Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Zeſebedingungen. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 3 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Vuches wird von ſetehr Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende 6 hinterlegen, welche bei deſſen Zurti gabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und be 3 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 MW 50 f 2 Mk.— Pf. 5 Kuswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und b defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 1c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, ah das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Piejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ S . S2 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3— EFdnard Ottmann in Gieſten, 3 Leihbibliothet PNeue Povellen von Leopold Sſchefer Erſter Band. 1. Der Unſterblichkeitstrank. 2. Der Seelenmarkt. , e 1 8 3 1. ————————— Der Unſterblichkeitstrank. — Tschang-Seng- Vo— Wie viel iſt der Schlaf, wie viel bedeutet er, und wie viel könnte er ſeyn! Denn— die gewiß ſchon funfzig Jahr lang todten Fliegen legte ich in die Sonne— und die Fliegen wurden wieder lebendig! Da durchblitzte mich ein Gedanke an die Menſchen! Franklin. T. Mutter und Kind. * Erinnerung nur wird nicht alt, Den alternden Menſchen erhält ſie jung; und Mutterliebe wird nicht kalt, Nur ſie wird nimmer— Erinnerung. Aus dem Ti⸗ſangwalde am. Fuß des Gebirges trat ein noch junger Mann von ſchöner Geſtalt nur wenige Schritte hervor und blieb ſtehen. Den lauen, wie vom Himmel fallenden Hauch des werdenden Fruͤh⸗ lings athmete er tief und duͤrſtend ein, und ſeine Wange ward lieblich roͤther und roͤther, waͤhrend er er ſtill mit Erſtaunen hinausſah in das Gefild, hinab zum gelben Strome, hinuͤber zu der bunten Hauptſtadt von Honan und des Reiches, hinauf in den Aether— als wundere ihn, daß die Wolken noch zogen, daß der Strom noch rauſchte, das Laub fluſterte, die Baume mit neuen Knospen glänzten, ja daß die Erde gruͤne, unabſehlich gruͤn, und der Him⸗ 1* mel blau ſey, unabſehlich blau; oder: daß Alles ſo ſchön ſey, noch ſo ſchoͤn, als hab' er es längſt ver⸗ geſſen, und doch ſo wiederzufinden vorausgeſetzt; wie Einer, der nach langen Jahren in ſein Vaterland kehrt. Das Hetz ſchlug ihm laut. Er deckte die Hand uber die Augen, als vermoͤge er den Glanz der Abendſonne nicht zu ertragen, und gegenuͤber den vollen Mond, der gleich einem noch matten erſt angeſchliffenen Ro⸗ ſendiamant herauf kam, wie die Sonne hinab ging, gleich einem unermeßlichen zerſchmelzenden Rubin; und die jungen Adler flogen ihr nach, als werde ſie jetzt auf immer der Erde vergehn, indeß neu aus den klei⸗ nen Hoͤhlen hervorgeſchwärmte Käfer dem Monde ent⸗ gegen ſummten als ihrer Gottheit. Jetzt wandt' er ſich um, ſah uͤber das flimmernde dunkelgruͤne Dach des Waldes zum ſchroffen Gipfel des braunen Felſen⸗ berges empor, der in Golde und Purpur des Him⸗ mels noch leuchtend ſtralte, und in der gruͤnlichen Blendung des Aethers verſchwomm. Er ſchlug an ſeine Bruſt, wie vor Andacht, ſah zur Erde und lächelte. Dann ſpaͤhte ſein Auge nach einem einzeln ſtehenden Hauſe dieſſeit des Stromes; es fand den großen, faſt thurmhohen Campferbaum, es fand das tohrgedeckte Haus und verweilte gedankenvoll darauf. Raſch nun ſchritt er die ſanft ſich ſenkende Fläche hinab und ſahe nicht auf. So wandelnd, hatte er ſeine Richtung verfehlt und eine alte Mauer hielt ihn auf. Reife Orangen(Gupa) hingen auf den beladenen Zweigen daruͤber herab ihm entgegen, und mit der Lüſternheit eines Kindes griff er nach einer handfuͤllen⸗ den Frucht. Da hort er drinnen im Garten, ſo als wenn Jemand dem andern ſie lehre, die Worte:„So gering Dir ein Fehler ſcheint, doch huͤte Dich ihn zu begehen!— Aus der Ueberhebung uͤber Kleinigkeiten ſtammt das ſich ſammelnde große Ungluͤck der Kleinen und Großen! Und ſo wenig wichtig und noͤthig Dir eine gute Handlung ſcheint, doch vernachlaͤſſige nie ſie zu thun. Ich ſage: nie! Denn der Himmel gab ſie Dir auf, und eben jetzt! Du verſaͤumſt Nichts auf Erden daruͤber! Du darfſt die immerreiche Seele nicht ſparen fuͤr Großes! Das Gute verdient unſere Auf⸗ merkſamkeit und Betreibung.— O koͤnnte ich das dem Hoang(dem Kaiſer) ſagen, dem alten Hiao⸗Ti!“ ſeufzte die Stimme ſelbſt eines Alten. Der Fremde ließ die Frucht los, die er mit einem Gefuͤhl der Hoheit und Ueberlegenheit ergriffen, als konne er Menſchen nichts rauben, als ſei ihnen eine Gunſt, was er wuͤrdige anzuruͤhren. Das Wort er⸗ weckte ihn. Er ſah empor. Auf einem hohen alten rohen Thurme wehte der gelbe Drache, die kaiſerliche Fahne. Noch in einiger Hoͤhe, ging eine Thuͤr aus demſelben in eine mit Eiſenſtäben umgitterte Laube hinaus, und eine Treppe aus ihr in den ummauerten⸗ Garten hinab.— Jetzt ſchuttelte eine Hand die Zweige. Fruͤchte fielen heruͤber ihm vor die Fuͤße, dann richtete⸗ ſich ein Maͤdchen in der Laube empor, einen feinen Strohhut auf dem Haupte, mit blauſeidenem hand⸗ breitem Schattenſchirme beſetzt, auch war ihr langes Gewand blau, aber ein zartes Geſicht, weiß und roſig, laͤchelte zu ihm herab, nickte und hieß ihn ſchweigend gehn. Er kniete auf ein Knie, las die Fruͤchte auf, verbarg ſie im Buſen. Und die Stimme des alten Lehrers ſprach wieder zu dem wahrſcheinlich zu feurigen Lehrling:„Fuͤr den Menſchen bedarf es zu Allem nichts als Geduld, Geduld, Geduld! Er macht nichts, er ſchafft nichts; der Himmel bringt Alles. Aber auch Er ſchafft nur heimlich und durch uͤbermenſchliche Geduld! Wir ſitehen nur hier im Fruͤhlingsgarten, die Blumen ſind da, da, wie eine goldgeſtreifte Schnecke, die um ein Eck gekrochen, und die wir plötzich gegen⸗ wärtig erblicken! So langſam kommt Alles durch ſtete verborgene Arbeit, bis es da iſt, wie die goldge⸗ ſtreifte Schnecke; ſo lange ſcheint es zu bleiben, und ſchleicht doch leis und unmerklich voruͤber! Alſo Ge⸗ duld! ſtilles Arbeiten dem Himmel und der Erde gleich, daß wir nicht fehlen, wenn er den Fruͤhling— die Erndte fuͤr uns fertig hat.“— Der Fremde blieb in das Anſchauen der holden Schoͤnheit verloren, der armen Gefangenen, der wohl ſelten ein Menſch ſich nahte. Die Worte des Alten ſpielten gleichſam Tone aus goldenen Saiten zu ſeinem Gefuͤhle fuͤr ſie. Und doch lag mehr Bewunderung als erwachte Leidenſchaft darin, als er mit dem Haupt die Erde beruhrend das ſchöne Weſen grußte, ſich er⸗ hob, und im Entwandeln oft noch zuruckſehend ſprach: O Himmel, der Du ſolche ſchone Weſen heraustreten läſſeſt auf die Erde, wie Roſenbäume aus ihrem Schooß und mit Roſenfruͤchten wie die Cammelia— ja es iſt werth, daß man lebe! So zu leben wie wir, wie ich! Und bringt es uns auch Leid, Leid wie die andern Sterblichen nicht empfinden, ſo iſt das Entzuͤcken, die unſterbliche Fuͤlle hier draußen doch groͤßer, ja betaͤu⸗ bend groß. Nun aber nah' ich von dem Enzuͤcken vielleicht dem Leid! gewiß, wenn, wie die Stimme ſprach, Alles leis und unmerklich voruͤber ſchleicht und wenn wir hinſehen, ploͤtzlich hinweg iſt wie die goldgeſtreifte Schnecke— auch die Menſchen, das Weib— und ach, ich muß es klagen— endlich, endlich auch ich ſelbſt, und wir! Er ſagte nicht deutlich, wen er meine mit dieſem Wir, und nahte beinahe ſchuͤchtern dem Hauſe, das ihn vorhin hinabgelockt, und das allein ſtand das Aeußerſte von allen, im Schirme des Campherbaumes. Mit geſpannter Neugier trat er leis an die Haus⸗ thuͤr, um die daneben hangende Tafel(Ti⸗tang) zu leſen, worauf nach dem Gebot, alle Hausgenoſſen, ihr Alter, Geſchlecht, Name, Verdienſt und Gewerbe verzeichnet ſtehen; da trat ein junges Weib in die Thuͤr, vor dem er erſchrack und erſtaunte. Sie err⸗ thete und wollte zuruͤck treten, aber in liebevollſter Verwirrung hatte er ſchon ihre Hand in den langen grau,ſeidenen Aermeln gefaßt.— Biſt Du es? fragt' er mit bebenden Lippen; ja, du biſt La⸗Moel und ſeine Augen vergoſſen Thränen; er zog ſie von der Schwelle herab, er umſchlang ſie, er druͤckte ſie an ſeine Bruſt; ſie draͤngte ihn weg, ohne ſeiner Kraft widerſtehen zu koͤnnen. Sie ſah ihm erzuͤrnt in die Augen, zu verſchämt um Huͤlfe zu rufen! Da ließ er ſie los, er hatte ſeinen Irrthum erkannt. Nein, Du biſt es nicht, ſprach er. Aber ſie lebt doch! hier ſteht La⸗mob guf dem Fi⸗tang. Roth wie Feuer verſchwand das Maädchen. Da kam ein Knabe von ohngefähr 10 Jahren, ſah ihn freundlich an, und ſprach zuletzt: Verzeihe mir ja, Du fremder Mann, wenn ich glaube Du ſeiſt arm. Denn das halten die Menſchen thoͤrig fuͤr Schande, ſagt der Vater. Aber ſchmſt Du dich nicht, und willſt Du den Abend⸗ Reis, wenn Du vielleicht den Mittag⸗Reis nicht ge⸗ geſſen, ſo komm; und willſt Du das Nacht-Reisſtroh, ſo bleib! und fruͤhe geb' ich Dir meinen Morgen⸗ Reis, dann ziehe, zufrieden mit uns, wohin Du willſt. Ich laufe die Mutter zu fragen, ob ich auch darf? Alle dieſe Worte aus kindlichem Herzen hatte der von Gefuhlen Ueberdrängte kaum gehört. Denn lang⸗ ſam und neugierig war ein Weib von ſilbergrauen Haaren herbeigekommen, und ſprach mit weicher, ge⸗ laſſener Stimme, die aus einer Seele kam, in welcher die Geduld— die Frucht von langem Dulden zu wohnen ſchien: Wer fragte denn hier nach La⸗ Hier bin ich ihm!— O Himmel! Lamos! rief er aus gepreßtem Herzen, traurig und uͤberraſcht von ihrem Anblick. Sie hat die Maske des Alters vorgenommen, aber das Auge iſt friſch und hell. Ach, das Alter kommt wie die ſilbergeſtreifte Schnecke, ſo ploͤtzlich iſt es da! — ſprach er keiſe und gleichſam mit dem Himmel. Du ſcheinſt unzufrieden mit mir, daß ich ſo lang⸗ ſam komme! Vergieb den 75 Jahren, die mir lang genug gewaͤhrt! Und darf ich fragen was Du bringſt? Der Fremde hatte die Augen geſchloſſen, hielt die gute Alte an ihrer Hand und ſprach mit forſchenden aufmerkſamen Zoͤgern: Ich ſoll Dich gruͤßen von Semakuang.. Von Semakuang! ſprach ſie leiſe, und ver⸗ huͤllte ſich in ihr Gewand.„Von Semakuang,“ wie⸗ derholte ſie in der Verhuͤllung, wie ein Geiſt. Dann, hoͤrte er, weinte ſie. Ach, hub ſie endlich an, ich habe ſein dieſen ganzen Tag gedacht! Heut ſind es 60 Jahr, ein ganzes Menſchenleben(Kia⸗tſe) daß er von mir ſchied, den kleinen Knaben Tſcha o⸗kong mir ließ, und das viele Gold, und mit ſich nahm er mein einjährig kleines Mädchen, meine Woliwhal O ſage, ſind ſie beide todt? Der Fremde ſchwieg. Ach, ſag' es mir getroſt! Dann bin ich ruhig; bat ſie ihn. Dem Alter kannſt Du alles ſagen! das Leben iſt es lang gewohnt, mit ſeinem Finden und Verlieren; die Erde hat das arme Herz an ihren ewi⸗ gen Gebrauch gewoͤhnt, ja angeſchmiedet; der Alte hofft nicht mehr ſo heftig, und fuͤrchtet nicht ſo bang; der ſtrenge Sinn iſt mild und freundlich gegen Alles was der Himmel ſendet— waͤr' es auch der Tod! Drum ſprich getroſt. Doch ach, mein Kind! das kann noch leben!— Ach, was wir in der Jugend verlieren, verlieren wir auf lange! Was wir im Alter finden, nutzt uns wenig Tage! Auch wenn es Deine kleine Tochter wäre? lächelte der Fremde. Die kleine Tochter! ſagſt Du lächelnd; und ganz mit Recht; ſie wäre doch nur 16 Jahre weniger alt, als ich! ihrer Kindheit Pflege: ſeiner Mutter Gluͤck, ach, hat Semakuang mir armen Frau geraubt— wer uns die Thätigkeit des Lebens nimmt, den Kern, die Nuß, das Leben darauf zu wickeln, ſo wie goldene Seide, ach, der nimmt uns ja das Leben ſelbſt! Er wird Dein Kind Dir wiederſchicken! ſprach der Fremde, ſehr bewegt. Die Alte begann zu zittern, ſie ſchlug das Ober⸗ kleid von den Augen, als waͤre ihr Kind ſchon daz ſie funkelten, ſie ſahen voll Haſt und Angſt umher— vergebens umher, und blieben forſchend und verlan⸗ gend auf dem Manne haften. Und wie er von der hellen Abendroͤthe angeſchienen vor ihr ſtand, ftug ſie mit zitternder Freude: Und Du, biſt Du nicht Se⸗ makuang's Sohn! So heiß ich; erwiederte er. O der treuloſen Maͤnner! rief ſie, ihn an den Haͤnden in das Haus ziehend; ſo lange ich lebe, ge⸗ lobt' er mir, bei der Schoͤnheit der Geſtirne, kein Weib zu nehmen, in der Ferne, wo er hin zog, wie er mir ſagte— und doch biſt Du ein Sohn von ei⸗ ner zweiten Frau! Du ſcheinſt erſt dreißig Jahr.— Drei und dreißig! verſetzte Semakuang. Und doch habe ich die bange Freude Dich zu ſehr ſein Ebenbild zu beſitzen! Komm', laß Dich bewirthen, ſetze Dich, iß Alles was wir haben! trink Alles was wir haben, und bleibe bei uns, bis ich tod bin— nur die wenigen Tage! ſagte ſie zitternd und ſtreichelte ihm die Wangen. Mit Seufzen war er in das Zimmer getreten. Das Haus war ihm ein kaltes Haus, das heißt ein — armes Haus erſchienen, und er hatte ſich nicht geirrt. Der Stuhl in den ihn die Alte druͤckte, war nur einfach, nicht geſchnitzt, nicht von Schlangenholz, nur von Sykomor; der kleine Tiſch, den ſie vor ihn ſtellte, nicht von Roſenholz, nur, um feſt zu ſtehen, von ſchwerem Eiſenholz; die Fenſterſcheiben, wie ſonſt vom feinſten Papier, aber nicht von roſenrothem; die von der Decke herabhaͤngende Laterne nicht vergoldet; noch der Wandſchirm mit Gemälden bunt durchwirkt. — 12— Das Bett zwar hatte weißſeidene Vorhaͤnge, als trauere es, oder die, deren Schlafſtätte es war; doch es fehl⸗ ten die Muͤckennetze umher von feinem Schleier, um dieſe Jahreszeit am unentbehrlichſten; aber Matrazzen und Kiſſen an den Waͤnden umher waren ſauber und gut, wie er das Dach des Hauſes zwar neu gedeckt geſehn, doch nur von gemeinem Rohr. Der Gaſt ſahe das Alles mit ſcheuen Augen an, die auf keinem Ge⸗ genſtande verweilten, wäͤhrend er Manches zu denken ſchien. Ehe ſie ihm zu eſſen auftrug, ſetzte ſie ihm den kleinen Hausgott auf den Tiſch, oͤffnete das ſchoͤn ausgelegte Schraͤnkchen und frug, ob er ihn kenne? Wer iſt der? ſah ſie beide oft nacheinander an. Semakuang gleicht er; ſprach Semakuang. Ja, das war ſein Bild, das er von weißer Kaolin⸗Erde geformt und gemalt, von ſich mir ließ; und ſo hab' ich ihm täglich geopfert! ſprach ſie, und zundete die auflodernde Zinnfolie vor ihm an, die flackernd aufflammte; dann zuͤndete ſie das vom Wachſe des Wachsbaumes geformte Licht aus der großen La⸗ terne an, und vertrieb die Abendroͤthe dadurch aus dem Zimmer. Vor Freude verworren und wie ge⸗ läͤhmt, ſetzte ſie ſich ihm gegenuͤber, und das junge Maͤdchen das er vorhin ſonderbarerweiſe fuͤr Lamoé gehalten, brachte auf ihren Wink willig auserleſene Speiſen. Unſere Moliwha bringt Dir von ihren Hochzeit⸗ gerichten, ſprach die Alte; denn Moliwha mußte „ der Sohn ſie mir nennen, daß ich ſtatt ſeiner mir fortgenommenen Schweſter ein Mädchen herumzutragen und zu lehren hatte! Nun iſt ſie Braut mit dem Prieſter des Kaiſers. Dem Prieſter? fragte Semakuang⸗ Die Alte nickte. Ja, ſprach ſie dann, Hiao⸗Ti hat befohlen, daß hunderttauſend Prieſter ſich verhei⸗ rathen, und morgen iſt hunderttauſendfache Hoch⸗ zeit im ganzen himmliſchen Reiche, auch bei uns mit Li⸗chaokiun dem Prieſter des„alten Knaben“ oder des Lao⸗tſe, zu deſſen wunderbaren Lehren und Wer⸗ ken ſich der Kaiſer wuͤrdigt oder entwuͤrdigt zu beken⸗ nen; denken die Andern; denn alles Reden, nur von zwei Menſchen auf den Wegen und Plätzen iſt jetzt bei harten Strafen verboten, und kaum das darf Einer dem Andern ſagen, ſo Juͤrchtet der Vater aller Väter ſeine eigenen Kinder!— Aber ſiehe nur, was der Li⸗chaokiun ſeiner Braut fuͤr ſchoͤne Ge⸗ ſchenke gebracht hat! Zeige ſie uns, mein liebes Kind! C2 und Moliwha ſtellte zuerſt ein Porzellan⸗Gefaß mit Blumen auf den Tiſch vor Semakuang, der zwar ſehr friſch und ſchoͤn bluͤhende, aber nur ge⸗ meine Roſen, von der weiß und rothgemengten großen Blume der Wenetſen„Knigin der Foin darin ſah.. — Ihr xuter iſt ihre Koſtbarkeit, P ich Dir verrathen, erklärte ihm Lamoéb. Sie ſind in der Bluͤthe wie feſtgezaubert burch ſeine Kunſt, und jede Roſe an dem Stocke bluͤht ſchon drei ganzer Jahre! und jede Knospe iſt ſchon drei ganzer Jahre noch immer Knospe! Das iſt nur dem kalten Fruͤhlingstage nachge⸗ macht! laͤchelte Semakuang. Und dieß hier ſind weiße Veilchen mit Kelchen halb ſo groß und ganz ſo duftig wie weiße Lilien! Das iſt ſchon beſſer; doch ſind ſie nur der Him⸗ melsgegend nachgemacht, die hier Großes verklei nert, dort Kleines vergroͤßert, entgegnete Jener. Auch gehoͤrt er zu der Zahl der Schlafloſen, ſprach die Alte leiſer, der mit ſeiner Meiſter-Kunſt der Nacht den Schlaf abgekauft, nur ſchlaͤft, wenn er träͤumen will, und ſo das elende Leben der elenden Menſchen verlängert, wenn Wachen Leben iſt, aber nicht verbeſſert, denn ohne den Schlaf moͤcht' ich nicht loben und ohne den Schlaf nicht todt ſeyn. Ich moͤchte gern vergeſſen, Alles! und tief und ruhn! Armes Weib! ſeufzte Semakuang; und U⸗Muen der gute Knabe, der ſtill im Schatten geſtanden, ſchmiegte ſich jetzt an die Großmutter, als ſie von ih⸗ rem Tode ſprach. Die liebliche Moliwha aber ſeuf⸗ zete auch, vielleicht uͤber den Mann ohne Schlaf. Jetzt horchte die Alte, als vernehme ſie bekannte Tritte. Ach, es war nicht Fſchao-kong! ſeufzete ſie. Sonſt kommt er immer um die Stunde des Hundes(die Abendſtunde) aus dem Pallaſt, und zu — Fuße, der arme auch ſchon bejahrte Sohn! und fruh um die Stunde der Haſen geht er ſchon wieder, und läßt uns ſein Weib, eine boͤſe böſe Schwiegertochterz denn ein Weib, das nicht recht gut iſt, iſt recht bös und faſt unerträglich, ſeufzt er oft. Großmutter! bat die Tochter leis; und U⸗Muen ſchlich ſich beſchämt fuͤr ſeine Mutter, in's Dunkel; das Goldkehlchen ſang ſeinen Abendgeſang, und ſo gab er leiſe ein Zeichen zuzuhoren! um der Großmutter Rede von ſeiner Mutter zu unterbrechen und zu enden. Sie hoͤrte auch ein Weilchenz Semakuang aß von den Scheiben der mitgebrachten Hrangen, auch ſie aß, was er ihr davon auf dem Eiſenhölzchen dargereicht, und begann dann traurig wieder: Ja, daß mein Mann, mein Semakuang nicht die Freude an ſeinem Sohne erlebt! Er iſt Colao, Sittenrichter des Kai⸗ ſers, Mou, oder Hirt des Volkes. Doch wahrlich er lebt wie ein wirklicher Hirt! Als wir arm waren, oder ſeyn mußten, lehrte ich ihn in ſeiner Jugend: Wer rechtſchaffen iſt, kann nicht reich werden; denn einem wohlgebildeten Herzen gibt es ganz andere Dinge in der Welt zu erſtreben als Gold; und doppelt kann der Menſch nicht ſeyn, und das Leben iſt zu kurz um Eins nach dem Andern, und endlich ſo Alles zu erwerben: das Boſe nach dem Guten! Und, lehrte ich ihn: Wer rechtſchaffen iſt, kann, lange nicht reich bleiben, wenn er ein Herz hat, und weiß wo er mit einer handvoll Reis einen Menſchen von Schande und unthat, ja von dem Tode erretten kann; darum mein Sohn, ſtrebe nicht nach Gold oder Silber und an⸗ derem Beſitz! Dir ſei genug, was gute Menſchen froh begnuͤgt! Das hat mich der Vater auch gelehrt! ſagte U⸗ Muen beſcheiden. und dabei iſt er geblieben, und bleibt dabei, auch nun wir reich ſein könnten mit Ehren, berichtete die Alte dem Ebenbild ihres Mannes, was ſie ſo gern ihm ſelbſt entdeckt. Aber mein Sohn ſpricht: Run kenne ich erſt die Noth der Menſchen, nun erſt muß ich ſie lindern. Wer ein hohes Amt hat, und reich wird oder geworden iſt, bleibt dem Volke verdaͤchtig, und mit Recht. Er hat nur Sinn zum Erwerben ja, zum Betruͤgen gehabt, nicht zum Dienen und Gutes thun in ſeinem Kreiſe. Der Hohe muß arm ſeyn⸗ will er redlich auch nur ſcheinen!— Nun die Armuth truge ich, und die guten. Kinder ſo gern! ja ich habe oft daruͤber vor Freuden geweint, denn ich bin ſeine Mutter, und vor Freuden ſeines Vaters Semakuang habe ich mit zugleich geweint! Aber Orhota, ſein Weib, die Schweſter des Cho⸗Khan, der vor ſechs Monden als junger Gaſt von 24 Jahren in den Him⸗ mel gegangen— ſie ertragt das nur ſchwer und mit Murren. Sie iſt die Pracht und Verſchwendung des Pallaſtes gewohnt, und als Belohnung dem reblichen Manne gegeben, ſoll ſie ſelber unbelohnt und faſt in Durftigkeit leben, ob ihr gleich nichts fehlt, was an⸗ — 1 7— dere Menſchen„dem Himmel ſei Dank“ nennen! und mein Sohn ſpricht auch fuͤr ſie: dem Himmel ſei Dank. O daß Semakuang dieſe Luſt am guten Sohne mir allein gelaſſen! Mit erregtem Herzen legte ſich die Alte mit dem Geſicht auf die verſchlungenen Arme, die ſie als Ruhe⸗ kiſſen ſich auf das harte Tiſchchen gebreitet hatte, vor dem ſie ſaß, und es dauerte kurze Zeit, ſo ſchlief ſie ſchon⸗ Aber ſie ſchlief mit regen Sinnen. Sie rief nach ih⸗ rer verlorenen kleinen Tochter Moliwha; ſie ſahe im Traume ſie kommen, erſchrack vor ihr, daß ſie alt und betagt ſei, und druͤckte ſie doch an ihr Herz⸗ Dann weinte ſie wieder ſtill. Ihre ſchoͤne Enkelin Moliwha, und ihr Enkel U⸗Muen athmeten kaum indeß. Sie ſetzten ſich neben Semakuang, der ihre Haͤnde gefaßt, und, ſie druͤckend, in ſeinem Schooß hielt, und verwundert ſchien, daß La⸗Moé uͤber dem Er⸗ gießen ihres Herzens nicht nach Semakuang naͤher ge⸗ fragt: Ob er komme? Wo, oder ob er noch ſei? ſondern ganz von der Freude geſaͤttigt geſchienen: nur ſeinen Sohn zu bewirthen, ihn anzuſchauen, ihm ihr vergangenes Leid zu klagen zwar, aber vielleicht blos um Semakuang, der ihr unvergeßlich und theuer war, nicht anzuklagen! Als er ſo lange Zeit ſchweigend in ſtiller Betrachtung geſeſſen, waͤhrend das Goldkehlchen kuͤßte er die Kinder raſch, ſtand auf, kuͤßte das Silberhaupt der Schlafenden und ging mit heimlich Scheſers neue Rov. 1. 2 getrockneten Thränen hinaus in die helle Mond⸗ nacht. Bald darauf hoͤrten ſie dreimal den lang ausgehal⸗ tenen Ton eines in der Entfernung geblaſenen Hift⸗ hornes, den die Felſenwaͤnde dreimal wiederholten; dann war alles ſtill. Orhota, die Mutter der bei⸗ den Geſchwiſter kam nach Hauſe, empfand den Ge⸗ ruch der Speiſen im Zimmer, raͤucherte verdroſſen mit einem wenig Alveholz und fragte: Wem ſo ver⸗ ſchwenderiſch aufgetiſcht worden? Die Tochter Moliwha wußte es nicht; aber U⸗Muen ſagte ihr leiſe: des Vaters Schweſter werde kommen, und vor banger Erwartung ſei die Großmutter eingeſchlafen. Des Colao Schweſter? fragte Orhota. Lamoe's Tochter, die ihr der Mann mit hinweggenommen? U⸗Muen nickte bejahend. Dann ſei mir der Himmel gnaͤdig! ſprach Orhota, mit lachendem Trotz. Eine Alte mehr im Hauſe, ſo gut, oder ſo ſchlimm wie zwei Schwiegermuͤtter! D wozu verdammt uns das Geſchick, uns die es aus dem Pallaſt in die Huͤtten der Menſchen ſtoßt! Liebe Mutter, bat U⸗Muen, Du weißt ja, wie ſehr ich die Großmutter liebe, und weil ich, Dein Kind, es thue, mag es geſchehn. Du kannſt ja nun die Andere lieben und ehren, dann haben wir beide Je⸗ mand, Du und ich. Du Schelm! ſprach Orhota. O wenn ich Dich nicht hätte! Aber weil ich Dich habe, ſei Alles gut! Ach, wenn ich Dich verloren, klein, ſo klein! Und Jemand Dich mir wieder braͤchte, wenn auch alt und gebuͤckt und mit einem Silberbart! O Mutter, wie wollt' ich mich freuen wieder zu Dir zu kommen! fluͤſterte U⸗Muen und hing an ih⸗ rem Halſe. Während deſſen war eine gruͤn und blumenbunte Geſtalt ſtill in die Thuͤre getreten. Und wie groß und zum Fuͤrchten ſie daſtand, war ſie doch ganz wie ein Kind gekleidet; ſo, wie eben jetzt an dem Feſte des Fruͤhlings ein Greis als Kind angezogen und mit der roſenwangigen Maske eines kerngeſunden Kindes uͤber dem alten Geſicht und dennoch mit dem natuͤrli⸗ chen Silberbart des Greiſes, und mit einem friſchen Bluͤthenkranz von der Mulieuſa-Blume um die Schlaͤfe, durch die Gefilde gefuͤhrt zu werden pflegte, von Alt und Jung bewundert, begleitet und ge⸗ ſegnet. Der Fruͤhling! rief Moliwha gedämpft. Auch U⸗Muen ſah ihn an. Aber ſie verwunderten ſich doppelt. Denn dieß große Kind jetzt hier, trug wieder ein kleines Kind in gruͤnem Kleidchen und goldenem Haarnetz auf ſeinem Arm, und ſchwieg, die aus der großen Kinder-Maske funkelnden Augen auf die ſchla⸗ fende La⸗Moé geheftet. „Sie ſchläft!“ ſprach eine ſanfte, ſchone Stimme dann. So gebt denn Ihr der Mutter ihr Kind, die kleine Moliwha! 36— Das kleine Maͤdchen aber langte ſchon von ſeinem Arm hinab in das Zimmer, und ſchien getaͤuſcht wie Semakuang von der Aehnlichkeit der Enkelin, nach Moliwha zu begehren! Da aber dieſe das Kind, erblaßt vor Schreck und ſtarr vor Verwunderung an⸗ ſah, ſo blieb auch das Kind verlaſſen und befangen vor ihr ſtehn. Mutter frug U⸗Muen, iſt denn des Vaters Schweſters ein Zwerg? und ſieht doch ſo jung aus wie ein wirkliches Kind! und, fuͤhle nur auch, ſein Haͤndchen iſt ſo weich, und ſieh doch, das Haar ſo ſo fein und licht wie Seide! Betruͤger! rief Orhota die ruhige Geſtalt an⸗ Du willſt uns eines Andern Kind, vielleicht Dein Ei⸗ genes, mit neuerſonnener Frechheit aufbuͤrden! Die Liebe der Finder zu den Aeltern, ach, die iſt bei uns wohlbekannt! Aber die Ehrfurcht der Vaͤter und der Muͤtter vor den Kindern— wehe, die iſt wie ausge⸗ ſtorben in tauſend Herzen. Zittere vor dem Colao! daß Du zu Uns, zu Uns, und in dieſer Vermummung kommſt! und die himmliſche Geſtalt der Kindheit und des Fruͤhlings, und den Silberbart des weiſen Alters zu ſolcher Schandthat mißbrauchſt! Nimm das aus⸗ geſetzte Kind und entflieh! Ich ſetze es ein, wohin es gehoͤrt; ſprach die Stimme unverdroſſen. Wenn Du das Kind todt wiedergebracht, oder alt und groß! entgegnete Orhota beſaͤnftigter ihm — 21— genaht; doch mit geſchickter Hand den Batt ergreifend riß ſie der Geſtalt ploblich die lächelnde Maske ab. Aber Orhota fuhr zuruͤck, denn nun gluͤhte ein zweites goldenes Geſicht der Geſtalt darunter wie weißes Feuer. Das Kind iſt ein Kind, ſprach die Stimme, ge⸗ laſſen wie vorher; und ob es die kleine Tochter der Lamob ſei, fragt die Mutter! Bei der verfinſterten Sonne, rief Orhota, mich uberlaͤuft ein Schauer! Das verlaſſene kleine Mädchen aber war indeß vor ein niedriges Schraͤnkchen mit verſchloſſener Thuͤr gewankt, und rief verlangend:„Jollo! Jollo!“— Himmel, rief Moliwha, fie weiß, daß der Bartgeier von Porcellain da drinnen ſteht, den wir Kinder, bei der Großmutter Ungnade, nie anruͤhren duͤrfen, weil es zu ihres Tochterchens Spielzeug gehört hat, das ſie heilig da drinnen verwahrt. Ich will ihr ihn geben! ſagte eilig U⸗Muen. Er ſchloß auf, der kleine bunte Bartgeier ſah das Kind mit ſeinen Perlen⸗Augen an, aber es langte nicht nach ihm, ſondern nach einer kleinen vergoldeten Taſſe, ſahe die ſchuͤchtern genahte Moliwha an, und ſchien ſein Abendbrot zu begehren. Orhota hatte jetzt die Augen voll Thränen. Wecke die Mutter! ſprach ſie zu U⸗Muen. Aber die alte Mutter war ſchon aufgewacht, und ſtand und ſah, und bebte, und rieb ſich die Augen. Sie riß die — 22— große Laterne von der Decke, und beleuchtete das kleine Maͤdchen mit zitternder Hand, daß die Laterne zitterte. Sie beſahe das Haarnetz genau, und die goldene Stickerei an den blitzenden kleinen Schuhen.— Laßt mich, laßt mich! rief ſie außer ſich; das Kind aber hatte kaum die Stimme vernommen, als es in die ausgebreiteten Arme der Lamoé ſich wandte, die zu ihm hingekniet war— aber wie von dem alten Geſicht derſelben befremdet, ſeufzte es, ſchlang ſeine Aerm⸗ chen um ihren Nacken und verbarg das kleine roſige Geſicht an ihr. Lamoé, mit letzter Kraft der Beſin⸗ nung fuͤhlte mit dem Mittelfinger an das Ohr der Kleinen; ſie fuͤhlte, und ſie ſah daran die drei Waͤrzchen, wie halbreife Perlen. Sie ſah mit Er⸗ ſtaunen und ſtummer Wonne den Uebrigen in das Ge⸗ ſicht empor, und Kraft und Beſinnung vergingen ihr nun, allmaͤlig ſie verwandelnd. Moliwha nahm das Kind von ihr, damit ſie es nicht beſchaͤdige, Orhota lehnte die arme alte Mutter auf das Bett, U⸗Muen ſetzte ſich zu ihr, und hielt ihre Hand und weinte. Moliwha aber nahm das Licht und ſetzte ſich mit der Kleinen an den Tiſch; und als ächte Chine⸗ ſin trank es aus ſeiner Taſſe den wuͤrzigen Thee, und aß vom feinen Hochzeitbrot der Moliwha. Daruͤber begehrte es zu Bett, voll holden Schlafes und die zaͤrtliche junge Braut legte, wie einer Bezau⸗ berung los, die kleine ſchlafende Tochter zu der alten ſchlafenden Mutter. Die Geſtalt des Fruͤhlings, das alte Kind, war verſchwunden, und Orhota hob die lächelnde Kinder⸗ Maske mit dem Silberbarte auf und verwahrte ſie fur ihren Schwiegerſohn den Prieſter Li⸗Chao⸗kiun bei der Konigin der Roſen. II. Die Räuber. Menſchen⸗Wiſſenſchaft und Kunſt Stehn im Dienſt der Menſchen⸗Gunſt, und die göttlich⸗hohen Dinge Macht der Arge ſich geringe. Die große Hochzeit der Prieſter war gluͤcklich im Lande vollzogen und die Freude in hunderttauſend Häu⸗ ſern verhallt. Die zwar dem alten Kinde— dem Lao⸗tſe— geweihten Prieſter hatten nur auf den Befehl des Kaiſers Hiao-Ti, als Oberprieſter gewartet, um zu thun wonach ſie brannten, und der Kaiſer hatte ſich hunderttauſend Freunde gemacht, die geworden, was ſie zwar geweſen, aber nicht oͤffentlich alten Kindes. ihr Leben fur ihn ließen ſeit ſie Menſchen wie andere ſeyn gedurft hatten, aus nachgelaſſenem Verbot des Am dritten Abend, als nun die hunderttauſend ſchoͤnſten und reichſten Mädchen mit all ihrer Habe in die Wohnungen der Prieſter gefuͤhrt waren, als die laute Freude zu ſtillem Entzuͤcken geworden, da erſchien Semakuang wieder vor dem, um vie lieb⸗ liche Moliwha nun aͤrmeren Hauſe. Ihr Name war unter den Jungfrauen von der Tafel geſtrichen, und unwillig, daß das Alles ſo ohne ihn geſchehn auf Er⸗ den, wie die Abend⸗Wolken ohne ſeine Einwilligung am Himmel zogen, roth, golden oder braunlich wa⸗ ren, wie ſie wollten oder mußten, und doch ſeine Empfindlichkeit zu den Wolken hinweglächelnd, trat er ein. Das alte gute Mutterchen, Lamoé ſchlief mit ihrer kleinen Moliwha im Arm. Vor dem Bett aber ſaß U⸗Muen, und winkte ihm: Stille. Der ſchoͤne Knabe war bis auf die Lenden ettbloͤßt und bot ſein zarteres Fleiſch, ſein ſuͤßeres Blut den Stichen der Muͤcken dar, die er nicht von ſich ſcheuchte, ſondern geduldig ertrug, um ſie von der lieben alten Groß⸗ mutter Geſicht, ihren magern Haͤnden, und von der ſchlafenden kleinen Moliwha abzuhalten, damit es nicht erweckt, ſchreiend die Gute erwecke! Semakuang ſchien zu gewohnt an die Vereh⸗ rung der Aeltern, an die durch Aufopferung begluͤckte Liebe, daß er dem Knaben die ſeiner Seele wohlthuen⸗ den Schmerzen gern vergönnte. Aber auf ſeinen Rü⸗ cken ſah er auch drei roche Streifen; der Knabe ſchien — ſtill zu weinen, und er mußte ihn darum fragen. Er antwortete lange nicht, und ſahe nur zaͤrtlich fort⸗ weinend auf Lamoé. Ach, ſprach er endlich, ich muß weinen, weil ſie mich geſtraft, da ich das Kind mit der Maske des Fruͤhlings und dem langem Barte zu fuͤrchten gemacht— aber das hab' ich ver⸗ dient! Was weinſt Du denn alſo? frug Semakuang; thut es dir leid? Nein, das nicht ſo ſehr, noch weniger die Schlaͤge. Aber, o lieber Semakuang, die Großmutter wird nun ſterben! Sie iſt von allen Kräſten, ſeit Du gekommen; ſie ſank um, als ſie mich ſchlug, und ſonſt that es mir weh, wenn ſie mich ſchlug— heut hab' ich es kaum gefuͤhlt— das ſchmerzt mich! Ach ſie iſt hin, ihre Hand iſt matt, ihr kommt der Tod,— ſie wird nicht lange mehr bei uns ſeyn! Darum weinſt Du? frug Semakuang, troͤſtete darum das gute Kind noch viel weniger, und ſprach nur, ſelber Thraͤnen vergießend: O mein U⸗Muen: Darum weine ich auch!— Drhota war indeß vom Beſuch ihrer Tochter zu⸗ ruͤck gekommen; ſie hatte die dunkele Haube auf, das ſchwarze Stirnband mit der auf der Stirn ſich wien genden Perle um, ihr violetnes langes Gewand anz und mit dem wie ſie meinte niedrigen Geſchicke der Tochter unzufrieden, erweichte ſie jetzt hier das, was ſie von ihrem Knaben hoͤrte und noch mit Augen ( ſah. Sie eilte auf ihn zu, ſie ſchloß ihn in ihre Arme, ſie weinte wie er, hieß ihn ſich ankleiden und holte dann einen bisher fuͤr zu koſtbar gehaltenen, als Hausrath mitgebrachten Fliegenwedel von kuͤnſtlicher Arbeit und theueren Federn, nahm U⸗Muen's Stelle ein, be⸗ laͤchelte die Alte und ſprach zu Semakuang: Unſere Lamoé halt das kleine Maͤdchen fuͤr ihr eigenes leibli⸗ ches Kind, und läßt ſich das nicht ausreden; auch reden wir ihr es nicht aus, denn mein guter Tſchao⸗ kong iſt ſo gehorſam und dankbar gegen ſeine Mutter, es ihretwegen zu glauben. Denn er ſagte:„Wer wird einem alten Menſchen die letzte Stunde verbittern! er hat ſo vieles geduldet von Wahrheit und Wahn, und er ſoll nun erſt noch das Aeußerſte dulden! Dulde und liebe Jeder den Andern wie er iſt, und was er liebt!“ Er aber haͤlt die Kleine fuͤr Dein Kind!— Vielleicht haben ſie beide Recht, die Mutter und Er, ſchaltete Semakuang laͤchelnd ein. Beide! ſprach Orhota ihn groß anſehend. Nein, ich meine, fuhr ſie fort: mein Mann haͤlt Dich fuͤr ſeines Vaters Semakuang Sohn. Er freut ſich Dich zu ſehen und ladet Dich ein: bei uns zu wohnen, ſo lange Du hier in der Blume der Mitte, in Honan, weileſt. Die kleine Moliwha aber war indeß erwacht, hatte Semakuangs Stimme gehoͤrt, ſetzte ſich auf, ſchlug froͤhlich in die Haͤndchen, rief: Vater! Vater! und war nicht zu halten; Orhota hob ſie vom Bett, — 28— dann lief ſie, und ſank zwiſchen Semakuangs Kniee. Er hob ſie auf, ſie ſchmiegte ſich an ihn, und er behielt ſie koſend auf ſeinem Knie. Orhota ſahe dem zu, und ſprach: mein Tſchao⸗ kong hat alſo Recht! Nun aber ruͤſte Dich wohl auf Lamos's Fragen zu antworten, nach ihrem ver⸗ ſchwundenen Mann. Die Furcht: nicht ſeinen Tod von Dir zu hoͤren, die Angſt und die Freude Dich zu ſehn, hat ihr Forſchen verhindert. Denn ihr Sema⸗ kuang hat verſprochen einſt wiederzukehren; und in dieſer ſie lebendig erhaltenden Hoffnung hat ſie alle Ungluͤcksfaͤlle des Lebens, alle Krankheiten zuverſicht⸗ lich uͤberſtanden, als ſei das beſte Lebensverlaͤngerungs⸗ Mittel die Hoffnung! ein ferner geliebter Gegenſtand, der die ganze Seele erfuͤllt! Und da er ſo unmenſchlich lange ausgeblieben, glaubt ſie, er koͤnne vom Tode ver⸗ geſſen ſeyn wie Pung;z und wenn ſogar Einer dem Scharfblick des Gottes der Todten, dem Yen⸗Wang, entgangen ſei, koͤnne er es ja auch. Denn ſie erzaͤhlte uns oft: Ein gewiſſer Pung lebte bis zu dem Alter von 800 Jahren; er heirathete nach und nach zwei und ſiebenzig Weiber, wie die Fruͤheren ſtarben. Die Zwei und ſiebenzigſte nun, die auch todt war, kam in die Unterwelt, und erkundigte ſich bei den Vorfahren ihres Pung, was wohl die Urſache ſeyn koͤnne, daß ihr Mann ſo viele Jahrhunderte lebe? Iſt denn ſein Name, frug ſie, nicht in Ben⸗Wangs Verzeichniß geſchrieben? Aber ihm entflieht doch kei⸗ ner!— Ich will Dir das Geheimniß vertrauen; ant⸗ wortete der Großvater des Pung:— Und nun er⸗ zählte uns Lamoé, wie es geſchehen; wie Pung's letztes Weib aus Neid, daß er wiederum ein noch ſchoͤneres Weib als ſie geweſen, nehmen wolle, das Geheimniß ſeines Lebens dem Gotte der Todten verrathen, und Pung in ſeines letzten Weibes Armen ploͤtzlich todt gelegen.— So wuͤrde ich ihn nicht berauben! ſeufzte Orhota. In ihrer erſten Sehnſucht nach ihrem verlorenen Manne Semakuang hat unſere Lamoé als junges Weib von 418 Jahren, auch von der Zuſammenkunft der unſterblichen Menſchen, der Tin⸗Siön, auf dem Berge King, gehoͤrt. Denn das Daſeyn derſelben hat des Kaiſers Lieupang Mutter aus ähnli⸗ cher Sehnſucht verrathen, da ſie, als junges bluͤhen⸗ des Hirtenmaͤdchen im Haine Laub geſammelt, und dort ihres— ſpäter durch Rettung des Reiches ſich zum Kaiſer empor arbeitenden Sohnes Mutter ge⸗ worden; aber der Vater war nur erſt zum Sterbe⸗ bette ſeiner Geliebten wiedergekehrt, noch jung und ſchoͤn, wie er ſie verlaſſen; das Weib aber hatte alt und verbluht nun ſterbend vor ihm gelegen. Semakuang ſchloß ſeine Augen und ſchauderte leis wie frierend, dann ſah er auſ Lamoé, ſeufzte und die Augen ſtanden ihm in Thränen. Ja wohl! ſeufzte Orhota ihm nach. Semakuang hat nicht wohl gethan. Was kann es einem Manne — 8— Theurerers geben als ſein Weib? Das Leben hat durch ſie erſt alle ſeinen Werth fuͤr ihn. Du ſagſt recht; doch das Leben der Menſchen, und der Männer iſt verſchieden; es kann unendlich viel werden, es iſt, was wir daraus zu machen ver⸗ ſtehen. Glaube mir, Orhota, Du Koͤnigin unter den Frauen, wie Dein Name die Koͤnigin der Gewächſe bedeutet. Und ein wenig erroͤthet, fuhr Orhota fort: Auch meinem Tſchao-Kong hat der Mutter Verlaſſenſein Leid gethan, und aus Sehnſucht den Vater zu ſehn und zu finden, iſt er in der erſten traͤumeriſchen Ju⸗ gend mit der jugendlichen Mutter auf jene Berge druben geſtiegen— aber ſie haben nur verſteinerte Fußtritte in Felſenbrocken wiedergebracht. Ja in die Höhlen und Kluͤfte ſind ſie mit Fackeln geſtiegen— aber ſie haben nur verſteinerte Schwalben wieder ge⸗ bracht.— Orhota hohlte die wunderlichen Gebilde her⸗ vor, ſtellte auch den Felſenſchiefer mit den Fußtritten uralter Menſchen vor Semakuang auf den Tiſch, und während er die heiligen Reſte der alten Erde geruͤhrt betrachtete, kam Li⸗Chaod⸗Kiun. Er grüßte ſeines jungen Weibes Mutter und ſchwieg dann, waͤhrend er von Semakuang's Gegen⸗ wart uͤberraſcht ſtand, und ſeine fahlen hagern Wan⸗ gen ein wenig roth werden wollten⸗ Aber ſein Ge⸗ ſicht verbleichte und verfinſterte ſich wieder, und er verbarg es halb mit dem breiten Rande ſeines ſchief⸗ getragenen Hutes. Seine drei Gewänder waren ein⸗ foͤrmig grau, und bis auf die rothe Schärpe um ſei⸗ nen Leib, war nichts Auszeichnendes an der Geſtalt des vertrockneten Alten. Du ſiehſt aus wie der Mond, wenn er mit alle ſeinem goldenen Lichte doch nicht aus den ſchwarzen Wolken hervorbrechen kann, und durch ſie, dann ſelber ſchwarz erſcheint! ſprach Orhota zu ihm nicht ohne Beſorgniß und Furcht; Dein Auge zuͤrnt uͤber Deine Zunge, daß ſie uns Unheil berichten ſoll. Wenn Du dachteſt wie ich, nun noch vielmehr ver⸗ ehrte Mutter meines Weibes, dann wäre wohl alles gut; begann der Prieſter. Ich habe Dir fruher ſchon nicht umſonſt geſagt: Flucht vor Ehren, Verachtung der Reichthuͤmer, gluͤckliche Sorgloſigkeit der Seele, die ſich uͤber alle menſchliche Dinge erhebt, giebt uns Gnuͤge; oder die Gnüge giebt Jend. Die Vernunft, Tao, hat Alles hervor gebracht, und ſo beherrſcht ſie heut noch Alles. Darum ſei vernuͤnftig, dann biſt Du Deiner, und der Begebenheiten Herr. Entferne alle heftigen Wuͤnſche, alle Leidenſchaften, die den Frieden der Seele zu beunruhigen fähig ſind. Die Aufmerkſamkeit des Vernuͤnftigen geht darauf, ſein Leben ohne Gram zuzubringen, und darum alles Zuruͤckkommen auf das Vergangene, alle Sorge um die Zukunft zu verbannen. Das rathe ich Dir jetzt, weil Du nur ſo dem Gram Dich entzieheſt! Sich mit großen Entwuͤrfen beſchäftigen, dem Geiz und der Ehr⸗ ſucht ergeben, das heift mehr fuͤt unſere Nachkommen arbeiten, als fuͤr uns ſelbſt; es iſt unvernuͤnftig: das Gluͤck derſelben auf Koſten des unſeren zu erkaufen: ja wir thun ihnen Weh dadurch, wenn wir ſie uns vernuͤnftig vorſtellen und gut, wenn ſie uns wahrhaft lieben, wie wir ſie; denn Jeder, ſoll ſich ſelbſt das eigene Gluͤck nur durch maͤßige Sorge verſchaffen, nicht heftigen Wuͤnſchen ſich uͤberlaſſen, weil das, was wir als Gluͤck anſehen, aufhoͤrt es zu ſein, wenn es mit Unruhe, Unrecht, Widerwillen, Verwirrung begleitet iſt, und den Frieden der Seele noch ſo wenig ſtoͤrt! Orhota ſtand nach Sitte chineſiſcher Frauen, die nie einen Mann unterbrechen, aufmerkſam hoͤrend, und ihr Stolz und ihre Sicherheit vergingen allmaͤlig in Bangen und Scheu. Und der Prieſter fuhr fort, einen Schritt näher tretend: Um Deines Knaben willen haſt Du Ehre und Reichthum Deinem Manne, dem Colao, gewuͤnſcht— beſcheide Dich jetzt.—— Da er inne hielt, frug ſie gefaßt und ſtreng: Warum? Weil er aufgehört hat Colao— erſter Rath des Kaiſers, Schöpfer am Borne der Ehren und Schätze zu ſein; ſchloß er mit feinem Lächeln. Er traͤgt die ſchwarze Feder zum Zeichen der Ungnade des Hiao⸗Ti! Sie ehrt ihn! hoffe ich, ſprach Orhota ſtolz und doch verriethen die Thränen ihre Entruͤſtung; ſie wollte ſich ſetzen, kaum fähig mehr ſich auftecht zu halten, aber ſie wollte vor dieſem Manne nicht klein erſcheinen, ſtützte ſich nachläſſig nur mit einem Finger auf den Tiſch, und frug nun näher: Darf man wiſſen, warum der Colao die ſchwere Feder tragt, die ihn das Haupt nicht beugen wird, hoff' ich! Was konnte ein Mann verbrechen, der am Spätabend noch juͤngſt aus ſeinem eigenen Garten ſchlich, weil er einen Dieb auf dem großen ſuͤßen Kaſtanienbaum, noch ſelber unbe⸗ merkt, bemerkte, damit der Dieb vor ihm nicht er⸗ ſchrecke und vielleicht einer Handvoll Früchte wegen, Schaden nehme! Was konnte Er verbrechen, der Nachta verirrt auf ſeinem Pferde im Reisfelde hielt, um fruh dem Beſitzer gerecht zu werden! Tauſend junge Maͤn⸗ ner erhalten jaͤhrlich, nach wohl in ihrem Fache beſtan⸗ dener Prufung, wichtige Aemter im himmliſchen Reiche, die alle Laſter, alle Leidenſchaften der Jugend mit in das Amt nehmen, und ihre Wuͤrde benutzen, ſie aus⸗ zubilden und zu beſchuͤtzen—— was hat der Colao verbrochen? frug ſie im Zorn. Ich koͤnnte Dir es ſagen, mit Untecht gekränkte, wie ich ſehr: unglückliche, und barüm nur noch mehr verehrte Mutter meines Weibes, erwisbert? der Prie⸗ ſter im Herzen gluͤcklich über ihr empfundenes Elend, in Ton und Geberde aber mitleidsvoll. Nun— er hat die Gefangnen enklaſſen, ja was noch ſchlimmer iſt, er hat ſie wohl erziehen laſſen, wie für den Thronz er hat ſie vertauſcht mit ganz ahnlichen, täuſchenden Bildirn Schefers neue Nos. 1. 3 — von Wachs, damit ſie, wenn die Stufen des Thrones(der Kaiſer) am Kerker voruͤbergingen, und einen Blick auf ſie zu werfen wuͤrdigten, ſie dem Blicke vorhanden waͤ⸗ ren! Und welche Gefangene? Den Enkel des Kaiſers Wu⸗Ti! ſeine ſchoͤne Schweſter Lamoliſchwia, und ihre Mutter, die Angeklagte: daß ſie durch Zauberei ihres Gemahles ſchoͤnſte Nebenfrauen unmerklich hingeopfert. Druͤben im Thurme hat er ſie erziehen laſſen, vielleicht fuͤr den Thron, ſo kann man nun denken; denn von Weitem muß man vorſorgen, noch Unbeachtetes pfle⸗ gen, bereiten und ſtaͤrken, um dem Reiche ſein Sii in der Zukunft zu ſichern! Das waren die Gefangenen druͤben im Thurme? frug U⸗Muen, der ſich voll Mitleid weinend an die Mutter gehangen. Der Prieſter wuͤrdigte ihn keiner Antwort. Das war Lamoliſchwia? Sie! frug uͤberraſcht Semakuang. Der Prieſter nickte ihm bloß zu, um ihn dabei anzuſehn, dann fuhr er fort: Auch einen zum Tode Verurtheilten hat er noch ein Jahr am Leben gelaſſen, ſein Weib zu ihm in den Kerker geſandt, damit er einen Sohn erhalte, der ihn im Tode verehre— den Verbrecher, und daß der Sohn des Gluͤcks der kind⸗ lichen Liehe theilhaft werde— gegen den Todten. Denn das ſei unſer ehrwurdiger alter Gebrauch! Mutter! ſprach U⸗Muen, ach, ich wollte den Vater verehren, auch wenn er todt wäre! Vechiif mir nur zu Silber oder Gold ihm den Sarg zu ſchenken! denn das iſt der Soͤhne erinnernde Pflicht. Guter Sohn! ſprach Orhota, er wird ihn viel⸗ leicht beduͤrfen! U⸗Muen verbarg ſein Geſicht an der Mutter. So umarmt umarmend ftug ſie: Nun? noch Unmenſchlicheres? Er hat von einem Armen, der Feuer angelegt hatte, und verbrannt werden ſollte die Schuld auf ſich genom⸗ men, als habe Er ſelbſt in dem Hauſe uͤbernachtet und es verwahrloſet. Er aber wußte, daß ihn nur Abſetzung als Strafe treffe— und jetzt die Strafe der Luge ge⸗ gen die Stufen des Thrones! Und wer hat das verrathen? frug Orhota er⸗ weicht und milder; die Freude und der Dank des Er⸗ retteten? Davon ſagſt Du nichts! Der Prieſter ertrug ihren durchdringenden Blick kaum. Alſo Du!— Du alſo! fuhr Orhota fort, Du haſt Deinen eigenen Schwiegervater verrathen, weil er eurem Gezuͤcht befohlen zu heirathen!— ſich zu ver⸗ mehren wie Ottern und Schlangen! O, er fuͤrchtete täglich Rache dafuͤr! Davon ſagſt Du nichts? Und der Kaiſer hat jedem Prieſter nachgelaſſen: die Tochter aus jedem Hauſe zu fordern; ſelbſt aus den Reichſten und Vornehmſten— und Du haſt uns die unſere ge⸗ raubt; war das nicht Rache genug! Davon ſagſt Du nichts? 3— — 36— Der Prieſter ſtellte ſich uͤber ſolchen Verdacht er⸗ haben und ſprach: Sollte ich das den Meinigen hun⸗ Du Thoͤrin! Sie aber fuhr eifernd fort: Ihr Prieſter ſeid mit Niemand verwandt, nicht mit Goͤttern und Menſchen — nur mit dem alten Kinde! Euerem Oberhaupt! und ſo gehorſam ging mein Kind hin zu Dir ausge⸗ trocknetem, wuͤſtem Zauberer! und ſchwer, wie ſchwer wird ſie die eisgraue Vorſchrift erfullen; die Frau muß das Haus des Mannes worein ſie gegangen, dem vor⸗ ziehen, woraus ſie gekommen, und ein verwundeter Ti⸗ ger iſt dreimal fuͤrchterlich.— — Ein verwundeter Tiger! ſprach der eingettetne Colad ſanft zu ihr, nicht ein unbeſcholtener Mann. Ich hore, Du weißt„ Di rächſt. Di weinſt! o mein Weib! Muttet und Sohn hingen ſich an den Vater, und ſo umarmt, laͤchelte er zufrieden, umſchloß die Seinigen froh wie ein Koͤnig und reichte aus der Gruppe die and auch dem Prieſter und dräckte ſie ihm. Die Großmutter im Schlafe geſtoͤrt, hatte ſch im Bette aufgeſetzt, gehoͤrt, den Sohn angeſtarrt, und war von Wehmuth wieder hingeſunken. Sema⸗ kuang nahm ſchweigend Platz bei ihr.. Orhota nahm ihrem Mann die koſtbare Muͤtze mit dem hellrothen Knopfe vom Haupt, worauf ſtatt der Pfauenfeder die ſchwarze Feder ſie ſchreckte; ſie loſte ihm den rothen Gürtel, den er zum Zeichen trug, daß er eine Prinzeſſin zum Weibe habe; ſie zerpfluckte bir ſchwarze Feder, griff vor Angſt an ihr Haupt, und riß das Stirnband mit der Perle aus ihrem Haar. Aber noch war mit dem Colao ein junges Maͤdchen gekommen, das in einen ſchlichten Mantel und Hut gehuͤllt, ja verhuͤllt, ſchweigend und furchtſam an der Thuͤr ſtand. Dem nahte Orhota jetzt, lͤftete ſeine Verhuͤllung und ſah ihm ins Auge. Es war ein Knabe. Er ſenkte verſchämt den Kopf, und Orhota erblickte in ſeinem Nacken das Halsband von großen Per⸗ len. Voll Scheu, weil das nur der Kaiſer oder ſein Sohn tragen darf, und doch voll Neugier, luftete ſie den Man⸗ tel, gewahrte das hellgelb⸗ſeidene Kleid und den Dra⸗ chen mit 5 Klauen, den Guͤrtel von Gold, mit Ru⸗ binen, Saphiren und Perlen beſäet, und zaghaft ver⸗ barg der Knabe ſeine goldene Mitra mit der geknickten Pfauenfeder unter dem Arm, und beſturzt rief ſie: des Kaiſers Sohn! Er iſt gerettet! ſprach Tſchao⸗kong vergnügt; ſeine Mutter hat mir ihn aufgedrungen, mit tauſend Thra⸗ nen von ihm Abſchied genommen; ſie ſah uns nach, ſie vief mich zuruͤck, ſie mußte ihr Kind noch einmal ſehn, noch einmal an ihren Buſen druͤcken— denn ſie wird ihn nicht wieder ſehn, ſagte er leiſe. Alſo droht Unheil dem Reich und uns Allenk frug Orhota. Unheil; erwiederte Tſchao⸗Kong betrübt. Nur eine handvoll Verraͤther, oder Raͤcher zieht heran, und⸗ — 3— es erhebt ſich im Volke kein Arm: Hiao⸗Ti zu be⸗ ſchuͤtzen. Denn er ermorbete, als halber Jungling noch, in ſeines Vaters King-Ti Pallaſt bei einem Feſt ſeinen Liebling, eines maͤchtigen Unterkönigs Sohn. Den entſtandenen Krieg daͤmpfte der tapfere Afu da⸗ mals kaum; und Wu⸗Ti erhielt ſtatt ſeiner darauf den Thron. Endlich erſt nach Chao⸗Ti wird er Herr⸗ ſcher— und nun endlich kommt die Rache! Doch die Seele des Kaiſers iſt taub worden, und ſein inneres Auge, ſeine Vernunft, iſt blind. In wenig Tagen iſt er verloren. Aber weine nicht! Komm her, mein Kind! Dich will ich erretten, und an verborgenen Ort flüchten fuͤr beſſere Tage! Das kann ich noch, und ich hab' es Deiner Mutter geſchworen— ſey ruhig! Auch wenn ſie ein Gaſt des Himmels iſt, halt' ich es treu dem Himmel. tin vdnm 56 Er ſetzte ſich, noch bewegt von alle der uͤberſtan⸗ denen Qual, und meinte noch zu taumeln, wie Je⸗ mand, der aus dem Schiffe geſtiegen, noch zu ſchwan⸗ ken waͤhnt, wenn er doch ſchon die feſtgegruͤndete Erde betreten. Er zog den Knaben in ſeinen rechten Arm, U⸗Muen ſchmiegte ſich an ſein Herz. Alle ſchwiegen. Niemand ſprach mit Li-chaoskiun. Ich bin hier uberfluͤſſig; ſprach dieſer zulett; ich will euch verlaſſen. 1 6 Du biſt nicht uberfluͤſſig bei Uns! ſprach Tſchao⸗ kong! Aber willſt Du Einen verlaſſen— verlaſſe mit allen Deinen Geſellen die Stufen des Thrones! Nie — — war eines Herrſchers Leben begluͤckt noch begluͤckend, der ſich den Prieſtern ergab, und anſtatt Ihn unſterb⸗ lich zu machen durch euere Tränke und Wunder, raubt ihr ihm Thron und Leben! Ich habe Wahrheit geſagt, als ich viel zu verlieren hatte, jett— wuͤßte ich nicht, warum ich ſie verſchweigen ſollte. Und haſſeſt Du mich— laß es Deinem Weibe nicht buͤßen! Denn wenn auch nur Eins in der Ehe betrogen iſt, ſo ſind Beide ungluͤcklich! Ich will die Tochter wieder verſtoßen, ſtammelte vor Zorn der Prieſter. Thue ſo wohl! bat ihn Orhotaz Beſſer Du chateſt es vor drei Tagen und drei Nächten. Sey ohne Sorgen! Wir Prieſter ſind unſerem alten Kinde getreu! Er iſt todt, und kein Lebender kann unſerem Willen etwas befehlen— wenn auch der Leib der Macht auf Zeit zu gehorchen ſcheint! Auch Deine drei praͤchtigen Kaſten mit eben ſo jam⸗ merlichem Hausrath werd' ich Dir wieberſchicken. Du haſt mir die Eyrlichkeit leicht gemacht! Orhota erroͤthete. Semakuang ſprang auf faßte ihn an den Knebelbart, ſchuͤttelte den alten Kopf und frug ihn, drohend: iſt das Dein Dank fuͤr das beſte Kind! Geh, wie Du kamſt, mit Schadenfreude!— Tſchao⸗kong bemerkte Semakuang erſt jetzt, winkte ihm, und der Prieſter verſchwand unangefochten⸗ Mit dem Verhaßten und Hafanſchuͤrenden waren feindliche Gefuhle auch aus den Gemuͤthern der Zuruͤckge⸗ — 46„ bliebenen verſchwunden. Und die muttevliche Freude, jetzt ſtaͤrker als ihr gebengter Stolz, ließ Drhots austufen: Des Kaiſers Weib iſt jetzt aͤtmer als ich! denn ich habe einen Sohn und behalte ihn! Ihr Kind muß ſich ver⸗ bergen und fliehen! Die arme Mutter! Iſt ſie doch eines Menſchen Weib und fühlt wie wir allöét munn Schone ihr Kind mit Deinen Worten! ſprach Tſchao⸗Kong. Die Jugend hat bas Glüch Un⸗ 1 gluͤck leicht zu empfangen, weil ſis nur das Gegen⸗ waͤrtige, nicht das daraus Entſtehende faßt; und ſelbſt noch froh und unſchuldig, auch leicht zu vergeſſen, was ſie und Andete ſchmetzt; gönne ihm das! Und zu dem 1 Knaben gewendet ſprach er: Deine Muttet iſt froh daß Du hier biſt, glaube das, und mit dem Gebanken ſchlafe ein! n Der Vater hieß u⸗Muen dem betruͤbten Knaben von ſeinen Kleidern geben, und ſie gingen indeß in* ein anderes Zimmer. Die Mutter ſollte dann die kai⸗ ſerlichen verrätheriſchen Kleider verwahren. Bald ſammelten ſich Alle wieber um das Abend⸗ eſſen. Tſchao⸗kong hatte ſich mit Semakuang degrußt, und dieſer, der Jüngere„behandelte den Nel⸗ teren mit uberlegener Wuͤrde, die der beſcheidene Mann mit Laͤchein ertrug, oft ihn ernſt anſah denn es war kluger Rath, klare Weisheit, und große Liebe in ſeinen 5 Worten. Das kalte— das arme— Haus war gluͤck⸗ lich. Die beiden Knaben von gleichem Alter, ja von iniger Familienahnlichkeit, befreundeten ſich. Die Groß⸗ — 4— mutter und die kleine Moliwha echelterten die un⸗ terhaltung durch ihr ſonderbares Verhältniß ünd Ver⸗ halten. Alle lächelten dazu, ſelbſt Semakuang, doch dieſet herzlicher. La⸗Moé und das Kind ſchliefen endlich wieder ein; die Knaben ſetzten ſich allein in das Dunkel, hielten ſich leicht an den Haͤnden und ſchliefen ein, auch Othota, hätte lieber allein im Bett ſich aus⸗ geweint, aber der Colao glaubte zu ihrem Froſt, Hleich⸗ ſam zu ihrer Einwilligung in ſein— ihr erklaͤ⸗ ren zu muͤſſen bis tief in die Nacht: Er ſerbſt habe ſeine Ungnade mit Fleiß verſchuldet, mit Eifer dem Kaiſer zu dienen, was fortan nicht mehr möhlich geweſen, wenn das Volk ihn noch in Gunſt auf der Seite des Kaiſers geſehn. Selbſt det ſchlaue Prieſter ſey von ihm getaͤuſcht, und nur ein Werkzeug in ſeiner Hand. Denn Vernunft ſey die hoͤchſte Macht, als die klarſte— obgleich die Prieſter des alten Kindes noch heute glauben: Donner und Blitz und Regen und Sonnenſchein zu machen, und mit der Kraft der Erde und ſelbſt mit dem Himmel zu. wenn zu ſpielen. Orhota kam es während dem vor, als hore ſie ein leiſes Kniſtern draußen, broben, oder vor den Fenſtern. Sie horchte. Es war ſtill. Nach langer Zeit hoͤrte es auch der Colao; doch blieb es wieder ſtill. Se⸗ makuang behauptete ein unterdruͤcktes Nießen gehört zu haben. Vielleicht ſind es gar Rauber, ſagte der Colao leiſe. Dieſes Volk, wie Vogel im ſchoͤnſten — Walde nur auf Gewuͤrm bedacht und begierig, iſt mit allem bekannt was ihnen nuͤtzlich iſt, was Andere kaum bemerken. Sie wiſſen meine Ungnade gewiß, ſie ver⸗ muthen Schatze, ſie halten ſie nach ihrer Weiſe fuͤr unrecht erworbene, ſie meinen ich werde ſie retten, ver⸗ bergen, vielleicht noch dieſe Nacht, und ſo ſind ſie ſchnell! Vor allem oͤffne die Thuͤr! hieß er Orhota, daß ſie uns nicht durch ihre Daämpfe zuerſt des Gehors berauben ſie zu vernehmen, vielleicht des Geſichtes, und dann der Kraft uns zu regen! Aber Du, o Se⸗ makuang vertheidige nicht Dinge der Erde, die Tau⸗ ſenden noch gehoͤren werden, mit Unſchätzbarem, mit dem Leben! Und ſchone des ihren! Es ſind arme un⸗ gluͤckliche Menſchen; ſie rauben ja uns nicht! Oder willſt Du, ſo eile, nach Huͤlfe, um ihnen die That zu erſparenz das iſt doch beſſer. Drum eile! Aber Orhota hatte ihn ſchon nicht mehr gehoͤrt. Sie ſaß laͤchelnd und athmete mit Vergnuͤgen den ver⸗ breiteten ſuͤßen Wohlgeruch ein Semakuang wollte aus ſeinem Buſen ein Flaͤſchchen langen, vermuthlich um ſich zu ſchuͤtzen vor dem Schlaf mit offenen Augen, aber hatte es nur hervorgelangt, und hielt es ſtarr und feſt, ohne es mehr an die Lippen bringen zu wollen und ſaß und laͤchelte. Der Colao wollte rufen, aber die Worte riſſen ihm ab, nur erſt nach einiger Zeit ſprach er den letzten Theil derſelben mit Anſtreng⸗ ung, und doch nur gedämpft aus, ſie vergingen ihm gleichſam im Munde, die Kraft der Rede ſtockte ganzz er ſtreckte ſich ſtarr in den Seſſel, ſchlief vernehmlich und feſt mit offenen Augen und lächelte. So ſaßen ſie Alle. Jetzt qualmte der hellblaue Rauch dicker in das Zimmer aus duͤnnen Roͤhren die durch die Wand gebohrt, kaum das Geraͤuſch einer Maus erregt. Da ging die Thuͤr leiſe auf, ein Kopf erſchien, ein Fuß auf der Schwelle, die ganze Geſtalt eines Räubers. Es war vielleicht ſein erſtes Werk; denn vor Verwunderung und Mißtrauen, ob die ſtarr ihn anglotzenden Menſchen auch wirklich ſchliefen, ſich nicht verſtellten und plotzlich aufſprangen, vergaß er eine goldſchimmernde Blume aus allerhand Spezereien ge⸗ macht, zu verbrennen, deren Wirkung ihn ſelber vor dem Duft im Zimmer ſchutzen ſollte. Und ſo trat er mit vorgehaltenem Schwerdt auf den Colao los, er ſetzte ihm die Spitze auf die Bruſt, und bewegte die Hand vor ſeinen Augen, ob ſie zuchten„Der ſonſt immer wohlwollende Mann lachte nur⸗ als wolle er jetzt auch dem Raͤuber wohl, daß er menſchlicher als andere Raͤu⸗ ber, die zu Beraubenden nur ſo lange zu toͤdten ſcheine, als ihm nöthig ſey, dann moͤchten ſie wieder außſtehen, leben und— weinen! Aber vielleicht von der innern Anſtrengung, ihrem Manne zu Huͤlfe zu kommen, der ſo bedroht ſchien, ſank Orhota nach vorwärts platt auf die Erde, und lachte dumpf am Boden— vor Angſt. Auch Semakuang lachte— vor Zorn— und die wahrſcheinlich erwachten, aber zugleich von dem kuͤnſtlichen Schlaf⸗Dunſt befangenen Knaben, lachten — 44— besgleichen kindiſch— gewiß vor innerer Furcht; denn alle Aeußerungen des Gemuͤthes wurden, verwandelt in dem gebannten Zuſtande bloß zu Gel lächter; und ſelbſt. Raͤuber reizte es zu lachen. Als er ſo ſich uͤberzeugt, gab er ein Zeichen auf einer Muſchel, und ein Zweiter, ein Dritter, ein Vier⸗ ter erſchien, ohne etwas zu unternehmen, bis der Prie⸗ ſter des alten Kindes hereintrat. Der Colao ſtoͤhnte wie im Traume und mußte lachen und Semakuang mußte lachen, indem ihm zugleich die Thraͤnen von den offenen Augen floſſen, und ſeine Stirn von feinem Schweiß wie bethaut war. Jetzt ſtellte ſich Li⸗Chao⸗ kiun vor ſeinen edlen Feind, den Colao, und ſprach im Spott zu ihm! Wirſt Du nun die Prieſter des alten Kindes ehren?— Aber die Antwort verdroß ihn, denn der Colao lachte uͤberlaut, und als habe der wuͤr⸗ dige Mann lachen wollen, nicht lachen muͤſſen, gab er ihm dafuͤr einen Backenſtreich, daß der Colao noch aͤr⸗ ger lachte. Laſſen wir Euch Maulwuͤrfs, die ihr alles auf der Erde fuͤr die Erde mit Erde herſtellen wollt'! ſprach der Prieſter. Aber mit haſtiger Freude ſchlug er Semakuang leicht auf die Schulter und ſprach zu den andern: Dieſen ergreift, und tragt mir ihn fort! Er iſt mir theuret als der köſtliche Vogel Fong⸗ Hoang, der uralt wird und ſelten erſcheint, und dem Gluͤck bedeutet, wem er erſcheint! Nicht wahr, Du weißt die Geheimmiſſe telche wir——— Wirß ſi e dem Kaiſer entdeckenk —— —— Semakuang lachte. Li⸗Chao⸗kiun hätte ihn lieber gleich auf die Folter geſpannt, aber er maßigte ſich mit Gewalt, und befahl ihm kein Haar zu kruͤmmen, ſich lieber ermor⸗ den zu laſſen, als ihn zu verletzen⸗ Die Raͤuber lachten. Zornig ſah' er ſich um, und auch ſie, von der⸗ ſelben Luft betäubt, lehnten an den Waͤnden umher und ſtarrten ihn an, und wie er vor Zorn ſie ſchlug, lachten ſie laut⸗ Er ſelber, der zuletzt hereingetreten, wollte nur eilig das kleine Mädchen— Semakuangs Tochter— vom Bette der alten Mutter reißen und fliehn, um die Wache zu ſenden, welche die Andern erwecken ſolltez aber er hatte kaum das Kind auf dem Arme, ſo wirkte der Dunſt ſchnell wie aufſteigende Trunkenheit; Schlaf befiel ihn, mit der letzten Beſinnung rannte er mit dem Kopf durch die großen papierenen Scheiben und lachte hinaus in die Nacht, die Bewohner des Hauſes lachten und alle Räuber lachten, bis ſie nach und nach verſtummten wie ſterbende Verwundete ohne Huͤlfe. So blieben ſie lange, lange. Der untergehende Mond ſchien herein, der Tag begann zu grauen, das Goldkehlchen im Nebenzimmer ſang ſein Morgenlied, bis ſchon leiſes Geraͤuſch des Tages dumpf und doch freundlich erſcholl, als erwache die Erde ſelbſt wie ein ſchlafender träumender Inſelfiſch in dem blaͤulich ſchim⸗ mernden Weltmeer⸗ — 46— Die ausgeſtellte Wache der Rauber hatte die Stunde der Ratte in peinlicher Angſt erwartet, jetzt trat der Mann vorſichtig in das Gehoͤft, nahte vorſichtig dem Fenſter um zu ſpaͤhen, ob ſeine Genoſſen, ergriffen oder ermordet waͤren. Da gewahrte er, vom Morgen ge⸗ roͤthet, den Kopf des Prieſters zum Fenſter herausge⸗ ſtreckt, auf ſeine leiſe Frage ein Gelaͤchter aufſchlagend. Er ſprach jetzt bei ſich, die friſche Luft iſt kein Mittel gegen Dein Lachen! aber daß ja nicht Alle zugleich munter werden! Daß nicht Verwirruug und Unheil entſteht! So trat er hinein. Er verbrannte jetzt die goldſchimmernde Blume am faſt verloͤſchenden Lichte der großen Laterne; er holte Gefaͤße, er holte Waſſer, und ſtellte die Fuͤße des Prieſters hinein, und ſeiner Genoſſen, und legte, waͤhrend ſie zuckten und ſchauder⸗ ten, aus Erbarmen das kleine Kind von der Erde in das Bett, richtete mit Muͤhe die unbeholfene Orhota auf und ſetzte ſie auf die Polſter. Indeß war der Prieſter erwacht; er gaͤhnte, er rieb ſich die Augen, er rieb den in der Nachtluft faſt erſtarrten alten Kopf, ſagte noch träumend, wie viel er Geſtirne gezaͤhlt, was ſie unter ſich und mit ihm geſprochen, wie die Nacht⸗ gewoölke ſich angerufen: aufzuſtehn und den Thau auf die Blumen und Knospen zu ſprengen; was der alte hohe Campherbaum mit dem Hauſe geſtritten, und was fuͤr ein altes herrliches Lied der Morgenwind ſich gepfiffen! —— Wenn Dieſe hier im Hauſe von dieſer Nacht nicht mehr verrathen, als der Prieſter des alten Kindes, was mit ihnen geſchehen, dann ſind wir unverrathen! ſprach der Raͤuber, den Uebrigen helfend zu ſtehn und zu gehn und ſich zu beſinnen wer ſie waͤren. Der Prieſter war jetzt nuͤchtern, er draͤngte die Räuber: Semakuang fort zu tragen; und ſie tru⸗ gen ihn fort durch die Gaͤrten im erſten Morgen⸗ dämmer. Die Koͤnige aus Erde. — Ti-hoang-schi.— Was Menſchenwerthes je ein Menſch gedacht, Von dieſer ſchönen Welt gewuͤnſcht— das lebt! Es iſt in ihr, für Ihn auch iſt's gemacht; Doch wo, und wie, und wann ſie es erſtrebt Daran nun uͤbt die Menſchheit den Verſtand, Sie hat's gefunden, wenn ſie es erkannt. Semakuang, in ſeinem kuͤnſtlichen Schlafe da⸗ hingetragen, erwachte erſt durch das angewandte Mittel in einem unbekannten Hauſe. Erſt ſpat ſich beſinnend, was er vor ſeinem wachen Traume gedacht, und was ihm geſchehen ſeyn muͤſſe, wollte er ſich von ſeinem Lager ermannen, aber er war gebunden. Und ſo mußte er liegen, bis die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand, und die Raͤuber den unvermutheten Rauſch verſchlafen. Als Drei von ihnen wieder eintraten, ſah er, daß es vielleicht nur verkleidete Prieſter waren, die toͤdtliche Waffen unter ihren grauen Gewanden verbargen, ihn los banden, folgen hießen, und bedrohten: ihn nieder zu ſtechen, wenn er entfliehen wolle. Semakuang merkte das Haus, als ſie hinaus gegangen, und es kam ihm vor, als habe ihm ein junges Prieſterweib heimlich nachgeſehn, als Haͤubchen uͤber das lange ſchwarze Haar: einen goldenen Vogel auf dem Haupte, der ſeine Fluͤgel hernieder bis um ihre weißen Wangen ſchmiegte, und das junge Weib ſchien ihm— Mo⸗ liwha! Dann gingen ſie, Einer vor ihm, Zwei hin⸗ ter ihm, uͤber die Kettenbrucke, die nur fur Fußganger, ſchmal, und in gefährlicher Hoͤhe, ſeit uralten Tagen hier uͤber den gelben Strom haͤngt. Jetzt ſprachen die Zwei hinter ihm: Siehſt Du den großen bluͤhenden Litſchi-baum den ſie dem Kaiſer bringen, daß er die Bluthen rieche? Und dort die Böte, beladen mit ganzen koſtbaren Gaſtmalen, als Schmeicheleien ſeines Gaumens, um der Unterkoͤnige angenehm zu gedenken, wenn ſeine Zunge ihre Gerichte angenehm empfindet! Er ſollte nur immer, wie wir gewoͤhnlichen Men⸗ ſchen, ein 20,000 Tage, jeden Tag dreimal, daß heißt 60,000 mal Reis eſſen, wie wir armen Schlucker, er wurde das Leben ſehr abgeſchmackt finden, und kein Koͤnigreich darauf ſetzen, fuͤr Den, der es ihm zu „ewigem Reiseſſen“ verlaͤngerte, zu ewigem graben und hacken! Man wird das ſatt und muͤde. Die Sonne waͤre ſo uͤbel nicht, und die Erde nicht bitter, Schefers neue Nov. 1. 4 — 66— wenn die Qual nicht wäre; die Qual die man hat, und die Qual die man ſieht! Und das iſt die groͤßte!— Still, ſprach der Andre: Er hat keine, er ſieht keine. Goͤnne es doch Einem Menſchen auf der Welt, mit Allem was er wuͤnſcht uͤberhaͤuft zu ſeyn! Sonſt lebte kein Menſch das, Leben das er le⸗ ben will. Mag Er nun der Eine ſein, wenn wir Alle es nicht ſein koͤnnen.— Aber feig iſt unſer Ge⸗ fangener doch! oder hat er nichts begangen, ſonſt ſprang' er hier in den Strom, oder ſtieß' uns hinab! Feig? wandte Semakuang ſich um, ergriff jeden mit einer Hand an dem Schopf und ſtieß ihre Koͤpfe an einander. Es koſtet unſer Leben, wenn Du uns entkommſt! bat der Vorderſte, indem er ſich nicht ge⸗ traute ihn in den Fluß zu ſtoßen, vielleicht auch, ohne das Verbot, ſchon darum, um nicht ſelbſt mit hinunter geriſſen zu werden.— Es gilt unſer Leben! baten die Gehaltenen.— Wenn das iſt, lächelte Semakuang, wenn Euch das Grab doch noch bitterer iſt als die Erde, ſo ſeid außer Sorgen! Wegen mir ſollt ihr noch 60,000 mal Thee trinken. Ihr habt mein Wort, und das iſt gut! Die Maͤnner dankten ihm. Aber wo fuͤhrt ihr mich hin? frug er.— Und leiſe erwiederten ſie: zu den Stufen des Thrones!— Die Stufen ſind alt, ſetzte der Andre hinzu, Du ſollſt ſie neu, das heißt jung erbauen, oder alt erhalten. Da hoͤre wie ich das meine! Sie traten jetzt von der Bruͤcke in die Stadt hinab an das hohe Thor, und ein Herold gebot eben mit dem Hall ſeiner großen gewundenen See⸗Muſchel von ſeinem Roſſe dem Volke Schweigen. Auf den dritten Ruf war aus jedem Hauſe der Hausherr oder der al⸗ teſte Sohn hervorgetreten, und in ehrerbietiger Stellung vernahmen ſie die nur ausgerufenen Worte: Hiao⸗Ti*), leider— wie er ſagt— nur jetzt gHenwaͤrtiger, nicht immer gegenwaͤrtiger Beherrſcher des himmliſchen Reiches, hat geſprochen und ſpricht: Schrecklich iſt's in dem ſterblichen Leibe zu wohnen! Da immer der Himmel blau bleibt, und dieſelbige Sonne, dieſelben Geſtirne da droben ſtehn— da immer die Erde gruͤn bleibt, und ſie immer, wie in einem gemalten Saale, dieſelben Geſtalten an Thieren, Baͤu⸗ men und Blumen durch jaͤhrliches Auffriſchen oder Nachmalen erhaͤlt, ſo wär' es nicht gegen den ſeligen Stand der Gewohnheit, wenn auch der Menſch immer und immer als ewiger Hausgott ruhig darin ſtaͤnde und bliebe. Denn: ſchrecklich iſt's in dem ſterblichen Leibe zu wohnen! und ſoll der Vater aller Vaͤter gruͤndlich fuͤr ſeine Kinder ſorgen, ſo wäre das Erſte, das Nachhaltigſte: daß die Menſchen nicht ſterben, nicht unter der Hand zerbraͤchen, wie ſchoͤne bunte Maͤnnchen Solche Preisaufgaben der Kaiſer„die Unſterblichkeit zu zu erfinden“ ſind geſchichtlich, und Mehrere derſelben ver⸗ loren ihr Leben dabei. 4 X — 68— und Weibchen und Kinder von Kaolin-Erde, gemalt und im Ofen gebacken. Denn es iſt jammervoll, und ein Herz kann es, ohne zu brechen nicht nachempfin⸗ den, daß ganz unzählbare Schaaren von tauſend Men⸗ ſchengeſchlechtern im himmliſchen Reiche— alſo ſchon tauſend Voͤlker— in die Erde geſchmolzen ſind wie Blumen im Eiſe! daß das Volk, das jetzt da iſt, oder da ſcheint, ohne Rettung allmaͤlig verbrennt und verliſcht, wie Lichter in einer großen Laterne an unk⸗ rem Feſt, worin wir mit Weibern und Kindern ſitzen — wie Lichter! Und daß alle Morgen taufend neue Kinder in den Wiegen liegen, und Mutter und Vater anſehn mit ihren Aeuglein, hell wie Lichter; das iſt erſt ein Schrecken fuͤr das Herz des Vaters aller Va⸗ ter, daß ihm die Haare zu Berge ſtehn! Ja gäb' es kein Mittel die Voͤlker zu retten, ſo wäre es beſ⸗ ſer, vor Leid und Jammer nur gleich in die Erde zu fahren. Schrecklich iſt's in dem ſterblichen Leibe zu woh⸗ nen! Denn ſchrecklich iſt, wenn der Juͤngling wähnt: ein ſchoͤnes Mädchen zur Frau zu nehmen, und kaum wie vor einem der edlen Taſchenſpieler, den Ruͤcken wendet, und— eine kalte, magere) recht abſcheuliche Alte im Zimmer hat, die muͤrriſch umherbrummt, was ihr nicht zu verdenken iſt, wie mein Volk ſieht mit ſeinen Millionen Augen. Oder wenn die Braut einem bluͤhenden Juͤngling die Hand reicht aus der Saͤnfte und wenn ſie kaum in dem Hauſe iſt— folgt ihr ein alter, grauer, gebeugter Mann am Stocke— und ſie ſchlägt nicht einmal die Hande uͤber dem Kopfe zu⸗ ſammen, uͤber den Tauſendkuͤnſtler, der ihr den ſchoͤnen Juͤngling verwechſelt hat! Heut hat eine Mutter ein roſiges Kind im Arme, und— morgen hat ihr der Tauſendkuͤnſtler ein jämmerlich Trugbild auf das kleine Bret gelegt, das nicht die Begräbnißkoſten werth iſt, wenn die arme Mutter nicht wähnte, das ſey noch ihr roſiges Kind. Darum ihr Muͤtter, Vaͤter, Kinder, hoͤrt! Du ganzes zerbrechliches Volk von Glaſe, vernimm was Hiao⸗To weiter ſagt: Schrecklich iſt's in dem ſterblichen Leibe zu wohnen! Denn es hilft dem Men⸗ ſchen als Menſchengeſtalt nichts, daß er, wie Fo im Abendlande geſagt: morgen als Baͤr im Walde brum⸗ mend vom Jäger in den Wanſt geſchoſſen werde, mor⸗ gen als Taubenfalke im Schlage ſich fange, oder mor⸗ gen als Sägefiſch, das Schiff fuͤr ein Meerungeheuer anſehend, mit dem Schwerte ſtoßend im Kiele ſtecken bleibe— denn heute ſtirbr er! heute ſieht er die Haͤnde ringen um ſich, und erſcheint als ohnmachtiger Wicht ohne Verlaß und Wuͤrde; und keine groͤßere Schande als ſterben, wenn es nur Einen traͤfe, oder ein paar mal Hunderttauſend! So aber ſchweigt Jeder davon, und hält ſich fur weiſe; und nichts in der Welt iſt unbegreiflicher als der frevelhafte Leichtſinn der Men⸗ ſchen, die grauſende Sorgloſigkeit, womit ſie lachend und ſingend dem Abgrund entgegen tanzen, in welchem ſie Alle verſchwinden. Aber wenn Jemand ein Mittel erfände: daß wir Menſchen— Menſchen bleiben koͤnnten, welche Thraͤnen ſtillte Der nicht, ſondern hielte ſie ſelig fur Freude zuruͤck! Wie viel unerfreulichen koſtbaren Gra⸗ ber⸗Bau in die Erde, wie viel wahrhaft entſetzliches Gepraͤnge, wie viel Ach und Weh das zum Himmel ſchreit, erſparte der Mann! Und nur ſchon wie viel Roſenholz zu Särgen, wie viel Streit um die die Men⸗ ſchen erniedrigenden Erbſchaften, wie viel Veränderun⸗ gen, Ungluͤcksfälle, muͤhſame und doch unnuͤtze Auf⸗ ſicht, wie viel vergebliche Mittel der Aerzte, die wiſſent⸗ lich wie unwiſſend und doch wie raſend gegen den Tod ankaͤmpfen, der ſie doch immer beſiegt, wo er erſcheint, und die mit Schatten fechten, wo er nicht erſcheint! D wenn die Menſchen Menſchen bleiben, dann erſt kann alles ſicher und ſchoͤn ſein, und ſelbſt die fuͤrch⸗ terliche Sonnenfinſterniß wird dem Vater der Väter nur laͤcherlich! Jeder hat Zeit ſich zu beſſern! Mit der Unmoͤglichkeit haben die Todesſtrafen aufgehoͤrt, und wir wuͤrden Sorge tragen: nur wieder Gleichbil⸗ der der Menſchen von Wachs hinzurichten, wie in Chun's ſeligen Jahren geſchah. Und wie tapfer waͤre das Heer! Welche Mutter wuͤrde noch einen Sohn beweinen! Jeder haͤtte Zeit ſeine Schulden zu be⸗ zahlen, Jeder borgte und lieh ohne Furcht, und kein Glaͤubiger brauchte am Neujahrstage ſich durch Schlaͤge, die er dem Schuldner abträͤgt, bezahlt zu machen. Die Zinſen fielen auf Eins, ja Keins vom Hundert. Strafen fur Verbrechen, wenn ſie ganz grob noch moͤglich waͤren, ließen ſich, in Ermangelung bes Todes und ſeiner Gehuͤlfen gern ohne Schaden, um einige Hundert Schlaͤge auf die Fußſohlen erhoͤhen, zum Antrieb der Beſſerung; und wer einmal, wie ein Halb⸗ gott, den Bambus erhalten, der waͤre fortan ein from⸗ mer Chineſe auf ewig! Immer neue Menſchen ſind ſchwer zu beherrſchen, denn ſie bringen, wer weiß wo⸗ her, immer neuen Sinn und Unſinn zum Markte des Lebens— nun herrſchte Ruhe, und Alles, Alles bliebe beim ſeligen Alten, ewig, ewig! Und daß Niemand waͤhne, der Ueberfluß und der Fluß von Menſchen muͤſſe erhungern— Er hat nicht bedacht, daß Niemand dann ſterben kann, alſo auch vor Hun⸗ ger nicht? Ueber ein ſolches Volk zu herrſchen, iſt dann Luſt, leichte unvergängliche Luſt. Beherrſcht zu ſein dann Kinderſpiel, und das goͤnnt der Vater aller Vater Jedem von Herzen. Glaubt alſo nicht: Er allein wolle immer in goldenen Palläſten wohnen! Nein, er vertheilt dann als Belohnung das Leben, und an⸗ ſtatt im Grabe die Todten zu adeln, bis ins neunte Geſchlecht, beſchenkt er mit der Sonne und der Erde, mit Weib und Kindern auf ewig die Guten. Die Bo⸗ ſen aber errettet er nicht von dem Tode. Und ſo wird, mit den Ausſterben gemeiner Chineſen, endlich ein Reich voll ſchoͤner, edler Menſchen, das wahre himm⸗ liſche Reich. Da Ich, ſpricht Hiao-Ti, nun Alles von meinem Volke habe, da mein Volk den Rock aus Seide gewebt hat, den ich auf meinem Leibe trage, da — es die Edelſteine geſucht, geſchliffen, den Guͤrtel geſtickt und die Schuhe, da Ich nichts gemacht habe von Allem was ich habe, nicht Haus noch Garten, nicht Bett noch Tiſch— und da mein Volk Alles das gemacht, und Alles kennt im ganzen Reiche bis zu dem geringſten Kraut auf dem äußerſten Berge, ſo hoffe Ich, wird es auch das entdecken, wiſſen und lernen, was uns allein von Noͤthen: die Speiſe, das Kraut, den Saft, den Biſſen oder Trank der Unſterblichkeit, dafuͤr der Name ſchon ſeit Jahrtauſenden in unſerer Sprache lebt und lockt und treibt. Ich rufe alſo, in des Himmels Namen, alle Gelehrte aus ihren Höhlen und Waͤldern, oder von den hoͤchſten Bergen zuruͤck, wenn ſie oder ihre Juͤnger noch leben, welche unfer Vorfahr Tſchi⸗ Hoang⸗Ti verbannt, weil ſie zu kuͤhn und vorlaut geſprochen und das Heil des Volks zu bald, zu ſchnell, zu gleich gewollt—*), Alle ruf' ich zuruͤck, die er nicht hat auf der, ſeitdem nur zu bekannten, Inſel erſaͤufen laſſen, wohin er ſie gelockt, um ſchein⸗ bar ihren Rath zu hoͤren, wie er regieren ſolle? O daß ich ſie nicht aus dem Meere wieder hervorrufen kann! Aber ihre Geiſter— alle Buͤcher ruf' ich zuruͤck, als die guten Schutzgeiſter, die Ti⸗Ti des himmliſchen Reiches, alle, die Tſchi⸗Hoang⸗Ti nicht hat verbren⸗ nen laſſen**) bei Todesſtrafe, um die geſchriebene Ge⸗ 5 Geſchichtlich. *) Geſchichtlich. — ſchichte zu zerſtören, damit er der Erſte und Großte der Menſchen erſcheine, als wenn es kein lebendiges Wiſſen, keine Mittheilungen gäbe von Mund zu Ohr! Dann gebe der Himmel, daß ich die Frucht des Fleißes erlebe, wenn ein ganzes Volk um eine Sache ſich muͤht! Jedem aber der ſich darum muͤhen wird, ge⸗ waͤhre ich ſo lange freien Unterhalt, und wer des ewi⸗ gen Lebens Trank erfindet, oder entdeckt, dem gelobe ich ein Koͤnigreich von meinen Koͤnigreichen, welches er wäͤhlen will— denn das iſt wohl und weiſe ver⸗ loren, und noch nie hat ein Vater der Vaͤter dem Volke, oder nur Einem daraus ſein Wort nicht gehal⸗ ren— ſpricht Hiao⸗Til*) Der Herold ritt weiter, daß Volk verlief ſich; ſie hoͤrten ihn in andern Gegenden der Stadt blaſen, und ſo wie hier, hallte des Kaiſers Wort zu derſelbigen Stunde durch das ganze Reich. Semakuang bemerkte, daß ihn von weitem mehrere heimliche Waͤchter umgeben hatten; er folgte jetzt gelaſſen durch den Wall zu den rothen Mauern des Schloßhofes und dem rothen Thore mit goldenen Schloͤſſern. Kein mannlicher Diener war zu ſehn; nur lauter ſchoͤne und reizend gekleidete Maͤdchen aus der, ihrentwegen beruͤhmten Stadt Tai⸗Tun g, die alle Dienſte im Schloſſe beſorgten. Sie gingen durch den erſten und zweiten Hof, und im dritten ragte ——— *) Geſchichtlich. — ihnen der Pallaſt des fruheren Kaiſers Wen⸗Ti ent⸗ gegen, aus lauter wohlriechendem Holz und vergolde⸗ tem Kupfer; ſein hoher, maͤchtiger Thurm aber, ganz von Kupfer erbaut und vergoldet, und drunten um⸗ rankt und umbluͤht von dem unſterblichen Gewaͤchs Puſu, blitzte droben im Sonnenſchein hoch in dem blauen Himmel. Sie ſchienen erwartet worden zu ſein, denn ein grauer Prieſter empfing Semakuang und entließ ſeine Waͤchter. Neugierige Vornehme die hier unten muͤſſig und verdroſſen warteten, umringten ſie. Aber der Prieſter fuͤhrte ihn auswendig am Thurme umher die Stufen empor; er uͤberſahe während des Steigens immer mehr den weitlaͤufigen Pallaſt, dann die Garten, die bunte Stadt, dann das köſtliche Land. Von oben ſcholl ihnen Muſik von Maͤnner⸗ ſtimmen entgegen, und die Tonart, die Melodieen und das langſame Zeitmaaß verkundigte ihnen das feierliche Vorhaben des Kaiſers, da während der verſchiedenen Verhandlungen auch verſchiedene Muſik ertönte, um die Stimmung der Seele dazu zu erwecken, zu un⸗ terhalten, zu ſteigern, und ſie, gleichſam der Erde vergeſſend, auf himmliſchen Schwingen zu tragen. Nur das einzige Wort ſprach jetzt der Prieſter zu ihm; Alles was Du hoͤren wirſt, vergieb dem Al⸗ ten— dem Kaiſer als Vater! Eine Tochter iſt ihm geſtorben, und eine ſchonere liebreichere— kranke hat er noch, ſeine Tiono! und nur Aelternliebe weiß erſt was der Tod iſt— Andere wiſſen es kaum.