. Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Feſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ „ pfangnahme und R der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Legepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. aution⸗ Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgeg nnahme 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchente Summe „. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurück rſtattet 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werde und eträgt: 5 für ſhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2 auf 1 Monat:— Pf 1 M. 50 Pf. 2 M.— Pf. „3„ 2 5. Auswärtige ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Foſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Fortſebung der Erzaͤhlung eines ſpani⸗ ſchen Soldaten⸗ i⸗ Kapitel. —— Otwohl ich eben kein großer Philoſoph bin, ſo habe ich dennoch bemerkt, daß unſere moraliſche Exiſtenz ganz und gar durch aͤußere Eindruͤcke und Umgebun⸗ gen beherrſcht wird. In der Sklaverei ſind wir kalt und gefuͤhllos, im Kampfe begeiſtert und groß⸗ herzig geſinnt, und ſo richtet ſich unſer inneres Le⸗ ben ſtets nach dem Sinken oder Steigen unſerer au⸗ ßeren Lage. Die Cadixer Ereigniſſe, dieſe v Stadt ſelber, dies wiederzuerobernde Vaterland, dieſer Se⸗ nat, der einem vom Feinde beſetzten Reiche Geſetze gab, und der mitten unter den Donnern und Blitzen des Krieges ſeinen Sitz aufgeſchlagen hatte, dieſer große Kampf aller Momente, deſſen moͤgliche Wech⸗ ſelfaͤlle die Phantaſie nicht vorausſehen, auf deſſen gluͤcklichen Ausgang blos eine echtſpaniſche Stand⸗ haftigkeit zu hoffen im Stande war, endlich dieſe ſo 1* ——= —— —— 4 verſchiedenen Gefuhle eines Staatsbuͤrgers, eines Geſetzgebers und eines Soldaten, die in unſeren Her⸗ zen ſich miſchten, dies alles zuſammen erhob unſeren Geiſt auf eine Hoͤhe, die der Menſch unter gewoͤhn⸗ lichen Zeitverhaͤltniſſen kaum ahnden mag. Unſere Empfindungen ſchoͤpften aus der Gefahr und aus der Hoffnung, aus dieſen beiden Quellen alles Gro⸗ ßen und Hohen, das es nur irgend auf Erden giebt, eine neue Kraft und Lebendigkeit. In Alonſo's Bruſt gaͤhrte eine uneratntt glů⸗ hende und duͤſtre Leidenſchaft; er ſcheute ſich eben ſo ſehr vor der Geſellſchaft, als vor der Einſamkeit. Bisweilen verließ er auf einmal ſeine niedrige Woh⸗ nung, eilte hinaus, und ſuchte am Geſtade, dem unermeßlichen Weltmeer gegenuͤber, die kuͤhlende Seeluft einzuathmen; ein andermal wieder wurden ihm die verſtreichenden Stunden zu einer Ewigkeit, er eilte dann nach dem Kloſter Maria's, ſah ſie in Thraͤnen und durch ihre Verzweiflung verſchoͤnert vor ihrem Kruzifir auf den Knieen liegen, er druͤckte ihr dann die Hand, wollte ſie nach der Urſache ihrer Ge⸗ muͤthsunruhe fragen, und, indem er ſich die Frage ſelber durch einen tiefen Seufzer beantwortete, ſank er gebeugt unter der Laſt ſeiner Herzensangſt nieder, bis die Markiſin erſchrocken herbeieilte, um in ihm eine Kraft zu wecken, die ſie ſelber nicht beſaß. Mein trauriger Freund vertraute mir ſeinen Kummer; er geſtand mir, daß ihm ein Gedanke ganz dunkel vorſchwebte, an welchem er noch nicht mage ſich feſtzuhalten. Die Hrakelſpruͤche der Gi⸗ —, — —— 5 tana, jenes ſeltſame Geheimniß, wovon ſie mit ihm geſprochen, die eiferſuͤchtige Unruhe der Graͤfin, die ſeltfamen Worte, die ihr mehr als einmal entſchluͤpft waren, endlich gewiſſe dunkle Erinnerungen aus ſei⸗ ner Kindheit erfuͤllten ſeine Seele mit Unruhe. Bald ſeufzte er nach dem Augenblick, wo die Sperrung von Cadix aufgehoben werden wuͤrde und wo er Donna Leonor, ſeinen Vater und die Gattin Bartolomeo's befragen koͤnnte, bald erſchrack er uͤber ſeine eigenen Zweifel und ſuchte ſie zu verbannen. Eines Tages kehrte ich ſo eben mit ihm von einer Streiferei am Meeresgeſtade zuruͤck, wo wir gemein⸗ ſchaftlich alle Geheimniſſe ſeines Schickſals oder ſei⸗ ner Verzweiflung erwogen hatten. Da lief ein eng⸗ liſches Fahrzeug in den Hafen ein; die muͤßige Volks⸗ menge eilte nach demſelben hin und wir folgten dem Haufen. Es waren Verwundete vom Heere des Balleſteros und Paſſagiere aus Gibraltar, die hier ausgeſchifft wurden. Unter der Zahl der Anlanden⸗ den befand ſich auch eine Frau, die ſich ganz verwirrt umſah; Alonſo erblickte ſie, und ſtuͤrzte ſofort ſeiner Mutter entgegen, die ihn in ihre Arme ſchloß und in Thraͤnen ausbrach.„Mein Vater,“ rief er aus, „was iſt aus meinem Vater geworden?“ Donna Leonor erhob ihren Blick zum Himmel empor, und dies war ihre ganze Antwort. Ihr Sohn blieb ſprachlos, wie ein Menſch, der ſich vor einem grau⸗ ſamen Beſchluß des Schickſals verneigt. Sie er⸗ zaͤhlte uns, wie der großherzige Greis und mein Va⸗ ter, nachdem ſie im Leben Feinde geweſen, gemein⸗ 6 ſchaftlich fuͤr die heilige Sache Spaniens und ihres Koͤnigs ihren Tod gefunden haͤtten. Die ungluͤckliche Franzoͤſin war ſelber auf dem Schauplatz der oͤffent⸗ lichen Hinrichtung geweſen, ſie hatte von weiten den Spanier, der ihr Verfolger, und den Spanier, der ihr geliebter Gatte geweſen, neben einander knieen geſehen, um eine und dieſelbe Strafe zu empfangen; ſie war hinzu geeilt, war außer ſich auf die noch warmen Leichen hingeſunken, und als ſie aus dieſem erſten Wahnſinn des Schmerzes wieder erwachte, hatte ſie einen ihrer Soͤhne neben ſich erblickt, der vor Verzweiflung ſinnlos zu ſein ſchien.„Ungluͤck⸗ licher!“ hatte ſie dieſem zugerufen,„warum haſt du nicht deinen Vater gerettet?“ Fray Pablo war eiligſt davon geflohen und hatte den Fluch Gottes und der Menſchen auf ſein eigenes Haupt herabgerufen. Er kam nicht mehr wieder, und ſo war niemand da, als die Graͤfin, um die ungluͤckliche Gattin und Mut⸗ ter zu unterſtutzen, ſie war es auch, die mehrere Tage lang fuͤr ihre Pflege und Erholung geſorgt und ihr die Reiſe nach Cadix moͤglich gemacht hatte. Die eifrigen Bemuͤhungen Matea's wuͤrden vielleicht die Bitterkeit jener entſetzlichen Augenblicke gemildert haben, wofern irgend etwas auf der Welt im Stande waͤre, das Zerreißen eines Bandes, das unſer gan⸗ zes Daſein umſchlang, minder grauſam zu machen. Alonſo ward von der liebevollen Sorgfalt der Mutter Aldouza's geruͤhrt; er hoffte, daß die Religion, die Zeit und die Abweſenheit in das Herz ſeiner vorma⸗ ligen Geliebten an die Stelle ihrer gebieteriſchen 7 Leibenſchaften und ihrer ſtrafbaren Wuth milbere Gefuͤhle und eine ſanfte Reue pflanzen wuͤrde. Wir giengen traurig neben einander her. Als wir an der Schwelle des kloͤſterlichen Zufluchtsortes Maria's angekommen waren, nahm ich von ihnen Abſchied; ich bedurfte jezt mehr als je die Einſam⸗ keit bei alle den Gefuͤhlen, die das Herz eines Soh⸗ nes in dem Augenblicke beſtuͤrmen, wo er erfaͤhrt, daß der Urheber, der fruͤhſte Freund, der Fuͤhrer ſeines Lebens auf immer die Augen geſchloſſen hat. Es giebt keine ſchmerzliche Empfindung, die ſich nicht zulezt in dem Gefuͤhl einer ewigen Trennung verloͤre, und kann uͤberhaupt wohl ein Vater ſeinen Kindern einen anderen Eindruck hinterlaſſen, als den der Liebe und der Sehnſucht? Ich ſchrieb ſogleich meinem Bruber, welches Ungluͤck uns betroffen. Ich meldete ihm, daß ich von dieſem Tage alle meine Einkuͤnfte— dbas einzige von der Verlaſſenſchaft meines Vaters, woruͤber ich frei verfuͤgen durfte— zur Haͤlfte mit ihm theilen wolle. Dieſe Einkuͤnfte waren indeß durch die un⸗ ermeßlichen Legate, die der verſtorbene Herzog den Kloͤſtern vermacht hatte, um die Haͤlfte vermindert, und einen Theil der uͤbrigen hatten die Glaͤubiger der Familie in Beſchlag genommen. Indem ich nun ſo durch meinen Beſitz, ich meine durch meine Ohnmacht und durch meine Schulden eingeklemmt war, ſeufzte ich nach dem Augenblick, wo die Cortes ſo dreiſt ſein wuͤrden, dieſe ungereim⸗ ten Einrichtungen aufzuheben und mich aus einem bloßen Nutznießer zu einem wirklichen Beſitzer meiner Guͤter zu machen. Es iſt wirklich ſeltſam, daß man den Adel, um ihn zu ehren, in einer ewigen Minder⸗ jaͤhrigkeit erhaͤlt, und daß wir die einzigen ſind, die weder etwas verſchenken noch verkaufen duͤrfen. Wir ſind Leibeigene, die an die Scholle gebunden, deren Kleider aber an allen Naͤhten vergoldet ſind. um wie viel reicher wuͤrde ich nicht geworden ſein, wenn ich haͤtte den Verbindlichkeiten meiner Ahnen Genuͤge leiſten, mich von dem Joch des herkoͤmmli⸗ chen Brauches befreien und den arbeitſamen Acker⸗ bauern die Valdios*) meiner Familienguͤter ver⸗ kaufen koͤnnen! Um wie viel gluͤcklicher wuͤrde ich mich gefuͤhlt haben, wenn ich mit meinem Bruder meinen Rang und mein Sbibn haͤtte theilen koͤnnen! Alonſo blieb n Zeit bei Maria und ſeiner Mutter. Endlich gieng er von ihnen hinweg. Es war ſchon ſpaͤt in der Nacht, und er hoͤrte auf ein⸗ mal raſche Fußtritte hinter ſich her kommen. Seit⸗ dem er und die Markiſin ſich in Cadix aufhielten, waren beide mehr als einmal ſchon vom Dolch be⸗ droht worden; er wickelte daher ſeine Hand aus dem Mantel, um im Nothfall nach ſeinem Degen greifen zu koͤnnen. Da rief auf einmal eine Stimme, deren Don ihm ganz unbekannt war, zu:„Don Alonſo, jenes große Geheimniß, das euch die Gitana zu enthuͤllen verſprochen,„ wenn ihr es erfahren *) Brachliegende Ländereien. N —— wollt, ſo folget ihr in das Reich des Satans nach.“ Er drehte ſich um, und das unbekannte Weſen fuhr weiter fort, indem es ſich mit großen Schritten ent⸗ fernte:„Ihr ſeid noch nicht am Ende eurer Pein!“ Den folgenden Dag traf gerade der 2. Mai. An dieſem ward das Andenken an die edlen Opfer, die fuͤr das Vaterland im Prado gefallen, durch eine allgemeine Trauer und durch ein religioͤſes Feſt ge⸗ gefeiert. Don Mathias hielt eine Leichenrede, die den Todten zu Ehren durch ihre erſtaunliche Laͤnge und Weitſchweifigkeit die Lebenden in Verzweiflung ſetzte. Der Doctor entwickelte die Tugenden und Talente aller der ſpaniſchen Offiziere, die ſich auf dem Felde der Ehre ausgezeichnet hatten. Den fremdklingenden Namen des erſten derſelben konnte ich nicht verſtehen; der zweite, dem er eine Lobrede hielt, war Bacchus, der dritte war Herkules, der vierte Geryon. Ihr koͤnnt nun leicht denken, wie viel Zeit er brauchte, um von Arganthonius bis auf die Kaͤmpfer von Sagunt und Numantia, von Vi⸗ riathus bis zum Cid, vom großen Gonſalvo bis auf die Helden des 2. Mai, Daviz und Velarde, herab zu gelangen, die bei Vertheidigung des Thores Fuen⸗ carral ihren Tod bei ihrem Geſchuͤtz fanden, und zugleich die Bahn der Aufopferungen und des Ruh⸗ mes eroͤffneten, welche die Nation nach ihrem Vor⸗ gange betrat*). Alljaͤhrlich am 2. Mai ſegnet und beweint die ſpaniſche Nation das Andenken derſelben — ) S. B. II. S. 301. 10 in allen Kirchen des Reichs, und ihre Namen, die nebſt dem des Gouverneurs von Girona, Alvares, im Verſammlungsſaal der Cortes mit goldenen Buch⸗ ſtaben geſchrieben ſtehen, ſind ſo unvergänglich, wie die ſpaniſche Freiheit, deren erſte Gruͤnder und Maͤr⸗ tyrer ſie waren. Alonſo wohnte, ſo wie ich, dieſer Feierlichkeit bei. Ganz ſeiner Betruͤbniß hingegeben, bemerkte er die Blicke nicht, die auf ihn gerichtet waren. Ich ſelber wußte nicht, welche unſelige Neugier auf alle Bewegungen, auf alle Mienen meines Freundes auf⸗ merkte. Endlich verließ er die heilige Staͤte, voll Verlangen, ſich zu ſeiner Mutter zu begeben; doch er fand da niemanden, als die troſtloſe Markiſin. Seine ungluͤckliche Mutter war kaum in die Mauern von Cadir eingetreten, als ſie auch ſchon in einen Kerker geworfen wurde. Vergebens ſuchte er bis an ihre Perſon zu gelangen; er ſelbſt ſollte bald in Feſſeln geworfen und vor Gericht geſtellt werden. Ich kannte noch nicht den ganzen Bereich, in welchem die Keckheit der Leidenſchaften zu wirken vermag; ich wußte noch nicht, was ſie einzelnen Menſchen und beſonders den Partheien, dieſen be⸗ ſeelten und erhitzten Maſchinen, welche die Verblen⸗ dung jedes Einzelnen mit der Energie aller verbin⸗ den, einzureden und einzufloͤßen im Stande ſind⸗ Das folgende Jahr, naͤmlich das von 1843, hat mir das nur zu ſehr gezeigt. Unſere Gegner erdich⸗ teten in dieſer Zwiſchenzeit Komplotte, die nur zu beruͤchtigt geworden ſind; doch ihre Anzettelungen, 1⁴ die eben ſo abſcheulich als ungeſchickt angelegt waren, verloren ſich bis ins Laͤcherliche, und wurden zulezt vom Publikum verwuͤnſcht. Diesmal indeß gehoͤr⸗ ten die erſten Urheber jener Maſchinerie, welche Alonſo zu ſtuͤrzen beabſichtigte, gewiß einer ganz an⸗ deren Parthei an; nur rechneten ſie, um ſich des Erfolgs zu verſichern, auf die Erbitterung des Moͤnchsvolkes. Dieſe Erbitterung war wirklich ſehr hoch geſtie⸗ gen; denn wir hatten ja die Inquiſition bedroht. Nie war dieſe Parthei mehr entflammt, nie unter⸗ hielt man den großen Haufen ſo ſehr von einem, an⸗ geblich von uns entworfenen, Plane, vermoͤge deſſen Cadix den Franzoſen und unſere Feinde der Schaͤrfe ihres Schwertes uͤberliefert werden ſollten. Man ſah ganze Legionen von Moͤnchen die Zuſchauergalle⸗ rieen beſtuͤrmen und anfuͤllen, um die Redner unten waͤhrend der muͤndlichen Verhandlungen einzuſchuͤch⸗ tern; es waren dies faſt die einzigen Unordnungen der Art, die ich auf den Gallerieen des Verſamm⸗ lungsſaales der Cortes zu bemerken Gelegenheit ge⸗ habt habe, obwohl hinterher unſere Gegner, deren Gedaͤchtniß kurz und mangelhaft iſt, ſich uͤber den Schrecken beſchwert haben, den die Zuſchauer ihnen ſo oft eingejagt haͤtten. Die Regentſchaft gehoͤrte derſelben Parthei an, England legte dieſelben Ge⸗ ſinnungen an den Tag, eine laͤnger als zweijaͤhrige Belagerung hatte Cadix muͤde gemacht, und die ewi⸗ gen Feinde Alonſo's waren daher verſichert, daß, wenn ſie ihn als einen Agenten der Fremden angaͤben, 12 ſie im Kongreß wie im Publikum auf das kraͤftigſte unterſtutzt werden wuͤrden. Ich brauche euch nicht erſt weiter aus einander zu ſetzen, wie es kam, daß am Morgen des 2. Mai zwei Tageblaͤtter, die ſonſt die beiden aͤußerſten End⸗ punkte von entgegengeſetzten Meinungen bildeten, naͤmlich das von Fray Cayetano und das vom Com⸗ thur geleitete, auf einmal anzeigten, daß die Ruhe des Publikums durch Geruͤchte von Verraͤtherei ge⸗ ſtort wuͤrde. Jeder dachte beim Leſen, daß dieſe unheimlichen Geruͤchte, die noch nicht bis zu ſeinen Ohren gelangt waren, offenbar die ganze uͤbrige Stadt ſchon erfuͤllt haben muͤßten, und ſo war denn die Stadt ſehr bald von dem neuen Argwohn uͤber⸗ zeu gt und gepeinigt. Waͤhrend der feierlichen Zeremonie ward ein Menſch verhaftet, der ſich durch das Landthor nach Cadix einzuſchleichen ſuchte. Man entdeckte Briefe, unter dem Kragen ſeines Mantels eingenaͤht, die er der Aufmerkſamkeit der Thorwache zu entziehen ſuchte. Er ſelber erklaͤrte, daß er Fortunato heiße, und vor⸗ mals Gerichtsdiener des hohen Raths von Kaſtilien geweſen ſei. Die Papiere, die er bei ſich hatte, wa⸗ ren an Don Alonſo adreſſirt, er geſtand indeß weder von welcher Hand, noch an welchem Orte er ſie er⸗ halten habe. Einer von dieſen Briefen, der von Cordova aus datirt war, war unterzeichnet„Frah Pablo.“ Man fand darin den Plan einer zwiſchen beiden Bruͤdern eingeleiteten Verſchwoͤrung, der an⸗ dere war, wie es hieß, eigenhaͤndig von Matea ge⸗ 13 ſchrieben. Die Graͤfin meldete darin meinem Freun⸗ de, daß er dem Ueberbringer ein unbedingtes Ver⸗ trauen ſchenken koͤnne, und daß ſie dieſem zum ſichern Ausweis den Ring mitgegeben, den ſie einſt bei dem Vorfall zu Salamanca ihrem jungen Beſchuͤtzer ge⸗ ſchenkt habe. Dieſer koſtbare Ring fand ſich auch wieliſch am Finger Fortunato's. Bei der Nachricht von dieſer Entbeckung erin⸗ nerte man ſich, daß den Tag zuvor die Mutter mei⸗ nes Freundes in dem Hafen gelandet war, daß ſie jenſeits der Pyrenaͤen geboren ſei, daß einer ihrer Soͤhne am Hofe des Thronanmaßers glaͤnze, daß dieſer Verraͤther damals gerade Andaluſien durch⸗ ſtreifte, und daß ſie ſelber uͤber Gibraltar von den Ufern des Guadalquivir herkomme. Sie ward ſo⸗ fort ins Gefaͤngniß gefuͤhrt, und daſelbſt von Juſtiz⸗ perſonen uͤber folgende Punkte gefragt:„Seid ihr eine Franzoͤſin?“—„Ja,“ erwiederte die Ungluck⸗ liche mit Anſtand,„aber ich bin auch die Gattin ei⸗ nes kaſtilianiſchen Offiziers, der vor acht Tagen um der Sache Spaniens und der Bourbons willen von den Franzoſen erſchoſſen wurde.“—„Ihr ſeid ferner die Mutter eines Afranceſado?“—„Jaß aber ich bin auch die Mutter Don Alonſo's und der Heldin von Saragoſſa.“ Die Liberalen waren daruͤber beſtrt. Dieſe Anklagen, wie lägenhaft ſie auch immer ſein mochten, konnten doch ſehr leicht das Volk gegen die Sache der Staatsverbeſſerer ſtimmen. Es giebt Zeiten, wo jedermann vor einem gewiſſen Verdacht zuruͤck⸗ bebt. Wir waren durch die Verleumbungen unſe⸗ rer Gegner gezwungen, beſtaͤndig mit ihnen in Dar⸗ legung eines patriotiſchen Eifers zu wetteifern, und es gab wenige Mitglieder des Kongreſſes, die nicht ohne Bedenken einen Freund oder Verwandten auf⸗ geopfert haben wuͤrden, ſobald ſie in Gefahr kamen, nicht laͤnger mehr fuͤr einen feurigen Gegner der fran⸗ zöſiſchen Herrſchaft zu gelten. Ich zitterte daher, als ich erfuhr, daß man ſchon den folgenden Tag die Cortes um die Vollmacht erſuchen wuͤrde, die gan⸗ ze Unterſuchung der Juſtizbehoͤrde zu bergeben · Voll ungeduld, die Geſinnungen zu erfahren, die eine ganze Parthei bei dieſer wichtigen Verhand⸗ lung an den Tag legen wuͤrde, begab ich mich zu Sor Maria de los Dolores. Die ehrwuͤrdige Mut⸗ ter praͤſidirte in einem der heftigſten Klubs der Moͤnchsparthei. Ich traf indeß damals niemanden weiter bei ihr als Fray Cayetano, Jaime und den Erzbiſchof, die mit ihr am Spieltiſche ſaßen und in ein ſehr lebhaftes Geſpraͤch begriffen waren. So wie ſie mich erblickten, brachen ſie die Unterhaltung ab und nahmen die Karten wieder vor. Alle waren im Geſicht gluͤhendroth, nur Don Iſidro nicht, den keine Gemuthsbewegung zu erſchuͤttern im Stande war. Ich verſuchte das Geſpraͤch wieder anzu⸗ knuͤpfen, da meine Bemuͤhungen indeß fruchtlos wa⸗ ren, ſo fragte ich den Praͤlaten geradezu, ob er die Beſchuldigungen, die man gegen Alonſo erhoben, ſchon erfahren habe.„ Wer ſollte dieſe nicht ſchon erfahren haben?“ ſiel meine Tante mir ins Wort, 15 indem ſie die Karte auf den Liſchteppich hinwarf; „dergleichen Dhaten muͤſſen ja wohl Aufſehen in der Welt machen!“—„Schlimme Nachrichten,“ fuͤg⸗ te Don Iſidro hinzu,“ pflanzen ſich immer ſehr ſchnell fort,“—„Ja wohl,“ erwiederte ich;„die Wahrheit geht immer den Schneckengang, die Ver⸗ leumdung dagegen hat Fluͤgel.“— Alle ſahen mich bei dieſen Worten voll Verwunderung an.— „eilige Mutter Gottes!“ rief die Aebtiſſin;„ich glaube gar, er ſpricht von Verleumdung!