Erinnerungen von Auguſt von Schaden. 3 3 weiter Band. ——— Enthaltend: Licht und Schatten, zweiter Dheil. Der verhaͤngnißvolle Tag in der alten Herzogs⸗ burg zu C e. oder Dreue, Liebe, und Hoffnung. G agn 8 20 . bei Cart Heymann. S Licht und Schatten⸗ Eine Reihefolge von Stammbuchblaͤttern. ater Theil. —— 4 L* § — v Meiner guten Mutter gewidmet. Liebend dachte ich Dein, ſelbſt als der Sturm der Zeit, manche unſerer Hoffnungsbläthen verweht hatte. Nimm, Verehrteſte, in dieſen Erſtlings⸗Blumen meiner Muſe den Beweis der herzlichſten kindlichen Liebe. Und wenn ſie nie den Lohn des Glaubens ſindet, Des Saͤngers kindlich fromme biedre Bruſt, Sie traͤgt doch ſtill, was ihr das Loos verkändet, Und iſt ſtets Dreue ſich zu Dir bewußt. ⸗ WMit zarter Liebe, hoher Fr udigkeit Sey der Erinnrung Bluͤmchen Dir geweihe. Geſchrieben im Februar 1829. vom Verfaſſer. —— — Berichtigungen. Seite 3 Zeile EF 1 1 11 1 7 12 5 144 16 147 146 — 11 5. von unten fehlt hinter Ottoman⸗ ne ein Punctum. 13. lies: Ihren, ſtatt ihren. 25. lies: hre ſtatt ihre. 2. l. meinen Armen, ſt. meinem Arme. 9. l. auf der, ſt. auf dem 22 l. die vornehme, ſt. der vor⸗ nehmen 1. l. Thieren ſt. Thiere. 9. 10. l. eun hoͤherer militairi⸗ ſcher Grad, ſt. einen hoͤbern militairiſchen Grad 2. l. wurden, ſt. werden 13. l. las, ſt. laß. 12. l. ſchienen, ſt. ſcheinen⸗ 1121. findeſt ſt. fandeſt. 13. l. ſchlägſt ſt. ſchlugſt. 5. l. hier nieder ſt. hernieder. 19. l. Wuthentbrannten ſt. Muth⸗ entbrannten 21. l. weihte ſt. reichte. 0. l. weißen ſt. weichen⸗ 17. l. jungen ſt. ſchönen. 135. l. blutige ſt. blutigen 17. 1. Unbehoſeten(Sanscu⸗ lotts) ſt. Unbefaßten 10. l. den ſi. dem. 17.18. l. fremden Göttern ſt. frem⸗ de Goͤtter. l. offenbaret ſt. offenbarte. F. l. friedlich, ſt. feindlich. 2. l. wird ſt. wir. 13. l. des deutſchen Königs Ruf, ſt. deutſcher Koͤnigs⸗Ruf. ro. l. nur durch eine, ſt. durch einerc. 14. l. und der, ſt. und die 10. ſt. Richtig⸗ keit. 13. Seite 151 Zeile 476 L Staabs⸗Trompeters, ſt.— — 152 — — — — — — 25 165 157 158 161 162 163 169 10 171 17½ 176 Staats⸗Trompeters. 10. l. den ſt. der 18. Wenigen ſt. Braven 11. l. ruft ſt. r.ufte— 35. l. friedlichen, ſt. freundli⸗ en 3. l. ein treuer Jänger Mercurs berechnete 2. l. Regierte, ſt. Regierten. 8. l. Schloßuhr, ſt. Schlußuhr 12. l. Zuwandernden ſt. zu wan⸗ dernden. 13. l. Hausgenoſſen ſt. Handge⸗ noſſen 3.. Geliebten, ſt. Gelobten. 6 5. k. mit einer laut kaufmänniſchen Spekulation ꝛc. 11. l. waren ſt. wenn fe 4. von unten lies: eines edlen ꝛc. ſtatt meines edlen ꝛe. 8 —— er Dir geneigte Leſer verließ mich, mit dem feindlichen Adler dahingeſunken. Der Tod aber verſchmaͤhte ſeine Beute, und nach wenigen Wochen ſchon konnte ich die Botſchaft verneh⸗ men, daß ich unſchuldig ſey, und ſobald es meine Geſundheit erlaube, zum Herzog zuruͤck⸗ gefordert waͤre. Der Donner der Kurchaunen war verſchol⸗ len, der Braͤutigam verdraͤngt, und nur am aͤußeren Putze beſchaͤdigt ſtand hoch und hehr die Jungfrau, deren heldenmuͤthiger Vater im Laufe dieſer Zeit als General Armee beru⸗ fen worden war. Meine Thraͤnen waren verſiegt, der ſtille Schmerz aber, der das leidende Herz unem⸗ A pfinblich fuͤr Kummer und Freuden macht, zu⸗ ruͤckgeblieben. Nicht mehr ins Schlacht⸗Ge⸗ tuͤmmel ging mein Sehnen, in ewigen Traͤu⸗ men, nur durch wenig lichte Augenblicke un⸗ terbrochen vegetirte der erſchätterte Körper fort. Die gute Emma pflegte und troͤſtete, der 1 neue Commandant, jener Mann, unter deſſen Augen der Adler mich beinahe zu Walhalla ge⸗ leitet haͤtte, ſorgte, und im Kreiſe guter Nen⸗ ſchen, wuͤrden, ohne jene herben innern Schmer⸗ zen, dem, nur am Koͤrper Leidenden, die Tage heiter und zufrieden vergangen ſeyn. Da ſchwebte,— im Dunklen wars, und die Ge⸗ ſtalten meiner verſtorbenen Lieben zogen dem Innern meiner Seele voruͤber: da ſchwebte eine herrlich majeſtaͤtiſche Frau an das Lager des Kranken. Sie nahte ſchweigend, ergriff ſanft meine Rechte, und lispelte: mein guter Sohn ſey ſtandhaft. Noch mehr wollte ſie ſprechen, da trat, ihr winkend, der Arzt zwiſchen uns. ch einen Kuß drüͤckte ſie auf meine blaſſe Wange, die köſtliche Perle, eine heiße Thraͤne benetzte das halb geſchloſſene Auge, und dem ehrerbietig ſich verneigenden Commandanten den Arm reichend entſchwand das Bild meiner Phantaſie. Gebilde dieſer Art beſchaͤftigten den Gene⸗ ſenden. Doch immer ſtand die hohe majeſtaͤ⸗ tiſch ſchoͤne Frau, in der ich meines Gemaͤhl⸗ des Original erblickt zu haben glaubte, vor mir. Emma und meine Freunde, ſahen in die⸗ ſer Scene, die ich ihnen mittheilte, nur Bil⸗ der der Phantaſie, ich aber zweifelte nicht an der Wahrheit, denn zu feſt ſtand ſie vor mei⸗ ner Seele. ————— Prinzeſſin Julie, die gefeierte ſchöne Tochter des Färſten, ſank matt und muͤde in die Ottomanne Ha⸗ rald, der von den Damen der Reſidenz geprieſene ſchoͤne Adjutant des Vaters, bot der Erſchöpften Thee und Limonade, ſie aber von Eiferſucht gequält, wür⸗ digte ihn keines Blickes, denn der Namens⸗Schwe⸗ A 2 — 4— ſter, der ſchönen Grafin Julie von Aspern, hatte der zärtlich Geliebte heute ſeine ganze Aufmerkſamkeit ge⸗ widmet.— Die Liebe aber laͤßt ſich ſo gern verſoͤh⸗ nen, die ſchoͤne Durchlauchtige verzieh dem Beſchwich⸗ tigenden, mit der eiſernen Nothwendigkeit der Ver— ſtellung Entſchuldigenden. Feurige Kuͤſſe der Verſoh⸗ nung wurden genommen und gegeben, die Unterhal— tung aber, durch die krächzende Oberhofmeiſterin ge⸗ ſtohrt, und Thee und Limonade von neuem, zu be⸗ liebigem Gebrauch, in beſcheidener Entfernung dar⸗ gebothen. Der unbemittelte Sohn eines Ofſiciers, trat Lud⸗ wig von Harald als Juͤngling unter die Fahnen ei⸗ nes Fuͤrſten, der Geid hoͤher achtete wie Menſchen, Unterdruͤckungen beguͤnſtigte, und zur Unterjochung der Menſchheit, ſeine Unterthanen goldbegierigen Cannibalen verkaufte. Aelter an Jahren und Erfahrungen, doch eben ſo arm, wie er gegangen war, kehrte Ludwig zurück. Gluͤcklich genung wurde er, einen Grad zuruͤcktretend, wieder eingeſtellt, und unmuthsvoll erwartete er, bei der kaum lebensfriſtenden Beſoldung, im Dachſtuͤb⸗ chen ſeiner geiſtigen Ausbildung obliegend, die Hoff⸗ nung einer neuen, einer beſſeren Laufbahn. Aus ihrem Schtummer erwachte die Natur, laue Fruͤhlingslüfte lockten den Einſamen an einem heite⸗ ren Morgen aus ſeinem Kaͤmmerchen und von ſeinen Büchern, in den, der Stadt ſich KiSn fuͤrſtlichen Park. — ₰— Die Kirche hatte die Freunde der Ratur in ihrer heiligen Mauer verſammlet, einſam wandelte daher Ludwig unter dem Schatten duftender Baume. Zwei Damen, von einem zudringlichen Bettler verfolgt, bogen jetzt um die Ecke einer Seiten⸗Allee. Unverſchaͤmter wurde der Drang des Verfolgers, und ob ihm gleich von der Aelteſten der Luſtwandeln⸗ den eine Gabe gereicht ward, ſo ſchien ihm dieſe dennoch nicht hinreichend. Ungeſtuͤmer ward die For⸗ derung des Hinkenden, aͤngſtliche Blicke warfen jene, Huͤlfe ſuchend, um ſich her, und vertrauend auf die Einſamkeit bat dieſer, ſeinem Vortrag durch ein ge⸗ ſpanntes Piſtol Gewicht gebend, um das mit Bril⸗ lanten umſetzte Bildniß, welches die juͤngere Dame am Halſe trug. Ritterſinn und die Pflichten des Ehrenmannes erforderten Ludwigs Beiſtand. Hinter dem bergenden Baume hervor, trat der erſehnte Retter, und eilend ſprang mit Hinterlaſſung ſeiner Kruͤcken, der Hin⸗ kende uͤber den naͤchſten Graben. Herzlich dankend bat die ältere Dame um ſeine Begleitung, die Juͤngere aber legte, ohne auf das mißbilligende mais und ma chére der Keuchenden zu hoͤren, das ſchoͤne weiche Aermchen unter Scherzen und ausgelaſſener Froͤhlichkeit, in die gekruͤmmte Rechte des Erloͤſers, dem der Fruͤhlingsmorgen und die Zudringlichkeit des ſchnell geheilten Raͤubers, die herrlichſte Veranlaſſung zur Fortſetzung des Geſprächs verſchaffte. Die beruhigende Antwort auf die ʒiche nach Stand, Namen und Wuͤrde, ſetzte der Bedenklichkeit der ältern Dame Grenzen, und zu ſchnell fuͤr die Geſellſchaft, welche im Laufe des Geſpräches, ſo man⸗ che angenehme Aufſchluͤſſe uͤber die Sitten und Ge⸗ bräuche fremder Völker und Länder, von den wihig⸗ ſten und treffendſten Anmerkungen begleitet, erhielt, in Folge der Rittheilung aber zugleich das Sehnen des jungen Kriegers, und deſſen Zuruͤckſetzung erfuhr, nhte der Mittag heran.— Die Parade rief, und nachdem Abrede getroffen war, den nächſten Morgen die intereſſante Unterhal— tung fortzuſetzen, trennte man ſich, ohne daß Harald den Namen ſeiner Schuͤtzlinge erfahren hatte. Meine Geſundheit war zuruckgekehrt, trau⸗ ernd entriß ich mich der Guten Kreis, und bedeutende Wechſel vom Herzoge mir aushaͤn⸗ digend, entließ der menſchenfreunbliche Com⸗ mandant den Wanderer.— Die wuͤrdige Pfiegerin, die gute Emma aber ſchrieb zur Erinnerung in das Stamm⸗ buch des Scheidenden: Wir trennen uns, der Freundſchaft Thraͤnen Es truͤbt von Neuem ſich der Blick; Einſt finden wir uns wieder, und genießen Der Freundſchaft hoͤchſtes Gluͤck. 4 Der verabredete Spaziergang am folgenden Mor⸗ gen ward durch Wind und Regen unthunlich gemacht. Eine Ordonanz rief den Erſtauneten zum Kriegsmi— niſter. Durchlaucht, ſprach freundlich ſich verbeugend die ſtolzeſte aller Eycellenzen kleiner Erden-⸗Götter, Durchlaucht haben von Ihren Kenniniſſen, Ihrem Dienſteifer, ſo viel Gutes vernommen, daß Sere⸗ niſſimus mich durch ein Handbillet zu beauftragen geruht haben, Sie nach der Parade vorzuſtellen. Um ſo mehr freut es mich, fuhr der fruͤher ſo wortkarge Miniſter fort, dies bewirken zu koͤnnen, als ich ſchon längſt im Geheimen ihren ausgetzeichnet ſtillen und fleißigen Lebenswandel beobachtet habe. Gewoͤhnliche Worte großer Herren, die, wenn irgend ein gluͤckticher Zufall einem armen Teufel ein kleines Gluͤck beſcheert, ſich das Verdienſt zuzueignen verſtehn, dachte Ludwig, ſann hin und her, wer dem Durchlauchtigen den Bewohner der kleinen dunk⸗ len Dachkammer empfohlen haben könne, und ſtand zur beſtimmten Zeit im gothiſchen Fuͤrſtenſaale. Als Mann von Kenntniſſen ſind Sie mir em⸗ pfohlen, mit dieſen Worten wandte ſich der Fuͤrſt an den ſich verneigenden Lieutenant. Eben ſo habe ich mir ihre fruͤheren Anſpruͤche ins Gedaͤchtniß zuruͤckge⸗ rufen, und da ein tchtiger Arbeiter in meinem Bu⸗ reau fehlt, ſo ernenne ich Sie zum Rittmeiſter und meinen Fluͤgel⸗Adjutanten. Melden Sie ſich bei Ih⸗ rem geweſenen Chef. Kurz wandte der Gnadige zum Troſt der Bitten⸗ den ſein Auge, der neue Rittmeiſter aber ſich zur kleinen Eycellenz, die ihn zur Cour, ins Seitenzim⸗— mer wies, wo er der Fuͤrſtin ſeine Devotion bezeu⸗ gen ſollte. Im Strahl des fuͤrſtlichen Glanzes, kam freund⸗ lich ihm die Dame, der er ſeinen Arm gereicht hatte, entgegen. Lächelnd erinnerte Sie den Ueberraſchten an das gluͤckliche Zuſammentreffen im Garten, ent⸗ ſchuldigte nebenbei bas geſtrige Ausbleiben, und ſtellte ſcherzend der guͤtigen Mutter in dem Betroffenen ih⸗ ren Schutzgeiſt vor. Beneidet von mißgunſtigen Seelen, doch feſt trat Ludwig auf den glatten Boden goldner Prunkſäle. Freimäthig im Cabinet des Fürſten, der gern die Bemerkungen des Kenntnißreichen hörte, ausdauernd in den ſchwierigſten Geſchͤften, heiter und launig im Damenzirkel, war der, vor einigen Monaten noch unbedeutende Mann der Vertraute des Fürſten in be⸗ deutenden Angelegenheiten, die Seele aller Geſell⸗ ſchaften, der geliebte Führer des Erbprinzen, und mehr und mehr ſchloß ſich die aufblühende Fuͤrſten⸗ tochter ihrem Schutzengel an. Doch ſie war nur ein Madchen der Gefuͤhlvoll⸗ ſten, eine von Evn's Toͤchtern. Tauſend kleine Ge⸗ flligkeiten machten den Rittmeiſter, ohne welchen jeder Zirkel ſteif und widrig wurde, beliebt; durch tauſend Gefälligkeiten ward die liebliche Julie an den ſchönen Mann gefeſſelt, und neuerdings hatte der kleine Gott ſeine Pfeile wirkſam verſchoſſen. Der Schutzengel war zum Geliebten, die Durch⸗ lauchtige zur ſchmachtenden Liebenden geworden; ein raſcher Häͤndedruck ſagte dem Ahnenden, du hiſt mir theuer, und nur der Geliebten verſtaͤndlich war beim ceremoniellen Handkuß, der beredte Blick des männ⸗ lich ſchoöͤnen Adjutanten. Eine verlohrne Schleife, ein hingeworfenes Wort, gab das Uebrige und im ſtillen Pavillon erwartete allmitternachtlich die Seh⸗ nende den Erſehnten. Um den dampfenden Punſchnapf ſaß am Vorabende des Scheidens, der Zirkel der Freun⸗ de, die in ſo mancher Stunde des Ungluͤcks, des Jammers, Troſt und Ruhe ins zagende Herz wahr und freundſchaftlich gefioͤßt hatten. unter jubelnden Geſaͤngen ward der Becher der Freundſchaft geleert, nur Rudolph mein Retter, als ich aus dem Gewuͤhl der Kaͤm⸗ pfenden, den ſieggewohnten feindlichen Adler geholt hatte, und ſchon ein Opfer der Heran⸗ — 6 dringenden war, ſaß traurig und ſtill unter den Jubelnden. Zum Kampfe geht der Saͤnger, herben Schmerzens Verlaͤßt er ſeiner Wonne höchſtes Gluck, Umarmend die Geliebte ſeines Herzens, Läßt ſcheidend ſeinen Wahlſpruch er zuruͤck. WMein Arm dem Vaterlande, Mein Herz dem zarten Bande, Gern ſterben fuͤr den Ruhm, ob hoher Kampfes Luſe, Entgluͤht fuͤr Pflichtgefuͤhl des treuen Sängers Bruſt. ſang der Chorus. Der Dichter ſoll leben er⸗ ſcholl der Refrain,(in einer heitern Stunde hatte ich dies Lied uͤberſetzt). Seine Emma daneben, rief die Baßſtimme des Auditeurs, mich aber riß Rudolph, der blaß und zornig aufgeſprungen war, in ein Neben⸗Cabinet. Du nennſt Dich edel und gerecht, ſprach er mit Zorn unterdruͤckter Stimme, ich bin es auch. Ich liebte, glaubte und hoffte, und dichtete Deinem Herzen jene Gutmuͤthigkeit an, die das meinige erfuͤllt, es aber jetzt zum Spiele der Frechheit macht. Du lebſt mit Emma im zweideutigen Verhaͤltniß, heute er⸗ fuhr ich es. — 11— Biſt Du von Sinnen erwiederte ich. Der Ruf der Reinen gleicht dem Gefieder des Schwanes, Emma war mir nichts als Freun⸗ din. Der Heiligen ward eine magiſche Ge⸗ walt, mich aber feſſelten Seelen- und Koͤrper⸗ Schmerzen am Siechlager.— Man ſagt aber das Gegentheil.— Dies kleine armſelige man ſagt, iſt eine giftige Schlange dieſes Lebens.— Man, heißt in dieſem Falle das Publi⸗ kum. Dann Freund bin ich ruhig. Das Pu⸗ blikum iſt ein Richter nach dem Scheine. Wenn Emma, die gute reine Seele den Un⸗ gluͤcklichen troͤſtete, den Kranken pflegte, ſo war das Erſtere ein Grund des Mitleids, denn eben ich verlohr im Laufe dieſer Unglucks⸗Pe⸗ riode die theure Geliebte, meine Bertha. Die uniform ward im Laufe meines Be⸗ kenntniſſes auf und zu geknoͤpft, das Zimmer in der Diagonale nach allen Seiten gemeſſen, und in der herzlichſten umarmung, ein Be⸗ kenntniß der innigſten reinſten Liebe zu Emma, Nehmen Sie, theuerſte Emma, ſo ſchrieb ich am Abend an die wuͤrdige Pflegerin, neh⸗ men Sie aus der Hand des Freundes, den fand die eintretende Geſellſchaft den bereuen⸗ den Freund in meinem Arme. Geliebten. Ein wuͤrdiges Paar, werde ich in Euch ſtets die Retter, die Erhalter meines Le⸗ bens verehren und lieben. Ihre Sorge, Ihr Eifer um den Troſtlo⸗ ſen, den Verlaſſenen, warf ein nachtheiliges Licht auf ihren Charakter, das ich vergebens zu unterbruͤcken ſtrebe. Der Freund aber kennt Sie, kennt Ihre Tugenden. Rur fuͤr Sie lebt er, heiß und innig liebt er meine Freundin, in meiner Seele iſt nur fuͤr Schmerzen Raum. Goͤnnen Sie mir das Gluͤck, theuerſte Em⸗ ma, Ihnen den Geliebten, den Gemahl zufuh⸗ ren zu duͤrfen, goͤnnen Sie mir das Gluͤck, zwei gleichgeſtimmte Seelen zu vereinigen, die ——— würdig ſind, das beſte, das ſchoͤnſte Gluck dieſes Erdenlebens zu genießen. Kurze Zeit darauf, erhielt ich neben der Anzeige der Verlobung des gluͤcklichen Paares auf einem Blaͤttchen fuͤr mein Stammbuch fol⸗ gende Strophen vom gluͤcklichen Rudolph. Auf alle Deine Lebens⸗Pfade ſtreue Dir Freundſchaft die ſchoͤnſten Frhlingsblumen, Und Deine Tage muͤſſen heiter Und ſchön wie Deine Seele ſeyn. Uebellaune und Mißmuth machte die ſchöne Julie ſchwermäthig. Bange Ahndungen erfällten die tief⸗ bedraͤngte Bruſt und die Sorge fur den Liebling machte die Allzunachgiebige zittern.— Fliehe, bat am Ende der traulichen Unterhaltung die liebende Tachlaucht, du biſt verlohren, fuͤr mich iſt nichts zu fuͤrchten. Lebe wohl, fläſterte Sie an ſeinem Halſe, leb wohl, meines Lebens⸗Licht, meine Wonne. Und noch einen Kuß auf den Mund der theuern Geliebten druͤckend, entzog ſich Harald der Rache das tiefgekraͤnkten beleiwigten Fuͤrſten. In den Stuͤrmen der franzoſiſchen Revolution fand er Schutz, und mit blutendem Herzen, doch ge⸗ Ichtet vom Vaterlande fuͤhrte er mit Muth und Gluͤck die Söhne der Freiheit zum Kampf. 16. Ein freundliches Landſtaͤdtchen lud mich zur Ruhe ein. Der Wirth, ein gewaltiger Poli⸗ tikus, prieß ſein Gaſthaus, nebenbei aber die literariſch-belletriſtiſche Abendgeſellſchaft, in welcher er als Vorſteher den Reiſenden einzu⸗ fuhren verſprach. Mich aber reitzte die in der Wirthsſtube angeheftete Einladung zum Schauſpiel mehr, als literariſche und politiſche Kannengießerei vielwiſſender Kleinſtaͤdter, und ich verfuͤgte mich bei guter Zeit zu einer Scheune, in wel⸗ che Thalia einſtweilen die Juͤnger verwieſen hatte. Parterre, Logen und Paradies waren durch die Kunſt des Seiles getrennt, und ein den Cherub repraͤſentirender Nachtwaͤchter, zwar ohne Flammenſchwerdt, doch mit einem ge⸗ 1 — 6— wichtigen Spieß verſehen, bewachte den Ein⸗ gang. Die wißbegierige Jugend des Ortes aber, uͤbte ſich einſtweilen vor dem Anfange des Stuͤckes in der edlen Turn-Kunſt, um gelegentlich ein Plaͤtzchen, erhaben uͤber der ſu⸗ blunariſchen ſchauluſtigen Welt, zu erhalten, waͤhrend dieſe Thalien ein Rauch- und Trank⸗ Opfer in ſolcher Menge darbrachte, daß ich mich nur mit Muͤhe auf den fuͤr die Honora⸗ tioren beſtimmten Bank finden konnte. Eine Kunſtkennerin, in welcher ich nebenbei die F Frau Stadtſchreiberin verehren konnte, nahm mich ſogleich in Beſchlag, berichtete mir, daß die Jungfrau von Orleans die wankenden Breter betreten werde, fuͤgte ein kunſtgerechtes kriti⸗ ſches Urtheil uͤber dieſe ſowohl, als üͤber den Krieg von Frankreich, Königin Iſabeau und ſaͤmmtliche hohen Perſonen, wie auch als Nachtrag uͤber den regierenden Vurgermeiſter, deſſen rang⸗ und zankſuͤchtige Ehehaͤlfte, aller Tugenden und Laſtern ſaͤmmtlicher Freundin⸗ nen und Gevatterinnen bei, und ſchloß, als — 6— die Herz und Ohren zermalmende Symphonie die Aufmerkſamkeit des Zuhoͤrers theilte, der ſchoͤnen Zeiten gedenkend, wo ſie als Kammer⸗ jungfer in der Reſibenz conditionirend, der ed⸗ ¹ len Kunſt in einem Privat⸗ Theater obgelegen, und zum Erſtaunen der Beſſerwiſſenden die Jungfrau geſpielt habe. Der Vorhang flog auf. Taͤuſchend genug kauten im Vordergrunde einige vom naͤchſten Fleiſcher geborgte Hammel am vorgelegten uͤber unſern Koͤpfen ein heftiger Streit zwi⸗ Heu, waͤhrend auf dem Geſperre der Scheune ſchen dem Eigenthuͤmer und einem andern Ge⸗ noſſen uͤber den Ehren-Platz des ſchmalen Si⸗ tzes entſtand. Das Erſcheinen der Jungfrau, der drohende Spieß des Cherubim, welcher zugleich als Ehrenwache, Buͤrgergarde und Repraͤſentant der Polizei auftrat, brachte un⸗ ter den Streitenden eine friedliche Verglei⸗ chung zu Stande, und eine mir bekannte Stimme rief den, durch die ungewohnte Ho⸗ norirung und der vornehmen Geſellſchaft ſcheu — gemachten Thiere, die auf alle moͤgliche Weiſe einen ſichern Ruͤckzug ſuchten, aber unäſtetiſch genug mit Stricken und Peitſchen zuruͤckge⸗ trieben wurden, ein ruͤhrendes Lebewohl zu. Die Worte waren eindringend, ſie mußten zu Herzen gehen, denn ſelbſt die Berge, welche taͤuſchend genung den Hintergrund darſtellten, verneigten ſich beim Abgange der etwas um⸗ fangsreichen Jungfrau ganz dem Zeitgeiſte zu⸗ wider, ſehr tief, und ein warmer Thraͤnen⸗ Quell aus den obern Regionen brachte das Parterre in Verzweiflung.. Mich aber trieb es zu erfahren, wo ich dieſe Stimme wohl gehort haben koͤnne, wäh⸗ rend die mir zur Seite ſitzende Stabtſchreibe⸗ rin enthuſiaſtiſch der Jungfrau ihren Beifall zollte. Der erſte Akt war unter rauſchenden Veifallsbezeugungen dahin gegangen, die Jung⸗ fran im ſilberpapiernen Helm und Bruſthar⸗ niſch ſpielte ihre Rolle vortrefflich. Verge⸗ bens ſuchte ich eine Aehnlichkeit zu finden, die bekannte Stimme leitete mich auf Vermuthun⸗ — 18— gen, nur borſpringende Winkel machte den Schluß zweifelhaft. Die Rachbarin aber ließ im aͤſtetiſchen Ei⸗ fer den beſchaͤftigten Geometer zu keinem ver⸗ nuͤnftigen Gedanken kommen. Der zweite Akt unterbrach die Disharmo⸗ nie der kunſtfertigen Schneider und Schuſter. Mit der groͤßten Pracht ſtellte ſich der Koͤnig von Frankreich den Kleinſtaͤdtern vor, im ho⸗ hem Cothurn die ritterliche Jungfrau. Zu Frankreichs Rettung ward ihr ein verroſteter Dragoner-Saͤbel uͤbergeben, zu ſiegen oder zu ſterben ſchwor ſie, und mit ihr die Edlen wel⸗ che den Thron umgaben. Da zog ein gewaltiges Getoͤſe im Hinter⸗ grunde, der hohen Geſellſchaft auf den Bret⸗ tern, und unſrer Wenigkeiten Aufmerkſamkeit nach ſich. Ein ſchlichter Mann, im gruͤnen Oberrock, balgte ſich mit dem im hohen Be⸗ rufseifer ermuthigten Repraͤſentanten der ho⸗ hen Polizei, im Hintergrunde herum. Bald hatten ſich die Partheien getheilt; jeder Menſch — hat ſeine Feinde. Vorzuͤglich aber der hier in ſtrengſter Erfullung ſeiner Pflicht lebende Nacht⸗ waͤchter. Jahn Hagel fand die ſchoͤnſte Gele⸗ genheit im Druͤben zu fiſchen. Vald war dem flammenſpruͤhenden Cherubim der machthabende . —— E. Spieß entrungen, Jung und Alt uͤbte ſich im Fauſtkampfe, nur der ſchadenfrohe Anſtifter deſſelben hatte ſich ins Proſcenium gedraͤngt, und ſetzte uͤber des buckligen Paßgeigers Ruͤ⸗ cken: unter dem Feldgeſchrei habe ich dich endlich zu der zagenben Verſammlung, die ſich ſo eben zum Englands ver⸗ ſchworen. Die Jungfrau und der Koͤnig hatten ſch der ihrer unwuͤrdigen Scene entzogen, der Vorhang fiel, die Lichter verloſchen, und Freund und Feind wuͤtheten mit angeſtrengter Kraft, den lang verhaltenen Groll auslaſſend, gegen einander, das Getuͤmmel naͤherte ſich immer mehr und mehr. Mondſteinwuͤrfe mit Holz und andern gelegenen Dingen machten die Nach⸗ barſchaft zum Abmarſch bedacht, ich aber ent⸗ B2 ſchluͤpfte den Haͤnden der mich umklammern⸗ den aͤſtetiſchen Nachbarin, und eilte den ſchon betretenen Fußpfad uͤber den Bergruͤcken des zeterſchreienden Baßſtreichers zum Theater. Meine Ahndungen hatten mich nicht ge⸗ täuſcht. Der Leſer aber wird ſich wundern, wenn er ſo eben den Oberfoͤrſter Bruno, einen alten Bekannten, im harten Wortwechſel, mit dem Erzbiſchoff von Rheims, der als Director ſeine Gerechtſame und ſein Bretter⸗Derrito⸗ rium gelaͤufig vertheidigt, findet. In Jamben und in Proſa eiferte dieſer gegen das unzie⸗ mende Betragen des Ruheſioͤrers, und ſelbſt Königin Iſabeau, von den verfoͤhnten Eng⸗ laͤndern unterſtuͤtzt, waren W Stande die Polternden zu trennen. Die Erkennungs⸗Scene war unter dieſen umſtänden weder raͤhrend noch herzergreifend. Im Sturm nur druͤckte der Alte dem Bekann⸗ ten die Hand, in welchem er eine Stutze zu Trutz und Schutz gefunden hatte, berichtete mir wenig Worten, wie ſeine Roſalie entffo⸗ hen ſeh, er mit ſeinem käͤnftigen Eidam, dem bekannten Poſtmeiſter ſchon ſeit Monden her⸗ umirre, dieſer aber gleich einem Baͤrenhaͤuter ſchon zu Hauſe ſchnarche, und ein Zufall das Ziel ſeiner Reiſe beſeitigt habe, da er die Ge⸗ ſuchte in der Jungfrau erkenne. Alſo Roſalie war es, deren Stimme eine innere Saite meines Herzens beruͤhrt hatte. Pflicht und Freundſchaft ſtritten in mir. Ei⸗ nem Moloch das Opfer in die Haͤnde ſpielen zu helfen, war ich nicht geneigt, noch weniger aber ſie im Winkel⸗Theater agiren zu laſſen.