— Als ſie ganz oben, dem platten Dache mit dem Kopfe gleich waren, blieben ſie ſtehen. Ein Wink, und ſie waren vorgelaſſen. Semakuang kniete und neigte ſich mit jener ehrfurchtsvollen Scheu, die Jeder vor einem Mann empfindet, der, ſelbſt der Natur, ſo viel nachhelfen kann, ſo viel Segen verbreiten kann. Die⸗ ſes im Geiſte erwägend blieb er auf ſeinem Angeſicht, und als er ſich aufrichtete waren ſeine Augen feucht. Dennoch lächelte er jetzt faſt unmerklich. Denn der Träger alles Wiſſens, alles Strebens, der Leiter aller Kräfte des Reiches, ſtand in bloßen Armen vor ihm, und hielt jetzt innen an einem Teige in goldener Schuͤſ⸗ ſel zu kneren, und ſeine Haͤnde waren gefaͤrbt von friſchen Kraͤuterſaͤften. Nur ſein Perlenhalsband von unſchaͤtzbaren Perlen bezeichnete noch die hoͤchſte Wuͤrde. Sein blaſſes Geſicht ſchien wie von Kummer behaucht, und das von tiefer Sehnſucht erfullte Auge hing jetzt erheitert an Semakuang. Du laͤchelſt? ſprach er, nicht unwillig. Die Kin⸗ der und wieder die Alten haben die großten Wuͤnſche, und vermiſſen aus kindlich-großem Herzen am leichte⸗ ſten, was ihnen und was der Erde gebricht. Glaube mir, Semakuang, leben heißt einen Berg erſtei⸗ gen! Das Kind ſteigt aus tauſend Blumen empor; bis in die Mitte der Höhe iſt er noch gruͤn bewachſen; dann verlieren ſich erſt dio Baͤume, dann die Ge⸗ ſträuche, bis droben bloß nacktes Geſtein iſt, die Luft kalt weht, die Blumen da drunten— unerkennbar bar; wir bringen nichts hinauf als das klopfende Herz, das vom Winde weinende Auge, und ſelbſt der Him⸗ mel, der drunten um uns Kinder blau war, ſteht dro⸗ ben nun ſchwarz uͤber den grauen Haaren des Grei⸗ ſen. Wohin, wohin nun?— Er koſtete bei dieſen Worten den Teig mit dem Finger, und deſſen Bitterkeit ſtand als Bitterkeit des Todes auf ſeinem verdroßnen Geſicht. Ich thue nicht mehr, fuhr er fort, als der Ver⸗ einiger des Reiches: Tſchi⸗Hoang⸗Ti. Jeder große Mann, das heißt doch jeder Beherrſcher, ſollte etwas Großes thun, das dem Reiche verbliebe. Nur Eins! mit unzerſtreuten Kraͤften! Alles— koͤnnen Alle thun! Und doch iſt ſeine große Mauer Nichts gegen das, was er wolſte! Drei Hundert auserleſene ſchoͤne Knaben und Mädchen ſchickte er nach Niphon,(Japan) Kraͤuter zu pfluͤcken zum Tranke des Lebens. Er ſtarb ehe ſie zuruͤck kehrten! Er hatte den Berg Li inwendig zu einem, mit keiner andern Pracht vergleichbarem Begräbniß fuͤr ſich ausgebaut; in der Mitte ruhte er in ſeinem Sarge, und er hat ſeinen Leib um ſo ſicherer aufbewahren wol⸗ len, bis es vielleicht den Spaͤtergebornen doch noch ge⸗ laͤnge, ihn wieder zu beleben! Denn er wollte 10,000 Jahre herrſchen. Aber die Feinde zerſtoͤrten das Grabmal, und ein Hirt, der mit einer Fackel nach ſeinem verirrten Lamme in die flimmernde Zerſtoͤrung leuchtete, ließ vor Schrecken die Fackel fallen, und der koſtbare Sarg verbrannte mit dem getaͤuſchten Manne. —— Wen⸗ti ſetzte einen ungeheuern Preis auf den Lebenstrank, und ſtarb daran vor der Zeit. Wu⸗ti liebte ſein koſt⸗ bares Weib, daß er ſein Reich gegeben hätte, ſie nur ſchoͤn und jung zu erhalten. Iſt das einem Liebenden zu verdenken? Hiao erbaute dieſen Pallaſt, und den Thurm; dieſe große goldene Schale in der Hand des Rieſen der hier ragt, fing fuͤr ihn den reinen Himmels⸗ thau alle himmliſchen Morgen auf; ſeine Schuͤſſeln ſeine Becher waren aus Lebensſtein*) und er hat ſich doch den Tod getrunken. So quaͤlen wir uns: Wuͤnſche zu erfuͤllen, die ſo alt und ſo jung ſind als der Menſch. Ach, da noch himmliſche Geiſter herrſchten! wohl den Beherrſchten da, und wohl ihnen. Oder nur irdiſche Geiſter! Aber ſeit lange herrſchen ſchon die Koͤnige aus Erde, und die Erde und die Menſchen ſind ihre Qual, was vergeht, und was bleibt, ſelbſt Sonne, Mond und Geſtirne; und nichts laſtet ſchweret auf des Menſchen Haupt—(und ich bekenne wir ſind Menſchen wie alle)— als die leichte, wie durchſichtige Glocke des Himmels! Aber die Mutter des Lieu⸗pang hat eine Sage nachgelaſſen von den Kindern der Unſterblichkeit, wie geheim geſchrieben ſteht; daher und darum ſterben wir! Denn ſelbſt alle Mahrchen haben eine hohe Wahr⸗ heit zum Grunde. Und ſelbſt: daß ein Drache die Sonne verſchlingen ſoll, kann eintreffen, ſelbſt ohne Drachen, und uns bei ihrer Verfinſterung und eben *) Pietra de Cevax. ——— durch dieſe unheimliche Zeit daran zu erinnern: in wel⸗ chem ſchreckenvollen Wunderpallaſt wir eigentlich alle leben, als uns ſelbſt unbegreifliche, redende Zauberbilder; und daruber ein Stuͤndchen zu erſchrecken, find' ich ſehr heilſam! Die Ehrfurcht, die der Herrſcher vor dem Tode empfindet, kommt den Lebenden zu Gute. Was mir nun Li⸗Chaokiun geſagt und was er von Dir vermuthet, Semakuang, da er von Dir aus ſei⸗ ner Schwiegerältern Hauſe weiß— das hat Dich hie⸗ her bemuͤht. Der Prieſter trat jetzt erſt hinter dem ehernen Rieſen hervor, verhielt ſich ſchweigend, und läͤchelte Se⸗ makuang an, der erzuͤrnt ſchien. Laß alles Weltliche jetzt, Semakuang, er⸗ mahnte ihn Hiao-Ti, und ſage nur lieber: Biſt Du Semakuang, der betagten La⸗Moé Mann? Deine Jugend täuſcht mich nicht! Sie eben giebt uns Hoff⸗ nung, und was ſonſt laͤcherlich wäre, iſt hier zum Weinen vor Freude! Biſt Du es? Dem Herrſcher Wahrheit; antwortete Sema⸗ kuang: Ich bin's. Hiao⸗Ti und der Prieſter ſahen ſich entzuckt an. Und das kleine Maͤdchen iſt Deine Tochter, und die Tochter der La⸗Mo6? fuhr Jener fort. Sie iſts; antwortete Semakuang. Und das einjährige Kind iſt wenigſtens ſechszig Jahr alt? Wenigſtens Sechszig. Und der ſchon bejahrte Colao iſt Dein Sohn, und der Bruder jener aͤltern Schweſter— des Kindes! fuhr Hiao⸗Ti mit ſteigendem Entzucken und begeiſter⸗ ter Haſt fort. Er iſt's! ſeufzte Semakuang. Ich verſtehe Dein Seufzen! ſprach Hiao-Ti. Alle Sorge iſt Thorheit gegen unſere! Alles Gluͤck Elend gegen meines, Ruhe, Ruhe, Ruhe iſt Selig⸗ keit, und ſchon der Gedanke an den Tod ſtört— die Ruhe. Darum ſterben wir. So lehrſt Du, und ſo glaub' ich, nicht wahr? Li⸗Chaokiun. Der Prieſter verneigte ſich tief: So glaubt unſer Gebieter! Wie aber Eine, auch nur einzeln um die Blumen der Wieſe ſchwebende Biene einen Bienenkorb, oder eine geheime Baͤute in einer Eiche vorausſetzt, ſo biſt Du, o Semakuang, aus eiſier geheimen köſt⸗ lichen Werkſtatt hervorgekommen, und wir haben Dich; geſtehe, Du biſt Einer der ſterblichen Geiſter, oder Könige aus Erde, voll der Weisheit uralter Tage! Semakuang ſchwieg. Und vor ungemäßigter Freude begruͤßte ihn Hiao⸗ Ti, und zum Zeichen der beſten Bewillkommnung, klopfte er ihn auf den Ruͤcken, und rief das gewohn⸗ liche:„Großes Gluͤck!“ jetzt im hoͤchſten Sinne, wie⸗ derholt uͤber ihn aus. Er mußte ſich ſetzen, mit ihm fruͤhſtuͤken, und hungrig wie er war, langten die wurzigen Vogelneſter und die große koſtbar bereitete Baͤrentatze kaum fuͤr alle drei⸗ Waährend deſſen ließ der Ay⸗Tao, der Vorſteher des Kriegsrathes dringend und wiederholt um Gehör bitten. Aber Hiao⸗Ti ließ ihn nicht vor und ſprach: Nichts von Geſchaͤften! Mein Volk verkennt mich⸗ Ich ſcheine muͤßig, ſorglos, lieblos, taub und ſtumm; aber mein Milchname iſt Fu⸗nim, er ſagt mir die Pflicht vor: mein Volk glucklich zu machen. Geſchieht das durch taͤglichen, kleinen Tand? Soll ich auch war⸗ ten, warten und wieder warten bis der Zufall die Erde bewohnbarer macht? Die Weisheit kommt oft plotzlich durch Forſchen, und ein Gedanke veraͤndert das Stre⸗ ben des Volkes! Mein Herz iſt mir wir zugeſchnuͤrt, bis ich gefunden, was aller ſeiner Noth ein Ende macht! Und habe ich das, muͤßten denn alle Geſetze nicht anders ſein, alle Befehle ausgetauſcht oder wi⸗ derrufen werden? O ſie verkennen mich ſchwer und bitter! Doch ich ertrage das— nur kleine Geduld! Er trank Semakuang köſtlichen Wein aus Laos“ zu. Der Prieſter ſaß ihm zu antheillos, und er frug, was ihn noch bekuͤmmere. Selbſt von nun an die gluͤckliche Zukunft! erwie⸗ derte dieſer; ich kann wohl frei vor Semakuang reden, denn er lehrt uns ſein Geheimniß, oder entflicht dem Kerker nicht mehr. Aber ich traue ihm wohlthätigen Sinn zu, und wie ſollen die Stufen des Thrones dann herrſchen? Ich will Dich hoͤren; ſprach Hiao⸗Ti. Und der Prieſter begann nun geſammelter, den Becher, bedenkend, in der Hand: Alles wird gehen, wenn, wie es ſoll, der Herrſcher immer der Herrſcher bleibt, denn er herrſcht ja nicht durch den Tod allein und die Furcht. Aber wie Deine himmliſchen Vorfah⸗ ren ſchon das ſterbliche Volk nur ſehr allmaͤlig kluͤ⸗ ger werden ließen, und alles Neue, wie zu feurig ſtuͤrmende Roſſe, mit laͤchelnder Gewalt zuruͤckhielten, wie viel weiter auseinander gehalten, wie fein, fein geſchlagen gleich den Blaͤttchen des Goldes, wie lang⸗ ſam und koͤrnerweiſe geſäet duͤrfen die wenigen Guter der Erde, die beſten und nöthigſten ſelbſt dem un⸗ ſterblichen Volke errungen werden laſſen! und den⸗ noch nie Alle, daß es immer mit Hoffnung zum Throne blickt. Auch in der That, verſäumt es nichts, wenn es froh und gluͤcklich iſt, ſei es wodurch es ſei, ſei es nun wie es will oder muß. Auch hat es nun keine Eile! und Jeder wird ruhig ſein, und ruhig das Gluͤck erwarten— und das iſt das groͤßte Gluͤck: ein Gluͤck erwarten! Sonſt und bis hierher draͤngte wohl Man⸗ cher zu ſehr, ſelber vom Ungluͤck gedraͤngt. Jeder Menſch hat nur eine gewiſſe Kraft der Seele, des Lei⸗ bes und vor allen des Geldbeutels; dieſe zuſammen⸗ gehalten, bewirkt ſchon der Einzelne oft Außerordentli⸗ ches— das iſt ſchlimm— geſchweige wenn Viele, wenn Alle die Kraͤfte und ſich zuſammenhielten! Sie tödteten den Drachen am Himmel. Aber was thun Schefers neue Nov. 1. 5 ſte! Wenn ſie dennoch einmal fuͤr das Wahre, was wir wohl kennen, den Anlauf naͤhmen, dann ver⸗ ſchlaͤngen ſie ſelber die Sonne, wenn ſie nicht klug wären. Doch dazu hat es gute Wege, das heißt: keine! Denn welche Kraft verſchlagen die Kinder im Balſpiel! Wie viel Geld vergockelt man am Laternen⸗ feſte, wie viel Klugheit, Liſt und Verſchlagenheit wird abgeleitet, wenn ſich das Volk unter einander im Han⸗ del und Wandel betruͤgt; wenn keine Strafe auf— vaterloſe Kinder geſetzt iſt, und nicht auf das Aus⸗ ſetzen der Tochter und des dritten Sohnes. Wie viel Geſundheit raubt ein Tanz, wie viel Vermoͤgen zu edleren Dingen nur der Putz fuͤr ein Weib, das goldene Haͤubchen fuͤr das Nebenweib, die Ringe fuͤr die Neben— Jungfrauen, und wie beſchaͤftigt dieſer Neid, Gram und Zwiſt die Frauen untereinander, welche Plage geben ſie den Maͤnnern! Welche Arbeit erheiſchen ſie! Aus allen dieſen— wie ein maͤchtiger Strom bei eingeſchuͤtzten Muͤhlräͤdern, voruͤber rauſchen⸗ ſchenden— abgeleiteten Kraͤften dieſer Zeit, die nur das Schachſpiel und die Wuͤrfel hinraffen, koͤnnte man ſehr wohl ein neues Volk bilden, das hinlänglich mit Geduld, Muth, Geld, Zeit, Reichthum und Ehre ausgeſtattet ware! Und nun gar erſt: Wer unſere 30,000 Zeichen der Schrift abſchaffte— wie viel Zeit, wie viel Gelehrſamkeit wuͤrde Der uns auf den Hals buͤrden? Der Himmel bewahre! Wo ſie noch nicht eingefuͤhrt ſind, ſollten ſie es ja werden, damit kein —— Menſch, und wenn er zehnmal ſo alt wuͤrde, als man bisher ward, kaum ſchreiben lernte, geſchweige Etwas, das er zu ſchreiben wuͤßte. O, wer unſtre Schrift er⸗ funden, der kannte die Menſchheit, und was ſie bedarfz und nun ſage ich auch: er ahndete die Unſterblichkeit — die nicht kurz iſt, ſondern lange lange Beſchaftigung bedarf. Aber da helfen wieder unſere tauſend Begehun⸗ gen! Was fuͤr Zeit nimmt ein Beſuch weg! Kann es da zu etwas kommen, kann man da im Ernſt unhoͤflich werden gegen einen Andern, Dritten oder gar einen Man⸗ darin, der mit dem Stocke hinter ihm wandelt? und das oftere Anziehn während des Tages, die zehn Klei⸗ der, die wir uͤbereinander tragen, der Thee, der heilige Thee, den hat der Himmel uns ſelbſt zum Heile ge⸗ geben! Thee muß alles Volk trinken vom Aufgang bis zum Niedergang, nicht Wein; Reis muß es hoͤchſtens eſſen, keinen Biſſen Fleiſch, hoͤchſtens Fiſche, weichliche Fiſche, und nur an gewiſſen Tagen. Auch muß man ſofort die Aufmerkſamkeit von der Sing(der Natur) um uns ablenken, ſie zu einem Bilde machen, daß ſie niemandem in ihrer eigenen Kraft erſcheine; ſie muß der Menge ſchrecklich, abſcheulich oder doch klein vor⸗ kommen. Drachen muͤſſen am Himmel verſteckt woh⸗ nen, die das tagmachende Geſtirn verſchlingen wollen, des Jahrs ein paar Mal. Der Lärmen der Trom⸗ meln und Becken muß das Denken dabei uͤbertaͤuben und die Furcht wahr machen, da ſie hoͤrbar gemacht iſt. Wir muͤſſen Schauſpiele haben, wozu wir das 5* — 66— ganze Vorrathshaus der Natur ausplündern, und ihre Dinge ſchnurrig und laͤcherlich auf die Schaubuͤhne bringen, die Wallfiſche mit Kinderruthen ſchlagen, die feuerſpeienden Berge auf Raͤdern fortrollen, das Meer von einem Cameel austrinken laſſen, damit ſie hoͤch⸗ ſtens menſchliche Gedanken von der Welt bekommen. Menſchen muͤſſen ſie ſeyn, und der Menſch iſt, auch von nun an, ein jämmerliches beſchraͤnktes Ding, ein Sandkorn gegen die Erde nur, und ein Volk nur ein Sandmeer. Aber noch hat man es zu nichts gebracht, wenn es uͤber ſein Leben und Treiben— lacht, und es verachtet, und uns— ich meine uns Prieſter— dazu. Ernſt, feierlich, heilig muͤſſen ihm ſeine Spiele, ſeine Begehungen, ſeine Pagoden ſein! Erhaben muß ihnen ſein, wenn ſie nur einen gruͤnen Palankin ſehen; goͤttlich, wenn eine Perle auf dem goldenen Knopfe der Mutze glanzt. Dann iſt es ſelig. Wetter, Götter, Saat und Erndte, Neumond und Finſterniß muͤſſen wir machen, indem wir es verkuͤnden; ſelbſt den Paß in den Himmel muͤſſen wir Prieſter erſt geben, wenn er kuͤnftig noch noͤthig iſt. Darum wird es nicht genug ſein, daß unſer lebendes Oberhaupt der himmliſche Doctor(Tien⸗ßen) dort in Kianſi in goldenem Hauſe wohnt, daß das Volk zu ihm ſtroͤmt; nein, auch ſeine Diener uͤberall muß man mit Ehren und Gold, und wie Du gethan, o Herr, mit ſchoͤnen Weibern uͤberhaͤufen. Sie muß man zum Himmel heben, dann bleiben Alle im Himmel⸗ — 6— Die ſchoöͤnen Weiber? frug Hiao⸗Tk lächelnd den ſchlauen, das Wohl ſeiner Mitgenoſſen zum Voraus ſchmiedenden Prieſter; Du ſiehſt, ich ehre ſie ja! Und von dem unterdeſſen genoſſenen Weine faſt berauſcht, drang er jetzt in Semakuang, ihm ſich zu offenbaren. Alte vergeſſene Weisheit! ſprach dieſer. Wenn unſer Lernen ein Erinnern iſt, ſo moͤcht' ich wiſſen was der Menſch vergeſſen! rief der Prieſter. Vor allem glaube, wendete ſich Semakuang ietzt mehr an dieſen, unſer Geheimniß beruht auf Et⸗ was, was alle Menſchen täglich thun; dem Gemein⸗ ſten iſt es abgelernt, und nur ausgebildet nach unſe⸗ rem Wunſch. Du umgehſt es nicht! ſprach der Prieſter geſpannt. Nach Anleitung der Natur, fuhr Semakuang gelaſſen fort, und mit ihren Mitteln— doch ach, ſtets in ihren Schranken wird der Menſch' noch ganz Ande⸗ res können— aber auch wollen, wenn er weiſe iſt Denn jedes ihrer Geſetze iſt ſchön, jeder ihrer Zuſtande vollkommen, ihr Reich unermeßlich und wunderbarer als der Traum ihres Kindes. Der Kaiſer ward ungeduldig. Ich darf die theuern Meinen nicht der Welt ver⸗ rathen! ſprach Semakuang mit der, durch ihre Ruhe bekundeten, Unbeſiegbarkeit, die in ihrer Sicher⸗ heit die Furcht nicht kennt. Hiao⸗Ti ſtand auf und winkte dem Prieſter. Ich duͤrfte Dich vom Thurme ſtürzen! ſprach dieſer. MNur unſer Vortheil macht dein Leben theuer! Aber der Zorn koͤnnte uns den einen Augenblick vergeſſen laſſen, und der Augenblick waͤre fuͤr Dich der letzte! Nun wohl, ſprach Semakuang merklich erblaßt zu dem Prieſter, ſo denke uͤber die Worte nach: Wie viel iſt der Schlaf, wie viel bedeutet er, und wie viel koͤnnt' er erſt ſein— auch wie lange.—— Sichtbar uͤberraſcht brach er ab. Iſt das dein letztes Wort? frug Hiao⸗Ti. Mein letztes! verſetzte Semakuang. Nun wohl! Er hat es geſagt, ſprach der Priſt⸗ es ſoll ſein letztes ſein. Und waͤhrend der Kaiſer zornig umher ging, ſei⸗ nen Mantel umwarf und ſich wie vor der Sonne verhuͤllte, fuͤhrte der Prieſter den ſchweigenden Sema⸗ kuang die Treppe hinab, und tiefer hinab in den Kerker, ſchloß auf, ſchloß hinter ihm zu und Sema⸗ kuang wußte nicht, als er in dem Duͤſter wieder ſahe, ob er zur Strafe, zum Lohne, oder zur Ver⸗ lockung und zu neuer Liebe am Leben gerade in dieſes Gefängniß gebracht ſei. Denn er erkannte die junge ſchoͤne Lamoliſchwia, die aus jenem Thurme druͤben hierher gebracht, jetzt auf ihren weißen Arm geſtutzt mit froher Verwunderung ihm in die Augen ſah. „ IV. Die Reiſe zu den Vorfahren⸗ So wie die Feuersbrunſt zum Loſchen leuchtet, Hilft alles Boſe ſelber ſich vertilgen. Semakuang näherte ſich ſtill und wohlwollend dem großen Tiſche, gruͤßte den jungen Mann der dar⸗ an ſaß, die ältere Frau und zuletzt. das wunderſchoͤne Madchen. Aber ſie dankten ihm nicht, und ſaßen ſtumm und ſtarr. Er konnte die Gebilde fuͤr todt halten, ſo lange blieben ſie ohne zu athmen ruhig. In dieſem Schloſſe konnte er alles Ungewöhnliche, Selt⸗ ſame, ſelbſt das Zauberähnliche erwarten; da aber das ſchoͤne Mädchen, wie er bei dreiſterem Anblick fand, auf das Täuſchenſte Lamoliſchwia glich, die ihm die Orangen uber die Gartenmauer herabgeſchuttelt, ſo ſteiten die beiden andern Geſtalten gewiß ihre Mutter und ihren Bruder vor, und er befand ſich mit ihnen jett in demſelben Gefaͤngniß, in welchem der Colas —2— nur ihre Bilder von Wachs zuruͤckgelaſſen. Aber was entdeckte er in dem Nebenzimmer?— ſie alle drei, die Lebendigen, die auch wieder hierher gebracht worden waren zu ihren Gebilden. So konnte er ungeſtoͤrt an dem koſtbaren Mädchen ſein Auge weiden, aber nicht unbemerkt von Lamoliſchwia ſelbſt, deren ſchoͤnes Geſicht er in wenigen Tagen auswendig konnte, wie ein geiſtvolles Gedicht. Sie entzog ſich ſelbſt ihm beſcheiden und verſchaͤmt in das Nebenzimmer, und nur wenn das Eſſen gebracht ward, erſchien ſie, erroͤ⸗ thend. Molieuſa, ihre Mutter, war zu ſtolz mit ihm zu ſprechen, ihr Bruder, der ohngefaͤhr achtzehnjaͤhrige Suen⸗Ti zu verſunken in ſein Geſchick; und nur der Gefangenwaͤrter deſſelben, der jetzt hier mit gefan⸗ gen war, jener Lehrer des Prinzen im Garten, troͤſtete ihn. Semakuang gedachte an die ſchoͤngeſtreifte Schnecke, die langſam aber ſicher kommt, und ploͤtz⸗ lich da iſt. Es ſchien aber wirklich, als wenn der Prieſter ge⸗ wollt, daß er Neigung fuͤr Lamoliſchwia faſſen ſolle, damit auf ihn zu wirken waͤre, und die Urſache, oder den Keim dieſes Gedankens erregte ſie wirklich in ihm. Denn wenn das Reiſen geruͤhmt wird, als ein Mittel: Menſchen bald mit einander hekannt und ver⸗ traut zu machen, ſo vermag es zuſammen erduldetes Ungluͤck im Kerker noch mehr. Hier iſt kein Grund fuͤr den Guten: ſein Herz zu verſchließen, ſondern viele Gruͤnde: ſich mitzutheilen, zu klagen, zu wuͤnſchen und zu verwuͤnſchen; und aus ſeinen Klagen und Wuͤn⸗ ſchen iſt ja der Menſch am Beſten zu erkennen, und am ſchnellſten lieb zu gewinnen, wenn jene ein reines Herz verkuͤnden. Auch mochte der Prieſter mit Recht vorausſetzen, daß ein mit dem erſten Feuer erſehnter und noch in ſeine Reize verhuͤllter Gegenſtand mächti⸗ ger ſey, als wenn er dem Liebenden ſchon ſich verhei⸗ ßen, oder ſchon Jahre lang in ſeinem Beſitz iſt. Denn ganz zu ungewoͤhnlicher Zeit ward der Schluͤſ⸗ ſel in das Schloß geſtoßen, und der Prieſter trat ein. Er war gewaffnet, mit einem Schwert umguͤrtet, und ſein Haupt bedeckte ein Helm von blankem Stahl, mit einer Spitze von Stahl wie ein Dolch auf dem Wir⸗ bel. Er nahm ihn ab vor Erhitzung und Eifer, warf ihn hin, und trocknete ſich die Stirn. Auch die zwei Wachen welche an der Thuͤr ſtanden, waren zwar Prie⸗ ſter, aber ebenſo gewaffnet. Däs erklärte Se⸗ makuang und den Andern einigermaßen jenes ver⸗ worrene Getoͤſe im Pallaſt, daß auch bis in ihren ent⸗ legenen Kerker geſchollen, und den Hall der großen Sturmglocke, die faſt eine Stunde um Mitternacht wie ein verwuͤnſchter Geiſt von dem Wachtthurm herab gebruͤllt hatte. Sie ſahen ſich jetzt faſt erſchrocken dar⸗ uͤber an. Der Prieſter aber nahte ſich Semakuang ſehr wohl⸗ wollend, ging mit ihm zu dem großen Tiſche, deutete mit dem Finger auf die Geſtalt der Lamoliſchwia, und frug ihn leiſe: Willſt Du ſie verdienen? Entdecke was Du weißt— wir beduͤrfen es jetzt am höchſten und ſie iſt dafuͤr dein! Semakuang blickte waͤhrend dieſer Rede geruhrt und bewegt auf Lamoliſchwia, und als der Prieſter hin⸗ zuſetzte:„eine lange Abweſenheit von dem Weibe iſt eine ſtille Verſtoßung; wer aber wie Du von La⸗M oe, ein Menſchenleben von ihr ausbleibt, den hat das Al⸗ ter und der Lauf der Welt geſchieden;“ da ging er von dem Verſucher mit niedergeſchlagenen Augen hinweg. Sein Entfernen ſchien ihm verrätheriſch, und ſo murmelte er argliſtig ihm nach: Das Mittel, das hilft, iſt goldeswerth! Er ließ nun von den Wachen zuerſt Suen⸗Ti an den in der hoölzernen Wand befeſtigten zangenähnlichen eiſernen Leib-Ring ſchlie⸗ ßen, und zwar mit dem Geſicht gegen die Wandz dann eben ſo ſeinen Lehrer, und die erbitterte aber vor Zorn verſtummte Molieuſa. Lamoliſchwia blieb mit feuchten Augen und gefalteten Händen mit⸗ ten im Zimmer ſtehn. Da ſtehſt Du gut! ſprach der WPrieſter ihr nahend. Er ergriff den Ring der an der hölzernen Saͤule hier mitten im Gefängniß befeſtigt war, und legte ihr ihn nun ſelbſt um den ſchoͤnen Leib; aber der Leibring bewegte ſich an einem Reif um die Saͤule, und ſo konnte das arme Mädchen zwar weichen, aber nicht fliehn. Vor Schaam loͤſte ſie mit den Haͤnden ihr reiches ſchwarzes Haar, ließ es nach vorn fallen, und verbarg ihr ſchoͤnes Antlitz darin, nicht ohne dadurch hervor zu ſpaͤhen. Semakuang gluͤhte vor innerem Grimm. Der Prieſter bemerkte das gern, ließ ihm nun die Haͤnde auf den Ruͤcken binden, ohne ihn weiter die Freiheit zu nehmen und ſprach laͤchelnd:„Das wird gehn!“ Jetzt hieß er die Wächter hinaus gehn und draußen die Thuͤr bewachen. So geſchahe es.„Nun will ich, nicht Dich, das ſey ferne! nein— dein Herz nur fol⸗ tern, daß es auf die Zunge tritt!“ ſprach er zu Se⸗ makuang, der unbewegt ſtand. Li⸗chaokiun nahm aber aus einem kleinen, im Buſen verwahrten Gefäß, mit geſchicktem Griff eine Otter heraus, deren prachtvolle Zeichnung er Semakuang beſehen ließ, und dann— Lamoliſchwia mit ihr bedrohte. Sie wich zuruͤck ſo weit ſie konnte, dann erblaßte ſie und ſchloß die ſchoͤnen Augen, waͤhrend ſie ſich⸗ mit dem vorgehal⸗ tenem Arme zu ſchutzen meinte, und bebte— fuͤr einen Mann ohne Herz ein entzuͤckender Anblick. Aber die Mutter ſtöhnte an der Wand, der Bruder kehrte ſich mit Gewalt in dem Ringe um, und der Lehrer ſprach zu ihm:„Wann muß man Geduld haben? das iſt eine von den Stunden von denen ich Dir ſagte!“— Li⸗chaokiun verſuchte jetzt dem regloſen Maͤdchen die Otter auf die Hand zu ſetzen, indem er mit den Augen Semakuang ftug. Die Gefolterte weinte und war todtenblaß. Jetzt ließ Jener die Otter ſchon an ihren Hals ſtreifen, da ſchlug ſie die Augen auf, —— und ſie blieben flehend auf Semakuang ſtehn, und ihre Lippen bewegten ſich lautlos.—„Bitte ihn, daß er ein Wort ſagt! bat beinahe der Prieſter, ſo erlöſt er dich gleich, und Er iſt Dein, oder Du ſein — wie ihr wollt.“ Da ſchloſſen ſich ihre Augen leiſe zu, wie Blumenglocken zur Nacht, und das Geſicht der Blaſſen uͤbergoß eine Roſenfluth— und nun ſchlug ſie die ſchönen Augen nicht mehr auf. Semakuang ſtand wie von Eiſen gegoſſen und ſprach kaum athmend: Mich laß die Otter tödten!— Der Prieſter lächelte zufrieden, und glaubte ihn nun fortquälen zu muͤſſen, nur noch zehn Athemzuͤge lang. Semakuang aber baͤndigte ſeine nur gewaltſam verhaltene Wuth nicht mehr. Seine einzige Waffe war ſein Kopf; und er wollte, da er wie ohne Hände war, ſich ſelbſt wie ein Wurfgeſchutz gegen die Bruſt des Raſenden werfen. Er beugte ſich ſchon. Da er⸗ lickte er den Helm mit der Dolchſpitze darauf am Bo⸗ den, und während der Prieſter ſich an der Schoͤnheit des Mädchens voll ſtiller Bewunderung faſt ſelbſt das ſtrenge Herz ruͤhrte, kniete Semakuang hin, fuͤgte den Kopf in dem Helm, während die Spitze dazu ge⸗ nug an den Dielen ſich ſtemmte, ſprang auf und rannte mit vorgehaltenem Kopf nach dem Manne, um ihn zu durchbohren und aufzuſpießen. Er that einige Schritte mehr, als er gerechnet, denn der Prieſter war auf die Seite geſprungen, und mit der Kraft der Wuth rannte er, den Dolch auf dem Haupte, in die Säule, daß er betäubt, feſt daran wie ein Schwertfiſch gebohrt ſtand und mit Schmerzen, als habe er ſich den Kopf zerſchmettert, und nur der gewoͤlbte Helm halte ihn noch zuſammen. Da nahte der Prieſter ſchnell, ſchnallte den ſtarken Kehlriemen feſt und behende zu, betrachtete den von ſich ſelbſt Gefangenen und Beſtraften, und ſprach:„So ſtehe zu deiner Strafe!“ Dann rief er die ihm im Schreck entgleitete Otter beim Namen; ſie kam, legte ſich ſelbſt gehorſam in das hingehaltene Ge⸗ faß, und er ſprach zu Lamoliſchwia: Sei ohne Sorgen! das Gift war ihr benommen. Aher Lamo⸗ liſchwia war ohnmaͤchtig an der Säule hingeſunken, die ſie wie eine gebeugte Rebe hielt; die Gefeſſelten ſtohn⸗ ten wieder tief an der Wand; er riß die Thuͤr auf, ſchloß zu, und ſchritt mit bloßem Haupte davon. Aber wie Lamoliſchwia vorher nicht vermocht Sema⸗ kuang zu bitten: ſie zu erlöſen, weil ſie ſelbſt zum Preis ſeines Geſtaͤndniſſes werden ſollte, noch ohne ſein Herz zu kennen, und ohne das ihre an ihn zu verra⸗ then— ſo vermochte ſie auch nicht, als ſie und er ſich erholt, ihn zu befreien, ihn anzuruͤhren, nur ein Wort zu ſagen. Ihre Thränen konnte er nicht ſehn; aber als ob er ſie geſehn, faßte er ſie an der Hand, und hielt ſie und fragte leiſe: Kannſt Du mir verge⸗ ben? Da entzog ſie ſich ihm, und beide ſtanden geſon⸗ dert und ſtill in Geduld. Nach einiger Zeit fullten ſich die Gänge draußen mit Menſchen, Gerauſch erſcholl, alle Thuͤren wurden . aufgethan, und auch ihre ging auf. Der Gefaͤngniß⸗ aufſeher trat ein, von Andern begleitet, die Lanzen, Helme, Schilde, Bogen und Pfeile trugen. Er ſtand uberraſcht. Dann hob er das hingeworfene Schluͤſſel⸗ bund auf und löſte zuerſt Molieuſa's Band, die eilte ihrer Tochter beizuſtehn; dann des Prinzen, der wieder⸗ um Semakuang den Kehlriemen loͤſte, daß er den Kopf aus dem Helme befteien konnte. Und als auch der Lehrer aus ſeinem Ringe los war, und aile erwartungs⸗ voll ſtanden, ſprach der alte Gefangenwaͤrter: Ihr ſeid erloͤſt! ihr ſeid frei in den Raͤumen des Pallaſtes; waffnet Euch, und vertheidigt die Stufen des Thrones! Wir ſind uͤberfallen, wie es donnert und trifft aus hei⸗ terem Himmel. Die beſten Freunde haben ſich plotzlich in die bitterſten Feinde verwandelt, wie weiße Kroko⸗ dill⸗Eier durch die Gnade der Sonne zu Krokodillen werden! Darum werdet Ihr zu Freunden! wie fleckige Tigerfelle zur Decke! Fleckig? lächelte der Lehrerz aber Decken wollen wir ſein!— Alle waffneten ſich unbedenklich. Die Frauen ſahen mit beklommenen Herzen zu. Suen⸗Ti bot jetzt der Mutter zum Scheiden die Hand. Aber ſie ſprach: Du willſt gehn! Dein Leben wagen, verlieren? todt ſollen ſie Dich mir wiederbringen— nein, das wuͤrden ſie nicht— todt unter die Feinde werfen! Ja geh! eile, ſprach ſie jetzt mit verändertem Sinn und erregtem Gemuͤth; alle Hoffnungen richten ſich auf einmal mir auf in der Bruſt, wie vom Schnee entia⸗ dene Bluͤthenzweige— geh— aber hinaus! hinuͤber zu den Stuͤrmenden, und Du eroberſt Dir dieſes Haus und Reich! Er geht, entgegnete ihr der Lehrer fur ihn; denn bie letzte Biene ſelbſt vertheidigt noch ihre Koͤnigin; aber er wird nicht Zwieſpalt ſtiften! Nur Einer huͤthet die Heerde wohl! Einer ſei Hirt! Denn ein Herr von vielen Schaafen wollte gern erfahren, wie ſie am beſten gediehen? Tauſend Schaafe gab er nur Einem Hirten; und Einem Schaafe ſogar zwei Hirten. Als das Jahr nun um war, kam er zu den Heerden. Die zwei Huͤ⸗ ther hatten, Jeder das Schaaf auf ſeine Weiſe und zu ſeiner Zeit huͤthen und ſcheeren wollen; das arme Thier ſah erbarmlich aus, eine Seite war geſchoren, die an⸗ dere voll langer Wolle, halb fror es, halb ſchwitzte es, und vor lauter Huͤthen war es zu Schanden gehuͤthet. Die Heerde von tauſend Schaafen dagegen war freudig anzuſehn, aber der eine Hirt hatte ſich faſt zu Schan⸗ den gehuͤthet, doch die Freude über die Heerde ſtand auf des muͤden Hirten Geſicht als ſein verdienter Lohn.*) So iſt es, ſprach Suen⸗Ti, und Gutes durch Boöͤſes erlangen, verwandelt das Gute in Boͤſes; dar⸗ um erlangt ein Boͤſer uͤberall nur Boͤſes fuͤr ſich. Ich will nicht ſchlechter ſeyn als die Biene. ———————— *) Chineſtſche Fabel. Eeine Mutter ſollte lauter Töchter haben! ſeufzte Molieuſa bewegt. Dann waͤren nur lauter Weiber in der Welt! laͤchelte der Lehrer. Ach fuhr ſie fort, wir begreifen Nichts von dem Leben und Streben der Soͤhne, und muͤſſen ſie gehn laſſen! Was edel iſt, ſprach der Lehrer zum Abſchied, be⸗ greift der Geringſte: nicht Alles nehmen, ſondern Al⸗ les hingeben, ſelbſt das Leben; und meinſt Du, ver⸗ diente es Jemand— der Jemand nicht— das iſt nur ſchlimm fuͤr Ihn— wir verdienen uns doch den Tagelohn der Welt! Die Mutter druckte die Ballen der Haͤnde in die Augen, als ſie gingen, zu weich es zu ſehen, und zu ſtolz, zum weinen. Wie ſie ſo ſtand, kußte ſie der herrliche Sohn; auch Semakuang reichte beſcheiden Lamoliſchwia die Hand, aber ſie ſtand unbeweg⸗ lich und ſahe zur Erde. 33 Die Frauen waren allein. Gegen Abend hallte die Sturmglocke wieder, und bedeckte gleichſam mit ihrem Hall zuletzt den Pallaſt wie mit einem ſummenden Netz. um Mitternacht ſchwieg ſie, und der grelle Schein gegenüber an den Wänden bezeugte die aufge⸗ gegangene Feuersbrunſt. Und nach einer angſtvollen Stunde voll immer verſtärkten, immer nähern Getoͤſes, trugen Semakuang und der Lehrer, der Mutter den Sohn daher. Dankt ihm Dieſem! ſprach der Lehrer —— zur Mutter und Schweſter, auf Semakuang zeigend. Lamoliſchwia ſah ihn mit Thraͤnen glaͤnzenden Au⸗ gen an, und ihr wehmuͤthiges Antlitz laͤchelte ihm gleichſam die Seele zu. Der in die Schulter Gehauene ward unter ſanften Vorwuͤrfen und Klagen verbunden, und die Mutter blieb bei ihm auf ſeinem Lager ſitzen. Als er darauf zu ſchlummern ſchien, frug ſie den Lehrer nach den Urſachen der Vertheidigung. Hiao⸗ Ti bezahlt nur eine Schuld ſeiner Jugend, antwortete er leiſe; ſeine Feinde ſind die Nachkommen des von ihm einſt gemordeten Prinzen, aber zahlreich genug, da ihn Niemand vertheidigt, als die der Waffen unkun⸗ digen Prieſter, von denen die Hoͤfe voll ſind, weil ſie meinen: ein kuͤnftiger Herrſcher koͤnne ſie wieder von ihren Weibern ſcheiden; und verſammelt waren ſie hier, um mit dem Hofe die jaͤhrliche Reiſe zu den Vor⸗ fahren im Pracht-Aufzuge mit Fahnen, Namen, Wappen und Fackeln zu machen; aber ich fuͤrchte, ſie werden Alle noch dieſe Nacht ihren Vorfahren nach⸗ fahren! Alſo auch wir! erbebte die Mutter, und hielt den Sohn feſter mit ihrer Hand, und umſchlang mit der andern die bleiche Tochter. Jener aber, ſie mit ihrem Jammer uͤberhoͤrend, fuhr fort—— denn draußen ruͤhrt ſich keine Hand! die Glocke heulte umſonſt wie auf einem Schloß in der Wuͤſte. Denn dem unſinnigen Volke iſt es einerlei geworden: wer es beherrſcht; weſſen Name, mit dem Schefers neue Nov. I. 6 immer rothen Pinſel gemalt, unter den Verordnungen ſteht. Aber wer ihm wohlthut, ſchenkt, erlaͤßt, den preiſt es als Herrſcher, das nennt es beherrſcht ſein.— Es ſcheint in der That etwas furchtbar, daß wir hier ſitzen! ſprach er zuletzt aus nicht zu verbergendem Schmerz. Semakuang ging indeß in ſichtbarer Angſt um⸗ her, denn er hatte draußen geſehn, daß kaum noch Zeit zur Rettung wäre, aber wohin? und wer ertettete ihn, und wie? Er ſtampfte vor Entruͤſtung mit dem Fuße, er zog ein Hifthorn hervor, er ſetzte es an den Mund, er horchte, und ſetzte es wieder ab— das verworrene Geſchrei verkundete ihm: die Burg gehe uͤber. Er trat beſcheiden zu Lamoliſchwia und ſagte ihr leiſe: nur Dich wunſchte ich retten zu koͤnnen, aus den Haͤnden der Zuͤgelloſen! Das wollteſt Du wirklich? frug ſie ihn kalt; aber Du haͤltſt ja auf Ehre! ſetzte ſie nachlaſſend hinzu, und als er ſie wehmuͤthig anſah, ſprach ſie, ſich ab⸗ wendend: Dein Schweigen iſt meines werth! Jetzt erſcholl nicht ganz fern der Ruf eines Hift⸗ horns. Semakuang ſprang vor Freude auf, er wollte in ſein Hifthorn ſtoßen, aber er zitterte, daß er es kaum anſetzen konnte, und dann fehlte ihm der Athem. Zetzt ſcholl es naͤher und dringender. Er reichte es an der goldenen Kette Lamoliſchwia hin: Errette Dich! ſtammelte er; aber ſie fuͤhrte ihn zu dem Lehrer, und waͤhrend dieſer Anſtand nahm— ent⸗ fernte ſich draußen der Ruf des Hornes. Da faßte ſich endlich Semakuang, trat in die Thuͤr und ſtieß mit Macht in das Horn. Und nach kurzer Friſt tra⸗ ten in voller Eile drei Maͤnner herein, die Sema⸗ kuang ergriffen, ja, da er noch zauderte, ihn forttra⸗ gen wollten. Auch der Tod will Zeit! o Thakon! ich zählte auf Euch! ſprach er, ihm zum Dank die Haͤnde druͤckend.— Seine Zeit iſt hier voruͤber— bis auf Euch und uns, wenn Du nicht eilſt, ſprach raſch die hohe Ge⸗ ſtalt in der gelben Kleidung der kaiſerlichen Leibwachen. Hiao⸗Ti iſt ſelbſt der Tod geweſen! Wir mußten ei⸗ nen Umweg nehmen durch die Zimmer der Frauen und Knaben— die Buͤrgen der Unterkonige und erſten Beamten des Reichs— und wie ſie treulos, antheil⸗ los geweſen, liegt dort— die Buͤrgſchaft erwuͤrgt! Seine Frauen und Nebenfrauen, und alle ſeine ſchoͤ⸗ nen Maädchen hat ſein Befehl, oder nur ſein Rath an ſeidene Schnuren aufgehangen in ihren Zimmern, auch Tiono, ſeine kaum geneſene Tochter, liegt todt und noch blutend, keuſch verhuͤllt auf ihrem Bett! Der Reichsgeſchichtſchreiber wandelt im Morgenlichte, ſelber unantaſtbar und heilig fur Freund und Feind in ſeinem allbekannten himmelblauen Talar, ſtill und blaß wie ein Geiſt in den ſtillen Gemaͤchern durch die wir ſchrit⸗ ten. Komm!— 6* Da trat der Kaiſer ein, in ſeinem hoͤchſten Schmuck. Nur wenige Wachen begleiteten ihn. Er hatte den Mund offen, um genug Athem auf einmal zu ſchoͤpfen; die Zuge ſeines blaſſen Geſichts waren wild und ver⸗ worren, ſein ganzes Weſen in höchſter Spannung, und ſo ſahe er aus, als waͤr' er lebendig dem Grabe ent⸗ ronnen, und furchtete mit jedem Schritt in ein neues zu ſtuͤrzen.— Wo iſt Si⸗Wen? frug er kalt und doch innerlich gluͤhend. Der Lehrer deutete ihm auf das Lager; Hiao⸗Ti winkte den Wachen, und mit gezuͤcktem Säbel trat der Entſchloſſenſte zu dem Haupte des Prinzen. Die Mut⸗ ter ſprang auf und ſtieß ihn hinveg. Da trat der Kaiſer ſelber ihn an.—— Er blutet noch für Dich! ſprach die Mutter, ihm in die Arme fallend; er hat fuͤr Deinen Thron gefoch⸗ ten, bat der Lehrer; aber Semakuang ſprach ernſt zu Hiao⸗Ti: Deine Vorfahren benutzten ihren letzten Athemzug ihren Nachfolger zu ernennen— Du benutzt ihn dazu, den letzten deines Stammes zu verderben— iſt das werth, daß ich Dich rette? Mich retten! ſtöhnte Hiao⸗Tiz wer kann mich noch retten! Ich! und die Meinen, wenn Du noch an ſie glaubſt! rief Semakuang; wer von Euch, Freunde, kommt mit? „ 66— Wir führen Euch ſicher auf ungewohntem Wege hinaus! verſicherte Thakon; wen Du mitnimmſt, der entſchließe ſich ſtracks! Ware ich eine Mutter, wenn ich den Sohn ver⸗ ließe? ſprach Molieuſa, aber— die Tochter! fuͤhre ſie mit! mein Kind, geh' mit! Fliehe! Du biſt ein Weib! bat ihr Bruder ſich auftichtend, und wieder zuruͤck ſinkend; fliehe! rief er noch hingeſunken. Lamoliſchwia lag in den Armen der Mutter, die uͤber ihr weinte, dann ſie raſch von ſich ſtieß, daß das Maͤdchen allein ſtand rathlos mit ausgeſtreckten Haͤnden. Komm'! drang der Kaiſer in ſie, indem er ihre Hand ergriff und das unentſchloſſene Kind zu Semakuang zog. Dieſer aber ergriff ſie, ſie blickte noch einmal zuruͤck, bedeckte die Augen mit einer Hand, und fortgezogen, draußen aber mehr wie die Uebrigen eilend, zog ſie nun Semakuang fort. Die fremden Maͤnner, Thakon an der Spitze, fhrten die Fliehenden raſch durch verſchiedene Gänge. Als aber Hiao⸗Ti erkannte, ſie wendeten ſich nach den Zimmern der Kaiſerin, wollte er nicht folgen, ſondern verhuͤllte ſich in ſeinen Mantel und blieb ſtehen. Sie drohten ihn hier zu verlaſſen. Tief aufſeufzend entſchloß er ſich endlich; aber verhuͤllt bleibend, begehrte er, daß man ihn fuͤhre. Und ſo geſchah's zwar ungehindert, obſchon nicht unbemerkt. Alle Thuͤren ſtanden offen, die Zimmer waren wirklich wie ausgeſtorben, und der Glanz der Mor⸗ genrothe wallte friedlich und ſchrecklich darin. Um den alten armen Manne nicht weh zu thun, der wohlmei⸗ nend und aus Ehrgefuͤhl ſo Grauſames verhangen, ſchritten ſie ſtumm, und mit dennoch nicht zu verhal⸗ tendem Seufzen zwiſchen den ſchoͤnen blaſſen todten Knaben hinweg. Dann weiter hin durch das Zimmer, wo die drei Koͤniginnen das Gift genommen und feſt ſich umſchlungen hielten, die offenen Augen noch gegen den Himmel gewendet, und von ſeinem Morgengewoͤlk einen ſanften Schein des Lebens auf ihrem ſchoͤnen Ge⸗ ſicht! Der goldene Becher blinkte vor ihnen ſtehend auf dem kleinen Tiſche— nicht mehr wie bekanntes Gold, ſondern wie ein niegeſehenes Zaubergefaͤß in einer wun⸗ derbaren, in ihrem Glaͤnzen unerforſchlichen, einſamen — und doch den Menſchen bekannten, gewohnten und ſchaudernd verwuͤnſchten Zauberhöhle. Sie ſtanden unwillkuͤrlich ſtill. Wo ſind wir? frug Hiao⸗Ti in ſeiner Ver⸗ huͤllung. Nirgend! antwortete Semakuang. Ich wuͤnſchte das waͤre nirgend! ſeufzte der Alte. Sie fuͤhrten ihn weiter. Richtet Ihr mich? rief er, ihnen folgend, daß ihr mich hier durch fuͤhrt!— Heißt denn das den Menſchen richten, ſprach Thakon, wenn man ihn durch die Halle ſeiner Tage, durch ſeine Thaten noch einmal fuͤhrt, daß er nun ſeine Seele ſieht wie ſie innerlich war? So iſt's, antwortete Hiao⸗Ti dumpf. — 87 In einem der letzten Zimmer aber ſahen ſie ein koſtbar geſchmuͤcktes Weib im blauen Gewande, große Perlen im aufgeloͤſtem Haar, mit verborgenem Geſicht an einem Bette knieen. Ihre Hand war ſtarr, aber ſie hielt noch ſtarr die zarte Hand eines Maͤdchens, die unter weißſeidener Decke hervorhing, womit es bis uͤber den Kopf mehr verborgen, wie nur zugedeckt, ohne Regung lag. Aber die Decke war gefärbt von hellem Blut. Alle ſtanden und ſchwiegen lange vor Mitgefuͤhl und Erſtaunen. Raſch entbloͤßte Hiao⸗Ti ſein Haupt; er ſahe wohin alle ſahen, und ſprach in tiefſter Weh⸗ muth zu der knieenden Geſtalt: mein armes Weib! arme Mutter! ſchon den Tod in den Adern, haſt Du dich noch hergeſchleppt zum Bette unſerer Tochter, und auch todt ſcheinſt Du ſie noch zu beklagen und muͤtter⸗ lich zu lieben! O, es iſt etwas Heiliges um die Todten! Er kuͤßte ihr Haupt, zog dann ſanft die Decke hinweg, hielt ſie mit ausgeſtreckter Hand, und ein himmliſches Madchenbild in weißem Gewande ward ſichtbar, ein blaſſes lächelndes Antlitz, das immer holder zu lächeln ſchien, je läͤnger er hinſah und wahrend ihm die Augen in Thränen verſchwommen, murmelte er, wie zuͤrnend, und ſcheu zugleich vor der Todten zu Semakuang: hier ſiehe her! Semakuang; war ein Opfer zu viel, das ich einem ſolchen Weſen brachte? ſprich Ja, wenn Du kannſt! und doch iſt der Tod, den ich täglich fuͤr ſie ſtarb, nun ihr Schutz und ihr heiliger Huͤther! Den Menſchen iſt ſie entriſſen, aber wohin, wohin geſchleudert, ich weiß es nicht, und doch erſtaun' ich vor dem Reiche des Todes, als wirkli⸗ chem Tod. O ſo iſt doch eine Zuflucht dem Men⸗ ſchen immer offen! bei Ihm! Was er empfaͤngt, das giebt er Keinem zuruͤck— dem Haſſenden nicht, dem Verfolger— aber auch nicht dem Liebenden! nicht Va⸗ ter und Mutter! Semakuang konnte ſich nicht ſatt ſchauen an dem ſchoͤnen Gebild, er weinte Thränen zum Opfer der Jugend und Schoͤnheit, und zum Opfer dem Vater und der Liebe!— Komm'! zog er ihn ſanft; dein Sohn lebt!—(Hiao⸗Ti verwandte kein Auge) dein Weib hat ihn ſchon voll Ahndung gerettet. Er iſt bei meinem— bei dem Colao. Laß ihn leben! ſprach der Vater. Die Lebenden freuen uns nicht ſo herzinnig, als uns die Todten be⸗ truͤben! eine ausgeloſchene Seele macht, wie die geſtor⸗ bene Sonne, unſere Welt uns finſter. Laßt mich noch uͤber ihr weinen! Uebet Geduld! Er ſetzte ſich jetzt auf das Lager, umſchlang ſeine Tochter, kuͤßte ſie auf die Stirn, auf Augen und Lippen, er wollte mit ſchneller Gewalt ſich wegreißen — da hielten ihn ihre Arme feſt und zogen ihn wie⸗ derum zu ſich nieder. Ein Laut des Erſtaunens erſcholl umher von den Zuruͤcktretenden. Auch er blieb wie vor Erſtaunen in ihren Armen. Dann erhob er ſein Haupt, und ſah ſein Kind mit beſtuͤrzter Liebe an. — 89— Du lebſt! meine Tiono, Du lebſt? ſtammelte der alte Mann. Mutter, ſteh' auf! ſie lebt!— ſprach er wie von Sinnen vor Freude. Die todte Mutter aber blieb auf ihrem Angeſicht liegen, und knieete fort. Ich lebe, o mein Vater! ſprach mit leiſer Stimme Tiono, und„ich ſoll nicht leben!“ ſagteſt Du, vor kurzem— als Du bei mir und der Mutter warſt, um uns vor den Feinden durch den Tod zu ſichern— und nun lebe ich darum zittere ich, und fuͤrchte mich jetzt vor Dir, o mein Vater! Steh auf! rief er ihr zu. Sie ſetzte ſich auf und ſprach: Ach vergieb! Du deckteſt die linke Hand mir uͤber die Augen— ich wußte nicht was ich ſollte— da traf dein Dolch mich nicht todtlich! Erſchrocken ſank ich hin— Du warſt entflohn als ich erwachte, und an meinem Bette knieete die Mutter— todt! ſo lag ich gedutdig den Tod er⸗ wartend und immer nicht ſterbend— und nun hoͤrte ich Tritte nahen, ich hoͤrte deine Stimme, ich fuhlte mich von deinen Armen umſchlungen— beine Kuͤſſe auf meinen Augen— Du wollteſt fliehn, da mußt' ich ſie auſſchlagen Dich noch einmal zu ſehn! da mußt' ich Dich halten! O vergieb, und ſchilt mich nicht ein ungehorſam Kind!— Der Vater war vor Entzuͤcken außer ſich. Er und Semakuang halfen ihr aufſtehn, ſie unterſtutzten ſie, und mehr als nöthig war hielt ſie Semakuang, und hing wie gebannt mit den Augen an dem lieblichen — 90 Gebild.— O ſahe alles Volk deine Tochter, dieſen irdi⸗ ſchen Geiſt, oder den himmliſchen Geiſt— ſie wuͤrden Dir alle vergeben, wie ich! Du biſt ein Bettler, aber wer haͤtte und wäre genug: mit Dir zu tauſchen, als nur Einer— ein Seliger, dem ſie gehoͤren wird! Wer iſt der Mann? frug Tiono, den freundlichen Semakuang, der jetzt im goldnen Morgenſtrahle in ſeiner Schönheit vor ihr ſtand, vor Schaam und Zuͤch⸗ tigkeit ihn kaum einen Blick lang betrachtend; denn das Auge iſt das keuſche Thor der Seele! und das reine, immer liebeſchwere Maͤdchen läßt nicht gern in ihre Seele ſehn, und blickt auch nur in die Seele des Einen der ſie liebt, und den ſie lieben kann und darf. Der Mann iſt unſer Retter! antwortete ihr der Vater; er rettet mich! Dich! lispelte Tiono. und Dich! wenn er darf! bat jetzt Semakuang⸗ Sie iſt nun arm— ſprach der Vater, ſie wird eines treuen Freundes beduͤrfen. Der Reichsgeſchichtſchreiber(Hau⸗Linguen) in ſei⸗ nem himmelblauen Talar, leiſe genaht, hatte das mit angehoͤrt und geſehn, und ſtand voll Wuͤrde dem Kai⸗ ſer ſchweigend gegenuͤber. Dieſer gewahrte ihn, ſchau⸗ derte erröthend vor ihm, und frug mit ſchüchterner Stimme: Was wirſt Du von mir niederſchreiben?— Ich kam noch nicht zu dem Kleinen, dem Taͤglichen! Du weißt Alles ſelbſt! entgegnete der Greis. Wir ſchreiben nur das nach, was Ihr zuvor thut, und noch fruͤher gewußt! Unſere Geſchichte iſt die Geſchichte Eures Herzens. So ſchreibe auch das! ſprach Hino⸗Ti mit Zu⸗ verſicht. Ich habe mein Kind, wie vom Himmel zu⸗ ruͤck geſchenkt, wieder, und hier iſt das große Reichs⸗ ſiegel! Geh und gieb es dem Suen⸗Ti im Gefäng⸗ niß! Er iſt jung; aber um Herrſcher zu ſeyn, bedarf es nicht Jahre, nicht Weisheit, nicht Erfahrung— das findet er alles bereit in tauſend Geſtalten— er bedarf nur Liebe und Ehrfurcht! und Liebe und Ehr⸗ furcht traͤgt er im Herzen— gewußt hah' ich das wohl! — Geh, geh!— Jener empfing das viereckige Siegel aus Jaspis voll Ehrfurcht und folgte dem letzten Befehl. Als aber die Manner jetzt zu verdoppelter Eile drangen, als Lamoliſchwia die tief in den Arm doch nicht gefaͤhrlich verwundete und jetzt nur leicht ver⸗ bundne Tiono fuͤhren ſollte, da war das Maͤdchen verſchwunden, von allen unbemerkt davon geſchlichen, und nur Semakuang ahndete Eiferſucht gegen die ſchoͤne Tiono, mit der er ſich einzig beſchaͤftigt, wäh⸗ rend er kaum einmal wahrgenommen, wie Lamoliſchtvia immer blaͤſſer und bläſſer ihm gegenuͤber geſtanden, und auf ſeinen Blick ſich weggewendet. Denn Mitleid und herzlichen Drang unterſcheiden die Frauen genau und ſchnell. Er ſeufzte mehr uͤber ſich ſelbſt, als uͤber der Gekränkten Verluſt; denn er war ihm reichlich, ja himm⸗ liſch erſetzt durch dieſe neue Gegenwart. — Als nun die zaͤrtliche Tochter noch von der Mutter auf ewig Abſchied genommen, fuͤhrte der Vater und Semakuang die Schwache nur langſam fort. So ka⸗ men ſie in den Saal, wo noch der Blutfleck zu ſehen war, von dem jungen Prinzen, den Hiao⸗Ti einſt erſtochen; und von aller Herrlichkeit des Reichs und des Pallaſtes nahm er beftiedigt nur einen Spahn aus der Taͤfelung mit, den er mit den Saͤbel daraus ge⸗ hauen. So gelangten ſie immer dem gelben Strome naher, zu dem goldenen Thurme. Wie die Stufen hinauf fuͤhrten, ſo fuͤhrten auch andere hinab in Ge⸗ woͤlbe. Hier ſtiegen die Männer hinunter. Es war dunkel hier unten, und Hiao⸗Ti ſah noch einmal wie im Traume ſeine Schmelztiegel, Oefen und andres Gerath, was er von den Kaiſern gefunden und zu dem⸗ ſelben Zwecke, von gleicher Begierde brennend, gleich vergeblich oft gebraucht. Was er aber nicht gewußt— unter dem großen Bogen des Gewoͤlbes that ſich eine Thuͤr in den Werkſtuͤcken, ſelber aus Werkſtuͤcken zackig eingefugt, auf ungeheuern Angeln ſogar leicht und keiſe auf, als Thakon dreimal ein Wort gemurmelt, das die Uebrigen nicht verſtanden. Grelles Licht erſchien, in dem Glanze drei Maͤnner; die Thuͤr ward eilig hinter den Eingetretenen verſchloſſen, und mit ihren Fackeln leuchteten ihnen die Drei nun in einem brei⸗ ten, hohen und trockenen Gange vor. Sie wandelten ſchweigend darin auf ſanfter Niederung fort. Endlich duͤnkte ihnen, als ſchiebe es dumpf und rauſche und —— walle es leiſe uͤber ihrem Haupte. Thakon loſte ihre Zweifel, indem er ihnen ſagte, daß iſt der gelbe Fluß uͤber uns, der Sand und Geſtein fortwälzt.— Er ſenkte die Fackel auf den Boden, und nun gewahr⸗ ten ſie auch Gleiſe von Wagen, die in vergeſſenen Ta⸗ gen einſt in dieſer„verſenkten Bruͤcke“ gefahren. Tiono bangte zuruͤckzugehen, und bangte vor, als wandle ſie auf einem Berge, in, und unter ſchweren Gewitterwolken; Hiao-Ti aber ſprach nur: Dieſer Gang, mit dem Strome uͤber ſich iſt das menſchliche Leben! Als der Fußboden aber allmälig ſich wieder erhob, hörten ſie weit zuruͤck hinter ſich Stimmen und Ttitte in dem langen Gewoͤlbe wie in einem Hörrohr, von Bewaffneten die ihnen nacheilten, ſo ſchnell ſie im Fin⸗ ſtern vermochten.— Sie ſtanden, ſie ſtarrten in die Finſterniß, ſie vernahmen jetzt deutlich die Worte: Dort in dem Lichte, das iſt er! Vor, vor, ihm nach. Wir ſind verloren! klagte Tiono.— Ich bin ver⸗ rathen! klagte der Alte.— Die Thuͤr iſt nun einge- hauen— das war vorhin das dumpfe Wälzen von Geſtein! ſprach Semakuang. Thakon aber hieß die Seinen vorausgehn, leuchtete am Bogen des Ge⸗ wölbes nach einem Ringe den er ſuchte, und als er ihn gefunden, verloſchte er die Fackel, ſchob ſie in den Ring und drehte daran mit Gewalt an dem Stein der ihn hielt. Da ergoß ſich plötzlich Waſſer längshin aus vielen Heffnungen an dem Gewolbe auf die Nachſetzen⸗ den zu, in die Niederung des Ganges; es rieſelte, rauſchte, es wuchs am Boden— er floh den Seinigen nach, bis wo ſie ſchon erhoͤhter im Sichern ſtanden und auf ihn harrten. Bei ihnen angelangt, blieb er lächelnd und athmend ſtehn, das Ohr in den Gang gewandt. Sie hoͤrten einen Schrei des Entſetzens aus dem Fin⸗ ſtern. Jetzt wateten ſchon die Verfolgenden und plat⸗ ſcherten. Jetzt riefen ſie Huͤlfe. Dann war von ih⸗ rem Waten nichts mehr zu hoͤren als das Waſſer ſchon uber ihre Knie, bis an die Huͤften gewachſen ſeyn mußte. Huͤlfe! Fackeln! rief die Stimme Eines der Vorderſten; Wir ſind es!— Wir ſind es!— Wir, deine Prieſter, Hiao⸗Ti!— Li⸗chaokiun ruft— Hiao⸗Ti gebot dem Thakon, ſie, wo noch moͤg⸗ lich, zu retten. Nun iſt es zu ſpat, aͤchzte dieſer, wie kann ich zuruͤck? Das Werk iſt geoffnet! Troͤſte ſie der Him⸗ mel!— Ihr aber kommt, daß uns nicht gleiches Schick⸗ ſal trifft!— Und verfolgt von dem letzten Ruf, den Verwuͤnſchungen und dem erſtickten letzten Schrei der Verkannten, ſtiegen ſie ſelbſt allmaͤlig aufwärts, wan⸗ delten dann lange auf gleichem Wege fort, bis auf Thakon's dreimal wiederholtes Wort wiederum eine be⸗ wachte Thuͤr ſich aufthat, ein Gang, und auch eine Treppe ſich darbot, die ſie mit ſteigender Angſt erwaͤhl⸗ ten. Kommt in dieſe Thuͤr, in dieſe Zimmer! rief ihnen Thakon zu. Aber ſie hoͤrten aus Drang ſich zu retten, und nur zu ſteigen, ihn nicht, und ſtiegen mit Herzklopfen, mit Muͤh' und Ermuͤdung, bis die Treppe auf einem platten Dache ſich auslud, und Sema⸗ kuang nun mit Hiao⸗Ti und ſeiner Tochter Tiono auf dem Thurme ſich ſah, wo er juͤngſt die holde Lamoliſchwia geſehn. Hiao⸗Ti ſetzte ſich vor Ueberraſchung: den Himmel zu ſehen, aus Furcht vor den Menſchen und vor Ermattung. Sein erſter Blick war nach ſeinem Kinde das er zu ſich zog, ſein zweiter hinuͤber nach dem brennenden Pallaſt, uͤber dem eine hohe Rauchwolke ſtand— dann blickte er betruͤbt auf den Spiegel des Stromes, unter deſſen ruhigen Wel⸗ len ſein Freund begraben war. Sem akuang aber hing mit dem Blick an dem heiterem Berge, von dem er gekommen, an La-Moé's kleinem Hauſe, und wieder heimlich an dem ſchoͤnen Antlitz der Tiono. Ueber ihnen aber ſtand die leuchtende Sonne, und un⸗ ter ihnen bluͤhte die Erde, und duftiger Athem, wie von einem unſichtbaren Gotte hauchte ſie an. V. TſchaoKong. Das Hochſte iſt nicht unſer Leben Was wir vermogen hinzugeben; Wer opfert was er einzig liebt, Der ſpart die Seele nicht— der giebt; Wer in der Welt nichts hat, als lieben kann: Die groͤßten Schätze hat— der arme Mann. Als ſie ſich einigermaßen erholt, und zunachſt fuͤr ihre Sicherheit geſorgt war, erinnerte Thakon heimlich Semakuang, zu den Ihrigen zu kehren. Er ge⸗ horchte ſogleich, aber er mußte erſt hinuͤber„zu don Seinen.“ Und als er ſchied, bat ihn Tiono wieder⸗ zukommen. Du bitteſt! ſprach er; mit Seele, Herz und Athem? das iſt Verſchwendung! ſchon Deine ſchweigende Geſtalt reizte den Mond, wenn er koͤnnte, niederzuſteigen zu Dir, und nimmer zu ſcheiden— ich aber bin glucklicher, ich kann, ich darf, ich ſoll?— Ich bitte Dich! fluͤſterte ſie verſchaͤmt zur Erde blickend, und ſich ſelbſt bei ſich entſchuldigend bat ſie, während — 86— ſie ſanft ihre ſanften Augen erhob: Mein Vater bebarf ja Dein! Gruͤße meinen Knaben von mir! Fuͤhr' ihn mir her! ſagte ihm dieſer. Gruͤße den Bruder! und laß ihm kein Leids ge⸗ ſchehn! ich bitte Dich, lispelte Tiono. Und er ant⸗ wortete eben ſo leiſe: Du bitteſt mich!— Faſt betaͤubt ging Semakuang nun hinuͤber. Vor Allen freute ſich La⸗Moé ihn wieder zu ſehn; und aus manchem Gefuͤhl, worunter Mitleid das ſtaͤrkſte war, umarmte er heute das Weib. Ich bin auch da! rief die kleine Moliwha, und ſo nahm er geruͤhrt das Kind auf den Arm. Der Colao war krank geweſen ſeit dem Schrecken der Nacht, er war noch krank. Er ſaß bekuͤmmert, gruͤßte den Freund wie einen Boten vom Himmel, hoͤrte aufmerkſam von ihm: was geſchehen ſei, und ſaß dann wieder noch tiefer in ſich gekehrt. Ich habe den Knaben— des Kaiſers Sohn— nicht fluͤch⸗ ten koͤnnen, ſeufzte er; Alles hat mich verlaſſen, kein Freund hat mich beſucht! Ich war zu ſchwach, darum war meine Krankheit ein tauſendfacher Kummet! Da es aber ſo gekommen— bringe ihn bald, nur bald zu ſeinem Vater! Sonſt gibt es nur ein Mittel— ein herzzerreißendes— und doch, es muͤßte ſein! ſprach er abgebrochen; ein verkannter Mann muß anders han⸗ deln als die Menge, die thun und laſſen darf, wie es ihr beliebt.— Er muß die Thaten waͤhlen, die un⸗ zweideutigſten, nur eine oft, die laut ſein Herz bekun⸗ Schefers neue Nov. 1. 7 — 06— det, und ihn herſtellt zu den Uebrigen, wo moͤglich uͤber ſie! So glaubt der ſchwache Menſch! ſagte er lächelnd. Ich habe ſchon gedacht, gewaͤhlt, verworfen— man wird ihn ſuchen, finden, ermorden!— der Himmel laſſe uns Zeit! Da ſieh! ſprach er erblaſſend, ſtill und duͤſter vor ſich niederſchauend. Orhota trat ein, und Semakuang ſah an ihrer Hand den Prinzen in dem Kleide und Putz, in welchem er vor wenig Tagen gekommen war⸗ Er wußte noch nicht, was Tſchao⸗kong gemeint. Als ſie aber den Knaben vor ihren Mann hinſtellte, geroͤthet vor Freude und gluͤcklich ihn frug: Nun wie gefaͤllt Dir ſo Dein U⸗Muen?— und als er den Prinzen in u⸗Muen's Fleidern, ſich der Verkleidung freuend, hinter U⸗Muen ſtehen ſah, da durchzuckte ihn der er⸗ rathene Gedanke des Colao, der ihn beben ließ. Du haſt die Kinder— die Kleider vertauſcht! O uͤber Deine muͤtterliche Eitelkeit! warnte Tſchao⸗ kong ſeine Orhota; Du thuſt nicht wohl! Schaͤmſt Du Dich unſeres armen U⸗Muen, und daß er mein Sohn iſt? — Freilich! gab ihm Orhota ſpoͤttiſch Recht. Du haſt nicht wohlgethan! Du weißt nicht was Du angeregt! ſagte Semakuang. Kleide mein Kind mir aus! befahl ihr der Vater. ei F es Dein! geſht Orhota. Nicht auch Dein? ach, wenn er nicht Dein waͤre! und auch nicht mein! ſeufzete der Vater. Aber kommt her! gebot er den Knaben; Du, o Sohn des Hiav⸗ Ti, verneige Dich vor U⸗Muen, ſo! kuͤſſe meinem Knaben die goldenen Schuhe; ſo! und nun umarmt Euch, habt Euch recht herzlich lieb! Das ließen ſich die Kinder nicht zweimal ſagen; ſie umhalſeten einander, verwickelten ſich, daß ſie tau⸗ melten, und U⸗Muen in dem koſtbaren Kleide hin⸗ fiel. Der Vater hob ihn auf, nahm ihn zwiſchen ſeine Kniee, druͤckte ihn an ſein Herz, und dann ruhte er mit ſeiner blaſſen Wange auf des Knaben lockigem Haupte, und ſchloß ſeine Augen. Auf einmal ſprang er auf, drang in Semakuang und ſprach: Fuͤhre jetzt gleich dem Hiao⸗Ti ſein Kind hin! mir iſt Angſt, und wird mir immer baͤnger! Und Du, Mutter, kleide den U⸗Muen aus!— Iſt denn das Fleid ſo entſetz⸗ lich? frug ihn Orhota. Er ſchwieg. Wage es! wag' es am Tage! wage es gleich! bat er Semakuang; er⸗ loͤſe mich von Furcht und Qual— erloͤſe mich von mir! U⸗Muen bat den Vater! daß er ihm den Geſpie⸗ len laſſe!— doch dieſer legte ihm die Finger auf den Mund; da kuͤßte der Sohn ihm die gehaltene Hand. Semakuang aber nahm den Knaben Hiao⸗Ti's, der erſchrocken dageſtanden, daß er ſo plotzlich ſcheiden ſollte. Alle küͤßten ihn jett, U⸗Muen ſah ihm nach, eilte ihm nach bis vor die Thuͤr— als fremde Reiter ploͤtlich daher ſprengten, das Thor beſetzten und ruhig * — 100— harrten. Ein Schwarm anderer folgte eben ſo ſchnell, und binnen wenig Athemzuͤgen war Haus und Garten umringt.„Des Kaiſers Sohn iſt hier verborgen“— erſcholl die gewaltige Stimme des furchtbaren An⸗ fuͤhrers—— Semakuang eilte zuruͤck, das Kind an der Hand⸗ und drinnen ſprach er ſchnell zu Sehatn Jebt. o Weib, verbirg Dein Kind! Warum meines? verbirg Du Zenet ſprach die unerſchuͤtterte Frau. Laßt mich hinaus! Sie ſuchen den Suen⸗Ti druͤben im Thurme! Dorthin will ich ſie weiſen! um der Sonne willen nicht! bat ſie Semakuang, und unbeſchreibliche Angſt befiel ihn, daß er Orhota gewaltſam zuruͤckhielt; o Tiono! bleib! verſprach er ſich in der Beſtuͤrzung. Doch waͤr' es gut, wenn wir ſe abweiſen könnten! ſprach der Colao; nur kurze Zeit! Drum laß mich! laß mich! rief Orhota und entwand ſich ihm faſt aus den Armen. Und verzwei⸗ felnd ſie abzubringen, wenn er ihr nicht die Wahrheit verrathe, ſagt' er ihr leiſer: Hiao⸗ Ti iſt im Thurm! Da blieb ſie betroffen ſtehn⸗ Nimm das Gold, mein Semakuang, das Dein Vater mir einſt gelaſſen hat, rieth La⸗Mosé, und das ich aus Furcht nicht angeruͤhrt. Hier unter dem Heerde!— — Das Mittel ſchien gut, und Semakuang riß die wohlbekannten Steine auf, hob die ſchwere, bedeckte, ganz warme Urne von Jaspis heraus, deckte ſie auf, ſah noch das alte Gold und ging zum Thore damit, ohne zu bedenken, daß er den Knaben grade dadurch verrathe, und ohne zu glauben daß die Maͤnner ſich ihn wuͤrden abkaufen laſſen. Der Colao ſetzte ſeine goldene Mitra mit dem Rubin und der ſchwarzen Feder auf, ergriff das Kind des Hiao⸗Ti in U⸗Muen's ſchlich⸗ ten Kleidern, und zog es mit ſich hinaus. Semakuang ſah ihn daruͤber an. Laß mich! ſprach der Colao be⸗ geiſtert, im Gehen. Treue gegen den Fuͤrſten“) iſt aller Vaͤter— und aller Kinder Pflicht!— Die ſehe ich jetzt doch nicht; entgegnete Semakuang.— Komm nur! ſchloß der Colao. Die Erſcheinung des ehrwuͤrdigen Colao, erkennt⸗ lich durch ſeine Kleidung, und den fremden Feinden ſogleich gerechtfertigt und lieb durch das ſchwarze Zeichen ſeiner Ungnade, brachte ein ploͤtzliches Schweigen hervor. Wir wollen Dein Kind nicht! ſprach der Fuͤhrer verdroſſen, doch gemaͤßigt; Du haſt dem Lande nur wohlgethan. Wir wollen den Prinzen— und er iſt hier! bei Dir! das iſt uns verrathen, und die Unſti⸗ gen haben ihn eben vorhin in ſeinen gelben Kleidern und mit dem Guͤrtel, zuruͤckftiehen ſehn. Hiao⸗Ti hat nach ſieben Monaten ausgeherrſcht— er iſt in *) Im Chineſiſchen mit dem einen Wort Tsong benannt. „„ der verſenkten Bruͤcke ertrunken— ſie ſteht voll Wab⸗ ſer; gieb uns alſo den Sohn! „Den Sohn!“ erſtaunte der Vater beſtuͤrzt von dem Wort. Und ſo ſprach er mit aͤußerſter Anſtreng⸗ ung laut: Der Knabe hier iſt Hiao⸗Ti's Sohn.—— Alle ſahen das einfach gekleidete, ſchuͤchtern ſich verbergende Kind und lachten. Laßt ihn am Leben! laßt ihn mir! Ich erhielt Euch den Suen-Ti im Voraus fuͤr ihn! Laßt mir das Kind— mein Kind— ſtammelte er, Thraͤnen vergießend. Semakuang hielt den Augenblick wohl wahrgenommen, wenn er der Schaar jetzt Gold ver⸗ theilte. Er ſtellte die Urne auf die Erde, nahm dar⸗ aus in ſeinen Helm, und vertheilte aus dieſem, zu Jedem einzeln an das Pferd hingehend, und Jeden mit dem Geſchenke bittend: laßt dem Alten das Kind!— Alle nahmen das uralte, wie Blumen geſtaltete Gold, ſelbſt ihr Oberhaupt nahm eine Schnur voll goldener Son⸗ nen; doch als es vertheilt war, rief der ſtrenge Fuͤhrer: Ich danke fuͤr Alle! nun aber Hiao⸗Ti's Sohn!— Der Vater ſah ernſt und feierlich zum Himmel. Bei der Schoͤnheit der Sonne, dieſer Knabe iſt Hiao⸗ Ti's Sohn! wollte er ſchwoͤren, aber er ließ vor Schreck den ploͤtzlich entrinnenden Knaben los— er ward todten⸗ blaß, denn zwei andere Maͤnner, welche abgeſtiegen waren und das Haus durchſucht, riſſen jetzt mit Freu⸗ dengeſchrei den vermeinten, an ſeinen Kleidern erkann⸗ ten Prinzen, aber in Wahrheit des Tſchao⸗kong — 103— eigenes Kind herbei. Er entriß ihnen den, und rief dem Fuͤhrer zu: Verſchone mein eigenes Kind! Nicht wahr, das biſt Du, mein Kind, U⸗Muen, mein U⸗Muen! ſprich ja! Der Knabe konnte vor Schreck nicht ſprechen, und hing ſich blos mit den Armen um den Hals des herib gebeugten Vaters. Ich ſehe, ſprach der Fuͤhrer, Du biſt ein reichet Diener, und uͤbſt die Treue gegen den Fuͤrſten, wie ſich's gebuͤhrt— aber auch ich will ſie uͤben!— Und mit dieſen Worten zielte er mit der Lanze nach der Sß des Knaben. Vater! Vater! rief U⸗Muen aus aller Kraft, und doch nur leiſe, da ſie ihm ſchwindend verſagte. Er nahm den Knaben auf ſeine Arme und fluſterte wei⸗ nend ihm zu: Nenne mich nicht mehr Vater! mein Kind, mein armes Kind! denn ich bin es nicht, nur geweſen! nicht mehr! Schweige und dulde! ich dulde Schwereres jetzt als Du!— Er lehnte ſich an die Mauer, von Kraft und Sinnen. Und das gehorſame Kind, den Vater nicht verſtehend noch bezweifelnd, mit den Armen um ſeinen Nacken geſchlungen, rief nicht mehr: Vater, ſondern es ſchwieg gehorſam uud ſah ihm ſtarr in die Augen voll Furcht und Wehmuth, und aͤchzte nur laut, als es jetzt durchbohrt von dem Speere zuckte. Sol ſprach der Fuhrer, und zog den Speer aus der Bruſtz es iſt genug; Niemand heilt die vergiftete Wunde. —— etzt quoll haͤufiges Blut uͤber den Arm des in die Kniee geſunkenen Vaters; von ber Hingebung des Findes, von ſeinem Verluſt gefoltert, wollte er jetzt es hineintragen, vielleicht es noch retten, die Wunde ausſaugen, aber er ließ es ſinken, und wankte fort. Da rief U⸗Muen ihm nach: Vater, Vater, verlaſſe mich nicht! und doch ſich beſinnend, als wenn er Uebels gethan, ſchloß er die Lippen gewaltſam, athmete, und langte nur ſtill mit der Hand nach ihm. Der Vater aber hielt ſich die Ohren zu, und floh todtenblaß zu Orhota, die den entronnenen Prinzen an den Haa⸗ ren hervorriß, ihn auszuliefern, um ihr Kind ſo zu er⸗ retten. Das gab ihm die Beſinnung wieder.— Es iſt geſchehn! ſprach er abgeſpannt, und ſank ſeinem Weibe an die Bruſt. Sie ward ohnmaͤchtig; er war ohne Beſinnung. Die Alte weinte bittere Thraͤnen, die kleine Moliwha weinte mit ihr, der gerettete Knabe hing mit den Haaren noch feſt in der krampfhaft ge⸗ ſchloſſenen Fauſt der beraubten Mutter, und die Frem⸗ den ritten klirrend und tobend von dannen. Waͤhrend dem aber donnerte Semakuang noch an der Thuͤr des Nebenzimmers, worin er ſich ſelber verſperrt, als er den entronnenen Prinzen darin ſuchte, den Orhota aber wo anders gefunden hatte. La⸗Moé that ihm auf. Er ſah, er ſchwieg. Und aus eigenem Gluͤck des Be⸗ ſitzes nahm er die kleine Moliwha zu ſich, und ver⸗ huͤllte ſie ganz in ſeinem Gewande. Aus verſchiedenen Gefuͤhlen getraute ſich Keiner hinaus, und ſelbſt det ge⸗ rettete Knabe verbarg ſich im äußerſten Winkel. End⸗ lich ging La⸗Moé. U⸗Muen war tod, und ſeine fromme Steele hatte entfliehend noch gleichſam ein Laͤchein uͤber ſein Antlitz gewebt, und die kleine Hand hielt vergebens die Wunde zu.— Semakuang war ihr gefolgt; er weinte, er trug ihr den Enkel hinein; und nichts fehlte, als die goldene Mitra des Knaben und die Per⸗ lenſchnur, welche ſein Toͤdter, oder was er ihm denn wirklich geworden: ſein Tod mit hinwohgenbmuen hatte zum Zeichen und Zeugen. Die Mutter ertrug die Schmerzen kaum. Aber ſie meinte ſelbſt durch ihr kindiſches Spiel Veranlaſſung zu dem Tode ihres Kindes geweſen zu ſein. Tſchao⸗ kong ſollte ſie troͤſten. Aber er konnte keinen Troſt geben, denn es gab keinen fuͤr ihn. Wie Edelmuth oder Vaterliebe in ihm ſiegten, bereute oder ſegnete er ſeine That in ſtuͤndlichem Wechſel⸗ Er ſelbſt war leicht in den Arm verwundet, und Orhota bedauerte und verband ihn zwar ſchweigend, aber ſie ſah ihm dabei in die Augen— die er ſchloß— und brach dazu allemal in Thranen aus. Eine leidende Mutter iſt gottlich— wenn etwas auf Erden verdient ſo zu heißen— denn ſie iſt die leibhafte Geſtalt der reinſten Liebe. Und doch widerſprach ſie ſcheinbar ſich oft; denn ſie war zuweilen kaum davon zuruͤckzuhalten: hinzugehn und zu verrathen: Hiao⸗Ti's Sohn lebe! und ihrer ſei fuͤr ihn, nein, ſtatt ſeiner getodtet.— Gehe! ſprach dann Tſchao⸗ kong, wenn unſer U⸗Muen — 106— wieder lebendig wird! Du irrſt Dich nur, weil das Geſchehene neu iſt, und glaubſt ein eben begangener Irrthum ließe ſich berichtigen. Keine That ſteht feſt! O, nimmermehr! das Geſchehene iſt verſteinert, das Neue iſt plotzlich ſo alt wie die Welt! Orhota wußte nicht: wie viel ihm die Worte koſteten; aber ſie ließ ſich gefallen, daß ihr Kind nun auch in des Prinzen Kleidern in den kleinen Sarg ge⸗ legt wurde, den ſie mit duftenden Blumen fülte⸗ S Knaben weich und lieblich zu betten. nad Am Abend vor der Nacht welche die Letzte w war die u⸗ ⸗Muen im Hauſe blieb, wollte Semakuang hin⸗ uͤber nach dem unbeachteten Thurm. Theils wollte er wohlgeſinnt gegen— Tiono den armen Bruder aus ſeiner bedruͤckenden Lage reißen; denn der unſchuldige Knabe von Orhota's duͤſtern, oft zornigen Augen verſcheucht, von der Stille und Wehmuth im Hauſe beklommen, wagte kaum aus ſeinem Winkel hervorzu⸗ ſchleichen und bat nur in der aͤußerſten Noth den Colao und dann auch nur mit leiſer zaghafter Stimme, um das was ihm gebrach, und Niemand ihm reichte, denn Keines gedachte ſeines Namens, und ſo lebte er ſchlim⸗ mer als nur verkauft und vergeſſen, wenn ſein Retter ihn nicht immer freundlich angeſehn, und heimlich ge⸗ troͤſtet, ſobald es U⸗Muen's Mutter nicht ſah. Se⸗ makuang wuͤnſchte aber auch der Schweſter zuerſt und dann auch dem Vater deſſelben den Wahn— und wenn ſie ſo waͤhnten— den ſchweren Kummer 1 im Herzen zu tilgen, daß der theuere Knabe ermordet ſei, wie laut verbreitet war, und wie die Kunde auch in den Thurm zu dem Vater gedrungen ſein konnte; ja er ſelber konnte die That mit angeſehen haben, und ſo verſtanden, wie er ſie geſehen, und wie ſie den Schein trug, der mit Sorgfalt aͤngſtlich— zu nur noch groͤßerer Angſt— unterhalten ward. Denn Or⸗ hota hätte ihren Verluſt gern allen Menſchen geklagt, waͤre gern zu ihren Freundinnen auch gegangen— da der Menſch des Ungluͤcks— am liebſten aber des er⸗ duldeten Unrechts ſich ruͤhmt und ſo aus ſeinen Leiden ein Labſal macht;— nun aber kam Niemand zu ihr, und auch im Hauſe durfte ſie nur einſam und heimlich wei⸗ nen, und wenn ſie ja ein Wort wegen der heimlichen Beſtattung des Kindes mit einem der Beſchickenden ſpre⸗ chen mußte, ſo mußte ſie ihm dabei, ein zwar getrock⸗ netes, doch trockenes Auge zeigen, und nur ein ernſtes, nicht kummerſchweres Antlitz war ihr erlaubt. Kaum daß alſo Semakuang eines Abends fort mit dem Knaben war, dem Orhota zum Abſchied— den Ruͤcken kehrte, und dem ſelber der Vater ſchwer nachſeufzte; als ein Maͤdchen in langen weißen Klei⸗ dern der Trauer eintrat, ſtumm ſich umſah und wieder verſchwand. Dafuͤr erſchien nach einiger Zeit eine ver⸗ huͤllte Mannes⸗Geſtalt, und als ihr das weiße Maͤd⸗ chen den Mantel abgenommen, ſtand Hiao⸗Ti vor dem Colao. Bleibt in Eurer Ruhe! ſprach er; ich bin nur mein — 108— Schatten, dem leider noch ein Herz in der Gegend der Bruſt ſchlägt— ich verbiete Euch mich zu verehren, wenn noch ein Verbot von mir Macht hat! Sonſt trug ich dieſe bunten geſtickten Bilder auf meinem Ge⸗ wande, hier dieſe Vaͤter,; Muͤtter und Kinder, dieſe ſilbernen Fluͤſſe, die blauen Berge, die Laͤmmer, die Baͤume, die Seidenwuͤrmer, die Reisaͤhren, die Fiſche, die Schiffe und ſelbſt die Grabmale der Todten— zum ſtuͤndlichen Andenken an das, was tauſendfaͤltig in meinem Reiche lebte, und meiner Obhut und Sorge bedurfte, da es in meine Macht und Liebe gegeben war— jetzt iſt alles ein leerer Schein, und ich ſtehe vor Euch wie eine hohle, bunt⸗bemalte Laterne, in der das Licht zu verloͤſchen droht!— Dabei behielt er die beiden Zipfel des ſeidnen Gewandes, das er aufge⸗ hoben um es zu beſehen, gedankenlos in ſeinen Haͤn⸗ den, und ſtarrte darauf, und Thraͤnen fielen aus ſei⸗ nen Augen auf die Bilder, bis er ſie ſchnell ſich trocknete. So blieben ſie denn in ihrer Ruhe, um den un⸗ heimlichen, den in Wahnſinn verfallenen Mann nicht zu kränken, wenn ſie ihm nicht gehorchten! Und ſo fuhr er, zu dem Colao gewendet, fort: das Leben iſt Nichts! doch der Tod iſt Etwas! das hab' ich in dieſen Tagen erſfahren; aber Toͤdten iſt uͤber den Tod, und Eines geht uͤber das Toͤdten: die Untreue!— Du haſt mein Kind entfuͤhrt, um Dich an mir zu raͤchen; Du haſt es verrathen, es hingeopfert— ich — 2— hab es geſehn, und es meinen Augen nicht erſpart, die ſeitdem ihre Kraft verloren—— Der Colao ſank bei dieſen Worten vor dem jam⸗ mernden Manne auf die Kniee, ſeine Stirn beruͤhrte die Erde, man hoͤrte ihn weinen, und ſo blieb er lie⸗ gen; auch Hiao⸗Ti hieß ihn nicht aufſtehen, ſondern ſprach nur mit ſanfter Stimme: fuͤrchte Dich nicht“ — Ich kann niemand mehr ſtrafen, auch will ich das nicht, und auch nicht Dich. Und willſt Du mir armen alten Manne noch eine Bitte erfuͤllen— ſo zeige mir mein Kind, daß ich es doch noch einmal ſehe— wenn auch ſo, was man todt nennt; laß mich es ſehn! Der Colao richtete ſich auf und blieb mit gefalte⸗ ten Haͤnden ſchweigend vor ihm ſitzen. Nun ſo zeige Du mir mein Kind! wandte er ſich an Orhotaz Du biſt ſelbſt Mutter und wirſt Erbar⸗ men tragen mit einem ungluͤcklichem Vater, der ſich als Gunſt erbittet— von ſeinem Moͤrder— ſein todtes Kind zu ſehn.— Er wollte allein nach dem Ruheſaal gehn, der in jeglichem Hauſe groß oder klein fuͤr traurige Feſte des Lebens errichtet, in gewoͤhnlicher Gegend ſich befindet; er wollte die Thuͤr ſchon oͤffnen, aber er trat, ſich beſcheidend, zuruͤck und ſprach mit tiefſtem Schmerz: Du haſt es noch nicht erlaubt!— Länger vermochte der fuͤr ihn, und mehr als er ungluckliche Vater es nicht zu ertragen. Er ſtand auf, ergriff des verſtummten Alten Hand, und ſagte ihm weich: Dein Sohn lebt! — 110— Er lebt! rief Tiono, mit freudig erſtauntem Ge⸗ ſicht aus ihrem weißen Tuche blickend. Hiao⸗Ti ſchlug bitter läͤchelnd die Augen vor ihm nieder. Er lebt! wiederhohlte der Vater unbeſchaͤmt; aber er waͤre todt, wenn ich den Maͤnnern nicht mein Kind dafuͤr gegeben! Bei dieſen Worten fuhr die Mutter mit der Hand nach dem Herzen, ſtand erbleicht und athemlos, aber allmälig fullte ihre Augen ein wildes und wilderes Feuer, in dem ſie ſich rollten, bis ſie auf dem Vater erſtarrend heften blieben; ihre Arme ſtreckten ſich aus, ihre Fäuſte ballten ſich, und die Finger zuckten davon vor Grimm. Bis zu dieſem entſetzlichen Augenblick das arme ungluckliche mitleidvolle Weib, ward ſie auf einmal die grimmige Mutter, die Loͤwin, welcher das einzige Junge geraubt iſt, das todt neben ihr liegt, und vor ihr ſteht der Wuͤrger. Der Vater umſchlang ihre Kniee, wie ſie zitterte und bebte, und mit ſchneidender Stimme zu der Stelle hin ſprach, wo er noch eben geſtanden und als ſahe ſie dort ihn noch ſtehen: Dein Kind? ſagſt Du, nicht mein Kind auch?