“—„Wie? vrief ich; ihr ſolltet alſo„„„—„ Herr Her⸗ zog,“ unterbrach mich jezt der Erzbiſchof,„die kuͤr⸗ zeſten Taͤuſchungen ſind jedesmal die beſten. Ich habe es leider oft erfahren, daß, je laͤnger ihre Herr⸗ ſchaft dauert, das Losreißen von ihnen deſto mehr wehe thut.“— Ich konnte gar nicht begreifen, wie der ehrwuͤrdige Praͤlat, der ſeit ſo vielen Jah⸗ ren Alonſo kannte, der ihn in ſo verſchiedenen Lagen ſeines Lebens beobachtet hatte, ihn der ſchwaͤrzeſten Schandthat faͤhig halten konnte. Er fuhr indeß weiter fort:„Ihr koͤnnt euch leicht meinen und un⸗ ſerer aller Schmerz vorſtellen, da wir alle mit Alon⸗ ſo und ſeiner ihn zaͤrtlichliebenden Schweſter in ei⸗ nem ſo vertrauten Umgange gelebt haben. Was mich betrifft, ſo haben die einzelnen Umſtaͤnde, die ich ſo eben vernommen, mein Gemuͤth tief verwun⸗ det und betruͤbt; indeß der, welcher ſeinen geliebten Zoͤgling von Religion und Vaterland ſich losſagen ſieht, muß ſich zum Lohne alle die Enttaͤuſchungen ge⸗ fallen laſſen, womit die Vorſehung ſeine alten Tage —.——— zu betruben geruht.“ Ich machte Einwuͤrfe dage⸗ gen und aͤußerte mich uͤber das Vorgefallene ſehr be⸗ ſtimmt. Da begegnete ein funkelnder Blick des Fray Cayetano dem bittern Laͤcheln Jaime's, und beide ſchwiegen ſtill. Die Aebtiſſin nahm fuͤr beide das Wort; da ſie indeß vermoͤge einer beſondern Frömmigkeit den Gemahl der Jungfrau Maria da⸗ durch zu ehren gewohnt war, daß ſie ihm jedesmal⸗ ſo oft ſie den Mund oͤffnete, einen Tribut andaͤchti⸗ ger Anrufungen zollte, ſo fand ſie diesmal bei ihren heftigen Aufwallungen ſich in der Nothwendigkeit, den Namen des Sanct Joſeph zu unterdruͤcken, um nicht dadurch den Segen des Himmels uͤber alle die⸗ jenigen zu erflehen, die dieſen Heiligen zu ihrem Schutzpatron hatten.„So wahr Sanct Joſ„ Gott der Vater— wollt' ich ſagen— uns helfe! ich merke recht gut den Beweggrund deiner Bemů⸗ hungen, die du anwendeſt, um dieſe ſonnenklaren Thatſachen zu widerlegen. Dieſe Thatſachen ſind zugleich eine Anklage gegen dich und alle die deinigenz ſie ſtellen das, was wir laͤngſt ſchon wußten, in das hellſte Licht, daß ihr naͤmlich Werkzeuge und Sölblinge Frankreichs ſeid. Endlich hat Gott die Entdeckung euerer Komplotte zugelaſſen, und der Kopf eines Schuldigen wird hoffentlich genügen, um die Religion, die ihr vernichten wolltet, zu ret⸗ ten. Das Blut unſeres Herren Jeſu Chriſti war gewiß mehr werth als das eures Alonſo, und doch hat ihn ſein himmliſcher Vater fuͤr die Erloͤſung des Menſchengeſchlechts dahingegeben.“—„Ihr 17 ſprecht,“ erwieberte ich,„ſehr leichtfinnig von Men⸗ ſchenleben; mein Freund hat ja noch eine Mutter.“ Die Aebtiſſin ward dadurch erſchuͤttert, und Thraͤ⸗ nen rollten aus ihren Augen. Ich machte mir Vor⸗ wuͤrfe wegen der Antwort, die mein verletztes Freund⸗ ſchaftsgefuͤhl mir eingegeben hatte; doch Fray Ca⸗ yetano faßte ſie bei der Hand und ſagte:„Ehrwuͤr⸗ dige Schweſter, ſchlaget euch dieſe traurigen Ruͤck⸗ erinnerungen aus dem Sinne. Die Kinder, die Euer Excellenz verlor, ſind in den Schooß Gottes zuruͤckgekehrt; eure Soͤhne konnten dieſe Welt nicht verlaſſen, ohne der ewigen Gnade theilhaftig zu wer⸗ den.“ Meine Tante faßte ſich bei dieſen Worten wieder und antwortete:„Mir war, als haͤtte ich in der Markiſin eine Tochter wiedergefunden, ſo viel Freude machte ſie mir. Ich vergaß, wie weit die Vor⸗ ſehung ihre Wiege von dem Range fern geſtellt hat⸗ te, zu welchem der alte Thor, mein Schwager, ſie nachmals erhoben hat; ich vergaß, daß ihre Fami⸗ lie vormals mit der Inquiſition Haͤndel gehabt hat. Allein, man mag es machen, wie man will, der Deu⸗ fel weiß ſich immer wieder ſeine Rechte zu verſchaffen. Alonſo hat die Religioſitaͤt ſeiner Schweſter verderbt, und ich preiſe mich gluͤcklich, daß ich hienieden nicht mehr mit ihr zuſammenleben darf, da ich dort oben gewiß nicht mit ihr zuſammentreffen werde.“ Sir Georges trat herein. Bei ſeinem Anblick erglaͤnzte ein Laͤcheln auf dem finſtern Geſichte des Fray Cayetano, und die ehrwuͤrdige Mutter empfieng ihn mit den lebhafteſten Freundſchaftsbezeigungen. v. 2 18 Ich ließ mich indeß in den Aeußerungen meines Un⸗ willens nicht ſtoͤren, ſondern lehnte bitter den Vor⸗ wurf unſeres angeblichen Einverſtaͤndniſſes mit ei⸗ nem Feinde ab, deſſen Kriegsgluͤck ſeit vier Jahren blos durch unſere Waffen und Anſtrengungen ge⸗ hemmt worden war.—„Ein gutes Gewiſſen,“ erwiederte Don Iſidro,„laͤßt ſich nicht in Harniſch bringen. Sprechet ganz ruhig, wir werden euch eben ſo aufmerkſam zuhoͤren und wir ſind gern be⸗ reit, euch zu antworten, ja ſogar, euch alles zn glauben. Aber ſaget doch einmal, wie kommt es, daß ihr beſtaͤndig darauf hinarbeitet, alle ruchloſen Plaͤne des Thronanmaßers auszufuͤhren, die Dekre⸗ te von Chamartin zu vollſtrecken, und das umzu⸗ ſtuͤrzen, was Gott ſelber gegruͤndet hat, und was blos ein Robespierre und Mirabeau zu zerſtoͤren wa⸗ gen konnten? Iſt es nicht augenſcheinlich, daß ihr den Franzoſen die Muͤhe erſparen wollt, alle Ein⸗ richtungen unſerer Vorfahren mit der Sichel nie⸗ derzumaͤhen, und daß, ſobald es keine Inquiſition, keine Kloͤſter, keine Religion mehr geben wird, ihr das Reich dem Scepter Pepe's uͤberliefern und die Hand nach ſeinen Belohnungen ausſtrecken werdet.“ Ich ward hier aufgebracht; doch der Praͤlat fuhr weiter fort:„Werdet nur nicht boͤſe. Ich glaube recht gern, daß es noch gar manche junge Maͤnner giebt, die ſo wie ihr eben keinen feſt entworfenen Plan zu verrathen haben; allein, offenherzig geſpro⸗ chen, Herr Herzog, da der Augenblick denn einmal da iſt, werdet ihr euch noch lange ſtraͤuben, eure 19 untreuen Fuͤhrer zu verlaſſen? Zwiſchen euch und den Franzoſen waltet das Einverſtaͤndniß der gegen⸗ ſeitigen Grundſaͤtze und Wuͤnſche ob, und dieſe Zuſammenſtimmung der Ideen iſt die gefaͤhrlichſte von allen, ja eine fuͤhrt unfehlbar zu der andern.“ Die Ruhe, die Ueberzeugung, die vaͤterliche Wuͤrde des Greiſes floͤßte mir ſogar noch bei ſeinen ungerechten Vorurtheilen Ehrerbietung ein. Der Pater Provinzial freute ſich uͤber dieſe Scene und heftete abwechſelnd ſeine Blicke auf jeden von uns, gleichſam als wollte er uns zum Kampf aufmuntern. Endlich nahm Sir Georges das Wort und ſagte in ſeinem kurzen und ſtolzen Tone:„Ich hoffe, daß Spanien den Komplotten einiger ſeiner Soͤhne noch entgehen wird. Die franzoͤſiſche Revolution hat ja wohl die Welt vor allen Verſuchen der Neuerer end⸗ lich ſicher geſtellt.“—„Ihr koͤnnt hieruͤber gut reden,“ antwortete ich ihm,„ihr, deſſen Vorfah⸗ ren bereits ſich von den Kloͤſtern und dem Pabſi⸗ thum losgeſagt haben, und der ihr nur zu wohl wiſſet, daß euer Wohlſtand und Reichthum ſich von jener Staatsverbeſſerung herſchreibt.“ Bei dieſem Worte, das mir ſehr zur Unzeit entſchlupfte, ſtand die Aebtiſſin nebſt dem Pater Provinzial auf, und ſie erhoben ein Geſchrei, vor welchem ich ſo eben mich entfernen wollte, als der Englaͤnder mich zuruͤck⸗ hielt.„Bleibet,“ ſagte er zu mir;„könnet ihr wohl glauben, daß ich mit meinen Grundſaͤtzen im Wi⸗ derſpruch ſei, auf denen ja doch die Konſtitution Großbrittanniens, dies unvergaͤngliche Denkmal 2* 20 menſchlicher Weisheit, ruht? Gott bewahre! al⸗ lein ich weiß, daß dies Gebaͤnde nicht an einem Tage aufgebaut worden iſt, daß ferner dies Heiligthum wahrer Freiheit nur auf unſerer Inſel, nur bei un⸗ ſeren Sitten und aufgeklaͤrten Anſichten fortbeſtehen kann, daß endlich Zerſtoͤren noch kein Gruͤnden iſt, und daß uͤberhaupt ein Volk nicht wohl eine Bahn betreten kann, deren Gefahren der unſterbliche Ed⸗ mund Burke ſo treffend im voraus angegeben hat, ohne ſie ganz zuruͤckzulegen, wie dies der blutige Wa⸗ gen der franzoͤſiſchen Revolution gethan hat.“— „Ehrlich und offen, Sir Georges,“ erwiederte ich; „leget einmal die Hand auf euer Herz, und geſtehet, daß ihr nicht ſelten euch luſtig gemacht habt uͤber un⸗ ſere Unwiſſenheit, unſere Vorurtheile, unſere ſtillſte⸗ hende oder vielmehr ruͤckwaͤrtsſchreitende Civiliſation, uͤber unſeren Reichthum an Kloͤſtern und uͤber un⸗ ſere Armuth in allen uͤbrigen Stuͤcken; gleichwohl, jezt wo das ungluckliche Spanien das Joch alter Misbraͤuche abſchuͤtteln will, ſchreit ihr daruͤber laut auf, und zwar nicht mit Unrecht; denn jedesmal, wo man einen Misbrauch in irgend einem Winkel der Welt ausrottet, entzieht man euch dadurch einen Zinsſteuerer. Ihr habt hier gutes Spiel, denn die⸗ jenigen, welche uns als Feinde behandeln, obwohl wir die katholiſche Religion fuͤr die einzige im Staat guͤltige erklaͤrt haben, ſind ſehr bereit, Ketzer, wie ihr ſeid, fuͤr ihre Verbuͤndeten und vielleicht gar fuͤr ihre Oberlehnsherren zu erkennen.“—„Beim heiligen Sanct Joſ.„ Gemahl der fleckenloſen 21 Jungfrau, wollt' ich ſagen,“ rief die ehrwuͤrdige Mutter aus,„ich glaube gern, daß ein gutdenkender Ketzer tauſendmal mehr werth iſt, als ein Katholik, der ein Deiſt und ein Freiheits⸗ und Gleichheitsma⸗ cher iſt. uebrigens— fuͤgte ſie hinzu, indem ſie die Augen zum Himmel emporhob— wer weiß, ob nicht die goͤttliche Vorſehung blos darum unſere Un⸗ faͤlle zugelaſſen hat, damit die Englaͤnder, mit uns vereint und Zeugen der Wunderwirkungen unſerer erhabenen Religion, endlich wieder in den Schooß der gemeinſamen Mutter, der heiligen roͤmiſch katho⸗ liſchen Kirche zuruͤckkehren?“ Der Erzbiſchof ſtieß einen Seufzer aus, und die Aebtiſſin hielt ihre Augen feſt auf den Englaͤnder ge⸗ richtet, das Geſtaͤndniß ſeiner nahen Bekehrung er⸗ wartend; doch dieſer ſchuͤttelte mit dem Kopfe und ſagte ganz ernſthaft:„Ich glaube das nicht.“ Dieſe Aeußerung brachte in der unterhaltung eine augenblickliche Stockung hervor, welche ich dazu be⸗ nutzte, um mich eilig zu entfernen. Auf dem Platze von San Francisẽo unterhielten ſich mehrere Maͤnner aus dem Volke ſehr lebhaft und laut mit einander. Aus einer von dieſen Gruppen trat der alte Enriquez hervor, der auf eine Gerichts⸗ dienerſtelle bei den Cortes wartete, die ihm fuͤr ſeine vieljahrigen Bemuͤhungen verſprochen war. Dieſer vormalige Matador kam auf mich zu und ſagte: „Ich kann unmoͤglich alles glauben, was man er⸗ zaͤhlt. Der Herr Don Alonſo kam mir immer vor, wie der Sohn des heiligen Muth's und der heiligen Treue. Indeß, wenn er wirklich ſtrafbar ſein ſollte, ſo moͤchte ich um alle Reichthuͤmer Mexico's nicht das geringſie ſeiner Verwendung verdanken, wenn ich auch, um meinen Durſt zu ſtillen, blos Waſſer von dieſem Strande, und zur Befriedigung meines Hungers blos dieſe Felſen da haben ſollte.“— „Nun wohl,“ unterbrach ich ihn,„glaubt ihr denn alle dieſe Erdichtungen des Haſſes und des Neides?« —„Herr Herzog, hier iſt weder Haß noch Neid im Spiele; ſondern ein Moͤnch, ein Pater Provinzial hat es uns ſo eben erzaͤhlt.“—„Was erzaͤhlte er euch denn?“—„Entſetzliche Dinge. Ich habe es zwar nicht ſelber mit angehoͤrt, aber man hat mir es wiedergeſagt. Es iſt offenkundig, daß zweitauſend Mameluken in den Schlupfwinkeln der Verſchwoͤrer verſteckt geweſen ſind, und dieſe lezteren waren, mit Erlaubniß Euer Excellenz zu ſagen, gro⸗ ßentheils große Herren, Herzoͤge, Kaufleute und Deputirte. Die Muſelmaͤnner wollten naͤmlich, um ſich fuͤr ihre Austreibung zu raͤchen, das Kreuz um⸗ ſtuͤrzen, an die Stelle deſſelben die Fahne Moham⸗ meds und den franzoͤſiſchen Geier aufpflanzen, und ſo⸗ dann uns alle zuſammen umbringen. Ihr wiſſet ja doch, daß der franzoͤſiſche Kaiſer zu den Zeiten der Republik ein Tuͤrke geworden iſt, und daß alle Re⸗ publikaner daſſelbe thun wollen.“ Auf dieſe Weiſe ſuchten die Feinde aller Civiliſa⸗ ttion die Unwiſſenheit und die Leichtglaͤubigkeit gegen uns aufzuwiegeln. Keine ihrer Erdichtungen war ſo plump, daß ſie nicht Unruhe zu verbreiten ver⸗ 23 mocht haͤtte. Die ohne Unterlaß ausgeſprengten Geruͤchte von Verraͤtherei unterhielten den immer regen Argwohn des großen Haufens. In einer be⸗ lagerten Stadt, beſonders in einer, deren Belage⸗ rung ſchon ſo lange dauert, uͤberhaupt in einer ſpa⸗ niſchen Stadt, die in ihren Mauern Partheien, Di⸗ plomaten und Moͤnche in ſich ſchließt, muß wohl das Mistrauen ſeinen Sitz aufſchlagen. Die Acten des Prozeſſes wurden den Cortes vor⸗ gelegt. Neben einem edeln Character und einem ho⸗ hen Rufe erhob ſich ein verderbenbringender Schein⸗ Die bei Fortunato in Beſchlag genommenen Briefe ließen auf einen langen Briefwechſel mit Auswaͤrtigen ſchließen. Wie haͤtte man auch annehmen ſollen, daß dieſer Menſch blos darum gekommen und ſeinen Kopf gefaͤhrdet habe, um eine mordgierige Intrigue zu unterſtuͤtzen? Alonſo, der Bruder des Fray Pa⸗ blo, hatte eine Franzoͤſin zur Mutter, und dieſe Mutter, deren Ungluͤck man bezweifeln zu duͤrfen meinte, kam ſo eben aus dem feindlichen Heerlager, ja ſie geſtand ſogar ſelber, daß ſie zu Sevilla mit der Graͤfin in Verbindung geſtanden. Alle dieſe Um⸗ ſtaͤnde machten einen ſehr tiefen Eindruck. Das Vaterland der Donna Leonor und ihre Gegenwart in Cadir erregten ſelbſt in den vorurtheilsfreieſten Gemuͤthern einen Schatten von Argwohn. Ueber⸗ dies hatte das Zeitungsblatt Jaime's im voraus ſchon einige uͤberſpannte Koͤpfe dadurch aufgeregt, daß es die Maͤßigung unſeres edeln Kollegen als ei⸗ nen Beweis ſeiner Verraͤtherei darſtellte. 24 Ich ſuchte in der Nationalberſammlung dieſe Anſchuldigungen zu beſtreiten, die durch das ganze fruͤhere Leben des großherzigen Kaſtilianers wider⸗ legt wurden; ich ſuchte das Ungereimte und Abſcheu⸗ liche in den Verleumdungen ſeiner Anklaͤger darzu⸗ thun, und indem ich ihn nach Art jenes roͤmiſchen Feldherrn vertheidigte, verlangte ich, daß Spanien doch nicht demjenigen Feſſeln anlegen moͤchte, der an eben dem Tage einſt unter den Mauern von Saragoſſa einen Sieg erfochten habe. Alonſo trat jezt auf; er ſchien aus den Schwierigkeiten ſeiner Lage nur noch ein hoheres Anſehn zu entlehnen, und jedes ſeiner Worte erſchuͤtterte alle Gemuͤther. Er erklaͤrte, daß man den Plan habe, ihm den Preis ſeiner gelei⸗ ſteten Dienſte, die Achtung ſeiner Mitbuͤrger zu ent⸗ ziehen; gleichwohl warf er ſich aus einem Angeklag⸗ ten nicht zum Anklaͤger auf, ſondern aͤußerte ſich über die andern blos ſo wie uͤber ſich ſelbſt, und ſchloß mit der Erklaͤrung, ſeine Ehre, die Sache der Cortes und das allgemeine Beſte erfordere es, daß die Verſammlung eine Gerichtskommiſſion uber ihn ernenne. Ein beifaͤlliges Murmeln lief durch die Baͤnke der Verſammelten, und das Uebergewicht ſeiner Bered⸗ ſamkeit, die Macht ſeines Ruhmes war ſo groß, daß die Mehrzahl unſerer Gegner ſich gegen eine gericht⸗ liche Unterſuchung erklaͤrte. Vielleicht befuͤrchteten einige die Entdeckung ſchaͤndlicher Komplotte. Un⸗ ſere Stimmen allein ſetzten es durch, daß der hohe Angeklagte in geſetzliche Unterſuchung genommen 2⁵ wurde. Die Gerichtskommiſſion, welche aus der Mitte der Cortes ernannt war, um im Nothfall uͤber Mitglieder derſelben richterliche Entſcheidungen zu faͤllen, ward angewieſen, den Prozeß einzuleiten ⸗ Die Verſammlung verlangte, daß Alonſo unterdeß in Freiheit bleiben ſolle, doch er ſelber erklaͤrte, daß es ein Widerſpruch ſein wuͤrde, wenn man ſich auf das Wort deſſen verließe, der vielleicht alle ſeine Eide, die er als Spanier, als Geſetzgeber und als Soldat geleiſtet, gebrochen oder verletzt habe. Die Einleitung des Prozeßverfahrens war ſehr weitlaͤuftig. Man konnte nichts auffinden, was die gerichtlichen Anzeigen und Beweiſe verſtaͤrken, aber auch nichts, was ſie entkraͤften konnte. Es fehlte nicht an falſchen Zeugniſſen, aber die Zeugniſſe zu ſeinen Gunſten waren noch zahlreicher. Blos die Tageblaͤtter des Pater Provinzial und des Comthurs ließen nicht ab, ihn anzugeben und herabzuſetzen, und ihre Deklamationen, die von der Stimme des Volks unterſtuͤtzt wurden, bildeten in Cadir eine Art von feindſeliger Meinung, die an das Verbrechen glaubte und auf Beſtrafung drang. die alle Saiten eines ſpaniſchen Herzens in ſchwin⸗ 26 Zweites Kapitel. Alonſo war in eines von den Forts der Inſel Leon, die dem Feinde am naͤchſten lagen, eingekerkert worden, und war mitten unter Regimentern, die einſt unter ihm gedient hatten. Es ſchien faſt, als haͤtte man dieſe Maßregeln blos deshalb genommen, um ihn zu veranlaſſen, in das franzoͤſiſche Heerlager hinuͤber zu fliehen und ſich auf dieſe Weiſe fuͤr ſchul⸗ dig zu bekennen. Sein Kummer ward in Kurzem dadurch etwas gemildert, daß die Gattin des Don Luis wieder in Freiheit geſetzt wurde. Die Schre⸗ ckensſcene, von welcher ſie Zeugin geweſen, war end⸗ lich durch anderweitige Nachrichten beſtaͤtigt worden, und die Juſtizbehoͤrde uͤberlieferte ſie wieder an Maria, die ſich nun wieder ganz beruhigt fuͤhlte. Es war ihr unmoͤglich, irgend eine Furcht uͤber das Schick⸗ ſal eines Bruders zu hegen, deſſen Character zu großartig war, um ſich durch Verfolgungen nieder⸗ ſchlagen zu laſſen, und deſſen Leben zu rein war, als daß es nicht durch das Misgeſchick blos hotte ver⸗ edelt werden koͤnnen. Donna Leonor und die Mar⸗ kiſin bezogen mit Aldouza eine Wohnung auf der In⸗ ſel Leon. um die Abendkuͤhlung zu genießen, beſtie⸗ gen einſt alle drei eine leichte Barke, um ſich dem Fort zu naͤhern, in welchem ihr gefangener Sohn und Bruder ſchmachtete. Maria, die ihre Gitarre mit⸗ genommen hatte, ſang einige jener Nationallieder, gende Bewegung ſetzen. Alonſo vernahm ſie, und ſuchte auf dem von den Wachtfeuern des feſten Lan⸗ des und der Inſel erleuchteten Waſſerſpiegel den Nachen zu entdecken, aus welchem die geliebte Stimme emporſtieg. Waͤhrend die lebhafteſten Gefuͤhle ſich ſeiner Seele abwechſelnd bemaͤchtigten, eilten die beiderſeitigen Truppen, die blos ein ſchmaler Kanal trennte, durch den Zauber dieſes fernen Geſanges herbeigelockt, an das beiderſeitige Ufer. Spanier und Franzoſen, alle horchten auf die geheimnißvolle Melodie, welche die Winde des atlantiſchen Meeres ihnen unter dem Brauſen der brandenden Wellen heruͤbertrugen. Der Soldat, ohnehin ſchon durch die Milde des ſchoͤnen Himmels von Andaluſien be⸗ rauſcht, ließ allmaͤhlig ſeine Waffen ſinken, und ſein kriegeriſches Gemuͤth oͤffnete ſich den Eindruͤcken einer ſuͤßen Luſt. In der einen Nacht erwartete Alonſo ebenfalls, mit den Augen nach der Bucht von Puntales hinge⸗ wendet, die vom lichten Mondſchimmer ganz und gar erhellt war, die Erſcheinung der erſehnten Barke. Er zaͤhlte die Augenblicke, und dieſe Augenblicke zo⸗ gen fuͤr ihn mit bleiernen Fluͤgeln voruͤber. Auf einmal knarrte die Thuͤr des Gemachs, worin er ein⸗ geſchloſſen war, in ihren Angeln; er drehte ſich um, und ſah eine Frauengeſtalt, die geheimnißvoll in ſein Gefängniß hereintrat. Er flog ihr entgegen, allein es war nicht Maria.„Kommt,“ rief ſie ihm zu, „kommt! Jene Matea, die ihr ſo oft gekraͤnkt 28 habt, gebenkt euer immer nur noch in Liebe, und hat alles aufgeboten, um eure Feſſeln zu loͤſen.