——— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Seih und Ceſebedingungen. 1. Oflens ein Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ S pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenummen.. S 3. CQäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ₰ eines Buches, eine dem Werthe entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurt gabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt⸗. für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 W— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleiheneit. Dieſelbe it auf 14 Fage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Piejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Ane Peue Povellen von Leopold Schefer. 3 Vierter Band. 1. Der Nabob. 2. Galate. 6 Leipzig, be C„ F. Hartmann. 3 18 353. Einſt, als Inpiter künſtlich die Erde geſchaffen— verhoöhnte Pluto den Stolzen, der ihm einzeln das Koſtlichſte wies. „Eins nur erſchaff' ich, das Jedem des Deinigen gleich ſey, der Schoͤnheit, Jugend, dem Leben ſogar!“ ſprach er, und ſchuf noch das Gold. Das Juwelen⸗Amt. „Wer gar nichts hat, ſollte doch eine Sternwarte haben!“ ſprach Fitz Philidor im Gehen, mehr zu ſich ſelbſt als zu den beiden Freunden. „Du ſiehſt wahrlich die Erde nicht fuͤr einen 1800 meiligen Reflector zum Hausgebrauch fuͤr arme Aſtronomen an! Du armer, an MWuͤnſchen ſterbender Fitz!“ entgegnete ihm willfaͤhrig Camillo, der Ar⸗ chitekt. „Wer einen reichen Vater haben ſoll— und ich ſollte wahrlich, dem fällt das Armſeyn blutſauer— laßt Euch dienen.“ „Nichts macht magerer, als wuͤnſchen, kann ich die Ehre haben zu ſagen,“ ſprach Lamoural;„ſelbſt ein Glas Ale wird ſchwarz wie Dinte, wenn wir da⸗ vor wuͤnſchen, es ſoll Tinto di Rota ſeyn, und eine brave Hammelkeule kehrt ſich ſogar im Magen— wie in ihrem Grabe— vor Aerger um, wenn die leckere Zunge daruͤber wuͤnſcht, ſie habe Auſtern und Faſanen 1* hinunter befoͤrdert. Man muß huͤbſch mit dem Ge⸗ danken bei den Dingen bleiben, ſonſt nehm' ich das Ding uͤbel, und mache das Uebel noch aͤrger. Seit ich, z. B. will nur zweite Geige im Opernhauſe ſeyn, werd' ich nicht ſtark wie der Violon? und meine Geige weiß durchaus nichts davon, daß ich die Zweite heiße! kann ich die Ehre haben zu ſagen. Aber— London geht nun faſt zu Ende, und eh' ich nicht weiß, wohin Du heute uns fuͤhrſt, Du in Dich verſchloſſener Fitz, eher ſetze ich kein Bein mehr daran.“ „Zweite Geige— tacet!“ erwiederte Fitz.„Denn ich muß Dir ſagen, man kann auch bei ſeinen Ge⸗ danken ſeyn; Gedanken ſind auch Dinge, ſuͤße Dinge, liebe Dinge, Allen gehoͤrig, und doch Jedem ſein eigen auch. Im Innern wird die Welt noch tauſendmal anders und ſchlimmer und beſſer— verſpeiſet, ver⸗ ſpielt, vertrunken, vergeudet, verliebt und verloren, und doch gewonnen, als jene wirkliche Welt da draußen. Aber komm' nur, komme, zufriedene, ſtarke, zweite Geige! Dieſen heut ſchwebenden und verſchwebenden Freitag— der woͤchentlich gerade fuͤr Jeden von uns ein freier Tag iſt— fuͤhre ich Euch nach einer Merk⸗ wuͤrdigkeit von London, welche mir gefaͤllt! Denn ſeit wir den Roͤmer hoͤrten, der das Miserere in der Charwoche zu Rom aus purer Gefaͤlligkeit: den Frem⸗ den den Platz von einem Oſtern zum andern zu laſſen, niemals gehoͤrt hatte, ſeitdem beſteht unſer Accord, aus Bequemlichkeit oder Ueberzeugung: das Alles alle ————— 5 — Tage ſehen zu koͤnnen, nicht Eſel in London zu blei⸗ ben.“— —„Muli— ſagt beſcheiden der Italiener,“ ſchob Camillo ein.— „Und ich bin Dir,“ fuhr Fitz fort,„vor acht Ta⸗ gen erſt nicht bis Greenwich auf die Sternwarte— Flamſteadhouſe— gefolgt, ohne mich nur umzuſehen?“ „Freilich erſtaunenswerth,“ ſprach Lamoural—“ denn die himmliſche Berenice war dort bei Herrn Ormond, ihrem Vater, einmal des rechtſchaffenen Duͤttelkrämers Herrn Wurdock's Laden entflohen, den ſie ſammt allen Heringen und Schwefelhoͤlzchen dereinſt erben ſoll, aus zaͤrtlicher Liebe des Oheims! Bere⸗ nice— eine Erbin von ſolchen Jammerſachen!— den Himmel ſollte ſie erben! Hätt' ich Saiten von Berenice's goldenem Haar, ſtatt romaniſcher Saiten aus Daͤrmen römiſcher Schöpſe, ſo geigt' ich dem Monde Thraͤnen in's Polyphemenauge!“ „Zweite Geige— tacet!“ wiederholte Fitz.„Wir ſind gleich am Orte.“ Der Ort aber war der Tower. Sie gingen uͤber die ſteinerne Brucke durch das Thor, und das vierthuͤr⸗ mige Ungethuͤm fand vor den Hinzugekommenen wie aufgetaucht und jetzt erſt erſchienen. Fitz ſprach einige Worte leiſe zu einem der wunderlich roth und gelb ge⸗ kleideten Waͤrter, die Freunde folgten ihm ſeitwaͤrts uͤber den Hof;z der Waͤrter ging, er kam wieder, eine Thuͤr ging von innen auf, und aus der hellen und lauten Umgebung ſaßen ſie jetzt auf einmal auf einer gepolſterten Bank in einer Finſterniß, wie vor Erſchaf⸗ fung der Welt. Da hoͤrten ſie Schloͤſſer raſſeln; ein Licht, ein breites, ſtarkes Eiſengitter erſchien vor dem Licht, ein betagtes Weib, wie die alte Zeit, zuͤndete Wachskerzen an, öffnete Behaͤltniſſe und ſammtene Futterale, und enthuͤllt funkelten vor ihnen, wie im Reiche der Todten, nach der Reihe die Kronen und Scepter der vorigen Koͤnige des Landes. Und als das alte Gold ſchimmerte, das Haͤupter umfaßt und ge⸗ druͤckt, die nun Erde bedrückte, als die Diamanten blinkten und blitzten, die Rubine glommen und ſpruͤh⸗ ten, wie unheimliche, unwillige Augen der dunkeln Erde ſelbſt, und die ſchoöne Perle in der Krone, die der König im Parlamente traͤgt, mild leuchtete wie ein Tropfen Milch von der Milchſtraße, waͤhrend un⸗ zählige Perlen im Meere vergangen, und ſie allein, wie eine Geſandtin der köſtlichen Muſcheln, der Ehre genoß, im Kreiſe der Menſchen da droben gegenwaͤrtig zu ſeyn— als das blaſſe Weib die Kronen, dann die Reichsapfel hin und her wandte, die Scepter in der Hand bewegte, die goldene Taube neigte, das Schwert der Gnade ohne Spitze ſchwang— da ſaß Fitz Phi⸗ lidor ernſt wie bezaubert, und Gnuͤge und ſuͤße Zu⸗ friedenheit ſtand auf ſeinem Antlitz. Die kleine Tra⸗ goͤdie war aus. Das Weib wollte gehen. Da ſchob er noch einmal drei Schilling unter das Gitter, und die Fee oder Hexe wiederholte, unter tonloſer Begleitung —— „——— derſelben Worte, noch einmal den ganzen Spuk. Aben anſtatt zu ermuͤden, ſchien er neue, ganz andere Augen zu bekommen, das wunderliche Feuer der Juwelen zuͤndete in ſeinem Kopfe ein eben ſo ſtilles, wunderliches Feuer an, er ſeufzte, die Bruſt ward ihm zu eng, er begehrte nach friſcher Luft, und als ſie hinausgegangen, war er nicht zu halten, und auf und davon. „Auf Wiederſehen bei Murdock!“ rief ihm Ca⸗ millo nach. „Bei Berenice!“ rief Lamoural. Sie ließen ihn gehen und folgten ihm langſam nach.„So viel Schaͤtze haben ihm das Herz erweicht,“ fuhr dieſer fort,„warum hat er uns hergefuͤhrt? Welche Begierden, welche Wehmuth oder Ahnung treibt ihn nur! Er kann keinen Reichen leiden, nicht weil der Reiche reich iſt, ſondern weil er ſelber arm iſt; denn Ehrgeiz plagt ihn nicht, auch koͤnnte er Jedem hier vergehen, wenn er dieſe Kroͤnungs⸗Krone, dieſe goldenen Salbungs⸗Loͤffel und Ampullen ſchon ſchweigend auf ein neues Haupt hier ruhig, aber ſicher warten ſieht, und die wie von Thraͤnen glaͤnzenden Diademe, die ſchon von ſo vielen Häuptern gefallen, oder die armen Haͤupter aus ihnen. Wahrlich, mir war das herz⸗ brechend anzuſehen, hu! eine grauſe Hoͤhle der Erde!“ „Laß ſie ſeyn!“ entgegnete Camillo,“ derglei⸗ chen Gefuͤhle bin ich zu Dutzenden von Italien her gewohnt! uns ſicht das nicht an. Es geht uns nicht beſſer, aber wir Kleinen haben den gar nicht zu ver⸗ —————— 4 achtenden Vorzug, daß uns Tod und Leben nicht ſo vor- und nachgerechnet, gleichſam im Putzſchranke ſo aufbewahrt wird. Ohne Umſtaͤnde her, hier, und wie⸗ der hin! ſo mit uns, und ſo gefaͤllt mir's— wenig⸗ ſtens die Art und Weiſe, wenn auch die Sache Kei⸗ nem ſo recht von Herzen gefallen will. Aber Du haſt Recht; ſein drittes Wort iſt faſt immer: wie wird man reich? Sein Ohr, ja ſein Herz iſt gleichſam der Schallfang von ganz England, wo Jeder nur reich werden will. Und wenn man fragt, ſpricht er, woher Jemand ſeinen Reichthum hat? Wer reich iſt?— ſo iſt es ein Kaufmann, ein Gewinner in der Lotterie, oder ein Erbe! Sonſt haben Alle Nichts. Sela! Alſo muß man handeln, Lotterie ſpielen oder erben! Das waͤre das Beſte, meint' er, und das Bequemſte. Er hat Anlage zur Poeſie— aber er ſpricht: mit jeder Note im Don Juan ſind gewiß ſchon 20 Du⸗ caten verdient worden, indeß Mozart semel pro semper ſeine 100 Ducaten dafuͤr bekommen; Kunſt⸗ werke bringen ein Lumpengeld gegen das, was damit verdient wird, indeß ſogar ein Maurer immer den zehn⸗ ten Theil vom Werthe der Steine bekommt, die er in einem Tage vermauert. Und da ſein Vater ſo gut wie verſchollen iſt, wie ſeine Mutter ihm ſagt, und das Geld nur zu einem Looſe à 75 Guineen ihm fehlt, ſo lernt er denn handeln, bei ſeinem Vormund Herrn Papermann's ſeligem Sohn, Ralph Raff und Com⸗ pagnie! Was er aber mit dem Gelde machen will, —— —— wenn er deſſen ein Erkleckliches haͤtte, das hat er nie geſagt, das weiß er nicht, das wird ſich finden, glaubt er mit der ganzen Welt, als wenn Reichſeyn keine Kunſt waͤre— und das iſt ein ſchrecklicher Irrthum! Wenn ich etwas zu befehlen haͤtte, ſo muͤßte jeder reiche Erbe auf einer, etwa in Orford zu crcirenden Nebenfacultät, wo in facultatibns geleſen wuͤrde, acht Jahre ſtudiren, um— wenn er auch noch ſo ſehr Boͤotier wäre— doch gewiß mit Anſtand Licentiutus auri oder argenti zu werden! Haͤtte Croſus, Craſſus, und wer ſonſt einmal reich geweſen, ſtudirt: reich zu ſeyn, und wäre er Doctor darauf geworden, es zu bleiben, ſo hatten die Cröſi noch heute Geld, und ihre Erben gingen nicht betteln! So aber ſind nicht nur ſolche Vermoͤgen zu Waſſer geſchmolzen, de⸗ ren Zinſen à 2 Procent eine Familie von Abam bis zum juͤngſten Tage reichlich ernaͤhrt haͤtten, ſondern dieſe Geſchlechter ſind ſelber zu Grunde gegangen und ausgeſtorben, als waͤre das Geld— Gift geweſen. Darum glaube ich, die Menſchen wollen nicht reich ſeyn, noch bleiben, nur reich werden, und ſich nach Golde zu Tode plagen; hoͤchſtens, wie jener arme Junge thun wollte, wenn er reich wuͤrde: ihre Schwein⸗ chen zu Pferde huͤten! Solche liebe Thierchen aber— ich meine: ſeine kleinen Leidenſchaften— hat Jeder, die will er dann nur in Galla zu Pferde huͤten, wie die Figuren zeigen.“ „Deine Freundſchaft ereifert ſich ganz ohne Noth — 10— fuͤr unſern guten Fit!“ lachte Lamoural.„Fitz iſt arm, und bleibt, ſo lange ihm die Augen aufſtehen, arm. Doch hätte er Geld genug, ſo wären wir mit ihm reich, das trau' ich ihm zu, und wir wollten ein Leben fuͤhren, wie es noch nicht——“ Während deſſen waren ſie durch Thamesſtreet und Fleetmarket wieder in Holborn angelangt, und wollten eben in Mäſter Murdock's Haus einlenken, als ſie einen Haufen Volks davor ſtehen ſahen, der es gleich⸗ ſam belagerte. Sie fragten einen Muͤſſiggaͤnger, was der Auflauf bedeute. Als ſie aber erfuhren: im Hauſe daneben habe ein reicher Alter eine mit guten Zeugniſ⸗ ſen verſehene Koͤchin und einen Geſellſchafter begehrt, ſo ſeyen, auf die Anzeige in der Morgen⸗Chronik, um 5 uhr zugleich hundert junge und alte Magenverder⸗ berinnen mit ihren fettigen Atteſten, und hundert Ge⸗ ſellſchafter aller Art in dieſer Noth auf einmal erſchie⸗ nen und einander in die Haare gerathen, das Volk habe geglaubt, Herr Murdock ſey bankerott, und jeder Schneider, Fleiſcher und Schuſter verlange nun von dem beſtuͤrmten Manne ſein Geld, aber Jeder komme mit ſeinem Gelde lachend und vergnuͤgt heraus. Da hielten die Freunde es nicht fur hoflich hineinzugehen, und ſchieden fuͤr diesmal. in Der Duͤttelkraͤmer. In dem kleinen Winterſtuͤbchen, hinter dem Laden, ſaß Maͤſter Murdock's zeitliche Ehehälfte, Miſtriß Pepperell, den Kopf in ihre Schuͤrze verborgen, am Camin; Fitz Philidor und Berenice ſaßen auf dem Sopha, und ſeine Rechte hielt ihre Linke, oder vielmehr ſie hielt die ſeine in dieſer Angſt, aus Liebe und Zutrauen, die herte dadurch das erſte Zeichen von ihrem bisher nicht verrathenen Leben in ihr gaben, und obendrein waren die zwiſchen ihnen verborgenen Haͤnde noch leicht mit ihrer ſchwarzſeidenen Schuͤrze bedeckt; den Kopf recht weit von ihm abgewendet, ſtutzte ſie ſich mit dem rechten Arm auf. das Kiſſen, und ihr Auge hing an einem der Canarienvoͤgel, die, in Bauern an der Decke ſchwebend, von dem Laͤrm und Geraͤuſch draußen am Laden, ſo gellend ſchlugen, daß Peppe⸗ rell's Geſtohn, ihr Ach und Oh, und ihr:„Er⸗ barme dich, Herr!“ kaum zu hoͤren waren. Am Tiſch⸗ chen beim Fenſter ſaß noch ein Fremder, der heute erſt in den Oberſtock des Hauſes gezogen war, bei ei⸗ nem Viertelchen Wein, und ſchwieg aus Theilnahme und Anſtand, da ihn der Zudrang hier gleichſam ge⸗ fangen hatte und noch gefangen hielt. Da brachten zwei Lumpe Herrn Murdock her⸗ eingefuͤhrt, und aus Furcht und Vorſorge, daß er viel⸗ leicht nicht entwiſche, hielt ihn Jeder an einem Arm. Vor Hitze hatte er ſich den Rock ausgezogen, und er⸗ ſchien in gelber Weſte; denn er war ſo ungewoͤhnlich dick, daß die Furcht vor der Fettſucht ihn nicht mehr aͤngſtigte. Und jetzt noch roͤther geworden, als wenn er den ganzen Tag Kaffee gebrannt hätte, ſprach er gefaßt und nur wenig aufgeregt zu ſeiner Frau:„meine liebe Pepperell, es koͤnnte doch ſeyn, daß ich mich verrechnet haͤtte und noch einige Pfunde brauchte, nimm Deine paar Saͤchelchen, ich meine Deine lieben heiligen Chriſte und das liebe Silber— denn daß es Dir lieb iſt, weiß ich freilich— und gehe zu der Hinterthuͤr hinaus, und verkaufe es beim nachſten Goldſchmied ſo⸗ gleich; geh', lauf', ſpringe! komm' wieder! biſt Du noch nicht da? Steh' nur erſt auf! Geh', Pepperell, ich will Dir Alles wieder beſcheeren, ſo lange leben wir noch! Denn Murdock ſteht wie eine Pyramide!“ Die Lumpe machten linksum mit ihm, und fuhr⸗ ten ihn wieder in's Fegefeuer, wie ſie ſagten. Miſtriß Pepperell, an eiſernen Gehorſam ge⸗ wöhnt, ging nun mit Thraͤnen an die Commode, und nahm ihre drei goldenen Ketten, das Perlenhalsband, die Armbaͤnder, die Ringe und Ringlein von Geld, Ohrringe und Buſennadel— ohne ſich nur zu getrauen, ihre oft, wenn ſie allein war, zu ihrer Freude vor dem Spiegel angelegten und bewunderten Sieben⸗Sachen mehr anzuſehen— aus dem rothen Kaͤſtchen in ihre Schuͤrze, griff dann mit einem Griffe das liebe Silber⸗ zeug hinzu, und die Wehmuth auf ihrem Geſichte zeigte — eher an, daß ſie Luſt habe, mit ihrem Schatze zu ent⸗ rinnen, als wieder zu kommen.—„Ob er nur ſtehen wird? ob er nur ſtehen wird? oder— ach, das hab' ich immer gefuͤrchtet, das hat mir zwanzig Jahre das Leben ſo ſchwer gemacht.“ Der fremde Herr, der unterdeſſen an die Glas⸗ thuͤre getreten und in das Laädchen geſehen, wandte ſich jetzt und ſprach:„Maäſter Murdock ſteht wie eine Pyramide auf der Baſis des Kaufmanns: dem eigenen Fond! Dieſe Fonds fallen nicht! Er ſteht wie Wel⸗ lington bei Waterloo, einen Mann hoch, aber er ſteht, obgleich im Ruͤcken alles ſchwere Geſchuͤtz ſchon abgefahren iſt; er zahlt, und wunderlich! noch Mehrere draͤngen ſich, ihn zu bezahlen. Behalten Sie Ihre heiligen Chriſte, Madame! Was ſind ſie wohl werth?“ „Nun, funfzig Guineen dacht' ich mir immer zu haben!“ antwortete Pepperell aufathmend und den Fremden unbeſchreiblich freundlich anſehend. „Hier ſind die funfzig Pfund Sterling, legen Sie die Sachen an ihren Ort.“ „Um's Himmelswillen nicht!“ ſprach ſie.„Mein Mann hinge mich! Die Sachen ſind die Ihren, aber erlauben Sie mir, ſie zu verſtecken! Aber, mein Gott, wohin? Im ganzen Hauſe iſt keine Spinne, die er mir nicht in die Stube bringt, in der Rauch⸗ kammer keine Wurſt, die er nicht weiß, nicht perſoͤnlich kennt, im Keller keine angegoſſene Flaſche, die er nicht angeſehen, wie weit ſie noch voll iſt. Hier ſtehen noch ein Paar dickwadige Stiefeln, die er heute abgelegt, da hinein!“ So that ſie, ſtopfte noch ein Tuch in jeden derſelben, damit in dem weiten Tonnengewoͤlbe das wenige Silber nicht klirre, nahm die funfzig Pfund, nahm die Stiefeln und ging mit den Worten:„Er glaubt zwar, ſein Haus ſtehe klar um ihn, wie von Glas, und ich dazu; aber Winkel gibt es im Hauſe und Winkel im Herzen, die doch nur die Fran kennt!“— So verſchwand ſie durch die Thuͤr, die aus dem Stuͤb⸗ chen in die Hausflur ging. „Nun ſoll mir noch Jemand ſagen,“ brach Fitz Philidor aus,„daß es nicht das groͤßte Gluck iſt, in dieſem erbaͤrmlichen Leben, worin man geradezu Alles tagtaglich bedarf, unermeßliches Geld zu beſitzen!— Man muß nur nicht darauf ſitzen und es noch einmal ausbruten wollen! Das Kind bedarf ſchon, und haͤtten die Eltern nicht eingeſpart, es muͤßte umkommen! Und was faͤngt ein junger Menſch eigentlich Rechtes an ohne Geld? Wen heirathet ein Maͤdchen Rechtes ohne Geld? Wer ißt, was er will, und trinkt, was ihm ſchmeckt, ohne Geld! Wer wohnt, wie er möchte, ohne Geld? Wer kann den Freunden helfen, den Armen geben— und wenn ihm das Herz bricht— ohne Geld? Wer kann dem Vater, oder der Mutter, ein ruhiges und bequemes Alter bereiten, ohne Geld? Wer leidet im Alter nicht ſelbſt an tauſend Dingen Mangel, ohne Geld?— Denn das Alter iſt der Winter des Lebens, die wahre Zeit der Beduͤrfniſſe, wo Alles eng, duͤrr, trocken und eiſern iſt, wenn die Jugend Hoffnungen und Wuͤnſche hat, die ein großes Vermoͤgen ſind, aber doch eigentlich Wechſel nur auf den Beſitzer der Schloͤſſer in Spanien! Wer kann alſo einen getroſten Blick in's Leben thun ohne Geld?“ „Hm! nicht Viele thun ihn, wie Sie glauben,“ meinte der Fremde;„ich meine aber, Alle thun ihn, die nicht reich werden wollen, wie Sie, wie ich glaube. Aber Sie wollen Ihrem Vater Gutes thun, und Ihrer Mutter und vielleicht noch Einer——“ Er hielt inne, und ſein Blick ſtreifte an Berenice voruͤber, der er dadurch zu ſeufzen die ſchoͤne Bruſt hob. „Einen Vater?“ unterbrach ihn Philidor,„ach, einen Vater:“ ſeufzte er—„den hab' ich ich nicht— oder, da ich doch nicht aus der Erde ſtamme, den kenne ich nicht, und er kannte mich nicht; und die Mutter lebt verborgen in Kummer und Mangel. Sehen Sie alſo, mein Herr, wie leicht der Wunſch: nothduͤrftig zu haben, und nur ein kleines Eigenthum zu gruͤnden, ausartet nach Art der Wuͤnſche, und ein ganzes Heer aufruft und im Herzen verſammelt, das auch dann nicht zu baͤndigen iſt, wenn man mit dem Einen, dem Erſten ſeinen Separat⸗Frieden macht!“ „Nicht uͤbel!“ bejahte der Fremde. „Und wie plagt ſich hier Vetter Murdock!“ fuhr Philidor fort,„ich ſage Vetter, weil Miſtriß Pep⸗ perell meiner Mutter Schweſter iſt; wie innerlich de⸗ ſperat ſpielt er im Grunde den Duͤttelkraͤmer; mit wel⸗ chem Anſtand zum Weinen packt er fuͤr jeden Penny — Zucker ein; mit welcher Muͤhe zum Lächeln ſucht er fuͤr Frau Hurrell einen milchenen Hering aus; mit welchem Schweiß buͤrſtet er ſeinen gewandten braunen Rock aus und putzt jedes Stäubchen, ſchon hundert Schritte vom Hauſe, noch von dem Aermel; mit welcher Salbung troͤſtet er ſeine Pepperell, wenn ſie klagt; wie weiß er ſich uͤber den Putz einer Frau hoch weg zu ſetzen, wenn ſie nur eine neue Kuͤchenſchuͤrze, oder nach 10 Jahren einmal eine neue Haube mit leiſen Andeutungen zu wuͤnſchen— ſcheint! Seine Reden ſind dann geradezu herzbrechend, ſo herrlich und wahr ſie ſind, aber man ſieht nur, wie er ſich ſelber Muth, Geduld und Kraft zur Armuth redet, und wie ſeine Secle hinter Augen und Ohren ſich ruͤſtet und einen Harniſch anlegt, der ſie unverwundbar machen ſoll und wirklich macht. Iſt das nicht geradezu Deſperation? Denn welcher Mann hat ſeine Frau nicht lieb! Aber die Liebe allein langt bei den Frauen nicht, oder nicht immer—(Berenice entzog ihm die Hand, und ſah duͤſter und erroͤthend mit den ſchoͤnen Augen zur Erde)— oder ſie haben den lieben Mann doch noch lieber, je reicher er iſt. Denn die Sorge iſt den Frauen natuͤrlich, und das Beſorgen dem Manne, hab' ich in Herrn Murdock's Hauſe gelernt.“ „Auch nicht uͤbel!“ ſprach der Fremde wie vor. „Sehen Sie,“ fuhr Philidor fort,„ich meine nur: auch ein maͤßiges Vermoͤgen nimmt ſchon die Sorge hinweg, ich meine die Noth und den Kummer; S die uͤbermuͤhende Arheit, die cwige Unruhe des Geiſtes, die innere Verwirrung, Schlafloſigkeit, Untreue, Ver⸗ gehen, ja zuletzt Verbrechen— wie Ieder hier zu Lande jetzt mit Augen ſehen kann, weil es nicht geſchieht, und eine Luͤche bemerkt man am leichteſten! Wenn nun Herr Murdock— aber mein Gott, wo bleibt nur Frau Pepperell?— Sie haben ihr Geld gegeben, ſie bleibt Ihnen ewig verbunden, aber ich fuͤrchte nur, ſie wird Ihnen ewig verbunden bleiben muͤſſen; da haben Sie hier indeß ein Pfand neben ihrer Redlichkeit.“ „Nicht uͤbel!“ ſprach der Fremde. Aber indem er die Uhr von Philidor in der Hand hielt, ſagte er ihm ablehnend:„ich ſtehe mit Herrn Murdock in Han⸗ del um diſes ſein Haus, und da wird ſich die Klei⸗ nigkeit ſchon finden.“ „Glaube, Sie, daß ſie den“ Werch nicht habe, ſo ſage ich Ihnn dazu, wenn Liebe eines Sohnes zu ſeinem Vater bei Ihnen Credit hat, wie ich wuͤnſche, daß die Uhr das Euzige iſt, was mir mein Vater ge⸗ laſſen— was er viereicht vergeſſen bat.“ „Heißen Sie Philidor?“ fragte der vemde, von dem Wappen im Petſchaft nicht aufſehend. „Fitz Philidor,“ erwiederte Fitz;„aber wie ſehen Sie gleichſam die Frage daraus?“ „Ich vermuthe das aus dem Springer im Pet⸗ ſchaft— aus dem Schachſpiel entlehnt. Ich erhielt zu Zeiten Briefe von einem Handelsfreunde in Cal⸗ cutta mit dieſem Petſchaft. Wahrſcheinlich——“ Schefers neue Nov. 1v. 2 — 15 „Haben Sie ihn nie geſehen? Iſt er alte iſt er gut? iſt er reich? Sprach er von uns, von der Mut⸗ ter? von mir? Iſt er todt? iſt er arm geſtorben?“ beſtuͤrmte Fitz auf einmal haſtig den lächelnden Mann. „Wer denn? Wen meinen Sie? Wie fragen Sie mich!“ entgegnete dieſer trocken, indem er von ihm weg in den Spiegel ſah.„Vorausgeſetzt, daß Sie einen Vater verloren, vorausgeſetzt, daß er in Calcutta gelebt oder noch lebt, ſo hab' ich ihn nie geſehen, nur, wie ich ſagte, ein aͤhnliches Siegel— ſeinen Namen 5 im Briefe:„H. Philidor,“ denn ich wohnte in Bena⸗ res, von wannen ich kommez; ich zeichne: O'Kennyon.“ „O mein Gott, wiederum Nichts!“ ſtehnte Fitz. „Was Nichts?“ fragte O'Kennyon;„keinen Vater? kein Geld? Bedaure herzlich.“ „Keine Nachricht! keinen Brief! Kinen Vater!“ erklaͤrte Fitz nicht unbeſchaͤmt.„Hoben Sie keinen. Brief von ihm?“ „Vielleicht im Briefrepoſitoriun sub litera P. zu Benares,“ vefehte O'Kennyon trocken.„Aber wenn S wagen wollen anzunehmen, H. Philidor ſey — Ihr Herr Vater, ſo wagen Sie hinzugehen. Ein Sohn ruͤhrt immer den Vater, er erweicht ihn ſogar, ſein Bild ſchon allein— und gewiß ſeine Rede, das liebe Ebenbild noch mehr, wenn es möglich waͤre, daß er ihm nicht immer im Herzen geſtanden— gehen Sie hin! Denn aus den Aufträgen zu ſchließen, den Wech⸗ ſeln und Tratten k., iſt ſein Haus, nach Ihren Wütt⸗ ————— —— ——— —— ſchen, bei großer Kraft, und ich meine ſelbſt, wenn er Sie ſo ſähe, es warde ihm keid thün, Sie ſo lange gemißt zu haben, wenn er nicht gemußt, wie ich nicht weiß.“ 2 „Soll ich die Mütter anklagen?“ ſprach Fitz mit halber Stimme. „Nicht uͤbel“ bemerkte D'Keunyon,„und wenn Ihnen mit eint holfen iſt, ſo dächt' ich ſie bei Ihrem Herrn Vater nicht unerſetzt zu verlieren. Wie Sie denken? Sie finden mich noch einige Zeit hier in H ock's Hauſe.“ Philidor war hochſt aufgeregt ſeine Augon fun⸗ kelten; aber dagegen ſchlich Berenice mit halb zuge⸗ druͤckten Augen— um ihre Thränen nicht ſehen zu laſſen, die ihr gleich es erfuͤllen wurden, wie ſie fuͤhlte— leiſe aus dem Stuͤhchen. „Ich merke,“ laͤchelte O'Kenn hon,„Sie blei⸗ ben! So Etwas— das heißt ſo Vieles, ſo Schoͤnes und Liebes iſt ſchwer zu verläſſen. Wer iſt das weiß⸗ armige, weißnackige holde Weſen? Wie heißt die ganze liebe Geſtalt? „Berenice!“ antwortete Fiz mit gepreßter Stimme.„Ihr Vater, Ormond, iſt Gehilfe an der Sternwarte, ein Mann, der im Himmel lebt und ſeinen Geburtstag auf Erden vergeſſen hat; ihré Mutter aber iſt Herrn Murdock's Schweſter, und der kindloſen guten Leute Erbin, wenn elwas zu erben bleibt.“ 22 — Pfunden zur Ueberfahrt ge⸗ n 6— Herr Murdock kam jetzt herein. Das Fegefeuer war geloͤſcht. Mit großer Befriedigung zog er den alten braunen Rock an, ſetzte ſich und ſprach von Her⸗ zen froh:„das war mein juͤngſter Tag bei lebendigem Leibe! Gebe der Himmel, daß ich nach jenem bei tod⸗ tem Leibe auch ſo gerecht daſtehe, als ehrlicher Mur⸗ dock! Es iſt mir nur lieb um meine Pepperell, die immer um ihr Eingebrachtes in Todesangſt lebt! Aber da hat ſich Murdock vorgeſehen! Es ſteht bis auf den letten Penny im Handel da draußen mit, als Rauch⸗ tabak, Thee, Coriander und Saffran! Und darum iſt mir ein jedes Duͤttchen heilig! Der Kaufmann, der nicht zugleich mit ſeiner Frau Eingebrachtem, mit ihrem Witwengehalt und ſeiner Kinder Nochheller arbeitet, verliert zu leicht das Gewiſſen. Denn die Seinen be⸗ truͤgt man nicht gern, und thut fein die Augen auf. Alles war baar eingekauft; denn wenn die Herren Alles baar bezahlten oder mit Anweiſung auf irgendwo gerichtlich niedergelegtes Geld, nicht mit ambulanten Briefen, dann wär' das Geſchaͤft zwar etwas umſtaͤnd⸗ licher, aber deſto beſtaͤndiger, und die 7000 Bankbruͤ⸗ chigen, die wir nur in dieſem einen Jahre bis heute ganz ſchauderhaft haben die Haͤlſe brechen ſehen, die ſtänden wie Murdock, der Düttelkraͤmer, und laͤgen nicht da wie Kartenhaͤuſer, wo eins das andere umreißt! Ja, ich bin ſo erboſ't, daß, wenn Jemand kaͤme und mir Credit anboͤte, oder Geld borgen wollte, daß ich ihn hoͤflich beim Kragen faßte und guͤtigſt aus dem —— Laden fuͤhrte. Was war ich ſchuldig!— Dinge von acht Tagen her, die ich alle Sonnabend bezahle— und heute war erſt Freitag! Wie viel Andere als Kaufleute muͤßten die Zahlungen einſtellen, wenn ihnen plotzlich aus Irrthum oder Mißtrauen Alle ſo in das Haus ſtuͤrmten!— aber ich habe Liebe geſehen von halb Holdorn, von allen Kunden! Brachten nicht Alle ihr Geld, das ſie mir ſchuldig waren! und ſelbſt die arme Frau Hurrell ihren Twopence fuͤr Thee! Kin⸗ der, da mußte ich weinen und die alte Hexe umarmen! Aber ich habe auch nie eine Kaffeebohne, die neben die Wagſchaale fiel, wieder in den Kaſten geſtrichen, ſon⸗ dern allemal zugelegt; nie habe ich eine Prieſe Tabak aus der Waage geſchnupft zum Beſten meiner Naſe, wenn das Zuͤnglein ſchon den Ausſchlag gegeben. So etwas erkennt das Volk mit Dank und Liebe, denn das arme Volk muß ſo erbaͤrmlich denken, das iſt das Erbaͤrmlichſte! Verzeihen Sie, Maͤſter O'Kennyon, meine Herzensergießung— meine Freude iſt groß; ich habe keinen Menſchen arm gemacht, weder fern noch nah, an meinen ſieben Haaren haͤngen nicht tauſend Fluͤche, wie eine Schlangenperruͤcke aus der Hoͤlle! und— gerade heraus— aus unſerem Handel wird nichts! Mein Haus, mein duͤrftiger Kram iſt mir lieb und werth.“ „Sie ſind jetzt im Eifer,“ verſetzte O'Kennyonz „Sie werden es uͤberlegen, es finden. Von Baarem⸗ lebt ſich's bequem.“ „Und denken Sie denn,“ entgegnete ihm Herr Murbock„wenn ich die 70 Millionen Pfd. Sterling jener 7000 Kaufherren häͤtte, daß ich Nichts thun wollte? Nichts thun könnte? Nichts thun iſt ein Widerſpruch! Nur wer keine Arbeit hat, darf faul⸗ lenzen, und nur wer nichts gelernt hat, hat keine Ar⸗ beit hier oder anderswo, und was Jeder gelernt hat, das muß er auch treiben— und jemehr Jemand Geld hat, je mehr er kann, je weniger darf er Nichts thun, wenn er Etwas taugt und keine Schande mehr hat vor aller Welt!“ „Nicht uͤbel!“ meinte O'Kennyon,„haben Sie gehoͤrt, Herr Philidor?“ p „Ja, ja, Herr Fitz!“ redete Murdock ihn an, „nur eine kleine Geduld! Ich bin nicht jung und von keiner engliſchen Conſtitution, die alle Wechſel des Wetters verträgt! Ich gebe dem Maͤdchen Haus und Kram, und Du nimmſt wieder das Mädchen.“— „Beſter Herr Vetter!“ ſprach Fitz,„aber fahren Sie nur nicht oben hinaus— ich erkenne ganz Ihre große Guͤte, beſonders was die eine Haͤlfte davon be⸗ trifft— aber es ſind Umſtaͤnde eingetreten, die mich beſtuͤrmen, Sie zu bicten: Ihre große Gabe noch an ſich zu halten.“ „Meinen Handel verachten! Mich verachten! Du fäheſt oben hinaus— Du biſt auf dem Wege nach Bethlehem! ²) das hab' ich ſchon lange mit Kum⸗ Bedlam, Narrenhaus. — — mer bemerkt, ſeit Du im Hauſe von Papermann's ſel. Sohn, Ralph Raff und Compagnie Nullen an ale Zahlen ſchreibſt! Aber da druͤben iſt's lange ſchon nicht mehr geheuer; ſie geben auf einmal zu viel Gaſt⸗ mahle, die Equipagen und Diener ſind auf einmal zu augenblendend fuͤr den, der den Staar hat! Du willſt kein Handelsmann ſeyn zeitlebens, Du willſt nur Geld, um nicht mehr zu handeln— und das iſt der Ver⸗ derb unſerer ſchoͤnen Gilde und ihre Entehrung. Der Handel muß eine Handlung ſeyn, eine gute Hand⸗ lung! Wie mir als Knabe die Welt gefiel mit ihren Schaͤtzen, wie gern ich allerhand Gutes aß und n aus allen Gegenden, ſo gern haätte ich Allen gegoͤnnt, ja mitgetheilt, gern Jedem verſchafft, was er bedurfte, oder was ihm Beduͤrfniß geworden— da ſprach mein Vater: Junge, du biſt ein geborner Ver⸗Kaufmann! Du mußt ein Handelsmann werden, aber kein Groſſo⸗, Laſten⸗ und Ballenhaͤndler, der nur ſein eigener Spe⸗ diteur iſt, und die Waare nicht ſieht und vertheilt: nein, ein Duͤttelkraͤmer! Und der Mann hatte Recht! Denn ich ſchenkte Alles weg, wenn das immer ſo ginge, wie Alles umſonſt iſt— nur fuͤr die Muͤhe und Zeit, die ſich die elenden Menſchen anrechnen muͤſſen! Und wenn ich ein Kind mit einer Taſſe gutem Syrup be⸗ diene, oder ein Muͤtterchen mit einem Stuͤck gutem Zucker vom Rande, oder mit großen fuͤßen Rofinen zum einzigen Weihnachts⸗Pudding, da hab' ich eine Abart, ei⸗ nen Abſenker der Fréude von der des Schoͤpfers des — 3— Pizzite io⸗Weinſtockes, des Zuckerrohrs und der Citro⸗ nen zu Punſche! Denn das hat Er Alles gewußt, was die Menſchen, ſeine Kinder, daraus backen, kochen und brauen werden, der heitere, goͤnnende Vater, der gewiß ein wahrer Kinderfteund iſt. So hab⸗ ich nun meine Freude!“ Fitz lachte. „Du lachſt, Herr Patron,“ ſprach Herr Murdock erzuͤrnt;„iſt das lächerlich? Du Unverſtand!“ Dabei ſtieß er vor Eifer mit dem Kopfe an den Bauer des Canarienvogels, der geſchaukelt ſchrie; das Waſſer aus den Näpfchen ergoß ſich uͤber Herrn Murdoch's Ge⸗ ſhe der, daruͤber noch mehr erzuͤrnt, als er ſchon innerlich war, nun Fitz an dem Oberlaͤppchen nahm und zum Stubchen hinausfuͤhrte. Er gab ihm den Hut nach und bedeutete ihn, nicht wieder zu kommen, bis er, weiſe geworden, nach dem Jawort kame. Herr D'Kennyon war, wie daruber entrüſtet, aufgeſtanden, ſetzte ſich aber wieder ruhig, denn Frau Pepperell kam zuruͤck. Murdock umarmte ſie und ſagte ihr:„Nun ſehe ich doch, Du haſt mich wirklich lieb! Komm, meine Frau, heut⸗ haben wir Jedes unſer Viertelchen Wein verdient! Bei den Erben haben wir nichts zu verantworten, wenn wir uns aus dem Staube gemacht, oder in den Staub! Alſo, es lebe der Kinderfreund!“ Seine Peyperell mußte das Glas nehmen und gehorſam auf die Geſundheit des Kinderfreundes trinken, — 25— ohne zu wiſſen, auf wen das gehe. Mit nicht zu ver⸗ bergender Angſt und uͤber und uͤber erroͤthend, legte ſie ſchweigend das Geld auf den Tiſch. Herr Murdock, immer aufmerkſam, immer eine Freude darin findend, die Schwaͤchen der Andern zu ſehen, in Anſpielungen zu verſtehen gebend, daß er ſie wiſſe, und gegen Nie⸗ mand ſtrenger und ſchonungsloſer, als gegen ſein Weib, weil ſie vor aller Welt ohne Fehler und brav ſeyn ſollte, weil ſie ſein Weib, ſein Eins und Alles war, durch⸗ bohrte die arme Pepperell gleichſam mit ſeinen Blicken, und las in ihrem Herzen Verrath; er faßte die Zitternde an der Hand und fragte ſie drohend: „Was haſt Du gethan? Geſtehe, ich ſeh⸗ es, Du biſt falſch, Du haſt mich betrogen, ich kenne Dich, und vor mir verſtellt ſich Niemand.“ Pepperell weinte. „Was kann es ſeyn?“ fragte er ſich ſelber.„Das Neueſte!— Du haſt Deinen Schmuck behalten— und Deinen bei mir verloren! Wo haſt Du das Geld her? Geborgt! Wie willſt Du es wieder bezahlen? Du?— Wie wollteſt Du je ein Stuͤck davon wieder zum Vorſchein bringen? Sollte man denken: die Eitel⸗ keit kann auch verborgen bleiben wollen! Ganz etwas Neues! Ich dachte, ich haͤtte ein gutes Weib; ich in⸗ ventirte alle ſechs Monat alle Buͤchſen und Kaſten— denn ohne Roviſion betruͤgt man ſich ſelbſt und tappt im Finſtern;— ich fuͤhrte meine Buͤcher: Journal, Memorial, Strazze, Copier- und Hauptbuch, und „. — 26— buchte die jaͤmmerlichen kleinen Poſten in Zahlen, wie gemalt, mit Freuden;— ich werde beſtuͤrmt, ich ſtehe als Kaufmann; und nun als Mann— bin ich ban⸗ kerott! Geh'! geh'! das verwind' ich nicht.“ Er war außer ſich, er wand die Arme der Peppe⸗ rell mit Gewalt von ſeinem Halſe; O' Kennyon wollte ſich ins Mittel ſchlagen, er gab ſich als Darleiher an, er wollte der guten Pepperell fuͤr ihre Angſt die paar Banknoten ſchenken— umſonſt; der beleidigte, die Zeit des vorigen Lebens ſich fuͤr geliebt haltende Mann fuͤhlte ſich vollends beleidigt, ein Geſchenk an⸗ zunehmen, und rieth als Wirth Herrn O⸗ Kennyon ſehr wohlmeinend, ſich hinauf auf ſein Zimmer zu bemuͤhen und nach Verlauf der bedungenen drei Monate gefälligſt ſein Haus zu raͤumen; denn durch maͤnnliche Schoͤn⸗ heit und Liebe ein junges Maͤdchen zu Liebe und zu Luſt zu bethoͤren, ſey Nichts dagegen, ein Weib von Jahren durch Geld nach Gelde zu reizen, dem armen und ehrlichen Manne zur ſchmaͤhlichen Qual; denn an dem Weibe ſey bis auf den letzten Athemzug jede Ei⸗ genſchaft, jeder Zoll einzeln zu verfuͤhren. Dem wolle Er vorbauen, er heiße Murdock. Berenice, die, ſchon gekränkt genug, jetzt wieder herein getreten war, hoͤrte dieſe Worte nun an, erblaßt, zerſtört, und ihre Haͤnde vor Erſtaunen und Scheu auf ihrer jungfraͤulichen Bruſt ſanft uͤber einander ge⸗ legt; und ſchoͤn und liebend, und blaß und leidend er⸗ ſchien ihre Engelsgeſtalt als die herrlichſte Widerlegung, — und ſchien zu ſagen:„Die Frauen machen Anſpruͤche, und bis in den Tod, aber himmliſche— die ihnen ein Gott in die Bruſt geſenkt— an das Heiligſte und Hochſte, an Liebe und Treue, Schoͤnheit und Freude! und auch das Kindliche, Holde und Unſchuldige der Natur nicht von ſich weiſend, damit der Geliebte ihr jett als einer Erdentochter Freude zu machen vermoͤge, ſo lange er ſie beſitzt auf der Erde— und ſie ihm wieder!“ Und Fitz wollte fort! Am folgenden Freitag erſchienen die Freunde wieder bei Murdock, um Philidor abzuholen; aber er war nicht heruͤber gekommen, und gutmuͤthig gingen ſie nicht ohne ihn. Da Frau Pepperell krank ge⸗ worden, hatte Berenice vor Sorge nicht Zeit gehabt, ihn an jedem Abend zu ſchwer zu vermiſſen, und heimlich nur oft geſeufzt, wenn die Stunde ſchlug, an welcher er kam und an welcher er ging; ſie ſtand dann wohl einen Augenblick mit dem Licht vor dem Spiegel, nicht ihr ſchoͤnes Geſicht zu ſehn, noch die jetzt verwai⸗ ſeten Lippen zu bedauern, ſondern als wäre ihr duſteres Bild darin— ſein Bild, ihr Freund! oder es ſtehe —— vor ihr als ſeine Geliebte, ſo daß ſie es dann wirk⸗ lich beſtaunen konnte, bis ſie ſich ſelbſt empfand an dem Klopfen ihres Herzens, und ſuͤß ſchauderte! Aber auch am naächſten Freitag kam Philidor nicht! Die Freunde erwarteten ihn, und die Unruhe derſelben ſteigerte in Berenice die Zeit zur Ewigkeit, die Sehnſucht zur Wehmuth, die Wehmuth zu Schwei⸗ gen und innerem Weinen. Herr Murdock ſchwieg dazu. Am dritten Freitag endlich, als Philidor wieder nicht da war, ging Camillo hinuͤber in's Haus von Papermann's ſel. Sohn. Er drang durch drei Comptoir⸗ zimmer bis zu Herrn Ralph Raff ſelbſt, und auf ſeine Frage nach Fitz, beſchied er ihm kurz:„er ſey verreiſet, verſandt, uͤber Meer, und koͤnne vor Jahr und Tag nicht zuruͤck ſeyn.“ Berenice wartete mit Lamoural in der Haus⸗ thuͤr; aber Camillo ſagte dem Freunde nur:„Er iſt verſandt! Jetzt ſind dringende Geſchaͤfte an der Tages⸗ ordnung, gewiß auch da druͤben. Wir ſprechen wieder zu, Miß Berenice!“ Die Welt verſchwand ihr vor den Augen, Weh⸗ muth ſchnuͤrte ihr das weiße Kehlchen zu. Doch Liebe kraͤnkt nur Schuld, nur Willen, ſelbſt Sterben, ja Tödten nicht. Und ſie konnte ihn entſchuldigen, und that es redlich, doch weiblich unter tauſend heimlichen Thraͤnen, in ihre Pfuͤhle geweint. Die Freunde aber nahmen ihre Freitagswanderun⸗ gen wieder vor, und nach mehreren Wochen kam die Reihe auf ihrer feſtgeſetzten Liſte auch an das Irren⸗ Hoſpital. m Auf die Frage eines der Wärter: ob ſie einen Anverwandten darin haͤtten, die Camillo im Allge⸗ meinen beantwortete, daß die Unglucklichen aller Men⸗ ſchen naͤchſte Anverwandte waͤren, und die ihn guͤtig ſtimmte, nannte er ihnen ſelbſt einen jungen Mann, den ſie ihm wieder nennen mußten, und ſo kam er bald mit dem Zutrittſcheine zuruͤck. Sie beſuchten alſo zuerſt den lieben Anverwandten. Es war ein junger Irlaͤnder, mit einem Laienprieſter, gleichfalls Irländer, das Vorbild eines guten Erziehers, wie ihn der Waͤrter nannte. „Kommen Sie, meinen Zögling zu prufen?“ fragte ſie Ignazio;„r weiß Alles, doch nur auf ſeine Weiſe! Sie werden daraus ſehen, wir weit es Erziehung bringen kann— den Menſchen ganz verkehren! Als ein gefurchteter Erbe iſt er auf einer der wuͤſten Inſeln um Irland von mir erzogen, damit er in der Welt Menſchen das waͤre, was man verwirrt nennt, und nun wirklich iſt. Ich ſage Ihnen das, meine jungen Herren, weil ich zu meiner treuen Dienſte Belohnung nun ſelber verwirrt bin!“ Dabei ſah ſie der Pater mit erhabenem Antlit und ſtolzer Geberde an. „Meine Methode war ganz einfach: die Sprache ihm falſch und verkehrt zu lehren; Weib war ihm Mann, ein Kind ein Greis, Himmel— Erde, Waſſer war Feuer, Erde— Luft, därin wohnen wir nun freilich in tauſend Städten!— Menſchen wurden ihm Blumen, Blumen Thiere, Licht— Finſterniß, Nacht heißt ihm Tag, blau heißt ihm gelb, gelb aber roth, roth— ſchwarz, und ſo weiter— er wohnte alſo in der verkehrten Welt, als er in der Welt äuftrat. Dort ſitzt er nun und ſtudirt, und kann ſich nicht genug verwundern, wenn er nun Buͤcher und Reiſebeſchrei⸗ bungen, Weltgeſchichte und ſelbſt die ſogenannten ver⸗ botenen Buͤcher lieſt, die— bei ſeinem von mir begruͤndeten Wiſſen— ihm alle nun gänzlich erlaubt ſind! Er ſpricht alle europaiſche Sprachen!“ Der junge Mann ſtand jetzt von ſeinen Buͤchern auf, indem er beſchäftigt war, ein neues Dictionnaire resonnè zu verfertigen, und ohne alle Ahnung: wo er ſich befinde, und die Fremden fuͤr Beſuchende hal⸗ tend, hoͤrte er von ihnen, in ſeiner Weiſe ſich aus⸗ zudruͤcken: daß ſie Pruͤgel verdienten fuͤr die Schande, von ihm zu ſcheiden.— „Er bedankt ſich bei Ihnen fuͤr die Ehre Ihres Beſuches“— verdollmetſchte Ignaziv. „Uns fehlt die teufliſche Nacht!“ fuhr er fort.„Wie abſcheulich gelb iſt die Hoͤlle, wie laufen und toben die Schlangen und Ottern! wie eiſekelt iſt die Erde!— Der Mond erliegt! Was iſt Altes ver⸗ ſchwunden in Neuengland?“— Das heißt bei uns Andern,“ verdollmetſchte ihnen der Pater wieder:„Wir haben einen himmliſchen Tag! wie lieblich blau iſt der — — 3— Himmel, wie ſtehen und bluͤhen die Blumen und Bäume wie warm iſt die Luft! Die Sonne ſegtl — Was gibt es Neues in Altengland?“ Camillo wollte ihm doch einige tloͤſtliche Worte ſagen: wie wohl und geſund er ausſehe, wie glücklich er ſey, doch recht zu denken und zu fuͤhlen, wenn ihn auch Jeder verkehrt verſtehe, wie lange er noch leben köͤnne— und Einiges dergleichen. Aber der liebe junge Mann, die Rede verſtehend, als ſpraͤch' er von ſeinem Ungluͤck und ſeinem baldigen Tode— waid blaß, ſetzte ſich hin und weinte ſtill. „Dafuͤr bin ich verwirrt!“ verſetzte der Pater wieder, und ging mit großen Schritten auf und ab; der Wärter winkte ihnen zu folgen, und nachdem ſie mehrere ſtille Ungluͤckliche beſucht, erſtaunten ſie, als ſie in eines der hinterſten Gemächer, mit der Ausſicht auf Morefields, traten.— Fitz ſprang ihnen entgegen, druckte einen nach dem Andern an die Bruſt, und war vor Freuden ganz außer ſich. „Kinder!“ rief er:„ihr ſeyd unbarmherzig reich!“ „Wir?“ entgegneten ſie betreten. „Nun, wenn ich reich bin, ſeyd Ihr es nicht mit?— So unbarmherzig reich bin ich nicht.“ „Geld haben, iſt ſein Fehler,“ bemerkte der Waͤr⸗ ter leiſe. „Nur weiter vor! herein, ſetzt Euch, tanzt vor Freuden auf den Köpfen, jubelt und ſingt! Die fatale Hoͤhle der Armuth iſt hinter mir eingeſtuͤrzt, worin die noblen Gedanken verſchmachten mußten, worin wir ge⸗ buͤckt zu kriechen genoͤthigt waren, und ſobald wir uns aufrichten wollten, und grade gehn wie andre Men⸗ ſchen— oh, mein Kopfl— uns gleich an die Koͤpfe ſtießen, daß uns Hoͤren und Sehen verging. Nun laſſen wir die armen Armen, die Millionen darin! der Himmel helfe auch ihnen heraus! Ich aber bin jetzt wie in Aladin's Zauberhöhle verſetzt— ich bin Aladin ſelbſt! Sonſt konnt' ich mir kaum einen neuen Hut auf den Kopf hexen, hoͤrt nun, wie ich jetzt zaubern kann, denn mit Gold kann man zaubern, was man will. Ich rufe: und es erſcheint! He! Jasper!— Wein! Ananaspunſch! Torte! Stangenkuchen, Gefluͤ⸗ gelpaſteten und dergleichen albernes Zeug!— Abends ein Mittagseſſen für fuͤnf Magen— oder Perſonen, wie die Alles vertuſende Welt ſagt!“ Jasper, der Diener, der aufmerkſam lief ſpornſtreichs. „Ihr kommt erſt heut'! Doch Ihr ſeyd da! Nun ſetzt Euch, Kinder!“ fuhr er fort,„und ſteht nicht wie hoͤlzerne Goͤtzen. Reich iſt nicht vor⸗ nehm und vornehm nicht einzig— wir ſind ja Freun⸗ de, wir bleiben Freunde! und Freunde und Freunde ſind Aſſonanzen. Darum wollen wir fröhlich ſeyn, und ein Leben fuͤhren—— daruͤber denk' ich nach! das iſt werth, daß Ihr Euch den Kopf zerbrecht! Aber— ſtuͤrzt Ungluͤck uns mit gebundenen Haͤnden in's Waſſer, loͤſcht uns wie ein Bonnenuit die Sonne — aus, ſchneidet uns von allen Ranken die Bluͤthentrau⸗ ben ab, bricht allen unſern Wuͤnſchen das Herz aus, gießt Scheidewaſſer auf die blutenden Stellen, und laͤßt uns die Welt mit Aſche verſchneien, und mit ſiedendem Waſſer und Schlamm verlutiren, wie ein luſtig lebendiges, eben am Feſte ſchmauſendes Pompeji — Freunde, ſo reißt das Gluͤck uns empor auf einen leuchtenden Picoberg, Erde und Meer liegen wallend und bluͤhend zu unſeren Fuͤßen, das Haupt wachſt einem auf einmal ordentlich groß wie ein Centner⸗ Fuͤrbis, Gedanken ſpringen heraus wie Funken, Funken wie Sterne, Sterne wie Goͤttinnen— wie Berenice! Das Herz wird weit, in den Adern rollt Nektar, und man ſteht auf feſten— wie golde⸗ nen Fuͤßen! Wie vom Feuer des Himmels getroffen ein trockener Baum brennt, brechen tauſend Bluͤthen aus den vor Kaͤlte geſchloſſenen Zweigen unſeres Le⸗ bensbaumes, er duftet, er ſchuͤttert vor Wonne, die Bienen umſurren ihn aus allen Landen umher, die Nachtigall ſchlaͤgt in der Pracht— die Seele iſt trun⸗ ken, ein neuer Fruͤhling bricht aus in dem Fruͤhling, man ahnt, was ein Menſch ſeyn koͤnne, ſeyn duͤrfe und ſolle— und wird ein Menſch!“ Er war ganz erſchöpft vor Wonne— die Freunde vor Leid und innerem Jammerz; ſie getrauten ſich nicht einzuſtimmen in ſeinen Jubel, noch weniger ihm zu widerſprechen; denn ſie empfanden zu nieder⸗ ſchlagend die Macht der Phantaſie, die zu ſchaffen, zu Schefers neue Nov. 1v. 3 —— geben vermag, was die ganze Welt aber nur in der Phantaſie und an der Phantaſie beſitzt— daher ſchien es ihnen vollends ganz roh, und die vollendeten Wuͤn⸗ ſche des reichen, armen Freundes vernichtend, ſich nur zu erkundigen, woher er das große Vermoͤgen bekom⸗ men? wie er, ohne anders als durch ſein Daſeyn ein⸗ geſetzt zu haben, das große Loos des Lebens gewonnen. Im Stillen aber ſegnete der gutmuͤthige Lamoural noch den wohlthätigen, discreten Freund, der den Un⸗ gluͤcklichen im Geheimen ſo gut hier verſorgt, daß er ohne Nachtheil bei Menſchen erſcheinen koͤnne, wenn ihn der Arzt geheilt. Aber er ſeufzte, da er wußte, daß die Einbildung von Vermoͤgen, wie die Einbil⸗ dung auf Vermoͤgen ſo gut wie unheilbar ſey! und nur ein Mittel fiel ihm bei: er wuͤnſchte ſelber ſo reich zu ſeyn, um ſeinem Philidor ſo viel geben zu koͤnnen, daß ſeine Einbildung Grund und Urſache haͤtte, ſo daß dann Hoffnung ſey: er werde ſo weiſe erſcheinen wie tauſend Reiche, denen Niemand etwas Unheimliches anmerkt, weil bei ihnen nicht das Geld aus der Einbildung, ſondern die Einbildung aus dem Gelde kommt, indeß Philidor's Thorheit eine ſelbſt⸗ ſtaͤndige ſchien. Seine Dankbarkeit gegen den guten Vormund, Papermann's—(jetzt durch Geben)— ſeligen Sohn, wuchs, als Jasper wirklich mit den verlang⸗ ten Getraͤnken und Eſſen erſchien! Er kredenzte dann in prachtigen Geſchirren. „Bin ich nicht ein Zauberer?“ fragte Philidorz Herzaubern beruht auf irgendwo Vorhandenſeyn, auf der muͤhſeligen Heperei des Schaffens und der Schoͤ⸗ pfung des Urzauberers! Unſer menſchliches Zaubern iſt ſchneller und, wie Ihr ſeht, bequemer, ja ein rechtes Nichtsthun! Aber wie arbeitet das Gold in der Welt der Menſchen, heimlicher und herrlicher als das Licht am Himmel! Alle Hetzen ſind ſchon ſein eigen, was es gebeut, ſteht da, was es ſcheel anſieht, verſchwindet. O Macht des Goldes in der ganzen Welt! Alles, was da ſteht, Kirchen, Bruͤcken, Häuſer, das ſteht um Geld da, wenn auch durch Arbeit— denn Keiner haͤtte ge⸗ arbeitet, wenn er kein Geld empfangen! Wer Geld hat, hat das Privilegium, ein Faullenzer zu ſeyn, fuͤr den muß ſaͤgen, hauen, ſtechen, nähen, laufen, pfluͤ⸗ gen, dreſchen, Pferde ſtriegeln, Ochſen und Eſel trei⸗ ben— wer kein Geld hat; der ſchickt ſeine Diener fort, wenn er will, der wohnt, wie er will, der lebt, wo er will, heirathet wen— daß heißt, welche er will, laͤßt ſich ſcheiden, von wem er will— kurz, das Gluͤck des Geldes iſt unermeßlich, ſeine Macht unwi⸗ derſtehlich! Gold iſt die wahre Goldtinctur des Lebens, uͤber einem Goldſtuͤck kann man ſich blind ſehn, ſchwind⸗ lig, von Sinnen werden, ſo unergruͤndlich iſt es! Erſt heut' las ich: in Barcellona brauchte man Matroſen. Die Obrigkeit ließ Geld auf den Markt aufſchuͤtten— die Geſchichte iſt alſo aus der alten guten Zeit— und immer zwei Maͤnner um eine gewiſſe Summe 3 —— ſpielen. Der Gewinner nahm d as Geld, der Verlierer ging auf die Galeere. So groß war die Wuth des Volkes nach Geld, daß in zwei Tagen die Schiffe vollzaͤhlig waren. Freunde, der Markt iſt die Welt! wer nichts gewinnt— fort mit ihm auf die Galeere! Wer aber Geld hat in Unſummen, wird ſelbſt eine Macht— und ſo bin ich auch dergleichen eine! Kin⸗ der, haltet mir nur mein Reden uͤber das alberne Geld zu gut— ich bin noch dives novus— ein neugebackener Edel— ſtein— mann, ein— Rei⸗ cher, und wie ein Mann, der den erſten kleinen Orden erhalten, ihn gleich zu Dutzenden fuͤr alle Kleider be⸗ ſtellt, ihn ſelbſt auf dem weißflanellenen Schlaftocke tragt, ſein Wappen umſtechen, ſeine Wagen neu ma⸗ len laͤßt— ſo iſt mir, ohne Vergleich, zu Muth! Ich denke immer noch arm und traume noch duͤrftig! Erſt dieſe Nacht ließ ich mir noch von einem Bettler auf einen Penny einen Halbpenny herausgeben! pfui! O wann wird erſt das Gold fluͤſſig in meine Seele, in mein Blut uͤbergehen! und ach, wann werd⸗ ich erſt befehlen lernen! den guten Jasper anfahren, oder ausſchelten, das bring' ich nicht uber das Herz!“ „Bleibe dabei!“ ſprach Camillo,„reite die Pferde nicht todt, weil Du andre bezahlen kannſt, quaͤle arme Leute nicht, weil ſie blos zu Gott ſeufzen koͤnnen!“ Philidor druͤckte ihm die Hand, und verſetzte: „Wie das Leben ſelbſt, hat man Alles im Leben nur einmal, jede Kraft, jedes Haar, jedes kleine oder — große Gut— darum habe ich ernſtlich den Wunſch an die Goͤtter: Moͤcht' ich ſtets mit ſich'rem Blicke Klar die Gegenwart erkennen! Von Erinn'rung nicht verwendet, Wie von Hoffnung nicht verblendet, Nicht getaͤuſchet vom Geſchicke, Fuͤr mein eignes Ungluͤck brennen!— Irren zwar iſt Loos auf Erden, Schon am Schaden ſey's genug, Laßt mich auch ungluͤcklich werden— Ach, doch nur zu ſpät nicht— klug!“ Den Freunden ſchauerte die Haut. Philidor ergriff aber Camillo, und fuͤhrte ihn zu einem großen mit Zeichnungen und Schriften bedeckten Tiſch.„Das ſind meine Plaͤne, meine Schloͤſſer und Gaͤrten!“ ſprach er.„Mein Architekt ſollſt du, ſeyn! Aber wie jener Koch ſagte: ich habe ſchon viele Herren zu Tode gekocht, bitt' ich Dich, baue mich nicht um das Leben! Aber mein Grabmal zuerſt, denn ich lebe— ich weiß nicht wie lange, ich ſterbe, ich weiß nicht wann. Und wahrlich, es iſt keine Frage im Scherz: ſoll man das Leben von hinten oder von vorn anfangen? Doch da⸗ von hernachmals! Siehe die Riſſe durch. Dich aber bitt' ich, o Lamoural, hole mir Berenice! und iſt ſie verſchaͤmt, allein zu kommen— bringe Miſtriß Pep⸗ perell mit, oder ihren Murdock, den braven Ver⸗ kaufmann! denn ein bloßer Kaufmann iſt freilich ein Raſender, ein geiziges Kind in der Welt! Gehe! eile! zum Eſſen ſeyd alle da! O wie freu' ich mich jetzt, ſie zu ſehen! Geig' mir die Menſchen hierher!“ „Der Engel in meiner Geige ſoll die Amata ru⸗ fen!“ erwiederte Lamoural, der froh den Auftrag annahm, um nur, nach ſolcher Beklemmung, Athem zu ſchoͤpfen im Freien und draußen ſich auszuweinen. Er ſetzte den Waͤrter, Herrn Lindſay, in Kenntniß, der ihm ſagte:„ein Haus wie unſeres muß, merken Sie wohl, bis Austrag der Sache, wie ein Richthaus, aller Welt offen ſtehen; was im Herzen und Leben geheim war, muß irgendwo offenbar werden; an dieſe zwei Sorten Haͤuſer— wie an die Kirchen— hat jeder, der Menſch heißt, ein Recht! Selber die Wahn⸗ ſinnigen, muß ich ausdruͤcklich bemerken. Wir haben ſogar eine Kirche und einen Prediger.“ Lamoural ſah ihn an, und fragte dann:„Wiſ⸗ ſen Sie Naͤheres uͤber——. Lindſay wehrte das Weitere ab mit den Worten:„wir Waͤrter be⸗ ſorgen nur, uͤberhaupt daß in unſerem, vor der Welt deßhalb beinahe vorzuglichen Hauſe Keiner dem Andern und Keiner ſich ſelber Schaden zufuͤge! in Beſonderem aber fuͤr diesmal beſorg' ich ſo Manches!— Das Eſſen wird puͤnktlich um acht Uhr bereit ſeyn.“ Die Roſe aus dem Paradieſe, Da Abends die Hausthuͤr bei Herrn Murdock zeitig geſchloſſen war, ging Lamoural durch die La⸗ denthuͤr. Die Klingel riß Herrn Murdock aus ſeiner Ruhe von den Zeitungen weg, da er waͤhrend der Krankheit ſeiner Frau ſein eigener Ladenhoͤter ſeyn mußte, zum tiefſten Verdruß uͤber ſeine ewige Stoͤ⸗ rung aus dem Blutvergießen im Kriege in Indien, aus dem Waten im tiefſten Schnee am Eismeer, weg⸗ geriſſen von der Seite des unerfrierbaren Frank⸗ lins, oder aus dem Ofen des unverbrennbaren Spa⸗ niets, oder von dem neuen Autodafe auf der ſehr treffend ſogenannten Halbinſel, wobei er allen edlen Spaniern Unverbrennbarkeit wuͤnſchte! Und fuͤr was war er geſtort? fuͤr einen Dreier Pfeffer, oder einen halben Pfennig Del— und er brummte dann:„ich wollte, daß meine Thuͤr unſichtbar waͤre! oder daß die lieben Kunden Naſen haͤtten, um zu wittern, wenn ich Zeitungen leſe. An den Zeitungen liegt es nicht, wenn ſie es nicht koͤnnen! Aber da kommt Jeder, wenn er etwas braucht, nicht wenn ich auf ſeinen Schilling warte, ein Pfuͤndchen voll zu machen.“ Doch dann machte er plotzlich den lieben Kunden das freund⸗ lichſte Geſicht, das wie eine heitere Maske aus ſchwar— zen Wolken fiel. Dies Geſicht aber machte er jetzt Herrn Lamoural nicht, denn dieſer begehrte noch nicht einmal ein halb Loth Pfeffer! und alſo ging er hinein und ließ ihm die Thuͤr offen. Deſto freundlicher hieß ihn darin jetzt Berenice willkommen mit ſanft anblickenden Augen. Lamou⸗ ral brachte ſeine Einladung vor.—„Er iſt alſo hier!“ erſtaunte ſie vor Entzuͤcken erroͤthend. Lamoural nickte. „Aber wie kann ſich Herr Fitz einbilden,“ ſprach Murdock,„daß ich ein meiner Aufſicht anvertrautes Maͤdchen werde zu Abend ausgehen laſſen, ohne zu wiſſen, in welches Haus, in welcher, zu welcher Ge⸗ ſellſchaft!“ Des Freundes Bitte, daß Mißſtreß Pep⸗ perell ſie begleite, ſchlug nicht an, da ſie krank war, wenn auch Frau Hurell bei ihr bleiben koͤnnte. „Nun denn,“ ſprach Lamoural,„wenn ich denn ſagen ſoll, wo unſer Fit iſt, ſo ſage ich denn in Gottesna⸗ men: im Frrenhaus.“ „Im Irrenhaus?“ wiederholte Herr Murdock, „als was denn, als wer denn da in aller Welt!“ „Als zeitiger Einwohner,“ verſetzte Lamoural, uber die Folterung erboßt. Berenice ſtand mit gefalteten Haͤnden unbe⸗ wegt, blaß wie ſterbend; aber daß Leben, Seele, Liebe, Leiden in ihr woge, bezeigten die Haͤnde, die nach und nach immer merklicher zu zittern anfingen; ſie fror, ſie ſchloß die Lippen, und dumpf klappten die ſchoͤnen Zaͤhnchen ihr im Munde. „Das aͤndert den Beſuch!“ fand Herr Murdock. „Dann gehn Sie! Hoͤrſt Du, Berenice! Gehe zu — ihm! Alſo ein zeitiger Einwohner! ja ja, ein fruher, ein junger! Alter ſchutzt vor Thorheit nicht. Jugend iſt auch ein Alter, das Jugendalter! Schade, Schade, daß Pepperell nicht mit kann. Das macht Eindruck, wenn einem Bekannten oder einer Bekanntin ein Unfall zuſtößt; geſchieht Menſchen etwas, die wir nicht kennen — dann iſt es Niemandem geſchehen, und was dem lieben allbekannten Niemand widerfaͤhrt, das ruͤhrt uns kaum. So ein Menſchenfreund iſt der Menſch! Aber nun Fitz! der arme Schelm— da koͤnnte ſie ſich ein Beiſpiel nehmen und ſehn, wohin die Einſeitigen kom⸗ men— allen Reſpect vor fuͤhlbar Einſeitigen.— Wohl dem, bei welchem alle Gedanken immer in Wirrwar ſind, wo nicht einer zum Kopftyrannen, gleichſam zum Papſte wird. Gottlob, daß ich viermal abgenullt habe, wie die Jaͤger ſagen; denn nach den Vierzigen wird kein geſunder Zahn mehr hohl, und kein geſunder Kopf mehr toll, und kein leerer voll— keine Ausnahme ohne hoͤhere Regel!“ Bernice war indeß ſchon hinauf geeilt, um ſich anzukleiden, denn ganz, in zwiefachem Sinne ein eng⸗ liſches Maͤdchen an Zartheit, Treue und unwandel⸗ barer Geſinnung, war ſie noch unguͤckſelig— ſelig im Unguͤck genug. Denn Jeder, der uns nicht mehr paßt, den wir nicht mehr mit den Augen der Hoff⸗ nung betrachten duͤrfen, ſcheint uns als unbrauchbar aus unſerem Kreiſe verwieſen; ſo dem, der nach Reich⸗ thum oder Schoͤnheit ging, ein Maͤdchen, das ploͤtzlich — 4— arm oder haͤßlich geworden; oder dem Mädchen ein Geliebter, den Schande ergriffen.— Er iſt ihr un⸗ brauchbar, ja undenkbar, und die Beſſere klagt und weint die Liebe in Thraͤnen aus. Die Beſte aber halt ſeine vorige Geſtalt vor Augen feſt, und ihre Gefuͤhle im Buſen, weil ſie in ihrem reinen Lie⸗ ben ihr Leben findet. Und ſo geht wahrer Liebe nie etwas verloren, und iſt der Geliebte zu Staube zer⸗ fallen— er lebt himmliſch und herrlich in ihr, und waͤre ſeine Seele zerruͤttet, ach, ſeine Liebe iſt es nicht! Mit ſolchem Segen begabte ein Gott die ſelig⸗ ſte Leidenſchaft, oder des Segens willen iſt ſie erſt das, und kann irgend etwas dieſer Liebe noch eine Nektarwuͤrze, eine himmliſche Farbe, einen Geiſt, ein unausſprechlich mildes Weſen wie Mondlicht geben, ſo iſt es die Wehmuth! und dieſe durchdrang, wie Ton aus Harmonicaglocken, Berenice's ganze Bruſt, und ſie weinte ſanft, wie man zum Himmel weint, mit reinem Herzen und goͤttlichem Zutrauen. Gleichwohl hatte ſie ſich nie lieblicher angezogen, doch nie auch den Hut ſo tief in die Stirn geſetzr, und als ſie ſich im Spiegel im weißen Kleide ſtehn ſah, erſchien ſie ſich nur als ein Geiſt, als ein Traum, und Jugend und Schoͤnheit und Alles, Alles bedunkte ihr nun an ihr vergeblich, verloren, verſchwunden, in⸗ dem ſie meinte: ihm, dem Geliebten, ſey ſie, wie ſie da ſey in aller Fuͤlle, in allem Schmerze nun nichts mehr!„O Welt, ſo ſind deine Guͤter, deine Gaben!“ lispelte ſie leiſe. Nun ging ſie geſchwind noch zur kranken Peppe⸗ rell, und fand an ihrem Bett O'Kennyon, der, als Veranlaſſung ihrer Krankheit, ſie nun auch troͤ⸗ ſtete. Auf die Frage: wohin ſie gehe? blieb ſie ſtumm; zu wem ſie gehe, vermochte ſie nicht auszuſprechen. Sie ſchrieb mit Bleiſtift eine halbe Zeile auf die Kehr⸗ ſeite eines Receptes und legte es Pepperell hin. Kaum war ſie hinunter, als O'Kennyon nachkam; und der immer vorſichtige, mit dem gehoͤrigen Verdacht gegen Alle in allen Fällen anſtaͤndig begabte Herr Nurdock bat dieſen, ſeine Erbtochter— einigermaßen zu begleiten. Der indeß beſtellte Wagen fuͤhrte ſie ſchꝛell nach der Anſtalt. Und umgekehrt, wie einige Merſchen, die laͤcherliche Grimaſſen⸗ ſich angewoͤhnt, die nit den Schultern ruͤcken oder Geſichter ſchneiden, klugeweiſe, ehe ſie in eine Geſellſchaft treten, hinter der Thuͤr geſchwind alle ihre Faxen noch einmal durch⸗ machn, um dann auf einige Zeit derſelben los zu ſeyn ind der Geſellſchaft eine gewoͤhnliche Menſchen⸗ figur n ſich zu praͤſentiren— ſo weinte nun Bere⸗ nice noch einmal ſchnell ihre Thraͤnen in das Tuch, lehnte ihr Koͤpfchen ſtill an O' Kennyon's Schulter, ſuchte ein Laͤcheln in ihr Geſicht zu zaubern, und trat dann zu dem Geliebten hinein mit verhaltenem Athem und hochgeſchwellter Bruſt. Der ſauber gedeckte Tiſch war ſchon koſtbar er⸗ 7 — —— leuchtet und blinkte. Philidor enteilte den Plaͤnen und Riſſen, und mit jenem Ueberdrang der Gefuͤhle, ſeine Geliebte begluͤcken zu koͤnnen, ſchloß er das arme Kind an die Bruſt.„Berenice!“ ſprach er, mit zuruckge⸗ zogenem Geſicht ihr wonnig auf die geſenkten Augen⸗ lider ſehend,„Du warſt mir zugethan, als ich arm war, halte mir nun die Treue der Gefuͤhle— nicht ſer Worte— nun Du mich erſt reich machſt!“ „Ich bin noch dieſelbe gegen Dich!“ brachte ſie mühſam uͤber die Lippen, aber ſie brach dazu plötlich in nicht mehr zu hemmende Thraͤnen aus. „Sonderbar!“ rief Philidor,„daß der Menſch ju allen Entſcheidungen ſeines Lebens weint, zu Gluck und Ungluͤck! und ſo oft er geweint, ſo oft gab iſm ein Gott ein großes Gluͤck oder großes Ungluͤck, cher gewiß doch immer ein ſeliges, reines Gefuͤhl ſeines Da⸗ ſeyns auf Erden, und zugleich die klarſte Erinnrung des Himmels— denn der Quell der Thraͤnen ſt im Himmel— und der Menſch weint zum Zeiche: er ſtamme von dort her, und ein Gott walte hiaieden auch uͤber ſein Kind auf Erden. Dieſe Deine Thra⸗ nen laß mich vom Auge kuͤſſen! ſie ſind ach die Buͤrgſchaft meines Himmels, das heißt: Deiner iebe!“ Und⸗Berenice wehrte ihm nicht, ihre Agenli⸗ der zu kuͤſſen, waͤhrend ihre Seele ſuͤß empfani: die Liebe ficht nichts an auf dieſer Welt, ſie zieht ſi rein, ſo frei hindurch, wie Feuer des Blitzes— ſolte ſie mich verwandeln?— lieber toͤdten! — „Du denkſt edel, o Berenice!“ fuhr er fort, daß Du zwei Millionen Guineen in meiner Hand— das Bild eines Vermoͤgens— nicht fuͤr ein Meduſen⸗ haupt haͤltſt, Dich von mir zu ſchrecken, weil Du nichts mehr als eine ſchoͤne Jungfrau biſt. Ich hatte aͤngſtliche Furcht vor dem edlen weiblichen Stolz, der, wie ich weiß, auch dich ſo ſtark und ehrbar macht. Aber, ſiehe, du biſt auch nichts weniger, als was eine ſchoͤne Jungfrau iſt, mit Allem begabt, was die Erde Himmliſches hat und der Himmel Irdiſches, Seele und Schoͤnheit, Leib und Liebe, und Alles in eine wundervolle Geſtalt, wie alle Suͤßigkeit der Na⸗ tur in eine Honigſcheibe, koͤſtlich verſchmolzen, was je ein Eigenthum, eine Zierde des weiblichen Geſchlechtes war, ſeit der— Kinderfrund, wie ihn unſer Mur⸗ dock nennt, das erſte Weib ſchuf im Paradieſe, das Paradies zu zerſtören ſchien; aber das Weib ließ, und das Paradies alſo nicht zerſtorte, oder nicht ganz; wie ein Gaͤrtner, der einen Roſenſtrauch vertilgt, aber die einzige volle Roſe deſſelben an ſeine Bruſt ſteckt. So ſteht das Paradies in Deiner weiblichen Geſtalt noch vor mir, ja ich umſchlinge die ganze Schoͤpfung in Dir, und— das heilige Wort ſey in der heiligen Stunde geſagt, ich kuͤſſe den Schoͤpfer, den Vater der⸗ ſelben, den göttlichen Kinderfreund, indem ich Deine Lippen kuͤſſe, und ſein Geiſt und ſeine Liebe weht mich an mit Deinem Hauch, und ich ſehe den Smmel offen in Deinen Thraͤnen, und in ihrem Schimmer —— ———— ——————————— — blinkt mich die Seligkeit an! Weib, Jungfrau, Braut — gieb mir den erſten Kuß!“ Berenice, von ſeinen Worten wie berauſcht und unwiderleglich den Geiſt der Liebe darin hoͤrend, und froh, ia ſelig in der Ueberzeugung, daß die Liebe nie Wahnſinn werden koͤnne— wenn auch ein Liebender wahnſinnig— was ſie noch unausſprechlich milder gegen ihn ſtimmte, und zu weichem Wachs in ſeinen Armen machte und beinahe ſchmolz— Berenice duldete ſeinen Kuß, und kuͤßte den Kuß ihm zuruͤck. Jetzt weinte Philidor und lispelte:„Unhemm⸗ bare Thränen fließen— der Himmel redet durch ſie wie mit Engelſprache in unſer menſchliches Leben.— So iſt's denn geſchehn! der heiligſte Augenblick iſt ge⸗ lebt; aber immer ſoll er, von Kraft des Herzens be⸗ lebt, lebendig und friſch vor mir ſtehn— ſchoͤn wie Du. Nun aber vernimm auch die Worte der Liebe: Auf Haͤnden will ich Dich tragen durch's Leben, kein Schmerz ſoll Dir kommen durch mich, wie eine Wolke will ich allen Segen der Erde aus allen Gegenden ſammeln und uͤber Dein Haupt ausgießen! Lebe lang! lebe das Leben aus! Dich verwandle der Himmel leiſe, und nehme ſpaͤt ſeine Roſen von Dir, und den Nek⸗ tar der Jugend aus Deinem Blut, und das ewige Feuer des Aethers aus Deinen Augen zuruck, altere ungemerkt und gern, waͤhrend Du immer liebeſt, mich und die Kinder, in den Kindern mich, und den Kin⸗ derfteund, daß, wenn einſt die verbluhte Pracht Deiner —— Glieder zerfällt und zerſchmolzen iſt— unwiederfindbar in der Natur— daß ich weiß, wo Du biſt, Deine Liebe, Dein Geiſt!“ Er hatte ſich ſelbſt ſo geruͤhrt, daß er kaum fra⸗ gen konnte:„ſo willſt Du denn mein Weib ſeyn?“ „Ich will!“ lispelte Berenice leiſe, und war ihrer Sinne kaum maͤchtig und blaß wie entſeelt. Sie vermochte ihn nicht zu kraͤnken durch ein zagendes: „Ich will nicht,“ als wenn dann ſeine Liebe Wahn⸗ ſinn werden koͤnne; ja, wenn es nur irgend moͤglich ſey, wolle ſie wirklich ſein Weib werden, zuruͤck in ihr Haus ihn nehmen, ihn pflegen und warten und ehren und lieben, arm mit ihm ſeyn und mit Laͤcheln es hoͤren: wie reich er ſey! Vielleicht auch waͤr' er zu heilen, am meiſten durch ihre leiſe und unermuͤdliche Wendung und Klaͤrung ſeiner Begriffe von Reichthum; vielleicht gelange es ihr, durch Liebe und Treue, und Leiden und Freuden des menſchlichen Lebens ihm end⸗ lich die Augen des Geiſtes daruber aufzuthun: daß eben Liebe und Treue, und Leiden und Freuden die hoͤchſten erlanglichen und darum zu wuͤnſchenden Schaͤtze des Lebens ſind; und dann ſtand ſie vor ihm— viel⸗ leicht als Mutter— in einer Glorie, die ſie ſich wie eine Maͤrtyrin verdient und erhalten! Dann druckt' er ſie wieder, doch anders, an ſeine Bruſt, wie er jetzt that! Dann horte ſie wieder: wie reich er ſey! Und als ob ſie es nicht geſagt, oder nicht laut genug, ſprach ſie noch einmal auf ſeine Frage:„Ich will!