„ Re——— S P 5 e Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. 0fensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ructgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wocheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: 1 Wr.— 1 W 50W 2 „„„„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * 3 Neue Povellen von Leopold S che5 Dritter Band. — Die Lebensverſicherung. 2. Violante Beccaria. Leipzig, be C. n 1 8 3 2. Die Lebensverſicherung. Schefers neue Nov. nI. IL. Der neue Doctor. Wo iſt Sie denn ſo lange geweſen? Frau Milt, Frau Mill! Sein Sie nicht boͤſe, Herr Doctor! Ich bin auch nicht gut. Aber erlauben Sie, daß ich mich ſetze und an Manual und Pedal mich ausruhe, ich bin mübe — denn bis auf die Zunge, alſo total, total! Hier, auf denſelben Großmutterſtuhl durft' ich mich bei My⸗ doctor Hammer auch immer ſetzen, ſelbſt wenn die vor⸗ nehmſten Damen zugegen waren, und aus Scheu vor mir und meinen Luxaugen nicht gern mit der Wahr⸗ heit heraus wollten; aber da ſagte Mydoctor: Sie iſt taub!— als naͤmlich Ich— und zum Beweiſe ſchalt er mich eine alte— gute Katze— als naͤmlich Mich! die das auch hinnahm! Aber die alte Katze hörte gar wohl und ſah durch die halbverſchloſſenen Augen gar ſchlau, und half ihm dann manch liebes Mal den rich⸗ 4* — tigen Punct treffen, L er zu artig auf Weiber⸗-Worte hoͤrte. Alſo ich bin taub! merken Sie ſich das ja! Aber ſo lange zu bleiben! Was wird nun aus dem Kochen? Braten will ich holen! und zur Strafe: fuͤr mein Geld. Sonſt hatten wir ſo nichts! Denn ſehen Sie, Herr Doctor, ich kam eigentlich zuerſt als Amme hier in Mydoctor Hammers Haus. Mydoctor hatte mei⸗ nen Mann— ſeinen Leibkutſcher— ob er gleich nur den Einen hatte— was man ſagt curirt, auf Kohl⸗ lik— ob er gleich wirklich auch Kohl gegeſſen— in⸗ deß mein ſeliger Leibkutſcher Hall, von ſeinem Fall mit der Lady Caroline— das ſpatlahme Thier! einen ganz andern, incorporirten Leibfehler hatte; und ſo bekam er den Brand, und ich als Penſion zugleich den Dienſt als Amme. Daher ſtammt auch mein Anſatz zum Dicke werden, denn den lieben Kindern zu Liebe wird uns Ammen alles mittelbare Gute reichlich aufgetiſcht, und wir duͤrfen frei uber alle Speiſen und Getraͤnke ziehn, es ſei Tag oder Nacht. Ach, das war eine ſchone Zeit, als wir noch Ammen waren— als naͤmlich Ich! Daher ſagte Mydoctor: Jeder Doctor muß auch die Zerlegekunſt oder Onotemnie ſtudirt haben, ſonſt kann er ſeines Leibkutſchers Frau in Penſion nehmen muͤſſen — als naͤmlich Mich! und jeder Chirurgus iſt ein blo⸗ ßer Schmierurgus, wenn er nicht weiß: Wem? Wo? Wie viel? Welcheme— Geſunden oder Kranken, er ſoll und darf, etwa nur zur Ader laſſen, geſchweige — 6— die Kuhpunctur machen, oder welches Nilo me tan- gere er nicht tuſchiren darf mit Hoͤllenſtein, was ſo ſchlimm ſei, als in der Bruſtentzuͤndung weniger als zwanzig Grad Tartarus Medicus in einer Doſe zu ge⸗ ben. Sehen Sie, und geſtern Abend hoͤrte ich: Mor⸗ gen— als naͤmlich heute— wuͤrden 3,000 Ammen aus Zwirnlein in Holland, auf dem Wege von Col⸗ cheſter herein nach London kommen. Mein Gott, das mußt' ich ſehen! Und was hab' ich geſehen?— Sie hatten alle Bärte, ja Einige— Hoͤrner und kamen auf allen Vieren. Und ein Staub— Puh! Aber unter den 30,000 neugierigen jungen Herren und eitlen Damen war ich nur eine Naͤrrin— die ſich ſelber zum Beſten gehabt; denn wenn man ſo alt iſt wie ich, läßt man ſich nicht mehr zum Narren haben. Sie lachen uͤber die 3000 Ziegen! Nein, weinen moͤchte man, daß ſolche baͤrtige, zwar auch geluͤſterne, aber doch weder Wein⸗, Braten- noch Gebacknis verſtaändige Thiere kommen, armen ehrlichen verſtändigen Maͤdchen und Weibern das Brot wegzunehmen— ohne es ge⸗ nießen zu koͤnnen! Dam, die Ziegen⸗Comité! Uns Aerzten thut das wenig Abbruch; meinte der Doctor. Vortheil ſoll es Ihnen bringen, Mydoctor! Denn ich bin nun bei Ihnen. Wo es nur die Gelegenheit gab, wo etwa in dem Morgennebel Jemand nicht recht ſahe, oder den Schnupfen bekam, oder ſchon hatte, oder huſtete, da ruͤhmte ich, als Unbekannte, den neuen Doctor Silvati, die und die Straße, bie und die Nummer, aber leider hochſtens ſehr fruͤh nur ein Stuͤnd⸗ chen zu Hauſe zu treffen! Manchem klang ihr Name ſo etwas italieniſch, und ſie wollten darum etwas zwei⸗ feln— ſie naͤmlich und nicht Ich. Aber ich ſagte, ein geſcheidter Doctor kann in Aftika ſelber ein ge⸗ ſcheidter Doctor ſein und werden. Noch haben Sie keinen Patienten gehabt— noch koͤnnten Sie Ihren Namen ändern, wenn es nicht ſpaͤter noch ehrenhafter iſt. Hat doch Ihr Vater ihm auch geändert, wie Sie mir ſagten, als er aus Italien gekommen, wo er Stivali oder Stiefel geheißen und als Kaufmann den Abſatz verloren, naͤmlich bankrot gemacht, und ſich hier durch eine reiche Parthie wieder vorgeſchuhet und auf die Beine gebracht. Ich möchte Sie auch gern auf die Beine bringen! Aber dazu iſt wenig Anſtalt! Du lieber Gott, da ſitzen wir und ſehen die lieben Buͤcher an! Ich zwar von draußen, und Sie von drinnen. Ihre Streifen Papier zu Recepten liegen noch unbe⸗ ruͤhrt aufgeſchichtet, die Treppe iſt ſo rein wie ich ſie fruͤh gewaſchen, und Sie— Sie ſehen noch gar nicht bekuͤmmert aus, und blaͤttern und ſuchen nicht in den Buͤchern, ſo wie Mydoctor Hammer, wenn er einen ellenlangen Krankenbrief erhalten. Freilich! trſtete ſie der Doctor durch Einſtimmen in ihre Klagen— worauf ſie gewiß dann widerſprach — das Studium iſt hier zu Lande ſo koſtbar, daß es die beſten Köpfe nur wählen können, wenn ſie ſchon gute Beutel haben. Mit der Miethe für bas leere, noch ganz honore Logis im Modeviertel und die im doppelten Sinne propern Kleider iſt vollends das Letzte darauf gegangen; und wenn ich nach den Intereſſen, die ich eing nommen, zu Kapital ſoll angeſchlagen werden, ſo bin ich ſo gut wie eine Aſſignate von der Griechi⸗ ſchen Anleihe; indeß ein Sinecuriſt, oder Biſchof der 10,000 Pfund des Jahres Einnahme, das heißt— Leibrente hat, doch ein Kapital von einer halben Mil⸗ lion werth iſt. Ja ein leiohaſter Schneider. der des Jahres nur ſeine hundert Pfund verdient, iſt ein Kapi⸗ tal von 1,000 Pfund und hat daher mit Recht ſeinen Nahn⸗adelſtolz, und auch der Staat weiß ihn zu ſchaͤ⸗ tzen, als hochzuver— ſteuerndes Staatsmitglied. Mein verhoͤrtes, verſchnittenes, verbuͤchertes, zerſeſſenes und vereſſenes Geld im Collegio war das Letzte von meinem Vater, der nun in Canada geſtorben, und nicht einmal ſeine Frau— meine Mutter— verlaſſen hat, da ſie ihn längſt ſchon verlaſſen, und kurz nachyer, als ich als Kind hieher gekommen, um nur fort aus dem Hauſe und in gute Schule gebracht zu werden, ſeinen Compagnon in— ich weiß nicht wo, geheirathet. Daher denn der Vater auch nie der Mutter mehr in ſeinen Briefen an mich erwähnt. Ich ſollte in des Vaters Religion erzogen werden; das hatte die Mutter nicht zugegeben. Darüͤber hatten ſie ſich in den Tert geredet, ſich erſt als zwei verſchiedene Weſen erkannt — und geſchieden. Und lebt ſie noch und käme ſie auch— hat ſie Vermögen? hat ſie nicht vielleicht mehr Kinder, die nun auch wohl ſchon groß ſind und beduͤr⸗ fen? Die Kinder zweiter Ehe ſcheinen den Weibern faſt immer die Erſten; die Kinder aus erſter Ehe ſind mei⸗ netwegen Wechſelbälge, die man ausſetzen, wenigſtens um Alles rechtſchaffen betruͤgen muß, um dem Vater das Vaterherz im Leibe zur Galle zu machen. Wird ſie mir mittheilen? Und ſoll ich von Ihr annehmen, da ſie wahrſcheinlich der Nagel zum Sarge des Vaters geweſen?— Still! kommt nicht Jemand? Nein! Niemand, total Niemand! Ich nahm eine Priſe in der Taſche aus der Doſe; das klapperte! Die Doſe iſt alt; ſie war einmal von Papiermaſchine, und weil ſie nun nicht mehr durch das hundertmalige Quit⸗ ſchen des Tages oder des Nachts ſich über mein Schnu⸗ pfen mokirt, ſo bekommt ſie das Gnadenbrot, alle Tage fuͤr einen Penny zwei Loth Doppel⸗Muyps oder ſchwarzes Gedankenpulver, und davon lebt ſie und meine Alte. Wenn Wir nicht wußten„was wir ewig kochen ſollten, da hab' ich ſchon manches gute Gericht aus der Doſe gehohlt. Sie wird mir noch ferner helfen in allen Leibesnoͤthen. Nur nicht den Muth verloren, ſondern gefunden! Denn Erſtens ſind Sie die Haupt⸗ ſache; ein Doctor! Am Doctor gehn alle Geſunden nur mit Ehrfurcht voruͤber, denn Alle wandeln, das wiſſen ſie Alle, fruͤher oder ſpäter total in ſeine Hände. Die Geſunden haben alle nur den Laufpaß von ihm, und er ſieht dem Dinge ſo ruhig zu. Unterdeß räth er bei Parlementsmitgliedern zum Kriege; er widerlegt es mit keiner Sylbe, daß das gelbe Fieber, die ſchwarze Blat⸗ ter, das rothe Rohr, der couleuriſche Morbus oder Tieffuß nicht anſteckend ſei; er erzaͤhlt den Fall, wo dem Geſandten die kleine Tochter nach der eingelympf⸗ ten Kuhpocke unheilbar erblindet und gar geſtorben, und tauſend dergleichen Faͤlle; er laͤßt in London fabricirte Allerhand continentale, wohl gar plumbirte Weine verkaufen, und kauft ſie nur nicht, ſondern laßt ſich vom Weinbrauer aͤchten Oldhock ſchenken. Und Alles dergleichen aus dieſem Fache. Drittens ſind Sie ein neuer Doctor! Und ein neuer Doctor iſt fuͤr das kranke Volk ein Kronprinz, der auf den Thron Eßcula⸗ pidis ſteigt— ſagte Mydoctor Hammer. Er wird der Held ſein, kein Menſch wird mehr leiden. Alle Uebel werden nun aufhören, alle Apotheker, mit ihren roth, blau und gruͤn illuminirten Waſſerglaͤſern werden ge⸗ ſchloſſen; die alten Kraͤuterweiber muͤſſen ihr den Zie⸗ gen und veredelten aus den Zähnen geriſſenes Kraut den Ziegen laſſen, das nur durch das bloße Hineintra⸗ gen in die Affizin zu Golde ward, und im Preiſe hun⸗ dertfach anſchwoll wie gepreßtes Heu aus Firlebock, wenn es pferdemaulrecht zergabelt wird. Die erſte Zeit, wo er ein neuer Erſter Lord der Schatzkammer des Todes iſt, muß er wahrnehmen— ich meine naͤmlich Snicht den Tod ſowohl, ſondern den Doctor— der muß ſie wahrnehmen, vor allen Dingen um zu heirathen und irgend wo eine reiche haͤbſche junge Dame wegzufiſchen; denn der Titel Doctor, der durch Doctor Swift, Doc⸗ tor Luther, Doetor Syntir und Zeter⸗ah, ſo lange und ſo vielfach beruhmt iſt, lokt die Madchen und Schwieg rmuͤtter natarlich mehr als ſein Gold; denn die Doctoren ſind heut zu Tage ſogar politiſche Herren geworden, die Königen und Miniſtern helfen, wenn es die Herſtellung ihrer Geſundheit erfordert, ſie auf das Land, ins Bad, auf eine Reiſe zu ſchi ken, oder länger krank zu erhalten, fruͤher geſund zu machen, wie es die Regierung hinter den Regierten-Häuptern verlangt. Das weiß jede Colcheſter-Auſternfrau aus allen Zeitungen. Und wird die ganze Fimilie krank, ſo muß der Herr Schwiegerſohn Alle ohne Laus⸗Theeo curiren, und hoffentlich gut, wenn nicht eine Erbſchaft ins Spiel kommt. Erſtens alſo, ſind Sie ein huͤbſcher Herr, wie es nicht Wenige giebt in England, ſogar in London. Drohen Sie mir nicht mit dem Finger— ich bin viel zu alt, als daß ich das ſagen kann, und habe mich nicht ſelber mehr zum Beſten, wie bei My⸗ doctor Hammer, der mir nie, nach ſeiner Seligen Tode die Ausſicht raubte, einmal meine eigne Mydottor Hammern zu werden, auch mich in ihrem Bette ſchla⸗ fen ließ, Alles nur, wie ich blinde Gans nun ſehe, um ſeine Wirthſchaft ſo ehrlich zu fuͤhren wie eine Frau. Hätt' ich ihn nur zum Scheine verſteht ſich, recht tuͤchtig betrogen, recht plump und offenbar, vielleicht hatt' er mich dann geheirathet! denn ich war ſonſt in Allem ſein Damulus. Sie brauch' ich nun nicht zu betruͤgen, das ſehen Sie deutlich an mir. Ich möchte nur, daß Wir wieder ſo gute Baßtetchen und Soſuͤß⸗ chen braten und backen koͤnnten wie bei Myooctor Hammer. Mehr wuͤnſch' ich nicht. Darum ſollen Sie haben. Darum Zweitens, muͤſſen Sie es ſo ma⸗ chen wie Mydoctor Ha——— II. Der erſte Kunde. Halt! ein Equi⸗Page hält! Hier vor dem Hauſe! — unterbrach ſie ſich ſelber. Ich muß doch am Fen⸗ ſter lugen. Es wohnt ja ſonſt Niemand mehr hier. Mydoctor, Mydoctor!— ein vornehmer Tuͤrke ſteigt aus! jetzt war er herein! Nun Gott ſei gedankt! Die Saalthuͤr klingelt— ach, das klingt wieder herrlich, wie Kirchenglocken. Nun ſteht er draußen und weiß nicht, in welche Thuͤr. Wie er in Sorgen ſteht, und mit Herzklopfen. Nein, daß ich wieder die Freude erlebe! 6 Gehe Sie, fuͤhre Sie ihn ſogleich herein, Frau Mill! Frau Mill aber ſtemmte die Haͤnde unter und ſprach in gedaͤmpftem Tone: Was? Mydoctor! Mit nichten. Das waͤre der Weg! hinausgehn will ich, hoͤre ihn an und aus, und nach dem, Wer er iſt, mache ich ihm meine gehorſame Dienerin, ſo tief, oder ſo ſeicht.— Aber Der— er raͤuſpert ſich ja! das iſt — 16— kein vornehmer Herr! Die brechen gleich ein, und ſto⸗ ßen Einen wohl gar zur Seite in die Seite, wenn man nicht jung mehr iſt— ſo iſt, ach ſonſt, greifen ſie Einem wohl auch an das Kinn. Ich muß ſchon gehn! Aber ſein Sie maͤuſe⸗ und rattenſtill! Denn — muß er hoͤren und glauben. Sie ſtecken bis uͤber die Ohren in Gedanken! Sie haben auswärtige wichtige Briefe zu beantworten, und die groben Reitknechte im Schnapsladen daneben wollen gar nicht mehr warten! In einer halben, in einer Stunde, langſtens in einer und einer halben Stunde waͤre vielleicht Hoffnung, zu Mydoctor vorgelaſſen zn werden. In der Nacht gilt das freilich nicht— wenn nicht ein vorgeſchuͤtzter Cri⸗ ticus⸗Schweiß aus der Noth hilft und im Bett läßt, oder eine Krankheit!— denn auch ein Doctor iſt ein Menſch, ein Geſunder kann krank werden, und ein Kranker ſterben, wie man der Beiſpiele hat! Alſo kann ein Geſunder ſterben! Der Schuß iſt richtig, beſonders in anſteckenden Krankheiten! Da legte ſich Mydoctor in Zeiten an, um ſie zu umgehn, oder zu verliegen, und hatte noch obendrein den guͤnſtigen Ruf, daß er ſich ſo ausgeſetzt! Das war unſte ſchoͤnſte Zeit! Da ward das Beſte gegeſſen und getrunken und Alles ſo heimlich! da ſchmeckt es am beſten!— Nun, nun, ich gehe ja ſchon! Der neue Doctor hoͤrte jetzt, wie der Tuͤrke in — wie Felſenſtuͤcke— hervorgepolterten Engliſch ſeine Worte ausſtieß, und Frau Mill ſeinen Ohren das Alles — 44— gleichſam löffelweiſe einzunehmen gab, was ſie ihm zu ſagen ſich vorgeſetzt. Nach kurzer Friſt brachte ſie eine Adreß⸗Charte herein, und zeigte auf der andern Hand ein Silberſtuͤck— eine Krone—„fuͤr ſchleunige Meldung.“ Aber die Adreſſe war an Doctor Hammer ja von ihm ſelbſt. Er gab ſie zuruͤck. Sie ſtutzte zum Schein, aber nur einen Augenblick, und ſagte dann lachend: Sehen Sie, was Ihnen das einbringt, daß Sie ſchon in eines Doctors Wohnung wohnen! Die Menſchen zollen ja Häuſern und Steinen, Tiſchen und Bänken die angeborne und angelernte Ehrfurcht! Wer auf dem alten ſogenannten heiligen Stuhle ſitzt— iſt heilig, bei Pfänderſtrafe; ein neuer blutjunger nur eben auch ſchwarzer Pfarrer auf der alten Kanzel, ein neuer Sprecher auf dem alten Wollſack— und der alte Reſpect wankt und weicht nicht, und wenn die Herren alle das ewige Leben gar wohl verdienten. Wie gut war alſo mein Rath, mich in meinem Stuͤbchen zu laſſen, darinnen ich einſam ſitzen geblieben, weil noch die Miethe bezahlt war; und daß Sie des Stadtbe⸗ ruhmten Doctor Hammers Wohnung bezogen! Sir Ben⸗John, der ſeinen Sclaven, oder was er ſein mag, ſchickt— iſt krank; nun muͤßte ſeine Krankheit Wahn⸗ ſinn ſein, wenn ihm ein lebender Doctor nicht lieber wäre als ein todter, der nicht mehr aufzutreiben iſt. Das iſt bei Manchem gar ſehr die Frage, verſetzte Doctor Silvati; er kann einen Andern, Lebenden wuͤn⸗ ſchen; daher ſende Sie den Muſelmann mit der Abreſſe zuruͤck— und was Sie ſonſt zum Beſcheide will ſagen! nur beſcheiden! Nun ſo wiſſen Sie denn: der Tuͤrke weiß ſchon von mir, daß nun ein neuer Doctor, und nicht der ſeligentſchlafene Hammer hier wohnt, und ſagte: Sie moͤchten Hammer, Zange, ja Amboß heißen— ſein Herr habe ihm nachgerufen, den Doctor zu bringen, todt oder lebendig! Dabei ſtrich er den Bart und zog den Säbel— und horch! wahrhaftig er geht nun Schildwache vor der Thuͤr! Laſſen Sie ihn denn gehen in Gotts Namen, oder in Mahomets, wenn die Tuͤrken einen andern Gott haben und haben koͤnnen als wir Rechtglaͤubigen, was denn dahinſteht, und Gott befohlen ſei! Warten aber muß er, gehend, krumm⸗ ſitzend, oder ſtehend— um Ihres kuͤnftigen Rufes wil⸗ len. Ich laſſe Sie noch nicht fort! Das weiß ich von Mydoctor. Und ſo hören Sie mich gelaſſen an, was Sie Ihm noch Alles nachzuthun haben; Wir wurden nur unterbrochen. Und die Charte mit der Hand ber deckend, ſagte ſie: Fuͤnftens, glaub' ich. Er ließ in alle Zeitungen Dankſagungen fuͤr Curen ſetzen, die er unbekannterweiſe ſelbſt in die Druckereien trug und bezahlte, als der Eine Repräſident der Vielen Geneſeten, die— weislich aus⸗ gedacht— am beſten ſelbſt nicht dem Namen nach fubſiſtiren durften! Wer weiß denn in London, wer in London nicht lebt? da ſelbſt die Lebenden die Leben⸗ den kaum alle beſſer kennen, als die Todten die Leben⸗ digen. Erſt kam Eine und dieſelbe Belobungsadreſſe in alle Blaͤtter, da jedes nach ſeiner Stimmung nur ſeinen Bienenſtock hat, in welchem es widerſummt. Nachher beſann er ſich. Er ließ ſich im Courier beloben als ſchnell zu Huͤlfe eilender Doctor— da kamen nun Alle, die Hals oder Beine gebrochen, daß es eine Freude war, die armen Menſchen zu ſehn. In dem Star ließ er ſich als Augendoctor beſchwa⸗ tzen— da kamen die Ganz⸗ und Halbblinden, Rechen⸗ meiſter, Kalklader, Optikuße, und Maiochſen oder Mei⸗ opſe, wie es heißt, und Zeter⸗ah. In die Times ließ er ſich als gruͤndlicher Arzt fuͤr die Chronologiſchen Kranken ruͤcken, bei deren Cur die Zeit das Beſte thut. In der Standard empfahl er ſich, alte oder neue Cavallerie- und Infanterie- auch Artillerie-Hieb⸗ und Schußwunden zu curiren.— Da kamen die huͤbſchen Offiziere zum Augenwehthun, huͤbſche Mannſchaft, bis auf den Hieb oder Schuß, den ein Jeder hatte. In der damals ganz funkelneuen Lanzette, die jetzt dem alten Sauerteige der alten Quackſalber den Krieg erklaͤrt und die Jungen ſelbſt in den Harniſch gejagt hat, und Allen das Blut ins Geſicht, und die den Kranken und Ge⸗ ſunden den Staar ſticht, daß ſie die Augen aufthun, und auf behalten ſollen, und die jeden Fuſcher einen Fuſcher nennt und ſeinen Namen dazu— darin ſtand er als Operate⸗ur. Da brachten ſie ihm nun die Leute auf Wagen gebracht. Als er nun auch noch im Herold fich dem hohen Adel empfohlen, und in das Monatliche Magazin ſich als Weiberdoctor hinge⸗ tragen— da kamen Weiber, mein Gott, daß mir noch die Ohren von horen, und die Zunge von fragen und antworten weh thun. In der Abendpoſt dank⸗ ten ihm ſelbſterſchaffene junge Leute fur gluͤckliche Hei⸗ lung— da hatte der Bediente vollauf zn melden. Als er aber zuletzt im Mitternachtsblatte ſich auch als Kinderdoctor gehoörig bedanken laſſen mit Thränen gluͤck⸗ licher Aeltern, daß ich ſelber vor Ruͤhrung auf das Blatt mußte weinen— da kamen Muͤtter, Väter, Witwer, Witwen und Waiſen, und ich hatte nur Gin⸗ gerbread und ander Gebackniß genug auszutheilen, daß unterdeſſen den Kindern die liebe lange Zeit nicht lang ward, bis ſie zur Ehre kamen. Da ging es zu Men⸗ ſchen und Gelde! Da bekam My⸗Hammer einen Stiel! Aber das Mittel iſt halb ausgedroſchen. Darum rathe ich ſiebentens: Sie ſchicken einen gemietheten ſtummen Emphehlungsmann in die Stadt aus, der ſich in den Straßen, Tavernen, Läden und auf den Squares ge⸗ duldig ableſen, wenden und bekehren laͤßt, wie eine alte Betſchweſter, oder richtiger geſagt: wie ein Wegweiſer. Hinten, was Sie fuͤr Curen gemacht; vorn ihre Adreſſe mit Hausnummer, Alles wohl und ſchicklich angebracht auf dem weiten ſteifen pappenen Oberrock. Klappern gehört zum Handwerk, und mein Gott, in London klappert Alles, und wer in den lieben heutigen juͤngſten Tag nicht ſelbſt die Poſaune bläßt, der ſteht Schefers nene Nov, III. 2 auch nicht mit auf! Und doch iſt mit bloßen Kunden, das heißt mit armen, noch nichts gethan! Die Wahl muß man haben! ſagte Mydoctor; und wer waͤhlt da nicht lieber die reichen Suͤnder, ſtatt der Armen, die ihre Hinrichtung nicht bezahlen köͤnnen?— das ſagte er nur jokkoſe, wie er ſagte. Wenig Kunden und doch viel Geld, war ſein Cymbalum. Damit nun die Herren und Frauen auch Jungfrauen und Junggeſellen Pazzienten ihm Viel bezahlen— denn der Kaiſer ſchenét Niemand einen Groſchen, wenn er in Noth kommt, ſondern Louisd'ors zu Hunderten— darum ſchien er erſt reich, bis er es ward durch den Schein. Einem reichen Doctor ſchaͤmt ſich ſelber der Aermſte: Wenig zu geben, und giebt lieber gar nichts, weiß ich zu ſa⸗ gen— und die Schaam iſt gut, ja ſehr heilſam bei Reichen, die auch billiger wegzukommen denken, aber nicht ſagen, wenn ſie die nach Golde riechende Cur⸗ Pill nicht erſt erwarten. Darum, neuntens, lag in dem großen Vorſal das Silberzeug nur ſo verſtreut! Da ſtuͤrzte ein großes emahlirtes Theebret von Silber, ſchwer, daß mir die Achſeln noch wehthun, wenn ich gedenke, ich trage es noch unter die armen Leute hin⸗ aus— und das mußt' ich des Tages vielmal— ver⸗ goldete Loͤffel nicht Loͤffelein, prachtvolle Taſſen von China⸗Waare ſtanden in den Ecken auf Roſenholz⸗ trumeaux und buffets; jammerſchade blauſammtene Sofa's fuͤr die Lummel von Kammerdienern und Leſchel von Bedienten; hohe Gardinen von ſchwerem Carmoiſin mit Gold beſetzt hingen tief auf den ganz tuͤrkiſchen Teppich herab; eine faſt erſchreckliche ſilberne Glocke— wenn man eingenickt war, rief zu Mydoctor— kurz es war Alles ganz jaͤmmerlich anzuſehn, daß Einem das Herz im Leibe nicht lachte— bis es bezahlt war! Denn alle Tage rißkirten Wir, riſſen die Kaufleute, die auch Borgleute ſind, Alles das Ihre wieder herun⸗ ter, und truͤgen es fort, oder ließen es ſich tali quali höflichſt wieder ausbitten, wie es erſt vor acht Tagen Moydoctors lachende Erben gemacht— daß mich der Bock ſtieß! Doctor Silvati, voll Gedanken, hatte Frau Mill nur ſprechen geſehn, kaum gehort, indeß er ſich anzog. Während er nun den ſuperfeinen Bratenrock von Super⸗ electoralwolle herausnohm, und Frau Mill ihm das „wie geſchneite“ baptiſtene Vorhemd hinlegte, und er ſich fertig machte, ſeine Jungfercur zu unternehmen, gewann ſie noch Zeit ihm zu ſagen: Ach Gott, wie gern ſteckte ich Ihnen nun eine große goldene Doſe in die Rocktaſche! Denn erſtlich— hätte ich ſelber Eine, und Sie zugleich und wenn auch nicht zugleich, doch ſo gut als Ich. Mit einer goldenen Doſe tritt man ganz anders auf, denn welcher Doctor wird ſich— denkt Jeder— eine kaufen?— es iſt alſo eine ſoge⸗ nannte Dank⸗ und Ehrendoſe— als wenn die Naſen ſich um Haus, Hof und Staat vorzuͤglich verdient gemacht. Aber Sie haben nur Eine, von einer weiß Gott ſchon wie lange todten Schildkröte. Und nun ſoll ich 2* Ihre liebe weiße runde Hand gar ohne Ringe dahinfah⸗ ren ſehen, und ſo gern wie Mydoctor Hammer ſteckte ich Ihnen gern alle Finger voll Schmarrachten, und Karfiole! Denn Er hatte Zwei goldene Doſen, Zwei; naͤmlich eine Miniſterville, voll Prinz⸗Regent, und eine Oppoſitionsdoſe mit Spagniol oder Pariſer— nach den politiſchen Conjecturen, und nachdem er nun zu Einem oder dem Andern ſolcher wandelbaren Herren fuhr; ja er nahm ſie ſpaͤter ſtets Beide mit, wenn von einer Krankheit zur andern der Herr unterdeß in das Oberhaus gewackelt war zur Gegenparthei, wenn er bei der Seinen angefangen zu wackeln und wanken; denn eine Doſe iſt ein ſehr procedurliches Geſchenk, und auf Moydoctors Doſen ſtand der Name eines ſolchen— wo moͤglich geſtorbenen Herren, und das war ſehr leicht moglich— eingegraben mit der Jahreszahl, ein Paar Jahre vor ſeiner letzten— alſo immer nicht ganz ehren⸗ haften— Krankheit, mit der Theewieſe:„Fur Lebens⸗ rettung“— meinem wackern Doctor Hammer.— Spaͤter hatte er ſie zum Wechſel auch noch mit Juwe⸗ len vom Juden. Denn immer Daſſelbige haben und tragen: Rock, Weſte, Hoſen und Doſen, auch Hau⸗ ben und Tuͤcher— ich meine nur Eine und Eins bis an ſein ſeliges Ende— zeigt Armuth, Allen ſchaͤdliche Armuth, aber dem Doctor am meiſten!— Und die Ringe!— In der Zeit, da ich noch den zinnernen Efloͤffel⸗Stiel als ſilbernes Kaffeeloͤffelchen gebrauchen mußte, da waren freilich die Steine erſt falſche geborgte! —— dann aber geborgte aͤchte, geborgte Tophaſen— zuletzt bezahlte Diamanten. Doch ich habe Credit! Und ein Equi⸗Page! Ach Gott, daß ich Sie ſoll in geſchickten Pferden und Wagen dahinraſſeln ſehen, das halten meine Augen nicht aus, ich muß mir die Ohren zu⸗ halten; und ſollte ich Sie wohl gar zu Fuße nach Hauſe ſtolpern ſehen, wie einen gemeinen Raſanten, und noch dazu ohne rothpluſchenen alten wie abraſirten Raſirbeu⸗ tel— da ruͤhrt es mich gleich auf der Stelle! Ein Equi⸗Page iſt das Erſte. Wer zu Fuße kommt, der kann Nichts! Selbſt kein Sprach⸗, Geſang⸗ und Turn⸗ Lehrer, kein Tanz⸗, Clavier- und Tranſchier-Meiſter; und er kann wirklich in London Nichts, ſonſt hatt' er Etwas in London, alſo auch Equipage. Der Schuß iſt richtig! ſagte Mydoctor. Der neue Doctor war fertig, und ſah noch mit einem duͤſteren Blick in den Spiegel, waͤhrend er die Handſchuh anzog. Frau Hill bezupfte ihm die Hals⸗ krauſe und die Schleife, betrachtete ihr Doctorchen wohlgefällig, klopfte ihm auf die Backen und ſagte: Noch Eins!— das Aller⸗aller Wichtigſte von Allen! Iſt nicht etwa eine oder die andere vornehme Dame von Ihrer Bekanntſchaft? Da waͤre was zu machen, und ich hätte was im Sinn. Warum? Was? frug Er drängend. Run ich denke jetzt nur, meinte ſie. Ein vor⸗ nehmer Kranker— Der rettet dem Dortor das Leben, und bringt Ihn auf die Beine. Ich erinnere mich der Worte noch wohl: Den Arzt macht nicht beruͤhmt, daß er Vielen das Leben erhalten hat, denn das vergeſſen die Leute, jund bieten dem Doctor dann kaum einen guten Morgen, oder guten Tag, der ihnen Monate und Jahre nicht allein geboten, ſondern wirklich ge⸗ ſchenkt hat; nein, ſondern daß er Viele— am lieb⸗ ſten Vornehme curirt hat, naͤmlich daß ihm Viele ge⸗ ſtorben ſind, das vergißt Keiner ſo leicht, am wenig⸗ ſten die Vornehmen. Die Armen zählen nicht, und werden nicht gezahlt. Nun kommt die Sache! Hat ein Doctor nun, was man ſagt, abgeliefert— das gibt ihm und Andern Zutrauen und ſetzt Erfahrung voraus— wenn es auch keine gibt, ſagte Mydoctor Hammer. Hätte ſie nicht ſo geſprochen, Frau Mill, ſo hätte ich ihr geſchwind noch eine ſehr vornehme Freun⸗ din genannt, jetzt verheirathet, die ich ſonſt als Mad⸗ chen ſehr oft mit ihrem Bruder vom Collegio aus noch bei ihren Aeltern geſehen, und die mir ſehr wohl wollte, und vielleicht noch will, ja die in der Zeit, wo die jungen Maͤdchen mit Recht gleich Den heirathen wol⸗ len, der ihres Herzens erſte Entfaltung geſehn, und davon bezaubert iſt— mich geheirathet hätte, wenn ſie nicht ſelber glaubte, warten zu muͤſſen auf mich. Aber in der Erwartung zogen ihr alle andere Wuͤnſche der Maͤdchen ins Herz, und die Kenntniß der Welt, naͤmlich: des Geldes, des Standes, der Ver⸗ bindungen, die ihnen gar nichts taugt, und ſie nur abwendig macht, ohne ſie je mehr etwas ſo Liebem und Theuerem zuzuwenden. Deswegen aber bleibt ſie mir werth, und deſto mehr zu bedauern, ſo daß ich ſie ihr nicht nenne, Frau Mill! Ich muß fort. Hab' ich denn geſagt, daß Sie die werthe Perſon curiren ſollen? Weiß ich denn, ob ſie krank iſt? Aber das weiß ich, daß, wenn ſie ſich Ihnen zu Liebe und zur Ehre nur ein vierzehn Tage bis drei Wochen krank ſtellte, naͤmlich ſich zu Bett legte, ja wenn ihre Krankheit ganz namenlos bliebe— daß viele ſchone Damen, die erfuͤhren, daß Sie die arme kranke Lady ſd ſchoͤn und bluͤhend wieder hergeſtellt— und ſo ihre Krankheit verſchwiegen, Sie uͤberſchwemmen wuͤrden mit Briefen und Gold. Zum Lohne koͤnnte die ganz charmante Perſon Ihnen dann aus Liebe Pferde und Wagen nebſt auf ein Jahr voraus apanagirtem Kutſcher ſchenken, und der Herr Mann muͤßte Sie noch ſegnen, und die Equipage dahin— das heißt daher zu Ihnen fahren ſehen! Remiſe und Stall iſt leer!— Nun? hat ſie nun noch keinen Namen? Alte Here!— vielleicht morgen oder uͤbermorgen! Sonſt laͤuft ſie noch heut zu Mylady Will⸗William! Die Alte biß ſich auf die Lippen und nahm die alte Here nicht uͤbel, da Mydoctor wirklich blos in der Zerſtreuung ihr deutlich den Namen genannt. Schon an der Thuͤr ſprach ſie vergnuͤgt: Nun kann ich doch fur die Krone ein gutes Mittagseſſen zu Abend beſorgen! Denn Ihre Beſuchsguinee darf nicht angeriſſen werden! Die wird mit einem Stuͤck Brot und Rhabarber in irgend ein Stuͤck von einem Kran⸗ ken eingewickelt und vor der Hand noch in die leere Caſſe gelegt. Da hat man immer Geld! da giebt es immer Kranke, die Gott ſei Dank nie ausſterben! Und ja das Rezept— wie der General die Marſchordre ſchreibt, huͤbſch eilig geſchrieben, und etwas arabiſch, ſo, daß es kaum die ganze zuſammengelaufene Apotheke zuſammenbringt, und gleich nach zwei, drei Fragen an den Kranken ohne langes Sumiliren; und huͤbſch theuere Medicin! denn was nur einen Penny koſtet, dazu hat kaum ein Armer Zutrauen, geſchweige ein Reicher; denn in der Krankheit glaubt Jeder eine große Anſtren⸗ gung, ein großes Opfer Gott und den Menſchen brin⸗ gen zu muͤſſen, alſo auch dem Doctor und Apotheker. Das macht die Suͤnde in dem Kranken, die Reue, die Schwäche an Kraft und Verſtand, ſagte My⸗ doctor. Schon gut, ſchon gut; ſprach er, die Thuͤr offnend, und das Stoßgebet der jungen Doctoren betend, die zu ihrem erſten offiziellen und offizinellen Kranken gehn. Nun gehn Sie mit Gott! druckte ihm Frau Mill die Hand; mit Gott an ihre Jungfercur! Denn— a Nemine salus! von Gott kommt Geſundheit— ſagte Mydoctor. Der Tuͤrke grußte ehrerbietig in ſeiner Weiſe; er ließ den Doctor vorausgehn, mußte gegen ſeine Art, ihm nacheilen; ſie ſtiegen ein, und der Wagen rollte dahin, waährend Frau Mill vor Freude vergaß die Ohren ſich zuzuhalten. III. Der Doctor ward in einem großen Hauſe die Treppe hinauf in die Bibliothek gewieſen, wo ihn ſein Begleiter einlud, ſich niederzulaſſen und ſich entfernte. Alſo nicht gleich an das Krankenbett! dachte er. Alſo ſehr krank, oder nicht ſehr. Eines gut, das An⸗ dere beſſer. Er hatte alle tauſend Krankheiten im Kopfe, und alle Stroh⸗Betten mit Kranken aus dem Clinicum zogen an ihm wie Geiſter voruͤber. In wel⸗ che Apotheke aber ſollte er das Rezept, empfehlen ja befehlen zu ſchicken. Denn Er war nun der Herr im Hauſe über Schweigen und Reden, Geld und Gut, Leben und Tod, Gluͤck oder Ungluͤck, ob er gleich als Anfaͤnger noch daran zweiſelte. Sollte er die Lowen⸗ apotheke ruͤhmen? er kanle ſie nicht; den Mohrenapo⸗ theker? Er hatte ihm, wie der heilige Geiſtapotheker, noch kein Geſchenk gemacht. Keiner von allen Adlern, — 27— Elephanten, Engeln und Kaiſern, veder Mahmud, Franz oder Nicolai hatte ſich noch geruͤhrt und ſich wit⸗ tern laſſen. Alſo auf gut Gluͤck— der Engel! Siehe da daͤuchte ihm, als ſchwebe der Engel ſchon herein mit einer— Banknote. Er ſahe die lieb⸗ liche Geſtalt an. Ja, es war die ſchoͤne morgenlaͤn⸗ diſche Tracht! es war das himmliſche Geſicht! das Auge, das, wie an der Sonne angezuͤndet, brannte! und doch die ſanfte Blaͤſſe auf dem Antlitz wie Licht, ohne Tag, ohne den leiſeſten Dammer der Morgen⸗ roͤthe! Aber jetzt brach Roſengluth wie aus Wolken auf ihren Wangen hervor, die erdbeerrothen Lippen ſchloſſen ſich gepreßt, und die ſchwarzen Augen ſtanden auf ihn geheftet, wie große ſchwarze blitzende Corallen, und vergingen ihr, und das Maͤdchen erſchien und war abweſend— ob ſie zugleich auch ſo himmliſch gegenwaͤrtig war, und kaum drei Schritt vor ihm ſchweigend, und wie nicht die irdiſche Luft des Aethers zum Daſein beduͤrfend, vor ihm ſtand. Das Blatt entfiel ihrer Hand; er buͤckte ſich und hob es auf. Er ſah, es war noch naß und hielt es. Als er aber wieder auf die ſchoͤne junge Geſtalt ſahe, da war ſie verwandelt, und eine ganz Andre. Sie lächelte; uͤber ſich, oder uͤber ihn. Sie kuͤßte ihre roſigen Fingerſpitzen und legte die Hand auf das Herz, um ihn zu begruͤßen. Sie deutete ihm, zu leſen, ſich zu ſetzen! So lange ſtand ſie; dann ging ſie ſelber — 28— leis und ſette ſch auf abendlaͤndiſch, nicht eben zu fern, auf dem Sofa ihm gegenuͤber, ſtuͤtzte den Arm unter, und ſchien ihn nicht zu bemerken, oder nicht ſtoͤren zu wollen, noch zu duͤrfen. Der Doctor las nun unter Herzklopfen den offenen Brief leiſe fuͤr ſich. IV. Das Ehehinderniß. „Lieber Doctor!“ „Zuerſt: Wer der Patient iſt: Ein Mann von acht „und vierzig Jahren, ja durch und durch beruͤhmter „Acht und vierziger, wenn man das iſt, was man ißt „und— trinkt. Kerngeſund. Erſchrecken Sie „nicht! laufen Sie guͤtigſt nicht fort! Denn bin ich „auch kerngeſund— da ich in tauſend Fährlichkeiten „zu Waſſer und zu Lande, in Krieg und Frieden bei „Säbel und Flaſche, noch nicht Einen Tag krank ge⸗ „weſen bin, wenn Sie raſende Zahnſchmerzen nicht „zu den Krankheiten zählen, indem die Herren Doc⸗ „toren ſagen:„An Schmerzen ſtirbt kein Menſch! „Schmerzen und Heulen heilen wir nicht,“ ja ein „gewiſſer Franzoſe ſogar die Wohlthätigkeit der Schmer⸗ „zen in Krankheiten erwieſen hat, wie alles in der „Medizin erwieſen iſt, und Alles nur beſteht— auf „Zeit; wie unſer unuͤberwindlicher turkiſcher Kaiſer, „und zugleich türkiſcher Papſt ohnlängſt ſo ſchoͤn es „ausgeſprochen— ſo iſt doch meine Schale nicht „recht geſund. Denn ich bin leider ein ausgezeichneter „Menſch; ich habe naͤmlich das Roth der Wangen— „es muß heraus— auf der Naſe. Mit einem Wort: „ich habe eine rothe Naſe, und eine tuͤchtige, da ſie „fuͤr einen Tuͤrken ſogar nicht um Vieles zu groß iſt. „Gottlob, daß es heraus iſt! Und ich ſchreibe Ihnen „deswegen dieſes Offene, damit dann bei der Inſpec⸗ „tion des Patienten an mir, und am ſichtbarſten „Theile zwar, naͤmlich im Geſicht,— das bei Uns „nur die Damen verſchleiern bei Mord und Todtſchlag „nicht mit einem Worte die Rede iſt. Im Dialog „vor Ihnen ſtehend, werde ich Ihnen Muße laſſen, den „Kranken zu muſtern und in Augenſchein zu nehmen, „denn er funkelt beinahe, und wuͤrde mir ſelbſt aus „dem Schleier ſcheinen, wenn ich das Gluͤck hätte, eine „Dame mit rother Naſe zu ſein. Denn auf der „Spitze ſtemmt ſich der Schleier gewöhnlich. Der „Patient muß von Ihnen wie ein Taubſtummer be⸗ „handelt werden, denn er kann nur nieſen— wenn „Ihnen dieß zur Explorirung nöthig iſt— oder Sie „muͤſſen denken, es ſei ein ſtummer Gimpel, ein „Dompfaff, ein junger rother amerikaniſcher Rabe, „oder ein durch das 10,000 Mal vergroößernde rothe „Sonnenteleskpp angeſehenes anſehnliches Cochenille⸗ „wuͤrmchen, und der Patient ſchluge fuͤr dießmal in „die Thierarzneikunde. Es wird Sie alſo nicht irre * „machen durch Angabe von tauſenderlei Urſachen, als „da waͤren: einige tauſend Flaſchen Acht und vierziger, „die ſein Herr oder Vorgeſetzter ihm vor der Naſe „weggetrunken, in Frankreich einige Paar Orhofte „Clairet und weißen Bourdeaux, in Creta als Phil⸗ „hellene ein einziges Schock Bavile Cyperwein, leider „catramirt, das heißt mit Pech verdorben, oder mft „Cypreſſenharz infam gemacht, aus Nectar zu umge⸗ „ſchlagenen Neckar; noch wird er Sie plagen mit „Bitten: ihn ſeinet Frau und ſeinen Kindern zu „retten; noch wird er ſich ſelber durch Angſt uͤber „vernommene—— ſchaden, ſondern in Geduld „etwanige Schmetzen und Ihre Mittel dulden. Des⸗ „wegen werden auch die lieben Thiere leichter und „ſchneller geheilt, weil ſie dem Arzt keine urſache „der Krankheit anzeigen, ſondern er es ganz allein mit „der puren reinen Krankheit als Krankheit zu thun „hat, die eben blos und allein der Gegenſtand der Hei⸗ „lung des Doetors iſt. Sonſt wäre er ja Keiner! „und man koönnte ſich dreiſt vor allen Krankhtiten „huͤten, wenn ſie Folgen von Urſachen waͤren, vor „denen man ſich dann huͤtete, wenn man Verſtand „haͤtte.“ Das iſt zu arg! ſagte Doctor Silvati laut zů ſich, und ſtand auf; eine rothe Naſe! die ſoll meine erſte Kranke ſein! Sollen wir Doctoren auch noch Kosmeti⸗ ker werden, wie die Mathematiker: Maſchiniſten, die Optiker: Brillenmacher, und die Chemiker: Weinpro⸗ benerfinder? Hat Sokrates die Philoſophie vom Him⸗ mel auf die Erde in Schuhmacher- und Schneiderher⸗ bergen gefuͤhrt, ſollen Wir die himmliſche Medizin auf Na——. Er hielt inne, denn er ſchaͤmte ſich. Er ſahe auf die ſchoͤne Turkin. Sie laͤchelte erſt fur ſich in den Schooß, ſahe auf, und lächelte ihn dann ſo gutmuͤthig an! Und ſo dacht' er nur, viel weniger unwillig: Kann man— und wenn der Herr Laternen⸗ traͤger des ſchoͤnen Maͤdchens Vater oder Bruder iſt— kann man nicht mit einer rothen Naſe ſelig leben und ſterben? Denn wenn er todt iſt, wird ſie ja wieder ſchneeweiß, daß die eigenen Weinflaſchencollegen ihren Herrn Bruder in Bacho, und nun in Chriſto— nicht mehr kennen. Hoͤchſtens das Bischen fliegende Hitze! — Iſt ſie im Winter oder hier in England das ganze Jahr nicht ſogar wohlthätig? als ſchien' uns die Sonne warm in's Geſicht, auch wenn es ſtockfinſter iſt! Gibt ſie ihren Herren oder Vorgeſetzten nicht den Anſchein des Reichthums? Denn bei dem beſten Willen dazu, bringen es tauſend arme Teufel mit ihrem tagtäglichen Viertelchen in der Weinſtube nicht bis zum rothen Naſenorden, gleichſam dem vierzigßen Grad in der Maurerei oder Trinkerei! Und erkennt nicht Jeder mit Seufzen den Inhaber als Meiſter vom Stuhl!— Warum iſt er kein Mohr geworden?— denn fur dieſe ſcheint wenigſtens Arak und Rum ohne ſolche Ehre geſchaffen, zum Lohne dafuͤr, daß die ſchwarzen Scla⸗ ven ſo lange Zuckerrohr mahlen muͤſſen. Wären alle Menſchen eitele Weiber, und ſtaͤnden auf alle Fehler dieſer Menſchen gleich unmittelbar nur rothe Naſen, — wer wuͤrde dann nicht mit Freuden— auch groß und erwachſen— dem Teufel und allen ſeinen Werken entſagen, und aͤngſtlich alle Fehler vermeiden? Schon dadurch wäre die Doctorei aus! Aber leider hat der gute Herr ſeinen theuern Patienten immer vor Augen! und weil er ihn immerfort anblickt, ſo wird er dadurch zum Hottentotten— bis er einſchlaͤft. Er machte aͤrgerlich eine Bewegung mit dem Briefe, ja er waͤre lieber gegangen— da fiel eine Banknote heraus, die aufgehoben und wohlbeſehen, eine Zehn⸗Pfundnote war. Als ſie in der mit Seide ge⸗ fuͤtterten Seitentaſche auf dem Herzen verwahrt war, ſeufzte er bei ſich: So muß ich denn wohl in den ſauern Apfel— die rothe Naſe beißen! Er ſetzte ſich wieder, wendete um und las: „Inliegende Kleinigkeit ſoll Sie, lieber Doetor, „nur dazu bewegen, uͤber den Brief hinweg, ſich da „vor Ihnen das Maͤdchen, meine liebe Mirza anzu⸗ „ſehen, wenn es nicht ſchon geſchehen iſt. Deswegen „habe ich ſie zu Ueberreicherin dieſes und zu Ihrer „Beiſitzerin gemacht. Ich fuͤrchte nicht, daß ſie ſich in „ſie verliebt, lieber alter Hammer“—— — WMirza ſeufzte jetzt eben.— Silvati mußte wieder ſeufzen, und wieder laͤcheln, und hätte eine rothe Naſe darauf geſtanden. Inhaber der⸗ Schefers neue Nov. im. 3 ——— ſelben hat ſich betrogen, dacht' er nicht ohne Beſorgniß. Aber Sie, ſie ſieht ja mich nicht an!— Und nach einer fluͤchtigen wehmuͤthigen Empfindung las er weiter: „Nicht wahr, meine Mirza iſt ſchoͤn?— ſehr „ſchön?— Ihre Naſe iſt weiß wie die Lilienhaut ihres „Geſichtes. Aber ſie iſt auch eine Lilie an Unſchuld, „eine Roſenknospe an Liebe,(obgleich Mirza ſchon „Roſe heißt) ein Veilchen an Beſcheidenheit, und ich „glaube auch eine gelbe Crokustulpe an Eiferſucht— „die den Maͤnnern ſchmeichelndſte Eigenſchaft an einer „Frau, wenn auch eben keine Seltenheit an einer Tuͤr⸗ „kin; denn erſtlich iſt das Weib uͤberall auf Erden ein „Weib, und Zwei ſind überall Zwei, und Drei— „Drei; und doch wiederum nicht! denn wenn ſie Einem „Manne gehoͤren, werden es Dreißig— nicht Weiber, „ſondern Medeen, die, wenn der Mann— in Europa „alſo nur ein Tuͤrke— ein Tirann iſt, wie wir Tuͤr⸗ „ken ſind, dann ſelbſt das brennende Kleid, das ſie der „Andern gern auf den Leib wuͤnſchen— ſtillſchweigend „tragen muͤſſen, und darin ſchweigend zu Aſche werden. „Wenn Ihnen alſo Mirza gefaͤllt—“ — Silvati ſah hin. Sie hatte ſich mit dem Haupt zuruͤckgelehnt, als wenn ſie ſchlummerte, ſie ſahe blaß aus, als wenn ſie ohnmaͤchtig waͤre; und er dachte: wenn Ihr lieber etwas fehlte!— nur Etwas—— Ich!— dann waͤre die Heilung ſicher, denn das Spe- cificum waͤr'— Ich! „ „alſo Mirza gefallt—“ las er, um fortzufahren, wieder im Briefe weiter. Ja doch ja, ſie gefaͤllt! Es iſt durch die Situation zum raſend werden! Der Mann ſchlägt ſich ſelber. „Wenn Ihnen alſo Mirza gefaͤllt, ſo ſoll Sie „das wieder nur dazu bewegen— daß Sie mir ſie „gleichſam erſchaffen, wie ein Gott, zum zweiten Male „ſchenken; wie ein Mufti oder Kadi— ſie mir zum „Weibe geben, und das blos dadurch: daß Sie mich „zu einem ganz gewöhnlichen Menſchen mit ganz ordi⸗ „nairer Naſe machen. Denn meine iſt extraordinair „— beſonders an einem Tuͤrken, und wird in Rumeli „und Anadaͤll ſo ſchwer gefunden, wie ein eben ſo gro⸗ „ßer Rubin. Denn ob ich gleich ein geborner und er⸗ „zogener Englaͤnder bin, ſo verbot mir Nichts— ein „Tuͤrke zu werden und zu ſein. Beſonders da ich ftuͤ⸗ „her ein Philhellene war, und vielleicht manchen Tuͤr⸗ „ken vom Pferde in die Erde geholfen, was mir nun „bitterlich leid thut. Ja ich bezahlte ihnen lieber alle „bei Navarin zu den Wolken geſtiegenen Schiffe mit „baarem Gelde, wenn es ſo weit langte, und wenn ich „das Leben meiner Landes leute und meiner Bun⸗ „desleute damit zuruͤckerkaufen könnte! Sie haben als „Doctor kein Recht, mich ſo ſchwachſinnig wie einen „Cretin zu ſchelten. Ich war fruͤher Unitarier— „Socinianer, der oft vergebens die Bittſchrift um Auf⸗ „hebung der Corporations- und Teſt⸗Acte mit unter⸗ „ſchrieben; war mein Schritt groß oder nicht— grof, 3* „ja der Schritt iſt ſehr groß bis zu Einem Gott?! „Und nun bin ich ein Mahometaniſcher Proteſtant, „Einer der Hairetti, der Vorzuͤglichſten und Reinſten „von den vier Hauptſekten. Ich habe nur Einen, „ja nur die wahre Halfte, des ſchonſten Verſes aus „dem Coran auswendig gelernt und, lieber Doe⸗ „tor, an Einem Verſe— Den auf alle Fälle ange⸗ „wandt, Den immer gedacht, immer gethan, geſehn „in allen Dingen, geliebt in allen Dingen— hat die „ganze Welt auf immer genug zu thun. Und der „Vers heißt:„Es iſt ein Gott.“ Darin ſteckt Welt „und Weltgeſchichte, alle Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, „Jurisprudenz, Theologie und Medizin, alſo Sie auch, „lieber Hammer— und einſt das Doctoren⸗ und „Weltgericht! Allen andern Kram und Gram bin ich „los— bis auf die rothe Naſe, die ich keinem Braͤu⸗ „tigam, ſelbſt keinem griechiſchen Corſaren wuͤnſche— „ich denke an den Vers. Denn Mirza ſtoͤßt ſich an „ihren Purpur, Sie ſieht hold mir entgegenkommend, „ja lieb mich an, bis der Carfunkel zum Magnet ihrer „Augen wird, und ſie lächelt— und dieß Laͤcheln „kann ich durch den Tod nicht leiden!— bis ich zor⸗ „nig werde, alſo mich noch mehr in Flammen ſetze— „und ſie ſeufzet. Das ſticht mir im Herzen! ja ich „riskire den Herzpolyp von einer puren rothen Naſe. „Denn wie gern macht' ich Mirza glücklich. Sie iſt „ein armes Kind reicher Aeltern, das Cretenſer in die „Erde gegraben bis an das Kinn— und über die ich „im Dunkeln ſtolperte, denn ſie war eingeſchlafen. „Sie ſtoͤhnte nun laut. Ich grub ſie aus bei Mon⸗ „denſchein und ſah ihre ganze Schoͤnheit nicht— denn „in mir ging eine Verwandlung vor. Sie klagte dann „„ſanft von mir fortgefuͤhrt,““ ſchuchtern ſich zuruͤck⸗ „wendend, um ihren Vater Azareth, der nicht fern „von ihrem lebendigen Grabe, geſpeiſt, wie am naächt⸗ „lichen Himmel unter den Sternen ſchwebte. Sie „wimmerte drauf im Schlafe um ihre Mutter, um „ihre Bruͤder, die———. Doch genug. Rache „fuͤr Rache ſcheint nur gerecht. Mich ſchreckte ſie fort. „Die Pole meiner Liebe und meines Haſſes ſetzten ſich „um, und ſomit mein ganzes Weſen. Und glauben „Sie guͤtigſt nicht, daß Ich der Einzige bin, der zum „Is— Lamm inclinirt! Nein— unzaͤhlige Maͤnner; „denn wie Viele hatten nicht lieber vier Weiber, Eine „immer juͤnger als die Andre. Und welche Folgen „hätte ein ftreilich ganz irreligioſer Religionskrieg, da „wir nur heimlich, ſo Gott will, Alle an Einen Gott „glauben. Schlage Niemand Feuer in das Stuͤberſche „Feuerwerk, ſonſt brennen alle Geſtalten und Bilder „bei Tage vor der Zeit ab.— Noch die Nacht ging „ich uber in die Veſtung. Jetzt will ich denn an Ihr „gut machen, was ich an ihren Genoſſen verbrochen, „und was habe ich mit rother Naſe armer Teufel „Beſſeres als Mich,— ohne Dieſelbe? Was hat „Mirza Beſſeres, ja nur Anderes auf der Welt als „Mich, wenn ſie mich liebt? Und das Element zu „dieſer kleinen Welt in der Welt, der Ehe, iſt da, „nämlich die Naſe. Sie ſehen alſo, lieber Doetor, „wie hochwichtig und nothpeinlich unter ſolchen praͤgra⸗ „virenden Umſtaͤnden die rothe Naſe wird. Sie ſteigt „bis zum Furchtbaren in meiner— Verwuͤnſchung! „Ich bin eines reichen Baͤckers Sohn— meines Va⸗ „ters Ofen iſt mir im Hauſe noch heilig wie der, in „welchem die drei feurigen Maͤnner— wahrſcheinlich „eine Art unverbrennlicher Spanier gingen;— vor „ihm hat mein Vater gewaltet;— und dieſen Ofen „fuͤlle ich Ihnen, wie Ataliba ſein Zimmer den Spa⸗ „niern, aus— mit was Sie wollen, mit ſilbernen „Broten, oder goldenen Semmeln, wenn Sie mich „von der Orang— Utang⸗Naſe— erloͤſen. Dabei „fällt mir der Troſt ein, daß ſie blau noch— himm⸗ „liſcher waͤre.“ „Mit Zuverſicht zur Medizin uͤberhaupt und zu „Ihnen ins ganz beſondere, lieber Hammer.“ „Ihr“ „Ben⸗John.“ „Poſtſcript.“ „Seit ich Muſelmann bin, trinke ich wie die „Andern, nur erlaubten, im ſiebenten Jahrhundert „noch nicht mit dem lieben Jamaika und Amerika „erfundenen Arak, Cogniak, Rum— nicht Wein. „Geſetze bin ich Englaͤnder als Menſch gewohnt nach „dem Buchſtaben zu halten; ſo wie dann auch Das zu „thun, was ſie nicht verbieten! Indeß bin ich bereit, „noch einmal in dieſem Puncte Apoſtat zu werden— „(denn im Andern riskirte ich von meinem Samſon „den Dolch in den Leib)— und Ihren mediziniſchen „Glauben anzunehmen, und ſo getreu zu befolgen, wie „meinen Vers.“ „Idem.“ („Gebe Gott, nicht mehr lange!“) —— V. Der Philotuͤrk. Draußen ſchlug es jetzt dreimal in die hohl⸗ Hand. Mirza erhob ſich, nahte langſam, und nahm mit zwei Fingern den Brief beſcheiden zuruͤck, und waͤhrend ſie die Augen niederſchlug, grußte ſie ihn zum Abſchied wie vor, und das ungluͤckliche ſchoͤne Maͤdchen behielt noch im Fortgehen, gedankenvoll oder gedankenlos die Hand auf dem Herzen. Er hätte dem— Inhaber lieber das reizendſte Weſen, das er je geſehn, nicht zum Weibe geſchenkt, wenn es demohngeachtet nicht ein Andrer, ein verheiratheter oder nicht ſo turkiſch geſinn⸗ ter Doctor wie Er gethan; oder wenn er die Verhaͤlt⸗ niſſe des armen Kindes zu löſen vermocht, und wenn Ihr das willkommen geweſen? Aber ſo iſt die Welt, ſo eiſern; ſprach er, und wie die Fliegen im Spinnen⸗ nez, ſind die meiſten Menſchen gefangen, ein Raub des Schickſals, und haͤngen dann an dem Fädchen deſ⸗ ſelben matt und ſtumm, eingewickelt in ihre Verhaͤlt⸗ niſſe, die Todte in ihre Linnen. Er ward truͤb, und frug ſich ſelbſt: Aber hab' ich auch Etwas fuͤr Sie gethan, wie Ben⸗John? hab' ich Kraft und Willen — wie Er vielleicht um Mirza gethan: nur den Ein⸗ zigen Vers zu meinem Glaubensbekenntniß zu machen? — Und doch beſah er mit einer Art von Schadenfteude, im Spiegel ſeine an Farbe ganze— triviale Naſe, und bedauerte einen Menſchen, der ſogar Eine von ächtem Rubin, ja von Roſendiamant hätte. und ſo that ihm wirklich Ben⸗John leid, und Ihn und ſich und Mirza im Sinne, gedacht' er der Worte: Alles iſt ein ungluck, Was am Leben hindert! Ruhig⸗ſtille Luͤfte Wenn wir ſchiffen wollen, Nichts, kein Deut im Säckel Wenn der Bettler bittet, Gold in allen Taſchen Wenn die Moͤrder nahen, Mayzeit und der Schnupfen, Schdoͤn ſein und gefangen, Sich am Hochzeitbette Derb das Schienbein ſtoßen, Dieſer nicht gefallen, Jene nicht belieben, Bei der Holdgewillten Die gelegne Stunde Nicht zu treffen— Alles, Alles iſt ein unglück, Was am Leben hindert! 3 Jetzt trat ein kraͤftiger Mann ein, groß, ja herviſch. Ueberraſcht blieb er ſtehen. Seine Zuͤge waren ernſt und duͤſter, ja ſie hatten etwas Spoͤtti⸗ ſches, Bitteres, und der ſarkaſtiſche Ton des Briefes ſchien dem Doctor ein Zeichen mehr, daß Sarkasmus und Jronie nur das Wetterleuchten einer, aus irgend einer Urſache, an ihrem reinſten ſchoͤnſten Leben und Gluͤck verzweifelten Seele ſei;— armer Ben⸗John! den der leicht um das Haupt geſchlungene koſtbare Shawl, die lange egyptiſche Tabackspfeife, der gruͤne Caftan und die weiten langen gelbſeidenen Hoſen nicht ſchon zum Tuͤrken machten. Aber die gekreuzten Meſ⸗ ſer in dem Gurt ſchienen eben deſto weniger nicht zum Scherze getragen, und dem Worte„bei Mord und Todtſchlag“ das Phraſenartige zu benehmen. Waͤhrend er ihm langſam nahte, blies er heſtig den Rauch aus dem Munde, um nicht auf einmal in voͤlliger Glorie zu erſcheinen, ſtand nun, und ſprach: Sie ſind nicht Doctor Hammer! — Doctor Silvati.— Mein Samſon hat ſich ſchon entſchuldigt— Sie haben den Brief geleſen? Ward ſtumm bejaht. Und nun maß er die angenehme Bildung des jun⸗ gen Mannes, indem er vielleicht bedachte, daß nicht — 43— allein Ihm Mirza gefallen haben moͤge, ſondern auch Ihr der tadelloſe ehrwuͤrdige Doctor. Er trat ihm jetzt auf Einen Schritt nahe— aher er unterhielt ſich nur mit ihm, in die Fenſterbruͤſtung gelehnt, und frug, ob ſein Vater nicht laͤngſt nach Canada gegangen? und ob Sir Ned, der Sherif, der wegen der Noth mit ſei⸗ ner kranken Tochter Alceſte, und mit ſeiner verwegenen ſchoͤnen Frau, lieber Need— oder Noth heißen moͤchte, nicht ſein Verwandter ſei? Dann waͤren ſie Beide ver⸗ wandt, denn der arme Sherif ſei ſeiner unglucklichen Mutter Schweſterſohn, und er wolle ihm Dem em⸗ pfehlen. Er ſprach auf die Bejahung ſeiner Fragen weniger gereizt, erzaͤhlte, daß ſein Vater— ein con⸗ ſequenter Mann, der in theurer Zeit die Brote nicht kleiner gebacken, und in wohlfeiler Zeit nicht groͤßer, und ſie lieber verſchenkt als ſie billiger zu laſſen— von ihm verlangt, immer dem Miniſterium anzuhan⸗ gen, und durch die Kleidung, ſichtbar und ver⸗ ſtaͤndlich, deſſen Richtung und Sinn zu bezeichnen. Dieſer Gehorſam, der ihm ſchon fruͤher den Namen des politiſchen Wettermannes erworben, habe ihn jetzt in eine Lage verſetzt, aus der er ſich nicht mehr wickeln könne.— Nicht wahr, frug er ploͤtzlich, das Leben des Menſchen waͤhrt ſiebenzig Jahr? Doch vorerſt davon genug. Nun beantworten Sie den Brief, weitlaͤuftiger Vetter, aber kurz! Silvati ſetzte ſich, verſchrieb ihm die Maskenkur, verordnete das Dabei, und ſchloß unter trockenem Weinen mit den Worten: Wenn die Vorbereitungen zur Hochzeit drei Wochen dauern, ſo können ſie heut noch begonnen werden.“ Ben⸗John hatte ſchon unter dem Schreiben uͤber die Achſel geleſen, und lächelte zufrieden. Aber, frug er, n duͤſtern Ernſt uͤbergehend, kannſt Du auch ſchwoͤ⸗ ren? Vetter! und ſah ihn dabei durchdringend an; ganz kurz, nur hier auf meinen Dolch, und bei ihm, mehr begehr' ich nicht. Siehe, ſagt' er, mein Vater war ein ſtrenger Mann, und ich habe ſeine Rache ge⸗ erbt. Vor zwei Jahren, als ich zuruͤck kam, iſt er erſt geſtorben, um ſie ſelbſt ſo lange auszuuͤben. So hat er geliebt. Hier im Hauſe iſt noch ein Kran⸗ ker! Ein Alter! Er hält den Menſchen ſo heilig, und jede Krankheit von Aerzten ſo unheilbar, eben weil ſie ſchon die Heilung der Natur fei, daß er gewiß lieber ſtuͤrbe, als einem Huronen nur einen Gran Magneſia einzugeben. Und ſo heilig haͤlt er auch ſich. Du kannſt mir, wenn Du ihn geſehn, nur ſagen: wie ich ihn erhalten, was ich ihm unter die Speiſe mi⸗ ſchen ſoll. Aber! Ein Arzt muß die Krankheit jedes ſeiner Kranken verſchweigen; aber wohl thut er, ſag' Ich! wenn Er auch den Kranken verſchweigt— und den Todten.— Willſt Du ſchwören!— Du ſoliſt nicht ſchwören! ſagt Gott, ich glaube wenigſtens, noch heut; Und, Du ſollſt ſchwoͤren! Gott zum Trotze — ſagen die Coroner. Auch Hannibals Vater ließ ſich Rache ſchworen. Wer geſchworen hat, wahr oder falſch, Rache oder Liebe, hat keine Ruhe. Glaube mir das! Du ſollſt ſehen, Vetter. Nun komm! VI. Die Falſchmuͤnzer⸗Werkſtatt. Sie gingen nun die Treppe hinab, rechts in das lange Hintergebaͤude, das an einen kleinen Garten ſtieß, worin ein Springbrunnen ſeinen vollen Waſſerſtrahl wie ein Walffiſchkind im Sonnenſchein plaͤtſchern ließ. Das letzte Zimmer der Reihe derſelben, war ohne Fenſter. Ben⸗John verſchloß hinter ihnen die Thuͤr, und bat dann den Vetter, ſich in das Bett zu legen, das beim Scheine des Tages durch die offene Thuͤr noch geſehn. Es geſchah mit Verwunderung. Ben⸗John legte ſich. zu ihm, und auf einen Druck an einem verborgenen Werke, ſenkten ſie ſich ſanft zwei Stockwerk tief hinun⸗ ter. In dem Gange, den ſie nun betraten, ſchimmerte ihnen Licht aus einem Zimmer entgegen. Aber die Thür war verſchloſſen. Ben⸗John ſprach an derſelben leiſe in langen Zwiſchenräumen dreimal:„Ein“—. Darauf erwiederte es darin mit alter ſchwacher Stimme: „Becker.“ Als darauf Ben⸗John:„iſt“ geſagt, erſchien ein alter Mann an der runden dicken Glas⸗ ſcheibe in der Thuͤr und ſprach:„auch“;„ein“ ſetzte Ben⸗John die Einlaßworte fort, fort:„Menſch“ ſchloß der Alte.„Clariſſa war ein Engel!“ ſeufzte Ben⸗ John. Nun ſchloß der Alte auf. Alles war hier von maſſiven Glas⸗Werkſtuͤcken erbaut, in Cement gelegt und ſchimmerte gruͤnlich. Ben⸗John gab dem blinden Alten die Hand, und frug: wie alt iſt das junge Weib? — Und er antwortete:„neun und ſechzig Jahr neun Monat neun Stunden und neun Minuten.“— Gott ſei Dank! entgegnete Ben⸗John; nun duͤrfte der Va⸗ ter nur noch drei Monat um eine Sterbliche weinen! Schlaͤft ſie ruhig?—„Sehr ruhig.“— Was macht der Knecht uͤber Leben und Tod?—„Ich fuͤrchte, er wird ſein Urtheil bald vom Herrn daruͤber em⸗ pfangen. Eilen wir! ſprach Ben⸗John zu Silvati und drehte an einem metallenen Knopf in der Wand. Raͤ⸗ der ſchwirrten leiſe. Die getaͤfelte Decke that ſich auf⸗ Ein Bett kam herab, ſie legten ſich hinein, und die Maſchinerie hob ſie darin in die Hohe, der Fußboden ſchloß und ſie befanden ſich in einem wunderlich erhell⸗ ten, mit Glaswerkſtucken gewölbten Saale, ſehr trocken, rein, ja prachtvoll. Silvati ſahe in einem vergoldeten Lehnſtuhle einen Greis. Sein Antlitz war ehrwuͤrdig, ja majeſtätiſch, wie das eines ſtaatsgefangenen Königs. Silberweißes Haar deckte noch reichlich, ja voll, ſein Haupt; ſein Bart war lang und ſilberweiß. Sein weites Gewand war von veilchenblauem Sammet. Er ſchlief, die Haͤnde ruhevoll im Schooße gefaltet. Ben⸗John deutete mit finſtrer Geberde Silvati auf ihn hin. Eine Thraͤne kam in ſein Auge, und als er ſich erſt genau uͤberzeugt: der Kranke ſchlafe, ging er, mit der ſtummen Weiſung zuruͤck zu bleiben, von ihm weg in den Fond des Saales, wo das gelbliche Licht durch eine runde Oeffnung, ſo groß wie der Springbrunnen— denn man hörte ihn plätſchern— ſonnenhell durch das Waſſer, und durch die große dicke gelbliche Glasſcheibe herabquoll, die wohlverwahrt und befeſtigt die Oeffnung deckte. Unter dieſer nahen großen, nur wie durch gol⸗ dene Abendwolken ſcheinenden Sonne, ſahe Silvati be⸗ troffen hinblickend einen ſilberhellen kryſtallenen Sarko⸗ phag, darin eine liebliche, ſchoͤne, junge Geſtalt wie ſchlafend, koſtbar und gluͤcklich bewahrt, mit geſchliffe⸗ nem Kryſtall bedeckt, ſo daß ſie wie in funkelndem Re⸗ genbogen, oder in blitzendem ſtrahlendem Thaue ſchwebte. Ben⸗John knieete an demſelben nieder, und legte ſeine Stirn daran. Und ſo wandt' er ſein Auge ab: er ſuchte ſich zu ſammeln, und den Kranken vor ihm zu beobachten, in deſſen Betrachtung er verſank. Der Greis ſprach jetzt im Schlafe. Silvati regte ſich nicht, und hoörte auf die leiſen Worte.„Du kommſt nun von Opford, mein lieber Sohn— ſprach er in väterlich ermahnendem Tone langſam— Du biſt nun ein Arzt; und ob gleich wider meinen, vielleicht ———— — 49— nicht meinen beſten Willen, ſo freue ich mich doch herzlich! Mein beſter Wille war es, aber meine Liebe wollte Dich davor behuͤten. Wie Plutarch im Timo⸗ leon— der ſeinen Bruder ermordet— ſo ſchoͤn ſagt: Wer eine große That thut, muß danach ein feſtes Herz haben— ſo behalte Du immer ein feſtes Herz, unerſchotterlich durch alle deine Verſehen, die nicht aus⸗ bleiben koͤnnen, ſo lange blos die Aerzte— Aerzte ſind, und Dein guter Wille ſei das Aſyl, worein Du fluͤchteſt vor den Thraͤnen der Väter um ihre Kinder, vor der Blaͤſſe der Muͤtter um ihren Mann, vor der beſcheidenen Bitte der Waiſen— vielleicht an Deiner Thuͤre— um Brot, das ihnen der Vater erworben, der ſie erzogen und verſorgt haͤtte, wenn er gelebt. Nur Engel, allwiſſende Geiſter, koͤnnten und ſollten Aerzte ſein! Aber wiſſe, wenn Du den gewiſſen Geiſt, den guten Willen, die unermuͤdete Menſchenliebe haſt — dann biſt Du ein Engel! Und ich glaube, wie ich ſchon geglaubt, als Du in der Wiege lagſt, als Du einſt die kindiſchen Worte voll Scheu zu mir ſprachſt: Vater, biſt Du der liebe Gott?— ſo glaube ich noch: Du biſt ein Engel. Glaube das auch! Man hoͤrt und ſagt; die Frauen ſeien die Engel, die der Herr auf die Erde geſandt zum Gluͤck der Menſchen in ihrem— Gluͤck und ihren Freuden, zum Troſte und noch zum Gluͤck in ihren Leiden. Deine Mutter hat mit keinem unedlen Wort, keiner zweideutigen Miene, keiner nur ſo irdiſchen Handlung mir die Meinung widerlegt— Schefers neue Nov. mr. 4 — S — 50— fie gab, als wäre Alles das Ihre; ſie nahm Nichts, als koͤnne ſie es in dem Himmel nicht brauchen, in dem ſie faſt ſichtbar mit ihrer Seele wohnte.“— — Er hielt bei dieſen Worten inne; er weinte innerlich, und doch quoll auch eine Thraͤne unter ſei⸗ nen geſchloſſenen Augenlidern hervor— dann fuhr er geſammelt fort:—„und dennoch glaub' ich; die Aerzte ſind die Engel auf Erden, und um es recht zu ſein, ſo voll Unſchuld, daß ſie es nicht wiſſen und glauben, wie die unſchuldige ſchoͤne Jungfrau nicht weiß und nicht glaubt: wie ſchoͤn und unſchuldig ſie iſt! Sie be⸗ gleiten wie der Engel Tobiä das Menſchengeſchlecht auf dem Wege durch die rathloſe, hulfloſe Erde. Ohne ſie, haben die Menſchengenerationen ſchneller gewechſelt. Mit ihnen, werden ihrer Weniger, denn Jedes weilet länger beim Feſte des Lebens. Die Aerzte allein ſind auf dem rechten Wege, dadurch, daß ſie die Menſchen Alle nur als den Menſchen uberhaupt anſehen, und in Einem Korper Alle erſorſchen. Nun fehlt nur noch, daß ſie auch Alle ihrem Inneren nach— ihrer Schul⸗ digkeit: gleich gut zu ſein, erkennen. Denn daß in dem Menſchengeſchlecht ein unbeſorgter unſterblicher Geiſt wohnt, das wird nur dem Arzte recht klar, wenn er es wie einen Strom dahinwogen, von guten und boͤſen Eigenſchaften, von ſchmaͤhligen und preis⸗ wuͤrdigen Leidenſchaften dahin geriſſen ſieht, nicht allein in offenbare kurzdauernde große, ſondern in ſtille, blut⸗ loſe, ewige Kriege, keinen Schmerz, keine Gefahr, keine Art des Todes ſcheuend— als habe es gar kei⸗ nen Leib, nicht einmal waͤhnend, er koſte nur einen Twopence pro Stuͤck. So iſt denn der Arzt gleichſam ein Feldarzt in immer offenem Lager. Alle im Kampfe des Lebens Verwundeten kommen zu ihm, alle Fehler der Leiber und der Seelen ſoll er gut machrn, uͤbler daran, als ein Beichtvater, der ſie ihnen— vergiebt. Und in den neuen Fährlichkeiten auf der wandelnden Erde, unter den gleichſam neuen Geſtirnen, ſoll er im⸗ mer wechſeln, immer lernen; vorausahnden moͤcht' er, was dem neuen Geſchlechte zuſtoßen wird, um nicht mit ſeiner Weisheit zu ſpät zu kommen.“ Der Greis verſtummte eine Zeit auf dieſe Worte und ſchien ſehr betruͤbt. Dann ſtreckte er die Hand aus, und ſprach bewegt und dem Erwachen nahe: „Gieb mir deine Hand.“ Silvati gab ihm die Seine, um dabei ſeinen Puls zu fuͤhlen. „So“! fuhr der Greis fort: Und dennoch— wie viel Ehrlichkeit und Gewiſſenhaftigkeit gehört zum Arzt, und hinterher wie viel Feſtigkeit, ſein Verfahren gut zu heißen. Daher thut ein— weichherziger Arzt ſehr ubel, der fortſtudirt, und in zwanzig Jahren entdeckt, wie viel Menſchen er haͤtte erhalten können! Das haͤlt Keiner aus— und ſchon darum verdienen ſie die groͤßte Hoͤflichkeit und Ehrfurcht von dem Volk, daß ſie ſolcher Gefaͤhr ſich unterziehen. Und es iſt ein 4* — 32— wahres Gluͤck, daß auch die Aerzte ſterben— wie die Meiſten ſterben, ſo fruͤh— beſonders vor neu ent⸗ deckten Heilmitteln und Syſtemen, auch wenn ſie Spa⸗ tere wieder verwarfen. Hippokrates haͤtte ſich wenigſtens zwanzig Male gehangen, erſaͤuft und dergleichen, wenn er die vielen Rettungsmethoden erlebt bis auf die neueſte Curart mit— Waſſer!— Nun lebe wohl! Ziehe hin! Mich ſiehſt Du nicht wieder. Mache dem deutſchen Namen Deines Vaters Seligo Ehre!“— In dem Wahn, von ſeinem Sohne Seligo auf im⸗ mer Abſchied zu nehmen, erhob ſich der Greis aus dem Stuhl, und ob er gleich die Augen geoffnet, fiel er doch — dem Sohne an die Bruſt, umarmte ihn, und weinte ſelige Thraͤnen eines Vaters. Dann erkannte er ſich— ſahe den Fremden an, und ſprach: Ach, Du biſt nicht mein Sohn, mein Seligo! Und doch, wie glůͤcklich macht der Traum— ich hab' ihn wieder⸗ geſehn! Und ſo verbarg er ſein Geſicht an Silvati. Da ſtuͤrmte Ben⸗John herbei, und riß ſie aus einan⸗ der. Seligo! ſprach er ſtreng zu dem Greiſe, und ſchuͤchtern wie ein Kind, ſetzte er ſich folgſam wieder in ſeinen Sorgenſtuhl und faltete die Haͤnde wieder. Und zu Silvati ſprach Ben⸗John: Du weißt nun ſeinen MNamen! Soll ich Dich und Ihn und Mich und die Todte dort, Alle erſäͤufen, wenn ich das Waſſerwerk beſchwoͤre!— Und wirklich griff er mit Macht in einen gewaltigen Ring. Silvati hemmte ſeine Hand faſt mit Gewalt und ſagte: Kann Ich dafuͤr?— Ben⸗John aber, die Rechte noch immer im Ringe, und mit der Linken ſteif ausgeſtreckt ihn mit geſpannter Kraft an der Bruſt feſthaltend, ſtand lange ſtumm und finnend; dann ließ er ihn los und ſprach mit Gewicht: das beſte Mittel zur Verſchwiegenheit iſt ein uͤberzeugender Grund dazu — eine ſcheuerregende Wahrheit. Du ſollſt ſie wiſſen! Tritt naͤher zu Clariſſa! und finde uns gerechter als Jene, die einſt Polydos zu jenen Todten lebend in die Gruft verſchloſſen! VII. S Du weißt, ſprach Ben⸗John, als ſie Beide, Einer dieſſeit, der Andere jenſeit der ſchoͤnen, himmelblauge⸗ kleideten Todten ſtanden— es gibt noch keine Schau⸗ ſpielerſchulen, als das Leben! Schneider, Baͤcker, Doc⸗ toren, Advocaten kann man zunftmäßig bilden; fuͤr den Schauſpieler iſt noch keine beſondere Facultaͤt eroffnet, obgleich das Schauſpiel heut noch ſo nothwendig fur das Volk iſt— als Brot, oder Manna in der Wuͤſte des Lebens. Daher ſind die Schauſpieler faſt lauter Genie's, das heißt, in allen Profeſſionen in allen Fa⸗ cultäten verungluͤckte Menſchen, Soͤhne der Adli⸗ gen und Buͤrgerlichen— ſelten des Bauernſtandes; denn der Bauer verungluͤckt ſelten, und ſein Stand iſt wie das Meer, aus welchem alle großen und ſchoͤnen Wolken, die dann eine Zeit uͤber die Erde hinſchweben, geſtiegen ſind, und wohin ſie ſich alle wieder, zu Waſſer geworden, verlaufen. Auch die Schauſpielerin⸗ nen ſind meiſt verungluckte Eheweiber, luſtige, lockere Zeiſige, entfuͤhrtst verlaſſener Maͤdchen, oder ſolche, die auf Liebhaber⸗Theatern Geſchmack bekommen, Alle aber weiblichen Geſchlechtes, die gleich und gern aufhoͤ⸗ ren zu ſpielen, wenn ſie Jemand von dem Theater wegheirathen will, worauf denn meiſt ihre ganze An⸗ ſtrengung ausgeht, was ihre zaͤrtlichen Blicke, ins all⸗ gemeine Publicum— wie in's Blaue— verſchwendet, beweiſen; und ihre Kunſtliebe ſtammt nur aus der Gunſtliebe, verliert ſich im Ehebett, und ſie behal⸗ ten nichts von aller ihrer Liebe, als die gelben abge⸗ ſchminkten Backen und Zahnluͤcken. Mein Herr Vater hatte nun ſein Schauſpielerſtudium vor dem Backofen gemacht; bei dem Einſaͤuern, Ruͤhren, Kneten und Schieben des Brotes hatte er den Grund zur muſika⸗ liſchen Begleitung der Haͤnde bei der Declamation ge⸗ legt; beim Toſen der Mahlſteine und der Rader in der Muͤhle, hatte er ſein lauttoͤnendes Organ gebildet; beim Verkaufen von Brot und Semmeln, hinten und vorn gezupft, die tournure erworben, zugleich den Di⸗ und Trialog ſtudirt; und vom Vater zu ſtreng gehal⸗ ten— war er dem Monolog auf die Spur gekommen. Kurz, es gibt kein Geſchaft, wobei und wodurch man nicht ein Schauſpieler werden koͤnnte, wenn nur noch Gelegenheit dabei iſt, Schulden zu machen, das Verdienſt ſeiner Mitſpieler im menſchlichen Leben ge⸗ ſchickt herabzuſetzen, Jeden zu beneiden, dem es beſſer geht, ſich phantaſtiſch kleiden zu lernen— und wenn es Damen ſind: den beruchtigten und bald ſo wohl— thätigen Schleier gehoͤrig fliegen zu laſſen. Damit ich nicht ſcheine, auf irgend Jemanden mit dem bekannten Zaunspfahl zu weiſen, ſo ſage ich ſehr ruhig, daß das Alles vor funfzig Jahren ſo war, und daß trotz dem doch die Schauſpielkunſt und die Schauſpieler— ſelbſt als einſteckbare Servants to his Majest— auch die Schauſpielerinnen, wenn nicht in hoͤch ſten Ehren, doch in höchſter Gunſt ſtanden.— Du hoͤrſt, ich bin ſehr ruhig, und leidenſchaftslos, Dir das Alles hier vor die⸗ ſem ſchoͤnen, jungen, treuen und liebenden Weibe zu ſagen. Denn das war ſie, bei Mord und Todtſchlag, wie ich und jeder gute Sohn verſichert, denn ſie war — meine Mutter! Meine theure Mutter alſo ging— von einem ſo lieben Sohne, wie ich bin, als ſechszehn⸗ jaͤhriges liebevolles Maͤdchen natuͤrlich noch nichts wiſ⸗ ſend, und aller Vorſtellung von mir, wie ich hier ſtehe, durchaus baar.— Ach!— unterbrach er ſich— haͤtte das liebe Mädchen wohl gehen ſehn moͤgen! ich hätte ſie an dem Kleide gezupft, und ſie gebeten: liebe Mut⸗ ter, gehe nicht! ſo wahr ich lebe, Du gehſt in den Tod, und glaubſt nur in das Schauſpielhaus in Coventgar den zu gehn, um meinen, mir ganz unbekannten Herrn Vater zu ſehn, der ſo ſchoͤn iſt, ſo ſchoͤn ſpielt, daß die Schnupftuch⸗ oder Schauſpieler⸗Siegesfahnen⸗ haͤndler den guten Abſatz loben, ſeitdem er ſpielt— das hoͤchſte Lob, das man einem Schauſpieler geben kann; ja ich müßte ſelber weinen uͤber ihn, wenn ich nur wenigſtens Augen haͤtte!— Aber ich mußte auch 5 5 keine Lunge und Zunge haben, denn die ſchoͤne feurige Clariſſa hoͤrte mich nicht, und ging an ihres Vaters, Lord Oſtmoreland's Seite, getroſt, ja froh ins Theater, als haͤtte ſie mich ſchon groß geſehn, und gewuͤnſcht, der kleine ſechs Fuß ſechs Zoll hohe Mann— ſei ihr Kind. Meinen Herrn Vater ſehen, horen— und ſich in den edlen Prinzen verlieben, den er tragirte, und ſchwoͤren, nur ſein Weib zu werden, ſobald er nur aus ſeiner Carriere zu reißen ſei— das Alles war Eins, und ſo gewiß wie zweimal Eins Zwei iſt, nicht ſind. Denn wo zweimal Eins Zwei iſt, da iſt eine gute Ehe, und heirathen mußte Er ſie, damit ſie ihn mit ihrem Gold— und mit ihrer Liebe wie Thau uͤber⸗ ſchuͤtte— denn der arme Prinz war ſehr ungluͤcklich und ſehr arm. Dem konnte ſie helfen! Sie wollte ſich brank ſtellen, um ihren ſchon ſehr im Beten gewandten und auf den Knieen faſt bis zu Ihr vorgeruͤckten Anbeter von ſich zu halten. Dar⸗ uͤber ward ſie wirklich ſo krank, daß dem Vater zuletzt nichts ubrig blieb, als der Vater zu ſein, den Lord zu vergeſſen und meinen Vater und mich holen zu laſſen, ihm das ſchoͤne leidende Maͤdchen zu zeigen, ihm zu ſagen, daß ſie ganz unbandig— nämlich reich ſei, und ihn faſt fußfaͤllig zu bitten, die unter der ſeidenen Decke zum Ausſtrecken bereit gehaltene Hand aus Barmher⸗ zigkeit anzunehmen. Er ſahe Clariſſa jetzt zum erſten Mal und war ein junger Mann, ein Menſch, ja was noch mehr iſt, ein Schauſpieler, und knieete ſo eben nieder, und— da ſtuͤrmte der Anbeter herein, riß ihn in das Nebenzimmer, und verhieß ihm ſein ganzes anſehnliches Bißchen Vermoͤgen, wenn er Garricks auf Liebloſigkeit aus anderweitiger Liebe gegruͤndeten Edel⸗ muth nachahmen wolle, und eine recht niedertraͤchtige Rolle— wo moͤglich mit ſchoͤnſtem Buckel ausſtaffirt, ſpielen wolle, damit Clariſſa den vorigen Prinzen vom jetzigen Bucklichen unterſcheiden lerne und ſehe, daß ein Schauſpieler manchmal recht ſchoͤn und gut, und ein andermal recht haͤßlich und ſchlecht ſein koͤnne— und doch immer nur ein armer Schauſpieler ſei und— weiter nichts! Das„weiter nichts“ ſoll meinen vielfach fetirten, das heißt in vielen guten— das heißt gut⸗ſchmauſen⸗ den Häuſern, mit Féten beladnen Herrn Vater verdroſ⸗ ſen haben. Er muß ſich aber ſchnell gefaßt haben! Denn er hat zugeſagt und die ſchon fertige Acte der Schenkung langſam eingeſteckt, um keine unanſtaͤndige Eile mit Geldeinſtecken zu verrathen. Jauchzend iſt der Anbeter an's Bett ſeiner Clariſſa geflogen und ge⸗ fallen— aber ſie hatte nun auch nicht nur den Prin⸗ zen wieder geſehn, der um ſie aufrichtige Thraͤnen ver⸗ goſſen, ſondern auch den in dem geheimnißvollen Zim⸗ mer, aus dem weichen, warmen, einſamen Bett noch viel holdſeliger anzuſchauenden und ſie anſchmachtenden jungen Mann— den Menſchen gewahrt und erkannt, und mag ohngefähr ſo kalt und fuhllos und taub, ja ſchreckenblaß vor dem Anbeter gelegen haben— wie 7 das gute Weib nun hier vor uns. Aber nicht ſo ſtumm, denn ſie hat einen Gell ausgeſtoßen, der meinem Vater daneben durch Mark und Bein gedrungen, und ſelber nun raſend verliebt gemacht, ohne auf Geld und Gut und auf Barmherzigkeit Ruͤckſicht zu nehmen. Du ſiehſt alſo ſchon daraus, Herr Vetter Doctor, mein Vater iſt ein außerordentlicher Schauſpieler ge⸗ weſen, der auch uͤber Liebe⸗heucheln auf allen Gaſſen, Marktplaͤtzen, in allen Zimmern und Kerkern— laut Scenerie und Vorſchrift— nicht die Liebe verlernt. Er ging nun ſpielen. Aber was?