“ Dieſe unerwartete Erſcheinung, dieſe Worte, der Ton, womit ſie ausgeſprochen wurden, ſetzten Alonſo in Verlegenheit, der daraus ſah, daß die Graͤfin noch ſeinetwegen litt. Er konnte die gluͤhenden Betheue⸗ rungen nicht vergeſſen, die er ihr an eben dieſem Orte bei ſeiner Ruͤcktehr aus Amerika ſo oft und ſo wie⸗ derholt gethan. Dieſe Ruͤckerinnerung machte ihn auf das von ihm begangene Unrecht aufmerkſam, und indem er aus der theilnehmenden Sorgfalt, welche Matea ſeiner Mutter in Sevilla erwieſen, ſchließen zu koͤnnen glaubte, daß Matea die Heftigkeit ihrer unſeligen Liebe abgelegt, ſo betruͤbte er ſich um ſo mehr, als er ſah, daß ihr noch immer die Qualen derſelben geblieben.„Ach,“ fuhr ſie in einem herzzerreißenden Tone fort,„warum koͤnnen wir Frauen nicht ſo wie ihr Maͤnner den Pfeil, der uns verwundete, aus unſeren Herzen reißen?“ Die Stimme der Graͤfin ward durch Thraͤnen erſtickt, die ſie mit Gewalt zuruͤckzuhalten ſuchte, als ſich auf einmal eine ganz andere Stimme draußen auf den Waſſerfluten vernehmen ließ. Der Gefan⸗ gene eilte nach dieſer himmliſchen Melodie hin, und das Geſicht Matea's verrieth ſofort die hoͤchſte Verzweiflung.„Tauſendmal gluͤcklich,“ rief ſie aus,„iſt die, welche dieſen Geſang erklingen laͤßt! Doch was ihre Ruͤckkehr betrifft,„„ Hier ver⸗ wandelte ſich auf einmal ihr Blick und Ton aus einem betruͤbten in einen zornigen, und nach einer Weile 29 fägte ſie hinzu:„Es iſt hier vermuthlich darauf abgeſehen, dich in deiner Gefangenſchaft durch un⸗ nutze Gefaͤnge zu erheitern? Ich dagegen ſetze der⸗ ſelben ein Ziel. Ich habe mich nicht darauf be⸗ ſchraͤnkt, mir durch Gold einen Weg bis zu dir zu bahnen; ſondern ich habe auch in den beiderſeitigen Heerlagern Verbindungen angeknuͤpft, und jezt in dieſem Augenblick werden die Franzoſen kommen und dich den Undankbaren entreißen, denen du dienſt.“ —„Wie?“ unterbrach ſie der großherzige Kaſtilia⸗ ner;„was ſagt ihr da? Ich mein Vaterland ver⸗ rathen? O ſo fliehet fern von hier hinweg! eure Gegenwart koͤnnte mich ſonſt in ewige Schmach ſtuͤr⸗ zen.“—„Es haͤngt jezt nicht mehr von dir ab,“ erwiederte Matea voll Unwillen,„mir den Sieg ſtreitig zu machen. In dieſem Augenblick wirſt du den Franzoſen in die Haͤnde fallen; indeß beruhige dich, auch die ſchoͤne Markiſin wird nicht mehr nach Cadix zuruͤckkehren.“ unterdeß hatte ſich Maria's Geſang in Waffen⸗ geklirr verloren. Die Franzoſen hatten naͤmlich ſo eben einen unerwarteten Sturmangriff auf unſere aͤußerſten Werke gemacht, unſere uͤberraſchten Trup⸗ pen hatten vor ihnen die Flucht ergriffen, und das Fort ſtand auf dem Punkte, in die Haͤnde des Fein⸗ des zu fallen.— Da rief auf einmal der Gefan⸗ gene:„Jao, ich eile jezt hinaus, ich eile hinaus, um unſere fliehenden Haufen wieder zu vereinigen; ein Staatsbuͤrger hat nur ein einziges Mittel, um ſich an ſeinem Vaterlande zu raͤchen, und dies beſteht darin, daß er für daſſelbe ſirbt.“ Mit dieſen Wor⸗ ten eilte er hinaus. Unſere Regimenter erkannten ſehr bald ſeine Stimme, die ſie ſo oft auf dem Schlachtfelde vernommen hatten, ſie draͤngten ſich um ihren vormaligen Feldherrn, und traten unter ſeiner Anfuͤhrung wieder in Reihe und Glied. Der Heerhaufe, der unſere aͤußerſte Vertheidigungslinie uͤberſtiegen hatte, beſtand blos aus Bundestruppen; dieſe wurden durch den erſten Stoß unſeres Angriffs in Verwirrung gebracht, und riſſen die kleine Zahl von Franzoſen, die unter ihnen waren, mit ſich fort in die Flucht. Nun ſchritt der hohe Angeklagte un⸗ ter dem lauten Beifallruf des Heeres, das ſeinen Schritten folgte, immer weiter vorwaͤrts; an ſeiner Seite erſchien bald auch eine Frauengeſtalt, und floͤßte unſeren Vertheidigern neuen Muth ein. Alonſo aͤrgerte ſich anfangs daruͤber, daß die unvorſichtige Matea ihm auf dieſen blutigen Schauplatz nachge⸗ folgt war, doch ſo eben brach der Dag an, und er erkannte nun in der Unbekannten diejenige, die vom Himmel dazu beſtimmt zu ſein ſchien, all ſein Waf⸗ fengluck und ſeine Leiden mit ihm zu theilen. Bei dieſem Anblick ergriff der Sohn des Don Luis, von einer neuen Begeiſterung ergriffen, und von der juͤngſt erfolgten Ermordung ſeines Vaters zur Wuth ent⸗ flammt, eine Fahne und trug ſie gegen die feindlichen Redouten hinan. Ich hatte die Markiſin bei ihrer naͤchtlichen Kahn⸗ fahrt auf der Bucht von Puntales begleitet. Als ihr Geſang durch das Waffengetoͤſe unterbrochen 31 wurde, zitterte ſie bei dem Gedanken, daß ihr Bru⸗ der in die Haͤnde der Stuͤrmenden fallen koͤnnte, und verlangte, daß die Schiffer ſie augenblicklich ans Land ſetzen ſollten. Dieſe weigerten ſich anfangs, doch meine Gegenwart zwang ſie, ihr zu gehorchen. Donna Leonor, die ganz troſtlos war, ſuchte mit Aldouza wieder das Weite zu gewinnen, ich dagegen folgte der Amazone nach dem Felde der Ehre, und ſo wie der Sieg ſich fuͤr unſere Waffen entſchieden hatte, eilte ich mit dieſer Nachricht nach Cadix hin⸗ ein. Sie ward mit allgemeinem Enthuſiasmus auf⸗ genommen. Die Geſinnungen der Volksmaſſe ſind eben ſo ungeſtuͤm als wankelmuͤthig; die Stadt ſandte diesmal an den Helden dieſes Tages eine Ehrenge⸗ ſandtſchaft mit den ſchmeichelhafteſten Begruͤßungen ab. Diejenigen, die ſo lange Zeit hindurch die Rolle ſeiner Verfolger geſpielt hatten, mußten noch einmal erleben, daß ihr augenblicklicher Erfolg vor ſeinem Ruhme zuruͤckweichen mußte. Fray Cayetano war außer ſich uͤber den Triumph ihres Gegners, der Erz⸗ biſchof freute ſich, daß ſein Argwohn diesmal unge⸗ gruͤndet geweſen, Sor Maria de los Dolores huͤtete ſich ſehr, ſich fuͤr uͤberzeugt zu bekennen. Waͤhrend ſo die Gemuͤther aller ſich wieder zur Gerechtigkeit und Wahrheit zuruͤckwendeten, ver⸗ ſchwand Fortunato auf einmal aus dem Gefaͤngniß, ohne daß ſeine Entweichung irgend eine Spur zuruͤck⸗ ließ. Der Gerichtshof der Cortes erkannte in dieſer uͤbeln Angelegenheit eine Intrigue, deren wahre Ur⸗ heber bei der ungeſtuͤmen Heftigkeit des Pater Pro⸗ 32 — vinzial und den Inſinuationen des Comthurs ſchwer auszumitteln waren. Diejenigen, welche aus Ach⸗ tung gegen ihre bisherige Meinung immer noch einige Zweifel hegten, mußten hinreichenden Aufſchluß in einigen ſpaͤteren Anzettelungen finden, die bald dar⸗ auf eingeleitet wurden, um die ausgezeichneteſten Koͤpfe unſerer Nationalverſammlung unter das Hen⸗ kerbeil des Geſetzes zu bringen. Alonſo brannte voll Sehnſucht, ſeine Mutter zu umarmen, allein ſie war nicht wieder nach der Inſel Leon zuruͤckgekehrt. Die Markiſin ſuchte ſie in Cadir auf, allein ebenfalls ohne Erfolg; das Boot war gar nicht mehr nach dem Hafen zuruͤckgekommen. Gleich⸗ wohl hatte ſich ſeit langer Zeit keiner von jenen Wind⸗ ſtoͤßen merken laſſen, die bisweilen wohl die Rhede unſicher zu machen pflegen; ſondern es herrſchte eine tiefe Stille. Ich erinnerte mich jezt mit Schre⸗ cken an den drohenden Ton der Schiffer zuruͤck. Meine Freunde fiengen an, um Donna Leonor be⸗ kuͤmmert zu werden, Don Domingo zitterte fuͤr das einzige Kind, das der Himmel ihm noch uͤbrig ge⸗ laſſen, und das Schickſal Aldouza's beſchaͤftigte auf eine traurige Weiſe ſeine Gedanken. Der ſiegreiche Feldherr ward von den Cortes nach Cadix zuruͤckgerufen. Unſer Waffenbuͤndniß mit Rußland, der abenteuerliche Zug Napoleons nach dem tiefen Norden, die Wiedereroberung von Aſtorga und Badajoz, endlich der Sieg von Arapiles hatte alle Gemuͤther mit neuen Hoffnungen erfuͤllt. Eine Art von Rauſch herrſchte mitten unter unſerem Volke, 33 bas einerſeits vom gelben Fieber, das unſere Kůſten heimſuchte, anderſeits von einer Belagerung, die ſeit vier Monaten Schrecken und Verwuͤſtung unter uns verbreitete, beſtuͤrmt wurde. Der Jubel einer ganzen Nation hat immer etwas uͤberſpanntes. Alonſo konnte daher der Ehre eines foͤrmlichen Tri⸗ umpheinzuges nicht ausweichen. Alle Balkone wa⸗ ren mit Blumengehaͤngen und Tapeten geſchmuͤckt und mit Frauen angefuͤllt, die ihre Schnupftuͤcher wehen ließen und mit dem Faͤcher oder mit der Hand den gluͤcklichen Sieger begruͤßten, waͤhrend die Volks⸗ menge ihm unten faſt den Durchweg ſperrte und die Luft mit lobpreiſendem Zuruf erfuͤllte. Er dagegen zeigte in ſeinem ganzen Weſen eine Wuͤrde, welche den Soͤhnen Andaluſiens ſehr wohlgefiel. Seine hohe Geſtalt, ſeine maͤnnliche Schoͤnheit, ſeine an⸗ muthigen Geberden, das Feuer ſeiner Blicke, alles dies bezauberte das ſpaniſche Volk, das gleich den alten Griechen und uͤberhaupt gleich allen ſuͤdlichen Voͤlkern fuͤr aͤußere Vorzuͤge ſo ſehr eingenommen iſt. Die Soldaten ſenkten ehrfurchtsvoll ihre Ge⸗ wehre vor dem jungen Feldherrn, und erzaͤhlten die Wunderthaten ſeines Muthes. Fray Cayetano und eine Anzahl von Frayles ſchwiegen allein bei der all⸗ gemeinen Froͤhlichkeit ſtill. Der feierliche Zug hatte ſich auf dieſe Weiſe all⸗ mählig dem Dempel des Gottes der Heerſchaaren genaͤhert. Hier erwartete den Sieger unter der Vorhalle eine Deputation edler Cadixerinnen und der vornehmſten Frauen, die ſich in der Stadt aufhielten, V. 3 34 ————— um ihm einen Kranz zu uͤberreichen. Eine derſel⸗ ben, die ganz weiß gekleidet war, hielt die Lorbeer⸗ krone in der Hand, welche der Erzbiſchof ſo eben ein⸗ geweiht hatte. O koͤnnte ich euch ihre Schoͤnheit ſchildern! Es war, als waͤre in ihrer Perſon der Engel der Schlachten, oder vielmehr der des Frie⸗ dens, ja vielleicht gar der Engel der Liebe, auf die Erde herabgeſtiegen, um ſie zu begluͤcken. Das ganze Volk, welches abwechſelnd bald auf den Tri⸗ umphator, bald auf die ſchoͤne Spanierin hinſah, ſagte:„Wie Schade, daß der Himmel ſie nicht beide fuͤr einander beſtimmt hat!“ Und dennoch berzog bei dem Anblick des Chors der Cadixerinnen eine Wolke die Stirn Alonſo's; ich ſah, wie er blaß wurde und zitterte. Ach, Beifallsbezeigungen von der Hand edler Frauen, wer vermag jemals eure Gewalt zu ſchildern! O wie glucklich iſt der Sterb⸗ liche, der einmal in ſeinem Leben holde Frauenlippen, deren Lobpreiſung den hoͤchſten Ruhm, deren Laͤcheln die hoͤchſte Seligkeit gewaͤhrt, zu ſeinem Lobe ſich oͤffnen geſehen hat! Maria verrieth blos durch ihr Erroͤthen und durch ihren niedergeſenkten Blick die lebhaften Gefuͤhle ihres Inneren; ihre hohe und reine Freude bewegte ſie aͤußerlich nicht. Bei ihrer ruhigen und milden Begeiſterung ſchien ſie eine Se⸗ ligkeit zu fuͤhlen, die der Erde nicht mehr angehoͤrt, und aus ihrem Munde ſchien eine himmliſche Zufrie⸗ denheit zu laͤcheln. So wonnetrunken ſie indeß war, eben ſo unruhig war anderſeits Alonſo. Als wir ſaͤmmtlich von den Pferden abgeſtiegen waren, mußte 35 ich mit meinem Arme ſeine wankenden Lritte unter⸗ ſtͤtzen. Ich fuͤhlte, wie er ſeiner innern Gemuͤths⸗ bewegung in dem Augenblick faſt erlag, wo er ſein Haupt vor der geliebten Hand neigte, die ihm den Lorbeerkranz uͤberreichte. Das ganze Volk ſchien die Gefuͤhle, welche das junge Paar empfand, zu theilen; der Enthuſiasmus machte allmaͤhlig der Ruͤhrung Raum. Das Muſikchor, das bisher blos Trompeten⸗ und Paukengetoͤn hatte hoͤren laſſen, ſchwieg jezt auf einmal, und eine feierliche Stille herrſchte auf dem ganzen Platze umher. So eben hatte ſich der geweihte Lorbeerkranz auf die Stirn des Helden herabgeſenkt, als ein langer Schrei, der mit⸗ ten aus dem Volksgedraͤnge emporſtieg, die Herzen aller zerriß. Noch nie hatte der Schmerz einen graͤß⸗ licheren Ton von ſich gegeben; es war, als haͤtte ein Moͤrderdolch irgend eine menſchliche Bruſt getroffen, und doch fand ſich beim Nachſuchen weder ein Moͤr⸗ der noch eine ermordete Perſon. Blos eine Frau draͤngte ſich durch die dichten Reihen der Menge⸗ Sie eilte dem Ufer zu, um ſich in die Fluten zu ſtuͤr⸗ zen, doch die Ungluͤckliche hatte nicht den Muth zu ſterben. In dieſem Augenblick lenkte eine unerwartete Nachricht blitzſchnell die Aufmerkſamkeit des Volkes auf ſich, und miſchte in die Feierlichkeit dieſes gro⸗ ßen Tages eine neue Begeiſterung. Es war naͤmlich gerade der Tag, den die Kirche dem großen und heiligen Koͤnige Ludwig dem Neun⸗ ten geweiht hat. Schon am fruͤhen Morgen hatte 3* 36 ein furchtbarer Knall ganz Eadix aufgeweckt. Die Stadt, die Rhede und die Inſel war davon erſchut⸗ tert worden. Jezt erfuhr man, daß die Belagerer die Urheber davon geweſen, welche auf unſere Be⸗ zwingung Verzicht leiſtend ihre Pulvervorraͤthe und Werke in die Luft geſprengt hatten. Schon ſtanden ihre weiten Linien einſam und verlaſſen da, und es war nichts weiter darin zuruͤckgeblieben, als Kano⸗ nen, Lavetten, Zelte und zerbrochenes Belagerungs⸗ geraͤthe. Pepe hatte den Palaſt unſerer Bourbons verlaſſen und floh auf Valencia zu, und das Heer, das uns dreißig Monate lang bedroht hatte, zog ſich in aller Eile zuruͤck, um in Valencia zu dem beſiegten Koͤnige zu ſtoßen. Die Hymne der Befreiung er⸗ klang von einem Ende der Stadt Cadix bis zum an⸗ dern; die ganze Einwohnermaſſe ſtroͤmte nach dem Hafen, nach dem Alameda, nach der Inſel Leon hin⸗ aus, voll Begierde, das gegenuͤber liegende Ufer zu betrachten, an welchem nun nicht mehr die franzoͤſi⸗ ſchen Adler blinkten. Sehr bald wimmelte die ganze Bucht von kleinen Fahrzeugen, und am Abend, als endlich auch der Hafen von Santa Maria, den bis⸗ her immer noch franzoͤſiſche Truppen beſetzt gehalten hatten, unſeren Soldaten uͤberlaſſen worden war, ſo gewaͤhrte die Rhede mit der von tauſend Barken herabwehenden Nationalflagge, ſo wie das von einer unermeßlichen Menſchenmenge wimmelnde Ufer der ganzen Scene das Anſehn eines großen Familienfe⸗ ſtes. Man athmete mit Luſt die neue Luft der Frei⸗ heit, man durchſtreifte mit einem gewiſſen Stolz dieſe — Linie von Schanzen, dieſe Stadt von Forts, die der Feind umſonſt erbaut hatte, man betrachtete mit einer Art von freudigem Schauer dieſe furchtbaren Batterien, welche uͤberall hin Zerſtoͤrung verbreitet und ſogar uͤber die weite Waſſerflaͤche heruͤber ihre zuͤndenden Kugeln bis die Stadt des Herkules ge⸗ ſendet hatten, man erntete jezt gleichſam den Preis eines vierjaͤhrigen Kampfes und einer zweijaͤhrigen Einſchließung ein. Jeder fuͤhlte jezt, daß Spanien gerettet ſei. Don Mathias gieng von Gruppe zu Gruppe, und wiederholte jene bekannten Verſe Virgils*): Ergo omnis longo solvit se Teucria luctu, Panduntur portae; jgvat ire et Dorica castra, Pesertosque videre locos, litusque relictum. IHic Polopum manus, hic saevus tendebat Achilles; Classibus hic locus, hic acie gertare solebaut. Da der zudringliche Doctor auch auf mich zu kam und mir ſie vorſagen wollte, verſicherte ich ihn, daß dieſe Verſe— Dank ſeinen Bemuͤhungen!— mei⸗ nem Gedaͤchtniſſe ſich ſehr feſt eingepraͤgt haͤtten. Ich ſpazierte an den blumenreichen ufern des Guadalete dahin, in der Hoffnung, daß ich dadurch meinen Truͤbſinn wuͤrde zerſtreuen koͤnnen. Die Ab⸗ weſenheit Aldouza's machte mir es fuͤhlbar, wie ſehr ſie— faſt ohne mein Wiſſen und Willen— mir fuͤr mein ganzes— Srn— geuur⸗ —— *) Aeneid. II, 26. 38 ben war. Ihre Entfernung hutt eine Leere in mir zuruͤckgelaſſen, die ich durch keine Zerſtreuung auszu⸗ fůͤllen vermochte. Das Geſicht des Schiffers, der mich nach dem feſten Lande uͤberſetzte, kam mir bekannt vor. Es war derſelbe, welcher die Markiſin auf ihren naͤcht⸗ lichen Waſſerfahrten immer gefahren hatte. Mein Herz zitterte vor Liebe und vor Wonne. Ich fragte ihn eifrig, was denn damals aus Donna Aldouza und aus Alonſo's Mutter geworden ſei. Seine ver⸗ wirrten Antworten machten mich ſtutzig; ich wandte Gold und Drohungen an, um die Wahrheit heraus⸗ zubringen. Er geſtand mir endlich, daß ihm ein reicher Lohn verheißen worden ſei, wofern er die Spanierinnen, die ſich ſeiner Fuͤhrung anvertrauten, auf das jenſeitige Ufer ausſetzte. Meine Gegenwart rettete damals die Markiſin vor der Gefahr, in die Haͤnde des Feindes zu fallen. Indeß kaum hatte er mich und ſie ans Land geſetzt, als er auch ſogleich ſein Verſprechen erfuͤllte. Die beiden Paſſagiere wurden nun ſofort nach dem franzoͤſiſchen Lager ab⸗ gefuͤhrt; was dort uͤber ſie verfuͤgt worden war, wußte er nicht weiter zu ſagen. Er ſelber ward als Gefangener feſtgehalten, und wuͤrde es wohl noch laͤngere Zeit geblieben ſein, wenn es ihm nicht waͤh⸗ rend des Tumultes des Abzuges gelungen waͤre, die Achtſamkeit ſeiner Huͤter zu taͤuſchen. Dieſe Anga⸗ ben machten mich wieder etwas ruhiger. Aldonza hatte alſo nicht in den Fluten den Tod gefunden. 39 Am ufer begegnete mir Donna Leonor, die gern ihre Kinder von ihren ausgeſtandenen Abenteuern zu benachrichtigen wuͤnſchte. Es war indeß ſchon zu ſpaͤt, als daß ſie ſich noch haͤtte dem unruhigen Meere anvertrauen und noch in derſelben Nacht nach Cadir zurucktehren koͤnnen. Zum Ungluͤck war die Enkel⸗ tochter Domingo's nicht mehr bei ihr. Der franzoͤ⸗ ſiſche Offizier, vor welchen ſie damals gefuͤhrt wor⸗ den waren, war von ihrer nahen Ankunft bereits unterrichtet geweſen. Aldouza fand im franzoͤſiſchen Lager einen Theil der Dienerſchaft ihrer Mutter vor, waͤhrend ihre Mutter ſelber jeden Augenblick erwar⸗ tet wurde. Als die Belagetung aufgehoben wurde, hatte man meine Couſine zu ihrem Leidweſen mit fort⸗ genommen, Donna Leonor dagegen, die anfangs gefangen gehalten worden, hatte die Erlaubniß er⸗ halten, im Hafen von Santa Maria zuruckzubleiben. Ich begriff nun die mutterliche Sorge Matea's und betruͤbte mich daruͤber, ohne zu wiſſen, daß ſie die Frucht ihrer Bemuͤhungen nicht genießen ſollte⸗ Waͤhrend es ihr naͤmlich gelungen war, ihre Tochter in das Lager des Feindes zu ſchaffen, ward ſie ſelber in Cadix entdeckt, und zwar in dem Augenblick, wo ſie ſich ſo eben aus der Stadt wieder zu entfernen im Begriff war. Von der Volksmenge erkannt und verfolgt, fluͤchtete ſie ſich an die Pforte des erſten beſten Kloſters, das ſich ihr zufaͤllig darbot. Unge⸗ achtet des bedeutenden Namens ihres Vaters und der Vermittelung der Behoͤrden, ſtand ſie dennoch auf dem Punkte, von der Wuth des Volkes aufge⸗ 30 opfert zu werden. Endlich ward ihr die Kloſter⸗ pforte geoͤffnet, und ſie als Gefangene in eine kleine Zelle gefperrt, Der Zufall hatte ſie gerade in daſ⸗ ſelbe Kloſter gefuͤhrt, wo Maria ſich aufhielt, und die Markiſin, als ſie ihre Widerſacherin hier blaß, verwundet und blutbeſpritzt ankommen ſah, dachte an nichts weiter, als daran, ihr beizuſtehen. Alonſo trat an das Kopfkiſſen des Krankenbettes, auf welchem die Frau, welche er einſt liebte, ſchmach⸗ tete, In dieſem Augenblick empfieng er einen Brief von mir, worin ich ihm die nahe Ankunft der Donna Leonor und die Abreiſe Aldouza's meldete. Die Graͤfin, die ſich vorher ſchweigend und gefaßt ge⸗ zeigt hatte, uͤberließ ſich nun auf einmal den Auf⸗ wallungen der Verzweiflung, und in ihrem Wahn⸗ ſinn ſchien es faſt, als ob die Ankunft der Mutter Alonſo's ſie mehr noch betruͤbte, als die Entfernung ihrer Lochter. Indeß verlangte ſie, daß jemand dem abziehenden franzoͤſiſchen Heere nacheilen und die Auslieferung Aldouza's bewirken ſollte, und ſie wuͤnſchte, daß der alte und brave Enriquez dies Ge⸗ ſchaͤft uͤbernehmen moͤchte. Doch dieſer, als er zu ihr gerufen wurde, wies den Antrag von ſich, daß er bis in die feindlichen Haufen hinein ſich begeben ſollte. Ein Wort von der Markiſin bewog ihn end⸗ lich dazu. Als man ihn nun fragte, ob er denn die junge Graͤfin und ihre Gouvernante, die er vielleicht noch nie geſehen, wiedererkennen wuͤrde, rief er aus: „Gerechter Gott! wie kann man an den großen Enri⸗ que Enriquez eine ſolche Frage thun? Glaubt ihr 44 denn, daß ein Matador blos Muth und Gewandt⸗ heit habe? nein, er hat auch Genie. Wenn ich dem Stier Mann gegen Mann gegenuͤber ſtand, war ein einziger Blick fuͤr mich hinlaͤnglich, um ihn von in⸗ nen und außen zu durchſchauen. Nun habe ich ganz daſſelbe Talent, wenn es darauf ankommt, die Phy⸗ ſionomie eines Chriſtenmenſchen zu durchſchauen. Enriquez wuͤrde die Graͤfin unter einer ganzen Armee von Menſchen wiedererkennen, ſo gut wie ich alle die fuͤnftauſend dreihundert und ſechs und vierzig Geg⸗ ner, die ich binnen dreißig Jahren beſiegt habe, wenn ſie je aus jener Welt wiederkommen koͤnnten, ſaͤmmt⸗ lich wiedererkennen wuͤrde.