus, und ich will nicht handeln, ich will noch zulegen— dient mir! Gebt meinem Manne die Augen, wie Ihr ſie ſchon Vielen bier wiedergege⸗ ben, blos ſeit Ihr hier ſeid. Gebt Jene auf!“ „Das klingt ja wie eine Verführung!“ ſprach der Rabbi lächelnd. Und als wenn Thekla dieſes Wort im prä⸗ gnanteſten Bezuge auf ſie ſelbſt verſtanden hätte, ſchlug ſie die Augen nieder, wußte ſogar zu er⸗ röthen, warndte ſich um und ſprach erſt nach einer größern Zwiſchenzeit, hinlänglich zu Anſaa⸗ mung jedes Gedankens, den der ſchöne lebens⸗ kluge Mann in ſein Herz ſäen wollte; aber ſie ſprach auch ſo, als wenn ſie mit Gewalt dem Geſpräch eine andete Wendung gäbe, erzählte ihm ihren Bau, ihre Anſtalten, ihre Hoffnung, und ſchloß mit den Worten: ich bin überzeugt, daß ein lebendiger weiſer Mann ein Wunder wirkt, wenn ein todter mit Schanden beſteht. Ihr gleicht gewiß Eurem großen Ahn, Elias! 106 Laßt Euch nichts fangen, als Euren Vortheil, Euren irdiſchen Nutzen, denn im Beſitz des ur⸗ alten Glaubens an der Einzigglaubbaren, lacht Ihr nur über uns Andere, oder lächelt und war⸗ tet auf Eure Zeit, denn Ihr ſeid, wie Seelige, darüber hinausgehoben. Aber Ihr wißt auch, Rabbuni, die in Rom ſind auch nichts weniger als abergläubiſch, auch nichts als klug, und la⸗ chen und lächeln, und genießen noch ihre Zeit, die Kinderzeit der Menſchen. Ihr ſeid alſo mein! Schlagt ein! Und ſich auf die Lippe beihend, ſchlug er ein. Und im Herzen lächelte ſie aus Liebe und Treue, wie ſehr ſie ſich verläugnet. Das Volk erfuhr nun, daß der Arzt geſagt: durch Seeluft werde der Kaiſer ſein Augenlicht wieder erhalten. Und als der blinde Herrſcher nun in dem Tempel der Weisheit Gottes ſich glücklichen Ausgang erbat, drängte ſich das Volk, ihn noch blind zu ſehen. Er blieb in der Pforte ſtehen und ließ ſich von Jedem die Hand geben und drücken, bis er es vor Schmerzen nicht mehr aushalten konnte. Zu Nacht aber nahm er von ſeinen Kindern Abſchied. Wenn er die lieben Kleinen ſonſt nur ſchreien oder leis im Schlaf athmen gehört, ſie 107 alſo nicht recht geachtet und geliebt, ſo verhieß er ihnen nun große Freude, und athmete ſelbſt ein ganz neues Glück, daß ſie einen ſehenden Vater ſehen würden, nicht einen gleichſam ver⸗ borgnen, verſchleierten Mann. Und wie er auch die Mutter als Weib und Mutter nicht geſehn⸗ nicht gekannt, nicht anerkannt, oder nur zur dunklen Hälfte, ſo hoffte ſie nun ein neues Glück. Aber da er nicht weit zog, da keine Gefahr der Reiſe für ihn war, ſo weinte ſie kaum, ja es ſtieß ſie an zu lachen, da er gar ſo ernſthaft ſchied, wie auf Leben und Tod, ſo daß er, ein Gefühl davon faſſend, zum Scheiden ihr ſagte:„Du freuſt Dich wohl, daß ich reiſe, weil Du indeſſen herrſchen witſt! Ach, ein Herrſcher muß doch immer, ſelbſt gegen ſeine eigenſten Freunde, voll Mißtrauen ſein!“ Aber ſie entließ ihn erſt nach ſüßer Nacht am flammenden Purpurmorgen und fuͤhrte ihn in das Schiff, das unterhalb des Palaſtes vor Anker lag, und worin in der Nacht noch koſtbare Weihgeſchenke, zum Dank für den heiligen Lo⸗ renz⸗ Geſchenke für den römiſchen Biſchof getra⸗ gen worden. Der Anker war gelichtet. Der Wind fiel in die aufgezognen Segel, und nie ward eine Reiſe mit lachenderem Muthe ange⸗ 108 treten. Denn ſelbſt die Matroſen konnten ſich kaum des lauten Lachens enthalten, indeß die Kaiſerin am Ufer ihnen mit der weißen erhobe⸗ nen Hand drohte, und noch dem Elias und den mitgegebenen treuen Freunden mit dem Kopf zunickte. Sie ging dann in ihre Gemächer oben im Palaſt und ſahe, wie das Schiff ſeinen großen Kreis um die Prinzeninſeln begann, ſo groß, daß er dem Schiffenden eine grade oder wenig ſchiefe Bahn bedeuten mußte, wenn er blind war. Der Verabredung zufolge erhielt die Kaiſe⸗ rin dictirte Briefe von ihrem Gemahl, die er von den Stationen, oder vom Schiffe ans Ufer ihr überſandte. Der erſte Brief aus der Troas ſchilderte ihr die reizende Inſel Marmora, die er im Geiſte geſehen, das hohe große Gallipoli, das liebliche Lampſakus und die grünen Hügel der in chriſtticher Sonne nun ruhenden heidniſchen Halb⸗ götter. Zum Schluß war hinzugefügt, die ge⸗ fährlichen Seenebel am Abend und Morgen ha⸗ ben noͤthig gemacht, daß ſein Leibarzt, wie dem andern Schiffsvolk allen, auch ſeine Augen be⸗ handle. Thekla verſtand aus der Abrede mit ihm ſeine Cur. Aber auch von dem Kinde der Häß⸗ 109 lichen her war ſie nicht mehr überraſcht, als ihr ſpäter des Kaiſers Beichtvater*) ſchrieb:„Wir ſind glücklich in Chio angelangt und legen nur auf Eine Nacht vor Anker, da der Wind außer⸗ ordentlich günſtig zur Weiterfahrt iſt. Der Ruf der ſchönen Mädchen und Frauen aber hat in dem hohen Reiſenden eine Begeiſterung, eine Sehnſucht und ein beſtimmtes Verlangen erregt, dem wir nicht auszuweichen wiſſen! Er fordert. Er will ſogar, daß wir ſagen: der Kaiſer ſei da, um Widerſpenſtiges oder Unentſchloſſenes zur Be⸗ zähmung durch den bloßen Namen zu bringen. Die Meinung von uns iſt unſre Erndte! ſagt er. Da ich alſo in Wahrheit aus Chio bin und eine ſehr ſchöne Schweſter habe, die verheirathet iſt, aber keine Kinder hat, ſo habe ich Sr. reiſenden Hoheit verſprechen müſſen, ihn heut Abend zu ihr zu führen, um ein Nachtlager in ihrem klei⸗ nen Hauſe, das einſam vor der Städt in den Maſtixgärten gelegen iſt, daſelbſt in Ruhe ohne Wellenbewegung zu halten. Unſere hohe Gebie⸗ terin wird nun zur Erſparung einer Sünde für *) Der ſogenannte„geiſtliche Bruder“— 6u- Vunog delpos. 110 ihren geliebten Gemahl, ſchleunig nach Chio kom⸗ men und das Schattenbild meiner ſchönen Schwe⸗ ſter in aller und jeder weiblichen Wahrheit vor⸗ zuſtellen, deren Mann abweſend iſt, die betrübt iſt, wenig ſpricht, und, wie unſer hoher Reiſende ſchon von mir weiß, freilich in Nichts unſrer ho⸗ hen Gebieterin ähnelt, aber an Stimme ihr täu⸗ ſchend gleich iſt; wozu derſelbe ziemlich treu be⸗ merkte: das iſt mir einigermaßen lieb, Beicht⸗ vater!“ Die ſchöne Chiotin ſtand alſo a am Abend in ihrem mit Maſtix fein durchräucherten Hauſe am Feuer ihres kleinen Herdes, kochte und ſang ein chiotiſches Lied, hatte das weiße, kurze Röckchen an, das kurze grünſeidne Jäckchen, große Gold⸗ ſtücke um den Hals, und die wundervollen Haare in die eigenthümlichen kurzen Locken um das Haupt gerollt. Nur nach dieſem Haar fühlte der leis grüßende Blinde— und er zitterte und ſie zitterte, und Thränen liefen ihr über die Wan⸗ gen Dann aßen ſie gebräuchlich mit einander von dem großen rothen Seekrebs und dem ge⸗ bratenen weißen, ſchlangenartigen Octopodion und tranken Samoswein, und er fragte ſie leiſe nach ihrem Namen, und die alte treue Hand war ihm eine neue fremde, und die treuen Lippen treuloſe 111 Lippen und die alte durchflüſterte Nacht ein neuer Tag. Und als er fort war am Morgen, und als ſie allein erwachte, ſah ſie unſchätzbare Geſchenke neben ſich, ließ Alles ſtehen und fuhr voll Schaam, verhüllt und verſchleiert, in den Palaſt zu ihren Kindern. Der blinde Kaiſer aber ließ ihr von Chio nichts ſchreiben, als daß die Inſel ſehr reizend ſei und voll gaſffreier Menſchen. So ſind Reiſe⸗ berichte, die Berichte der reiſenden Männer an ihre Weiber daheim! dachte ſie und ſah ihn aus dem Fenſter im Kreiſe fahren, als heimlichen Verbrecher, der er blos, wie ſie meinte, durch ſeine Augen war. Aber am Vormittag fuhr ſie hinüber, ſtieg heimlich in ſein Schiff, ſah ihn, hörte ihn ſprechen und hoffen und drängen, ſah ſich ſatt, that ihm unſichtbar Holdes, ja ſie küßte ſeine Hände, ſo daß er fragte: Wer, war das? Aber der Beichtvater ſagte ihm nur: Die Chio⸗ tin, meine Schweſter, iſt Euch bis hierher ge⸗ folgt und nahm von Euch Abſchied— dort fährt ſie ein Boot nun nach Hauſe. Sprich nur noch ein Wort! rief er irr' in das Meer hinaus. Und weil es ihm wohl that, rief ſie mit der ihm dop⸗ pelt lieben Stimme ihm zu: Lebe wohl! Lebe auf immer wohl! 112 In dieſes Bangen, dieſe Schaam, dieſe ſüͤ⸗ ßen, weichen Thränen verſiel ſie noch einmal, als der Beichtvater aus der Meerenge zwiſchen Sicilien und Calabrien ſchrieb;„Ich habe ihm vergeben, vergebt ihm, und auch, daß er meint: die Sirenen müßten nur ein Abbild der reizen⸗ den lockenden Mädchen der hieſigen Gegend ſein, und alſo gewiß noch leben! Wir ſollen ihm eine fangen!“ So ſehr ſie dieſer Brief und ihre Folgelei⸗ ſtung gepeinigt und gedemüthigt hatte, that es doch ein ſpäter folgender noch viel mehr; da der Kaiſer— nun an dem Ufer der Tiber gelandet, und vor dem Thore von Rom in einem kleinen Hauſe ganz in der Nähe des Tempels des hei⸗ ligen Lorenzo fieori di mura wohnend, und von den Pifferaji begrüßt— verlangte, und darauf beſtand, mit dem Pabſt zu ſprechen. Die Forderung war natürlich; er ließ ſie ſich nicht ausreden, abweiſen, aufſchieben, und ſo war guter Rath, vielmehr ein guter Pabſt, ſehr theuer. Zugleich hatte Rabbi Elias der Kaiſerin ge⸗ meldet, daß Eile nöthig ſei, damit die Natur nicht dem Wunder des heiligen Lorenz oder hei⸗ ligen Spiridion zuvorkomme, denn es bedürfe 113 nur noch einer heftigen Anſtrengung, daß die dünne, ſchon durchſchimmernde Haut auf den Augen des Kaiſers zerreiße⸗ n Thekla athmete ſchwer auf, nun es zur Ent⸗ ſcheidung gediechen war. Sie hoffte viel und fürchtete noch viel mehr; aber voll ihrer Liebe hatte ſie keine Ahnung von dem, was ihr wirk⸗ lich geſchehen ſollte. Sie kleidete ihre Kinder lieblich, ließ ſich ſelbſt ſo reizend wie möglich kleiden und fuhr mit ihnen, ſchweren Herzens, aber lächelnden Muthes hinüber, nach der nahen Prinzeninſel. Die Capelle des heiligen Spiri⸗ dion auf ihrem Gipfel leuchtete ſie an und glänzte weiß im heitern blauen Himmel. Das Herz klopfte ihr, als ſie den Weg zum Gipfel hinan⸗ ging, der immer enger und enger um den Berg ſich windend, mit ſanfter Steigung hinanführte. Sie freute ſich droben der himmliſchen Ausſicht über das ſtrahlende Meer, die grünenden felſigen ufer mit hohen heiligen Bergen im Lande, die ungeheure, mit Kuppeln prangende Stadt, die ihr unterthänig war— ſie betrat die Capelle, der heilige Spiridion harrte, das Wunder zu thun, und ſie leugnete ſich kaum, daß aus ſeinen Zügen verkappte Albernheit oder Gutmüthigkeit hervorbreche, die ihr leid that. Römiſche Sän⸗ Bd. V. 8 114 ger, die für zehnfachen Sold ſelbſt in der Hölle ſingen würden, ſtanden ehrfurchtsvoll bereit, einen Pſalm zu ſingen. Sie beſchenkte ſie, ſie be⸗ ſchenkte alle Gegenwärtige, welche die vorgeſpie⸗ gelte Reiſe nach Italien mitgemacht, nicht ohne vielfaches heimliches Vergnügen und verbiſſenes Lachen, aber auch langweilig im Kreiſe, zum Scheine fern von dem Ort, nach welchem ſie ſo viele Wochen, wie verhert, geſteuert waren. Selbſt die Matroſen wußten, warum es ſich handelte, denn in einem Schiffe bleibt, wie in dem Vorzimmer der Großen, zuletzt Keinem et⸗ was verborgen. Sie ließ die Kinder ſchon im⸗ mer hier oben im Schutz ihrer Wärterinnen. Dann ſtieg ſie hinab auf den Platz vor dem Hauſe, worin ihr Mann auf die Zuſammenkunft mit dem Pabſte höchſt ungeduldig, ja unwillig hartte. Der Arzt kam ihr entgegen.„Die letzte Verlegenheit!“ ſprach er.„Wir haben jeden griechiſchen Matroſen gefragt, ob er eine Viet⸗ telſtunde lang der römiſche Pabſt ſein wolle. Aber aus Religionseifer verſicherte Jeder, lieber in einen Baͤren, ja aus der Haut zu fahren, als, auch nur zum Schein, in ſeinen Rock. Die Ge⸗ nueſiſchen Kaufleute Ambroſio, Cheli und die An⸗ dern, welche Ihr uns aus der Stadt geſchickt 115 habt, daß ſie römiſch redende Männer vorſtellen, wofür Ihr ihrer Gilde noch größere Vorrechte zugeſtehen müſſen, kennt der Blinde ſchon als ihm entgegengeſandte Männer. Es iſt kein Ma⸗ jeſtäts⸗ oder Heiligkeitsverbrechen“—— „Darum,“ ſprach die Kaiſerin:„ſeid Ihr der Pabſt!“ Der Jude lächelte ſehr. Aber er ließ ſich einen groben Mantel anlegen, ein kleines Käpp⸗ chen aufſetzen, zog ſeine Schuhe aus und hackte die Spitzen davon ab, ſo daß die große Zehe herausguckte, nahm einen gewöhnlichen Stab in die Hand, wuſch zwei kleine Kieſel am Meeres⸗ ſtrande, nahm ſie in den Mund und fragte die Kaiſerin, ob ſie ſeine Stimme kenne? Dann ließ er dem blinden Kaiſer den Pabſt anſagen und ging in das kleine Haus. Die nun folgende Scene war kaum auszu⸗ haltenz ſo wünſchenswerth auch der Pabſt fingirt und fungirt ward. Der Blinde wollte ihm den Pantoffel küſſen, aber mußte ihm die Stirn küſ⸗ ſen. Dabei berührte er ihm den langen Bart, fühlte das grobe härene Gewand und fragte voll Erſtaunen: Alſo iſt das Alles Lug geweſen, was man von Deinem Prunk geſagt! Sei willkommen, mein Sohn! hörte er nun; 8* 116 ich habe Freude über alle Begriffe, daß Du glaubeſt, Gottes Wunder geſchehen auch in Rom⸗ Gott hat das Auge gemaht, nur er kann es heilen! Und Gott war auch bei Euch! „Hört, meine Freunde!“ ſprach der Kaiſer ſich wendend,„welch ein Mann! Welche Verleug⸗ nung, welche Anerkennung! Mein Beiſpiel,“ ſprach er lauter,„wird mein Volk Dir zuwenden... Hoffe, wolle das nie! hörte er zur Ant⸗ wort; wer Gott fürchtet und recht thut in al⸗ lerlei Volk, der iſt Ihm angenehm, und Der alſo ſollte uns irrigen Sündern ſo unangenehm ſein— daß wir ihn verfolgten und wenn wir könnten? „Welch eine Duldung! Welch e ein Mann!“ rief der Blinde und hörte begierig weiter: Wir dulden nicht nur, wir lieben Alle, die einen Gott glauben; denn mehr kann Nie⸗ mand glaubenz was drüber iſt, iſt vom Ue⸗ bel! Darum Iduld ehre und liebe auch Ara⸗ ber und Juden, die Juden aber vor allen, die den Juwel: Gott, am früheſten erkannt, den mein Vorbild nur geſchliffen hat, und jedes ſei⸗ ner Worte ſteht ſchon im alten Teſtamente, hie und da, aber es ſteht doch und bleibet ſtehen. Auch die uralten Braminen ſchon lehrten den 117 Spruch: Wenn dich ein Menſch verwundet, ja todtet, vergieb ihm, liebe ihn; ſei wie die Wur⸗ zel des Arekabaums, die die Axt mit Wohlgeruch füllt, die ſie zerfleiſcht.“ „Ich erſtaune,“ rief der Kaiſer.„Ja ich verehre!“— und begierig hörte er weiter: Liebe und Duldung, und Lehre zu dulden, und lieben iſt mein Amt, denn ich habe von kei⸗ nem Volke auf Erden gehört, daß ſeine Prieſter lehren: Du ſollſt ehebrechen! Du ſollſt ſtehlen! Du ſollſt Gort nicht verehren! „Ich bewundre Dich!“ rief der Blinde.— Ich bewundre die Welt und ihren Hertn! tönte die Stimme wieder. Dulde auch Du uns; denn wenn eben ihm Alles unterthan ſein wird, als⸗ dann wird auch der Sohn ſelbſt unterthan ſein, auf daß Gott ſei Alles in Allem. Wo bleibe da, ich mit meiner Unfehlbarkeite Du ſiehſt alſo wir leben mit Furcht und Zittern, bis wir ver⸗ ſchwinden vor Jedem, der heut ſchon an Gott glaubt, daß Er ſei Alles in Allem. Ziehe in Frieden! Mögeſt Du ſehen und dann glaube dies Wort. Dann ziehe heim zu Weib und Kindern, und die Engel mögen Dein Schiff ſchnell nach Hauſe tragen, wie das Haus der Maria nach Loretto!“ 118 Und mit feinem Lächeln ging Elias von dannen. Der Patriarch umarmte ihn, als er zu der offenen Thür herauskam, und ſagte ihm: Nun kann und wird er ſich nie mit jenem wah⸗ ren römiſchen Bilde vereinigen Du biſt ein ed⸗ ler Schelm! Aber hier haſt Du meinen Ring zum Lohn! Die Griechen küßten ihn und drück⸗ ten ihm die Hände. Jetzt ging nun der Zug den ſanften Weg hinauf nach der vermeinten Kirche des heiligen Lorenz vor den Mauern Roms. Der Patriarch führte unerkannt den Kaiſer bis in die Hände des heiligen Spiridion. Der inbrünſtig zu ſehen Verlangende drückte die harte Geſtalt an ſich, er ſank zu ihren Füßen und lag lange ſtill. Alle weinten vor Angſt und Erwartung. Die Kinder wollten zu dem Vater, ja ſie riefen ſeinen Na⸗ men wie Engel. Die Mutter drückte ihr En⸗ gelsgeſichtchen in ihre Gewande, daß ſie ſchwie⸗ gen, und trocknete ſich die Thränen. Da ſchritt der Legat in die Capelle mit höhniſcher, zorniger Haltung, aber Alle drohten ihm zu ſchweigen, und er ſtand mit verbiſſener Wuth. Er war wiedergekehrt, er hatte gehört, er kam ſehen, ſtrafen, doch drohen. 119 Indeß war der Kaiſer aufgeſtanden; Alle ſahen athemlos ſtill, daß er ſehe! Sein Antlitz glänzte in der untergehenden Sonne, ein unbe⸗ ſchreibliches Lächeln, das immer freundlicher, im⸗ met ſeliger ward, verklärte ihn ganz. Er wollte reden, aber vor Freude und Schreck ſtammelte er nur unverſtändliche Laute, die Jeder verſtand als die heiligſte Sprache des Menſchen, die hei⸗ lige Sprache der Rühruna, des Dankes, der ſchönſten Bewunderung, der Bewundrung des Höchſten. Er that ſichre Schritte zur Seite, wo die roſige Gluth der Abendſonne hereinfiel mit Reiz und Gewalt der Himmliſchen. Er faltete ſeine Hände, er beſahe ſie, ſeine Ringe am Fin⸗ ger, deren Rubine und Smaragde ihm in die Augen blickten wie Thautropfen. Er beſah ſeine Gewande, er ſah die Blumen auf dem Marmor⸗ boden und trat von einer Roſe hinweg, auf die er getreten. Dann ſchloß er zur Prüfung, ob er wirklich ſehe, ſeine Augen. Es ward Nacht um ihn.„O ſchrecklich! ſchrecklich!“ rief er. „So war es ſonſt immer. Ja, ich war blind!— Ja, ich ſehe, ich ſehe die Sonne, den Himmel! ich ſehe den Heiligen!“ rief er, als er die Au⸗ gen groß wieder aufgethan. O, nun bin ich ein Mann! 120 Länger vermochte Thekla ſich nicht zu hal⸗ ten. Sie riß ihre Kinder an beiden Händen zwar nach, aber ſie ließ ſie leicht auf das Laub und die Blumen hinfallen, als ſie die Arme er⸗ heben wollte, um ihn zu umſchlingen. Und in ſo viel Wundern war es ihm kein Wunder, daß ſein Weib hier ſei, ſeine Kinder am Boden ihr einziges Wort nach ihm riefen: Vater! Uund als ſie unter Thränen der Freude aller Gegenwärtigen ſich lange in ſtummem Entzücken an das Herz gedrückt; ließ er ſie endlich los und frug ſie: Alſo biſt Du mir gefolgt? Du biſt hier! Und an die ſchöne Chiotin gedenkend und an die Sirene, die ihm doch nur deſto grauſere Verirrungen mit ſchwarzen Schatten und hohlen Fraumgeſtalten bedünkten, fragte er mit Reue den Beichtvater faſt laut: Ach, war es Sünde? Du haſt mich ſündigen laſſen! Ja, ſagte der Beichtvater, es war eünde. aber ohne ihre Folgen. Nur Sünde im Glau⸗ ben. Alſo nur halbe Sünde— „Ach nein,“ ſprach Thekla mit nitbeizeſchli genen Augen und bebender Stimme, voll edler Schaam:„Ich nehme die Sünde von Dir— denn jene Chiotin— jene Sirene war Ich! 121 Das Wott aber verwandelte das Gemüth des Kaiſers. Er mußte ſich ſchämen und ſchämte ſich tief vor ſeinem Weibe, und das Wort des Patriarchen ging an ihm und an ihr in Erfül⸗ lung. Und noch auf eine andere Weiſe. Denn als er ſo düſter vor ſich zur Erde blickend ſtand⸗ riß ſich der Legat los, ſtürzte in die Nähe des Kaiſers und rief:„Du biſt blind, noch blind! Denn Du ſiehſt nicht, wo Du biſt!“ „Wo bin ich denn? Erſchreck mich nicht!“ ſprach der Kaiſer. „Du biſt wie ein Narr um die Prinzen⸗ inſeln nach Rom gereiſt, wie ein Faͤrberpferd, Du biſt wie ein Narr mit einem Narren dort drunten im Hauſe zuſammen gekommen, und ich will ihm den Segen ſegnen! Du biſt wie ein Narr vor dem heiligen Spiridion niedergeknieet, den Dein betrügeriſches Weib hier oben auf der Inſel eine Capelle erbaut, und ſo ſtehſt Du denn wie ein Narr vor dem Volke im Anblick Deiner Hauptſtadt. Siehe, da druͤben iſt Kon⸗ ſtantinopel, das wirſt Du erkennen⸗denn alſo iſt keine Stadt in der Welt, und Du haſt es als Kind geſehn! L Et riß den Kaiſer faſt vor die Thür auf den freien Platz vor der Kapelle, und der Kaiſer 122 ſah die reizendſte Gegend der Erde mit Schreck⸗ mit Erſtaunen und bitterſtem Zorn! Die Andern waren ihm ſcheu gefolgt. „Wer hat das gethan?“ fragte er drohend. Lange getraute ſich Niemand ein Wort zu erwiedern, denn er war der Kaiſer und hatte nun Augen, und hatte nun Furcht um ſich ver⸗ breitet. „Auch das war ich!“ ſprach endlich die Kai⸗ ſerin, ihn mild an der Hand faſſend. Er ergriff ſie, hielt ſie feſt, betrachtete jetzt zum erſtenmal ſein Weib——— ſchön war ſie, ſah er wohl, aber er hatte ſie ſich ganz anders vorgeſtellt von Leibe, und nun erſchien ſie ihm auch anders von der Seele. Durch ihre Milde und Güte genö⸗ thigt, hatte er ſich ein Bild von ihr gemacht, als müſſe ſie ganz weiß ausſehen wie ein En⸗ gel im Licht. Und nun war ſie bunt, mit viel zu glühenden Wangen, mit viel zu ſchwarzen, feurigen Augen: mit Einem Wort: ſie gefiel ihm nicht; ſie würde ihm nie gefallen haben, ſo, daß er ſie mit ſehenden Augen zum Weibe genom⸗ men hätte. „Ein Blinder ſoll kein Weib nehmen, oder immer blind bleiben! Einen Blinden ſoll kein Weib nehmen!“ rief er erzürnt und betrübt, und 123 ſtieß ſie von ſeiner Hand.