— Das angeſagte abſcheuliche Stuͤck— denn auch damals gab es ſchon welche, und ſie ſind keine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, war abgeſagt aus Krankheit einer Actrice, die alſo auch ſchon damals erkranken durften, wenn ſie gekraͤnkt wurden; ja es iſt moͤglich, daß es jenes Mal wirklich eine Einbildung geweſen, denn ſie hatte ſich meinen Herrn Vater eingebildet, und die Fahrt zu Clariſſa erfahren. Aus dem Erfolg aber geht hervor, daß mein Herr Vater der ſchon oft vorgefallenen Aner⸗ dote eine neue Wendung hat geben wollen. Zum Schreck ſahe der Anbeter ihn in derſelben gefaͤhrlichen Rolle ganz abſcheulich⸗ goͤttlich, ganz himmliſch⸗ teufliſch ſpielen, Clariſſa aber blos engliſch, daß ſie in Ohnmacht gefal⸗ len, ſo daß Verlobung noch in der Loge geweſen, als alle Zeugen ſich verlaufen. Die Enttuͤſtung des Anbe⸗ ters aber, der uber den ſchaͤndlichſten Betrug geſchrieen, der jemals geſpielt worden ſei, ja ihn laut in der Stadt 66— umherpoſaunt, hat auch den Vater der jungen Frau erbittert, ſo daß er ſie ſtillſchweigend entlaſſen, und ihr nur das Vermoͤgen ihrer Mutter ſtill auf den Tiſch gelegt, das mein Vater wehmuͤthig eingeſteckt, um wieder ein Baͤcker zu werden, da zu jener Zeit discre⸗ ditirte wurmſtichige Schauſpieler noch nicht nach Cal⸗ cutta, Amerika, oder Paris gehen koͤnnen, und das alte verheirathete Publicum ihn ſtreng gerichtet und verbannt, wenn gleich das junge, heirathsluſtige Publi⸗ cum, beſonders aber alle damaligen Schauſpieler ihn heimlich herzlich gebilligt, und nur gewuͤnſcht, in gleich⸗ goldene Liebesnetze ganz unaufſitzbar zu verfallen. Da⸗ fuͤr hat nun ſein Laden gewimmelt von Neugierigen— Kunden; alſo auch vornehme Damen haben eine eigene Art delicater, von ihm erfundner Ben⸗Johns⸗Kuchen ſehr langſam bei ihm zu genießen geruhet, und ſo hat er das Gluͤck gehabt: Modebaͤcker zu werden, wobei er allen Schauſpielern und ihren Weibern und Kindern, was ſie nur bei ihm holen wollen, an Butterwaare und Brot, gratis verabreicht, und nichts Altbacke⸗ nes, ſondern wo moͤglich auch knisprig und im Munde zergehend. Hier meine liebe Mutter aber iſt eine pure Ab⸗ Lottin— leider ſehr Vieler geweſen. Denn ſiehe, hier dieſe rechte weiße Hand, die jetzt ſo ſtill liegt, hat durch das Fenſterchen unermuͤdlich das ausgeſuchteſte ſchoͤnſte Brot und Semmel hinausgelangt— und die Eigenſchaft gehabt, kein Geld von allen Armen dafuͤr herein zu langen. Wozu mein Herr Vater gelacht, daß ihm die Thraͤnen auf den Backen geſtanden, ihr das goldene Haͤubchen gekuͤßt, und aus einem alten, ja wohl ſpaniſchen Stuͤcke die Verſe declamirt: O moͤchte jedes großen Hauſes Tochter Herab zu niedern armen Leuten ſteigen! Da waͤre ſie die Reiche! wie ſie nicht Es iſt als Weib des Reichen, dem ſein Gold Nie langt. Geſchäh's, dann könnte ſelbſt ein König Sein Kind einmal geſegnet ſehn vom Volke, Geliebt von ihrem Mann— und ſelber gluͤcklich! Und jetzt iſt es grade noch Zeit— Dir, als ge⸗ ſtrengem Herrn Doctor, meinen Herrn Vater zu zeigen. Er oͤffnete bei dieſen Worten die Thuͤr einer aro⸗ matiſch duftenden Niſche, und Silvati ſahe den Baͤcker John vor ſich ſitzen in ſeiner mehlbeſtaubten Kleidung und ſeinem mehlbeſtaubten Haar, einen muͤllerblauen Wams an, eine weiße feine Schuͤrze vor. Nur ſeine Augen waren zu, ſeine ubrige Geſtalt aber durch koſtbare Kunſt wohl erhalten. Ihm zur Seite lag unter einer Glasglocke„das letzte Brot, das er gebacken.“ Das war er! ſprach Ben-John weich. Das iſt er noch fuͤr mich im Herzen. Er druckte dem Alten die alte Hand, ruͤckte ihm das blauſammtene Kaͤppchen mit goldener Troddel aus der Stirn, ſah ihn noch freundlich an, verſchloß ihn wieder in ſeinem Kaämmer⸗ lein und ſprach: Nun ihr Todten, laßt Euch die Zeit nicht lang werden, denn den Lebendigen wird ſie ſchwer! Jetzt, zu Silvati gewandt, fuhr er fort: Darauf ward Deine Mutter krank, mein John— erzaͤhlte mir der Vater.— aber ich muß lieber ſelber erzaͤhlen, ſonſt ſtoͤr' ich den Mann hier drinnen in ſeiner Ruhe, und ich fuͤrchte er bricht hervor voll Grimm, wie er da war! Sie iſt gefährlich krank geweſen, uͤber und uͤber roth, und bald wieder blaß— wie ſie hier liegt. Den Vater that dreifache Angſt befallen: Angſt der Liebe, daß Sie ihn verlieren ſollte, und Mich ihren Sohn — ein Mitum Compositum von Bäcker„ Schau⸗ ſpieler und Lord; Angſt, daß ihr Vater nicht komme, noch ehe ſie ſterbe, und ſich mit ihr verſoͤhne, wozu er Hoffnung gemacht— denn mein Vater hatte mich einjahriges Kind ihm an ſeine Stubenthuͤr geſetzt und mir einen Zettel mit den Worten angehangen:„Groß⸗ vater, komm! Deine Tochter will ſterben, und ſieh mich nur an, ſie iſt meine Mutter!“— Wenn Du nun, lieber Vetter, als Doctor, noch mehr Gewicht auf großes Vermoͤgen legſt, als auf ſolche Kindereien, ſo muß ich Dir ſagen, um die Rettung oder den Tod meiner Mutter noch wichtiger zu machen— daß der Großvater ohne Verſoͤhnung denn meinem Vater einſt ſein großes Vermoͤgen gewiß entzog, und daß ich backen mußte, um— Brot zu haben. Das war die dritte Angſt! Der Vater hatte einen aus der Fremde blind heimgekehrten Schornſteinfeger in's Haus genommen, weil er aus Freude der Wiederkehr— die Stadtmauer gekuͤßt hatte! obgleich alle die Seinen geſtorben waren, und vielleicht eben deswegen hatte er die Steine— ſtatt der Lieben gekuͤßt. Der war nun allein im Hauſe, als mich der Vater dem Großvater hingetragen. Der Arzt der todten Muteer hier war jener Alte dort im goldenen Sorgenſtuhl, der Doctor Seligo, damals ein junger Mann— was Du mir glauben wirſt, da die Menſchen an die Bezauberung, ja die Hexerei des Him⸗ mels und der Erde gewohnt ſind, daß Kinder zuletzt zu Greiſen werden— und Menſchen zu Staub und Erde! Aſche iſt nicht mehr Mode in Europa, nur in Indien bei den Sutti! Mein zeitlebens geſunder Großvater hat gar keinen Arzt fuͤr Clariſſa gewollt, und geſagt: Nun— und gewiß noch lange, wenn nicht in Cwigkeit— hat ein Hausvater das herrliche, ſouveraine Recht, gar keinen Doctor in ſein Haus zu rufen, und wenn Er ſelbſt ſtumm iſt, und alle die Seinigen etwa an der Peſt — und da Jeder an jeber Krankheit ſterben kann, ſo iſt kein großer Unterſchied, an welcher ſie— in den letz⸗ ten Zuͤgen liegen. Nur vor den Pocken hat man einen ſo ſouverainen Reſpect, daß man befiehlt— jedoch nicht bei Lebensſtrafe— ſie einzuimpfen; oder man iſt ſo uͤberzeugt von dem Mittel. Und wird man von allen andern Mitteln ſich ſo ſpecifiſch uberzeugt halten, dann o dann wird die Medicin als wohlthaͤtige Tirannei ausgeuͤbt werden. Denn wer ganz klug waͤre, duͤrfte ja auch mit der Wahrheit wie mit der Aufklärung ein Tirann ſein— Agenda sunt cogenda. Da indeß —— der Hausvater nicht die Krankheit auswählen kann, die in das Haus kommen ſoll, ſo hat man denn Zu⸗ trauen zu dieſem oder jenem Arzt— da Einer ſo wenig Wunder thun kann als der Andre, und wenn er koͤnnte, nicht duͤrfte, da das eine Pfuſcherei in das geiſtliche Fach ware— das Recht zugeſtanden, nach einem beliebigen Arzte zu ſchicken, ja Briefe bis in die Ferne zu ſchreiben, und ganz unbekannte aͤrztliche Weis⸗ heit in den Zeitungen aufzufordern, fur dieſes oder jenes Uebel dieſes oder jenes Recept zu ſchicken. Ich meine damit nicht die alte Betkur par distance, wo— zwei Kranke, ein Leiblicher und ein Geiſtiger in Einer und derſelben Minute den Himmel bitten, ihnen ihre Suͤnde zu vergeben; daß ſie ſeine Weltordnung fuͤr ein Kaleidoſcop halten; oder wie er es ausgedruͤckt. Mein Herr Vater hat alſo Seligo geholt, der mir ſchon das chineſiſche Porzellan⸗Fieber curirt— aber ihm frei von dem beängſteten Herzen geſagt: der Hausvater hat auch das Recht, ſich gewiſſe Mittel und Prozeduren, Curarten— beſonders Proben des Arztes hoͤflichſt zu verbitten, ja gröblichſt zu verbieten, und der Staat verbietet das nicht, weil er es nicht hindern kann, wenn er nicht in jedes Haus Geſundheitspolizei⸗ gensd'armen einlegen will, und dazu koͤnnte er nur am Ende die Hausväter ſelber alle vertauſchen und umquar⸗ tieren. Eine gewiſſe Art von Vernunft und Eigenregie⸗ rung in allen Haupt⸗ und Hals⸗ Sachen iſt alſo ſelbſt in dem faſt zu Tode gouvernirteſten Lande nicht aus⸗ zurotten. Und ich— ich habe ſie auch, und verbitte mir jedes Mittel, das nicht hundert Jahr geholfen hat! Indeſſen— der Hausherr iſt aber nur ſo weit der Herr im Hauſe, ſo weit er's verſteht— und das iſt in allen Dingen nicht weit. Denn alle Handwerker und Fuͤnſtler ſind die Glieder des Einen ganzen Men⸗ ſchen, und Jeder erſcheint Jedem, um ihn zu ergaͤnzen, und fährt dann wieder aus einander wie Eiſenſtaub vor dem negativen Pole des Magnetes, ſammelt ſich wie⸗ der wo anders zu einem anderen Zwecke, und hilft ein flͤchtiges ſchwebendes Ganzes bilden, wo grade was Poſitives es fordert. So kommt auch der Doctor. Nun— ſchenke ich Ihnen mein Vertrauen, hochge⸗ prieſener Herr Doctor Seligo, und frage nicht, ob die Arznei auch nicht ſchaden wird, die helfen ſoll. Denn ich bin außer mir. Das ſahe Seligo und verzieh ihm die Worte wie die Angſt. Dem Arzt aber Vertrauen ſchenken, heißt nicht weniger als ihm ſein eigenes Gluck und das Leben der Seinen auf Credit leihen— und ohne Buͤrgſchaft. Freilich mochte die Mutter ſehr krank ſein, vielleicht wirklich zum Tode, und Seligo haͤtte abſtehen ſollen, Hand an zu legen, wo Gott ſeine Hand daran gelegt — Er haätte nicht ſollen ihr Tod werden. Denn als letzten Verſuch, oder erſte Probe einer neuen Methode aus Rußland, ließ er die ſchwache Frau aufſtehen, und von dem blinden Schornſteinfeger aus dieſem Waſſer⸗ Schefers neue Nov. 1II. 5 eimer hier, der den ſchwarzen Flor um hat, mit eis⸗ kaltem Waſſer begießen. Sie fank hin, ſie ſtieß einen Schrei aus, und der eingetretene Vater empfing ſein ſterbendes Weib in den Armen. Seligo war erſchrocken, der Vater troſtlos, ingrimmig und rachekochend. Denn Clariſſa's Vater ſollte eben mit mir kommen— und er kam wirklich, um ſeiner Tochter die Augen zuzu⸗ druͤcken. Dann ging er ſchluchzend ohne ein Wort zu ſagen. Der Vater aber war Mann genug, ſeine Rache jetzt zu bezaͤhmen, um ſie ſicher nachher zu vollenden. Er beſchenkte Seligo reichlich fuͤr ſeine Bemuͤhung, denn der Kranke mag geneſen oder ſterben— er muß — wie der Todtengräber, und wenn auch ſeine Haͤuſer Millionen Jahre bis nach dem juͤngſten Tage hielten und behielten— doch immer bekommen, und hat das erſte Recht, ſelbſt vor dem Waͤrter und Apotheker, auf Alles was der Todte, oder die arme Witwe und die ſieben Waiſen nur je und nur noch beſitzen, ſelbſt auf das trockene Brot auf dem Tiſche des Bettlers. Denn das Leben iſt ein koſtbarer Schatz, auch ſeine Erhaltung muß koſtbar ſein. Er zaͤhlte ihm hundert neue Gui⸗ neen auf den Tiſch, und um nicht den Anſchein zu haben, als empfinde er gar nichts uͤber die That, was unmoͤglich geſchienen, aͤußerte er nur ſein Bedauern ohngefaͤhr ſo: immer neue Krankheiten machen neue Verſuche noͤthig, ja ihr muͤßt noch verſuchen, die welt⸗ bekannten nralten heilbaren Krankyheiten curiren zu ler⸗ nen, geſchweige die unheilbaren! Und ſo will ich mich nicht beſchweren, wenn Sie, mein Herr Doctor, ſich ſelbſt auf den Kirchhof verſuchen— das iſt nobel! oder wenn Sie und Ihre Collegen ein neues Mittel, eine neue Methode mit den alten Patienten am zweckmaͤßig⸗ ſten zuerſt mit Erſparung der andern Hinrichtungskoſten an— abzuthuenden Delinquenten verſuchen und dann an vielen armen Teufeln und Teufelinnen in Kranken⸗ haͤuſern erhaͤrten; am liebſten aber nach dem neueſten Syſteme an Geſunden, wie man ja lernen kann, Einen vom Waſſertode zu retten— der nicht ertrunken iſt! Ein Heilmittel⸗Comitée— es gibt ja ſo viele!— beſtätigte dann das Verfahren; dann durften es Profeſ⸗ ſoren erſt lehren, und was Keiner gelernt hatte, duͤrfte Niemand, wie nicht lehren, ſo noch viel weniger aus⸗ uͤben. So aber haben Sie— wollt' ich ſagen die Aerzte(hat mein Vater geſagt und ſich verbeſſert) eine faſt graͤßliche Gewalt und Freiheit uber der Kranken, ja der Geſunden Leben. Sie halten das Diplom in den Händen, und ſind privilegirt, nach allen neuen Metho⸗ den mit allen kaum in der Welt warmen Mitteln zu dispenſiren, als wenn die Prapis, nicht die Unterſu⸗ chung nur eine freie Kunſt waͤre— und ſo wird Ekiner oder Eine, zum Beiſpiel: meine ſchoͤne gute liebe Clariſſa durch einen mittelbaren Freund der Heil⸗ kunde: den Doctor Tappert in Philadelphia hingerich⸗ tet— zwei Andre durch die Doctoren Fuſcher und Mehrſo in Spanien, drei Dritte durch die Speculan⸗ 5* ten Junghans oder Altmatz in Mexico!— Sie wer⸗ den uns doch die Ehre erzeigen, hinter Ihrer Patientin herzufahren? Es iſt ſo ſchoͤn und ſatisfacirend! Seligo verneigte ſich und ging. Er ließ ihn gehen, und fiel in Ohnmacht. Aber ſpaͤter, in der Nacht von ihm zu einem entlegenen Kranken verlangt, ergriff er ihn mit dem Schornſteinfeger und ließ ihn hier in die alte Falſchmuͤnzer-Werkſtatt verſchwinden, worin er nun ſchon gegen acht und vierzig Jahre verſchwun⸗ den iſt. Hier ſoll er bleiben, wo möglich lebendig, bis Clariſſa ſiebenzig Jahre alt iſt. Mein Herr Vater hier drinnen hat dabei auf einen Mitteldurchſchnitt der Le⸗ bensjahre der heutigen frivolen Menſchen und der bis auf den Athemzug fein caiculirenden Geſellſchaften, die gegen das ganze abgetretene Vermoͤgen eine Leibrente verſprechen und auch gewaͤhren, nicht Ruͤckſicht genom⸗ men. Die Bibel hat ihm geſagt: Des Menſchen Le⸗ ben waͤhret Siebenzig— wenn's hoch kommt Achtzig; und wenn es iſt köſtlich geweſen, ſo iſt es Muͤhe und Arbeit geweſen— bei Clariſſa ſogar: Tod, bei Seligo nur: Gefangenſchaft! Wohlthat an Ihm und Andern! Hier hat er ſtudirt— hier dieſo Waͤnde voll Buͤcher im ganzen Saale. Alles Neue wird ihm verſchafft, ja er iſt— auswaͤrtiges correſpondirendes Mitglied vieler Geſellſchaften, er hat viele ſeiner Preisſchriften gekrönt geſehen— Alles unter fremden Namen. Er iſt der Stifter einer neuen Lebensverſicherungs⸗ Geſellſchaft, und ihr Haupt. So weiſe iſt er gewor⸗ den: er nimmt keine Medicin ein! und ſo gewiſſenhaft: er giebt keine! So groß iſt ſein Vertrauen zur Ver⸗ nunft des Menſchen. Verkenne in mir nun nicht den Sohn meiner Mutter, als wuͤnſche ich nicht: er kehre in die Welt, und bekehre und lehre. Moge ſein Leben nicht aus ſein, bevor ſeine Zeit aus iſt; ſie iſt nur noch kurz. Aber ich laſſe keine Minute nach. Iſt Clariſſa ſiebenzig Jahr— dann! Denn mein Vater ſagte: die Natur gleicht endlich Alles aus. Es gibt eine Zeit, wo Jeder ſich für gluͤcklich halten kann— wenn er kann. Bis zum dreißigſten Jahre jammert eine Haͤßliche mit Recht, daß ſie nicht ſchoͤn iſt; dann iſt ihr Jammer eitel; bis zum ſechzigſten klagt ein Mann mit Recht, daß ſeine Kräfte abgenommen; dann iſt ſeine Klage unnatuͤrlich. Wem Jemand geſtorben iſt, ſei es Kind, Vater, Mutter, Bruder oder Schwe⸗ ſter, der hat einen nicht gleichgultigen Grund zur Be⸗ ruhigung, wenn der Fruͤherdahingeſchiedene in ſeinem Grabe nun ſeine ſiebenzig Jahre alt iſt— dann wäre er ja doch todt— und ſein Leben ware nur Muhe und Arbeit geweſen! Warum nun nicht lieber: Ruhe und Friede? Darum will ich nicht mehr weinen, wenn Clariſſa ſiebenzig Jahr alt geworden in Ruhe und Friede!— So ſagte mein Vater und ſo fuhl' ich ihm leichter noch; denn ich habe nur verloren, was ich nie beſeſſen— eine Mutter. Lord Oſtmoreland hat— auf dem Bett, wo die Kinder alle wieder gute Kin⸗ — 6 der ſind, und ihre Kinder— Enkel ja Engel, wie der zum Himmel Kehrende nun deutlich ſieht,— die eine Haͤlfte ſeines Vermoͤgens dem Sohne ſeiner zweiten Tochter, dem Sherif Ned vermacht und Mir die an⸗ dere Hälfte nicht entzogen. Darum hat mein Herr Vater von ſeinem Vermogen dem alten Seligo als wahrſcheinliches Soſtrum fur alle mogliche Curen, die er ſo oft gloͤcklich geweſen, gar nicht unternehmen zu duͤrfen, jährlich tauſend Guineen beſtimmt. Macht dato acht und vierzig tauſend Guineen. Vielleicht hat er auch außer dem Eide mich durch das ſo lange ihn vorzuhaltende Geld— die Intereſſen, binden wollen. Du ſiehſt, wir ſind gerecht und gerächt, aber auch billig und willig. Ich glaube, Du biſt nun uͤberzeugt, nicht mehr entruͤſtet— geſtehe es nur, weit⸗ läuftiger Vetter Doctor auch getroſtet und— gewarnt um zu ſchweigen. Sonſt bleibe gleich lieber hier! Ver⸗ ſtehſt Du mich? Ich verſtehe Engliſch, erwiederte Silvati laͤchelnd. Ich ſcheine nur noch etwas ergriffen— als neuer Doctor von dieſem Alten. Nun ſo gehe, und ſieh, was ihm fehlt. Und ſo that Silvati, waͤhrend Ben⸗John bei der Mutter blieb. Er forſchte beſcheiden. Aber der Greis ſagte ihm nur zuletzt auf alle ſeine Fragen: Mir fehlt die Freiheit; ſonſt macht mich Nichts geſund, ja die bloße Sehnſucht nach ihr hält mich nur noch auf Erden. Alles Andre gethan, iſt Nichts gethan! Alles Andre gegeben, iſt Nichts gegeben! Alles Andre genommen, iſt Nichts genommen! Nimm es hin! Nur aͤndere meine Speiſen und Getraͤnke nicht, die ich aus Hun⸗ ger endlich genießen muͤßte; miſche keine Mittel darun⸗ ter— Du verdirbſt mir meine Conſtitution. Denn was dem Leidenden nicht heilſam iſt— iſt Gift. Geh⸗ und verſchaffe mir— mein Mittel! oder nur meinen Sohn! oder ſeine Tochter!— Dort lächeln ſie mich nur gemalt ſo ſehnſuͤchtig an, gehe, gehe, Du einziger Menſch, den ich hier geſehen— ſei ein Menſch. Sonſt — hab' ich Geduld. Silvati getraute ſich nicht ihm ein Wort zu ſagen. Denn Ben⸗John kam und fuͤhrte ihn fort. Aber auch um hinaus an das Tageslicht zu gelangen, waren wie in der Maurerloge— Worte noͤthig, damit dem blin⸗ den Waͤrter, der in der Dunkelheit hier wie droben zu Tage lebte, nicht der Rechte in falſchen Kleidern ent⸗ komme. Denn Ben⸗John ſprach: Schornſtein⸗ feger.— „Backer,“ ſprach Jener— — kehre— „backe“ — wohl!— „— wohl!“— war die Antwort. Droben verſchrieb Silvati die Mittel, den Greis durch leibliche ſtärkende Stoffe bei Kraft zu erhalten, da der Leib nur zuletzt erſt von der Seele wie ein fertiges Werk vom Meiſter abfalle, der Menſch ein Doppelweſen werde, aber der Leib ſo lange auch zuruͤck auf den Geiſt wirke, wie ſchon— Trunkne bewieſen, und hungrige Berg⸗ und See⸗Lappen. Mirza hatte es zu machen gewußt, daß ſie Sil⸗ vati begegnete, als er ſchied. Sie ſtand beſcheiden laͤchelnd, und doch hocherroͤthet, mit niedergeſchlagenen Augen da, waͤhrend er ihr Gewand ſtreifte. Wie ein Blitz fuhr es durch ſeine Glieder. Am Wagen druͤckte ihm Ben⸗John eine Hundert⸗Pfund⸗Note noch auf den Mund, als Siegel, und er rollte wie trunken nach Hauſe⸗ VIII. Der Lanzettenkrieg.. Als Menſch war Silvati ſehr unzufrieden. Durch arges Mißverſtändniß hatte er einen Schatz geſehen, der ſeine ganze Seele angezogen, er hatte eine heilige Ehr⸗ furcht vor der Welt bekommen, die den Schatz enthielt, koſtlicher als eine Maſſe gediegen Gold, London, Stra⸗ ßen, Häuſer, Mauern, waren ihm alle ſonderbar ehr⸗ wuͤrdig geworden, wie Muſchelſchaalen dem Perlenfiſcher, denn in eben auch nur ſo gewoͤhnlichen rothen Ziegel⸗ ſteinen war die Krone der Perlen— Mirza von ihm gefunden worden.„Gefunden!“ verſpottete er ſich ſelbſt, und vermochte kaum die Gedanken genug zu ſammeln, um in ſein rubricirtes Doctorbuch in Folio: Datum, Kranke— Ben⸗John und Seligo— Krankheit, Prognoſe, Verordnung und Recept einzu⸗ tragen. Die Rubrik zum Verlauf und zu geheimen Anmerkungen fuͤllte ſeine Phantaſie mit dem zur Ver⸗ wuͤnſchung lieblichen und reizenden Gemaͤlde der Aldo⸗ brandini'ſchen Hochzeit aus, das kein Raphael erreicht hat, und die Natur nur des Jahres vielleicht tauſend Mal durch ihre lebendigen Bilder geheim uͤbertrifft.— Als Arzt war er ſchreckend gewarnt, und hoͤchlich ent⸗ ruͤſtet; wenn keine Gefahr darauf geſtanden, haͤtte er gern die Falſchmuͤnzerwerkſtatt durch das ſechs hundert Mann ſtarke Bataillon ſeiner Herren Collegen geſtuͤrmt geſehen— Mirza befreit, Seligo erloͤſt, und Ben⸗ John und den todten Bäcker erſäuft! Aber— Cla⸗ riſſa, dachte er, und befahl einzuhalten! Er verwahrte ſein Geld. Denn als neuer Doctor hatte er Ur⸗ ſache, zufrieden zu ſein; denn er hatte— per tot dis- crimina rerum— in drei Stunden gegen acht hun⸗ dert Thaler verdient, oder doch bekommen, laͤchelte er, und eine fremde Begier unter dem Bilde der aurea Praxis zog wie ein ſchwarzer Geiſt in ihn ein. Frau Mill aber, die er verwundert im Sonntags⸗ ſtaate gefunden, ſetzte ihm in dieſem entſcheidenden Au⸗ genblicke noch ſehr zur Unzeit eine goldene aufgemachte Doſe hin, die ihren gluͤhenden Spiegel ihm zeigte. In derſelben lag ein„kaum unterſcheidbarer Ring von Straus“ wie ſie ſagte. Während ſeiner Neugier aber hatte auch ſie die Rubrik—„rothe Naſe“ gele⸗ ſen, als ſie ihm bittere Vorwuͤrfe machte, ſeine Jung⸗ fetcur an dieſe geſetzt zu haben. Empfiehlt Sie Ben⸗ John an Mit⸗Patienten, jammerte ſie, ſind Sie bei Zweien— Dreien gluͤcklich, ſo ſind Sie ungluͤcklich! und erhalten, wie ein Gefängniß, den Namen:„Rother.“ —— Sie ſchnupfte vor Jammer und Zorn, und ſprach: ein neuer Doctor, der noch auf keinem, ge⸗ ſchweige feſtem Fuße ſteht, muß ſich vor allen bedenk⸗ lichen, beſonders gefaͤhrlichen Curen in Acht nehmen! Da war Mydoctor Hammer gewitziger! Das Volk iſt einmal ſo dumm wie eine vernagelte Kanone, erzahlte er mir einmal, die da ſteif und feſt glaubt, ſelbſt der Tod, wenn er Kranke geſund mache, ſei ein geſcheidter, gluͤcklicher Doctor, und wenn dem Doctor der Aſtro⸗ nomie, Paraphraſtus Theocelſus die Kranken ſtuͤrben, ſo habe er wenigſtens nicht mehr Gluͤck als Verſtand. Gluͤck iſt die Hauptſache, beſonders beim Doctoriren, und es iſt ein wahres Gluͤck, daß die Menſchen gelun⸗ gene Curen nicht der getroffenen Ordnung der Na⸗ tur zuſchreiben, ſondern dem Glͤcke; mißrathene aber dem Ungluͤcke, nicht dem Unverſtande; ſonſt waͤren die Aerzte gluͤcklich, ſagt' er. Denn einen Patienten umbringen, hat Paraphraſtus geſagt, ſagte My⸗Hammer, iſt kein Ungluͤck, und denſelben geſund machen, iſt kein Gluck, vielmehr iſt es der Ausgang und das Ende, welches Indiction gibt, wie erfahren und geſchickt ein Medicus iſt. Die in ihrer Kunſt gewiß ſind, ſind gewiß auch die glucklichen Aerzte, die Andern ſind die Ungluͤcklichen! verſetzte Silvati. Gewiß— im Gewiſſen! hat My⸗Hammer ge⸗ ſagt; fuhr Frau Mill fort. Doch meinte er: Gluͤck — 76 wird noch lange Gluͤck ſein, ſang bisweilen aus dem ſchoͤnen Liede den Vers: „Unſer Bißchen Unverſtand „Iſt mit Finſterniß umhuͤllet“ und ſpielte damit beſcheiden in ſeinen Curen auf gute Naturen, gut Wetter, gute Pflege, oder auf die gute Providenz an. Er war aber auch aus Erfahrung vorſichtig, denn als er ſein ſchweres Amt angetreten, haben ihm einige Neider und Practicanten eine Politik ſpielen wollen, und ihn als ſchon ziemlich applauſirten oder beklatſchten, ja oft heraus gerufenen Arzt zu ſol⸗ chen Kranken empfohlen, von denen er jedoch nur noch das Eine Bein außer dem Grabe geſehn, oder die ſchon alle Buͤchſen ausgekoſtet und ausgebraucht, und deſpe⸗ rat worden ſind. Aber er hat kluͤglich gewartet, bis einer hohen fuͤrſtlichen Perſon nur ein Kleines gefehlt, was bei Ihnen gleich ein Großes iſt, oder wo bereits durch Muͤhe und Fleiß der Andern ein Re glucklich in die ſogenannte kritiſche Lage gebracht war, wo er mit bloßer geriebener Semmel Wunder gethan. Den Poſſen hat er ſich wohl gemerkt, und darum in ſeiner letzten Krankheit den Doctor Seli go—— Seligo! Welchen Seligo? frug Silvati mit Haſt. Ich kenne nur Einen! Wie alt iſt er? Ein Funfziger. Seine Lochter war heute hier. Mein Gott! ſtöhnte Silvati. Aber auch mein Gott! laſſen Sie mich doch nur reden! ausreden! Sie ſind heut' gar nicht ſo unterhal⸗ tend wie ſonſt! Aber er mußte noch fragen: wie heißt ſie denn? ſſt ſie huͤbſch? wie alt? Darauf antwortete Frau Mill kurz ab. Sie ſagte: Thirza; hubſch nicht ſowohl als recht ſchoͤn; und grade recht jung. Sie kam nach Ihnen, und hat gewiß einen Andern geholt. Alſo Mydoctor glaubte nächſtens der gottſelige Doctor Hammer zu heißen. Nun ſagt' er ſchon vorher oft, wenn er ſich manchmal lobte: Ich bin nicht Dr. Fruſtra! aber auch nicht Dr. Gratis, der fuͤr die Cur von allen Patienten nichts nimmt— als das Leben! Und wahrſcheinlich, ſag' ich, wollte er ſich auch nicht ſelber curiren, weil er das erſtlich nicht geben moͤgen mochte, und Nichts fuͤr die Gur bekam⸗ So collegialiſch waͤre er gewiß mit ſich umgegangen⸗ Von ſich ſelber nahm er nichts ein— Mir gab er auch nichts, wenn ich etwa pimpelte, denn ſagt' er, er haͤtte mich zu lieb! Und ſo leb' ich heute noch durch den gu⸗ ten Mydoctor. Und das bitte ich mir auch von Ihnen fuͤr alle meine treuen Dienſte zum einzigen Danke aus! Alſo„Aber“— ſprach damals Mydoctor wohl uͤber⸗ legend: Aber welchen Viel⸗Kundigen Doctor ſoll ich nun abhalten durch meine Cur vom Geldverdienen? Wem ſoll ich die Schelle meines Todes anhaͤngen? Denn curirt er mich Ja, ſo heißt es: der beruͤhmte Dr. Ich iſt Gott ſei Dank noch Doctor; eurirt er mich Nein, ſo iſt er in allen meinen Häuſern disfa⸗ mirt, und erhaͤlt ſie gewiß nicht zu Kunden. Feinde hatt' er genug— doch Dr. Seligo— die Schelle. — Ich moͤchte doch hin! unterbrach ſie Silvati. Wiſſen Sie Wo⸗hin? Wo wohnt er denn? ent⸗ gegnete ſie, und erzählte nun die lange Geſchichte, auf die er nicht hörte, und nur wieder vor ſich hin ſprach: Thirza iſt ein reiches reiches MWidchen! Wenn ſie das waͤre! Ich rede zwar wider meinen Vortheil, fiel Frau Mill ein; denn gute Nacht Haus⸗ halten, wenn eine Frau ins Haus kommt! aber ein Dortor ohne Frau wird nur fuͤr einen halben Menſchen angeſehen, und aus Scheu nur zu dem halben Men⸗ ſchengeſchlechte geholt, und er iſt auch hart und eigen⸗ ſinnig im Hauſe. Wer aber einen Gewitterableiter im Hauſe hat, der geht dann mit Andern milder um und ſchaͤnt ſich außer dem Hauſe. Die gute Thirza iſt arm— ſie hat mir ihr Herzchen vom Halſe gegeben, ſie nur bei Ihnen zu melden. Da iſt es! den Apothe⸗ ker wollte ſie ihre ſchwachen Ohrringe zum Pfande geben fur die Medicin. Ich wuͤnſchte ihr guten Eingang und Ausgang. Ihnen dachte ſie gar nichts zu geben, weil ſie zu einem neuen Doctor des guten Zutrauens lebt, daß er Zeit, Fleiß und Billigkeit hat. Sie wollte wieder⸗ kommen, wenn ſie—— Da klingelte die Saalthuͤr. Frau Mill nahm dieſen Augenblick wahr, wo er ſie nicht lange ſchelten konnte, um ihm leiſer zu ſagen: Mylady Will⸗Wil⸗ liam will Ihnen noch ſehr wohl. Die liebe junge Frau war allein, das war mir lieb, denn da hat man Ge⸗ danken und iſt willig. Erſt zuͤrnte ſie— dann lachte ſie, dann hoͤrte ſie, dann antwortete ſie: Aber das muͤßte bald ſein! Mylord kommt in vierzehn Tagen zuruͤck.— Und ſo wird ſie denn morgen Abend punkt ſieben bei Tafel in großer Geſellſchaft krank werden, und nach dem Doctor Silvati— Silvati! rufen. Sein Sie alſo bereit und ja ſehr ſauber angezogen.— Auch„die Annonſen“ ſind beſorgt und bezahlt; ich hatte noch die alten, und beim Abſchreiben ward natuͤr⸗ lich nur Ihr werther Name—— Der Fremde, in einen modiſchen Seidenmantel gehuͤllt, kam herein; und in der Daͤmmerung, welche die Franzoſen„zwiſchen Hund und Wolf“ nennen, vermochte Silvati auch jetzt zwiſchen dieſen nicht zu unterſcheeiden, ſo gut und treu, ſo ſchlau und wild erſchien ihm der hohe Mann, der, ein Heft Papiere unter dem Arme tragend, jetzt frug, ob er Doctor Sil⸗ vati zu ſehen die Ehre habe. — Zu Befehl!— Frau Mill wollte Licht bringen, wogegen er ſich mit ſchwachen Augen entſchuldigte. Silvati wollte dar⸗ auf ſeine Fragen anwendenz aber er ſprach lächelnd, er komme zu ihm nur als zu dem neuen Doctor. — 80— Ich heiße, zu Ihnen geſagt: Balandri, ſprach er, und bin ein— Probenreiter der Lanzette; nicht aber ſo, daß ich welche austheile, ſondern ich ſammele welche, und wuͤnſchte recht herzlich, keinen ſo feinen artigen Mann vor mir zu haben! Jugend ſchadet Ihnen nicht; denn die jungen Aerzte ſind meiſt begeiſtert fur ihre Sache, und ſind geborene Feinde, ich ſage nicht Neider der aͤltern. Sie ſind ſonderbar! aͤußerte Silvati. Nicht ſo ſehr, wie Sie glauben, da Ihnen der große Kampf vielleicht nicht ſo bekannt iſt, als ich Sie damit bekannt machen kann. Man wird Ihnen wahrſcheinlich von Seiten der noch ſehr geheim wirken⸗ den Lebensverſicherung den Plan derſelben mittheilen, und Sie einladen, in ihrem Sinne zu wirken. Ich komme darauf zu pränumeriren mit— hundert Pfund. Ich kenne das Pamphlet nicht! belieben Sie ſich zu ſetzen; der Titel heißt? entgegnete Silvati. „Ich der Herr bin Euer Atzt,“ antwortete Je⸗ nerz es ſcheint die alte Goldtinktur auf neues Pa⸗ pier gegoſſen— zuerſt nur fuͤr Aerzte— die allen Menſchen Leben und Geſundheit verſichert— und nicht wie die uͤbrigen Wohlloͤblichen ſogenannten Lebensver⸗ ſicherungen— die Geld verſichern, wenn der Ver⸗ ſicherte ſtirbt. Silvati beſann ſich, daß er auf dem Tiſche neben dem alten Seligo unter der Erde eine kleine Anzahl in Goldblech mit Rubinen beſetzte gebundene Buͤchlein — 61— mit dem in das Gold getriebenen Litel:„Ich der Herr bin euer Arzt“ geſehn, und ſprach: ich habe ben Titel geleſen—— aber brach ab, denn er erſchrak daruͤber. Der Fremde legte die hundert Pfund hin. Ich beſitze es nicht— aber ich kann es vielleicht bekommen. Ich habe nur praͤnumerirt, erwiederte Jener; for⸗ dern Sie auch mehr. Iſt es denn ſo koſtbar? laͤchelte Silvati. Fuͤr uns, ſprach der Fremde mit Wuͤrde, und die Spitze des Mittelfingers auf ſeine Bruſt ſetzend; und dann durch Uns fuͤr Alle, und grade erſt recht: wenn Leben ein Phantaſiren, und die Welt eine Seifenblaſe waͤre oder iſt, denn das man dieß denken kann, iſt ſchon ſehr bedenklich! Mit der Fluchtigkeit, ja Nichtigkeit derſelben ſtiege das Pamphlet oder Traktätlein bis zum wichtigſten Traktat!— Ich ſehe, fuhr er, mit den Augen blitzend, fort, Sie belieben von mir wegzuruͤk⸗ ken! Aber Sie werden ſich neugierig wieder naͤher be⸗ muͤhen, wenn Sie an einem kleinen Plan, den ich geringerer Abſicht wegen Ihnen zum Theil nur andeu⸗ ten will, ſelbſt als Irrenhausdoctor Spuren von Ver⸗ ſtand und Conſequenz genug gewahren, um mir das Pestimonium sanae mentis getroſt zu ertheilen. Frau Mill ging, Licht zu holen, leis mit dem Leuch⸗ ter hinaus. Aber der Fremde ſtand auf und verriegelte heimlich die Thuͤr hinter ihr. Darauf gab er Silvati Schefers neue Nov. 1M. 6 ſeine Terzerolen und ſprach: Ich bin in Ihrer Gewalt! Jetzt ſprech' ich als bloßer Probenreiter. Zuvor noch Eins, oder Zwoͤlf und Zwoͤlf. Hier ſind zwoͤlf vor⸗ nehm gebundene Gebetbuͤcher, die wir Sie bitten, an vornehme Damen in gehoͤriger Angſt zu vertheilen. Sie ſind ein Cat 2 frug ihn Silvati ab⸗ brechend. 2 Ein Cat antwortete Jener eben ſo kurz, und fuhr fort: Fuͤr die Muͤhe des Aushaͤndigens liest fuͤr jedes Exemplar die Guinee bei— zwoͤlf Guineen. Wenn und wo es noch nicht geſchehen ſein ſollte, muß man die Aerzte weiſer benutzen, als da ſind Ehe⸗, Er⸗ ziehungs⸗, Erbſchafts⸗ſachen; wir, wir kommen erſt, wenn der Tod auf der Zunge ſitzt, der alſo eine ſchr kleine Perſon iſt. Sie ſind ein Geiſt 2 frug Silvati wie vor. und eben ſo kurz ſprach Jener: ein Geiſt.. nur ein Welt⸗Geiſt„. Doch der iſt Nebenſache. Nun, zur verſprochenen Rechtfertigung, zu dem Plane! Wir wollen nur ein Journal haben; und durch Krieg geſchieht das am beſten, wie bei allen Fabriken und Manufacturen, wenn es unwuͤrdige Maͤnner bewieſen herabſetzt, das bringt Aufmerkſamkeit, Lob, Verdienſt, Glauben. Dann ſetzt es liebe wuͤrdige Maͤnner be⸗ wieſen herab, damit das Geſchrei noch groͤßer wird, und auf einmal ſo Viele, daß Alle in Ruhe blei⸗ ben, wenigſtens die Guten, Gleichguͤltigen, Verſtaͤndi⸗ gen, Feſten; die Andern, Rachſuͤchtigen, Boͤſen, Un⸗ verſtaͤndigen fangen oder verfangen ſich; und vom Volke wie das Blatt, das ſich den Beſten ſo non-chalant gegenuͤberſtellt, fuͤr einen wichtigen guten Feind gehal⸗ ten— alſo gehalten, geleſen, gekauft. Alſo wahr⸗ hafte grobe Beitraͤge honoriren wir— extra des Redacteurs, pro Stuͤck, lang oder kurz, nur fleiſch⸗ freſſend oder ſarkaſtiſch, mit funfzig Guineen; hoͤf⸗ lich ſich durchwindende, ſogenannte Gevatterbriefe oder Moratorien— Memoriale werden als Brei zu Brei in den Hollaͤnder geworfen und abhorreſcirt! Von dem Allen weiß der Redacteur— Nichts, denn er iſt ein allgemein⸗braver Mann, glaubt Gutes zu wirken— und wirkt es. Aber das iſt die Kunſt: Wirkungen leiten, benutzen und hauptſaͤchlich: ſie deuten. Hier iſt ein Monatsgang von dem Journal, damit Sie ſich in den Ton ſtimmen; und hier ſind die funfzig Guineen fuͤr Ihren Aufſatz und Ihren Namen. Doch nicht fuͤr meinen guten? frug Silvati. Sie haben nur einen Mohren zu waſchen, naͤm⸗ lich den Schmierurgus und Onotomen Herrn Chriſto⸗ pher, den— Anderleuts— Wagehals Wagebein, oder Haut und Kragen Wager, der dem armen Archi⸗ tekten Herrn Klimm das unrechte rechte Bein abgeloſt, das doch nur wie ein Sympathievogel⸗Maͤnnchen mit⸗ litt, das wahre leidende und boͤſe linke aber ihm nicht mehr weh that, und von ſelbſt dann beſſer geworden, ſo daß Herr Klimm, der ſie ſo nothwendig braucht, wie die Gabel zwei Zinken, noch zwei geſunde Beine ( hätte ohne ſeinen Teufel Chriſtoph. So nennt er den Mohren, und hier iſt der Brief von Herrn Klimm, und die Zeugniſſe. Der Mohr iſt uͤbrigens der Haus— Arzt bei Mylady Ned. Wenn ſich die Sachen„bei Licht“ ſo befaͤnden, war Silvati zu ziemlicher Grobheit geneigt, und gab ſeine Hand im Zorne darauf. Zweitens ſind die Aerzte ſchon ſehr beeintraͤchtigt durch ihre gleichſam zerſprengten Gliedmaßen: die Tri⸗ chiſten oder Haar- und Platten⸗Schmierurgen, Ocu⸗ liſten, Auriſten, Dentiſten, Naſiſten ꝛc., und ſo wird es bis auf die Froſtballen herabgehen, und wir erleben noch Virtuoſen auf dem Pedal, und jeder Taſte beſon⸗ ders. Leicht war alſo der Rhabarber-Clubb oder Aus⸗ ſchuß der Aerzte gegen die Apotheker gehetzt, die hier alle Armen curiren muͤſſen. Die Elephanten, Loͤwen und andere Thiere, die Potentaten und Mohren, die Sonne, der Mond und der Morgen- und Abendſtern re., ſollten nicht mehr kluͤger werden— von klug war noch keine Rede— ſie ſollten nicht ſo klug bleiben, ſondern wo moͤglich wieder Thiere, ein Jedes nach ſei⸗ ner Art, wild, wie in Waͤldern lebend, oder verfinſtert werden. Aber die Armen ſind leicht auf's Aeußerſte gebracht; ſie baten alſo die Herren Apotheker, in deren Discretion ſie gegeben ſind, ja noch taͤglich discreter, gebildeter zu werden— und den Rhabarber⸗Clubb tuͤch⸗ tig in den großen Moͤrſer zu ſtoßen.— Und hier iſt zum notoriſchen Beweiſe das Blatt aus den Times, vom October 1827, worin die Herren Apotheker nun ihre Saͤcke abſchuͤtteln, und gegen jedes Simplex des componirten Ehrentitels„Plack⸗Eſel“ der „Geldſchaffenden Schacher-Corporation“ ins Beſondere laut proteſtiren und verſichern: es werde kein Ungluͤck ſein, wenn ſie fuͤr fuͤnf Schillinge beſſere Dienſte lei⸗ ſteten, als die mit Paß zur Aufnahme in irgend eine Prapis verſehenen Herren fuͤr das Soſtrum von einer Guinee, und die Sache ſchluge in das Fach der Emigrations⸗Comité, ja in's Transporta⸗ tionsweſen! Sonderbar! ſprach Silvati, daß ein Romiſcher Volks⸗Tribun auf Engliſch„ein Journal“ heißt, denn ein Redacteur iſt eine Macht, ein Miniſter des Cultus. Das Parlament wird—— Den Apothekern das Doctern verbieten, ja ſie vom Dispenſiren dispenſiren, fiel ihm der Fremde fein in die Rede, und ſie zu Gifthabern, Tiſanenkochern, Roobenmachern und Recept⸗Bereitern harniſchen. Die Apotheker haben alſo Ehre, und das arme Voilk bis dahin den Nutzen. Dabei iſt der großte Meiſterſtreich der, daß die angeklagten Heilclubbiſten dahin gebracht werden, zu ſagen: wir ſind jetzt weiter und kluger als die Aerzte vor tauſend, vor hundert, ja nur vor zehn Jahren. Das bricht ihnen bei Verſtaͤndigen in efügie den Hals. Denn was erhaͤlt alle Orden, Moͤnche, 12 die ganze Clerifei und ſo weiter, ſo raſend in Ehren uid Zutrauen, als daß ſie behaupten und in Figura beweiſen; ſie ſeien nur grade und ganz noch, ſo wie ſie vor tauſend und zwei tauſend Jahren geweſen, unwan⸗ delbarer als Chineſen, ſie koͤnnen und wollen nicht kluͤ⸗ ger werden, ihr Weſen ſei nicht perfectibel. Das iſt ja der große Streit, imperfectibel, das große Wort, durch das ſie in der wandelbaren und verwandelten Welt fallen oder ſtehen. Aber ſie ſtehen durch die edle Weigerung: irgend etwas Beſſeres, Gutes, ja nur Neues anzuerkennen. Aber die Aerzte fallen im Zu⸗ trauen, wenn ſie nun ſagen: die Alten, die Erſten ſeien nicht ſo weiſe geweſen! Ihre Wiſſenſchaft, alſo kein Dogma, kein Canon, ſei eine ganz untergeordnete, nur den Leib des Menſchen betreffende Verſtandesſache iſt perfectibel; alſo auch ihre jetzige Kunſt nur durchgehend, lernend, ohne einziges infallibles Syſtem, durch im⸗ mer neue proteſtirende Syſteme ohne rechtes felſenfeſtes Zutrauen, ja ohne den alleinſeligmachenden Köhlerglau⸗ ben; ſie ſelber noch ohne die wahre Kunſt, alſo Halb⸗ aͤrzte bei Ganzkranken, Menſchen wie andere, ohne Tradition verlaſſene Unbehagliche, mit einem Wort: perfectibel, die eine Uhr im Gehen beſſern ſollen, einen Haſen im Laufe raſiren, und F und ſich nicht ſchneiden.— Herr! ſagte Silvati auffahrend, es thaͤte Noth, ein Vernuͤnftigenhaus zu erbauen, und Sie aus dem⸗ ſelben zur Thuͤr hinauszuwerfen! dabei drang er ihm ſeine Terzerolen wieder auf, das eine ging los, ein Knall, und der Fremde ſtand mit einer vorgehaltenen Maske in gruͤnlichem Feuer, waͤhrend ſich das Zimmer mit dem lieblichſten Wohlgeruch fuͤllte. Dann ſtanden ſie wieder im Dunkeln. Frau Mill ſtolperte herbei, fand die Thuͤre verſchloſſen, klinkte, riß, polterte, ließ den Leuchter fallen, ſchrie Huͤlfe und rannte davon. Silvati entſchuldigte ſich betroffen, glaubte, der Mann werde hinſinken, habe die Kugel gefangen, oder einen Harniſch an— doch er ſprach: es war nur mit Knallgold geladen. Aber daß Sie nicht den Gedanken anregen, in dieſer Zeit Vernuͤnftigen- oder Waiſen⸗Haͤu⸗ ſer anzulegen, und mich daraus und in ein Entgegen⸗ geſetztes hinein zu ſpediren, ſo muß ich noch einige Worte ſagen. Setzen Sie ſich! Sie zittern. Beruhi⸗ gen Sie ſich im Voraus! Sie ſollen noch ein ſteinalter und ſteinreicher Doctor werden; dazu wird Zeit ſein! Denn was ich meine, kann erſt wie ein Dattelkern in hundert Jahren wo noch ein Palmenbaum ſein und Fruͤchte tragen; aber wir ſind unſterblich, an Haupt und Gliedern, weil in uns nur Ein Herz ſchlaͤgt und Eine Seele wohnt und wandert. Und wer von allen Fuͤnſtlern iſt edler, als die Aerzte? Wer uneigennuͤtziger, wer arbeitet unablaͤſſig ſelbſt ſo daran, ſich uͤberfluſſig zu machen in einzelnen Haͤuſern und in der ganzen Welt, als Ihre Collegen? Wer verſchweigt ein Mittel, eine Weiſe, einen Rath wie ſie? wer ſchreibt ſo viele Werke ins Volk hinein, damit es geſund bleiben, nicht erſt zu ihnen kommen ſoll? Wenn alſo Niemand ſo 88— zum Beſtehen der Andern an ſeinem Untergange mit Luſt und Liebe arbeitet, wie ſie, und nun Sie das glauben, daß ich es glaube, ſo fahre ich fort: durch jenes erwaͤhnte und erwuͤnſchte Mißtrauen gegen ſie, beſtaͤti⸗ gen wir, was wir nicht laͤugnen koͤnnen, nach Can⸗ nings neueingefuͤhrter Politik: das Factiſ che, ſei es Freiheit oder Sclaverei, und dadurch locken wir die neue Lebensverſicherung an den Tag, die da ſagt: Ich der Herr bin Euer Arzt— alſo Niemand Anderes— der Arzt im Menſchen iſt der wahre; das beweiſe ſchon ein Fingernagel, der wieder waͤchſt, oder ein Kinn, das ſich drei Mal die Woche raſiren laſſen muß; kurz, ſie ſoll zum Erſtaunen plauſibel zu machen wiſſen, daß man Feuerbruͤnſte⸗Krankheiten nicht gewiß heilen⸗ loͤſchen kann, daß man aber unfehlbar eiſen- medicin- und feuerfeſt bauen und leben kann und ſoll. Das iſt nun ganz moraliſch eine einſeitige ſchoͤne Seite, haͤlt die Menſchen an in ihren Leidenſchaften, und ſtiftet tau⸗ ſendfaͤltiges Gute, das Sie ſelbſt loben muͤſſen, auch wenn es nicht wahr wäre, und iſt wohl zu dulden. Ich ſage zu dulden. Denn das Ganze ware erſt Ein Schritt, um die Heilkunſt in die wahre Hand zu fuͤh⸗ ren, die wahren Aerzte dem Volke zu entſchleiern, ja mitten unter ihm ſie wie ein himmliſches Geſchlecht zu enrdecken, daß es mit ſeinen zwei tauſend Millionen Haͤnden an ſeine tauſend Millionen Stirnen ſchluͤge und riefe: o ich Blinder in concreto! Denn wenn, wie wir ſo gern hoͤren, jede Krankheit aus einem kranken, — 6 das heißt ſuͤndigen Geiſte kommt, und blos Folge von eigener Geiſteskrankheit oder anderer ſolcher Suͤnder⸗ Kranken iſt, die ihm zu leiden gegeben vor kurz oder lange, ja wenn von Adam her, ſo muͤſſen natuͤrlich die Geiſtlichen—— haben Sie nichts gehoͤrt von unva⸗ culoͤſen Bildern? oder von St. Januarii altem ſo rothem und feſtem Blute wie Drachenblut, das doch fluͤſſig wird in geweihter Maͤnner Ha——— Er verſtummte plotzlich, und ſprach nur noch raſch: Das Traktätchen! das Traktätchen!— Haben Sie den alten Seligo geſehn?— Den Aufſatz uͤber Herrn Chri⸗ ſtopher nur auf die Pfennigpoſt!— Wir bleiben Freunde!— Vor nahendem Laͤrm war nichts mehr zu hoͤren. Wahrſcheinlich hatte Frau Mill Huͤlfe geholt, und ein Schwarm Menſchen tobte die Treppe herauf, fullte den Vorſaal und ſtuͤrmte die Thuͤr. Der Fremde mochte aufgeriegelt haben, denn Menſchen quollen herein, und wahrſcheinlich bließ Er nun das einzige Licht aus, und in das allgemein ausgerufene Oh! fiel ein furchtbarer Knall, noch ſtaͤrker wie vorher; aber der Geruch, der ſich darauf verbreitete, war dießmal nicht biſam- oder roſenartig, ſondern ſo, daß Alle verſicherten: der Teu⸗ fel muͤſſe verſchwunden ſein; es verſetzte ihnen den Athem und ſie brachen in helles Gelaͤchter aus. Viele ent⸗ flohen, Einige blieben und durchſuchten bei wiedergekom⸗ menem Lichte. Silvati beruhigte ſie, und es fand ſich auch nichts, als ein ſeidener Mantel, mit dem inwen⸗ dig am Kragen hineingezeichneten Namen: Madame Romeſcot. Frau Mill blieb beunruhigt, obgleich das Geld aͤcht war. Buoͤcher und Zeugniſſe waren richtig da. Silvati war nicht entſchieden, ob der Lange Unbekannte vielleicht aus einem Vernuͤnftigenhauſe zum erſten Male ſich herausgemacht, ob er ein Myſtificator ſei oder. ein Abgeſandter Ben-Johns, der an ihm habe horchen wollen? Der letzte Gedanke fuͤhrte ihm endlich das ſchoͤne Bildniß Thirza's, die Enkelin des Greiſen, vor, und zwar nur— wie er ſie geſehn— ihren Kopf mit rei⸗ zendem Antlitz; und ſo umſchwebte es ihn wie ein Engelskoͤpſchen mit Locken und Fluͤgeln, während er einſchlief. Mirza hatte wieder die Hand auf dem Herzen und ſchien ihn zuͤrnend anzuſehn mit den großen feurigen Augen. Aber ſein Herz, in welchem die Liebe erſt heut' aufgebluͤht, war wie eine Blume, eine Nelke, die auf ihren purpurnen Blaͤttern anders gefaͤrbte Strei⸗ fen und Punkte trägt, zum Beweiſe, daß Bluͤthenſtaub einer andern Nelke in ihrer Mutter Bluthenkelch geflogen, und ſie verwandelt von ihrer urſpruͤnglichen Reinheit. IX. Thirza, Mirza und Alceſte. Schon nach Einer Nacht haben alle Dinge und Vorfalle ein anderes, milderes, ja gewohnliches Anſehn, denn der Schlaf hat ſie in das Meer der Traͤume ge⸗ taucht, ſie mit allen alten Gefuͤhlen und Erinnerungen vermiſcht und der neue Morgen, thut wie ein Apothe⸗ ker, zu bittern Latwergen quantum satis— Himbeer⸗ ſaft dazu, ſo daß der Menſch, der in den neuen blauen glaͤnzenden Himmel ſieht, und die Dinge aus der Seele darinnen ſich ſpiegeln, ja ſich bewegen und leben ſieht, ja nur zu Allem laͤcheln kann, die Augen zu⸗ macht, weggeht, und ſie gleichſam da droben läßt— im Himmel, und Gott befohlen. Dann treten die Erdgeiſter wieder zum Menſchen, dienen ihm, und er ihnen, und ſie ſtehen als Theemaſchine und Rum⸗ flaͤſchchen, ja als Frau Mill vor ihm und beſchwa⸗ tzen ihn.. Frau Mill war wie jung gemahlen durch das Geld; denn ſchon uͤber der Muͤhle zu Nirgendheim ſtand oder ſteht noch da, wo ſie ſteht: Wer kann zah⸗ len, wird jung gemahlen. Und ob es gleich viel Geld war, und ſie auch rieth, Alles richtig nur halb zu bezahlen, um nicht zu ſagen„halb ſchuldig zu bleiben“ und meinte: Mahnen iſt die groͤßte Beleidigung! und Viererlei Lebenslichter: Richter und Dichter, Creditoren und Doctoren darf Niemand total beleidigen! nein, Jeder vertheidigen, und ob ſie gleich ungewiß blieb, wie wiederum dieſe Vier Lebenslichter ſich gegenſeitig mit ihrem Geviertſchein leuchten und waͤrmen, ob putzen oder nicht putzen ſollten, damit kein Nieſel ihm ſchade, und lieber jedes dem andern Gluͤck zubrenne,— ſo war das Geld doch bald alles weg, um die Zimmer, den Saal und den Keller, den Keller nur halb ſo er⸗ freulich auszumöbliren, wie bei Herrn Hammer. Gern haͤtte Silvati die ſchöne Mirza wiedergeſehn, gern den alten Seligo beſucht um der„Lebensverſiche⸗ rung“ willen; aber der Erfolg der Cur des Ehehin⸗ derniſſes war abzuwarten, und ſo wies er es nicht von der Hand, vis à vis mit Mylady Will⸗William ganz vorzuglich zu ſpeiſen, die, um ihren Jugendfreund zu haben, ſich einmal entſchloſſen und eingeſchloſſen, um in den vierzehn Tagen einmal alle erſten Theile von Walter Scottiſchen Romanen von pagina 1 bis pagina 200 zu leſen, von wo ſie vorher immer gleich angefangen: und ſie war ſo bezaubert von dieſen 30 Mal 200 Seiten, daß ſie dieſelben auf ihre Koſten als Damenbibliothek wollte drucken ja in das Perſiſche uͤber⸗ ſetzen laſſen, als neue Snuite der Feenmaͤhrchen; denn ganz homoͤopathiſch curirten ſie ihr die Langeweile. In⸗ deſſen hatte er den Aufſatz gegen den Mohren Sir Chriſtopher geſchrieben, und Tages darauf ſchon dage⸗ gen ein Dankſagungsſchreiben vom Architecten Herrn Klimm erhalten, worin er ihm zugleich gemeldet, daß er Herrn Chriſtopher auf zehn Tropfen Olum Crotonis herausgefordert und daß er ſich ihn als Se⸗ cundanten erbitte. Nach acht Tagen erhielt er eine praͤchtige Equipage, gewiß von Ben⸗John, mit Pfer⸗ den und apanagirtem Kutſcher zum Geſchenk. Denn das fein gemalte und geſchliffene Wappen auf der Wa⸗ genthuͤr war eine ſehr ſchoͤne Maske mit weißer Naſe. Er fuhr darin ſogleich ſeinen Dank abſtatten, und Ben⸗ John ſagte ihm jetzt eigenmuͤndig, daß ihn Mirza bei der Cur uͤberraſcht, verwundert uͤber das unaufhoͤrliche Feuerſchlagen; da ſie nun aber gar geſehen: wohin er es ſchlage, weswegen er ſchlage und daß ſeine Kniebel geblutet, ſo habe das arme Kind ſich ihm zum erſten Male an das Herz geworfen und Ja geſagt; und obgleich durch die Cur nur ein bluͤthenblattgroß wieder⸗ um menſchlich an ſeinem Patienten erſcheine, alſo Hoff⸗ nung ſei, daß derſelbe dadurch ein ganzer Menſch werde, ſo verdanke er doch Alles ſeiner— Methode. Die blaſſen Wangen Mirza's widerſprachen aber dem Ja, und ſagten wie ſchweigende Lilien„Nein!“ oder„ich ſterbe bald! gewiß, gewiß!“ Deſto ſchoͤner nahm ſich eine ganz aufgebluhte Nelke aus, die ſie in ihren Lippen hielt. Ja als er mit Ben⸗John zum Fenſter hinaus ſah, und Mirza im zweiten Zimmer daneben auch, bemerkte er ein Halsband von Corallen an ihrem weißen Halſe, daran zwiſchen den Corallen eben ſo große goldene Kuͤgelchen waren, und jetzt hatte ſie Jas min an der Bruſt, und ihre Fingerchen ſpiel⸗ ten mit einer Papageienfeder, waͤhrend ſie eine Narciſſe liebkoſete. Das war Blumenſprache! Er gluͤhte. Und als er nach Hauſe fuhr, ſchlug er im nächſten Buchladen nach, was ſie mit dieſen und meh⸗ rern Zeichen geredet, ja die Farben, die Windung ihrer Tuͤcher ſuchte er ſich zu deuten. Ein junger Tuͤrke in einem Caffeehauſe belehrte ihn, und ſprach laͤchelnd: Wenn Euch das geſchehn, ſeid Ihr gluͤcklich! denn die Corallen ſprachen: Gefallen, das Gold: hold, die Nelken: verwelken, und die Feder— befreien! der Jasmin— nimm hin! Ihr ſeid gluͤcklich!— Er mußte auforechen, denn das Prädicat„glucklich“ und der Pluralis„Ihr gluͤcklich“ hatte ihm zweimal das Herz durchſtochen, ſo daß die Unmöglichkeit nur ſein Arzt war. Des alten Seligo hatte Ben⸗John nicht gedacht. Da kam gegen Abend ein Wagen. Ein Herr ſtieg aus, meldete ohne falſche Schaam ſich gleich ſelbſt als Mr. Roſe, den Kammerdiener Sir Ned's des Sherifs unb uͤbergab deſſen Brief, in welchem er ihm ſein halbes Vermoͤgen verſprach, wenn er ſeine Tochter Alceſte ihm rette. Redensarten! ſagte Frau Mill; Gott, wenn wir . das haͤtten, oder und naͤmlich nur Ich, was Kranke blos Mydoctor Hammer verſprochen fuͤr ſein Verſchrei⸗ ben! Er hat ſich gewiß nicht ſo oft verſchrieben, als ſich die Herren verſprochen. Denn nachher kommt ſtatt der halben Vermoͤgen total nur ein halbes Maſtſchwein von drei hundert Pfund, naͤmlich Fleiſch, oder hoͤch⸗ ſtens ein Maſtochſe, auch fett, das muß man ſagen! Sir Ned wuͤrde halten, was er verſprochen; ſo liebt er ſein Kind; ſprach Mr. Roſe gelaſſen, und Miß Alceſte— ſie wuͤrde ihr ganzes Erbe geben, nur um den Vater geſund zu ſehen, wenn ſie geſund waͤre. Die Grafſchaft grenzt mit London zuſammen, wir ſehen's von unſerem Schloſſe. Ich bitte alſo! Schon den Doctor erblicken iſt ein Troſt, wie die Kinder Iſrael vom An⸗ blick der Schlange geſund wurden, und wenn Er ſpricht, ſpricht Moſes oder der feurige Strauch. Frau Mill hatte ihrem Silvati kaum zugefluͤſtert: Der iſt ein Jude, und meint' es gut mit der Schlange, als nach uͤberhoͤrtem Anpochen die Thuͤr aufging, Frau Mill die Eingetretene erkannte, und ihr ſagte: Nur nicht ſo ſchuͤchtern, mein artiges Kind! mein wie ge⸗ maltes Kind! Ach Gott, mein Eigenes iſt total nur gemalt, und nichts mehr wie gemalt. Druben haͤngt's, leibhaftig wie Ich, naͤmlich Ich vor funfzig Jahren. Aber Sie, Sie ſind ein leibhaftig großgewordenes ſchoͤnes Kind, Miß Thirza. Heut' treffen Sie glucklich Mydoctor. Während dem hatte ſich Thirza erholt; ihr Herz — ſchlug nicht mehr ſo athembefangend, die Rothe von ihren Wangen zerfloß gleichſam wie rother Schnee, und ward zu weißemz ſie ſtrich ſich unmerklich, wie ſie wohl meinte, die Locken aus dem ſchoͤnen Geſicht und unter den einfachen Hut, aber ihre ſauberen Fuͤßchen wollten ſie nicht die wenigen Schritte bis hin zu dem Doctor tragen, ſie hielt die Hand an die Stirn, und es ſchien, als ob ſie verborgen weine⸗ Silvati war geruͤhrt, ein ſo reiches Maͤdchen wie er wußte, ſo beſcheiden, ja ſo gebeugt vor ſich zu ſehn; und wenn auch ihr Roͤchchen, ihr Tuch, ihre Struͤmpfe, Alles ſehr rein und ſauber, ja lieblich erſchien, ſo war Alles doch aͤrmlich. Und ſo ging er zu ihr, er faßte gutmuͤthig ihre linke Hand, die in der ſeinen leiſe zitterte, und auf die ſanfteſten, theilnehmendſten Fragen begann ſie nur wehmuͤthig halblaut zu ſprechen, und wollte fragen: Gehen Sie auch zu armen Leuten? Silvati war ſtumm vor reinem Gefallen an der ruhrenden Geſtalt, wie ſie ſelten ſo ſchoͤn und himm⸗ liſch im Leben erſcheint, und noch ſeltner beachtet, am ſeltenſten aber als das himmliſche Bild der Gotter er⸗ kannt wird. Auch war er ſtumm vor Gedanken und Drang. Das war das Engelsköpfchen, und nicht nur mit Locken, denn hier war mehr, die ganze vollendete Geſtalt. Ach, fläſterte ſie, mein Vater— der Doctor Seligo, iſt nun ſelber krank, und wo ſoll ich hin? Wenn Sie nicht ſo kommen wollen, ſo geh' ich wieder. — — —— Und gern, recht gern! Glauben Sie mir und ſeien Sie nicht boͤs auf mich, daß ich kam! Ich will nicht wie⸗ der kommen— gewiß nicht.— Die Wehmuth uͤber⸗ waͤltigte ſie, und ſie vergoß nicht zu verbergende Thraͤnen. Silvati war belwegt. Entſchuldigen Sie, fuhr ſie dann fort. Letzthin war meine kleine Schweſter krank; mein Vater, ſein Herz wohl kennend, und ſeine Angſt um ſie, wollte und konnte ihr nichts geben. Er ſpricht, ein Atzt muß die Seinen nicht heilen, weil er ſie zu ſehr liebt; er eilt und uͤbereilt, der Menſch, der Vater wird der Arzt, und der Arzt wird ein Unmenſch. Ja, ſprach Frau Mill, die Angſt iſt zu groß, das Zutrauen zur eigenen Kunſt und zu den Mitteln zu klein, und ſo wird ſtudirt in allen Buͤchern und ein Potponeri fuͤr den Tod gebrauen. Darum muß ein Doctor auch keine Liebe zu irgend einem andern Men⸗ ſchen haben! Wer aber gleich geſcheidt iſt, der ſchickt gleich nach einem Collegen, um, wenn es denn ſein muß, lieber Ihm, als ſich das Gewiſſen zu beſchweren. Denn Mann und Frau iſt ein Leib, und ein Kind die Ananaskerne dazu und daraus. Nun, darum lief ich zwei Stunden vergeblich umher, erzaͤhlte Thirza. Endlich traf ich die Nichtge⸗ fundenen im Old⸗-Hock oder Ruͤdesheimer⸗ Klübb, und ein vornehmer Arzt, der im nach Hauſegehen wat, hatte endlich die Guͤte, ein wenig umzugehen, zu Uns. Schefers neue Rov. 11I. Die Mutter und die Großmutter erſchraken vor ihm bei Licht. Er unterſuchte das Kind— endlich ſchleu⸗ derte er ihr Haͤndchen weg und ſprach: Sie iſt betrun⸗ ken! Ausſchlafen! ausſchlafen! ſagte er, und ging— ausſchlafen, wie der Vater ſagte. Und nun da kein Tropfen Wein in unſer Haus kommt, entſchloß ſich der Vater und verſchrieb, als er lange geſonnen, was der Schweſter wohl ſein koͤnne? Sie war am Morgen noch unwohler, er verfolgte ſie nun mit Mitteln. Das Kind nahm Alles geduldig— bis ſie nach den Vater um Huͤlfe rief, ſich feſt, o ſo feſt an ihn anklammerte — und ſtarb. Da erfuhren wir erſt von der Nachba⸗ rin, die uns nach dem Kindtaufen bei Ihr zum erſten Male beſuchte: daß meine Schweſter ein Glas Wein bei dem Schmauſe bekommen und als was Seltnes getrunknen und aus Furcht vielleicht verſchwiegen als wenn ſie gebettelt! Das hatte das Kind am Morgen vergeſſen. Die Nachbarin war außer ſich, als ſie das liebliche Maͤdchen nun todt ſah. Da ſehen Sie! ſprach Frau Mill, daß ſelbſt ein betrunkener Doctor noch weiß, wer betrunken iſt; dann iſt ſein Geiſt erſt ſcharf; wie gefrorener Wein in der Mitte, liegt der Geiſt in ſeinen Augen und wohnt in ſeinen Fingerſpitzen, wie bei den Blinden. Die arme Fleine! Ach, ihr iſt wohl! ſprach Thirza leiſer; aber der Vater! der Vater iſt nun krank, und wie! und mit dem Mittelfinger ihre Stirn beruͤhrend, flſterte ſie — kaum hoͤrbar: und wo!— Wenn das Kind auflebte, das waͤre vielleicht das einzige Mittel! Silvati ſeufzte, hieß die wie Betaͤubte niederſetzen und ſagte ihr gutmuͤthig laͤchelnd— die einzigen Mit⸗ tel haben wir Aerzte nicht— die haben die Men⸗ ſchen, die Kranken, fruͤher: wenn ſie noch Geſunde ſind! Darum haben wir denn meiſt keine, oder ſo gut wie keine! Ach, ſo ſchlimm, ſeufzte ſie wieder. Sie ſprechen wie mein Vater ſprach. Darum ſind wir auch arm, recht arm, aber auch gern, recht gern, und wenn noch aͤrmer. Wie konnte er auch etwas haben? Denn nach ſeiner Weiſe ging er ſelten zu Kranken— er gerieth auch immer in Zorn, wenn einer ſchickte. Das merken die Leute bald und kommen nicht wieder; und er ſagte ihnen wohl noch: der Tod macht der Natur Schande, aber die Krankheit dem Menſchen! Das iſt das Sprichwort meines Herrn, bemerkte Mr. Roſe. Wenn nicht allein und nicht immer der Menſch gemeint iſt, der krank liegt, wie Heere von Armen, ganze Lazarethe voll Verwundeter, nachherige Bäͤnkel⸗ ſaͤnger und Kruͤppel von Matroſen und was hier zu ſagen waͤre, ſo find' ich die Meinung ſehr wohl gemeint, entſchuldigte Silvati. Und mein Vater meint es ſo wohl und verdient wohl Huͤlfe, ſprach Thirza wie begeiſtert. Wie er ſagt, daß man den Reichen nur leben laſſen durfe, wie den 7— Armen und den Armen eine Zeit nur wie den Reichen, ſatt, trocken, reinlich, bequem gepflegt und ſorglos, um Beide geſund zu machen, ſo nimmt er uns oft das Brot vom Tiſche, und traͤgt es im Dunkeln den Armen hin, ſich zuerſt ſatt zu eſſen; oder was ihm ein durch ſeinen Rath Geſundgewordener freiwillig nach ſeinen Kraͤften gegeben, das traͤgt er den Andern hin, und wir gehen gern recht ſchlecht angezogen, gewiß recht gern. Aber ſelten empfaͤngt er etwas. Denn da er nur bei anſcheinend Geſunden umhergeht, ſich wie ein anderer unverſtändiger Menſch unter die Menge Volks in Vaurxhall, in den Theegaͤrten, ja wohl auch auf den Tanzſaͤlen und in den Schauſpielhaͤuſern mengt, ja in dem Strome von Menſchen auf den Straßen curirt, wie er ſagt, und wie er thut, durch guten Rath in beſtimmten Faͤllen, durch eine Warnung, eine Ermun⸗ terung, und die lieben alles ſelbſtbedurftigen oder einen ſolchen wahren Arzt noch nicht wuͤrdigenden Menſchen fuͤr die tauſend Curen, die er gewiß, gewiß ſchon gemacht, ihm nicht das Geringſte geben, nicht anbieten, ja ihn oft muͤrriſch oder hoͤhniſch anſehen, wohl gar auslachen, und das Parlament daruͤber noch nichts be⸗ ſtimmt hat, ſo koͤnnen Sie denken—— Daß Ihr geſchlagene Leute ſeid! total! ſetzte Frau Mill vor Ereiferung fort. Das waͤre Mydoctor!„Sie leben wie ſie wollen, und ſterben wie ſie ſollen.“ So iſt es recht, und doch muß der Arzt curiren, das iſt die Kunſt, und gewiß, gewiß keine Heperei. Und doch muß er reich werden, denn die Menſchen ſingen das Lied nun ſo: Herr, wie Du willſt, ſo ſchick's mit mir im Leben— nur nicht ſterben! Nehmen Sie mir es nicht uͤbel, My⸗Thirza, aber bei Ihrem Herrn Vater, dem Mydoctor Hammer zu viel zugetraut, weil die Lanzette auf ihn, naͤmlich den Dr. Seligo als den Einzigen Arzt in London, mit Fingern gewieſen, und weil Mydoctor ſich uͤher dieſelbe ſcharfe Lanzette zu Tode geaͤrgert, weil ſie ihn ein paarmal punctirt, ohne daß er grade die Waſſerſucht hatte— denn in unſerem Keller war nur der edelſte Wein—— mit Ihrem Herrn Vater muß es lange ſchon hier hinter der Stirn.— Mr. Roſe hatte, das Ende dieſer Ergießung der Frau Mill vermuthend, ihr ſchon eine Prieſe gebo⸗ ten, und ſie nieſte, wie von Helleborum den Un⸗ ſinn weg. Wollen Sie nun noch kommen? flehte Thirza, hatte die Haͤnde gefaltet und ſchlug kein Auge auf. Während dem hatte ein Wagen gehalten. Es war herauf gekommen, und Alle uͤberraſchend trat heftig, und doch mit edelem Anſtand, Mirza her⸗ ein. Sie ſprach nicht, ſie grußte ſogar nur leicht, aber ſie ging auf Silvati lächelnd zu, wie ihrer Sache ge⸗ wiß, faßte ihn bei der Hand, um ihn grade fort zu fuhren. Mit der andern Hand ergriff ſie ſeinen Hut und ſetzte ihm ihn auf. — 102— Ach, Sie kommen nun nicht. Doch will ich wiederkommen, ſprach Thirza. Silvati war verlegen, und ſchwankte wie von zwei Magneten angezogen. Mirza's Auge durchdrang gleich⸗ ſam mit bitterem Blicke das ſchoͤne ſchoͤne Maͤdchen, das ihr ſelbſt ein Erroͤthen abzwang; und da Silvati noch ſtand, ſprach ſie endlich mit ſtolzem Verdruß, als vermoge ſie, ſie ſelbſt nichts uͤber ihn in Gefahr, und kalt laͤchelnd, als moͤge ſie das nun auch nicht, ſie ſprach: Mein Ben⸗John— er iſt tödtlich verwun⸗ det— und daß es meinetwegen geſchehn, das allein treibt mich hierher, Sie fortzureißen! Bei uns iſt Schreckliches geſchehen! Und mit einer Kraft, in der Eiferſucht, Liebe, Guͤte, Dankbarkeit, Hoffnung und Haß ſich vereinten, zog ſie ihn wirklich die Treppe hin⸗ ab bis unter die Thuͤr. Alle uͤbrigen waren nachge⸗ eilt. Thirza ſtand beſcheiden von fern. Mr. Roſe bat wenigſtens um ein Wort Beſcheid. Frau Mill aber entſchied: Jeder nach der Reihe! wie Jeder in der Schlacht verwundet wird, der Schiffsjunge vor dem Admiral Codrington ſogar; das iſt die Regel— und ihm in's Ohr ſprach ſie: Denken Sie an das halbe Vermoͤgen! Die Gratial⸗Kutſche ſteht ja im Schuppen. Weiter ſetzt es nun nichts. Silvati aher durchfuhr ein anderer Gedanke. Er dachte nicht: daß Ben⸗John ſchon geſtorben, ſondern 103 daß Mirza frei ſei, wenn er nicht ſchnell ihm zu Huͤlfe eile; nicht, daß ſie Ben⸗John verliere, nein, daß er ſie erwerbe— er ſetzte nur einen Fuß auf den Tritt von Sir Ned's Wagen— und ſo that er wirklich— er rettete ihm vielleicht ſeine Alceſte, auf dem Wege verſorgte er den Vater der unvergleichlichen Thirza, und Mirza— wenn die Noth wirklich groß war— Mirza war ſein! Eine Stimme aber ſprach in ihm heimlich, doch ſtark und faſt ſpoͤttiſch:„Bewahre der Himmel, daß der Menſch ſeine Pflicht thun ſollte! Das kann abſcheulich ſein. Nein, edel ſoll er ſein, immer das Edelſte thun, immer das Schwerſte, wobei Er nichts erwirbt, ja Alles verliert, ſelbſt Liebe und Leben! Seine Feinde aufſuchen, helfen, wo es Gott nur weiß, und das Alles ohne Lohn, nur weil er ein Menſch iſt, das heißt und iſt das edelſte Weſen unter der Sonne. Sonſt— ſonſt uͤberfaͤllt ihn Schuld, Reue, Ungluͤck, alles Seelenleid, und habe er Gold erworben ſo viel er—“ Nein! Gold nicht! ſprach ſein Herz und Mirza's Schoͤnheit, Mirza's deutliche Liebe. Er ſah ihr in die Augen— ſie brannten duͤſter auf ihm, ihre Wangen waren blaß, und ein Zucken ſpielte um ihren Mund. Die Kraft ihrer Hand hatte nachgelaſſen— er mufßte ſie beſitzen, und ſo ſtieß er ſie halb von ſich, halb riß er ſich los. Er hob die faſt erſchrockene Thirza mit Haſt in Mr. Roſe's Wagen, drängte ihn ſelber ihr nach, noch ein Blick auf Mirza — 4 — und ſie ſtand mit niedergeſenktem Kopfe, purpurroth im Antlitz wie von der untergehenden Sonne; dann wechſelte ſie plotzlich die Farbe; gleichſam ein Geiſt be⸗ wegte ſie und machte ſie plotzlich lebendig, ja wie begei⸗ ſtert, und doch wie entſeelt; ſie warf ſich in ihren Wagen und brach in hoͤrbares Weinen aus. Ihr Wagen rollte dorthin, ſein Wagen mit der bebenden Thirza nach jener Seite. . X. Schalt⸗Capitel. Wie krank iſt Ihr braver Herr Vater? frug end⸗ lich, aus ſeiner Betäubung zu ſich und zu Thirza ge⸗ kommen, Silvati. Mr. Roſe wird nun halten, ſagen Sie mir alſo von ſeinem Zuſtande.— Und nicht auf⸗ ſehend, ſprach Thirza, die Guͤte des lieben, menſchen⸗ freundlichen Doctors, den Helfer der Armen im Her⸗ zen dankbar erkennend, und ihm in Wahrheit die Haͤnde mit ihren Roſenlippen kuͤſſend und an die naſ⸗ ſen Augen druͤckend, ſie ſprach: Hier dieſe Schrift hat mein Vater erſt dieſen Morgen aufgeſetzt, ich habe mich geſcheut, ſie wirklich abzugeben, er ſoll ſie nicht wieder⸗ ſehn; aber ich hatte ſie fuͤr Sie mitgenommen, hier iſt das Papier. Sie ſind fertig, ehe wir zu uns kommen. Sie bedeutete nun den Kutſcher, verbarg ſich dann gleichſam in den Kiſſen und Silvati las: Die Emancipation der Pferde. Eine Viſion des kranken Doctor Seligo, des Sohnes. * In Wahrheit recht achtbare Dampf⸗Kutſchen⸗Geſellſchaft! „In Wahrheit recht achtbar“ zu ſagen, erheiſcht der hochlobliche Unterſchied zwiſchen Ew. Ew. ꝛc. Dampfkutſchengeſellſchaft, und der Dampfſchiffgeſell⸗ ſchaft zum Beſten der Griechen. Zwar als ein Unbekannter, hinter dem, wie hinter allem Unbekann⸗ ten, die groͤßte Weisheit oder die groͤßte Narrheit ſtek⸗ ken kann, darf ich dennoch ſo viel hoffen, daß ich un⸗ ter dem Ausdrucke„Dampfkutſchengeſellſchaft“ nicht gerade eine unvernuͤnftige Elephantengeſellſchaft oder Reihe von Dampfkutſchen will gemeint haben, ſon⸗ dern den Verſtand, die Phyſik, die Mathematik und Maſchinenlehre, die Pferde- und Menſchenliebe, die ſichtbar an der Erde auf raſſelnden Raͤdern dahin fah⸗ ren! Aber ſogar auch ſo dumpf und unbegreiflich ange⸗ ſehn, wie es Maulthiere, Ochſen, vor allen die Pferde, die Pferde nicht anſehen ſollten: Heuwagen⸗Pferde, brabanter ſchwarze Bierbrauer⸗Pferde, Steinkohlenwa⸗ gen⸗Pferde, im Staub erblindete Fuhrmanns⸗Pferde, Stromauf⸗Schiffziehpferde, Acker⸗, Kanonen⸗ und vor⸗ nehme Herrn⸗Pfeide, Familienwagen⸗, ſchwere, bauer⸗ hausgroße Poſtwagen⸗ und alte ſchwere Rumpelkaſten — 407— von Stadtſpritzen⸗Pferde— ſo bleibt eine ſolche wahre fahrende Dampfwagenſellſchaft von gleichſam an einan⸗ der geketteten 21— 24 Perſonen, auf der Straße da⸗ hin rauchend, ein ſehr dankbarer Anblick. Ich will auch nicht verſchweigen, wie gut es iſt, daß es alle anderen Thiere, vielweniger die Mohren-, Caffee- und gucker⸗Sclaven nicht einſehen und ausdruͤcken koͤnnen, welche Verdienſte ſich Eine recht achtbare Dampfkut⸗ ſchengeſellſchaft um die ganze Roßheit erwirbt! Denn dieſe Nacht war ich in Irland, und naͤher bezeichnet, auf dem Felde, auf welchem die unabſehbare Schaar Emancipations⸗Maͤnner, Weiber und Pfaffen ſich juͤngſt verſammelt. Im hellſten Mondenſchein ſah ich jetzt das Gefild voll emancipirter Kutſchpferde— oder ihre Gei⸗ ſter alle, Schimmel⸗ und Schecken⸗Geiſter, oder Braune⸗ und Rappen⸗Seelen verſammelt. Ich frug einen neben mir haltenden Stachelſchim⸗ mel, welches der Zweck der Verſammlung ſo adliger Thiere ſei?— Ja wohl, Sir, adlig! verſetzte der Stachelſchimmel; denn Wir werden nun auch Freiherrn, Freiftauen und Freifraͤulein ſein, oder wenn Sie als Menſch es lieber humaner ausdruͤcken wollen: Frei⸗ hengſte u. ſ. w.— und auch Nichts thun, als— wohlfeile Gerſte, Hafer und Bohnen wuͤnſchen, da⸗ mit noch Ein Unterſchied zwiſchen uns und Jenen— Voll⸗Bluͤtigen ſei, die das Getreide theuer wuͤnſchen. Sie ſehen, Sir, uns verſammelt, um den edlen Pferde⸗ erloͤſern: den recht Pferdeachtbaren Herren Perkins, desgleichen den Pferdefreiheit und Abel ſchaͤtzenden Herrn Gurney, und den alle Kutſcher und Peitſchen, Strie⸗ gel und Schweißeiſen, beinahe wie aus reiner Pferde⸗ ſeele haſſenden Herrn Williams, ſo wie dem Lieute⸗ nant Skene, der das famoſe Dampfkutſchen⸗Rad erfun⸗ den— Jedem eine beſondere Dankadreſſe zn votiren. Dort auf dem Huͤgel um die Rednerbuhne— eine große Hafertonne— iſt„der Ausſchuß“ vereinigt, aber, Sir, nicht etwa ausrangirte marode Cavillerhaͤute, ſondern die feurigſten, dankbarſten Seelen! Ich war zum Sprecher vorgeſchlagen, aber meine Zunge hat durch die ſtachlichte tuͤrkiſche Zäumung zu ſehr gelitten — da ich einer dicken alten furchtſamen Dame dienſt⸗ barer Geiſt war— denn, Sir, ich bin ein Zungen⸗ ſtrecker! Dabei ſahe mich der Stachelſchimmel mit einem feurigen Auge an;— ich bedauerte; er aber lächelte: das Andre iſt mir mit der Peitſche blind ge⸗ hauen. Ich bedauerte noch mehr; er aber verſetzte: das iſt ja nun gut, man kann auch die Freiheit mit Einem Auge ſehen— und er lachte furchtbar wie Ge⸗ wieher, bis er nieſen mußte. Ich bot ihm meine Doſe mit Spagniol; aber er meinte: wenn ich die Melonen⸗ ſcheiben dazu haͤtte! und dankte verbindlich. Jetzt ward allgemeines Schweigen. Der Redner, ein milchweißer Hengſt, trat auf den Haferſack, und verbreitete ſich uͤber die unzahligen Leiden der Wagen⸗ pferde, von Achills und Rheſus Roſſen an, die Qua⸗ drigen und abſcheulichen alten Romiſchen, Deutſchen und Spaniſchen Straßen beruͤhrend und verachtend, ja beweinend, wie Achills Roſſe geweint. Siehe, da weinten die Stuten alle zuerſt— als die weichſten weiblichen Gemuͤther— die Thraͤnen ſteckten Hengſte und Wallachen, Langſchweife-Tuͤrken, und Kurzſchweife⸗ Engländer an, die Ruͤhrung war allgemein, ja einige alte Stuten ſchluchzten laut. Das war die Folie zur Freude. Denn nun erklaͤrte der milchweiße Sprecher auf dem Haferſacke der Verſammlung, wie ſehr ſie vor allen ihrem Schoͤpfer, dem Gott Neptunus, verpflich⸗ tet ſei, der zwar uͤberhaupt in England herrſche und mit ſeinem Dreizack es machtvoll beſchuͤtze— aber vorzug⸗ lich um ſeiner Kinder, der Pferde wegen. Er pries die Schlauheit des Gottes, der ihr Schickſal ſo heim⸗ lich als ſicher gelenkt, und weit beſſer, als irgend ein Kutſcher, der je auf dem Bocke eine Peruͤcke von Ziegen⸗ haaren getragen. Dann, ſprach er im Fluſſe der Rede: wie die Freiheit der Einen wider Willen der Andern entſteht, das iſt noch in keines Pferdes Kopf gekom⸗ men, und ich Weißgeborner kann und will es euch ſagen, denn meine Ahnen waren Orakel des Gottes Swantewit. Naͤmlich: die Amerikaner befreiten ſich von den Spaniern unwiſſend durch das Pferd im Collectivo, Plurali, ja in der Vermehrzahl, welches die ſtolzen Eroberer einſt— unwiſſend, was ſie thaten— faſt im Singulari oder Duali dahin gebracht, und welches damals der Eingeborne-Wilde faſt goͤttlich verehrte— gleichfals unwiſſend was er that. Jetzt aber wiſſen wir Pferde: warum? Denn das Pferd bedankte ſich fuͤr die unabſehlichen fetten Triften durch ſeine Siege bei Carabobo und in der Pampa Aya⸗ cucha, ebenfalls unwiſſend was es that. Der Amerikaner bedankte ſich aber bei dem Pferde, un⸗ wiſſend ſchon laͤngſt im Voraus wie die Anderen Alle, durch die Erfindung oder Ausfuͤhrung der Dampfmaſchine. O Deus ex machina! oder: O Machina ex Deo! scilicet Neptuno! Denn der Gott des Waſſers iſt auch der Gott des Soh⸗ nes des Waſſers, oder des Dampfes. So weit war unſere Emancipation von ihm eingefaͤdelt! Und wie die Dampfmaſchinen die Hande der Armen von Arbeit befreiten, ſo befreiten ſie unſere Beine vom Dienſt. Und mehr als eigentlich Beine ſind wir ja nicht, wie die Armen nichts mehr als Arme. Denn was ohne ein Ding Nichts iſt, das iſt mit dem Dinge Alles. Aber jetzt hoͤrt! hoͤrt! was ihr ſchon wißt und freiwillig gethan habt. Naͤmlich: wir Irlan⸗ der— Pferde konnten gerechter Weiſe keine groͤßere Freiheit verlangen, als die Englaͤnder ſelber genießen. Da Ihnen nun das Praͤmunire oder Vorbauen gegen Unterbauen Fundamentalgeſetz iſt und bleiben wird, ſo konnten wir ja dieß apage Satana— naͤmlich, daß uns, wie man ſagt, nicht der Teufel ſoll reiten, mit Freuden geloben, um ſogleich emancipirte, das heißt dann ſogleich und auf ewig gluͤckliche Pferde zu ſein. Ohne dieſes Fundamental⸗Geſetz wuͤrden wir ja freier ſein, als die Englaͤnder ſelber— quod non datur! und durch dieſes bloße Apage ſind wir freie Irlaͤnder, ja ſogar Englaͤnder zu nennen, verſteht ſich, wenn wir keine Lang⸗ ſchweife ſind. Doch dieß„bei Seite“ wie im Theater. Nun ſetzte er den, in keiner Schule geweſenen, Mitgliedern der Verſammlung den Werth und die Fol⸗ gen der Dampfkutſchen und Gasvacuum Wagen— aus einander, und wie Flamminius den Griechen, er⸗ klaͤrte er den Roſſen darauf und dadurch nun die Frei⸗ heit. Und wie dort von dem Freudengeſchrei der von den Römiſchen lange in Sclaverei gehaltenen Grie⸗ chen, die Vogel erſchreckt und betaͤubt, aus der Luft gefallen, ſo dachte ich: Nachtgewolke und Mond muͤß⸗ ten nur grade herunter fallen von dem Pferde-Freiheits⸗ geſchrei, das in ein gellendes Gewieher uͤberging und einartete. Ja ich will nicht verbuͤrgen, daß nicht ein Stall⸗Beben dabei ſtatt gefunden, wenn die Erde nicht von dem Geſtampfe der Quadrupeden erbebte, die den — Putrem den Staub, bis zum Himmel wirbelten. Auch war es wirklich ſehr huͤbſch von den Pferden, daß ſie gleich verſoͤhnt durch das Gute, und ohne Rache, den armen Irlaͤndern wohlfeileres Hafer- und Gerſten⸗ brot verhießen— wenn ſie, die Pferde, nun wahrſchein⸗ lich lieber wuͤrden auf die unermeßlichen gruͤnen Wieſen von Amerika deportirt werden, wo ſie als Pferde kaum Staͤlle brauchten und kein ſonſtiges Gerath, als gleich gutes Gebiß zum Beißen in das gruͤne Gras, in das ſie ſo lange ganz anders gebiſſen! Beſchloſſen aber ward: etwa ein Regiment aͤchte Cavallerie à pied— ohne Reiter— im Gegenſatz von ſonſtigen Reitern mit Spornen ohne Pferde, aus⸗ zuſenden: um, wie Woͤlfe alle Kutſchen, Fuhr- und Laſtwagen, Spritzen, Poſtwagen, Steinkohlen⸗ und Bierplagen, auch Canonen- und Pulverkarren zu zer⸗ ſchlagen, und ſogleich allen Menſchenherrn und Kutſchern den Gehorſam aufzuſagen⸗ Ich erſchrak uͤber die Selbſthuͤlfe— da ich als Arzt hochſt legitim uͤber alles Selbſtcuriren, und alle Buͤcher, die das lehren, denke, da ſie nur Pfuſcher, Kruͤp⸗ pel und Ungluckliche machen, um ein Paar Pfund Honorar fuͤr das Buch, das nicht genug deteſtirt wer⸗ den kann. Aber zuruͤck zu den Pferden! Nach Voti⸗ rung der Dankadreſſe, die ohne alle Discuſſion durch⸗ ging, ſtimmten die nunmehr edlen Freiherrn, Freifrauen und Freijunker und Fraͤulein in den ausgebrachten Toaſt „die hochachtbare Dampf⸗ und Gas- vacuum— Wagen⸗Geſellſchaft, von nun an auf immer!