“ Donna Leonor kam enblich an. Sie war froh, durch ſorgfaͤltige Pflege einen Theil der Verpflich⸗ tung gegen die Graͤfin abzutragen, die ſie noch von Sevilla her für dieſelbe fuͤhlte. Matea befand ſich in einer entſetzlichen Stimmung. Das Herz Don Iſidro's und ſelbſt das ihres Vaters gegen ſich ver⸗ ſchloſſen findend, gefangen gehalten in Cadix, dem Sitze einer feindſeligen Regierung und dem Boll⸗ werk eines von ihr verleugneten Vaterlandes, ſah die Ungluͤckliche niemanden, der fuͤr ihre Leiden Mit⸗ gefuͤhl hatte, außer einem vormaligen, ihr untreu gewordenen Liebhaber, und einer Frau, die ſo lange Gegenſtand ihrer eiferſuͤchtigen Anſchlaͤge geweſen war. Ihre Ueberſpannung gieng abwechſelnd bald in Wuth, bald in Verzweiflung uͤber. Sehr balb ergab ſich, daß der furchtbare Solano, dieſer ——— Wind aus Afrika, der bisweilen Verderben brin⸗ gend und wahnſinnig machend uͤber Andaluſien hinweht, ihre kranke Einbildungskraft angegrif⸗ fen hatte. Indem ſie von nichts, als von beab⸗ ſichtigten oder vollfuͤhrten Mordthaten ſprach, ohne Unterlaß einen Dolch verlangte, und beſtaͤndig von blutigen Bildern umringt war, erklaͤrte ſie mit fuͤrchterlichem Lachen, daß ſie den Ramon und den Don Luis aufgeopfert habe, um den Blicken Alonſo's für immer ein großes Geheimniß zu ent⸗ ziehen, daß Enriquez nicht mehr nach der Inſel Leon zuruͤcktehren werde, daß ſie alle ihr ver⸗ haßten Perſonen ihrer Rache opfern wuͤrde; dann flehte ſie wieder um Verzeihung fuͤr ihre Frevel⸗ thaten, es war, als wollte ſie die Flucht ergrei⸗ fen vor den Ungeheuern, die ihre Phantaſie ſchuf, drauf verſank ſie wieder in eine tiefe Niederge⸗ ſchlagenheit. Dieſe Matea, die unlaͤngſt die glaͤn⸗ zendſte und geiſtvollſte aller Cadixer Frauen war, floͤßte jezt eben ſo viel Abſcheu als Nitleid ein, nnd niemand zweifelte mehr, daß dieſes verzeh⸗ rende Fieber ſehr bald ihrem traurigen Daſein ein Ende machen wuͤrde. 43 Drittes Kapitel. Sobald Sor Maria de los Dolores erfuhr, daß der Sieg von Arapiles die Stadt Madrid dem eng⸗ liſch⸗ſpaniſchen Heere uͤberliefert hatte, wollte ſie ſogleich in die Hauptſtadt zurucktehren, die ſie für immer den Haͤnden der Franzoſen entriſſen glaubte. Ich weiß nicht, ob ſie ſich mehr ſehnte, wieder zu ih⸗ rer anvertrauten Heerde zu gelangen und die Zuͤgel ihrer Herrſchaft wieder zu uͤbernehmen oder fern von dieſen ketzeriſchen Verhandlungen der geſetzgebenden Cortes hinwegzufliehen. Sie reiſte ab, ohne von der Markiſin Abſchied zu nehmen, deren Herz ſich tief dadurch verletzt fuͤhlte, daß ſo jenes fruͤh beſtan⸗ dene liebevolle Verhaͤltniß auf immer abgebrochen wurde. Als ſie auf ihrer Reiſe in die Schluchten der Si⸗ erra Morena gelangte, ward ihr Wagen von Raͤu⸗ vern angehalten, welche durch eine junge Frau zum Raube und zum Morde angeſpornt wurden. Sie Lonnte blos dadurch ihr Leben retten, daß ſie ein rei⸗ ches Loͤſegeld anbot, und um ihr gegebenes Wort und die Erfuͤllung ihrer Verſprechungen zu verbuͤr⸗ gen, nannte ſie ihren Namen und Stand. Sogleich warf ſich der Raͤuberhauptmann vor ihr auf die Kniee und kuͤßte mit dreiſter Artigkeit ihre Hand. Er bot ſich an, ſie zu geleiten, indem er die Frevelthat ſeiner Bande dadurch zu entſchuldigen ſuchte, daß man ſie ungluͤcklicher Weiſe fuͤr die Graͤfin D** gehalten habe, die eine abgeſagte Feindin der Reli⸗ gion, des Vaterlands und des Koͤnigs ſei. Obwohl Sor Maria de los Dolores ſich ganz und gar der Liebe zu ihrem erwählten himmliſchen Seelenbraͤuti⸗ gam gewidmet hatte, und obwohl nie eine ſehn ſuͤch⸗ rige Ruͤckerinnerung an ihre fruͤheren Jahre die Ru⸗ he ihres Gewiſſens truͤbte, ſo fand dennoch die Be⸗ leidigung, daß man ſie mit der um zwanzig Jahr zuͤngeren Donna Matea verwechſelt hatte, ſehr leicht Gnade vor ihren Augen. Ja ſie war ſogar ſehr ge⸗ ruͤhrt uͤber die Geſinnungen der Religion und der Va⸗ terlandsliebe, welche Fortunato und ſeine Gattin be⸗ wogen haͤtten, die Abtruͤnnigkeit einer Afranceſada zu zuͤchtigen. Ungeachtet der Sonnenglut lief der Raͤuberhauptmann mit abgezogenem Hut und blan⸗ kem Saͤbel neben dem Kutſchenſchlage her. Dieſe Ehrenbezeigung war in den Augen der Aebtiſſin ein Beweijs von löblichem Eifer, womit man ihre koͤnig⸗ liche Abkunft, ihre hohe Wuͤrde und ihre nicht min⸗ der hohen Tugenden zu ehren ſuchte, und ſie war ſehr erfreut uͤber die Ehrerbietung, welche ſie der Marga⸗ rita einfloͤßte. Dieſe Gattin Fortunato's war ganz uͤberraſcht, daß ſie an der Seite einer ſpaniſchen Grandin, einer Dame vom Marien Luiſen Orden Platz nohmen durfte, und hatte ganz ihre ſonſtige Keckheit abgelegt. Auf ihrem Geſicht wechſelte eine hohe Roͤthe von Zeit zu Zeit mit einer hohen Blaͤſſe, und dieſes Zeichen von Verſchaͤmtheit erhoͤhte ihre nakurlichen Reize, die durch Ausſchweifung und Schamloſigkeit ſeit ſo langer Zeit entweiht worden 45⁵ waren, Einige Worte, welche die junge Fran uͤber ihre hohe Abkunft, ihren Glauben, ihre Verehrung der Rechte der heiligen Kirche, beſonders aber uͤber ihre Anhaͤnglichkeit an die Ordensgeiſtlichkeit fallen. ließ, ſicherten ihr vollends die Gunſt der hohen Un⸗ bekannten. Fortunato ſtand unter den Befehlen eines An⸗ fuͤhrers, den wir bereits fuͤr die gemeinſame Sache verloren glaubten. Bartolomeo, der von ſeinen Wunden, aber nicht von ſeinem wilden Schmerze geneſen war, behauptete von neuem an der Spitze eines zahlreichen Heerhaufens gegen den Feind das Feld, und ſchickte ſich ſo eben an, die Franzoſen bis an den Fuß der Pyrenaͤen zu verfolgen. Die ehr⸗ wuͤrdige Mutter, die von ſeinem begeiſterten Religi⸗ onseifer, von ſeiner immer hoͤher ſteigenden Wuth ganz eingenommen war, erbat von der Regentſchaft fuͤr den Aragonier das Kreuz des Sanct Ferdinands⸗ Ordens und ſchloß in dieſe Empfehlung zugleich den luſtigen Antonio mit ein, von welchem ſie mehrere muthige Handlungen mit eigenen Augen angeſehen hatte.„Da die Revolutionsmaͤnner des Kongreſ⸗ ſes,“ ſchrieb ſie,„auf die anſtoͤßigſte Weiſe Ehren⸗ dekorationen fuͤr die unbedeutendſten Emporkoͤmmlin⸗ ge ausgeſetzt haben, ſo muß man wenigſtens diejeni⸗ gen noch beguͤnſtigen, welche ſich durch den Adel vortrefflicher Grundſaͤtze empfehlen.“ Madrid war ganz ode. Die franzoͤſiſche Par⸗ thei hatte die Flucht ergriffen, die Nationalparthei war noch nicht zuruͤckgekehrt, blos das Volk, die 46 Beiſtlichkeit der verſchiedenen Kirchſpiele und die Bür⸗ gerſchaft der verſchiedenen Staͤnde und Gewerbe war zuruͤckgeblieben. Vei dieſer einſamen Verlaſſenheit freute ſich die ehrwuͤrdige Mutter bei ihrer Ankunft wenigſtens Fortunato's Dienſteifer annehmen zu koͤn⸗ nen.„Euer Excellenz,“ ſagte er zu ihr,„haben niemanden um ſich; die Nonnen, die ihr als eure Rinder betrachten durftet, ſind durch die Feinde Got⸗ tes zerſtreut worden, und ihr habt nun keine Familie weiter!“ Die Aebtiſſin antwortete durch einen Seuf⸗ zer. Der Hauptmann ſprach mit ihr von der Toch⸗ ter, die ihr entriſſen worder war, und ſah, wie ſie daruͤber in Thraͤnen ausbrach; ſogleich warf er ſich nun zu ihren Fuͤßen, umfaßte ihre Kniee, ſpielte den Verzweifelten in der Art, wie er es von Elvire ge⸗ lernt hatte, und geſtand ihr endlich, daß er ſelber es geweſen ſei, der ihrem muͤtterlichen Herzen dies Leid zugefuͤgt habe. Die Erzaͤhlung von der Entfuͤhrung der kleinen Manvlita weckte ihren Gram von neuem, der nie ganz beſchwichtigt worden war, und meine ungluͤckliche Dante erfuhr nun, welcher beklagens⸗ werthe Ehrgeiz meinem Vater einen ſolchen Anſchlag eingegeben.„Ich beſchloß,“ ſagte Fortunato,„dies ſchreckliche Geheimniß ſo lange zu verſchweigen, als der alte Herzog lebte; jezt indeß fuͤhle ich, daß ich gegen Euer Excellenz ganz andere Pflichten habe, und ich werde Muth genug haben, um ſie voͤllig und bis zu Ende zu erfuͤllen. Der neue Herzog weiß uͤbrigens bereits alles, und ich kann ſagen, daß er alles aufgeboten hat, um— ſelbſt auf die Gefahr ſei⸗ 47 nes Vermögens— das Kind wieder zu entdecken, das Euer Excellenz noch beweinen.“ Dieſe Entdek⸗ kung erfuͤllte die Sor Maria de los Dolores mit Entſetzen, und die lezten Aeußerungen zeigten ihr ei⸗ nen matten Schimmer von Hoffnung.—„Waͤre es moͤglich?“ rief ſie aus;„wie? ſie lebte noch? ſprecht, ſprecht, ſage ich euch! ach, wenn ich noch eine Tochter habe, wo iſt ſie, damit ich ſie an mein Herz druͤcke.⸗— Der Raͤuberhauptmann hatte den Plan gehabt, ihr Margarita als ſolche in die Arme zu fuͤhren, allein gerade in dieſem Augenblick verließ ihn ſein Muth, und er begnuͤgte ſich daher, blos durch geheimnißvolle Aeußerungen das Ver⸗ trauen dieſer ungluͤcklichen Mutter zu beleben. Sie errieth den geheimen Gedanken Fortunato's, und indem ſie davor zitterte, daß ſie vielleicht ihre Doch⸗ ter durch eine unwurdige Heirath entehrt wiederfin⸗ den koͤnnte, betrachtete ſie nur mit bangem Entſetzen dieſen ſchrecklichen Wechſelfall. Ihre Mutterliebe vermochte nicht das misbilligende Murren ihres Stolzes zu unterdruͤcken, obwohl die geleiſteten Dien⸗ ſte, der Muth und die Froͤmmigkeit des Ehemannes der Margarita in ihren Augen als vollguͤltige An⸗ ſpruͤche auf Adelsrang erſchienen, zumal in einer Zeit, wo keine hochadelige Abkunft gegen die Herab⸗ wuͤrdigung durch ſchlechte Grundſaͤtze zu ſchuͤtzen ver⸗ mochte. Im Anfange des Winters ruͤckten die franzoͤſi⸗ ſchen Heere wieder vorwaͤrts, und die Englaͤnder kehrten wieder nach ihrem vorigen Standlager in 46 Portugal zuruͤck. Damit indeß ihr Felbzug doch nicht ſo ganz umſonſt geweſen ſein moͤchte, zerſtörten ſie bei ihrem Abzuge von Madrid eine Porzellan⸗ und Marketeriefabrik, welche Karl der Dritte in dem herrlichen Garten des Buen Retiro angelegt hatte, um die Induſtrie dadurch in unſeren Augen zu adeln, daß er ſie in ſeinen Koͤnigſitz aufnahm. Die Chi⸗ na*), ward faſt zu eben der Zeit aufgeſprengt, als der Kreml in Moskau in die Luft flog, und ich zwei⸗ fle, daß die Moskauer noch jezt eine ſo tiefe Erbitte⸗ rung wegen der Verwuͤſtungen ihrer Feinde fuhlen, alſt die Madridder uͤber die eigennuͤtzigen Verwuͤſtun⸗ gen ihrer Bundesgenoſſen empfinden. Joſeph nahm die Hauptſtadt der katholiſchen Koͤnige in demſelben Zeitpunkt wieder in Beſitz, wo ſein Bruder die der Czaren wieder verließ. Fortunato kehrte wieder zum Heere zuruͤck, und meine Tante blieb verborgen in Madrid zuruͤck und war froh uͤber die theilnehmende Sorgfalt, welche die Gattin des Sohnes Elvirens mitten unter ſo vielen Zerſtreuungen ihr widmete. Unterdeß nahmen unſere oͤffentlichen Angelegen⸗ heiten einen reißend ſchnellen Gang. Der Kaiſer rief ſeine Legionen aus unſerem Lande ab, um wo moͤglich in den Ebenen von Thuͤringen einen Damm gegen die furchtbare Schneelawine aufzufuͤhren, die er ſelber im hohen Norden erregt hatte. Der Feld⸗ zug von 1813 mußte die der Halbinſel *) Eigentlich ſo viet ais: chinefiſches Porzettanz 6 aber der Name der Porzellanfabrik in Madrid. 49 vollends herbeifuͤhren. Noch nie indeß hatte die geiſtliche Parthei groͤßere Anſtrengungen gemacht, um aus den Eroberungen, die unſere Waffen etwa machen koͤnnten, fuͤr ſich allein den Vortheil zu zie⸗ hen. Die vom Kongreß verfuͤgte Abſchaffung der Inguiſition fand in einigen Kirchſprengeln Hinder⸗ niſſe, welche die vollziehende Gewalt, anſtatt dieſel⸗ ben aus dem Wege zu raͤumen, ſogar noch in Schutz zu nehmen ſchien. Schon ſeit vierzehn Monaten arbeitete dieſe Gewalt darauf hin, die Stellen in den Juſtiz⸗ und Verwaltungsbehoͤrden, beſonders aber alle Stellen im Heere, mit Maͤnnern zu beſetzen, die durch ihr Widerſtreben gegen alle Verbeſſerungen und gegen die neuen Ideen bekannt genug waren, Am 8. Maͤrz des Jahres 1813 mußten endlich In⸗ fantado, Abisbal und ihre Kollegen vor der Vered⸗ ſamkeit eines Arguelles weichen, und auf die zweite Regentſchaft von fuͤnf Mitgliedern folgte eine zweite von dreien. Agar und Eiscar, welche die Aelteſten im Staatsrath und zugleich Mitglieder der von uns errichteten erſten Regierungsbehoͤrde waren, wurden auserwaͤhlt, um das Staatsruder aus den Haͤnden derer wieder zu uͤbernehmen, denen ſie es fruͤher hat⸗ ten uͤbergeben muͤſſen. Die Wahl des dritten Mit⸗ gliedes der Regentſchaft war ganz geeignet, um die Parthei der Inquiſition zu bekaͤmpfen und zugleich die Verleumdungen zu widerlegen, die uns in den Augen des Volks als Neuerer darſtellten, die Thron und Altar umzuſtuͤrzen Willens wären, unſere Stimmenwahl fiel auf einen Praͤlaten, der zu gleicher v. 4 Zeit Fůrſt von Geblůͤt und Fuͤrſt der Kirche war, mit einem Wort auf den einzigen Bourbon, der nicht Ge⸗ fangener der Franzoſen war. Ihr wißt, daß der Fardinal Don Luis, der Bruder Karls der Dritten, dem reichen Erzbisthum von Toledo entſagte, um mit Genehmigung des Pab⸗ ſtes und des Koͤnigs eine Aragonierin zu heirathen, die ihm einen Sohn und zwei Toͤchter gebar. Die eine von dieſen Toͤchtern ward an den Friedensfuͤr⸗ ſten vermaͤhlt; ſie hat nie Theil an deſſen Verbrechen gehabt und verbirgt jezt den verhaßten Titel, den ſie zu fuͤhren gezwungen worden, unter dem Namen einer Graͤfin von Chinchon. Die andere iſt die Herzogin von San Fernando. Den Geſetzen unſe⸗ rer Monarchie gemaͤß erkennen wir beide blos fuͤr unſeres gleichen. Sie verlangen indeß, daß wir in ihrem Beiſein uns nicht eher ſetzen, als bis ſie uns das Zeichen dazu gegeben, auch haben beide faſt nur mit dem koͤniglichen Hauſe Umgang, und alle Mitt⸗ wochen wird fuͤr ſie an der koͤniglichen Tafel auf dem Schloſſe mitgedeckt. Ihr Bruder, der Kardi⸗ nal von Bourbon, welcher, ſo wie fruͤher ſein Va⸗ ter, Erzbiſchof von Toledo iſt, glaͤnzt ſowohl durch den Schimmer ſeiner Tugenden, als durch den ſeiner Geburt an der Spitze der ſpaniſchen Geiſtlichkeit. Waͤhrend er eine lange Zeit hindurch der juͤngſte, noch immer aber der reichſte Erzbiſchof der Monar⸗ chie iſt, verraͤth ſein Geſicht die Schuͤchternheit eines Kindes und die unbefangene Herzensreinheit eines Novizen, und ſo verliert ſich die Ehrfurcht, welche — 51 ſeine hohe Amtswuͤrde einfloͤßt, in die Ehrerbietung, welche ſeine Guͤte erweckt. Dieſer Praͤlat war es alſo, den unſere einſtimmige Wahl an die Spitze der Geſchaͤfte ſtellte. Zwei Jahre fruͤher hatten unſere Gegner eben dieſe Wahl gewuͤnſcht, gegenwaͤrtig rechneten ſie uns dieſelbe als Verbrechen an, weil der Primas von Spanien, der Oheim Don Ferdi⸗ nands, ſeine Anhaͤnglichkeit an die uns leitenden Grundſaͤtze ganz unumwunden an den Lag legte. Als er naͤmlich nach dreijaͤhrigen fruchtloſen Vorſtel⸗ lungen gefunden hatte, daß der Stellvertreter der roͤmiſchen Curie unwandelbar dabei beharre, die ſpa⸗ niſche Geiſtlichkeit ungeſtraft zur Verdrehung und Hintertreibung der Landesgeſetze aufzufordern, ſo ſandte er ihm mit der Wuͤrde eines wahren geiſtlichen Fuͤrſten und eines wuͤrdigen Vorſtehers eines freien Staates ſeine Päſſe zu. Der Runtius Gravina be⸗ gab ſich nach Portugal, um von dort aus unter dem Schutz der ketzeriſchen Bajonette Englands geheime Verſchwoͤrungen anzuzetteln. Im Einverſtaͤndniß mit ihm erhob der hartnaͤckige Biſchof⸗ von Hrenſe die Fahne des Aufruhrs, um die aufgehobene Inqui⸗ ſition wieder herzuſtellen. Doch weder die ſilber⸗ weißen Locken dieſes Praͤlaten, noch ſein beim Volk ſo beliebter Character, vermochte die Freude zu ſtoͤ⸗ ren, welche das faſt von Franzoſen befreite Spanien uͤber ſeine Befreiung von der Inquiſition empfand. Vergebens trat Fray Cayetano und eine Handvoll Unzufriedener zur apoſtoliſchen Junta uͤber; der Runtius, anſtatt ein Heer aufbringen zu koͤnnen, 52 hatte nicht einmal ſo viele beiſammen, um ein Con⸗ cilium zu bilden. n Mitten unter dieſen Unruhen fuhr der Kongreß zu Cadir in ſeinen nuͤtzlichen Arbeiten fort, und be⸗ freite immer mehr den Gang der Juſtiz von den Feſ⸗ ſeln, welche die Barbarei alter Geſetzbuͤcher, das Intereſſe und die Rivalitaͤt der Gerichtshoͤfe, und vor allen jene ungeheure Menge von Escribanos um die Wette vervielfaͤltigt hatten. Er machte die Erhebung der Steuern leichter und gleichmaͤßiger, d. h. gerechter und milder, und er verlieh den In⸗ dianern wohlthätige Einrichtungen, welche die Ko⸗ lonieen enger ans Mutterland knuͤpfen mußten. Don Iſidro, welcher, wie mich dunkt, der ein⸗ zige von den Stellvertretern war, der noch Sitz und Stimme hatte, gehoͤrte ebenfalls unter die kleine Zahl derer, die von ihren Mitbürgern nicht in ihrem Poſten beſtaͤtigt wurden. Seine Anſichten lenkten die Wahl von ihm ab, und er gieng nach ſeiner Dioͤceſe ab, um dort darauf hinzuarbeiten, die tiefen Wun⸗ den zu heilen, welche der Franzoſeneinfall dem Lande geſchlagen hatte. Alonſo fuhr fort, mit ſeinen hel⸗ len Anſichten die oͤffentlichen Verhandlungen zu leiten; er mied Maria„ und haͤtte gern gewuͤnſcht, ſich ſelber meiden zu koͤnnen. Die Markiſin, beunruhigt von Qualen, denen ſie ſich dahingegeben fuͤhlte, ward zu gleicher Zeit von jener Herzenspein befallen, die, ohne die Reinheit des Gewiſſens zu ſtoͤren, es durch irgend ein ſchmerzliches Gefuͤhl eines unvoll⸗ ſtändigen und unfruchtbaren Daſeins truͤbt. Dann nahm ſie ihre Gitarre und ſang ihre geheime Pein, ihre grundloſen Gemuͤthsregungen, und ihr Ungluͤck, einem Geſchlechte anzugehoͤren, welches unſer Daſein zu erhoͤhen und zu vervielfaͤltigen im Stande iſt, ohne⸗ ſich ſelber genuͤgen zu koͤnnen. In Flammenworten ſchilderte ſie dann die Qualen eines geiſtvollen Ko⸗ pfes, der zum Stillſchweigen verdammt iſt, die eines Herzens, das der Himmel fuͤr alles Gluͤck der Liebe ſchuf, und das vom Eigenſinn des Schickſals fuͤr immer ſtumm und eiskalt zu ſein verdammt iſt. Eis⸗ kalt? Nein, das ihrige war es gewiß nicht. Sie ſchilderte die Glut, wovon die unſchuldige Jungfrau bisweilen verzehrt dahinſtirbt, die Freude, welche die Zaͤrtlichkeit und der Ruhm eines geliebten Gemahls einzuffoͤßen vermoͤgen, ganz ſo, als ob ſie ſelber aus dem Becher dieſer grauſamen Pein oder aus dem Becher dieſer hohen Wonne getrunken haͤtte. Bis⸗ weilen hoͤrte Alonſo, wenn er zu ihr kam, dieſen Geſaͤngen zu, er ſtand dann wohl wie unbeweglich eine kange Weile ſtill da, und ſfeine Seele, von dem Reiz und dem Zauber dieſer Gedanken hingeriſſen, erhob ſich wie auf Fluͤgeln des Lichts zu einer Hoͤhe empor, bis zu welcher dieſe Engelsharmonie und die⸗ ſer hohe Geiſt allein emporſchweben zu duͤrfen ſchie⸗ nen. Ein andermal war es Sir Georges, der bei Maria das Geheimniß ihrer dichteriſchen Begeiſterung und ihrer Melodieen zu belauſchen ſuchte; bisweilen ͤberſetzte er wohl ſelbſt einzelne Stanzen, die er ſich im Gedachtniß behalten, in die Sprache Miltons. Dann kam er denn wohl, ſtolz auf ſeine Arbeit, und 54 zeigte der ſchwermuͤthigen Markiſin das engliſche Zeit⸗ blatt, worin dieſe Stanzen oͤffentlich gelobt wurden. „Ihr könnt durchaus nicht begreifen,“ ſagte ſie dann wohl zu ihm,„daß Gott uns ganz verſchiedene Looſe in dieſer Welt angewieſen hat. Ihr Maͤnner ſeid fuͤr das oͤffentliche Leben, wir Frauen dagegen blos fur den haͤuslichen Heerd beſtimmt. Beklaget uns indeß deshalb nicht; unſer Loos iſt vielleicht das glůcklichere. Ihr veredelt unſer Daſein, wir ſollen das eurige verſchoͤnern. In den Maͤnnern entwi⸗ ckelt ſich mehr der Geiſt, in den Frauen— glaub' ich— mehr das Gemuͤth. Euer Leben beſteht in Ruhm, das unſrige„ Sie vermochte hier nicht weiter zu reden. Ein Blick von Alonſo verſetzte ſie in die Unruhe, von welcher ſie bewegt war, und man hoͤrte dann wohl Matea in ihrem fieberhaften Wahnſinn das Wort„Liebe“ ausſprechen, welches die zitternde Lippe Maria's nicht gewagt hatte her⸗ vorzuſtammeln. Der Winter hatte bei der Graͤfin die ſchrecklichen Wirkungen des Solano gehoben, der Fruͤhling ſtellte ihre Lebensgeiſter vollends wieder her, allein es war gleichwohl bei ihr eine peinliche Verwirrung zuruͤck⸗ geblieben, und bisweilen ſchien ihr Geiſt wieder in ſeine traurige Ueberſpannung zuruͤckfallen zu wollen⸗ Die Pflege und Sorgfalt, welche die Markiſin ihr widmete, und die noch hoͤhere Dienſtwilligkeit, welche Donna Leonor bewies, floͤßten ihr ſtets ein ſchmerz⸗ liches Befremden ein.