„Ich verſtoße Dich,“ ſetzte er hinzu; denn der Grimm fiel in die Schaam, die er vor ihr fühlte, und in Wahrheit trennte ihn ſeine Sünde von ihr, und ſein Irrthum, ſeine Ueberführung, daß ihn ein grie⸗ chiſcher Heiliger geheilt, und ſein Stolz, der mit der Kraft ſeiner Augen: zu ſehen, über ihn gekommen war, und ſeine Ahndung ganz noch andrer Schönheit, von der er ſo lange geträumt, und ſo natürlich. So ſtand er, doppelt zornig und furchtbar genug, um das Lachen, das im Grunde der Her⸗ zen zumeiſt doch ein frohes und ſiegreiches war, völlig auszulöſchen. Die Glocken, welche ihm nach einer ſo langen Reiſe wirklich als Roms Glocken erſchollen, ſummten noch laut in der Luft wie zuvor, aber ſie übten einen Zauber über ihn aus, oder eine Entzauberung, die ihn, auf ſich lö⸗ ſenden und ihre bunten Federn verliereden gro⸗ ßen Schwingen in ſeine Heimath trug und fal⸗ len ließ; denn die Glocken ſummten über das enge Meer herüber aus Konſtantinopel, und lãu⸗ teten das heilige Chriſtfeſt ein. Thekla hatte ſich gleichſam zu ihren Kin⸗ dern gerettet, ſich zu ihnen auf die Erde gewor⸗ fen, ſich eingehüllt und beide Kleinen an ſich ge⸗ 124 drückt. Der ſehende Kaiſer verlangte aus Haß gegen ihre Mutter jetzt ſogar nicht nach ſeinen Kindern, und kurz zuvor fröhlich bis zum Lachen und Jubeln, weinten ſie jetzt deſto bitterer getäuſcht. Der Patriarch ſah die Nothwendigkeit, es zu wagen, die Kaiſerin wieder im Sinne des ſe⸗ henden Kaiſers feſtzuſtellen, um ſich ſelbſt dann wieder feſtzuhalten, und ſprach: O Herr, Du wirſt ja nicht wieder erblinden, nun Du ein⸗ mal Augen haſt, gleichviel, durch Wen! Welche Einbildung: in Rom ſehend zu werden! Dort konnteſt Du wirklich mit leiblich ſehenden Augen erſt geiſtig blind werden. So aber haſt Du nun Augen und Volk und Reich und Weib und Kin⸗ der.— Siehe, da ſind ſie— ſie ſitzen an der Erde! Danke Gott für ſie! Wie ganz anders duldſam ſprach der hei⸗ lige Vater in Rom, als Du, Du auch gegen mich Verſchworener! Aber gedulde Dich nur, verſetzte der Kaiſer. Am meiſten von Allen thut mir das ſchöne Bild leid, das ich dort von dem heiligen Vater gehört. Aber der Mann muß ja hier ſein! Wer war es, wer iſ es von Euch?“ fragte er heftig. Niemand wollte es ſagen. „Gebieter! Ich!“ ſprach der Jude ſelbſt mit 125 gemeſſenſter Ruhe, ohne einen Schein des Lä⸗ chelns oder der Furcht. Und wirklich ſah ihn der Kaiſer mit Befremden an. Aber der Legat goß eine Fluth von Galle und Zorn und Dro⸗ hungen über ihn aus.„Und,“ rief er,„hier iſt ein Wuneer gethan worden, ich nehme es in An⸗ ſpruch für unſern lateiniſchen heiligen Lorenzo.“ „Nein,“ riefen alle Griechen, ſelbſt die Ma⸗ troſen, im Chor:„unſer griechiſcher heiliger Spi⸗ ridion hat das Wunder in Wahrheit gethan!— Ihn hat der Blinde umarmt, darauf hat er geſehen.“ „Aber wißt,“ ſchrie der Legat,„an den hei⸗ ligen Lorenzo hat er gedacht! Das Andenken an ihn hat das Wunder gethan!“ Der Patriarch und der Legat ſtanden wie um zwei Welten kämpfend und wirklich mit er⸗ hobenen Fäuſten einander gegenüber. Der Pa⸗ triarch bediente ſich im Schutze der Seinen, ver⸗ lachender Worte; der Legat bediente ſich ſeiner Fauſt und ſchlug ihm ins Angeſicht. Da ergriff ihn das Schiffsvolk, band ihn mit den Schärpen und trug ihn im Jubel hinab zum Strande, um ihn ins Boot zu ſetzen und dem Wertem preis zu geben. Der Arzt bat nun für ihn bei den Geblie⸗ 126 benen und ſprach, um ihn gewiß zu entſchuldi⸗ gen:„Lieben Männer, er irrt, aber Ihr irrt auch, darum laßt ihn nicht ertrinken! Denn hier in dieſem Beutel iſt noch ein Stück Reliquie von dem wahren Heiligen, der dem Blinden die Augen wiedergegeben! Denn Gott allein thut Wunder! Durch die Natur!— ſeht hier!“ Er langte Etwas, wie einen Kinderfauſt⸗ großen, herrlich blauen Edelſtein hervor, zeigte es hoch, und als Alle ehrerbietig ſtanden und frag⸗ ten, ob es eine Reliquie vom heiligen Spiridion ſei, ſprach er ruhig:—„Nein! Es iſt eine Re⸗ liquie von Gottes Allmacht— ein Stück San Cupro! blauer Vitriol!“ Allerdings hatte er mit der Erklärung den Zorn vom Legaten gewandt, aber auf ſich. Denn ſie ergriffen ihn nun auch, banden ihn und tru⸗ gen ihn hinab, um mit dem ſchon Verdammten verdammt die entſetzliche hülfloſe Waſſerreiſe zu machen. Thekla ſprang auf, ihren Freund, den braven Mann zu retten, aber der Patriarch drückte ſie nieder und fragte ſie nur leiſe:„Biſt Du raſend? Der Fortgetragene aber ſprach ge⸗ laſſen:„O könnte ich nur wie Elias von allen Thoren hinweg in den Himmel fahren!“ Und nun bot ſich von oben das ſonder⸗ 127 barſte Schauſpiel: Beide Männer, nun Tod⸗ feinde, in einem ſchmalen, lecken Kahne allein auf reißendem Meerſtrom in engen Felſenufern hinab in die Abendnebel, die Schauer der Racht und des drohenden Sturmes fahrend. Dem be⸗ ſcheidenen Wunderthäter waren die Hände nicht feſt gebunden geweſen; er hatte ſich die Fußbande gelöſt, ſtand in dem Kahne und hielt den Nach⸗ ſchauenden den blauen Edelſtein hoch in der Hand entgegen. Thekla ſah wenigſtens gern daß er ſich rühren konnte, vielleicht durch Ru⸗ dern zu ſeiner Rettung an ein niedriges ſicheres ufer treiben. Der Legat kniete vor ſeinem Feinde, hob flehentlich die Haͤnde zu ihm, und der Arzt, vielleicht aus Furcht vor dem Meere, löſte ihm ſeine Füße und ſeine Hände, aber nun ſah man die beiden Feinde ſich ſtreiten und an der Bruſt halten; aber der Arzt brückte den ſchwachen Legaten nieder und zwang ihn zu ru⸗ dern, ſetzte ſich dann und ruderte ſelbſt. Jetzt war ein Opfer gebracht worden; der zuerſt dem Kaiſer wohl natürliche Zorn konnte gekühlt ſein, und Thekla brachte jetzt dem Kai⸗ ſer ſeine Kinder— und er nahm ſie Beide, je⸗ des auf einen Arm, und das Bewegen ſeines 128 Hauptes dankte ihr für die holden Knäbchen. Aber er ſprach nicht zu ihr. Dagegen befahl er, ihn im Scife nach dem Leanderthurm zu fahren, damit er— Kerker ſähe. Es geſchah. Alle fuhren im menſchein dahin. Sie landeten. Thekla begleitete ihn. Der Kerker war längſt wieder in Stand geſetzt. Der Kaiſer ging hinein, ſtand lange in ſtummen Gedanken, während er ſich ſelbſt das an der Kette an der Mauer hangende Eiſen wieder um den Leib gelegt. „Drücke das Schloß zu, ſonſt ſind wir ver⸗ loren!“ flüſterte der Patriarch der Kaiſerin in das Ohr. Sie hatte die Worte kaum recht„hit⸗ viel weniger recht verſtanden. Denn als er das Ei⸗ ſen abthat, legte ſie ſich es ſelbſt um den Leib, und ſchloß die Augen, um einen Augenblick zu wiſſen, wie ihrem Gemahle hier einſt zu Muthe geweſen. Sie ſprach das Wort faſt weinend ge⸗ gen ihn aus. Da drückte er das Schloß zu und ſprach:„Nun muß ich auch den Kerker ſchließen, damit es ein Gefängniß und Finſterniß wird, die Augen will ich Dir laſſen.“ 129 Thekla verſteinerte faſt vor Schreck, aber ſie zagte nicht, ſie bat nicht um ihre Freiheit, denn das Bitterſte war ihr ja ſchon geſchehen. „Aber von meinen Kindern laß mich noch Abſchied nehmen!“ bat ſie mit dem unwiderſteh⸗ lichen Laut des Mutterherzens. Der Kaiſer ſtand unbewegt. Aber er ließ es geſchehen, daß der Patriarch ihr beide Kinder in die Arme gab, daß ſie ſich ſatt an ihnen küßte, über ſie weinte und ſie ſegnete. Dann reichte ſie ihre Hand dem Kaiſer zur Vergebung. Er aber ſprach:„Ich vergebe Dir! und ſo genug!“ den Kindern hinüber in ſeinen Palaſt. Aber es blieb nicht ſo. Denn am Morgen ſchon waren alle Gewerke der Stadt“ wieder in Aufruhr. Denn ſie hatten durch den Patriar⸗ chen und die wunderbaren italieniſchen Reiſenden erfahren, was die Kaiſerin für den Kaiſer und den Glauben gethan⸗ Und faſt dieſelben Menſchen, ſelbſt der Schneider und Eſelstreiber und Schuhmacher und Zimmermann, fuhren wieder nach dem Lean⸗ derthurm und drangen leis in den Kerker, aus Bd. v. 9 Dann ward der Kerker verſchloſſen. Der Wärter erhielt Befehle. Und ſo fuhr er mit 130 Ehrfurcht vor dem edlen, geduldigen Weibe, wenn ſie ſchliefe. Und ſie ſchlief. und die ehrfurchtsvolle dankbare Menge harrte zwei Stunden lautlos auf ihr Erwachen. Sie ſagten ihr, daß ſie kämen, ſie zu er⸗ löſen. „Doch auf Befehl des Kaiſers?“ fragte ſie. „Das wird von Deiner Gnade abhängen, ob wir ferner einen Kaiſer haben ſollen, der nach Rom hat fahren wollen, um dort Augen zu bekommen!“ erwiederte ihr der Zimmermann. „Jedenfalls ſollſt Du Mitkaiſerin ſein, und Deine Kinder ſollen mit Deiner Weisheit unſern Thron erben!“ ſchwuren Alle. Sie begriff ſchnell, in welcher Gefahr ihr Gemahl ſchwebte. So ſchiffte ſie mit den Män⸗ nern hinüber. Sie hatte Stille gewünſcht, und nur die Schläge der Ruder waren zu hören. So ward ſie in den Palaſt, an das Bett des noch ſchlafenden Kaiſers gefuͤhrt. Sie weckte ihn mit Küſſen. Er erſtaunte, ſie zu ſehen. Es lag eine ſolche Milde und hei⸗ lige Gluth der Liebe in ihren Augen, die ihn überwältigte. 131 „Es iſt unſere Mitkaiſerin Thekla!“ rief das nachgedrungene Volk. Etwas bläſſer ſagte er ihr jetzt:„Ich er⸗ kenne Dich wieder! Deine Liebe und Güte! Die ſind das wahre Weib, und Du biſt dies Weib! Ich danke Dir Alles, für Alles!“ „Sei nur ruhig!“ lispelte ſie ihm zu, daß das Volk nichts erfährt. Herrſche Du allein! Ich aber will drüben auf dem Gipfel der Inſel ein Kloſter errichten, und daneben ein Häuschen bauen, und Deine Kinder erziehen! Und dieſe ſchönen Inſeln heißen von uns dann auf lange Lage der Erde: die Prinzeninſeln! 9* des Arcangeli. * * 8 8 — — — — 3 6— „ℳ F 5 8 6 Trieſte, den 8. Juni 1768. Margarita! Margatita! Zweimal rufe ich Deinen Namen an! Ich, Arcangeli bin es! Du ſtehſt vor mir— kennſt Du mich nicht mehr? Du zitterſt, Du ſinkſt! Sch ergreife Dich, ich lehne Dich hin— Du ſtößeſt einen Schrei aus vor meiner blutigen Hand— ja, ſie iſt blutig, ich halte ſie hoch in die Höhe! Denn ich habe Dich errettet, Deine Seele errettet— und ſo tobt es weniger in mir. Nun weißt Du auch: Wer etmordet iſt, wer todt daliegt? Wer bald todt daliegen wird, wie er, Margarita! Margarita! So iſt es gekommen. So mußte es kom⸗ men! Solche Dinge kommen ſo, o ſo natür⸗ lich, ſo leiſe, ſo leiſe⸗gewaltig; dahin führen ſie wie in eiſernen Wänden, ſo eng, daß man nicht einmal umkehren kann. Du nicht. Ich nicht. 136 Er nicht. Er wird nicht umkehren. Er ſoll auch nicht! „Liebe Margarita!“ trieb es mich Dich zu nennen. Aber das weißt Du ja, oder magſt es nicht wiſſen. Darum hab' ich's vergeſſen; das Wort wollte wieder herauf wie eine hineinge⸗ trunkene kleine Schlange, die in mir groß ge⸗ worden; da würgt' ich es wieder hinunter. Aber ſie iſt mir in die Fauſt gekrochen, in das Meſ⸗ ſer— dann war ſie weg. Sonderbar, aber wahr; mir iſt wie einem Gewitter zu Muthe, das eingeſchlagen hat, nachdem es ſich lange ſehr übel befunden. Nun verrollt es den Don⸗ ner, ſtürzt Regengüſſe hinunter, wälzt ſich am Himmel dahin, wie ſelber von ſeinem Schlage getroffen, verregnet, vermurmelt, verzieht ſich— und der Himmel wird heiter, und wer hinauf⸗ ſchaut, der verwundert ſich über die blaue friſch⸗ hauchende Leere. Wahrlich, ich habe geweint⸗ Ich habe geſchlafen. Ruhig geſchlafen, nicht wie ein Reiner, ein Seliger, ſondern wie Einer, der ſelig gemacht hat und rein, wenn Du willſt. Und Du mußt nun erlöſt ſein, Margarita!— „Schöne Margatita!“ wollte ich ſchreiben; aber da ſiel mir der Mann ein, den Deine Schön⸗ heit aus dem antiken Weiberfeind, dem furcht⸗ 137 baren Hageſtolzen, zum Fteundesverräther ge⸗ macht hat.„Theure Margarita!“ wollte ich ſchreiben, da fiel mir der Mann ein, dem Du wirklich theuer biſt, auf meine Koſten, Deinem Raphael, dem ultramontanen Maler Mengs. „Arme Margarita!“ wollte ich ſchreiben. Das hätte Dich mit dem Strahle der Wahrheit ge⸗ troffen, das hätte mich erbarmt, ich wollte Dich wieder beneidenswerth ſehen. Sehen, Dich ſehen? Ach, ich werde Dich nicht wiederſehen— welch ein Verluſt! Die Welt wird ſich mir zuſchüt⸗ ten, und ich werde Dich nicht mehr ſehen! Du wirſt mich nicht mehr ſehen! Und das wird kein Verluſt für Dich ſein. Margarita, auch das, das labt mir die Seele! Es iſt ſchön, ſo ver⸗ ſtoßen zu ſein, und doch fortzubleiben, der man war, nur freilich etwas entſchiedener, gewiſſer⸗ maßen fürchterlicher. Fürchte Dich nicht! Weine auch nicht! Nicht um ihn! Wenn Du eine Thräne vergießeſt, mein Geiſt könnte aus ſeinem Grabe kommen und die Thräne rächen. Aber was ich da ſagte:„Beneidenswerth,“ das wirſt Du nicht mehr ſein. Du nicht. Ich nicht. Aber ich ruhig, ruhig, wie die Todten. Du ruhig, wie ein gefallener und aufgehobener En⸗ gel, voll Schaam. Warum ſchämt ein ſchönes 138 Weib doch nie ſich vorher? Du mufßt es wiſſen. Aber ſage es nicht! „Falſche, treuloſe, verrätheriſche, unrettbare Margarita!“ wollte ich ſchreiben, ach, und was Alles noch! Aber Alles das wollte ich ja eben vertilgen! Ich hab' es ſchon einmal bewieſen — in Wien. Ich hab' es hier wieder bewieſen mit fünf Stichen, jedem tödtlich. Ich habe das Mögliche gethan. Mehr konnte ich nicht; verlange nicht mehr von einem Menſchen. Die Tage und Jahre, die große Sonnenuhr der Welt, konnte ich nicht zurückſtellen— ich mußte die Weiſer abſchlagen, die auf Dich wieſen. Hölle! was habe ich ausgeſtanden! Um Dich! um Deine Ehre! Um meine Ehre für Dich in meinem Leibe. Es war doch beſſer, als wenn zuletzt die Kinder mit Fingern auf Dich wieſen — und Deine Kinder vor Dir die Augen nie⸗ derſchlugen. Selbſt die kleinen Winkelmännchen und Winkelweibchen. O, der Menſch glaubt, eine Sünde des Nachts, in tiefer ſtiller Verbor⸗ genheit zu thun! O Täuſchung! Er geht in den Tag, in die Sonne hinaus, und die Sonne durchſcheint ihn, wie einen Flor.— Und das böſe Gewiſſen iſt ſchwarz hineingewebt, als ſein Wappen. Ich mußt' es zetreißen. Denn Wahr⸗ 139 heit zwiſchen uns, leiſe gehauchte Wahrheit: Rom weiß! So wußten die Fremden und tru⸗ gen die Schande hinaus in die Lande der Hei⸗ math.„Kunſtgeſchichtliche Margarita!“ wollte ich ſagen. Aber das war überflüſſig. „Der Erzböſewicht!“ wirſt Du erzürnt ſa⸗ gen. So haben mich ſchon Viele genannt. Erz⸗ böſewicht! Ich habe nicht einmal dazu gelacht. Aber weine nicht dazu, wenn Du erfährſt, oder Dich erinnerſt, daß ich auch brav warz denn ich konnte lieben, herzlich lieben, und ſomit wäre Alles geſagt. Aber damit ein Weib es glaubt, daß ich brav war, ſo ſage ich auch: ich war eiferſüchtig, rückſichtslos, elend um ſie, lüderlich, gleichgülrig gegen die Welt, hielt auf die Ehre meines Vaterlandes Italien, auf die Ehre unſe⸗ rer heiligen Religion. Das gewinnt, das ver⸗ ſöhnt ein Weib! O Margarita! Verzeihe, ver⸗ zeihe! So wild mußte ich zu mir reden, daß ich nicht raſend ward vor Angſt, Dich nicht mehr wiederzuſehen. Es iſt überſtanden; ſo iſt es gut: Ich werde Dich nicht mehr ſehen, darum ſchreibe ich Dir. Du wirſt älter werden, alt; ſo wirſt Du lange ſitzen; dann wird Dich eines Tages Schwäche befallen, Du wirſt Dich hin⸗ 140 legen, nicht mehr aufſtehen, die Augen zumachen, und liegend werden ſie Dich hintragen zu den Todten! Da wirſt Du liegen und Dein ſchö⸗ ner Leib wird ein Todtengerippe ſein. Wahr⸗ lich, das iſt auch ein Troſt! Aber ein Jammer, daß ich nicht mit Dir lebte, ſo lange Du das Urbild der ſchönen Mnemoſyne warſt. Wer ſeine Geliebte nicht erhält, der hat die Welt verloren! Darum ſchreibe ich Dir. Ich ſitze auf dem Boden eines unbeſuchten, verfallenen Gartenhauſes am Berge von Op⸗ ſchina. Es donnert zum Fürchten; nur fürcht' ich mich nicht! Die Wolken gießen Regen in Strömen herab, die Winde heulen und ſauſen und peitſchen die Wolken und Wellen. Das Meer brüllt. Ich ſehe kaum mehr. Ich ſehe mich um, ob Bandelli nicht kommt. Er wird Dir den Brief von mir bringen. Er weiß, und verräth mich nicht. Darin ſind wir Italiener Alle eins— in Liebe und Rache. Ich weiß nicht iſt der Menſch darum eine Art Dä⸗ mon(Teufel) daß Ich gern vor Dich ſelbſt hinträte und zu voller Genugthuung nur ſpräche: — Du thateſt ſo, darum that Ich ſo! und wer hätte nicht ſo gethan, wer es ſo gewußt, wem ſo geſchehen wäre, wie mir. Verdammen 141 iſt Unſinn! Ein Verſtändiger ſpricht höchſtens: Gott ſei Dank, daß ich nicht Er war! Nicht ſeinen Weg zu gehen hatte mit ſeinem Herzen! Warum war mein Vater ſo ehrlich, das Geld des bei uns im Dorfe geſtorbenen reichen Fremden nach Rom zu tragen! Schon um die Uhr und die Ringe gab Dich Deine Mutter mir. So jung Du warſt, wareſt Du reif zur Frau. Und wie entzündete mich Deine Schön⸗ heit! Ich war der Erſte, der ſie einfach ergriff — ich hätte ſollen der Letzte ſein! Vielleicht nun ſagſt Du es ſelbſt! Denn weißt Du noch? . Es war Erndte. Brütende, ſtechende Hitze im Felde. Du und ich, wir ſchnitten Waizen. Deine kleine Schweſter lag im Schatten des einzigen Baumes am Sumpf. Du ſchnitteſt entblößt vor Hitze. Die Sonne ſahe Hich. Sie war frecher als ich. Sie ſchonte Dich nicht; denn plötzlich ſchrieſt Du laut vor Schmerz. Ich ſah keine ſchwarze Schlange. Du ſankſt hin! Es war der Sonnenſtich! Ich ſtarb faſt vor Schreck, wie ich Dich ſo roth ſah, wie Du anfingſt mit den Lippen zu blaſen, wie die Bruſt ſich hob, wie Dein Auge ſtarrte und glänzte! Ich entblößte mich, ich ſprang in den Sumpf bis an die Hüſten. O hätte ich doch zaubern 142 können alle Blutegel an mich! Aber da half nichts, als die himmliſche Geduld eines Mar⸗ morbildes. So ſtond ich, meinen Kopf mit gro⸗ ßen grünen Waſſerlilienblättern bedeckt, und noch die brennenden Hände darüber gefaltet, daß Ich nicht erkranke! O wie werth war mir mein Leben! So ſammelte ich an meinem Leibe Deine kleinen blutgierigen Retter. Und als ich eine halbe Stunde neben Dir ſaß, im Anſchauen ver⸗ loren, und wie dann Deine Stirn, Dein Hals, Deine Bruſt über und über blutete... wie ich Dich Schwankende heimführte zur Mutter— und wie wir das Kind vergeſſen hatten, von welchem der Schatten hinweggerückt war, nichts als der Schatten hinweggerückt war, und wie die Mutter nach ihm lief, während wir in der ſchattigen kühlen Hütte ſaßen, und wie ſie das indeß wirklich geſtorbene Kind brachte! Den nächſten Monat darauf gehſt Du nach Rom mit der Mutter, Deinem Heiligen zu dan⸗ ken. Das konnt' ich nur loben. Spät Abends willſt Du wieder kommen.— Der Abend ſoll noch kommen! Ich weiß nicht, daß ein neues Leben in Rom iſt, in das Du verfallen. Ich weiß nicht, daß dort ein alter Jsmael ſitzt, der wunderlichſte Tyrann: der Tyrann ſeines eige⸗ 143 nen Sohnes, des jungen Raphael, für welchen eben der alte Ismael Mengs, ſchlimmer als ein Kuppler, ſchöne Mädchen zu Modellen auffängt und aufkauft. Das war Euch unter der Oſterie, unter dem Capitol geſchehen. Der alte Ismael hatte Deine alte Mutter mitkaufen müſſen und gern gekauft. Ich haͤtte ſie auch mitgenommen, ja Deine neunzehn Geſchwiſter. Und Du warſt ſiebzehn Jahr jung. Alſo leicht beſchwatzt. Hab' ich Dich beſchwatzt? Ich war aber ein Narr, ich liebte! Und wer liebt, hat keinen Muth!l ſolchen Muth nicht!— Ich weiß nicht, daß der junge Raphael, der Dänenſohn Mengs, als Maler über Deinen Anblick erſtaunt iſt, als wenn ihm in Dir alle heidniſchen ſchönen Göt⸗ tinnen erſchienen wären, alle chriſtlichen Madon⸗ nen— in Einer Perſon, die ein armes Land⸗ mädchen iſt, und als er ſie um ihren Namen fragt: Margarita heißt; und daß er nun als junger Mann von zwanzig Jahren über Dich noch einmal erſtaunt und entzückt iſt, da Du ihm dienen willſt, ſeine Geliebte, ſeine Braut, ſein Weib, ſein Alles in Allem zu ſein! Denn ich weiß nicht, daß Deine Mutter zu Allem ge⸗ nickt und gelächelt. O, die alten Weiber e die Verderberinnen der jungen. 144 So bleibſt Du aus, von Bewunderung Deiner feſtgehalten. Ich gehe nach Rom, ich bringe Dir einen ſchweren Korb Bricocoli. Ich komme in unſere ſelbige Oſterie. Da ſitzt ein Cicerone auf ſeinen albernen Fremden warten. Wir ſprechen mit einander. Der Wirth weiß von Dir. Er weiß es noch beſſer.—„Die iſt willkommen! die iſt verſorgt!“ ſpricht er.„Die Maler können nichts aus der Luft greifen, als die Luft; und ſo brauchen ſie bis auf den Gür⸗ tel nackte Auroren, Galatheen, Nymphen, Bac⸗ chantinnen; und die Bildhauer brauchen Alles ganz nackend, welchen Theil ſie nun brauchen, oder Alles, wie bei einer Venus. Und welches Mädchen die Kleider ablegt... Nun wir wiſſen! Wir kennen die Herren! Wir kennen die Mäd⸗ chen: arme miſerable Thierchen, nichts in der Welt weiter als ſchön!“ Nun weiß ich, wo Du biſt. Ich finde das Haus. Ich gehe ohne Weiteres in das mir wohl beſchriebene Studium meines Mädchenräubers. Auf das Aeußerſte erbittert und entſchloſſen, ſtoß ich die Thür nicht eben ſanft auf— denn ich muß Dich überraſchen, wie Du daliegſt!— wie er ſieht!— wie er zu malen ſcheint! Teufel! was ſeh' ich! Da ſitzt auf einem Throne die 145 junge Mutter Gottes, wie ſie leibt und lebt! In einfachem Haarputz, in einfachem Morgen⸗ ländiſchen Gewande— der junge Maler Mengs malte eine heilige Familie. Ich falle vor Dir auf die Kniee, ich falte die Hände, ich ſenke mein Haupt. Das giebt Dir die Faſſung wie⸗ der. Denn Du biſt kaum mehr erröthet, als ich wieder aufblicke; Dein Geſicht iſt himmliſch⸗ wehmüthig. Der Maler lächelt. Ich blitze und rolle ihn an mit Augen wie Feuerräder. O er iſt ſo ſchön, er iſt ſo ſanft, er bleibt ſo mild, ſo glücklich. Er weiß alſo ſchon, wie mild, wie glücklich machend Du biſt! Dennoch faſſe ich ihn an der Schulter und lehre ihn: Meiſter, ich komme wieder, wenn es Ihr jemals ſchlecht geht! — Dazu lächelt er fort und blickt Dich an. Ich gehe. Wohin ich wollte? Wer konnte das. ſagen! Nirgend hin. Nur fort! Deine Mut⸗ ter kommt mir nach. Sie ſagt mir Eure änderung. Alles Jetzige. Alles Künftige. les! O ich begreife leicht! Aber, ſo war dennoch nahm ſie mir den Korb Bricocoli ab. Ein richtiger Alterweiberzug! Darauf trieb ich mich in Rom umher. Du haſt Deinem Raphael das Leben ſauer gemacht — er hat müſſen ein Chriſt(ein Katholik in Bd. V. 10 146 Römiſcher Sprache) werden, ehe er Dein Braut⸗ bett beſteigen dürfen. Darum habe ich Dir halb vergeben, Du haſt eine Seele errettet. Darauf ſah mich die Lady Montaigu. Ich gefiel der ältlichen lockern Perſon und begleitete ſie 1751 nach England. Dann ging ich in die Dienſte des ewigen Reiſenden, Eduard Worthley, des Sohnes des türkiſchen Kaiſers, oder des armen Dichters Pope, und meiner Lady. Ich war ſein Diener als er die lutheriſche Prediger⸗ krauſe trug; als wir in der Schweiz ackerten und ſäeten und als Poſtillone davon ritten; als er im Kleide eines Abbate in Rom fungirte und in Paris als Stutzer Aller Augen auf ſich zog; und lange noch, da er als Türke ſeine Gebräuche, Bäder und Waſchungen beobachtete und nur von Reis und Waſſer, Taback und Kaffee lebte, und neben ſeiner chriſtlich⸗türkiſchen Frau ſeinen chriſtlich⸗türkiſchen Harem hielt. O wie oft habe ich mit meinem Mitſklaven ihm an hellem Tage die Fackel vorgetragen. Nur wegen ſeines klei⸗ nen Negers, eines Pflegekindes, konnte ich ſo einen Herrn verlaſſen, den menſchlichſten Men⸗ ſchen auf Erdenz; den wahren Meiſter der Le⸗ benskunſt, der Alles ſelbſt verſucht und Snſſes, alles Elend und alle Freuden Aller. 