— doch war er nicht ganz ſein eigen! uns wunderbar genug gegeben, damit er ſelber lebe durch uns, und gluͤcklich ſey! nur Deine Liebe— ſie war Dein! und meine Liebe ſie war mein; wie ſagſt Du denn: Dein Kind! und„dafuͤr gegeben“ ſagſt Du— ja gege⸗ ben! und ſo ſchlau! ſo ſicher! O, nun ſeh ich klar!— Sie ſchauderte und ſchoͤpfte Athem. Dann frug — ſie Tiono, ſie an der Hand ergreifend: Du junges, reines Weſen, ſprich! darf Jemand Dir weggeben, was Du liebſt? Hat er allein, nur ſich, es hingeopfert? Oh!— ſtöhnte ſie zu Tſchao⸗kong hernieder, oh! Du wollteſt edel ſein auf Koſten des Gluͤckes Deines Weibes! nun ſeh' ich: wer ich Dir war, und wer ich Dir bin! und ſelbſt das arme Kind! Wird Deine Tugend ſeine That? dann moͤcht' es ſein— zu ſchonem Leben hab' ich ihn geboren, nicht zu langem. Haͤtt' er es gethan, ich wurde weinen, doch ich könnte ihm verzeihen— ſo hatt' er es nur gelitten— ach, doch ausgelitten! Mit dieſem letzten Worte„ausgelitten“ hatte ſie ſelbſt ſich den Trotz und die Wuth gebrochen, das Herz erweicht, und nun ſtuͤrzten die Thranen ihr heiß in die Haͤnde, und ſie ſchluchzte dazu in jenen abgebrochenen Wiederhohlungen, als wolle ſie allwilig nur die zu drängenden ſtockenden Schmerzen ausgießen, und der Laut war furchtbar, als lache eine Wahnſinnige herz⸗ lich aus ihr. Hiao⸗Ti's Entzuͤcken ward wie zu Eis, und ſeine Sehnſucht ſchlich nur von ſolchem erſtarrenden Leiden gefeſſelt, wie der gefrorene Quell, warm unter dem Eiſe, nun warm zu ſeinem Herzen.— Dem Schmerze kannſt Du glauben, dem Lächeln nicht!— hoͤrt' ich; vergieb mir, daß ich Dich bitte— und ſiehe, Du kannſt es— einen Vater und eine Schweſter gluͤcklich machen— wo iſt denn nun mein Kind? — 12— Ach, auch eine Schweſter hatte ihn! klagte Or⸗ hotaz ich kann Euch gluͤcklich machen, gluͤcklich durch ihn!— So kommt denn! ſeht, und ſeht Euch ſatt! Meine Augen ſind noch nicht ſatt.— Und den Vater an der Hand fuͤhrend, waͤhrend die Schweſter ſich ſanft an ihn anhielt, oͤffnete Orhota leiſe die Thuͤr zu dem Ruheſaale ihres U⸗Muen, und verriegelte dieſelbe. Dann hoͤrte man im Zimmer den Deckel vom Sarge des Knaben abnehmen, und raſch auf die Erde legen, und ein Ruf des Erſtaunens und Schmerzes drang dumpf herein, dann blieb es ſtill⸗ Als La⸗Moé ſo mit dem Sohne ſich allein be⸗ fand, verſuchte ſie treu ihm das Herz zu erleichtern und ſprach: Was doch Aeltern zu ihren kleinen Kindern reden! ich ſehe, ich bin auch an dieſem Ungluck ſchuld: Ich erzäͤhlte Dir einſt von dem Weibe, die mit zwei Kindern vor fremden Kriegern floh, die ſie ermorden wollten, daß ſie das eine Kind— da ſie beide nicht länger in ſolcher Haſt tragen konnte, im Fliehen vom Arme gleiten ließ; daß das verlaſſene Kind ſchluchzend ihr nachrief:„Mutter, meine Mutter!“— daß die Maͤnner aber die Mutter ereilten, und drohend ſie frugen: warum ſie ihr Kind ſo preis gegeben? und daß ſie in Thraͤnen ſchmelzend geantwortet:„Weil das andre Kind hier auf meinem Arme nicht mein eigenes iſt, ſondern eines alten Vaters, der mir es anver⸗ traut!— Das erzählte ich thoͤrigte Mutter Die! Ach, was man doch alles zu Kindern redet aus heili⸗ — A8— ger Mutterliebe, die wie ich nun ſehe, ihres Kindes Seele lieber himmliſch will, als ſein Leben lang— was das dann fuͤr Fruͤchte bringt, die man doch pflan⸗ zen wollte in das kleine Herz, und die uns dann doch ſo erſchrecken! Beruhige Dich, o Mutter, daß Du mir ſolche Beiſpiele der beſten Menſchen erzaͤhlt, entgegnete ihr der endlich wieder laͤchelnde Sohnz der Vater des Vol⸗ kes iſt eben unſer aller Vater, dem Alles das Unſre auch ohne Gelobniß geweiht iſt; das aͤrmſte Weib thut eben ſo viel, wenn ſie ihren Sohn fuͤr ihn in den Krieg ziehen laͤßt! Was aͤndert die Art und Weiſe, was Alter und Jugend an mir und dem Kinde— und Eins nur thaͤte mir leid, wenn er im Hauſe des Todes nun wuͤßte, begriffe„ und bereute!„. verwuͤnſchte! D Mutter, und wer waͤre Ich, wenn ich den anvertrauten Knaben verrketh?— nicht Dein Sohn! und wer allein eine unumgaͤngliche That uns moͤglich gemacht, der theilt ſie nicht mit uns— ſie wird ſein eigen allein. Soo ſteht es mit U⸗Muent Sein iſt der Lohn, auch wenn er vom Himmel keinen empfaͤngt! Er war gut, und immer gut— das war ſchon ſein Lohn und ſein Gluͤck fuͤr immer, fuͤr jedes Geſchick!— Das andere Alles: wann ſein Leben aus war? und wie? das verfließt in Eins in der Zeit, das uͤbertraͤgt die heilige Seele des Menſchen, des Mannes— aber der Vater leidet unſaͤglich, und ſein iſt der Schmerz, und der Schmerz allein! Und Schefers neue Nov. I. 8 —— wär' es ſo ganz unmuͤtterlich, daß Orhota nicht nur die Liebe und Treue mit dem treuen Kinde und auch mit dem liebenden Vater theilte, nein, mit Alten, die je auf Erden treu geweſen, und je geliebt! Ich kann ihr das nur wuͤnſchen zu ihrem ſchoͤneren Gluͤck, zu neuem ſchoͤneren Leben ihres Kindes— ich wuͤnſche es, aber ich hoffe es nicht! Die großen Vorbilder in der Welt haben Dich nach⸗ gezogen, mein Sohn, ſprach La⸗Moé ſtiller.„Was irgend ſonſt und irgendwo ein Menſch vermocht, das leg' ich mir als wohlerreichbar auf, das iſt ein Blitz, ein Licht, ein Zwang, ein Gluͤck fuͤr mich— ſonſt eine Schande, wenn ich mit dumpfer Furcht mich zu Gemeinem verberge, und mich ſcheu durchs Leben winde!“— So ſprachſt Du oft! Jetzt bricht mein Herz vor Dir, und ich wollte mich beſcheiden, wenn mir nur Dein Vater ſagen koͤnnte, ob ich Dich tadeln, loben, oder dulden ſoll! Dulde mich indeß! ich leide! bat der Colao, und ſelbſt nach der kranken Taube ſtoͤßt der Falke nicht! Durch ein Ohngefaͤhr trat Hiao-Ti mit ſeiner Tochter aus dem Ruheſaal zu gleicher Zeit in das Zim⸗ mer, als Semakuang mit dem Knaben von draußen herein in das Zimmer trat, da er den Vater, den Kaiſer, verfehlt, und auch nicht gefunden, da dieſer aus Scheu auf ſchattigen Wegen herangeſchlichen, und ſeine Tochter Tiono vorausgeſandt, ob alles ſicher im Hauſe ſei? Der Knabe flog auf den Vater zu, und hing ſchon an ſeinem Halſe, ehe der bewegte, zur Erde ſchauende Alte ihn wahrgenommen hatte. Er fuͤhlte nun: wen er hatte, wer ihn kuͤßte, wer ſo weinte, und Beide hielten ſich in ſtummem Entzuͤcken. Aber auch die Schweſter verlangte nach dem Beweinten; und als die Geſchwiſter ſich nun, wie zweifelnd, erſt ſelig bang in das Angeſicht ſahen und dann umſchlangen, klopfte der Vater mit Macht an die Thuͤr des Ruheſaales, Orhota zu rufen. Aber Orhota erſchien nicht, wohl ahnend welche Freude unter ihnen jetzt walte! O, daß ſie faͤhig waͤre: die Freude mit anzuſchauen, und ſie freudig zu finden! Dann waͤre ihr Leid geho⸗ ben, getilgt, oder doch auf Augenblicke verſchwunden, gelindert! zuͤrnte Semakuang; und ſo oft ſie werth waͤre: ſie wieder zu fuͤhlen und zu denken, ſo oft be⸗ wohnte ſie den Himmel, bis ſie ahndete: das koͤnne ja immer ſo ſein, und Gram und Rache empfinden muͤſſe kein Menſch! Du troͤſteſt den Vater erquickend! erwiederte ihm Tiono ſanft, nach dem, was Er eben ſo Traurig⸗ Schoͤnes, und ach, ſo Geliebtes, ja Frommes da drin⸗ nen geſehn— er fuͤrchtete ſich faſt: ſein eigenes Kind lebendig wieder zu finden! Ach und auch mir haſt Du die Seele geſtaͤrkt! Hiao⸗Ti trat aber vor Tſchao⸗kong, ſahe ihn lange ſchweigend an, und brach dann in die Worte aus: Was doch ein Menſch iſt, wie doch ein Vater iſt!— Nun dank' ich Dir tauſendfaͤltig fuͤr den Sohn, 8* denn belohnen kann das Niemand. Nun weiß ich erſt, was reiner Dank iſt! Nun ſeh' ich wie durch Nebel: das Leben iſt Etwas, wer ein Etwas daraus macht! Und iſt die Erde„die Mutter der(Seiden) Wuͤr⸗ mer,“*) ſo iſt ſie doch auch eine Perle!*) Ja, ſtehen wir warlich als Geiſter hier, die verkleidet ein banges Spiel ſpielen, das ſie nicht verſtehn, und ver⸗ ſchwinden wir wieder, ſo waren wir doch Geiſter, wie die Todten welche waren; und ſo bin ich mit ihrem Verſchwinden auch ausgeſoͤhnt.— Wit leben, mein Kind!— — Er gedenkt der Mutter nicht mehr! ſeufzte leiſe Tiono, die mit Semakuang im Schatten ſtand; und ich gonne es ihm! Zwei Trauerkleider hab' ich an— fuͤr Mutter und Bruder— nun koͤnnte ich Eines ab⸗ legen, aber ich will es behalten— fuͤr den Vater!— Und das unſchuldige Maͤdchen, ihrem Schmerze folgend, und voll Vertrauen, ſenkte ihre Stirn an Semakuangs Stirn und ruhte ſo an dem einzigen Freunde— der ſo ſchoͤn war. Aber das dachte ſie nicht. Statt des Kindes aber, o Tſchao⸗kong, fuhr Hiao⸗ Ti fort, haſt Du den Vater wieder——— hier Deinen——— Semakuang ward beſturzt, und ehe die Worte des Kaiſers keiner andern Deutung mehr faͤhig wurden 0) Tsan mu das Weib das ſie ueltchh laͤßt und nährt. *) Schin heißt Erde und Perle. durch die geringſte Erklaͤrung, ſprach er mit warnendem ernſten Tone: Du wuͤrdeſt den Vater nur laͤcherlich machen, wenn Du nicht zuvor und voͤllig das kinder⸗ leichte Rathſel loͤſeſt und loͤſen kannſt.— Du verräthſt aber doch, was dem Herrſcher vertraut war, und es waͤre ſchon daran zu ſehn: daß Du keiner mehr biſt— denn alle zerbrochnen Gefäße verſchuͤt⸗ ten den Gehalt— fuͤr immer— fuͤr Alle, auch Jene, die keine Gefaͤße ſind, ſondern— Volk! Tiono war betreten. Hiao⸗Ti ſchwieg gelaſſen. Beides that Semakuang leid. Und ſo verſprach er ihm in milden Worten: das zu ſagen, ja zu zeigen— wenn es auch ihm ſelbſt erſt geſtattet wuͤrde—„was keine Otter ihm ausgepreßt.“ Aber ihr ſeid dann der Welt entzogen! das bedenket! ſetzt' er hinzu. Mir iſt ſchon genug, wenn Du uns verbirgſt, ich habe Nichts mehr zu bedenken! erwiederte der Kaiſer ſcheinbar zufrieden; aber er war ſehr merklich befangen, und ſchied nun faſt uͤbereilt mit den holden Kindern in Nacht und Einſamkeit. Wenn er nur wenig ſpaͤter gegangen, hůtte er, was ſelten oder nie ein Mann von ſeiner Macht inne wird, ſehen koͤnnen: wie ein Befehl aus ſieht, wenn er ins Leben getre⸗ ten, und als einer und derſelben tauſend verſchiedene Wir⸗ kungen bei den verſchiedenen Menſchen hervorbringt; wie wenn ein Windſtoß vom Himmel faͤllt, der hier ein Schiff in den Hafen treibt, dort ein Boot zerſchellt, hier Staub aufkräuſelt, dort gelbe Blätter zur Erde ſtreut. Denn die arme Moliwha kehrte nach Hauſe, nun ſchon als Prieſter⸗Witwe, und in wenige Tage hatte der Himmel ihr Alles zuſammengedraͤngt, was er ſonſt durch viele Jahre und viele wechſelnde Freuden und Leiden den Menſchen trennt, damit ihr Leben ſich damit erfulle, wie ein Mond, ja damit ſie das Leben ihnen erſt ausmachen. Schwer geſchieden, kehrte ſie dennoch nicht mit leichtem Herzen zuruͤck. Sie fiel dem Vater in die geoffneten Arme und ſprach leiſe: Da haſt Du mich wieder! Laß mich wieder Deine Tochter ſein!— Du biſt zwiefach willkommen! erwiederte er ihr; der Himmel thut mir wohl durch Dich! Und nun reichte er ihr den Becher mit Waſſer, wie ſie im Hauſe des Mannes zuerſt den Becher mit Wein empfangen. Sie trank eine Thraͤne mit, holte tief Athem und fuhlte ſich froh und leicht, als waͤren die kurzen Tage ihrer Verbannung nur ein Traum geweſen. Sie ſtellte ihre bunt und zierlich ausgelegte Kiſte, die ihr zwei Maͤnner nachgetragen, an ihren alten Ort, und ihr liebliches Haͤubchen, das goldene Huhn, deſſen Schna⸗ bel die Schneppe auf ihrer weißen Stirne bildete, waͤh⸗ rend die blinkenden Fluͤgel zu beiden Seiten an ihren Wangen hinab ſich bis in den Nacken ſchmiegten, nahm ſie vom Haupt, und waͤhrend ſie die langen Haare aufſchuͤrzte, frug ſie, wie aͤngſtlich erwacht, nach der Mutter, nach U⸗Muen. Die Großmutter deutete ihr nach dem Ruheſaal. Sie warf einen ſchuͤchternen Blick umher, und mit klopfenden Herzen wollte ſie oͤffnen. Die Thuͤr war verſchloſſen. Wer klopft? frug Orhota.— Ich! bat Moliwha. Wer iſt der Ich? Alle Menſchen nen⸗ nen ſich Ich! Auch die Unmenſchen! ſprach Jene von Innen, doch naͤher gekommen. Kennt mich meine Mutter nicht? ſprach Moliwha mit halber Stimme. Und nun that ſich die Thuͤr auf, und als ſie eingetreten, ſchloß ſie ſich wieder. Was nun bis ſpät in die Nacht die leidende Mut⸗ ter zu ihr geſprochen, wie ſchmaͤhlich ſie ihr den Tod des Bruders geſchildert, welchen Haß ſie gegen den Vater ergoſſen, und welche Rache der klagenden Toch⸗ ter verrathen, das ging hervor, als Moliwha nach Mitternacht an das Bette des Vaters trat, der in unruhigem Schlafe lag. Denn endlich hatte die Mutter ſich erſchöpft und war in Schlummer verſunken, worin ſie ruhig athmete, gleichſam zum Zeichen, daß der Menſch das Leid des Tages, ja aller vergangenen Tage Leid in den Schlaf, wie in eine tiefe Kluft abwerfen und am neuen ſanften lichten Morgen ein neues, ſanf⸗ tes, lichtes Leben beginnen koͤnne, wenn ſeine Leidenſchaf⸗ ten nicht mit Gewalt die alten furchtbaren Geiſter aus ſeiner Seele herauf beſchwuͤren und bannten: weiter mit ihm zu wandeln unter dem heiligen Lichte der Sonne! Was Moliwha aber vernommen, das war ihr unmoͤglich dem Vater zu ſagen, wach dem Wachen⸗ den, Auge in Auge; ſie waͤre vergangen: die Mutter ſo ſchwer zu verklagen; aber es haͤtte ihr die Bruſt geſprengt, wenn ſie dem Manne es nicht vertraut, der ihr Vater war, ihr zwiefach geliebter Vater, ſeit er 6 ſo ungluͤcklich ſchien und doch ſo gut! MNun wiſſen auch Diejenigen Rath, denen nur eine alte Erfahrung noch in friſchem Andenken iſt, die eine Anwendung in neuer Verlegenheit geſtattet, ja oft herbeifuͤhrt. Hier aber war die Erfahrung ganz neu, und die Verlegenheit groß, in einer guten Tochter, die Mutter und Vater mit gleicher Liebe liebte. Und ſo wollte Moliwha dem Vater als Traum erſcheinen, da ſie von Li⸗Chaokiun in der Kunſt zu traͤumen, und Traͤume hervorzubringen, wie ſie in den Traum⸗ tempeln geuͤbt ward, ſchon in den wenigen Nachten eingeweiht worden, weil er dadurch wie lebend und wach mit Abweſenden, Geſtorbenen, ja mit Erwachſe⸗ nen als waͤren ſie Kinder, oder mit Kindern als waͤren ſie Greiſe, mit Blumen und Baͤumen, mit Bergen und Quellen, mit Wolken und Donner, mit Mond und Geſtirnen ſich gern unterhielt, um ſeines engen Daſeins Kreis zu erweitern, ja im ſterblichen Leibe die Natur zu erſchoͤpfen durch ſinnlich Erlebtes. Mit der Sicherheit nun, welche die Wiſſenſchaft Jedem giebt, und doch bebend, und bei ſich betend vollendete ſie an dem Vater die einfache, leiſe Bezau⸗ berung; und ais ſie annehmen konnte, daß er ſie hoͤre, ſprach ſie gedaͤmpft und ſtill dazu weinend:„Tſchao⸗ kong! Tſchao⸗kong!— Dein Weib Orhota haſſet Dich 1 31 ſchmaͤhlich; ſie will den Knaben an Dir raͤchen, und Tod mit Toͤdten vergelten.“— Der Vater regte ſich, wie ſich aufzuſetzen, aber er murmelte dann nur:„Wer biſt Du, ſchoͤne Geſtalt? ich ſollte Deine Stimme kennen!“— —„Die kennſt Du!“ ſprach Moliwha vor Bangig⸗ keit kaum fortzufahren im Stande.„Ich umſchwebte Dich ſtets, ich bin Dein Schutzgeiſt, bin Lo⸗ han, der das Leben der Menſchen ordnet, und zu Dir ge⸗ ſendet von:„„Sehr gewiß!““—*¹) Der Alte betete. Sie ließ das geſchehn, betete bei ſich mit fuͤr ihn zu dem:„Sehr gewiß,“ und als er ſich ſelbſt dann unterbrach, und zweifelnd an ſolcher Rache laͤchelnd ſagte:„Das kann kein Weib!“— da fuhr ſie erſchuͤttert fort:„Deine Orhota hat Deiner Moliwha ein kleines rubinrothes Flaͤſchchen gezeigt, das ſie aus dem Buſen genommen, worauf zwei gol⸗ dene Worte ſtanden:„„Schmerzloſes Gift;“ um ſie zu beruhigen ließ ſie ihr nur das Wort„Schmerz⸗ loſes“ leſen, und„Gift“ bedeckten ihre Finger, aber ich las es dazwiſchen hindurch, und ich beſchwor meine arme Mutter—— ich fiel vor ihr nieder——“ —„Ich? Ich?— ſprichſt Du!“ ſtammelte der Vater;„die Mutter! ſprichſt Du— ſo biſt Du Mo⸗ liwha, mein Schutzgeiſt! oder Du, Schutzgeiſt, biſt meine Moliwha.“—— ) CoVen⸗Gott. — 122— Moliwha erſchrack, ſich beſinnend, daß ſie aus uber⸗ kommenden Jammer nicht treu in der Geſtalt des Geiſtes geredet, ſondern:„Ich— ich,“ geſagt, und „meine arme Mutter.“— Er ſtrengte ſich an zu erwachen, er ſetzte ſich wirklich nun auf, und ſeine Hand faßte in fliehendem Traum ihr Nachtkleid. Da verſchwand ſie ihm ſchnell, verhullte ſich feſt in die Decken ihres Lagers, und weinte ſich aus. Am Morgen kam Orhota blaß und verſtoͤrt her⸗ vor. Ihr Benehmen war entſchieden, verſchwiegen, ja ſtörriſch und heftig. Sie befahl, als wenn ſie keinen Mann mehr habe, als wenn kein Oberhaupt im Hauſe ſei. Tſchao⸗kong ſahe dem ſtill und guͤtig zu; denn was ſie anordnete, war der fromme Gebrauch des Tiao, die Verehrung des Todten im Hauſe. Sie zog die kleine Moliwha lieblich in helle Farben an, und ſtellte ſie als Bild des Lebens und Bild des Todten zugleich zu dem Haupt ihres Kindes auf, und lehrte der Kleinen die drei Worte:„Weine nicht, Mutter!“ und in Zwiſchenraͤumen mußte das tebendige Bild ſie ſagen, und jedesmal beſchenkte ſie, dennoch weinend, das Kind dafuͤr. Sie gab den Va⸗ ter den Freundinnen preis, die ſie herbeirief: ihren u⸗Muen zu beklagen, und ſie beſtand darauf: ihn nicht heimlich wie einen kleinen Verbrecher— oder ein großes Verbrechen— zu beſtatten, ſondern ehrlich und nach dem Gebrauch. Ihre Schwiegermutter bat, aber ſie ſagte ſtreng: drei große Feſte feiert der Menſch, —— die Geburt, die Hochzeit und die Beſtattung. Nur dieſe drei ſind werth, wuͤrdig begangen zu werden⸗ Alles andre ſind Menſchenpoſſen! Dieſe drei ſind Dinge, wo es der Menſch vor allen allein mit der Natur zu thun hat, wo ſie ihm Leben, Vergnuͤgung und Ewigkeit giebt. Aus ihnen fließt alles andere, Heitre und Truͤbe, her, als abgeleitet, und verdient darum nur geringere Sorgfalt, Herzlichkeit oder Pracht. Dieſe drei ſind die ewigen Feſte der Menſchheit. Selbſt die Goͤtter, ihre Tempel, und ihre Verehrung moͤgen weniger koſtbar ſein, weniger herzruͤhrend und augen⸗ fällig; denn ihnen feiert das Menſchengeſchlecht ſie immer mit neuen Mitteln und junger Kraft— aber wir Menſchen den Menſchen nur einmal in unſerer Armuth! Semakuang hatte nach ſeinem rubinrothen Flaͤſch⸗ chen gefragt, das er ſeit jener Nacht vermißt, und welches daſſelbe war, das Orhota gefunden— aber ſie erroͤthete nur, wendete ſich ab, und verlaͤugnete es. Moliwha's Augen ſuchten der Mutter Augen, und laſen und baten mit wehmuͤthigem Flehen darin; aber ſie ſchlug ſie nieder, ſtand in duͤſtern Gedanken und entzog ſich ihr dann. Durch Semakuangs Forſchen nach ſeinem kleinen Rubinglas erinnert, gedachte Tſchao⸗kong ſeines Traumes, als er mit Moliwha allein war. Er er⸗ zaͤhlte ihr ſchonend Einiges, was das Andre nur er⸗ rathen ließ, wenn ſie darum wußte; und da ſie ihn ————————ů˖ — 12½— kannte, ergaͤnzte ſie den Traum durch hingeworfene Fragen, woruͤber der Vater zufrieden laͤchelnd ſie anſah. Als er aber den Traum verwarf, weil ſeine edle Seele die Rache nicht begriff, da knieete die Tochter zu ihm, verbarg ihr, ſchon mit den Haͤnden bedecktes, Geſicht noch obendrein in ſeinem Schooß— und ihm kaum vernehmbar und von Schluchzen unterbrochen, draͤngte ſie muͤhſam die Worte hervor:„O Vater, glaube dem Traum!“— und als er ſie koſend frug:„Mein Kind, warum ſoll ich das?“— da riß ſie ſich los, entſprang, und die zur Flucht ſchon geoͤffnete Thuͤr in der Hand ſprach ſie blaß und tonlos:„Der Traum— war S u d. ahn Sie lief wie verfolgt in den Garten, und warf ſich im dunkelſten Schatten verbergender Bluͤthengebuͤſche hin in die Blumen. Aber Semakuang fand ſie dortz ſie ſahe aufz ihre Beſturzung, ihr Anblick ſagte dem Kundigen viel— aber unfaͤhig, ſo Schweres, wie ihre Mutter an ihrem Vater begehen wollte, allein zu tragen, ſagte ſie auf ſeine gewandten Fragen ihm auch: Wer ſein kleines Rubinglas beſize— und das ſagte ihm Alles. Er war uͤberraſcht, ſtand lange in tiefer Ueberlegung, ſprach ihr dann Troſt ein, und bat ſie, ſich mit in ihre Sorge einſchließend: Laſſen wir es gehen! Nach einer ſolchen ſchweren That wie dein Va⸗ ter gethan— und begangen, iſt ſchwer zu leben; denn der wandelbare Menſch haͤlt nicht durch alle Tage mit einer, mit jener reinen hohen Kraft und Geſinnung — 45— aus, durch welche er einen ſchoͤnen Augenblick ſich ſelbſt uͤbertraf. Was reif wird, fallt ab. Er iſt reif! Die Tugend reift das Herz des Menſchen— und eine ſolche That erhebt ihn uͤber das Leben, er iſt werth der Ruhe, und werth das einſt— einſt einmal ruhig anzuſchauen, was ihn ſelber jetzt bedraͤngt und ver⸗ wirrt. Denn glaube mir, nur der Tod macht feig, und durch wen Jemand geſtorben, den moͤcht' ich die Ruhe goͤnnen! Du aber biſt eine fromme Tochter, goͤnne ihm die! und eine Ruhe— die Du nicht ahndeſt, die aber iſt, ſo wahr ich vor Dir ſtehe— und manches — Schrecklicheres— erduldet habe. Nun hoͤre! ſprach er, ſie an den Haͤnden faſſend: ihm wird, ihm ſoll kein Leides geſchehen, verbuͤrg' ich Dir— er iſt mir theurer als Dir! Wenn er Dir auch verloren geht und verborgen bleibt— er ſoll leben! Das halte feſt, was auch geſchieht. Denn Du liebſt ihn ja! Er ſoll Dinge ſchauen und Theil an unbe⸗ kannten, und dennoch wirklichen, Wundern nehmen, wofuͤr der Kaiſer Hiao-Ti ſein Reich mit Freuden gaͤbe,— wenn er nicht vom Throne geſtuͤrzt und in die Hand eines Jeden gegeben waͤre! So ſchien ſie beruhigt. Die beiden folgenden Tage des„Tiao“ verfloſſen nochz die Tochter, noch immer furchtend, nahm vor jedem Schlafengehn zwar mit langer Umarmung von dem Vater gute Nacht— aber da ſie an jedem Morgen leiſe zu ihm geſchlichen, mit ihren Lippen unter dem leiſen Kuſſe ſeine Hand noch — 126 immer warm empfand, da er ſie jedesmal mit den gut⸗ muͤthig aufgeſchlagenen Augen ſo freundlich anſah— und ſie, ſtumm ihre Sorge verſtehend, nur mit dem erhobenen Finger warnte— da ſchaͤmte ſie ſich, und hing nun zaͤrtlich an der leidenden Mutter. Orhota ſelbſt auch wäre vielleicht zufrieden geblie⸗ ben mit dem lieblichen Gebild ihres Kindes, das bei ihr war, als ſchliefe es nur; und ſo ſtill auch umwan⸗ delte ſie es. Aber als am vierten Tage die Maͤnner erſchienen, die erſt bewirthet und Gleichguͤltiges redend, dann plotzlich aufbrachen, und ohne Frage, ohne Ent⸗ ſchuldigung, ohne Troſtung den Todten bedeckten, erhu⸗ ben, und dahintrugen, als ſei das nur ein taͤuſchender Gebrauch, eine hergebrachte Sache, ldie, ohne daß ſie Jemand verſtehe, ſich ſelbſt verſtehe, nach welcher der Himmel nicht mehr frage, und kein Menſch auf Erden zu fragen habe— da erſtaunte ſie jäh und gewaltig, und die Gewalt der Erſcheinung baͤndigte ihre Seele. Doch als die ſanften mitleidigen Floͤten ihr Herz erweich⸗ ten, die gedämpften Paukenſchlaͤge an ihr Ohr, an ihr Herz ſchlugen— denn fuͤr ſie ertoͤnten ſie, fuͤr ſie war jetzt der Tod erfunden, fuͤr ſie das Leid und das die Seele durchbeizende Gefuͤhl des Verlaſſens und Ver⸗ lierens erdacht, fuͤr ſie war die Erde jetzt keine Perle, ſondern die Mutter der Seidenwuͤrmer, fuͤr ſie war der Todte ein Anfang*) des Erblickens der Welt in *) Scbi heißt Todter und Anfang. neuem verwandelten Licht— da beweinte ſie ihn muͤt⸗ terlich, und erfullte redlich den Zweck der Natur: das was ſie dem Menſchen bang zu entreißen ſcheint, nun eben dadurch erſt recht zu erkennen, und uͤberſchwenglich zu lieben,— zu lieben, wie ſonſt der liebendſte Menſch nicht vermag, und ohne den Tod nicht vermoͤchte. Und ſo beweinte, ſo liebte ſie jetzt ihr entriſſenes Kind. Als aber der lange Zug allmaͤlig nach den Bergen zu, wo die Ruheſtaͤtte der Hausbewohner war, ver⸗ ſchwand, als die auf vergoldeten Stangen getragenen wunderlichen Thiergeſtalten und Pagoden ſich in den Cypreſſen verloren und in die dunkelgruͤnen Gipfel und Zweige miſchten, als es leer ward in ihrem Auge, leer in ihrem Ohr, leer in der dumpfen Seele, als nur noch die losgebrannten Schwaͤrmer im milden Abenddämmer zu ſehen waren, und die Raketen uber die Wipfel der Eyßkeſſen empor ſtiegen, am blauen Himmel ihre Sterne verſtreuten, die verſchwanden und die wirklichen ewigen goldnen Geſtirne dafur zuruͤckließen und den ſchimmernden Aether— da ergrimmte die Mutter aufs neue, und Rache befiel ihre Sinne wie Trunkenheit. Denn ihr gebrach der Troſt anderer Men⸗ ſchen die Solches leiden: ſich einer allmachtigen, gren⸗ zenloſen— ſonſt ſo verehrten, in allen Dingen ſo guten Gewalt verſtummend zu unterwerfen, und leiſe zu denken: Sie hat es gethan! ſie, die noch alle die Meinen, und mich umfaͤngt— die ich noch dank⸗ bar, einzig und höchlich verehren muß, und fuͤrchten, — 128— dulden und ſegnen, ach, und lieben! In ihr aber ſchlug der Haß aus dem in dieſen ſtillen Tagen mit heiliger Sorge und Muͤhwaltung erfullten, nun aber ploͤtzlich leeren Mutterherzen empor— denn Er, der das gethan, der es ihr gethan, ſaß allein im Abendſcheine, im grauenden Duͤſter des Zimmers vor ihr, und wie er ſaß voll Leiden, die ſie nicht gehoͤrt und nicht geſehn, und wie er jetzt eine Stärkung von ihr begehrte, da ſprang ſie mit ſchnellem Gehorſam auf, holte ihm den Ginſengtrank zur Staͤrkung, aber ſie goß zuvor das himmelblaue Waſſer, mit Händen die nur von kochender Rache bebten— das ſchmerzloſe Gift in die Starkung, und das ganze Zimmer erfuͤllte köſtlicher recht erquickender Fruͤhlingsduft. Er nahm das kleine rubinrothe Glas das ſie nicht verborgen, ſon⸗ dern vor ihn hingeſtellt, in die eine Hand— er er⸗ kannte es aus dem Traume, ſeine andere hielt den Be⸗ cher, und er frug ſie nicht. Er ſah ihr nur in die duͤſter glaͤnzenden Augen, und bitteren Schmerz, un⸗ enbliches Leid und ſchwankende Reue im Herzen, trank er ihn langſam aus, und druͤckte ihr dann dankbar und ſanft die Hand, die ſie ihm entzog, als er ſagte: ihm werde unbeſchreiblich wohl. Ja, ſie war entſchloſ⸗ ſen, ihm zu ſagen, wenn er den Tod fuͤhlen wurde, warum er ſtetbe— fuͤr ſein Kind— und durch wen— durch des Kindes Mutter, um alle Muͤtter an ihm zu räͤchen, und alle Väter zu warnen, die Liebe der Mutter zu ihren Kindern zu ſchonen und zu — 129— fuͤrchten! Doch ehe ſie es vermuthete, ſchloß er ſchon ſanft die Augen; er wollte noch ſprechen, aber die Lip⸗ pen gehorchten ihm nicht, er dehnte ſich, er ſtreckte ſich aus— er lehnte ſich hin und entſchlief ſo leicht, ſo ſchnell und ſuͤß wie ein muͤdes Kind auf der Mutter Schooß; er ward ſtarr, er ward kalt— ſie legte die Hand auf ſeine Fiiyn— ſie erſchrak, ſie rief Huͤlfe, aber Niemand war da, und ſie ſtand in der furchtba⸗ ren Stille allein Ud hörte nichts als das dumpfe Ge⸗ roll der Pauken von dem zuruͤckkehrenden Zuge, der nun— wie es ihr daͤuchte— nach ihrem Manne kam! Da war die Mutter verwandelt, verſchwun⸗ den, und Orhota— das Weib— das ſchuldige Weib ſank lautlos zu Boden⸗ Schefers neue Nov. 1. VI. Die lange Nacht. Der Liebe ſei verziehn: den Tod zu ſcheuen, Aus kurzen Tagen lange Nacht zu machenz Das alte Leben laͤßt ſich ſo erneuen, und ei Se„ach, und welch Erwachen! WMoliwha, die junge Witwe des alten Prieſters Li⸗Chaokiun, kam zuerſt nach Hauſe, und empfing den Schreck uͤber des Vaters Tod aus der Mutter ſchmerzzerriſſenem Herzen mit doppelter Stärke. Sie konnte kaum einmal zu dem Verblichenen, Tſchao⸗ kong, hinknieen, ihn kuͤſſen, ſeine Seele zuruckrufen, als ſchon Orhota ihrer Tochter ganze Sorge in An⸗ ſpruch nahm. Denn ſie war kaum zu baͤndigen, und ihr Schmerz war kein reiner um einen nun ſeligen Todten, ſondern uͤber einen unſeligen Tod, ja Mord. Die Verwirrung ward noch groͤßer, als auch die alte Großmutter La⸗Moé vom Begraͤbniß ihres lieben from⸗ .———— men Enkels U⸗Muen endlich langſam zuruͤckgekehrt war, und ſich ausruhen wollte von dem ausgeſtandenen Leid der Alten: die Jugend zu Grabe zu bringen. Aber fuͤr Stille und Ruhe, ſanftes Nachweinen und allmälige Erquickung durch die ſtillfortdauernde Gegen⸗ wart der immerſchoͤnen, immer wieder Dauer verheißen⸗ den Welt, fand ſie den eigenen Sohn todt, ſo ſchnell geſtorben! Ihr Schmerz ſtand ſtill, wie ein Waſſerfall in plotzlichem Froſt, und all' ihr Vertrauen zu der oft beweinten Erde war hin, und hin ihr unbegreifliches Hoffen auf die immer ſchoͤne, immer wieder Suzf und Leben verheißende Welt. Semakuang hatte ihr am Grabe des Enkels einen kleinen Zettel in die Hand gedruͤckt, den ſie im Buſen verborgen. Als ſie ſich uͤberbeugte und noch einmal weinen wollte, aber mit den Alten trockenen Augen nicht konnte, da fiel er vor ſie hin auf den Liſch. Aber erſt nach langer Zeit kam ihre Enkeltoch⸗ ter Moliwha, ſetzte ſchweigend ſich ihr gegenüber, und oöͤffnete gedankenlos das Roſenpapier, nur aus Gleichgultigkeit der Beſchaͤftigung, wie ein Kranker mit den Blumen ſeiner Decke ſpielt. Moliwha las es und legte es dann als einen Troſt der guten alten Großmutter hin. So las ſie denn auch das wunderliche Blatt: — 132— Liebe La⸗Moé! Beſtes Weib! Denn beſſer giebt es Keines, als ein Geduldiges, wie Dich! Und doch muß ich Dich verlaſſen, weil meine Väter jetzt wieder unter den Menſchen wandeln und erwachen werden, jetzt, da die viel aͤltere Natur (Sie) wieder jung und ſchoͤn erwacht. Ich muß Euch verlaſſen in Eurer Noth. Aber ich weiß Dir einen Rath, ſie geduldig zu uͤberſtehen: Glaube nur es iſt keine— und es iſt keine! Was Ruhe und Zufrieden⸗ heit in uns vleibt, wird und iſt, was auch immer von Außeruns her unſern Frieden nicht ſtoͤrt, das iſt Ruhe und Frieden, und ſcheint es Allen umher ſelbſt Tod und Trubſal! Unſer guter Sohn, Tſchao⸗kong, iſt nicht todt, er ſchläft nur; und wenn Ihr ihn auch begrabt— er wird leben. Denn glaube, er iſt auch mein Sohn, wie Deiner. Ich bin nicht, wie Ihr meintet, nur Deines Semakuang Sohn, ich bin Er ſelbſt. Wußte ich nicht, wo Du das alte Gold unter dem Heerd vergraben, das Du fuͤr Geiſterſchaͤtze gehalten, und nicht angegriffen, ſondern lieber arm ge⸗ blieben? Iſt die kleine Moliwha nicht dein Kind, dein Find von drei Jahren und doch älter als unſer Sohn Lſchao⸗kong, des Tochterchens Bruder! Glaube indeß, bis ich vielleicht noch einmal zu Dir komme. Glaube! Denn uͤber dem Hauſe, darin ein Todter liegt, iſt der Himmel offen, ſo unermeßlich er iſt; die Lebenden dar⸗ in glauben dann alle Mahrchen, alle ſchoͤnen Fabeln, ———— —— — 133— die je ein Menſchenherz aus ſich in das Reich der Sonne gefoͤrdert. Das Wunderbarſte kommt ihnen nicht wun⸗ derbar vor, ſondern das Erſtaunenswertheſte gemein und natuͤrlich. Ihr Geiſt wohnt im Geiſterreich, und ſie ſchweben in dem Tage leicht und frei, und der ſchwere, ſchwarze Boden der Erde ſcheint ſie nicht zu tragen, ſo geiſterhaft empfinden ſie ſich. So empfinde auch ich mich auf der alten ſchweren Erde, deren Er⸗ ſcheinungen mir immer geſpenſterhafter werden, oder immer mehr nur Geiſter, und ich ein Geiſt. Und doch kann ich noch weinen, auch uͤber Dich und um Dich— denn Du warſt alt geworden! Und ich, ach, ich war jung geblieben; und auch das kann ein Gram ſeyn, o meine Seele! Aber wie Du, und wohl man⸗ ches Weib zufrieden wäre, daß ſie nur ein Jahr lang, nur einen Monat kurz, einen Sohn des Himmels (Tien) zum Gemahl gehabt, der ſie geehrt durch ſei⸗ nen vertrauteſten ſeligſten Umgang, und die ihn nun zeitlebens gern beweinte und in ihrer Sehnſucht— des Verlorenen nur deſto treuer und ſuͤßer gedaͤchte— ſo gedenke Du mein! Ich bin gluͤcklich geweſen durch Dich, ſo lange ich es vermochte zu ſein durch Dich. Du wirſt von der Erde in die Erde hinabſteigen— ſterben, aber goͤnne mir laͤnger zu ſein, was Du nicht warſt— ungluͤcklich. Unſern Enkel konnt' ich nicht retten, denn ich darf mich in nichts miſchen was Andere thun, denn wir ſind Abgeſchiedene, nicht Geiſter, ſondern abgeſchie⸗ dene Menſchen, wenn wir ſo noch Menſchen oder ſonſt —— etwas ſind. Auch freute mich in meinem größern er⸗ weiterten Lebensgefuhl der frevelhafte Uebermuth: eine tugendhafte große That zu thun, wie ſie unſer Sohn Tſchao⸗kong an— ſeinem Soͤhnchen geuͤbt, nicht nur an dem Bogdokhan(Kaiſer) und ſeinem Soͤhnchen. Das betrachten die immer halbblinden Tugendhaften nicht. Du aber lebe noch den ſchoͤnſten Theil des Le⸗ bens, nicht das Alter, ſondern lebe, erlebe das Ster⸗ ben ſ den Tod; denn Sterben iſt der ſchoͤnſte Theil des Lebens und ſein herrlichſtes Werk, wer es nicht bloß leidet, ſondern zur That macht durch ſeinen Wil⸗ len. Alſo wolle ſterben, und bleibe auf ewig auch todt 6 unnnn * m Deinem Semakuang. aiſe mſe 6 kleine Tochter Moliwha! Griß⸗ ert Enkelin! Ich will ſie nie verlaſſen, und ihre Graäͤber ſollen mir ue lunge und immer thr p Semakuang. Dieſe Erläuterungen zum Leben der alten Groß⸗ mutter thaten aber bei ihr die entgegengeſetzte Wirkung, Anſtatt ſie zu beruhigen, regten ſie alle ihre Wuͤnſche der Jugend und eines langen einſamen Lebens auf, da ſie glaubte, der Erſchienene ſei ihr Semakuang. 1s aber nach einigen Tagen nichts uͤbrig blieb, als — 165— daß ihr Sohn Tſchao⸗kong auch in die Hohlen der Gräber ihrer Väter getragen werde, als ſie nicht mehr glaubte, da war ihr trauriger zu muth als zuvor, und vollends als ſie aus Orhota's Klagen errieth und doch verſchweigen ſollte: ihr Sohn ſei nicht geſtorben, ſondern— umgebracht. Daß Semakuang aber ſie jetzt verlaſſen, deswe⸗ gen entſchuldigte ihn die Abberufung zu den Seinen. Er hatte Erlaubniß erhalten, den Kaiſer Hiao⸗Ti mit ſeiner Tochter Tiono und den theuer erkauften Knaben in den geheimen Berg⸗Pallaſt der unſterblichen Menſchen zu bringen, die eben deswegen von Zeit zu Zeit aufwachten oder vielmehr ſich erwecken ließen, und wieder ein Jahr lang munter blieben, um Alles gleich⸗ ſam einzuerndten, was Vortrefflichſtes im Menſchenge⸗ ſchlecht hervorgegangen, indeß ſie geſchlafen. Da die Herrſcher, als uberhaupt die weiſeſten Menſchen, noch uberdieß von allen Uebrigen das Meiſte erfahren und wiſſen, ſo meinten ſie auch von Hiao⸗ Ti viel Gehei⸗ mes zu hoͤren, auch wenn er nur kurze Zeit geherrſcht. Denn er hatte gleichſam in der Lichtſaͤule des Lebens geſtanden, auf dem Throne geſeſſen, den ſie mit tau⸗ ſend Augen und Ohren abbilden. Und hatte er ſich mit andern Dingen beſchaͤftigt, ſo wußte des Kaiſers beſtandiger Hofmeiſter, ſein Colao— und das war Tſchao⸗kong geweſen— gewiß um Alles im Reiche. Ohngefaͤhr dieſe Gedanken außerte Semakuang gegen ſeinen Genoſſen Thakon, als ſie in der Nacht — 136— nach Tſchao⸗kong's Beiſetung zwiſchen den wunder⸗ lichen Grabmaͤlern der Todten ſaßen, zwiſchen unge⸗ heuern Elephanten von ſchwarzem Geſtein, gelben Loͤ⸗ wen, gruͤnlichen Drachen, roͤthlichen zuſammengerollten Schlangen, prachtvollen Rieſenſchildkroͤten und ſtarren⸗ den Crocodillen, welche alle, weit an den Hoͤhlen des Bergabhanges umher, und den Berg und die Aue und den Hain und die Stadt der hellſte Mond vom rein⸗ ſten azurenen Himmel beſchien. Semakuang aber gedachte ganz Anderes. Ihm war es allein um die ſchoͤne, ſchöne Tiono zu thun; und wollte er ſie ſich erwerben, mußte er ihren Vater, den abgeſetzten Kaiſer Hiao⸗Ti Theil nehmen laſſen an ſeinen Geheimniſſen; und das war dieſem ſonderbaren Manne ganz recht, der nicht eher leben, lieben, Gutes thun und herrſchen zu können und zu duͤrfen glaubte, bis das Alles kein Ende naͤhme, bis es nicht mehr an Schatten und Stauh verſchwendet werde, bis er nicht bloß Schatten und Staub waͤre, der zu ſeiner Verzweiflung mit Liebe und ewiger Sehnſucht begabt ſei. Semakuang berathſchlagte mit Thakon: ob ſie den Colao Tſchao⸗kong hier in der Nacht ſchon erwecken follten? Thakon aber rieth, lieber mit ihm als vermeinten Todten zu den Ihrigen zu reiſen, weil ſie dann deſto ſicherer und ungefragter durch das Land, durch Städte und Doͤrfer reiſeten, da ja Jeder, der es nur irgend vermoͤchte, die Geſtorbenen zu den Gräbern ſeiner Vorfahren bringen laſſe, damit ihr Staub bei —————— — verwandtem Staube ruhe, und der Menſch an dem Orte verſchwaͤnde, wo er erſchienen ſei. Und ſo erhuben denn die mitgefuͤhrten Maͤnner das enge Haus des Tſchao⸗kong, worin er wie eine Biene in ihrer Zelle ſchlummerte, ſetzten ihn ſanft auf den niedrigen Wagen mit rothen Seegeln der Trauer, und begleiteten ihn auf der Heerſtraße, die im Mondlicht ſchimmerte. Semakuang ging aber in den Eingang einer duͤſtern Hoͤhle und rief hinab:„Hervor! Hervor! es iſt Nacht! Kommt, furchtet nicht mehr!“ Nach eini⸗ ger Zeit wiederholte er ſeine Worte, und aus dem Grabmale trat ein Mann und ein Knabe, und eine weibliche Geſtalt. Es war ein etnſtgebietender ruͤhrender Anblick, den Kaiſer mit ſeinen beiden Kindern hervortreten zu ſehen aus ihrem Schlupfwinkel, worin ſie ſich verbergen muͤſſen, als ſonſt ſo uͤberaus, faſt uͤbermenſchlich ver⸗ ehrte Weſen, und jetzt verachtet und verſunken unter die Menſchheit, bei welcher der Bettler ſelbſt Brot und Waſſer, Genoſſen und etici oder doch Ruhe und Sicherheit fand. Aber der zaͤrtliche Vater knieete hin auf die daͤm⸗ mernde Erde unter den offenen Himmel mit ſeinen Geſtirnen, und dankte ihm, daß er ſeine Tochter, ſei⸗ nen Sohn und ihn ſelbſt errettet. Er pries die ſchauer⸗ liche Hoͤhle: die kalte Grotte der Sterne, daß ſie nicht ganz ohne Troſt und Huͤlfe ſeien, wenn ſie in der armen ſterblichen Menſchen Gedanken ein Mittel gelegt. das ihnen gewahre; laͤnger als ſonſt, lange, lange unend⸗ liche Zeit ihre unendliche Schoͤnheit zu ſehn, die ſo nur um ſo beweinenswuͤrdiger ſei, weil ſie den tiefen heili⸗ gen Wunſch errege: ſie nie, ſie doch nicht ſo bald zu verlieren! Denn wenn Himmel und Erde nicht ſo ſchoͤn waren, die Gebilde der Erde nicht ſo lieblich und ſo lie⸗ bewerth, mehr als Alles und mehr als wir ſelbſt— ware dann zu ſterben einer Thräne, oder gar der tau⸗ ſend Thraͤnen werth! Er beſchwur nun den Eid, den Semakuang von ihm verlangte; Alles auf Erden fuͤr immer hinter ſich zu laſſen, Alles, nur ſeine Kinder nicht, und ein neues, großeres, weiteres, gleichſam rieſenhaftes Leben dafuͤr hinnehmen zu wollen, zufrieden mit den eigenen Freuden und eigenen Leiden, welche ihm dieſer neue Zuſtand gewaͤhrte und mit ſich fuhrte. Auch Tiono gelobte das in Semakuangs Hand. Denn der ſanften kindlich frommen Tochter ſchien es uͤberall möglich auszudauern, ja freudevoll zu leben, wo ihr Vater ſei, und begluckt und zufrieden mit ihrz aber auch der ſchoöͤnen Jungftau ſchien das unwider⸗ ſprechlich moͤglich, wo ſie die Schoͤne, die durch das Anſchauen ihrer Geſtalt jedes Auge Begluckende blieb. Vor allem aber zweifelte das liebreiche Maädchen nicht daran, daß ſie Alles da haben werde, wo der männlich,ſchöne kraftreiche Semakuang, ihr Erret⸗ trer ſei! Denn daß er Neigung zu ihr trage, war ihr —— klar wie der Fruͤhlingsblume die Fruͤhlingsſonne; und verſteht die einfache Blume ſich ſchon auf die Sonne, ſollte das kunſtreiche Gebild, die fuͤr Liebe gebildete ſchoͤnſte Menſchengeſtalt, die vollkommen„entwickelte Jungfrau ſich darauf nicht verſtehn, wer Auge und wer ein Herz habe fuͤr ihr Herz? Waͤre ihr, dem be⸗ ſcheidenen Kinde zuvor je eingekommen, daß ſie erhaben uͤber die Menſchen ſei; dann wuͤrde ſie ſich jetzt erſt gedemuͤthigt empfunden haben; aber ſie war bloß de⸗ muthvoll wie immer vorher, auch nur jetzt. Und wenn ſie dem Manne trauen duͤrfte, der ſie liebte(und jede Jungfrau traut dem, welchen ſie mit jungfräulicher Liebe liebt, ſonſt liebte ſie nicht zum erſtenmale, das heißt den Erſten) ſo verließ ſie ja nichts mehr als jedes an⸗ dere Weib, das Vater und Mutter, Bruͤder und Schweſtern Haus und Heimath verlaͤßt und verlaſſen muß, um ihrem Manne gehören zu konnen; ja ſie verlor weniger, denn ihr Vater und Bruder blieben nun immer, wo er blieb und ſie. Und ſo knieete ſie denn tiefgeruͤhrt mit einem Knie auf die thauige Erde, und ſchwur dem Semakuang, was er mit Worten ver⸗ langte, und mehr als das, denn es giebt eine Rede der Augen, ein unwiederſtehliches Andringen des Be⸗ tragens und der Bezeigung eines Mannes gegen ein Weib, das einem Blinden und oft einem Sehenden, ſelbſt Vater und Mutter, nichts zu fordern und nichts zu geloben ſcheint, und doch Alles ſtill gefordert und Alles feſt angelobt hat, nämlich die Seele des Andern 8 7 — 140— gefordert und die eigene Seele verheißen hat. So war auch hier geſchehen in wenigen Tagen, aber bei Veranlaſſungen, welche die Geſinnungen des Einem dem Andern entdecken mußten, wie ein Gewitterſturm den Wohlgeruch der Blumen entlockt. Semakuang fuͤhrte ſeine neugewonnenen Freunde und ſeine ſchoͤne Freundin darauf nach der Straße, wo Tragſäͤnften fuͤr ſie mit den Saumroſſen bereit ſtanden⸗ Ehe ſie ſich aber einſetzen durften, legte er dem Kaiſer, ſeinem Knaben und auch der mildlaͤchelnden Tiono eine feine zarte Wachsmaske an, die uͤber den Kopf ging, und vom Geſicht nur die Stirn und die Augen, doch ſicher bedeckte. Tiono paßte ſie an. Er wollte ſie ihr gleich vorlaſſen; aber ſie begehrte noch einmal zu ſehen — und blickte ihn an, ſchloß dann ſanft die Augenlie⸗ der, und ſeufzte dann lieblich⸗erroͤthet unter der Maske und ihre ſchoͤne Bruſt hob ſich leiſe und ſenkte ſich leiſe. und er ſeufzte vor Wonne des Anſchaun's. Der Knabe freute ſich der Vermummung; der Vater aber ließ aus dem Grunde nicht gern ſich die Augen verdecken, als ob er verrathen werde, in welche Wektgegend, durch welche Orte und wohin ihn der Weg fuͤhren wuͤrde. Noch nie hat ein Herrſcher ſein Wort gebrochen, meinte er; und, ſetzte er laͤchelnd hinzu, kannte ich denn meine Staͤdte und meine Stra⸗ ßen? Es geſchieht mir recht, daß ich jetzt ſie nicht ſehe. Du haſt mir zu viel Einſicht in mein Reich zugetraut, o Semakuang, und dafuͤr habe denn Dank! e — 141— So reiſten ſie nun als die Begleitung Tſchao⸗ kongs, den Semakuang, wie es ſcheinbarer war, fuͤr ſeinen Vater ausgeben wollte. Gegen Morgen, als die herrlichen Kokila's ſangen, die großen bunten morgenlaͤndiſchen Nachtigallen, und der Himmel ſchon braunroth gefaͤrbt war, hielten ſie vor der Furth durch einen klaren breiten Bach in friſch⸗ duftendem Haine. Die Uebrigen plaͤtſcherten ſchon voraus. Semakuang ſtand an Tionos Saͤnfte, welche ruhte⸗ Er neigte ſich, er gruͤßte ſie leiſe. Sie bog ſich her⸗ aus. Sie horchte, ob kein Fußtritt die Naͤhe eines Andern verrathe, und da es ſtill war um ſie her, laͤ⸗ chelte ſie ihn lieblich an und er neigte ſich mehr, und pfluckte den erſten Kuß von ihren Lippen; er ſank all⸗ maͤlig auf ein Knie! aber ſie entzog ſich ihm nicht, ſondern ihr Geſicht ſank nach, ihre Lippen kuͤßten ihn wieder, und ſo ruhten ſie eine himmliſche Zeit. Daß dem ſanften Gebild der Jungfrau ſo geſchahe, war an der Reihe der Entfaltungen ihres Lebens, des Bluͤhens ihres Herzens, wie die Roſe ſich entfaltet und aufbricht zur rechten Zeit, wenn die hundert in einan⸗ dergewickelten dunkeln Blaͤtter ſich, eines vom andern, gleloͤſt, und das duftige Herz nach dem himmliſchen Licht und dem Segen da draußen rings um ſich her nun endlich nach einer langen Ewigkeit auch begehrt. Und daß ihm ſo geſchah, wie viel er auch erlebt hatte, war Wirkung der Schoͤnheit im erſten Reiz, Schoͤn⸗ heit, die er im Tode geſehen mit allem Bedauern, das — u— die Natur ihr heilig und immer erregt; Schönheit im Erwachen und erwacht aus dem Tode, den ſie gern, ſchweigend und liebend gelitten, weil er ihr von dem eigenen Vater kam! Sein Herz war von ihrem Werthe ganz gedraͤngt und beklemmend voll. Und doch lächelte er uͤber das arme Maͤdchen, das leicht bethört von nichts als der Maske, die ſie hinderte die Welt zu ſehen, ſich ihm ſo unverhofft ſchnell verrathen und er⸗ geben. Er gedachte, ja er empfand die geheimnißvolle uͤberſchwellende Liebe die augenlos und wortlos in den ſtummen blinden Geſtalten der Erde waltet, und flammt und emporſchlaͤgt in den tauſend Bluͤthenknospen, den tauſend Blumen, ja als die Blumen und Knospen ſelbſt. Und die ganze gruͤne Erde, ja ſelbſt der blaue Himmel kam ihm vor wie eine Maske, darun⸗ ter ſuͤße heilige Liebe ſich ewig verraͤth, und ſo raſch in einem Erguſſe fort verraͤth, ohne Auge ohne Wort. O Tiono! ſprach er, ſei geſegnet, Du himmelgleiche! Sie aber verſtand ſeine Meinung nicht, und lispelte ihm nur wieder zuruͤck: Und Du, ſei Du— ge⸗ ſegnet! 5 „Der Himmel ſenke ſeinen Segen in deine Geſtalt, und er komme mir ferner aus Dir, in Dut ſchlo er den Bund.— Aehnliche Eee waͤhrend der Reiſe ver⸗ knuͤpfte ſie ſo feſt, daß ſie ſich unentbehrlich wurden, und nimmer wuͤnſchten anzukommen, wo Menſchen ſich vielleicht Tage lang zwiſchen ſie ſtellen mußten. — 143— Endlich gelangten ſie an den Berg. Von nußen unerſteiglich fuͤr Menſchen und Moſchusziegen, zu hoch fur Eidechſen und Ameiſen, erhoben ſich ſeine glatten Felſenwaͤnde ſchroff und majeſtätiſch empor, ſo hoch wie Lerchen ſteigen oder Schwalben. In der mittlern Region, wo Falken und Adler ſchwebten, ſchimmerte ein gruͤner Guͤrtel von Gebuͤſch in der blauen Luftz und daruͤber hinaus, wo die regenſchweren Gewitter⸗ wolken anſtießen, wie Nebel hinaufſtiegen und jenſeits wieder ſich ſenkten, und wie Mädchen, die ſich zum Bade in die See ſtuͤrzen, auf dem azurblauen Luft⸗ meer wieder ſtill ihre himmliſche Straße zogen—— dort oben ſchien der Berg in zwei blauſchwarze Gipfel gewaltſam geſpalten, ein ungeheures furchtbares altes Geiſterſchloß, das uͤbermaͤchtige Geiſter der Erde wun⸗ derlich-wunderbar, zackig und rieſenhaft tief aus dem Erdſchooß hoch zu den Wolken hinaufgetrieben mit un⸗ begreiflicher Kraft— und das himmliſche Geiſter mit noch groͤßerer Macht gewaltſam wieder zerſtoͤrt, ja zer⸗ riſſen, mit Blitzen eingeſchmettert und mit Wirbelwin⸗ den zerwuͤrgt, und das ſie da ſtehen laſſen im Reiche der Sonne, den Menſchen zum Wunder, zu ſtillem Erſtaunen und ſchuͤchterner Demuth. Und wie die Chi⸗ neſen jedem Berge eine Bedeutung zudenken, ſagten ſie von dieſem: er bedeute„die Richtigkeit des Menſchen;“ und ſo war auch ſein Name. Am Fuße deſſelben, von Gebüſch umgeben, ſtuͤrzte ein nicht hoher nicht breiter Waſſerfall ſein blauliches Waſſer in einen Keſſel herab, der ſein Uebermaaß als Bach in die Ebene ſandte. Unter den Wurf dieſes er⸗ goſſenen Schwalles, wo es trocken und daͤſter war, fuͤhrte Semakuang ſeine Tiono, den Vater und Bruder. Aber ſelbſt hier noch nicht nahm er ihnen die Augenmasken ab, ſondern erſt als ſie in einer Hoͤhle hinwandelnd, an einen ſtillen eiskalten See gekommen, die Wachsfackeln vom Wachsbaum angezundet waren, und ſie in dem Nachen ſaßen, der ſie hinuͤber trug, nach einem feurigen Punkte hin, wie eine gluͤhende Kohle im naͤchtlichen Walde. So lange zu ſehen ungewohnt, konnten ſie kaum gewahren, wo ſie ſich befaͤnden, wie hoch die Höhle, wie reizend der See ſei. Jenſeit des See'es ſtiegen ſie ans Land, oder vielmehr an den Fels, in eine Grotte, ohne Spur der Menſchenhand, noch ganz ſo gelaſſen, wie ſie die Natur gebaut. Auf ein gegebenes Zeichen, kamen ſtarke eiſerne Anker aus der offen dun⸗ Leln Kluft uͤber ihnen herab; der Kahn ward in die Grotte gezogen, die Haken an die Ringe deſſelben ge⸗ ankert; ſie ſtiegen wieder ein, ſetzten ſich, und auf ein neues anderes Zeichen erhob ſich ihr Sitz mit ihnen langſam und ſchweigend und ſicher empor, wie im Schacht eines Bergwerks. Stumm vor Beklommenheit und bang vor Schau⸗ der ſah ſich das zarte Maͤdchen an dieſem abgeſchiedenen huͤtfloſen Orte, der rathſelhaft ſelbſt, noch zu groͤßern Geheimniſſen und vielleicht Schreckniſſen fuͤhren konnte. ——————— — 145— Denn ihrem Vater war in den letzten Tagen das Aergſte von Menſchen geſchehen, und der Abgrund worein er geſtuͤrtzt, konnte ja noch grauſer und ſchreck⸗ licher ſein. Denn die Welt hatte ſich fuͤr ſie auf die Nachtſeite gekehrt, und jene ungeheure Glocke, die im Pallaſt nach Huͤlfe gerufen, ſummte ihr noch vor den Ohren und ſchlug ihre brennenden gellenden Schlaͤge ihr hoͤrbar noch fort. Semakuang ſah ihre Augen feucht, die beſorgt an dem Vater und Bruder hingen. Und ſo laͤchelte er ſie an und ſagte mit ſicherer Stim⸗ me zu Hiao⸗Ti: Du biſt ein Mann, und verwun⸗ derſt dich nur. Und mit Recht. In der Welt der Kinder liegen alle Wunder des Lebens um uns, und mehr und groͤßere als uns die Jahre loͤſen, die wir unter den abgekuͤhlten wie blind gewordenen Menſchen dahin traͤumen. Hier iſt nichts mehr als eine Bie⸗ nenbaͤute— im Fels, ein Wespenbau, eine kleine Stadt von Loͤſchpapier mit Ringmauern und zwei Tho⸗ ren. Das ſichere Haus enthält Zellen; in den Zellen wohnen die Weibchen, die Männchen und die Ge⸗ ſchlechtsloſen. Gegen den Winter hin— ſterben die meiſten. Die Geſchlechtsloſen, welche vorher die jun⸗ gen Laͤrvchen ernaͤhrt, die ſie wie junge Vögel futtern, reißen dann, ehe ſie ſelber ſterben muͤſſen, alle lebende Larven noch aus den Zellen, die ohne das ja doch umkommen muͤßten. Sie tragen ſie aus Verzweiflung der Liebe, welche dem Haſſe gleicht, hinaus ins Freie, ans Licht der Sonne. Aber da dieß die immer gute Schefers neue Nov. k. 10 Natur in ihnen thut, ſo wird der Haß zu Liebe, der Fluch zu Segen. Denn die am Leben bleibenden Weib⸗ chen, unter Steine verſteckt, kommen im Fruhling her⸗ vor, und jede legt einen Bau fur ſich an, bis ihre Kinder mitbauen. Und das neue Geſchlecht der Ge⸗ ſchlechtsloſen kriecht im Fruͤhling zuerſt aus und hilft ihre juͤngern Geſchwiſter mit fuͤttern und der Mutter mitbauen! Oder willſt Du uns lieber mit den Bie⸗ nen vergleichen, die ihre Koͤnigin haben, und Arbeits⸗ bienen und Drohnen oder Maͤnnchen ſind, und aus⸗ ſchwaͤrmen, damit ihr Haus nicht zu voll wird. Oder mit den Ameiſen, deren wenige Weibchen auch Koͤ⸗ niginnen ſind, oder doch ſolcher Verehrung genießen; jene in der Erde lebenden Geſchoͤpfe, die in ihrem Herbſt Fluͤgel bekommen und in der Luft ſchwaäͤrmen und tanzen; deren Puppen die Arbeits⸗Ameiſen in die Sonne tragen und bei Gefahren fluͤchten, die verwundet ja zerſchnitten noch Puppen ſo viel ſie vermoͤgen erretten, und vor ihrem Tode noch eine Heldenthat thun, ja den Tod zu einer Helden⸗ that machen! Denke Dir zu dieſem Bilde von uns noch: Schwalben im Winterſchlaf, ſchlafende Armadille, Schildkröten, die im Winter ohne Nahrung ſchlafen. Und ſchlafen nicht die uͤberwinternden Pflanzen die kalte Zeit! Sie ziehn ſich zuſammen; ihr Blut, der Saft, zieht durch die Adern in die Wurzel, gleichſam in ihr verſtarrtes Herz— ſo ſchlafen ſie und ſcheinen todt. Aber die Luft weht warm, ſie erweckt ſie wirk⸗ — 147— lich wieder, wie die Sonne am Morgen die Menſchen. Nacht und Kaͤlte macht den Winter, Licht und Waͤrme den Lenz,— unaufhoͤrliche Kaͤlte und Nacht iſt der Tod. Andere Zonen, andere Pflanzen und Thiere. Manche derſelben ſcheinen aus andern heruͤber gekom⸗ men in unſte. Ach, ſo iſt der Menſch heruͤbergekom⸗ men in das Clima der Erde mit Tag und Nacht, Schlafen und Wachen, Winter und Sommer! Durch Kaͤlte und Waͤrme, ihre Uebergaͤnge und ihren Wech⸗ ſel werden die großen Wunder der Natur gewirkt. Saͤugethiere vermoͤgen hauptſaͤchlich den Winterſchlaf oder Sommerſchlaf zu ſchlafen— alſo auch der Menſch. Betaubung und Erſtarrung iſt ihr Zuſtand. Zu beſtimmter Zeit weicht ihre Warme nach und nach von ihnen, die Empfindung, ſelbſt die Luſt des Daſeins. Wie im heiligen Mutterſchooß beduͤrfen ſie keiner Speiſe, keines Trankes; ſie holen nicht Athem, das Blut ſteht faſt gaͤnzlich ſtill, das Herz ruht! Unter den Kerb⸗ thierfreſſern ſchlaͤft nur der Igel, die Fledermaus; un⸗ ter den Nagethieren das Murmelthier, der Siebenſchlaͤ⸗ fer, der Hamſter, in der Kaͤlte. Aber auf jener Inſel weit von uns(auf Madagascar) ſchlaͤft der Tenneck, der Igel, gerade im heißeſten Sommer! Das ein⸗ geſchlafene Thier harret wie vor dem Eintritt ins Leben in ſich zuſammengerollt. Es iſt kalt, es bewegt ſich nicht; nur ſtark geruttelt und ſchmerzlich genothigt giebt es ein Lebenszeichen wie die Chryſalide; laͤnger gequaͤlt, erwacht es. Es oͤffnet den Mund weit, die Duͤnnung 10* — ſchlägt ihm wie dem gehetzten Hirſch; es ſchreit, als wurde es noch einmal geboren, und koͤnne nicht Athem genug bekommen von dem unermeßlichen heiligen Aether da draußen; es zittert uͤber und uͤber, es wuͤrde weinen wenn es ein Kind wäre; es oöffnet die Augen, mit denen es nicht ſieht; wie ein kleiner Gaſt der Erde Zeit braucht, mit oſſnen Augen zu ſehen und mit offnen Ohren zu hören. Allmälig wird es wiederum das, was wir Lebenden lebend nen⸗ nen, wird warm und wird wach. So auch entſchlaͤft es in zwei Schlafe, einen leichten und einen tiefen. Im leichten, verliert es bloß das Athmen; im tiefen Schlafe iſt ihm die Lunge geſchloſſen, und todt. Gif⸗ tiger Athem von Pflanzen, Peſt und Seuchen ſchaden ihm nicht, es liegt tagelang in ſonſt ihm ſchnell toͤdt⸗ licher Giftluft— denn es athmet ſie nicht und bleibt lebendig, weil es wie todt iſt. Dann bleibt ihm das Blut ſtehen, dann das Herz, das kaum alle Tage ein⸗ mal leiſe leiſe ſchlägt, um es nicht ganz zu verlernen. So ſchlaͤft es, verwundet nicht blutend, in gleicher Hitze fort, und von heftig werdender Wärme erwacht es, wie von Kaͤlte. Die Waͤrme verſetzt ihm den Oden,— durch Luftbenehmung ſchläft es auch kuͤnſtlich ein, ohne Hitze, wie Andere ohne Falte. Zu dieſem Jahrtauſende alten kunſtreichen Wirken der Erde nimm nun unzählich wiederholte Verſuche der Menſchen an Menſchen, und Erfahrungen uralter un⸗ tergegangener Jahrhunderte— ſolcher ſonnenheller Tage, ſo einer weiſen, vielleicht weiſeren Welt als unſere; nimm dazu unſere koſtbaren Kraͤuter, das Kraut Dutroa, den Schlafbaum Manghoa aus Hukang, wie Epheu mit gelben Blumen, und das unſterbliche Gewaͤchs Puſu, das tauſend Jahr gruͤnt und bluͤht, und vor allen, nimm dazu das Meiſterſtuͤck der Natur, den Sin, die voll Sinn iſt, nimm des Men⸗ ſchen Leib, in welchen ſie ihre hoͤchſte Kunſt, aller Pflanzen und Thiere, Schoͤnes und Weiſes und Aller Vorbild niedergelegt, und nimm ihre Weisheit und ihre Vernunft, mit welchen ſie den Menſchen begabt, und ſo haſt du unſte Erfindung, unſer erweitertes Leben, klar und kindlich, wenn Du nicht ſagen willſt: kindiſch, o Hiao⸗Ti! Hiao⸗Ti freute ſich und ſprach: Glaube, Sema⸗ kuang, daß ich an die Natur glaube, daß ſie der Inbegriff alles Möglichen iſt, alles Grpßen und Schö⸗ nen und Guten. Und was wir Menſchen glauben, das iſt, das wird, das kann der Menſch entdecken und wirken; denn ſein Glaube iſt aus ihr und in ihm, ihr Vorbild im Herzen und im Geiſt. Nun habe ich Dir den Schluͤſſel und die Erklaͤrung zu dem gegben, was Da ſchauen wirſt, Hiao⸗Ti⸗ fuhr Semakuang fort. Du wirſt das uralte Ge⸗ ſchlecht der San-Hoang, der verſchollenen Kai⸗ ſer ſehen; den Großvater, den Vater und den Sohn, die Kaiſer B, Lay, und Ly, mit ihren Gemahlinnen, der ſchoͤnen— Sanhoa, und der edlen Tien⸗Mo, das Himmelsauge! Der Enkel iſt 80 Jahr alt, der Sohn 60, der Großvater aber nur 40 Jahr; denn, wie Du Dir nun erklaͤren kannſt, er hat länger ge⸗ ſchlafen, und iſt darum juͤnger geblieben. Sein Sohn iſt nicht ſo oft aufgewacht, als der Enkel, und iſt darum nicht ſo alt geworden. Waͤhrend ſie aber ge⸗ heimnißvoll lebten, ſind Tauſend ihrer Kinder alt ge⸗ worden, und ſind, was die Menſchen nennen: geſtor⸗ ben und begraben. Denn Einige ſind Wächter oder Huͤter dieſes Felſenpallaſtes, Tompo's, Beſorger der Dinge in der Außenwelt. Sie vermiſchen ſich mit den Kindern der Erde, leben laͤnger, aber ſterben un⸗ endlich fruͤher als unſere heiligen Ahnen, die heilige Zwecke verbinden mit ihrem ſo weit hinaus in die Tage der Zukunft verlängerten Leben. Der emporgehobene Kahn machte jetzt eine Schwen⸗ kung in ſeinen Kloben, und ſie befanden ſich in einer ſonnenerleuchteten Halle, aus welcher mehrere Thuͤren in innere große Gemaͤcher fuͤhrten. Tiono ging mit dem Bruder an das prachtvolle Fenſter, das aus dem Felſen gebrochen, die himmliſchſte Ausſicht uͤber das Land unter ihnen gewaͤhrte. Gleichſam von der Ueber⸗ raſchung auszuruhen, ſetzte ſich Hiao⸗Ti und auch Semakuang zu ihnen, während aus dem Innern, wie von Oben herab, leisanhebender Geſang vieler jugendlichen Stimmen erſcholl, und ihnen Thraͤnen in die Augen trieb. Die Melodie war einfach, ſchoͤn — 151— und ausdrucksvoll, ja gewaltig wirkend. Die jungen Stimmen ſangen: „Indeß wir ſtill und ruhig ſchlummern, „Fommt leis die Sonn' herbeigegangen.“ und in duͤſtrer Melodie, gewaltigem Rhythmus, und dumpfen Tönen fuhr ein Chor wie unzaͤhliger Stimmen fort: „Den Todten iſt das Morgenroth „Und Tag und Abendroth nur Nacht!“ —„Nur Nacht! Nur Nacht! Nacht! Nacht!“ wiederholte ein entfernteres verborgenes Chor, wie ein Echo, mit unwiderſtehlicher Wirkung. Dagegen durch⸗ drangen mit leiſem Geſurr die Worte die Gemaͤcher und fullten ſie gleichſam mit Wehmuth aus: „Indeß wir froh und ſicher leben, „Kommt raſch der Tod herbeigegangen.“ und mit Kraft des Schreckens fielen die Choͤre ein: „Den Todten iſt das Morgenroth „Und Tag und Abendroth nur Nacht! „Nur Nacht, Nocht, Nacht.“ Aber troſtlich ſchloſſen die jugendlichen Stimmen: „Indeß der Tod kommt hergegangen, „Sieh, wie wir ftoh und ſicher leben! „Den Todten ſei das Morgenroth „Und Tag und Abendroth nur Nacht— „Indeß wir ſtill und ruhig ſchlummern „Kommt leis die Sonn' herbeigegangen!“— Dieſe Strophen ſchienen. nur die Einleitung, oder die allgemeinen Geſänge zu ſein, die an jedem Aufer⸗ ſtehungsfeſt geſungen wurden. Was drinnen vorberei⸗ tet wurde, konnten ſie nicht ſehen, aber nach einiger Zeit erklang wieder eine ſanfte Stimme: Wach' auf, wach' auf! Du Lieber, In deinem Felſenhaus! Die Zeit iſt ſchon voruͤber, Tritt in die Sonn' hinaus! Sie leuchtet nach oben mit roſigem Schein, Wach' auf! Da reget ſich Alles und ſcheint ſich zu freun— Geh' Du nur auch hinauf! Genng hat ſich begeben, Was werth iſt aufzuſtehn; Du ſollſt es kurz erleben, Es wonnig uͤberſehen. Die Mutter hat alles in Ordnung geſtellt, Mein Kind! Sie hat Dir beſcheeret was Dir nur gefaͤllt— Geh' nun hinein geſchwind! Jetzt ward tiefe Stille. Darauf drang ein Ruf der Bewunderung von Ehrfurcht gedaͤmpft an ihr Ohr. — 153— „Sie leben wieder!“ ſprach Semakuang,„Sie ſind da!“ und leiſer fluͤſterte er zu Tiono: So wie der ſanfte Geſang, den ſie unſerer jungen Urmutter nun ſingen, wie ihr ſchoͤnes Loos, ſo wird einſt unſe⸗ res ſein, Tiono! Hoͤre! Und mit zarten Klängen, von Floͤten begleitet, toͤnte ſanft das uralte Lied: Nach langem Schlummer erweckt' uns beide Die treue Liebe zum Leben auf; Daß wir uns fanden, iſt unſre Freude, Und dankvoll ſchau' ich froh hinauf! Einſt ſegn' ich glucklich noch wenn ich ſcheide Die ſchoͤne Erde nach ſel'gem Lauf. Dort von den Hoͤhen ſind wir geſtiegen In dieſe Thaͤler mit blauem Zelt, Wo Nachtigallen im Garten fliegen— Nun, wie gefallt Dir's auf der Welt? Wo Bluthen ſaͤuſeln nach Fruͤhlings-Siegen, Wo Dich die Liebe in Armen haält. Wie jetzt die Wolken uns oben ziehen! Da fällt ein Tropfen mir auf die Hand! Sieh auch die Sterne jetzt oben gluͤhen, Wie weiß des Himmels Stirnenband! Hier weiden Laͤmmer bei Roſen-Blühen, Und wir gehn liebend am Luftmeer-Strand. — 154— Für uns, du Schöne, bluͤht jetzt das Leben, uns iſt die Sonne! Uns die Natur! Wie ich Dich liebe, von Licht umgeben, Wandl' ich wie auf des Himmels Flur, Seh' ich hinabwaͤrts die Wellen eben, Begluͤckt von Liebe, ach, hoff' ich nur! Laß uns die Kraͤnze des Lebens winden! Wie ſind die Wieſen ſo bluͤthenvoll! Sie ſind entbluhet, daß wir ſie finden, Wie iſt uns hier im Thal ſo wohl! Reich' mir die Blumen, ich will ſie binden— Du ſiehſt verwundert den Kranz bald voll? Wenn wir uns lieben, was kann geſchehen? So ſchon blüht nach uns des Lebens Vaum— Ihr habt uns, Sterne, begluͤckt geſehen, Wie ſuß war nicht der kurze Traum! und wir entſchlummern bei Fruhlingswehen uns in den Armen— und wiſſen's kaum. Weht auf uns, Bluͤthen! Wir ruhen wieder Dem all' ſo nahe! und doch daraus! Schlagt, Nachtigallen, uns Schlummerlieder, Wir bleiben ja im Vaterhaus; Leb' wohl, o Eide! Hierher nicht wieder! Weit uͤber Wolken zieh'n wir hinaus. „ wm Der Traumtempel. Die Alten, noch ſich ſelbſt nicht klar empfindend, Und mit dem Geiſt in der Natur verſchwebend, Erbauten eigends Tempel, um den Menſchen, Die Zukunft und das Wahre dein zu traͤumen. In ſolchem Tempel wird der Menſch geboren, Geht, ſpricht und traͤumt darin mit offnen Augen Als Wunder, und als Wunder iſt er fort! Und nur das Traumhaus ſcheint allein kein Traum, Weil immer neue Traͤumer darin traͤumen. Und es ſich uber alle Schlaͤfer wolbt. Drum ſcheint das Traͤumen und die Traͤumer drin Dann wichtiger und wunderbarer, ſelbſt Auch wahrer, als das hohle Haus der Traͤume! Den Menſchen kam es vor, als wenn dieſer Tag der Natur ſehr ſchwer fallen muͤßte, weil an dem⸗ ſelben ſo Wunderbar-Ungewoͤhnliches erſchien. Aber ſie ſetzte ihn ſo leicht ins Werk, Alles ging ſo leicht, .— 156— ſo leicht von ſtatten, wie die Winde leicht die Wogen des Meeres hinwaͤlzen, ohne ſich eben anzuſtrengen, oder ſo leicht, wie eine große Wolke am Himmel hin ſteuert; wie Niemand Anſtrengung oder nur Muͤhe an einem Fruͤhlingstage gewahrt, an welchem mit Luſt und Freudigkeit tauſend ſtille Wunder vollbracht werden. Der auferſtandene Kaiſer Ly war hinausgegangen um den Geiſt des Himmels zu verehren, nach uraltem Geſetz des Kaiſers Hio, laut welchem bloß der Kaiſer Prieſter iſt und auch Er bloß des Jahres einmal Gott mit aͤußern Geberden verehren darf, und Niemand je im Volke anders, als durch Andenken an ihn, und durch Befolgung ſeiner Geſetze, damit ihre Verehrung kein Götzendienſt ſei, noch werden könne, und damit alle Prieſter im Reiche uberfluͤſſig, und allein als Leh⸗ rer dem Volke nuͤtzlich wären, wenn ſie unter dem Ober⸗Lehrer und Ober-Prieſter des Volkes: unter dem Kaiſer, ſtänden; deſſen Prieſter aber ſind die Manda⸗ rinen, die Hirten des Volkes, die es wochentlich oͤffent⸗ lich unter fteiem Himmel lehren und belehren; denn die Verehrung des Himmels mit aͤußern Geberden war ſo weit ausgeartet, daß faſt jedes Haus einen eigenen Opferprieſter oder Hauskaplan gehabt— um den Va⸗ ter des Vaters aller Vaͤter ſtatt der Bewohner des Hauſes, die indeß ihre Geſchafte beſorgten— durch Geberden und Worte vermeintlich zu verehren. Ly's Vater, Lay, lebte zwar noch, auch ſein Groß⸗ vater P, aber beide waren den Jahren nach juͤnger als — 157— er, ſo daß Ly als ein Greis von 80 Jahren der Zu⸗ ſammenkunft aller Mitglieder der ganzen Verwandtſchaft mit ihrem einzelnen Familienhaͤuptern— den Tſong— im Tſée⸗tang oder. Tié⸗ting, im Familienſaal zur Feier der Todten vorſtand, und nicht allein die Vorfahren— die Tſu⸗tſong zu verehren hatte, die auf der Ahnentafel— der Schin⸗tſchu— verzeichnet ſtanden, ſondern auch großes Familienhaupt— Tai⸗ tſong war. Aber dieſer Sojaͤhrige Vater Semakuangs, Ly, war blind geworden, und ward jetzt von ſeinem 6o jaͤhrigen Vater Lay, und ſeinem 40 jährigen Groß⸗ vatte W hinaus in die Sonne gefuͤhrt. Hier breitete ſich eine zartgruͤne, mit Blumen öͤberſäete Ebene aus; rund umher ſtiegen die Waͤnde des Berges, mit Bluͤ⸗ thenbuͤſchen bewachſen, wieder hoͤher empor, und nur an einer Seite gegen den Abgrund hin, war die Ebene offen, aber in einer Hoͤhe, zu welcher kein menſchliches Auge von draußen heruͤber zu dringen vermochte. In dieſem bluͤhenden Keſſelthal ſtanden jetzt die Nachkom⸗ men der drei alten Kaiſer, der verſchollenen San⸗ hoang, groß und klein, jung und alt, fruͤh und ſpaͤt, verſammelt. Umher waren Kränze aufgehan⸗ gen, aus jedem der verſchlafenen Frühlinge ein Kranz, alle von denſelben Blumen, und alle Kraͤnze und alle Blumen glichen ſich zum Verwechſeln bis auf das kleinſte gezackte Blatt der Roſe, und den roͤchlichen Dorn am Stengel— und eben ſo bluͤhten noch ſchein⸗ bar dieſelben Blumen lebendig umher— und Nichts — 158— ſchien verloren! Luͤfte, wie aus irgend einem der ver⸗ loſchenen Fruͤhlinge ſtrichen unſichtbar wie jemals, durch die Bluͤthenbaͤume, ihre Kronen ſchuͤtterten und dufteten wie jemals, und Nichts ſchien verlo⸗ ren! Wolken zogen, und ſchatteten hernieder— und Nichts ſchien verloren! Ja, die Sonne glaͤnzte vom Himmel, immer noch unanſchaubar, und mild doch und warm wie jemals— und Nichts ſchien verloren! Von alle der unuͤberzaͤhlichen Schaar der uralten Ge⸗ bilde der Erde, wandelten noch Einige vor den Au⸗ gen der ſpaͤtern Menſchen— ihrer Nachkommen, auf dem jungen ſanftſchimmernden Graſe— und Nichts ſchien verloren! Der Greis kniete hin, beugte ſein Sil⸗ berhaupt zur Erde und verehrte den noch waltenden Geiſt des Himmels— und nun ſchien wahrhaft Nichts verloren! Denn der Himmel war noch, und ſein Geiſt — Co⸗Yen, der Sehrgewiß! Schin-ming der Halbdurchdringende! Der Sehralte! und der noch ſehr lang, lang unabdenkbar lange Lebende, umſpielt von unzaͤhligen Sternen wie Kindern, und umlebt von un⸗ zaͤhligen Kindern wie Sternen! — Schrecklich iſt es in dem ſterblichen Leibe zu wohnen! ſprach Hiao-Ti leiſe zu Semakuang; aber der Anblick ſchon verlohnt ſich beinahe, ein ſterbli⸗ cher Menſch geweſen zu ſein; und wie muß dem Auf⸗ erſtandenen im Herzen ſein! Kann man mehr, als leben und lieben? tispelte Tiono ihrem Geliebten zu. — 50— Ich ſehe aber keine rechte Freude an den vielen jungern Menſchen und Kindern, welche das Gruͤn um uns fuͤllen; fuhr Hiao⸗Ti fort. Du haſt Recht! antwortete ihm Semakuang. Wenn jeder Menſch nur ſeinen Vater, ſeine Mutter und ſeine Kinder haͤtte, hoͤchſtens die Großaltern, und Enkel dazu, dann wuͤrde er wenig nach den tauſend Vorfahren und den tauſend Nachkommen fragen! Und dieſe, die wahren Seinen hat gewöhnlich jeder Gaſt der Erde; und jeder Spätere, die Geſchlechter abwärts hat ſie desgleichen immer wieder; und ſo ſcheint das Men⸗ ſchengeſchlecht nicht einſam und verlaſſen in nur drei Geſchlechtern zwiſchen zwei Abgruͤnden ſchwebend, die ſie Vergangenheit und Nachkommenheit nennen. Und wie den hier verſammelten Nachkommen die alten Vaͤter und Muͤtter ihrer Vorfahren zumeiſt nur als Wunder erſcheinen, ſo ſind dieſe faſt ungekannten Nach⸗ kommen mir und meinen Vaätern dort: auch nur wie Natur! wie man im neuen Fruhling hinausgeht, und neues Laub, neue Knospen und Bluͤthen am Mandel⸗ baum gewahrt, neue Lerchen vom alten Himmel ſingen hoͤrt. Ach, dort unſere zwei Urmuͤtter, meine Mutter Tien— Mo, des Greiſen Vaters Ly Weib, und Lay's Weib, Liuhewa— ſie finden nur ihre leib⸗ lichen Kinder wieder— und ſpäte ſpaͤte Enkel derſelben — und dazwiſchen ſind ganze Glieder der Kette verloſchen, todt, vergeſſen, und waren nur geliebt und beweint von den Ihren!— O Tiono, ſprach er 260 eiſe zu ihr, Du haſt mich verwandelt! Du haſt es geſagt: Kann man mehr, als leben und lieben! Dort der junge ſchoͤne Mann; der Juͤngſte der drei San⸗ Hoang, der Kaiſer P, ſoll Dich ſehen! Er hat kein Weib, und er wird entzuͤckt ſein uͤber Dich, was die Erde in ſolchen ſpäten Tagen noch fuͤr Wunder hervor⸗ bringt! Ja, er kann denken, Du biſt auch aufgewacht oder erweckt worden aus einem unſäglich tiefern und unermeßlich größeren Leben, als dem ſeichten kleinen Menſchenleben, daraus er jetzt erwachte; Du biſt auf⸗ erſtanden, damit Du mit ihm munter ſeiſt die Son⸗ nenzeit bis zur neuen Nacht, die wir Tod nennen. Denn die Menſchen ſind eigentlich wahre Thoren, daß ſie weinen und klagen um eine Zukunft, die ſie nicht mitleben ſollen hier auf der Erde, wo es ſo ſchoͤn und lieblich iſt— aber darum weinet und klaget Keiner, ja er ftägt kaum danach: daß er ſo unendlich lange Zeit der Natur, das Ganze Vorher der Welt bis zu ſeiner Erſcheinung auf der Erde nicht mit gelebt, alle die ſchoͤnen Tage, die heiligen Fruͤhlinge nicht mit ge⸗ ſehn, die doch alle alle ſo hell und ſuͤß waren, wie die⸗ jenigen jetzt, die ſie ihm zum Maßſtabe giebt, die Suͤ⸗ zigkeit der Welt um ihn her, und die ſelige Fuͤlle nach ihm auszumeſſen! Ach, auszumeſſen nicht! Nein, ur zu zählen, wie ein kleines Mädchen an ſeiner Schnur mit ſechszig Perlen alle Perlen des Meeres ſich vorzahlt! Und die Menſchen vergeſſen doch ſonſt nichts Verlorenes; aber den unermeßlichſten Schatz der — M— Tage hinter ihnen zuruͤck— der laͤßt ſie ruhig; wie ein heut geborenes Kind in der Wiege ſchlummernd nicht fraͤgt und nicht denken kann— was ſeine Mut⸗ ter geſtern gemacht hat! Die Menſchen ſind alſo neu⸗ geborene Kinder oder alte uralte Thoren; wie alle Thiere die Augen vorn haben, nach dem Kommenden gerich⸗ tet, und wie alle Geſtirne nach Morgen ziehen in brei⸗ ten goldenen Heerden! Und ſo ſollen auch mich nur die Tage freuen, die Du mir bringſt; ſie nur ſollen mir Tage ſein; in den Freuden und Leiden des Lebens liegt ein viel tieferer, unausſprechlich groͤßerer Reichthum als die Menſchen ſo obenhin meinen. Freud' und Leid ſind nur einzelne Toͤne; aber jeder einzelne Ton klingt einen Strom von harmoniſchen Geiſtergeſaͤngen an, die in unſern Herzen ſchlummern. Und wiederum iſt un⸗ ſere Bruſt nur die Zither, welche von den Toͤnen des Lebens weich oder hart angeſprochen, ſie alle treu an⸗ giebt; aber der große tiefe Himmel iſt die Glocke in welcher ſie wiederhallen; oder ſie ſind Funken welche alle Seligkeit des Himmels in uns entzuͤnden, ſo viel ihrer jemals war, ſo herrlich ſie noch iſt und uͤberall ſein wird! Die Hand der Liebe aber ſpielt— die Weuſchen⸗ bruſt. Beruͤhre die meine ſanft! Geliebte! ſo mache fortan Du mir Zeiten und Tage! So, wie Du willſt, wird Fruͤhling, Milde, Geſang und Klarheit— Oder Nacht um mich ſein. Schefers neue Nov. I. 11 — W— Mit Betrachtung der Gemächer des wunderbaren Aufenthaltes vergingen die nächſten Tage. Sie beſahen die eühlen dunkeln Grotten von roſenrothem Steinſalz aus Su⸗chuen erbaut, in welchen die Schlummerer geruht; und die Grotten hatten Geruch und Farbe der Purpurroſe von dem koͤſtlichen Stein; ſie beſahen die Buͤcherſammlung voll alter heiliger Schaͤtze, zu welchen bei jedem Feſte immer einige der merkwuͤrdigſten Werke, die ſeitdem aus der Geiſterwelt in das Sonnenreich herauf gebluͤht waren, hinzugekommen. Jedes Buch aber war ein Menſch, wie es vorher zuerſt ein Menſch geweſen war. Die Menſchen welche den Menſchen auswendig gelernt, ſchlummerten hier ſtill nebeneinan⸗ der. Sie ſahen wie das unſchaͤtzbare Buch der Tſchu— eing, den Tſchi— Hoang— Ti, der Tirann des Reiches und der Wiſſenſchaften mit hatte zerſtören laſ⸗ ſen, aufgeweckt wurde, ſo daß das Werk wieder auf⸗ geſchrieben, unter die Sterblichen ausgehen konnte. Der Mann der es auswendig wußte, hieß Owoſeng. Und ſo wurden mehrere Buͤcher wieder herausgegeben⸗ Sie ſahen die ſchon ſelber aus Gold gebaute Schatz⸗ kammer der Geſellſchaft, worin aufgehäuft war, was nur jemals bei dem Menſchengeſchlecht Preis und Werth haben kann durch Schoͤnheit, Seltenheit oder Dauer. Sie ſahen die Alterthuͤmer, und ſahen zuletzt den ur⸗ alten Gruͤnder des Reiches, Fohi, der ſelbſt wirklich todt in ſeinem Sarge, indeß ſeine Lehren und Geſetze draußen im Volke lebendig walteten, galten und herrſch⸗ — 10— ten, ſchon Jahrtauſende lag, ſo daß er ein unbegreif⸗ licher, hoher Zauberer erſchien. Der Schuͤtzling Semakuangs, der um der Prieſter willen verjagte Kaiſer Hiao⸗Ti war zufrieden und gluͤcklich. Er ſah hier ein langes Leben, oder ein verlaͤngertes und zu verlaͤngernderes bis in Zeiten, wo die Hauptgeheimniſſe der Erde entdeckt, alle größten Erfindungen des Menſchengeſchlechtes gemacht ſein konn⸗ ten, alſo auch ſein Unſterblichkeitstrank, oder etwas Anderes, was dieſelbe Wirkung hervorbraͤchte. Er glaubte nun des Cong⸗fu⸗tſee's Angabe, daß ihm oͤfter, laͤngſt auf der Erde vergeſſene Menſchen leibhaf⸗ tig und ſichtbar erſchienen waren, und mit ihm geſpro⸗ chen hätten. Er pries ſich glucklich, daß er und ſeine geliebte Tochter Tiono jetzt auch noch den San⸗hoang, den uralten„Vater des Reiches“ ſehen ſollten, der noch ſo jung war und ſo ſchoͤn, im ktaͤftigſten Man⸗ nesalter. Aber fuͤr Semakuang war die Zuſammenkunft der⸗ ſelben ein Donnerſchlag. Hiao⸗Ti kam allein zuruͤck. Die ſchoͤne Tiono hatte der Auferſtandene zu ſeiner Gemahlin behalten. Der Vater hatte ſie ihm mit Freuden gegeben— und die fromme Tochter hatte ohne ein Wort und ohne eine Thraͤne dem Vater ge⸗ horcht, und war fuͤr Semakuang verloren— ſo lange Zeiten die Sonne vom Himmel ſchien und wenn ſie einſt— einſt verſchwaͤnde— auch dann noch ver⸗ loren. 11* —— Das ungluck weckt die Menſchen auf— ſonſt ſchlafen ſie mit wachenden Augen; ſprach Semakuang bebend. Ich bin erwacht— ich bin ungluͤcklich! Mir iſt furchterlich wohl, ſelig elend. Aber Leben iſt wie⸗ der in mich gefahren wie Feuer vom Himmel— Leben, das Tod bringen wird! O die Schaafheerde n Men⸗ ſchen wuͤrde nicht ſo ſchaafmaͤßig ſein bei Unrecht, Ver⸗ luſt und Ungluͤck, wenn ſie immer und uͤberall ſiegreich empfaͤnde: was man dem Menſchen raubt, oder was er verloren— das hat er in dieſer leuchtenden Welt, in dieſer fuͤr ihn nur Einmal, Einmal offenen Halle auf immer verloren!