„Wie?“ rief ſie;„ihr alſo wachet an meiner Seite? Dieſer Trank, den eure 55 Hand mir darreicht, iſt wohl vergiftet? Ihr könnt ja blos meinen Dod wollen.“ Man konnte jezt endlich darauf venten ihr zur Flucht behilflich zu ſein. Don Domingo konnte es kaum erwarten, ſie der Gefahr entzogen zu ſehen, die ſie bei einem laͤngeren Aufenthalte unter uns zu beſtehen gehabt haͤtte; auch wuͤnſchte ſie ſelber den Augenblick herbei, wo ſie die Freiheit, ihre Parthei, ihre Aldouza und den Hof wiederfinden wuͤrde. Ich dachte traurig an alle die Hinderniſſe, welche der Krieg und ſelbſt der Sieg zwiſchen ihrer Tochter und mir aufthuͤrmen mußte. Die Majas*) mit ihren leichtfertigen Taͤnzen, welche das alte Rom ſchon bezauberten, mit ihrer reizenden Lebhaftigkeit und Keckheit, hatten nicht mein krankes Herz zu zerſtreuen vermocht, und ob⸗ wohl ich niemals an eine Heirathsverbindung ge⸗ dacht hatte, ſo fuͤhlte ich doch taͤglich mehr, daß die Herrſchaft Aldouza's trotz allen meinen Gegenſtrebun⸗ gen immer mehr zuzunehmen ſchien. Der alte Enriquez hatte von Stodt zu Stadt meine ſchoͤne Couſine verfolgt, die von der Diener⸗ ſchaft ihrer Mutter umgeben und genoͤthigt war, ſich nach dem Marſche des franzoͤſiſchen Heeres zu richten. Als er ſie endlich erreichte, beſchloß die Gouvernante, die vielleicht unterdeß neue Verhaltungsbefehle erhal⸗ ten hatte, in Madrid die Ruͤckkunft Matea's zu er⸗ warten. Der Matador zweifelte nicht, daß die Cor⸗ *) Die teichtfertigen Dirnen in Cadip. 56 zes ſehr bald Cadir verlaſſen wuͤrden, und ruhte daher in der Hauptſtadt von den Beſchwerden der weiten Reiſe und ſeines hohen Alters etwas aus. Den Tag vor der Abreiſe Matea's waren Donna Leonor und die Markiſin bei ihr. Don Alonſo, der ſich gewoͤhnlich immer in einiger Entfernung von ihr zu halten pflegte, hatte Maria und ſeine Mutter zu ihr hin begleitet. Ich war ebenfalls in dieſem Kreiſe zugegen, in welchem blos ſchmerzliche Gefuͤhle zu herrſchen ſchienen. Meine Bemuͤhungen, die Unter⸗ haltung zu beleben, ſcheiterten an der gezwungenen Gemuͤthsſtimmung der Anweſenden. Donna Leonor war die einzige, die meine Aeußerungen beantwor⸗ tete. Auf einmal kam ein Pyrenaͤenhund herein ge⸗ ſprungen und zugleich trat der alte Enriquez ins Zimmer. Seine Erſcheinung erregte in den Gemuͤ⸗ thern aller eine Anwandlung von Erſtaunen und von Furcht. Wir alle fragten ihn faſt zu gleicher Zeit, ob er der jungen Graͤfin gefolgt und was aus ihr geworden ſei. Matea ſprang ihm mit verwirrten Mienen entgegen, ſie allein ſprach von ihrer Tochter kein Wort.„Wie kommt ihr hierher?“ rief ſie aus, und ſchien ihn fern von uns bei Seite fuͤhren zu wollen.—„Ich bin,“ erwiederte er,„durch die Gnade der Mutter Gottes wieder hier. Wohl zehnmal hat man mich unterweges zu ermorden ver⸗ ſucht.“ Bei dieſen Worten erblaßte die Graͤfin. Der alte Paͤchter des Herzogs von L*** fuͤgte ſo⸗ 57 — dann hinzu;„La Mancha*) iſt offenbar durch meinen Ruf ganz verdunkelt. Es langweilte mich, daß ich mich ohne Unterlaß wie ein Furſt bewachen mußte, und ich verließ daher Madrid; das Beruͤhmtſein iſt. doch etwas ſehr laͤſtiges. Indeß, wer in ſeinem Leben fuͤnftauſend dreihundert ſechsundvierzig Koͤpfe zu Boden geſtreckt hat, der kann nicht wohl ohne Feinde bleiben.“ Die Tochter Domingo's war un⸗ terdeß mit ſtarrem Blick und tiefer Niedergeſchlagen⸗ heit in der Stellung einer ſtill verzweifelnden in ihren Seſſel zuruͤckgeſunken. Sie ſchien alle ihre Ruͤckerinne⸗ rungen noch einmal durchzugehen, ihre zerſtoͤrten Plaͤne noch einmal zu berechnen, und ſich dann ihrem Schick⸗ ſal zu unterwerfen. Enrique riß ſie aus ihren Be⸗ trachtungen, indem er ihr einen Brief von Aldouza überreichte. Ihre Hand nahm ihn, doch ſie blieb in ihre tiefe Niedergeſchlagenheit verſunken. „Die hochedle Graͤfin,“ fuhr hierauf Enrique weiter fort, indem er von Aldouza ſprach,“ wuͤnſchte ſehr innig, unter meinem Schutze hierher zuruͤckkeh⸗ ren zu koͤnnen. Sie ließ mich oft zu ſich rufen, um ſich mit mir von der hochedlen verwittweten Graͤfin und beſonders von der hochedlen Markiſin zu unter⸗ halten, welche ſie ſo liebt, wie die Engel die Jung⸗ frau Maria lieben, und wie wohl ein jeder Ihre Ex⸗ cellenz lieben muß,“ fuhr der Greis geruͤhrt fort, ²*) Zwiſchen la Mancha und Andaluſien waltet eine gewiſſe Rivalität ob, in Hinſicht auf die Schönheit der Stiere und die Geſchicklichkeit der Toreadores. „ber jemals in ihrer Naͤhe gelebt hat, oder der uͤber⸗ haupt nur ein Herz in ſich traͤgt.“ Matea ſtand mit einiger Aengſtlichkeit auf, um den Matador zu entlaſſen. Er gieng hinaus. Donna Leonor fragte ihn indeß noch, ob er an dem Hoflager des Koͤnig Joſeph wohl den Namen Fray Pablo's nennen gehoͤrt habe, und ob er vielleicht wiſſe, wo dieſer ungluͤckliche Sohn ſein Haupt verborgen habe. Anſtatt der traurigen Mutter auf ihre Frage zu ant⸗ worten, heftete er einen verwunderten Blick auf ſie. Dieſe ſtumme Scene dauerte eine lange Weile. Wir wurden einen Augenblick durch die ungewoͤhnliche Gemuͤthsbewegung, worin Matea ſich befand, davon abgelenkt; es war naͤmlich gerade ſo, als uͤbte der furchtbare Wind Afrika's wieder ſeine Gewalt uͤber ſie aus. Endlich ſagte Enrique, anſtatt auf die Fragen der Donna Leonor zu antworten:„Bei eurem Anblick moͤchte Enrique Enriquez beinahe glau⸗ ben, euch ſchon irgendwo einmal geſehen zu haben. Eure franzoͤſiſche Betonung beweiſet mir hinlaͤnglich, daß, wenn auch mein Arm nicht mehr die vorige Gewalt, mein Auge doch wenigſtens nichts von ſeiner Schaͤrfe verloren hat. Es ſind gerade fuͤnfundzwan⸗ zig Jahre her, daß ihr in einen Meierhof Andaluſtens einkehrtet, in eben denſelben, in welchem Euer Ex⸗ cellenz“— hier wandte er ſich an Alonſo—„in der Nacht, wo der große Kampf und die große Feu⸗ ersbrunſt ſich ereignete, Halt machten.“—„Es verhaͤlt ſich wirklich ſo,“ erwiederte ſie ſehr be⸗ wegt. * 59 Der Matabor ſah abwechſelnd bald die Gattin des Don Luis, bald die Markiſin an. Alonſo, Ma⸗ ria, kurz alle waren hoͤchſt geſpannt und ſahen gar nicht mehr auf die ungluckliche Gräfin, die hinter. ihnen mit todtenbleichem Angeſicht daſtand, als er⸗ wartete ſie einen Blitzſtrahl vom Himmel, der ſie zerſchmettern ſollte. Enriquez fragte die Donna Le⸗ onor, ob ſie denn blos eine einzige Tochter gehabt, und als ſie es bejahte, rief er die Häͤnde faltend: „Waͤre es moͤglich? heilige Mutter Gottes! wer hätte mir damals, wo ich ein armes ausgeſetztes Kind von dem Erfrieren und dem Hungertode rettete, wohl vorausgeſagt, daß es dereinſt eine Herzogin werden wuͤrde, und als die gute Markiſin mich dem Elende entriß, indem ſie fuͤr mich ins Mittel trat, wer haͤtte mir da geſagt.—„Wie?“ un⸗ terbrach ihn Alonſo;„ſo ſprecht doch und erklaͤrt euch naͤher.“—„Er wird euch jezt erzaͤhlen,“ fuͤgte Donna Leonor traurig hinzu,„ daß ich keine Tochter mehr habe.“ Und mit dieſen Worten um⸗ armte die Wittwe des kaſtilianiſchen Hffiziers laut weinend Maria, welche mit Thraͤnen ausrief:„Ach, noch immer! noch immer fort!“ Alonſo, der ſich ebenfalls zu den Knieen ſeiner Mutter herab neigte und von ihr gleichfalls mit in die Umarmung hinein gezogen wurde, Alonſo rief:„Um des Himmels willen, giebt es hier noch mehr Geheimniſſe?“— „Noch ein ſehr bedeutendes!“ erwiederte ſie.„Ich ſelbſt wuͤrde es nicht einmal wiſſen, wenn nicht Don Luis damals, als wir beide mit einander in die Ker⸗ 60 ker der Inquiſition eingeſperrt worden waren, und er auf dem Punkte zu ſtehen glaubte, vor Gott er⸗ ſcheinen zu muͤſſen.—„Ungluͤckliche!“ rief jezt eine vom Schmerz erſtickte Stimme,„ſo waͤre ich es alſo, die das alles angerichtet hat!“ Und mit dieſen Worten ließ Matea ihr Geſicht in ihre Haͤnde herabſinken, und war wie todt. Dieſer Schrei, der mich faſt zu Boden geſchmettert hatte, ward kaum von den uͤbrigen vernommen. Alonſo und die, welche einſt ſeine Schweſter geweſen, hoͤr⸗ ten mit niedergeſenkten Blicken die Erzaͤhlung an, die ſie verlangt hatten. Sie erfuhren jezt, wie Don Luis ſeine Gattin getaͤuſcht hatte, um ſie am Leben zu erhalten.„Da habt ihr, meine Kinder,“— ſo ſchloß Donna Leonor ihre Geſchichte—„das ſchmerzliche Geheimniß, das ſeit ſo langer Zeit mein Leben truͤbte. Meine Kinder!„„ich gebe euch noch immer dieſen Namen„es giebt Dinge, worauf ein Mutterherz nach einer Reihe von fuͤnf⸗ undzwanzig Jahren nicht leicht mehr Verzicht leiſten kann.“—„Nun, ſeid ihr denn nicht in der That meine Mutter?“ erwiederte Maria.„Bin ich denn nicht auf eurem Schooße groß geworden? Habt ihr mich nicht erzogen und gebildet? Habt ihr nicht zu allen Zeiten und noch jezt eine wahrhaft muͤtterli⸗ che Liebe gegen mich an den Tag gelegt? Ach, verſchonet mich mit dem Gedanken, daß alles das, was den Kreis meines Daſeins bisher ausfuͤllte, heute dahinſchwinden ſoll. Wenn ich alle die Gefuͤh⸗ le, die in meiner Bruſt wohnen, daraus verdraͤngen 61 — ſollte, ſo fuͤhle ich wohl, daß dies mir das Leben koſten wuͤrde.“— Die letzten Worte ſprach ſie in einem herzzerreißenden Tone. Alonſo verſtand ſie; er druͤckte der Markiſin die Hand, und verfiel wieder in ſein dumpfes Schweigen.„Freund,“ ſagte ſie hierauf zu ihm,„dein Weſen bekuͤmmert mich, rede doch mit uns; laß dieſen niedergeſchlagenen Blick, der mich zu meiden ſcheint, anſtatt daß er fruͤherhin mich ſtets aufzuſuchen ſchien Biſt du denn nicht noch immer mein Bruder?“—„Dein Bruder?“ erwiederte er, indem er die Augen zum Himmel em⸗ porhob.—„Ja, du biſt es, und wirſt es ewig bleiben.“ Maria hielt hier einen Augenblick inne und fuhr weiter fort:„Ja, ich erklaͤre es dir frei heraus, ich kann jenen ſuͤßen Namen nicht entſagen, die ein zartes Verhaͤltniß bezeichnen, das ſo alt iſt als wir ſelber. Wenn ich den Platz, den ich ſonſt in deinem Herzen einnahm, je verlieren ſollte, ſo wuͤrde dies, ich geſtehe es nochmals, mir das Leben koſten!“—„Dies Plaͤtzchen verlieren?“ erwie⸗ derte Alonſo mit gebrochener Stimme, und beide ſchluchzten mit einander.„Ach,“ führ er endlich fort,„wie ſollte ich mich nicht zu Boden geſchmet⸗ tert fuͤhlen? Es beginnt ja nun ein ganz neues Le⸗ ben fuͤr mich, eine ganz neue Welt entrollt ſich vor meinen Blicken. Je tiefer ich mich hinein verſenke, je mehr ſehe ich uͤberall fuͤr deinen traurigen Freund nichts als Einſamkeit und Verzweiflung. So bin ich denn alſo wieder in die Zeiten zuruͤckverſetzt, die auf den 2. Mai folgten, in die, wo ich dich in einer andern Welt von mir geſchieden waͤhnte. Waͤhrend er ſo ſprach, ſchien Maria, die bisher immer ſo viel Muth gezeigt, alle ihre Kraͤfte zu verlieren. Sie eilte nach ihrem Betpult, druͤckte das Kruzifir an ihre gluͤhende Bruſt, und verharrte mit Donna Leonor im Gebet. Unterdeß war Matea laͤngſt nicht mehr in unſerer Mitte. Vergebens ſuchte man ſie uͤberall; ſie war aus Cadix verſchwunden. Einige Tage verſtrichen; Alonſo konnte das Ge⸗ fuͤhl, das ſein ganzes Daſein beherrſchte, nicht laͤn⸗ ger verkennen. Er erſchrak vor der Zukunft, die ihm durch eine Reigung bereitet wurde, welche ſchon zu lebhaft geworden war, um ihm Ruhe zu laſſen, und welche zu ſehr mit ſeinem ganzen Daſein ver⸗ knuͤpft war, als daß er haͤtte hoffen koͤnnen, ſie zu verbannen oder zu mildern. Maria ſchien ebenfalls ſehr niedergeſchlagen zu ſein. Vielleicht hatte ſie tief in das Innere ihres Herzens geblickt, und darin Entbeckungen gemacht, die ſie mit Bangigkeit erfuͤh⸗ ten. Eines Morgens ließ ſie denjenigen rufen, den ihre Lippen noch immer gern„Bruder“ nannten. Ich war eben bei ihm und begleitete ihn bis hin, und da ſahen wir denn einen Reiſewagen vor der Kloſter⸗ pforte ſtehen. Er zitterte und ſagte:„Das war alſo die Wuͤſte, die ſich vor mir oͤffnete.“ Maria war nicht auf ihrem Zimmer; wir bega⸗ ben uns daher in die Kirche. Die Erinnerung an jenen langen Abſchied zu Corunna fiel hier von neuem ſchwer auf das Herz Alonſo's, als er am Altar Don Iſidro das feierliche Amt verrichten, und an der c 63 Stelle jenes Antonio den alten Enriquez den Dienſt bei dem Erzbiſchof verwalten ſah. Die uͤbrigen Kloſterbewohner waren uͤber den Seitenſchiffen der Kirche verborgen, und konnten daher nicht bemerkt werden, blos von Zeit erhoben alle ihre wohllauten⸗ den Stimmen, um der Stimme des Prieſters zu ant⸗ worten. In dem Heiligthume ſelber befand ſich blos eine einzige Frau, die auf den Knieen lag; außer ihr war unter dieſen heiligen Gewoͤlben niemand weiter zugegen, als Alonſo und ich. Dieſe Ceremonie, de⸗ ren ganze Feierlichkeit blos auf ihrer Einfachheit, auf unſerer innern Gemuͤthsbewegung, und auf den re⸗ ligioͤſen Gefuͤhlen beruhte, die ſie hervorrief, lockte Thraͤnen in unſere Augen. Religion und Liebe ſind zwei Quellen der Ruͤhrung, die niemals verſiegen; wie kommt's doch, daß alles, was den Menſchen emporhebt, auch zugleich Thraͤnen in ſeine Augen draͤngt? Der ehrwuͤrdige Greis wandte ſich jezt gegen uns um; er hielt die heilige Hoſtie in der Hand, und bei der Ruhe und Milde ſeines Antlitzes glaubte man die Gegenwart Gottes zu empfinden. Drauf ſtieg er langſam die Stufen des Altars wieder heraf. Maria erwartete mit erhobenem Haupte und niedergeſenkten Augen die Annaͤherung des Erzbiſchofs; ſie war nicht blos ſchoͤn wie die Unſchuld, ſondern ihre ganze blaſſe Geſtalt ſtellte ein Bild der chriſtlichen Demuth dar. Das Geklingel des Gloͤckchens, welches der alte Enrique in der Hand hielt, gab uns ein Zeichen, daß 64 wir unſer Haupt neigen ſo religioͤſe Ehrfurcht, die Se hohen Meßopfer voraus⸗ geht. Alonſo theilte ahe Empfindungen Maria's, er fuͤhlte den Augenblick, wo der Schauer in ſeiner Seele einer heiligen Wonie Platz machte, und wo er vom geweihten Altartiſche zu den himmliſchen Friedenshuͤtten emporzuſchweben waͤhnte. Wir ſchlugen jezt unſere Wgen wieder empor; mein Freund zitterte. Es war, als Phen wir eine Heilige, die jezt ſo eben in die himmliſchen Wohnungen eing⸗ gangen ſei. Beim Herausgehen aus der Kirche gieng ſie an uns dicht vorbei; ihr leidendes Angeſicht verrieth die gewaltſame Wirkung eines großen, aber uͤber⸗ wundenen Schmerzes. Bald nachher, ließ ſie uns zu ſich entbieten. Alonſo blieb im Hingehen an ihrer Thuͤrſchwelle ſtehen, gleichſam als waͤre er noch nicht auf alles vorbereitet. Die Markiſin war bereits in Reiſekleidern; die enge und kurze Basquine hatte ſie mit einem weiteren und laͤngeren Kleide vertauſcht, und anſtatt des leichten Schleiers trug ſie jezt einen großen franzoͤſiſchen Damenhut. Das Laͤcheln, das auf ihren Lippen ſchwebte, verkuͤndigte den maͤchti⸗ gen Einfluß der Religion und des Muthes; allein in ihren Blicken lag etwas, das dieſem Laͤcheln wider⸗ ſprach und lange Kaͤmpfe ankuͤndigte. Der Ton ihrer Stimme verrieth uns, daß ſie noch lange nicht feſt und ſicher genug ſei, und daß es ihr Gewaltan⸗ ſtrengung koſtete, um ihren Entſchluß durchzufuͤhren. „Alonſo,“ ſagte ſie, indem ſie ihm die Hand bot, en. Wir fuͤhlten jene „verſuche nicht weiter, mich meinem Plane unge⸗ treu zu machen; er iſt unwiderruflich. Madrid iſt wieder im Beſitz unſeres Heeres, der Hof Joſephs fluͤchtet ſich nach Norden, der Kampf iſt geendigt, der Thronanmaßer geht mit allen den Seinigen wie⸗ der uͤber die Pyrenaͤen zuruͤck. Hier beginnen fuͤr mich neue Pflichten. Es war mir laͤngſt ſchon pein⸗ lich, fuͤnf lange Jahre von dem edeln Greiſe entfernt zu leben, deſſen Lebenstage zu verſchoͤnern ich ange⸗ lobt habe; indeß er wollte mir ſeine traurigen Eh⸗ renamter nicht zum Opfer bringen, er weigerte ſich, mit mir in der Zuruͤckgezogenheit zu leben, und— ich geſtehe es— am Hofe der Feinde meines Va⸗ terlandes zu erſcheinen, an der Verſchwoͤrung der Fremden gegen Don Ferdinand Theil zu nehmen, das konnte ich nicht uͤber's Herz bringen, und ich hoffe dafuͤr von Gott und der Welt Verzeihung zu erhalten. Gegenwaͤrtig iſt der Markis gefluͤchtet und in die Acht erklaͤrt, und wird von nun an im fremden Lande ein trauriges Daſein fuͤhren. Meine Pflicht ruft mich an ſeine Seite, und ich eile daher zu ihm. Ich werde ja wohl unter den Geſetzen des beſiegten Napoleons zu leben wiſſen. Moͤchte nur der Kam⸗ merherr, ſobald er meine ahnenloſe Abkunft erfaͤhrt, nicht etwa meine Gegenwart laͤſtig finden! Es koſtet mich wahrlich viel, Spanien in dem Augenblick zu verlaſſen, wo es befreit iſt, und zugleich alle meine Theuern zu verlaſſen„ indeß es muß ſein! Noch einmal wiederhole ich es, mein Entſchluß iſt unwan⸗ delbar.