“ — „Ich rufe Euch zu Zeugen!“ laͤchelte Philidor, „wenn ſolche Liebe kuͤnftig eines Zeugen bedarf— ſie iſt von ſelber ewig. O'Kennyon druͤckte dem weinenden Madchen die Haͤnde, die Freunde bewunderten und billigten mit Blicken ihr weiſes Betragen, und der gluckſelige Braͤu⸗ tigam fuͤhrte die ungluͤckſelige Verlobte zu Tiſch. Des Vaters Segen baut den Kin⸗ dern Haͤuſer. Zu Anfang war die Freude bedruͤckt und erheu⸗ chelt. Wie aber Noah der Stifter des Weines, durch ihn gewiß ſehr oft ſogar die Suͤndfluth vergeſſen, ſo bewährte der edle Rebenſaft auch hier ſeine uralte, ihm einwohnende Kraft: die Sorgen und Leiden hinweg⸗ 1 zuſchwemmen, den Menſchen in den Augenblick zu bannen, dieſen Augenblick aber durch Erregung des großen, ewigen, herrlichen Bewußtſeyns zu einem ſeli⸗ gen zu machen, den Menſchen aus dem Menſchen fort⸗ zuzaubern, und die freudige Gluth der Natur in ihm feurig anzufachen und walten zu laſſen. Und ſo kam es, daß ſelbſt Berenice, die taͤuſchende Braut, oft einen Scherz aus Guͤte erſt belaͤchelte, zuletzt ihn — ſelber meinend belachen mußte, zum Zeugniß, daß kein Leid des Menſchen, wie der Zahnſchmerz nicht, ununterbrochen ihn nagen darf, ſondern daß zur Staͤr⸗ kung und fernern Ertragung deſſelben, das Ungluͤck wie ein gottgeſandter Wahnſinn— lucida intervalla hat. Als nun gegen das Ende unter andern Toaſts auch die Geſundheit des Vaters getrunken ward, den Philidor herzlich herbei wuͤnſchte, da ſtand er auf, das Glas in der Hand: und ſprach:„den Todten in ihrem Grabe! Auch das Meer iſt ein Grab dem Reiſenden! die Flamme ein Grab dem Verbrennenden, und der Aether das wahre Grab der Seele. Und dort blinkt der Himmel mit ſeinen Sternen herein— der todte Vater! das heilige Grab ſoll leben!“ Das ward getrunken. Und ſehr leiſe, mit den Worten an Philidor's Herz und Geſinnung taſtend, fragte O'Kennyon:„Alſo Sie haben Nachricht?“ „Nicht nur Nachricht,“ erwiederte Philidor, „wie fruͤher mein Daſeyn, hab' ich auch das Vermoͤ⸗ gen von ihm, und ſeinen Brief!“ „Das haſt Du uns verſchwiegen!“ tadelte La⸗ moural. „Freunde!“ verſetzte Philidor,„ſollte ich Euch erſt ſagen, wo ich bin! Ich habe Euch zwanzig Ein⸗ ladungen geſchrieben— und Ihr— Ihr kamt von Tage zu Tage, von Woche zu Woche nicht! Das wußte ich zu deuten, und beklagte mein Schickſal— meine Jugend, daß ich noch nicht muͤndig bin! erſt Schefers neue Nov. 1v. 4 — in ſechs Wochen! Aber Ihr, hoff⸗ ich, Ihr werdet doch unmuͤndig und unſinnig unterſcheiden, wenn auch der Vormund nicht! Doch unterſcheiden und unter⸗ drucken iſt mir nicht gleich bedeutend. Der Vormund hat vielleicht gedacht: dulce est desipere in loco! und freilich iſt hier der rechte Ort dazu— das muͤßt Ihr ſelber geſtehn!“ „Der Vormund?“ wiederholte O'Kennyon. „Von Vormuͤndern des Vermögens hab' ich gehoͤrt, aber von Vormuͤndern des Geiſtes— des Verſtan⸗ des—“ „Percant! ſo wahr ich zum Narren hier ſitze!“ rief Fitz. Die Freunde ſprangen unruhig auf, in Fuͤlle und Vorahnung kuͤnftiger Freude. Und auf die Eisdecke des Herzens fiel gleichſam der erſte Thauwindſtoß. Berenice hatte kaum Athem. „Wenn er einen Brief haͤtte— den Er nicht ſelber gemacht!“ fluͤſterte Lamoural dem Camillo in's Ohr. „Nun, wie viel haſt Du denn, Philidor?“ fragte ihn Camillo, wenn Du in ſechs Wochen nicht auf Zeitlebens vor Kummer wirklich unmuͤndig wirſt, wie die Abſicht ſcheint!“ „Das war ein haͤßlicher Blick in der Welt!“ ſeufzte O'Kennyon. „Nur ein Vers erklaͤrt mir die Sache!„ſprach Camillo: Als um Danas ſchelmiſch der Gott in das Gold ſich verwandelt— Freilich verwandelte ſich da auch das Gold in den Gott— Der nun bei allen Heiden herrſcht. Pereat Jupiter! und ſelber Sol, als das Zeichen des Goldes, des Steines der Weiſen, der wahrlich nur darum ſo heißt, weil ſelber die Weiſen daruͤber ſtolpern, geſchwei⸗ ge PMapermann's ſeliger Sohn, Ralph Raff, und Geſellſchaft!“ „Daß ein Käſtchen unter der im Briefe gezeich⸗ neten Addreſſe angekommen in unſerem Hauſe, dazu hab' ich Zeugen,“ begann Fitz,„als ſich Alle wieder geſetzt; der Brief aber kam mir durch einen ganz un⸗ bekannten Mann, einige Poſttage ſpaͤter, angeblich aus dem voſtindiſchen Amte zu, und iſt die Prima. Se⸗ cunda war alſo wahrſcheinlich im Kaͤſtchen.“ „Den Brief! den Brief!“ riefen die Freunde. „Ich kann den Brief nicht leſen, jammerte Fitz; nahm ihn, auf der Bruſt verwahrt und verſteckt, her⸗ vor, und reichte ihn auf dem ſilbernen Teller O'Ken⸗ nyon hin, der ihn genau beſah, entfaltete, uͤberlief, und dann mit gemaͤßigter Stimme, faſt heimlich, doch vornehmlich“ las: Calcutta, am Tage Medardus 18. Lieber Sohn! „Ich glaube, Du heißeſt Fitz, alſo: lieber Fitz! 4* —— „Eine nothwendige Reiſe nach Canton und Nangaſaki „ruft mich ab— vielleicht von der Welt. Denn den „Gefahren des Meeres, der Stuͤrme und Felſen und „Seeraͤuber trotzet blos„der heilige Hunger nach Gold.“ „Wenn ich alſo zum uͤberjaͤhrigen Tage Medardus nicht „wieder zuruͤck bin, dann ſoll das von mir beauftragte „Haus Dir die Caſſete mit meinem Sparpfennig ſchicken: „gezaͤhlte zwei Millionen und ein Pfund St., wenn „ich mich elwa verzaͤhlt, wie man der Sicherheit we⸗ „gen immer hundert und einen Kanonenſchuß thut. „Du erhaͤltſt Alles, nach dem Regiſter, in Noten. „Sollte die Ein⸗Pfund⸗Note zur Zeit des Empfanges „nicht mehr curſiren duͤrfen, ſo hebe ſie ja auf! ſie iſt „dann noch im Stande, den ungeheuren Nutzen zu „ſtiften, daß man allem curſirenden Papier nur mit „der Naturanſicht trauet, es ſey Papier; wie ich zum „Gedenken daran mit einem Schatze von hundert Mil⸗ „lionen geweſenes Vermoͤgen caſſirten, auch falſchen „Wechſeln mein Stuͤbchen mir austapeziert.“ „Der Vater ſcheint dabei ein Species von Geiz⸗ hals geweſen zu ſeyn!“ bemerkte O'Kennyon da⸗ zwiſchen; und nach Philidors Drohung mit dem Finger las er weiter: „Ich bin alſo umgekommen; erſchlagen, ertrun⸗ „ken, geſtorben, verdorben— wenn das Alles auch „nicht zugleich, noch auch nach einander, welche un⸗ „moͤgliche Wohlthat der arme Menſch annoch hoͤchlich „zu ſchaͤtzen hat— aber doch eines von dieſen, weiß „Gott welches? und wie? und auch ich weiß es jetzt nicht, „und dann nicht mehr— wenn Du dieſes Papier „ſiehſt. Nimm alſo, ich bitte Dich herzlich, das Geld „ſtatt eines Vaters an! da die meiſten Vaͤter ja den⸗ „ken, ſie ſind es, ſie bleiben bei ihren Kindern, wenn „ſie ihnen nur Geld zuſammenſcharren und verlaſſen. „Die Caſſette in Deinen Haͤnden aber uͤberzeuge Dich, „daß ich auf einer Reiſe durch Deutſchland uͤber dem „Thor einer Stadt den Vers geleſen und wohl beher⸗ „zigt— alſo todt bin:— „Wer ſeinen Kindern gibt ſein Brot „Und ſelber leidet Noth, „Den ſoll man ſchlagen mit der Keule todt:“ „Wer von Kindheit auf in Ueberfluß gelebt, der „bleibt zeitlebens arm, ohne Barmherzigkeit; darum „theilte ich Dir fruͤher von meinem Brote nichts mit. „Die Jugend iſt ſelber der hochſte Reichthum— aber „im Alter nur eine Bequemlichkeit mehr, nur eine „Stufe hoͤher ſteigen, das begluͤckt!„Denn unſer gan⸗ „zes ſpaͤteres Leben iſt nur das Streben: die Jugend „zu erſetzen, und ihre Traͤume zu leben.“ „Braver Vater!““ ſchaltete Fitz ein. „Das Vermoͤgen ſtammt von meinem Großva⸗ „ter,“ las O'Kennyon fort,„einem unbeſiegbaren „Schachſpieler, wodurch er, ſtatt ſeines Namens Phi⸗ „libert, den Beinamen Philidor erhielt, der ihm „Geld einbrachte. Wer laͤßt dafuͤr einen Schall nicht „fahren? einen Namen? oft ſelbſt einen guten Na⸗ „men! Wie man aber hier in Indien tiefſinniger Weiſe „den Sohn: den Vater des Vaters heißt, weil der „Sohn den Vater neu in der Welt vor- und darſtellt, „dem beſſeren Geiſte und Leben nach; ſo ging der „Großvater, ein Sachſe, auch in das— Vaterland „der Sachſen, nach England, wo die Englaͤnder die „alten Sachſen in dem vereinigten, nicht getrennten „Koͤnigreiche, dem vollſtändigen Leben und Daſeyn nach, „neu zur Welt gebracht und alle Tage noch bringen. „Dort nun ſetzte er holzerne, gedrechſelte, gegoſſene, „elfenbeinene, hornene Koͤnige und Koͤniginnen ſo lange „matt, bis er ſelbſt genug Kraͤfte erlangt, ſich nach „Indien zu krabbeln.„Vor Liſſabon aber ſcheiterte er „— naͤmlich der Oſtindienfahrer,— und unſer Ahn „ſpielte in den Faffeehauſern der Gold- und Silber⸗ „ſtraße nun Schach, wohl auch Dame und Puff, als „man eben, ſtatt der Brettſteine, gewiſſe unerkannte, „moch in der Frau Mutter befindliche Diamanten aus „Braſilien brachte und Mode machte, die unſer Ahn „die Guͤte hatte ſpottwohlfeil ſaͤckchenweiſe einzukau⸗ „fen, nach England zu kehren, daſelbſt hoͤchſt nied⸗ „lich ſchleifen zu laſſen, und ein reicher Mann zu „ſeyn, durch Anderer Unwiſſenheit— ein Hauptquell „alles Reichthums. Dieſen verfolgte der Vater und „ich nun in Indien. Der Kaufmann gedeihet am „beſten im Jungfernlande! Alte Wege, alte verfallene „Schaͤnken! Wo das Land fertig iſt, hoͤrt der Han⸗ „delsherr auf, und der Kraͤmer beginnt, der es — 55—. „hochſtens dann wieder zum Epportator bringt. Uns „kam aber noch Alles zu, ſogar die Weiber— auch „mir Deine Mutter, meine zweite Frau, die mit Dir „unter ihrem Herzen und meiner fruͤheren kleinen Toch⸗ „ter mir wieder entfloh. Ich war Vater genug, mein „Toͤchterchen zu ſuchen bis in England. Ihr wart „nicht da.— Jetzt hat mir endlich mein Correſpondent „von Euch geſchrieben und daß mein Töchterchen todt „ſey. Ach, es waͤre jetzt eine Tochter von ſechs und „zwanzig Jahren! Laß Deiner Schweſter alſo ein Grab⸗ „mal ſetzen— die Mutter wird ſagen: wo?“ Es entſtand eine aͤngſtliche Pauſe, und endlich las O'Kennyon weiter: „Nichts aber kann einen Sohn davon erloͤſen, „ſeine Mutter zu ehren, wie ſie auch ſey und was ſie „thue, denn ſie bleibt ihm die Mutter, und das iſt „genug. Jeder weiß, was er thut, und wird davon „Rechenſchaft geben. Ich verbiete Dir alſo: ihr oder „mir elwa gar vergeben zu wollen— das unterſtehe „Dich nicht! Mein Gram nahm nun die Richtung: „Geld zu ſammeln, was man denn mit grenzenloſer „Hoffnung thut, die von der Freude daruͤber nie ein⸗ „geholt wird. Ja, ein Geldkuͤnſtler kann ſich zuletzt „blos an der reinen Kunſt und Geſchicklichkeit freuen, „wie man ſich im Theater fuͤr das Gelingen des Pla⸗ „nes eines Boͤſewichtes intereſſirt, ohne einer zu ſeyn. „Das war meine Lebensfreude! Sonſt wohnte ich „eng und ſchlecht, und ging miſerabel gekleidet, ſo daß — 6— . „mir ſogar ein Bramin einſt einen Farthing in den „Hut warf, der durch ein Loch in demſelben wieder „herausfiel; und das Seligſte war der Geiz, das Ent⸗ „behren, der Hunger ſogar! Denn wenn wieder ein „Tauſend oder Hunderttauſend voll werden ſollte, ward „der Schilling geſpart, ja geborgt, als wenn ich noch „keinen haͤtte, als brauchte ich ihn, meinen Vater aus „der Sclaverei los zu kaufen. So kam ich faſt nie „aus den Schulden! Doch Geld waͤchſt zu Gelde wie „Unkraut. Um eine Guinee muß ein Bote an hun⸗ „dert Meilen ſich faſt die Seele aus dem Leibe mar⸗ „ſchiren, und den Ruͤckweg obendrein um ſonſt machen „— ein großes Vermogen zuſammen zu bringen, koſtet „nur ein kleines, und totale Blindheit bei totalem Geiz und total verſteinertem Herzen. Du ſiehſt aber, in „jedem bleibt, wie in einem geſottenen Ei, in der „Mitte eine kleine weiche Stelle! Doch ich will Dich „nicht lehren zu ſammeln! lieber auszugeben! Der „Erblaſſer findet ſeinen Verpraſſer; denn unverdien⸗ „tes Geld— wie Du unkekannter Weiſe von mir „erhaͤltſt— hat die Niederträchtigkeit in ſich: nur Geld „zu ſeyn, nicht Sorge, Arbeit, Schweiß, Muͤhe und „Segen, Freude und Gut, was es dem Armen iſt. „Nur der Tagearbeiter weiß, was ein Schilling iſt, „wenn er, im ſchoͤnſten Glanze der Sonne, unter „blauem Himmel, auf der Fruͤhlingserde, wo eben die „Vögel koſtbar ſingen und die beruͤhmten muͤſſigen Li⸗ Hlien bluͤhen— eine Klafter Eichenholz dafuͤr geſpal⸗ ————— — ———— — — 57— „ten hat. Er fuͤhlt den Schilling in allen Glied⸗ „maßen und kann die Nacht davor nicht recht zu „Schlafe kommen. Jeder Reiche ſoll billig— um „billig zu ſeyn, wenn das ſein Wunſch iſt— alle „Jahre zwoͤlf Klaftern Holz ſpalten, und ich rath' es „Dir auch, um den Werth, das Gewicht und den „Preis des Geldes huͤbſch kennen zu lernen, und Dich „doch auf einige Tage in den Urſtand des Menſchen, „das Paradies(2) zuruͤck zu verſetzen. Du thaͤteſt „wohl, das zu Anfang jeden Monats zu thun.“ „Das waͤre alſo pro Monat eine Klafter! Nun, des Vaters Wunſch iſt den Kindern Befehl!— Es ſoll geſchehen!“ verſicherte Fitz. „Du verſtaͤndeſt dann beſſer, auch wohl zu thunz „bezahle Dich auch, und lebe dieſe Tage von Deinem „Verdienſt allein— Herr Nabob!. Denn das allein „entſchuldigt die Reichen und Harten— denn nur der „Harte iſt reich und bleibt es durch Härte allein— „daß ſie nicht wiſſen(und wiſſen wollen), mit welcher „furioͤſen Satisfaction man ſiebzig Jahre Kartoffeln „ißt, und ſein herzliches Weib und ſeine herzlieben „Kinder ſie ſchmauſen ſieht. Der Apoſtel Petrus aber „(wenn wir das Gluͤck haͤtten, daß er heut' noch lebte) „haͤtte gewiß in achtzehn hundert Jahren keine Krone „(5 Schilling) geſammelt!— Ich rede hier ſchon als „Todter!— Da ich Dir den Prediger oder Vicar Sa⸗ „lomonis nicht in Perſon ſchicken kann, zum Hof⸗, „Haus⸗ und Feld⸗Prediger, ſo nimm einen Seiden⸗ „weber zu Dir, der, tagtaͤglich vierzehn Stunden ar⸗ „beitend, wochentlich funf Schilling verdient, der mag „Dich lehren, wie Du Geld ausgeben ſollſt.“ „Das ſoll geſchehen!“ ſchaltete Fitz ein;„ich kenne da einen gewiſſen Ferſeborn.“— „Aber wofuͤr Du das Geld ausgeben ſollſt— „denn die wahre Sparſamkeit und Erſparung beſteht „in Gedanken und Sachen, nicht im Erhandeln und „Abdruͤcken derſelben von Andern— da mag Dir „die Weisheit Salomonis, nicht er ſelbſt zur Seite „ſtehen, oder gar vor Augen! Vor Allem furcht' ich, „Dich arm zu machen durch das Geld; nicht daß Du „es verthuſt, denn dadurch gerade koͤnnteſt Du reich „oder zufrieden werden, wie ein Bauer zufrieden den „leeren Sack ausſchuttelt, wenn er den Acker beſaͤt „hat.“— „Alſo ich darf verthun!“ bemerkte Fitz. „Ich meine ſo: vornehm wollen die Menſchen „ſeyn, um nichts mehr mit den Menſchen, der Miſere „und ihrer Miſere, zu thun haben, um ſorglos auf der „Butter des Lebens zu ſchwimmen, ſich einzubilden, „was ſie wollen, durch ihren Titel einen Schutzbrief „gegen offenen Tadel zu haben(den ſich der Menſch „im Kittel gefallen laſſen muß) und ſo die goͤttlichen „Tage durch zu luleien, wenn nicht in Freude, doch „in Erhebung— der Einbildung, nicht der Sinne, „und ſo auf dem großen Pachthofe der Erde den Trut⸗ „hahn zu machen, der gewaltig kaudert und die Flugel „auſſtutzt, wenn man ihn aͤrgert. Aber Titel und „Rang halten nicht wider ohne Vermoͤgen; ſie ſind „eine Laſt, eine Schande beinahe, eine Qual gewiß, und „mit Gold nur kann man vergolden, ſogar ſich, ſein „Gehirn und Himmel und Erde— ein Wenig reicht „ſehr weit— und ſo werden die Reichen zu lauter „Adepten— das aber unmoͤglich von Adeps— Fett — herſtammen kann, da die Adepten— was wieder⸗ „um ſtark an der Nachtordnung iſt— ſich arm und „mager am Geld laboriren, alſo keins haben, indem „nur„Febre laboro“ heißt: ich habe das Fieber! „Das Geldfieber iſt aber zum Ungluͤck kein wirkliches, „curables!“ „Der Vater wird launig vor Eifer!“ laͤchelte Fitz; „auch hat er ſeine Brocke lateiniſch gewußt. Er ſpricht aber faſt wie Herr Murdock zu ſeier Frau Peppe⸗ rell, der ihr immer vorwirft: Sucht nach Vermoͤgen iſt eigentlich— Stolz!“ „Du haſt einen unvergleichlichen Vater! nicht wahr?“ fragte Camillo.„Alſo— Murdock iſt ein Murrkopf! Was reden nicht Andere, die einem Armen nur einen Zehrpfennig ſchenken!— Dein Vater hatte einen Brief an Dich, frei, auf Papier ohne Ende.“ „Er iſt gleich aus!“ bemerkte O'Kennyon und las weiter: „Was ich wuͤnſche, iſt, daß Du zuerſt und zeit⸗ lebens ſofort Deine Schulden bezahlſt, Herr Fitz!“ — 60— „Ich bin Niemandem etwas ſchuldig!“ verſicherte dieſer. „Wirthſchaft mit Schulden iſt Elend; Leben mit „Schulden iſt ſuͤndhaft. Jemand hat Dir vielleicht „ſeine Neigung— geborgt, wenn nicht geſchenkt,“ — Berenice trank, und behielt den Wein an den Lippen.— „es hofft Jemand auf Dich, Du haſt Freunde,“ —„Freunde, gewiß!“ verſicherten Camillo und Lamoural, die ihm beide die Hand hinreichten.— „Freunde, die ſich ſchaͤmen duͤrften, wenn Du „ihnen ihr Loos verbeſſerteſt, denn ſie waͤren auch mit „Dir arm geblieben, laß ſie nun reich ſeyn mit Dir.“— „Habt Ihr daran gezweifelt?“ bedrohte ſie Fitz mit dem Finger. „Wenn den ganzen Brief kein Spaßvogel in Lon⸗ don geſchrieben hat, wo ein ſolches Volk derſelben iſt, daß man einen Spaßvogelheerd anlegen koͤnnte, ſo zweifle ich nicht, daß wir hier nicht als Narren ſitzen, ſondern auf einmal als ſehr geſcheidte und ſehr acht⸗ bare Perſonen!“ ſprach Lamouralz da er aber ſah, daß Berenice bei dem Wort„Spaßvogel“ erbleicht war, weil ihr Philidor dann als einziger Narr, oder Genarrter, hier ſaͤße, ſo forderte er O'Kennyon, den Schluß zu leſen, mit den Worten auf:„aber das muß man ſagen, der Vater ſchreibt ſo ſachkundig, ſo gegen⸗ waͤrtig, als wenn er hier mitten unter uns ſaͤße!“ „Sie citiren Geiſter:“ entgegnete dieſer und las: — d— „Du haſt Fruͤchte gegeſſen— pflanze Bäume! „Du biſt bekleidet worden— bekleide! Du haſt Dich „ſatt und groß gegeſſen und getrunken— ſtille Hun⸗ „ger und Durſt! Tauſend Muͤtter haben Dein Ge⸗ „ſchlecht bis zu Dir gepflegt und geliebt— da ſie todt „und Staub ſind— heirathe! das iſt der beſte Dank „dafuͤr bei dem weiblichen Geſchlecht, und es iſt ausge⸗ „ſöhnt mit Dir, wenn Du nur Eine nimmſt— und „pflege und liebe dein Weib, wie alle Deine Muͤtter „— wie Deine! Und da Dein Vater die Guͤte ge⸗ „habt, bei lebendigem Leibe Dir Himmel und Erde und „Sonne und Mond, als ſeinem Sohne, zu ſchenken, „ſo habe Du wiederum ſolche Guͤte! Der Mutter „gib aber jeden letzten Monatstag zu London hun⸗ „dert Guineen.“ „Das heißt: Du ſollſt nicht außer Landes reiſen, ſo lange die Mutter lebt!“ bemerkte Berenice. „Sie wird nichts vom Vater annehmen!“ klagte Fitz.„Sie iſt blind! und ſie arbeitet lieber in dem ſehr achtbaren Arbeitshauſe des unſchaͤtbaren Herrn Owen, der„die zuſammenarbeitende Geſellſchaft zu London“ geſtiftet, als von mir, ſeinem Sohne, das Kleinſte anzunehmen!“ „Sie arbeitet? Hat ſie kein Vermoͤgen?“ fragte O'Kennyon. „Sie hatte,“ erwiederte ihm Berenicez„aber die arme Frau hat es verloren bei oder durch Herrn Papermann, der, nach ſeinem erſten Falle, nur einige * Procente gezahlt und keinem Menſchen nun einen Pfennig weiter, ſo reich er auch iſt durch ſeine Hei⸗ rath— weßwegen es denn Herrn Murdock, bei ſei⸗ ner Bill zur Solidirung der Kaufmannſchaft, durch⸗ aus mit zum Geſetz gemacht wiſſen will, daß das kuͤnf⸗ tige Vermoͤgen eines Kaufmanns von ſeinen fruͤheren Gläubigern darf und ſoll in Anſpruch genommen wer⸗ den; denn man muß nicht unmenſchlich reich ſeyn, aber ehrlich und brav ſoll jeder bleiben bis in den Sarg, und noch ein Weilchen nachher. So ſpricht er.“ „Der brave Murdock! Die arme Mutter!“ ſeufzte Fitz.„Die arme Frau!“ ſeufzte O'Kennyon leiſe ihm nach.„Zuletzt noch drei Zeilen,“ bat er: „Alle Neujahrtage beantworte ausfuͤhrlich und in „ein Buch die Fragen: Wer wird reich? Wer iſt reich? „Wer bleibt reich? Und dieſe: Wer wird arm? Wer „iſt arm? Wer bleibt arm?— Nun noch ein ernſtes „Wort: Segne Dich Gott! Bringe er Alles ein an „Dir, was ich verſaͤumt! Thue er Alles ohne mich „ferner an Dir, wie er Alles bisher ohne mich gethan! „Ich aber bleibe auch todt Dein treuer Vater H. Philidor und Compagnie. Fitz weinte, als waͤr' er ihm jetzt erſt geſtorben, nicht ungewußt ſchon laͤnger dahin. O'Kennyon fal⸗ tete, unter dem Schweigen der Andirn, den Brief zu⸗ 6— ſammen, beſah ihn noch einmal genau, gab ihn zuruck und ſagte:„wenn alſo kein Spaßvogel den Brief ge⸗ ſchrieben und die Caſſette abgegeben, ſo waren Sie reich, wenn Sie nicht arm waͤren— dato! Erſt muͤßten Sie muͤndig ſeyn, dann ſich ſcheinbar curiren laſſen— Sie verzeihen— aber wer gibt die Gerichtskoſten, vielleicht 20,000 Pfundz die Bezahlung fuͤr ein, zwei, drei Conſilien von 50 Aerzten, jedes nach der Wahrſchein⸗ lichkeitstaxre zu 3000 Pfund, Summa 9000!— vann fuͤr den Stempel, der allein 40,000 Pfund Sterling betragen kann. Summa Summarum ein 60,000 Pfund! Kann man dem Volke die Friedensliebe beſſer beibringen als dadurch, daß ein Proceß faſt die Haare auf dem Kopfe koſtet, die Geſundheit vor Aergerniß und die ſchoͤnſten Jahre des Lebens! Das iſt ein Ca⸗ binetsſtuͤck aus dem geheimen Chriſtenthum, und ich finde die Taxen und Sporteln noch alle zu niedrig, da doch noch die Reichen proceſſiren— wenn ſie Un⸗ recht haben, und die Mittlern ſich vergleichen, wenn ſie Recht haben; und nur die Armen ſind friedliebende Menſchen, die ſich nur im Stillen raͤchen, oder ihre Sachen unbeſchreiblich klug einfädeln und hochſtens ſich verklagen laſſen.“ Fitz jammerte. „Wer iſt daran Schuld?“ ſprach Camillo, vom Wein und Aerger ergriffen.„Wir nicht! Niemand als Eva! Oder wenn nur Adam nicht von ihr den Apfel genommen, ſo wuͤrde doch die maͤnnliche Ge⸗ — 64 ſellſchaft nicht um das Paradies gekommen ſeyn, ſollte man denken, und nur die Frauen haͤtten— was ich ihrer Guͤte und Liebe zutraue— außerhalb umher ganz dicht an den Grenzen gewohnt. Dann war keine Kreu⸗ zigung, kein Tintoretto, kein Kreuzzug, kein Taſſo, kein Grieche, kein Turke, kein Schisma, kein Teufels⸗ advocat, kein Miserere nohis und alle der Spuk der Herren Geiſter, fuͤr welchen Adam gewiß verdient, ſchon ſeine fuͤnf tauſend Jahre todt zu ſeyn, denn ſonſt waͤr' er es nicht!“ „Das Beſte iſt nun: kein Streit! keine Klage!“ unterbrach ihn O'Kennyon.„Ein Vormund hat Rechte! und wer weiß, wie ſich unſer junger Freund auch geberdet hat! Dies Haus muß jedem Sicherheit gewähren, und es wuͤrde ſich Alles finden von ſelbſt! — Doch damit ich Sie nicht ſcheinen laſſe bis Sie werden, curire ich Sie, Sir Fitz! Heilen iſt auch ein Mittel!“ „Sie handeln als Vater an ihm!“ ſeufzte Ca⸗ millo. „Schon gut, ſchon gut!“ entſchuldigte ſich Jener. „Herr Philidor hat mir oft Speculationen gerathen und zugewieſen, gute Biſſen, welche die Katze ihren Jungen nicht gibt! und wenn ich nun finde, daß meine Auslagen, nebſt guten Zinſen hiebei—— Still! nur den Brief! und geſchwiegen!“ Hert Lindſay kam und meldete, es ſey 11 Uhr! der Tower werde ſo eben geſchloſſen, und auch hier gehe der Schließer umher. Berenice, als ſie gekommen, vor Jammer ohn⸗ maͤchtig, dann fſt niedergedruͤckt vor Freude, und jetzt wieder von anderm, doch menſchlicherm Leid, weil es von Menſchen kam, konnte vor Wehmuth kaum Fitz die Hand reichen, und die Freunde fuͤhrten das liebe Kind hinweg. Das Winkeltheater. Die Sache verlief nun im Stillen, wie üͤbethaupt die Welt; wo ſo vieles kocht wie in⸗einer großen Kü⸗ che, das erſt zum Vorſchein kemmt, wenn es gar iſt und angerichtet wird. Nach zwei Monaten ungefähr erſchienen nun aber die Zeichen von dem, was indeß geſchehen war.. Eines Morgens naͤmlich wurde Herr Murdock geſchwind zu Frau Hurrell gerufen durch ihren kleinen Enkel William, der ſeine Aeltern verloren. Der Knabe wollte mit ihm nicht zuruͤck gehen, weil er ſich fuͤrchte vor der Großmutter. Herr Murdock wackelte alſo, ſo geſchwind er konnte, die paar Schritte herum zu ihr, und blieb vor der Thuͤr erſt ſtehen. Es war Alles ſtill. Als er Schefers neue Nov. 1v. 5 — 66— aber eingetreten, und Frau Hurrell ſah, daß er es war, richtete ſich die Alte im Bette auf, ergriff ihr rechtes Bein und ſchrie:„Es reißt!“— Dann warf ſie ſich wieder zuruͤck in die Betten, richtete ſich wieder auf und ſchrie:„Es brennt!“ fiel wieder zuruͤck, erhob ſich wieder und rief:„Es bohrt!“ Und mit demſelben Ma⸗ noͤver begleitete ſie die Worte:„Es ſticht!— Es wurmt!— Es raſet!“ „Nun was denn? was denn? meine Frau Hur⸗ rell!“ fragte ſie Murdock, der ſonderbaren Leidensma⸗ ſchine zuſehend und antheilvoll:„das Reißen?“ „Was reißen!“ ſprach ſie nun auf einmal ruhig; „es reißt mich, weil der druͤben bankerott iſt.“ „Stand zu erwarten!“ entgegnete Herr Murdock; „beruhige Sie ſich! daß wird Viele reißen, brennen, bohren und wurmen, hier und im Auslande!“ „Ach, was hilft mir das!“ ſtoͤhnte ſie;„moͤchte die ganze Welt ſchreien; die Schaafe, ſelbſt die Wolle, jedes Haar einzeln, wenn ich nur nicht!“ „Warum denn?“ fragte Herr Murdock. Eine andere Alte trat ein, und als Frau Hur⸗ rell ſie bemerkte, ging ihr Schmerzensmanoͤver wieder los; ſie warf ſich zuruck, richtete ſich auf, und ſchrie jetzt dazwiſchen:„Ich bin eine Naͤrrin.“ „Weiter, weiter!“ ſagte Herr Murdock, um die Urſache zu erfahren. „Ich bin eine Gans!“— „Weiter, weiter!“— „Eine Vogelſcheue!“— „So mein' ich es nicht;“ ſprach Murdock; warum gibt Sie ſich denn die Ehrentitel, mein' ich!“ „Ach,“ ſprach ſie nun wieder ganz ruhig,„meine 50 Pfund, das Geld des Kindes, nahm ich aus guten armen Haͤnden, und gab ſie dort druͤben hin!“ „Kein Armer muß einem Reichen Geld borgen— iſt eine Klugheitsregel, hätt' ich Ihr rathen koͤnnen.“ „Guter Rath kommt uͤber Nacht, das heißt: faſt immer zu ſpaͤt! Mir iſt ſchon ſo viel Rath ertheilt worden, ſo viel Spruͤchwoͤrter hab' ich gehoͤrt, wie in meinem Leben nicht! Der Buchhalter— vorgeſtern war's— und es war auch Vorgeſtern, naͤmlich Herr Beſterday— ſagte mir: Sie brauchten kein Geld, und ſchickte mich fort! Ich aber wollte das Geld gern ſicher unterbringen, und ſtand in ber Thuͤr; da kam der Herr, ich bat ihn mit Thränen, da ließ er ſich er⸗ bitten und machte Herrn Beſterday Vorwuͤrfe, daß er einer alten Frau nicht den Gefallen gethan, ihr bischen Zurathegehaltenes zu nehmen. Nun hat er's genommen!“— Und unter den vorigen Geſten rief ſie nun wieder:„Es iſt hin!—— Ich bin eine Gans!— William muß nun betteln!—— Ich muß betteln!—— Yeſterday war ein ehrlicher Mann! —— Es reißt!— Es bohrt!— Es wurmt!— Es iſt mein Letztes!“— Dann lag ſie wieder ſtill. „Beſte Frau Hurrell,“ troͤſtete ſie Herr Murdock, „Sie thut mir herzlich leid! Aber meinen Kram gaͤb' 5* X — 68— darum, wenn hier Ihr Stuͤbchen ein Theater waͤre, und Sie ſpielte die Scene vor dem Publicum ſo wahr und brav. Das wuͤrde Eindruck machen! Das Un⸗ recht iſt Andern ſehr heilſam, es erweckt, ſtaͤrkt und naͤhrt den Rechtsſinn— und die Erboßung iſt wohl⸗ thätig! ſie quillt aus dem Guten, ſie heilt und belebt, wenn ſie das rechte Maß trifft.“ „Nun da ich ſehe, daß Sie auch erboßt ſind, beſter Herr Murdock, nun ſeh' ich in Ihnen einen Mann, dem man ein Kind vermachen kann!— den William!“ e „Das iſt ein ganz neues Teſtament!“ meinte Herr Murdock.„Doch der Junge ißt mich nicht mager!— Abgemacht. Aber Sie wird nicht ſterben! ich ſehe, die Augen werden gelb.— Die Gelbſucht iſt im Anmarſch, und die iſt beſſer als das Gallenfieber, oder meine Fettſucht, wobei immer der Schlag— hin⸗ ter mir und doch auch vor Augen ſteht! Den Doctor will ich Ihr ſchicken auf meine Koſten, und wenn Sie beſſer iſt— meine Pfefferſtoͤßerin hat ſich Elwas er⸗ ſtoßen— ſo kann ich Ihr die Stelle geben, Sie ſoll meine Pfefferſtoͤßerin ſeyn!“ Und nun ging Frau Hurrell wieder wie eine Freu⸗ denmaſchine, die Gott dankte fuͤr ſeine Vaterſorge und Herrn Murdock fuͤr ſeine Guͤte! Keine ſuͤße Mandel wolle ſie aus dem Moͤrſer koſten und eſſen, und hoff⸗ te, daß er ihr auch Zimmt, Nelken, Cardamomen und Neugewuͤrze werde ſtoßen laſſen, falls ſie vor NRieſen — 65— das Amt annehmen und die ſchwere Moͤrſerkeule ſo oft erheben koͤnne! „Gott wird Ihr helfen!“ ſagte Herr Murdock, legte aus der Taſche eine Duͤte guten Thee auf ihr Bett, worin der nothige Zucker und ein paar Schillin⸗ ge ſteckten, empfahl ſie Gott und ging mit großer Freude— des Rechthabens— uͤber die neue Maͤhr mit einem: Gott ſey Dank! in ſeinen Kram. Er wollte bald umkehren, denn er hatte vergeſſen zu ſa⸗ gen, daß unter Pfeffer alles von ihr gewuͤnſchte Ge⸗ wuͤrz zu verſtehen ſey, auch der Ingwer; Pfefferſtoͤße⸗ rin ſey der Amtsname, wie ein Schuhmacher auch Stiefeln mache und ein Schneider zuſammennähe. Die ſeiner Pepperell mitgetheilte Nachricht vom Falle ihres tagtaͤglich beneideten vis avis ward gleichſam ein Hebel, ſie aus dem Bette zu heben, ge⸗ duldig in das Joch der Hauswirthſchaft zu gehen und mit freundlicher Miene fuͤr ſieben Penny ſiebenmal hinter den Ladentiſch zu eilen, ſogar von der abgewar⸗ teten Milchſuppe, dem Lichtziehen oder Seifekochen aus der Kuͤche hinweggeklingelt. Berenice war ihrer Glie⸗ der nicht maͤchtig vor Freude und Angſt, vor Beklem⸗ mung und Furcht. — Die Aſtonomen. Eines Tages fuhr ein nagelneuer Wagen vor, mit vier prächtigen großen Braunen beſpannt. Berenice hatte kaum Philidor am Geſicht erkannt, als ſie ſich haſtig verbarg. Herr Murdock wartete ruhig ab, wer ausſteigen wuͤrde, ob es nicht ein Irrthum ſey, ob der Beſuch vielleicht ſeinem Hausmann gelte; auch Pep⸗ perell harrte; da ſtieg Fitz aus dem Wien und O'Kennyon nach ihm. „Ich ſollte nicht eher wieder kommen, bis ich das Jawort holte— ich komme, lieber Vetter Murdock! Um Sie aber nicht laͤnger aufzuhalten und Ihre gerechte Neugier zu ſtillen, liebe Tante, ſo ſage ich Ihnen nur — Alles iſt vom Vater Philidor— mein Erbe!“ „Seine Schenkung auf den Todesfall, die 50,000 Pfd. Stempel koſtet; dafuͤr wurde der Brief denn angeſehen,“ erklaͤrte O'Kennyon. „Alſo Du biſt wirklich nicht ver—“ fragte Murdock.„Pepperell ſtieß ihn am Ellenbogen und fluͤſterte heimlich: Mann! um's Himmelswillen!“ „Wirklich nicht verrr—“ wirbelte Fitz mit der Zunge. Die funfzig Aerzte entſchieden unisono: ich ſey vernuͤnftig, wenn ich Geld habe— wenn nicht— nicht! Und hier iſt das Geld! Mein Lehrherr war nicht mein Vormund, es fehlte ein gerichtlicher Cir⸗ cumflex daran!“ —— „Aerzte, Zeugen des Empfangs der Caſſette, Sach⸗ walter u. ſ. w. koſten desgleichen 20 Mille B. St“ bemerkte O'Kennyon. „Eine Harpune um einen Walffiſch!“ lachelte Fitz.„Aber London iſt ein zauberhafter Ort, das fang' ich erſt jetzt an zu ſehen. In zehn Minuten war ich ein Gentleman durch Schneidershand; in dreißig Minuten lief ich, ſtatt auf zwei Beinen, auf ſechzehn Pferdefuͤßen. Nur der Springer fehlt noch in's Wappen, indeſſen ſtellt Jasper ihn hinten auf dem Wagen vor. Die Caſſette heben Sie mir auf, Vetter Murdock!“ Er bezahlte erſt an O'Kennyon die Auslagen daraus, und ſchob ſie dann hin⸗„Ich wohne indeß bei Ihnen. Wir ſchließen noch heute den Kauf des Schloſſes Flowerhill, mit der beruͤhmten Schauſpielerin Miß Sidonia, ab, die zur Tafel hieher kommen wird.“ perell. „Zu Ihrem— zu unſerm Tiſche. Oben iſt Raum! eine vortreffliche Koͤchin ſind Sie, ſchon wenn Sie alles ſparen muͤſſen; wie werden Sie erſt kochen, braten und backen, wenn Alles vollau iſt! Denkungs⸗ art und Geſchicklichkeit der Menſchen erſcheinen erſt ganz, wenn ſie nichts einengt; das merk' ich an mir — ich bin gleichſam zu jedem ſchoͤnen Kupferſtiche ge⸗ worden, zu jedem perſiſchen Teppich, zu jedem Shawl, „Zu welcher Tafel!“ fragte erſchrocken Frau Pep⸗ 5 ja zu jeder chineſiſchen Theekanne, zu jedem Pferde und Hunde— die ich alle im Voruͤberfahren geſehen, indem ich es haben konnte, ſobald ich wollte! Die Stunde war ſchon ein Leben werth! O Gett, wie kriecht der Arme doch ſcheu und beſcheiden— mit Willen— wie blind auf der herrlichen Erde umher, und heißt klug, wenn er nicht einmal wuͤnſcht und wuͤrdigt anzuſehn! Ich weinte bald uber die Leute!“ Herr Murdock wuͤnſchte dem Vetter tauſend Gluͤck und Wohlergehen, wozu Pepperell Amen! Amen! Amen! ſagte; doch fand er bedenklich, das viele Geld aufzubewahren unzugezaͤhlt, ohne Empfangſchein zu ge⸗ ben, und bot dem gefaͤhrlichen Gaſt zuletzt, wie einem Faͤßchen Pulver, nur ungern ein Nachtlager an.„Wenn ich denke,“ ſprach er, die Haͤnde auf dem unſcheinbar kleinen Käſtchen,„daß nach billiger Rechnung tauſend Menſchen deßwegen gehangen, epportirt, jahrelang ein⸗ geſperrt werden koͤnnen, ſo habe ich heiligen Reſpeet davor!“ S g „Aber auch meine Mutter, die arme blinde Frau, kommt aus dem Arbeitshauſe; die Freunde holen ſie ab. Gott, ſie ſah mich nicht, ſie freute ſich nicht! Sie will in dem Hauſe bleiben, ſie mag keinen Schilling. Welch ein ſtolzes, herbes Weib!“ Pepperell zählte die Perſonen an den Fingern zuſammen.— „Dann kommt auch Herr Star, der Aſtronom, nebſt ſeiner lieben jungen Frau, Herr Ormond und — die Stiefmutter der— wo iſt Berenice!“ fragte er auf einmal; und von Pepperell beimnlich ehesh ſprang er hinauf. Nach langem vergeblichen Suchen entdeckte er zu⸗ letzt, zum zweiten Mal in ihr Zimmer geſchlichen, erſt ein Paar niedliche Schuhe und weiße Struͤmpfe— unter da haͤngenden weiblichen Kleidern. Er nahte leiſe und ſchlug ſie ſchnell von einander. Aber was ſah er! Berenice roth wie Feuer, und doch zitternd dir glühenden Augen auf ihn gerichtet, lautlos. Er wollte ſie an ſich ziehn, ſie wehrte ihn ab, ſie ſank auf ein Knie, verdeckte die Augen, und ſo flehte ſie ihn und betete faſt:„Laß mich, Philidor! hier laß mich! ob leben oder ſterben, ob gläcklich, ob elend ſeyn, das erwaͤge nicht! Aber liebſt Du mich nicht— kann ich Dich alſo nicht gluͤcklich machen— laß mich, jetzt laß mich! noch— es—— und füſt ſterb' 6 ſchen“ „Berenice!“ ſprach er im ith ſtrafenden Sie zitterte; er hob ſie empor, ſie umſchlang ihn, als wolle ſie ihn todt druͤcken.—„Philidor!“ fluſterte ſie nach unzaͤhligen Thraͤnen leiſe, indem ihr Blick in ſeinen drang:„Nun ſterb' ich, wenn nicht Deine Seele mein wird, und meine— Dein!“ Er wollte bedenken, was ſie geſagt, er vermocht' es noch nicht, und blieb vor ihr freudetrunken ſtehen. — 71— Sie küßte ihn auf die Stirn, leiſe wie ein Hauch, und ſchwebte von ihm wie ein Engel⸗ Auf dem Saale ſtand eine ſchwarze Geſtalt vor ihr, die ein blaſſes, unſaͤglich ſchoͤnes Antlitz jetzt zu ihr aufhob. Berenice daͤmpfte nur mit Muͤhe einen lauten Schrei und eilte die Treppe hinunter, an O' Ken⸗ nyon und einem altlichen Herrn poruͤber. Das junge Weib war Sidonia, wußte Berenice, um welche ſich ein armer junger Mann vor dem Theater des Nochts erſchoſſen, als er ſie erſt an die Bruſt gedruͤckt, ehe ſie in den Wagen geſtiegen, und der dann ſo ſeine Armuth beſtraft und ſeine verwegene Liebe. Ein Rei⸗ cher und Vornehmer, von ſolchem Gereiztſeyn noch mehr gereizt, hatte ſie endlich ſich geneigt gemacht und zur Gemahlin genommen; die kleine Siddy, die hinter ihr ging, war ihre einzige kleine Tochter, eine Waiſe, da der Vater geſtorben, der nur reich geſchienen, indem ſeine Beſitzung ganz verſchuldet geweſen— nun wollte ſie ihr Schloß verkaufen mit Allem darin— nun ſollte Phi⸗ lidor ſie ſehen— nun wurde ſie ihn auch bezaubern, wie Berenice ſelbſt, wie die Juͤnglinge und Alten, die Frauen und Maͤdchen von London alle von ihr bezaubert wor⸗ den und ihr unzaͤhl'ge hränen geweint. Berenice waͤre am liebſten ſogleich in ihres Vaters Haus ge⸗ kehrt, das ſie nur verlaſſen, um ihrer boͤſen jungen Stiefmutter kein Dorn im Auge zu ſeyn. Aber ſie fand den Vater drunten, der, gleichgultig gegen Alles auf Erden, weil er Alles unter ſeinen ewigen Sternen fuͤr klein, erbaͤrmlich, nichtig und fluchtig hielt, ſeine Tochter, die vor ihm in Thraͤnen zerfloß, auch gleich⸗ guͤltig anſah und kaum mit den Worten:„Guten Mor⸗ gen, mein Kind!“ begruͤßte; denn das„mein Kind“ ſprach er nicht ganz aus, weil er eine ſolche Ehrfurcht vor dem Himmel hatte und ſeinen unſterblichen Kraͤf⸗ ten, dem Willen und Geiſte der Gottheit Alles ſo einzig und allein zuſchrieb, daß er ſich ſelbſt nicht ge⸗ traute von ſeiner Tochter zu ſagen:„Mein Kind!“ So war ſein Geiſt aufgegangen in die heilige Fuͤlle des Daſeyns, der ewigen Liebez ſein Leben auf Erden, ſein Leib verſchwebt vor ſeinen Gedanken wie ein Phan⸗ tom, und ſeine Freude, ſein Sinnen, Dichten und Trachten hatte er, wie die Erde ſelbſt, hinaufgetragen in jene ſchweigenden Gefilde. Berenice umarmte ihn aber doch und kuͤßte den guten Mann voll Liebe. „Laſſe die Thorheit, armes Ding!“ ſprach erz „die Sonne ſieht, was wird ſie dazu denken?“ „Sie ſind doch mein Vater!“ ſeufzte Berenice. „Das iſt ganz einerlei!“ erwiederte erz„kurz, da⸗ mit Ruhe wird; ich habe Dich lieb, recht lieb, wie alle Welt. Viel geſagt! Sehr viel geſagtt Nun geh' aber auch.“ „Ich habe Sie ſo lunge nicht geſehen!“ ich ſie weich. „Was? zwei Minuten nicht! Kurz, Du biſt nun in Perigäo. Unſer Wiederſehen iſt aus. Gehe zu — 53— meiner dritten ſeligen Frau!“ ſchloß er, auf Berenic's junge Stiefmutter weiſend. „Bin ich ſchon todt?“ fragte dieſe ſpoͤttiſch,„weil Du mich auch Deine ſelige Frau nennſt!“ „Das iſt ja ganz einerlei. Wir ſind alle ſelig!“ verſetzte Herr Ormond. „Doch die Weiber gewiß,⸗ meinte Herr Murdock. „Beſonders die, welche einen jungen Mann ha⸗ ben, der ſie recht herzlich lieb hat,“ bedauerte„ Ormond. „Das iſt ganz einerteiy⸗ mſcheu Jener. „Mir auch!“ gab ihm ſeine junge Frau zurück, und wendete ſich ſehr guͤtig, ja ſchmeichelnd, heut zu ihrer Berenice, und hieß ſie neben ſich ſetzen, als eben Philidor's blinde Mutter, Camillo und La⸗ moural erſchienen und die Geſellſchaft im Stubchen vermehrten. Da kam auch der Aſtronom Herr mit ſeiner Frau, ſehr ausgeſucht und modiſch gekleidet, Alles rein und blank an ihm vom Kopf bis zum Fuße. Er ließ ſich leiſe von Herrn Murdock Namen und Rang der Anweſenden ſagen, um ja bei keinem Menſchen anzuſtoßen, keinen zu kraͤnken, der je gewuͤrdigt worden auf Erden zu erſcheinen, und die Ehre hatte da zu ſeyn, als ein einziges und hoͤchſt wichtiges Weſen, ſo wahr, ſo gewiß, ſo wunderbar, als nur irgend etwas Heiliges in dem blauen Aether wo denke, athme, liebe und lebe, oder gelebt, oder leben werde! Wenn Herr — 5— Ormond vor Erſtaunen uͤber die Schoͤnheit und die Wunder uͤber ihm ganz außer ſich gerathen, und Alles ſchaͤtzte, nur ſich und ſein Schaͤtzen nicht; ſo war der Himmel gleichſam in Herrn Star's Seele zuruckgetreten, und ſeine Bluͤthenkrone hatte, verkehrt gepflanzt, in ſeinem Buſen Wurzel geſchlagen und bluͤhte nun wieder in ihm. Er ſagte zu Allem, was geſchah: das iſt ganz einzig und wichtig! Jeden Titel ſprach er jedesmal zu jedem Namen aus; vor dem Koͤnig, wenn er voruͤber fuhr, oder nur vor einem Biſchof, konnt' er ſich neigen, bis er faſt ſich aufzu⸗ richten vergaß. In eine Kirche, wo die Menſchen zu Gott beteten, durfte ſein Weib ihn hoͤchſtens des Jah⸗ res einmal laſſen. Fuͤr ſein Leben war er, wie der Erbe des wirklichen Telluriums, beſorgt. Er aß und trank mit groͤßtem Bedacht, waͤhlte, as werth ſey, in ſeinen Leib und ſein Blut ſich zu verwandeln, er tauchte Erdbeeren, Kirſchen und Weintrauben in ein Glas Waſſer, um kein Stäubchen mit zu eſſen. Ihm kam Alles wie Zauberei vor. Wenn er zufaͤllig in ein Zimmer ſah, und eine Mutter ſaß darin mit ihren Kindern, oder er begegnete Jemand im fruͤhen Mor⸗ gendaͤmmer, ſo konnte er ſich heimlich auf die Erde werfen und weinen wie ein Kind. Er glaubte Alles, und war aberglaͤubig bis zur Geſpenſterfurcht. Er ſah die Erde immerfort fuͤr einen großen Mond an, auf deſſen Scheibe er lebe und Alles mit erlebe, und ſchaue, wo er mitwirken koͤnne, ſprechen, lehren, helfen, verſtehen, was geſchehe; ja vor ſeinem eigenen Namen Star, oder Stern, hatte er große Ehrerbieung. Frau Star lachte dafuͤr die Freude aus den Augen, da ſie ſich, aͤcht weiblich, die Bewunderung, ja Vergotterung ihres Mannes beſcheiden gefallen ließ, und ihn dafuͤr liebte und ehrte; zum Zeichen, daß der ſehr Recht hat, der ſein Weib hoͤchlich achtet, und daß ſie die Achtung in ihrem Manne wieder achtet, und ſo gut und lieb iſt, wie er im Herzen annimmt, ſie ſey es, und nicht vergißt, es ihr jeden Morgen oder jeden Abend zu ſagen. Da ſie nun auch in dem Fall war, das Geſchlecht der Stare zu vermehren, ſo war ihm ſein Weib ſo heilig wie einem Morgenlaͤnder, und er haͤtte lieber eine Wiege fuͤr 200,000 Pfund nicht nur beſtellt, ſondern wirklich angeſchafft; wie vor Kur⸗ zem die Alt-Teſtamentariſchen der alten achtzigjährigen Anna Southcot, die den Meſſias gebaͤren ſollte, aber ſtarb, und deren Tod ſie nicht glaubten, ob er gleich von vierzig Doctoren erhaͤrtet war. „Nun, meine liebe Schweſter!“ ſprach Herr Murdock zu Frau Star,„es freut mich herzlich, Dich leiblich ſo wohl zu ſehen! Ich bin wie geboren zum Patheſtehen, und Niemanden ſchlag ich es ab— auf ſeine Koſten einen Schmaus mitzumachen. Aber fein luſtig muß es hergehen, viel geplaudert muß werden, das ſag' ich Dir, damit Dein kleiner Star in W bald lernt den Vater rufen.“ „So luſtig, wie heut' da druͤben bei Frau Pa⸗ permann und Compagnie, die ein ſplendid Kind⸗ taufen gibt.“ „ O Gott!“ ſeufzte Pepperell. „Reden Sie nicht von Dem!“ erſchrack Herr Star, trat in einen Winkel, faltete die Haͤnde hinter dem Ruͤcken und ſchien ein Gebet zu murmeln, „Gerade von Dem moͤchte man dabei reden!“ verſicherte Murdock feuerfangend.„Sie hat nach ihrem Eingebrachten gegriffen, und bleibt eine reiche Frau. Ich glaube, ich erwuͤrgte meine noch im Grabe. Die Ehre des Mannes muß der Frau heilig ſeyn. Mein zweiter Vorſchlag wird ſeyn: jede Kauffrau gibt ihr Geld in die Handlung als Stock, ſo daß Keine mit ihrem Eingebrachten aus dem einſtuͤrzenden Hauſe ganz salva davon fliegen kann, und den ge⸗ brochenen Mann und die faſt ehrlos gemachten Kinder ernaͤhren. Denn ihr Vermoͤgen iſt dann geſichert, wenn die Frau täglich nach dem Geſchaͤft fragen, ihm die Kinder vorſtellen und ſagen kann: Lieber Mann, handle vorſichtig! Wolle nicht zu reich ſeyn! Erwirb nur gerechtes Gut, daß es auf den dritten Erben kommt, mache uns nicht bettelarm, ſtuͤrze uns und Dich nicht in Schande vor Gott und Menſchen!“ Herr Star ſchauderte wieder, erblaſſend.— „Halt ein! ſey umſichtig! laſſe, was Dir nicht ſicher ſcheint, ſtecke Dich hinter das„es convenirt mir nicht;“ oder haſt Du genug, nimm die Firma ab, und behalte Deinen ehrlichen Namen fuͤr Dich und mich — und unſere Kinder!— Dann muͤßte der Herr Kauf— mann ein Nimmerſatt, kein Vater, kein Gatte, kein Menſch ſeyn, wenn er, wie ein raſender Spieler, ſein Kind auf die letzte Karte ſetzte und verloͤre!— So aber ſind die Weiber frei, und das iſt niemals gut, ſie muͤſſen immer an das Rechte gebunden ſeyn und ein Wort in des Mannes Geſinnung und Wandel zn reden haben. Nicht wahr, Pepperell?“ „Ja wahr, lieber Mann!“ entgegnete ſie erro—⸗ thend;„deßwegen biſt Du auch ſo brav! Vielleicht bringe ich Dir jetzt aber noch mehr ein; denn ob wir gleich älter ſind, ſo ſind wir doch unſeres Fitz— wie heißt es doch— Nipfoten, und er itt das Pae d Geſchlechtes.“ „Halte das, wie Du wilſt, meine Schweſter!“ ſprach Miſtriß Sarah,„ich nehme nichts von meinem Sohne, denn es iſt des Vaters Geld, der mir jedes Paar neue Schuhe vorgeruͤckt, daß ich wie in gluͤhen⸗ den Kohlen darin ging, weil er mich als ein armes Madchen geheirathet! Alles war Gnade und Wohlthat von ihm! Und war ich nicht ein Weib, begabt wie Eine — Geld ausgenommen! war ich nicht ſein Weib, und ſollte eine Sclavin vorſtellen! Heirathe ein armes Maͤd⸗ chen nur keinen reichen Mann! wonach doch die Mei⸗ ſten brennen? denn gerade der Beſte kann ſich nicht verſtellen, und nimmt er ſie um Schoͤnheit, Jugend und Liebe, ja ſelber aus Liebe, ſo weiß er das doch; wir wiſſen es— wir verwandeln uns fruͤh oder ſpät, „ gern oder ungern, wir ſchoͤpfen Verdacht, die Beſte gerade haͤlt an, ſich frei und frohlich gehen zu laſſen, zu ſchalten und walten, zu herrſchen— und eine Frau, die nur einen Gran an Gegengewicht verliert, ſchnellt ploͤtzlich hoch in die Luft, ja uͤber das Meer, wie ich!“ Berenicen klopfte das Herz⸗ „Du haſt uns das fruͤher anders erzaͤhlt!“ ſprach Frau Pepperell, um Berenice dadurch zu troͤſten; „Du ſagteſt, Du haͤtteſt nicht verſtanden eine zweite Frau zu ſeyn, noch weniger eine Stiefmutter, die einer Andern Kinder lieben ſoll!“ „Das iſt ein großes Verdienſt!“ bemerkte Frau HOrmond, Berenice's junge Stiefmutter;„die wahre Jungfrauenprobe, und immer ein hartes Stuͤck, eine ſaure Selbſtuͤberwindung!“ „Dich geht das nicht an, denn Du biſt die dritte Frau, und wuͤrdeſt mehr gelobt werden, wenn Du des⸗ gleichen zwei Maͤnner gehabt hätteſt!“ gab ihr Bruder Murdock zu verſtehen, dem es auch ſchwer eingegan⸗ gen, als erwachſener Burſche noch keine Stiefſchweſtern zu wiegen.„Alles Stiefe paßt nur zu Stiefem, und iſt ein ſteifes, unnatuͤrliches Weſen. Man muß von Menſchen nur das Menſchliche verlangen, alſo auch von Frauen, und gar erſt von Jungfrauen. Aber das muß man auch verlangen— und, wo moͤglich, echalten!“ „Das iſt ganz gleichgiltig!“ meinte Herr Ormond. „Der Schwager ſpricht wie mein leiblicher Bru⸗ Schefers neue Nov. 1v. S 6 der!“ verſetzte Miſtriß Sarah.„Ich fand ein Kind von drei Jahren im Hauſe, als mich Herr Philidor — Gott habe ihn ſelig— Gerr Star huſtete un⸗ willig, und ſchloß die Augen) vom Schiffe geheirathet, das uns hundert Eheſtandscandidatinnen nach Calcutta gefuͤhrt— die Geſpraͤche unterwegs im Schiffe, auf der Hinreiſe, will ich nicht vergeſſen!— Das Maͤdchen war nun der Mutter Ebenbild, verſicherte mein nun Seliger, ſchon darum gewiß ſelig, weil er nun wieder bei ihr iſt! Das Bild der Mutter aber hing, von Juwelen eingefaßt, im Wohnzimmer. Ein Couvert war immer bei Tiſche fur den unſichtbaren Geiſt auf⸗ gelegt, und doch hatte er mich geheirathet, vermuthlich zur Bönne. Denn daß er mir ſagte: daß ich meine verſtorbene Frau noch liebe, als wenn ſie lebe, ja mehr, als da ſie lebte, das ſey Dir ein Beweis, wie ſehr ich ein Weib zu lieben vermag, und alſo auch dich, wenn du mich und ihr Kind ſo liebſt, wie ſie. Ein Volk⸗ das, von ſeinem vorigen Koͤnig getrennt, ihn hart⸗ naͤckig fort ehrt und liebt, wird ſeinem neuen Erwerber nur deutlicher machen, wie ſehr es auch an ihm haͤn⸗ gen wird, wenn es ſo viele Wohlthaten von ihm ge⸗ noſſen, wie von dem alten; denn Liebe zum Volke macht erſt den König zum Koͤnig.— Aber mein Gott, iſt denn ein Weib ein Volke beſteht ein Volk nicht aus immer andern jungen Herzen, indeß das alte die Augen zuthut! Kann ein Weib ſich verwandeln! Kann ſie, ſoll ſie nicht alle Anſpruͤche machen immerfort, uͤberall! Und kann auch ein Mann ſich verwandeln? Wird ihm, ſo oft er mit einer neuen Frau vor den Altar tritt, ein nenes Herz in die Bruſt geſetzt, neue Augen, wie den japaniſchen Goͤtzen,— oder bleibt er der alte Herr, der uns ewig vergleicht mit der Seli⸗ gen, was wir Sterblichen, mit Lunge und Zunge be⸗ gabten, freilich nicht aushalten. Und Er— blieb der alte Herr, ſo jung er warz ja es waͤre beſſer geweſen, wenn er aͤlter war, denn ein Alter hat ein Einſehen gegen ein neues junges Weib— und das Tochterchen war mir zu alt, um ihm Mutter zu werden, die ſtill an der Wand hing, und die ihr der Vater mit Thraͤ⸗ nen oft zeigte.— War er nun arm, ſo war das eine Kleinigkeit— aber nur reich und reich geſellt ſich gut!“ 2 „Nicht übel!“ ſprach O'Kennyen, der ſchon ein Weilchen mit Fitz eingetreten, nachdem ſie Lady Si⸗ donia wieder zum Wagen begleitet und jetzt Wiſti Sarah laͤchelnd zugehoͤrt. „Nicht uͤbel?“ wiederholte ſie, mit den blinden Augen rollend und weit ſie oͤffnend. Aber Fitz flog an ihren Hals, und ſtellte ihr dann ſeinen Freund und Retter, Herrn O'Kennyon, vor, aus Benares. Anſcheinend um ihm zu danken, tappte ſie nach ſeinen Haͤnden, die er ihr unbedenklich hingab, und unter einigen, ihre Blindheit bedauernden Worten ſo— gar die ihrigen kuͤßte, was ſie im Innern beruhigte. „Sie haben ganz den ten der Englaͤnder, die . 6 — lange in Indien wohnen,“ ſprach ſie;„er bewegte ganz, und erinnert mich ſchmerzlich!“ „Freilich, Herr Philidor hat Sie ſehr gering bedacht, bedaure ich!“ „Ich wuͤnſchte, ich waͤre blind geweſen, ats er mich zu ſeiner zweiten Frau machen wollen, und. ſaͤhe jetzt!“ „Liebe Muhme Sarahl“ ſprach He Orinond dazwiſchentretend, und ohne das, was man Ruckſichten heißt,„Sie wiederholen: die zweite Frau. Ich habe die Dritte, und mir iſt, als habe ich nur immer Eine und Dieſelbe! Am Ende ſieht ein Menſch dem andern aͤhnlich, und eine Frau allen andern. Und einige tauſend Woͤrter den Tag mehr oder weniger bei der Einen und Andern, machen keinen Haupt-Unter⸗ ſchied. Eine Stunde eher zu Bett, oder zwei Stunden ſpäͤter aufgeſtanden, ein paar Dutzend Taſſen Thee mehr, ein paar Dutzend Nadelſtiche oder Strick-Augen weniger, eine angebrannte oder eine verſalzene Suppe, das aͤndert nichts an einer Frau; kurz, ich weiß keinen Unterſchied zwiſchen meinen drei Weibern, und mir iſt manchmal, als haͤtt' ich ſie alle Drei!“ „Ein Aſtronom ſollte gar keine Frau nehmen,“ verſicherte Frau Ormond.„Er geht und betet die Sterne an, und friert; wir frieren; und dann kommt er, wie vom Nordwinde betaͤubt, von der Sternenab⸗ warte, ganz blind vom Mondglanz, daß ein Weiber⸗ geſicht dagegen freilich nicht aufkommt, beſonders in der Nacht und Finſterniß— wenn alſo Jemand mei⸗ nem guten Ormond eine Sternwarte bei Tage anlegen wollte, was tiefe Brunnen längſt gerathen haben, der wuͤrde mich zu deſſen ganz einzigen Frau machen.“ „Ich habe ſchon eine projectirt!“ meldete ſich Ca⸗ millo,„und ſogar beweglich, ſtellbar.“ „Geduld, lieber Camillo! zuerſt das Wichtigſte!“ nahm Fitz das Wort, und ſich nach Berenice um⸗ ſehend, faßte er herzlich Herrn Ormond's beide Haͤnde und ſprach:„wie ſoll ich jetzt anfangep? Wie wird mir ſo feierlich zu Muth! Die Voͤgel ſcheinen unter dem ganzen weiten Himmel zu wohnen— aber laͤnger betrachtet, ſenkt ſich die ſingende Lerche an einer Stelle in das wallende Korn— dort iſt ihr Neſt! Die Fi⸗ ſche bewohnen nur eine Strecke des Fluſſes, und wenn ſie am Tage ſtromabwaͤrts den Wellen folgen, ſo gehen ſie des Nachts ſtromaufwaͤrts zuruͤck in ihr Lager. Wer gluͤcklich auf Erden iſt, iſt unreif; wer nichts be⸗ ſitzt, kann nicht einmal ungluͤcklich ſeyn.„Mein!“ heißt das Wort, das den Menſchen zum Menſchen macht.„Hier“ iſt der Ort, der uͤberall einen Himmel in ſich faßt, und ſelbſt den Weſen, die keine Vernunft haben, ihrem Rath zu folgen, hat es die Natur zur Pflicht gemacht, ihr Leben lang, wenn ſie gedeihen ſollen, an einem Orte zu ſtehen, wie dem Fruchtbaum, ja ſelber dem Grashalm! Ich will alſo bleiben! be⸗ ſitzen!„Hier mein“ ſoll Alles ausdruͤcken, was ich ſagen kann.“— Er erhaſchte bei dieſem Wort Bere⸗ nice's Hand, und zog ſie neben ſich vor den Vater. „Und das Meine will ich lieben, ehren, ſchmuͤcken, gluͤck⸗ lich machen! In der beweglichen, immer verwandelten Welt kann der Menſch nur dauern, wenn er dauert und feſthält an der Scholle, die ihm der Gott unter⸗ gelegt, wie der Drechsler dem bunten Puͤppchen. Die Scholle iſt gefunden, und iſt da ſchoͤn, bequem, ein Nido Forito— ein Neſt in Blumen, wie das Schloß heißt, das die arme Miſtriß Sidonia uns verkauft, dann iſt die ganze Welt ſchoͤn und— ein Blumenneſt! Sonſt nannten ſich die jungen Maͤnner nach den Sitzen, aus denen ſie ſtammten— jetzt zeigt ihr„von“ nur an, von welchem Vaterhaus ſie die Kaufleute vertrieben, und ſelbſt die Schwalben kamen ſo gern in das alte Neſt zu bruͤten, und ihre Jungen kommen dahin ſo gern wieder, und ſind gluͤcklich, wo ſie und wie ſie es waren— und das Alles iſt ſo freundlich, ſo eng und traulich und lieb, denn des Herzens ſinnigſtes Gut iſt die Treue, und nichts be⸗ lohnt ſich ſo himmliſch wie ſie. Nun habe ich alle Zuthat zum Baue des Lebens— Vater! ſchenken Sie mir den Grundſtein zu ſeinem Gluͤck— mein Gluͤck ſelbſt, das Sie Berenice getauft!“ „Das kann geſchehen!“ erwiederte Ormond, „und iſt ganz gleichgiltig; ich denke: Alle ſind Men⸗ ſchen, und Sie ſind auch, was wir gewohnt ſind, ſo zu nennen. Es wird auch dem ſo genannten Maͤd⸗ — chen wohl gleichgiltig ſeyn; denn im Himmel freit man nicht, und die Erde und die ſogenannte Ehe und ewige Liebe— oabſcheulich ſo zu ſagen— ſind ja in zwei Minuten voruͤber! Indeß, wenn es nur der Stiefmut⸗ ter auch gleichgiltig iſt——“ „Im Gegentheil, ſehr lieb!“ beſtaͤtigte dieſe den Bund; arm und reich macht Liebe gleich! ſetz' ich hinzu; damit auch Miſtriß Sarah einſtimmt!“ „Ohne die Braut zu ſehen!“ murmelte dieſe. „Segne Sie, Vater Ormond!“ begehrte ſein Weib. „Heißt er Jacob?“ fragte Herr Star fuͤr ſeinen Collegen.„Es hat einſt Einer die ganze Welt geſeg⸗ net, ſeit der Zeit iſt es uͤberfluͤſſig und Aefferei— weil es Niemand kann— nur will. Alſo, ihr jungen Leute, wißt, der Alles geſegnet, hat auch Euch einſt gemeint, wie ein Gaͤrtner in dem Bluͤthenbaum auch ſchon die heimlichen Knospen des kuͤnftigen Jahres im Voraus mit begießt. Macht mir nicht Angſt! Dage⸗ gen will ich Euch ein Lied ſagen, das an meinem hoͤchſt wichtigen Hochzeitfeſte— nicht wahr meine Ly⸗ dia, es war hoͤchſt wichtig und einzig?— auf dem Papier vor mir ſtand, als ich mit der Feder davor ſaß, und das entweder ich oder die Feder gemacht, oder gar ein Geiſt! oder der Engel Tobià! Es iſt mein 6— Einziges, alſo hochſt Wichtiges, wie Alles, was einzig iſt, und wir Alle ſind einzig! Da ſtand nun ſo: Ein Koͤnig iſt, wer lebt! wer im Gezelt Des blauen Himmels wohnt! Ein Koͤnig iſt, wer in dem Bluͤthenſaal Der Fruͤhlingserde wohnt! Ein ſchöner Licht, als dieſe Sonn' am Tag, Begehrt mein Auge nicht; Noch in der Nacht ein ſanfteres Geleucht', Als unſern ſanften Mond; Nicht eine beſſ're Mutter, als du biſt, O Erde, gutes Weib! Nicht ſchoͤnere Geſchwiſter, als ihr ſeyd, Ihr Blumen rings umher! Und ſieh die Engel, die vom Himmelsblau In dieſes Thal geſchwebt— Du nennſt ſie Mädchen— Engel nenn' ich ſie! „Geliebter“ nennt ſie mich! Den ganzen Tag nun ſitz' ich auf der Hoͤh' Bis in den Duft der Nacht, Und hore ſtill der Erde Maͤhrchen an, Das jede Biene ſummt: Das jeder Vogel weiß und laut erzaͤhlt, Das jedes gruͤne Blatt Sanft wie mit holder Kinderzunge lallt, Das jede Blume denkt. — 65— Sie aber kommt! und ſtill an ihrer Bruſt Seh' ich die Sterne ziehn— Dann fuͤhl' ich: des uralten Maͤhrchens Sinn Iſt Liebe! Lieb' allein! Mit jungen Roſen kränz' ich jetzt ihr Haupt— Ein Sel'ger iſt, wer liebt! Mit jungen Roſen kranzt ſie jetzt mein Haupt— Ein Koͤnig iſt, wer lebt! Nun laßt ſie ſich mit Roſen kranzen! mit der Sonne zufrieden und der Mutter Erde, das alte Maͤhr⸗ chen anhoͤren!“ „Ja wohl ein Mähichen!“ ſeufzte Ormond. Intermezzo. „Nun aber fort, Vetter Murdock!“ draͤngte Fitz; „Freund O'Kennyon begleitet Sie und Camillo. Mein Wagen iſt angeſpannt. Sie zahlen das Geld dem Anwalt der Lady Sidonia. O'Kennyon gab ein leeres Couvert von einem Briefpaket mit ſeiner Adreſſe zu den 200 Banknoten, jede zu tauſend Pfund. „Frau, gib ein Oblat!“ rief Murdock. „Die HO⸗Blaͤtter ſtehen hier!“ erwiederte ſie. — „Ob⸗ laten, Ob⸗ laten heißt es, du diſſidentiſche Lateinerin!“ ſprach er, druͤckte ein Oblat auf das Cou⸗ vert und ſteckte das kleine Paket zu ſich, das hochſtens ſo dick und ſo groß war, als ein preußiſches Karten⸗ ſpiel, und eine ganze Baronie bedeutete— diesmal — ein andermal wieder etwas Anderes; denn ſeit der Gott Proteus— chriſtlich verſchieden, wandelt er noch als das Geld umher und ſteht in allen Geſtalten um Menſchen. Frau Pepperell ſchloß den Laden mit einem Blicke zum Himmel, als ſey es heut' zum letzten Mal, und ihr ward ganz wunderlich. Denn blieben die Wuͤnſche der Menſchen, die ſie in das Blaue thun, da oben hängen, und waͤren ſie nach ſo klein, ſo waͤre, wie vor Heuſchrecken, die Sonne nicht mehr zu ſehn. Die Geſellſchaft ging hinauf, und während Pep⸗ perell den Tiſch deckte und ihre ſilbernen Loͤffel faſt mit Seufzen auflegte, koſtete es Philidor nur ein Wort, den Schwiegervater Ormond zu bewegen, mit ihm zu ziehen.„Nur ſchafft mir ein Oben, ſonſt halt' ich es Unten nicht aus, denn ohne Himmel iſt die Erde verruͤckt und ein Grab!“ ſprach er. Nach erhaltener Entlaſſung kaͤme er nach. Seine Frau ver⸗ hieß aber Morgen gleich mitzuziehen, damit Bere⸗ nice mit Anſtand dort bleiben möge, bis die Hochzeit ſey, wozu Fitz erſt Alles nach ſeinem Sinne in Ord⸗ nung verlangte. Die Mutter aber begehrte zuruͤck zu Owen und verſprach, ihn mit Schweſter Pepperell zu beſuchen. Endlich fuhr der Wagen wieder vor. Fit riß Camillo den Kauf aus den Haͤnden und reichte das Schloß auf einem Teller ſeiner Berenice. Camillo war zuerſt und allein heraufgekommen und ſetzte ſich ſchweigend. Berenice las. Sie erblaßte. Peppe⸗ rell hatte ihr in das Papier geſehn; ſie fiel in Ohn⸗ macht, Fitz las— und las, ſtatt des Kaufs und der Quittung, die Beſcheinigung, daß Herr Murdock das Geld verloren. Bezeugt von O'Kennyon und Camillo.. Jetzt brachten ſie Herrn Murdock herauf, der verſtummt und erbleicht in einen Seſſel geſetzt ward. Vor Schreck, bei der Entdeckung des Verluſtes, war ihm der Mund offen ſtehn geblieben. Fitz ſagte das einzige Wort:„aber Vetter!“ und ging dann im Zimmer umher. „In London, in dem Menſchenſtrom, iſt das wie im Meere verloren, und— die Wellen ſind ehr⸗ liche Leute, ſie ſpuͤlen ſelbſt die Todten an das Land,“ bemerkte Lamoural. Herr Star lief ſogleich nach ſeinem Wundarzt, denn Hilfe that Noth. Waͤhrend deſſen troͤſtete Herr Ormond den Schwager Murdock.„Ich rathe Ih⸗ nen, nicht deßwegen zu ſterben, vernuͤnftiger Kauf⸗ mann! Fuͤr ein Aergerniß die Erde mit ihren Waaren zu geben, iſt keine loͤbliche Speculation! Was iſt denn Geld? Es bedeutet Sachen, Wein, Mehl, Haͤuſer, Roſinen, Aſſa foͤtida— es iſt blos gepraͤgte Be⸗ gierde des Menſchen! Und die Summe— zerſetz' ich alſo zu Nichts: wenn jeder Menſch heut' nur ein Stuͤck Brot weniger ißt und einen Schluck Bier we⸗ niger thut, ſo iſt das Geld in Luͤften erſpart, und null und nichtig, nichts!“ Frau Pepperell, wieder zu ſich gekommen, jammerte, daß ſie nun zur Witwe werde! „Wie lange denn?“ wendete ſich Herr Ormond an ſie;„zwei Minuten! zu viel geſagt! In einer abſoluten Minute vergehen in Summa Millionen Erdjahre. Beweis: am Morgen vertheilt die Sonne an jedes Haupt Einen Tagz facit, pro Menſchen allein: tauſend Millionen Tage, oder uͤberfluͤſſige zwei Millionen Sonnenjahre. Aber leben nicht auch die Sperlinge? Iſt der Baͤr kein Erdbewohner? Iſt der Fiſch kein Weltgenoſſe? und in wie viel Millionen Exemplaren exiſtirt er! Iſt die Blume kein Himmelsge⸗ ſchoͤpf? Antwort: ja wohl! Iſt aber ein Stern kein Natural⸗Globus, wie unſere paar Unzen humus, oder Erde! Fallen Millionen Sterne nicht ſchon etwas in's Gewicht? Walzen ſie ſich nicht um, wie Berauſchte in Wonne!— Alſo: Wie viel Tage! Wie viel Weſen! Und ſind ſie unzaͤhlig, iſt der Raum unend⸗ lich, und gibt es nirgend ſolche Baume, ihn mit Bret— tern zu verſchlagen, ſo verlaͤuft in jeder Minute uͤber⸗ all geradezu die Ewigkeit, in der Ewigkeit aber ſteckt — die Seligkeit. Nun ſage ich im Gegentheil alſo, und wenn ich ſage: Ein Menſch iſt zwei Welt⸗Minuten blind— wie Frau Sarah— oder zwei Minuten reich, wie Fitz, oder zwei Minuten Witwe, wie Sie, ſo iſt das unendlich zu lang angeſchlagen! Seyen Sie alſo ganz ruhig, liebe Frau Schwaͤgerin!— Er kann auch nicht ſterben, das Object iſt nicht danach, und ich wuͤßte auch keins! Und kein Englaͤnder ſtirbt an der Maulſperre, iſt ein Spruͤchwort der armen Franzoſen. Eine ſimple Maulſchelle wird als Specificum getuͤhmt, und das Mittel waͤre bei— ja in der Hand!“ „In Ihre himmliſchen Reden miſcht ſich ſchon etwas der Schwiegervater!