— Den Alten zu beruhigen war alſo meine erſte Sorge. Ich ſtellte ihm vor, daß auf dem pol⸗ ternden und ſcheltenden Wege nichts zu erlan⸗ gen ſey, machte den Director verbindlich, fuͤr die entflohene Jungfrau, und brachte endlich den Oberfoͤrſter auf den Weg zum Consul re- gens. Alles Ungluͤck aber ſchien zu Gunſten der Entflohenen einzuwirken. Kaum einige Schritte von Dhaliens Tempel befand ſich eine vorher nicht bemerkte Pferdeſchwemme. Im — 22— Eifer des Geſpraͤchs ward ſie nicht umgangen, und ploͤtzlich ſtand mein Gefaͤhrte fluchend und wohlgebadet im Waſſer und Schlamm. Wohl oder uͤbel mußte ich den Gichtbruͤchigen auf meinem Ruͤcken fortſchaffen. Aeneas trug den wohlbeleibten Anchiſes in den goldenen Affen, das Gefolge aber warf mich und die ceter⸗ ſchreiende triefende Laſt mit Steinen und an⸗ dern entbehrlichen Sachen, die nicht zum be⸗ ſten gewaͤhlt waren. Schnarchend ruhte der Herr Schwiegerſohn in den Federn. Keuchend entlud ich mich mei⸗ ner Laſt, verſprach ſeine Sache als die Mei⸗ nige zu betreiben, und eilte nach Hauſe, um mich der unſaubern Kleidung zu entledigen. Johann aber uͤbergab mir zwei an mich ei⸗ gelaufene Billets. Das erſte lautete: Sie ſehen, Symbadie emfinden, in einem heidern Augenblik war einz. — Eßteetiſche Sehlen treffen ſich immer. Wenn unſere Trennunck ſchroͤcklich wahr, ſo ſoll doch 1 unſer Wiederſehn deſto erfreuliger ſeyn. Auf ein Gerichtgen Karpen, zum Deſeer die Jung⸗ frau von Orlean ladet Ihnen nach Empfang dieſes ein Ihre 4 Gans ergebene Freindin und Nagbarin im Komoͤdgen Saale. Anne Suſanne Hartkopf. Mehr hatte Julie zu erleiden. Wenn zwar der Fuͤrſt mit Kraͤnklichkeit und Schwaͤche der ſchoͤnen Tochter zu hintergehen war, ſo konnte doch dem ſchär⸗ fer ſehenden Auge der Mutter der Zuſtand, in welchem ſich die Tochter befand, nicht verborgen bleiben. Auf Anrathen des Arztes mußte Julie in Begleitung ei⸗ niger treuen Kammerfrauen ins Bad reiſen, doch auf der Hälfte des Weges ſchon, blieb ſie unerkannt in einem kleinen Landſtädichen. Ein holdes Knaͤbchen, das Ebenbild des Theuren lächelte ſchon nach Wochen der beſorgten Mutter, Troſt und Erinnerung zu, doch zu ſchnell wurde es durch die hartherzige Begleiterin dem zarten Buſen entriſſen, und einer Jugendfreundin, deren Sohn 5 den muͤtterlichen Labetrank mit haͤrterer Speiſe ver⸗ tauſchte, zur Wartung und Pflege ubergeben. Das Verſchwinden des allgemein geliebten und vom Damen⸗Zirkel hoch gefeierten Harald erregte Auffehen und Muthmaßuhgen. Doch Niemand ahnte die eigenthümliche Urſache, und man kam endlich uͤberein, daß er in heimlichen Geſchaͤften des Faͤrſten verſendet ſey. Eine myſtiſche bedentende Miene deſ⸗ ſelben, ein vielſagendes Schweigen der kleinen Ex— cellenz machten die Sache zur Gewißheit, und nur dieſe allein erſchöpften ſich vergebens in Vermuthun⸗ gen, Schläßen und Folgerungen, doch nichts gab Aufſchluß, und bei jedem ſchwierigen Geſchäfte ent— behrten Beide den ſchnell und alles uͤberblickenden Arbeiter. Schoͤner noch kehrte nach dem Gebrauch des Ba⸗ des die mätterliche Fuͤrſtentochter zurück. Die Mit⸗ wiſſer des Geheimniſſes waren entfernt, der Bekuͤm⸗ merten aber, auf Veranlaſſung der Fuͤrſtin, der Tod des Knahleins hinterbracht. Doch immer treu und immer zärtlich bewahrte ſie das Gedächtniß des ge⸗ liebten Freundes. Luſtig und munter wuchs indeſſen der Zeuge zärt⸗ licher Liebe neben dem Milchbruder auf. Beide hat⸗ ten eine bewundernswuͤrdige Rehnlichkeit, beide wa⸗ ren in ihren kindiſchen Spielen unzertrennlich, und nur eine unbedeutende Narbe an der Stirn, durch die Lanze eines Kampfgefährten verurſacht, unterſchied den Aeltern vom Jüngern. Die Unterſtützung der Fürſtin kam regelmaͤßig an. — 25— Beide Kinder erhielten die herrlichſte Erziehung. Doch eine durchreiſende Luftſpringer-Geſellſchaft trennte die Knaben.——— und immer tren der erſten Liebe blieb Julie, verzichtend auf Kronen und Purpur. Dem Andenken des Geliebten lebte ſie, ſtill und zuruͤckgezogen vvm Beraͤuſche des Hofes. Der Sterbetag der hochver⸗ liebten Kindes. ehrten Mutter ward alljéhrlich ſtill und andaͤchtig im einſamen Zimmer gefeiert, und neben erbauenden. Schriften, die hinterlaſſenen Aufſätze, dem Koſtchen, in welchem die Verewigte ſie ſtets fuͤr die geliebte Tochter verwahrt hatte, entnommen, und mit Ruͤh⸗ rung und Erinnerung an die theure mutterliche Freun— din geleſen. Ein bisher unbekannt und unbemerkt gebliebenes Fach, gab der Trauernden Wonne, Freude unß ſeeli⸗ Jes Entzuͤcken, denn Briefe, Documente, Taufzeng⸗ niß und Quittungen gaben der beſorgten Mutter Nachricht uͤber das Leben und, den Aufenthalt des ge⸗ N Das ote Billet war von einer maͤnnlichen Hand. Ew. Hochwohlgeboren, hieß es, wenden in Vereinigung des Vaters meiner Gattin alles moͤgliche an, um dieſelbe in die vaͤ⸗ — 26— terliche Gewalt, und zugleich in die Arme eeines verhaßt Menſche zu bringen. Wenn ich nun zwar eben ſo rechtmaͤßig die Geſetze fuͤr meine Gattin, als der Vater gegen ſeine Tochter in Anſpruch nehmen kann, ſo bittet dieſe doch zuvoͤr⸗ derſt, den geſchaͤtzten Vekannten, den vor⸗ maligen Freund um eine kleine Unterre⸗ dung. Dieſer Bitte ſchließe ich die Mei⸗ nige bei und unterzeichne mich Solbring. Ein reinliches Hinterſtuͤbchen im Gaſthofe 4 nahm mich auf. Die Jungfrau von Orleans kam mir an der Hand des Koͤniges von Frank⸗ reich mit thraͤnenden Augen entgegen. Schluchzend ſtellte ſie in dieſem den Gatten vor. Schiller dachte wohl ſchwerlich bei Beendi⸗ gung ſeines Drama, daß der Zufall das Schick⸗ ſal ſeiner beiden Helden ſo aͤndern duͤrfte. Es war geſchehen, und der betruͤbte Koͤnig hatte eine ſo herzanſprechende Miene, daß ich ver⸗ eint mit ihm zuvoͤrderſt die troſtbeduͤrftige Freundin zu beruhigen ſuchte. Es konnte unmoͤglich von langen Eroͤrte⸗ rungen die Rede ſeyn, da die Dazwiſchenkunft mehrerer nicht ſo freundlich geſinnten Perſo⸗ nen zu befuͤrchten ſtand. Kurz entdeckte ich Ihnen die Gefahr, ließ mir um keinen Fehlgriff zu thun, ihr Drau⸗ zeugniß ausliefern, verſah ſie mit Wechſeln, und ſchickte ſie mit meinem Wagen uͤber die Grenze, wohin ich morgen nachzukommen ver⸗ ſprach. Mit einigen Louisd'ors und dem Verſpre⸗ chen der neueſten politiſchen Nachrichten verſi⸗ cherte ich mich des Wirthes, und die von der Rache des Vaters Geretteten, waren in Si⸗ cherheit. Die Ergebenſte Gans nebſt den Karpfen waren uͤber die Jungfrau vergeſſen. Schon traf ich beim Consul dirigens den ſauberen Schwiegerſohn, welcher in Begleitung der ——— Schaarwache der Geliebten einen feierlichen Empfang zubereiten wollte. Die de⸗ und wehmuͤthige Geſtalt des Erz⸗ biſchoff von Rheims ward zur Folge ermahnt, und der feierliche Zug ging zur Wohnung des eutflohenen Konigs.— Allein aus ſehr na⸗ tuͤrlichen Gruͤnden ward die leere Stube ge⸗ funden. Die Voͤgel waren ausgeflogen, und 9 fluchend und tobend lies der Haufe ſeine Rache in Worten und Werken an dem ärmſten aller Directoren aus, der nicht nur ſeinen erſten Helden, ſeine erſte Liebhaberin verloren hatte, ſondern auch noch der Rache des verliebten Poſtmeiſterchens ſich ausgeſetzt ſah. Ob ich gleich, dem Scheine Gnuͤge zu leiſten, dem to⸗ benden Haufen beiſtimmen mußte, ſo reichten doch einige goldene Bruſt-Abdruͤcke, welche ich unbemerkt in die Hand des Leidenden druͤckte, hin, ihn zu troͤſten, und mit dem Schickſal, den Verfolgten, auszuſoͤhnen. Qunsi re bene gesta ſaß ich am Vette des griesgramigen Gichtbruͤchigen, waͤhrend der Vucklige das Staͤdtchen von oben bis unten— durchſuchte, viele ſeines Gleichen, aber die Erwuͤnſchte nicht traf. Zur Suͤhne war nicht zu ſprechen, denn der feſte Entſchluß, die arme Roſalie mit dem kleinen Monſtrum zu verknäpfen, ſtand uner⸗ ſchuͤtterlich, und ich ſuchte daher bald die be⸗ duͤrftige Ruhe. Die Nachſuchung war natuͤrlich fruchtlos geweſen. Nachdem mich der Oberfoͤrſter,(der ſchuldbewußte Judas wagte es nicht vor dem einſt von ihm Verrathenen zu erſcheinen,) wel⸗ chen das ungluͤckliche Zipperlein fuͤr einige Zeit am Verfolgen hinderte, zum Aufſpühren der Entflohenen dringend aufgefordert hatte, rich⸗ tete ich einen Weg, den Schuͤtzlingen nach. Statt der Erſehnten aber fand ich bei mei⸗ ner Ankunft folgende Zeilen: Dank Ihnen, großmuͤthiger Retter, Dank Ihnen, wir ſind gluͤcklich der Gefahr entronnen. Ihr Wechſel bereitet uns ei⸗ nen ſichern Hafen, dort angelangt Sie mehr von uns hoͤren. Zart und fein, und gar leicht zu verletzen, Nie zu ergaͤnzen, und nie zu erſetzen, Zart iſt der Liebe geheiligtes Band. Schone, o ſchone das himmliſche Weben, Iſt es zerriſſen, ſo hilft Dir kein Streben, Neu es zu ketten, iſt eitel— iſt Tand. Roſſalie und Solbring⸗ Glucklicherweiſe hatte ich ihnen in meiner Si einen bedentenden Wechſel einge⸗ händigt. Um ſo lieber aber war mir ihre Flucht, als ich kurze Zeit drauf den Buckligen in Courier-Stiefeln mit einem gewaltigen Hauer bewaffnet, das Oertchen durchſtreichen ſah; um aber doch Kunde von den Entflohe⸗ nen zu erhalten, ſchickte ich meinen treuen Johann, der beide hierher geleitet hatte, aus, waͤhrend ich langſam meinen Weg fortſetzte. 8. Der Tagemarſch war lang, meine Mattig⸗ keit ohne Grenzen, und der freundlich grin⸗ ſende Loöwe verſprach eine erwuͤnſchte Auf⸗ nahme. Daß der Tag feierlich ſeyn muͤſſe, ſchloß ich beim Eintritt ins Städtchen. Vor dem Portal des altfraͤnkiſchen Rathhauſes, war die Kinderſchaar in den Sonntags⸗Hem⸗ den der Vaͤter verſammlet, das Genien⸗Chor aber vom Cantor, welcher einem gefallenen Engel gleichend, im ſchwarzen Rock und Pe⸗ ruͤcken, ſo eben im zweiten Treffen der himm⸗ liſchen Schaaren umherſprang, dirigirt, waͤh⸗ rend die Kunſipfeifer ein wuͤrdiges Seitenſtuͤck zu jenem der dem Oberfoͤrſter und mir als Stiege zu Thaliens Altar gedient hatte, den neueſten Großvater anſtimmten, um, wie ich nebenbei erfuhr, die blumenſtreuende Horde zur Kirche zu fuͤhren. Der Wirth und die Wirthin hatten nicht Zeit den Gaſt zu empfangen. Haͤnnschen, der pausbaͤckige Sproͤßling, ſollte als Amor den Zug eroͤffnen, und beide ſtudirten, ſo eben der wilden Range die goldpapiernen Fluͤgel feſitzu⸗ binden⸗ Das dienſtfertige Aennchen aber detaillirte mir waͤhrend des Hinaufſteigens die ganze Fei⸗ erlichkeit, und ſchloß das arme Fraͤulein be⸗ dauernd, welche heute zum Altar geſchleppt werde, um einem alten Kornwucherer, der Freund und Feind, Arm und Reich, betrogen habe, die zarte Hand zu reichen, waͤhrend der Wuͤrdigern ein bildſchoͤner Jager-Officier, der zwar der Tochter Herz, doch des Vaters Zu⸗ ſtimmung nicht erhalten habe, jetzt gegen den vaterlaͤndiſchen Feind ſein Leben darbiethe. Jutereſſant war mir jeder Mann meines Zeichens. Sollte vielleicht, und die Moͤglich⸗ keit leuchtete ein, ſollte vielleicht ein Bekann⸗ ter, ein Freund, deren mehrere ich unter je⸗ ner muntern Schaar zaͤhlte, in dieſem Revier ſeines Lebens Gluͤck, was ihm jetzt von einem Wild⸗Diebe entzogen werden ſoll, erjagt haben, fluͤſterte mein Inneres, und das rebſelige Aennchen ward mit wenigen freundlichen Wor⸗ ten zum Berichte geſtimmt und gab Gewiß⸗ heit.— Ja Brund wars, mein alter Freund, ihm die Geliebte zu retten, war des Dankbegieri⸗ gen heiligſter feſter Entſchluß. Aennchen wurde meine Vertraute, denn keine Zeit war zu verliehren. Nit wenig Worten ſetzte ich dem Fraͤulein meine Verhaͤltniſſe auseinander, erklaͤrte ihr meine innigſte Theilnahme, und erbot mich zu jedem Rettungsmittel. Freudig eilte die gute Seele aufs Schloß, waͤhrend mein Diener zur ſchnellſten Abreiſe beordert wurde. Vergebens erwarteten Amor und Cupido, die zierlich herausgeputzten Sproͤßlinge des Loͤ⸗ wen⸗Wirthes die wertheſte Braut, um ihren Vers zu declamiren, vergebens bemuͤhte ſich der Schulmeiſter die wilden Rangen des ſtädti⸗ ſchen Olymps in Ordnung zu halten, verge⸗ bens leierten die kratzenden und blaſenden Schuͤ⸗ E ler des Orpheus ihre neueſten Erfindungen, und vergebens endlich erwartete der Vater und Braͤutigam, nebſt ſaͤmmtlichen Honoratioren in koſtlichen Bratenroͤcken, das geſchmuͤckte Opfer. Dieſes aber hatte ſchon laͤngſt das freie Feld gewonnen. Unter dem wehendeſſ Federbuſch und der Uniform des Officiers ver⸗ muthete Niemand den kleinen Fläͤchtling, der im Wagen zuruͤckgedruͤckt zitternd die Stimme der Verfolger hoͤrte, welche aber kurz und bäͤndig auf die beſcheidene Anfrage vom klugen Pferdebaͤndiger abgefuͤhrt wurden. Jubelnd und laͤrmend kehrten die Genien zum heimathlichen Heerde zuruͤck. Innig be⸗ truͤbt uͤber den Verluſt eines fetten Biſſens trollte der Magiſter nebſt ſämmtlichen Stuͤtzen der Stadt hinterbrein, die kunſtfertigen Gei⸗ ger aber geriethen mit dem kargen Braͤutigam ins Handgemenge. Mein Mittagbrod war verzehrt, Aennchen mit einigen Goldſtuͤcken vergnuͤgt, und froh äber den vollbrachten Samniterin⸗Raub, ſprengte ich von dannen. Meine Gerettete prieß ſich glucklich, dem tigeraͤhnlichen Vater und dem wuchernden Un⸗ holde entronnen, und nebenbei unter die ſchůͤ tzenden Fittige des Freundes ihres Bruno ge⸗ kommen zu ſeyn. Ich aber betete leiſe: und fuͤhre uns nicht in Verſuchung, denn Dein iſt die Macht. Louiſens weiche Hand lag tarü in der Meinigen, ihre Dankbarkeit war grenzenlos, und zum ueberfluß brachte uns der holprige Weg in die engſte Beruͤhrung. Der Abend war hereingebrochen, und das ungewohnte Collet zu enge; betaͤubt bis zur Ohnmacht und ermattet vom ewigen Wanken des Wagens mußte dieſes und jenes geoͤffnet und der Dienſtwillige in Anſpruch genommen werden. Die Bedraͤngte uͤberſah die Naͤherung, das heiße Blut brachte mich um meinen Vor⸗ ſatz Denn Dein iſt die Macht; perſifflirte mein C2 — 36— boshafter Satyr, während gluͤhende Kuͤſſe die Meinige ſcheitern machte. Ein, daß dich alle Deufel, des Roſſe⸗ lenkers rettete uns aus dem ſuͤßeſten Taumel. Er war verrauſcht, im grundloſen Wege abet das Vorderrad zerbrochen. Aus vollem Herzen ſtimmte ich dem Fll⸗ chenden bei. Der Kunſtfertige ſuchte verge bens einen Subſtituten, dennoch aber blieb an Ende nichts uͤbrig, als im Walde ſo lang einſtweilen zu warten, bis Friedrich ein neuts Rad aus dem naͤchſten Dorfe geholt habe. Wenn Verliebte ſo gern die ſtille Nach zum Zeugen ihrer Rendez Vous machen, ſo kan ich aus Ueberzeugung widerlegen, daß ein kalte regnige Nacht das gluͤhende Blut ziem⸗ lich ſchnell abkuͤhlt, und die ganze Unterhal⸗ tung ziemlich proſaiſch machen wird. Ich ſah eine Fuͤgung des Himmels in bi⸗ ſem ungluͤcksfalle, meine kleine Gefaͤhrtin aber. druckte ſich ſprachlos in eine Ecke, und ſeib das Trankopfer des feurigen Ungerweins, be 3 — belobten Lieblings„Gewächſes, welches ich mei⸗ ner in den bergenden Mantel ſich huͤllenden Gottin darbrachte, ward verſchmaͤht, und nur das dargebothene Hänerkeulchen, welches Loͤ⸗ wen Aennchen ſorgſam in die Wagentaſchen geſteckt hatte, erhielt den gewuͤnſchten Beifall. Die ungeduld meiner Braunen war aufs hochſte geſtiegen, ich aber bemuͤht, ſie, und die mit dem Schickſal hadernde zu beſchwich⸗ tigen, als zwei ungezogene Doggen, durch die weggeworfenen Beinlein angezogen, mich um⸗ ſchnopperten, und endlich laut anſchlugen.“ Das mußte noch dazukommen, ſeufzte ich, und das letzte Stuͤck des pretii affeetionis der guͤtigen Geberin fiel den ungehobelten Koͤtern anheim, waͤhrend mein angſtvoller Schuͤtzling einen Schrei des Entſetzens und der Furcht * ausſtieß. 8 Zwei Maͤnner, deren Waffen hell dem eben hervorbrechenden Monde entgegen blitzten, ſtan⸗ den vor mir. In der einen Hand die Piſtole, in der andern die Zuͤgel, rief ich meinem zag⸗ haften Gefaͤhrten zu, den neben ihm ſtehenden Säbel und die Piſtole zu ergreifen. Dieſer aber, ein heroiſcher Kaͤmpfer, verwechſelte die geleerte Flaſche mit der Geſuchten, und hielt ſie nebſt dem ergriffenen Sonnenſchirm vor Mordgier zitternd den Ankommenden entge⸗ gen. Gemach, gemach, rief eine nicht rauberar⸗ tige Stimme, ſie haben nichts zu fürchten mein Herr, wir haben uns auf der Jagd verſpaͤtet, und ſind gleich ihnen auf der Reiſe nach Pauſ begriffen. Beſchaͤmt verbarg ich meine Piſtole, meine zitternde Gefaͤhrtin zog leiſe die vorgeſtreckten Fuͤhlhoͤrner zuruͤck, ich aber machte mit kurzen Worten die Jaͤger mit meinem Unglucksfalle bekannt. Bedauernd und troͤſtend entſendete er ſeinen Gefaͤhrten zur ſchnellſten Herbeiſchaf⸗ — fung eines andern Wagens, ſtellte ſich uns einſtweilen als den Beſitzer dieſes Waldes und der umliegenden Guͤter vor, und bat ſchluͤß⸗ lich, bis zur Herſtellung des Wagens unſer Quartier bei ihm zu nehmen. Der Champagner floß beim koͤſtlichen Nacht⸗ eſſen. Die leibliche Schweſter des unvermaͤhl⸗ ten Barons beobachtete mit pruͤfenden Blicken meinen verſchaͤmten jugendlichen Adjutanten, dem Haus⸗Hepri entglitt in Folge mancher unbeantworteten Frage und des an ſeiner Bruſt prangenden Ordens, manches ſatyriſche Laͤ⸗ cheln, mir aber ward bei dieſem und den pruͤ⸗ fenden Blicken noch ſchwuͤler als im hitzigſten Gefechte. Der Schaum⸗Wein aͤuſſerte auf den kaum Geneſenen ſeine Kraͤfte. Friedrich prieß die Gaſtfreundſchaft des Hauſes, nebenbei die guͤ⸗ tigſte aller Koͤchinnen, welche ihm, aus ange⸗ borner Liebe zum Wehrſtande in der Speiſe⸗ kammer mit einem Ragout und einer Flaſche des beſten Kochweins bewirthet habe, und ſchloß mit einer Lobrede auf das wunderſchoͤne Fraͤu⸗ 5„ . lein, welche flink wie ein Reh trepp auf, trepp ab fliege, und die er wohl als gnaͤdige Frau, ſeinem Herrn zur Seite, zu ſehen wuͤnſche. Den Taumelnden aber zog das blähende Lager an, und kaum hatte mich der Lobredner der Kleider entlebiget, als ſchon der Schwarm der Genien die holde Wirthin mir entgegen führte. Ziemlich ſpaͤt erwachte ich von angenehmen Traͤumen. Zweimal ſchon hatte ſich der Haus⸗ herr nach mir erkundigt, und in wenig Minu⸗ ten ſtand der Erſtaunte vor der herrlichen uͤber⸗ raſchenden Gruppe. Die edle hohe Geſtalt meines Schůtzlings ſaß am Flagel neben der blonden Eliſe unſrer Wirthin. Mit wenig Worten erklaͤrte der Ba⸗ ron die Verwandlung meines Adjutanten, fügte ſein und ſeiner Schweſter innigſten Antheil au dem Schickſale des Fraͤuleins bei„und machte mich ſchlußlich aufmerkſam, wie dieſe Reiſe —— zu einem im Felde ſtehenden Geliebten den nachtheiligſten Eutſchluß auf ihren u haben känn.. Nichts deſto weniger aber ſey er ithig, dieſe in die fruͤhere unangenehme Lage zu ver⸗ ſetzen, ſondern ſie bliebe als Freundin ſeiner Schweſter, bis zur Ruͤckkehr des Geliebten un⸗ ter ſeinem Schutze. Ich konnte nach allen Regeln der Vernuuft nichts dagegen haben. Schon hatte ich mit Sorgen daran gedacht, unter welchem ſichern Schutz ich den holden Fluͤchtling laſſen ſollte, und nachdem ich dem Baron das Ehrenwodt abgenommen hakte, Louiſen fuͤr meinen Freund aufzuſparen, dieſe auch, die Unzulaͤßigkeit ei⸗ ner Reiſe mit mir, in ein fremdes Krieg er⸗ fuͤlltes Land vollkommen eingeſehen hatte, ſo waren alle Theile vollkommen einverſtanden. Einen gluͤcklichen heitern Tag verlebte ich im frohen Kreiſe. Der Wirth, ein gefuͤhlvoll, heiterer jovialiſcher Mann, machte ſich durch ſeine ewig muntere Laune unentbehrlich, die liebliche Blondine zerdruͤckte beim Abſchiede eine — 42— Thraͤne im himmelblauen Auge, nahm noch⸗ mals das Verſprechen bald zuruͤck zu kommen, vom Scheidenden, und Louiſe uͤbergab mir, neben einem Briefe an Bruno folgende ſilen der Dankbarkeit. So lebe wohl, wir ſehn uns einſtens wieder, Du guter Mann, o denk an mich; Dich ehrt mein Herz, Dich preiſen meine ieder, Und meine Dich.