“—„und haſt du denn je geſehen,“ er⸗ V. 5 66 wiedente Nlonſo,„daß ich mich der Erfuͤllung irgend einer Pflicht widerſetzt haͤtte?⸗— Aus dieſen Aeußerungen erſah die Markiſin, daß ſie ſich nicht weiter gegen die Bitten, die ſie gefuͤrchtet hatte, zu waffnen brauchte; es ſchwanden ihr ſofort alle Kräͤf⸗ te, und ſie ſank erſchoͤpft in die Arme ihres Bruders. Eendlich ging die Abreiſe vor ſich. Der Kapel⸗ lan Fray Vicente ſetzte ſich zu ihr in den Wagen, mehrere gut bewaffnete Domeſtiken dienten zur Be⸗ deckung, und ein Eilbote ſprengte voraus, um unter⸗ weges die Vorſpannpferde zu beſtellen. Als der Trab der Maulthiere und das Getoͤne ihrer Gloͤckchen aus unſeren Ohren entſchwunden war, erſtarrte die Hand Alonſo's in der meinigen. Ich hatte nach meinen Pferden geſchickt, und nahm ihn wider ſeinen Willen mit mir fort, und ſo folgten wir von weitem hinter dem Wege drein, der das edelſte und theuerſte Daſein fern von uns hinweg fuͤhrte. Die ſchmale Kunſtſtraße dehnte ſich unter unſe⸗ ren Tritten zu einer Ewigkeit aus. Das Meer ſchlummerte zur Linken und zur Rechten glatt und hell wie ein Silberſpiegel, der Himmel war rein, und ein kuͤhles Weſtluͤftchen erfriſchte die Luft. Endlich vermochten wir die raſch forttrabenden Mauleſel ein⸗ zuholen, welche Maria von dannen trugen. Ein Läͤcheln, ein Anflug von himmliſcher Wonne ſchim⸗ merte mitten durch ihre Thraͤnen; ihre Gefuͤhle gien⸗ gen in Alonſo's Seele uͤber und verſchoͤnerten ſein Geſicht. Er trug uͤber ſeine Uniform die Schaͤrpe, die ihm von der geliebten Hand geſtickt worden war. S 67 Ich bachte bei mir ſelbſt, daß doch niemals die Vor⸗ ſehung ein wuͤrbigeres und ſchoͤneres Paar zuſam⸗ mengefuͤhrt habe, ich berechnete die moglichen Fälle, wodurch ſie fuͤr immer mit einander verbunden wer⸗ den koͤnnten. Indeß, beide waren gluͤcklich„ beide ſollten es hinfort bald nicht mehr ſein. Wir hatten jezt die Inſel Leon erreicht. Ihre unendliche Hauptſtraße, die eine Stunde Weges lang iſt, erſchien uns diesmal im Durchfluge ſehr kurz. Bald waren wir am Santi Petri angelangt, und auf der Brücke wiederholten wir uns das traurige Lebewohl. Dann flog ihr Wagen fern von uns hin⸗ weg. Ich konnte Alonſo nicht bewegen, wieder nach Cadir umzukehren. Da fand ſich Don Mathias, der uͤberall anzutreffen war, bei uns ein, und ent⸗ ſchloß ſich, uns alle die Theile der Brucke zu bezeich⸗ nen, die noch von den alten Roͤmern herruͤhren. Hie Ungeduld gab nun meinem betruͤbten Freunde neue Kraͤfte, und wir entfernten uns mit großen Schrit⸗ ten. Bei tiefer Niedergeſchlagenheit iſt oft nichts ſo heilſam als ein verletzender Anſtoß von außen; es iſt dies dann gleichſam ein Stachel, der uns ſpornt; eine gewiſſe innere Emporung zerſtreut und ermuthigt uns zugleich, und wir fuͤhlen uns dann ſtaͤrker, um die Laſt unſerer Leiden zu ertragen. =nO tiieiut⸗ Buch. Suſtg der Erzählung eines ſpani⸗ „ſcen Soldaten⸗ 6 erſes Kapiten“ —* Die Markiſin erreichte die Ufer des Ebro. Es war gerade der 21. Junius des Jahres 1813. Nach allen Richtungen hoͤrte ſie fernen Kanonendonner vor ſich. Das franzoͤſiſche Heer ſchlug ſich zum lezten⸗ male auf ſpaniſchem Grund und Boden. Doch dies Heer war nicht mehr in ſeinem Jugendalter, ſon⸗ dern die Zeit der Taͤuſchungen und Hoffnungen war laͤngſt voruͤber; dazu fuͤhrte es unter ſeinem Gepaͤck einen Koͤnig, einen Hof und eine ganze Parthei, wel⸗ che die Flucht ergreifen mußte, mit ſich. Ein aus der Revolution hervorgegangener Fuͤrſt, naͤmlich Jo⸗ ſeph, welcher auf einmal Oberfeldherr geworden war, wußte ganz nach Art und Weiſe der vorigen Regie⸗ rung den Befehlenden Feſſeln anzulegen, ohne ſich dadurch groͤßeren Gehorſam zu verſchaffen. Das Ge⸗ fuͤhl eines langen Mislingens erhoͤhte in den Gemuͤ⸗ thern das Gefuͤhl, daß man fuͤr eine ſchlechte Sache focht. Dazu kamen nun noch die Nachtheile der aͤu⸗ — 69 ßeren Lage und der geringeren Anzahl, und dies war denn mehr als hinlaͤnglich, um ſelbſt die tuͤchtigſten Talente und die groͤßte Tapferkeit durch das Bewußt⸗ ſein der Vergeblichkeit aller Anſtrengungen zu ent⸗ kraͤften. Die Franzoſen unterlagen, und der be⸗ ruͤhmte Feldherr, der die erſten Schlachten der Re⸗ volution gewonnen, verlor die letzte Schlacht, die auf ſpaniſchem Grund und Boden geliefert wurde. Gegen Abend hoͤrte endlich der Angriff der ge⸗ genuͤberſtehenden Schlachthaufen auf, und das Ge⸗ ſchuͤtz ſchwieg. Anſtatt des lang nachhallenden Ka⸗ nonendonners vernahm man nun blos das Geſchrei vieler tauſend ſpaniſchen Familien, die den Tod des Schlachtfeldes und den der Rache auf ihr Haupt her⸗ abfallen ſahen. Maria fuͤhlte bald, daß jezt ihre Pflichterfuͤllung anfange. Unerſchrocken und blos von Fray Vincente begleitet, der ſein Ordenskleid unter die Falten ſeines Mantels barg, ſprengte ſie zu Pferde uͤber das Schlachtfeld, uͤber Leichen, Schwerverwundete und Sterbende, die in ihren ver⸗ ſchiedenen Sprachen von dem Mitleid der Feinde eine Endigung ihres Elends erflehten. So gelangte denn die Markiſin bis in die Mitte des franzoͤſiſchen Heeres. Die große Straße von Vittoria nach Ba⸗ vonne war durch die Englaͤnder verſperrt, man mußte alſo im Gebirge die Straße nach Pamplona aufſuchen. Alles ſtroͤmte daher nach dieſer hin. Nicht blos Reiter, Fußvolk und Geſchutzͤge draͤng⸗ ten ſich um die Wette auf den wimmelnden Wegen fort, nicht blos Proviantwagen und Kanonen, welche im Stich gelaſſen worden, ober Verwundete, bie hilflos am Boden hingeſtreckt lagen, ſperrten die Straße; ſondern mitten unter dieſen grauſenvollen Stenen, die eine jede Niederlage begleiten, hatte man auch einen Anblick, der ſonſt blos in Buͤrger⸗ kriegen vorzukommen pflegt. Ein ganzes Volk von Greiſen, Frauen und Kindern, die jezt alle fuͤr ihre Anhaͤnglichkeit an Joſephs Regierung buͤßen mußten, ſuchten ſich einen Weg durch dieſe allgemeine Ver⸗ wirrung zu bahnen, bei welcher man blos mit ge⸗ waltſamer Hand von einem Ende der aufgeloͤſten Ko⸗ lonnen bis zum andern durchzudringen vermochte. Die Menge geſchmackvoller Equipagen, reich mit Wappen und Vergoldung bedeckter Staatswagen, einzelner Gabelwagen, die von Poſtillionen in reicher Livree gefuͤhrt wurden, und zahlloſer Packwagen, wuͤrden dieſer eiligen Fahrt das Anſehn einer Hof⸗ reiſe nach dem Escurial gegeben haben, wofern nicht von allen Seiten her Tod und Verzweiflung ſich in dieſen Zug gemiſcht haͤtten. Alle dieſe glaͤnzenden Wagen wurden in einem Augenblick durch den An⸗ ſtoß vorbeifahrender Kanonen zerbrochen, von den Soldaten in die Seitengraͤben hinabgeworfen, oder von den vorgeſpannten Maulthieren mitten durchs Fußvolk fortgeſchleift. In dieſer allgemeinen Un⸗ ordnung ſah man ſpaniſche Granden, vornehme Frauen, ja wohl ſelbſt Praͤlaten in ihren geſtickten Kleidern und ſilberweißen Locken durch Staub und Blut muͤhſam daherſchleichen. Die Landſtraße war mit Goldſtucken uͤberſaͤt, aber niemand dachte daran, „— 74 ———— ſich barnach zu buͤcken. Pferde rannten dort einen Sohn nieder, der ſeiner Mutter im Weitergehen be⸗ hilflich war; dort mußte ein junger Ehegatte, nach⸗ dem er ſeine Frau gluͤcklich dem feindlichen Schwerte entriſſen, ſehen, wie eine vorbeieilende Haubitze ſie zermalmte; dort ſuchte ein Vater mit ſeinen verbann⸗ ten Kindern den kleinen Nothpfennig zu retten, wo⸗ von ſie auf fremdem Boden zu leben gedachten, und ſank verloren unter die Fuͤße der ſchonungsloſen Menge nieder. Maria erblickte eine Frau, die mit fliegenden Haaren laͤngs des ſteilen Randes neben der Heer⸗ ſtraße dahin eilte; in zerriſſener Kleidung, mit wun⸗ den Fuͤßen und blutendem Geſicht rief ſie:„Meine Tochter! meine Dochter!“ und ſo eilte ſie immer fort, indem ſie bald durch einen betrunkenen Solda⸗ ten, dald durch ein ſcheu gewordenes Pferd getreten und geſtoßen wurde. Die Markiſin wuͤnſchte ſie einzuholen. Sie hoffte, daß dieſe ihre Fragen nach dem Markis nicht eben ſo ſchnoͤde zuruͤckweiſen wuͤrde, als es die Menge gethan, vornehmlich⸗ aber war es das Mitleid, was ſie antrieb, ihr zu Hilfe zu eilen. Allein bei ihrem Zuruf ward die Graͤfin von einer ganz eben ſolchen Empfindung des Grauſens ergrif⸗ fen, wie wenn ſie ein drohendes Geſpenſt erblickt haͤtte, das ſie verfolgte. Sie ſtieg ſogleich auf die Heerſtraße herab, miſchte ſich unter die Reihen der Fliehenden, und nach manchen Verſuchen gelang es ihr da, eine vorbeifahrende Kanone anzufaſſen und ſich ſo lange an ſie anzuhalten, bis ein alter Solbat von ihren Leiben gerihrt wurde, und der weinenden Spanierin vorn auf einem Proviantwagen einen Platz ausmittelte. Das Rufen der Soldaten, die nach der Nummer ihres Regiments fragten, das der Generale, welche die Ordnung wiederherzuſtellen ſuchten, das Geſchrei der Fluͤchtlinge, die nach den zerſtreuten Ihrigen rie⸗ fen, dies alles zuſammen erfuͤllte die Luft mit einem unſeligen Laͤrm, und jeder Laͤrm, der aus dieſem verworrenen Gewuͤhl aufſtieg, erfullte die Gemuͤther mit Entſetzen. Nun liefen alle noch ſtaͤrker, draͤng⸗ ten und ſtießen ſich, und jeder ſuchte ſeinem Vorder⸗ mann den Vorſprung wieder abzugewinnen. Die Afranceſados wußten, daß unſere Rache unerbittlich ſei; Feinde pflegen wohl oft einander zu ſchonen, aber nicht Mitbürger eines und deſſelben Volkes. Gleichwohl ſah man auf dieſem Schauplatz der Zrauer und der Verwuͤſtung Scenen, welche fuͤr das menſchliche Gefuͤhl troͤſtlich ſein mußten. Eure Sol⸗ daten verſtehen das Geheimniß, auch noch im Mis⸗ gluͤck, wo ihnen der Sieg verſagt iſt, ſich auf eine ehrenvolle Weiſe auszuzeichnen. Alle vergaßen ihre eigenen Unfaͤlle und Gefahren, um an fremdes Un⸗ glůck, das ihr Gebieter veranlaßt hatte, zu denken. Sie ſchloſſen mit ihren Leibern und Waffen eine ſchuͤtzende Mauer um die Joſephinos, welche nahe daran waren, von unſeren Regimentern erreicht zu werden. Dragoner und Huſaren fuͤhrten mit trau⸗ riger und ehrerbietiger Miene auf ihren Pferden die Frauen von Raͤthen und Kammerherren Joſephs mit fort. Fußſoldaten trugen manches junge Maͤdchen, das vor Mattigkeit hingeſunken war, auf ihren Ar⸗ men fort, welches ſich ihnen ohne Zittern anvertraute, weil es ſich bei ihnen unter dem Schutz der Tapfer⸗ keit und der Ehre fuͤhlte. Marketenderinnen giengen durch die Reihen, und vertheilten an Spanier, wie an Franzoſen, ſtärkenden Brantwein, verbanden jedem ohne Unterſchied die Wunden, und ſangen unter dieſen traurigen Umſtaͤnden Kriegslieder, um den geſunkenen Muth wieder zu beleben. Eine dieſer unerſchrockenen Frauen warf alle ihre Sachen und Mundvorraͤthe aus ihrem Vorrathskaͤſtchen heraus, um es zu einer Wiege fuͤr das Kind eines Geaͤchteten einzurichten. Ein Grenadier fragte ſie, warum ſie nicht lieber ihr eigenes Kind, das ja nicht mehr am Leben ſei, im Stich laſſe.„Wenn es gleich todt iſt,“ erwiederte ſie,„ſo iſts ja doch ein Franzoſe, und kann folglich nicht wohl auf fremdem Boden be⸗ graben werden;“ dann fuhr ſie mit einem Seufzer fort:„Alles waͤre gut, wenn wir nur wieder vor⸗ waͤrts giengen.“ Eine andere erblickte einen Greis, der ſo eben niederſank; ſie eilte auf ihn zu, hob ihn mit ſtarkem Arme empor, ſetzte ihn auf ihr Pferd, und gieng ſelber zu Fuß vor ihrem keuchenden Pack⸗ thiere her, das ſie mit Gewalt hinter ſich her zog. Auf einmal prallten zwei feindliche Reiter aus dem Hinterhalte hervor, ſprengten auf ſie zu, verſpra⸗ chen ihr das Leben zu ſchenken, und wollten blos den Diener Pepe's niedermachen. Die Marketenderin rafft ſofort eine Flinte von der Erde auf, haͤlt ihnen 74 das Bajonett entgegen und ruft:„Ich heiße die Vorſehung, und verlaſſe die ungluͤcklichen nicht.“ Der Rame, den die Frau ausſprach, war fuͤr Maria nicht ganz unbekannt, ſeit jener Zeit her, wo Alonſo im franzoſiſchen Lager gefangen geweſen war. Sie hoͤrte jezt die edle Antwort, und eilte in Begleitung des treuen Fray Vicente der einfachen Amazone zu Hilfe. Die ſpaniſchen Reiter entfernten ſich, und Maria fand in dem bejahrten Afranceſado, den die großherzige Marketenderin gerettet, denjenigen wie⸗ der, den ſie nie mehr wiederzuſehen geglaubt hatte. Der Markis wagte kaum ſeinen eigenen Augen zu glauben. Er fragte, durch welchen taͤuſchenden Traum oder durch welches Wunder nach ſo vielen Jahren ihm endlich die jugendliche Gemahlin wieder⸗ gegeben worben ſei, von welcher er ſich fuͤr immer verlaſſen waͤhnte, und neuen Muth kehrte in ſein Herz zuruͤck. Zwar beweinte er noch immer ſeine Verbannung, ſein Ungluͤck, die Leiden ſeines durch die Anarchie entthronten Koͤnigs; allein ſein Schmerz hatte weniger Bitterkeit, und bald glänzte ihm ein Hoffnungsſchimmer entgegen. Das Alter iſt gerade ſo wie die Kindheit; es beruhigt ſich eben ſo ſchnell wieder, als es ſich betruͤbt. Fray Vicente war in dieſen Gebirgen geboren. Er wußte daher einen bequemen und ſichern Fuß⸗ ſteig nachzuweiſen. Die Vorſehung folgte ihnen auf demſelben nach; auch einige Soldaten ſchlugen denſelben ein, und ſuchten ihre Fahnen auf, indem ſie theils auf losgeſpannten Geſchutzpferden, die man „ an ihrem ſchweren Panzer und an ihren herabhangen⸗ den Zugriemen erkannte, theils auf ſtattlichen anda⸗ luſiſchen Reitpferden ſaßen, die, ſo wie ſie den ge⸗ wohnten Lenker vermißten, den ungeſchickten Reiter. ſofort weit von ſich abwarfen, woruͤber ſie denn von ihren Waffengefaͤhrten, die mitten im Ungluͤck noch ihre alte Luſtigkeit behielten, aufgezogen wurden. Der Markis wollte ſich nicht in dieſe Thalgruͤnde hineinbegeben, weil er fuͤrchtete, er wuͤrde dann nicht fruͤh genug wieder die große Heerſtraße errei⸗ chen, um noch denſelben Abend beim Koͤnige eintref⸗ ſen zu können.„Was wuͤrde der Koͤnig denken,“ ſprach er,„wenn ich mich nicht bei ihm einfaͤnde? ich habe ja dieſe Woche die Aufwartung bei ihm, und Seine Majeſtät koͤnnten dann ja gar nicht zur Abend⸗ tafel gehen.“— Vergebens bat ihn die Markiſin, weiter mit fort zu gehen und an die Gefahren zuruͤck⸗ zudenken, die er bereits ausgeſtanden.„Rein,“ rief er,„niemand ſoll ſagen duͤrfen, daß der Dienſt beim Koͤnige, und zwar waͤhrend die Reihe an mir war, ſchlecht beſorgt worden iſt, und noch dazu an einem Schlachttage! Mein Großvater war es, der Philipp den Funften am Abend nach ſeinem Siege auskleidete.„—„Ei, Herr Kammerherr,“ fiel ihm hier die Vorſehung ins Wort, indem ſie den Zuͤgel des Pferdes anfaßte,„der Koͤnig Jo⸗ ſeph iſt groß genug, um es ſo zu machen wie ich, er wird ſein Kommißbrot ſchon allein verzehren, und was ſeine Toilette betrifft, daruͤber ſeid ganz unbe⸗ ſorgt; er wird heute gewiß keinen Kammerdiener brauchen, wofern nicht etwa die Inſurgenten ihm die Aufwartung machen.“— Maria ſah mit Betruͤb⸗ niß, daß der edle Greis mitten unter dieſem ſchreck⸗ lichen Ungluͤck doch nur fuͤr dergleichen kleine Unan⸗ nehmlichkeiten Sinn und Gedanken hatte; ſie konnte nicht umhin, daruͤber nachzudenken, daß Alonſo's Vorfahren nicht auf dieſe Weiſe ihrem Range Ehre gemacht hatten, vielleicht dachte ſie wohl auch daran, daß er dieſen Rang weit beſſer ausfuͤllen wuͤrde. „Es waͤre eine Schande fuͤr mich,“ ſagte der Kam⸗ merherr ganz betruͤbt;„ſeit ſiebenundvierzig Jahren iſt es mir nicht begegnet, daß ich auch nur einen ein⸗ zigen Tag meine Amtspflicht verabſaͤumt haͤtte, und ich ſollte mir jezt, wo mein Monarch ſich im ungluck befindet, mir die erſte Verſaͤumniß zu Schulden kom⸗ men laſſen? Rein, dann waͤre ich ja ein feigherziger Ausreißer.“ Das Gefuͤhl von Ehre, das ſich in das Bedauern des Markis miſchte, ruͤhrte ſeine edle Gemahlin; ſie ſuchte ihn zu beruhigen, und die kleine Karawane ſetzte dann ihre Reiſe weiter fort. Auf einmal ver⸗ nahmen ſie Klagetoͤne; eine jugendliche und zarte Stimme rief in Angſt und Betruͤbniß nach Hilfe. Marig eilte vorwaͤrts, von ihrem treuen Beichtvater begleitet, und erblickte einen Grenadier, der ganz in ſeinem Blute ſchwamm. Ein junges Maͤdchen neben ihm zerriß ihre Kleider, um die Wunden deſſen zu verbinden, der ſie bisher in ſeinem Arm durch eine Flut von Feinden hindurch getragen hatte. Er ſel⸗ ber, abwechſelnd ſie bald tragend, bald auf ſie ſich — 77 lehnend, hatte ſich gerade noch bis dahin geſchleppt, allein von Hunger und Mattigkeit erſchoͤpft, fuͤhlte er jezt ſein Herz erſtarren, das dreißig Jahre lang unter Schlachten geſchlagen hatte. Die junge Spa⸗ nierin ſah ſich zum erſienmal in ihrem Leben hier mitten in der Nacht und Einoͤde allein, und unter ſo vielen grauſenvollen Bildern beſaß ſie gerade nur noch ſo viel Kraft, um zitternd zu einer benachbarten Quelle hinzugehen und Waſſer zu ſchoͤpfen. Der brave Soldat ſagte zu ihr:„Sobald ich todt ſein werde, duͤrft ihr euch vor meiner Leiche nicht fuͤrch⸗ ten; ich werde euch dann eben ſo wenig wie jezt das mindeſte zu Leide thun.“ Hierauf grub er mit ſchwachem Arm vermittelſt des Bajonettes ein Loch in die Erde, und fuhr dann weiter fort:„Ihr ſe⸗ het doch, was ich hier mache? Es iſt das Grab des Regiments. Ihr koͤnnt das dem erſten beſten Sol⸗ daten, den ihr morgen fruͤh ſehen werdet, ſagen, und er wird dann ſchon wiſſen, was das zu bedeuten hat.“ In dieſem Augenblicke war es, wo das junge Maͤd⸗ chen Hufſchlag von Pferden vernahm. Ein Schrei der Freude entſchluͤpfte ihrer Bruſt, als ſie die Stimme der Markiſin erkannte, die ihrerſeits eben⸗ falls den Ton Aldouza's erkannt hatte. Maria kehrte ſchnell wie der Blitz zu dem Vorrathskaſten der Marketenderin zuruͤck, langt aus demſelben eine Sol⸗ datenflaſche hervor, eilt damit zuruͤck und reicht dem Soldaten den Trank, der ſeine ſchwindenden Lebens⸗ geiſter wieder ſtarkt.„Das iſt wahrhafter Lebens⸗ balſam,“ ſagte er, indem er die Augen wieder auf⸗ 78 ſchlug;„bei bieſem Lebenstranke kann man nicht leicht ſterben.“ Und doch war er ſeinem Ende nahe. Unterdeß kam auch die Vorſehung heran. Es war ihr eigener Mann, der Waffengefaͤhrte des ungluͤcklichen Bertrand. Sie eilte auf ihn zu, und wollte ihn verbinden.„Nein, liebe Wittwe,“ er⸗ wiederte Furchtlos,„das wäre verlorene Muͤhe. Da nimm, oͤffne dies Loch, das ich ſo eben zugemacht habe. Da du hier biſt, ſo dauert das Regiment noch fort; ich glaubte ſchon, es waͤre ganz dahin⸗ Du wirſt darin den franzoͤſiſchen Kukuk finden.