147 Er gab mir in Paläſtina Reiſegeld bis nach Hauſe, und nahm mich dann doch noch frei mit bis Cairo und Alerandrien. Ueber Malts“ und Meſſina ging ich zu Schiffe nach Neapel. Von da mit einem Vetturino nach Rom. Wie ein ſchönes, buntes, großes Grabmal meiner und Deiner Jugend, fah ich die Berge der Heimath im Abendſonnenglanze. Ich war zu ſtolz zum Seufzen. Auch hatten mich die Reize der Welt gefeſſelt und zerſtreut. Zerſtreuung, das iſt die Frucht aller Reiſen. Die Heimath ſammelt die Sinne und die Seele wieder. Mir geſchah es auch, wider Willen. Denn in meiner Geſell⸗ ſchaft, oder ich in ſeiner fuhr ein Comte Muze⸗ lio und noch ein Anderer, ein Baron. Ich glaube Beide⸗Deutſche. Sie ſprachen von Rom, als wir es von den Bereh von Mbano vor uns liegen ſahen. Rom und Italien, Groß- und Klein⸗ Grie⸗ chenland, Aegypten, das ganze Alterthum wird nun hell; ſprach der Graf zum Baron. Son⸗ derbar, daß die Deutſchen erſt allen Völkern das Licht aufſtecken, oder ihr Grab erleuchten! Daß erſt ein Deutſcher aus einem Winkel bei Dres⸗ den kommen muß, um gleichſam erſt ſichtbar zu machen, was ſo lange nur, wie o Blinden 10 148 ſtand! So viel Wunder und Götter und Göt⸗ tinnen! Mit einem Wort: das Schöne! die Liebe zum Schönen! Er muß erſt ſagen, daß die Griechen eine Kunſtgeſchichte hatten in ihren Werken, was die armen Griechen ſelbſt nicht wußten, und nur in den Tag hinein meißelten und malten, wie die Italiener, von Giotto an bis auf unſern Deutſchen Raphael, Mengs. Winkelmann ſchreibt nun die Kunſigeſchichte, ſie iſt bald fertig, und er heißt dadurch ipso facto und implicite alle Italiener Eſel und Staar⸗ blinde. Ich glaube, daß ſie wüthend ſindz Baldani, Fantoni, Maffei, Morcelli, Marini, Zorga, vor allen der Fea, der geſcheide Fea! „Es iſt nicht gut, die Italiener zu Feinden zu haben, früher oder ſpäter, oder ganz ſpät noch wird ihr Feind ihr Opfer!“ verſetzte der Baron. „Winkelmann iſt ja zu ihrer Religion über⸗ getreten— das ehrt ſie! Sie werden ihn ſchonen!“ „Wenn er ſie nicht verlachte!“ „Ein Künſtler und ein Kunſtrichter können gar keine einzelne weltliche Religion haben, um freis zu arbeiten und zu urtheilen. Sie haben 149 die Religion aller Völker und Zeiten, das Sub⸗ limat daraus.“ „Das Sublimat!“ Erlauben Sie mir, lie⸗ ber Muzelio, ich habe ein Werk: über die Sitt⸗ lichkeit der Künſtler und Kunſtrichter geſchrieben; daraus möcht' ich ein wenig recapituliren. Un⸗ ſere beiden großen Deutſchen, die Freunde Win⸗ kelmann und Mengs, werden Keiner über funf⸗ zig Jahr alt. Erleben Sie es! Der Künſtler muß ſittlich denken und leben, das Höchſte und Schönſte und Edelſte muß er begreifen, ja aus ſich erzeugen— und dazu darf er kein Schwein, kein Teufel ſein! Wir reden hier in der Vet⸗ tura, es hört uns Niemand. Das Kapitel habe ich tief und breit ausgeführt, was er Alles kön⸗ nen und leiſten muß, alſo dazu gezogen und ge⸗ boren ſein, und ſich darnach halten, heilig und keuſch, wie eine Madonna, ehe die Engel vor ihrem Kindlein darnieder fielen. Hinterher aber auch. Denn er ſoll immer Heiliges, Schönes, Reines, Göttliches zur Welt bringen, bis in das höchſte Alter, wie Sophokles. Wie kann er edle Charaktere dichten oder malen, als aus Wunſch, als Gegenſatz zu ſich, alſo aus betrübter Seele, wenn er ein Wollüſtling iſt, wie der berühmte Maler R. ₰ oder ein Weinſäufer wie. . 150 ein Spiele wie ₰ ein Betrüger wie„3 oder nur ein Schlemmer an koſtbarer Tafel, ge⸗ radezu geſagt, wie unſer ſonſt koſtbare und voll⸗ kommene Mengs. Ein einziger Fehler am Men⸗ ſchen iſt genug, ſein ganzes Leben, ſeine ganzen Werke für den wahren Menſchenkenner zu ver⸗ derben, die er erheuchelt hat! Heucheln, wel⸗ che Schmach für ihn! Und im zehnten Kapitel weiſe ich nach, welchen Verluſt die Welt durch die Lüderlichkeit der Künſtler erleidet— näm⸗ lich, ſie verliert alle die Werke, die er nicht ſchafft, weil er frühzeitig, oder immer zu früh ſtirbt. Und im Grunde des Herzens achten die Menſchen doch nur die Werke eines Meiſters nach ſeinem Werth und Charakter. Ein Kunſt⸗ richter aber, oder gar ein Kunſigeſchichtſchreiber, möchte noch göttlicher ſein, als ein Künſtler, mit tauſendmal mehr Energie, denn er richtet in ihren Werken für den Verſtändigen doch eiun lich nur die Künſtler.“ „Und, darf ich bitten— S. von der Re⸗ ligion dispenſire ich unſern gründlichen Heiden, der auf die beſte erſt wartet— was verdirbt denn den Herzkern unſers Winkelmann? Woran wird Der zu frühe ſterben?“ fragte der Comte Muzelio. 151 Der Baron rieb ſich die Stirn, ſo daß man einen Augenblick den Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes nicht ſah, und erwiederte dann ſanft und ſicher und weich und betrübt:„Am Mengs!“ „Am Mengs?“ „An ſeiner hohen edlen antiken Freundſchaft, die ihm ſein Weib koſtet. Sein ſchönes, aber wie man ſieht, doch eigentlich gemeines Weib.“ Das Wort ſchlug in mich ein. Ich war wie ermordet, und ballte noch ſterbend die Fäuſte. Aber Arcangeli kann ſich verſtellen, ſonſt hörte er ja nichts mehr! Selbſt blaß werden durfte er nicht, ſonſt hätten die guten Männer gemerkt, ihr Reiſegefährte verſtehe Deutſch. Aber auch der Comte war ſtumm geworden, und ſprach erſt nach einiger Zeit:„Sie überraſchen mich! Ich muß Ihrem Buche Recht geben. Sie ha⸗ ben mich präparirt. Aber wie ſtehtes? Weiß der arme Mann?“ „Wie kann er nur ahnen!“ ſprach der Ba⸗ ron.„Auf ſolche Worte von Winkelmann, von reiner, feſter, treuer, beſchützender, ſtarker, un⸗ ſterblicher Freundſchaft auf Leben und Tod, auf ſolche Sehnſucht danach, auf ſolche Freude über den in Mengs gefundenen Freund, wie ſoll der ſorgloſe Ehemann da ein faſt auf Erden ver⸗ 152 ſchwundenes zu herrliches Gut, für den Mantel der Falſchheit, die Brücke zu ſicherer Treuloſig⸗ keit, zu herzloſem Betruge halten! Das glaubt kein einfacher Mann, geſchweige ein nobler, in ſeiner Kunſt wie gefangener Ritter— der arme M.(Er ſprach den Namen nicht aus.) „Aber wie ſoll der W.„(der Comte ſprach gleichfalls den Namen nicht aus) daran ſterben?“ Da fuhr der Teufel in mich, herauszu⸗ platzen und aus meiner erwachten Seele zu ver⸗ ſichern: Ja, daran ſtirbt er! Nichts geht na⸗ türlicher zu! Denn Ich lebe noch! Ich komme ſchon. n Ich ſah zum Schlage hinaus, wo Deine Heimath in der Abendſonnengluth ſchwomm, wie in einem durchſichtigen Meere aus Duft, Mar⸗ garita! und die Röthe der Sonne bedeckte die Schaam und Wuthröthe in meinem Geſicht. Darüber hatte ich gewiß des Barons Antwort uͤberhört, deren Ich nicht bedurfte, und der Comte ſprach entſchuldigend weiter: Immer möcht' ich den Menſchen ſagen: laßt doch Be⸗ dauern und Schonung an die Stelle der Empö⸗ rung und des Zornes, der Unzufriedenheit mit Menſchen, in Eure Seele treten! Seht nur * 153 ein, es geht Alles natürlich zu; da draußen und in der Seele eines Jeden, er mag dann erſchei⸗ nen, wie er will, rechtfertig oder unrechtfertig. Selbſt der Irrthum wächſt ſo natürlich im Men⸗ ſchen, wie das Gras auf dem Felde, und bringt ſo natürlich, ja ſolche natürliche Früchte, wie der Feigenbaum am Wege. Wie Keiner von allen Millionen Menſchen dieſelbe Krankheit ge⸗ habt, ſondern ſeine höchſteigene, ſo hat noch Kei⸗ ner von allen Millionen Menſchen, Männern und Weibern, dieſelbe Sünde begangen, Jeder nur ſeine eigene. Ich kehre es alſo um und ſage: es giebt Millionen Urbilder zu dem Einen Abbild, unzählige innere Racen Seelen von Männern und Weibern in der Einen Menſchen⸗ haut— der armen Haut! So giebt es unter vielen andern nun Phantaſie⸗Seelen. Die Phan⸗ taſie wird mit Recht halb roſenroth, halb raben⸗ ſchwarz gekleidet abgemalt, und wahrlich ſie iſt halb vom Teufel! Denn alle ſolche Phantaſie⸗ ſeelen ſündigen nicht wie Andere; ihrer Meinung nach ſündigen ſie gar nicht, ſie wollen es nicht, ſie glauben es nicht; ſie wollen in der Welt ganz etwas Anderes, und an dem, was ſie wol⸗ len, ganz etwas Anderes; ſie wollen Luftgeſtal⸗ ten, Himmelsträume unter den körperlichen Din⸗ 154 gen, die ſie ergreifen— aber ſie dennoch da⸗ durch verderben, wie ein Wahnſinniger, der nur den blauen Duft an einer Pflaume, oder die Farbe, die eirunde Geſtalt derſelben eſſen will, aber richtig ſomit die ganze Pflaume ver⸗ zehrt! Und ſo glaub' ich von Winkelmann nie, daß er die Ehe brechen, daß er Mengs Frau be— ſitzen will, oder ihr und ſeinem Freunde wehe thun! Sie iſt ihm eine Antike, eine le⸗ bendiggewordene Göttin, eine Madonna, eine Diana— „Halt! Da haben Sie ihn ſchön erklärt!“ rief der Baron mit einigem Hohn.„Wenn er ſie dafür hält aus Phantaſie und ihrer ſchönen Göttinnen⸗ und Madonnengeſtalt zufolge, und durfte ſelbſt Alcibiades ja ohne Todesſtrafe nicht einem Merkur die Naſe wegſchlagen— ſeit wann darf denn ein Chriſt, ein Katholik, eine ſolche Göttin ſo körperlich behandeln? Das er⸗ innert an den Engländer in der Peterskirche, deſ⸗ ſen liegende Göttin nun wohlverwahrt iſt gegen Phantaſieen mit Fleiſch und Bein!“ „Sie haben Recht!“ geſtand der Comte. „Wenn Sie oder die Welt dem ganzen Win⸗ kelmann dadurch Feind würden, ſo beraubten Sie ſich ſeines Lichtes, ſeiner Fackel, des Gluth⸗ 155 und Liebesbrandes, den er neu in die Welt ge⸗ worfen hat, und das wäre Ihnen und der Welt ein Schaden, ein Verluſt. Eben jenes Unlöb⸗ lichen wegen beſitzen Wir und haben Sie viel⸗ leicht, ja gewiß nur das Löbliche, Herrliche! Und dieſe Anſicht eben iſt es, die der Welt räth, über das Privatleben und Glück der Künſtler ein Auge zuzudrücken und dankbar die Früchte zu nehmen, die nur auf ſolchen zerzauſten und mark⸗ hohlen Bäumen wachſen konnten, wie hier die Früchte der Oliven auf dem alten Olivenbaume!“ „Nicht übel geſagt, aber falſch, wie mein zwölftes Kapitel beweiſt,“ bemerkte der Baron. „Uebrigens bedenken Sie,“ fuhr der Comte fort,„daß Winkelmann ein Weiberfeind und ein Hageſtolz war, und wohl noch iſt! Er hat ſo⸗ gat aus den Griechen gelernt, und aus der Na⸗ tur, daß das männliche Geſchlecht, das ſchön⸗ ſte iſt, das weibliche aber blos das ſchöne. Und er iſt der Prieſter und Lehrer der Schön⸗ heit. Aber es giebt keinen gründlichen Weiber⸗ feind, es kann keinen Weiberfeind geben, nur hier und da Jemand, der Eines Weibes Feind iſt, und es aus Zorn nun blind über alle wird, weil ihm die Gemeinte nur: die einzig Ge⸗ kannte und Begehrte, kurz die Geliebte war⸗ Die Weiberfeinde ſind alſo im Grunde die tief⸗ ſinnigſten ſchrecklichſten Freunde des Weibes. Welche Biene auch könnte der Feind des Kleees ſein? und der Blumenkelche? Oder welcher Bär ein Feind der Honigbäute? Welche Taube eilt nicht zu Neſte? Paar heißt die wahre Einheit. Und kann ein Menſch verſchloſſen und einſam richtig abblühen, wie eine Feige? Das ſcheint mir ein Widerſpruch der Natur, die ſich nie widerſpricht, weil ſie nicht kann; deswegen iſt ſie Natur, und alles natürlich. Vielleicht war er ein Hageſtolz, weil er lange ein armer Teufel war, oder er ſahe kein recht ſchönes Weib, und alſo ohne Liebe ſahe er, daß die Schönheit kaum wenige Jahre dauert. Darum ſchien ihm ſeine Seele über die armen Sterblichen erhoben. Er wollte Marmorbilder! Feſtes Schneefleiſch, Un⸗ verwüſtlichkeit, höchſten Anſtand— er iſt oder war alſo ſo dumm nicht— er will Gött⸗ liches, Göttinnen im Leben, Menſchengöttinnen, Männergöttinnen. Und die Natur hat ſie! Sie bringt ſie ewig hervor und beſiegt damit Jeden⸗ Ein Weib beſiegt alle Marmorgöttinnen, ge⸗ ſchweige Nymphen, Bacchantinnen und Mäna⸗ den, durch ihre lebendigen, geltenden, hinreißen⸗ den, unentbehrlichen Reize, ihr tiefes ſinnvolles 157 Weſen. Und wenn eine Braut übermorgen ſtürbe, der Bräutigam müßte die heut dennoch— um es bürgerlich auszudrücken— heirathen. Der Triumph des Lebendigen iſt vollkommen. Alles Kunſtwerk iſt doch nur wichtig als Schein des Lebens, als von der Sonne leuchtende Monde. Und alſo welcher Irrthum, daß die Natur erſt durch den Künſtler ihre vollkommenſten Werke hervorbringe. durch den armen Stümper und Nachpfuſcher, der Gott dankt, wenn ſie nicht unnatürlich ſind, und Gott zu danken hat, wenn ſie ihr ähnlich ſehen, nicht ſind. Denn das ſol⸗ len ſie nicht; Kunſtwerke ſollen nicht Natur ſein — ſonſt wären ſie eben keine. Alſo der Kunſt ihren Kreis, ihr Geſchäft gelaſſen, ich will ewig verdammt ſein: blos todte Kunſtwerke zu ſehen, und die lebendigen ſollen mir verſchollen ſein, wenn der große Urkünſtler nicht ſchönere Werke macht als der Menſch! Ich will blind werden, wenn nicht tauſendmal ſchönere Weiber geſehen, als das nackte arme Ding, die Venus in Flo⸗ renz, oder die Venus in Rom von Praxiteles!“ „Ich beſtätige das!“ rief der Baron. „Aber daß die lebendigen ſchönen Werke nur ſelten zu ſehen ſind, oder ihre Schönheit ſehen laſſen, ſehen laſſen können. Und ſo geht 158 eine heilige, heimliche Maſſe Schönheit und Reiz und Götterhaftigkeit— in einſamer Stille ver⸗ blühend— die Augen und Seelen Sb verloren! Jammervoll!“ „Ich beſtätige das!“ ſprach der Suon noch einmal. „Von Ceſena hernby um Sinigagtia, An⸗ cona, Loreto und Reccanato ſind Frauen ſo weiß, wie in die Welt geſchneit; wenn das ſein muß; aber weiß iſt matt und geſpenſterhaft, darum malten die Alten ihren Marmor. Ja, wenn ſanft⸗roſig die Grundfarbe eines ſchönen Leibes wäre, ſo wollt' ich auch dazu die Muſter heimlich nennen, Oder auch, wenn feſtes mar⸗ morartiges Fleiſch die Bedingung zur Schönheit wäre oder das Haar! Oder die Augen! der Blick! die Gluth! die Arme! die Liebe! Denn wenn nun ein ſchönes Weib da iſt, wenn Hun⸗ derte da ſind, wenn die Erde und die Hütten nicht ärmer und wonneloſer ſind, als die armen paar Muſeen— dann, dann iſt die Schöne erſt tauſendfältig ſchöner als ein Marmorbild! Sie iſt in tauſend Momenten und Situationen ſchön durch Geiſt und Beweglichkeit, durch holde Sprache und Hauch der Liebe, der Wehmuth, der Trauer und Wonne— indeß die Eine Ve⸗ 159 nus von Marmor daſteht Tag und Nacht bei ſchlechtem und gutem Wetter— gleich; bei Un⸗ glück und Glück im Hauſe— gleich; bei Liebe und Haß— gleich. Daß dieſe Erhebung der Marmorgöttinnen nicht brauchbar, nicht genü⸗ gend iſt, und etwas rein— Unmenſchliches hat, das etwa nicht gar göttlich iſt; wer iſt ſo ver⸗ blendet über die höchſt ſchönen lebendigen Werke des allreichſten, allſeligſten Meiſters, das nicht zu empfinden!“ „Winkelmann hat alſo ſie, die wir meinen, geſehen?“ lächelte der Baron kopfſchüttelnd.„Et hat alſo den göttlichen Meiſter über ſeine Nach⸗ pfuſcher und Stümper geſetzt!“ „Hören Sie mich aus!“ fuhr der Comte in Eifer fort.„Da hat er gewiß überlegt: vb denn nun ein ſolches wandelndes Götterbild Aphrodite, Here, Artenis heißen müſſe? Oder“— ob ſie nicht auch Angela, Sabina, vielleicht gar Mar⸗ garita heißen könne! Ob zu ihr gebetet wor⸗ den ſein müſſe, oder ob ſie zu Jemand bete— was noch ſchöner ausſieht: ein Weib im Ver⸗ ehren! Zuletzt hat er ſeinen ganzen Glauben, einen ſeligen Glauben der kindlichſten Herzen, aufgeben und ſagen müſſen, oder ſich heimlich geſtehen, daß es vielleicht, ja gewiß, gar keine 160 Iſis, Aphrodite, Juno, Diana gegeben hat! Daß er alſo einen thörigen Kinderglauben, einen Griechenglauben gehabt! Daß alſo eine ſchöne wirkliche Römerin, oder ein unvergleichlich ſchö⸗ nes Landmädchen aus der Campagna, beſtimmt unzählige Male mehr werth ſei, als eine ſolche alte Göttin, die gar nicht geweſen ſei, und nur noch als marmorweißes Geſpenſt ſcheine da zu ſein, und daß es alſo gerade für einen Mann doch männlicher ſei: ein Weib zu verehren, das ſich verehren laſſe auf alle menſchliche und gött⸗ liche Weiſe! Und nun wenn ſie bildſchöne Kin⸗ der hat, denkt er an die wandelnden Wunder⸗ werke, die Hephäſtus gemacht haben ſoll, und glaubt an Den auch nicht mehr, deſt froher aber an ſich!“ Der Comte lachte zu ſeinen verſteckten Sar⸗ kasmen, die dem redlichen Mengs die Ehre und mir bald das Herz koſteten, in welchem Du einſt geherrſcht hatteſt, o Margarita! Margarita! Ich brach los! Ich ſprach auf Deutſch: „Ich würde Sie doch warnen, das Verhältniß in der Fremde wo auszuplaudern! Der Ruhm bedeckt es vielleicht und begräbt es!“ Wir waren ſchon zum Thore hineingeſchellt mit unſern Maulthieren, und fuhren gerade am 161 Coliſäum hin, da riefen die Männer, anſtatt mir zu antworten, mit Freuden: Da ſind ſie ja! da ſind ſie! und riefen: Halt! Ich blickte hin. Da gingſt Du, Marga⸗ rita, zur Rechten Deines Mannes, und Winkel⸗ mann ihm zur Linken! Und Jedes von Euch hatte ein Kind von Dir, von Dir gewiß, an der Hand. Es war eine ſchreckliche Geiſterer⸗ ſcheinung! Und ich nannte Dich, glaube ich, ein armes Schaaf. Auch fielen mir die Worte: der Bock!.. und: der Engel! aus dem Her⸗ zen. O Wiederſehen, du biſt nicht immer froh! Es iſt auch beſſer, Manche nie wieder zu ſehen! Die Herren ſtiegen aus, eilten zu Euch und ich Verlorener verlor mich in Rom. Ich ließ mich für mein letztes Geld nach und nach von drei der beſten Ciceroni herumfüh⸗ ren, und ſchrieb mir ihre Weisheit auf, und ward dadurch ſelbſt ein Cicerone⸗ So führte ich auch Fremde zu Euch, aber jedesmal nur bis an die Thür. Da geſchahe mir anders. Ich hatte wild in der Welt gelebt, um Dich zu vergeſſen. Im Morgenlande lebt man meiſt nur mit Männern. Und wie iſt das Leben blos unter Männern! Frech! Antik! Das iſt Alles geſagt. Da fällt freie Rede, da Bd. V. 11. 162 hat man eine andere, vielleicht die richtige An ſicht von den Weibern, da werden Dinge erzählt und gehört, und gemerkt, ſo daß man in dieſem Kreiſe endlich verwöhnt und verſteinert, alle ehr⸗ bare, beſſere Sitte, ſelbſt die noch anſtändige Italieniſche, rein verlernt, und zuerſt ſo handelt und lebt, dann ſo denkt und wird, zuletzt ſogar ſo ſpricht und erſcheint, daß man Jahre braucht, um einigermaßen wieder anſtändig und anhörbat bei Uns zu ſein. Ich entbrannte in Dich, weil Du nun ſo warſt, wie ich gehört. Denn ich führte ſo, wie ich war, einſt einen Franzoſen in die Villa Albani, vor Porta ſalara. Da hatte der Mengs dem G6jährigen Cardinal Aleſ⸗ ſandro Albani das Deckenſtück im Saale gemalt. Das ſind ſchon zehn Jahr! Doch es iſt Nacht! Ich muß ſchlafen⸗ Ich habe nur noch den Schlaf— bis zu dem Schlaf, aus dem die Poſaune nur weckt. Gute Nacht! Gute Nacht! Ich dächte, es wären ſchon Todte genug, daß ſie blaſen könnten! Wenn ich ſterbe, ſind alle Menſchen todt! 163 — den 9ten— Guten Morgen, Margarita! Der Morgen war herrlich! Die Morgen⸗ röthe, die Sonne, das glühende Meer, die Berge! Alles! Auch ich ſah es, ſo wonnevoll wie es iſt— bis mir einfiel, warum ich das Alles hier ſähe! Was aus der Welt mich hierher gejagt! hier bannt! Und doch hab' ich geſchlafen wie ein Gott! Doch war ich ſo lange froh. Es giebt alſo zwei Seelen in uns, eine ewig ſelige, und eine arme irdiſche; ſie heißt: Erinnerung, und ohne Erinnerung wären alle Menſchen ewig ſelig. Winkelmann hat nun die erſte Nacht im Fegefeuer geſchlafen, oder gewacht, denn dahin wollte ich ihn, zum Klugwerden. Indeß hat der Wächter, der ſogenannte Todtenvogel, in der Locanda grande ſeinen Leib W Wahrlich 164 aber, es giebt auch ein Fegeleben, wo die Sonne heizt— das lebe Ich! Zuerſt als guter Katholik muß ich beichten, daß ich von meiner Sünde abſolvirt werde! Dann bleiben mir, wie Jedem Andern, zwanzig Mittel: durchſchlagen, ſich hängen, erſtechen, auf einem Schiffe in's gelobte Land fliehen, ſich er⸗ hungern, gefangen geben u. ſ. w. Ich will Dich damit nicht beſchweren! Doch ſchreibe ich Dir heut viel gelaſſener. Als ich mit dem fremden Maulaffen in den Saal der Villa Albani trat, lag mitten in dem⸗ ſelben auf einem dahin geſtellten Lotterbette ein Mann platt auf dem Rücken, ſtarrte über ſich an die Decke— wo er Dich anſtarrte, Dich, die ſchöne Mnemo ſyne im blauen Gewande, die Mutter der Muſen. Der Mann ſchämte ſich gleichſam, ſprang auf⸗ ſahe ſich hochroth gewor⸗ den um und ging; man ſagte mir: das iſt Win⸗ kelmann, der Fatutto des Herrn Cardinal! Als darauf mein Maulaffe vom Lotterbett aufſtand, ſtreckte ich mich darauf, wie zum Tode aber⸗ Ich behielt die Augen zu und mein Blut ſiedete. Endlich that ich einen Blick! Du warſt es! Du goſſeſt Schönheit und Liebe hinunter aus Deinen Augen— auch auf mich Armen. Ich 6 165 Starker, ich Alberner, war ohnmächtig gewor⸗ den, und der Maulaffe ſtand mir bei. Ich er⸗ erholte mich vollends erſt vor dem Bilde der Lukrezia, die Sixtus mit dem Schwerdte bedroht, und die ſich bedrohen läßt! So ging es zu. Nun weißt Du, wie Jeder die Welt verſteht nach ſeinem Sinne— als ich in der Nacht, wo Du allein warſt, Dich überraſchte. Wie ich aber auf dem Weingeländer vor dem geöffneten Fenſter ſtehen blieb, denn Dein Kind war krank! Und Du ſaßeſt mir als mater dolorosa da. Du ſaheſt mich an. So ging ich Dir langſam un⸗ ter, wie ein verfinſterter Mond. Das Kind war die Nacht geſtorben. Und Ich war der Mann von der Brüderſchaft in weißer Vermummung und Maske, der Dein Kind darauf in die Kirche di San Michele grande zum Begräbniß trug! Hinter dem Du weinend und wankend gingſt! Ich war es! Aber ich weiß auch, daß der Mann, der in einem Winkel der Kirche ſaß, und wohl nur zu weinen ſchien, weil Du ſchluchze⸗ teſt, daß es Winkelmann war. Weß alſo das Kind war, dachte ich mir nicht. Denn mit Dir war ich fertig. Du weißt, daß unſere Chemän⸗ ner ſelten den Freunden ihrer Weiber den Hals brechen. Einer der Liebhaber dem Andern aber 166 nicht ſelten. Dein lieber, guter Mann beſaß Dith mit Recht. Er machte Dich glücklich. Was wollte ich da? Aber der Dich unglücklich machte, falſch auf Erden, verdammt im Himmel der war nun mein Feind! Aber wie lange ſich Freundſchaft und Feind⸗ ſchaft ſo oft in der Welt hinzieht, wie Wetter! Ich ward darauf Diener und eine Art Camet⸗ lengo bei dem General der Jeſuiten. Ich bekam da ſo viel zu beten, als zu eſſen und zu trin⸗ ken; ungeheuet. Mein General brauchte den Cardinol Alhani, als den redlichſten Freund der Geſellſchaft Jeſu, der geiſtiger Tod, Auflöſung, bevorſtand.