— was ihm geraubt iſt, das er⸗ ſetzt ihm, ihm wie er da iſt, die ganze leuchtende Welt, die immer immer nach ihm offene Halle Niemals, Niemals wieder. Aber ich— ich empfinde ſiegreich: ich ſoll verlieren!— man hat mir geraubt— ach, und ſo habe ich auch verloren— denn auch die Liebe eilet ſchnell! Will ich aber kla agen, ſo ſei es um Dich, o Geliebte! Deine Schoͤnheit iſt Dein Fall! Deine Guͤte, Dein Schweigen hebt Dich nicht wieder auf! Dich beklag' ich. Doch ſo ſpricht ein altes Wort von allem Vorzüglichen in der Natur: Snn De Elephanten Zahn— das Elfenbein Iſt das was lockt, daß man ihn jagt und tödtet; Daß man die Muſchel öffnet, daß ſie ſtirbt— Verürſacht ihr die Perile! Nebe ſtelle man Dem Vogel Tſu— der ſchoͤnen Fluͤgel⸗. Die Kunſt zu ſprechen legt dem Papagei Die Kett' am Fuß und ſteckt ihn in's Gebauer; Schildkroten ſucht man ihres Hauſes wegen, In Ruhe weidete das Moſchusthier, Wuͤrd' ihm der Menſch nicht Feind um ſeinen Moſchus; Bis auf zum Kunſtwerk gilt, daß es ſich oft Dadurch zerſtort, was ihm den Werth gegeben: So nutzt der Klang die Glocke aus; die Fackel Verzehrt ſich durch das Licht was ſie verbreitet, und ach! wie oft geſchieht dem Menſchen auch Das Aehnliche! Darum, wer weiſe iſt, Soll immer daran denken und ſich huͤthen: Daß nicht ſein Vorzug ſeinen Fall bereite!*) . Aus bem Chineſiſchen. Mp . Die Lichtprobe. Das Mitleid iſt die Himmliſchſte Der Himmliſchen— erſt recht auf Erden! Sie iſt von droben— doch hier wohnt ſie. Semakuang wurde zum Sanhoang beſchieden, zum Beſitzer ſeiner Tiono. Er ging mit klopfendem Herzen. Er hatte ein Meſſer zu ſich geſteckt; aber er kehrte wieder um und legte es ab, ja er verbarg es ſogar. Dann eilte er ruhiger, denn er hatte eine große That gethan— er hatte ſich ſelbſt bezwungen. Aber er verlor faſt alle Faſſung, als er in dem rreizenden kleinen Sommer- oder Fruͤhlingshauſe am Fenſter ſeine ihn liebende Freundin Tiono erblickte. Sie hatte ihm gewiß lange entgegen geſehen, indem er genaht war; ſie ſah ihn noch mit regloſen Augen aus dem anſcheinbar vollkommen ruhigen Antlitz an, wie ein unter Glas gefaßtes Bild, ſo lange er langſam an — 267— dem Fenſter voruͤberging; ruhig, wie man einen ganz dem Auge und dem Bewußtſein fremden Mann vor⸗ uͤbergehen ſieht. Das war doch unmoͤglich! Alſo mußte ſie anders im Herzen empfinden!— Ach, dachte er raſch, man kann ein Junges im Ei erſchuͤt⸗ tern und erkälten, daß es ſtirbt— und ſeine Schaale bleibt weiß und ganz!— Soll ich gleichgultig, oder gar gluͤcklich ſcheinen, ſo weinſt du uͤber mich;— und ſoll ich verwundet und elend— nicht erſcheinen — ſondern mich zeigen— ſo wirſt Du noch mehr weinen! Aber wer weiß, was Er will— vielleicht Dich mir wiederſchenken doch ach, ſolche Schätze ſchenkt man nicht weg; und der blaſſe Schnee auf deinen Wangen bedeckte— wie Schnee auf Bluͤthenzweigen — keinen Fruͤhling, keine Knoſpen und kunftigen Fruchte! Das war Schnee auf die nur noch ſtarr ſich haltende Malve im Anſturm des Winters! Wen er aber außer ihr und dem Sanhoang noch im Zimmer fand— das war ſein Sohn Tſchao-Cong, der Colao. Und mit Mißbilligung ſeines eigenen ſo zum Wieder-Menſchlichen erweiterten Daſeins, erblickte er ſeinen alten Sohn noben ſeiner jungen Geliebten, die ihre erſte Hoffnung auf ihn geſetzt und ihre letzte! — die durch ihn einmal fuͤr immer all' ihr Gluͤck von ihm gewänſcht, durch ihr Gluͤck ſein Gluͤck und ihn ſelbſt dazu!— Und auch Sie hatte doch nur eine Roſe ſein ſollen, die ſich ein Wanderer auf eine Stunde ſeines Tages bricht und an die Bruſt ſteckt, die Ver⸗ — 168— welkte dann fallen laͤßt— und ſeines Weges weiter wandert! Er fing an dieſe Jungfrau, alſo eine Jung⸗ frau uͤberhaupt, auf der fluͤchtigen Erde hoͤher zu ach⸗ ten— und ſich, alſo auch die Seinen und den San⸗ hoang geringer, ja fuͤr ſehr gering, und fuͤr ungluͤckäch, recht ungluͤcklich. Nun war der Neid, daß ſeine Tiono einem Andern gehoͤrte, aus ihm wie weggewehet, der Haß in ſich zuſammengebrannt, und in ihm ſtand auf der Aſche— wie in ihrem ſchoͤnen Tempel, die Himm⸗ liſchte der Himmliſchen— das Mitleid, und laͤchelte ihn an mit mildreich entgegen gereichter Hand, und er laͤchelte Sie wieder an— nicht den Sanhoang, der vor ihn hingetreten war; und er reichte Ihr wie⸗ der die willige Hand hin— nicht Ihm, der ſie aber faßte, und ihn willkommen hieß. Und der Sanhoang ſprach: Was ſoll am Himmel ſchoͤner werden? Was auf Erden lieblicher?— Sie wieder anſchaun, erfullt mit der alten ſeligen Gnuͤge! Aber im Menſchengeſchlecht— im himmliſchen Reiche — in der Blume der Mitte, was iſt da beſſer gewor⸗ den? Was hat ſich Altes, Uraltes, das heißt Unſterb⸗ liches darin ereignet— denn das Uralte ſoll zum Neue⸗ ſten werden, und ſieghaft hervorwachſen wie eine junge Eiche aus dem abgefallenem Laube des vorigen Herb⸗ ſtes und dem uͤppigwuchernden fruchtloſen Graſe der im⸗ mer ſich verdraͤngenden Fruͤhlinge. Du weißt nun, wir harren auf jenes Alte, Feſte, Dauernde— und war⸗ ten ſchon lange! Einiges muß doch indeß wieder abge⸗ — 169— legt ſein von nutzloſen Blaͤttern— wie die Aloe erſt unzaͤhlige abgelegt haben muß, bis ſie bluͤht; oder wie der Hirſch alljaͤhrig die Geweihe ablegt und zwei Enden mehr bringt, bis er zwar wohl noch alljährlich ſie wech⸗ ſelt, aber keine Enden mehr aufſetzt. Was bleibt, iſt erſt das Wahre. Was nicht bleibt iſt Lug, und nur das Wahre bleibt.— Ich habe den Kaiſer Hiao⸗ Ti, den Du uns eingefuͤhrt, aufmerkſam gefragt, wel⸗ che Staubfaͤden ſich in der Blume des Reiches aufge⸗ than; aber ſeine Unkunde hat mir nur die alte Lehre beſtaͤtigt, daß ein Herrſcher nur zu herrſchen und ſich zu erhalten verſtehen duͤrfe, nicht das zu verſtehen, was Jene wiſſen, die er beherrſcht— er iſt nur ein Koͤnig aus Erde.— Dein Sohn hier, Tſchao⸗kong, den Du glaub' ich von deinem letztmaligen Weibe— hieß ſie nicht La⸗Moé?— gehabt haſt.. Tiono, die indeß an einem Stickrahmen gebeugt geſeſſen und ſchweigend an dem bunten Bilde geſtickt hatte, richtete ſich in die Hoͤhe, wandte ſich um, und hob, wie betroffen und erſtaunt die linke Hand. Aber niemand bemerkte es als Semakuang, und der San⸗ hoang ſprach ohne Unterbrechung weiter: hier dieſer arme Mann ſcheint, als Colao, mehr, ja vieles zu wiſſen, weſſen wir beduͤrfen— aber es ſcheint nur. Denn er iſt unglucklich! Irgend etwas, das er gethan oder gelitten, bedruͤckt ihn ſchwer, und er leidet das Ungluͤck des Ungluͤcks: der Ungluͤckliche empfindet ſich ſelbſt nicht mehr rein und richtig, alſo auch die uͤbrigen — Menſchen und Dinge nicht; ſeine Anſichten ſind eng' truͤb und irrig, nicht groß und frei und freudig wie die Welt; die Menſchen und die Ereigniſſe tragen ſeine falſche Firbe— und er muß nun ſo fort klingen, wie ihn das Leben geſtimmt hat; aber er iſt keine ganze, keine fehlloſe Laute, die den klaren vollen Ton der kla⸗ ren vollen Welt wiederzuklingen vermag. Doch bezeugt ſein Schickſal mir: das Reich muß noch an großen Gebrechen leiden, daß ein ſo tugendhafter Mann ſo Schweres zu tragen bekommen hat. Nur da iſt's gut, wo die Gerechten freundlich ausſehen, und die Boͤſen furchtſam und aͤngſtlich; wo die Guten— nicht reich ſind— aber die Boͤſen arm und verachtet, und traten ſie auf die Stufen des Thrones. Darum beantworte mir — denn Du biſt doch glucklich, als Einer der Unſern — nur einige kurze Fragen. Nach den großen Din⸗ gen will ich ſelbſt forſchen, wenn wir nun bald in das Land ausziehen, um das Sonnenjahr drinn zu woh⸗ nen,— alſo: Hat das Volk Augen? Das Eine deſſelben, antwortete Semakuang, das ſchwer von ſeinem Staar zu befreiende, hat ihn nochz das Andere iſt geſtochen, es heilt; der Arzt nimmt ihm zum Verſuch ſchon von Zeit zu Zeit die Binde ab, und es unterſcheidet ſchon Farben; nur faͤngt das Kranke noch nahe Mäuſe ſtatt ferner Elephanten, oder laͤuft wider eine weiße Mauer, wo es einen Bogen Papier aufgehangen vermuthet. Ich ſah den Kaiſer eines Tages mit ſeinem Gefolge nach einem Lufiſchloſſe ziehen und— die Arbeiter blieben an ihrer Arbeit und ſtuzten ſich nicht einmal auf die Hacke um den Zug anzuſehen, denn es war in der Saatzeit; eine alte Frau, welche ihrem Enkel Arznei geholt, ging dem Gefolge kaum aus dem Wege— da ſtieß ſie der Eine in den Graben. Wißt, ſchrie ſie dann dem vornehmen Volke nach, ich habe 50 Jahr am Hofe gelebt und— ich habe Augen. Ein Bauer, der einen Götzen ſieht, erſchrickt, ſeine Augen ſind ſo zu ſagen zu enge fur dergleichen Dinge; wer nun die ſogenannten Gro⸗ ßen und ihr Gefolge oft geſehen, der hat ſich die Augen erweitert.— So ſchrie die alte Frau. Schoͤne Lehre fuͤr Diejenigen welche ſich der Tugend weihen. Man muß vor allen Dingen arbeiten, um ſich, ſo zu ſagen, Geiſt und Herz zu vergroͤßern. Alſo das Volk hat Augen! Doch ein erweitertes Auge ſieht auch das Kleine groß und wichtig; ſagte mit Freude der Sanhoang. Alle Guten ſind ſich gleich an Herz und Geſinnung zuerſt, und dann an Stand und Vermoͤgen. Der ſogenannte Hohe ſteigt— durch Augen— voll Demuth herab; der ſogenannte Nie⸗ drige voll innern Werthgefuͤhles— durch Augen— hinauf auf der Menſchheit ſchoͤne Mitte. Der Him⸗ mel iſt gnädig; Einem giebt er ſcheinbar viel, zu viel, das er mit Gedanken nicht alles faſſen kann; dem Armen giebt er ſcheinbar wenig, deſſen Werth und Weſen er aber in allen Bezuͤgen erkennt, und Auge und Herz ſich damit fullt und ſelig wird. Die Freude am Kleſnen it die ſchwerſte Frude, denn es t ein großes goͤttliches Herz dazu, und das ſol das Volk haben und bedarf nur das. Wer ſein eigenes Weſen ehrt, verehrt weder Stand, Reichthum, Rang noch Macht. Die Wuͤrde des Selbſtgefuhls aber kommt mit dem Werthe. So lange das Volk klagt uͤber Stolz der Vornehmen, uͤber Erniedrigung und Verachtung, ſelbſt uͤber Druck der Mächtigen, ſo lange iſt es ſelbſt nichts werth.— Alſo Eine Freude!—— Und nochmals frug er: Sind neue Lehren aus dem Gehirn der Erde herauf geſtiegen, wie Duft in die Blumen⸗ haͤupter und haben den Geiſtern neuen Tag gemacht, als innere Sonnen?— e Zwei; antwortete Semakuang. Yong, oder Seele, lehrte: Du ſollſt alle Menſchen lieben, Fremde wie die deinen, und alle wie dich; denn ihr ſeid Alle von demſelben Blut der Natur.— Seine Mutter ſoll ihn ohne einen Mann geboren haben.— Mé aber lehrte; du biſt auch ein Menſch, ſo gut wie Einer; du mußt dich nur um dich bekuͤmmern, ſelbſt um den Faiſer nicht.— Was that oder ſagte Dir der Erſte, Beſte, den Du, um des Volkes Selbſtbeherrſchung zu pruͤfen, bei der Begegnung ohne Weiteres ſogleich ins Geſicht ſchlugſt?— frug der Sanhoang weiter. Und Semakuang antwortete: Er ſprach: Gelobt ſeiſt Du, o Himmel(Tien) der du zulaſſeſt, daß ſolche Menſchen auf Erden ſind, die dich zum Zorn — 11— reizen und beleidigen, wie wohl ſie wiſſen, wie unfehl⸗ bar deine Ehr⸗ und Herrlichkeit ſei.— Ein Anderer aber, gleichfalls von mir ohne Urſache ins Geſicht ge⸗ ſchlagen, ſchalt mich bloß einen Narren. Der Dritte meinte: er habe den Schlag anderer Dinge wegen heut verdient. Ein Vierter ſchnitt mir ein Streifchen Gold von ſeinem baaren Vermoͤgen ab, und bat mich, das einem hohen Prieſter zu thun, der mich lehren wuͤrde, wie ich verſtaͤndiger wuͤrde.— Er habe leider nicht Zeit.— Verſteht das Volk geringe Speiſen zu eſſen, dieſe faſt himmliſche Kunſt, daß es nicht den Reichen, der Zunge wegen, ſich verkauft, und Jeder ſein eigener freier Herr bleibt?— frug der Sanhoang. Es ißt Alles ohne Unterſchied, ſehr zuftieden, wenn es nur etwas hat. Es ſchämt ſich Keiner bei ſchlechten Speiſen ſowohl vor Andern, als vor ſich ſelbſt, und zwar darum, daß er den Seinen nichts Beſſeres zu erwerben verſteht, oder nur das Geringe vollauf; und ſo ißt faſt Jeder Zeitlebens ſeine 70„ bis 80 tauſend Mal— Reis! — Hat jeder Hausvater kaiſerliche Gewalt in ſei⸗ nem Hauſe?— Da man ſie doch nicht nehmen, nicht in jedes der unzahligen Haͤuſer Tag und Nacht einen Aufpaſſer, Wehrer, Lehrer und Waͤchter ſetzen kann, ſo hat er ſie und noch groͤßere—: alle Menſchengewalt. — 174— — Kommen die Abgaben noch bloß in die oͤffent⸗ lichen Schatzhaͤuſer und Speicher des Volkes? Sie kommen ſo willig— und es wird ihm oͤf⸗ fentlich Rechnung davon abgelegt; antwortete Se⸗ makuang. — Werden alle hohe und niedere Diener des himmliſchen Reiches bloß von dazu verordneten ſach⸗ verſtaͤndigen Maͤnnern nach gehoͤriger Pruͤfung ein⸗ geſetzt?— Selbſt der Colao iſt der Pruͤfung— und Ver⸗ werfung unterworfen. Nur ſeinen Nachfolger ernennt der Kaiſer, und wenn ſeine Soͤhne nichts taugen, lieber den beſten Mann im ganzen Lande, den er kennen ge⸗ lernt; weil das Volk das ſo nicht verſtuͤnde und ſtrei⸗ ten wuͤrde in Vorgefaßtheit; antwortete Semakuang. — Und werden die Reichen ſo gut wie die Ar⸗ men, die Vornehmen ſo ſchlimm wie die Geringen beſtraft? Alle mit dem ewigen Bambus, der immer noch waͤchſt! Schlaͤge ſind die einzige empfindbare Strafe fur Jeden; aus Geld oder Gefaͤngniß, Entehrung oder Verweiſung machen ſich Verſchiedene verſchiedentlich Nichts. Soll die Strafe gleich von Allen als Strafe gefuͤhlt werden, und ſoll es fuͤr den Reichen Eine ge⸗ ben, die der Arme auch gleich bezahlen kann, wie der Reiche, und der Reiche gleich empfinden wie der Arme, ſo bleibt immer und ewig— ſo lange Strafe ſein ſoll — nur die Strafe der Kinder— der heilige Bam⸗ — 175— bus. Aber auch einen Hals hat Jeder fuͤr ſchwere Verbrechen, das weiß man auch, und der vorige Kai⸗ ſer— jetzt unſer Hiao⸗Ti— ließ ſeinen eigenen einzigen Sohn erwuͤrgen, weil er einen Fuhrmann er⸗ ſtochen, der ihm im Wege geſtanden. Der Kaiſer waͤre außerdem auf zeitlebens verhaßt geweſen, wenn er Alles an Allen geraͤcht haͤtte, und nur gegen ſeinen Sohn ungerecht geweſen. Semakuang beſann ſich plotzlich und hemmte ſei⸗ ne Worte; denn ſeine Tiono ſahe ſich um, und ſah ihn ſo bittend an! Sie vergoß wieder Thraͤnen um ihren erwuͤrgten Bruder. Er bemerkte dann auch an ihr, daß ſie nicht mehr weiß, in Trauerkleidern, ging, ſondern in Dunkelpurpur; denn alle Trauer, alle Gebraͤuche waren hier unter ihnen aufgehoben. Aber wie ſie ihn erblickte, empfand er: ſie wuͤrde gewiß ſein wie Schnee, durch und durch, wenn ſie uͤber Alles trauern koͤnnte, was ihr begegnet und was ſie verlo⸗ ren— auch uͤber Ihn!— Gute Seele! ſprach er halblaut.— Haben die Aeltern Ehrfurcht vor ihren Kindern? frug der Sanhoang nach einer kleinen Weile, waͤhrend er ſtill beobachtet. Die drei Spiegel der Zeit ſind rein und ſchoͤn! antwortete Semakuang: in den Spiegel der Ge⸗ genwart oder des Lebens, wird klar geſchaut durch augenfaͤllige, lang genug dauernde Gebraͤuche, und Feſte des Lebens, ſo daß ſelbſt die Fuͤhlloſeſten doch außer⸗ „„ halb gewahr werden muͤſſen, was in ihnen vorgeht, was das Leben ihnen in Schmerz oder Freude gebracht und eben voruͤberfuͤhrt als Erſcheinung. In den Spie⸗ gel der Vo rwelt blicken Alle— durch die jahrliche Verehrung aller Vorfahren, und werden in den heili⸗ gen Tagen inne, daß das Haus der Erde nicht erſt geſtern von einem Prunkliebenden zum Spiele gebaut ſei, ſondern von einem Maͤchtigen, Allmächtigen zu tiefen herzinnigen die Seele erſchuͤtternden Empfindun⸗ gen— als ein Wunderpallaſt aus granen uralten Zei⸗ ten, den ſie ploͤtzlich blumig und morgenjung erblicken — wenn ſie wieder vom Feſte der Vorfahren in ihr Leben blicken! und dieſes ihr Leben kann ihnen nicht gemein erſcheinen, ſondern als ein kuͤnftig ja bald auch uraltes, vergangenes und traumſeliges, wenn ſie den⸗ ken muͤſſen: ſo hell ſtand der ſtrahlende Diamant des Hauſes, die Sonne, uͤber dem Haupte unſeres hun⸗ dertſten Vorvaters; ſo gruͤn wie uns ſchimmerte der Smaragd— den wir mit Fuͤßen betreten— die Erde, um jene Alten als Kinder. Und ſo erblicken ſie in dem dritten Spiegel— in der Nachwelt— ihre Kinder und Kindeskinder alle, oder die Kinder als ihre Nachwelt, und ſo haben die Aeltern Ehrfurcht vor ihren Kindern von fruͤhſter Jugend; und ſo werden die Kinder— Menſchen, die ſich ſelbſt ehren, weil ſie geehrt wurden, wie Thronerben! Und wahrlich! die Brillanten des Himmels, die Geſtirne; der ſtrahlende Diamant, und der ſchimmernde Smaragd ſind wohl — ein anderes Erbe, als jener holzerne Kaſten voll Sot⸗ gen, und draußen uͤber und uͤber mit Augen und Ohren bemalt, weil er alles ſehen und hoören ſoll, wie man ſagt. Wir Alle ſind daruͤber hinaus;— wir haben nur noch den Schein der Dinge, ihr Abendroth, ihren ſilbernen Tag ihre Mondnacht ſelber vom Leben! it So meinſt Du, auf einmal verwandelt? frug ihn der Sanhoang aufmerkſam, und fuhr fort: Willſt Du, wie junge Männer, vielleicht in den Krieg? Aber er⸗ obert das himmliſche Reich noch? Erbt man Länder, und vererbt ſie und verkauft ſein Blntrecht, oder läßt es Jahrhunderte ſchlafen in uſſes Koͤpfen, die nicht auftauchen koͤnnen? Die Chineſen erobern nicht. Wer ſtark iſt kann ſogar den Frieden mit Geld abmachen und erkaufen, ſagen und thun ſie; wer erobert, verliert gewoͤhnlich ſpaͤter das Eroberte und das Seine dazu, weil die Voͤl⸗ ker ein langes und tiefes Gedächtniß haben, und man dann an ihm ſeine Geſinnung raͤcht und vertilgt. Ein friedliches Reich, ein Reich das immer friedlich war, nicht bloß jetzt, und Niemanden eine Seele nahm, nicht bloß jetzt nicht mehr nimmt, iſt ein ſo ſicheres, als es Eines auf der Erde geben kann. Die Chineſen gaben freiwillig ſchon lange einmal alles eroberte Land — die eroberten Menſchen oder die zu Sklaven gemachten Geiſter zuruͤck, an Jedem das Seine— weil ſie Alles haben, was genug iſt, und jedenfalls Gerechtigkeit. Schefers neue Rov. 1. 12 — 178— Eine eroberte Provinz iſt ein Sack voll Flohe, oft voll Schlangen, oder eine Grube voll gefangener Löwen. Das Alles bewog ſie: das Geſetz der Gottheit zu hal⸗ ten, weil ſie das Geſetz derſelben auch fuͤr nuͤtzlich er⸗ kannt, nuͤtzlich der Schnecke in ihrem Hauſe, nuͤtzlich dem Dachſe mit ſeinen Jungen im Dachsbau, und nutzlich ſelbſt dem Waſchſchwamm im Meer, dem Waſch⸗ ſchwamm— einem eigenen von keinem Andern beſeſſe⸗ nen großen Reiche voll unzaͤhliger dumpfer halb leben⸗ der Bewohner, die ſich ſelbſt und ihren Schwamm kaum kennen— alſo ein Geſetz nicht unnuͤtz dem Menſchen! Nun nur noch Eins, das Wichtigſte von Allem, ſprach der Sanhoang.— Hat unſer Vaterland Schul⸗ den? Haben ſeine Bewohner die Folter im Leben und die Naͤgel zum Sarge— haben ſie Schulden? Fohi's groͤßtes Geſetz wird am heiligſten gehalten! — Kein Einzelner hat Schulden; und alle zuſammen haben keine Schulden; hoͤchſtens auf Ein Jahr vermag ſich Jemand ſein nothwendigſtes Bedurfniß von eines Andern Brote ſchneiden, ſo viel, daß er ſich und die Seinen ernaͤhren und kleiden kann, wenn er Mißwachs oder Ungluͤck durch Feuer oder Waſſer erlitten oder wenn er krank iſt, arm war, und noch nicht wieder geneſen iſt; aber nicht zu Gaſtmaͤlern, prachtigen Klei⸗ dern und Geräthen, zu prangenden Bauten, kuͤnſtli⸗ chen Gaͤrten und Felſen und Seen. Dem Reichen wird gar nicht geborgt, und er ſchaͤmt ſich zu borgen, 5— ſo lange ihm Reis und Woſſer, Reisſtroh und ein Fuͤnkchen Feuer bleibt. Glaube mir, durch dieſes Ehr⸗ gefuͤhl beſteht allein das Reich ſo lange, und beſteht ſo gluͤcklich, ſo voraus gluͤcklich, weit vor allen andern! Keine alte Zeit, keine alte Noth ragt wie ein gräßli⸗ ches Scheuſal mit Millionen magern heißhungrigen Kral⸗ len in den neuen ſchoͤnen Tag, in die junge vollauf reiche Erde, wie auf einen großen ſmaragdenen Tiſch herauf, und reißt fur die ſchuldigen alten Todten alle Schätze der Gegenwart gläßlich und nutzlos hinunter, alle Gaben, welche der Himmel mit neueſter wie ewiger Huld fuͤr ſeine unzaͤhlbaren heutigen Kinder darauf ge⸗ haͤuft, daß der Tiſch brechen moͤchte, und daß Alle vollauf haͤtten— ohne Schulden. Schulden heißen von Schuld ſo!„Ich bin ſchuldig,“ denkt Einer, daß ich in meiner brauſenden Jugend ein Kartenſpieler war, und in meinem Golde die Kraft ⸗verlor: mein Weib meine Kinder, ja das Dach meines Hauſes jetzt hinlänglich zu bedecken.—„Ich bin ſchuldig,“ ſpricht der Andere, daß ich an ſchoͤne Kinder meine Kin⸗ der und mein Weib opferte— vorher im Geiſte todt⸗ ſchlug— denn ich habe jetzt weder Weib noch Kind; ſie muͤßten betteln gehn— um einen Kranken zu näh⸗ ren.—„Ich bin ſchuldig,“ klagt der Dritte, daß ich ein Narr war und glaubte, was ich geborgt bekäme, das hätte ich wirklich— große Guͤter, ſchöne Pferde, weitlaͤuftige Gebaͤude. Aber ſelbſt die Schloͤſſer und Thuͤrme, die Jemand beſitzt, der Schulden hat, ſind 12 — 180— Nebelgeſtalten, Luftgebilde, die zerfließen, wenn der Glaͤubiger ſie anhaucht; ſie ſturzen ein, wenn er ihnen den Grund wegzieht, wie einen Teppich unter den Spielſachen, den Baäumchen und Häuſerchen der Kin⸗ der.—„Ich bin ſchuldig,“ bedauert der Vierte, daß ich nicht allein mit den Meinen eſſen konnte, ſon⸗ dern, wie ein Schaaf nur gut in Geſellſchaft von Schaafen frißt, nur froh war— wenn die Schalmei dazu blies, die Tafelmuſik erſcholl, und ich faule falſche Gäſte fett machte, die zu aller Welt— ſich maͤſten gingen, wenn ſie nur eingeladen waren, und die mich auslachten im vollen Magen, wenn mir ihre geſchmei⸗ chelte und alſo wiederum dankbar ſchmeichelnde Zunge „geſegnete Mahlzeit“ wuͤnſchte, und die recht gut wußten, daß ſie meinen Tod tränken, wenn ſie mit Jubel meine Geſundheit tranken.—„Ich bin ſchul⸗ dig,“ verſchweigt der Funfte, weil ich vorher ſtolz und dumm war, daß mir ein Krieg uͤber den Hals kam, deſſen Schimpf ich auswetzen mußte; daß ich mehr haben wollte, als gerecht, ja rathſam war zu nehmen, und was zu erhalten nun alle die Meinen und mich ſelber zu Leuten macht, die weniger, ja mehr als Nichts haben, nämlich zum Nichts: ungeheure tag⸗ tägliche Qual, vergeblichen Fleiß, vergebliche Arbeit, mit der troſtloſen Ausſicht, daß unabſehliche Jahre lang Kind und Kinbeskind in gleichem Elend ſo fort baden, vis ſie doch einmal in Jammer erſticken, oder Ver⸗ ———— —— zweiflung ſie zwingt einen blutigen Strich durch die Schuldtafel der Zeit zu machen. Alſo Fohi's Geſetz war wirklich weiſe, ſprach der Sanhoang hoch erfreut. Aber es iſt nicht allein weiſe, es iſt auch zart empfunden und aus der Tiefe der edlen Menſchenſeele geſchoͤpft. Denn es iſt ein Wahn, daß Jedem das Alles unbedingt als freies Eigenthum gehört, was er beſitzt. An jeden Beſitz knuͤpfen ſich tauſend Anſpruche, die ein äͤchter Menſch nicht los wird, und uͤber welche nur der Laſterhafte ſich wegſetzt, aber ſich nicht wegſetzen darf. Auf die hoͤchſte Tugend muß das Geſetz gegrundet ſein. Welcher Mann mit Augen und Herzen darf ſich nun erlauben, ſein Vermoͤgen zu verpfaͤnden oder Schulden zu machen— da er es von der Welt und durch den Segen Tien's hat, aber nur auf ſeine kurzen Tage! Es iſt ihm nur anvertraut. Wer kann es frei wegwerfen, ſelbſt wenn er kein Weib und keine Kinder hat— denn er iſt tauſend Dank der Vor⸗ und Mitwelt ſchuldig. Wie viel weniger aber gehoͤrt es dem, der Freunde und Erben hat! Es gehoͤrt nicht ihm, wenn er ein Herz hat, am wenig⸗ ſten aber kann es je ſeiner Unmäßigkeit, ſeinen unge⸗ meſſenen Wuͤnſchen und Laſtern gehoͤren. Weiſe iſt es, was das feinſte ſchoͤnſte Menſchengemuͤth empfindet, zu einem noͤthigenden Geſetz fuͤr jene groben Seelen zu machen, die man nur raſende Magen und verſchlin⸗ gende Augen nennen moͤchte. China hat keine Schul⸗ den— und ſo preiſe ich es mit Ehrfurcht als das — 182— himmliſche Reich!— Aber wie behlt man die wuͤr⸗ digen Glaͤubiger hier? Da es wuͤrdige Schuldner ſind, kann ſich der Glaͤubiger am Tage vor dem Neujahr Zahlung verſchaffen— durch den heiligen Bambus! Aber er thut es nur, wenn der Falſche ihm vorenthalten wollte, was er ſeitdem erworben;— der fortwährend Arme und Kranke iſt ſeiner Schuld los und der reiche oder huͤlfreiche Menſchenfreund ſchreibt ſie mit blau an den blauen Himmel— der Allen Alles gegeben und läßt, ſelbſt das Leben und die wohlthätige Seele— und am Meuſahrsmorgen iſt das ganze Land verglichen, neu, luſtthaͤtig, ſein eigen, und alles zu Erwerbende gehört dem neuen Tage, der immer Neues beduͤrfenden Zu⸗ kunft— und eines ganzen Volkes Mittel, ewig friſch und jung, langen freudig und gottgegeben dazu und dazu allein. Ich muß weinen vor Freude! ſprach der Sanhoang. Fohi muß läͤcheln im Sarge, wenn ich ihm, wie er befohlen, Bericht erſtatte.— Nun aber, mein werther urenkel Semakuang, noch Eins!— Wie geht es Dir? Aus ſeinen Urtheilen wird das Innere des Men⸗ ſchen klat; nicht ſowohl was er ſagt oder der Rede werth findet, ſondern wie er es ſagt— iſt der Schluͤſ⸗ ſel zu ihm, ia es iſt er ſelbſt. Die Vernunft iſt das ruhige Licht der Welt, und die Urtheile der Vernuͤnf⸗ tigen ſind ruhig wie ihre Werke. Ich abe aber in deinen Urtheilen Dich geſehn, wie eine feurige warme ———ͤ Blume unter ihrer Glasglocke— es ſpricht Jemand Anderes aus deinen Worten, und tief in deinem Herzen ſitt nicht die ruhige Vernunft.—— Nein, das immer ruhende Ungluͤck! ſprach Sema⸗ kuang; und ich komme Dich zu bitten— mir das Leben zu erlaſſen. Mir zu erlauben— daß ich von Dir und von uns Allen Abſchied nehme, hinunter ſteige zu den Menſchen, die Sonnen meines Lebens ablaufen laſſe, und mich bald in der Erde bette. Ich will nicht gluͤcklicher ſein als der gewoͤhnlichſte Menſch, aber auch nicht ungluͤcklicher— das ertrag' ich am wenigſten, denn ich empfinde es tiefer! tief! Ich vermochte mich nicht in unſere kalte Höhe der Ueberſchauung zu heben — mir— wie ich da bin— mir iſt ſehr wehe geſchehen! Was? frug der Sanhoang. Soll ich die Wahrheit ſagen? frug Semakuang gluͤhend. Seit wenn mag ein Herrſcher die Wahrheit nich wiſſen! Wiſſen— nun wohl! Aber auch hören? auch thun und leiden was ſie erfordert— dazu iſt es zu ſpat! Doch es giebt eine anbere Gnuge in dieſer Welt, als das Gluͤck erlangen— es giebt die Gnuͤge eines uͤber die Erde und ihre Geſchicke erhabenen Geiſtes, daß er das Ungluͤck klar entwickle, das Unrech? lant aus⸗ ſpreche, damit es alle Gerechten wiſſen und das heilige Recht heilig erſcheine und anerkannt ſei, als die Alles uͤberſtrahlende Macht— dann iſt ihm wohl!— Ich will reden— und mir wird wohl ſein, recht wohl! So ſprach er, und merkte nicht, daß ſeine Diono ſchon laͤngſt aus Schmerz und Furcht, aus Liebe und Haß zugleich, erbleicht und ohnmächtig in ihrem bun⸗ ten Seſſel zuruͤck gebeugt lag. Ihre Haare waren zu⸗ ruͤck gefallen, und die Spitzen derſelben beruͤhrten den Teppich; ihr Antlitz voll Trauer, weiß wie Schnee wurde von dem Lichte der Sonne beglaͤnzt und troͤſtlich gewaͤrmt, aber ihre Augen blinkten nicht vor der Blen⸗ † dung ihrer Strahlen— ſie waren von den großen Au⸗ genliedern bedeckt, und ſie ſchien nur zu dem blauen Himmel, zu Tien, hinauf zu ſehen, aus welchem er die Sonne, wie ihre Schweſter auf ſie herniederwaͤr⸗ men ließ— denn in ihr war jetzt der Himmel nicht mit ſeiner Macht, ſondern das Ungluͤck von der Will⸗ kuͤhr der Erde, oder von der Macht der Menſchen uͤber Menſchen, und alle das Leid von dem ſorgenloſen Ge⸗ brauche dieſer ſorgenlos geduldeten Macht. Aber der Himmel, der den Sonnenglanz auf ihr Antlitz ſandte, erregte auch einen voruberſaͤuſelnden Wind, der die Kan⸗lan vor ihrem Fenſter bewegte, jene im Fruͤhlinge reifen Oliven, deren Namen zugleich die Vergan⸗ genheit bedeutet, und die herb ſind, friſch genoſſen, aber einen bewundernswuͤrdigen Geſchmack aller Fruͤchte im Munde zuruͤcklaſſen. Dieſe bewegte er jetzt, und die ſpitzigen roſigen Fruͤchte klopften nun gleichſam mit lieblichen Kinderfingern der Gottheit an die Scheiben — und Tiono, die von der Vergangenheit litt, er⸗ wachte und ſah und hoͤrte das Anpochen der Fruͤchte der Vergangenheit; aber zugleich pochte auch der Lon⸗ yen, das Drachenauge, oder die Gegenwart, eine be⸗ taͤubende Frucht an. Draußen aber im Garten bewegte der voruͤberrauſchende Wind auch den Baum Siang, der auch „ich denke“ heißt, und den Ling mit breitem erquik⸗ kendem Schatten, deſſen Nebenbedeutung verborgene Vorſehung heißt. Ueber ihre Stickerei aber kroch der unvergleichlich ſchoͤne goldfluͤgelige Kaͤfer Kieu⸗Yn, der nur die erſten warmen Tage des Fruͤhlings lebt, und deſſen Nebenbedeutung Menſch, oder Maͤdchen iſt. Da das Gefuͤhl ihres kindlichen Gehorſams, durch welchen ſie ſchon einmal von des Vaters Hand leiblich ermordet, gern und zufrieden geſtorben waͤre, ihr auch jetzt innerer Halt und Troſt geweſen war, und ſis wie⸗ der gern und zufrieden zu einem Leben asfrichtete, wel⸗ ches ihr eigener ungluͤcklicher Vater ihr fortan beſtimmt hatte, ſo verſtand ſie auch das von dem Himmel jetzt ihr geſandte Regen der Natur, und das leiſe liebende Klopfen der Fruͤchte an ihre Fenſterſcheiben, und ſo vermochte ſie halblaut zu ſich ſelbſt und zum Himmel zu ſagen: Ich verſtehel Aber ſo verſtand ſie nun auch die Worte ihres Semakuang. Denn aufgefordert: die Wahrheit zu ſagen, ſprach er in deutlichen Räthſeln: Was mir ge⸗ ſchehen, willſt Du wiſſen, o Sanhoang! Nicht ſowohl iſt es mir geſchehen durch die Welt, oder die Menſchen, — 186— als durch unſern Zuſtand. Ich ging hinaus— und ich muß es ſagen, ja ruͤhmen: es hat etwas unaus⸗ ſprechlich Ergreifendes und geheimnißvoll Ruͤhrendes, die prachtvolle Welt ſo immer offen zu ſehen uͤber ihren ſchlummernden Gebilden— auf den gruͤnen Huͤgeln, die alſo auch dazu— zum Tode— beſtimmt und da ſind. Und das Rauſchen und Verjuͤngen des Waldes, das Wiederkehren der Lerchen, das Gruͤnen des Felder, das Wallen der reifenden Saat, das Ernd⸗ ten, das Abfallen des gelben und röthlichen Laubes, das Wiederaufpfluͤgen der Erde, das Verſchneien der Berge, das Kommen und Fackeln der Sonne, das Daͤmmern des Mondes, das goldene Blinken der Sterne noch immer zu ſehen— waͤhrend die fruͤhern Bewoh⸗ ner der Erde ſchliefen und immer ſchliefen! Ein neues Menſchengeſchlecht ſpielte, als Kinder, auf der Erde; es vermaͤhlte ſich; es baute und pflanzte; Baͤume und Haͤuſer vergingen wieder, das Geſchlecht war wieder alt, ſaß muͤde im Silberhaar; es ſtarb; und die Denkmale blinkten mit vergoldetes Schrift auf ihren Graͤbern—— ſie ſchliefen immer. Feuer ver⸗ wuͤſtete Staͤdte, Stroͤme brachen ſich andere Bahn, Krieg tobte um ſie, Peſt verwuͤſtete das Volk— ſie ſchliefen, wie Kinder ſicher geborgen auf dem heili⸗ gen Mutterſchooß.— Aber ich— ich lebte! Auf der Erde im hellen Sonnenſchein iſt mir wie in einem Zimmer, das wunderbar der Mondſchein erfuͤllt mit ſtilem Glanz— einem leeren Zimmer, woraus man — 151— einen Todten getragen, und das hinter ihm geblieben — und nicht verſchwunden iſt wie Er; und anſtatt des Verſchwundenen wird das ſtarre Gebliebene zauberhaft beklemmend, ja furchtbar. Aber ich lebte! Ich ſah das Wandeln des Geiſtes des Himmels in ſeinen Ver⸗ wandlungen, die er umher vollbracht hatte. Hier war er vorubergeſchritten und hatte die Berge eingeſtuͤrzt; dort hatte er den Fluß anders geſchlungen, wie ein Mäd⸗ chen ihr Band. Den braunen Weg hatte er mit Raſen verwachſen laſſen, worauf ich als Kind auf der Gerte geritten; die Eichen die mit mir aufgewachſen, hatte er entlaubt, und ſie ſtreckten ihre verdorrten Aeſte wie wunderliche Arme grauenhaft ſtill nach ſeiner Kraft in den Himmel— und ein Volk Staare ſetzte ſich darauf, und ſchwatzte wie ein Schwarm Thoren! Die Thuͤrme, die ich erbaut, lagen wieder zerſtreut— als Steine umher. Der Athem ſtockte mir; ich wagte nicht in meine Bruſt die Luft zu ziehen, die von oben herniederfallend voruber ſäuſelte, und mit meinen Haaren ſpielte, wie mit den jungen Bluͤthen am Schneeball, den ſie gelind erſchutterte. Alle Geſichter— fremd! Niemand wußte meinen Na⸗ men! Nach denen ich frug— die waren alle todt. La⸗Mob hielt mich— fuͤr meinen Sohn! Sie glaubt jetzt vielleicht, daß ich— ich ſei, aber wer bin ich Ihr? Was iſt ſie mir?— Und nun—— Und nun? nur weiter! verlangte der Sanhoang; denn das Schwerſte haſt Du noch auf dem Herzen; —— alles Letzte iſt das Schwerſte, wie alle Fruͤchte und Blumenhaͤupter zuletzt ſchwerer ſind, ſelbſt das Mohn⸗ haupt mit ſeinen tauſend Koͤrnern, als da es noch leichte bunte Blatter hatte. Alſo! Ich hatte auch funf leichte bunte Blätter— das Letzte war La⸗Moö; aber ich hatte noch keine geliebt, wie ich nun weiß, daß man ein ſanftes Weſen lieben kann. Auch dem Menſchen kommt alles Gute erſt zur rechten Stunde. Der Menſch iſt aber auch ein armer Schelm, ſehr arm, ſelbſt an Beſtrebungen; denn Eine von jeglicher Art der Gaben fertigt ihn ſchon ab, und weiſet ihn zu Ruhe, wie den Bettler wo ein Vorneh⸗ mer Almoſen austheilt. Das Eine aber fordert er auch für ſich ganz allein, und mit Recht. Ich war lange auf der Welt geweſen, und hatte doch nur geſchaut und genoſſen, hoͤchſtens das Große, Kalte, Anſchauernde gedacht, aber ſelbſt nicht das Kleine, Enge, Wahre gelebt. Meine Seele war durch das lange Daſein gleichſam aus einander genommen wie das Wachs einer Kerze; das Feuer meines Herzens zerſtreut, wie die Affen die Braͤnde eines Hirtenfeuers im Walde umher werfen— ich ſchaͤtzte nichts mehr um mich her, ſelbſt mich nicht mehr; alles war hohl und klanglos, ſelbſt ich— da trieb die allgewaltige Natur noch einmal Knospen aus dem abgeſtreiften Bloͤthenſtabe— denn meine innere Zeit war da— die Natur ward mir gerecht, meine Seele hatte Augen bekommen, mein Herz ein ganz anderes himmliſches Feuer; und auch — 169— für mich hatte die Natur aufbluͤhen laſſen, was ſie mir beſtimmt— das Gebild fuͤhlte wie ich— fuͤr mich, wie ich fuͤr die Jungfrau empfand. Da brach ſie ungefragt ein Andrer.——— Weiß er es nicht von ihr, oder von Dir? frug der Sanhoang. Ich habe es ihm ſogleich geſagt, und er weiß es noch nicht, wenn er nicht Augen hat.— Auch hilft es nun nichts, fuhr Semakuang nach einer Weile fort; und damit kein Unheil geſchieht, ſondern mir Heil, deſſen ich noch faͤhig bin— laß mich das Be⸗ wußtſein verſenken, daß es einen Menſchen gab wie mich! Laß mich hinabgehn zu ſterben! Denn mir iſt, als ſtrecke die alte Eiche ihren verdorrten Arm nach mir aus— und ich hoͤre die Staare ſchwatzen—— horch! ſie ſingen ein furchtbares Lied! Ich bin deines Lebens Gebieter nicht! ſprach der Sanhoang ſehr ernſt. Ich ſelber lebe nicht mein Leben. — ich bin nur gehorſam meinem Ahnherrn, daß ich ſein Werk bewache. Gehe du gluͤcklicher zu deinem⸗ noch lebenden alten Vater Ly, frage ihn! Bitte deine Mutter Tien-Mo! das Himmels-Auge! Dann aber bereite dich mit deinem Sohne Tſchao⸗kong hinabzu⸗ gehen und meine junge Gemahlin Tiono nach der Bluͤtheninſel im gelben Fluſſe zu begleiten. Du ſollſt ihr Bewahrer und Schuͤtzer ſein! Das Herz gewoͤhnt ſich ſchnell, doch nur ſehr langſam und ſehr ſchwer entwoͤhnt es ſich— und am ſchwerſten von Allem— von der bunten lauten Erde, wie Tiono— und vom Wirken und Gutesthun, wie Tſchao⸗kong. Ich wuͤrde Dich, als ſeinen Vater adeln, wenn Du ihn erzogen haͤtteſt! 6 Semakuang reichte ſeinem Sohne, dem Colao die Hand; aber dieſer blieb ſtarr, ſtill und duͤſter in ſich verſchloſſen. Darauf ſchied er, und ging nun wie⸗ derum langſam an dem Fenſter voruͤber; daſſelbe Ge⸗ ſicht der Tiono ſah ihn wie ein Bild an, und regte kein Auge— aber ihre Lippen ſchienen zu zucken, als walle das Herz ihr uͤber, und ſie wolle ihm wenigſtens ſagen oder klagen, was ſie ſtumm und blaß gemacht — wenn auch das nicht ſchon Ungehorſam und Un⸗ recht wäre! Das ſchoͤne Daſein der Tiono zog ihn nicht mehr an, es ſtieß ihn ab, jagte ihn fort, wo moͤglich aus der Welt. Und um zum Ausſcheiden ſich Erlaubniß zu erbitten, ging er zu ſeinem Vater Ly, und zu ſei⸗ ner Mutter Tien⸗Mo. In der abgeſonderten freundlichen Behauſung fand er den Greis allein. Er ſaß und ſchlummerte ſchon wieder am Vormittag; die Sonne beſchien ihn durch das Fenſter, ſeine Stirn glaͤnzte und das Silberhaar ſchimmerte durchſichtig. Sein Angeſicht war ernſt— aber neben ihm lächelten die zwei Geſichter, welche ſchon vor langen Jahren aus den Knoͤpfen des Seſſels geſchnitzt waren; ihre rothbemalten vollen Wangen wa⸗ ren muͤrb, ihre offenen blauen Augen wurmſtichig, aber —— ſie lächelten noch immer. So ſaß der Greis im Haufe des Alters, und am Fenſter raſchelte ein purpurner Schmetterling, der ſich eben entpuppt hatte, und, wie ein neugebornes Kind, im Hauſe der Jugend wohnte, und die Sonne da draußen im Hauſe der Vergaͤnglichkeit. Und wenn Semakuang nun bedachte, daß er ſo eben von dieſes ſeines eigenen greiſen Vaters jugendlichem Großvater, dem Sanhoang kam, der in voller Kraft und Schoͤnheit des Menſchen bluͤhte, ſo empfand er jetzt gerade recht deutlich den Gegenſatz zu dieſem Verhaͤltniß, er empfand den Wandel der Natur, die alle ihre unermeßliche Kraft und Wirkſamkeit immer bei ſich hat und wieder ſammelt; die, wie eine unge⸗ heure Spinne, ein ungeheures Netz ins Blaue fuͤr das flatternde ſurrende Gewuͤrm hinhaͤngt, dann wieder das Netz verzehrt, hinter ſich abbricht, und die Faͤden des neuen Netzes voraus ſchwehen läßt uͤber den Strom der Zeit, um das Geſpinnſt druͤben wo anders anzuknuͤpfen, und ein neues Netz an ganz neuem Orte, in unbegreiflicher Ferne und heiliger Abgeſchieden⸗ heit von dem alten hinzuhaͤngen— um es wieder zu verzehren— und es wieder fuͤr das flatternde ſurrende Gewuͤrm hinzuhaͤngen!— Indem ihm ſo die Reihen der Vaͤter und Muͤtter wie paarweis gereihete Beine an einer prachtvollen Raupe vorkamen, die uͤber eine endloſe Wieſe zwiſchen zwei Wuͤſten hinkriecht— ſeufzte er laut. Sein blinder Vater erwachte, empfand, daß ihn Lippen zart auf die Stirne kuͤßten, und frug: —— Meine Tien⸗Mo, biſt Du es? Du liebſt mich noch, wenn ich auch nicht mehr ſehe, wie ſchoͤn Du biſt! Ich bin alt worden— ich habe Dich länger ſchlafen laſſen, um deine ſchoͤne junge Geſtalt mir zu erhalten und aufzuſparen— nun biſt Du noch jung, und ich ſchon alt, und Du liebſt mich noch! Gutes Weib! Semakuang aber ſprach ſehr ſanft: Vater, ich bin es! Ich, dein Sohn Semakuang! Semakuang?— Mein Sohn?— frug der Greis⸗ ſehr langſam. Ja, ich beſinne mich jetzt auf Dich— ich dachte, Du waͤrſt auch geſtorben! Mein Herz und mein Sinn war einſt groß und weit; jetzt ſchließt es ſich wieder im Alter, die Seele zieht ſich zuruͤck von den unzähligen Dingen, die es einſt erquickt, gereitzt, betrubt und erfreut haben; ein Greis iſt nur noch er ſelber, er weiß nur noch von ſich, und kaum.„Mir traͤumte“— fange ich meine Rede oft an, wenn ich von Vergangenem erzählen will, ſpricht meine Tien⸗ Mo; und wenn mir wirklich getraͤumt hat, erzaͤhle ich von dem Traume— wie vom geſtrigen Tage, oder ſchon am Abend— vom Morgen! Alſo Du biſt mein Sohn! Deute mir nichts uͤbel. Semakuang frug nach ſeiner Mutter. Iſt ſie nicht da? ſo wird ſie arbeiten, ſprach der Greis. Sie laͤßt ſich nicht nehmen, mir alles was ich bedarf, ſelbſt zu thun— ſo lange ſie mich noch hat! Und kein Menſch hat die Seinen unaufhoͤrlich, Jeder hat ſelber ſeinen Freund, ſein Weib und ſein Kind, ſo wie ſie heut ſind, immer nur einen Tag. Und die Tage vergehen wie Wolken!— ſpricht meine Tien⸗ Mo. Niemand Fremdes darf mir mein Gewand weben als ſie, ja nur ausbeſſern, als ſie. Sie bereitet mir das Fruhſtuͤck, ſie, das Mittagbrot; und das nicht nur, ſie ſpaltet auch ſelbſt das Holz klein, ſie geht ſelbſt Waſſer ſchoͤpfen.— Sie meint, wenn ſie ſich dabei in dem klaren Spiegel des Brunnens erblicke, ſei es ihr immer, als gewahre ſie einen guten Geiſt, oder ihren Schutzgeiſt, der zu ihr herauf laͤchle, ſo heiter und ſegnend, und zu ihr mit leiſen Lippen empor fluͤſtere: „Ich ſehe die Liebe in deiner Muͤhe! Die Demuth in deiner Arbeit! Ich bin zufrieden— Du biſt gluͤck⸗ lich!“— ſagt meine Tien⸗Mo.— Sonſt verwieß ich ihr ſanft dieſe geringen und gemeinen Geſchaͤfte, die ſie alle nicht noͤthig habe, weil ſie ſo reich ſei; die ihrer nicht wuͤrdig ſeien, weil ſie ſo vornehm ſei. Aber, denkſt Du, meinte meine Tien⸗Mo, daß die gemeinen Leute gemein ſind, weil ſie das Noͤthigſte und Wohlthaͤtigſte fuͤr ihr Haus, fuͤr ihren Gemahl und ihre Kinder ſelbſt thun? Wäre dem ſo— dann haͤtte die Gottheit einen tauſendfachen Fehler begangen, daß ſie ihre unzaͤhligen Kinder zu Sclaven gemacht. Aber nein doch! ſie hat ihnen wohl gethan, ganz unuͤbertrefflich wohl, ſagte meine Tien⸗Mo. Wer von den Menſchen nur die natuͤrlichen einfachen Freuden entfalten, nur dieſe genießen will, und Gemuͤth genug hat es zu koͤnnen, nur Der iſt gluͤcklich, ja ſelig! Denn er hat alltaͤglich Schefers neue Rov. 1. 13 — 194— das heiligſte Geſchäft, das nie alle wird, wie ſeine Liebe nicht. Er verachtet die Kinderſpiele nicht, noch wie⸗ der mit den eigenen Kindern zu ſpielen, nicht Rede ja Geſchwaͤtz, geſchweige Lehre zu Weib und Kind und den Seinen im Hauſe; er verachtet nicht: ſelbſt ſei⸗ nen Garten zu beſtellen, ſeine Saat der Erde zu ver⸗ trauen, ſelbſt einzuerndten, wie ſelbſt zu genießen. Nein! er achtet das uͤber Alles, als das Einzig Noͤthige, Immer⸗Erquickende, Groͤßte und Schoͤnſte fuͤr den Liebenden, ja nur fur den Lebenden! Nur dar⸗ um giebt es keine Freude fuͤr die meiſten Menſchen, ſagte betruͤbt meine Tien⸗Mo, weil ſie die immer vor⸗ handenen, verbindendſten, einfachſten, menſchlichſten Freuden nicht kennen, nicht kennen moͤgen— und Andere ſuchen, die wenn ſie vorhanden ſind, nur von Haus und Gemahl und Kindern entfernen. nur von Liebe und Gluͤck und Zufriedenheit fuhren, niemals dazu; die alle entweder nur Hirn- oder Herz⸗ geſpinnſte ſind, unbegreiflich die Gedanken und Gefuͤhle verwirren, das reine Leben verdraͤngen, erkälten und toͤdten, oder nur kleine Theile, Einzelnheiten, Saa⸗ men oder Blaͤtter ſind: von jenen großen herrli⸗ chen Freuden! Ich meine— ſagt meine Tien⸗ Mo— ſchaͤdlich iſt es dem Menſchen, auf irgend ein Einzelnes im Leben laͤngere Zeit und Koſten von Kraft und Mitteln des Daſeins zu verwenden, als es in der Reihe betrachtet, erheiſcht— und daruͤber— die Sonne, die Erde, den Himmel, den Kern des Lebens— das — 195— reine ſuͤße Lieben ſo ſchnoͤde zu verlieren!— Du hörſt doch noch zu? Mein Sohn, mein Semakuang! Du hoͤrſt, ich bin alt geworden, denn ich ſchwatze— aber deine Mutter hat es geſagt, darum vergieb es mir. Wo bleibt ſie denn? frug Semakuang. Haſt du mich ſchon ſatt? klagte der Vater. Aber du wirſt mich nicht mehr lange haben! Du ſieheſt an mir— Alles geht zu Ende! Es geht nicht— es eilet, es fliegt! Trotz dem, daß ich ſo lange da geweſen bin, behauptet doch der Himmel ſein altes Geſetz, und ſetzt es auch gegen mich, oder fuͤr mich, durch. Ich habe es nicht aufgehalten, nur auseinander! Ich habe kein Auge mehr; meine Fuͤße ſind wie verſchwunden; meine Arme ſind zu ſchwach und faul geworden ihren eigenen Herrn zu bedienen; meine Ohren haben ſich, wie Eich⸗ hoͤrnchen im Neſt, vor dem Winde zugethuͤrt; ſelbſt mein Kopf iſt mir zu ſchwer und ſinkt mir im Schlaf tief auf die Bruſt. Die Welt iſt die große papierne Laterne voll Schattenbilder; alle umhergereiht und bunt gemalt, werfen ſie ſelber von dem Licht nur einen ſchwarzen Schatten! Alle Geſtalten vermiſchen ſich darin unaufhoͤrlich und blitzſchnell.„Das iſt“ kann niemand ſchnell genug ſagen, ſo iſt es ſchon verwandelt. Sagt man: das iſt da, ſo iſt es fort; ſagt man: das iſt fort, ſo iſt es wieder herum und da, und zerrinnt wieder in immer groͤßern, immer ſchwaͤcheren Schatten in dem allgemeinen Licht. Du wirſt im Volke gehoͤrt haben: das Laternenfeſt ſei geſtiftet, als mich das Volk. —— ein lange verſchwundenes Volk, das auch einmal durch die große Laterne ſchwebte als jene Schatten mich des Nachts aus meinem Kaiſerlichen Pallaſt vertrieben und ſuchten— weil ich mich drei Jahre in denſelben vor der Sonne verſchloſſen und nur mit meiner Tien⸗ Mo darin bei vielen tauſend Lichtern lebte— daß ſie dann die Lichter herausgetragen, den Pallaſt angezuͤn⸗ det, und zum Andenken an die Verjagung des licht⸗ ſcheuen Kaiſers das Laternenfeſt auf ewig in der wah⸗ ren großen Laterne geſtiftet haͤtten!— Glaube das nicht! Das Feſt iſt ſchon unſaͤglich aͤlter, und daß an demſelben Menſchen in ſolchen bunten leichten Haͤuſern wohnen, iſt nur ein Sinnbild— daß wir Alle das ganze Jahr uͤber und immer in der wahren großen bun⸗ ten Papierlaterne wohnen. Ich bin eines Lebens ſatt das doch vergeht: To⸗ming⸗ſan! Jetzt kam auch Semakuangs Mutter, Tien⸗ Mo, grade ſo jung noch und ſchoͤn wie er, als wäre ſie ſeine Zwillingsſchweſter. Aber das Herz und ein Mutterherz vergißt nicht, es iſt ein Schatzhaus alles deſſen was ihr Freude oder Leid gebracht, am meiſten aber voll von aller ihrer vorigen Liebe. Alles was zwiſchen dem jetzigen erwachſenen Sohne und ihm als Kind lag, ganze Kluͤfte, uͤberflog ihre Liebe, und ſie empfand ſich in der Stunde, da ihn der Himmel ihr geſchenkt oder geliehen, und ſie weinte wieder wie damals. Es war ihm unmoͤglich, jetzt zu der Mutter von — 197— einem Scheiden auf immer zu reden, ja er hatte es ſelbſt vergeſſen, und fand es dann, als er kuͤhler ge⸗ worden, doch heute nicht raͤthlich. Er blieb bei den Aeltern den Tag und die Nacht und den folgenden Tag. Dann bat er, daß ſie ihn entließen— um zu ſterben. Vom Vater erhielt er die Einwilligung fur ge⸗ wiß, wie er aus deſſen Urtheilen geurtheilt; und die Mutter war ein vernuͤnftiges Weib, wenn es eine war, ſie war gut, und war die Mutter. Und es war einer jener, durch ihre Stille erſchuͤt⸗ terndſten Augenblicke, als die Mutter auf ſeine Bitte verlegen ſchwieg, ſich gleichſam ſchaͤmte, niederblickte, ſeufzte, und dann die Augen liebevoll lange an ihm weidete und dann ſprach: Wir waähnten beinahe, wir ſeien unſterblich; ich fuͤhle nun tief, daß ich eine Sterb⸗ liche bin, und ich ſchäme mich faſt daruͤber, aber mit unrecht. Ich lebte nur, weil ich geboren ward, du ſtirbſt nur weil du leben willſt. Dein Großvater Lay hat aus einem andern Grunde als dein Vater, ſein Leben auch ſatt. Er ſagt naͤmlich:„Er erlebe nichts Neues, nichts Beſſeres, ja nicht einmal das Gute. Alles da draußen, da droben und da drunten ſei ſo fort ſich gleich wie eine Sonne der Andern — ein Grashalm dem Andern. Wer ein Jahr in ſeinem Wandel geſchaut, der hat alle Zeiten geſehn.“ Und gewiß, er hat Recht; denn das wirklich Neue kommt jedem Menſchen von Innen. So lange er lebt, bleibt die Welt wie ein Schauplatz, der ſich nicht — 108— verwandelt, vor ihm ſtehn. Am letzten Abend ſcheint ihm noch die erſte Morgenſonne; uͤber dem Auge des Greiſen iſt das alte ewige Blau ausgeſpannt wie uͤber ihm als Kind, und das unſterbliche Gruͤn unter ſeine Fuͤße gebreitet— der alte, nie abgetretene— guellende Teppich des Lebens. Der Menſch aber ſah die Blu⸗ men als Kind; er hoͤrte die Lerchen als Juͤngling; er beſaß ſein Weib als Mann und als Greis— ſeine Gefuͤhle waren ſein Leben, ſein Wandel, ſein Neues mit jedem Gedanken, mit jedem Wechſel, der ſich an ihm oder an den Seinen begabd. Da war immer Neues, immer Holdſeliges, und das Späteſte zum Fruͤheſten, das Erſte noch zu dem Letzten, und Alles mit Allem!— Hätte ich deinen Vater nicht, ſo hätte ich kein Maaß fuͤr die Zeit, kein Gefaͤß fuͤr die Liebe. Geh, nimm ein Weib, lebe, werde gewahr, werde mir — und bann gehe es Dir wie allen Soͤhnen, und mir wie allen Muͤttern— nur moͤchte ich eher ſterben als Du— denn„die Fruͤhererſchienenen ſollen vor den Spaͤtererſcheinenden verſchwinden“ ſteht auf der großen Geſetztafel der Erde, nicht mit Worten geſchrieben, ſon⸗ dern wie die alte Mutter ſchreibt— mit That und Werk, allen Voͤlkern lesbar, ſelbſt bn Kinde und noch dem blinden Greiſe. Die Schrift kenne ich! ſprach der alte blinde Vater, man kann ſie mit Haͤnden greifen, wie im Finſtern einen Dornenſtrauch. Du aber, mein Sohn, bat die Mutter, bleibe „ 199— noch dreißig Tage bei uns, daß ich dich noch kange, lange habe in meiner Seele und in meinen Gedanken, daß ich dir noch viel Liebes thue, und du mir; wie Menſchen die ſich nach langen Jahren beſuchen, und dann ſcheiden auf lange Jahre!— Und ſo iſt es.— 6. Ja, die Jahre— des Todtſeins— mogen lang ſein, ſchloß der alte Vater, nur uns nicht lange wäh⸗ ven. Aber der Menſch ſoll nur Nachkommen haben, damit ſie die Vorfahren verehren;*) zu nichts andern ſind ſie da— darin liegt ihr Leben ſchoͤn enthalten und beſchloſſen; und wenn ſie dereinſt nach unſerem Ein⸗ ſchlafen uns ſpaͤt noch verehren, ſo wird doch Unfter gedacht— ſelbſt mit unſern Gedanken, und ſie tragen das Licht das wir einſt trugen, oder ſie ſind es ſelbſt, oder das Licht war die Lichter ich weiß es nicht; ich bin alt, und habe keinen Kummer mehr, als um meine gute Tien⸗Mo. Bie Gleichgül⸗ tigkeit des Alters iſt zuletzt die großte Gabe des Menſchen⸗ ja faſt allen wirklichen Guͤtern gleich. Darauf blieb Semakuang bei ſeinen Aeltern und Grofaͤltern, heimlich nach der Erde hinunter ſeufzend. und als die Tage um waren, ließ ihn der San⸗ hoang zu ſich entbieten. Dieſer zeigte ihm und Tiono, die er ihm uͤbergab, ſein großes Smaragd⸗ *) Der verkleidete Zweck der Ehe und ſelbſt des Staates bei den Chineſen. — — 200— Siegel, auf deſſen Vorzeigung ſeine Gemah⸗ lin auch aus der fernſten Ferne jedem ſei⸗ ner Befehle zu gehorchen habe, und ohne Vorzeigung dieſes Smaragds, Niemanden. Und ſo ſchieden ſie von ihm hier oben. Tiono ward von ihrer einzigen Dienerin Pne, oder der Mond, be⸗ gleitet. Dieſen Schatz vor Augen, und in ſcheinbarem Beſitz deſſelben vergaß er nun ſelber von ſeiner zärtli⸗ chen Mutter Tien⸗Mo, dem Himmelsauge, Abſchied zu nehmen; und als es nicht mehr moͤglich war, troͤ⸗ ſtete er ſich damit, daß er und ſie dreißig Tage und dreißig Naͤchte lang von einander Abſchied genommen. Der Sanhoang, welcher das Land und das Volk ſelbſt ſehen und muſtern wollte, und die Geſchichten und merkwuͤrdigen Ereigniſſe leſen, welche ſchriftlich in dem hohen rothen Thurme jeder Stadt, in dem Ta derſel⸗ ben, aufbewahrt wurden, welche Thuͤrme wiederum ſelbſt Denkmale beruͤhmter Maͤnner waren— begleitete ſie; er und der Colao Tſchaokong ließen ſich mit ihnen hinab in den tiefen Felſenbrunnen; derſelbe Na⸗ chen trug ſie wieder uͤber denſelben See; derſelbe Arm⸗ leuchter voll Feuer leuchtete ihnen wieder dazu; ſie ſchluͤpften unter demſelben Waſſerfall ſeitwärts hervor, aber wie anders war ihr Leben geworden! Semakuang nahm ſtreng und, mit geſchloſſenen Augen von dem Sanhoang Abſchied, behielt die Augen geſchloſſen und betete zu allen Goͤrtern, die ihm jemals auf Erden vorgekommen, als Jener noch ſeine Tiono an das — 201— Herz druckte; und er wäre lieber wie Waſſer des Waſ⸗ ſerfalles zu feuchtem Staube geworden und gern in die Luͤfte verſchwebt— als ſie weinte, und noch weinend ſtand, als er zu ihr trat. Unterweges ſprach der Colao endlich ſeine Furcht aus, daß man ihn fuͤr ermordet gehalten und ſein Weib Orhota des Mordes beſchuldigt haben koͤnne und werde;— er kenne ſein Weib, und ſie ſelbſt werde ihre Angeberin geworden ſein;— habe man nun ſein Grab leer gefunden, dann ſei der groͤßte Frevel began⸗ gen worden, der an einem Menſchen veruͤbt werden koͤnne, weil ein Todter Alles dulden, Nichts abwehren, Niemand anzuklagen und vor Gericht zu fordern ver⸗ möge, und ſo ſei ſeine Orhota ſo gut wie gewiß zum Scheiterhaufen verdammt, und der junge Kaiſer Si⸗ Wen werde die Kraft der Geſetze ſie verderben laſſen, da ein neuer Herrſcher ihres Anſehns zu ſeiner Empfeh⸗ lung beduͤrfe, und Viele ja die Meiſten im Alter mild ihr Amt geſchloſſen, aber Wenige es nicht ſtreng, oft gewaltſam angetreten haͤtten. Darauf ſchwieg er wie⸗ der, und trieb nur zur Eil. Er beſorgte alles uner⸗ muͤdet, was ihr fruͤhes Aufbrechen an jedem Tage be⸗ fördern konnte; er betrieb die Reiſt uͤber Tag wie ein Diener, und ging Nachts zuletzt zur Ruhe, und nicht eher, bis auch das Geringſte fuͤr den folgenden Mor⸗ gen beſorgt war. Dieſe kleinen Dienſte ſind ietzt meine ganze Tugend, wie der meiſten Men⸗ ſchen auf Erden, ſagte er einſt lächelnd zu Semakuang, und ich ſehe jetzt erſt recht: wie tugendhaft und un⸗ ausſprechlich ehrbar das Volk iſt in ſeiner unausſprech⸗ lichen Geduld, Tag fuͤr Tag, Muͤhe fuͤr Muͤhe, Sorge für Sorge voll ſtiller Kraft uberwindet, und alles das ohne Ausſicht, ſich ſelbſt das Leben zu retten, oder Jemanden der Seinen, wie ich. O, ich bin ſehr gluͤcklich! Aber wir haben zu lange geſtanden, eile, mein Vater, nun doppelt! Sie gelangten barauf an dieſelbe Fuhrt, wo Tiono, die jetzt Sanhoa war, ſich ihm aus der Sänfte ge⸗ neigt, und ihre Seele mit ſeiner vermählt hatte. Die Andern waren jetzt wieder voraus; ſie waren von dem gruͤnen Laub⸗ und Zweigwerk der Bäume vor ihnen gedeckt, denn der Weg ging aufwärts; ſie beide waren allein— und aus Erinnerung jener Zeit kniete Sema⸗ kuang wieder ſtill zu ihr hin. Aber ſie reichte ihm keine Hand heraus, ſie neigte ihr Geſicht nicht zu ihm; ſondern jetzt mit zugeſchloſſenen Augen, wie ſie damals die liebliche Maske bedeckte, lehnte ſie ihr Köpf⸗ chen zuruͤck in das weiche Kiſſen der Ecke, und ſo leis, ſo leis, als wenn ſie vor heiliger Scheu ihre eigenen Worte nicht horen wollte, lispelte ſie:„Der helldurch⸗ dringende Geiſt wird mir auf ſeinen richtigen Wegen Gelegenheit ſchicken— zu ſterben. Aber nur Er im Himmel und nur Du auf Erden— Du wirſt wiſſen warum!— warum meine Augen dann feſter ge⸗ ſchloſſen ſind als jetzt, wo ſie zucken, ſich aufzuthun, um Dich und dein Leid zu ſchauen! Und wenn ich eeei dann geſtorben bin, und Du mich ſiehſt— dann glaube Du— dann bin ich erſt ohne Leid— wenn auch ohne Dich;— und wenn dann auf meinem blaſ⸗ ſen Geſicht ein Laͤcheln ſchwebt— und ich laͤchle gewiß — dann glaube, glaube: ich laͤchle Dich an, Dich!— Ich laͤchle Dich an— denn das Laͤcheln ſoll die letzte Kraft meiner Seele ſein, wie der letzte Duft aus der Aſche der köſtlichen Waſſerblume, der Lien⸗hoa—; und wie ſie bluͤhend und lebend mit ihrem reinen wei⸗ ßen Geſicht allein auf dem tiefen Spiegel des ruhigen Sees erſcheint, ſo ſoll dir mein Laͤcheln erſcheinen, aus dem tiefen See des Todes, in welchem ich ſchwebe und ſchwimme, ruhe, oder von Luͤften und Wellen hierhin und dorthin getrieben werde, ohne Wurzeln und ohne Halt— ohne Dich!“— Semakuang weinte. Er wollte ihre Hand faſſen — ſie verbarg ſie; er flehte ſie an: nur einmal ihre Augen aufzuſchlagen— aber ſie gerieth in reine himm⸗ liſche Angſt der Tugend und flehte ihn mit den ſuͤße⸗ ſten Worten: Jetzt vergiß, o Semakuang, vergiß meine Worte! Verachte mich nicht, die Zeit meines Lebens, weil ich ſie geſprochen— glaube nicht, daß ich untreu bin mit einem Gedanken— ſelbſt mit einem kleinen kurzen leiſen Gefuͤhle— es waͤre entſetzlich—— denn ich werde Mutter ſein!— Glaube nicht, ich ſei ungehorſam meinem theuern Vater, deſſen einziges Gluͤck und ſuͤßeſter Troſt ich bin oder ſein ſoll— und — 24— bin! Glaube nicht, daß der helldurchdringende Geiſt nicht wiſſe vn nm r Sie wollte fortfahren, ſich ſelbſt vor ſich ſelbſt und vor ihrem Geliebten zu entſchuldigen; daß ſie ihn nicht liebe; und doch ſollte Er ſie lieben, und weil ſie in ihrem tiefſten geheimſten Herzen annahm, daß er ſie liebe, darum wollte ſie ihm rein und tadel⸗ los erſcheinen. Sie hatte aber, an den helldurchdrin⸗ genden Geiſt gedenkend, hell und ſcharf empfunden— — ſie entſchuldige ſich vergeblich, ſie ſtelle ihre Seele vor ihn ganz nackend bloß— wie die Erde aus Erde das blaß⸗roſenfarbene ſchoͤne Gewaͤchs Penhia in das Licht der Sonne hinauftreibt, das ohne Blatt uͤber und uͤber die zarteſte und durchſichtigſte Bluͤthe iſt! Sie zitterte; ſie verging vor Schaam, ſie that einen Schrei— und Semakuang wankte beſtuͤrzt von ihr zuruͤck; er trieb die kleinen Pferde an; die Glocken derſelben bewegten ſich und läuteten; vom Himmel donnerte es; ſchwere Regenwolken ergoſſen ſich, und Semakuang ſprach vor ſich hin: der Himmel weint, er weint viel!— meiner Thraͤnen waͤren zu wenig! Weine fort aus deinen Wolken, du helldurchdringender Geiſt! Ich aber ſchwoͤre, bei der Schoͤnheit des Him⸗ mels, das edelſte Werk der Erde— dieſe wahre San⸗ hoa— einſt meine Tiono, zu ehren, wie meine Mutter!— So druͤckte er, durch Schweigen vor ſich ſelbſt ſogar, den ſchaͤrfſten Schmerz wie einen Dolch ———— — 05— in ſein Herz, und es ſollte und konnte nicht bluten; der Dolch verſchloß die toͤdtliche Wunde. Darauf gelangten ſie, rechts den Weg nach dem großen gelben Strome verfolgend, an das Ufer, welchem die Bluͤtheninſel gegenuͤber lag. In ihrer unvergleich⸗ lich ſchoͤnen Aue befanden ſich die Gräber von ſiebzehn Kaiſern des Reichs, die in goldenen Sargen ruhten— und alle waren von den Sanhoangs ausgegangene Söhne derſelben geweſen, die von ihren Vaͤtern uͤber⸗ lebt worden waren. Bei jedem der Saͤrge ſtanden gol⸗ dene Göoͤtterbilder, zu welchen, des Jahres einmal die naͤchſten Bewohner der Umgegend wallfahrteten. Die ganze mäßig hohe und ziemlich große Inſel hatte ge⸗ gen die Ueberſchwemmungen des Stromes einen Wall von Jaspis, 26 Palmen hoch, wie aus einem Stuͤck zuſammengeſchliffen, unvergleichlich ſchoͤner als Alles im Morgenlande. Oben auf dieſem Wall lief ein brei⸗ ter ſtarker Rand, und auf demſelben zog ſich ein Luſt⸗ gang hin, geſchmuͤckt mit metallenem Laubwerk und Blumen, wie die Erde keine trägt, wunderlich unb be⸗ wundernswerth. Dieſer Schmuck ruhte in gemeſſenen Zwiſchenraͤumen auf Pfeilern aus Porphyr, und auf jedem derſelben ſtand eine weibliche Goͤttin, die eine Glocke in der Hand hielt, deren Klöppel unterhalb der Glocke breit auslief, ſo daß der Wind die Flaͤche er⸗ greifen konnte, und ſo oft er rauſchte und ſie ergriff, erklangen die Glocken von der unſichtbaren Macht deſ⸗ — — 266— ſelben, und himmliſche Geiſter, oder die ſchonen Göt⸗ tinnen ſchienen ſie zu bewegen, plötzlich einmal zu er⸗ ſchuttern und wieder ſich leblos zu ſtellen mit der ru⸗ henden Hand;— aber wer ſie gehoͤrt, der mußte glau⸗ ben: ſie lebten, weil ſie wirkten. Gewiß aber zeig⸗ ten ſie den Menſchen an, daß der Himmel von der Erde nicht fern, nicht geſchieden ſei, ſondern ganz nahe, ganz freundlich, da er herabhauche und mit ihr ſcherze. Oder, daß da droben etwas vorgehe, und voruͤbergehe wie Alles. Auf dem Gange ſelbſt ſtanden viele Unge⸗ heuer aus gegoſſenem Erz, alle moͤglichen Geſtalten, und alle doch menſchenaͤhnlich, rund in einer geſchloſſenen Reihe, indem ſich alle, jeder ſeine beiden Nachbarn, an der Hand hielten und gleichſam tanzend die ganze Inſel umringten. Etwas tiefer landeinwaͤrts zog ſich noch eine zweite Reihe koſtlicher Bogen aus farbigen Stei⸗ nen in großem Kreiſe umher, und umſchloß die Haine der Inſel, voll der prachtvollſten Bluͤthenbaͤume deren Arten das himmliſche Reich enthaͤlt. Innerhalb derſelben lagerten alle Arten der wundervollſten Blu⸗ meñ ̃hety wie ein zauberhaft herniedergeſunkenes Geſchlecht wahrer himmliſcher Kinder, mit den reizend⸗ ſten duftigſten kleinen Geſichtern, und den unaus⸗ ſprechlich ſanften, ſtillen und treuen Augen. Inner⸗ 3 halb dieſes umherlagernden Kindervolkes ſchimmerten 3 ſmaragdgruͤne Raſenplaͤtze, hin und wieder von einem koſtbaren Bluthenſtrauch beſetzt, der ſchweigend und wun⸗ derbar wie ein Geiſt da ſtand, ſich in dem Glanze — der Sonne den Menſchenaugen ſichtbar machte, und mit duftigem Hauch anredete, in einer Sprache die der arme Menſch nicht verſtand, ſondern befangen nur voruͤberging und zu ſich ſprach: himmliſch! himmliſch! Und wenn in der Rede eines Menſchen die Worte nur hohle Klänge ſind, vermittelſt welcher ein Geiſt zu einem anderen Geiſte beſtimmte Gefuͤhle und Gedanken ſenden will, ſo ſchien hier uͤber der zauberhaften Inſel die Sonne ſelbſt zu den Menſchen zu reden, oder ihr rundes weißes Geſicht ſtrengte ſich wenigſtens dazu an, ihm ihre Liebe zu ſagen; wie ein kleines Kind mit dem vollen runden weißen Geſicht ſeiner Mutter, unter deren Liebkoſungen es auf weichen Bettchen liegt, und gern ihre Liebe erwiedern moͤchte, zuletzt unwillig wird und ſogar wohl auch weint. Und ſo bedeutete auch hier die Erde dem Verſtaͤndigen gar viel mehr, als ſonſt wo, und ein Menſch der Augen hatte, konnte hier ſehen, wie viel die Erde ſein kann, wie viel ſie alſo wirklich iſt, wie geheimnißvoll und himm⸗ liſch. Denn in noch engern Kreiſe ſtanden 366 Capel⸗ len umher, jede einen Tag des Jahres bedeutend und enthaltend; denn was jeder Tag eigenes hat als kleine Theile des Jahres, das lag in dauerhaften Gebilden in jeder der Capellen aufbewahrt. Mitten in der Inſel ſtanden aber ſieben Tempel, mit hohen vergoldeten Thuͤrmen voll ſpielender Glocken. Mitten zwiſchen dieſen ſieben Thürmen aber lag das Grabmal der ſieben⸗ zehn Kaiſer, und in jedem derſelben wohnte ein Prie⸗ ſter oder Diener der Nacht, da ſie Tobtes huͤthe⸗ ten. Dabei war ein kleines Haus, freundlich und wohl⸗ geſchmuͤckt eingerichtet und durch den Hitiku oder Huͤ⸗ ther erhalten fuͤr die Sanhoangs, ſo oft oder ſelten ſie es beſuchten; und in derſelben Geſtalt erhalten, war es ſchon zwölfmal neu gebaut worden, und jetzt wieder ganz neu. Wer aber dem Semakuang, dem Tſchaokong und der Tiono aus der Thür deſſelben entgegentrat— war der Sanhoang, der— wie er ſagte und meinte, ihr eine Freude habe machen wollen, daß er ſie hier uͤberraſche. Dieſe Gegenwart des Herrn oder Eigenthuͤmers machte Semakuang auf genannte Zeit uberfluͤſſig, und Lſchaokong eilte nach der Blume der Mitte, nach Ho⸗ nan, in die Hauptſtadt, ſeiner Orhota wegen. Sema⸗ kuang ging auch nun gern zu ſeiner betagten La⸗Moé, und auf die Ruckreiſe wollte er ſeine kleine Tochter Moliwha der Tiono mitnehmen, damit ſie nun das Liebſte was er hatte, liebe, ſtatt ſeiner oder fuͤr ihn, wenn nicht— wie ihn⸗ Sie kauften einen Stromkahn, pfluckten ſchon anreifende koſtliche kleine Hrangen— Mu-nu— und ſelber Tiono half ihnen ſchweigend pfluͤcken. Damit beladeten ſie den Kahn; ehe ſie die weite Reiſe durch die Krummungen des Stromes vollendet, waren die — 209— grunen Früchte rothgolden nachgereift, ſie verkauften fie dann, als wären ſie Fruchthaͤndler oder Stromſchifferz und ſie kleideten ſich auch am Ahend vor der Abfahrt in Schifferkleider. War der Weg ein wenig weiter zu Waſſer als zu Lande, ſo kamen ſie doch faſt doppelt ſo ſchnell nach der Hauptſtadt, weil die Wogen Tag und Nacht nicht ruhten ſie hinab zu tragen, ſelbſt wenn ſie abwechſelnd ruhten⸗ Als ſie dort angelangt waren und Fruͤchte und Kahn ſchnell verkauft hatten, gingen ſie nach dem klei⸗ nen Hauſe mit dem großen Kampferbaume hinaus. Da eben eine große Sonnenfinſterniß eintreten ſollte, ſo hoörten ſie die Herolde das Schuldbekenntniß des Kaifers dem Volke ausrufen.*) „Der Zuͤgel des Kaiſers“— riefen ſie den vor der Hausthuͤr ſtehenden Vätern oder älteſten Soͤhnen zu—„der Zügel des Kaiſers iſt das Geſetz, das ihn eingefuͤhrt hat, damit das Reich eine große Fa⸗ milie ſei. Beurtheilt ihn nicht etwa nach ſeinen Gei⸗ ſtesgaben und Wiſſenſchaften, ſondern nach ſeiner väter⸗ lichen Liebe— und Liebe kann Jeder haben. Aber er muß auch ſehen, was und wieviel ſeinem Volke fehlt, und wie viel ihm gebuͤhrt, damit es nicht bloß aus ruhigen ja wohl auch gluͤcklichen, ſondern vorzuͤglich aus vernuͤnftigen, nicht aberglaͤubiſchen Menſchen beſtehe. Daher beurtheilt ſeine Reichsfuͤhrung nach den heilſamen *) Faſt wortlich aus dem Chineſiſchen. Schefers neue Nov. I. 14 — 2„ Wirkungen ſeiner Vernunft, nach den Wohlthaten des Friedens und Wohlſeins deren es durch ihn theilhaft geworden, und ihr rechnet den Segen und die Gaben des Himmels und der Erde ihm ſelber an, und ſo⸗ gar das Leben und die Liebe eures eigenen Herzens, Eure Vernunft als ſeine Vernunft— als käme das Alles von Ihm! und alle Mittel in Händen habend: in rechter fruͤher Zeit zu helfen, hält ſich der Kaiſer fuͤr jedes Ungluͤck im ganzen Reiche fuͤr verantwortlich, ſelbſt fuͤr das Kleinſte wie das Groͤßte, aus Unwiſſen⸗ heit oder aus Finſterniß— er brennt es zu erfahren, es abzuwenden, zu heilen. Darum ſoll Jeder fortan auf die ausgeſtellten Tafeln frei und nie beſtraft hin⸗ ſchreiben, was ihm an Kaiſer oder Reich nicht gefällt — das Hoͤchſte und Schwerſte wie das Kleinſte und Leichteſte. Achtet er nicht darauf und ſtellt es nicht ab, ſo ſoll er verrufen ſein im ganzen Reiche. Denn das Volk ſpricht ſeine Hirten, die Mandarinen, heilig, die der Kaiſer ihrer Vorſtellungen wegen opferte, und ſtellt ſie zum Muſter der Nachahmung auf durch offent⸗ liche Denkmale und uͤberall erſchallende Geſänge. Auch iſt: zu dem Boͤſen ſchweigen das Millionen trifft, eine millionenfache Suͤnde, und nur eines Reiskorns ſchwere Einbildungskraft gehoͤrt dazu, fuͤr ein ganzes großes Volk zum Mörtyrer zu werden. Und die Regierung eines Kaiſers, der ihre Fehler nicht erfaͤhrt, nicht hoͤrt, nicht glaubt, ſondern in eigner beſchraͤnkter Weisheit fortzuwandeln glaubt, bis er ein Gaſt des Himmels — 21— wird, iſt zu ſeiner Zeit leicht und ſchnell uͤber den Hau⸗ fen zu werfen. Scepter und Krone beruhen auf der Liebe des Volkes; ſein Haß zerbricht den Scepter und ſtößt die Krone vom Haupte des Tauben oder Blinden, oder gar Taubblinden. Darum, o ihr Menſchen, ſchreibt! ſchreibt und ſchreibt und ſchreibt— nicht nur in die⸗ ſer Stunde der Angſt und Furcht, wo der Drache die Sonne verſchlingen kann, wenn Ihr ihn durch Euern erſchuͤtternden Laͤrm nicht verſch ucht.— Schreibt, da⸗ mit die Finſterniß nicht wiederkehre. Schreibt, daß kein Drache Macht uͤber ſie hat— denn ohne Sonne, ohne Licht, Licht, Licht, was waͤre das himmliſche Reich? Schreibt! daß er wiſſe, daß er ſeche— wie Ihr; ſchreibt, ſpricht der Vater der Väter— Si— Wen.“— Und Alle riefen: wir alle im himmliſchen Reiche koͤnnen ſchreiben! Wir wollen alle ſchreiben! Wir wol⸗ len Alles ſchreiben! Aber nicht in dieſer Finſterniß— erſt laßt uns den Drachen verjagen! Seht, er naht der Sonne, er iſt da, er legt ſich vor ſie! Menſchen, laͤrmt, ſchreit, tobt, ſchlagt die Pauken und wirbelt die Trommeln!— Und unter dem nun folgenden Getoſe glunzſ ſie in ihr ſtilles Haus. Die alte gute La⸗Moeé erkannte die eingetretenen nicht gleich in ihren Schifferkleidern; ſie erkannte ſie nicht, bis ſie vor ihr ſtehend und vor tretenk, ihre Namen nannten. 2 9— —— Du biſt Semakuang! rief ſie; Du biſt Tſchao⸗kong!„ Mehr vermochte ſie nicht. Sie ſank hin. Die Maͤnner riefen nach Orhota;— keine Antwort. Nach Moliwha;— keine Moliwha kam, als die Kleine, und hinter ihr ein altes armes Weib. Sie ſetzten La⸗Moé auf; ſie brachten ſie wieder zu ſich; ſie laͤchelte, ſie lallte— aber ihre Sprache war verloren. Sie ſahe ihren Sohn Tſchaokong an, und weinte. Das alte Weib aber ſagte ihnen: ſie iſt erſchrok⸗ ken, daß Du lebſt Colao! Wo iſt Orhota mein Weib! frug er⸗ Sie iſt im Gefaͤngniß. Und meine Tochter Moliwha? Bei der Mutter: beide haben ſich ſelbſt des Ver⸗ brechens Deiner Ermordung angeklagt. Ein Weib hat den Mann ermordet— und alle Weiber muͤſſen ein Jahr lang Buße thun. Denn das Beiſpiel ſteckt an, es hebt den ſchweren Stein von der Unmoͤglichkeit, die als Moͤglichkeit und Leichtigkeit aus der Hoͤhle der Zeit faͤhrt, und durch alle Lande eilt, vor alle Men⸗ ſchen tritt und ſpricht: ſeht, Ich hieß die Unmoͤglichkeit und bin nun die Leichtigkeit! Dann ſchwingt ſie ſich leicht in die Luft laͤßt einen ſuͤßen Geruch zuruͤck und eine tiefe Sehnſucht nach ihr, und Viele ſchaͤmen ſich, daß ſie nicht auch gethan was ſie ihnen auf den Bilde zeigt, das ſie vor ſich her traͤgt wie einen goldenen Schild. — 2— Aber Moliwha! ſeufzte Semakuang.— Meine Tochter, die mich als Traum warnte! klagte Tſchaokong. Sie hat geſagt, fuhr die alte Frau fort: ſie habe ihren Vater umgebracht, nicht die Mutter; ſie habe ihn vergiftet. Da nun beide Recht haben koͤnnen, ſo ſind alle Mandarinen von Honan, dieſer Blume der Mitte, abge⸗ ſetzt worden, weil ein Kind ſeinen Vater ermordet hat. und kein wahres Vergehen, kein ſolches Verbrechen kann von Menſchen, oder von Kindern an ihren Aeltern begangen werden, wenn die Lehrer des Volkes es wohl gelehrt haben, es treu gewarnt in ihren woͤchentlichen Reden, wenn ſie redlich fur redliche Maͤnner in den Schulen geſorgt haben. Die Vorſteher des Volkes, die Einrichter der Einrichtungen ſind fuͤr ſeine Thaten ganz mit Recht verantwortlich, denn ſie befehlen meiſt nur, und kaum das Höchſte, Wahrſte, Noͤthigſte und Beſte, ſondern allerhand Kleinigkeiten; wie aber ihre Befehle wirken, und ob das Volk auch gut, auch glucklich ſei und weiſe dadurch— darum bekuͤmmern ſie ſich nicht, wenn nur das Geld gut iſt, was das Volk fuͤr ihre wahre Sorgloſigkeit bezahlt, und ſie noch theurer be⸗ zahlt durch das Ungluͤck, was dadurch angerichtet wird, da das Volk ſich nicht um das Beſte des Volkes be⸗ kuͤmmern ſoll, ſondern ſie! Darim ſind alle Groß⸗ beamten, die Mandarine, Santalacye, Komone und Inſuanto's denn abgeſetzt und muͤſſen mit ſchwarzen Federn auf dem Kopfe vor den Augen der Menſchen — 2— umher gehen! Die Klein⸗Beamten aber, die Pomha⸗ ſis, Totok's und Amhaſi's, als die, welche Jenen bloß gehorchen muͤſſen, ſind hinaufgeruͤckt an ihre Stel⸗ len; weil die Kleinen, die Untern grade, immer am beſten wiſſen, was die Großen und Obern fehlen, Schädliches thun oder Gutes unterlaſſen. Die kleinen jungen Huͤhnchen unter ihrer Mutterhenne Glucken und Scharren wiſſen am beſten, wo jedes Koͤrnchen liegt! La⸗Moe ſtand aber auf, holte drei himmel⸗ blaue Federn und ſteckte ſie ihrem Sohn auf das Kopftuch. Dann fiel ſie ihm um den Hals, und freute ſich; doch ihre Freude ward nur laut wie Kinderlallen. Tſchaokong frug die alte Frau was vorgefallen ſeie Und ſie erzaͤhlte ihm: Der neue junge Kaiſer Si-Wen iſt Dein Freund. Er hat geſehn, wie Du das Reich verwaltet; er hat gehoͤrt, daß Du deinen eigenen Kna⸗ ben U⸗Muen fuͤr Hiao⸗Ti's Knaben dahingegeben haſt! Am Morgen alſo, nach dem Du begraben worden biſt, hat Si⸗Wen, von Deinem Tode nichts wiſſend, Dir die himmelblauen Federn geſandt und Dich zum Tu⸗ tang ernannt, um dem ſchoͤnen Amte gemaͤß im gan⸗ zen Reiche umherzureiſen, um nach allen Armen, nach aller Noth zu ſehn, die Gefängniſſe zu beſuchen, alle ungerechte Urtheile aufzuheben, alle harten Beamten abzuſetzen und vaͤterlich liebende Manner an ihre Stelle, alles ausdruͤcklich im Namen und mit der Macht des Kaiſers, der deſſen Geſtalt angenommen, und wie — 25— ein guter Geiſt das große Vater⸗ und Kinderhaus durchwandelt. Tſchaokong blieb ſtumm, ſah aber die verſtaͤndige Alte an, und ſie fuhr fort: da Du aber begraben ge⸗ weſen, ſo iſt dein Weib Orhota, vielleicht aus vergeb⸗ lichem Ehrgeitz, wie unſinnig geworden. Sie hat Dir die himmelblauen Federn auf deine Gruft geſteckt, wie Blumen; ſie iſt Tag und Nacht nicht wieder gekom⸗ men— darauf hat La⸗Moé gehoͤrt, daß Orhota vor dem Tſang⸗ging⸗fu, vor welchen ſie als eines Kaiſers Tochter gehoͤrt, ſich angegeben, als Deine Vergifterin⸗ Man hat ihr nicht geglaubt, man hat ſie hieher ge⸗ fuhrt. Und als ihre Tochter Moliwha die Mutter in den grauenhaften Kleidern der Miſſethaͤter geſehn, und ihrer Mutter treue Haͤnde mit Feſſeln beladen— da hat das gute Kind ſich vor die Manner hingeworfen, gefleht, geweint, die Haͤnde gerungen und gebeten ihre Mut⸗ ter frei zu geben, da ſie ſchuldlos ſei; denn ſie ſelbſt, ſie wolle es nur geſtehen, ſie ſelbſt habe an ihrem Va⸗ ter gethan, weſſen die Mutter ſich falſchlich angeklagt aus Liebe zu ihr— denn die Mutter habe um ihre That.. nicht gewußt, nein, nein, nein, ſondern ſie vermuthet! Und da die Mutter ihre bittere Reue, ihren unertraͤglichen Schmerz geſehen, und geahnt: daß ſie hingehen wuͤrde ſich ſelber anzuklagen, um mit ih⸗ rem Leben den Tod des Vaters abzubuͤßen, da ſei die⸗ Mutter aus Mutterliebe ihr zuvor hingegangen„. aber vergebens!— —— Moliwha hat ihr dann wollen die Feſſeln abneh⸗ men, die grauenhaften Kleider ſich ſelber anziehen— und die Maͤnner haben es auch geſchehen laſſen— aber der Mutter dann auch wieder Ketten und Kleider der Schuldigen angelegt. Da nun Jedes von ihnen die Schuld auf ſich genommen und behauptet und „bei der Schoͤnheit der Geſtirne“ und„bei dem helldurchdringenden Geiſt“ beſchworen, ſo haben Mutter und Tochter hier beide in dieſem Zimmer ſieben Tage lang die Folter ausſtehen muͤſſen, damit der Eine Schuldige an den Tag komme und dann verbrannt werde. O Herr! das war ſchrecklich! chrecklich!