“ Die Marketenderin gehorchte, und fand da den goldenen Adler des Regiments; ſie ergriff ihn freu⸗ dig wie ein Verbannter, der ſeine Heimat wiederfin⸗ det, und verbarg die blutige Inſignie in ihrem Bu⸗ ſen. Der Franzoſe fuhr darauf weiter fort:„ Er iſt gerettet; nun kann ich meinen Abſchied nehmen, Komm her und umarme mich, meine Geliebte aus den italieniſchen Feldzuͤgen! Ich werde ſchon eis⸗ kalt, es iſt mir gerade ſo wie bei einem Ruͤckzuge von Moskau.“ Maria ſuchte wetteifernd mit den Sol⸗ daten, die mit ihr zugleich die Straße zogen, das Haupt des ſterbenden Grenadiers emporzuhalten; Aldouza ſuchte eine ſeiner Haͤnde in den ihrigen zu erwaͤrmen; die Vorſehung ſchloß ihn unter lau⸗ tem Geſchrei in ihre Arme. Fray Vicente ermahnte ihn zur Buße und verlangte Rechenſchaft von ihm wegen der Chriſtenpflichten, bie er vernachlaͤßigt 79 habe.„Herr Abbé, ⸗ erwiederte er,„es iſt etwas ſpaͤt, das Loſungswort einem zu ſagen, der ſo eben ſchon von ſeinem Schildwachtpoſten abgeloͤſet wird.“ Der Ordensgeiſtliche ſprach, ohne ſich zuruͤckſchrecken zu laſſen, von dem jenſeitigen Leben, in das der Scheidende jezt eintreten ſollte; doch Furchtlos hoͤrte ihn nicht mehr, bei ihm hatte bereits der Todeskampf angefangen. Seine Hand konnte blos noch das Kruzifix anfaſſen, das der Beichtvater ihm darbot, er murmelte einige verwirrte Toͤne, und das Wort „Ruhm““— das einzige, welches von ſeiner troſt⸗ loſen Frau noch verſtanden werden konnte— ſtieg mit dem lezten Lebenshauche aus ſeiner eiskalten Bruſt auf. Der kleine Trupp ſetzte nun ſeine Reiſe weiter fort. Maria nahm ihre liebenswuͤrdige Pflegetochter neben ſich, die von dieſer ganzen Scene erſchreckt, und voll Freude, ihre zweite Mutter wiedergefunden zu haben, vor Bangigkeit und vor Liebe ſich an ſie ſchmiegte. Aldouza erfuhr jezt, daß die Graͤfin noch lebe, und waͤhrend die duͤſtern Bilder almaͤhlig von ihrer Seele hinweg ſchwanden, hoͤrte ſie die Leichen⸗ rede des hingeſchiedenen Braven an. Die Soldaten verſuchten die Vorſehung zu troͤſten, die anfangs jede Theilnahme von ſich wies; doch endlich, als man ihr alle Heldenthaten ihres Mannes erzaͤhlte, vergaß ſie allmaͤhlig ihren Scherz uͤber ſeinen Verluſt⸗ Die Reiſe gieng jezt ſo eben durch die Gebirge von Navarra, die bisweilen kahl, bisweilen mit Waͤlbern und Triften bedeckt, aber ſtets ſehr ſeil ſind. . S —————— 80 Das pferb, welches den Markis trug, ſank vor dins ger und Ermattung nieder; auch waren die Soldaten bereits ganz erſchoͤpft. Man beſchloß daher Halt zu machen, und als der Kammerherr, der auf dem Vor⸗ rathskaſten der Marketenderin eingeſchlafen war, es hintertreiben wollte, war es bereits zu ſpaͤt. Der Trupp hatte bis jezt weder ein Doͤrſchen noch einen einzeln ſtehenden Meierhof angetroffen; man hielt nunmehr bei einem friedlichen Bache, in einem engen Thalgrunde an, der durch ein dichtes Gehoͤlz vor jedem Ueberfall geſichert zu ſein ſchien. Die Sol⸗ daten faͤllten Holz, zuͤndeten ein großes Feuer an, und hatten in kurzer Zeit aus Baumzweigen eine Huͤtte erbaut, die ſie das Zelt der Damen nannten⸗ Auch fuͤr den Kammerherrn war darin ein Plaͤtzchen zurecht gemacht. Dorniſter dienten als Kopfkiſſen, Soldatenmaͤntel zu Deckbetten, und dabei verſicherten ſie ganz luſtig, daß, wenn ſie beſſere Betten anzubie⸗ ten haͤtten, ſie es zu thun nicht ermangeln wuͤrden. Aldouza ſchlief ſehr bald ein. Maria bewog den traurigen Diener des Koͤnigs Joſeph ſich zur Ruhe zu begeben, die ihm fuͤr ſeine vielen erlittenen Be⸗ ſchwerden dringend noͤthig war, und da ſie fuͤr den Greis die Nachtkuͤhle fuͤrchtete, ſo deckte ſie ihn mit ihrem Mantel zn. Indeß man hoͤrte von weitem das Fahren von Rilitaͤrfuhrwerk, welches die Naͤhe der Landſtraße verrieth, und er konnte vor lauter Vorwuͤrfen, die ihm ſein Gewiſſen daruͤber machte, daß er den Koͤnig ſo im Stich gelaſſen, zu gar keinem Schlummer kommen. „Ich achte,“ ſagte Maria zu ihm,„die Geſin⸗ nung, die euch an das Schickſal eines ungluͤcklichen Fuͤrſten kettet, und ungeachtet meiner rechtmaͤßigen Abneigung gegen den Hof Pepe's werde ich es gewiß nicht hindern, daß ihr eure Pflichten bei ihm ſo lange erfuͤllt, als er noch auf ſpaniſchem Boden ſich auf⸗ halten wird, das heißt, hoͤchſtens noch einen Tag⸗ Allein ich darf hoffen, daß, ſobald Don Ferdinands Name wieder von Cadir bis zu den Pyrenaͤen herr⸗ ſchen wird, ihr dann, der ihr ſeinem Vater und ihm ſelber gedient, ja um ſeinetwillen verwieſen worden ſeid, nicht laͤnger den Wunſch der Nation und die Rechte des Thrones hartnaͤckig verkennen werdet. Wenn eure Gewiſſenhaftigkeit im Gehorſam ſo weit gieng, daß ihr aus Achtung fuͤr Karl den Vierten und Don Ferdinand die Bayonner Abdankungen an⸗ nahmet, und Joſephs unumſchraͤnkte Herrſcherge⸗ walt vertheidigtet, ſo werdet ihr gewiß nicht taub ſein gegen die Stimme des Gefangenen von Valengap, wenn er mit dem Kaiſer als ſelbſtſtaͤndiger Fuͤrſt un⸗ terhandeln und uns erklaͤren wird, daß er den Scep⸗ ter ſeiner Vaͤter wieder uͤbernehme.“—„Gewiß nicht; ich habe niemals geglaubt, daß dies Chaos ſich jemals auf dieſe Weiſe wieder ordnen koͤnnte. Indeß Don Ferdinand, der noch vor wenigen Mo⸗ naten an Don Joſeph ſchrieb und ihn um die Hand einer ſeiner Toͤchter bat, wird dies in dieſem Augen⸗ blick leicht bewirken koͤnnen, und der Kaiſer wird dann ſeinen Neffen eben ſo gern auf dem Throne ſe⸗ hen, als ſeinen Bruber.“—„Ich glaube nicht, V. 6 daß ſich die Sache auf dieſe Weiſe entwickeln wird; die Nation wuͤrde ſich mit aller ihrer Macht dem wi⸗ derſetzen. Sie hat ausdrucklich in ihrer Verfaſſungs⸗ urkunde niedergeſchrieben, daß der Koͤnig ohne Zu⸗— ſtimmung der Cortes keine Heirathsverbindung ein⸗ gehen darf.“—„Die Nation? die Verfaſſungs⸗ urkunde? Markiſin, iſt es moͤglich, daß ihr in eurer Unerfahrenheit ſo weit gekommen ſeid, dergleichen Worte auszuſprechen? Unterthanen ſollten alſo zu ihrem Fuͤrſten ſagen duͤrfen: Du ſollſt das thun oder nicht thun! Vaſallen ſollten ihrem Herrn und Gebieter das Recht ſtreitig machen duͤrfen, welches jeder Menſch hat, naͤmlich ſich nach Belieben zu ver⸗ heirathen. Ach, armer Ferdinand!.„— „Ihr wiſſet, wie ſehr ich mich immer vor den neuen„ Ideen entſetzte; indeß unſere Unfaͤlle und die weiſen Lehren Don Iſidro's haben mich eines beſſeren belehrt, und ich denke, daß auch der Koͤnig ſich nicht wird uͤber die Beſchraͤnkungen beklagen koͤnnen, die er ſel ber nothwendig gemacht hat. Sie werden ihn vor der Wiederkehr der Unfaͤlle bewahren, die wir erlit⸗ ten haben. Indeß wozu noch hier das mindeſte Be⸗ denken? Seid verſichert, daß Napoleon uns den Koͤnig zuruͤckgeben wird, ohne ihm Feſſeln anzulegen, die ſeine Thronbeſteigung nur gefaͤhrden wuͤrden. Da der Kaiſer ſo ſehr vom Norden her gedraͤngt wird, ſo wird er ſich gewiß ſehr freuen, wenn er mit dem Suden ins Reine kommen kann.“—„Ihr. habt eine ganz vortreffliche Anſicht der Dinge, meine geliebte Markiſin.“—„Werdet ihr vun jeit. wohl den Thronerben Philipps des Fuͤnften anerken⸗ nen?—„Ganz gewiß, und ich ſegne meinen Glucksſtern, der mich wieder Seiner Majeſtaͤt zu⸗ fuͤhrt. Ich werde einer von den erſten ſein, die ihm entgegen kommen, und werde mein Vierteljahr als dienſtthuender Kammerherr vollends bei ihm abdie⸗ nen. Wie ſehr wird dieſer arme Fuͤrſt ſich freuen, wenn er um ſeine geheiligte Perſon Diener ſehen wird, die nicht zu den Beguͤnſtigern der Anarchie ge⸗ hoͤrt, und niemals mit den Zerſtoͤrern des Koͤnig⸗ thums einen Vertrag abgeſchloſſen haben!⸗ Der Markis laͤchelte vergnuͤgt uͤber dieſe Aus⸗ ſicht. Die Markiſin ſeufzte. Ihr Verſtand ſah zu hell, ſie kannte die Stimmung der Nation zu gut, als daß ſie eine ſo taͤuſchende Hoffnung haͤtte faſſen koͤnnen; ſie ſah zwiſchen ſich und dem Vaterlande, zwiſchen ſich und ihren Lieben die Achtserklaͤrung als Scheidewand aufſteigen⸗ Die Marketenderin hatte, als ſie ihre Sachen von ihrem Pferde abpackte, damit daſſelbe in voͤlliger Freiheit ausruhen und weiden konnte, ihrs Vorraths⸗ koͤrbe nachgeſehen, und darin unter andern auch Kuͤchengeſchirre und Lebensmittel vorgefunden. Die Soldaten uͤbernahmen nun fuͤr ſie die Beſorgung der Kuͤche. Zwei Staͤbe unterſtutzten den eiſernen Fleiſch⸗ topf, und ſie bereiteten von ihren Mundvorraͤthen ein einfaches Mahl, waͤhrend ſie ſelber traurig und ſchweigend im benachbarten Bache Linnenwaͤſche wuſch. Fray Vicente hatte ſie mit dem Geſchenk eines Büͤndels Cigarren in Abſchlag auf das Abend⸗ 6* 84 eſſen erfreut. Sie erzaͤhlten nun ihre verſchiedenen Helbdenthaten, und wußten dem Herrn Pfarrer vie⸗ len Dank dafuͤr, daß er ihre luſtigen Geſchichten an⸗ hoͤrte. Als die von ihnen nach ihrer Art bereiteten Speiſen fertig waren, thaten ſie die eine Haͤlfte der⸗ ſelben in einen irdenen Napf, legten rings umher alles, was ſie nur irgend an zinnernem oder hoͤlzer⸗ nem Tiſchgeraͤth auftreiben konnten, und ſtellten al⸗ les zuſammen auf einen umgewendeten Vorrathska⸗ ſten, nebſt einer Flaſche Wein, einer ledernen Trink⸗ kanne und einem Stuck Weißbrot, das die V or ſe⸗ hung noch vorraͤthig gehabt hatte. Drauf lud der eine von ihnen ſehr artig die Gaͤſte, die er fuͤr ein⸗ geſchlummert hielt, zu dieſer Mahlzeit ein. Aldouza ward dabei nicht vergeſſen. Sie weckten ſie und ſagten zu ihr:„Mein Fraͤulein, ihr habt euch ohne Abendeſſen ſchlafen gelegt, wollt ihr wohl ſo gefaͤllig ſein, von unſerer Kuͤche zu koſten?“ Und da ſie über das ganze Tafelgeraͤth verwundert zu ſein ſchien, fͤgten ſie hinzu:„ Ihr ſeid hier im Bivouac, und im Kriege geht's nun einmal nicht anders her. Es iſt gut, wenn man in der Jugend lernt, was es heißt, Schmalhans zum Kuͤchenmeiſter haben. Ihr koͤnnt dann mit eurem kuͤnftigen Manne deſto leichter einmal einen Feldzug mitmachen.“—„„ Laß das ſein,“ unterbrach ihn einer ſeiner Waffengefaͤhrten,„ſiehſt du denn nicht, daß du ein Maͤdchen von gutem Stande vor dir haſt?“„Und bin ich denn nicht von gutem Stande?“ erwiederte der erſte.„Meine Frau hat den Krieg wacker mitgemacht, Freilich hat 85 eine Kugel ſie ad patres geſchickt, um dort fuͤr alle, welche nach ihr geblieben ſind, Quartier zu machen; allein dafuͤr iſt die arme Frau auch den Heldentod auf dem Schlachtfelde geſtorben.“ Und ſofort er⸗ zaͤhlte er ihre ganze Lebensgeſchichte. Die Markiſin fieng an, ſich das einfache Mahl recht gut ſchmecken zu laſſen, was den Franzoſen eine hohe Achtung fuͤr ſie einfloͤßte. Der Markis folgte ihrem Beiſpiele, und zwar mit einem Appetit, woruͤber ſich alle freuten. Aldouza wunderte ſich anfangs ein wenig, aber endlich entſchloß ſie ſich eben⸗ falls dazu. Fray Vicente aß ſtehend. Etwas wei⸗ ter hin ſpeiſten die Soldaten in einem Kreiſe neben dem Feuer ſitzend, indem ſie beſtaͤndig nach der von ihnen ſogenannten„Ehrentafel“ hinſahen und uͤber die Unbeholfenheit der Gaͤſte nicht ſelten lachten. Neben ihnen ſtanden die Gewehre in Form einer Py⸗ ramide zuſammen aufgeſtellt, und oben auf der Spitze aller der Bajonette ruhte mit ausgebreiteten Fluͤgeln der Adler des Regiments, das nicht mehr exiſtirte. Weiterhin ſchliefen die Pferde, an einen Pflock ange⸗ bunden, und in noch groͤßerer Entfernung ſah man beim Schimmer des angezuͤndeten Feuers eine von den Schildwachen auf und ab gehen, die für die Si⸗ cherheit des kleinen Feldlagers wachten. Die Soldaten hatten den Feind und ihre erlitte⸗ nen Unfaͤlle vergeſſen; ſie waren ganz entzuͤckt, daß ſie einen ſpaniſchen Granden zum Zeltgenoſſen hatten. Beſonders aber zogen die beiden ſchoͤnen Damen ihre Blicke und ihre Geſpraͤche auf ſich, und obwohl die größere am meiſten von ihnen bewundert wurde, ſo bewieſen ſie ſich dennoch gegen beide gleich dienſtwillig. Aldouza, die an unſere ſcharfe Wuͤrzung der Speiſen gewoͤhnt war, beklagte ſich, daß die Mahlzeit ſo un⸗ ſchmackhaft ſei. Sogleich naͤherte ſich ihr ein Ka⸗ rabinier, fuhr mit der Hand nach dem Schako, oͤff⸗ nete ſeine Patrontaſche, zerriß ganz ernſthaft eine Patrone, und glaubte etwas großes gethan zu ha⸗ ben, wenn er ihr Kanonenpulver als pikante Wuͤrze anboͤte. Seine Kameraden, die beſſer unterrichtet waren, zupften ihn hinten am Rocke und ſagten ihm, daß er fuͤr ſo vornehme Damen eben kein ſonderliches Salzfaß gewaͤhlt habe. Die Spanier lachten, und er wunderte ſich immer fort und konnte gar nicht begreifen, warum doch ſein hoͤfliches Anerbieten keine beſſere Aufnahme gefunden. In dieſem Augenblick hoͤrte man Wer da! ru⸗ fen, worauf alle nach ihren Gewehren hinſprangen. Indeß blos eine matte und zitternde Stimme ant⸗ wortete dem Rufe der Schildwachen. Die Solda⸗ ten ſetzten ſich wieder zu ihrer Mahlzeit hin, und auf einmal ſah man die Schildwache— es war ein jun⸗ ger Voltigeur und zugleich der gebildetſte unter dem ganzen Trupp— im ſchnellſten Laufe herankommen. „Champagne, Lafleur, Picard, geſchwind noch ein Gedeck fuͤr die Frau Herzogin!“ rief er ihnen zu, und eilte dann ſchnell wieder nach ſeinem Poſten zu⸗ ruͤck.— Sehr bald kam eine Frau mit ganz ver⸗ ſtoͤrtem Geſicht und fliegenden Haaren heran, die ſich nur muͤhſam noch fortſchleppte. Aldouza flog an — —— den Hals ihrer Mutter, und Matea, die neben dem Feuerheerde hinſank, lag auf einmal in den Armen der Markiſin.„Fliehet,“ rief die Graͤfin,„laßt uns alle fliehen! Eine ſpaniſche Bande iſt hinten im Ruͤcken des Heeres erſchiegen und verbreitet uͤberall Mord und Tod. Die Raͤuber haben mich von den uͤbrigen Druppen getrennt, und ich komme nun hier⸗ her gefluͤchtet, waͤhrend jene dicht hinter mir her ſind.“—„Gut!“ ſagte die Vorſehung, „ſie werden uns doch aber erſt das Abendeſſen ver⸗ zehren laſſen.“ Die Wittwe ſprach noch, als tief aus dem Dickicht des Gehoͤlzes ein Schuß fiel. Die Kugel traf ſie gerade ins Herz, das Blut ſchoß in Stroͤmen von ihr, und ſie konnte blos noch den Na⸗ men ihres Mannes nennen, dem ſie jezt in die Ewig⸗ keit nachfolgte. Die Soldaten wollten nach ihren Gewehren greifen, allein ſie wurden von unſichtba⸗ ren Haͤnden niedergeworfen. Der Karabinier, der ebenfalls ſchon verwundet war, ſchleppte ſich bis zu den aufgeſtellten Gewehren hin, ſtieß ſie um, ergriff den oben darauf befindlichen Adler und warf ihn ins Feuer mit den Worten:„Geh, Vogel Frankreichs, du flogſt, als wir im Gluͤcke waren, vor uns her; jezt ſtirb mit uns.“ Indem er ſo ſprach, legte er ſich nieder um zu ſterben, und fugte blos noch hinzu: „So ein Ruͤckzug iſt doch etwas ſehr elendes! Gott ſei Dank, ich werde keinen mehr erleben.“ ——— Zweites Kapitel. — Aldouza, ihre Mutter und der Markis waren in die Huͤtte hinein geſtuͤrzt; Maria allein blieb mitten unter den ſterbenden oder ſchon verſchiedenen Fran⸗ zoſen zuruͤck. Eine unermeßliche Menge von Spa⸗ niern ſtieg mit großem Geſchrei von den umliegenden Bergen herab; ſie umringten die Markiſin und ſtuͤrm⸗ ten von allen Seiten her auf ſie los. Ihre hohe Geſtalt, ihre Schoͤnheit, ihre Freundlichkeit ſetzten ſie alle in Verwunderung, und ſie ſenkten ihre Waf⸗ fen vor derjenigen, die ſie laͤngſt ſchon zu verehren und zu lieben gewohnt waren. Ihr Name flog von Mund zu Mund. Antonio, der dieſen glorreichen Namen zuerſt ausgeſprochen, kuͤßte den Saum des Mantels, worein ſeine Wohlthaͤterin gehuͤllt war; bald kam auch Bartolomeo an, und es ergab ſich, daß der Markis und Matea mitten unter den Heer⸗ haufen deſſelben gerathen waren. Das noch blaſſe Geſicht des Großrichters hatte ſeit jenen Verwundun⸗ gen und jenem Ungluckstage etwas fuͤrchterliches an⸗ genommen, und man ſah bald, daß er in ſeinen Siegen wie in ſeinen Unfaͤllen gleich unerbittlich war. Er bemerkte von fern zwei bis drei franzoͤſiſche Sol⸗ daten, die noch lebten; ſogleich befahl er, ſie zu er⸗ ſchießen, und ſein Befehl ward auf der Stelle voll⸗ zogen. Maria bedauerte es, daß ſie ſich nicht fuͤr — dieſelben hatte verwenden koͤnnen; allein der wilde Feldherr erwiederte:„Die Bitten Euer Excellenz —— ——„— 80 wuͤrden ganz fruchtlos geweſen ſein. Spanien und die Mutter meiner Paquita fordern Rache; moͤgen ſelbſt die Pyrenaͤen bis zum Gipfel in Blut ſtehen, ich werde nicht eher aufhoͤren zu morden, als bis es keinen Franzoſen und hauptſaͤchlich keinen Afranceſa⸗ do mehr geben wird, der noch unter der Sonne des katholiſchen Koͤnigreichs athmet.“—„O Him⸗ mel!“ rief die Markiſin,„bekennet ihr euch nicht zur Religion deſſen, der da verzeihet?“—„Unſer Herr Gott verzeihet nicht immer, und ich werde die⸗ ſe Schwachheit ſchon zu hintertreiben wiſſen, wenn er zufaͤllig etwa Luſt dazu bekommen ſollte. Ich toͤdte ohne Abſolution alle die Trabanten des Eindring⸗ lings, keiner von ihnen erhaͤlt weder fuͤr ſeine Seele noch für ſeinen Leib und Leben Gnade. Ich habe dies Geluͤbde gethan, und werde es bis zu Ende halten, und ſelbſt wenn ich den hochedeln Markis irgendwo antraͤfe, ich ließe ihn— ungeachtet mei⸗ ner Ehrerbietung gegen Euer Excellenz— noch in derſelben Viertelſtunde henken.« Bei dieſen Worten erblaßte Maria, und ſei es nun, daß ihre Unruhe in Bartolomeo's argwoͤhni⸗ ſchem Gemuͤth irgend Verdacht erweckte, oder daß im Innern der Huͤtte ſich irgend ein Geraͤuſch ver— nehmen ließ, kurz, er warf das gebrechliche Gebaͤu⸗ de uͤber den Haufen und fand darin ſeine Schlacht⸗ opfer. Beim Anblick Matea's ward er von Wuth ergriffen; er zog ſeinen Säbel und wuͤrde ſie nieder⸗ gehauen haben, wofern nicht Aldouza ſich vor ihre 90 Mutter geſtellt haͤtte. Der Aragonier hielt voll Verwunderung inne und ſagte:“Nun ſo will ich meine Hand nicht erſt mit dieſem verruchten Blute beſudeln. Kinder, henkt ſie an dieſe Baͤume da auf!“ — Maria ergriff ein Gewehr, ſtellte ſich zum Schu⸗ tze vor die Afranceſados und rief:“Bevor ihr mei⸗ nem Gemahl, dieſem Maͤdchen und ihrer Mutter bei⸗ kommet, muͤſſet ihr erſt uͤber meine Leiche hinweg.“ Fray Vicente that daſſelbe; und die bewaffnete Men⸗ ge ward durch den Ordensgeiſtlichen und die edle Frau ganz außer Faſſung gebracht. Maria fuhr da⸗ rauf weiter fort:„Freunde, erkennet in mir die⸗ jenige wieder, die mit euch in den Ebenen von Ka⸗ ſtilien die Religion, das Vaterland und Don Ferdi⸗ nand vertheidigte, und die von euch in euren Liedern die Heldin von Saragoſſa genannt wurde. Solda⸗ ten des alten Spaniens, ihr werdet doch wohl die Schweſter des edeln Alonſo's mit Achtung behan⸗ deln?—„Die Schweſter Alonſo's?«« erwiederte Bartolomeo laͤchelnd;„der tapfere General wird ſich uͤber euren Wittwenſtand ſchon zu troͤſten wiſ⸗ ſen.“ Die Markiſin ſtand beſtuͤrzt da. Paquita, die mit Aldouza ohngefaͤhr in gleichem Alter war, hatte ſich der jungen Graͤfin genaͤhert und bat um Gnade fuͤr ſie.—„Tochter, erwiederte der Ara⸗ gonier, indem er ſie von ſich ſtieß,“ beſchaͤftige dich damit, mir mit einem Weidenzweige die Fliegen wegzujagen, wenn ich zu Mittag eſſe oder ſchlafe, aber laß dir nur ja nicht einfallen, deinem Vater gute Rathſchlaͤge zu geben; und ihr, Soldaten, hen⸗ ———————— 2— — ———— 94 ket ohne Verzug dieſe von Gott verfluchten, die ſich Afranceſados nennen.