„Ohne Zionswächter kein Zion!“ war meines Generals Wort, mit welchem er Alle entließ. Kurz ich ſahe bald im Hauſe, daß un⸗ ſere geheiligte Religion nur gar mühſam erhal⸗ ten wird, und geſchweige erſt eine Kirche. Da⸗ her war mein General mit dem Cardinal oft in Streit über Winkelmann, denn er hatte ſeinen Landsleuten, die ihm ſeinen Uebertritt gar ſehr verübelt, wiederum gar offen geantwortet. Bei Mengs war das ein Anderes; denn wie ihn ſein Vater zum Maler geprügelt, wie Er ein Weib für ihn genommen, ſo war er auch für ihn, durch ihn, und in ihm katholiſch geworden. 167 Mengs hatte keinen Willen, blos kindlichen Ge⸗ horſam gegen ſeinen Vater, und Liebe; war ſtill und liebenswürdig, daß es Jedem leid that⸗ Winkelmann widerſtand aber der Welt, ſprach ihr Hohn und ſetzte ſeinen Kopf darauf, klüger zu ſein als Alle, was er ſich als Schulmeiſter angewöhnt haben ſoll. Indeß die Welt iſt eine Schule aus großen, gewaltigen dummen Jungen, deren Jeder, wie ein Schulmeiſter, auch auf ſei⸗ nem Kopfe beſtehen will. Die Verachtung macht die größten Feinde und giebt ihnen Sporen und Steigriemen. Winkelmann ſollte Präfekt aller Alterthümer in und um Rom werden, ſeine Kunſtgeſchichte ſollte erſcheinen, da war Miß⸗ gunſt und Neid, Haß und Wuth, Eitelkeit, Va⸗ terlandsliebe, Religion und Gelehrſamkeit auf den Beinen und lief in Rom in vertrakten Ge⸗ ſtalten in den Häuſern umher! Was thaten ſie aber Gründliches? Ich lachte dazu. Indeß machten ſie ihn doch lächer⸗ lich; und ſo war ich thätig dabei. Der jüngere Fea hatte ſich durch Beſtechung— das beſte Mittel der Welt, Alles durchzuſetzen, was An⸗ dern als Unmögliches gar nicht einkommt— nach und nach Abſchrift von Winkelmanns Ge⸗ ſchichte der Kunſt zu verſchaffen gewußt; der 168 grundgelehrte Mann arbeitete wie ein Pferd und Eſel zuſammen, Tag und Nacht: an einer ſpä⸗ tern Italieniſchen Ausgabe des Werks, und ver⸗ ſicherte meinem General, daß kein wahres Wort am ganzen Winkelmann bleiben werde, ſolle und könne, ſo falſch ſei Alles bis auf die Citate!— ———„und bis auf den Geiſt! die raſende Begeiſterung für die Schönheit der alten Welt, und das Feuer der Liebe für ihr altes, ächt⸗ menſchliches Leben!— wie ſie es nennen!“.. ſetzte der alte Padre Maffei dazu, und zweifelte an dem tödtlichen Erfolg. Es wurden alſo noch andere Ränke geſchmiedet, oder richtiger, gemei⸗ ßelt, gemalt und geſchrieben. Ein Engländer gab aus den Geſprächen mit Mengs und Win⸗ kelmann ſeine Gedanken über das Schöne, als ſein Eigenthum heraus. So war die Origi⸗ nalität zweifelhaft für jetzt und immer. Mengs wurde aus Luſt: die neue Malerei der alten würdig zur Seite zu ſtellen, ſogar überredet, einen Jupiter mit dem Ganymed zu malen. Das mit Fleiß altgemalte Bild ward in ein altes Bad vergraben, unter Winkelmanns Augen ausgegraben, der ſelbſt ſeinem Freunde zum Trotz in die alberne Welt hinaus verſicherte: ſo Etwas käme gar keinem Maler mehr ein zu 169 malen! Der Verfaſſer lachte nicht einmal; denn alle Minen ſollten auf einmal ſpringen. Caſa⸗ nova hatte desgleichen zwei antike Bilder gemalt, vergraben und finden laſſen, welche der Genartte in ſeiner Kunſtgeſchichte als unnachahmlich pries, wie die Pompejiſchen Bilder, die, unvergleich⸗ lich und alles Neue übertreffend, doch nur Werke von Stubenmalern wären. Auch der Betrug ward bis zur Zeit verſchwiegen, indeß heimlich die Verlachung in Rom wuchs. Der Bildhauer Cavaceppi hatte ein Weiberknie nach der ſchön⸗ ſten lebendigen Frau in Rom, nach einer gewiſ⸗ ſen Margarita Mengs in Marmor gebildet, es beizen, vergraben und finden laſſen— und der kaum Genarrte hatte es als das größte Meiſter⸗ ſtück der Erde geküßt und gegen ſeine Bruſt ge⸗ drückt.„ ch Mir wird raſend zu Muth! Ich kann kaum fortfahren, wenn ich bedenke, welcher Ken⸗ ner er wirklich war. Gut! Er war! Darum fahre ich fort: Winkelmann, unſer Feind, hatte ſeiner Freundin Mann, dem Spaniſchen Geſand⸗ ten, als den beſten Maler des Jahrhunderts ſo empfohlen, daß der arme Mengs nach Spanien ſollte, und, wenn nicht auf die ganze Zeit, oder die erſten Jahre, doch auf das erſte Jahr ſein 170 Weib, wegen der vielen ſich häufenden Kinder in Rom zurücklaſſen wollte. Die Empfehlung war alſo eine in den eignen Kober, Margarita! Ich war empört! Dafür ward nun Winkel⸗ mann allen Königen als der außerordentlichſte Mann ſeit Untergang der alten Welt empfohlen, der eine neue Zeit oder doch die alte wiederbrin⸗ gen werde. Darauf erhielt er Einladungen zu den Hyperboreern. Nun ſprangen die Minen zugleich. Zeugen und Helfershelfer bei den gro⸗ ben Täuſchungen begründeten den ſchnöden Selbſtbetrug, das Gelächter, den Spott. Seine Briefe, das Gedruckte, war nicht mehr auszu⸗ kratzen. Pasquino ſchrieb, Puleinella krähte da⸗ von. Ich betrank mich vor Freuden zum hun⸗ dert und erſten Mal. Das bekam ihm übel. Zunächſt aber mir! Ich hatte mich in die wild⸗ verwachſene Myrthenlaube am Ende des Gartens um unſere Villa auf Monte mario gelegt. Zum Unglück war Congregation bei meinem Herrn geweſen. Wie ich nüchtern erwachte und die Augen aufſchlug, ſah ich zwei Männer draußen am Eingang ſtehen, deren ſich jeder mit dem Ellenbogen an eine Pfoſte ſtützte. Der Eine war mein General, der Andere ein vornehmer Fremder, ein Geſandter, Geſchickter, oder ein 17¹ Prinz. Auch unterſchied ich die Stimmen der Cardinäie Albano, Paſſionei und des Stadt⸗ ſekretairs Archinto. Ich ſollte nun aufſtehen, und mich melden, ehe ſie ſprachen. Aber mir waren von Auswärts große Belohnungen für gewiſſe Nachrichten verſprochen; ich dachte daran jetzt nicht, ſondern blieb nur aus reiner Dumpf⸗ heit ſitzen. Das Geſpräch war deutlich nur ein leichtes Nachgewitter. Manches Wort ſiel in mein Ohr. Unter andern ſprach mein General auch:„Welche Entſchuldigung können wir geben, daß wir immerfort die Prüfung des klaren Wiſ⸗ ſens und der Vernunft verdammen, und alle zerſchmettern, die wir erreichen, verläugnen; und verfluchen, die wir nicht erreichen? Daß wir alle mögliche Menſchen mit allen möglichen Lei⸗ denſchaften und aller möglichen Ausübung dul⸗ den, mit allen Laſtern und Verbrechen beladen behalten und ihnen, wie Jedem die Seligkeit verbürgen, damit das Gemüth nur ein ſtilles Leben im Traume lebe, damit ſie die Unſern ſind? Hilf Gott! wie ungeheuer iſt der Schooß der Kirche! Was war Abrahams Schooß gegen unſern? Aber wenn wir nun mit dem Leben aller Art aufgegangen und Eins worden ſind— ſo geht Eins mit Uns nicht auf! Doch! Was 172 macht denn das Leben zu Leben? Etwa die Kunſt? die Malerei? der Geſang?— Was macht das Leben zu einem ſchönen Leben? Etwa wiederum Bilder? Träume?— oder die hohe geiſtige Klarheit über die Welt? Sind wir nun unſerer Sache ſo gar gewiß? Noch meiner Frage und Antwort: nicht! Kaum! Kaum lange mehr! Jetzt öffnen wir gar noch zu un⸗ ſern Dingen und Weihungen— was? Das alte Heidenthun! Laſſen nackte Weiber und Männer oder, was noch ſchlimmer iſt: in der Bedeutung von Göttinnen und Göttern aufer⸗ ſtehen, gehen hin ſie bewundern, beſtaunen, mit lüſternem Blick mit der ganzen Seele Welchen Nebenſaal der Welt thun wir da auf! Oder war er, blieb er, muß er bleiben, wie ſo man⸗ ches Saamenkorn aus der alten Welt nur ſchla⸗ fen liegt, um wieder zu erwachen, um in neuer Zeit alte ewige Frucht zu bringen? Sehet zu, was geſchieht! Wer ſind wir, wer werden wir, wenn wir hinziehen, anbeten— und was am ſchlimmſten iſt— als Menſchliches, Herr⸗ ſchendes, Allgewaltiges, mit allen Sinnen und Gedanken daran hängen, alle Freude von ihm haben, und wirkliche unläugbare Menſchen, ſchöne Mädchen und Jünglinge, Frauen und Männer 173 mit antik⸗modernen, mit ewigen Augen anſehen⸗ und wieder ſo leben, wie Jene, denen die leib⸗ liche Schönheit, die ſinnliche Welt die höchſte war, als die menſchliche Welt. O ich ſehe vor⸗ aus, nun wird ein Graben und Ausgraben, ein Herreiſen, ein Bewundern entſtehen, ein Nach⸗ meißeln, Nachmalen, das doch Alles todt iſt durch Chriſtum, oder wenn nicht, und wenn es nicht in achtzig Jahren todt gemacht iſt, das uns todt macht, ſo daß Rom in Wahtheit nichts ſein wird, als Ein Antikencabinet, Eine Bilder⸗ gallerie, in allen Kirchen zerſtreut. Und nun kommt das Aeußerſte, daß das Volk endlich wahrnimmt: die ſchönen Urbilder alle der Ge⸗ ſtalten und Urbilder haben gelebt, ſie leben noch und immer auf Erden. Denn wenn alle Per⸗ ſonen, die in die Geſtalten zum Theil oder ganz verwandelt worden ſind, was Ihre iſt, zurück⸗ fordern und damit fortlaufen könnten— ſiehe, da würden die Geſtalten ohne Kopf, ohne Hände, ohne nackte Arme, Beine und Leiber ſein, ſelbſt an Vaſaris langem Tiſche ſäße die Hauptperſon ohne Kopf! So, ſo furchtbar bedroht uns das Leben mit tauſendfacher Fülle der Schönheit; auf die Erde wird man mit Fingern zeigen und rufen: Hier iſt der Menſchen Welt! Und Wer 174 erweckt uns ſolche herzenstiefe Feindſchaft? Wer pflanzt uns einen ſolchen prachtvollen Giftbaum? Wer ſieht und achtet in Allen blos die Kunſt, die Schönheit, in jedem Werk— alſo auch in unſerm die allmälige, vorübergehende Ausbil⸗ dung? Wer iſt der heimliche, aber größte Feind unſerer Zeit, unſeres Geltens?“ Und Paſſionei, ſelber Archinto— Der General meint: Winkelmann! „Winkelmann?“ verſetzte Albano lächelnd. Das Lächeln gab dem dreiſten Fremden noch mehr Muth, aus einem Briefe über Win⸗ kelmann eine Stelle mit Feuer laut vorzuleſenz er bat um Erlaubniß und las mit Kraft:„Hei⸗ lig iſt der herrliche Mann, heiliger als alle eure Heiligen, über den der ſchmerzenvolle Geiſt des Alterthums ausgegoſſen ward! Der, was alles ſchön und groß geweſen, noch einmal auf Ein⸗ mal nachempfand, und nicht ſtarb, nein, nur ſelig ward! Der, was die arme auf Erden ver⸗ laſſene Menſchheit duldete, noch einmal auf Ein⸗ mal nachempfand, aber es nicht ausſprechen konnte, weil alle das ſelige Leid und die ſelige Schönheit auf Einmal über ihn kam, was alle Einzelnen in Jahrtauſenden allmälig und tropfen⸗ weiſe gelitten wie Feuer, gerrunken wie Nektar, 175 und einzeln dahingeſtorben, indeß das million⸗ fache Sterben und der millionfache Tod, und die Gräber auf Einmal herzerſchütternd in ſeiner Seele lebendig und wahr ward, als er die erſte Urne ſah, die erſte Trümmer der Göttin der Schönheit. O ſchaaflederne, elennhäutene See⸗ len, in deren Gedanken nie eine Ahnung der heiligen Wehmuth, der innigen ſelbſtſtändigen Seligkeit gekommen, die in dem Weſen des Al⸗ terthums liegt; des wahrhaft Heiligen und Herr⸗ lichen jener edlen Menſchen, die das ſterbliche Leben auf Erden feierten, auch für ein Leben anſahen, ja für das alleinige Leben des Men⸗ ſchen, des Geiſtes auf Erden, und die es ſchmückt mit allen Blumen, die es hatte; die das Weib bekränzten, die einen nur kleinen Menſchen ge⸗ bar, und das Bett und das Kind; und den Sterbenden und den Todten und das⸗Grab noch bekränzten; und in ſolcher gründlichen Rathloſig⸗ keit gegen das Alter, und götterhaften Hülfloſig⸗ gegen den Tod noch heiter lächelten und die Urnen ſchmückten mit Leben, weil Leben und Tod ein Leben des Menſchen iſt— ſchweigt doch, ſchaaflederne, harte, ſogenannte weichge⸗ ſchaffene Seelen! Lebt ihr und ſterbt ihr nicht auch noch? Leidet ihr nicht auch noch alles 176 Menſchliche, alles Mögliche? Iſt eine einzige, zum Leben gehörige und das Leben ausmachende Arbeit und Mühe, eine Qual, eine Thräne von euch genommen? Keine! Keine! Aber wo habt ihr die Genüge, die Freude, die Ewigkeit, ja die Seligkeit!— O ſo begreift doch wenig⸗ ſtens einen antiken Menſchen, ein antikes Weib, die antike Erde! Glaubt doch wenigſtens an die Zwei ihrer Alles ausgleichenden Genien: glaubt an Schönheit und Liebe! Und könnt ihr das, dann ehrt einen Mann unter euch, der vor Er⸗ ſtaunen über die Blumen in ſeiner Hand bezau⸗ bert bebt, vor einem Kinde verklärt daſteht und glänzt wie Moſes; der über ein gelbes Herbſt⸗ blatt tauſend Bilder, tauſend alte Herbſte er⸗ ſchütternde Thränen vergießt, und dann voll Seligkeit in der Wehmuth, voll unſterbliches Leben, in der Seele begnügt und ſtark ausruft; O das Leben iſt ſelig! So iſt das Leben allein erſt das Leben; das alte Leben war froher, freu⸗ devoller als das neue, das die Erde für nichts hält, ein ſchönes Kind und ein ſchönes Weib für Nichts, und Thränen und Tod und Grab — alſo dies Leben, wie es immer war und ſein wird, für eitel Nichts. Aber genug! Bis hier⸗ her genug! Ihr erwacht wieder; der Schlaf der 177 Betäubung iſt aus! Die Natur wird wieder ihr Wort zu euch reden, ihr ſanftes Wort wie eine ſanfte, gute, verrathene, vergeßne Mutter, wie eine Geliebte. Sie wird eure Verachtung Ihrer, nicht noch an euch ſtrafen, denn eure Strafe war ja euer Elend bis auf dieſen Tag! Wer iſt das, der Winkelmann ſchmäht! Ihr mußverſteht! Seine Bruſt iſt eine Urne der feligen Welt! Die Seele deſſen iſt groß, ſie allein iſt die Seele ei⸗ nes Göttlichen, die das Kleine begreift und er⸗ kennt und es ehrt— einen Ring am Finger mit einem Menſchengeſicht; ein Ohrgehäng'— die goldene Cicade einer ſchönen, ſterblichen Athenien⸗ ſerin, denn die Fülle der Natur iſt darin begra⸗ ben; ſelig die Seele deſſen, der auch das Flüch⸗ tige, Vergängliche hoch ehrt am Menſchen: ein ſchönes Haar! nur die ſchönen Augenbrauen! ein Grübchen in der Wange! eine ſchöne Lippe! Dem das Lächeln eines ſchönen Antlitzes das Herz zer⸗ reißt, wie der Sappho, die ihrem Geliebten ge⸗ genüber ſitzt. So pocht Winkelmann das Herz der unleugbaren, ſchönen, unvertilgbaren, ſiegrei⸗ chen Natur gegenüber! So weint er, ſo ruft er: ich erblaſſe, ich ſterbe! So ein Mann mußte er⸗ ſcheinen als ein Retter der Menſchheit! der ſelber leidend, ſelber ſich freuend, bis zu Entzücken und Bd. v. 12 178 Ohnmacht, den Andern die Augen aufthut, die Sinne frei macht, und in ihr verdumpftes Be⸗ wußtſein auf Erden, in die Ohren der Lebendig⸗ todten und Todtlebenden ruft: Steht auf und lebt! Seht, die Natur lebt! Um euch und in euch! Sie iſt ſchön zum Sterben! Das Leben iſt ſchön zum Sterben! Habt Geiſt für den Geiſt, der Al⸗ les als Meiſter ſchafft! Liebt doch die unvergleich⸗ lichen Hände! die koſtbare, einzige Arbeit! Habt Kraft zum Hierſein!„Hier bin ich!“ ruft jede Kraft in allen Winkeln. Gut! So ein Winkel iſt auch die Erde. So rufe auch, Menſch:„Hier bin ich—“ „Bagatella!“ verſetzte mein General Ricci; oder grade fragt der Herr: ob Er hier ſei! Gut; lebt! aber lebt Gut! denkt nicht, daß Ihr ein porco im Leibe habt, daß ein Sperling in dem Thiere lebt, in welche Circe ſogar verwandelte. Kann die Kirche weniger thun?“ „Es iſt aber jetzt die Frage: an Wem die Verwandlung iſt?“ verſetzte der Fremde, bitter anſpielend auf die Auflöſung des Ordens. „Wir bleiben, wer wir ſind!“ trotzete Ricci. „Oder ſind nicht!“ drohete Jener.„Gewiß nicht bei uns.“ 179 Der General konnte vor Wuh nicht ſpre⸗ chen, aber dann fielen Worte, die wenigſtens Ich nicht hören ſollte! Süß wie Honig, aber Gift! Drohungen— aber nur die feinen Spitzen von abgebrochenen Dolchen! Der General ging auf und ab— er ſchritt bis in die Laube— gewahrte mich! Himmel! ich war verloren! Aber er machte mich ſicher da⸗ durch, daß er that, als hätte er mich gar nicht bemerkt! Sie ſchieden dann; ich raffte den Brief auf, den der Fremde im Eifer verloren. Dich, Margarita, erfreute ja jedes Geſpräch über Kunſt, und Winkelmann war Dir ein Prophet. Dein ſchöner Leib und ſein ſchöner Geiſt beſiegten, durchdrangen einander. Nun weißt Du Alles! Um Mitternacht ward ich gebunden in ein Ge⸗ fängniß geworfen, der Fahrt des verſchloſſenen Wagens nach, in die Engelsburg. Wie viele Tage, Monden, Jahreszeiten, Jahre ich geſeſſen — konnt' ich nicht zählen, mir fehlte das Maaß der Menſchen, die Sonne. Endlich fragte ich meinen Raben: ob kein Weg zur Freiheit ſei? Wieder nach lange erhielt ich Bedingungen. 12½ * 180 Ich ging ſie ein. Um der Freiheit willen betrügt „der Menſch Brüder und Vater und Mutter, ver⸗ ſchreibt er ſich der Hölle geſchweige Gier fehlt gerade ein ganzes Blatt der Schrift des Arcangeli.) 181 Den 10 Juni 1768. Ich bin mit ihm zu Grabe gegangen. Er iſt zur Ruhe. Du haſt nun Ruhe vor ihm. Er wird nicht zu Dir zurückkehren. Noch manchmal wird er die Nacht in Deinen Träumen kommen, bis er auch da ausbleibt, wenn Du am Tage Dich ſchämſt und bereuſt. Das wiſſen die See⸗ len. So habe ich nun Ruhe. Ach! wodurch? Durch Dich! Wer thut eigentlich das Böſe in der Welt? Wer dazu reizt, und es dem ſchweren Herzen aufgiebt. Kehre Dich zum Himmel! Kehre zum Himmel! Glaube mir ja! Ein Mör⸗ der und nicht an den Himmel glauben! Ich nicht an den Himmel! Für mich und für Dich. Büße noch hier ab! Laß Meſſen leſen, thu⸗ gute Werke! Vor allem: glaube, glaube! Das iſt die ſicherſte Rettung. Ich habe Dir Zeit zu Deinem Heil 182 verſchafft. Ich glaube, und: Wer glaubt, wird ſelig. Von dem„Wer“ iſt Niemand ausge⸗ ſchloſſen. Das empfand ich unter der Todten⸗ meſſe. Bandelli hatte mir ein weißes, langes Leinwand der Brüderſchaft und eine Maske zu bringen gewußt. So ſchloß ich mich an den Zug von der Piazza nach der Kirche von San Giuſto, den hohen Berg hinauf, mit der Ausſicht über das Meer— nach Italien. Droben an der Kirchthür rechts blieb ich ſtehen, wo ich vor eini⸗ gen Tagen auf der Platte davor die Grabſchrift eines Herrn geleſen, der gerade vor hundert Jahren von ſeinem Diener ermordet worden. Jetzt paſſirte der Todte im offenen Sarge ein, und der Sarg klemmte mich an die ſteinerne Pfoſte, daß mir der Athem verging. Er lag wohlfriſirt, toupirt und gepudert da, in ſeinem galonirten Kleide, in dem er zu vornehmen Her⸗ ren zur Aufwartung ging! Er ward über und über mit Weihwaſſer beſprengt, und ich fürch⸗ tete, daß er auflache, ſich aufſetze und das neue Weſen verhöhne. Aber der Spott war aus⸗ Der Gang muß zu ernſt ſein! Wahrlich, ich weinte unter der Maske;— denn Du hätteſt geweint! Ich ſah mit Deinen Augen ihn in die ſchwarze Höhle hinunterſchleppen, wie die Ameiſen 183 ihre Larven hinunterſchleppen, und zu fremden Todten Aber nur die Lebenden ſind ſich fremd mit ſehenden Augen; die Todten ſind ſich alle auf einmal wohlbekannt, als ewige Genoſſen⸗ In einigen Jahren werden die Särge geleert, und ſeine Gebeine werden mit andern vermiſcht hinaus in die Steingruben geworfen. Niemand wird ein Gebein von ihm finden oder kennen. Ich dachte an den Baron, der ihm nur ein Al⸗ ter von 50 Jahren vorausgeſagt— und Deinem Manne, Margarita! Pflege ihn alſo wohl! Ver⸗ gilt ihm noch Alles. Aber der Herr Baron wußte ſein eigenes Schickſal nicht! In Wien, am Weintiſche freilich, ließ er ſich ſchmählig dar⸗ über aus, daß Winkelmann wieder nach Rom zurückkehre. Das durchfuhr mich, wie ein Blitz, der aber geſcheid in mir leben blieb und in mei⸗ ner Gewalt. Er ſei krank geworden, je weiter ihn Cavaceppi nach Deutſchland geſchleppt. Noch hab' er das Fieber. Er lachte, er verlachte Dich — er nannte Deinen Namen! Da ging ich hinaus ihm aufzulauern. Er kam. Die Nacht war finſter, das Meſſer war ſchlecht. Er war ſtärker als ich. Er war nur verwundet. Er genas. Darum ward ich zum Tode verurtheilt, wohl aber begnadigt und Landes 184 verwieſen. So eilt' ich nun ihm nach, hierher, nach Trieſt. Bekanntſchaft war bald gemacht. Wie Er mich anſah! Wie Ich ihn anſah! Dei⸗ nen Winkelmann! Wie er meinen ſchönen Bau bewunderte. Meine Kraft. Er hatte mich gern⸗ Ich ihn. Ich ſtellte ihm Himmel und Hölle vor, nicht zurückzukehren. Ein beßres Meſſer hatte ich nun. Im Traume warnteſt Du mich— Du fielſt vor mir auf die Kniee. Ein Engel aber warnte Dich, und riß Dich auf und fort. Ich wollte fliehen, Abſchied von ihm nehmen, noch einmal Dein kleines Bild zu ſehen, das Deine Schwägerin Thereſia gemalt. Er ſaß nach Tiſche ſchreiben. Ich trat ein. Er war über mein plötzliches Scheiden betroffen, und ſchlug mir nicht ab, mir ſeine goldenen großen Münzen zu zeigen. Er ſchnürte den Strick vom gepackten Koffer, er knieete hin, er öffnete. Da glänzte mir und ihm Dein Bild, Dein reizend Bild in die Augen, das oben auf lag. Er ſchwieg; er war nicht in der Welt. Alles ergriff mich da übergewaltig; mein Schwur, Rache an unſrer geheiligten Religion, Eiſerſucht, Liebe, Gewalt, Dich zu retten. Wes ich that, that ich ſicher! Nur Dein einfaches Bild etgiff ich, damit 185 es nicht zeuge. Ich war außer mir, denn nun kämpfte ich erſt den ſchwerſten Kampf! Wir Italiener rauben, morden, und was weiß ich, was wir thun, nur nicht ſtehlen. Stahl ich— ſo enthaupteten ſie einen gemeinen Dieb! Ließ ich das Gold und alle verzeichneten Koſtbarkeiten, kam das in die Acten, dann mußten ſich die al⸗ ten Perrücken den Kopf zerbrechen: warum der Arcangeli ſo was gethan? Es mußte ein Licht in der Finſterniß bleiben, ein Schlüſſel für einen Verſtändigen. Ich nahm nichts, aber Gott! ich wollte ja ſtehlen— da hörte ich Lärm. Ich konnte nicht mehr, ich mußte mich retten— und den Schlüſſel zur That verſiegelt und offenbar liegen laſſen. Vergieb! vergieb! Verläß Dich auf die Dummheit der Menſchen. Man hat einen Unſchuldigen ſtatt meiner ergriffen! Ich ſiegle nur noch. Dieſe Nacht kommt der Freund. Er bringt Dir auch Dein blutiges Bild. Ich kann nicht mehr, ich will auch nicht fliehen. Nur noch eine Nacht, daß man alle das Sauſen und Brauſen im Kopfe begreift. Nur nicht dumm ſterben!