— Auf immer Perries! Auf immer Vallance mit ſeiner meilenlangen Luftpumpe! Auf immer Gurney! auf im⸗ mer Williams!— ams— ams— ams!— ſcholl es gewaltig, ſo, daß ich auf lange ganz taub davon war. Daher mußte mir der freudetrunkene Nachbar Stachelſchimmel zweimal— das letzte Mal fuͤr Men⸗ ſchenohren faſt etwas zu ſchreckhaft ſagen: daß er mit einer Deputation von etwa hundert Subjecten Ew. Ew. die votirte Dankadreſſe zu uͤberbringen beehrt ſei, und zwar Morgen. Dann war Ball, welcher mit einer unendlichen Polonoviſe à la Koszinsko eroͤffnet ward, wobei die Damen gewechſelt wurden, damit alle Herren ſie Alle einzeln eine Minute kennen lernten, ſie bei ihren Na⸗ men, Jenny, Betty, Iſabella, Aspaſia, Roxelane, Clariſſa, Mara, Catalani— und den tauſend gefeier⸗ ten Namen zu nennen vermochten, durch deren Tragung ſie jene beruͤhmten und ſchoͤnen Frauen geehrt. Die Junker und Fraͤulein Fohlen zirkelten hinterdrein und conſtituirten dann einen eigenen Pferde-Kinderball, wie auf den ſo nuͤtzlichen nachahmungswerthen, und hier ſo effectvoll nachgeahmten— Kinderbaͤllen, wobei die Foh⸗ len beiderlei Geſchlechtes ſogar, trotz ihrer Pferdenatur, einigen Huſten und Schnupfen bekamen, und wahr⸗ ſcheinlich in Druſen, ja Bruſtkrankheiten verfallen koͤn⸗ nen, ob ſie gleich in natuͤrlichen Pelzen warm angezo⸗ gen gingen, oder auf allen Vieren ſprangen, und weder Whiſt, Nykus, auf Eis geſtellten Champagner— ſelbſt nicht ein ſo gefahrliches, ſogar toͤdt— liches Glas Wein, noch Blättergebacknes dabei an die Pferde⸗Kinder Taͤnzer kredenzt ward, wie ich ver⸗ ſichern kann. Ich haͤtte es auch als Arzt nicht gelitten! Denn ich weiß die Geſundheit bei Allen zu ſchutzen, am meiſten eine Pferdegeſundheit! Schefers neue Nov. FI. 8 Noch mehr erſchrak ich vor dem raſenden Gedanken, einen homoͤopathiſchen Punſch zu machen! Denn der bei den factiſch emancipirten Pferden ſogleich als Conſul angeſtellte Lord aus dem Jokei— Clubb fuͤhrte die Ge⸗ ſellſchaft naͤmlich mitten auf den großen See an der Haide. Er preßte den Saft einer Citrone hinein, ver⸗ ſenkte ein halb Pfund Zucker, goß eine Kanne Clairet in die Wellen, den Sud von einem Loth Thee, ſchuͤttete ein halb Quent Muskate, ſehr wenig gerieben, dazu, ruͤhrte das Ganze nur zwei, drei Mal mit der Ruder⸗ ſchaufel als Spatel hin und her, um den Weinpunſch nicht zu furchtbar ſtark durch Ruͤhren zu machen, und der Goͤttertrank war fertig, und ward nun dampfend mit Eimern geſchoͤpft. Der Erfolg war eclatant. Denn die bisher als muͤſſige Zuſchauer verſammelten anderen Thiere alle, ſtumm vor Neid uͤber die Freiheit der Pferde, die nun zwar nicht zu Staatsämtern gelangen, aber auch nicht mehr um fuͤnf Pfund Sterling jedem Irländer weggekauft werden konnten, wurden nun gleichfalls zum Punſche geladen und zugelaſſen, um mit zur Freude berauſcht zu werden; was denn auch geſchah. Die Gänſe wurden Schweſtern der Fuͤchſe, die Rinder umarmten die Pferde, kalkuttaſche Huͤhner ſchnaͤbelten ſich mit turkiſchen Enten, und die Lachtauben mit Stößern, ja ſelber die Fiſche tanzten und ſprangen her⸗ auf und redeten heute ſogar, und alte Lachſe ſangen den Fiſcher von Goethe. Dann ward eine Biscuittorte in feine Brockel zerkruͤmelt, und Eines davon zur Stär⸗ — 115— kung an jede Perſon vertheilt, wovon Alle ſichtlich maͤſteten, ſo daß der Zungenſtrecker mir ſagte: da der Hunger anerkanntermaßen die ſchlimmſte Krankheit ſei, ob man nicht auch homoͤopathiſches Brot fuͤr die Armen backen könne und ſolle! Es wuͤrde Ew. Ew. nun in Verlegenheit ſetzen, ohne Vorbereitung die Dankadreſſe zu beantworten, wo⸗ bei jedes Wort ſo doppelſinnig und weitbegriffig als moͤglich gewählt ſein muß! vor Allem akber fuͤr anſtaͤn⸗ dige Bewirthung ſo zahlreicher Deputation zu ſorgen! Daher mein Avis! Danken aber die Pferde, ſo iſt es billig, daß Men⸗ ſchen nicht zuruͤckbleiben! Hier bin ich alſo! Und zwar nicht im Namen aller Reichen und Ungelehrten, aller Geſunden und braven Franklinſchen und Saͤumi⸗ ſchen Spatziergaͤnger, ſondern im Namen aller Ar⸗ men und faſt darum ſchon Gelehrten, und aller Kran⸗ ken, beſonders armen Geneſenden, die gern recon⸗ valesciren ritten oder fuͤhren, und auf ihrem Leger nur die Spatzierfahrer voruͤber rumpeln hoͤren, ja raſ— ſeln— denn nur reichen Kranken ſtreut man Stroh! Jetzt komm' ich auf mein Thema. Ich ſelber, als— kranker Arzt fuͤhre oder— ritte gern recognosriren, alle meine armen Kranken; denn ich bin ein armer Armendoctor. Und Gott, was wird erſt aus den Ge⸗ ſunden werden, deren Zahl Legion iſt! Aber Pferde halten, das heißt: fuͤttern,— anſchaffen! das heißt bezahlen, nur Eins, nur ein Halbes, das heißt ein 8* — 116— Lahmes oder Einäugiges— das kann ich nicht, und möchte ich doch gern koͤnnen. Daher meine Bitte! Aus dem Stammwort iſt leicht das Diminutivum und Derivativum zu machen, aus Dampfutſche— Dampf⸗ Gig oder Gas⸗vacuum⸗Tilbuͤry, vielleicht ſogar nur ein Dampf⸗Reitpferd! ſtatt ewiges Manna⸗Futter einen Zuckerhut Queckſilber im Leibe als Maſchine, oder ein bloßes Vacuum— das heißt Nichts! eine gewaltige Leere, kräftiger oder doch ſo kräftig als Ulyſſes mit ſei⸗ nen ſieben Mann im Trojaniſchen Pferde-Bauche. Es iſt zwar nirgends gradezu bibliſch, daß Gott aus Nichts die Welt gemacht, aber es wäre eines Menſchen wuͤrdig aus Nichts wenigſtens ein Pferd zu machen, oder einen leichten vis« à vis! Erſchrecken Ew. Ew. nicht uͤber das Wort„ein Zuckerhut voll Queckſilber im Leibe!“ der Leib iſt ja ein Pferde⸗, ja Wagen⸗Leib, kein Menſchen- oder ga⸗ tanter Faſhionable⸗Leib! und wie ich ſelbſt nicht Doe— tor möchte ſein ohne Queckſilber, ſo wird kuͤnftig Kei⸗ ner— naͤmlich ich meine nicht kein Doctor, ſondern kein Kutſcher— wollen Kutſcher ſein, ohne das große wichtige Queckſilber! ſo heilſam in gegenwaͤrtiger Zeit, daß eine— vielleicht ſatyriſche geiſtliche Queckſilber⸗ Comitée es regelmaͤßig in alle Haͤuſer aller Städte aller Welt hat vertheilen wollen. Das unmaßgebliche Motions⸗Pferd wäre nun gebaut wie ein Menſch oder ein Schwein, dem innerlich der Menſch ja am mei⸗ ſten gleicht— da wäre ein feuriges kochendes Dampf⸗ herz— der Zuckerhut— ſonſt Keſſel; die wären Schlagadern und Blutadern— die Roͤhren, die alles vergiftete Queckſilberblut wieder zum Herzen fuͤhrten. Das warme Pferd waͤrmte den Paſſagier, oder die Paſſagiere—(es koͤnnte auch ein Dampf⸗Eſel ſein, und warum ſollten mehrere Englaͤnder, Deutſche u. ſ. w. nicht zugleich auf dem Eſel mit Sack und Pack reiten und ſitzen, ſo gut wie italieniſche Eſel ſelber ſich das gefallen laſſen. Statt der Piloten⸗Raͤder hätte das Thier Piloten-Beine; der Schweif, etwas ſteif wäre die Deichſel, oder das Steuerruder wie beim Dauphin, lateiniſch Delphinus. Auf dem Feſtlande wuͤrde ſelbſt auf den Chauſſéen die gleichformigſte geraͤuſchloſeſte Be⸗ wegung uͤber Stock und Stein, durch Loͤcher und Schlaͤge noch die geſunde Bewegung eines wahren ruſſiſchen Harttrabers nicht um zu vieles uͤbertreffen. Oder ſollte ein Dampfpferd oder Brown'ſches Gas-Vacuum-Rofß, o Gott! vielleicht gar ein großes Trojaniſches hoͤlzernes Zeiſet— Pferd fuͤr eine Geſellſchaft ſich verſammelnder oder zerſtreuender, oder nur blos auf Staatsunkoſten auf Reiſen gehender Naturforſcher— o mein Gott, ſollte das immer trockene warme luſtige Compagnie⸗ Pferd in den Unmoͤglichkeitsſtall zu dem Pegaſus gehoͤ⸗ ren— ſo ſtehe ich nicht ab von dem kleinen leichten, wohlfeilen Dampf-Kariol! Imaginiren ſich Ew. Ew. die Ehre, die Sie uͤber die armen, blaſſen Gelehrten verbreiten, die ſich dadurch 118 zu dem Range der Vornehmſten im Reiche erheben: Selbſt ihre Kutſcher zu ſein! Sie erheben dadurch die unbeachteten armen Schlucker— von Nicht⸗ſchluk⸗ ken ſo genannt— wenigſtens alle zu Baronen, wie die Franzoſen einſt den Homer und Virgil zu Mar⸗ quis. Einige oder mehrere ſolche ſtille Arbeiter an dem Beſſerwerden der Welt legen ihre Paar Schillinge zuſammen, und kaufen ein wohlfeiles Wunderthier Ihrer Fabrik, Manufaktur oder Ihres— Attelier; ſie fahren: Einer Montags, der Andere Dienſtags und ſo weiter, am liebſten recht weit! oder der Dritte fruͤh, der Vierte Abends, vielleicht ein Fuͤnfter— der Poet, oder Sternenliebhaber— des Nachts. Iſt es ein Vis- a- vis, ſo hat er ſeine liebe ſchmalbäckige Frau vor ſich, und dem lieben des Fahrens ſeelenfrohen Weibchen hockt ein kuͤnftiger kleiner Gelehrter auf dem Schooß— kein kuͤnftiger Stubenhocker! Papa ſieht, ſtatt blaß, jetzt roth und wohl aus, die freie Natur hat Einfluß auf die Freiheit der Voͤlker— das Thier frißt den armen Kindern im Hafer das Brot nicht weg; es ſchwizt nicht einmal wie der Hund auf der Zunge, es bedarf alſo keines Buͤrſtens, Reibens, kurz keines Head-grooms— die Frau macht aus Pa⸗ vierſchnitzchen fuͤr einen Dreier Feuer hinein, ſie kocht unterweges vielleicht noch ihren Thee, Caffée, ihre Choccolate, oder ſchmort einen kleinen Roſtbeef— und die Familie, was ſag' ich: hundert tauſend Fami⸗ — 119— lien ſind gluͤcklich; denn ſo viel ſind, mäßig uberſchla⸗ gen, anjetzt Gelehrte; denn Wer iſt heut zu Tage nicht gelehrt? Millionen Kranke geneſen eher— denn Wer iſt heut zu Tage— man moͤchte ſagen, heut zu Nacht — nicht arm! Eiſenbahnen ſind zu Dampfwaͤglein nicht unumfahrbar nöthig; ja die deutſchen ſanften Sand⸗ wege ſelbſt, bis an die Achſen mahlend, wuͤrden große Vorzuge haben— durch ipso facto Ihrer Poni's, kleinen Schottiſchen Pferdeleins, oder Kariols; ja man koͤnnte dann ſtatt koſtbare ſchlechte Chauſſéen zu bauen — und wuͤrde gewiß ſchweres Chauſſéegeld auf die Land⸗ Sandſtraßen legen, das heißt von den Paſſa⸗ gieren erheben, nicht Geld verzetteln. Denn die Gelehrten wuͤrden dann durch Dick und Duͤnne in fremde Laͤnder reiſen und nicht Myopſiſten bleiben, ſon⸗ dern Autopſiſten werden, die Alles ſelber geſehn: Mem⸗ phis, Jeruſalem, Conſtantinopel, Troja, Athen, Rom, Neapel, Pompeji, kurz alles Continent, und was das enthaͤlt. Und wieder zu Hauſe, waͤren ſie dann bis in das hoͤchſte Alter Makryopſiſten und ſaͤhen drei hundert Meilen weit wie Nichts! Straßenraͤuber gaͤb' es nicht mehr! Denn Ein Pferd oder Zwei waͤren dann ſchnell — aus Dampfe— mehr angeſpannt; auch fuͤr ein Cofferchen wuͤrde nicht gleich ein theures Beipferd auf⸗ gezwungen, und die Schnell-poſt und Schnellpoſtmei⸗ ſter waͤren um alle geſchnellt, und vergebens ſo höflich und puͤnctlich! — 120— Jedoch wuͤrden gute Wege die lieben Zehrungs⸗ koſten und Nachtlager gar ſehr verringern! Koͤnnten nun Ew. Ew. daher, um auch zu idealiſchen Wegen zu helfen, nur noch irgend ein Glied von Einer der eilf tiußent Jungfrauen auftreiben— was in Italien ein Leichtes wäre, allwo die Reliquien⸗Fabriken ſchon wie⸗ der bis zum Probenverſenden in Flor ſtehn— nur eins von den neun und vierzig Knoͤchelchen, die Jede gehabt — deren alſo in Summa 339,000 geweſen ſind in und an den eilf tauſend Jungfrauen, die aus Britanien mit Koͤnig Dionotus Tochter gen Rom gezogen: dann waͤren auch alle Wege gleich gut. Denn Santa Ehriſchona, die zu Baſel wohl chriſtlich verſchied, war ſo ſchwer, daß Menſchen und Vieh ſie nicht regen und fahren konnten, aber wohl— nach langen Verſuchen — Zwei Jungferkuͤhe, die noch niemals gekalbt, noch in das Serail zum Groß⸗Rind gefuͤhrt worden, zogen die ſchwere, ſchwere, alſo unmoͤglich ganz hagre und magre Jungfrau fort, immer grad' aus, wie das liebe Vieh marſchirt: durch Dick und Duͤnne: aber die Bache trockneten aus, oder Bruͤcken etbauten ſich ſelber, Tun⸗ nels thaten ſich unter den Stroͤmen auf und legten ſich, ſelbſt weiſe, huͤbſch tief genug, daß der unverſtändige Flußgott und unartige Rantus⸗Sandus nicht einbrach, uno die Santam erſaͤufte, wie jetzt die wie Erdbirnen⸗ fleißigen Londoner Arbeiter; Baume wichen aus, und Felſenſtucke machten ihren gehorſamſten Reverenz; ſelbſt die Anlehnen und Berge ſtreckten und ſenkten ſich, wo die Fuhre ging, wie ein Cameel, worauf der Affe krie⸗ chen ſoll, und als die Fuhre oden war, ſtand der Berg wieder auf wie ein Rieſen⸗Elephant, und war hoch— wie ein Berg, und die eilf tauſend Jungfrauen waren alle ohne beſchwerliches Knieheben und Keuchen richtig droben, und es ward ein Kirchlein uͤber der wunderba⸗ ren Dampfkutſche erbaut. Ich wette aber, ſie waͤren nicht ſchwer hinunter zu ſchaffen, indem ſie nicht mehr droben ſind; denn das Kirchlein ſtehet oͤde, und ſteht als Beweis, daß einmal zu gleicher Zeit eilf tauſend Jungfrauen in Rom geweſen. Verkehr mit Nom und England iſt, ja Gott ſei Dank, jetzt erwuͤnſchter genug, und alle ſolche Wuͤnſche werden gern erfuͤllt, beſonders wenn Ew. Ew. ein ſol⸗ ches altes unſcheinbares Gebein mit zehnmal ſo ſchwerem Golde, oder noch beſſer, mit Diamanten, am beſten mit Einem, aufwiegen wollten. Die Zinſen kamen reichlich heraus. Sammeln Sie Actionairs! Die armen Gelehrten genoͤſſen ſo endlich einmal eine Frucht von ihren eigenen Nachtwachen und Gruͤbeln. Die Geneſeten wuͤrden ſie uͤberfahren mit Dankſagun⸗ gen, und Ew. Ew. unentgeldlich ruͤhmen in Buͤchern und Blättern! Und ſo hoffe ich, noch ehe mich vielleicht Elias feuriger Wagen aus meinem Jammerthale entfuͤhrt, Ihr liebes Fuhrwerk zu erblicken! Wenigſtens moͤcht' ich doch noch damit, darauf oder darin zu meiner Ruhe gefahren, oder— wie geſagt— am liebſten— gerit⸗ ten werden. Die Augen ſchließend verharre mit groͤßerem als Pferdereſpect. Einer— oder der Mehrern— recht ben Dampftutſchen⸗Geſellſchaft in bald erſter⸗ n Dr. Seligo, der Sohn. XI. Verrath aus Mitleid. Allmaͤlig verhallte das Geraͤuſch der Stadt; es blieb zuruͤck, wie wenn Jemand vom Meere landein⸗ waͤrts geht, oder wenn die Wogen zur Ebbezeit zuruͤck⸗ weichen. Endlich war es ganz ſtill hier draußen im Freien, wo nur noch einzelne Haͤuſer ſtanden, welche die Abendſonne zu goldenen machte, die hohen Schorn⸗ ſteige, Dach, Mauern und Fenſter. Thirza deutete auf ein kleines einſames Haus mit kleinem Gaͤrtchen. Mr. Roſe zog an der Schnur, die von des Kutſchers linken Arm in den Wagen ging, und er hielt. Thirza ſtieg aus. Vor Freuden wollte ſie raſch an der Thuͤr mit dem Ringe pochen, aber ſie erſchrak faſt und klopfte nur leis mit dem Finger. Silvati ſtand hinter ihr. Eine alte betagte hohe Frau that auf und laͤchelte zufeieden. Meine Großmutter! ſprach Thirza zu Silvati; und hing an ihr zaͤrtlich, als ob ſie Jahre von ihr — 124— entfernt geweſen. Die milde Alte reichte dem Doctor die Hand, er hielt ſie feſt, und ſtand, ſich von ihrem Anblick erfullend; ja er wuͤnſchte, Er ſei der alte gefan⸗ gene Seligo, ihr Mann, der zuruckkehre, urd dachte, wie dann dieſes alte Gebild in des Greiſen Augen lieb, einzig und köſtlich ſein wurde! Die fruhere Erbitterung ward Wehmuth, da er ſie ſahe, und zugleich an Ben⸗ John und an Mirza dachte, mit einem Gefuͤhl der Schuld das ihn betaͤubte. Er fuhr langſam mit der Hand uͤber das Geſicht, holte darunter ſchwer Athem und trat, von Thirza leis gefuͤhrt und gezogen, in das Abendſonnen⸗helle, wie flammende Zimmer. Die Frau, die ſchlief, ein ſchönes Weib noch von mittlen Jahren, mußte Thirza's Mutter ſein, das ſah er an ihren Zuͤgen. Sie hat drei Nächte gewacht! fluͤſterte Thirza— mich ließ ſie nicht! feufzte die Toch⸗ ter, denn ſie ſagte mir, das koͤnnt' ich noch nicht! bis ich—— Ihr ſollt' ich das laſſen; denn den Mann pflegen könne nur ſein Weib; ſie ſei ihm die liebſte; doch, mein Gott, bin ich nicht des Vaters Tochter? Bitten Sie nur die Mutter nachher. Setzen Sie ſich hier zu dem Vater; er merkt Sie nicht; ſo liegt er immer angekleidet, als wenn er gerufen werden ſollke, bereit auf dem Sofa, und ſieht in den Spiegel, bis er ihn nicht mehr halten kann; dann ſieht er ſich die Kleidchen und das Huͤtchen der Schweſter an, der kkei⸗ nen Weintrinkerin, wie er ſie ſchilt, auch das Weinglas hat er verlangt, da ſteht es neben ihm. Silvati ſetzte ſich zu dem kranken Doctor, deſſen Geſicht er ſchon aus der Falſchmuͤnzerwerkſtatt kannte. Er war ein Mann mit mildem wohlwollenden Antlitz, ſeine braunen Augen träumten ſich gleichſam in den Spiegel vor ihm, und ſeine Lippen allein verriethen bisweilen eine tiefe Wehmuth, indeß ſeine blaſſen Wan⸗ gen ſie fortwaͤhrend offenbar zur Schau trugen. Jetzt ſah' er in die milde rothe Sonne, und ob ihm die Augen gleich zuletzt in dem Strahl vergingen, ja feucht ſich fullten, ſo ließen ſie doch nicht von ihr ab. Das Blaukehlchen, das bis jetzt auf des Kindes Huͤtchen ge⸗ ſeſſen, flog neugierig herab, ſetzte ſich auf den Stock in Silvati's Händen, ſahe ihn mit zur Seite gehaltenem Koͤpfchen mit ſeinen ſchwarzen Perlenaugen an, wie bang und Jemand ſuchend, aber die große Natur uͤber⸗ waltigte ſchon mit einem Roſenſtrahl der Sonne ſeine kleine Bruſt, und es ſang, und ſang ſo innig, ſo laut, daß Thirza zu weinen begann, und hinausging. Die Großmutter hatte die Haͤnde im Schooße gefaltet, Mißtriß Grace, eine Gracie an Geſtalt und Bildung, ſchlug die Augen auf; Silvati läͤchelte ſie an und deu⸗ tete ihr, ruhig zu bleiben, und ſie blieb ſo. Von Ferne toͤnte das Abendgelaͤut einer Glocke. Sie weckte gleichſam Seligo. Er ſahe den Dor⸗ tor, ſahe ihn an, eine fluͤchtige Roͤthe uͤberlief ſein Geſicht, und es nahm dann einen unbeſchreiblichen Ausdruck an. So ſaß er lange. Dann ſprach er noch wie fuͤr ſich: alſo Ihnen ſoll ich meine Seele anvertraun! Liebe Grace! redete er ſein Weib an, ſieh nur, der Menſch hier will einem Menſchen die Augen zudruͤcken vor der ſchoͤnen, ſchoͤnen Welt! Und iſt doch auch ein Menſch! Das will er nur zer⸗ blaſen wie einem Kinde die Seifenblaſe! und ſie koſtet ſo viel Seifenſchaum, ſo viel lange Athem, und eine Pfennigpfeife. Es iſt ja der Doctor! ſprach Frau Grace, der ſich zu uns armen Leuten bemuͤht, wie Du ſonſt zu Andern. Ach Gott! ſeufzete Seligo, was wird nun aus den Tauſend Geſunden werden? Ich kann nicht fort, und mein Dampfreitpferd— Thirza, wenn wird es denn kommen? Er ſah, daß ſie nicht da war, und ſein Auge blieb nun immer aͤngſtlicher auf Salvati haften, deſſen Bruſt wie centnerſchwer beladen war; Seligo griff nach ſeinem Pulſe. Gott, Sie ſind krank, My⸗ doctor! und wie krank, ſehr krank! rief er erſchrocken und ſetzte ſich auf; Sie ſind auf dem Wege zum gra⸗ den Tode, und kommen zu mir?— Ich, ich bin nicht krank, ich bin nur ungluͤcklich, ſo etwas beſonders unglucklich— Sie wiſſen? Aber Sie! Retten Sie ſich! Ich will Ihnen beiſtehn! Die wunderliche Rede erſchreckte Silvati; er hatte die Schuld, die Suͤnde, den Geiz, die Liebe noch alle, wie friſch blutend im Herzen. Jetzt ſtanden ſie ihm vor Augen, als Ben⸗John, als Mirza, und als er ſelbſt; denn Seligo hielt ihm den Spiegel hin⸗ Silvati war blaß und verſtoͤrt. Herr College, Doctor, ſagte Seligo, Sie wiſſen doch den großen wichtigen neuen unterſchied zwiſchen Ungluͤck und Krankheit? Nein? Nicht? Ei! Nun! Alſo! Das Allerſonderbarſte und Herrlichſte fuͤr den Arzt, ja fur alle Menſchen, ſelbſt fuͤr das Parlament Merkwuͤrdigſte in der Welt iſt: daß der Doctor nicht zu Kranken, ſondern nur zu Ungluͤcklichen geru⸗ fen wird! Denn der dann vor uns liegt im Bett, oder auf dem Sofa, zum Beiſpiel wie Ich, das iſt wahr⸗ haftig nicht der Kranke! das iſt nur der Ungluͤck⸗ liche, der Suͤndenbock. Der Kranke war oft und lange zuvor etwa die Frau— ich meine nicht meine Grace, ſchaltete er ein, und reichte ihr aus der Ferne die Hand zu— die ihren Mann bis auf's Blut ge⸗ ärgert; die Tochter— ich meine nicht meine Thirza— die durch ihr Ungluͤck ihn tief gekraͤnkt; der Sohn— Gott ſei nun gedankt: ich habe keinen— der ihm Schande gebracht und geſtorben! Oder der Mann, der ſein Weib nicht geachtet— wie Andre oder Anderer Weiber. Der wahre Kranke iſt oft ſchon zwanzig, dreißig, vierzig, funfzig Jahre todt, der den Ungluͤck⸗ lichen heut durch die Folgen danieder geworfen; der Kranke iſt oft tauſend Meilen fern, der einen troſtloſen, unmenſchlichen, oder Hiobsbrief ſchreibt; oder es iſt der Nachbar, der durch ſeine Fahrlaͤſſigkeit das Haus anzuͤndet, daß die Muttter mit dem Kinde an ihrer Bruſt erſchreckt. Sie aber ſind krank, recht krank, und werden Ungluͤckliche machen, recht Un⸗ gluͤckliche, denn Sie ſind erſt in die Krankheit verfal⸗ len, geſtern, oder heut; denn Sie muͤßten recht gut ſein, wenn Sie ſchon eine Woche, einen Mo⸗ nat, ein Jahr ſo krank waͤren! Seligo fuͤhlte vor Angſt ihm noch an den Puls, und Silvati ihm. Frau Grace erhob ſich, und machte der wunder— lichen, erſtarrenden Scene ein Ende, indem ſie ſagte, und gewiß nicht bedachte, was ſie ſagte, denn ſie ſprach: Nein, lieber Mann, Du haſt es nur vergeſſen— Du! Du biſt ja der Kranke! und dieſer iſt der Geſunde, der Doctor! Ich krank, rief der arme Mann bebend; krank! — Er ward todtenblaß und ſprach ohne Ton: Ja, Ja! da haͤngt ja das Huͤtchen! Ei mein Kind, mein ſchoͤnes Kind, mein liebes Kind! Ja, ja! ich bin krank, recht krank! Aber nein, nein, nein! Gott ſei gedankt: ich bin nur ungluͤcklich— nicht krank!— da, da, da, da ſteht ja das Weinglas! Er wollte es faſſen. Die Haͤnde zitterten ihm vor Freude, er ließ es fallen, und es zerbrach. Dann bedeckte er ſein Geſicht mit den Haͤnden, ſank zuruͤck und verſtummte. S Silvati hatte ſich waͤhrend dieſer Seene ſogar geſammelt, oder trieb ihn die Unruhe aufzuſtehn. Die Großmutter noͤthigte ihn nun, ſich an dem Tiſche nie⸗ derzulaſſen, und ihrem Sohne die paſſenden Mittel zu verſchreiben. Mein armer Sohn, ſprach ſie mit Thraͤnen, iſt nun ruhig, und willig, ſich heilen zu laſſen.„Krank,“ Frau Tochter, duͤrfen wir aber bei Leibe und Liebe, ja bei dem Leben nicht zu ihm ſagen! Sie wiſſen ja, das Wort krank heißt bei ihm: ſchuldig, fehlerhaft, irrend und lieblos. O mein Gott, er weint noch ſtill! Und nun bitte ich Sie, Herr Doctor, ſprach die Großmutter zu Silvati weiter: Fallen Sie ja nicht in ſeinen Fehler, in das Mit⸗ leid, wodurch er das liebe Kind geopfert! Curiren Sie ihn um Himmels willen, ohne Mitleid, aus purer Kunſt und Wiſſenſchaft! Mitleid iſt das groͤßte Laſter fur den Arzt, ſagte mein ſeliger Mann— wenn er ſelig iſt! Es hemmt ihn, klar zu denken, und uͤber⸗ mannt ihn. Silvati ſahe die alte herrliche Frau an, die ihren Mann ſelig genannt. Er wußte das beſſer, und— laͤchelte uͤber die Welt. Und doch war wiederum Alles ſo ſchoͤn, ſo lieb, ſo ruͤhrend, was er hier ſah, daß er fortlächelte, aber ganz anders und freundlicher. Da lächelte die Alte auch! und nun wollte er gar weinen, doch ſparte er ſich es auf bis nachher. Er hatte den Sinn der Worte des Alten ver⸗ Schefers neue Nov. 1. 9 — 130— ſtanden. Er verſenkte ſich nun, wie er meinte, tief genug unter das kleine Zimmer, darin er war, oder erhob ſich hoch genug uͤber Wolken und Sterne dar⸗ uͤber, um kuͤhl und gelaſſen zu ſein. Er trat gleichſam zum Schoͤpfer des Menſchen im Geiſte, und ſahe nur Einen Menſchen vor Augen, das Vorbild, nach dem er ihn einſt gebildet, wie Alle ſein ſollen, geſund, heiter, ſchoͤn, wie ohne Alter, in ſeiner Kraft und Fuͤlle. Neben dieſes Goͤttergebild ſtellte er nun Seligo den Sohn, wie ein Traumbild, und verglich ihn pruͤfend genau mit des Schoͤpfers Meiſterſtuͤck, und zählte, und wog und erwog, was ihm dazu fehle? oder was zu viel, was Geiſt- oder Leib⸗Entſtellendes und Bedruk⸗ kendes an ihm ſei. So ſcharf unterſcheidend, ſchien er's zu finden. Aber der Geiſt, der es fand, war ſel⸗ ber wie in einem Nebel, das Herz wie im Aufruhr. All' ſein Wiſſen lag wie ein klares Gefild im Sonnen⸗ glanze vor ihm; aber Er, der waͤhlen, der wie auf der Goldwaage auf ein Haar waͤgen ſollte, er ſahe nicht klar. Sein Auge war von einem innern Flor bezogen, und ſeine Hand bebte noch leis, als er ſchrieb. Thirza war leiſe wieder genaht. Sie ſah mit ihren unſchuldigen Augen ihm zu— ja in ſeine! Er empfand, daß er ſchon liebe, aber auch: daß er nun Mirza nicht werth ſei zu beſitzen— Mirza, die ihn geliebt, ja durchſchaut— und Thirza ſah ihm noch ſo un⸗ ſchuldig in's Ange! ſo dankbar! Ihr Weſen war Freude — 131— und Hoffnung. Er gab ihr das Recept— und Gold⸗ ſtuͤcke. Sie erroͤthete wohl. Aber nur ihre Augen⸗ lider, die ſich ſchloſſen, bedankten ſich ſanft bei ihm, nicht ihr Mund. Die Mutter druͤckte ihm die Hand⸗ Seligo hatte ſich aufgerichtet, und ſahe dem zu. Herr College, ſprach er, nur Eins. Wenn ich denn ſterben muß, und ich muß, ſo bitte ich Sie um die einzige Gnade, daß ich noch heute, laͤngſtens morgen ſterbe! Du biſt ſonderbar! ſagte Frau Grace. Ich daͤchte, ich waͤre recht wie gewoͤhnlich, was die Menſchen gut nennen, meinte er dagegen. Sehen Sie, Herr College: Uebermorgen ſind die ſieben Jahre um, fuͤr welche ich meinen eigenen Kopf bei der Phoͤ⸗ nirgeſellſchaft verſichert. Es waͤre alſo ſehr rechtſchaffen gedacht: ich ſtuͤrbe noch in den ſieben Jahren, dann bekaͤmen die Meinen die goldene Aſche fuͤr mein theu⸗ res Haupt, denn ich hatte es hoch verſichert; ſterbe ich aber drei und zwanzig Stunden, ja nur drei und zwan⸗ zig Minuten ſpaͤter, ſo ſterb' ich umſonſt, oder gratis, ja es verlohnte dann kaum mehr der Muͤhe! Die Geſellſchaft iſt, was man ſagt: eiſern, der Phoͤnir wird ein Baſilisk, ſieht die Meinen bitter an, und ſie verwandeln ſich in Bettler! Sehn Sie nur die drei Engel— ſie werden Bettler! Und iſt meine Mutter auch alt, ſo ſchwoͤr' ich bei Gott: ſie iſt ein alter Engel, ein uralter, ewiger— und nur ſo alt in der vergaͤnglichen Menſchengeſtalt. 9* — 132— Silvati dachte jetzt blos, daß bald der Großvater Seligo, aus ſeiner Gefangenſchaft erloͤſt, zu den Sei⸗ nen eintreten, ſie Alle entzuͤcken und mit Gold uͤber⸗ ſchuͤtten werde. Er dachte die Freude. Und Seligo der Sohn„ der ihn mit ſeinen durchdringenden Men⸗ ſchenkenner-Augen jetzt lange anſah, ſprach erfreut: College! es freut mich, Sie beſſern ſich ſichtbar! Viel⸗ leicht hilft Ihnen der Herr uͤber die Krankheit. Hulf⸗ er nur mir auch heute, laͤngſtens morgen, ihr Kinder! bittet das! ſonſt habet Ihr nichts, und mich obendrein! ſo bedenkt doch Kinder! Blaukehlchen war auf das Huͤtchen des Kindes zur Ruhe gegangen, die Sonne zur Ruhe. Der fal⸗ lende Nebel hatte die Gegend umflort; es war duͤſter, ja finſter. Der Kutſcher draußen hatte die Laternen ſchon angezuͤndet. Silvati troſtete den armen Seligo, druͤckte ihm ſanft die Hand und ſchied. Alle Drei wollten ihn hinaus begleiten. Aber Seligo hielt ſeine Grace, und die Großmutter las die Glasſcherben auf, in die ſie getreten. Und ſo ging nur Thirza mit ihm. Im Hauſe brach ſie in Thraͤnen aus. Und da es dunkel war, ſtutzte ſie voll Unſchuld die Stirn an ſeine Schulter, und frug, leiſe bekuͤmmert, nach dem Schickſale des Vaters. Silvati umſchloß den jungen Engel und hielt ſie ſo, die das kaum empfand. Er brannte ihr zu ſagen: der alte Vater Deines Vaters lebt! Das weiß ich ja, ſagte ſie fromm. — 13 Du meinſt den im Himmel! Thirza, nicht wahr? Sie ſchwieg. Ich aber meine den, ſprach er hingeriſſen, den Du gewiß nie gekannt, den nur menſch⸗ lich alten Vater, den verſchollenen Doctor Seligo— er lebt! Sage das der Großmutter!— Und ſchnell wollt' er ſcheiden, um den armen Leuten zum Troſt nicht Alles zu verrathen. Aber er fuͤhlte ſich im Dunkeln wie von Geiſterhaͤnden um⸗ klammert. Es war die Großmutter, die ihn ergriffen und feſthielt; aber ſie konnte vor Schreck nicht ſprechen. — Er lebt? frug Thirza, und druͤckte Silvati an die Bruſt. Von der Hoffnung habe ich nur gelebt! ſchon ſo lange! ſeufzte die alte ehrwuͤrdige Mutter. Aber ſo hat es mich oft ſchon geaͤfft und gerufen! Ich fuͤrchte mich wegzugehn; denn wenn ich Licht bringe, iſt der Bote verſchwunden! dann ſteh' ich allein, und weine nur wieder. Ich verſchwinde nicht! Ich hab' ihn geſehen; ich komme wieder! ſprach noch Silvati mit Haſt, und riß ſeine Haͤnde los aus der Hand der verwaiſeten Gattin, und Thirza's. Sie ließen ihn gehen; und ſeinen Worten glau⸗ bend, ſtutzte die Eine ſich an der Anderen und Beide weinten leiſe und ſchwiegen. Doch Thirza durchfuhr ein Gedanke, der, zu erfahren: wo er lebe! Frau Mill erſchien ihr faſt ſichtbar. Sie mußte ja ſo in die Stadt mit der Vorſchrift. Sie kuͤßte die Großmutter — fröh und eilte davon. Hoffnung, boppelte Freude um Vater und Großmutter erföllte ſie wieder; und ſo er⸗ laubte das gute Kind ſich auch wieder, an ſich zu den⸗ ken. Und ſo war ihre heimlichſte, lispelnde Freude im Herzen:— Er nannte mich Du! Ja, als ſie eine Freundin traf, die nach Hauſe ging, ſagte ſie ihr ſtatt des Grußes:„Er nannte mich Du!“ und entfloh ihr vor Schaam der erſten Liebe. XlI. er W r Nun wollen wir eilen, ſprach Mr. Roſe zum Doctor, damit Sir Ned nicht von mir ſagt, ich ſei gut nach dem Tode zu ſchicken! oder es uns nicht geht, wie jenem Mitleidigen, der einen mitleidigen Arzt ge⸗ holt, und unterweges von dreißig viel ſchlimmeren Kran⸗ ken verweilt, erſt im Jahr und Tag nach Hauſe kam, und ſich entſchuldigte:„Ein guter Weg iſt niemals um.“— Aber Sie ſind verwandt mit dem Sherif, wie ich wohl weiß? Unſere Muͤtter ſind ſogar Schweſtern geweſen, er⸗ wiederte Silvati, vielleicht aber nicht eben ſo loöbliche; denn jede Familie, in die ſie durch Heirath gekommen, ſchon mit dieſem ihrem Schatze zufrieden, hat ſich nicht mehr um den Andern gekuͤmmert. Aber Sie ſind auf einmal ſo blaß geworden, Mr. Roſe! Oder ſeh' ich auch bei dem Laternenſcheine ſo aus? Sind Sie krank? — — 436 Ich bin auch bei Sonnenſchein ſo! lächelte Jener. Aber in den zehn Minuten ſind Sie auch ſo gar hager geworden! Was iſt mit Ihnen geſchehn? Auch Ihre Sprache iſt ſo verwandelt! Mr. Roſe verwunderte ſich aber nur mit Silvati, und ſagte: nun ich bin gewiß, der ich bin: der Kam⸗ merdiener Sir Ned's. Aber das iſt noch mehr zu ver⸗ wundern, daß ein Kammerdiener die hoͤchſte Perſon im Lande iſt; denn Sie wiſſen, fuͤr den Kammerdiener gibt es keinen Helden, keinen Koͤnig, keinen Miniſter, und dergleichen; alſo fuͤr mich— keinen Sherif! Sind wir Kammerdiener alſo nicht gluͤckſelige Perſonen, beneidens⸗ werth als die einzige Secte der Freien im Lande? O, wenn die ganze Welt Kammerdiener wäre! großer Ge⸗ danke! Oder wenn wir mehr Gemeingeiſt haͤtten, und nicht ſo gemeinen Geiſt! und doch bleibt ein penſionir⸗ ter alter Kammerdiener noch der Rechthaber in ſeiner Stadt, und oft der Faiſeur, oder Verfertiger aller Geſchaͤfte darin wie zuvor, der wie eine Schwadron Schwadroneurs ſchwadronirt. Doch die Wahrheit bei Seite, Sir Ned hat mich nach Ihnen gewiß in der Vorausſetzung geſandt, daß ich Ihnen einige vertrau⸗ liche Mittheilungen uͤber ihn machen ſolle— und ich verſtehe! Alſo Ihnen und Ihm zu dienen: Er iſt ein eigner Charakter; ein tugendhafter Mann, wie ein Som⸗ mer in Sibirien, in welchem die Blumen erſt im Juli ploͤtzlich alle auf einmal bluͤhen, die Fruͤchte in vierzehn Tagen reifen, und vor dem hereinbrechenden Winter in wenigen Tagen alles Schoͤne und Alles, was Leben hat, flieht, und von neuem langen— ewigen Schnee be⸗ deckt wird.— Ach!— Sie koͤnnen ſeine Tochter Alceſte, und was ihr wohl eigentlich fehle, am beſten aus ſeinem Lebenslaufe beurtheilen! ſo wie in Mo⸗ liere's Luſtſpiel„die Liebe als Arzt“ der Liebhaber Clitandre dem Vater an den Puls fuͤhlt, um das Befinden ſeiner Tochter zu erforſchen! Denn wenig⸗ ſtens die urſpruͤngliche Verwandtſchaft iſt unlaͤugbar, wenn ein Lamm keinen Loͤwen zum Pater hat.— Das arme Kind.— Er hat alſo geheirathet, um die Liebe— los zu werden, das heißt: alle anderen ſchoͤ⸗ nen Damen. Und ſeine ſchoͤne Schottin Cynthia hat ſich ihm zum Weibe ergeben, um ihn los zu werden, das heißt die Quaͤlerei ſeiner Werbung los zu ſein— wie der Kolibri die Schlange. Indem alſo eigentlich Beide einander los wurden und los ſein wollten, ſind ſie ein Verhaͤltniß eingegangen, das, mit dem Namen Ehe bedeckt, ſchlimmer wie eine Scheidung war, oder leider noch iſt. Denn es kann keinen angenehmern Uumgang, kein endlich liebevolles uneigennuͤtzigeres Ent⸗ gegenkommen, kein ſo duldſames, nachſichtiges, ja in allen Puncten und Clauſeln ſo apoſtoliſches Lieben ge⸗ ben, wo dem Mann iſt, als haͤtte er keine Frau, und der Frau, als haͤtte ſie keinen Mann— als das Alles zwiſchen Geſchiedenen ſtatt findet. Als Solche haben meine Herrſchaften nun vom Hochzeittage an ¹ — 138— gelobt, aber ganz in ſonderbarem Gegenſatz von Andern: alſo geſchieden, daß ſie Tiſch und Bett nicht zuerſt verſtießen, wie Anfaͤnger in der Ehe-Chemie oder Scheide⸗Kunſt. Denn daß ſich ein Paar ſcheidet, iſt auch eine Kunſt, die wenigſtens mein Herr Sherif noch nicht begreift, geſchweige gelernt, am wenigſten aber uͤben mag. So ſchwer mag ſie ſein; erſt ſauer, dann bitter, und immer Suͤnde und Schanbe, als ein Beweis, daß Keines von Beiden recht vernuͤnftig denkt, recht mild fuͤhlt, und recht ſanft beurtheilt, als ein Beweis, daß Keines von Beiden die jetzt in aller Welt ſo hoͤchſt noͤthige Kunſt gelernt: mit Unvernuͤnftigen umzugehn; denn mit Vernuͤnftigen— das koͤnnen ja ſelbſt die Unvernuͤnftigen, und iſt ein pures Kinder⸗ ſpiel! Solchen Ehe⸗Stillſtand ſegnete ein ſehr kraͤnk⸗ liches Kind— der leibhafte Sherif, nur als Mäd⸗ chen; und nicht ein Kranker ſeit e— ſondern Zeitlebens. Bah! Nun, nicht allein nun, ſondern von Kindheit auf iſt ſeine einzige Tochter Alceſte krank, und mit aller menſch⸗ lichen, dder nicht zu wenig zu ſagen, aller aͤrztlichen Kunſt, die vielleicht auf 6,000 Guineen Goldwerth ver⸗ anſchlagt werden kann, iſt das Maͤdchen nun bis in ihr dreizehntes Jahr gebracht. Der Vater ſchreibt ſich die Tochter in jeder Art zu, und ſetzt ſie auf ſeine Rech⸗ nung, oder hat ſie ihm die Nemeſis als Facit darauf geſetzt— ihr leidendes Ausſehn bei himmliſcher Schoͤn⸗ 2 heit, ihre Schmerzen bei engliſcher Geduld, ihren wahr⸗ ſcheinlichen Tod, den Er verdient haͤtte, und den nun ſie fuͤr ihn ſtirbt! Und er ſtuͤrbe ihn lieber fur ſie, wenn das einſt nicht blos jener Alceſte einmal in der erbaͤrmlich langen Cwigkeit voll ſterblicher Menſchen vergoͤnnt geweſen. Daher iſt ihm nur wohl, wenn ſie recht krank iſt, wie eben heut, eben jetzt, wenn ſeine Sorge Thätigkeit hat, ſeine Hoͤllenangſt Natur-Liebe iſt. Dann iſt er geſund.— Fuͤhlen Sie meinen Puls, Herr Doctor! Soll ich nun gar am Kammerdiener fuͤhlen, wie dem Herrn iſt! bemerkte Silvati, ſehr aufmerkſam, eine Ahnung faſſend. Scheint ſie aber geſund, fuhr jener fort, dann iſt er krank, liegt hart und feſt danieder und ſeufzet — und er mit Recht:„Die Krankheit macht dem Menſchen Schande.“ Aber entſchuldigen Sie ihn, denn er entſchuldigt auch andere Leidende nicht. Jede Tugend, ſagt' er, hat ihre eigene Unſchuld, nicht blos die Liebe. Wer ſeines Herzens Reinheit getruͤbt, iſt nicht mehr ganz unſchuldig, und wenn ein kleines Kind nur einmal gelogen. Wer alſo keine andere Suͤnde keiner andern Art begangen, nur Der ſoll ihn ſteinigen, wie den Phariſaͤern geheißen war. Daß es aber ſo viele„Unſchulden“ gibt, das macht ihn noch ſtrenger in Ruͤckſicht auf jede. Beſonders aber ſchaͤmt er ſich krank zu ſein; und dieſe Schaam iſt die gott⸗ lichſte in der Welt! und jedes Mädchen, jeder Juͤng⸗ ling, jeder zum erſten Mal rechtſchaffene Kranke ſchaͤmt ſich vor dem Arzt aus Selbſtgefuͤhl und reiner Naturfurcht. Nur practicirende Suͤnder reden mit ihrem Arzt wie mit dem Beichtvater oder dem Teufel, hoͤllen- und feuerfeſt vor dem Gewiſſen, als wenn das Nichts waͤre, daß ſie ſchon bei lebendigem Leibe vor Angſt kochen und vor Schmerzen braten. Durch die Krankheit der Tochter aber glaubt der Vater ſich ſelbſt verrathen und blos geſtellt. Darum ſchaͤmt er ſich nun auch ſelber, krank zu ſcheinen, und zu ſein, ge⸗ ſchweige todt— beſonders zu zeitig todt, was im⸗ mer eine geheimoffenbare Schmach iſt, und eine Ver⸗ dammniß durch die Natur! Und gewiß bei ihm! Denn er hat zwei Uebel an ſich, und laͤßt jedes von einem beſondern Arzte heimlich heilen, ohne Vorwiſſen des Andern; und hofft doch, daß ſie ihn nicht durch ent⸗ gegengeſetzte Mittel aufheben ſollen— in den Himmel! Ja, er hat ſeinem treuen Kammerdiener, ſeinem Halb⸗ bruder, Auftrag gegeben, wenn er, nämlich der Sherif, einſt zu ſterben kommt, ſeine Krankheit zu verſchwei⸗ gen, ihn fern und ungewußt wo zu begraben, und ſei⸗ nen Tod zu leugnen. Denn er ſchaͤmt ſich nun gar ein Menſch zu ſein, ein ſo erbaͤrmliches Ding, das athmet und ſtirbt, das einſt— geweſen iſt, und nach dem man umſonſt fragen kann— weil es ihm ſo ſchlecht bekommen, ein Menſch zu ſein! Doch die Fra⸗ ger vergeſſen ja ſeiber, bald zu fragen, aus dem ein⸗ fachen Grunde, weil die Todten nicht neugierig ſind, und zu Spott und Satyre gar keine Anlage haben, als krypto⸗gamiſche Engel. Haben Sie einen Som⸗ mervogel nach der Chryſalide fragen gehoͤrt? und— Raupen moͤgen fragen!— Er hat alſo Unrecht! Nicht wahr, My⸗Doctor? Nun hatte der Unbekannte im Wagen wohl in der dritten Perſon vom Kammerdiener geſprochen— der war's alſo nicht! Aber er hatte auch nicht vom Sherif durch„Ich“ geredet, ſo daß Silvati nicht wußte, woran, an Wem er war, oder wer an ihm. Er aͤußerte jetzt ſeine Zweifel, die zur Beklemmung wurden, als Jener ſprach: Freilich! Wer und was beweiſet Ihnen, daß uͤberhaupt der Brief vom Sherif ächt geweſen? daß Mr. Roſe acht iſt, und es könnte Sie nichts verhindern, zu denken, Sie ſelber würden geraubt! Silvati dachte an Ben⸗John. Konnte Der nicht Vorſicht brauchen? und hatte er nicht Seligo ver⸗ rathen? Doch ich will Sie nicht lange in Zweifel laſſen! ſprach Jener. In dieſem Augenblicke geſchah ein Piſtolenſchuß. Die Pferde wurden gehalten, das Geſchrei des vom Bocke geriſſenen Kutſchers war deutlich und weit ver⸗ nehmlich Mr. Roſe's Stimme, und wahrſcheinlich ſaß der vorige Kutſcher jetzt im Wagen. Silvati faßte ihn an der Kehle, um ſich ſeiner zu verſichern, und ihn — 1— unthaͤtig zu machen. Aber der arme Mann ſchrie:. Ich bin ja der Sherif! Nicht Sie— Wir ſind an⸗ gefallen! Leider nur hab' ich kein Viaticum bei mir! Haben Sie Nichts? Nichts! ſprach Silvati, der den Heren für einen Ausforſcher hielt. Nichts!— leider gab ich es weg!. Keine Pfund⸗Noten? Nur keine falſchen Raͤu⸗ ber⸗Banknoten, die bei Tage ſichtbar falſch, und daher erlaubt ſind zu kaufen und zu verkaufen, um die Räuber abzufinden, die die Polizei nicht— Jetzt ward der Wagen aufgeriſſen, und die Maͤnner heraus. Meine Herren, denn das ſind Sie jetzt, ſprach Silvati's Begleiter, ich bin der Sherif von dort dem Schloſſe. Ich bin wahrhaft geruͤhrt, daß Sie Menſchen ſo erſchrecken muͤſſen, wie ich erſchrocken bin, und es betruͤbt mich ſehr! Aber ich habe von Gelde nichts bei mir— durchſuchen Sie unſere Perſonen zum Beweis, aber ich bitte, etwas ſchnell, ſonſt erkaͤlte ich mich. Es geſchahe. Sie fanden Nichts und murrten. Nun alſo! ſprach der Herr; Meine Herren, ſo bemuͤhen Sie ſich, die ſchoͤnen Pferde umzulenken, ſetzen Sie ſich gefälligſt in den Wagen, Einer macht den Kutſcher—— Ach, Sherif! ſprach eine Stimme darein. Es thut uns leid, daß es Euch getroffen, Sir! ſprach ein Andrer; aber wenn Ihr ſelber Iſcharioth mit dem Geld⸗Säckel waͤrt— Herr wir muͤſſen! Es iſt das erſte und letzte Mal! Schon gut; ſprach der Sherif. Nun aber ſchnell, Kinder, ſonſt kann Euch ein Ungluͤck geſchehn, wenn Ihr mit Unmenſchen kaͤmpfen muͤßt, die da glauben, weil Jemand Silber und Gold geraubt, muß man ihm . Eiſen und Blei in den Leib ſchießen. Bravo, Sherif! riefen Alle. Der Wagen, ſprach er noch ſchnell, koſtet vier hundert Pfund, und meinen ſchoͤnen Pferden thut nicht die Schande an, ſe unter ſechs hundert Pfund loszuſchlagen! Mr. Roſe aber, der an einer Hecke lag, ſchimpfte die Straßenraͤuber(die Highwaymen) nur Schleichweg⸗ raͤuber(Bywaymen) da er einen Seitenweg eingeſchla⸗ gen. Dann klagte er, daß er den Arm gebrochen. Der Sherif bat ſie nun, ſeinen treuen Kammer⸗ diener bis in das nahe orthopaetiſche Inſtitut der Ma⸗ dame Romeſcot zu fahren. Sherif, Ihr ſeid ein ehrlicher Mann! wiſſen wir, ſprach der Eine, ſetzt Euch ein. Sie fuͤhrten Mr. Roſe herbei. Drei ſetzten ſich zu ihnen ein, und ein Vierter fuhr ſie eilend zum Inſtitut. Dort hielt der Wagen. Leute kamen heraus. Der Sherif ſtieg ſchwei⸗ gend aus; aber Mr. Roſe brummte Einiges in den Bart, ja er wollte„Diebe!“ ſchreien, wenn ihm der Sherif nicht an den boͤſen Arm gegriffen, ſo daß er vor Schmerzen ſchrie; dann ward er von ihm und Silvati hineingefuͤhrt. Die Diener baten die uͤbrigen — Herten, gefaͤlligſt auszuſteigen, aber ſie entſchulbigten ſich, kehrten um, und fuhren hinaus in die Nacht. Die Nennung des Namens Mad. Romeſcot machte Silvati begierig, vielleicht auch den Unbekannten, Herrn Balandri, hier in der Anſtalt zu treffen. Aber nur der Sherif ward einige Zimmer tiefer in das geheim⸗ nißvolle Haus gefuͤhrt; er ſelbſt blieb mit Mr. Roſe im Parlor, oder Sprachzimmer. Silvati beklagte ſich, daß er nur ein Doctor ſei, alſo kein Chirurg, der ihn verbinden koͤnne. Mr. Roſe aber verwuͤnſchte das Haus, weil er hier keine Huͤlfe finde, und ſprach: Ueber der Thuͤr ſteht die heilige Dreifaltigkeit gemalt, mit der Unterſchrift: Bitte fuͤr Uns.— Wahrſcheinlich alſo bei ihr ſelber! oder bei der Maria daruber, welche der Maler fromm genug vergeſſen hat. Hier in dem Hauſe, oder vielmehr unter offenem Himmel, im ſo⸗ genannten heiligen Haine, wird jedes Uebel an unver⸗ ſtandigen Kindern nur durch die Betcur geheilt. Mit Erwachſenen, alſo Verſtändigen, laßt man ſich hier nicht ein, auch ſagt man, werden nur geſunde Kinder gemiethet und bezahlt, und die, weil mit dem Beten das Faſten verbunden iſt, dann freilich bläſſer und ein⸗ geſchuchtert wieder entlaſſen werden, und zwar g eſund, wie die Aerzte ſelbſt bezeugen muͤſſen, in deren Gegen⸗ wart das geſchieht. Indeß wiſſen Sie, in den Rech⸗ nungen ſind immer die Nusgaben richtig bis auf den Penny, aber die Einnahmen ſind in quali et quanto nicht richtig documentirt. Er brach ab, cece — 15— denn eine Dame, wahrſcheinlich Mad. Romeſcot ſelbſt, brachte endlich ein Tuch, um den Arm in die Binde zu legen. Zwei Einſpaͤnner waren vorgefahren. Der Sherif kam mit einem langen Herrn, der ernſt an Silvati voruͤber ging. Aber ſeine ganze lange Figur war die des Unbekannten. Der Mohr iſt aus Suͤd⸗ Oſt zuruͤck, ſprach Sir Ned, der wird Dich verbinden! Komm nach, mein Roſe! Und Dieſer war mit Silvati kaum eingeſtiegen, als der Sherif mit Balandri ſchon weit vorausrollte. Sie fuhren nun eine Weile ſtumm Jenen nach, bis der Unmuth Mr. Roſe's ausbrach. Sir Ned iſt zwar der bravſte und ungluͤcklichſte Mann von der Welt, auch nicht ſo erfahrungsfeſt, daß er nicht alle ſeine Schwaͤchen wohl einſaͤhe, und oft ſogar geſtuͤnde— wie er auch eben heut bei der Verwechſelung unſter Perſo⸗ nen gewiß gegen Sie gethan; aber ſie fortzuſchaffen, das fällt ihm nicht ein! Denn— da hat uns Gott den Mohr, Sir Chriſtopher, in das Haus gefuͤhrt und gebannt, ja es iſt von ihm wie vom Satan beſeſſen, ſeit er ſich in unſerer, freilich ſchoͤnen Lady Cynthia weißen vollen Nacken verliebt. Haͤtte ſie lieber das kleine Feuermahl darin behalten! Nun brennt ſie ein anderes Feuer; ob ſie gleich dabei ein rechtſchaffenes treues Weib iſt, wenn Eine das bei abgefallener Seele und Liebe bleibt. Wie Cynthia im Schloſſe bei Sir Ned— ſo ſitzt die braune geſpenſterhafte Larve der Waſſerlibelle noch ſtarr, feſt und treu auf dem Schefers neue Nov. nr. 10 gelben duͤrren Buchenblatte, waͤhrend das ſchoͤne leben⸗ dige Weſen ſelbſt— ihr Geiſt— in allen Luͤften um⸗ herſchwirrt. Da der Mohr nun ihren Leib nicht ver⸗ fuͤhren noch entfuͤhren kann, ſo verwuͤnſcht er den She⸗ rif. Und wahrhaftig, ich muß ſagen: Verwuͤnſchungen haben eine Kraft bei dem Verwuͤnſchenden, nämlich die: das Boͤſe zu wollen und gelegentlich wirklich in's Werk zu ſetzen. Selbſt eine Hexe iſt ſelten ganz ohne Schuld verbrannt worden— wenn ſie beheren wollen, und nichts iſt mir daher ruͤhrender als die vielen ſchoͤnen Neujahrwuͤnſche, die doch einen guten Willen zeigen— wollen! Aber der Mohr— ich fuͤrchte, er gießt mir Gift in die Wunden! und wenn auch Balſam, ſo hat doch jeder Rechtſchaffene Scheu: einem Schurken Dank ſchuldig zu ſein. Sagen Sie mir, Herr Doctor, was wird, wenn ich mich gar nicht verbinden laſſe? Wer heilt den Haſen, Loͤwen, Tiger, die Voͤgel, Fiſche zu Millionen! oder nur Katzen, die oſt vom Dache fallen! Die Natur heilt die Ihren, und Alle, auch die Menſchen; verſetzte Silvati. Nur Alles wieder in die richtige Lage, wie's die Natur gemacht hat. Weiter Nichts! Einem geſtorbenen Kinde koͤnnen alle Chirur⸗ gen mit allem Balſam Peru's nicht ein gebrochenes Glied curiren. Daraus iſt viel zu lernen! Ich glaube das, jammerte Mr. Roſe. Aber eben an der Lage liegt es! Nun fahren Sie gefälligſt beſſer zu! Die ſchoͤnen Pferde, den neuen Wagen ſo an die Raͤuber wegzuwerfen! Ich wette, es war nur auf den Schreck abgeſehen— vom Mohren! Aber der She⸗ rif iſt die liebe Geduld ſelbſt, er graͤmt ſich nur— er ärgert ſich nicht, da, wie er ſagt, die Blindſchleiche ſogar vor Zorn ganz ſteif wird, und ſpringt wie Glas; wie muͤſſen da nicht einige Galonen Galle, die ſich nach und nach durch Aerger und Zorn in das Blut 6 ergießen, nicht die Säaͤfte verderben und den Menſchen in eine große Galle verwandeln, die tauſend Unheil anrichtet! Und ſo laͤßt er denn Alles dahin fahren, wo⸗ mit er nicht auf die Welt gekommen, und was er nicht mit aus der Welt nehmen kann, und das iſt denn blutviel. Selber ſein Weib wird er dem Mohren noch laſſen— durch Scheidung! Aber ſo mag ſie Sir Chriſtopher nicht; denn er will auch das Vermoͤgen von ihm mit ihr, und das kann er nicht erhalten und erwarten, bis mein lieber Sherif ſtirbt! Der ſtirbt aber nicht eher, bis ſeine Tochter Alceſte ſtirbt; ihr Verluſt braͤche ihm das Herz! Ich habe alſo meine Gedanken. Wahrſcheinlich nur, um ihre vernuͤnftige Cur zu ver⸗ hindern, hat der Mohr, die Reiſeluſt der Englaͤnder cheilend, jetzt eine Courrierreiſe nach Suͤd-Oſt gemacht, zu einem Wunderdoctor, den der Pater Clement oder Doctor Pholob in einer Perſon, der Faiſeur der Mabame Romestot, empfohlen, derſelbe, der vor uns mit meinem Bauder faͤhrt. Zu mir geſagt— hieß derſelbe Balandri, bekannte Silvati. 10* — 148— Wer zehn Aemter und hundert Raͤnke im Kopfe hat, muß wohl einige Namen haben, fuhr Mr. Roſe fort. Zu Andern ſagt er anders! Doch verdient der Pater einiges Mitleid, denn es iſt nicht geheuer in ſeinem Kopfe. Er iſt naͤmlich, zuvor geſagt, der Beicht⸗ vater der Roͤmiſchen Lady Cyathin, und hat ſie wahr⸗ ſcheinlich nicht ohne Verſprechen ihrer Treue abſolvirt. Unſer wuͤrdiger Chirurgus Chriſtopher hat ihm darum nach einem großen Blutverluſte friſches, warmes Blut von einem Schaafe in die Adern gezapft,— aber er beklagte ſich nachher heimlich gegen mich mit ſchlauem Lächeln, daß ihm der Schaͤfer ein drehiges Schaaf da⸗ zu in die Hände geſpielt, um der guten Schaafe Sir Med's zu ſchonen. Daraus wird nun Vieles klar. Denn da der Mohr nun zuruͤck iſt, und Sir Ned den Pater Clement oder Doctor Pholop ſchon mit ſich fuͤhrt, ſo wird Morgen alſo bei Uns wahrſcheinlich Conſilium von zwoͤlf Aerzten uͤber die Betcur ſein. Denn mein Herr thut nichts ohne Rath, nichts unuͤberzeugt, und nur in zweifelhaften Fallen— wozu denn freilich faſt Alles gehoͤrt— thut er grade: das Aergſte, aus einem gewiſſen Spott uͤber Andre und ſich, der ihm ſchon den ſchonſten Theil des Lebens gekoſtet. Ich mochte weinen uͤber ihn! Denn wie iſt er ſo gut gegen mich! Bruder, ſpricht er zu mir, armer Teufel, Du mußt mich bedienen, da es nur ein Ohngefähr iſt, daß ich nicht Dich bedienen muß! Und ſo muß ich ihn„Du“ nennen, wenn wir allein ſind, ja auch bei Tafel muß 149— ich, zwar hinter ihm ſtehend, was ich mir nicht neh⸗ men laſſe, mit in das Geſpraͤch reden, und wenn die vornehmſten Gaͤſte der Nachbarſchaft da ſind, die frei⸗ lich wiſſen, daß ich ſein—— doch er hat Ihnen das ja geſagt, wie ich gehoͤrt; auch ſehen wir uns ſo ähn⸗ lich, daß ich vorhin auf den Bock ſteigen, und er ſich in den Wagen ſetzen durfte, ohne daß Sie dann mor⸗ gen bei Tage gewiß gewußt— ob ich es nicht war? Auch eine Platte bekommen wir Beide! ſagte er heut' erſt. Ich aber ſagte: wir haben ſie ſchon, und nicht eine, ſondern zwei! Ich muß befuͤrchten, ſprach Siat in Gedanken, Sir Chriſtopher fordert mich, da ich ihn heftig beleidigt. Dann wird er noch ſehr rechtſchaffen zu Werke gehn! entgegnete Mr. Roſe warnend. Aber wir muͤſ— ſen doch gleich zu ihm. Wenn die Raͤuber geſund waren, waͤren Sie nicht ungluͤcklich, meinte Silvati, an den ungluͤck⸗ lichen Seligo denkend, an Thirza und Mirza. Er ſchwieg nur, bis ſie durch das Thor der Seitengebaude fuhren, die das große hohe Schloß in geraͤumiger Ent⸗ fernung umgeben. Der Groom, der das ſchon ausgeſpannte Pferd herumfüͤhrte, und jetzt das ihre dazu nahm, ſagte ih⸗ nen, daß Miß Alceſte ihren Anfall uͤberſtanden und wieder beſſer ſei. Sir Ned erbote ſich alſo die Ehre, den Herrn Doetor zu ſehen, auf Morgen. Er hat ſich gewiß verſchloſſen und iſt nun ſelbſt wieder krank! meinte Mr. Roſe. Aber wer iſt Sir Chriſtopher? Er ſchlaͤft ſchon hier oben im Zimmer, uͤber des Herrn Drechſelſtube; er will auf den vierzehntaͤgigen Ritt drei Tage ſchlafen, ohne etwa die zwei Nachte dazwiſchen zu wachen, ſagte er, antwortete der Groom. Mr. Roſe fuͤhrte Silvati die Treppe zu dem ſonſt nie bewohnten Zimmer hinauf. Die Thuͤr war offen. Der Tiſch gedeckt und mit Speiſen beſetzt. Die große von der Decke daruͤber haͤngende Lampe brannte hell, und mit den Kleidern auf das Bett geworfen, lag, ausgeſtreckt in tiefſtem Schlafe, der Mohr. Alles Ruͤtteln und Schuͤtteln war vergebens. Er brummte nur. Selbſt ein Loͤffelchen Waſſer brachte nur ein zorniges Gurgeln hervor, kein Augenaufſchla⸗ gen. Mr. Roſe konnte die Schmerzen nicht laͤnger ertragen, und zum Theil auch aus Haß, den er gegen ihn hegte, ergriff er eine der Reiſepiſtolen, unterſuchte und ſchoß ſie nahe den Gaͤrten zum offenen Fenſter hinaus in die Luft los. Der Mohr ſprang auf, irr und wild. Er faßte Mr. Roſe, der heftig ſchrie, er faßte darauf Silvati, ihn wie einen Raͤuber ergreifend; aber er ſank im Tau⸗ mel noch wieder zuruͤck in einen Stuhl, ohne den Er⸗ griffenen jedoch los zu laſſen. Um den Doctor vor den Ausbruͤchen ſeiner Nothwehr zu ſichern, bemuͤhte ſich — 151— Mr. Roſe, dem Mohren ſich ſelbſt erkennbar zu machen. Er hatte aber kaum ſeinen Namen ausgeſprochen, als der Mohr eben ihn ſeinen Beſchleicher nannte, der ihn unterweges——— Mr. Roſe ſagte ihm, er, Sir Chriſtopher waͤre ja jetzt wieder heim, hier bei Sir Ned und Lady Eynthia— uͤber deren Namen er ſich ermunterte— bei Sir Ned, und der Gentleman hier, den er nicht laſſe, ſei der Doctor Silvati! Der iſt eben mein Todfeind! rief der Mohr, voͤllig erwa⸗ chend. Ich bin gefordert wegen einer Lumperei! Ich fordre Dich wieder— Lump! Hier gleich, nimm! Roſe, lade! ſchrie er. Mr. Roſe fand jetzt Gelegenheit, ihm ſeinen Arm zu zeigen, und ihn um ſeine Huͤlfe zu bitten, die ihm Mydoctor Silvati nicht leiſten koͤnne. Er lachte. Und es koſtete Muͤhe, ihn dahin zu bringen, daß er nicht erſt ſeine Ehre wieder herſtellen wolle, ehe er den Arm wieder herſtellte. So Gott will, lebe ich doch noch morgen, oder uͤbermorgen! troͤſtete ihn Silvati.— Oder noch lieber — uͤber ein Jahr, oder zwei! verſpottete ihn der Mohr. Silvati ſagte ihm den Johannistag zu. Er acceptirte. Und um ſeine Geſchicklichkeit und Schnelligkeit zu zeigen, nahm er nun ſeine Sachen, und that ſchwei⸗ gend und wankend ſeine Schuldigkeit. Und kaum daß er fertig war, ſo ſank er ſchlaftrunken wieder auf ſein Bett, und ſchlief bald hoͤrbar⸗ — 152— Mr. Roſe wollte den Doctor in ein anſtoßendes Zimmer geleiten und ihn verſorgen. Da aber Silvati noch ein weißes Vorhang⸗Bett hier in dieſem ſah und keinen Hunger empfand, bat er nur, abraͤumen zu laſ⸗ ſen, und verſicherte, ſorglos hier zu ſchlafen. Aber er hing nur den Rock in die Niſche. Si r N e de Mein lieber Gott,— Ich brauch' dich weiter, Als hier auf dieſem Funken: Welt; Drum uͤberſeh' ich ſtill, ja heiter, und ſeh' mit an: was dir gefällt. Doch ſag' ich hier im Sonnenlicht: Wie mir geſchehn, gefällt mir nicht! Als Menſchen kann ich mich verachten; Dieß Ich, der Geiſt iſt zu betrachten! Als Menſch erklimm' ich eine Leiter, Drum bin ich ſtill— ich brauch' dich weiter! Dieſe Worte hoͤrte Silvati am Morgen wie aus der Erde herauf. Ihm daͤuchte, als ob er uͤber Ge⸗ raͤuſch einer Saͤge und uͤber Hammerſchlaͤge erwacht ſei. Er ſahe jetzt, daß, wie in vielen Kauflaͤden, hier eine Oeffnung im Fußboden, von einem Drathnetz uͤberſpannt, war; die Stimme, beſann er ſich jetzt, war des Sherifs Stimme, der wahrſcheinlich hier drun⸗ ten in ſeiner Tiſchlerwerkſtatt fur ſich arbeitete. Da drehte ſich leis ein Schluſſel im Thurſchloß, und leis trat eine weiße Geſtalt, ein Weib herein. Gewiß dachte ſie nicht, daß zwei Maͤnner hinter den ſo eben raſch zugezogenen Vorhangen in den Betten ſchliefen oder wachten, da das Zimmer ſonſt immer un⸗ bewohnt war. Selbſt die leichte Bewegung der Vor⸗ haͤnge ſchrieb ſie vielleicht der Luft zu, die von der wieder verſchloſſenen Thuͤr heran geweht. Sie ſtand, ſahe zu Voden, und ſtrich ſich mit dem dritten und vierten Finger langſam die linke Augenbraune. Deut⸗ lich war ihre Abſicht auf den Mann unter ihr gerichtet. „Er verſucht ſeinen Sarg, oder Aleeſte's!“ erzaͤhlte oder klagte ſie gleichſam Jemand da draußen im Him⸗ melglanze, und doch nur ſo leiſe, als wiſſe ſie wohl, ſelbſt in der aͤußerſten Ferne hoͤre der Jemand ihr Flu⸗ ſtern gewiß. Silvati ſah mit Erſtaunen durch einen kleinen Spalt, dem er die Augen nahte, das ſchoͤne Weib. Zu der wundervollen Geſtalt und dem, im Beſchauer Mitleid uͤber ſich erregenden, Cypris⸗Wuchs einer Schottin, die weiß wie geſchneit und friſch wie eine volle Roſe im Thau vor ihm ſtand, hatte das dreißigſte Jahr, in welchem ſie zu ſtehn ſchien, wie ein Bildhauer, der ſein Werk zum letzten Male ubergeht, noch verſucht, in ihr Antlitz die feinſten Zuge hineinzulegen, und um es auch ſeelenvoll zu machen, einigen Kummer und ſtolzen Ver⸗ druß in dem Wurfe der Lippen anzubringen— den die Seele des Weibes aber nur ungern ertrug! Sie „ — hielt das Köpſchen ſeitwaͤrts, die flache Hand von ſich ab, als wolle ſie hoͤren; und Silvati und vielleicht auch der Mohr, hoͤrte zugleich mit, was der She⸗ rif jetzt ſprach, zu ſeinem Ich, oder einem Ver⸗ trauten. „Sollen wir immer lieben? Wir ſollten vielleicht! Aber können wir immer lieben, noch lieben, wenn der Gegenſtand unſerer Neigung es nicht mehr werth iſt? Wenn ſeine leichtſinnige Thaten zuerſt, und zuletzt ſo⸗ gar ſeine Worte— denn bei ſchlechten Menſchen kom⸗ men die Thaten vor den Worten— bezeugen: er liebt uns nicht mehr, denn er achtet uns nicht, ja wir moͤ⸗ gen ſogar wiſſen, daß er uns untreu iſt, und den Unſeligen ſehn, der uns ſein Herz geraubt. Ach, wir koͤnnen nicht mehr lieben! Sagen, was man liebt, iſt verworfen, und ſagen: wir lieben es noch, iſt ein Widerſpruch— denn die Seele iſt der Menſch, nicht der ſchone Leib! und wir liebten, weil wir achteten, vergötterten, irdiſch und himmliſch glucklich zu werden hofften durch ſie!— O Cynthia!“ Lady Eynthia war immer blaͤſſer geworden. Und eine andere Stimme ſprach wie von der Decke herab: —„Dafuͤr wird ein Anderer gluͤcklich!“ Ein Anderer! wiederholte ſie. Aber Sir Ned fuhr in ſeinem Ge⸗ ſpraͤch aus dem Sarge fort:„wir ſtehen dann erſtaunt! wir errothen uͤber ihn, vor ihm! wir erblaſſen uͤber uns, vor unſerem Ungluͤck. Aber die Liebe iſt ein Engel— himmliſch und frei, und als ein Engel ſteigt — 156— die Liebe von uns zum Himmel empor, oder rettet ſich wieder in unſer Herz, wo ſie war, ehe wir ſie loͤſten und der Geliebten aneigneten. Wir weinen, wenn wir bedenken, wie ſelig wir waren, wir weinen, wenn wir ſehen, wie elend wir ſind durch den Betrug; aber wir weinen nur ſo lange wir uns einen Unwerth andichten, der nur in der Seele der Taͤuſchenden liegt, nicht in Uns.“ —„Da liegt er nur eben!“ ſprach wieder wie hohnend die Stimme von Oben darein, als wären es die tiefſten Gedanken Eynthia's. „Dann zuͤrnen wir, bis die Seele ſich ſchaͤmt, bis wir vergeben— und wir vergeben Dem leicht, der einem reinen Gemuͤthe unwiederbringlich verloren iſt! Wir faſſen uns, in der Faſſung erlangen wir Ergebung, Milde, Frieden. Und in der Seele voll Ruhe, voll heimgekehrter Liebe ſind wir ſelber im Stande, der Verbrecherin anzugehören, ihre Reue zu glauben, ſie aufzuheben, und wieder an die wunde Bruſt zu druͤcken— aber ſie lieben? Wir haben geliebt, und der Traum iſt geträumt. Liebten wir noch, wir muͤßten, wir wuͤrden uns ſelbſt verachten! Nur ein Herz, das ſich nicht beſiegen kann, verdient ſeine Schmach! Die wahre Liebe verdammt zwar nicht, auch den Raͤu⸗ ber nicht; aber ſie hält ſich rein, und liebt nicht mehr— aus Liebe! die reine Seele iſt von der un⸗ reinen geſchieden, welche die Liebe gebrochen, und unſer Herz! Mehr bedarf es ja nicht! Der Mitleidige traure, bedaure, aber wer mit dem Treul loſen untergeht, hat nie die Liebe gekannt— er war, was er bleibt, der Sclave der Augen und Sinne. Ein Weib mit Fehlern, und ein Fehler als Weib, welcher toͤdt⸗ liche Unterſchied!“ —„Fuͤr Dich!“— ſummte die Stimme wieder. Dem Mohren fiel, wie im Schlafe, ein ſchwar⸗ zer Arm zwiſchen den Bettvorhaͤngen hindurch, und die Fauſt war geballt. Cynthia ſah es. Sie erſchrak, ſie wollte hinzu⸗ eilen, die Vorhaͤnge aus einander reißen; aber ſie ſank in die Kniee noch vor dem Bett, Arme und Kopf auf den Seſſel gebeugt. Sie athmete nicht. Der ſchwarze Arm regte ſich nicht. Und es hatte fuͤr Silvati etwas Grauſendes, daß er ſie ſo liegen laſſen mußte und hö⸗ ren, wie der Sprecher im Unterzimmer getroſt, ja freu⸗ dig ſchloß: „O wie verabſcheuungswuͤrdig waͤre die göttliche Liebe, wie wuͤrden ſie Alle— gleich dieſem Geſchlecht — nur zum Spiele machen, wenn ſie Menſchen, die ſie erheben, mit Gold und Blumenketten feſſeln und himmliſch beglucken ſoll und kann— dann auch zwaͤnge; das Laſterhafte und Schaͤndliche, das ſie erkennt hat, fortzulieben! Wie erbaͤrmlich, waͤre unſere Seele nur wie ein Gewand, das, einmal in die Farbe ihres Pur⸗ purs getaucht, die ſchneeweiße Farbe der Schaam nicht wieder annehmen, am Strahle der Sonnen-Reinheit nicht mehr rein gebleicht werden koͤnnte; und ein Treu⸗ & loſer koͤnne wie ein harpunirter verblutender Wallfiſch uns mit in die Tiefe des Todes reißen!— Wir kap⸗ pen die Harpune— und er verſinkt! Unſere Fahrt auf das Eismeer des Lebens war zwar umſonſt, ſie war ungluͤcklich; aber wir kehren doch heim! Denn die Qual des Herzens zu einer entſetzlichen Wonne machen, noch den Trunkenen ſpielen, wenn uns eine Schlange umwunden, das iſt eine Raſerei nur ſchwacher, erbärm⸗ licher Seelen! Und iſt das Seligkeit, ſo unterzugehn, ſo verzeihe ſie ein Gott ſeinen elenden Menſchen!“ —„Und Dir!“— ſcholl es zuletzt. Eynthia ſprang auf und ſtuͤrmte zur aufgeriſſenen Thuͤr hinaus, hinab, und in das untere Zimmer. Es lachte jetzt wie vom Himmel darein, ſo daß Silvati noch keine ſo ſchreckliche Bauchrede gehoͤrt. Er riß ſeine Vorhaͤnge auf. Da lag ſchon der Mohr auf einen Arm geſtuͤtzt und laͤchelte ruhig. Silvati's Auge rollte ihn an, und hielt ihn mit unſichtbarer Kraft feſt, und das Feuer im Auge des Mohren verging, doch nur allmaͤlig an ſeinem, wie anderes Feuer im Scheine der Sonne verloͤſcht. Aber ſie hoͤrten jetzt nichts als Cynthia's Stimme, von Schluchzen unterbrochen, und troͤſtende, liebevolle Worte Sir Ned's an ſein Weib, mit welchem der edle Mann ſich wieder verſoͤhnte, und ſtill ihre neuen Schwuͤre hinnahm. Der Mohr ſprang aus dem Bett und warf den Stuhl, dabei polternd, in die Verſoͤhnung, und Schwei⸗ — 150 gen war drunten und droben. Denn Lady Cythia, wohl wiſſend, daß ihr Verehrer gegenwärtig ſei, hatte dennoch dieſes Gericht uͤber ihn ergehen laſſen. Sein Inneres wuͤthete. Und doch laͤchelte er gefällig und artig nur auf den Johannistag.„Denn wetten wir Eins gegen Eins— ein Glas Blauſäure gegen ein Glas Kirſchwaſſer. Bis da hin Leben und Friede— fuͤr Beide!“ Daß Lady Cynthia ein reizendes Weib war, konnte ſelber der ſchon in den Weinberg der Liebe verdungene Silvati nicht laͤugnen; aber vielleicht erſt recht in der Erbitterung fand er auch Sir Chriſtopher ſo ſchlank und maͤnnlich ſchoͤn, daß er waͤhrend des Fruͤhſtuͤckes oft uͤber dem wie nur dunkel verſchleierten weißen Men⸗ ſchen ſtill ſich vergaß; denn er ſtand vor ihm wie der Antinous von weißem Marmor, der im letzten braunen Verfaͤrben der purpurnen Abendgewoͤlke nur braun er⸗ ſcheint und wunderlich ſchimmert. Ja er beruͤhete zu⸗ letzt ſeine ſanfte, ſammtene ſchoͤn gegliederte Hand⸗ Aber er fuhr zuruͤck; denn er empfand ſich in das Ra⸗ chegewebe dieſer Menſchen verwebt, und deutlich hatte Balandri aus Blut⸗Rache ihn ſelber gegen den Moh⸗ ren gehetzt. Ich heiße der Mohr, ſprach Dieſer; aber ich bin leider nur ein Zambo, ein Halb- und Halber. Ich hoͤrte von meiner Mutter, es gebe wo eine Stadt, die Sachſen geheißen, oder noch ſo heißt— aus deren Naͤhe war ſie ein nach Domingo gerathenes Fräulein, alſo ſehr ſchoͤn, wenn auch ſehr weiß; wer aber mein Vater— von ſchwarzem äaͤchtem Adel— geweſen, das ſei—— in die Luft geſprengt! Aber ich muß meine Depeſchen abgeben wegen der Betcur von Miß Alceſte; laͤchelte er, und entfernte ſich allerverbindlichſt. Einige Zeit darauf ward Dr. Silvati hinuͤber in's Schloß zu Sir Ned geladen. Auf dem Wege dahin zählte er zwoͤlf angekommene Wagen, die angeſpannt geblieben. Sir Ned hieß ihn ruhig und freundlich in ſeinem Zimmer willkommen, waͤhrend es daneben im Saale ſummte wie im Bienenſtock. Es ſind die Aerzte, er⸗ klaͤrte er ihm, mit meiner Tochter, die heut' mitten unter ihnen wandelt! Laſſen wir ſie indeß. Ich bin, auch ein Menſch, man kann ſelbſt nicht mehr lie⸗ ben und ſorgen, wenn man eher ſtirbt, als die Ge⸗ liebten. Theils mit Abſicht, theils durch Ohngefähr wiſſen Sie nun, woran ich hauptſaͤchlich leide. Ben⸗ John hat einen ſehr discreten, ſehr denkenden Arzt mei⸗ netwegen gefragt. Finden Sie nun auch deſſen mir verſchriebene drei Mittel hinlaͤnglich? Und welche? frug Silvati, an den alten Seligo denkend. „Ergebung, Gelaſſenheit, Vernunft;“ antwortete Sir Ned; das ſind ohngefähr unſere altengliſchen drei Aerzte: Dr. Diet, Dr. Ouiet und Dr. Merryman. Dieſe hat er verſchrieben, aber woher ich ſie verſchreibe, das eben—— 4 — 161— Da trat Mr. Roſe ein, und meldete Sir Ned's Anwald von London, mit wichtigen Nachrichten. Der Sherif ging zu ihm in's Nebenzimmer, aber er ließ die Thuͤr offen. Und ſo hoͤrte Silvati, daß dieſen Morgen Sir Ben-John plotzlich geſtorben, daß ihm zwar Huͤlfe geweſen, die er aber in der erſten Viertel⸗ ſtunde nicht gefunden. Silvati war, er hoͤr' es donnern, eine Furcht befiel ihn, und ein Grauen vor ihm ſelber; denn Er hatte die Viertelſtunde verſäumt. Aber Mirza war frei! Daher hoͤrte er nun erſt doppelt erſchreckt, daß das arme tuͤrkiſche Maädchen entflohen ſeiz daß das liebe ſchoͤne unſchuldige Kind nun verlaſſen und jeden⸗ falls wirklich arm geblieben; denn Sir Ben⸗John ſei ohne Teſtament verſtorben, und Sir Ned ſei alſo ſein naͤchſter, alleiniger Erbe, und vergebens vielleicht liberal. Denn da das Geld von dem Vater Ben⸗ Johns ſtamme, ſo habe der jetzige Erbe nun auch die Verpflichtung zu uͤbernehmen, unter welcher auch er nur als Sohn es beſeſſen, nämlich: dem in ſeiner Bluͤthe dahingegangenen Weibe, das Clariſſa geheißen, aber nie und nirgend begraben worden— auch nirgendwo aufzutreiben ſei— ein prachtvolles Denkmal zu ſetzen, zu welchem zehn Jahre lang die Zinſen vom Capital verwendet werden ſollten. Silvati war außer ſich. Mirza arm!— ein Wetterſtrahl! Mirza entflohen! arm und entflohen! Schefers neue Nov. II. 11 — 162— — Ein Donnerſchlag, daß er betaͤubt war und zitterte. Alle ſeine theuer erkauften Hoffnungen alſo dahin! Und der alte Blinde, und der herrliche alte Vater Seligo, ſie waren vielleicht ſchon verhungert, oder daran zu verhungern in ihrem verſchwiegenen Kerker; oder war dieſer nun gar mit Waſſer erfullt. Daß Thirza, die gute Tochter, ſchon einen Theil an dieſen Begeben⸗ heiten haben könne, fiel ihm nicht ein. Darum hoörte er, wieder auflebend, daß in der Bank vierzig tauſend Pfund deponirt lägen fur einen alten Mann, deſſen Bildniß, Größe, und andere genaue Kennzeichen Ben⸗ John zugleich mit dem Gelde vor Kurzem erſt an die Eaſſirer gezahlt. Einen Empfangſchein habe er verwei⸗ gert anzunehmen, im vollen Engliſchen Zutrauen zu der Bank, die nie verfehlt, ſogar falſche Anweiſungen auszuloͤſen. Kaͤme der Mann nicht, und nicht binnen ſechs Monat, dann ſei die Summe verfallen. Daruͤber habe nun er eine Akte ausgeſtellt. Indeß jene nun riethen und nicht errathen konn⸗ ten, wer und wo der alte Mann wohl ſei, wußte ihr Silvati ſeinen Namen wie ſeinen Ort und kannte ihn ſelbſt durch Ben-John. Und Thirza ſtand in ihm auf wie ein Geiſt, und fluͤſterte: ſuche nur den Groß⸗ vater, dann haſt du mich.— Sir Ned aber war hoͤchſt betreten uͤber das andre ihm zugefallene ungeheure Ver⸗ mögen, und ſagte dem Anwald: wie Gott ſtrafen kann durch Segen, das will Niemand ſehen! Ein Kind iſt ein Sorgenkind. Nun habe ich nur noch groͤßere 16 Pein, entweder: daß das viele Geld meine Alceſte nicht zur Herrin haben ſoll, oder meine Alceſte die vielen Schaͤtze nicht zu Dienern; das kann ich jetzt in der Beſtuͤrzung nicht unterſcheiden!— Er wird hier in unſere Gruft begraben. Beſorgen Sie Alles. Silvati, voll Reue und Schmerz, Troſt und Hoff⸗ nung, war nicht in der Stimmung fuͤr ein Conſilium, zu welchem er nun in den Saal gerufen ward. Er nahm ſchweigend zu unterſt an der großen Mahagoni⸗ tafel ſeinen Platz. An jeder Seite derſelben ſaßen ſechs Doctoren; ihm gegenuͤber gleichſam als Präſident des Doctoren⸗Rathes: ſein Herr Balandri, oder Pholop⸗ Neben Silvati ſaß der Mohr, welcher eine neue kleine Schnelldruck-Maſchine vor ſich auf dem Tiſche ſtehn hatte, und gewandt ſo ſchnell damit druckte, als Je⸗ mand oder ein Doctor ſelbſt in Eifer und Streit nur ſprechen kann und ſprach. Silvati ſah, während dem Geſpraͤch, mehr dem wundervollen Arbeiten dieſes herr⸗ lichen Werkes zu, als daß er hoͤrte. Bald nahm er dem Mohren den erſten auf einer Seite bedruckten lan⸗ gen Bogen ab, und las jetzt nur wie im Traume den Eingangsbericht: Daß Sir Ned unbekannterweiſe und ohne den Namen des Kranken zu nennen, vier und wanzig Stoße vierjähriger Recepte von vier und zwan⸗ zig Doctoren, jeden Stoß Recepte beſonders, an vier und zwanzig andere Aerzte gegeben habe, und zwar zuerſt die Recepte des Doctors Mr. 1 allein an Einen: Nr. 25.