— jammerte die Alte, wieder weinend— ich habe die Qual mit angeſehen, denn ſeit jenem Tage bin ich bei La⸗Moé wieder im Hauſe, als eine verarmte alte Nachbarin, die ihr in ihren jungen Ta⸗ gen wenn Frauen Frauenhuͤlfe beduͤrfen, zur Hand gegangen, und jetzt gekommen war: ſie nur noch ein⸗ mal zu ſehen, da ich gehoͤrt hatte, ſie werde nicht lange mehr leben! Welches waren die Martern? frug Semakuang. Seelenmartern! erzaͤhlte die alte treue Nachbarin. Mutter und Tochter lachten beide, ſie weinten und klagten und tanzten dann wieder beide mit einander hier herum— ſie ſchliefen, ſie erwachten, ſie geberde⸗ ten ſich wieder wie wahnſinnig; ſie erzaͤhlten alle tau⸗ ſend kleine Dinge und geheime Geſchichten von allen Nachbarinnen und andern Frauen und Maͤnnern; ſie — erzaͤhlten von ſich, jede von der Andern, Wahres, Falſches, Neues, Altes, jede den Mord den die An⸗ dere veruͤbt, jede den Mord den ſie ſelbſt veruͤbt, dann widerſprachen ſie Allem wieder, und lachten und tanzten wieder beide, oder weinten und klagten, umarmten und herzten und kußten einander oder ſchlie⸗ fen und redeten wieder im Traume laut; oder lach— ten im Traume, oder jammerten im Traume. So ging es die ganzen ſieben Tage, die endloſen ſieben Nächte. Denn es iſt ſchrecklich fuͤr Frauen, ſo lange von feu⸗ rigem ſuͤßen Weine betrunken erhalten zu wer⸗ den— damit die Wahrheit durch ein ſanftes Mit⸗ tel zu Tage komme aus den unbewachten Herzen, be⸗ ſonders der Weiber, die Etwas ja Alles darin freilich am längſten zu bewachen und zu verſchließen verſtehen, ſelbſt in einer wochenlangen unausgeſetzten Trunkenheit. Denn auch hier kam nicht aus ihrem Herzen: welche von ihnen Dich vergiftet habe, o Tſchaokong, ob es ein Mann-Mord oder ein Vater-Mord ſei?— Man wollte Dich ausgraben— aber Dein Grab war be⸗ ſchimpft.— Du warſt geraubt oder bei Seite gebracht! Auch dieſer Verdacht fiel auf Eine der beiden Frauen, oder auf Beide, weil ſie ſich wohl davor ſichern ge⸗ wollt, daß eine Spur von Gift oder von einem Mord⸗ werkzeug, oder nur einen Nagel ins Ohr geſchlagen, oder die Ohren mit Blei vergoſſen, ſich an dem Tod⸗ ten vorfaͤnde. Darum ſollteſt Du fortgebracht worden ſein aus dem Grabmal! Wo Du aber nun her kom⸗ —— meſt, und wo Du geweſen biſt, wenn Du es biſt— das ſage uns doch ja! Wir zittern und fuͤrchten uns, es zu hoͤren; aber erzaͤhle es doch, erzaͤhle! Ja doch ja! ſprach Semakuang; jetzt erzahle Du nur weiter, damit wir alles wiſſen; denn nur wer die meiſten Umſtaͤnde weiß und erwaͤgt, kommt der Wahrheit am nächſten und handelt am richtigſten! Weiter, weiter! Nun ſo eilt, eilt! Fort mit Euch! ſprach die alte vornehm geweſene nun aber arme Frau. Das Verbrechen iſt ganz groß geworden durch die Stoͤrung des Todten. Denn einen Todten berauben, ſtoͤren oder ihn ſelber ent⸗ wenden, iſt, wie Ihr wißt, der ruchloſeſte Frevel, weil er den Herzloſen nicht anklagen, ſelber nicht leiſe mur⸗ ren und ihm ſagen kann: Du ehrſt das Vergangene nicht, alſo die Vergangenheit nicht; Dir fehlt ein Spiegel der Zeit, und ſo ſiehſt Du auch die Gegen⸗ wart fuͤr nichtig und gleichguͤltig an, und auch deine Zukunft muß ſchrecklich ſein! Darum hat Dein Weib und Deine Tochter bis heute im prachtvollſten Gefaͤngniß geſeſſen, bewirthet mit den koͤſtlichſten Speiſen, damit ſie recht ihren Unwerth fuͤhlen ſollten. Auch haben ſie alle Tage die ſchonſten prächtigſten Kleider anlegen muͤſ⸗ ſen— die armen Frauen! Heute aber endlich iſt Licht⸗ probe, jetzt in dieſer Stunde der allgemeinen Angſt im himmliſchen Reiche ſoll ſich ihr Herz erweichen; und wie ſich die Sonne verfinſtert, wird vor Jeder das Wachslicht angezuͤndet, und Die, deren Licht am ehſten von der innern Angſt des ſchuldigen Gewiſſens —— und von dem heißeſten Hauch ihres Athems und der aus ihrem Leibe dringenden Gluth am weichſten ge⸗ ſchmolzen, am ſchnellſten weggebrannt iſt, die iſt die Schuldige! Die wird verbrannt. Die alte Frau hatte kaum das Wort„Licht⸗ probe“ ausgeſprochen, und daß heute, jetzt die Lichter vor ihnen angezuͤndet werden ſollten, als die beiden Maͤnner, Vater und Sohn, ſchon aufbrachen, und ohne Speiſe oder Getränk genoſſen zu haben, faſt ohne Abſchied zu nehmen, nach der wohlbekannten Licht⸗ probenkammer in die Stadt hinuͤber eilten. Sie fanden dort alles, wie die alte Nachbarin geſagt hatte. In dem Hauſe war es todtenſtill; in dem Saale, der Lichtprobenkammer, todtenſtill. Und doch war er gepfropft und geſtopft voll Menſchen, die jedoch alle auf einem im Obertheile des Saales her⸗ umgefuͤhrten Gange ſaßen und keinen Laut, keinen Athemzug hoͤren ließen und nicht hoͤren laſſen durften, und welche kein Auge von den zwei weiß in Trauer gekleideten blaſſen Frauen verwandten, die unter ihnen, mitten im Saale, jede allein, vor einem kleinen Tiſche ſaßen. Auf jedem Tiſche ſtand ein Wachslicht von mäßiger Hoͤhe und geringer Dicke, und war ſchon einige Zeit angezuͤndet. Orhota ſaß vor dem einen Lichte, ganz nahe, ſo daß jeder ihrer, noch ſo leiſen, Athem⸗ zuͤge in den Kreis des brennenden Lichtes ſtroͤmen oder rinnen mußte, wie ſie Athem holte, oder den Athem wiederum ſanft, ſicher, ruhig und getroſt, oder aus —— Bewußtſein der Schuld, verzweifelnd, ſtöhnend, angſt⸗ voll und raſch auf einander aus der Bruſt ließ. Der andere Tiſch ſtand ganz nahe an Orhota's Tiſche; vor dieſem ſaß die junge ſchoͤne Moliwha, die Witwe des alten Li⸗chaokiun, des Prieſters des alten Kindes— jetzt verzagt, voll Furcht, bald blaß wie Schnee, bald gluͤhend roth auf einer Wange. Beide, Mutter und Tochter, ſaßen kaum drei Schritte aus⸗ einander, ein kleines wenig ſich ſchraͤg gegenuͤber, ſo daß Jede— weder von ihrem Lichte, noch von dem Glanze des Lichtes der Andern geblendet— der vor ihr Sitzenden in Auge und Angeſicht ſehen konnte, wenn ſie wollte. Aber ſie mußten ſich anſehen, wenn ſie nicht die Augen vor einander ſchloſſen. Denn die Arme waren ihnen nach unten an den Leib geſchnallt, und der Leib wiederum an die Lehne ihres Seſſels ge⸗ ſchient, ſo daß ſie ganz aufrecht ſitzen mußten, aber auch ſtets das Geſicht grade aus vor ſich hin halten. Denn die Lehne des Seſſels ſtieg bis uͤber das Haupt der Sitzenden empor, hatte ſogenannte Backen, die aber von Eiſen und mit ſcharfen Stahlſpitzen geſpickt waren, wie eine Hechel, ſo daß der ſo im Stuhl Ge⸗ ſetzte ſich die Wangen empfindlich zerſtechen mußte, wenn er den Kopf wenden wollte, aber ganz unbeſchaͤ⸗ digt bleiben konnte, wenn er nur ganz ruhig ſaß. Dieſe Backen liefen etwas verlaͤngert vor, ſo, daß ſie gleichſam einen Athemfang bildeten, der ihn auf das Licht zufuͤhrte, und nicht von dem Luftzug neben ihnen verweht und vermiſcht werden konnte, ſondern auf das Licht wirken mußte, das ihres Herzens und ihres Ge⸗ wiſſens Probe war. Die Kerzen brannten ſtill vor ih⸗ nen, mit ihren gelbrothen unten blau beſaͤumten ſpitzen Flämmchen, ſo ſchuldlos und rein und unbewußt: was ſie waren und wirkten, wie liebliche Blumen; oder wie der Manihot, der lichtgelb und vor Glanz faſt leuch⸗ tend im Fruͤhlinge aus der Erde ſchlaͤgt, wie ein kuͤh⸗ les Flaͤmmchen bluͤht, und alsdann friſch genoſſen gif⸗ tig iſt, aber— todt, abgebluͤht und zubereitet ein heilſames lebenerfriſchendes Heilmittel iſt. So wußten auch die Wachskerzen nicht, daß ſie Einem der vor ihnen bangenden Frauengebilden das Leben raubten, oder auch beiden— wenn ſie, die beiden Lichter, zu gleicher Zeit ausbrannten. Die Wirkung dieſes Still-Lebens, dieſer Scene, die ohne einen Laut, ohne ein leiſes Regen, wie ein Bild dargeſtellt ward, indeß der Antheil daran ſich im⸗ mer ſteigerte und mit jedem Athemzuge die erwarten⸗ den Gemuͤther ſpannte, wie Saiten die jeden Augen⸗ blick zu reißen drohen— dieſes lebendige Gemaͤlde, oder mit lebendigen Geſtalten gleichſam aufgefuͤhrte Bild, erſchuͤtterte den ganz durchgluͤhten Tſchaokong mit der groͤßten Angſt. Leiden ſehen, iſt bittrer als ſelber leiden, faſt fuͤr den fremden Zuſchauer. Hier aber litten zwei ihm theure, beide von ihm heißge⸗ liebte Weſen— die Tochter Moliwha, gewiß un⸗ ſchuldig! Denn ihm war es klar, daß ſie nur mit ihrem Leben die Mutter vom Feuertode erretten wollte; denn auch ihr ſchien es unertraͤglicher, leiden zu ſehen als ſelbſt zu leiden. Die Andere die litt, war ſein Weib Orhota, die fuͤr die Thar, welche ſie an ihm zu vollbringen gedacht, und wirklich vollbracht hatte, ſchul⸗ dig leiden ſollte. Aber er ſchwankte in ſeinem Herzen, ob die edle Tochter nicht lieber unſchuldig den Tod erleiden ſolle, als die Mutter ſchuldig, da in dem Ge⸗ fuͤhl der mit Recht erfahrenen Strafe kein Troſt fuͤr ſie lag; wohl aber ein heiliges ſuͤßes Labſal in der Tochter Tode, den ſie fuͤr ihre Mutter ſtard. Das Licht der Mutter war augenſcheinlich ſchon tiefer weg⸗ gebrannt als das Licht der Tochter, und ihn ergriff der unſäglichſte Schmerz um ſein Weib— da ſie in Wahr⸗ heit bloß darum in den Flammen des Scheiterhaufens zu Aſche zerfallen ſollte, weil er ſelbſt, der Vater, ſei⸗ nen eigenen Sohn fuͤr ein anderes Kind dahin gegeben und es hatte mit dem Speer durchbohren laſſen. Das war ihm unerträglich und er ſtoͤhnte im Herzen zum Himmel, der ihm ſolche Strafe fuͤr ſeine That ver⸗ hing!— Denn retten konnte er ſein Weib, oder auch nur ſeine Tochter nicht. Er durfte ſich nicht erheben, laut hinabrufen zu den die Wachskerzen beobachtenden Rich⸗ tern: Seht mich, hier bin ich! Ich lebe! Ich bin Tſchaokong! Ihr qualt die beiden guten Seelen ver⸗ gebens.— Ich bin nicht geſtorben; ich ward alſo nicht vergiftet! Ich bin hier; alſo kann ich nicht in meinem Grabe ſein! Loͤſchet die Lichter aus, und gebt mir die Meinen wieder! und doch wird mir mein Kna⸗ be noch fehlen! Gebt mich den Meinen wieder— und doch wird ihnen der Knabe noch fehlen.“ In dieſer ſtummen Angſt ſchrieb er, da Niemand nur lispeln oder fluͤſtern durfte, an Semakuang auf ein Blatt Papier mit der Bleifeder:„Darf ich meinen Schwur nicht brechen? darf ich nicht da ſein und hier ſein— da ich lebe! „Nein!“ ſchrieb Semakuang dagegen, und ſchob ihm das Blatt zuruͤck. „Gieb Du dich zu erkennen, oder ſage wenig⸗ ſtens daß ich lebe!“ ſchrieb Tſchaokong wieder. Und—„Nein! ſchrieb dieſer zuruͤck. Uund ein ſchrecklicher Haß, wie er ſchon in Sema⸗ kuangs Bruſt gegen den Sanhoang lag, fuhr wie ein Blitz in Tſchaokongs Seele, aber ein Haß gegen die ganze ſich uͤber das Leben erhebende Gemeine vermein⸗ ter Heiligen in dem geheimnißvollen Felſen. Er druckte Semakuang aber nur die Hand bis zum Schmerz. Dagegen fuͤhlte er, daß ihn Jemand willkommen heiße, indem eine Hand ihn auf die linke Schulter klopfte. Er ſahe jetzt erſt ſeinen Nachbar genauer an, und es war der Prieſter des alten Kindes, Li⸗ chaokiun, ſein geweſener Schwiegerſohn. Derſelbe ſchob ihm gleichfalls einen Streifen Papier hin, worauf der Colao die Worte las:„Ein Prieſter iſt ſo klug als ein oder noͤthigenfalls zwei Staatsmaͤnner, und ver⸗ —— ſteht auch zu fliehen! Nur ein Narr erſäuft mit den Narren! Wir leben alſo beide! Aber ſei verſichert, ich weiß auch zu verſchweigen: daß Du lebſt. Ich werde Dir nicht vorgreifen oder rauben: ein Weib oder zwei Weiber zu retten, edler Mann und edler Vater!“ Tſchaokong zerknirſchte das Papier. Er ſah wie⸗ der hinab, und bemerkte, daß ſeiner Tochter Lebens⸗ licht jetzt weit kuͤrzer gebrannt war, als das Lebens⸗ licht ſeines Weibes. Denn als Moliwha geſehn, daß die Wachskerze ihrer Mutter anfange kuͤrzer zu wer⸗ den als die ihre, hatte ſie die hoͤchſte Angſt ergriffen⸗ Dieſe Angſt aber war ihr willkommen, denn ſie hoffte, daß dadurch ihr eigenes Licht bald viel niedriger ein⸗ brennen muͤſſe. Sie war alſo voll neuer Freude! Dar⸗ uber erſchrack ſie aber wieder, denn die Freude mußte das Licht wieder ſchonen! So blickte ſie nur in ſchwe⸗ benden Gefühlen und ſtarr, bloß auf die Flamme des Lichtes das vor ihrer Mutter Orhota in den Tiſch be⸗ feſtiget ſtand. Nach laͤngerer Zeit verglich ſie erſt die noch ubrige Länge der beiden Kerzen.— Himmel, rief ſie in ihrem Herzen; meine Mutter iſt gerettet! Ihr Licht lebt! Sie wird leben!— Daß ſie ſelbſt nun ſterben ſolle, dachte ſie nicht. Sie blickte dagegen jetzt laͤchelnd auf ihre Kerze nieder, lange, lange. Ein ſeliges Lächeln lag, wie ein Duft oder Hauch auf Lilien, auf ihrem reinen blaſſen Ge⸗ ſichte. Von alle der ausgeſtandenen Angſt fielen ihr endlich die angeſtrengten, geblendeten Augen zu. Sie erhob noch einigemale langſam die Augenlieder, die ihr aber wieder zu ſanken, und endlich ſchlummerte ſie wirk⸗ lich ein, wie ein ſehr Muͤder, der redlich ſein ſchweres Tagewerk vollbracht hat, und deſſen Seele, ihm ſelber faſt unbewußt, leiſe zu ſich ſpricht: Run kann ich ſchla⸗ fen! Und ſo ruhte ihr frommes Haupt ſanft niederge⸗ beugt, daß ihr weißer Nacken bloß erſchien. Ihr Haar gab den Augen ſichern ſuͤßen Schatten. Ihre Bruſt ging ruhevoll und langſam auf und nieder; ihr Athem ging ruhig, wie eines Kindes Athem— und ihrer Mutter Licht brannte nieder. Der Docht deſſelben ſank darauf auch um; er ſog das letzte zerſchmolzene fluͤſſige Wachs umher allmaͤlig ein, er zehrte es ganz auf— ein ſchwaches Flaͤmmchen zuckte noch einmal auf— die Kerze war völlig verbrannt, und Orhota ſaß ſtill und ſtumm im Duͤſtern.—„Die Mutter iſt die Schul⸗ dige! riefen die Licht⸗Richter laut.“—„Die Schul⸗ dige war die Mutter!“— erſcholl nun laut und frei aus aller der Menſchen Munde herab, und Einige, von ihrer eigenen Angſt nun erlöſt, riefen dazu:„Dem Himmel ſei Dank!“ Daruͤber erwachte Moliwha. Ihr Licht brannte der Mutter Licht war todt! Die Mutter war alſo todt! So ward ſie verbrannt„die Mut⸗ ter war die Schuldige!—“„Dem Himmel ſei Scheſers neur Nov. I. 15 — 226— Dank“ hoͤrte ſie voll S und ſie ſank ohnmäch⸗ tig zuruͤck. Orhota war aus ihren Banden erloͤſt und ſchon aufgeſtanden; ſie ſprang jetzt zu, ihr Kind zu er⸗ wecken und dann zu troͤſten, und mit ihm zu weinen. M. Die Ueberſchwemmung. Was rührt am tiefſten eines Menſchen Herz, Und eines Liebenden?— Das ſind die ſtillen Beweiſe, nicht die laut geſprochnen Worte, Von eines treuen ſchoͤnen Herzens Liebe; Der Mund der Todten auch, er ſchweigt— und ſpricht Mit lauter Stimme! Ihr Auge iſt geſchloſſen— Und ſieht uns an! Mild laͤchelt ihr Geſicht— Und wir, wir weinen uber dieſes Laͤcheln Das eine Todte uns zum Zeugniß laͤßt: Wie gern für uns gelebt ſie hatte!— doch Wie gern ſie nun geſtorben ſei: um uns Zu ſagen;„Bis zum Tode liebt' ich Dich!“ Drum ehrt die heilige beredte Stille Der Sonne und der Erd' und jedes Herzens! Denn alles Schoͤnſte, alles Edelſte . Jit ſtill, und wirkt unausgeſprochen erſt Mit Himmelskraft das Unausſprechliche! Als Semakuang und Tſchnokong aus der, auch bei Tage dunklen, fenſterloſen Lichtprobenkammer her⸗ 5 ausgegangen waren, umfing ſie grenzenloſes Freuden⸗ geſchrei des Volkes, das eben ſo wie hier in der Haupt⸗ ſtadt, jetzt im ganzen Lande aus jauchzendem Herzen mit einem Munde rief:„Das Licht hat geſiegt! Die Sonne bleibt! Der Drache hat ſie nicht verſchlungen! Brum jauchzet vergnuͤgt, und ſchreibt und ſchreibt! Wir haben's durch unſer Getoͤſe errungen!“— Und in der That, das neue Licht, das ſich ſtrahlend und herzerfreuend vom Himmel ergoß, erquickte ſogar ihre traurigen Seelen, und ſie trockneten ihre Thraͤnen; ſelber ihre Schatten waren wie friſch aufgeſchwaͤrzt, und ſo war auch ihr eigenes Ungluͤck von der allge⸗ meinen Freude auf dieſe ſeligen Augenblicke vergeſſen — bis es wieder hervorkam und ihre Bruſt wieder verſchattete; wie eine Wolke ſo eben wieder vor das leuchtende Antlitz der Sonne ruͤckte. Aber das war eine bekannte Erſcheinung— eine Wolke! Das Volk jauchte fort— aber in ihre Augen traten wieder Thraͤnen. So wandelten ſie ſtill und in Gedanken neben einander nach Hauſe, wie Maͤnner die einen theuern Freund begraben, und auf den Steinen treten und in den Straßen wandeln, die der mit Erde Bedeckte nicht mehr betreten wird, und die Sonne ſehen und die Wol⸗ ken und den blauen Himmel und die Erde, die Baͤu⸗ me und die Menſchen, die das geſchloſſene Auge des Freundes nicht mehr ſieht und nicht mehr ſehen wird. und ſie weinen daruͤber, und moͤgen es auch nicht — 29— ſehen, und wandeln wie Traͤume im Traume dahin, und ein Kind koͤnnte ſie umſtoßen, und ſie wuͤrden auf der Erde ſitzen bleiben, mit Erde ſpielen und mit dem Graſe, wie ein Betrunkener. Daß aber ihr Freund auch kein Leid mehr ausſteht, und vich ihr Leid nicht, und es nicht einmal weiß, das tröſtet ſie nicht.— Alſo jetzt, daß Orhota und Moliwha von der beiden Maͤnner Leid, das wahrlich das Groͤßte war, nichts ahndeten, war ihnen kein Troſt. Und nur manchmal ſprach Einer der beiden einige Worte, die aus dem tiefen finſtern Brunnen ſeiner Gedanken und Gefühle uͤber die Lippen quollen. Und Tſchaokong ſprach, an ſeine Tochter Moliwha denkend, vor ſich hin.*)„Wer ſeinen Kindern Tugend verläßt, der hat ihnen die groͤßte Erbſchaft nachgelaſſen— ein ſeliges Herz!— Und nach einiger Zeit murmelte Semakuang: Das war zu hart! Doch ein Vater der ſelten zu Hauſe kommt, ſieht dann freilich ſehr ſtreng darein. Und welches Weib wird auch ihren guten Mann ſo quälen — nur ein boͤſes, ſtolzes, unverſtändiges oder herzlo⸗ ſes! Und ich war ſein Vater... Und der Colao ſpeach dann wieder vor ſich, ſehr langſam und zögernd: Soll ich umkehren und zum neuen Kaiſer gehen— aber auch das verbietet mein Schwur— und Er iſt mir Dank ſchuldig! ſein Leben! und noch mehr, ſeine Bildung— und wer uns Dank *) Aus Conſucius. — 630 ſchuldig iſt, den ſoll man nichts bitten! Eher Jeman⸗ den, den wir beleidigt haben— das iſt zarter und edler! Und zuletzt murmelte noch Semakuang: dem red⸗ lichen Manne iſt ſtets noch zu helfen, denn er iſt des Gluͤckes werth geblieben, und mit jeder Stunde kann es ihm kommen! Aber was hilft dem entſchieden Un⸗ glucklichen? Aenderung ſeines Sinnes? Ausrottung ſei⸗ ner Wuͤnſche? Verdunkelung ſeiner Kenntniß alles Gu⸗ ten und Schoͤnen? Zerſtoͤrung des eigenen Herzens oder Zerſtoͤrung der Rotte im. Er ballte die Fauſt und ſchritt haſtig und zornig. Darauf wartete er auf Tſchaokong. Sie ſtiegen neben der Bruͤcke hinunter, ſie ſetzten ſich und aßen von ih⸗ ren eigenen mitgefuͤhrten Fruͤchten, von denen ſie kauf⸗ ten— goldgelbe köſtliche große Birnen, die das ganze Jahr uͤber neben Bluͤthen und reifenden Fruͤchten am Baume hängen, ſuͤß wie goldſchalige Venzu(Pomme⸗ ſinen) groß wie ein Kindeskopf und mit roſigem Mark ſtatt des Gehirnes. Purpurbtaune Aepfel, Suzu, nahm Semakuang ſeiner kleinen Moliwha mit, und Mogorinen, welche ein ganzes großes Gemach durchduften. Auch kaufte er ihr einen Blumenſtrauß von veilchenblauem Jasmin und himmelblauen Roſen. So verweilet, geſchah es, daß ſie die ihrer Haft entlaſſene Moliwha ſchon zu Hauſe fanden, die eben vor ihnen eingetreten war. Tſchaokong mußte gegen ſeine Tochter die Arme ausbreiten; ſie aber, ploͤtlich — 231— zum Erſticken voll von dem erſten Gefuͤhle des Wie⸗ derfindens und Wiederſehens, blieb mit hocherhobenen Armen vor dem Vater ſtehen, aber ſie ward darauf erſt blaß, als ihr die Gedanken zuruͤck kamen, und mehr vor Schreck als Erſtaunen fiel ſie mehr an ſeine Buuſt, als ſie freiwillig ſank.— Ich habe Dich wie⸗ der, Du gutes Kind: prach er, ſelbſt ohne Kraft ſie an ſein Herz zu drucken; Deine Mutter wird leben und bald wieder bei uns ſein. Ich habe mit angeſehn wie eure Lichter brannten„. Du haſt mit angeſehn? frug ſie leiſe, und wollte ſich los machen von ihm. Ach! ſeufzte ſie, und mit ſchwachen Worten, die ſie ſelbſt nicht hoͤren wollte, und welche die Geſtalt doch vernehmen ſollte, von der ſie ſich mit Grauen umfangen wußte, frug ſie, vor der Antwort zaghaft bang: Biſt Du kein Geiſt, kein böſer Geiſt, der meines Vaters Leib angezogen? — Denn Er Er hatte das nicht mit angeſehn!— Sie verbarg ihre Augen feſter und dichter an der grauen⸗ haften Geſtalt ſelbſt, und regte ſich nicht, und fuͤrchtete und hoffte die Antwort zu hoͤren. Aber Semakuang trat herzu und ſprach: Moliwha! Erinnerſt Du Dich der Worte, die ich Dir im Garten geſagt? Siehe, nun lebt ja der Vater, wie Ich! Das eben iſt die Frage! lispelte ſie. Mein Kind! fuhr er mild und verſtaͤndigend fort: es hat uns ſelbſt uͤherraſcht, daß Deine Mutter ſich zu der That bekannt— wer konnte das denken! iſt es auch Dir je in den Sinn gekommen, daß Du ſagen, und vor den Richtern— fälſchlich ſagen wuͤrdeſt.. ⸗ Du habeſt deinen Vater... Sie wehrte ihm mit der Hand, und druckte ſich nun ſelbſt feſter an den Vater, dann wagte ſie das Haupt zu heben, und ſchuͤchtern die Augen aufzuſchla⸗ gen, und nach den Augen des Vaters zu blicken. Iſt das ein böſer Geiſt, der aus meinen Augen in Deine Seele blickt— meine Moliwha! ftug er weich. Eher wär' es mein Leib nicht, die Bruſt und das Herz nicht, an welchem Du ruhſt. Und das wird kein boͤſer Geiſt ſein, der hineilen wird Deine Mutter vom Scheiterhaufen zu retten, ſondern— ich! Dein Vater! Ihr Mann! Und die Mutter wird fortan ein mildes, nicht mehr hoch⸗ ſondern tiefmuͤthiges, oder gleich muͤthi⸗ ges Weib ſein, nach der ausgeſtandenen Angſt, ſprach Semakuang. O, in Wahrheit, es wäre gut und heil⸗ ſam, wenn alle zornige und unedele Weiber im erſten Jahr ihrer Ehe ſich hart und ſchwer an ihren Män⸗ nern vergingen— daß alle Nachbarn, alle Menſchen weit und breit kennen lernten—(denn nur im Dun⸗ keln thun die Frauen Boͤſes— aber ſie ſchaͤmen ſich auch und haben Ehrerbietung vor dem Licht)— dann lebten alle Maͤnner zeitlebens begluͤckt, durch die er⸗ langte Milde ihres Sinnes, ihres alles verguͤtenden Herzens. Und hat nicht von Natur ſchon jegliches Weib Schuld gegen ihren Mann— ihre Liebe, ihre — 23— unausgeſetzte Güte, ihre Treue und muͤtterliche Sorge iſt die große unausloͤſchliche Schuld, die ſie traͤgt, bloß weil ſie ein Weib iſt, und ihr Mann ein Mann, ein Geiſt; und die Kinder— ihre Kinder zwar, doch zu⸗ erſt und in ihren Haͤnden auch noch immer goͤttliche Werke des Himmels! Und Moliwha verbarg ſich vor dieſen herben Wor⸗ ten gegen ihre Mutter, noch feſter an dem Vater, der ihr Vater gewiß war, weil Thraͤnen aus ſeinen Augen auf ihr Antlitz fielen. Er kuͤßte ſie auf die Stien; ſie ſank ihm unter den Armen weg zu ſeinen Fuͤßen. Er beruhigte ſie darauf und fuͤhrte an: daß die Mutter doch erſt im Herbſt die Strafe zu leiden haͤtte, wo an Einem Tage alle Miſſethaͤter im Reiche an Einem Orte gerichtet wuͤrden, damit es nicht das ganze Jahr uͤber und uͤberall eine Schlachtbank ſei; aber bis zu der Herbſtſtille und dem Abfallen der gelben Blaͤt⸗ ter, wo auch der Menſch gelaſſener und in den Tod umher gern einwilligend ſcheidet— bis dahin hoffe ich meines Eides entbunden zu werden, verſicherte er ſie. Denn daß ich hier bin, bei Euch, das verraͤth weiter kein Verhaͤltniß und keinen Menſchen. Aber wenn ich vor den Richtern mein Leben erweiſen ſollte, und wie ich am Leben geblieben, wer mich errettet oder geborgen und wo ich geweſen, und wie das alles zuſammenhaͤngt— das kann Viele gefaͤhrten, deren Rache ich dann ausgeſetzt waͤre; und ihr liebt mich! Ihr wollt alſo daß Euch in mir, auch meiner Orhota, — 2— kein Leid geſchehe, oder mir in Euch. Denn wir Alle ſind Eins. Aber die Vernunft und die Liebe wiſſen Alles auszugleichen, und nicht allein das, ſie vermoͤgen auch Alle gluͤcklich zu machen. Aber mein Sohn, ſchrieb ihm La-Moé auf ein Taͤfelchen, ſo willſt Du alſo wieder von uns reiſen, wie ich Dir abmerke! Und indeß kann Deine arme Orhota ſterben— Du kannſt umkommen— und Sie muß dann ſterben! Sprich doch lieber„Ich war lebendig begraben worden, Hirten hoͤrten mein Huͤlfegeſchrei, ſie erloͤſten mich und behielten mich bei ſich 1 Aber Tſchaokong lächelte und bat ſeine bange Mutter: Schaffe mir ja die Hirten, oder wen ſonſt, daß ich Zeugen habe zu meiner Rede— oder Luͤge!— liebe Mutter. So weit ſoll Tſchaokong ſinken? Es muß an der Hand der reinſten Tugend einen Weg zum Glucke geben— ſonſt muͤßten gerade die beſten Menſchen alle auf Gluͤck verzichten. Oder ſollen ſie nicht? Du ſchlaͤgſt die Augen nieder, Du denkſt: ach, ein redlicher Mann ſieht da Schwierigkeiten mit ſeinen zarten Seelenaugen, wo ein unredlicher ohne Anſtoß fortwandelt, wie ein Mondſuͤchtiger. Ja, Mutter, es iſt noch eine Welt in dieſer ſichtbaren Welt; und dieſe waͤchſt um jede reine Seele immer groͤßer und präch⸗ tiger und umleuchtet ihn wie ein großer Kryſtall und waͤrmt ihn und naͤhrt ihn und beſchaͤftigt ihn ſo einzig, daß er kaum mehr in der andern, der ſichtbaren lebt; oder nur Blumen in ſie herauf webt, wie ein Kind, das verborgen unter dem Webſtuhl ſitzt, und die bun⸗ ten Faden reiht, nach dem Bilde, das ihm der Meiſter gegeben. Wenn aber der Vernunft und Liebe— Un⸗ vernunft und Haß entgegentreten, wenn die ſanften Maͤchte abgewieſen werden— vielleicht noch mit Stolz und Hohn— dann ſchwellen ſie ſchweigend an, wie ein ſonſt ruhiger, friedlicher Strom, und ſind fürchterlich. Fuͤrchterlich dem Kuͤhnen, und unendlich erſchrecklicher dem Feigen und Ungerechten! Erweckt den Muth mir nicht ohne Noth! Denn wir reiſen morgen. Und ſo thaten ſie auch. Sie kauften ein Fong⸗ kioto oder ſchnelles Kameel, noch dauerhafter als das Min⸗to, und wie ein wahrer Reiſender mit Allem zufrieden, was es findet. In der folgenden Mitternacht war Orhota noch nicht eingeſchlafen. Sie ſtand einſam in ihrem Kerker am Fenſter, durch welches der Mond ſchraͤg herein⸗ ſchien. Sie ſtand daran, bewunderte die ſieben Brillanten des Himmels, ſtaunte und ſtarrte in die tiefdunkle Blaͤue des Firmaments und dachte an ihren Knaben U⸗Muen; bei ihm aber auch an Tſchaokong, zufrieden, daß ihr Schickſal entſchieden ſei, daß doch Ein Kind nach ihr bliebe. So hatte ſie lange geſtanden, als es ihr vorkam: es raſchele heimlich etwas draußen an der Mauer, und ſchaure herauf zu ihr. Voruberge⸗ hende oder Wächter konnten es nicht ſein, denn ihr — 236— Gefängniß lag ein Stockwerk hoch. Sie ſtarrte ge⸗ geſpannt in das offene Fenſter, darein die Kuͤhlung der Sommernacht wehte. Endlich erblickte ſie einen Kopf— einen Mann. Der Mond beſchien ſeitwaͤrts ſein Geſicht. Sie beugte ſich vor, ohne einen Fuß zu verruͤcken. Aber ſie ſank hin— ſie hatte die Er⸗ ſcheinung ihres Mannes geſehn. Sie holte kaum Athem, ſie blieb lange ohne Beſinnung, bis ſie Tritte in ihrem Kerker erweckten. Mit Entſetzen ſprang ſie auf. Der Kopf war aus dem Fenſter verſchwun⸗ den ſie horchte... aber auch drinnen im Ge⸗ wolbe ihres Thurmes blieb es ſtill. Furchtſam ſpähte ſie umher, und erblickte endlich ganz nahe vor ihren Fuͤßen etwas Weißes in dem weißen Lichtfeld am Bo⸗ den, das der Mond durch das Gitterfenſter mit ſeinem Scheine hingemalt. An dem Papier war ein Stein. Sie hob es vorſichtig auf.„Moliwha“ ſtand un⸗ ter den wenigen Zeilen:„O theure Mutter, es iſt wahr, wie ich Dir geſagt: der Vater lebt! Willſt Du ihn ſehen, ſo ſtrecke bloß Deine Hand zu dem Gitter hinaus.“ Freude durchbebte ſie; Furcht und Grauen hielt ſie zuruͤck. Und doch war ihre Hand, ihrem Willen unbewußt, ſchon wie ſelbſt-lebendig und ſehnend aus⸗ geſtreckt. Es raſchelte abermals draußen. Sie trat zuruck. Es ſeufzte. Graus durchrieſelte ſie. Und dennoch trat ſie jetzt grade ſeitwaͤrts mit der Schulter nahend an das Fenſter, wandte das Geſicht in das Dunkel des — Kerkers und ſtreckte den Aem durch das Gitter hinaus. Sie harrte einige Augenblicke vergebens, dann uͤber⸗ raſcht und durchzuckt fuͤhlte ſie ploͤtzlich von einer kalten Hand ihre Hand ergriffen und frſtgehalten. Ja, meine Orhota, ich lebe! Ich bin es! ſprach Tſchaokongs Stimme.— Er ſtieg einige Sproſſen herauf und zeigte ihr im Mondlicht ſein Antlitz, und blieb ſo ruhig, wie ein Bildniß aus Stein. Sie ließ ſeine Hand los, ſie fuhlte ſeine Haare. ſein Kinn, ſeinen Mund. Er kuͤßte ihre Fingerſpitzen. Sie trat vor in den Glanz des Mondes, ſchloß ihre Augen vor Schaam und ließ ihm ihr blaſſes Antlitz ſehn. Da gab es drunten ein leiſes Zeichen. „Lies!“ fluͤſterte heimlich noch die Stimme drau⸗ ßen, und die Hand gab in ihre einen Brief, mit jeder erläuternden Nachricht, gemacht ſie zu beruhigen, aber der Sicherheit wegen mit einer Fluͤſſigkeit geſchrieben, die am naͤchſten Tage verſchwunden ſein wuͤrde. Jetzt vernahm ſie das Abheben der Leiter deutli⸗ cher. Es ward ſtiller und ſtiller— ganz ſtill— und ſo blieb es. Nur der Mond war noch bei ihr und die Brillanten des Himmels, und Alles ſchien ihr ein Traum. Tſchaokong reiſte aber nach dieſer guten That mit getröſteterem Herzen zum Sanhoang nach der In⸗ ſel, gern von Semakuang dahin begleitet. Je weiter ſie aber am Strome hinauf kamen, deſ⸗ ſen Kruͤmmungen ſie einigemal beruͤhrten, je hoͤher und gefahrvoller fanden ſie ihn angeſchwollen. Die Nie⸗ derungen zu ſeiner Seite waren uͤberſchwemmt von den gelben Gewaͤſſern, und wo er zwiſchen enggeſtellten Bergen ſich durchdraͤngen mußte, da tobte und ſchaͤumte und braußte er furchtbar hoch gezwaͤngt, und doch als eine freie unhemmbare Macht. So, die Augen ſchon voll geſchaueter Verwuͤſtung, und die Herzen voll Beſorgniß, gelangten ſie vor die heilige Inſel. Die wenigen Menſchen am dieſſeitigen Ufer beteten im Tempel des Ven-Uang, des Koͤnigs der Todten, zu Men⸗mo, dem Geiſt der ſo viel Men⸗ ſchen hinrafft als er nur ergreifen kann. Dann zogen ſie in Prozeſſion hervor, an ihrer Spitze die bunten Prieſter, welche Goldpapier, Menſchenbilder, Pferde und Voͤgel von Papier auf Stangen trugen. Andere hatten ſelbſt am hellen lichten Tage Laternen und Ker⸗ zen, blaue und weiße Bänder, Regenſchirme, Kapellen oder Pagoden auf den Stangen und ſchickten Geſaͤnge zum Himmel um Aufhoͤrung des Regens. Sie ent⸗ ließen dann das Volk und baten es: ja ihre ſchon be⸗ grabenen Todten beſſer und koſtbarer an einen beſſern Ort zu beſtatten— wozu ſie um ein Billiges gern bereit wäͤren— damit ihre Anverwandten ihre Noth einſähen, und aus Dankbarkeit ſich bei dem Himmel im Himmel fuͤr ſie auf Erden verwendeten. Sie erblickten den San⸗hoang, der indeß auf einem großen Steine unter einer Ceder ſaß, und tra⸗ ten ihm naͤher. Er winkte ſie zu ſich, und ſprach dann zu ihnen: Kaum eine Sampane iſt hier zur Ueber⸗ — 23 fahrt. Alle andern ſind fortgeriſſen, und ſchleunige Hilfe nur hilft noch hier druͤben! Ich war aus, um hier einmal in der Nähe den Sitz der Nachfolger des Lao⸗kiun zu ſehen, die auf immer Groß-Mandarine ſind, unzaͤhlige Geiſter eingefuͤhrt haben, die ſie als von Tien unabhaͤngige Weſen verehrt wiſſen wollen, ſelbſt aus den alten Koͤnigen Geiſter gemacht haben, ſich der Vertraͤge mit ihnen ruͤhmen, Krankheiten hei⸗ len, Pinſel von ſelbſt ſchreiben laſſen, und Wetter machen, aber nie ſchoͤnes, ſondern bloß Unwetter und Stuͤrme im Lande. Der Herrſcherſtamm der Song iſt durch Beſchuͤtzung derſelben untergegangen, und ſo war es werth: ihren Sitz vom Volke zerſtoͤren zu ſehn, ſo wichtig mir jede Stunde meines Jahres iſt! Der Tag iſt uns eine Sternwarte, um zu ſehen was geſchieht; wir beduͤrfen auch ſeiner um das zu ſchauen, was war. Koͤnnen wir nicht jede Gegenwart mit durchſchweben, ſo ſchauen wir die Welt ſpater an, indem wir die Sternwarte einige hundert Jahre hin⸗ ausſetzen. Wir gewinnen auf einmal„ was wir zu⸗ gezaͤhlt bekommen haͤtten, ja, was wir nie erhalten haben wuͤrden. Wir gleichen einem Manne der da ſaͤet, und ſich ſchlafen legt unter einen Bluͤthenbaum, und der erwacht— und die Saat reif findet die er geſaͤett, und die Fruͤchte reif am Baum— und der nur die Furcht und die Gewitter verſchlafen hat. Fuͤr ihn iſt die Welt zwar vergangen, aber ſie hat ſich auch fuͤr ihn wie ein Strom in einen ruhigen See ergoſſen, den er beſchiffen kann. Wer die Schlacht — 2 40— des Lebens mitkaͤmpft, der kennt und begreift ſie nicht; außer dem Gefecht, auf dem Berge der Zeit, uͤber⸗ ſieht er ſie. Auch was ich ſelbſt war, ſehe ich nun erſt recht, mein Irren und mein Wahres, mein Gu⸗ tes und mein Boͤſes.: Aber eben unzählige Geiſter treten ſchon ohne— den himmliſchen Doktor auf Erden; ohne den Tien-ße, auf die Sternwarte der ſpaͤten Zeit, in die neuen Erndten, entgegnete Tſchaokong. Alle Traäume ſind, ſelbſt aller Unſinn der Menſchen iſt, aber als Sinn und Werk der Natur, der wahren Sin; und wir Alle haben es, wenn wir es erkennen. Darum kann ich Dich bitten—— Jetzt Nichts! ſprach der Sanhoang abweiſend. Aber o Himmel, wo iſt Tiono? frug Se⸗ makuang. Die Sanhoa? ſprach der Sanhoang verweiſend. Freilich noch da druͤben in den Mauern der umfluthe⸗ ten Inſel, die alle Augenblicke den Einſturz drohen. Schon ein Wallbruch wuͤrde ſie der Verwuͤſtung ſchen⸗ ken; die Elemente ſind ſehr freigebig mit menſchlichen Dingen. Das ſprichſt Du eben ſo— freigebig! ſo groß⸗ muͤthig, ja ſo uͤbermenſchlich? frug Semakuang. Aber ich weiß ja, die Ueberhobenheit war ja auch meine Strafe und iſt noch Deine! Strafe?— Wer ſtraft mich? frug lächelnd der Sanhoang. — L— Die Natur, die Elemente, dein eigener Ly, oder deine Vernunft, dein Gefuͤhl— wenn es nicht im Laufe der Zeit zerſchmolzen iſt, wie eine— Eis⸗ ſcholle im Strome vergeht. Ihr ſprecht verwegen! verſetzte der Sanhoang aufſtehend; aber wenn ihr ſo verwogen ſeid, ſo kann die elende Sampane dort euern Muth verdienſtlicher ma⸗ chen, wenn ihr damit wagt, blos die hundert Manns⸗ längen uͤber den Strom zu fahren und die Sanhoa zu retten. Semakuang war ſchon fort, auf dem Wege zu der Sampane. Der Sanhoang rief ihn zuruͤck, und als er gekommen, ſagte er ihm verweiſend: Du biſt ohne ein Abſchiedswort, ohne eine Verbeugung weg⸗ gegangen— wiſſe: die Höflichkeitsbezeugungen muͤſſen eiſern ſein, damit ſie das Volk gewohnt werde; ſie duͤrfen nie unterlaſſen werden, damit das Leben einem Feſte gleiche, der feierlichen Auffuͤhrung eines heitern Spieles; der Anſtand darf von Keinem gegen Keinen jemals verletzt werden, damit der Menſch immer wiſſe, wo er ſei, nämlich: unter dem Himmel! und mit wem et es zu thun habe, naͤmlich: mit Menſchen! Er meint es gut! Er iſt nur voll Leidenſchaft, bemerkte Tſchaokong zur Entſchuldigung. Lebt ihr nicht gehaltener? Iſt das Volk nicht weiter? frug der Sanhoang erſtaunt und unwillig. Kein Reich iſt trauriger als das, worin man allen Pomp, alle Ceremonien abgeſchafft, wo ſie uberfluſſig Schefers neue Nov. 1. 16 — und thörig erſcheinen; es wird zu nichts als einem Speiſehauſe, zu einer Ver ſorgungsanſtalt; es iſt nicht, er ſein ſoll! Das prachtvolle große ewige Schau⸗ ſpielhaus, worin ein Volk und immer wieder ein WVolk zu neuen Scenen auftritt mit allen ſeinen Wuͤn⸗ ſchen und Hoffen, ſeinen Leiden und Freuden, deui⸗ lich ausgeſprochen in Bild oder Wort, in ſichtbar— er⸗ freulichen Zeichen. Das Lehen gleicht ſonſt einer bio⸗ ßen Theaterprobe, worin man alles abfertigt, was im Stuͤck das Beſte iſt für Gefuͤhl und Auge, wo man nicht einmal Waſſer trinkt ſtatt Wein, und wo ein Talglicht brennt ſtatt der ſchoͤnen Abendröthe. Ein Volk iſt noch weit zuruck in ſeiner Bildung, das ſelbſt bei einem Aufruhr das Geburtsfeſt eines Kindes ſtört. Es iſt nicht allein aͤcht menſchlich, es iſt auch weiſe, alles gemuͤthlich entfaltet und wuͤrdig gehalten auszu⸗ fuͤhren. Denn die Freude wird großer durch Mitthei⸗ lung, durch Sichtbarkeit und Horbarkeit, durch Glok⸗ kenklang und Donner. Und der Schmerz wird heiliger, wenn wir die Todten wohlbeſtattet ſehn und begleitet, ei⸗ nen Menſchen von Menſchen; nicht wie einen Verpeſteten hinausgefahren und hingeworfen in die dumpfe Erde; wie ein Bauer nicht einmal ſeinen gefallenen Schſen begräbt, mit dem er geackert, und zugleich die Laſt des heißen Tages getragen. Und fragen wir doch: zu was ſind alle Schaͤtze des Lebens, als fuͤr das Leben, das zur Haͤlfte nur Arbeit iſt und zur Hälfte Ruhe, im Ganzen aber: Innewerden. Wie will man ſie —— weiſer ausgeben, als fuͤr ſeine frohen und traurigen Ereigniſſe, die feſtſtehen, die immer gegeben werden, wie das Schauſpiel der Sonne und des Mondes, des Entgruͤnens der Erde und ihrer Vergelbung. Wer ſich den Tag nicht ſchmuͤckt, der iſt ein Thor; wer eine edle Handlung zu thun eilt, und die ſchoͤne Pflicht der Achtung gegen einen Andern uͤbereilt, der iſt nicht recht bedacht, der iſt ungluͤcklich, oder wird ungluͤck⸗ lich, oder wird ungluͤcklich ſein, oder Ungluͤck ſtiften. Und Du biſt mir werth, o Semakuang, wie irgend ein Menſch. Oder glaubſt Du, daß die Sanhoa, die dort druͤben auf dem Thurme mit ihrer ne ſteht und nach Rettung winkt, mir mehr werth iſt, als Du? Oder daß das Gras zu meinen Fuͤßen mir we⸗ niger Werth hat, als ich mir ſelbſt? Mich und die Biene, die jetzt auf der Blume ſchwebt, uns beide hat der Himmel gemacht— das iſt unſer einziger, unſer gleicher Werth, und wenn Du noch willſt— auch dieß zu erkennen iſt einer: der Werth der Demuth. Es iſt viel Groͤße in deiner Kleinheit! ſprach Tſchaokong. Aber ſo aufgehalten, ſo faſt empoͤrt von Dir, bin ich entſchloſſen mit Semakuang hinuͤber zu fahren. Alſo das willſt Du! rief der Sanhoang, ihm die Haͤnde druͤckend und jetzt ſelber forttreibend. Das wollte ich eben nur! Kein Menſch war, trotz aller Verſprechungen, dazu zu bereden. Allein waͤr' 16* — er umgekommen— beide werdet ihr es ausfuͤhren. Mein Leben iſt— nicht mein, ich darf es nicht wagen.. Auch das meine verbuͤrgt ein theures Leben, ſprach der Colao ſcheidend. Aber Du haſt mir es ge⸗ ring wie das Daſein des Graſes gemacht; auch mich und meine Orhota hat der Himmel gebildet; er wird in der Ferne auch ſie erretten, die im Thurme vom Tode bedroht iſt,— hier will ich dies nahe gute Werk thun. Und ſo gingen ſie hinab. Der Strom ſchaͤumte — er wuchs alſo noch, und ſo ſchon war er groß, wie er ſeit Menſchengedenken kaum einmal geweſen. Sie zogen das Floß am Ufer ſtromaufwaͤrts, um nicht von den Wogen dann bei der Inſel vorbeigeriſſen zu werden, und doch noch die untere Spitze derſelben gewiß zu errudern. Dann beſtiegen ſie das bedenkliche Fahrzeug und nahmen mit Blicken Abſchied, und die Prieſter und die wenigen Hirten aus den Huͤtten umher begleiteten ſie mit Gebeten, mit Mund und Augen. Die beiden Maͤnner waren ſchon uͤber die gefahr⸗ volle Stroͤmung hinaus und ließen ſich nun gegen die Inſel ſchwemmen, waͤhrend es ihnen vorkam, als rufe ihnen eine Stimme ein Wort nach, das in dem Ge⸗ brauſe verhallend und unverſtaͤndlich ihnen klang, wie Spiegel oder Riegel— ſie konnten aber darauf nicht mehr achten, obgleich der Sanhoang eine Hand —— hoch emporgehoben hielt— mit dem Siegel, ohne deſſen Vorzeigung ſeine Tiono die Inſel nicht ver⸗ laſſen ſollte, wie er ihr geboten. Sie aber erreichten gluͤcklich die Mauer, von wel⸗ cher ein Mann mit der Hand das Waſſer erreichen konnte. Sie banden daß Floß aus Bambus an Bam⸗ bus feſt, und klimmten hinauf. Der Wind ſtrich, und die Glocken alle in den Haͤnden der ſorglos am Rande des Unterganges ſtehenden Goͤttinnen laͤuteten friſch. Hin und wieder ſtanden ſchon einige Ungeheuer mit den Fuͤßen im Waſſer; aber das ſchien ſie zu freuen oder ihnen gleichgultig; ja einige ſchienen mit geboge⸗ nen Haͤlſen und durſtigen Rachen ſich gern nur endlich einmal ſatt trinken zu wollen— aber das Waſſer floß — nur eine Spanne tief— unter den lechzenden hin⸗ weg. Die Wolken zertheilten ſich, die Sonne brach hervor, uͤberglaͤnzte den Bluͤthenſaal, der innerhalb ih⸗ res Jaspiswalles tieferen Inſel— und der Sonnen⸗ glanz blieb auf dem ſmaragdenen Grasbett liegen, als wollte er da auf Erden ruhen. Die Ungethuͤme ver⸗ doppelten ſich um ihren Schatten; neben jedem Stehen⸗ den lag ein ſchwarzes Ungethuͤm; aber auch jeder Pi⸗ nas⸗Apfelbaum und jede Goldlilie hatte ihren ſchwar⸗ zen Schatten, jede hohe prachtwollbluͤhende Aloe oder Calamba— und mit uͤberkommender Wehmuth ge⸗ dachte Semakuang in dem Garten hinwandelnd, wie bald alle dieſe Zaubergewächſe der zartbildeten Erde das ſein koͤnnten und wuͤrden, was ſie jetzt zeigten— Schatten! Aber ſiehe, da kam auch ſeine ſchoͤne Tiono her gewandelt, ihnen entgegen— und auch vor ihrer lebendigen Geſtalt, wie die Geſtalt einer groͤßern ſchoͤ⸗ nern und wunderbarern Blume, welche nicht feſtgewur⸗ zelt war, ſondern von der Erde gelöſt umherwandeln konnte— auch vor ihr kam an der Erde ihr ſchwar— zer Schatten auf ihn zu geſchlichen— und wie ſie vor ihm ſtand, und wie der Schatten neben ihr, wie ein treues Thier, auf der Erde lag, ſchanderte er und dachte: wie der Menſch ein Sonnenzeiger ſei, der im⸗ mer auf ſein Grab zeige— auf die muͤtterliche Erde! — Das mußte er denken mitten in der Freude ſie wieder zu ſehen— und er wußte nicht: wer ihm den Gedanken aufzwang. Und hoch erroͤthet ſprach ſie zu ihm: Du mich zu retten! Du!— Nicht der Sanhoang ſelbſt? ſetzte ſie mit ſinkender leiſerer Stimme dazu. Selbſtthun iſt nur die Wonne der Kleinen; ant⸗ wortete ihr Tſchaokong. Darum komme auch ich— uͤberſieh mich nicht ganz! Ich dachte an deine Mut⸗ ter, und wie viel ich ſchon— gelitten um Euch. Die Großen„ ich muß, ich ſoll ihn entſchul⸗ digen Euter Mann! ſprach ſie. Die Großen, fuhr er fort, thun Nichts ſelber, was man thun nennen kann; ihre wohlthätigſten — 247— Gedanken aus hohlem Herzen und laſſen das Herz leer— ihr eigenes, und die Herzen der Menge. Es brennt kein warmer Geiſt daraus durch, wie die Sonne durch Kryſtall, der uͤber Blumen gedeckt iſt. Vergib deinem Sanhoang, weil Du ſein biſt; denn das auch ſei. Du aber folge nun aus, denn Er hat uns geſandt! Ihr kommt— ich folge! ſprach ſie ernſt. Hier bin ich! Ich habe Nichts hierher gebracht, ich ver⸗ doch nun auch verloren. uͤberwunden— um die Bruſt gewunden ſind— wie weiße ſilberſchimmernde— traurige Seide, um ein armes lebendiges Kind S Semakuang ſah ſie heimlich daruͤber an, und be⸗ weinte in der Seele ihr blaſſes Geſicht, aber ſie goͤnnte ihm nicht in ihre Augen, in die blauen, blumen⸗ meinen, die Sonne ſei eine kleine runde Oeffnung am Firmament, und durch dieſelbe breche der blendende Glanz des Himmels hervor, den niemand anſehen duͤrfe und koͤnne; und dieſer runde Ausſchnitt ſei die ganze liebe Sonne, weiter nichts ſelber. So ließ *) Finder werden in China gewiſſenlos ausgeſetzt, und oft in rohe Seide gewickelt, wie ein S der ſich eingeſponnen. f0 wie ihre druͤckendſten Befehle ſind hohle Worte, hohle macht Alles an einem Manne gut, ſo ſchlimm er laſſe hier nichts, als mehrere Tage und Nächte, die großen Sonnen ihrer Seele zu ſehen, wie die Kinder — 248— Tiono Semakuang nicht in den Himmel ihrer Seele ſchauen. Indeß war auch ihre Dienerin Vne gekommen, ein Buͤndel unter dem Arm; auch der alte Hitiku, dem ſie der Sanhoang anvertraut. Er blickte noch einmal traurig in die reizende, koſtbare und theure Inſel, und mit den Augen auf den Grabmaͤlern der alten Koͤnige weilend, hob er vor Bedauern die Hand. Dann trieb er zu gehn. Uund ſchon im Begriff Semakuang zu folgen, trat Tiono noch einmal vor ihn hin, und frug anſcheinend gleichguͤltig: Der Sanhoang hat doch befohlen, daß ich den Ort hier verlaſſe: Du haſt doch ſein Siegel? Ich bitte, zeige es mir. Semakuang erſchrak. Er gedachte an den fruͤher gegebenen Befehl des Sanhoang; er hoͤrte jetzt, gleich⸗ ſam wieder auf dem Floß ſteuernd, das nachgerufene Wort hallen„ und verſtand es nun deutlich. Zu⸗ letzt erinnerte er ſich auch der Worte Tiono's an der Fuhrt, wo ſie ihm verſichert: der Himmel werde ihr eine Gelegenheit ſenden er mochte es nicht aus⸗ hoͤren in ſeinem Geiſte und er hielt ſich die Ohren zu. Auch das verheißene Lächeln trat vor ſeine Ein⸗ bildung und er mochte es nicht ſehen. Und ſo blickte er aus ſeinem Innern auf, und die wahre Tiono ſtand vor ihm, und auf ihrem Antlitz ſtand einen Augenblick das himmliſche Lächeln. . — 249— und er verſtand es, und in ſein Geſicht lagerte ſich die duͤſterſte Wehmuth. Aber eile dennoch, ſprach ſie lebhaft und ermun⸗ ternd, und hohle das Siegel. So lange warte ich hier auf der Inſel... und vielleicht„. noch laͤnger. Das Wort, das ihren Tod meinte, war nur ihm verſtaͤndlich und durchſtach ihm das Herz. Sie aber blickte ein Weilchen wie gleichguͤltig in die Bläue des Himmels, wandte ſich dann um, und wandelte langſam zuruͤck nach ihrer Wohnung zu— und ihr Schatten ſchlich ihr durch die Blumen nach⸗ Tiono! rief er; Tiono!— Sie aber wandelte hin. Ihre Dienerin Yne wollte ſie bitten, ſie am Saume ihres Kleides aufhalten. Aber Tiono erlaubte ihr zu gehen, und bat ſie draͤngend darum. Das Maͤdchen weinte, zauderte, wollte ihr nach, aber es blieb ſtehen, und ſah ihr zuletzt nur nach— bis ſie hinter dem Schlafbaum verſchwunden war; dann ath⸗ mete ſie auf und eilte, wie aus einem brennenden Hauſe ans Ufer. Der Huͤther der Graͤber aber ſtand mit gefalteten Haͤnden. Wer liebt nicht ſein Leben, wenn es noch ſo lange gedauert hat; ſprach er weich, und vom Alter furchtſam und verzagt; oder wenigſtens: wer furchtet nicht den Tod, einen ſolchen Tod, worauf die ehrliche Beſtattung ausbleibt! Nein, ich kann nicht bleiben! Ich kann nicht; rief er wiederholt. Aber ich kann auch nicht gehen, und das edle gute fromme Kind ver⸗ laſſen— wenn ihr Alle geht, ſo bleibe ich doch. Ich bleibe nur, weiter thue ich nichts, und das Weitere wird der Himmel ſchicken. Gewiß!— Wenn nur die Stroͤme nicht ihre Todten auswuͤrfen und lieber be⸗ gruͤben! Indeß war an einer kleinen Stelle der Waſſer⸗ ſpiegel von der ſteigenden Fluth ſchon der Mauer gleich heraufgehoben worden, der Strom lief wie ein ſtarker Brunnen uͤber, und bildete einen kleinen ſchmalen ſeich⸗ ten Bach, der indeß auf die Männer zugefloſſen war, ſo daß ſie in gelbem ſtillem Waſſer ſtanden, ohne es in ihrer Furcht zu wiſſen oder zu bedenken: was es bedeute. Jetzt ſchrie auf einmal der alte Mann, hob ohne Noth die Beine hoch auf, watete furchtbar lächer⸗ lich aus dem handhohen Waſſer, und lief dann der rufenden Yne nach auf die Mauer. Semakuang und Tſchaokong ſahen ſich an. Und waͤhrend dieſer Zeit ſtanden ſie zwar an Geſtalt und Kleidung Menſchenahnlich im hellen Sonnenſchein, aber in Wahrheit wie zwei auf die Erde, in menſch⸗ liche Geſtalt auf kurze Jahre gebannte Geiſter des Himmels. Ich moͤchte bleiben, ſprach Semakuang, aber ich hohle das Siegel! Das war ihr Wille! Vielleicht iſt es noch Zeit. ch wuͤnſche es Dir und Ihr— gber ich hoffe es nicht; ſagte Tſchaokongz ich aber will das gerette⸗ — 25— ten Knaben Schweſter nicht allein laſſen, ſo wahr ihr armer Vater Hiao⸗Ti noch lebt— ja hier mir vor Augen ſteht, und mir mit der Hand dort hin zeigt, ſeiner Tochter nach!— Semakuang„ ſprach er ſeufzend, lebe wohl!. Und Semakuang ſprach; Tſchaokong lebe wohh! Dann ſchieden ſie, und der Eine ging hierhin, der Andere dorthin; keiner aber wohin er wollte, ſon⸗ dern wohin er zu gehen fuͤr Edel hielt, und im zit⸗ ternden Herzen den helldurchdringenden Geiſt anrief; denn keiner ging um ſeine eigne Rettung, ſondern um die Rettung ſeiner Liebe. Semakuang band ſtumm die Sampane los, auf welcher ſchon Yne und Hitiku ſaßen, ſich einander die Augen verbunden hatten, und ſich mit den Ruͤk⸗ ken an einander lehnten, um einigen Halt zu haben. Er blickte nicht mehr zuruͤck, er blickte nicht vor. So ergriff der Strom das Fahrzeug, das er in ſchiefer Richtung zu halten ſuchte. So blickte er lange nieder und ſahe ſich bloß ſelber arbeiten— wie einen frem⸗ den unbekannten Mann, von dem er nichts wußte. Er hatte aber richtig berechnet, wie es ihm gelingen konne hinuͤber zu kommen. Wie neugeboren erblickte er enlich das gruͤne Ufer, aber keinen Menſchen daran. Er war weit unterhalb des Ortes angetrieben, von welchem er zuvor nach der Inſel gefahren war. In⸗ deß ehe er den beiden Ertetteten— die er fuͤr Nichts — 252— zählte, als wenn er zwei Staͤmme Roſenholz oder große Pagoden von Kaolinerde heruͤber geladen häͤtte — ehe er ihnen die Binden von den Augen losgebun⸗ den, und ſie an ihrem Danke fuͤr Menſchen erkannt hatte— indeß ſtand ſchon der Sanhoang vor ihm⸗ und ſtreckte ihm das gruͤne Siegel entgegen. Semakuang zeigte es, hoch in der Hand erho⸗ ben, gleichſam als einen bittern verſteinerten Vorwurf dem Himmel und der Sonne zu ſeiner eignen Ent⸗ ſchuldigung. Denn durch das Geſchrei der Prieſter und der Hirten mit ihren Weibern und Kindern am ufer aufwaͤrts, bewogen ſich umzuſehen, ſah er auch die Scene, die jenen den Schrei des Entſetzens aus der Bruſt geriſſen: der Strom hatte ſich uͤber die Inſel ergoſſen. Ein einziger Waſſerſpiegel ſchimmerte von dem dieſſeitigen Ufer uͤber ſie hin bis weit hin⸗ uͤber ins Land, und die Wellen laͤuteten nun an den Glocken der Goͤttinnen, wie ein kuͤnſtliches Waſſer⸗ werk mit Glockenſpiel, und die Klaͤnge wehten leis und wunderlich heruͤber. Die Cedern um das Grab⸗ mal der Koͤnige ſtanden nun da, wie große Waſſer⸗ ſtauden, und der lauſend Jahr alte Terebinthenbaum ſchien auf einmal zu ſchreien und zu kraͤhen. Aber es waren die Goldfaſanen und Silberfaſanen, die praͤchtigen Faſanen mit blauen und rothen Schwung⸗ federn, die glaͤnzend braunen Spornpfaue und die zahmen rothen und goldgelben Papageye, die alle be⸗ ſtuͤrzt von der Erde, die ihnen zu Waſſer geworden, — 253— aufgepflogen waren, ſo hoch ſie vermocht, ſo daß der ſchoͤne große Baum, ſchön und wunderbar bunt, wie voll prachtvoller Blaͤtter und voll prachtvoller Fruͤchte ausſah und wunderliche Sprachen redete, wie niemals ein Baum in der Welt, und daß die Kinder nach nichts Anderem ſahen und ſich freuten! Sema⸗ kuang aber ſahe Anderes und befuͤrchtete noch mehr als er ſah. Denn er ſtand ganz betaͤubt und ver⸗ worten im Sinn. Orhota's Geſtält ſchien ihm uͤber der Inſel wie ein Luftbild. uͤber dem Grab⸗ mal ihres Mannes Tſchaokong zu ſchweben und Moliwha ſchwebte ihr mit purpurnen ſonnebeglaͤnzten Fluͤgeln nach; und als die Mutter erblaſſend und blaͤſſer und blaͤſſer zu Luft zerfloſſen war, fielen von Moliwha die purpurnen Fluͤgel in einzelnen Federn herab; ſie rang die Haͤnde und ſtuͤrzte ſchneller nach in den Strom und verſank.— Nach einiger Zeit tauchte ſie wieder empor;— ſie hatte ſich verwandelt in einen bunten Pelikan— er erkannte die zwei großen purpurnen Leutzé oder Reiher, die in dem neuen Bett des Stromes ſpielten— und jetzt mit Gold⸗ karpfen herauf kamen, welche die Fluth ſo eben erlöſt hatte aus ihrem Weiher. Keine Ueberfahrt war moͤglich! Niemand wollte ihn begleiten, und zuletzt ſah er ſelber zu, wie gegen Abend der hohe hoͤlzerne Thurm erſt wankte, doch wie ein trunkner Rieſe ſtehen blieb auf ſeinem einen Beine.. dann, wie er aͤrger ſchwankte, daß ihm — 23— die Breter vom Leibe fielen, und die im Sturze klin⸗ gelnde Muͤtze vom Haupte, und wie er der Muͤtze nach⸗ fiel in die hoch und breit auseinander ſpruͤtzende Fluth, und wie er nicht mehr daraus aufſtand, ſondern auf⸗ geloͤſt, in hoͤlzernen Gliedmaßen den Strom hinab ſchwamm. So ſagten die Kinder, die um Semakuang ſtanden, ihm gleichſam vor— denn er ſah in dum⸗ pfem Starren Nichts— denn er ſah ſeine Tiono S Dann legte die Nucht zeen Sterieſchteit uͤber die Inſel, und wie er meinte: uͤber die biiden e 6 X. Der wachte Vutkan. Das Ende aller Dinge iſt kurz und plotzlich, Und jeden Irrthum jeden Wahn der Menſchen Beſieget, aufmerkſam auf ihre Spiele Die waltende Natur; wie eine Mutter Das Spielzeug ihrer Kinder Abends aufraͤnmt Im Zimmer und dem Kleinen in der Wiege Das hatte Pferd von Holz mit leiſem Zuge VNoch aus den Haͤndchen nimmt; wenn er entſchlafen Es hinſtellt, und das liebe Kind belaͤchelt, Das in den leeren Haͤndchen ſeine Schaͤtze Noch feſ zu halten waͤhnt— und ichh licet! Die Furcht und Beſorgniß in der Huͤtte hatte wo moͤglich noch zugenommen, als auch der zärtliche Va⸗ ter der armen Tiono, der Kaiſer Hiao⸗Ti mit Tha⸗ kon ſeinem neuen Freunde und Beſchuͤtzer, des Nachts gekommen war. Der vertriebene Herrſcher, der ſein — 256— Land nicht kennen gelernt, hatte ſich in der Prinzen⸗ ſtadt verweilt, worin ſechzig tauſend Prinzen und Prin⸗ zeſſinnen lebten, nicht ſowohl verwieſen, als dahin ge⸗ wieſen, und auf dieſelbe beſchraͤnkt, damit die Seiten⸗ verwandten der fruͤhern Herrſcher den ſpätern Thronin⸗ habern nicht durch das Alter ihrer Rechte gefaͤhrlich wuͤrden. Aber Hiao⸗Ti war uͤber jene„Drohnenſtadt“ erſtaunt. Denn wenn ſchon die Soͤhne des grade wal⸗ tenden Kaiſers immer außerſt, aber nicht bloß aͤu⸗ ßerlich hoflich gegen den Geringſten, und faſt ſtumm — ohne herbe Witzworte, ohne Uebermuth, Frechheit und ohne ſpoͤttiſche fleiſchfreſſende Reden gegen die ih⸗ nen vermeintlich einſt unterthaͤnigen hohen und niedern Menſchen ſich betragen und berragen muͤſſen, ſo waren ihm dieſe„Sechszig⸗Tauſend“ ſo ganz demuͤthig an Kleidung und an Geberden erſchienen, daß ſie ihm leid gethan, wenn ſie es nicht ſo aufrichtig gemeint, und ſo hoch vom Volke waͤren geachtet geweſen, ja ſogar höher, als wenn ſie Macht gehabt, oder einſt zu Macht gelangen ſollten. Dieſen einzigen Anblick auf der Erde hatte Hiao⸗ Ti der Muͤhe werth gehalten einige Ruhetage lang zu genießen. Denn die unzaͤhli⸗ gen Fürſten ſchienen gleichſam das Volk durch die ihm bezeugte Verehrung lehren zu wollen oder zu ſollen: wie hoch ſie ſelbſt wollten verehrt ſein, wenn ſie die Traͤger des Reichs wuͤrden, und nicht mehr die Tra⸗ gen im Reiche oder„die Drohnen“ hießen, wie ihr Name war. Hiao— Ti's Sohn und ſeine Tochter — 257— hätten auch in die Drohnenſtadt gehort, wie noch mehrere Andere, aber er hatte— als ſelbſt ver⸗ ſchollener und todt geſagter Kaiſer— ſeinem Knaben bei Semakuangs vortrefflicher Mutter Tien⸗Mo ge⸗ laſſen; einem Weibe, das ſogar allen Weiberſtolz: daß ihr Mann ein Herrſcher ſei, wie vollig vergeſſen hatte, weil das Gefuͤhl ihrer Hoheit durch ſolche lange Jahre des Tragens deſſelben bei ihr gleichſam abgetra⸗ gen worden war, und ſie ſich ſelber nur das wiederum ſchien, was ſie vorher und zuerſt geweſen— ein Weib, ein Menſchenweib; denn ihr Mann war alt und blind geworben, und ſie hatte dieſe zwei 4 Worte der Natur verſtanden. Hier am Ufer des gelben Stromes nun n hatte ber liebende Vater vom Sanhoang das Erſchreckliche ge⸗ hoͤrt. Als neu zu dem Ungluͤck gekommen, war er des Entſetzens noch nicht muͤde geworden; er hatte die Augen noch nicht vor dem Furchtbaren zugedruͤckt, wie Semakuang, der ſie vor dem Morgen nicht mehr auf⸗ thun mochte, damit ihm die Sonne nicht erſt klar und mild das Trauervolle in aller Blumen- und Bluͤthen⸗ pracht zeigen ſollte, was er im Innern ſchon furchtete und voraus ſah. Dem Vater, der draußen im Freien den Anbruch des Tages erwartete, zogen die ſchoͤnen Ge⸗ ſtirne zu langſam; und es kam ihm vor, als wenn Käfer mit leuchtenden Punkten, kleine wunderliche La⸗ ternenträger da oben uͤber die tiefe Blaͤue kröchen— oder als ob ſie geſtorben wären, oder mit goldenen Schefers neue Nov. 1. 17 Nadeln auf die Tafel des Himmels geſteckt, nicht ſter⸗ ben koͤnnten, und ihr Schimmern wolle gar nicht ver⸗ loͤſchen.—„O wenn die Sonne nur einmal, nur dieß einzige Mal nicht kaͤme!“ ſprach er am Ufer wandelndz „es iſt doch ſchrecklich, in dem ſterblichen Leibe zu wohnen und ein gutes frommes Kind zu ſein „oder gar ein Vater zu ſein, das iſt ſchrecklicher! „ Aber der Himmel zu ſein und alle Sonnen un⸗ ter ſich verſchwinden zu ſehn, oder nur die Sonne zu ſein, und alle Fruͤhlinge, alle Blumen, alle guten frommen Kinder, alle armen Vaͤter dahin ſchmelzen zu ſehn, und ſie zerſchmelzen zu machen— das iſt nicht ſchrecklich— das iſt erbarmungswuͤrdig! O Sonne, komme nicht! Ich habe Mitleid mit Dir! Mit mir brauchſt Du keins zu haben— denn ich bin gluͤckli⸗ cher als Du, unausſprechlich ſeliger, ja ich ſage es laut dem Morgenwinde: ich bin ſelig! denn ich bin nur ein Menſch!— Ich kann vergehn. Ich will fort, hinaus, weg aus dieſer ſchwarzen Grotte—. und das uͤberhebt mich aller kleinen tauſendfachen Angſt; es uͤberhebt mich deiner, o Sonne und deiner, o Erde, ja es erhebt mich uͤber mich! Nun mache deinen alten Morgen, alte Sonne, und breite ihn uͤber die alte Erde wie ein altes Tuch, womit eine uralte Groß⸗ mutter ſchon alle ihre neugebornen Enkel und Urenkel bedeckt hat, ich will es ſo unverſtanden anſehen wie du, oder wie das Kind; und ſo ruhig darunter athmen, wie du daruͤber!“ — 259— So ſprach er, als er noch glaubte, ſeine Tiono habe ſich wahrſcheinlich auf einen der ubrigen Thuͤrme mit Tſchaokong gerettet. Als er aber in der Morgen⸗ dämmerung keinen Thurm mehr emporragen ſah, als er keinen hohen Baum— gegen die Purpurwolken jetzt deutlich unterſchieden— mehr fuͤr ein Menſchen⸗ werk zu halten vermochte, da ſank er erſt auf ſeine Knie, dann auf ſein Angeſicht; und die alte Morgen⸗ roͤthe ſtieg dem Himmel ins Geſicht wie Schaamroͤthe, und auf den verzweifelten Vater rieſelten funkelnde große Thautropfen, welche die Sterne uͤber die Erde waͤhrend des Nacht geweint. So fand ihn Semakuang. Er richtete ihn nicht auf. Denn et hatte ſelbſt genug zu ſehen und zu em⸗ pfinden. Der Strom war gefallen. Er mußte weit oben irgendwo durchgebrochen ſein, ſeine Waſſer aus⸗ waͤrts des Bettes ergoſſen haben, denn hier ragten ſo⸗ gar ſeine gewoͤhnlichen Ufer uber den Waſſerſpiegel als ſchwatze Streifen empor. Aber auch der Steinwall der Inſel war an ihrem untern Ende durchbrochen; das Waſſer welches in ihr, wie in einer großen ſma⸗ 3₰ ragdenen Schuͤſſel voll Blumen geſtanden und ſie! oben an den Rand ausgefullt hatte, war groͤßtentheils wieder abgelaufen, und hin und wieder blinkten in ihr nur morgenhelle purpurrothe Spiegel. Er trieb nun hin⸗ uͤber nach der Inſel. Und jetzt, da keine Lebensgefahr mehr war, ſchiffte der Sanhoang ſelbſt mit ihm und dem Vater uͤber den Arm des Stromes. Auch der —— Hitiku fehlte nicht, und Yne bereute nun ſchein⸗ bar, ſogar mit Thraͤnen, daß ſie nicht mit ihrer himm⸗ liſchen Tiono anf der Inſel lgeblieben ſei! Denn dieſe Reue koſtete ihr nichts, da ſie die leeren Worte nach der Gefahr zu ihrer Entſchuldigung keck und ſchaam⸗ los wie einen Schleier umnahm; denn ſie freute ſich innerlich, daß ſie lebte und gluͤcklich entkommen war. Tſchaokong iſt druͤben geblieben! ſprach Hiao⸗Ti. Ein Menſch bei einem Menſchen— iſt beſſer als alle Sterne bei ihm! Aber da iſt ja Tſchaokong! bemerkte erſtaunt Se⸗ makuang; und vor Entzuͤcken, daß deſſen Leben auch Tiono's Leben bedeute, vermochte er nicht zu rudern, ſondern er zitterte nur. Alſo ſie lebt wohl noch? meinte der Sanhoang. Der Strom tritt alle Jahre uͤber, an ſeinen beſtimm⸗ ten und auch mir bekannten Tagen. Das Worthalten der Natur iſt doch ſo zutrauensreich! Man moͤchte ſich noch freuen. Aber alles was nicht bleibt, iſt ein Traum — auch wenn es wiederkommt— denn auch Traͤume kommen wieder„ nur nicht der Jugendtraum. Auch dieſe Worte ſogar ſprach er ohne Seufzen, ohne beſondern Ausdruck, bloß als wenn ſie ſich— ohne durch ſein Gefuͤhl gegangen zu ſein, aus ſeiner Bruſt drängen muͤßten, wie Bluͤthen zur Herbſtzeit aus einem Baume, der zum zweiten Mal, ohne Frucht zu tragen oder ſie nur zu verſprechen— dennoch bluͤht. Als ſie druben angelangt waren, kam ihnen der Colao entgegen, welchem der Himmel das Leben er⸗ halten, da er es aus zarter Menſchenpflicht gewagt, ja faſt gewiß geopfert hatte— obgleich noch ein theures Leben von dem ſeinigen abhing. Aber damit er nicht auch uͤbermenſchlich tugendhaft ſei, und ſich ſelber noch wahrhaft demuͤthig erſcheine, darum hatte ihm eine heimliche Stimme geſagt:„Wenn Du nur auch todt wiedergefunden wirſt, ſo rettet deine ſtumme Geſtalt noch immer Orhota, und ein Todter iſt auch einmal etwas werth und wirkſam, als ob er lebte!“ Jetzt begruͤßte er die Freunde ſtumm und fuͤhrte ſie weiter landeinwaͤrts nach der Mitte, wo die prachtvollen Grabmale ſtanden. Die Blumen welche aus uralter Gewohnheit auf die Inſel zum Beſuch gekommen waren, und den Sommer uͤber hier hatten wohnen wollen— lagen entwurzelt; oder die Strö⸗ mung hatte ſie mit ſich geriſſen. Tauſend Befruchtun⸗ gen waren zerſtört; wie Kinder auf ihrer Mutter Ar⸗ men, waren die zu Saamenkapſeln geſchloſſenen Blu⸗ men auf den Bluͤthengebuͤſchen ertrunken; die geſchloſ⸗ ſenen Haͤupter waren aufgeſprungen und ganze Ge⸗ ſchlechter kunftiger Blumen in kleinen kleinen lieblichen bunten Eiern dahin geſchwemmt. Die Goldlilien, wel⸗ che die Sonne aus der Erde hervorgelangt und herauf gehoben, hatten das zarte Genick gebrochen; die großen Kindhohen Hyazinthen auf ihren ſchwarzen Stengeln waren, wie kleine Glockenthuͤrme der Zwerge umge⸗ ſunken, wie die großen wunderlichen von Menſchen hier gebauten Thürme; die purpurrothen Schlangen⸗ narziſſen ſchienen zu bluten aus ihren zarten Wunden;z der köſtliche Epheu mit gelben Blumen hing von den Bäumen wie das verwirrte, vorgefallene Haar derſel⸗ ben, als wären ſie vor Graus und Schrecken wahn⸗ ſinnig geworden. An den großen prachtvollen Roſen⸗ Bäumen, die von unten bis oben hinauf bluhen, ſchie⸗ nen die Roſen, wie um ſich zu retten, hinauf geklet⸗ tert zu ſein; doch die Unterſten waren von den Waſ⸗ ſern uͤbereilt und ertraͤnkt worden. Aber die Tulpen ſchienen glücklicher geweſen zu ſein— denn hoch und ſicher, ſich wiegend und freundlich winkend, prangend und leuchtend, ſtanden ſie droben in dem morgendurch⸗ glanzten ſchimmernden ſilbergruͤnen Gezelt der wunder⸗ vollen Tulpen⸗Baͤume, und die Blumen da oben ſchie⸗ nen zu ſingen in dem friſchen Sommermorgen— aber es waren die Voͤgel, eben ſo groß oder ſo klein und eben ſo roth wie die Tulpen!— Semakuang aber eilte voll Drang dem feierlich, wie zu einem Geiſter⸗ oder Herzens⸗Feſte, dahin ſchreitenden Sanhoang ohne Ruͤckſicht voraus und gelangte vor ihm allein in den Zauberkreis der im Morgenlicht funkelnden hohen Ro⸗ ſengebüſche voll himmelblauer Roſen, von einer Farbe mit dem reinſten azurenen Himmel da droben, als wären ſie aus ihm herabgeſchneit und Erden noch himmliſch. Semakuang ſtand uͤberraſcht. Denn die eben auf⸗ gegangene Sonne blickte, wie ein roth geweintes Auge, 2 gruͤne Gras. In dem Graſe aber ruhte ein maͤßig großes wunderliches Ungeheuer: ein kuͤnſtlich geſchnitz⸗ ter und buntgemalter kleiner Kahn. in dem Kahne aber lag, lang auf Blumen ruhend, Tionv. Tiono! rief er und kniete zu ihr. Das rothge⸗ geweinte Auge der Sonne vergoldete das blaſſe Geſicht, die Stirn und die Wangen und ruhte zauberiſch auf dem kleinen weißen Gewolbe des von den Augenliedern bedeckten Auges. Aber ſie ſchlug ſie nicht auf! Er er⸗ griff ihre in dem Gewande verhuͤllte Hand aber ſie draͤngte ihn nicht von ſich. Er neigte ſich— er kuͤßte ihre mit Sonnenpurpur behauchten Lippen. Aber ſie duldeten das———— ſo war ſie denn todt! Und ſo ſank er mit der Stirn auf ihre reine Stirn und ruhte uͤber ihr, oͤde und hohl, beſinnungslos und keine Thraͤne. Dann ſaß er neben ihr; ſer faßte Muth, er ſchaute ſie mit Sammlung aller ſeiner Kra und er ſah— das verheißene Laͤcheln Lächeln war die geſammelte Kraft ihres Lebens, mernd auf ihrem Antlis wie der Silberſtaub auf ten Aurikeln; das Laͤcheln war ihre Seele, war ihre Liebe, wie der letzte duftige Hauch der verbluͤhten weißen Roſe; er ſog es in die Seele wie anſchaubare Seligkeit, und ihm war einen Augenblick himmliſch wohl. Und wie hier herein in die heilige Stille„ in das vergoldete verwuͤſtet im— und aus ſeinen Augen quoll bezaubert hoͤrte er ſie wieder geiſterleiſe zu ihm ſpre⸗ — 264— chen, was ſie ihm zum Troſte damals an der Fuhrt, noch lebend, geſagt——:„Der helldurchdringende Geiſt hat mir auf ſeinen richtigen Wegen Gelegenheit gegeben— zu ſterben. Aber nur Er im Himmel und Du nur auf Erden— Du weißt warum. Und nun ich geſtorben bin, und Du mich ſiehſt— nun glaube Du— nun bin ich ohne Leid— wenn auch ohne Dich!— Ich war treu„aber ich bin kein Weib mehr! Ich war gehorſam„aber ich bin keine Tochter mehr; und nun auf meinem blaſſen Geſicht ein Laͤcheln ſchwebt— und ſiehe mich an!— nun glaube, glaube, ich läͤchle Dich an, Dich! Ich laͤchle Dich an aus dem See des Todes, in welchem ich wie die Waſſerblume ſchwebe und ſchwimme, ruhe, oder von Luͤften und Wellen hierhin und dorthin getrieben werde— ohne Halt— ohne Dich. Aber meine Liebe iſt bei mir, in mir, und ſo biſt Du bei mir, in mir „ und Du lächelſt Dich an!“— Semakuang brach in die heißeſten Thränen aus, und er empfand ſie nur als himmliſche Wehmuth, als immer ſeliges Lieben. Darauf umtraten die Herangekommenen den wun⸗ derlichen Sarg mit der wunderbaren Todten. Und der Colao ſagte dem Sanhoang leiſer: Ich konnte ſie und mich nirgend anders hin ſicherer retten als in die, fuͤr die Uebepfahrt beſtimmten, hier neugemahlten Kähne. Denn ſelber die Todten ſcheinen in ihren Grabmalen noch einmal ertrunken; die Thurme ſind richtig einge⸗ — 265— ſtuͤzt; den hohen glatten Stamm des Terebinthen⸗ baumes konnten wir nicht erklimmen; den Goldfaſanen konnten wir nicht nachfliegen in ihr Laubhaus, aber der feſtgewurzelte maͤchtige Baum widerſtand dem Strome gewiß, die um ihn geſchlungenen Seile hiel⸗ ten die kleinen engen Kaͤhne gewiß, und waren länger als die Fluth hoch ſteigen konnte. So betteten wir uns zeitig genug hinein; die uͤbergegangenen ſchwellen⸗ den Waſſer erhoben uns, nach und nach, bis uͤber die Bluͤthengebuͤſche, die wie Waſſerpflanzen ſich um uns wiegten. So ſchwebten und ſchwankten wir, jetzt näher, jetzt weiter auseinander, uns zurufend in der dunkeln Nacht. Aber ein entwurzelter Manghoa, ein Schlafbaum mit gelben Blumen, die guf das Fleiſch gebunden Schlaf machen, walzte ſich breit heran auf uns zu— und verſchonte mich! Der Tiono Kahn aber beſtrich er mit ſeiner Krone und druckte und hielt ihn nieder— lange genug, bis ſie, ohne ihm weh⸗ ren zu koͤnnen, in ewigen Schlaf gefallen war— denn ſie ſprach nicht mehr zu mir und ich ſah nur ihre weiße Geſtalt in dem Kahne ſchimmern— dann ſchwamm er weiter mit den Wogen— die Wogen wälzten ſich weiter; ſie ſanken nach und nach; ſie verliefen ſich all— mahlig unter uns; ſie entſchlichen gemach, und wir ruhten endlich wieder auf ſicherer Erde,— ich, um noch darauf umher zu wandeln, ſie, um in ihrem Schooße zu ruhen! Tiono's Vater, Hiao⸗Ti, hatte ſich laͤngſt uͤber — 266— ſeine Lochter hingeworfen. Der Sanhoang ſprach aber nur, dieſen Anblick mit einem fruͤheren aus ſeinen Erinnerungen vergleichend: als ich das vorige Mal munter war, ging die Stadt Schin unter; uͤber ihr wallte und glaͤnzte ein gruͤnlicher See— die geſtirnte Wieſe genannt— unb auf dem See ſchwamm einzig allein ein Knäbchen in ſeiner Wiege. Hier— ruht Tiono wie in der Wiege; aber keine Stadt iſt unter ihr verſunken! Das Kind nahm ich zu mir, als eine Seltenheit. Sie aber begrabt!— Die Erde bleibt ſofort ſehr reich! Ihr Sinn iſt groß— und in die⸗ ſem laßt uns leben. Einzelns ſind nur etwas werth als Glieder einer Kette. Der Reis iſt jetzt Reiskorn, dann wuchernder Halm; burch dieſen Wechſel und dieſe Dauer iſt er erſt— Reis! Nur wenn etwa das Geſchlecht der Pe⸗Ping, dieſer ſchoͤnen Aepfel aus⸗ ſturbe, oder die Aepfel- und Birnen⸗Weſen alle— das waͤre von einiger Wichtigkeit! O Sanhoang!— ſprach Tſchaokong erſtaunt und verletzt: geſtern wollteſt Du uns ſchlau und fein unſer eigenes Leben werthlos machen: damit wir es leichter wagten, und es iſt Dir gelungen; denn einem Guten darf man nur den guten Weg zeigen, ſo geht er ihn— wie der Rauch himmelwaͤrts ſteigt, und die Flamme nach Oben brennt. Aber eines An⸗ dern Leben uns werthlos zu machen, 5 umſonſt, und es iſt ſchmachvoll fuͤr Dich. Schmachvoll! wiederholte der eihocih⸗ — 2— Verzeihe— fuhr Tſchaokong fort; ich war lange geheimer Sittenrichter des Kaiſers, und ſo habe ich mich gewoͤhnt: keinem Menſchen die Wahrheit zu ver⸗ ſchweigen. Die Wahrheit! meinte Jener. 2 Nun ſo iſt Dein und Euer Leben eine Luͤge oder ein Ungluͤck, wenn Du alſo dadurch geſinnt worden biſt und es alſo meinſt wie Du ſprichſt! Es iſt nichts rührender und großer als ein Gemüth, das wahrhaft allen Hochmuth abgelegt hat, und nur Das will, was werth iſt immer gewollt zu werden, wenn der Menſch jung iſt und ſchoͤn, oder alt iſt und häßlich; wenn er arm und krank oder geſund und reich iſt. Denn es giebt ein eigenes inneres Licht, eine mitt⸗ lere Wärme, einen Klang des Lebens fuͤr Alle, und jeder Edle aus allen Tagen und aus allen Landen traͤgt ſeine Stimmung. Es iſt kein Schein, keine leere Meinung: was der Demuͤthige ausſchlägt, be⸗ ſitzt er wirklich; ja, er beſitzt unendlich mehr, als was man ihm geben koͤnnte. Und ſo ſcheint er ſtolz; und iſt er arm dabei, beduͤnkt er uns auch ſcheinheilig. Aber wie ich Dir beduͤnken mag, als ein Sterblicher — arm, und als ein Fuͤhlender— beſchraͤnkt.. ich danke fuͤr Deine und der Deinen Gemeinſchaft, fuͤr Euer Leben außer dem Leben! 4 Du dankſt? entgegnete der Sanhoang. Der Tod iſt mir lieber! fuhr der Colao verſichert fort. Frage Semakuang, der ſich von Euch gewandt — und den Sinn des Lebens gefunden hat:„in Andern leben, in Andern gluͤcklich ſein, die wir gluͤcklich ma⸗ chen, iſt un ſer Leben; ſonſt giebt es keines“— frage ihn, ob er ſogar nun noch leben will, da er in der Geſtorbenen nicht mehr leben, ſie nicht mehr glucklich machen kann, ja ſie und ſich ungluͤcklich gemacht hat — wie es ſcheint, doch nur ſcheint— denn dem iſt nicht alſo, ſondern ganz himmliſch anders! Semakuang aber blieb fuͤhllos in dem feuchten Graſe ſitzen, an einen jungen Stamm gelehnt. Oder frage Hiao-Ti! der ſich zu Euch gewandt hat, und gern die Unſterblichkeit erfunden wiſſen wollte, aber nur weil er ſein armes Kind hier liebte — frage ihn, nun ſie todt iſt, ob er noch leben will, denn er liebt noch fort, wie Du ſiehſt. Denn zwei Geſtalten— zwei Masken hat die Liebe, das ſelige Lächeln— wenn Du Augen haſt fuͤr Tiono— und die Trauer, wenn Du Gefuͤhl haſt fuͤr den alten Vater. Aber unter beiden Masken wohnt nur ein immer ſeliges Weſen— dieſelbige Liebe. Und Hiao⸗Ti ſah eine Weile von ſeiner Lochter auf, ohne zu wiſſen was ſie geſprochen. Sie aber läͤchelte— und auf ſeinem Antlitz lag die Trauer. Er weiß nicht einmal, daß er lebt! ſprach der Colao, und vergoß Thraͤnen uͤber ſeines alten Gebie⸗ ters Geſchick.— Alſo laß auch mich ziehen, o San⸗ hoang! bat er darauf. Ich wähnte, nichts mehr werth zu ſein; aber ich lernte auch das; der Elendeſte — 269— kann noch große Wichtigkeit haben fuͤr die Seinen, die ihn beduͤrfen. Und mein Weib, durch die unfehl⸗ bare Lichtprobe uͤberwieſen: daß ſie mich habe vergiften wollen mit Eurem blauen Tranke, fällt auf dem Scheiterhaufen zu Aſche— wenn ich ihr und den Richtern nicht wieder erſcheine, was ich ja kann, da ich in keiner Bedeutung, nicht mit vergiftet bin durch Euern Trank. Wenn Du auch das Leben nicht ſchaͤtzeſt, ſo ſcheinſt Du doch großen Werth auf das Daſein zu legen— laß ſie daſein!— laß mich le⸗ ben! Denn in dem Bewußtſein, daß ich der Mei⸗ nen Daſein friſten kann, daß ſie mich lieben konnen, wenn auch ich es nicht koͤnnte, nicht thäte... dar⸗ innen liegt meine Wichtigkeit,— wenn Deine Waage dafuͤr nicht verloren gegangen iſt— im Strome der Zeit! Der Sanhoang aber ſchlug ihm die Bitte ab um ſich und die Seinen nicht bloßzuſtellen und zu ge⸗ fahrden, und ſagte ihm, daß Semakuang gemeint: ſein Weib Orhota zu beſſern. Der Colao aber verſetzte: ich will mich nicht lo⸗ ben; ich habe meine Fehler, wie mein Weib die groͤß⸗ ten weiblichen Tugenden: Treue und Gute, Werth⸗ gefuͤhl und Vertrauen zum Himmel, und jene erha⸗ bene Gleichguͤltigkeit im Leben bei allen Geſchicken; ein Vorzug, der ihr kindliches Herz bekundet. Aber was ich bin, verdanke ich Ihr; denn erſt durch das ſchlimmſte Weib kann ein Mann, der nur lebt um ſein Herz zu bilden, grade der beſte Mann werden. O ich bin meinem Weibe himmliſchen Dank ſchuldig! Aber ſelbſt der Tod beſſert ja nicht; und in Chun's ſeligen Zeiten enthauptete man nur Gleichbilder von Wachs ſtatt der Uebelthäter; und noch iſt Niemand genug gebildet: den Tod vielleicht zu verdienen— außer etwa Du, der da will, daß ich einen Menſchen nicht retten ſoll!.. So ſprach er ernſt, doch nur ganz ſanft und ganz redlich. Aber der Sanhoang erhob ſeinen Bam⸗ bus und ſchlug den gelaſſenen Mann, der nicht aus⸗ wich, fuͤr das Wort ſchnell damit auf den Scheitel. Und vor Schmerz aber auch vor Vergebung— lächelte der alte Mann, wahrend ihm doch die Thraͤnen in die Augen traten, und er zitterte leiſe. 