— Nun, noch Ein Schlaf! Gott gönne Dir viele! Morgen, morgen räche ich voraus meinen Tod an den 186 Narren, die Mörder morden. Doch ich bedarf den Tod als Schlaf, als Ruhe, als Klugwerden, als Rettung vor dieſer Welt, in der ich nur elend war. Weine nicht! um Francesco nicht: Arcangeli. artaban. Novelle. Motto: Der ſoll noch aufſteh'n, der der Völker Sitte AUnd Brauch erklärt; doch hört man gern erzählen, Das Wahre zart, das Fremde ſchön gedeutet! Mein lieber Bruder! Viel tauſend Grüße aus dem Morgenlande!— Von Aſiens blauem Himmel, wie du keinen ge⸗ ſehen haſt; von ſeiner Sonne, die hier mit ent⸗ zückendem Morgenroth kommt, mit erſtaunenden Abendröthen geht, denen man vor Schauder der Schönheit Güſſe von Thränen nachweinen möchte! — Viel tauſend Grüße von ſeinem Monde, der geiſterhaft vorüberzieht in himmliſcher Klarheit, angeſtaunt, als wäre er es, der alle Märchen und Zaubergeſchichten den Menſchen erzählt; und von ſeinen Sternen, ſeinem Nachgewölk, ſeinen Nachtigallen und Roſen und Quellen und Flüß⸗ chen, von ſeinen Geſilden und Bergen— tau⸗ ſend Grüße!— Auch die ſchönen Augen, alle, grüßen Dich durch mein Herz und meinen Mund! 190 O wie gern hätte ich dir manchen ganzen Tag geſchenkt, den ich müde oder unbedacht ver⸗ lebt! Ich hätte den Tag wollen todt ſein, oder ſchlafen,— oder noch lieber an deiner Stelle die Heimath ſeh'n, unſte Mutter, unſre Schwe⸗ ſter, unſern Garten, ja, von weitem nur unſer Schloß!— Aber Jeder muß an ſeinen Ort ge⸗ bannt, ſein Leben, jeden Tag, jede Stunde ſelbſt einſtreichen, und für ſein frohes Gefühl, für ſei⸗ nen Schmerz kann er keinen Andern, keinen Freund, keinen Feind eintreten laſſen.— Alſo wünſchte ich doch, du hätteſt den Schlachttag von Konieh mit mir geſeh'n!— Denn einen ſolchen Tag, den man geſund überlebt hat, ein ſolches Lebensbild aus dem eigenen Leben, ſchenkt man noch wohl kaum und noch weniger weg, als den ſchönſten Wouvermann, der doch dagegen wahrhaftig nur eine elende Stümperei iſt— Das aber fühl' ich und weiß ich: Keinem Reiſenden und Wanderer in fremden Landen iſt es möglich, nicht zu ſagen: was er geſeh'n und was er gelebt hat; er hat ſonſt keinen Geiſt ge⸗ habt zu ſchauen, kein Herz zu fühlen; das Herz muß ſich ihm aufthun, es muß ſpringen, wie die ausgedrängt volle Baumwollennuß! Es muß, wie der Dattelbaum, ſeine Datteln herabſchütteln, 191 die ihm unter ſeinem Haupte gereift. Denn die Schönheit der Welt iſt zu groß und zu ſchwer, und wir Alle ſind Kinder,— die keinen Apfel in der Taſche verſchweigen können, oder einen Vogel unter dem Hut; und ſelbſt das Veilchen in des Mädchens Buſen verräth ſich durch ſeinen Duft,— und ſie muß geſtehen und geſteht, ſie iſt draußen im Frühling geweſen,— und hat gepflückt! Wir Alle pflücken aber nicht immer Veil⸗ chen! gewöhnlich wir Männer nicht,— denn das Leben hat mich aus dem Jüngling auch ſchon zum Manne gemacht, oder wenigſtens in den Mann gekleidet; der Jüngling ſchimmert jedoch noch ſichtbar hindurch!— Aber auch die Weiber, ſelber die Mädchen brechen auch manchmal von demſelben reinen Lebensbaume giftige Zweige! Wenn mich hunderttauſend Kugeln und Säbel⸗ hiebe verſchonten, ſo bin ich doch dem Tode durch eine Jungfrau nur durch ein Wunder entgangen! Und wofür ich durch ſie ſterben ſollte, dafür hätte ich bei uns ein Keuſchblatt vom Keuſch⸗ baume verdient.— Aber die Sitten ſind ſo ver⸗ ſchieden bei den Völkern, wie die Ehre. Die Sache iſt merkwürdig, weil ſie wahr iſt. Ein Reiſender iſt kein Richter, ſondern ein Lehrling 192 der Länder und Städte und Völker und Staͤmme, ſelber der einzelnen Menſchen, die er begegnet. Mir ſind unſere Sitten und unſere Ehre durch mein Schickſal vorgeworfen wordenz ich will jenen nicht ihre Sitte und ihre Ehre vor⸗ werfen— dir nur bn erzählen, wahthaft und treu.— 6 6 — Alſo! Wir Egypter hatten die Schiacht gewonnen. Wir Egypter, ſage ich; denn ich hatte mich auf militäriſch mit ihnen vermählt, und ihre Sache zu meiner gemacht, ihre Ehre zu meiner, für welche ich mit Leib und Leben eingetreten.— Man nimmt alſo Intereſſe! Und die allgemeine Ehre, die jeder Menſch hat, wird eine bedingte, gleichſam eine Wahl⸗Ehre. Merke das! Wir waren im vollen Fluge des Sieges weit vorge⸗ rückt, die reizendſte Möglichkeit konnten wir, wie Zauberer die Wolken, anfaſſen, und vom Him⸗ mel reißen,— da verſteinerte uns das Wort Friede! Friede!— Welch ein Gewitterwort für ein muthiges Heer, Friede! Aus Rieſen und allerhand verzauberten Geſtalten— waren wir Alle auf einmal Pantoffelmacher, Baumwolle⸗ klauber, Schneider und gemeine gewöhnliche Men⸗ ſchen, wie ihr Andern! Das Blut gerann uns 193 in den Adern; die heiße Stirn ward kühl, ward kalt; die Gefilde vor uns verſchwanden, wurden zu Nebelgefilden, und waren nun nichts, als die vorige grüne Erde, ſtatt eines Zaubertheaters; die Säbel fielen uns vom Leibe, und waren dummes krummes Eiſen!— Die Kanonen ſtan⸗ den wie Narren und Maulaffen da!— Die Drommeln und Pfeifen klangen erbärmlicher, als im ſchrecklichſten Regen; die Hieb⸗ und Schuß⸗ wunden ſchmerzten nun ganz proſaiſch die armen Stöhnenden; denn nun erſt ſchämten ſie ſich nicht, zu ſtöhnen! Die tauſend Kameele und Pferde und Mauleſel wurden nun gleichſam erſt ſelbſt ſichtbar, da ſie bisher nur als Flügel und Flam⸗ men und Brücken und allerhand verwünſchte Erdgeiſter erſchienen; das Tränken und Füttern und Putzen, ſah ſich mit Ueberdruß an; die Ord⸗ nung ward eine läſtige Qual, und dje Todten, die wir begraben ließen, nannten wir arme Nar⸗ ren.— Und die Erde kam mir vor wie die Narrenmutter.— Schon ein geſchlagenes Heer iſt außer ſich über den Ruf:„Friede!“ weil ihm die Genugthuung benommen iſt. Ein ſiegreiches, begeiſtertes faßt ſich vor Unmuth nicht. Jeder kam ſich in ſeinem Kopfe vor, wie eine plötzlich eingeſchützte Mühle, wie ein plötzlich Bd. V. 13 194 ausbleibender Waſſerfall, wie eine Puppe des Puppenſpielers, der ſie über Nacht alle an den langen Drath hinhängt.— Drei Tage nach un⸗ ſerer Verwandlung wieder ins Feld gerufen, hät⸗ ten wir Alles über den Haufen geworfen! Wir zahlreichen, fremden Herren, faſt aus allen Landen und Ländchen Europa's, die wir hier auf Zeit des Krieges Offiziere geweſen, nah⸗ men alſo unſern zärtlichen Abſchied.— Wir zer⸗ ſtreuten uns in alle Welt; manche gingen nach Indien, andere nach Perſien, nach Java. An⸗ dere, die unermeßliche Beute gemacht hatten, gingen, im Herzen als reiche Marſchälle, nach Hauſe.— Auch ich gehörte zu dieſen und wollte in Sinope mich einſchiffen, nicht in Konſtanti⸗ nopel, wohin wir uns in corpore ſelber nicht recht getraut; wo wir Einzelnen alſo nur ſchlecht empfangen werden mußten.— Ich wollte den alten Fluß Cappador hinuntet, nach Paphla⸗ gonien, dem Ifloni der Türken, weil es das merkwürdigſte Land für Reiſende geworden, für Architekten, Maler und Bildhauer und gefühl⸗ volle Menſchen, indem noch ganze Städte, wie Gangra oder Germanicopolis, Pompejopolis, An⸗ toniopolis, in der himmliſchen Wüſte und Oede zwar, aber wie durch ein Wunder mit Tempeln 195 und marmornen Götterbildern erhalten ſteh'n.— Mein Reiſegefährte aber drängte nach Smyrna, weil auf dem Wege dahin die berühmte Ge⸗ gend von Martaban ſich befinde, und Marta⸗ ban ſelber— das Paradies der Fremden, voll ſchöner lebendiger Götterbilder von Frauen und Jungfrauen, über die eine uralte Sitte: den Gaſt zu ehren, zu Gunſten der Frem⸗ den, gebiete. Mehr ſagte er mir nicht. Das reizte mich nicht.— Aber ich hatte den neuen und dankbaren Freund mir eigen er⸗ worben, und er hatte eine ſonderbare Macht über mich, wie mein Geſchöpf. Denn— am Abend vor der Schlacht fühlte ich eine unwiderſtehliche Sehnſucht, das Kampfgefild und das Lager der Sarazenen zu ſeh'n.— Ich durfte auf Recogno⸗ ſcirung reiten und ich flog hinaus auf meinem koſtbaren, arabiſchen, weißgebornen Pferde, auf meinem Schahroch, begleitet von ſechs ſchwarzge⸗ bornen Reitern.— Das Feld war das Schlacht⸗ feld der Kreuzfahrer!— Auf ihrer Stelle la⸗ gerten im Abendglanz der heutigen Sonne mir, wie eine Geiſtererſcheinung, die Sarazenen, ſtill, feierlichſtill nach ihrer Art.— Die Sonne ging unter. Ich hörte zum Gebet rufen. Ich verſank in die Vorzeit und träumte mir 3 ich 196 dort in das Lager ritte, ſähe ich alle die deut⸗ ſchen Ritter in Lebensgeſtalt! die Stammväter der Ehrwürdigſten unſerer Geſchlechter! O daß ich in jenes Lager der Kreuzfahrer hätte hinein⸗ reiten können, leibhaftig, mit meinem leuchtenden, wiehernden Roß! Daß ich ſie ſähe, und ſie mich ſähen! Da hörte ich wieder rufen, und verſtand die türkiſchen Worte im Winde. Ich erwachte, und das grüne Feld vor mir war mir nun der grüne Kirchhof jener vorigen Menſchen, und die Erde ein unerſättlicher, unausfüllbarer Kirchhof, der Geſchlechter nach Geſchlechtern heimlich her⸗ unterzieht, und zum Scheine wieder mit Blumen bedeckt.— Auf einem alten Schlachtfelde käm⸗ pfen, hat étwas Geiſtermäßiges! Ja, wir reiten darauf wie Geſpenſter, wie mörderiſche und doch zerhaubare Geſpenſter. So wahrlich ſorglos war ich zu weit geritten, zu ſichtbar allein vor.— Da ritt auch mir allein ein Türke auf ſchwar⸗ zem Pferde entgegen, zum Zweikampf, wie ich ſahe, denn auch ſeine Begleiter hielten hinter ihm, mauerſtill bei dem Feigenbaum. Er um⸗ kreiſete mich in einer Entfernung von zwanzig Schritt, und allmählig näher, immer im Galopp⸗ die rechte Seite gegen mich gewandt, in der Hand ſein blitzendes Piſtol, am Arme den krum⸗ * 197 men Säbel. Ich wandte meinen Schahroch nur immer, wie eine Schraube, auf den Hinterfüßen, die Bruſt deſſelben gegen ihn, um nicht durch einen plötzlichen Anfall grad⸗ aus, überritten zu werden. Ich zitterte für mein theures, edles Pferd, das mich faſt mein ganzes Vermögen ge⸗ koſtet hatte.— Ich hätte ihn bitten mögen, auf mich zu ſchießen! nicht auf das Pferd! Er warf dann vielleicht plötzlich das abgeſchoſſene Piſtol weg, und vom wunderbaren Meiſterſchnitt ſeines krummen Säbels rollte mein Kopf am Boden, und ſah ihn verwundert mit großen, glotzenden Augen an!— So mußte ich vermuthen, wenn ich nicht ihn in die Blumen legte.— Er dachte gewiß wie ich, und wollte ſein Leben nur nicht vor der Schlacht verlieren. Uebermorgen ritt er mir vielleicht ſtrack's auf den Leib! Angreifen iſt immer leichter, ja leicht; die Katze kann ſel⸗ ber dem König ins Geſicht ſpringen. Ich faßte meinen Entſchluß, ich wagte ſeinen unſichern Schuß, aber dann war er auch ſicher verloren. Ich ließ alſo meinem Roſſe den Kopf auf die Bruſt ſetzen, und wie der Jäger etwas vor den laufenden Haſen zielt, ſo daß er ihm gerade erſt in den Schuß läuft, ſo ſtürzt ich auf ihn mit dem Stoße des langen Pferdes gegen die Breite 198 des ſeinen.— Er ſtürzte; er war überritten.— Mit dem linken Fuß eingeklemmt, lag er unter dem Pferde faſt, mit dem Oberleibe und dem Arme frei.— Da hört' ich im Sturze ihn ru⸗ fen:„Sacre!“— Du lieber Gott, ein Fran⸗ zoſe! dacht' ich. Mein Pferd war über ihn hinausgerannt, und luſtig und froh, und ſchnarchte vor Muth. Ich ſprang ab, um ihn gefangen zu nehmen, trat von der Seite hinzu— da fuhr mir die Kugel aus ſeiner Piſtole rechts her, quer über die Bruſt, und ſtreifte die Haut mir im Hui wie ein Pfeil.— Sein Schuß war unedel. — Aus Rachegefühl und zur Strafe trat ich ihm auf den linken Arm, und ſetzte ihm mein Piſtol auf die Stirne. Sein Auge aber blieb ſo unbeweglich getroſt, voll Muth, doch ohne her⸗ ausfordernden Uebermuth, an meinem haften. Der hier fern vom Vaterlande liegende Nachbar war gar ſo ein junges Blut, bildſchön, und, wie ſoll ich ſagen— aimable, daß ich ihm das Le⸗ ben ſchenkte, und ihn gefangen nahm. Er ſprang auf.—„Merci!“ ſagte er leicht. Er verſicherte mich, das Piſtol ſei ihm unwillkürlich losgegan⸗ gen, es habe ihm in allen Adern gezuckt über die——— Das Wort Schande wollte er nicht ausſprechen. Er bot mir Alles dar, was 199 er bei ſich hatte. Ich mußte lächeln, und gab ihm Alles zurück.— Während ſeines Sturzes aber waren mehrere Schüſſe von ſeinen Leuten auf mich gefallen. Sie hatten aber nur ſein Pferd getroffen. Es war noch nicht todt. Ich mußte fort.— Er bat mich gutmüthig um Er⸗ laubniß, und ſchoß ſein leidendes Pferd mit ſei⸗ nem zweiten Piſtol noch mit ſicherem Schuſſe todt.—„Merci!“ ſagte er betrübt im Namen des Pferdes, um ſich zu tröſten.— Ich ließ darauf Einen von meinen Leuten zu einem An⸗ dern mit aufſetzen, gab ihm das Pferd, und ich führte den neuen Freund— Mr. d'Amouſſon in das Bureau des Generalſtabes Am andern Tage ſchlug er unſere Schlacht mit, und erbeu⸗ tete unerkannt ein neues Pferd.— Und nun zog er mit mir, mit Leib und Seele mir dankbar er⸗ geben. Darum folgte ich ihm in allen unſchuldigen Dingen. Noch zwei Engländer zogen mit uns bis an die Quellen des Mäanders, in deſſen durch Ho⸗ mer berühmtem Thale ſie nach Rhodus ziehen wollten. Der Eine ältere, ſarkaſtiſche, hatte ganz Rußland durchreiſet, und war voll der 200 wunderlichſten Nachrichten; der Andere hatte In⸗ dien durchreiſet, und war ſtiller und fteundlicher. Nicht ſowohl unſerer Sicherheit wegen, als um ſtets das Nöthige auch bequem zu haben, reiſeten wir unter dem Schutze eines hier übli⸗ chen Gatſché.— Ein reicher Kaufmann, bei dem wir zuletzt gewohnt, und dem wir manche Ge⸗ fälligkeit erzeugt hatten, rieth uns ſehr, und er⸗ bot ſich dazu, und bat ihm zu geſtatten, uns zu begleiten bis in den nächſten Ruheort, wo er uns dann wieder ſeinem bekannten Gaſtfreunde überließ, der uns wieder ſeinem Gaſtfreunde im nächſten Ruheort übergab, und jedesmal bei uns blieb, bis er uns glücklich abreiſen ſah.— Gegen reichliche Geſchenke an die Frauen im Hauſe freilich und an den Gatſché ſelbſt, war unſere Reiſe ſo anmuthig und ſorglos, wie unmöglich wo im Abendlande! denn die Gaftfreundſchaft iſt die unerläßliche, heilige Tugend der Morgenländer. So kamen wir, nach unſerm gemeinſchaftli⸗ chen letzten Nachtlager, eines Morgens früh auf die Bergſcheide, wo wir uns trennen ſollten.— Unſere Roſſe hatten in Nebel und Thau die Höhe erklommen, und auf einmal ſtanden wir vier junge Männer in friſcher, fröhlicher Jugend auf dieſer ſchönen Warte der Welt. Die ſegnende ——————— 201 Morgenſonne ſtand uns im Rücken, und erleuch⸗ tete vor uns und um uns das Land.— Vor uns öffnete ſich das Thal und das Flußgebiet des Hyllus und Hermus; zu unſter Linken das lange, grüne Bett des Mäanders, nun des Min⸗ ders; und rechts das unendliche, geſegnete Thal des Saharid! Ueber den Zaubergefilden lag ein Himmel, warmbrütend, wie über Sicilien, klar und gleichſam zum Fluge darin, zum Bade dar⸗ in einladend, daß mir die Augen darin vergin⸗ gen. Da ſtürzten Felſenwände jäh hinab, und in den alten Naturmauern öffneten ſich große Thore zu größeren Höhlen, ſchwarz beräuchert von den Hirten, die ihre tauſend Schafe und Ziegen vor den Wölfen oder den Gewittern hin⸗ eintrieben.— Dort lagerten ſich die Berge ge⸗ mächlich, und machten, wie Rieſen, es ſich be⸗ quem in dem Graſe und den Blumen des Lan⸗ des. Da drüben blinkten Waſſerfälle! Aber horch! nicht fern von uns ſtürzte der Wolkenquell ſchäumend hernieder, ach, wohin? Er wußte es nicht— und furchtlos, wie ein Kind, ſprang er doch froh in die ſchaudernde Tiefe! Fern, fern, uer durch das Thal, zog, wie in einem Zauber⸗ ſpiegel für uns, ſo ſtill und ſchweigend, eine laute, ſpielende, flötende, läutende Karavane, de⸗ 202 ren Kameele wir kaum erkannten, und rechts, nicht zu weit von uns, rannte ein Reh, und ein Wolf, der es frühſtücken wollte, ihm nach in die Schatten der Platanen.— Große Heerden Schafe, die in der Ebene uns ſo klein erſchienen, wie hingeſtreuter, weißer Sand, nicht einmal wie kleine Blüthenblätter der fünfblättrigen, duften⸗ den Roſe, zogen zum Bache, der in den Fluß zog, zur Tränke, von zahlreichen Wolfshunden umſchwärmt, und der braune Wächter folgte, unmerklich langſam fortrückend, wie ein wetter⸗ grauer Baumſturz. Cypreſſen, Pappeln, Feigen⸗ bäume in kleinen Geſellſchaften, oder auch wie in — angewurzelten Heerden, ja in ganzen, ver⸗ traulichen Volksſtämmen von Baͤumen, ihre Greiſe, ihre Jünglinge, ihre Frauen und Mädchen bei ſich, und ihren Trank und ihre Speiſe unter ſich in der ſaftigen Erde, und über ſich in den Wol⸗ ken— ſie lebten hier, ja ſie lebten friedlich und reizend und ungeſchreckt von der Axt des Holz⸗ fällers oder des Maſten bedürfenden Menſchen. — Auch der Weinſtock lebte in ganzen Heerden auf den Hügeln, als ein Volk von Sklaven des Menſchen zwar, aber wie die Sklaven der Morgenländer, gleichſam wie Glieder der Familie, wohlgepflegt, wohlgehalten und gewartet bis in — 203 das höchſte Alter! Hin und wieder verkündigten ſchmale, hinaufziehende Streifen blauen Rauches uns mahnend die Hütten der Menſchen, und ne⸗ ben Cypreſſen golden außfſteigende und blitzende ſchlanke Thürme der Minarets verkündeten uns, daß die Menſchen an den Himmel glaubten! Das dunkelgrüne Laub der Orangenbäume, das mattſilberne der Oliven, das jungbräunliche Laub der Feigenbäume unterſchied ſich uns lieblich in großen Maſſen der Haine und Wäldchen— und, o Himmel! ſo hatte das Land ſchon Jahr⸗ tauſende in dem Glanze der ewigen Sonne gele⸗ gen— denn ganz tief über unſern Köpfen zog ein unermeßlicher Schwarm Kraniche in die Ge⸗ gend des Kaiſters!— Die Kraniche des Homer! So hatte ſie Homer geſehen! So ſahen ſie wir! — So werden ſie nach Jahrtauſenden noch die ſpäten Wanderer ſehen! Wir waren verſtummt und wie zu Stein geworden mit unſeren Pferden. „Nun!“ ſprach endlich der ältere Engländer; „es iſt doch gut, daß wir hier oben ſtehen!“ „Warum gut?“ fragte ich. „Weil wir da leben!“ fuhr er fort.„Es ſcheint doch gut, da zu ſein! Es wäre albern, wenn wir nicht wären. Aber ein Vorſchlag! 204 Seid ihr es zufrieden— ſo wollen wir hier oben ſtehen bleiben bis an das Ende der Welt! Nicht eſſen, nicht trinken, nur leben mit unſern Pferden 3 und ſelber die Narren aus allen Landen nicht anſehen, die von uns gehört und hier heraufkom⸗ men und uns anfühlen.— So wäre man doch noch was werth! So aber! Der Menſch erſcheint ganz nichtswürdig, wenn er begraben wird. Und hier in h Schönheit erſt recht!“ „O,“ ſprach der Hindu⸗Engländer, Du witrfſt mir ein Leichentuch über ganz Aſien! Alle Thä⸗ ler, alle Gefilde voll Hütten, alle Hütten voll Menſchen, unzählige Millionen!— Und dieſe ganze Heerſchaar alle dreißig Jahre hinwegge⸗ löſcht, wie die Blumen alle Jahre von den Wie⸗ ſen gemäht. Und unter ihnen thun mir erſt die Millionen ſchöner guter Jungfrauen und Frauen leid! Die Jungfrauen, das Entzücken aller Jüng⸗ linge in den Zeiten der verlangenden Liebe, und alle Frauen, die Wonne der Männer. Und doch gelten ſie ſelber nichts hier im Le⸗ ben. In Aſien herrſcht nur der Mann. Er nur ſcheint ſich werth.“ „Wie in Europa!“ ſprach der Andere darein. —„Nicht ſo, ſo nicht;“ fuhr Jener fort. „Tauſende von neugeborenen Mädchen werden 205 alle Morgen in China ausgeſetzt, die meiſten, ſchrecklich zu ſagen, für die Hunde und alle Vö⸗ gel, wie Homer ſagt. In Indien muß ſich die Wittwe verbrennen, als ein bloßes Gut ihres Mannes, als eine bloße Sache!— Man opfert meiſt nur die Mädchen der Göttin Dugra, dem böſen Geiſt.