— Die Recepte des Zweiten an Einen 11. — 164— Nr. 26; die des Doctors Nr. 3 an Doctor Nr. 27 und ſo weiter; bis die Recepte des Letzten Nr. 24, an den Secondair-Arzt Nr. 48. Hierbei habe er gegen die reichlichſte Bezehtung von Jedem der Herren Nr. 25 bis 48 zu wiſſen ver⸗ langt: was dem Patienten gefehlt, und eine aus den mitgetheilten vierjahrigen Recepten verfaßte Kranken⸗ geſchichte begehrt und erhalten⸗ Dadurch ſei das unverhoffte Reſultat heraus⸗ gekommen, daß ſeine Eine Tochter zu vier und zwan⸗ zig Patienten geworden ſei, und daß er von Einer Krankheit nun vier und zwanzig und ganz contraire Krankengeſchichten erhalten habe. — Zu dieſer Bemerkung bemerkte der eine Doctor des gegenwaͤrtigen Conſiliums der Zwoͤlfe:„daß dieß moͤglich ſei.—— —„weil es wahr iſt!“ ſchob eine Stimme ein, welche wahrſcheinlich wieder der Mohr einem Andern in den Bauch legte, denn Niemand oͤffnete den Mund. —„und leicht moͤglich, fuhr der Sprecher fort, weil ſelbſt alle Voͤlker, alle Confeſſionen, ſelbſt jeder Glaubensartikel erſt Einer ſein koͤnnte und wuͤrde, wenn er mit Einer Anſicht, oder Einer Stimmung aufgefaßt werden wuͤrde, und daß jede Differenz ganz willenlos ſei, und wenn Kampf uud Streit auf Tod und Leben daraus entſtehe! Uebrigens ſei nichts ſchwerer, als eine Krankheit und Krankengeſchichte aus einem Häuflein — 165— Staatsſchuldſcheinen die Staatsſchuld nachzuweiſen, und nichts leichter, als Tod oder Leben nach der Kunſt dar⸗ aus zu beweiſen, da Arzneimittel gleich Buchſtaben in der Buchſtabenrechnung ſeien, die Verſchiedenes in verſchiedenem Sinne bedeuten koͤnnten, duͤrften und ſollten.“ „Alſo iſt auch nichts ungewiſſer als die Heilung einer beſtimmten Krankheit durch beſtimmte Re⸗ cepte“ legte die Stimme wieder einem Andern in den Bauch. Waäͤhrend die Söt⸗ nun ſtritten, las Silvati den jetzt gedruckten Bericht weiter: Sir Ned habe dann die vier und zwanzig Stoͤße Recepte der Primairen Herren Aerzte unter den vier und zwanzig Aerzten nun gar auch noch wechſelnd umhergehen laſſen; und ſo habe er fur eine Krankheit fuͤnf hundert ſechs und ſie⸗ benzig Krankengeſchichten erhalten, wobei auf Menſchen aller Geſchlechter, auf Laſter aller Arten, auf Gebrechen jedes Alters Bezug genommen worden; ja ein arg⸗ denklicher Geſchichtſchreiber habe ein Falſum vermuthet — und einige Rerepte fuͤr Bewohner der Menagerie im Tower beſtimmt gehalten, oder fur ein edles Rae“ Pferd, und ſich beleidigt gefuͤhlt, als bloßer Men⸗ ſchen⸗ und nicht Thier- oder Pferdearzt. Die Recepte mit den Krankengeſchichten 8 nun vorgeleſen, nachgedruckt, und jetzt ſämmtlich wie⸗ derum vom Conſilium der Zwoͤlfer verworfen, da ſie ſämmtlich wohl wußten, daß Miß Alceſte allein die — 166 Leidende ſei, die an einem Tiſchchen, mit Stickerei be⸗ ſchäftigt, wie ein Bild von Guido oder Albani als eine blaſſe Aurora der kuͤnftigen Welt, in weißem Fleide vor ihnen ſaß, um in ihrer Blaͤſſe noch einiges Colorit dagegen zu haben— nur manchmal ihr ge⸗ duldvolles Antlitz erhob, die Maͤnner anlaͤchelte, erroͤ⸗ thete, und wieder ihr Koͤpfchen von einem himmelblauen Bande umwunden, das ihre blonden Haare hielt, zur Arbeit beugte. Lady Eynthia aber ſah niemals auf, ſondern las oder ſchien zu leſen. Silvati las nun die Bogen aus der Schnelldruk⸗ kerei weiter. Nummer eins der gegenwaͤrtigen zwoͤlf Nummern hatte eine Seereiſe, etwa eine Neiſe um die Welt als letztes Mittel empfohlen. Nummer zwei gleichſam eine wahre Wohl- oder Wall-Fahrt in die geſundeſte Gegend der Erde, das Gebirge Nilgherri; ober in die tuͤrkiſche Provinz Herzogewina, wo nie ein Arzt geweſen, und die Leute doch ſteinalt wuͤrden; was er zum Ruhme Gottes geſtehen wolle; wogegen Num⸗ mer drei bemerkt: daß es nicht genug ſei, an geſunden Orten krank anzukommen, ſondern hinreichend: zeitlebens zuvor geſund allda gelebt zu haben. Nummer vier hatte einen ſchoͤnen Braͤutigam vorgeſchlagen, weil unter allen Ständen eine Braut vor Hoffnung am ſeltenſten ſterbe; ja Nummer fuͤnf gerathen: Alceſte in die friſche Erde zu graben. Das Wort hatte Nummer ſechs, einen offenen Wahrheitsfreund, beſtimmt zu ſagen:„Und Erde daruͤber! Denn wären wir Aerzte noch Aerzte, Siiece wenn wir Alles heilen koͤnnten? Mit Nichten! dann erſchluge uns mit Recht— wie unſeren Altvordern, den Aesculap— der Blitz des Zeus. Wir verſuchen blos, zu erfahren, wo Gott ſich nicht merken laͤſſet. Und ehrlich geſtanden, habe ich die meiſten Krankheiten ſo verdient und noch als ſo billige Strafe frivoler Feh⸗ ler und ſchrecklicher Thaten der Menſchen gefunden, daß mich geſchaudert hat, mich in der Nemeſis Handwerk zu miſchen, ihr Verfahren zu ſtoͤren, zu hemmen, auf⸗ zuſchieben, wohl oft aufzuheben, daß ich mich heimlich einen abſcheulichen Schuft genannt, wo mich die Fa⸗ milie einen Abgott nannte.“— Nr. 7, fromm ange⸗ regt, hatte nun von der Gerechtigkeit und Legitimitaͤt der Krankheiten geſprochen. Nr. 8 von der Nuͤtzlichkeit und Weisheit-Schule derſelben. Nr. 9 vom hohen Werthe der Geſundheit. Nr. 10 von der Unmoͤglichkeit: dieſelbe vorſitzender Miß wiederzugeben. Nr. 11 hätte doch des recht ehrenwerthen loyalen Sir Ned, des She⸗ rifs, und deſſen abnormen Vermoͤgens und der vortreff⸗ lichen Mutter, der hochachtbaren Lady Eynthia wegen gewuͤnſcht, es moͤchte noch irgend eine Weiſe geben, oder binnen Kurzem erfunden werden, der ſchon ſo koſt⸗ ſpieligen Miß zu helfen, auch wenn das Mittel nur einen Penny koſte. Und ſchließlich hatte Nr. 12 ſich edel erboten, Dieſen ſogleich mit Freuden aus ſei⸗ nen eigenen geringen Mitteln zu tragen— aber er deſperire! — 168— „Der Praͤſident hatte nun alle nach der Reihe, durch leiſes Kopfnicken zur Deſperation, gleichfalls deſpe⸗ riren laſſen, und war dann, um Miß Alceſte doch. nicht natuͤrlichen Todes ſterben zu laſſen, mit ſeiner Armenarznei aus Breſt, oder gradezu, um, der Regel der Aerzte zuwider, das kräftigſte huͤlfreichſte Mittel zuerſt anzuwenden, mit der Betcur zu Felde gezogen. Wie er aber ſchlau und hinterliſtig die Aerzte zur Deſperation gebracht, ſo brachten ſie ihn nun offen und redlich zu nichts Geringerem. Silvati fing jetzt erſt an, wirklich aufmerkſam zu werden, und blickte zum Präſidenten als einem der neu⸗ aufgeſtandenen ſchlauen und, wie er wußte, falſchen Feinde ſeiner ganzen Kunſt und der lehrenden und aus⸗ uͤbenden Meiſter derſelben, mit ſcheinbarer Gleichgultig⸗ keit hinuͤber. Denn er hatte die Frage an das Con⸗ ſilium geſtellt: was halten Sie von der Bet-Cur? Darauf hatte die offene, wahrheitliebende Nr. 6 — wie ſie dabei ausdruͤcklich bemerkt: nur aus Guͤte und Gefälligkeit gegen Sir Ned und ſein ſolides Haus, geantwortet:„daß ſie als Cur zu ſpaͤt angewendet werde. Wenn der Mann, der eine Frau, die nicht ſein iſt, anbetet, dann von ihrem Manne erſtochen wird,— alſo incurabel iſt— vorher lieber auf ſeine Kniee gefallen, und gebetet: einen Bund mit ſeinen Augen zu machen; wenn der Dieb, der geſtohlen hat, und gebrandmarkt oder gehangen wird— alſo incura⸗ bel iſt— vorher lieber das ſiebente oder auch zehnte — 6 oder dieſe beiden Gebote gebetet, dann iſt in ſolchen, ja vielleicht in allen, ich ſage in allen Fällen vielleicht, die Gebetcur gewiß an ihrer Stelle und noch zu rechter Zeit. Aber nachher, wenn der Leib Theil genommen an der Seele, dann machen alle Andachts⸗ buͤcher, ausgebetet oder auswendig gelernt, den heiß in die kalte Themſe Geſprungenen nicht gut wieder lebendig. Wir ſprechen hier nur von Incurablen. Curable curi⸗ ren ſchon Wir!“ Und wie zu den Reden im Parlament, war hier⸗ zu im Parentheſe bemerkt:„Gelächter; Gemurr; Pr. Pholop ruft; Hoͤrt! Hoͤrt!“ Jetzt war auch Dr. Silvati endlich um ſeine Mei⸗ nung befragt worden. Denn man hatte vor ihm, als neuem Arzte, alſo wahrſcheinlich von ganz neuen und tieferen Kenntniſſen oder doch groͤßerer Anſicht und Arroganz eine gewiſſe Scheu gezeigt. Er aber, ganz in ſich vertieft, hatte gar nicht gehoͤrt, daß man ihm das letzte, oder das Ehrenwort gegeben, wodurch er im Stande war, nicht in alle fruͤher gegebene und fruher widerlegte Aeußerungen zu verfallen, ſondern aus den zwoͤlffachen Kenntniſſen der Uebrigen konnte er nun eine Art dreizehnte Weisheit, wie ein Recept, zuſammen⸗ ſetzen, und von Jedem Beifall erhalten, als der Extract aus Zwoͤlfen, der von Jedem das Beſte und Wahrſte enthielt. Sir Chriſtopher bemerkte aber, daß er das Blatt fortwaͤhrend vor dem Geſicht hielt, und ſo ver⸗ lautete dann, mit Silvati's taͤuſchend nachgeahmter — 170— Stimme geſprochen, eine ſchlußliche Antwort: wenn ich nur eine Ahndung von jener Cur habe, wobei Patient ſelber ſein Arzt iſt— und alſo gar keine Eur ſtatt findet— ſo muͤßte ſie auch eine béte-Cur ſein. Denn was, freilich modificirt— wie ein Centner Glau⸗ berſalz fuͤr den Elephanten— nicht auch dem lieben Viehe hilft, Pflanzen und Baͤumen, Voͤgeln, Fiſchen und vierfuͤßigen Thieren, das iſt keine Cur. Denn ein Rabe hat Augen, und kann alſo blind werden, ein gejagter Hirſch contract, ein Pferd vernagelt. Aber wie iſt z. B. dem herrlichen Elephanten ſogar oder dem ſprechenden Papagei auf dieſe Weiſe zu helfen? Und die Thiere ſind von einerlei Meiſter erſchaffen, und ohne geſuͤndigt zu haben,(da nicht alle— außer be⸗ ſonders dem Affen— Aepfel belieben,) doch aus dem Paradieſe verwieſen, wodurch ſie jedoch keinen Nachtheil haben, denn ſie leben wie noch darin. Die Thiere leben aber vernuͤnftiger, in Ruͤckſicht ihrer Geſundheit, als ſelber die Menſchen, wenigſtens doch als Natur⸗ ſclaven, und ſo ſind ſie frei von Krankheit bis auf die Ungluͤcksfälle, und die Unbilden der Atmoſphäre, und ſterben, wie die Menſchen ſollten, alle vor Alter, oder nur im Menſchen- und Naturkriege. Denn der Na⸗ tur als Wolf ſchmeckt die Natur als Schoͤps vortreff— lich und noch engliſcher— das heißt gar nicht gebra⸗ ten und ganz savoureux! Denn der Menſch, das heißt tauſend immer neu anruͤckende Millionen Men⸗ ſchen, fuͤhrt auch den Naturkrieg, aber nur mit dem — 171— kleinen Unterſchiede: mit Vernunft und Liebe als das liebe Vieh, und weit ſyſtematiſcher, man moͤchte ſagen mit Perkin'ſchen Dampfkanonen, wie Milton dem Sa⸗ tan ertheilt, und fuͤhrt ihn im Großen, wie die jähr⸗ lichen Londoner Todtenliſten von hundert tauſend Ochſen, zweimal hundert tauſend Kälbern, dreimal hundert tau⸗ ſend Schopſen, und einer Million Enten, Huͤhnern, Indianern(Truthuͤhner) und Gaͤnſen beweiſen. Der Menſch fuͤhrt den Krieg aber auch bequem, gleichſam durch Schlaͤchtercompagnien und privilegirte Handwer⸗ ker; und er fuͤhrt ihn angenehm durch die Zukunft der Braten⸗, Back⸗, kurz: Mundkoͤche oder Magen⸗ verderber, die alle Aerzte auf dem ſcharfen Poſten des Lebens erhalten, nur hochſtens Abloͤſung erlauben, und die Städte zu Hospitälern machen, und ohne welche Magenverderber die halbe Welt geſund wäͤre und nicht verſtimmt, da der Magen der Stimmhammer der Seele iſt, und der Bauch der Reſonanzboden. Daher ſchließe ich: daß die Cura quäſtionis auf Magenverſtimmer und die Geſchöpfe angewandt, die der Herr am— ken Tage erſchaffen, vornweg und vorher ihre vollkommene Richtigkeit haͤtte, wenn dieſelben ſammt der edlen Zunft der Fleiſchhauer auf ihre Kniee fielen und beteten, daß die lieben Schſen und Gänſe alle fein geſund bleiben moͤch⸗ ten! Denn dann geſchäh' es. Nach dem Tode hilft keine, konnte er nun eine Art dreizehnte Weisheit, wie ein Recept zuſammenſetzen, und von Jedem Beifall echalten, als der Extract aus Zwoͤlfen, welcher von — 172— Jedem das Beſte und Wahrſte enthielt. Gleichſam in dieſer Criſis ſtand Lady Cynthia auf, näherte ſich Sil⸗ vati und uͤberreichte ihm ihr Buch, um daraus die roth angeſtrichene Stelle der Vorrede, die Pr. Pholop gemacht, jetzt vorzuleſen. Und leiſe ſprach ſie: Es iſt das Buch der Indiſchen Heilkunſt, der Karen Bibak, den mein Mann aus Indien mitgebracht und mit Sehnſucht uͤberſetzt hat und drucken laſſen. Und ſo ſtand denn Silvati verbindlich auf und las wie im Traume:——„Und ſo lernen wir denn aus dieſem heidniſchen Werke ſchon, daß alle Kranke und Gebrech⸗ liche, Stumme, Lahme, Taube, Blinde, Einaͤugige, Einhändige, kurz gradezu Alle und Jede, ihr Ungluͤck nur ſelber in einem fruͤhern Lebenszuſtande verſchul⸗ det haben.“— Und mit Silvati's taͤuſchend nachgeahmter Stimme geſchahe die Einſchaltung, wie aus dem großen Spiegel heraus:—„„nicht allein in ſeinem, ſondern auch ſeiner Aeltern und Nebenmenſchen fruͤherem Lebenszu⸗ ſtande— verſchuldet worden iſt.““ Der Mohr lächelte Silvati an fortzufahren, der nun weiter las:„durch die Kenntniß aus dieſem Buche kann Jeder nun nicht blos jene unrechte fuͤndliche Hand⸗ lung mit Namen und Umſtänden nennen.“— —„„Auch Miß Alceſte koͤnnte das!““ ſchaltete wieder die Stimme ein.— „Sondern auch Den, welcher um Rath fragt, durch Bekanntmachung mit der Suͤhne, welche die Suͤnde aufhebt.“ —„„im Abgrunde der Vergangenheit!““— „von ſeinem Uebel befreien.“ „„Was jetzt und in dieſer Geſtalt des Menſchen fur— die Allmacht nur ein Kinderſpiel waͤre!““ ſprach der Spiegel ſehr heiter. „Befolgt der Kranke mit Vertrauen die Vorſchrift, ſo vergoͤnnt ihm Gott alsbalde Geneſung. Suͤhnmit⸗ tel aber ſind Almoſen, Gebete und Bußen.“ „„Die nur dazu helfen: andern Menſchen, und vielleicht ſich ſelbſt in ſeinen Kindern dereinſt: reines Leben, untadelhafte Geſtalt zu verſchaffen,““ bemerkte die Stimme ſchluͤßlich. Silvati ſchaͤmte ſich, und war hocherroͤthet; aber der rothe Strich war noch nicht aus. Lady Eynthia ſah mit geſpanntem Blicke— die Haͤnde gefaltet, ihn an; und ſo las er noch die Paar Zeilen:„Sollten wir alſo ſogar nur hinter den Tuͤrken zuruckbleiben? hinter den Bek-Taſchi oder Derwiſchen, die Fruͤhling und Herbſt ihre Kloͤſter verlaſſen, um zu heilen, goͤttliche Worte auf ein Papier ſchreiben, und das Waſſer, dar⸗ ein ſie getaucht worden, trinken laſſen, Gebete für Andere thun, und Drohungen gegen die boͤſen Geiſter die Dives— lateiniſch: die Reichen, denen die Bewachung der in und auf der Erde gehäuften Schätze vertraut iſt?— Mit Nichten! Aber wir wiſſen und haben das — 174— Alles beſſer! Denn bei uns iſt es Lehre: daß Gebete, als die einzigen wahren Heilmittel durch Suͤhne, keine Kraft haben, ohne die Macht der Kirche.“— Der rothe Strich war aus, er ſetzte ſich nieder. Bravo Silvati! Bravo Herr College! erſcholl es; ja, Sie ſind unſer Mann, und wir Aerzte ſehen, wel⸗ che nicht unſere Maͤnner ſind, nein, unſere Feinde! Aber wir wiſſen nun, und ein Wiſſender wird nicht anders als wiſſentlich betrogen; und ſo guͤtig ſind wir nicht. Silvati bemerkte erſt recht aus dem Zuſammen⸗ hange, was ſein Vorleſen bedeutet; denn ſo eben erhielt er— Rede mit der Parentheſe„Bei⸗ fall,“„hoͤrt, hoͤrt, hoͤrt!“ pr der Präſident, ſahe Silvati jedoch ganz ruhig, ja laͤchelnd an, und frug nur noch, im Auftrag, die letzte Frage: ob die vorgeſchlagene Cur, wie etwa ein anderes Mittel, auch ſchaden koͤnne? Waͤhrend nun Streit, ja Tumult entſtand, in welchem kaum die Worte:„verſaͤumte Zeit“—„aus Verzweiflung“—„Aberglauben“ hindurch zu hoͤren waren, trat der Sherif ein, der, wie der Sultan, hin⸗ ter ſeinem Gitter, dem Divan beigewohnt. Er lud die Herren alle zur Tafel ein, wodurch plotziche Ruhe ent⸗ ſtand, und die Diener oͤffneten die Doppelthuͤr zum Speiſeſaale, aus wélchem der mit Silber und Kryſtall ſervirte Tiſch gleichſam als weißer Katafalk der Thiere zu ihrer Todtenfeier hereinlockte. Der Steno⸗Typ oder Schnelldrucker ſchloß ſein Werkſtättlein, und das Con⸗ ſilium unterſchrieb das gedruckte Protokoll noch in Eil. Dem Sherif ſchien wohl, daß er vierzehn Aerzte im Hauſe habe, als eben ſo viele Gewährsmaͤnner des Todes. Der Praäſident Dr. Pholop, obgleich widerlegt, dennoch als Sieger, fuͤhrte Mylady Eynthia hinein, die heut' entweder aus Reue ſchwarz gekleidet ging, oder um ihren Gemahl in Zeiten an die ſchwarze Klei⸗ dung zu gewoͤhnen, damit er nicht daruͤber erſchrecke, wenn ſie dann Trauer bedeuten werde. In argen Ge⸗ danken fuͤhrte Sir Chriſtopher die weißgekleidete Miß Alceſte: und obſchon verſtoßen, hielt er die Farbe der Kleidung der Lady Cynthia fuͤr den Ausdruck der ſtillen Trauer um ihn ſelbſt, oder um Alceſte, und er druͤckte ihr im Widerſpiele ſeines Haſſes und ſeines Wunſches ſehr liebevoll die zarte Hand, daß das arme Kind ihm weich und guͤtig in's Auge ſah. Der Vater dagegen war ſehr froh, daß ſeine liebe Tochter von Einem Arzt nach dem Andern die Zuſtim⸗ mung zu allen Speiſen erhielt, daß ſie einmal wie ein Mädchen ſei, ſein Weib wie ein Weib, und er wie ein Mann. Die ſo lange entbehrte Freude ver⸗ anlaßte ihn zu dem Wunſche, daß ſie Alle wie in einem Mährchen, an dem Tiſch in dem Saale ewig, ewig ſo ſaͤßen! daß Nichts in ihnen und an ihnen ſich ändre, die Sonne da draußen nicht ruͤcke, ſondern ewig ſein unſterbliches Kind, und ſein theures Weib ſo be⸗ — 176— leuchte! Und vor ſich niederſchauend, von Jedem ſeiner Lieben eine Hand in der ſeinen, ſaß er begnügt eine Zeit lang ſtill, und ſprach dann gleichſam erwacht: Ich hab' es genoſſen— denn ich hab' es empfunden und durchgedacht. Da rollte ſehr ſchnell ein Wagen in den Hof und hielt. Silvati erkannte ſeine Equipage. Ein Briefchen ward darauf an Sir Ned präſentirt, der es Silvati hingab; aber das kleine ſehr niedliche ſeidene Täſchchen behielt noch Alceſte, denn ein Schnaͤbelchen guckte dar⸗ aus, ein kleiner Vogel war darin. Indeſſen las Sil⸗ vati das kleine Billet, das mit zitternder Hand geſchrie⸗ ben, von Thirza war. „Lieber, lieber Herr Silvati!“ „Sie ſind einmal unſer einziger Troſt! Mein Vater iſt tauſendmal kraͤnker. Er verſchweigt die gro⸗ ßen Schmerzen, die er haben muß, wie die Gewalt zeigt, die er ſich anthut. Er ſagt, aber nehmen Sie dem armen Manne das ja nicht uͤbel, horen Sie— ich bitte, und bin ſeine Tochter; er ſagt, Sie haͤtten wohl geſehn, daß er ſterben muͤſſe, und hätten uns menſchenfreundlich verſorgen wollen, nämlich: daß er noch heute ſturbe, ehe die ſieben Jahre ablaufen. Kom⸗ men Sie ja! Ein Vater— und Himmel, ein ſolcher iſt beſſer als Alles in der Welt, denn eine Mutter —————— — 177— habe ich ja! Die Großmutter nicht zu vergeſſen!“— Und den Großvater! ſeufzte Silvati.— „Ihre“ „treu ergebene“ „Thirza Seligv.“ Das„Ihre“ war unterſtrichen geweſen, aber der Strich wieder ausradirt, und nun erſt recht bemerklich. In der Nachſchrift ſtand: „Das arme Blaukehlchen meiner Schweſter hat ſich auf die Hand des Vaters geſetzt und ihn angeſun⸗ gen, und ſo groß ſind ſeine Schmerzen, daß er das liebe liebe Voͤgelchen todt gedruͤckt! Darum ſchick' ich es mit. Vielleicht glauben Sie ihm mehr als mir! oder nicht? Eben kam Blaukehlchen auf dem chineſiſchen Por⸗ zellanteller zu Silvati, und er hatte die Augen voll Thraͤnen. Er reichte dafuͤr das Brieſchen an Alceſte, und ſie bat nun den Vater herzlich, Herrn Dr. Sil⸗ vati fortzutreiben. 5 Waͤhrend er noch am Tiſche ſtand, ſich zu em⸗ pfehlen, ſtand auch der Mohr auf, goß ein Glas mit Wein voll, trank die Geſundheit Alceſte's, Sir Ned's, und der Lady Cynthia, indem er auf immer Abſchied nahm, und ſagte, er gehe zuruͤck nach St. Domingo. Lady Eynthia blieben die ſchoönen Augen bang auf ihm ſtehen, ſie ward immer bläͤſſer; aber ſie hielt ſich Schefers neue Nov. ur. 12 ſtarr' und feſt, und uͤberwand die Ohnmacht durch ſchwe⸗ ren Kampf. Sir Ned dankte ihm freundlich und herz⸗ lich fuͤr alles Gute, was er ihm je erzeigt; und da Alceſte Thraͤnen um den befreundeten Mann vergoß, ſo ward ſein Auge auch naß, er ſtand auf und umarmte ihn mit aufrichtiger tiefempfundener Neigung; denn ſein durch ihn ungluͤckliches Weib und Alceſte's durch ihn ungluͤckliche Mutter hatte ja nur das Ungluͤck gehabt, ihn beſſer, ſchoͤner, wuͤnſchenswerther zu finden, als er ſelbſt war. Der Zambo ergriff dann Silvati unter dem Arm und ſprach: Sie nehmen mich mit nach London! Mr. Roſe beſorgte in Eil' noch Sir Chriſtopher's kleinen Coffer aus ſeinem Zimmer ins Schloß. Und während Lady Cynthia ſtumm dem verſtoßenen Fluͤchtling gegen⸗ uber ſtand, nahm Sir Ned Silvati bei Seite und bat ihn, ſeinen Lebenslauf mitzunehmen, um ſeiner Tochter wo moͤglich zu helfen. Das hat der alte Seligo ge⸗ rathen, ſprach er, und brach ſchnell ab; und ehe noch Silvati eine Frage thun konte, fuhr Jener fort: Viel⸗ leicht hilft auch die berathſchlagte Cur nicht— werden Sie unſer Arzt! Ich habe einen aͤußerſt talentvollen jungen Mann jetzt ſchon vier Jahre ſtudiren laſſen, blos auf Alceſte, ja ich hätte das ſchoͤne Kind ihm gern noch zum Weibe gegeben— aber da ſagt er mir nun: dazu muͤſſe er den ganzen Menſchen und alle Krankheiten kennen! Denn es koͤnne keinen Arzt fuͤr Einen Kranken geben, wie keine Sonne fuͤr Einen; — 179— wem der Staar geſtochen ſei, der ſahe Alles; und wer die Sonne und Alles nicht ſehe, der ſehe Nichts.— Uebrigens wird Ihre Mutter aus Canada kommen. Jetzt iſt ſie ſchon unterweges. Wir ſehen uns alſo bald wieder. Silvati war jetzt von Anderem ſo bewegt, daß er ſchwieg, und ſtatt eines halben Vermoͤgens bekam er heut Wenig und Nichts. Auch die uͤbrigen Herrn vom Conſilium waren aufgebrochen, und ſo fuhr eine Reihe von vierzehn Wagen mit Aerzten die Straße eilig dahin, wie zu einer Schlacht. XIV. Ueberraſchungen. Der Mohr ſchwieg lange, zornig, drohend, mur⸗ melnd, und machte Plaͤne, oder fuͤhrte den alten Plan ingrimmig weiter. Endlich ſagte er ſchnell zu Silvati: der Sherif hat Ihnen nicht undeutlich ſeine Tochter angeboten, wenn Sie dieſelbe geſund oder nur krank bis zum Altar bringen koͤnnen; nun? wie?— So viele taͤglich am Altare voruͤber gehn, ſo ge⸗ langen nicht Alle dahin! entgegnete Silvati; Alceſte kaum, und ich nicht.— und um ſein Inneres nicht zu verrathen, ſahe er nieder. In Umanak ſind die Weiber— Geld! meinte der Mohr laͤchelnd. Wo iſt das?— Umanak iſt uͤberall! Das Geld ſteigt und fällt dort im Preiſe, es curſirt ſogar— als Weiber; ein Geldkaſten iſt ein Harem oder eſſendes Capital, voll ſogenannter Hexen-Thaler; ein Reicher, ein Sultan 3 Die Schoͤnſte iſt eine Guinee, die man um ein und zwanzig Schillinge einwechſeln kann, oder auswechſeln. Er zahlte gewiß ein großes Jahrgeld an den verwitwe⸗ ten Braͤutigam! Geben Sie ihm nur Hoffnung, ſo glaubt er ſchon, ſie lebt. Wie ſie lebt— ſtirbt er! Sie meinen: wenn ſie ſtirbt, lebt er? frug noch der Mohr und ſchwieg in ſich verſinkend. Silvati trieb aber, zu Thirza's Vater zu kommen. Er fuͤhlte die Gluth und Ungeduld in den Adern, die einen Kunſtliebhaber kein Auge zuthun laͤßt, der geſtern mit Andern ein koſtbares Gemaͤlde eines großen Mei⸗ ſters, das unerkannt bei einem Antiquar ausſteht, geſehn und um wenige Groſchen kaufen kann; nun weiß er, daß es aͤcht, daß es ein Schatz ſei; fruͤh um ſechs Uhr, wenn der Laden geoͤffnet wird, kann ein Freund ihm ſchon den Engel wegkaufen, und fruͤh um fuͤnf Uhr pocht er ſchon an der Thuͤr, weil er vorgiebt, verreiſen zu muͤſſen, und halb im Schlafe langt ihm der Mann das koſtbare Bild heraus; er beſieht es— es iſt ein anderes. Ja, ſagt der Mann, das andre iſt geſtern noch ſpat um achtzehn Groſchen weggegangen, ich profitirte zehn!— Aus bloßer Einbildung von ſol⸗ chem Verdruß eines Kunſtliebhabers, waͤre Silvati jetzt lieber geflogen. Wenn er dem alten Dr. Seligo ent⸗ deckt, daß er auf Sicht und ſein Geſicht vierzig tauſend Pfund reich wird, ſollte ſeine baldige Erbin nicht erben?—„Umanaker!“ tadelte er ſich ſelbſt; — 182— haſt Du nicht Thirza, Thirza obendarein, und Thirza Dich? Ach, Jene— als ſie reich war, gehoͤrte ſie Ben⸗John; nun ſie arm iſt—„iſt ſie fort“— wollte er ſagen, aber der innere Froniſt ſprach ſtatt 3 8 deſſen zu ihm:„iſt er todt!“ Und damit hatte er ſtechend geſagt, daß die Unterlaſſungsſuͤnde—„Mord“ ſprach der Ironiſt— vergeblich von ihm begangen worden, um Sie zu erhalten, als er ſie ſcheinbar ver⸗ ſtieß. Er ſeufzte ihr nach, die vielleicht ſchon das Schiff betreten, daß ſie in die Heimath fluchten ſollte. Er mochte nichts denken.„Vergeſſen!“ meinte der Iro⸗ niſt; in Mirza's Armen vergeſſen, in Gold und Freuden!“ Aber die Thraͤnen ſtanden ihm hinter den Augen; ſie fuhren ſauſend; er ſahe den Schwarzen neben ſich an, als ob er ihn entfuͤhre, und dachte: wer dieſer Schwarze ſein koͤnne„oder ſolle!“ ſchloß der Ironiſt. Der Wagen hielt vor Seligo's Thuͤr. Der Mohr frug Silvati, wer hier ſein Kunde ſei?— Dr. Seligo! war die Antwort.— Aha, ſagte der Mohr, das iſt der unpartheiiſche Doetor, der ſein eigenes Kind nicht verſchont hat!— ſagten die Aerzte. Auf Wiederſehn am Johannistag! entgegnete Silvati entruͤſtet und rachevoll. Der Mohr druͤckte ihm freundlich die Hand, und verſprach ihm, mit Dank ſeinen naſenweiſen Wagen wieder heraus zu ſchicken. Silvati trat ein. Aber er fand das Zimmer Seligo's verſchloſſen. Aus dem kleinen Kämmerchen rechts gegenuber aber trat ihm ſein Weib, Fran Grace, entgegen, und ſagte ihm leiſe, mit freundlich warnender Bewegung der Hand, als wolle ſie einen nur leicht Schlummernden nicht ſtören oder geſtoͤrt ſehn: der Vater iſt nun bei ſeiner kleinen Tochter! Silvati verſtand ſchon aus ihren Worten, ganz klar aber aus ihrem klaren ruhevollen und tiefbeftiedig⸗ ten Antlitz, daß er geſtorben, und ſagte beſtuͤrzt: Ich begreife das nicht! Dieſe Schnelligkeit! Schon! Es iſt unmoͤglich. Die Mutter aber laͤchelte und meinte, ihn miß⸗ verſtehend: die Reiſe iſt ſchnell! Der Himmel uberall! Heute wirſt Ou mit mir im Paradieſe ſein, ſprach—— Sie konnte nicht vollenden, denn Wehmuth loͤſte ſie auf, wie Thauwind, der vom Himmel ſtuͤrzt. Und ſo ſtand ſie vor ihm ganz in der Geſtalt ihrer Tochter Thirza, nur ohne die Friſche und Fuͤlle; ſelbſt Thirza's Geſicht war das ihre, nur daß der himmliſche Regiſſeur des Erdentheaters fuͤr ihre jetzige Rolle es ihr aͤlter und blaͤſſer geſchminkt; indeß doch im Auge die Glut geblieben; in dem geſenkten Haupte der eifrige Geiſt voll Liebe und Treue, voll reiner großer Gefuͤhle, ſo daß ſie nicht ein Weib war, das litt, ſondern ein Gebild aus einer unendlich fernen Welt, die Tochter aus einem uͤberſchwenglich reichen ſichern Hauſe, wohin ſie immer zum Vater heimkehren könne, wenn ſie nicht mehr aus Liebe leiden wolle. Silvati legte im Geiſt ſich drinnen an die kalte Stelle des armen und ſo gelieb⸗ 7 — 464— ten Mannes, und dachte: wenn Thirza, dein Weib, ſo weinte— um dich! Und Thirza war ſtill vor ihn hingetreten, und weinte leis, und um ſie, die der Schmerz zum Engel verklaͤrte. Das iſt eine Blasphe⸗ mie, daß der Tod der Natur Schande macht, und Sterben dem Menſchen; wie viele Verklaͤrungen mahlt nicht die Natur täglich, ſondern fuhrt ſie lebendig aus in ihrem wunderbaren Reiche, das nur Liebloſe wunder⸗ lich nennen!“ dachte er. Beide fuͤhrten ihn ſchweigend hinein. Die Groß⸗ mutter blieb ruhig im Großvaterſtuhle ſitzen, und nur ihre Augenlider gruͤßten ihn ſanft. Und ſo gewiß und leibhaftig ſie vor ihm ſaß, ſo gewiß war ihre Seele weit, weit entfernt und abweſend, und der Leib nur ihr Schatten, der wie von einem droben ruhig ſchwebenden Falken ſtill bei den Ihren auf Erden zu ſehn war. Thirza knieete zu ihr hin; ihr Nahen und Anblicken, Silvati's Erſcheinung erweckte ſie nach und nach, aber bang, denn ſie mochte des alten Seligo, ihres Man⸗ nes, gedacht haben. Kommt er nun vielleicht auch wie⸗ der, ſo iſt doch meine groͤßte Freude dahin, weil er den Sohn ja nun doch nicht mehr findet! klagte ſie. Kaͤme der Vater nun nur nicht gar dieſe Tage! Ja ich muß nun wuͤnſchen, daß er vorausgegangen, und mein Sohn nun ihn lieber findet! Thirza ſahe Silvati an, und bewegte vernei— nend, zum ſtillen geichen, den Kopfz daher durfte er jetzt der armen Großmutter nichts ſagen, denn er — 465— hätte nur ihren Schmerz vergrößert; der Troſt waͤre Strafe geweſen; er verſchwieg alſo, daß er gleich heute noch nach dem alten Seligo forſchen werde. Der eben Geſtorbene, in deſſen Studierkämmer⸗ chen er ſich befand, hatte nur drei Buͤcher hinterlaſſen, deren eins Silvati gedankenvoll aufgeſchlagen. Es war den Gruͤndern der neuen Univerſität gewidmet, und enthielt die Beweiſe zur Stiftung einer Profeſſur der mediciniſchen Enthaltſamkeit. Es wies ausfuͤhrlich und genau nach, wie viele tauſend Kranke ohne Me⸗ dicin gelebt, und wie viel Millionen mit Medicin ge⸗ ſtorben; ſo daß die Sache in ſechs tauſend Jahren einmal einer allgemeinen Unterſuchung, und gruͤndlicher Tabel⸗ len werth ſei; indem ja die bloßen Nachweiſe uͤber die Verfaſſung des Armenweſens blos hundert und funfzig tauſend Guineen zu drucken gekoſtet. In dem zwei⸗ ten Manuſcripte lag ſein Anhaltungsſchreiben: Profeſ⸗ ſor der medieiniſchen Gefahr zu werden, um zu leh⸗ ren, was der Arzt in gewiſſen Fällen, oder in allen, nicht thun und nicht geben ſoll. Das ſei die erſte und beſte Profeſſur!— Und ſonderbar, gleich im erſten Beweis⸗Falle hatte Seligo ſeine eigene Krankheit ge⸗ ſchildert und dem Papier anvertraut, wie Ibykus die Kraniche ſich zu Rachern angerufen; denn Silvati ſahe, daß er ihm grade das Gefährliche, das Tödtliche in ſeinem Reeepte verordnet, und nun fiek es ihm ſelbſt bei. Er ſank mit dem Geſicht auf die Blätter, der Himmel brach uͤber ihn ein; und lange nachher erſt — 186— konnte er weinen und weinte von Herzen. Er wollte ſich ſchnell entfernen. Aber ſo wollten die guten Frauen ihn nicht gehen laſſen; ſie dankten ihm herzlich fuͤr alle ſeine Guͤte, ſeine Huͤlfe und Treue, ja geruͤhrt dankten ſie ihm fuͤr ſein Mitleid, fur ſeine Thraͤnen. Er war außer ſich, er klagte und ſtammelte aus angſtvoller Bruſt: es habe hier ein Verſehn, ein Ver⸗ haͤngniß gewaltet, und bedauerte die Verlaſſenen tief und beinahe zärtlich. Beruhigen Sie ſich, ſprach Frau Grace, wir haben den Troſt: er ſtarb als Mann! und was ein Anderer gern und gelaſſen thut, daruͤber duͤrfen ja wir nicht verzweifeln! Aber ich! dachte Silvati. Und ihn troͤſtend, fuhr ſie fort: das Wirken bei Leidenden, die Geneſungen, die Todesfaͤlle, machen den Arzt eiſern und feſt in dauernd hoher und reiner An⸗ ſicht des menſchlichen Lebens. Wie koͤnnen ihn Saͤcke Goldes reizen— und es gibt nur Einen Dr. Tracy — die er ſo oft von den nackend dahinfahrenden verge⸗ bens umarmt ſieht! Orden— die der Kranke abthut, oder abgethan, wenn er ſich hinlegt, daß ſie ihn nicht drucken, und die Er die Erben zuruͤckſenden ſieht; ſchone Frauen— die er ſo oft beweint daliegen ſieht, haͤß⸗ licher durch ihre Suͤnden und deren Folgen als die älteſte Frau; Kinder— die nur wie aus Waſſer zu Geſtalten gefroren, zerfließen im Krankenbette, und dahin ſind! Gebete ſogar— die die Suͤnder nicht beruhigen. — 1— Wie kann ihn das Alles ruͤhren! Aber wohl: ein redliches Leben! Denn der Redliche furchtet allein den Tod nicht, und alle Andern ſind furchtſam zu ſterben, furchtſam vor dem Tode, furchtſam vor Gott, oder dem Teufel, oder voll Angſt die Welt zu verlaſſen. Dem Red⸗ lichen war ſie nur ein Ort zu wirken, ſein Leben eine Zeit dazu, und die ſchlechteſte Zeit, die hoͤſeſten Men⸗ ſchen die arge Welt— die allerwillkommenſte, da er ſie in Jahrtauſenden ſpaͤter vielleicht nicht mehr ſo ſegensreich gefunden. Und er, der Redliche, wuͤrde laͤnger redlich ſein, wenn er lebte. Das weiß und fühlt er; und wie Gott will, lebt oder ſtirbt er, ruhig, ja muthig und freudig, denn Er allein darf hoffen: groͤßete Kraft, ſchöneren Wirkungskreis, glucklicheres Gelingen zu ſeinem alten, uralten, guten Willen zu empfangen. Und das wird mein Seligo! ja ich wuͤrde mich nicht wundern, wenn er mir in ſeiner Geſtalt als fruchtbare Sommerwolke erſchiene, oder als belebende Sonne aufginge, und ſie zu mir hernieder lächelte mit ſeinem Geſicht! Denn milder, liebender kann ſie nicht ſein, nur daß ſie groͤßer, ſicherer iſt am Himmel— wenn auch noch das! Denn ſo war er, und lebte er ſchon als Menſch mit zwei leeren Haͤnden, in Noth und Kummer; ja er ſprach oft ſelber: die Sonne da oben zu ſein und hernieder zu laͤcheln iſt keine Kunſt, aber ein Menſch ſein und hinauf zu laͤcheln— das! und ich weiß, es iſt auch heut' der Sonne ein Kinder⸗ ſpiel zu lächeln, gegen ſein Laͤcheln wie er da liegt; 65 und ihr Untergang eine Freude gegen ſein Untergehn; — aber ihre ſanften Purpurwolken, ihr goldenes Bett kann ihr nicht ſo weich, ſo leicht ſein, als ihm die Erde! Sitvati hielt dieſe ſeligen Worte kaum mehr aus; er knirſchte mit den Zahnen, und ihn fror, daß er ſchauderte. Du ſprichſt Wunderbares, liebe Mutter, ſagte Thirza, die ihres Silvati ſchmetzliche Angſt ſah; ſprich doch die Wahrheit! ſage: er iſt vor Schreck geſtor⸗ ben, als Mann und Vater! Er hatte ſich abgedarbt, er ging in ſeinem ſchlechten Rocke jahrelang, damit er nur den Beitrag an die Lebensverſicherung richtig bezah⸗ len konnte, wenn die Zeit kam. Und nun— mun! Sie konnte nicht weiter— Silvati troͤſten. Nun, ſagte die Mutter, nun iſt er vor Schreck geſtorben, weil die Police oder Verſicherung auf ſieben Jahr ſchon vor acht Tagen abgelaufen war, und wir, ſeine Erben nun, was man ſagt, keine lachenden, ſon⸗ dern weinende Erben ſind, die aber nicht ſich, auch nicht als Bettler beweinen, ſondern ihn, der durch Krank⸗ heit: Gedächtniß, Faſſung und Muth verloren! Denn wie nahm er ſo gern die Medicin noch kurz zuvor eh' er das unſelige Papier verlangte, ob er gleich ſagte: „Der Trank iſt Gift! ich will Dir es nur ſagen!“ — Und doch nahm er ihn ſchnell. Aber auch wenn die Medicin Gift geweſen— er hat keins genommen, er nicht, nur der irre Wahn, die vermeinte Liebe! 8 „ Sie hatte ſich aber durch dieſe Worte ſelbſt ſo bewegt und geruͤhrt, daß ſie das Kämmerchen verließ. Thirza, die viel gewacht, hatte ſich ſanft an die Groß⸗ mutter gelehnt, die Augen geſchloſſen, und laͤchelte jetzt ſo raſch entſchlafen, wie ein muͤdes Kind zu Nacht. Mit ihrer Hand hielt ſie die Hand ihrer Großmutter und in die Tiefe des Schlummers ſinkend, ſchien ſie ſich wohlgeſichert an ihrer Hand wie an Tag, Schmerz, Welt, Guͤte und Liebe noch feſtzuhalten. Silvati ſaß nun lange ſtill, und ſeine Augen ruh⸗ ten auf ihr. Und ſo rang ſich ein Entſchluß in ihm los. Wer einen Freund, eine Frau haben will, bedachte er, aͤcht und wohlthaͤtig, lieb und wohlthuend, wer einen ſolchen Gewinn ſchon immer im Voraus als eine ſtaͤrkere Leibrente gezahlt haben will, der muß dafuͤr freudig und gern das ganze Capital ſeines Lebens ein⸗ ſetzen! Und ſo ſprach er leiſe zu der alten wurdigen Frau: Ihr habt nun Niemanden— nehmt mich zu Euerer Stuͤtze! Ich bin ſchuldig, Alles zu thun, zu leid. Schuldig?— entgegnete ſie; aber wenn meine Tochter eine Bewahrſchule kleiner Kinder bekommen koͤnnte, das wäre ein Gluͤck fuͤr ihr Herz. Sie haben vielleicht Verbindungen mit Einer der hohen Vor⸗ ſteherinnen. Dann waͤre uns Allen immer ge⸗ holfen! Ihnen Allen? auf immer? frug Siwat, und ſein Blick ruhte auf Thirza. —⁸ Auch ihr indeſſen, bis. Wenn es in dieſer Stunde Zeit wäre, an Andres zu denken, ſo duͤrfte ich ſagen, daß dieſes Indeß ganz uͤberfluſſig, und mir eine unnoͤthige Ewigkeit wäre, ſprach Silvati, entſchloſſen, allen Erſatz zu leiſten, den er auf die willkommenſte Weiſe nur leiſten koͤnne, und in die Nacht der Trauer die Morgenroͤthe der Hoffnung fallen zu laſſen. Und ſo fuhr er durch ſeinen guten Willen getroſter fort: Der Menſch muß nicht glauben und wuͤnſchen, etwas Gutes ohne und uͤber, ja außer ſeiner Pflicht zu thun— er muß es beſcheiden zu ſei⸗ ner Pflicht machen, damit es zu nichts wird, als zu unſerer Natur, ja zu unſerem Daſein, und ich haͤtte dann bloße heilige Pflicht und unbezahlbare Schuld durch Thirza? ſprach die Großmutter fuͤr ihn aus, ſahe ihn lange an, und ſeinen Drang aus innerſtem Herzen im Laute ſeiner Worte, in jedem Zuge ſeines Geſichtes und in den fruchtglanzenden Augen ſo deutlich und klar erkennend, harrte ſie, daß er weiter, zu Ende rede. Da er aber fortſchwieg im Gefuhl der Unſchicklichkeit und des unzarten Dranges, ſagte die verſtändige Frau: Sie ſchweigen, weil die Stunde eine ernſte iſt, die dem Himmel gehoͤrt! Warum? denn wehe dem, der im Leichtſinn, im Taumel der Luſt uͤber ſein und An⸗ derer Lben beſtimmt! So wird er nicht immer geſtimmt ſein, und alles Ernſte, Kindliche und Herzliche, ge⸗ ſchweige das Bittre des Lebens wird kuͤnftig nicht in ſeine erſten Entſchlüſſe paſſen und ihm nur Reue oder unzufriedenheit bringen. Das Leben im Ganzen und Großen iſt heilig und ernſt, mein Sohn, nur das Ein⸗ zelne iſt luſtig, eng, klein, ſchlecht und erbaͤrmlich. Den Entſchluß aber, der aus dem Ernſt gekommen wie der Ihre, wo Himmel und Erde klar vor Ihnen liegt, wie hier das liebe Kind, den kann das Leben nur taglich beſtätigen, da es täglich durch ſeine Bilder den Ernſt uns wieder hervorruft, und treu und gut. Ja heut' in dieſer Stunde, wo Sie zu mir ſprechen, ſehe ich meinen verlornen Seligo wieder vor mir in Ihnen, und wie ich damals die Hand ihm rreichte, ſo reiche ich Ihnen hier Thirza's Hand. Silvati erroͤthete ſchaamvoll uͤber und uͤber, denn die dankbare Großmutter legte wirklich Thirza's Hand in ſeine, die er hielt, und die ſich in ſeiner nicht regte. Die Großmutter ſprach zu ſeinem Ohre ganz leiſe: ich kenne das liebe Kind! Wer ein Herz aufgeſchloſſen wie eine Muſchel, der ſoll die Perle nehmen— einmal geſehn, wächſt ſie nicht mehr! Die Neigung iſt kein Vergleichen, die Liebe iſt ein Ergreifen des Gefundenen und zwiſchen dieſes, was ſoll ihr jahrelanger Zweifel und Schmerz? Gleich gluͤcklich werden, das iſt das groͤßte Gluͤck— und bei ihr wird es fuͤr jetzt nur Ruhe, ſtille Freude, Glauben an die Welt, und ſußes Hoſſen ſein, und zugleich fur uns Alle. Iſt das Nichts? Sind Wir Nichts? Haben wir armen Leute Nichts? und ob ſie ſchläͤft? ob ihre Hand gelöſt von Friede und Ruhe, ſo willenlos der meinen in ihre nachgab? — ihre andere Hand aber druͤckte ja ſtark die meine, und jetzt ſchlaͤgt ſie ſanft die Augen auf zu ihrem Leben! Und wirklich ſo war es oder ſchien es; denn Thirza ſah, daß ihre Hand in der ſeinen lag, und ſie zog ſie nicht weg, ſondern, wie noch im Schlafe, legte ſie ſanft die andre darauf; dann ſchloß ſie wieder die Augen, und ſchien ſo fort zu ſchlummern, aber ihre Wangen wurden roſenroth, und an ihten Augenwimpern ſam— melte ſich eine Thräne, wie ein Thautropfen an der Knospe einer Braut in Haaren. Als nun die Mutter herein kam, ſprang Thirza auf, ſiel ihr um den Hals und weinte laut. Dann kußte ſie ihre Lippen, und ſprach faſt unhoͤrbar: Nun iſt Dein Leben verſichert! dann eilte ſie hinuͤber, wahr— ſcheinlich zum Vater, um ihm noch Alles zu ſagen, als koͤnne ſie ihm noch Freude machen, von ihm noch Segen erbitten, oder doch die kalte Hand auf ihr hei⸗ ßes Haupt legen. Die Großmutter ſagte der Mutter nur ein Wort, und da das ſanfte Weib bewegt und unwillig-willig mit gefalteten Haͤnden vor ſich niederlaͤchelte, ſo gelobte Silvati ſich ihnen— und das wohlerkannte koſtbare Gebild, das ihnen aber unbekannte unſchätzbare Bild war ſein. Seine ſchuldige, erſchuͤtterte, von Guͤte, Liebe und Schoͤnheit wie uͤberſchuttete Seele, gedachte jett daran nicht. Denn er war nur ein Menſch, kein „ 1635 unmenſch. Er ging dann hinuͤber zu Thirza und ihrem Vater. Aber nicht lange danach wankte er erbleicht, verſtummt und doch faſt entzuckt aus dem Zimmer. Er hielt die Medicin in der Hand wie ein Siegeszei⸗ chen, er hatte ſie gekoſtet, und ſie war das lautere Gift. Er hatte alſo nicht gradezu umgebracht; der Engelsapotheker allein hatte das durch ein Verſehen verhindert; und ſo war der redliche Arzt durch drei bis vier Tode geſtorben. Er konnte den Seinen, dieſen armen guten ungluͤcklichen Frauen durch die Entdeckung, die Gerichte, das Entſtellen, ja nur Stoͤren des nun Ruhevollen nicht noch groͤßeren Schmerz erregen wollen — und doch nur vergeblich. Er gab alle ſein von Sir Ned empfangenes Geld der Großmutter zu dem Begräbniß, hielt Mutter und Tochter, ſchwermuͤthig anblickend noch eine Weile an der Hand, und ging dann zu Fuß in die Stadt. Zu Hauſe angelangt, ging er verſtoͤrt, wie er war, in ein anderes Zimmer, und woruͤber er ſonſt entzuͤckt geweſen, das war ihm nun ein Schreck, ein Stich in das Herz. Mirza ſtand vor ihm. Die Entflohene war bei ihm, zu ihm hatte ſich das arme fremde Kind geret⸗ tet.„Und nun!“ ſprach er wie ein Betender. Was er gewollt, war geſchehen, und wodurch geſchehen! Die er allein und huͤlflos ſtehen laſſen, um ſie zu er⸗ werben— da ſtand ſie nun erworben, aber ſie ſtand nun ganz anders allein und huͤlflos. Und wie ſehr Schefers neue Nov. U. 13 — 494— mußte ſie ihn lieben, daß ſie ihm ſo viel vergeben, wie ſie gewiß geahndet; aber ſie hatte es ihm vergeben, weil er ſie liebte. Daran dachte er und zitterte vor ihr in tiefſtem reinſten Bewußtſein, das unberuͤhrt und unberuͤhrbar von Schuld und Fehl des Menſchen, nie glucklicher, aber auch nie ungluͤcklich, in immer gleicher Unſchuld und himmliſcher Schoͤnheit, als Engel oder Schutzgeiſt in jedem Menſchen wohnt, und treu und göttlich ihn nie verläͤßt bis zum Tode; er zitterte in 6 dieſem reinen Bewußtſein des Daſeins, das alles Gute und Edle aus des Menſchen Leben aufnimmt und be⸗ wahrt, mit ſich vereinigt, in das himmliſche Weſen verwandelt und ſo zu dem Menſchen wird, der er wollte ſein, und nun iſt, und nun faͤhig unter Seligen zu wohnen, zum Himmel ſchwebt. In dieſem Kerne ſchauderte er, wie ein vom Blitze getroffener Baum, nun noch einmal darum, daß ſie jetzt, jetzt erſt da war. Er hatte keine Kraft, ſich zu halten, er ſank hin— aber Mirza hielt ihn nicht. Denn in ſeinem Auge war kein Leben, kein Entzuͤcken, ſondern Jammer und Tod ihr erſchienen. Sie ſah ihn duͤſter an, ihr Auge verging, ihr Herz ſchloß ſich. Sie entfloh in das Ca⸗ binet und verriegelte die Thuͤr. Von ihrem dum⸗ pfen Schluchzen in die Kiſſen hoͤrte er nichts. Als er endlich zu ſich gekommen, ſtand Frau Mill vor ihm. Und ſo hatte er noch einige Ueberra⸗ ſchungen auszuſtehen. Aber ſo außer ſich zu ſein vor Freude! ſprach ſie. Nicht wahr, ich habe es Ihnen — 195— zu Danke gemacht, daß ich Jemand die Nacht in's Haus genommen—: das bildſchöͤne Maͤdchen — das Ihnen ſo ſehr am Herzen zu liegen ſchien— mir aber nicht ſchien, ſondern bei mir Ihnen wirklich daran lag! denn Frau Mill hat Augen! Sie leiſtete mir auch total Quarantaine fuͤr Alles im voraus, durch ihre acht Sachen! Denn es ſind mehr als nur ſoge⸗ nannte Siebenſachen, die ſie jedoch nur alle am Leibe trug; ich meine den Schmuck! Da ſie ſahe, daß Mydoctor ſie traurig anblickte, änderte ſie den Ton und klagte: das arme huͤlfloſe Kind, das in der Fremde, mitten in London wie in einer Wuͤſte unbekannt, huͤlflos und in Todesangſt war, was ihr Alles geſchehen koͤnne! das arme Kind kam zu Ihnen als zu ſeinem einzigen Freunde, da Samſon, der Tuͤrke, der letzthin hier war, Ben⸗John erſtochen, entweder weil er von ſeinem Glauben wieder abfallen wollen und Mirza mit dazu verleiten, oder wohl gar aus Eiferſucht, weil Ben⸗John nun Mirza endlich wirklich heirathen wollen! Nun iſt er dafur ge⸗ ſtorben, da ſchleunige Huͤlfe bei der Verblutung Noth that. Das koͤnnen Sie nun ja wiſſen! Silvati wollte beinahe die Medicin austrinken, an der Seligo geſtorben, aber der Stopſel ging nicht heraus. Ich will Tropfen holen! ſprach Frau Mill; aber Sie erholen ſich ja, und ich habe Sie viel zu lieb fuͤr 13* — 195— alle Medicin! Und ſehen Sie, Mirza ſagt gewiß aus Eiferſucht: Thirza ſei hier— wollte ich ſagen, bei Ben⸗John geweſen, naͤmlich zuerſt auf der Policei, und habe Ben⸗John's Haus vom Keller bis zum Boden genau ausſuchen laſſen. Man hat auch wirk⸗ lich die Falſchmuͤnzerwerkſtatt entdeckt— aber nur das leere Neſt! Die Voͤgel ſind ausgeflogen geweſen. Welche Vogel? frug Silvati mit Haſt. Je nun, nicht Voͤgel! lachte ſie; aber Mirza ſagt, gleich die Nacht darauf, als Sie, als nämlich Muydoctor, das erſte Mal in Ben⸗Johns Hauſe gewe⸗ ſen, habe ſie heimlich belauſcht, daß ein blinder, und ein alter Mann, mit ſilbernem Barte ſei heimlich, heimlich fortgefuͤhrt worden, auch ein alter Bäckerbur⸗ ſche, und zuletzt ein großes, großes Stuͤck gediegenes Silber oder gar Diamant. Clariſſa! in ihrem Kryſtall-Sarg; fuhr Silvati auf, und im Innern ſprach der Ironiſt zu ihm; auch Seligo! die vierzig tauſend Guineen! Genug fuͤr heut! und fuͤr immer! dachte er hin⸗ ter dem erſten laut zu Frau Mill geſagten Worte und eilte in ſein Zimmer. Frau Mill frug nach, ob er nicht ein Huͤhnchen, ein Hähnchen, oder dergleichen Gutes genießen wolle? oder doch eine Schaale aͤchten Heuſaamen⸗Thees Samſon hat mit Mirza entfliehen wollen— und hier am Hauſe iſt ſie ihm entflohn!— „ — 197— Aber er ging zu Bett, und bat ſte nur, Mirza wohl zu verhalten, und alles Gute ihr zuzuſprechen. Ein Glas Wein kann beſſer reden als ein Doc⸗ tor! will viel ſagen, lächelte Frau Mill. Sie wiſ⸗ ſen, mir thut ein Gang in den Keller nicht leid. Gute Nacht! Xv. Die Mutter iſt gekommen. Daß nun Mirza bei ihm war, erſchien ihm ein ſchmerzliches Gluͤck, unausſprechlich und rein, wenn ſein Herz noch rein, ſeine Hand noch frei war! Und auch ſo war ihm himmliſch wohl, denn der Menſch fuhlt ſich dann erſt ein Menſch, und beſſer und edler, als die ganze Natur um ihn, mit dem Himmel voll Geſtirne, mit der Erde voll ſchoͤner Weſen, wenn das Geſchoͤpf ihn liebt, das er liebt. Dann hat er ſeine Welt, ſein Herz, ſein Leben! Wenn er es fruͤher an die Welt verlor, wenn er gleichſam in Gedanken in ſie zerfloſſen, noch als ein Schatten umher⸗ ſchwebt, ſo erhaͤlt er es jetzt zuruͤck; es hat Kern, es ſchlaͤgt Wurzel, und will aufwaͤrts nach dem Him⸗ mel bluͤhen. Ihn aber hatte ſein Schickſal gleichſam in eine niedrige Kluft geworfen, in welcher er ſich nicht auftichten konnte.„O Mirzg,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, — 199— „wärſt Du nicht in der Natur, Du Allerſchoͤnſte, oder „wärſt Du nur nicht jett in meiner Jugend zugleich „jung und ſchoͤn, und liebteſt Du mich nicht— wie „leicht, wie froh wollt' ich mein Leben ruhig begluͤckt „erdulden, der ich vor Dir, durch Dich nun muß ver⸗ „zagen! Doch auch— waͤrſt Du nicht in dieſer Welt, „wäreſt Du nicht in meiner Jugend zugleich— woͤßt' „ich von ſolcher Schoͤnheit zu ſagen? Wonach ſollte „die ſterbende Seele ringen? Ich haͤtte den Fruͤhling „nur in der Nacht geſehen, die Sonne nur waͤh⸗ „rend ihrer Verfinſterung, öd und ſchaurig! Ich hätte „das Meiſterſtuͤck der Welt, das Weib nicht geſehen „— denn ich häͤtte Dich nicht geſehen! Denn nur „der Liebende ſieht das Weib in ihrer Goͤttlichkeit und „Glorie! Die Liebloſen ſind blind, ſie ſehen nur belebte „Gebilde, nur Leiber, und ein ungeliebtes Weib iſt „keines, oder noch keines geworden, denn die Liebe „erweckt ſie erſt, und ſchafft und ſchmuͤckt ſie, wie die „Sonne den Roſenbaum mit tauſend Roſen! Drum „war es doch beſſer: ich ſahe Dich! Und das Goͤtt⸗ „lichſte iſt und war mir ja immer: durch Dich ver⸗ „gehen!“ Und ſo vermocht' er es nicht vor Eiferſucht, ſie zu verſtoßen, ſie— ihre holde Geſtalt— einem Andern zu gonnen, ja nun ſie erblicken zu laſſen. Wie ein Geheimniß wollte er ſie behalten; er wollte ſie fort⸗ lieben durch ſchweigendes Wohlthun, ſie friſch erhalten durch ſeine immerfreundliche Gegenwart, ſie — W ſollte ihn lieben, um ein Weib zu ſein; wenn ein lie⸗ bendes und ſelber geliebtes Weib— ohne Mann, noch oder ſchon ein Weib iſt; denn gehoͤren wollte er Thirza Seligo. Sie war ſein, ja er war ihr, aus Schuld, aus Pflicht, aus Achtung, Bewunderung, Wehmuth, ja aus Stolz ein Mann zu ſein, und aus Trotz: ſein geſprochenes Wort zu erfullen, aus ge⸗ heimem Wunſche reich durch ſie und mit ihr zu ſein, um ſeiner Kunſt in lebendigem Stoff zu entſa⸗ gen, deren Ausuͤbung ihn ſchon ſo elend gemacht. Jene Worte des alten Seligo:„ſeinen Muth zu be⸗ wahren aus Liebe zur Menſchheit“ ſurrten ihm kraft⸗ los im Haupte, und er pries alle jene Kuͤnſtler gluͤck⸗ lich, die, in lebloſem Stoffe waltend, nie ein Un⸗ gluͤck ſtiften koͤnnen, nur herzinnige Freude erregen, nur Dank und Ehre verdienen, und mit unbeladenem Ge⸗ wiſſen rein und begnuͤgt aus der Welt gehen! Und darum hieß er ſie wahre Kuͤnſtler. In lebendigem Stoff ſei nur Einer Kuͤnſtler und Meiſter, Reſtaurateur und Retoucheur— der himmliſche Vater! Und dieſem empfahl er auch ſich zur Wiederherſtellung und Auftich⸗ tung; denn er lag vor ihm wie ein zerbrochener und zerſtuckter Chiron, aber elender, denn er wußte— wie ihm geſchehn, nicht, ſondern wie er gethan! Sein neuer Entſchluß, der unmenſchlichen oder uͤbermenſchlichen blos goͤttlichen Kunſt zu entſagen, hoͤchſtens blos reiche Leute zu curiren, die, wenn ſie ia ſtarben, den Ihrigen noch genug hinterließen, oder nur mit der hoͤchſten Vorſicht und Vorbauung zu Werke zu gehen, dieſer Entſchluß riß ihn aber allmaͤhlig in eine vollſtändige Tragoͤdie, welche das Schickſal ihm durch ihn angelegt. Eine Lebensart wählen, heißt die Maske irgend eines Gottes, ja oft die eines Thieres vornehmen, die aber dem Menſchen mit dem Leibe zu⸗ ſammenwachſt, ſo daß er nachher nicht mehr aus dem geplagten Thiere, dem Satyr, dem Hyperion, dem Vulkan, oder Mars nach Velieben herausfahren kannz und eine neue, glucklichere Lebensart wählen, dazu iſt das Carneval des Lebens zu kurz, das Feſtſpiel in dem Argentina⸗Theater der Erde zu gedrängt; er geht hin⸗ weg, um ſich anders anzuziehen— und es iſt aus! Thirza Seligo ſogleich zum Weibe zu nehmen, erlaubte ihre Betruͤbniß nicht, die zu ſolchen Freuden nicht paßte, uͤber welche der Menſch und das Weib alles vergißt, und vergeſſen— und ein neues auf ſich gegruͤndetes Leben anfangen ſoll. Thirza Seligo aber trauerte ſelbſt mit dem rothen Bande auf dem Hute, zu arm, um ein ſchwarzes zu kaufen, ja zu tief betruͤbt, um zu merken, was ſie trage. Und ſo war ihm dieſe Verzoͤgerung lieb, waͤhrend welcher er im Stande war, durch Lady Witt⸗William, ihrer Mutter, eine Bewahr⸗ ſchule kleiner Kinder in Weſtmuͤnſter zu verſchaffen; denn der wahrhaft Betruͤbten Wunſch iſt: Gutes zu thun, und andere Menſchen ſolch Leid zu erſparen, wie ſie es empfinden. Und ſo waren die drei Frauen indeſſen wohl verſorgt, und hatten mit ihren drei hundert kleinen roſigen Engeln vollauf zu thun. Myladi, als Vor⸗ ſteherin, hatte ihm dieſen Gefallen heimlich, und zum Danke gethan. Denn ihr Gemahl hatte aus Verdruß uͤber ihre Schein-Cur, den ganzen Vorgang mit Nen⸗ nung des Namens ihres Doctors— Silvati— in die Lanzette ſetzen laſſen, was ihn zum Geſpott machte. Dagegen war nichts zu thun. Aber zu ſeiner ander⸗ weitigen Legitimation verklagte er den Engelsapotheker, durch welchen Seligo der Sohn geopfert worden. Die⸗ ſer wieß die Verwechſelung des Giftes mit Silvati's Medicin im Gedraͤnge des Abends nach; und obgleich auch Derjenige geſtorben, welcher zum aͤußern Gebrauche das Gift nicht erhalten, ſo ward dennoch der Apothe⸗ ker nur zu drei Kronen oder vier Thaler Preußiſch Ordnungsſtrafe verurtheilt,„weil Irren menſchlich ſei.“ Der Apotheker wollte aber nicht einmal ſeinen Proviſor verabſchieden, weil er Silvati ſagte: ſonſt immer gute, brauchbare Menſchen muß man eines Fehlers willen grade behalten, nicht wegjagen, denn ſonſt erndten Andre, nicht wir, den Nutzen davon: daß ſie ſich dop⸗ pelt huͤten, einen neuen Fehler zu begehen, und den Eifer: den alten gut zu machen. Silvati war daruͤber empoͤrt, bediente ſich der aͤußerſten Ausdruͤcke, und der ſehr brave Engelsapotheker, Herr Schimmelpennig, ein ſehr corpulenter Mann, forderte ihn, und gleichfalls auf den Johannistag, auf welchen Herr Schimmel⸗ pennig ſelbſt ſchon von einem Doctor Hetzer gefordert war, welchen er als Apotheker und Vertreter des Volkes — 25 im Lanzenkriege bis auf das Leben verwundet hatte. und ſo ſtand nun auch dieſer Vorfall in der Lanzette. Nicht weniger aber das ganze Protocoll von Sir Ned's Schloſſe, und daß Silvati ſo klar fuͤr die Gebetkur geſtimmt. Seine Nachforſchungen nach dem alten Dr. Seligo regten auch dieſen Fall auf; und ſo bekam er oͤffentlich zu leſen„daß ein Arzt ſo genau wie ein Beichtvater nicht nur den Kranken, ſondern auch die Krankheit, wie Alles was er im Hauſe ſehe und hore, verſchweigen muͤſſe.“ Ja die Maske mit weißer Naſe auf ſeiner Kutſche brachte ihm jetzt einen Beinamen zu. Was er in öffentlichem und voͤlligem Mißcredit, der durch die ſtillen Poſaunen— die Zeitungen— in wenigen Tagen wohlbegruͤndet worden, nun noch boi wenigen Fremden verdiente, wandte er heimlich Thirza, ihrer Mutter und Großmutter zu, ſo daß auch Frau Mill mit ihm nicht zufrieden war, welcher die ſtille, ſanfte, immer blaͤſſere Mirza im Hauſe leid that. Es kommt kein Menſch! barmte Frau Mill jetzt wieder des Morgens am Fenſter; kein Menſch kommt, als wenn, ſchauderhaft zu ſagen, gans London geſund ware, was Gott ewig verhuͤte in ſeiner Barmherzigkeit! Aber er iſt immer der gute alte Vater, der fur alle ſeine Gewuͤrme ſorgt, denn ich habe in dieſer Fruͤhſtunde ſchon dreißig Wagen mit Morgenopfern oder dem taͤg⸗ lichen Fruhſtuͤck an den Mexikaner Vitzli⸗putzli, das heißt: den Tod gezaͤhlt— lauter gewiß Curirte, ge⸗ wiß, gewiß, aber nicht von Uns, oder nicht von 204— Muydoctor Silvati. Nun ſind Sie der Kronprinz, der zur Regierung gekommen! fuhr ſie fort, der er⸗ kannte Kronprinz! Denn wenn deſſen erſte Machtthat auch nur iſt, einen Orden zu vertheilen, oder ertheilen, oder einen alten verdienten Miniſter abzuſetzen, der ſei⸗ nem Vater— als ſeinem damaligen Herrn, und nicht ihm ſchon, ganz treu ergeben geweſen, ſo faͤllt dem Volke der Muth bis in die Schuhe— wie bei dem Doctor, der dem Tode ſein Compliment abgeſtattet, und vor dem Hauſe des Apothekers das Lied hat ſin⸗ gen laſſen: Vor dem Tod' kein Kraut gewachſen iſt! und nach dem Tode waͤchſt auch keins, als fuͤr uns doch noch etwa Schierling— oder bloßes Zugemuͤſe. Moydoctor iſt praktiſch und ich bin eine alte geſchlagne Perſon! total! Silwati ſahe das ſelbſt. London war ihm verlei⸗ det. Er beſchloß, in das Bad zu gehen, wo im Som⸗ mer uber wenigſtens wieder ſiebenzig tauſend Badegäſte zu erwarten ſtanden. Da wollte er ſein Heil verſuchen, noch ſo viel zu erwerben, daß er, bei ſchuldiger Mäßig⸗ keit und Einſchränkung, nichts mehr zu verdienen brauche durch anderleuts Leben. Aber dazu mußte er— nothwendig ſeinen Namen wechſeln. Er ſchrieb einige Verſetzungen deſſelben gedankenvoll auf das Papier vor ſich hin, als: Salviti, Siltiva, Laſtivi, Stavili, Vaſtili, Livaſti, Valſiti, Valtiſi, Tavilis, Valitis— bis ihm Sitival gefiel; Doctor Sitival! So wollte er heißen, und ſo hieß er denn nun im Bade. Seine Mutter war gekommen, auch ſeine Halb⸗ Schweſter, Silvia, und mit ihr der Bruder der Lady Cynthia, Sir Godolphin, der eher nach Canada gegan⸗ gen, als ſich Sir Ned, den er gar nicht kannte, mit dieſer verheirathet. Der nunmehr Dr. Sitival gefirmelte Dr. Silvati wohnte mit ſeiner Mutter und Schweſter nun, ohne es zu wiſſen, in demſelben ungeheuer großen Gaſt-Hauſe, einer wahren kleinen Gaſt-Stadt„zur Stadt London.“ Seine Fenſter hatten die Ausſicht auf die See, und wenn er uͤber die Schiffe hinaus in das Meer, oder in den Himmel ſah, die in unverwͤſtlicher Geſundheit und Leben athmender Friſche ihm in die Secle lachten, fiel ihm aller Muth, nur ein Arzt zu heißen. Daß es je Menſchen gegeben, die krank geweſen, ſchien ihm ein Maͤhrchen! ein Räthſel! oder in dieſer vollkomme⸗ nen Natur, wo ſelbſt der Thautropfen ein Meiſterſtuͤck iſt, wo das Veilchen ſich ſelber zur Welt bringt, und ohne Mutter gedeihet und lebt, ſchien es ihm der ver⸗ nuͤnftigen Menſchen eigene Schuld, wenn nur ein Kind ſeinen Fuß an einen Stein ſtoße. Doch da ſie faſt alle durch ihre Leidenſchaften anſtoßen an die Geſetze der Welt, wie die Käfer im Mondenſchein an die Zäune fliegen, daß ſie zur Erde fallen und ſtumm ſind,— ſprach er— gib mir nur ſo viel durch ihre Fehler, daß ich nicht mehr davon leben darf, wie die Menſchen älle, wo immer die Hälfte von Hunger und Durſt, von Froſt und Hitze, von Liebe und Haß der anderen Haͤlfto lebt! So muß ſich der in den Leib gebannte Geiſt in die große Tratmuͤhle der Erde verdingent ſo ſich erniedrigen! Mich aber erloͤſe, Natur, vom Tratrade der Menſchen. Oder iſt das in dem Eng⸗ land der Erde nicht moͤglich, ſo deportire mich lieber in eine deiner wuͤſten Inſeln im Aetherocean, in dein Neu⸗Himmelsland! Er hatte kaum ausgebetet, als der Aufwaͤrter in ſein Zimmer trat. Sie haben mir Auftrag gegeben, Herr Doctor Sitival, Ihre Charte in die Fremdenzimmer zu legen; und ſo begehrt denn eine Dame nach Ihnen, die geſtern dort mit dem Schiffe gekommen; vielmehr verlangte Sie die Tochter derſelben, denn ihre Mutter iſt krank⸗ Dieſe Tochter aber ſcheint eine Braut, denn der junge Mann, der ſie begleitet, wohnt noch im Zimmer dane⸗ ben. Wahrſcheinlich ſind ſie uͤber See mit einander bekannt worden. Bemuͤhen Sie ſich alſo gefaͤlligſt in das Zimmer Nr. 108, da hinuͤber! Er ging, von dem Waͤrter begleitet, und als Dr. Sitival gemeldet. Bei ſeinem Eintritt erfolgte eine Weile Stille. Enblich hielt ihm die ſitzende Dame die Hand hin. Er erkannte ſeine Mutter nicht, die er als Kind ſchon vergeſſen. Seine Schweſter war ihm unberannt, da ſie eines andern Mannes, als ſeines Va⸗ ters Tochter war. Selbſt daß der Wärter die Dame ihm Miſtreß Mayolini genannt, wie ihr zweiter nun auch geſtorbener Mann geheißen, konnte ihm keinen Auf⸗ — 207— ſchluß geben. Und wenn es menſchlich geweſen wäre und nicht barbariſch, geſchweige göttlich, ſo haͤtte es ſcheinen koͤnnen: nicht die Furſehung, ſondern die bloße kalte Vorherſehung wolle hier der Mutter fuͤr ihr Unrecht am Vater durch ſeinen Sohn vergelten laſſen. Denn auch die Mutter erkannte ihren ohne ſie fern großge⸗ wachſenen Sohn nicht, den ſie bei der Scheidung von ihrem erſten Manne als kleines Kind ſeinem Vater gelaſſen; und wenn er auch nicht ſeinen Namen ver⸗ aͤndert, wußte ſie denn, daß er ein Arzt geworden? daß er nun hier in der Seeſtadt lebe, und vor ihr ſtehe? Ihr Sohn aber erklaͤrte ihren Zuſtand nur fur leicht katarrhaliſch. Die Mutter aber ſagte ihm bang, um ihr Leben beſorgt: mein Mann iſt todt; und hauptſachlich meines einzigen Sohnes wegen, der in London noch leben ſoll, bin ich heruͤber gekommen; die Jugend verſchwendet ihre Neigungen— das Alter erſpart dagegen oft Worte. Ach, ich habe ihn lange, lange Jahre nicht geſehen! Als ich von ihm ſchied, erreichte er kaum meine Hand— ach, die ich ihm damals verſagte! Aber in den langen Jahren habe ich lange Gedanken gehabt, und ich weiß nicht, es wird erſt, wie im Ey, ein kleiner Punkt in unſerem Herzen warm und rege, ich moͤchte auch ſagen hell, und dann immer groͤßer und reger und heller, bis gleichſam die geheime Wahrheit aus allen unſeren fruͤheren Lebens⸗ verhaͤltniſſen in uns Frauen lebendig geworden, und Tag und Nacht uns im Herzen pickt— im Mutter⸗ herzen, lieber Doctor! Und ſo habe ich meinem Sohne geſpart; und was ich geſpart und geerbt und redlich zuvor hier mit meiner Tochter Silvia getheilt, das bring' ich nun dem entbehrten wie verſtoßenen Sohne; denn eine Mutter verſtößt, wen ſie verläßt! Nun will ich Den wieder erwerben, dem ich mich wieder nahe; und ſo ſoll mir das Gold im voraus die Gunſt und Neigung des Sohnes erkaufen, wenn er einen Blick darauf thut, denn ich will nun bei ihm bleiben! Die Tochter iſt verſorgt und verſprochen mit Herr Godol⸗ phin; will mich der Sohn aber nicht, ſo zieh' ich zu meinem Bruder auf ſein Schloß. Einen Bruder kann man ja nicht verlaſſen, auch wenn man fortzieht. Doch was red' ich! Sie werden beſtaͤtigt finden, daß ich meinen Sohn nicht wiederſehen werde! Und das Geld— weil es von mir iſt— wird nicht in ſeine Haͤnde kommen. Aber das iſt mir ſchon Recht! Ich geſtehe ſelbſt, ich bin ſchwer zu heilen, weil ich inner⸗ lich leide; darum thun Sie mir leid, lieber Doctor! WMrutter! ſprach Miß Silvia. Der Herr Doctor ſagen ja, Ihre Krankheit ſei unbedeutend, und leicht gehoben, und er will ganz ſicher gehen! Die Schweſter blickte ihm dabei mit ſchmelzenden Augen und wehmuͤthigen Bitten der Seele an. Alſo ſicher wollte er gehen. Er bedauerte das arme Weib, das ſo gut ſchien; er beneidete den Sohn, an welchen ſo eben, durch den Commiſſionait der Lady, der Brief nach London ging, um ſich die Erbſchaft bei Lebenszeit zu holen. Mich erhoͤben die Paar gruͤnen Saͤckchen aller Curen, auch dieſer; ſprach er bei ſich⸗ Die Dame war reich, zehn Beſuche betrugen zehnmal mehr als einer. Die Natur haͤtte ihren Zuſtand viel⸗ eicht in drei Tagen von ſelbſt gehoben; ſie baten aber, ſie draͤngten, und ſo hoffte er ihn— durch die Kunſt ergriffen und geleitet— ſicher und gewiß in drei Wo⸗ chen zu heben! Auch die Stimmung der Dame war zu erwaͤgen, und ſo verordnete er einen Aderlaß am Arm, ja er wollte der Muͤhe ſich ſelbſt unterziehen— denn Mirza hatte kaum Brod zu Hauſe— und uͤber⸗ morgen zu Nacht ſollte die Dame dann nur einige Taſſen Fliederthee trinken. Er hatte inne gehalten, ehe er das ausgeſprochen; aber beide Mittel ſchienen nicht nur vor allen Facultaͤten, ſondern vor jedem Gericht ſelbſt dem Juͤngſten zu verantworten. und ſo ließ er der Mutter am Arme zur Aber; er ließ ſie dazu huſten, auch reden; er gab ihr einen langen leichten Stock in die Hand; und das gute Weib drehte mit ihren Fingern langſam den Stock, hatte Freude uͤber das fließende Blut, ſahe ihre Tochter freundlich und froh an, und ſprach: nun hoff' ich, mei⸗ nen Sohn wieder zu ſehn! Wie wird er ſich freuen! uͤber die Mutter und uͤber Dich. Eine Mutter bleibt immer die Mutter, das heißt das beſte Weib auf Got⸗ tes Erden. Und wie wirſt Du dich freuen uͤber einen Schefers neue Nov. 1I. 14 Bruder! Davon haſt du, armes Kind, gar keinen Begriff, keinen Gedanken und kein Gefuͤhl. Freilich haſt Du das durch mich entbehrt; es verflacht ſich aber auch leicht und oft bei vielen gemeinen Schweſtern, und denk' ich mir, habe ich Dir nicht alle Tage einen Tag Deines Bruders— wie eine Guinee— gegeben, ſo erhaͤltſt Du den Bruder nun wie eine ganze Erbſchaft Guineen, gleich groß, gebildet, vernuͤnftig liebend, kurz einen gemachten Mann, einen ganz vollſtändigen, in der Welt gar brauchbaren Bruder! Biſt Du mit ihm, ſtatt eines kleinen Bruders zufriedeu, der dir ja doch auch aus den Haͤnden gewachſen wäre, meine Silvia? Ich bitte Dich, ſprich Ja! Und die Tochter ſprach laͤchelnd und zaͤrtlich, Ja! Und wirſt Du ſeine liebe Schweſter ſin? Ich bitte Dich, ſprich Ja! Und vor Zaͤrtlichkeit und Wehmuth ganz leiſe lis⸗ pelnd, und die Mutter kuͤſſend, ſprach die gute Tochter ja, ja, ja! Wenn er mich nur lieb hat! Sitival war ſehr geruͤhrt von allem Dieſen, und druͤckte dem guten Maͤdchen die Hand, die ſie ihm wieder druͤckte und ſchelmiſch ſchuttelte, als ſei er ſchon der Bruder. Silvia's Braͤutigam, der Bruder ver Lady Cyn⸗ thia frug ihn noch, als er Alles geſchickt vollendet, wovor ſich die Kranke huͤten ſolle? was hinzutreten — 211— eznne? worauf Acht zu haben ſei?— und er erwie⸗ derte faſt ſcherzend: zum Beweiſe meiner beruhigenden Aeußerungen will ich nicht wieder kommen! Denn wo die Doctoren alle Tage, oder des Tages ſchon zwei⸗ mal kommen, da iſt gewiß auf Einem der beiden Theile— Noth! Und ſo ward er denn reichlich beſchenkt entlaſſen. 14* XVI. Die Bewahrſchule. Am anderen Morgen echielt er einen Brief aus London. Er war von Frau Mill. Sie ſchrieb, wie ſie ſagte, ganz außer Athem: Der alte Doctor Seligo ſei bei ihnen im Hauſe und zu ihm gewieſen, ſie wiſſe nicht woher? Er wolle zu den Seinigen, zu ſeinem Sohne, zu ſeiner Frau, und wiſſe nicht wohin? Und ſie auch nicht! Das Haus ſei total in Allarm, denn ſchon ein alt Schock(a Score oder zwanzig ſteinalte Doctoren ſeien dageweſen und haͤtten ihren ſteinalten, wie aus dem Grabe gekommenen Herrn Collegen be⸗ ſtaunt. Da ſei einmal ein heiliges Schrecken in ſie gefahren! Das Erſtaunen habe ihre alten Kinnladen ſo in offenen Ruheſtand verſetzt, daß ſie mit den letzten ſechzig Flaſchen Clairet, dem Muͤhlſtein⸗großen Cheſter⸗ käſe und einem hundert Real-breads(Milchbroden) gluͤcklich und ohne Schande fuͤr ſie und das Haus des Mydoctor Hammer durchgekommen. Nun aber, bei große⸗ — 3 rem Andrange junger Doctoren, ſtehe Schande bevor! dem Kaäſewagen und ihr und ihm! Er ſolle alſo kom⸗ men.— —„Auch Mirza bittet!“— ſtand von ihrem Haͤndchen geſchrieben, auf Engliſch, unter Frau Mill's Huͤhnerſchrift. Alſo der alte Seligo! rief Silvati mit Haſt; achtzig Jahr alt!„wenn es hoch kommt!“ hat der alte Baͤcker geſagt!— und der alte Doctor muͤßte die edle Seele nicht ſein, ſein Sohn muͤßte nicht todt ſein, wenn meine Thirza nicht die ihm von Ben⸗John verteſtirten acht und vierzig tauſend Pfund Sterling, bald zur Haͤlfte, und bald ganz erhielte! O wie war ihm Thirza ſo lieb! Wie fuhlte er ſich gluͤcklich, ſeiner Kunſt auf immer ein freudiges Lebewohl zu ſagen. Aber da ſtand ja noch ein Poſtſcript! In dieſem freute ſich nun Frau Mill, daß My⸗ doctor einmal eine Mutter gehabt! Denn nun habe ſie kommen koͤnnen, ſei da, und habe ihrem Kinde alle geſparte Mutterpfennige mitgebracht, welche in die Tau⸗ ſende der Guineen gingen! Der Brief habe ſie ſelbſt faſt mit dem Schlage geruͤhrt! aber auch gleich den Nachbar Kaufmann bewegt, ihr à Conto zu geben, was ſie zur Ehre des Hauſes nur etwa gewuͤnſcht; denn der Nachbar wiſſe, daß ſie nie uͤber eine Krone im Werth gelogen. Zuletzt meldete ſie, daß ſie den Brief von ſeiner ehrwuͤrdigen Frau Mutter erbrochen, den ein Kaufmann ins Haus geſandt. — 244— Da that ihm Mirza ſo leid! denn er hatte nun Geld. Mit der New Rocret, die vom Hauſe aus in Galopp fährt, flog er in wenigen Stunden nach Lon⸗ don, voll von dem doppelten Glück und dem doppelten Ungluͤckz aber die Schuld an Seligo dem Sohne machte ſein gutes Herz zum Schuldner der Tochter— der kindlichen Thirza. Frau Mill empfing ihn mit tieferer Verbeugung, als beim Abſchied. Mirza gluͤhte und lächelte wieder wie je. Der alte Seligo begruͤßte ihn, ernſt und be⸗ wundernd, als ſei Silvati lebendig aus dem Grabe geſtiegen, nicht Er, mit der Wuͤrde auf ſeinem Antlitz, welche die Erſcheinung eines Menſchen, ſein Daſein Jedem einfloͤßen ſollte, der weiß, was ein Menſch iſt. Nur nach den Seinigen fragend, zitterte eine Thraͤne an dem alten Augenlide mit grauen Wimpern. Und Silvati ſagte ihm, mit Bruſtbeklemmung: Weinen Sie dieſe Thräne, alter Vater!— Ihr Sohn iſt hinuͤber! Das Wort ließ ihn eine Weile verſtummen, und ein Schauer vor der fluͤchtigen Welt durchrieſelte ihn; dann ſprach er nur: Ein Kind muß zufrieden ſein mit dem, was es auf Erden findet— und Ich— mit dem, was ich wiederfinde! Aber Dir wuͤnſch' ich nun auch zu ſehen! und bald! Denn von meinen Tagen blitzen die letzten uͤber meinem Haupte! Sie werden den Erſatz bewundern, den Ihrem Herzen die Natur geleiſtet! begann Silvati darauf mit 5 Herzklopfen.. eine erwachſene ſchone gute Enkel⸗ tochter wird Sie an ihre kindliche Bruſt druͤcken! O Gott! Der Alte ſahe ihn an, aber er draͤngte nur deſto mehr, und der alte Mann ſtand wunderlich reiſefertig, ſo alt und ſilbern in den neueſten Kleidedn. Silvati durchlief nun erſt mit feuchten Augen den Brief der Mutter, und er ſahe, daß er aus dem Bade war aus der Gaſtſtadt zur Stadt London, ja aus dem Zimmer Nr. 108! daß ſeine Mutter jenes kranke Weib ſei, die ſo geduldig den Stock in ihrer Hand gedreht! die heut Abend ſchwitzen ſollte fuͤr ihre Guineen!— und er hielt ſich die Augen zu. Sein Entſchluß war ſchleunig gefaßt. Den Greis fuͤhrte er zu den Seinen in die Bewahrſchule, weidete ſich an ihrer Freude und hieß ihn dann zur Bank fah⸗ ren, um ſein Sostrum— die Belohnung fuͤr acht und vierzig jahrelanges Nichtcuriren— dort zu heben. Frau Mill und Mirza nahm er mit zu Mutter und Schweſter. Vielleicht verliebte ſich dort im Bade ein auf Abenteuer gegangener reicher, ſchoͤner, junger, thoͤ⸗ rigter Lord in das auffällig ſchoͤne morgenlaͤndiſche Maͤd⸗ chen. Vielleicht doch er war außer ſich, und gluͤhte vor Angſt und Entzucken. Ehe Alles bereit war, ſandte der alte Seligo noch einen ſchon fertigen Vorbereitungsbrief an ſein Weib, um ſie nicht zu er⸗ ſchrecken. — 216— Das Haus ward verſchloſſen. Balb ſaßen ſie in dem Wagen. Bald hielt er. Der alte Mann ſahe geruͤhrt auf die großen gol⸗ denen Buchſtaben uͤber dem Portal:„BEWAlHR- SCHULE« und ſprach: Ich danke dir, mein Gott! Die Welt iſt dein! Du walteſt in den Vernuͤnftigen und Guten. Wie weit, wie gut iſt ſchon deine leben⸗ dige Welt! Bedauere Niemand die Vorwelt! Die be⸗ ruͤhmten Koͤnige, Priamus, Alexander, Auguſt, Con⸗ ſtantin und Carl, ſie waren doch nur bedauernswuͤrdige göttliche— Sauhirten— aus dem einfachen Grunde: weil das Volk erſt nun zu Menſchen wird! Kinder ſind einſt das Volk. Wer Kinder bewahrt, bewahrt das Volk. Und hier werden tauſend Aerzte einſt un⸗ nuͤtz gemacht. O wie freue ich mich!