— 19. Mit Auszeichnung und Achtung, mit Wuͤrde und himmliſcher Guͤte wurde ich vom Fuͤrſten, der unterdeſſen tief in das Herz des feindli⸗ chen Landes, mit ſeinen ſiegreichen Schaaren, vorgebrungen war, empfangen. Elende Ränkmacher hatten, um den Liebling zu ſtuͤrzen, jene wichtigen Papiere aus dem Bureau des Fuͤrſten entnommen, meine Ge⸗ fangenſchaft aber als Flucht verdaͤchtig ge⸗ macht, und das dieſe beurkundenden Schrei⸗ — ben, ſtatt es an den Feldherrn einzuhaͤndigen, aus dem Wege geräumt. Durch den klugen, mir wohlwollenden und genau unterſuchenden Commandanten, ward meine Unſchuld in das hoͤchſte Licht geſtellt, jene mich haſſenden Maͤnner in eine unſchaͤd⸗ liche Lage verſetzt, mir aber fuͤr die uͤberſtan⸗ denen kummervollen Tage und fuͤr den erober— ten Adler ein Kreuz und einen höhern militaͤ⸗ riſchen Grad verliehen. . Die rauhe Jahreszeit hemmte den Sieges⸗ flug des Felbherrn. Bis auf einige Vorhu⸗ then hatten die gegenuͤberſtehenden Heere die Cantonirungen bezogen, mich aber fuͤhrte mein Gluͤcksſtern in die elegante und nette Woh⸗ nung einer jungen Wittwe. Ninon empfing gegen die Sitte ihrer Landsmänninnen den Bequartierten freundlich und zuvorkommend. Eine reizendere Bruͤnette war mir noch nicht vorgekommen. Das Bedauern durch den Drang der Umſtaͤnde ihr auf einige Zeit beſchwerlich fallen zu müſſen, gab die Einleitung zu einer hochſt intereſſanten Erzaͤhlung, in welcher ſie mir, mit der, einem gebildeten Weibchen eige⸗ nen Grazie, die kurze Ehe⸗ und Weheſtands⸗ geſchichte, die Erziehung im Kloſter und ihre Abneigung gegen eine zweite Verbindung, da der Wille des Himmels ſie zum Kloſter beſtimme, gab. Das feurige, ſtelenvolle auge, die Bewe⸗ gungen und die Haltung des zur Liebe geſchaf⸗ ſenen Weſens, ſtimmte mit ihrer Sprache nicht uͤberein; lachelnd gab ich mein Zweifeln an dieſem Entſchluß⸗Worte, ſtellte im Laufe des Geſpraͤchs die Freuden der Velt gegen das einſame und nichts bezweckende Kloſterleben ins hellſte Licht, allein die ruͤhrende Entſa⸗ gung jenes geruhmten Gluͤckes, des Hoͤchſten WPille ſelbſt, machten des Proſeliten Vitleid 1 rege und leiteten auf den Argwohn, daß hier irgend eine menſchliche Triebfeder den Willen Gottes zu ſchurkiſchen Abſichten misbrauche. Johann war wiedergekehrt. Mein gerette⸗ tes Paar lebte in einer kleinen Stadt am Rhein. Solbring beſchaͤftigte ſich mit der fruͤher er⸗ lernten Malerkunſt, bat ſchläßlich ihn mit dem Schwiegervater auszuſoͤhnen, und durch den Fuͤrſten eine angemeſſene Stelle zu verſchaffen. Geſchaͤfte riefen mich in das Bureau des Herzogs. Der erprobte Diener berichtete am Abend den haͤufigen Zuſpruch mehrerer Kutten⸗ maͤnner, und eine alee runzlige Megaͤre' von Kammerfrau entſchuldigte das Nichterſcheinen der Gebieterin beim Abendeſſen. Erklaͤrbar war der Zuſammenhang. Das Opfer den Klauen des Aberglaubens und der Phantaſie zu entreißen, erforderte Menſchen⸗ liebe und Ritterpflicht. Ein ſchoͤner Lohn aber ſchwebte in der Ferne, denn nach Bertha war Ninon das ein“ zige weibliche Geſchöpf was den Jüngling be⸗ zaubert hatte. Pläne durchkreuzten mein Gehirn. Ninons Rettung war beſchloſſen, und eine heitere Lek⸗ tuͤre hielt mich bis Mitternacht wach. Ein leiſer Schrei im Nebenzimmer machte mich aufmerkſam. Es war, wenn ich nicht ganz irrte, Ninons Stimme. Schnell eilte ich an die ſcheidende Thüre, ein dumpfes Gemur⸗ mel, ein leiſes Gewimmer machte die Neigung in mir rege dieſe zu ſprengen, und die Sache genauer zu unterſuchen. Doch ploͤtzlich war alles verſtummt, der folgende Morgen aber zur Unterſuchung be⸗ ſtimmt. Unangemeldet trat ich, nachdem es mir zweimal abgeſchlagen worden war, in Ninons Zimmer. Kalt ward ich empfangen, nichts deſto weniger zeigten die verſtohlenen Blicke, daß der Zudringliche im Innern ihres Herzens entſchuldigt ſey. Sie ſchien angegriffen. Das Carmin ihrer Wange war durch eine ſanfte Blaͤſſe verdraͤngt, und die Einleitung des Geſpraͤches durch die Erkundigung nach ihrer Geſundheit eroͤffnet. Ein Geſchaͤft entfernte die alte Gabriele zur gelegenen Zeit, und mit der Theilnahme des Freundes, die ſchoͤne Hand ergreifend, be⸗ fragte ich die Arme um die Urſache des Schreies der vergangenen Nacht. Kunſtſtuͤck der Hoͤlle ohne Gleichen. Der Verſtorbene war in drohender Geſtalt erſchie⸗ nen, hatte den Schleier zu nehmen anbefoh⸗ len, mit Tod und Verderben, mit Wiederho⸗ lung des Beſuches, im Weigerungsfalle, ge⸗ droht, und ſchluͤßlich gebothen den deutſchen Ketzer ſobald wie moͤglich aus dem Hauſe zu ſchaffen. Zeit und Weile gehoͤrten dazu, die gut ka⸗ tholiſche Chriſtin, deren Erziehung im Kloſter, Fegefeuer und Geiſterſeherei beguͤnſtigt hatte, von der Betruͤgerei zu uͤberzeugen. Auf Ga⸗ brielen und die Kuttentraͤger fiel mein Ver⸗ dacht, ich aber hutete mich wohl, gegen das 8 fuͤr ihren Beichtiger und die Megaͤre einge⸗. nommene Opfer, dies zu aͤuſſern, und bat nur um Verſchwiegenheit gegen Jebermann, ſo⸗ wohl uͤber ihre Erzaͤhlung als uͤber meine Aeußerung, verſicherte aber nebenbei, daß ich die Geiſter bannen koͤnne, und dieſen unſtreitig auch uͤberwaͤltigen wuͤrde. Ein herzlicher Haͤndedruck war der einſt⸗ weilige Lohn meiner Bemuͤhung, als Junsfrau Gabriele, welche ſo gut wie es ging, bis jett von Johann unterhalten worden war, in das Zimmer trat. Feierlich kalt, unſrer getroff⸗ nen Abrede gemaͤß, war der Abſchied, ein ſa⸗ tiriſches Lächeln verzog den zahnloſen Mund der mich begleitenden Sofe. Ohne Huͤlfe konnte ich nichts vuuführn Johann wurde eingeweiht, und bald war ein 1 Nachſchluͤſſel herbeigeſchaft, der die Chůre zum Schlafzimmer meiner ſchoͤnen Wirthin ſtill of⸗ nete, mich einen Blick in das Heiligthum wa⸗ gen lies, und dieſelbe wiederum ſpuhrlos ve⸗ ſchloß. Mit Sehnſucht erwartete ich mehrere Abende die verhaͤngnißvolle Mitternacht. Johann mit einem gewichtigen Stricke ſtand auf dem Sprun⸗ ge, und Friedrich deckte den Ruͤckzug. Unſer Sehnen, unſer Harren war vergebens, und ſchon entfiel die Hoffnung, als das Angſt⸗Ge⸗ ſchrei der geplagten Geiſterſeherin uns mobil machte. Doch wie bezaubert blieben wir vor der Scene, die ſich uns darſtellte, einen Augen⸗ blick ſtehen. Zwei Rieſen⸗Geſtalten, Feuer und Flammen ſpruͤhend, in Moͤnchs⸗Kaputzen und Geiſſeln, ſchweigend, ſtanden am Lager der Geaͤngſtigten. Dumpf murmelnd zerfleiſchten ſie den entbloͤßten Hals und Buſen der Un⸗ glucklichen, die unter Thraͤnen und Beten Beſ⸗ ſerung verſprach. Unſer Anblick aber veraͤn⸗ derte die Scene, die groͤßte der Geſtalten wen⸗ dete ſich drohend gegen uns. Zuruͤck ihr Ketzer, rief es dumpfen Tones, D 50 zuruͤck, oder Tod iſt ener Loos.— Da bearbeitete Johann ſchon eine aus⸗ nehmend komiſche Weiſe den Buckel des ein⸗ heimiſchen Geſpenſtes. Wittlerweile aber dachte die minder Geſtalt auf einen ſichern Ruͤckzug. Doch der durch Johanns Beiſpiel ermuthigte Friedrich griff es ruͤſtig an, warf es mit wenig Maͤhe die Abrunft verrathend in galliſcher wuwm zu Boden, und band die geiſtigen Fuͤße an d Trou⸗Madame. Mehr Mühe hatte Johann. Nit Rieſen kraft warf ſich das Geſpenſt auf ihn, und nur einige wohlangebrachte Hiebe mit der flachen Klinge, die Spitze des Säbels an der Kehle, welche beilaͤufig geſagt, 2 Fuß tiefer als der angebliche Kopf ſaß, entriſſen dem unſaubern Geiſte Muth und Faſſung, und ließen menſch⸗ liche Schwaͤchen blicken. Bald half Friedrich, die Scheuche wurde uͤberwaͤltigt, gebunden, und ich eilte die in tiefer Ohnmacht liegendt Ninon zu S . — 51— Hinweg uͤber die komiſche Geiſtererſcheinung, Jungfer Gabriele und der wuͤrdige Beichtvater hatten die Rollen der Geiſter zur unpaſſenden Zeit fortgeſetzt. Dem heiligen Manne wurde mit der eigenen Geißel ſo lange zugeſetzt, bis er der Wahrheit die Ehre gab, und die Ur⸗ ſache ſeiner näͤchtlichen Erſcheinung haarklein erklaͤrte. Mit Entſetzen hoͤrte Ninon, daß der Pater Prior die edle Abſicht habe, ihr Ver⸗ moͤgen dem mit ſeinem Floſter verbuͤndeten Nonnenſtifte zuzuwenden, dieſes dagegen die arme Betrogene als einen Zeitvertreib nach anſtrengendem Beten und Kaſteien den wolluͤ⸗ ſtigen Moͤnchen ausliefern wolle. Einſtweilen wurde dem entlarvtem Geiſte eine Wohnung im Keller angewieſen, Jungfer Gabriele in ihr Zimmer geſperrt, ich aber eilte, ſobald es tagte, zum Fuͤrſten, um ihm die naͤchtliche Avanture zu melden. herzlich ward anfangs die fatale Geſchichte belacht, endlich aber kam es zur Frage: was macht man mit dem Moͤnche? De — 52— licher Mann; ihm werden die Nacht⸗Geſpen⸗ ſter uͤbergeben, doch kopfſchuttelnd erklaͤrte er mir, daß fuͤr mich und Ninon jetzt alles zu fuͤrchten ſtehe. Meine Wuͤnſche„mein Sehnen beſchäftig⸗ ten ſich mit Ninons Rettung. Die heitern Tage des Fruͤhlings ließen einen baldigen Auf⸗ bruch erwarten, und Ninon blieb ohne S ihren Feinden uͤberlaſſen. Der Maire des Staͤdtchens war ein recht⸗ Dieſer Gedanke machte mich ſelbſt an der Seite der Heißgeliebten zagend. Dankbarkeit und Liebe zog ſie an mein Herz⸗ Der Bedraͤngten aber bot ſich nur ein Ausweg zur Rettung dar, die Flucht. Flucht aus dem geliebten Vaterlande, Flucht vom heimiſchen Heerde war ihr fuͤrchterlicher als der Tod. Doch meine Vorſtellungen ſieg⸗ ten, und ein Freund, der an den Rhein in Auftraͤgen zuruͤckgeſchickt wurde, verſprach Ni⸗ non unter ſeinen Fittigen in die Arme vf liens zu fuͤhren. 6 In der Stille wurden alle Anftalten ge⸗ macht, das thenre Weib warf ſich am Vor⸗ abende des Scheidens an meine Bruſt. Alles verlaſſe ich um Dich, mein Geliebter, ſchluchzte ſie, nur in Dir ſehe ich mein kuͤnf⸗ tiges Gluͤck, meine Wonne. Bleib immer gut, bleib immer treu dem Bunde den unſere Her⸗ zen ſchloſſen. Vergebens pochte ich am andern Morgen an Ninons Schlafzimmer. Seit Stunden ſchon erwartete mein Freund ſeine ſchoͤne Begleite⸗ rin, meine Verzweiflung aber uͤberſtieg alle Grenzen, als ich Ninons Zimmer leer, auf ih⸗ rem Rachttiſche aber einen Zettel des Inhalts an mich fand: Ewig geliebter Freund. Der Religion, der hohen, muß die irdiſche kiebe weichen; um der Ewigkeiten willen muß das ſehnende Herz ſchweigen. Des Himmels Zorn wuͤrde Dich und mich auffinden, und an Deinem Buſen wuͤrden die Rachegeiſter mich verfolgen. Lebe denn wohl, Rinon muß vom Geliebten, von Dir mein einziger Julius ſchei⸗ den. Mit Muͤhe nur konnte ich folgende Verſe leſen: Que le chagrin, qui me devore, n'attaque jamais ton repos. Se retirer de celui q'u'on adore, C'est le plus grand de tous. les maux Ninon.* Thraͤnen hatten die Schriftzůge verloͤſcht. In Wehmuth verſunken laß ich das Blatt⸗ Traurig wankte ich umher, zum zweitenmal war die Geliebte meinem Herzen entriſſen. Meine einzige Beſchäftigung war, die Worte zu leſen, welche Ninon am Abende des Schei⸗ dens in mein Stammbuch geſchrieben hatte. Quel autre object pourroit me plaire, Autant que Toi— l'air a ma vie est necessaire Moius que toi. ſe — 55— Je sens trop, que mon Ne tient qu'en toi, Avec toi, tout est jonisance, Et rien sans toi. 20. Die Sonne ſtieg empor, in ihrem Wieder⸗ ſchein ſpiegelten ſich unſre Waffen. Donnernd rollte das Geſchuͤtz zum graͤßlichen Duett, und das Roͤcheln der Sterbenden verlohr ſich im ſchmetternden Getoͤſe der Schlacht. Blutig war der Kampf. Lebensſatt ſuchte ich den Tod, er aber warf mir noch einen Orden an die Bruſt und ließ mich laufen. Am Thore der feindlichen Weltbeherrſche⸗ rin umarmte ich den todtgeglaubten Hheim, der an der Spitze ſeiner S dem Er⸗ ſehnten entgegen eilte. Im traulichen Geſpraͤch, vergangene Fata erzaͤhlend, ſaßen am Abende des verhaͤngniß⸗ vollen Tages die wiederum vereinten Freunde bei der dampfenden Bowle. Die heitere Laune des herzlich deurſchen Mannes, das traumver⸗ — 56— ſcheuchende Getraͤnk hatte die Falten der Strn geglaͤttet, und der gute Oheim ſetzte einen ko⸗ miſchen Fall nach dem andern, um den Ließ⸗ erſchuͤtterten zu erheitern. Da klopfte es leiſe an meine Thuͤre. Ein nettes Zoͤfchen ſtand vor dieſer, bat in der 3 liebten Mutterſprache ſie nicht zu verkennen, und haͤndigte dem Betroffenen ein zierich ge⸗ faltetes BVillet ein. Die Verfaſſerin lud den Erſtaunten zum freundſchaſtlichen Soups, und die Worte: Suivez Phonneur, mais ne m'oubliez pas er⸗ neuerten die Erinnerung an eine fruͤhere Ve, kanntſchaft. Der Artigkeit gemaͤß durfte ich die Folge nicht verweigern. Die junge lebensluſtige Wittwe befand ſich im Amthauſe nicht gluͤcklich genung. Dem laͤngſt erſehnten Wunſch, die Veherrſcherin der Welt, den Zuſammenfluß der feinſten Genüße Europas zu ſehen und zu pruͤfen, ſtand nichts im Wege, und die kleine Selbſtherrſcherin folgte dem Siegesfluge der deutſchen Heere. Allein bieſer war nicht ſo ſchnell, wie es die lebens⸗ unb ſchauluſtige Wittwe wuͤnſchte, ihre Unge⸗ duld wurde in mein kleineres Städtchen am Wege ſo lange auf die Probe geſtellt, bis un⸗ ſre Waffen die Stolze beſiegt, und das Ver⸗ langen der ungeduldig Harrenden erfuͤllt hatten. Ohne Eroberung, um wenigſtens in ihrem Wirkungskreiſe ihren Landsleuten nichts nach⸗ zugeben, nebenbei aber einen kleinen Zeitver⸗ treib zu haben, konnte ein Weibchen, vergnuͤ⸗ gungsſuͤchtig, wohlgeſtaltet und über eine Tonne Goldes disponirend, nicht leben, und der Zu⸗ fall, der alles Leitende, fuͤhrte einen Officier der dort cantonirenden Truppen in ihre Naͤhe. Die troſtloſe Wittwe ließ ſich bald durch den angenehmen Troͤſter mit dem Leben verſoͤhnen. Beide Theile fanden ſich gläcklich im gegenſei⸗ tigen Umgange, allein die herbe Stunde der Trennung, welche den Geliebten zum Sturme der fruͤher Erſehnten fuͤhrte, entlockte den N 3— gleichgeſtimmten Seelen die Sprache wechſel⸗ ſeitiger gluͤhender Liebe. Zum erſtenmale er⸗ ſchien die kleine Suͤnderin Magdalenen der frommen Buͤßerin gleich. Eitelkeit und Ko⸗ ketterie waren entflohen, und das Weib wie es iſt, bat, flehte und beſchwor den hochher⸗ zigen Juͤngling zur Ruͤckkehr ins ſichere Va⸗ terland, welche ſtandhaft verweigert wurde. Troſtlos irrte ſie herum, als der Donner des Geſchuͤtzes die Gegend erſchuͤtterte, den Him⸗ mel beſchwor ſie um das Leben des Lieblings, und die heiligſten Gelüͤbde wurde geſpro⸗ gen— Ihre Geluͤbde hatten Erhoͤrung gefunden, gluͤcklich ſey der Freund der drohenden Gefahr entronnen, erzaͤhlte die Offenherzige. Dienſi⸗ geſchaͤfte halten ihn entfernt, mich aber habe ———— ——————— 7„ ſie im Voruͤberfahren erkannt, in der Com⸗ mandantur meine Wohnung erfahren, und es ſich nicht verſagen koͤnnen, mich zu ſehen, dem cheilnehmenben Freunde ihr Gluͤck zu verkuͤn⸗ digen, nochmals die Entſchuldigung des Ver⸗ blichenen in Betreff meiner uͤbereilten Abreiſe zu uͤbernehmen, beilaͤufig aber um die Ruck⸗ gabe des mir aus Verſehen eingepackten Bild⸗ niſſes nebſt Anſchluß zu bitten. Zum ueber⸗ fiuß ward mir ein koſtlicher Diamant als Reu⸗ kauf an den Finger geſchoben. Die bittere Mandel war mit ſuͤßen Worten umgeben. Die beleidigte Eitelkeit wollte eben eine moraliſche Abhandlung uͤber Treue, Liebe und Gl eginnen, als Bruno mein'ein⸗ ziger herzlicher Freund in die Arme der ſcho⸗ nen Sirene eilte. Mißmuth furchte die Stirne, die alte Freund⸗ ſchaft aber ſiegte, und zum Erſtaunen unſrer Wirthin ward die Erkennungs⸗Scene aufs herzlichſte gefeiert. Mein Beruf war es nicht in die Roſen des Freundes Dornen zu ſtreuen. Gelobt ſey Dein Name, betete ich im Stillen, wenn ich — 60— an das Unheil dachte, was nothwendig entſte⸗ hen mußte, wenn nicht das Wagenrad gluͤck⸗ licherweiſe im Walde zerbrach, und uͤberließ es der ſchoͤnen Frau, die Erzaͤhlung der fruͤhern Vekanntſchaft auszuſpinnen. Spaͤt erſt trennte ich mich vom glucklichen Paare. Wohlverſchloſſen uͤberſendete ich am folgenden Morgen ihr Bilbniß nebſt den glů⸗ henden Verſen der S mit den Worten: Das Gluͤck der Freundſchaft zu genießen, Muß man der Tugend erſt ſich weihn; Dem Tadel nie ſein Ohr verſchließen, Der Eigenliebe nichts verzeihn. Dem Freunde aber ward der Brief Loui⸗ ſens mit einigen kritiſchen Beleuchtungen über Charakterſtuͤcke, aus der eigenen Bruſt gegrif⸗ fen, zum fernerweitigen telt Gebrauche — 21. kaͤrmende Poſtillions vor mir her, b zog ich 6 in Fonbi ein. Jubelnd und ſchreiend beglei⸗ tete den Friedensbothen der Poͤbel der Reſi⸗ denz, jauchzend umſprang dem griesgramigen Praͤceptor entwiſchend, die frohe Schuljugend mein Pferd, und ehrwuͤrdige Perucken, neben goldgelockten Engelskoͤpfchen, ſtreuten einſtwei⸗ len Gaͤnſeblumen und Peterſilie ſtatt der Lor⸗ beeren auf und um den Langerſehnten. Am hohen Portale des Schloſſes aber, kam feierlich und ernſt Fuͤrſt Carl dem Zuge entge⸗ gen. Aller Jubel verſtummte, denn die ver⸗ ehrte Schweſter, die Freundin des erhabenen Bruders, die Troͤſterin des Volkes, die tau⸗ ſend Laſten von den Schultern der Unterdruck⸗ ten nahm, lag ohne Hoffnung ſiech darnieder. WMit Recht verwundern Sie ſich, ritterlicher Held, redete er mich an, nachdem ich meine Briefe uͤbergeben hatte, mit Recht verwundern Sie ſich, daß ich nicht laut dem Jubel beiſtim⸗ me. Ich komme aber vom Krankenbette einer geliebten Schweſter. Sie indeſſen verweilen einige Tage, vielleicht daß wir vereint mit der — 62— Geneſung der Geliebten, das Feſt ber Freiheit vom Joche der Tyrannei feiern können. Thraͤ⸗ nen entſturzten dem Auge des bruͤderlich ge⸗ ſinnten Furſten, dem ich Verehrung nicht ver⸗ ſagen konnte, und Segen vom Himmel erfle⸗ hend zerſtreute ſich der Haufe des verſammle⸗ ten Volkes. An das Bette der Kranken führte weinent die Pflegerin der Jugend, die im Friebensbo⸗ then unter Freudenthraͤnen und den Meußerti gen der zärtlichſten Mutterfrenden den gelieb⸗ ten Schuͤtzling erkannte, den Geehrten. Die ſterbende Mutter will den geliebien Sohn an ihr Herz druͤcken, lispelte ſie mir zu, und vor dem Lager der Leibenden Ki ich nieder. 3 9 eim matten Schimmer des Lichtes erkanntt ich Julien, nur voller, ſchoͤner war ihr Bilb⸗ niß. Ja ſie war es— ſie wars die einſt in truͤben Stunden dem Leidenden erſchien, und Troſt und Hoffnung in die Seele floͤßte. Nimm, mein geliebter Sohn, ſo ſprach ſie leiſe, nimm ſegnend meinen Gruß von den ſter⸗ benden Lippen. Meine Stunden auf dieſer Erde ſind gezaͤhlt, doch ruhig ſcheid⸗ ich nun, denn die heißeſten Wuͤnſche des ſehnenden Her zens ſind erfüllt. Dank Dir, Allmaͤchtiger, für dieſe Gnade. und Thraͤnen floſſen auf der gut'gen Mutter Hand, die trampfhaft 6 die meinige umſchloſſen hatte. Theilnehmend fragend, nahte ſich der ürſ, verwundert betrachtete er den Friedensbothen am kager der Schweſter. Ihm naäher winkend ſprach die Leidende: Hier Carl, hier ſiehſt du meinen Sohn. Du nur allein mein Freund, kannteſt die fruͤ⸗ here Liebe deiner Schweſter; nimm ihn, ein Andenken von mir, und ſey fortan ſein Vater. Und als der Diener des Herrn von dem Knieenden umringt, Julien die geweihte Hoſtie — 6— reichte, da loderte in heller Gluth die Flamme der Kerze, ein leiſes Saͤuſeln, wie der Flügel⸗ ſchlag einer Engelsſchwinge ward vernehmbar, und das letzte Ach der Vollendeten verlohr ſich im leiſen Schluchzen der. Liefbewegten. Am Sterbebette der Verehrten dahin ge⸗ ſunken, fuͤhlte ich tauſendfach den Verluſt, den ſchweren Verluſt einer theuern Mutter. Ohne Thraͤnen, in ſtummer Verzweiflung lag ich da, die Worte fehlten mir, um meinen Schmerz auszudruͤcken. Und wer ſollte mich troͤſten, da alle, die ſie gekannt hatten, des Troſtes be⸗ duͤrftig, die Haͤnde rangen. Sie war dahin, ubii und beim dumpfen Tone verkuͤndender Glocken floſſen bittere Thraͤnen der edelſten S ter geweiht. Und aus dem Grabe der Geticbten ſtieg i leiſen Fittigen der Engel der Hoffnung. Alma nahte troͤſtend ſich dem Freunde. Die winzige Kleine des Oheims war zur hohen Jungfrau herangewachſen, und die Worte der heiligſten Andacht goſſen Linderung in das verwundete Herz. gim gärgen Vater, der den zinmi ſendet In jedes Menſchen kindlich frommes Herz, Zu dem ſie Freund Dein trauernd Herz gewendet, Und tiefe Andacht wird Dein herber Schmerz. Sein iſt das Reich, Du wirſt nicht unterliegen, Pit ihm vereint wirſt Du den Schmerz beſiegen. 