“ „Und haben wir nicht hier, erſt vorgeſtern, den türkiſchen Kinder⸗Einnehmer geſehen,“ ſprach ich, der erlebten Wahrheit gemäß;„und prügelten ſich nicht die beiden Mütter der jungen Mädchen, und prügelten ſich nicht die jungen Maͤdchen ſelbſt darum: welche die Schönſte ſei, und um die Ehre in das Harem zu kommen?“ „Wie in Europa! Nur auftichtiger!“ be⸗ merkte der ältere Engländer.„Denn welche Mutter von niederem Stande dankt nicht Gott, wenn ihre Tochter einen vornehmen Herrn hei⸗ rathen kann, ſo unbelobt, ja vielleicht betadelt und ſchreckhaft ſür ſie auch das Subjekt ſein möchte! Oder wenn ihr armes Kind den reich⸗ ſten Banquier bekommt, der alt iſt wie ein grauer Rabe, und an doppelten Krücken geht! Die mei⸗ ſten Menſchen haben gar keinen Begriff vom Eheſtande. Das macht die Ehrſucht! und die Geldſucht! Ein bloßer Menſch ohne Illuſion will 206 Niemand ſein, und aus ſich ſelbſt ſeine An⸗ ſprüche machen und ſeine Ehre feſtſtellen!“ „Und, lieber d'Amouſſon,“ fuhr ich fort; „gefiel dir nicht geſtern erſt unſere junge, ſchöne Wirthin ohne Kinder? Und bemerkte ihr Mann es nicht ruhig, ja wohlgefällig, und vertraute dir, daß du ſie heirathen könnteſt, da er ſich nach derjenigen Art türkiſcher Verheirathung, die man Kapin nennt, nur auf drei Jahre gewiß und drei Jahre ungewiß geheirathet habe, und die ſechs Jahre wären in vier Wochen um, daher ſie ſich freundlich nach dir umgeſthaut!“ „Wie in Europa! Nur aufrichtiger!“ bemerkte der ältere Engländer.„Denn da bei uns unſere Mädchen durch ihr Vermögen ſtillſchweigend ſich Männer kaufen müſſen, wie uns die Türken nicht ohne Anſchein und Grund vorwerfen, ſo ſind ſie auch meiſt nur wahrhaft Frauen, ſo lange das Geld widerhält, nicht viel länger, oder eigentlich nicht wahrhafte Frauen, auch ſo lange nicht, als davon zu vergeuden war, Hier und dort fehlt alſo die Ehre der Frauen, das Ehrgefühl der Männer, daß in der Ehe nichts, gar nichts be⸗ gehrt werden ſoll, als aus bloßer Liebe die ge⸗ liebte Frau, die eben ſo, gegenſeitig, den Mann liebt als Mann, nicht als etwas anderes Hohles, 207 wie Titel und Mittel ſind. Die Ehre fehlt, die Ehre, die Ehre des Menſchen als Menſchen, und mit der alten Ritterlichkeit, ja der bloßen Galan⸗ terie ſind die Weiber um hundert Procent im Werthe gefallen, um nicht wieder aufgehoben zu werden, außer ſie richten ſich ſelbſt wieder auf, durch eigenen Werth und ſtrenge Ehrbarkeit und Verehrbarkeit.“ Indeſſen hatte vor uns eine breite, ſchwarze, große Gewitterwolke den Himmel überzogen, wir wußten nicht wie; und es fing da droben aus dem ſchwarzen Vorhang an zu murren— zu ſtottern— zu reden! Es war eine rührende Pracht. „Wir müſſen doch Alle endlich ſcheiden, Alle von Allen,“ ſprach unſer älterer Freund nun und ſah uns an.„Die Herrlichkeit des Himmels nimmt kein Ende; und wie ein Kind nicht war⸗ ten kann, bis ein Strom abgelaufen iſt, ſo kön⸗ nen wir große Kinder hier droben nicht abwar⸗ ten, bis wir die Schönheit der Erde zu Ende geſchaut! Auch die Thoren der Welt nehmen kein Ende,“ ſetzte er hinzu, indem er d'Amouſſon leiſe mit dem Blicke ſtreifte, der an mir haften blieb.„Ich meine,“ erklärte er ſich, um zu gu⸗ ter Letzt nicht noch zu beleidigen, ſondern ein 208 heiteres Andenken von ſich in uns zurückzulaſſen; „ich meine, auch die Sitten der Völker nehmen kein Ende, und eher ſtirbt ein ganzes Volk oder ein Stamm aus, ehe es ſeine uralten Gebräuche und Sitten ablegt, die es in der Welt gefunden, mitgemacht und in der Welt wieder verlaſſen. Sie, meine Herren und Freunde, wollen nun da im Thal hinunter ziehen, zu jenem gutmüthi⸗ gen, mit ihren Mädchen gaſtfreien Völk⸗ chen, zu den—— Grönländern in Aſien! Nur daß die Jungfrauen und Frauen hier nach Roſen duften, und das Köpfchen voll Nachtigal⸗ lengeſang haben! und unbeſchreiblich ſchön ſind und edel! Am Ende iſt jede Sitte ſo heilig, wie das Herz, das ſie hält, ſonſt wüßte ich mich nicht zu beruhigen. Bilden Sie ſich aber nicht zu viel auf ſich ein; denn in Tſcherkeſſien be⸗ wirkt bei den Männern das Geſchenk von einem Thiere, das Borſten auf dem Rücken hat,— wie die höflichen Creter das Schwein umſchrei⸗ ben— oder das Geſchenk eines gehörnten Thie⸗ res, das einen Ochſenzahl hat, eben ſo viel, aber auf unedle Weiſe, die nichts hät; oder grade!“ Mein franzöſiſcher Freund fühtt ſich doch ein wenig angegriffen und ſprach:„Und doch 209 hat unſer engliſcher Freund hier erzählt, daß er in Rußland, in der altgläubigen Stadt K.., geſehen, wie alle Welt ohne Unterſchied der nur zwei auf der Erde bekannten Geſchlechter, ganz in der Kleidung von Adam und Eva vor dem Sündenfalle, in einem See bei der Stadt ſich gebadet, wie er geſehen hat und beſchwören kann. „Beſchwören, ja!“ verſetzte der engliſche Freund, wie ein Mädchen erröthet;„denn Alles muß zu Tage, Alles bekannt, genannt und ge⸗ ſichtet werden. Der Menſch ſoll Alles wiſſen, beachten, zu einem Ganzen zu machen ſuchen, oder in allem Einzelnen das Ganze, Wahre fin⸗ den. Aber geſehen? Nein! Nur aus der Ferne vom Thurme und ohne Fernglas, nur um mich zu überzeugen, es iſt wahr! Indeſſen iſt auch dieſe Sitte in Ehren und Unſchuld; ja gerade Einer oder Eine, die mit dem ſchönſten Bade⸗ kleide dort angeſtiegen käme, würde dort ſo lä⸗ cherlich, ja verachtet, und für ſo unſittlich ge⸗ halten und allgemein gemieden, ja aus der guten Geſellſchaft geſtohlen werden, wie eine treuloſe Frau bei uns in ganz England; oder was noch mehr ſagen will, wie ein amerikaniſcher, treuloſer Ehegatte in Amerika. Herkommen übt ſtrengere Gewalt, als das ſtrengſte Geſetz. Denn die Bd. V. 14 210 Welt, ſo verlangt man, ſoll der Welt gehorchen, die bekanntlich das geſcheideſte, unwiderleglichſte Thier iſt. Er gab mir nun zum Abſchied die Hand, hielt ſie, und ſprach:„Unſer franzöſiſcher Freund iſt ein verlorenes Weltkind! Aber Alles wohl er⸗ wogen, ziehen Sie auch hin mit nach Martaban! Nur ſcheinen Sie mir zu ehrlich, als etwa von einem Judenkinde, das vor der Thüre mit ſeinem ganzen Erbe auf Lebenszeit, mit ſeines Vaters unſchätzbaren Juwelen und Perlen ſpielt, im Vorübergeh'n von dem Kinde die ganze Mütze voll geſchenkt zu nehmen, für ein paar Orangen, die Sie ihm zugeworfen haben. Edel iſt Anbie⸗ ten; edel iſt Ablehnen. Sie verſtehen mich! ich halte meine Sitte überall, wie meinen Thee⸗ keſſe Ich verſtand ihn, und verſprach ihm, mich, wie er auf den Thurm, in die Burg meiner Seele zurückzuziehn, und feſten Stand zu halten. Schon ein Scheiden auf kurze Zeit macht weich.— Ein Abſchied auf immer, erregt die tiefſte Seele, ſie wird weit und groß, und ſo fühlt ſie ſich. Darum ſprach unſer engliſcher Freund nun auch zu dem Franzoſen, dem er gleichfalls die Hand über mein Pferd weggereicht 211 hatte:„Ich habe vorhin unrecht geſagt, daß Ihr Beide Euch nicht zu viel auf Euch einbilden ſoll⸗ tet! Erſtlich ſeid Ihr Beide ein Paar der fein⸗ ſten jungen Männer— fein hat auch ſeine ſchöne Nebenbedeutung. Zweitens haben wir ſeit einer Million Jahre, wenn nicht länger, nicht hier droben geſtanden, wie die vier Haimonskin⸗ der. Wir Menſchen ſind alſo in der That eine ganz unglaubliche, herrliche Erſcheinung! Und wohl dem Menſchen, der den Menſchen ſo ſchaut, der ihn ſo ehrt! Und alſo werdet Ihr dort bei dem gaſtfreien Völkchen geehrt werden, das noch jeden Gaſt, wie einen Zeus in ſeiner eigenen Geſtalt ehrt. Dieſe Verehrung iſt beneidens⸗ werth. Fühlt das wohl! Fühlt wohl, daß ſie ehrenwerth iſt nach Eurer Art! Verſteht mich recht!“. Und nun that er einen großen Blick in den Himmel, neigte das Antlitz, und flüſterte uns Homers Worte mit weichſter Stimme zu: „Lebe nun wohl, auf immer, o Königin, bis Dich das Alter Leis beſchleicht und der Tod, die allen Men⸗ ſchen bevorſtehn!“ Er hatte ſchon ſein Pferd links gewendet, als er uns noch, wie zur Lehre S Warnung 14* 212 zutief:„Von Martaban auf dem Wege nach Smyrna, rechts am Meles, auf drei mäßig ho⸗ hen, ſanft gezogenen, blaurothen Felſenhügeln findet Ihr auf dem mittelſten oben drei kleine, freundliche Höhlen; wieder in der mittelſten iſt das Grab der ſchönen, armen Kritheis, der Mut⸗ ter Homers! Apollon hatte ſie in ihrer Jugend und Schönheit verführt, und das arme Kind Ho⸗ mer mit ihr gezeugt, und auf Zeit Lebens ſie verlaſſen; als ſie alt geworden, kam er erſt wie⸗ der, erſchien ihr noch einmal— drückte ihr die Augen zu und begrub ſie ſelbſt, zu allem Dank, in der Grotte. Die Mütter der größten Män⸗ ner, vom grauen Alterthum bis auf den heutigen Tag, waren immer die unglückſeligſten.“ Und unter lautem Nachruf:„Lebt wohl! Lebt wohl!“ ritten Jene links hinab mit ihrem Führer und Saumroſſen in das Thal des Mäan⸗ der. Wir aber, den Tmolus zur Linken laſſend, nach Smyrna zu, ſtill hin unter den ſtillen Ge⸗ witterwolken. Glücklich, wie durch Lykaonien, waren wir dann auch durch Phrygien gelangt, und ritten endlich in Lydien. Wir beiden Freunde, unſern Gatſché in der Mitte hinter uns unſern gemein⸗ ſchaftlichen Diener, einen treuen Nubier, inmitten 213 unſere beiden Saumroſſe, die unſere kleinen Schätze trugen. Ich dachte nicht mehr an Mattaban, in meiner Seele feſt und rein gewillt, ohne Furcht, ohne Haß und Liebe zu aller Welt hier zu Lande. Mein Geiſt war ſchon am Meeresufer in Smyrna, zu Schiffe auf dem Meer, er landete ſchon wie⸗ der jenſeits am Strande und flog in die Heimat. Denn man ſollte glauben, ein Reiſender ſei ſchon durch die äußere Bewegung beſchäftigt, und durch ſeine Umgebungen befangen genug. Aber ein Reiſender iſt der unruhigſte Menſch, und ſchweift noch immer mit den Gedanken nebenaus in die Fernen, beſteigt die Berge zur Seite, die alten Thürme, zieht mit allen Hirten in die Thdler, mit jeder Braut in das Hochzeitshaus, ja mit den Wolken fliegt er und ſchaut in die fernen In⸗ ſeln, und reiſet, und ſehnt noch ſelber im Traume voll Sehnſucht! Denn Reiſen iſt ein unnatürli⸗ cher Zuſtand; ſelten iſt Reiſen die Sache, faſt immer ein Mittel, ein Weg! Darum haben alle Reiſende ein beinahe melancholiſches Anſehen, ein unſicheres Weſen, ſelbſt der gemeine Matroſe im fernen Port. Nur als wir eines Morgens endlich ganz im Hintergrunde die Gegend von Martaban ſa⸗ hen, nahm mein Freund mit Lächeln ſein Fern⸗ 214 rohr, und that dann Fragen über die Einwohner an den Gatſché. Und ſo hört' ich mit ihm die Antwort deſſelben:„Ich komme als Händler von Rauchwaaren doch weit in Anatolien umher, bis an die nördlichen Grenzen von Taurien, und wenn ich ſagen ſoll, von wo der Stamm eingewandert iſt, ſo ſpreche ich, ſie ſind vielleicht ſchon zu Ti⸗ murs Zeiten von den Guriern hierher verſchla⸗ gen.— Denn ſo ſehen ſie aus.— Sie ſind ſtark, tapfer, beſonders gegen die Wölfe, die hier nicht das Auslachen verdienen; dabei ſind ſie ſchlau, faul, wo möglich und ſo lange als mög⸗ lich, habgierig und beſonders rachfüchtig. Ihr Frauenvolk iſt ſo ſchön, daß es eine Schande iſt, wie es hier ſo verborgen lebt und ſtirbt, und doch ſo vornehm ausſieht, als wären alle Köni⸗ ginnen, wenn die ſo ſind, denn ich habe noch keine Königin geſehen und man ſagt nur ſo. Aber Ihr werdet ja ſelbſt heute Abend ſehen, wie friſch ihre Farbe iſt, wie ſchwarz die Haare und Augen, denn ſie glänzen Einen nur an! Aber Alle glauben hier von Fürſten zu ſtammen und Fürſten zu ſein, ſo ſehr halten ſie, närriſch genug, auf ihre Abkunft und ihren Stand, zum Erbarmen in groben, braunen, kameelhaarenen Kapotten. Sie haben zwar ein Paar Heilige, 215 und rühmen ſich des griechiſchen Glaubens; aber was ſie davon üben und halten wollen, darnach wird hier nicht gefragt. Doch lebt es ſich herr⸗ lich mit ihnen, und Ihr werdet nicht fort wollen, ſobald nicht!“ Der gute, alte Mann gab meinem Freunde, der ihm zur Rechten ritt, noch die beſten Verhaltungsregeln, weil er auf dem linken Auge blind war, alſo um mich bei dem Spre⸗ chen anzuſehen, wie Jeder doch gerne thut, im⸗ mer zu weit den Kopf nach mir umwenden mußte. Lieblich iſt es nun, einen Ort von fern ſo klein, ſo gar klein und ſo ſchweigſam zu ſeh'n! — Die Berge kaum wie halbe, blaue Pflaumen, die Wieſen nur wie kleine, grünſeidene Fleckchen, die Häuſer kaum ſo groß wie Spielſachen der Kinder! Dieſes Anſchauen des Auges und der getäuſchten Seele läßt nun alle Menſchen, und Alles, was ſie in dem kleinen, ungehörten Amei⸗ ſenhaufen thun und treiben und denken, gegen die große, offene Natur umher, als ganz gering und nichtig erſcheinen, von keiner Bedeutung! Und doch geht Alles dort ſo naturwahr, natur⸗ groß, ſo laut und wichtig vor, daß wir uns über⸗ raſcht fühlen, wenn uns durch unſer Annahen die Berge, Bäume, Häuſer und Mauern ſo groß 216 gewachſen ſind! und große Menſchen wie wir aus den Thüren hervortreten! und wir uns nun gewiſſermaßen in ihrer Gewalt fühlen. So ge⸗ ſchahe auch uns ſo überraſchend herrlich durch die Verwandlung des Dort in Hier. Wir waren in Martaban! und auf keinem Berge in keinem Thale dahinten mehr! Wir wa⸗ ren in der ganzen Welt nirgend weiter, als hier. Die Ferne, die wir durchmeſſen, war uns zuge⸗ ſchüttet, und die Nähe, die Gegenwart lag uns heraufgezaubert und offen, wie eine Lilie, vor Augen, reizend jetzt wieder in der Abendſonne unter dem koſtbarſten Himmel. Wir ſelber aber waren von den ziehenden Wetterwolken bis auf die Haut durchnäßt, und warteten ruhig auf un⸗ ſere dampfenden Pferde, bis unſer neue Gaſt⸗ freund, der Demeter hieß, von einem Knaben aus ſeinem großen, ummauerten Gehöft gerufen, hervorkam, und mit unſerem Führer eine eigene Art von Begrüßung vollzog, indem jeder dem Andern in der Hand etwas vorzeigte, das wir nicht gewahren konnten, und dem Andern ein ge⸗ wiſſes Wort in's Ohr ſagte.— Darauf trat Demeter vor uns, ſah uns mit durchdringenden Augen an, begrüßte uns dann ehrerbietig mit 217 gekreuzten Händen, ja er nahm ein wenig Erde auf, und ſtreute ſie ſich auf das Haupt. Und nun ſprach er nach der alten Vorſchrift zu uns:„Ihr ſeid lange geweſen! Wie viel Läm⸗ mer haben wir ohne Euch müſſen eſſen! Wie viel Krüge Wein austrinken! Wie viel Nächte ſchla⸗ fen, ohne Euch mit unſern Decken zudecken zu können! Doch der Herr ſchickt Euch erſt! Und ſo nehmt nun Alles von uns an, was ſein iſt, und was unſer war, ehe Ihr kamt!— Seht es Euch an, freut Euch daran, und theilt uns da⸗ von mit, um uns mit Euch zu freuen!“ Wir dankten eben ſo förmlich, ob wir gleich von ſolchen Worten herzlich gerührt waren, und verſprachen drei Tage zu bleiben um auszuruhen. Freund d'Amouſſon ward in das Gehöft, rechts des Weges geführt. Denn er ward der Gaſt von einem noch jungen, wild ausſehenden Manne, der Lykos hieß, und wenn ich recht hörte, der Schwager meines Wirthes Demeter war, oder der verwittweten Schweſter der Frau des Demeter das Haus und die großen Heerden verwaltete. D'Amouſſon ſchied von mir mit einem eignen Lächeln, wobei er mich nicht anſah. Ich ſelbſt ward nun links in den großen, ummauerten Hof des Demeter geführt, in deſſen 218 Hintergrunde wir eine gemauerte Treppe zu den „prangenden Obergemächern“ des Homer hinauf⸗ ſtiegen.— Aber mein Zimmer, das neben dem Schlafzimmer des Wirthes lag, war nur mit einem groben Teppich belegt; an den Wänden lief ein ſehr breiter und ſehr niedriger, bunter Divan umher, der ſtatt Sopha, Stühlen, und des Nachts, wo man wollte, zum Bett diente; die Waͤnde waren mit gehobelten, weißen, ſchma⸗ len Fichtenbretern bis an die Decke verſchlagen, und die Fenſter wurden durch Fenſterladen vor⸗ geſtellt, denn Fenſter ſind in dieſem himmliſchen Klima nicht nöthig.— Wir waren in unſern Privatkleidern gereiſet, mein blauer Oberrock und Alles war naß, ich mußte mich alſo wieder als ſtattlicher Offizier herausputzen, und ſo that ge⸗ wiß auch Freund d'Amouſſon drüben recht con amore, denn er hatte ſchon früh beim Ausritt ſorgfältige Toilette gemacht, die ihm der Regen zum Aerger verdorben. Es erſchien aber die ganze lange Zeit Niemand, nicht einmal eine alte Schaffnerin, am wenigſten ein junges Weib oder irgend ein Mädchen, woran ich indeß kaum dachte. Deſto mehr war ich überraſcht, als mich Demeter zum Eſſen holte und, mich feſt an der Hand haltend, in ein größeres, gemeinſchaftliches 2¹19 Zimmer führte, worin ein ſchmaler Webſtuhl gleich an der Thür ſtand, und links im Hinter⸗ raum ein kleiner Feuerheerd war, den ich jetzt nicht gleich ſah, ſo wie nicht den Berg von wei⸗ ßer, lockerer Baumwolle, wie eine Wehe Schnee, oder die Balken, die aus dünnen Eſchenſtämmen beſtanden, worüber als Decke dünne, rohe, große Steinplatten lagen.— Denn in ihrem Putz mit lilienweißen, langen Hoſen ſtanden, verhalten la⸗ chend und ſchelmiſchen Blickes, vier junge Frauen⸗ zimmer in der Nähe des niedrigen, runden, klei⸗ nen Tiſches, der mit blitzendem Meſſingblech über⸗ zogen war. Die Eine derſelben war ſichtbar die junge, blühende Hausfrau— die Schweſter des Lykos— denn ſie hatte einen kleinen, ungefähr zweijährigen Knaben am Finger. Die Andere neben ihr war ihre Schweſter, mit einer ſchim⸗ mernd, ja glänzend weißen Stirn, und auch die Wangen ſchimmerten ihr wie Lilien, was die Frauen in Anatolien durch ein eigenes, faſt wun⸗ derbares Waſchpulver bewirken; denn ſich auf alle Weiſe zu ſchmücken, zu ſchminken, zu putzen, wird hier, als das angenehmſte Gebot, gar nicht verborgen. Die andern zwei Mädchen, friſch und eigen, blickten mich getroſt an, indeß die Schwe⸗ ſter der Wirthin, ſich bewußt, daß ſie bei him⸗ 220 melweitem die Schönſte ſei, mit düſterem Ernſt den Blick zu Boden ſchlug. Wer würde nur vor dem gemalten Bilde einer ſolchen Jungfrau nicht ſtehen bleiben? Welche Augen müßten nur an einem ſolchen Marmorbilde nicht haften! Das läugne ſch nicht— das war mein Fehler, mein einziger, langer, der ſogleich ſeine Folge und ſei⸗ nen Erfolg hatte. Denn meine Ueberraſchung und Befangung oder Gefangennehmung von der immer bläſſer, immer düſterer werdenden Geſtalt, vermehrte ſich, als Demeter ſie an der kaum vor⸗ ragenden Hand ergriff, ſie mit voller, ſicherer Gewalt eines hieſigen Hausherrn zu mir herüber⸗ zog und ſprach:„Ich ſehe ſchon! Alſo Erina, Du biſt ſein, ſo lange er hier iſt. Diene ihm wohl! Und Du, Gaſt, ſei dankbar durch Freund⸗ lichkeit!“— Erina glühte roſig im Antlitze bis an die glänzende Stirn. Ich hatte Moreto's„Donna Diana“ ge⸗ ſehen und ging, wie ich meinte, hier jetzt nur in ein ähnliches Spiel ein, wie ihr Anbeter. Ich habe immer ſehr nützlich gefunden, wo ſie doch zuletzt nöthig waren, Geſchenke zu Anfange gleich zu geben. In fremden, ſehr vornehmen Häuſern war ich dadurch beſſer bedient, als ſel⸗ ber der Hausherr; und auch nobler iſt das Be⸗ 221 willkommnungsgeſchenk, als das Ahſchiedsgeſchenk, das gemeinhin eine erwartete Gage erſcheint. Die Sitte der Aſiaten fiel mir ein, und ob ich gleich nicht Diamanten und Perlen dazu nahm, ſo überſchüttete ich doch nun meiner ſchweigen⸗ den Erina den Kopf mit einer handvoll kleiner, ſehr gefälligen türkiſchen Goldmünzen, mit Ru⸗ bis, etwa vierzig bis fünfzig, zuſammen keine fünf Louisd'or werth. Aber die ſo götterhaft vornehme Geſtalt der Erina bückte ſich darnach, wie ein gieriger Pfau nach Weizen, und ſelber die andern Frauen ſuchten ihr die blitzend neuen Goldſtücke wegzuleſen, wohlverſtanden: als— aus Aberglauben— hoch und theuer gehaltene Geſchenke von einem Fremden, überſchätzt, wie Alles, was aus Aberglauben begehrt und verehrt wird. Erina gab ſelbſt dem kleinen Knäb⸗ chen als Amulett zu tragen kein einziges davon, ſondern die Murter that es von den ergriffenen ihren. Dann ſetzten wir uns auf die ſehr niedri⸗ gen, kleinen, viereckigen, mit Stroh beflochtenen Seſſel, um den wie goldenen Tiſch mit dem ge⸗ bratenen ganzen Lamm. Erina neben mich, ohne mich nur von der Seite anzuſehen, aus Beſcheidenheit, Gehorſam, überwältigenden Her⸗ 222 zens voll Schüchternheit und doch voll unab⸗ werflicher Bedingtheit, wie eine züchtige, immer⸗ fort erröthende angetraute Braut am Hochzeit⸗ tiſche. Sie goß mir zuerſt bräunlichen Wein in das einzig vorhandene, dann allen gemeinſam große Glas ein; dabei ſah mich ihre Schweſter zum erſten Male ſicher neugierig und immer freund⸗ lichet lächelnd an, Erina aber ſah ihre Schweſter an, und ſah das Lächeln, das Immerfreundlicher⸗ werden, verſann ſich an ihr, und vergoß— und goß über das lange ſchon volle Glas, noch im⸗ mer Wein— wie eine marmorne Nymphe am Brunnen ſtill immerfort ausgießt. Wahrhaftig, ich mußte ſeufzen über die ſchöne, verrätheriſche und ſich verrathende Natur. Ja, ich will es nicht verſchweigen, die Augen wurden mir feucht. Ueber dem Mahl war es Abend geworden. Ich hatte geſagt, meine naßgewordenen Sachen auspacken und aufhängen zu müſſen, ging auf mein Zimmer, und auf einen Wink mit den Au⸗ genbrauen von Demeter, folgte mir Erina. Auf dem Saale begegneten wir einem alten Mütter⸗ chen, nicht die Mutter, ſondern ſchon die Groß⸗ mutter Erina's, jahrebeladen, ja davon gebeugt, blaß, mager, und doch funkelte ſie mit den feu⸗ 223 rigen Augen mich an. Die Natur ſchickte mir hier gleichſam aus ihren Spätjahren die Ge⸗ ſtalt der Erina im Voraus entgegen! und wie Achill im Homer erkannte ich die Göttin.