“ bedeutete ihn O'Kennyon. „Sie kennen keinen Zufall vom Himmel her! Beſſer, Vorkehrungen getroffen! Und ohne Articulation ſtieß Herr Murdock eini⸗ ge Ja ja! hervor. Der Wundarzt kam. Aber Herr Star hatte auf dem Fleiſchmarkt heut Sonnabend Abend gegen 40,000 illumirte Schoͤpskeulen— blos einen Imbiß fuͤr London auf morgen— geſehen, und war in die tiefſte Apathie verfallen. Waͤhrend der Einreibungen ward nach einer Ader an Hand oder Fuß an dem fetten Manne umſonſt geſucht, und es half nichts, es mußte ihm die Binde um den wammigen Hals ge⸗ legt und zugeſchnuͤrt werden, um die Stirnader zu oͤffnen. Herr Ormond half dabei gelaſſen, als wenn es dem Manne im Monde geſchehe; und Herr Star, —— als gäbe es keinen Murdock mehr auf allen Ster⸗ nen, nur hier dieſen Schmeerbauch. Und ſo ward ihm geholfen. Aber Niemand konnte nun eſſen, als Herr Ormond, der ſich allein hinſetzte, bis Herr Star ihm gegenuͤber Platz nahm und aß und trank. Der Eine— weil ihm Erdgeſchichten gleichgiltig waren, der Andere— weil ihm Alles hochſt wichtig war, wozu denn auch Wein und Speiſe gehoͤrte. Die Summe wurde nothgedrungen ſogleich noch einmal bezahlt, und am Morgen vertagte ſich das Haus. S 5„. Nun betrifft es unzählige Frauen, daß ſie nach dem Tode ihrer Maͤnner die Witwe und der Mann ſeyn ſollen, eine faſt ungekannte Sorge uͤbernehmen und ordnen, was jene in Unordnung verlaſſen, bezah⸗ len, was jene verſchuldet, und wahrſcheinlich das Alles darum, wie ſie zuvor durch die Ehe am Manne Theil nehmen ſollten, um auch noch in den oft muͤhevollen und nicht genug erkannten Kreis ihres Wirkens und Strebens eingeweiht zu werden, und vielleicht gerade deſto mehr Dank zu empfinden, je weniger ihre nun verlaſſene Lage eines Dankes oft werth erſcheint. So erging es auch Miß Sidonia, wie ſie nun wieder genannt ward und meiſt genannt worden war, da mit jedem beruͤhmten Namen ein ſchoͤnes ruhmwerthes Wirken bezeichnet wird, das ſelbſt einem Weibe die Anerkennung erwirbt— unter eigenem Namen da zu ſeyn. Sie war geſtern aus Herrn Murdock's Hauſe mit ihrem fruͤheren Beſchuͤtzer und Freunde, Herrn Crawford und der kleinen Siddy, ſogleich auf das Schloß gereiſet, und empfing jetzt, Sonntäg gegen Abend, auf den Stufen des Portals den neuen Be⸗ ſitzer, der, in Begleitung ſeiner beiden Freunde zu Pferde, und ſeiner Schwiegerältern, die als ſolche Si⸗ donien unbekannt waren, zu Wagen ankam. Er ſtellte Berenicen ihr nicht vor, weder als Braut noch Schweſter, und doch ahnete ſie ein nahes Verhaͤltniß mit Recht und laͤchelte gegen ſie, was Philidor— dem neuen Baronet— ein leichtes Errothen erregte. Wie ſie erſtaunt geweſen und vor Dank geweint, als ihr Gemahl ſie, als armes Maͤdchen, auf einmal in dieſen Glanz gefuͤhrt, ſo ſchwer war jetzt ihre Seele bedruͤckt. Sie hatte eine Rolle Pa⸗ pier in der Hand, das Verzeichniß aller der Sachen, welche im Schloſſe vorfindlich ſeyn ſollten— und wuͤrden, und welche Fitz an O'Kennyon gab. Sie wollte ſich ſogleich nach ihrer, an der aͤußerſten Grenze des Parkes gelegenen, Cottage, die ſich vorbe⸗ halten, zuruͤckziehen, und mit Wehmuth ſtand ſie vor Philidor, ſah ihn mit laͤchelndem Antlitz an und wandte ſich ab, waͤhrend ihr reizender Mund ſich ein —— wenig zu einem Seufzer oͤffnete, den ſie in der Bruſt erſtickte. Fitz erroͤthete jetzt noch hoͤher. Aber ſo ſchnell das Alles geſchehen, hatte es lange genug— wie ein Blitz, der das Auge blendet— gedauert, um Bere⸗ nice mit Angſt zu beſtuͤrzen, mit Ahnung, was moͤg⸗ lich ſey, mit der Ueberzeugung, welch herrliches Weſen Sidon ia ſey, wie wenig ſie das leiſeſte Ungluͤck ver⸗ diene, wie ſehr alles Gluͤck— ja alle Liebe; denn ſie ſelbſt fand ſie unausſprechlich ſchoͤn— unerträglich hold; und unter dem Vorwand, ihr Zimmer ſich aus⸗ zuſuchen oder zu finden, irrte ſie in die große dunkle Halle hinein. Herr Crawford und O'Kennyon, die kleine Siddy an der Hand, folgten. Sidonia ſchien noch einen Wunſch auf dem Herzen zu haben, und ward Philidor's Fuͤhrer in die koſtbaren Zimmer. Dem jungen, feurigen Mann ſchwoll das Herz in dem Schloſſe, das wie im Traume auf einmal ſein war. Er ſah eine Welt gleichſam um ſich— ja fuͤr ſich aufgeſtellt, nicht nur Proben derſelben, ſondern Muſter, Meiſterwerk aus allen Zeiten. In einer der unteren Hallen: Alterthuͤmer, Sarkophage, Urnen, Aegyptiſche Bilder, Masken; in einer andern: Goͤtter und Goͤttinnen der Griechen; auf Inſchrften abge⸗ brochene Worte verſchwebter Geiſter— die verſtuͤm⸗ melt gleichſam ſtammelten, in einer Sprache, die er nicht verſtand! Hier glaͤnzten Gemaͤlde— wahrſchein⸗ lich koſtbare Sachen, werth— wie goldene Ketten und Edelſteine, in das Neſt eines Raben geſchleppt— — ö— hier auf das Land deportirt, in einer abgelegenen Villa eines Reichen ſich zu verhaͤngen, der Welt entzogen, unbekannt zu werden, und ungekannt und unbedauert zuletzt zu zerfallen. Er wußte die Namen ihrer Mei⸗ ſter nicht, oft nicht wen oder was das Bild vorſtellte, und ſo viel Reichthuͤmer, ſo viel Schatze waren ihm verſchloſſen, weil ſie ihm nicht im Gemuͤthe entſtanden, weil ſeine Seele nicht dazu gebildet war, und er ſchien uͤberſchuͤttet damit, wie ein Kind mit Blumen, und er freute ſich doch des Beſitzes— eines Beſitzes, der kein Durchdringen und Durchdrungenſeyn, kein Gebrauch war und keinen verſtattete. Und ſo war ihm zu Muth, wie einem Menſchen ſeyn moͤchte, der gleich groß und verſtaͤndig geboren zur Welt kaͤme, und Erde und Himmel ſaͤhe, Kirchen, Palaͤſte, Schiffe, Saatfelder und ſchoͤne Maͤdchen. Ihn wuͤrde ein dumpfes Erſtaunen refuͤllen, eine unklare Freude, eine Sehnſucht, ja Angſt, die alle jene Gegenſtaͤnde dem Kinde nicht machen, das erſt ſehen, erſt gehen, allmaͤlig die Dinge kennen, ihre Entſtehung, ihren Werth und Gebrauch mit dem empfundenen Beduͤrfniß, und dadurch vertraut mit ihnen umgeht, wenn es erwachſen iſt, wie ein Geliebter mit ſeiner Geliebten in ihrer Schoͤnheit und Jugendfuͤlle, an der er die Hand, das Haar, die Lippe, die Kuͤſſe, die trauliche Umarmung, Alles einzeln und muͤhſam errungen— und nun beſitzt. Sidonia war in einem Cabinet, das zu ihren ehemaligen Zimmern gehoͤrte, ſtill geblieben, und Phi⸗ Schefers neue Nov. 1v. 5 — 98— lidor fand ſie, mit einer Thraͤne in ihren Augen, vor einem Bilde, dem ſie jetzt, ſchnell ſich wendend, mit ihrem kleinen Pfingſtroſenzweig ein Lebewohl zu⸗ winkte. „Ihr Gemahl fragte Philidor leiſe. Sie zeigte ihm mit den Roſen den Namen „Harry“ darunter, und nun wußt' er, es ſey Jener, der aus Verzweiflung, ſie zu beſitzen, ihr ſein Bild in den Wagen geworfen, ſie umarmt und ſich erſchoſſen. „Ich habe vergeſſen ihn vorzubehalten,“ bemerkte ſie mit leiſem Bedauern in der Stimme. „Er hat noch dieſelbe Urſache, jeden zu warnen!“ entgegnete Fitz.„Indeß— er wird es auch druͤben bei Ihnen, und wie ſchoͤn er auch iſt— da einmal das Schoͤnſte ſelbſt, was dieſes Schloß beſeſſen, ent⸗ wandelt,— ſo ſey auch er Ihnen— vorbehalten.“ „Mir 2. dankte ſie leicht unter der Frage zugleich fuͤr das Geſchenk,„nur meiner Trauer! Er hat mir Schreckliches gethan, und doch empfind' ich einen Dank in meinem Weſen, der unerklärlich und kaum gefaͤhrlich iſt.“ „Doch ſehr!“ entgegnete Fitz. Sie ſah ihn mit ihren treuen Augen an— und er ſetzte hinzu:„er reizt!“ „Nur ſo— fuͤr Menſchen zu ſpat— erworben, und ſo nur erwerblich, iſt es Taͤuſchung,“ laͤchelte ſie. Fitz öffnete jetzt eine Seitenthur, Sidonia eilte ihn abzuhalten, aber ſich beſinnend ſprach ſie:„ich habe kein Recht mehr!— auch iſt es nicht mehr das meine.“ Fitz aber ſah ihr Bett, und ein kleines Bettchen dabei, wie das Lamm bei der Mutter. Er ſchloß. Sidonia war erweicht und weinte heimlich abgewendet und die Thraͤnen ſich trocknend. Sie ſetzten ſich; ſie erzaͤhlte ihm ihren Lebenslauf bis auf den heutigen Tag, und verſchwieg nur, daß ſie, nach Bezahlung aller Schulden ihres Gemahls, bis auf ſich ſelbſt zuruͤckgebracht ſey⸗ Es war einem Weibe unmoͤglich, ſchoͤner zu ſeyn, als ſie, noch ruͤhrender in ihrer Faſſung, beſonders als die kleine Siddy, wie eine himmliſche Parodie auf ihr Ungluͤck und ihre Verlaſſenheit, ihr in die Arme lief. Denn ſonſt hatten ſie ohne Ende ſich zugehoͤrt, ſich ge⸗ fragt und in Geſpraͤchen ergangen, worin jedes ſich ſelbſt verbergen wollte, und doch mit unbewußtem Drange ſein Innerſtes enthuͤllte, ja kecht anſchaubar und der Seele des Andern empfindbar und befangen hineinlegte, und das Alles abſichtlos und ohne Gefaͤhrde, wenn auch nicht ohne Gefahr. O' Kennyon mit Herrn Crawford kam und bekannte vor Philidor, daß die Hauptſachen richtig vorhanden waͤren, vom Weinkeller bis auf die Statuen oben auf der Gallerie umher, und das Ge⸗ ringere alſo gewiß nicht fehle. „Keine Stecknadel!“ ſprach Siddy,„ſelbſt meine Gold⸗ und Silber⸗Treſſenpuppen hab' ich nicht mit⸗ nehmen duͤrfen! Ich habe ſie aber noch einmal ange⸗ 7* — 100— ſehen und von jeder mit einem Kuͤßchen Abſchied genommen.“ O'Kennyon zog das holde Kind an ſich, und verſprach ihm dieſe und ſchoͤnere noch; er war ſonder⸗ bar von ihrem Antlitz befangen, und die Augen wurden ihm feucht. „Wir muͤſſen nun gehen, liebe Mutter!“ ſeufzte die Kleine—„die Glocke laͤutet zum Eſſen; hörſt Du!“ Der Haushofmeiſter trat mit der Serviette in die Thuͤr und meldete, daß angerichtet ſey; der Kellermei⸗ ſter brachte die Weinliſte— welchen Wein der Herr Baronet aufzuſetzen befehle; Sidonia legte eine Fuͤr⸗ bitte ein, ſaͤmmtliche treue Dienerſchaft zu behalten, auch der Koch habe, um ſich zu inſinuiren, verſprochen, heut' „ſein Aeußerſtes“ zu kochen, zu braten und zu backen! ſetzte ſie laͤchelnd hinzu, und verneigte ſich, um zu ſcheiden, und bot Herrn Crawford den Arm. Das Herz iſt die Quelle aller Hoͤflichkeit, und manquirt nie, ſelbſt da, wo die angelernte Hoͤflichkeit die Herzloſen verlaͤßt; was war alſo wenigſtens hoͤflicher, als daß Philidor Sidonia zur Tafel fuͤhrte? und zugleich was niederſchlagender fuͤr Berenice, die allein hinter ihrem Vater und ihrer Mutter in den Speiſe⸗ ſaal trat— von Niemand gefuͤhrt. Sie ſetzte ſich unten am Tiſch. Selber die untergehende Sonne ſchien heut' ihr uͤbel zu wollen. Durch das gothiſche Fenſter mit gemalten Scheiben fiel gerade ein matter gelber — 101— Schein auf ihre linke Wange und Bruſt, waͤhrend Sidonia's Antlitz in mildem Rubinglanz leuchtete. Nach der Tafel fuͤhrte Herr Crawford, ſchon gegen Mitternacht, den neuen Beſitzer noch in die Ca⸗ pelle, die er bisher nicht geſehen, und ſpielte die Orgel mit den ſanfteſten Regiſtern, waͤhrend Sidonia, zum Abſchied aus ihrem Eigenthume, auf vieles Bitten, ihre Stimme hoͤren zu laſſen, aus der Tiefe ihres Le⸗ bens, vom Chor in das heilige Duͤrſter herab, die Worte ſang: Als der Tod zum erſten Mal Einſt das Wort ſprach:„Trennt Euch! ſcheidet!“ Und das Schickſal, nun erſt maͤchtig, Dumpf ihm nachſprach:„Trennt Euch! ſcheidet!“ Da zerſprang die reine Glocke Jenes Himmels, alle Schoͤnheit„ Fiel vom Antlitz der Natur, Alle Liebenden erbleichten, Die bisher vollkommne Welt Ward zur Oede, kalt und nichtig. Nur im Menſchen ruft die Sehnſucht: „Wiederſehen! wiederfinden!“ Und vom Himmel raunt es fernher: „„Wiederſehen! wiederfinden!““ O'Kennyon war geruͤhrt bis zu Thraͤnen, ſelbſt Herr Ormond ſagte:„es mag etwas Wahres daran ſeyn hier unten! Ein Weib, und ein Weib, iſt doch ein gewiſſer Unterſchied!“— Niemand war ſo unbe⸗ ſcheiden, Sidonia zu applaudiren, und ihr ſeelenwoller Geſang hatte keine andere Folge, als daß Philidor ſie bat: ſeine Berenice in Geſang und Muſik zu unterrichten. Sie betrachtete erſt jetzt das Maͤdchen, das er ſein genannt, und druͤckte ihr die Hand. Be⸗ renice lebte auf. Denn ein Strahl aus einer edlen Seele beruhigt uͤber Alles, was je daraus hervorgehen moͤchte. Herr Crawford trug die ſchlafende kleine Siddy auf den Armen, und gute Nacht! ſagend, ſchied das verarmte ſchoͤne junge Weib, das ſelbſt Be⸗ renice weinte. Der Holzm acher. Am andern Vormittag ſuchte Camillo Freund Philidor uͤberall, und fragte zuletzt im Holzſtall einen jungen Burſchen, der Holz ſaͤgte, ob er ihn nicht ge⸗ ſehen. Dieſer hielt inne, ſahe auf— es war Fitz, der ſeines Vaters Rath hier mit Axt und Sage erfuͤllte. „Bravo, Fitz!“ rief er ihm zu.„Aber thue mir einen Gefallen— ich bin da um zehn Pfund gemahnt, und Du mufßteſt mich endlich ſelbſt in Deinen Schuld⸗ thurm ſtecken laſſen, alſo— periculum in Morea— ruͤcke einmal ein Nötchen heraus.“ Fitz ſchob die Muͤtze auf den Kopf und ſetzte ſich ſchweigend auf den Klotz. — 103— „Nun? nur ein Wort.“ „Hore,“ brachte Fitz muͤhſam vor,„ih bin wirk⸗ lich in großer Verlegenheit! ich weiß wahrhaftig noch nicht, was ich brauche, und wie das zu alle dem langen wird! Setze Dich! Wir wollen erſt einmal den Ueber⸗ ſchlag machen! Aber Du wirſt mir Recht geben.“ Camillo druͤckte den Hut in die Augen, blieb eine lange Zeit in ſtillen Gedanken ſtehn, bot dann auf einmal Fitz die Hand, hielt ihn feſt und ſagte ihm:„nun ſo leb' wohl! ich gehe! Verkehre mit Dir, wer da will und muß. Der Vater hat wohl weiſe gefurchtet, er hat Dich arm gemacht— ärmer, als mich und den wahren Tagelöhner. Das mag ich nicht anſehen, lebe wohl! und zu ſeiner Zeit— ſtirb wohl!“ Er ging entruͤſtet. Fitz ſah ihm erſtaunt und uͤberraſcht eine Weile nach; da er aber ſeinen Weg, zur Landſtraße hin, im Ernſte fortſchritt, warf er Alles beiſeit, eilte ihm nach, rief, holte ihn ein, umarmte ihn und ſtellte ihn ſo. Camillo rang, um ſich loszuwinden. Aber zu weich und faſt weinend gelang es ihm nicht, und ſo ſprach er, von Fitz gehalten:„Hoͤre zum Abſchied noch ein paar Worte zur Lehre: wiſſe, ich beneide Dich gar nicht! Ich haͤtte nicht Zeit, reich zu ſeyn! Zu einem reichen Manne gehoͤrt durchaus ein Menſch, der Zeit hat, Dinge zu thun, die Geldhaben mit ſich bringt, Beſuche geben, Beſuche empfangen, Gaſtmählern bei⸗ wohnen und Geſellſchaften, und fuͤr Alles das ſich — 104— anſtaͤndig zu revangiren— ſonſt iſt er ein Sonderling, ein Unding.— Iſt aber ein Kuͤnſtler reich, oder irgend Jemand, dem eine nuͤtzliche Idee allein das Herz er⸗ fullt, ſo hilft ihm reich zu ſeyn wenig und nichts— wenn es ihm nicht Alles ſchadet durch Zerſtreuung und Verlockung in die Zaubergaͤrten der Circe— denn er wird ſeine innere Arbeit an ſich ſelbſt und aus ſich ſelbſt⸗ fortſetzen, ein vornehmes Leben wuͤrde ihn erniedrigen, oft eine Fete nur zur Verzweiflung bringen, und zu ſei⸗ nen Arbeiten braucht er, wie der Tageloͤhner, nur wenig. Daher iſt eine Kunſt, oder nur eine loͤbliche Paſſion, großem Reichthum gleich, und gleich zu achten, weil ſie — wenigſtens denſelben Effect auf den Menſchen hat, wie der groͤßte Schatz. Darum bedaure mich nicht!“ „Bedaure mich!“ bat ihn Fitz Philidor— „ich verſtehe nur gruͤndlich das Schachſpiel, und muͤßte ohne das Geld ein Kaufmann ſeyn mein Leben lang, und Gott vor Augen haben!“ „Und im Herzen!“ ſeufzte Camillo.„Nur wer nicht weiß, was er will,— alſo Alles will— iſt geizig. Wer weiß, was er will, gibt das Geld dafuͤr mit Freuden aus— auch fuͤr den Freund— wenn er einen haben will. Du weißt nicht, was Du vornehmen ſollſt, Du biſt ohne Inhalt, und ſo wird Dein Leben ſeyn! Warum ſo viele Reiche Unſinn mit dem Gelde treiben, warum durch Unſummen, die jaͤhrlich ver⸗ ſchwendet werden, nichts Rechtes noch Bleibendes zu Stande kommt, warum ſie nur ſinnlich verwuſtet wer⸗ — 105— den— weil kein Geiſt in ihnen, in dem Geiſt keine Richtung iſt. Denn wo der Kopf verſchroben oder das Herz hohl iſt, da iſt das Leben es deßgleichen! Ein gebildeter Verſtand, ein guter Wille gibt immer im Leben ein planmaͤßiges Werk auf, in jedem Fall ein gutes und loͤbliches. Wo aber kein guter, klarer Wille, kein Verſtand iſt, da iſt die Thorheit, die durch Nah⸗ rung immer groͤßer wird. Jede Leidenſchaft einzeln ſtellt eine Treibjagd nach Gluͤck und Vergnuͤgen an, ſie vereinigen ſich dann und jagen einander ſelbſt und ſpielen Va banc mit dem Leben, und endlich freut ſie die Auszeichnung ſelber im Gemeinen, ja Schlechten, der Ruf, der große Salto mortale, den ſie uͤber Sitte und Sittlichkeit gemacht, und dadurch ſich jenſeits der Menſchheit und ihres Gluͤckes befinden. O, ich ſeh' es voraus! Armer Fitz, leb' wohl!“ „Nun gerade mußt Du bleiben, wenn Du mein Freund biſt!“ bat ihn Fitz. „Ich moͤchte!“ erwiederte ernſt Camillo. Und ſo zog ihn Fitz endlich zuruͤck in den Holz⸗ ſtall, wo Camillo nun ſtill und ſtumm ſaß. „Hoͤre!“ ſprach Fitz,„laſſe Dir doch erſt dienen. Hier iſt der Schluͤſſel! geh', nimm Dir Geld ſo viel Du willſt. Aber jetzt rathe mir, hilf mir!“ Camillo laͤchelte. „Du weißt,“ fuhr Philidor fort,„daß ich hier die Baronie gekauft— ohne lange zu handeln, weil ein juͤdiſcher Banquier faſt eben ſo viel geben wollte, — 106— und etwas mehr, als ein Jude bietet, kann jeder Chriſt geben; ich kaufte ſie aber, weil ſie nahe da druͤben mit einem kleinen Stuͤck Lande grenzt, wo die alte verfallene Abtei ſteht, die in vorigen Tagen dem Großvater ge⸗ hoͤrte. Das Unſere muͤſſen wir ausbilden, dann wird es uns wo auf der Erde wohl, und wie alle Lande der Erde nicht das Vaterland erſetzen, wenn ein Volk in dem ſeinen die Freiheit verloren, ſo wird die ganze Welt unſer im Vaterhauſe, der wahren Heimath.— Die Menſchen ſind keine Lerchen, die ſich uͤberall an⸗ bauen, wo gruͤne Saat iſt— denn ihre Heimath iſt blos gruͤne Saat und blauer Himmel, die Erde ihr Garten! Auch ſchoͤn— fuͤr Lerchen, fuͤr Menſchen nicht, fuͤr mich nicht. In das Meine moͤchte ich, wie ein Rabe in ſein Neſt, die Schaͤtze der Erde tragen, nicht ſtehlen, ſondern ehrlich bezahlen— und das koſtet Geld! Nun druͤben eine neue herrliche Abtei— ein großes Theater, nebſt Saͤngern, Schauſpielern und der Capelle— die neue Kirche mit ihren Dienern, die Pferde, die Pferdezucht— nur das ſchon wuͤrdig ein⸗ gerichtet und ausgefuͤhrt, daß man Ehre, Ruhm und Freude, ſtatt Aerger und Schande damit hat, koſtet alle meine Haare auf dem Kopfe! Ich weiß alſo kein Mittel im Etwas zu thun, als zwanzig Jahre mein Capital auf Zinſen zu legen, damit es ſich ſtill ver⸗ doppelt; während der Zeit leben wir ſo gut burgerlich — und dann hab' ich Alles mit einander! neben einander!“ — 107— Lamoural kam jetzt. Camillo rief ihm zu:„Freund, thue was ich Dich bitte! ſchlage dreimal die Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſammen!“ Lamoural, zu jedem Scherze bereit, that es recht jaͤmmerlich, woruͤber Fitz erroͤthete und aͤrgerlich ward. „Komm mit fort!“ ſagte Camillo zu Lamou⸗ ral.„Fitz will zwanzig Jahre knauſern, nach zwan⸗ zig Jahren leben, ohne zu wiſſen, ob er ſein Geld auch erlebt. Zwanzig Jugendjahre verloren, iſt faſt das Le⸗ ben verloren. Junges Blut, ſpar' Dein Gut, Armuth im Alter wehe thut, heißt es mit Recht; aber ich ſage noch fuglicher: eine Guinee in der Jugend gilt ſo viel, als hundert im Alter! Der Werth des Geldes ſteigt mit dem Gebrauch, den wir davon machen koͤnnen, bis in's Ungeheure! Jung muß man ſeyn und Geld haben!“ Lamoural ſang luſtig: Nur darben und ſparen In herrlichſten Jahren Fuͤr traurige Jahre, um reich auf der Bahre Zu ſcheinen— die Thorheit Beſtraft ſich durch Thorheit. „Nun,“ ſagte Fitz,„ich habe noch Alles in mei⸗ ner Gewalt. Doch kann ich nicht Alles auf einmal beſitzen und ausfuͤhren, ſo muß es nach einander geſchehen!“ — 108— „Da triffſt Du die Weiſe, ja die Weisheit des Lebens!“ ſprach Camillo.„Die Jugend ſieht ein Paradies vor Augen— aber Labyrinthe verſperren ihr den Zugang, und doch ſchleicht ſie naͤher, genießt in dieſen Jahren dieß, in andern Jahren das, Wein, Liebe, Weiber und Geſang, und was noch dergleichen mehr iſt; ſie lebt erſt auf den Wieſen und pfluͤckt ſich Blumen, dann ſpielt ſie die ewigen Spiele der Kind⸗ heit durch, ſie jagt heut', fiſcht morgen, reiſet, baut, heirathet, Alles fein nach einander und Alles zur rechten Zeit; und die rechte Zeit iſt die, wo ſie der hoͤchſte Wunſch danach einnimmt, und ſo empfaͤngt ſie denn Alles mit Liebe und Luſt, und verlaͤßt das alte Ge⸗ noſſene mit ſuͤßer Befriedigung, denn Alles zugleich empfangen war rein unmoͤglich, der Menſch hat nur zwei Haͤnde, und immer nur einen Sinn im Herzen, ſo oft die Geſinnung auch wandelt und wechſelt— und ſieht der Menſch dann im Alter ſich einmal um— ſiehe! dann iſt er doch durch das Paradies gezogen! dann waren doch alle die Schaͤtze ſein— kurz und fluͤchtig— weil des Menſchen Lebenslauf ein Lapf iſt, nicht ein Stehen und Starren, ſondern ein trunknes Voruͤberſchiffen am gluͤcklichen Arabien, von dem dann der Schiffer zeitlebens mit Wonne erzaͤhlt! Alſo nach und nach! jahrweiſe, wie der himmliſche Hauch Dich ſteuert! und kein Sturm verſchlage Dich! Und zu dem „Nach und nach“ langt Jedem„taͤglich“ Etwas!“ „Nun wohl!“ ſprach Fitz.„Aber manche Dinge — 109— muͤſſen doch permanent ſeyn! damit mein' ich: Haus und Hof! Koch und Kuͤche! Stall und Keller! Und, Kinder, ich habe das geſtern geſehen, was koſtet das ſchon! Will ich Rehbraten eſſen— einen Schnitt kann man nicht braten, alſo wenigſtens muß es eine Reh⸗ keule ſeyn! Ein Karpfenkopf, eine Hechtleber macht den ganzen Fiſch noͤthig!“ „Wir helfen ihn Dir verzehren!“ verſetzte La⸗ moural. „Das mein' ich auch!“ erwiederte Fitz.„Aber ich meine auch, wir eſſen und trinken das Beſte— wenn wir allein ſind! Ganzen hochedlen Geſellſchaften, wie ſie kommen werden, mit den beſten Weinen die Gurgel zu ſpulen, das Koſtbarſte koſten zu laſſen und ſie damit ſatt machen— fuͤr den morgenden Tadel an Allem— iſt einiger Unſinn.“ „Bringt Ehr' und Ruhm!“ lachte Lamoural. „Gott hat den Reichen indeß nicht ohne Urſache in die Welt geſetzt— er ſoll Froͤhliche machen und ſelber ſauer ausſehen, und ſtemm' er ſich, wie er will, die Welt ſetzt ihm einen— Filz auf, wenn er einer iſt, oder ein Doppelfilz!“ „Ich lobe die Vorſehung,“ lächelte Fitz,„und will lieber im bloßen Kopfe und barfuß gehen, als den Ehrenfilz mir verdienen. Ich bin nun ſchon ruhiger, durch das Gleichniß mit Deinem Paradieſe. Die Freu⸗ den des Lebens ſind ein himmliſcher Regen, der auf Erden erſt dann als Waſſer dahin fließen darf, wenn — 110— er tauſend Blumen, und jede Blume und Bluthe reichlich getraͤnkt und erquickt— alſo Frucht hinter⸗ laſſen hat. Alſo„Nacheinander“ ſoll unſer Motto ſeyn, und was wir gelebt und genoſſen haben, das laſſen wir verloren ſeyn, wie das Paradies.— Wir ſind darin ge⸗ weſen! Das mag verfallen in heilige und unheilige Truͤm⸗ mer— wie Rom; der veredelte Schafſtall, der Pferde⸗ ſtall, das Theater, die Capelle— kurz Alles, bis auf das Begrabniß. Mit dem ſuͤßen Trunke leere ſich der Becher aus! mit dem Leben ſey das Leben aus!“ „Du willſt reimen,“ lachte Lamouralz„o will ich denn fortfahren: Immer an Demſelben halten, Muß den Juͤngſten ſchon veralten, Macht zuletzt zum greiſen Kinde! Weg vom Auge mit der Binde! Laßt uns feſt am Leben halten, Mag es bringen, ſchaffen, walten, Mag es nehmen und zerſtreuen— Laßt am Wandel uns erfreuen, Immer mit derſelben Glut, Immer mit dem erſten Muth! Dann im Herzen wird das Feſte! Dann im Geiſte bleibt das Beſte! Nur aus Blumen wird ein Kranz— Leben macht das Leben ganz.“ „Das hab' ich ja gemacht!“ entgegnete Fitz. „So thu' es nun auch!“ rieth ihm Camillo. „Bis der arme Seidenweber Ferſeborn da iſt, haben wir Luft! Darum Alles ſogleich! und mit — 111— Feuer!“ verſetzte Fitz.„Herr Crawford bat mich geſtern am Tiſche, wie Ihr gehört habt, dem Schwa⸗ ger Sidonia's— ſeinen Strich Land, ein kuͤnftiges Königreich in Amerika, abzukaufen, weil er in Noth iſt— Sidonia ſah mich nur ſanft mit den Augen dazu an— ich weiß nicht, welche Gewalt ſie uͤber mich uͤbt, oder was ſie gleichſam bei mir voraus und gut hat— kann ich es abſchlagen?— macht abermal 100,000 Pfund! und das ſoll unſer Ben-retiro, unſer Aſyl ſeyn! Das wollen wir indeß mit armen Auswanderern bevölkern— ſo thun wir ein Gutes zugleich!“ Dazu konnten die Freunde nicht Nein ſagen. „Auch eine Nothſumme wollen wir deponiren— weiß Gott wo jetzt ſicher, ich meine am ſicherſten in der alten Erde. Auch ſoll das andert Vermogen nicht Papier bleiben, fuͤr alle Art Ratten corroſibel! Du aber, mein Baumeiſter, o Camillo, ruͤſte Dich! In England ſind Kuͤnſtler und Handwerker, Steine und Maurer, Schloͤſſer, Scheiben, Oefen, Teppiche, Tiſche, Sofa's, Betten und Alles genug, um in einem Jahre ein neues halbes London zu bauen und auszu⸗ ſtaffiren. Bis die Schwalben fortziehen, muß Deine Abtei ſtehen— das Theater, und Ormond's Stern⸗ warte dort auf der freien Höhe.“ „Und wo denn der Schweſter Denkmal?“ fragte O'Kennyon, zur Thuͤre hereinſehend, während Si⸗ donia lächelnd hinter ihm ſtehen blieb. — „Wo die Mutter will! wir werden ja hoͤren!— Schoͤnſten guten Morgen, theurer O' Kennyon!“ äußerte Fitz.„Am beſten waͤre, die Mutter ſagte: die Schweſter lebt! Denn fuͤr einen Bruder gäb' ich mein halbes Leben, und hätte es doppelt,— aber den hatt' ich nicht, alſo geb' ich es fuͤr die Schweſter.“— „Die nicht zu haben iſt!“ ſetzte O' Kennyon in gleichgiltigem Tone hinzu. „Die Mutter goͤnnte, wie ich nun ſehe, kaum mir etwas, geſchweige jetzt der Schweſter— von mir das halbe Vermoͤgen— und leider das Alles des Va⸗ ters wegen,“ beklagte Fitz. „Sie trauen alſo den Worten der Mutter nicht?“ fragte O Kennyon.„Ich komme ſo eben zu Ihnen, um Abſchied zu nehmen, und kann ich Ihnen noch darin gefaͤllig ſeyn, bei Gelegenheit—“ „Sie wiſſen ſo viel als ich aus des Vaters Briefe! Verſuchen Sie Alles!“ bat er.„Lamoural reiſet mit Ihnen nach London, und dann weiter, um Sän⸗ ger, Schauſpieler und eine Capelle zuſammen zu holen; denn um Geld verlaͤßt Jeder dergleichen ſeinen Herrn.“ „Erlauben Sie mir, ihm dabei manchen kleinen Rath zu geben!“ ſprach Sidonia, Philidor jetzt erſt begruͤßend. Fitz entſchuldigte den zum Local fuͤr ein Lever unpaſſenden Holzſtall, bat ſie, bei der Auswahl der Einzelnen und Zuſammenſtellung eines Ganzen, den Freund, der ſich auf die Reiſe freute, zu unterſtuͤtzen, —— umarmte ihn, dankte O'Kennyon faſt mit Thraͤnen, hieß Camillo dem Freunde Geld geben: quantum sat— superque— und ſpaltete dann mit herzlicher Freude ſein hartes ſaures Holz. B e ric ni oe Nun vergingen viele lange Wochen in fleißiger Regſamkeit. Der Bau wuchs aus der Erde; die Stern⸗ warte uͤber die Gegend. Ungeheure Materialien aller Art bedeckten, theils offen, cheils unter Zelten, die nächſte Umgebung. Die tuͤchtigſten Baumeiſter, Ma⸗ ler, Tapezierer, in Voraus alles Noͤthige auf das Koſtbarſte und Schoͤnſte beſorgend, reiſeten ab und zu. Fitz war in vollem Feuer. Camillo war gruͤndlich zufrieden, weil er in ſeiner Kunſt edel beſchaͤftigt war, und dadurch Vielen und Manchen Verdienſt, ja Brot gab. Aber in Berenice's Herzen ſetzte ſich leiſe die Wehmuth an, und wohnte ſich ein. Nur manchmal pries ſie ihr Loos, wenn Philidor ſie freundlich an⸗ gelacht, ſie umhergejag:, im Gebuͤſch die Verſteckte ge⸗ haſcht und feſt an das Herz gedruͤckt und gekuͤßt. „Gluͤcklich iſt nur ein armes Mädchen allein,“ ſprach ſie dann, dem Scheidenden nachſehend,„denn ſie allein Schefers neue Nov. 1v. 8 —— darf glauben, ſie habe einen himmliſchen Werth fuͤr ihren Braͤutigam, daß er, alle holde Geſtalten der Erde voruͤberwandelnd, nur ſie geſehen, nur ſie begehrt, und einen Gang mit ihr gehen will durch das Paradies der Erde! daß er ihr Herkommen fuͤr ein himmliches haͤlt, ihre— Schoͤnheit gleichſam fuͤr den Abendſtern, nach welchem ſein Blick ſich ewig unwillkuͤrlich richtet; ihr Blut fuͤr Vollblut, um kleine— Wiegenkinder nur von ihr zu haben; ihr Herz fuͤr ſanft, treu und liebend genug und uͤberfluͤſſig, um gluͤcklich zu ſeyn mit ihr, durch ſie, ein ganzes Leben mit ſeinen Wechſel⸗ faͤllen, zuletzt mit dem Tode und dem Begräbniß! Sie— och, ich ſelbſt, o Himmel— ſoll ihm die Augen zudruͤcken! ihr ſagt er noch leiſe: es freut mich, gelebt zu haben, weil ich lebte mit Dir, fuͤr Dich! O, es iſt ein Großes, ſo vorgezogen zu ſeyn! ein ſchwe⸗ res Wort fuͤr den Mann, einem Maͤdchen zu ſagen: Sey Du mein!— Darum laß ihm Zeit, liebes Herz,“ ſetzte ſie dann hinzu.„Ach, aber alles jenes Gluͤck er⸗ ſcheint und bleibt nur dann— wenn er ſie liebt. Das weiß eine Reiche nie! und waͤhlte ſie ſelbſt den Ge⸗ liebten, ſie kann ihm nie in das Herz ſehen— daß aber Philidor mit mir, wenn er kommt, die Genuͤge, wenn er da iſt, die Unruhe, wenn er geht!“— Und ihrer Glüt und Treue gewiß, war ſie dann wieder himmliſch froh, ja ſtolz, daß ſie arm und niedrig ſey, daß er ſie ſeiner Liebe und ihrer Liebe willen be⸗ gehre und halte. Von Vornehmen jetzt oft beſucht und ſie wieder beſuchend, wuͤnſchte Philidor Berenice gebildet, ohne zu denken, daß ihr Herz, ihr Gefuͤhl fuͤr ihn und die ganze Welt keine Bildung mehr bedurfte, und daß die ſogenannte Bildung des Aeußern in Worten und Benehmen zum Gluͤck nichts hilft, ja oft, als nur Täuſchung der Andern und ſeiner ſelbſt, erbaͤrmlich und ſchaͤdlich ſey. Denn die Feingebildete lernt, und kann dann nur ihre Gefuͤhle beherrſchen, ſich ſtellen und verſtellen, und im Herzen denkt und fuͤhlt ſie ſich und die Welt ja doch ſtets, wie ſie je gedacht und empfun⸗ den. Loben iſt Hoflichkeit, und Tadel wird ſo zart, ſo umwunden zwar ausgeſprochen, aber in den glatten, leiſen Worten liegt oft ein ſpitzer vergifteter Pfeil, der bis in das Mark der Seele dringt, indeß milde Aufrichtigkeit der Neigung, und ſelbſt der Ahneigung, der Sinn: Niemand beleidigen zu wollen, alſo die Gabe, keinen Vernuͤnftigen wirllich zu beleidigen, beſſer iſt, als den Schein aller Tugenden zu tragen, und ein uͤbertuͤnchtes Grab zu ſeyn. Berenice aber folgte ihm, und ging täglich zu Sidonia, um Geſang und Muſik zu lernen. 1 Je guͤtiger nun die ſanfte junge Frau gegen ſie war, je mehr ſie dieſelbe hewundern, ja verehren mußte, je ſchwerer ward ihr das Herz, und ſie verging faſt, waͤhrend ihres Geſanges, und der Athem fehlte ihr, wenn ſie dann ſelbſt beginnen ſollte, und erbleicht, mit leiſe geſchloſſenen Augen ſaß, waͤhrend ihre Seele nur 8 16 ein Traum war und traͤumte:„wie ſchoͤn ſie iſt! wie ſehr er Recht hat!“ Dann ſtand ſie auf und um⸗ armte die Freundin, ruhte an ihr und ſchlich dann fort. Ihr Traum aber war kein Traum. Sie wußte: Sidonia zu gefallen— ach, ihr zu gefallen hatte er nun noch fuͤr den Schwager derſelben gut geſagt. Selbſt ſchon verſchuldet, hatte dieſer, aus Hoffnung großen Reichthums, eine Erbſchaft angetreten, deren laſtende Verbindlichkeiten, damit auf den Erben uͤber⸗ gehend, nun auf den Buͤrgen uͤbergegangen waren! und Fitz beklagte das kaum!— Sidonia hatte ge⸗ aͤußert: Uniform kleide den Mann am ſchoͤnſten— und nicht lange darauf war das erkaufte Patent als Major und die Uniform fuͤr ihn angekommen! Fitz hatte den Officieren ein großes Mahl gegeben, wobei ſie kaum ausgehalten, da ſichtbar die Konigin des Feſtes — Sidonia geweſen, und der junge Major von der Stimmung ſeiner Cameraden gleichſam in ein Feuer mit fortgeriſſen worden war. Er hatte ihr Alles am Morgen abgebeten, ſelbſt geweint, Sidonia entſchul⸗ digt, ſich entſchuldigt, als ſie geſchwiegen, er hatte Berenice nur wieder um einen Kuß gebeten, und ob es gleich ihre Worte verweigert, ſo hatte ſie ihm ſeinen Kuß nicht wehren koͤnnen, waͤhrend ihre Wange erhitzt war, und ihre Augen feucht und ſchwimmend in Thraͤnen, bis ſie den Laͤchelnden wieder angelächelt, und dann auf ſich ſelber und auf ihn gezuͤrnt, der, wie er ſchwur, wiederum auf ſich ſelber zuͤrnte. Er — 117— ſchwur: Sidonia nicht mehr zu ſehen,— aber— Berenice zeigte alle ihre Liebe, zu viel Liebe offen, er war ihrer ſicher, Sidonia lockte ihn, ohne es zu wollen, ja ohne ihn gern zu ſehen, weil ihr Berenice's Eiferſucht— nein, ihr heimlicher Kummer, taͤglich klarer und ſchmerzlicher war; und wie Berenice zu⸗ vor in kaum vergeſſenen Stunden ſich ſelbſt im Spiegel als ſeine Geliebte bewundert und ſinnig beſchaut— ſo fuͤhrte die allzutreue, allzuliebende Seele nun ihren Freund, wie ſie ihn nun zu nennen begann, oft ſelbſt zu Sidonia, um ihn gluͤcklich, heimlich gluͤcklich zu ſehen, und ſich heimlich zu quaͤlen in bitterſuͤßen Schmerzen; denn was ſie an Phirtdor ſah— ſie begriff die Erſcheinung nicht— aber das ſchien ihr in tiefſter Seele am heiligſten Leben nicht zu ſchaden! Sie fing es an zu ertragen, daß Sidonia Ein⸗ fluß auf Philidor uͤbte. Er behauptete— aus Er⸗ fahrung— daß jetzt: Recht blos Geld ſey. Jene ver⸗ neinte das billig. Er wettete mit ihr. Und ſo errich⸗ tete er, der Amtsſtube gegenuͤber, eine Art Zahlamt, worin jeder Klaͤger ſein Recht— das Geld erhielt, um welches er Proceß fuͤhren wollte. Alle kamen und waren mit maͤßigen Summen zuftieden und klagten nicht, denn ſie hatten ihr Recht. Dabei mußte er freilich oft beiden Parteien ihr Recht geben, naͤmlich — zahlen; und Philidor haͤtte gewiß gewonnen in der geſetzten Friſt, ehe alle Welt hieher kam, um ihr Recht zu erhalten— was Philidor's Zahlamt nicht — 118— ausgehalten— wenn Sidonia nicht ſelbſt in das wahre Gericht gegangen, worin jedoch auch nur ein bedingtes Recht geſprochen wird, und auf den Beſitz eines Streif⸗ chens Garten um ihre Cottage, als einer Ehrenſache, beſtanden. So gewann nun ſie, und Fitz zahlte nun ſein Unrecht mit Freuden, indem er noch immer artig behauptete: ihr Recht— des Gewinnſtes und Gewinnes der Wette— ſey dennoch ſein— Geld. Dieſe Wette hatte ihm vieles gekoſtet, und Sidonia hatte zum Troſt und Nutzen gutmuͤthig es alſo eingeleitet, daß faſt alle mit Unrecht ſchwebende Streitigkeiten in der Baronie auf eine wohlthaͤtige Weiſe gehoben waren. Ein andermal klagte und beelagte Sidonia, daß ſo viele Maͤnner, die in ihrer Jugend einen falſchen Beruf erwaͤhlt, nun mit Muͤhe, Verdruß und Noth zeitlebens ſich in dem verhaßten Amt oder Geſchaͤft hinſchleppen muͤßten und ſich und Andern nür Schaden, oder doch nicht den Nutzen ſtifteten, den andere, mit Luſt und Liebe Begabte ſtiften wuͤrden— und nicht lange darauf ſtand eine Einladung in der Zeitung, wodurch dergleichen Beamten, die davon Gebrauch ma⸗ chen wollten: freie Koſt und Wohnung, im Nothfall auch Kleidung, bei ihm zugeſagt wurde. Als Einige nun die Sache erprobt und Andern beſtaͤtigt hatten, kamen ſo Viele, wagenweiſe, ſelbſt Vicare und Aerzte, daß das Haus nicht langte— und da es Sommer war— daß der Schafſtall der veredelten Schafe fuͤr ſie ausgebaut und eingerichtet werden mußte, und Allen nur ein Gnadenjahr in dieſem Prytaneum zugeſagt werden konnte. Dieß Alles, in den Einzelnheiten oft höchſt drollig und luſtig, und einer eignen Beſchreibung faſt bedurf⸗ tig, hatte fuͤr Berenice nur eine Bedeutung— die Gewalt Sidonia's uͤber ihn. Er ſchien ihr verloren. Denn die Liebe iſt ſcharfblickender und aller Verhält⸗ niſſe kundiger, als ein Feldherr, der ſtill im Herzen und ſcheinbar gelaſſen ſchon eine Schlacht verloren gibt, waͤhrend das grobe Geſchuͤtz am heftigſten donnert, und neue Schaaren, erſt eben aus der Heimath kommend, begeiſtert und ſingend noch in die Luͤcken eilen. So lange nun ihr Leid keine Worte fand, als es ſtumm und mit Willen verkannt in der Bruſt ſchlief— dem Erwachen nahe— ſo lange ertrug ſie es. Einſt aber hatte ſie unbedacht das Lied bei Sidonia geſungen; Ach, wer hilft es mir ertragen, Daß ich, Schoͤnſte, Dich verlor! Ich muß weinen, ich muß klagen— Und Du lebſt ſo hin wie vor! So entfliegt des Stellers Händen Seine holde Nachtigall; Hinter Buſch- und Bluͤthenwaͤnden Sucht er bang ſie uͤberall. und er ſieht ſie! hoͤrt ſie ſchlagen Schoͤner, nun er ſie verlor! In des Fruͤhrings reinſten Tagen Gicßt ſie Leiden in ſein Ohr. — 100— Da war ſie ihrer nicht mehr maͤchtig, ſie ſchluchzte laut, daß ſelbſt die kleine Siddy, die allein bei ihr war, zu ihr ſchlich, ſich an ſie ſchmiegte und unver⸗ ſtandene Thraͤnen kindiſch mit ihr weinte. Und wie Berenice das ſchone Kind ſah, das weinende, um ſie weinende Kind, da verging ſie faſt. Denn wie ſie die Worte des Liedes auf ſich bezogen, hatte ſie ſich an die Stelle des Klagenden gedacht und ſeinen Verluſt bedauert; und es noch einmal etwägend, hatte ſie ſogar zu⸗ letzt ſich ihn gedacht, der kläge: daß er ſie verloren. Denn was der Geliebte leidet oder leiden ſollte, das fuhlt die Liebe mit— ſie fuͤhlt' es fuͤr ihn. 4 Und in dieſem Gefuͤhl und dieſem Sinne/ ſich an ſeiner Statt zu denken, ſang ſie nun gar mit tiefſter Wehmuth, oft ſich ſelbſt mit i noch das Lid Wenn ſie mich nicht lieben mag, Laͤßt die ganze Welt mich gehen! Leiden bringt mir nur der Tag, Und das Herz will gaͤnzlich ſtehen. Nichts iſt ſchoͤne Jugendzeit, Nichts iſt Sommerherrlichkeit! Tag, du biſt umſonſt ſo lang, „Herz, dir iſt umſonſt ſo bang! Da ſie mich nicht lieben mag, Laß, o Welt, mich immer gehen! Ende, ſchoͤner, lichter Tag— Und, o Herz, bleib' immer ſtehen. In Traͤume verſunken fand ſie Sidonia. Als ſie gleichſam erwachte, laͤchelten Beide ſich an, Beide in anderem Sinn, aber Beide voll Adel und Liebe. An dieſem Abend ſchlief Berenice ſogar beruhigter ein, und doch machte die Nachtigall draußen ihr ſchwer und bang, ſie ſprach ihren Abenſegen ergeben und fromm, und doch anders als je zuvorz anders, als je zuvor, blickte ſie nach den Sternen, und ſich ſelber gute Nacht wuͤnſchend, und tief im Innern keinen Morgen mehr, lispelte ſie, unter ihre ſeidene Decke verborgen, mit zerſtreuten Sinnen:„Nu⸗ mein icher ſchlaf wohl!“ Berenice blieb nur noch aus at und zu⸗ guich aus Schonung, um Fitz Philidor in der Welt nicht bloszuſtellen, wie er ſey oder geworden. Denn einem liebenden Herzen thut es weh, den Geliebten verkannt zu ſehen— und ſie entſchuldigte ihn. Sie war nur die Haushaͤlterin im Schloſſe, und mit die⸗ ſem Titel redete wirklich jetzt ein Eiderdunenhaͤndler ſie an! Der lange wilde Brautſtand ſchien ihr vorher ſchon unanſtändig und mißdeuthar. Doch die Stief⸗ mutter, Frau Ormond, deckte ihn durch ihre Gegen⸗ wart und ihr entſchiedeness Walten, Befehlen und Herrſchen als Schwiegermutter. Jatſelbſt eine Scene brachte dieſe nicht aus der Faſſung, ſondern entruͤſtete ſie nur zu ſtaͤrkerem Auftreten und unverhohlenerem Draͤngen und von ſelbſt unternommenen Anſtalten zur Hochzeit, die eine Mutter, die ihre Tochter, nicht ſich nur geliebt, zum Verlaſſen des Hauſes getrieben hätte. Mit einem neuen Fernrohr, das ſie pruͤfte und zu pruͤfen, wenigſtens zu tadeln verſtand und tadeln wollte, weil ſie es wohlfeil fuͤr ihren Mann zu erhandeln bereit war, ſahe ſie eines Spaͤtnachmittages im Sommer vom Thurm des Schloſſes im Park und in der Ferne umher. Der Verkaͤufer und Berenice ſtanden bei ihr⸗ Die Neugier, der Unmuth gegen Sidonia lenkten ihr Auge nach den offenen Fenſter ihrer Wohnung. Sidonia, wahrſcheinlich von der Hitze des gewitterſchwoͤ⸗ len Tages ermattet, ſchlummerte auf ihrem Sopha. Da trat, leiſe ihr nahend, ein Mann in den Rahmen des Bildes vor ihre Augen; er bewunderte die ſchoͤne Schlummernde, er neigte ſich, er küßte ſie auf die Stirn. Er hatte alſo noch keinen Kuß empfangen.— Ein Blitz, ein gewaltiger Donner vom Himmel— er fuhr zuruͤck— es war Fitz! Sidonia fuhr empor und verbarg ſich vor Furcht an ihm.— Vor doppeltem Schreck ließ ſie das Fernrohr fallen, es ſturzte hinunter. Der Mann laͤchelte, ſeines Preiſes nun ſicher. Frau Ormond erſchien die Scene nur ein Anfang jener durch Gold ſo oft bewirkten Aufloͤſung des Gemuͤthes und der erſte— oder wievielſte— Schritt in die All⸗ gemeinheit der Dinge, bis endlich und tiefer auch zu den gemeinſten hinab. Sie druͤckte dem armen Maͤd⸗ chen, das arglos und laͤchelnd an ihrer Seite lehnte, die Hand; aber unten geſtand ſie ihr, bei S Thuͤre, was ſie geſehen. 123— Aber auch jetzt laͤchelte Berenice. „Du lachſt!“ ſpottete und zuͤrnte Frau mir iſt das nicht laͤcherlich, nicht gleichgiltig, wie Dei⸗ nem Vater, und ich bin doch nur Deine Stiefmutter! Aber Du ſollſt ſehen, wie redlich ich denke und ſorge⸗ Sidonia ſoll mir Rede ſtehen! und wenn ſie als Schauſpielerin ſich nicht ausgeſchaͤmt hat und noch auf Klatſchen haͤlt, ſo erfährt ſie Herrn Philidor?s Braͤu⸗ tigamslob, wenn ſie ſich nicht ſchlafend geſtellt, um ihn zu fängen, das ſchlaue junge Krokodill!“ Berenice bat umſonſt. Die Mutter hatte eine Scene mit der armen unſchuldigen Sidonia, wie ſie gewiß kaum noch eine geſpielt, und wobei ſie den Un⸗ terſchied lernen konnte, fremdes Leid darzuſtellen, oder eigenes aus dem Stegreif zu dulden, wo den Menſchen die Kunſt verlaͤßt, und er, ohn'„s zu wiſſen, der Schauſpieler der Natur und des Schickſals iſt, und der Darſteller und Dargeſtellte, in einer Perſon, mit eige⸗ nem Herzen und wirklichen Thraͤnen. Sie ſchloß ſich ein, ſie brach allen Umgang m Philidor ab, und ging nur im Park am Morgen, wenn er noch ſchlief— und er verlaͤngerte den Mor⸗ gen bis zum Mittag, da er den Tag, durch das Abends gleichſam gefeierte Mittagseſſen, bis uͤber Mitter⸗ nacht ausdehnte— beruhigte ſanft und hold Bere⸗ nice uͤber ſich ſelbſt, uͤber ſie und Fitz, wenn ſie ihr auf ihren faſt heimlichen Gaͤngen begegnete, und ſagte ihr einſt:„Du mußt Geduld haben, liebes Herz! — 124— Warum Er nicht heirathet?— Wiſſe, mein Kind, die Maͤnner heirathen gewoͤhnlich und glͤcklich erſt dann, wenn ihr Herz gereift iſt, wenn ihre Seele in der Entwickelung der Gedanken und Wuͤnſche bis zu dem Weibe, der Mutter gediehen, wenn ſie Alles, was ſie begehren oder hoffen können, ſich im Leben eingerichtet, wenn ihre Lage geſichert, ihr Ort ihnen wohlgefͤllt— wenn nun Alles ſo bleiben ſoll, wenn alſo die Gegen⸗ wart ihnen aufgegangen! und ach, wenn ſie fuͤhig ſind, einem andern Weſen das ihre zu opfern, und wiſſen, daß ſie es dadurch doppelt und dreifach in Weib und Kindern wieder erhalten— wenn ſie die Selbſt⸗ ſucht nicht mehr verblendet und plagt, und nichts Andres mehr ihnen höher erſcheint, als das gemeine menſchliche Leben. Der neue Genuß ſeiner Schaͤtze berauſcht ihn noch, daß er Dich, Du Schoͤne, Du Liebe, nut wie im Fruͤhlingsnebel ſieht! Er weiß, das Du biſt, aber Deine Geſtalt und ſelbſt Deine Liebe entfernt ihn Dir!“— „Aber er ſieht Dich!“ entgegnete Berenice. und nun bat ſie die Gluͤckliche: ihm ihre Hand zu geben— ſie wolle gehen, damit er nicht mehr gebun⸗ den, damit der Geliebte begluckt ſey, und ſie erloͤſt!— Sidonia druͤckte die wie verklärte Geſtalt Berenice's feſt an ihr Herz, und bewunderte ſie, die ihr wehrte und meinte, ſie lieb' ihn ja nur, ja nur ihn! „Alſo mich nicht?“ laͤchelte Sidonia. = 125— „Was er liebt, das lieb' ich auch, und wär' ich es ſelbſt!“ ſprach ſie mit niedergeſchlagenen Augen. „O waͤrſt Du es ſelbſt! und Du biſt es!“ ent⸗ gegnete ihr Sidonia, und kuͤßte das liebende Maͤd⸗ chen, das ihr die Lippen hinhielt, wie Roſenknospen erquickendem Thau aus des Himmels Wolken. Philidor zeigte ihr in der Zeit darauf, um offen zu ſcheinen, oder zu werden, vielleicht aus ſtillem Ge⸗ fuͤhl ſeines Werthes, nun manche diskret uͤberſandte, aber in Wahrheit doch indiskrete Briefe, die manchen ſchoͤnen Heirathsantrag enthielten, und Zuſammenkuͤnfte Halbunſichtbarer oder zum Schein ſich nicht Kennender am dritten Orte vorſchlugen, wozu er vornehm lachte. Und um ihr zu zeigen, er halte auf alle jene unbekannte Schoͤnen— wahrſcheinlich junge Wilwen oder verleitete, auch wohl gezwungene Maͤdchen— nichts, ſo ſendete er, ſtatt ſeiner, den lebensluſtigen Freund Lamoural, der, zuruͤck gekehrt, nun hiehin und dahin, jetzt als Bucklicher, ein andermal als Blinder, fuhr oder ritt, wie Raphael ſeinen Freund hinſandte: geheime Einla⸗ dungen der Liebesbriefe, wie Wechſel des Amors, ein⸗ zucaſſiren. Bei einer ſolchen Gelegenheit hatte ſich Lamoural in ein ſehr ſchoͤnes, auch reiches, nur eben ſo einfaches, ja bloͤdes Maͤdchen verliebt. Als dieſes nun ſpaͤter oͤffentlich einſt zu einem Feſte im Schloſſe kam, den Irrthum erkannte, und nach kurzem Errothen Lamoural eben ſo hold blieb, und herzlich und treu, wie ein Kind, mit ihm ſprach— da merkte — 426— er, daß auch ſie ſich damals in ihn verlieht. Den entruͤſteten Verwandten ſetzte ſie Herz und Muth der Liebe zur Strafe entgegen, und Philidor ih freu⸗ dig die Hochzeit aus. 56 Donna Elvira. In derſelben Nacht, gegen Morgen, als auch die Diener berauſcht zu Bett gegangen— denn ſie hatten keinen ſtrengen Befehl, wie in andern Haͤuſern, die Reſte in den Flaſchen fuͤr morgende vornehme Gäſte zuſammen zu fuͤllen— und Philidor im erſten Schlummer die laͤngſt verſtummte Muſik noch fort⸗ klingen hoͤrte und mit Sidonia tanzte, fiel ihm ein greller Schein auf die Augen, von dem er erwachte. „Auf! auf!“ ſprach ein Moor zu ihm mit ge⸗ daͤmpfter Stimme;“ wir ſind dal es hat Eil', die Haͤhne kraͤhnen.“ „Wer ſind wir?“ fragte er, noch ſchl qen. „Raͤuber!“ raunten mehrere Stimmen.„Zeig' Deinen Schatz!“ Philidor ſank vor Schreck zuruck; denn er war ſchon ſicher geworden, und wußte jetzt nicht, ob er ſein Leben hinlaſſen ſollte fuͤr ſeinen verwahrten Hort, ein — 122— halbes Vermoͤgen, oder ob das Leben doch beſſer ſey— Er bedeckte ſein Geſicht mit den Haͤnden. Da er aber keine Anſtalt machte zu kommen, riſſen die Maͤnner ihn auf, warfen ihm einen Mantel um, lachten ihn aus, daß er ſein Gold zwar in einem Dutzend bleiernen Faͤßchen in einer Kiſte verwahrt, die kein Menſch eroͤffnen koͤnne— und fuͤhrten ihn ſelbſt, nachdem er die noͤthigen Schluſſel herbeiſuchen muͤſſen — als wahren Hauptſchluͤſſel fort, die Treppen hinab in eines der alten Gewoͤlbe, worin Camillo, er und Jasper allein des Nachts das Goldgrab gemauert, die Kiſte auf Walzen gerollt und das Geld verborgen⸗ Philidor ging mit tauſend ſich kreuzenden Gedanken, waͤhrend kaum ſein Auge lauſchen durfte, ob kein Er⸗ retter, nur ein Huͤndchen ihm nahe! Er hätte ver⸗ ſprochen, fuͤr irgend eine ſuͤndhafte Dame barfuß bei Faſtenſpeiſen bis nach Bethlehem zu wallfahrten, wenn er nur den Strang der großen ſilbernen Eßglocke hätte ein einziges Mal anziehen duͤrfen, die alle Diener ge⸗ rufen! Aber der Strang hing drei ihm verſagte Schritte von ihm— ſo weit, wie in Kamtſchatka, und er klappte vor Froſt mit den Zaͤhnen. Sollt' er die Menſchen mit Wiſſen und Willen zum Tode fuͤhren, wenn ſie den Deckel der Kiſte offneten— nicht er— und die 24 Selbſtſchuͤſſe, mit gehacktem Blei geladen und eine Kreuzſalve gebend, ſie ungezaͤhlt gewiß alle dahin ſtreckten! Er fing ein neues Gebet bei jeder neuen Thuͤr an, die geoͤffnet ward, und wozu er den Schluͤſſel — 128— reichen mußte. Vald wollt' er es ihnen geſtehen— aber dann war er, nach ſchon ſo großen Ausgaben und jenem erſten Verluſte und bei der gefaͤhrlichen Buͤrg⸗ ſchaft, nur kaum noch ein Viertels⸗Philidor und faſt wie ein anderer Menſch; bald wollt' er ſich hinwerfen vor den Schuͤſſen, und ihnen lehren— die Kiſte zu offnen!— Endlich ſtanden ſie in dem ringsum leeren Gewoͤlbe. Er mußte die Marmorplatte zeigen; ſie wurde gehoben; er druͤckte eine Feder; ein gewaltiges Uhrwerk begann zu rollen und hob die ſchwere ſchwarze Kiſte, wie einen Todten, ſeufzend herauf aus dem Boden, die keine Gewalt unter Stunden geoͤffnet haͤtte. Die zwolf Schluͤſſelloͤcher zu den zwoͤlf maͤchtigen und kunſtreichen Eaſſenſchlöſſern haͤtte Niemand entdeckt; aber alle die Schloͤſſer zum Aufbuchſtabiren, deren jedes eine andre Parole verlangte, ehe der Schluͤſſel es aufthun konnte, gingen eins nach dem andern durch den Bann des Beſitzers auf. Sollt' er die Selbſt⸗ ſchuͤſſe nun verſchieben mit ihren Federn? oder nicht? — Er ſank vor Betaubung hin. Vier Raͤuber ergriffen den Deckel, die uͤbrigen ſtanden gedraͤngt und geſpannt umher. „Halt! halt! Ihr ſeyd des Todes!“ rief der Mohr. „Erſt ſchieb' ich die Mordgewehre zur Seite!“ Alle traten erſtaunt zuruͤck und erſchreckt, als hätten ſie gluhendes Eiſen beruͤhrt. „Du vetdienſt den Tod!“ ſprach der Mohr zu Philidor, das Schwert aus der Scheide reißend. Philidor kehrte ſich auf das Geſicht um, daß er den Hieb mit dem Schwerte nicht ſaͤhe. „Juͤrchte Dich nicht, junger Nabob!“ begann ein Anderer.„Wir ſind keine Raͤuber! Wir rauben Dir freilich, doch nehmen wir nichts fuͤr uns, noch fuͤr Andere— nein, wir gehoͤren zur bekannten edlen Ge⸗ ſelſſchaft der Feinde der Reichen. Ohne Reiche ſind keine Arme, wie ohne Maſchinen wieder Menſchen!“ Philidor ſahe darin eine Hoffnung; er ſetzte ſich auf und verſuchte die Tollen zu lehren.„Liebe, verehrte Goldſtuͤrmer!“ ſprach er,„bedenkt doch, bedenkt Durch Reichthum wird Niemandem Etwas Wenn hunderttauſend Millionaͤrs ſind, oder Millionen nur Hunderttauſender, können Millionen noch gleich reich, ja gleich gluͤcklich ſeyn, als wenn Niemand einen Pfennig haͤtte außer ihnen! Nur wenn Jemand, der unverſchamt viele Quadratmeilen Land hätte und nicht einmal ſo biberhaft dächte, Jemanden darauf anbauen zu laſſen— ja da! da wäre Landbeſitz ſchädlich. Aber Goldbeſitz, theuerſte, reſpectirte Geſellſchaft, Goldbeſitz iſt dem ſchädlich, der es hat!“ „Alſo!“ ſprach der Mohr;„aufgeſprengt! ich bin fertig.“ „Theuerſte Herren!“ ſprach Philidor noch ein⸗ mal,„bedenkt doch! es hilft Euch Alles nichts, wenn Ihr nicht Alles bis auf einige Kronen ausrotten koͤnnt! Ein Dollar, der oft an einem Tage aus Hand in Hand zweimal bezahlt wird, alſo ſchon zwei Dollars Schefers neue Nov. 1. 3 — 130— vorſtellt, wird, wie Unkraut, in einem Jahre ge⸗ wiß zu hundert, und in hundert Jahren wenigſtens zu zehntauſend Dollars! Daher, daß jeder Dollar ein Heckdollar iſt, daher ſtammt das ungeheure, ganz un⸗ berechenbare Vermoͤgen auf Erden, das, wie ein Sturm durch die Welt geblaſen, nirgends als Geld mehr iſt, und Haͤuſer, Kirchen, Palaͤſte, Städte zu Tauſenden hervorgeblaſen hat, wie ein Kind aus Seifenſchaum ſeine Seifenblaſen; wie Korallenwuͤrmer Korallenbaͤnke erbauen ſelber verſchwinden und die Rieſenwerke ver⸗ laſſen, daß ſelbſt das Seepferd ſich wundert! Es hilft. alſo nichts, das Geld zu zerſtören oder zu vermehren, ſondern Fleiß, Umtrieb, Handel!“ „Wir wollen alſo handeln!“ ſpottete der Mohr. Der Deckel ging auf. Der Zeiger auf dem Zifferblatt der Uhr daran ſprang auf die Eins, zum Zeichen, daß er zum erſten Male eroffnet worden. Die Kiſte war leer. Aller Augen ſtarrten hinein. Fitz entſetzte ſich. Er erbleichte, ſank hin und rang die Hände. Die Maͤnner ſtutzten. Der Mohr ſtieg hinein. Er unterſuchte den Boden;— mit concentrirtem Feuer, wie man Edelſteine ſchmilzt, mußte die große runde Oeff⸗ nung herausgeſchmolzen worden ſeyn, von unten, wahr⸗ ſcheinlich von einem Nebenkeller her.— Sie ſchlugen eine entſetzliche Lache auf, und freuten ſich raſend. „Dein Schreck iſt Natur!“ ſprach der Mohr zu Fitz.„Leb' wohl— hier iſt ſchon gethan; thut uns leid, daß wir Dich und uns erſt bemuͤht!“ — 131— Und nach wiederholtem genauen Forſchen eilten ſie fort, indeß der Mohr noch zoögernd zu Philidor kniete und leiſe ihn fragte:„Kennſt Du mich nicht?“ „Papermann und Compagnie!“ erſtaunte dieſer. „Soll man nicht raſend werden, wenn man ſein Geld verliert!“ fragte der Mohr zum Abſchied. „Raſend!“ ſtöhnte Philidor und blieb in der Finſterniß an der Erde liegend allein, waͤhrend tauſend arme Leute ruhig ſchliefen. Er wußte nicht, wie lang' er gelegen, raffte ſich auf, verſchloß alle Thuͤren ſorgfältig wieder aus Schaam und mit dem Vorſatz zu ſchweigen, um ja nicht ärmer zu ſcheinen, und nur im Stillen zu handeln. Er trat in die Thuͤre des offnen Portals. Die herbſtliche Morgenlandſchaft uͤberzog der erſte Nebel. Seine neue Abtei, ſein Park, Alles war wie ver⸗ ſchwunden! Da trat iyn eine Geſtalt an, blaß, ver⸗ fallen, mit braunem Oberrock, an dem die Knoͤpfe eine reichliche Spanne zuruͤckgeſetzt waren; ſie reichte ihm die Hand voll Falten, und nur an dem„guten Morgen“ erkannte er den wie zu ſeinem chatten ge⸗ wordenen Vetter Murdock. Er ſagte ihm, daß er im Wirthshaus uͤber Nacht geweſen und ihm ſeine Schuld abzutragen komme, die er ihm hinreichte, und die Philidor jetzt nahm.„Es iſt aber kaum der hundertſte Theil,“ bemerkte ihm Murdock.„Mein Weib iſt geſtorben, mein Handel geſchloſſen, das Haus 9* hat O'Kennyon mir abgekauft. Meine gute Pep⸗ perell! ſie iſt gleichſam ſtatt meiner geſtorben, aus der Vorſtellung des Grames, den ich uͤber den Verluſt jener Summe empfinden muͤſſe. Dafuͤr hab' ich ihre goldnen Ketten um den Hals und ihre Ringe an den Fingern ihr mit in den Sarg gegeben, und wie ich ſie ſo ſah, meint' ich: ſie muͤſſe ſich freuen. Der Betrag dafuͤr fehlt nun freilich an dem, was ich bringe— verzeihen Sie, edler Vetter.— Als ich das gute Weib verloren, da fuͤhlt' ich erſt, was ich an ihr beſeſſen; und wenn ich noch einmal jung werden und noch ein⸗ mal ſie heirathen köͤnnte— dann, ach dann, ein Dann, das es im Himmel und auf Erden nicht gibt— dann ſollte kein ſtrenges Wort uͤber meine Lippen kom⸗ men! dann wollt' ich immer ſanft und fteundlich gegen ſie ſeyn; denn es nur zu ſeyn, wenn wir Män⸗ ner heiter ſind, das können alle Männer! Ach, wie grauſam bin ich geweſen, wie hab' ich alle Sehnſucht in ihr unterdruͤckt, wie hab' ich ſogar jedes Bild mit grobem Pinſel ihr gleich durchſtrichen, das ſie ſich ein⸗ mal von beſſern Tagen ausmalen wollte! Hätt' ich ihr nur die Traͤume frei gelaſſen, die Rede! ich konnte ja mitmalen und reden und wuͤnſchen! Aber da war ich der Schwache und traute mir nicht! Wenn ich alſo, aus Reue, Ihr noch größerer Schuldner bleibe, ſo will ich Ihnen zeitlebens dienen, und ohne Gehalt. Sie haben keinen Intendanten— nehmen Sie mich als dieſes nothwendige Uebel eines Reichen an, und meine . — 233— — nun ſehr geringe Mahlzeit— da mir das Leben allen Appetit verdorben hat— bringe ich Ihnen durch wohlfeile Einkaͤufe guter Waare ein, da Ihr Schloß⸗ bedarf einem kleinen Kirchſpiele gleich ſeyn muß. Bitte, mich nicht zu verſtoßen! Verſtoßen Sie auch nicht meine Pfefferſtoͤßerin, die alte Hurrel! Und brauchen Sie ein ſolches Subject nicht, ſo braucht es Sie— und der kleine William kann ſchon— foot-groom — werden!“ Philidor ſagte gepreßt:„Ich bin nicht ſo reich, als Sie glauben! aber weil Sie meiner Mutter Schwe⸗ ſter haben wohl thun wollen, ſo ſtehen Sie bei mir ein, ſo lang' ich beſtehe.“ Murdock bedankte ſich herzlich und ſprach:„ich bedaure unendlich, daß Sie ſo ſtark beſtohlen ſind— wie mir Herr O'Kennyon geſtern Morgen zum Ab⸗ ſchied geſagt.“— „Geſtern Morgen? O' Kennyon?— Nach Lon⸗ don!“ rief Philidor einen Diener an. Bald war Alles bereit, und er reiſete allein nach der Stadt. Dort aber erfuhr er von O'Kennyon, der ihn anlächelte, nichts, als die wahrſcheinlich von den Raͤu⸗ bern ſtammende Sage, daß in ſeinen Goldfaͤſſern Blei geweſen, und that die vorgenommenen heimlichen Schritte, die zu nichts fuͤhrten. O' Kennyon wies ihm trocken und ſtumm den Ankauf der Schulden der Gläubiger von Sidonia's Schwager; Philidor ſah ihn an, der Inhaber zuckte die Achſeln, und guter Rath ward — 134— theuer. Um ſein Vermoͤgen wieder herzuſtellen, nahm er den zwanzigſten Theil der Looſe der großen Lotterie. Er fragte nach Spielhaͤuſern, und O' Kennyon rieth ihm, das zu beſuchen, wo er ſpiele— mit wahrhaft ehrlichen Leuten. Sie gingen hin. Aber O'Kennyon gewann, Philidor gewann— zu Anfang, bis Beide am Ende unmaͤßig verloren; die Lotterielooſe verloren bis auf eine Kleinigkeit, und nur eine reiche Heirath konnte Philidor auf ſeiner Hoͤhe erhalten und unterſtuͤtzen, die alten Pläne durchzuſetzen. Er dachte aber nicht ſo gemein von den Jungfrauen, ſie als bloße Drachen anzuſehen, die einen Schatz in ihrer Gewalt haͤtten und ihm denſelben zubringen ſollten. Er wuͤnſchte auch ein Weib— und wenn es ein anderes ſeyn ſollte, als Berenice— o waͤr' es dann Sidonia! Und ſo hoͤrte er, lange Wintermonate uͤber ſich bruͤtend, beinahe mit Freuden zuletzt die Nachricht von der Krankheit des reichen Herrn Crawford, der, wie ein Kir ohne Kegel allein in der Welt daſtehend, ſeine Sidonia zur Erbin eingeſetzt. Derſelbe Brief lud ihn ein, nach Hauſe zu kehren, zur Auffuͤhrung der erſten Oper— in ſeinem neuen, nun fertigen Theater— dem Don Juan. Der fromme Abbate da Ponte hat wahrſchein⸗ lich durch nichts anders die ſchoͤnen Damen mehr war⸗ nen und heilſam empoͤren wollen, als durch die fuͤr ein reines Herz faſt unerträglich an den Pranger der Liebe geſtellten und ſich ſchmaͤhlich erniedrigenden weiblichen Charaktere der Oper. Er ſelbſt hat gezweifelt, 5 ob eine Schauſpielerin eine ſolche eiſerne Stirn haben wuͤrde: die Donna Anna oder gar erſt als Donna Elvira aufzutreten, und die Roͤmerinnen im alten Rom haͤtten ihn unfehlbar gehangen! Nun iſt er in Frieden geſtorben, uͤberzeugt: daß Saͤngerinnen, um zu glaͤnzen im Geſang, ſich ſelbſt uͤberwinden— um Andere Ueberwindung zu lehren, indem ſie ſingen: „des Unverſchaͤmten Leben, betrachten wir's nun hier!“ — So ſprach ſelbſt der nun verheirathete Lamoural, der Verzeihung bedarf, weil er— es wohl meinte. Denn Philidor zog faſt, gegen ihren Willen, Bere⸗ nice in das Haus. Er war in der Stimmung, un⸗ maͤßiges Lob zu ſpenden, weil er verborgen dadurch ſein Haben und Koͤnnen feierte. Dieſes Lob erfuhr nun vor Allem Donna Elvira; und immer mehr er⸗ munterte er Berenice zur Aufmerkſamkeit, und zog ſie aus dem Dunkel hervor, jemehr ſie in den Hinter⸗ grund wich bei Elvira's Scene mit Leporello und dem Regiſter bethoͤrter Maͤdchen. Sie erſchrack, als Elvira zwiſchen Don Juan und Zerline tritt; hielt ihre Stirn, als er zur Anna ſang:„Ihr Kopf hat ſehr gelitten!“ als er ſie„von Sinnen“ ſchalt, und ſahe jetzt ſelbſt wirklich mit ſtarrem Auge hin. Als Leporello aber Elviren zum Gartenthor aus, in das freie Feld, ſchließt, da hoͤrte ſie kaum die Worte:„hoch lebe unſer gnaͤ'ger Herr! Der Vater ſeiner Unterthanen!“ Dennoch ertrug ſie es, bis Don Juan's Bedienter, an ſeines Herrn Stelle, und Donna Elvira im Gartenſaal im Finſtern nach einander tappen, wobei Philidor laͤcheln mußte und ſie anlaͤchelte— ſie lächelte mit gebrochenem Herzen ihn wieder an, ſchlich ſich leiſe hinaus, hinunter, hinweg ins Freie, und lief dann, ſich ſelbſt zu ent⸗ flichen, bis ſie weit im Park in das Gras hinſank. Endlich hatte ſie vorerſt ausgeweint— ſie hatte ver⸗ ſtanden! Sie ſelbſt war hier die Ueberlaͤſtige und Getäuſchte! Sie erblickte Licht in der Ferne auf der Sternwarte ihres Vaters, wie von einem Leuchthurm, der ihr den Hafen wies. Denn Murdock hatte keinen Zufluchtsort ihr mehr anzubieten; ihr Vater meinte es heimlich gut mit ihr; und wenn wir gekraͤnkt ſind, muͤſſen wir nicht Andere kränken; ſo wollte ſie nicht entfliehen, ſondern des Vaters ſeyn; und geduldig ſetzte ſie ſich vor ſeine Thuͤr, bis es Morgen wuͤrde, um ihn durch Anklopfen nicht zu ſtoͤren— und aus Furcht vor der Mutter. S di Frau! O'Kennyon war es nicht entgangen, daß Phi⸗ lidor's Mutter erſt jetzt eingewilligt— zu ſeinem Geburtstage— ihren Sohn zu beſuchen, nachdem er ihr im Erzaͤhlen leicht eingeſtreut: Herr Crawford werde nicht eher wieder von ſeinem Lager aufſtehen, — 1 als am juͤngſten Tage, und: Philidor wuͤnſche Si⸗ donia zu heirathen. Er wußte aber, daß es ſo ſchlecht mit dem Kranken nicht ſtand, und als nun an eben dem Morgen nach dem Don Juan Miſtriß Sarah gekommen, da uͤbernahm er faſt ungeduldig fuͤr ſeinen Philidor— denn er hatte ihn, wie man ſagt, in der Taſche— nun bei Herrn Crawford um Sido⸗ nia zu werben, vor welcher ſich Philidor ſchaͤmte; denn welcher Mann irgend ein Weib beleidigt oder zuruckſetzt, der hat alle um Vergebung zu bitten, außer: die vorgezogene kuͤnftige Braut, wenn ſie nicht ſo zart denkt, wie Sidonia. Als er Miſtriß Sarah mit Murdock im Park wußte, ging er den Gang hinuͤber. Der Vormittag war ſpuni und warm. Herr Crawford, von Sidonia gefuͤhrt, hatte zum erſten Mal wieder gewagt, die ſchöne Fruͤhlingserde ſich an⸗ zuſehen— ein ganz ungeheures Unternehmen, eine einzige Gunſt fuͤr einen alten geneſenden Menſchen! wie Herr Star ſich ausgedruͤckt haben wuͤrde. Sie kamen O'Kennyon langſam entgegen. Er wuͤnſchte ihm Gluͤck, fuͤhrte ihn nun, und Sidonia ging ſinnend voraus. Da ſie ihnen vor Augen wandelte, war der uebergang des Geſpraͤches auf ſie, die leiſe Anfrage, der ernſte Antrag O'Kennypon ſehr erleichtert und mit zuverſichtlichen Worten gethan. Herr Crawford erwiederte ihm geneigt:„Wir werden hoͤren, was Sidonia meint; doch mir daͤucht: —, 138— Berenice wird ihr noch ein Hinderniß ſeyn, auch wenn ſie dem Freunde und der Freund ihr entſagt, wie es ſcheint. Denn es gibt noch Frauen und Maäd⸗ chen, die nicht glauben ein edles Werk zu thun, wenn ſie ſich an die Stelle einer Andern— Ungluͤcklichen eindraͤngen, und die Verdrängte dann am Arme des Erworbenen hold anlaͤcheln! Aber ſtarrer, hier nicht auf Selbſtſucht gegruͤndeter Widerſtand iſt Eigenſinn, und Sidonia nicht eigen. Sich geliebt, ſich begehrt zu ſehen, und die dadurch erregte Sehnſucht— gluͤcklich zu machen, gewinnt ein edles Weib am gewiſſeſten— und hat Sidonia ſchon einmal gewonnen. Ich habe ſchon einmal ihr Schickſal gemacht, und biete dazu meine Hand auch jetzt. Ich kann ein mit Willen un⸗ verheirachetes Maͤdchen von dreißig Jahren, oder eine nicht wieder heirathende Witwe recht bitterlich haſſen, ja oft verachten, wenn ſie nicht ganz außerordent⸗ liche innere Gruͤnde hat. Auch iſt nichts elender und ungluͤcklicher, troſtloſer und widernatuͤrlicher, als ein Weib ohne Mann— eine halbe Scheere ohne den andern Fluͤgel, wodurch man erſt ſchneiden kann; eine Roſe ohne Stiel; ein verwehtes Blatt; ein koſtbarer Ring im Magen eines Haifiſches— nur daß die Welt noch ärger iſt fuͤr das einſame Weib. Und an ihrem Ungluck ſind oft die Urſachen: Stolz, verſchiede⸗ ner Stand, Furcht vor Armuth, Vorſpiegelungen des Herzens von wahrer Liebe, Unkenntniß des— oft mit einem Male auf immer ausgeſchlagenen Gluͤckes. Ein — 332 Mann, ſelbſt trockenes Brot bei ihm, mit ihm und den Kindern gegeſſen, iſt einer Frau beſſer und koſt⸗ barer, als die ganze uͤbrige Welt, als Bewunderung und eitler Ruhm und Kampf mit dem Schickſal oder dem Herzen, als wenn die ganze reiche Welt nicht im Gleiſe waͤre, ſobald wir ihr Gleis betreten, gleichviel aus welchen Leiden oder Irrwegen. Darum riß ich beinahe Sidonia von dem Theater! Denn ein Weib darf nur ſeyn oder uͤben, wobei ihr Hauptzweck beſteht — Mann, Kinder, häu liches Gluͤck. Ein Jeder iſt ſich ſelber der Naͤchſte, und wenn ſie einer Stadt, ei⸗ nem Volke, ja Voͤlkern ſogar, Entzuͤcken— furore erregte, ſo iſt das zu theuer erkauft und nichtig gegen das weibliche eigene Leben, und gerade ein Zeichen von innerer Verſchrobenheit der Seele, von Verirrtſeyn oder Verirren ins Ungluͤck, wonach dann freilich die herzloſe Welt nicht fragt, die Maͤnner ſich todt boxen läßt, nur um Etwas zu ſehen! Ich habe Sidonia redlich ge⸗ rathen, ob ſie gleich meine Tochter nicht iſt, wie Sie vorhin erſt ſelber meinten, ja ausgedruͤckt, guter O'Kennyon!“ „Alſo ſie iſt Ihre Tochter nicht?“ fragte ihn dieſer mit iangem Blick in ſeine Augen. „Die Welt thut mir die Ehre an, mich fur ihren — naͤmlich Sidonia's— Vater zu halten!“ laͤchelte Herr Crawford;„aber ich habe eigentlich nur die Ehre Sidonia angethan, die Meinung zu dulden, damit ſie einen ehrlichen Namen habe, obgleich ein — 140— geheimnißvoller oft intereſſanter iſt. Ich hatte Ver⸗ mögen, und mochte der laufenden Welt nicht die⸗ nen— als welches ſo ſchwierig iſt, wie einen Haſen im Laufe zu raſiren, ohne ihn zu ſchneiden oder ſich — vielleicht weil ich es nicht verſtand oder den Muth nicht hatte, das heißt den Leichtſinn der uͤbrigen hohen und niedern Beamten, die keck die Pferde und Kutſcher am Staatswagen machen. Verirren? In Sumpf ge⸗ rathen? Umwerfen? Je nun, der Wagen iſt nicht der ihre, ſondern blos der Menſchheit! Die reizendſte, ja großartigſte Weiſe, am Leben Theil zu nehmen, iſt, nach meinen Gedanken, ein wirkſamer Theaterfreund zu ſeyn. Selbſt ein Dichter vermag nicht ſo viel; die Welt iſt unausſprechlich groͤßer und reicher, als er, und waͤr' es Shakeſpeare! und jeder veraltet, und waͤr' es Sophokles! Die Menſchheit, und alſo die Kunſt, iſt ewig neu, und das Neue erſchuͤttert nur wahrhaft den ganzen Menſchen, ſo wie er denn jetzt iſt. So dient' ich denn der ſtehenden Welt— dem Theater, dem Spiegel der Zeiten, worin das Voruͤbergehende bleibt— mit allen Kraͤften. Ich hab' ihm manches Talent entdeckt und zugezogen. Nun wohnt' ich vor ungefaͤhr zwanzig Jahren mit einer Witwe in einem Hauſe,— mein Gott, wie hieß ſie doch! Nun, wie ſie wolle— aber ihre kleine Tochter hieß Sidonia. Ich ſah ſie täͤglich. Ihre kindliche Anmuth, Schoͤnheit, Geſtalt und Stimme, ihr Talent, vor Allem ihre ſchmachtende Sehnſucht, ihre Leidenſchaftlichkeit ließen — mich— Alles in der Entfaltung gedacht— eine herr⸗ liche Schauſpielerin in ihr vermuthen. Scheiden loſt und knuͤpft ſogar manche Verhaͤltniſſe raſch, und draͤngt zu Entſchluͤſſen.