3 Wie ein Betrunkener glaubt, daß ein Anderer betrunken ſei, der mit ihm vernuͤnftig in ſeiner Weiſe ſpricht oder ſtreitet, ſo war Semakuang über den Tod ſeiner Tiono der Kraft ſeines Verſtandes verluſtig ge⸗ gangen, und ſo ſprang er plotzlich auf, ergriff den Sanhoang, warf ihn auf die Erde, ſtellte ſich mit den Fuͤßen auf ſeinen Hals und rief, ohne das Ge⸗ ſpräch des Colao und des Sanhoang verſtanden zu haben: Er iſt wahnſinnig! Er muß erwuͤrgt werden! Da faßte den Semakuang eine Hand an der Schulter, wandte ihn um, zog ihn ab von dem Lie⸗ genden und eine Stimme ſprach zu ihm haſtig und antheilvoll, drohend und kisendinemkti— Se⸗ makuang, was thuſt Du! Das Maͤdchen aber, das gluͤheend roth vor ihm ſtand war Lamoliſchwia, die er im Kerker ſich zur Freundin gewonnen und die Er, und die ihn verlaſ⸗ ſen— es war die Schweſter des neuen Kaiſers Si⸗ Wen. Dieſer aber, in einfachen Kleidern eines Land⸗ mannes, oder Reiſenden, zog wiederum jetzt ſeine Schweſter Lamoliſchwia zuruͤck, und ſie trat beſchaͤmt von der Uebereilung und der Verrathung ihres Herzens hin⸗ ter den Bruder. Hiao⸗Ti erkannte, auch in der zinſcin Klei⸗ dung, den jungen Vater des Volkes, welchem er das Herrſcherſiegel durch den Reichsgeſchichtſchreiber an ſei⸗ nem ſchrecklichen Morgen der Flucht aus dem erſtuͤrm⸗ ten Pallaſte geſandt hatte. Auch der Colao, Tſchao⸗ kong, erkannte ihn auf den erſten Blick ſchon an ſei⸗ nem ausgezeichnet edlen Wuchſe. Er hatte ihm das Leben im Gefängniſſe erhalten, ihm durch den herrlichſten Lehrer gleichſam eine zweite beſſere Seele eingehaucht, ihm belebt mit dem Geiſte, der ſeit Jahrtauſenden im Volke emporgeſtiegen war, und die Bahn der Menſchen erleuchtet hatte und ferner erleuch⸗ ten ſollte. Und ſo konnte der Colao ſich denken, warum er im Lande unerkannt umherreiſe. Denn er wußte, was der junge Herrſcher in der Noth der Sonnenfin⸗ ſterniß dem Volke verſprochen hatte; er wußte, daß er wenigſtens und gewiß doch zu den Maͤnnern ge⸗ hoͤrte, die Schaam empfinden: ihr laut gegebenes Wort vor Millionen Augen zu brechen, durch fortwährende Nichterfuͤllung; er wußte, daß er dem Worte nicht ein anderes Wort, und dem andern Worte nicht einen andern Sinn unterſchieben und ſein edles Herz wieder einhandeln wuͤrde, durch Nichthandeln. Er wußte, daß er nicht aus lange vorher im Winter gemachten Blumen meinte den Fruͤhling zu geben; ſondern daß er dem Himmel ähnlich: Sonne, Licht und Wärme dem Reiche ſenden wollte, uͤberzeugt: daß dann der Fruͤhling mit ſeiner Schoͤnheit und Fuͤlle aus Je⸗ nen von ſelbſt ſich entfalten wuͤrde. Er verzieh dem jungen Herrſcher die menſchliche Eitelkeit: das Gute ſelbſt zu thun, es nicht erſt ſeinem zweiten oder drit⸗ ten Nachfolger zu uͤberlaſſen, nicht Dem die Ehre zu gönnen, und ſich unter der Schande zu begraben; denn, da er jung war, konnte er auch noch die Fruͤchte von dem Baume ſehen und erndten, den er gepflanzt. Er kannte das Geſetz, daß jedes Verſpre⸗ chen eines Herrſchers im himmliſchen Reiche nicht län⸗ ger als ein Jahr unerfullt bleiben durfte; und ſelbſt ein kleiner Sohn eines fruͤheren Kaiſers hatte einem andern Knaben im Spiel eine Inſel geſchenkt, und der Vater hatte das Verſprechen ſeines Kindes, um deſſen kuͤnftiger Ehre willen, noch vor einem Jahre im Ernſt durch die Inſel ausgelöſt. Darum war nun Si⸗Wen gewiß raſch an das Werk gegangen, um das hohe Beduͤrfniß ſeiner Gabe an das Volk ſelbſt — zu ſehn und zu hoͤren— und er lächelte ihn freund⸗ lich an. Es fiel ihm aber auch ein, als Si⸗Wen dagegen ihn ſtarr und zweifelnd anſah, daß er in deſſen Meinung todt waͤre———— aber auch, daß er von ihm zum Tu⸗Tang ernannt worden ſei; und vor Verwirrung, Dank und Hoffnung khiete er vor ſeinem Gebieter hin. Si⸗Wen aber winkte ihm aufzuſtehen und gab ihm und Hiao⸗Ti das Zeichen zu ſchweigen. Indeß war der Sanhoang laͤngſt aufgeſtanden und Si⸗Wen frug: wer iſt der ſonderbare Mann mit den langen Nageln an den Fingern?— Denn er ahndete nicht, daß ſie ihm in den ausgedehnten Schlafe gewachſen waren, und daß ſie zum Zeichen der Kinder der Un⸗ ſterblichkeit getragen wurden. Das iſt ein Verruckter! antwoörtete Semakuang, im werdenden und wachſenden Wahnſinn. Ein War⸗ tender iſt er— und ein muͤßig Wartender kommt mir immer vor wie ein Narr. Wo wartet er? In der Welt! Worauf wartet er? Bis er klug wird! Von der Zukunft hoffen, nicht ſie bereiten, heißt die Gegen⸗ wart verlieren, und tauſendmal Unrecht thun, o Narr! Du ſchiffeſt im leiſen Kahne des Schlafes in einer Hoͤhle voll Sterne und Sonnen hinweg auf dem ſtil⸗ len Waſſer der Zeit. Die Etde iſt der Kahn— Du ſchiffeſt, warum? Weil Dir deine Tage nicht ſchön genug waren! Weil Du Dir nicht klug genüg vor⸗ kommſt zu leben? Weil Du glaubſt, du langer Na⸗ Schefers neue Rov. 1. 18 —— zel die Menſchen werden die Unſterblichkeit erfinden, ſie werden anders geboren werden, anders eſſen, an⸗ ders ſchlafen; die Erde wird anderes Vieh und ande⸗ res Kraut tragen; der Himmel wird roth ſein, und die Sonne gruͤn. Du Narr! Die Erde bleibt die Erde, ſo lange ſie ſein wird, wenn ſie auch nicht mehr ſo hieße. Sie iſt ausgeſtattet fuͤr immer, wie eine Braut zu ihrer Vermählung mit dem Himmel. Sie iſt ſein, und die Kinder, die ſie gebiert, haſt Du geſehn; Du biſt ſelber Eins, und biſt ein Narr? Sage das dem Himmel und der Erde nicht nach:„ſiehe, Du biſt mein Vater, Du Himmel, und Du biſt meine Mut⸗ ter, o Erde; und ich ever Kind, bin ein Narr!“— Lache doch!— So ſprach er und lachte ſelber zum Fuͤrchten. Thakon wollte ihn zum Schweigen bringen, ihn baͤndigen, oder nur fortfuͤhren; und Semakuang ging auch einige Schritte mit ihm; aber dann riß er ſich toß, kam wieder und ſchuttelte ſeine lang verhuͤllte Seele ſchreiend und weinend aus; Du zählſt tauſend Jahre— haſt Du gelebt? Du haſt geſchlafen hun⸗ dert, nicht wahr, oder fuͤnfhundert Jahre wie eine Nacht; dieß Jahr, das Du wachſt, biſt Du etwa wieder Du? Denn was haſt Du verloren— was kein Bettelmann weggiebt!— Das Volk das Du kannteſt, das iſt hin; Deine Irrthuͤmer— denn es herrſchen nun andere; Deine Liebe— denn Du liebſt Niemanden mehr— ſelbſt hier die Todten nicht; 25 Deine Hoffnungen, denn wos Du einſt ſchaffen wollteſt, hat ſich das Menſchenvolk ſelber geſchaffen, und auch das iſt ſchon wieder vergangen, und Neues bewegt die Herzen. Faſſeſt Du es? Iſt es Dir lieb? Iſt es Dir aus der Seele gewachſen? Stummer, rede! Kommſt Du nicht wie zu einem Volkk im Monde? Selber ſeine Sprache redend, verſtehſt Du ſie nicht; denn ſie reden mit denſelben alten Worten andere neue Dinge, mit anderem Gefuͤhl und anderer Rich⸗ tung. Du lebſt, und biſt todt; Du biſt erwacht— und erſt recht eingeſchlafen, Du faules Murmelthier am Baume des Lebens! Murmelthier, das abfällt, wieder auf einen andern Baum kriecht; und auf die Erde fällt! Bei dieſen Worten ſtuͤrzte er ſelber hin und weinte ſchluchzend. Denn ſein wahrer neuer Schmerz, der Schmerz um Tiono, kam nicht auf ſeine Zunge, wie ein Traum nicht in das Wachen; ſondern die Ur⸗ ſache ihres Verluſtes waltete nur ingrimmig aus ihm. Selbſt die ſchoͤne geliebte Todte ſchien er nicht mehr zu ſehn, noch zu kennen. Er hat mich ſanft aus dem Kampfe gegen die Stuͤrmenden getragen; ſprach Si⸗Wen voll Mitleid, und Schonung; tragt ihn auch ſanft hinweg! und ſo that Thakon und der Hitiku, und La⸗ moliſchwia ſchlich einige Schritte ihm heimlich nach, und ſtehen bleibend, nachblickend und noch abgewen⸗ det trocknéte ſie ſich faſt unmerklich die Augen. Dann 18* — 276 kehrte ſie ſtill zuruͤck und ſah verdroſſen ſelbſt auf die todte ſchoͤne geliebte Tiono. Denn ſchoͤn war ſie noch — wenn ſie auch nicht mehr war. Aber ſie war ge⸗ weſen, und die Wirkung ihres Daſeins klang nach, „und die Wirkung ihres Fortſeins ſcholl zuruͤck, als himmliſches Echo des Menſchen. Jetzt aber frug Si⸗Wen den Colao: wer iſt der wunderliche ſtille Mann, den Semakuang in ſeinen irren Reden ſo ſchmaͤhte? Welche wunderliche Schmach? Und worauf gruͤndet ſie ſich, und ihr Sinn— wenn ſie einen, außer bei ihm, hat? Darf ich reden? frug der Colao den Sanhoang. Wer iſt er, dem Du die Antwort ſagen willſt? frug dagegen der Sanhoang. Darf ich Deinen Namen nennen? frug Tſchao⸗ kong nun wiederum den Kaiſer Si-Wen: ohne Deine Erlaubniß dazu erfährſt Du Nichts, und durch dieſelbe retteſt Du meinem Weibe das Leben— denn wenn Du nur den Zuſammenhang weißt, wie ich noch am Leben bin, ſo iſt ſie gerettet; und eines Herrſchers Bruſt iſt ein kleines Gewolbe zwar, aber eine große weite reiche Schatzkammer unzaͤhliger Dinge— die niemand weiter erfahrt, die ihm nur bereit lagen, um nach Umſtaͤnden zu nutzen, und die— wenn ſie ge⸗ fahrlich und giftgleich waren, nur an ſeinem Herzen nagen. Da Du mich„Hertſcher“ genannt, ſo ſage dem Mann auch meinen Namen, ſprach der Kaiſer. Wer herrſcht ſonſt, als Si⸗Wenk ſprach der Colao alſo, zum Sanhoang gewandt. Ich bin ſein Tu⸗Tang; alſo iſt er mein Kaiſer! Nun rede! hieß ihm der Sanhoang. Und ſo winkte Tſchaokong den Uebrigen ſich zu entfernen, und ſagte dann zu Si⸗Wen: der Mann hier iſt Einer der Vorfahren oder Vorſitzer auf Deinem Throne; Du haſt, was Er hatte; Er galt, was Du gilſt— es iſt der Sanhoang, dem Fohi ſich zum Nachfolger waͤhlte. Du haſt von ihrem wunderlichen Daſein gehoͤrt, wie von einem Maͤhrchen und ihr Schlaf iſt wahr. Die beiden Herrſcher fielen nun vor einander auf die Erde nieder, und blieben eine Weile ſo; nach dem ſchoͤnen Gebrauch, deſſen Sinn und Abſicht iſt: daß zwei Menſchen, die ſich zum erſtenmale ſehn unud be⸗ gruͤßen, während der Stille dieſer Verehrung die uner⸗ meßliche Vorwelt bedenken ſollen, und alle die un⸗ zähligen Jahre, welche bis zu ihnen vergangen ſind, und das Wunder empfinden: daß Einer da iſt als zauberiſche Erſcheinung, und der Andere da iſt, als ihm gleich an Weſen und Hoheit, und daß dann beide als innigverwandte Freunde und Lebensgenoſſen in einzigen heiligen Jahren, die nie wiederkehren fuͤr ſie— aufſtehen ſollen, und durch ihre Gedanken ſchon tief mit einander bekannt und vertraut ſind. Denn gleiche Gedanken und Gefuͤhle machen gleiche Men⸗ ſchen. Es konnte nicht außenbleiben, daß der junge, — 6— feurige, fur alles Vorzuͤgliche begeiſterte Kaiſer auch von dem anſcheinend ſo großen und uͤbermenſchlichen Leben des Sanhoang und ſeines zahlreichen Geſchlechtes ſo ſehr gereizt wurde, das er ſeine Macht empfand, ja ſie zu gebrauchen Luſt hatte, um ſich in das Geheimniß ein⸗ zudrängen. Eben ſo großen Verdruß aber zeigte der Sanhoang: irgend eine Macht uber ſich zu wiſſen, deren Einfluß er nur durch Verborgenheit vor ihr, ſich entzogen— durch Gleichguͤltigkeit gegen ſie ſogar uber ſie erhoben war— wie jeder Still⸗Vernuͤnftige. Tſchaokong aber ſprach zu Si⸗Wen, um ihn dem thaͤtigen Leben zu erhalten und ihn von der Selbſt⸗ ſucht allein fuͤr ſich etwas zu ſein, oder ſein zu wollen abzuziehn: o Kaiſer, Du haſt viele Still⸗Vernuͤnftige in Deinem Lande, ohne ſie zu ſtoren; dulde auch dieſe — Still-Unglucklichen! Wie viel lebt uͤber Dir in den Luͤften, neben Dir in den Wäſſern und in den Waͤldern— kuͤmmere Dich auch nicht um dieſe Ameiſenpuppen in der Erde! Von Hiao⸗Ti habe ich die Prieſter verſcheucht, dieſe Saͤmaͤnner der Thor⸗ heit und des Verlaſſes auf Andere, beſonders des Ver⸗ laſſes auf ſie; dieſe Herrſuͤchtigen, welche durch Blindheit des Volkes alle Schätze an ſich reißen woll⸗ ten, um welche die Sehenden ſich nicht betrugen lie⸗ ßen. Er ſah ihre Ueberfluͤßigkeit, ihren graͤßlichen Nachtheil ein— er entſagte ihnen allen bis auf die Prieſter des alten Kindes, weil dieſe ihm ewiges Leben vorgaukelten. Er ſiel durch fie. Sei Du wei⸗ — 279— ſer, und Du wirſt bleiben; ja, Du wirſt wahrhaft unſterblich ſein! Der Menſch kann nur ſein Gluͤck er⸗ ſchaffen, nicht erſchlafen. Als alte Kinder aufſtehen macht uns nicht jung. Jung ſein und tauſend Jahre zaͤhlen, macht uns nicht alt und weiſe. Leben an⸗ ſchauen, die Welt nur wandeln ſehen, wenn auch in ihrer Herrlichkeit und Schoͤnheit, iſt nicht Menſchen⸗ Leben, ja es kann Menſchen-Tod ſein. Hoͤre ihn! Er ſpricht wahr! ſagte Hiao-Tiz ich lebte— wie zwei Menſchen, als meine Tochter noch lebte! Jetzt ſteht noch die Welt— aber ſiehe hier— ſie iſt todt, und nun daͤucht es mir, als waͤre ich auch geſtorben! Und der Colao fuhr muthiger fort: treibe aus dem Leben Unftieden und Streit, Krieg und Unwillen mit andern in dem Hauſe, leide an keinem der Dei⸗ nen Unzufriedenheit, Leichtſinn und Fehler, welche die Stunden fuͤr das Gute rauben, und fuͤlle ſie dagegen aus mit Fleiß fuͤr die Deinen, mit Geduld und Liebe, die immerwährend das Herz erwärmt, erleuchtet und ſuß beſchaͤftigt, ja opfere Dich ſelbſt auf, wo ſich die Gelegenheit bietet, einen Menſchen zu retten— und Du wirſt erfahren: wie voll, wie reich, wie ſchoͤn und wie immer ganz das Leben ſei, auch wo es ende! und wie froh es war mit Deinem Weibe, mit Deinen ſuͤßen Kindern, mit ſeinen Thra⸗ nen ſogar und ſeinen Verluſten, die zugleich ſeinen Werth, ſein Gluͤck und ſein Weſen ansmachen⸗ Denn — S0— das Leben mußte doch einen Inhalt haben, es mußte doch woraus beſtehen! Und ſieh, ſo beſteht es aus Werden und Kommen; aus Wechſel und Wandel; durch Vergaͤngliches mußte es dauern; nun ſiehe, ſo iſt es: Kind ſein, die Aeltertn lieben, die Aeltern verlieren; die Geliebte— ſein Weib und ſeine Kinder finden und lieben, fuͤr ſie ſtreben, mit ihnen genießen, von ihnen ſcheiden, von ihnen beweint werden; und ſelber der Tod noch gehoͤrt erſt recht zum Leben— und in Eines Menſchen Hauſe iſt alles Gluͤck der ganzen Welt! Oder doch geweſen! ſeufzte Hiao⸗Ti. Alſo, ſchloß der Colao, betritt die Erde, wandle unter den Menſchen, thue Menſchlichen alles; aber nach der Reihe, wie es Dir die Natur ent⸗ faltet; verlängere nichts, ſtelle nichts aus ſeiner Ordnung vor, oder hinter, kuͤrze nichts ab! Ziehe nichts vor, nimm alles gleich freudig— als das Le⸗ ben an! Laſſe Dich gehen, und Du wirſt gluͤcklich ſein und Schaͤtze finden auf Deinem Wege, wie die Millionen, die verachtet leben als gemeine Leute, deren Weg aber koͤſtlicher wie mit Perlen und Edel⸗ ſteinen beſtreut iſt mit Menſchenfreuden; die nie uͤber das Leben denken, ſondern nur im Leben das Leben empfinden. Die ſchwere Kunſt zu leben, oder ein Menſch zu ſein, iſt kinderleicht fuͤr kindliche Gemuͤther! Und wäre der Inhalt unſeres Lebens vor uns wie ein Huͤgel goldner Gefäße aufgehäuft, wie wuͤrden wir — 2— eilen: ſie nach Hauſe zu tragen! Noch kein großer Mann hat ſein Leben verachtet, noch kein tugendhaf⸗ ter Mann hat die Unſterblichkeit ertrotzen wollen; das Leben weder eine Nacht, noch einen Traum geſcholten; denn ihm war es klar und ewig! Wer tauſend Men⸗ ſchen das Leben gerettet hätte, der wuͤrde glauben tauſend Jahre alt zu ſein! Einen Krieg— nur eine Schlacht weniger, o Kaiſer, und Du biſt zehntau⸗ Jahre alt.— Darum, o Sanhoang— ſprach er zu dieſem gewandt— entlaſſe mich meines Eides! Ent⸗ laſſe mich ſelber! Euch droht kein Verluſt, und mir wird ein himmliſcher Gewinn! Aber Du kommſt wieder zu uns„zur guten Nacht!“ machte der Sanhoang zur Bedingung und ſetzte hinzu: Du kennſt das beſte noch nicht an uns, und Du biſt werth es zu kennen. Nimm mich fuͤr ihn an! bat Hiao⸗Ti; ich möchte doch wiſſen, wie mein Schmerz ſein wird in ſpaͤten Jahrhunderten, und wie wein Leben dann mir erſcheinen wird! Wie morgen verſicherte ihn der Colao. Die kurze Sommernacht oder die lange Winternacht ſchlafen, iſt nur eine Ruhe zwiſchen Abend und Morgen. Au⸗ ßerdem Ihr traͤumtet lange. Du ahndeſt Tiefes, ſchloß der Sanhoang. Die Seele lebt und webt immerfott und allein und in ungeſtörter Ruhe am ſchoͤnſten und unvergleichlich⸗ ſten. Dann brach er ab, als ob er zuviel verrathen hätte. — 282— Nun, wir ſterben ja alle, und liegen allein und in ungeſtörter Ruhe!— mußte der Colao noch ſagen. Am Nachmittag aber zerſtreuten ſich alle; nur die Sanhoa ward geſammelt zu des Sanhoangs vor⸗ maligen Frauen. Si⸗Wen reiſete mit ſeiner Schwe⸗ ſter Lamoliſchwia weiter. Semakuang draͤngte nach Hauſe zu ſeiner kleinen Moliwha; und Tſchaokong eilte eben ſo ſehr, neu in ſeiner Wuͤrde als Tu⸗Tang beſtätigt, es zu ſeinem erſten Werke zu machen, ſeine Orhota zu befreien von Kerker und Tod. Sein Amt aber rief ihn dann weiter; denn er war nun erſt im Stande: Anderer Ungluͤck wie Seines zu empfinden, und darum eben ſo treu und liebend zu lindern oder aufzuheben. Semakuang lebte, anſcheinend ruhig, den Herbſt und den Winter bei den Seinen; aber er blieb in ſtil⸗⸗ lem Wahnſinn verſunken oder zugleich in tiefe bruͤtende Rache. Die guten Menſchen im Hauſe, ſelbſt die geſchiedene Moliwha, erlaubte ſogar und gern, daß ſie der Prieſter des alten Kindes, Lischaokiun, oft, ja zuletzt täglich beſuchte. Verachtet, gehaßt, verarmt bis zum Bettler, ohne Heimath, ohne Pflege, ohne einen Menſchen der ihn liebte oder freundlich anſah, war er immer freundlich willkommen hier— ſchlief endlich einmal wieder an warmer Stelle auf weichem Lager, aß ſich wieder einmal ſatt, und ward wieder bekleidet, wie ein verwahrloſeter alter —— — 2 63— Bruder des Hausherrn. Sie merkten ihm alle— bis auf Semakuang— wohl deutlich ab, daß ſein Verſtand durch ſeinen und ſeiner Mit⸗Prieſter Gluͤcks⸗ wechſel gelitten hatte, aber ſie ließen es ſich und ihm nicht merken. Er fuͤhrte wunderliche Reden; er er⸗ zaͤhlte von den alten Tagen ſeines Einfluſfes ja ſeiner Macht, und ſie hoͤrten ihn theilnehmend an; er pro⸗ phezeihte von kuͤnftigen Tagen; er drohte mit Ungluͤck; er erhob ſich feurig wie eine Flamme und ſpruͤhte ſchreckliche Worte; und ſie beſaͤnftigten ihn, und ſelbſt das Unmoͤgliche baten ſie ihn inſtaͤndigſt doch ja nicht auszufuͤhren! Und nur ſein Zuſtand ließ ſie oft zit⸗ tern. Am liebſten hielt er ſich zu Semakuang; denn wahnſinnig wie er, war er ein Mann fuͤr ihn, und zuletzt ſein beſter Freund. So geſchah es, daß der alte Knabe mit unver⸗ berglicher Freude eines Abends ein kleines Kaͤſtchen brachte, das er von einem Manne aus Judaͤa gekauft hatte, der uͤber Candahar nach China gekommen, und mit allen ohne Unterſchied Handel trieb, was bei die⸗ ſem oder jenem Volke einen Werth hatte. Der alte Knabe kuͤßte das Kaͤſtchen und ließ es nicht aus ſei⸗ nen Haͤnden. Selbſt ſeinen Freund Semakuang ver⸗ troͤſtete er auf die Nacht, wo er deſſen koſtbaren In⸗ halt ſehen und daruber erſtaunen ſollte. Und ſo fuͤhrte er ihn um Mitternacht zu den Grabmalen yinaus, ſtellte das Kaͤſtchen beim Schein der Geſtirne in das junge Fruͤhlingsgras, hieß ſeinen Freund beten; betete — ſelbſt, hieß ihn mit dem Kopfe aus Ehrfurcht neun⸗ mal die Erde beruͤhren, ſtieß ſelbſt ſeinen Kopf neun⸗ mal gegen die Erde, oͤffnete dann mit feierlichen Ge⸗ berden den Schatz und ſprach zu ſeinem Zuhoͤrer: Er⸗ ſtaune und ſiehe! Sieh, und erſtaune! Wir ſind nun gluͤcklich, die Geſtirne da droben ſind gluck⸗ lich, die Erde hier drunten iſt gluͤcklich, die Lebenden alle, die Kommenden alle, und ſelber die Todten hier drunten, die ſind erſt recht gluͤcklich! Alles iſt gluͤck⸗ lich! Denn— denn— denn— glaube mir, ich bin ein Kenner von dergleichen: das Gebein hier drinnen — es iſt kein Katzenknochen, kein Hundeknochen, noch irgend jemandes Andern Gebein— alſo und darum iſt es ein Gebein des Fo! Fo! Fo? Wer war der Fo? fragte Sema⸗ kuang. Thor! Wer er war, das iſt gleich— denn er iſt ewig und uͤberall, uͤberall geweſen in allen Landen, in allen Herzen, er iſt aller Herz und Geiſt ſelbſt, und wird in allen Landen, in allen Herzen, er wird aller Herz und Geiſt ſelber ſein. Mehr braucht man von ihm nicht zu wiſſen, und mehr brauchſt Du nicht. Denn er hat gelehrt, lehrt nnd wird lehren: der Menſch hat einen Geiſt— er iſt aſo ein Geiſt, und: alle Menſchen haben einen Geiſt, ſind alſo Ein Geiſt!— Herz, Bruder, Geiſt, freue Dich alſo hoch! Und ſie herzten und kuͤßten ſich, und tanzten im — 6 Schein der Geſtirne auf den Grabmalen der Todten wie Geiſter in der ſtillen Mitternacht. Als ſie muͤde waren und hinſanken und faſt vergeſſen hatten, wor⸗ uber ſie ſich gefreut, da ſprach der alte Knabe ſich be⸗ ſinnend wieder: ja ſo! von Fo war die Rede! Darum — hat er gelehrt und geſagt: der Tod macht, daß wir eben nicht todt ſind, wenn wir nicht mehr leben oder lieben, und daß wir nicht auf der Erde bleiben, wenn wir im Grabe liegen⸗ Alſo muß man den Felſen zerſtoren! ergriff Se⸗ makuang das Wort mit Feuer, und ſeine heimlich ſchlummernde Rache wandte es nach dieſer ihm erſehn⸗ ten Richtung hin. In ihrem Schlafe— fuhr er fort — ſoll meine Tiono ſterben, damit ſie ja nicht todt iſt! Und die gute Mutter Tien-Mo, ſie muß ein Geiſt werden, weil ſie einen hat, wahrlich einen guten Geiſt... denn ſie wollte mich ſterben laſſen! Und der alte blinde Vater muß wieder ſehen! Aber der Sanhoang, wie iſt der dahinzubringen, daß er todt liegen bleiben muß? Nur ans Werk! ſprach der alte Knabe entzuͤckt. Hiao-Ti muß ſehen und ſich uͤberzeugen, was ein Prieſter kann: ich will ihn zu einem Geiſte machen! Schwoͤre mir, und ich ſchwoͤre Dir, bei der Schoͤn⸗ heit der Geſtirne— oder fortan beſſer bei dem Gebeine Fo's: die alte Schlafkammer im Felſen zu zerſtoͤren!— Und als ſie es beſchworen hatten, meinte Sema⸗ — 886— kuang: es iſt doch nicht gut, daß irgend Jemand im Reiche kluͤger und beſſer und weiter vor iſt, als der Herrſcher— denn dann iſt er zuruͤck, und das Reich geht zuruͤck, vielleicht gar unter, langſam, wie ein Berg einſinkt. Vollends aber waͤre es ganz graͤßlich, wenn wir einen Geiſt haͤtten, und der Kaiſer, Si⸗ Wen, keinen! Darum laß uns zu ihm gehen, und ihm vom Geiſte mittheilen! Oder, da er noch nicht zuruͤck iſt, laß ihm uns ſchreiben! Das wollen wir! ſtimmte der alte Knabe ihm bei. Denn wem wir das große Wort des Fo ſagen, dem geben wir Geiſt. Wer nicht weiß was er hat, hat Nichts! und Fo hat auch gelehrt, daß ſich die Seelen verwandeln können und muſſen! Die Seelenwandlung iſt ſo erhaben und herrlich, als ſeine Geiſtſchpfung. Die Natur, die Begierde der Weſen kennend: ſich zu verwandeln, hat ſie nur müh⸗ ſam gebannt auszuhalten: die Sonne in ihrer Bahn; und gezwungen den Stein hier Stein zu ſein, ſeine Zeit, und den Piſang— Piſang zu ſein, ſeine Zeit. Sie ſind es gern, wie es ſcheint! Und der Menſch hat keinen beſſern Rath, als ein Menſch zu ſein. Aber Menſchen muͤſſen wir eben nicht immer ſein, da wir uns verwandeln koͤnnen! Du denkſt: der alte Knabe ſitzt hier vor Dir? Angefuͤhrt!— Fo ſitzt vor Dir mit meinem unwuͤrdigen alten Leibe oder fleiſchenen Rocke. Ich bin Fo! Und Du biſt Fo! Du biſt ich, und ich bin Du! Wie ſind alle Menſchen und alle Geiſter, — und alle Geiſter und alle Menſchen ſind Wir! Denn es wird unzaͤhlbare Fo's geben, hier tauſend, dort zehntauſend, und zuletzt uͤberall nichts als lauter Fo's! Denn, wer Fo's Wort hoͤrt, der wird gleich Fo, ja er ſelbſt, und Fo wird Er. Das begreiſt ein Kind! Alſo kann meine Tiono noch Ich werden, und Ich zu Tiono? Und wir koͤnnen bei einander ſein, herzinnig Eins und unzertrennlich! So wahr hier das Gebein— Gebein des Fo iſt, und doch auch meines, da ich's gekauft. Wohlan! ſprach Semakuang aufſpringend, morgen ziehn wir hin, die Schlafkammern des Sanhoang zu zerſtoͤren. Morgen? frug der alte Knabe. Da iſt ja die Morgenroͤthe! Es iſt ſchon morgen! Ich halte mein Wort! ſprach Semakuang. Und ſo brachen ſie gleich von der Stelle auf. Und ſo wanderten ſie durch den herrlichſten Fruͤh⸗ ling nach dem Berge; und die Erde und die Sonne und die tauſend Blumen, die ihnen unterweges aus Luͤften unſichtbar zunickten, ſchienen ihnen nie zuvor ſo ſchoͤn geweſen zu ſein. Und wenn ſich ein großes Blatt an den Stauden plotzlich erhob, erſchrak Sema⸗ kuang vor demſelben— wie auch vor einem Geiſte. = 6— Die Mittel und Zeichen: in den Felſen hinauf zu gelangen, waren ihm wohlbekannt, und die Huͤther der Schlafenden ließen ſie gluͤcklich ein. Da ſich dieſe aber nicht vermutheten von dem Sohne des alten blinden ehrwuͤrdigen Ly, von dem Sohne der edlen Tien⸗Mo betrogen zu werden, da er aus Liſt krank zu ſein vor⸗ gab, ſo wutden ſie nach einiger Zeit bei ſchicklicher Gelegenheit von ihm mit— Schlaf vergeben, und von den beiden neuen Freunden zu den Uebrigen des Nachts in die ſichern Grotten aus roſigem Stein ge⸗ legt. Dann zerſtoͤrten ſie alle Geraͤthe und Mittel und Anweiſungen: einzuſchlafen, wohlerhalten zu blei⸗ ben, und erweckt zu werden. Dann betrachteten ſie noch einmal alle die wunderbaren ruhenden Gebilde. Semakuang kuͤßte ſeine Mutter Tien-Mo; er druͤckte ſeinen alten lebensmuͤden Vater die Hand; er weinte bei dem noch immer nicht verloſchenen Lacheln ſeiner“ Tiono; aber es grauste ihm, ſie neben ſo vielen an⸗ dern Gemahlinnen des Sanhoang zu ſehen. In die Grotte dieſes Verhaßten aber trug er in ſeinem Wahn⸗ ſinn die brennende Fackel, um den Felſen nun anzu⸗ zuͤnden, wie ſie ſich in ihrem Wahnſinn vorgenommen. Wie Semakuang aber die Flamme an die Ruheſtätte des Sanhoang brachte, fuhr ein Bittz von unten her⸗ auf nach oben durch die Grotte, daß er entſetzt zuruͤck⸗ fuhr. Ein Donnerſchlag hallte nicht. Aber ein Heu⸗ len heulte tief in der Erde, wie von tauſend Crokodil⸗ len und Tigern; ein Ziſchen ziſchte hinter allen Felſen⸗ —— waͤnden, wie von tauſend erbosten Schlangen, die alle Augenblicke hervorbrechen wuͤrden und muͤßten. Sie flohen entſetzt. Aber wo ſie flohen, da zitterte der Boden unter ihnen, und in der Tiefe krachte es, und borſt und zerbrach und zerriß und fiel und ſtuͤrzte mit Macht. Dann ſprudelte es unter ihnen und kochte wie ungeheure Keſſel, und eine Hitze und Gluth drang aus den Waͤnden, daß ihnen der Schweiß ausbrach, und ein Geruch und ein Dampf erfuͤllte die Hallen, der ihnen die Bruſt zum Erſticken beklomm. Sie entrannen gluͤcklich auf den freien gruͤnen Platz. Dort blieben ſie aufathmend ſtehen, ſahen ſich ängſtlich um, und der Prieſter des alten Kindes ſprach bedauernd: Der Bau iſt kunſtlich angelegt! Wir ſind verloren! Aber das war er nicht. Die Gruͤnder deſſelben hatten wahrſcheinlich geglaubt den ſicherſten Ort gewaͤhlt zu haben, wenn ſie ihre Hallen in einen ausgebrannten Vulkan verlegten. Aber er war nicht ausgebrannt, wenn auch laͤngſt ſchon ausgekuͤhlt. Er war nicht ſtumm geworden, er hatte nur nicht geredet; er war nicht todt, er hatte auch nur lange Jahre geſchlafen, und die inneren Lebenskraͤfte hatten ihn ſchrecklich rut⸗ telnd ins Leben gebracht und mit Donnerſtimme zum alten Werke gerufen, wie einen jungen aber faulen und verſchlafenen Rieſen. Es war pechſchwarze Nacht⸗ Nur von Zeit zu Zeit fuhren breite Blitze aus der Scheſers neue Rov. J. 19 — 200— Erde und zuckten hinweg unter den klaren Geſtirnen. Dieſe Flammen waren ihre leuchtenden Fackeln auf der Flucht; denn der Boden unter ihnen bebte, zitterte, gluhte, ſchwankte und borſt und ſunk zugleich unter ihren Fuͤßen gradabwärts, und ſo ſchnell, daß ſie auf ebener gruͤner Flaͤche hinrennend, mit dem naͤchſten weiten Schritte immer tiefer traten, als ſtiegen ſie eine Treppe mit maͤchtigen Stufen hinab. Semakuang wußte, daß das Keſſelthal mit ſchroffen undurchdring⸗ lichen und unerſteiglichen Felſen hoch umthuͤrmt war, und dennoch jagte ihn die Angſt nach Rettung gegen die Felſen, uͤber den einbrechenden Boden; wie ein Knabe, der auf einem Teiche in das Eis einbricht; ſich immer wieder aufs neue auf die immer unter ihm einſinkenden Eisſchollen zu retten ſucht. Aber ein Blitz, der ſchnell aus der Erde fuhr, zeigte ſei⸗ nen erſtaunten Augen, daß die Felſen breit aus ein⸗ ander geruͤckt waren, und ihnen den Weg zur Flucht bis auf den zackigen Gipfel des Berges geſtatteten. Der Himmel lag wie ein ſchwarzes Tuch uͤber den wunder⸗ lichen Zinnen; und die Geſtirne, ſelbſt die hellſten Fruͤhlingsſterne ſtanden weiß und ohne Glanz und Schein, furchtbar anzuſehn, in dem hohlen, öden Schwarz des Firmaments. Sie ſtaunten rathlos em⸗ por. Da kaͤmpfte der Berg, wie ein Rieſe mit einem verſchlungenen Rieſen, einen entſetzlichen aber kurzen Kampf. Die ganze Erde ſchien unter Angſtgebrüll zu zerreißen, und es ſiedete und boll wie tauſend Hunde in ihren Eingeweiden— ein Ruck, daß ſie hinſturzten, und eine breite gluͤhendrothe Feuergarbe ſchoß, wie ein Drache, gegen den Himmel empor; aber ſie ſtieg nur immer hoͤher, und ſie blieb ſtehen wie eine unmeßbare Säͤule, und trug nun allein, wie mit, ungeheurer Macht, das ganze ſchwarze Gewolbe des Himmels; und die Saͤule lebte, Feuer der Blitze durchfuhr, wie Schlangen, das lohende Feuer, und ſie ſaͤete Steine und Felſenbloͤcke weit hinaus uͤber die Zacken des Ber⸗ ges, und der Boden droͤhnte von jedem Sturze, und es rollte und ſtuͤrzte, und rollte und droͤhnte wieder; und nun war keine Rettung, als zu dem Todausſen⸗ denden uͤbermaͤchtigen Feuer-Springquell ſelber nahe, ja ganz dicht hin zu fliehen, hinauf zu den Schrecken! Kein anderer Rath blieb. und ſö gelangten ſie, nach einigen grauſenvollen Stunden, wovon jeder Augenblick eine neue, eine an⸗ dere groͤßere Angſt war, gluͤcklich⸗ungluͤcklich bis an den giſchenden Rachen des Ungethuͤms, und waren nun ſicher vor den gluͤhend rothen Erdmeteoren und Erd⸗ ſteinen; aber die Gluth ließ ihre Fuͤße nicht ſtill ſtehen, und der Gluthhauch ihre Bruſt nicht Athem ſchoͤpfen. Dennoch dauerten ſie länget aus, als wenn ſie nicht wahnſinnig geweſen waͤren. Aber durch die Dauer der Qual ward es auch ihnen unmoͤglich, und das 19* —— Leben unerträglich, das nur noch ein dumpfes Harren auf den Tag, auf die Sonne, auf den Himmel oder auf einen gnädigen Felsblock war, der ſie im Sturz aus dem Dampf und den Wolken zerſchmetternd begrub. Sie wollten hinab in das polternde Geſchutz des Todes. Aber ſie waren todtenmatt und muͤde. Wenn es nur noch einen Tropfen regnete! ſprach Semakuang vor Durſt verſchmachtet. Es iſt aus! ſprach der Prieſter des alten Kindes. Aber nun geht es erſt an! Ich habe einen Geiſt, alſo bin ich ein Geiſt— ſpricht Fo! Und Semakuang ſagte: Der Tod eben macht daß wir nicht todt ſind, auch wenn wir— wenn wir uns zu unſerer Rettung in das flammende, gaͤhnend offene, nach uns lechzende Grab ſtuͤrzen! willſt Du ſagen. Wohlan! Thue es lieber! Hiao⸗Ti wird doch nun ſeinen Prieſter ehren! Die lebendig verſunkenen Schlaͤfer aber koͤnnen einſt ein⸗ mal viel erzählen! auch von mir und von Dir! Ich werde bei Tiono fein! rief Semakuang, in dem brauſenden Winde faſt unhoͤrbar. Sie ſchrien ſich noch einige Reden zu; aber keiner konnte ſie verſtehen, und glaubte ſie doch verſtanden zu haben; denn ſie kamen aus einem Willen. Und ſo ſtrebten ſie muͤh⸗ ſam bis an den aͤußerſten Rand des Feuerbechers. Dort umſchlangen ſie ſich feſt, und ſtuͤrzten ſich taumelnd hinab in die feuerhelle unergruͤndliche Tiefe. Aber ſie kamen nicht weit hinab. Denn ein her⸗ aufſtroͤmender Flammenſturm ergriff ſie, und trug ſie, wie duͤrre Blätter, hinauf in die Wolken und Blitze⸗ Ihre Haare, ihre Gewande brannten in der Luft. Dann ſturzten ſie, wie Steine, aus der Hoͤhe auf die Steine, und Steine begruben ſie— und ſie waren Geiſter! 6 Se Was nicht dein iſt, das laß liegen. — Herr Warnkönig. In Buchladen war's ſo recht heimtuͤckiſch kalt. Da draußen plotzlich Thauwetter eingetreten, und die Sonne das tauſendmal gebrauchte und doch ſo reine weiße Leichentuch von der alten Erde nahm, und den Menſchen wieder den darunter noch ſchlafenden Engel — den heimlichen heiligen Fruͤhling zeigte, ſo brach nun die Kaͤlte aus den dicken Mauern des lichtgruͤnen Gewoͤlbes hervor, ja ſogar die Schriften ſo vieler auf⸗ gekaſteten Geiſter hauchten eine barbariſche Kaͤlte aus, zum Fingererfrieren, wer ſie anruͤhrte. Es war Mon⸗ tag⸗Morgen. Herr Warnkoͤnig, Verleger, Buch⸗ drucker, Sortimenthaͤndler und Commiſſionaͤr einiger der ſolideſten auswartigen Buchhaͤndler, ſaß auf ſeinem Drehſtuhl am Fenſter in ſeinem Gittervermach, wie ein Apotheker. Sein großer grauer Friesoberrock war zu dieſem Winter nicht neu geſchafft. Dagegen der ſchwarze Flohr ganz neu, den er um ſeinen linken Oberarm trug, denn ſeine Frau war die vorige Woche begraben. Die Hand, mit der er das Folioblatt ſeines 298— Contobuches unbewegt hielt, war ganz verklommen und roth vor Kälte, die er jedoch nicht zu ſpůren ſchien. Obgleich noch nicht ſechszig Jahr alt, ſtachen doch grau ſich verfaͤrbende kurze Haar unter dem ſchwarzen Sam⸗ metkaͤppchen hervor, das er von Zeit zu Zeit mit der linken Hand auf dem Kopfe drehte, wie ein Windmuͤl⸗ ler die Haube ſeiner holländiſchen Windmuͤhle, ſo daß es binnen fuͤnf Minuten gewiß zweimal die Runde machte. Zuletzt ſchien er nur noch durch die Brillen⸗ gläſer zu ſehen, aber die Augen waren ihm zugefallen, oder hatte er ſie vor Kummer geſchloſſen; und ſo ſaß er und ſchien zu ſchuſen⸗ ob es gleich erſt fruͤh am Tage war. Ihm gegenuͤber ſihen, hinter dem zweiten Laden⸗ tiſche am andern Fenſter jenſeits der Thuͤre, ein paar bejahrte ehrliche arme Buͤrger mit Seitengewehr. Man hatte ihnen wahrſcheinlich einen kleinen ruhigen Ver⸗ dienſt bei Bewachung des ehrlichſten aller Warenkonige goͤnnen wollen, denn der Eine ſprach:„Bruder Bock! Er iſt doch noch da?“ „Da ſitzt er ja und ſchlaft, der arme Mann; Va⸗ ter Veit!“— antwortete Bruder Bock, indem er aus einem großen Bilderbuche auf und hinuber ſah. „Bruder Bock!“ verſetzte Vater Veit leiſer:„daß nur nichts hinter dem Schlafe ſteckt! Ein ſolcher Mann hat ſcharfe Federmeſſer und dergleichen! Halb verblutet er ſich, halb ſtirbt er, und halb erfriert er; und wir ſind um die paar Groſchen auf wer weiß noch auf wie — 900— viel Tage, ehe er bezahlt, denn wie weit iſt noch zur Meſſe! und Mancher erlebt ſie und den Zahlwochen⸗ Donnerſtag⸗Mittag ſein Lebetag nicht, Bruder Bock!“ „Schaͤme dich, Vater Veit,“ ſprach Bruder Bock mit dem Kopfe ſchuͤttelnd.„So ein Mann hat einen Kopf wie eine Scheune und krabbelt ſich wieder aufz es hängen zu Viele an ihm, und er ſieht ſo ehrlich aus, daß ich mit vollem Zutrauen ſein Fruͤhſtuͤck— nicht ſeines, bewahre! nein, unſer Fruhſtuͤck verzehren wollte, wenn er es nur brächte, oder bringen ließe durch ſeine Tochter droben. Danieln in der Loͤwengrube kann der Magen nicht aͤrger geknurrt haben. Hier thäte ein guter Danziger Noth, denn Du weißt, die Franzoſen ſind in Rußland eigentlich erſt verhungert, danach er⸗ froren, und dann erſt geſchlagen worden— hier ſtehts!“ „Denke nur nicht an das Eſſen vor der Zeit, ſonſt hungert Dich fur ſechs Mann;“ entgegnete Vater Veit. „Aber ich muß ein wenig zuſchauen; denn ich bin ein⸗ mal auf der Polizei geweſen, da hab' ich es wegge⸗ ſchnappt: die Polizei— und wir ſind ein Stuͤck oder zwei Stuͤcke davon— die Polizei darf Keinem abſolut trauen, ſondern muß immer ſcharf beobachten: wie Jeder in affectivem Falle wirklich iſt; und wenn ſelber der Khalif Amor, oder der heutige und morgendſche tuͤrkiſche Kaiſer ſo Etwas von Narriſchwerden verſpuͤ⸗ ren ließe, gleich muß ſie denken: auch Der kann närriſch werden! und ohne allen Reſpect muß ſie ſich — 800— gleich ins Mittel ſchlagen! zuſchlagen, einſtecken! Das iſt Polizei! hohe Polizei! Bruder Bock!“ „Ich werde lieber gehen, oben den Wachsſtock an⸗ zuͤnden, und wieder ein Paar Papiergeiſter in das kleine Zugoͤſchen ſchieben,“ ſprach Bock;„dabei bringe ich uns der lieben Mamſeil in Erinnerung, wenn ich ſo verfroren vor ihr ſtehe!“ Und ſo ging er und bat ſich, wie ein Schulknabe vom Cantor, aber zu Herrn Warnkoͤnig tretend, erſt Erlaubniß aus:„einmal hinaus zu gehn!“ Herr Warnkoͤnig ermunterte ſich, ſah ihn an, ließ ſich wiederholen, was Bock gebeten hatte, laͤchelte und ſprach:„Ihr ſeid ja meine Waͤchter!“ „Das weiß ich wohl,“ ſprach Bock,„aber Sie ſollen es nicht uͤbel nehmen, daß ich das gute Zutrauen zu Ihnen habe, Sie mit dem alten Vater Veit alleine zu laſſen! Wahrhaſtig, mir kommen die Thraͤnen in“ die Augen! Denn— Taback muß ich rauchen, und wenn ich am Pulvermagazin Wache ſtaͤnde, geſchweige wenn Einer ſeit Mitternacht um Zwoͤlfe nuͤchtern iſt, denn die alten Leute haben zeitig Morgen!— So ſchlich er zur Seitenthuͤr, die ins Haus fuhrte. Die alte Muſe. Da klingelte die Ladenthuͤr, und herein trat eine ſogenannte alte Muſe, der zwanzig Jahr ſchon ſtudi⸗ dirende Student, Herr Schreckhorn. Demohngeach⸗ tet war der Zug fuͤr Zug bildhubſche junge Mann hoͤchſtens erſt 36 Jahr alt, und nicht nur nach den Begriffen der alten Roͤmer von jungen Roͤmern, noch 4 Jahr lang bis in ſein Vierzigſtes: ein Juͤngling, ſondern ſelbſt nach den heutigen Begriffen eines heuti⸗ gen jungen Maͤdchens. Als ein Schweizer von Geburt, und zwar als ein Muͤllerkind, ſah er roſenwangig und friſch aus; ſein blauer feiner Oberrock verhuͤllte eine ſchlanke und doch kernige Geſtalt. Sein braunes Auge blickte feſt und doch ſo gutmuͤthig, ja laͤchelnd die Men⸗ ſchen an, und wenn er ja etwas Studentenhaftes an ſich trug, ſo waren es halblange braune Locken, die Niemand wegwuͤnſchen mochte, wer einmal ſeine ganze Erſcheinung mit ihnen lieb gewonnen. Fehlte ihm da⸗ gegen etwas, ſo war es der Bart; und ruͤhrte etwas an ihm, ſo war es die ſchoͤne tiefe Altſtimme, welche die Bruſt der Menſchen wie eine Zither anklang, oder, wie die Nachtigall die Kelche der Lilien unſichtbar mit 5 ihrem Geſange durchdringt und ausfuͤllt, das Ohr des Hoͤrers mit Wohllaut vollgoß, denn ſieserklang aus einer reinen, ſchuldloſen Bruſt. Als ftuhſter und ein⸗ ziger Lehrer von Herrn Warnkoͤnigs Tochter Hilda, brachte er jetzt mehrere Hefte Muſikalien wieder, die er ſtillſchweigend auf den Ladentiſch legte. Als Herrn Warnkönigs Corrector im Deutſchen und Engliſchen aber, legte er einige corrigirte Probebogen mit hin, be⸗ hielt die Hand darauf, und ſchien etwas auf dem Herzen zu haben, das ihm ſehr ſchwer ward anzu⸗ bringen. — 3 „Aber lieber Schreckhorn,“ ſprach Herr Warn⸗ konig aufſtehend und ihm gegenuͤbertretend,„es iſt doch Niemand ganz zuverläſſig in der Welt, ſogar Sie nicht!“ „Freilich nicht! Es thut mir ſehr leid, aber iſe denn Sie ſchon! daß ich morgen. „Ich weiß, daß ich einen ſehr anzuͤglichen Brief aus hoher achtbarer Hand erhalten, die mich Ihrent⸗ wegen nun ſchlägt, bloßer ärgerlicher Druckfehler willen; die Sie ſtehen laſſen. als Keſebibliothek ſtatt Leſebibliothek, womit ſich ein armer Teufel ſeinem Städtchen empfohlen, der durch den ſchlechten Witz nun wahrſcheinlich nicht aufkommt vor ſeinem Neben⸗Leſe⸗ bibliothekhalter—“ —„der wahrſcheinlich dem Setzer einen Louisd'or fur das leicht aus dem Nebenkaſtchen zu langende„K“ ſpendirt,“ meinte Schreckhorn. „Schlimmer iſt ſchon das verkehrte kleine„n“, das aus Sängerin nun eine Säugerin gemacht, und die beliebte deutſche Mamſel in Paris oder London getroffen.“ „Mein Gott!“ bedauerte Schreckhorn.„Welche Corrector vermuthet ſolche Fehler in ſolchen gemeinen Woͤrtern!“ „Wäre der Setzer nicht uetntraet an der Rech⸗ ten, von Setzen ſo vieler Millionen kalter Bleibuchſta⸗ ben, wahrhaftig— und ſollte ich morgen ſchließen, ich jagte ihn heute noch fort; denn Schmutz des Miniſters, * — „ — 353— ſtatt Schutz zu ſetzen! Das„m“ faͤllt am Ende auf mich und ich verwinde es nicht; denn grade Er ſoll uns in ſeinem Lande dort vor Nachdruck ſchuͤtzen! Denn, daß Sie nur Eins erfahren: mir iſt das ſechsbandige Werk„Die Leiden der Zeit“ nachgedruckt! Hier iſt der Brief! Statt Geld werden vielleicht heut die hun⸗ dert Schock Krebſe mit Lagerkoſten, Fracht u. ſ. w. hier in den Buchladen einkriechen!“ Da eben Bruder Bock mit dem Wachsſtock zurüͤck kam, und Schreckhorn, der ſeit Freitag nicht bei Herrn Warnkoͤnig geweſen, den Mann mit Seitengewehr er⸗ blickte, und nun erſt den alten Vater Veit desgleichen gewahrte, frug er mit den Augen und vor Schreck er⸗ hobener Hand, was die Maͤnner bedeuteten? Und eben ſo ſtill ſchrieb Herr Warnkonig mit Kreide auf die 22 „Wechſelarreſt!“ und als er meinte, daß Schreckhorn das ſchreckliche Wort geleſen, verwiſchte er es ſchnell mit dem Schwaͤmmchen. Darauf ſtanden die beiden Freunde lange ſtill, und ſahen ſich ernſt und bang in die Augen. Schreckhorn hatte dabei die Lippen geoͤffnet, Herr Warnkoͤnig aber ſie zuſammengepreßt. Endlich ſprach dieſer:„wie oft haͤlt man ein Ungluͤck fuͤr ganz unverwindlich— und nach acht Tagen erſcheint es uns ſchon als ein Gluͤck, das wir ſegnen. Wie gut, daß meine liebe Frau nun todt iſt! das verſchlaͤft ſie nun ſchon! Aber daß ſie aus Furcht davor ſchlafen gegangen, wie eine Alpenroſe vor — 304 dem Froſt, o Freund, dos druͤckt! Denn ihr armes treues Herz hat Recht gehabt, es hat fuͤr mich em⸗ pfunden, fuͤr mich im voraus gelitten, und fuͤr mich iſt es voraus gebrochen, und doch vergebens, denn ich leide was gekommen iſt, und nun doppelt. Doch ich gonne ihr ihre Ruhe. Nur meine Tochter noch— meine Hilda— die fuͤnf Buchſtaben, die mir der ewige Setzer in die Welt und ins Herz geſetzt und ge⸗ druckt hat, mit Gold, und nun mit Blut— das arme brave Maͤdchen, o Freund, das druͤckt!“ „Nun kann ich es nicht verſchweigen, daß ich zu Hauſe reiſe,“ ſprach Schreckhorn mit zagender Stim⸗ me;„aber wie ſoll ich nun ſcheiden? von Ihnen Ab⸗ ſchied nehmen? und Hilda verlaſſen? Jetzt! Heute! 8 wollen fort? und ſo ſchnell?“ frug Herr Warn⸗ ₰ koͤnig betreten. „Ich weiß es ſchon ſeit Weihnachten,“ entgegnete dieſer,„aber ich wollte mir die gluckliche Zeit in Ih⸗ rem Hauſe gluͤcklich und rein erhalten bis auf den letz⸗ ten Augenblick; dann an der Thuͤr, den Hut in der Hand, erſt ſagen: Lebt wohl! lebt auf immer wohl, ihr guten Menſchen, denn ich komme niemals wieder! dann ſahet Ihr mich an, die Augen verquollen, das Herz war beklommen, ich war verſchwunden— und bald vergeſſen! So um Sie und Hilda zu ſchonen und mich— darum verſchwieg ich es!“ 7 „Man muß Allem ſeinen natuͤrlichen Lauf laſſen!“ erinnerte Warnkonig.„Sie wollten ein Herbſt ſein, ein Winterſturm, der plötzlich alle Blumen üͤber⸗ ſchneit. Wie ſanfter und weiſer verfaͤhrt der wahre Herbſt! Wie meldet ſich ein kuhles Luftchen erſt, ſchon wenn es noch Sommer ſcheint, auf dem Stoppelfelde! Wie nimmt der Himmel, gleichſam zum Scherz wie ein Kind, die alte herbſtliche Maske nur auf kurze Minuten zuerſt an Morgen und Abenden vor— und gleich wieder ab, um die Menſchen nicht zu erſchrecken; nein, um ſie vorzubereiten, daß ſie nachher doch auch wiſſen, welche treue Seele dahinter ſteckt, wenn er die alte Maske dann lange, lange vorbehalt. Selbſt der Fruͤhling meldet alle ſein Schoͤnes erſt mit Einem Bluͤmchen, einem Schneeglöckchen, einem Veilchen— und gleich wieder hinweg! Geſchweige nun mit ſo Schmerzlichem wollten Sie, Sie, uns ſo plötzlich— erfreuen doch nicht? lieber Schreckhorn!“ „Ich meinte es gut!“ bat dieſer;„wie ſollte ich auch bisher von Scheiden ſprechen, das Wort anre⸗ gen, da ihre gute Frau— ſcheiden ſollte, und nicht in die Heimath mehr, in die unvergeßliche Schweiz, wie mir Lebenden das Gluͤck zu Theil werden ſoll. Mein Gott, ich hätte ja mit Abſchiedsworten das Alp⸗ horn geblaſen! den Kuhreigen!—“ „Still doch!“ ſprach Warnkonig weich.„Mich friert, als wenn ich wieder die Gletſcher und die La⸗ winen ſähe! Ach, jetzt iſt mein Weib wirklich verſchuͤt⸗ Scheſers neue Nov. L 20 tet, aber nicht mit Schnee! Ach, ich wuͤnſchte, ich koͤnnte mit Ihnen reiſen, und mir das ſchoͤne junge Madchen noch einmal aus dem Lawinenſturz aus⸗ ſchaufeln!“ Und nach einer Weile, in welcher ſich ſeine vergan⸗ genen Tage vor ſeinen Augen aufthaten, wie ein ſtiller prachtvoller Bilderſaal mit coloſſalen Bildern in Rah⸗ men von Gold und Morgen- und Abendroth, fuhr er fort:„Es war ein reizender Morgen! Von einer Ge⸗ ſchaͤftsreiſe nach Strasburg hatte ich einen Ausflug— zu Fuß in die Schweiz gemacht. Auf der Wanderung aus den Bergen, war ich ſehr fruͤh aus dem Dorfe aufgebrochen, worin ich uͤbernachtet. Die Spitzen der Gletſcher glommen im Feuer der Morgenroͤthe, das uͤber den weißen, glänzenden Haͤuptern der Berge und, uͤber den Thalern von jenem unergruͤndlichen Feuer ſich entzuͤndet, das alter als alle Urwelt, älter als alle Fa⸗ belreiche, nach jeden Morgen wieder ſichtbar und un⸗ läugbar, da droben ſauſt und waltet. Wie ich meinen Weg an der Erde dahin zog, drang die roſige Fluth, unmerklich ruͤckend, immer tiefer herab, und es ward ſo bluͤhend und hell, als wenn es die Nacht den rein⸗ ſten Roſenſchnee geſchneit. Links meines Weges dahin lag die Bergwand, wie von Göttern geſchmiedet, hoch und ſtill, und ſo lieblich und weiß, als von Feen aus blendender Baumwolle locker aufgethuͤrmt, ja wie fuͤr Menſchen ſichtbar nur hingeträumt— zum Weg⸗ —— ——— —— — 807— hauchen! In der Senkung der Flaͤche, grade vor mir, ſah ich eine Muͤhle, und naͤher zu mir zu, ein Haus, vor welchem ein Wagen hielt, und vier Menſchen, zwei Frauen und zwei Manner. Aber uͤber ihnen hing eine maͤchtige Lawine, eine furchtbare Naſe an einer hohen Goͤtterſtirn; und es war, als wenn der Kopf eines un⸗ geheueren Memnons, oder der Kopf des Briareus, nur weiß und todt, oder ſchlafend aus der Erde empor ge⸗ taucht.„Leichtſinnig, verwogen, ja unglaublich, wenn ich's nicht ſähe,“ ſprach ich bei mir—„daß Menſchen unter dem ſichtbar drohenden Tode ruhig fort leben, und einem ſchnellen Thauwetter, einem Luͤftchen, ja einem Sonnenſtrahle, dem Ton eines Alphorns, dem Klang einer Glocke, welcher die Luft nur leiſe erſchut⸗ tert, ihr Leben vertrauen! Wenn es Noth thut, wollen ſie wegziehen, wie die Bewohner der Doͤrfer am Veſuv und am Aetna oder dem Stromboli. Aber die Lava nimmt einen andern Lauf, oder ſtockt— und ſie blei⸗ ben; Vater, Kind und Kindeskind; die Lawine uͤber ihnen verzehrt ſich leiſe, oder ſie ſpaltet, und fällt links und rechts ihrer Huͤtte— und ſie bleiben; Vater, Kind und Kindeskind. Und du, du wagſt dich auch, darun⸗ ter hinweg zu gehn! O Beruhigung der Gewohnheit! O maͤchtiger Zug des Lebens, nach vor! Iſt's doch ſo ſtill, und die Wolken ruhn; und hoͤr ich nicht eine Lerche ſingen? ſchwebet ein Adler nicht ruhig umher? grunt es nicht ſchon am Bache? Soll ich einen großen Umweg machen, und die Leute mich auslachen laſſen? 20* — 308— Stehen die Menſchen nicht dort, munter und furchtlos, und hoͤr' ich nicht ſchon ihre Stimmen?—“ 5 „So voll menſchlichen Zutrauens, lag ich auf ein⸗ mal am Boden, platt auf dem Ruͤcken. Mir war geweſen, als wenn mich plotzlich ein Rieſe vor die Bruſt ſchlage und ruͤcklings hinwerfe. Ein Windſtoß hatte mich umgeriſſen, und wie ich mich faßte, hatte ich noch keinen Athem. In dieſer Betaäubung war der erſte Donner des Sturzes der großen Lawine vor mir, uͤber mich hingefahren— jetzt, im Echo hoͤrt' ich ſie brechen, ſauſen, anſchlagen, ſich aufſchuͤtten, droͤhnen, poltern, plaͤrren und donnern! und das wohl dreimal, viermal gegenuͤber und umher!— MNun war es ſtill! — Nur Schneeſtaub flirrte und flimmerte fein und wirbelnd bewegt in der blauen Luft. Ich richtete mich auf, ergriff meinen Hut, der mir weit zuruͤck geweht war von dem heftigen Drucke der Luft, ich ſahe auf — die Lawine war verſchwunden. Aber auf der Straße lag ein Schneehugel. Pferde, Wagen, Menſchen und Haus war begraben! Ich ſtand vor Erſchrecken ſtill, waͤhrend eine Glocke hinter mir im Dorfe wie zum Begräbniß der Armen erklang. Aber es war der ſchnelle ängſtliche Ruf zur Huͤlfe! Und während ich nur ſehr langſam auf den Schneehuͤgel los ſchritt, ſummte es mir verworren nach. Es waren die Männer und Wei⸗ ber aus dem Dorfe, die haſtig heraneilten mit Schau⸗ fein und Hacken. Meine Auskunft, als die des näch⸗ ſten Augenzeugen war ihnen willkommen. So wogten — 300— wir hin. Selbſt ein kleiner Knabe ohne Muͤtze ſchleppte eine Schaufel. Er ſetzte mit an. Aber ich nahm ſie ihm ab, und wir ſchlugen ein, wo die Klugſten mein⸗ ten, daß die Straße das Haus beruͤhrt, denn die Leute wußten von mir, daß die Bewohner vor dem Hauſe geſtanden und wo. Wir gruben im Schweiß unſres Angeſichtes lange, lange. Aber leider, ſtießen wir erſt auf die Feuereſſe des Hauſes, deſſen Dach zuſammen⸗ gebrochen war. Um nicht vergeblich ſolche Arbeit ge⸗ than zu haben, und nicht die koſtbare Zeit der Rettung zu verlieren, hatte einer den Einfall: durch das Dach hinab in das Haus zu ſteigen, und von der Hausthuͤr aus einen Grottengang durch den feſt zuſammengeſtuͤrz⸗ ten Schnee auf die Straße zu brechen, um nicht die Maſſe von oben zu Tage abraͤumen zu muͤſſen. Wie aber die Meinungen auch hier getheilt waren, wie bei allen Gefahren, Loſchungen und dergleichen, ſo ließen ſich Andre, vor allen die Weiber, nicht nehmen, einen neuen großen Trichter von oben herab auszuſchaufeln. Wir drunten, fleißig vor Ort arbeitend, hoͤrten endlich mit unausſprechlicher Freude— die Pferde ſchnaufen! Der nun verdoppelte Eifer aber ließ uns weniger vor⸗ ſichtig ſein, und Eile that Noth! Wie ich die Schau⸗ fel heftig vorſtoße— hoͤr' ich einen Schrei, dumpf und gedaͤmpft und ſchwach, aber gräßlich! Ich bin au⸗ ßer mir, ich knie hin, ich raffe mit den Händen weg, und entbloͤße eine Hand, deren weiße erſtarrte Finger nach Rettung griffen; ich entbloͤße einen kalten weißen — 310— vollen Mädchenarm! Daun Kopf, Schulter— das ganze ſchoͤne Madchen, noch lebend, athmend, aber im Antlit ſelbſt ſchneeweiß und doch feucht umher, wo die Warme der jungen Glieder den Schnee um ſie erweicht. Ihr erſtes Wort war eine herzzerſchneidende Klage, eine unbewußte Anklage meiner! denn ich— ich hatte ſie jaͤh in der Seite verwundet. Ich hatte keine Gedan⸗ ken mehr an die Andern, die noch der Huͤlfe zu be⸗ duͤrfen ſchienen, ich hörte von Zeit zu Zeit kaum, daß man ihren Vater, dann ihre Mutter hervorzog— aber todt; auch den Fuhrmann— aber todt. Es ward Tag in dem Gewolbe wie von durchſichtigem Alabaſter, nach und nach roſig und roſiger ſchimmernd. Die Frauen brachen von oben herab hindurch mit der duͤn⸗ nen Decke, und die Sonne beſchien das herrliche Kind deſſen Hand ich hielt, das ich gefunden, gerettet, aber auch vielleicht dem Tode geweiht hatte. Ich gab mich ihr als den Schuldigen an; aber die Andern ſagten ihr auch, daß ich durch Angabe der naͤhern Umſtände ihr Retter geworden. O wie ſah ſie mich an!“ „Die Kinder trampelten bald eine Treppe herab, und ich fuͤhrte ſie muͤhſam hinauf. Droben auf dem Rande des Schnee⸗Keſſels umher ſtand eine Walfahrt, den fuͤhrenden Prieſter in ihrer Mitte; und als ſie er⸗ fuhren, daß drei Todte da unten laͤgen, das eine Pferd ungerechnet, ſtimmten ſie ein frommes Lied an, wozu die lebendiggebliebene Tochter weinte, und mit dem Ge⸗ ſicht in dem Schnee lag. Aber da waren auch die — 311— Muͤhlknechte und Maͤgde, die neun Toͤchter des Muͤllers, und der Muͤller Schreckhorn— ihr braver Vater! Zu ihm nun brachten wir Emmelinen in die Muͤhle. Auch ich blieb dort— ſo lange— meinte mein Herz— bis ich wuͤßte, daß ſie gewiß geneſe! Indeß wurden ihre Aeltern begraben. Ich ließ den drei Todten die gebräuchlichen drei Kreuze ſetzen. Das Haus war verfallen. Die Tochter war arm, und hatte Niemanden. Ihr Vater, lieber Schreckhorn, war ſchon mit neun Töchtern begabt; ich ließ ihm merken, daß ich das liebe ſiebenzehnjaͤhrige, aber herrlich gewachſene Maͤdchen daheim zum Weibe nehmen wolle. So hieß man nun unſere gegenſeitige Neigung gut! Nach ſechs Wochen verlobten wir uns, und ſo nahm ich ſie heim. Wie glucklich wir gelebt, wiſſen Sie, ſeit Ihr Vater Sie aus Iferten„vom Peſtaluzz“, wie er ihn nannte, nahm, und, mir empfohlen, hierher ſchickte. Sie ver⸗ langte ſo ſehr einmal in ihre Heimath, die ſie der Toch⸗ ter zeigen wollte— Paß, Kleider, Alles liegt bereit, und nun!— Der Menſch iſt das einzige undankbare Geſchopf— je länger er ſehr glucklich geweſen, je mehr lagt er nachher, wenn ſein Glck ſich aufgeloſt, wenn ihm Nichts geblieben!“ H 5 3 Seine Tochter, Hilda, kam jetzt, wie eine Gei⸗ ſtererſcheinung, da ſie der Mutter ſehr ähnlich ſahe, und grade in den Jahren der Jugend und der Fuͤlle — ſtand, wie der Vater einſt ihre Mutter gefunden; ſie kam aber auch als ein ſtiller Vorwurf fur ihn, daß er nicht Alles verloren, nein, daß ihm eine unſchätzbare Gabe der Natur geblieben, die ihn uͤberdauern werde und lieben, bis er die Augen ſchließe, und dann noch ihr langes treues Leben lang, bis ihr die ſchoͤnen blauen Augen ſelbſt zufielen von dem heiligen Schlaf, den die Sonne macht. Das Herz des armen Mannes durch⸗ rieſelte auch ein Gefuhl des ewigen Lebens, des immer neuen Aufbluͤhens verjuͤngter Gebilde aus den fruͤhern Gebilden— als wenn die Eine Geſtalt immer fort lebte auf Erden. Denn damals war ſeine Tochter nicht zu ſehen geweſen; jetzt war die Mutter verſchwun⸗ den, und ihre Tochter ſtand an ihrer Statt, ja als ſie ſelbſt und wie ſie ſelbſt, ſichtbar vor ſeinen feuchten Augen. Er reichte ihr die Hand hin, ſie ihm; und ſo druͤckten ſie einander, und lächelten ſich freundlich und troſtlich an. Hilda aber ſetzte die Flaſche Wein auf den Tiſch, und den Teller mit Schinken und Brod aus dem ſaubern Schuͤrzchen. Der Vater ſahe ſie daruͤber an, als wenn ſeine Caſſe jetzt ſolche Ausgaben nicht mehr erlaube; ſie aber winkte mit den Augen hinuͤber nach Vater Veit nebſt dem Bruder Bock, und der alte Warnkonig ſchlug die Augen zu Boden. Herr Schreckhorn brachte es, trotz ſeiner ſonſt wie unverwuͤſtlichen Laune, heute kaum zu dem gewoͤhnlichen Gruße au Hilda:„Guten Morgen, liebe Warnprin⸗ zeſſin!“ Aber die ganze Lage ſeines alten Freundes und — 313— deſſen Tochter bedenkend, und was nach den moͤg⸗ lichen, ja wahrſcheinlichen Folgen aus ihm und aus ihr werden ſollte, ſprach er nun ihnen zum Troſte: „Indeß iſt heute Nacht ein ſtupender Schwanb geſche⸗ ben⸗ der noch weiter erſchallen wird.“ „Ein Schnnkẽ frug Herr Warnkönig, wie ab⸗ weiſend. „Laſſen Sie den ſich gefallen!“ fuhr Schreckhorn fort.„Es iſt doch eine Herzſtärkung, wenn auch Sie von Rache gewiß nichts choͤren wollen. Drunten in unſerem Hauſe wohnt der faſt mit lauter neuen Buͤchern handelnde Herr Antiquar— Cicero genannt; und weil ihn der ewige Setzer aus dem groͤßten Alphabet genommen, aus den Anfangsbuchſtaben der Menſchheit, und beſo.ders weil dieſer Cicero ein Bein gebrochen auf unrechten Wegen, ſo iſt er zubenannt: Cicero⸗ Fractur, und handelt mit Nachdruck. Im mittel⸗ ſten Stock wohnt ein extra⸗ordentlicher Profeſſor der Witterungskunde, Weinbrauerei und Heuzuckermacher⸗ kunſt, der gern nicht ſo wenig Buͤcher hätte, aber nicht viel Geld darauf wenden darf, weil die extraordinaire Frau Profeſſorin es ihm nicht erlaubt, da ſie ſpricht: „beſſer, Du wirſt mir nicht zu geſcheid, und die Kin⸗ der haben einmal etwas! Was gilt weniger als ein altes Buche Antworte!“— Er aber antwortete Nichts, und kauft alſo, Noth- oder Frau⸗ gedrungen— denn die Frau iſt ſeine größte Noth— er kauft alſo Nach⸗ druck und bezahlt ihn ehrlich.— Wenn einmal die — 314— lieben Engel vom Himmel hernieder ſteigen, dann wohn' ich am naͤchſten fuͤr ſie, und im erſten Stocke — bis dahin aber im Oberſten, der den muͤden Knien zum Ehrentroſt, dieſen vornehmen Namen hat. Ich habe nun meine zahlloſe, in Auctionen mit muͤden Beinen erſtandene Bibliothek, den Hub aller Auctionen, auf dem Boden, dem man es gar nicht anſehen ſollte, wie viel er Buͤcher faßt; denn Sie wiſſen, geduldiger Schaafe gehen viel in einen Stall; Ungeduldiger aber noch mehr, denn die hocken uͤber einander. Unter meinen Buͤchern iſt aber kein Nachdruck,(im erſten und zweiten Stock ausgenommen) denn ich mag kein Helfershelfer der Diebe ſein, noch geſtohlen Gut heh⸗ len; und da die meiſten Menſchen ſehr ehrliche Leute ſind, wenn ſie oöffentlich und erwieſen'etwas ſtehlen und hehlen ſollten, ſo wuͤnſchte ich nichts, als die Nach⸗ drucker wuͤrden bloß gezwungen auf ihre edlen Werke zu ſetzen:„Nachdruck.“— Nach dem Geſagten nun moͤgen Sie ſelbſt ermeſſen, ob das eclatante, ſogenannte „kalte Feuerwerk“ und der Fackelzug der Herrn Buch⸗ druckerjungen mir gegolten, da ſie einen Wagen voll Ballen Nachdrucks noch geſtern ſpaͤt Abends ausgeſpuͤrt, der heut fruͤh morgens abgeladen werden ſollte, und vor der Ladenthuͤr ſtand..“ 6 „Da iſt mein Herr Elendshaut vom Harze gewiß dabei, wenn nicht gar an der Spitze geweſen, hircus dux pecoris! Er ſoll kommen!“ ſprach — 315— Schreckhorn ging ihn zu holen; aber er brachte die Antwort:„Elendshaut ſchlaͤft, zwar in den Kleidern, aber nicht zu ermuntern. Da nun grade indeſſen der Drucker, Herr Quietſch, gekommen und ſich Aus⸗ kunft beim Herrn geholt, ſo brachte dieſer endlich den jungen Elendshaut, noch halb trunken und ſchlaftrun⸗ ken; aber ganz beraucht und ſchwarz im Geſicht, vor den Herrn, und derſelbe bekam nun Ordre, das Ge⸗ ſchäft zu erzaͤhlen. Und von Eifer und Haß noch ganz im Harniſch, brachte er nur in abgeriſſenen Sätzen heraus, daß ihre rechtſchaffene Gilde dem Antiquar, Herrn Cicero-Fractur, der neue, ſogar erſt kuͤnftige Buͤcher im voraus nachgedruckt oder vorgedruckt verkauft, und dem extra⸗ordinairen Profeſſor ein ironiſches Vi⸗ vat gebracht. Mit Rauchpfannen und Fackeln ſeien ſie— auf hohe Anzeige— hingezogen, aber die Rauch⸗ pfannen ſeien mit Assa foetida, gewuͤrzt geweſen, die Fackeln aber mit dem uͤbelberuͤchtigten Bern⸗ ſteinol getraͤnkt und mit penetranter hoͤlliſcher Schwefel⸗ leber geſpickt, daß ihm noch ganz die Ohnmacht an⸗ haͤnge. Aber die zum Feuerwerk exercirten Mund⸗ Ragqueten, die Schwaͤrmer und Leuchtkugeln ſeien, von 200 Zungen und 400 Lippen dargeſtellt, taͤuſchend ausgefallen, und beſonders die bewundernden Ah!— Ah!— Ah! die auf die geſtiegenen, Camphorſternchen ſpruͤhenden Raqueten gefolgt.— Weil die Studenten nichts mehr duͤrfen, als ſtudiren, ſo iſt die ganze Ju⸗ gend, beſonders aber Wir, die Herren Jungen, zu den — 316— abgelegten Studenten geworden, die kuͤnftig die Welt ſollen ſalzen!“ Und durch ſeine eigenen Worte begeiſtert, ſang er nun gar, nach der Melodie das gaudeamus igitur, das geſtern bei der Retirade geſungene: Studentenlied. „Wir ſind die Fäſſer fuͤr den Moſt Des neugefullten Lebens:,: Und gährt er nicht in Uns recht klar, So bleibt die Welt dann offenbar Ein tauſendköpf'ger Eſel:,: Und ſchlaͤgt man gar die Fäſſer ein, Dann wird die Welt zum Faſſe!:: Das iſt der Nutz von Zwing und Zwang, Die Welt hält feſt an Sing und Sang, Der tauſendkoͤpfge Eſel!,: 6 Der alte Herr war uber den Vorfall in ſeine eige⸗ nen Gedanken tief verſunken, und da er erſt jetzt da⸗ durch aufwachte, daß Bruder Bock mit in die Schluß⸗ ſtrophe einſtimmte, und Vater Veit mit vollem Munde doch dazu brummte, ſo gebot er ſeinem Herrn Elends⸗ haut Stillſchweigen, und verhieß ihm nachträgliche gnuͤg⸗ liche Strafe. Doch Schreckhorn bat fuͤr die ehrliche, recht und gerecht fuͤhlende Jugend, und ſprach:„Zuͤr⸗ nen Sie nicht, lieber Herr Warnkonig! Alles Wahre und alles Junge kommt, wie Kinder, iminer etwas un⸗ förmlich mit großem Kopfs und großen Augen zur Welt — 317— — der Kopf andert ſich wenig, die Augen treten her⸗ vor, und nur die uͤbrigen Glieder wachſen, bis das Verhaͤltniß ſich richtig verhaͤlt! Freuen Sie ſich lieber! Denn wenn ein Unrecht ſo oͤffentlich ausgethan wird, wenn die Gerechtigkeit in die Herren Jungen faͤhrt, und es ein zwanzig Jahr lang vön ſelber doch gar nicht will beſſer werden— dann duͤrfen wir hoffen, das endlich ein Geſetz daraus wird— verlaſſen Sie ſich auf mein Wort!“— und damit reichte er dem Herrn Jungen ſein volles Glas Wein. „Herr Schteckhorn!“ ſprach dieſer ermuthigt,„den beſten Spaß aber haben wir von den Englaͤndern ge⸗ lernt, denn alle Buͤcher von uͤber der See riechen nach Steinkohlen; wir— haben den Nachdruck tuͤchtig mit Assa geräuchert, daß der Wagen bald brannte, und jedes nachgedruckte Buch riecht heilig nach dem, von wannen er ſtammt— nach dem Teufel! Ohne den gaͤbs keinen Bock und Veit hier in unſeres Herren La⸗ den. Herr, das wurmt! Aber heute muß alles heraus! Der Setzer verkauft auch die geſammelten Aushaͤnge⸗ bogen, wohl 30 Exemplare von jedem Werke, und eh's noch herauskommt, daher koͤnnen denn Andre wohl ſchleudern, denen Rechnung verſagt werden ſollte! Da⸗ her ſind unſeres Herrn„Leiden der Zeit“ eher als Nachdruck erſchienen, als Er einen Groſchen dafuͤr ge⸗ ſehen! Herr, das wurmt! Ich bin eine ehrliche Haut, und das Elend bur der Heirt Erſt. kam heim⸗ lich ein Herr.. — 56 Der rechte Kunde. Ein Herr, und der hoͤfliche gelbe Herr Brieſtrager Schellack wollten zuleich in den Laden. Der junge fremde Herr war aber noch hoͤflicher, als der Briefträ⸗ ger, der zuerſt hinein mußte, und zwei Briefe an Herrn Warnkoͤnig brachte, nicht frankirt, alſo Berechtigte, von Beſtellern oder Mahnern. Herr Warnkoͤnig ſuchte das Porto aus dem kleinen geflochtenen Schwingchen zuſammen, mochte die Hand kennen und las ſogleich. Der ſehr angenehme ſchuͤchterne Fremde aber bat um ein Buch. Er hatte wohl Urſachen, verlegen zu ſein, nicht ſeiner einnehmenden Geſichtsbildung und Geſtalt wegen, nicht der Gutmuͤthigkeit und Ehrlichkeit willen, die in ſeinen Zuͤgen lag, ja ſo jung er war, ſich ihnen ſchon eingeprägt hatte und aus ſeinen mild⸗ blickenden Augen ſprach; ſondern er war ſo furchtſam“ und preßte die Lippen zuſammen, weil er wußte, daß er Maria Mauskopf hieß, und ſein Vater: Joſeph Mauskopf und Compagnie, ein probater und privile⸗ girter Nachdrucker war, dem er als Sohn Gehorſam leiſtete bis zum heimlichen Erſchleichen noch nicht aus⸗ gegebener Werke, incluſive, und zur Beſichtigung und zum Ankauf ſogenannter Furor-Buͤcher und Huckepack⸗ traͤger, die dem Verleger zehn Faule oder Lahme mit uͤbertragen.—„Wenn man nun hier meine Abſicht wuͤßte,“ dachte er,„ſo wurden mich die zwei Maͤnner mit Seitengewehren, ſo alt und ſchwach ſie ſind, leicht — greifen und binden, denn ich koͤnnte nicht widerſtehen vor Schwaͤche, die das Unrecht giebt, und vor Schaam! Ja ich ließe mir von dem Engel in Madchengeſtalt— der mir das Buch holt— alle Haare ausreißen, und mich mit den holden Fuͤßchen treten, die dort auf der Leiter ſtehen! Aber das wuͤrden ſie nicht, denn ihre Eigenthuͤmerin iſt gar ſo herzig und lieb! Aber der alte Spießbuͤrger macht wohl etwas in dem kleinen blecher⸗ nen Zugofen heiß? vielleicht gar ein Eiſen, um mir ein Mahl auf die Stirn zu brennen!— Ach, nein! der ehrliche alte Magen macht ſich nur Baͤhſchnitte! Und vielleicht, wahrſcheinlich, gewiß ſitzen beide nur hier als Wechſelwache, weil mein Herr Vater„ach! — vielleicht faͤllt der alte Warnkoͤnig gar, der dort mit feuchten Augen ſitzt, weil ich ihm wieder ein Buch abkaufe, das mein Herr Vater. ach!— und wie freundlich und gar ſo gefaͤllig kommt nun die liebe Tochter und liefert mir ihres Vaters Nagel zum Sarge aus! Aber Gott ſegne meine Frau Mutter im Grabe, daß ſie mir eignes Vermoͤgen hinterlaſſen! Und wenn ich ein freier Mann bin, will ich ein ehrlicher Mann ſein!“— Das verſprach er ſich ſelbſt, denn er machte die Finger der rechten Hand zu, und druͤckte ſie mit viermaligem leiſen Schuͤtteln. Durch dieſen Entſchluß geſtaͤrkt, hatte er nun Muth, Hilda recht freundlich anzuſehen. Aber o Him⸗ mel, welch ein Maͤdchen! Er hielt vor Erſtaunen die Hand auf dem Buche; und ſie hielt die Hand auf — 320— dem Buche, als gebe es nun fuͤr ſie in der Welt wei⸗ ter kein Geſchaͤft, als ſeinetwegen da zu ſein, und ihm Freude zu machen, wie ihm ihr Anblick denn unver⸗ kennbar reine himmliſche Freude machte. Ihr Herz ſchlug ruhig, wie ſeines; ſie empfand ſich nur noch als Auge, Seele; und in Auge und Seele nur als er. Er nur, als Sie. Ihr Leben ſchien aus, und es ſollte doch erſt angehen, und beide ſchienen doch noch etwas zu erwarten, wozu ſie ſelbſt nichts mehr beitragen, was ſie ſelbſt nicht herbeiſchaffen, nicht herzaubern konnten — die Entfaltung des Lebens, die Bewaͤhrung der Liebe! Mehr bedurften ſie nicht, aber das war viel, ſehr viel! Die Natur konnte es nur erwirken durch alle ihre Maͤchte; und wenn auch fuͤr Tauſende, doch fuͤr ſie eben ſo gut, als wirke ſie es fuͤr ſie allein. Es war viel. Denn deswegen waren ſie ſchon gekom⸗ men, nämlich: auf die Erde— und daß ſie ſich hier im Buchladen fanden— das wußten ſie nicht. Aber Schreckhorn ſah es, und ſprach in ſeiner Seele:„eine Verliebung im Buchladen! Aber— auch der Buchla⸗ den iſt auf der Erde, in der Welt, und ein recht hei⸗ liger Ort, weil da viele alte und junge Geiſter umher unſichtbar gegenwärtig ſind, keine gemeinen Gratulan⸗ ten, die ein bloßes kurzes Neujahr wuͤnſchen, ſon⸗ dern ein langes gluͤckſeliges Jahrhundert— ohne Nach⸗ druck!—“. Ale Herzensergießungen haben— trotz ihrer Be⸗ ſchloſſenheit und ihres gleichſam Außerweltiſchen— — s— ihres Befremdlichen und ihrer Einſeitigkeit wegen fur den Erfahrenen immer etwas Lacherliches, Beſchämendes an ſich; und ſo beugte ſich Schreckhorn auch laͤchelnd mit dem Geſicht naͤher auf den Titel des Werkes, das vor ihnen lag. Das Paar, wie aus einem ſeligen Traume erwacht, zog die Haͤnde davon, und ſchaamroth neigte ſich nun auch der junge Maria, und murmelte die großgedruckte Schrift des Titels„Deutſchland in Bildern.“ Aber was darunter gedruckt ſtand, uͤber⸗ raſchte, ja erſchreckte ihn ſo, daß er auffuhr und Schreck⸗ horn wie aus den Wolken gefallen anſah. Dann buckte er ſich wieder, und las den, unter des Verlegers(Warn⸗ koͤnig) Namen, Ort und der Jahrzahl ſtehenden kurzen, mit Goldſchrift gedruckten Contract:„Verkauft, un⸗ ter der Bedingung es nicht nachzudrucken.“— „Dieſen Kaufcontract ſollte eigentlich jeder Verleger auf jedes Werk drucken,“ bemerkte Schreckhorn;„ſtill⸗ ſchweigend verſteht er ſich von ſelbſt bei allen ehrlichen Kaͤufern; aber warum nicht bei den hart- oder taub⸗ gewiſſigen grade bedingen, wozu man ein Recht hat, ein ſauerbezahltes, noch immer gefährliches Recht! Herr —— ich weiß ihren geehrten Namen nicht!“— In der groͤßten Verlegenheit vor innerer uberwallen⸗ der Eyrlichkeit wollte Herr Maria das Werk zuruͤck⸗ ſchieben. Aber er beſann ſich, daß er ſich dadurch ver⸗ rathen wuͤrde, zoͤgerte aber doch, den Ducaten dafuͤr zu bezahlen, der ihm vielleicht tauſend einbringen ſollte. Davor furchtete er ſich. Nach dem Gelde aber hatts Schefers neue Nov. I. 24 2 er den blauen Oberrock und den ſchwarzen Frack auf⸗ geknopft, und Elendshaut ſpuͤrte mit der Naſe, als ob des Fremden gute, wahrſcheinlich erſt heut ausgepackte Kleider mit nach Assa roͤchen— alſo wohl geſtern zugleich mit die Räucherung erhalten? und winkte Schreckhorn mit den Augen, dem es nun auch ſo vor⸗ kam, und der darum nur etwas geſpannt ſich verneh— men ließ:„Nicht wahr, ſehr lieber junger Mann, es giebt ein geiſtiges Eigenthum, um das Bei⸗ ſpiel nicht weit zu holen— in der Liebe; und ohne dieß fiele die Welt aus einander, oder kaͤme gar nicht erſt zuſammen! So giebt es daſſelbe in der Kunſt und Wiſſenſchaft—„ach, was ich weiß kann Jeder wiſſen — mein Herz hab' ich allein!“ ſagte der, nunmehr gewiß ſchon 74jährige Werther. Das Herz macht aber den Kuͤnſtler, und daraus ſtammt ſein Werk. Oder, belieben Sie auch ein geiſtiges Eigenthum zu laͤugnen — ſo giebt es ein Leibliches, in das ſich das Geiſtige transſubſtanziirt— die Handſchrift! und ein Recht auf ſie, ſo eigen wie das Recht auf das Leben, und der Schriftſteller kann ſeine Handſchrift verbrennen.. „Entſetzlich!“ ſchaltete Herr Maria ein; „etwa wie Virgil— wollte,“ „Ah, ſo!“ „zum Beſten der Blinden verlaſſen, wie der poeti⸗ ſche Koͤnig, oder verkaufen zu eignem Nutz und Ver⸗ gnuͤgen, wie etwa Sir Walter—“ „Armes Deutſchland!“ — —„oder was das Beweiſendſte iſt— er kann ſie gar nicht ſchreiben!“ „Sie erſchrecken die Welt“ —„oder doch auswendig in ſich behalten, wie der Dictator Pelille, der ein ambulanter Schatz fuͤr jeden Verleger war. Kurz, ich meine von dem, noch nicht auf Autor und Verleger vollſtändig angewandten vor⸗ trefflichſten Preuß. Landrecht, die Stellen:„Zum vol⸗ len Eigenthume gehoͤrt das Recht, die Sache zu beſitzen, zu gebrauchen und ſich derſelben zu begeben.“ Sein Recht aber tritt der Schriftſteller ab, auf belie⸗ bige Bedingung und Zeit, und„die Abtretung der Rechte ſetzt einen Vertrag voraus, wodurch Jemand (der Autor) ſich verpflichtet, einem Andern das Eigen⸗ thum ſeines Rechtes gegen eine beſtimmte Vetgeltung zu uͤberlaſſen.“ Nun aber ſagen Sie, gewiß edler junger Mann, kauft ein Narr das Recht?“ „Ich meine nicht!“ meinte der junge Herr Maria; ſondern ein Buchhändler kauft es! und dieſe muſſen heut zu Tag ſo Welt, und Lauf der Welt politiſche Umſtaͤnde und Meinungen, Sprachen und Wiſſenſchaften kennen, daß mir davor grauſt, bald ſelbſt——“ „Wuͤrden Sie alſo wohl, allerliebſter Herr, ein meiſt ſehr uͤbel gemaltes Manuſcript— denn: Doecti male pingunt— etwa die Lammermoor fuͤr 10,000 Pfund Sterling kaufen, wenn Sie nicht das Recht damit kauften, 10,000 Lammermoore daraus zu machen? Sagen Sie, Edelſter!“ — 324— „Ich nicht einmal ein gedrucktes Buch mit Bil⸗ dern, wie dieß hier; mein' ich!“— meinte der junge Maria wieder. „Mein Gott, bat Hilda Herrn Schreckhorn,„qualen Sie doch den Herrn nicht, der wie auf Nadeln ſteht!— Ge⸗ wiß Sie haben noch viele Geſchaͤfte!— Der Herr wird gewiß meinem Vater und Niemandem ein Buch nachdrucken!“ „Ich?— ich gewiß nicht!“ verſicherte dieſer, und ſein Herz benutzte die ſchoͤne Gelegenheit, der ſchoͤnen Hilda zum Geloͤbniß daruͤber gleichſam— die Hand zu reichen, aber ſie verſagte ihm ſchaamhaft die ihre. Und ruhiger fuhr daher Schreckhorn fort:„Liebe Warnprinzeſſin! ich wollte nur die goldene Schrift auf Ihres Herrn Vaters Verlag rechtfertigen durch die Er⸗ klärung. Sie ſehn, ſie macht Eindruck! Denn noch ein Wort ſteht da:„wer nur die Proprietät ohne das Nutzungsrecht hat, wird Eigner genannt“ und das nur ſind alle Kaufer von Buͤchern, und dieſes ihr, mit einem Pappenſtiele bezahlte„Recht, uͤber die Sub⸗ ſtanz der Sache zu verfuͤgen, wird Proprietaͤt ge⸗ nannt.“„Ein chrankungen des Eigenthums muͤſſen alſo durch Natur, Geſetze oder Willenserklärung beſtimmt ſein“— und unſer lieber Herr hält einen Buchhändler, wie wir horten, fuͤr viel zu ſolid, als daß er ſein Buch, das nachgedruckt werden ſollte— wie hier„Deutſchland in Bildern“ fuͤn zwei Ducaten hinfahren laſſen ſollte, das ihm 12,000 koſtet.— Ein Kluger haͤlt Andere auch für klug, nicht wahr? Und Sie gewiß!“ — 325— „Von fuͤr dumm halten, oder von ſelber nur dumm ſein, iſt wohl keine Rede,“ entgegnete dieſer, faſt Thra⸗ nen in den Augen. Hilda bat mit der ſanften Gewalt ihrer Augen Herrn Schreckhorn aufzuhoͤren, aber er laͤchelte nur den Frem⸗ den an, der innerlich zitterte, weil— ſein eigener Va⸗ ter ſchlecht war, wenn er nicht nur dumm war! Und das Buch unter den Arm nehmend, und ſich zum Scheiden bereitend, ſprach er nun ſelbſt:„Ich— ich ſehe es ein: der Verleger— als etwa in dieſem Falle, Herr Warnkoͤnig, beſitzt ſelbſt nur Ceſſion auf Zeit von dem Schriftſteller, und vom Verleger beſitzt der Kaͤufer, als Eigner nur: Proprietaͤt, Haus- und Verſtandes⸗ Gebrauch des Buches— der Nachdrucker dieſes Buches iſt alſo noch immer ein Schrift-ſtehler, nicht ein bloßer Nachdrucker.“— Er that einen Blick auf den alten Herrn Warnkönig und ſagte hochſt erregt zu Hilda: „o, Maria und Joſeph! was iſt denn Ihrem Herrn Vater?— Leben Sie wohl! Wir ſehen uns wieder! Gewiß, gewiß!“ Und angſtvoll ſchied er mit Haſt. Beſſtüͤrmung. Herr Warnkoͤnig hatte geſchrieben— wahrſcheinlich die Antwort auf einen der Briefe— aber von innern Empfindungen ubermannt, die Augen geſchloſſen, ſich ruckwaͤrts gelehnt; und ſo ſaß er blaß, reglos, die aus⸗ geſtreckte Hand mit der Feder ſteif auf dem Rande des — 326— Pultes; doch unter den Augenliedern hervorgeſchlichne Thraͤnen ſtanden ihm in den Falten der bleichen Wan⸗ gen. So fand ihn Hilda. Sie fuͤhlte mit bebender Hand ſeine Stirn— ſie war kalt; ſie ſchrie— wie ſie meinte, aber die Kehle war ihr vom Andrang des Blutes wie zugeſchnuͤrt, und Schreckhorn und Elends⸗ haut vernahmen nur ein heiſeres Aechzen. Aber ſie ſahen doch, und ſprangen mit hinzu.„Er iſt todt!“ ſprach Hilda leiſe mit Häͤnderingen. Da ſchlug der Vater gber die Augen auf, ohne ſich weiter zu regen, lächelte ſie an und ſprach:„Wohl mir, wenn ich's ware! Aber noch Bitterers ſteht mir bevor, als zu ſter⸗ ben, und nach dem Elend allen dann doch noch der Tod, aber, ſo Gott will, ein ſeliger Tod. ueber den Brief muͤßte ſich wohl einem andern als mir das Herz im Leibe umkehren! Und die Antwort, die Wahrheit, die ich nur darauf erwiedern kann, ſie brach mir die“ Kraft. Leben, wiſſen, ſehen, hoͤren, denken, ſich ein⸗ bilden, furchten— das Alles iſt Nichts, und hat keine rechte Wirkung; aber ſchreiben, ausſprechen, geſchrieben ſehen, wie es uns geht, das iſt ein Andres! O meine Tochter.