— Das alte Gebild einer ſchönen, verwandelten Jung⸗ frau aber erhrif mit ihrer dürten Hand meine Hand, ſahe in den Handteller, um mein Weſen und Geſchick darin zu leſen, erſtaunte, pries mich glücklich, nannte mit dem türkiſchen Worte mich Ogurlu, einen Glückbringenden, und Alles, was ich thue, den meimenetlu. Dann ſegnete ſie mich, wie die Araberinnen, und verlangte dann gleich wieder von mir geſegnet zu ſein, was ich ihr that, da ich es oft geſehen und thun müſ⸗ ſen.— Dann ſprach ſie mit ihrer ſchönen En⸗ kelin heimlich, wie der Altmond mit der Morgen⸗ ſonne, wie eine abgeblühte Roſe mit einer Knos⸗ pe.— Denn ich bin Kenner genug, in kleinen Mädchen ſchon die künftige Schönheit zu ſehen, und in alten Frauen die vergangene Schönheit noch. Mir war wehmüthig, ich ſeufzte heimlich um Erina. die leiſe zitterte, als ſie allein mit mir in das Zimmer trat, und ihre Augen blieben jungftäulich beſtürzt auf den Teppich geheftet.— Ich aber packte meine Sachen aus, reichte ſie einzeln ihr hin, und ſie beſah ſie und hing ſie 224 ſorgſam auf, bewunderte was zu bewundern war, beſonders eine ſchöne Schnur großer Perlen, die ich für ein Paar mit Edelſteinen beſetzte Piſtolen von der gemachten Beute mit eingetauſcht hatte. Dann brachte ſie mir eine Tabakspfeiſe, und ſich eine, und rauchte lieblich neben mi mit, bis ich vor Müdigkeit zu ſchlummern anfing.— Ich fühlte meine Lage, und erzählte ihr mit einem Händedruck, daß ich krank ſei, und leide von einem Schuſſe auf die Bruſt. Sie ward ganz blaß und faltete die Hände. Sie ſtand auf, ging nach einer Lampe, wie ſie ſagte, kam aber ewig und gar nicht wieder.— Und ich, nach hieſiger Sitte, entkleidete mich nur halb, zog die Decken über mich auf dem Divan und lag alſo zu Bett. Ich ſchämte mich, daß ich mich krank ge⸗ ſtellt; denn eher hielt ich mir alle Nothlügen für geſtattet, als die Lüge gegen die Natur:„ich bin krank!“ Und doch ſchien mir eine vorgeſchützte Krankheit das zarteſte Mittel der Rettung meines feſten Charakters, und die Ehrenrettung des Segens meiner Mutter. Denn als ich aus dem Vaterhauſe ging, begleitete mich die Mutter durch die wallenden Kornfelder auf den grünen Rainen, auf meine Pferde zu. Wir hatten noch Vieles geſprochen, Manches hatte ſie mir noch aufgeklärt, Manches entdeckt; und zuletzt waren wir lange ſchweigend Hand in Hand gegangen, dann, in der Wehmuth des nahen Scheidens, einzeln, ſie vor mit.— Da kehrte ſie ſich um mit dem ehrwürdigen Anſehen einer Mutter, und ſprach zu mir:„Knie nieder, mein Sohn, daß ich dich ſegne.“ So that ich, entblößte mein Haupt, und die heilige Sonne beſchien uns herr⸗ lich, herrlich.— Da ſagte ſie zuletzt:„Mein Sohn, du biſt ſo leidlich gut, du wirſt ſtark und beſtändig ſein gegen die Männer, und aus dieſem Gefühl: verträglich und freundlich; du wirſt nicht betrügen, nicht falſch ſein, Wein und Karten und mancher Tand wird dich nicht ver⸗ führen.— Aber, lieber Sohn, die beſten Män⸗ ner, die tapferſten, edelſten, ſind oft, mehr wie oft, die größten Betrüger der Mädchen und Frauen! So viel ich verſtehe, aus dieſem Grunde: die Männer ſehen ein ſchönes Weib blos als eine augenblickliche Erſcheinung an, nicht für ein lebenslanges Weſen, und darum fühlen ſie nicht die rechte Ehrfurcht vor ihm, und behandeln es nur nach dem Augenblicke. Ich aber bitte dich: Siehe in der blühenden Jungfrau auch noch das kleine, arme Wiegenkind, das ſeine Mutter Bd. v. 226 mühſam eſſen, trinken und gehen gelehrt; ſiehe das arme, kleine Ding mit ſeinem erſten Schul⸗ buch, ſiehe ſie, wenn ſie aus dem Vaterhauſe, aus der Mutter Armen auf ewig wegſcheidet, das Haar des Hauptes mit ihren Thränen ge⸗ näßt; ſiehe ſie als erſte Mutter, blaß, faſt gei⸗ ſterhaft, zärtlich, ſchwach, wiederaufblühend von heiliger Freude! Siehe daſſelbe Weib auch ab⸗ blühend, alt, krank, bereuend, wenn ſie zu bereuen hat, unglücklich, wenn ſie unglücklich gemacht iſt; ſiehe ſie krank, ſterbend, geſtorben— ſiehe ſie im Sarge— im Grabe, und dahin, und die leuch⸗ tende Sonne noch über ihr, und den erſten alten, blauen Himmel des Kindes, des Engels!— Und erblickſt Du ſo ein Weib, eine Jungfrau, in ih⸗ rem ganzen zuſammenhängenden, vielfa⸗ chen, ehrwürdigen, und von der Natur geehrten und heilig gehaltenen Weſen— dann, wenn es dir möglich iſt, gehe hin und thuk ihr Schmach und Schande und Unglück an, auch wenn ſie es litte, wenn ihre Augen, getäuſcht über dich, den⸗ noch ſchmachteten, ja, wenn ſie vor dir auf die Kniee fiele. Und thuſt du es, haſt du es gethan, dann ſprich nur: Ich habe keine Mutter mehr! Aber ich fühle, ich weiß es: Ich werde immer deine Mutter ſein!“— 227 Ich hatte mit die Worte aufgeſchrieben, und wunderbarerweiſe waren ſie mir heute durch meine Hände gegangen, und ich ſchlief ein mit ihrer Betrachtung.— Eine gute Mutter wirkt un⸗ ſterblich, wie ein guter Geiſt. Und doch führten mich dieſe Worte in Todesgefahr. Doch weiter! Ich ſchlief feſt, und ſtöhnte gewiß im Schlafe, denn mir träumte, ich würde mit Ketten erdroſ⸗ ſelt.— Ich hatte mich gegen Erina krank ge⸗ ſtellt. Das hatte ſie um mich bekümmert ge⸗ macht— ſie hatte gewacht! Sie war mir genaht, um nach mir zu ſehen, mir beizuſtehen.— Und ſo fühlte ich auf meiner Bruſt eine leiſe, leichte Laſt, die ſanft und ſchwebend darauf ruhte.— Es war Erina's mitleidiges Haupt. Mein Herz pochte ungeſtüm. Ich rang zu er⸗ wachen, und bewegte mich. Da war mir bei dem trügeriſchen Scheine der ſchwachbrennenden Lampe, indem ich noch ganz betäubt die Augen verſuchte aufzuſchlagen, als ſpringe Erina leis auf dem Teppich fort, und ziehe ihre Decken auf dem Divan über ſich.— Sie ſchlief alſo dort, neben der Thür; und das arme Mädchen hatte mein Stöhnen gehört, vielleicht ſelbſt ſchlaflos, und hatte aus Bedauern die Wunde, die quet unter meinem Halſe hinlief, wie ſchmales 228 Purpurband, geprüft— vielleicht auch— ob ſie wahr ſei! Und als ſie wahr geweſen, hatte ſie aus Mitleid im Schlafe mir beigeſtanden, ohne aus tauſend Rückſichten mich wecken zu wollen. Das war der erſte Tag. Morgens ſchon früh bei Tagesgrauen war ſie fort. Höre mich jetzt. Ach, ich muß ſeufzen, ich weiß es nicht, ob es nöthig war, aber es bauete ſich eine kriſtallene Scheidewand zwiſchen mir noch und ihr! Und wodurch? woher? wor⸗ aus? Nirgend von außen— ſondern aus mei⸗ nem eigenen Herzen! Du erräthſt es! Ich fing ſie an zu lieben, alſo— ich liebte ſie!— Zwiſchen dem Liebenden und der Geliebten lagert ſich ein Frühlingsnebel, von tauſend Stimmen durchrufen, von tauſend Zaubergeſtalten durch⸗ wallt, von Sternen durchblinkt, wie vom Ge⸗ ſtrahl und Gefunkel des zuckenden Nordlichtes!— Wir ſelbſt wühlen und reißen in unſern Gedan⸗ ken eine tiefe, blumenduftende Kluft auf, die uns von ihr trennt, denn jenſeits derſelben ſteht die Geliebte und lächelt uns an, und winkt uns hin⸗ abzuſtürzen ohne Furcht. Aber wo nimmt das zagende, ſich zum erſten Male ſolcher Schönheit und Güte unwerth fühlende Herz, ſolche Hoff⸗ nung, ſolches Vertrauen her? Und die Geliebte, 229 die vor uns wandelt, die wir mit der Hand er⸗ reichen könnten, wenn wir könnten, iſt uns un⸗ erreichbar! fern!— Und ſie, die eben freundlich zu uns geſprochen hat, ſcheint uns nicht zu hö⸗ ren! Mit ihren ſchwarzen Augen, die ſie nun ſelbſt, durch unſere Zagheit zaghaft ge⸗ worden, nur ſchüchtern auf uns heftet, ſcheint ſie uns nicht zu ſehen! Nur unſre! eignen Ge⸗ danken füllen allmählich dieſe Kluft aus, wie ein Strom allmählich Land anſetzt. Und noch weiß kein Liebender, wie er zuletzt die Frechheit ge⸗ habt, der Geliebten das Haar zu ſtreifen, oder den Finger zu beruͤhren, oder gar ſeine Arme um ſie zu ſchlingen, und gar, o furchtbarer Muth! mit ſeinen Lippen ihren Lippen zu nahen! Und doch hat ſie ihn plötzlich umſchlungen, wie er ſie! Sie hat ihn geküßt, wie er ſie! Sie geſteht ihm, ſie hat geweint, wie er! nach ihm wie er nach ihr! Und doch iſt der Bann gebrochen, der ſie umfing, Keins weiß wie! und Keins mag ihn löſen. Denn nun erſt ſind Beide von Liebe gebannt, bezau⸗ bert! und alles Andere war Weg und Schritt, und Lockung und Drang in den heiligen Kreis! Mein ganzes Weſen war freilich durch das wunderbare, ſehr mächtige Verhältniß, durch dieſen eigenen Zuſtand in den mich Gebrauch und 230 Sitte dieſer Menſchen hier gevorfen hatten, ganz eigen erregt. Aber die unerforſchliche Schönheit und der angeborene Adel des Gegenſtandes führte und hob mich darüber hinaus, hinauf, ich weiß nicht wie hoch.— Und wie ſollte mir an⸗ ders geſchehen? Ich war hinausgegangen in den herrlichen Morgen, einen murmelnden Bach entlang, der an einem Orangenhaine dahin floß, auf einen Fel⸗ ſenhügel. Ich war ſchon müde! Ich mußte mich ſetzen.— Ich wollte Flöte blaſen.— Aber ich konnte nicht! Denn in dem Purpurgewölk ſangen die Vögel! ſie ſchlugen drunten in den Gebü⸗ ſchen, und ganz nahe um mich. Von ferne hörte ich Glockengeläut' der Lämmer, und ihr Geblöck nach den Müttern. Ach, die alte, heilige Erde, wie rührt ſie! wie iſt ſie voll alter und neuer Wunder! Dort hinter mir wohnten die Hindu, die Perſer— da blühte Schiras! Dort unten ſtanden die verſandeten Tempel Egyptens, und der matt blaugrüne Nil zog mit friſchen, neuen Gewäſſern hindurch zum Meere. Mir rechts nicht fern, in der Troas ſtanden die grünenden Hügel der todten Helden, und die neue Morgenſonne beſchien ſie, und die Schiffer ſchifften vorüber.— Ach, und hier um mich war ein Paradies, als 231 wenn ſonſt nirgend umher mehr etwas Schönes ſei, ſo blühte und duftete Alles. So voll war jeder Spalt und jede Ader im Felſen mit blauen Blumenglocken ausgedrängt, oder doch mit ſma⸗ ragdenem Gras! So funkelte jedes Sandkorn am Boden! Da gewahrte ich, ſelbſt ungeſehen, mir un⸗ fern gegenüber, Erina, die einen Blumenkranz gewunden hatte. Sie ſetzte ſich ihn dreimal auf am Rande des Baches, und dreimal nahm ſie ihn ab, und warf ihn dann mit Geberden einer Bittenden hinein. Das war ein Opfer an den Bach oder ſeine jungfräulichen Bewohner, wie auch die Slaven es hatten und haben, ein Opfer um Erwerbung, Erhaltung oder Bewahrung und Errettung eines Geliebten! Dieſen Anblick von ſolcher Geſtalt in ſol⸗ cher zauberiſchen Natur ſehen! es fühlen— es geht dich an! Wem trifft das nicht das Herz! Flüchtig war ſie fort, aber ich fand den Kranz ſchwimmen, ich ſah ihn mit kindiſchem Entzücken, und wenn meine Seele ſich recht erinnert, ſo hat ſie nie etwas Rührenderes Lieberes geſehen.— Ich ließ ihn ſeiner Wege ziehen! die Erfüllung zu bewirken, die doch in meinem Herzen lag, aber unreif, wie eine Granate, die erſt die Krone 232 anſetzt.— Und wie erſt war des Mädchens ver⸗ ſchämter Anblick, als ſie zum Frühſtück kam, und mir das Glas Waſſer, die in Honig fein ein⸗ gemachten Orangenblüthen und die kleine beſtrickte Taſſe mit Mokka brachte. Doch das war nur ein Anfang. Aber die gemeſſene Zeit der drei Tage drängte beklemmend! Denn darauf war ſie gleich wieder fort aus dem Zimmer. Aber was hatte ſie indeß gethan! Ich ging nach langer Zeit, Freund d'Amouſ⸗ ſon zu beſuchen.— Aber der Gatſché, der mit ihm in dem Gehöfte wohnte, kam und ſagte mir, er ſchliefe noch, doch ſei er ſehr wohl und glücklich. Dagegen nahm er mich bei der Hand, und führte mich— zu dem türkiſchen Arzt, wie ich an dem großen Doktorſtab im Zimmer ſchon kenntlich genug abnahm. Die Frau deſſelben ging mit offenem Geſicht, ohne den Zwang tür⸗ kiſcher Frauen an andern Orten, beſonders in den Städten. Sie ging ihren Mann tufen. Ich ging indeß in das kleine, kaum eines Saales große Gärtchen voll Kräuter und Blumen. Der freundliche, gute Alte kam, aber ſonderbar— er wußte ſchon; denn ich mußte ihm die obere Bruſt mit meiner angeblichen Wunde zeigen, wozu er nur lächelte. Aber auch bezahlt mußte er ſchon 233 ſein, denn er ſagte: ich nehme nicht doppelt, und bekomme von Armen ſogar ſelten nur einmal.— Er rieth mir ein Bad! Ein Bad! Ich verſtand das nicht! Ich begleitete unſern Führer wieder nach Hauſe, wo d'Amouſſon noch ſchlief. So ſagte mir jetzt eine junge, geſchminkte, ſchelmiſche Frau, welche da ſaß, und kaum aufſahe, indem ſie im Schooß einen Goldfaſanhahn rupfte, und die Federn um ſie herum lagen. Der zweite die⸗ ſer hier einheimiſchen Vögel lag auch ſchon zur Hauptmahlzeit geſchlachtet da. Zum Frühſtück meines Freundes ſtand ſchon ein Korb handgro⸗ ßer, purpurgrüner Feigen bereit, dann zweimal gereifte, doppelt ſüße Orangen und Mandeln in der Schaale, koſtbare, große Traubenroſinen, goldtriefende Scheiben Jungfrauenhonig's, kleine, runde, friſchgebackene Kuchen, und ein großer Wecken ſchneeweiße, ganz friſche Schaafbutter, und ein Krug Wein.— Ich mußte das reizende Weib anſehen, und mußte ſeufzen. Sie ſchwieg. Und ſo ſchied ich, und ging im Orte umher, und erkannte d'runten, an ſeiner runden Veſtatempel⸗ geſtalt und den Gläſern unter dem Geſimms⸗ ein türkiſches Bad. Es war die Zeit.— Ich ging hinein und ließ mich baden und kneten, und endlich ſalben und räuchern. 234 Als ich nach Hauſe kam, ſahe Erina's Schwe⸗ ſter, meine Wirthin, an den feuchten Haaren und an der friſchen Farbe, daß ich gebadet hatte, ſtand betreten, blickte in Gedanken zu Boden, drohte mir dann mit dem Finger und ſprach: „Alſo ſo! und wir haben ein Bad im Hauſe, und es iſt Erina's Sache. Alles mußt Du von Ihr verlangen, Alles von Ihr annehmen. So iſt es dankbar. Oder willſt Du nicht? Du be⸗ leidigſt ſie auf das Blut.“ Sie ſchüttelte den Kopf und ließ mich ſtehen. Ich ging verlegen in den Hof, wo unter den Bäumen Eins der Mädchen mit Wachspreſſen beſchäftigt war!— Ich ſahe ihr zu, ich griff mit an. Und endlich fragte ich ſie, da ſie ſtill ſtand: „Soll ich dich mitnehmen? mein Kind!“— denn ich hatte Erina im Sinn, von der ich hörte, daß ſie ſo eben ſelſt im Bade ſei.— Aber das Mäd⸗ chen ſabe mich lachend an, und verſitzte:„Hier gehen wir nicht weg! Wo iſt's denn ſonſt ſo gut? Und an was glaubſt Du denn?“ ſetzte ſie ernſt hinzu. Auch damit hatte ich einen Fehler gemacht, und mir bittere Saat geſäet, wenn Sie ſagte, daß ich ſie mitnehmen wollen, und die Geringen thun ſich gern groß! Sie ſagte es alſo gewiß. 235 Und hier iſt kaum ein Unterſchied des Standes; gewiß aber iſt kein Unterſchied unter den Jung⸗ frauen; denn die ärmſte, aber ſchöne und ge⸗ fallende, wird oft plötzlich die hocherhabene Frau des Großen und Reichen. Nachher kam Erina, ſo ſauber geputzt, ſo rein wie gefallener Schnee, ſo ſchön wie eine Roſe. Es war kein Fehl an ihr zu entdecken, wie ſie gewiß gewollt. Als aber dennoch die herabgefallene Seidenraupe ihr auf den Buſen kroch, erröthete ſie wie Feuer, wandte ſich raſch, entfernte ſich haſtig und heimlich hinter meinem Rücken, damit mir ja nicht das leiſeſte Grauen vor ihr ankäme— als ob ich bisher irgend einen mir widrigen Fehler an ihr gefunden hätte! Denn wie wollte ſie mir wohl! Ich hatte mir die Hand an der Wachspreſſe ein wenig be⸗ ſchmutzt und bat Erina um Seife. Sie wußte nicht, was ſie thun ſollte? gehen?— oder blei⸗ ben?— ob ſie gleich mein Neugriechiſch ſehr wohl verſtand; doch ging ſie, und brachte ein Stück weiße Oelſeife— aber ſie gab ſie mir nicht in die Hand! Ich bat ſie, ich trotzte zum Scheine darnach. Da legte ſie die Seife auf den Teppich, die Thränen traten ihr in die Augen und ſie ging hinaus. 236 —„Haſt Du etwas Lieblicheres geſehen? Kann Dir was lieber ſein, als ihr Widerſtand?“ fragte mich die Schweſter. Und als ich fragte, hörte ich den Aberglauben, daß Seife, die man dem Andern giebt, ſeine Gunſt und Neigung abwäſcht! und das wollte das gute Mädchen gar nicht. Nicht an mir. Dafür brachte ſie mir ein echtes, kleines Büchschen mit koſtbarem Mecca⸗Balſam für meine Bruſt, heil zu werden, alle Schmerzen zu vergeſſen, und bald.„Er hilft gleich!“ ſagte ſie mir. Wenn ſie nun von dem Arzte oder dem Gatſché meine Lüge, meine Verſtellung erfuhr! Ich ſtrich mir mit der Hand über die Augen. Was aber ſollte ich erſt empfinden, als wir zu den Bienenkörben gegangen, als eine Biene die zu ſehr genahte Erina auf die Unterlippe ge⸗ ſiochen; als ihr zwei Tropfen aus den Augen quollen, als ſie friſche, feuchte Erde mit einem Feigenblatte ſich auf den, wie von Aphrodite ſchelmiſch angehauchten, leicht geſchwollenen Mund hielt; als ſie in Gedanken ſtand, und erzürnt über das kleine, aber ihr bedeutende Mißgeſchick, mit dem Fuße auf die Erde ſtampfte, prall wie ein Reh! Und jetzt lief ich, holte den Balſam 237 und heilte ihr die Lippe— aber mit ihrem von mir geführten Finger. Und mußte doch lächeln! Die Liebe beſteht zum größten, edelſten Theil aus Anerkennung, aus Ehre, Verehren, ja, aus Ehrfurcht. Und ſo bite ich Dich, lächle nicht, wenn ich geſtehe, daß ich die halbe Nacht alle mir nur einkommende, ſüße, ſehnſüchtige Lieder auf meiner Flöte blies, und zum ſchönſten Be⸗ weis meiner Liebe und Ehre, ſelbſt unter dem Fenſter Erina's, das auch mein Fenſter war! Das war der zweite Tag! Oder ver⸗ hältnißmäßig angeſehen, waren es von meinem Leben hier, ſo viel wie vierzig Jahre. Auf meinen dritten Tag hier war ſchon vor unſerer Ankunft eine Jagd auf junge Wölfe und ihre Mütter vorbereitet. Da kam unſer guter, alter Gatſché am Vor⸗ mittag zu mir, und brachte mir ein Buch von Freund d'Amouſſon, um nicht durch einen Brief Verdacht zu erregen. Und welches Buch war es — das Trauerſpiel Phädra, aus ſeiner kleinen Reiſebibliothek ihm übrig geblieben. Und mit ganz kleiner Schrift war auf Franzöſiſch ganz friſch auf das weiße Flugblatt hineingeſchrieben: „Sei auf Deiner Huth! Gehe nicht auf die Jagd! Alles hat ſich für uns hier verwandelt, —— 238 oder doch für Dich, alſo auch für mich! Denn ich bin an Allem Schuld und meine Reiſeneugier! Eure, oder Deine— wie Du aber nicht willſt.— Erina iſt heute Morgens bei uns geweſen— bei ihrem Bruder, dem einem Wilden ganz ähn⸗ lichen Lykos. Ich ſah in ihr Phädra, wie ſie leibt und lebt, Phädra, die als Weib doch nur, für verweigerte Gegenliebe ſich ſchrecklich beleidigt ſah, bis zur ſchrecklichſten Rache. Weißt Du, wie wir über die Erzählung des Engländers lachten, der in einem ruſſiſchen Hauſe geweſen, wo die junge, verheirathete Tochter gekommen, und außer ſich an der Mutter ſich ſchamvoll ver⸗ borgen, als ungeliebt, als entehrt— weil ſie von ihrem Manne noch keine Schläge bekommen! Jetzt kann ich darüber nicht lachen. Die Zei⸗ chen der Ehre ſind überall anders, das Gefühl der Ehre iſt Eins.— Darum kein Wort von der Sitte hier. Wir Europäer dürfen keinen Stein aufheben! Haben wir nicht in der Schweiz und in Spanien ſchlimmere Freierſitten der Art? Steht nicht in der Staatswirthſchaft von Eu⸗ ropa: jährlich eine halbe Million Ehebrüche, bloß bekannt werdende; und eine Million uneheliche Kinder; wogegen das Land hier für rein zu ach⸗ ten iſt; und dieſe Sitte hier erſcheint durch Of⸗ 239 fenheit als eine Abwehr, ein Palladium gegen das ſchändlichſte, abſcheulichſte aller Vergehen, gegen den Betrug. Betrug iſt das Schlangen⸗ gift in dem Biß des Laſters. Und wie Du von dieſer hier üblichen Sitte und Ehre nichts be⸗ greifeſt, ſo fordre nicht, daß Andere, daß dieſe hier Deine Sitte und Ehre begreifen und ehren! Ich weiß durch das Vertrauen meiner Wirthin, daß Erina weiß und fühlt: ſie iſt von Dir be⸗ logen, betrogen— durch Derne Geſundheit, über die ſie der Arzt getröſtet! Im Beſitz aller Schön⸗ heit, ſcheint ſie ſich, das heißt, in ihrem Herzen: iſt ſie verachtet, verhöhnt, verunehrt, als wäre ſie abſcheulich, häßlich, alt, voll Fehler, und krank an der Peſt! Und dieſe Schmach vergrößert ſie ſich durch ihre Güte, Neigung, ja ihre Liebe zu Dir! Schande ſetzt das zuſammengepreßte Herz, das bange und todte in Feuer und Glut und Wuth. Sie weiß auch von dem Mädchen, die das Wachs gepreßt, Deine nun noch Eiferſucht erregende Rede! Und bei uns im Hauſe hat ſie geſehen, wie meine Wirthin mich mit Geſchen⸗ ken ſogar überhäuft und mich faſt auf den Hän⸗ den trägt.——— Bewahre Dich!“ Das las ich, und in der Phädra! und blät⸗ terte darin, und las hie und da ein, das ver⸗ 240 ſchmähte Weib enthüllendes, mich ergreifend be⸗ trübendes Wort. Wußte der Gatſché, oder nicht — aber ich las in ſeinen Augen die vollſtändigſte Sicherheit. Und„daß ich mir Ruhe erreite,“ zog ich auf die Jagd mit Lykos. Und voll vom Gefühl meiner bewahrten Sitte, welche auf Sittlichkeit ruhte— und meiner Mannesehre, welche auf reinem Wohlwollen und Anerkenntniß des ganzen Weibes ruhte— betrat ich ſorglos mit dem finſtern Lykos die jähen Abſtürze der Felſen, ohne ſeine Geberden oder ſeinen Schatten zu beachten, wenn mir der Unhold im Rücken ſtand; ich ging ſorglos in die uralten Höhlen, ſchon vor Homers Zeit im Gebrauch der Hirten und Heerden; ohne Furcht, daß er draußen vor den Eingang einen großen Stein herabſtürze, um mich darin verhungern zu laſſen, wie es die Wolfsjäger den jungen, eingefangenen Wölfen thaten, welche endlich, vor Hunger Nacht und Tag heulend, die Mutterwölfe— und um ihrer Weiber willen, ſelber die Männerwölfe heran⸗ locken ſollen, damit ſie die Jäger erſchießen, und mit den Müttern ganze Bruten. Ich fürchtete nicht, daß er die Wolfshunde, deren jeder Hirt umher wohl 40 bis 50 mit herbeigebracht, auf mich hetze, damit ſie mich zerriſſen. Kein Hahn 241 hätte hier nach mir gekräht; und das konnte von ſelber an mir Fremden geſchehen. Der Fang der jungen Wölfe war heut die Hauptſache geweſen, und ich ſahe noch die Vorbereitung zur Jagd der Alten. Sie warfen junge Wölfe in die Gruben; ſie banden, ja ſie nagelten andere an Baͤume. welche die Schützen dann beſteigen, von oben die Gefeſſelten mit einem ſteingroßen Holzklum⸗ pen werfen, um ſie zum Heulen zu bringen, und das Holz an einer Schnur ſich immer wieder heraufziehen.