— Die Frau zog fort und uͤberließ mir das wenig geliebte Maͤdchen, ſie verſtieß ſie gleichſam, indem ſie ſich von ihr wandte, auf immer. So ſcheint es mir nun. Denn die Frau iſt wahrſchein⸗ lich verarmt und geſtorben, weil ſie niemals mehr nach dem Kinde gefragt, ob ſie gleichwohl ſeine Beſtimmung kannte— und ich ihr bekannt war, und ihr einen Ort bezeichnet, wo ſie immer Nachricht von mir und Sidonia haben koͤnnte! So geht's in der Welt.“ „Wahrlich, ſo geht es! ſo iſt es gegangen!“ ſprach O'Kennyon. Zorn und Freude ſpielten in den Muskeln ſeines Geſichtes und bekaͤmpften ſich, bis die Freude ſiegte. Seine Augen ſptachen gleichſam ein ſtilles, geiſterſchnelles Te Deum zum blauen Himmel. Sidonia, weit vor ihnen wandelnd, nahm, wo die Wege ſich theilten, einen Pfad ins Gebuͤſch an, um die von einem großen bluͤhenden Kirſchbaum beſchattete Bank zu vermeiden, auf welcher Herr Murdock und die blinde Miſtriſt Sarah ſaßen. Aber O'Kennyon fuͤhrte den ſchweigenden Freund auf dem Wege gerade fort, der ſie mit jedem Schritte naͤher zu der Blinden brachte, und ſo fragte er kaum mehr unbefangen: „wuͤrden Sie wohl das Weib noch kennen?“ „Sie ſteht noch vor meinen Augen, mit ihren duͤſteren Zuͤgen, mit dem niedergehaltenen Blick,“ ent⸗ gegnete Crawford. Und indem er, der Blinden nahend, ſie erſt gewöhnlich neugierig, dann leiſe, bald deutlicher und zuletzt deutlicher und zuletzt deutlich er⸗ innert, und ganz uͤberraſcht auf ſie hinſah, die eben jetzt ſich erhob, um weiter zu gehen, durch die Begeg⸗ nung ihm ſchneller naͤher kam und an Murdock's Arme nun vor ihm ſtand; da rief Herr Crawford mit Haſt und Erſtaunen, daß ihm ſein Stock aus der Hand fiel:„Da iſt die Frau! Da ſteht Miſtreß Sarah! So wahr ich lebe! Ja ſo hieß ſie: Sarah! Sarah!“ Die Blinde, vom Ton und Vorwurf der Stimme und des Anrufes getroffen, ſtand beſturzt und erroͤthend und rollte die Augen. Sie wollte entfliehen. O' Kennyon faßte ſie an der Hand, ſtellte ſie, etwas ſeltſam, Herrn Crawford vor und ſprach:„Sir Philidor's Mutter!“ „Sie leben noch! und fuͤr welche Freude! Dort wandelt Sidonia!“ ſprach Herr Crawford, und rief, ſo laut er konnte, in das Gebuͤſch:„Sidonia Sidonia!“ Sie wollte ſich entwinden.„Nur ein Wort!“ bat ſie O'Kennyon mit einer Freundlichkeit, die ge⸗ daͤmpfte Rache ſchien.„Nur ein Wort: Iſt der Mann hiet ein gewiſſer Herr Crawford?“ Sie ſchwieg. „Sie iſt es! Und ſo bin Ich es! wenn Ihnen das hilft,“ verſicherte dieſer.„Sie verlaͤugne mich nicht — und nicht laͤugnen iſt das Geſtaͤndniß der Weiber.“ * — 143— „Herr Crawford!“ ſprach Sarah entruͤſtet. „Das iſt genug!“ verſetzte O' Kennyon und ließ ſie los. Und wie von einem Feuer verfolgt— wie die Flamme denjenigen nachflattern ſoll, die ein Haus verwahrloſet— lief jetzt die Blinde, ſo ſchnell ſie ver⸗ mochte und ſo gerade ſie konnte, in ihrer Blindheit davon und— dem See zu. O'Kennyon ſtand wie verſteinert und blitzte ihr mit den Augen nach; Herr Crawford konnte nicht hoffen, ſie einzuholen, und Murdock, der ſeit 25 Jahren wieder zu laufen verſuchte und hinter ihr drein rief:„ort iſt der See! dort iſt der See!“ ſah nicht auf ſeinen Weg, ſtolperte weithin und fiel. In dieſer Friſt war Sidonia glucklich erſchienen. Sie hatte ihren Namen rufen gehoͤrt, ſie ſah, ſie eilte der Blinden zuvor, fing ſie in den Armen auf; Herr Murdock erreichte die beiden Frauen, und wahrſchein⸗ lich bat Sarahn ſie fort, nur fort zu fuͤhren, in die Einſamkeit, auf ihr Zimmer; denn man ſah, ſie ge⸗ leiteten ſie nach dem Schloſſe und verſchwanden in dem Portal. Jetzt nahte Philidor den Männern. Der kleine William fuͤhrte das Reitpferd hinter ihm her. Sein Nahen machte Herrn C rawford verlegen, der Mutter willen, bis ihm O'Kennyon ſagte: hier ſey nur von Sidonia's Stiefmutter die Rede. O'Kennyon aber ging Philidor freudig entgegen, reichte ihm die Hand und vertraute ihm läͤchelnd:„Sidonia iſt Ihre!“ —— Philidor blieb uͤberraſcht ſtehen, ſah bewegt auf Herrn Crawford, und wollte den guten Alten umarmen. „Ich verdiene vielleicht ihren Dank, doch anders!“ ſprach Herr Crawford, ihm wehrend. „Denn,“ fuhr O'Kennyon ſort:„Sidonia wird ſich bedingen, daß Sie Verenice zugleich die Hand als Ihrer Gemahlin reichen!“ „Sie ſpielen Komoͤdie mit mir!“ ſprach Phili⸗ dor ernſt. „Vielleicht!“ meinte O'Kennyon;„doch kein Trauerſpiel. Sidonia iſt Ihre! Aber— ſie war nicht als liebliches Kind im Schiffe geſtorben, und, auf ein kleines Bret gebunden, todt hinaus in die See begraben worden! das arme Kind! Das beſchwur Ca⸗ pitän Norris. Sidonia iſt auch nicht in Chelſea begraben! Das hat der Pfarrer bezeugt.— Ein Herr hatte ſie von der Mutter genommen; ich erfuhr den Namen, ich verfolgte die Wohnorte, und jener Herr iſt gegenwaͤrtiger Herr Crawford, der Sido⸗ nia's Stiefmutter, Ihre wahre Frau Mutter Sarah, jetzt eben geſehen und wiedererkannt! So ſtilles Han⸗ deln und ſolche Schonung empfahl der Brief. Ihres Herrn Vaters, und die Ruckſicht fuͤr Sie, Sir Phi⸗ lidor! Ihr guͤtiger Auftrag iſt erledigt! das Denkmal desgleichen! Doch hat es— ganz wider die Natur derſelben— hier zu der Lebendigen hingefuͤhrt! So iſt ſie die Ihre!“ — 145— Und mit gefaltenen Haͤnden ſprach Philidor, als ſey der Himmel ihm plotzlich, wie eine Zaubethoͤhle, verſchuͤttet:„Sidonia iſt meine Schweſter— Und nach langen Gedanken ſprach er wie auflebend und als entſtehe, wie am Morgen nach dunkler Nacht, eine neue Erde vor ſeinen Augen:„meine S iſt Sidonia!“ Und ſo begehrte er herzlich nach ihr, guon gin doch langſam zum Schloſſe, 3 ihm die Maͤnner folgten. In der Halle kamen ihnen Cumto und La⸗ moural entgegen. Camillo ſagte dem Freunde ge⸗ ruͤhrt:„es iſt droben nicht auszuhalten, lieber Baronet! Nun biſt Du uns wieder lieb, denn wir haben ſo viel Freundſchaft fuͤr Dich, nun Deinem Willen das anzu⸗ rechnen, was das Schickſal jetze fuͤr Dich verfuͤgt— denn Du wirſt es nun wollen! Bisher hatte Dein Betragen uns von Dir velwieſen, und guͤcklich fuͤr uns— in unſere Kunſt! Aher wenn der Freund nicht redlich denkt und handelt, o glaube das mir! das kuͤmmert die redlichen Freunde, und jetzt ſey es geſagt — wir waͤren gegangen!“ „Fermate!“ ſprach Lamonval⸗„Die droben ſind verſoͤhnt! Wir ſind verſoͤhnt. Die Mutter hat ſich nur geſchaͤmt, ihr fruͤheres Unrecht einzugeſtehen— eine reichliche Quelle von neuem! Hätte ſie nun auch unſern Philidor ohne Schweſter gelaſſen, ſo iſt ſie doch, heimlich— redlich genug, jetzt gekommen, ſeine Schefers neue Nov. 1V. 10 — 146— Vermaͤhlung mit ihr zu verwehren; und daß vorher kein Ungluck entſtehe, ſchien ihr durch Sidonia uͤber⸗ fluſſig verbuͤrgt. Sie wird ihr das lebensgroße Bild ihrer indiſchen Mutter jetzt holen laſſen, an welchem nur der Rahmen mit den Edelſteinen fehlt, die ihr Vermoͤgen ausgemacht und ſie ernährt, bis ſie es ver⸗ loren. Ihre Blindheit hat ihr nicht Strafe genug ge⸗ ſchienen, und ſo iſt ſie noch in das Arbeitshaus ge⸗ gangen!— Und nun fuͤr immer genug davon! Da kommt Sidonia, noch ganz wie traͤumend, von ihr und trocknet ſich die Augen!“ Alle ſchwiegen, zur Erde ſehend. Philidor und Sidonia rreichten ſich ſtill als Geſchwiſter die Hand. Aber der vorige Zug der Liebe trieb ihn noch fort— ſie auch zu umarmen und ſie an ſein Herz zu druͤcken! Und auch Sidonia, nun eines Zwanges entledigt, den Pflicht und Gewiſſen ihr aufgelegt, kuͤßte ihn herzlich und doch erroͤthend, weil ihr das neu war gegen Philidor. Die Scheidewand war gefallen, welche die Natur zwiſchen Liebenden aus Silberſchleiern errichtet, hinter welcher ſie, erfuͤllt mit Sehnſucht und Schaam, mit Vorſicht und Ehre ſtehen und lauſchen, fuͤrchten, ſorgen, hoffen und weinen, bis ſie heimlich genug ſich geſehen und auswendig wiſſen, bis Eines leiſe zu dem Andern wird, und Beide ein⸗ ander vertrauen. Dann faͤllt der Silberſchleier. Nun aber fußten ſie plötzlich auf die Natur, durch ihre muͤtterlichen Bande verbunden, und trauten ſich gleich — 141— alles Gute und Liebe zu, in allen Ehren und Zuͤchten, wenn auch noch heiß, wie ſo eben geloͤſchter Stahl, ohne nun mehr zu begehren und begehren zu duͤrfen, als das Gluͤck und die Wonne des Lebens des Andern — durch Andre! „Nun eilſt Du doch zu Berenice! mein Bru⸗ der!“ fluͤſterte ihm Sidonia zu. Da erwachte Philidor gleichſam. Er weinte, oder hielt doch die Augen in den Haͤnden verborgen, indem das Haupt ihm vor Wehmuth ſank. Er um⸗ armte noch einmal raſch ſeine Sidonia, eilte hinaus, ſchwang ſich auf das harrende ungeduldige Pferd, und ſprengte davon. „O Himmel, der arme Vater! wenn er uns ſo geſehen!“ ſeufzte Sidonia. Und O' Kennyon ſchlich ſich hinweg. Di e PVer ſt o ß ene⸗ Philidor eilte zur Hoͤhe hinauf, zur Sternwarte, wo er Berenice wußte. Seine Seele war voll vom Gedanken, ſein Unrecht gut zu machen, und von dem Vertrauen, es auch zu koͤnnen, da er es mit einer Liebenden zu thun hatte, mit welcher er alſo ſchalten und walten moͤge. Wer aber von der Liebe gewichen, wer je 40 — I3— den Weg des Unrechts betreten, der hat ſich dadurch in der Welt wie aus der Welt geſchieden und von ihrem heiligen Strome und Leben geſondert. Und entſpricht die Na⸗ tur kaum immer gleich dem reinen Verlangen des Gu⸗ ten und Liebenden, ſo empoͤrt ſie ſich ſogat, und mit Recht, gegen den Boͤſen; ſo bequemt ſie ſich ſelten und ſchwer dem Reuigen, der eine Miſſethat gut ma⸗ chen will, da er die Zeit zu dem freudigen Wirken umſonſt verlaufen ließ und ihr Strem in einer ganz andern Richtung den Gegenſtand fortgefuͤhrt, den er ihm einſt gebracht, um ſein Herz und ſeine Liebe daran zu uͤben und die himmliſche Secle daran zu bewaͤhren; Nur das Gemeine iſt immer gegenwaͤrtig, immer moͤg⸗ lichz je hoͤher, je herrlicher aber etwas iſt, deſto mehr iſt es, wie ein Sieg, an die goͤttliche Gelegenheit im Geiſterreiche gefeſſelt. Und ſollte die Liebe gemeiner ſeyn als ein Stuͤck Brot, womit Niemand mehr einen Armen erquicken kann— wenn er verſchmachtet iſt? Berenice ſaß im Garten, der die Warte um⸗ gab. Ihre Kraͤnkung hatte ſie ſich ſelbſt durch ihre Flucht vergroͤßert und laut geſtanden. Die Stiefmutter hatte ſie hart angelaſſen, ja wieder zuruckfuͤhren wollen, und ſo war ihr ſelber die Duldung des Vaters ſchmerz⸗ lich, weil ſein Herz gleichſam droben im Himmel ſchlug, oder ſein Auge nur das Objectivglas eines Fernrohrs war, durch welches ein wunderlicher Geiſt hoch aus der aͤußerſten Ferne zur Erde ſah, und nur bemerkte, was jener bemerken wollte, mit kuͤhlem ruhigem Sinn⸗ — 0— Herr Star, zum Beſuch gekommen, empfand ihre Kraͤnkung als einzig und hoͤchlich fuͤr ſie, und verwarf den Schuldigen. Sein geliebtes Weib, ſeine Lydia, aber trug ihr kleines Kind in den Park hinaus und zeigte ihr dadurch ein ſelig⸗ſchmerzliches Bild. Von dem Geliebten nicht mehr geliebt, kam ſie ſich uͤber⸗ fluſſig vor und wunderte ſich, daß ſie micht auch leiblich geſtorben, daß der Wind ihr ſchoͤnes Haar nicht fort⸗ wehe, oder die Waͤrme der Sonne ihre Geſtalt nicht ſchmelze und aufloͤſe in die Duͤfte, daß der Menſch noch fortdauere, auch wenn er elend geworden, und nicht mehr leben kann oder mag. Und doch hatte ſie ſo eben eine geknickte Tazette verbunden und ihr eine kleine Stuͤtze gegeben, und vielleicht tief im Herzen dabei gedacht, wenn die Blume ſich wieder ausheile, dann werde ſie es auch. Denn das einzige Mittel— den Geliebten zu haſſen, zu ver⸗ achten, dahin ſeyn zu laſſen, vermochte ſie nicht ein⸗ mal zu denken, weil tveue, reine Liebe feſt an ihrer Liebe haͤlt. Sie verſtand aber nicht, oder vermochte nicht— wenn es irgend Jemand moͤglich iſt, dieſe Liebe ſelbſtſtaͤndig, unabhaͤngig von dem Gelicbten zu fuͤhlen und zu trahenz und nun von Gegenliebe gleich⸗ ſam nicht mehr uͤber dem Sttomd des Lebens gehalten, wuͤnſchte ſie, von der Laſt ihrer Liebe reglos hinabge⸗ zogen, in ſeinen Sttom zu verſinken. 2 Da hoͤrte ſie Hufſchlag. Philidor, der ſie ge⸗ wahrt, ſetzte ungeduldig uber den niedrigen Zaun. Sie „ — 150— erſchrack; ſie ſprang auf. Das Pferd ſcheute ſich, im Sprunge gewendet, vor ihrer weißen Geſtalt; es prallte ſeitwaͤrts, ſtuͤrzte und warf ſeinen Reiter wider die ſteinernen Stufen der Thuͤr; es raffte ſich auf, es trat ihm mit dem Eiſen am Kopfe herab, blutig, ſetzte wieder hinaus ins Freie und jagte wiehernd davon, in unbaͤndigem Uebermuth. Berenice hatte nur einen Schrei gethan. Wie er erbleichte, erbleichte ſie; wie er blutete, ſtund ihr Herz ſtill; wie ſein Auge erſtarrte, ward ihr zum Sterben. Sie kniete zu ihm— er konnte nicht ſprechen, ein Zittern, wie des Todes, durchrieſelte ihn, er athmete noch einmal, er ſchloß die Augen, er verwandelte ſich— da war es um ſie geſchehen. Herr Ormond und Herr Star kamen eben Arm in Arm aus dem Parke zuruͤck. Beide blieben im erſten Schrecken mit Scheu, ja mit Ehrfurcht vor der Natur ſtehen, die hier gewaltet mit ihren ſchonſten Gebilden, den Menſchen. Sie konnten ſich Beide nicht faſſen, nicht zu ſich kommen. Herr Ormond, kaum mit dem Geiſte zuruͤckgekehrt aus der Ferne der heiligen Nacht, vom ſtillen Anſchauen der ſtillen Wunder, jener großen Vorgaͤnge, an welche die Namen: Ereigniß, Begebenheit, Schickſal nicht reichten, noch voll jener tiefen Ruhe, jenes heiligen Friedens und unſtoͤrbarer Seligkeit, und doch vom Gefuͤhl des ſterblichen Men⸗ ſchen, des liebenden Vaters zugleich bedraͤngt, brachte nur die Worte hervor:„ein Erdereigniß! wie die Men⸗ 5— ſchen es nennen, ein Trauerfall!“ und dabei war er erblaßt, und ohne daß er es wußte, ſchlichen die treuen Thraͤnen aus ſeinen Augen, die auf die Tochter ſtarr⸗ ten, und verriethen den Vater. Er erhob ihre Hand und ließ ſie fallen— ſie ſchien ihm todt, und er wollte ſprechen:„was iſt es weiter! es iſt nur wenig Athemzuͤge zu fruͤh geſchehen! Kein Vater ſollte ſeine Kinder todt ſehen— das iſt gegen das Geſetz der Na⸗ tur, wenn auch nicht gegen ihr Herkommen! Nun iſt ihr Geiſt ſchon im Himmel— in wenig Secunden ſteigt mein Blick ſchon bis zum Uranus. Hatt' ich nicht Recht, daß ich kein rechter Vater war, daß du meine wahre Tochter nicht warſt— o meine Berenice!“ So ſich vergebens anſtrengend, im ewigen Sinn der Natur zu fuͤhlen und Sterbliches anzuſchauen, ver⸗ gingen ihm die Sinne, und er ſchwankte in des Freun⸗ des Arme. Herr Star troͤſtete ihn und ſprach:„Du haſt es geſagt, fromme Seele: ſie iſt im Himmel! war ſie doch hier ſchon darin, nur daß man in dieſen heiligen Raͤumen ſtirbt— iſt eben die ſchrecklichſte Luͤge, der baarſte Unſinn, es iſt nicht wahr und ganz unmoͤglich. Aber ſind ſie denn auch fuͤr die Erde todt? Siehe doch, der recht ehrbare Herr Baronet regt ſich ja! er ſetzt ſich auf! der Herr Baronet bluten!“ Und ſchnell ſtand er ihm bei; er rief nach Frau Ormond, die mit bloßen Armen erſchien, die Schuͤrze heraufgeſteckt, die Plattglocke in der Hand. Sie ſah, ſie uͤberhaͤufte Philidor mit Namen und Titeln, die eben ſo viele verdiente Vorwuͤrfe waren. Sie vertrat ihm den Anblick der Tochter, waͤhtend beide Aſtronomen ſie hinein auf ein Bett trugen; und ſo blieb er, ſich muͤhſam erholend, im Freien. Herr Stat ſchickte das Madchen nach dem Arzt, den er bei Herrn Craw⸗ ford wußte. Er kam nach einer aͤngſtlichen Zeit, die allen Kranken die zeitliche Ewigkeit ſcheint. Er beſorgte zuerſt und erquickte Philidor, der dann nach ihm leiſe ſich zu Berenice ſchlich, ſie beweinen wollte und beklagen, und nicht durfte und nicht vermochte, waährend die Bemuͤhungen des Arztes vergeblich blieben und Be⸗ renice todt ſchien, weil ihr Geliebter geſtorben. Sidonia's Erſcheinung machte eine erſchuͤtternde Wirkung. Frau Ormond war der Athem verſetzt, und mit laͤchelndem Hohn deutete ſie ihr nur, ſie ſelbſt im Auge behaltend, auf Berenice. Sidonia um⸗ ſchloß ihren Philidor und verbarg ihr Geſicht an ihm, froh, daß er lebe. Herr Ormond bemerkte dieſe Zaͤrtlichkeit, und in ihm ging eine ſtille Sinnesaͤnderung vor, waͤhrend er ſeine Augen geſchloſſen hielt und manchmal wieder in die Scene unter den Wimpern hervorblickte, als vergleiche er Himmel und Erde, reines himmliſches Le⸗ ben und treue Liebe mit Falſchheit und irdiſchem Tand. Selbſt Herr Star drohte laͤchelnd Sidonia mit dem Finger und ſprach wie fur ſich:„meine Mei⸗ nung iſt, daß die hier Geſtorbenen nicht uͤberall todt ſind, ſondern nur uͤberall lebendig, daß ſie ſehen — 153— und hoͤren und ihre Geliebten umſchweben. Alſo, das erheiſcht Ruͤckſichten! das warnt uns, rein im Herzen zu ſeyn!“ Und unfaͤhig, laͤnger auszudauern, Dinge vor Augen zu ſehen, die mit ſeiner Ruhe, ſei⸗ nem heitern, liebevollen Anſchaun einen bittern Kampf begonnen, ſchlich er ſich leiſe hinaus in den Fruͤhling ſein und ſein Kind zu ſehen— nur von weitem! Sidonia bewog das ſuͤß⸗ſtolze Gefuͤhl, vurzunit zu ſpe zum Schweigen. Der Arzt, von Berenice ablaſſend, vertraute Frau Ormond leiſe an, daß Si⸗ donia Philidor's Schweſter ſey⸗ Das betaͤubte, ja beruhigte ſie einen Augenblick, und bewegte ſie dann erſt zu doppelten Thraͤnen und Klagen. Philidor nahm das wahr und klagte mit ihr, nicht die Klagen des reinen Schmerzes, die den Men⸗ ſchen groͤßer und himmliſcher machen, ſondern die Kla⸗ gen der Schuld, die ihm das Herz und ihn hinab zur Erde beugen. „Seyn Sie ruhig, Herr Baronet!“ trat Fi Herr Ormond an.„Die Sache iſt ſo unendlich wichtig nicht, wer recht verſtände zu weinen, der muͤßte auch Thränen vergießen, wenn eine Bluͤthe vom Baume ſchneit! Iſt ſie auch todt, das verſchlaͤgt ihr nichts! und wenn wir ſie lieben, ihr wohlwollen— dann verſchlaͤgt es auch uns nichts! Hier und dort iſt einerlei, in einer Welt! Dort, iſt dort: hier! und wir leben hier in der andern Welt. Geht die Sonne in Europa — 154— unter, ſo geht ſie in Amerika auf, und hauptſaͤchlich darum, weil ſie hier untergeht. Alſo ganz ruhig, Herr Schwiegerſohn! Wir haben Grund, anzunehmen, daß auf andern Geſtirnen oder Gaſthaͤuſern der Geiſter, der blaue Himmel roſenroth iſt, oder ſtrohgelb, und das Morgenroth— gruͤn! Denken Sie, wie ſchoͤn! Wie Berenice das bewundern wird auf die engliſche Nebeldecke! Ja dort oben kann ſie wohl von ihrer Mutter wirklich engliſch ſprechen lernen, wenn Engel dort wohnen, da ſelbige nach Moore ſelbſt hier ge⸗ wohnt und ſich verheirathet haben, wie Herr Star glaubt. Alſo ganz ruhig! Ausziehen muͤſſen wir Alle von der Erde. Geſetz iſt Geſetz— durchaus. Im Himmel ſind keine Staaten und Grenzen. Wie ſich der Waſſertropfen bildet, bildet ſich der Komet! Was im Kleinen geſchieht und gilt, kann dort im Ungeheuern geſchehen und gelten! Es kann Perlen geben, wie Sonnen, Moſchus baͤume und Kampherthiere, Klapperelephanten und Schlangen mit Elephantenzaͤhnen, Meere von Silber, Luft als Meer und Voͤgel als Fiſche darin; kurz ein ganz neues brittiſches Muſeum, das wohl einer, freilich etwas eignen und verwunder⸗ lichen Reiſe werth iſt. Wer aber wohin will oder ſoll, muß wo obreiſen, laſſen Sie mein Maͤdchen alſo— jetzt eben— reiſen! Leben iſt eine Durchreiſe, die Erde ein Wirthshaus, worin die Gaͤſte todt geſchlagen und im Keller begraben werden— zum Schein.— Reiſen Sie nach! In zwei Minuten muͤſſen Sie doch, — 55— und in einer Secunde ſind Sie dort. Alſo ruhig, lieber Herr Schwiegerſohn! Sterben und geboren werden, iſt gerade ſo wenig und viel, als in einem praͤchtigen Schloſſe zu einer Thuͤr hinaus⸗, zur andern hinein⸗ gehen!“ Als aber die Mutter jetzt ſchon vom Begraͤbniß ſprach, da gerieth der Vater in einen großartigen Zorn, in welchem er ſelbſt, wie gegen den Tod, ſo gegen die Todte, in tiefer Entruͤſtung lange umherging, und dann vor dieſer ſtillſtehend ſprach:„ich fange wirklich zu glauben an, daß etwas hienieden iſt! ja ſogar: daß ich bin! Ich behaupte alſo das fuͤr die Welt ent⸗ ſcheidende Wort: man kann ſeyn, auch wenn man vergaͤnglich iſt. Vergänglich ſeyn! vergängliches Seyn! Die Welt ſchwebt und klingt in der Luft, wie ein Hall aus einer ungeheuern Glocke, die Niemand hat anſchlagen hoͤren, und der Klang ſingt wie ein Engel um uns und uͤber uns, waͤhrend wir geboren werden und ſterben. Aber gewiß iſt einſt, einſt vor uns ein gewaltiger Schlag auf die Glocke geſchehen, woruͤber die Menſchheit erwacht iſt, nun blos den Geſang in der Luft hoͤrt und ſich wundert und weint— wie ich alter Menſch.“ Sidonia blieb, aus Wehmuth und Dankbarkeit und Schweſterliebe zu Philidor, bei ſeiner Berenice. Vom Arzt unterſtuͤtzt ſchied er im großten Schmerz. Als er aber ein Stuͤck in den Park hinabgeſchlichen, traf er Herrn Star, unter einem bluͤhenden Apfelbaume ſizend, der ſinnend in ſeine Schreibtafel ſchrieb und hinuͤberſah, wo ſein geliebtes Weib leiſe mit ſeinem Kinde gewandelt kam, das eingeſchlafen war, waͤhrend die Nachtigall ſang, waͤhrend ſie druͤben fern einen Todten begruben, und die Sonne jede Bluͤthe und jede Blume maͤchtig beherrſchte. Philidor tuhte bei ihm, und er reichte ihm ſchweigend hin, was er eben gedich⸗ tet. Und er las, zu ſeiner Strife die Weſihteſt Stſtine mit der wjehi i Die Velt macht Schlaf Die Mutter traͤgt ihr Kind hinaus zum Frähling, Zeigt ihm die Blüthenbäume rings, die Blumen Zum erſten Mal, und Wolken, Berg' und Sonne; Doch von dem Glanz geblendet, von den Liedern Der Vogel ganz berauſcht und von den Duͤften Lehnt ſich's an ihre Bruſt— und ſinkt in Schlummer. und dort, berſenkt in einen tiefern Schlummer, Begraäͤbt man einen Greis im hellen Fruͤhling! Was liegt Berauſchendes doch in den Duͤften? Was Sinnbetaͤubendes— gleich Erdenblumen— Was Schlummerbringendes— gleich ſuͤßen Liedern— Was haſt du Toͤdtliches an dir, o Sonne! Das beſte We üb. Philidor ſchloß ſich ein, theils wirklich krank an Leib und Seele, theils in Sorgen um ſeine Baronie. Denn nachdem O'Kennyon vom Arzte erfahren, daß er leiblich hergeſtellt ſey, drang er darauf, vorgelaſſen zu werden. Er ſagte ihm ernſt und ſtreng, daß der Proceß gegen ihn gewonnen ſey, und daß er das Ver⸗ buͤrgte bezahlen muͤſſe, daß er ſelbſt hauptſaͤchlich deß⸗ wegen nach England gekommen, um dieſe großen Sum⸗ men, in gefäͤhrlicher Hand, einzutreiben, und daß ein Käufer und Buͤrge, wie er, ihm ſehr angenehm gewe⸗ ſen. Philidor, von wirklich haxten Zufällen hetroffen und in große Ausgaben fortgeriſſen, ſtellte ihm verge⸗ beus vor, daß er ſeine Baronie verpfaͤnden, verſchulden oder verkaufen muͤſſe, wenn er auf Zahlung auf einem Brte dringes er bat ihn vergebens, mit Abtretung der ungemeſſenen Laͤndereien in Columbien indeß zufrieden zu ſeyn, da ſie in wenigen Jahren den dreifgchen Werth erreichen muͤßten. Er hat ihn um ſeinerg bisher an ihm bewieſenen Freundſchaft willen.— Da D' Kenn yon aber nur lachelte, hielt er plötzlich inne; Er ſah ihn an, er glaubte gefunden zu haben, daß der Freund ſein großter verkappter Feind geweſen, da Er ihm zum An⸗ kauf der Baronie die erſte Anleitung gegeben,. da Er bei jener, Verlierung der erſten Kaufſumme geweſen, da Er um den Diebſtahl wiſſe, da, wie er erfahren⸗ die Spieler O'Kennyon's Freunde geweſen, da Er ihn zur Heirath mit Sidonia heimlich gerathen— und Alles nur ſeines Geldes willen! Es fiel ihm wie Schuppen vom Auge. Aber der Mann laͤchelte fort und bat ihn nochmals: ihm binnen drei Tagen— der Friſt bis zum Gefaͤngniß— gerecht zu werden, indem er ihn die gerichtliche Mahnung gelaſſen auf den Tiſch legte. Philidor war außer ſich. Und nun bat ihn O'Kennyon wieder vergebens: nicht in den Fehler ſo vieler tauſend Menſchen zu fallen, die den Glaͤubiger haſſen und umbringen moͤchten, der ſein lange und guͤtig dargelehntes und rechtlich erworbenes Geld von dem Schuldner nun endlich bezahlt verlangt.„Wer uns mahnt— es ſey um was es wolle— der wird unſer Feind. Aber ich muß zuruͤck nach Indien— ſey ich denn der Ihre— nur zahlen Sie, zahlen Sie!“ ſchloß er.. Es fielen nun heftige Worte, harte, feindliche, un⸗ verſoͤhnliche! Philidor verbot ihm ſein Haus und wies ihm die Thuͤr— ließ den erſtaunten Mann ſtehen und rannte ins Freie. Er lief beinahe Sidonien in die Arme. „Weißt Du?“ fragte ſie ihn haſtig. „Ich weiß nichts, als daß O' Kennyon——“ „Du weißt alſo nicht!“ fiel ſie ihm in die Rede; „darum hoͤre mich jetzt gelaſſen an, mein Bruder, und fteue Dich! Du gingſt mit dem Arzte fort; wir blieben bis Mitternacht um Berenice, die mit einem weißen Tuch bedeckt lag, nach Art der Todten; wir troſteten — 159— einander und mochten halb eingeſchlummert ſeyn. Da glaubt' ich zu traͤumen: als rege, als erhebe ſich die weiße Decke, und falle— als ſetze ſich leiſe Berenice auf und blicke umher; mir ſchlug das Herz nur vor Freude, und ich lauſchte ſo fort im Traume— dem Traume. Jetzt ſteht Berenice auf, ſie ſtellt ſich mitten ins Zimmer, ſie blickt mich an, ſie ſtreckt die Arme nach mir— ich ſpringe auf, der Geſtalt an die Bruſt— ich erwache— ſie iſt's, es iſt Berenice! Nun erſchreck' ich und kann vor Furcht an ihrer Bruſt nicht ſchreien, gehalten von ihrer Umarmung. So mußt' ich bleiben.— Aber ihr Herz ſchlug! der Mund uͤber mir redete! ſo ſchwach! und redete ſo Liebendes und Banges! Da rieſelte die Furcht aus den Gliedern, ich wagte die Lebendige zu empfinden, ſie anzuſehen, und druͤckte ſie wieder entzuͤckt an mein Herz. Die Hilfe hatte nachgewirkt. Nun erwachte Herr Ormond in ſeinem Stuhle, Herr Star erwachte! und Du kannſt Dir die Reden, die Scene denken!— Siehe, dort kommt nun Deine Berenice wieder!“ Philidor, erſt erſchrocken, dann kaum erfreut, zuletzt hoch erroͤthend, wollte jetzt Berenice entgegen⸗ eilen, da ſie mit den Freunden langſam gewandelt kam. „Noch nicht!“ hielt ihn Sidonia.„Du weißt noch nicht Alles. Strafe muß ſeyn und Lohn. Die gute Seele! Was konnte ihr Anderes geſchehen, was der Himmel ihr Sanfteres geſchehen laſſen— als daß ſie nun meint: ſie ſey geſtorben, und lebe im Himmel, — 160— oder im Paradieſe! und alle tiefen Worte von Or⸗ mond und Star, die Sehnſucht und die Gefuͤhle der beiden Männer ſcheinen in ihr ein Weſen geworden zu ſeyn! Sie lebt, wo Ormond denkt zu leben, und fuhlt und ſchaut wie ſein Freund⸗“ „Das iſt ihr Gluck!“ beſeufzte ſie Philidor⸗ „Sie iſt eine Selige! und um dieſe zu ſeyn, iſt Alles um ſie geſtorben, was gelebt wie ſie; und nun lebt es, wie ſie, ſo ſelig und ſchoͤn und unſterblich. Wen ſie alſo erblickt, vor dem bebt ſie zuerſt wohl ein wenig, aber gleich iſt ſie entzuͤckt von ihm, und haͤlt ihn fuͤr einen guten Menſchen, werth am Ort der Seligen zu ſeyn! Darum ſcheue ſie nicht, als muͤſſeſt Ou ſie kränken. Komm, ſie erblickt Dich ſchon und ſinntl“ „Ich habe ſie doch zu tief gekraͤnkt.“ „Wir wiſſen!“— „Nein, tiefer als Ihr glaubt!“ „Wir wiſſen! und glauben deßwegent“ ſagte Si⸗ donia zu Philidor, der zur Erde ſah.„Aber ſey auch daruͤber unbeſorgt fuͤr ſie, was Du noch Heimliches auf dem Herzen haſt! Sie empfindet, wie jede reine kindliche Seele, kein Mißverhaͤltniß zwi⸗ ſchen dem Leben im Innern und der aͤußeren Welt. Ihre Liebe, ihre Herzensgute löſet ſelbſt die ſchwerſten Falle leicht, und ſie weiß die Schoͤnheit der Dinge und der Begebenheiten in ihrer Wohrheit herauszuheben, und ſo müßte der ſchaͤrfſte Beobachter ihr gegenuͤher geſtehen, daß nur ein liehloſer, verblendeter, oberflaͤchlicher 6— Menſch tiefen Schmerz, Aerger und Verdruß im Leben findet, und es Unſinn ſchilt, weil ſein Sinn und Gehalt nicht rein und ſchoͤn iſt; denn es waͤre ein Paradies um uns, wenn es in uns waͤre! und ſiehe, der Fruͤhling, der fuͤr Jeden, der das Wunder des Daſeyns zu ahnen vermag, eine wahre Himmelser⸗ ſcheinung iſt, unterſtuͤtzt und erhält ihren wachenden Traum!“ 2 Jetzt war Berenice genaht. Sie war blaß und veraͤndert im Antlitz; ihr Auge ſog gleichſam ein, was ſie ſah, und ſtrahlte die Seele gleichſam nicht von ſich, wie andere Menſchen. Sie trug einen Kranz von weißen Tacetten im blonden Haar, das golden, voll und lang ihr um Schultern und Huͤften ſpielte. Es donnerte eben; ſie horchte, ſie ſtreckte die Arme aus. Nun ſaͤuſelte ein unſichtbarer Bluͤchenduft voruͤber und krauſelte die Blumen auf.„Darin iſt er!— Das iſt er!“ ſprach ſie leiſe und ſelig, und kniete zu den Blumen, die er bewegt, und verbarg ihr Geſicht. „Sie meint den Vater im Himmel! der im Gar⸗ ten wandelt!“ ſagte ihm Sidonia.„D Gott, wie blind ſind wir! Doch ſieh nur, ſie iſt ein wenig engel⸗ haft— morgenlaͤndiſch gekleidet, ſo hold und ſittig! Und an dem weißen Kleide hat ſie ſelber mitgenaͤht! — im Himmel! laͤchle nicht uͤber die Frauen! es liegt etwas Hoͤheres in ſchoͤnem Putz; und in Edelſteinen, in Gold und Diamanten lieben die Menſchen— die Schoͤnheit, die Unſterblichkeit. Je unverwaͤſtlicher et⸗ Schefers neue Nov. 1v. 44 was iſt, je theurer, koſtbarer iſt es, wenn es ſelten zugleich und ſchoͤn iſt. Jetzt ſieht ſie Dich! Nun halte feſt, liebe Seele, und weine nicht, denn das macht ihr Schmerz. O ich habe heilige Tage mit ihr in dieſer Woche verlebt, tiefe Blicke in das Menſchenherz gethan, viel fuͤr meine Kunſt gelernt— aus Gewohnheit, die Welt zu bedenken, doch ſußer iſt es; ſie rein und ganz zu empfinden.“ Berenice ſah ihn an, ſchloß re Augen, als werde er dann auch verſchwinden, und bebte leiſe. „Sie glaubt, ſie iſt im Himmel!“ fluͤſterte ihm Frau Ormond zu. „Das hat nichts auf ſich, und iſt ſehr natuͤrlich,“ ſagte ihm Herr Ormond von der andern Seite. „Es iſt ganz einzig! doch recht lieblich“ meinte Herr Star. „Sie hat ein wenig den Verſtand verloren!“ ſegte ihm Herr Murdock. „Hat nichts zu bedeuten!“ bemerkte Herr Or⸗ mond;„r meint nur den wenigen— fuͤnfſinnigen Menſchenverſtand! Ich behaupte, es gibt da droben tauſend Sinne, wo man die Welt nicht blos fuhlt, ſieht, riecht, hoͤrt und ſchmeckt! Ich kann mich nur nicht verſtaͤndlich machen. Seyn Sie ganz ruhig, Herr Schwiegerſohn! Niemand kann die Sonne verfinſtern, als Gott, noch gar die Welt! Wie denn nun erſt die Liebe? Seyn Sie beruhigt!“ „Beſuchſt Du mich hier?“ ſprach Berenice zu —— — 16— ihrem Geliebten.„Biſt Du ſchon auch da? auch ge⸗ ſtorben?— oder hat Dich ein Engel aus den Reichen der Lebendigen entfuͤhrt? oder ſchläft Dein Leib da deun⸗ ten im irdiſchen Fruͤhling, und nur Deine Seele um⸗ ſchwebt mich? Ach, ich wuͤnſchte: Du waäͤreſt bei mir!“ „Ich bin bei Dir! Ich habe Dich wieder!“ ſagte ihr Philidor, ſie ſanft an ſein Herz druckend.„Ich weine, erſchrick nicht, es iſt vor Freude!“ „Gott vergibt alſo viel! ſehr viel! bedachte ſie ſich. „Er macht alle Menſchen ſelig ohne Unterſchied. Ver⸗ geben, vergeſſen und ſelig ſeyn! So iſt es. Ach, und auch ich— daß das die alte Erde waͤre, und ich jene Ungluͤckliche— ach, jene Schuldige— o wehe, weh— das erſt wuͤrde mich wahnſinnig machen! Aber horch nur, es ſind auch Nachtigallen hier— aber wie ſingen ſie— himmliſch, himmliſch!— Und wie es dort donnert! und die Wolke den Thau wie Perlen umher⸗ ſtreut! Und dort nun baut ſich ein Regenbogen! Er war auch auf Eiden ſchon hier aus dem Himmel, wie Alles, Alles auf Erden; drunten ſah ich ihn auch — aber ſo breit und hell war er nicht— ſolchen Frie⸗ den bracht' er mir nicht! Hier iſt mir wohl!“ Darauf ſetzte ſie ſich in die Blumen, und die kleine Syddi ſpielte mit ihr. „Nun muß ſie mein Weib ſeyn! Sie muß!“ ſagte Philidor zu Frau Ormond endlich frei und entſchieden, wie die meiſten Menſchen lieber etwas gut 14 machen, was ſie uͤbel gemacht, als feſt von im Guten ſich huͤten, es uͤbel zu machen. „Da ſie muß, ſo muß ſie!“ erwiederte dieſe. Lamoural aber war ganz beſonders erregt von dieſem Whim des Philidor: ein Maͤdchen zum Weibe zu nehmen, das im Himmel lebt— eine Himm⸗ liſche alſo, die auch den Mann zu einem himmliſchen Mann machen muͤſſe. Er konnte ſich alle nächſten und kuͤnftigen Scenen des Eheſtandes und der Mutter⸗ ſchaft nicht reizend genug denken fuͤr ihn, und das werde das Weib empfinden und denken, welche Erfah⸗ rung machen, die außer aller Erfahrung ſey! Er rieth und bat den Freund, ſie ja nie heilen zu wollen denn dieſen Frieden, dieſe Genuͤge könne kein Menſch und die ganze Welt, vielleicht auch in der fernſten Zukunft nicht, ihr wiedergeben, den ihr ein Gott im hoͤchſten, reinſten Maße geſchenkt.„Sie ſieht kein Uungluͤck in der Welt, ſie ſtiftet gewiß keins!“ fuhr er fort.„Alle Erinnerungen durfte ſie mit hinuͤberziehen, ſie ſpricht nur von der Erde, wie von einem unab⸗ ſehlich tief unter ihr gelegenen Orte, und von dem, was vor einem Jahre geſchehen, wie vor langen Jahr⸗ hunderten vorgefallen— alſo mit Ruhe, und in der Ruhe mit Liebe, und ſie betraͤgt ſich ſö anſtaͤndig, als in der hoͤchſten Geſellſchaft und an dem ehrwuͤrdigſten Orte— naͤmlich im Himmel.— Ich rathe gar ſehr zu der Heirath!“ — 165— „Verrathe Dein Weib nicht weiter, und laß uns nicht tiefer in Deine Hoͤlle ſehen! Du weißt nicht, wie vorſichtig ein Ehemann reden muß;“ gab ihm Camillo zu verſtehen. Herr Ormond gab Herrn Lamoural vollkom⸗ men Recht, und ſprach:„auch ich rathe gar ſehr zu der Heirath!“ „Ich verſtehe!“ ſprach Philidor.„Freunde, Ihr ladelt mich, denn alle Frauen ſind unbeſchreiblich gut, wenn ſie die Männer nicht ſchlimm machen und ſchlimm nicht ſelber ſind. Ihr habt Recht! es war zu erwarten, daß ein vernuͤnftiges Weib recht arg bei mir ward, aus— Vernunft und Liebe. Die Frau, die uns Alles thun und ſagen, denken und glauben laͤßt, liebt uns nicht, und die Liebe iſt hoͤher, alſo mir auch lieber als alle Vernunft. Nun will⸗ ich ſtark ſeyn— im Glauben! vor Allem aber: geduldig in der Liebe! Auch ſo hat die Stelle Sinn und Kraft. Steigt uns ſchon das Blut ins Geſicht, wenn wir etwas leibhaftig und wirklich geworden ſehen, das wir nur bisher in der Phantaſie getragen, wenn Irdiſches ſich in Stoff der Kunſt verwandelt, ſo fuͤhl' ich mein tiefſtes. Weſen nun eigner ergriffen, nun ich Jemand erblicke, ja mein nennen darf, den es auf der Welt nicht geben kann — eine Selige, wenn die Erde wird, was ſie nicht iſt— ein Paradies! und mit widerwilligem Erſtaunen konnte ich meinen: der Wahnſinn iſt die Region fuͤr Menſchen, die in der rauhen Erdenluft nicht zu dauern — 365— vermochten— er erfuͤlle eine Luͤcke des Lebens, die groͤßte, die ſchrecklichſte, und erfulle ſie wunderbar, frei und leicht, ſchwebend und feſt— eine Luͤcke, die der Menſch— die ich ausfuͤllen ſollte! und die ich nun ausfullen will, wenn Berenice nicht meint: im Him⸗ mel freie ja Niemand. Aber leider iſt ſie noch eine Sterbliche, und bedarf der Liebe zumeiſt, da ihr Mangel und ihr Verluſt ſie der Erde entzog und vielleicht ſie der Erde wiedergibt. Sidonia wird ſie leiten. Und ſo ſeyd denn Alle zum dritten Tage zur Hochzeit ge⸗ laden!“— Er entzog ſich der Geſellſchaft, ſchrieb Briefe, ſchickte reitende Boten nach London, um Geld aufzu⸗ treiben, wo alle Welt Geld nachſucht und bekommt. Nur war die Zeit jetzt eiſern. Antworten kamen zu⸗ ruͤck; alle bedauernd und zu bedauern— leer. Indeß ward Alles zur Hochzeit prächtig bereitet, Alles im Ueber⸗ fluß. Die Kirche war zum Erdrucken voll, um die himmliſche Braut zu ſehen, die, ihrer Schonheit und ihrem gehaltenen zarten Weſen nach, auch Maͤnnern und Frauen fuͤrwahr eine Himmliſche ſchien. Mit dem Feſt ward die neue Abtei eingeweiht, und ſie war uͤber⸗ fult von fernen und nahen Gaͤſten, von den unzu⸗ friedenen, mißrathenen Geiſtlichen, Aerzten und Rechts⸗ gelehrten, den Mitgliedern des Prytaneums, das dieſe Nacht noch ſich auflöſen ſollte, und wieder in alle Welt fuhr, um ſich und Andern zur Laſt und zum Schaden zu ſeyn. Auch die Schauſpieler und Capelliſten — 15— zogen mit ihnen davon— und alle ſchwaͤrmten zum letzten Male faſt ausgelaſſen und ſchwelgten ſich einmal ſatt. Nur die wenigen waren maͤßig und nuͤchtern, die in Euripides Medea mit Sidonia aufzutreten hatten, welche vor dem Balle zu Nacht gegeben werden ſollte. Denn Jemand, wahrſcheinlich O' Kennyon, hatte veranlaßt einmal zu verſuchen: ein antikes Trauer⸗ ſpiel ganz ſo zu geben, wie es iſt, ohne neukluge Ver⸗ ſchlechterungen. Auch hatte der Jemand gemeint: Medea ſey das paſſenſte Stuͤck zu jeder Verlobung oder Vermaͤhlung zu geben, um dem Brautpaare mit voller Gewalt in das Herz zu reden; dem Manne, um ſein Weib zu ſchonen und ſtets zu ehren— dem Weibe, um nie ſich am Manne zu raͤchen, nicht durch ein Wort, nicht durch eine Miene, auch wenn er ſie noch ſo ſchwer, geſchweige wenn er⸗ſie noch ſo leicht — wie gewoͤhnlich— gekraͤnkt. Nur O'Kennyon fehlte, der jetzt bei dem Geiſtlichen wohnte, doch wollte ihn Jemand unter der Maske erkannt haben, wie er nach Miſtriß Sarah gefragt: ob ſie noch krank ſey? Boͤſert ſich Miſtriß Sarah wieder, dann beſſert ſie ſich auch, denn ſo lange ſie mild und gut bleibt, iſt ſie— wie man ſagt— gewiß ſehr ſchlecht, Miſtriß Sarah aber war ſtill zugegen. Sidonia fuͤhrte ſie fort ins Theater. Philidor fuͤhrte ſein junges Weib in die prunkende Brautkammer, zum Schein vor der Welt. Dort entdeckte er ſeine Lage Herrn Ormond und Frau Ormond, weil er— aus Kingsbench — ſobald nicht wiederkehren werde. Er ſchenkte Bere⸗ nice die neue Abtei und das kleine Gebiet in einer zuruͤckdatirten Urkunde, und bat Camillo, ſein armes Madchen fortzufuͤhren und herſtellen zu laſſen. Dann kuͤßt' er ſein Weib auf die Stirn, umarmte die Alten, ging weinend hinaus und uͤberlieferte ſich dem Sheriff, der ſeiner harrtc. Und Berenice gluͤhte vor Freuden und weinte vor Liebe. Wiederſehen, Wiederfinden! Sidonia hatte die furchtbare, oder, wie Euripi⸗ des mit tiefer Weiber- und Mutterkenntniß ſeine Tra⸗ godie angelegt, die furchtſame Medea, die ihre beiden Kinder ermordet, um ſie vor Rache zu ſchuͤtzen, nach⸗ dem ſie des Mannes neue Braut geopfert— mit heißer, heiliger Leidenſchaft dargeſtellt. Miſtriß Sarah, nichts ſehend, nur hoͤrend, war in Thraͤnen zerfloſſen. Auch ſie hatte Rache veruͤbt am Gemahl, nicht wegen einer Lebendigen, ſondern wegen einer ſchoͤnen Todten, aber immer wegen einer Geliebten! Doch milder in mildern Zeiten, hatte ſie ihm nur die Kinder entzogen — und nur aus Unkenntniß des Stuͤckes war ſie hineingegangen, Sidonia zu hoͤren. Aber was hatte — 169— ſie gehoͤrt! Was hatte ihr erſt zum Schluſſe O'Ken⸗ nyon geſagt, der ſich heimlich zu ihr in die Loge ge⸗ ſetzt, worin ſie allein war.„Der Menſch bedarf nicht mehr, als zu wiſſen, von Andern zu hören, in den Folgen zu ſehn: wie er iſt, um alle ſeine Strafe, oder allen ſeinen Lohn zu empfangen, ploͤtzlich anzuhalten und wieder ein Menſch zu ſeyn— und war es ein Weib, eine Mutter—— nun dann eine Mutter, ein Weib zu ſeyn! Das Vertrauen hab' ich zu Jedem, denn in Jedem lebt ein reines unſterbliches Weſen, deſſen der Menſch im Laufe des irdiſchen Lebens zu⸗ weilen vergißt.“ So ſprach zu ihr halbleiſe O' Ken⸗ nyon.„Du, meine liebe Sarah, biſt erwacht— ich bin geraͤcht! und nichts iſt verloren, als unſer Zu⸗ ſammenleben, an welchem ich— nichts verloren.“ Mit dieſen Worten verſchwand er von ihr. Miſtriß Sarah aber, in höchſter Angſt und Beſtuͤrzung, die Stimme der kleinen Siddy verneh⸗ mend— welche, nebſt dem kleinen William, die armen Kinder der Medea vorgeſtellt— und jetzt Sidonien ſelbſt zu ihr eingetreten vermuthend, breitete die Arme nach ihr, und konnte kaum ſtammeln:„Si⸗ donia! o Sidonia!—— Dein Vater iſt hier! er lebt, wenn ſein Geiſt mir nicht erſchienen durch Dein Spiel. O Gott!“ Der Eingetretene aber war Herr Crawford, der die Sinkende aufhielt, die nun plotzich ſchwieg und nach langer Zeit erſt nach Hauſe gefuͤhrt werden konnte, —n— waͤhrend die froͤhlichen Schaaren, die hier gehauſet, jubelnd von dannen fuhren, als ziehe hier Bacchus fort, wie man ihn einſt vor Antonius Tode gehoͤrt, mit Cymbeln und ewigen Geſaͤngen unter der Erde fortziehen. Am Morgen kam auch O' Kennyon, von Si⸗ donia Abſchied zu nehmen. Aus dem Munde der Siddy, und ſelber Herrn Craw ford's hatte ſie nur von einem Geiſte gehoͤrt, der erſchienen ſeyn ſollte: aber ſie wußte dagegen nun ihres Bruders Philidor Geſchick, womit ihn der harte Mann nicht verſchont. Sie beredete ſich mit Herrn Crawford, wie ſie den⸗ ſelben bewegen koͤnnten. Dieſer verweilte indeß in dem naͤchſten Zimmer. Darin aber hatte Sidonia das Bild ihrer Mutter aufgeſtellt, das ihr Sarah treulich geſandt. Vor dieſem nun kniete der alte Mann, uͤber⸗ raſcht und erweicht durch den ploͤtzlichen milden, liebe⸗ vollen Anblick: und das Kind auf ihrem Schooße, die kleine Sidonia langte nach ihm! Als Sidonia ſelbſt nun eintrat, ſetzt' er ſich hin, ſchwieg unerklaͤr⸗ lich lange und ſah ſie nur mit milden, liebevollen Blicken an, und langte nun ihr eine Hand, und ſie reichte ihm die ihre befremdet.——„Die Todte hat einen Todten aufgeweckt! bedanke Du Dich bei Deiner Mutter, daß Du einen Vater haſt!“ ſprach er. Sie erſchrack uͤber das„Du,“ uͤber die Seele in den Worten. Er hielt ſie feſt. Sie zitterte. Da ſprach er:„Dein Vater lebt!“ und ahnend— empfin⸗ dend und ſchauerd, noch eh' er vollendete:„ich bin Dein Vater!“— ſank ſie zu ſeinen Fuͤßen. Und auf die Mutter ſtarrend, hielt er ſeine Hand auf ihrem Haupte; ſie wand ſich an ihm empor, ſie ruhte an ſeinem Herzen. Auch eine Tochter iſt ein weib⸗ liches Weſen, eine ſchöne, gute Tochter ein ſchoͤnes, gutes Weib; auch ein Vater bleibt ein Mann, ein Menſch, und kann wider die geheimſte Natur in ihm nicht empfinden, und liebt darum die Tochter mehr als den Sohn, den wieder die Mutter geheimniß⸗ voll und unverſtanden mehr liebt. Und ſo war er durch die Tochter beſiegt, und ſo ſaßen ſie lange, lange ſchwei⸗ gend neben einander und ſahen ſich an, wie zwei Lie⸗ bende, die ſich nach langer Qual endlich ihre Liebe ge⸗ ſtanden, nun ruhig-unruhig, gleichſam von ſeligen Geiſtern umſchwebt und von unſterblichem Götterblut durchrieſelt— neben einander ruhen⸗und kaum einen Kuß begehren— es iſt ja nun Alles ihr! Ihr Gluͤck iſt entſchieden und ſteht ihnen himmliſch von nun an ein langes Leben lang, ewig, ewig bevor. Endlich ſagte er ihr, nur ihretwegen habe er das Vermoͤgen hergeſandt, um die Mutter uͤber ſeinen Tod ſicher zu machen, und ſey ſelber gekommen. Ihr Na⸗ me, das Kind, habe ihn zuerſt gelockt und geleitet— das Andere habe ein Gott gefuͤgt. Nun muͤſſe ſie mit ihm ziehen; auch die Mutter! Ihm gefalle nicht die Weiſe der Welt: das Gute thun und das Böſe nicht laſſen. Herr Crawford willigte ein mit fortzuſchiffen, um durch die lange Seereiſe ſeine Bruſt zu heilen. — Sarah ergab ſich um ihres Sohnes willen; und als nach mehrern Monaten Alles bereit war, empfing Phi⸗ lidor folgenden Brief! Am Tage Mariä Himmelfahrt. „Ich bin hier im Hafen von Gravesend— das heißt, mein Grabesende fuͤr Dich, mein Sohn! Denn Dein Vater fuhr nicht linksum nach China, ſondern rechtsum nach London. Denn wenn nun Deine Mutter vor Gericht noch hartnaͤckiger ſchwieg, als ſo? denn Niemand geſteht ſchwerer ein Unrecht ein, als ein Weib, weil es Niemand ſchwerer begeht und weniger begangen haben moͤchte, als ein Weib. Nur die Leidenſchaft macht es ihr— leicht, daher ein ge⸗ maͤßigtes Weib ſchon ein Engel iſt per se! Mit Liebe und Guͤte iſt Alles aus den Frauen zu machen und zu holen, doch am ſicherſten immer auf eigenem Wege. Eine bis auf die Spitze der Felſen gejagte Gemſe aber ſturzt ſich hinab und den Jaͤger gern mit. Die Liebe des Kindes, ſein Verſtehen und ſein Verſtand, und die Hoffnung von ihm— das Erkennen deſſel⸗ ben macht uns erſt zum Vater. Schreibe Deiner Mutter zu, daß ich Dich nicht— kannte! Auch ward ich ein Doppelgaͤnger— von denen der Eine ſich unter die Erde verbarg— um noch mit Augen zu ſehen, was aus meinem Vermoͤgen werde— wie es mir einſt gehen werde, denn das Geld war Ich, mein Le⸗ ben und Denken, meine Tage und Naͤchte, mein Dichten und Trachten. Und wahrlich— Nichts hat mir an Dir gefallen, als Deine Sucht reich zu ſeyn, ob Du gleich mit ſo vielen Menſchen nicht weißt, was in dem Wüunſche ſteckt— ein Diamant im Feuerſtein; die Niemandem ſchädliche Freiheit und das Gluͤck; und England iſt auf dem Wege dazu. Die Menſch⸗ heit kann leicht und gern zu einem Zuſtande vorſchrei⸗ ten, wo die reiche und darum vornehme Claſſe keine Gewalt mehr uͤber ſie hat, noch haben kann, wo ſie ſich unter ſich nicht auspluͤndern, betruͤgen, beneiden darf, noch von Hoͤhern es erwarten oder geſchehen laſſen, und das iſt durch Arbeit, Fleiß, Gewerbfleiß! alſo durch Handel! Laßt den Ehrgeizigen ſich um Aemter bewerben, alle Stellen beſetzen, die nichts einbringen, als eben auch Arbeit und Sorge, und— was die Uebrigen haben— Geld. Sind Allè Privaten, nicht Einige Primaten, ſo muͤſſen ſie ſich ſelbſt durchbringen, und ſie ſehen: das herrlichſte Mittel zur einſtigen Frei⸗ heit des Buͤrgers, zum Herrſchen im eigenen Kreiſe— als dem einzig wahren Kreiſe der Herrſchaft— iſt Arbeit, Wohlhabenheit, oder doch die Mittel zur Befriedigung jedes aͤcht menſchlichen Bedürfniſſes— und wer dies kann, bedarf Niemandes; nicht einmal ein Kind laͤßt ſich mehr gaͤngeln, wenn es ſelber gehen kann— und dieſes Mittel iſt erhaben, wohlthaͤtig, goͤttlich— Jedem von Gott in ſeine Macht gegeben. Alſo an Arbeit ſoll die jetzige Menſchheit feſthalten, als an ihrer zeitigen Seligkeit. Dann wird gemach der leere Ehrgeiz verloͤſchen durch Mehrgeiz, die Titel⸗ ſucht durch Mittel ſucht, der Stand durch Land. Die allgemeine Leidenſchaft der Zeit war— zu herr⸗ ſchen; aber Alle koͤnnen es nicht im Raume! Jetzt klaͤrt ſich die Sehnſucht auf: ſie iſt nur der Drang ſich wohlzubefinden, ſelbſtſtaͤndig zu ſeyn; und je mehr das Jeder durch die Mittel dazu wird, je mehr koͤnnen ſie entbehren zu herrſchen und dazu laͤcheln beherrſcht zu ſeyn. Die Gewöhnung an immer erhoͤhten Fleiß wird die menſchliche Geſellſchaft mit allen Kenntniſſen verſehen; alle Geheimniſſe der Wiſſenſchaft, alle Annehmlichkeiten der Kuͤnſte wer⸗ den ſie unterſtuͤtzen. Das Mittel zu ſolcher Frei⸗ heit wird zuletzt die Freiheit ſelbſt, durch Bin⸗ dung des Geiſtes an die Geſetze des Daſeyns, und dieſe Geſetze werden immer klarer, geliebter, feſter ge⸗ halten werden, und was kann der Menſch auf Erden mehr, als ſeine Faͤhigkeiten entwickeln, anwenden und alle ſeine Kraft uben. Das iſt ſein Zweck— alſo menſchliche, raſtloſe, ſchoͤne Thaͤtigkeit! Und ſo wende die Menſchheit ihre geiſtige Kraft, ihren Beſitz, ihr Gold, ihre Arme auf Arbeit und Thaͤtigkeit! Sie ver⸗ ſteht nun thaͤtig zu ſeyn mit dem Geiſt, und die ungeheuren Kraͤfte der Natur zu ihren Dienern zu machen; die Natur wird, unbeſchadet der heiligen Ehrfurcht vor ihr, da ſie dem Menſchen auch ihren Geiſt gegeben, ſeine Dienerin ſeyn, und der Menſch ihr Regulator, denn dieſer Spiritus rector iſt ihre feinſte allmaͤchtige Kraft, Geiſt, Vernunft— ihr Geiſt, ihre Vernunft.“— „Du ſiehſt alſo, mit wem die Kaufmaͤnner in langer Schlacht begriffen ſind; und wenn Tauſende fallen, ſo ſtehen Hunderttauſende auf, denn die Menſchheit tritt in ihre Reihen. Ehre dem Kaufmannsſtande! und Ehre dem Einzelnen, der da weiß, was er will und ſchafft.“ „Du Lump, haſt keine Ahnung davon gehabt, auch nicht einmal davon, was Du wollteſt, und legteſt Dich mit hin auf die große Bärenhaut der blos Vor⸗ nehmen, der Ausge nommenen vom Leben, welche die Freiheit im Befehlen, nicht im Gehorchen ſuchen, und den Genuß im Ueberdruß— Pleasure in Leasurs!“ „Doch biſt Du als ſolcher, und wie ſie, zu ſehr beſcheiden geweſen: nur Einiges allein zu beſitzen, und nicht mehr, als Du Dir herſtellen konnteſt. Mein Kind, der Menſch ſoll Alles beſitzen, was ihn zum Men⸗ ſchen macht, ſelbſt das, was Andere, was Alle haben — und darum muß er es rein und frei beſitzen, durch⸗ greifend, wie der Blitz, alſo im Geiſt und Gemuͤthe. Denn genug ſoll die Welt haben, zufrieden ſoll ſie ſeyn, aber zur Zufriedenheit gehoͤrt fuͤr Jeden ganz Unermeßliches, und ein wahres Gluͤck iſt, daß die wahren Guͤter faͤhig ſind, von Millionen zugleich be⸗ ſeſſen zu werden. So gibt es einen Reichthum in der Welt, ſo unzaͤhlige Erden und Fruͤhlinge— gals — 176— Menſchen und Weſen ſind.— Du erinnerſt Dich an Herrn Ormond's Millionen Jahre, die in einem Tage von der Sonne ausgetheilt werden.— Du hat⸗ teſt nur, was Du korperlich beſaßeſt; Du wollteſt eine Welt auf Deinem erbärmlichen Eigenthume, weil Du Beſitz nicht mit Allen zu theilen verſtandeſt, alſo auch nicht den Deinen zu theilen, zu gönnen wußteſt, Du Wicht! Was man beſitzen kann?— was man braucht, aber Jeder braucht die ganze Welt; und nur der Unvernuͤnftige, Selbſtfuchtige, alſo Einſame, hat dieſe nicht. Je mehr Menſchen zuſammen wohnen, je reicher ſind ſie, je mehr haben ſie, naͤmlich einander, und was Jeder hat und kann. In London haſt Du fuͤr 50 Pfennige alle Sonntage Einen in den Klingel⸗ beutel gerechnet, die Paulskirche, oder in welche Du gehſt, Prediger und Kuͤſter! Fuͤr hundert Pfund Abon⸗ nement: ein Theater, Maſchinen, Schauſpieler, die neben dem, daß ſie des Koͤnigs Diener heißen, Deine Diener ſind, und ſich bald die Seele aus dem Leibe ſpielen, auslachen, beweinen— und richten laſſen; auch haſt Du nicht die Moͤhe, ſie anzuſchaffen, zu beſolden, Dich mit ihnen zu aͤrgern, ſie einſtecken zu laſſen, das Alles thut man fuͤ Dein Geld ſchon mit. Fur die Beſuchsguinee haſt Du 500 Doctoren, fuͤr die Bezahlung eines Recepts 100 Apotheken; fuͤr den Schilling, wenn Du ſtuckweiſe faͤhrſt: 5000 Wagen⸗ pferde; fuͤr Dein Roſtbeef und Deine Schopskeule täg⸗ lich: 10,000 Fleiſcher. Alles ſchreit Dich an, Dir zu dienen! Der Teppichhaͤndler druckt Dir die Haͤnde wie⸗ derzukommen; Du kaufſt 6 Raſirmeſſer auf Lebenszeit und 7 Scheeren, und der Mann wird ganz krumm vor Dir, als einem guten Kunden, und verlangt doch im Grunde nichts, als von Dir auch die paar Pfennige Profit, um alle Welt wieder mit Meſſern und Scheeren bedienen zu koͤnnen. Denn die Menſchen ſind nicht Deine und Niemandes Sclaven, nicht einmal ihre eigenen— was ſchadet Dir alſo, das Alle noch fuͤr Alle neben Dir arbeiten und ihnen dienen? ja was ſchadet es Dir, daß Du ſelbſt wieder ihr Diener biſt? Du haͤtteſt lieber eine eigene Sonne gehabt, eigene Luft wie— Deine eigenen Wege neben der Straße!“ „Ein bevoͤlkertes, gebildetes Land, eine große, ein⸗ gerichtete Stadt iſt ein millionenfacher Schatz zugleich fuͤr Millionen, darum deutete ich Dir London zum gewoͤhnlichen Aufenthalt an. Je abgeſonderter Jemand denkt, lebt, wohnt, je aͤrmer iſt er. Robinſon mußte auf ſeiner Inſel gerade noch einmal ſo reich ſeyn, als alle Voͤlker zuſammen, um nur den Schornſteinfeger⸗ jungen auf einem Schloſſe, wie in Windſor, zu ſehen! Je goͤnnender, bewegter, gleichſam breiter Jemand lebt, je reicher wird er in kaum zu faſſender Progreſſion. Ein Herr auf dem Dorfe hat fuͤr 100,000 Pfund jaͤhrlich nicht ſo viel, als ein Hundewaͤrter in London. Der wirklich Einſame aber, der nicht nur etwa wie auf dem Lande lebt, ſondern ſchlimmer als in der Wuͤſte Cobi, das iſt der Dumme und Ungebildete, da Schefers neue Nov. w. 12 — 178— er den Reichthum, den die Welt hat, der ſie iſt, und den er hat, und der er iſt, in ſeinem Herzen und ſeinem Geiſte nicht ſieht, wie blind. Was man alſo beſitzen muß?— die Faͤhigkeit, Theil zu nehmen an der Welt, der Menſchheit, der Kunſt durch Bildung, die zu erwerben faſt Jeder die kleine Summe hat, und dann Alles Aller beſitzt. Du wirſt alſo erſt ſtudiren! befehl' ich Dir jetzt. Und dann wirſt Du reiſen. Ein Englaͤnder hat mir eine Berech⸗ nung gemacht, daß, wenn er in ſeine maͤßige Reiſe⸗ koſtenſumme— zu Penny gemacht— mit der Anzahl der einzelnen Merkwuͤrdigkeiten, die er geſehen, dividirt, ihm jede pro Stuͤck nur einen Penny koſtet: als die unzaͤhligen Landſchaften in natura und im Rahmen, Statuen, Tempel, Gemaͤlde, Geſichter ſchoͤner Frauen u. ſ. w., und dabei waͤren ſolche Brocken, wie die Huͤgel in Troja, die Pyramiden, die Peterskirche; und von den allerunſchaͤtzbarſten, da ſie lebendig geweſen, als der tuͤrkiſche Kaiſer, der Papſt und dergleichen, ſey das Stuͤck von dem Reiſenden gern einen Schilling werth. Er habe mit ſeiner Reiſe mithin den beſten Tauſchhandel gemacht, der auf Erden moͤglich ſey, und wie Diamantſtaub haͤtten dieſe Dinge um ſonſt noch ſein Herz geſchliffen! Alſo!“ „Ich lege Dir hier ein Verzeichniß von dem bei, was Du hatteſt Gutes thun koͤnnen— und Dich nicht darum bekuͤmmert— und von dem, was Du gethan haſt, ohne es zu wiſſen und zu wollen— wenn das — 1— Gute fuͤr Dich iſt. Du haſt Deine Anverwandten arm gelaſſen; vom ehrlichen Murdock ſein Letztes und ihn ſelbſt zu Deinem Diener genommen! Deine Freunde haſt Du nicht bedacht, und wenn ſich der Eine nicht ſelbſt par bricole verſorgt, ſo waͤr' er es noch nicht. Du haſt ihm wahrſcheinlich die eintraͤgliche Verkennung Deiner reichen Perſon dabei angerechnet! Der edle Camillo gibt Dir jetzt, mit Dir im Gefaͤngniſſe le⸗ bend, was er bei Dir ſich verdient hat! Dagegen haſt Du meinen Rath— reſpectirt und Deiner Mutter wirklich nur alle Monat die 100 Guineen— angebo⸗ ten! Wenig nehmen die Weiber ungern, und Viel ſchlagen ſie ſelten aus. Sie ſcheinen ſich dann viel werth zu ſeyn— und das muͤſſen ſie freilich beweiſen. Ich warnte Dich kaum, denn Du ſollteſt das Gute ſelber finden, und jung! Der Menſch ſoll ein ganzes ſchoͤnes Leben lang klug ſeyn, nicht erſt die letzten Jahre, den letzten Tag durch eine Generalbeichte! Wenn man weiſe geworden, muß man noch jung ſeyn, ſonſt wird die Weisheit ein doppeltes Ungluͤck— darum gab ich Dir das Vermoͤgen ſo fruͤh in die Haͤnde— darum ſey Deiner Haft nun entlaſſen! Es iſt Alles bezahlt;— dafuͤr habe ich nun meine Baronie einem kleinen allerliebſten Maͤnnchen einem unſchuldigen Fitz⸗Phi⸗ lidor als Pathengeſchenk eingebunden, aus ſechs Wo⸗ chen alter großvaͤterlicher Liebe. Der kleine Mann iſt wirklich ein Fitz— Dein natuͤrlicher Sohn, wie man zwar ſagt, aber doch einen ſittlich- und buͤrgerlich-un⸗ 12 — 0— natuͤrlichen damit meint. Da ich Dir den Fitz abge⸗ nommen, haſt Du ihm wieder Deinen Namen ange⸗ hangen, aus Verſoͤhnlichkeit mit Deiner zutrauensvollen Braut, denn die Verſoͤhnungen ſtiften oft erſt recht viel neues Unheil; und vor Jemand, der ſie heirathen will, haben die Frauen, ſelbſt eine Berenice, ſo viel Reſpect, daß ſie zeitlebens eine Schwaͤche gegen ihn fuͤhlen, auch wenn er ſie nur einmal hat heirathen wollen. Du ſiehſt, wie heilig die Natur ſich ſelbſt beſchoͤtzt!“ „Ich ſcheide nun von Dir, Herr Strohwitwer und Strohſohn! und bin ſchon in meinem Kauffahrtei⸗ ſchiffe, dem Huskiſſon! Es ſegelt morgen.“ „Zum Andenken an mich empfange die Locke, die Du von mir— unbekannterweiſe— in Deiner Hand behielteſt, das heißt: mir ausgeriſſen— und aus Achtung vor jedem alten Manne mir wiedergabſt, als Du mich, freilich als ſehr dringenden und ſehr ge⸗ faͤhrlichen Mahner, das letzte Mal ſaheſt!“— „Ich erlaube Dir aber dennoch, mich einſt einmal zu beſuchen und zu— beerben. Denn— ich habe meine Tochter wieder.— Ich bin der Nabob! Mich empfehlend zeichne H. Philidor.“ Philidor erſtaunte, weinte, gluͤhte. Der Brief war mit dem Springer geſiegelt. Was mußte der Mann empfunden haben! wie gut, treu und liebend hatte er gehandelt! Und nun ſchiffte er fort! Ihm nach! ihm nach! war ſein kindlicher Drang. Bald war das Noͤthige bereit, und am Abend des Tages, an dem er den Brief empfangen, war er ſchon mit Camillo in Gravesend. Schiffe genug am Strande. Aber Eins ſchon ſegelfertig, nur langſam ſchwebend, von der eben nach⸗ laſſenden Fluth gehemmt. War es der Huskiſſon? Ein Mann im Thames-Kahne ſagte: ja! Bald war es erreicht. Aber ſchwarz und hoch ragte es vor ihnen; die Leiter war eingezogen, und er legte an dem weißen neuen Bauche deſſelben an. Philidor rief. Der Stewart hatte gehoͤrt. Gluͤhendes Erwarten. Endlich, endlich erſchien, nicht der Vater, ſondern die Mutter. Er erſchrack uͤber ihre Erſcheinung.„Auch Bu gehſt, meine Mutter!“ aͤchzte er hinauf. „Lebe wohl, mein Sohn!“ ſprach ſie geruͤhrt und weinend.„Ich habe alte Schulden zu bezahlen. Ich wuͤnſchte: Dein Vater haͤtte mich jung wiedergefunden! — Deine Schweſter hat mich wieder zum Weibe ge⸗ ſpielt, als Medea; ſie hatte, wie vom Schickſal be⸗ ſtimmt, den Beruf gewaͤhlt! O Gott, und wieder ſchiffen hundert Maͤdchen mit uns— nach Maͤnnern! und hier ſind ſo eben gegen anderthalbhundert Liebhaber derſelben erſt kaum geſchieden— weil ſie arm ſind und doch liebten, und auch geliebt waren. Ich kann fuͤr Dich nichts thun.“ „Nur noch einmal den Vate ſehen!“ beſchwur ſie Philidor. Sie ging; ſie blieb lange. Er wollte alſo nicht kommen; endlich erſchien ſein Kopf und ſeine Bruſt uͤber Bord herabgebeugt.„Thoͤrichter Junge!“ ſprach er,„haſt Du mich nicht genug geſehn? Haben wir nicht ein Jahr zuſammen gelebt?“ „Ach, doch nicht als Vater und Sohn!“ beklagte der Sohn.—„Alles waͤre anders geweſen— ich ein Sohn!“— „Sey es von nun an!“ ſagte ihm der Vater, „ſieh, ich bin es, ſiehe Dich ſatt!“ Und waͤhrend die Abendſonne den alten Mann be⸗ ſchien, daß ihm das Haar glaͤnzte, und eine Roͤthe und Gluth auf ſeinem Antlitz lag, vor der er die Augen ſchloß, ſchaute Philidor nach dem Vater, ſetzte ſich dann in den Kahn und konnte, geblendet, nicht mehr ſehen und empfand ſich wie nicht mehr in der bekann⸗ ten Welt. Und ſo ſchwebte er gedankenlos lange mit, neben dem Schiffe. Jetzt rief ihn eine ſanfte Stimme an:„willſt Du nicht noch den kleinen Nabob ſehen? Ich kann es nicht uͤber das Herz bringen!“— Er ſah empor. Sidonia ſtand an des Vaters Stelle. „Nun,“ fluͤſterte ſie,„ſiehe doch auf!“ Und nun hielt ſie ein in weiße Bettchen mit blauem Bande gewickel⸗ tes Kind einige Zeit faſt horizontal ihm herab und zu. Er ſtarrte es an. Es ſchien in der Abendſonne wie golden. „Alſo auch Berenice! Ich hab' es verdient!“ ſprach er.„Ziehet Alle mit Gott! Bleibe nur Du . — 183— bei mir, o mein Freund! Die Freundſchaft iſt nicht ſo zartlich, nicht ſchon von einem Wetterleuchten auf ewig, der Bluthe gleich, betäubt und dahin— wie die Liebe! Fort, zuruͤck!“ So geſchah es. Der Weg war nun weiter; es ging langſamer jetzt ſtromaufwärts, waͤhrend die Faͤhr⸗ maͤnner ihr Lied ſangen. Wolken hatten den Abend bedeckt und verhullt, es war kein Abendroth; es war dunkel, als ſie am Strande anlegten. Die Freunde ſetzten ſich unter die Linde, zwiſchen den beiden großen Gaslaternen am Wege und Philidor blickte ſtrom⸗ abwarts ſeinen Lieben nach, die in Nacht wie vergingen. Da ward ein Boot deutlich. Es kam naͤher; es legte an. Ein junger Menſch in grauem Mantel, ein Körbchen in der rechten Hand, ſtieg aus, in der linken einen Brief. Ein Knabe begleitete ihn, der ſie bei der hellen Beleuchtung zu erkennen ſchien, denn ſie nahten ſich ihnen. Es war William. Philidor ſprang auf. Stumm ward ihm das Billet gegeben, ſtumm empfing er es. Er erbrach es und las: „Mein Sohn!“ „Du biſt blos nach dem Vater gekommen— das haͤlt kein Vater aus! Nimm dafuͤr hier das Briefpacket mit der Kaufſumme von 200,000 Pfund Sterling, das Murdock glucklicher Weiſe vor dem Poſthofe verloren, und das auf der treuen und ſorgſamen engliſchen Poſt an meinen Compagnon O'Kennyon nach Benares — 184— gegangen war, und das er mir wieder zugeſandt mit Frage. Dieſe Frage beantworte ich in Deinem Namen nun damit: daß Du den Vetter— jetzt leider nur Herrn Mager Murdock— wenigſtens dreifach von dem Gelde entſchaͤdigen ſollſt. Die Spieler waren freilich meine Freunde. Dein Verluſt liegt bei; Andre geben ihn gewoͤhnlich nicht zuruͤck, und am beſten fällt der Sohn in die Haͤnde des Vaters! Denn auch mit Wächtern Deiner und Deines Schatzes hatte er Dich umgeben; und als die Raͤuber, im gebilligten Verſtaͤnd⸗ niß mit Jasper, auf dem Wege, den Schatz zu rau⸗ ben, uͤberfallen wurden, und das Gold in einen Brun⸗ nen geworfen, ließ das Gelegenheit, es Dir bei Gele⸗ genheit wieder zu geben. Auch die Intereſſen davon wird Dir Murdock zuſtellen. Freilich ergriff mich der alte Geiz ein wenig, mein Gold ſo fliegen zu ſehen! Dein Sohn, der liebliche— Fitz, hat durch Schmerz und Liebe der Mutter ihren Menſchenverſtand zuruͤck⸗ gebracht— denn darin beſteht er— und hat, als nicht vermeinter Erretter, ſie wieder aus dem Himmel auf die Erde zuruͤck verſetzt— aber auch in Leid und Schaam; ſie wollte Dich fliehen— F brach das Herz, als ſie jetzt Dich wieder ſah.—— Als Philidor ſo weit geleſen— weinte eine zarte Kinderſtimme im Koͤrbchen. Philidor ließ den Brief fallen, den der Wind in den Fluß wehte, er deckte es auß, er kniete dazu hin.—„Und die Mutter haͤtte ihr Kind verlaſſen!— unmoͤglich!“ rief er, — 185 ſprang auf und ſahe ſich um, ſeiner Liebe wieder gewiß. „Unmoͤglich! unmoͤglich auch Dich zu verlaſſen!