—“ und nun ſchloß er wieder die Augen wie vor, und ſaß ſo, nur daß er jetzt ihre Hand hielt, als das Einzige, was er auf Erden noch gern empfinde — ihre Naͤhe und ihre Liebe. Und ſo widerſtand er nicht, als ſie ihn bat, hinguf in ihr Zimmer zu kom⸗ 5 men; er ſprang auf, er ergriff die Briefe, er wollte gehen, aber die Füße zitterten ihm und er wankte; N und als ſie ihn dann fuͤhrten, laͤchelte er daruͤber wie uͤber eine nun endlich auch ihm gekommene, neue Er⸗ ſcheinung in ſeinem ſo weit vorgeruͤckten Erdenleben, ſah ſich im Laden um, als werde er ihn nicht wieder betreten, und ſprach aus verborgenem Sinn nur die Worte:„Gott ſei Dank!“— Vater Veit aber ſah heruͤber, und ziſchelte leiſe zu ſeinem Collegen:„Es werden heut zu Tage ſo viel Comoͤdien geſpielt, faſt in allen Häuſern! Alle Tage, die Gott läßt werden, und ganz aus freien Stuͤcken oder aus dem ſogenannten Wegſtreif oder Stegreif, daß die ganze Stadt ein wahres Theater iſt. Denn die Kunſt ſoll Leben werden— ſteht hier. Daher ge⸗ hen ſie ſo wenig mehr in das ſogenannte Theater, wo ſie nur ſehen, wie ſie zu Hauſe ſind und nicht ſein wol⸗ len. Leute ſpielen jetzt uͤberall, denen man es gar nicht zugetraut, Bruder Bock! Und ſo natuͤrlich, wie vielleicht unſer Herr Warnkoͤnig! Verſtehſt du mich— unſer! Darum geh mit, Bruder Bock! Du haſt das Recht! Verſtehſt du mich. Ich heiße darum Vater Veit.“—— Und ſo begleitete Bruder Bock denn unwillig ſeinen Herrn Warnkoͤnig, wie einen aus irgend einer Liſt verſtellten Kranken, mit hinauf, und ſetzte ſich in Hildas lieblichem Zimmer gleich an die Thuͤr, an den Ofen. Herr Warnkoͤnig aber ſetzte ſich heute an ſeiner Toch⸗ ter engliſches Pianoforte von Sebaſtian Erard, und ſpielte, ſchlecht genug und noch oft ſich vergreifend, — 328— aber mit ruͤhrendem Ausdruck auf dem Monochordzug das Lied:„Wer nur den lieben Gott laßt walten.“ Hilda konnte es nicht lange anhoͤren, und bat den Va⸗ ter ſanft um Mittheilung deſſen, was ihm das Herz bedruͤcke, indem ſie noch einen andern Vers anfuͤhrte: „Weg haſt du allerwegen, an Mitteln fehlt dir's nicht!“ Und ſo gab er der Tochter und dem Freunde Schreck⸗ horn die Briefe, welche damit an das Fenſter traten und laſen, während er leiſe wie vor, bloß die Melodie zu dem Jubelgedicht an C. Tauchnitz ſpielte: „Heil unſter Kunſt!— Laß ihre Feinde wüthen; Sie trieb allein zur Frucht der Menſchheit Bluͤthen Und grub des Himmels Wort in Eiſen ein; Wagt oft auch Lüͤgengeiſt mit ihr zu ſcherzen Und ſpielt der Wahrheit Kraft aus Menſchenherzen, Wo Menſchen ſchweigen, zengt noch Erz und Stein.“ ⸗ Der Brief vom Maler. „Weichbild Nuͤrnberg den— 182— Großmaͤchtigſter Herr Warnkonig! Indem die Lerchen es ſchon wagen, wahrſcheinlich noch mit einiger Verzweiflung, in hoher Luft zu ſin— gen, hab' ich es auch gewagt mit meinem Leinwand⸗ ſchirm um die Stadt zu hocken und zu malen. Mein kleiner Junge, der vom Vater nicht weicht, ſieht ganz blau vor Kaͤlte aus, und wenn ich ihn nicht immer in das neue Gruͤn ausſchickte mir Marzbluͤmchen und . — 820— Gaͤnſebluͤmchen zu holen— um ihn zu erwaͤrmen, ſo ſaͤße er auch zu Hauſe bei ſeiner froſtigen Frau Mama, meinem Italieniſchen Weibe und lieber Gemma aus Olevano, die mir— wie ſie ſagt und wie ſie meint — nach Sibirien gefolgt iſt, wie ihr das ſchöne Fran⸗ kenland vorkommt. Indeß wiſſen Sie ſelbſt, daß we⸗ der die Ruſſen, noch die Kälte die Franzoſen aus dem Felde geſchlagen, wenn ſie genug zu eſſen und noch mehr zu trinken gehabt. Ihr Vorſchuß iſt abverdient durch die letzten 12 Blätter fuͤr Ihr„Deutſchland in Bildern“ und auch ich muß das Feld raumen, wenn Sie mir nicht einen Wagen Wein und Speiſen in etlgie ſchicken, etwa in Bildern auf Ducaten oder Thalern! Wer in Italien lange gelebt hat, dem kommt Deutſchland— wenn er nicht ſeinen Wein trinken kann— faſt unausſtehlich vor. Da ich nun mein Vaterland ſehr liebe, ſo ſorgen Sie guͤtigſt dafuͤr, daß ich es recht lieb habe! Wenn ich meine Gemma laͤn⸗ ger mit Bier muß erquicken, ſo laͤuft ſie mir wirklich fort, ins Weinland, in ihre elende Huͤtte— aber un⸗ ter heiligem, warmen Sonnenſchein. Ihr Commis, Herr Mahner, hat mich beſucht, und klimperte in Gelde, ja Golde, denn der Klang war fein; gab aber keins, wie Sie mich doch auf ihn vertroͤſtet! Meiner Gemma ſchenkte er zwar einen ſchönen warmen Shawl, und da jeder Mann ein Narr iſt, der Geſchenke an ſeine Frau nicht gleich vor ihren Augen zerreißt, ver⸗ dirbt oder zertruͤmmert, nach dem ſie es fähig ſind, ſo — 8330— hätte ich den Lappen auch gleich zerriſſen, wenn ſie nicht gefroren wie in Lappland. Eine andere Hand⸗ lung hat mich auch ſchon verfuͤhren und gegen das zehnte Gebot zu handeln einladen wollen—„Du ſollſt nicht begehren eines Andern Maler und ſein lein— wandnes Haus“ aber Sie wiſſen, die Schweizer dienen aller Welt treu— ſo lange man ſie puͤnctlich bezahlt. Ich werde Ihnen alſo richtig meine 12 veraccordirten Städte mit allen darin, daran und darum klebenden Merkwuͤrdigkeiten ſo treu liefern, als wenn ich fuͤr den alten„Herrn von Pauſanias“ Griechenland abkonter⸗ feite. Nur vergeſſen Sie nicht Moſen und die Pro⸗ pheten, auf welche ich ſehnlich ſchon lange— vergebens harre! Meine Pelzſtiefeln ſind noch nicht bezahlt. Und ich bin nicht Kuͤnſtler, Taſchenſpieler und Voltigeur genug— um mich uͤber Schulden hinweg⸗ zuſetzen! Wo man lange ſitzt, muß man endlich bezah⸗ len, wenn ich auch keiner Auspfaͤndung fähig bin— denn Weib, Kind und Mappe, das iſt mein ganzer Reichthum. A propos! mir hat da ein reiſender ſehr verſtaͤndiger Herr Profeſſor geſagt, der zum Albrecht⸗ Duͤrers-Feſte hier war—: Ihre Speculation ſei mehr auf die Nachwelt gemacht, und die Gegenwart ſolle das bezahlen, was einſt Jener unſchätzbar ſein werde; jetzt haben Alle, oder wer es wolle, die Originale vor Au e u aſſe die Nachwelt ſorgen und ſuchen, was von der Zeit ihr uͤbrig bleiben werde, wie Bro⸗ cken von einem entſetzlichen Gaſtmahl!— Sie ſehen, — wie wenig ich aus andern Gruͤnden, als unſerm Accord, Ihre lieben Ducaten wuͤnſche, hoffe, brauche, verdiene, fordre, ja einklagen muͤßte— wovor mich Gott be⸗ wahre. Aber Gemma ſteht auf dem Spiel! Aus des Lebens Kleinigkeiten mach' ich mir gar nichts, als da ſind Hunger und Kummer, Kritik, Nachrede, Lob, Tadel, ſelber aus dem Leben Nichts! Aber— aber aus den wenigen Guͤtern, die es allein zu Leben machen und nicht ganz zu verachten, daß man hier iſt, aus Ehre, Geſundheit, Liebe und Treue mach' ich mir Alles, ja furchtbar viel, daß ich es Niemanden rathe, die Hand daran zu legen. Denn dann hoͤre ich auf ein Menſch zu ſein, und bin wieder der Geiſt, aus dem die Menſchen hervorgehn. Laſſen Sie mich alſo gefäl⸗ ligſt und accordmaßig ein Menſch ſein durch lumpige 100 Ducaten! Der ich hochachtungsvoll mich untermale als Meines großmachtigſten Herrn Warnkoͤnigs bedurftiger Unterthan: A. Lelisa.“ „Ach, mein Gott,“ ſagte Hilda,„das Unterneh⸗ men des Vaters war zu groß und uͤber ſeine Krafte, und nur durch einen Verein aller Buchhaͤndler in Deutſchland ausfuͤhrbar. Zu ſolchen Geſammt-Unterneh⸗ mungen iſt es aber im lieben Vaterlande noch nicht Zeit! — 332— Jeder hockt nur ſo einzeln herum und tappt nach dem Nächſten im Tage und in der Zeit.——“ Der zweite, ſchon ältere Brief aber, den Schreck⸗ horn ſchweigend zur Hand nahm, war der Brief vom Commiſſions⸗Lager. Frankfurt a. M. den... Da Sie auf unſer Werthes vom Sten m. et a. p. nichts anders verfugt, ſenden wir Ihnen im Geleite Gottes mit Frachtfuhrmann Balzar aus Bacharach in 10 Ballen No. 2,070 bis 2,080— Ihre 1,000 „Leiden der Zeit“ zu 6 Banden pro Exemplar, Summa 6,000 Baͤnde„Leiden,“ mithin leider 100 Schock Krebſe zuruck. Die Ballen ſignirt H. W. Das P. will ſagen: Palindromen, ſtatt des widri⸗ gen Ausdrucks: Krebſe, und ſcheint Mode zu werden.“ Lagerkoſten, Speſen etc. laut inliegender Rechnung, haben wir Ihnen zur Laſt geſchrieben. Fracht auf Ihre Koſten verdungen. Wir bedauern herzlich, daß der Nachdruck, wie Hagelſchlag Ihre„Leiden“ getroffen, und werden an und in unſerem Oſtermeß⸗Reichstage alles Ernſtes vorſchlagen, daß eine Hagelaſſecu⸗ ranz gegen den Nachdruck, wie gegen das himm⸗ liche Unwetter, des Baldigſten auf Actien zuſammen⸗ trete. Dann wird die gewiß ſo ſchöne, jedes Geſchaͤft ſolidirende franzoͤſiſche„feſte Rochnung“ nicht Haut und Kragen koſten, wie uns, wenn wir Ihre vortreff⸗ — lichen 1,000„Leiden“ in feſte Rechnung genommen, was wir ſchon wollten! Aber ein guter Geiſt, der den Boͤſen gluͤcklich erkennen laͤßt, hat uns gewarnt. Macht ein Buch furore— dann Wehe! liegt es wie todt— gleichfalls Wehe! Was ſollen wir alſo noch drucken? ja nur in Commiſſion nehmen? Nichts als, und Alles, was ohne Nachdruck geſchrieben iſt! denn das bleibt ohne Nachdruck! Wie wird ſich, außer Ihnen, der außerordentliche Verfaſſer der„Leiden“— Herr Frei⸗ gang betruͤben! Denn wie iſt zugleich ſein Werk in der Suͤdſtadt verſtuͤmmelt! Dort in Suͤden naͤmlich hat man nur die noͤrdlichen Leiden gedruckt und die ſuͤdlichen unterdruͤckt; ſo wie„Die Leiden von Oben“(Band IV.). Die Leiden von Unten (Band V.) aber beinahe verdoppelt! Band Vet VI. aber, die Abhuͤlfen von Oben und Unten, ex propriis jaͤmmerlich verflacht, verhöflicht und eaſtrirt. Ein neuer Beweis der alten Meinung, daß Nachdruck nur in uncultivirten Ländern ſtatt findet, und bis zu ihrer Heranbildung noͤthig ſcheine, da Grenzen keine chineſiſchen Mauern ſind, alſo doch der Ruf eines Bu⸗ ches heruͤber ſchalit, der begierig macht. Und dann be⸗ kommt das Kind ein rundgeſchliffenes, ſtumpfes Kin⸗ dermeſſer in die lieben Patſchchen, ſtatt des Säbels von Silberſtahl, den es blinken geſehn und begehrt; oder einen Brei ſtatt der Weinſuppe, die es ſo gut an⸗ gerochen hat, und ihm gewiß geſuͤnder waͤre. Sollte die Aſſecuranz zu Stande kommen, ſo machen wir uns zu Ihrer Huͤlfe anheiſchig, daß dieſelbe auf ein Jahr oder zwei das Retorſions⸗Recht ausube, daß namlich das Buͤcher⸗ Brandeataſtergeld nachgezahlt werde, und Sie noch gedeckt werden. Mehr koͤnnen wir nicht thun! hoffen aber mit Gott, daß die Buͤcher-Aſſecu⸗ ranz, wo moͤglich, nicht zu Stande komme— ſondern was Beſſeres, Sie werden wohl fuͤhlen, was? Die Beweiſe von Cultur ſind Geſetze! Noch muͤſſen wir Ihnen melden, daß Ihr Com⸗ mis, Herr Mahner, durchgegangen iſt mit einigen fur Ihre Rechnung eincaſſirten Geldern. Wahrſcheinlich haben Sie ihn nur ſeines, gleich uberall anſprechenden Namens wegen geſandt: Ihre Reſte einzutreiben! In nächſter Jubilate werden Sie erſt berechnen koͤnnen, wie viel er in ſeine Taſche gemahnt. Von hier wollte er nach Nuͤrnberg, und ward ganz roth bei der Rede, als wir nach Ihrem Maler alldort, dem Hertn Lelisa, frugen. Dagegen freuen wir uns herzlich auf ein vergnuͤgteres Geſpräch mit Ihnen in Rudolphs Garten! Bis dahin zeichnen wir mit aller Achtung“—— „Mit aller Achtung“— ein bitteres Wort! ſeufzte Schreckhorn;„die Herren geben den Vater verloren, und wahrlich, nichts wahrſcheinlicher, als daß ihm auch ſein„Deutſchland“ nachgedruckt und die Bilder litho⸗ graphirt werden! Und jetzt 6,000 Krebſe ſtatt 6000 ſo ängſtlich⸗noͤthig gebrauchter Ducaten! Wann kann er nun dort den Bruder Bock aus dem Hauſe ſtoßen!—“ „Und daß Mahner mit dem ermahnten Gelde ſich unſichtbar gemacht! Und der Vater wuͤrde ihn auf keinen Fall oͤffentlich verfolgen; denn er denkt gewiß auch hier:„Jeder Menſch kann ſich beſſern, und ich haͤtte ihn dann auf Zeitlebens ins Ungluͤck ge⸗ ſtuͤrzt! Werde aus dem Vater, was da wolle, der rechtſchaffene Mann wird er bleiben! und gehe es wie es gehe— er geht den Weg in den Himmel. Das hält mich!“ „Liebe Hilda,“ ſprach Schreckhorn,„hier iſt noch ein Brief— der wichtigſte, denn der Vater hat ihn zuerſt beantworten wollen. Ah, vom großherzigen Frei⸗ gang!“— Und nun laſen ſie beide den Brief vom Schriftſteller. „Hochverehrter Herr und Freund! Ich muß Ihnen doch eine Kleinigkeit melden— ich ſterbe! Ja, ja, ich ſterbe, wie der Arzt meiner Frau ſehr heimlich ſagte, vielleicht dieſe Nacht noch. Eine Kleinigkeit fuͤr die Welt, wie wenn der Wind ein Sandkorn wo anders hin weht; fuͤr mich— ein ſchwerer Gang! eine lange Reiſe! So was Altes, daß es die Menſchen ſo gewohnt ſind wie Wolkenziehen, und doch ſo neu fuͤr mich— da ich in meinem Leben nicht geſtorben bin. — 336— ——— O Herz, ach, alſo auch das! So geſchieht es Armen Menſchen. Fremdlinge ſind wir auf heiliger Erde; Was nach ſtillem Geſetz auf ihr ſchon undenklich gewaltet, Was viel Thränen erheiſcht, und manchen Buſen beſturmt hat Nun erſt ſchlaͤgt es an unſere Bruſt, heiſcht unſere Thranen. Einzupacken iſt nichts. Jeder läßt Alles hier. Der blaue Himmel ſieht mich ſo feſt und treu an, aber wie mir die Winter⸗Sonne vorkommt, die mir auf dieſes Blatt ſcheint, das iſt unausſprechlich. Frau und Kinder fol⸗ gen nun freilich— und jetzt freut es mich, daß ſie ſterblich ſind wie ich; aber ſie folgen doch ſpät, und ich muß noch Sorge tragen fuͤr ſie. Sie haben nicht, mich zu begraben. Auch die Trauer und die nachſten Tage und die neue Einrichtung ins Kleine— ſelbſt dieſe wird einige Ausgaben machen. Ich bitte Sie alſo um die Jahresintereſſen, die 150 Thaler Gold, aber ſchleunig!“ „O Himmel,“ klagte Hilda dazwiſchen,„wo wird die der Vater jetzt hernehmen!“ „Und dann— wir waren ehrliche Leute— aber der Frau und Kinder wegen, denn es iſt ihr einziges Reiſegeld durch die Jahre der ſchoͤnen Erde— ſchicken Sie ihr doch ein Document uͤber die 1000 Ducaten Honorar fuͤr die 6 Baͤnde„Leiden,“ daß ich bei Ihnen in ſo ſichern und treuen Handen ſtehen gelaſſen; oder lieber— machen Sie ihr eine Freude, ſchicken Sie ihr die tauſend Ducaten blank, ſo neu, wie Sie koͤnnen. —½ — 335— Da werden ſie uͤber den Vater weinen, und doch zuletzt ſich troͤſten! und mir iſt meine Bitte ſchon im Voraus ein Troſt; denn es beruhigt: gut im Grabe zu liegen. Die Meinigen wiſſen nichts von dem Schatze; ich habe viel Geld verdient— durch den guten Wil⸗ len gewiß verdient, und mein Weib glaubt, das war nun Alles, weil es ſo viel war, und denkt, daß es verthan ſei, weil das alle iſt. Die meiſten Menſchen glauben nicht, daß ſie auch nackend leben, nicht nur nackend auf die Welt kommen und nackend in die Grube fahren. So dacht' ich, und that ſo. Ich habe als ein Menſch gelebt, das heißt, als ein Gaſt und ein Geiſt, und ſo hing unſer Herz nicht ſchwer an leich⸗ tem Beſitz, und wir haben mehr weggeſchenkt an be⸗ duͤrftige, frierende, blaſſe, hungernde— Gaͤſte und Geiſter, als ſelber genoſſen. Und doch hat Gott ge⸗ ſorgt, denn nun tteten Sie wieder ein! O ſchöne, gute, reiche Welt! Gott laſſ' es Ihnen wohl gehen, und erhalte Sie noch lange Ihrer lieben Schweizerin, und Ihrer Sie liebenden Tochter! Ich aber bin, mit wahrer Hochachtung vor Ihnen als einem Menſchen, der das Gluͤck und die Freude hat, in der Welt zu ſein und zu bleiben, Ihr, der ſtrengſten Wahrheit gemäß, zeitlebens erſterben⸗ der Freigang.“ Schefers nene Nov. I. 2 38— Hilda konnte die letzten Worte vor Thraͤnen nicht mehr ſehen, und da ſie hinter des Vaters Ruͤcken heim⸗ lich weinen mußte, weinte ſie um ſo erſchuͤtternder. Sie wies mit dem Zeigefinger dann auf die Geldſum⸗ me von tauſend Ducaten; Schreckhorn zuckte die Ach⸗ ſeln, und Hilda verbarg ihr Geſicht vor Schaam und Jammer an ihm. Er aber hielt ſie umſchlungen, und kuͤßte ſie zaͤrtlich und wiederholt. Der Hausfreund. Herr Warnkoͤnig ſtand leiſe auf, ſtand und ſah. Der richtig empfindende ehrliche Mann war entruͤſtet uͤber dieſen Beweis von vielleicht ſchon wie langer Vertraulichkeit, welche er ſeiner Tochter, und eben ſo wenig ſeinem Hausfreunde zugetraut. Daß ſie durch die aus den Briefen geſchoͤpfte Angſt geſtimmt war — gut! Aber ſeine Kuͤſſe!— Kuͤſſe! daß er die⸗ Stimmung des Herzens benutzte, wie nur ein Haus⸗ freund kann, und nicht ſoll— ſchlimm! unredlich! abſcheulich!— empfand er. Denn der Ungluckliche, Arme iſt immer in einem gereizten Zuſtande; in ſeinem Gemoͤth ſind alle Leidenſchaften gleichſam wallend im⸗ mer gegenwaͤrtig: Haß, Liebe, Hoffnung, Furcht, Ra⸗ che, Vergebung, Zaghaftigkeit und Muth. Aber auch die Augen ſeines Geiſtes ſind uber alle Verhaltniſſe ge⸗ oͤffnet, ſein ſehnſuͤchtiges Herz iſt auf Wahrheit, Ein⸗ fachheit, Reinheit und alle ſchoͤne Tugenden des Men⸗ ſchengeſchlechts, mehr wie der Sinn aller Andern, gleich— — 339— ſam zur Entſchaͤdigung fuͤr ſeine Leiden gerichtet. Im Mißmuth endlich iſt dem Menſchen die uͤbrige Welt verdunkelt und ohne Reiz, aber was den Gekraͤnkten und Kranken ſelber betrifft, das ergreift ihn mit der ganzen noch uͤbrigen Kraft ſeines Daſeins. Und ſo trat denn Herr Warnkonig vor Schreckhorn hin, und ſprach, nur noch ſeiner Tochter Werth erachtend, und halb ihn verloren gebend und halb ihn errettend, mit jener gewaltigen Schärfe der leiſen Rede, in welcher die ganze Seele zufammengedraͤngt iſt:„Herr Hausfreund! thun Sie ſich keinen Zwang an vor dem Vater! denn „er verdient keine beſondere Ruͤckſicht mehr, da er auf ſchwanken Fuͤßen ſteht, und im Wechſelarreſt ſitzt, oder umhergeht! Aber wirklich— ich bin Ihnen ſehr ver⸗ bunden fuͤr Ihre Offenheit! Wollte Gott, jeder Haus⸗ freund verloͤre aus Gewohnheit des heimlichen Begin⸗ nens— oder Endens— die Beſinnung ſo ſehr, immer ſo frei ſich zu zeigen— ohne Falſchheit im Falſch!“ „Lieber Herr Warnkoͤnig!“ bat Schreckhorn,„was faͤllt Ihnen auf? Ich nahm nur herzlich Theil an Ihnen!“ „Sehr herzlich!“ fuhr Herr Warnkoͤnig fort,„jun⸗ ger, alter Freund. Warum die Geſelligkeit aufhoͤrt in der Welt?— der Gefälligkeit wegen— der Frauen und Madchen wegen, denn die ſind einmal die liebe Gefaͤlligkeit ſelbſt, die Gefälligkeit der Liebe. Wem ſoll ein ehrlicher Mann ſein Haus nicht verſchließen? Wem 22* — 340— ſoll ein verſtaͤndiger Vater es nicht verbieten! So iſt die Zeit geworden, die laut nach beſſern— echer verſorgten, ſelbſt mit Frau und Kindern ſattſam ge⸗ plagten Maͤnnern ruft. Eine Frau waͤhlen— ein ſchweres Werk! Aber ein Kinderſpiel dagegen: einen Hausfreund erwahlen, der nicht hinter unſern Ruͤ⸗ cken, oder ſobald wir aus dem Hauſe ſind, das herz⸗ lichſte, aͤlteſte Recht— das Gaſtrecht— abſcheulich durch Blicke und Wort untergrabt, ſo daß wir Man⸗ ner und Vaͤter Schatten und Narren, ja der Marr eines Schattens und der Schatten eines Narren in dem Hauſe werden, deſſen Halt und Stuͤtze, Wohl und Wehe wir ſind! Wehe!— Meine Frau lachte— ich muß es und will es hier grade vor der Tochter ſagen — wenn ich ihre Vertraulichkeit, das heimliche Fluͤſtern mit Ihnen, Herr Schreckhorn, manchmal nicht gerade billigte, ja ihr zuletzt gehorſamſt verbot,— ſie lachte! und ſprach: Nur eine kleine Geduld, und Du wirſt lachen, und Dich nicht mehr wundern, ja mich ſehr maͤßig und unfreundlich finden; indeſſen erlaube ich Dir, Dich noch zu wundern.— Sie iſt geſtorben— und ich lache nicht! und wundre mich noch! Wenn ich nun nicht wuͤßte, daß ein gar braves Madchen auf Sie hofft, bis Sie endlich einmal promoviren, Sie ewiger Stu⸗ dent, und daß dieſe das Geld ſchon bereit hält, den drei⸗ fachen Doctor in allen Facultaͤten fuͤr Sie und um Sie zu opfern, damit Sie es ihr dann bezahlen mit Ihrer lieben Perſon und Ihrem noch lieberen Amte, — 341— * ſo wuͤrde ich denken—„vielleicht werden die Kinder bald Eins,“ und ein Auge zugedruͤckt haben— aber ſo, ſtehen mir beide Augen ſehr offen, Herr Schreck⸗ horn! Sehn Sie gefaͤlligſt mich an! In ſo fern Sie aber heute zum letzten Male aus dieſer Thuͤre gehn— da Sie morgen von hier abgehen und nicht wiederkeh⸗ ren, wie Sie mir ſagten, in ſo fern———“ Hilda, die ſchon lange gluͤhend in Thränen zerfloſ⸗ ſen, warf ſich jetzt vor dieſen ſie vollends uͤberraſchen⸗ den Worten von Schreckhorns Scheiden, in des Va⸗ ters Arme, und der brave Mann druͤckte ſie an ſich, und weinte mit; er wollte nicht, er wußte nicht warum, aber er weinte mit; denn ſein ganzes Schick⸗ ſal auszuſprechen in dieſen Thraͤnen, fand die gepeinigte Seele Luft und Gelegenheit! Auf dieſe geheime gute Rechnung ſchrieb auch Schreck⸗ horn alle Worte des guten Warnkoͤnigs. Er faßte ihn bei der Hand und ſprach:„Sie ſollen Niemand ver⸗ denken, nicht Ihrer braven Frau in der Erde— meiner treueſten, einzigen Freundin und Vertrauten— nun in der Erde. Aber auch Hilda ſoll als reine Tochter vor Ihnen daſtehen, und mir ſogar iſt es nicht ſo angele⸗ gen, mich zu rechtfertigen uͤber heute und vergangen, als Ihnen ſelbſt bei ſich zu Ihrer Rechtfertigung zu dienen. Denn, wie Sie auch fuͤhlen moͤgen— ich bin der Ungluͤcklichſte hier— eines ſonderbaren Vaters wegen, wie meiner iſt.“ 5 Der Mädchen⸗Muüller. Schreckhorn bat den Bruder Bock, ein Weilchen in die Kuͤche abzutreten, und fuhr dann fort:„Wenn mein Geſtändniß nicht außerdem zum Abfallen reif waͤre— wie älle Blumenhaͤupter den reifen Saamen verſchaͤtten, das heißt ja: verſäen muͤſſen,— ſo be⸗ wegte mich doch Ihre Lage noch mehr dazu, als— Ihre Gedanken! Mein Vater fing an der Maͤdchen⸗ muͤller zu heißen, weil er ſchon drei Töchter hatte, und jedesmal vom Storche doch nur einen Jungen gewollt, aber die Madchen behalten müſſen— mit dem Wider⸗ willen eines guten Vaters, der eben nicht groß iſt, beſonders da die Mutter deſto vergnuͤgter daruͤber war. Zum Troſte hatte ihm nun ein Reiſender geſagt: Erſt nach den drei Grazien käme Apollon! Alſo das vierte Kind wuͤrde ein Sohn ſein. Oft bliebe er“ länger aus, und dann käme Apollon erſt nach den neun Muſen!— Zgu dieſem langweiligen Orakel hat der Vater die Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſammen geſchlagen, und ein„Gott bewahre mich!“ gebetet. Der Storch aber bringt ihn als viertes Kind nun wirklich— ein Maädchen, und die große Prophezeihung, die lange Hoffnung hebt an! Er bringt nun richtig das fuͤnfte Madchen, das Sechſte, das Siebente, das Achte, ja richtig das Neunte. Nun mußte Apollon kommen— ſo erwartete er, und ſo hatte Er auf jeden Fall be⸗ ſchloſſen! Die Namen—„der Maädchenmuͤller“ — 343— —„die Madchenmuͤhle“—„der arme Mann“ das Lächeln und Lachen, wenn er mit den neun Muſen zur Kirche ging, oder ſie gehen ſah, hatten ihn zu dem Entſchluß gebracht. Da brachte der Storch mich— wie ſich ex post ergeben— den nachherigen Student Julius Schreckhorn— und wie Sie ſehen, nun eine alte Mu ſe— aber leider damals ein junges, blut⸗ junges Maͤdchen!“ „Ein Maͤdchen!“ rief Hilda erſtaunt und erfreut. Der Vater ſchob die Muͤtze auf dem Kopfe ein Stuͤck weiter— und lachte, am meiſten nur um die Worte ſeiner braven Frau wahr zu machen; und in dem kur⸗ zen Lachen lag eine lange ewige Liebe. „Ein Maͤdchen! die zehnte Muſe!“ fuhr Schreck⸗ horn fort.„Leider. koſtete ich meiner Mutter das Leben, welcher mein Vater ihren Tod durch das Wort ver⸗ ſuͤßte:„Apollon! ein Junge!“— und mit der letz⸗ ten ſchwachen Anſtrengung die Worte freudig ſprechend: „Apollon! ein Junge! nun ſterb' ich gern“— ſtarb ſie, und gern! Denn ſie hatte ihrem Manne die hochſte Freude gemacht. Auf eine wahre Ehe folgt nie eine zweite Heirath; denn der Tod hat nur die Eine oder den Andern unſichtbar gemacht— was ſeine einzige Kunſt iſt— nicht getrennt, was er nicht kann, Herr Warnkoͤnig nicht wahr? Die zweite Heirath iſt eine halbe, die Nothheirath; die dritte nur ein Gedaͤcht⸗ niß davon und daran, oder die Todheirath. Da mein Vater alſo zu keiner mehr ſchreiten wollte, da neun — 344— Töchter mit hinein ſchreiten ſollten in das bekannte aber nicht beliebte Stiefmutterjoch, ſo war ich ſein letz⸗ tes Kind auf dieſer Erde; und zur Herſtellung ſeiner Ehre, und zur Umtaufung der Madchenmuͤhle denn des Mädchenmullers juͤngſter und einziger Sohn. Und als ſolcher ward ich bei ſeiner vertrauten Schweſter er⸗ zogen. Als er mich nach Iferten that, wie man ſagt, verhieß er mir alle Reiche der Herrlichkeit, zu welcher beſonders, wenn nicht allein— ſeine Muͤhle gehoͤrte. Dann ſollt' ich ſtudiren, Doctor oder Organiſt werden, wie ſchon mehrere Frauen in der Schweiz Organiſten ſind. Auch zu heirathen verbot er mir nicht— nach ſeinem Tode, wo er ſich nichts mehr aus der Welt und ihrer Rede zu machen habe— ſo lange der Him⸗ mel blau iſt; dann ſollte ich wirklich einen Mann heirathen duͤrfen— und wie ſie denken koͤnnen, dieſe Ausſicht war vollig im Stande, mit Herz und Mund dem Vater mich zu verbinden! Und ein Geheimniß gefällt den Frauen ſehr, noch mehr eine beſtaͤndige Ueberliſtung, ein kleiner unſchuldiger Betrug! Ihrer lieben Frau, Emmeline, die mit mir beinahe von dem⸗ ſelben Alter war, aber hatte er ſich entdeckt, und ihr mich zur Huͤlfe und Foͤrderung in allen Leibesnöthen — wie Lucher ſagt— auf das Herz gebunden. Alſo wir waren Freundinnen— und wenn Sie wollen, lieber Vater Warnkönig, ſo war ich der einzige ächte paſſable Hausfreund!“ „Was ich geſagt, habe ich geſagt;“ erwiederte — 345— Warnkoͤnig;„es iſt nichts beſſer, als wenn eine ſchlimme Rede in den Born fallt— nicht aufs Herz. Wollte Gott, daß noch meine verſchiedenen Meinungen von der Welt auch alle ſo huͤbſch in den Born fielen!“ „Und daß Sie mich den ewigen Studenten nen⸗ nen, hat ſeine guten Gruͤnde, die mir aber ſehr uͤbel bekommen!“— fuhr Schreckhorn fort.—„Ein Maͤd⸗ chen, eine Jungfrau hat ganz andere Stimmung von — Hauſe aus; ganz andere Anſicht, weil ſie andere Ruͤckſicht und Ausſicht hat. Wie ſollte und konnte mir alſo zu Herzen— und darum zu Kopfe gehn, was ſich nicht natuͤrlich an mein Weſen und Sein, mein Denken und Fuͤhlen anſchloß? Und wenn ein Weib auch alles ſo gut lernen und merken koͤnnte, wie ein Mann, ſo fehlt ihr die Luſt dazu und die Freude daran, die der Mann hat. Und nun doch den Trotz: des Vaters Willen zu thun! die Rolle mit Ehren fort — wenn auch nicht auszuſpielen! Und dazu die immer neuen, mit jedem Curſus wechſeluden Zuſammenſtellun⸗ gen der Dinge— oder Syſteme— ſollte ich nicht endlich das wahre, bleibende in jeder Wiſſenſchaft abwarten? Sollte ich, wie ſo Viele meiner andern Herren Mitbruͤder, die edlen Burſchen— in denen ich die junge Maͤnnerwelt ſattſam kennen gelernt— mit einem Mundvoll aus der eben warm ausgethanen Schuͤſſel des Lebensbreies davon eilen, und zu Hauſe dann zeit⸗ lebens daran genug haben? wie ſie, in die Aemter, in den großen Commun-Backofen nach Brod fliegen und — 346— mit dem Mundvoll Wiſſen und Haben und Meinen im Kopfe, das Volk in meinem Kreiſe um mich her abſpeiſen und gluͤcklich machen! Kurz, ich war wohl ungluͤcklich, und die Ungluͤcklichen vertemporiren das Leben, das iſt bekannt. Zuvorletzt aber verliebte ſich noch ein ſchoͤnes reiches Maͤdchen in mich— wie Sie wiſſen— und ich konnte nicht ganz aus der Rolle fallen! Zuletzt aber— daß ich's bekenne, ubte die Liebe ihr Recht auch an mir, und es ſoll nicht wenig Freude machen, wenn der Student Schreckhorn den Profeſſor heirathet, und Er ſeinen Famulus! Denn ſo weit hat es die Natur in ihm gebracht, daß er mir ſagte, wenn ich eine Schweſter haͤtte, die mir gleiche, ſo muͤßte ſie ſein Weib werden ohne Gnade und Barmherzigkeit! und ich hab' ihm erwiedert: ich hätte ihrer Neun!— Als Eine oder die Andre will ich nun wiederkommen!“ Geheimes. Indem er noch als Beweiſe ſein Taufzeugniß und einige Briefe d s Vaters vorlegte, hielt ein Frachtwa⸗ gen, und gleich vuun meldete der Ballenbinder Ha⸗ rich mit bittrem Verdruß den Wagen voll Krebſe, mit Fracht und Speſen— beſchwert. 3 Herr ſeinen Bruder Bock hinterdrein, ging nun hinunter. Und ſo erfuhr er denn nicht, daß Schreckhovn mit ſeiner Frau hatte reiſen wollen, um 5 ihn wo möglich zu retten, durch Eincaſſirung der Gel⸗ * — der ſowohl, als burch Auftreibung von andern durch Schreckhorns Vermichung bei ſeinem Vater. Die beiden Maͤdchen herzten und kuͤßten ſich nun erſt voll neugefaßten Zutrauens, voll Liebe und Herz⸗ lichkeit. Schreckhorn war die Freundin der Mutter, und Hilda erbte nun die Gefuhle fur ſie, die Treue zu ihr, und ſie ſelbſt trat nun in die Luͤcke des Herzens in Schreckhorns Bruſt. „Siehe nur nach, liebe Hilda,“ ſprach er als⸗ dann,„bei deiner Mutter Kleidern wirſt Du auch meine weiblichen Kleider ſchon alle fertig finden. Wir haben ſie ſelber gemacht, denn heimlich bin ich auch— Schneider, liebes Kind. Herr Mahner hat zwar die Sachen noch ſehr verſchlimmert— aber reiſe nun Du mit mir, Du ehrliche Seele, braves Mädchen! Es gilt die Rettung des Vaters. Du bringſt die Intereſſen zum Begraͤbniß an die Witwe Herrn Freigangs; Du bringſt ihr das Document uͤber die tauſend Ducaten, daß der Vater hier ausgeſtellt und ſtatt Antwort erſt vorhin geſchrieben, aber mit Angſt und Zittern: wo⸗ her, und ob er es je bezahlen könne! Wir reiſen zu ſeinem beſchwerlichſten Creditor— wir bewegen ihn, oder treiben Geld ein und auf, und erloͤſen ihn von Bock und Veit aus dem Wechſelarreſt, und ich habe deiner Mutter gelobt, von meinem Vermo noch weiter zu thun, was ich kann und der Bater nur willigt.“— Ein anderes Geheimniß ſchien Schreckhorn noch jett in der Bruſt zu behalten, und behielt es auch — 348— wirklich. Denn von ſeinem Vater wußte er erſt ohn⸗ laͤngſt, daß Hildas Mutter— das Maͤdchen, das Warnkonig ſich aus der Lawine geſchaufelt— nicht die Tochter der Hausbewohner geweſen, wie dieſe wohl vorgegeben, ſondern ein noch in Windeln ſchon ihnen nur anvertrautes Kind. Und ſpaͤter einmal war eine vornehme fremde Dame voruͤber gereiſet, hatte vor dem verfallenen Hauſe gehalten, die drei Kreuze geſehen, im Abenddunkel ſie heimlich alle drei umarmt — um ſicher das Theure zu treffen, weil ſie im Dorfe vermuthlich als Sage gehoͤrt, daß die Bewohner des Hauſes verſchuͤttet und darunter begraben worden. Vom abwaͤrts haltenden Kutſcher hatte der eben nach Hauſe kehrende Maͤdchenmuͤller Schreckhorn auch den Namen, Stand und Wohnort der Dame erfahren, die ganz wahrſcheinlich des mitverſchutteten Mädchens heim⸗ liche Mutter geweſen, weil er zugleich ihre Thränen“ und Haſt geſehen, ſich wieder in Wagen zu fluchten und fort zu eilen, eh' er ihr ſagen koͤnnen: welche ſie vielleicht beweine, die lebe gewiß. Und ſo hatte er es ihr nachher geſchrieben. Und dieß ganze auffallige Be⸗ gebniß hatte der Mädchenmuͤller Schreckhorn ſeinem Studenten mitgetheilt, der es wiederum ſeiner Freun⸗ din Warnkönig nicht verſchwiegen. Auf dieſes Geheim⸗ niß hatten ſie beide die Reiſe noch Huͤlfe wahrſchein⸗ lich gegruͤndet. Von alle dem ſchwieg er nun jetzt gegen Hilda.. „Ach, wie will der arme Mann drunten jetzt — 349— nur die Fracht bezahlen!“ ſeufzte Hilda;„wie will er Freigangs die Inttreſſen ſenden? Ich habe an des Vaters Schweſter geſchrieben, heimlich, heimlich ohne ſein Wiſſen. Sie hat uns einmal beſucht, und mich reichlich beſchenkt. Sie iſt eine Altenburger Bauerfrau, oder nein, eine Witweß ſie hat keine Kinder, ſie haͤlt auf ihren Bruder, wie auf Einen, der aus ihrer Fa⸗ milie iſt groß und vornehm, Fuͤrſt oder Koͤnig gewor⸗ den— aber ſie ſoll noch antworten! Und hier iſt am wenigſten Huͤlfe!“ „Hier weiß ich auch keine!“ beklagte Schreckhorn — als, der Vater druckte eilig Ein oder Zwei Buͤcher, die gewiß verboten wuͤrden— alſo reißend abgingen! Ich weiß da zwei Manuſcripte, das Eine: Traveſtie von des Herrn:„Pabſt Anleitung zur Rindviehzucht, und zur verſchiedenartigen Benutzung des Hornviehs.“ Ein ſchlagendſatyriſches Werk, ein Lucian— nicht ins Deutſche, ſondern in die neue Welt, in die neu italie⸗ niſche Mythologie uͤberſetzt.“ „Ach, inan verbietet ja jetzt kein Buch mehr!“ zeufzte Hilda,„man weiß nun ja aus Erfahrung— ſagt der Vater— es iſt gefährlicher, die oͤffentliche Meinung zu unterdrucken, als ſie zu hoͤren und zu leiten. Man verbietet nur das, worauf man die öffentliche Aufmerkſamkeit mit Gewalt lenken will. Der Vater iſt ſo klug wie Einer, und ſo mild zugleich aus Recht⸗ ſchaffenheit, um Niemand zu kraͤnken. Er druckt den „Patſt“ wicht.“ „Erſt wenn wir reiſen und Geld auftreiben konn⸗ ten,“ nahm Schreckhorn das Wort,„wuͤßt' ich ein Mittel, den Vater mit einem Schlage reich zu machen! Ein alter Doctor hat durch ſonderbare Fuͤgung, durch Wegloͤſchung der obern Schrift von mehrern Perga⸗ mentbaͤnden, die aus Amalfi ſtammen und die er aus Genua mitgebracht, des alten vortrefflichſten grie⸗ chiſchen Schauſpieldichters Menanders Werke entdeckt. Da iſt auf eine erſte Auflage und Ausgabe von hun⸗ derttauſend zu rechnen; denn die alten griechiſchen Dich⸗ ter dichten nicht mehr, aus bekannten Urſachen, wovon der Tod nicht die kleinſte iſt; und die Welt glaubt wirklich im Ernſt, beinahe der Natur zuwider, jedes Blatt aus dem Alterthum, jedes abgebrochene Wort einer Inſchrift ſuchen, ſammeln und aufbewahren zu muͤſſen, indeß die Natur ihre ganz anderen Blaͤtter in jedem Herbſt auf ewig verſtreut und gegen einen Ge⸗ neral⸗Speicher aller ihrer abgelebten Dinge durch immer Neue, Andre, Lebendige laut appellirt. Wehe der Nachwelt, wenn unſere Welt einſt eine Alte wer⸗ den ſollte! Mir ſchaudert die Haut nur vor einer kuͤnf⸗ tigen allgemeinen Bibliothek! Hat doch jedes Geſchlecht alle Haͤnde voll mit ſich ſelber zu thun, und hoͤchſtens wird ein ganzes Volk eine ganze Bibliothek beſitzen koͤn⸗ nen und moͤgen. Kein troſtloſer Scarabaͤus als ein Bibliothekar!— Aber ehe der Welt die Augen auf⸗ gehen durch den embarras de richesse, und ehe ſie lernt, immer in der gegenwaͤrtigen Anſicht, immer in der jetzigen Fuͤlle und Art der Dinge die einzige, faſt ausſchließende Nuͤtzlichkeit und Benutzbarkeit und die volleſte Gnuͤge zu finden— kann der Vater den Schlag noch machen!“ „Ach wie gern reiſete ich! Das Manuſcript wird aber auch ſchweres Geld koſten! ſchwereres, als wir wiegen!“ meinte Hilda. „Laß Alles jetzt gut ſein, gutes Mädchen!“ trö⸗ ſtete ſie der Hausfreund. Und nun zählte er eine Reihe Geld auf den Tiſch, das er aus dem Verkauf ſeiner Bibliothek geloͤſt, und womit er den Frachtfuhr— mann zu bezahlen rieth. Aber um Hilda nicht wehe zu thun, und den Vater zu bewegen, daß er es an⸗ nahme, wenn wenigſtens ein Schein des Rechtens dabei waͤre— log Schreckhorn, und ſagte, daß dieſes Geld— Geld ſei, das er nur wiederbringe, und das ihre Mutter ihm heimlich geliehen. Und ſo bedanke er ſich noch tauſendmal fuͤr der Mutter Guͤte bei der Tochter, entſchuldigte ſich, daß er es nicht eher gebracht, und bat gelegentlich um Zuruͤckgabe der Schuldverſchreibung— die unter ihren Papieren ſich finden werde! Die Altenburgerin. Hilda eilte mit beklommenem Herzen zum Vater hinunter, der ſich uͤber das Geld wunderte, ſeine ſtille Betrachtung hatte, es dem Frachtfuhrmann bezahlte, aber erſt, als ſie fort war, heimlich dem Freunde Schreckhorn ins Guthaben ſchrieb. Schreckhorn blieb den ganzen Tag im Hauſe. Der Tag war aber mit alledem noch nicht beſchloſſen, und endigte mit einer gedämpften— Scene, gedaͤmpft durch das gute Gemoͤth derjenigen, die ſie zu ſpielen hatten. Faſt gegen 40 Uhr zog es noch dreimal an der Klingel. Hilda eilte mit Licht hinunter und that auf. Niemand zu ſehn. Sie leuchtet hinaus, haͤlt die Hand vor das Licht, der Wind verloͤſcht es; aber ſie glaubte doch eine weiße Geſtalt auf der Bank vor der Thuͤre erblickt zu haben. Sie fragt: „Hilda, biſt du es?“ Ja, antwortete eine weibliche Stimme,„ich bin's, deines Vaters Schweſter, die Altenburgiſche. Hilda hilft der muͤden Alten erſchrocken aufſtehen, denn ſie hat ein Gebund Betten in weißem Tuche mit hergetragen, ſie kuͤßt ihr die Haͤnde, und zieht ſie herein. Und während ſie im Hauſe forttappen, und wieder ein Weilchen ſtehen bleiben, erzahlt ihr die Alte:„Deinen Brief habe ich richtig erhalten! Kein Menſch ſollte es ſo einem Papiere anſehen, was es einem das Herz beſchweren kann, und was man daruͤber fuͤr Thraͤnen vergießen muß! Gott, was der Herr Bruder fuͤr ein Mann iſt, der ſo viel ſolche Papier⸗ in die Welt befördert wie Tauben Noah's! Nun ſiehſt — 353— Du, Kind, da habe ich denn mein Ausgedinge, wo ich Eſſen und Trinken und ein Viertel Leinſaamen zu Leinwand alle Jäahre geſät bekam, ich habe es verkauft, und bringe das Geld, die ſchoͤnſten blanken Kukuks⸗ Thaler, mit der Umſchrift!„Segen des Bergbaues.“ MNun, Gott mag ſie dem Herrn Brüder ſegnen! Nun haſt Du mich ganz, mein Kind! Ich bleibe bei Euch, bis ſie mich forttragen, und wie es dem Herrn Bru⸗ der geht, ſo ſoll es mir auch gehn! Wer es beſſer will, als die Seinigen, oder die gar unter einem Herzen mit ihm gelegen haben, oder daß ich recht ſage, vor ihm oder nach ihm— denn Zwillinge ſind wir nicht mit dem Hertn Bruder— der iſt kein rechtes Geſchwiſter, und weiß gar nicht, was Bluts⸗ verwandtſchaft iſt und zu bedeuten hat! Ein Kaͤm⸗ merchen wirſt Du wohl haben fuͤr mich, und ſo Gott will, wird Dich ein Morgenlied oder Abendlied nicht in deinen Gedanken ſtoͤren, und was ausſtehen mußt Du ſchon mir zu Liebe; und Alles, was ich mir ausmache, iſt ein gutes Kaͤnnchen Caffee, der jetzt ja nicht theuer iſt, und ein ganz kleines Toͤpfchen Sahne dazu, ſo klein, daß es die Katze nicht aus⸗ naſchen kann, ſie ſtecke denn ihr Pfotchen hin⸗ ein!“ n Sie waren jetzt an der Treppe. Hilda nahm ihr die Buͤrde ab, und meinte nur, was der Vater zu ihrem Schritte ſagen, wie ſie ihn dadurch betruͤben werdel! Schefers neue Nov. I. 23 Aber die Alte ſprach im Dunkeln etwas lau⸗ ter:„ſei ruhig, mein Kind! Da iſt vorgedacht! Ich kenne meinen Herrn Bruder, der gern auf eige⸗ nen Fuͤßen ſteht. Siehe, ich ſage ihm: lieber Herr Bruder! Du haſt mir immer geſagt, wenn es mir auf meine alten Tage nicht mehr in der Einſamkeit gefiele, wo ich ſäße und Vater und Kinder vermißte, oder die neuen Leute im Hauſe mich nur ſcheel an⸗ ſähen, geſchweige mein Topfchen von der guten Stelle am Feuer wegruͤckten, ſo ſollte ich zu Dir kommen. Siehe, nun thun mir die Kinder der fremden Leute im Hauſe Tort; ſie malen mir den erſten Mai drei Kreuze mit Kreide an die Thuͤr; wenn ich ſinge, po⸗ ſaunen ſie; wenn ich im Sommer nach Mittag ſchlafe, heizen ſie ein, daß ich mich halb todt ſchwitze; oder klauben im Winter den Lehm aus den Kachelfugen, daß es raucht und der Huſten kommt; oder pochen Abends ans Fenſter, und wenn ich hingehe, ſieht ein abſcheuliches Geſicht hinein, und dann geht die Ge⸗ ſtalt hoch und langſam fort— das Betttuch auf dem Rechen, das ich glauben ſoll, der Tod ſei mir er⸗ ſchienen, und daß ich je eher je lieber ſterben ſoll. Oder ſie verſalzen mir den Waſſerſtänder, zerplatzen die Kälberblaſe im Hauſe, oder binden die Schweins⸗ blaſe des Weihnachtsſchweines, mit Erbſen geladen, meiner alten Katze an den Schwanz, daß ſie nach den Feiertagen erſt halbtodt nach Hauſe kommt.(Und das iſt Alles wahre) Kurz, lieber Herr Bruder, werde ich ſagen, ich habe Alles verkauft bis auf die paar Kleider, die mir langen werden bis in den Sarg. Du aber biſt ein guter Bruder und verſtoͤßſt mich nicht; und daß Du etwas fuͤr die Muͤhe mit mir haſt, ſo nimm hier das Saͤckchen Kukuksthaler und futtere mich zu Tode! Lieb haſt Du mich ja, und ich Dich! Und ſo ſind wir wieder zuſammen, wie vor in der Kinderſtube; nur alt und etwas verdruͤßlich von dem lieben menſchlichen Leben, mein lieber Herr Bruder!“ So ſagte ſie im Eifer der Gutmuͤthigkeit immer lauter redend. Aber Herr Warnkonig hatte ſchon zum Fenſter hinaus geſehen, ſeiner Schweſter Stimme er⸗ kannt— und war ihr entgegen auf den Saal hinaus getreten. Den verabredeten edlen Verrath an ſich hatte er zwar nicht gehoͤrt, aber wohl alle Worte, die ſeine Schweſter ihm ſagen wollte, damit er ſie aufnaͤhme, und ſo ſchloß er ſie oben in ſeine Arme, und da im Finſtern ſah keines des Andern Thraͤnen, und das bekuͤmmerte und doch ſo ſelige alte Geſicht. Und Hilda ſie beide nicht. Aber ſie ſtand dabei, an die Wand gelehnt, und hielt mit der Hand ihr Herz. Bruder Bock leuchtete dann mit dem Lichte heraus, und ſo beſchloß ſich der vielbekuͤmmernde Tag mit jener heili⸗ gen Freude, die das Gluͤck nie gewaͤhrt noch gewaͤh⸗ ren kann, weil alles Gluͤck eines Menſchen eine au⸗ genblickliche Beſchränkung iſt, und ihn nur ſich ſelbſt empfinden laͤßt; das Ungluͤck aber eben die Nebenmen⸗ 23* — ſchen, die Welt, und alle Schaͤtze des eigenen Her⸗ zens dazu— im Glanze der innern göttlichen Sonne, oder um es grade zu ſagen, ſo wie es doch iſt: in der Naͤhe, dem Anhauch und dem Lieben der Gottheit. Raſerei der Eitelkeit. Wie ein armes Kind ſich freut, wenn ihm Je⸗ mand eine Angel gemacht, womit es nun große Fiſche fangen und dem Vater nach Hauſe bringen wird, und wenn ſie werden auf dem Tiſche ſtehen, dann heimlich bei dem Tiſchgebet danken will: heute haſt Du das Haus geſättigt mit Wohlgefallen— ſo freute ſich Hilda, daß ſie nun Mittel hatte, den Vater aus ſeiner Noth zu ziehen durch ihre Reiſe. Durch die Gegenwart der Muhme war fur die Kuͤche geſorgt und was ſonſt ihr Herr Bruder brauchte von weiblicher Hand. Die Kukuksthaler reichten zu den Jahresin⸗ tereſſen fuͤr Freigangs 1000 Ducaten Capital, und ſtatt deſſelben in Golde und in der Wahrheit, packte ſie des Vaters Schuldſchein daruͤber mit ſchwerem Herzen, und einem Blick an die Decke— die ihre feuchten Augen nicht ſahen— zu ihren Sachen. Die andere Haͤlfte des Muhmengeldes langte fuͤr den Ma⸗ ler Leliſa in ſeiner Noth. Und wunderbarer Weiſe war es der Vater zufrieden, daß ſie das Geld mit⸗ naͤhme. Sie erinnerte ihn nicht, ſie widerlegte ihn — 357— nicht; denn in ihr ſelbſt lebte auch ſeine Hoffnung, und das Vertrauen auf die eigene, ſtets bewaͤhrte Ehr⸗ lichkeit, die gar keinen Zweifel aufkommen ließ: es werde der Schweſter kein Pfennig verloren gehen! So iſt das Gluͤck des Redlichen; ſein eingewohntes Ge⸗ fuhl hält noch lange nach im Ungluͤck, wie der Roſen⸗ ſchimmer der fernen Sonne am Himmel, wenn es längſt ſchon daͤmmert auf Erden. Haͤtte er ja ein Bedenken gehabt, ſo war es das, es ſei wohl nicht bruͤderlich— nicht gedacht, ſondern ſogar gethan— daß es ihr ſcheinen koͤnne, als nehme er ſie bloß— wie er meinte: in ihrer Noth— in ſein Haus; als wenn er es nicht noch freudiger gethan haben wuͤrde, wenn ſie noch juͤnger und blutarm zu ihm gekommen. Der Fruͤhling war an- und ausgebrochen mit ſei⸗ nem gruͤnen ewigen Feuer, die Sonne ſchien mild und warm vom blauen Himmel, und die Erde war ſo gut und reich wie je, ja ſie waͤre ein Paradies gewe⸗ ſen, wenn das Menſchengeſchlecht nicht ſeine alten, nimmer verjährenden Leiden nun mit hinuͤber in dieſe neu verklaͤrte Welt geſchleppt haͤtte. Alles war in dieſen Tagen beſorgt zur Reiſe. Hilda hatte am Abend zuvor bis in die Nacht Abſchied vom theuren Vater genom⸗ men, und ſeine Auftraͤge, Anweiſungen, Lehren und ſei⸗ nem guten Rath mit kindlich gehorſamem Herzen empfan⸗ gen. Der alte Mann ſchlief noch am roſigen Morgen, als Schreckhorn mit ſeinem kleinen gruͤnen Korbwagen — 358— und einem zur Reiſe gekauften Pferde, ſo geraͤuſchlos wie moͤglich, vor das Haus gefahren kam. Sie war ſchon fertig; die Paͤckchen bereit. So laͤchelte ſie Schreckhorn hinab durch das Fenſter zu, dann ſah ſie noch einmal im Spiegel, und trat dann vor das Bett des ſchlummernden Vaters. Sie wollte ein Vaterunſer beten, aber es loͤſte ſich vor Gefuͤhlen in beſtimmtere engere Gedanken und kleinere, aber eben ſo heilige Wuͤnſche auf, ja zuletzt in zwei Thra⸗ nen im Auge. Dann kuͤßte ſie ihn auf die Stirn, leiſe, leiſe! Und die Päckchen nun unter dem Arm, ſtand ſie noch an der Thuͤr und ſahe noch einmal zu⸗ ruͤck uber Alles. Ihr Zeiſig war ſchon munter; und wie er ſonſt ſein Futter mahnen kam, indem er auf ſie zuflog, als woll' er ſich auf ihr Koͤpfchen ſetzen, ſo that er auch heute. Wie anders aber wuͤrde ſie geſchieden ſein, wenn ſie gewußt haͤtte, ſie werde den Vater nicht wieder ſehen! Wie laͤnger und inniger wuͤrden ihre Lippen auf ſeiner Stirn geruht haben! Wie heißer ihre Thra⸗ nen gefloſſen ſein— die den Vater aber ja aufgeweckt und bekuͤmmert haͤtten. Wie anders wuͤrde ſie ſich im Spiegel betrachtet haben, wenn ſie gewußt, ihr Vater werde ſie nur todt, aber todt doch wiederſehen. So aber eilte ſie froh in den Wagen, und blickte, das Herz voll Muth der kindlichen Liebe, in die leuch⸗ tende liebliche Ferne, wie der Schiffer hinaus auf —— — 369— die ruhige ſchimmernde See, die ſich ihm zum Grabe aufwuͤhlen wird⸗ Ihre Fahrt ging glucklich; ſelbſt der ſchwache Nord wind ſtand ihnen im Ruͤcken; aber der erſte Zweck der Reiſe, die Rolle des Mahners, mißlang der ſchonenden Hilda. Ihre Lippen bebten, wenn ſie vat, ihrem Vater die Schuld zu bezahlen, aber ſie konnte ſeine Lage, ſeine dringende Noth, ihre Angſt nicht aufdecken, wenn ſie die Antwort vernahm: ſie wuͤrden, wie ſonſt und künftig, auch dießmal punkt⸗ liche Zahlung in der— Zahlwoche leiſten; Voraus⸗ bezahlung ſei ſchwer, ja ungerathen in einer Zeit, wo ſo viele ſogar nachher nicht bezahlten, und— mah⸗ nen verſchlage die Kunden; ſo wie man Niemanden beſſer oder ubler los werden koͤnne, als wenn man ihm Geld oder Waare borge. Ein bekanntes Ge⸗ heimniß. In der folgenden Stadt war der Haupt⸗Credi⸗ tor des Vaters, der ihm den Veit und Bock in den Laden geſetzt, nicht zu bewegen— weil er nicht da war, ſondern ſelbſt ausgetreten, Schulden wegen; und der dringenden Forderung an den Vater hatten ſich die dem Abweſenden geſetzten Fuͤrſorger be⸗ maͤchtigt. In Nuͤrnberg fand ſie dagegen den Maler Leliſa, zu dem ſie ſogleich hinauf ging, da ſie in dem von ihm bezeichneten Gaſthofe des Abends ſpaͤt abgeſtiegen waren, waͤhrend vor der Thoͤr ein ungeduldiger, auf — 360— ſeinen Paſſagier wartender Poſtillon das di tanti palpiti“ blies. In ſeinem Zimmer droben hielt ein kleines allerliebſtes Knäbchen ein Licht, und leuchtete dem zum Einpacken vor einem Coffer knieenden Maler— ſeinem Vater. Hilda trat nahe, und ließ ihm die Rolle mit Gold uͤber die Schulter hinein fallen. Hoſtig er⸗ griff ſie Herr Leliſa, ſprang auf, erkannte ſeines Herrn Warnkoͤnigs Tochter, und nannte ſie einen Engel des Herrn.„Nun kann ich mich rachen! noch, noch!“ ſprach er heftig und froh, ohne Hilda zu Worte kom⸗ men zu laſſen.„Gemma iſt fort! Mit einem Ma⸗ troſen aus Neapel; der in der Oſtſee Schiffbruch ge⸗ litten, und auf zwei Schildkroͤten, die er vorzeigt, ſich heim nach Italien bettelt. Aber das iſt nur Schein! Ich weiß, daß ſie ihr Mahner erwartet, und wo! Er war wieder hier. In Ihrem Laden hat er ſich in ſie verliebt, als ich vor einem Jahre bei Ihnen war. Der Ungluͤcksladen!“ 5 Hilda erroͤthete. 8960 596 70 „Hier haben Sie die Bilder— die ſomit Be⸗ zahlten, und hier die, welche Sie mir ſchoͤnſte Hilda, durch einen Gefallen bezahlen ſollen! Rechnen Sie Koſt, Kleider und was Sie wollen, ſo hoch Sie wol⸗ len— nur nehmen Sie hier mein Kind! Der arme Schelm heißt Cornelio, zu Danke an meinen einzigen Meiſter Cornelius. Hier, mein armer Schelm, gieb deinem Vater noch einen Kuß! hundert, tauſend! Wer weiß, ob du den Vater wiederſiehſt! Die Mut⸗ 1.£ ter iſt ſo ſchon fort! So! hab' mich noch einmal recht liebt Druͤcke mich feſt, aus Leibeskraͤften! So! So! mein armer Schelm.“ Er war zu ihm gekniet und das Kind, ganz rathlos und beſtuͤrzt, umſchlang des Vaters Nacken mit beiden kleinen Armen, und druͤckte den Vater, was es konnte. Dadurch hatte es den Leuchter fallen laſſen. Das Licht verloſch. Es war finſter. Hilda hoͤrte den Maler nur den Coffer zuſchließen, ihn ſich aufladen, fortſchreiten, die Treppe hinunter eilen; und waͤhrend das Kind weinte, nach der Mutter rief, und aͤngſtlich Hilda's Hand faßte und umklammerte, und ſie den kleinen verlaſſenen Mann auf den Arm nahm und herzte und kuͤßte, hoͤrte ſie den Wagen dumpf fortrollen, und den Poſtillon ein luſtiges Lied zu der Trauer blaſen. Und ſo brachte ſie den holden kleinen Cornelius hinunter zu Schreckhorn und ſtellte ſich ihm als des Kindes neue, und ſo Gott will, beſſere, treuere Mut⸗ ter vor. Sie erzählte den Hergang. Sie erzaͤhlte dann dem Kinde: daß der Vater die liebe Mutter hole; dann aß es erſt vergnuͤgt, legte ſich auf Hilda's Schooß und ſchlief heiter ein, und laͤchelte im Schlafe, nur noch manchmal, aus Nachgefuͤhl des vorigen Weinens, von dem bekannten Kinderbocke geſtoßen, aber nur ſanft.„Der Schlaf macht alles gut!“ ſagte Hilda;„wie ſelig ſind wir, ſo lange uns der Bock ſtößt! Werden wir groß— ach, da ſind unſere Ge⸗ fuhle die Thraͤnen! Unſere Seele weint, nicht unſer Auge; aber ſie weint dann zu Allem heimlich im In⸗ nern fort— und mit dem ſeligen Bocke iſt unſere Seligkeit verſchwunden, heimgezogen in das Land der Kindheit!— und Bruder Bock ſitzt in Vaters La⸗ den—“ wollte ſie ſagen, aber auch dieſes ihr Wort ward nur 4 ſchneidend Gefuͤhl in kindli⸗ chen Seele. Sie ſandte die Bilder zum Voater iach Hauſe, und ſchrieb ihm ſo ſchonend wie moͤglich„wie wenig und Nichts ſie bisher ausgerichtet.“ Ihre Tante aber hatte ihr noch keinen Brief nachgeſandt, zum— unſichtbaren Zeichen, daß ſich daheim nichts veraͤn⸗ dert habe. Aber wie viel konnte ſich dort durch ihre Umſchreibung und Beſchreibung des Nichts veraͤndern! Nur wenn das Ungluͤck am hoͤchſten, iſt jede Veraͤn⸗ derung eine Verbeſſerung; und darum ſagt man, daß Gott dann am naͤchſten ſei. Faſt aller Menſchen uͤble Zuſtaͤnde ſind aber noch vielfacher und mannigfalti⸗ ger Verſchlimmerung faͤhig. Das ſahe Hilda ein und wandte es auf den Vater an, nicht auf ſich, denn ſie lebte nur in der Sorge fuͤr ihn, zum Beweiſe:. daß jedes Ungluͤck der Veredelung faͤhig ſei, und daß der Gute nur— ſeine Liebe leidet, das heißt: ſie recht inne wird, oft recht herzinnig. Nach einigen Tagereiſen kamen ſie, nun zu Drei, in Freigangs Wohnort an. Als Schreckhorn eben zum Thor hinein lenken wollte, erſchien ein goldenes — 3— Crucifix mit einem Knaben— hinter ihm Saͤnger— hinter ihnen ein Chor Poſaunen— hinter ihnen weiß⸗ gekleidete Mädchen, die einem Todten den ſtillen letz⸗ ten Weg mit Blumen beſtreuten. An der Spitze der⸗ ſelben ging die Schoͤnſte, als die Hoffnung ge⸗ kleidet und mit den Symbolen der Hoffnung.— Sie mußten im Wagen halten und zuſehn.— MNun er⸗ ſchien der Todte, von jungen vornehmen Maͤnnern getragen, das ſchwarze Tuch mit gruͤnen Kraͤnzen ge⸗ ſchmuͤckt, und an der Stelle, wo drunter verborgen ſein Haupt ruhte, war es droben im Licht der unter⸗ gehenden Sonne mit einem Lorbeerkranze geſchmuͤckt.— Hilda's Herz pochte. Sie neigte ſich, und frug ein neben ihnen ſtehendes Maͤdchen, das ſeine bloßen Arme unter der blauen Schuͤrze verborgen: wen ſie begruͤ⸗ ben?—„Ich glaube, er heißt Freitag;“ erwiederte das Maͤdchen.—„Ach!— Freigang?“—„Ja, ja Freigang!“— Und nun erſchien ſeine Witwe, an jeder Hand ein Kindz das Groͤßere an der Linken, ein junges Maͤdchen von etwa 5 Jahren, das durch⸗ aus nicht den Vater begraben laſſen wollte, ſondern ſich ſtraͤubend die Mutter zuruͤckhielt, aber von ihr fortgezogen doch wieder folgte; an der Rechten aber fuͤhrte ſie einen kleinen Knaben, der heute wohl die erſten Hoſen trug und lachte und freundlich war, in ſeine empfangene kleine Citrone biß, und zu dem Kin⸗ dern am Wege ſauerſuͤße Geſichtchen zog. Weiter konnte Hilda nicht Achtung geben; ſie — 364— verbarg ſich im Wagen. Und als der lange Zug vor⸗ uͤber war, fuhren ſie ſachte die Straße hinab in den Gaſthof. Schreckhorn gab wie gewoͤhnlich das Pferd an den Hausknecht, und ſie blieben drunten im Gaſt⸗ zimmer. Hier nun lobten Emnge das ſchoͤne Begraͤbniß; Andre freuten ſich der allgemeinen Theilnahme an dem Todesfalle; noch Andre, mit zornrothen Ge⸗ ſichtern, ſammelten Unterſchriften zu einer ganz neuen Art von Abonnement, naͤmlich: das Theater nicht mehr zu beſuchen. Auch ſie als Fremde durften und ſotlten die Schrift auf dem Bogen leſen, worin uͤber⸗ haupt die Vortheile angefuͤhrt waren, die entſtehen muͤßten, wenn das Jahr uͤber hoͤchſtens nur 6 bis 9 mal Schauſpiel ſei; welche vortreffliche Stucke es dann geben werde, wenn Alle nur Preisſtuͤcke waͤren, wie bei den Griechen, nicht wie die Meiſten bloß Eintags⸗ fliegen; wie viel Zeit dann bliebe, die wuͤrdigen Stuͤcke wuͤrdig einzuſtudiren, wie viel weniger, aber wie viel beſſere Schauſpieler dann ſein wuͤrden, wie nur die Edlen und Guten derſelben dann bleiben und gelten koͤnnten; wie ſehr die Raſerei der Eitelkeit der Andern, der Jocko's und Baͤren etc. eto. dann beſchnitten, ja aufgehoben wuͤrde, welche Eitelkeit, durch den Auf⸗ ſchwung der Theaterkritiker bis zu einem wahrhaft ſte⸗ henden und verfumpfenden Artikel in den Tageblaͤttern — nun bis aufs Aeußerſte gekommen, ihren Sturz finden muͤſſe, werde und ſolle.—— und nun —— erfuhr Hilda, daß die Meiſten der hieſigen Truppe von Freigang ſich beleidigt gefuͤhlt, weil er einen fremden Gaſtſpieler nur verdientermaaßen belobtz und ſo ſich beleidigt gefuͤhlt, daß ſie in corpore zu ihm gegangen, und den ſo ſchon äußerſt kranken braven Mann an Leib und Seele— da Erx kine Seele hatte— ſo angegriffen, er ſie,— Stadt und die Welt geſegnet. i Sie weinte innerlich, und hötte käum, daß dit Redactoren der Tagesblaͤtter ſich und dem Volke ge⸗ lobt, keine Theateranzeigen mehr anfzunehmen, und Obſcures in Obſcuro zu laſſen; auch: daß däs Thea⸗ ter geſchloſſen ſei, und nur auf ganz neue, durch Caution gedeckte Contracte wieder geoͤffnet werden ſollte⸗ Dagegen las ſie erſchuͤttert eine Anzeige in der Zei⸗ tung: daß ihres Vaters„Deutſchland in Bildern“ nächſtens bei Mauskopf nachgedruckt und lithogra⸗ praphirt erſcheinen wuͤrde; Heftweiſe; Spottwohlfeil. Sie legte ſich uͤber das Blatt der Seitung, als wenn ſie muͤde ſei, und ſchlafen wolle, aber das Un⸗ ſchickliche davon einſehend, richtete ſie ſich bald wieder auf, und ihre Augen laſen mechaniſch ein Lob der außerordentlichen Gerechtigkeit von Herrn Mauskopfs zwar nur kleinem, aber großherzigem Landesherrn, den ſie ſchon hatte den Souverain d'or nennen hoͤren— daß ihr ein Blitz von Gedanken die Seele durchfuhr, daß ſie freundlich und ſchoͤn vor ſich hinſah wie ein Engel. — 366— Aber erſt mußte ſie zu Freigangs Witwe, um ihr ja bald das Geld zu bringen zur Huͤlfe; und zum Troſte— das Document. Sie zog ſich um; und als der Zug ſchon laͤngere Zeit zuruͤck war und der Vollmond aufgegangen, ging ſie unangemeldet hinuͤber in das ſtille veroͤdete Haus. Sie ging leiſe im Duͤſtern die Treppe hinauf; die Thuͤr des Wohnzimmers ſtand offen. Sie bot leiſe guten Abend; ſie verneigte ſich einigemal; aber es ward ihr ſo wehmuͤthig, daß ſie ſich ſetzen mußte. Denn am Fenſter ſaß die Witwe vertieft in ihren Schmerz, neben ſich auf dem Stuhle das junge Mäd⸗ chen ſtehend, das vorhin den Vater nicht hatte be⸗ graben laſſen wollen, als wenn er dann bei ihnen bleiben könnte! Der Mond ſchien hell zum Fenſter herein und tuſchte die Schatten der zwei Geſtalten auf* den Eſtrich des Zimmers. „Aber Mutter, liebe, liebe Mutter,“— fuhr das Kind in ſeinen Fragen jetzt an ſie fort—„ſage mir nur noch Eins, und verſichere es mir und ver⸗ ſprich mir's: wenn wir nun einmal auch geſtor⸗ ben ſind, kommen wir denn gewiß auch wieder Alle einmal hier in das Haus? hier in G'win⸗ ners Haus, darin wir jetzt wohnen? Und wird der Mond grade wieder ſo herein ſcheinen? Aber grade ſo muß er! liebe, liebe Mutter! verſprich mir's ge⸗ wiß!—“ —— Und in Thraͤnen ſchwimmend hing ſich das Maͤd⸗ chen an ihren Hals. Die Mutter aber ſagte dem Kinde und ſich zum Troſte: „Ohne Wiederbringung aller Dinge Iſt Jedes eitel und kaum geringe.“ Wir ſitzen gewiß Alle einmal wieder hier in G'winners Hauſe— und der Mond wird grade, grade ſo herein ſcheinen— und der Vater iſt wieder bei uns! Und wenn Alles, Alles wiedergekommen iſt, dann bleibt es alle, alle Tage ſo!“ „Aber Mutter, wann denn? wann geht denn das an? wann kommt denn Alles, Alles wieder? — ich meine den Vater! Oſtern? oder doch Pfing⸗ ſten? aber ganz gewiß doch zum heiligen Chriſt! ja! zum heiligen Chriſt! Der beſcheert uns ja Alles, was uns lieb iſt, und was Du uns die ganze Zeit her verſprochen haſt! ſo lange will ich noch warten! Auf den heiligen Chriſt habe ich ja ſchon ſo geduldig gewartet, bloß auf eine Puppe oder ein neues Kleid⸗ chen; und auf den Vater erſt, wie will ich da gedul⸗ dig warten, ohne einmal mehr mit den Augen zu fragen oder zu ſeufzen. Das ſollſt Du ſehen!“ Und nun klatſchte das Kind geſchwind nach ein⸗ ander in die Haͤndchen und freuete ſich, daß die Mut⸗ ter endlich uͤberwaͤltigt laut in Thraͤnen ausbrach, und ſich noch weniger von dem Kinde beruhigen ließ, wenn es ihr nur ſagte:„Mutter, liebe Mutter, Weihnach⸗ — 356— ten kommt ja auch! Laß nur die Erdbeeren, die Kir⸗ ſchen, Pflaumen und Nuͤſſe und alles das Zeug erſt vorbei ſein! Hei! wenn der Schnee wied fallen! und die Fenſter S n. voll Blumen, und der Schneekönig ſchnickern wird— da iſte gleich dann Weihnachten! Warte nur mchn S liebe Mutter K. freue 2 ja!“ prrrn n53 „In dieſe Scene wen der kleine Junge aus der him im Schlafe:„Väter!— Vater! die kleine Citrone iſt recht ſauer!— Mutter, haſt Du keinen Zucker? ich bin ja auch dein Kleiner Mann!“ Die Mutter wollte zu ihm. Hilda war aber ſchon aufgeſtanden, und ſo uͤberraſchten ſie beide ein⸗ andet. Hilda nannte ſich, ſagte gleich, daß ſie komme ihr des Vaters Schuld abzutragen, und daß ſie ihr leider nur ein Dokument uͤber die 4000 Dukaten bringe. Die Intereſſen in Golde legte ſie auf das Fenſter, das Document gab ſie ihr in die Hand. Die arme Frau war wie vom Monde herabgeſtie⸗ gen.„Alſo hat mein Mann nicht in der Irre gere⸗ det? Er geſtand mir: er habe noch heimlich Geld, das komme laͤngſtens, wenn er todt ſei! MNun kommt es!“— So freute ſich, und umarmte Hilda. „Mutter! da will ich wieder recht Khlen freute ſich die kleine Tochter. Hilda aber ſeufzte aus ſchwerer Bruſt, da die Goldſtucke vielleicht nie kommen wuͤrden. Aber ſie gelobte ſich, die Reiſe zu Mauskopf, nach Schaden⸗ evſatz, da ſein Herr ſo gerecht ſei; ja ſogar ein ſaurer Gang zu ihm ſelbſt hinauf in das Schloß ſollte ihr nicht zu ſchwer ſein. Und alles was ſie ſagen, bitten, drängen, beſchwoͤren wollte, flog ihr ſchon durch die Gedanken. Sie beklagte Herrn Freigangs Schickſal, und ſagte, was ſie heut uͤber den Vorgang geleſen, und was die Stadt entſchloſſen ſei— aber die Witwe beruhigte ſie.„Mein Mann war zu feſt und ſtark in ſeiner Seele“— ſprach ſie faſt lächelnd—„als daß ihn ſo etwas Kleinliches erſchuͤttert haͤtte. Er ver⸗ gab ihnen nicht nur— er bedauerte ſie ſogar herzlich! Doch haben Sie hier zu Ihres Herrn Vaters„Lei⸗ den,“ als Anhang noch den letzten Aufſatz von mei⸗ nem Manne,„uͤber die Leiden vom Theater.“ Des Volkes und der Sache wegen, war ihm eine nicht aufrichtig gemeinte Kritik einer andern Arbeit von ihm betruͤbender. Leider hatte er dieſe in eine Zeitſchrift gegeben, die durch Titel und Beſtimmung mit der eines andern maͤchtigen Buchhaͤndlers freilich collidirt! Die Kritik war darum haͤmiſch. Mein Mann meinte: Alles ſagen und ſchreiben, nur ehrlich und auch ſo gemeint, wie geſchrieben— dann iſt uns geholfen! Dagegen erquickte ihn eine Stelle in einem andern Werke„Das Menſchengeſchlecht,“ das man ihm aus Kopenhagen zur Recenſion geſandt— eine Stelle, die ihn mit ſeinem Beruf ganz ausge⸗ ſohnt; denn der Verfaſſer rechnet zu den Staͤnden des Schefers neue Nov. I. 24 — 630— Volkes: den Stand der Gelehrten, doch als den in Wahrheit regierenden, obenangeſtellt, und geſellt ihm die andern, Regenten und Kuͤnſtler durch geiſt⸗ volle Combination nur bei.— Was nur erſt geſagt iſt, meinte mein Mann, das iſt geſät, wenn es nicht ſchon Gedankenerndte der Zeit iſt. Und ſo entſchlief er in Frieden, als haͤtte ihn ein— mit einem Lorbeerkranze gekroͤnt.“ Das Geſpraäch verloſch dann nach nach. Hilda verſprach auf der Ruͤckreiſe wieder zu ihr zu kommen; dem lieben kleinen Mädchen aber ſteckte ſie, unter einer Handvoll Bonbons, einen Ducaten— von ihrem ſpaͤrlichen Reiſegeld gern— entwandt— in das Täſchchen im Schuͤrzchen, und ging unter den heißen Segnungen der nun ſich fuͤr reich und geborgen haltenden Witwe, im Dunkeln von den guten— armen Leuten! Der Edle von Mannskopf. Im klaren Mondlicht fluchtete gleichſam ſich Hilda nach Hauſe— dem Gaſthauſe— an Schreckhorns Bruſt. Sie trat in ihr Zimmer; aber als ſei ſie in ein falſches gekommen, bat ſie die darin an einem Tiſche bei Licht ſchreibende vornehme ſchoͤne Dame um Verzeihung, und wollte wieder gehen. Aber eine be⸗ kannte Stimme rief:„nur herein, liebe Hilda! Du biſt ſchon recht! Es hat ſich nur Einiges hier unter⸗ deß verwandelt. Sieh mich nur an!“, Die Dame ſtand auf— und Hilda erkannte Schreckhorn in ihr. Er faßte ſie unter den Arm, und erzaͤhlte ihr unter Thraͤnen und Lachen:„ſieh, mein Kind, ich ging nach der Poſt, nach Briefen von Deinem Vater oder der Altenburgiſchen Tante— ich fand Einen von ihr, poste restante, und da liegt er auf dem Tiſche! aber wen fand ich auch? wen, in einer Eptrapoſtkutſche!— meine ſchoͤne, reiche Ge⸗ liebte, die mir nachgeeilt, weil ſie gewiß erfahren: ich ſei mit Dir fortgereiſet, durchgegangen! Sie war eben angekommen; ich druͤcke mich, und ehe ſie unſern Aufenthalt erfahren kann, eil' ich nach Hauſe, mich ihr zu verbergen— in meiner wahren Geſtalt: in Frauenkleidern; jener ſtationaͤren beſtändigen Maske des weiblichen— Menſchen! Wahrhaftig— lache mich nicht aus— unter Thraͤnen warf ich den Mann, den Studenten ab, und fuhr in das Weib. Aber gaͤbe doch Gott, daß jedes Weib ſo wie ich, die Maͤnner kennen gelernt; ſo wie ich— wenn nicht zwanzig Jahre, doch zehn ſtudirt! daß ihr Herz ſo feſt und ihr Kopf ſo aufgeraͤumt ſei, wie meiner! Meine mich liebende Schoͤne habe ich leider getäuſcht, aber unſchuldig; doch ich kannte einen andern vorneh⸗ men, galanten Herrn, der Hab und Gut, Leib und Seele daranzuſetzen entſchloſſen war— ſie ungluͤcklich zu machen! Denn er wollte nur Abenteuer, nicht ſein Gluͤck; und an das Gluͤck der Andern dachte er niemals. Sieh alſo, liebe Hilda, ich habe ſie gluͤck⸗ 24* lich hinweggebracht uͤber Schande und Reue, und ſo will ich denn gern ihre kleine Beſchaͤmung bereuen, und ihrem Lachen einige Thraͤnen ſchenken. Denn Fraͤulein Schreckhorn war kaum fertig in die mitge⸗ nommenen Kleider verwandelt, hatte kaum die Locken umgebunden, das Spitzenhaͤubchen aufgeſetzt und das Perlenhalsband um— als meine„Liebende,“ einiger⸗ maßen in Geſtalt einer ſehr liebenswuͤrdigen kleinen Furie hereintrat. Ich frug, wen ich die Ehre haͤtte? — Sie kannte mich und erkannte mich nicht.„Sie ſind gewiß Eine der neun Schweſtern meines.. „Um Vergebung, was denn ihres?“ Meines meines. Ich lächelte, und ſchlug dadurch ſchon viel in ihr nieder; dann ſprach ich ihre Hand faſſend: ich errathe! Nun ja, ich bin eine Schweſter meiner neun Schweſtern!“ „Sie ſehen ſich täuſchend ähnlich!“— „Freilich! denn ich bin Schreckhorn, die zehnte Muſe!“ Sie war jetzt heftig. Sie uͤberſchuͤttete mich mit Vorwuͤrfen, deren jeder mit einer Umarmung ſchloß, und mit einem Kuſſe mir abgebeten ward. Aber wozu die Verkleidung! frug ſie zu zuletzt. Und nun erklaͤrte ich ihr Alles, daß ich fruͤher verkleidet geweſen, jetzt aber nur gekleidet. Sie hoͤrte, ſie faßte, ſie glaubte endlich. Aber nun brachen die Thraͤnen aus. Waͤrſt Du lieber ge⸗ ſtorben, o Schreckhorn, ſprach ſie, waͤrſt Du lieber mir ſchnell und auf immer entflohen— ich haͤtte ja dann dich noch lieben koͤnnen, verwuͤnſchen beweinen— und gluͤcklich ſein! Aber jetzt die entſetzliche Luͤcke im Her⸗ zen und Haupte! Wer wird, wer kann ſie fuͤllen? Ich habe nun nie geliebt! Nie bin ich geliebt wor⸗ den! Und das Gelaͤchter in meiner Bruſt, ſa troͤſtlich und labend es iſt, weil Du nicht untreu warſt, ſo widerwillig lacht es die Liebe mir weg, fort, hin— ich weiß nicht wohin ſie iſt, weg wie Pracht und Glanz des Bluͤthenbaumes— nach einem er⸗ quickenden Fruͤhlingsregen! und wie der Baum ſtehe ich einfoͤrmig gruͤn vor Dir, ohne Bluͤthen mehr, und nimmer mit Frucht.“ „Das iſt wahr, Hilda, o Hilda!“ ſprach das nunmehrige Fräulein Schreckhorn, an die Neigung dieſer ihrer guten Pflegetochter zu dem jungen ihr un⸗ bekannten Mauskopf denkend, und Hilda im Voraus bereitend und warnend.„Meiner Liebenden Liebe war weg wie ein Luͤftchen, die doch ſo feſt und ſtark und ewig geſchienen, blos darum hinweg, weil ich war, was ſie ſelber war— ein Weib! und was man iſt und hat, das liebt ja Niemand; ſondern Gott und Menſchen, Maͤnner und Frauen lieben nur, was ih⸗ nen fehlt, was ſie ganz macht an Herz und Kopf, an Leib und Seele. O Hilda, wenn Du entdeckteſt: der, den Du liebſt, iſt Deiner Liebe und Deines Gluͤckes Feind, er iſt nicht einmal ein Menſch— denn der Schlechte und Ungerechte iſt nur ſeine hohle Maske, darin ein beliebiges Thier ſteckt, oder der Teufel— — 374— dann gedenke meiner Liebenden! lachs wie ſie! fahre nach Hauſe, wie ſie! Sie hatte ihr Reiſegeld verlo⸗ ren— ich habe ihr unſeren Beutel geben muͤſſen, und gleich an meinen Vater geſchrieben, daß er uns Geld entgegenſchicke, bis in das naͤchſte Reſidenzchen, am liebſten aber, daß er ſelber dahin komme.“ Hilda war tief betroffen und bang, ohne zu ah⸗ nen, wen ihre Freundin, das ieue Fraulein Schreck⸗ horn, meinen koͤnne, da ſie dem heimlich Geliebten in ihrer Seele alles Edle zutraute und gleichſam von ſeinem Worte lebte:„wir uns wiodrrl igemiß⸗ gewiß!“ Dieſes Erinnern verſetzte ſte im gin nch in des Vaters Laden. Und wunderlich, als ob ſie wirklich dort waͤre, ſah ſie hier, das Koͤpfchen wen⸗ dend, ſich beſorgt darin um. Der junge Menſch war natuͤrlich laͤngſt daraus fort, aber ſie ſah den alten Vater mit ganz bekuͤmmertem Geſicht in ſeinem Git⸗ ter ſitzen. Natuͤrlich ſprach er nicht; aber er ſah ſie traurig an, mit lang auf ſie geheftetem Blicke, daß ſie ſich die Augen zuhielt, ploͤtzlich aus ihrer Träume⸗ rei erwachte, und ſchnell nach dem Brief von der Tante griff.„Liebes Kind— ſo ſchrieb nun dieſe —„geſund ſind wir, ſo zu ſagen. Aber der Vater wird'mir ein gar zu ſparſamer Mann. Und dennnoch hat er uns eine große Bowle Punſch gemacht, weil es nun herausgekommen: die Deutſchen ſeien vor Yllen zum Schreiben beſtimmt; denn die Natur ſelbſt — 3— habe ihnen im Koͤnigreich Hannover ein barbariſches Dintenpulverlager— natuͤrlich zum Entdecken— ver⸗ ſteckt gehabt, zum Betteln gleichſam einen Bettelſack, denn das Dintenpulver heiße— Bettelerde, bis zur etwanigen Firmelung derſelben durch unverſchaͤmte, das heiße: reiche Schriftſteller. Im Hauſe iſt es auch nicht mehr geheuer, namentlich im Buchladen. Denn der Herr Bruder behauptet ſteif und feſt, daß die Geiſter oder die Seelen, die er zu verkaufen die Ehre habe, alle Naͤchte einen furchtbaren Krieg mit einander fuhrten. Schriftſteller- und Kritiker-Geiſter riſſen ſich nicht nur die Haare aus, zerrten und puften ſich nur etwa; ſondern nach dem graäulichen Kampfe ſei leicht zu ermeſſen, daß Goͤtterblut— Zichor— wahrſchein⸗ lich Zichorien— da die Gelehrten abſonderlich Caf⸗ fee trinken— den Boden bedecken muͤſſe. Ich fragte den Herrn Bruder, ob er am Morgen nicht Blut⸗ flecke im Laden, oder doch herumliegende Haare gefun⸗ den, wie doch die Kinder aus Sonderbarkeit in Schenken zuſammläſen, worin ſich die Handwerksbur⸗ ſchen mit den Bauern gerauft und geſchlagen?— aber er ſah mich nur an und ſprach: Seelen! die haben nicht wirklich Haut und Haar! Ich ſollte erſt geſtern die Nacht mit hinunter gehen, um mich an der Buchladenthuͤr im Hauſe zu uͤberzeugen; aber ich habe einen Abſcheu vor ſolchem Unweſen. Auf den Herrn Bruder hat es auch einen bedenklichen Einfluß geuͤbt— er will den nicht mehr geheuern Buchhandel — 376— niederlegen, und es hat ſich ſchon ein Kaͤufer zu ſeinem Buchladen gemeldet, ein hieſiges Haus, das Auftrag hat fuͤr ein fremdes, dem es hauptſächlich um ſeine alte ehrliche Firma zu thun ſei.“ „Mein Gott!“ ſeufzte Hilda,„der Vater iſt ſchwachſinnig, vielleicht gar tieffinnig geworden! Die gute Tante ſtyliſirt das nur anders; ſo wie der ganze Brief mit ihren eigenthuͤmlichen Buchſtaben geſchrieben iſt, z. B. hier ſteht das Ausrufungszeichen am An⸗ fange der neuen Zeile, weil es in der alten nicht mehr Platz gefunden.“ Und nun entdeckte Hilda der neuen und aſten Freundin ihren Entſchluß, zu Mauskopf um Entſchaͤ⸗ digung zu reiſen; aber im Fall einer ausweichenden, muthmaßlich ſelbſt unmaßgeblich groben Antwort, bei ſeinem edlen Souverain d'or ihn in Anſpruch zu nehmen. Ihre Schreckhorn billigte Alles; denn die⸗ ſer ſchien nur daran gelegen, Hilda bis in jene Stadt mitzufuͤhren. Die Caſſe war nun faſt gänzlich geſchmolzen, und Hilda verließ ſich auf ein Packet ſchoͤner Buͤcher, die ſie aus dem Verlage ihres Vaters mitgenommen, und dort verkaufen wollte. Und ſa reiſten die beiden Frauen mit dem kleinen Cot⸗ nelius denn im Geleite Gottes, nunmehr von einem Schweizerbuben gefahren, der ſich durch die verſproche⸗ nen goldenen— Sandberge eines jungen, in die Schweiz gereiſeten polniſchen Ehepaars hatte verleiten laſſen, mit ihnen hinaus zu gehen, aber dort redlich entlaufen war. Der Student und die Inſeription waren eingepackt; dafuͤr ſaß nun eine im Paſſe noch fortlebende, und von der Polizei in demſelben— fuͤr zwei Groſchen an die reſpectiven Hausknechte— fort⸗ viſirte Madame Warnkoͤnig, eine ganz charmante Mut⸗ ter der Hilda im Wagen, naͤmlich— Fräulein Schreckhorn, nicht mehr in der erſten Bluͤthe der Jugend, aber unabgebluͤht, friſch-lieblich, hold- un⸗ ſchuldig und wahrhaft conſervirt.„Das macht“ — ſagte ſie launig zu der ſie immer mehr bewundern⸗ den Hilda—„daß ich ſo lange ein junger Mann geſchienen; denn was bringt die jungen Daͤmchen allein in gar manche Schuld und Buße, als daß ſie die weibiſchen Maͤnner fuͤr— Frauenzimmer halten! Daß aber die himmliſchen Geiſter en masque die Frauen auf Erden vorſtellen und ſpielen, das wollen die Herrn Mannszimmer, zu ihrem Benefiz, nicht an⸗ erkennen, liebe Warnprinzeſſin!“ Hilda ſollte bald inne werden, worauf ſich alle vorigen und jetzigen Worte bezogen. Am Thore des Reſidenzchens, worin Herr Mauskopf et Comp., und der Souverain d'or wohnten, wurde ihr vor⸗ laͤufig das Buͤcherpacket abgenommen und ſie ange⸗ wieſen, ſich auf der Cenſur, am liebſten bei Herrn von Kettentraͤger, zu melden. Nachher bereitete ſie ſich auf den Gang zu ihres Vaters Verderber, Herrn Joſeph Mauskopf, während die alte Muſe, die Schreckhorn als Madame Warn⸗ — 96— koͤnig, eine gewiſſe Baroneſſe aufſuchen wollte, die vorzugsweiſe, ſo genannt, am Hofe allmaͤchtig ſein ſollte! Hilda aber lernte keine Worte zur Anrede an den Mauskopf, ſondern ſie belebte nur ihr Gefuͤhl durch das Andenken an den manniäfachen Schaden, den er geſtiftet— dem Vater, deſſen Schweſter, dem Maler, der Witwe und den Kindern des Schriftſtellers. Gefuͤhl des Unrechts macht zum ſtaͤrkſten Redner; ſein Leiden klagt ein Kind ſchon ausdrucks⸗ voll, und ihre Rede war fertig, als ſie uͤber dem Buch⸗ laden auf blauer Tafel die goldene Firma las: 1. MaUSKOP et SOHN, privilegitter. Aber dieſes ihr Gefuͤhl des Unrechts an Andern, ward durch ein hoͤheres aufgehoben, wie Glanz des naͤchtlichen Hirtenfeuers vom Blitz aus Donnerwolken.. Denn Der, den ihre Seele eher im Himmel zu tref⸗ fen glaubte, den traf ſie im Nachdruckerladen! Er war der Spion, Sohn und Erbe des Joſeph, und hieß und war Maria Mauskopf, wie ſein Vater— denn am Fenſter hingen die Aushaͤngebogen von„Deutſch⸗ land in Bildern“ das Er— ach, Er, gekauft! „Hilda!— Sie hier?— Maria und Joſeph!“ rief der junge Mann, und ſtand iueſſen von bluti⸗ ger Schaamroͤthe. Aber fuͤr Hilda war die Wet wie vrſhttt be⸗ graben wie ein Grab, verhallt und doch noch forthal⸗ — 340— lend als herzzerſchneidender Mißlaut. Nacht war, fin⸗ ſtere, ewige Nacht. Sie ſtand in troſtloſer, weſenloſer Einſamkeit, verlaſſen, allein, nichts mehr uͤbrig als Sie, und von ihr ſelbſt nur noch ein daͤmmernder Schmerz. So ſtand ſie wie aus Luft— auf Luft⸗ „Theure Hilda“ Sie kommen zu zeitig!“ ſagte er wieder. Zu ſpät!