2 Im ſchwarz decorirten Saale unter den Bruͤ⸗ dern des Bundes fand ich mich wieder. Leiſes Schluchzen unterbrach die feierlich tief eindrin⸗ genden Worte des Redners, der hochgeruͤhrt die Tugenden, die ſtillen Verdienſte der Ver⸗ blichenen um Volk und Vaterland mittheilte: In ſchlummre ſanft, bis Dir auf ſtillen Inſeln Der Seligen ein neuer Morgen tagt. ſchloß der Liefbewegte, und die Verſammlung, deren Vorſteherin ſie geweſen war, zollte der Verehrten den wohlerworbenen Tribut der Hul⸗ bigung und Liebe. Mir aber äbergab der Red⸗ ner den letzten Villen der Verſtorbenen, in E — 65 welchem neben dem Vermaͤchtniß, welches den armen Juͤngling zum reichen Manne verwan⸗ delte, folgende Worte ſtanden: Julie an ihren Sohn. Kurz war mein Lauf, doch ohne Freuden nicht. Zu ſpat erfuhr ich Dein Daſeyn mein geliebter Sohn. Ich zittre fuͤr Dein Leben, doch Dich dem heiligen Kampfe zu entziehn vermag ich nicht, und ſo muß ich's dem Schick⸗ ſale überlaſſen, ob aus dem Sturme des Le⸗ bens Dich einſt daſſelbe gluͤcklich zuruͤckfuͤhren wird. Bieder und rechtlich haſt Du bis jetzt ge⸗ wirkt, handle fortan immerdar, und ruhig wirſt Du gleich der Mutter dem Lode entge⸗ gen gehen. Bleibe ſtets treuer Anhaͤnger des deutſchen Vaterlandes, ſtets treuer Bruder des Bundes, der ohne Prunk und Aufſehen im Stillen Tugend und Recht zu vertreten ſucht. Und wenn Du einſt den Vater findeſt, deſſen Bild ich tren verwahrt, dem Sohne uͤbergebe, ————————,— dann ſage ihm: daß Julie nie, nie aufhoͤrte ihn zu lieben, und immer treu, und immer zärtlich ſein gedachte. Die Pflegerin der Ju⸗ gend darf ich dem edlen Sohne nicht empfeh⸗ len, ſie war es, die Dir, als Du mir entriſſen wurdeſt, Mutter war. Noch war der Platz der Verblichenen mit einem ſchwarzen Flor bedeckt. Fluͤſternd ehr⸗ ten die Bruͤder meine Trauer. Die Stimme des Redners weckte mich aus. meinen Draͤumen⸗ Der Sitz unſrer Vorſteherin iſt erledigt, welcher Wuͤrdige ſoll ihn, ſo wie die Verbli⸗ chene, ausfuͤllen? Lange Pauſe, keine Stimme, kein Laut ließ ſich hören, aller Augen aber wa⸗ ren auf mich gewendet. Wenn ich anders, fuhr der Redner fort, euere Blicke meine Bruͤder deuten darf, ſo kann ich Sie, Graf Julius, als den auser⸗ Ea kohrnen Rachfolger ihrer würdigen Mutter be⸗ gruͤßen. Graf Julius, unſer Verſteher, wie⸗ derholte einſtimmig die Verſammlung. Wenn einſt, meine Bruͤder, nahm ich das Vort, wenn einſt Thaten bewieſen haben, daß ich wuͤrdig bin, den Sitz der verewigten Mut⸗ ter einzunehmen, dann wird es mir ehrenvoll feyn, an Ihrer Spitze zu ſtehen. Mein Wir⸗ kungskreis war bis jetzt zu eingeſchraͤnkt um meine Kraͤfte zu pruͤfen. Ein Wuͤrdigerer aus Ihrer Nitte ſetze das angefangene Werk der Seligen fort, der Orden aber pruͤfe meine Kraͤfte, und dann erſt, wenn ich bewaͤhrt er⸗ funden werde, dann erſt ſey es mein Lohn, an Ihrer Spitze Gutes zu wirken. In den Kreis der Bruͤder trat ich zuruͤck⸗ Alle umarmten den Anſpruchsloſen, und ein hoher ſchoͤner Greis voll Ernſt und Wuͤrde, enthullte den verwaißten Seſſel der Verewigten. Fuͤrſt Carl erfullte die uͤbernominene Pflicht — 69— auf das redlichſte. Mit ſeiner Bewilligung uͤbergab ich meine Guͤther einem redlichen Man⸗ ne, ſetzte der muͤtterlichen Freundin und der holden Trsſterin ein betraͤchtliches Jahrgehalt aus, und kehrte zur Armee zuruͤck. Ein kleiner Umweg führte mich auf das Guth des Barons. Die Abendtafel war, wie vor einigen Mo⸗ naten, mit demſelben geiſtvollen Weine beſetzt. Dieſelben Gäͤſte, durch eine Tante des Haus⸗ herrn vermehrt, ſaßen um die dampfenden Schuͤſſeln, allein alle ſcheinen ſich den Magen verdorben zu haben, denn die Gabeln arbeite⸗ ten und ruͤhrten die koſtlichſten Biſſen unter⸗ einander, ohne ſie appetitlich zu finden, und dann und wann rollte zum Ueberfluß ein Thraͤn⸗ chen uͤber Louiſens Wangen. Ich ſelbſt war ziemlich verlegen, Fin ich Brunos Untreue entſchuldigen ſollte, und un⸗ L genoſſen blieb der letzte Gang ſtehen, als der Wirth ſeinen Stuhl rückte. Johann brachte meine Pfeife, die Tante reichte mir ſelbſt den Fidibus, trippelte, waͤhrend ich den Meerſchaumkopf in Brand brachte, den Eingang ſuchend, um den Erwar⸗ tenden her, ergriff endlich meine Hand und recitirte: S Przite Deine Gäte äber die, die Dich kennen, und Deine Gerechtig⸗ keit uͤber die Frommen. Erzuͤrne † Dich nicht uͤber die Boͤſen und ſey nicht neidiſch uͤber die Uebelthäter ſo ſpricht der Herr. Vergebens ſuchte ich in den myſtiſchen Wor⸗ ten des Pſalters eine Erklarung. LTrudchen aber war jetzt in den Zug gekommen, ſprach ½ von Liebe und Vertrauen, von Jugend und warmem Blute ſo treffend, daß der Zuſammen⸗ hang nicht muͤhſam zu entraͤthſeln war. Eine Umarmung ber Liebe im Hintergrunde, die PTroͤſtungen der holden Schweſter, waͤhrend ich mit der Bibelfeſten ſocht, gab das Uebrige, und ich beſchloß, uber den gluͤcklichen Ausgang vergnuͤgt, den Spaß weiter zu treiben. Mit ihren eigenen Waffen begegnete ich der Erſtaun⸗ ten, und die Worte des Pſalters im Wanbe eines Soldaten: Ich wilt ſie etſchtiehi und ſollen mir nicht widerſtehen, ſie muͤſſen unter meine Fuͤße fallen, ſo ſagt der Herr Gott Zebaoth.“ ſetzte ſie in Erſtaunen und Verlegenheit. roſtlos faltete das Mtterchen die dürren Haͤnde, der Baron trat, durch die erſten Worte des Pſalters aufmerkſam gemacht, hinzu, und unter der Segnung: er ſende Dir Huͤlfe oom Heilis⸗ thum, und ſtärke Dich aus Zion, verließ ſie im Gefolge der betruͤbten Kuͤchlein das Zimmer. Mit Wuͤrde, ohne ſich ent⸗ ſchuldigen zu wollen, mit Feſtigkeit bekannte er ſeine Schwaͤche. Louiſe war ihm theuer ge⸗ 1 worden, der Zufall hatte das Uebrige gegeben. das Pfand der Liebe, welches ſie unter ihrem Herzen trage, habe den Vater verſoͤhnt und nachgiebig gemacht, er aber ſtehe jetzt bereit, ſein mir verpfaͤndetes Ehrenwort, auf welche Art ich wolle, zu loſen. Statt der erwarteten Trauer kam Freude in aller Herzen, als ich Arm in Arm mit dem Freunde das Betſtoͤbchen Trudchens, wohin ſich die Beaͤngſtigten geflüchtet hatten, betrat. Gern und willig verzieh ſie mir den Ehren⸗ ſprung, mit welchem ich die mich umklaffenden und umbellenden Lieblinge zu Paaren trieb, und verehrte in Folge ſeiner Beleſenheit dem bibel⸗ feſten Soldaten die ih⸗ res Pſalters. Nur Loniſe war nicht ſo heiter als ich ge glaubt hatte. Bei der dampfenden Bowle ſuch⸗ 5 ten wir Entſchaͤdigung fuͤr das verlohrne Abend⸗ brod. TDantchen ſelbſt nippte fleißig vom Won⸗ nebecher, nur die Braut lag ſchon mit ver⸗ veinten Augen tief unter der Decke. Beſorgt gab ich dem Baron mein Erſtau⸗ nen zu erkennen, der feine Weltmann aber loßte laͤchelnd das Räthſel. Kennſt Du den weiblichen Charakter ſo we⸗ nig, Freund? Dem beſten Weibe wird es ſchmerzlich, den fruͤhern Geliebten verlohren zu haben; lieber aber ſieht ſie ihn auf der Bahre, als in den Armen einer glucklicheren Rivalin. In dieſem Falle befindet ſich Louiſe. Trudchen kritt, nannte den Erfahrzen ein Laͤſtermaul, die holde Schweſter blickte beja⸗ hend den Zuhorer an, und der Kampf blieb, durch die ausgebrachte Geſundheit auf das Wohl der Geliebten, unentſchieden. Nicht vergebens erwartete diesmal Amor und Cupido die Braut. Noch nie hatte ich Louiſen ſchoͤner geſehen, und ich betete aber⸗ mals: Fuͤhre uns nicht in Verſuchung, wenn das Feuer⸗Auge des ſchoͤnen Weibes wohlgefaͤllig auf dem Brautfuͤhrer ruhte, und die jungen Herrn umher zur Huldigung der dargeſtellten Reize aufforderte, deren Auge, 1 Guterbeſchauern gleich, S Flor durchſpaͤhte. Ein ſanfter Schlag, mehr zur Aufmunte⸗ rung als zur Beſtrafung gegeben, machte den Verſucher kuͤhner, der dargebothene Apfel war einladend, das beſſere Gefuͤhl und die Freund⸗ ſchaft machten mich reiſefertig. * Eile, ſprach ich am Scheide⸗Abend zum Freunde, eile mit der jungen Gattin auf das entlegenſte Deiner Guͤther. Die Welt iſt voller Verfuͤhrung, nicht alle Maͤnner taugen zu Hand⸗ freunden, und der Schwarm der Dich Umdran⸗ genden haben ein fuͤr D ich geweihtes Ziel. Loniſek konnte ſich einmal vergeſſen, wer K fuͤr di e Folge. —— — ₰— 75— Herzlich druͤckte er mich an ſeine Bruſt, und wieberholte die Worte, die er in mein Stammbuch geſchrieben hatte:* unſere Freundſchaft muͤſſe beſte⸗ hen bis zur letzten Nacht, um ſch ö⸗ ner wieder jenſeits aufzubluͤhen⸗ Die Buͤrger⸗Glocke toͤnte vom Kirchthurme, als ich in das Staͤbtchen am Rhein, Solbrings Aufenthalt, einfuhr. Johann geleitete mich, aus den erleuchteten Fenſtern aber ſcholl Jubel und Geſang mir entgegen, und erregte Zweifel ͤber den Aufenthalt der ſtillen eingezogenen Familie. Punſch und Wein floſſen mir entgegen. Zerbrochene Gefaͤße und halb entbloͤßte Prieſte⸗ rinnen der Goͤttin von Amathunt zeigten in wel⸗ chen Tempel ich gerathen war, im Hintergrunde aber rollte das Elfenbein auf dem Altar des Glückes. Unbemerkt konnte ich mich nicht zu⸗ ruͤckziehen, denn ſchon umgab den Ankommling „ ein Nymphen⸗Schwarm. Die finſtre Miene 5 getaͤuſchter Erwartungen, ſchreckte ſie jedoch zuruͤck, und das geforderte Glas Punſch ward mir zur Strafe von einer alten Hexe credenzt. Die Redfelige aber gab auf mein Befragen genaue Auskunft uber die Geſuchten. Waͤh⸗ rend im einſamen Stuͤbchen die getaͤuſchte Ro⸗ ſalie ihr Leben vertrauerte, hatte der Unwuͤr⸗ dige mit meinen Wechſeln den gruͤnen Zi belegt. Lachend und ſingend unterbrach, durch die lange Unterhaltung aufmerkſam gemacht, die ſatyriſche Schaar die Fortſetzung, lobte mei⸗ nen Geſchmack, freute ſich, nach 60 Jahren gleiche Ausſichten zu Eroberungen zu haben, und beneidete ſchluͤßlich die Alte um das, fuͤr die mitgetheilte Nachricht und gelobtes Stil⸗ ſchweigen, in das leere Glas geworfene Gold⸗ ſtuͤck. Ein heftiger Wortwechſel im Hintergrunde ſtäubte die holliſche Schaar auseinander. Schur⸗ — 7— ken und Strauchbiebe polterte ein junger Mann in ruſſiſcher Uniform, deſſen Geſichtsbildung mich vorzglich intereſſirte, und beeilte ſich⸗ durch die ihn umgebenden Gauner, einen Aus⸗ weg zu bahnen. Dieſe aber ſchrieen um Be⸗ zahlung und drohten mit Arretirung. Der Of⸗ fizier griff die im Andrange Begriffenen an, und meine Dazwiſchenkunft konnte nur eine au⸗ genblickliche Ruhe bewirken. Die Urſache lag klar zu Tage; der junge Mann hatte ſein bei ſich habendes Geld ver⸗ lohren, der Geiſt des Poͤſen verleitete ihn, auf eine betraͤchtliche, fuͤr den Gluͤcklichen beſtimmte Summe ſein Banco zu ſagen, die Wuͤrfel fie⸗ len, durch die geſchickte Hand gefuͤhrt, zum 1 Vortheil des Ausſetzers, und der Getaͤuſchte ſah zum Ueberfluß diejenigen, welche ſtets ſcchlecht fuͤr ihn gefallen waren, aus dem wei⸗ ten Aufſchlage des Rockermels hervorglotzen⸗ Mit wenig Worten waren die Gauner be⸗ fänftigt. Der edle Herr Solbring, wollte vor Frenden mich zu ſehen in Ohnmacht ſinken, en hinterdrein gewaltig die Miene, als c 1. fuͤr die dem jungen Ofßzier abgenommene Summe gut zu ſagen erſuchte, bat aber doch ſchluͤßlich ihn morgen mit meiner Gegenwart zu beehren⸗ Der hülfreiche Nittler eilte mit dem Dank⸗ baren aus dem Haufen der Verdammten, waͤh⸗ rend ſich die Mammons⸗Freunde ͤber den durch mein Erſcheinen ſtill tin fc ſamen Bankhalter ereiferten. Der Zufall hatte uns in einen Gaſthofz zu⸗ ſammen gefuͤhrt. Am Mittage angekommen, leitete nach dem Eſſen den Schauluſtigen ein kleiner Cicerone zum Billard, wo ihn der Spiel⸗ tiſch anzog, und bald ſeines ganzen Reiſeget des beraubte. Die Stimme weckte Erinnerung vergang⸗ ner Zeiten. Wunderbar genung ſprachen die Zuge mich an, und Lanzen und Schwerter nebſ des Vaters Wildſchur, ein gemeinſchaftliches Arſenal, ſchwebte wie heute, vor meinem Ge⸗ dächtniß. 5 Selbſt die Narbe an der Stirne zeugte fuͤr den theuern lang vermißten Bruder, und jauch⸗ zend umſprang ich den Wiedergefundenen. Der Leſer erinnert ſich noch der Trennung der beiden Bruͤder. Einer durchreiſenden Luft⸗ ſpringer⸗Geſellſchaft ward, wie man allgemein ſagte, dieſe zugeſchrieben, allein nicht ſie, ſon⸗ 3 dern des Rectors ſtrenge Hand, welche dem armen Knaben die Gelehrſamkeit, und mit ihr das unbegreifliche amor, woruͤber das Maͤd⸗ chen im Flůgelkleide ſchon der mannſuͤchtigen Slieder⸗Puppe Vorleſungen hält, einblaͤuen wollte, war die mittelbare Urſache. Fort wandelte der Knabe am verhaͤngniß⸗ vollen Morgen. Das ungluͤckliche amor wurde auf dem Wege ſtudiert, nur amatus fui war unbegreiflich, denn jedermann uͤberzeugte den ſiillen holden Knaben vom Gegentheil. Weinend ſaß der Verlaſſene am Wege. Eine vorüberfahrende Dame gewahrte ihn. Laͤchelnd berichtete der Diener die Angſt des Ungelehri⸗ 80 gen, und nach e Worten lag dieſer an der Bruſt der gutigen Fuͤrſtin. Adolph ward der Spielgefäͤhrte der kleinen Cathinka. Ein wuͤrdiger Fuͤhrer bildete ihn zum talentvollen Juͤngling, und als dieſer trat er in die Armee. Nicht vergebens hacte der alte Rector ſeine ſtrenge Hand gebraucht, der Fremdling conjugirte jetzt ſein amo zur Unge⸗ bühr, und jauchzte hoch den conjunetivus, als Cathinka ſcheidend ihm Trene und Liebe ver⸗ ſprach. Die Nacht verfloß unter Erzählungen genſeitiger Schickſale. Der herandämmernde Morgen fand die Bräder noch unter Entwuͤr⸗ fen, wenn und wo ſie ſich am Herzen der ge⸗ liebten Pflegerin wiederſehen wollten, und in das vorliegende Blatt meines Stammbuches ſchrieb der wiedergefundene Bruder: Was iſt das heiligſte? das was heute und ewig die Geiſter verband. Sie fhrt die Zitternden rein uͤber — 8— die Leidenſchaft hin, baß ſie reiner und ſchon aus dem Sturme hervor⸗ gehen. Freundſchaft Deinem Adolph. . Die kleine Julie, welche Roſalie am andern WMorgen dem Strafengel entgegen hielt, ver⸗ ſohnte mich in etwas mit dem enkarteten Va⸗ ter. Der edleren Familie des Oberfoͤrſters, meines Rerters, war ich zu vielen Dank ſchul⸗ dig, um die geliebte Tochter ohne Huͤlfe zu laſſen, und mit dem heiligſten Verſprechen, den entehrenden Handel aufzugeben, ſich der fruͤ⸗ heren Beſchaͤftigung wiederum zu widmen, ge⸗ lobte Solbring Treue und Beſſerung dem Ab⸗ reiſenden, 24. Veſondere Reize hatte von Jugend an mein Stand fuͤr mich gehabt. Vor allen ſchien er mir der einzige, in welchem ſich hoͤhere Tu⸗ F genden des Mannes entwickeln, der Einzige, dem kein weibiſcher gewachſen war. Dem Schmerze, dem Ungemach, allem, wofuͤr dem Menſchen ſchauert, ja ſelbſt dem Tode muß er feſten Muthes entgegen treten. Mit Elementen und Gefahren, mit Hunger und Bloße, ja ſelbſt mit den Regungen der ei⸗ genen Menſchlichkeit muß er kampfen, allein die hohe Wuͤrde, Vertheidiger des Rechtes Vertheidiger der unterdräckten Menſchheit, Be⸗ foͤrderer der Cultur und der Schutz der Wehr⸗ loſen zu ſeyn, heben unter einen Obern, der dieſe Wuͤrde zu ſchaͤtzen weiß, alle jene Unan⸗ nehmlichkeiten auf. ⸗ Wenn aber im Frieden unter boͤsartigen oder herzloſen Vorgeſetzten, dieſer ehrenwerthe Stand, dieſer Vertheibiger des Rechts zut Maſchine, die Waffe und die Bewegung zur beliebigen Spielerei, und das Aeuſſere, waͤh⸗ rend der Kern vermodert, zur kleinſten Pedan⸗ terie ausartet, wenn vergebens eine rohe Heerbe ju Menſchen gemacht, wenn vergebens mit dem druͤckenden Mangel und der eiſernen Roth⸗ wendigkeit, mit den Schlangen der Kabale und. dem Lächeln der Dummheit gerungen, und wenn die boͤſen Geiſter geheimer Noth das Le⸗ ben verbittern, zum Lohne aller Anſtrengungen aber ſtatt Helden und Varerlands⸗Vertheibi⸗ ger, ſtatt des unuͤberwindlichen Spartaners nur eine verbildete Drathpuppe daſteht, dann kann man ſich entraͤthſeln, wie Siſiphus und den Danaiden, kurz allen Tageloͤhnern des Hreus, zu Muthe ſeyn muß. Der Friede war geſchloſſen. Der Fuͤrſt hatte ſich auf ſeine Guther zuruͤckgezogen, mit ihm der wuͤrdige Oheim. Sein Nachfolger aber, eingenommen von ſich und ſeinen Tha⸗ N ten, ſeinen Guͤnſtlingen unbedingt gehorchend, fand die Abjutanten des ruhmbekraͤnzten Feld⸗ herrn nicht genoͤgend, von allen Seiten kamen Verweiſe, und nur der Aermere war gezwun⸗ F2 — 84— gen die Regungen. eigenen Nenſchüch⸗ keit zu unterdruͤcken. Das Angenehme meines Standes war da⸗ hin, die rauhe Auſſenſeite deſſelben um ſo fuͤhlbarer, als jene Maͤnner, die mich ſchon einmal ins Verderben zu ſtürzen beabſichtigt hatten, wiederum an meine Seite geſetzt wur⸗ den. Drum fahre hin du theures Ehrenkleid, drum in die Scheide mit dir erprobtes Schwert, rief ich, und bat um meinen Abſchied. Nur einen Freund verließ ich, nur von ihm trennte ich mich ungern. Durch Familien⸗ Verhaͤltniſſe gezwungen, mußte er ſo manches Unangenehme tragen, benn ein geliebtes Weib und die der Vaterſorge beduͤrftige Kleinen er⸗ forberten ſeinen ganzen Muth, ſeine Ausdauer. Schmerzvoll uͤbergab er dem Scheidenden folgende Worte fuͤr das S Du, der auf rauher Bahn des Lebens Mit mir ſo manche Blume brach, Dir fliehe ſcheidend nicht vergebens Ein Lebewohl des Freundes nach. Sen ſiets gluͤcklich und denke des Freundes. In Kiſſen gepackt, ſaß auf dem Divan die — Kranke, Alma die treue Pflegerin am Liſch⸗ gen, und die emſige Zeitungsleſerin verkuͤndete den Ruͤckzug der Armee aus Galliens Gefilden. Herr verſpare meine Tage, bis ich meinen Julius noch einmal umarmt habe, dann laß deine Dienerin Frieden fahren, betete, die Haͤnde faltend, die gute als der Er⸗ ſehnte hereintrat. Wonne und Freude verklaͤrten das Geſich der Frommen, mit einem lauten Schrei der Freude empfing Alma den Wiederkehrenden, und ins Sopha geſchoben mußte ich Rechen⸗ ſchaft von vergangenen Tagen geben. — 86— Wenig Worte reichten hin die urſache mei⸗ ner ſchnellen Ruͤckkehr den Lauſchenden zu ent⸗ decken, ihnen den Entſchluß, in ländlicher Zu⸗ ruͤckgezogenheit, dem Gluͤcke meiner Untertha⸗ 6 nen, meiner Freunde zu leben, kund zu thun, und nur die freudige Bothſchaft vom Leben des geliebten Kindes machte mich fuͤr die ſchwaͤch⸗ liche Geſundheit der geliebten Pflegemutter be⸗ ſorgt, denn Freude und Leid hatten Einfluß auf ihre Geſundheit. Der Pfarrer und der Schulherr, der Schulz und Gerichtsverwalter, der Amtmann und der Kornſchreiber egruͤßten den Angekommenen, nur der erſtere aber fand Zugang in das freu⸗ denloſe Herz. Er ſelbſt hatte im Anfange des Krieges, ein junger Candidat, der heiligen Pflicht folgend, den Wehr⸗ mit dem Lehrſtande vertauſcht, in Folge der Thatenluſt eine ihn zu erſterem untauglich machende Wunde bekom⸗ men, und als Lehrer des Herrn und der pflich⸗ ten fuͤr Koͤnig und Vaterland ſtand Paſtor Gotthardt, der Sohn meines wuͤrdigen Sama⸗ 4* riters, an der Spitze meiner Gemeinde, welche nit Zittern, vergangener ſchoͤner Zeiten unter ihrer vorigen Herrſchaft die jetzige erwarteten. Auch als Zroͤſter, als Freund ſtand er am Frankenbette der verehrten Pflegemutter. In freunbſchaftlichen Geſpraͤchen vergingen die ſürmiſchen Winterabende, die rüͤhrenden Worte der Weihe, auf der Kanzel geſprochen, erhei⸗ terte die Beſitzerin des Schloſſes, die mancher⸗ lei Fata des vergangenen Feldzuges aber die gute Alma, welche den groͤßten Antheil am Fortgange des Kampfes nahm. Des jungen Mannes Herz konnte in Folge dieſer Unterhaltungen mit einem liebenswuͤrdi⸗ gen Weſen nicht ungeruͤhrt bleiben. Eine ver⸗ trauliche Stunde gab mir Aufſchluß ſeiner WVuͤnſche, ſeiner Hoffnungen, und ich verſprach dieſe an Almas und der Mutter Herz zu legen. Wie gewoͤhnlich brachte mir Alma meinen Kaffee, berichtete nebenbei von der Mutter Ge⸗ ſundheit, die ſeit meiner Ankunft von neuem aufbluͤhte, ich aber kaute, um den Eingang verlegen, an der, die Rechnungen des Amt⸗ manns ſummirenden Feder. Die geſchickte Rechnerin erbot ſich zur Huͤlfe. Meine Pfeife von neuem anbrennend, lehnte ich dieſe ab, und ſprach von den Vorzugen und den Dugenden des Pfarrherrn. Allerdings ſtimmte ſie mir bei, allerdings ſey der Paſtor ein vortrefflicher, ein geliebter Hirte ſeiner Heerde, ein erfahrner Mann, und ſein Thun, ſein Handeln ganz des verehrten Meiſters würdig. Dem epfahrnen Manne, replicirte ich, mit der Thuͤre ins Haus fallend, fehlt aber eine ſorgende Gattin, und um mit Deinem guten Vater, liebe Alma, einen Fall zu ſetzen, wenn — 6 dieſes wuͤrdigen Mannes Wahl auf mein Cou⸗ ſinchen gefallen waäre. 