“ rief Berenice, warf den Mantel ab und hing auch auf Erden wieder ſelig an ſeinem Halſe; und Phili⸗ dor zum erſten Male ſelig auf Erden. Jetzt ſtudirt er, als einer der ſeltenen beweibten Studenten, um reich zu werden. Dann will er reiſen. Berenice will ihn nur lieben, und iſt ſchon reich genug, nach Weiſe der Weiber, im Herzen durch Liebe. * „ Die Jugend iſt immer wie trunken. Denn liegt nur die Kraft und das Feuer allein im Wein? nicht ſtaͤrker in Geiſt und Blut! Und das Blut iſt— junges Blut! und der Geiſt iſt neuer Geiſt, in die Erde eingeboren. Da ſtehen dem ganz erſtaunten Auge des Kindes: Blumen! da ſtrahlet die Blaͤue, da glaͤnzt von der Bläue die Sonne! Da ſieht der Knabe Geſtalten wie ſeine, da ſpielt er mit ihnen. Da ſieht der Juͤngling Gebilde wie ſeines, doch ach, weit ſchoͤner, weit ſinniger, reizender— und doch ſproͤder, die ihm tief in die Augen ſehen, die fliehen vor ihm! die er holdſelig grußt, und die ſchweigen! die er an ſeine Bruſt druͤcken moͤchte — und die ſchaudern und ſchamhaft erroͤthen vor ſeinen Worten, die er nur ſtammelt, nur lispelt. Jetzt iſt er in der Stimmung: dieſe Gebilde Engel zu nennen! denn ſeit er vom Himmel kam, und in dieß Paradies geſetzt ward, das iſt noch ſo lange nicht her, er weiß nicht ſeit wann? er empfindet ſich nur, ſeitdem er liebte, bewunderte— ſeine ſchoͤne, junge Mutter! ſeit die — 190—— Menſchen ihn auf die Arme nahmen und kuͤßten, den jungen Mitgenoſſen des Lebens begruͤßten und weihten durch Worte der Liebe. Daß nun die Menſchen Elines jener, ihm noch unbegreiflichen Weſen, die ihn umwandeln, in deren freundlicher Mitte er ſelig er⸗ wachſen, jenes ſchoͤne Gebild, das er einen Engel nannte, eine Jungfrau nennen, daß deren Tauſende ſind, das kuͤmmert ihn nicht, er verſteht es nicht, denn er ſahe, er kennt nur Eine, die Schoͤnſte, die ſeinem Genius ganz Entſprechende. Aber durch ſeine Liebe zu dieſem einen Gebilde, bekundet er, ohn' es zu ahnden, doch klar: auch er ſey nur Einer, er ſey befangen, begrenzt, ja beſchraͤnkt in ſeinem Geiſt, wie in ſeinen Gefuͤhlen! Denn ein Unſterblicher muͤßte das Alles lie⸗ ben, was er ſieht in der goͤttlichen Welt, nicht Eine Geſtalt nur; die einen Menſchen arm zu machen ſcheint, und ihn doch reich, uberſchwenglich reich macht, wie er waͤhnt, und glͤcklich, gluͤcklich, wie er es wirklich iſt. Denn alſo ſegnete der liebende Vater der Welt jeden ſeiner Menſchen, ſelig zu ſeyn, ſchon durch Eines ſeiner Gebilde, weil er ein⸗ Menſch iſt,— Er aber, der heilige, unausſprechlich große Vater iſt ſelig durch Alle, weil Er, der Allgewaltige nur allein vermag: Alle zu lieben, die er gebildet, auch jene, die der be⸗ fangene Menſch nicht gut nennt; denn er iſt nur ein Menſch mit beſchraͤnkten Sinnen, und bald von der Welt gebundener Kraft. Darum aber ſey dem Juͤngling verziehen, dem 0 Ein Gebild feſſelt, der Eines nur liebt, damit er dadurch vollkommen gluͤcklich werde, und das geliebte Gebild durch ihn. Denn nichts kann glucklicher machen als Liebe! Liebe im Herzen, den der ſie fuͤhlt; und Liebe im Leben den, fuͤr den ſie empfunden wird. Dieſen Abglanz der Seligkeit hat der himmliſche Vater jedem ſeiner Weſen vergoͤnnt, damit Jedes, in ſeinen Gren⸗ zen, ſelig ſey, wie Er unermeßlich. Aber den Juͤngling feſſelt wunderbar eine be⸗ ſtimmte Geſtalt; als liege die Sehnſucht nach ihr in ſeiner Seele, ſeinen fruͤhſten Gedanken, ja in ſeinem Blute. Und ſo mag er auch von ſeinem Vater die Leidenſchaft erben, fuͤr eine im Geiſte erfaßte Geſtalt; er mag, ja er wird die Tochter derſelben lieben, die Jener geliebt hat, denn die Tochter iſt, nur in verjung⸗ ter Zeit, die Wiederholung der Mutter, wie der Sohn die gelungenere Wiederholung des Vaters in beſſeren Tagen. Die Liebe erbt ſich fort, ſie traͤgt ſich uber, ja ſie ſteckt an, wie eine Krankheit, weil jeder Menſch ihren Gegenſtand, die Schoͤnheit und die Liebe, ſchon tief, unergruͤndlich tief im Herzen tragt. Es bedarf nur der Stimmung, der Aufweckung des Sinnes— und ein Andrer wird lieben, was wir lieben, wenn er noch unbefangen iſt. Die aber am meiſten gleiche Stimmung von allen Menſchen haben, das ſind wohl Freunde, ſind wohl Vater und Sohn; in deren Herzen, wie in dem aller Menſchen, die Liebe ruht — 102— und nun auch die Liebe der Schoͤnheit in gleicher Form — und„gleiche Schoͤnheit, gleiche Liebe!“ Die eiferſuchtloſen Freunde. Graf Alerander hatte auf Reiſen ſich laͤngere Zeit in dem ſchoͤnen Nizza verweilt, und auf einem Schloſſe der fernern Umgebung die Tochter eines Mar⸗ cheſe kennen und lieben gelernt. Ihre Schoͤnheit und ihre feine Sitte waren ihre Lehrerinnen geweſen. Ihr kunftiges Erbe bedurfte er nicht. Die Eltern liebten die Tochter ſo ſehr, daß ſie ſich entſchloſſen, ſogar ſie zu miſſen, wenn ſie glucklich wuͤrde— nicht durch den Ver⸗ luſt der reizenden Heimath, der zaͤrtlichen Eltern; nein, durch den Gemahl, der ihr ſeine Heimath, ſeine Eltern dafuͤr zum Erſatz gab; aber die Eigenen mußte ſie doch verlieren ſo nebenbei, als waͤren ſie nur Beiwerk und Hintergrund, zu dem Gemaͤlde des Lebens. Graf Alepander reiſ⸗te nach Deutſchland, den Vater um ſeine Einwilligung zu bitten: die ſchoͤne Fremde als Braut, als Gemahlin nach Hauſe zu fuͤhren. Der gute Vater verſprach ihm die Herrſchaft bei ſeiner Zu⸗ ruckkunft abzutreten. 2 Der gluͤckliche Sohn eilte zuruͤck und ward ein gluͤcklicher Mann. Das in ihrem Manne gluckliche — 193— Weib reiſ'te in ihre neue Heimath. Sie nahm nur Abſchied wie im Traum; und als die Andern weinten, die das Leben aus Erfahrung beſſer kennen, als der Liebende, der ſein Gluͤck in die Zukunft frohlich hinaus traͤgt, da weinte ſie auch mit und verſprach den Eltern, jeden Sommer wiederzukommen, ſchon mit der Schwalbe! ſchon mit der Nachtigall! ſchon mit der Lerche!— Alber ſie hielt nicht Wort. Der Dod achtet das Wort der Menſchen nicht. Der Himmel fordert ſie leiſe— er iſt nur der Bote. Das ſchoͤne junge Weib ſtarb, nicht ohne ihres Gleichen der Erde zuruͤckzulaſſen, ein Maͤdchen, das nach ihr: Galate hieß. Die arme Mutter aber ward beigeſetzt in die Gruft der Ahnen, die todt die Todte nicht kennen lernten. Und nur die Leidtragenden empfanden den Schauder für die ſchone Fremde, die hingeſtellt ward zu den kleinen RKinder— ſärgen, Särgen von Frauen und Jungfrauen, Männern und Greiſen, wie ſie der Tod, der Erde entfuͤhrend, hier verſammelt hatte. Graf Alexander war untröſtlich. Er wollte ſeines Weibes Tod ihren Eltern verſchweigen, ſo lange wie moͤglich, vielleicht bis ſie ſturben, da ſie Beide dem Alter nahe ſtanden. Er lernte ſeines Weibes Schrift⸗ zuͤge, um in ihrem Geiſte den Eltern ſchreibend, die Geburt einer Enkelin ihnen zu melden— ober dieſe Verwandlung in die Tedte, dieſes Verſinnen darin, was ſie empfinden wuͤrde, wenn ſie lebte, und ach, nicht empfand, brachten ihn faſt von Sinnen, verdop⸗ Schefers neue Nov. 1v.— 13 pelten ſeinen Schmerz und dehnten ihn unnatuͤrlich aus. Doch leider hatten die Eltern durch Andre erfähren, ihre Tochter ſey todt— ſie forderten faſt von ihm als einen kleinen Erſatz: die kleine Tochter Galate— und er verhieß es. Er reiſ'te mit ihr im zweiten Jahre; der Wagen hielt, die Großmutter kam, er hielt ihr das Kind entgegen, ſie druͤckt' es ans Herz, ſie betrachtete es, ſie betraͤufelte es mit ihren Thränen, denn die Schwalben ſchwirrten uͤber ihr hin— ſie wa⸗ ren gekommen, aber die Tochter nicht, und die arme Mutter ſahe der einen ſchwirrenden Schwalbe nach, die am Himmel dahin fuhr, als ſey ſie von Jener zum Zeichen geſendet. Die guten Großeltern ließen ſich nun nicht nehmen in der Enkelin ihre Tochter Galate noch einmal zu erziehen. Das aber geſchahe nicht mehr ſo rein wie das erſte Mal, ſondern aͤngſtlich-beſorgt, nachgebend, kurz mit dem Schmerze eines verlorenen Kindes, das ein gutes Geſchick ihnen noch einmal anvertraut. Galate hatte das feurige Blut ihrer Mutter, der Italienerin, und das tiefe Gefuͤhl des deutſchen Varers. Die Liebe, die allen ihren Wuͤnſchen, jedem ihrer Blicke entgegen kam, ſenkte ihr unbewußt die Sehnſucht in die Seele, nichts mehr zu begehren im Leben, als heiß geliebt zu ſeyn. Sie gehoͤrte denen, die ſie liebten mit Leib und Seele, an, ja, als der Vater nach andern zwei Jahren kam, ſie zu ſehen, als er ausrief:„ganz mein Weib, meine Galate!“ unterſchied ſie als kleines Juͤngferchen ſchon fein, daß er ſie liebe um ihrer Mutter willen. Als Kind derſel⸗ ben war ſie daruͤber nicht böſe, aber ihm doch nicht ſo gut, als wenn die Mutter gelebt, und er ſie geliebt haͤtte rein als Kind, als ſelbſt ein Weſen der Liehe werth. Die Kinder empfinden am feinſten, am ſichet⸗ ſten, und ſie ſind ſchon gluͤcklicher und ungluͤcklicher, als wir glauben, ihnen zugeſtehn und zugeſtehn können; denn die Erwachſenen ſind zu entwöhnt, ihre zarten Triebe zu achten, oder ſchon auf zu beſtimmte Wege gewieſen, und reißen die kleinen herrlichen Geſchöpfe, als ihre Herren, gedrungen mit ſich fort. Graf Alexander nahm auf mehrere Jahre ſeine ſchöne Galate mit auf ſeine Herrſchaft, um an der Freude des Kindes ſeinen Schmeiz uͤber den Tod der Mutter zu uͤberbieten, Gefuͤhl durch Gefuͤhl. Die Sehnſucht der Tochter fuͤhrte ihn wieder mit ihr nach Italien, und als ſie funfzehn Jahr alt war, nahm er ſie als ſein ſchoͤnſtes Eigenthum, auf lange Zeit mit ſich in ſeine Heimath, das engelgleiche Mädchen zu zeigen, ihm Liebe zu erwerben, und in ihm Licbe zu wecken fuͤr einen von ihm gebilligten Sohn, der ſie liebte; mehr wollt' er, bedurft“ er fuͤr ſie nicht zu ihrem Gluͤck, und alſo zu ſeinem. Nur ſeinem Stande ſollte er gleich ſeyn, weil eine Reihe ſeiner Ahnen ſchon Grafen geweſen. Das war ſeine ſtarke Seite. Im Uebrigen hatte den Grafen ſein Schickſal ſehr 13* — 6 verwandelt. Blaͤſſe ſtand in ſeinem edelgebildeten Ge⸗ ſicht, er ſtand lange auf einer Stelle, verſann ſich tief, die Augen vergingen ihm dann, er hoͤrte nicht, was Jemand zu ihm ſprach, ſo daß Kinder und Frauen oft Furcht in ſeiner Naͤhe befiel. Nur Muſik war ſein Labſal. Nie hatte er ſich entſchließen konnen, ſeiner Galate eine zweite, fremde Mutter zu geben, die ihr eine fremde bleiben mußte, ſie ihr ein fremdes Kind. Die wahren Gefuͤhle der Natur erſetzt nichts Nachge⸗ brachtes, Erzwungenes. Und ein reiner aͤchter Schmerz um ein liebes Verlorenes bildet mehr, als eine einge⸗ lernte, erheuchelte Freude erfreut, die nur falſch im Hetzen macht, ja oft gerade die edelſten Gemuͤther er⸗ bittert. Hatte er ſich aber die ſchwere Entbehrung, zu ſeiner Tochter Beſten, gern auferlegt, wie viel mehr that er ihr Alles, was ihrem Gemuͤthe entſprach, und Gewinn der Freude, des Lebens oder des Herzens galt. Und waͤre nun die ſchoͤne Galate nur eine An⸗ tike von Marmor, oder das von der Mauer geſtiegene Bild der Galate von Rafael aus der Farneſina zu Rom geweſen— welches Aufſehn haͤtte ſie weit und breit gemacht! Aber ſie war lebendig, Eines der juͤngſten, ſchoͤnſten Werke eines ganz anderen Meiſters als Ra⸗ phael— der Göttinnen nur hinzaubern, nicht aus dem Zauber loͤſen und hinſtellen konnte, lebend ins Leben— ſie war ſo ſchoͤn, um die heftigſte Glut der Liebe zu entzuͤnden; und ſo mild, ſo feurig, um von ihr die beſeligendſte Liebe zuruͤck erwarten zu muͤſſen. Und dieſe Hoffnung erregte ihr ſtille und laute Ver⸗ ehrung, und bannte eine geduldige Zahl von Bewerbern vor ſie, als harrten ſie: die Sonne zuerſt zu erblicken, und wer ſie erblicke, der werde ein Koͤnig. Auf zwei ſchoͤne, junge Freunde aber hatte Ga⸗ late den tiefſten Eindruck gemacht. Ihr eigenes Leben war durch das ſchoͤne Gebild wie aufgehoben, ſie lebten es nicht mehr, ſie lebten nur in ihr, wie von ihren Blicken, und athmeten nur, wie ihr Buſen athmete. Sie hofften aber in dieſem Stillſtand des Herzens fuͤr eigene Rechnung, das Leben der Geliebten zuruͤck, und mit ihm ein neues, doppeltes Leben, das Inhalt, Rich⸗ tung und Weihe durch ſie erhalten, und dann auf im⸗ mer bewahren werde. An Geſtalt und Bildung waren ſie ſich faſt aͤhnlich, ſie ſtammten aus Einer Familie. Polydor aber war Graf, und beguͤtert; Selvator dagegen nur Edelmann und diente im Heere aus Man⸗ gel an Vermoͤgen, wie Polydor faſt aus Uebermuth der Jugend. Ihre Escadron ſtand in einem Orte— wo Galate lebte, ſie trugen einerlei Uniform, nur in verſchiedenen Graden, und waren die beſten, die red⸗ lichſten Freunde. Daß Einer jetzt die Einſamkeit ſche fiel dem Andern nicht auf, ſelbſt dann nicht, als ſie ſich auf denſelben Wegen begegneten, oder auf derſelben Ruhe⸗ bank im Garten des Schloſſes trafen— und laͤchelnd vermieden. Polydor pfluͤckte Veilchen, wand einen Kranz und ſchlich heimlich ihn vor Galate's Sitz im — 198— Theater hinzulegen— da fand er ſchon einen Veilchen⸗ kranz! Er blickte umher, und ſahe Salvator verlegen, mit zugedruͤckten Augen, hocherroͤthet und ein wunder⸗ liches Lächeln auf ſeinem Geſicht im Duͤſtern hinter einer Saͤule der Loge ſtehn. Nachts im Mondenſchein hielten ſie unnoͤthige Wache um den Engel, der in dem Schloſſe vor ihnen ſchlief; oder ſie ſchienen— beide nur durch ein Bluͤthengebuͤſch getrennt— dieſelbe Nachtigall darin zu belauſchen, ſie ſchienen ſie zu hoͤ⸗ ren, und hoͤrten ſie nicht, und empfanden nur durch ihre Töne eine neue ſelige Welt, und ſahen einen noch nie ſo geſehenen herrlichen Fruͤhling. Jeder ward inne, daß der Andere liebe, und ſah ihn wie ſein eigenes Bild im Spiegel. Aber da die Liebe ſich gern verbirgt, um verſchloſſen im Herzen ſich erſt recht zu regen, frei und unbelauſcht, darum ſchwieg jeder der Freunde lange von des Andern Verwandlung, um die eignen Gefuͤhle nicht mit Worten zu verra⸗ then, nicht zu entweihen. Auch wußten ſie wohl, daß ſie beide die ſchoͤne Galate liebten— das machte ſie aber nicht eiferſuͤchtig, denn Jeder empfand durch des Andern Liebe keinen Abbruch der ſeinigen, vielmehr die treueſte Beſtaͤtigung und ſuͤßeſte Billigung. Das eigene Gluͤck der Liebe, das jeder Liebende in ſeiner Seele genießt, blieb ihnen, als unraubbar, auch durch Ga⸗ late's Entſcheidung ſicher und treu; und Dieſe gab dem Gluͤcklichen nur ein irdiſches Gluͤck mit ihrem Beſitz, und zwar ein unſterbliches auch mit ihrer 10 Liebe, aber Jeder empfand in ſich durch ſeine reine zlut einen ſo hohen Werth, daß er es kuͤhn der Ge⸗ liebten uberlaſſen wollte, wem ſie ſich neige, und ſich damit beſcheiden: daß er jenes unſterbliche Gut doch ver⸗ diente— auch wenn er die ſchoͤne Sterbliche nicht erwuͤrbe, gleichſam nicht uͤberwältigte durch die Kraft ſeiner liebenden Seele. Waren ſie dennoch eiferſuchtig, ſo waren ſie es um Galate's Liebe, das hieß aber bei ihnen nur ſchmachtend und eifernd danach, nicht darum; denn durch der Freunde Kampf war ſie nicht zu erringen, nur im Kampfe mir ihr, und ſollte ſie frei den Freund nicht wählen koͤnnen, ſo haͤtt' er nicht muͤſſen in der Welt ſeyn! kein anderer Mann mehr! und das goöͤnnte Keiner dem Freunde, der Welt, noch ſich. So mußten ihre Gedanken ſeyn, da ſie, ſich wohl erkennend, doch ſo ſtill neben einander wandelten. Ihre Erklaͤrung konnte ſie alſo nur mehr noch vereinen, und ſie war der feurigſten Liebeserklärung zwiſchen Juͤngling und Maͤdchen gleich, ja ſie uͤberbot ſie noch durch er— regte Sehnſucht, die zwiſchen Jenen ſich eben ſtillt. Bei einem Feſte, welches Graf Alexander veranſtal⸗ tet, war Galate ohne Maske als„das Maͤdchen aus der Fremde“ mit ihren Blumen in den Saal getreten. Sie ſchenkte hin und wieder. Die beiden Freunde ſtanden Hand in Hand, und ihre trunknen Blicke ruh⸗ ten auf der wunderbaren, ſchoͤnen Fremden. Schuͤchtern wie eine Taube hatte ſie ihre, ſie angluͤhende Naͤhe — 200— vermieden, bis eine bange Neugier, ein Drang: den Eindruck ihres Weſens auf die beiden Liebenden zu erfahren, ſie dennoch an ihnen voruͤber fuͤhrte. Sie war überraſcht von zwei ſo ſchönen Junglingsgeſtalten. Sie hatte mit einem Blick ſie Beide genug fuͤr immer geſehn, fuͤr immer unterſchieden, vielleicht, ja gewiß ſchon gewählt. Denn zur Wahl bedarf es bei jeder reinfuͤhlenden Jungfrau nur die ganze zuſammen ge⸗ draͤngte Sehnſucht ihres Herzens, die ſchöne, ſichere, klare Fuͤlle ihres Bewußtſeyns, voll ihrer Erfahrung und Kenntniß, angewandt nur einen Augenblick, einen Anblick— und ein Engel ſpricht leiſe in ihrer Seele; und wie ein Gott ihr die Sehnſucht gegeben, ſo hat derſelbe auch das in ſie geſenkte Bild in ſeiner Welt lebendig und ſie liebend und ſuchend gebildet. Aber zwei Liebende ſetzen das Herz in ſchwankende Be⸗ bung. Galate ſtand mit zur Erde geſchlagenen Augen, leiſe athmend, das Köpſfchen ſeitwaͤrts von ihnen abge⸗ wendet.—„Uns keine Blume?“— frug leiſe Poly⸗ dorz„wir ſind ein liebend Paar!“—„Ein liebend Paar?“ frug Galate, ſie wohlverſtehend, hocherroͤthet, und doch unglaͤubig laͤchelnd.—„Zwei liebende!“ er⸗ klärte Polydor;„und wären es Drei, dann wären es zwei Paare.“— Verlegen vor Empfindungen, wollte ſie nun Jedem ſchenken. Aber Salvator ſtand auf einmal blaß wie von Marmor por ihr, ſeine Augen ſpruͤhten einen bittern, ſtolzen und doch ver⸗ rätheriſchen Zorn auf ſie: daß er die Erſcheinung ſolcher — 201— Herrlichkeit, die Nähe ſolcher Schoͤnheit nicht ertrage! Er fing an zu zittern, aus ſeiner Bruſt ſtoͤhnte ein herzergreifendes Ach, ein uͤberwaltigender Ausbruch ſeiner aufs Hoͤchſte geſpannten Leidenſchaft drohte der beſtuͤrz⸗ ten Galate— ihre Blicke verwirrten ſich, ſie wußte nicht mehr, wo ſie war, ſie zwang— gleichſam um es zu ſichern, dem Polydor das Koͤrbchen mit all' ihren Blumen auf, und entzog ſich verſtört und in letzter Faſſung, erſt durch raſche Wendung und einen wie fliehenden Schritt, dann plötzlich langſam wandelnd den Freunden, und verſchwand in der nahen Thuͤr. Die Freunde eilten ins Freie. Das Dunkel ver⸗ huͤllte ſie. Sie ſtanden vor dem Schloſſe mitten auf dem großen Raſenplatz, welchen ein weiter Kreis von Orangenbaͤumen umgab. Sie umſchlangen ſich plotzlich, und druͤckten einander mit aller Gewalt ihrer Ltebe ans Herz. So blieben ſie lange, und ruhten mit dem Kopf Einer auf des Andern Schulter. „Welche Erſcheinung vom Himmel! welches Mäd⸗ chen! welches Weib ſie ſeyn wird! Wehe dem Seligen, der ſie beſitzt! O wer ſie nur einmal ſo an das Herz druckte, die ſchlanke Goͤttergeſtalt!“ ſprach Polydor zuerſt. „Thor!“ ſprach Salvatorz„nichtig wäre das! Ach: wen ſie ſo an ihre ſchöne jungfraͤuliche Bruſt druͤckte! wenn ihr roſiger Mund meine Lippen ſuchte, wie die Biene die Blumenkelche! Mir ſchaudert!“— Und dennoch kußten ſie ſich. — 2 „Oder,“ fuhr Polydor fort, wer ſie als ſein Weib des Morgens bluͤhend im Schlummer betrachten darf—“ „Nein!“ ſprach Salvator,„wen ſie voll freu⸗ diger Liebe betrachtet, ihm die Locke beruͤhrt wie eines Engels, und vor dem Erwachenden ſich— an ſeine Bruſt verbirgt!“ „Oder wenn ſie ſtuͤrbe,“ ſprach Polydor,„oder er ſtuͤrbe, und ſie aus Schmerz mit ihm, ihm nach—“ „Hoͤr' auf, hoͤr' auf,“ rief Salvator,„ich komme von Sinnen vor dem Gedanken!“ „Oder,“ fuhr Polydor fort;„wem ſie als junge Mutter des geheimſten Wunders treues Geſtaͤndniß— errathen laͤßt!“— „Ich beſchwoͤre Dich, hoͤr' auf, Polydorz ich bebe, ich zittere!“ flehte Salvator. „Oder,“ fuhr Polydor fort, indem er immer weiter von dem Freunde zuruͤck trat, der die Fauſt ballte, ihn zu vertreiben, zu ſchlagen; oder„ wem ſie einſt an einem Morgen erſchöpft und ermattet, ſo blaß und ſo ſelig begnuͤgt daliegend, aus dem Bett die Hand reicht, mit der roſigen Fingerſpitze der andern aber auf das Kind an⸗ihrer Bruſt zeigt“— Salva⸗ tor ſtoͤhnte tief, wimmerte und weinte—„und das Kind dann die blauen Augen zum erſten Mal auf ihn richtet, und die neue Mutter weint, und mit leiſer Stimme ihm fluͤſtert:„„Dein! Dein und Mein!““ — Jetzt faßte Salvator den Polydor ſchnell und mit ganzer Gewalt, ſchuttelte ihn an den Schultern, draängt' ihn zuruͤck, und hob ihn und trug ihn wie ein Kind auf den von begeiſterter Leidenſchaft kräftigen Armen, und ließ ihn dann gerade zu auf den Raſen fallen, und lief vor Betaͤubung wankend und kaͤmpfend mit eigener Wonne hinaus in die Nacht. Polydor konnte uͤber Salvator nicht ſpotten. Ihm war ſelber zu wohl und zu weh um das Herz. Mit uͤber der Bruſt gekreuzten Armen, und zu den Sternen ſchauend blieb er in den Blumen an der Erde liegen.„Himmliſche Sterne!“ ſprach er leiſe,„iſt das Unrecht, iſt das Thorheit, das ſchoͤnſte Gebild eurer Schweſter, der Erde, zum Weibe zu wuͤnſchen, zu hoffen, und ſo begehren wie wir? Ehren wir, o Natur, dein Meiſterſtuck, dein Ebenbild nicht, das Weib; gute Mutter, o Erde, dein Kind! Wollen wir eben nicht auf deinem reinen Wege gluͤcklich ſeyn? Verbietet irgend Jemand dieſen ſchoͤnen Weg zu gehn? Niemand — als Galate ſelbſt, dem Einen von Uns! Einer wird gluͤcklich, der Andre nicht ganz elend, denn der Freund iſt begluͤckt!“ Von Salvator's Liebe über⸗ zeugt kam ihm kein andrer Nebenbuhler mehr in den Sinn, denn er glaubte heilig und feſt an die große Erfahrung der Welt: nur die Liebe erwirbt! nur die Liebe beſitzt! Dabei hielt er das nicht nur fuͤr den herrlichſten Rath, ſondern ſelbſt fur ein Machtwort — 204— uͤber alle Juͤnglinge und Jungfrauen auf der Erde, was die Italiener ſagen:„liebe wer Dich liebt!“*) Zwei Menſchen, die eilen, ſchreiten ſich eifernd außer Athem; zwei Liebende begeiſtern einander; lieben aber Zwei einen Gegenſtand, dann findet ihr Schwel⸗ gen in Gedanken und Gefuͤhlen keine Grenze, weil Beide daſſelbe empfinden und ſchaun. So ſingen zwei Nachtigallen, ſich mit Snſtben Geſaͤngen überbietend⸗ zu Tode. So hatten die Freunde einander geſtimmt, die Gefuͤhle geloͤſ't; es war geſchehen, die Glut brannte nun fort. Deſto verwunderter war Polydor, als er am anderen Tage ſeinen Freund zwar blaß und mit gewiß nur muͤhſam getrockneten Augen fand, aber anſcheinend gefaßt, ruhig, ſeine Liebe abgeworfen, wie ein brennend Gewand. Das war ihm ein Schnitt uͤber das Herz. Er vermuthete recht: Salvator war arm, und Alles, was er vernuͤnftiger Weiſe hoffen konnte, war Galate das Geſtändniß der Liebe abzuquaͤlen; doch mit dem Blicke der vollen Gunſt, und mit dem Worte wie mit ihrer Seele ſchwer und voll himmliſchen Feuers, ſtarb ihre Liebe zugleich wie ein Blitz, und todtete ſeine Seele. Denn die Geliebte beſitzen, das konnt' er ja nicht, und alle ſeine reichen Gaben des Geiſtes ſtuͤrzten erſt recht ihn in Armuth, ſein tiefes Gefuͤhl in den *) ama chi t ama. — 205— Abgrund der Elenden, der ſich aufthut mitten unter Le⸗ bendigen, den die Gluͤcklichen nicht ſehn. Darum hatte er die Weisheit fuͤr die Liebe gefaßt, und war ent⸗ ſchloſſen, nicht ſich, am wenigſten die ſchoͤne Ge⸗ liebte vergebens zu quaͤlen. „Liebe ſie dennoch!“ ſprach Fee„Du kannſt nicht anders, nicht mehr! Du nicht! Dem Entſchloſſe⸗ nen bieten ſich Wege dar, die der Beſcheidene nicht ſieht. Glaube: die Welt iſt mehr fuͤr das Herz angelegt, und entſpricht ihm mehr, als gewohnliche Menſchen nach ihrer Erfahrung glauben. Vielleicht entſpricht ſie ihm voͤllig, wenn wir es ihr voͤllig zutraun— wie einer Geliebten. Eben fuhr Galate mit vier weißen Pferden un⸗ ter den Fenſtern voruͤber. Salvator ſtand nicht auf, ihr Antlitz zu ſehn. Er hob den Deckel voñ ſeiner Harmonika auf, befeuchtete die Glocken und ließ ſie unter der flachen Hand ablaufen, bis ſie darunter anſprachen, dann ſpielt' er dem Freunde zur Antwort das Lied: Wenn ich Dich liebe, ſchone Seele, Was hab' ich Dir gethan? Wenn ich vergluͤhe, ich mich quäle, Was geht es Dich denn an? Mein ſtilles Anſchaun, meine Thränen Sind meiner Augen Schmerz, Das tiefe Leid, das heiße Sehnen Es koſtet nur— mein Herz. —— Die Schönheit gleicht dem Heil'genbilde Von Menſchen unbelohnt, Es lebt in himmliſchem Gefilde Ein hoher, ſtiller Mond. Salvator ſchwieg. Polydor war von den herzzerſchneidenden Klaͤn⸗ gen geruͤhrt, noch mehr von den Worten.„Ich ſeh' es kommen!“ ſprach er. Denn der naͤchſte Vers des Liedes heißt: Doch, ſagt man, hoͤret es die Klagen, Geruͤhrt von unſerm Schmerz; Im Innern ſoll es fuͤr uns zagen, Es regt ſich ihm das Herz! „Ich fuͤrchte von Deiner Glut fuͤr mich und fuͤr ſie. Arme Galate! Mir ſinkt der Muth, mir ſinkt die Liebe. Doch in die Bahn! Beginne Du, wie Du es willſt, ich, wie ich. Aber das ſey das Zeichen unter uns: wer ihre Neigung gewonnen, verſchone den Andern mit Worten, und deute ihm mit der aus⸗ geſtreckten Hand nach dem Himmel. So!“ Er erhob langſam die Hand— Salvator er⸗ ſchrack, als habe Polydor die Geliebte gewonnen, lehnte ſich uͤber die Glocken und ruhte, ſein Herz be⸗ kaͤmpfend. Polydor ging duͤſter. Die Freunde waren beide um 21 Jahre alt, beide mit dem erſten großen, hohen, noch nie gebeugten Muthe des Lebens begabt, der junge Maͤnner oft wunderbar die verwegenſten, ungewoͤhnlichſten Bahnen hinandrängt, geſchweige die ſanften, natuͤrlichen. und der Liebe entgegen zu kämpfen, erfordert mehr Kraft und Geſchicklichkeit, als ihre ſchoͤnen Wuͤnſche durchzutreiben. Polydor bewarb ſich nun offen um Galatez er gab Feſte auf ſeinen benachbar⸗ ten Guͤtern; ſeine Kleidung war die reichſte, ſein Pferd das ſchoͤnſte; ſein Betragen das gefälligſte; er wohnte den Feſten auf dem Schloſſe bei, und die alten Da⸗ men, die laͤngſt ihre fruͤhern Leidenſchaften vergeſſen, und ſich in alles Schickliche geſchickt hatten, ſahen ſchon ein Paar in Galate und Polydor. Die jungen Damen aber vermißten Salvator; denn ſein tiefes Gefuhl, ſeine gluͤckliche Beſchaͤftigung mit zwei Kuͤnſten— Muſik und Dichtkunſt— ſein ſchwärmeriſches Auge zog ſie, bewußt oder unbewußt, ſuͤß an ihn. War Er da, dann fuͤhlte die Schoͤnſte ſich nicht allein. Aber Er fehlte jetzt uberall, und die herzliche Stimmung fuͤr ihn, hauptſäͤchlich von ſeiner Schweſter Eugenie angegeben, erregte ihm gerade nun, da er wie verſchwunden war, manches holde Lob auch vor Galate. Und eine Geſellſchaft ſchöner Frauen voll Gefuͤhl waͤre im Stande einem ſchoͤnen Mädchen einen Mann als Geliebten einzureden, ſelbſt wenn ſie blind waͤre; um wie viel mehr, wenn ſie Augen und Herz hat wie Jene. Denn die Sehnſucht des beſten, kuͤhn⸗ ſten Maͤdchenherzens begehrt nur das allgemein Gebilligte, fuͤr ſchoͤn Erklaͤrte. Selbſt die Herrſchaft der Mode beruht auf dieſer beſcheidenen oder unbeſchei⸗ denen Geſinnung der Frauen, und ſo herrſcht das oft lange, was nur Eine ſchoͤn fur ſich gefunden. Am wenigſten ſelbſtſtaͤndig aber ſind junge gluͤhende Maͤd⸗ chen, die von der Welt die Welt erſt lernen, und auf⸗ genommen und bewundert werden wollen von ihr, die freilich nur ewige Geſetze nach ihrem Koͤpfchen ſpie⸗ lend verſteht und deutet. Salvator hatte ſich krank gemeldet, und er wußte ſelbſt nicht, wie ſehr er es wirklich war, wenn ruͤckſicht⸗ loſe, unbegrenzte Liebe denn wohl eine Krankheit iſt. Die Natur gewährte ihm das heilige Gefuͤhl der Schönheit mit ſchwelgender Kraft des Juͤng⸗ lings. Nichts kann der Jugend die ſchonen Jahre, die Liebe rauben. Selbſt eins der gewoͤhnlichſten Ge⸗ bilde der Erde, das der Geringſte zu ſeiner Zeit ge⸗ wahrt, muß ſie ihm erregen und nähern; ſelbſt der Einſame weint ſeine Thraͤnen, der Aermſte wird eine geit reich uber alle Schätze der Welt, und es iſt fur⸗ wahr eines Gottes Hand, die Jedem im Buſen die Liebe heilig beſchutzt, als die ſeligſte Mitgift fur das ganze Leben.— In ſolcher ſchwaͤrmeriſchen Einſamkeit nun weinte Salvator: er beduͤrfe zum Lieben nur ſich; Polydor wollte ihn gern in Galate's Naͤhe zie⸗ hen— aber er ſang ihm nur wiederum zur Harmo⸗ nika das Lied: Denkt Ihr denn, ich ſey alleine, Wenn ich auch bei Euch nicht bin? — 209— Denkt Ihr denn, Ihr liebt alleine, Geht Ihr mit der Liebſten hin! Denkt Ihr, wenn ich lieg' und weine, Daß ich da unſelig bin? Traut nur nicht dem Außenſcheine, Denn das Gluͤck wohnt nur im Sinn. Sein unglucklicher Freund that ihm Leid, denn er fiel faſt unwillkuhrlich aus jenem Liede in den Geſang: Moͤcht' ich je das Gluͤck verdienen? ch, die Thraͤnen ſchon alleine, Die ich nach dem Schoͤnen weine, Bin ich wohl der Lieder werth? Ruhig bleiben Deine Mienen, Wie's auch innen Dich verzehrt! So ſang er und ſo empfand er; denn der wahr⸗ haft Liebende wird zaghaft, zweifelvoll, und ſetzt auf Nichts, was er iſt und hat, Werth genug fuͤr die Liebe ſeiner Schoͤnen; und dieſe Beſcheidenheit bereitet erſt recht ihm das reinſte, das herrlichſte Gluͤck. Es wird ſo groß, als die Demuth war! Wer hohe An⸗ ſpruͤche macht, wer trotzt, wer wahnt, daß Seiner kaum das Beſte wuͤrdig ſey, der erſchoͤpft ſeine Kraft im Stolz und ſetzt ſelbſt goͤttliche Gahen zu Bettlergaben herab. Seine Einſamkeit entſchuldigte Salvator dem Freunde mit den Worten:„Wir lieben ja nur! nur deſſen ſind wir uns bewußt. Der Gegenſtand iſt uns ewig unbekannt; denn ſein Geſchlecht, ſein Schefers neue Nov. 1v. 14 — Name— alles das erklaͤrt uns die Liebe nicht. Wir lieben nur, nur dieſes wiſſen wir.“ „Doch wen, nicht auch zugleich?“ frug Polydor. „Eben das weiß ich recht klar!“ ſchloß Salva⸗ tor. Die Frage hatte dem Freunde weh gethan, und er uͤberließ ihn ſeinem Schmerz, in den er immer tie⸗ fer verſank.. Polydor ſchwieg vor Andern zu dem allen. Salvator brachte es nach einigen Monden dahin, daß er Galate begegnen konnte im Garten, und mit gleichgiltig ſcheinenden Augen ſie anſehn, und auch an⸗ ſehn nur leicht, ſich abwenden, ſie weder meiden noch ſuchen. Wenn Andere ſie lobten, war er im Stande zu ſagen, wenn er gepeinigt ward endlich auch ſeine Meinung zu aͤußern: Sie iſt noch zu jung, noch kei⸗ ner Liebe faͤhig, alſo auch nicht geliebt zu werden— denn man liebt nur die Liebe! Dabei lächelte er ſo ruhig, ſein Auge bezeugte, er habe mit dieſem letz⸗ ten Worte wahr geſprochen, ſo daß er gluͤcklich einem fuͤr ihn bittern Verdacht entging. Dieſe Nichtbeachtung aber von dem allgemein ge⸗ billigten, ſchoͤnen Salvator bedruͤckte, erregte Galate. Sie erroͤthete zuͤrnend daruber, als ſie heimlich ver⸗ nahm, er halte ſie fuͤr ein Kind, das noch nicht zu lieben vermoͤge, und ihre Augen wuirden feucht. Nichts iſt beleidigender fuͤr ein Weib, als ein gleichgultiger, immer gleichguͤltiger Mann, der ſie kaum bemerkt. Dieſer vermag ſie zu Thraͤnen zu treiben, denn in all' ihrem Schmuck, in all' ihrer Schoͤnheit iſt ſie ſich nichts, und all' ihr Thun umſenſt. Alle andere Män⸗ ner haͤlt ſie fuͤr Schmeichler, nur dieſen fuͤr wahr; und dieſem bemuͤhet ſie ſich zu gefallen, wenn er nur irgend zu dulden iſt; dieſen trachtet ſie zu reizen, wie ſie gereizt iſt, und eher hat ſie nicht Ruhe, bis ſie eine Schwaͤche, eine Geſchichte von ihm erforſcht; denn ſie ſcheint nur wiſſen zu wollen, ob es moglich ſey: nicht der Schoͤnheit zu huldigen? und ihr kaum mehr ge⸗ faßtes Benehmen, ihr ängſtliches Bemuͤhen gilt gleich⸗ ſam die Loͤſung einer Naturfrage. Weiß ſie aber, daß er einmal irgend Einer gehuldigt, dann fuͤhlt ſie ſogleich ſich beruhigt, denn ſie vergleicht ſich mit Jener, und das Ergebniß ihrer Betrachtung ſetzt ſie in das ruhig⸗ frohe Gefuͤhl des Beſitzes ihrer Schönheit und ihrer eigenen Vorzuͤge. Alles aber, was Galgte von Sal⸗ vator vernahm, war zwar lauter Liebes und Gutes— nur nicht Liebe. Denn aus maͤnnlichem Stolz oder aus tiefer Ahnung eines uͤberſchwenglichen Gluͤckes, und aus dem Bewußtſeyn: wie ſelig er gottliche Schoͤn⸗ heit zu erkennen vermoögen werde, wenn ſie ihm— und gewiß— erſcheine, wie heilig er die Liebe ſchätze— gus dieſem allen hatte er ſtreng gehalten gelebt, und alle Gewalt ſeiner Glut, wie einen Schatz, mit leichter Muͤhe aufgeſpart, bis ein Weſen werth ſey, oder ſo hoch uͤber allen Werth, daß er ſie ihm weihe, opfete, ohne Bedingung, ohne Wunſch, als vielleicht noch den, daß der Engel glaube und empfinde: Siehe, er iſt da, 14* — 212— der Dich erkennt, der fuͤr Dich lebt oder ſtirbt, wie Du willſt; ſiehe, o Weib, ein Mann iſt in der Welt! und die ganze Fuͤlle der Gewalt dieſes Namens des glorreichen und herrlichen Weſens auf der Erde kommt uͤber ſie, und ſie neigt ſich ihm, und ſie iſt durch ihn begluͤckt. Das war ſein Stolz! und da er ihn zu faſſen vermochte, gleichſam heraus zu fuͤhlen aus ſeiner gluͤhenden Seele und ſchoͤnen Geſtalt, ſo ſchien er ihm erlaubt, und war ein Schmuck mehr an ihm. Von dieſer Seite war alſo Galate nicht zufrieden zu ſtellen. Sie ward aus himmliſcher Heiterkeit: ernſt, oft truͤbe; aus froͤhlichem Muthe: muthwillig, aus kindlicher Laune: launiſch, aus Umgaͤnglichkeit: zuruͤck⸗ gezogen, aus offenem leichten Sinne: ſinnend, ja ſchwerſinnig. Die heimlichen, beſcheidenen und zarten Verſuche, Salvator zu reizen, mißlangen und er⸗ bitterten ſie; ſie wollte ihn ſehen, recht eigen betrach⸗ ten, ſeine Seele aus ſeinen Worten, aus ſeinen Har⸗ monika⸗Glocken hoͤren— ob er verdiene, daß ſich ein Weib auch um ihn kuͤmmere, oder ihn unbeſorgt zie⸗ hen laſſen moͤge. Salvator's Schweſter Eugenie meldete ihm alſo ihren Beſuch auf einen Abend. Er war nur er⸗ roͤthet und erblaßt.. Und ſo ging Galate zogernd und doch ſchon zu fruͤh, mit ihren Freundinnen und Salvator's Schweſter nach ſeiner Wohnung, die einſam an der Grenze des Gartens lag.— Töne der Harmonika ſtellten die Freundinnen; Galate ſchien — 213— voruber gehen zu wollen; eine druͤckende Hand faßte die ihre, ſie ſtand, ſie hoͤrte, ihr Herz regte ſich, ſie entzog ſich dem Anblick der Uebrigen, und an ein ein⸗ ſames, um die Ecke gelegenes Fenſter mit der Stirne gelehnt, floſſen ihre Thraͤnen. Sie ſahe Salvator nahe gegenuͤber, ſein blaſſes ſchoͤnes Geſicht vom Strahle der hellen Lampe beglaͤnzt; er hatte die leiſen Maͤdchen⸗ tritte im Graſe nicht gehoͤrt, und traͤumevoll ſie er⸗ wartend, ſang er fort, nicht aus ſeinen Gefuͤhlen und ſeinem Weſen, ſondern in Geiſt und Gedanken ſeiner Liebend⸗Geliebten ſich traͤumend und erquickend: Hier in dieſem Schattengange Wandl' ich ſtill und heis und bange, Welches Schmachten, welch' Verlangen— Mocht', o moͤcht er mich umfangen, Und der vollen Lieb' Erguͤſſe, Ueberſaugen in ſeine Kuͤſſe! Galate ſeufzte faſt hörbar. Salvator aber, aus ſeiner erregten Wehmuth ſich ermannend, nahm nun die Haltung und den Ton eines Stolzen an, um wenigſtens in der Einbildung uͤber ſeine Gefuͤhle zu herrſchen, und ſpielte und ſang in raſcherer Melodie: Koͤnnt' ich ſo herab mich laſſen Solches Weſen anzufaſſen— Iſt nicht einmal werth des Haſſes! Himmliſch Herz, verlaß', o laß' es! Bieibe, heil'ge keuſche Liebe, Immer rein in meiner Bruſt! Wie ich Göttlichem mich übe, Sey nur mir, nur mir bewußt! Dann ſtand er auf, wie des Harrens mude⸗ Galate bebte, wie angewurzelt, in ſuͤßer Ahnung. Sie ſollte nicht genaht ſeyn— ſie ſollte hinein treten — noch jetzt— und die Fuͤße verſagten ihr den Dienſt. Das Blut ſchwellte ihr die Bruſt und be⸗ dräͤngte ſie bis zur Ohnmacht. Salvator trat von Innen an das Fenſter, an welchem ſie von Außen ſtand, lehnte ſeine Stirn an dieſelbe Scheibe, und im Daͤmmer des aufgegatgenen Mondes, der ſeitwaͤrts zwiſchen ſie ſchien, ſahe jeder des Andern ſchönes Ge⸗ ſicht, nahe lieblich, nur von einem unſichtharen Nichts, dem Kryſtall der Scheihe getrennt, und doch geſchieden. Eh' er ſich recht beſonnen, war draußen die Geſtalt verſchwunden, die Madchen lachten, und warfen ihm Blumen zuruͤck an das Fenſter. Er ünterſchied deut⸗ lich ſeiner Schweſter Stimme, die rief; wir wollten nicht ſthren; unſer Wunſch iſt erfuͤllt— felicis- Sima nottel „Er liebt! wie tiebt a. dachte Galate betroffen und voll Schaam.„Zwei Liebende!“ ſagte ja Graf Polydor—„ein liebend Paar!“ ſagte er auch— o Himmel, ich vergehe!— Ihr Herz loͤſte ſich ihr ſelbſt, ihre Ruhe war hin, ihre Kindheit ge⸗ ſchloſſen, und plotzlich wie aus der Erde herauf ge⸗ ſtiegen, oder auf derſelben Stelle verwandelt, ſtand ſie auf einmal als Jungfrau da, als jenes ſanfteſte, — 215— lieblichſte Weſen, geweiht den ſchoͤnen Reihn des Le⸗ bens mitzuſchweben, uͤberreich Wonne auszuſtreuen und doppelt ſo viel zuruͤck zu empfangen, als ſie ausgeſtreut, ſo liebend, um mit ihrem zaͤrtlichen Auge in alle die kuͤnftigen Tage ſo warm und treu zu blicken, wie die muͤtterliche Sonne. Aber ſie ſtand noch allein, und eben alle jene Wonne, die erſt als Sehnſucht an das Herz ihr ſtieg, druckte ſie nieder. Zur„guten Nocht“ preßte ſie ſeine Schweſter an ihren Buſen, und be⸗ deckte den Mund ihr mit Kuͤſſen. So gering, unwillkuͤrlich, ja muthwillig erſcheinen die Anfaͤnge bei vielen Dingen. Aber ſie ſcheinen nur. Denn zu beſtimmten Geſinnungen und zu reifenden Gedanken kommt das ſogenannte Neue hinzu, und erfullt nun jene und ſich zugleich. So viel Entſchei⸗ dendes geſchieht ohne Ahnung der aufmerkſamſten Mut⸗ ter, des ſtrengſten Vaters, heimlich und unausrotthar; und es ſichert den Gaͤrtner nicht, daß er bluhende Nelken weit aus einander ſtellt, deren Art er rein er⸗ halten will. Der Blumenſtaub weht unſichtbar heran, veraͤndert die folgende Blume,— er aber kann ſie nicht mehr verändern, jeder neue Purpurſtreifen iſt tief in die Blaͤtter eingewachſen, und er kann die Blume nur eingehen laſſen oder verſchenken, wenn ihre Ge⸗ ſtaltung ihm nicht gefaͤllt. Galate hatte ſich ſelber gefangen, von mädchen⸗ haftem Eigenſinn verwickelt. Ihre Seele ſurrete gleich⸗ ſam wie eine Biene in Salvator's Netz, das er — S6— nicht hinterliſtig, ſondern nur aus eigener Noth ſich hingewebt. Sie lebte nicht mehr in ſich, ſondern ſein Herz glich einem bluͤhenden Mohnhaupt, das von ſei⸗ nen Thraͤnen, wie von fruchtbarem Regen ſchwer die Blätter geſchloſſen und ſie feſthielt. Ihre Traum⸗ geſtalt, die Geſtalt, die von jedem Menſchen dem gei⸗ ſtigen Auge ſichtbar an dem Orte verweilen muß, den er einmal wirklich betrat, verweilte nun auch wie ein gebannter Geiſt bei ihm; er benahm ihr gleichſam durch den Zauber der Liebe alle Kraft, und ihm kam es vor, als ſchmachte auch ſie ſich faſt zu Tode. Er irrte nicht ganz. Denn wie die Baumwollen? nuß, wenn ein Kind ſie anzupft, ihre ganze verſchloſſene dichte Fuͤlle auf einmal nachquellen laͤßt, und dieſe ſchimmernd und rein ſich aus ihrem Kerker befreit, in welche keine Kunſt und Geſchicklichkeit der Erde ſie wieder hineinbringen kann, ſo erging es Galate, als ſie aus ihrem liebevollen Herzen gleichſam ein Gedan⸗ ken⸗Fädchen weiter hervorgezupft.— Doch! er iſt ſchoͤn; ſprach ſie bei ſich. Er iſt werth, daß er liebe! Kein der Gegenliebe Unwerther kann wahrhaft gar nicht lieben. Schuld im Herzen, verdorbene Seele, leider auch Häßlichkeit im Aeußern ſchlägt dem armen Menſchen die Liebe nieder, den Muth und den Werth eines ſolchen Gluͤcks. Schoͤnheit, Hoffnung und Liebe ſind Eins und gluͤcklich beiſammen, Keines einzeln, wenn ſie aͤchter Natur ſind. Ach, und darum iſt es das ergreifendſte, machtigſte Wort, wenn ein ſolcher — — 217— reiner, herrlicher Menſch— ſie meinte Salvator— vor Dich tritt und ſagt:„ich liebe Dich!“ das heißt ja nur„ich bin ein Engel— und weiß es nur nicht! Weh aber denen, die wie ein falſcher Diamant einen taͤuſchenden Schein gegeben, und dann aus eben ſo reiner, ſchoͤner Seele nicht wieder ſagen koͤnnen:„ich liebe Dich auch!“ Wehe ihnen— ſie ſind elend, durch ſich, oder durch die Welt, ſie find ungluckliche Weſen.— und bin ich denn das?— ſie laͤchelte und fuͤgte hin⸗ zu: Ach, der Schoͤne licht, der Liebende hofft, und auch die, die er meint, und die Seligen ſinken ſich an die Bruſt.— Der Stolz aber, den ſein letztes Lied aus⸗ gedruͤckt— wenn er dann ſang, was er meinte— hielt wie ein Fruͤhlingsnachtfroſt die Blume ihrer Liebe noch in der Knospe zuruͤck, und ſie rang danach, nur deſto milder zu ſeyn, in Empfindung und Wort, deſto ſchoͤner in edlem Tragen und beſcheidenem Putz; und wenn ſie ſo ſich ſah und empfand, blickte ſie ernſt und verzagt vor ſich hin und frug ſich leiſe:„Ach, was kann er noch Anderes, Beſſeres wollen?— wenn er es wuͤßte! und auf ihre Lippen traten Worte, die Salvator ſelbſt gedichtet, und die ſo heißen: Welche Liebe ich verhehle Welche Sehnſucht in mir ſchlägt, Ahndet keine gute Seele. Die es doch wohl ſonſt bewegt! Lang' getaͤuſcht und oft getrogen, Wechſt' ich nicht mehr meinen Platz; 6— 218— In mich ſelbſt zuruͤckgezogen Hehl' ich koſtbar einen Schatz. „Ach den gewiß!“ ſprach ſie dann laut.„Aber nicht doch! nicht doch! noch bin ich nie getauſcht, das Leben hat mir noch Alles erfuͤllt. Aber fuͤr wen ich das Herz bewahre?“—— Jetzt war eine kurze Zeit, in welcher vielleicht Polydor es erwerben konnte. Aber in dieſer belei⸗ digte er Galate's zartes Gefuͤhl auf eine nicht ver⸗ muthete Weiſe. Um ihr auf eine verborgene Art zu huldigen, und ſich ſelbſt einen wunderlichen Voraus⸗ beſitz zu verſchaffen, oder vom Namen Galate wun⸗ derlich befangen, hatte er von einem aus Rom zuruck⸗ gekehrten Maler in zwei außerordentlich ſchoͤnen und wohlgelungenen Copieen„die ſchoͤne Gdlate“ in Oel gemalt erworben, beide in der Groͤße der Driginale, die Eine: die Rafaeliſche mit den Nereiden, deren Eine der Triton traͤgt; die Andere: von Hannibal Caracei, aus ſeinen Dreien im Palaſt Farneſe die, wo Galate mit dem Acis flieht. Nach einigen Ta⸗ gen hatte er ein Feſt bei ſich gegeben, und die leben⸗ dige, ſittſam angezogene Galate hatte unter jenen Bildern ſitzen muͤſſen auf dem vornehmſten Sitz, und war vor Schaam und Verdruß faſt vergangen. Denn ſie hatte gleich bei dem erſten Betrachten nicht die Kunſt, ſondern das Dargeſtellte nach Frauenart in den Gemaͤlden geſehen. Das gereizte Lächeln, die heimlich vergleichenden Blicke der Maͤnner, die Gedanken — 219— derſelben, die ſie ſich einbilden konnte, das leiſe Seuf⸗ zen tödteten faſt ihr Leben, aber gewiß ihre Liebe. Denn um etwas beinahe Lächerliches zu ſagen: ein junges Mädchen iſt ein neues Weſen; Jahrhunderte von Gewohnheit und Ertragung eines nur durch ſein Alter Ehrwuͤrdigen kommen ihr nicht zu Gute oder nicht zu Boͤſem; ſie fuhlt Alles ſo rein, wie ſie iſt, denn ſie kam erſt nicht laͤngſt vom Himmel, und Sitte und Zucht, Sittſamkeit und Keuſchheit ſind ihr mitgegeben, um ſie zu bewahren, zu lehren und neu zu wecken in der mit jedem Geſchlechte immer wieder alternden Welt. und waren nun auch jene Bilder unſchuldig, ſo wur⸗ den ſie ihr betaͤubend, durch die erregte Glut der Men⸗ ſchen, die ſie leiſe deuteten und bezogen, oft ihren Na⸗ men ausſprachen, dem Namen Lob beilegen durften und ſie, die lebendige Galate, mit Herz und Blut und Liebe begabt, hinauf an die Stelle jener Seel⸗ loſen ſich dachten und ſtellten, oder jene Ungereizte⸗ Reizende herab, die mit offenen Augen ſogar ſich ſelbſt und die fremden Maͤnner nicht ſah, ſondern in hoher Gnuͤge, wie uͤber der Welt und außer der Welt: in dem zauberhaften Reiche der Kunſt, auf blauen Wo⸗ gen dahinfuhr! Darum verſchloß ſich Galate's Herz vor Po⸗ tydor mit dem Zorn der reinern Jugend. Aber wenn ſie der Vater anſah, lächelte ſie den Verhaßten doch an, den er ihr wuͤnſchte, und weil Er ihr ihn wuͤnſchte, um Ihm Freude zu machen, oder doch nicht zu be⸗ truͤben. Sie druͤckte dem Polydor ſogar beim Ab⸗ ſchied die Hand, als er ſie ihr kuͤßte, damit er kuͤnftig ſogar auch nicht ahne, woruͤber ſie ihm abhold gewor⸗ den, um nicht ihr Erroͤthen zu verlaͤngern, ſondern zu vergeſſen. Und man kann eine Roſe ganz in kaltes Waſſer tauchen, und doch ſtehen nur kleine Silber⸗ tropfen auf ihren Blaͤttern, die abrieſeln oder verduften. Doch ein Mann, der nicht zart genug empfindet, kann nie hoffen, das Herz eines Weibes wahrhaft zu beſitzen, die verdient ein Weib zu heißen; und wuͤrde ſie auch zuletzt wie Er iſt, und wie er ihr zutraut, ſo hat er doch eine große, waſſerhelle Perle in Eſſig bei⸗ zend, um ihren Glanz und Werth gebracht— und tauſend gemeine Zahlperlen ſind noch keine Kronen⸗ perle, die durch ihr Weſen und ihre Herrlichkeit uber⸗ haupt erſt den Kleinen, Geringen einen kleinen, gerin⸗ gen Werth erworben. Es ſollte bald Krieg ausbrechen, und Polydor wollte ſeiner reichen Beſitzungen wegen ſich zeitig genug zuruͤckziehen. Salvator ſehnte ſich dagegen nach Kampf und Tod, wie ſie an demſelben Tage von ſei⸗ ner heimlich weinenden Schweſter erfuhr. Und ſo konnte Galate den Einen gewinnen, den Andern verlieren— und der Verluſt bewegte ſie tiefer. Aber auf dem Heimweg erfuhr ſie auch von der bewegten Schweſter, daß Salvator ſie liebe. Die Gewißheit machte einen unbeſchreiblichen Eindruck auf das dankbare Maͤdchen. Denn die Dankbarkeit fur — Liebe iſt der Frauen allgemeine und ſchoͤne Tugend. Sie trat vor den Spiegel, erhob mit Herzklopfen die zweifelnden Blicke zu ihrer eigenen Geſtalt; das Bild war erroͤthet, und ſie erröthete noch mehr; dem Bilde ſtanden Thraͤnen im Auge, und nun floffen ſie ihr ſanft und hell von den roſenlichten Wangen; ſie beugte ſich uͤber den kalten Marmortiſch, und all' ihr Sinnen verging in ſeligen Gefuͤhlen. Hatte ſie ſich ſonſt wohl gern von altem edlen Geſchlecht gedacht, ſo empfand ſie ſich jetzt von goͤttlichem, ſo feierte ſie eine ſchoͤne Stunde lang das heiligſte Feſt des Lebens, bis ihre Gefuͤhle, in Wehmuth verwandelt, erſt wieder in den Worten Gedanken wurden: O ſterben moͤcht' ich, Und leben moͤcht' ich— Ach ſterben muß ich! Doch nimmer verwein' ich Die Fuͤlle der Liebe, Die Wonne des Lebens, Die mich in den Tod zieht. Denn Alles hatte die Natur dem Manne, den ſie bewunderte, mitgetheilt, nur nicht Gold genug, und die Menſchen nicht hohen Rang genug, der dem Va⸗ ter genuͤgte. Jetzt ſchloß ſie ſich ein, jetzt war ſie krank, wenn ſelige Phantaſieen den Namen Krankheit erlauben, und doch iſt ſie ſchwerer zu tragen als alle, weil der Menſch leidet, nicht ſein ſterblicher Ge⸗ faͤhrte. — 222— Als aber Galate aus dem Thal wie verſchwun⸗ den war, kam Polydor zu Salvator.„Du wirbſt auf eine eigene Art!“ ſprach Polydorz der Prinz und ich erſchoͤpfen unſere Schätze, unſere Erfindungs⸗ kraft.— Du haſt die wohlfeile Art erwaͤhlt, ob die ſichere, weiß der Himmel; wir alle ſind getaͤuſcht— ſie hat ſich uns entzogen! Heut iſt ihrer Mutter Va⸗ ter gekommen, und in wenigen Wochen fuͤhrt er ſie fort nach Italien. „Mir nicht!“ ſeufzete Salvator. Und faſt mit kaltem Vorwurf ſprach Polydor: „Du liebſt ſie nicht, nicht ſie! Du liebeſt Dich! Dich ſoll ſie licben! Denn wenn Du ſie liebteſt, muͤßteſt Du ſuchen ihr Freude zu machen durch Dich und Deine Liebe, auch auf Koſten Deines Herzens— und Du wuͤrdeſt gewinnen durch ihre bloße Gegenwart. Wie viele Tage iſt ſie Dir nicht geweſen, dieſe Goͤtterge⸗ ſtalt! und iſt das kein Gewinn, jeden Tag gleichſam eine neue Galate in der Welt zu ſchauen, ihr Laͤ⸗ cheln, ihr ſchwarzes Haar! ihre Silberſtimme zu hoͤren! Ich geb' es zu, es iſt eine Liebesprobe, wer wenig mit der Geliebten allein ſeyn wollte und könnte— aber ohne ſie allein— iſt das der Liebe Uebermaaß, ſo theile mir es mit!“. Salvator aber ſprach nur ſanft:„O traue nicht dem Herzen, das ſich nicht verbirgt! denn alles Heilige, alles Fromme, es will verborgen ſeyn— ſo iſt die Liebe! doch anders iſt die Freundſchaft, denn es — 224,— muß die Welt es wiſſen, wer zuſammenhaͤlt und wer ſich ſchuͤtzt— die Liebe ſchuͤtzt der Hmmel! und die ſich lieben, die ſind dort vereint, und dort ſich nah.“— „Oder ſchlaͤgt Du uns„Freyer“ wohl zu gering an, lieber Odyſſeus? Ich daͤchte wir waͤren Maͤnnet! Und doch ziehen wir ſie nicht zu uns herab, wir ma⸗ chen ſie ſtolz und draͤngen ſie ſelber durch unſere Glut hinauf, wie die Hitze der Erde die Mittagswolke empor⸗ treibt und jagt. „O der Schande uns Maͤnnern,“ klagte der Prinz, „daß dieſe Jungfrau ſo ungeruͤhrt, ſo gleichgiltig vor unſern und aller Maͤnner Augen wandelt, dieſe rei— zende Amazone; es iſt eine Schande! Sie muß be⸗ ſiegt werden, wenn auch nicht von mir.“ Und das wird auch nicht geſchehen, denn weil er ſo ſagt— liebt er ſie nicht! Was aber ſagſt Du? Salvator aber ſprach mit bitterm Schmerz: „Ja, die groͤßte Befriedigung ſollt' es mir ſeyn, wenn ich den Apollon oder den himmliſch⸗ſchoͤnen Ganymed hetunter fuhren konnte auf Erden, daß ihn Galate, die Unbefangene, wandeln faͤh' und erſchraͤcke! und ſtill wuͤrde— dann aber der Goͤtterjuͤngling ſie uͤberſaͤhe, daß ſie verginge vor ſeiner Schönheit, bis ſie ihm zu Fuͤßen ſtuͤrzte— Er aber nur Mitleid ihr zeigte, daß ſie verſchmachtete, daß ſie ſtuͤrbe! So haſſ' ich ſie.“ „Du haſt das rechte Wort gewaͤhlt!“ ſprach Po⸗ lydor erweicht und betreten.„Jetzt iſt mir wohl! Wenn nur die ſchoͤnen Flauen den waͤhlen wollten, — 224— der ſie am meiſten liebt! Ach— aber ſo wahlen ſie gewoͤhnlich den, welchen ſie am meiſten lieben, weil ſie damit ihre ſuͤße Beſtimmung erfuͤllen— wollen: den Mann zu begluͤcken! Doch wenn ſie es recht ver⸗ ſtuͤnden— wie könnten ſie den erſt begluͤcken: der ſie liebt! wie reiner, ſicher gluͤcklich ſeyn! wenn Keine auch ganz ohne leiſe Neigung iſt gegen Jeden, der ſie liebt. Ach, und ſo iſt denn auch der himmliſchſte unſerer Triebe nicht ohne Eigennutz! Zum hochſten Adel der Liebe erhebt ſich ſelten der Mann— und das Weib.“ Salvator ließ ſich bewegen, mit ihm ſeit lange zum erſten Mal das Thal zu betreten, worinnen Galate nicht war; den von Felſen umſchloſſenen See im Kahn zu beſchiffen, wo er ihr Schloß nicht ſah. Die Roſen waren verbluͤht, und hohe blaue Glockenblumdn ſchim⸗ merten, wie aus der Erde auferſtanden, ihn anz er verweilte bei dem Jelaͤngerjelieber, der ihm in ſeiner gegliederten Bluͤthe eine Hand zu reichen ſchien; er druckte das bluͤhende Mohnhaupt an ſein Auge, die bluͤhenden Winden an ſeine Stirn als die ſeligern Gaͤſte der Erde— ohne die Leiden der Liebe, und doch ſo hold, ſo geliebt! Er ging jetzt immer in ſchlichter Kleidung; er wollte nichts dem Schmucke verdanken⸗ noch der Ueber⸗ raſchung, oder einer Schickung des Ohngefaͤhrs. Auch ſeinem Geiſte wollte er nichts verdanken, darum ver⸗ barg er die großen Fluͤgel, und ließ die hellen Funken⸗ — 8— die oft ausſtroͤmen wollten, in ſich verglimmen. Nur ſeiner Liebe wollte er ihre Liebe danken, felſenfeſt auf das Wort vertrauend: Liebe um Liebe. Das ſchien bei ihm thoͤrig; denn wie ſollte ſie ſein Herz entdek⸗ ken, wenn er wie ein Geſtirn am Tage ihr Auge floh. Und doch hatt' er Recht; denn des Weibes Herz em⸗ pfindet zarter und ſicherer die Liebe, als die kuͤnſtliche kleine Frau im Wetterhaͤuschen vor dem Fenſter, die bei dem erſten Sonnenblicke hervorkommt: das Licht und die Waͤrme empfindet und zeigt; und es berechnet ſcharfſinniger, als ein Sternkundiger aus zwei Beobach⸗ tungen die Bahn eines Wandelſternes beſtimmt, die Phaſen ihres Mondes ſogar in ſeiner Verdunkelung. Galate erholte ſich aus ihrem Schmachten, ſie trat wieder in den Kreis der Menſchen, aber blaͤſſer, ſinniger, laͤchelnder, und ſah gewoöhnlich zur Erde. Wenn ſie dennoch in ſeiner Naͤhe verweilen mußte, war ſie faſt abſtoßend gegen Salvator, kalt und fremd; und er, der heimlich achtſam dieß ihr Bezeigen fuͤr Kaͤlte nahm, nicht fuͤr die aͤußerſte Milde und Guͤte, faßte ſich kaum mehr; und ſein Leid ward nun vollends in ihr zu Angſt und Kampf mit ſich ſelbſt. Und ſo iſt denn Niemand, Niemand von Allen, groͤ⸗ ßeren Leiden ausgeſetzt, als ein ſchoͤnes Weib, wenn ein Gott ſie nicht den ſanften Weg des Lebens fuͤhrt. Wie das ſchoͤnſte Gluͤck, ſcheint das tiefſte Ungluͤck auch nur ihr vorzuͤglich vorbehalten. Und ſo Vieles und Manches ſie ſann und traͤumte, kam es ihr doch nicht Schefers neue Nov. 1v. 15 — 226— ein, mit ihm zu fliehn. Denn eine ſolche Flucht der Schweſter ihres Vaters, des Grafen Alexander, hatte Herzeleid uͤber das Haus gebracht, und ſein Va⸗ ter war, aus Kraͤnkung daruͤber, lange Jahre ohne klares Selbſtbewußtſeyn geweſen. Mit wem aber die Schwe⸗ ſter geflohn, das war Salvator's Vater geweſen. Von dieſem fruͤheren Vorgang erfuhr ſie jetzt erſt, als ſie mit kindlicher Liebe und herzlichem Zutrauen leiſe, und ohne ihre Liebe bloß zu ſtellen, die Geſinnung ih⸗ res Vaters, durch Worte, die ſie in viele Tage ver⸗ ſtreute, uͤber Salvator vernommen, den er kaum geduldet, aber nicht ſo tadellos und wuͤrdig finden konnte, ihn mit dem herrlichſten Loos, dem ſchoͤnſten Beſitz— ſeiner reizenden Tochter zu lohnen, und da⸗ durch klar vor der Welt, die Alles richtet, was Men⸗ ſchen und Geſchlechter im Zarten und Strengön nicht wohl gethan in ihrem Sinne, die That von des Juͤng⸗ lings Vater mehr als gut zu heißen! Galate war verſtummt; und wenn Salvator ſchuldlos war, und ſchwerlich um dieſe Dinge wußte, die ihm wahrſchein⸗ lich Niemand entdeckt, und Vater und Mutter am wenigſten, was hatte dann ſie begangen? Sein Vater war lange todt, und die Mutter lebte entfernt und duͤrftig, und der Sohn beleidigte ſie auf das Schwerſte, wenn er nicht annahm, was ſie mit ihrer Haͤnde Ar⸗ beit ſich vielleicht abſparend ihm eruͤbrigte und ſandte. Das zerriß Galate's Herz vollends; ſie vergab da⸗ rum dem Weibe, ſie liebte Salvator nun mehr, ſeine Armuth ſchadete ihm nicht bei ihr; ja der ma⸗ gere alte, doch feurige und ſchoͤn gebaute Falben, den er ritt, erregte ihr Herzklopfen; die Augen wurden ihr feucht, wenn Salvator daher geritten kam, und aus Stolz und Scheu, und Trotz und Liebe anſtatt ihr zu begegnen, wohl von dem ſteilſten Ufer in den Fluß ſetzte und hinuͤber ſchwomm. Sie ſtampfte dann mit dem kleinen Fuͤßchen die Erde, aus Zorn mit der Welt vor ihr, die ihr die Gegenwart und die Zukunft ſo verbittert und verſchloſſen. Nur einmal haͤtte ſie ſich gern ausgeweint an ſeinem Halſe, nur einmal wollte ſie mit ſeiner Stimme die Worte hoͤren: ich liebe Dich. Nur einmal wollte ſie ihm ſie fluͤſtern— dann ſchien ihr Alles erfullt, dann war die Roſe doch voll gewor⸗ den und aufgebrochen und wenn ſie der Sturm in der naͤchſten Macht entblatterte. Alle ſchoͤne Madchen wollen in gewiſſen Jahren gern jung ſterben, auch Galate wollte es jetzt, durch Manches zu dem Wunſche bewogen. Dann, verſann ſie ſich, lag ſie da, ſchon und todt. Dann kam er, dann ſah er ſich ſatt an ihr, und doch nimmer ſatt. Es war Nacht, der Huͤter an ihrem Sarge war einge⸗ ſchlummert, Salvator kniete zu ihrem Haupt— ſie empfand das jetzt— die Roſen des Kranzes bebten in ihrem Haar— er kußte die leicht geſchloſſenen Augen — ihre Sterne zuckten unter ſeinen Kuͤſſen! Ihre Wangen und Lippen waren blaß, er flehte, beſchwor ſie nur noch um ein Wort, um die Antwort auf die 15 X leiſe Frage: Haſt Du mich geliebt?— da bebten ihre Lippen, ihre ganze Geſtalt durchrieſelte Zittern, aber ſie konnte nicht ſprechen! Sie wollte ihre Hand bewe⸗ gen, ihm ſanft die Locken beruͤhren, die Thraͤnen ihm trocknen, ihn ſchmeichelnd troͤſten, daß ſie ihm geſtor⸗ ben, aber ihre Hände blieben unauflösbar auf der Bruſt gefaltet— er legte ſeine Hand auf ihr Herz, ſie wuͤnſchte, es ſchlage nur noch einmal leiſe— aber das Herz ſchlug nicht, ſie war todt. Sie begriff nicht wie die Liebenden ſchweigen koͤnnen dem Geliebten— auch wenn ſie todt ſind, und er begriff nicht, wie ſie traͤumte, daß ſie dem Liebenden ſterben koͤnne. Er beſtaunte ſie nur, und in ihr die heilige Natur, die nichts Wun⸗ derbareres hat, als einen Geſtorbenen: jenen Heimath⸗ loſen, mehr kein Menſch, und noch kein Engel; noch auf Erden und doch ſchon im Himmel. Ach, und ſo wollte ſie ihm die tiefſte, ſchmerzlich-ſeligſte Wonne gewaͤhren, deren ein Menſch nur faͤhig iſt: wenn ihm die Geliebte ſtirbt, wenn ihm das Schoͤne wie eine Blume unter ſeinem Anblick vergeht, ihm einſchmilzt wie dem Kuͤnſtler ein goldnes Gebild auf ſilbernem Becher. Und wenn er nun alle Thraͤnen ſeiner Liebe geweint und dem Tode— dann erſt ſollte er die Thraͤ⸗ nen der Reue, der Schuld und ihrer Liebe weinen — dann naͤmlich ſollte ſeine Schweſter zu ihm treten und ihm ſagen: Siehſt Du ſie, mein Bruder, ſchoͤn, jung und todt? und liebſt Du ſie? Siehe ſie an und hoͤre, was ſie Dir jetzt durch mich ſagt, nun ſie nicht — 229— mehr erroͤthen, nicht mehr entfliehen kann vor Schaam: Sie iſt geſtorben, weil Du ſie nicht liebteſt!— Dann ſinkt er hin! dann entflieht er auf die Hoͤhen; aber das Gelaͤut der Glocken holt ihn ein, denn die ſchwar⸗ zen Maͤnner fuͤhren ſie fort, und er ſieht den Glanz der Fackeln und hoͤrt die Poſaunentoͤne Und droben ſchwebt der leuchtende Mond! In einer ſolchen Phantaſie war ſie eines Abents auf der Raſenbank unter der Eiche, von Waizenfeldern umwogt, eingeſchlummert. Da kam Salvator auf dem gruͤnen Raine langſam auf ſie zu geritten. Es war, als ob die Liebenden in einerlei Gedanken ſchwelg⸗ ten, ſo wie in Gefuͤhlen. Wenigſtens jetzt. Durch fortwaͤhrende ſtille Betrachtung des Bildes ſeiner ſchoͤ⸗ nen Galate, die ihm im Innern lebte, hatte er kaum andre Gedanken und andre Gefuͤhle mehr, als an ſie, fur ſie. Sein Herz war wie der Mittelpunkt eines Brennſpiegels, der warme Strahlen ſammelt, entzuͤndende von ſich wirft, und ſelber kalt und gefuͤhl⸗ los iſt. Nun ſagt man„die Liebenden werden blind uͤber den geliebten Gegenſtand;“ und das iſt wahr davon: was er an ſich traͤgt, iſt ihnen Alles ſchoͤn und herrlich, ihr Auge vergoldet Alles an ihm durch ſeinen Anblick wie die aufgehende Sonne. Wir aber ſagen dem Worte uͤberhaupt grade entgegen: Die Liebenden werden blind uͤber die Welt um die Ge⸗ iebte; ſie ſehn ſie nicht mehr, ſie empfinden ſie kaum, es lebt ihnen nichts als ſie die Geliebte, weil ſie nichts Andres im Bewußtſeyn tragen und mit Gewalt alles Andre davon ausſchließen— und nun ſtuͤrzt ſich ihr ganzes Denken, all' ihre Lebensglut in die Betrachtung dieſes Weſens, und ſo erſcheint es denn einzig, uͤber⸗ ſchwenglich koſtbar, mit der Schoͤnheit und dem Schmucke der ganzen Natur geſchmuͤckt, unerſetzlich und mit allen Lebenskraͤften, mit allem Drange zur Welt allein be⸗ gehrt. Und Salvator empfand jetzt, er koͤnne nicht leben ohne Galate, ja er konne ſie nicht lieben ohne ſie— wie er doch zuvor blos auf ſeine eigne, durch ſie erſt entzuͤndete Glut vertraut. Den ſtolzen, ſelbſtfuͤchtigen Wahn hatte er abgeworfen. Aber nun meint' er: er werde ſie auch nicht lieben ohne ſie, wenn ſie nicht war, nicht waͤre! Da traf er auf ſie und hielt. Sie ſchlummerte unausſprechlich reizend vod ihm. Man konnte ſchon ſonſt nicht recht ſagen, wie ſchoͤn ſie ſey; denn ihre, den maͤnnlichen Blick nicht ertra⸗ genden Augen, die weghlickten, die Blaͤue des Him⸗ mels ſuchten und zugleich in holder Verwirrung ſchwom⸗ men, verfuͤhrten das Auge des Mannes ihr nachzu⸗ ſchweifen;— oder ihr Laͤcheln ſchmolz ihre Zuͤge— ihr Erroͤthen bedeckte gleichſam die Reize des ſchoͤnen Geſichtes, ihre Geſtalt bebte in der Naͤhe der Maͤnner, wie die Magnetnadel unter elektriſchen Wolken, aus ahnender Liebe, aus himmliſcher Hoffnung und keuſcher, entzuͤckender Furcht im Gefuͤhl ihres ganzen Weſens, dem ganzen Leben eines Weibes und eines ſchoͤ⸗ — 231— nen Weibes. Sie ſahe dann aus— wie man ſich eine Jungfrau vorſtellen kann, die im nachſten Augen⸗ blick einen Engel erwartet, der ihr erſcheinen ſoll und deſſen Begruͤßung ſie nicht verfehlen darf aus Götter⸗ gebot; denn ſie ſoll ihm die Blumen des Lebens alle in ihrem Haͤndchen gefaßt entgegen reichen, ach, und ſich und die ganze, die ſchoͤne Geſtalt dazu, und auf immer. Mit einem Wort, ſie war eine Braut— noch ohne menſchlichen Bräutigam, eine Braut der Goͤtter und ihrer eigenen liebeſchweren Seele. Jetzt ſah er ſie plotzich ſo. Vor bangem Erſchrecken wollt' er die Hand erheben, aber wie er damit den Knopf der Piſtole gefaßt, auf welche er ſich vocher ſchon ge⸗ dankenvoll geſtuͤtzt, ſo erhob er zugleich das Feuerrohr. Ihre Schoͤnheit war ihm unerträͤglich, er haͤtte nicht mogen geboren ſeyn. So war das Volk von Neapel im Theater von St. Carlo außer ſich gerathen, wenn der ſchoͤne, ſchöne Saͤnger Belli aufgetreten; ſchon ſeine Geſtalt, ſeine Blicke, ſein Gang, ſein Schwei⸗ gen, hatte Zittern uͤber die Frauen ergoſſen, der erſte Silberlaut ſeiner Stimme aber, ihr Steigen und Wach⸗ ſen, ihr Halten, ihr Tragen, ihr Schwellen und Ver⸗ ſchmelzen, ihr Dahinſterben und Verduften, hatte alle Saiten des Herzens der Maͤnner ſelbſt bis zum Zer⸗ reißen geſpannt, Allen gleichſam die Seelen aus den Augen gefordert, Niemand den Athem mehr in der Bruſt gelaſſen, ſo daß eine ſtarrende, regloſe, blaſſe, vor Schoͤnheit und Wonne wie geſtorbene Menge vor 232— ihm geſeſſen. Wehe Der, die ihn geliebt haͤtte, die er wieder geliebt! Wer hatte das ertragen? Schon daß er war, riß einen jungen ſchoͤnen Sänger hin, ihm den Dolch ins Herz zu ſtoßen, den Sterbenden wei⸗ nend zu halten, und ſtammelnd zu klagen:—„Bel⸗ li— Engel! gehe heim zum Himmel. Du biſt un⸗ ausſtehlich auf Erden!“— Salvator hatte die Stene gedichtet. Jetzt war er in demſelben Falle, nur daß hier dieſe ein Weib war, wo noch tiefere Empfindungen, tauſend andere, tauſend mehr ſeinen Buſen durchſchnitten. Mitten durch dieſe ſtach der Neid hervor, ſie der Welt zu verlaſſen, wenn er in die Schlacht ziehe, in den Tod — und ein Anderer werde ſie lieben— ſie werde ei⸗ nen Andern lieben;— und ſie ſollte Keinen lieben! Keiner ſollte nur ihre Hand beruͤhren! Ach, ünd Er war ungeliebt von ihr, ſie zog nach Italien hin ohne ihn; und er kam ſich vor nur wie ein Element, wie die Erde zu ihren Füßen, wie Wolken, wie der fluͤ⸗ ſternde Eichenzweig uͤber ihr. Und mit Erſchuͤttern fuhlt' er jetzt Macht, Gewalt des Todes uͤber ſie! War ſie doch einmal ſterblich— ſie mußte uͤber ihn erſtaunen; — war ſie doch auch unſterblich— und ſie konnte wohl einen Tod verzeihn und belaͤcheln— und wenn ſie nun aus der ſchneeweißen Bruſt blutete, mit der Hand ſie be⸗ deckte.. wenn er hinkniete... und wenn ſie dann lä⸗ chelte und ſprach,„ich habe Dich ja geliebt.“.. „Galate! Galate!“ rief er mit faſt erſticken⸗ der Stimme. Sie richtete ſich auf, halbſchlaftrunken, ſie ſtand, ſie ſah ihn— und ſie wollte lächeln⸗ Aber ſie ward ganz wach, bezwang ſich, und duſterer Stolz und jungfraͤuliche Wuͤrde und ein ganz anderes Laͤcheln trat auf ihr Geſicht. Sie ſah das auf ſie ge⸗ richtete Rohr— ihre Liebe wollte ſich ihm darbieten, ihm einen Schritt entgegen treten; doch ihre Scheu ließ ſie die Hand erheben, als verſtoße ſie ihn— der Unſinnige, in tauſend Aengſten ſchwebend und ſchwel⸗ gend, zitterte ſchauernd, und ohne Kraft und Willen: der ſchoͤnen Geliebten nur ein Haar zu verſehren, ging ihm das Gewehr los, und ſelbſt erſt aufgeſchreckt durch den Schuß aus ſeiner Verblendung, ſank er mit ſeinem Geſicht in den linken Arm, den er auf des Pferdes Hals queer uͤber gelehnt. Denn wenn die Natur eintritt in das Leben der Sterblichen mit ihren ewigen ernſten Erſcheinungen, dann hebt ſie einen Augenblick im Menſchen ſeine Perſoͤnlichkeit auf; und wenn der Blitz zuckt und der Donner nachſtuͤrzt, empfindet jeder nur die Gewalt des Himmels,— Er iſt vergangen. Da drang der leiſe Ruf:„Salvator!“ an ſein Herz. Er ſah auf. Galate ſtand naͤher vor ihm. Ihre linke Hand hielt die hochathmende Bruſt; ſie war blaß, aber ſie ſah ihn mit dem Blicke durch Schreck und Erſtaunen, Ernſt und Verwunderung tief durch⸗ dringender Liebe an.„Salvator,“ lispelte ſie nur: „ich denke, Du liebſt mich!“ und Thränen ergoſſen ſich uͤber ihre Wangen. Er ſah, ſie hatte das Buch — 234— aus der Linken fallen laſſen, das er zitternd getroffen, und er hatte ihr nur uͤber dem Knie den Schenkel ver⸗ wundet. Sie zeigte ihm die kleine Kugel, ſie mit zwei Fingern haltend und verbarg ſie im Buſen. Dann winkte ſie ihm: fort! und draͤngender: fort! hielt die Hand vor die geſenkte Stirn, und mit einem ſchweren Seufzer ritt er wie unter einem Gewitter, ſchuldig des Todes, im Schritt von ihr. Denn er ſahe, wie ſie jetzt von weitem den Großvater nahen. Er mußte ihm begegnen. Der alte Mann ſtand, er ſah ihm nach.— Dann fand er Galatez und er haͤtte muͤſſen kein Italiener ſeyn, wenn er nicht Etwas, aber er konnte nicht denken: was vermuthet.— Was iſt geſchehn? frug er ſie.— Nichts! entgegnete ſie;— ich war nur erſchrocken. Und der Schuß?