— Ich habe die Bewahrſchulen vorgeſchlagen! und hier ſteht eine ausgefuͤhrt! und wer waltet darin? mein Weib! mei⸗ nes Sohnes Weib— und ſeine Tochter!— Wie heißt denn die Witwe? frug er Silvati. Grace! Und die Tochter? Thirza! Es iſt doch gut, wenn ich ihren Namen weiß, ſonſt erſchiene ich ihnen doch gar zu fremd! lieber Alles gut gemacht, was Andre boͤs gemacht! Der alte Mann, ob gleich noch kraͤftig wie Mo⸗ ſes, und Glanz auf Stirn und Antlitz, konnte vor Ruͤhrung kaum ſehen, daß die Treppe keine Stufen ——— —— hatte, und hob die Beine regelmäßig, bis er nur laͤchelte und ſich freute, und wie ein Traͤumender an den gepol⸗ ſterten Waͤnden hinauf ſchlich. Durch das große Kryſtallauge in der einen Thuͤr ſahen ſie jetzt im Saale gleichſam ein Meer von kleinen, reinlichen, rothwangigen, frohlichen Kindern. Das Weib dort, ſprach Silvati, die eben vom Carouſſel in der Mitte die prachtvollen Muſcheln abnimmt, und die ſchoͤnen tropiſchen Voͤgel aufſteckt, das iſt Miſtriß Grace— Ihres ſeligen Sohnes Witwe. und nach einer Weile, als er ſich ſatt geſehn, ſprach der Alte: mein Weib! Aber durch das große Auge in dem andern Saal erblickten ſie Mirza, die in der Mitte anderer Kinder wie eine Zauberin vor einem Stamme ſtand, der, wie ſie ihn mit ihrem Stabe beruͤhrte, immer andere große Blumenbuchſtaben hervortrieb, welche die Kinder mit Jauchzen nannten. Hier mußte Silvati hinein und der Greis ihm folgen. Silvati nahte ihr, ſie laͤchelte ihm zum Gruß. Sie horchte: daß ihr Großvater morgen kommen werde. Sie blickte hin. O mein Gott, da iſt er ja! rief ſie. Die Kinder verſtummten und traten um den Greis, der Allen nur ſeine zwei Haͤnde hinreichen konnte, ſtatt hundert. Mirza aber zitterte, ſchwankte und flog in den Nebenſaal zu ihrer Mutter. Nach einer Weile kamen ſie Hand in Hand, und der Engelſtrom der ſchoͤnen Kinder ſanft ihnen nach. Die beiden Frauen zerfloſſen in Thränen, weil ſie allein den alten Vater wieder ſahen, und nicht ihr Vater. Sie hielten ihn umſchlungen, und in der Stille horte man nur die kleinen Kinder weinen, die da ſo was Trauriges und Ruͤhrendes vor ſich geſchehen ſahen. Endlich ſprach Frau Grace: Vater! hier iſt doch ſeine Tochter! Sie iſt jetzt mehr der Geiſt des Vaters, als ſie ſelbſt! Und ſie iſt verſorgt— ſie iſt eine Braut! und hier der gute Silvati iſt unſer Sohn. Und wie ſich Thirza bei dieſem Einwande, und wie er ſie an ſich druckte, ſich gleichſam an ihm verbarg, ſegnete ſie der alte Vater. Aber Niemand von ihnen ſahe, daß Mirza aus dem Wagen heraufgekommen, ſtill eingetreten, und jetzt gehort und geſehn. „Da verſchwand ein Weib! ein blaſſes Weib!“ riefen die Kinder, und nur Silvati erkannte noch Mirza. Er zitterte und fuhlte ſich wie zerriſſen in ſeiner Seele — fuͤr ſie! Der alte vorſichtige Vater, der jetzt erſt ſah und erfuhr, daß die Seinigen nicht das Briefchen erhalten, welches er, um ſie vorzubereiten auf ſeine Erſcheinung, an ſie voraus geſandt— da es eben jetzt erſt der Bote abgab— bat wohlmeinend: Kinder! laßt mich nun gehen! Sprecht zur Mutter, ich komme morgen wieder, und ich komme gewiß! Sie muß alt ſein und ſchwach! Frau Grace und Thirza baten ihn, ſie doch nicht ſchon wieder zu verlaſſen!— nach dem Augenblick! Silvati rieth aber dem Vater, jetzt indeß in die Bank zu fahren, und ſeine acht und vierzig tauſend Pfund von Ben⸗John zu holen. Der Alte war uͤberraſcht, und horte das Nähere wohl an, aber er wollte nicht nach dem Gelde. Thirza rieth doch. Und waͤhrend dieſes Anſtandes, als ob er jetzt blos nach dem Gelde nicht weggehen ſolle und zögerte— kaln ſeine Frau aus dem Garten von den kleinen Kindern, ſelber ein kleines Kind auf dem Arme. Der alte Mann blieb mit außerſter Faſſung ruhig ſtehen, weil ſeine Seele Kraft hatte, mit Maäßigung, ja mit Stille uͤber dieſe erſchuͤtternde Scene zu kommen. Und ſo gab er ihrer und ſeiner Freude die fromme Weihe durch das Wort:„Ich danke dir, mein Gott!“ und er hob die Hände zum Himmel, und ſtreckte ſie ihr nicht entgegen. Dann ſtand er ſie anlächelnd, die er jung und ſchoͤn verlaſſen, und die von dem Laufe der Alles reifenden und vollendenden, ja todtenden Sonne verwandelt, nun alt, aber auch mit dem alten ſchweren Herzen vor ihm ſtand. Sie aber war indeß ihm nur zwei Schritt naͤher getreten, hatte ſich vorgebeugt, ihm nahe, ganz nahe in's Auge zu ſehen. Sie laͤchelte auch, unausſprechlich. Ihr Kinn zitterte, ihre Augen ſtarrten, ſie ſetzte ſich, immer den Vlick auf ihn. Tochter und Enkelin knieeten zu ihr, der Greis hielt ihre Hand. Aber Silvati ſahe wohl, daß ſie nicht mehr athmete, daß ihr Geſicht ſich zum letzten Male — 220— berwandelt. Und das kleine Madchen, immer noch auf dem Arme der Großmutter, ſetzte wahrſcheinlich die kurz vorher an ſie gethanen Fragen fort und ſprach: Großmutter! liebe Großmutter, nun kannſt Du mir ja ſagen! Du weißt ſchon!„Wie weit iſt es denn in den Himmel? Sieht man dort den lieben Gott?— Großmutter!“— Aber ſie laͤchelte nur ſo fort. Und ſo blieb ſie. Sie hatte genug geſehn von der Welt, ihr Herz hatte alle irdiſche Freude wieder — im Uebermaaß, und ſie hatte es nicht ertragen. Das Kind furchtete ſich bei ihr, und verlangte fort. Seligo nahm es. Die Frauen erſchraken. Huͤlfe war ver⸗ geblich. Und unter den ſtillgewordenen Kindern mit dem Kinde auf dem Arme wandelnd, ſprach der Greis, ſich zum Troſte, zu ihm: Mein Kind! glaube mir, hier um uns iſt auch der Himmel. Hier waltet der himm⸗ liſche Vater auch. Du wirſt ihn auch hier ſehen, wenn Du wirſt Augen haben— „Augen?“ aber naͤher kannſt Du ihm nirgend kommen, als nahe, ſo nahe bis an ſeine Bruſt, wie Du mir jetzo ruhſt mit Deinem Koͤpfchen. So wird die Großmutter ruhen, ſo ruht ſie, an ihm, in ihm. Dann ſaß er ſtill. Und lange nachher ſagte er leiſe zu Silvati: Mufßte ich wieder der Tod ſein? Aber ſiehe, wir Aerzte ſind es nicht alhein. Menſchen ſind es den Menſchen, Freude und Leid, und alle Werke . — Gottes. Doch wann, o wann wird ſolcher milde Sinn im menſchlichen Geſchlechte walten, daß Alles ſanft verlaͤuft auf Erden? Wann wird der Menſch ſo hoch und göttlich ſich empfinden, daß ſeine Kraft ihm Ruhe gibt, daß er mit Maßigung vielleicht mit Lächeln: Schrecken, Entzuͤcken, jede That der Menſchen, jedes Ereigniß der Erde uͤbertragt! Ach, nur wann die Seele im Himmel wohnen wird, dann wird die Erde— Erde ſein! Aber ſiehe, mein Sohn! Was einſt des Menſchen Thraͤnen ſtillen wird? Wir alle weinen nur ſanft, ſo ſanft, ſo ſuͤß um ſie, weil ſie ihr Leben rich⸗ tig ausgelebt! Weil ſie Alles ausgewartet auf der Erde! Weil Nichts ihr Neues kommen konnte, als der Tod! Die Menſchen ſollen nicht Menſchen beweinen. Alt ſoll Jeder ſterben und lebensſatt, wie Hiob. Stirbt der Menſch aber alt und zufrieden, dann ſehen wir den Greis auch ſelber mit innerem Frieden dahinſinken — und wir weinen wohl, aber Thraͤnen des Segens, wenn er in die Erde, den Augen verborgen wird. Wir empfinden dann heiligen Dank fuͤr den Himmel, der ihm gegoͤnnt; ſein Leben richtig auszuleben— das bedeutet die Thraͤne an unſeren Augenwimpern! Und bedeutet ſie noch Etwas, blinkt noch eine andere Farbe wie im Thau darin, ſo iſt es die heimliche Sehnſucht: daſſelbe ſchoͤne Menſchenziel zu erreichen, und die nicht ungegruͤndete Furcht: nicht gewiß, es auch zu erreichen. Aber da werden um junge aus dem Leben geriſſene Todte ganz andere Thränen geweint, von jungen huͤlf⸗ — 222— loſen Gattinnen, von roſenwangigen Kindern, die der Vater kaum gelehrt zu eſſen, zu trinken und ſich zu kleiden, aber noch nicht: das auch zu erwerben. Da werden andere Thraͤnen geweint um ſchuldig dem Geſetz der Welt zum heiligen Opfer Gefallene— um Unſchuldige, die durch Anderer Fehler und Verbre⸗ chen auf Schlachtfeldern und Hochgerichten begraben werden— Alle vor der Zeit dahin gegangen, oder da⸗ hin geſandt— aber zum Gluͤck: in die Heimath! zum Vater! Von dieſen Thränen erloͤſt nun der Ar zt im Menſchen die Menſchen! Und die Todten werden mit Dank zum Segen begraben, zu ihrer Seligkeit und zu unſerer— wie hier mein Weib. Ach, und doch iſt nur Der wahrhaft ſelig, der den Sterblichen keinen Kummer hinterläßt. Denn wäre ſie ſelbſt auch vor Freude geſtorben, wenn ein un⸗ ſittlicher rachſuͤchtiger Wille— der Menſch Ben⸗John — ihre Freude nicht uͤbermenſchlich geſpannt! Doch der Leidende iſt der Unſchuldige, und der Unſchuldige immer der Gluͤckliche. Darum Frieden uͤber ihr! Ihre Worte ergreifen! ſagte Silvati, ſie ſchneiden der Zeit Wunden auf's Blut! und uns! ich will ſie nicht vergeſſen. Vergeſſen Sie nur nicht vor Ablauf der Friſt die Bank! Ihretwegen! Herr Sohn! lächelte Seligo. Ich will Sie in die Lebensverſicherung aufnehmen! Aber daß es Ihnen einmal nicht zu ſchwer wird, umſonſt zu curiren — will ich hin in die Bank, bis zum Johannistag. 223— Der iſt morgen! erſchrak Silvati unter dem Wort. Denn am Johamistage war ſein Duell! Da kam Frau Mill herauf, und holte Silvati. Er ſchied darauf mit ſchwerem Herzen von Braut und Brautmutter. Die Großmutter reichte ihm keine Hand mehr! Aber im Wagen vermißte er Mirza! wie Frau Mill ſie droben ſchweigend vermißt. Sie fuhren noch einmal nach Hauſe. Alles zu.“ Sie fuhren nach Ben⸗Johns Hauſe. Alles zu! Wieder nach der Bewahrſchule, wo Silvati vorgab: nur eine Klei⸗ nigkeit verloren zu haben! Aber ſie fand ſich nicht. Und ſo kam er erſt Nachts nach dem Bade, das weit entgegen den Weg ihm erleuchtete: denn in dem Orte war Feuer, und auch das große Gaſthaus am Meere brannte, worin er ſeine Mutter wiederſehen ſollte⸗ XVII. Die Siptiniſche Kapelle. Auf dem gruͤnen Platz an der Stadt lagerten mehrere Tauſend vornehme Damen und Herren um große auflodernde Wachtfeuer; wie Soldaten bei Feuers⸗ bruͤnſten vor die Stadt hinauscommandirt, waren ſie hierher unter die ſchoͤne, ſommerwarme, nur mit den großten Sternen prangende Nacht geflohen, und aus Antheil ſtill, obgleich der Punſch unverkennbar duftete, ſo daß gewiß Vielen— im Stillen— dieſes Abenteuer die ſchoͤnſte Partie ſchien. Und Silvati ſprach bei ſich: Zum Gluͤck ſind dieſe Alle die Geſunden, nicht die Kranken, welche die Aerzte ſich vom Halſe in's Bad geſchickt, als in die ultima ratio— Medicorum, oder die letzte oder außerſte Vernunft derſelben.— Er ſetzte ſeine Brille auf, um wo moͤglich, unter den vielen Gruppen umher und hin und wieder wandelnd, ſeine Mutter und Schweſter zu entdecken. Das war aber unmoͤglich, und er war froh, als er aus den vielen —— Herten und Damen und ſchoͤnen und haͤßlichen Fraͤuleins, den Kuͤhen(vaches), Coffern, Tuͤchern, Kiſichen und Spiegeln hinaus war. Denn ſo genau Allen in das Geſicht ſehend, war er mit Murten oder Lachen beglei⸗ tet worden. So gelangte er zum großen Gaſthaus. Das Erdgeſchoß brannte noch. Hier war alſo die Mutter, ſo Gott will, nicht.„Hier ſind die Feuerſpritzen mit verbrannt, ſprach Frau Mill, wie die Aerzte mit in der Peſt umkommen.“ Silvati erkannte den Wirth, der im Schlaftock und ohne Nachtmuͤtze, einen Stiefel auf einem Fuße und auf dem andern keinen Pantoffel, roth und erhitzt im Geſichte und zerſtoͤrt und erſchoͤpft, mit einen Herrn im Streit, uͤber den großen, markt⸗ ähnlichen Hof hinging. Er frug ihn nach der Dame in Nr. 108.—„Alle Nummern ſind verbrannt!“ — antwortete dieſer in ſeiner Angſt.„Vielleicht da druͤben!“— Da Sie Schuld an dem Brande ſind, ſprach der Herr zum Wirth, ſo iſt unſre Geſellſchaft verbunden: die Aſſecuranz zu zahlen!— Schlagen Sie zu! entgegnete der Wirth; ich bin ſo ein geſchlagener Mann. Aber ein Kranker iſt auch der Schuldige, und ein Kranker muß auch den Doctor bezahlen, auch wenn er ſtirbt! hilft Nichts! Atteſtiren Sie dieß fuͤr den Herrn, Herr Doctor! Oder Haͤuſer, die nicht bren⸗ nen, waͤre das Beſte, wie Menſchen, die nicht krank wuͤrden, und uͤberhoͤben aller Loſchordnung, denn die Feuerordnung taugt gar nichts, wie Sie zu ſehn Schefers neue Nov. 1m. 15 belieben! Diebe haben mich angelegt! Diebe!— Mich! Denn mein Haus war Ich! Eine Flaſche Wein ohne Weinflaſche iſt ein Sens non Ens. Es iſt noch die Frage, ob alles vorhandene Waſſer alles moͤgliche Feuer loͤſchte?—„Beweiſen Sie das! ſo zahlen wir!“ entgegnete der Herr. Der Wirth aber, den Beweis nicht auf Diebe, ſondern auf Loͤſchen beziehend, ſprach in ſeiner Verwirrung von allerlei Waſſer und allerlei Feuer, während Silvati ihnen mechaniſch folgte. Sie gingen in eine Thuͤr hinein, eine Treppe hinauf. Da ſahe Silvati drunten zu ebener Erde ein junges Maͤdchen auf einem Strohbett liegen ſah, ein brennendes Wachs⸗ licht in der Hand, damit Niemand ſie in dem finſtern Durchgange trete; und ſelber blaß, zitternd und krank rief ſie ihm zu: Treten Sie meine todtkranke Mutter nicht! Ich bitte! Hier liegt ſie, hier neben mir! Silvati erkannte ſeiner Schweſter Silvia Stimme, und die todtkranke Mutter war alſo ſeine Mutter. Fuͤr dieſe Nacht hatte er ganz uͤberfluͤſſiger Weiſe, blos aus Vorſorge, und um, was man ſagt, ganz ficher zu gehn, ſein Mittel verordnet! Das Feuer hatte dann erſt, wie Satan, uͤber ihn Macht gehabt; es hatte ſie aus ihrer Ruhe geriſſen. Schreck, Zug, Käͤlte, Angſt hatten das Uebrige gethan. Und ſo ſtarrte er die Mutter an. Und die Schweſter, endlich ihn näher beleuchtend, und der Mutter Antlitz beleuchtend, erkannte in ihm den Doctor und rief vor Schmerz und Freude verworren: Gott ſei ewig Dank, daß Sie hier ſind! Sie kommen wie ein Engel vom Himmel; aber der muͤſſen Sie auch ſein! ſonſt ſtirbt ſie! denn ihre Sprache iſt ſchon dahin, ich weiß nicht wohin? dahin, wo der ganze Menſch endlich nachgeht! nicht wahr? lieber Doctor! Troͤſten Sie mich! Morgen will ich auch weinen! Silvati war erſchuttert. Aber die Natur behaup⸗ tet mit heiliger Kraft ihre Macht uͤber das Menſchen⸗ herz; wie Er ſei, das ſticht ſie nicht an; ſie bleibt ihm, die Sie iſt, die innere Fromme, Gute, Vereini⸗ gende, Eine. Und ſo war ſein Herz einen Augenblick voll unfaßbaren Entzuckens uͤber die— Mutter. Sie war ja da! Sie war ihm die Reine, die Liebende, Treue. Und ſo war er der Sohn. Aber ihr naͤherer Anblick ſturzte ihn in den aͤußerſten Jammer zuruͤck. Er wollte rufen: Mutter! meine Mutter! hier haſt Du deinen Sohn! Und ob er gleich nicht als Sohn gefehlt, ſondern als voreiliger Arzt, ſo ſchnuͤrte ihm doch ſeine Schuld wie eine eiſerne Fauſt die Kehle zu, und er erſtickte faſt vor den Thraͤnen, in welche ſein ganzes Weſen ſich aufloͤſen wollte. Und ſo druͤckte er blos, zu ihr gekniet, ihre Fuße; er druͤckte ihre Haͤnde an ſeine Bruſt, ja er mußte die blaſſen Wangen kuͤſ⸗ ſen. Aber ihre Kaͤlte warf ihn wie ein Schlag zuruͤck. Die Schweſter beſtaunte ihn, und ſprach: Sie Edler! Solch Mitleid hab' ich nie an einem Arzte ge⸗ ſehn! Die Andern ſchleichen fort, als wollten ſie draußen 45 erſt weinen— aber ſie thun es nicht! Sie ui Sp Gott lohne Ihnen Ihre Thraͤnen! Da faßte er ihre freie Hand in ſeine beiden Haͤnde, und ſprach: Silvia! Du kennſt mich nicht! Aber ich kenne Dich und e. Der Brief der Mutter war an——— Er konnte, er wollte es nicht ausſprechen. Seine innerſte Menſchenſeele ſchämte ſich jetzt; Sohn, Bruder, ja nur ein Menſch zu ſein; und er als Arzt fand jede erſchutternde Cataſtrophe fuͤr die Mutter, wenn ſie in ihrem Schlummer auch nur ein Wort vernahm, fuͤr toͤdtlich. Aber ſein Herz mußte er ausſchuͤtten! und ſo ſagte er leiſe ihr an's Ohr: Silvia! die Mutter ſtarb nicht, wenn Ich ſie nicht ſichern wollte! Sie ſahe ihren Sohn dann wieder! Vielleicht ſtirbt ſie auch nicht. Helfe Euch Gott! Ich kann nicht! Leb' wohl, meine Silvia, lebe wohl, und gruͤße die Mutter tau⸗ ſend Mal von ihrem Sohne. Er lebt! aber er ſteht vor der Thuͤre des Irrenhauſes— den Flopfer ſchon in der Hand! und ruft: Aufgethan! Thut mir aufl WMir! Darum ſchweige! ſchweige! Siehe mich noch einmal an!— So!— Haſt Du mich recht geſehn? — Wie Du hold und lieblich biſt! Wie Deine Lippen beben! Deine Augen leuchten. So. Leb' wohl! leb' wohl!— Silvia war von allen den Worten, der heftigen Weiſe erſchrocken; ſie ahnte und bebte. Das Licht fiel ihr aus der Hand. Es war finſter. Silvati floh in⸗ deß. Frau Mill aber nahte dem weinenden Maͤdchen, das ſich aufgeſetzt, und ſprach leiſe zu ihr:— Aber ſchweigen Sie, Miß!— Das war Ihr Bruder. O Himmel, ſtoͤhnte Silvia. O Mutter! Er hat den Brief erhalten. Sie wollte ihm das Gold bringen. Aber die gruͤnen Beutel ſind entwendet. Mein Godol⸗ phin ſucht einen Arzt, und— Sie ſchwieg. Denn ſie ſprach in bie leere Luft. Denn auch Frau Mill war fort, als ſie hoͤrte: das Gold ſei fort. Er war aber ſo haſtig davon geflohen, daß ihn Frau Mill nicht mehr ſah, nach langem Harren in ein Gaſthaus ging und endlich ſich niederlegte. Auch er war im Freien eingeſchlafen, aber nicht feſt, und die herrliche Morgenſonne hatte ihn geweckt. Er ſah ſie nicht an, ſie war ihm verhaßt, und will⸗ kommen fiel es ihm ein: heut' ſei Johannistag, und vielleicht ſein Todestag— wenn er das Gluͤck habe! O Welt, ſprach er, als ſein Morgengebet: O ſchoͤne Welt! ſo weit bringſt du deine Gewuͤrme— du bringſt ſie ſo weit, weil du einmal ſo biſt— daß ſie wuͤnſchen: du ſeiſt ein Traum geweſen, der ſie getraͤumt! kein Traum, den ſie ſelber geträͤumt! denn ſonſt blieben ſie ja, auch wenn du verſchwunden! Nur bei ſchuld⸗ loſem Herzen bleibt der Menſch ein Menſch, und glaubt es fort, und iſt frohlich ſo klein und kann ſpielen wie ein Kind! Aber ein Unrecht weckt die ſchlafende Seele in ihm auf, ſie fuhlt ſich wieder als Welt, und der Menſch wird Element! der ſchoͤne ſchimmernde Thau⸗ tropfen im Lotuskelche der Erde, verduftet, wird Nebel, Aether, Meer! Sein Daſein und die Seele ſind nun geſchieden, ſind Zweie! ſind Keins!— Alſo hin zu den Giftbechern! Hin zu den Raſenden, wo ſie dein warten. Sind ſie nicht auch Welt, weil ſie in der Welt find? Verdienen ſie das? und verdiene es Iche O Sonne, du biſt kein Engelsköpfchen ohne Flugel! kein Geiſt! ſonſt waͤrſt du ſchon lange von Sinnen, wie ich von meinen Funf! Er ſchlief wieder lange, und an dem in der Currende fuͤr die Herrn Duellanten beſtimmten Orte, dem Gaſthaus„Zur ganzen Welt“ fand er ſich alſo in dieſer Stimmung erſt Mittags ein. Die Herren aber waren im Diorama, das ſie fur einen Tag gemiethet, indem es fuͤr heut', als hohes Feſt, dem Publicum verſchloſſen war. Als er ſich meldete, und in der Thuͤr der Außenwand der Rotonde ſtand, rollte die Wand der Buͤhne inwendig, wie in einem Gehaͤuſe, herum, bis die innere Thuͤr auf die aͤußere traf; und als er hinein war, verſchoben ſich die Wände wieder, und die Sitiniſche Capelle war frſt verſchloſ⸗ ſen. Man ließ ihm keine Zeit, vor der Majeſtät des Orts zu erſtaunen, denn Freunde und Feinde begruͤßten ihn, wie Schiffbruͤchige, die ihren Capitain auch noch auf einem Maſte ſehen geritten kommen. Herr Ar⸗ chitect Klimm mit dem hoͤlzernen Beine war der Erſte, der ihm zugleich ſeinen Secundanten, den Lieutenant: Miß Turner, ſeine vielgeliebte Braut, vorſtellte, ſeine — 231— Verwunderung aber bemerkend, ihm erklaͤrte, wie der nunmehr ſelige Herr Vater ſeiner Braut ihr eine Lieu⸗ tenantsſtelle gekauft, um ſie verſorgt zu wiſſen, auch wenn ſie nicht heirathen wolle;—„beſſer ein Lieu⸗ tenant, als eine ungluͤckliche Frau“ habe er geſagt. Seine Braut habe aber, im Wagen der Muſterung— als einziger Schuldigkeit fur ihre Gage— beiwohnend, das Ungluͤck gehabt, daß die Pferde durchgegangen; und ſo ſei ſie gewiſſermaßen, jedoch zum Gluck nicht als Frau, ſondern nur als Lieutenant Invalide ſtatt Valide geworden, und habe ſo den thoͤrigen Gedan⸗ ken ihres Herrn Vaters gebuͤßt, und das curioſe Ge⸗ ſetz von England, das Damen erlaubt— erkaufter Officier zu werden, das aber zum Ungluͤck fuͤr manche gezwungene Hageſtolzin jetzt abgeſchafft ſei!— Der Lieutenant-Braut ſalutirte guͤtigſt den rechtſchaffenen kein Unbill an Ehirurgen leidenden Herrn Doctor Silvati. Herr Doctor Hetzer, der den coloſſalen Apotheker Herrn Schimmelpfennig gefordert, empfahl ſich ihm zuerſt ſelbſt als Herrn Collegen, und dann ſeinen Se⸗ cundanten, an Doctor„Freund Hain.“ So waren denn fuͤnf Freunde. Aber auch Sir Chriſtopher, der Zambo, zog den Hondſchuh aus, bot ihm die Hand und ſagte: wie in meinem Handteller ein wenig weiß iſt, ſo iſt auch in meinem Herzen noch ſo viel, oder die hoͤchſte Freund⸗ ſchaft fuͤr Sie dieſe: daß ich mich jetzt von Ihnen will — 232— in die andere Welt befordern laſſen, lieber Doctor, wenn ich Sie nicht befoͤrdere, Allerliebſter! Dann wandte er ſich zum Apotheker, der in der Loge ſaß, und neben ihm ſein Hund, der das Weltgericht anknurrte. Damit Ihr liebes Huͤndchen nicht vergebens mit hier iſt, ſprach der Zambo, ſo will die hochedle Geſellſchaft Sie durch mich um ihn gebeten haben, um an demſelben die concentrirte Blauſaͤure zu verſuchen. Stirbt dero Azor, ſo ſind Sie verſichert, gleich ſicher mit Herrn Charon zum Weltgericht abzuſteuern, und ubrigens wuͤrde ich ein Land ohne Hunde— jeder Rage— fuͤr ein wahres Gegenſtuͤck zu allen wahren Tollhaͤuſern voll unanbeißbaren geſunden Menſchenverſtandes halten, da laut Zeitungen in drei Jahren nur fuͤnf hundert Eng⸗ länder, oder hundeliebende Menſchen, ſo zu ſagen mit Ihrer Erlaubniß; toll geworden. Wenn ich Nichts bin— und vielleicht bald gar Nichts ſein werde, ſo bin ich doch ein Feind aller Hunde, dieſer guten, an der Tollheit der Menſchen ſie ſo zu lieben unſchuldigen Thiere! Und ehe der Apotheker es wehren konnte, hatte der Mohr den in der Giftapotheke nicht mit conſignir⸗ ten Azor uͤber die Lehne der Loge gezogen, und die Blauſäure an ihm probirt und probat gefunden. Ihr kleines Proviſorchen handelt mit guter Waare! ſagte er dann; immer hat er ſich etabliren wollen— nun iſt das ihm als Homöopathen leicht geworden, da ich ihn geſtern mit einer Leierkaſten großen— fliegenden Apotheke am Halſe hauſirend geſehn. — 233— Der arme Menſch iſt uͤbergeſchnappt! bedauerte Herr Schimmelpfennig; daran ſind Sie ſchuld, Sil⸗ vatil Hier ſtehen die achtzehn Bouteillen Schweizer Kirſchwaſſer, und die Bierglaͤſer dazuz zeigte der Lieu⸗ tenant. Wer das Glas mit dem Kirſchwaſſer loſet, kommt mit dem Rauſche weg! Der Gegner aber, der die ewige Lebenstinctur, zu dem andern Glaſe verſetzt, geloſet, hat den Vortheil, daß er auch glaubt, Kirſchwaſſer zu trinken, bis er den kleinen Irrthum nicht merken kann! Alſo zwei Feinden immer zwei Glaͤſer! und nur in Eines die beruͤhmten„Zwanzig Tropfen!“— Sie loſen.— Wer zwei Gegner hat, wie z. B. Sir Zambo, und Herr Schimmelpfennig, loſet mit dem Andern auch, und am beſten gleich nach einander— der be⸗ liebten Kuͤrze wegen. So erklaͤrte Herr Klimm, unter nicht laut eklatirendem Beifall. Ja der gute Apotheker meinte, ſo wuͤrde Jeder glauben„die zwanzig Tropfen“ in ſeinem Glaſe zu haben, das heiße, ſie zu trinken, und vielleicht vor Einbildung ſterben!— Aber es blieb ſo. Nur meinte der Mohr, daß kein Geiſtlicher we⸗ nigſtens das Mittagsmahl vor dem Tode verbieten koͤnne, lud ein: in der Arena am Tiſche gefälligſt Platz zu nehmen, wuͤnſchte geſegnete Mahlzeit, ſetzte ſich, und vertroͤſtete bei den kalten Dauerſpeiſen auf das— warme Deſſert! Da er aber bei Wenigen auch nur wenig Appetit bemerkte, ſchlug er ihnen reines — 234— Kirſchwaſſer indeſſen vor, der Trunk komme im Trin⸗ ken, manche Doctoren traͤnken ja gern, man wiſſe, warum? des Vertrinkens wegen, und um perfect zu ſein, da die nicht mehr Nuͤchternen froͤhlich ſagten: Nun bin ich perfect. Ein bekanntes Sprichwort! Mehrere folgten ſeinem bitteren Rath, und es kam Geiſt und Feuer in die Geſellſchaft. Und als der aͤngſtlichen gluhenden Braut, die das Giftflaͤſchchen vom Mohren empfangen, genug von dem Geiſte uber ſie gekommen ſchien, um nicht ſo genau beachtet zu wer⸗ den, zupfte ſie ihren Freund Hain am Aermel, und Beide ſtanden auf, und gingen bei Seite in eine der Logen, um je zwei und zwei Glaſer zum Duell einzu⸗ gießen, und in Eins auch zu tröpfeln. Und der Mohr rief ihnen nach: Du mit dem Fläſchchen voll aͤchtem Aqua vitae des achten nicht ſo erbaͤrmlichen Lebens, Reſpectsperſon! und Du, Doctor, wahrer Freund Hain, nur noch mit Haut und Haar und Kinnbacken— gieße nur ja nicht ein und zwanzig Tropfen ein! ſonſt ſterb' ich! an die zwanzig Duell⸗ ſtatutmäßigen habe ich mich ſeit dieſer Gelegenheie ge⸗ woöhnt! Denn von dem bloßen Ein und zwanzig⸗ ſten bin ich geſtern bald geſtorben. Die zwanzig aber will ich erſt jetzt verſuchen, Cynthia! Um Himmelswillen, allerliebſter Freund Hain, flüſterte die Braut ihm in's Ohr: Nur jetzt lachen Sie nicht, wenn ſie Alle blos Kirſchwaſſer trinken werden, hoͤchſtens— wen es nun treffen wird— ein Paar Tropfen Schlaftrunk! Lachen Sie ja nicht! Sonſt muß ich mit dem Gifte herausruͤcken, denn der Mohr will vor allen Andern gern Lady Cynthia kraͤnken, wenn er ſchwarz und weiß, und todt und verdammt vor ihr liegt, darum hat er es ihr geſchrieben, was vor iſt, hier!— und lieber Freund Hain, ich bin Braut! bedenken Sie, was Alles noch nicht in dem Namen liegt, und was der Name Klimm hineinlegen kann! Der alte Apotheker hat erſt ein junges liebes Weib genommen, und hat ein allerliebſtes kleines Magdalen⸗ chen! Auch Silbati thut mir leid, und da ich ein Weib zwar, doch zum Gluͤck auch Lieutenant bin, ſo kann ich ſagen: mir thun alle Maͤnner leid, o vom Herzen, ſo recht vom Herzen, oder im Herzen, zum Herzen! — Sie ſehen, oder hoͤren, das deſperate Kirſchwaſſer iſt ſtark! ich habe bei Tiſche nur genippt, was man ſo nippen nennt bei Soldaten. Der Mohr wäre un⸗ erbittlich! Verſtecken Sie alſo das Giftfläſchchen hier drunten, wo man die Buͤhne dreht, und zertreten es derb, wie den Kopf einer Schlange. Morgen danken ſie Alle Gott! und uns fuͤr unſere Taͤuſchung! Freund Hain nahm es heimlich zu ſich, und die Braut troͤpfelte nun nur Schlaftropfen in die gefullten Glaͤſer. Freund Hain brachte nun die bedenklichen Kryſtalle, die er, je zwei und zwei, hinſtellte. Das Loſen darum beſtand in einem blinden Zugreifen nach den ununterſcheidbaren Glaͤſern, und doch beharrte der Apotheker darauf, man ſolle erſt wuͤrfeln, Wer ſich — 236— zuerſt Ein Glas von den Beiden nehmen ſolle; Einige haͤtten durch die Augenwimper geblinzt! Denn dem Apotheker war jetzt das Leben außerordentlich lieb ge⸗ worden, zum Beweiſe, daß grade der Gute nicht ohne Noth gern ſtirbt; denn alles das Gute, was er gewiß noch thun wuͤrde, das Herrliche in der Welt, was er eben am klarſten ſieht, beklemmt ihm die Bruſt. Und ſo bekam er vom Doctor Hetzer ein Glas, und noch eins von Silvati, als von ſeinen beiden Gegnern; Sil⸗ vati vor ihm und dem Mohren, und der Mohr von Silvati und Klimm desgleichen zwei. Hetzer und Klimm aber jeder nur eins. Keiner trank, und Hetzer verſicherte, es ſei keine Clauſel in ihrem Statut, bis wann das Glas geleert oder nur angetrunken ſein ſolle! Klimm betheuerte ungern, daß der Johannistag nur bis Nacht punct zwoͤlf Uhr dauere! Es iſt ein nachahmenswerther Gebrauch der Aerzte, die Juden ſind— begann der Apotheker— — Sie wollen ſagen: der Juden die Aerzte ſind! verbeſſerte Hetzer— Alſo jedenfalls ein herrlicher Gebrauch, fuhr der Apotheker fort, daß ſie jedesmal ein Gebet vom romi⸗ ſchen Rabbi Jacob Zephalon beten, wenn ſie Jemand Arznei geben, geſchweige wenn ſie ſelbſt welche neh⸗ men.— 3 Zum Beweiſe, daß ich nur ein Mohr bin, ſprach Sir Chriſtopher— da! Ein Glas iſt leer! Die Erde — 26— hat einmal die Peſt— das heißt immer! und wir armen Suͤnder werden ſie nicht beſchwoͤren, bezaubern und beluͤgen! Denn nicht jede Gans rettet das Capitol, beſonders die jetzigen Gaͤnſe nicht, weil es der Tod in Beſitz genommen. Ja die Sonne iſt ſelbſt nur ein altes ubrig gebliebenes, noch nicht gar ausgebranntes Licht aus einer alten Todtenhoͤhle, welche wir armen — Erdſchlucker ſo gefällig ſind,„die Welt“ zu nennen. Wär' ich der Mond— der alte Todtenkopf, ich machte ein noch viel grinſenderes Geſicht— etwa ſo eins! Seht! War es recht? Denn blos das iſt kein Spaß — Alles ſterben ſehn, kund ſelber nicht ſterben. Alſo Silvati— ich habe Deine Geſundheit getrunken, nun trinkſt Du meine, am liebſten aber die Geſundheit der Welt, der alten Schlange mit immer neuer Haut! denn wenn die Welt unverwuͤſtlich geſund iſt, und lebt mit allen ihren bunten Flecken, den weißen, gruͤnen, gel⸗ ben, rothen und ſchwarzen— als wie ich einer zu ſein die Ehre habe— dann bin ich auch keine bloße Haut, ſondern ſelbſt eine Schlange. Trink! troͤſte Dich dort mit dem gemalten Weltgericht, wozu die Tufel die böſen Haͤute, unter ihren Mohrenhaͤnden anſchwellend, hervor aus den Graͤbern ziehn. Sie zie⸗ hen Dich auch einmal. Klimm's fleiſchernes Bein ziehen ſie auch wieder mit heraus. Die Kerls koͤnnen hexen! Gentlemen all, trinken Sie! Angeſtoßen! ich leere mein Zweites und— Letztes. Das gebe der Himmel! wuͤnſchte der Apotheker. —— Ghrliche Haut! ſprach der Mohr zu ihm, Du gu⸗ ter Kerl, gut— nach den Giftbaum zu ſchicken, da⸗ mit Du doch einigermaßen geſchickt genannt werden kannſt, wir Beide ſind ja Freunde! alſo ſage ich Dir: was Du haſt, das haſt Du an Geld und Gut. Nun aber ſtirb, nebſt Collegen; denn es hat ein Arzt einen neuen Bettelſtab in Deutſchland— ein kaum mehr moͤgliches Werk allda— einen neuen Bettelſtab erfun⸗ den fuͤr alle Eure lieben Hände, und ich wuͤnſchte: ich koͤnnte auf Deine feiſten Kniee fallen, und Deine wonni⸗ gen Haͤnde wie ein Paar Fettſchwanze uͤber dem Kopfe aller Apotheker und uͤber alle Apotheken zuſammenſchla⸗ gen! Du biſt einmal geſchlagen; darum ſtirb! das heißt: trink!— Und Silvati? wie ſitzeſt Du da? wie ein leibhafter Diener aus einer leibhaften Schlafrockhand⸗ lung voll ſelbſt verfertigter Schlafroͤcke fuͤr Andre— ich meine, alle Deine Kranken! o Doctor! Haſt Du keine Schlafroͤcke— ſelbſt verfertigt? Alſo!— Haſt Du kein Gewiſſen? Gewiß! alſo ſtirb, das heißt: trink! Jetzt trank Silvati ein Glas fuͤr die Mutter, in der Seele weinend. Und in dieſer Stunde der Gefahr ſein Liebſtes auf Erden deutlich in den Schmerzen dar⸗ um erkennend, und die arme aufgegebene und verlorene Mirza vor Augen ſehend, wie den Kern eines Ko⸗ meten oder den Kern des Himmels— die milde leuch⸗ tende Sonne, in die alles Licht des Aethers zuſammen⸗ geſchoſſen war, und ſie nun eben ausmachte— gelobte er ſich: wenn er ſich jetzt nicht ſelbſt einen Schlafrock — 230— traͤnke— wie ſein irrer Geiſt ſich ausdruckte— ſeine Mirza— ſein, weil ſie ihn einzig liebte, ohne Ruͤckſicht auf Anderer Bräute(als etwa der Thirza Seligo) Vermögen, gluͤcklich zu machen! Dazu hielt er ſein bloßes Leben und Daſein auf Erden noch gut genug, gleichviel, wie ſeine Seele ſei; denn die Frauen— meinte ſein irrer Geiſt wieder— liebten ja Maͤnner oft, welche die ganze uͤbrige Welt heimlich, ja laut verabſcheue! Und er wolle ſich ſelber nur heimlich verabſcheuen, ihr aber ein immer und nur um ſo ſanf⸗ ter und weicher liebendes Herz zeigen— ſchen⸗ ken, bewahren! Und mehr als das Herz werde auch Mirza nicht wunſchen, die auch nicht mehr ſei als ein Weib. Er hatte getrunken. Und nun mußte Klimm trinken, oder wie der Mohr es nannte: in ſich ſelber mit Kirſchwaſſer ſchießen, wie er ſich geſchoſſen. Miß M'Aulay und Freund Hain hatten die Tuͤcher vor den Augen, und obendarein ſich auf das Geſicht gelegt, und weinten vor innerem Lachen; nur daß der Braut die Gefahr des Verrathes auch aͤngſtlich in's Herz ſtach⸗ Hetzer nahm nun ſein Glas, und redete ſo zum Apo⸗ theker: Sie haben geſagt, ein gewiſſer Herr Stilling habe nur Erlaubniß erhalten, blos in den lebensgefähr⸗ lichſten Fallen zu practiciten— und wir alle waͤren nur ſolche— Stillinge! Aus Deſperation liefen die Menſchen zum Doctor, aus Deſperation muſſe er cu⸗ riren, und ſo werde er bezahlt fur ſeine Deſperation— — 240— ſo will ich denn trinken aus Deſperation, auch pure aus weiter nichts. So! hier ſteht es leer. Nun de⸗ ſperiren Sie, jaͤmmerlicher Herr Schimmelpfennig! Und ſo mußte auch dieſer Revange geben. Darauf ward eine Stille in der Capelle, die je länger, je druͤckender ward, ſo tief, daß man von drau⸗ ßen den Wellenſchlag des Meeres am Ufer hoͤrte, und ein und zwanzig Kanonenſchuͤſſe, mit welchen ein an⸗ kommendes Schiff Gottes feſte ſchoͤne Erde ſalutirte, und die ein und zwanzig Kanonenſchuͤſſe, mit welchen die Erde fur ihr ſo lautes Lob in gemeſſenen Zwiſchen⸗ raͤumen dankte, gab der Siptiniſchen Capelle eine ſo ernſte Feierlichkeit, wie ihr Urbild ſelber wohl nie gehabt. Endlich fuhr der Apotheker geſpenſtiſch am Tiſch in die Höhe, wie ein Eremit in einer Klafter Holz, und ſprach unter Thraͤnen: Mein Gott— Ich— ich glaube— meine Herren— ich ſchlafe ein! Mich hat das Giftglas getroffen! Und aus ſeinem noch jetzt Menſchenfreundlichen Herzen ſetzte er hinzu: Freuen Sie ſich, lieber Doctor Hetzer— Sie leben! Ach, haͤtten Sie doch Weib und Kind, da konnte es Sie erſt recht freuen— denn— mein Gott— ich habe Weib und Kind— und— denn— mein Gott— ich kann mir Ihre Freude— traͤumen— ſchlafen! Schlafe ich ſchon? meine Herren, haben Sie die einzige Guͤte, ſagen Sie! ſchlafe ich? träume ich? red' ich im Traume? Wecken Sie mich gefaͤlligſt auf! Es zieht mich hinunter — ich muß„ gute Racht, gute Nacht, liebe Frau, ſchlafe wohl! und Du, mein liebes Kind, ſtehe ja ge⸗ ſund auf, und decke dich ja nicht auf! die Nacht iſt lang uud kalt! Nun ſchlafen Sie Alle recht wohl! Er hatte ſchon laͤngſt unter dieſen Worten geſeſſen, und ſchlief nun, bemuͤhte ſich aber immer noch, die Augen mit Gewalt aufzumachen. 1 Der ſpricht aus der Schlafſtube, oder iſt er ein Schlafrockscandidat! Wer deckt ſich in der Erde auf! Seine Furcht iſt eitel!— lächelte der Mohr. Der Apotheker aber klagte jetzt leiſe murmelnd: Mein liebes Weibchen, jung hätte ich dich heirathen ſollen, als ich ein junger, Dir lieber Mann war aber mein Gott, da warſt Du ja noch nicht einmal jung! wie man ſagt. Alſo doch beſſer— ich habe alt geheirathet, da bekam ich doch Dich! und jung! Und Du, mein Toͤchterchen, mein Kind, mein Magda⸗ lenchen, wie gern haͤtte ich Dich groß geſehen! nun aber ſterb' ich Dir vor der Zeitz aber beſſer, Du hat⸗ teſt doch eine kurze Zeit, ja nur eine Minute lang einen Vater, als gar keinen! das war ſchlimmer fuͤr Dich, als daß Du nun mein ſchweres Vermoͤgen erbſt! doch wir ſterben ja Alle in der Zeit, und jede Zeit iſt die wahre: die Sonnenzeit, nicht bloße Stadtuhren⸗ und Poſt⸗Zeit. Der Junius iſt der geſuͤndeſte Monat im ganzen Jahr.— Wir haben Johannis— und doch muß ich— ſchlafen. Vorhin noch nicht! Aber nun— nun ſchlafen Sie Alle recht wohl!— Schefers neue Nov. 1II. 16 „ — —— Auch der Mohr fuhr erſt jetzt auf und rief, mit der Fauſt auf deu Tiſch ſchlagend: Eynthia! wollte ich ſagen: Lumpengeſindel hier! was hilft mir es, daß ich keine Schmerzen habe— wenn ich ſchlafen muß!— Er gaͤhnte und rollte die weißen Augen.— Die Jo⸗ hannisnacht iſt die laͤngſte in meinem Leben, das heißt in meinem Tode, ſo lang wie mein Tod!— Ich glaube, ich ſchlafe nicht?— Und ſchlafe ich heut' nicht, dann verſprech' ich mir: im Leben gar keine Ruͤckſicht auf gar keinen Menſchen mehr zu nehmen, geſchweige auf ſonſt Wen, oder ſonſt Was! Dabei hatte er ſich ſelbſt mit der rechten die linke Hand geſchuͤttelt; aber er erſchrak, ja er ward bleich, denn durch die Fenſter der Capelle fiel auf einmal wirk⸗ liches Sonnenlicht auf das Weltgericht, ſo grauſam wie Michel⸗Angelo's harte Seele die Welt gerichtet, und der coloſſale Chriſtus ſchien zu leben, und mit einer raſch zuckenden ſtrengen, ja wie grauſamen und unbarm⸗ herzigen Bewegung ſeines herkuliſchen Armes alle Suͤn⸗ der auf ewig von ſich zu ſtoßen. Der Mohr ſetzte ſich, daͤmmerte ein, und murmelte furchtbar und furchtſam: Nein! aber nun, nun ſchlaft Alle recht wohl! Freuen Sie ſich mit mir, lieber Silvati, jubilirte Hetzer, daß ich ſo gut wie gar nichts bin, naͤmlich nur Einer von den vierzig tauſend taͤglich Betrunkenen in London, und ein bloßes Atom unter den zahlloſen taͤglich ſogenannten Seligen oder Perfecten in den drei vereinigten Koͤnigreichen! Ob alle Andere ſterben, was — kuͤmmert das mich?— Ja! wenn ich der einzige Uebrige waͤre, der wahre Univerſal-Erbe aller Erben— welch' ein Gedanke!— Dann wollt' ich leben! Ich danke fuͤr dieß dann! verſpottete ihn Silvati. College, offen! fuhr Hetzer fort; bei meiner Pra⸗ ris hat mich immer die Nuͤtzlichkeit des Todes getroͤſtet. Denken Sie, Beſter, wie reich iſt Tapponi auf dem Père la Chaise durch ſein bloßes Pariſer Bureau d'agence mit allen Requiſiten! Er iſt ein Fuͤrſt der unterirdiſchen Heerſchaaren! Wer lebt nicht, als weil Andere nicht mehr leben? troͤſtlicher Gedanke! Wer hat Etwas, als weil Andere Nichts mehr haben? vortrefflicher Einfall des ewigen Grundherrn! Selber die lieben Kranken — o was nutzen ſie Andern,—(auch außer uns) was fuͤr Gutes koͤnnen ſie noch thun und an ſich haben? Wie viel Liebes und Gutes empfangen! Das kann gar nicht hoch genug angeſchlagen werden! Sie koͤnnen lehren— und wie! als Beiſpiel dienen— und wie! Sind nicht die Blinden in Japan ſogar Archive? Himmel, wenn ich ein Archiv waͤre! oder eine medi⸗ ciniſche Bibelapthek'! Kurz, wie geſagt, iſt denn das Leben nun gar ſo viel werth! Es iſt eine Lum⸗ perei— — Fuͤr den Lumpigen! entgegnete ihm Silvati empoͤrt; aus achtzig Jahren iſt ſchon was zu machen! Was denn? wo iſt denn ein Reſultat? In der Wiege? im Sarge? Kein Menſch weiß Eins! 16 „ — 244— Jede Stunde iſt Eins! jeder Gedanke! auch dieſer, daß ich Dich zur Thuͤr hinaus werfen wuͤrde, wenn der Kaͤfig hier noch eine haͤtte! Hoho! lachte Hetzer, und ruͤckte näher zu ihm; Freund Hain und Miß M' Aulay ſchlafen, aber Klimm, der Architect, blinzelt noch mit den Augen. Siehe, College, wenn ich ſagte: daß die Lebendigen nicht ſo viel werth waͤren, ſo ſollte das nur dem Worte vorreden: daß die Todten gar nichts werth ſind, wenn nicht funfzehn Guineen!— und dafuͤr hat uns— pro Mann, der Mohr an die Auferſtehungsmaͤnner verkauft und dieſer Tage das Gold ſchon verjubelt! Denn we⸗ nigſtens die Haͤlfte von uns wird nicht mehr weggehen. Aber wir Andern muͤſſen uns vorſehen, denn ſonſt kommen wir auch auf's Theater; denn die jungen Lieb⸗ haber deſſelben haben die Herrn Theater-Lieferanten gelehrt: mit dem Scalpel umzugehen, und wenn wir nur einſchlafen, wuͤrde man kein Merkmal von Gewalt an unſern ſtillen Perſonen merken! Silvati ſaß wie gefroren von Angſt vor den Maͤn⸗ nern; aber er konnte ſich nicht mehr des Schlafes er⸗ wehren, den er ſich aus dem zweiten Glaſe getrun⸗ ken. Dagegen beklagte nun Klimm ſeinen Hintritt, den er in allen Adern zu ſpuͤren glaubte, und wollte ſich vor demſelben noch wenigſtens einem Menſchen entdecken; und hierzu war nun Niemand mehr da, als Doctor Hetzer. — Rede, Klimm! daß ich wenigſtens nicht einſchlafe, verſetzte dieſer ſchon horchend, denn es war dunkel ge worden und ein furchtbares Schloßenwetter praſſelte an die Kuppel, und ſchlug auf die Scheiben derſelben, welche allerhand Portraite in der Decke bildeten, jetzt aber kaum Schatten waren. Haͤtten wir nur Licht! ſtohnte Hetzer. Was Licht! lallte der Architect. Ein Erzbaumei⸗ ſter wär' ich geworden, hätte ich meine große Pyramide auf dem ſuͤdlichen Berge bei London aus lauter Lon⸗ doner Einnehmern erbaut! Was? Woraus! Jeder Quader zu meiner Pyramide waͤre ein Cry⸗ ſtallſarg geweſen, und in ihm die Buͤſte jedes Ein⸗ wohners, aus ſeinem eignen Knochenglaſe gegoſſen! Das waren in ſechzig Jahren ſchon ein Paar Millio⸗ nen Quadern! und eine Pyramide! Und oben darauf eine einzige Gaskugel zur Erleuchtung der ganzen Stadt und des Stromes! Und einen Schirm uͤber dieſen großen nahen verbeſſerten Mond, hundert Fuß im Durchmeſſer. Denn, mit Erlaubniß zu ſagen, auch die kahle Luna wuͤrde Uns viel beſſer ſcheinen, wenn der Himmel uͤber ihr einen Lichtſturz ange⸗ bracht! Denn beim Saturn hat er mit dem Ringe ſchon einen dunkeln Gedanken von meiner Idee gehabt! Nun imaginiren Sie ſich, welches moraliſche Licht von meinem Mauſoleum herab meine Leuchtkugel verbreitet, die ganz London gewarnt— beſonders des — 246— Abends! und Herz und Verſtand erleuchtet mit Un⸗ ſterblichkeitsgedanken. Oh! qualis artifex pereo! welche Wunder ſterben mit mir! Du weinſt, Klimm, Erz⸗ architect! Daruͤber nicht ſowohl, als uͤber das Loch, das beruͤhmte Loch! Es hätte Klimms— Schacht ge⸗ heißen, ſo lange Klimm todt war! Nun werde ich todt ſein, und es wird nicht ſo heißen, ja nicht ein⸗ mal ſein!. Raſſelte es nicht an der Thuͤr? fragte Hetzer und ſchauerte zuſammen. Laß raſſeln! lallte er weiter, und hoͤre mein letz⸗ tes Wort. Sieh, die Erde iſt eine Seifenblaſe der Kin⸗ der Gottes, ein hohler Komet ohne Kern, der, wer weiß, in welcher Campagne den Schweif verloren, eine Pommeſinenſchaale! Durch die Schaale nun haͤtt' ich ein Loch abgetäuft, einen Senkbrunnen, etwa zwanzig bis dreißig Meilen tief! haͤtte den Goldkern oder die Erdgeiſter gefunden und ich war, ich, Harry Hardy Flimm, war der groͤßte Englaͤnder! und England war im Beſitz des Zolles, und der Dardanelle zum Reiche des Aladius! Beide erſchraken jetzt. Denn des Apothekers Azor, als Hund nur mit Straͤuben, und datum nicht recht vergiftet, ſprang jetzt auf den Tiſch, bellte, winſelte, wartete vor ſeinem Herrn auf, kratzte an ihm mit der Pfote, leckte ihm die Hand, boll auch die Andern an, die ſchwiegen und ſchliefen in der Finſterniß. Trotz — 247— des Gebelles ſchlief auch Klimm zuletzt ein; und Hetzer ſuchte ſich in der Tiefe der Kapelle wo zu vetbergen. Denn den Auferſtehungsmännern zu entfliehen, ge⸗ lang ihm nicht. Er hatte zwar den Silvati hereinlaſ⸗ ſen geſehen, er war auch jetzt hinunter zu der Scheibe geſtiegen, auf welcher ſich die ganze Buͤhne, Saal und Logen, mit Zuſchauern umdrehen ließ, aber nicht allein im Stande geweſen, die Kurbel zu bewegen, bis die innere Thuͤr auf die äußere gepaßt. Und ſo blieb er hier drunten, halb getroͤſtet von dem wiewohl irrigen Wahn, daß wenigſtens die Haͤlfte von ſeinen Collegen uͤber ihm wirklich hinuͤber geſchlummert ſeien; ſonſt waͤre ſeine Angſt nur noch groͤßer geweſen, wenn er ſie nicht mit Gewalt erwecken konnte, was ihm jetzt nicht einfiel; ja es ſchien ihm ſogar nicht mehr ſicher das an Freund Hain und Miß M'Aulay nur zu ver⸗ ſuchen. Denn es raſſelte jetzt(wohl ſchon um Mitternacht) nicht mehr an der Thuͤr, aber der Hund bellte fort— Denn deutlich hoͤrbar legte man Leitern an, wahrſchein⸗ lich um oben zur Kuppel hereinzuſteigen! Denn ein Theil des Fenſters in der Decke der nicht eben hohen Rotonde fiel herab, und Klimm fing erſchreckt an zu ſchreien und war wieder ſtill. Nun hoͤrte er ſchnurrend eine Strickleiter herablaſſen. Es ward Fackellicht. Ein Mann ſprang herab auf den Tiſch, und beleuchtete ſich wahrſcheinlich die Gruppe erſt, denn derſelbe ſchwieg eine ganze ſchaurige Weile. Dann rief eine gedaͤmpfte — 6— hohltoͤnende Stimme von oben: Drehe die Kurbel! daß die Andern zur Thuͤr hinein können! Und ſo kam denn die Fackel und der Mann zu Hetzern herab in ſeinen Verſteck, welcher vor dem Fackelträger auf die Kniee fiel und um ſein Leben bat, und bat ihn nicht aufer⸗ ſtehen zu laſſen, ſo lang' er noch lebe. Armer Narr! ſagte der Mann ihn aufhebend. Hinweg und helft! Warum treibt Ihr hier ſolche Dinge. Dann ſtellte er die Thuͤren, wozu der Doctor ſelbſt Hand anlegen mußte. Dann gingen ſie hinauf. Mehrere Windlichter erſchienen nun durch den Eingang. Die Eingedrungenen aber bemaͤchtigten ſich nur des Mohren, den man behutſam forttrug, und Silvati's. Ueber dieſes Geraͤuſch erwachte Miß M'Aulay. Sie zitterte am ganzen Leibe. Sie blickte auf ihren Braͤutigam und Architecten, dem nur das hoͤlzerne Bein zerſchmettert war. Sie geſtand den Unbekannten ihre Vorſorge durch Vertauſchung des Giftes mit Schlaf⸗ trunk; ſie verſicherte, daß dieſe Herren am Tiſch Alle nur ſchliefen und Keiner toöt ſei. Alles gewaltſame Einſchreiten ſei gewiß uͤberfluͤſſig; morgen hätten ſie ihren Tod verſchlafen! Zwiſchen dieſen Menſchen ſei keine andere Auskunft geweſen! Alſo mein Mann iſt nicht todt! rief die junge, ſchoͤne, vor Entzucken wie unſinnige Frau Apothekerin; er hat mir es doch im Briefe von hier aus geſchrieben! Darum komm' ich! — Und vor Freuden fiel ſie jetzt der Miß M' Aulay ——— um den Hals, da ſie ſtumm und faſt verborgen bisher am Halſe ihres Mannes geweilt. Hetzer war noch immer nicht im Herzen ruhig, da er wußte, was der Mohr verhandelt, und rieth auch, die Uebrigen der Sicherheit wegen— in Zimmer des Gaſthauſes, in Betten zu bringen. Und ſo geſchahe es, und nach einer Viertelſtunde war die Kapelle oͤd' und nur monderleuchtet. XVIII. Der Thurm. Der Morgen brach an. Der Vorgang hatte im Gaſthaus Storung verurſacht. Auch Frau Mill war daruͤber munter geworden und hervorgekommen. Sie erkannte jetzt Mſtr. Roſe, den Kammerdiener Sir Ned's, und frug ihn, woher? und was hier vor ſei? Sie werden ja wiſſen, beſte alte Mill, daß Ihr Mydoctor hier im Weltgericht ein Duell gehabt.— — Ein Duell? nicht ein Wort! Aber nur ruhig, das iſt abgethan. Ich bin auf einer Strickleiter hineingeſtiegen, und oben liegt er im Zimmer Nr. 18 mit Sir Chriſtophern, unſerm theuern Mohren! Unſerm? Nun ja! Unſerm! Er hatte unſerer Lady geſchrieben: daß er Ihrentwegen ſterbe! Das hält keine Frau aus, auch eine keuſche Cynthia nicht, wie unſere. Sie muß — 254— in ihrer Seelenangſt den Brief ihrem Manne, meinem Ned mitgetheilt haben, denn es ward angeſpannt und hierher gejagt. Ohne anderweitige Weiberliſt und Liebe — ich meine ohne die treffliche Miß Lieutenant M' Au⸗ lay— aber kamen wir dennoch zu ſpät. Sir Ned iſt mit hier. Es wird gleich wieder nach Hauſe gefah⸗ ren. Die Lady iſt vor Schaam im Wagen geblieben, obgleich in der Nacht. Ihr Mann iſt bei ihr. Er war innerlich empoͤrt uͤber die Angſt ſeiner Frau, die ſie um einen Andern in Lebensgefahr ausſtand. Aber gut wie er iſt, hat er ihr den Willen gethan, und wird vielleicht nun noch mehr thun, als ſie will. Sie wird nun auch einmal etwas muͤſſen, naͤmlich: ſich von ihm ſcheiden! Ich bin auch entruͤſtet; und blos zu meines Herren Ehre ſag' ich das hier einer alten Frau; die wird's nicht verſchweigen! Darauf hatte Frau Mill, nichts von ihres My⸗ doctors Verlobung wiſſend, wohl aber ſeine erbarmungs⸗ wuͤrdige Lage kennend, gewiß Sir Ned, ſeinen Anver⸗ wandten, gebeten: den armen verlaßnen ungluͤcklichen Doctor mit zu ſich zu nehmen! Denn als ſie ihn oben in ſeinem Zimmer beſucht und ihn halb ermuntert, war es ihr obendrein vorgekommen, als wenn er von allen den Hergaͤngen und von den Gedanken und Treiben in dieſer Nacht den Verſtand verloren. Der Mohr wurde zuruͤckgelaſſen, und in einem dem Waiter anvertrauten Billet von Sir Ned ſehr artig gebeten, ihn heut' uͤber vierzehn Tagen beſtimmt zu beſuchen! Zu dem Billet hatte Sir Ned die Boͤrſe ſeiner Frau beigelegt, welche er aus der ſeinigen gefullt, da ſie, wie gewohnlich die weiblichen Geldbeutel, leer geweſen. Sir Ned ſelbſt, Lady Eynthia und Doctor Silvati ſaßen bald im Wagen, Frau Mill aber draußen neben Mr. Roſe, und ſo ging es im Fluge nach Hauſe. Da Silvati mit dem Arm in der Armſchleife hing, und ſichtbar in einem Zuſtande der Verſunkenheit war, die ihm, von dem gelben Morgenſcheine gefaͤrbt, ein Anſehen gaben, wie kein Menſch jemals haben ſollte — ſo beſprach ſich Sir Ned mit ſeiner Frau, oder vielmehr er ſprach allein zu ihr, die ſich in ſeinen Arm gelehnt und leiſe weinte, oder ſich doch manch⸗ mal die Augen zu trocknen— ſchien. Nun ſind wir ſo weit! ſagte er ruhig, mit Gottes Huͤlfe! Denn ich habe die Gegenwart des mir von Ben⸗ John heimlich aufgedrungenen alten Doctor Seligo zu meiner Belehrung ſehr wohl benutzt. Da ich Dein Mann geworden, habe ich nicht gelobt: kein Menſch mehr zů ſein! und Der oder Das oder Die biſt Du ja auch noch, wenn Du auch nicht mein Weib mehr biſt. Zum Schein und zum Vorwand vor dem Gericht„haſt Du mich boslich verlaſſen“— ſo ſind wir geſchieden; denn dieſen Herrn oder den Geſetzen, wie ſie bei uns ſind, liegt nichts an dem Gluͤcke der Men⸗ ſchen, ſie richten wie ein fuͤhlloſes Beil Alles durchweg, was ſich auf ihren Block legt, und ſtreichen dafuͤr ihren — 3 — Lebensunterhalt ein. Sie laſſen uns ſorgen. Aus Liebe zu Dir aber thu' ich Daſſelbe, und laſſe Dich walten; ich will Dich gluͤcklich ſehen und wiſſen. Doch vor der Welt muß ich die Ehre bewahren! und ein Whim, ein grotesker Scherz wird mir uͤber den Vor⸗ gang helfen! 6 — Ach!— ſeufzete Eynthia. In vierzehn Tagen iſt Deine Hochzeit, und ich richte ſie aus, und Du ſollſt ſehen, ſplendid! Und mir zur— renommé— daß ich die Lacher und Spoͤtter auf meiner Seite habe— lade ich alle faſhio⸗ nable Mohren, alle geſchiedene Frauen und Maͤnner dazu, ſo viele ich meine, daß zu uns kommen, und einigermaßen von unſrer Bekanntſchaft ſind. Oh! ſeufzete Eynthia. Ich beſchere Dich dem Sir Chriſtopher. Welche große, weiße, gluckſelige Augen ſoll der arme Teufel machen. Ich weiß, wie gluͤcklich er durch Dich wird, und ſo werden wieder Zwei gluͤcklich und Einer nicht ungluͤcklich, und der Eine bin ich— ich W Mich und Alceſte. Ach! ſeufzete Cynthia. Aber vorher kein heimliches Wort zu Sir Chri⸗ ſtopher! Ich ſchenke Euch Ben-Johns Vermoͤgen. Biſt Du zufrieden? mein Herz, meine Seele! Oh!— ſeufzete Eynthia wieder. Ich bin in Dei⸗ ner Gewalt, in Deinen guten Haͤnden! Du behandelſt mich wie ein Vater und eine Mutter zugleich, ſo wie — 254— Du es meinen Aeltern verſprochen, als Du mich aus ihrem Hauſe fuͤhrteſt in Deines. Aber laß mich bei Dir bleiben! I†ch bin mit Alceſte zufrieden, an der Du keine Freude gehabt— durch meine vergangenen Tage. Laß ſie mir!— Silvati hatte das Geſpraͤch gehoͤrt und in der Verwirrung ſeiner Gedanken ſprach er, mit zugeſchloſ⸗ ſenen Augen, darein: Die Natur hat Wunderliches gemacht! aber nicht vergebens, wenn der Menſch dar⸗ aus klug wird, was ſie in Thieren und Pflanzen als Rath oder Warnung, wohl auch als leiſe Satyre auf⸗ geſtellt im Bilde! Wird ein Papageientaucher in Lapp⸗ land in ſeiner Höhle gefangen, dann halten ſich alle Hausgenoſſen einer an den andern an, und ſo werden ſie alle gefangen und abgewuͤrgt. Sir Ned, mein ſehr ehrwuͤrdiger Vetter aber läßt eine Gefangene los! und an ihm bleiben die Seinen, und bleibt Alceſte im Sichern zuruͤck, und er ftuͤrzt nicht mit in das Un⸗ gluͤck, in das ſonſt jeder aus einem Hauſe Gefangene ſeine ganze Familie ſturzt. 8 Oh! ſeufzete Eynthia wieder. Man muß die Natur verſtehen! fuhr Silvati fort: Die Menſchen ſind Papageientaucher! und Wer das alberne ſchlechte Mitglied des Hauſes faͤngt, und ſo Alle darin um ihr ſchoͤnes Leben bringt— nun Der iſt der mordluſtige abſcheuliche Jaͤger, der keinen Be⸗ griff davon hat, was er thut, denn ſonſt thaͤt' er es nicht— auch der Mohr nicht. Die Natur iſt ſo dumm nicht in ihren albernen Sachen!(— Eben ging die Sonne auf.) Jetzt geht mir ein Licht auf!— ſprach er. Ich glaube Ich bin der Jäger, der alle die Papageien todt gemacht! Sonſt glaubt' ich, ich waͤre in England und das, was man dort ſo artigraſend iſt, einen Doctor zu nennen! Aber das iſt ja hier Lappland!— Dabei ſah er mit geſchloſſenen Augen zum Fenſter der Kutſche heraus.„Der Menſch orientirt ſich!“ Der arme Vetter hat den Verſtand verloren! klagte Sir Ned; ſo muß ich ihn ſchon behalten. Er ſoll auf den Thurm, wo der alte Seligo noch ſeine Paar Tage bis zum ſiebenzigſten Jahre bei uns verborgen war⸗ Der blinde Baͤckergeſelle mag um ihn ſein, oder das Candiotiſche Tuͤrkenmädchen, Mirza. Die hab' ich auch todt gemacht! es iſt richtig, ſetzte Silvati hinzu. Laß mich bei Dir bleiben! bat Cynthia. Unmoͤglich! entgegnete ihr Sir Ned unter ſanftem Haͤndedruck. Verzeihe mir! Nach einer Trennung ſpricht man endlich zum erſten Mal ganz aufrichtig zu einander, nachdem man ſo lange ſeine eigenen heimlichen Gedan⸗ ken gehabt. Ja ſelbſt als Braͤutigam taͤuſchet man Euch oder ſich gewiſſermaßen. Der Herr hat mich ſo geſchaffen, wie ich war: nicht liebenswuͤrdig fuͤr ein Weib— wie Ihr nun ſeid. Aber ich rang doch nach menſchlichem Gluͤck und Daſein! Ich waͤhnte: Eine wird ſein, die mich lieben kann. Ich empoͤrte mich gegen ihn. Ich wollte ertrotzen, oder doch zu erſchlei⸗ chen verſuchen, was er mir verſagt. Mein Wunſch, von Dir geliebt zu ſein, war nur der Verſuch; ob ich auch ein Menſch ſei? Ich habe Dich betrogen! Ich habe Dich in Dein Ungluͤck geſtuͤrzt! Ich muß es gut machen, ſonſt bin Ich der Suͤnder, ſagt Seligo. denn der Menſch ſoll beſcheiden, und beſchieden ſein mit dem, was ihm der Gott gewährt. Nur darin kann es ihm ein Gluͤck, ſein Gluͤck geben. Lehnt er ſich auf, ſo verfällt er in tauſendmal ſchlimmeres Ungluͤck. Alſo — ich habe Dich nicht geliebt. Vergieb! Deswegen haſt Du auch mich nicht geliebt— und wo Liebe nicht iſt, iſt Verrath, Untreue 3 Leid und Unheil fuͤr das eigene Herz und fuͤr die Andern. Ich habe Dir nichts zu verzeihen. Und— ich ſpreche jetzt aus mei⸗ nem Sarge: Ich bin wieder glucklich! denn ich ertrug es ſtill. Nur ſo lange ich widerſtrebte, war ich elend; und in dem Kampfe um Ergebung brach mein Herz; es verzehrte ſich, wie die Blume die Erde ausſaugt, aus der ſie gedeiht: die Genuͤgſamkeit, die Zufriedenheit — um des Herrn willen— und ſo zuletzt Ruhe im Leben, und Friede im Tode, wie Du auf meinem Geſicht ſehen wirſt, und Hoffnung der Gluͤckſeligkeit, da, wo Du mich nicht wieder ſiehſt! Darauf war ee ſtumm wie ein Todter und laͤchelte wie ein Seliger. Waͤhrend nun Sir Ned alle noͤthigen Schritte that, alle Anſtalten zur Hochzeit drunten im Schloſſe gemacht, und Gaͤſte blos wie zu einem großen Schmauſe geladen wurden— ſaß Silvati droben auf ſeinem Thurme, im hoͤchſten Geſchoß. Der Thurm aber hatte eine Plattform, die zum Aufenthalt ſeltener ſchoͤner Vögel eingerichtet, mit einer großen weiten Kuppel, von ver⸗ goldetem Drath geflochten, bedeckt warz und gegen die Hitze der Sonne mit einem rothſeidenen Sonnenſchirme, groß wie fuͤr den großen Chriſtoph, durch Aufſchlagen deſſelben geſchuͤtzt werden konnte. Hier brachte nun Silvati der ſchoͤnen Ausſicht wegen— uͤber London und die mit Wohngebaͤuden und Villen uͤberſaete Land⸗ ſchaft— den Tag zu. Und Unterhaltung gab ihm noch außerdem ein herrliches Henhoͤferſches großes Fernrohr, das ihm die fernſten Geſichter und Scenen herauf zau⸗ berte; vor Allem aber ein, mit Stentorſtimme hallen⸗ des, durch die Luft brauſendes Sprachrohr— welche zwei Inſtrumente, als oft recht brauchbar, Sir Ned hier oben ſtehen hatte, und die Silvati gefunden. Die Gegenwart des alten blinden Bäckergeſellen, der den Seligo bewacht und geaͤtzt, und noch hier oben wohnte, ſeit Jener zu den Seinigen endlich zuruckkehren duͤrfen, verſchlimmerte ſeine Einbildung, und unterhielt ihm den Wahn: Er ſei der Tod. Frau Mill hatte nicht ohne Urſache ſo dringend bei dem reichen und guten Vetter Sherif fuͤr ihn gebeten, denn durch ſeine Ver⸗ ſorgung war fuͤr Sie zugleich mit geſorgt. Und nun Schefers neue Nov. u1I. 47 — 238— that ſie ihm alle Pflege und Liebe. Im Schloſſe war keine Aufſicht; denn wo die Frau nicht mit Luſt und Liebe iſt, da geht Alles aus einander, und jeder. lebt auf eigene Hand ſo gut es geht. Und hier ging es in dem reichen Hauſe ſehr gut. Und Frau Mill war wie die Katze darin, die ſich alles Unbewachte ſo⸗ gleich und leiſe beſchleichend zu Nutze macht. Mirza, das arme ſchoͤne verlaſſene turkiſche Maͤdchen hatte wirklich hier ihre Zuflucht geſucht und gefunden. Aber nun in Engliſchen Kleidern— nur mit Beibehalt des auch hier jetzt modiſchen Turbans — war ſie faſt nicht mehr zu kennen, und ihrem Ge⸗ liebten nur ein Glas Waſſer hinauf zu tragen, nicht zu bewegen. Lieber diente ſie Eynthia, ſo gut ſie das verſtand. Sie hatte nun eine wahre Ehrfurcht vor dem wahnſinnigen jungen ſchoͤnen Manne da droben, und dieſe aus ihrem Volke ihr angeſtammte Ehrfurcht milderte doch zu Zeiten die Schmerzen ihrer Liebe. Da⸗ gegen wandelte ſie noch oft gern ſpaät um das Schloß und hoͤrte, wie er mit der dumpfen gewaltigen Stimme des Sprachrohrs in den geſtirnten Himmel hinauf das Vater unſer betete, und mit den ſchmerzlichſten herz⸗ zerſchneidenſten Toͤnen, die der Nachtwind wieder wie aus den Gewoͤlken zur Erde hinunter druͤckte, das „Vergib uns unſere Schuld!“ und das:„Erloͤſe uns von dem Uebel!“ wohl zehnmal wiederholte. Wenn ſie da droben im Himmel wohne, meinte und weinte ſie— wolle ſie ihm ja gern Alles vergeben!— auch — 259— das, was er ihr gethan— was ſie geſehn! Dann fürchtete ſie ſich vor dem ſchrecklichen Drohnen und Wal⸗ len aus hoher Luft und aus tiefem Herzen, und huͤllte ſich bang in ihr Bett, wie in ihr Grab. Denn ge⸗ wöhnlich ſchloß er die nächtliche furchtbare Seene mit dem Worte:„Zuletzt iſt aufgehoben der Tod!“ und damit mochte er ſich meinen, als werde er erſt nach allen Menſchen ſterben. Denn uͤber Tage ſchreckte ihn die breite ſchwarze Rauchwand, die gebirgehoch und meilenlang uͤber London haͤngt wie ein Grabtuch. Vielleicht glaubte er in dieſer aufſteigenden ſchwarzen Maſſe, beſonders des Nachts, wenn der Mond kläg⸗ lich daruͤber ſchien, die vom Erz⸗Vaumeiſter Klimm projectirte große Pyramide zu ſehn. Denn er ſahe, oder meinte mit ſeinem Fernrohr des Tages die wohl hundert Leichenzuͤge in Galopp aus der Stadt zu Grabe fahren zu ſehn; und ſo oft er einen ſolchen Wagen mit den ſchwarzen Pferden und weißen Reiherboͤſchen auf den Koͤpfen erblickte, rief er aus einer bekannten Arie die Worte: „Den hab' ich auch curirt!“ Und das rief er des Vormittags wohl funfzig Mal, und jeden Geſtorbenen glaubte er als Arzt auf ſeinem Gewiſſen zu haben, und darum rief er es unter Thränen aus: Den hab' ich auch curirt: Noch wehmuͤthiger aber hörte es ſich des Nachts zu, wenn er hohl in den hohlen Himmel hinauf mit irren Ge⸗ danken betete:„Meine Mutter, die du biſt im Him⸗ 4 mel.“ Wenn er ſo angefangen, ſchwieg er dann, und man ſahe ſein Licht ausloͤſchen. Frau Mill meinte nun blos: der iſt zum Doctor verdorben, total! als Sir Ned einſt mit ihr zuhoͤrte. Aber der tieferſehende Sherif meinte: Er wird nun erſt Einer werden! Denn Silvati hatte denſelben Morgen grade die ſchoͤnen Voͤgel vom Thurme fliegen laſſen, gleichſam ſie ausgeſandt in alle Welt, jeden in ſeine Heimath; und jeder, mit geringerer oder groͤßerer Muͤhe, entfernter oder naͤher wiedergefangene Vogel hatte ein großes Recept unter ſeine Fluͤgel gebunden, das ihn am Fliegen gehindert, das ſie vielleicht Jahre lang nicht geuͤbt. Auf dieſen Recepten ſtanden Vorſchriften aus einer ganz neuen Heilmittellehre, als:„Frau und Kind bei ſich, eine Flotte, eine Armee, zehn gewonnene Schlachten; Unterſchrift: fur Huſſein Paſcha in Schumla, oder Napoleon auf Helena; gegen Magenkrebs!“—— „Ein treuer Mann, kein Pallaſt gegenuͤber, worin ſeine Geliebte mit ihrer Freudentochter lebt. Unterſchrift: fur Leopoldine, gegen den Kummertod!“—„Gegen Schlag, fuͤr den Mann, der an der Nachricht von 200,000 Pfund Sterling Erbſchaft geſtorben—: Ueber⸗ zeugung: daß Geld nicht ſelig macht!— Gegen Taub⸗ heit und zerſchmetterte Glieder—: YPulverfabrik durch Maſchinen fern von der Stadt, am beſten keine ſolche „Pulver-Fabrik!“——„Gegen die zwiſchen zwei Schiffen zerquetſchten Gliedmaßen von vier Matroſen—: zeitig angezundete Laternen!“— Gegen die tödtlichen Wunden der Schmuggler—:„Handelsfreiheit!“— „Gegen erbaͤrmliches Hofmeiſtern eines Candidaten der ſeinen Gegner erſtochen:— Maͤßigung des Zornes und der Rache.“— Und dergleichen. Doch unvermuthet auch noch als bloßer„Geiſt des Thurmes“ erhielt der arme Silvati noch eine ent⸗ ſcheidende Wichtigkeit! Denn Sir Godolphin, der Bruder der Lady Eyn⸗ thia, hatte ſeine Braut Miß Sylvia, und ihre Mutter, Madame Magolini zu ihres zweiten Mannes Bruder gebracht, der in der Nahe von London wohnte, nach⸗ dem ſich der Zuſtand der Kranken ein wenig gebeſſert. Jetzt nach vierzehn Tagen, zufaͤllig grade am Tage der Betkur Alceſte's und am Tage der Hochzeit, wovon er nichts wußte noch ahndete, wollte nun Sir Godol⸗ phin ſeine Schweſter Lady Cynthia beſuchen, ſie uͤber⸗ raſchen, und ging, eine Jagdflinte uͤber die Schulter, auf ihren Wohnſitz zu, und betrat eben ein kleines Gebuͤſch— den geweihten Hain. Ploͤtzlich erſchallt eine Stimme vom Himmel droͤhnend herab in ſein Sr „Da hab' ich ein Maͤdchen ermordet!“ Er erſchrak. Er Dann wollte er weiter gehen. „Halt!“ ſcholl es wieder.„Halt!“ Und er ſtand wie verzaubert. „Rechts, da! unter der alten Eiche,“ erſcholl es wiederhallend. Sir Godolphin ſchritt zu der Eiche mit Haſt. „Sie ſteht in der Hoͤhlung, droͤhnte es wieder. Und wirklich ſah er erſtarrt, ein weißes blaſſes Madchen, blutig und blutend aus der Bruſt, mit ge⸗ falteten oder gerungenen Haͤnden, in der ſchwarzen nie⸗ drigen Hoͤhle des ausgebrannten Stammes. Er griff ſie mit Schaudern an. Sie war warm, aber ſie lebte nicht mehr. Sir Godolphin ſammelte ſich von dem Schreckz denn ſolchen Thaten gegenuber, die kurz zuvor anderer Menſchen Gedanken waren, zerſtreut und verliert ſich der Menſch in alle Grauſen der Natur und der Menſchenbruſt; dieſe Eine Wirklichkeit wird ihm die Pforte zum Reiche der Moͤglichkeiten, ein Aushänge⸗ ſchild der Hoͤlle, die ſeine Sinne bannet, bis der Ab⸗ ſcheu davor ihn ſelbſt wohlthaͤtig in ſeiner Bruſt davon ſcheidet, und er freudig ſpuͤret: ich bin nicht, was ich ſehn und denken muß. Dann tritt erſt das Mitleid zu ihm wie ein Engel, und die allgegenwärtige, allmächtige Goͤttin:„Huͤlfe,“ die ſchoͤnſte wohlthaͤ⸗ tigſte, eigenſte Goͤttin der Menſchheit. Er wollte das arme weiße Mabchen forttragen, oder Arzt und Richter holen; und nach wenigen Minuten, ſeit ihn die Stimme angerufen, eilte er ſchon. — Wie er nun ging, gewahrt' er vor ſich, ſchon außer'm Gebuͤſch einen behend ſchreitenden Mann, der ſich gelaſſen umſah. Godolphin erſchrak vor dem ſchwar⸗ zen Geſicht deſſelben, und die Stimme ſcholl zornig und haſtig ihm wie vor die Fuͤße:„Das iſt der Tod! des Maͤdchens Tod.“ Dann blieb ſie ſtill. Der Moyhr ging nach dem Schloſſe. Sir Gobol⸗ phin zogerte lange, voll Gedanken und Zweifel und trat wohl erſt eine Viertelſtunde nach demſelben ein in die Halle, und frug nach dem Sherif. Dieſer ließ den gemeldeten Fremden wieder nach laͤngerer Zeit erſt in den Saal treten, der voll von vornehmen Herren war, unter welchen auch Mohren. Sir Godolphin ſtund im Drange, ſich zu erkennen zu geben, aber noch mehr bedraͤngt von dem Vorfallez und ſo vertraute er gleich nach der erſten Begruͤßung Sir Ned an, daß er ein unbekanntes todtes Maͤdchen gefunden, und daß wahrſcheinlich ein Mohr— da, grade jener dort— ihr Moͤrder ſei. Der Sherif aber wehrte das ab, und verſicherte: Dieſer ſei auf ſein Entreebillet hierher gekommmen, um ſein eigenes Weib— Lady Cynthia fortan zum Weibe zu nehmen, die er aus Freundſchaft fur dieſelbe ihm uͤberlaſſe, wie ſogar der Heide Cato von Utica ſeine Marzia dem Redner Hortenſius uͤberlaſſen! „Sie ſehen alſo— ſchloß er laͤchelnd— das iſt mein beſter Freund, und mein Nachfahr im Eheſtande. — 264— Der Mohr, Lady Eynthia unb Andere waren in⸗ deß den Beiden genaht, und umſtanden ſie. Sir Go⸗ dolphin aber war ſo uberraſcht und ergriffen von dieſer ihm ſchrecklichen Entdeckung, daß er ſich nicht mehr aufrecht halten konnte, noch weniger ein Wort vorbrin⸗ gen, ſelbſt als Sir Ned, ſein Schwager, dem Moh⸗ ren ein Wort in das Ohr geraunt. Nur ſahe er: ſeine Schweſter Cynthia war blutroth geworden. Sie geleiteten ihn in das Nebenzimmer, wo er auf das Sopha ſank. Aber krank und betaͤubt, ward er von den Dienern in ein ſtilles Zimmer gebracht, wo er blieb, während die Vermählung ſeiner Schweſter Eynthia mit Sir Chriſtopher vollzogen wurde. Erſt gegen Abend war er im Stande, ein Paar Zeilen an ſeine Schweſter Eynthia zu ſchreiben„als ihr Bruder.“ Und ſie, und ihr neuer, zweiter Mann, und Sir Ned kamen nun eilig zu ihm. Er hatte ſo eben das Kleid ausgezogen. Da fiel ein wahrſcheinlich ſchnell und ſchlecht ihm vor⸗ hin ſchon eingeſtecktes blutiges Schnupftuch auf den Boden, haͤrter als ein Tuch fallt. Der Sherif hob es am Zipfel auf, ein blutgefärbtes Meſſer fiel daraus. Aber Sir Ned, Stickerei und Namen erkennend, rief plötzlich: Meine Tochter! und es Eynthia hinhal⸗ tend, ſtammelte er: Deine Tochter! Und Godolphin, ſeine Eynthia als Eigenthum eines Moͤrders bejammernd, fluͤſterte leiſe zu ihr: O meine Schweſter! — 268— Und Cynthia, jetzt ihn als ihren erwarteten Bru⸗ der erkennend, und bedenkend, welcher That er— viel⸗ leicht, gewiß— ſtatt eines Andern— und ach, welches Andern— beſchuldigt war, hatte kaum ſo viel Athem und Leben in ihrer Bruſt, um leiſe zu ſagen: O mein Bruder! XIX. Silvati heirathet. Nach dreien Tagen war auch dieß Neue ſchon etwas Altes Feſtes,— ja es war Natur, womit nun Jeder ſich abfinden mußte, wie er konnte; es war etwas Dauerndes, Bleibendes, mit dem Jeder von nun auf immer leben ſollte. Silvati hatte die Scene im Waͤldchen geſehen. Und der Arme hatte ſich ſelbſt nicht ohne Grund fuͤr den Moͤrder Alceſte's gehalten; denn durch ſeine Ver⸗ ſaͤumniß war Ben-John geſtorben; Sir Ned hatte nun deſſen Vermoͤgen— durch ihn— geerbt; Sir Chri⸗ ſtopher hatte alſo noch brennender den Tod des reichen Sir Ned gewuͤnſcht, um ſeine Eynthia dann zu er⸗ werben. Zum Leben Sir Ned's aber hatte ihm ſchon ein Schreck, ein Leid, das er der ſo ſchon verlorenen Alceſte zufuͤgte, der kurzeſte Weg geſchienen. Ob er ſie aber auch grade ermorden wollen, konnte Sir Ned nicht von Silvati ermitteln; denn die Wunde war nicht toͤdtlich— was Aerzte dem Schein nach ſo nen⸗ — 266— nen— und doch war das arme Kind todt. Sir Chri⸗ ſtopher hatte Zeit und Stunde ihres einſamen Betens im heiligen Haine gewußt. Aber zu beweiſen war ihm Nichts; denn aller Anſchein ſprach gegen Sir Godol⸗ phin, und der einzige Zeuge, der deſſen Unſchuld täg⸗ lich, wenigſtens alle Abende dem Himmel beſchwor— war von Sinnen, und konnte erſt gelten als Zeuge— wenn er geheilt war, Durch Silvati's Zeugniß aber warb Lady Cynthia vollends ungluͤcklich, denn dann war ihr Geliebter, ihr Mann verloren, mit welchem ſie ſeit dem Hochzeittage fern von Sir Ned lebte. Sie hatte ihren neuen Gemahl ſonſt immer ſo liebenswuͤr⸗ dig durch ſeine Geſtaͤndniſſe gefunden, ob ſie gleich meiſt von ſolcher Art waren, daß ſie jedes andre als ein liebeverwuͤſtetes Herz auf ewig von ihm verſcheucht; ſie hatte ſeine Luͤſternheit und brennenden Begierden aller Art— offenes Weſen, ja ſogar Kindlichkeit ihn einen freien hohen Sohn der Natur genannt, daß ſie es nun auch dazu rechnen muͤſſen— als er ihr in der Brautnacht ſeine That geſtanden— die er, wie Koͤnig Richard, blos veroͤbt: um ſie zu beſitzen. Weil aber ihr Bruder dießmal dadurch in Lebensge⸗ fahr gekommen, ſo ward es ihr ſchwer und als Mutter unmoͤglich: auch dieſen Charakterzug—„kindlich“ zu nennen; und das arme Weib, von doppelter Furcht wie getheilt, und von doppelten Neigungen zerriſſen— von der naturlichen und der unnaturlichen— ſprach ſeitdem kein Wort. — 268— Aber auch dieſen ihrem Gemahl war die heimlich gewagte, ſchlau berechnete That nicht gleichguͤltig gewe⸗ ſen, weil er dadurch, ohne ſeinen Willen, den Bruder ſeines Weibes in ein Ungluͤck geſtuͤrzt, woraus er ihn nicht ziehen durfte. Ueberdieß war er von Sir Ned durch die ihm verſchwiegene Ueberraſchung— betrogen worden mit Eynthia, und hatte aus innerſter Seele ge⸗ ſtoͤhnt, als der brave Mann, der ſeinem Weibe Unrecht und Schuld erſparen wollen, ihm an jenem beſtimmten Tage, in jener kritiſchen Stunde ſogar, ſeine ſchoͤne, geſchiedene Cynthia ſelbſt nebſt Ben-John's Vermoͤgen vor Zeugen abgetreten. Aber der Mohr war ein Mann von Haltung und Faſſung. Und ſo war er am Ziele ſeiner Wuͤnſche nicht zuruͤckgetreten, weil er— einen uͤberfluͤſſigen Schritt dazu gethan. Indeß war ſeine Liebe zu Eynthia aufrichtig, und weil ſie litt— ob ſie ihm gleich unter tauſend Thraͤnen vergeben— war ihm nicht wohl. Und um der Welt willen mußte er ſich faſſen, und ſein Weib zu ihrer Tochter Alceſte hingeleiten; ſich faſſen, ſie ſogar ſelbſt mit anzuſehen, ja zu bedauern— als ſie Sir Ned im Saale des Schloſſes prachtvoll zu Nacht, ſich ſelber zum Troſt und zum letzten Herzeleid ausgeſtellt. Nun aber der fuͤr den Vater ſchon Jahrelang er⸗ wartete Schlag geſchehen, an welchem Er und Er allein immer Schuld zu haben und Schuld zu werden glaubte — und nicht mit Unrecht;— nun aber, nun ein Anderer Schuld daran trug, und er gewohnt war, aus großer umfaſſender und Alles vereinigender Anſicht der Natur gewohnt war: die Menſchen mit zur Natur zu rechnen, nun war der ſo lange kranke Mann in den wenigen Tagen wunderbar von ſeiner Seelenkrank⸗ heit geheilt; zum Zeichen, daß der Gram die groͤßte Krankheit ſei, und daß die Seele ihren Leib, wie ſie ihn bildet, auch zerſtöre— und heile; denn ſo lange ſie in ihm wohnt, bildet ſie an ihm, weil ſie an ſich bildet. Nur ein blaſſer Nachſchein des Schreckens lag noch auf ſeinem Geſicht, und der reine belebende, zur Welt fuͤhrende Kummer eines Vaters um ſeine Tochter, die er der Natur nun aus ſeinen Armen auf ewig hinterlaſſen ſoll. Und ſo lag auch das Vertrauen und unausſprechliche Liebe zur Natur jetzt in ſeinem Auge. Denn die Geſtalt, die er ſo ſehr geliebt, bedurfte nun ihrer wahren heiligen Mutter ſo ſehr! nur ihrer allein!