3 Die Erroͤthende aber ſprach in Gemeinſprů⸗ „ chen, glaubte ſich am Krankenbette und fuͤr die Wirthſchaft der Mutter nothwendiger, und fragte ſchluͤßlich den Betroffenen, mit Klage⸗ toͤnen die mein Innerſtes durchdrangen, ob ich ihre Entfernung ſo wuͤnſchenswerth finde? es giebt aber Ruͤckſichten die geehrt und Freunde die geſchont ſeyn wollen, zudem iſt Gotthard ein wuͤrdiger Mann, das geſtehſt Du ſ ſelbſt, wenn alſo Dein Herz noch frei iſt.— Verkenne mich nicht, guter Julins, bat ſie, meine Meinung von ſeinem Werthe iſt die beſte, 3 doch lieben?— damit entſchluͤpfte ſie dem wei⸗ teren Geſpraͤche. Mein Verhaͤltniß war nicht das angenehm⸗ — ſte. Gefliſſentlich vermied ich jede Unterhal⸗ tung uͤber dieſen Gegenſtand mit dem wuͤrdi⸗ gen Geiſtlichen, gab in Bruchſtuͤcken meinen Le⸗ benslauf zum Beſten, und beruͤhrte zuletzt, mit — 9— bem wahrhaft herzlichen Gefuͤhl der innigſten Ruͤhrung neben der Verſicherung: daß dies meine letzte Liebe geweſen ſey, Ninons Ge⸗ ſchichte. Die Mutter war bis zu Thraͤnen geruhrt, ſuchte jedoch meinen Vorſatz zu er⸗ ſticken, Gorthard fuͤhrte die Pflichten des Staats⸗ buͤrgers an, Alma aber eilte, unter dem Vor⸗ wande eines haͤuslichen Geſchäftes, das Tuch vor den Augen, in ihr Kaͤmmerchen. Ein Brief des Bruders kuͤndigte mir deſſen Ruͤckkehr an. Die Geſundheit der guten Mut⸗ ter wollte geſchont ſeyn, und der Troͤſter in truͤben Tagen, der Beichtvater der Vuͤrdigen ward zum freudebringenden Bothen auserſehen. Doch bleich und truͤbe fand ich die Kranke. Alles wurde entfernt, nur der Beichtiger und ich mußte platz an ihrer Seite nehmen. ch fühle, daß meine Zeit hienieden bald verſtrichen ſeyn wird; bevor ich aber ſcheide, lege ich ein Geſtaͤndniß in euere beiden Her⸗ zen, was ſchon laͤngſt meine Seele druͤckte, und jetzt, da ich von dem Leben des verlohren Gegebenen Nachricht erhalte, ausgeſprochen werden muß. Nicht Du, mein Julius, ſon⸗ dern der verlohrne Adolph, war der Fuͤrſtin, und Du, der Aeltere, biſt mein Sohn. Furcht vor der Rache der Mutter ließen mich anfangs ſchweigen, als aber dieſe das Loos ihres ver⸗ meintlichen Sohnes herrlich geſtaltete, da ſah ich es als einen Wink des Schickſals an, den Irrthum unenträthſelt zu laſſen. Bleich ſank ſie zuruͤck, der Sohn aber in die Arme der theuern wiedergefundenen Mut⸗ ter; Troſtworte ſprach der edle Seelſorger, ich aber eilte vom Buſen der Neu⸗Ermuthigten zur Verſammlung des Bundes um dem Fuͤr⸗ ſten, mit möglichſter Schonung für die geliebte Kranke, den Irrthum zu entdecken. Abolph, deſſen maͤnnliche Schoͤnheit durch die glänzende Uniform mehr Sſti wur⸗ de, kam an. Mit der irtlichteit des Sohnes eilte er in die Arme der bereuenden Pflegemutter, gedachte der vergangenen Tage mit herzlicher Ruͤckerin⸗ nerung, und brachte dem Andenken der Ver⸗ ſtorbenen das Opfer kindlicher Liebe. Alle von mir getroffenen Einrichtungen wur⸗ ben vom Guͤtigen beſtaͤtiget, in Folge ſeiner Dienſtverhaͤltniſſe aber, mir neben der Schen⸗ kung meines Lieblings⸗Aufenthaltes, die Lei⸗ tung der weitlaͤuftigen Beſitzungen uͤbergeben. Alma credenzte uns nach einem ermüden⸗ den tagelangen Ritte, den Becher. Bedeutend blieben Adolphs Blicke auf der holden Geberin haͤngen, bedeutſam folgten ſie, als dieſe ſich entfernte, und in Gedanken verſunken blieb der Becher unberührt. Je naͤher ich Alma anſehe, unterbrach er S2 93— endlich das Schweigen, deſto bekannter, herz⸗ anſprechender werden ihre Zuge. So ſah Chatinka beim Abſchiede aus, als der Hoffnungsloſe, ins Feld gehend, ſich bei den fuͤrſtlichen Wohlthaͤtern beurlaubte. Doch nicht ſo vollendet, fuhr er nach einer ſekunden⸗ langen Pauſe fort,(waͤhrend ich in Gedanken den ehrlichen Paſtor bedauerte) erſchien die Jugend⸗Geſpielin, wie dieſe Hebe, und zu 6 beneiden iſt der Mann, der einſt als Geliebter dieſe koͤſtliche Blume brechen darf. Ein vielſagender Seitenblick auf den Zuho⸗ rer, gab ſeine Meinung hinreichend zu erken⸗ nen, ich aber gab ihm dagegen als einen Be⸗ weis ſeines Irrglaubens meine Liebes- und Leidens⸗Geſchichte, erklaͤrte nebenbei meinen feſten Entſchluß: nie den Thorus zu beſteigen, und ſchloß, auf fruͤhere Bande deutend, im prophetiſchen Geiſte: wohl, o wohl, dem Man⸗ ne, den weder Chatinkas Seufzer, noch die Thraͤnen der betrogenen Alma verklagen. Wenigſtens, fuhr ich nach einer Pauſe fort, wenigſtens verſchließe jetzt in Deiner Bruſt den Sturm der hochflammenden Leibenſchaft, dem zuvoͤrderſt ſtreng Pruͤfenden allein, kommt der Rath von oben, und nie wird ſpate oder fruͤhe Reue den innern Richter zu ſtrengen i berechtigen. Mißmuthig ward dem warnenden Freunde der Ruͤcken gekehrt.— Von ungerechten und liebloſen Urtheilen ſprach der Betroffene, ich aber wuͤnſchte mir im Stillen Gluͤck, die Saat des Boͤſen im Aufkeimen zertreten zu haben. 3 Adolph aber verzoͤgerte gefliſſentlich die Ab⸗ reiſe. Froͤhlicher häpfte Ama wenn Wind und Wetter dieſe verhinderten, und ein bebeutendes Lächeln, ein verſtohlener Haͤndedruck war der Lohn des Zoͤgernden. Auch der wuͤrdige Pa⸗ ſtor zog ſich nach und nach zurück, um dem Freunde ein ſchweres Geſtändniß, deſſen In⸗ halt dem Weltkundigen ſchon enträthſelt war. + 5— zu erſparen, und vergebens erſchoͤpfte ſich der Warner. Unentbehrlich war der Sruer dem kleinen Freiſe geworden, ſchmerzlich ward die endliche breiſe deſſelben gefuͤhlt. Mehr aber als wir, fühlte Alma, die Blu⸗ me unſers Krei ſes, dieſe Drennung. LZrauernd ſchlich ſie jetzt im oͤden weiten Schloſſe herum. Johann brachte mir jetzt den Kaffee, den ſie unter Scherzen und Lachen ſonſt dargereicht hatte, und wenn die verweinten Augen mich auf eine Frage lenkten, ſo erſparten hervor⸗ brechende Thraͤnen die weitere Erorterung. Sommer und Herbſt vergingen, die Blätter verblichen, und Alma mit ihnen. Voll ſtiller Sehnſucht ſah die harrende Braut alltäͤglich zum Wege hin, doch nur ein . Prief kam, ſtatt des Erwarteten.— Wenige Worte berichteten mir, daß dieſer Abſchied genommen, Cathinka durch die Blattern zur Unholbin entſtellt, und kraͤnklich, er aber ein Ideal gefunden, und ſchlußlich zu⸗ vorderſt die Welt ſehen wolle, zu welchem Zwecke er einen weitausgedehnten Reiſeplan, den er in der Anlage mittheilte, entworfen hatte. Als Nachſchrift bat er den Einſchluß an Alma zu uͤbergeben. Zitternd etbrach dieſe das un⸗ heilbringende Blatt— las und las— und ſchlich endlich von Schmerz uͤberwältigt, tod⸗ krank an der treuen Mutter Bruſt. Mit Thraͤnen der Wehmuth, mit dem Ge⸗ fuͤhl des innigſt erſchuͤtterten Mannes, ſchloß der würdige Diener des Herrn bie Rede an Sarge der zu zeitig Verblichenen. Drum Friede und Freude mit Dir, Vollendete, Verklaͤtte. Drum Friede mit uns, die wir voll Sehnſucht und Weh⸗ muth Dir nachſehen, in chriſtlicher Liebe und chriſtlichem Glauben, drum Friede und Glauben an beſſere Zukunft S die da trauren und weinen. Sey gelobt, Gott der Graͤber, ſey ge⸗ obt du Vater der Unſterblichkeit, und ma⸗ che uns wuͤrdig ſolcher Thraͤnen, wie ſie am Brabe dieſes Engels fließen. Dein Name ſey gelobt von jetzt an bis in Ewig⸗ keit. Amen! Mit Faſſung hatte er dieſes geſprochen. Nit dem Amen aber verließ ihn dieſe, und troſtlos wankte der Hoffnungsloſe in ſein ein⸗ ſames Kaͤmmerchen. In meinem Stammbuche fandeſt Du, ver⸗ ehrter Leſer, eine bedeutende Luͤcke. Nur leere Blätter ſchlugſt Du um, und enblich ſiehſt Du einſam und iſolirt, wie der Freund noch im⸗ mer da ſteht, die vorher am Schluß der Trau⸗ errede angefuͤhrten Worte. Gotthardt ſchrieb ſe als Erinnerung an truͤbe Vergangenheit. Das folgende Blatt findeſt Du leer. Halte ss aber gegen das Licht, und Worte, die mir nr ein Zufall ſichtbar machte, werden Dich 6G anſprechen. Kein Name, kein Ort und kein Datum laͤßt Vermuthungen in mir aufkeimen, und ohne irgend eine Erklaͤrung, die vielleicht erſt die Folge⸗Zeit nur geben koͤnnte, ſchreibe ich ſie hernieder: 6* Fuhlſt Du beim ſeligen Verlieren In das vergangne Zauberland Ein leiſes, geiſtiges Beruͤhren, „ Wie Zephirs Kuß an Lipp' und Hand? Wenn Ahndung Dir den Buſen hebt, Es iſt mein Geiſt der Dich umſchwebt. Das Schickſal trennt uns, die Erinnerung bleibt ewig. In ſtiler Einſamkeit war abermals ein Jahr verfloſſen, Gotthard war mein vertrauteſter Freund geworden, die Sympathie gleichge⸗ ſtimmter Seelen, gleicher Schickſale verband uns. Der 18. October war fuͤr mich ſtets ein Feſttag. Schon lange hatte ich die Reſidenz nicht beſucht, der Ruf des Ordens machte den Vorſatz zum Entſchluß, unvorhergeſehene Um⸗ ſaͤnde aber verzögerten meine Ankunft bis zum Abend. Das angekuͤndigte Schauſpiel zur Feier des Tages zog mich zum vollen Hauſe, mit Muͤhe. nur erdraͤngte ich mir ein Plaͤtzchen, um durch eine Scharte, welche mehrere vor mir aufge⸗ chuͤrmte Damenhuͤte uͤbrig ließen, zur Buͤhne zu lugen. In Jamben und Hexametern ermunterten einander prahlende Koſacken und Baſchkiren zu Großthaten. Das Schickſal, das harte, draͤngte den geliebten Schneider⸗Sohn vom hochſchla⸗ † genden Buſen der lautſchluchzenden Thereſe, und ſelbſt Unmuͤndige gaben in gereimter Proſa den Fortziehenden ihren Segen auf den Weg. Eiin Dutzend Schlachten waren im Verlauf ei⸗ ner Stunde geſchlagen, und der Weg von Prag nach Leipzig mit Siebenmeilenſtefeln zuruͤck⸗ gelegt. Der erſte Att war vorbei, der zweite zeigte die Tugendſame im Kampf mit Wolluſt und 6 2 — 100— Schaͤndlichteit. Der Vater kann nur durch ein hohes Opfer gerettet werden— der innere Kampf ſpricht ſich in allen moͤglichen Versar⸗ 6 ten aus,— und ein füͤrſtlicher Laquai entzog den, auf den Ausgang Neigierigen, dem tern Fortgange. Durchlaucht waren ſo gnädig, mich pin ter meiner Verſchanzung bemerkt zu ha⸗ ben, und mich zum Balle einlaben in laſſen. Der durch die fuͤrſtliche Gnade Geſchmei⸗ chelte ſagte dankbarlich zu, und kehrte hinter dem bergenden Verſtecke emporragenber Federn. Die Sache hatte ſich, wenn die Combina⸗ tion verſchiebener, mir durch die Einladung entgangener und durch den Verſteck nicht ſicht⸗ bar geworbener Ereigniſſe nicht trog, zum&lůc des Schneiders geſtaltet. Ein bekraͤnzter Held ward er von der Rabel⸗ und Buͤgeleiſen fuͤhrenden Zunft empfangen,— als ein Livree tragender Satan mich abermals *— 101— der Bewunderung des geprieſenen Helden ent⸗ zog, und mir eine Karte in die Hand druͤckte, in welcher ich von Adolphs Hand die Einla⸗ dung nach dem Schauſpiel in No. io. am Siegesplatze, erhielt. Die Buͤſten der Feldherren wurden bei 5 ner Ruͤckkehr eben entſchleiert. Genien ſchweb⸗ ten von der Decke herab, um ſie zu bekraͤnzen, unter lautem Beifall des Paradieſes aber ju⸗ belten die Umſtehenden: Zum Himmel ſteige unſer Lied, Hurrah!„ Der ſegnend auf uns niederſieht, Hurrah! Der in Gefahren uns bewacht, Ihm ſey der Eintracht Lied gebracht: Der Freiheit hohes Lied, Hurrah; kur der Held ſuchte vergebens ſeine Schoͤne. Als Nonne uͤberreichte ſie am Schluſſe des Jubelgeſanges dem Betroffenen den Lorbeer, bekannte ihren Fehltritt, und bat den Muth⸗ entbrannten um Schonung fuͤr den Verfuͤhrer. Er aber reichte ihn mit Pathos den unter⸗ irdiſchen Göttern, der Chorus ſchrie Rache, — 152— die geruͤhrten Damen ſchluchzten, das Parterre pochte,— und der Vorhang fiel. Voila mon Ideal. Mit dieſen Worten fuͤhrte mich Adolph nach einem kurzen, Alma's Tod und ſeine Wortbruͤchigkeit betreffenden, ernhe Geſpräche, in ein Sisnu Betroffen, wie der bekraͤnzte Schneidet, fuhr ich beim Anblick des Ideals zuruͤck, zu⸗ vorkommend guͤtig begruͤßte Louiſe zur Ver⸗ wunderung des erſtaunten Vorſtellers den Be⸗ kannten, verwuͤnſchte im Laufe des Geſprachs die Pſalterſprechende ma Tante, die Eiferſucht des Barons, und ſchloß, den gefundenen Lieb⸗ ling, an welchen ſie die Sympathie des Her⸗ zens binde, durch welchen ſie ſeit Monden des Lebens hoͤchſtes Gluͤck genieße, um⸗ armend. Ich wuͤnſchte Gluͤck, erkundigte mich bei⸗ läufig, da ich ſie in guter Hoffnung verlaſſen hatte, nach dem Sproͤßling, und erfuhr, daß ieſer in den Haͤnden des Vaters und der Schwaͤgerin, ſie ſich aber mehr fuͤr die Welt und ihre Freuden, als für die Kinderſtube, beſtimmt fuͤhle. . So fahre denn hin, rief ich, nachbem ich vom wuͤrdigen Paare, wie es tauſende hienie⸗ den giebt, entlaſſen worden war, fahre denn hin, du falſches Geſchlecht, fahret hin, ihr himmelblauen Augen, ihr blendend weichen Arme.— Da fuͤhrte mich ein böſer Daͤmon in ein Paar dergleichen, wo moͤglich noch wei⸗ here. WVie glcklich, beſter Herr Doetor, lispelte eine Flötenſtimme, wie glucklich, daß ich ſie treffe. Unſer Paulinchen leidet haͤufiger als je, und zudem befindet ſich die gnaͤdige Frau von neuem unwohl. Vergebens lehnte ich die uber⸗ tragene Wuͤrde ab. Sie kenne ja den Herrn Doctor, verſicherte ſie dem Fortgezogenen; zu⸗ 27 — 104— dem ſey ja das Haus zu nahe, und Paulin⸗ chen beduͤrfe der ſchleunigſten Huͤlfe. Kein Weigern half, ich fuͤrchtete das Unmoͤgliche zu verſuchen, die Kuͤhnheit hat ihren Schutzgeiſt, und die Bothſchafterin uͤbertraf ſich ſelbſt. Zur Thuͤre ward ich hineingedraͤngt. Ein kleiner lieblicher Engel ruhte im blaſſen Schimmer des durch den Schirm gemilderten Lichtes, auf ſeinem Bettchen, zu ſeinem Haupte die troͤſtende beſchwichtigende Mutter. Mit einem Gottlob, Herr Doctor, daß ſie kommen, empfieng mich die TDroͤſterin, die Stimme aber beruͤhrte vernehmlich dus Innete des Herzens. Euma war es, die der phers Pflichten treu, dem Geaͤchteten gefolgt war. Die Krank⸗ heit der Kleinen hielt das ungluͤckliche Par hier auf, verzweifelnb ſah die liebende Mutter den Liebling am Rande bes Grabes, und gegen das Schickſal murrend maß Rubolph wiederum doch mit andern Empfindungen, mit and n 1 Wuͤnſchen, das Zimmer. — 105— Troͤſtend nahte ich mich, dem Schickſal fuͤr den Irrthum Dank wiſſend, dem guten Paare. BErsſtend beruhigte der Nahende die weinende Mutter. Ein Freund, der geſchätzteſte Arzt der Reſidenz„verdrangte den Pfuſcher vom Kran⸗ kenbette Paulinens, und mit neuen Hoffnun⸗ gen, mit neuen Kraͤften ausgeruͤſtet, feierten wir das Feſt des Wiederfindens. Unſchuldig erlitt Rudolph die Strafe des Geſetzes. Ein Emporkoͤmmling, ein Guͤnſtling des Miniſters ward dem Verdienſtvollen vor⸗ gezogen, nicht aber zufrieden damit, ward er durch Haͤrte und Rauhigkeit gegen ſeine Un⸗ tergebenen der Gegenſtand des allgemeinen Haſ⸗ ſes. Der Deufel legte ſein Ei dazu, und Ru⸗ dolphs bekannte Hitze erwachte. Der Reſt war ein Duell, aus welchem der Uebermäthige mit einem zerſchoſſenen Arme, der Hauptmann aber, eklagt von allen Biedermännern, geaͤchtet vyn 3 den Geſetzen, uͤber die Grenze ging. „ — 106— Schon wirbelten die Paucken im fuͤrſtlichen allſaale. Der Feier des Tages angemeſſen, fuͤhrten die Helden jener verhaͤngnißvollen Zeit den Reihen, und im traulichen Geſpraͤche be⸗ gruͤßte mit erquickenden Worten Fuͤrſt Carl die Befreier vom druͤckenden Joche. Freundſchaftliche Vorwuͤrfe uͤber meine Zu⸗ ruͤckgezogenheit empfingen den Ankommenden, und leiteten ein Geſpraͤch ein, deſſen Inhalt der Leſer aus dem Folgenden entnehmen wird, Kraft deſſen ich mich aber einem Geſchaͤfte un⸗ terzog, welches mich vielleicht Mondenlang heimiſchen Heerde entfernen konnte. Der Troſt und Wartung bebärſegeß Mut⸗ ter hinterließ ich in Rudolph und Emma herz⸗ liche, treue Pfleger und Beſchuͤtzer, dem ſeh⸗ lich Erwartenden aber ſtellte ſich der Reiſefer⸗ tige dar. Liebe, Tod und Dreue. Im Laufe des Frieges, gegen die gewaltſam her vorbrechenden Neufranken, ſtand Prinz Carl, ſeine — 107— erſten Probe⸗Jahre in der Kunſt fuͤr eingebildete hohe Zwecke ſein Leben darzubiethen, in einem der⸗ jenigen lieblichen Rhein⸗Dörfer, wo alle Genße des Hohen und Schönen befriediget werden. Der Beſitzer des Guthes, einer der Stillen im Lande, hatte, durch die Nothwendigkeit gedrun⸗ gen, den Prinzen aufgenommen, ſorgfaͤltig alles, was zum Aergerniß Anlaß geben konnte, vor dem jungen Krieger verborgen, aber doch, aller angewandten Nuͤhe ohnerachtet, nicht verhindern können, daß die⸗ ſer das ſchoͤne, durch das niedliche Haͤubchen mit dem rothen Bande noch mehr gehobene Madonnen⸗ 6e ſichtgen Paulinens, der Tochter des Glaͤubigen ſah⸗ Eben dieſe Verheimlichung aber hatte die Folge, daß der junge Krieger alles aufboth die Schoͤne zu ſehen und zu ſprechen. 2 Auch dieſe hatte den ſchoͤnen mit einem Orden gezierten Mann bemerkt. Das kleine Herz ſchlug ihm entgegen, denn außer einigen betagten Gläubigen, deren einer ihr kuͤnftiger Lebensgefährte werden ſoll⸗ te, hatte noch kein Mann, um ſo weniger aber einer in Uniform und einem hellleuchtenden Stern, das Haus der Stille und Demuth betreten. Bald war, trotz des Vaters Vorſicht, und wer könnte wohl zwei ſich entgegenſchlagende Herzen huͤ⸗ chen, die innigſte herzlichſte Bekanntſchaft gemacht. In nächtlicher Stille erbaute der junge Beichtvater die andächtige Tochter; die im Hintergrunde des Gartens einſam ſtehende Laube nur war Zeuge der Berſicherungen, der Schwuͤre ewiger Liebe. 10o8— Stacliche Tage ſchwanden dahin, der Juͤngling vergaß die hoheren Pflichten, die Zukunft und die Gegenwart, nur das geliebte Mädchen war der Nn telpunkt ſeines Thun, ſeines Treibens. Im traulichen Geſpraͤch erorterte das ginciche Paar eines Abends die Zukunft, als fernes Schießen die Aufmerkſamkeit des Kriegers erregte. Immer näher kam es. Das gilt Dir, rief die Pflicht, und aus den Armen der Liebe ſich reißend, eilte der Jüng⸗ ling zum Kampfe. Vergebens bat, vergebens weinte Pauline, der Donner der Kanonen uͤbertaͤubte die fanfte Stimme, und im Gebethe fuͤr den Tapfern fand ſie die, blutigen Gefilde, beleuchtende Worgen⸗ 6 Bei Tauſenden kamen die Freiheits⸗Soͤhne. Zu tief hatté ſich der Prinz ins Gedränge gewagt, und eine willkommene Beute ſ ihn die Unbefaßten zuräck. Einzelne Jäger hinkten verwundet zuräc, der Oberſt iſt gefangen! riefen ſie, dem um das Leben ſeines Herrn beſorgten Diener zu, und in der tief— ſten Verzweiflung eilte die lauſchende Pauline an den Secretair, um mit wenigen Worten dem Geliebten den ganzen Umfang ihrer Leiden, ihrer Hoffnungen zu ſchildern. 6 Truͤbſinnig folgte der Gefangene; mit mehrern Leidensgefährten ward er in das Innere der jungen Republick gefuͤhrt. 8 Der treue Diener aber folgte, Kummer und Schmach, Hunger und Durſt erduldend, dem Wan⸗ derer. Kaum am Beſtimmungsorte angekommen, trat er zum Hocherfreuten, glaͤttete die Furchen der Stirne, und brachte die tief verborgenen Wechſel benebſt Pau⸗ linens Schreiben an die Behörde. Mehr hatte dieſe zu leiden. Obgleich der Angriff der Freiheits⸗Vertreter, diesmal gluͤcklich abgeſchla⸗ gen war, ſo hielt doch der Fromme, weltliche Reich⸗ chuͤmer zu werth, um ſich und dieſe, dem rand, und bandloſen Cohorten der ichheitßichwinbter auszu⸗ ſetzen. Der trennende Strom nahm den Beſorgten auf, und das entfernt am Gebirge liegende Schloß eines befreundeten Stillen, im jenſeitigen Lande, gab Schutz gegen die Angriffe freund⸗und feindlicher Freibeuter. NRur der verlaſſenen Pauline war dieſer Schutz nicht gewaͤhrt. Die Folgen des Feuereifers ihres Beichtigers blieben nicht aus, und geſtoßen aus dem Bunde der Frommen, mißhandelt vom erbitterten Va⸗ ter, wankte die Verlaſſene ohne Huͤlfe, ohne Beiſtand troſt⸗ und ſchutzlos umher. Vergebliche Nachforſchungen hatte der eluge treue Diener ſchon angeſtellt. Vergebens hatte er ſich, durch die den Fhein ſchon uͤberſchreitenden Feinde hin und wieder gedrängt, ohne Nachricht von der Beliebten ſeines Herrn erhalten zu haben. Der Zu⸗ fall, der alles leitende, brachte ihn endlich mit der —— Abgehaͤrmten, der Troſtloſen zuſammen, und vergnugt und gluͤcklich fuͤhrte er dieſe dem Harrenden zu. Madame d'Alton war die tröſtende Freundin. Mit ihr vereint, bot der Prinz alles auf, die zu tief Angegriffene zu retten, doch das erſte Lebenslicht ein nes lieblichen Maͤdchens war der Mutter Tod, und brachte den Vater an den Rand der Verzweiflung. Die erſte Liebe bleibt fuͤr die Lebenszeit, und nur der Tod kann ihre Spuren verloͤſchen. Paulinen ge⸗ hoͤrte das unverdorbene, rein fuͤhlende Herz des Juͤng⸗ lings, an ihrem Sarge ſchwor er ewige% Verblichenen— er hat ſie gehalten. 