— Eben det, ſagte ſie, und zeigte auf den Jäger, der, glucklicher Weiſe fur ſie, entfernter dahin zog. Der alte Mann ſchwieg. Sie ſchwieg. Doch wenn ſie ihm auch die Raſerei des Juͤnglings nicht geſtanden— nach welcher ſie eben jetzt gefragt zu werden meinte, und deßhalb ſchwieg, hätte ſie doch wohl gethan, dem alten Manne des Junglings Liebe zu geſtehn. Er haͤtte ſich vielleicht geruͤhrt ge⸗ fuhlt, ihr nachgegeben. Jetzt mußte ſie ſchweigen. Galate fuͤhlte ſich ſo erſchuͤttert, ſo ergriffen, ja ſo uͤberwaͤltigt von Salvator?s Zuſtand, den ſie entſchuldigte, weil ſie ihn ihrer Schoͤn heit zuſchrei⸗ ben durfte, daß ſie der Uebermacht ſeiner Liebe erlag, — und ſich in ihren wachen Traͤumen ihm ganz gelobte. Salvator that auch die Nacht kein Auge zu. Er kannte ſonſt keine Furcht, geſchweige jetzt. Und doch floh er gleichſam in dieſer Nacht auf die Hoͤhen; denn alles Andere verdrängte vor ihm ihre Geſtalt, wie ſie weinte— wie ihr Auge ihn anſah, liebeglaͤn⸗ zend; er hoͤrte nur, wie ſie muͤhſam uͤber die Lippen draͤngte: ich denke, Du liebſt mich.— Er brach ei⸗ nen Zweig ab, er bog ihn zur Krone, hielt ihn gegen Mond und Geſtirne, kniete hin, ſank hin, und unter unzaͤhligen Thraͤnen ſchoͤpfte der Betaͤubte Wonne aus dem Erguſſe der Worte: O Mond und Geſtirne, Ihr ewigen hohen, Ihr Wolken, ihr Reigen Des Himmels, ihr Klippen, Euch nehm' ich zu Zeugen Mit ſchluchzendem Herzen— Hier lieg' ich entflohen Dem Laͤcheln! den Lippen! Der toͤdtenden Liebe! O ſelig Geſchick— Nun mein iſt das Gluͤck! O Vater der Liebe, Allvater dort oben, O ſende von droben Beſchwichtigend Schmerzen Mir ab, und Gefahr! — 236— O Worte, o Blick!— O ſo flieh' vor dem Gluͤck O ſo flich' vor den Freuden Nicht laͤnger zuruͤck! und kannſt Du ſie meiden? So druͤcke die hohe Die himmliſche frohe Die Krone der Liebe Dir gläubig in's Haar! Der roſenlichte Morgen fand ihn, von Thau das Haar benetzt, noch im Freien. Zu Hauſe in ſeiner Wohnung ſchleuderte er alles Eiſen weit von ſich, ver⸗ barg alle Waffen; denn ein langes Leid, ein unmaͤnn⸗ licher Schmerz konnte den Starken nicht tödten, aber er fuͤhlte ſich jetzt— ihn, den Glͤcklichen, konnte ihr kleiner Finger ſchon willig in den Tod hinunter„ſtuͤrzen. — Da er kaum geſchlummert, war er am Tage in einem traumaͤhnlichen Zuſtand. Polydor trat ein. Salvator hob die Hand halb in die Hoͤhe, als wolle er ihm das Zeichen geben des Sieges. Doch die froͤhliche Miene des Freundes beſtuͤrzte ihn faſt. Ich komme, von Dir Abſchied zu nehmen, ſprach er. Wir reiſen morgen nach der Schweiz, das heißt doch: Galate, ich und die beiden Alten. Dann nach Nizza. Ihr Vater hofft, da Ga⸗ late noch ohne Neigung ſey, daß ich ſie von ihr ge⸗ winne, wenn ſie von allen Männern— mich nur ſicht in der Einſamkeit der Fremde, ihre Gefuͤhle mir entdecken muß, und alles Schoͤne der Natur, alle Freude der Seele daran, auf meine Rechnung ſtellt. Und, o Freund, ich verdiene Galate wohl, wenn Liebe zu ihr ſie verdient; und Du, Du goͤnnſt ſie mir, meine Liebe und Sie. Wirſt Du im Kriege ver⸗ wundet, ſo ſchenk' ich Dir ein Gut und Schloß, und jetzt nimm, was ich eben habe.— Dabei legte er ihm zehn Rollen Gold auf den Tiſch, die er aus allen Taſchen zog. Salvator ſchloß die Augen; das Herz ward ihm ſchwer vor dem es redlich und offen meinenden Freunde.— Indeß, fuhr Polydor fort, noch Eins: Der Großvater will Dich hoͤren Harmonika ſpielen, und ich beſorge ſie hinaus in den Pavillon am See. Dort werden wir ihn und den Vater finden. Ga⸗ late und ich, und Du und Deine Schweſter Euge⸗ nie, wir gehen am Abend. Die Hand darauf! Der Alte will Dich kennen lernen, und fragte recht eigen und angelegentlich nach Dir. Du brauchſt die Be⸗ kanntſchaft nicht zu ſcheuen.— Er ſchied begluͤckt. Salvator war tief betroffen. Hatte der Alte vielleicht den Jaͤger gefragt? Hatte Galate ihn— o nein!— hatte ſie ſich verrathen? Beſchloſſen ſie ein Gluͤck uͤber ihn? Ein Ungluͤck? Oder warum ſollte er nicht Polydor's Worten Glauben ſchenken? — Ja, ich ſchenke ihm den! ſprach er. Frug ſie ja doch nur: Ich dachte, Du liebteſt mich!— Und Du, armer Salvator, meinteſt, ſie ſagte damit: — 233— Denke Du, ich liebe Dich! O zwiſchen dieſem Him⸗ mel iſt eine Wolkenkluft befeſtigt! Nun erſt mocht' ich vor Schaam und vor Reue vergehn! Sein Weſen ward immer geſpannter, je tiefer die Sonne ihm— wie vom Himmel— fiel. Er vermochte kaum den Glockenſtab mit dem Fuße zu ſchwingen, indem er ſang: Ach wende dich, Hoffnung, Laß mich meiner Noth, Denn ohne dich, Hoffnung, Waäͤr' ich ja lange todt! Und will ich ſchon ſterben— Senkſt Du dich hernieder— Auf Roſengewolken— Da leb' und leid' ich wieder! Ach wende dich, Hoffnung, 5N Laß mich meiner Roth, Denn ohne dich, Hoffnung, Fühl' ich ſchon den Tod. Dann ſchrieb er viel in ſein Tagebuch, bis der Abend kam. Er legte heut ſeine reichſte Uniform an. Die Harmonika ward ihm fortgetragen. Endlich pochte die Schweſter an ſein Fenſter. Draußen ſtand Ga⸗ late und Polydor. Sie verneigte ſich vor ihm, ihr Blick war nicht aufzufaſſen, er ſtreifte nur an der Erde hin, wie Mondlicht hinter ziehendem Gewolk herab. Auf eine feine artige Weiſe wußte Salvator's Schweſter es als ſchicklich zu fordern, daß Polydor 23— ihr ſelber ſeinen Arm reiche. Galate ſtand nun al⸗ lein, kaum laͤchelnd. Sollte Polydor dem Freunde nicht das kurze Gluͤck vergoͤnnen, mit ſeinem Arm ih⸗ res Herzens Schlag leiſe, leiſe zu empfinden? nicht ihn inne werden laſſen, ihr herrliches Gebild ſey kein— Bild, ſondern naturwahr, lebenswarm, die vollſte bluͤ⸗ hendſte Gegenwart. Salvator haͤtte vor ihr nieder⸗ knieen moͤgen, aber ſie erwartete geduldig, bis er ſie fuͤhre. Dann gingen auch ſie, bedruckt von der Naͤhe der vor ihnen Wandelnden. Bei Maͤnnern, welche Ehrgefuͤhl haben und grade die Schwaͤche und Zartheit der Frauen achten, iſt das Schweigen derſelben genug, um die Andringen⸗ den abzuweiſen; und die Frauen thun nicht wohl, ſich auf Gruͤnde einzulaſſen wegen verſagter Neigung oder Widerſtand, die beide, wo es nicht Tugend und Ehre gilt, keine Gruͤnde beduͤrfen noch haben als eben ſich ſelbſt. Die Sprache iſt aber ein Labyrinth, und die Beſte kann ſich darin verirren, mit Worten fangen laſſen und waͤhnen, ſie ſey nun in Wahrheit ge⸗ fangen. Ein Weib, die ſich auf Reden einläßt, will beredet ſeyn. Barum hatte Galate ihre Bewerber weiſe mit Schweigen faſt alle entfernt. Vor Po⸗ lydor wollte ſie heut', jetzt eben, durch einen blenden⸗ den Schild ſich ſchuͤtzen, wenn ſie ihm durch ihre Freundin deuten ließe:„Salvator habe ihre Nei⸗ gung.“ Dann gab er ſie aufz denn erzwungene Nei⸗ gung befreit ſich wieder; Liebe läͤßt ſich nicht pflanzen — 240— und großziehen wie ein Roſenbaum; ſtatt des Bildes einer Palme, das im Dattelkern ruht, laͤßt ſich kein Bild einer Myrte hinein zaubern— und ein getheiltes Herz will Der am wenigſten, der am meiſten liebt. So iſt der Sinn der Maͤnner und Frauen weil die Natur wollte, daß die Liebe— die Liebe beſchuͤtzen ſollte und in ſich ſelber glucklich ſeyn. Galate wuͤnſchte und hoffte vadurch nichts Anderes, nichts mehr als rein vor Salvator zu erſcheinen. Und ſeit lange, ſeit geſtern gab es Entſcheidendes, was ſeine Schweſter dem Polydor wie durch einen Schleier er⸗ blicken— ertathen laſſen konnte! Jett alſo mit ihm wandelnd, breitete Salvator's Schweſter erſt dieſen Schleier vor Polydor aus, und betroffen blieb er ſchon ſtehn. Er getraute ſich kaum zu fragen, ſie kaum zu geſtehn. Er gluͤhte, und in der Haſt ſeiner Em⸗ pfindungen ſchritten ſie weit vor und kamen zuerſt an den See. Aber er konnte jetzt Galate, jetzt Sal⸗ vator nicht ſehn, nicht erwarten, ehe er Alles wußte, und ſo gingen ſie an dem Kahne auf einem Umwege an der Bucht des Sec's herum nach dem Pavillon, und verloren ſich bald im Gebuͤſch des ufers. Galate und Salvator folgten ſchweigend. Aber dies Schweigen war wie der angehaltene Achem der Natur im Frähling, wenn vor Fuͤlle der Frucht— barkeit ihr Seegen zu ſtocken ſcheint, bis in einer Nacht die Wolke bricht, alle Bluchenkelche gefullt ſich neigen⸗ und die Erde nun erſt recht ſchmachtend am Morgen — 241— den warmen Aether, die leiſe ergoſſenen Strahlen der Sonne unablaͤſſig einſaugt wie einen unſichtbaren vom Himmel ſtuͤrzenden Strom! Mit ſolchem Schwei⸗ gen wandelten ſie durch die Sommerflur. Das erſte Kornfeld lag vor der Sichel gefallen. Die Neſter der Lerchen waren entdeckt, die kleine Heimath der Jungen zerſtoͤrt; aber ſie ſchwirrten ſingend daruͤber in blauer Luft! Der Herbſt ſtreckte von weitem ſchon ſeine Hand nach dem Schmucke der Baͤume, und ſein herzbeklem⸗ mender Athem, ein kuͤhler, die Menſchen anſchauern⸗ der Hauch zog zum erſten Mal fuͤhlbar uͤber die Erde, verwandelte ſie unheimlich und leiſe, und wie er den Liebenden entgegen ſtrich und ihre Stirnen kuͤßte, re⸗ dete er ſie wie mit Geiſterſprache an und ſagte ihnen: daß Alles vergaͤnglich ſey! Jugend und Schoͤnheit, und Schoͤnheit zuerſt! und Leben und Liebe. Der einformige unaufhoͤrliche Schlag des Hammers auf ge⸗ tengelte Senſen erſcholl, die Schwalben ſchwirrten uͤber die Stoppel, die Senne ſank, die Gewoͤlke ſtanden wie ausruhend und ſchimmerten golden und roſig wie vom uͤberirdiſchen Schein eines ewigen Fruͤhlings. Das Abendläuten uͤberfloß mit ſeinem Hall die Gefilde, die Glocke goß Wehmuth aus, und vom Kirchhof klangen die Stimmen der Knaben wie Geiſterſtimmen, die ei⸗ nen Todten das letzte Nachtlied ſangen, der wie viel zu zeitig, ja noch bei hellem Tagesſcheine ſich ſchon zur Ruhe legen wollte! Und nun die Sicherheit, die Unfehlbarkeit in der Natur rings aus! Wie die Gei⸗ Schefers neue Nov. 1v. 16 — 242— ſterſtimmen ſangen, ſang das Echo in den Felſen am See; jedes abgeriſſene Welkchen ſtand da, wo der letzte Hauch es verlaſſen, es war geſchifft bis wohin es ſollte! es ſchimmerte braun, oder war nur gelblich beſaͤumt, wie es ſollte!— Salvator ſah zur Erde, und wie Galate und er die Kniee erhoben zu gehen, erhoben die langen Schatten ſie auch und verließen doch nicht die Erde, wie darauf gebannt, die Sonne mußte hin⸗ unter rollen— und die große Todtenuhr ſchien ihm vollkommen richtig zu gehen. Er trat in den Kahn, Galate folgte ihm und blieb darin ſtehen. Er ruderte, mit zwei Rudern in der Mitte ſitzend, ſtill. Der See war von Felſen um⸗ geben und abgeſchloſſen; in den hohen und hoͤher ſtei⸗ genden Fichtenwaͤnden war ſchon duͤſterer Abend; Kuͤhle wie in einem weiten Brunnen; und was ſie von der farbigen Welt da draußen vermißten, das ſchien nun wunderbar bunt vom Himmel hierher getragen, in der Tiefe des Spiegels ſeiner Waſſer zu ruhen. „Ach,“ ſeufzte Galate, als die ſie wie verfol⸗ genden Todtengeſaͤnge ſchwiegen—„nun haͤtt' ich ſchon eine Nacht und einen Tag verſchlafen!“ Salvator ſah ihr melancholiſch in die Augen! Sie ließ ſeinem Blicke freien Eingang in die Seele, als wuͤnſche ſie, er moͤge ganz ſie ſehen wie ſie ſey, waͤhrend ſie laͤchelte. „Du laͤchelſt zum Tode?“ frug er. — 243— „Du?“ frug ſee, uͤberraſcht von dem vertrauten Wort, ihn wieder, und Roͤthe uͤbergoß ſie. O die Menſchen ſind thoͤrig, ſprach er, daß ſie immer und uͤberall das mit dem gemeinen Namen Tod benennen, was Wonne, Leben und ewig Gefuhl iſt, andauernd wie er. „Auch mir?“ fragte ſie verſchaͤmt und kaum ver⸗ nehmlich. „Ach! wenn Du liebteſt!“ ſagt' er aus tiefſtem Schmerze der Seele, und bedeckte mit der Hand ſeine Augen. Der Kahn, nicht mehr fortbewegt, verlor nach und nach die ihm mitgetheilte Kraft, bis er ruhig ſtand. „Toͤdte mich,“ ſprach Salvator, indem er das entbloͤßte Schwert an der Spitze ihr bot, und ſie dann auf ſeine Bruſt hielt, ohne daß ſie an dem goldenen Griffe den biegenden ſchwanken Stahl faßte— todte mich, und als ein Gluͤcklicher ſteig' ich hinab in den Tod, denn wie koͤnnt' ich wonniger ſterben, als durch Schoͤnheit— ach, und durch Liebe getoͤdtet! Du liebſt mich, wenn Du. Galate ſchleuderte das Schwert in den See. Salvator ergriff die Ruder, und neigte das Haupt, von ſeinen vorfallenden Locken bedeckt, traurig bis in den Tod, als habe ſie damit gemeint: ich liebe Dich nicht. Sie ſtand mit gefalteten Haͤnden und weidete ſich an ſeiner Geſtalt.—„Eile nicht ſo,“ ſprach ſie, trat ihm naͤher, und legte die Hand auf ſein Haupt;„eile 16 —— nicht ſo! Salvator, Du weißt nicht, was Du thuſt, wohin Du mich fuͤhrſt! Nur um die Wendung der Bucht, und dann ergreifen, ach, dann beherrſchen mich ihre Blicke von ferne; hier iſt es ſo ſchoͤn in der Mitte des See's, hier moͤcht' ich immer, immer verweilen! O zoͤgere! Ich bebe dorthin, dorthin dann fort, dann fort und weitweg, und Du gehſt mnirß tauſend leben⸗ digen Toden entgegen!“ Er ſahe nicht auf, und ſchmollte nur wie für ſich Kuͤmmert das Sie? Galate ertrug es nicht mehr, ſie kniete auf ein Knie zu dem Sitzenden hin, ſie ergriff und hielt ſeine Hände, und mit ihrer Stirn hob ſie ſeine geſenkte Stirn empor, bis er ſie anſah, ſtarr und blaß wie Schnee. Ueberwaͤltigt von Wehmuth ſtand ſie auf.„Muß denn die Lippe Alles ſagen? muß ſie ſagen“—— —(ſie ſchwieg einen Augenblick und brach ab)— „oder ſagen,“ fuhr ſie fort, indem ſie von ihm weg zum Himmel blickte:„Ich ſterbe fuͤr Dich!—— Du Stolzer, Du Quaͤlender!“—— O Armuth, o Schuld des Vaters, ihr ſeyd ge⸗ tilgt! Sie hat euch getilgt! ſagt' er begeiſtert zu ſei⸗ ner eigenen Seele. Und nun ſank er vor ihr auf die Kniee, und ſeine Arme umſchlangen ihr weißes Ge⸗ wand, und druͤckten die ihren an ſeine Bruſt. Sie bog ſich nieder, aber ihr feuchtes Auge ſah uͤber ihn weg in die Roſen des Himmels, er aber ſchaute ihr — 245— lieber in das verklaͤrte Auge. Zuruͤck denkend ſagt' er ihr dann:„O Geliebte, was litt ich um Dich!“ Und faſt ſchmerzlich mit ihrem ſchoͤnen Antlitz zu ihm geneigt, fluͤſterten ihm ihre Lippen wie athmende MRoſen:„Ach, wie ſoll ich Dir Alles vergelten?“ Er athmete tief, er war mit dem Geiſte nicht wie auf der Erde; er ſahe hinaus in die unendliche goͤttli⸗ che Welt, er ſah ſie nur wie im Traum; er erhob die Hand zum Himmel, jetzt nicht als ſeliges Zeichen der Liebe— aber Polydor aus dem Gebuͤſch an eine lichte Stelle getreten, ſahe doch die erhobene Hand— auch Galate athmete kaum, und ſtrich nur langſam die Locken aus ihrer Stirn. Scheinbar kalt, und in Wahrheit ohne ſchnellere Herzensſchlaͤge, weil ihre Liebe ſich vein, goldenrein vermaͤhlte, war ihr Weſen doch in Aufruhr, ihr Bewußtſeyn ſo begeiſtert und erhoben, in reine feurige Liebe ſo aufgeloͤſt, daß Jedes ſich kaum mehr noch in dem Andern empfand, viel weniger ſelbſt mehr zu leben meinte. Die allgemeine Fuͤlle von Wonne, welche das ſelige All durchdringt und durch⸗ zicht, hatte auch ſie durchdrungen, ſich ihrer bemaͤch⸗ tigt, daß ihnen Vater und Mutter, Freundinnen, Freunde, fruͤhere Jugendjahre, ſpaͤtere Lebensfreuden, Alter und Tod, Erde und Himmel, Alles in Ein Ge⸗ fuͤhl aufgegangen war, in das uralte, ewigjunge, ſe⸗ lige große Gefuͤhl des Daſeyns. Sie waren,— ſo konnten ſie nicht vergehn; uͤberall war Leben, heiliges Leben! Und mit einem uͤbermaͤchtigen Zutrauen zu der — 246— um ſie her zauberiſch ausgebreiteten Natur, die als Blaͤue des Himmels und roſige Wolken dort oben ſtand, als Fels ſie umragte, als klare Flaͤche des lieblich blin⸗ kenden See's ſie geheimnißvoll lockte— und doch zu⸗ gleich mit dem unvergeßnen Gedanken in ihrer Seele, daß hier ihr Gedeihen nicht ſeyn koͤnne, ihre Vereinigung nicht ſeyn werde, umſchlang Sal— vator den ſchlanken Leib ſeiner Galate und zog ſie ſich ab zum erſten Kuſſe. Ihre holde Geſtalt neigte ſich uͤber, die Lippen beruͤhrten ſich, er ſchloß ſelig vor ihrer Schoͤnheit, ihrer Liebe ſeine vergehenden Augenz; er ſank wonnevoll ruͤckwaͤrts tiefer, ſie ſank ihm wiſ⸗ ſend und unbeachtend, tiefer nach, er ſtreckte eine Hand aus uͤber den Bord des zur Seite ſich legenden Kah⸗ nes, um ſich wie auf die Flaͤche des See's zu ſtuͤtzen, waͤhrend die andere feſt die Geliebte umſchlungen hielt — die Hand aber ſank, er ſank wiſſentlich⸗willenlos, und Galate willig mit ihm, uͤber ihn ſanft in das ruhige, weiche und weichende Element. Und ein Schrei des Erſtaunens und Schmerzes vom ufer ſcholl uͤber die Flaͤche— die Liebenden waren verſchwunden. Verſchmähete Liebe. Die ſchoͤne, bezaubernd⸗bezauberte Galate war von Salvator wie von einem Meergott hinabgezo⸗ gen. Die That war geſchehen, die Liebe ſchien gelun⸗ gen, das abgebrochene Leben vollendet, und uͤber ihnen — 247— glaͤnzte der ſchimmernde Spiegel des See's wie ein Zauberwerk geſchloſſen, verbarg die armen Menſchenge⸗ ſtalten, und die Natur ſchien die unnatuͤrliche That durch ihre Stille zu billigen. Aber zum Loben hat ſie Alles geboren; nach dem Leben weiht ſie es ſelber dem Tode, und den Verluſt eines thoͤrig ihr hingeworfenen Menſchenlebens kann die Natur ſelbſt tiefer nicht be⸗ klagen, als durch Verſtummen und Schweigen. Salvator hatte keinen Zauberpallaſt da drunten, keine wunderbar erhellten goldnen Saͤle mit köſtlichen Muſcheln und Perlen geſchmuͤckt; keine weichen ſeide⸗ nen Pfuhle erwarteten ihn und die Braut, nein, Kälte, rauhes Geſtein und das Bett des rohen Todes. Das durchbebte jetzt Polydor am Ufer liegend. Schon als er Salvator's Zeichen gewahrt und klar ſich gedeutet, war er zu Boden geſtuͤrzt, wie vom Blitze beruͤhrt. Seine Liebe war geſtorben, ſie war ge⸗ tödtet; umfaßlicher Schmerz durchzuckte ihn, Dumpf⸗ heit befiel ihn, ſchwindelnde Gedanken bannten ihn an die Erde, in die er tiefer und immer tiefer zu verſin⸗ ken wähnte, als habe ſie ihm ſich aufgethan, wie— das ſah er jetzt— jenen Beneideten der falſche, liebe⸗ verhehlende See. Er ſetzte ſich plotzlich aufz vor Zorn uͤber den Verluſt, vor Angſt und Bedauern ſchlug er mit der Fauſt auf den Felſenboden, er fuͤhlte den Schmerz nicht, er ſahe die Hand nicht bluten, blickte nut uͤber die leere Flaͤche, den leeren, treibenden Kahn, und zu tauſendfacher Glut durch das Gefuhl geſteigert: — 248— was er verloren, dacht' er ſich auch in den Geiſt der Liebenden, in Salvator's, ach und in Galate's! Was ſie gewonnen— war ihm nichts— Sie, ſie hatte ſich ſelber verloren, und ihren Gelieb⸗ ten! und mehr noch begeiſtert als: ſie— die Ge⸗ liebte— zu retten, trieb ihn die alte auflodernde Lei⸗ denſchaft— ihn, den Salvator, ihren Gelieb⸗ ten zu retten— fuͤr ſie— alſo Beide, nur Beide fur ein unausſprechlich ſußes Leben. Dieß Alles ging ſchnell in ihm vor. Salva⸗ tor's Schweſter riß ihn fort zu dem an das Ufer trei⸗ benden Kahn. Sie beſtiegen ihn haſtig und fuhren hinaus zu der Stelle. Und guͤcklich. Wie zu leicht fuͤr den Tod, erblickten ſie Galate in ihrem weißen Gewande wieder auf dem See. Sie erreichten ſie ei⸗ lend. Polydor ergriff ſie voll Wehmuth, aber ſchwer und ohne Regung wie ſie war, gelang es ihm nur mit Muͤhe ſie in den Kahn zu ziehn. Die Freundin legte keine Hand an; mit verzweifelndem Blick ſpaͤhte ſie nur nach dem Bruder hinab in die duͤſtere Tiefe. Er war nicht zu ſehn. Sie beſchwor Polydor zu verweilen; er beſchwur ſie zu eilen; dadurch beſchaͤm⸗ ten ſich Beide zugleich, und mit vertauſchter Geſin⸗ nung trieb ſie nun ihn fort, und er griff ihr in die Ruder zu bleiben! und mit einem aus tiefer Bruſt geſchoͤpften Ach uͤber den Verluſt des Bruders, den ihr Blick am Himmel ſuchte, da ſie ihn hier drunten nicht fand, ſank ſie hin, uͤbergebeugt, die Thränen in das — 249— Waſſer weinend, und die geloͤſten Haare benetzt und dahin geſchleift auf der Flaͤche des See's. Es war laͤngſt duͤſter geworden. Polydor ruderte nicht dem naͤchſten Ufer zu, ſondern dem Pavillon, wo Gala⸗ te's Vater und Großvater ſie und Alle erwarteten⸗ Er hatte unbegruͤndete Furcht ſie nach der Stadt zu bringen, weil er ſich des wahren Herganges bewußt war; und doch blieb ihm auch jetzt nichts uͤbrig, als den Vaͤtern zu ſagen: die beiden— Liebenden ſeyen verungluͤckt. Er hatte im mondbeleuchteten Kahne deutlich ge⸗ ſehn: Galate hatte die Augen aufgeſchlagen und eine lange Zeit zum Himmel geſtaunt und geſtarrt— deſto ruhiger uͤbergab er ſie den herbeieilenden uͤberraſchten Frauen, die Alten vermeidend und fliehend. Weinend fuhr er allein zuruͤck an die Stelle des See's und ſuchte dort ſeinen— nun doppelt verlorenen Freund, ihm ſein Geſchick zu klagen, an ſeiner Bruſt ſein Leid, ſelbſt das uͤber deſſen Tod auszuweinen und ihm zu klagen, daß er die Geliebte verloren, ach die der Freund doch nicht gewonnen! Er ſchlief zuletzt in dem Kahne ein, und erwachte erſt, von der Morgenſonne beſchienen, am Ufer, wohin ihn der Nachtwind, leiſe fuͤr ihn be⸗ ſorgt, getragen. Zu Hauſe fand er ſeinen— jetzt uͤberfluſſigen Abſchied. Ihm war, als bedeute er ihm den Abſchied vom Leben. Er ward dadurch ſeinen Bekannten ein Feſt ſchuldig. Es dauerte Wochen, eh' er es geben — 250— konnte. Das vorgegebene Ungluͤck auf dem See hatte vielfache Bemerkungen erfahren, denn die Welt ver⸗ ſchont die Todten ſelbſt nicht mit Verlaͤumdung, geſchweige die Lebenden mit der Wahrheit. Und Ga⸗* late lebte! War ihr nur ein Unfall zugeſtoßen, ſo mußte doch Graf Polydor der Erſte ſeyn, der ſie be⸗ dauerte, der nicht von ihr wich. Aber er kam gar nicht zu ihr. Grauſamkeit ſchien ihm ſeine Verſchmaͤ⸗ hung. Galate's gewuͤnſchter und nicht erfullter Tod noͤthigte ihm, wie den Andern, ein Lächeln ab, und durch dies Lächeln oͤffnete er ſeinem Verdruß, dem Haſſe, der Rache ſogar ein willkommenes Thor. Ihm kam es nicht ein, noch jetzt um Galate zu werben, ſo ſchoͤn ſie noch immet war, und ſcheinbar⸗frei— denn ſie hatte gewählt! ſie liebte nicht ihn— und er zwang ſich, die Wahrheit einzugeſtehen und ſie ohne Werth fuͤr ihn zu denken, und als das untrennbare Eigenthum eines Schattens, eines Todten. Sein ver⸗ aͤndertes Weſen und Leben hatte den Schleier von je⸗ nem Ereigniß geluͤftet, und an dem Feſt, das er gab, fehlte es nicht an heimlich verwundenden Anmerkungen. Er haͤtte am liebſten verlaͤugnet: er habe Galate je geliebt, und das war dem maͤnnlichen Stolze zu ver⸗ zeihn. Wir glauben das nicht eher, trat ihn ein jun⸗ ger Hauptmann an, bis unſer Camerad ein Weib nimmt! Das ſoll die Probe ſeyn.—„Morgen!“ ſprach Polydor, erbittert und vom Weine erregt; — „morgen! und das erſte Wäbchen, dem ich begegne, Punkt neun Uhr.“ Huͤte Dich, daß es die ſchönen vornehmen Jung⸗ frauen erfahren! laͤchelten Einige. Andere aber ſpra⸗ chen, ihn bindend durch ſein Wort: Wir ſind Zeu⸗ gen! doch Niemand ſoll von dem Vorgang wiſſen. Seine Freunde aber riethen ihm, ſo lange er das Glas auf die Geſundheit ſeiner kuͤnftigen Gemahlin noch voll in der Hand halte, zu ſeinem gegebenen Worte erlaͤu⸗ ternd hinzuzuſetzen:„Das erſte Maͤdchen unter zwan⸗ zig Jahren und von unbeſcholtener Ehre!“ Jetzt leerte er das Glas und die Freunde die ihren. Ihm bangte, und doch war ihm wohl aus Hoffnung der Vergeltung an Galate. Am andern Morgen ging er, um von der Stadt Abſchied zu nehmen, durch die Straßen. Es ſchlug neun Uhr. Ueberraſcht blieb er ſtehen und ſahe zur Erde. Er wollte in ein Haus treten, er ſah auf, da ſtand ein Maͤdchen in Tyroler Tracht vor ihm, ein Maͤdchen aus Berchtoldsgaden mit allerhand Spielſa⸗ chen in einem Koͤrbchen, das ſie, ihr am Halſe haͤn⸗ gend, vor ſich trug. Sie ſchlug jetzt das blaue Schuͤrz⸗ chen— noch kuͤrzer als ihr ſchwarzes mit handbreiten Streifen beſetztes Roͤckchen— mit rothem Bande, Blumen in den Zwickeln, von der feingeſchnitzten Waare zuruͤck, um ſie ihin ſehen zu laſſen; aber er ſahe nur das uͤber dem Buſen gekreuzte Tuch, die nackten Ar⸗ me, das weiße aufgeſtreifelte Hemd. Denn der große — — gruͤngefutterte Hut beſchattete ein p liebes treuherziges Geſicht; ſo ſchwarze Augen funkelten ihn an, der Mund war ſo klein, ſo friſchroth wie eine Erdbeere, das Mie⸗ der blitzte, die Luft ſpielte mit den Baͤndern, daß er noch einmal erſchrack. „Kaufſt Du nichts von mir, lieber Herr?“ fragte ſie ein wenig erroͤthet.„Haſt Du Kleine, ſo kaufe den Kindern doch! haſt Du keine, ſo hebe den Kin⸗ dern auf, ſo wohlfeil kaufſt Du nicht wieder! ſieh doch die ſchoͤn feingeſchnitzte Waare!“ Sie nahm Mancherlei aus dem Koͤrbchen und hielt es ihm hin, und langte dann Anderes hervor. Er ſtand in Gedanken.„Kaufſt Du mir Nichts ab?“ frug ſie kleinlaut. „Dich will ich kaufen!“ ſprach er ſich uͤber⸗ raſchend.„Ich ſoll!— und ich will.“ „Mich?“ frug ſie, und trat einen Schrit zu⸗ ruͤck.„Nun was iſt denn ein Maͤdchen wie ich wohl werth“ 1 „Ganz Berchtoldsgaden!“ ſprach er. Sie lachte laut auf, und entgegnete:„Nicht einmal Roſen⸗ heim!“ „Du biſt wohl aus Roſenheim?“ meint' er. „Freilich muß ich da her ſeynz da wird ja die Arbeit gemacht.“ „Und wie heißeſt Du?— Roͤschen?—“ „Nein, o bewahre! Benjamin heiß' ich.“ „Benjamin! das war ja ein holder Knabe.“ — 254— „Thut nichts. Wir Madchen heißen dort oͤfters Benjamin.“ „Und wie lange heißeſt denn Du ſo, mein lieber Benjamin?“— frug er leiſer, die zwanzig Jahre im Sinn. „Schon dreimal fuͤnf Jahre und zwei noch da⸗ rein!“ ſprach ſie, und rechnete an den beiden kleinen erhobenen Haͤnden ihm das gar lieblich vor. „Nun, was koſteſt Du denn?“ ſprach er wieder. „Je nicht doch!“ zuͤrnte ſie,„ich muß ja wieder zur Mutter!“ „Aber die ſchoͤnen bunten Sachen hier alle— die koſten?“ frug er gereizt. „O gar viel! das iſt eine lange Rechnung. Komm zu einem Tiſche, da ſtell' ich ſie hin, da ſag' ich Dir, was jedes koſtet, Du rechneſt, aber Du! betruͤgen mußt' Du mich nicht! Horſt Du! ſonſt ſchmaͤlt der Jakob!“ „Wer iſt denn der Jakob?“ frug Polydor. „Nun— nun— er iſt noch nichts! aber er ſoll in drei Jahren etwas werden,“ ſagt die Mutter. „Was denn?“ frug er. „Das hat ja Zeit,“ ſprach ſie;„komm' nur, geh' nur, ich gehe ſchon mit.“ Und ſo ging die ſchoͤne ſiebenzehnjaͤhrige Benja min mit dem Grafen nach ſeinem Hauſe. Der Prinz begegnete ihnen und frug Polydor erſtaunt: Wie? Alſo das iſt Ihre Gemahlin? Das —— Schickſal liebt Sie, Herr Graf!— und zur Benja⸗ min ſich wendend frug er: Bekomm' ich nicht auch ein Weibchen, liebe Kleine? „Nicht Eins! Keins! es iſt Alles verhandelt,“ ſprach ſie;„Du willſt Maͤdchen aͤffen aus Roſenheim? Die haben Dornen! Fuͤhlſt Du?“ ſprach ſie geſpannt und druͤckte einen Dorn aus einer Krone auf ſeine Hand. „Schelm!“ rief er. „Schelm Du ſelber!“ rief ſie ihm nach. Vor Polydor's Zimmer zog ſie die bebaͤnderten Schuhe aus und ging in den weißen Struͤmpfen auf dem Teppich zum Tiſche, wo er ſich in das Sopha gelehnt und ſie anſah, und die niedliche Waare, die ſie darauf aus⸗ ſtellte. Benjamin war ſo hold und lieb— die Vergeltung, je ſchoͤner das Maͤdchen war, deſto bitte⸗ rer fuͤr Galatez er zeigte ihr Gleichguͤltigkeit, nicht Uebereilung; er traf ihr Herz, er verwundete nicht ſei⸗ nes, ſo daß er entſchloſſen war Wort zu halten; und doch war ihm beklommen zu Muth, und er konnte leiſe Thraͤnen nicht verhalten, und verbarg ſie auch nicht. Und in dem Schimmer derſelben ſchwebte ein Bild vor ihm, ein liebes Geſicht, das mit angehaltenem Athem ihn anſah, verwundert, ſtill, theilnehmend, mitleidig zu erforſchen, was ihm fehle, willig ihn zu troͤſten und fahig dazu durch eine reine treue Seele und die lieb⸗ lichſte Geſtalt. Sie wollte nun ihre kleine Rechnung machen, — kam nicht zu Stande damit, und ſahe in den großen Spiegel, lächelte ſich an, und ſahe etwas ernſter auf alle die ſchönen Geraͤthe und Gemaͤlde umher. „Willſt Du alle dieſe meine Sachen Deinet“ fragte ſie Polydor. „O, hier iſt es gewaltig huͤbſch!“ ſprach ſie,„ich moͤchte wohl Alles, ich wollt' es ſchon brauchen— aber wie bekomm' ich's nach Haus!“ „So mußt Du hier bleiben! Benjamin, dann haſt Du gleich Alles daheim.“ „Soll ich Dir auch die Dornen in die Hand druͤcken?“ erwiederte ſie, und druͤckte die Spitzen der Dornenkrone ihm wirklich darauf, und tief und tiefer, und ſchmerzlich ſogar, bis die Stelle ein wenig blutete, er aber zog die Hand nicht weg, ſondern laͤchelte, und ſah ihr ſanft in das Auge, das an dem ſeinen fragend und verwundert hing.—„Meinſt Du es ſo gut mit mir, Benjamin, ſo ſehr Du mir weh thuſt?— und fragſt, wie viel ich dulde von Dir?— ſieh, Al⸗ les, liebes Kind! Bleibe bei mir gleich auf der Stelle und ſo lange Du lebſt und ich lebe!“ „Du wiliſt mich heirathen, heißt das;“ ſprach ſie verſchaͤmt.„Das geht ja nicht, Ich und Du!“ „Ich bin ja ein Mann und Du ein Weib, da iſt ja Alles, was dazu noͤthig iſt;“ meint' er. „Ich, ein Weib— das bin ich ja— er⸗ wiederte ſie hochertothend. —5— „Du wirſt es durch den Mann,“ ſprach er, und faßte ſie an dem Haͤndchen. „Nun, Du gefaͤllſt mir wohl,“ lispelte ſie,„und auch ſo betruͤbt ſiehſt Du mir aus! das ſollteſt Du bei mir gewiß nicht! gleich lache mich einmal an, freundlich! noch freundlicher! und die Haare aus der Stirn, und die Augen getrocknet. So waͤrſt Du mir ſchon gut— aber ſiehe,“ flehte ſie mit weicher Stim⸗ me, indem ſie ſeine Hand in ihre beiden Haͤnde ſchloß, „da iſt der Jakob— der will mich heirathen, den machſt Du vollends arm, der wird nun der arme Ja⸗ kob; aber in drei Jahren erſt wollt' er mich nehmen, und dadurch macht er mich boͤſe auf ihn— er iſt mir gewiß nicht recht gut! ſo lange ſollten wir umherziehn, bis wir uns ein Haͤuschen verdient; und ſo lange kommt auch an mein Muͤtterchen wenig, und grade je mehr wir erſparen, je weniger, das iſt einmal ſo — wenn Du aber der Mutter gleich gaͤbſt, was die arme Frau braucht, da waͤr' ich Dir gleich gut, und heirathete Dich gleich, und die Mutter kaͤm' her, und ſaͤhe, wie gluͤcklich ihre Benjamin iſt— ich ſage Dir, deswegen koͤnnt' ich Dich gleich heirathen!“— Er ſchwieg vor Fuͤlle der Empfindungen ihr zu lange. „Gehe, geh!“ ſprach ſie,„Du haſt nur geſpaßt, und ich albernes Ding hab' auch geglaubt, und nun ſtehe ich armes Kind beſchaͤmt.“ Er zog ſie an ſich; ſie wollte widerſtehn, und — 257— plotzlich umſchlang ſie ihn doch, ließ einen Kuß von ihren Lippen nehmen, ſah ihn mit uͤberwallender Freude ein Weilchen in's Geſicht, und kuͤßte ihn wieder. „Nimm mich fuͤr Dich!“ ſprach er.„Was ich nicht erlangen konnte, ſchien einzig— ich finde Doch, und habe wieder neuen, unſchaͤtbaren Reichthum.“ „Wenn Du ſo reich biſt,“ bat ſie,„ſo baue dem armen Jakob ein Haͤuschen! Meine Schweſter Jo⸗ ſeph iſt ihm ſo gut, die hab' ich ſo lieb— der goͤnn' ich ihn! lieber wie mich!“ Nun druͤckt' er ſie an ſich, fuͤhrte ſie vor dem Spiegel, zeigte und uͤbergab der Froherſtaunten, was er nur ſelber beſaß. Er ſchrieb Verlobungskarten, ſandte ſie aus, uͤberließ ſeiner ſchoͤnen Benjamin ei⸗ nige Zimmer, ordnete ihr ein Maͤdchen zu, und wußte zu Nacht nicht wie ihm geſchehn, was er gethan, er war wie berauſcht, und Freude ſtrahlte von der Freude der Braut in ſeine duͤſtere Seele, er trennte ſich noch ungern von ihr, er entſchlief in Gedanken an ſeine ver⸗ lorene Galate und ſeine gewonnene herzige Benja⸗ min. Und als den Siebenſchlaͤfer ein leiſe pochender Finger am ſpaͤten Morgen weckte, wußt' er nicht wer es war, und erſchrack, und weinte, als er Benja⸗ min's Stimme erkannte, gelobte ſich ein neues Le⸗ ben, auch rein und wo moͤglich ohne Erinnerung des Vergangenen in ſeiner Seele, kleidete ſich an, und ſtand bald als der Alte, als der Geſtrige, vor dem hol⸗ den Maͤdchen, und neue Wurzeln faßten in dem ge⸗ Schefers neue Nov. 1v. 17 — 2— miſchten Boden Grund, und junge zarte unſchuldige Triebe legten ſich um ſein Herz. Denn die Natur hatte zu ihm geſprochen. Unruhig hatte Benjamin wihrrnd des Tages oft zum Fenſter hinaus geſchaut. Gegen Abend erſt erblickte ſie Jakob unter den Fenſtern, der duͤſtern und bekuͤmmert ſie ſuchte, und doch mit geſenktem Kopf ging. Sie rief ihn herauf. Er ſtand erſt lange und ſah das Haus an, dann kam er, trat herein, wollte reden, und konnte nicht. Sie aber umfaßte ihn, kuͤßte ihn, bis er laͤcheln mußte, und ſagte ihm, daß ſie bleibe, daß er die Mutter herbringen, die Schwe⸗ ſter ſtatt ihrer ſich nehmen, und in das neue Haus ziehn, zu welchem ihm das Gold behuͤlflich ſeyn werde, das ſie im gruͤnen Beutel ihm klingen ließ. Der Ort, ihr dringendes Weſen zeigte, daß ſie nicht ſcherze; auch ihm war nicht zum Scherzen. Er ſah weh⸗ muͤthig auf die Spielſachen, die er trug.„Ein Haus ohne Dich?“ frug er weich.„Du warſt mir immer nicht recht zugethan, meine Benjamin, nun oͤffnet ſich Dir ein goldenes Haus, und Du flatterſt hinein. Nach dem armen Jakob fragſt Du nicht mehr, ob er lebt oder ſtirbt. So wird er wohl thun. Wohl thun!“ ſprach er, ſich in Gedanken verwirrend. Benjamin war beſtuͤrzt. So hatte ſie ihn nicht vermuthet; ſie waren ſo immer in Frieden mit einan⸗ der gezogen. Polydor wußte nicht was thun oder ſagen. Die Liebe hatte auch ihn beraubt— er em⸗ —— pfand den Verluſt, und beraubte einen Liebenden wie⸗ der, weil ein liebendes Weſen ſich an ihn ſchloß, und das that ihm ſo wohl, zu wohl, daß eines Fremden Weh ihm nicht genug wog, der auch nicht geliebt war— alſo ja doch nicht gluͤcklich. 6 „Ich bin nur ein armer Bube, meine Benja⸗ min,“ ſeufzte Jakob;„und als wenn der vornehme Menſch da ein Geſchöpf von hoherer Art wär', löſet er gleich unſer Band, und Du fuͤhlſt kein Unrecht, weil er Dich ſchutzen kann, und ich, ich muß davon ziehn, und will, wenn Du willſt. Kannſt Du blei— ben, ſo bleib! und es ſoll Dir wohlgehn, gar herzlich wohl! Gieb mir Deine Hand, daß ich merke, Du biſt wirklich noch in der Welt— ich kann mir's nicht mehr uͤberreden. Die Mutter will ich Dir ſchicken. So ging er, ganz blaß und wankend, und ſchaͤmte ſich eher zu weinen, als bis er hinaus ſey. „Jakob!“ rief Benjamin. Er ſtand.„Soll es noch Etwas?“ „Nichts, viel, nichts!“ ſprach ſie unſchluͤſſig— „genieße die Schweſter!“ Er laͤchelte kopfſchuͤttelnd, kehrte ſich ab, und ging.— Das gepeinigte Madchen warf ſich Poly⸗ dor an die Bruſt.. Jakob blieb in der Stadt, bis ſein Mädchen in der Kirche getraut war; das hatte er abgewartet, dann war er verſchwunden, wahrſcheinlich beruhigter, daß ſie doch nicht betrogen ſey. — 260— Aber der Betrug und der Selbſtbettug in der Liebe iſt tauſendfach. Eben bei dem geheimen und un⸗ widerſtehlichen Zuge, der die Menſchen zum Menſchli⸗ chen treibt, iſt keine Kleinigkeit ſo klein, nichts noch ſo Geringes ſo gering, das nicht genug waͤre, die Maͤn⸗ ner zur Wahl eines Weibes zu beſtimmen.“ Dieſer waͤhlt eine Braut, weil er in ſeiner Kindheit einmal ein Bild geſehen, das ihr glich.— Sie iſt es gewe⸗ ſen! ſie iſt ihm damals erſchienen, ſie iſt es nochz und er fuͤhlt keinen andern innern Antrieb. Jene Braut gleicht des Braͤutigams Mutterz coder ihre Schweſter hat ſchöne Kinder! Um jene Dritte hat! ſich ein Freund beworben, die Vierte hat einen Feind verſchmaͤht. Und welche ſo waͤhlen, ſind oft noch die beſſern Maͤnner, beſtimmt von dem, was die Jung⸗ frau an Leib oder Seele iſt; beſſer als jene, die be⸗ dingt, ja gedrungen und gekauft werden durch das, was ſie hat. Polydor aber im tiefſten Grunde der Seele wollte Galate mit ſeiner ſchoͤnen Benjamin nur eine Kraͤnkung bereiten und bereitete ſie ihr wirk⸗ lich. Ihm ſchien es, als wenn ihm nach Galate's Verluſt, uͤberhaupt ein Madchen auf dieſer Welt ent⸗ ſtehen werde, oder als ob alle zu Schatten geworden, und die liebliche Benjamin auch nur ein Schatten ſey— nicht die Sonne ſeines Lebens. Denn die we⸗ nigſten Menſchen ſind aus Verblendung ſo gluͤcklich oder weiſe, das oft nur Einfache, das Wahre in ſich zu entdecken, den Kern ihrer Wuͤnſche unter den tau⸗ — 261— ſenden ihrer Seele zu finden; und ſo legen ſie in den fruchtbaren Boden im Fruͤhlinge ihres Lebens verderb⸗ liche oder doch unnuͤtze Koͤrner. Wer aber in dem, den Menſchen mit ſeinen Leiden und Freuden wie zu⸗ gezaͤhlten Leben nicht nutzt, der ſchadet ſich und An⸗ dern. Denn Ungluͤck ergreift und betruͤbt niemals ei⸗ nen allein— wenn ein Liebloſer blos das Geſchoͤpf auf Erden iſt, das nicht ungluͤcklich werden kann, und nicht gluͤcklich. Nun iſt kein noch ſo gewandtes Weib im Stande, irgend eines Mannes Herz und Geſin⸗ nung von Grund aus zu veraͤndern, weil er damit in der Vergangenheit wurzelt— geſchweige ein einfaches Maͤdchen. Selbſt Wonne und Liebe vermoͤgen es nicht; denn den Mann begluͤcken ſie nur, wenn ſie ihm das bedeuten, was er wuͤnſchte, und die wahre Gebieterin und Begluͤckerin Aller iſt eben die Phanta⸗ ſie. Die arme Benjamin konnte ihrem jungen Ge⸗ mahl nun das nicht erfuͤllen, was er ſich Alles von einer Gemahlin gedacht, wie er mit ihr leben gewollt. Schon ſie vorzuſtellen ſcheut' er ſich; und ſo ſehr ſie ihm in ihrer eigenthuͤmlichen Tracht gefallen, ſo ſehr verlor ſie noch, als er ſie in die allgemeine und darum alltaͤgliche vornehme Kleidung, wie eine Nonne gleich⸗ ſam, eingekleidet. Nichts war dem mit der Welt un⸗ bekannten Kinde verdrießlicher als die Einſamkeit, in der ſie jetzt auf ſeinem Schloſſe lebte. Sie hatte irrig gemeint: die Welt werde ſich ihr in dem neuen hohen Stande erweitern, verſchoͤnern— dagegen verengte ſie — 6— ſich, und entſtellte ſich ihr; und ſelbſt ihre froͤhlichen Geſpielinnen, die heitern Berge— Alles aus ihrem einfachen aber ſchonen Leben— es war verloren, ohne daß ſie Anderes dafuͤr gewonnen oder zu erwerben hof⸗ fen durfte. Weil ihr ihre Welt fehlte, ſchien ihr die Welt zu fehlen, und ſie vermißte ihre Welt, weil ſie die Liebe vermißte, und dazu war ſie alt, verſtaͤndig und Weib genug; das große Schloß grauſte ihr an, und die feinſten Gerichte ſaͤttigten nicht— ihr Herz. So verging ein trauriger Winter, und ſtatt ihren Po⸗ lydor zu erheitern, wie ſie gewollt, ward ſie duͤſter— wie er nicht gewollt. Sie hatte Alles, was ein Weib ſich wunſcht, ſie war Alles: ein liebenswuͤrdiges Weib, ja ſie liebte ſogar, und war elend, und mit dem fallenden Schnee, der Berg und Thal immer tiefer, wie auf immer verſchuttete, legte ſich eine ſchwere Dek⸗ ke, wie ein weißes Leichentuch, uͤber ihre Bruſt, und immer ſtiller und— leichter holte ſie Athem. Im Fruͤhjahr wollte ſie die Mutter abholen, die nicht gekommen war. Polydor fuͤhlte ſich verpflich⸗ tet, ihr allen Willen zu thun. In den Bergen wird mir wieder leichter— bat ſie ihn.„Nicht leicht?“ fragte er ſie.— Sie ging und weinte. Sie reiſten. Und der erſte Ausbruch ihrer Freude war unbeſchreiblich, als ſie das große weite Thal, wo⸗ rin die Heimath lag, wieder ſah, ja, als wohnte ſie ſchon mit ihm dort, ſprach ſie, beſcheiden, nicht ihn, ſondern den Himmel anſehend, halb unwillkuhrlich vor ſich hin: In der Liebe ſtillen Segen Weile nun bei mir! Denn ich lebte gern mit Dir— Weile nun bei mir. Jetzt weinte Polydor in der Ecke des Wagens verborgen, weil er ſah, ſie meine wieder in die ſchoͤne heitere Vergangenheit zu kehren— ſie empfand, daß ihn ihre Freude betruͤbe, und ſie druͤckte ihm heftig die Haͤnde und verſprach ihm, ſich nicht mehr zu fteuen! Das waren noch ſchwerere Worte fur ihn. und das junge liebende Weib hielt Wort. Sie waͤre, als ſie vor der Huͤtte hielten, gern hinaus ge⸗ eilt, der Mutter um den Hals gefallen— und ſie ließ ſich nur von ihr kuͤſſen, nur an der Hand hineinfuͤh⸗ ren, und doch ehe ihr Gemahl in das ſaubere Zimmer folgte, kniete ſie ſchnell vor der Mutter nieder, weinte, bat ſie um Vergebung, und frug, ob Jakob noch lebe? Ihre aͤltere Schweſter lief nach einigen Worten Begruͤßung ſchon nach ihm. Jakob kam außer Athem, und doch blaß; er wollte viel reden und fragen, aber die Sprache verſagte ihm, er ſetzte ſich in den geſchnitz⸗ ten Stuhl, und ſah mit trunkenen Augen ſie an. „Biſt Du es, Benjamin?“ fragte er zuletzt. Sie trat vor ihn hin, und nickte bejahend. „Biſt Du es wirklich?“ frug er noch einmal. — 264— Da hielt ſie die Häͤnde vor Augen und Stirn, wollte ſagen: ich bin's, und die Worte erſtarben ihr. Dem guten Kinde geſchah nun allgemach eigen. Im Gärtchen der Mutter brachen die Blumen auf, die Hecken gruͤnten und bluͤhten, die Schweſter wollte ſie hinausfuhren, aber ſie ſprach: was geht denn mich das an? Sie brachte ihr Primeln, ſie ſchuͤttete ihr den Schooß voll Veilchen— aber ſie ſprach: die ſind nicht mein!— Ich ſchenke Dir ſie ja! ſprach die Schweſter; ſie koͤnnen nicht mein ſeyn, erwiederte ſie, das Alles iſt nicht mehr fuͤr mich gemacht, das gehoͤrt nun andern Kindern, und ich bin keins mehr. Doch pflegte und begoß ſie die Blumen, wie alte, alte, einſt vor laͤngſt verweinten Jahren geliebte Bekannte. Die Sonne ging roſig und glaͤnzend auf, ſie blieb im Bett, oder ſahe nur noch den Saffranſchein an der Wand, der das alte Geraͤth beleuchtete. Der Mond ging hin⸗ ter den Bergen unter— und ſie kam von den mit Silbernebel umſchleierten Hoͤhen nicht herab, als ſey droben ein ſtilles ſeliges Paradies fuͤr ſie, wo nichts ihre Traͤume ſtörte, keine Farbe, keine beſondere Ge⸗ ſtalt, wo nur die Stille und der Friede der Natur war.— Die Welt der Lebendigen, der helle Tag ge⸗ horte ihr nicht mehr, und thaten ihrer Seele weh, ſie hatte keinen Theil an den Menſchen, die Menſchen an ihr keinen Theil; nur des armen Jakob Leid ſchien ſie noch zu empfinden, denn ihm hatte ſie Leid gethan, Leid, wie ſie nun erſt begriff, und alle uͤbrigen Men⸗ ſchen konnten ihr nicht mehr helfen, die Schweſter und ſelber die Mutter nicht. Ihre Guͤte ließ ſie mit Nie⸗ mandem unzufrieden ſeyn, eine Klage ward nicht von ihr gehoͤrt. Den ſie liebte, der durfte um alle Welt wil⸗ len nicht Schuld an ihrer Veraͤnderung ſeyn, die ſich ihrer leiſe bemaͤchtigt, ohne daß ſie dieſelbe begriff. Wenn nur der Fruͤhling nicht mehr kaͤme! ſprach ſie eines Abends zur Mutter, als viele Blumen ſchon ver⸗ ſchwundenz oder wer mit ihm ginge, dahin, wo das Alles hingegangen ſeyn muß, denn es iſt fort, ach und ſage mir doch wohin, ich weiß es nicht, und moͤcht' es wohl wiſſen! oder wenn nur die Sonne untergegan⸗ gen bliebe, wenn immer die ſchoͤne geſtirnte Höhle der Nacht um uns dunkelte! da ſäß' ich verborgen vor al⸗ ler Welt und mir, und wuͤrde vielleicht nicht einmal weinen; das Licht und der Glanz und die Luſt und die Pracht, ſie bringen mich um. Wenn nur die Blaͤt⸗ ter gelb und raſchelnd von den Baͤumen fielen! wenn nur die Schwalben fortzoͤgen! ſonſt machte das mich unruhig, und die Augen vergingen mir ihnen nachzu⸗ ſehn. Jetzt wuͤrde die weiße Decke des Schnee's mir lieber ſeyn, ohne mich zu freuen; ich weiß nicht wie mir geworden iſt, habe Geduld mit mir, o meine Mutter! Du biſt es noch, ich aber nicht mehr Dein Kind. Wie gut, daß der Vater geſtorben iſt! Als nun die Zeit um war, die Polydor jetzt bleiben konnte, als die Mutter, die Schweſter und — 266— Benjamin mit ihm kommen ſollten, da bat ſie ihn, daß ſie noch bleiben duͤrfe! nur kurze Zeit! Polydor ſtand uͤberraſcht. Denn ein Recht be⸗ halten die Frauen, das: ihre Neigung zu entziehen, zu⸗ ruͤckzunehmen, und dieß kraͤnkt jeden Mannz denn je geringer er ſein Weib als Weib geſchätzt, je mehr druͤckt es ihn nieder, daß ihn die Geringe ſelbſt auf⸗ giebt. Aber in den meiſten Fällen heißt die Neigung entziehen: ſie nur verbergen— wollen und daruͤber ſterben. Denn nichts Zarteres als ein liebendes Weib. Er erwog das Alles. Er hatte ein Gluͤck geſtört, ohne eins zu ſchaffen, noch zu erwerben; der Krieg nahte ſeiner Heimath, dort war ſein Weib nicht ſicher, und darum ließ er ſie gern im Thale bei den Ihren. Er ahndete mit ſtillen Thraͤnen: der Fruͤhling werde ihr bald nicht mehr kommen, die Sonne werde ihr unter⸗ gegangen bleiben, und die kuͤhle geſtirnte Nacht werde — auch am Tage— um ſie dunkeln. Er verſprach ihr bald, recht bald—„noch zeitig genug“ wiederzu⸗ kommen! Er verſorgte und begabte ſie uͤberreichlich; die Mutter den wahren Zuſammenhang aus Poly⸗ dor's Betragen nicht faͤhig zu ahnen, das liebreich und uͤberaus zuvorkommend war, bedankte ſich tauſendfältig bei ihm fur die große Ehre, die er ihrer niedrigen Toch— ter angethan— das zerriß ihm das Herz, denn er war, nach der andern Vornehmen Weiſe, noch nicht gewohnt ſein Herz auf ewig ſchweigen zu laſſen, und ſein Betragen nach dem Scheine zu richten, den ſie —— ſo eben gut finden zu verbreiten. Als ſie allein war, nahm er von ſeiner Benjamin Abſchied; er umſchlang ihre Kniee, er weinte in ihr Gewand, ſie legte die Hand auf ſeinen Kopf, ſie ließ Alles geſchehen, und laͤchelte ihn nur an, als er mit unſäglichein Schmerz ſich losriß, als er glaubte vor ſeinen Ohren Todten⸗ glocken zu hoͤren, als er Gott bat, ihr Frieden zu ge⸗ ben, und ihm die Freude ſie wieder zu ſehen.— „Gehe,“ ſprach ſie ſanft;„das war meine letzte Freude! wenn Du mich nicht aus Erbarmen liebteſt, ja, dann, dann muͤßt' ich nicht—— aber ſo muß ich; gehe, geh'! Ich habe Dich geſehn in dieſem un⸗ ſern Thale, ich habe geglaubt, Du haſt mich geliebt— was will ich armes Kind denn mehr? Gehe, geh'! Du ſollſt ewig Fluͤcklich ſeyn!“ Er riß ſich los, ohne gehalten zu ſeynz er konnte nicht ſcheiden, und konnte nicht bleiben. Noch einmal ſah er ſich um. Da ſtand ſie, ſah zur Erde und lis⸗ pelte: Vielleicht ſend' ich Dir Jemand, Jemand von mir, mich ſelber und mein Leben, den wirſt Du viel⸗ leicht doch lieben? Vielleicht!— Er erroͤthete, er kehrte an ihre Bruſt, er druͤckte die erſten Kuͤſſe der Liebe auf ihren Mund, die ihm die heilige Natur fur dieſes treue Weſen jetzt abgezwungen mit ihrer, menſch⸗ liche Neigungen rein und groß heherrſchenden Allgewalt— und ſie erhob ſich froh und frei wie ein Engel in ſei⸗ nen Armen.„Es iſt zu ſpaͤt!“ ſprach ſie lächelnd. „Zu ſpät fuͤr Dichl aber auf immer genug fuͤr mich, — vergieb,“ ſetzte ſie beſchaͤmt hinzu, ach— 6 wollte ja auch leben! Num gehe, geh'!“ Und er ging. „Du eilſt ſo? ach, Du eilſt ſo ſtill!“ trat ſie haſtig einen Schritt ihm nach;„Du glaubſt meinen Worten, wie es die Menſchen machen, und glaubſt nicht mir, wie ich da bin, nicht der Seele in meinen Worten— ſo gehe, geh'! Er faßte ihre Hand, er weinte mit ihr uͤber ſie und ſich. Sie aber, die wußte wie ihm geſchehen, und ſeitdem wieder in ihren vori⸗ gen ihr am reizendſten ſtehenden Kleidern ging, hatte aus uͤbervoller Liebe laͤngſt Mitleid mit ihm, und be⸗ klagte ſich nicht mehr, darum ſprach ſie nur den Schluß eines Liedes zu ihm: Will ſich auch das Herz Dir regen,„ Weine nicht um mich! Lade keine Schuld auf Dich— Weine nicht um mich. Endlich ſchied er wirklich. Aber er reiſete nur eine halbe Tagereiſe weit, dort ſaß er, ſein Loos be⸗ denkend, und zur Nacht war er wieder bei der treuen Seele. Die Freude war groß, und die Trennung am andern Morgen war ſuͤß. Er konnte bis gegen den Herbſt unmoͤglich wieder⸗ kommen, wenn den Menſchen ſo Vieles nur bedin⸗ gungsweiſe unmoͤglich heißt, und nichts Wahres und Gutes es ihm wirklich iſt, wenn er wahr und gut iſt. Ihn hielt die Bewahrung ſeiner Guter auf, und durch ſeine Gegenwart hatte er nur den lebendigeren Schmerz, vor ſeinen Augen ſich durch die Verwuͤſtung des Krie⸗ ges arm werden zu ſehn. Als aber ganz in ſeiner Nähe Schlacht geweſen, als die erſt angruͤnende herbſt⸗ liche Saat zertreten war, als ſein Schloß noch brannte, und er gefluͤchtet auf einer entlegenen faſt unzugängli⸗ chen Hoͤhe es eben mit anſah, da brachte ihm ſein treuer Diener einen Brief. Er war von Jakob; er ſchrieb, oder hatte ſchreiben laſſen: Roſenheim, den. 18. „Ich muß Dir doch anſagen, daß ich unter vie⸗ len Thränen Deines Weibes Schweſter geheitathet. Das war eine Hochzeit! Geheirathet hab' ich ſie aber, weil es unſere liebe Benjamin geſagtz ſie hat es aber geſagt, weil ſie ſtarb, und da hab' ich es thun muͤſſen ihr zu Liebe und Niemand zu Leid. Ja, ja, ſie iſt geſtorben, und haͤtteſt Du ſie mir gelaſſen, ſo lebte ſie noch, denn ich hätte ſie erſt in zwei Jahren zur Frau genommen. Nun hab' ich den gruͤnen Huͤ⸗ gel, und Du haſt den nicht einmal, denn Du wirſt wohl nicht mehr hier in unſer Thal herkommen; ich aber werde einmal heraus kommen und zuſehn, was Du machſt. Die Mutter laͤßt Dich grußen, und noch⸗ mals fuͤr Alles herzlich und demuͤthigſt danken, ich weiß aber nicht, fuͤr was? Meine Frau ſpricht, ich ſoll Dir eine kleine Blume vom Grabe unſerer Benjamin ſchicken— das iſt ſie im Nun lebe wacker Sohbii „Der arme Jakob.“ Erleichtert und beſchwert athmete Polydor auf, uͤberhoben der Furcht durch Gewißheit, und verwieſen in ewige Unruhe. Gefuhllos ritt er uͤber das Schlacht⸗ feld zuruͤck; denn tiefer eigener Schmerz ſchließt das Mitleid aus, die reuige Seele will leiden, was ſie mißgethan, und nicht Leid und Freude der Welt ver⸗ mag an ſie zu dringen. Da zogen Schaaren von Todtengraͤbern her mit Schaufeln und Spaten; ihm war: als zoͤgen ſie alle ſeine Benjamin zu begraben, oder wenn er halten oder die Todten betrachten mußte, war ihm, als habe er ſie alle erſchlagen. Ein Troſt fehlte ihm, den ihm der arme Jakob vor eigenen Lei⸗ den vorenthalten. Die langſam ſcheidende, ſanft ver⸗ bluͤhende Benjamin hatte einen Knaben geboren, der Eugen getauft war. Den hatte ſie gemeint, ihm zu ſchicken, den er lieben wuͤrde und muͤßte. Die arme Mutter hatte kaum ſein erſtes Lächeln erlebt, geſchweige ſeine Liebe; doch der Kleine hatte ſie angenommen, er hatte ihrer bedurft. Haͤrte ſie gelebt, haͤtte der kleine Eugen ſie geliebt, dann waͤre ſie begluͤckt geweſen. Denn das menſchliche Herz ſehnt ſich auf Erden ja nur geliebt zu ſeyn, und liebt es in ſeiner ſchoͤnſten Zeit kein Gelicbter und Niemand in der Welt, ſo iſt der Menſch dereinſt zufrieden, wenn ihn ein Kind nur liebt! ſein Kind! dann ſind ihm alle ſchwaͤrmeriſchen Traͤume, alle ſuͤßen Hoffnungen vom Leben, in Einem zauberiſch und herrlicher, als er getraͤumt, gefuhlt, und das Auge weint, das Herz iſt geſtillt. Die Liebe des Kindes iſt aͤcht und wahr, und reizend und lieb⸗ lich, dauernd bis in den Tod und uͤber das Grab hin⸗ uͤber. Sie iſt der heitere, ja heilige Troſt, der jeder verkannten Seele bleibt. Und das Kind frägt nicht, ob die Mutter ſchoͤn ſey? ob ſie reich und vornehm ſey?— ihm iſt die holde treue Geſtalt ſeine Mutter, und werth und einzig geliebt uͤber Alles. Und ſie hatte ein Kind! und das Kind hatte ſie, die ſchoͤne blaſſe Mutter! Darum haͤtte die Liebe des Kindes auch bei ihr Alles ausgeglichen, Alles erſetzt— und glucklich genug und uͤberglucklich war ſie mit dem Vorgefuͤhl je⸗ ner vom Himmel gewaͤhrten Wonne, jener Huld durch die göttliche Gerechtigkeit ihr vorbehalten, hinuͤber ge⸗ ſchlummert, und wiederholte ihrer weinenden Mutter, nur jetzt in einem anderen Sinne jene Worte: Will ſich Dir das Herz auch regen, weine nicht um mich! Lade keine Schuld auf Dich— weine nicht um mich! — Aber auf Polydor auch wuͤrde die Liebe des Knahen dieſelbe ſchoͤne Wirkung nicht verfehlt haben; er haͤtte ihm ſein zweites, falſches Leben zu einem er— ſten, ächten gemacht, mit der Wahrheit des Lebens ge⸗ ſättigt, und ſeine vorige Leidenſchaft nach und nach als einen Traum erſcheinen laſſen. So geſchahe jetzt nicht. — 26— Denn zum Angedenken an ihre Benjamin behielten Jakob, ihre Schweſter und die Mutter, ihrem fernen, vornehmen Sohne Nachricht gegeben wiſſend, ſich vor, den kleinen Eugen ihm zu ſchicken, aber die Furcht der beiden Andern: ob er willkommen ſey? und wie es ihm ge⸗ hen moͤge ohne liebende Pflege? beſiegte das gute Weib. Auch war der Knabe nicht arm, ſogar reich zu nen⸗ nen, denn was Polydor ſeinem Weibe verlaſſen, das hob der arme Jakob dem Kinde redlich auf. Poly⸗ dor dagegen, beinahe verarmt, und durch keine Nei⸗ gung mehr an das Leben geknuͤpft, glaubte irrig, jetzt erſt recht ein vollkommener Soldat zu ſeyn, weil er Nichts zu verlieren und Nichts zu beſchuͤtzen habe, trat zuruͤck in ſein Regiment und zog hinaus, ſein Leben dem Tode zu verkaufen; und weil es ihm ſo ſchoͤn, ſo werth häͤtte ſeyn koͤnnen, darum wollt' er es theuer verkaufen. Er beſtimmte uͤber ſeine Gaͤter, und ver⸗ lor ſich ſtill in dem lauten. der uͤber die Lande zog. Die Braut des Todten. Galate hatte indeſſen ſich in einem traumähnli⸗ chen Zuſtande befunden. Durch jenen Schreck war ſie nicht erwacht, durch die Rettung nicht veraͤndert wor⸗ den. Sie pries Salvator glucklich, ſich ſelber hielt ſie fur elend, verlaſſen, beraubt, und das Alles mitten in der ſchoͤnen Jugend, erſt an der Schwelle des gro⸗ ßen Tempels, den man das Leben nennt, der uͤber Jedem ſich erbaut, uͤber Jeden zuſammenſtuͤrzt, auf der immer gleich und herrlich dauernden Erde. Be⸗ ſchaͤmung war ihre größte Qual. Denn die Jung⸗ frau ſagt dem Juͤngling zum Zeichen, daß ſie die Seine ſey, mit Leib und Seele fuͤr alle ihre Jahre nur ein leiſes„Ja;“ Nichts erfaͤhrt die Welt von dem gluͤcklichen Paar, ſelbſt die Sonne ſcheint nichts von ihnen zu wiſſen, bis ſie eines Fruͤhlings, eines Mor⸗ gens, da ſie warm herniederſcheint, ein kleines Kind aus dem Hauſe auf Händen getragen ſieht, das vor ihr noch die Augen nicht außzuſchlagen vermag; dann ſpaͤter laͤuft ein kleiner Knabe hergus, dann kommen zwei, dann drei! und ſo freut ſich die Mutter und bleibet ſtill, und in ihren ſtillen Wirkungen läßt ſie nur die Liebe, doch ach, wie klar und verſtaͤndlich, errathen und ſchaun. Doch Niemand lacht oder laͤ⸗ chelt; und laͤchelt Jemand, ſo iſt es vor eigner Vereh⸗ rung der Zucht und der Sitte, und vor herzinniger Freude an dem ernſten heiligen Gluͤck. Aber Galate's Seele hatte ſich preisgegeben, ihre Liebe ſtand gleichſam nackend wie eine Aphrodite vor den Augen der Men⸗ ſchen. Sie kannte die Welt nicht, aber ſie fuͤrchtete ſie doch, denn Aller Augen waren begierig, ſie zu ſehn, als wäre ſie als erwachſenes Maͤdchen erſt jetzt geboren worden; oder als jene Galate aus Acis Armen ent⸗ flohn, lebe ſie noch, und lebe und gluͤhe nun hier. Schefers neue Nov.. 18 Die jungen Maͤnner laͤchelten, denn ſie ſelbſt war aus dem Ehrfurcht gebietenden Schleier getreten, in welchem gehuͤllt jede Jungfrau ſteht, an welchem die Juͤnglinge lauſchen wie an einer Iſis) ob eine fuͤhlende Seele in ihr ſey, ob ſie lebe und liebe? und welchen ſie wohl der Liebe wuͤrdig achte? Von ihr aber war gleichſam erſchollen: ſie liebe, und wie! ſie vermoͤge vor Gluͤck bis in den Tod zu ſturzen, und ſelber zu folgen. Die Wenigſten aber unterſchieden genug: ſie habe ſo ge⸗ liebt. Sie vermutheten es noch, und die Schoͤnſten traten mit einem Zutrauen,mit einer Hoffnung gegen ſie auf, die ihr zitterndes Herz in Beſtuͤrzung verſet⸗ ten. Noch bedruͤckender war ihr Stand den Frauen gegenüber, die, ob ſie gleich alle von Liebe leben, doch jene kaum verſchonen, welche ihr innerſtes Weſen ſo leidenſchaftlich blosgeſtellt. Ihr Vater verſchonte ſie mit Worten. Wie ſie aber ſo blaß ausſah und weinte, hielt es der mildere Großvater fuͤr unerlaͤßlich, das ar⸗ me Maͤdchen wieder zu gewinnen, zu troͤſten, und in reinen Gefuͤhlen zu beſeſtigen, um ſie nicht untergehen zu laſſen, wenn ſie von ihrer Schaam und Reue ſich erholt.„Glaube, unſere liebe Galate,“ ſprach er ſanft zu ihr,„lerne glauben: wer ſich unſer ſo gewalt⸗ ſam bemaͤchtigt, der liebt nur ſich. Wer uns liebt, der laͤßt uns Zeit zu leben, und Freiheit unſer zu ſeyn. Polydor hat Dich geliebt, und Salvator haſt Du geliebt. Das bedenke, und fuͤhle es durch einige Jahre lang unter allen ſchoͤnen und traurigen Einwirkungen —— der Welt, die Jeden bildet, er ſey auch wie er ſey. Vor Allem aber empfinde noch: Du biſt! und wie und wer Du biſt, jung und lieblich, meine liebe Gakate! Ei⸗ nige Jahre auf Reiſen, Du kehreſt wieder, Du kommſt als eine Andere wieder, die Welt ſpricht von Neuem; denn alle alten Geruͤchte verloͤſchen und verwandeln ſich mit den Menſchen, die ſich daruͤber freuten oder be⸗ truͤbten.“ Wie aber die meiſten Menſchen erſt verſoͤhnlich und wohlthaͤtig ſind, wenn aus Spannung, Haß und Kaͤlte verderbliche Folgen hervorgegangen, ſo verſoͤhnte ſich Graf Alexander auch mit ſeiner Schweſter, die auf die Nachricht von ihres Sohnes Salvator Tode herbeigekommen; oder der Bruder vergab ihr vielmehr erſt jetzt, als es kaum eine andere heilſame Folge mehr hatte, als eben: die Vergebung, die beiden wohlthat, außer daß die arme Frau ihrem druͤckenden Mangel entriſſen ward, die nun ſtill, vor der Zeit gealtert, be⸗ ſcheiden und ſchuͤchtern in ihrer Heimath umherging. Denn nur die jungen Gemuͤther ſchauen das Schoͤne allein in der Welt, nichts Anderes iſt ihnen noch da; kein Opfer ſcheint ihnen zu hoch, was dem Schönen gebracht wird; ja dieſe Gluth entflammt einen Drang, eine unſtillbare Sehnſucht: das Opfer wirklich zu bringen, eine Erhebung, ſich ſelbſt dadurch genug be⸗ lohnt und bei der Welt fuͤr genug entſchuldigt zu hal⸗ ten, wenn nur der ſchoͤne Gegenſtand keinen leiſe⸗ ſten Tadel geſtatte. Die Mutter wohnte nun in ihres 18 — 276— Sohnes Zimmern mit der Tochter. Galate nahm von ihr Abſchied, und das Betreten ſeiner Wohnung⸗ das Scheiden von dieſem guten und doch ſo ungluͤckli⸗ chen Weibe war zur Aenderung ihrer Geſinnung von gewaltſamer Wirkung. Der Vater reiſete mit Galate. Nach und nach zerriß der Schleier, der zwiſchen ihr und der Welt gehangen, wie vor jedem Juͤngling und Mädchen, den keine Macht von Außen zu luͤften vermag, nur Erfahrung an uns ſelbſt und unſern Gefuͤhlen, und kuͤhles Betrachten derſelben, als waͤren wir Andere, und wir werden Andere, Fremde durch die Zeit, und unſte verlebten Tage, in welchen wir wie Gemälde ſtehen bleiben, und nur das ſtille Feuer unſtes Bewußtſeyns weiter tragen. Aber wie es ihr ergangen war, wollte ſie nun Einem gehoͤren: der ſie liebe. Er blieb nicht aus. Erſt zufällig, dann wiete net, begegnete ihnen Graf Arthur, verweilte kurzer, blieb laͤnger, bis er ihr unzertrennlicher Begleiter war. Was Pol ydor hatte erlangen wollen, erreichte nun er. Galate war jetzt 18 Jahre; er 12 Jahre aͤlter; aber er war ein einfacher, herzlicher Mann, der die Welt menſchlich anſah und beurtheilte, vergab, ohne eben Verzeihung fur ſich zu beduͤrfen, und, wahrlich nicht aus jener größten Eitelkeit, ſeine Orden nicht trug, und ſogar ſeinen Adel nicht fuͤhrte. Dabei war er reich. Graf Alerander, der Welt muͤde, in welcher ſein Weib nicht lebte, nicht mit ihm gelebt hatte, war fur — 277— ſie unbrauchbar, wie er ſie unbrauchbar nannte für ſich, fuͤhrte die Kinder nach Hauſe, und richtete faſt weh⸗ muͤthig die Hochzeit aus, weil er hinter allen Feſten den Tod ſah. Dießmal hatt' er ſich nicht geirrt— der Tod kam ihn wegzufuͤhren. 3 Zwei Jahre vergingen. Wie Gewitter waren die Heere ſchon lange voruͤber gezogen, das Land war ru⸗ hig; da kam Jakob eines Tages mit ſeinen Waaren wieder in die Gegend, und auch in Galate's Schloß. Er ward vorgelaſſen, und vor ihm trat zur Thuͤr ein fuͤnfjaͤhriger Knabe, der kleine Eugen herein. Ga'⸗ late war in dem Fall, ſich ein ſo ſchoͤnes Kind zu wuͤnſchen, den Lockenkopf, die holde Erſcheinung! Sie blieb ſitzen, der Knabe blieb ſtehen, und ſahe ſie an mit ſeinen großen, ſanften, jetzt nicht zu ſaͤttigenden Augen. Er holte kaum Athem, ſeine Lippen waren zuruͤckgezogen, er laͤchelte nicht, er ſah nur unbeſchreib⸗ lich freundlich aus, zuletzt vollkommen begnuͤgt, als hab' er ſich laͤngſt hierher gewuͤnſcht, als ſey er hier mit ſei⸗ nen Gedanken ſchon lange geweſen, und fuͤhle und ſehe ſich hier nun auf einmal zu Hauſe. Galate ſtand auf, ſie naͤherte ſich, ſie betrachtete das Kind verwun⸗ dert, ja erſtaunt, das kein Auge von ihr verwandte, und endlich ſie gruͤßend ſprach:„Gelobt ſey Jeſus Chriſt!“—„In Ewigkeit!“ lispelte ſie dem kleinen Manne zu, und ſprach ſich wendend:„Das iſt doch ſonderbar!“—„Hier bin ich nun recht!“ ſprach der Kleine;„Du kannſt nun wieder zur Mutter gehn, Vater Jakob!“ „Du willſt alſo hier bleiben, mein Kind?“ frug Galate. „Hier, bei Dir!“ antwortete es zutraulich, aber doch ſeufzend aus tiefer Bruſt, dann ſchweifte ſein Blick umher, als ſeh' es ſich um. „Was gefaͤllt Dir denn hier ſo?“ fragte Sei zu ihm gebeugt. „Nun Du!“ rief der Knabe verſichert und ſcher⸗ zend. „Nichts Anderes?“ laͤchelte ſie. „Was meinſt Du denn noch?“ ſprach er in ih⸗ rem Auge fragend. „Viele Angſt und viele Freude ſind wir an dem Kinde gewohnt,“ entſchuldigte Jakobz„er ließ mir keine Ruh' ihn mitzunehmen. So geht es nun!“ „Hat er ſchon an andern Orten wollen bleiben?“ fragte Galate unſicher. „Das nicht,“ verſetzte Jakob,„wenn er mir auch vor den Altarbildern ſitzen bleibt, oder vor Blu⸗ mengaͤrtchen; oder nach den bunten Wolken in den See hinab ſieht; ich habe meine Plage mit ihm.“ „Es iſt doch euer Kind?“ fragte Galate. Der arme Jakob nickte, und drehte den Hut in den Haͤnden; Du kaufſt mir lieber etwas ab! Galate hoͤrte das kaum, hob den Knaben em⸗ por, ſtellte ihn wie er war auf das Sopha, und herzte —— und kuͤßte das Kind, und druͤckte es an ſich. Der kleine Eugen regte ſich nicht, hielt die Augen geſchloſ⸗ ſen, und ihm war unbewußt ſo wohl, wie ſeinem Va⸗ ter Polydor es nimmer geweſen. Aber jetzt war auch ſein Freimuth hinweg, er begann ſich zu ſchaͤmen; denn als Galate ihm ſagte, ihm wiederholte, ihn bat, ihn kuͤßte, an die Decke nach dem Kronleuchter zu blicken, damit ſie ſeine ſchoͤne weiße Kehle ſehe, wenn er den Kopf erhoͤbe, da verweigerte er es ſchelmiſch und ſah neben ihr zu Boden, oder mit einem Auge in ihr wie begeiſtertes Antlitz. Graf Arthur kam. Galate bat ihn den Kna⸗ ben behalten zu duͤrfen, den ſie ihm zeigte und pries. Er bewilligte ihr es gern. Aber Jakob meinte: Du haſt ja mich nicht darum gefragt! Uund ich, und die Mutter, wir ſind dem Kinde ſelber gut! Das magſt Du mir glauben, ob ich gleich nur der arme Jakob aus Roſenheim bin. Kaufen wirſt Du wohl nichts? ſetzte er verlegen hinzu, um nur fortzukommen, denn ihm ward bange um das Kind, und er faßte es an ei⸗ ner Hand.„Komm'!“ redete er in den Kleinen, und zog den einſam, wie ein Amor ſtehenden, herab. Ga⸗ late faßte ihn aber an der andern Hand, und bat ihn ſuͤß: bleibe! nicht wahr, Du bleibſt bei mir?“ „Du weißt ja, ich bleibe,“ ſprach der kleine Eugen. Jakob wollte ihn fortziehn. Die Graͤfin, um ihn nicht beſchaͤdigen zu laſſen, konnte ihn unmoͤglich ſo . 