“ liſpelte ſie. Einzige Hilda,“ fuhr er muthfaſſend fort,„was hab' ich gewirkt, ſeit ich Sie ſah! wie vieles bereitet in Ihrer Vaterſtadt— und daß ich mich dazu bekenne — bei Ihrem redlichen— armen Vater! wie viel hab' ich durchgeſetzt, und ach, gegen Wen?— gegen den eigenen Vater! O Hilda, Fi nun Sie ein redliches Herz, eine ehrliche Hand⸗ Er hielt inne; denn— erhob e die ihre. Sie ſah ihn einige Zeit mit ernſter Bekuͤmmer⸗ niß, mit herzinnigſtem Bedauern an. Und wie in ihr ihre Liebe und all' ihre Hoffnung auf immer vorbei war, wie uͤberall nur dann wahre Aufrichtigkeit eintritt, wo irgend ein Geſchaͤft, eine Angelegenheit, ein Gefuhl voräber, vorbei und abgethan iſt, und dieſe Aufrichtig⸗ keit dann eine Wiedereinſetzung der Menſchen in den vorigen Zuſtand völlig unmoͤglich macht, ſo ſprach nun auch Hilda aufrichtig die wenigen Worte ſtammelnd: „Ich habe Sie.... ja uͤber Alles! Aber ich habe ich liebe nicht mehr! und Riemand im Leben mehr— als meinen Vater.— Wo iſt Ihr Herr Vater? mein Herr! Zu ihm kam ich allein.“ Und voll Gehorſam der Liebe hielt er ſchon die zitternde Hand an der Klingelſchnur, um ihn zu rufen. Aber im Herzen bereit, Alles an ihr und ihrem Vater durch alle ſeine Mittel, ia durch ſich ſelbſt und ein reines liebendes Leben gut zu machen, was der Seine verſchuldet, konnt' er ſich nicht von dem Gedanken ſcheiden, ſie werde, ſie muͤſſe ihm noch verzeihen. „O Hilda,“ ſprach er kleinlaut,„wenn ich Sie nicht gewonnen: ſo iſt alles verloren! Das Gluͤck des Lebens iſt mir dahin, und das bloße Leben nur uͤbrig! Aber nicht das leere Leben nur— auch ein ſchmerzli⸗ ches und betruͤbtes. Denn vor der Geliebten will der Liebende rein daſtehen, ihrentwegen vor allen wollte ich tadellos und bieder leben fortan. So klaͤrte mich die Hoffnung, die jch in Ihren Augen geleſen! O Hilda! Und nun, nun ſoll ich buͤßen, daß mich die Gewohn⸗ heit des Lebens, Gehorſam gegen den Vater— Ihnen veraͤchtlich gemacht! Aber ich will ſo bleiben und leben, wie Sie mich nun geſchaffen! Denn Tau⸗ ſende haben einen boͤſen Weg zum Guten zu bereuen: aber es iſt beſſer, einen edlen Schmerz in der Bruſt zu tragen, indem wir nun beſſer ſind, als glucklich zu ſein, und es nicht zu verdienen. Vielleicht ruͤhrt Sie das noch, und ſehen Sie hier, wie aufrichtig ich es mit Ihnen meine!“ und ſomit gab er ihr ein Blatt Papier, und ſie ihm dafuͤr ein Anderes; und während er die Ent— ſchaͤdigung durchlief, welche ſie von dem Vater for⸗ derte, las ſie die an ſaͤmmtliche Nachdrucker gerichtete: . Unterzeichnete haben in ſichre Erfahrung gebracht, daß an hoher Stelle die Nachdrucksſache wieder ein⸗ mal mit Nachdruck behandelt werden ſoll. Da nun Alles im Lande repräͤſentirt werden muß, und Wir gar keine zu verachtende Innung ausmachen und die Nach⸗ drucker-Kunſt die Buchdruckerkunſt uberbietet, ſo will es Noth thun: einem Sprecher, ja Schreier fuͤr uns goldene Dinge in den Mund zu legen, das heißt im Kammertone: Ducaten in den Schubſack zu ſtecken! Einer aber iſt nicht unintereſſirt genug, einen ſolchen Schubſack allein zu fullen; giebt aber Jeder von uns, wenigſtens durch öffentliche Nachrede Verbundene: 10 Ducaten, ſo muß, nach keinem Conto finto die präſentable Summe von 1000 Ducaten zuſammen ge⸗ ächzt werden. Ew. Wohlgeboren verzeihen wahrſchein⸗ lich, wenn wir nun Hochdieſelben mit uns in Eine Claſſe ſetzen—(weniger koͤnnen wir keinenfalls thun, noch mehr)— und wir demnach Ew.— wir moͤchten ſagen: Liebden, oder ſehr lieben Herrn Collegen fuͤr daſſelbe halten, was wir ſind, naͤmlich— was aus Dero beruͤhmten Verlagsartikeln, auch Novitaͤtenzettel hervorgeht— ein ſchimpflich ſogenannter Nochdrucker (nicht Nachtdrucker, als wenn unſere Buͤcher ſo ſchlecht und falſch wie bei Nacht gedruckt waͤren.) Damit wir nun nicht in corpore unterdruͤckt werden, ergeht aus dem Geiſte der ganzen loͤblichen Gilde die eindringlichſte Bitte an Ew. Sehrlieben: eben aviſirte 10 Ducaten (unbeſchnitten) mit beizutragen fuͤr den beſagten„Schub⸗ ſack“— einen famoſen Doctor Juris utriusque, (Sie werden das utrinsque verſtehen: der Recht zu Unrecht, und Unrecht zu Recht macht.) Damit nun Ew. Sehrlieben in Ihrem Gewiſſen nicht meinen: wir wollten das Geld unterſchlagen oder es techniſch auszu⸗ druͤcken— nachdrucken(was Manche unſrer hoͤchſt⸗ achtbaren Herrn Brotherrn oder Vordrucker auf deutſch ſtehlen wollen nennen, das heißt, nicht etwa ſtehlen wollen, ſondern wirklich ſtehlen) ſo ſind wir ſo frei, Ihnen die dreimal verſiegelte, im ſammtnen Mundloch mit Widerhaken Lrſehene Sammlungsbuͤchſe beizuſen⸗ den, damit Sie Ihre— Sie verzeihen den Ausdruck: Ihre zehn Ducaten Beitrag zweifelsohne ſicher hinein ſtecken koͤnnen; leicht verdient wird leicht verthan und der Sprecher wird ſprechen! Wir werden ſeine Rede drucken, um doch Einen Artikel ſogenannten aͤchten Verlag zeitlebens auf dem Lager zu haben und Jeder⸗ maͤnnig vorlegen zu koͤnnen, oder an die Paar guͤnſtigen Gelehrten, die viel auf Wohlfeil-Leſen und nichts auf Schreiben halten, mit beizulegen bei Sendungen. Wir muͤſſen zuſammenhalten, noch aͤrger als Juden, und klare Statuten im nächſten Convente beſchwoͤren, damit wir etwas, naͤmlich die Hauptſache vor unſern Feinden voraus haben, und damit wir nicht wieder erleben, daß die Brillenhaͤndler uns ihre Dankadreſſe einſchicken, weil unſer Druck ihren Abſatz hoͤchſt erfreulich vermehre; oder daß die Papierfabrikanten uns eine neue Sorte Druck⸗Loͤſchpapier ohne Ende anbieten, das eigends fuͤr Uns inventirt ſei, obgleich Papier ohne Anfang fur uns beſſer und ſchon erfunden ſei! Das klingt ſaty⸗ riſch, aber: wer ſich nicht ſelber die Wahrheit ſagt, dem ſagen ſie Andre— empſindlicher. Sie werden dafuͤr die Freude haben, daß wir am Leben Hleiben! den Beitrag verdienen Sie in Luͤften wieder ſchon an einem A. B. C! Krebswaͤchter auf der Oſtermeſſe ſind angeſtellt, denn kein gedrucktes Lob noch kein gedruckter Tadel iſt mehr zu reſpectiren, noch ſo ſehr, jals der Krebs- oder Vögelbeweis; daher der angeſtellte Vogelwächter uͤber ausgeflogene Buͤ⸗ cher⸗Voͤgel— oft gerade die Loſeſten! Von dieſen nun fangen Wir ein! Doch Sie verzeihen, daß wir als Pfuſcher einem Meiſter etwas lehren wollen. Schade, daß wir keine uͤberall mit Klingeln behangene Puppe haben, an der Wir unſer Handwerk erlernen koͤnnten — bis ſie nicht mehr klingelt! Leider ſtehen wir noch gleich— und namenlos— in den Zeitungen, und durch Herabſetzung der nachgedruckten Buͤcher werden wir nicht in effigie, ſondern in natura herabgeſetzt. Aber laſſet uns Gutes nachdrucken, und nicht muͤde werden! Denn zu ſeiner Zeit, das heißt: — Endlich hoört man auf zu ſchreien! Endlich hoͤrt man auf zu ſchimpfen! Endlich werden Wir uns freuen, Haben Gold in gllen Struͤmpfen! Die Buͤchſe belieben Sie durch einen ganz ehrli⸗ chen Mann— wenn Sie einen dafuͤr halten— wei⸗ ter zu befoͤrdern an ihren naͤchſten Mitarbeiter an wohl⸗ feilen Buͤchern; hoffentlich werden Sie nicht weit haben. Thun Sie aber bei Einzählung der Ducaten nicht, als ob Sie Honorar bezahlen ſollten(Blei ſoll oͤffentlich bekannt gemacht werden) ſondern zahlen Sie auch ein⸗ mal Honorar—(man muß alle Empfindungen im Leben aus Erfahrung kennen)— es wird Ihnen nicht wieder vorkommen! Verlegen konnten wir das Geld unmoͤglich, indem Sie ja wiſſen: Wir ſind nicht Verleger. W St'“ R— Herr Mauskopf. Hilda las noch, als der wahre Herr Mauskopf, der Vater, erſchien. Ein ſchlauer gewandter Mann von nicht uͤbelm Aeußern, nur wie ſein Geſicht ver⸗ rieth: ein Weintrinker einigermaßen oder Maaße des Tages, und ſehr maͤßiger Waſſertrinker des Nachts. Da keine Leidenſchaft lange ohne eine Geſellin bleibt, ſo ſah er geſpannt auf das ſchoͤne gluͤhende Maͤdchen in ſei⸗ — 385— nem Laden. Sein Sohn erſchrak uͤber den Blick aus ſeines Vaters Augen auf Hilda, und rief einen fluͤchti⸗ gen Anhauch von Schamroͤthe auf deſſen Geſicht durch die leiſe Vorſtellung derſelben:„Herrn Warnkonigs Tochter! Fräulein Hilda!“ Der Vater biß auf die Lippen und ſpiach nur: „Ah, ah!“ aber er ſah die Currende in ihrer Hand, erbat ſie ſich hoͤflichſt von ihr, und wendete ſich voll heiligen Zornes gegen den Sohn. Denn da auch ihm die erbaͤrmlich⸗ſchoͤne Methode bekannt war, ſich bei Fremden, Gäaͤſten, oder Feinden, die man heimlich meint, dadurch ſchnell in einen unzweideu z jämmerli⸗ chen Reſpect zu ſetzen, daß man etwa ſeinen eigenen Hund barbariſch vor ihren Augen durchpruͤgelt, oder noch beſſer, wohl gar ihm bei wichtigen Fällen ein Auge aus dem Kopf ſchlaͤgt; einen Bedienten die Treppe hinunter zu werfen droht oder wirklich wirft, oder das reizende Stubenmädchen in den Thurm ſetzen läßt— ſo wandte Herr Mauskopf auch hier dieſe fuͤr einen Waſchbär gewiß edle Methode aus Rache gegen den Sohn an, und ſprach:„Nun, Du Edler von Maus⸗ kopf— verzeihen Sie, Herr von Mannskopf— Du ungerathener Sohn! iſt es nicht genug, daß Du mir der Mutter Vermoͤgen entzieheſt, Dich von Deinem Vater, wie von einem Ausſaätzigen, fern etablirſt und ein Gut kaufſt, und unſeren alten Namen Mauskopf verlaͤugneſt? Verraͤthſt Du uns noch, daß Du die⸗ ſem ſehr lieben und ſchoͤnen Fraulein hier die Cur⸗ Schefers neue Nov. I. 25 — 386— 2 rende zu leſen giebſt?— Fort aus meinen Augen!“ — Dabei ergriff er ohngefaͤhr ſieben Haare von einer der ſchwarzen Locken des Sohnes und fuͤhrte den Ge⸗ duldigen mehrere Schritte hinweg. Als er ihn losgelaſſen, ſprach der Sohn mit vor Schaam gebeugtem Geſicht ſehr ſanft zu ihm:„Mein lieber Vater, nehmen Sie wenigſtens noch dieß Blatt von dem Fraͤulein an Sie! es iſt nicht mehr an wicht 445 — Dann ging er Hilda hatte ſich weggekehrt. Mauskopf durchlas die Schaͤdenberechnung und fragte dann artigſt:„Al 9000 Fl. in Silber?“ „Nun Sie auch„Deutſchland“ nachgedruckt haben, wenigſtens das Doppelte;“ antwortete Hilda. „Alſo 18,000, allerliebſtes Fraͤulein Warnkonig. Nun!— Aber in Wahrheit, ſo viel bin ich jetzt nicht vermoͤgend! Mein ungerathener Sohn, um aus einem unedlen Nachdrucker ein„Edler“ zu werden, hat ſich fur ein paar tauſend Gebetbuͤcher nach der Mode und Handſchuhe— naͤmlich fuͤr Antonio's von Signor Don Handſchuh— die er nachgedruckt hat, edlen laſſen: Edler von Mauskopf! Um aber das haͤßliche u aus der Maus zu bringen, und es bei dem Marſchall⸗ amt nachtraͤglich in ein n verwandeln und reſpective dann auch noch verdoppeln zu laſſen, und Edler von Mannskopf zu heißen, koſtet ihm abermal— das Verſprechen einer neuen Auftage von hundert Dutzend Handſchuhen. Ich aber bin und bleibe Mauskopf! — 38 und haͤtte ich nicht— mit Ihrer Erlaubniß— 5 ſo wäre ich blos eine arme Maus!“ „Hätten Sie lieber Herz!“ ſagte ihm Hilda. „O ſie ſehen, ich habe Muth!“ entgegnete Maus⸗ kopf.„Aber ich muß nun ſparen, und habe ſchon, blos um keine neue Firma auf dem Schilde dem Schreiber bezahlen zu muͤſſen, mir einen Compagnon Namens John ausgewahlt, weil ſo das 8 in „Sohn“ bloß oben ein Häckchen links und einen Strich durch zu bekommen braucht, und zwar von Golde!— Wie viel beliebten Sie doch Entſchaͤ⸗ digung?“ Hilda war entruͤſtet uͤber den kleinlichen ſchlauen Mann, und fragte ſich ſelbſt halblaut:„Was fängt man mit einem ſolchen Geizhals an?“ Und fuͤr dieß Compliment der Sparſamkeit— in dieſer letztbetruͤbten Zeit— ſich verneigend, ſprach er zum Scheine beleidigt:„Auch Ich bitte mir einigen Reſpect aus! Sind wir Buchhaͤndler— oder Buchladen — nicht das Aegypten Deutſchlands? Sind wir oder ſie nicht die meilenlangen Felſenwaͤnde mit Inſchriften, die Hypogaͤen voll Bilder, die Obelisken mit Hierogly⸗ phen! Sind wir nicht die Koͤnigsgraͤber mit Saͤrgen und Papyrusrollen? Wir nicht die Lehrer der Prieſter und Aerzte ſelbſt, die da lehren, mittelbar lehren durch die Buͤcher in unſerem Handel? Sonſt ſtand eine Bibel auf 79 Kuhhaͤuten— damals waren die Papier⸗ macher Caviller; wir haben ſie zu Ehren gebracht: zu 25* — 388— Lumpen⸗Papiermachern. Haͤtte die ganze Welt uns nicht, muͤßte die ganze Welt— die jetzt eben kein Geld dazu hat,— nicht auch noch zu einem aͤußerſt koſtſpieligen Aegypten werden, um etwas zu ſein und nachzulaſſen! Alſo!— Wir bitten uns einige Ehr⸗ furcht aus, ihr Kopten und Tuͤrken der Welt! Iſt die Freiheit nicht Nichts ohne die Preßfreiheit? und iſt die Preßfreiheit etwas ohne die freie Preſſe— mit Freiheit, ja mit dem theuer— faſt durch die Ehre— erkauften Privilegium: nachzudrucken! und das habe ich, ſo gut, wie ein freier Amerikaner das Recht: Sclaven zu kaufen und zu verkaufen! Ich betruge alſo den Staat nicht! Wie viel beliebten Sie doch Ent⸗ ſchädigung? — Hilda ſammelte Zorn. „Sehen Sie nicht ſo ernſt aus, allerliebſte Nord⸗ länderin! Denn wie wohlfeil liefern wir Buͤcher, die bei Ihren Preiſen hier ganz unbekannt geblieben! Wir verwohlfeilen ſie im Sinne der Zeit; denn es muß noch zehnmal ſoviel Honorar bezahlt werden, wenn zwanzigmal ſo viel Buͤcher gedruckt werden; und das wird und muß— denn es ſtecken im Volke noch hundertmal mehr Leſer, als jetzt leſen und bloß noch Chriſtenthum lernen! Und wie fruͤhe ſchon haben wir Werke nachgedruckt, die ſelbſt bei Ihnen jetzt kei⸗ ner zum Erſtenmal drucken duͤrfte! Oder halten Sie das nicht fuͤr groß— iſt ein hier zu Lande, oder rich⸗ liger geſagt— hier zu Laͤndern nachgedrucktes Buch — 39— nicht ein ganz Anderes? Fehlen nicht gerade alle Kraft⸗ und Machtſtellen der Vernunft und der vernuͤnftigen Freiheit darin? Vermiſſen dieſe nicht unſere Klu⸗ gen, und laſſen ſich unter allerhand Waaren verpackt die aͤchte Nießwurz kommen? So ſchaden Wir nicht, und nutzen doch! Allerliebſte Nordlaͤnderin,— Seele, meine Seele möchte ich ſagen— wie viel beliebten Sie doch Entſchaͤdigung? Denn Satz der Lettern, Druckpapier und alles Andre berechnet, verkaufe ich meine Buͤcher mit ſehr billigem Gewinn— ich betruge alſo das Publikum nicht!“ —„Aber meinen Vater!“— ſagte Hilda im Eifer, aber ſchon halb in Thraͤnen—„und manche Andre!“ ſetzte ſie hinzu, um, wie ſie meinte, das Wort zu maͤßigen.. 12 „Hm! liebe Hilda, gute Tochter, geben Sie mir Ihre kleine ſchoͤne Hand, und horen Sie mich an“— fuhr Herr Mauskopf fort, und ſah ihr dabei ſcharf in die Augen—„betrugt Ihr lieber Herr Vater nicht auch?“ 3 Hilda entzog ihm emport die Hand. und ſo maͤßigte er auch jetzt ſein Wort, und ſetzte gleichfalls hinzu:„wie manche Andre?“— Und von ihm in ihrer ſchaamvollen Wuͤrde und Stille wiederum an der Hand gefaßt und gehalten, mußte ſie hoͤren: „hat Ihr Herr Vater nicht nachgedruckt und nachge⸗ ſtochen? Denn ich weiß ſehr wohl, was nachdrucken iſt: die Exemplare oder Auflagen eines Buches vermehren, — 396— ohne dem Schriftſteller, oder wem er ſein Recht dazu käͤuflich abgelaſſen, dafuͤr gerecht zu werden! Hat Ihr Herr Vater, liebes Hildchen, nun niemals die Auflage ſtaͤrker gemacht, als bedungen? Jedesmal es dem Autor gemeldet, wenn ſie vergriffen war? Niemals ein engliſches oder franzoͤſiſches Werk in einer Ueber⸗ ſetzung herausgegeben, ohne.. Sie wiſſen ſchon! und ich ſehe es Ihnen an. Geht die deutſche Ehrlich⸗ keit nur bis an die Grenze? Jenſeits wohnen keine Menſchen, die Rechte und Rechtsgefuͤhl haben? Aus⸗ lage und Muͤhe zu ſtehlen macht nirgends ehrlich; und wenn ein Dieb 10,000 Gulden darauf wendete, eine verwuͤnſchte Stecknadel zu— uͤberſetzen, ſo wär er ein Narr wohl, aber kein ehrlicher Mann. Und ſind ver⸗ kleinert oder vergroͤßert, ja verbeſſert, herausgegebene Blaͤtter, die urſpruͤnglich ein Andrer beſorgt, ſeien es Bilder oder Charten— wie ich es, zum Beiſpiel mit Ihres Herrn Vaters Deutſchland in Bildern gemacht — kein Diebſtahl? Sehn Sie mich an!— bin ich kein Dieb? Ja, doch leider nur Einer! Aber Ihr Herr Vater, liebes Hildchen, iſt auch nicht— Keiner! Ich kann ihm nicht helfen, Ihnen nicht helfen, und wenn Sie noch blaͤſſer wuͤrden, und noch mehr zu zit⸗ tern beliebten. Sie ſehen— ich fuͤhle fein! feiner, als meine beruͤhmten Collegen, die ſich meiner ſchaͤmen — wie der Zoͤllner am Wege, der an ſeine Bruſt ſchlug und Gott dankte, daß er nicht ſei— wie Ich, zum Epempel. Wer nicht ganz rein iſt von Suͤnde, —391 der iſt ein Suͤnder, und darf keinen Stein aufheben zu ſteinigen. Und was ſchrieb Chriſtus mit dem Fin⸗ ger auf die Erde? man weiß es nicht recht, aber er⸗ gaͤnzt und uͤberſetzt wuͤrde es heißen: Ihr ſollt nicht nachdrucken! Ich weiß, Sie ſind gut— wie viel be⸗ lieben Sie denn Entſchaͤdigung?“ 8 „Komm fort, Mutter!“ bat der kleine Cornelius, ſie an der Hand ziehend. „Das liebe Kind iſt doch nicht das Ihre?“ ſprach Herr Mauskopf.„Oder deſto beſſer! deſto eher!— Willſt Du mein Soͤhnchen ſein?“— Aber der kleine brave Mann gab ihm, der ſich zu ihm ge⸗ kauert hatte, eine derbe Ohrfeige, daß Herr Mauskopf ſich herzlich freute und lachte. Hilda aber, Schmach auf Schmach erlebend, Herabſetzung des Vaters— und Zweifel an Ihr, war ihrer nicht mehr mächtig; abet wirklich dachte ſie ihrem Vater nach; und ſo ward des ſchlauen Mannes Wille erfuͤllt, der ſie auf ſeine nachdruckliche Weiſe zahm machen wollte.. „Ueberlegen Sie,“ fuhr er fort,„erwaͤgen Sie! Da hab' ich um ſchweres und ſchwer bereutes Geld einen raren Menander gekauft, rar, weil er einzig iſt in ſeiner Art und in meiner Hand— aber, aber! muß ich nicht fuͤrchten, daß die ganze Buchdruckerwelt uͤber ihn herfällt, wenn ich ihn vordrucke als Incuna- pel! Das Volk will nicht begreifen— weil es ihm nicht in den Kram taugt— daß Homer's Werke, ſo gut wie Diogenes Tonne, noch heute ſein Eigenthum — 1— waͤren, wenn er lebte oder ſeine Nachkommen, die Tonne nicht verlechzt, und wenn Er oder Sie nicht das Recht darauf weggeſchenkt oder verkauft haͤtten! Es will nicht einſehen, daß nur Werke vogelfrei werden, an die kein Lebender mehr ein Recht hat. Der Tod iſt alſo der beſte Kuppler der Nachdrucker, weil er alle Arcana und Patente dem Volk publicirt, und der groͤßte Wohlthaͤter und Schenker der Menſchheit, da er un⸗ ſägliche Schaͤtze der Vorwelt ſchon ausgeliefert, und die Schaͤtze der Gegenwart noch ausliefern wird zu dem großen„goldenen Hausſchatz“ der Erde. Aber was der Tod kann und darf, ja ſoll, das wird dem Menſchen Verbrechen, alſo auch dem Nachdrucker⸗ Menſchen und Menſchen⸗Nachdrucker; denn in ihren Werken ſchlafen die Menſchen— interdum dormitat bonus Homerus!— und durch gleiche Vernunft und gleichen Geiſt werden ſie aufgeweckt und fortwäh⸗ rend lebendig erhalten im Spiritus ihres eigenen Gei⸗ ſtes. Bei der jetzigen Hervorſuchung der Legitimitat, muß auch dem Volke, der Autoren naͤmlich, wenig⸗ ſtens ſeine Legitimität erlaubt werdenz denn ein Volk ſind ſie faſt an Zahl, und werden ſie nach und nach durch Zuwachs, und ſind wenigſtens immer der ubrig⸗ bleibende, dauernde Theil eines Volkes— ja das Caput mortuum, oder vivum deſſelben. Sie hoͤren— liebes, allerliebſtes Hildchen— ich weiß! ich ſpreche vortrefflich-jammervoll ſelbſt gegen mich! Aber, verzeihen Sie, das macht die verdammte Speculation — 393— mit dem Menander, den ich Ihrem Herrn Vater lei⸗ der, leider heimlich weggefiſcht— ſagen Sie nicht: ihn darum betrogen, denn ich habe die Schelle damit ja ihm ab und mir umgebunden, und kann ihn erſt drucken— wenn dieſem Mauskopf lange kein Zahn mehr weh thut! Alſo, ſchoͤne, gute, einſichtige Tochter, liebſte Hilda. wie viel beliebt Ihnen noch Entſcha⸗ digung? Und denken Sie, ſehen Sie, hoͤren Sie doch! Wir Nachdrucker bewahren die Herrn Buchdrucker — alſo auch ich Ihren Herrn Vater Warnkoͤnig— gegen einen Buchdruckerkoͤnig in Norden! und ſelbſt alle Autoren muͤſſen ſich gegen einen Preſſenkoͤnig ſtemmen, der dann willkuͤhrliches Honorar bezahlt, Lob und Tadel ſpenden laͤßt, wie ein Mongole, der durch den Ausrufer vor ſeinem Zelte der ganzen Welt erlaubt zu eſſen, was und wie viel— wenn Er ſatt iſt! Aber wir wir ruͤtteln an ſeinem Zelte, das glau⸗ ben Sie mir, und ſchlagen ſeinen Sclaven auf den Mund— mit Loͤſchpapier! Uebrigens, liebe Hilda, ſchlagen wir unſere Literatur, als wahres Interim, wahrlich zu hoch an. Sie tappt, verſucht und ſucht erſt. Sie iſt eine meſſenweiſe Um⸗Schreibung aller Wiſſenſchaften, Um⸗Malung aller Anſichten, und die Buͤcher nit ſtehend bleibenden— Gedan⸗ ben erwarten wir erſt; denn die Deutſchen werden ſich ſelbſt noch himmelhoch uͤbertreffen! Der Ruhm der jetzi⸗ gen ſogenannten Beſten wird durch kuͤnftige Sonnen ſehr niedergehalten erſcheinen. Jetzt lebt noch das deut⸗ — 8e4— ſche Volk im fruͤhlings⸗ſtuͤrmiſchen April ſeines Jah⸗ res, und Manche ſagen ſogar oder denken doch: es lebt noch im erſten April— nach dem bekannten Sprichwort, ſo daß man es hinſchicken kann, wohin man will! Vebrigens— was beſitzen die Schriftſteller denn wirklich ſo Eigenes, daß ihr Recht gar ſo ſcharf zu nehmen wäre! Haben ſie nicht Alles genommen aus der Welt? Wer iſt denn eigentlich der Verfaſſer von Doctor Fauſt? Das Volk und die Zeit; denn die Er⸗ findung iſt Alles! Die Auffaſſung von Farben und Stenen aus Natur und Welt, kann doch nicht gar ſo erſchrecklich hoch angeſchlagen werden! Des armen Herrn Freigangs Leiden der Zeit— ſind es etwa ſeine Leiden? hat er Stoff, Inhalt, Rath, Ausfuͤh⸗ rung nicht Alles von der Gegenwart genommen— nachgedacht, nachgedruckt gleichſam! Sind es nicht die Leiden gegenwärtig armer Menſchen? Sollen ſie ihre Leiden nicht ſo wohlfeil als moͤglſch erhalten! Ich habe hier eine Viſion in Manuſcript„das Schrift⸗ ſtellergericht;“ nehmen Sie vieſelbe gefaͤlligſt an! da werden Sie ſehn, was— nach Abzug alles Abzu⸗ ziehenden an Jedem bleibt— kaum Haut und Haar. Und nun, liebe Hilda, zum Letztenmal— was verlan⸗ gen Sie noch Entſchädigung? Etwa hier zum Beweis meiner Schuld ein Exemplar von den Leiden, um mich bei Serenissimo anzuklagen— das ſteht zu Dienſt und ich in Gottes Hand. Doch das will ich Ihnen ſagen ehe eine Sache nicht himmelſchreiend wird, — 305— nicht Einem der Herren Geſetzentwerfer ans Herz greift aus Privatintereſſen— ſo lange beſteht ſie— und Ich.“ Hilda ahnte nicht, wie hald ein ſolcher Fall fuͤr ſie eintreten wuͤrde, und ſeufzte tief. Sie hatte ihres Vaters Feind vollſtaͤndig nur ausgehoͤrt, weil ihr das nuͤtzlich ſchien zu ihrem ſchwerſten Gange— und dafuͤr bedankte ſich nun ſogar das gute Maͤdchen und empfahl ſich ihm mit einem Blicke, der die Kraft einer Rede hatte. Herr Mauskopf war nicht ungeruͤhrt und es durchfuhr ihn zwiefach; daß er ein Menſch ſei. Darum ſagte er jetzt mit ganz anderer Stimme, ſeinem indeß gefaßten Entſchluſſe ſich naͤhernd:„alſo, mit Boͤſen war nichts bei mir auszurichten. Aber es iſt ein ſehr ſchoͤnes Mittel, das Ihrem Herrn Vater ſicher⸗ lich hilft... und reichlich„ denn ich bin nicht ſo arm. — und welches?“, frug du mit Haſt. „Sie 1 307 „Ja! Ihre Hand!“ „Meine Hand?“— „Ja, in meine gelegt, bis ſie mir die Au⸗ gen zudruͤckt— und was ich habe, theile ich noch lebendig mit Ihrem Vater— meinem, ſo Gott will Schwiegervater. Schlagen Sie ein, Beſte der Töchter! Sie ſind auch gewiß das beſte Weib! Nur — 396— darum ſchnitt ich Ihnen alle andern Wege ab, nur darum Eun0 Er hielt inne. Hilda, die blaß vor Schaam und Angſt zur Erde geſehen, hob ihr Auge nicht auf; ſondern viel zu fromm, als ihrem Vater etwas An⸗ beres, als Liebe zu ihr und mithin den Wunſch ihres Gluͤckes zuzutrauen— und viel zu erhaben, als ihre Seele mit einer Betrachtung und Abweiſung eines ſolchen Anſinnens zu erniedrigen— ging ſie mit duͤ⸗ ſter geſenktem Haupte leiſe hinaus zur Thuͤr, wo ſie auf eine Menge Roſen trat, die ihr wahrſcheinlich der liebende Sohn des verliebten Vaters von den Mo⸗ natsroſen Stoͤcken vor den Fenſtern uͤber dem Laden abgeſchnitten und fallen laſſen, um ſie ſanft und ſchoͤn an ſich zu erinnern— und aus ihren Augen fiel eine Thraͤne darauf. Der kleine Cornelius aber las die Roſen zuſammen und trug ſie ihr hinterdrein, waͤhrend Herr Mauskopf, die Hand am Kinn, dem reizenden Maͤdchen nachſah. Sie aber fror fieberhaft und fuͤhlte den Scheitel, ſelbſt in dem warmen Son⸗ nenſchein, wie mit eiskaltem Waſſer begoſſen. Die Natur legte den Grund zu ihrer— gruͤndlichen Huͤlfe; denn aus des Menſchen Gedanken und Gefuͤhlen er⸗ waͤchſt ihm Leben oder Tod. Der kleine Cornelius aber ſchrie ſie munter aus ihrer Verſunkenheit, durch ſein wiederholtes Rufen:„Mutter! Mutter! meine Mutter, ach, meine Mutter!“— Und in der That ſahe Hilda ein junges Weib, gewiß Gemma ſelbſt, ergriffen worden. — 397— auf einem offenen Wagen, auf einem Strohbund ſitzend, unter Bedeckung die Straße hinunter fahren — wahrſcheinlich in ein Gefängniß. Das ließ ver⸗ muthen, daß zwiſchen Mahner und Leliſa ein gewalt⸗ ſamer Vorgang ſtatt gefunden, bei dem die Schuldige Audienz. Die zehnte Muſe, Fraͤulein Schreckhorn, ſtand als Apoll vom Sofa auf, als Hilda bekuͤmmert herein trat. Sie hatte ihre Studentenkleider an, ja ein kuͤnſtliches feines Stutzbaͤrtchen und einen dito Backenbart. „Ruhe ein wenig, dann kleide dich beſſer!“ ſprach ſie; „wir gehen ſogleich zur Baroneſſe, und dort wirſt Du gluͤcklich ſein und hoffentlich werden. Aber präge Dir ein, traͤume es feſt, liebe Warnprinzeſſin, daß Du eine Mutter haſt, und daß Ich deine Mutter heute vorſtellen werde. Vergiß das nicht! Ich habe alle Gelegenheiten ausgeforſcht. Ich bin aufs Reine.“— Und nach kurzer Zeit gingen ſie nach dem prach⸗ tigen Hauſe der Baroneſſe, dem Schloß gegenuͤber in mäßiger Ferne. Aber ihre Freundin Schreckhorn verſchwieg der Hilda, daß die Baroneſſe hier, faſt ge⸗ wiß jene Dame geweſen, die an den drei Kreuzen ge⸗ weint, und an welche der Maͤdchenmuͤller geſchrieben; daß ſie alſo die heimliche Mutter der Mutter der Hilda ſei, ohne zu wiſſen, wie das Alles zuſammen⸗ hange. — 398— Schreckhorn ließ ſich melden als Student und Reiſegefaͤhrte einer jungen Dame, die eine Bitte an Serenissimum ac Clementissimum habe. „Angenommen.— Ins Zimmer der Erin⸗ nerung.“— Liebliches Halbdunkel darin. Labende Friſche. Duft der Blumen. Sie waren allein in demſelben. Nach und nach ſahen ſie deutlicher, auf prachtvollen Tiſchen koſtbare Spielſachen oder Spielereien fuͤr vornehme große Kinder. Aber dort— um das auf einem beſonderen Tiſche aufgeſtellte Bild eines Mannes gewunden eine Klapperſchlange— eine wirkliche! davor ein Crucifix und ein Gebetbuch, aufgeſchlagen bei der Be⸗ trachtung:„Vergebung der Suͤnden“— was heißt das, und kann es ſein?— Sie ſprachen leiſe. Sie warteten. Endlich erſchien im neueſten Putz eine ſehr ſchoͤn geweſene, jung geweſene Dame, und be⸗ wegte ſich noch ſehr raſch an ihrer Verneigung voruͤber, ſetzte ſich auf das Sofa, winkte ihnen, ſich vor ihr zu ſetzen, und ſprach erſt, als es endlich geſchehen:„Nur keinen Namen, keinen Stand! auch ihren Zweck durften Sie mir nicht erſt ſagen laſſen. Jeder weiß oder glaubt zu wiſſen, was ihn gluͤcklich macht, und ſo helf' ich nur fordern, was er verlangt; zu weiter bin ich nichts mehr.“ Daher trug ihr beſcheiden Hilda nur vor, daß ſie „den Herrn“ etwas zu bitten wuͤnſche. —— Die Baroneſſe oͤffnete jetzt, nachdem ſie die Stimme gehoͤrt, eine Jalouſie; das Licht fiel auf Hilda, und während ſie mit dem blaſſen Mädchen ſprach, nahm ſie ein kleines Bild vom Tiſche neben ſich, und blickte manchmal darauf hernieder. Dann laͤchelte ſie.—„Ich will ihm die Freude machen, Sie zu ſehen,“ ſprach ſie zuletzt.„Wer iſt das wohl?“ frug ſie Schreckhorn, ihm das Bild tinbet⸗ Er ſtand auf.„Hilda!“ ſprach er. „Prinzeſſin Hilda“— verbeſſerte ſie. Er entſchuldigte ſich damit, daß er nur hier ſeine Freundin gemeint. Sie ſtand aufz auch Hilda.„Alſo gehen ſie!“ fuhr ſie fort.„Der Herr iſt im Marſtall, und gewiß bei guter Laune, weil der Stallmeiſter berichtet: alle Pferde befinden ſich wohl, was bei den Englaͤndern ein ſeltner Fall iſt. Heute aber iſt obendrein ein kleines allerliebſtes Sardiniſches Pferdchen fuͤr die Prinzeſſin angekommen; auch ſie wird, oder muß ſchon, dort ſein — und ſein Kind vor Augen, vergnuͤgt vor Augen, iſt er der beſte Herr, weil er der gluͤcklichſte Vater iſt. Der Herr bei ihm, iſt der Miniſterrath— mein Sohn.“ Eh' ſie ſich noch verneigte, ſie zu beurlauben, frug Schreckhorn: ob es nicht beſſer geweſen, daß die Mutter der Hilda— da Frau Baroneſſe einmal den Namen wiſſe— mitgegangen? Sie ſei zwar nicht recht wohl. „Gehen Sie auch nicht mit! Herr ₰ we⸗ nigſtens an unſerem Hofe iſt es ſeit langem unbedenk⸗ lich, daß das holde Kind allein geht.“ und eben im Scheiden, hhielt ſie Schreckhorn, faſt wie im Scherz, bloß die Unterſchrift eines uͤbri⸗ gens innebehaltenen Briefes vor, und frug nur wie zufällig:„Kennen Sie die Hand vielleicht?“ „Meines Vaters! den ich heute hier erwarte;“ entgenete Schreckhorn mit dem wunderlichſten Lächeln, als erſtaune Er. Doch ſie verneigte ſich und ſie gingen. Aber er erſtaunte ſogleich voll wunderlichen Ent⸗ zuckens, als ſie uͤber die Straße gingen, und der Vater, der Maͤdchenmuͤller, ſeine neun Toͤchter fahrend, ſo eben ankam. Er druͤckte Hilda die Hand, ſprang auf den Sitz vorn, und ſetzte ſich zu ihm.— So ging ſie allein. Ohne Weiteres fand ſie den ihr gerathenen Au⸗ dienzſtall mit dem Springbrunnen davor. Um dieſen ſtand ein Herr mit bedecktem Kopfe— drei An⸗ dere mit unbedecktem und Platten, denen es Noth gethan, nach der neuen Endeckung— Haare auf den Scheitel zu pflanzen; denn die Sonne brannte ſehr, und die Herren, unter denen ſie den alten Mauskopf erkannte, ſchienen zu ſchwitzen, und ſie bildeten wahrſcheinlich die Deputation ihrer Gilde. Sie frug einen Bereiter, ob Jener„der Herr“ ſei. „Nein!“ ſagte er, das iſt der Herr von Obenaus, der Miniſterrath, der Herr iſt drinn.“ Da ſie nun eher kam, als Prinzeſſin Hilda, ſo ſah ihr der wirkliche Herr, den ſie ſuchte, entgegen, und tadelte ſie, als ſie naͤher gekommen, daß ſie nicht in Reitkleidern— und ſo verkleidet, und ſo allein etſcheine, wie ein gemeines Fraäulein. Und als ſie ſich wiederholt verneigte, ſchalt er ihr unahſtaͤndiges Schelmenſpiel mit dem Vater— vor Leuten. Endlich aber erkannte er ſeinen Irrthum und bat ſie freundlich lächelnd um ihr Anbringen. Herr von Obenaus konnte den Herrn nicht etwas ohne ſich entſcheiden oder zuſagen laſſen, da er eine Fremde bei ihm ſah, und ſo trat er ſchweigend herzu. Auch die Prinzeſſin kam mit ihrer Oberhofmeiſterin; das Sardiniſche Pfbchen ward geſattelt hinaus gefuhrt, und ſo war die Auf⸗ merkſamkeit des Herrn getheilt. Hilda hatte aber alles Sichecheitsgefih wieder — durch die bloße Gegenwart von Frauen. Im Geiſt ſah ſie eine ganze Oſtindiſche hochbedeutende Com⸗ pagnie— 400 Buchhaͤndler im Audienzſtall ſtehen, und an der Spitze derſelben ihren Vater, aber mit gefalteten Haͤnden! Die Altenburgiſche Tante nickte ihr zu, hier vor der rechten Schmiede zu reden, und geſtrkulirte ſogar drohend mit der geballten Hand; Freigangs kleiner Sohn biß vor ihr in ſeine Citrone, daß ſie faſt lachte und weinte; und auch die ſchoͤne Jungfrau, die Hoffnung, langſam an ihr voruͤber zum Grabe wallend, lächelte ſie an, daß ihr der Athem ſtockte. Sie nahm indeß aus dem blauen Umſchlag Schefers neue Nov. 1. 26 den von Herrn von Kettenträger, dem Cenſor, aus be⸗ ſonderer Gunſt wieder erhaltenen Titelbogen von ihres Vaters„Leiden“ und den, von dem Nachdruck von Mauskopf, desgleichen den von dem„Deutſchland.“ Der Herr nahm ſie ihr ab, hielt die vier Blätter wie ein halbverlorenes Kartenſpiel in ſeiner Linken, verglich ſie, ſah Hilda an, und frug:„Sie ſind ge⸗ wiß Herrn Warnkoͤnigs Tochter?“ „Aufzuwarten!“ ſprach ſie, die ſich rithen laſſen, daß man ſo ſtatt„Ja“ ſagen muͤſſe. „Warnkoͤnig ſteht auf der Liſte ihre Macht ver⸗ wenbenden Verleger;“ bemerkte Herr von Obenaus. „Die Verleger ſind eine Macht— die Seelen erſchei⸗ nen laͤßt, oder ſie abweiſt. Nachdruck,—= Umdruck! die„Leiden“ mußten umgedruckt werden:„Beſen, Be⸗ ſen! ſeid's geweſen.“ „Sie kommen, gute Warnkoͤnigin, den Maus⸗ kopf zu verklagen?“ frug der Herr weiter. Aufzuwarten! „Erſparen Sie mir, mich zu ſchaͤmen,— ſprach der menſchliche Herr„ein Menſch iſt kein Pudel; ſagen Sie lieber: Ja!“ „Ja! ja!“— ſprach ſie nun laut.„Die Ge⸗ richte weiſen uns ab, darum bitte ich von ihrem Herren um Entſchädigung fuͤr meinen Vater, und um das Verbot an Mauskopf und alle Andere, wenn ſie auch nicht ſeinen ſprechenden Namen fuͤhren: das lie⸗ gen zu laſſen, was nicht das ihre iſt! Mein Vater —— muß durch den Nachdruck ſeines Verlags ein Betrüger werden, und betteln gehn, wenn er den Wechſel⸗ arreſt uͤberlebt— tiefſinnig iſt er ſchon! o Gott!—“ „Ihte dortigen Verleger ſollten— bis Weite⸗ res— gar nicht auf unſere Länder hier unten rech⸗ nen. Poffen ſie Abſatz in der Turkei? denn da iſt ja auch andere Sprache, anderer Glaube, andere Gerechtigkeitspflege!“ troͤſtete ſie Herr von Obenaus. „Solche Worte ſchaͤmte ich mich zu gebrauchen!“ ſprach Hilda erroͤthend zu ihm.„Wir denken vor⸗ trefflich von allen Deutſchen— deutſch und ehrlich! — auch mein Vater hat ſo gedacht, gewiß noch geſtern, und morgen und immer.“ „Der Mann thut mir leid!“ ſagte der Hert. „Das iſt nun ſchon der Zwanzigſte, der dieß Jahr klagen— moͤchte. Unrecht bringt Ungluͤck, Sittlich⸗ keit Gluͤck und Segen;— gegen die Meinung der Thoren die da glauben: Gott habe den Menſchen Recht und Sittlichkeit auf Erden nur wie eine geiſtige Dornenkrone auf's Haupt gedruckt, oder gat ins Herz. Wie helf' ich dem Manne?“— „Mauskopf hot ein altes, vielfach erneuertes, das heißt oft bezahltes Privilegium“ bemerkts von Obenaus. „Das iſt die große, die einzige Schwietigkeit un⸗ ſerer Zeit,“ erwog der Herr,„alte offenbare Ungerech⸗ tigkeiten, die gegen Gott und Menſchen kaufen— als legitim—= um abzuſchaffen!“ 26* —— „Heben Sie ſie auf, als goldener Souverain! wie bei uns die Erbunterthaͤnigkeit, die hergeerbte Er⸗ niedrigung von— Gottes Ebenbild!“ ſprach Hilda immer mehr Feuer entwickelnd aus Angſt und Noth, wie aus ſchwuͤler, bedruͤckender Luft ſich erſt die Blitze entzuͤnden.„Laſſen Sie die Privilegia abloͤſen— wie bei uns die Hofedienſte, ehe die Menſchen mer⸗ ken, daß ſie Menſchen ſind, nicht Sclaven, zu denen ſie alte barbariſche, erobernde Chriſten gemacht— alla Turca! Alle unſte Verleger bezahlen ſehr gern die Abloͤſung als ihre Erloͤſung!— das Gerechte thut und leidet jeder gern, beſonders wenn es Befehl, alſo — Ausfluß des Lichtes, Verkuͤndigung der Liebe, Se⸗ gen der Freiheit iſt, wie Freigang ſagt. Hier ſteht es! Bloß uncultivirte Länder haben den Nach⸗ druck.“ „Fraͤulein Warnkoͤnig!“ ſprach Herr von Obenaus, „ich warne Sie!“ „Das iſt keine Schande, uncultivirte Laͤnder zu habenz ſonſt muͤßten die amerikaniſchen Freiſtaaten oder ihr Präſident feuerroth ausſehen;“ ſprach Hilda nun, fortgeriſſen von ſich;„aber ſie nicht zu ſich herauf cultiviren— oder wenn ſie cultivirt ſind, nicht zu ihnen hinabſteigen— das.. „Das verdient eine Correction— fuͤr Sie,“ ſprach Herr von Obenaus. 69 Hilda aber fuhr fort, von den heftigſten Kopf⸗ ſchmerzen faſt betaͤubt:„Selbſt Herr Mauskopf ſagt: — 35— Ehrlichkeit ſoll nicht nur bis an die Grenze gehen, jedes Land ſoll nicht eine eigene Ehrlichkeit haben. Denn Steckbriefe gehen uͤber die Grenzen und arretiren mit ftemden Händen! Was irgendwo ſonnenklares unrecht iſt, kann— ach Gott, nein— ja, es kann, es konnte, es kann— doch es ſollte nirgend ſon⸗ nenklares Recht ſein, Privilegium! Darum ſagt Herr Freigang, Nachdruck iſt nur in uncultivirten Ländern.“ „Was mir jetzt Ihnen zu Gute zu thun bleibt, iſt—: Ich gebe Ihrem Vater ein Privilegium auch“ — ſprach der Herr. Hilda erſchrak und trat zuruck. Ich meine!„Eines dagegen!“— —„Aus Gnaden! und fur die Taxe! Es iſt keine Staatseinnahme zum Gluͤck, doch ein Zuſchuß „ins Gemein“ fuͤr Ausgaben„ins Gemein“;“ erklaͤrte von Obenaus. Die innere Empoͤrung gegen ein vermeintes Nach⸗ druckerprivilegium aber, das ihr Vater erhalten ſollte, uͤbte ihren Einfluß auf Hilda's Worte noch fort: „Gnade, Herr von Obenaus, iſt das Wort, was kein Menſch mehr von Menſchen mag— gnädigſter Herr! Gerechtigkeit iſt viel weniger, aber die will man nicht gern geben, weil man aus reiner Liebe es ſoll. Es iſt beſſer, daß Zehen warten, ja hundert und Tauſend untergehen— als etwa mein Vater und„ Ich“—(ſetzte ſie mit uber ſich ſelbſt und ihre Lage — 406— erhobenem Gefuͤhle hinzu)„als daß Alle— Men⸗ ſchen(und auch die Buchhaͤndler ſind Menſchen) das Menſchliche, und das iſt wohl das Recht, auf immer entbehren! Beſcheidnes, getroſtes Entſagen, voll Ver⸗ trauen auf Gottes Fuͤgung, brachte immer und uͤber⸗ all tauſendfaltige Fruͤchte. Darum danke ich tief.“ Sie verneigte ſich alſo gegen den Herrn ſehr be⸗ ſcheiden, doch feſt: mein Vater iſt nun ein Bettler — doch ich werd' ihn nicht ſehen: betteln gehn!“— Sie wollte in Thränen erſticken, es ſchnurte ihr die Kehle zu, doch ſie uͤberwand jede Schwaͤche, aber nicht die Krankheit, die ſie nichts klar mehr bedenken ließ, ſo daß ſie mit ſchlauem Lächeln ſagte;„ich habe um Verzeihung zu bitten— es iſt umgekehrt wie ich ſagte: Mein Vater hat Herrn Mauskopf ſein Deutſchland nachgedruckt! Dieſer hat ihn bei unſern Behoͤrden verklagt— und ich komme hierher um gnadige Fuͤr⸗ ſprache zu bitten, daß Herr Mauskopf die Klage zu⸗ ruͤck nimmt! denn unſere Gerichte ſind ſtreng— und ſie ſtoßen ihn aus, aus Rudolphs Garten!“ Herr von Obenaus wuͤthete innerlich uͤber die anſcheinende Frechheit. Aber der guͤtige Herr nahm einen Beutel mit Gold, die 200 Louisd'or fur das Pferdchen, und druͤckte ihn Hilda ſeitwaͤrts in die Haͤnde nur mit dem Wort;„ſo nehmen Sie wenig⸗ ſtens das, damit Ihr Vater die Strafe bezahlen kann. Denn Sie luͤgen wohl nicht?“— Dann wandte er ſich in die Thuͤr des Marſtalles„und ſah, —— —— wie ſeine Hilda mit dem Pferdchen dahin ritt, oder vielmehr das ſtoͤrriſche Pferdchen mit ihr. Hilda aber hob die Gabe in beiden Haͤnden em⸗ por, und ſprach, zum Himmel blickend, nur leiſe die Worte:„o Vaterland! O alle ihre Geiſter, die ihr herabgeſtiegen, und Euch durch Gaͤnſefedern offen⸗ bart...“ Sie wußte nichts weiter. Die Gedan⸗ ken waren ihr vergangen. Die Arme ſanken ihr ſchwer. Der Beutel entfiel ihr, und hinter die Fuͤße des Herrn, der jetzt, die Noth ſeines Kindes mit der kleinen wilden Beſtie im Auge, ſprach:„dem trotzigen Dinge ſoll ein wenig der Kopf zurecht geſetzt werden!“ Herr von Obenaus verneigte ſich, hob den Beu⸗ tel auf, und die Worte in ſeinem Sinn, nicht ohne Schein des Rechtes, auf Hilda beziehend, ſprach er!„zu Befehl!“ und gegen Dieſe gewandt nun ſagte er ernſt und bedauernd:„Sie haben ge⸗ hört! Sie haben ſich höchlich vergangen! Arreſt wird Ihnen gut thun, und ich will bitten, daß Sie bald entlaſſen werden! Indeß iſt Niemand hier, der ſie fort fuͤhre, und während ich das beſorge, bleiben Sie hier! Nicht wahr, Sie verlaſſen dieſen Ort nicht eher? Sie ſcheinen ſonſt ein ehrliches Maͤdchen!“ So ging er dem Herrn nach. Hilda blieb lange geduldig ſtehen. Es war Mit⸗ tag geworden; die Pferde wurden gefuttert, und waͤh⸗ rend dazu getrommelt wurde, ſang ſie leiſe die Verſe des redlichen Flemming: — 408— „Ich zieh in ferne Lande, Zu nutzen einem Stande, An den mich Gott geſtellt. Sein Segen wird mir laſſen, Was gut und recht iſt, faſſen,“ Zu dienen ſeiner Welt. Vin ich in wilder Wuͤſten, So bin ich doch bei Chriſten Und Chriſtus iſt bei mir. Der Helfer in Gefahren, Der kann uns doch bewahren, Wie dorten, ſo auch hier! Gefaͤllt es ſeiner Guͤte, Und ſagt mir mein Gemuͤthe Nicht was Vergeblichs zu, So werd' ich Gott noch preiſen In manchen ſchoͤnen Weiſen, Daheim in meiner Ruh! Indeß wird er den Meinen Mit Segen auch erſcheinen, Ihr Schutz, wie meiner ſein. Wird beiderſeits gewaͤhren, Was unſer Wunſch und Zaͤhren Ihn bitten uberein. So ſei denn, Seele, ſeine Und traue dem alleine, Der dich geſchaffen hat, Es gehe, wie es gehe, Dein Vater in der Hohe Weiß allen Sachen Rath!“ — Sb— Daruͤber ſchlief ſie, in der ſogenannten Stroh⸗ bucht ſich ſetzend, ein. Nach einer halben Stunde erſt kamen zwei Gerichtsdiener, die an ihr voruͤber gingen und die Schuldige ſuchten. Sie erwachte und meldete ſich. So gingen ſie nach dem Gefängniß. Aber am Gaſthauſe in der Thuͤr ſtand der kleine Cor⸗ nelius, und es war nicht moͤglich ihn abzuhalten von Hilda, ohne einen Auflauf zu erregen. So durft' er denn mit. Fa in üitnfe Erſt gegen Abend konnte Schreckhorn von Vater und Schweſtern los, und ging in die eigene Woh⸗ nung. Da war Hilda nicht! Auch der Kleine fehlte! So kleidete ſie ſich denn in Frau Warnkoͤnigin um, entſchloſſen zur Baroneſſe zu gehen und die letz⸗ ten entſcheidenden Schritte zu thun. Sie ſah in den Spiegel, und verſprach noch einmal Alles ihrer dahin⸗ geſchiedenen Freundin, was dieſe ſelbſt hatte ausfuh⸗ ren wollen. Sie verhieß ſich die groͤßte Wirkung von ihrer Erſcheinung— und das die verſtoßene Tochter geſtorben war, mußte zuletzt erſt den groͤßten Eindruck machen, und ſie uͤbergab dann den Brief derſelben an ihre Mutter. 1 Am Marſtall erkundigte ſie ſich nach Hilda, und erfuhr mit Erſchrecken, daß das arme Maͤdchen wahr⸗ ſcheinlich nach einem Gefängniß abgefuͤhrt worden. Das war die Stimmung, deren ſie grade bedurfte⸗ — Froͤulein Schreckhorn ließ ſich alſo bei der Ba⸗ roneſſe als Frau Warnkoͤnig melden. Der erſte Be⸗ diente brachte ihr die Antwort:„angenommen.“ Gleich darauf die Kammerfrau die haſtige Entſchuldigung: „Frau Baroneſſe ſei krank!“— Ein anderer Bedien⸗ ter fuͤhrte ſie in das vorige Zimmer der Erinnerung. Da ſtand ſie nun verſchleiert. Den Brief vom Vater hatte die Baroneſſe erhal⸗ ten— ſie hatte ſeine Unterſchrift geſehen. Hilda's Familiennamen—„Warnkoͤnig“ hatte die Baroneſſe nicht erfahren, wenn ſie auch von der Gegenwart ih⸗ rer Mutter gehoͤrt; und daß nun auf einmal die ver⸗ ſtoßene Tochter da ſei, daß ſetzte ſie in die groͤßte Beſtuͤrzung. Denn mit dem Herrn und ihrem Sohne hatte ſie ſeit Mittag noch nicht geſprochen. Auch daß die Vormittag erſchienene Hilda die Tochter der Tochter,„ ihre Enkelin geweſen— wie waͤre ihr das eingefallen? und auch jetzt ergab es ſich nicht aus der neuen Er⸗ ſcheinung. Ein Bedienter brachte Licht und zuͤndete die Rubinlampe an.„Frau Warnkoͤnigin“ ſtand ver⸗ ſchleiert, und wahrhaftig mit Herzklopfen, aber feſt in der Rolle, Endlich erſchien die Baroneſſe, haſtig bis in die Thuͤr, nun langſam. Mit leiſer Stimme frug ſie nach dem Namen er Fremden; und ungewiß, ob auch ſie durch Schreckhorn etwas— und was ſie wiſſe, oder geglauht habe, da ihr doch weiter nichts —— — 4— klar ſein konnte, frug ſie noch leiſer: ob ſie eine Schweizerin ſei? Und nun erzaͤhlte ihr die angebliche Frau Warn⸗ könig die Geſchichte ihrer Begrabung durch die Lawine, ihre Rettung, Verheirathung mit dem Buchhaͤndler Warnkonig, ſeinen Ruin durch die Nachdrucker, alle ihre Befurchtungen, und bat ſie nur; das Geſuch zu unterſtuͤten, das ihre Tochter Hilda dieſen Morgen bei der gnaͤdigen Frau Baroneſſe angebracht. „„ Deine Tochter!“„ frug dieſe mit be⸗ bender Stimme. Ihr Mutterherz ſchlug furchtbar mahnend an die alte Bruſt. Sie faltete die Hande und ſchien ſtill zu beten. Dann erhob ſie den Schleier der beſcheiden und ſchweigend vor ihr ſtehenden Geſtalt in ſchwarzem Kleide, ſie ſah ihr ins Geſicht, das die reinſten unbefangenſten Zuͤge, die mildeſten, klarſten Augen zeigte, und jetzt nur noch von Verwunderung uͤber ſie verſchleiert ſchien. „Du biſt es! Du“„ ſtammelte die Baroneſſe, und ſie wäre in die Knie geſunken, wenn Fraulein Schreckhorn ſie nicht gehalten und auf ein Sopha ge⸗ legt, wo ſie lange mit offenen Augen wie eine Ge⸗ ſtorbene oder Sterbende blieb, und die Tochter anſah.— „So geſchieht mir mein Recht,“ ſprach ſie endlich ſchwach und halblaut zu ſich.„Aber ich danke Dir, o mein Gott, daß Du mir meine Tochter auf Er⸗ den noch wieder zuſchickſt! nicht mir ſie erſt im Him⸗ mel vorſtellſt— am Tage des Weltgerichts!— Kuͤſſe — mich zum erſtenmal als deine Mutter, eine Fremde, eine Alte— einſt nur einmal eine junge Thoͤrin, die ach, zeitlebens gebuͤßt, und jetzt vergeht!“ Fräulein Schreckhorn, als Frau Warnkoͤnigin, wollte ſich wohl verſtellen, erſt ſagen, daß ihre Mut⸗ ter ja unter jenen Kreuzen ruhe!— daß es eine ehr⸗ liche Bauerfrau geweſen!— daß ſie erſtaune!— Aber als ihre geſtorbene Freundin ſich hier bei der Mutter denkend, weinte ſie laut auf, und ſank dem Weibe an die ſchuldige, reuige Bruſt. Und als ſie beide lange an einander geweint, ſetzten ſie ſich auf, und die Baroneſſe, nicht meinend kaum morgen noch unter den Lebendigen zu ſein, entdeckte ihr heute, warum ſie ihre Emmeline, ſie, ihre einzige Tochter, verſtoßen. Ihr Mann hatte ſie, als Geſandter, aus einem fremden Lande als ſeine Gemahlin mitgebracht, und ſelbſt dem Bruder des vorigen Herrn— preſentirt, der das Land in deſſen Abweſenheit im Kriege admi⸗ niſtrirt. Sie hatte das Ungluͤck gehabt, ihn zu reizen; preſentiren iſt alſo gefaͤhrlicher, und erinnert von ſelbſt an preſent. Ihr Mann war wieder verſchickt worden — weit, zum Schein nicht auf lange, dann aber laͤnger durch gemachte Verwickelungen, zuletzt durch Krankheit ein Jahr wohl feſtgehalten. Sie hatte nicht Muth gehabt, zu ihrem Verfolger zu ſagen:„Gnaͤ⸗ digſter Herr, Gott iſt meines Lebens Herr, nicht Sie! viel mehr gilt mir ſein ewiges Geſetz und ſeine ewige Liebe, als Ihre unſittliche, ungluͤcklich machende Leidenſchaft. Denn nur die Worte:„Gott und Tu⸗ gend, Unſchuld und Seelenadel“ vor einem Herrn aus⸗ zuſprechen, ſich auf ſie als den verſcheuchendſten Schutz zu berufen, ſei damals noch nicht Mode ge⸗ weſen; und tiefſte Deferenz vor den Haͤuptern der Menſchen ſei ihr ſo eingepraͤgt und anerzogen geweſen, daß ſie bloß:„Mann, Hofgeſprach, Entdeckung,“ und dergleichen gemeine weltliche elende Dinge zum Schutz genommen— die nicht hingereicht! und die weg⸗ geſchwatzt worden— indeß Gott, Tugend, Un⸗ ſchuld und Seelenadel ihre Richter geworden! Aber fuͤrchterliche! Sie habe das heimlich geborne Kind— eine Tochter— furchtbar gehaßt, ſo gehaßt, wie Schuld, Laſter, Satan— alles in einer Perſon in ihr— dem kleinen, unſchuldigen, himmliſchen Mädchen! So verblendet, habe ſie es kaum ange⸗ ſehen— auf immer verſtoßen, in armer guter Leute Haͤnde gegeben fern von ihr, die Leute reich gemacht, die es erziehen und gut verſorgen ſollten. Die ab⸗ ſcheuliche Tochter wieder holen, nur wiederſehen, ſei unmöglich geweſen. Bis ſie ihrem Manne einſt ent⸗ gegengereiſet— und die drei ſteinernen Kreuze geſehen! Der Brief von einem gewiſſen, es wohlmeinenden Schreckhorn— der heute auch hier ſei, und deſſen Sohn ſie ja kenne, da er ihr Hilda eingefuͤhrt— der Brief aber ſei in ihres Mannes Haͤnde gerathen — der kurz darauf als Sammler eines kleinen natur⸗ hiſtoriſchen Cabinets— eine lebendige Klapperſchlange gekauft— von der er ſich habe ſtechen laſſen! So ſterbend— hier in dem Zimmer— habe er ihr ge⸗ ſegt:„die Schlange biſt Du! Du haſt mich getoͤd⸗ tet! Mein Leben und Lieben war ein leerer Bekrug! aber nicht leer— hier haſt Du den Brief!“— Auf dieſe Erklärung bedurfte es langer Erholung. Darauf aber ſagte ſie heiter:„Es iſt, als wenn die Menſchen erſt dann viel beſſer wuͤrden, wenn ſie eine Suͤnde begangen, wenigſtens die Weiber, und zwar noch die Beſſern! Denn Viele verfallen dann ganz darein. Mein Ungluck ward erkaͤnnt— eine ſeltne Genugthuung! Der vorige Herr ſtarb ohne Erben. Sein Bruder— Dein Vater ſtarb, und ſein Sohn iſt nun der Herr hier! Du biſt die Schweſter deſſelben— an die er mich manchmal erinnert; denn der Hergang iſt der Familie heimlich bewußt— und hier meine Stuͤtze; mein Einfluß be⸗ ruht auf ihm; mein Sohn erhält ſich durch ihn— ich thue Gutes, ſo viel ich nur kann— durch ihn! Ja, wenn Du weißt, was die Frau von Kruͤdener gewirkt, ſo ſage ich Dir— Ich habe die Frau von Kruͤdener bekehrt! aber aufrichtig geſagt: mir gelang es erſt dann, als ſie anfing, etwas fahl und widerlich auszuſehen, ſogar fuͤr die Damen. Das ſchlagt der Herr mir hoch an— und ſeine Hilda und Deine Hilda ſind Geſchwiſterkinder, Er weiß Alles— und ich darf ihm nur ſagen: Du biſt die Emmeline — ſo iſt er dein Schuldner, und was deine Hilda ge⸗ beten, iſt leicht erfullt! Ich bitte Ihn! Er und die Tochter kommen jetzt eben zu einer kleinen Abendtafel zu mir. Du bleibſt!— Dem Fraͤulein Schreckhorn ward in der todten Huͤlle ihrer Freundin Warnkonig, die es vorſtellte, geſpenſterhaft zu Muthe— und utheimlich, wenn es an die Loͤſung dachte! Das Studentenkleid blieb ihre Zuflucht; und doch fuͤhlte ſie öfter nach dem Briefe der todten Tochter der Baroneſſe. Dieſe zeigte der vermeintlichen Tochter jetzt ihren Vater; und daß ſie mit ſtorriſcher Kälte, ja mit leiſer Nicht-Achtung, das Bild alsbald bei Seite legte, ſchien der frommen Frau zu gefallen. Sie zeigte ihr den betrogenen Mann, und ſich„die Schlange um das Bild“— und daß ſie die Augen davor ſchloß, daß ſie der alſo beſtraften Mutter die Hand mitleidig druͤckte und wegging, ſchien wieder der frommen Frau zu gefallen. Endlich zeigte ſie ihr auch das Kinderzeug der kleinen Tochter, das ſie ſonſt heimlich, jetzt unverſchloſſen aufbewahrt— ein Haͤub⸗ chen von grauer Leinwand, ein Hemdchen von grober Sackleinwand, ein hartes Bettchen mit Huͤhnerfedern geſtopft— weil ſie das Kind gehaßt. Und daß die Tochter daruͤber nun weinte, erweichte die Mutter zu Thränen; ſie ſchluchzte, ſie fiel vor ihrem Kinde nieder, ſie bat ihr auf ihren Knien die Schuld an der Natur und an ihr ab, und wollte ſich nicht von ihr aufheben — 46— laſſen. Da raſſelte der Wagen⸗ Die Baroneſſe ordnete ſich, und ging dem Herrn und der Prinzeſſin Hilda entgegen. Es dauerte lange, ſehr lange, ehe ſie wie⸗ der kam, und ihte Warnkoͤnigin ins Tafelzimmer fuhrte. Hier mußte ſie ſich nach den erſten Verwunderungen von ihrem Bruder umarmen und kuͤſſen laſſen, um in der Rolle zu bleiben. Allein ſie empfand bei den Kuͤſ⸗ ſen nur, was ſie ihrer Freundin erſpart! Aber es ging nicht ohne Satyre ab, ohne den Hohn, der die Sunde immer trifſt. Denn den redlichen Unmuth, den der Sohn uͤber des Vaters jugendlichen Fehltritt empfand, verkehrte er lächelnd in die Worte:„Ein ge⸗ wiſſer Herr hat die Gelehrten uns ſchon zur Seite ge⸗ ſtellt, als unſere Vorarbeiter und Gehuͤlfen; aber nun wir ſehen, daß wir auch mit den Buchhaͤndlern ver⸗ wandt ſind in reiner Folge, nun muͤſſen wir unſern Verwandten ſchon ernſtlich vor unſern Nachdruckern“ ſchuͤtzen!“ Aber nachdenkend fuhr er fort: zum Gluͤck und zu unſerer Freude iſt der Preußiſche Legationsrath v. V. noch hier— man ſoll den Vertrag gegen den Nach⸗ druck mit ihm abſchließen! Der edle brave Mann ſoll Gluͤck und edle Freude haben! Ich bin ein ehrlicher Mann, und ich ſage: Er verdient das volle Zutrauen ſeines Herr! Er wird ihm Freude machen! Gerechtig⸗ keit macht Freude im Vaterlande. Jetzt war es Zeit, an Hilda zu denken. Aber nur der nun auch gekommene Herr von Obenaus konnte Auskunft geben.„Sie ſitzt im Gefängnis!“ ſagte er zufrieden;„Serenissimus befahlen. dem trotzigen Dinge. den Kopf zu recht.. „Abſcheulich!“ erſcholl. Und in wenigen Minuten waren Alle durch den Park im Stockhauſe. Der Stockmeiſter wird aus dem Schlaf geweckt, eine Laterne angezundet, das Gewoͤlbe aufgeſchloſſen— von Obenaus geht zuerſt hinein. Der Meiſter leuchtet. Man hoͤrt einen gedaͤmpften Ausruf. Endlich kommt von Obenaus blaß und za⸗ gend und ſpricht:„Und wenn ich ſterben ſoll— ſie iſt todt! Sie ſteht an der Wand! mit gefalteten Haͤn⸗ den, halb auf die Kniee geſunken zu beten, aber das kurze ſeidene Tuch laͤßt es nicht zu„ denn, wenn ich ſterben ſoll— ſie hat ſich gehangen.“ Als ſie hineindrangen— ſetzte ſich eine Geſtalt vom Strohe auf, ſah ſie verwildert an und ſprach un⸗ nachſagliche Dinge— in der Hitze der Krankheit. Die Kranke war Hilda mit dem Knaben im Arm. Die Todte war Gemma. Man beleuchtete ſie. Der Knabe erwachte, fand ſich, ſah die Mutter, und lief an ihre Kleider, und freute ſich, daß er ſie hatte. Er wollte nicht fort. Hilda hatte Erſchreckliches ausge⸗ ſtanden neben der, ihr uͤber das ausgebliebene Geld Vorwuͤrfe machenden, verzweifelten ſchoͤnen jungen Frau oder Witwe. Jetzt ward Hilda Huͤlfe. Fraͤulein Schreckhorn— Frau Warnkoͤnigin— war verſchwun⸗ ben. Der Jammer hatte ſie fortgetrieben, die Angſt und die Furcht, doch zugleich das Bewußtſein: daß Schefers neue Nod. 1. 27 — — 418— ſie die Tochter der Freundin nun— und alſo ſogar am ruͤhrendſten— in die huͤlfreichſten Hände gebracht. Aber Hilda antwortete auf die Nachfrage der Baroneſſe nach derſelben:„meine Mutter iſt todt!“ So ward ſie ins Schlafzimmer der Baroneſſe ge⸗ tragen. Bericht an den himmliſchen Vater. Am Morgen beſuchte der Student Schreckhorn ſeine theure heldenmuͤthige Warnprinzeſſin. Der Ba⸗ roneſſe gab er heimlich die Nachricht, daß Frau Warn⸗ koͤnig, wie ſie ihm vertraut, erſchreckt uͤber eine Ent⸗. deckung, ſchleunig zu ihrem redlichen Manne nach Hauſe gereiſet ſei;— um die arme gute reuige Mut⸗ ter und Großmutter auf den Verluſt der Tochter vor⸗ zuhereiten. Den Brieſ von derſelben ſteckte er heimlich Hilda zu. Als er am zweiten Morgen mit ſeinem Vater, dem Maͤdchenmuͤller, wiederkam, ſah er an. Hilda's Verſtoͤrung und Ungeduld, daß die Großmut⸗ ter ſich der Enkelin entdeckt. Aber waͤhrend die Ba⸗ roneſſe mit dem Vater ſprach, rang Hilda die Haͤnde verborgen gegen die Freundin, und bat heimlich den Himmel, ſie nur dießmal wieder geſund zu machen, um bald das unſelige Haus zu verlaſſen;„denn es iſt ſchrecklich, Suͤnde zu thun,“ ſagte ſie; erbaͤrmlich: Suͤnde gethan zu haben— aber eine Suͤnde zu ſein, wie die Mutter— das iſt abſcheulich; und ich bin ihr Kind. Mein Vater iſt ein ehrlicher Mann und — 4 verachtete jede Huͤlfe von hier aus, jeden Gulden, ge⸗ ſchweige Tauſende! Und, wohl mir, ich bin ſeine Toch⸗ ter! Hier bin ich erſt elend geworden, und ich glaube, daß der Zwieſpalt im Herzen: ob ſie läͤnger den Vater verkuͤmmern ſehen, oder bei einer ſolchen Mutter ihm Huͤlfe ſuchen, meine arme Mutter weit ehet ins Grab gebracht, als die Folgen von des Vaters Verwundung in ihre Seite. Hilf mir zur Flucht von hier! Daran will ich meiner edeln Mutter wahre Freundin erken⸗ nen und meine!“ Die maͤnnliche Freundin redete ihr zu, die Gunſt der Umſtaͤnde und der Perſonen, ihres Vaters wegen, nicht von der Hand zu weiſen und den, ihr freilich verheimlichten Plan von der Mutter und ihr, nicht, nach dem Gelingen, noch ungelungen, ja ungluͤcklich zu machen.— Aber umſonſt. Hilda bat nur: dem Vater kein Wort von der Mutter Geheimniß je wiſ⸗ ſen zu laſſen! Denn noch ſei er arm, aber ehrlich, und was er habe und beſitze, ſei feſt in ſeinem heiligen Wahn auf die alte, treue, reine Natur gebaut; eine ſolche Entdeckung wuͤrde ſeinem Leben und ſeinen Lieben— dem Weib und der Tochter, auch wo ſie wären— eine falſche betruͤbende Folie unterlegen. Denn ſie fuͤhle ja ſchon, was ſie leide, und all' ihr Vertrauen zur Welt, ja zum Vater ſei hin— weil Er ihr— fälſchlich— ein reines Bewußtſein zutraue! Das moͤg' er doch haben, und wenn auch nur Er, und ſie wolle es ihm heilig bewahren. 3 — — 420— Sie mußte jetzt Hilda den Willen laſſen, da ſie bedeutend krank war. Aber auch nach mehreren Ta⸗ gen, als ſie in der Beſſerung ſchien, erfuhr die Großmutter dieſelbe Ablehnung, nur mit den ſchonend⸗ ſten, guͤtigſten Worten. So beredete dieſe denn mit dem Freunde: baß Hilda indeß ſchon zu ihrem Troſt, nur tauſend Ducaten annehmen ſollte, die ihr aber der alte Schreckhorn als ein Darlehn, was ſchon mit ihrer Mutter verabredet ſei, ſelbſt einhändigen mußte, und das ſie von ihm mit ſchwerem Herzen nahm, mit ſo ſchwerem, als ſie Freigangs Witwe die Schuld⸗ Verſchreibung ausgehaͤndigt. Aber der Vater war ja dadurch den Vater Veit und den Bruder Bock los. Auch den Beutel, den noch Schreckhorn ſeiner nach⸗ gereiſeten Schoͤnen gegeben, durfte er ihr erſetzen, und er that es reichlich. Das ſchien ſie heimlich froh zu machen. Sie füͤhlte ſich. Darum ſehnte ſie ſich zu dem Vater nach Hauſe. Sie zwang ſich auszugehn. Sie gab zuletzt vor: daß ſie mit dem alten Vater Schreck⸗ born und ſeinen Tochtern einen Ausflug in die reizende Gegend auf einige Tage machen werde. Sie ging am Vorabend des angegebenen Tages auch wirklich zu ihnen mit dem kleinen geerbten Cornelius, aber in der That nur, um von den guten Menſchen, von ih⸗ rer und der Mutter Freundin, im Geiſte Abſchied zu nehmen— wie Schreckhorn einſt von ihnen hatte ſcheiden wollen. Und ſeine Hand zuletzt in der ihren, ſagte ſie ihm dagegen, daß ſie mit der Großmutter auf drei Tage auf's Land gehen werde⸗ Prinzeſſin habe die Gnade gehabt, ſie als ihr Geſellſchaftsfraͤulein bei ſich behalten zu wollen, was ſie demuͤthigſt aus⸗ geſchlagen; ja ſogar: daß ſie der Sohn der Baroneſſe aus dem altadeligen Geſchlechte derer von Obenaus— (das mit ihm ausſterbe, weil er aus gehabtem Ungluͤck beſchloſſen nimmer zu heirathen) zur Tochter annehmen wollen. Sie ſagte auch noch: daß ſie der Mutter klei⸗ nes grauleinwandnes Kinderhäubchen, ihr gro⸗ bes Hemdchen, und das harte Bettchen geſehn! Mehr bedurfe es nicht. Zuletzt that ſie einen ſon⸗ derbaren Blick in der Fitndin Augen— und ſie war geſchieden. Ein Wagen brachte ſie und den kleinen Cornelius ſchnell in die Stadt, wo nun Freigang ſchliefz ganz erſchoͤpft von der Reiſe, in Furcht, jeden Augen⸗ blick ein vholt zu werden, und von betäubenden Ge⸗ wittern verfolgt. Von hier aus ſchickte ſie der Baro⸗ neſſe— ihrer Mutter Abſchiedsbrief zuruͤck, und ſchrieb an den Vater voraus. Sie beſuchte, ſo muͤde und matt, des reblichen Freigangs Witwe, weil ſie es ihr verſprochen. Mild, doch eigen laͤchelnd von der armen Frau empfangen, mußte ſie an ihrem Abendbrod Theil nehmen, das we⸗ nig mehr war als Brod des Abends. Die kleine Toch⸗ ter zeigte Hilda den von ihr empfangenen und mit ih⸗ rem Bruͤderchen getheilten Ducaten— ein koſtbares Kleidchen, ein bloßes Sonntagskleidchen— von ge⸗ ₰ 12— druckter Leinwand, und das Bruͤderchen zeigte ihr die neuen ſchoͤnen Sommerhoſen von— grauem Drillig! Die Kinder freuten ſich koniglich, und . ſchmiegten ſich an die Geberin. Betruͤbender noch war ihr die Gegenwart zweier größerer Knaben, welche die Mutter von der Schule genommen;z denn der Eine, ſchon auf der Lehre bei einem Schuhmacher, brachte ſo eben beſcheiden und kleinlaut eintretend, dem Schwe⸗ ſterchen ſeine erſten kleinen Kinderſchuhe. Da war Freude— daß Hilda's Herz zitterte!„Der Andre will ein Buchhaͤndler werden,“ erzählte die Mutter.„Als die Knaben angekommen— es war eines Sonntags— und noch nichts von des Vaters Tode und meiner Lage wußten, ließ ich die armen Schelme von ihrem Vormund, dem redlichen Tiſchlermeiſter Krie g, in die Firche, in die Predigt der Waiſenkinder fuͤhren! Ich ſah heimlich zu! Auf dieſe Vorbereitung erſuhren ſie erſt, daß ſie Waiſen, ſelbſt arme Waiſen waren, und ſie nun tröſteten— mich, und verſprachen zu lernen und zu arbeiten, was Gott nur wolle. Der Aelteſte brachte mir geſtern erſt einen frommen Vers, den er ſelber nach dem Feierabend geſetzt und gedruckt. Ich mußte weinen vor Freuden! So geht es. Einige gute Freunde meines Mannes troͤſten mich noch mit einer Pfennig⸗ ſteuer, wozu Jeber, der deutſch ſpricht, auf Befehl der Landesvater gezahlt, einen Pfennig geben ſolle; das mache bei mur zwanzig Millionen deutſchen Gebern — oder wahren Feuerdienern, wie ſie ſagen—= an ſie⸗ — 423— benzig tauſend Thaler, nur einmal im Jahre erhoben von denen viele Witwen wahrer Feuerdiener verſorgt werden koͤnnten in dem armen Deutſchland. Aber das erinnere an den Hund in der Pfennigſchenke, ſagen Andere: und das mache die Deutſchen muͤndig, daß Jeder ſein Beſtes ſich ſelbſt beſorgen muͤſſe. Nun wie Gott will! Ich waſche und naͤhe fuͤr Schuͤler; denn dieſe haben noch einiges Gedenken an meines Mannes Mamen, und ſchaͤmen ſich nur zu uns zu kommen — die guten Jungen!“ Dieſe mit ſolcher Geduld, Guͤte, Liebenswuͤrdig⸗ keit und fernerer Achtung vor den Menſchen und un⸗ unterbrochener Liebe zu der Welt geſprochenen Worte waren wohl faͤhig, in jedem Manne ein Herzbeben, eine heilſame Erſchuͤtterung der Seele hervorzubringen; in Hilda's Herz aber waren es gluͤhende Nadeln,— denn ihr eigener Vater war ſchuld an dem Elend die⸗ ſer Guten, aber nur durch die Schuld des Nachdruckers Mauskopf. Als ſie aber nun gar unter ihrem Teller die— zerriſſene Schuldverſchreibung des Honorars an Freigang fand— als ſie hoͤrte: daß dieſelbe ja doch nun erloſchen, weil. weil ihr Herr Vater. leider ſie ſei untroͤſtlich daruͤber nur ſeinetwegen ſchon.. weil er aufgehoͤrt habe zu zahlen, oder bankrott ſei—— da brach ihr Herz. Schon bisher hatte ſie einen ſchweren Kampf beſtanden: dem Vater mit ihrem Gelde zu helfen? oder der guten, armen Familiet und— hatte ſie gedacht— wer die Ehre — 424— der Seinen bewahrt, der hilft ihnen ja am beſten! Die tauſend Ducaten hatten ihr in dem Strickbeutel heiß gemacht, in welchem ſie dieſelben, der Sicherheit we⸗ gen, bei ſich trug; jetzt— da nun doch Alles geſchehn war— wrickelte ſie den Beutel mit dem Golde in die Serviette, und legte ſie beim Aufſtehen unvermerkt und unvermuthet mit auf den Tiſch. Die Witwe ſah ihre Zerſtoͤrung, ihre Krankheit, und bat ſie, bei ihr zu bleiben! einige Tage, nur eine Nacht! Aber Hilda ließ ſich nicht halten; denn die Poſt gehe ſogleich. So ſchied ſie denn mit dem halbſchlafenen kleinen Corne⸗ lius; edel, das heißt ſtark in der Seele, doch krank zum Tode. Auf der endlich, endlich erreichten letzten Station fuhr ſie ganz allein im ordinären Poſtwagen, den ſie mit einem„das walte Gott!“ beſtieg. Der Schirr⸗ meiſter, den ſie gebeten, am Morgen vor ihres Vaters Hauſe zu halten, ſaß in der ſchoͤnen, mondhellen Mai⸗ nacht draußen beim Schwager. So ruhte der Knabe ihr ſchlafend mit dem Kopfe im Schooß. Die Wach⸗ teln ſchlugen in den wallenden Saaten, in den Gebu⸗ ſchen am Waſſer die Nachtigallen; die Ferne ſchim⸗ merte ſilbern. Sie horchte, als höre ſie ſchon Glocken⸗ ſchlag! Sie ſah, und ſah, als muͤſſe ſie eines Thur⸗ mes goldenen Knopf entdecken! Mit unendlicher Sehn⸗ ſucht ſah ſie den Fluß hinziehen, deſſen Waſſer morgen, ach, morgen an ihrer Mutter Grabe voruber rauſchte! Tauſend Gruͤße winkte ſie hin; nur noch eine hohle — 425— Hand voll Waſſer haͤtte ſie gern ſich aus ihm zur La⸗ bung geſchoͤpft!—„Nur eine Nacht weile, mein Geiſt, noch in dem Maͤdchen, das gern in ihres Vaters Ar⸗ men ſtuͤrbe! das er noch gern einmal lebendig an ſein lebendiges Herz druͤckte!“— So flehte ſie. Aber Schlaf uͤberkam ſie, ein anderer Schlaf,“ als den ſie kannte,— nnd Muͤdigkeit, andere Muͤdigkeit— die des Lebens. Und in dem Zerfließen ihrer Sinne, in dem Verſchmelzen all ihrer Gedanken in dem Einen groͤßten Gedanken, und nach und nach, und immer langſamer, und immer leiſer, betete ſie noch aus meh⸗ reren frommen Liedern an einander gereihte Verſe:„Wer nur mit ſeinem Gott verreiſet, der findet immer Bahn gemacht—— die Welt hat ſich zur Ruh gemacht, thu, Seel', was dir gebuͤhret: Tritt an die Himmels⸗ thuͤr, und bring ein Lied herfuͤr—— Gott Lob, auch dieſe Reiſ' iſt gluͤcklich nun vollendet, dir ſag' ich herz⸗ lich Dank—— Und weil ich noch vor mir hab' eine ſchwere Reiſe ins rechte Vaterland—— Dieweil der Tod nicht Ordnung haͤlt—— Herr Gott, du kenneſt meine Tage! Du ſiehſt, daß ich, dein ſchwaches Kind, den Schatz in ſolchen Schaalen trage, die irdiſch und zerbrechlich ſind—— Komm, druͤcke mir die Augen zu, doch laß mein Herze wachen!—— Ihr Engel, kommt! deckt meinen Ort mit eurer Fluͤgel-Wacht! Ich ſchlafe ſchon.. doch noch ein Wort Mein Vater. gute Racht!“— — 426— Die Straßen der Stadt waren ſchon Morgenſon⸗ nenhell, als der Wagen vor Herrn Warnkoͤnigs Hauſe hielt. Der Laden war auch ſchon auf. Wer aber her⸗ austrat, war der neue Beſitzer der Handlung, Maria Edler von Mannskopf. und wahrlich, ein edler junger Mann, der mit der groͤßten Schonung den Vater verlaſſen, und der Verſittlichung der Zeit folgend, ein neues Leben angefangen, daß er mit Gott und mit Hilda fortzufuͤhren beſchloſſen bis ans Ende. Die Altenburger Muhme hatte er ſich geneigt gemacht durch allerhand mitgebrachte Geſchenke, vor allem aber durch die liebevolle Guͤte gegen den alten Bruder. Er hatte ihr das Geld fuͤr ihr Ausgedinge wiederbezahlt, alle Schulden ihres Herrn Bruders vertreten, und natuͤrlicherweiſe verſprochen, den Vater und die Vater⸗ ſchweſter ſeiner, zur Braut ihm ſchon zugeſagten Hilda treu zu verpflegen, oder auf ſeinem erkauften Ritter⸗ gute, ganz in der Nähe der Stadt, wohnen zu laſſen. Alles, wie ſie Alle wollten.— So dachte er ſein Un⸗ recht gut zu machen— aus perſoͤnlichem Intereſſe, wie ſein Vater Mauskopf geſagt, aber im Grunde aus Liebe— wie er ſelbſt nicht ſagte, nur empfand. Und hatte der alte Vater Warnkoͤnig einen Vormund, ſei⸗ ner Geiſtesverwirrung wegen, ſo hatte Dieſer— un⸗ beleidigt und ohne Rache— noch eher in das Gluͤck ſeiner mit uͤberkommenen Tochter gewilligt. Vor Hilda nur zagte Maria noch. Darum naͤherte er ſich jetzt langſam dem Wagen, furchtſam, ſich ihr e —— in des Vaters Hauſe zu zeigen! Er ſah ſie— aber Hilda ſah ihn nicht an. Er war blaß wie Schnee— aber ſie war todt. Er rief alle Heiligen an, aus Ge⸗ wohnheit, ob er gleich ihr zu Liebe auch uͤbergetreten war. Sie blieb ſtumm, ohne Gruß, ohne Mißmuth, ohne Klage noch Freude; ſie war in die Reihen der Engel getreten. Nur eine reuige, aber nun feſt zum Guten entſchloſſene Seele kann ſeinen Schreck, ſeinen Schmerz ermeſſen. Aber es war ſo! Es blieb ſo, ſo lange er hinſtarrte. So nahm er es denn als ruͤhrende Strafe, als himmliſche Pruͤfung vom himmliſchen Vater mit frommer Seele auf. Er nahm den frem⸗ den, noch ſchlafenden Knaben von Hilda's Fuͤßen und eilte mit ihm hinauf. Und die Todte trua Vater Veit und Bruder Bock, die er aus Guͤte bei ſich zu behal⸗ ten verſprochen, ſchweigend ins Haus. Der redliche Elendshaut, der Buchdruckergeſell geworden, kam außer ſich vor Schmerz herbei, und mit ſeiner Huͤlfe, der das ſchoͤne, heimlich getiebte Haupt in ſeinen zitternden Paͤnden hielt, trugen ſie Hilda hinauf in ihr Zimmer. Und der Zeiſig flog ihr entgegen, und ſchwirrte uber ihr, als ſie da lag, als treues Kind, als liebende Tochter. Denn ſo ſchien ſie den Vater erſt recht zu lieben. Und ſo betrachtete es auch der wunderliche alte Warnkoͤnig. Er ging leiſe hinzu, indeß die Schweſter hinter ihm ſtehend in das weiße Tuch weinte— er drehte das ſchwarze Käppchen wieder auf dem Kopfe, — 428— und ſah erſt lange, lange, immer laͤchelnder— dann freute er ſich, daß er wieder feurig und jung, wie ver⸗ klärt, ausſah. Zuletzt aber ſprach er bedenklich:„Es wäre mir aber doch lieb, meine Tochter, meine Toch⸗ ter, wenn Du nicht dein Leſen verlernt haͤtteſt! Ich habe Dir Wunderdinge vorzulegen! Wunderdinge, oder ganz natuͤrliche Dinge vom Koͤnig von Preußen; denn einem Gerechten iſt die Gerechtigkeit natuͤrlich! Er hat Deine ganze Fahrt— ins Gleis gebracht.*) Ach! geſchahen die gerechten Dinge doch ein Jahr fruͤ⸗ her! Aber Du biſt gewiß ſo gut, und nimmſt ſie dei⸗ ner Mutter mit! Die wird ſich herzlich freuen! Und auch deinem wahren Vater— ich meine den lieben Gott! Der wird ſich herzlich freuen! Denn ein gerech⸗ ter Koͤnig ſtellt mit einem Wort, vorſchauend und fuͤr⸗ ſorgend, tauſend Ungerechtigkeiten und Leiden ſeines Volkes ab, und der Nachbarn! Und das Andere, wor⸗ uͤber ſich ſelbſt kein Teufel freuen kann, und was ich in beſonderm Pagquet deinem nunmehrigen Väter mit⸗ ſchicken will, das wird der gute Vater abſtellen, wie er das abgeſtellt hat, woran ich ertrunken bin, aber ſo geſchickt, daß ich noch lebe! Mein Kind, das war eine Kunſt!—“ Was der Alte aber gemeint, das ward in den Zwi⸗ ſchentagen bis zu der Tochter Begraͤbniß kund. Schrift⸗ *) Der Leſer weiß, wie entſcheidend Hilda auf den Ent⸗ ſchluß bes Fürſten in Süden eingewirkt. gießer, Drucker, Alle waren in beſonderer Thatigkeit; und immer mit Thraͤnen in den Augen, half der arme Bräutigam dem Vater ſein Werk beſorgen. Als nun der zinnerne Sarg kam und aufgeſtellt war in der guten Stube, legte er ſtatt der Hobelſpaͤne oder Ma⸗ culatur, die ſechs Prachtbaͤnde von den Leiden der Zeit, und zwoͤlf Paquete voll ungerechter, die Seele verlaͤug⸗ nender Recenſionen, erkaufte Theaterberichte und Pro⸗ ben von allen Mißwuͤchſen des Literaturweſens und Unweſens des unvergleichlichen deutſchen Volkes aller Zungen, dicht gereiht in den Sarg. Die Paquete tru⸗ gen die Ueberſchrift, mit Dr. Brimmers Goldaufloͤſung gedruckt: Ach Gott vom Himmel ſieh darein! Als aber ſein Maͤdchen, weiß und ſchoͤn, einen weißen Roſenkranz im Haar, auf die himmelblauſeidene Decke gelegt war, und das muͤde theure Haupt auf das himmelblauſeidene Kiſſen, da gab ihr der Vater eine von Erz gegoſſene vergoldete Tafel unter den rechten Arm, darauf ſtand der dankbar⸗ftohe Brief an den himmliſchen Vater: Friedrich Wilhelm der Dritte, König von Preu⸗ ßen, der Haupt⸗Erloͤſer des Vaterlandes von fremdem Druck, ſicherte auch in Gottes Deutſchland zuerſt die Rechte der Schrift⸗ ſteller und Verkeger gegen den veorrrs, im Fruͤhjahr 1828 Als nun die Altenbugiſche Muhme die Lobee wie daruͤber froh, ſo ruhig und ſo ſchoͤn ſah, und vom Wahnſinn des Vaters zwar ſo ernſt und feierlich, doch auch ſo wunderlich beladen, und als die beruͤhm⸗ ten Currende⸗Schuͤler eine koſtbare Motette von Ho⸗ milius leiſe anſtimmten, da ſprach ſie: „Ach, wie heilig iſt der Ort! O, wie heilig iſt die Staͤtte! Hier iſt ſelbſt des Himmels Pfort'; Hier e Gott Gebete; Hier erſchallet Gottes Wort; Ach, wie heilig iſt der Ort!“— „Aber, mein lieber Herr Bruder, wie kann denn Hilda deinen Auftrag ausrichten?— Sie geht ja in die Erde, das liebe, liebe Kind!“ Der Vater Warnkönig aber ſprach, ihr aus dem⸗ ſn Liede antwortend: Lüuft Zachaͤus mit Begier, Seinen Jeſum zu erblicken: Ach, ſo kann Gott Lob, auch hier Jeder ſich zum Laufen ſchicken! Der erlanget hier ſein Ziel, Welcher Chriſtum ſehen will!—“ — 431— „Und“— ſetzte er hinzu,„der ſiebe Gott hat ſein Herz auf Erden in weiſen, gerechten Regenten, und ſeine Augen in jedem vernuͤnftigen Menſchen — auch einſt in der Zukunft; die werden ſchon leſen! Kinder, nun fort! Darauf hat der Himmel ſchon lange gewartet!“ Und unter ſanften Geſängen ward die ſchöne, lͤchelnde Todte dahingetragen zu ihrer Ruhe an der Seite der Mutter, die eherne Tafel an ihrer Bruſt. Schefers neue Nov. 1 28 Verbeſſerungen zum erſten Bande von Schefers Novellen. Seite 16, Zeile 7 von unten; ſtatt: Cho⸗Khan lies: vorigen Kaiſers Chao⸗Khan— Bogen 4(welcher falſch paganirt iſt) S. 77, Z. 5 v. u.; ſtatt: darum ſterben lies: danach ſtreben— S. 63, Z. 10 v. o.; ſt. ſterben l.: ſtreben— S⸗ 67, 3. 7 v. o.; ſt. nur nun— S. 68, Z. 6v. u.; ſt.: Tien⸗ßen l.: Tien⸗ S. 84, Z. 8 v. u.; ſt. benutzt l. benutzeſt— 6, 8 3 v ſe ſ ₰ ſt. derſelben l.: derſelbe 6S. 123 35 B nuͤgung l. Verjuͤngung— S. 125 den l.: dem— S. 132 8. 6 v. v.; ſ 5— S. 143, Z. 4 v. u.; ſt.: Richtigkeit —— — S S =* *— * — eit— S. 107, 3. 7 v. n.; ſt. Denneck — S. 150, Z. 10 v. u.; ſt.; ſonnener⸗ ten l.: ſonneerkeuchteten— S. 450, 3. 6 ichſam I.: Gleichfalls— S. 152, 3. 14 b. v.; nachl.: noch— S. 152, Z. 16 v. v.; ſt.: ſcheint l. eilt— S. 157, 8. A u. 22 v. o.; ſt. groß und klein, jung und alt, fruͤh und ſpät lies: große und kleine, junge und alte, fruͤhe und ſpäte— S. 160 Z. 3. v. o.; ſtatt:; ſetze,(oder:)— S 460, Z. 5 v. v.; ſt.: Er hat kein Weib l.: Erhat ſein Weib verloren,— S. 161, 3. 5 v. v.; nach Thoren; ſchalte ein: alles draͤngt nur vorwärts— S. 467, 3. 8 v. n.; ſtatt: Wieder⸗Menſchlichen lies: Wider⸗ Men ſchlichen— S. 172, Z. 14 v. v.; ſt. Yong lies: Yang— S. 175, Z. 4 v. v.; ſtatt; einzigen lies: älteſten.— S. 177, Z. 2 v. u.z l.; Jeden.— S. 179, Z. 8, fehlt bei Diſch das ſ.— S. 183, Z. 4, lies; nim⸗ mer.— S. 188, Z. 10 v. u. l: geronnen.— S. 198, S6ſ 9 — 8 . —= 3 S — S— werde mir.: werde inne.— S 14 S. 228, 3 uchzte.— S. 231, 8. 71 fehll bei f prach das ſ. — S 232 v. nach breit ſchalte ein: ſie.— S. 233, Z. 3 v. u.; l.? gefährden.— S. 235, Z. 2 v. l. ſcharre.— S. 240, 8. 13; l. komme ſt. kann. S. 245, 3. 1, v. u.; k Jartbilbenden.— S. 247, 8z ſt. aus l.; ung.— S. 271 8. 14 u. 15; ſt. fei⸗ hen ie jenem. S 6S. 25.1 M; ſtatt: Vodten lies: Todte. 5 ſſ 18 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 3