— nicht der Geſchiedenen! Dieſe ſeine Geſchiedene ſtand ſchluchzend nun neben ihm, vom Mohren gehalten, vor dem funkelnden Pa⸗ radebett der Tochter, und Sir Ned— wohl ahnend: Wer die That gethan, und Sir Chriſtopher's Offenheit gegen Cynthia wohl kennend, ſagte ihr leiſe voll hohen Sinnes:„Du kennſt— oder verzeihen Sie . Sie kennen, noch aus den Zeiten, wo ich das Gluck hatte, Ihr Gemahl zu ſein, Sie kennen die In⸗ diſche Anweiſung, die von Menu, dem Einen der Soͤhne Gottes ſtammt, die ſo ſchoͤne ſelige Anweiſung: den Athem anzuhalten! Sehen Sie— Ihre — 270— Alceſte iſt nicht todt— ſie haͤlt nur den Athem an! Wer den Athem anhaͤlt, in des Menſchen Seele malen ſich alsdann die geheimſten Gedanken, wie auf einem vollkommen glatten Spiegel! eines Jeden Ge⸗ heimniſſe enthullen ſich ihm, zwiſchen dem, was er ſagt, und der Wahrheit iſt kein haarkleiner Unterſchied; ſein materieller Koͤrper wird ſo leicht, daß er ſich frei in die Luͤfte erheben, ohne Zaudern auf den Waſſern einher⸗ wandeln kann! Selbſt durch den Aether, den Himmel. Der Tod iſt nur dieß ewige ſelige Athemanhalten— und Cynthia„ Ich daͤchte: wir lernten auch dieſe Kunſt!“ Ich gewiß bald! lispelte Eynthia, und daß Alceſte nicht athmete, ward ihr nach und nach ſo fuͤrchterlich, daß ſie laut ſchrie. Sir Chriſtopher fuͤhrte ſie weg, aber das arme Weib war ohne Halt. Der alte Seligo hatte indeß mit ſeiner Enkelin Thirza als ruhiger Beobachter nicht fern geſeſſen. Denn Sit Ned hatte ihn um ſeine Gegenwart, ſeine Huͤlfe fur alle dieſer leidenden Menſchen gebeten. An der Herſtellung von Silvati's Mutter lag Alles. Konnte Seligo ihm dieſe lebend und geſund vorſtellen— ſo hatte Er, der Sohn und Arzt, Nichts gethan, und ſeine Seele konnte ſich beruhigen. War Silvati her⸗ geſtellt, dann war er Zeuge, und dann war der kranke im Gefangniß gehaltene Godolphin erlöſt, und durch ſeine Erloͤſung zugleich deſſen Braut, Miß Silvia, Sil⸗ vati's Halbſchweſter geheilt, die jetzt Unfaͤgliches litt. ⸗ — Dieſen Plan wollte Seligo verſuchen, und ſie ſprachen ſo eben davon. Aber Silvati, der ſich vom Thurme geſchlichen, ſtand bei ihnen, und Thirza, ſeine Braut, erbebte vor ihm und trat, vor Leid ſich halb⸗ verbergend, hinter dem Großvater. Denn blaß und zerſtört, war der ſchoͤne junge Mann kaum wieder zu kennen. Und den Zeigefinger horizontal auf die Stirn ſetzend und mit den Augen ſtier in die funkelnden Kronleuchter blickend, und die andere Hand entruͤſtet in die Seite geſtemmt, ſprach er dumpf in ſeiner Ver⸗ wirrung und doch mit Bezug auf Alles, was er gehoͤrt, erlebt, gethan und geſehen und noch ſahe, er ſprach: O heilige Liebe zum Leben, wie laͤufſt du an! und waͤre dein Kopf wie meiner, von Eiſen, du haͤtteſt dir ihn ſchon tauſend Mal zerſtoßen! O Liebe, du armes Kind, wie thuſt du mir leid. O. heilige Liebe zum Leben! Du haſt die Erde ſchon einmal aufgegeſſen, ſo ſchwer ſie iſt— ich rechne vierzehntauſend Trillionen Centner— wie Saturn einſt ſeine Kinder! Dieſer Kinder nun iſſet Jedes ſeine ſiebenzig tauſend Centner „Allerlei“ zeitlebens, thut bei 200 Millionen ſtatio⸗ naͤren und wechſelnden lieben Kindern die Summa ut supra. Das war eigentlich Alles Medicin aus der großen achten einzigen Offiin! Und doch ſind ſie ge⸗ ſtorben! Doch! Doch! Darum behaupte ich: man muß die Geſunden curiren! uud die Eurirer curiren — vom curiren! Nur wer etwas gemacht, Der kann es am beſten auch wieder im Stand ſetzen. Ihr, Ihr, Ihr ſchickt keine Taſchenuhr zum Schuhmacher, keinen Operngucker zum Schneider— aber den Him⸗ melsgucker, den Anthropen, den kuͤnſtlichen Menſchen ſchicktet Ihr Uns!— Mir! Die Kranken— dieſe edle Geſellſchaft hier, von der Ihr ſprecht— muͤſſen als Seelenleidende angeſehn werden! Das weiß ich! und will es beſchwoͤren mit drei ſo großen Fingern, die bis an den Himmel reichen!— als ungluͤckliche! unglucklich Gemachte! Die Unſittlichkeit iſt die erſte Urſache aller Krankheiten, die Unverſtändniß, und Un⸗ beschtung der Natur! Das weiß Ich! Denn Ich bin auch krank! Nicht wahr, Mirza(ſo nannte er Thirza, weil ſeine Seele voll von Dieſer war), Mirza, nicht wahr, ich bin recht krank? Schaffe mir den einzigen großen Arzt der Menſchen, die Vernunft, ſo bin ich geſund. Aber die Liebe ſoll noch hoͤher ſein!— Und Du biſt meine Liebe!— ſo heile mich Du— kuͤſſe mich! Er nahm erſt jetzt den Finger von der Stirn, ſchien aufzuwachen, Alceſte zu erkennen, weinte und fiel Sir Ned um den Hals und weinte mit ihm. Dann beſann er ſich und ſtrafte ſich ſelbſt mit den Worten: ſchaͤme Dich, Silvati! Du willſt der Tod ſein! und haſt ein menſchliches Herz im Leibe! Ach, ich will nicht, ich will nicht, aber ich ſoll! Und es wird mir ſehr ſchwer! Ihr Menſchen! es wird mir ſehr ſchwer, der Tod zu ſein, ſchwer, ſchwer, ſchwer! Das will N ich beſchwoͤren mit drei Fingern⸗ die an den Him⸗ mel reichen! Und als ob er etwas ſehr ſehr Schweres auf ſei⸗ nem Ruͤcken truͤge, ging er gebuͤckt und immer gebuͤck⸗ ter langſam zur Thuͤr hinaus, die drei Finger der rech⸗ ten Hand wie zum Schwur erhoben. Wirſt Du Dein Wort ihm halten? frug Suigo ſeine Enkelin Thirza. Nur Wort halten? frug Sir Ned. Wort halten, mit Herz und Seele iſt genug, und Alles was der Menſch kann, erwiederte Thirza. Laß mich nur aber erſt ſein Weib ſein. Die Liebe ſoll ihn pflegen und heilen! Sie koͤnnten ſich ſogar von ihm ſcheiden, wenn er zwei Jahr als ihr Mann narriſch geweſen, beſagen unſte Geſetze, meinte Sir Ned wohl nur. Barbariſch! ſprach Thirza. Du biſt mein braves Maͤdchen! ſt ihr Seligo. Gemeine Seelen, gewiſſenloſe Menſchen koͤnnen nicht naͤrriſch werden. Es gehoͤrt ein Menſch mit großem Herzen und reinſten Gewiſſen dazu, um naͤrriſch werden zu koͤnnen, ein großes Talent, eine wahrhaft adlige Menſchennatur, und Die— haben nicht Alle. Sie wird in ihm ſiegen! und bald! Dann haſt Du Dir des Gottes und ſeinen Dank und Lohn auf Zeitlebens verdient! Du biſt edler als— jene Erlaubniß Dich zu ſcheiden. Schon das gemeine Volk iſt jetzt unendlich beſſer als die Geſetze, und die Geber derſelben haben Schefers neue Nov. rII. 18 — 274— MNoth: der allmaͤchtigen Entwickelung der Voͤlker nur nach zu kommen, geſchweige zuvor. Vermoͤgen haſt Du— Alles was mein iſt! „Ja“ wird er ſchon ſagen koͤnnen, bemerkte Sir Ned, der eines edlen Weibes wieder recht froh war; ein paar„Ja,“ mehr braucht es nicht, denn dieſe Herren fragen nichts anders, und kuͤmmern ſich nicht: ob wir verſtaͤndig geweſen, gluͤcklich ſind, und gluͤcklich werden, wenn wir uns vermaͤhlen; das weiß Ich, und will es beſchwoͤren mit noch groͤßern Fingern als die des Braͤutigams. Gott wird Euch ſegnen, mein Kind, und ſeine Ausſtattung nehme ich uͤber mich. Es iſt ſchon der Anecdote werth: daß Ich— einen Mann ausgeſtattet. Seligo aber ſagte leiſe zu Sir Ned: die Sache hat Zeit! Der Braut guter Wille wird ihm indeß die⸗ ſelbe Pflege leiſten. An den Kindern kennt man die Ael⸗ tern! Der Wahnſinn iſt erblich, und jetzt iſt Silvati— der Tod! Die arme ſcheue Mirza aber, die draußen im gur ſtehend und zitternd aus dem Duͤſtern in den hellen Saal geſehen, und bitterlich geweint, geſellte ſich jetzt leiſe zu Silvati, geleitete ihn die Treppen in ſeinen Thurm hinauf, in den er ſich ſchon wie ein Vogel gewoͤhnt hatte, und kuͤßte ihm zu guter Nacht ſeine Haͤnde und ſein Gewand. XX. Der Arzt im Menſchen. Am folgenden Johannistage ging Sir Red mit dem alten ehrwuͤrdigen Seligo, mit Madame Magolini und ihrer Tochter Silvia einer verwaiſeten traurigen Braut und mit Thirza, Silvati's jetzt aufgebotener Braut im Park; er blieb ſtehen, und ſprach aus dem Innerſten ſeines Herzens, zum Greiſe gewandt: Wohl dem, wem Jahre lang Nichts geſchieht von Außen; Nichts von den Menſchen, was bei ihnen den Namen Zufall oder Ereigniß fuͤhrt; Nichts von ihm ſelber, was in ſeinem fruͤheren Leben als Wort oder That geſaet, in ſeinem ſpaͤteren ihn als Welt bedingt und bedruͤckt. Wohl dem, denn er genießt dann allein den ſtillen, gleichen und ſuͤßfortdauernden Segen des Himmels und der Erde, und ſein Leben iſt ein ſanftes Entfalten und reines Bluͤhen der goͤttlichen Blume— ſeines Gemuͤthes. Nirgends bildet ſich ein Abſchnitt im Leben des Guten,(denn das iſt der Gluͤckliche) wenn ſelbſt Rohr und Kornhalm der Schoſſe oder Knoten bedarf, 18* um zu ſiehen und hoͤher zu treiben; von keinem Tage zaͤhlt er eine Epoche, ſondern ſeine Gedanken laufen ohne Anſtoß auf dem Gewebe derſelben zuruͤck wie eine Spinne, bis wo es im Paradieſe der Kindheit an den immerbluͤhenden Baum des ewigen Lebens geknuͤpft iſt; und wie ein Mädchen, dem die kleineren Schweſtern wie Genien unaufhoͤrlich Blumen in den Schooß zu⸗ tragen, und wieder nach neuen fortſchweben, ſo ſitzt er ſußbefangen und reihet wie Blume an Blume, ſo Tag an Tag. Selbſt die Jungfrau— ſeine Braut, ſein Weib, Kind, Kinder— Alles entfaltet ſich nur ſo bedurft und natuͤrlich, ſo ſanft und begluͤckend aus ſeinem eige⸗ nen Weſen, wie die Bluthenblatter der Lilie, und ſteht als er ſelbſt, und doch ſo eigen und eigen ſchoͤn, wie die goldenen Staubfäden mit ihren beweglichen Bluͤ⸗ thenſtaub in dem Lilienkelche. Und ſein Herz iſt der Lilienkelch.— Hier iſt nun auch ein Jahr vergangen, aber es macht Epoche bei uns, zum Beweiſe daß wir ungluͤcklich waren, das heißt: nicht gut geweſen! Um beſſer zu werden— ſagte der alte Seligo zu Sir Ned— muß der Leidende beſſer werden. Wird ein Kranker beſſer ohne Reue, ohne den Willen beſſer zu werden? Und in Wahrheit iſt dieſes das beſte, erſte und einzige Heilmittel. Dieſe Reue fließt aus der Einſicht, daß der Menſch durch ſeine bisherige Lebens. weiſe der Natur zuwider gelebt, daß ihn die Natur auf das Bett geworfen um ſie wieder einmal zu hoͤren, in ſich zu gehn, und fortan— bis er ſich wieder ver⸗ —— irrt— auf ihren reinen Weg zuruͤck zu kehren.— Sie, liebe Magolini, ſind als gute Mutter beſſer ge⸗ worden, um ihrem Sohne die Freude zu machen: Sie wieder zu ſehen. Ihn ſelber ſehen durften Sie nicht, damit ſie nicht krank blieben, wenn ſie inne wurden— er habe ſeine Vernunft noch nicht wieder. Damit er aber geſund wuͤrde, wenn er ſahe daß Sie lebten, fuhrten wir Sie hier oft unter ſeine Augen. Er hat Sie geſehen, zu Ihnen geſprochen; Sie haben ihm mit Thraͤnen und mit dem wehenden weißen Tuch hierauf geantwortet; die treue liebende Geſtalt, unter uns Le⸗ benden wandelnd, war ſeine lebende Mutter— und ſeine Vernunft iſt nicht mehr von ſeinem Wahne ver⸗ dunkelt. Leider weiß er aber auch nun nichts mehr von jener Scene im heiligen Haine, er kann nicht als Zeuge auftreten, und unſere liebe Silvia erwartet daher noch — aber ſie kann es mit Recht und mit Zutrauen er⸗ warten: das heimliche Walten des Himmels in jeder Menſchenbruſt. Bis dahin wird ſie leiden, aber nicht ſcheiden, ſetzte er unter einem freundlichen Druck der Hand der verwaiſeten Braut hinzu⸗ Da aber ſeine Enkelin Thirza unter dieſem Geſpräch hinter den Uebrigen zuruͤckgeblieben, mit geſenktem Haupte ſtand und ſinnend zur Erde ſah, trat der Greis zu ihr, erweckte ſie gleichſam aus ihren Gedanken, fuͤhrte ſie langſam hinter den Andern her und frug ſie mit herzlicher Theilnahme: Aber Thirza, warum leideſt nun Du? Nichts ſteht mehr zwiſchen Euch! Dein Silvati hat ſeine Vernunft wieder, hauptſaͤchlich durch Dich, burch Deine Liebe und Pflege, Du haſt ihn— Er hat Dich! Das eben iſt die Frage! Es iſt meine Angſt! entgegnete Thirza; Er hat mich nicht, denn er will mich nicht, er hat mich nicht gewollt. Er hat Mir ſich nicht verlobt— Ich nur mich Ihm. Es iſt gewiß! denn das ganze Jahr her nannte er mich nur immer „Mirza!“ und Sie— Mirza— meinte er nur zu beſitzen! Endlich, durch die alte Frau Mill von den fruͤheren Umſtäͤnden in klare Kenntniß geſetzt, ſah ich heimlich duldend ein: ſein fruͤheres Wort habe gelogen, das Wort an das der Menſch und die Jungfrau allein ſich zu halten vermag, ſei eine Taͤuſchung von ihm, ſeiner Selbſt und meiner Seele und Liebe geweſen. Nun ſah ich klar, wenn auch noch durch Thranen! Seit geſtern aber weiß ich es auch durch ſein eigenes jetziges Wort. Denn Mirza diente nun mir— ach, ſo gern, weil ich ſein war, ſie drangte ſich dazu, un⸗ widerſtehlich, ja geiſterhaft— ſie hatte mich ſo lieb, ſie wartete mich ſo ſorgſam, ſo zart beſorgt. Geſtern ſitt ſie im Park, auf dem gruͤnen Raſen,— Silvati geht zum erſtenmal hinunter, er geht auf ſie zu, imit ſtilem Entzucken folge ich ihm von fern, denn ſeine Vernunft, ſein wieder die Außenwelt wahr und richtig empfindendes Herz und Auge beſcheerte ihm wieder, wie einem Kinde, die ſuͤße Natur. Er knieet zu Mirza, er erinnert ſich ſo viel um zu ſagen: wo haſt Du, den goldenen Ring von mir! Zeige mir beide Haͤndchen!— — 279— Das arme Kind haͤlt ihm die weißen leeren Haͤndchen hin, folgſam wie ſie iſt. Und Du biſt doch meine Braut, ruft er wieder und will ſie kuͤſſen. Aber ſie wehrt ihm; er hoͤrt Tritte. Er ſpringt auf. Mirza tnieet zu ſeinen Fußen, die ſie umſchlingt— ſie erblickt mich von weitem, ſie will meinen Namen rufen, die Stimme verſagt ihr, ſie ſpringt fort wie ein toͤdtlich verwundetes Reh, ſie faͤllt hin, ich komme— Silvati kommt. Ich habe den Ring. Meine Gegenwart, Mirza's Angſt und Flucht, mein Weilen, mein Lacheln, meine Freude, meine Umarmung— ſeine Verſteinerung machen ihm alles klar, und mir alles klar; Vater, Alles— auch meine Pflicht! Mein Vater hat mich gelehrt und gewoͤhnt, nur zu wollen und zu thun was Anderen gut iſt, weil es mein reinſtes, ſchoͤnſtes Gluͤck ſei— und es ſoll mein Gluͤck ſein! Wer ein Geſchoͤpf aus Gram und Noth erloͤſt, der verſichert ſein Leben. War Mirza wiederzukennen? ſie war wie ein blaſſer Geiſt gewordenz ſie wuͤrde ſterben wenn ich — aber ſie ſoll leben und aufbluͤhn! und mich ſoll die Wahrheit verſoͤhnen, mir ſoll ein edler Wille das Leben nicht rauben, ſondern das ſchoͤnſte Leben ge⸗ währen. Und nur den Stolz haͤtt ich zu fuͤrchten, die ueberhebung! Aber ich will auch beſcheiden ſein und ſtih, Ehe der Greis ihr ein Wort ſagen konnte, war Mr. Roſe gekommen. Sir Ned hatte ihn zu Lady Cyn⸗ thia geſandt, um ſeine, nun ſo geſtrafte und bedauerte, geſchiedene Gemahlin durch einen Brief zu troͤſten; — 380— denn bei der verborgenen Qual um ihren Mann, und bei den tauſend Thränen um ihren Bruder, der nun ohne alles Zuthun, ja trotz der Fuͤrbitte Sir Neds verurtheilt worden„ war ſie in Jammer verſunken; und die ſonſt alle Frauen mit Freude des Himmels durchbebende Hoffnung: Mutter zu werden, war ihr zum aͤußerſten Ungluͤck geworden. Sir Ned hatte ihr alſo Wechſel geſchickt, ſo viel ohngefaͤhr der Werth der ihr uͤberlaſſenen Guͤter Ben Johns betragen mochte; damit, und mit ihrem neuen Gemahl, Sir Chriſtopher, ſollte ſie uͤber die See fliehen— wohin ihn Niemand verfolgen wuͤrde— wenn Sir Chriſtopher zuvor vom Bord des Schiffes aus noch die Schuld auf ſich ge⸗ nommen. Das war Sir Ned's Vorſchlag— auf den Rath und das Andringen der Freunde Sir Godolphins, der Madame Magolini und ihres Schwagers— ge⸗ weſen. Jetzt gab Mr. Roſe zuerſt einen Brief aus Connecticut an den alten Dr. Seligo, unter der Auf⸗ ſchrift:„Dem Praͤſidenten der Lebensverſicherung.“ Die Andern alle drängten ſich um Mr. Roſe, um die Antwort von Lady Eynthia zu vernehmen. Mr. Roſe aber ſagte mit feuchten Augen und dumpfer Stimme zu der aͤngſtlich harrenden Silvia: Sir Godolphin wird nun wahrſcheinlich ſchon morgen hier ſein. 5 Wie ſo? frug Sir Ned. — Sir Chriſtopher hat bekannt und vor Zeu⸗ gen— ich ſelbſt veranlaßte ihn hoflichſt dazu— hier ſind die Wechſel und Ihre Uurkunde uͤber die — 281— Schenkung von Seisſhr Vermoͤgen vom Mohren zuruͤck!— Wie ſo? frug Sir Ned wieder. und wieder antwortete Jener: er hatte ſich die Pulsader am Halſe durchſchnitten. Wie ſo? Er hatte ſein Weib ſecirt; und als er ihr grade das Herz abgeſchnitten— ſchlaägt ſie die Augen auf, richtet ſich haſtig empor, ſtarrt ihn an, ſtoͤhnt unaus⸗ ſprechlich, faltet die Haͤnde, druͤckt feſt die Augen zu, und ſinkt zuruͤck auf ewig. Alle ſtöhnten ihm nach, ſchwiegen mit i Munde und hatten mechaniſch die Hände gefaltet. Sir Ned hielt ſich die Augen zu, und ſaß im Graſe dabei; denn er hatte, ſich niederſetzend, die Bank verfehlt. und nach langer Pauſe erſt befriedigte Mr. Roſe nur biſe die Neugierde der Damen, die noch den Grund von dem Allen nicht wußten, und ſprach: Sie fragen mich noch mit den Augen: wie ſo?— Nun alſo: Mylady Cynthia war ſo ſchreckhaft und reizbar gewor⸗ den, daß ſie ein bloßer Schuß.. — Ein Schuß? Ja, der aber nur von luſtigen Geſellen ohnfern ihres Fenſters fiel— todten, oder leider nur in eine todtenaͤhnliche Ohnmacht verſetzen konnte! Der luſtige Geſell iſt richtig um einen Schilling beſtraft worden! weil es verboten iſt, in der Nähe von Häuſern zu ſchießen. Aber warum ſtarb ich nicht davon? Ich hoͤrte — 26— den Schuß auch, als die Seligo grade den Brief las! Aber ein boͤſes Gewiſſen, und Liebe zu Schaͤndlichem in der Welt, das ſind die tödtlichſten Krankheiten— nach welchen denn jedes Weib gleich ſelig wird— wenn ſie die Augen nicht mehr aufthut.— So hoffen wir guten Menſchen!— Verzeihen Sie meine Worte, jede Fiber an mir iſt noch empoͤrt und erbittert. Zu dieſer Scene kam Dr. Silvati langſam und ſchuͤchtern. Es war ſein erſtes Wiederſehen mit der Mutter; ſie gaben ſich einander hin in die ſuͤßeſte Um⸗ armung auf Erden, und ließen ſich denn auch nicht von den Haͤnden los. Er ſahe ſehr leidend aus, und an ſeinem blaſſen Antlitz mit ſtillen Blicken haͤngend, dachte Thirza ihre Entſchluͤſſe durch. Aber als ſie faͤmmtlich ins Schloß gingen, fluſterte ſie Mr. Roſe ins Ohr: Ihr Wort war ſo hart, ſo hart als wahr; aber ein gutes Gewiſſen und Liebe zum Herrlichſten in der Welt, nicht wahr, nicht wahr das erhaͤlt und macht geſund! Und ſtirbt auch„Jemand“ nicht— der ohne Noth oder aus Irrthum Ungluͤckliche vergreift ſich in Allem was er thut im Leben, denn nur die Gluͤcklichen leben wirklich! Nur die Guten ſind die Gluͤcklichen und die Gluͤcklichen ſind die Geſunden. Wir wiſſen, daß Sie ein Engel ſind, und nur Ihres Großvaters ſogenannte Tochter, erwiederte ihr Mr. Roſe. Aber ich denke ſchon lange: auch Dr. Sil⸗ vati wird das bald ſehen und wiſſen.. — 283— Mein„„ Mann? Nein! der oder das nicht! laͤchelte Mr. Roſe, und ließ ſie, als Zeichen der aͤußerſten Hoͤflichkeit und Achtung, jetzt allein ſtehen. Er ging zu Sir Ned — ſeinem Bruder, und ſie— zu ihrem alten Vater, oder zu Mirza. XXI. Die Lebensverſicherung. Als Tag und Nacht im Herbſte nun gleich waren, hielt die Lebensverſicherungsgeſellſchaft großes Capitel. Bis dahin hatte der alte Seligo, der einen Ruf nach Connecticut erhalten, und ſeinen Silvati mitnehmen wollte, ihn zu verſchiedenen Freunden in London in Unterricht gegeben, zugleich um ſeine Abhandlung aus⸗ zuarbeiten, auf welche er Mitglied derſelben werden ſollte. Jetzt holte Sir Ned ſeinen jungen Freund im Wagen ab. Sie fuhren außerhalb London aufs Land, auf ein altgothiſches Schloß, das ein reiches Mitglied der ehrenwerthen Geſellſchaft faſt gaͤnzlich eingeraͤumt, da er fuͤr ihre Sache nur lebte und webte, die bis in dieſe Zeit noch nicht ausſchließlich von einem Verein der reichſten und edelſten Maͤnner und Frauen war vertreten worden. Das Schloß war ein altes ſehr wohl erhaltenes Kloſter, mit den Veraͤnderungen welche ein anderer Zweck an die Hand gegeben. — 285— Sir Ned, als hier ſchon bekannt, fuͤhrte den jun⸗ gen Freund alsbald in die maͤßig große doch prachtvolle Kirche mit einem großen koſtbaren Fenſter im Grunde voll bunter Glasmalereien, die eben die Abendſonne durchflammte. Sonderbarer Weiſe enthielten ſie auch vier Bildniſſe von Päbſten die grade alle Doctoren geweſen: Euſebius, Johann XXII., Paul II., Nico⸗ laus V. Von der Orgel uͤber der Thuͤr her erklang von zwei ſchoͤnen Stimmen das Duett Adam's und Eva's aus der Schoͤpfung, von dem Regiſter: Viola di Gamba begleitet. Die ewigen Flaͤnge ſchwebten wie Paradiesvoͤgel unter den Gewoͤlbe umher, von wel⸗ chem uralte vergoldete Kronleuchter herabhingen, deren Wachskerzen die Diener ſo eben anzuͤndeten. Die Mu⸗ ſik verſtummte, ploͤtzlich abgebrochen. Durch die Rei⸗ hen geſchnitzter Sitze gingen ſie an den großen ſmaragd⸗ gruͤnen mit Gold reich behangenen Tafeln voruͤber, dem Altare nach, deſſen Bild man in Ehren und Wuͤrden gelaſſen; denn es ſtellte Moſes vor, der die Seinen gluͤcklich durch den Grund des Meeres fuͤhrt, waͤhrend die Wogen bezaubert ſtehen wie Mauern.„Wir Alle wandeln durch den furchtbaren Grund, und die Spring⸗ fluthen wurden uns Alle, alle Augenblicke begraben ohne die Vorſicht“ ſagte Sir Ned. Ueber dem Altar aber hielten zwei Engel eine große Schrift, und Silvati las die goldenen Worte:„Ich der Herr bin Euer Arzt.“— Dieſe zwei weißen Marmortafeln, die hier aufgeſtellt ſind, enthalten die einzigen Geſetze unſerer Geſellſchaft; bemerkte Sir Ned. Silvati zog den vio⸗ letſeidenen Vorhang zur Seite, und er war uͤberraſcht, als er nur die— meiſt negativen— uralten X Ge⸗ bote erblickte. Wie mit einem Kranze aber waren ſie mit den poſitiven Worten umfaßt:„Liebe Gott uͤber Alles, und deinen Nächſten als dich ſelbſt.“ Das heißt wohl: mein Nächſter iſt Ich, ſo gut als ich; denn wir Alle ſind erſt der Menſch, ſagte Sir Ned in Silvatis Gedanken. Zu Ende der zweiten Ta⸗ fel aber ſtanden auch die Verheißungen, und mit leiſen Thraͤnen uͤber ſich lispelte der verwaiſete Vater. „ſtarker eifriger Gott, der uͤber die ſo mich haſſen, die Suͤnde der Vaͤter heimſuchet an den Kindern,“ — ach, mein Kind, meine Alceſte!—„bis ins dritte und vierte Glied“—— dann ſtärkt die Kraft der allbelebenden Natur die Unſchuldigen wieder.„Aber denen, ſo mich lieben und meine Gebote halten, thue ich wohl bis ins tauſendſte Glied.“ Der erſchuͤtterte Vater kuͤßte die kalte Marmorta⸗ fel. Dann deutete er ſeinem jungen Freunde auf einen Folioband mit goldenem Schnitt und gepreßten Decken, die geſchmackvoll und reich mit Edelſteinen beſetzt waren und die Aufſchrift trugen:„Aerztliche Erläuterung der X Gebote.“ Silvati heftete die goldenen Spangen auf, und blätternd in dem Pergamentbuch fand er faſt alle Krankheiten durch kurze mit Namen und Jahr be⸗ legte Beiſpiele aus irgend einer Beleidigung Eines die⸗ ſer Gebote hergeleitet. Oft trug auch ein Andrer die —— Schuld, nicht der, den das Leid betroffen. Ja Ee ſelbſt ſtand darin auf einer der letzten Seiten, und Sir Ned und Lady Cynthia. Er ſchlug es zu, und von einer andern Seite weg flammte ihm noch das fluchtig erhaſchte Wort im Auge:„Unkenntniß der Na⸗ tur— organiſcher Bildungsverlauf der Erde.“ Sie gingen jetzt in die vormalige Sacriſtei, die voll Damen mit aͤußerſt zarten und lieblichen golde⸗ nen Masken war. Alle hatten veilchenblaue Maͤn⸗ tel um, in dem ſmaragdgrunen einfachen morgenlaͤn⸗ diſchen Kopfputz einen wunderſchoͤnen kleinen natuͤrlichen Kolibri als Schmuck. Die Damen ſind unſere edelſten herrlichſten Mit⸗ glieder, fluͤſterte Sir Ned, als Muͤtter, als Gattinnen, als Braͤute und Jungfrauen; ja nur als Toͤchter und Schweſtern ſchon und als Pflegerinnen liegt faſt unſe⸗ rer aller Geſundheit in ihrer Macht und in ihrem Bereich und Willen. Sehn Sie— die Damen tra⸗ gen den Kolibri todt im Haar— und Sie wiſſen: der Kolibri iſt der Vogel des Zorns und der Rache. Fuͤr Eynthia und die ihr gleichen, waͤre die Schwalbe — die Haͤuslichkeit und Treue— noch Lebenverſichern⸗ der, aber die muͤßte lebendig getragen werden; das waͤre zu unbequem und zu ſelbſtkenneriſch⸗eitel, und das ſind— die Schwalben nicht. Sehen Sie nur den geheimnißvollen Glanz ihrer Augen, wie er aus den goldenen Masken hervorbricht! Wir duͤrfen hoffen, die ſchoͤnen Damen werden ſie dann beim Eſſen ab⸗ nehmen, bei dem Feſte, welches zugleich Ihr Hoch⸗ zeitfeſt ſein wird, lieber Silvati! Ihr Hochzeitfeſt! Welch unſchaͤtzbares Maͤdchen iſt Thirza Seligo! Silvati gluͤhte nun von der Mittheilung. Alles war ja laͤngſt richtig. Und doch ſah er nun laͤchelnd von allen den Damen ab. Mehrere gingen hinaus, dadurch wurden die Gegenſtaͤnde in dieſer alten Sa⸗ kriſtei frei. Denn hier war jetzt die Merkwuͤrdigkeiten⸗ Sammlung der Geſellſchaft.„Aus dieſen Gegenſtaͤn⸗ den wird Ihnen der Geiſt, der Sinn und die Mei⸗ nung unſerer Arbeiten klarer werden als aus zwanzig Buͤchern,“ bemerkte Sir Ned. Und Silvati ſah ein Mohrenmaͤdchen, kuͤnſtlich aufbewahrt und lieblich an⸗ zuſchauen— aber mit dem Denk- und Gedankenzet⸗ tel;„Aus dem Afrikaniſchen Sklavenſchiff beſtimmt nach den Amerikaniſchen Freiſtaaten.“— Daneben ſtand ein blaſſer Seidenweber mit dem Denkzettel„Aus Spitalfields.“— Neben dieſem hing ein getragener Orden mit der Erklaͤrung:„Für Erlegung von Drei⸗ zehn Feinden in Einer Schlacht.“ Unter dieſem ſtand eine Kanone von kleinem Kaliber, behangen mit Flinte, Bajonet, Saͤbel und Piſtolen, dabei eine koſtbare Cry⸗ ſtalflaſche mit Schießpulver mit der Signatur:„Pul⸗ ver aus der Teufelsapotheke.“ Sie muͤſſen nämlich wiſſen, bemerkte Sir Ned, die jetzt noch im Stillen— um nicht ausgelacht zu werden— aber im Stillen ſchon maͤchtig wirkende Friedensgeſellſchaft hat ihre geiſt- und herzreich⸗ ſten Mitglieder auch bei Uns. Eben ſo die acht und neunzig menſchenfreundlichen Geſellſchaften in London, die mehr oder weniger ihre Wirkſamkeit uͤber die ganze Erde erſtrecken oder damit hinweiſen und zielen. Ihre Mylady Will⸗William iſt auch als Eine der Bewahr⸗ ſchulen⸗Vorſteherinnen hier. Grade die zwei Damen hier ſeitwarts von uns, die ſich jetzt die luftloſe Maske ei⸗ nes Burkiten mit Grauen betrachten, ſind von dem Damen⸗Verein in Bruͤſſel. Ihre Sprache verraͤth ſie. Selbſt die barmherzigen Bruͤder in Florenz haben heut ihren Abgeordneten hier. Noth lehrt gut, aber Un⸗ gluck noch beſſer. Die Welt hat Alles ſchon, was ſie bedarf; ſie weiß es nur nicht und es fehlt ihr nur noch der wahre Sinn, die Verbindung und Richtung des Guten, was ſie ſchon iſt, hat und thut. Auch kann es und muß es zerſtreut ſein, und zerſtreut wer⸗ den, und Eins nur im Herzen und Geiſt. Denn grade die denkenden Aerzte muͤſſen Gott danken, wenn ihnen hunderttauſend Haͤnde in die Hand wirken, die Mißſtaͤnde ausgleichen— und ſollten es ſelbſt die Le⸗ bensverſicherungs⸗Banken ſein— bis es alle Millio⸗ nen Haͤnde fuͤr uns und fuͤr Sie und ſich ſelber thun. Aber mein Gott„da in der Niſche„da ſteht auch Clariſſa in ihrem Cryſtallſarg, und da ſitzt der alte Schauſpieler und Baͤcker, Vater John! Das nenn' ich einen demuͤthigen Praſidenten, der auf ſeine Koſten ſo heimlich warnt! Ant Schefers neue Nov. mI. 19 Sein Sohn der arme Armendoctor Seligo— ach, er ſollte auch hier ſein! und Ben⸗John, und das Toͤchterchen mit dem Blaukehlchen und dem duͤrf⸗ tigen Strohhut. O Gott! ſtöhnte Silvati, und lehnte ſich neben einen„von Selbſtentzuͤndung des geiſtigen Getraͤnkes inwendig ausgebrannten Ruſſen“ wie der Denkzettel beſagte⸗ Beruhigen Sie ſich! troͤſtete ihn Sir Ned. Hier fehlen faſt alle Menſchen! Deswegen ſuchen Wir hier zu ſein, und Sie auch! Die offenbaren ſogenannten Duelle ſchafft man ab, aber die heimlichen millionen⸗ fachen Duelle durch Mißgunſt, Haß, Streit, Unver⸗ ſtand, Liebloſigkeit und Nichtbeachtung— ſie raffen noch lange das Menſchengeſchlecht hin! Der grobe, das heißt ſchnelle Selbſtmord wird fuͤr infam gehalten, aber in Ehren gehalten und hold unterſtuͤtzt wird der volker⸗ weiſe geubte ſuͤße ſubtile Selbſtmord, durch alle Leiden⸗ ſchaften— bie Liebe nicht ausgenommen. An dieſem verkuͤmmern und ſterben faſt Alle, ſelbſt die noch Be⸗ ſten und Weiſeſten; wenn krank leben und vor der Zeit ſterben ein barbariſcher Tod iſt.— Sir Ned verließ ihn darauf unter dem Vorwande, den Herrn des*Panſe zu begruͤßen. Die Verſammlung ging vmtuf an. Aber Sitvati mußte noch lange verweilen, bis er ſich gefaßt hatte, und als er, nachdem ſchon Manches verlaufen war, erſt in Einem der geſchnitzten Staͤnde auf ſeiner Nummer Platz genommen, befand er ſich zwiſchen dem Apotheker Herrn Schimmelpfennig und Dr. Pholop, der ihm zufluͤſterte: etſchrecken Sie nicht, mich hier zu ſehen. Unſere Anſtalt hat man niedergebrannt. Wir ſind ſo klug: nicht die einzigen Dummen in der Welt bleiben zu wollen; die Prieſter gehoͤren mit hieher, und kommen zu ihrem erſten ur⸗ alten Geſchaͤft: der Heilkunſt. Man muß herrſchen wie man grade immer herrſchen kann. Ich ziehe mit Ihnen nach Connecticut! Der Vicepräſident trug nun eingegangene Berichte vor, und bemerkte, wie die Menſchheit begoͤnne, nicht mehr mit unbeſonnener Wuth aus ſich hinauszuſtuͤrzen, dagegen das Leben als den groͤßten heiligſten Schatz zu betrachten, wofuͤr man den Kuͤnſtlern aller Art den hoͤchſten Dank ſchuldig ſei, denn manche Leute wuͤnſch⸗ ten ſogar nur noch bis morgen zu leben, um einen angefangenen Roman auszuleſen.(Gelaͤchter) Er aber erklarte dieß fuͤr ein bald herrliche Frucht bringendes Zeichen der Zeit. Den deutſchen Aerzten ward der groͤßte Dank geſagt, fuͤr ihre vielen vortrefflichen Schrif⸗ ten: ſich unnuͤtz zu machen. Es wurden Stimmen ge⸗ ſammelt, einem beruͤhmten deutſchen Arzte ein Ehren⸗ geſchenk von 2000 Guineen zu ſenden, dafuͤr, daß er auf wiſſenſchaftlichem Wege es eingeleitet, verkappter Weiſe eigentlich alle Medizin ſo gut wie abzuſchaffen, dagegen aber die wahre Lebensweiſe zu lehren. Des⸗ gleichen wurde dem Dr. Greiner fuͤr ſeinen„Arzt im Menſchen“— dem Dr. Bergk fur ſeine:„Kunſt Krankheiten vorzubeugen,“ ſo wie dem Dr. Hart⸗ 19* mann fuͤr ſein:„Handbuch der Däätetik fuͤr Jeder⸗ mann nach homoͤopathiſchen Grundſaͤtzen,“ ein Ehren⸗ geſchenk von 1000 Guineen zuerkannt, und andern verdienten Maͤnnern, faſt lauter Deutſchen, gleiche oder aͤhnliche. Vor allen aber wurde der Name von Kant gefeiert, des erſten wahren geiſtigen Stifters der Le⸗ bensverſicherung durch ſeine„moraliſche Diaͤtetik.“ Und unter der Bemerkung: daß ſelbſt Feldmarſchall Bluͤcher mit Recht das Doctordiplom erhalten als ein Doctor der Zeit, energiſcher als Hamlet, weil er jenen Krieg erſtickt und vor Gott Alle die curirt habe, die nicht mehr noͤthig gehabt zu ſterben und Invalide zu werden— ward mehrern inlaͤndiſchen und auslaͤndi⸗ ſchen hohen Maͤnnern das Ehrendiplom der Geſellſchaft zuerkannt. Jetzt erhob ſich der alte ehrwuͤrdige Seligo als Praͤſident in ſeinem veilchenblauen Mantel, ſchoͤn in ſeinem noch reichen Silberhaar, ließ die aufzunehmen⸗ den Damen in ihren goldenen Masken Eine nach der Andern vor ſich treten, die Maͤntel ablegen, worauf ſie in Engelsgewanden erſchienen und nahm ſie mit den leie geſprochenen Worten zu Mitgliedern auf: „Wißt, daß Ihr Engel ſeid, Liebe, zu Liebe geſandt.“ Und ſollte ich noch Eins wuͤnſchen, ſetzte er mit Hindeutung auf ihr aͤußeres Wirken hinzu, ſo ware es das: Sie nehmen auch die Demuth an, kuͤnftig das Huͤlfreiche ſelbſt zu thun, nicht durch Diener! Nicht Masken zu tragen wie in Italien, damit man ſich dann der— edlen Frau nicht in vornehmen Kreiſen ſchaͤme, die in die Straßen hinabgeſtiegen, um Men⸗ ſchen Huͤlfe zu leiſten. Darauf erhielten ſie— Jede ein kleines„Buch der Pflichten“ und einen neuen Na⸗ men; und ſo auch die Maͤnner, und zuletzt auch Sil⸗ vati, der nun Vitalis hieß, die ſchoͤnſte endlich rechte Verſetzung aus ſeinem Namen. Darauf ſchlug er den Vicepräſidenten fuͤr ſeine Stelle vor, dann ſchloß er geruͤhrt mit Niederlegung ſeines Amtes und ſprach, die Augen auf Silvati gerichtet: Da wir Alle eine gluck⸗ liche Ehe fuͤr einen weſentlichen Theil der Lebensver⸗ ſicherung halten, ſo genehmigen Sie gewiß, daß wir heute mit einer ſolchen beſchließen! Namentlich Ich ver⸗ ſichre dadurch zwei Leben! Dann ziehe ich mit Ihm und mit Ihr nach Amerika, denn Sie Alle ſehen mir an, daß ich ſogar bald reif ſein muͤßte, in jene neue Welt zu ziehen— warum nicht noch zuvor auch in dieſe neue Welt? Ich habe einen Ruf bekommen — und ich hoͤre noch gern das Gute und kann es noch ſagen. Der Herr Secretair wird Ihnen den Brief aus Connecticut vorleſen. Der Secretair ſtand ſchon auf; da brachte Sir Ned aus der Bibliothek zur Seite,— gewiß zu zei⸗ tig— die Braut, gleichfalls in goldener Maske ge⸗ fuhrt— zur Haustrauung— wie er ſagte; das Maͤd⸗ chen aber ſtand mit geſenktem Koͤpſchen zwiſchen ihm und Vitalis und zitterte ſichtbar. Sie war weiß ge⸗ — 294— kleidet, doch auch mit ſmaragdgruͤnem Shawl um das Haar und mit dem ſchoͤnen bunten Kolibri. Und Vi⸗ talis bebte leis wie ſie, und ſich bedenkend wollte er heimlich ihr die Hand druͤcken, aber ſie regte ſich nicht. Und waͤhrend ein Geiſtlicher die Stufen des wieder als ſolchen benutzten Altares beſtieg— ſprach Seligo: Nur noch den Brief aus Connecticut zuvor! Vitalis geht er vorzuͤglich an! Er iſt ſeine Einweihungs— ja ſeine Traurede. Nur die angeſtrichenen Stellen!— Und nun las der Secretair:*) „Wir glauben am erſten fuͤr Kunſt und Wiſſen⸗ „ſchaft, Freude und Liebe, fuͤr die Schoͤnheit der „Frauen und die Luſt der Muͤtter zu ſorgen, wenn „wir— und Sie halten uns nicht fuͤr Thoren— „wenn wir fuͤr das bloße liebe Leben ſorgen, und ſel⸗ „ber der große Meiſter vom ewigen Stuhl muͤßte das „loben.“ Aha! Freimaurer! ſchaltete Dr. Pholop ein. —„Denn das Leben hier in dem jungen Ame⸗ „rika wird bald und dann fuͤr lange einen noch ganz „ungekannten Werth haben, beſonders aber ſehr lang *) Bei Mittheilung dieſes Brieſes duͤrfen wir nur an die oͤffentlichen Nachrichten erinnern, laut welchen ſeitdem in Connecticut wirklich eine„Geſellſchaft zur Verbreitung der naturgemaͤßen Lebensweiſe“ beſteht, ſo wie in den Vereinigten Staaten ſich 1500„Temperance Socie- ties“ conſtituirt haben. — 295— „ſein durch ſeinen vielen und reichen Inhalt. Wir „ſind aber gewohnt— ohne Pruͤfung— keine alte „Gewohnheit aus Europa, kaum eine Tugend, ge⸗ „ſchweige ein Laſter hieher zu verpflanzen⸗ Unſere neue „Einrichtung gleicht einem Weltgericht bei lebendigem „Leibe, mitten in Leben und Zeit.„Ihr Lämmer zur „Rechten! Ihr Boͤcke— aller Art— zur Linken!“ „iſt unſer Sprichwort. Wir haben nun aus wohl 30 „Jahrgaͤngen Europäiſcher Liſten erſehen: daß Menſchen „von jedem Alter an jeder Krankheit heimgegan⸗ „gen.„ Nein! es ſind Herrnhuter! bemerkte Apotheker Schimmelpfennig, „Daraus haben wir nun in unſerer Einfalt ge⸗ „ſchloſſen: daß lauch nicht Eine, das heißt alſo Keine „gewiß zu curiren iſt. Daruͤber muͤßte ein Elephant „ſtutzen! geſchweige ein Menſch oder gar ein Amerika⸗ „ner! Und das je mehr, je weniger Wir hinter den „Thieren des Feldes und den Voͤgeln unter dem Him⸗ „mel uns claſſificiren moͤchten, die ſtets ohne Arzt ge⸗ „ſund ſind, weil ſie geſund leben muͤſſen. Und Wir „ſind ſo berechnende Kopfe: ſogar es zu— wol⸗ „len Der Connectiguter laͤßt ſeinen Stolz etwas ſinken! ſprach Herr Klimm; und da ich mit dem Verluſt Eines geſunden Beines davon gekommen, alſo von groͤßerem Gluͤcke ſagen kann, als Millionen Curirte— nicht— ſagen konnen, weil ihnen der Mund verſtopft iſt, ſo unterſtuͤtze Ich unſere Geſelſſchaft, ſo lang ich auf ei⸗ nem Beine ſtehen kann, und unterſtuͤtze das Geſuch des Connecticuters um einen Ableger von uns! „Bei den vielen ſchnurſtraks entgegengeſetzten ſich „vernichtenden Syſtemen, ſind wir ſo freie Amerika⸗ „ner: Keinem zu glauben; ja, wir haben noch nicht „in Erfahrung bringen koͤnnen: was Krankheit ſei— „als durch Erfahrung, aus der Wir zum Gluͤck klug „werden koͤnnen. Aber die Apotheker*) koͤnnen „keine Erfahrung aufſtellen; denn weil Jeder durch „Aeltern und Nahrung und Lebensweiſe chemiſch „anders gemiſcht iſt, und Jeder noch obendarein an⸗ „ders moraliſch durch ſeinen Lebenswandel, ſo giebt „es ſo viel Menſchen als— Menſchen: und wenig⸗ „ſtens Millionen Arten Seitenſtechen, Billionen Arten „Huſten und Trillionen Arten Huſten und Trillionen „Arten Schnupfen, ſeit es Naſen giebt.“ — Beifallgelaͤchter.— „„Eine ſchwere, eine leichte Niederlage,““ ſo „taufen die gerufenen Apotheker die Krankheit; und „nun ſollen und wollen ſie aus Barmherzigkeit wirken „— wo vor ein, zehn, zwanzig, ja vor hundert Jah⸗ „ren hätte gewirkt werden ſollen— wodurch? Dadurch: „es giebt nur Eine Panacee, eine Goldtinkur fuͤr „Alles und das iſt die Vehunft. Darum liegt in *) Physicians. In Amerika wie in England machen ſie zugleich die Aerzte. — 297— „den Händen der Apotheker auch nicht das Mittel zu „heilen, weil es weiter keines in der Natur giebt, und „keines in der Natur giebt, und keines weiter noͤthig „— und nöthig geweſen iſt, oder wäre. Der große „Meiſter vom ewigen Stuhl iſt kein Verſchwender und „nichts iſt doppelt oder ſich gleich und Nichts ganz an „des Andern Stelle zu ſetzen— und jede Aloe iſt, „wie wir ſchon vermuthen, am Ende blos eine eigene „ſchoͤne Blume fuͤr ſich; ja, wir freien Menſchen „glauben an die Selbſtſtaͤndigkeit jedes Bibers, wenn „wir ihn auch erlegen und verkaufen— das iſt „nur kaufmaͤnniſch— und glauben an die Freiheit „jedes Aftikaniſchen Mohren, wenn wir ihn auch kau⸗ „fen und plagen, bis er nicht mehr zu plagen iſt— „das iſt nur menſchlich.“ — Gemurr.— „Dagegen glauben wir, daß die innere Unſittlich⸗ „keit, Haltloſigkeit und die eben ſo hart ſich beſtrafende „Unkenntniß der Natur: Verhalten, Gedanken und „Werke hervorbringen, wodurch auch der Leib zerfällt; „die Krankheit iſt nicht die Sache, noch ihr eigenes „Zeichen, ſondern Folge und Zeichen innerer fruͤherer „Krankheit der Seele des Leidenden ſelbſt oder ſeiner „Vorfahren und Mitmenſchen, lauter geiſtige Urſachen „und wenn dieſe auch zuvor oder jetzt mit Salben, „Decocten und Balſamen der Natur zu heilen waͤrenz „doch uberfluͤſſig— uͤberfluſſig die armen verungluck⸗ „ten Menſchen, die eben ſo oft nur Ungluͤcklich⸗ge⸗ — 298— „machte ſind. Da wir uberdieß wenig und keine Apo⸗ „theker haben, ſo daß Einer auf zehn Quadratmeilen „kommt und die wenigen furchtbar theuer ſind— ſo „zwingt uns die Noth, leider das Sicherſte und Vor⸗ „trefflichſte zu waͤhlen und Sie zu bitten. Wir wollen alſo hin, Vitalis! ſagte Seligo; alle Erndten kommen in Amerika aus einigen Waizenkoͤr⸗ nern aus Europa. Und während die Orgel jetzt ſeine Worte ſo ſanft und lieblich wie beim Offertorium be⸗ gleitete, ſprach er mild: Ja, die Geſunden muͤſſen curirt werden! von Unkenntniß des Weges der Natur, von Fehlern, Liebloſigkeit und Leidenſchaften, die davon ſo zu heißen ſcheinen, weil ſie Leiden ſchafften und ſchaffen. Die Mehrzahl der Menſchen weiß nicht, was zu fliehen iſt, und fuͤrchtet die furchterlichen Klei⸗ nigkeiten nicht. Alſo bedarf es eines Werkes, das aus⸗ fuͤhrlich die gottlichen Worte behandelt:„Thue das, ſo wirſt Du leben.“ Dieſes Werk aber koͤnnen und werden nur die Aerzte ſchreiben. Dieß iſt der ih⸗ nen geheim inwohnende Zweck, und ſie werden nichts Andres zuletzt erreichen— und das iſt herrlich und mehr, als ihnen jemals verdankt werden kann.— Die Grund⸗ lagen und Urſachen von Krankheiten den Menſchen nachzuweiſen, was Dieſes und Jenez ſchadet und was es zur Folge hat, was die Geſunden in allen Lan⸗ den denn alle zu meiden haben, wie ſie es meiden koͤn⸗ nen, und was ſie wiſſen und thun muͤſſen. Das ſtreben die Aerzte jetzt durch Erforſchung und Anweiſung — 209— des einzigen einfachen Weges der Natur, und kuͤnftig — wenn ſie noch ſind— wirken ſie zu vor, ehe der Menſch krank wird; denn wenn ſie gerufen werden, konnen ſie der Menſchen wegen nicht fuͤglich mehr helfen. Darum Ehre den Aerzten und Wundaͤrzten! Ehre jedem, der die geringſte Eigenſchaft der Natur er⸗ forſcht! Ehre Ihnen, weil ſie indeß oft helfen und immer helfen, und einſt es immer werden! Weine ich alter Mann, ſo ſind das Thraͤnen des Dankes und der Ruͤhrung! Wir wollen indeß auf Alles hoͤren, was ſie uns entdecken und lehren. Wir aber ſchon un⸗ ſerm Berufe naher tretend, wir wollen die Begleiter und Pfleger der Lebendigen und Geſunden, nicht nur der Kranken und Todten ſein, Hausfreunde, tägliche Rathgeber einige Jahrhunderte lang, denn die Menſchen ſind vergeßlich und leicht geſinnt, und in langer, langer Zeit kann erſt die Geſundheit der Men⸗ ſchen ſich herſtellen und befeſtigen. Wir muͤſſen Ge⸗ walt haben zu befehlen, uns nicht ſchämen: ungerufen, ja weggewuͤnſcht hinzuzutreten, denn das iſt unſer Be⸗ ruf, nur alſo können wir wirken, und darum mu ſſen wir es ohne Belohnung thun. Geſund aber werden erſt alle Kinder der Erde ſein, wenn ihre Mutter erſt ganz geſund ſein wird— ich meine die Erde. Doch die Sänger auf dem Chore der Orgel ſan⸗ gen jetzt das Duett aus der Schoͤpfung, eine reizende ſchmelzende Jungfrauenſtimme, eine ſuͤße ſich hinge⸗ bende Eva, und eine kraͤftige vor etwiederter Zaͤrtlich⸗ — 300— keit weiche Stimme Adams. Sie hatten vorhin eben ihre Probe gehalten, und jetzt den Geiſtlichen auf dem Altar geſehen, aus der Entfernung aber die geſproche⸗ nen Worte fur die Traurede an Viealis und die ſchoͤne Braut gehalten. Und als die Sänger geendet, traute ſie der Geiſtliche vor der Verſammlung. Dann wuͤnſch⸗ ten ihm Alle herzliches Gluͤck zur Gemahlin und zur Reiſe. Die erſte war ſeine Mutter. Seine Schwe⸗ ſter Silvia und ihr Godolphin ſchloſſen ihn in ihre Arme. Lady Will⸗William nahm vor ihm ihre Maske ab und laͤchelte ihm zu, ſchlau als ſei ſein ganzes Schickſal angelegte Fuͤhrung geweſen. Miß M' Aulay, jetzt Miſtriß Klimm, mit ihrem lieben Mann mit dem hoͤlzernen Beine drängten ſich gleichfalls herzu. Der brave Apotheker Herr Schimmelpfennig hatte die Au⸗ gen naß und langte ihm von fern ſeine Hand zu; ſelbſt der Proviſor verbeugte ſich tief vor ihm, und klein wie er war, verſchwand er waͤhrend der Verbeugung hinter den Menſchen. Nur zuletzt erſt trat Frau Grace, ſeiner Thirza Mutter zu ihm. Sie wollte ſprechen, aber ſie konnte nicht, und endlich deutete ſie ihm nur mit der Hand nach einer einſam ſtehenden Geſtalt zur Seite, die eben ihre goldene Maske abgenommen, ſie fallen laſſen und mit niedergeſenktem Antlitz gluhend wie ſchaamroth an einer Säule ſtund, zur Erde ſahe und laͤchelte wie eine Selige oder Heilige. — 301— Thirza! Du biſt es! rief er erſtaunt, uͤberraſcht und aus aller Faſſung. Thirza! Du ſtehſt dort! und ich dachte, wir Beide. i. Es iſt Thirza Seligo! eines Seligo Tochter und Enkelin! ſprach Sir Ned; die Taͤuſchung war ein Act der Lebensverſicherung! Mirza waͤre ja ſonſt ge⸗ ſtorben, Mirza war eine weiße Roſe geworden— aber ſiehe ſie nur an, Vitalis, wie bluͤht ſie und gluͤht ſie nun wieder! nun, da ſie endlich auf immer Dein iſt! Was der Herr zuſammengefugt, ſoll Niemand ſcheiden — aber auch: was der Herr geſchieden im Herzen, ſoll Niemand zuſammenfuͤgen. Ihr aber, ſeid geſegnet! Dem gluͤcklichen Braͤutigam war es unmoͤglich, nun ſeine Mirza vor allen Menſchen nicht an ſein Herz zu druͤcken, nun ſeine Mirza die ſich ſchon lange vor Schaam und vor Gluͤck an ihm verborgen und ſtill an ihn geſchmiegt vor Wonne geruht hatte, bang, ihm zum erſtenmal ſo, als ſein Weib in die Augen zu blik⸗ ken. Sie wandte ihr Antlitz von ihm, ob ſie gleich noch die goldene Maske trug. Frau Nill aber war ſtill herzugetreten, und loͤſte ſie ihr jetzt. Es war Mirza, ſeine im Herzen erſehnte Mirza, ſeine vermeinte Verlobte, wie er ſich in ſeiner Krankheit verrathen. Nur einen Blick, einen ernſten, wie zornigen Blick that ſie in ſeine Augen, zornig wie uber eigenes Nachgeben, ihre Einwilligung in ihr Gluͤck; und doch, wie ſie ihn jetzt ſo gluͤcklich, und Thirza ſo ruhig ſah, ſturzten die Thraͤnen aus ihren Augen. — 30— Silvati— oder Vitalis, ſprach Sir Ned, Thirza Seligo bleibt dabei: Dir zu ſchenken, was Dir mit ihr zugefallen waͤre— das heißt, das ganze Vermoͤgen in der Bank, das ihr der Großvater aus Zartgefuͤhl ab⸗ getreten, und Sie nun Dir. Dem will ich nicht wehren. Dafur laß ich mir nicht wehren, das edelſte beſte Maͤdchen zu meiner Tochter und Erbin anzuneh⸗ men— um wohlzuthun und wirken zu konnen im Geiſt ihres Vaters. Erſchrick nicht Kind! ich will Dir dein Ja erleichtern— Ben⸗John's Vermoͤgen ſoll da⸗ von abgehn: das gehört mit Recht„der Lebensver⸗ ſicherung.“ Nun ſchlag ein, mein Maͤdchen! Er ergriff ihre Hand und fuͤhrte ſie. Der Greis, ſeines Sohnes Weib. Und unter dem Klange der vollen Orgel ſchwebte der Zug wie Geiſter hinaus zu dem prachtvollen Mahle. 8 — — — — — 8 35 — — — — — 6 Schon Manchen hat die Schönheit weit verlockt, Die fremde, die vor Augen ihm erſchien; Doch geht kein Irrweg, liegt kein Abgrund wo, Zu dem uns nicht die eigne Schonheit reißt. Goͤtter der Zeit. Wie die Wellen des Himmels Farbe, nehmen die Menſchen die Farbe der Zeit an, und theilen ſich gleich⸗ ſam in den Geiſt, der uͤber dieſelbe ausgegoſſen er⸗ ſcheint. Das junge Madchen laͤuft an der Mutter Hand in den Tempel, in welchen dieſe geht; an der Turkin Hand in die Moſchee, an der Roͤmerin Hand in die Marienkirche, wie einſt in den Tempel der Iſis oder der Venus, und ſtaunt den weißen Stier an, oder die ſchwarze Kuh, als das hoͤchlich und einzig Heilige. Es lernt die Gebete mit der Sprache, die Sitte mit den Jahren durch Aug' und Ohr, und ſo wird denn der ewig gleiche Himmel, die ewig gleiche Erde ein immer anders gefaͤrbtes Bild; das Menſchen⸗ geſchlecht, im Herzen und an Geſtalt und Leben und Guͤtern des Lebens nur Eines, wird ein Vielfältiges und doch ſich Aehnliches bis auf Lächeln und Weinen. Wie die Gewohnheiten und Sitten der Menſchen, ſo ſind die Erfahrungen, ſo bilden ſich die Grundſätze, Schefers neue Nov. u. 20 06 2 auf welche die aus der Tiefe der Natur und Vergan⸗ genheit heraufſchallende himmliſch-reinen Geſetze nur ſehr ſchwer und ſehr allmaͤlig Einfluß gewinnen und die Menſchen verwandeln. Der Sitte der Zeit und des Ortes zu folgen, weil Niemand anders koͤnnte, tadelt auch Niemand, ja es wird dem zum Vorwurf, der ſeine Goͤtter verläͤugnet, nicht das hochachtet, was die Zeit hochgeſtellt, nicht das verwirft, was ſie ver⸗ worfen, ſo ſehr es einſt geachtet war, oder einſt geach⸗ tet werden moͤchte. Beſonders tadelt Niemand das weibliche Geſchlecht, wenn es faſt unbedingt glaubt, 1 lobt, tadelt, begehrt und verabſcheut, wie die Männer ihnen darin vorangehn— denn das Weib iſt dem Manne beigegeben. Kein Weib hat je eine große Er⸗ findung gemacht, je der Welt eine neue Geſtalt auf⸗ gedruͤckt durch einen urſpruͤnglichen Gedanken, eine That oder ein Werk. Wie ein Canarienvogel vergißt ſie oft uͤber dem, was ihr vorgeſungen wird, ihren angebor⸗ nen natürlichen Geſang. Nur im Manne liebt die Natur neu hervorzutreten und die Zeiten zu verwan⸗ deln; er bricht neue Bahnen, rottet Wälder aus, bauet Haͤuſer, und das Weib richtet ſie ein und pflegt und pfluckt die Blumen, und lehrt die Kinder, wie es die Maͤnner gelehrt. Nehmen aber ſelbſt Millionen Männer fremde, ſchoͤne Gedanken wie Blumenſtaub in ihrer Seele auf, bilden ſie weiter aus ihren eigenen Lebens⸗ kraͤften und gleichen von einem Magnet beſtrichenen Staͤben, die fur ſich nur Eiſen ſind und Eiſen bleiben; ſo darf es uns noch weniger wundern, wenn Weiber, wenn junge Maädchen nicht nur die Farbe der Zeit der Maͤnner annehmen, ſondern Gedanken, Neigungen, Vorliebe von Weibern aus ihrem Kreiſe ſuͤß in ihr Herz ziehen und zu erlangen ſuchen, ja in junger, ſchoͤ⸗ ner Geſtalt das wirklich erreichen, was ihre befruchten⸗ den Muͤtter oder Erzieherinnen, in andere Verhaͤltniſſe ſchon verflochten und, unbeguͤnſtigt von Jahren, Ge⸗ ſchick und Schonheit als leiſen Herzenswunſch nur in Seufzern verhauchten. Indeß gehoͤren auch eigene Au⸗ gen dazu, mit fremden Augen zu ſehen, und ein eige⸗ nes Herz, um der Welt nachzufuͤhlen! und wie des Feldherrn Schlacht das Blut des Gemeinen koſtet, ſo gilt das Leben einer ſchon ausgebildeten Welt, in die wir treten, unſer Leben, und iſt uns eigen mit unſern Tugenden und Fehlern. Denn die Natur bleibt mit ihrem heiligen und unwandelbaren Geſetze uͤber und neben jedem Geſchlechte. Und Alle die ihr folgen, ſind in allen Zeiten ſich gleich, wie ein Veilchen von heute noch duftet, wie jenes Erſte, das ſie erſchuf. 20* Zeit der Goͤtter. 6 Italien hatte lauter kleine Herren; das groͤßte Un⸗ gluͤck, was einem Lande begegnen kann und den kleinen Herren ſelbſt, die Herrſchſucht und Tyrannei verzehrte und zu keinem Frieden, keinem Lebensgenuſſe kommen ließ, in ſofern er nicht mit Furcht und Haſſe beſteht. Selbſt der Papſt war ſo gut wie aus Rom verjagt, und das Papſtthum wäre ſchon damals durch Theilung ſeiner eigenen Kraft und Glorie ſehr bedraͤngt worden, wenn die weltlichen Herren durch Gehorſam ihm nicht ſeinen vollen Schein in Avignon aus der Abſicht r⸗ halten, damit es wie ein Meduſenhaupt die tauſend kleineren geiſtlichen Herren wie Baſilisken anblicke und niederſtrahle, daß dieſe nicht an jedem Orte die irdiſche. Gewalt auch an ſich riſſen wie die himmliſche. Der Roͤmiſche Kaiſer kam nur ſelten auf kurze Zeit nach Italien, wie Zeus auf ein vierzehn Tage zu den Ar⸗ thiopen ſchmaußen zog, indeß ſein Thron daheim leer ſtand, und Niemand regnete oder blitzte, noch Flehende erhörte. So herrſchten denn die Coreggio in Parma, die Gonzaga in Mantua, die Eſte in Ferrara, die Carrara in Padua, die Popoli in Bologna, die Vis⸗ conti in Mailand, die uͤber Alle es zu gewinnen droh⸗ ten; in Rom hatte Rienzi„das gute Reich“ errichtet, in Alboin's alter Koͤnigsſtadt Pavia ruſtete der Eremit von St. Auguſtinus, Jacob Boſſolaro, eine alleinige geiſtliche Herrſchaft, indeß die Bruͤder Beccaria, Ca⸗ ſtellano und Milano, daſelbſt nur ſchwach noch die weltliche behaupteten.* Violante, ihre Schweſter, lebte nicht in Pavia ſeit Vater und Mutter geſtorben waren. Von dem tapfern und ſchoͤnen Ritter Arguſſoli geliebt, von dem Vater gedraͤngt, ihm ihre Hand zu geben, hatte ſie dennoch es nicht über ſich vermocht. Nicht weil ſie gegen ihn etwas einzuwenden gewußt, ſondern weil ſie noch zu jung war, noch zu viel auf dem Herzen hatte: Hoffnungen, Träume, Wuͤnſche, die ſie verhin⸗ derten, jetzt ſchon ihm zu gehoren, den ſie ſelber einſt lieben zu können glaubte, nach einigen Jahren vielleicht, gewiß! Aber jetzt eben— um alle Welt nicht! Denn ſie war in ihrer Phantaſie noch nicht ſo weit entwickelt, daß ſie in ein Haus, zu Kindern, zu ihren Kindern neugierig und erwartungsvoll ſich ſehnte. Und der Menſch ſieht und hoͤrt und begehrt nuk das recht, was er will, was ihm in der Seele vorgeht, wozu er im Innern reif iſt. Alles Andere iſt ihm nur wie im Traume da, oft ſtoͤrend, ju widerwaͤrtig, und aufge⸗ — 310— drungen macht es ihn elend. Und ſelbſt eine Roſe lebt länger als dſchtverwickelte Knospe verſchloſſen, als ſie mit entfalteten Blaͤttern bluͤht, und nur thoͤrige Kin⸗ der hauchen ſie auf mit Gewalt. Auch hatte die Mut⸗ ter dem Vater vorgeſtellt: wie ſelten gute Aeltern ein gutes Kind zu einer Heirath zwingen duͤrften, wie tief die Abneigung liegen muͤßte, welche eine edle Tochter bewege, ihren Aeltern zu widerſtehen, und ein Bru⸗ der Caſtellano, war auf Violante's Seite; Mi⸗ lano nicht. Doch nach der Aeltern Tode war ſie den, von ihrem Bruder Milano beguͤnſtigten Beſtrebun⸗ gen Argu ſſoli's nicht gewachſen und floh gleichſam zu der Freundin ihrer Mutter, Giuſtina Perrotti, die froͤher in Saſſo Ferrato lebend, ſpäter einen Pallaſt in Mailand und eine Villa bei Bergamo geerbt, die ſie des Sommers bewohnte. Bei dieſer nun lebte Violante die ſchoͤne Zeit der 3 Jungfrau, vor der das Leben verſchloſſen liegt, wie ein noch un⸗ aufgemachtes Buch mit goldenem Schnitt, das ihr durch und durch von Golde ſcheint, das ſie gluͤht zu oͤffnen, um auf jedem Blatte ein Gemaͤlde aus ihrem eigenen Leben zu ſehen; die Brautbewerbung, die Ver⸗ lobung, die Hochzeit, den Zug zur Brautkammer, die Taufe, die Kinder, Alles, Alles bis zum Begraͤbnißzuge, aber Alles in bunten prächtigen Farben, mit Blumen umkränzt, oder mit Engelsköpfchen auf den Stengeln ſtatt der Blumen, die lieblich in das Bild hinein⸗ ſchauen! Die Erklärung zu dem Buche aber trug ſie — 311— ſelber im Herzen als ſeliges Vorgefuͤhl, und ihrer Einbil⸗ dungskraft war es leicht und ſuͤß, ſolche heitre Begehun⸗ gen im Menſchengeſchlecht, die faſt täglich und immer⸗ fort ſich erneuen, fuͤr neue Menſchen, dem Zuſchauer aber ſich nur zu wiederholen ſcheinen— dieſe Feſte des Lebens auf ſich uberzutragen und ſich als die Goͤttin derſelben zu ſehen. Deswegen war ihr das einfoͤrmigſte Leben nicht ohne Sinn, wie Keinem, der mit dem Herzen Theil an der Welt nimmt— und das iſt das Gluͤck der Jugend. Ihre Pflegemutter Giuſtina war jetzt funfzig Jahre; ein druͤckendes Alter fur ein lebenskundiges, einſt ſchoͤnes Weib. Sie nahm nur reizende Maͤdchen in ihren Dienſt, die ſie aber unaufhörlich qualte und bei jeder, oft herbeigefuͤhrten Gelegenheit durch ſtechende Worte an ihren niedrigen Stand und ihre Armuth er⸗ innerte, und erſt wenn ſie weinten, kein Auge auf⸗ ſchlugen und ihre Stimme leis und wie gebrochen klang, dann war ihr wohl— weil ſie nicht mehr jung und ſchoͤn war. Reiſete ſie jetzt, ſo mußte ihr Affe ſie begleiten, um die Aufmerkſamkeit der Gaffer auf ſich zu ziehen, und in der Stadt ſah ſie mit ihm nur zum Fenſter hinaus. Auch mit Dichtkunſt hatte ſie einſt ſich veſchaͤftigt, weil ſchon gemeine Worte von ſchoͤnen Lippen wie Orakel klingen, geſchweige begluk⸗ kende Verſe. Doch war es ihr darum mehr zu thun geweſen, daß es kundig ſei, ſie dichte, als ſußere Stun⸗ den ſich damit zu verderben; Apollon war ihr nie er⸗ „ —— ſchienen, und die Muſen ſind keine Maͤnner. So hatte man ihr denn gerathen, ſie ſolle lieber naͤhen und ſtik⸗ ken, ſelbſt ihr Vater, Andrea, war dieſer Meinung geworden. In dieſer Noth hatte ſie ein Sonett ge⸗ macht, welches ein Anverwandter ihes Mannes„Tor⸗ quato Perrotti, Kaͤmmerer des Papſtes Urban VIII. und Biſchof von Amelia, mit zur Meſſe fur Fran⸗ cesco Petrarka nach Avignon genommen; dieſer hatte ihr freundlich in einem Sonett geantwortet, Has nun neben dem ihren unter Glas im goldenen Rah⸗ men hing, und wer ſie beſuchte, der mußte leſen: La gola el sonno, e l'oziose piume Hanno del mondo ogni virtü sbandita R Wer ſie aber, wie Petrarka ſie zuerſt genannt, „Spirto gentile“ anreden durfte, der war ſicher: Alles von ihr zu erhalten. Mit dieſem erlangten Ruh⸗ me war ſie voͤllig zufrieden, dichtete ſelbſt keine Zeile mehr und ſagte ſelbſt zu ihrer Entſchuldigung:„Nichts wuͤrde die Menſchen, am meiſten aber die Frauen von Manchem, ſogar von dem Bedenklichſten abhalten, als wenn ihnen laut und oͤffentlich durch einen goldenen Brief zugeſtanden wurde ſie koͤnnten es thun, und durften es auch. Da waͤre Vieles ſogleich aus, denn das Leben iſt blos ein Verſuch, was wir koͤnnen und — Schlaf, träge Federn und des Gaumes Froͤhnen, Die Tugend haben ſie der Welt genommen. Ueberſ. von K. Forſter.) duͤrfen, und die Erfahrung— was nicht.— Indeß mußte Violante ihr die ſchoͤnen Werke der Proven⸗ zalen vorleſen, und Ginſtina hieß ſie innehalten und ſchaltete oft ruͤhrende, oft abenteuerliche Geſchichten von jenen Sängern ein, und wenn Violante dann wei⸗ ter las, beſtaͤtigte der Zauber der Rede dem Maͤd⸗ chen das Alles im Herzen. In jenen Jahren, wo Alles, was die Jungfrau umgiebt, was ſie ſieht und hort, den tiefſten Einfluß auf ſie ubt, wo ihr Gemuͤth eine offene bluͤhende Blume iſt, in bebender Wonne der Erwartung empfing ſie mit Schauer den zarten Blumenſtaub befruchtender Blumen, den ihr die Phan⸗ taſie zugefuhrt. Unter allen jenen Namen und Ge⸗ ſtalten aber ruͤhmte Giuſtina ihr immer am hoͤch⸗ ſten und immer wieder den Saͤnger der ſchoͤnen Pro⸗ venzalin Laura: Meſſer Francesco Petrarka von Arezio. Und in der That, die Natur mag immer große Geiſter hervorbringen, die groͤßten ſcheinen die, welche zuerſt das ausſprechen, was waltend als Leben, aber in ſeinem Empordrange zu maͤchtig, lange im Herzen eines Volkes gewandelt, bis es vor Augen erkannt zu ſeinem eigenen Bilde wird, und das Bild wieder Wort im Munde des Dichters.— Dieß iſt die Zeit der Götter und Heroen. Ja, das Volk verwechſelt ſie ſelbſt und was ſie ſind— Menſchen wie Viele— mit dem was ſie bringen, und weiht ihnen die Verehrung, die ſie dem Geſchick ſchuldig waͤ⸗ ren, das ſie in der Morgenrothe einer neuen Zeit ge⸗ * — 314— boren werden ließ. Doch die fuͤgende Götterhand iſt verborgen— der Menſch lebt unter Menſchen. * Der große, beruͤhmte Petrarka hatte Avignon auf immer verlaſſen und kam in Italien, ſeinem Va⸗ terlande, zu wohnen. Nichts hätte Giuſtina mehr erſchrecken können, als die Nachricht, Meſſer Francesco komme nach Bergamo! Der reiche Goldſchmied Hen⸗ rico Capra hatte ihn zu ſich zum Beſuch einge⸗ laden, ſein ganzes Haus aufgeſchmuͤckt, die zu ſei⸗ — Aufnahme beſtimmten Zimmer ausmalen laſſen, das Bett aber, in welchem er ſchlafen ſollte, hatte 1 ſelbſt von goldgetriebener Arbeit mit großer Kunſt vollendet.— enn M. Francesco auch ſie beſuchte! da ſie nur eine Stunde von Bergamo wohnte! Wenn er ſie ſah, ſie, die ſich jetzt lieber in einen Engel des Himmels verwandelt haͤtte, um ihn mit Schoͤnheit zu uͤberſtrahlen, daß er vor ihr auf die Kniee ſaͤnke; wenn 3 Er ſie ſah, er, der eben nur darum beruͤhmt war, weil* er ein, wie mit neuen zarteren Augen begabter Be⸗ wunderer, ein begeiſteter Anbeter der Schoͤnheit, ein Meiſter der goͤttlichen Kunſt der Liebe war, der nach* ſo manchem Jahre noch nicht alle ſeine Gefuͤhle auszu⸗ klagen und auszuſingen vermocht— er, der ſelbſt ſo ſchoͤn war, daß ſogar jeder Mann ihm verzieh, wie er lebte und liebte. Kurz, Güuſtina haͤtte ſich lieber in Marmor verwandelt und waͤre lieber geſtorben, als ihn zu ſehen, als ihm unter die richtenden Augen zu treten. 1 — 315— Ganz anders regte die Nachricht das zitternde Herz Violante's auf. Ihre großen feurigen Auge ſtanden feſt auf die Schrift des Sonetts, die ſie jett nicht ſah! ſie hoͤrte Giuſtina's weitere Worte nur als leeren Schall in der Luft, und kaum noch ſo; ihr Ge⸗ ſicht hatte ein ſchwerer ſinnender Ernſt uͤberzogen, die linke Hand, mit ausgeſpreiteten Fingern, hielt ſie auß der Bruſt und bedeckte ſie damit, ſo weit ſie konnte, als meine ſie:„Beſchuͤtzt mich, ihr guten Geiſter!“ und doch war ihr das unbewußt, denn ihr Geiſt war verſonnen in ſelige Tiefe und Ferne. Und wie ſie blaß bei Giuſtina ſtand, ſchwieg Nſe und betrachtete das wunderbare Maͤdchen, nicht ohne richtige Ahnung, nicht ohne Neid, doch auch nicht ohne Bewunderung, ohne ſie gluͤcklich zu preiſen! So ſtand auch ſie ſtill, an der Lippe nagend, bis ſie rief:„Violante, wo biſt Du? Violante, hoͤrſt Du mich nicht?“— Violante aber ward roth und röther wie eine Roſe vom Morgenroth der nahenden Sonne, und lächelte ihre Freundin an, um ihre Gedanken damit zu verbergen. Sehr zur Unzeit drohte ihr dieſe mit dem Finger und ließ ſie al⸗ lein, indern ſie noch, Violanten vernehmlich, die Worte fur ſich ſeufzte: Ach, wenn ich waͤre wie Du! Violante zweifelte, ob ſie es wagen duͤrfe hin⸗ zugehen, ihn zu ſehen. Wie viel in der Welt ſprach dagegen! wie viel in ihrem Herzen dafuͤr! Jetzt hing ihr Auge wieder an ſeiner Schrift, und ſie las die Worte deſſelben Sonetts: — 316— „Qual vaghezza di Lauro?“ ls ſtehe Laura geſchrieben, und verſtand ſie nun ſo: „Wer kuͤmmert ſich um Laura?“ Nun las ſie dreiſt und erquickt, und wie von der Stimme des Saͤngers ſelber ſehnlich gerufen mit Ent⸗ zuͤcken weiter: *„Tanto Ti prego piu, gentile spirto, Non lassar la magnanima tua impresa.“ Laura war todt! ſeine Laura; und den ganzen Tag ſang es in ihr nach: „Um deſto mehr bitt' ich Dich, holdes Weſen, Laß Dein großherzig unternehmen nicht.“ Den Vorwand, das Prunkgemach bei dem Gold⸗ ſchmied anzuſehen, ehe ſein Gaſt noch erſcheine, den er taͤglich erwartete, ließ Giuſtina gelten, die kleinen Aben⸗ teuern nicht fremd noch feind war. Die Vallfahrt nach St. Rarkus. In dieſen Tagen hielt ſich jedoch Violante's Milch⸗ ſchweſter, Alalte, bei ihr auf, die gekommen war, ſie zu beſuchen, eigentlich aber ein Brautgeſchenk von ihr zu erhalten. Ihr Bräutigam Morgagni war mit, und wolite ſie dann in ſein Haus nach Garig⸗ nano fuͤhren: ein Dorf mit Karthaͤuſerkloſter unweit von Mailand. Alalte war ein ſanftes Geſchoͤpf, lie⸗ benswuͤrdig und in Allem ihrer Milchſchweſter Vio⸗ lante voll Treue zugethan, da eine Mutter ſie Beide genaͤhrt und ſie die fruhen ſorglos verbindenden Jahre mit ihr verlebt. Alalte ſollte mit ihr nach Bergamo gehen, und Violante glaubte ſich verborgener, wenn ſie ſich in die reizende Tracht eines Landmaͤdchens klei⸗ dete, wie ihre leibliche Schweſter Alalte. Es ward verſucht, es gefiel ungemein, und ſo gingen ſie eines Nachmittags das Stuͤndchen Weges im Schatten am Fluͤßchen Serio hinab. In der Naͤhe der Stadt blieben die Maͤdchen ver⸗ wundert, ja erſchrocken ſtehen⸗ Es ſchien als ſei ein —86—— Pilgerzug von Raͤubern an den Ulmen aufgehangen worden und ſchwebe dort. Alles ſtill, Alles einſam. Als ſie furchtſam ſich um die Gebuͤſche gewendet, ſahen ſie im Gruͤnen prächtige Zelte aufgeſchlagen und in der Tiefe des Halbkreiſes Eines von Purpur, hoͤher als alle, und auf der Fahne, die darauf ſtand, von keinem Luͤftchen bewegt, ſahen ſie ein Kind im Rachen einer Schlange abgebildet. Diener ruhten im Graſe; Roſſe und Saumthiere weideten umherz ſilberne Becher und andere Geſchirre ſtanden auf Feldtiſchchen; und in Zelt⸗ ſtuͤhle gelehnt, ſaßen einige Männer in Schlaf verſun⸗ ken. Sie hatten ſich vorher gewiß in den Schatten geſetzt und das Laub der Baͤume fluſterte noch uber ihnen, aber die Sonne war weiter vorgeruͤckt, und ſo gluhten ſie nun von ihrem Scheine und kochten ganz, wie man ſagt. Obgleich der Waizen geſichelt war und die Schnitter die Lerchen aus ihrer ſo plotzlich zerſtoͤrten Heimath vertrieben, ſo nahmen ſie jetzt die Erde und die Wolken begluͤckt dafuͤr an und ſangen, umſchwebt von den aufgezogenen Kindern, am tiefblauen Him⸗ mel; hie und da ſchlug noch eine Wachtel, Weinreben hingen von Baum zu Baum, an den Reben reife und reifende Trauben und ſchweigende Voͤgel huͤpften im Laube und bekoſteten die blinkenden Beeren des ſußen geduldigen neuen Gewaͤchſes. Die edle Pilgerſchaft haͤlt Sieſta! ſprach einer von den Einwohnern der Stadt, die herausgekommen aus Neugier; auch Wanderer waren ſtehen geblieben, — 319— und ſo ſtand eine kleine Schaar Zuſchauer den Zelten gegenuͤber auf dem gruͤnen Wege verſammelt. Sanct Markus muß Freude haben!— laͤchelte ſpottiſch ein Anderer.— Aber warum haben ſie ihn aus Alexandrien gebracht! Das iſt der Vorzug eines Heiligen, daß ſeine Gebeine kein Grab, keine Ruhe in der Erde haben, wie wir andern Chriſten. Schweigt! ſprach ein wohlausſehender rothwangi⸗ ger Moͤnch. Wenn erſt die Damen anfangen zu pil⸗ gern, das reißt hin, das hat Nachfolge! Auch wenn ſie leben, wie die Heiden, in allen Luͤſten und Wolluͤſten? Das reißt hin! das hat Nach⸗ folge! Nicht wahr? entgegnete Jener. Das weiß in der Ferne Niemand. Aber daß Iſa⸗ bella von Mailand, Luchin's Gemahlin, nach Venedig wallfahrtet, das bleibt davon uͤbrig. Ich aber glaube,— verſetzte ein Buͤrger— dem Luchin bleibt nicht die Gemahlin uͤbrig, wenn das ſo fortgeht! Mein Bruder iſt in ihres Geliebten Gale⸗ azzo Visconti's Dienſt. Der weiß das beſſer, und ich durch ihn! Horch! nun ſpielen ſie Laute und die Floͤten beginnen leiſe, die Schlafende aufzuwecken. — Seht, der dort iſt Galeazzo, der ſchoͤnſte Mann von Italien! Da geht er leiſ' zu ihr in das Zelt, ihre Befehle ſogleich zu empfangen, ſobald ſie ein maͤnn⸗ liches Weſen erblickt. Ich wette, der erſte Befehl iſt der: ihr den Schlaf von den Augen zu kuͤſſen! Das heißt doch noch ein Rendes⸗vous, das hundert Meilen 0 lang iſt!— Wie er das Gold verſchwendet! jede Freu⸗ de wird aufgeſucht, uberall erwartet ſie ein neues, rei⸗ zenderes Feſt! kein ſchoͤner Mann bleibt unbeſucht, kein ſchoͤnes Weib wird voruͤber gelaſſen, ſie wirbt es an — fuͤr Sankt Markus; und Luchin glaubt, ſie betet den Roſenkranz! Sie traͤgt ihn lieber im Haar! meinte ein Anderer. Aber Menſchen, Männer von Bergamo— ſagte der Moͤnch— ſeht mich einmal an! kann mir ſolch Unbill geſchehen? Nimmermehr! Ihr koͤnnt es nur ausuben! verſetzte der Birger Der Moͤnch wuͤrdigte nicht ihn anzuſehen und fuhr fort:„Niemand ſoll zwei Weiber nehmen, ſelbſt hintereinander nicht, denn das bringt gewiß jedem Unſegen oder doch kein Gluͤck. Die herzliche Freude, die neue Luſt an der Erſten ſieht die Zweite nicht in des Mannes Augen, denn ſie iſt empfunden, todt und zerriſſen. Die Ehe, und darum der Eheſtand iſt ein Band, das, zerſchnitten, nie mehr geknuͤpft werden kann; und die arme Zweite, je feineren Anſpruch ſie an den Mann und das Leben der Liebe macht, das in der That ſo reich und ſchoͤn iſt— deſto eher wird ſie inne: ſie iſt nur eine Pallaſt-;, Noth⸗ oder Geld-, ja eine bloße Weiber-Dame! eine Erzieherin der nachge⸗ bliebenen Kinder, und wehe, wenn dieſe ſchon groß ſind! Der Menſch kann viel, ſo lange er eins und ganz iſt; aber das Leben und gar die Liebe theilen,. — 321— verdoppeln, neupflanzen und uͤbertragen— das kann er nicht. Einer iſt Einer; und Zwei koͤnnen in der gluͤhenden Jugend nur Eins werden durch die ver⸗ ſchmelzende Liebe, die gleiche Hoffnung und Wonne. Denn Wonne verbindet allein auf ewig; wie Kinder⸗ freundſchaft auf Nichts gegruͤndet iſt, als das Ueber⸗ ſchwengliche, daß ſie das ſchoͤne Leben zuſammen be⸗ gonnen! Jedes Lebenshauptſtuͤck, das Jemand nicht mit dem Andern zum erſten Male von ſeinem na⸗ tuͤrlichen Anfange angefangen, das fuͤhrt er nicht, oder ſchlecht mit ihm zu Ende. Mit ſeiner erſten Frau ſtirbt der Mann unfehlbar mit, und nur der Vater, der Menſch bleibt uͤbrig. Das koͤnnt Ihr mir glauben, Maͤnner von Bergamo, aber Ihr ſeid zu er⸗ trunken in Luſt und Noth und Weibern, das einzu⸗ ſehen! Waͤre der Tod denn umſonſt der Tod? und das Ungluck das Ungluͤck? wenn es ſich leicht und im⸗ mer erſetzen ließe! Aber die Natur gibt Alles nur ein⸗ mal, und fur das Hochſte und Schoͤnſte des Menſchen hat ſie keinen Erſatz, weil er keines fähig iſt in ſeiner faſt heiligen Einheit, noch fähig ſein ſoll, wie die Fromme, Göttliche herrlich ihn ſich gedacht. Doch wie Ihr Men⸗ ſchen noch lange denkt, braucht Ihr noch lange als beſte Gabe: das Ungluͤck! um wenigſtens weiſe zu werden nachher, wenn Ihr zuvor nicht gluͤcklich bleiben könnt durch Frieden und Genuͤge. Die Natur ermahnt dadurch jeden Mann, ſein Weib auf Haͤnden zu tragen Schefers neue Nov. ul. 2 und mehr zu bewahren als ſeinen Augapfel, deren er zwei hat, aber nur eine Frau, und die Frau nur einen Mann, den ſie darum lieben und pflegen muß, als ihr einziges Gluͤck— der Art!— Gott bewahre Euch und Jeden, daß ihm nicht die Erſte, die Einzige Frau ſtirbt! Ich bin bewahrt!— Und nun hat Luchin — in ſeinem Alter, wohlgemerkt— ſogar die dritte Frau genommen, kann das eine Frau ſein? je mehr ſie es könnte? Gerade nimmermehr! Darum ſtraft ihn Gott durch die Natur und durch ſeine Geſetze, die fuͤr ſein Ebenbild zart und gottlich ſind, und fuͤr Taube am Herzen und Blinde am Geiſte gluͤhende Ketten ſind. — Da ſeht nur ſelbſt, weſſen ſein Weib iſt! Sie treten heraus!“— Er ſchwieg, ſah zur Erde, wen⸗ dete ſich und trat hinter einige Andere. Galeazzo zog die purpurſeidenen, mit Gold beſetzten Vorhaͤnge des Zeltes zuruͤck, und Violante ſah ein blaſſes, ſchlankes Weib wie traͤumend hervor⸗ treten. Nur die rechte Wange war roth geſchlafen, die anders blaß und weiß, wie Bruſt, Arme und Fuͤße, und ihr Fleiſch ſchimmerte blos ein wenig gefaͤrbter, als der weiße Atlas ihres knappanliegenden Untergewandes. Sie ſah nach dem Himmel und laͤchelte dann mit Ge⸗ nuͤge und Stolz in die Gefilde hinaus, und ihre Zuͤge ſchienen zu ſprechen: Ich weiß es, mir klopft das Herz, Alles iſt vergaͤnglich— aber Alles in ewiger Zerſto⸗ rung, nackt und herrlich, elend und goͤttlich, wie iſt es doch ſo ſchoͤn! Und im Menſchengeſchlecht, unter — a— ſeinen Schonen bin ich im weiten Kreiſe die Schoͤnſte, die Hochſte— und die Kluͤgſte, das Alles ſo raſch wie entzuͤckt zu genießen, wie ich es vermag, eh' die Blu⸗ men decke auch mich verbirgt. Ich lebe! ich liebe! und bin mehr geliebt, als ich nur bemerken, erwiedern, vergelten kann! Aber was ich kann, das will ich! Violante empfand einen leiſen Schauer vor ihr, und Alalte wisperte ihr in's Ohr: Das Weib macht mir Angſt; in ihrer Naͤhe verging' ich! Jetzt wurden wohlriechende Waſſer uͤber den Raſen⸗ teppich und auf die Gebüſche geſprengt, daß es weit umher duftete. Eine große Zahl von Iſabellens ſchoͤnen und jungen Begleiterinnen bekränzten ſich mit Roſen und fuͤhrten reizende Taͤnze vor ihr auf, die neben Ga⸗ leazzo ſich niedergelaſſen; die Diener kredenzten, und Andere ſangen ihr Lieblingslied, das die Wonne der Tage der Jugend ausſprach: Selige Tage Tage der Jugend! O, das Entzuͤcken Sinn ich nicht aus! Augen der Blumen, Augen der Liebe, Himmel und Sonne Laͤcheln mich an! Tauſend Geſchlechte Schlummern verwandelt, Heilige Waͤrme Trägt mir den Geiſt. 