6 WMadame d'Alton war dem kleinen Geſchöpfe eine liebende Mutter. Durch den zu großen Schmerz uͤber den Verluſt des geliebten Weſens angegriffen, fiel auch der Prinz in eine Krankheit, die ihn dem Grabe nahe brachte. Die Auswechſelung der n brachte in Freiheit. Mit Schmerzen trennte ſich der„Betruͤbte von der Ruheſtaͤtte der ewig geliebten Pauline, ſetzte bis zur beſſeren Zeit fuͤr die Erziehung ſeiner Toch⸗ ter betraͤchtliche Summen aus, und ging, abgeſtorben für die Freuden des Lebens, in ſein Vaterland zuruͤc. Mehrere Jahre hindurch erhielt der Prinz Nach⸗ richt uͤber das Leben und Weben ſeines Kindes. Ma⸗ dame d'Alton hatte die Kleine zur beſſern Erziehung in ein Floſter gethan, beſuchte ſie täglich, und jeder der gedachten war angefuͤllt mit dem Lobe des herau⸗ wachſenden Sproͤßlings treuer, heiliger Liebe. Doch die Briefe blieben aus, der Prinz verfiel wiederum in eine noch gefahrvollere Krankheit, und nur durch die Sorgfalt der liebenden unermüdet ſor⸗ genden Schweſter ward er gerettet, und entfernt von ſeiner Pauline mußte er noch langer hienieden weilen⸗ Später erſt, nachdem die theure Schweſter ihn auch verlaſſen hatte, und einſam und allein und freu⸗ denlos der Fuͤrſt da ſtand, erinnerte er ſich der Toch⸗ ter. Das Vatergefuͤhl erwachte mit erneuter Kraft, doch alle Nachforſchungen waren vergebens, und un⸗ erbrochen kamen die an Madame d'Alton geſendeten Briee zuruͤck. Hier findeſt Du, Theilnehmender, die Lei⸗ densgeſchichte eines wahrhaft edlen Fuͤrſten, der bis jetzt noch Paulinens gedenkend, trotz ſeines Volkes Flehen und ſeiner Freunde Bit⸗ ten, der erſten Liebe und ſeinen Schwuͤren treu, allein und ſtill ſeinen Lebensweg fortſetzte. Die nachfolgenden Strophen, welche das Denkmal einziger hoher Liebe ſchließen, und welche ich zur Erinnerung des Dreueſten der Männer, des Beſten der Fuͤrſten in mein Stammbuch einzeichnete, moͤgen Dir, der Du Lleich dem Diefgebeugten Deines Lebens Glück — unb Wonne unwieberbringlich verlorſt, Troſt und Muth einfloͤßen. 4 Vir ſagt's mein Herz, ich glaube, was ich glaube, Die Hand, die uns durch dieſes Dunkel fuͤhrt, Laͤßt uns dem Elend nicht zum Raube. und wenn die Hoffnung gleich den Ankergrund verliert, So laßt uns feſt an dieſem Glauben halten, Ein einz'ger Augenblick kann alles umgeſtalten. 28. Meine Leute voranſendend, genoß ich des herrlichen Abends in Erinnerung vergangener Zeiten. Unvermerkt aber war ich vom rechten Wege abgekommen, das Geſtripp hemmte den Weg des in Gedanken Verlohrenen, und um⸗ muthövoll gewahrte ich, daß ein Holzweg mich irre geleitet habe. Dankbarlich haͤtte ich gern eine leitende Hand angenymmen, doch dieſe blieb aus, und auf gut Gluͤck nppte ich im Dunklen fort. Keine lebende Seele war zu ptus. juni bunkler ward der Wald, nach allen Richtungen hin verlohr ſich der Weg, da brachte ein ploͤtz⸗ lich burch die Baͤume fernher ſtrahlendes Licht⸗ chen neuen Muth in die Bruſt des Verjagen⸗ den. Durch Dick und 2 Duͤnne, bald auf den Häͤn⸗ den, bald auf den Fuͤßen, ſteuerte ich dem S dach verſprechenden Meteore zu. Rauhe Stimmen wurden jetzt vernehmbar, und die im Kreiſe um ein Feuer gelagerten Geſchoͤpfe gaben Soffüung zur Aufnahme des Wanderers. DDie Geſellſchaft war mit haͤußlichen Ver⸗ richtungen beſchaͤftiget. Waͤhrend das ſchoͤne 6eſchlecht das Kuͤchen⸗Amt, welches ſie den heren in Macheth nicht unaͤhnlich machte, ver⸗ waltete, war das ſtaͤrkere bemuͤht die theils geraubten, theils gebettelten Rahrungs⸗ und Fothdurfts⸗Mittel zu ſondern, im Hinter⸗ grunde aber gab der Aelteſte, wie es ſchien, der hoffnungsvollen Jugend ein Privatiſſimum in Kunſt⸗ und Handgriffen des eblen Gewerbes. „ — 114— Ein knurrendes Mitglied der Geſellſchaft weckte mich aus meinen Betrachtungen, und ſtoͤhrte dieſe in ihren Geſchaͤften. Entſchuldigend trat ich, von den verraͤthe⸗ riſchen Zaͤhnen feſtgehalten, unter die Umge⸗ bung, erzählte mit kurzen Worten das Ereig⸗ niß, und ſchloß mit der Bitte: mich gegen eine klingende Erkenntlichkeit auf den rechten Weg zu geleiten. Freundlicher, als ich erwartet hatte, em⸗ pfing mich die Schaar. Stärke Dich zuvor⸗ derſt, ſprach der betagte Praͤceptor, mich zu einer ausgebreiteten Matte fuͤhrend, das Uebri⸗ ge wird ſich mit dem anbrechenden T Tage finden. Der Ankömmling ward neben ein altes, ziemlich geſpraͤchiges Muͤtterchen geſchoben, wel⸗ ches dem Goldſoͤhnchen das noch dampfende Pfeifchen freundſchaftlich uͤberreichte. Es war die Friedenspfeife, gegen die Sitte waͤre es geweſen, ſie auszuſchlagen, und der Pokal mit koͤſtlichem Weine, machte, dem Suſe zu v die Runde. 8 115— Ich erzahlte, ſo viel meiner Wirthin zu wiſ⸗ ſen noͤthig war, hoͤrte dagegen meine Vermu⸗ thungen beſtaͤtigt, und ſchlief, der Gaſfreund⸗ ſchaft vertrauend, unter dem jubelnden Hau⸗ fen ein. Die Sonne ſtand ſchon hoch, als ein nied⸗ liches Zigeuner⸗ Maͤdchen den Langſchläfer ſpöttiſch lächelnd weckte. Im Familien⸗Kreiſe, mit dem alten Paare, nahm ich meinen Kaffee ein, waͤhrend das uͤbrige Perſonale ſich mit den geſtrigen Reſten vergnuͤgte. Beſorglich fuͤhlte ich nach meiner uhr und Börſe, laͤchelnd reichte mir der Alte beides, verweigerte, als ich ihm einige Goldſtuͤcke fuͤr die Herberge uͤberreichen wollte, das dargebo⸗ thene Geſchenke, und ſprach zum Erſtaunen des Zuhoͤrers mit Weihe und Kraft von den Pflich⸗ ten der Gaßtfreiheit. Bewaͤhrt fand ich ſie hier, während tau⸗ ſende der Verfeinetten, wie ſie ſich nennen, dem Wanderer die Thuͤre ſperrten. Ha — 116— Zum Schluß bat Mukter Anne: Goldſoͤhn⸗ chen gieb mir Deine Hand, einige gute Re⸗ geln auf den Weg koͤnnten Dir vielleicht von Nutzen ſeyn. Laͤchelnd reichte ich die Geforderte. Schoͤne Lineamente ſprach Pythia, dieſe hin- und her⸗ drehend, das Gluͤck ſcheint Dein Vormund zu ſeyn. Deine Vergangenheit iſt bis auf wenige truͤbe Tage hell. Zweimal verlorſt Du zwar ein geliebtes Weſen, warſt der Sohn einer ver⸗ ehrten Mutter, doch wichſt Du mit Muth und Kraft dem ſtaͤrkeren Schickſale. Sehr lang iſt Deine Lebenslinie, und ausgebreitete Zweige deuten auf zahlreiche Nachkommenſchaft, Was Du ſucheſt, wirſt Du nicht finden, was Du findeſt, wirſt Du nicht geſucht haben, doch mit Beiden, vereint und gluͤcklich, wirſt Du einſt im Arme der Liebe ruhn. Reiſe mit Gott, Goldſoͤhnchen, und wenn es Dir einſt wohlgeht, dann denke an Mutter Annen. — 6 Laͤchelnd ſchob ich der Gluck⸗Verkuͤnderin einen Ring an den duͤrren Finger. Zu Dei⸗ nem Anbenken, wenn wir uns einſt wiederſe⸗ hen, ſchmunzelte ſie freundlich, und meine Vraunen wieherten ungeduldig durch die Ge⸗ buͤſche ihrem Herrn zu. Noch ein Wort, Gevatter, ſprach beim Ab⸗ ſchiede der Altvacer. Mein Thomas hat Luſt Dich zu begleiten, er iſt gewandt und liſtig, dabei aber gut und anhaͤnglich. Dem Gewaͤh⸗ rungsluſtigen ward ein herrlicher Zigeuner⸗ Junge dargeſtellt, der aus dem Kreiſe der Um⸗ armenden ſich reißend, den ſegnenden Aeltern feierlich Anhaͤnglichkeit und Treue dem blanken Bruder verſprach. Meine Reiſe ins Innere Galliens war um⸗ ſonſt, der Winter verſtrich unter vergeblichen Rachforſchungen. Madam d'Alton, ſo wie die Aebtiſſin des Kloſters, wandelten nicht mehr hienieden, und ihre Nachfolgerin ſah im For⸗ ſcher nur den Wehrwolf, gegen den ſie die neu⸗ gierigen Schaͤflein zu ſchutzen habe. — 118— Gleich den frommen Wallfahrern im gelob⸗ ten Lande, wanderte ich von einem befreunde⸗ ten Orte zum andern, endlich kam ich auch un⸗ ter den ſchmerzhaften Erinnerungen vergange⸗ ner gluͤcklicher Tage nach L...., den ehema⸗ ligen Aufenthalt meiner geliebten Ninon. Herr, ſagte eines Tages Ss es ſet hier nicht richtig. Warum? Wenn Du ausgeheſt, ſehe ich immer einige Maͤnner, deren Geſichter nichts Gutes andeu⸗ ten, Dir nachſchleichen. Poſſen, erwiederte ich, hing meinen Man⸗ tel um, und eilte zum Kaffeehauſe. Durch eine enge unbeſuchte Hintergaſſe fuͤhrte mein Weg, da ſah ich mich ploͤtzlich uͤberfallen, mit einer Mundſperre verſehen und fortgeſchleppt. Doch eben ſo ſchnell ließen meine Trager bie Laſt finken, denn mit gewichtigen deutſchen Schlaͤgen ward ihnen der verdiente Lohn ge⸗ reicht. Sagt' ich Dir's nicht, Herr, rief frohlo⸗ ckend Thomas? Unbemerkt war er, durch Ah⸗ nungen beunruhigt, gefolgt. Meines Bleibens aber konnte nicht länger hier ſeyn, denn Gefahren drohten, und unbe⸗ friediget blieben die Nachforſchungen. Der Kuhreigen begruͤßte die Wanderer, und aus dem freundlichen Alpenthale luden die, in der untergehenden Sonne hellglaͤnzenden Zie⸗ geldaͤcher, die Ermuͤdeten zur Ruh. Hier nahſt Du mir im Lispeln friſcher Blätter, Du Geiſt der Ruh, und fuͤhreſt mir die ſanften rdengue Der Seele zu! rief ich, den Ueberrock abwerfend, in Bewun⸗ derung der herrlichen Ausſicht verſunken, waͤh⸗ rend Thomas dbie Lieblings⸗Pfeife in Ordnung bringend, der freunblichen zuborkommend arti⸗ gen Leute gedachte. Beſeligende Traͤume erfuͤllten die khnſten Hoffnungen der Ruhenden. Am endlichen Ziele meines Strebens, an Ninons Arm durchwandelte ich begluͤckt die heimathlichen Fluren, und holde Genien be⸗ kraͤnzten die Wiederkehrenben, als der furcht⸗ bare Ruf: Feuer, Feuer, mich den ſchoͤnen Gebilden meiner Phantaſie zu ſchnell entzog. Mein Zimmer war hell erleuchtet, das ge⸗ genuͤberſtehende Haus ſtand in Flammen, und Huͤlfe riefen tauſend Stimmen. Rettung, wo es noth thut, ſtuͤrmte ich dem fragenden Di⸗ ner zu. Thomas kletterte ſchon wie ein Mond⸗ ſuͤchtiger auf den brennenden Sparren, und lautes Jauchzen toͤnte dem Verwegenen nach. dem Diener nichts kachgobebd verſuchte der minder geuͤbte Herr ſein Moͤglichſtes. Be⸗ ſonnenheit und Muth bewirkten alles, und durch Dampf und Flammen ſtuͤrzte ich einer Huͤlfe rufenden Stimme zu. Auf meine Schultern gepackt, entriß ich ſie dem grauenvollen Aufenthalte, doch die Kraft war verſchwunden, und ohnmaͤchtig fank der Retter dahin. ——— Erwache, toͤnte es von Lethe's ufer, und uͤber ihn gebengt benetzte die Wiedergefundene den Geliebten mit ihren Thränen. Ja, Rinon wars, die Geliebte, die Erſehnte. Die Le⸗ bensrettung erneute die ſtille nicht bekaͤmpfte Gluth, und feſter, inniger eſchloſen war der heil'ge Bund. Thomas hatte das Seine gethan. Mit Le⸗ bensgefahr rettete er zum zweitenmale mich, und das dem Herzen zunaͤchſt liegende Kleinod. Manchem Huͤlfloſen hatte er das Seine wie⸗ dergegeben, und mit Gleichmuth und Uner⸗ ſchrockenheit leitete er die Anſtalten der Ver⸗ zagenden. 5— 122— Die Gefahr war vorüber. Schwarz, wie ein Mohr, ſtand der Schutz⸗ und Feuergeiſt vor dem Bette des Beſchaͤdigten, und dankbe⸗ gierig umringten die Geretteten das Bette des Geſchmeichelten. Die geſuchte Fürſt entochter war vergeſſen. Mutter Anne hatte nicht geirrt, und die Wie⸗ dergefundene legte mit zarten Haͤnden Kuͤhlung auf die verbrannten Außenwerke. O gieb auch Kuͤhlung dieſem Herzen, rief ich, die Beſchaͤf⸗ tigte an das hochſchlagende Gern, gern lispelte ſie„ durch die Erfuͤl⸗ lung Oel ins Feuer gießend. Aus der ſchnell⸗ kraͤftigen Fuͤlle des Buſentuches aber entdraͤngte ſich zum Entſetzen des Umarmten der Kopf eines Zeugen, deſſen jugendliche Form mich gleich Loths Weib verwandelte. Fremde Göt⸗ ter alſo, rief ich, mich erholend, und die Er⸗ ſtannte zuruͤckdraͤngend, fremden Goͤ ttern a huldigt dieſes falſche Herz. Sey nicht ungerecht, ewig habe ich Dich — — 195— geliebt, ſtammelte bie Verblaſſende, dem Stoͤh⸗ renfried das verlaſſene Verſteck ſchnell einraͤn⸗ mend. So erkläre: Noch kann ich nicht. In der Folge. Doch ſey verſichert, daß Du nur einzig und allein der Beſitzer meines Herzens biſt. Ich bitte, erklaͤre, rief der Eifernde: Ich kann noch nicht, antwortete die Be⸗ ſchwichtigende, und zur Seite gewendet, mur⸗ nelte mit gluͤhenden feindſeligen Blicken der Ergrimmte: Fort, Schlange. Dieſer Blick offenbarte der Geliebten die Geſchichte der Zukunft, ſchluchzte, troſtlos die Haͤnde ringend, die Betroffene, und verließ das Zimmer. ch aber rief vergebens, die unſelige Hitze berenend, mit den zärtlichſten Namen die Wei⸗ nende zuruͤck. R Briefe, ſagte Thomas, ein gewichtiges Packet auf den Tiſch legend. Der Fuͤrſt antwortete: Die, welche Sie ſuchen, iſt, wie ich aus einem an mich eingelaufenen Schrei⸗ ben ſehe, in der Schweiz, alſo, wenn Sie Ihren mir vorgelegten Plan befolgt haben, in Ihrer Naͤhe. Sie iſt Wittwe, und lebt unter dem Namen d'Eſtrée bei A. Fuͤhren Sie ſobald als möglich die Toch⸗ ter in die Arme des ſich ſehnenden Vaters. Rudolph und hatten herzliche Gruͤße beigeſchloſſen. Der Erſte lebte in der Reſidenz, als Freund und Abjutant des Fürſten, wohin die Gattin und meine Mutter gefolgt waren. Gotthardt lebte noch immer freudenlos und einſam der Bildung und dem Gluͤcke ſeinet anvertrauten Gemeinde, und Abolph endlich reißte noch immer mit dem Fuͤrſten, des Ver⸗ kaufs ſeiner Guͤther wegen, entzweit, durch alt⸗ und neuteſtamentariſche Glaubensverwanb⸗ te bebraͤngt, und von ſeinem Ideal verlaſſen, ohne Zweck von einem S zum andern. Die Frende, am Ende meiner Wanderſchaft zu ſeyn, ward durch ein ſpaͤter antommendes Billet geſtoͤrt. Was Dich, mein Julius, ſchrieb die angebetete Ninon, was Dich in Unruhe verſetzen konnte, folgt anbei. Das Bild des verehrten Vaters— haſtig riß ich das unheilbringende vor die truͤben Augen, doch in den jugendlichen Zuͤgen ſuchte ich vergebens die väterliche Wuͤrde— konnte den Geliebten im aufbrauſenden Zorne zum Daͤmon umwandeln. Das Buch der trau⸗ rigſten Zukunft liegt vor mir aufgeſchla⸗ gen. Spaͤte Reue zu erſparen, verlaſſe ich mein Eliſium abermals. Doch ewig treu werd' ich Dir, ewig theuer wirſt Du mtr bleiben, und ſo laß Dir, geliebter WMann, an der zaͤrtlichſten Freundſchaft Deiner Ninon, die Dich nach der Engel — 126 Weiſe ſtill und unſichtbar, ſes liten wid genuͤgen. Mir gnuͤgt, rief ich troſtlos, und ſant er⸗ ſchöpft zuràck. Beides liegt, indem ich das ſchreibe, meß⸗ nem Statnuchetentnomnien„vor mir. Laͤchelnd betrachte ich jetzt noch einmal den Ruheſtörer, und verwunbert über meine do⸗ malige Vlödſichtigkeit ſprehent bekannte Sige zu meinem Herzen. Die bedeutend verletzten Fuͤhlhörner hielten mich am Lager. Thomas ſuchte, lauſchte und kehrte endlich mit der Nachricht zuruck, daß die Erſehnte in Begleitung einer alten Dame ſchleunig abgereißt ſey. Spuren fanden ſih nicht, denn unter dem Namen Mabame Geau⸗ dry und Tochter, waren ſie am vergangenen Abend aus Genf gekommen, und nahe ſchon — 127— am Ziele ſah ich mich weit, weit, vielleicht füͤr die Ewigkeit von demſelben weggeſchleudert. Vergebens waren meine Nachforſchungen. Die Baroneſſe d'Eſtree hatte auf dem Landhauſe einer Tante gelebt, dieſe aber vor kurzer Zeit alles ſchleunigſt verkauft und das Land ver⸗ laſſen. Mißmuthig durchſtreifte ich, vergebens ſuchend, die Schweiz und Frankreich, und kehrte endlich, doch ohne Hoffnung, zu 33 heimiſchen Penaten. . Zerſtreuung iſt das heilanð des Lebens. Sie ſtillet die heftigſten Schmerzen der aber⸗ maligen Trennung, und beruhigt, wenn auch nicht glckicher, betrat ich die ſülle Heimath. Einſam und ungeliebt, zuruͤckgezogen vom Ge⸗ tuͤmmel der Welt, gelobte ich meine fortan zu verbringen. Meine erſte Frůhc war nach Gotthardt. Doch auch er war, dem hoͤheren Rufe folgend, . das Grab Almas verlaſſend, der Reſibenz zu⸗ geeilt, und einſam und allein zog ich mich mit meinem Grame in das einſamſte Gemach des weitlaͤuftigen Gebaͤudes. Wenige Worte reichten hin, dem Fuͤrſten meine Ruͤckkehr und mein vergebliches Suchen zu melden. Statt der Antwort aber kam Ru⸗ dolph, mich meinem Aſyle und meiner Zuruͤck⸗ gezogenheit zu entziehen. Die Geſuchte iſt da, rief er nach der erſten Umarmung, ſeit Monaten ziert ſie den Zirkel unſerer Damen, und neues Leben iſt mit ihr an den Hof zuruͤckgekehrt. Immerhin, ant⸗ wortete ich kurz, was macht die Nuer und Deine Kleinen? Alles lebt und webt vergnůgt und froh iber Deine endliche Ruͤckkehr, ſprach der Eilende, und ſchob den Sogernden in den barren Ven. . paucken wirbelten, Trompeten ſchmetterten — 129— und der guͤtige Fuͤrſt eilte, den eintretenden Vertrauten, der geliebten Tochter vorzuſtellen. Ich ſiand beſtrzt vor Rinon. Betroffen und erglͤhend hob ſie die milden Augen zu mir auf. Ninon! Julius! waren die Begruͤßungs⸗, worte, in einer langen Umarmung feierten die Sehnenden das Gluͤck des Wiederfindens. Fortgeriſſen von ſtürmiſchen Trabanten ſah ich mich im dunklen Kerker, auf halb⸗ vermoderten Stroh, ein Krug mit Waſ⸗ ſer, und ſchwarzes ungenießbares Kleien⸗ Brod, erwartete vergebens den Heißhun⸗ ger des Verwoͤhnten, zum Ueberfluß aber leuchtete Anna, die luͤgenhafte Pythia, la⸗ chend dem Ungluͤcklichen ins Geſicht, lößte meine Ketten, und die Unkenſtimme geboth Folge. Entſage, kraͤchzte ſie, entſage der fuͤrſtlichen Blume, nicht für den Heimath⸗ loſen iſt ſie beſtimmt. Verwundert ſah 3 faͤhrte begruͤßt, und in der Weihe der Alt⸗ mutter troͤſtete den, uͤber die Standes⸗. Veraͤnderung Erſtaunten, die Befreierin „nur von meinen Haͤnden erwarte Dein Alles, Herzensmann.“— Und hin war Freundſchaft, ehr und Gluͤck, Um Seelen⸗Ruh betrogen, Fuͤhlt' ich mich fuͤr den Augenblick Zum Orcus hingezogen; Entwiſchend der Verrätherin, Zog mich's zum nahen LTeiche hin, Ich ſah' mich ſchnell verſinken. Doch ach, noch ſtockt mein Heldenblut, Ein grauſes Ungeheuer Verwünſchte meinen Uebermuth und lftete den Schleier. Es war— Grillparzers Ahnenfrau, Ihr Willkomm war ein wenig rauh, Sie ſchlug mich hart mit Fäuſten. 6 Lriefend von Schweiß, abgemattet vom Fie⸗ bertraum, fand ich mich endlich im Kreiſe chei⸗ nehmender Freunde. ich mich von der heilloſen Schaar als Ge⸗ — 131— Der Kerker war zum freundlichen Zimmer, die Ahnenfrau, welche ich erſt vor weniger Zeit geleſen hatte, zur troͤſtenden Mutter umge⸗ wandelt, und Anne und die hochjauchzenden zigeuner hatten dem theilnehmenden Rudolph und dem beſchaͤftigten Arzte den Platz uͤber⸗ laſſen. Der Paroxismus war voruͤber. Auch plötz⸗ liche Freuden koͤnnen nachtheilige Folgen ha⸗ ben, denn ohnmachtig ward der, durch die Reiſe Ermattete, aus den Armen der Wiedergefun⸗ denen getragen. Kein Wunder alſo, daß der zuſammenfiuß einer Menge ſich draͤngender dufaͤlle das Getriebe der verwirrt hatten. Das ſehnende Herz verlangte, das Auge ſuchte umſonſt die Geliebte, und der theilneh⸗ mende Arzt machte die groͤßte Ruhe zur Be⸗ bingung meiner Herſtellung, ehe er das troͤſt⸗ lche:„Nimm Dein Bette Dich,“ uͤber mir usſpr ach. — 5 —— Wenige, aber treue Freunde, feierten in traulichen Familien⸗Kreiſe das eſt der Ge⸗ neſung. Vergebens hatte ich Fuͤrſt Carls Theil⸗ nahme, Ninons Erſcheinen am Läger des Freun⸗ des, des Geliebten erwartet, und aus dem vor mir ſtehenden Glaſe fluͤſterte ein Daͤmon: hoffe nie auf Weibergunſt und Fuͤrſtengnade. Die Ueberraſchte konnte einen Augenblit den Rang vergeſſen, doch durch den Glanz der ſie umgebenden Glorie geblendet, macht die Fuͤrſtentochter hoͤhere Anſpriche⸗ andere For⸗ derungen. Mit einem Schluͤſſelchen ohne Schloß wird man Dich ehren, und der Unbedankte wird in leeren Diteln einen beneideten Lohn finden. Fort, fort rief der Erbitterte, was Du nie beſitzen kannſt, vergiß. Da ranſchten die Flugelthuͤren auf, von der Hand des Vaters riß ſich die Gelieb und an die Bruſt des Schmerzgequälten eit die Aufgegebent. — Ewig Dein! lispelte ſie, und die freund⸗ lichen Blicke des Furſten beſtätigten den Aus⸗ ſpruch meiner Hoffnungen, meiner Wuͤnſche. Alles kann, ſchloß Gotthardt,(mit der, innigſten Ruͤhrung, die Haͤnde der Lie⸗ benden vor dem Altare zuſammenle⸗ gend, und eine Perle der Wehmuth, der Erinnerung perlte in ſeinen Au⸗ gen,) alles kann die Welt den Menſchen ge⸗ ben, alles erſetzen. Rur das hohe ſchoͤne Ge⸗ fuͤhl, ſich geliebt zu ſehen, iſt unerſetzlich. Swig heilig, ewig unverletzlich bleibe Euch der Bund, den ihr jetzt geſchloſſen habt. Moͤge er Euch eine Quelle geheiligter Freuden, ein Mittel zur hoͤchſten Vollendung ſeyn. Nach langen Pruͤfungen, nach langem Sehnen ver⸗ einte Euch endlich das Schickſal. Erkennt dankbar die Wege der Vorſehung, und Treue, Liebe und Freundſchaft geleite Euch fuͤr und fuͤr auf dem begonnenen Pfade. — 134— Die Ehrenmitglieder gratulirten, die Freun⸗ de ſprachen in Blicken und Umarmungen ihre Theilnahme aus. Alle waren gluͤcklich im Ha⸗ fen der Ruhe angelangt. und groͤßtentheils um mich verſammelt. Nur Adolph ſchwaͤrmte noch, unbeſtaͤndig, wie ſein Charakter, vom Dankbn⸗ ren mit Ermahnungen und Wechſeln verſehen, in der Welt umher, Louiſe aber bereuete, u⸗ ter vaͤterlicher ʒucht und Gewahrſam vergan⸗ gene Thorheiten. S3 Ein boͤſer Traum hatte damals in Ninon die beſchwichtigte Scheu für die Ketzer auf das lebhafteſte erregt.. Ihre Schwaͤche und meine Zuredungen ſcheuend, eilte die Geaͤngſtigte in Vegleitun einer Dienerin, bei Nacht und Nebel nach ſ ris, und von dort unter die Fittige, einer in der Schweiz lebenden Verwandtin, der můt terlichen Freundin. Die wuͤrdige Frau nahm die Verlaſſene gü⸗ tig auf, ein wahrer Diener des Herrn belehrte — 135— die Jergläubige, und beide fuͤhlten die Noth⸗ wendigkeit, dem harrenden Vater der Tochter Leben und Aufenthalt zu berichten. Madame Geaudry war Ninons Begleiterin, auf die Einladung des Fuͤrſten das verſpätete Schreiben aber Schuld, wenn ich vergebens nach der Baronne d'Eſtrée forſchte. Der guͤtige Vater legte die blähende Toch⸗ ter an das Herz des Glucklichen. Tief, in ihrer ſtillen Bruſt, Wohnt des Lebens Schirm und Luſt. Die Treue; ſprach der Geruͤhrte, und zum Denkmahl, zur Erinnerung des gluͤcklichen Tages, ſchrieb er bieſe Worte in die Reihe meiner Freunde. Stammbuͤcher, las ich neulich, ſind Selbſt⸗ Biographien und Hierogliphen. Nur der ver⸗ ſteht ihren Inhalt, dem die Blätter angehoͤren. Jede Seite iſt fuͤr ihn ein Monument ver⸗ tauſchter Freuden und Leiden. — 156— Ich habe hier die Meinigen, wie ſie bis jetzt auf mein einfaches Leben Bezug hatten, com⸗ mentirt. Noch ein Blatt iſt uͤbrig, mit ihm ſchließ' ich die Reihe derſelben, mit ihm ſchließe ich auch, wenn nicht ein hoͤheres Schickſal mich aus dem Kreiſe meiner Zufriedenheit und mei⸗ nes haͤuslichen Gluͤckes wirft, dieſe Erzaͤhlung. Euch iſt es geweiht, theilnehmende Freunde, denen der Verſuch des Dichters eine angeneh⸗ me heitere Stunde machte. Nachſchrißt. So eben bekomme ich den erſten Theil mei⸗ 3 ner Erinnerungen; ich finde in demſelben noch einige Fehler, und bitte die Leſer, meine Ent⸗ fernung vom Druckorte erwaͤgend, und da mein Herr Verleger mir keinen Druckbogen zur Correctur einſendete, mich guͤtigſt zu emt⸗ ſchuldigen. Der Verfaſſer. Treue, Liebe und Hoffnung oder der verhaͤngnißvolle Tag in der alten Her⸗ zogsburg Sitberblicke des Lebens ſind der Wiederſchein ei * nes Engels, der uͤber unſern Haͤuptern ſchwebt. 