36 0 feſt halten. Das Kind fing an zu weinen, und war ganz blaß; Galate ſtanden die Thraͤnen in den Au⸗ gen, ſie war roth geworden. Fuͤhre mich nicht von der ſort! bat er. Aber Jakob nahm ihn auf die Arme, ſo hielt er ihn, der ſtill war, und auf einmal zu ſchla⸗ fen ſchien, um ſich die Schande der Ueberwältigung oder des Ungehorſams zu erſparen. Galate beſchenkte ihn, aber er hielt nur ihre Hand in ſeinen Haͤnden feſt, die Goldſtuͤcke mußte Jakob nehmen. Allen war eigen zu Muth, ſie ſchwiegen, und der arme Jakob trug ſich den armen Knaben fort. Der Name Polydor war nicht genannt worden, aber doch war er hier vielfaͤltig gegenwärtig geweſen. Das Kind war er ſelber, aus ſeinen großen dunkeln Augen hatte er Galate wieder geſehen, und Galate ihn, ohne ſeiner ſich deutlich bewußt zu ſeyn; deſto wehmuͤchiger, ja zorniger hatte Jakob ſeiner gedacht. Mun iſt in den tauſend Erſcheinungen der Welt nichts bildender fuͤr das Herz, als in erſter Jugend ein vollendetes Schoͤne zu ſchaun. Weiſe Worte dringen wohl in das Gemuͤth, doch ſie beherrſchen es erſt als Ahndung des Lebens und ſeiner Geſetze, ohne den wah⸗ ren Eindruck zu machen— denn die Erfahrung fehlt der jungen Seele: die Worte in ihrer ſchweren Bedeu⸗ tung, in ihrer ganzen entfalteten Groͤße als Natur und Menſchheit gleichſam vor Augen zu ſehn. Suͤße Melodieen, ergreifende Harmonieen ruhren und ſtim⸗ men die Seele fuͤr ein heiliges Unbekannte, und regen — 281— die Sehnſucht auf. Mit dem Schoͤnen aber er⸗ blickt das Auge gleichſam den Kern der Welt, ihre rachtvolle Blume in herrlicher Bluͤthe; dieſe umleuch⸗ tete Eide, dieſer leuchtende Himmel, der ſolch' einen Schatz enthaͤlt, wird dem Kinde zu einem faſt heiligen großen„gruͤnen Gewoͤlbe;“ ihrer Wunder hoͤchſtes iſt vor ihn getreten; es hat ihm Erſtaunen, ſchweigen⸗ des Anſchaun und Verehrung kennen gelehrt, den er⸗ ſten Funken der Liebe gezundet, der allein einſt gluͤck⸗ lich machen kann. Denn nur wer fruͤh Verehrung empfunden, dem wird die Welt von unſchaͤtzbarem Werthe, und wie groß, wie gottlich ihm da die Welt erſchienen, ſo groß, ſo gottlich wird ſein Herz, ſein Streben tuchtig, ſein Leben begluͤckt. Wen die Welt mit Nichts einſt maͤchtig zu treffen vermochte, aus dem vermag ſich Nichts zu entwickeln, denn es lag nichts in ihm. Wie aber gewoͤhnliche Menſchen durch die Pracht des Vollmond-Aufgangs doch ein Weilchen gelockt, we⸗ nigſtens einmal des Monats, zu dem Himmel ſchaun, und mit ſanfter Gewalt erinnert werden zu ſehn: in welchem Himmel ſie leben, ſo war dem geſchiedenen Knaben nun immer; immer ſchwebte der ſchoͤnen Ga— late Antlitz ihm vor, und wenn er einſchlief, ſchwebte es noch uͤber ihm. Lange Zeit deutlich, Zug fuͤr Zug; dann erloſchen ihm ſeine milden Farben allgemach, ſpaͤ⸗ ter die Lippen, dann die Augen, zuletzt Zug nach Zug, bis es ihm unkenntlich ward, wie eine verbluͤhende Li⸗ —— lie, und er weinte, ohne es, ſeine Augen reibend, wie⸗ der hervorzaubern zu koͤnnen. So war ihm der En⸗ gel endlich verſchwunden, aber der Eindruck blieb ihm, die hoffende Seele, das wache kleine Herz. Er lernte nun ſchon Jakob's kuͤnſtliches Hand⸗ werk; er ſchnitzte Teller, Loͤffel aus Lindenholz mit Blumen, Heiligenbilder, und muͤhte ſich etwas hervor⸗ zubringen, was jenem Antlitz gliche, aber aus Unge⸗ ſchick und immer neu zur Jugend andraͤngenden Ge⸗ ſtalten, immer vergebens. So wuchs er auf, einfach und lieblich anzuſehn. Endlich als Eugen 11 Jahr alt war, nahm ihn Jakob wieder mit. In ſeinem Hauſe war es durch 7 Kinder, die ihm der Himmel geſendet, ſehr lebhaft; ſie bedurften viel; er erwarb wenig und war faſt ge⸗ neigt, ſeinem Feinde den lieben Knaben wiederzubrin⸗ gen, oder der Gräfin wollt er ihn laſſen, wenn ſie noch ſo geſinnt waͤre; denn Eugen ſchien ihm nun ſelber erſt wohl ſolcher Neigung werth. Er ſagte Eugen nicht, wohin ſie zogen, um dem Knaben das Scheiden von ſeinen vermeinten Geſchwi⸗ ſtern und ſeiner vermeinten Mutter nicht ſchwer zu machen, oder ihm nicht gehaͤſſig zu werden, wenn er ohne großes Bedauern von ihnen ſchiede, die ihn herz⸗ lich liebten, ohne daß er ſo herzlich an ihnen gehangen. So gingen ſie. Eugen kannte den Weg nicht. Als er aber vom Berge vor der Stadt das Schloß er⸗ kannte, ſetzt' er ſich, und ſah wie im Traum in bas —— —————— — Thal. Dann eilte er vor Eifer und irrer Hoffnung hinab. Noch froher erſtaunt ging er im Schloſſe die Marmorſtufen hinan. Galate aber wohnte nicht mehr in dem gimmer, vor dem ſie jetzt ſtanden, wie einſt. Aber ein kleines Madchen, Galate's Koͤpfchen, Galate's ſchoͤnes Geſicht, nur klein, ſah aus der geoffneten Thuͤr den ſchoͤnen fremden Knaben an. Und eine dunkle Erin⸗ nerung flog ihm durch die junge Seele— jene Arme haben dich umfangen dich an die Bruſt gedruͤckt, jene Lippen dich gekuͤßt, jene Hand hat dich gehalten, du ihre! und als ob es wahr ſey, was er geträumt, ſtreckte jetzt Galate's kleine fuͤnfjaͤhrige Tochter Liddy, ihre Hand nach ſeiner, faßte ſie leiſe an, und fuͤhrte ihn, ihn und die ſchönen Sachen hinein in das Zimmer, wo ihn die Sonne eben hell beleuchtete, und ſie ſtand mit einem Seufzer ihn, ihn und die ſchoͤnen Sachen zu bewundern. Die Erinnerung des Knaben legte eine Zuverſicht, eine Freude und Heiterkeit in ſeine, nach langen Jahren, jetzt wieder wie dunkle Ranunkeln friſch aufbluͤhenden Augen, daß das kleine Maͤdchen ganz durch ſie befangen ward, und ein faſt unmerkliches Laͤ⸗ cheln um den kleinen Mund des ſchoͤnen Kindes ſpielte, das bang, dann wehmuͤthig ward, bis es unbegreiflicher Weiſe anfing zu weinen, das Köpfchen ſenkte und leiſ⸗ und langſam hinter den großen rothſeidenen Vorhang des hohen Fenſters ſchlich, und dort ſich verborgen wäh⸗ nend, aber gegen die helle Sonne lieblich hindurch zu — 284— ſehn, nach dem kleinen Freunde ſpaͤhte, und, nur kin⸗ diſcher, wiederholte ſie dem lächelnden Jakob vor Au⸗ gen den Eindruck, den Galate hier durch den Kna⸗ ben, wie er wußte, von Polydor empfunden. So einfach er dachte, ſah er das doch, und die wunderliche Ruͤhrung des armen Mädchens war ihm deutlich und war ihm entſchuldigt, ohne daß ihr jedoch darum an⸗ ders geſchahe, als ihr geſchehen. Graf Arthur kam. Er erkannte den Knaben noch eher als Jakob, denn er hatte tiefer und lieber empfunden. Und wie er nun glaubte, daß Aufrichtig⸗ keit alle eigenen Fehler verminderte, und daß ſie da⸗ durch auch an andern vermindert wuͤrden, wenn Jeder ſich ſelber im Bilde der Rede erblickte, ſo ſprach er auch jetzt. Schade, daß meine Galate nicht hier iſt! Ihre kleinere Tochter iſt ihr nicht huͤbſch genug, und deswegen hat ſie das liebe Kind nach Italien gebracht, als waͤr' es ein fremdes. Da nun hier der Kleine ſo hubſch iſt, da ſie ſchon fruͤher ihn gern behalten, weil er ſo huͤbſch iſt— als waͤr' er dann ihr eigen— Ja⸗ kob, ſo laßt Du ihn dießmal hier! ich mache ihr mit ihm eine Freude, und Liddy hat einen Geſpielen. Willſt Du ihn haben? Liddy! Das Kind war bildſtill. „Alſo ſoll er fortgehen?“ frug er wieder. Das Kind fiel dem Vater in die Atme. Eugen war blaß. „Nun ſo gebt euch die Hand,“ ſprach Arthur. — 285 Aber Keines regte ſich. Endlich ſahen ſie ſich nur in die Augen, und jedes der Kinder ward duͤſterer und blickte zuletzt wie gedankenlos an die Erde. „Euer Kind iſt beſcheiden!“ ſagte Graf Arthur zu Jakob. „Das gebe Gott!“ entgegnete dieſer. Das We⸗ nige war bald abgeredet. Jakob blieb noch einige Ta⸗ ge, und als er fortging, begleitete ihn Eugen ſchon in andern Kleidern ein Stuͤck des Weges. Endlich blieb Jakob ſtehn. Der Knabe weinte ſehr um den vermeinten Vater, und doch war ihm faſt anzuſchen, wuͤnſcht' er ſich heimlich uͤber die Stunde, um ſchnel— ler zuruͤck zu ſeyn. Jakob ſah dem Allen laͤchelnd, verſtändig, ja ſelber verdroſſen zu, und ſprach: Du brauchſt nicht zu weinen um mich— ich bin Dein Vater nicht.. Dein fuhr er von ihm wegſehend fort, in Erde gebracht, mehr w wenn er wuͤßte von Dir, wenn er noch lebt, wt ichts wiſſen wol⸗ len von Dir. Ich bin ihm gerade nicht boͤſe, aber er verdiente es, wenn ich es koͤnnte ſeyn; doch mir iſt immer zu weich, denn wenn ich an ihn will denken mit Zorn, denk' ich an Benjamin nur mit Liebe. Und weil Du ihr Sohn biſt, hab' ich Dich lieb. Nun geh' mein Kind! Ich ſoll doch die Mutter gruͤßen von Dir— wenn ſie's gleich nicht iſt, und die Geſchwi⸗ — 286— ſter, wenn ſie es gleich nicht ſind. Deine lebende Mutter iſt doch Deiner todten Mutter Schweſter. Nun geh'! Du haſt mich genug geſehn! Und ſey be⸗ ſcheiden, das heißt beſcheide Dich, und lerne, daß Du was haſt.— Denn im Herzen gab er nicht auf, ihn einmal, wenn es ſeyn koͤnnte, dem Vater zuzufuͤhren und wohlerzogen; bis dahin aber ſollte er beſſer alſo auch lieber Eugen bleiben. So ſchritt er fort mit er⸗ weichtem Herzen. Der Knabe ſchlich zuruͤck. Jene Worte hatten ſeine Geſinnung verwandelt. Der Vater war ihm fremd, die Mutter fremd, ſeine Liebe aus der Bruſt geriſſen; er beweinte etwas, ohne zu wiſſen was, denn was er verloren, war ja nicht ſein geweſen, er hatte es nur wie im Traume beſeſſen, und der Traum war nun hin, und wie ſich der Nebel von den Wieſen in Streifen an die Berge gelegt und als P Winde dahin zog, ſo zog er fort Als er in den Gatten nach Hauſe kam, lief ihm Liddy voll Freuden entgegen— ſein Leid war ver⸗ weht, und ſein Herz wieder voll, das in der Gegen⸗ wart nichts bedurfte, als die Gegenwart und die Ahndung des Lebens, die ſo voller und reicher im jungen Ge⸗ muͤth iſt, je enger und unbegreiflicher die ſchoͤne Welt, bis eine erreichte Hoffnung nach der andern Erfuͤllung wird, Genuß nach Genuß zu Befriedigung, ja zu Er⸗ innerung, bis die ganz aufgeſchloſſene Welt das Seh⸗ — 287— nen geſtillt und— die Ahndung mit ſich ſelber aus⸗ geglichen. Die Kinder waren nach und nach unzertrennlich. Eines ruͤhrte Fruͤchte kaum an, bis nicht das Andre die ſchoͤnſten bekommen, ja von ihm angenommen. War Eines krank, ſo litt das Andre und klagte, und das Kranke mußte geſund werden, nur dem Andern zur Liebe, zur Freude. Sie waren den Lehrern gehor⸗ ſam und lernten ſich taglich ſelbſt uͤbertreffend, nicht um dem Andern den eigenen Tadel zu erſparen, ſon⸗ dern das Lob zu verdienen. Der ſchoͤne Knabe ward feiner und maädchenhafter, das ſchoͤne Maͤdchen getro⸗ ſter und aufgeweckter. So lebten ſie unter dem Wan⸗ del der blauen leuchtenden Tage, der Tage, die noch keine ſind, ſondern immergleiche ſtehende ſelige Zeit. Salvator's Schweſter Eugenie fuͤhrte die Aufſicht, aber ſie war ſelbſt am liebſten bei ihrer einſamen Mut⸗ ter, die ihren geliebten Sohn nicht vergeſſen konnte. Galate aber war nur zum Fruͤhling auf eine Nacht nach Hauſe gekommen, und dann auf längere Zeit wieder davon gereiſet, und diesmal begleitet von ihrem Gemahl. Wie ein Zugvogel, hatte ſie nirgend Ruhe, am wenigſten im Fruͤhling oder im Herbſt, als durch Vater und Mutter zwei Nationen angehoͤrig, zwei Himmelsgegenden und zwei Lebensweiſen. In Italien wollte ſie in Deutſchland ſeyn; in Deutſchland ſehnte ſie ſich nach Italien. Endlich erinnerte ſie ſich dieſes Unbehagens, das ſie hier und dort gefuͤhlt, und nun floh ſie beide Länder, und ſuchte ſie dennoch gleich⸗ ſam auf den Poſtſtraßen, bis es ihr, der Ermuͤdeten, wieder in einer der zwei Heimathen gefiel— wie ihr Alles gefiel: auf kurze Zeit, ſo lange als ſie ſich ver⸗ gaß, bis ſie ſich bedachte. Neben dieſem Verſchuldeten aber plagte ſie„die Langeweile der Schoͤnheit“ jenes Erwarten hoher ungewohnlicher, wo moͤglich himm⸗ liſcher Dinge, welches das Bewußtſeyn der Schoͤnheit begleitet, noch ohne alle Eitelkeit. Nicht zufrieden ge⸗ ſtellt mit den Gaben der Erde, die ſie fuͤr ein Weib hat; Gemahl und Kinder, uͤberall freundliches Entge⸗ genkommen und ſorgenloſes Daſeyn, noch begnuͤgt durch die herrlichſte Auswahl jener Gaben im reichlichſten vor⸗ zuͤglichſten Grade, zu dem ſie im Leben als ſchönes Weib uͤber viele tauſend andere Frauen geſtiegen war, machte ein kurzes Beſchauen ihrer Schoͤnheit im Spie⸗ gel ihr Alles das wie zu Nichts. Sie ſeufzte; es ſollte noch täglich, ſtundlich Etwas erſcheinen, ſie etwas er⸗ fuͤllen— ſie wußte nicht was. Viele Verhältniſſe hatte ihre Erſcheinung, ihr Verweilen hier und da in der Welt— oft ohne ihr Wiſſen geſtört und zerſetzt. So manches Herz ſchien ſie mit Allem, was es beſaß, beſeſſen zu haben. Sie war wieder fortgezogen— und hinter ihr war Alles geblieben wie vor, nichts war ihr nachgefolgt, als vielleicht verhuͤlltes Sehnen; ſo wie die Sonne einen koſtbaren Tag ſchafft, Glanz, Freude, Duft und Geſang hervorruft— und doch wenn ſie am Abend geht, muß ſie ſelbſt alle Huͤgel, alle Seen, — 289— alle Blumen, eine halbe Welt zuruͤcklaſſen, die ohne ſie fortbeſteht und lebt, und nun Mond und Geſtirne lobt. So erſchien nun auch der getaͤuſchten Galate entweder die Welt thoͤrig und wenig, oder die Schoͤn⸗ heit ſelbſt nichtig und eitel. Und wie ſie zwiſchen die⸗ ſen beiden Meinungen ſchwankte, ſo bezeigte ſie ſich ſtolz oder verdrießlich, aber immer empfindlich, denn keine derſelben konnte ſie erheben und erheitern. In der Ferne hatten ſie ſchmachtende Blicke verſcheucht in die Einſamkeit, und aus der Verborgenheit lockte und fuͤhrte ſie die Einbildung der Augen und Worte jener Anbeter wieder hinaus in die Welt— um auf's Neue denſelben Kreis zu durchlaufen. Und ſo konnte fuͤr Galate nichts ſeyn, als die Wiedererſcheinung— einſt ihres Freundes. Sie war jetzt kaum eine halbe Stunde mit Ar⸗ thur zuruckgekehrt in ihr Schloß, als Polydor an der Spitze ſeiner geharniſchten blitzenden Reiterbrigade einritt, was er vielleicht vermieden, wenn er Galate's Gegenwart gewußt. Er hatte ſeinen hohen Rang durch Tapferkeit in einer Zeit ſchnell erſtiegen und wohl ver⸗ dient, in welcher die Gelegenheit in taͤglich erneuten tauſend Faͤllen ihre tauſend Maͤnner erwartete und fand, und ſie zum Falle oder zum Ruhme fuͤhrte. Und ſo gab dieſe Zeit zu betrachten, wie viele große Soldaten, Intendanten, Lieferanten, Gouverneure und feine Miniſter— zum Heil und Segen des Volkes — in ruhigen Tagen unbekannt und unernannt leben Schefers neue Nov. 1v. 19 — 290— und ſterben; und wie das, was die Welt irgend je⸗ mals bedarf, immer, immerfort und uͤberall bereit zur Hand und vorraͤthig iſt wie in einem Arſenal nur ſchweigend oder toſend, je nachdem der Strom der Zeit zum See ſich ausbreitet, oder einem Niagaraſchlunde nahend, donnernd und ſchäumend hinabſtuͤrzt, drunten ſelbſt ſeinen Staub und Dunſt erſt ſammelt und wie⸗ der ſich klaͤrend von hinnen wallt. Galate eilte, noch in Reiſekleidern, den feind⸗ lichen Gaſt drunten zu empfangen. Er erkannte ſie, ſie erkannte ihn, und beider Gefuͤhle gingen in einem vornehmen Laͤcheln auf. Hatte ſie ihn fruͤher beinähe belaͤchelt, ſo kam ihm jetzt die allgemeine, faſt gemeine Meinung zu ſtatten, daß, wer den Tod verachtet— alſo das Leben— und alle ſeine Guͤter, und ſie ſelbſt die ſchöͤne Galate mit— ein vorzuͤglich chrbarer Mann ſey. Und wirklich imponirte die Menge ſo vie⸗ ler dergleichen Maͤnner, die von Beſchwerden nur ge⸗ ſuͤnder ausſahen, aus der Schlacht kommend froͤhlich waren, ja lachten. Und der Ruhm und das Gluͤck des ganzen Heeres, die wenige Jahre darauf ſich in Un⸗ gluck und deſto bitterer Schmach verkehrten, umglaͤnzte noch Polydor mit voller Macht, wie von Einer Welle der ganze Glanz der leuchtenden Sonne ſtrahlt. In dem Getummel des Abſteigens ſchlich ſich ſo eben Jakob von dannen, der nach zwei Jahren wie⸗ der den Sohn ſeiner Benjamin beſucht. Eugen aber ſtand, ohne den Vater zu kennen, in ſeinen An⸗ blick vertieft, das Roß baͤumte muthig; er wich, er fiel, und das Eiſen ſeines Hufes trat ihm auf die Stirn, daß er blutend und blaß wie todt hinweggetra⸗ gen ward. Daruͤber ward Liddy, an der Mutter Hand er⸗ ſchrocken, vor Angſt ſo krank, daß ſie acht Tage lang ihren jungen Freund nicht beſuchen konnte. Mit ver⸗ bundener Stirn kam er endlich zu ihr, und Liddy langte nach ihm, und weinte, indem ſie ſich ihn feſt⸗ hielt mit den kleinen Armen. Polydor und Galate waren zugegen. Er hatte, ſehr betreten, jedoch gleich vermuthet, daß der, durch den Mangel ſeiner Aufmerkſamkeit, die auf Galate gerichtet geweſen, verungluͤckte, ſchon ſo erwachſene Knabe, nicht Galate's Sohn ſeyn koͤnne, und das hatte ihm die groͤßte Betruͤbniß daruͤber erſpart, als wenn der arme Eugen auch außerdem nicht das Kind einer menſchlichen Mutter und eines menſchlichen Va⸗ ters Sohn ſey, und ſo gut wie— ſein eigener! Er hatte am Bett den Knaben ſelbſt ausgefragt, der ihm im daͤmmernden Bewußtſeyn ſogar geantwortet: Seine Mutter heiße Benjamin, und ſey ſeiner Mutter Schweſter, die ſeines Vaters Frau ſey. Er hatte das nicht verſtanden, wenn ihn auch der Name Benja⸗ min erſchuͤttert und das Herz aufgeregt, das in Ge⸗ danken wieder durch die Verwandlungen ſeiner Gefuͤhle hinaufſteigend, gerade durch jene ungluͤckliche kleine Frau deſto ſicherer und augenſcheinlicher auf Galate 105 292 zuruckgefuͤhrt wurde, die eben ſchoͤn und ſchoͤner als je an ſeiner Seite ſtand mit verhaltener Glut, wie er ſeine verhielt. Und wie von den meiſten Verhaͤltniſſen getrenn⸗ ter oder ſich trennender Liebenden ſpater nichts uͤbrig bleibt, als eine gewiſſe Vertralichkeit, ein Wohlwollen, in welchem manches Gute gedeiht, und das den Men⸗ ſchen das Leben erheitert, und macht, daß er ſich hei⸗ miſcher auf der Erde fuͤhlt, ſo war es auch hier. Die ſchone Tochter Liddy gab der Mutter ein eigenes Ue⸗ betgewicht— des dennoch auch ohne ihn lieblich gelun⸗ genen Lebens— uͤber Polydor, dem er ſeinen ſchoͤ⸗ nen Knaben Eugen nicht entgegen zu ſtellen hatte. Nur das Mitleid, das er mit dieſem empfand, legte ihm auf, ſich mehr als wohl ſonſt der Fall geweſen, auch mit dem Geneſenden noch zu beſchaͤftigen.“ Ihm fiel das Verhältniß auf, in welchem die beiden Kinder unwiſſend ſtanden. Ja es that ihm weh. Mußte es jemals geloͤſet werden, wie es denn mußte, ſo ſchien es ihm— ſchon zu ſpaͤt dazu. Denn eben nur die neue junge Kinderſeele verſieht ſich an gewiſſen Ge⸗ ſtalten der Erde, nur junge Reben ringeln ſich an, und reißt ſie Gewalt von ihrem Gegenſtande, ſo ſchwan⸗ ken ſie in der Luft, oder liegen an der Erde mit ihren Trauben. Wenn ſie alſo auch jetzt ſchon getrennt woͤr⸗ den, ſah er, daß Jedes eine Leere und Unbefriedigung im ganzen Leben zu empfinden haben wuͤrde, wenn auch nicht zu bedenken— wie er. — 293— Galate laͤugnete ihm laͤchelnd, ja erroͤthend, die Nothwendigkeit, die Kinder zu trennen, und ſah zur Erde. Polydor war dadurch aufmerkſam, beobachtete den ſtill herbeigekommenen Eugen, der kaum athmete, und als waͤr' er ein Bild geworden mit unerſaͤttlichem ſtillen Blick in Galate's Antlitz ſich verſann und im⸗ mer ernſter, immer blaͤſſer ward, und kaum mehr ſpuͤrte, wo er war, daß Menſchen vor ihm ſeyen, eine Sonne, die ihm Galate erleuchte, ja daß Galate vor ihm ſtehe; ſo hatte ihm die Macht und Gegen⸗ wart der Schoͤnheit ganz entruͤckt, und in das ewi⸗ ge urſpruͤngliche Daſeyn zuruͤckgezaubert. Galate neigte ihr Auge tiefer, ſie wandte ſich weg, ſie laͤchelte Polydor noch ſanfter an— und Liddy ſtand er⸗ ſtaunt vor Eugen und ſchweigend. Wie aber das Maͤdchen zu leiden ſchien und ſich verbarg, ſo gab es auch Polydor einen Stich in's Herz. Er ſah ſtill vor ſich hin, faßte dann des Knaben Hand, und zog ſie ihm nach, mit dem Gefuͤhl zwiſchen Neid und Be⸗ dauern, ja einer eigenen Aufforderung zu ſeiner edlen Beſchuͤtzung, als könne Galate einſt ihm je zu gnä⸗ dig werden. Doch das ſchoͤne junge Weib hatte ſich kaum entfernt, als Eugen wieder gleichſam erloͤſt war, von einer unwillkuhrlich empfundenen Macht, entzau⸗ bert und ſeinem eigenen Willen und ſeiner Liebe zu⸗ ruͤckgegeben; wie Wellen des Meeres, die der Voll⸗ mond nicht mehr wunderbar feſſelt, oder wie der Mond ſelbſt Kraft zu ſcheinen hat, wenn ſich die Sonne ent⸗ 294 fernt. Er war deſto zartlicher gegen Liddy, als ſey ihm eine leiſe Ahnung von der Entfremdung und Ent⸗ ziehung ſeiner Seele und ſeiner Liebe ihm uͤbrig geblie⸗ ben. Galate kam wieder, um Polydor abzuholen, und der Knabe regte ſich wieder nicht, und athmete kaum; aber er zwang den Blick mit Gewalt an den Boden, dann laͤchelte er Liddy an. Sonderbar! ſagte der Vater Polydor vor ſich hin, und verwunderte ſich doch nicht uͤber ſich ſelbſt. Gewiß aber von Liddy's tiefer Neigung uͤberzeugt, bewog er, mit zarter Hand die Geflchete der Eitelkeit von Galate loͤſend— als Mutter ſie endlich: Eu⸗ gen zu entfernen! Selbſt ihn ganz zu verlieren, ihn ihrer Liddy ganz verloren ſeyn zu laſſen, war ſie zu ſchwach, als eine jener zu nachgebenden Mutter, deren nie genug erwogener Fehler iſt: den Söhnen, tern zu laſſen, zu goͤnnen, ja oft das ſelbſt z bereiten und nahe zu ziehen, was ihnen wavi das Gluͤck des Lebens bringt, weil ihr Herz es be⸗ gehrt, und doch ihr Gluͤck nicht iſt, ja ihr Ungluͤck wird auf Lebenszeit, weil es das Rechte nicht iſt, oder das Rechte unrecht genoſſen und unrecht erworben. Doch willigte ſie ein, und fand vchlgethan, daß Eu⸗ gen ein Gaͤrtner werde. Sie ſtellte das ihrem Gemahl vor. Er war uͤber ſich ſelbſt boͤſe, und ehe er einwilligte, ſagte er ſich, nach ſeiner Weiſe, erſt ſelber die Wahrheit mit den Worten: Erſt wollen die Reichen und Vornehmen — 295— viel an auf- und angenommenen Kindern thun, und dann, wenn ſie nicht neu, nicht intereſſant mehr ſind, wenn man nicht mehr daruͤber ſpricht, wenn ſie miß⸗ rathen, oder zu gut gerathen, ja nur den Anſchein davon haben, oder wenn ſie Geldausgaben verurſachen, oder wenn ſie nahe vorauszuſehen— dann verlaſſen ſie— das heißt im gegebenen Falle: dann verlaſſen, verſtoßen wir den Eugen! und ſie ſind, das heißt: Er iſt ungluͤcklicher als zuvor, und ſie waren gluͤcklich — das heißt im gegebenen Falle— Eugen waͤre glucklich, wenn ſie die Vornehmen— wenn alſo Eu⸗ gen uns nicht geſehn und gekannt haͤtte, und nicht verwoͤhnt wäre durch Lebensweiſe und Sinnesart. Wenn Jemand nur ein Wort zu Gunſten des guten Engels in ihm geſagt, der ihm treulich er⸗ ſchien, und gewöhnlich ohne weitere Folgen, als daß der Graf nun erſt recht deutlich wußte, was fuͤr ein Unrecht er that, womit er dann, als die Wahrheit uͤber Alles liebend, allein ſchon zufrieden war— wenn nur Liddy zugegen geweſen, die anfing die Macht uͤber ihn mit Galate zu theilen, ſo waͤren Eugen nicht Kleider angemeſſen worden, die er nach einigen Tagen ſchon, wie zu einer Verkleidung, zu einer Probe an⸗ gelegt, und Galate, Liddy, Polydor und dem guten Grafen Arthur ſich zeigte. Dieſer ſetzte voraus: Eugen wiſſe, daß er darin und damit aus dem Schloſſe gehe, wie eine Braut — 206— mit dem Brautkleide auf immer aus dem Vaterhauſe, und als der Knabe ihm dafuͤr die Hand kuͤßte, wie fuͤr Alles, was er empfing, ſagte er ihm mild und weich: Gehe mit Gott in Deinen neuen Beruf. Waͤre ich nicht reich, um nichts auf der Welt thun zu muͤſ⸗ ſen, als was ich will— ſo wollte ich ſelber ein Gaͤrtner ſeyn! und Du weißt, ich bin ja im Grunde des Herzens ein Gaͤrtner. Welche Liebe geht uͤber die Liebe zu Blumen, zu Baͤumen! Ich bin den ganzen Tag im Freien wie bei den Kindern eines ganz andern Vaters, als wir ſind, und lerne da draußen einen ganz andern kennen! Die Blumen, die nach und nach mit den Tagen erſcheinen, und ſich gleichſam klei⸗ den und ſchmuͤcken aus Perlenthau und Sonnenglanz, aus den Farben der Morgen- und Abendwolken— ſie geben uns hier vor unſeren Augen, vor unſeren Fu⸗ ßen auf dieſer Erde ſo nahe und freundlich Kunde von einem ewigen Fruhling, der da draußen, weit da drau⸗ ßen in dem blauen unendlichen Aether unendlich waltet, und hier in unſeren Wolkenhimmel herein glaͤnzt, her⸗ ein langt mit den unſichtbaren Häͤnden, und ſchaffet und bildet, und ſchmuͤcket und malt, und ſaͤuſelt und mit tauſenderlei Wohlgeruͤchen, koͤſtlichen wie mit Ro⸗ ſenoͤl wie kleine Blumenbraute die Blumen ſalbt, daß ich mich ſcheue den Duft einzuſaugen und mich, als ein erbaͤrmlicher Graf auf dieſer Erde, wie zum Schim⸗ pfe von dem Bedienten vor den gottlichen Sommerge⸗ waͤchſen Epcellenz genannt— mich ſchaͤme! und als — 3— ob ſie es gehoͤrt, die Augen niederſchlage vor dem ewi⸗ gen Leben vor mir, und erſchuͤttert bin von dem Luͤft⸗ chen, das mir, aus dem heiligen fernen Himmel kom⸗ mend, die Haare kraͤuſelt. Siehe, der habe ich Alles, was ich bin und beſitze, ſelber meine Galate und meine Liddy, und Dich meinen lieben Eugen ver⸗ geſſen, bis Ihr kommt und mir daſteht, auch wie prachtvoller Oleander aus der Erde gewachſen, nur ſcho⸗ ner und mit lieblichem Engelsangeſicht. Darum gehe mein Sohn hinaus in das ewige Leben, nimm Theil daran durch Dein Gefuͤhl, hilf dem wunderbaren Alten da draußen mit Deiner kleinen Hand, und ſey gluck⸗ lich in Deiner und ſeiner Liebe. Du wirſt das Schloß vergeſſen, Galate, Liddy vergeſſen und mich! und wir bleiben uns nah, wir treten manchmal ſtill zu Dir, und dann empfange uns freundlich, wie ich ſonſt Euch! Galate ſagte ihm das, was ſich wohlbegruͤndet und troöſtlich auf ſeinen neuen Zuſtand und ſein Fort⸗ kommen bezog, waͤhrend Polydor, im Innern gerecht und befriedigt, ihn mit dem ſtrengen Blicke des Le⸗ bens anſah, womit es dem Armen den Muth ſchon fruh eingeſchuchtert, und wohlthaͤtig, damit er in dem engen Horizont, gleichſam in einer Homeriſchen Welt, alle Goͤtter und alles Schoͤne, alle Wahrheit und al⸗ len Wahn finden und lieben lerne, und dieſes Daſeyn ſich zur Gewohnheit mache, wo der Menſch ſelbſt von den unentbehrlichſten Dingen nur Eins beſitzt, das aber dadurch wahrhaft ſein iſt, und Niemandem weiter. Liddy, bis zu dieſem Augenblicke voll unbegrenz⸗ ten Zutrauens, voll unausſprechlichen Hoffens, that jetzt gleichſam mit kindlichem Auge den erſten Blick in die Welt; ſie faßte es nicht, und ſchlich fort, um es einſam ſtill zu beweinen. Sie hatte nicht nach Eugen geſchen, und dieſe Schonung hatte er wohl verſtanden. Ihm gab es nur einen kleinen Engel im Schloſſe, ſeine Liddy⸗„Sey beſcheiden,“ ſagte Jakob im Geiſte zu ihm,„be⸗ ſcheide Dich,“ und ſo that er gefaßt. Er dankte fuͤr alles Gute ſo herzlich, daß Arthur und Galate ſich die Thraͤnen trockneten, aber Niemand hielt ihn, rief ihn zuruͤck, als er noch einmal an der Thuͤr ſtehen blieb, und das Alles kein Scherz war, wie wohl ſonſt dergleichen. Polydor, der ſich als die Urſache dieſer Scene empfand, fuhlte ſich aufgefordert, ihn zu beglei⸗ ten. Aber der erſt dreizehnjahrige Knabe ging ſo ver⸗ ſchloſſen, ſo gleichguͤltig neben ihm her, daß er ſelbſt ein Geſchenk zuruͤckbehielt, das er dem armen Kinde zugedacht, ſtehen blieb, ihm nachſah, und ihn gehen ließ. Der Gaͤrtner kam ihm entgegen⸗ Er hatte ihn abholen ſollen. Diener brachten ihm ſeine Sachen herab. Eugen weinte nicht zur Nacht; er ſchaͤmte ſich nicht am folgenden Tage. Haß hatte ihn eingenom⸗ men, der aͤußerlich von Gleichguͤltigkeit bedeckt war. So ſchoͤn und hell ihm die Welt geweſen, ſo finſter und widerwaͤrtig war ſie ihm jetzt. Sich ſelbſt, und was er nur als das Beſte und Nothwendigſte im Her⸗ zen empfunden, als Urſache ſeiner Verſtoßung anzu⸗ nehmen, vermochte er eben nicht. Und ſo war es der Fremde vor Allen, und Galate. Welches Gefuͤhl fuͤr ihn. So bewundert, hatte ſie ihm das Liebſte ent⸗ zogen— ihren unverſtandenen Anblick und Liddy. Was ſollt' er noch ſchaͤtzen? denn er hatte anderes Be⸗ gehrungswerthes noch nicht kennen gelernt. Und ſo war er ein junger Ungluͤcklicher, nur von einer Em⸗ pfindung voll. Denn ſeit er Liddy vermißte, war ſie erſt recht lebendig in ihm, und er durfte nur in die Schattung der Baͤume, oder Abends in's Dunkele ſe⸗ hen, ſo ſtand ſie vor ihm deutlich und klar wie ein Bild. Und bis er mechaniſch ſeine Arbeiten zu verrich⸗ ten gelernt, war er ungeſchickt und verdroſſen, dann aber lebte er in ſeinen Traͤumen und ſeinen Gefuͤhlen, und traͤumte das Leben. Liddy aber ſchaͤmte ſich ſeinetwegen vor ihm, weil er ſich ſchaͤme vor ihr. Er ſchien ſie auch nicht zu ſehen, wenn'er in's Schloß kam, die Blumen zu begießen, oder zu vertauſchen, Feigen, Ananas und andere Fruͤchte hinauf zu tragen. Aber wenn ſie ihn ſtill beſchlich, oder heimlich ihm entgegentrat, wo er ihr begegnen mußte, da laͤchelte er; ſie ſah ihm in die Augen, war blaß, und ihre Glieder regten ſich nicht, und aus dem froͤhlichen Maͤdchen ward allmaͤhlig ein — 300— ſtilles, aus dem ſtillen ein ernſtes, ja duͤſteres, denn in ihrem Herzen quoll wie in dem fruchtbarſten, hei⸗ ßeſten Boden der Keim der Liebe, und der Keim ward zur Wurzel; doch ihr Trieb erſchien noch nicht nach außen, zum Licht und zur Sonne gedraͤngt. Fuͤr unbefangene Gemuͤther hat die Erde Unzuaͤhli⸗ ges zum Erſatz, zum Ueberbieten, was ſie auch mein⸗ ten, verloren oder nicht erlangt zu haben. Fuͤr Be⸗ fangene hat ſie Nichts, weil ſie dagegen verſchloſſen bleiben und blind. So hoch die Natur nun menſchli⸗ che Neigungen achtet und Vorliebe für irgend Etwas von ihren Schatzen beguͤnſtiget, weil ſie ein ſonſt ge⸗ mein Erſcheinendes dadurch am hochſten, ja erſt zu dem wahren Werthe anbringt, wenn es durch Einbil⸗ dung und Anerkennung den ungemeſſenen Mreis erhaͤlt, den es als Naturwerk unlaͤugbar hat, ſo gewiß ſie auch Neigungen und Vorlicbe eben in der Jugend, ja in der Kindheit begruͤnden, und heimlich, doch ſicher ſchon fruͤh entfalten muß— ſo tritt ſie doch oft durch andere ſpätere Geſtalten dazwiſchen, und die feurigſten Anfänge löſen ſich leiſe in Nacht auf, wie Wolken, die ſich verziehen; ſie regnen und donnern nicht, und waren nichtig. Das waͤre vielleicht auch hier geſchehen, wenn nicht Graf Polydor, gleichſam als ſeines Sohnes größter Feind aufgetreten, und in der Abſicht, eine Entwickelung zu hemmen, ſie gerade dadurch mehr ver⸗ wickelt. Zu ſeines Sohnes Feinde aber machte ihn — 306— Jakob's Verheimlichung, daß Eugen ſein Sohn ſey. Jakob aber hatte dieß aus einer gewiſſen Vergeltung an ihm wohl anfangs verſchwiegen, und ſpaͤter war Polydor im Strome der Welt wie verloren; und jetzt, da er wieder auf ſeinen Guͤtern lebte, kam Ja⸗ kob nicht mehr in das Land heraus; denn er war ne⸗ ben Hofer in den Leib geſchoſſen worden, und verſiechte in Roſenheim nach und nach. Er verarmte und ſetzte mit ſchwerem Seufzen das von Polydor an ſeine Benjamin verlaſſene Geld zu, und auch dieß nun legte ihm Schweigen, ja Furcht auf. Galate ſpielte jetzt gern Comoͤdie, um in reizenden Rollen aufzutre⸗ ten, und ſich bewundern und oft auch— wenn ſie ſtarb— beweinen zu laſſen. Solche Scenen waren ihr noch ein Troſt. Polydor bekam dabei das Fach des Liebhabers, und was Talent und Kunſt nicht all⸗ maͤhlich that, machte die Liebe ertraͤglich und immer intereſſant, weil ihre Freundlichkeit gegen ihn nur eine Vergeltung fuͤr— die Vergeltung ſeyn ſollte, wodurch er ſie zwar gekraͤnkt, ſich ſelber aber um ihretwil⸗ len ungluͤcklich gemacht. Und auch das vergilt ein ſchoͤnes Weib, die in ihrer Meinung an ganzen Caſ⸗ ſetten voll goldener Ehrendoſen, Brillantringe mit Na⸗ menszuge, und Orden mit und ohne Myrtenlaub— wie ein Souverain— nicht genug hat, um Alle zu belohnen, die ſich in ihrem Dienſt ausgezeichnet haben, oder gern ausgezeichnet haͤtten. Dießmal ſollten auch die Kinder mitſpielen— der — 302— nun vierzehnjährige ſchoͤne Knabe Eugen, und das bezaubernde Mädchen von neun Jahren— Liddy⸗ Beide ſtanden ſchon in Tyroler Knabentracht ſtill in den Couliſſen neben einander, innig froh der heut wie⸗ der— endlich einmal gegönnten und gebilligten Naͤhe. Polydor ging langſam mit Galate hinter dem Vor⸗ hang auf und nieder. Sie verwunderte ſich, Salva⸗ tor's Schweſter Eugenie heut, jetzt, nach vielen Ta⸗ gen wieder erſcheinen zu ſehen. „Die Mutter iſt wohl?“ frug Galate,„ſonſt wären Sie nicht wieder hier, liebe Eugenie. Aber Sie ſind ſtill und ernſt, was bedeutet das uns?“ „Nur mir,“ verneigte ſich Eugenie, ſelbſt der Mutter nicht, die— ich muß es erwaͤhnen— nie ih⸗ ren Sohn, meinen Bruder ach, vergeſſen konnte, der ihr Liebſtes auf Erden war, ihr Einziges— denn ich gelte nur erſt, ſeit er todt iſt, und auch nur darum, weil ich von ihm mit ihr ſpreche, klage, auch wohl weine— und dann ſie tröſte. Seit fruͤhe ihr geheimer Kummer und Vorwurf, ſpaͤter ihre Liebe, Angſt und Sorge, ihre Beſchäftigung, Arbeit und Entbehrung— ſchien ſie ohne ihn nicht mehr leben zu koͤnnen, und mußte es doch. Seit acht Tagen konnte ſie nicht mehr ſprechen. Ich war in der Abendſtunde nach dem Atzte geeilt. Licht brannte im Zimmer. Da geht leiſe die Thuͤr auf. Leiſe tritt eine Monchsgeſtalt ein, ſteht und ſeufzt dreimal leiſe, aber aus tiefer Bruſt. Sie ſtarrt die Geſtalt an— es iſt ihres Sohnes Salva⸗ — tor's Erſcheinungz ſie erſchrickt— aber das Entzuͤk⸗ ken iſt groͤßer, ſie will ſeinen Namen rufen— die Stimme gehorcht ihr nicht. So liegt ſie, und ſieht und weint:? wie alt er iſt! wie blaß! wie abgehaͤrmt ſein junges Leben, wie ernſt und ruhig ſein Auge, ſein ganzes Antlitz! Und die Etſcheinung im Zimmer um⸗ herblickend, wie von Erinnerung uͤberwaͤltigt, nun ſie die Hoͤhle der Schmerzen wieder betreten, der Schmer— zen, die ſie uͤberwunden und vergeſſen, hebt den Dek⸗ kel von der ſargaͤhnlichen Harmonika in die Hoͤhe, be⸗ trachtet die Glocken, und laͤßt ihn wieder ſanft herab, wie uͤber ein todtes Kind— ſie nimmt das Licht vom Tiſche, leuchtet ſich an, und beſchaut ſich gleichguͤltig im Spiegel, wendet ſich ſchnell, und kommt dann lang⸗ ſam auf das Bett der Mutter los, die mit den Lippen murmelnd betet, und ſich bewahrt mit dem heiligen Kreuz, ohne ein Auge von der Geſtalt abwenden zu koͤnnen. Denn dieſe ſteht lange, hell vom Licht, vor ihr ſtill, um die Mutter ſich ſatt an ihr ſehen zu laſ⸗ ſen! Die Geſtalt ergreift ihre Hand, ſie druͤckt ſie, ſie neigt ſich und kuͤßt ſie auf die Stirn, knieet dann hin, betet lang und an ihrem Bett, wahrend die Mut⸗ ter den Muth hat zu wagen, die Hand auf ſein ge⸗ beugtes Haupt zu legen, ſein Haar zu fuͤhlen. Die Geſtalt richtet ſich auf, laͤchelt die Mutter noch einmal an, ſetzt das Licht an ſeinen Ort, ſeufzt an der Thuͤr noch einmal, und— der Moͤnch iſt verſchwunden. „Die Thraͤnen dringen mir aus den Augen!“ — 304— ſprach Galate. Polydor ſtand mit zugeſchloſſenen Augen, das Haupt geneigt. „Wie ich zuruͤckkomme,“ fuhr Eugenie fort, ſitzt die Mutter auf im Bett, die Haͤnde uͤber die Au⸗ gen gedeckt, und ſpricht zu mir:—„ich habe nicht geſchlafen! Salvator iſt mir erſchienen! er hat die Mutter noch einmal erfreuen wollen vor ihrem Tode! Das danke ich ihm, oder Gott, der ihn geſandt! Aber nun ſterb' ich nicht! Er hat mich erfreut, erquickt, geſtaͤrkt auf Jahre.— Ich habe ihr keine Einwen⸗ dungen zu machen geſucht, denn ſie iſt geſuͤnder, ja halb geſund, und hat mich hergeſandt, um wieder hier zu bleiben. Ich mußte gehorchen. „Waͤr' ich doch dort geweſen! Haͤtt' ich ihn doch einmal geſehen!“ fluͤſterte Galate, unter der Schminke blaß geworden. „Wie kann man in die Seele und den Traum anderer Menſchen dringen, um zu ſehen, was ſie ſe⸗ hen!“ entgegnete Polydor, von ihrem Wunſche ver⸗ droſſen. Er ſeufzte verholen; er war jetzt eiferſuͤchtig, denn er liebte wieder, und jetzt ohne zu begehren, da die Geliebte nicht zu erwerben war. Und doch war ſein Herz wieder voll und ſuͤß, ja ſuͤßer, als zuvor. So reift eine Orange im Frͤhling, und fullt ſich ge⸗ draͤngt voll Saft. Wird ſie aber alsdann nicht gebro⸗ chen, und ſetzen die Bluͤthen um ſie zu Fruͤchten an, und ſchwellen und reifen neben ihr golden dem zwei⸗ ten Schnitte entgegen, dann entzieht der gleichſam ver⸗ — 5305— ſtaͤndige Baum der erſten Frucht ſo lange den Saft, und wendet ihn den neuen beduͤrfenden Kindern zu. Sind dieſe aber geruͤndet und voll, dann ſendet der Stamm ſeine Kraft wieder der erſten wie nur gedul⸗ deten Frucht zu, die unſcheinbar und ohne Glanz in den Zweigen hing; ſie wird noch einmal voll, und vol⸗ ler mit dem allerkoͤſtlichſten Safte, von Kindern und Ken⸗ nern geſucht und ihnen doppelt lieb. So war Polydor's Herz wieder voll. Und doch waren die Kinder, gleich⸗ ſam der zweite Schnitt der Orangen, ſchon neben ihm angereift! Wie eine Doppelorange ſollten ſie jetzt aus einander gebrochen werden. Liddy ſollte morgen mit der Mutter fort, damit die fremden Menſchen das Maͤdchen fur ihre juͤngere— Schweſter anſaͤhen, alſo die Mutter verjuͤngten, ob ſie gleich erſt 30 Jahre zaͤhlte, und wenn ſie dann erfuͤhren, es ſey ihre Toch⸗ ter, die junge Mutter des unausſprechlich holden Kin⸗ des wegen glucklich prieſen. Dann konnte ſie wenig⸗ ſtens laͤcheln. Liddy wußte, daß ſie fort, daß ſie den jungen Freund verlieren ſollte; ſie hatte es ihm vertraut und hinter der Decoration einer freundlichen Bauerhuͤtte ver⸗ borgen, kniete ſie vor dem zu ihr abgeneigt ſitzenden Eugen, und hatte den Kopf auf ſeine Kniee gedruͤckt. Er kuͤßte ihr Haar, ihre Schulter; ſie hob das Köpf⸗ chen in die Hoͤhe, ſie ſah ihn an, er wiegte ſein Ge⸗ ſicht— ſie druͤckte die Augen zu, und ſo kuͤßte er ſie auf den Mund. Dafuͤr wand ſie die Arme um ſei⸗ Schefers neue Nov. 1v. 20 — 306— nen Nacken, und weinte und kuͤßte nun ihn. Poly⸗ dor erblickte die Gruppe, er winkte Galate leis her⸗ bei, ſie ſah wie er, was er; ſie warf unwillig ihr Haar zuruck, es fing Feuer im Licht, es brannte. Eugen ſprang haſtig herbei und druͤckte die Flamme aus, und verſengte ſich willig die Haͤnde. Polydor ſprach heim⸗ lich zu ihr. Und uͤber den Verluſt ihres ſchoͤnſten Schmuckes erzuͤrnt, befahl ſie, daß Eugen morgen auf immer hinweggebracht werde. Er hoͤrte das, er ſah ſie nur an, ſeine Zuͤge waren weich, ohne Wehmuth; ſein faſt unmerkliches Laͤcheln meinte: er koͤnne ſie nicht mehr verlieren! und ſey ſie ſo ſchön, und zurne ſie ſo — das thue ihm doppelt wohl. Liddy bat die Mut⸗ ter um ihn. Das erregte Polydor nur noch bitterer. Einige Worte zu Galate, und ſie ſchickte— ſeinen Eugen fort. Der erwachſene Knabe ſah den⸗ ihm feindlichen Mann nur tief in die Augen, als frage ſeine Seele, womit ſie ihn beleidigt? Er fand das ftech, ergriff ihn ernſt an der Hand, und fuͤhrte ihn bis an die Thuͤr, die vom Theater hinaus in den Garten fuhrte. Liddy lief an das offene Fenſter ihm nachzu⸗ ſehn, und fuhr zuruͤck— da ſtand der Monch! Ga⸗ tate blickte hin— da ſtand Salvator's bleiche Ge⸗ ſtalt! Sie ſank ohnmaͤchtig in Polydor's Arme. Das Stuͤck war aus, eh' es angegangen. Eugen ſaß draußen im Mondſchein wenig ent⸗ fernt. Er ſah zum hellen Monde, ohne daß er ihn dafur erkannte, oder ihn ſpuͤrte— er war ihm nur — 3 da wie im Traume; die Erde und ſeine Blumen nur ſelbſt ein Traum wie ſeine Gedanken. Er konnte ſel⸗ ber nicht wuͤnſchen zu haſſen, was er ſo liebte, daß er liebte— er wußte im Grunde des Herzens nicht wen, nicht was; ſeine Neigung war ſein Leben, ſein Daſeyn. Galate hatte ſich nicht geirrt, als ſie ſtill Polydor bedeutet, Eugen meine ſie. Aber ſie war ihm auch wiederum zu erwachſen, zu weit voraus im Leben. Er ahnete recht. Denn das iſt die Weiſe des Geiſtes der Natur— der auch in dem ſchoͤnen Knaben lebte und webte; das gleich Junge, Paſſende zu waͤhlen! Wie irdiſche Guͤter, erbt auch die Liebe nach vor, oder auf Nebenzweige, nicht zuruͤck! und die Menſchen haben da⸗ rauf ein Geſetz gegruͤndet. Ja die Welt ſcheint mehr auf die Zukunft gerichtet und begruͤndet als ſelber auf die Gegenwart; ſo eilt ſie von allem Lebendigen, Ferti⸗ gen; ſo flieht und vergißt ſie alles Gewordene, Todte, ſo uͤbereilt ſie ſcheinbar faſt alles Werdende, denn in der Zukunft— die keine Seele ſelig genug denken kann — ſoll ſich unermeßliches endloſes Leben entwickeln, da⸗ von die Gegenwart einen nur kaum zu vergleichenden Theil enthaͤlt. Das durchfluſterte auch Eugen. Und ſo fiel ſeine Liebe auf Liddy, Galate's Tochter, die eine Galate mezza vita oder in piccolo, nach der Sprache der Bildhauer war; in ſeiner Empfindung aber eine jetzt noch kleine, aber gewiß bald erwachſene Galate, nicht ihr halbes, ſondern ſein ganzes Leben! und eigenſchoͤn dazu, und neuer ſuͤßer Neigung zu ihm 20* — 308— voll, wie eine Traube. Dieſe alſo wollte er beſitzen, weil ſie ſchon ſein war. Sie mußte das ſeyn, was in ihm gleichſam ein Geiſt verlangte. Eine unnenn⸗ bare Fuͤlle von Erinnerungen und Ahnungen mußte er an Sie knupfen. Wie eine junge Roſe vor der jun⸗ gen Fruͤhlingsſonne ihr gruͤnes Kleid ſprengt und das Herz ihr offnet, und ohne Wahl ihr oͤffnen muß, ſo mußte er von ihr, fuͤr ſie ergluͤhen. Wie die junge Roſe wußte er keinen Rath⸗ Aber ſie ſollte morgen fort! Aber er war ſchon heut' verſtoßen! Er wußte keinen Rath. Da kam in dem Daͤmmer leiſ' eine Geſtalt; er wollte fliehen, da kniete ſchon Liddy neben ihm. In der Verwirrung war ſie entſchlichen. Sie mußte ihn ſchen, ihn troͤſten, ihn halten. „Ich muß fort!“ ſprach er. „Ich ſoll fort von Dir,“ ſprach Liddy,„und käme ich wieder, fänd' ich Dich ja doch nicht mehr.“ „Lebe alſo wohl! heut', hier, auf immer!“ meinte er.„Ich gehe!“ „Wohin denn?“ „Ich weiß es nicht.“ „Ich gehe mit Dir!“ „Wohin denn? wie weit? wie lange? Bis zum Bach? bis zur Bruͤcke? zum Walde?“ frug er? und nun ſprach ſie:„Ich weiß es nicht!“ Da entſtand Geraͤuſch. Er floh⸗ ſie hielt ſich an ſeine Hand. Dann gingen ſie gelaſſen neben einan⸗ der. Sie verließ ihn nicht er konnte ſie nicht laſſen, nicht gehen heißen. Dann eilte er wieder, als habe er ein Kleinod an ſeiner Hand. So kamen ſie an den Bach, an die Bruͤcke, zuletzt in den Wald. Sie wur⸗ den muͤde, ſie ſetzten ſich endlich in eine hohle, von Hirten ausgebrannte Eiche, zu ruhen— ſie entſchlie⸗ fen, und am Morgen ſchien ſie die Sonne an. Kei⸗ nes geſtand um dem Anderen ſeine Furcht nach Hauſe zu kehren; die eigene Angſt verdrängte die Vorſtellung der fremden— ſie laſen Erdbeeren, Eines gab ſie dem Andern; ſo hatten Beide, und ohne ein Wort eilten ſie nun weiter, fort von da, wo man ihnen ſo weh ge⸗ than, und ihnen noch weher thun wollte. Und die Erde war gruͤn ſo fort, wo ſie gingen! Die Sonne kam mit! Die Voͤgel ſangen in jedem Gebuͤſch ſo frohlich! Alſo war nichts veraͤndert, nichts verloren, ja es ſchien ihnen jetzt erſt Alles gewonnen— ſie hatten ſich, ſie waren bei einander— mehr hatten ſie nie gewuͤnſcht. Eugen hatte in Roſenheim oft von einem frommen Einſiedler gehoͤrt, den die Leute den Pater Anaſtaſius genannt, und auf einem Berge wohnte, der aus dem Dorfe ganz in der Ferne zu ſe⸗ hen war. Er hatte den ſtillen, ſchoͤnen, kindguten Mann ruͤhmen gehoͤrt, da er zuweilen unter die Men⸗ ſchen herabgeſtiegen— er wohnte in den Ruinen einer alten Burg; er hatte einen kleinen Garten, er war einſt ſelbſt in Jakob's Hauſe geweſen— dorthin, 60— dorthinan wollt' er mit Liddy! Dort wollt' er blei⸗ ben, den Garten bauen, den Namen Liddy in Blumen ſaͤen— was weiter, was einſt werden ſollte, das wußte er nicht; es ahndete nur Liebe, Lieben und Gluͤck. Auf verborgenen Wegen, die er nur ſel⸗ ten aus Mangel verließ, war am dritten Abend der Berg und das alte Gemaͤuer erreicht. Er ſtand. Sie umſchlichen mit Zagen die ganzen Raͤume; er rief zu⸗ letzt, es hallte nur oͤd', kein Einſiedler ließ ſich ſehen. Und ſo war es, ſo blieb es bis in die Nacht. Da fanden ſie nothgedraͤngt ſeine Zelle. Auch dort war er nicht. Aber ſie blieben darin. Noch Brot und Fruͤchte fanden ſich vor, eine Scheibe Zuckerhonig, der Krug zum Waſſerholen. Das Lager war gemacht, Alles rein und in Ordnung. Sie aßen, ſie legten ermuͤdet ſich hin, Am Morgen ſah Eugen mit halbgeoͤffnetem Auge einen Moͤnch vor ſich ſtehen, der ſie Beide ge⸗ ruͤhrt betrachtete, denn die Augen waren ihm feucht; er hatte die Häͤnde gefaltet. Eugen pochte das Herz, er ſchloß die Augen feſt, und gluͤhende Roͤthe mochte ihn uͤbergießen. Er hoͤrte: der Einſiedler trat leiſe von ihnen. Was ſollte er dem ſanften Manne ſagen? Die Wahrheit? Eine Luͤge? Aber der Mann hatte ihn nicht geweckt, nicht gefragt, kaum ſich verwundert. Sie konnten alſo in keine beſſeren Haͤnde, an keinen er⸗ wuͤnſchteren Ort gekommen ſeyn. Doch wie ſollten ſie — bei ihm bleiben, wenn Eugen ihn nicht darum an⸗ ſprach Er wollte zu ihm gehen. Er ſuchte ihn. Aber er fand nur eine Kuͤche; durch die Nebenthuͤr eine wohlverſehene Speiſekammer mit allerlei Vorrath. Er ging weiter. Er fand eine zweite geraͤumige Zelle— aber nirgends den Moͤnch. Es ward Abend, Morgen — er war fort. So vergingen drei Tage. Eugen ging an die Arbeit, die er verſtand. Er langte Geraͤth hervor und beſtellte den Garten. Die Ziegen kamen Mittag und Abend ſelbſt zur Melke, und ſo lebte er wie ein Hirtenknabe in ſeiner Senn⸗ huͤtte eine Lebensweiſe, die ihm lieb und bekannt war aus fruͤher Jugend. Liddy aber wuͤnſchte noch weiter fort, fort von hier, denn ſie aͤngſtete ſich, daß Pater Anaſtaſius gegangen ſey, um Jakob zu holen, oder ihre Mutter! und dieſe tagelange Furcht wirkte auf ihr Gemuͤth wie ein Froſt im Herbſt, der die Stiele der Blaͤtter zuſammenzieht, den Zugang belebender Säfte verwehrt, wodurch ſie ſich leichter vom Zweige loͤſen. Da nichts verſchloſſen war, hatte ſie am dritten Abend ein in Pergament gebundenes großes Buch mit gemalten Bildern entdeckt und hervorgezogen. Nun ſa⸗ ßen ſie Beide vor dem aufgeſchlagenen Buche wie be⸗ zaubert. Seine Ueberſchrift hieß: Lebensbuch, oder wollte Gott: Buch des Lebens. Zur Seite ſah Ana⸗ ſtaſius wohlgetroffen ſie an. Darunter ſtand: Sal- va, Salvator, Salvatorem! welche Worte Eugen — 3 ſeiner Liddy aus Unkenntniß des letzten Namens ſo uͤberſetzte:„Erloͤſer, rette den Erloͤſer.“ Dann fan⸗ den ſie Kinderſcenen mit Bildern und Bildniſſen, ei⸗ nen Mann, den ſie nicht kannten, und eine Frau, die Eugenien's Mutter glich, und Eugenie, Liddy's Erzieherin, ſtand nur einige Blaͤtter weiter. Da war Polydor! Ach, und da war die Mutter Galate! Ihr Bild gab nun bis zur Nacht Freude und Leid. Thraͤnentropfen fielen auf das Bild, von dergleichen oder von Waſſertropfen es ſo ſchon die Spuren trug. Darunter ſtanden die Zeilen: Der Gluͤckliche. Waäͤr' ich werther, was ich habe, Glaubt' ich gluͤcklicher zu ſeyn! O wie anders mich zu freun!—. Stolzer! Wer kann's wurdig ſeyn? Leben, Lieben, gluͤcklich ſeyn, Goͤtter, das iſt eure Gabe! Nicht weit dahinter war zu dem Tept eine Scene gemalt: ein von Felſen umſchloſſener See. Mitten in Schilf halbverborgen ſaß auf einem ſtarken hervorra⸗ genden Eichenaſt— der Moͤnch, verwundet und blu⸗ tend an der Stirn; und doch ſpähte er hervor, hinaus nach einem nicht fernen Kahn, darin ein Maͤdchen ſtand— Eugenie, und ein Soldat— Polydor, und blaß mit waſſernaſſem Haar hingelehnt— die Mutter, Galate! und wie hier der Moͤnch oder —— Eremit ſchon gegenwaͤrtig war, ſo waren auch in an⸗ dern Bildern dieſelben Perſonen in der Jugend ſchon alt, im Alter noch jung dargeſtellt; welche tiefſinnige bedeutſame, ja lebensironiſche Weiſe einen nicht abzu⸗ wehrenden wunderbaren, uͤber den Tag, uͤber die Scene und uͤber das Leben erhebenden Eindruck machte. Dem Bilde mit dem Kahne aber ſtand unter Anderem Fol⸗ gendes gegenuͤber als Text:„Der Jugend ſcheint das Liebesgluͤck das einzige Gluͤck des Lebens, und mit Recht, weil ſie blos liebt, weil ihr der Menſchen ſpaͤ⸗ teres Lebensgluͤck wie die Welt noch unentwickelt im Buſen ruht. Aber ſpaͤter lebt der Menſch das geiſtige Leben, und aus dieſem enthuͤllt ſich als Kern: das ſittliche; und ſo mag ſogar der Menſch, der fruͤher nie, was man ſagt: geliebt worden wäre, der fruͤher nie, wenn es moͤglich waͤre: geliebt hat, zu ei⸗ nem aͤchten dauernden Lebensgluͤcke gelangen, das ſo groß, ſo ſchoͤn und ſo herrlich iſt, als die Welt, ſein Geiſt und ſein Herz; und ſo innig und hoch und ſo ſelig, als das Göttliche, das in ihm geworden, und in welchem er nun beruht. Geiſtige Beſchäftigung, Kunſt und Wiſſenſchaft fuͤhren dazu, Erfahrung an ſich und Andern befeſtigen es, und die ſittliche heilige Kraft kroͤnt des Menſchen Haupt damit wie mit dem himmliſchen Ring des Saturn. Mir— ach mir hat ſich das Alles umgekehrt! Mein Weg hat ſich in Fel⸗ ſen verfangen— und unterirdiſch ſchleich' ich fort! Ich muß ſagen und ſage: — 314— Still will ich wandeln in der Sonne Licht Durch alle meine Lebenstage hin! Denn Nichts erſcheint mir dieſes Himmels werth um ſchoͤn genug zu ſingen und zu thun. Laß alle Schoͤnheit, alle Goͤttlichkeit Mich traͤumend ſtill empfinden in der Bruſt! und kuͤſſet meine Wange Fruͤhlingsluft, und hoͤr' ich Kinder in den Blumen dort— So wuͤnſch' ich: meinen Augen ſey es auch Ein Augenblickchen hinzuſehn vergoͤnnt! Still will ich wandeln in der Sonne Licht Durch alle meine Lebenstage hin. 1 Dieſe Zeilen reizten Eugen, nun lieber noch ei⸗ nige kurze Verſe zu leſen, und da ſtand unter der Ue⸗ berſchrift„Sauſewind“: und nun fuͤrcht' ich nicht mehr Wolken und Winde!. Hoffe von Euch nicht mehr, Fruͤhling und Ferne; Lebe die zwoͤlfte Nacht Ohne die Liebſte— Leb' ich? Glaubt' ich es Euch! Iſt das ein Leben? —— Gerührt aber las er das Folgende: Die Sonne kommt am Morgen fruͤh Und weckt die Menſchen auf, und lockt hinaus, wo Heit're fließt Aus ſuͤßer ſanfter Ruh' 8 Zu neuem Gluͤck Ein jedes Menſchenherz. ⸗ —— — 315— Auch zu dem Armen ſchleichet ſie, Saugt ihm das Auge auf— Doch kaum erblickt er: wo er iſt, So ſchließt er's wieder zu, Und ſinkt zuruͤck In ſeinen alten Schmerz. „Und bin ich nicht geworden wie„der Haͤßliche“ — ſo ſtand zuletzt— in deſſen Geiſte ich einſt zu meines Daſeyns Gegenſatze die oͤden Zeilen— ach nun fuͤr mich— gedichtet: Ewig unwerth ſich zu fuͤhlen Bei dem Schoͤnen, das ſich weiſt, Wie ein abgeſchiedner Geiſt— Welches Starren! welches Wuͤhlen! „Der Geiſt bin ich! Ich bin mein Schatten! „Ein Schatten ohne Sonne, eine Liebe ohne Gegen⸗ „ſtand— und ach doch ſelbſt ein Geliebter! und viel⸗ „leicht noch geliebt, im feuchten kalten Grabe— wo „ich nicht bin! im Himmel— wo ich nicht bin! „Und auch der Klage habe ich mich beraubt— und „doch moͤcht' ich eine, eine von Allen beklagen— „meine Mutter, o meine Mutter. Denn nur eine „Mutter weint immer wahre, immer natuͤrliche, hei⸗ „lige Thraͤnen um ihr Kind. Still, o Herz!— ſie „weint auch immer ſelige!“ Da trat der Einſiedler ein. Aber er drohte den Erſchrockenen nur mit dem Finger, waͤhrend er ſie mit — 316— ſtilem Wohlgefallen anſah, und Beide zu kennen ſchien. Er nahm und ſtellte das Buch bei Seite, blieb noch lange, und ging dann, ohne ein Wort zu ſagen, entweder wirklich ſtumm oder das Geluͤbde des Schweigens tragend, in ſeine Zelle. Und ſo blieb es am Morgen, den folgenden Tag und alle Tage. Nichts war ihnen verwehrt, Nichts geboten. Sie waren thäͤtig, wie und wo ſie konnten, halfen im Garten, ſammelten Holz fuͤr den Winter im nahen Walde, oder Gras und Kraͤuter, molken die Ziegen, warteten der Milch, oder gingen zur Hand in der kleinen Kuͤche, bei Bereitung der einfachen Koſt. Eugen verſann und verſpann ſich in einen ge⸗ ſchriebenen Pergamentband voll feuriger, liebegluͤhender Gedichte von Anaſtaſius Hand. Denn dieſer malte nun auch ſeine holden Gaͤſte in das Lebensbuch, ohne jedoch einen Tert dazu zu fuͤgen. Ja er lehrte ſie ſo⸗ gar, was ſchweigend durch Zeigen und Vorbild gelehrt werden kann. Zu Zeiten nur, am liebſten im Abend⸗ daͤmmer wiegte er Liddy auf ſeinem Schooß, ſah ihr Geſicht, vom Monde beglaͤnzt, mit Laͤcheln an, hoͤrte ihre Stimme, ihre Rede traͤumeriſch mild— dann war er eingeſchlummert, und ſie ſchlich leiſe von ihm zu Eugen, dem er alle Morgen gewoͤhnlich die Hand druͤckte, aber ernſter und treuer, als blos zum Mor⸗ gengruß. Was aber die jungen Leute der ganzen Welt vergeſſen ließ, das war die Bibliothek des Einſiedlers, die Nichts als lauter Maͤhrchenbuͤcher enthielt, ſo viele — 317— als uͤberhaupt die Menſchen ſolche Feen-, ja Goͤtterge⸗ ſchenke beſitzen. Denn wie eine Anekdote ſchon oft das Gluͤck und das Leben vieler Menſchen koſtet— gleich⸗ ſam als ihr Stellvertreter in der Welt zuruͤckgeblieben, und ein irdiſcher Schatz aus dieſem Leben fuͤr Erdbe⸗ wohner iſt, ſo mochte dem Einſiedler die Maͤhrchenwelt den hoͤchſten Reiz haben, als allein werth, den himmli⸗ ſchen Geiſt ſich mit ihr zu färben, oder als allein fa⸗ hig, ihn das Leben vergeſſen zu laſſen, und ſeinen Geiſt ſchwebend uͤber einer Welt zu erhalten, in der er nicht lebte, nicht leben mochte oder nicht konnte, und ihn dafuͤr in eine andere ſchoͤnere, freie und ewigheitere ver⸗ ſetzte, ja ihn zauberiſch leiſe damit umgab— einer wahren Welt, die nur erdacht werden konnte, weil jene gemacht und fertig war, wie gruͤnes und farbiges Gold in— Gold eingelegt wird, oder wie ein großer chineſiſcher Roſenbaum*); allein einen ganzen Garten mit ſeinen tauſend weißen dunklern und purpurleuch⸗ tenden Roſen bedeckend— aus ſchwarzer gemeiner Erde emporbluht. Eugen und Liddy gingen ein in dieſes Zauberreich, und wenn der wohlunterrichtete Eugen nun von der Welt und ihrem Wiſſen nichts mehr erfuhr, ſo thaten die Maͤhrchen ihm gleichſam die Brunnen der Liebe, die Schoͤnheit des Himmels auf, ein Daſeyn, das der Grund alles Andern iſt, *) Rosa Grevili. und in die wirkliche Welt nur zu Zeiten dem Herzen verſtaͤndlich hereinbricht wie Mondſtrahl— wenn der Fruͤhling wieder kommt, oder wenn die Blaͤtter wieder fallen. Er lebte in dem Wunder, worin Alles ſchwimmt, immer klarer, immer mehr es verſtehend; denn zu je⸗ der noch ſo ſeltſamen, goͤtterhaften Wirkſamkeit in dem Maͤhrchen liegt die Begruͤndung und die Beſtatigung tauſendmal groͤßer und herrlicher in irgend einer Eigen⸗ ſchaft, einer Weiſe der Naturz und er fand ſie nun in ihr da draußen, weit uͤberall am Himmel und auf der Erde, und ſein einſamer Berg war ihm mit Lid⸗ dy ein von Goͤttern wie hingehauchter Blumenteppich, den er mit Ehrfurcht betrat, und mit Verwunderung ſeine Blumen pfluͤckte unter Gewoͤlk und neben Ge⸗ ſtirnen. Hier erzog der Juͤngling das liebe Kind nach ſei⸗ ner Hand, nach ſeinem Herzen, heran an ſein Hetz. Und ſie lebte nur von ihm; Alles an ihr war ſein, Alles an ihm war ihr— ſeine Gebete, ſeine Schrift⸗ zuͤge, ſein Glaube, ſein ganzes Weſen; ja indem ſie nur ſein Antlitz ſah, ſo ſtimmten ſich auch ihre Zuͤge, ihre Blicke nach den ſeinigen, ſelbſt die Geberden und die eigen bezeichnenden Accente ihrer holden Stimme, ſo daß es glaublicher geweſen: ſie ſey ſeine juͤngere Schweſter, als ſeine junge Geliebte. Einem glucklichen Leben lebt' er entgegen, das jeden Tag, jede Nacht naͤ⸗ her geruͤckt war. Doch genug von dieſen Jahren. Waos ließe ſich auch von der Seligkeit ſagen? Und — 319— er war ſeliger als jene Himmliſchen, die ſchon in dem Beſitz alles Wuͤnſchenswuͤrdigen ſeyn ſollen— denn er hatte auch die Hoffnung. Eines Spätabends nun, als alle Drei nach ihrer Gewohnheit vor Schlafengehen noch im Sternenglanz umherwandelten, ging ein Feuer auf. Es war drun⸗ ten im Dorfe an der neuen Straße durch das Ge⸗ birge. Geſchrei ſcholl deutlich herauf, Gebloͤck der Schaafe, Gebruͤll der Rinder. Die Lohe der Gluth richtete ſich neben ihnen empor, uͤberzog den Himmel und verfinſterte ihn, indeß der Berg hell ward und die Fichten, die Gemaͤuer und ſie ſelbſt hier droben wie vom Mond einen Schatten warfen. Rauch quoll auf, erfullte den Wald, und wallte darin den Berg heran, und zog wie Nebel oder ſchwere Herbſtwolken leiſ⸗ ſau⸗ ſend uber die Fläche des Gipfels, und richtete jenſeits ſich wie eine feurige Wand auf, und die Wand ward ein gluhender Spiegel. Eugen nun 18 Jahre, ſeiner Kraft ſich bewußt und zur Huͤlfe gedraͤngt, ſah Liddy an, die ſeit ihrem zwoͤlften Geburtstag wieder in ein⸗ facher Maͤdchenkleidung ging. Beide frugen mit Blik⸗ ken ihren Beſchuͤtzer. Sie waren bekannt im Dorfe, ſie holten dort fuͤr des Einſiedlers Geld, was ſie nicht hatten und manchmal bedurften. Er nickte; doch wollte er Liddy an der Hand zuruͤckhalten. Aber Eugen war ſchon fort; ſie bat, er ließ los; ſie eilte ihm nach, und vorgeleuchtet von den Flammen kamen ſie bald in das brennende Dorf. Bei dem abgeſondert am Ende — 320— des Dorfes ſtehenden Gaſthauſe, deſſen weiße Mauern jetzt wie Morgenroth leuchteten, ſollte Liddy ihn er⸗ warten, hatte Eugen ihr geſagt. So verlor er ſich. Sie ging dorthin. Die Sommernacht ſchwand bald. Der Morgen war da. Und viele, blos durch Menſchenſchuld Un⸗ gluͤckliche, begruͤßten nicht einmal das hohe, unſchaͤtzbare Himmelsgeſchenk eines neuen Tages, ſondern ſaßen da, und ſahen zur Eide. Da kam langſam durch das Dorf ein gruͤner Rei⸗ ſewagen, mit vier Schimmeln beſpannt. Liddy er⸗ kannte die Pferde ihres Vaters, die nur um 4 Jahre — weißer geworden. Jetzt erkannte ſie auch das Wap⸗ pen. Und der Mann, der dort alle Verarmte be⸗ ſchenkt, ſich ihrem Dank und Segen entzogen, und zu Fuße mit dem Kammerdiener nachkam— es war ihr Vater. Jetzt erſt fuhlte ſie all' ihre Schuld; ſie wollte entfliehen, aber ſie mußte wie gebannt am Wege ſte⸗ hen bleiben, gluͤhend im Geſicht, die Augen zur Erde, die kleinen Haͤnde gefaltet. Graf Arthur blieb auf der andern Seite ſtehen, und, Liddy betrachtend, ſprach er zu ſeinem Beglei⸗ ter:„Iſt das nicht ein Maͤdchen, wie meine Liddyl ſo groß, wie ſie nun ſeyn wuͤrde! Wie oft hat ſich die Vaterliebe und Sehnſucht getaͤuſcht, und wie bit⸗ ter! Sie iſt es nicht, gewiß nicht, ſo ſehr ſie ihr gleicht, denn ſiehe nur ſie ſieht mich an, ſie bleibt ſtehen! Ach Liddy floͤge in meine Arme, und riefe: Vater! Vater! Da haſt Du mich wieder!“ Jetzt fielen die Thraͤnen ihm von den geſenkten Augen, und ihm war, als riefe eine beklommene Stimme: Vater! Vater! Er ſah hin. Das Maͤd⸗ chen zitterte; ſie ſah ſich angſtvoll um. Sie wollte verſchweigen, denn von fern kam Eugen. Der Graf eilte hinuͤber; er beruͤhrte ſie raſch mit der Hand an der Schulter, er hob ihr das Kinn empor, ihr in's Geſicht zu ſehen— da ſank ſie in die Kniee, und von des Menſchen erſtem heiligen Drange hingeriſſen, von der reinſten, unvertilgbaren, unvergeßlichen Liebe uͤber⸗ waͤltigt, lispelte ſie ihm mit vergehender Stimme zu: mein Vater! Vater, da haſt Du mich wieder! Er hob ſie jauchzend an ſeine Bruſt, ſie wand hre Arme um ſeinen Hals, ihr Geſicht verbergend, und als errette er ſeine Liddy aus dem Feuer, trug er ſie raſch in den Wagen, ſetzte ſich zu ihr, und be⸗ fahl dem Kutſcher davonzujagen, als habe vielleicht doch Jemand ein Recht oder Willen und Macht, ihm ſein Eigenthum, ſein wiedergefundenes Kleinod wieder zu entreißen— wie die Menſchen die Welt, das Schick⸗ ſal es ihm ſchon einmal entriſſen, und wie die leere ungekannte Ferne ſo lang es ihm vorenthalten. Ob Liddy nun gleich in ſolchen reinen einfachen Umgebungen nur ein Kind an Gedanken und Gefuͤh⸗ len geblieben, ſo war ſie fuͤr ihre Jahre doch groß und ſchon gebildet zu nennen, ſelbſt gebildet an Herzen und Schefers neue Nov. 1v. — 322— Geiſt. Eugen als ihren Bruder betrachtend, wollte ſie nicht einmal ein Wort dem Vater verſchweigen, noch konnte ſie es. Die Eltern hatten bei ihrem Ver⸗ luſt den Ausbruch ihres Schmerzes bezwungen, und alle aͤußeren Zeichen vermieden, nur heimlich nachge⸗ ſtellt und ausgeforſcht, um alles Aufſehen zu vermei⸗ den, was dem Maͤdchen in der Folge haͤtte nachtheilig ſeyn koͤnnen. Auch— alle Ungluͤcklichen thun wohl, ſich zu verbergen und gͤcklich oder gleichgultig zu ſchei⸗ nen, denn Mitleid thut weh, Spott krankt und druͤckt das Ungluͤck dem Armen erſt wie einen Stachel in's Herz. Galate hatte die Erſcheinung des Moͤnches und Liddy's Verſchwinden nach ihrer Eitelkeit in Ver⸗ bindung gebracht, und wenn es Salvator geweſen, wenn er alſo in einem elenden ſchonungswuͤrdigen Zu⸗ ſtand lebte— ſo goͤnnte ihm ihre geheimſte Seele die Tochter— in welcher er ſie, die Geliebte, beſitzen, anſchauen, ſie ſich erziehen, und ihre beſchwichtigende, vielleicht erquickende Naͤhe genießen, wenn er unſchul⸗ dig ihre unſchuldige Neigung gewann. Daher war ſie ſelbſt als Mutter beruhigter, goͤnnte ihm faſt ſeinen Gewinn— der ach leider ihr Verluſt ſeyn mußte, und hoffte von der Zukunft eine ſanfte Loͤſung, eine beru⸗ higende Ausgleichung. Hatte nicht Theſeus ſo die gar nur erſt ſiebenjaͤhrige Helena ſich geraubt? Und liegt nicht tauſendmal mehr in der Natur und im Men⸗ ſchenherzen, als jemals im Alterthum! Graf Arthur aber kam jetzt aus Italien zuruͤck, wo er die von Ga⸗ — 323— late bisher vernachlaͤſſigte Tochter hatte abholen wol⸗ len, aber wie zur Rache des Schickſals, oder um durch Schmerz der Mutter als ihr Kind zu erſcheinen— war das arme Maͤdchen geſtorben. Er kam ohne ſie, doppelt traurig, und nun doppelt froh, oder doch ge⸗ troͤſtet.„n 5 Am andern Abend ſpaͤt kam er an. Liddy ſchlief und vielleicht aus Furcht vor der Mutter— noch fe⸗ ſter. Er ließ ſie ſtill zu Bett bringen, und wie er zu Galate gehen wollte, kam ſie ſchon, ihn und die ver⸗ meinte Tochter zu begruͤßen. Er deutete ihr hin. Sie beleuchtete die Schlafende; ſie ſah ihn mit fragenden Augen an.„Liddy!“ ſprach er nur leiſe. Und als ihr das Herz wollte brechen vor freudigem Schreck, als ſie ſie wach kuͤſſen wollte, als er ſie entſchadigt ſah, vermocht' er es erſt ihr zu ſagen: ihre zweite Tochter koͤnne nie mehr kommen, weil ſie nicht mehr ſey. Da weinte Galate ihren Schmerz uͤber Liddy aus, die heimlich unter den Augenlidern hervor das Ungluͤck der Mutter beweinte und zu ſeufzen ſich furchtete. Und als die Mutter lange mit ihrem Geſicht an ihr verborgen gelegen, nannte ſie leiſe, und laut und lau⸗ ter der Schlafenden Namen, um ihre Augen geoffnet zu ſehen, um von den Lippen der Lebenden Troſt zu kuͤſſen, ſich wieder„Mutter“ nennen zu hören. Und außerdem vielleicht herber empfangen und ſtrenger ge⸗ halten, war Liddy nun gleich und ferner ihr theures Kind, ihre ſchoͤne einzige Tochter. 2 — 324— Am Morgen ſchon ging ein Bote an Polydor. Am Abend kam er. Er fand Liddy groß und ſo un⸗ ausſprechlich hold und wunderbar auch fuͤr ihn, daß er Galate erroͤthend und laͤchelnd anſah, ſie ſanft an der Hand faßte und zu ihr ſprach:„Mutter!“— Wie ſoll ich das uͤberſetzen? frug ſie ihn eigen:„ Gluckliche Mutter?“ oder—„Sohn?“— Er hielt die Hand S vor die Augen, und ſprach, wie ſich beſinnend: Sal⸗ vator lebt! Ich muß ihn ſehen— ihn bringen! aber Eugen moͤcht' ich beſtraft wiſſen, und auch nicht! Er muß nun ſchon groß und verſtaͤndig ſeyn.