6 Bald iſt es Fruͤhling! Bald iſt es Morgen! Abend und Vollmond, Nacht und geſtirnt! SZetzo erſcheinen Roſen im Thale, Lerchen in Wolken, Wolken in Glanz. Nun iſt die Kirſche! Nun iſt der Apfel! Nein, hier die Traube! . Nein doch— die Nuß! Nun iſt die Schwalbe Da! nun verſchwunden! Jetzo die Garbe, Jetzo der Schnee! Bald iſt das Junge Alt und vergangen, Bald iſt das Alte Neu wie zuvor. Mir in dem Buſen„ Wankt nicht die Wonne! Schaue die Wechſel Dauernd im Geiſt. 1 Selige Tage, Tage der Jugend! O, das Entzucken Sing' ich nicht aus. In die volle Luſt kam ein Ritter aus der Stadt geſprengt, der, abgeſtiegen, ſich an Galeazzo wandte, — 326— dieſer an Iſabella, und auf ein leiſes Zeichen von ihr war Alles zum Aufbruch bereit. Die holden Nym⸗ phen der Flur waren ſchnell in fromme Pilgerinnen verwandelt, die vornehmen Begleiter und Ritter, alle waren Pilger geworden; die Diener raͤumten, packten in die Koͤrbe, die Maulthiere wurden beladen, und den Zelten ſtand das Schickſal der Lerchenneſter im Waizen bevor. Ehe der Zug ſich ordnete, kam Iſabella mit ihrem Pilgerſtabe auf den Mönch zugetreten, in⸗ dem ſie ihn während des Nahens beſtaͤndig im Auge behielt, und im Voraus eine heimliche, ſuͤßbefangende Sprache mit ihm redete; und nach wenig holden bit⸗ tenden Worten„der Wallfahrt nach St. Markus ſich anzuſchließen,“ reichte der fruher ſo ſtrenge junge Mann Iſabella die Hand, die ſie kußte; ſie fuͤhrte ihn hin⸗ uͤber zu den Ihren, und dort mit Erfriſchungen be⸗ dient, laͤchelte er ſchlau heruͤber nach Violante und den Buͤrgern, nicht ohne daß ein bitterer, hohnlaͤcheln⸗ der Ernſt einen Augenblick auf ſeinem Antlit gieichſam blitzte. Das haͤtt' ich dem Giacomo Boſſolaro nicht zugetraut! meinte der Buͤrger. Iſt das der beruͤhmte Stuͤrmer der weltlichen Herrſchaft? der Giacomo hier? ſragte ein Anderer verwundert, einen beruͤhmten Mann wie einen Andern mit ſeinen gewohnlichen Augen ſehen zu koͤnnen. Und warum denn nicht? Indeß wer weiß, was er vorhat! Laß ihn nur machen!— verſetzte der Er⸗ — 326— ſtere— Ihm kann kein Unbill geſchehen, wie er ſagte. Auch den Domherrn dort hat ſie heut' aufgefangen; jetzt ſpricht ſie mit ihm. Nun hat er den Gewinn, zu Fuß zu gehen; und ſein Diener hat zwei Pferde zu* reiten. Er heißt, glaub' ich, Geld oder Muͤnze— „Moneta“— und iſt alſo der beſte Herrendiener in der Welt! Welch' glucklicher Tag fuͤr Bergamo! denn heut' betritt es auch noch Meſſer Francesco Petrarka!— Der Capra iſt außer ſich, daß ihm ein Faſan nach dem andern am Spieße verdorret; und der Wein, den er austheilen wird, ſo warten muß! Bei alledem iſt er ein braver— Narr! Jetzt brachen ſie auf. Und unter frommen Pſal⸗ men, welche dieſelben unheiligen Stimmen von vorhin jetzt ſangen, naͤherte ſich der lange Pilgerzug der Stadt, und Violante ging mit ihrer Freundin unter der immer ſich mebrenden Menge langſam dem Zuge nach, bis er, Almoſen bettelnd, ſich rechts nach der Kathe⸗ drale wandte und darin verſchwand. Der Goldſchmied Capra. Des Meiſters Haus war nicht zu fehlen. Auf⸗ geſchmuͤckt wie es war, zeichnete, ja man moͤchte ſagen, malte es ſich ſchon von weitem aus. Weit hinaus vor die geoffneten Pforten des mittelgroßen Palaſtes, wahr⸗ ſcheinlich von einer vertriebenen Familie erworben, wa⸗ ren Lorbeerblaͤtter, kleine Myrthenzweige und Roſen auf weißen, goldfunkelnden Sand geſtreut. Wie junge Madchen gleich an jungen Maͤdchen Freundinnen ſin⸗ den, ſo wehrte die Jungfrau, die eben von Jemand Abſchied nahm, in der Halle Violanten und Alal⸗ ten den Eingang nicht.„Nur leiſe— ſprach ſie— und nichts angeruͤhrt! der Meiſter ſchlaͤft!“— Die hintern Fenſter ſchienen mit Fleiß durch ih e Laͤden vor dem Tage verſchloſſen, um den präͤchtig 1 vergoldeten Kronleuchter auf der Marmortreppe vor don Leuten leuchten zu laſſen. Oben ſtanden alle Thuͤren offen. So traten die beiden Maͤdchen leiſe in den Saal. Er war prachtvoll und lachte den Maͤdchen in's Auge, ja der Wohlgeruch ſchien ſie anzuhauchen. Tiſche =—— von edlen Marmorn, Stuhle, mit Gold und Elfenbein ausgelegt, Gefaͤße von Silber mehr als noͤthig; und es ſchien, als habe der Meiſter alle ſeine beſten Werke hier aufgeputzt, ja ausgeſtellt. In der Mitte deſſelben ein Tiſch von Roſenholz, ein großes aufgeſchlagenes Buch darguf: Petrarka's Sonette, Madrigale, Seſtinen und Canzonen“, prachtvoll auf Pergament, mehr gemalt als geſchrieben.— Violante neigte ſich gluͤhend und traf und las die Stelle: Io son si stanco sotto'l fascio antico Pelle mie colpe, e dell' usanza ria, Ch'io temo forte di mancar tra via, E di cader in man del mio nemico. ²) Sie glaubte„nemica“ geleſen zu haben, ſchlug die Augen nieder, und ſich ſelbſt nicht klar, dachte ſie: Deine Feindin bin ich nicht! Und uͤber dieß Wort verwirrt, blickte ſie auf die andere Seite, und mit einem aushaltenden Blicke, den ſie gleichſam in ihre Augen zuruͤckzog, und das Koͤpfchen immer weiter von der Schrift erhob, las ſie wieder: S'amor non 6, che dunque 8 quel chi sento?*) 7 Ich bin ſo müde unter'm Druck der Suͤnden, Dem alten, und der ſchuldbefang'nen Weiſe, Daß ich zu irren fuͤrcht' einmal vom Gleiſe, und mich in Widerſachers Hand zu finden. *) Iſt's Liebe nicht, was iſt's denn, was ich trage? und ein ſchwerer Seufzer ſtieg aus ihrer Bruſt. Sie haͤtte lieber geweint, und waͤre ſie im Walde allein geweſen, haͤtte ſie ſich in das Gras gelegt und das Geſicht in ſeinen Blumen, ſeiner gruͤnen Nacht an der kuͤhlenden Erde verborgen. Aber Alalte hatte weiter⸗ gebläͤttert! und als ſie fortging, ſtrahlte die Schrift ihr noch in die Augen: 10 amai sempre, ed amo forse ancora!*) und vor Gefuͤhlen konnte ſie ſich nicht enthalten, die Lippen ihrer Freundin flüͤchtig zu kuſſen. Das geiſt⸗ und liebevolle Buch, koſtbar eingebun⸗ den und mit funkelnden Edelſteinen beſetzt, lag dennoch in dieſem Saale nur als ein Gemälderatalog zu den Gemaͤlden, die Capra daraus a fresco und a tem- pera an den großen Waͤnden umher hatte malen laſſen. ſ Das Nächſte, worauf Violante's Augen ſich richteten, erſchutterte ſie. Sie ſahe Laura und Pe⸗ trarka, roth gekleidet, im blauen Ueberwurf, diesſeit eines Fluſſes ſtehen, und auch wieder ſtehen ſie jenſeit im Mittelgrund. Laura diesſeit, veilchenblau gekleidet, mit himmelblauen Voraͤrmeln, oder Handſchuhen, die ſehr weit ſind und ein wenig uͤber den Ellbogen reichen, mit ihren goldenen Litzen. Sie ſtreckt die linke Hand aus und ruͤhrt Petrarka's offene Bruſt an; ſie blutet, und das Blut trieft herab und uͤber ſein Ge⸗ *) Ich liebte ſtets, und mag wohl jetzt noch lieben. wand; ſie aber haͤlt ungeruͤhrt immerfort ihre Hand auf die blutende Bruſt! Wie ohnmaͤchtig ſich zu weh⸗ ren, hat er die Haͤnde halb erhoben von ſich bewegt; ſo bleibt er ganz geduldig, und ſo blickt er ſie an. Was ſie in ihrer rechten Hand hält, ſchien ihr vor Thraͤnen faſt unkenntlich— wohl ein Herz, das oben gruͤnt. Violante fuͤhlte tiefes Mitleid. Ach, daß Laura ihn nicht wieder liebte! alle die Leiden ihm nicht vergolten! Und ach, daß Er ſchon liebte! wie reizte und entzuͤndete ſie ſeine Gluth, ſein hoffnungs⸗ loſer Schmerz, ſeine herzinnige Sehnſucht! Die Flam⸗ men ſeiner Liebe zuͤndeten ihre eignen zur vollen Lohe an, ja ſeine Liebe ward zu ihrer, ſein Schmerz zu ihrem, und ſo empfand ſie ihn nun doppelt und erklär⸗ lich. Und doch glaubte ſie nicht troſtlos zu verſchmach⸗ ten, wenn ſie ihm einſt nahe! Seine Liebe zu Jener ſchien die Liebe zu ihr nicht zu erſticken, weil ſie die ihre zu heftig und zu beſeligend fuͤhlte. Noch weiter, links auf derſelben Wand aber ſahe ſie Laura entkleidet, im engen Quell badend, kaum bis uͤber die blendenden Huͤften im Waſſer; hinter ihr am Rande liegt ihr goldenes Haͤubchen. Petrarka, roth und lila gekleidet, ſteht nicht drei Schritte von ihr und ſieht und zittert, und bebt und ſieht. Sie aber beſpritzt ihn mit den kleinen Haͤndchen mit Waſ⸗ ſer, und auch auf die Augen. Eine Stadt iſt breit zu ſehen und offen. Petrarka, zwar auf die Jagd gezogen, — 331— läßt die Hunde laufen, zwei weiße, einen braunen und einen grauen, Windſpiele, immer hinter dem gelbbrau⸗ nen Hirſch, lder nach dem Gebuͤſche flieht. Er Hleibt. —„Wer anſtaͤndig ſein will, muß eher fortgehn— meinte Alalte— Petrarka bleibt zu lange.“— „Das Bild und die Art der Bilder, alles fluchtig Geſchehene feſtzubannen, macht ihn nur unbeſcheiden! raunte ihr leiſe Violante zu⸗ Sie vermuthete jeden Augenblick, Laura werde auch ſie mit Waſſer blenden! Sie wandte ſich. Und an der Wand, durch deren Thuͤre ſie herein gekommen, ſaß, in einem Seſſel ein⸗ geſchlummert, der alte Meiſter Capra. Sein ſam⸗ metnes Baret war ihm in den Schoos gefallen. Ob⸗ ſchon ſein Haar um ſeine Schlaͤfe weiß erſchien„ ſah er, ſeinen rothen Wangen nach, doch jugendlich⸗ ruͤſtig aus. Freude lag in ſeinen Zügen. Seine Lippen mur⸗ melten etwas höflich, er neigte ſich ein wenig im Schlafe, ſeine Fuße zogen ſich zuruͤck, wie Jemand zu begruͤßen. Er hatte nicht ohne urſache ſo geträͤumt, denn die Tritte vieler, die Treppe herauf Annahender ſchallten, und Violante ſah die ſchoͤnen Pilgrime alle nach und nach in dem Saale erſcheinen unud ſich ausbreiten. Sie wich in das Nebenzimmer, wo das prachtvolle Bette fur den Sänger der Laura bereit ſtand. Der rothge⸗ kleidete Domherr, ſchoͤn und blaß von Antlitz, folgte ihr leiſe, betrachtete unter der Stirn hervor ſich Alles im Zimmer, ſchloß dann die Augen und lächelte ſtill. Denn dieſer Domherr war eben kein Anderer, als der — 332— unerkannte Domherr Petrarka' ſelbſt. Der Moͤnch Giacomo Boſſolaro ſchwieg ernſt mit tadelnder Miene und holte tief Athem, als habe er viel auf dem Herzen. Die eintretende Iſabella aber wiegte das Koͤpfchen und ſagte, zum Domherrn ſich wendend: „Nicht ubel fur einen Ziegenſtall! Uns will Niemand ſolche Wohnung bieten.“— Der Domherr zuckte die Achſeln. Boſſolaro jedoch verſetzte:„Das wird ſich Capra, nach Eurem gnädigen Ausdruck, nicht un⸗ terſtehen.“ Die ſtolze Iſabella hatte das nicht hingehen laſſen, aber ſie ſchlug eben die rauſchenden Vorhaͤnge des Prachtbettes zuruͤck, hing ſie zu beiden Seiten auf die Arme der Liebensgötter, ſetzte ſich auf die himmel⸗ blaufeidene Decke des Bettes, lehnte ſich ſeitwaͤrts und ſtuͤtzte den Kopf auf den linken Arm.—„Nun iſt das Bette noch einmal ſo köſtlich, nun Eure ſchö⸗ nen Glieder es geweiht und gedruͤckt!“ ſprach ihr Ge liebter, Galeazzo. Aber der alte Meiſter Capra, von dem Geraͤuſche der vielen Menſchen erweckt, hatte ſein Baret aufgeſetzt, und Jemand, ſo Tollkuͤhnes erblickend, der ihm das Bett entweiht, ſchritt er erzurnt in das Zimmer, auf Iſabella los, die ruhig liegen blieb. Er konnte vor Zorn und Haß keine Worte faſſen, bis er ausbrach:„Hoͤrt!— wißt!— ſeht!— Schaͤmſt Du Dich nicht? Stehſt Du nicht auf? Hier iſt kein Tod⸗ tengebein zu verehren!— Soll ich Dir helfen aufzu⸗ ſtehn? Warum bleib' ich bei Sinnen?“— Iſabella's — 336— Lachen brachte ihn außer Faſſung.—„Wißt!— wandte er ſich an die Andern— das Bette ſoll vor Meſſer Francesco Niemand beruͤhren, und nach ihm Niemand! Hab' ich darum gearbeitet und geſonnen? Ihr ſeht mich an wie Narren. Wie, hab' ich Unrecht? Thut die Natur nicht desgleichen? Wie haͤlt ſie doch jeden Menſchen ſo hoch und heilig! den Staub, aus dem ich geformt bin, verwandelt ſie bis zum Unkennt⸗ lichen erſt, ehe ſie ihn fuͤr ein neues Geſchoͤpf beſtimmt. Mein Haar und mein Gebein bekommt Niemand in der ganzen Welt, das iſt mein eigen, und nur mein, mein!“— Viele lachten laut.—„Guter Meiſter, die wird Euch Niemand beneiden— ſprach Galeazzo begutigend.— Die hier das Bette beruͤhrt, iſt Jſa⸗ bella von Mailand, Luchin's.——“ Anſtatt ihn niederzuſchlagen, empoͤrte ihn die Auskunft nur noch mehr, und er rief:„Alſo Uebermuth, Hochmuth, der vor dem Fall kommt! Das eben macht Euch ver⸗ haßt, Ihr Gebieter und Ihr Gebieterinnen im elenden Italien, das Ihr in Worten und Thaten offen tragt: „was Niedrigen geſchieht, iſt nichts!“— Uns Nie⸗ drigen kann nichts geſchehen! Laßt uns in unſern Wur⸗ den, ſo fragen wir nicht nach Euch! Wo bekomm' ich nun ſchnell ein anderes Bette her? denn dieſes verbrenne ich!“ Er ſah ſich nach ſeiner Haushaͤlterin um, die eben herein trat, ihn ſanft bei der geballten Fauſt faßte und mit den Roſenfingern leis auf die bebenden Lip⸗ pen ſchlug. 3 ni — 334— Galeazzo griff erzurnt nach dem Pilgerſtab, der Domherr aber hielt ihn am andern Ende, und ſo ſägten ſie gleichſam ein Weilchen die Luft, bis die Bewegung Galeazzo's nachließ. Iſabella, die ruhig liegen geblieben, doch roth geworden war vor Aerger, ſah jetzt das Mädchen an und ſprach: Aber Meiſter Capra, ſchickt ſich auch Sam⸗ met und Seide, Gold und Juwelen fuͤr Euer Kind? Ich habe nicht die Ehre, ſprach das Maͤdchen. Alſo haſt Du eine andere? Nun, deſto ſchlim⸗ mer! Erleichtert dem guten Kinde doch die Laſt! winkte ſie⸗ Der Meiſter aber, jetzt an ſeinem Liebſten angegriffen, entſchuldigte ſich: Trag' ich Euch auch zu viel, edle Frau, und ärgert das Kind Euch, edle Frau, ſo bedenkt, wir erkennen und ehren an uns heut' ita⸗ lieniſchen Ruhm! Vaterlandsgroͤße! Das Alles iſt nur Petrarca zu ehren, edle Frau! Geredet haben unſere Vaͤter zwar an die tauſend Jahre, und das iſt ſo gegangen; kein Weiberzank iſt deswegen unter⸗ blieben, und vor Gericht iſt deswegen nicht einem Ein⸗ zigen weniger Unrecht gethan worden, weil Alle gere⸗ det: nun denn, ſo, ſo! Aber nur Einer kommt, der ſingt— italieniſch ſingt— und was ſingt? von Liebe und Schoͤnheit ſingt, daß ganz Italien das Herz mit bebt und nach bebt auf ewige Zeiten— daß jeder Liebende nun mit ſeinen Worten lieben muß, oder mit ſchlechtern— edle Frau, da mußt' ich das Maͤdchen ſchmuͤcken, den Mann zu empfangen, wie er es gern ſieht. Wir anderes armes, einfaͤltiges Volk ſind alle unſere Lebtage nichts gegen einen einzigen Geiſt und ein Herz, wie Meſſer Francesco's! Selbſt viele Kaiſer und Herren der alten Zeit bis auf dieſen Tag ſind blos ihre Namen geweſen und ſind noch ihre Namen; aber ich ſchwoͤre, es hoͤrt ſie Niemand gern ſingen zur Laute an ſtillem Liebesabend, oder bei'm feſtlichen Mahle zu Mittag, und Niemand mag ſie auswendig lernen, als die liebe italieniſche Jugend, die man dazu zwingt mit Kopfnuͤſſen, edle Frau! Ihr wuͤrdet vielleicht ſelbſt gern ſehen: lebendig und herrlich zu Euch kommen einen gewiſſen Apollon oder Antinous, oder wohl gar auch den alten Homer mit grauem Bart, oder doch den Anakreon in ſeinen beſten Jahren— aber leider ihre Welt iſt zu, verſchuͤttet, begraben; auch unſere wird einſt verſchuͤttet ſein und begraben— ſeht aber, edle Frau, wir haben in unſeren Tagen, heut' unter der Sonne, die uns den Kopf noch warm macht, auch einen dergleichen Saͤnger, der einſt auch nicht wird zu mir kommen koͤnnen, oder ich zu ihm, und Niemand zu ihm und zu Euch— und heut', heut' wird er zu mir kommen! und er liebt mich, wie ich ihn ehre, und ich weiß, was das tiefe, lebendige, helle, unausſprech⸗ liche Wort: heut'! heut'! zu bedeuten hat, ich weiß, was ein Menſch iſt, eine Amphibie von Himmel und Erde, und einſt nicht Staub im Himmel, ſondern hier in dieſer ſonnenhellen Todtengruft— darinnen — 586— Ihr tanzt— edle Frau! ich liefe, ſo weit meine Fuͤße mich truͤgen, den Ruhm meines Vaterlandes zu ſehen, ſo lange er gleichſam als Menſch, Auge in Auge, wo zu ſchauen waͤre Edle Frau, laßt dem Mädchen die Perlen und Edelſteine, das Lumpen⸗ zeug, das nichts iſt, wenn es der Menſch nicht zu Wuͤrden und Nutzen bringt— laßt ihr den Sammet und das goldene Kettchen„„oder ich ſchwoͤre: der Teufel ſoll es ihr nicht vom Halſe reißen! Er kehrte ſich um; er hatte ſich warm und weich geſprochen und Thraͤnen hingen an ſeinen grauen Wimpern. Iſabellen gefiel der Eifer des Alten; ſie ſetzte ſich auf und ſprach, zu etwas Anderm uͤbergehend: Guter Meiſter, ich hoͤre, Ihr wollt Euer Gewerbe niederlegen, und Euch zur Kunſt des Dichtens wenden? Ja, verſicherte Capra: ich habe heut' an dieſem Bette meinen letzten Stift eingeſchlagen! Von nun an ruht der Hammer und das Feuer, ich will es nicht mehr bemuͤhen und citiren wie einen dienſtbaren Geiſt — ich habe mir dieß Kind in's Haus genommen, das mich beerben ſoll; ſie begeiſtert mich und mit Gottes Huͤlfe habe ich ſeit vierzehn Monaten ein tadelfreies Sonett zu Stande gebracht! Ihr ſeid aber doch zu befangen fuͤr Meſſer Fran⸗ cesco! ich wuͤrde mir Giovanni von Certaldo loben! oder Alighieri! Bewahre Gott mein Herz vor einem Werke, das aus Rache gemacht iſt; die Welt hat unſern groͤßten Geiſt durch tauſendfaches Unrecht, nur ſich ſ elbſt verdorben. Nun, fuhr Iſabella fort: ich bin Euerm Ab⸗ gott ſehr gewogen; denn wer ein Weib, ſo wie er, in einem goldenen Himmel hoch ſtellt, wer den Menſchen Augen giebt, die Schoͤnheit zu faſſen und zu ſchauen, wer ihnen faſt die Haͤnde faltet, ſie anzubeten, wer aus einem unerſchoͤpflich liebeſeligen Herzen lehrt und reizt zur Liebe, wer ihnen ſolche zarte, ſuͤße, goldene Worte in den Mund legt, ſie ihnen vorſingt, ein Weib damit zu begruͤßen, der hat die ſchoͤnen Frauen alle hochgeſtellt, dem ſind ſie alle Dank verpflichtet. In⸗ deß— er liebte ein provenzaliſches, ein fremdes Weib! Wollt Ihr ſie aber ſehen? fragte Capra gluck⸗ lich: beliebt Euch, umzukehren, edle Frau, und ſie wird Euch laͤcheln! Der gute Mann, der alles Moͤgliche bedacht und beſorgt, um ſeinem Gaſte bei'm Abſchiede einen Haͤn⸗ dedruck abzugewinnen, hatte mit feinem Sinn inwendig des hohen Bettes an der Wand das Bildniß ſeiner „ſchoͤnen Feindin“ angebracht. Mit vier brillantenen Sternen und vier dunkelroth gluͤhenden Lampen am Rahmen geſchmuͤckt, hatte es Allen vorher nur ein Madonnenbild geſchienen. Jetzt waren Aller Augen darauf geheftet, und es lächelte Allen holdſelig und ver⸗ ſchwiegen wieder in die Augen. Tiefes Schweigen Schefers neue Nov. m. 22 herrſchte lange Zeit, wie vor einer Heiligen, die er⸗ ſchienen; und die fruͤhere, noch fortwirkende Meinung, es ſei Madonna, und die eigene Schoͤnheit des lieb⸗ lichen Geſichtes, bewog die Meiſten, die Hände zu falten und ſo zu ſtehen, wie vor einer Heiligen. Ja, der Domherr bekrenzte ſich heimlich, ſeufzte tief, und ihm ſtanden die Thränen in den Augen. Die Frauen konnten oder wollten die goldene Schrift unter dem Bilde nicht leſen; Iſabelle forderte den Domherrn dazu auf, und mit zoͤgernder, weicher, beklommener Stimme las er, ohne mehr als einmal hin zu ſehen, unter verſtohlenem Kicea der Sa nen die Worte: Con lei foss' io, da che si parte il sole Sol' una notte; e mai non fosse l'alba ²)!1 Der Meiſter tieß Alle ſich ſatt ſchauen, die uner⸗ forſchliche Wirkung und das herrliche, ſchweigende Le⸗ ben eines Bildes bewundern, das jetzt einen reizenden Sinn erhalten, und ſprach dann, des Beſitzes froh: Ein Werk von Simon Martini, oder Simon's von Siena, einem Schuͤler Giotto's, ein Schuͤler Cimabue's! Ich denke, ein Werk Gottes! ſprach der Dom⸗ herr; Have, anima pia*)! *) Wär' ich mit ihr, ſo bald die Sonne ſchwindet, Nur Eine Nacht, und kaͤm' nie Morgenr öthe! * Ruhe, du fromme Seele! Ihr meint ſie ſelbſt, ſprach Iſabella. Alſo hat der Dichter doch nicht die Weisheit geliebt und be⸗ ſungen, welcher Meinung er doch ſeinen groͤßten Ruhm hier im Lande bei allen Ernſtern verdankt!— ſetzte ſie etwas ſpoͤttiſch hinzu— daß er aber bezaubert ge⸗ weſen, glaub' ich eher! Oder wie Cino, auch Cecco d'Ascoli, ſich von allen Damen fangen ließ, und, was er gelebt und geliebt, dennoch Alles nur von Einer ſang, ſo hielt es auch Er, und meinte die Suͤße und Schoͤne des Weibes damit uberhaupt! Denn wir wiſſen ja wohl, wie ihn die ſchoͤnen Damen Rom's das Herz erweicht und ihm die Augen geoffnet noch uͤber andere, ganz andere Schoͤnheit in der Welt, als jener kuhle Stern in Avignon; vor allen aber die ſchoͤne Agnes und Johanna, die Schweſtern des Cardinals Colon⸗ na. Doch was ereifere ich mich uͤber Dinge, die ſich von ſelbſt verſtehen!— Nicht bei Allen!— ſprach der Domherr nur wie ihm abgezwungen.— Das Herz hat an ſo Manchem ſeinen Theil, und was uns dieß nicht heißt, das wird ein Gott nicht zaͤhlen, und ein Menſchenkenner zählt es nicht. Doch Satan, auch der Biograph dereinſt! verſetzte Boſſolaro. Denn mit der ſchönſten aller Pilgerin⸗ nen hab' ich nur dieß gemein— ihre Meinung zu theilen, und ich denke, es ſollte ſich bei ihm von ſelbſt verſtehen. Ein Mann von ſolcher Kraft! und was hat er vollbracht?— ſein Leben nicht, nicht einmal das 2* — 340— Leben eines Tageloͤhners! Wie ſchoͤn belehrte ihn die Natur, die er ſo zu lieben, ſo zu kennen vorgiebt! Kein Luͤftchen weht, das nicht irgend wo ein Blatt bewegt, ein Bluͤthenſtaͤubchen fuͤhrt, oder eine reife Frucht zur Erde wirft! Kein Tropfen Thau faällt, der ein Graͤschen nicht erquickt! Und wenn des Abends 3 große Wolken ſtehn und ruhen, als wuͤßte der Him⸗ mel nicht, oder noch nicht, was er mit ihnen anfan⸗ gen ſolle, ſo erhebt ſich bald ein friſcher Wind und fuhrt ſie uͤber Nacht dahin, wo ſie der Flur am wohl⸗ ſten thun. Aber ein Menſch ſein, ein Leben vor ſich haben, und nichts als klagen um ein unerreichlich Gut und alle andern Pfade, die auch ihn, auch ihn, ſo wahr die Natur die Natur iſt, zum aͤchten Men⸗ ſchengluͤcke fuͤhren wuͤrden— ſtoͤrriſch, blind, ja troz⸗ zend und doch verzagt verſchmähn, das iſt nicht menſch⸗ lich, und er meint, und ſelber meint das Volk— das ſei wohl uͤbermenſchlich! das ſei ewigen Ruhmes werth! Geb' ihm ein Gott, mit ſeinem Sinn im Le⸗ ben einzukehren und zu ſehen, wie vieles Gluͤck er kalt und ſtreng verſchmaͤht— und doch wie mehr noch uͤbrig bleibt! Viel hohe Geiſter, die nicht anders woll⸗ ten ſo wie er, fuͤhrt eine hoͤhere Hand ſelbſt durch die Suͤnde zu der Menſchheit, und wenn den Fehl ſie ab⸗ geworfen, ſtehn ſie da begluͤckt und gluͤcklich machend, ſelbſt als beſſere Menſchen! Doch um ein Weib das ganze Leben opfern, ja einem Weibe opfern, das iſt unnatuͤrlich— darum klagt er unerhoͤrt! Es aber ihr — B— auch nach dem Tode opfern— nachwerffen in die Gruft wie eine abgeſchnittene Locke, ja den abgeſchnit⸗ tenen Kopf, das aus der Bruſt geriſſene Herz, und das noch Liebe nennen, iſt frevelhaft, unmenſchlich, das verzeih' ich nicht, verzeih' Jemand noch ſo viel— um ein lebendig ſchoͤnes Weib! Und waͤr' er hier, hier mitten unter uns, ich ſcholt' ihn einen Thoren! Nicht wahr, Ihr auch, verehrte Frau, und Galeazzo, Ihr, und unſer Domherr, der ganz blaß geworden iſt! Doch auch ſo ſchoͤn finde ich das Weſen nicht, in das er ſich verlor!— ſprach Galeazzo, von Iſa⸗ bellens Augen, noch immer mit ſeinen auf Laura's Bilde haftend, jetzt betroffen.— Gebt jenem angenehmen Maädchen in ihrer ländlichen Tracht— er deutete bei dieſen Worten auf Violante— den Schmuck, die vornehmen Kleider und die ſtolze und herablaſſende Miene Jener— und malt ſie ſo, und faßt ſie mit Diamanten ein, und ſchreibt die kuͤhnen Verſe darun⸗ ter— ich wette, ſie uͤbertrifft die Vielberuͤhmte dort an Reiz und Schoͤne!. Iſabella heftete ihre Blicke auf Violanten, die erröthete, hinter Alalte ſich verbarg und gern ſchon laͤngſt ſich ſtill entzogen haͤtte, wenn der Gedrang in der Thoͤre es erlaubt, und jetzt ſich wie gefangen fuhlte.. Iſabella ſah Galeazzo an und ſprach nicht un⸗ gereizt: Ihr habt ein feines Auge, und ſpäht das Rei⸗ zendſte mit einem— anſcheinbar ſo ganz gleichguͤlti⸗ — 342— gen Blicke auf. Doch was Ihr ſagt, iſt falſch! Die Kleidung kommt dem Maͤdchen dort zu gut! Gebt ei⸗ ner unſerer Schoͤnen ſo gemeine Stoffe zu ihren Klei⸗ dern, das einfach kaum geſchmuͤckte Haar— ſo dauert Euch das arme Kind; beſticht das Herz Euch, und was nur leidlich waͤre an unſerer Einen, ein weißer Nacken und Wangen wie die Mandelbluͤthe— das wird ein Wunder an der ſchlichten Dirne, und Ihr glaubt ſo etwas nie geſehen zu haben, weil Ihr es findet, wo Ihr es nicht vermuthet. Großer Putz will große Schoͤnheit. Die Madchen gewinnen ihre Sache leicht! Ich ſelbſt, ich wuͤnſchte ſtets ſo gekleidet zu ge⸗ hen und wuͤßte, daß ich dann gewiß—— Sie brach ab. Galeazzo aber verſetzte: Wenn Ihr, Gebieterin, nicht dieſes Wort geſagt, ſo war ich ſchon auf dem Wege, das Mädchen dort mit Einer unſerer Pilgerinnen zu vergleichen; doch nun— Und gerade nun! verlangte Iſabella. Violante konnte ſich nicht weigern, daß Galeazzo ſie am Arm hervorfuͤhrte und laͤchelnd umhergewendet fragte: Welche ſich zuerſt neben ſie ſtellen wolle? Unter den ſchoͤnen Begleiterinnen vom Hofe winkte Eine der Andern mit den Augen, jede waͤre gern die Erſte geweſen, und wollte doch glauben laſſen, ſie kenne ihre Reize nicht. So fuͤhrte denn der alte Meiſter diejenige, welche ihm am naͤchſten ſtand, an Violante's Seite. Iſabella ſah kaum zwei Augenblicke hin, ſchlug dann die Augen nieder und die Hervorgezogene, ihr Gericht in der Her⸗ — 343— rin Miene leſend, ſprang tachend, aber im Herzen er⸗ bittert davon. Iſabella ſtand auf und fragte Violante: Wo biſt Du her, mein ſchoͤnes Kind? Wie heißeſt Du? Sprich doch! ich bin kein Mann. Violante ſah in großer Angſt auf Alalte, in Furcht, erkannt zu ſeyn, oder es zu werden, und ſchwieg. Alalte, welche Violante's Verlegenheit wahr⸗ nahm, erwiederte gewandt: Sie hoͤrt nicht wohl bei Morgenwind wie heut', hochedle Frau. Aber ſie iſt aus Garignano und meine Schweſter, und heißt — wie heißt ſie doch— ich bin vor Angſt ganz von Gedanken. Der alte Meiſter fragte alſo Violante ziemlich nahe und laut nach ihrem Namen, die mit ihrer Sil⸗ berſtimme antwortete: ſie nennen mich Violetta. Iſabella ſpannte jetzt mit Daumen und Mittel⸗ finger ihrer beiden Haͤnde um Violante's ſchlanken Leib, und Galeazzo legte in die Luͤcke ſeine flache Hand; ſie hielt ihren Arm einen Augenblick, wie im Voruberſtrei⸗ fen, an Violante's Arm, ſie kußte ſie ſchnell auf die Lippen und druckte ſie fluͤchtig an ihre Bruſt— wies ſie dann gleichſam von ſich, zog einen Ring ab und bat den Domherrn, der ihr gerade zu Händen ſtand, ihm Violetta anzuſtecken. Violetta mußte ihn nehmen, und ſie dankte beſcheiden, wie des Allen un⸗ kundig, was man mit ihr vorgehhbt. — 344— Wenn ich ihr etwas beneide— ſprach Iſabella— ſo iſt es der, in die Seele ſchneidende, Laut der Stimme! Ich bin wie von einem Geiſte durchdrungen, oder ei⸗ nem Fruͤhlingshauche durchweht, oder ſelbſt wie eine Glocke angeruͤhrt zu klingen, und empfinde mich doch ſo dumpf, ſo voll, ſo todt! Und des Weibes groͤßter Reiz iſt eine ſchoͤne Stimme!— Schoͤn? der Aus⸗ druck paßt nicht! Silbern? das kommt mir zu irdiſch vor! Und doch wird das Weib erſt durch ſolche Stim⸗ me zu einem Geiſte, nicht aus der Erde, ſondern vom Himmel herabgeſtiegen; ſie allein giebt ihm das Fremde, das Unbegreifliche, heilige Scheu erweckende, und doch zugleich des Menſchen Vertraute, Begreifliche, Hin⸗ reißende! Ich moͤchte weinen, ſeit ich den Klang ge⸗ hoͤrt, den bloßen Laut. Fuͤr heut' iſt meine Freude dahin! Um Himmelswillen ſprich nicht mehr! oder ich glaube, mich rufen die Engel zu ſterben! Komm, Ga⸗ eazzo, fort von dem Weſen! Mich ſchauert! In dieſem Augenblicke trat ein Grieche mit weißem vollen Barte herein, ein großes Buch unter dem lin⸗ ken Arme. Er trat den alten Meiſter an und ſprach: Ich hoͤre, Petrarka iſt hier— Er wird jeden Augenblick erwartet, Nikolaos Sigeros! ſagte ihm der Meiſter. Nein, er iſt ſchon hier bei Dir!— entgegnete Sigeros;— ſein Diener, den ich von Avignon aus kenne, Moneta, vertraute mir es unten an der Thuͤr. — 345— Wo haſt Du ihn? Ich bringe ihm einen griechiſchen Homer. 1222 Einen Homer?— rief der Domherr ſich ver⸗ rathend.— Hier bin ich, Sigeros! „Petrarka!“ riefen Alle, erſtaunt aus einander tretend, und in ehrerbietiger Faſſung und Form einen Kreis um die Freunde ſchließend, die ſich umarmten. Dann ergriff ihn der Meiſter und ſchalt ihn nach der erſten uͤberwallenden Freude faſt groͤblich, daß er ihn ſo getaͤuſcht! Meſſer Francesco deutete artig auf Jſabella. Dieſe begruͤßte ihn jetzt mit Lächeln und ſetzte hinzu: Ihr ſelbſt ſeid ſchuld, daß wir Euch nicht kennen! Warum ſeid Ihr nicht eher an unſern Hof gekommen, wo Euch Luchin laͤngſt wieder erwartet.— Mich, eine Fiesko aus Genua, habt Ihr noch nicht geſehn, und mein Gefolge, das ich mitgebracht, um mich im neuen Stande und in der Fremde noch wie unter den Meinen und in der Heimath zu finden, ſieht heut' Euch hier zum erſten Male. Und Galeazzo, meines Mannes Neffe, wird Euch bald wieder kennen, wenn er einen Augenblick wieder der Knabe werden will, der Euch geſehn und ſchon geliebt. Boſſolaro, ſeiner Reden ſich erinnernd, blieb ſich treu und ſprach: Ihr habt in dieſem edlen Kreiſe ein Vorbild von der Nachwelt heut' geſehen und ſelbſt gehört! Laßt Euch das mahnen. Da alle Menſchen Gottes Schuldner ſind, haben wir— ſeine Diener— — 346— 6 das Mahnen uns ſo angewoͤhnt, oft etwas haͤrter als der Herr— und Jedermann erkennt die Schuld gern an, die zu bezahlen— bei ihm ſteht. Ich wuͤnſchte, ich haͤtte Violetta's Stimme— und Ihr wuͤrdet eher zahlen! Das ſetzte er leiſe hinzu, denn dem ſchlauen Manne war Pewea ſil⸗ Aufmerkſam⸗ keit auf ſie nicht entgangen. Capra lief aber freudeberauſcht umher und drohte hier: Hinaus, hinaus Alles! Francesco iſt da!— Nein, Menſchen bleibt! Herein Alles! Francesco iſt da! Dann lief er, in Gang zu bringen, was Alles zu ſei⸗ nem Empfange hatte geſchehen ſollen! Die Muſikanten blieſen, nur halb verſammelt und ungeſtimmt, und die Trompete kam von der Attika des Pallaſtes herabge⸗ rannt und geſchmettert; das ſtets bereite Volk jubelte unter den Fenſtern, und in dem vollen Gewirre ſtand Violante und ſuchte Petrarka's Geſicht auswen⸗ dig zu lernen. Nun erſt war er es, und ein Wort hatte wie ein Zauber die fruͤher nicht recht erwogene, nicht in der Seele lebendig gewordene Erſcheinung ver⸗ wandelt, vergoͤttert. Nur mit Muͤhe riß ſie ihr Auge los von den ſchoͤnen, ſchwermuͤthigen und edlen Zuͤgen, dem reizend blaſſen Antlitz; aber Alalte draͤngte ſie nun. An der Treppe ein neuer Aufenthalt. Capra hatte die Pauken vermißt, im Hausflur ſelbſt ſie voll Eifer ſich aufgeladen und kam jetzt eilend und wankend damit herauf, waͤhrend der Paukenſchlaͤger, hinter ihm drein mit den Schlaͤgeln, die ſchwankenden Pauken nicht im⸗ — 347— mer traf, ſondern inzwiſchen den Ruͤcken des Alten, der freudig rief:„Nur zu! nur zu! mein Wamms iſt gut!“— Oben ſetzte er ſie keuchend ab, trat vertraut zu ſeinem geputzten Madchen und ſprach:„Mein Kind, nun hab' ich mein Leben gewonnen— nun bin ich unſterblich, und ſterb' ich hier auf der Stelle! Denn wer an einen beruͤhmten Mann ſich anſchmiegt, gle ich⸗ viel wie, der bleibt mit ihm ewig im Angedenken!“ — Dann nahm er ſelbſt die Trompete und blies in den Speiſeſaal zur Tafel, daß das Haus ſcholl. Drunten ſpritzte ein Eichhorn aus großem vergol⸗ detem„Cornu Copiä“ Wein fuͤr das Volk, und auch Violante durfte nicht fort, ohne davon einen Becher zu koſten⸗ Das ſchoͤne Landmädchen. Violante hatte ſich jedes Wort im Herzen bewahrt, ſelbſt das letzte des nun— unſterblichen Capra. Es war ſo viel in ihr geſchehen, daß ſie freudevoll war wie der Alte, nur voll anderer, maͤdchenhafter Freude. Und wenn es noch nicht ſichtbares Leben ſein konnte, ſo lag es doch fertig als Entſchluß in ihrem Sinn, und wie die Tage erſcheinen wuͤrden, war ſie bereit, es als Einſchlag in das ſtillgezogene göttliche Geſpinnſt zu verweben. Wie ſie heftig begehrte, und wie die Schatten der naͤchſten Tage nur langſam, langſam ruͤckten nach ih⸗ rer Weiſe, begann ſie zu zweifeln, zu fuͤrchten, und ihr Bangen wiederum niederzuſchlagen mit Traͤumen und Ahnen einer fuͤr ſie ſchoͤnen Moglichkeit. Denn ihn zu lieben war ihr nicht verwehrt, und nur einen Kuß auf ihre Lippen wuͤrde er vielleicht ſich nicht verweh⸗ ren. So gab ſie ihren Gefuͤhlen volle Gewalt uͤber ſich, und naͤhrte und ſteigerte ſie, bis kein Zweifel — 3495— vor ihrer Phantaſie mehr wagte zu erſcheinen, und die roſige Hoffnung ihre verſchwiegene Gefaͤhrtin ward. und wenn ſchon ein feines Moos an unfruchtbaren Steinen gruͤnt und nicht nur fortlebt, ſondern ohne Regen und Thau, ohne Sonnen- und Mondſchein, dennoch wunderbar genährt, zuletzt zarte Bluthen treibt und wuchert, wie ſollte die Liebe nicht Nahrung finden in ihrem Herzen, zu dem alles Blut trieb, nur für ihn; in ihrer Seele, in der ein jeder Gedanke mit ſei⸗ nem Bilde geprägt war; wie ſollte ſie nicht Feuer, Zu⸗ wachs und Fuͤlle annehmen in der uͤppigen Natur, worin unzählige Blumen im Sonnenſchein glaͤnzen und Alles von ſtiller allmaͤchtiger, aber gewiß vorhandener Liebe duftet und glüht, worin Nachts die Geſtirne leuchten und ſchweben— getragen von Liebe, jedes in ſeinem goldenen ſchweigenden Schooß voll Seligkeit. Und dieſe Natur war ihre Vertraute, der Tag und die Sonne, die Nacht und die Sterne, und wie von einem Echo ſchallte ihr aus allen Sphaͤren zuruͤck, was ſie fragte, was ſie ſo drängend voll in ſich trug, wie die Rebe den Saft. Und wie dieſe im Fruͤhling von ihrer ueberfulle ſich tropfend erleichtert, ſo weinten auch ihre Augen, bedraͤngt von einem ſchwerern und doch ſeli⸗ gern Jugendgefuͤhle, als jenem betaͤubenden Anhauch eines vom Himmel zur Erde ſteigenden Fruͤhlings, der die Menſchen muͤde macht und in dem die Kinder ſo leicht und ſo ſuß entſchlafen. — 350— So ſchien auch ſie nach außen zu ſchlafen, aber im Innern regte die alte, die himmliſche Kraft ſich deſto gewaltiger, und ihre Seele war wach, ja ſie ſchien ihr erſt jetzt erwacht durch den Anblick ſeiner ru⸗ higen Schoͤnheit. Und erſt, wie er lieben koͤnnte, wenn er wuͤrde, wenn er muͤßte, das betaͤubte ſie mit Wonne, und ſie erlag der Vorſtellung, wenn er in herbeigelock⸗ ten Phantaſieen ihr nahte, ſtieß ihn mit ihren Armen von ſich, und wenn er ſie dennoch umſchlang und ſeine Lippen die ihren beruͤhrten, dann meinte ſie zu ſterben; das Herz ſchien nicht mehr zu ſchlagen, ſie hatte ge⸗ lebt, ſie wuͤnſchte nichts mehr— als wonach ſie jetzt geſchmachtet; wie ſie meinte, aber noch ohne das junge Herz zu kennen, das von Nahrung— ſich verzehrt, von Wonne— weint, durch ſeliges Ermuͤden ſtark wird, und von Traumen„zu ſterben“— lebt. Und dieß Alles geſchah ihr nun in gewohnter Umgebung un⸗ ter Menſchen, im alten Verlauf der Tage! Sie betrat die gemeine Erde nicht mehr ſo gleichguͤltig, die Sonne erſchien ihr eine Gottheit; das ſchöne Geſicht eines Juͤnglings, hier eins und dort eins, machte ſie reich, ſo reich, daß ſie nicht mehr glaubte in derſelben Welt zu leben, nicht ſelber mehr dieſelbe zu ſein. Und doch war ſie nun erſt ganz die ſchoͤne Violante, und das wußte ſie wohl und wußt' es begluͤckt. Denn faſt je⸗ des Mädchen und jedes Weib wäre vollkommen gluͤck⸗ lich zu machen, wenn ſie Jemand mik vollkommener Schoͤnheit begabte. Denn wer ſchoͤn iſt, glaubt die Liebe mit Recht zu verdienen; und das ächte Weib vedarf nur der fremden Liebe und ihres eigenen Dankes dafuͤr, um gluͤcklich zu ſein— und wer ſie dann nicht liebte, nun denn, der waͤre ein Thor und ein Blin⸗ der! So blieb auch bei Violante der Stolz nicht aus, der im Bewufßtſein einer Schoͤnen thront! denn jedes Laͤcheln, jedes anziehende Wort von ihr iſt Her⸗ ablaſſung, Geſchenk. Nichts iſt unertraͤglicher fuͤr ein Weib, als hohe Schoͤnheit, nichts mit derſelben ihr öder und verabſcheneter, als traurige Einfoͤrmigkeit des Lebens, ohne irgend eine reizende Geſtalt, die nach ihr ſchmachtet, auch nur aus der Ferne. Aber Alles ver⸗ ändert ſich, wenn ſie liebt, und welche wie eine Koͤni⸗ gin unter ihren Geſchwiſtern erſchien, die verzagt nun, wenn der Geliebte ſie nicht angeblickt zu haben ſcheint; die verbirgt ſich, wie ein Veilchen an die Erde, mit faſt in Bangigkeit zergehendem Sinn, und wie dem Roſenſtrauch voll bluͤhender Roſen, wenn dichtergoſſe⸗ ner Regen ſie alle gefullt und tief gebeugt, iſt ihr die Schonheit nun eine ſo ſchwere Laſt. Und Violante liebte. Aber wie ein Eiſenſtab zuletzt an der Stelle bricht, an welcher, auch wenn er noch neu iſt, ein Roſtfleck ſich zeigt; ſo deutete ihr im tiefſten Herzen ein Un⸗ gluͤck ſich an, weil ihre Leidenſchaft— Leidenſchaft war, und unter ihren Gefuͤhlen ein heimliches brannte, von dem ſie empfand, es ſei nicht rein, und welches ſie doch mit den anderen bewahrte, wie man auch Ho⸗ nigſcheiben hinſtellt, obgleich eine Biene darin ſurrt. — 35— Violante ſah vor Sehnſucht nach und nach im⸗ mer leidender aus. Die Aerzte ſprachen ſie krank an, als ſie zum Winter wieder nach Mailand gekommen; und natuͤrlich fuhlte ſie ſich die Bruſt beengt und be⸗ klommen und hatte keine Ruhe, wo ſie auch war. Was ihr fehlte, verſchwieg ſie, und ſelbſt Giuſtina er⸗ rieth es nicht deutlich— bis auf den Gegenſtand. Sie hatte ſonſt an dem heftigen Mädchen nichts zu tadeln, und ließ ihm gern nach, was es mochte, da ſie ja nicht die Mutter war.— Wenn die Kraͤuter in fti⸗ ſchen Saft getreten, wenn die Milch wieder doppelt heilſam ſein wuͤrde, dann ſollte ſie auf das Land. Vlalte, die nun verheirathet war, und ſie wieder ein⸗ mal in der Stadt beſuchte, beredete ſie, zu ihr nach Garignano zu kommen! Was ſie auch ſonſt hätte vorbringen moͤgen, haͤtte nicht ſo viel Gewicht bei Violante gehabt, als daß ſie ihr erzhlte, auch M. Francesco werde dort neben der Karthauſe wohnen, und ſich ein Haus bauen.— Und kaum ließ die erſte Lerche ſich hoͤren, ſo zog es Violante hinaus in den neuen vom Himmel ſteigenden Fruͤhling. Um jedoch unbeachteter in Garignano zu ſein, ſollte Alalte ſie fuͤr ihre Schweſter ausgeben, und dazu wollte ſie jene laͤndliche Tracht beibehalten, die ihr ſo viel Auszeichnung verſchafft und in der ſie ſich alſo am wohlſten gefiel. Auch war ſie nicht ohn⸗ viel Hoffnung dahin gegangen: denn von Freude durchzuckt und er⸗ — 333— ſtaunt war ſie auf dem Wege plotzlich ſtehen geblieben, als ihr eine Scene aus ihren juͤngern Maͤd- chenjahren auf einmal vor die Seele getreten, als wenn ihr Jemand den Himmel wie einen Vorhang auf⸗ riſſe! Sie ſahe ſich ſelber in Francesco's Armen, an ſeiner Bruſt das Koͤpfchen verbergend ruhen, wie ſeine Augen bewundernd und zärtlich Sonnenſchein der Liebe in ihr Geſicht hernieder glaͤnzten, wie ſeine Lippen ſich neigten, wie er ſie halb empor hob, wie ſie ſich halb auf die Zehen ſtellte und ihr Mund an ſeinem hing mit kindiſchen Gefuͤhlen und noch in ſich verhuͤlltem Herzen. Wie ihr damals Feuer durch die Adern gerollt, wie ihr das Herz gepocht, ſo ſchlug es ihr auch jetzt wieder ungeſtuͤm. Sie ſah ſich gleichſam vor Au⸗ gen als jenes Kind, und ſie war doch nun ſelbſt die erwachſene Jungfrau, die es dereinſt geweſen, und ſo trug ſie ihr Gluͤck aus jenen Jahren in dieſes, und legte jenem zehnjährigen Madchen ſchon dieſe Liebe in's Herz, die ihr jetzt darin gluͤhte. Sie uͤberdachte jenen Augenblick noch einmal, und ſah wohl, wie der Dich⸗ ter, Wohlgefallen an jeder ſchoͤnen Geſtalt empfindend, auch an ihr es empfunden, die damals nur Schoͤnheit verſprach, als ſie ihm einſam in einem Saale in ihrer Aeltern Schloſſe begegnet, und als ſie ihn angeſtaunt und er nicht unterlaſſen, dem Zuge der Eitelkeit zu folgen, ſie nach kurzen Worten an der Hand, an bei⸗ den Haͤnden zu faſſen, ſie an ſich zu ziehen, und wie von einer Roſenknospe den erſten wuͤrzigen Hauch der Schefers neue Nov. IM. 23 — 354— Liebe zu koſten! Denn man achtet Kinder nicht genug als erſt Erwachſene; und Niemand iſt einem jungen Maͤdchen gefaͤhrlicher, als ein vollkommen ausgebildeter Mann, ſelbſt ein Ehemann. Ihre Vorempfindung iſt richtig, ihr Sehnen taͤuſcht ſie nicht, und um einen Juͤngling ſchwebt noch der Schein des Werdenden, Un⸗ vollendeten, indeß im Manne Alles vor ihr ſteht, was ſie ſich jetzt und ſpäter traͤumen kann. Und auch ſein Auge hatte das liebliche Weſen gereizt, deſſen Bau und Wuchs, deſſen Auge und Weiſe nicht ſowohl große Schoͤnheit verhieß, als eben die reizendſte war und die unſchuldigſte. Auch war er damals nicht alt, noch Kenner genug, um aus Erfahrung zu wiſſen, ein ſolches Maädchen bilde dereinſt in ſeiner Bluͤthen⸗ zeit ſich ſo aus, wie ihm eigen war, herzig und ſchoͤn. zu finden; ſondern ſeine Seele war mit der Natur ſo vertraut und eins, um voraus zu empfinden, was das junge Maͤdchen bald ſein muͤſſe, und was durch die Natur noch an ihr geſchehen werde.— Francesco hatte vielleicht jene Scene lange vergeſſen und nicht vermuthet, daß er leichtſinnig einen Feuerbrand wo ver⸗ grabe, der heimlich und unbewußt genaͤhrt, ihn ſelbſt einſt wieder entzuͤnden koͤnne. Einſamkeit in der Welt. Alalte war voller Freuden, daß Violante bei ihr wohnte, und hatte ihr ein kleines Zimmer neben dem ihren eingerͤumt. Ihr Mann, Morgagni, kannte den Stand ſeiner Gaͤſtin; aber er ſchwieg und ſchien an Schweigen gewohnt. Und er hatte Urſache dazu. Jetzt zwar wieder in ſeinem Vaterhauſe, war er lange ent⸗ fernt davon geweſen, und als ein natuͤrlicher Sohn des Vaters vom Ritter Anguſſoli, hatte ihn die Mutter verwohnt, der neue Vater gehaßt, und er war der Grund einer bittern Feindſchaft geweſen, die bis an der Mutter Tod gedauert. Verwahrloſ't mochte man ſagen, mit hoͤherem Drange und andern Gaben, als ſein Stand nuͤtzlich machte, hatte er nicht des Land⸗ mannes einfoͤrmige Werke gelernt und zu nichts Beſſe⸗ rem Gelegenheit gehabt. Sein Charakter hatte ihn ungluͤcklich gemacht, ſeine Unruhe ihn in die Welt ge⸗ trieben, worin er ſelbſt zuerſt unter Räuber gefallen und ausgepluͤndert, dann unter ſie aufgenommen, als 5 356.= Raͤuber Andere angefallen und ausgepluͤndert, bis er auch dieſes Handwerks uͤberdruͤſſig, nach des Vaters Tode in ſeine Heimath gekehrt war, nicht ohne Spu⸗ ren in ſeinem Herzen, die ein ſolches Leben zuruͤck laͤßt, unvertilgbarer als die Farben, die der Maler ein⸗ gebrannt uͤber Kohlengluth; auch nicht ohne Erbitterung und ein gewiſſes Rachegefuͤhl, denn ſeinen Theil von der Beute, den er mit fortgetragen, hatten drei wahr⸗ ſcheinlich derſelbigen Raͤuber auf ſeiner Heimkehr ihm abgenommen. So war er arm— mit Golddurſt, fleißig im Feld, aus Noth, unzuftieden, weil er glaubte, er ſtamme aus beſſerem Blute als dem, das zu Rin⸗ dern und Schafen verdammt iſt. Dieß Alles hinderte jedoch nicht, daß er ſeine Alalte von Herzen liebte, denn auch die Leidenſchaft der Liebe ſchien ihm mit an⸗ geſtammt; und ſein ſchoͤnes Madchen war eine Haupt⸗ lockung fuͤr ihn geweſen, ſeinem wilden Geſchäfte zu entſagen, und ſich einem Leben zu widmen, in welchem er ſie beſitzen konnte. Und es fehlte ihm nichts, ganz gluͤcklich zu ſein, als daß er das immer geweſen, was er jetzt war— ein Prieſter der Ceres im natuͤrlichſten Schmucke. Es gab Augenblicke, wo er im Stillen oft heftig die Mutter verwuͤnſchte, oft den Vater; aber ſie kamen immer ſeltener, und was in ihm vorging, davon wufte ſeine Alalte nichts, und ihre Zärtlichkeit preßte ihm manchmal heimlich eine Thraͤne aus. Sein liebſtes Geſchaͤft war die Pflege ſeiner Bienen; und wem die Natur es abgewonnen, daß er mit aufmerk⸗ — 357— ſamem Geiſt ſich mit irgend Etwas aus ihrem herr⸗ lichen Reiche beſchaftigt, der vergißt alles Andere, ſo lange er zuſchaut, zu Anfange nur ihr ſelbſt gegen⸗ uͤber, dann ſogar auch blos von ihren Bildern in Ge⸗ danken erfuͤllt, bis er wieder bei ihr in ihrem Schooße lebt, wie ein Kind. Und hatte er fruͤher weltkluge Maͤnner getaͤuſcht, wie vielmehr jetzt die unverden⸗ kenden Mädchen! in So war Morgagni auch eines Tages der Oſter⸗ woche gegen Sonnenuntergang beſchaͤftigt, Honig zu ſchneiden, und M. Francesco, voruͤber wandelnd, war an den bluͤhenden Hecken ſtehen geblieben, und hatte in's Gärtchen hinein ihm zugeſehn. Petrarka lebte hier ruhig, und war bald jedem Kinde bekannt. An die Großen zuvor ſich drängend und anſchließend, ſo viel er vermochte, haßte er ſie und die Hoͤfe, ſobald er die Ehre erlangt, uͤberall hin eingeladen worden zu ſein, und daß der Eine den Andern ſeinetwegen beneidete, oder zu beneiden doch ſcheinen wollte. Denn Wenige kuͤmmert das Herzliche, und die Meiſten geben Perſo⸗ nen und Dingen blos einen Werth, der unter ihnen gilt, als Mittel zu ernſten oder frivolen Zwecken, ohne ſich um den menſchlichen Werth und ihr weiteres Schick⸗ ſal ſonſt zu bekuͤmmern, und ſind oft dazu auch nicht im Stande, noch weltlich verbunden. Das wußte Fran⸗ cesco und that ihnen ihren Willen, und ſie ließen ihm den ſeinen. Und dadurch, daß er ſich gern von ihnen zu⸗ rückzog, wie Jemand eine Muſik lieber aus der Entfer⸗ — 358— nung hort, ohne ſie zu miſſen noch miſſen zu koͤnnen, glaubte er ſich noch einen Schein mehr von eigener Wuͤrde zu geben. Fruͤher nur voll Liebe, waren Ge⸗ ſänge ihm aus der Liebe gequollen, und aus den Ge⸗ ſaͤngen nun Ruhmz und da derſelbe ihm ſicher be⸗ gruͤndet war, ſchien er auch den nicht zu achten, und der beſcheidenſte Mann von der Welt zu ſein! Und nichts begehrend in den großen, verworrenen Händeln, war er allein ein freier Mann. Seine Talente ver⸗ goͤnnten ihm, mit Jedem, ſelbſt dem Großten in ſeinem Fache, mit Geiſt zu reden; und wenn er ſich von ihm gekehrt, gab ihm ſein Herz, zum aͤrmſten Kinde zu treten, und in Kindesweiſe holde Worte mit ihm zu wechſeln! So war er in den großen Kreis aller Men⸗ ſchen geſtellt, und reicher als die Vornehmen, oder die Wenigen, die ſich von den Geringen, oder den Vielen ſcheiden, und als die Geringen, die von den Hohen geſchieden ſind. Sein liebender Geiſt zog ihn immer treu zur Natur, zu dem Einfachen und Schoönen, und ein Tag unter dem Volke mit herzlichen, offen ſich zeigenden Menſchen verbracht, war ihm lieber, als Stunden oͤden Zwanges und herzloſer Geſpraͤche unter den Großen,— Maͤnnern, blos mit Begierden, eini⸗ gem Witze und vielem Hohne begabt, ſelbſt ohne Freude und Andern zur Laſt, indem ſie das uber Alles werthe menſchliche Leben nichtigen Einbildungen opfern. Noch weniger hielt er in Gegenwart vieler vornehmen Frauen es aus. Denn weil er wußte, wie ſehr ein 469 Weib beſeligen kann— uͤberkam ihm der heilige Ernſt: welches unſäͤgliche Gluͤck dieſe ſo vie⸗ len, oft ſo ſchoͤnen Geſchöpfe gewaͤhren muͤß⸗ ten, wenn ſie es klug da wollten, wo ſie es einzig koͤnnen, in ihrem Hauſe oder ihrem Pallaſte. Ihr Putz und ihr Schmuck verblendeten ihn, daß er oͤfter nicht wußte, was ſie waͤren oder glaubten zu ſein, wie er ſie ſelber beſchuldigte, es nicht zu wiſſen, und in dieſem zum Leben gemachten Traume ſich am ſelig⸗ ſten zu fuͤhlen. Er konnte mit ihnen umgehen, aber er wollte nicht. Denn durch Eine von ihnen hatte er ſo lange tiefes Leid erfahren, die, beſſer als Viele, ſich dennoch von ihrem Range wie von undurchdring⸗ lichen hohen Mauern umgeben gefuͤhlt, indeß ſein Herz ihre menſchliche Geſtalt zu einer goͤttlichen erklaͤrt. Da⸗ durch war aber alles Andere ihm in ſeinem ewigen ungefaͤrbten Weſen erſchienen, und er ſchaͤtzte nichts Anderes und Nichts hoͤher, als das Menſchliche, ldas Schoͤne, das ihm einen unermeßlichen Werth hatte, wo es ihm auch begegnete. So hatten ſich ſeine Lei⸗ den tauſendfach vergolten, wie einſt ein längſt vergeſſe⸗ ner armer Mann eine Handvoll Dattelkerne geſteckt, wo jetzt ein Wald von Palmen ſauſelt, jedes Jahr unter ihren Blatterſchirmen mit Buͤſcheln von ſuͤßen Datteln umkränzt. Jetzt in den neuen Frahling hinausgewandelt, durchzuckten ihn Schauer von ſonſt genoſſenem, ſonſt geahnetem Leben, Blibe von Gefuhlen, die nur ein — 360— ſo reiches Gemuͤth wie das ſeine erleuchten konnte. Er war befriedigt. So hatte ſich ſein Leben geloͤſt; aus den Nebeln der Jugend hatten ſich dieſe Geſtal⸗ ten, dieſe Gefilde entſchleiert, und ſie waren ſo ſchoͤn! Nach allem, nach allem Unzähligen lebte er jetzt, heute, hier; ſeine Ahnungen hatten ihm dieſe Tage gedeutet, dieſe Blumen, dieſe bluͤhenden Hecken gemeint, in de⸗ ren gruͤnen Zweigen er ſich traͤumend und wie bezaubert anhielt. Dieß Neue war ihm da ʒ ſeine Gedanken weil⸗ ten in dieſer holden Gegenwart, und was er ſahe, war ihm das, was er war, ein Werk ſeiner Mut⸗ ter, der Natur, nichts geſchieden, Alles ein ſeliges Bild, ein goöttliches Leben, der Mann und der Bie⸗ nenkorb, vor dem er knieete; das Weib und der Ho⸗ nig, von dem ſie koſtete, was von der Schuͤſſel trof; der Bluͤthenbaum, der ſie bedachte, das Gras voll Blumen, worauf ſie traten, ſelbſt der ſchwarze Schat⸗ ten des Stammes uͤber das Gras geſtreckt, und die heilige Stille, das zauberiſche Leuchten umher. Alalte hätte ihn nicht bemerkt, wenn eine Biene nicht ihn angegriffen, gegen die er ſich wehrte. Sie erkannte ihn auf den erſten Blick, und er war ſchon oͤfter am Hauſe voruͤber gegangen. Das Laächeln, wo⸗ zu der Kampf eines Mannes mit einer Bie⸗ ne nothigt, die kleine Huͤlfe, die ſie ihm leiſtete, ga⸗ ben ihr ein weibliches Uebergewicht. Auch Er erkannte ſie; ſein ſtilles Forſchen umher bereitete ſie auf die — 854— Antwort der Frage vor:„Ob ihre Schweſter Vio⸗ letta auch hier ſei?“ Violante hoͤrte das ſilbſt, und Alalte deutete nur auf ſie hin. Die Liebende, ſo Ueberraſchte waͤre vor Schreck gern entwichen, ſie wollte davon eilen und es verkuͤnden, ſie wußte nicht wem:„Er iſt da! Fran⸗ cesco iſt da!“ Aber ſie blieb faſt betend ſtehen; ihr Er⸗ roͤthen verbarg die Bienenhaube, die ſie uͤber das Koͤpf⸗ chen geſetzt, und der lange Schurz derſelben bedeckte ſie bis an die Huͤften. Francesco blieb: er ſah, in's Gaͤrtchen getreten, der Arbeit Morgagni's zu, und Alalte brachte auch ihm eine Bienenhaube; Violante ſchurzte ſie zuſammen, uͤberſchuͤttete ihn dann gleichſam damit, und verbarg das ihr ſo theure Haupt unter derſelben, und ſeine Augen glänzten ſie aus dem Dun⸗ kel hinter dem Drathnetz an, und die weiße Stirn, die Wangen und die holden Lippen ſchienen gefangen! Aber ſonderbarer Weiſe beduͤnkte auch Er in dem Duͤſter dieſer Verkappung ſich freier, als ſei er nicht ganz der Vorige, und werde es nicht bald wieder ſein. und ſo erſcheint die Sonne zugleich als eine Quelle des Anſtandes und der reinſten Sitte; und die Nacht, die ſogenannte heilige, als eine guͤtige Vertraute, die den Liebenden Muth macht, indem ſie ihren Schleier uͤber ſie wirft, und was ſie ſtören koͤnnte umher, ver⸗ ſchwinden heißt. Violante und Francesco ſtanden neben ein⸗ ander, der Sonne entgegen und welches von ihnen — 3 ſ ch wandte, das ſah des Andern Geſicht von ihrem goldenen Strahle erleuchtet, und verdunkelte durch die Wendung ſein eigenes Antlitz. Morgagni war mit dem langen Honigmeſſer be⸗ ſchaͤftigt; Alalte war in das Haus gegangen. Biſt du Violetta? fragte Francesco mit hal⸗ ber Stimme das mit geſchloſſenen Sin tief athmende Maädchen. Ich bin es! ſprach ſie mit ihrer ſchoͤnen Stimme und lächelte ihn an, waͤhrend ihre Augen ſeinen An⸗ blick offen und unbewegt zu ertragen ſich zwangen, und kaum ertrugen. Sie ſenkte die Stirn, und naͤherte unwillkuͤrlich ſich dadurch ihm ein weniges; aber er ſenkte die ſeine willkuͤrlich, und ſo beruͤhrten ſie ſich, und ruhten faſt ſchwebend an einander, waͤhrend Jedes ſie gern mehr geſenkt und ſie wirklich leiſe, leiſe ſenkte. Jedes ſah nur die untere Haͤlfte der Wangen des An⸗ dern und den Mund, der im ſchmachtenden Laͤcheln ein wenig geoͤffnet den ſchimmernden Schmelz der Zäh⸗ ne zeigte. Und aus getroſtem Muthwillen draͤngte er mit ſeiner Stirn die ihre ſanft emporhebend zuruck, ſo daß ihr Antlitz dem ſeinen gerade gegenuͤber ſtand, und nun war ſein Auge dem ihren, ſein Mund dem ihren ſo nahe und doch durch die duͤnnen Drathgitter recht gehaͤſſig getrennt, und ſie wußte nicht recht, ob er die Lippen an das ſeine druͤckte, als begehrten ſie nach ih⸗ rem Munde, denn ſie ſtand vor Entzuͤcken ſprachlos * — 363— und athemlos und hatte die Augen geſchloſſen vor ihm und der Sonne. Eben ſo wenig wußte ſie deutlich, ob er aus Nei⸗ gung ſeine Hand in ihre Seite legte, und ſo ſie bei⸗ nahe umfaßt hielt, denn der Gang zu dem Bienen⸗ ſtande war eng; er trug keine Handſchuh, und er konnte die Haͤnde nur unter ihrem Tuche vor den um⸗ herſchwaͤrmenden Bienen verbergen! Aber ſie zitterte, ſie fröſtelte an dem lauen Abend, konnte ſeine Hand kaum dulden, und doch ſich ihr nicht entziehen, aus Furcht, ihn auf immer dadurch zu verſcheuchen und zu verlieren. Alalte kam nach den honigbeladenen Schoͤſſeln, und durch eine Wendung entzog ſie ſich ihm. Aber ſie laͤchelte dazu. Dann war er ſo guͤnſtig, das Haus zu betreten; und als er die Bienenhaube ſich abgenommen, um Violante zu deuten: ein Gleiches zu thun, hatte ſie endlich ſein ſchones Geſicht ſich nah' gegenuber. Ihre Blicke ergingen ſich auf der klaren Stirn, ſie folgten den flachgewolbten feinen Augenbraunen, dem ſanften Bogen der Naſe, die Kuͤhnheit, ja Zorn verrieth; ſie ſchwebten um den Mund, gebildet wie ein Bogen des Amor; und wie lockte die uͤppig vollere Unterlippe! welche heimliche Reize ſchienen ihr in den Mundwin⸗ keln zu ſchlummern! doch erſchreckte ſie faſt das ſtarke, kraftvolle Kinn und der Bau des Geſichtes bis zu den Schläfen hinauf; ſie uͤberflog nur noch die Flur der — 364— Wangen, die heut nur wenig, aber von der ſanfteſten Roſenfarbe geroͤthet ſchimmerten; dann bedachte ſie das Alles, und nur erſt nach langem Zögern und mit dem Entſchluß ploͤtzlich erwachten Muthes ſah ſie auf ein⸗ mal ihm ernſt und feſt in die ſchwarzen Augen. Sie waren voll Feuer, Feuer der ewigen Liebe, aber ſo kuͤhn, ſo ſchwermuͤthig auch; ſo ſelig machend, doch ſo betruͤbend auch; ſo lockend, und doch ſo niederſchla⸗ gend zugleich, daß ihre ganze Seele in den ihren ſich ſammelte, um die ſeine zu erforſchen und zu ergruͤn⸗ den; daß ſie Furcht und Entzuͤcken uͤberkam und ſie raſch in den Garten ſprang, ſich ſelbſt und ihm zu entrinnen. Er aber war nicht weniger erſtaunt und ergriffen, ja feſtgehalten von ihr, und er ſah noch lange auf den leeren Ort, wo ſie ihm nahe gegenuͤber geſeſſen, und ſtarrte in die Dämmerung, wo ihm ihre beiden Augen geleuchtet!—„Soll ich den Himmel noch laͤnger be⸗ wundern?“— ſprach er bei ſich.—„Iſt ein Men⸗ ſchen-, ein Mädchen⸗Auge nicht heller, nicht ſchoͤner? Oder wie hinter dieſer ſanftgebogenen, glatten Flaͤche ein Geiſt erſcheint, eine Liebe hervorſtrahlt, ja heraus und hinuͤber in meines, warm lebend, lebendigmachend, ſelig und beſeligend, ſoll ich nicht auch hinter dem einfoͤrmig⸗blau gewölbten Himmel eben ſo, ach noch einen viel ſeligern, lie⸗ bendern Geiſt ahnen, als in dem Mädchenauge, in welchem ich nur mein kleines Bild erblicke? Iſt — 365— etwas ein Wunder, ſo iſt es das Auge,— ſtumm, und die verſtaͤndlichſte Sprache redend, unbewegt, und drückt doch tauſend Spiele der Seele aus; offen— und doch unerforſchlich! Aber nein, einzig treu und wahr! und ſoll ich es ſagen: wohlthaͤtig meiner wunden Bruſt! Soll ich es mir ſagen, was ich weiß, was ich ſehe, auf dem zuverläſſigſten, kuͤrzeſten Wege der Seele erfahre: Sie liebt! und ſie liebt mich! O Violetta! was thuſt Du mir!“ Voll gemiſchter Bewegung ſtand er auf. Doch da kam ſchon Violetta= Violante— zuruͤck, und im Eifer ihrer Leidenſchaft hatte ſie das arme Gaͤrtchen ſeines ganzen Erſtlingſchmuckes beraubt, und ſie brachte alle ſeine Hyazinthen, den Krokus und die Himmelſchluͤſſel in einem vollen Haͤndchen zu einem Strauße gefaßt, ihrem werdenden Freunde, ohne ſie ihm anzubieten, und er nahm ſie, ohne mit einem Worte zu danken. 5 Morgagni war vor dem Gaſte ein wenig befan⸗ gen und hielt ſich entfernt, denn er hatte ihn nach ge⸗ nauerer Betrachtung wieder erkannt; dieſer M. Fran⸗ cesco war derſelbe, den er auf der Straße von Rom nach Piſa, jetzt ſchon vor mehreren Jahren, zu ermor⸗ den gedungen geweſen, und zwar von Einem der Ur⸗ ſini, welche der Ruhm verdroſſen, den die Familie Colonna durch ihren Schuͤtzling, Francesco Petrarka, vermehrt, und das Puppenſpiel, das ſie mit ſeiner Kroͤnung auf dem Capitol und in allen Straßen Rom's — 866 — nur ſich zu ehren, mit jenem getrieben. Aber es war nur bis zum Raube gekommen; denn den Tod hatten die zwei Begleiter, welche Koͤnig Robert von Neapel M. Francesco bis Piſa mitgegeben, von ihm gewehrt. Alalte beſchaftigte ſich weislich im Hauſe. Waͤh⸗ rend dem kam Moneta, M. Francesco's Diener, und meldete einen Ritter, der nach ihm begehre. Das Mittel gegen die Liebe. Der Ritter aber war Arguſſoli, Marcheſe von Franceschini, der Verehrer Violante's und M. Francesco's Freund.— Sie hatten bis tief in die Nacht ſich unterhalten. Am Morgen verfolgten ſie noch daſ⸗ ſelbe Geſpräch. „Ich weiß“— ſprach Arguſſoli—„Du biſt nach Paris gereiſt, und der tiefe Forſcher der Natur, der Vater Dionyſius, hat Dich von Deiner Liebe erloſ't, Francesco, oder ſie Dir ertraͤglich gemacht. — Du lebſt noch, Du haſt die Geliebte uͤberlebt. Auch toͤdtet die Liebe nicht, ſonſt waͤre die Welt zuſammengeſtuͤrzt; aber die Schmerzen unerwiederter Liebe jagen in den Tod. Oder ſind die Kaͤmpfe der Ritter um Ehre etwas Anderes? Denn ſie fordern um Ehre dann Liebe von ihrer Dame. Und man ſagt auch, das Element der Frauen ſei die Ehre, darinnen leben und weben ſie, und ein ehrloſes, ja nur ein ungeachtetes Weib ſei nicht denkbar. Viel⸗ leicht iſt dem einſt ſo geweſen in der Bluͤthe der nun — 366— verloͤſchenden herrlichen Zeit, wo ein Mann mit Kraft und Mark, durch That und Ruhm ſeiner Sache— das heißt ſeiner Liebe— gewiß war. Ich aber ver⸗ ſchwende mein Blut; und wie kein Werkzeug der Men⸗ ſchen im Stande iſt, jenen von zwanzig Maͤnnern nicht zu umfangenden Kaſtanienbaum am Aetna zu faͤllen, ſo iſt mein Schwert nicht im Stande, mir die ſchoͤne Violante von Pavia zu erobern, und ein Maͤdchen wird nicht tauſendjaͤhrig wie jener Methuſalem der Baͤume; und auch dem Manne vergehen die Ju⸗ gendjahre geſchwind. Schenke mir erſt im achtzigſten Jahre Salomo's Weisheit, Weiber und Schätze, und ich ſtehe nicht dafuͤr auf— wenn ich noch aufſtehen kann.— Dieſe große Lehre fuͤr einen Liebenden habe ich mir durch vieles Nachdenken denn doch gezogen. Aber ach, die Ehre beherrſcht die Herzen der Frauen nicht mehr, nicht einzig, oder ſie ſetzen ſie ganz in ein Anderes, Niedrigeres als Menſchenblut und That. Und wir Ritter tragen ſelbſt die Schuld davon: Unter den vielen Tapfern haben ſie nach und nach die Schoͤnheit ausgeſehn; unter den vielen Reichen den Reichſten ausgewogen, und von ſelber haben ſie den Schmuck, den Putz, das angenehme Weſen ſich ge⸗ merkt und wohlbedacht und rings ſich verſchafft. Ver⸗ zeihe mir, die Saͤnger, die ſonſt nur der Ritter Tha⸗ ten ſangen und nur vereint mit ihnen etwas galten, ſind nun ſelbſtſtaͤndige Weſen, wie Lauten, die man ſpielt, ohne dazu zu ſingen, wie Glocken, die man — 360— läutet zu Kindtaufen, anſtatt ſonſt die Donnerwolken damit zu erſchrecken. Auch Violante hat die Rich⸗ tung der neuen ſich verwandelnden Zeit; meine Nar⸗ ben, wohlerworben und ruhmvoll, fangen an mir ſelbſt zu mißfallen, meine Wunden ſchmerzen mich, und ich habe das innere Gegenmittel verloren, den Schmerz nicht zu fuͤhlen!— kurz, ſage mir Dein Mittel, Fran⸗ cesco, und ich gebe Dir die goldene Ruͤſtung und das Andaluſiſche Roß, ich uͤbergebe Dir ſogar mich ſelbſt und meine Liebe zu Violante— nur erloͤſe mich! War ich vergebens ein Ritter, ſo will ich ein Mann ſein, wie Ihr Andern; auch das iſt nicht wenig, oder genug: Auch Waffen koͤnnen Kinderſpiele werden!“ Er hinkte bei dieſen Worten erzuͤrnt im Zimmer auf und ab; ſeine hohe Geſtalt machte ihn in des Sängers Augen nur noch bedauernswerther; ſein Geſicht gluͤhte, aber wo es die Narben durchkreuzten, waren weiße Streifen zu ſehen, die kein Blut mehr roſig färbte. Dann legte er die maͤchtige geballte Fauſt auf den Tiſch vor Francesco, blieb ſtehen, ſah ihn an und bat und fragte, und hoffte, Alles vereint in dem einzigen Worte: „Nun?“ „Armer, edler Freund!“— erwiederte Fran⸗ cesco—„was ſoll ich Dir ſagen? Du kommſt vom weiten ruhmvollen Ritterzuge zu mir, Du willſt der Liebe los ſein— ſo muß ich es Dir wohl ſagen. Du viſt ein Thor, eine Leidenſchaft verbannen zu wol⸗ len, von der wir Alle leben, Du biſt durch ihre maͤch⸗ Schefers neue Nov. 1m. 24 tige Glut in Dir ſo gluͤcklich wie Unzaͤhlige nicht, die mit ihrer Colombine ruhig zur Kirche ziehn. Nicht nur Einzelne, ganze Geſchlechter werden dereinſt die Macht der Liebe zuruͤckſehnen, wenn ſie auch dazu noch Kraft und Kenntniß derſelben genug beſitzen, der Liebe, wie ſie in unſern goldnen Jahrhunderten in Deinem und meinem Herzen wogt und treibt, und Bluͤthen und Fruͤchte bringt. O Freund, wie ſelig war auch ich, da ich erfullt war von einem Götter⸗ bilde, als ich weinte, wie ich nun ſehe, vor Wonne! ſeufzte vor Seligkeit des Daſeins und des Liebens. Ach, die Liebe machte mich nicht elend— nein, die Meinung unerfuͤllter Liebe— aber war ich ein Mann, und verſtand der Liebe Weſen und Macht, ſo war mir zu lieben genug, mir Alles, wie es auch dann und immer dem Manne oder dem Weibe genug ſein muß, und nicht vermehrt, nicht geſtei⸗ gert noch verlaͤngert werden kann, auch wenn ſie ſich einander lieben!— dann wird es gewoͤhn⸗ liche Liebe, bereitet ſich ihr Schickſal unter den Men⸗ ſchen und lebt ſich ab, und wird, wie leibhaftig und ſterblich geworden, mit dem Menſchen in's Grab ge⸗ legt und ein gruͤner Raſen darauf! Was machte mich elend, als daß ich der Liebe los ſein wollte, und da⸗ durch ſchon war; daß ich die Zauber der Natur frech beſchaute, mit welchen ſie mich an ein einziges Weſen gebunden! O, mein Freund! Wie die Natur eine Weiſe anwendet, dem Menſchen unbewyßt ſeine — 3— gewaltige, reine, freie Herzensglut Einem Weſen zu⸗ zuwenden, ſo koͤnnte der Menſch ſie ihr ablernen und ſie verkehrt dazu mißbrauchen, jene Glut zuruͤckzu⸗ ziehn, abzuloͤſen und zu zerſtreuen, wie man einen brennenden Thurm einreißt, der dann nicht mehr ſeine Lohe zum Himmel ſendet, ſondern als Truͤmmer und Funken an der Erde umherſpruͤht, welche die Kinder austreten. Die Sonne, ſagt man, iſt ein naher Stern, der uns erwaͤrmt und erleuchtet, weil er uns einzig von Allen mit eigenem Lichte ſo nahe iſt und von Jugend auf war. So iſt die Liebe, oder die Liebſte. Die Natur tritt uns zu guter Stunde ent⸗ gegen— wenn wir jung ſind und unſer Herz wie eine eben bluͤhende Blume alle ihre Kelche aufſchließt— in Geſtalt der Geliebten, eines Weibes, das wir mit allen Kraͤften begehren wuͤrden, auch wenn es keine Schoͤnheit gaͤbe, wenn keine Sonne in der Welt waͤre, nur Finſterniß! Die Eine, die Erſte— nach der innern Blumenuhr gerechnet— die wir wirklich als Weib erblicken, wann wir ein Weib in ſolcher Geſtalt zu ſehen faͤhig ſind, dieſe iſt unſere Geliebte und reißt die ganze Seele, das ganze Gemuͤth an ſich, an ſich allein! Und das, weil wir ſie ſo ſehen, weil ſie auch ein Weib iſt wie Alle, weil in ihr alle Zauber der Natur fuͤr uns eben ſo gut verbor⸗ gen liegen, als in andern Weibern fuͤr andere Mäͤn⸗ Rer 4 Wahrhaftig! rief Arguſſoli. 24* Francesco fuhr fort:„Und die Vielen, die Allen, von allen Andern Geliebten und Bergoͤtterten ſind uns blos dadurch nichts, daß wir nicht daſſelbe von ihnen meinen aus menſchlicher Beſchraͤnktheit, aus Enge des Herzens, aus Beſtimmung der Natur, die Uns wie Jeden Andern an Eine zu knuͤpfen vorhat, um das menſchliche Leben wirkſam und nuͤtzlich fuͤr uns, und alſo fuͤr ſie, alſo recht goͤttlich zu vollbringen— dadurch ſind ſie uns nichts: daß wir die Andern nicht kennen und erkennen an Geiſt und Herzen, nicht er⸗ forſchen, nicht erfahren ihr Schoͤnes, ihr Suͤßes, wie es dem Liebenden mehr oder weniger doch gelingt, auch wenn er es ſich nur traͤumen ſoll. Alles, was uns in der Seele lebendig wird durch lange getragene Auf⸗ merkſamkeit, das erfuͤllt uns das Herz, die Gedanken, und wird uns theuer durch den Reiz und die Macht und das hold⸗Unausſprechliche, das Allem, was die Natur gebildet und was ſtets ſo fort noch Natur bleibt, eigen iſt, wie ihr ſelbſt, der Unerforſchlichen.—“ „Alſo andere, große, ſchoͤne Geſtirne nahe und herrlich leuchten ſehn, und von ihrer Glut erwarmen“ — laͤchelte Arguſſoli, der zugleich ein nicht unberuͤhm⸗ ter Dichter war—„das wuͤrde und muͤßte die Sonne uns im Preiſe und Werthe herabſetzen! Gewiß ſie ihr gleichſtellen, und das Gewoͤhnliche, Gemeine kann ſo gering werden wie Sand am Meere! Furchtbar, ent⸗ ſetzlich! O Vater der Sterne, was iſt da der Himmel und die Milchſtraße! welche Seligkeit uberſtroͤmt da die — 373— Welt, wie Nectar die goldenen Becher uͤberſchaͤumt, was ſind da die Frauen alle fur Engel, duftend nach dem Himmel, ſchwach und ſtark mit ihren goldenen Flugeln, ſelbſt begluͤckt und begluͤckend ihre Geliebten wieder empor in den Himmel zu tragen! Und doch, mich entſetzt— der Meerſand, die unzaͤhlbaren Koͤr⸗ ner! und Violante, Violante ſoll dann nur ein Sandkorn ſein, die mir eine Perle war, vom Werthe der Welt! So ſollte ich die Fackel meiner Bruſt auf eine andere Geſtalt wenden, ſie damit zu erleuchten, daß ſie mir wunderbar werde durch und durch— denn was nicht Wunder iſt, das liebt man nicht. Und zer⸗ ſtörſt Du das eine Wunder, ſind nicht alle geloſt und dahin? Oder wer hebt mich zu andern Sternen? oder wer ſenkt ſie mir heiß und herrlich wie Sonnen herab? Oder wie zerſtreu' ich den weißen reinen Lichtſtrahl in Farben? O, ſie ſind ſchmutzig gegen das Eine, das heilige Weiß!“— „Auch ich ermahne Dich nicht dazu!“ ſprach Francesco.„Auch wenn es moͤglich waͤre, ſollte der Menſch es nicht thun. Nur die Natur kann uns die Licbe geben, und giebt ſie uns; ſie nur kann ſie uns nehmen, und nimmt ſie uns; dem Knaben gibt ſie ſie ſtill und allgemach, und ſtill und allgemach nimmt ſie ſie dem Greiſe. Denn daß wir ſprechen, wie die Sache iſt, die Liebe zu dem Weibe, das nur ein Sand⸗ korn gegen alles Schoͤne der Natur iſt, iſt nur ein Strahl⸗ und vielleicht nicht der reine, weiße, von dem vollen gott⸗ — 374— lichen Licht der Liebe in uns. Wir lieben eher ganz Anderes als das Weib; wir lieben und ehren mit ihr und neben ihr ganz Anderes, und lieben ſpaͤter wieder ganz Anderes als ſie, die eben desgleichen vieles Andere und viel hoͤher zu lieben und zu ehren hat, als uns zwar auch ſehr liebenswuͤrdige Maͤnner! Die Ehe iſt das beſte Mittel wider die Liebe gegen die Weiber. Die hoͤhere Liebe ſicht nichts an als unſere Schwaͤche und der Tod. Gegen den Hunger gibt es ein ge⸗ wiſſes Mittel: das Eſſen; jede Speiſe ſchlägt dagegen an, Brot oder Fruͤchte— ſelb“ das Trinken loͤſcht den Hunger. Gegen Krankheiten will es ſchon beſtimmtere Mittel, gegen die Liebe des Weibes: Weiber! gegen die Liebe der Weiber: ein Weib. So ſcheint es mir.“— —„Und alſo auch gegen Violanten?“ fragte Arguſſoli eigen laͤchelnd. Bei dieſer Frage trat Violante— jetzt in Garignano Violetta— gleichſam als Antwort herein, und ſie ſtand uͤberraſcht zwiſchen ihrem ſie Liebenden: Arguſſoli, und ihrem Geliebten: Francesco. Es war Gebrauch, nach dem Carthaͤuſerkloſter, lInterno genannt, Honig und Eier zu dem Oſterfeſte zu tragen, damit die Moͤnche mit nichts vergeſſen, von allem wohlgenahrt, deſto herzlicher und ruͤhrender ihr:„Me⸗- mento mori!“ ſprächen, als wenn ſie arm und elend in l'Inferno lebend, vor dem Tode alle Scheu ver⸗ lören und der Gruß zu etwas ganz wenig Bedeuten⸗ dem herabſaͤnke. Alalte hatte den Gang in das Kloſter uͤbernom⸗ men, Violetta den zu M. Francesco; denn auch andere Einwohner des Dorfes trugen ihm oft Geſchenke hin, aus Ehrfurcht ſchon, weil er neben dem Floſter wohnte, um ſich einen gewiſſen Schein zu geben, oder um dem Prior Johannes Birel nahe zu ſein, dem vortrefflichſten Moͤnch, der je geweſen, weil er ein vor⸗ trefflicher Menſch war, der blos darum nicht Papſt geworden, weil die Geiſtlichkeit furchtete, durch ihn auf chriſtliche Grundſaͤtze reformirt zu werden, und ſie wollte lieber gut katholiſch bleiben. Moneta hatte Violetta die Thur zu ſeinem Gebieter geoffnet, und ſo hielt ſie den Honig, mit bunten Oſtereiern umlegt, im Koͤrbchen mit der zitternden Hand und vermochte keinen Gruß zu ſagen. Violetta! trat ihr Francesco entgegen,— Arguſſoli einen Schritt vor ihr zuruͤck. Dieſer Ausruf:„Violetta!“ auf jene Frage Ar⸗ guſſoli's:„Und alſo auch gegen Violante gaͤb' es ein Mittel?“ machte einen wunderlichen Eindruck auf ihn⸗ Es war Violante, aber ſie ſchien es nicht, und Violetta ſeinem Bilde von der Geliebten aͤhnlich findend, ſprach er, mit dem unverwandten Blick auf ſie, zu Francesco:„Ja, ich geſteh' es Dir, es iſt wahr, es gibt noch mehr Schoͤnes als Violante in der Welt. Ich begreife mich nicht— oder meine Augen begreifen es nicht!— Ich bin beſiegt!— Violante⸗ ach, Du ſcheinſt uͤberwunden!“— — 376— Er fuhlte ſie erſetbar, durch ſie ſelbſt freilich am liebſten und beſten, und er wollte ſeine Neigung von jener Sproͤden auf dieſe Holde nur ſcheinbar, fur ihn aber wirklich uͤbertragen; er wollt' es, und konnt' es doch nicht, er wollte es nicht und zuͤrnte laut mit ſei⸗ ner Phantaſie:„Der Menſch iſt an gewiſſe Geſtalten gebunden und ſucht dieſelben Augen immer wieder— er liebt nur das Bild ſeiner eigenen Seele, das aus ihm heraustritt, wie Jemand ſagt: Ich habe mich doppelt geſehen— das bedeutet mir Tod!