5 N Wenn wiberſinnige Erzäͤhlungen aus dem Ge⸗ biethe der Geiſterwelt und hoͤherer Ahndung, dem gebildeten Leſer ein Laͤcheln abnoͤthigen, ſo bleibt es doch unleugbar, daß die einge⸗ ſchraͤnkten Sinne, auch des größten Philoſo⸗ phen unſerer Zeit, das Hohe, das Ueberirrdi⸗ ſche, das Ideale der Geiſterwelt noch lange nicht entraͤthſeln werden. Anklänge des Jenſeits ſind jene unbegreifli⸗ chen, nicht alltäglichen Erfahrungen, ein uner⸗ klaͤrbarer Schauer ihre Folgen. Allein nicht alle ſind Auserwaͤhlte, nur We⸗ nigen ward es zu Theil, mit dem irdiſchen Auge einen Blick in die Geiſterſphaͤre zu thun, der ſtille, fromme Sinn dieſer Wenigen aber — 140— nicht aus, gegen die ſpottende Behaup⸗ kung des Profanen. Mehrere Freunde ſaßen am Scheide⸗Abend um den Punſchnapf. Nur Heinrich konnte nicht in die allgemeine Froͤhlichkeit einſtimmen, denn mit ſchwerem Herzen trennte er ſich von der Vaterſtadt, was aber noch mehr ſagen will, von der geliebten, hochverehrten Julie. Der Groshaͤndler, Herr Adam Graff, aber, Juliens Vater, war reich, ſtolz, und fuͤr ſeinen Stand, hinter dem in ſeinen Augen jeder an⸗ dere zuruͤckſtand, eingenommen, Heinrich da⸗ gegen, ein armer Kautz, der durch einige u⸗ bedeutende Stipendia, ſeine vorzuͤglichen muſ⸗ kaliſchen Talente, wodurch er Juliens Bekannt⸗ 3 ſchaft machte, und durch Privat⸗unterrich, ſeine eifrig angefangenen Studia im ½ der Gottesgelahrtheit fortſetzt. Der alte betagte Caſtellan auf der unbe⸗ wohnten Burg, ſein Oheim, naͤhrte und pflegte — 141— bis jetzt die aufſproſſende Pflanze der verewig⸗ ten Schweſter, dieſe aber war hoch und ſchoͤn herangewachſen, verſprach ein tuͤchtiger Frucht⸗ baum zu werden, nur die dem Juͤnglinge zu Zeiten eigene Stille machte den zaͤrtlichen Waͤr⸗ ter beſorgt. Vor einigen Stunden erſt, war ihm Gele⸗ genheit geworden, Julien ſein Lebewohl zu ſa⸗ gen. Der Mund ſchwieg, die dem Auge ent⸗ quellende Thraͤne aber war der beredte Zeuge der Herzens⸗ Empfindung gleichgeſtimmter, gleichfuͤhlender Seelen, und der erſte Kuß ei⸗ ner unentweihten heiligen Liebe Kseißerte Beide zum Schwur ew'ger Treue. Ein harmoniſcher Accord gleich dem verhal⸗ lenden Tone einer Aeols⸗Harfe ward den Lie⸗ benden vernehmbar, und von der Billigung ihrer Schutzgeiſter ͤberzeugt, verlohren ſich die Ahndenden im ſtillen Gebethe zur Erfullung ihrer hochſten Waͤnſche. Spaͤt erſt trennten ſich die Freunde. Hein⸗ rich eilte ſeinem Stubchen zu. 142— Ein langer, durch einige Lampen ſparſam erleuchteter offner Gang, deſſen Ausſicht auf die hell vom Monde unter ihm liegende frucht⸗ bare Gegend ging, fuͤhrte zur Wohnung des Einſamen. 2. Ganz mit ſeiner Zukunft, ganz mit ſeiner Liebe beſchaͤftiget, bemerkte er ſpaͤt nur ein ihm zuſchwebendes zattes holblächelndes, gei⸗ ſterhaftes weibliches Weſen. Das weiße Ge⸗ wand der Entgegenſchwebenben warf einen 6 ſtrahlenden Glanz, ein Nebelſchleier bedeckte bas jugendliche Geſicht, am Buſen der Wun⸗ 3 derbaren aber roßte eine Roſe der köſiuch⸗ ſien Art. Des Jünglings Blut ſtockte, die Phantaſie war aufgeregt, alle Vernunft⸗ Gruͤnde reichten gegen das, vor dem Auge ſchwebende Weſen einer hoͤhern Welt, nicht aus. Die zarte, ſunfte Stimme aber wirkte wun⸗ derſam auf den Befangenen. — 46—. Keinen Geiſt, der Sterbliche ſchreckt, ſprach die melodiſche Stimme, nur den Schutzgeiſt eines edlen Hauſes ſiehſt Du in mir. Die wichtigſten Veraͤnderungen des mir be⸗ freundeten Stammes, rufen mich aus lichtern Sphaͤren unter die Sterblichen. Ihnen zum Zeichen erſcheine ich freundlich und feindlich dem Auserwaͤhlten. Bald wird ein Held voll Kraft, voll deutſcher Wuͤrde, die Feſſeln des Tyrannen⸗Joches brechen, das Vaterland be⸗ freien, und ſeiner Ahnen wuͤrdig, dieſes Schloſ⸗ ſes Gruͤnder, ſein treues biedres Volk regieren. Doch ihm und ſeinem Sproͤßlinge zarter, treuer Liebe, dem kraͤft'gen Herrſcherſtamm drohn Gefahren. In Galliens blutbedeckten Steppen trachten mordbegierige Eiſenmaͤnner den allzukuͤhnen ritterlichen Jüngling einzufa⸗ hen. Du biſt's, Du ſollſt mein Auserwählter ſeyn, dem treuen Volke, den kuͤnftigen Herr⸗ ſcher zu erhalten. Nur Du ihm gleich an Tu⸗ gend, Jahren und Geſinnung ſollſt ihn erhal⸗ ten. Nimm dieſe Roſe hin, ſie bluͤhet ſtets — 44— auf Deiner Bruſt, in heißen Kampfe und in Cytherens empel wir ſie ſchutzen. Die wei⸗ tere Zukunft blieb mir unentdeckt, doch hoffe, glaube, treu der erſten Liebe.— 2 5 ————— Die erſten Strahlen der Morgenſonne tra⸗ fen den Andächtigen im heißen Gebeth. Wun⸗ derſchoͤn aber duftete das bluͤhende Geſchenk, und fort und fort prangte es an des Juͤng⸗ lings hochſchlagender Bruſt. 3. Ein Jahr und druͤber war verfloſſen, dem hohen Beruf und ſeinen Pflichten in ſtiller Zu⸗ ruͤckgezogenheit obliegend, floſſen dem J Juͤng⸗ linge die Tage dahin. Da ſcholl deutſcher Ko⸗ nigs⸗Ruf, und eingedenk der hohen Pflichten eilte Heinrich unter die Zahl der ruͤſtigen Strei⸗ ter, die hocherfreut den kraftvoll ſchönen Juͤng⸗ ling in ihre ſieggewohnten Reihen aufnahmen. —— — Glorreiche Schlachten waren gekampft, in blutigen Gefilden hatte der Kuͤhne muthig dem Tode ins Auge geſehen, und nach Monaten ſchon ſchmuͤckte die ritterliche Bruſt das wohl⸗ verdiente vielbedeutende Kreuz, den ſchlanken Leib aber die Feldbinde des jauchzenden Staa⸗ tes. Viele Freunde draͤngten ſich an den jungen Helden, doch nur an einen ſchloß er ſich, denn gleiche Geſinnungen, gleicher Muth, und glei⸗ ches Gefuͤhl fuͤr Recht und Freiheit beſiegelte der Freunoſchaft hohern Bund. Im Kampfe und im Lager unzertrennlich, hatten Beide ge⸗ liebte theure Weſen hinterlaſſen, traͤumten Beide von einer hohen, ſchonern Zukunft, und nur, wenn der Trompeten Schmettern ſie zum Kampfe rief, uͤbertoͤnte ihr Ruf den Donner des Geſchuͤtzes; und gern und freudig folgten ihre Reuter, denn nur zum Siege fuͤhrten Beibe ihre Schaaren. — 146— Laͤnger denn je mußte die Armee in ihrem Siegesfluge einhalten. Der rauhe kalte Win⸗ ter hemmte alles Weiterdringen, und zum neuen Kampfe Kraͤfte ſammelnd, lag das Heer, ſoviel wie moͤglich, concentrirt. Auch beide Freunde lagen in demſelben klei⸗ nen Städtchen. Ein heitres Abendmahl bei ih⸗ rem Chef hatte ſie ungewoͤhnlich verſpätet, und Arm in Arm ſuchten ſie gegen Mitternacht ihre Wohnungen, die einander, durch eine enge Straße geſchieden, gegenuͤber lagen. Vor ihnen her wandelte ebenfalls ein Offi⸗ zier. Vergebens eilten ſie den Bekannten ein⸗ zuholen, doch ſtets blieb derſelbe in gemeſſener Entfernung von ihnen. Mehrere Straßen hat— ten ſie durchwandelt. Der Mond trat jetzt im hellern Glanze hinter den bergenden Wolten hervor, und die voranſchwebende Geſtalt er⸗ ſchien im helleren ichte. Wenn ich, fluͤſterte Rudolph dem Freunde zu, wenn ich Dich nicht am Arme haͤtte, ſo wuͤrde ich ſchwoͤren: baß Du der Vorangehende waͤreſt. Bis jetzt, erwiederte Heinrich, wollte ich meine Vermuthung nicht aͤußern, betrachten wir aber dieſe Figur genauer, ſo iſt und bleibt 1 ſie mein Ebenbild. Eifrig bemuͤhten ſich jetzt beide Freunde, das unbegreifliche Weſen einzuholen, umſonſt aber, denn ſtets ſchwebte es in gewiſſer Ent⸗ fernung vor ihnen her. . Doch wunderbar und grauſend gemahnte es ihnen, als die Geſtalt bei Heinrichs Wohnung ſtehen blieb, vernehmlich an die verſchloſſene Thuͤre pochte, der Wirth dieſe oͤffnete, und die Wunderbare hineinſchluͤpfte. Der betroffene wahre Inhaber ſpuͤhrte kei⸗ nen Beruf in ſich, ſein Näherrecht geltend zu machen, und Beide ſahen aus der gegenüber liegenden Wohnung bes Freundes, zur grauſen Verwunderung, das Ebenbild in der erleuchte⸗ K2 ten Stube herumgehen, ſich entkleiden und das Licht verloͤſchen. Mit Sehnſucht ward der folgende Morgen erwartet. Mit Verwunderung betrachtete der hocherſtaunte Wirth, des Gaſtfreundes nochma⸗ liges Erſcheinen, ſchwor bei allen Heiligen den Einlaßbegehrenden ſchon am vergangenen Abend 4 die Thuͤre geoͤffnet zu haben, und konnte ſich nur durch das Antaſten und die Verſicherun⸗ gen des begleitenden Nudolphs von der Rich⸗ tigkeit ſeines Geiſter-Glaubens überzeugen. Schwerer aber hielt es„ den Zagenden zur Begleitung auf des Gaſtes Zimmer zu bewe⸗ gen. Mit Muͤhe, und nach vielem Zureden, gelang es. Wie gewoͤhnlich war dieſes ver⸗ ſchloſſen, der Beſitzer aber fand den Oeffnen⸗ den in ſeiner Taſche. Bewundern wir, verehrte Leſer, mit den Freunden die Wege der Vorſehung. * Schutt und Staub filten die Stube, das Bette aber war, durch den von Alter und Faͤul⸗ niß zermorſchten, e Gemaͤuerbal⸗ ken Heinrichs muſikaliſches Talent hatte ihm in bedeutenden Familien des Ortes Eintritt ver⸗ ſchafft. Man ſchaͤtzte, man liebte den ſtillen, talentvollen jungfraͤulichen Offizier, und die Wirthin ſeines jetzigen Quartiers, die lebens⸗ luſtige junge Gattin eines alten Finanziers, machte es ſich zur angenehmſten Pflicht, fuͤr die Unterhaltung des lieblichen Huſaren zu ſor⸗ gen. Er mußte ihr Begleiter auf allen Luſt⸗ parthien ſeyn, er war der von ſeinen Kam⸗ meraden beneidete Liebling des ſchoͤnſten Weib⸗ chens im Orte. Beide fanden im gegenſeitigen Umgange Vergnuͤgen, und ſelbſt der alte Herr, einer je⸗ ner gutmuͤthigen Maͤnner, die ſich in der Ver⸗ ehrung ihrer Weiber ſelbſt geehrt fuhlen, konnte — mit dauernder Geduld, waͤhrend ſein Weibchen am Flügel, dem ſie auf ſeiner Floͤte begleiten⸗ den Virtuoſen die feurigſte Liebeserklärung ab⸗ ſang, gelaſſen die allgewaltige Doſe um ihren Pittelpunkt drehen. Ein herrliches Duett mußte zum morgen⸗ den Conzert eingeuͤbt werden. Noch eine Menge Diſſonancen waren zu berichtigen, der Haus⸗ freund blieb lͤnger als gewohnlich, und das Horn des Nachtwaͤchters trieb den an die Stun⸗ de gewöhnten Gemahl ins Vette. Schöner hatte Louiſe noch nie geſungen, die feurigſten Erklaͤrungen von ewiger Liebe, von Entſagung durch die Umſtaͤnde gezwungen, wurden dem eigentlichen Terte untergelegt, allein nur die Harmonie, nur die Stimme ſeiner Floͤte, ſpra⸗ chen den fuͤr ſein Inſtrument ingeenntnet Virtuoſen an. Umſonſt entſtröhmten ben lieblichen Lippen: „Ich liebe Dich, und wenn uns Welten trennen, Wenn ſelbſt das Schickſal unſern Bund zerſtohrt,“ — 151— umſonſt ertoͤnten die herrlichſten Accorde von ſchmachtenden Lippen begleitet, nichts half, der Huſar blieb ungeruͤhrt, und die ultima spes, bei den Koͤnigen Kanonen, bei Weibern Ohn⸗ machten, mußte angewandt werden. Herrlich, zum Entzuͤcken, ſang das wunderſchoͤne Taͤub⸗ chen des ſchnarchenden Gemahls, die zarteſten“ Tone entſtroͤmten der begleitenden Floͤte,— da ſchloß die Kunſtfertige die Augen, die Hände fielen in die Taſten, und kaum blieb dem Er⸗ ſchrockenen ſo viel Beſinnung, die ſchoͤne Buͤrde in ſeinen Armen aufzufangen. Noth lehrt be⸗ ten, ſagt das Sprichwort, ſie lehrte hier noch ein Uebriges, und machte den Huſaren, in Er— mangelung einer beſſern, zur Kammerjungfer, welche eben im traulichen Geſpraͤche den Groß⸗ thaten des Staats⸗Trompeters die ſchuldige Bewunderung zollte. Was oft die ruͤhrendſten Bitten, die drin⸗ gendſten Vorſtellungen nicht vermochten, ward ſtets durch ein halb geoͤffnetes Schnuͤrleibchen bewirkt. Auch hier hatte es geholfen, ein leiſes — 45— Ach entſtroͤmte den Lippen der Erwachenden, die zitternde Kammerjungfer betrachtete won⸗ netrunken die entfeſſelten Schoͤnheiten. Das magiſche Dunkel der ungeputzten Kerzen, die heilige Stille der Mitternacht, der hochwal⸗ lende Buſen der Wiedererwachten, das heiße Blut des Juͤnglings— wer von Euch ver⸗ ehrte Leſer wirft den erſten Stein auf Heinrich. Herz an Herz, und Vruſt an Bruſt geneigt, weihte die ſieggewohnte Prieſterin der begeh⸗ renden Rovizen in die hohen Myſterien der Liebe ein; hoch ſchlug das Herz des Gluͤhen⸗ den, feurige Küſſe wurden gegeben und genom⸗ men,— da flammten ploͤtzlich hoch die Kerzen auf, ein furchtbar wunderlich ſchneidender Ton des unberuͤhrten Fluͤgels weckte die Trunkenen aus ſuͤßer Vergeſſenheit, und der ſchmetternde Ruf der Trompete rief zu Pferde. 5. Von der prachtvoll bluͤhenden Roſe ſaßen die Dornen nur noch am duͤrren Stiel, der . — 55— Eigenthuͤmer aber unbehaglich auf dem mun⸗ ſtern Goldfuchſe. Das erſehnte Conzert mußte des ſchleuni⸗ gen Abmarſches wegen, zum Aerger der Theil⸗ nehmenden, bis zur gelegenen Zeit aufgeſcho⸗ ben werden, der General⸗Baß der Karthau⸗ nen aber forderte die thätige Mitwirkung der ſattelfeſten Virtuoſen zum herzbrechenden La⸗ mentoſo. Eine Siegerſchlacht folgte im Laufe des jun⸗ gen Fruͤhlings. Schon war die Sonne hoch empor geſtiegen, ſchon wichen die feindlichen Cohorten, als eine Schaar bepanzerter Reuter aus einem Hinterhalte hervorbrach, und die Sieger zur ſchleunigen Ruͤcktehr noͤthigte. — die Unordnung war leider da, der neuer⸗ muthigte Feind ſtuͤrmte auf die Ruͤckkehrenden gein, alles floh, nur an der Spitze einiger bra⸗ 5 noch vertheidigte ſich Prinz awer, brav und ritterlich wie der Groß⸗Oheim, gätig und nilde wie der fromme Vazer, um den Seinen — 5— Zeit zum Sammeln zu verſchaffen. Immer mehr aber draͤngte der Feind, immer kleiner wurde das Haͤuflein, und unter einem andaͤch⸗ tigen, der Herr geleite uns, ſuchte der maͤnnliche, fromme Juͤngling an der Spitze ſi⸗ ner Treuen einen Ausweg ſich zu bahnen. Doch das erprobte Schwerdt brach an der ehernen Ruͤſtung der Gegner, mit ihm die Hoffnung zur Rettung.— 3 6 Siehe, da ſprengte iutesſcn eine Schaar ſchwarzer Reuter herbei, hieher rufte der neu Ermuthigte, und mit lautem Hurrah faͤhrt die Rache⸗ Schaar unter die Bepanzerten. — Dod oder Flucht war die Loſung ber ſiegten, doch zwei derſelben, ihre koſtbare Beute nicht ſo leichten Kaufes laſſend, zogen und ti ſen den Entwaffneten eiligſt mit ſich fort. 3 ſpaͤt merkte Heinrich im heißen Waffentanze die Flucht, noch einmal ward der treue Gold⸗ fuchs angeſtrengt, und mit Wscſchnel wa⸗ ren die Raͤuber ereilt. — — 155— Der fürchterliche Kampf begann. Schon lag ein Bepanzerter durch des Retters gutes Schwerdt getroffen, als ein unglůcklicher Schuß dieſen dahin ſtreckte. Doch der Schutzgeiſt war nicht fern. Ru⸗ dolph hatte den Freund nicht aus dem Geſicht verlohren, mit dieſem zugleich ſank der Moͤr⸗ der, des Prinzen Freiheit war erkauft, und ſiegreich fuͤhrte er die geſammelten Schaaren dem Feinde von neuem entgegen. Erwachend fand ſich Heinrich auf ſchoͤnem weichen Lager, neben ſeinem Bette aber bluhte prachtvoll das wunderbare Geſchenk der geiſti⸗ gen Aeltermutter jenes fuͤrſtlichen Hauſes. Ein heftiger Schmerz an der Schulter erinnerte ihn an den ungleichen Kampf, erweckte die Sorge um den Ausgang und um die Freiheit des Prinzen, doch die Verſicherung des Arztes, ihn nach der gewonnenen Schlacht an der Seite des ſiegreichen Feldherrn geſehen zu haben, goß Freude und Wonne in des Helden Herz. — 6— Noch mehr erheiterte ihn ein Brief der Ge⸗ liebten, der erſte, den er ſeit dem Beginnen ſeiner Bahn von ihrer Hand erhielt. Mein Held, mein Geliebter! Sorgend um Dein Leben, vertraure ich meine freudenloſen LTage. Bange Empfindun⸗ gen beaͤngſtigen oft meine Seele, doch ſie ſind voruͤber, denn hoch und hehr ſahe ich Dich, 4 mein ritterlicher Held, im Kampfe, auf dem Wege zum Ruhme, ſtehen. Dein Schutzgeiſt war's,— denn anbers weiß ich die hohe glaͤnzende Weibliche nicht zu neunen, die mir in einer truͤben Stunde,— im Zwielicht war's, wo traurig bange Gedanken um die Zukunft meiner Seele ſich bemeiſtert hatten,— Troſt und Beruhigung zufluͤſterte. Götig und freundlich, noch hoͤre ich die ſanften Worte, ſprach ſie von Deiner Liebe, Deinem ho⸗ hen Muth. Bewahre ferner, mein Held, den⸗ ſelben, das dentſche Maͤdchen forbert ihn neben der hoͤchſten Liebe im 6 e. 15 6. Die Wunde war geheilt. Der linke Arm ber blieb nach halbjaͤhriger Kur unfaͤhig zu allen Verrichtungen. Zum freundlichen Heerde aber fuͤhlte ſich der Kampfluſtige zuruͤckgezogen, und in die heimathlichen Fluren eilte der Ge⸗ neſene.— Die Ausſichten waren verdunkelt, ergeſſen der Retter, der Freund entweder tod der uneingedenk der Freundſchafts⸗Pflicht, die Seliebte ſeit Monden die gezwungene Ver⸗ bte eines andern, dem Helden aber weiter nnichts als das Kreuz und ein tirguch es Wartegeld. Welche Anſpruͤche, welche Forderungen konnte der arme Lieutenant machen, die truͤbſte zukunft that ſich den Blicken des Riederge⸗ ſchlagenen auf. Wehmuthsvoll lag Julie an der Heldenbruſt des Tieferſchuͤtterten, Thränen entquollen den ien der Schickſals⸗Genoſſen, kein Mittel aber, kein Ausweg bot ſich den Verlaſſenen — 166— dar, denn feſt und unbengſam, wie des Gelieb⸗ ten Kreuz, war des Vaters Wille, der Braͤu⸗ tigam aber, ein trener Juͤnger, berechnete ſchon zum Voraus, wie viel pro Cente die be⸗ deutende Mitgabe eintragen konne. Selbſt die Flöte, jene treue Gefaͤhrtin beß ſerer Tage, konnte die Klagen hoffnungsloſet Liebe nicht mehr aushauchen, um das Leben welches der kaͤrgliche Ehrenſold nicht mehr f ſten konnte, aber zu erhalten, mußte der Kennt⸗ nißreiche in der Kanzlei des Landgerichtes 8u6 .. ſtaben malen. Die Krankheit des holnbdiſchen Präut⸗ gams, eine nothwendige Reiſe des Vaters verſchoben die gefurchtete Verbindung ein guͤtige Tante aber, welcher das Kleinod des Hauſes uͤbergeben ward, liebte die Nichte muͤt⸗ — rerlich, bedauerte den ſanften was Sohn des Mars, und geſtattete den vom ſil⸗ ſi zen Adam ſtreng verpoͤnten Eintritt. Gluckliche Tage ſchwanden unter der Aegibe . l jungen Vaterlands⸗„Vertheidigers, hatten ihm —— der Gätigen, herrliche Luftgebilde entfalteten ſich im Laufe der Erzählung vergangener Tage, doch die gehoffte Huͤlfe blieb aus, und zitternd erwarteten die Liebenden die Ruckkehr des Hart⸗ eren. Der Fleiß, das ſittig ſtille Vetragen des die Liebe, die Achtung der Vorgeſetzten erwor⸗ ben. Eine einträgliche Stelle in der Regiſtra⸗ ur war ihm heute unverhofft ertheilt worden, und freudig eilte er, um der Geliebten und er Antheilnehmenden die frendige Nachricht hinterbringen. Zwei Bothen ſuchten ſeit einer Stunde en neuen Regiſtrator. Zweimal ſchon hatte er Präſibent ſich erkundigt, waͤhrend jener ſr Feier des Tages, in Mendolinis Keller, lang entbehrten Labetrunk zum geprieſenen ſchlůrfte. — 160— Schwankenden Schrittes eilte der Betrof⸗ 5 fene zur Herwzshurht dem Sitze des Landge⸗ richtes. In pleno war dieſes verſammelt. Glůck wuͤnſchend kam der Praͤſident dem Glähenden entgegen, gratulirend umſchloß ihn der Chorus der Rathenden, und unter Furcht und Freuben ernhn der doppelt ueberraſchte die Ernen⸗ nung zum Rittmeiſter, und den Ruf ins Kri⸗ ges⸗Miniſterium. Das launige Gluͤck eeteen vac den Begünſtigten vor einigen Tagen noch, kaum die kaͤrglichen Broſamen gereicht, jetzt aber mit ehren und Wohlthaten uͤberhaͤufte, ſtand der Geehrte, die E rfullung ſeines höchten Vur⸗ ſches nachdenkend, da. Der Ruf war ehre⸗ 3 voll, die Drennung ſchmerzlich, und zum Er⸗ ſtaunen der umſtehenden bat der Befragte umn Bedenkzeit, welche ihm unbedingt gewaͤhrt ward, da der Praͤſident einen kenntnißvollen Arbeiter ungern fahren ließ. ———— S Die Seſſion war zu Ende, Regierende und Regierten hatten ihre Buͤreaus verlaſſen, um beim Mittagsmahle der horchenden Familie, oder an der Wirthstafel das Gluck des Collegen zu verkuͤnden. Einige Aktenſtoͤße beſchäftigten den S den tänger als gewoͤhnlich in ſeinem Schreib⸗ zimmer, Beantwortungen waren noch einzutra⸗ gen, und verlangte Data noch aus Papier⸗ Niederlagen ju Tage zu foͤrdern. Mißmuthig uͤber ein lange geſuchtes, nir⸗ gend zu findendes Akten⸗Stuͤck, entfiel ihm endlich die Feder— im Strahle der heitern Mittagsſonne aber ſtand die wunderbare Ge⸗ alt der lang erſehnten Ahnenfrau vor dem ehrfurchtsvoll das Knie Beugenden. Lächelnd zeigte ſie auf einen Stoß vermoderter Papiere. Was Du ſuchſt, ertonte die ſanfte Stimme, † liegt dort, Verborgnes aber wirſt Du zum Beil des Staates in dieſen Schriften finden. L — 162— Ein muthiger Kaͤmpfer fuͤr meines Hauſes Wohl, fuͤr meines Schuͤtzlings Leben, zogſt Du aus. Dreu haſt Du Dein gegebenes Wort geloͤßt, auch ich bin jetzt bereit, den ſchoͤnſten Dir zu ſpenden. Eile Dich zu bewaffnen, denn ſchleunige Huͤlfe iſt nöthig. Den erſten, der Dir jett begegnen wird, frage, welches Weges er kommt. Dorthin ſetze Deine Reiſe fort, das Uebrige wird ſich ergeben. Verſchwunden war die hohe mjeſtätiſche Geſtalt, vom Actenſtoß aber wand ſich gahnend der Schlaftrunkene. Ein zu ſtarkes Fruͤhſtuͤck bei Mendolini, und der Freudenrauſch hatten ihre Kraft ge⸗ außert. Als die Collegen zum heitern Mahle gingen, lag der Schlafende auf den gewicht⸗ gen Papieren, die Schlußuhr brummte eben* Eins, als der Traͤumende erwachte. Lebhaft ſtand das Bild der Verſchwunde⸗ nen vor ihm, der ſuchende Blick aber fand an — 65— der bezeichneten Stelle, die mit rothen und ſchwarzen Moͤnchsſchriften bemahlten halb ver⸗ morſchten Actenſtuͤcke. Wunderbar ſprachen den Forſcher die Schriftzuͤge an, wunderbar gemahnte es ihn, die ehrwuͤrdigen Denkmaͤhler aͤlterer Gelehrſamkeit im Woder zu finden, doch vertrauend den Worten der hohen Ahnfrau, entriß er ſich der Enträthſelung, und legte ſie zu naͤherer Durchſicht bereit. 