— Und nun mußte ihn Liddy beſchreiben; und ſie that es ſo unſchuldig, aber das Bild war ſo herrlich, der Grund, auf den ſie ihn malte, war Gold, reines Gold ihrer Seele, und die Farben: ſchlafende unbewußte Liebe und Treue. Und als ſie aufhoͤrte und nur ſtockte, von den verwunderten und bewundernden Augen Polydor's und der Mutter beklommen, ward ſie roth wie Feuer; und dieß wohl fühlend, ſetzte ſie leiſe hinzu: Du hat⸗ teſt ihn mir ja zum Bruder gegeben, o Mutter! und nnoch einmal ſprach ſie„Mutter“ in einem Tone, in einem Sinne, den ſie nicht verſtand, und ſie lehnte ſich hin und weinte. Er reiſete nach dem Freunde. Er kam wieder. Er hatte nur Alles verlaſſen und ode gefunden. Das offene Grab, das der Einſiedler auf dem freien Platze ſich aufgeworfen, war zugeworfen. Nur Roſenheim hatte er ganz in der Ferne geſehen und tief geſeufzet. Aber das verſchwieg er. Liddy war bildſchoͤn, und die Hoffnung, die ſicht⸗ bar⸗unſichtbar ihre ſich entfaltende Geſtalt umſchwebte, machte ſie Jedem noch ſchoͤner. Sie hatte einen Leh⸗ rer, der ihr nun auf Salvator's Harmonika Unter⸗ richt gab, und nur Galate konnte die bezaubernden Toͤne nicht ertragen— aus Erinnerung, welche dem Menſchen— ſogar in der ihn umfangenden Welt ſo manches Lebende, Schoͤne, zu Schatten macht und haͤßlich heißt; ſo wie ſie ihr wahres Amt wohlthaͤtig verwaltend, auch Fernes herbeizieht, und Geiſter Ge⸗ ſtorbener in den leuchtenden Tag herauf beſchwoͤrt. Auch der junge Mann mochte fuͤr Liddy geheime Ver⸗ ehrung, wenn auch beſcheiden verhuͤllt, empfinden. Denn als ihr kleiner Geſpiele, ihr Canarienvogel, ge⸗ ſtorben, als der Vater, die Thräͤnen der Tochter nicht belachend, demſelben im Garten ein kleines, blumenbe⸗ pflanzetes Grab von Raſen unter einem Bluͤthenſtrauch erbauen laſſen, hatte der junge Mann ſeine Neigung zart in die Verſe der Inſchrift verborgen: Unter Philomelens Klagetönen Ruht ein Sänger hier in leichtem Sand, und die Roſen, die den Huͤgel kronen, Weiht dem Liebling einer Gottin Hand; Nahe ſtill und lege, Freund des Schoͤnen, Friſche Blumen auf des Huͤgels Rand. — 2326 Aber er erſtaunte, als er am Pfingſttage fruͤh ein anderes kleines Blatt daran geheftet fand, worauf tie⸗ fen Gefuͤhlen eine naive Wendung gegeben war, die wider Willen zum Lächeln zwang: Hier hat ſie dich, du fremdes Kind, begraben, Noch ſelbſt ein Kind im erſten ſel'gen Traum und pflanzt' ein kleines Kreuz— ich ſtand am Baum, Mich an dem frommen Spiele fromm zu laben. Nun bringt ſie dir des Fruͤhlings liebſte Gaben, Gern weilt ſie hier im neugeweih'ten Raum— Des Lebenden dort oben denkt ſie kaum— Sollſt du der ſchoͤnſten Augen Thraͤnen haben! Da gilt's! Geliebt zu leben muß man ſterben!„ Das iſt der Lieke ſeligſtes Beſtreben: Als Sehnſucht in der ſchoͤnſten Seele leben!. Mir mocht' ich auch die Seligkeit erwerben! Du nicht allein, geliebter Todter, du! O goͤnne mir ein Plaͤtzchen— ruͤcke zu! Er brachte ihr das Sonnett. Sie ſah, ſie er⸗ kannte die Schrift, erſchrack, und frug ihn: Wo iſt er? Wo?— Und als Jener nur„Wer?“ entge⸗ genfrug, erroͤthete ſie zum zweiten Male, aber ſchon ernſter, und einen Blick in das Leben werfend, der ſich verduͤſterte, daß ſie betroffen ſchwieg— und las. Eugen war da! Er umſchwebte ſie heimlich! Denn erſcheinen durfte der Schwerbeſchuldigte nicht. — 32 Sie ging nun immer langſam in die Kirche auf dem gruͤnen Raſenſaume des Weges. Sie blieb, mit An⸗ dern wandelnd, auf den Huͤgeln ſtehen, von wo ſie meinte: Er koͤnne ſie ſehen! Er ſah ſie wirklich— und ſie laͤchelte in die Geboͤſche, oder in die Menge der Menſchen. Und ſie hatte ſich nicht geirrt— Eu⸗ gen war um ſie, er ſah ſie wirklich. Aber wie an⸗ ders! mit wie andern Gefuͤhlen! Als er an jenem Morgen nach Hauſe gekommen, und vor Abſpannung und Trauer kaum den Berg erſteigen koͤnnen, hatte er den Einſiedler nicht mehr gefunden, ſondern nur ein beſchriebenes Blatt, das ihm gerathen, nach Roſenheim zu gehen, bei Jakob ſich ſeinen Vater nennen zu laſ⸗ ſen, und ſeinen eigenen Taufſchein vom Geiſtlichen zu begehren. Auch hatte er ein Roͤllchen Gold„von Dei⸗ nem Vater“ bezeichnet, gefunden und lange liegen laſ⸗ ſen, auf des Einſiedlers Wiederkehr Tage gewartet, und war dann von dem heiteren, ihm wie heiligen Berge geſchieden. Jakob war gerade in dieſen Tagen geſtorben und zu Benjamin begraben worden, und dankbar und weich hatte er auf dem Raſenhuͤgel ge⸗ ſtanden, der ihm nun erſt theuer war. Der Mutter Schweſter hatte ihm auch den Vater— Polydor ge⸗ nannt, und Alles erzaͤhlt, was ſie wußte. Vom Geiſt⸗ lichen hatte er, wie er meinte, den Taufſchein er⸗ halten. Er hatte ſich gekleidet wie die jungen Maͤnner in Roſenheim, ſich Waaren gekauft, wie einſt ſeine Mut⸗ ter und Jakob in's Land hinaus getragen. Er war geſchieden, bot aber ſeine Menſchen und Thiere ſo theuer — damit ſie Niemand kaufe, und er im Lande gebor⸗ gen verweilen moͤge. Er wollte zum Vater, vor welchem ihn doch eine geheime Furcht beklomm, denn Bitteres hatte er ſchon von ihm erfahren— aber ja ungekannt! Jetzt ſollte er ihn denn kennen, und er hoffte Mannigfaches, ja alle ſein Gluͤck im Leben von ihm! War er doch jung genug, daß Liddy's Heran⸗ wachſen ihn erſt unter die Maͤnner ſtellte. Aber nun in Liddy's Naͤhe, nun hatte er die herzzerſchneidende, zuverläſſige Nachricht gehoͤrt, daß Galate ſeinen Vater Polydor mit Liddy verloben werde, daß nach zwei Jahren die Hochzeit beſtimmt ſey. Und nun hatte er keinen Muth ſich dem Vater zu nennen, gegen den Vater aufzutreten, und dem Vater Etwas in der Welt zu entreißen, was demſel⸗ ben ſo theuer ſchien. Da hatte er das kleine Grab gefunden, ſeine Blumen getreu darauf gelegt, und den⸗ noch auch die Zeilen dazugefuͤgt, und um Liddy's Thraͤnen zu haben, wie der Todte, und nur als Tod⸗ ter, den holden Saͤnger kindlich und kindiſch gebeten: —„ruͤcke zu!“ Der Gedanke durchdrang ihn wie aus der Himmelsblaͤue zu ihm geſprochen:„Da gilt's; geliebt zu leben, muß man ſterben!“ und darin ver⸗ tieft war er eines Tages in einer entlegenen wilden Schlucht des Gartens ſitzen geblieben, und halb ent⸗ ſchlummert. Liddy war mit Polydor in die Ge⸗ gend gekommen, ſie hatte Eugen gewahrt, aber auch er— und ſo gern ſie wieder ſein Geſicht geſehen, ihm ihren Anblick, ihre holdeſten Worte gegoͤnnt, ſo ungern und doch ſo noͤthig hatte ſie den Grafen zuruͤckziehen wollen, der in dem Juͤngling den Knaben wiederer⸗ kennend, mit krampfhaft geſchloſſener Hand nun ge⸗ dankenlos ſie bis zu Eugen hingeführt den er lang⸗ ſam beſchlichen und vor ihm ſtand. Eugen ſchlug die Augen auf— und wieder zur Erde, und wollte dann plotzlich fliehen. Jedoch Polydor wehrte ihm das, in ſeinem Sinne mit Recht vermuthend: Eugen ſey nur Liddy's wegen in dieſer Naͤhe, und Salvator koͤnne ſie ihm durch und mit Eugen wieder vorent⸗ halten, ja auf immer entziehen— denn nur Sal⸗ vator war erſt durch Verheimlichung Liddy's ihr wahrer Raͤuber mit Wiſſen und Verſtand— wenn er deſſen maͤchtig war? fiel ihm ein— und, er ſah hin.. Eugen war ſelbſt ſo groß, ſo ſchoͤn— daß er ihn angſtvoll am Haare ergriff— was er ruhig duldete— dann am Arme ihn hin zu Galate fuͤhrte — was er ruhig duldete— um ihn auf irgend eine ihm noch nicht klare Weiſe ganz zu entfernen, feſtzu⸗ halten, zu beſtrafen, zu unterdruͤcken— was er eben⸗ falls ruhig geduldet haben wuͤrde. Aber ſtatt Galate trafen ſie den Grafen Arthur— der ſeiner Tochter ſicher genug, den ſchweigenden, wie bezauberten und be⸗ zaubernden Juͤngling nur lange betrachtete, ihm mit dem Finger drohte, und ſchweigend auch, doch voll Sanftmuth entließ. 330— Nach wenigen Tagen ward die Verlobung gefeiert. Der Garten funkelte, reizend erleuchtet. Liddy war noch zu jung, um zu wiſſen, was man ſtatt ihrer ge⸗ lobe, daß man ſie der Treue und Liebe weihe; denn zum rechten Verſtaͤndniſſe jeder Begebenheit in, um und an uns gehoͤrt die rechte Vorbereitung, die ſtille Hoffnung, die heiße Erwartung, und ſo empfand ſie nicht einmal wie ein Kind, das man mit Feuer tau⸗ fet, einen augenblicklichen Schmerz, und ſie laͤchelte nur, im Herzen ihres Herzens gewiß, und ſah das an, als gaͤlte es aller Welt, nur nicht ihr. Auch Eugen ging zum Feſte; aber anders em⸗ pfand er Alles, und ſich ſelbſt. Denn er wußte, wen er verlor, und durch wen. Schnell vergingen die we⸗ nigen Jahre, wonach Liddy ſo war, wie er ſie ſchon erblickte, gleich wie der Winzer im Auguſt das Wein⸗ blatt erhebend, die gruͤne erſt volle Traube, ſchon als die klare, ſuͤße Traube erblickt, und froͤhlich ſie wieder zu reifen im Schatten bedeckt. Und dann ſah er Lid⸗ dy, ſo ſchoͤn wie Galate, als Galate ſelbſt, mit ihrem Haar, ihrem Auge, ihrer Geſtalt und Stimme; er durfte jetzt nur die Augen aufthun, hinblicken, um die Nahzukuͤnftige ſchon als Gegenwaͤrtige anzuſchaun; denn Mutter und Tochter ſaßen neben einander in der erleuchteten, reizend geſchmuͤckten Laube. Aber er wußte auch zugleich, wem ſie dann gehoͤren wuͤrde, und weil er ſie wunderbar ſchon als die Seine empfand— auch wem ſie nicht gehoͤren wuͤrde, duͤrfe! denn er wußte, — 331— daß ſein Vater Polydor ihre Mutter Galate ge⸗ liebt; und mit reinem Herzen empfand er Galate's That; ſtatt ſich ſelbſt— was nicht moͤglich geweſen, nicht moͤglich war— ihm nun ihre eigene Tochter zum Weibe zu geben, als freventliches Unterſchieben eines Andern, als eine wahre Suͤnde, ja einen unlaͤugbaren Ehebruch durch einen unſchuldigen Engel. Das Alles durfte nicht ſeyn. Bei ſeinem Zutrauen zu der zauberhaften Welt um ihn, bei der Sicherheit ſeiner Gefuͤhle, bei der Zu⸗ verlaͤſſigkeit auf die zarteſten und ſchoͤnſten Wunder im Herzen und in der Natur, bei der von ihm aus den Maͤhrchen geſogenen Suͤſſigkeit des Todes, den er ſo oft nicht als das Ende des Menſchen, ſondern als den Anfang und die unwandelbare Begruͤndung des innig⸗ ſten Lebens, der heiligſten Liebe erkannt und empfun⸗ den, war ihm ein leichtes Mittel ſo leicht, ſo will⸗ kommen, daß er uͤber deſſen Moͤglichkeit in der Welt ſtill jauchzete; denn ihm fehlte nun Nichts, und Alles war gut, uͤberſchwenglich herrlich und ſchoͤn. Er war ſo ſicher des Bleibens und Naheſeyns, des Fortliebens und Fortgeliebtſeyns, daß er nicht daran dachte, zu den Geſtirnen zu blicken und Abſchied zu nehmen, oder zur Erde zu knieen, ſie zu kuͤſſen, ihr zu danken und von ihr Abſchied zu nehmen. Die Geſtirne blieben, die Erde blieb, Liddy und er; die Liebe blieb, und alſo der Himmel, und er gleichſam wie recht im Herzen des Herzens der Welt. Denn ſo war ſein Entſchluß: — 332— Liddy jenem Lebenden im Leben zu laſſen, und doch ſie gewiß zu erwerben und feſt zu halten. Der Ge⸗ danke war tief aus dem Herzen und aus der Natur mit Junglingsmuth und Liebe gefaßt: Er wollte ſter⸗ ben, und in das ewige Reich des Todes treten; das wandelloſe, heilige, und ſie von dort aus, hier und dort zu der Seinen machen. Denn Alles, was lebt, macht der Tod in dieſer Form ewig, das ſpricht er hei⸗ lig; und was ſie umſchloſſen und mit hinauf nahmen, das halten die Todten mit unſichtbarer Macht noch auf Erden feſt, und kein Lebender hat ſolche Gewalt, als die Todten, durch ſeinen Schutz und ſeine Heiligkeit. Auch ſehen und erkennen die Wenigſten dieſe unloͤsbare Moacht, indeß doch Alle mehr mit Abweſenden und Vergangenen alle Tage leben und umgehen, als mit Gegenwärtig⸗Lebendigen; denn ſie glauben, die Tedten koͤnnen— wie nicht mehr erwerben, ſo nicht mehr be⸗ ſitzen, und Gaben und Opfer, ja ſelber die Liebe be⸗ neidet ihnen Niemand; denn, waͤhnen ſie, ſie machen keinen, nicht den Liebenden, noch den geliebten Todten froh, noch thun ſie einem Lebenden Eintrag! Die Ir⸗ rigen! die nicht des Herzens Tiefe kennen, des Herzens Einheit! noch die Ewigkeit und Allgegenwart der Liebe, daß, wer liebt und geliebt wird, weder todt, noch leben⸗ dig, ſondern nur ſelig iſt, und eins in dem innern Reich.— So wollte er Liddy zu der Seinen machen, ſo⸗ gar erſt kuͤnftig fur jetzt, und jetzt fur kuͤnftig; und — 333— mit frommem Herzen nannte er dieſe Welt nicht un⸗ vollkommen, weil Stand und Reichthum, Schoͤnheit und Jahre und tauſenderlei Ungluͤck ſolche Unterſchiede legten und Geiſter gleichſam feſſelten— nein, ſondern er pries ſie vollkommen, weil ſie gerade dadurch die Liebe erſt recht reife, recht bewahre, und Alles vergon⸗ ne; auch das, was er jetzt ſeit lange im Sinne trug⸗ ſo bekannt wie angeboren, ſo unabweisbar, als beraube er ſich und Andere nicht, ſondern erwerbe ſich, und ſchenke ihr und Allen ein beneidenswerthes Gluͤck. So denkend, aß er mit Haſt und Freude eine Handvoll rother ſuͤßer Beeren von einem amerikaniſchen Strauche, der ſeiner Schoͤnheit wegen im Garten um⸗ her gepflanzt war, ſorglos und ſicher, als werde ſeine Pracht die Augen der Menſchen ſaͤttigen, und alle an⸗ dere Begier, ja die Neugier niederhalten. Und jetzt mißbrauchte ein ſchoͤnes Gebild der Natur die ſeinem Leben Stilleſtund gebietende Kraft; ſie wirkte nach ih⸗ rer Eigenſchaft; die Natur diente dem Willen des Menſchen, und griff ſchweigend ein in das ſittliche Reich, und der Menſch griff ein in das dunkele Reich, und gab dem Gleichgultigen Bedeutung, dem Daſeyn Leben, der Kraft Wirkung. Aber ſie wirkte ſo raſch, zu raſch! und berauſchte ihn ſchon und vereinzelte gleich⸗ ſam ſeine Sinne. Denn wiſſen ſollte die holde Er⸗ ſcheinung, die er ſonſt Liddy, Maͤdchen genannt, daß er ſterbe um ſie! Aber ſie verrann vor ſeinen betaͤubt ten, wie umflorten Augen ſchon in die uͤberall umher —— ruhig in Fulle und Geſtalt ſtrotzende Natur; er unterſchied ſie kaum von Bluthengeſtraͤuch, von Licht und Glanz, und er erblickte das zarte Maͤdchen ganz deutlich als nur aus dem ewigen Element in ſolche Geſtalt wie geron⸗ nen, ſtill fortgenaͤhrt und geheimnißvoll von ihr um⸗ fangen, in ihr ſich fortbewegend— und ihm war un⸗ beſchreiblich wohl; mit Entzuͤcken fand er ſich ſanft in dieſelbe Bezauberung verſinken. Wie einen Engel ſah er Galate jetzt hinweg von Liddy ſchweben, von far⸗ bigen Lichtern beſtreift, und als walle ſie in Duft und Glanz; er ſtoͤhnte vor Empfindungen, er bebte vor Gluth. Aber ein Luftzug kuͤhlte ſein Geſicht, und gab ihm die Beſinnung wieder. Liddy ſaß ſinnend allein, und mit aufgelebter Kraft eilt' er zu ihr; aber er er⸗ reichte ſie kaum, und bei dem vorletzten Schritt ſank er auf das Knie, ſtuͤtzte den Arm die Breite auf ihre Kniee, und ſo ſah er zu ihr empor und laͤchelte ſie an. und mit dem holdeſten Laut der gedaͤmpften Stimme ſprach er Liddy!— Liddy! Liddy! dreimal und immer ſtarker, uls wolle er ſie erwecken zu hoͤren; nicht ſich, um zu ſprechen. Liddy! Hoͤrſt Du? frug er wieder. Ich hoͤre! fluſterte ſie.— Siehe, ich ſterbe — ſprach er— ich ſterbe, damit ich Dein bleibe! Denn wenn ich lebte.. und Du wuͤrdeſt eines An⸗ deren, ſo muͤßte ich doch die Gedanken von Dir wen⸗ den! Siehe— ich ſterbe, daß Du mein bleibſt— denn lebte ich, wuͤrdeſt Du nicht mein bleiben— ſo aber— Du wirſt es ſehen, ſo bleibſt Du mein, Du — 2— wirſt es ſehen, wenn Dein Herz erwacht— bald, bald, bald!— Er ſank mit dem Haupte in ihren Schooß. Mit Galate kam Polydor. Liddy ſprang auf; dadurch aufgeregt richtete ſich Eugen empor, ſtand, ſah, laͤchelte, und ſank dann auf den Sitz, mit dem Ruͤcken angelehnt. Polydor war hochſt entruſtet und uͤberhaͤufte den Armen mit bittern Worten, weil er noch uͤberdieß glaubte, Eugen ſey berauſcht. Dieſer aber immer kraftloſer und gluͤhender, fuͤhlte das Nahen des Todes, und fuhr mit der Hand nach dem Herzen. Er reichte die Hand dann dem Vater, der ſie ihm fort⸗ ſtieß. Aber ungekraͤnkt dadurch, nahm er langſam aus der Bruſt ſein Taufzeugniß. Aber was ihm der Geiſt⸗ liche damals gegeben, war Jakob's Todtenſchein, da er vermuthet, der junge Menſch komme nach dieſem, der verlegen und betruͤbt mit halben Worten nur zu ihm geſprochen. Eugen hatte es nicht geleſen. Dies Blatt nun erzuͤrnte Polydor noch mehr; und jetzt erſt ward Eugen weichmuͤthig, ja er haͤtte gern ge⸗ weint, aber ſeine Gedanken ſchoſſen in einem Strome vor ihm voruͤber, und mitten hindurch rief er nur: Vater! Vater, ich ſterbe!— Der Vater aber ver⸗ ſtand dieſen Ruf an ſein Herz nicht, und haͤtte ihn lieber wieder am Haare hier fortgeriſſen, wenn ihm der Graf nicht gewehrt, und ihn gebeten, lieber ſelbſt fort⸗ zugehen, und den wunderlichen Juͤngling in Ruhe zu laſſen. Eugen aber bat ſo ſanft Alle zu bleiben, nur noch die kurze Zeit! und bat ſo ruͤhrend, ihm zu ver⸗ — 3856— geben, daß ſie nicht los von ihm konnten. Galate ward aufmerkſamer; ſie ſah, erſchrack, und ihre Thraͤ⸗ nen floſſen, indeß Liddy vor Angſt nur blaß war. Denn Eugen ſprach leiſe und leiſer in einem zum Geſange zu ſchwachen Tone nach und nach die Worte, wie den Schluß eines groͤßeren Gedichtes: Ach, und ſieh, die Mutter weinet, Ihre Tochter an der Hand! Und das Kind kann das nicht faſſen Und die Mutter reißt ſie fort! Doch bei'm Juͤngling, bei dem blaſſen Bleiben die Gedanken dort; und ſo iſt ihr Herz erworben, Und ihr Sinn wird immer frei; Denn der Juͤngling iſt geſtorben, Daß ſie ſein auf ewig ſey! Und ſo erfullte es ſich. Der Tod uͤberkam ihn raſch und ſchmerzlos. Eugen erſchien nun auf ein⸗ mal groͤßer, ja geiſterhaft; denn als Juͤngling und noch ſo bluhend hatte er alle Alten ſchnell uͤberholt. Seine Seele war entflohen, und das Lacheln auf ſeinem Ant⸗ litz brachte erſt recht unheimliche Furcht uͤber die Er⸗ ſchrockenen. Die Mutter riß Liddy fort, die zuruͤck ſah, zuruͤck langte; aber ſie riß ſie fort mit zitterndem Herzen. Nur der Graf beſorgte an dieſem Abend und am — 86— folgenden Tage, was ihm menſchlich ſchien, ohne Ruͤck⸗ ſicht auf— Menſchen. Die letzten Worte Eugen's waren zu deutlich geweſen, um ſelbſt den ſonderbaren Vorgang mißzuverſtehen.— Sind ſonſt nicht Ritter geſtorben fuͤr ein Weib, das ſie nicht einmal Fannten, und der ſie blos ſagen ließen: ſie waͤren fuͤr ſie geſtor⸗ ben, im Kampfe fuͤr ihre Ehre und um ihre Liebe! — ſprach er zu Galate. Durch wie Vieles, wie Vie⸗ lerlei leiden doch Menſchen von Menſchen, ſelber von Guͤte und Liebe und Eifer! nicht allein von ihrem tau⸗ ſendartigen Haß, ihrem Neid, ihrer Kindſchaft!— Und als er in ſeiner Weiſe zuerſt alles Strenge und Wah⸗ re gegen Eugen geaͤußert, ging er dann uͤber zu veſ⸗ ſen Schutz, ja deſſen Verſtaͤndniß und Anerkennung. Denn der Graf wollte ſich bei dieſer Gelegenheit ſchwei⸗ gendlich zugleich ſelbſt ſeine kuͤnftige Ruheſtaͤtte erbauen, um die Lebenden, am wenigſten aber Galate oder Liddy, durch den ausgeſprochenen Gedanken oder das ausgefuͤhrte Werk zu kraͤnken; denn nichts iſt nieder⸗ ſchlagender, als den Ort ſchon ſehen zu koͤnnen, wo unſere Geliebten einſt ſchlummern ſollen und werden. Und ſo fuͤhrte er ſeine Abſicht mit den Worten ein: Der Juͤngling hatte kein Verdienſt als ſeine Liebe. In dieſe waren alle ſeine Talente, ſeine Vorzuͤge unterge⸗ gangen, die ſich gleichſam nur als das Herz im Herzen ausgebildet hatten; und was er ſonſt vielleicht als Gro⸗ ßes und Gutes fuͤr die Menſchen, als Schoͤnes fuͤr die Kunſt geſchaffen haͤtte, das Alles quoll und kam als Schefers neue Nev. 1v. 22 — 336— Fluth der gewaltigen Liebe— deren Qnell— wie der Nilgott— verſchleiert iſt. Von Natur ſind wir Alle vereint und Eins; wir Alle ſind Menſchen, und haben eine Erde, eine Sonne, einen Segen des Himmels und der Jahreszeiten. Von ſo betrachtet ſind wir uns Alle nah, und ſo nahe! Welches aber nun in dieſer großen Vereinigung, in dieſem großen Hauſe der Mut⸗ ter Natur, ſind die naͤheren Bande, die gerade dieſe und jene Menſchen in den Gefilden in kleinere Woh⸗ nungen, die wir Haͤuſer nennen, zuſammenverknuͤpfen⸗ um mit dieſen alle Luſt und allen Schmerz der Erde genießend und tragend zu theilen, und die eigene Nei⸗ gung ausſchließend, nur in Bezug auf dieſe das ganze Daſeyn auf der Erde zu betrachten, ja nur zu wuͤn⸗ ſchen? Es ſind die Bande des Herzens! der aͤchten Gleichheit! und dieſe ſind die naͤchſten, die nothweydig⸗ ſten, die nothigendſten und die ſchaͤtzbarſten, ja unſchaͤtz⸗ baren! Und an wen nun hat ſich dieſer Juͤngling ge⸗ kettet, als an uns! Wem gehoͤrt der verlaſſene Todte, außer ſeiner Großmutter der Erde, noch ſonſt, als uns? Wie einen duͤrftigen Anverwandten wollen wir ihn nicht unter uns laſſen— nur zu unſerer Nachrede — wenigſtens unſerer Nachrede im Herzen— ſondern ihn freundlich begrabend zu uns heraufheben, und ihn, der mit dem Herzen unſer war, nun auch als den Un⸗ ſrigen annehmen, und ach, mit zu ſpaͤtem Bedauern ſag' ich es: nur zu unſeren Todten, zu unſeren Graͤ⸗ bern. — 339— Galate war zu tief aufgeregt, um nicht Alles gut zu heißen. Denn ihr fruͤheres Leben zwingt die meiſten Menſchen zu den Ereigniſſen ihres ſpäteren Lebens, ſelber zu ihrem Tode Ja zu ſagen, auch wider den ſpaͤtern beſſern Wunſch und Willen. Und auch jetzt durch die um ihrer Liddy willen vollbrachte That war die Eitelkeit der Mutter zugleich gereizt und be⸗ friedigt; als waͤren die Kinder gluͤcklich, die ſo ſchoͤn ſind, um ſolches wie das Geſchehene in der Welt her⸗ vorzurufen, und von ſich ſagen laſſen zu können— als ſey das fremde Wort das öchet nicht das eigene Gefuͤhl. Und ſo entſtand nach und nach die ſchoͤne, reich⸗ geſchmuͤckte Wohnung der Todten, ganz nach dem Vor⸗ bilde des Ruheortes der heiligen Roſalia erbaut, die der Graf auf ſeinen Reiſen beſucht, und die wie lebendige ſchoͤne junge Geſtalt mit noch blaſſen Roſenwangen, mit beweglichen Gliedern geſehn und bewundert. So wie dort Roſalia, war auch hier der ſchoͤne Juͤngling ſichtbar, und vor jedem Sonnenflimmer, jedem Staͤub⸗ chen geſchuͤtzt; nur fiel hier die Beleuchtung von oben durch koſtbares Rubinglas herab, wie feurige Gluth der purpurn untergehenden Sonne, und uͤberbreitete den freundlich Schlummernden. Zur Seite war noch ein Gemach der ernſten Betrachtung geweiht, wo himmel⸗ blauer Glanz ſich von oben ergoß. Liddy wußte nicht wie ihr geſchehen, was ihr der Liebende angethan. Denn die Liebe hatte ſich, wie 2 — 340— der Duft in der reifen Roſe, noch nicht in ihrem Her⸗ zen entwickelt. Ihr war nur eigen zu Muthe; oft ſo ſchwer und bang, dann wieder ſo leicht, ſo ernſifroh. Aber ſie war der Mutter gehorſam, wie ſie ihr und ſich ſelbſt gelobt. Als aber allmälig in den Fruͤhlingen ihr eigener Fruͤhling erſchien, mit eigenen unſichtbaren Knospen in ihrem Gemuͤth, als ſie nicht wie der junge Moosroſenbaum nur von zarten Dornen geröchet erſchien, als die alte heilige Fuͤlle und Kraft wie in den Man⸗ delbaum auch in ihr Haupt emporſtieg, als ihre Augen wie Reben weinten, als ihre junge Seele begann zu klagen an dunklen Stellen, wie die junge Nachtigall ihre Stimme verſucht, und mit jedem Laut gleichſam von der Seligkeit und Schönheit koſtet, die ſie da drau⸗ ßen umfaͤngt und ſie beklemmt; als die Schoönheit ihr begann den alten heiligen Schmerz zu bereiten, den ſie vom Anbeginn bereitet, ſobald ein liebendes, empfaͤng⸗ liches Ange ſie je erblickt— da, da ward es anders mit Liddy, und hohe, goͤttliche Ahnung ſchwellte ihre Bruſt. Aber ach, Polydor erfuͤllte und bannte ihr Auge nicht— ein Anderes mußte noch ſchoͤn ſeyn! und wie ſchoͤn! Und ihr war, als habe ſie es ſchon geſchaut, irgendwo, irgendjemal! Als ſie aber vollends erſt ihr eigenes Weſen inne ward, und ihre eigene Ge⸗ ſtalt beſchaute, wie ſich die Jungfrau beſchaut, und es ſoll, um zu lernen und zu begreifen mit Entzuͤcken, wie ſchoͤn, wie liebevoll, wie himmliſch ſie ſelber ſey — wenn ihre beſcheidene Seele ſich ſo hohe Dinge, ſo — 341— hohen Werth anmaßen duͤrfte, uͤber die ſie nun ſeufzt, ja weint vor verkanntem Entzuͤcken— als ihr Gluͤck im Herzen aber ſo groß, ſo unertraͤglich ward, daß ſie faſt betete, es los zu ſeyn, es zu theilen, es mitzuthei⸗ len, ach, ganz und unverhalten es hinzugeben, ja ſelber zu opfern an den, der ihre Gabe und deren Preis er⸗ kannt— an den Liebenden!— da erwartete ſie noch gewiß einen Engel aus Wolken oder herwandelnd in Menſchengeſtalt in der Pracht des Fruͤhlings; und in⸗ dem ſie ihm zu Fuͤßen ſinken wollte, beugt er das Knie vor ihr, daß ſie erſchrocken die Hand auf die Bruſt legt, um ihr Entzuͤcken verſtummt zu beſchwö⸗ ren, und je heißer er ſagt:„ich liebe dich!“ je weni⸗ ger glaubt ſie dem Engel, bis er ſie an das Herz druͤckt, bis er den Kuß von ihren ewigkeuſchen, goͤtterjungen Lippen kuͤßt, und ſie ſich verwundert, daß ſie ihm vor Scham nicht in den Armen vergangen und zerfloſſen wie Schnee, daß ſie ihn wiederkuͤßt, und endlich ihm wiederlispelt: ich liebe dich!— In ſolchen geträum⸗ ten Augenblicken ſah ſie ſich um— aber da kam Po⸗ lydor! und ſie ſchlug die Augen nieder, denn er war der Engel nicht! So liebte er nicht, ſo hoch ehrte er ſie nicht; denn in ſeinem Blicke war heimliche Unruhe, ja Angſt; auch offen war es wie zugeſchloſſen, und konnte ſie ihm nicht bis tief in die Seele ſehen, oder vermochte nur ſie das nicht in dem Auge war nicht der Himmel, nicht ſeine unausſprechliche Tiefe und Klarheit! nicht jenes unausſprechliche Erſte, Reue, — 342— Goͤttliche, das den Juͤngling zum Juͤngling macht, und ſeine Liebe der reinen Jungfrau zur Seligkeit. So waren drei Jahre geworden auch in ihr, an ihr, und hatten ihre ewigen Wunder gethan. Sie war mit Polydor in Italien geweſen; jetzt ſollte die Vermaͤhlung gefeiert werden, und eines Abends ging ſie mit ihm in den Garten des Vaters umher, durch alle Gaͤnge, wie die Bräute ſo ſinnig und gern thun, ehe ſie nahe oder fern hinweg aus dem Vaterhauſe ſcheiden; denn ſie bewegt das Wiſſen: daß ſie die Ju⸗ gend und das Paradies an die Erde und den Himmel zuruͤckgeben, und daß ſie nie mehr mit dieſen Sefuͤhlen des Erſten, Heimathlichen, Niegetrennten zuruͤckkehren in's Vate haus, daß die Fremde dann ihre Heimath geworden, die Heimath eine Fremde, und Vater und Mutter— wenn auch noch vertraute und geliebte We⸗ ſen— ach nun erkannt als ſich ſelber nun Eigene, Unterthanen der Welt, Beherrſchte von dem Laufe ih⸗ rer großen Geſetze— nach denen ſie ſelbſt ihr eigenes Kind verſtoßen und doch weinen, wenn es nun groß und entfremdet wiederkehrt, wie es einſt kam, wenn es nur bei den Blumen geweſen. Und dann weint das entfremdete Kind mit ihnen ſelber, und in dem Ge⸗ fuͤhle dieſer Stunde erkennt es die Welt, den Gott, die Liebe, das Leben und den Tod. Mit feuchten Augen käm nun Liddy mit Po⸗ lydor an„die Wohnung der Todten,“ die oͤde und ſtiu vor ihnen verſchloſſen ſtand. Sie blickte zum Him⸗ — 343— mel und ſann einen Augenblick, ſie erroͤthete heiß, und mit Haſt ſprang ſie an die Thuͤr, und klopfte und ruͤttelte— und es droͤhnte darin— und ſie neigte ſich mit der Stirn auf die kalte vergoldete Hand des Druͤk⸗ kers und athmete kaum. Polydor holte die Schluͤſſel. Indeſſen weinte ſie bitterlich und ſchluchzte laut. Aber mit dem Gedanken an die Vergangenheit kam ein Neues, jetzt ihr Neues, ein Gewaltiges und gewaltig Beherrſchendes ernſt und feierlich uber ſie. Sie trock⸗ nete ihre Augen, und ſah ſelber Polydor recht ruhig und freundlich an. Sie ließ ihn aufſchließen, und trat nach einer Weile erſt langſam, ja leiſe zoͤgernd ein. Vielleicht daß ohne Zeugen ihr Benehmen ein anderes geweſen. Aber mit der gleichguͤltigſten Miene von der Welt, in der keine Neugier, kein Drang, keine Trauer, keine Reigung erſchien, blieb ſie mit gepreßten Lippen und angehaltenem Athem, nur mit grfalteten Haͤnden — vor dem ſo lange, langet ſo geduldig harrend, ſo freundlich laͤchelnd Schlummernden ſtehen. Ein leiſes Zittern üͤberlief ihre Geſtalt. Polydor konnte ſie nicht genug betrachten, bewundern! Sie nicht genug den ſchoͤnen Juͤngling, den ſie jetzt wie zum erſten Male ſah, denn ſie ſah ihn liebend, ſie ſah den Liebenden, ſie empfand ſich als die Geliebte— als ſeine Geliebte! und ſie hielt die flache Hand uͤber die Augen, ſie ver⸗ quollen ihr in Thränen, und ſie ward blaß wie Schnee, und alles Blut, alle Waͤrme floh nach dem Herzen. — 344— „Denn— er iſt geſtorben, daß— ich ſein auf ewig ſey“— fluͤſterte ihr es aus dem Innern zu. Ihr Begleiter hatte ſie hinten am Kleide gefaßt, um ſie leiſe abzuziehen, aber ſie wußte das nicht, und ſchrie laut, ſo daß ſie nun daruber erſt wieder recht erſchrack, und ſich verhuͤllte. So ſtand ſie eine Weile, während ſie nicht hoͤrte, was Jener ihr ſagte, ſie bat; dann riß ſie plötzlich die Umhuͤllung vom Geſicht, denn ſie hatte mit goldenen Buchſtaben Worte an der weißen Mar⸗ mortafel funkeln geſehen, und ſie las nun getroffen, und wie von einer Geiſterſtimme bezaubert: Hier lieg' ich todt, und dennoch zu beneiden; Streu' weiße Roſen, ſtreu' auch von den rothen— Die Liebe lebt! Sie ſind beſiegt, die drohten; Nun wird dir nicht verargt, an mir dich weiden. Der Tod allein kann untrennbar vereiden, Im Leben war dein Blick mir ſchon verboten, Nun biſt du mein— du biſt die Braut des Todten! Und Niemand kann dich ewig von mir ſcheiden. Den Leib nur haͤlt der Tod in ſeinen Banden— Ich bin nicht hin, ich bin ſchon auferſtanden, Ich wohne unter'm ſchoͤnen Sternenbogen. Schon hab' ich deinen Geiſt mir nachgezogen, Kurz weilt dein Schattenbild nur noch auf Erden, Bald eilſt du ſelig ganz, wie ich zu werden. Da ging die Verwandlung in ihr vor: ſie liebte, denn ſie fuͤhlte ſich geliebt. Denn als Polydor nun zu ihr ſagte: Meine Liddyz— da lachte ſie und frug verneinend Dein?— und als er bat: Komm! nun iſt es genug! da entgegnete ſie, nur ſanft ihn draͤngend: Geh'! nun faͤngt erſt meine Liebe, an! Und ſo blieb ſie denn, und kaum Gewalt haͤtte ſie wegzubringen vermocht. Galate war abweſend, alſo kam— auf Polydor's Bitte nur der Vater; und auch er vermochte, oder mochte nichts uͤber ſie. Er zuckte nur die Achſeln, ſah dem Verſchmähten, eigen ihn mit dem Blicke treffend, in die Augen, und druckte ihm, wie zur Abbitte und Genugthuung, die Hand. Er ſandte Eugenie zu ſeiner Tochter; er ließ ſie in dem freundlichen Nebengemach verſorgen und einrichten, dann ſchied er ſchweigend von ihr mit der Ahnung, er habe ſein Kind verloren, und die Aerzte werden es ihm nicht wiederfinden. So lebte nun Liddy in der freundlichſten Umge⸗ bung ſtill. Eugen lag wie lebend, nur ſchlummernd auf ſeinem einfach geſchmuͤckten, lieblich anzuſehenden Ruhebett, und nur der ſanft ſich uͤber ihn neigende, ihn bewachende Engel, juͤnglingsgroß aus durchleuchten⸗ dem Alabaſter, kuͤnſtlich in ein verblendetes Fenſter ge⸗ ſtellt, ſo daß er von der Sonne draußen durchſchim⸗ mert ein weißes mildes Licht verbreitete, war das einzige Unheimliche hier. Denn ſelbſt der kleine Knabe des Gaͤrtners ſchwieg und ſcheute ſich vor demſelben, wenn er ihr am Morgen weiße und rothe Roſen zu — 346— Kraͤnzen brachte. Und weil ſie das holde Kind an Eu⸗ gen erinnerte, zog ſie es nach und nach faſt ganz in ihre Nähe,; ſo daß ſich Eugenie bald hier uͤber⸗ fluͤſſig vorkam, ſo gern Liddy ſie ſah. Denn ſie ſchien auch nicht unwillig uͤber den zwar ſeltenen Be⸗ ſuch des Vaters, aber am liebſten war ihr die Gegen⸗ wart des treuen Lehrers, der nun Prediger war, weil er ſie ſtill ſo fort verehrte, und treu in ihre Gedanken, in ihre Seele einging, ohne Anſpruch, ohne Wunſch fuͤr ſich. Er offnete ihr eine kleine morgenlaͤndiſche Kiſte, darin der Graf Eugen's Kleidung, felber feine unverkaufte freundliche Kinderwaare und ſeine wenigen Handſchriften aufgehoben, die man in dem kleinen Hauſe gefunden, darin er bei armen Leuten verborgen ge⸗ wohnt. Unter dieſen letztern waren mehrere Lieder, entweder fuͤr Liddy in Vorgedanken und Vorgefuhlen ihrer Liebe und ihres Geſchickes in dieſen und ſolchen Tagen, wie ſie nun wirklich erlebt und lebte, voraus von ihm beſtimmt; oder jetzt erſt von dem einzigen ſtillen Freunde, gutmuͤthig ſie taͤuſchend, unterge⸗ ſchoben. Jetzt kam Galate nach Hauſe. Ueber den Brief erſchrocken, zurnte ſie nun. Sie hatte einen denkenden Arzt mitgebracht, dem ſie auf der Reiſe ſchon Alles vertraut. Polydor beſchenkte ihn im Voraus, um ihn geneigt zu machen: mehr zu verſuchen, als er vielleicht ſelbſt fur erfolgreich halte. Und Galate meinte jett, aus ihrer eigenen Erfahrung ſprechend: wenn Liddy — 37— ihrem Polydor auch nur noch in ihrem Traume die Hand reicht, ſo vertraue ich hinwiederum feſt auf die Macht des Lebendigen, der kein Herz, auch kein Wei⸗ berherz zuletzt widerſteht; und die Natur wird ihm durch ſuße Vertraulichkeit, durch holde unwiderſtehlich geliebte, ſie liebende Kinder— die ihre und ſeine Kinder ſind — ſtill und gewiß erſt das Mutterherz und endlich bald auch das Weiberherz zuwenden.— Daher muß Liddy von Eugen, oder er von ihr entfernt werden — ſchloß Polydor. So beſchlichen ſie Liddy denn in der Abenddam⸗ merung. Sie hoͤrten nahend ſchon die Klänge der Harmonika, dann Liddy ſelbſt, die mit ſeelenvoller Stimme das Lied ſich einſam ſang: Hier in dieſer ſchoͤnen Zelle Wohn' ich nun bei meinem Freund, Meine Augen— ſie ſind helle, Sieh'! ich habe nicht geweint; Einſt an jeder dunklen Stelle Hab' ich viel um ihn geweint! Hier in dieſer ſchönen Zelle Wohn' ich nun bei meinem Freund. Morgens, wenn die Lerchen ſchweifen, Kuͤßt er mich mit Kuͤſſen wach, Doch eh' ich ihn kann ergreifen— Schlaͤft er ſchon dort im Gemach! Ihn mit Roſen ſanft zu kraͤnzen, Nimmt er dann mit Lächeln anz Nachts, wenn hell die Sterne glaͤnzen, Schaut er oft auch klar mich an. 3— 348— O ihr Augen— klar und helle, Als ob ihr doch nie geweint, Friſcherquickt im Liebequelle, O mein Freund, mein Freund, mein Freund! Dort in jener gold'nen Helle Bin ich bald mit dir vereint! und in dieſer ſchoͤnen Zelle Ruh' ich ſanft bei meinem Freund. Galate weinte geruͤhrt und betroffen. Der Toch⸗ ter Zuſtand— obgleich nicht der rechte— weil er ſie von dem gewohnten Leben der Menſchen entfernte— erſchien ihr doch glucklich fur ſie, die Ungluͤckliche, von der Gewalt unſchuldiger Liebe zwar in ein eigenes Ge⸗ ſchick gefuhrt; aber er erſchien ihr noch immer natur⸗ lich, noch menſchlich, ja ſchoͤn und ergreifend. Die Horenden verſannen ſich in Gedanken an die wunderfa⸗ me Kraft des magiſchen Netzes, das der Juͤngling uͤber Liddy gezaubert, die wie jene Menſchen, welche nach Sonnenuntergang nicht mehr ſehen, jett gleichſam auch nichts Anderes mehr ſah, als was noch ſeinen ſtillen Nachglanz trug, und Galate ſelber ſprach, an ſich gedenkend, zu Polydor, um ihn abzumahnen von dem Verſuche, Liddy's Zuſtand zu aͤndern: Wem eben des Lebens Strom gefloſſen, Der hat nicht das irdiſche Gluͤck genoſſen, Der hat nicht durchwandelt die ſeligen Tiefen, Die in ihm dämmerten, um ihn ſchliefen. — 349— und Liddy beantwortete unbewußt gleichſam dieſe das Schickſal reizenden Worte der Mutter mit dem in⸗ nigſt geſungenen wahren Vers, dem Thema einer Gloſſa: Geliebt ſeyn iſt ein himmliſches Loos, Doch lieben gehet daruͤber. und treu ſeyn bis in der Erde Scheoß und uͤber das Grab hinuͤber! Aber ſie erregte dadurch die Gemuͤther nur an ſich lockender; denn um die ſchoͤne, nun noch unendlich rei⸗ zendere Liddy wieder zu gewinnen, zu den Lebendigen — und zu ſich zuruͤckzuzichen, beharrte Polydor auf der Bitte: des Arztes erſten Vorſchlag auszufuͤhren, und Eugen, wenn Liddy ſchliefe, ſtill und raſch der Erde zu vertrauen; denn alle Liebe ſey Leben, Leben bringend und Leben begehrend. 1 Der Arzt zuckte die Achſeln. Galate ſeufzte und ging leiſe zu ihrer Tochter hinein, um ſie zum er⸗ ſten Male zu ſehen. Denn den Menſchen duͤnkt: ein Menſch werde ein Anderer, dem ein Gluͤck oder Ungluͤck begegnet iſt. Und mit Recht. Denn Jedem iſt jedes Geſchick ein neues, wie jede Erſcheinung auf dem Le⸗ benswege, den Alle zum erſten und letzten Male wan⸗ deln; und ſo iſt er ſich ſelbſt und Andern ein neuer; die Braut, die Todte, wie hier: die Braut des Tod⸗ ten. Polydor aber eilte, Alles zu bereiten und zu — 350— vollenden, eh' ſie erwache— damit ſeine ſchoͤne, junge geliebte Braut wieder als Braut des Lebenden erwache. Doch Liddy, von der Mutter erregt, ernſt begruͤßt und mit tiefen Worten der Liebe gemahnt und bedraͤngt, hatte ſich im Nebenzimmer hingelehnt, und war erſt nach Mitternacht eingeſchlafen. Indeß war das Grab in der Naäͤhe gegraben; die Marmortafel an dem Engel ward drinnen leiſe nun abgeſchraubt, und ihm eine andere Schrift in die Haͤnde gegeben, worauf ihr tröſtlich und ihre Gedanken zum Himmel wendend— den alle Lebendigen ohne Begierde nur mit gelaſſener Hoffnung ſchauen; einſt, dereinſt nach dem Leben dahin zu gelangen und alle die Ihri⸗ gen dort zu finden— die Worte glaͤnzten; „Er iſt nicht hie— „Er iſt auferſtanden.“ Als ſie nun aber auch Eugen erhoben, als Po⸗ lydor ſelbſt haſtig und gluͤhend half, den Ruhenden, der das weiße Mahl von ſeines Roſſes Eiſen noch auf der Stirn trug, jetzt zu verſenken— da klang eine hohle Stimme hinter ihm, die ihn frug: Polydor! Polydor, weißt Du auch, wen Du begräbſt? Er ſah ſich um, und die Fackeln der Gehuͤlfen zeigten— den Moͤnch, und jetzt in der Kleidung der Dominikaner, die in der Naͤhe ein Kloſter bewohnten. Salvator erſchrack, zuͤrnte und zagte Poly⸗ — 351— dor.— Er iſt ein Todter— ſetzte er ſich faſſend hinzu. „Aber der Todte iſt Dein Sohn! Polydor,“ ſprach ſtreng und dumpf Salvator. „Und Du biſt wahnſinnig!“ ſprach Polydor. „Vielleicht! Denn wer weiß das ſelbſt,“ lächelte Salvator. Und waͤhrend die Maͤnner eilten, die Gruft der Erde eben mit dem vorher ausgeſtochenen Raſen ſchnell zu bedecken, hatte Salvator dem— Freunde den Taufſchein ſeines Eugen's in die Hand gegeben. Aber kaum hatte dieſer geleſen, gefragt, gehoͤrt, als er den Moͤnch wie von Sinnen zu Galate riß, die erſchreckt aufſprang— nun erſt recht erſchrack, und auf einmal hell ſah, uͤber die Liebe des Juͤnglings zu ihr— zu Liddy, waͤhrend ſein Vater Polydor verſuchend, Ja⸗ kob zu verwuͤnſchen, die Verwuͤnſchungen nicht aus⸗ ſprach, weil er ſie alle ſelbſt von Jenem verdient! Liddy hatte heimlich gehoͤrt, wer Eugen geweſen, wer er gleichſam im Tode geworden ſeyn ſollte! Aber das ruͤhrte ſie nicht, das aͤnderte nichts; ſelbſt das ſein und ihr Loos ein anderes geweſen ohne das arge Ver⸗ ſchweigen, war ihr kein Reiz und kaum deutlich. Er hatte ſie geliebt! liebte ſie noch; und ſie liebte ihn, wo er immer ſey— und doch ſtöhnte ſie aus tiefer Bruſt und ihre Thraͤnen floſſen in das ſeidene Pfuͤhl. Der Mutter entging das heimliche Weinen nicht, ſie ſtand mit gefalteten Haͤnden vor ihr und zitterte — 332— ſchuldvoll. Denn Salvator, durch lange Reue und tiefe Schmerzen uͤber ein verlorenes, ja verdorbenes Le⸗ ben, empfand jetzt uͤberraſcht von Liddy's Goͤttergebild und von Galate's noch unverbluͤhter Schoͤnheit, er⸗ zuͤrnt durch ihr Gluͤck ohne ihn, einen aͤngſtlichen Neid, — eine bittere Rache im Herzen, die ſeine kaum geheilte Seele zerriß und auf's Neue verwirrte. Wie ſo viele, ja die meiſten Liebenden, deren Liebe ſich auf irgend eine Weiſe geloͤſet, eine Schadenfreude einen erſt leiſen Spott— waͤhrend ſie bei ſich daruͤber erroͤthen— dann oft lauten Tadel nicht unterdruͤcken können, bis es ihnen unbegreifliche Freude macht: das einſt ſo ge⸗ liebte Herz recht ſchwer zu kraͤnken, und jene Geſtalt mit Haß und Neid zu verfolgen, die ſie einſt zuvor gern lebendig unter die Engel, hinauf in den Himmel getragen haͤtten. Und dieſes Alles zum Zeichen: daß ſie jetzt kluger ſeyen— alſo einſt nicht klug gewe⸗ ſen; zum Beweiſe, daß ſie das Göttliche da geſucht, wo es nicht zu finden ſey— einzig bei dem Weibe — und daß ſie das Himmliſche jetzt wo anders gefun⸗ den, das Goͤttliche nur in dem Gotte erkannt, oder daß ihr Herz es aufgehoͤrt habe zu ſuchen, und daß ih⸗ * nen die ganze Welt in gleicher Nuͤchternheit, nuͤchter⸗ ner Gleichguͤltigkeit vor Augen liege; ſo wie ſie jetzt un⸗ bekuͤmmert auf Blumen treten, wenn ihr Weg ſie da⸗ ruber fuͤhrt. Und denken, fuͤhlen die Männer ſo— ſo beharrt das Weib in den ſchönen Gefuͤhlen, die ſie einſt in der Zeit der Liebe gehegt, die ihr das Paradies 6 — 353— ſchien; ſie beharrt darin oft nur zu lange— bis ſie einem Andern gehoͤrt; zu treu— ſo daß ſie oft an des Gatten Seite noch jenes Engels gedenkt, der ihr alle Blumen entriſſen, ſie aus dem Himmel auf die rohe kalte Erde verſtoßen, und zum Lohne fuͤr dieſes Alles— zuletzt ihr noch ſelbſt geflohen, oder einſt ſo⸗ gar als Rachegeiſt vor ſie tritt, und ſie ſchmaͤht, und ihr fuͤr ſeine Erdenfreuden mit dem bitterſten Herzeleid, mit der Strafe des Himmels droht. Und wollte das jetzt auch Salvator nicht, ſo hatte ihn die geſchaute Scene doch zu gewaltig erregt, und das Unrecht an Eugen, ſchuldig oder ſchuldlos, ge⸗ uͤbt, trat, wie von himmliſchen Maͤchten in ſeinem Gemuͤthe entzuͤndet, auf ſeine Zunge. Dabei empfand er einſeitig, wie elend er eigentlich durch dieß ſchoͤne Weib geworden— und er redete ſie dafuͤr an mit dem Namen: Elende!— und einmal in die Stimmung verſetzt, fuhr er fort: Ja, du biſt elend! Sonſt nur ſchoͤn, biſt du hohl geblieben, ohne Gehalt— denn die Eitelkeit iſt ein Traum, der Traum der Schoͤnen, der Leeren; und draͤngte Dir das immer wohlthaͤtige Leben doch nach und nach einen Inhalt auf, ſo iſt es die Schaam daruͤber, was Du Gutes nicht gedacht, em⸗ pfunden, gethan— und o, daß Du leer geblieben! aber.. Du biſt voll von nun wie vergeſſenen Sätti⸗ gungen, von dem Wahn: Gluckliche, Zufriedene ge⸗ macht zu haben— von denen ich noch der Edelſte bin und war, denn ich ſtehe ohne gemeine Suͤnde mit Schefers neue Nov. 1v. 23 — 334— Dir, vor Dir— ich bin rein! Ich bin noch der Gluͤcklichſte von ihnen, denn der Boöſe konnte mich eher an keinem Haare faſſen, als bis ich todt war, und ein Geiſt mit Fleiſch und Bein, wie Du weißt oder nicht weißt— ich habe mir kein Haar ausgerauft, ich habe ſie alle noch— nur grau, weiß, und trage ſie mit Schanden. Und daß ich weiß, was Schande iſt, das macht mir Ehre. Wie ſehr Du Dir aber Al⸗ les zu gleichgultigem Spiele gemacht, zu Zerſtreuung fur Dich, das ſchaue hier in Deiner Liddy, die Du, als Dich ſelbſt, dem Manne hier friſch und jung zum Weibe geben wollteſt, als waͤren zwei, ja tau⸗ ſend Weiberſeelen nur eine; und nur Eugen's Be⸗ thoͤrung und ihr Bethörtſeyn hat das bis heut' verhin⸗ dert. Nun hindere es ich! Mußt' ich nicht gefragt ſeyn?. Galate, zuerſt uͤberraſcht, dann bewegt, dann ge⸗ peinigt, zuletzt wie vom Feuer des Himmels getroffen, ſank verſtört und gefuhllos zu Liddy hin, die ſie um⸗ faßte, und ſie ſich feſthielt. Polydor, in eigene Ge⸗ fuhle verloren, hatte Salvator's Worte nur hin und wieder vernommen; jetzt ſprang er auf, Galate huͤlf⸗ reich zu ſeyn. Salvator aber trat zwiſchen ihn und ſprach: Glaube, ich bin ihr Feind nicht. Wer Alles billigt, ja vergottert an einem Menſchen, das iſt— ein Liebender. Wer das Falſche und Schlechte an uns nicht mitlobt, ſondern von unſerem Guten ſtreng unterſcheidet, und gern von unſerem Selbſt abſcheiden — 355— moͤchte, furchtlos uns daran erinnert und Dringendes ſagt— der iſt unſer Freund. Nur wer uns im Ar⸗ gen will untergehen ſehen, der iſt unſer Feind. Sie aber fuͤhlt Reue. Laß ſie tief in die innere Welt ein⸗ kehren, und dort— ſeit lange— ein wenig ernſt ver⸗ weilen! An Reue ſtirbt Niemand, wenn ſie aͤcht iſt. Denn der Menſch kann nur ſo ſchwer das Mißgethane bereuen, ſo hell er das entgegengeſetzte Rechte und Gute erkennt. Und dieß Gute erhaͤlt ihn lebendig und ſtärkt ihn, bis es ihn ganz und allein durchdringt, und er der wird, der er ſeyn will und wollte, und nur verfehlt, und ſein voriges Unrecht ein vergaͤnglicher und vergangener Traum wird. Und ſo geſchieht ihr jetzt. — Er lachte.— „Und was hat ſie zu bereuen?“ frug Polydor von ihm zuruͤcktretend,„wenn nicht tauſend Frauen ihr Gefuͤhl theilen ſollen!“ „Eine Ahnung!“ erwiederte Salvator, und lachte lauter, ſo daß er dem Freunde Grauen, Verwun⸗ derung und Zorn erweckte. Dann weinte er hingebeugt, ſo daß Polydor unheimlich zu Muthe ward, und er die Hand auf das Haupt des Freundes legte. Dieſer aber richtete ſich auf, faßte ſich und ſprach: Tauſend Frauen? Die Natur ſchafft ſo ſelten ein Weib aͤcht ſchoͤn, um die Ungluͤcklichen nicht zu vermehren; denn Schoͤnheit und Gluͤck war kaum noch je auf Erden bei⸗ ſammen, denn die beiden ſind wie ein Doppelgaͤnger — Todfeinde! Und ſiehe nur Galate; iſt ſie nicht 23* — 356— immer noch ſchoͤn, ſo ſchoͤn!— Sch ſollte bereuen— und ich konnte es nicht, und jetzt habe ich es auf im⸗ mer wieder verlernt. Ich habe es hundertmal gebeich⸗ tet, hundertmal iſt es mir vergeben worden, und noch fuͤhl' ich mich nicht der Vergebung werth, nicht be⸗ duͤrftig! Aber Du ſollſt Alles wiſſen, mein Freund, auch wenn Du auf ewig mein Feind wirſt. „Weiß ich nicht Alles? kann ich das dazwiſchen liegende Unbekannte nicht denken?“ frug Polydor ge⸗ ſpannt, denn Salvator ward immer mehr einem Sinnloſen aͤhnlich, an Blick, Ausdruck und Geberden. „Nicht denken!“ erwiederte er, und ſah ſtarr auf Liddy hin. Und wie wirklich irr, trat er auf dieſe zu, faßte ſie an der Hand, und frug ſie verlegen: „Weißt Du, was ich fuͤr das Gluͤck der Frauen wuͤnſch⸗ te, daß ſie ablegten?— Du ſollteſt es wiſſen aus der Macht vor Deiner Brautnacht, o Galate! In ſeiner innern Verblendung ſah er die ſechs⸗ zehnjaͤhrige Liddy, der Mutter ſprechend aͤhnlich, und jetzt in demſelben Alter, in welchem ſich jene vermaͤhlt, fuͤr Galate an— hoͤrte auf eine Antwort, und be⸗ antwortete dann ſeine Frage ſelbſt mit den Worten: Die Furcht ſollten die Frauen ablegen! Einige, die Furcht vor arm werden, arm ſcheinen;z Einige, die Furcht vor eitler Macht und hohem Stande— als wenn die Reinheit des Herzens und das Gefuͤhl ein Weib zu ſeyn, nicht die gebietendſte Macht und der hoͤchſte Stand auf Erden waͤre!— Einige, die Furcht, kindiſch und — 3 tugendhaft zu ſcheinen, oder verlächt zu werden; Eini⸗ ge, die Furcht vor Geiſt; Einige— eine, die Furcht vor Geiſtern! denn ich war der Geiſt!— Denkſt Du der Nacht noch heut'? Wie Du vor Furcht ohn⸗ maͤchtig hinſankeſt, ohnmaͤchtig lageſte Und wunderlich ihn anblickend, richtete Galate ſich auf, und als ſie Liebe wechſelnd mit Hohn in ſei⸗ nem Geſicht uͤber ſie und ſich ſelbſt geleſen, ward ſie blaß und blaͤſſer, ſank wieder zuruͤck, und bebte ſicht⸗ lich. „Ja,“ wandte er ſich zu Polydor; ſie ahnet, Du ahneſt. Wie den Todten ſeyn mag, weiß kein Lebendiger; aber wie dem iſt, der todt ſcheint, wie ich mußte, ſeit mich die Schmerzen der Verwunderung ge⸗ weckt und gerettet, das weiß ich nun genug, genug, genug. Und als ob ich wirklich geſtorben, und das Gefuͤhl fuͤr Erdenſitte und Erdenſittigkeit abgelegt und unter Engeln— oder Teufeln vergeſſen, und ich kein Menſch mehr ſey, riß mich lebenden Menſchen die Liebe fort zu ihrer Vollendung, ihrem Grabe— zu Schuld und Trug. Dann zog ich die ſilberne Glocke, dann liefen die Maͤdchen zu Dir, o Geliebte! Er wollte hinknieen, und Galate's Hand an ſeine Bruſt druͤcken, aber ergriff Liddy's Hand, hielt ſie, und uͤberſchaute das ganze ſchoͤne Gebild. Wun⸗ der der Natur, und doch ſo klar, ſo deutlich! Wir Freunde liebten uns— nun liebte der Sohn des Ei⸗ § nen, der des Vaters Liebe war, die Tochter, die der Mutter Liebe war— aber weſſen Tochter?—— Mit immer ſteigendem Zorne trat Polydor ihm naͤher, noch unfaͤhig, die ganze Flut deſſelben, die wie“ ein Giftquell in ihm emporſtieg, zu faſſen und auszu⸗ ſtroͤmen. Seine Kniee zitterten, ſeine geballten Haͤnde bebten. Auch bedurfte es noch eines klaren Wortes; und Salvator ſprach in ſeinem Wahnſinn das Wort: Wie oft wollt' ich mein Kind mir rauben, wenn ich nicht Galate in ihm zu lieben fuͤrchtete— wie Du — an Galate, an der Natur ſelbſt treulos gethan, Verruchter, Verblendeter! Aber da brachte ſie mir Dein Sohn, Dein Eugen, dem Du ſie nun wieder geraubt. Nimm nun Galate zum Weibe— wenn ſie ſich jetzt von ihrem unſchuldigen Grafen geſchieden; nimm ſie nun auch nach ſolchen Unterbrechungen, ſo anders bedingtem Leben und Weſen. Was fruͤher im Gemuͤthe geſchehen und da war, kann oft erſt ſpaͤt in die Reihe der Erſcheinungen treten! Es iſt nur verſpätet, nicht ſuͤndlich! Liddy gluͤhte vor Schaam. Ihr Herz war wie zerriſſen, als waͤre ihr die Mutter entriſſen, entfuͤhrt in jenes Reich der Verwuͤnſchten, Verabſcheuten, Un⸗ ſeligen; ſie wollte wo moͤglich den Abſcheu, den ſie jetzt vor ſich ſelbſt und ihrem Daſeyn empfand, von ſich wehren, loͤſen, vernichten, um wieder der reinen Mut⸗ ter reine Tochter zu ſeyn. Sie ſprang wie begeiſtert auf, ſie ſank Salvator zu Fuͤßen und flehte, ſeine — 56— Kniee umwindend: Sage, Du luͤgſt! Sage, Du biſt wahnſinnig! Mir zu Liebe! Und von dieſem Doppelgebild der Mutter durch⸗ flammt, riß er ſie auf an ſein Herz, hielt ſie feſt ſich an die Bruſt, und rief: Du Engel! Dir zu Liebe ſoll ich— den Wahnſinn laͤugnen? das einzig edele Lieben haſſen?— Ich bleibe, ich bleibe bei Dir. Denn die Welt hat mir aufgehoͤrt zu ſeyn. Galate ſuchte ſie ihm zu entreißen. Er hielt ſie ſich feſt. Er ſtieß Galate fort. Vielfach verletzt und erzuͤrnt ergriff Polydor nun mit ſeiner Kraft wie den aͤrgſten Feind den verwandelten Freund, und mit Gewalt des Haſſes hinweggeſchleudert, traf Sal⸗ vator mit der Stelle des Schlafes wider die Ecke des Marmortiſches, ſank zur Erde, und ſah, wie jetz erwa⸗ chend, mit großen Augen den Freund Polydor an, der den Blick nicht ertrug, ſondern die Hände beſtuͤrzt vor ſeine Augen hielt; denn Blaͤſſe der Sterbenden hatte ſein ſchoͤnes Antlitz uͤberzogen. Galate ſtand zitternd und verzagend uͤber das neue Leid. Liddy ſtuͤrzte zu ihm, und nur von einer Hoffnung bedraͤngt, kuͤßte ſie ſeine Lippen, und bat ihn weinend und leis: Sage, o Vater— ſo hatte ſie ihn ſonſt genannt— ſage, ich bin nicht Dein—— Aber entweder zum Zeichen ſeines Verneinens ih⸗ res Wunſches, oder ihr zum Troſt als Widerruf und wirkliche Verneinung, bewegte er nun leiſe das Haupt, ſchlang feſt ſeine Arme um ſie, und hielt ſie ſich ſo. — 360— und ſo lange er es vermochte, ſah er ihr lächelnd in das ſchoͤne blaſſe Antlitz, bis er allmaͤlig die Augen ſchloß, und ſein Geiſt gehen mußte, wie der Mond am Rande der Erde untergehen muß. Und ſo hielt er ſie noch, als er unvermuthet ſchon todt war, ehe die Anderen vor Schreck und Leidenſchaft ihm noch beige⸗ ſtanden. Liddy entwand ſich ihm kaum. Sie that einen wunderbaren Blick auf die Mutter, und im Sinn, ein Gebet fuͤr den Hingeſchiedenen zu ſprechen, kamen die Worte dafuͤr auf die Lippen: Die in tauſend Aengſten lebten, Deckt die Gruft in Frieden zu, Was ſie litten, was ſie bebten— Alles fließt in eine Ruh'z Die in tauſend Aengſten lebten, Deckt die Gruft in Frieden zu. Gruft, vor der ich einſtens bebte, Decke mich in Frieden zu! Was ich liebte, was ich lebte, Weiß nur ich! Verbirg's nun Du! Gruft, vor der ich einſtens bebte, Decke mich in Frieden zu. Polydor floh hinaus in das morgenrothe Thal. Nicht weit, ſo begegnete er Salvator's Schweſter, ein Koͤrbchen mit weißen Roſen an einem Arm, an der andern Hand den kleinen Knaben, ſein Koͤrbchen — 30— mit rothen Roſen an ſeinem Arm. Er ſtand, er ſah ſie an, die Thraͤnen brachen ihm aus, er druͤckte ſie an ſein Herz, ließ die Verwunderte ſtehen, und eilte ge⸗ dankenlos auf dem Wege fort, tief in ſeinen Mantel gehuͤllt. Da hoͤrte er fromme Morgengeſaͤnge von na⸗ henden Kloſterbruͤdern. Er ſtand. Er erblickte ſie jetzt. Es waren Dominikaner. Sie hatten geendet. Die Sonne trat uͤber Morgengewoͤlk empor. Sie ſtanden. Der eine verkannte ihn vielleicht, und frug beſcheiden nach einem Kloſterbruder, nach Anaſtaſius. Er iſt uns entſchlichen, ſagte ein Anderer. Wir muͤſ⸗ ſen ihn ſuchen, damit er nicht ein Ungluͤck ſtifte, denn ſeine Seele iſt hin! zerfloſſen in einen großen Traum, in welchem er liebt, wie er ſeine fruͤheren brennenden Wuͤnſche und Traͤume fuͤr Thaten haͤlt, die er wirklich veruͤbt. Sein Zuſtand verdient Mitleid. Seit dem Brande des Dorfes ſuchte er Ruhe bei uns. Er hat die ewige gefunden! Dort in der Capelle werdet Ihr den Todten finden, ſprach Polydor hin⸗ deutend, waͤhrend vor Schmetz die Hand ihm ſank. Aber laſſet ihn dort, und nehmet mich dafuͤr an. Die Bruͤder laͤchelten. Polydor aber ſagte: Eurem Kloſter fallen meine Guͤter zu, durch die Ihr gewandert kommt. Durch die! erſtaunte der eine. Ja, der bin ich! beruhigte ſie Polydor. Wei⸗ ter forſchet nicht. Ihr ſeyd thaͤtige, weiſe Maͤnner, ſchätzbare Dominikaner! Euch muß man unterſtuͤtzen! — 362— Euch will ich dienen— ich bedarf Eurer, und Ihr koͤnnt meine Schenkung gebrauchen. Ich habe Man⸗ ches mit dem Schwert fuͤr den weltlichen Frieden des Vaterlandes gethan; jetzt will ich in Euer Heer treten, das jetzt zum Wohle der Menſchen wieder zu Felde zieht— als der vernuͤnftig, ja geborene Feind der Lo⸗ yola— liſten; vielleicht gelingt mir es jetzt auch et⸗ was fuͤr den geiſtigen Frieden des Vaterlandes zu thun. — denn die Menſchen, die keinen Frieden haben— wuͤnſchen ihn Anderen am meiſten. Ich bin der Eure! Iſt er auch wahnſinnig, wie Anaſtaſius? fragte Einer den Andern. Er hoͤrte das wohl, aber er laͤchelte Beide an, und reichte ihnen die Hand. Der Vorlaute bereute ſein Wort, von dem Andern ſcheel angeſehen, als ob der ohne Vernunft handele, der in's Kloſter“ ge⸗ he, und ihm ſeine Guͤter biete. Sie beriethen ſich, bei Seite gegangen. Vier Aeltere traten darauf mit ihm den Weg in's Kloſter an; zwei Juͤngere gingen, ihre Pflicht zu erfuͤllen, und mit eigenen Augen zu ſe⸗ hen. Sie fanden Salvator todt, und blieben treu bei ihm, bis er in die Erde eingeſegnet war. Liddy war erſchrocken, als ſie Eugen nicht mehr gefunden. Sie weinte. Aber ſie ſchwieg. Sie er⸗ ſchrack, als ihr eines Morgens der Vater ſagte, die Mutter habe geſtern auf immer von ihr Abſchied ge⸗ nommen, und ſey in ihre geiſtige Heimath— nach — 565— Italien gereiſet. Sie weinte. Aber ſie ſchwieg. Sie war in jener Nacht mehr wie je auf der Ruͤckkehr in's Leben geweſen. Jetzt war das Alles anders, und auch ohne befangen zu ſeyn, haͤtte ſie die Einſamkeit ge⸗ ſucht. Warum ſollte ſie nun nicht bleiben, wo ſie war? Der Vater verſtand ſie nun eher, da auch er im Geiſte bei Galate weilte, die auch nur abweſend war, und die Todten ſind auch nur Abweſende. Ga⸗ late lebte nur nicht ſo fern, und auch das nicht ge⸗ wiß, denn die Todten ſind uns vielleicht noch naͤher, nahe, um uns, ja in uns. Auch Eugenie verſtand ſie nun beſſer, da die Schweſter auch nach dem fernen, fernen, immer fernen Bruder ſchmachtete, der doch auch in ihr war, wie ihre Trauer und ihre Liebe bewies. Und ſo lebte nun Liddy ohne den todten Geliebten, aber ruhig, ungekraͤnkt, ſelbſt von ihm nicht mehr in ihrem innern Leben geſtoͤrt. Denn wenn ſie ihn, ihn aus der ſie umfließenden Fuͤlle der Liebe an ſeiner Geſtalt nicht mehr unterſcheiden konnte, ſo em⸗ pfand ſie ihn doch darin, und um aller Schoͤnheit der Natur willen nun tauſendmal ſchoͤner, und alle Reize und Suͤßigkeit der Natur um ſeinetwillen reizender, ſuͤßer, bis zum Unerträglichen Denn als ſie in den neuen Fruͤhling hinausgetreten, und Waͤrme und Glanz ſie umfing, der blaue Himmel ſie blendete, und der Mond ſie mild und wie iehend anlaͤchelte, da ſprach ſie bei ſich: — 364— O todtes Herz, ich fuͤhle deine Liebe Wie Saͤuſeln vom Mondaufgang zu mir wehen, Wie glutgeſchmolznem Golde heiß entgehen, Iſt denn das Aug', iſt denn der Leib die Liebe?— Ein Geiſt! Die Lieb' iſt Gott, Gott iſt die Liebe, In jeder Blume muß ich dich, dich ſehen; In jeder Nachtigall dich, dich verſtehen— Da weht ihr Geiſt, da weht auch deine Liebe! Zwar ſcheinſt du todt, und kehrſt auch nicht mehr wieder— und dennoch kannſt du dir ſo feſt mich halten! Ich laͤchle, bis ich ſterb', auf dich hernieder. Nimmt auch die Zeit die lächelnden Geſtalten, Das Angedenken— ſchweben doch die Geiſter Zur Liebe⸗Urquell, zu der Welten Meiſter. Sie alterte dem Vorangegangenen nach, denn die Verſchiedenheit der Lebensjahre der Menſchen wird im⸗ mer kleiner, zuletzt unbedeutend. Ein Kind von zwei Jahren iſt noch einmal ſo alt, als ein Anderes von ei⸗ nem; ein Jahr ſpaͤter ſtehen ſie nur ein Dritttheil des Lebens aus einander; in achtzehn Jahren iſt der Un⸗ terſchied klein, im Alter iſt er ausgeglichen. Die Tod⸗ ten ſtehen ſtill. Die fruͤheſten Todten der Erde war⸗ ten die ſpaͤteſten Geborenen ab, und werden vereinigt. Eugen blieb in ſeiner Zelle immer derſelbe, immer achtzehn Jahre, und Liddy lebte mit den eilenden Sonnen ihm nach, ja ſie hatte ihn faſt erreicht, und die Meinung war ihr nicht auszureden, ſie werde — 3— nicht aͤlter wie er. Deſto uͤberraſchender war ihr einſt der Geſang ihres Freundes und einſtigen Meiſters, den er leiſe ſpielte, und ſang, indem er waͤhnte, ſie ſchlafe: Alles wollt' ich gern ertragen, Sagſt du mir: Nach ſo viel Tagen Soll des Leidens Ende ſeyn! Schließt des Gluͤckes Son: Neu dich ein!— Aber fruchtlos ſich zernagen, Und ein endlos Leiben tragen, O ihr Goͤtter, welche Pein! Welche Pein! Er ſah ſie vergehen, obgleich ihre Wangen oft bluͤhten; aber daruͤber weinte er eben heimlich. Sie wuͤrde ihn nie erreichen! er ſie nie. Er hatte ſein Ge⸗ fuhl ihr untergelegt, den Ausdruck Leſſelben auf ein Blatt geſchrieben, und als es Liddy fand, uͤberraſchte ſie dennoch die Ausſicht ihres Todes Betruͤgeriſcher Bluͤthenſchein der Wangen, Wie Jugend pflegt und Fruͤhling liebt zu malen, Wie Roſen licht im Morgenrothe ſtrahlen— Doch unter dieſen Roſen wohnen Schlangen! O Roth, ſonſt aller Kranken ſuͤß' Verlangen, O kehreſt du, dann flieh'n ihm alle Qualen! Nichts giebt die Welt mehr auf des Winters Prahlen, Wenn erſt die Mandeln wieder rothlich prangen. — 366— O Tod, dir dienen alle Weltgewalten, O Tod, du kommſt in allen Truggeſtalten; Mir kommſt du gar, wie ſich das Leben kleidet. Wie ſterbend Abendroth willſt du mich ſchmuͤcken! Wie an der Sonne Tod der Blick ſich weidet, Weid' ich am eignen mich mit bangen Blicken! Sie frug ſich nur ſelbſt mit bangen?— und doch banz; denn der Vater wird mich beweinen, ver⸗ miſſen— aber er wird mich vergeſſen, denn wir alle ſind Menſchen! Und ſo ſang ſie nach einiger Zeit das letzte Lied aus Eugen's Nachlaß: Froͤhlich ſchwirrt die Schwalbe wieder Durch ihr altes liebes Thal, Alle Blumen bluͤhen wieder In des Fruhlings jungem Strahl—„ Er— iſt immer todt! Und ich bin in Qual und Noth. Morgens kehrt die Sonne wieder, Alles weckt ihr Saffranſtrahl, Jeder Vogel ſingt ihr Lieder, Alles ſchweift auf Berg und Thal— Er— iſt immer todt, und ich bin in Qual und Noth. Abends blüht der Monden wieder, Alles ſchwimmt in Silberlicht, Und die Sterne ſchau'n hernieder, Jede Nacht mir in's Geſicht— Er— iſt immer todt Und ich bin in Qual und Noth. Und die Schwalbe fliehet wieder Aus dem falben, oͤden Thal, Alle Blumen ſterben wieder,. Schnee verſchuͤttet Berg und Thal— Ich— bin noch nicht todt! Ach, ich bin in Qual und Noth. Schwirrt die Schwalbe froͤhlich wieder Durch ihr altes liebes Thal, Bluͤhen alle Blumen wieder In des Fruͤhlings jungen Strahl— Dann— dann bin ich todt! Bin ich weg aus Qual und Noth. Und als im neuen Fruͤhling eines Morgens die Schwalbe wieder durch das Thal ſchwirrte, da war ſie todt. 18 Als der Vater mit dem Lehrer lange ſtill betrach⸗ tend neben ihr geſeſſen, ſprach er Alles bedenkend und in ſeinen Tadel ausbrechend: Ich moͤchte die Liebe nicht tadeln! Denn ſie iſt das ſchoͤnſte Gluͤck des Menſchen in ſeinen ſchoͤnſten Jahren, und begruͤndet dauerndes Gluͤck, Freube und Genuͤge fur die folgenden alle, die ohne ſie leer ſtaͤnden, wie im Herbſt ein Garten ohne Fruͤchte, der im Lenz nicht gebluͤht! Aber wehe der Leidenſchaft, die ſo heißt, weil ſie Leiden ſchafft, dem, der ſie traͤgt, und dem, welchen ſie er⸗ greift. Aechte Liebe iſt ruhig und ruhig wirkſam, wenn Schefers neue Nov. 1v. 24 7 — 868— Eigenliebe und Neid— die gleich dem Haſſe ſind— ihr das geſtatten. Doch kein Gedanke iſt frevelhafter als dieſer: der Gegenſtand bedingt und rechtfertigt die Leidenſchaft; ſie darf, ja ſie ſoll ſo groß ſeyn, als er ſchoͤn und herrlich iſt! Welch' ein Schickſal hat ſie hier Allen bereitet! Und welches mir! Da liegt auch ſie, ihr Opfer!— Und nun er getadelt, nun weinte er. Darauf entſchuldigte, zuletzt lobte er, ja pries er ſelig Eugen und Liddy, die ſein noch bedurfte. Die unheimlichen Tage, wo der Menſch noch nicht dort, und doch nicht hier iſt, wo die Lebenden aus Furcht, ja Ehrfurcht vor ihm die Klage um ihn hem⸗ men, und wiederum auch leiſe ſprechen, als ob er nur ſchliefe— dieſe unheimlichen heiligen Tage vergingen in liebender Sorge und Thaͤtigkeit: die ſchoͤne Tochter dem Vater gegenwaͤrtig zu erhalten, wie Eugen für Liddy bewahrt worden. Und ſo war ſie ſchoͤner, ruh⸗ render anzuſchauen, als die heilige Roſalia, die nie ge⸗ liebt, die nie geliebt worden, nur— angebetet. Sanft entſchlafen erſchien hier Liddy. Ihre Zuͤge hatten ſich nicht verwandelt— ſie war da, ſie war ſchoͤn, ſie war jung, ſie war Alles wie vor— nur todt! Ihr Ant⸗ lis lächelte, als trete ſie leiſe an den Ort, wo ſie das Theuerſte erwartet— und doch war keine draͤngende Begierde darin ſichtbar; ja der Ausdruck des vollkom⸗ menſten Gluͤckes, den ihr Antlitz trug, ſcheuchte den Eintretenden ſanft zuruͤck, und verwies ihn zu Ruhe und Stille, ihr Gluck nicht zu ſtoͤren, das ſich darauf S — 36 wie das Sonnenbild auf klarer Welle ſpiegelte. Sie ſchaute etwas Seliges an, unbewegt an, aber im In⸗ nern, und Jeder mußte ihr das glauben, obgleich ihre Augen geſchloſſen waren. Und in dieſem Anſchaun war kein Kummer, nicht Glauben ſelbſt, noch Hoffnung! Denn: Was rein zum Himmel eingeh'n kann und wird, Das iſt die Liebe! Selbſt die großen Genien Der Menſchheit auf der Erde: Glaub' und Hoffnung, Sie muͤſſen vor den Himmelspforten bleiben— Sie ſind da nichts mehr, wo an ihre Stelle Erfuͤllung tritt und Anſchaun. Nur die Liebe Sie bleibt auch dort ſich gleich, weil ſie vom Himmel War! und auf Erden iſt ſie gleich wie droben Die Himmliſche, wie Goͤttern dort— hier Menſchen, und eine Seligkeit gewaͤhrt ſie Allen! Da ihr aber Eugen an ihrer Seite zu fehlen ſchien, und da er nicht ſichtbar neben ihr ruhen konnte, ſo ließ der Vater auch lieber die Tochter an ihrer Stelle unter die Marmortafeln des Fußbodens der Zelle ver⸗ ſenken, und ihren Eugen an ihrer Seite. Und ſo er⸗ ſchien die Wohnung der Todten leer und gehaltlos wie die alte heilige Erde, die doch zahlloſe ſchoͤne beweinte und unbeweinte Weſen— wie zerfloſſen in ſie— verbirgt. Und wie die ſtille Sonne uͤber der ſtillen, leeren Erde— die immer nur ein Geſchlecht, das liebende, leidende und ſcheidende traͤgt— ſo ſchwebte — der Engel hier uͤber der Ruheſtaͤtte der Unſichtbaren⸗ Nur ſtatt der Worte:„Er iſt nicht hin— er iſt auferſtanden,“ hielt er jetzt den Menſchen laͤchelnd die Worte entgegen: „Sie ſind nicht hin! „Sie ſind auferſtanden.“ —————.—— ſiiiſiſ 9 1 12 13 1 6 7 8 10 1. 15 16 2 1