— und Tod der Selbſiſucht iſt ja eben Liebe!“— Doch er war zu edel: ſich ſelbſt untreu zu werden, ſeine fruͤheren Gefuͤhle zu verrathen, zuruͤckzunehmen und zu verſchenken an ein— ungekanntes Bild. Und in einem Zwieſpalt der Gefuhle, wie in einem Bienenkorbe herrſcht, der ſchwaärmen und mit alten Bienen in neue Zellen einziehen will, ſchied er ſchnell und ritt kurze Zeit dar⸗ auf in die Felder hinaus; wie ſogar Heere in den Krieg ziehen, naäher angeſehen— ohne andern Zweck: als die Gemuͤther zu kuͤhlen. 6 Petrarka bot indeß einen ſonderlichen Anblick dar. Er hatte ſeinen Pelz an, zwar von den feinſten Fellen, aber unuͤberzogen, und auf das Leder derſelben hatte er in der Haſt der Begeiſterung, in Ermangelung andern Materials, oft Verſe geſchrieben, die abgeſchrie⸗ benen ausgeſtrichen, oder gedankenvoll allerhand Blumen und phantaſtiſche Bilder darauf gemalt, ſo daß er einem Zauberer aͤhnlich ſah. Dieſes Ausſehen machte keinen — 377— abwendigen Eindruck auf Violantez ſie ſah nur ihn, den ſie in ſich trug. Ihn aber hatte die Gluth Ar⸗ guſſoli's wieder erregt, und ſich ihm, wie jenem, auf dieß Maͤdchen gewendet; ſein Mittel, der Liebe los zu werden, hatte ihn ſelbſt uberzeugt, und es gab kein inneres noch äußeres Hinderniß, die letzten Wolken der⸗ ſelben aus ſeinem Gemuͤthe auch noch zu zerſtreuen. Und wuͤrde das Maͤdchen, die ſchon ſein war, wenn zum Beſitz eines Weibes hinreicht, daß ſie ihre Seele, ihren Willen gleichſam uns zu Gefangenen giebt— wuͤrde ſie dennoch nicht Arguſſoli bis zu einem Aeußerſten reizen? Seine Eiferſucht erwachte. Was Boſſolaro von ſeinem verlorenen Leben geſagt, fiel ihm ein; was Galeazzo und Iſabella! Er ging auf und ab. Er trat zu ihr hin aber er nahm ihr blos das Koͤrbchen aus der Hand. Sie ſah zur Erde. Er ging wieder. Er ſtand wieder ſtill, er wollte ſie an der Hand faſſen„ da laͤutete die Glocke im Kloſter. Alles Alte, alles Neue bekaͤmpfte ſich in ihm. Er ſagte zu ihr den Abſchiedsgruß aber er hielt ſie zuruͤck, er hatte ſie nicht beſchenkt. Er bot ihr einen koſtbaren Roſenkranz. Er entfiel, blos an einer Perle gehalten, ſeinen Fingern. Sie buͤckte ſich und bat, blos von der Erde einige Streifen Papier, das er be⸗ ſchrieben und zerriſſen, aufheben zu duͤrfen; er hatte eine blonde Haarſchleife, die er wahrſcheinlich zuvor entbloͤſt und betrachtet, fallen laſſen, und errathend, von welchem Weibe ſie ſei, ergriff ſie Violante mit jenen Papieren zugleich. Er ſah ſie in ihren Fingen; ſie wollte ſie nicht von ſelbſt zuruͤckgeben, er ſtand mit verborgenfluthendem Herzen; ſie barg ſie in den jung⸗ fraͤulichen Buſen— ſo war ſie geſichert. Auch das bewog ihn nur zu einem haſtigen Schritt naͤher zu ihr, zu einem Erſtaunen vor ihr. Aber nach dieſer That und ſeiner Duldung derſelben, ſtieg Zorn uͤber ſich und ſie in ſeinem Geſicht auf, doch ſein Auge verlor die Kraft an ihrem. Ihr aber, wohl wiſſend, was ſie gethan und was ſie an der Locke beſaß, fullten ſich die Augen mit Thraͤnen; ſie ward blaß, ſie ward irre, ihre Kniee bebten, ſie ſank vor ihm hin, umſchlang die ſeinen und weinte heftig und wußte nicht woruber, und fuͤrchtete und wußte nicht was. Er aber ſtand, die eine Hand vor der Stirn, die andere auf ihr geſenktes Haupt geſtuͤtzt; dann wurden ſeine Finger auf demſel⸗ ben zuerſt in den Spitzen lebendig, ſie regten, ſie be⸗ wegten das weiche Haar, ſie ſpielten damit, die Hand gleitete in ihren Nacken, ſie preßte ſie mit ihrem zuruck⸗ gebogenen Kopfe darein und hielt ſie feſt. In dieſer Stellung aber hatte ſie ihr Geſicht zu ihm in die Hoͤhe gerichtet, und freilich war nichts An⸗ deres darin als das himmliſche Lächeln der Liebe; in den großen, zum Tode wehmuͤthigen Augen ihr Glanz, ihr fremdes, heiliges Anſchauen, die Wangen befloſſen von Thraͤnen und die Lippen geoͤffnet zum langſamen, ruhigen und doch tiefen Athem. Eine Andeutung von ihm, ſie empor zu heben, und er ſelbſt hielt ſie um — 379.—— die Huͤften umſchlungen; ſie ihn um den Nacken und kein leiſer Ton war hoͤrbar, ſelbſt der nicht, des einen, aber unerſättlichen Kuſſes. Du kuͤſſeſt, o Mädchen, als haͤtteſt Du noch Nie⸗ mand gekußt! ſprach er leiſe. So iſt es! fluſterte ſie. Alſo wirklich Niemand? Sie verneinte es mit bewegtem Koͤpfchen, und ſetzte dann treu hinzu: Und keinen Mann mehr! Keinen? fragt' er. Und ſie verſtand ſeine Frage, und widerlegte ſie ihm mit holden Lippen. Du haſt alſo keinen Geliebten? Ich weiß es nicht! ſagte ſie ernſt. Ich meine: keinen, der Dich liebt? Gewiß nicht? Dann wein' ich! ſeufzte ſie bang', und ihre Augen glaͤnzten ſchon feucht— ſie entſchluͤpfte ihm und war verſchwunden. 6 Unbekannt iſt nicht unbewußt. Violante's Entzuͤcken war ohne Maß. Sie be⸗ lächelte das Gluͤck aller Frauen der Erde, der ſchon in die Erde gelegten, der mit ihr das Leben Genießenden, der einſt nach ihr die Sonne Schauenden. So ſehr ſie wahrhaft den ſchoͤnen Mann liebte, ſo wenig ſchien ihr bei ihrer fruͤhern Geſinnung gewonnen, wenn nicht alle Welt es wiſſe: Er liebe ſie! Sie wollte ihrer Pflege⸗ mutter Giuſtina ſchreiben, ihr guͤnſtiger Bruder Ca⸗ ſtellano ſollte es wiſſen, Alalte— aber ſie ſchwieg voll Bekuͤmmerniß der Liebe, ſo lange er nicht ihr gan⸗ zes Weſen wie ſie leibte und lebte mit Freuden als bloßes reines Opfer dahin genommen. Aber ſo war ihr nicht immer; ſie druͤckte die Wonne und Alalte vernahm die Worte eines Geſanges von ihr, der keine haben ſollte: Lange trug ich wohl die Schmerzen Ganz allein verhuͤllt im Herzen— Nun, die Wonn' iſt nicht zu tragen! Nur der Sonne darf ich's ſagen, — 38— Nur den Blumen darf ich's ſingen, 1 Welch' ein Gluck ſich mir begeben— Doch ſie lächelt dem Gelingen, und nur Duft haucht ihr Geſicht. O wie ſchwer ſind Freud' und Klagen Liebenden allein zu tragen! Kaum läßt dieſe Wonne leben— Doch auch ſterben läͤßt ſie nicht! Francesco aber beſaitete wieder ſeine Laute, und als ihr alter treu und gleich bewahrter Ton wie eine Stimme aus ſeiner Kindheit ungeſchwaͤcht und friſch zum Herzen drang, lebte er wieder in ſeiner fruͤhen, ſchoͤnen Zeit, wo er aus Schickſal ſeine Liebe einem Weibe gewidmet, bei der ſie ihm keine Frucht bringen konnte. Jetzt— jetzt fuhlte er ſich geſchmeichelt von ſolcher Liebe! War er je gluͤcklich geweſen, und hatte er alle ſeligen Leiden des Liebens bis auf den letzten Kelch, den Tod der Geliebten, genoſſen, ſo erfullte ihn jetzt das erhebende Gefuͤhl des Geliebtwerdens— nicht mit Stolz, denn Violetta ſchien ihm nichts in der Welt zu gelten; es war kein Ruhm dabei, ſondern nur— jene Wonne, die jedem liebenden Weſen ertheilt iſt, eine Suͤßigkeit und Innigkeit, die ihm nichts zu wuͤnſchen uͤbrig ließ. Und empfand er einen Gram, ſo war es der: daß das Schickſal ihm Lieben und Geliebtſein ſtreng getheilt und durch zwei Geſtalten ihn damit ſegnete— oder hoͤhnte, und er konnte ſich ſein Lvos nicht himmliſch genug denken, wenn jene erſte Geſtalt ihn ſo wieder geliebt, wie er ſie geliebt, — enn Gluth in Gluth gefallen und Wonne des Em⸗ pfangens die Wonne des Gebens verdoppelt. So aber hatte er nur Entzuͤcken empfangen durch ſein Herz, durch den Anblick und die kuͤhle Gegenwart der Geliebten— nicht Entzuͤcken gegeben! Und wenn er bedachte, wie gluͤcklich nun ein weibliches Weſen durch ihn ſei, wie ſie ſeinen Kuß kaum ertragen, in ſeinen Armen gern zerſchmolzen waͤre wie Schnee, nun genoß er jene höhere Freude des Herzens, einen Engel zu bezaubern, ihm Alles zu ſein!— und wie es viele Maͤnner giebt, die ſchoͤn ſind, oder es ſich einbilden, es zu ſein, die nur mit Frauen umgehen in der Meinung: ſie dadurch gluͤcklich zu machen, daß ſie ſich ihnen gewaͤhren, und keine andere Luſt in ihrem Umgange haben, als welche ſie anzuzuͤnden glauben, ſo konnte Francesco auch Violonte nicht widerſtehen und fand einen Selbſtgenuß, eine Befriedigung uͤber ſeine Perſoͤnlichkeit, die ihm kein Maaß zu halten mehr zuließ. Und der Dank eines Weibes fur bezeigte Liebe iſt grenzenlos. Sie gibt Alles, ſich ſelbſt ganz dafuͤr hin, und die großte Gunſt derſelben hieß und war„der Dank der Liebe.“ Und ſo kam es, daß Francesco Violanten in ihrem Hauſe faſt jeden Abend beſuchte; aus Scheu und Angſt, dem Ruhme von ſeiner erſten Liebe zu ſchaden, oft ſchon in der Morgendaͤmmerung, uͤber Tag, bis zur Abenddammerung; ſo kam es, daß er einſt in Morgagni's und Alalte's Abweſenheit fur . 1 mehrere Tage die Zeit des Beſuches umkehrte, und daß ſein vertrauter Diener Moneta, der ihm, als er in der Morgendämmerung zuruckgekehrt, die Thuͤre auf⸗ that, ihm einen wohlzuſchlafenden— Tag anwuͤnſchte. Und Violetta, ſonderbaren Muthes zur braunen Morgendämmerung ſchauend, zu den Geſtirnen, welche darin in Farben und Glanz zergingen, und zum Nahen des blaſſen Tages, der ihr zum erſtenmal Nacht ſein ſollte, ſprach bei ſich: Ich habe mich nicht geirrt! Wie der Dichter lieben kann, ſo liebt kein anderer Menſch. Ein Herz voll Gefuͤhle, oft wie Gold durchgeſchmolzen und gelaͤutert; eine Seele voll zarter und hoher, gottlicher Gedanken, ein Weſen, jeden Augenblick neu, uͤberall mitſchwebend wie ein Engel, ſichernd, er⸗ klärend, erhebend und tragend, und die Geliebte immer fort feurig umarmt an der unerſaͤttlichen Bruſt!— O ſinkt nur ihr Sterne, ihr kommt ja wieder herauf! Traͤume Du indeß, wie die Nachtigall am Tage. Leiſes Erwachen. Und als der Herbſt erſchienen, als die Geſtirne wieder begonnen zu funkeln, die in des Sommers hel⸗ len Naͤchten der Erde wie entzogen geweſen, da ſang Violante an den heitern Spaͤtabenden noch im Genuſſe der vollſten Liebe: 6 Soll ich noch wuͤnſchen? Goͤnne mir Einen, Einen von Deinen Ewigen Sternen, Heilige Nacht! Darauf will ich wohnen In goldenem Zelt Mit ihm, dem Meinen Einzig geſellt! Ueber der Erde Altem Gedenken, Ueber der Menſchen Dauerndem Kraͤnken, Ueber dem Wandel— ueber der Welt! — Aber dieſe heimliche Sehnſucht: liebend von der Welt geſchieden und lebend Allen verborgen zu ſein, deutete auf eine Veraͤnderung an ihr, die Alalte in Schrecken geſetzt, und in der erſten Furcht ſie ge⸗ trieben, zu Giuſtina nach Mailand zu eilen, und ihre eigene Angſt dadurch zu erleichtern, daß eine An⸗ dere ſie wiſſe und theile. Giuſtina hatte einen Brief von Violante's Bruͤ⸗ dern erhalten, welche ihr meldeten, ſie wuͤrden die Schweſter durch ihren Vertrauten, Pietro di Cre⸗ ma, bald heim nach Pavia holen laſſen. Giüuſtina war nach dem von Alalte Gehoͤrten in doppelter Angſt, und fuͤrchtete ſchlechten Lohn fuͤr die Saumſeligkeit in ihren Pflege-Mutterpflichten. Aber hier war nichts als zu gehorchen. Violante ſollte demnach ſogleich vorerſt in die Stadt zuruͤck. So viel Nachricht brachte ihr Alalte. Der Grund zu ihrer Nachhauſekunft, den Violante nicht ahnete, lag jedoch in Arguſſoli, den ihre Erſcheinung als Vio⸗ letta gerade an— ſie ſelbſt erinnert, und den nur ihr einfaches dunkelrothes Kleid und das nach Art der Madonnen uͤber den Kopf und die Bruſt geſchlagene himmelblaue Tuch und ihr weiſes Schweigen verhin⸗ dert hatte, in ihr Violante zu erkennen. Die Bruͤ⸗ der wollten nicht laͤnger mit ihrer Weigerung Nachſicht haben; ſie bedurften der Kräfte des tapfern, reichen Marcheſe di Franceschini zu ihrer Unterſtuͤtzung, ſelbſt Schefers neue Nov. uI. 25 — 6— * ihre Erhaltung in Pavia; ja, der unermüdliche Lieb⸗ haber hatte ſich ſogar an M. Francesco gewendet, um durch dieſen die Bruͤder zu einem entſcheidenden Schritte zu vermoͤgen, indem er nicht ganz mit Un⸗ recht ſchloß, ein jedes Weib werde faſt immer von großer Ausdauer geruͤhrt, als naͤmlich von eben ſo großer, einem Weibe ſtets vortheilhafter Liebe des Mannes, die wieder aus ihrer eigenen Schoͤnheit kom⸗ me; und ſo werde ihre Eitelkeit ſie zuletzt uͤberwin⸗ den. Was aber das Eigenſte war, M. Francesco ſollte ſelbſt Violante einige gunſterregende Worte in ſchicklicher Stunde ſagen, wenn er ſie in Pavia ſehen wuͤrde. Und ſomit war unter den ſchon eingetretenen Umſtan⸗ den eine Verlegenheit eingeleitet, die fuͤr Violante, die Bruͤder, Arguſſoli und Francesco nicht groͤßer ſein konnte, und die nach dem Charakter eines Jeden anders uberwunden ſein wollte: denn uͤberwunden mußte ſie werden. Ohne nun dieß zu wiſſen, fuͤrchtete Violante genug ſchon ihre Bruͤder. Sie feierte zwar in ihrem Sinne einen Triumph, ſie waͤhnte alle Welt, ſelbſt die Nachwelt auf ihrer Seite, Jeder muͤßte und werde ſie ſchuͤtzen und ehren wie ihren Geliebten! Aber empfan⸗ den das auch ſo die Bruͤder? Vielleicht dereinſt in ru⸗ higen alten Tagen. Aber jetzt, da ihre Herrſchaft wankte, vergriffen ſie ſich, wie Alle, welche die ihre erhalten und nach wilden Tagen neu befeſtigen wollen, — 387— in den Mitteln. Sie waren kaum eines Menſchen Freund mehr; alle ſchienen ihnen Verrather, oder in ihrem Verdachte doch ihnen furchtbar, wenn ihr Tag der Vergeltung gekommen. Den wollten ſie gern zum juͤngſten Tage machen, und handelten im Innern ohne Ruͤckſicht, heimlich verſchlagen, das Volk untergrabend, Falſches als das Wahre preiſend und preiſen laſſend, ohne Vergebung, grauſam; die Kerker waren voll, und die Bloͤcke wurden von einer Hinrichtung zur andern nicht mehr trocken von Blut. Das eintraglichſte Amt war das eines heimlichen Angebers und Anklägers; wer einen weiſen Mann mit in die Complotte gezogen, war ihr Freund und meinte es wohl mit ihnen. So lebten ſie in einem Zuſtande, der fuͤr ſie, die Herr⸗ ſcher, und fuͤr das Volk kein Leben war, aus dem kein beiden gemaͤßeres Leben hervorgehen konnte, wenn nicht ein neues von Gott aus der Ferne herwandeln⸗ des, noch unbekanntes am Himmel fuͤr die Erde auf⸗ ging, und das hofften Alle und furchteten es doch, er⸗ muͤdet vom langen Truge. An dieſer Verwirrung der Dinge war vor allen der Eremit von St. Auguſtinus, Jakob Boſſolaro, ſchuld, welcher den Biſchs⸗ fen einzig und allein alle weltliche Gewalt, als ihnen gehoͤrig, erringen wollte. Sie ſollten Geſetze geben, Gericht halten, verbannen, toͤdten laſſen, einkerkern, ohne dem allen als goͤttliche Diener wieder ſelbſt un⸗ terworfen zu ſein; kurz alle Gewalt und alle jene Vor⸗ rechte haben, ganz nach der fruͤhern Herrſchern, dem 25 Volke bekannter, gewohnter und darum, wie er meinte, mit einer geſchickten Wendung auf ſie uͤberzutragender Weiſe.— Seine Beredtſamkeit war in den Predig⸗ ten wahrhaft begeiſternd und ſo außerordentlich, daß die Weiber den Putz ablegten und in einfachen Klei⸗ dern gingen. Denn er hatte den Putz und Alles der⸗ gleichen als Unterlaſſungs ſuͤnden vorgeſtellt, ſchrecklich, ſo lange noch die Wohlfahrt ihres Hauſes und aller der Ihrigen nicht wohlbegruͤndet ſei; ſo lange Eines ihrer Kinder, aus Mangel an ihren verſchwen⸗ deten Mitteln und ihrem Fleiße, noch nicht wohlge⸗ riethe, ſo daß es ſelbſt ungluͤcklich werde, und andere nicht gluͤckliche Menſchen bleiben und werden laſſe. Auch den Wucher hatte er als Unterlaſſungsſuͤnde vorgeſtellt und die Reichen noͤthigten den Armen Geld auf, ließen ihnen Haͤuſer bauen und gaben Feld von dem ihren. Auch gegen die Tyrannen predigte er blos als gegen Unterlaſſungsſuͤnder. Alſo vermied er, indem er das Reine, Wahre und Gute vor Augen ſtellte, als un⸗ terlaſſen, das wirklich begangene Boͤſe, Falſche und Schändliche laut zu ſagen. Das Volk ſchätzte ihn; er ward nach und nach immer mehr Alleinherr als Geiſt⸗ licher, blos befehlend mit dem Biſchofsſtabe, und Alles gehorchte ihm, wie dem Bullen. Luchin in Mailand unterſtuͤtzte ihn mit ſeiner Macht, blos um die zerut⸗ tete Stadt Pavia dann leicht fuͤr ſich zu erwerben. Aber der ſchlaue Prieſter hatte durch deſſen Weib Iſa⸗ bella, namentlich durch Anreizungen zu ihrer Auffuͤh⸗ 3 rung auf jenem Pilgerzuge nach St. Markus, auch ihm ſchon die Grube gegraben, und ihn zum Feinde ſeiner nächſten Nachbarn gemacht. Dieſer Haß mußte bald zuruͤckwirken auf Luchin. Dieß wußten die Bruͤ⸗ der Violante's und hofften, mit oder nach Luchin auch den geiſtlichen Monarchen wieder zu ſtuͤrzen, wenn nicht Galeazzo, der Erbe von Mailand, ihn in den eiſernen Käfig ſperrte, wie er ihm angedroht. Und dieſe unvorſichtige Aeußerung gab allein dem Boſſo⸗ laro einige Schonung gegen Luchin ein. Francesco war abgereiſt; und auch Violante ver⸗ ließ nun, dadurch leichter ſcheidend, aber noch immer mit genug ſchwerem Herzen Garignano und Alalte — auf baldiges Wiederſehen! Sie waͤre doch gern noch ein einziges halbes Jahr geblieben, und wieder trieb ſie ihr eingebildeter Sinn auch in die Welt zu treten⸗ Ihre vorigen Kleider, die ſie am Morgen der Abreiſe anzog, waren ihr knapp geworden, und verwandelten, ſo wie ihre Geſtalt, auch ihre Gedanken, und ſie ſtand lange erſtaunt, und ſie kam ſich wunderlich vor, wie ein Räthſel, das Jemand noch einmal lieſ't, nachdem er die Aufloͤſung weiß, und fand nun Alles natuͤrlich, deutlich, und doch wich die Verwirrung nicht von ihr. Ihre Pflegemutter Giuſtina fuhrte die Ange⸗ kommene ſtumm an der Hand herauf in ihr Zimmer, 3 beſtaunte ſie, aber beklagte ſie nicht. Sie ſchlug die Haͤnde zuſammen, knieete vor ihrem Heiligen hin und bat ihn: dem Himmel zu danken, daß er ſie vor einem Ungluͤck bewahrt, das ihr ſelber bevorgeſtanden, in das ſie desgleichen geſtuͤrzt waͤre, wenn ſie Violante gewe⸗ ſen! Dann erhob ſie ſich und ſprach zu ihr: Sonſt meinte ich auch ſchoͤn geweſen ſein iſt etwas, und ſchoͤn ſein iſt Alles fuͤr ein Weib— aber nun kom⸗ me noch Einer und tadle mir das Alter oder die Haͤß⸗ lichkeit! Ja, ich bin alt! ja, ich bin häßlich, gelobt ſei der Herr! Der eigene Leib einer Alten iſt der ſicher⸗ ſte Thurm gegen alle Verfuͤhrer und Seelenraͤuber; ein häßlich Geſicht bleibt ein Specificum gegen die Liebe der Andern und dadurch gegen unſer Lieben; denn kein Weib wird umſonſt erſt zur Thorin— den edlen Glau⸗ ben hab' ich zu meinem ganzen Geſchlechte, mich ſelbſt nicht ausgenommen, nein eingeſchloſſen und werth ge⸗ halten, wie ein Juwel!— Und wie ſtill, wie gemach⸗ lich ſind die Jahre des Alters, wie leicht ziehen wir durch ſie, ſo leicht, wie der Kamm durch die grauen, duͤnnen Haare; wie wahr wird unſer Gebet, wenn wir ſagen:„Fuͤhre uns nicht in Verſuchung;“ wie frei unſer Morgen- und Abendlied vom Zwiſchenſpiel arger Gedanken; wachen wir, ſo wachen wir als wir ſelbſt allein, und ſchlafen wir, ſo ſchlafen wir als wir ſelbſt allein, niemand mehr angehoͤrend im Traume, von keinem alten Gedanken geſtoͤrt. Denn das Le⸗ ben iſt immer jung, und erſt wenn wir alt ſind, ſind — 391— wir, ich mochte ſagen, ewig, wie verſteinert, und un⸗ ſere Gedanken ſind nur alt, wie unſer Leib, den wir aus der Jugend durch die thoͤrig bekuͤmmerten Jahre getragen, bis in den Sorgenſtuhl, der weislich nur ſo heißt, unſer Schlaͤfſchen zu beſchönigen. Ach, ach! wir ſind nicht alt vom Alter, ſondern von der Jugend! O wenn es die Jugend begreifen konn⸗ te, wie ruhig ſie Alles, was ſie lockt und reizt, der⸗ einſt anſehen wird, als ſei es von Holz— wie hei⸗ lig, wie hoölzern ſie ſelber ſein wird, wie eine geſchnitzte Madonna, taub, blind, fuhllos bei allen Freuden und Leiden der Welt, immer mit wohlgemalten rothen Backen, mit ernſtem Weſen! o wenn ſie begreifen könnte, wie ohne Verdacht des Neides das aͤrgſte Wort uber unſere Lippen fließen darf, wie theuer bezahlte ſie nicht das Mittel, ſich alt zu machen, wenn es nicht ein Majeſtätsrecht des Himmels waͤre. O mein Kind— Violante, wollt' ich ſagen— denn waͤr' ich Deine Mutter, ſo glaub' ich, muͤßt ich jetzt weinen, wie ſie es wuͤrde, aber, Gott Lob! das bin ich nicht, und ich kann Dich ſchelten, Dich ſtrafen und kraͤnken, wie ſich's gebuͤhrt, und es thut mir wohl, daß ich Dir es thue und nicht eine Andere, oder gar Du thoͤrige Jungfrau— mir! Eine Mutter ſchliefe heut' nicht, ich aber kann ruhig zu Bette gehen! Gehe zu Bett, mein Kind, denn ſchlafen kannſt Du ſchon, das kann man immer, und Du ſchläfſt gewiſſermaßen a uf Lorbeern!— Ich will nur nicht erſt warm werden, — 392— ſonſt— ſonſt hatt' ich Dir nicht ſo viel Gluͤck und Feinheit zugetrauet. Manches iſt ſo einfaͤltig, daß es gerade den kluͤgſten Menſchen ſcheint, es werde es nie⸗ mand unternehmen, noch weniger ausfuͤhren— und ehe ſie ſich's verſehen, iſt es in vollem Gange und drohet auch ihnen Verderben— weil niemand ihm widerſtand! So ſchlafe auch wohl, Du ſchoͤne Hexe! Doch als Beide in ihren Betten ruhten, war ſie unerſchoͤpflich in Fragen, und beſeufzte jede ihr Herz erregende Antwort, bis ſie, ſich ſelbſt vergeſſend, Vio⸗ lanten nach ihrer Weltkenntniß manchen Einſchlag zu ihrem Verhalten gab. Auch Capra gab ihr Muth, der des andern Tages auf die Villa der Giuſtina kam, ſich als Geiſtercitirer melden laſſend, und mit komiſcher Wendung dann dieſe bei ſeiner begeiſternden und be⸗ geiſterten Haushaͤlterin zu Pathen bat. Giu⸗ ſtina konnte unmoglich umhin, ihm Violante's Geſchick durch ſeine, nun ihm zuruͤckgegebenen Worte verſtaͤndlich anzudeuten, und der Erroͤthete ſank voll Ehrfurcht beinahe vor dem„luͤcklichen, unſterblichen“ Maͤdchen auf die Kniee. Er pries ihr Loos, und er⸗ bot ſich zu Allem, was ſie nun zu wuͤnſchen ihm die Ehre erzeigen wolle, daß ſelbſt die dadurch erſt angſt⸗ voll gewordene kuͤnftige Mutter laͤcheln mußte zu dem Eifer und der Freude des Alten. Violante beſchloß aus Vorſorge, in Pavia ſich leidend an ihren Augen zu ſtellen, und band, noch che Pietro di Crema, ſie zu begleiten, eintraf, ein ſchwarzes Tuch um die Stirn und verſchleierte ſich. Ihre von unwillkuͤhrlichen Thraͤnen erhitz⸗ ten Augen ſchienen wirklich krank und buͤßten die Krankheit der Seele nicht ab. Ergeben ging ſie jedem Schickſal und Francesco entgegen. Das Gaſtmahl. Aus dem Pallaſte ihrer Bruͤder war jener heitere Geiſt gewichen, den das Bewußtſein ſichern Beſitzes und ruhiger Dauer hervorruft, wie die Lerche kommt, im eroͤffneten Jahre zu wohnen. Hier war er geflohen, wie eine Schwalbe vor der Entblaͤtterung der Bäume im Herbſte, vor den Stuͤrmen und Nebeln, der Faͤlte, dem Schnee und dem öden Schweigen. So empfin⸗ gen ſie auch die Brader ſchweigend; Milano kalt, Caſtellano druͤckte ihr nur die Hand, von dem Schickſal bewegt, was ſie Beide zum großen Theil durch ihre Schuld auch uͤber die Schweſter gebracht. Aber erſt als Violante, praͤchtig geſchmuͤckt, um in den Saal zu treten, ſich wieder im ruhigen Spiegel ihres vorigen Zimmers ſah, ergriff ſie Wehmuth, und ſie lehnte ſich hin und weinte. Thränen des Mitleids zuerſt; aber allmälig druͤckten ſie einen andern ſie durch⸗ wandelnden Schmerz aus, nun ſie bedachte: ſie koͤn⸗ ne in das gemeine buͤrgerliche Leben hinab⸗ — 395— ſinken, wo dem Menſchen Ruhm und Ehre, Ruhe und Gluͤck aus ganz andern Dingen kommt, als wor⸗ aus der Hohe und Reiche ſie ſchoͤpft und ſchoͤpfen zu moͤgen wähnt. Dieß Gefuͤhl klang ein noch dum⸗ pferes in ihr an: daß ſie in ihrer Liebe gegen Francesco nicht wahr geweſen, indem ſie ein armes, gutes Maͤdchen vorgeſtellt, ein ſchoͤnes, liebendes Kind — doch als ſolches empfand, und ſah ſie ſich noch vor Augen; nichts war gewiſſer als ihre Liebe, und Laͤcheln kam in ihr gluͤhendes Geſicht zuruͤck und Muth in ihr Herz, von nun an— von Morgen an of⸗ fen zu ſein, und Niemand, auch ſich ſelbſt nicht zu verlaͤugnen! So legte ſie das ſchwarze Stirnband uͤber die Augen an— und ſahe nicht mehr. Ihr Bruder Milano und Arguſſoli traten ein, ſie zur Tafel zu holen. Wider des Liebenden Er⸗ wartung war Violante ſehr mild, ja weich geſtimmt gegen ihn, und ihre, von ihrem heißen Gefuͤhl wie geſchmolzene Stimme uͤbte einen Reiz, einen Zauber uͤber ihn aus, der ihn ganz willenlos und ſie zu ſeiner unumſchräͤnkten Beherrſcherin machte, die Alles, Alles von ihm fordern duͤrfe, ſelbſt ſeine Liebe! Denn es lag ein Bewegendes in der Stimme, in ihren ſeelen⸗ vollen Worten ein Sinn, die ihm das Herz befingen, den Muth ihm niederſchlugen, er wußte nicht wie! Milano ſagte ihr leiſe einige ſtrenge Worte und ließ dann Beide allein. — 3— Arguſſoli ſchwieg; Violante konnte nicht ſpre⸗ chen. Nur ſein Auge weilte auf ihrer Geſtalt; ſie erroͤthete hoͤher und hoͤher, ergriff ſeine Hand, und mit einem Feuer, einem Muthe, einer Beklommenheit zugleich, welche ihr Furcht, Anerkennung des edlen Mannes und Liebe erregten, gab ſie ihm wenige Zeilen zu leſen, die Alles enthielten, was ſie bekuͤmmerte, worinnen ſie ſich zu ihrem Beſchuͤtzer— ihn ſelbſt erbat. Er ſtand wie zu Marmor geworden, oder werdend, als fuͤhle er die eiſige Kalte herauf an das Herz ihm ſteigen, ihn toöd⸗ ten! und doch ſiedete es in ſeiner Bruſt, ſeine Augen ſtarrten vor ſich hin, Thranen quollen und verdunkelten ſie— die Sonne war ihm nicht da— Violante in Nacht verſchwunden. Sie ſank ihm an's Herz, ſie kuͤßte ſeine Lippen, und— ſo iſt der Menſch und das Schickſal— dieß ſelig erhoffte Gluͤck war ihm keines, weil es keines war, nur das Gleichbild, der Schatten davon— und ſo war es ihm bitter und wahr als ſein Ungluͤck. Sie ließ ihn los. Sie ſchwieg, und mit leiſer Stimme, wie ſie aus der Seele kommt, wenn ſie ſich ſelbſt bezwungen, voll Adel ſich liebt und vor ſich ſel⸗ ber ſich ſcheut, wie rein und ſchoͤn ſie ſei, und wie goͤttlich ſie ſich Menſchen bezeigen wolle— mit leiſer Stimme gelobte er ihr Schweigen, und er hielt ihr ſein Schwert hin, die Hand daran zu legen, zum Zeichen: es ſtehe, wie er, in ihrer Gewalt und in ih⸗ rem Dienſt. Und ſie vermochte kaum dieſes kleine Ge⸗ — 397— ſchäft zu thun, weil es uͤber ſie kam in ihrem Bewußt⸗ ſein, was ſie ihm, was ſie ſich mit dieſer Beruhrung des Schwertes thue, und die Kaͤlte des Stahles durch⸗ floß ſie mit Schauder, und es ſchien ihr, als habe das todte Element Worte und es rede eine geheimniß⸗ volle, eine ewig treue, wahre Sprache zum Herzen des Menſchen; wie er ſie aus dem heiligen Weſen deſſelben hervorgelockt!— Da trat M. Francesco Petrarka mit ih⸗ rem Bruder Caſtellano in's Zimmer. Dem edlen Arguſſoli zuckte wie eine Wuͤnſchelruthe das Schwert in der Hand, und es ſchlug ihm gleichſam auf die Bruſt Francesco's an, nicht fur den Raub, ſondern die Schmach Violante's. Aber er wollte keinen blu⸗ tigen Quell, um ihr nicht weh zu thun; er ſteckte es in die Scheide und verließ ſie ſchweigend. Violante zitterte vor dem verſchwundenen Ar⸗ guſſoli, deſſen Geſtalt ihr noch im Zimmer ſchwebte; ſie hoͤrte von Gaſtellano mit Beben:„das ſei Meſ⸗ ſer Francesco, der ihr die Hand reiche, ſie zur Tafel zu fuͤhren!“— Und nach ſeiner Weiſe bewahrte Petrarka ſeinen Stolz gegen vornehme Frauen, auch jetzt gegen das demuthige Madchen, das leis und ſtär⸗ ker und endlich mit aller vergehenden Kraft ſeine Hand verborgen druckte, daß er erſchrak und ſelber bebte vor dem unerkannten ſchoͤnen Gebild, das neben ihm ſchwebte und in Gedanken verſchwebt war. Dann ſaß — 398— ſie zwiſchen Arguſſoli, der ihr— und zwiſchen Francesco, dem ſie gehoͤrte. Ein Freund der Bruͤder Beccaria war eben aus Mailand zuruͤckgekommen. Er ſaß ihnen gegenuͤber, gluͤhte noch von der Reiſe, aß nicht, aber trank von Zeit zu Zeit einen Becher Wein, mit ſichtlicher Freude, als trinke er jeden auf die Geſundheit und das Wohl der Bruͤder. Darauf erzaͤhlte er Neues aus Mailand, in dem Kreiſe von lauter vertrauten Freunden. „Iſabella war, wie Ihr wißt, begann er lachend: nach St. Markus gepilgert. Das wäre ſehr gut ge⸗ weſen, aber ſie verehrte auch unterweges die Gebeine lebendiger Heiligen— als da da ſind der heilige Ugolin Gonzaga zu Mantua, der heilige An⸗ dreas Dandolo zu Venedig— die vor ihr die Kniee beugten. Alle moͤgliche Condeſcendenz! Aber Ga⸗ leazzo, ihr Schutzpatron auf Reiſen, empfand das frevelhaft, und um die ſchoͤne Suͤnderin an ihm, bei Luchin, ihrem Gemahl, zu verderben, klagte er ſich ſelbſt bei ihm als ſeinen Ehren-Feind und Schaͤnder an, um jene beiden Heiligen bei ihm anzuſchwaͤrzen und Iſabella, die ihm, dem Treuloſen, treulos gewe⸗ ſen!— Luchin hat eine furchtbare Stunde geſchwie⸗ gen; dann hat er zu Galeazzo geſagt: Der Mann iſt ein Thor, der all' ſein Gluͤck von einem Weibe hofft, dem ein Weib es zerſtören kann. Wenn eine Frau eben die ganze Welt wäre, die er faſſen kann und bedarf, dann haͤtte das ſeine Richtigkeit. Wer — 399— mich liebt, und meiner zu ſeinem Gluͤcke bedarf, der lebt mir. Wer mich ſo wenig achtet, daß er mich, als waͤre ich ſein bitterſter Feind, in's Verderben ſtur⸗ zen moͤchte— wenn ich der Thor waͤre, hinein zu ſtuͤrzen,— der iſt mir todt— und eine Todte mag ich nicht zu meiner Frau!“— Arguſſoli ward freier und beklommener um das Herz; er hatte nicht hoͤren moͤgen oder gewuͤnſcht, des Erzahlers Worte ſeien unhoͤrbar, nur leere Luft. Und Jener, vom Weine erwaͤrmt, fuhr fort, Luchin's Worte zu vollenden:„Gelaſſen Alles em⸗ pfangen, frei, entſchieden ſich damit abfinden, das kann nur ein Mann; und ich denke, ich bin einer. Und daß Du ſagſt, Galeazzo, ich habe ſie ziehen laſſen, genoͤthigt— vielleicht! In dem kurzen Leben iſt es ein großer Vortheil, bald ſeine Leute zu kennen, zeitig von ihnen das zu erfahren, was ſie uns etwa zuden⸗ ken und was ihrem Charakter nach doch einmal geſche⸗ hen wird! So gewinne nun ich mich wieder und meine Jahre, die mir ſpaͤter durch ſie verloren ge⸗ gangen waren! Ich bin noch Luchin! Es giebt kein Ungluͤck als den Gram. Fort! was uns nicht recht iſt; und ich als Herr vermag auch zu ſagen: Fort! dem ich nicht recht bin. Ich meine Iſabella. Dir aber, Neffe Galeazzo, verzeih' ich. Ich weiß es nicht; wir Herrſcher haben ſelbſt vor dem Herrſchen eine ſolche heilige Scheu, als ſei es etwas Göttliches, und mehr als alles Irdiſch-Menſchliche Nothwendi⸗ —— ges und Unſterbliches, daß ich, um dieſe Pflicht, dem Scepter eine Hand zu erhalten, mein Blut, ſelbſt mei⸗ ne Schande nicht achte, wenn nur in Dir die Herr⸗ ſchaft fortbeſteht! Zu herrſchen iſt die Wuth der Ele⸗ mente.“— — Lächelndes Schweigen umher an der Tafel.— „Iſabella jedoch, die aus maͤchtigem Geſchlechte ſtammte, glaubte, ſich keinen weltlichen, noch ein wenig nach dem Buͤrger ſchmeckenden Einrichtungen fuͤgen zu duͤrfen, noch daß die Natur durchgreifende, nicht eben hoͤfiſche Geſetze gegeben; und Alles unterthan ſich ſehnend, wollte ſie es nicht ſein. Ihr Beſchuͤtzer und Freund, ihr Bruder Fiesko, war aber in Genua er⸗ mordet worden— ſie ſtand allein. Und doch mufßte eine Kleinigkeit geſchehen, um ihrem Manne uͤber die angeſonnene Scheidung, die einer Verſtoßung gleich ſahe, ihre Meinung auszudruͤcken. Deßwegen erhielt denn der gute Luchin zwar nur ein winziges Pulver von ihr, worauf ein Wallfiſch wohl bei vorigem mun⸗ teren Weſen verblieben, das aber den theuern Gatten, wie eine Harpune, in den Abgrund des wahren großen Ocean's ſich hinabzulaſſen vermochte.“— — Luchin alſo todt! riefen die Maͤnner und ſprangen auf. „Setzt Euch, Ihr Herren!“ fuhr Jener fort.— „Auch der Doge Dandolo iſt todt.“ Und faſt lächerlich ſprangen ſie noch einmal auf. — 404— „Setzt Euch, Ihr Herren!“ ſprach Jener, noch eine große Nachricht auf dem Herzen.—„Auch Rienzi in Rom iſt todt!“ Darauf ſetzte er ſich, waͤhrend die Maͤnner daͤmo⸗ niſch zum dritten Male auffuhren. Luchin war des Francesco Petrarka maͤchtiger Beſchuͤtzer, Dandolo ſein großer Goͤnner, aber Cola Rienzi ſein Freund, ſeine halbe Seele! Denn was er fuͤr die Menſchheit, fuͤr ſein Vaterland fuhlte, dachte und wuͤnſchte, das erſchien ihm in Rienzi verkoͤrpert; ſein Kopf, ſeine Bruſt, ſeine Hand fuͤhrten das in's Leben und lebten es, was nur Francesco's halbes Weſen, ſein irdiſcher Theil war. Und Rienzi war hin! Rom nicht mehr frei! Italien nicht eigen geworden*), vielleicht auf lange Jahrhunderte wieder in ſich geſtuͤrzt, wie der Veſuv nach einem gewaltigen Ausbruch.— Dieſe Schmerzen betaͤubten Francesco: er ſtarb gleichſam an dieſem irdiſchen Theil; ſeine reiz⸗ bare Seele ertrug es nicht, und er ſank in fuͤhlloſe Ohnmacht. Arguſſoli, Alles vergeſſend, was er durch Vio⸗ lante's kleines Blatt wußte, war der Erſte, ihm beizuſtehen, und trug ihn mit Milano in ein Sei⸗ tengemach des Saales. Dieſe Stoͤrung hob die Tafel auf; und ein unbegnuͤgter Zecher, uͤber den fruͤhen *)„Italia una e libera!“ war Petrarka's Wort. Schefers neue Nob. 1i. 26 — Aufbruch erzurnt, aͤußerte laut: Francesco habe nur die ſchoͤne Gelegenheit ergriffen, den Frauen ſich be⸗ merklich zu machen, und ſie zu zwingen, ihn anzuſehn, ſich mit ihm zu beſchäftigen, wie er ohne Ruͤckſicht auf die Geſellſchaft ſonſt ſchon gethan! Violante hoͤrte das nicht, riß ihr ſchwarzes Stirnband und den Schleier ſich ab, und da der Freund ihres Herzens, der ihr nun mehr war, und noch weit mehr einem Weſen, das heimlich in ihr ſchlief, und jetzt wie ſelbſt aus ſeinem heiligen Schlummer aufgeſchreckt und voll Angſt gleichſam an ihrem Herzen riß, da er immer nicht zu erwecken war und ſeine frühe, naturliche Bläſſe jetzt von der bleichen Fackel des Todes ſchimmerte, und der Kranz von Epheu und Myrthe, den er ſeit ſeiner Kroͤnung das Vorrecht hatte zu tragen und an feſtlichen Tagen trug, ihm das An⸗ ſehen eines Geſtorbenen gab— da weinte ſie laut, knieete zu ihm, umfing ſein Haupt, ja ſie kuͤßte halb ſinnlos ſeinen Mund, und achtete keines Menſchen, ſelbſt Arguſſoli's und ihres Bruders Milano nicht, die jetzt ihr nicht Liebender, nicht Bruder, ſondern allgemeine Sterbliche, nur bunte Schattenge⸗ bilde beduͤnkten, die von einer fremden, unſichtbaren Kraft ſich regten und ſie anfaßten, ſie aufzuheben, nicht von einer eigenen.. Petrarka, vielleicht am meiſten durch den Ruf ihrer Stimme, durch die Gluth ihrer Naͤhe, ihr lautes Weinen über ſeinem Antlitze, zu ſich gekommen, ſchlug — 403— die Augen auf. Aber Violetta ſtand bor ihm, und er waͤhnte in ſeiner Schwäche, die liebende Seele ſei ihm zum Troſt und zur Pflege erſchienen— denn wie ſie leibhaftig hier ſei, konnt' er nicht faſſen, nicht ahnen. Die Sonne beſchien ſie hell; ihr weißes Kleid machte ſie einem Engel noch aͤhnlicher; und als er lange die leuchtende Geſtalt und das Antlitz ange⸗ ſtarrt, als ſie frohlaͤchelnd und doch voll innerer Weh⸗ muth ſeinem Anblick ſich leiſe entzog, da ſchloß er wieder die Augen, und ihn durchliefen ſuͤße und bange Gedanken an ſie. Er empfand den öden Zwang, einen Charakter durchzufuͤhren, der nicht natürlich iſt; das Darben des Verſchmähens deſſen, was ſelig machte! eines Verſchmähens aus Grille:— nicht das Bild zu zerreißen, das von nach dem Tode in der Nachwelt ſchweben ſollte! Seine beßten Freunde waren nun alle todt. Peſt, Verhängniß, ihre Jahre, die ſie voraus hatten, ſelbſt ihre Jugend und ihre Fehler, ſelbſt ihre Tugenden hatten ſie hingerafft. Er wankte; ja er faßte den Entſchluß, ſich nicht ſelbſt von Freude und Liebe zu verbannen. Er bedauerte Violetta, das arme Kind, die aus dem ſich ſelbſt beſcheidenden Gefühl: „ſeine Gunſt gegen ſie werde nur eine kurze Zeit dauern,“ allerhand kleine Streifen Papier von ſeiner Hand und andere Kleinigkeiten von ihm aufgegriffen und ſich wohl aufgehoben, ſchon in ſchoͤnen, geltenden Tagen— zu ſeiner Erinnerung! Und ſo freuete er ſich auf die Ruͤck⸗ kehr nach Garignano zu ſeiner Violetta— die — 404— ſchweigend im Seſſel neben ihm ſaß, fuͤr ihn gluhte, und mit einem freundlichen Blicke ſeine Gedanken zu errathen ſchien, und die rege Sehnſucht, die in Augen und Zuͤgen ihn verwandelte und wie ein lieblicher, ſanfter Geiſt ſein Antlit beſchwebte. Arguſſoli ſah das Alles mit an, und der Schmerz uberwältigte ihn beinahe. Und doch kam das Paar ihm nun herrlicher, neidenswerther vor! Er ſah Vio⸗ lante ſchöner— aus Eiferſucht, und es war ihm natuͤrlich, milde auch jetzt noch gegen Francesco zu denken, aus Adel und Groͤße der Seele. Und ein Mann, den ein ſchoͤnes Weib liebt, ſcheint ſelbſt den ubrigen Männern auffällig und wunderbar jett erſt⸗ als ein Naturgebild in all' ihrer Glorie, nicht mehr aus dem gewöhnlichen Stoffe gewebt, woraus Alles umher beſteht; die Natur hat ihm ihr Siegel aufge⸗ druͤckt, er wird auf einmal ehrwuͤrdig und unantaſtbar, wie den Griechen unter den Kaiſern ein Mann, auf deſſen Haupt ſich ein Adler geſetzt, deſſen Schatten ſo⸗ gar nur den Schlafenden uberſchwebt, und ſie ſagten ihm die Wuͤrde der Krone voraus! Oder die Men⸗ ſchen blicken ihn an, wie Jemand, den der heilige Blitz des Himmels beruͤhrt hat, und der noch lebt. und der Strahl der Liebe aus eines edlen Weibes Bruſt iſt nicht geringer, ſondern ſinnvoller, hoͤher als jener des unbewußten, ſchrecklichen Phaͤnomens. Und daß ſie ſeine Geliebte geweſen— das erhob noch ſeine Gefuͤhle und gab ihm Gelegenheit— das Schwerſte zu verzeihen. Und im reinſten Genuſſe ſeines Selbſt lehnte er ſich betrachtend auf Milano's Schulter, aber ſeine Augen ſchwammen in Thränen. Milano aber,der jenes Blätt Violante's ge⸗ funden, das ſie Arguſſoli ſtatt eines muͤndlich⸗un⸗ moͤglichen Bekenntniſſes gegeben, und das dieſer im erſten heftigen Kampfe der Seele nur leicht und haſtig im Buſen verwahrt und dann verloren hatte— Mi⸗ lano, der nun um Alles wußte, gleich Arguſſoli, fluͤſterte ihm in's Ohr:„Ich will Dir gerecht werden fur ſie! Ich biete Dir den Zweikampf an, mein Blut und Leben!“— Er druͤckte ihm dabei den Handſchuh in die Hand. Aber Arguſſoli ſagte ihm eben ſo leiſe, ohne zu wiſſen, welche Wendung zur Rache dem Ehrgefuͤhl des beleidigten Bruders er gab:„Wir ſind Maͤnner! Ich darf das ausſchlagen— es wird wohl ein an⸗ deres Mittel geben, Alles auszugleichen!“ und meinte ein ſanftes. Milano ergriff auf einmal, wie aus den Wol⸗ ken, die Hand Violante's, und fuͤhrte ſie auf ihr gimmer. Vorher ihr beſter Freund, war er nun, eben darum, ihr aͤrgſter Feind, weil er ſie gluͤcklich und hochgeehrt wiſſen wollte, wie Freundſchaft will und daſſelbige Blut. Und mit jener bewundernswer⸗ then Faſſung in wilder Leidenſchaft und im hochſten Zorn, die meiſt nur vornehmen Maͤnnern eigen iſt, weil ſie durch traurige Uebung ſie lernen muͤſſen und — 80— traurig bedurfen, hatte er ſchon uͤber der Tafel meiſt nur gelaͤchelt und beifällig darauf Violante's Eifer ge⸗ ſehen, um ſie zu erkennen und ſeiner Sache gewiß zu ſein. Auch jetzt entſchloſſen, ihr noch nicht die ganze Schwere ſeines Zorns und ſeiner Rache zu zeigen, hielt er ihr nur das von ihr geſchriebene Blatt hin und fragte: ob ſie ſich damit gemeint? Violante ſah nicht das zitternde Blatt an, ſon⸗ dern nur ihn mit zornigen Augen, zornig uͤber den unritterlich vermeinten Arguſſoli, den Verräther der Liebe! Sie ergriff und druͤckt' es zuſammen. Mila⸗ no laͤchelte.—„Ungluͤckliches thoͤriges Maͤd⸗ chen,“— verbeſſerte er ſich—„die Liebe des Dich⸗ ters iſt vino santo— heiliger Wein— von Parma, ſehr feurig, aber eine Vermiſchung mehrerer Ar⸗ ten, ſehr berauſchend, doch ohne Dauer. Wähnſt Du nun, Laura gleich zu ſtehen, ſie zu uͤbertreffen, als koͤnne man himmliſches Verdienſt der Tugend durch Erniedrigung erwerben! Die Nachwelt wird ſagen: Petrarka's Laura, wie ſie ſagen wird: Dante's Bea⸗ trice, Cino's Selvaggia, Boccaccio's Fiam⸗ metta— und nicht: Petrarka's Violante; und wenn auch er, und ſelbſt die Natur es geſagt und erfuͤllt hat, wie Du ſprichſt und wie ich— ſehe! Oder ſoll ich Dir die Freude machen, mein junges Blut, und Dir Francesco's ſchon zwolfjahrigen Sohn— Francesco— aus Verona von Rinaldo — 407— da Villafranca holen laſſen, der ihn heimlich er⸗ zieht, wie man oͤffentlich ſagt! Violante erblaßte jetzt erſt, und ſchlug die Au⸗ gen voll Schaam zur Erde. Milano, aus Gram, und darum im Herzen mit bitterer Luſt, da nachbohrend, wo er die weichſte Stelle getroffen, fuhr in gleichgultigem Tone fort: „Du ſollſt nicht mit ihm betrogen ſein, ich will mit Dir keinen edlen Mann betruͤgen, am wenigſten Ar⸗ guſſoli. Dafur laſſe uns ſorgen— denn dazu hat Caſtellano ſein Wort zu ſagen!“— Selbſterwählte Macht. Er ging von ihr zu Caſtellano, der von weni⸗ gen Mittheilungen eben ſo flammte wie Milano.— „Sie muß ſterben!“ ſprach er. „Furchtbarkeit des Ungluͤcks“— fuhr er fort— „in welchem das wunde Herz— das wogende Blut und die vergoſſene Galle Alles raͤchen muͤſſen! In ruhigen Tagen waͤre das anders! Aber nun vermoͤ⸗ gen wir nicht mit Schande abzutreten, und ſie ſollen die Lehre merken: ſterbende Loͤwen nicht zu reizen!“ — Fruͤher Francesco geneigt, beſtimmt' er nun ihn dem Verderben; und ſo hatten die Bruͤder die Neigun⸗ gen umgetauſcht; denn Milano wollte nur Violante geopfert ſehen; Caſtellano: Francesco; und hals⸗ ſtartig, wie die Braͤder beide waren, mußten Beide, um das beſchloſſene Opfer zu haben, Jeder dem Andern das Seine uͤberlaſſen— und dadurch war Keines frei gegeben, und die Schuldigen Beide ſollten ſter⸗ ben. Umſonſt nahm Milano den Francesco in Schutz, dſſen Ermordung ihren Untergang aus allge⸗ — 400— meinem Haß ſogleich herbeifuͤhren wurde; den Freund, der nicht ihre Schweſter Violante, nur Violetta — ein unnachgefragtes Landmädchen entſtellt.— Doch Caſtellano entgegnete:„Wird das Verhaͤltniß in Garignano auf ihre Rechnung kommen, oder auf ſeine? Ich wuͤnſchte nicht auf ihre! Und ſo muß und wird er die Schuld davon tragen und— buͤßen! Niemand iſt vornehm, groß und beruͤhmt genug, ein Weſen elend zu machen; kein Weſen gering genug, das nicht die holdeſten Anſpruche hätte an ein ganzes Leben!“— „Aber in Leidenſchaft Dieſes laſſen und Jenes thun, das muͤſſen Menſchen verzeihen, die Leidenſchaft alle bewegt, den Einen dieſe, den Andern jene“— warf Milano ein, um Francesco dem Bruder abzudringen.„Und ſagſt Du nur, um ſie zu retten, ſie ſei die Schweſter— gerade darum! hab' ich nicht ein Maͤdchen begraben und ihr ein Denkmal errichten laſſen, das ſeiner Schweſter Schande nicht uͤberlebt? Ich thate desgleichen— aber ich bin ein Mann; wir brauchen das Leben zur letzten Kelter, nicht ſie! und wird ſie verſchweigen, wos ſie fuͤr ruhmvoll haͤlt? O Sinn der Weiber! Ich glaube, ſie jubelt im Herzen, daß Francesco zeitlebens umſonſt nun Verſe gemacht fur Laura, daß ſeine ſchoͤnen, einſt und nur einmal wahren Lieder zu Täuſchungen der Welt, zu bloßen Träumen herabgeſunken, und daß ſein Herz ſich ſelber treulos geworden! Es iſt gut, einen Menſchen von allen 3 . — 410— Seiten, aus allen ſeinen Tagen kennen zu lernen, ſelbſt wenn er todt iſt— die Welt gewinnt dabei. Aber er lebt noch, ſo lange ich will!“— —„So lange ich will!“ herrſchte Caſtellano. — Sie ſtritten und ſteigerten ihre Empfindlichkeit, ja ſie griffen zu den Degen, und waͤren im Kampfe viel⸗ leicht noch Beide eher gefallen, als jene Beide, um die ſie ſich ſchlugen, wenn nicht Arguſſoli ſie getrennt, der zwiſchen ſie ſtaunend herein trat. Caſtellano, welcher die Schweſter erhalten wollte, furchtete, daß Arguſſoli aus Rache zu Mila⸗ no's Entſchluſſe ſtimme; Milano das Gegentheil; aber Beide vertrauten felſenfeſt auf ihn, wenn er ſein Wort gegeben haͤtte:„ſie nicht zu verhindern,“ daß er ſie dann nicht verhindern wuͤrde, Dieſen oder Jene zu opfern, und koſte es ſein eigenes Leben. „Wir ſtreiten, weſſen Wille geſchehen ſoll!“ nahm alſo Milano das Wort. Laßt lieber die Wuͤrfel entſcheiden!— ſprach Ar⸗ guſſoli, den Gegenſtand des Streites nicht ahnend. — Hier iſt der Becher! Die Bruͤder ſahen ſich an; und Keiner ſeiner Vernunft, nach dem Willen des Andern zu gehorchen fähig, ſchlug aus, einem todten Spiele, einer unſicht⸗ baren, geſpenſtiſchen, ſelbſterwählten Macht die gewuͤnſchte Entſcheidung anzuvertrauen. Sie forderten von ihrem ritterlichen Freunde das Wort: Den ge⸗ währen zu laſſen, der im Wurfe gewönne! Arguſ⸗ — 411— ſoli gab ſein Wort; nicht gewohnt, was ihn ſelbſt bekuͤmmerte, je ſo hoch anzuſchlagen, daß es Andere mit ihm und fuͤr ihn empfinden und raͤchen ſollten. Er ſchuͤttelte ſelbſt die Wuͤrfel im Becher, warf fur Beide und that den hoͤchſten Wurf fuͤr Milano. Dieſen durchfuhr ein Schauer, als er die ſchwar⸗ zen Augen noch einmal zaͤhlte; und Caſtellano ſprach für ihn mit bewegter Stimme: So wiſſe denn, o Ar⸗ guſſoli,— Violante iſt todt! Francesco lebt: — Milano ſaß todtenſtill.— Arguſſoli trat flammend vor Ueberraſchung vor ihn, der im Seſſel ſein Geſicht verborgen, und ſtammelte kaum: Du aber wiſſe, o Milano, ich fordere ſie von Dir! und ſchickſt Du die ſchoͤne Geſtalt in die Erde, ſo ſchick ich Dich ihr nach, oder Du mich. Fuͤr die Geſtorbene zu ſtreiten, läßt ja die Ehre mir wieder zu. Mein Wort aber ſei gehalten— ich hindere nichts. Verſchmelzung⸗ Am anderen Vormittage ließ Francesco bei Violante ſich melden, um ihr fuͤr ihre geſtrige Sorg⸗ falt zu danken und Abſchied zu nehmen, da Galeazzo ihm einen Theil ſeines eigenen Gefolges geſchickt, ihn ſicher nach Mailand zu geleiten, damit er ihm, dem neuen Herrn nach Luchin's Tode, mit ſeinem Rathe zur Hand ſei und eine Sendung an den Kaiſer uͤber⸗ nehme. Violante wußte das ſchon. Sie zitterte, alles Andere nicht ahnend, vor nichts als Petrarka's Ueber⸗ raſchung. Sie trat ihm ohne Schleier entgegen in all' ihrer Schoͤne. Er traute ſeinen Augen nicht, und ihr nicht, hielt ſich fuͤr verrathen durch dieſe Engelgeſtalt, die unbeſchreiblich laͤchelnd und zaghaft, und erroͤthet vor ihm, dem Erroͤtheten, ſtand. Es ſchmeichelte ſie, daß kein Rang, kein Glanz noch Nebenbeſitz, ſondern ſie als bloßes Weib mit den einfachen Schätzen ihrer Na⸗ — 413— tur den Mann erworben. Und ſie begriff nicht, was in der Welt die Gewalt verringern koͤnne, die ſie als einfaches Maͤdchen doch über ihn ausgeubt! Und daß er ſchon fruher geliebt„die Frauen unter⸗ ſcheiden die Zeiten genau, und er war ihr treu, ſo lange ſie ihn kannte— alſo zeitlebens, wenn das Leben des Herzens erſt mit der Liebe anhebt. Sie ſah ſein Erſtaunen, und fragte ihn mit jener Stimme, die ſeine Seele anklang:„ ob er ſie heute zum erſten Male ſehe?“ Er ſchwankte zwiſchen Nein und Ja. „Und wo denn vorher?“ fragte ſie wieder. Vielleicht in Garignano! meinte er. „Eben dort habe ich eine Schweſter!“ ſchien Violante ihm zu erlaͤutern. Eine Schweſter? wiederholte er⸗ „Nur eine Milchſchweſter— Alalte!“ lispelte ſie. „Ich aber— Violante— bin Dir Violetta! oder willſt Du lieber, Violetta ſei Dir Violante? Nur ſo, wie Du willſt! Da iſt ſie, erkenne ſie, liebe ſie wieder, wie ſie Dich, unbekuͤmmert um die Welt⸗ Dann leidet ſie Nichts! Sie begehrt nichts weiter! Da haſt Du ſie Beide!“— Und ſo hing ſie an ſei⸗ nem Halſe und weinte ſanft wie ein Kind⸗ Doch ſein beredeter Mund, der Koͤnige, Kaiſer und Päpſte angeredet, ſchwieg, jetzt zum erſten Male wortlos vor einem Maͤdchen; zum guͤrnen zu ſchwach, — 414— zum Lieben zu gehalten in ſeiner Bruſt. Sie wars! und es bedurfte zum Zeugniß nicht des Ringes von Iſabella, den er ihr angeſteckt; nicht der goldſchim⸗ mernden Locke, die er aus Stolz erſt jetzt vermißte. Seine Seele war in ihrer Entwickelung auf eine jener wenigen Hoͤhen des Lebens angelangt, wo es ihr hell uͤber ſie ſelber tagt, wo lange genährte eitle Hoff⸗ nungen und leere Gedanken wie taube Bluͤthen auf einmal von ihr abfallen, und ſie ihr wahres Leben und ſeinen Ernſt uͤbernimmt, ganz ſo wie ſie es heimlich ſelber geſchaffen— und nun erſt vermocht' èr die Liebende anzuſehen, in Gedanken anzuklagen, ſich ſelbſt und ſie zu bedauern. Es ſchien ihm, als geb' es für dieſen Tag keine Zukunft, nur eine ſtille Wie⸗ derholung. Die Roſſe der zur Reiſe fertigen Reiter Visconti's ſtampften auf dem Schloßhofe drunten; die Bruͤder Beccaria kamen mit lauten Schritten herein. Violante bebte, einen gewaltſamen Auftritt furchtend, denn ſie wußte nicht, um welchen Preis Er frei dahinzog. Aber ohne einen Verdacht oder das leiſeſte Mißvergnuͤgen in ihren Mienen leſen zu laſſen, wuͤnſchte ſie nur ihn hinab zu begleiten! Und ſo brachen ſie eine Verwirrung ab, die nicht zu loͤſen war, und verewigten ſie gleich⸗ ſam in den Gemuͤthern. Francesco ſollte und konnte Violante nicht verlaſſen, nicht ihrem Geſchick preis⸗ geben, obwohl das Geheimniß ihm noch nicht enthuͤllt ——— ſchien; aber er mußte. Und jener heilige, gleiche und gleichallmaͤchtige Zug des Lebensſtromes riß ihn fort, indem er ſchwer zu allen himmliſchen Maͤchten ſeufzte. Sie konnte ihn nicht noch einmal umfaſſen; Er durfte ihr keine Hand mehr reichen! Beide wollten weinen, und wollten laͤcheln. Doch ihre Seelen empfanden die Welt und ſich nicht, nur Eines das Andere. Und ſo ſahen ſie ſich nur lange tief und ernſt in die Augen — und dieſe beiden Gebilde der Natur hatten ſich zum letzten Male geſehen in dem ſonnerleuchteten Hauſe der Erde; und wie er hinzog, ging ihr das große Reich des Lebens auf, in das er wandelte, und ihm die ewige Fuͤlle der Liebe, in der ſie zuruck blieb, lebend und athmend und einſt verſinkend und doch geborgen!— Wie die Tritte der Roſſe immer weiter verhall⸗ ten, wie der Geliebte kleiner und kleiner ward in der Ferne, wie der aufgeregte Staub ihn verhuͤllte, und zuletzt auch der ſich verzog, ſo verſchwand ihr das Gluͤck, ſo oͤde ward ihr im Herzen. Und es war eine jener, oft ſinnlich von der Natur angelegten Wieder⸗ holungen, als ſie am Abend Violanten wieder dieſelben goldnen Geſtirne vor dem nun weinenden Auge herauf⸗ fuͤhrte, daß ſie wieder ſprechen mußte: Dort wollt ich wohnen In goldenem Zelt * — 416— Mit ihm, dem Meinen, Einzig geſellt! veber der Erde Altem Gedenken, Ueber der Menſchen Dauernden Kränken— Ueber dem Wandel, ueber der Welt! Der zweite Theil des Weibes, die Mutter. Es war den beiden Bruͤdern willkommen, daß ihnen Arguſſoli ſagte: Violante wuͤnſche ſich wieder nach Garignano. Denn ſie ſelber wollte als Violetta gern Violante vergeſſen. Einem Worte Ar⸗ guſſoli's ſchenkten ſelbſt ſeine Feinde Glauben, als einem wahren; und ſo bedurfte es fuͤr Violante nur der einfachen Erklaͤrung, wie Milano ihr Geheimniß er⸗ fahren, um in dem vermeinten Feinde auf's Neue den einzigen Freund zu ſehen. Sie machte ſich Vorwuͤrfe, auf Güuſtina's Rath ſich gerade an ihn gewandt zu haben, die ihr geſagt:„Die edelſten Menſchen werden ja einmal in der Welt am meiſten gemißbraucht, wie wir meinen— aber ſie ſind mit uns nicht betrogen, wir thun ihnen wohl; denn ihr Entſagen, ihr reines Sorgen und Muͤhen fuͤr Andere thut ihnen wohl aus Gefuͤhl der Eitelkeit, edel zu ſcheinen, oder im Bewußt⸗ ſein, edel zu ſein.“— Arguſſoli aber glaubte durch Violante's Entfernung, die Rache der Bruͤder ganz Schefers neue Nov. 11. 27 — 41— von ihr abzuwenden, welche ihm geſagt:„Fruͤhere Schande wird nicht durch ſpätere Ehre vertilgt; der Fehltritt einer Jungfrau wird nicht durch Ehe gut gemacht, und darum iſt an ſie nicht zu denken, auch wenn der eheſcheue Eutychianer— Francesco— ſo daͤchte, der mehr kein Mann zu bleiben wähnt, wenn er ein Weib haͤtte! und von ſeiner Höhe zu ſinken, wenn er in's menſchliche Leben herabſtiege. So bleibt er denn lieber der Frevler, der Unmenſch, der geiſt⸗ liche Herr, aber weislich— ohne die Weihe!“ Die Bruͤder hatten mit ihr nicht mehr geſprochen. Und dennoch ſchlich Violante in der fruͤhen Morgen⸗ dämmerung des Tages ihres Scheidens aus dem Va⸗ terhauſe, leiſ' an die Thuͤr des Zimmers, worinnen die Bruͤder ſchliefen, um ſie noch einmal zu ſehen, nur knieend ihre Hand zu kuͤſſen. Sie horchte.. Keiner regte ſich; ſie pochte das zweite, das dritte Mal lauter. es ſchwieg. Und mit klopfendem Herzen ſtehend, die gluͤhende Stirn an die feſte, eiſerne, käl⸗ tende Thuͤr gelehnt, vernahm ſie ein leiſes Weinen, aber es verſtummte bald, von der Decke gedaͤmpft, die ſich wahrſcheinlich ihr Milano uͤber den Kopf gezogen, die ſcheidende Schweſter nicht mehr zu horen. Und nach einer Wendung des Zorns uͤber ſich und ihn, nach einem lauten Schlag mit der Hand gegen die droͤhnende Thuͤr, warf ſie ſich in Arguſſoli's Arme, der dieſer Scene von weitem mit Jammer zugeſehen— und Alles ſchien ihr mit dieſem Schweren nun uͤberſtanden. N — — 419— Dem war aber nicht ſo. Milano hatte einin von ihm ſelbſt einſt uͤber⸗ wundenen Raͤuber in ſeinen Dienſt genommen, weil derſelbe ihm in ihrer Lage hochſt brauchbar ſchien und weil er, ſelbſt der öffentlichen Meinung trotzend, giaubte, wer ſeine Farben trage, der ſei dadurch ehrlich gemacht. Milano, verkleidet, ſchlich ſich in fünſterer Nacht zu Foſſombrone, ſeinem Diener, vor dem er ſich ſcheuete in dieſer einzigen Angelegenheit, und gewann den immer Falſchen durch vieles Gold dazu: Vio⸗ lante„unſichtbar zu machen!“ Zu größerer Vorſicht gab er ihm dieſen Auftrag in einem fremden Hauſe, wohin er ihn erſt verſandt und wohin er ihm heimlich nachgereiſet war; und dort verkleidet und im Namen Boſſolaro's, von welchem es glaublich war, er wolle ihr Geſchlecht ausrotten, um nichts mehr zu furch⸗ ten zu haben; und in der Abſicht, den Prieſterfurſten verhaßt zu machen, wenn er die That, auch im Fall ſie verlautete, von ſich auf ihn waͤlzte, auch Foſſom⸗ brone geneigter zu machen; wenn dieſer den Dienſt einem hohen Geiſtlichen, vielleicht in wenig Tagen ſei⸗ nem neuen Herrn— leiſtete, der obendarein den Ablaß dafuͤr im Voraus ihm beigelegt, und welchen Milano ihm in die Hand ſchob. Der Diener verſprach die That, wenn am Tage die Schrift ächt, und das Gold nicht falſch ſei. Foſſombrone, nun auf dem Wege nach Ga⸗ rignano, uͤberholte Morgagni, in welchem er einen ſeiner alten Genoſſen erkannte und mit ihm zog. Morgagni war aus geweſen, um von Alalte's Mutter eine Unterſtutzung zu holen, denn ſein Haus war abgebrannt. Er brachte aber nur ihren Todten⸗ ſchein ſeiner armen Alalte. Sie hatte ihr nichts ver⸗ laſſen als ihren Segen. Entweder hatte Foſſom⸗ brone ſeinen Herrn— Milano— erkannt, oder dauerte ihn das junge, ſchoͤne Maͤdchen, oder wollte er zur rechten Zeit zu Milano zuruͤck ſein.... er horchte an Morgagniz und alle Gruͤnde, die ihn beſtimmt, beſtimmten nun auch dieſen, der noch ſeine eigenen ſelbſt dafuͤr in die Waage legte. Sie ſetzten ſich auf eine ſchattige Stelle im Walde, wo ſie Niemand ſah noch horte, und nur das Haͤmmern eines Spechtes nach ſeinem Abendbrot erſchallte. Morgagni wog das Gold in der Hand, das Foſſombrone mit ihm getheilt. Er konnte ſein Haus nicht wieder bauen; die Klagen ſeiner Alalte hatten zuvor ſchon ihn oft— empoͤrt, ihm oft— leid gethan; Arguſſoli— ſein Bruder— hatte ihn auch bei dem letzten gezwungenen Beſuche, als er Violante ſicher nach Garignano geleitet und ihm ſie treu uͤbergeben, nicht Bruder genannt, und am weheſten hatte ihm ſeine— Herablaſſung gethan. Und Arbeit, ſah er, macht nicht reich, ſie ernaͤhrt blos den Landmann, um neben der verdorbenen, oft zerruͤt⸗ teten Welt ein ſtilles, immer gegenwaͤrtiges Vorbild zu ſein, das die Natur fuͤr alle ihre Menſchen hingeſtellt. Jetzt konnt' er das Dorf verlaſſen, ſeine Alalte reich — machen, durch eine ihm nicht fremde, nur entwohnte Anwendung des alltäglichen Meſſers. Violante, auf lange, ja auf immer bei ihrem Scheiden ſich verſorgend, hatte ihren Schmuck zu ihnen mitgebracht, Alalte hatte ihn einſt vor ſeinen Augen angelegt er hatte ſie mit Seufzen bewundert„ auch den nun erbte ſeine arme Alalte, für die er ſchon den erſten Schritt gethan. Sie erfuhr es nie, Niemand verargwohnte ihn— denn er war vom gemietheten Hauſe ſchon laͤn⸗ gere Zeit entfernt, er ſchlich des Nachts in die eigene bekannte Wohnung— er hoͤrte, er ſah nichts, er ſchlich wieder fort und kam erſt nach dem Begraͤbniß wieder, und war der Beichte durch den Ablaß uberhoben. Und was ihn hätte warnen, treu und natuͤrlich beleh⸗ ren ſollen, entſchied ihn ſogar, der im Walde an einem durren Wipfel ſich klammernde Specht, deſſen Haͤm⸗ mern noch immer erſcholl. Jetzt horte er es, nach einer Stunde noch, und bedauerte ihn, daß er Stun⸗ den lang und alle Tage wieder, und jeden Tag oͤfter — Stunden lang nach einem Wurme hacken muͤſſe, daß ihm der Kopf droͤhnt, und belachte ihn faſt, daß die Natur ihm das Arbeitswerkzeug feſt an den Kopf anwachſen laſſen, den Mund zum— Schnabel, den Schnabel aber zum Grabſcheit gemacht— das er als ein Menſch wegwerfen koͤnne! Und er ſchalt den Specht das Vorbild des unermuͤdlichen Ackermannes, der fuͤr alle Muhe nur wieder verdient, ſich zu muͤhen, und das:„Leben“ nennt, anſtatt daß der ſchoöne Vogel — 422— in ſeiner Geduld, in ſeinem Fleiße nur froͤhlicher, ſein Herz geruhrt häͤtte. Er verſcheuchte ihn,— dann ſchieden die alten Bekannten, und Morgagni gelangte, unter einem Gewitter hinwandelnd, nach Mitternacht zu ſeiner Wohnung. Violante aber hatte ſeit ſeiner Abweſenheit ein Maͤdchen geboren und Francesca taufen laſſen. Alalte hatte ihr das eigene, breitere Bette abgetre⸗ ten, ſchlief an Violante's Stelle und hatte die kleine Francesca bei ſich, damit ihre Freundin einige Stun⸗ den ruhig ſchlafe. Und ſie ſchliefen ruhig. So ſchlich denn Morgagni zuerſt an Alalte's Bette, worin aber Violante ſchlief. Er kuͤßte, wie er meinte, ſein Weib, und zuckte darauf das Meſſer gegen Violante, an deren Stelle ſeine Alalte ruhte, das Kind im Arm. Er fuhlte leiſe; er fuͤhlte das Kind. So war's Violante gewiß. Er nahm das Kind auf den linken Arm; er ſetzte die Spitze des Meſſers leiſe auf die Bruſt ſeines ſchlafenden Weibes, und mit all⸗ maͤlig verſtärkter Kraft druckte er ſeufzend das Heft nach, um das Stoͤhnen in ſeiner Bruſt, den Gedanken an Mitleid nicht zu hoͤren, und druͤckte die Augen feſt zu, auch in der Finſterniß nichts zu ſehen. Es war geſchehen. Alalte fuhr aus dem Schlafe empor, ein Schrei, und vor nun erſt gefuͤhlten Schmerz ſank ſie zuruͤck. Die Stimme im Finſtern durchbebte ihn ſchrecklich. Das Aecchzen kam ihm wie aus der Hoͤlle. Violante ſprang aus dem Bette, es blitzte, und der feurige Glanz des Büitzes ſchwebte einige Augen⸗ blicke das Zimmer erleuchtend, ehe er verſchwand, aber er hatte Violante vor ſich ſtehen ſehen! Angſt im erblaßten Antlitz, Furcht vor der fremden Geſtalt und doch mit ausgeſtreckten Haͤnden, ihr Kind erblickend. Sie ſchrie um Huͤlfe. Sie rief nach Alalte. So war die weiße Erſcheinung denn nicht Violante's Geiſt, ſon⸗ dern ſie ſelbſt— ſo lag ſein Weib, die er glucklich machen wollen, ſeine Alalte, durch ihn in ihrem Blute. Und vorher ſchon voll vom Gedanken, zu fliehen, ehe Jemand erwache, floh er jetzt wild, in der Seele ge⸗ löſ't und verworren— mit dem Kinde. Er hoͤrte ſich nachrufen aber ſeinen Namen! er hoͤrte Vio⸗ lante uͤber die Schwelle ſtraucheln und ſtuͤrzen— aber er floh. Nach einigen Tagen kam Arguſſoli des Weges gezogen. Ein dumpfes Geruͤcht fuͤhrte ihn voll Er⸗ wartung und liebender Angſt in das vermiedene, oft beſeufzte kleine Haus Morgagni's. Er blieb in der offenen Thuͤr ſtehen— Violante war nirgend zu ſehen. Er fragte, wo ſie ſei. Sie iſt fort von uns auf immer!— antwortete ihm Alalte, welche ihres eigenen Gatten Meſſer— da ſie auf der Seite gele⸗ gen— nicht todtlich verwundet. Sie wollte ihm das erzaͤhlen— aber er legte ihr die Fingerſpitzen auf den Mund. Er ſetzte ſich und weinte, das Geſicht in ſeine Haͤnde verborgen, um Violante. Dann faßte er ſich und fragte, wo ſie begraben ſei? Da laͤchelte Alalte und ſagte: Troͤſtet Euch, lieber Herr; Violante lebt, wenn das Euch oder Jemand, oder ihr ſelbſt ein Troſt iſt. Ich nur bin verwundet. Violante iſt nach dem Verluſte ihres Kindes, nach dem verſuchten Mord, der nur ihr gegolten und nicht mir, was mich uͤber meinen armen Morgagni troͤſtet, ganz erſchoͤpft, ganz entſagend, zu Güuſtina geeilt, um von ihr in das alte Stift von Monza zu gehen, und darin ſich vor der feindlichen, liebloſen Welt auf Lebenszeit zu begraben. Ihre kleine Tochter Francesca aber hat ein Hirte uns wiedergebracht— da ſeht ſie! Arguſſoli nahm das Kind, das noch nicht lä⸗ che konnte, und ſchien es anzuſehen, aber er hatte die Augen dabei geſchloſſen, und er lächelte, ſein verlornes Gluͤck in der Seele ſich traͤumend. Violante bedurfte ſeines Schutzes nicht, den er fortan ihr zu gewaͤhren entſchloſſen geweſen, wenn Milano auch durch die ver⸗ fehlte Suͤhne der beleidigten Ehre nicht ſich befriedigt gefuͤhlt, wenn er noch gelebt. Aber die Bruͤder waren in jener ſelbigen Nacht aus Pavia vertrieben worden — Milano war in der Verwirrung des Kampfes im Thore gefallen— in derſelben Nacht hatte Gale⸗ azzo Visconti's verſteckte“ Parthei Boſſolaro in den bereit gehaltenen eiſernen Kaͤfig geſperrt. Das Volk belachte ihn nun; die Kinder brachten ihm allerhand Vogelfutter und ſangen und pfiffen ihm Lieder vor, und Pavia huldigte fruͤh Galeazzo.— Alalte hatte nur Kummer um Morgagni und verließ ſich auf die ſchnell, „„ — 425— laut und heimlich Alles fortleitenden Zungen der Men⸗ ſchen, daß er erfahre, ſie lebe, wenn er noch lebte, und auf Arguſſoli's Bitte uͤberließ ſie ihm die kleine Francesca, fur die er ſie uberreichlich beſchenkte. Meſſer Francesco Petrarka war noch in Mai- land und wohnte auf einem, nur Sonntags beſuchten Platze neben der Kirche des heiligen Ambroſius. Ar⸗ guſſoli hatte ihn zwar nicht wiederſehn wollen, doch jetzt vermocht' er es uͤber ſich, ihm ſein Kind zu brin⸗ gen, aber am ſpaten, ſchon nächtlichen Abend, und tief vermummt und in Maske. So trat er ſchweigend ein, auf dem wohlbedeckten Kinde die Schrift befeſtigt:„Francesca Beccaria di Francesco““*). Er merkte den Eingetretenen nicht, er ſaß in Gedanken vertieft, denn ihm war heute Wun⸗ derliches geſchehen. Am Morgen hatte ihn in der Kirche Bernardino delle osse ein Mann aufgeſucht, und gerade in jener furchtbaren achteckigen Kapelle gefun⸗ den, die mit grotesker Moſaikarbeit aus weißen Scha⸗ deln und Menſchengebeinen geſchmuͤckt oder ausgelegt iſt. Die Geſtalt des Mannes war furchterlich; lang, hager, finſtere Zuͤge, mit dichtem ſchwarzem verwilder⸗ tem Barte verwachſen, große funkelnde Augen, die ihn gleichgiltig angeſehn, ihn gefragt: ob Er Francesco heiße, und ihn dann mit trockenen Worten geſagt: *) F. Beccaria, Petrarka's Tochter⸗ — „Zu Deinem juͤngeren Freunde Giovanni di Cer⸗ taldo*) iſt Joachimo Ciani, ein Carthaͤuſer in Florenz gekommen und hat ihm geſagt:„„Mich ſen⸗ det der ſterbende Pater Petroni, der Heilige, der Wächter und Richter Italiens genannt, zu Dir, Boe⸗ caccio! Der Waͤchter wollte etwas zur Ehre Gottes thun, und bat zu Gott. Da erſchien ihm Chriſtus, und in ſeinem Geſichte las er die Vergangenheit, die Zukunft und die Gegenwart. Der Waͤchter richtete dann ſein Auge auf mich, Joachimo Ciani, und ich habe Auftraͤge nach Neapel, Frankreich und England — auch an Dich, Boccaccio: Dein Leben zu beſ⸗ ſern, und an Petrarkan ſein Leben zu beſſern.““— Boccaccio ſchickt mich nun an Dich, Francesco, und laͤßt Dir ſagen: Ich bin in meine Bibliothek, voll Werke der eitlen Liebe, gegangen und wollte ſie ſtracks verbrennen, aber ich werde ſie beſſer verkaufen, denn ich bin arm; ich habe einen Sohn und eine Tochter wie Du— nach Petroni's Worten— und kein Weib, wie Du; und ich habe die Weiber auf immer verlaſſen. Mich zieht es in die Carthauſe.“ Nach dieſen Worten war der furchtbare Mann ohne Gruß entwandelt, und Francesco hatte von Je⸗ mand die bloße Vermuthung erfahren, es ſei der Grieche Leon Pilatos. . *) Boccaccio. — 427— Als er nach Hauſe gekommen, war ihm noch Niederſchlagenderes geſchehen: Zwei Geiſtliche hatten ihm den Ruf als Archidiaconus zu Parma uͤberbracht, die erſte Wuͤrde neben dem Biſchofe Hugolin dei Roſſi, die er Correggio verdankte, dem er die Be⸗ lehnung mit Parma vom Papſte ausgewirkt. Und ein. Brief des großen Birel war eingelaufen, worin er ihn einlud, von der Wuͤrde des Menſchen zu ſchreiben! „Aber wo wäre die kleine Tochter?“ fragte er, an Leon gedenkend, jetzt wieder vor ſich.— Da trat Arguſſoli auf ihn zu. Francesco ſtaunte die Geſtalt an, welche die Tochter ihm hin⸗ hielt, bis er ſie auf ſeine Haͤnde nahm. Und wäh⸗ rend er uber Petroni's Geſicht verwundert war, gleichſam die Ueberſchrift des Kindes las, die Verhuͤl⸗ lung aufhob, und in ſein liebliches Geſicht ſich ver⸗ tiefte, war die ſtumme Geſtalt verſchwunden. Und Francesco ſprach:„Das war, das muß Arguſſoli ſein! So edel iſt kaum ein anderer Liebender!“ Be⸗ ſturzt, beſchämt und doch froh, uͤberſah er, daß er den großen Kampf ſeines Lebens verloren, aber wenn auch ſein äußeres Lehen nicht mehr mit dem Leben ſeines Herzens und ſeiner Phantaſie ein ätheriſches ſchoͤ⸗ nes, zauberiſch verwebtes Ganze ausmache, daß doch ſein angezuͤndeter Ruhm, daß die einmal erworbene Lorbeerkrone nicht welken werde; doch daß es Zei ſei, von Liebe zu ſchweigen. Er ſah, daß er gleichſam nur den erſten Theil des Weibes, die nach Leben ſtre⸗ bende Liebe, begehrt, ſchoͤn gefunden und kennen ge⸗ lernt, ohne die Kraft und das Vertrauen in ſeinem Herzen zu haben: des Weibes zweiten Theil, die Frucht ihres erſten, ja ihres ganzen Lebens, das Weib als Mutter mit ihren Kindern ſchoͤn und dich⸗ teriſch finden zu koͤnnen, in welchem die Liebe freilich nicht mehr ſelbſtſtaͤndig und rein, ſondern ange⸗ wandt erſcheint, ſich in tauſend kleine ſuͤße Geſchafte und Sorgen verbirgt, wie ein Fruͤhling in tauſend Blumen, und doch durch ſie erſt der wahre Fruͤhling iſt, zu dem Alles geſtrebt, was am Himmel und auf der Erde geſchah und was er ſelber gemeint. Und dennoch hielt Francesco, wie aus des Him⸗ mels ſeligen, fernen Gefilden, den ſchoͤnſten Schatz des Lebens auf ſeinen Händen, gleichſam von den unſicht⸗ baren Goͤttern ihm dargebracht, unverdient und doch herrlich, wie einen unſchatzbaren Diamant, noch unge⸗ faßt, und zu dem ihm die Faſſung fehlte, der Ring, ihn zu tragen, daß er erſcheine in ſeinem ganzen und großen Werth an ihm gebuͤhrender Stelle. Er weinte Thraͤnen des Mitleids auf das Kind, und er empfand, es ſollten Freudenthraͤnen ſein! und was allen Men⸗ ſchen um ihn, welche im Kreiſe der Erde, begnuͤgt mit menſchlichen Dingen wohnend, nicht in Wolken ſich muͤſſig ſchwebend verloren— die hoͤchſte Wonne gab, das hatte wenigſtens die Kraft, ihm die Sehnſuch⸗ nach dem Leben, und den erſten reinen, wahren Schmerz um ſeinen Verluſt zu entzuͤnden. Aber es war nun ſo und nicht anders, und nicht zu ändern; das Kind war ſein, und er mußte des Kindes Vater ſein und bleiben; auch alſo. Und er ver⸗ ſtand die heilige Mahnung der Natur! er verſtand ſie ſo leidender, da er von dem Alles, zuerſt einer Mutter be⸗ — 429— duͤrfenden kleinen Geſchopf ſich ſcheiden mußte und der Welt es zuruͤckgeben, aus der er es eben empfangen. Capra's kleine Tochter war ſo eben geſtorben, das wußt' er, und ihm und der einſamen Mutter ver⸗ traute er ſeine kleine Francesca an, die nun mit ihr in jenem prächtigen Bette, unter Laura's laͤchelnden Blicken ruhte. Aber in ſpäteren Jahren erſt, als ſein Sohn Francesco geſtorben, als zu Venedig ein unerbitt⸗ liches Gericht aus Gelehrten ſich bildete, die alle ſeine Werke mit außerſter Strenge unterſuchten und dem Greiſe aus ſeinen grauen Haaren beinahe den Lorbeer⸗ kranz geriſſen haͤtten, und ihn wirklich vor der Menge entſtellten— der ihm zu leicht und zu reich, zu ein⸗ zig geſchenkt ſei worden; als ihm ſein ganzes fruͤheres Wirken, nach ruckwärts angeſehen, zugleich dadurch verleidet ward, indem jene Maͤnner, unwuͤrdig und unfaͤhig, das Schöne neidlos zu genießen, Zuthat zu jenem„Petrarchiſta“ von Hercules Giovannini und jenem des Nicolo Franco ſammelten, als er aus Ueberdruß und Verkennung der Mitwelt die ſcho⸗ nen Werke in ſeiner Mutterſprache als Spiele ſeiner Jugend preis gab, und gleichfam in ſeine Lateiniſchen ſich fluͤchtete, und er der Nachwelt es uberlaſſen mußte, ſeine ganze Groͤße herzuſtellen, da war ſeine einzige Freude die ſchoͤn und herrlich herangewachſene Tochter Francesa. Er verheirathete ſie an Francesco di Broſſano von Mailand, den ſie gluͤcklich machte und gluͤcklich dadurch war. Und mehr kann ein Gott nicht verlangen von einem Weibe, mehr ein Vater nicht von der Tochter, in welcher Violante gleichſam erſt zum vollen Beſitz des Lebens kam. Sie war ein nur einfaches, aber treuts und frommes Weib, und ſein — 0 kleiner Enkel, Francesco di Broſſano, betruͤbte ihn nur einmal— als er ſtarb. M. Francesco Petrarka vermachte warſcheinlich an Violante ſein halbes Ver⸗ moͤgen, und ſandte ihr einſt die herrliche Tochter zu, die ausſah und ihn liebte wie Violante, als jede an⸗ dere Liebe fuͤr ihn dahin war, die ihn pflegte mit weib⸗ licher und töchterlicher Zärtlichkeit, als umwandle ihn, wenn er ſchiummerte, ſeine Violante leiſ'als Geiſt. In ſolchen Stunden empfand er und dachte: Der Menſch kann nie ganz aus dem Kreiſe der Men⸗ ſchen verirren, nie Unmenſchliches fehlen, ſo daß er der Fruchte des Lebens ganz verluſtig ginge; wie Niemand ſo Hohes verrichten, daß er mehr werth waͤre, als des Menſchen reines, allgemeines Loos!— Und ſo ſegnete er die Hand eines Gottes, die ihm in Franceseca mit dem ſchoͤnſten, wahrſten Lebensgluͤcke, gnaͤdig und treu ſie wendend— gerade durch ſeine Fehler ge⸗ ſegnet, woher und wie er es nie gehofft. Wir ſtreben vieles; mancherlei gelingt, und manches ſcheint mißlungen; doch die Welt Lenkt unſer Wirken alles, leiſ' und ſicher. Was wir am wenigſten gedacht, erhalt Einſt unſern Namen, wenn das ſcheinbar Beſte Verlorne Muͤh' war. Andre leben wir, und Andre denken wir zu ſein; wir ſcheinen Noch Andre— und Andre macht die Zeit aus uns. 7 ſiſſſſſi ſiſſſſ ſmh 9 10 11 2 13 14 15 18 19