7. Ziemlich ſpaät war es ſchon am Nittage⸗ Kein Menſch begegnete dem ſeiner Wohnung zu wandernden, ſchon fing er an, die Sache als einen lebhaften Traum zu betrachten, als weinend ein Knabe heranſprang, und den Be⸗ troffenen nach den Eltern fragte. Faſſe Dich, mein Soͤhnchen, erwiederte Lud⸗ wig, ſie werden wohl in der Nähe ſeyn. Seit heute Morgen ſchon, klagte troſtlos der Kleine, bin ich von ihnen entfernt. Mich hun⸗ gert gar ſehr. L 2 Freunblich tröſtend, nahm ihn der, den Willen des Schickſals Bewundernde, in ſeine Wohnung, ſaͤttigte den Hungrigen, und erfuhr nebenbei: daß Louis geſtern Abend mit ſeinen Aeltern aus A. e angekommen, heute Mor⸗ gen vor der Thuͤre eines großen Hauſes ge⸗ ſpielt habe, durch einige Spielgefaͤhrten auf⸗ gemuntert worben ſey, ihnen vors Thor zu folgen, hier mit dem Troß weiter gezogen, endlich aber habe ziemlich weit von der Stadt ein boͤſer Mann die Spielenden auseinander gejagt; Er ſey dem fliehenden Haufen gefolgt, allein bis jetzt habe ihm noch kein Menſch Rachricht von ſeinen Eltern geben koͤnnen. N Einem Freunde ward der Knabe mit dem Auftrage, deſſen Aeltern aufzuſuchen, uͤberge⸗ ben, der harrenden Julie ein freundliches hoff⸗ nungsvolles Lebewohl geſagt, und fort ſprengte der Wohlbewaffnete auf der Straße nach A. — ——— — 165— Dunkler wurden die Gegenſtaͤnde, der Braune ermüdet, und der Mond ging erſt nach Mit⸗ ternacht auf. Dem ermatteten Thiere das wohl⸗ verdiente Futter zu reichen, kehrte der Rei⸗ ſende in einer am Wege liegenden Schenke ein. Schon war dieſe mit ſchnarchenden Fuhr⸗ leuten und jubelnden Wandergeſellen beſetzt, fuͤr den Ankommenden aber kein anderes Plätz⸗ chen, als neben dem ſich am vorgelegten Ha⸗ fer Labenden, zu finden. Still und der Folgezeit nachdenkend, ſaß der Halbſchlummernde auf einem Futterſacke. Das Geſpraͤch zweier Eintretenden machte ihn zum Horchenden. Ein verfluchtes Wetter, brummte eine rauhe Stimme, jetzt iſt es die Frage: ob er kom⸗ men wird? Das ware der Teufel, haben umſonſt ſchon zwei ganze Naͤchte uns umhergetrieben, repli⸗ eirte der Kammerad, doch, ſetzte er troͤſtend hinzu, doch, von nichts kommt nichts, der — 166— Biſſen iſt nicht uͤbel, wird wenig Arbeit ma⸗ chen, und Hanns iſt mit uns einverſtanden. Venmn er nur das Geld bei ſich hat, ſprach die erſte Stimme, ſich dem Futterſack des Lau⸗ ſchers naͤhernd, welcher um die Fortſetzung des intereſſanten Geſpraͤchs nicht verluſtig zu ge⸗ hen, den Ruhepunkt raͤumenb, ſich in die EScke gebruckt hatte. IF freilich, brummte der Nachfolger, er iſt ja hingereißt, um das Geld zur Ausſtattung der Tochter zu heben. Der Regen hatte nachgelaſſen, und mit ei⸗ nem„nun komm“, damit wir nichts verſaͤumen, machte ſich das edle Paar reiſefertig. Du fullſt den Pferden in die Zuͤgel, in⸗ ſtruirte der Rauhe, wirfſt Hanns vom Bocke, und ich werde unterdeſſen ſchon mit dem Alten fertig werden. Im Falle dieſer ſich vertheidi⸗ gen ſollte„kommſt Du mir zu Huͤlfe. Damit verließ die Raub⸗Geſellſchaft den Stall. Heinrichs Entſchluß war gefaßt, der Braune geſaͤttigt, und der eben hinter den Wolken her⸗ vortretende Mond ließ ihn die Geldbegierigen auf dem Wege nach A. wahrnehmen. Ein Schuß, das verabredete Angriffszeichen, beflugelte das edle Roß. Eben zogen die Gau⸗ ner den wohlbepackten Koffer ins Dickigt, der wohlinſtruirt⸗ Hanns lag wie tod am Boden, ein mit erſtickter Stimme jammernder Alter aber ſuchte ſich unter der Pechkappe hervorzu⸗ arbeiten. Die zwiſchen ihnen rchſehe Kngel ſtöhrte die Eifrigen in der anſtrengenden Ar⸗ beit, der Todte hob langſam den Kopf aus dem Graben, der Bekappte 8½ bat sn thig um 5 Leben. —————— Doch nicht ſo leicht ließen die Aufgeſchreck⸗ ten ihre Beute fahren. Der tenius interveniens mußte bekaͤmpft werden, die Veute war zu an⸗ lockend; und kaum hatte dieſer ſich von nenem — 168—. ſchußfertig gemacht, ſo blitzten dem lng Veſſer⸗ entgegen. Schonun konnte nicht lnger ſtatt finden, der gewandte Reuter ſchoß dem Raͤchſten durch 3 den Arm, der andere aber ſprang, fluchend mit einer klaffenden Schmarre verſehen, ſeinen wimmernden Kampfgenoſſen nach; Hanns aber ward durch gewichtige Mittel aus dem Reiche der Todten und zur Pflicht zuruͤckgefuͤhrt. Der ſtolze Kauf⸗ und Handelsherr, Adam Graff, wimmerte noch elendiglich unter ſeinem Kopfputze, erſtaunte in dem, ihn deſſelben Ent⸗ ledigenden, einen verſchmaͤhten Bekannten zu begrußen„umſprang jubelnd den geretteten Koſſer, umarmte unter Verſicherungen inniger Dankbarkeit und Verpflichtung den Blutenden, ſuchte vergebens den beim erſten Angriff ver⸗ ſchwunbenen Schwiegerſohn, und ſchloß, den pflichtvergeſſenen Hollaͤnder, der treulos den 4 von Noth umgebenen verlaſſen hatte, verwün⸗ ſchend. — 169— Raſch gings vorwaͤrts. Mit geſpannter Piſtole trabte Heinrich an der Seite des tief⸗ betruͤbten Roſſelenkers, als eine Schmerzens⸗ Geſtalt aus dem neben der Straße herlaufen⸗ den Graben ein freudiges Halt zurief. Das iſt der junge Herr, brummte Hanns, polternd entledigte ſich der Bewohner des Wa⸗ gens verſchiedener Haſenfuͤße, und ſtellte im hoͤchſten Grimme dem Gratulirenden den goͤt⸗ tergleichen ehrenwerthen Retter vor, Herzlich ward im heimathlichen Hauſe an⸗ gekommen, der Ermuͤdete bedankt und belobt. Lauſchend hoͤrten die herbeiſtroͤmenden Hand⸗ genoſſen den Zufall, alles draͤngte ſich um den durch Blutverluſt Ermatteten, und kaum eines Blickes ward der ſich Verbeugende, Compli⸗ mente und Empfehlungen ſtotternde, gewuͤr⸗ diget. Herr Adam war zu ſehr mit ſeinem Retter beſchaͤftiget, beeilte, durch derbe Fluche, die Dienerſchaft zur Herbeiholung des Arztes, ver⸗ traute im Geheimen, der um den theuren Ge⸗ lobten, beſchaͤſtigten Tochter, daß ein bedeu⸗ tender Dheil ſeines Vermoͤgens auf dem Spiel ſtand, und brachte durch einen gewichtigen ſ Seitenblick und einen hingeworfenen Ratzen⸗ ſchwanz, den mit der neugierigen Lante con⸗ verſirenden, ſich blaͤhenden Swiesſrhn tls lich in Ruhe. Verbannen Sie doch, ſprach am andern Morgen nach der Fiebernacht der beſchwichti⸗ gende Arzt, verbannen Sie doch die ſeltſamen Gebilde. Hoͤren Sie auf, ſich zu beunruhigen, bat die wohlwollende Tante, und naͤher bat der Kranke, den durch die Spalte der Thuͤre das Koͤpfchen ſieckenden Seelen⸗ Arzt. Guter Menſch, ſprach die Holde, neigte ſich, trotz des Arztes Winken, zum Ermatteten, und helle Perlen floſſen auf die blaſſe Wange des Fiebernden. Der Vater weiß, was Du mir biſt, mein —— Herz trat auf meine Zunge, lispelte ſie. Aus Traͤumen erwachte der Kranke, rief in freudi⸗ ger Beſtuͤrzung: iſts moͤglich? umſchlang die Glähende, und ſiel, bis zur heftigſten Ab⸗ ſpannung ermattet, in einen jener fabelhaften Traͤume zuruͤck, in welchen Acten und Moͤn⸗ che, verlohrene Knaben und raubſuͤchtige Col⸗ legen vergebens geſucht und beſchworen, end⸗ lich als Bilder der Phantaſie ſich aufloßten. Das Wundfieber war voruͤber, Vater Adam ſaß dankbegierig am Bette der Geneſenden. Der reiche Schwiegerſohn war Kraft des er⸗ probten Heldenmuthes mit einer kaufmaͤnni⸗ ſche Speculation erforberlichen Summe abge⸗ ſpeißt, der Guͤtige, ſeit ſeiner letzten Reiſe umgewandelte aber warf, nach vorhergegan⸗ ner Verſicherung die heimiſche Flur, und die väterlichen Penaten nie verlaſſen zu wollen, die lauſchende Jungfrau an die Bruſt des Glůck⸗ chen. Die Theilnahme war allgemein. Freund⸗ ich und freunbſchaftlich tte erfreut uͤber die gluͤckliche Wendung des Schickſals, jeder redlich Meinende die Hand dem jungen Hel⸗ den, als dieſer an der Hand des leitenden Schwiegervaters nach einer ziemlich gefahrvol⸗ len Krankheit zum erſtenmal nach Vni Keuer c Fuͤglich könnte ich hier, geehrter Leſer, neii Feder niederlegen. Wir ſehn die Liebenden am Ziele, in Folge eines Tages, der verhaͤngniß⸗ voll genug, das Sehnen und die Wuͤnſche un⸗ ſerer Freunde zeitigte. Euch aber, edle Heldenſoͤhne des deutſchen Vaterlandes, die jetzt nach berſtandenem Kam⸗ pfe unmuthsvoll uͤber manche vereitelte Hof nung, dem Schickſal grollen, Euch umſchwebe für und fuͤr der ſchutzende Genius Eures De⸗ ſeyns. 3 3 In den bangen Stunden des ungluͤcks, ww das i vochend Herz Rettung und Ruhe N. —— —— — vergebens ſucht, fuͤſtre er, linbernd den herben Schmerz: Treue, Liebe und Hoffnung. Doch wer von Euch, Verehrteſte, iſt nicht neugierig genung, mit Heinrich einige Blicke in jene vermoderten Acten zu werfen, und das liebende Paar an den Draualtar zu begleiten. Der Styl und die Handſchrift zeugten vom hohen Alter. Wichtige Prophezeiungen, in dunklen Worten ausgedruͤckt, jedoch durch die eit⸗Begebenheiten theilweiſe erklaͤrt, wenn der Inhalt und Anmerkungen aus verſchiede⸗ en hintereinander folgenden Jahrhunderten beſtätigten die Nachrichten vom Erſcheinen der weißen Ahnenfrau. Zwar bleibt es unenträthſelt, woher und on wannen ſie kam, zwar bleibt es unerklaͤr⸗ wie S Papiere den raubgierigen Haͤn⸗ den der ufurpatoren unentbeckt bleiben konn⸗ ten, doch welches menſchliche Auge kann in die Geheimniſſe der Natur eindringen. Die halb⸗ vermoderten Zeugniſſe bekroͤftigten die Sage. In ſoweit es mir erlaubt iſt, in ſoweit 6 Dich, guͤtiger Leſer, befriedigen kann, werd ich Dir einen Auszug jener deutſamen Papien geben, welche mir der Mann, deſſen Schickſ durch das guͤtige hoͤhere WVeſen ſo glůͤcklich ge ſtaltet wurde, zukommen ließ. Halb vermodert lagen ſie vor dem Entratß ſelnden, und mit Muͤhe entwickelte der Forſche die Bruchſtuͤcke. um den lang entbehrten geliebten Bruder zu hen, um in den heimathlichen Fkuren des geliebin Vaterlandes ihr erſtes Wochenbette zu halten, eile Frau Eleonora, Maria Eleonvra, Gemahlin Albreht Friedrichs von Brandenburg, Herzogs in Preuſſel, Tochter Herzogs Wilhelms zu Cleve, Schweſter P hann Wilhelms von Eleve, aus den unwirthbaren Steppen des Nordens zur alten Stammburg zurůc. Schwer war die Entbindung, nur durch die wu derbare Huͤlfe eines am Bette der Ermatteten erſchi⸗ nenden hohern Weſens im blendend weißen Frautn“ t — Gewande, genaß ſie eines xschretteins, die Frucht ehelich⸗keuſcher Liebe. Ich, Hylarius, Beichtiger und Haus⸗Caplan, gab dem Kindlein, wegen Krankheit der Frau Her⸗ zogin, in deren Cloſet die Weihe der Chriſtenheit. Rund um ſtanden die hohen Taufzeugen, und als ich das geweihte Waſſer auf des Mägdleins Haupt rie⸗ ſeln ließ, da ſchwebte, wie auf Engels⸗Fittigen ge⸗ tragen, eine im ſonderbar geſtalteten weißen Gewande hohe ſchoͤne Frau, durch den Kreis der ehrerbietig zurücktretenden Pathen, hoͤrte andachtig die heiligen Worte der Meſſe, nahm hierauf das Kindlein aus der erſchrockenen Waͤrterin Arm und legte es ſanft an der Mutter Buſen. Pflege und warte es, ſprach ſie in Harfentoͤnen, der ihrer Helferin, ihrer Troͤſterin zulachelnden, dieſes Kind ſoll nach dem Rachſchluß des Ewigen die Stammmutter eines wüͤrdigen Fuͤr⸗ ſtenhauſes werden. Eine am Buſen prachtvoll bluͤ⸗ hende Roſe legte ſie zu des Kindes Haupte. Bewahre en ht en, en ten Lobgeſang. i ſie wohl, ſprach ſie zur horchenden Mutter hinge⸗ neigt, bewahre ſie wohl, ſie ſey Dir ein Zeichen, daß des Schickſals hoͤhere Wcht uͤber Heze Hauſe wachen, Es war ein guter Geiſt, hatte Pater Hilarius an der Seite angemerkt, denn in Andacht, auf ihre Kniee hingeſunken, hoͤrte ſie den von mir angeſtimm⸗ Zeihne zum Andenken der Wahrheit dieſes auf, ſprach ſje, zu mir gewandt, denn mein Erſcheinen mit eiuer bluͤhenden Roſe am Buſen, zeigt ſtets ein frohes Ereigniß dieſes Fuͤrſtenhauſes. Doch traürige Zufälle genug werden im Laufe der Zeit hervortreten. Ich darf, ich kann ihnen nicht wehren, doch trauernd wird dann ſtatt der bluͤhenden Roſe ein ſchwarzes Kreuz, das dereinſtige Panier des Befreiers und ſei⸗ ner tapfern Helden an meinem Buſen ſchwanken. Vieler ritterlichen Helden Stammmutter ſoll die⸗ ſes Mägdlein ſeyn, alle werden einen harten ſchwe⸗ ren Kampf beſtehen, denn nur durch Truͤbſal fährt der Herr die Seinen. Ein ſpäter Sproßling, aber unter allen der Beſte, der Väterlichſte, der Froͤmmſte, wird am it lei⸗ den⸗ wird am meiſten dulden. Ihn drohet des Tyrannen Wuth zu antelhricen er muß ſein treues Volk in Ketten der Despotie, den bewährten Bruder im Kampfe fallen und in der Bluͤ⸗ the der Jahre die geliebte Gattin dahin welken ſe⸗ hen. Doch hoch und hehr, wie die vaterlaͤndiſche Eiche im Sturme wird er, freue Dich, Helias,*) des ritterlich wurdigen Enkels, dem Schickſale, dem ungluͤckbringenden entgegen treten. Mit Frömmig⸗ keit und Muth ausgeruſtet, zertritt er der ziſchenden Schlange den Kopf, und mit ſeinem Retter vereint, wird er die Hriflamme des Kreuzes ſchwingend, mit dem ehernen Kreuze auf der Bruſt, Tod und Verder⸗ ben in die Reihen der Henkersknechte tragend, das väterliche Erbe unter dem milden Scepter vereinen, und lange noch der Begluͤcker meines edlen tugend⸗ haften i Volkes ſeyn.——— 6) Selias, den Schwanenritter, nennt uns die San alz„ Stammvater der Srse von v. —— —— — 1 — Und einſt in ſpätern Zeiten, wird hoch und hehr dieſes edlen Stammes Sproſſe, ein großes maͤcht'ges Volk, durch Wahl der Nationen, beherrſchen, und am Throne des Hochverehrten werden Volker aus Sud und Nord den Lribat der Hochachtung und Liebe bringen. Sprachs und verſchwand vor den Augen der ſun⸗ ſtehenden. Doch wenn alljährlich Frau Eleonore, getrenne vom wahngläubigen Gemahl, mit der kleinen heran⸗ wachſenden Anna im großväterlichen Schloſſe haußte, ſah man freundlich und freundſchaftlich den Burg⸗ geiſt der Kleinen nahen, und freudig eilte dann dieſe der lieblichen Erzaͤhlerin entgegen, denn mit den Fa⸗ beln der Vorzeit bildete ſie des Mädchens Geiſt und Herz. Dem alten treuen Diener des Hauſes war das Gluͤck vergonnt, vor dem Altar des Herrn die Hand ſeines Zöglings in die des Geliebten zu legen. Mir nur und dem Brautpaare ſichtbar, ſtand die Wunder⸗ bare den Edlen zur Seite, ſegnend legte ſie die Hand auf die Stirne der Neuvermählten, und von hoher Ahndung durchdrungen, verſprach Johann Sigismund durch Treue, Liebe und Glauben der jungen Gattin Gluͤck zu gruͤnden. 10. Der wuͤrdige Diener des Herrn iſt nicht mehr, ſtand als Bemerkung eines ſpatern Schreibens unter dem merkwuͤrdigen Actenſtuͤck. M — 178— Lange hatte die weiße Frau ſich nicht ſehen laſſen, da ſchwebte ſie, am Todestage ihres Schüßtings war', tief betruͤbt und langſam, das trauerzeugende Kreuz am Buſen, auf dem offenen Gange, welcher die Aus⸗ ſicht über die reichen Gefilde des Herzogthums dar⸗ both, und auf welchem Anna fraͤherhin ſo oſt mit der Wunderbaren luſtwandelte. Und Viele ſahen ſie, und Alle glaubten, und die Sage von der weitt Frau verbreitete ſich im ganzen Lande. Bis zum Jahre 1653 waren einzelne Be⸗ merkungen uͤber das Erſcheinen des wunder⸗ baren Weſens fortgeſetzt. Mehrere hatten die Freude⸗Verkuͤnderin, Viele die unglückspro⸗ phetin geſehen, doch mit di eſem ſchloſſen ſi ſich die Anmerkungen, und nur die Tradition er⸗ hielt das Andenken an die Herumwandelnden. Doch in den verhaͤngnißvollen Jahren 1806 und 1811 ward der Glanbe zur Gewißheit, denn in der mitternaͤchtlichen Stille und in der Mittagsſtunde ſahen glaubwürdige Zeugen die tieftrauernde Ahnenfrau auf dem wohlbe⸗ kannten Gange, ſtill und betruͤbt das ungluͤck⸗ weiſſagende Kreuz auf der Bruſt Mihe chen. — 179— Die enträthſelten Acten⸗Stücke nebſt der Auflöſung waren abgeſandt. ener liebliche Knabe mein Wegweiſer, ſo erzaͤhlt Heinrich weiter, war vom dankbegierigen Schwiegerva⸗ ter an Kindesſtatt angenommen, und den mit⸗ telloſen Eltern aber vom reichen Handelsherrn — ein zulaͤngliches Auskommen angewieſen. Dankend hatte ich meine Verſetzung ins Kriegs⸗Miniſterium, dem geleiſteten Verſpre⸗ chen gemaͤß abgelehnt, und aus dem Kreiſe der theilnehmenden Freunde fuͤhrte Herr Adam den Retter ſeiner Julie zu. Das Leben iſt ein Blitz, ſprach, ſich raͤus⸗ pernd, der Paſtor, als Einleitung zur Trau⸗ ungsrede, und die Ehe eine Schule der— Ge⸗ duld, wollte er hinzuſetzen: als ein Rlick der Gefaͤhrtin ſeines Lebens die Geduld in eine DTugend umwandelte. Eine Quelle geheiligter Freuden, ein Nittel zur hoͤchſten Veredelung. Durch dieſe Ringe, ein Sinnbild der Ewig⸗ M2 — 180— keit, verbinde ich die ſich liebevoll umfangen⸗ den Haͤnde, dieſe Herzen, die ſo zaͤrtlich ein⸗ ander entgegen ſtreben. Zaͤrtlich ſo eben nicht, dachte der Schmerz⸗ gefolterte, denn Juliens Fuͤßchen tanzte ein Solo auf dem gewaltigen Leichdorn des Zuhoͤ⸗ rers, deſſen Lachreiz bei der einſigen Arbeit, ſich die Oberherrſchaft, auf der Tante Rath, zu erringen, und durch das Anbenken an die wichtige Stunde zuruͤckgedrängt wurde.*) Lief ſich verneigend, unterbrach der Paſtor ſeine Rede, herzlich umarmend hielt mich ein Unbekannter feſt. Rathe, wer Dir gratulirt, ſprach eine be⸗ kannte Stimme, und frendig rief ich den Na⸗ men des lange vermißten zaͤrtlichen Freundes. Es war Rudolph, in der prachtvoll deco⸗ *) Anmerkung. In jenem Lande iſt es Mode, daß die Damen bei der Trauung ihren Fuß auf den des Mannes ſetzen, um nach der alten Mythe ſich die Oberherrſchaft zu erringen. — 18— rirten gtee mit dem Orden des vewen ſtes auf der Bruſt. Ihm war es an jenem Tage gelungen, den Prinzen aus dem Droß der Eiſenmaͤnner, wel⸗ che ſich von neuem geſammelt hatten, heraus⸗ zuhauen, der Dankbare belohnte die tapfern“ Reuter, umarmte im Angeſichte des Heeres ihren Anfuͤhrer, als ſeine en Retter, und ver⸗ pflichtete ſchluͤßlich den Geehrten, 6 Wuz als Freund zu begleiten. Spaͤterhin erſt erfuhr der Freund die Zu⸗ ruckgezogenheit und das Leben des Lodtgeglaub⸗ ten. Reue erfuͤllte ſein Herz, und der noch vicht verloſchne Funke ehemaliger Freundſchaft entdeckte dem dankbegierigen Prinzen die wahre Urſache der wunderbaren Rettung, und des wackren Freundes mißliche Lage. Leicht war mir jetzt jener unverhoffte Ruf zu erklaͤren, mehr aber ward noch der umher⸗ ſtehende Kreis der Gluͤckwuͤnſchenden ͤber⸗ raſcht, als der Abgeſandte im Namen des dankbaren Fuͤrſten dem Freunde das neugeſtif⸗ tete Ehrenzeichen in Folge der eingeſandten † merkwuͤrdigen Nachrichten, und das Diplom N als Nachfolger des kuͤrzlich verſtorbenen Land⸗ rathes ſeiner Vaterſtadt üͤberreichte. Die geehrte Landraͤthin warf ſich, vom Tanze erſchoͤpft, in die Arme des Warnenden, der eben den Hofprediger uͤber die, durch die Da⸗ zwiſchenkunft verlohrene Rede troͤſtete, und bei⸗ 4 gehend des Leichdornes gedachte, welcher ihn, waͤhrend der ſchonſten Stelle der erbaulichen Rebe, zum Schmerzensmanne gemacht habe. Ankunft des Fremden gemacht ha⸗ ben. i In ber einſamen Brautkammer aber um⸗ ſchlang das liebende Weibchen, den ſtill und andaͤchtig die Fuͤgungen des Himmels Bewun⸗ BVedeutungsvoll erinnerte ſich bieſer eines ihn⸗ lichen Schmerzes am Trauungstage, die a⸗ chelnde aber wollte nur den Vertieften auf die — — — — — 183— dernden, vereinte mit dieſem die feurige Dank⸗ Erinnerung, an die, welche ihr Schickfal ſo gluͤcklich geleitet hatte, und Herz an Herz ge⸗ neigt, gelobten Beide, begleitet vom e fin⸗ nigen Accord der Saiten: Treue, Liebe und Hoffnung. Und wenn durch dieſe Dichtung, die hohe ſchoͤne Flamme der Tugend in gleichgeſtimm⸗ ten Seelen befeſtiget wuͤrde, wenn dieſe Worte die herbe Thraͤne vom trauernden Auge trock⸗ nen, dem ſtill Leidenden Troſt und Muth ein⸗ flößen koͤnnten, o Zeit, dann hemme deinen Flug, dann ſpare meine Tage, um Euch unſterblichen Gottheiten, Treue, Liebe und Hoffnung, noch lange das Opfer meiner S zu wei⸗ hen. Ende. ₰— — — — — S 8 — * ²5 — — — — 8 — — — — 5 8 — 8 S b. 10 11 12 13 14 18 ſſn 16 17 18 19 20