— Auf den Bäumen ſitzend, ſind ſie ſelbſt aber ſicher vor den Schüſſen, der, die herbeigeſchlichenen alten Wölfe erlegenden Hir⸗ ten.— Auch zwei andere Jäger waren in dem Gewirr von allen Seiten, zum Glück leicht ver⸗ wundet, darum wunderte ich mich nicht über einen Streifſchuß an meinem Ohrläppchen. Mit Sonnenuntergang war ich aus dem großen, natürlichen Garten der unzähligen reichen Heerden nach Hauſe— und fand Erina auf meinem Zimmer. Sie ſprang auf von meines Lagers Stelle, und wollte hinaus. Es war zu ſpät.— Ich war überwältigt von meinen Ge⸗ fühlen.— Morgen ſollte ich von ihr ſcheiden— und auf immer! Nur Einen Kuß von dieſen Lippen— wer wollte mich darum ſchelten? Nur Bd. V. 16 242 einmal dieſes herrliche Gebild an das Herz drük⸗ ken— wer hätte mich nicht beneidet! Und ich Thor— ich bat ſie nur um einen Kuß. Damit hatte ich ihr Himmel und Hölle auf⸗ getiſſen! Sie ſtand ganz ruhig an der Thür: Ihr Antlitz war ganz blaß; ihre Augen gingen ihr irr; ihre Züge waren ganz geſchmolzen in eine düſt're Wehmuth, in ein unbeſchreiblich wei⸗ ches Weſen. Da ſprach ſie leiſe einige Worte, die ich nicht verſtand, aber der weiche Ton aus der wunden Bruſt gelispelt, durchſchnitt mir das Herz. Eh' ſie es ahnete, hielt ich ſie umſchlun⸗ gen. Sie aber richtete ſich hoch und ſtolz, und doch mit gebundener Kraft in meinen Armen em⸗ por. Sie ſchob ihre flachen Hände rechts und links zwiſchen ihre Bruſt, ſtemmte und drängte mit ganzer Gewalt mich von ſich zurück, während ſie ihren Oberleib weit von mir zurückbog. Ihr Kopf, ihr blaſſes, blaſſes Geſicht mit den ge⸗ ſchloſſenen Augen, mit den geöffneten Lippen, und den von ihrem Schmelzfeucht glänzenden Zähnchen— Alles war mir unerreichbar fern zurückgebogen. Und ſo ſchwebte die ganze be⸗ bende, zitternde Geſtalt voll birtern Gefühls mei⸗ ner Verachtung— voll ihres Stolzes, ja ihres Hohnes— und doch auch voll ihrer Liebe— 213 und vielleicht voll von der Ahnung meiner Liebe oder meines Verlangens, eine ſelige Zeit vor meinen erſtaunten und bewundernden Augen.— Wenn ich ſie einmal los ließ, war ſie auf ewig verloren— und ſelbſt ohne den einen Kuß ließ ich ſie los— und wie ein Geiſt verſchwand ſie mit einem Ach, um Jahrelang in allen Nächten darüber zu ſinnen, wie über das„Wehe!“ aus dem Grabe einer lebendig begrabenen Braut. Ich packte nun auf morgen meine Sachen ein, und Du kannſt denken, daß ich für Erina das unſerer Schweſter beſtimmte Perlenhalsband draußen ließ, und für Demeter, ſein Weib und ſelbſt für den Kleinen nur zu reiche Geſchenke. Endlich ward ich zur letzten Mahlzeit gerufen. Die Geſchenke auf dem Arm, ſah ich im Hofe am Röhrtrog meinen Schahroch waſchen, ach, und mir fehlte ſchon Eins.— Erina, eine große Netzmelone unter dem Arm, fütterte ihn nicht mehr, wie ſonſt, mit ſogar geſchälten Melonen⸗ ſcheiben von der flachen Hand, und lockte ihn nicht mehr ſich nach, oder ſetzte ſich nicht mehr ſeitwärts auf ihn, wenn er niederknieete.— Das Alles war aus! Und das Pferd ſelbſt wieherte nach ihr. Denn Thiere ſind dankbar ohne Vor⸗ behalt und ohne Anſehn der Perſon. 244 Der Hausherr erfährt überall im Hauſe zu⸗ letzt den Stand beſonderer Dinge von den Frauen, und ſo geht er in ſeiner ehrwürdigen Haltung ſogar oft lächerlich einher, wenn nicht die Furcht das Auslachen verböte, wie er ſich bezeigen wird, wenn er Alles erfährt! So war es auch hier.— Demeter war nicht ohne Verdacht, daß etwas geſchehen ſei, aber die Geſchenke brachten auch jetzt ihre Wirkung hervor, wenigſtens ein erzwungenes Lächeln, ſelber von Erina's Schweſter. Erina ſelbſt war krank in dem Nebenzimmer bei der alten Großmutter. Demeter verlangte, daß ich ihr ſelbſt die ſchönen Perlen um den Hals bände. Wir mußten folgen. Ach— da ſaß das zau⸗ beriſche, wie bezauberte Mädchen, den Kopf nie⸗ derhängend, und ſanftes Mondlicht begoß ſie. Ich knieete zu ihr, ich wollte ihr das Kinn auf⸗ richten; ſie ſtemmte es aber nur feſter auf die Bruſt; und indem ich doch die Schnür um ihren Nacken ſchlang, die ſich ihr über die Lippen zog, biß ſie bebend in die Perlen.— Sie verwandelte ſich, ihre Augen rollten, bis ſie plötzlich ſtill ſtan⸗ den; ihre Zähnchen knirrſchten unwillkührlich bei feſtgeſchloſſenem Munde; ihre kleinen Händchen ballten ſich feſt. Der ſtrenge Demeter fiel mit Wuth auf ſie, vielleicht ſchon aus Begier, ein 245 ſo reiches Geſchenk nicht einzubüßen, oder ihren Trotz kennend; er wollte ihr mit den Kniebeln der beiden Zeigefinger den Mund aufzwingen, roh aufbohren, und ſetzte ſie ſchon in die zarten Wangen. Da hielt ich ihm die Hände, ſein Weib zog ihn zurück und fort— ich ſah noch einmal dem wunderbaren, jetzt erſt mit nichts zu vergleichenden ſchönen Mädchen in die geiſterhaft ruhigen Augen, aber die Großmutter ſtieß mich fort von ihr— ich ging— als wenn ich ſie noch tauſendmal wiederſehen ſollte, müßte, alle Tage meines Lebens. Welche Speiſe hätte das ſein müſſen, die ich nun hätte eſſen können! Welcher Trank, den ich getrunken! Ich ſaß mit Demeter allein, der, zwiſchen jedem häufig hinuntergeſtürzten Glaſe Wein, Zornworte murmelte und mich nicht anſah. So ging ich, die letzte Nacht hier zu ruhen. Ich konnte nicht ſchlafen. Ich hatte lange gele⸗ gen in tauſend Gedanken, ich hatte ſogar gelacht. Ich ſtand um Mitternacht auf, lehnte mich in das offene Fenſter, und ſah ohne Gefühl in die ſchweigende Nacht hinaus. O die blaſſen Sterne! O die wehenden Schleier der Wolken! und die ſäuſelnde Erde, wo doch keine Blumen, kein Blatt, ja, kein Baum in ſeiner Farbe zu ſehen 246 war.— Ach, und der untergehende Mond! Sagt von der Pracht des Sonnenaufgangs, von der goldenen und purpurnen Abendröthe, in welche die Sonne ſich legt, wie eine nicht auf Purpur geborne, ſondern auf und in Purpur ſterbende Königin— aber, und was doch die Wenigſten ſehen, was iſt Alles, Alles, gegen einen Mond⸗ Untergang in der unheimlichen Nacht! und nicht des vollen Mondes, ſondern ſeiner Sichel, die, wie mit eines Kindes zwei glühenden Fin⸗ gern noch ſeine ganze ſichtbare Scheibe um⸗ ſpannt hält, wie eine unkenntliche, nur ſchim⸗ mernde große ſilberne Münze! Und während die Sichel nun ganz unmerklich und leiſe doch imnr tiefer ſank, feurige Strahlen ſchoß und Glanz ſchillerte und glühte, und, wie ertrinkend, ſich an das leuchtende Gezelt über ihr feſthalten wollte, wie eine gefallene Spinne an ihr Netz, und doch immer tiefer in das wunderbare Gräb hernieder⸗ ſank— während deſſen ging ich mit meiner Tage Bewußtſein von Kindheit auf, gleichſam mit dem Geiſt meines Lebens zu Rath, und ſuchte ihm zu beweiſen: Ich muß hier bleiben! Dieſe ſchöne, wunderlich gekränkte Jungfrau muß ich zum Weibe nehmen, Alles ausgleichen, Alles gut machen, und tauſendfach vergelten!— Ich 247 ſagte mir faſt laut vor: Alle Güter erwirbt der Menſch ſelten zuſammen— beſcheide dich die beſten zu erwerben und zu haben: das häusliche Glück, das ſchönſte, treueſte, edelſte Weib— ach, und Kinder, welche Kinder, und wie viele! Wer das hat, was er liebt, iſt glücklich, und nur der! Bleibe, wo du geliebt wirſt, wo du liebſt, da bleibe! Freilich mußt du tauſend Anderes aufge⸗ ben, vermiſſen, was freilich auch Leben, ſchönes, ſüßes, menſchenwürdiges Leben iſt. Aber wenn du, du nun auch Alles dort in der Ferne, der Heimath findeſt und haſt, und genießeſt und lebſt— wird dir nicht eben das Beſte, das Ichte, das Rechte fehlen? Willſt du für die ge⸗ ringern, nicht ſo unentbehrlichen Güter des Gei⸗ ſtes, den Schatz des Herzens geben, wie ſo viel tauſend Männer es thun, als würden ſie tau⸗ ſendmal leben, und als ſei kein Mal leben es werth⸗ am ſchönſten zu leben, ſondern nur ſo er⸗ duldbar, nur nicht verhungernd von den Almoſen der Erde. Der Himmel aber giebt nicht Almo⸗ ſen, er überſchüttet mit Schätzen. Bleibe hier! Gehe unter, wie dort der Mond, deine europäi⸗ ſche Welt!— So ſprach ich. Aber da ſah ich zum Mond, der eben verſchwand, und Gefühle der Kindheit 248 Gefühl eines, meines Vaterlandes, überfiel mich mit Angſt. Denn nun ſchaute ich einmal mit aufgethanem Geiſte das Schickſal des Mon⸗ des, und mußte faſt lachend ſagen: Du armer, elender Mond, der auf der offenen Land⸗ ſtraße des Himmels wohnt und lebt, wie ein alter Steuerbruder, der keine Heimath mehr hat! Du haſt keine Hütte, nicht einen Stein, worauf du dein altes, kahles Haupt nur eine Nacht zur Ruhe legen kannſt— du legſt es in weichendes Gewölk und dämmerſt ein, wie der ſchwimmende Schwan auf dem Strom! Darum ſiehſt du ſo geiſterhaft aus, darum iſt dein Untergang ſo ſchauervoll! Ich habe ein Vaterland! Mich fror, ſo bloß wie ich war, in der küh⸗ len Nachtluft, und das wirkte auf meine Ge⸗ danken. Und ſo wirkte auch ein nächtlicher Raub⸗ vogel auf mich, der mit ſeiner Beute dahin flog. Entführe ſie dir! dachte ich. Ich war willig. Aber wie bewegte ich ſie, wie ſie jetzt gegen mich fühlte, nur zu meinem Schahroch zu kommen, oder aufzuſteigen und gar zu entfliehen mit mir! Und meine Phantaſie malte mir den Hohn und den Spott aus, wie Erina mir die Flucht mit mir zuſagte, in finſterer Nacht, und vermummt auch zur beredeten Stunde kam— 249 aber im Morgenſchein erkannte ich ihre alte, mir untergeſchobene Großmutter hinter mir auf dem Roß, und ſie klammerte ſich an mich! Es giebt Lagen ohne Hilfe, und in der meinigen ſuchte mich ein betrügeriſcher Gedanke zu tröſten, daß Erina in wenig Jahren ja doch auch ſo alt ſei. Aber ich fühlte ihre Schönheit zu brennend im Herzen, und wußte mich lieber ohne Rath. Kein Wort nun vom Scheiden am Mor⸗ gen! Erina ſah ich nicht mehr! Ich ſaß wie ein Held, und doch hohl auf meinem wiehernden Roß.— Freund d'Amouſſon erſchien traurig und doch begnügt. Lykos wollte eine Schafheerde aus der Morea holen oder kaufen, und ritt deß⸗ wegen mit uns bis Smyrna, aber mit Willen in dem ärmlichſten Aufzuge der Hirten— Leder⸗ ſtreifen um die Schienbeine gewunden, weiße, weite, kurze Hoſen, breiten blauen Gurt mit Waf⸗ fen, und eine braune Jacke, und über den Kopf mit Mütze und ärmlichem Tuch noch dem brau⸗ nen, rauhen Kaputto. Und als wir wegritten, ſah ich die Weiber, ſelbſt die alte Großmutter auf dem platten Dache unſeres Hauſes ſtehen— aber Erina nicht— und ſie lachten eine ſchreck⸗ liche, höhniſche Lache mir hinterdrein. Dieſes Lachen hatte ſogar mir etwas Furchtbares, der 230 ich nicht Unrecht, ja Recht gethan, und dennoch war hier ein Unrecht geſchehen, ein Hohn, der mir wiederum gellend und höhnend nachlachte! Aber nun höre den Ausgang! die Rache! Wir wohnten in Smyrna mit dem Freunde in zwei an einander ſtoßenden Häuſern, und meine beſten Sachen und die Pferde hatte ich daneben bei ihm. Unter den Saal weg wohnte in meinem Hauſe ein alter, einzelner Mann, ein Türke, der noch mit allerhand Koſtbarkeiten han⸗ delte. Wir waren zuſammen bekannt geworden, er bei mir geweſen, ich bei ihm, weil ich ihm Manches abgelaſſen und er mir verkauft hatte, was ich von ſeinen Sachen gewünſcht.— Da war es faſt erwieſen, daß der arme Alte, um ei⸗ nes beabſichtigten Diebſtahls wegen, vergiftet worden war, wenn auch vielleicht nur mit zu viel Maslak oder Opiumküchlein, die hier unvor⸗ ſichtigerweiſe an Jedermann verkauft werden.— Der Arzt gab keine Hoffnung, wenn der Alte auch noch einen Tag und eine Nacht bis zu der ewigen Nacht ſchliefe. Natürlich beſuchte ich ihn öfter. Aber als ich um die ſpäte Dämmerungs⸗ ſtunde, zu welcher ſeine Wärterin nach dem Arzte gegangen war, in ſein Zimmer komme, wo jetzt Niemand außer ihm war, und an ſein La⸗ 251 ger trete, höre ich ihn ängſtlich, grauſenvoll ſtöh⸗ nen! Ich ſehe Blut auf der Decke; es ſteckte ihm ein Handſchar— ein Dolch— in der Bruſt.— Ja, ich ſehe, als ich ihn herausziehe, es iſt mein Handſchar! den ich, als ungebraucht, nicht vermißt. Ich ſtehe noch ſtumm und betreten,— als ſchon Stimmen unter den Fenſtern, und Stim⸗ men hereinſtürzender Türken„Mord! Mord!“ ru⸗ fen,— und mich erblickend:„Ergreift den Mör⸗ der! Erſchlagt den Hund!“ Dagegen war keine Abwehr, keine Gegen⸗ wehr! Die Türken waren raſend und mit Recht! Nur gegen Mich, mit Unrecht, mit Unſinn— mit Täuſchung.— Aber wer enttäuſcht auf der Stelle wüthende Menſchen?— Ich hatte von Glück zu ſagen, daß ich nicht buchſtäblich in Stücke zerhauen ward, daß unſer Hausherr ſich verbürgte, daß ich zum Richter, und in das Ge⸗ fängniß gebracht wurde. Und ſo geſchah es.— Mein Freund war auf einige Tage nach dem ſchönen Chio gefahren, er kam zur rechten Stunde vor meiner Verur⸗ theilung wieder. Ob ein Vergifteter auch noch könne ermordet werden— was bei uns mit Recht viel Unterſuchungen veranlaßt ha⸗ 252 ben würde— das kümmerte hier Niemand. Und zum ſcheinbaren Beweiſe hatte man auch noch Sachen des alten armen Mannes in mei⸗ nem Mantelſacke gefunden, theils Sachen, die ich wohlerworben hatte, aber auch ſolche, die hineingekommen waren, oder ſein ſollten, ich wußte nicht wie? In dieſer Noth, und um mich doch vor der Hand zu erlöſen, opferte mein Freund ſein ſchönes, koſtbares Beutepferd, wo⸗ durch er bewirkte, daß ich bei der jetzt in der Stadt noch obwaltenden Verwirrung auf ein türkiſches Schiff im Hafen, und mit demſelben nach der Hauptſtadt gebracht werden ſollte. Und das geſchah bald bei Nacht. Damit war aber mein Freund nicht beru⸗ higt. Und Rettung war nur noch ſo lange, als der Nordwind wehte, der das Schiff nicht fort⸗ ließ. Und ſo erhielt ich am dritten Morgen mit meinem Frühſtück, das ich mir wählen und kau⸗ fen laſſen durfte, in einer Hrange ein Streifchen Papier mit den Worten: „Wenn Du zu Nacht die Windmühle Dir gegenüber brennen ſiehſt, dann halte Dich fertig! Ich komme Dich erlöſen, meine Schuld von Martaban und mein Leben Dir zu vergelten. Dein Pferd und der Diener 253 wird am Strande in der Nähe bereit ſtehn. Entfliehe nach Tſchesmé! Ich komme nach. Kümmere Dich durchaus nicht um mich— Alles iſt wohl berechnet. Auf Wiederſehn!“ Das Alles war ſo natürlich zugegangen— wie das Korn auf dem Felde wächſt! und ich hatte Alles mit meinen Augen geſehn, und es war mir gekommen, wie Regen und' Gewitter am Himmel.— An dem Streifen Papier erkannt' ich den hilfreichen, dankbaren und immer noblen Franzoſen, und an der verwegenen Unternehmung den jungen, noch kriegwarmen Offizier. Ich aber— ich ſollte entfliehen? Entfliehen iſt überall immer unredlich. Die ſchwerſten Lagen ſoll gerade der Mann beſtehen und ausfechten. Das Herz läßt nicht von ſeinem Edelmuth, und ein Schul⸗ diger iſt verzagter zu bleiben, ein Unſchuldiger iſt trotziger zu fliehen.— Aber ich mußte mir Alles gefallen laſſen— ſollte ich gegen meinen Freund kämpfen? ihn verrathen? ihn auch noch in's Elend ſtürzen? Die Windmühle in Brand zu ſetzen— wofür der redliche, reiche Freund dem Müller gewiß durch ein volles Geſchenk ge⸗ recht ward, oder ich— das ſollte die Aufmerk⸗ ſamkeit der wenigen Wachen auf dem Schiffe ab⸗ leiten, und die Menge umher zu dem Feuer.— Bd. V. 17 254 Die andern Türken lagen gewöhnlich träge drun⸗ ten im Schiffsraum, und alle Abende gerade durfte ich auf dem Verdecke umhergehen. Da gewahrte ich am Abend an den Wind⸗ mühlflügein einen lichten Punkt, wie einen rothen Stern, der ſich in großem Kreiſe umherſchwang, wie ein Knabe eine glühende Kohle umherſchwingt; daraus ward ein imer breiterer rother Kreis, wie ein glühendes Band, dann wie ein heller, flam⸗ mender Ring des Uranus— dann überlief Feuer die ganzen Windmühlflügel, und die Flügel hrann⸗ ten wie ein großes, geſchwungenes Feuerrad, und zuletzt wie eine ſtehende, flammende, feurige Sonne. Der Anblick war wunderbar ſchön. Nun brannte das Dach. Nun flog, wie ein künſt⸗ liches Feuerwerk, das inwendig brennende Mehl in die Luft, wie ſchwächeres Pulver, und ver⸗ puffte in lieblichen Funken. Zuletzt ſtand die Mühle, ihr Sauſen erloſch, und nun erſchien nur noch ein feuriges, großes, tuhiges Kreuz gegen den Nachthimmel, in das ich ſelber ſtaunte mit Herzklopfen und geſpannter Erwartung— da kamen langſam und leiſe zwei Kähne! Einer an das Vordertheil des Schiffes, wo die Wache ſtand und ſahe; einer an das Steuerbord und legte ganz unbemerkt an. Und während die als Türken gekleideten Männer, die hier in einer Hafenſtadt gegen ein reiches Stück Geld leicht aufzu treiben waren, vorn heraufſtiegen, ſprang ich flüchtig in das andere ſtille Boot hinab— es ſtieß ab, es fuhr wie Pfeil, und landete weit von dem Schiffe drunten. Ich fand mein Pferd, unſern Diener mit meinen Sachen, und in gro⸗ ßem Bogen ritt ich langſam draußen um die Stadt, und dann, ohne Weg und Steg zu wiſ⸗ ſen, ſo ſchnell es die Nacht erlaubte, in der Ge⸗ gend von Tſchesmé, das ich wenig verfehlt hatte, denn am andern Morgen ſah ich es drunten am Meere mir rechts liegen, war dort geborgen, ver⸗ barg mich dort, und konnte jeden Augenblick ir im kleinſten Kaik hinüber nach Chio! Doch mich beſtürzte, je länger je mehr— mein Freund kam nicht! den zweiten, den dritten, den neunten Tag— nicht!— Ich war mit Grund in der äußerſten Sorge um ihn. Da kam am zehnten Tage der Lykos. Ich durfte nicht fragen, ich ſahe ſeinem Geſicht das Unglück an. Der harte, wilde Menſch ſogar trocknete ſich ſeine Augen. Dann trat er keck auf mich zu, und ſagte mir offen:„Deinetwegen komme ich nicht! Und damit Du Alles weißt, wenn es Dein alberner Kopf und Sinn ja noch 256 nicht etrathen hat.— Ich, ich habe Dich für die unſerm Hauſe angethane Schande beſtraft, für meine unſchuldige Schweſter Erina, die mir zu Füßen fiel! So betrüglich laſſen wir uns nicht verachten— nicht Wir! Verſtehſt Du mich? Dich kurz aus der Welt ſchaffen, war keine Rache für Schande, war Dit keine Schande zu⸗ tück! Aber als ich den todten Mann mit Deinem Handſchar erſtach, als ich Mörder ſchrie, als ſie Dich fortführten, das war eine Labung!“— Er lachte grimmig. Ich wollte ihm zu Leibe, und ihm vergelten. Da zuckte er nicht, ſondern winkte nur leis mit der Hand, und ſprach:„Jetzt nicht! Das wäre auch albern von Dir. Denn ich muß unſern Freund retten, der uns geehrt hat, als ein wahrer, vernünftiger Goſtfreund; denn wir ſind auch dankbar, Patron! Und den Freund haben ſie rückwärts im Schiffe ergriffen, da er Deine Flucht ſich ſo leicht nicht vorgeſtellt; er hat ſich gewehrt, er hat die Wehrenden verwundet— und er iſt nun fort, ſtatt Deiner zum Galgen in Konſtantinopel.“ Ich bebeckte mir mein Geſicht mit den Hän⸗ den, und blieb ſo lange in Wehmuth ſtehen. 257 Da löſte er mit Einem Finger meine rechte Hand vom rechten Auge, und bat:„Höre, wenn Du ihn lieb haſt, gieb mir Dein Pferd Schah⸗ roch und Gold— denn meine bezahlte Heerde iſt ſchon auf dem Heimweg— für ein ſolches Pferd löſe ich jeden Mann aus! Gieb! zaudere nicht! Zaudern bei gutem Gange, bringt Scha⸗ den! Ich hinge mich, wenn ich ihn ſchon hängen ſähe, oder ritte mit dem Pferde in's Meer.“ Dem Manne war zu glauben. Wie er mich verachtete, ſo ſehr auch ehrte er ten Freund. Ich bedachte. Ich gab guten Rath; aber ich gab auch Gold, und ſahe bald darauf meinen Todfeind auf meinem edlen weißen Pferde dahin⸗ fliegen. Darauf wartete ich Wochen— Monate!— Kein Freund erſchien! Kein weißes Pferd blinkte wieder! Ich hatte Zeit genug, indeß zu betrach⸗ ten, was Ehre der Menſchen in den Landen der Ehre ſei. Und ich ſahe: die Ehre iſt in allerlei Volk ein ſtarkes Gefühl ſeiner ſelbſt, wodurch ſich Jeder für werth hält, ganz und völlig werth zu leben, zu gelten, und da zu ſein! Und Jeder findet an ſeinem Orte, nach ſeines Volkes Sitte und Sittlichkeit, eine vorgeſchriebene Weiſe zu gelten, muß er ſo gelten, wie die Seinen in ihren 258 Tagen! Und nur die reinſte verbreitete Sittlich⸗ keit iſt die wahre Sitte, und mit ihr erſt die Ehre in ihrer Herrlichkeit, frei von allem fal⸗ ſchen Schein. O mir war Alles klar! Aber das half mir nicht zu meinem Freunde, der ſich mir geopfert hatte! Jetzt warte ich noch Einen Mond! Und kommt er dann noch nicht, ſo gehe ich nach der Stadt, und erforſche ich dort nichts von ihm, ſo gehe ich ſelber noch einmal nach Martaban, ob auch Lykos nicht da iſt, nicht weiß! Und ſollte ich umkommen auf dem Gange, ſo habe ich Dir doch geſchrieben, wie Alles ſich wahrhaft begeben. So lebe denn wohl und grüße die Schweſter! So eben hat Lykos mein müdes, weißes Pferd in den Stall geführt— und iſt ſtillſchwei⸗ gend hinweggegangen! Ehrlich, ſtolz, dankbar, aber er hat ſich die Augen getrocknet, als ſtreiche er ſeine ſchwarzen Haare nur aus dem Geſicht. Sein Freund iſt hin— und er geht zu ſeiner Heerde in die Pracht der Berge. — & m ſſiſſſſſſſſſiſſſſſſtmſſ 7 8 9 10 11 12 18 14 15 16 17