“ Der Trupp, der noch immer Maria voll Bewun⸗ derung betrachtete, beeilte ſich eben nicht, die Be⸗ fehle ſeines Anfuͤhrers zu vollziehen. Drauf ſagte Antonio zum Großrichter:„Herr General, Euer Gnaden ſollten uns das Vergnuͤgen, welches ihr uns zugedacht, wenigſtens bis zu Tages Anbruch auf⸗ ſparen. Der Markis und die Graͤfin werden da vor uns den ausgeſuchteſten Fandango mit einander formiren, den ich in meinem Leben nur je geſehen habe; gegenwaͤrtig bei der Finſterniß der Nacht wuͤr⸗ den wir wenig davon genießen koͤnnen. Dieſe gro⸗ ße Dame da iſt hoͤchſt niedlich gebaut, jener kleine Vucklige dagegen iſt in ſeiner Art allerliebſt; beide werden morgen fruͤh nach der Meſſe durch ihre wahr⸗ haft einzige Kompoſition uns eine ſeltene Augen⸗ weide gewaͤhren. Ich meinerſeits verſpreche euch durch meine Lieder den dazu erforderlichen Sayne⸗ te*) zu ſpielen. Ueberhaupt folgen die Franzoſen uns auf den Ferſen, und wuͤrden vielleicht noch fruͤh genug eintreffen, um unſere Gehenkten noch le⸗ bend loszumachen. Sehr wahr heißt's im Sprich⸗ wort: Beſſer Stoppeln ſchneiden, als ſchlecht mah⸗ len!“ Dieſer Einfall gefiel der Quadrilla, die bis⸗ her noch immer geſchwankt hatte, und alle riefen: „Alſo morgen!“ Bartolomeo war gezwungen nach⸗ zugeben; er gab ſeinen Gefangenen eine Wache, und S. Band J. S. 210. Anmerkung. 92 Antonio, der ſich ſofort zu ihnen begab, verfolgte ſie ununterbrochen mit ſeinen bittern Spottreden, zur großen Freude des ganzen Heerhaufens. Man zog darauf in noͤrdlicher Richtung weiter fort. Bartolomeo wollte ſich zwiſchen der Pampelv⸗ ner Straße und der von Vittoria aufſtellen, abwech⸗ ſelnd eine oder die andere ſperren, und ſo ſich bis an die Pyrenaͤen hinan ziehen. Er hatte zugleich die Abſicht, jezt nach dem Verluſt ſeiner Gitana ſeine Tochter den Haͤnden einer ſeiner Schweſtern anzuver⸗ trauen, die einen Hidalgo an der Grenze geheirathet hatte.„Donna Urraka,“ ſagte er zu der Markiſin, „wird vielleicht auf mich grollen, daß ich ihre Don⸗ na Ines ſtatt zur Hochzeit in die Hoͤlle hinunter ge⸗ ſchickt habe; allein ich wuͤrde lieber die ganze Menſch⸗ heit erdolcht als zugegeben haben, daß eine Nichte von mir den Namen eines Saracenen von Franzoſen fuͤhren ſollte. Meine gute Schweſter wird an mei⸗ ner huͤbſchen Paquita eine zweite Tochter wiederfin⸗ den.“— Antonio hoͤrte traurig dieſe Reden mit an, und Paquita, die bereits ſo ſchoͤn wie ihre Mut⸗ ter war, ſchien an dem Kummer des Andaluſiers theilzunehmen⸗ Bartolomeo ließ nach einem zweiſtuͤndigen Mar⸗ ſche ſeinen Trupp raſten. Er hatte naͤmlich ohne⸗ hin einen Vorſprung vor den Franzoſen voraus, und wollte ſich nicht zu weit von ihnen entfernen⸗ Ein elendes Dorf, das auf einer ſteilen Höhe lag, diente ihm als Hauptquartier. Eine von den Huͤt⸗ ten, die am aͤußerſten Ende des Dorfes lag, ward den Gefangenen zur Wohnung angewieſen, und der Markiſin ward volle Freiheit gelaſſen, entweder das Gefaͤngniß derſelben zu theilen, oder ſich eine ande⸗ re Nachtherberge zu ſuchen, oder ihren Weg fortzu⸗ ſetzen. Der Oberanfuͤhrer ſtellte hierauf weiter als eine Stunde weit umher Schildwachen aus, es wur⸗ den Loſungsworte verabredet, er ſelbſt machte die Runde um die Feldpoſten, gieng von Schildwache zu Schildwache und gab ihnen ſelber das Wort. In der Zwiſchenzeit drang Antonio zu den Afrance⸗ ſados hinein und ſagte zu der Markiſin:„Euer Ex⸗ cellenz haben gewiß nicht glauben koͤnnen, daß ich jemals Ihre Wohlthaten vergeſſen habe; ſondern ich wuͤrde vielmehr Ihren Excellenzen tauſendmal das Leben gerettet haben, ſogar auf Koſten des meinigen, woran herzlich wenig liegt. In meinen witzigen Einfaͤllen war ich vorher etwas ſtark, aber blos um allen Verdacht von mir zu entfernen. Da habt ihr nun eine Anzahl brauner Maͤntel und breitrandiger Huͤte, die ich meinen ſchlummernden Kameraden weg⸗ genommen; damit muͤßt ihr euch alle bekteiden. In wenigen Augenblicken wird ein Karren hier vorbei⸗ fahren, den ihr an dem betaͤubenden Raſſeln der elen⸗ den Raͤder, wie ſie hier zu Lande uͤblich ſind, leicht hoͤren werdet. Ihre Excellenzen koͤnnen dann ja hin⸗ ausgehen, und da oben drauf zwiſchen Maisfaͤſſern und vollen Schlaͤuchen Platz nehmen. Zu Don Quirote's Zeit hielt man bisweilen Schläuche fuͤr Menſchen, und in der That kann man ſich hiebei leicht verſehen, und ein Grande von der Statur der allergnaͤdigſten Herken Markis konnte wieberum ſehr leicht fur ein dergleichen aufgeblaſenes Bocksfell an⸗ geſehen werden. Wir alle werden zu Fuß neben dem Wagen her marſchiren, und der liebe Gott mag das uͤbrige thun.“ Waͤhrend er ſo ſprach, ließ ſich draußen eine Stimme vernehmen, welcher es nicht ſowohl an Wohllaut als an Staͤrke fehlte; es war Paquita, welche die Geſaͤnge wiederholte, die ſie von ihrer Mutter gelernt hatte. Antonio eilte hinaus, um ſie mit ſeiner Gitarre zu begleiten, und alle Wachen ließen die eine Seite der Strohhtte frei, und be⸗ gaben ſich nach der andern Seite hin, und bildeten einen Kreis um das ſingende und ſpielende Paar. Sehr bald indeß zeigte der Andaluſier an, daß er ſich zur Ruhe begeben wuͤrde, und die Tochter der Gita⸗ na fuhr nun ganz ollein fort ihren Zuhoͤrerkreis da⸗ durch zu unterhalten, daß ſie unter dem Klange von Kaſtagnetten die Nationaltaͤnze von la Mancha und Andaluſien auffuͤhrte.. Auf einmal ließ der Karren des Biscajers mit ſeiner einfachen Achſe, den beiden darauf liegenden Seitenbrettern, und den niedrigen und ausgefuͤllten Raͤdern ſein grelles und einfoͤrmiges Knarren von ferne hoͤren. Die Gefangenen hoͤrten ihm voll ͤngſtlicher Spannung zu. Paquita verdoppelte ihre Anſtrengungen, um den ſie umringenden Kreis durch ihre reizenden Stellungen und Tanzſchritte zu feſſeln. Der Wagen verfolgte den Weg, der laͤngs der Hinterſeite der Haͤuſer hinlief; der Kammerherr, von dem ſtarken Arme des Fray Vicente hinauf ge⸗ hoben, ſetzte ſich oben darauf, Aldouza kauerte ſich neben ihn und Matea nahm ebenfalls droben Platz⸗ Die Markiſin und ihr Kapellan giengen, mit leichten Ackergeraͤthſchaften bewaffnet, hinterdrein, und An⸗ tonio, der mit verſtellter Stimme ſang, fuͤhrte das rohe Fuhrwerk auf dem Wege fort, worauf der Mar⸗ kis ganz verwunbert ſaß. Eine Schildwache beun⸗ ruhigte ſie durch lange Fragen, ließ ſie aber doch endlich voruͤberfahren. Auf einmal erſchreckte ſie der Hufſchlag einer fernen Reiterſchaar. Schon daͤmmerte der Morgen, das aͤngſtliche Getoͤſe naͤherte ſich immer mehr, ſo daß der Boden davon zitterte; ſie blickten um ſich, und ſahen uͤber einer Thal⸗ ſchlucht druͤben eine franzoͤſiſche Escadron heran⸗ ſprengen.„Jezt,“ ſagte Antonio,„habe ich euer Leben in Sicherheit gebracht, und es iſt Zeit, daß ich nunmehr auch an die meinige denke. Mit die⸗ ſen Worten verſchwand der großmuͤthige Andaluſier, und die Karawane ſtieß wieder zu dem franzoͤſiſchen Heere. Maria wunderte ſich ſelber uͤber das Ge⸗ fuͤhl innerer Freude, das ſie empfand, als ſie den Markis unter den Schutz der franzoͤſiſchen Waffen geſtellt ſah. Auf dieſen erſten Eindruck folgten indeß ſehr bald die traurigſten Ruͤckerinnerungen und ein unwillkuͤhrlicher Schauder uͤberlief ſie. Sie konnte jezt weniger als je begreifen, wie es Partheien — z. B. die Joſephinos— geben koͤnne, die durch blinde Leidenſchaften und Intereſſen ver⸗ blendet, ihr Schickſal an die Fahnen des Fremd⸗ 96 lings knäpfen konnten. Indeß der Markis Sberließ ſo wie Matea ſich der Freude, daß er von nun au kei⸗ nen ſchimpflichen Tod mehr zu fuͤrchten habe. Doch dieſe Freude verdoppelte ſich bei ihm durch die Hoff⸗ nung, bald wieder zu dem Koͤnige zu gelangen, waͤh⸗ rend ſie in dem Herzen der Graͤfin ſehr gedaͤmpft wurde durch die Kraͤnkung ihres Stolzes, durch die fehlge⸗ ſchlagenen Berechnungen ihres Ehrgeizes, durch das Entſchwinden aller ihrer ſuͤßen Traͤume, und durch die Großmuth derjenigen, die von nun an nicht mehr fuͤr Alonſo's Schweſter gelten konnte. Mitten unter al⸗ len ihren Verlegenheiten erſchien ihr dieſer leztere Gedanke als der betruͤbendſte von allen. Unter den tauſend Unannehmlichkeiten, die eine Frau nur ir⸗ gend auf der Welt erfahren kann, uͤberwiegen und verdraͤngen diejenigen, welche ihre innerſte Herzens⸗ neigung betreffen, alle andere. Der Anblick gluͤck⸗ licher Nebenbuhlerinnen iſt fuͤr ſie einer von den Schmerzen, die alles uͤberſteigen, was die Einbildungs⸗ kraft nur irgend faſſen kann: denn bei jedem Ver⸗ ſuch dringt der giftige Pfeil tiefer in das Herz, das er druckt und verzehrt. Die Zeit, dieſe große Mei⸗ ſterin in der Kunſt, alle Leiden zu heilen, vermag ge⸗ gen einen ſolchen Schmerz nichts auszurichten, oder vielmehr ſie ſchaͤrft ihn nur noch, denn auf ihren Fluͤgeln eilen die beiden einzigen Troͤſtungen aller Leidenden, naͤmlich die Hoffnung und der Erſatz, fuͤr immer davon. ½ Seit fuͤnf Jahren lebte Matea blos noch von ihrer Liebe zu Alonſo, von dem Beduͤrfniß, ihre Ra⸗ ———— che zu faͤttigen, von der Furcht,„ vielleicht eine andere Verbindung ihm noch dereinſt das Gluͤck ge⸗ waͤhren koͤnnte, das er zu ihren Fuͤßen nicht zu fin⸗ den vermocht hatte. Sie brannte jezt, in dem Spaͤtſommer ihrer Schoͤnheit, von derſelben Glut, die ſie vormals einſt in dem Perzen des Studenten zu Salamanca zu entzuͤnden beliebt hatte, ſie war ſo weit gekommen, daß ſie ihn mit aller Kraft ihrer Seele liebte, und ſelbſt jezt, wo ſie blos auf ſeine Verfolgung ausgieng, betete ſie ihn immer noch anz ihr Haß war nur eine andere Aeußerung ihrer Liebe, und ſo buͤßte denn die ungluͤckliche Matea durch ihre Verzweiflung alles das Boͤſe, das ſie ihm angethan oder ihm hatte anthun wollen. Sie gelangten endlich zu dem letzten Dorfe von Navarra, das hier ganz in der Nachbarſchaft liegt. Paquita war bereits in ihrem neuen Aufenthaltsorte eingetroffen. Ihr Oheim, der Herr Don Geroni⸗ mo, der zugleich Alcalde und Gaſtwirth des Ortes war, hatte ſie ungeachtet der Erwordung ſeiner Donna Ines aus Ehrerbietung gegen den Ruhm, den ſich Bartolomeo erworben, ſehr gut aufgenom⸗ men. In dieſem neuen Kreiſe, worin ſie ſich ſo bang und ſo fremd fuͤhlte, empfieng ſie die Flucht⸗ linge wie alte und liebe Bekanntſchaften. Als eine Tochter jener merkwuͤrdigen Gitana, die zufaͤllig in alle Hauptereigniſſe ihres Lebens verflochten geweſen, erinnerte Paquita durch ihre bloße Erſcheinung die Graͤfin und die Markiſin an den ganzen Lauf ihres bisher ſo mannigfach bewegten Daſeins zurůck. V. —— Beide bezahlten durch reiche Geſchenke den großmuͤ⸗ thigen Beiſtand, welchen die Nichte der Donna Ur⸗ raka dem Antonio geleiſtet hatte, und ſie erfuhren zugleich, daß ſie und der Andaluſier gluͤcklich dem Argwohn und der Wuth des ſchrecklichen Aragoniers entgangen ſeien. Man mußte Urdax wieder verlaſ⸗ ſen. Die Lochter Bartolomeo's betruͤbte ſich uͤber ihre Abreiſe, und auch die Gaͤſte der geringen Her⸗ berge reiſten ihrerſeits nicht ungeruͤhrt ab. Dieſer Abſchied machte dem kleinen Madchen fuͤhlbar, daß ſie von nun an unter Unbekannten leben ſolle, und den Flochtlingen, daß ſie ein Vaterland zu verlieren im Begriff ſtanden. So kamen ſie bis an die Bruͤcke von Oholdizun, die ihr dort zu unſern Fuͤßen liegen ſehet. Wenn ihr dieſe Gegend irgend durchſtreift habt, ſo werdet ihr gewiß, vielleicht ohne euer Wiſſen, dieſe Schei⸗ degrenze zweier Reiche ſchon einmal uͤber ſchritten haben. Der Fuͤhrer hatte die Grauſamkeit, ihnen anzuzeigen, daß dieſer kleine Bach die Grenze bilde; er wußte nicht, daß er Verbannte vor ſich hatte. Maria ſank uͤberwaͤltigt auf die Knie und vergoß bittere Thraͤnen am Fuße eines kleinen Kreuzes, das auf der Bruͤcke ſtand. Aldouza machte es ſo wie ſie, und Matea, die ſich auf einen abgebrochenen Baum⸗ ſtumpf geſetzt hatte, brach ebenfalls in Thraͤnen aus. Ein und derſelbe Sturm verſcheuchte das junge Maͤd⸗ chen und den edelbuͤrtigen Greis, die Heldin von Saragoſſa und die abtruͤnnige Spanierin fern von ihrem Heimatsboden und fern von dem Himmel hin⸗ weg, unter welchem ihre Kinbheit gebluht hatte. Fray Vicente erklaͤrte, daß er nicht den Muth ha⸗ ben wuͤrde, auf fremdem Boden zu leben. Die Markiſin kuͤßte ſeine Haͤnde, blickte zum Himmel em⸗ por, und umarmte das Kreuz, das der Zufall ihr am Wege darbot. Der Zufall?„ LQch, nein, das Zeichen der chriſtlichen Religion iſt gewiß blos darum an die Scheidegrenze zweier Reiche gepflanzt, damit die Ungluͤcklichen, welche durch buͤrgerliche Zwiſtigkeiten aus ihrer Heimat verdraͤngt werden, nicht allen Muth verlieren, ſondern an das himmli⸗ ſche Vaterland gedenken, das die Menſchen ihnen nicht zu rauben im Stande ſind. Es iſt, als ob der Verbannte ſein ganzes Da⸗ ſein an der Schwelle des Reichs niederlegte, deſſen Buͤrger er iſt. Von der einen Seite her iſt alles ſtumm, von der andern Seite her ſpricht dagegen alles zu ihm, von ſeinen gluͤcklichen Taͤuſchungen, Neigungen, und vielleicht auch von ſeinen erlittenen Unfaͤllen. Der Menſch iſt nicht wie ein Baum, den man mit der Wurzel herausziehen kann; man kann ihn nicht leicht verpflanzen, ohne ihn zu tödten. Matea dachte an ihre vormalige bedeutende Rol⸗ le, an ihr thaͤtiges Daſein, an Don Alonſo. Ein ganzer Koͤnigshof, der Gegenſtand ihrer Rache, al⸗ les ſchluͤpfte ihr jezt aus den Haͤnden, und ſelbſt ihre vorige Jugend war ihr nicht einmal geblieben. Die Markiſin erwog ebenfalls die Groͤße der Opfer, die ſie jezt brachte. Von nun an laſtete die Achtser⸗* klärung ſchwer auf ihrem Haupte. Sie ſollte hin⸗ 100 fort nicht mehr dieſen Boden Spaniens betreten, auf dem ſie geboren und erzogen worden war und ſo ruͤhm⸗ lich gekaͤmpft hatte; eine eherne Mauer erhob ſich zwiſchen ihr und dem Freunde ihrer Kindheit, die ganze Halbinſel trennte ſie von Cadir, und doch war die trennende Raumferne dabei noch nicht das bitter⸗ ſte fuͤr ſie! Es war ihr, als naͤhme ſie von ihrem Vaterlande auf ewig Abſchied, und unter dieſem Worte„Vaterland“ faßte ihr Herz alles das zu⸗ ſammen, wofuͤr es nur jemals heiß geſchlagen hat⸗ te. Wenn man den Heimatsboden verlaͤßt, wenn man eine Scheidegrenze zwiſchen ſich und das Land ſeiner Vaͤter ſtellt, ſo fuͤhlt man eine ſo tiefe Nieder⸗ geſchlagenheit, daß in der Seele kein Raum mehr fuͤr die Hoffnung uͤbrig bleibt; der Schmerz hat dann das ganze Gemuͤth eingenommen, und man erwartet nicht mehr, ſein Mutterland je noch einmal wiederzuſehen. Alle dieſe Gefuͤhle draͤngten ſich in Maria's Bruſt durch einander; ſie hoͤrte außer der Graͤfin noch jemanden andern ſchluchzen, ſie drehte ſich um, und vergaß alle ihre eigene Betruͤbniß, denn der Markis war es, der ſo laut weinte. Die Thraͤ⸗ nen eines Greiſes haben etwas an ſich, das ſelbſt den gefuhlloſeſten Muth zu erſchuͤttern vermag. Nichts kann uns gegen den Eindruck dieſer jugendlichen und innigen Schmerzenserguͤſſe ſchuͤtzen, wenn ſie unter den bejahrten und eiskalten Augenwimpern des Al⸗ ters hervorbrechen. Der Menſch erſcheint uns dann wie ein Wanderer, deſſen Tagereiſe bereits vollbracht iſt und der jezt Anſpruͤche auf Ruhe zu machen haͤtte, 104 und ſeine Verzweiflung ſchmerzt uns dann wie eine Ungerechtigkeit oder wie ein Misgriff der Vorſehung⸗ Der Juͤngling kann eher weinen, denn er hat noch die troͤſtende und erſetzende Zeit vor ſich; allein das Alter ſieht nichts weiter vor ſich als das Grab. Wenn ſoll es wohl noch zur Ruhe gelangen, wenn es nicht an dem Tage geſchieht, auf welchen kein Morgen mehr folgt? Der Markis dachte uͤber ſein Schickſal nach. Es zeigte ſich ihm jezt in ſeinem ganzen Umfange, und er ſprach:„In einem Alter von ſieben und ſiebzig Jahren iſt es wohl zu ſpaͤt, noch ſein Vaterland mit einem andern zu vertauſchen; in meinem Alter kann man blos das Leben mit dem Sarge vertauſchen.“ Maria, deren Herz von dieſen Klagen zerriſſen wur⸗ de, dachte blos darauf, den traurigen Greis aufzu⸗ heitern, und fuͤhrte ihn mit ſich fort. Unterdeß hatte ſich Aldouza ihrer Mutter, die todtenbleich da ſaß, genaͤhert, bot ihr in der hohlen Hand einige Tropfen klaren Waſſers aus dem Bache an und ſagte zu ihr: „Da, trink“, ich habe es noch auf der ſpaniſchen Uferſeite geſchoͤpft.“ Bei dieſen Worten verdoppel⸗ te ſich das Schluchzen, und die Verbannten ſanken noch einmal auf die Kniee. So eben zeigte ſich jezt Bartolomeo auf den be⸗ nachbarten Anhoͤhen, und die Unglucklichen mußten ſich nun ſofort entfernen, ohne Zeit zu haben, von ihrem Heimatsboden foͤrmlich Abſchied zu nehmen⸗ Mittlerweile waren wohl einige Stunden verſtrichenz ————— 102 inbeß, was ſind ein Paar Stunden bei einem ſolchen Abſchiede! Die traurige Karawane zog hier dicht vorbei, oh⸗ ne zu wiſſen, daß Fray Pablo, der unterdeß von Se⸗ villa entflohen war, ſich und ſein Daſein in dieſe Ge⸗ birge verborgen habe. So zog denn das vereinigte Haͤuflein uͤber die Grenze, voll Staunen und Unge⸗ duld, mit bewaffneter Hand den Boden Frankreichs zu betreten, der ſo viele Wunder hervorgebracht. Maria ſah ſich gensthigt, jeden Tag weiter vor ih⸗ ren Mitbuͤrgern, vor denen her zu fluͤchten, die ſie ſo oft zum Siege angefuͤhrt hatte. Aldouza hatte noch nicht Einfluß genug erlangt, um ein dauerndes Band zwiſchen ſo verſchieden ge⸗ ſinnten Perſonen, als die Markiſin und Matea war, zu knuͤpfen. Der Anblick der Gefahr von der einen und der Pflichten der Dankbarkeit von der andern Seite, hatte ſie ſaͤmmtlich auf einen Augenblick alle die trennenden Scheidewaͤnde vergeſſen laſſen; doch kaum athmeten ſie wieder freier, ſo entfernten ſie ſich auch wieder von einander. Die Graͤfin begab ſich nach dem franzoͤſiſchen Kaiſerhofe, um in deſſen rau⸗ ſchendem Prunk einigen Troſt zu finden. Aldonza folgte ihrer Mutter dahin, indem ſie an alle die wech⸗ ſelnden Veraͤnderungen zuruͤckdachte, die ſie ſchon ſo fruͤh in ihrem Leben hatte erfahren muͤſſen, und unter denen ſie keine ſo ſchmerzlich, fand als die Nothwen⸗ digkeit, ſich von der Markiſin jezt trennen zu muͤſſen. Auch mein Name ward bei dieſem Abſchied genannt, 103 und ſie konnte ihn nicht ohne Errothen ausſprechen. Maria ſchrieb uns nach Cadix. Ihre Briefe, die eben ſo einfach und anmuthig waren als ſie ſelber, ſchienen ein treuer Spiegel ihres Gemuͤths zu ſein. Veſonders zeigte ſie darin ein aufrichtiges Vergeſſen ihrer eigenen Leiden und eine unermůdet thaͤtige Her⸗ zensguͤte, die ihr das Geſchaͤft des Troͤſtens als die ſchoͤnſte Beſtimmung der Frauen auf Erden erſchei⸗ nen ließ. ——————— Steteuiihieiſlisſe F S der Ctzihlung aus ſun⸗ ſchen Soldaten. Erſtes Kapitel. —— Katalonien allein ſah noch in ſeinen Feſtungen die franzoͤſiſchen Fahnen wehen, uͤberall ſonſt herrſchte der gefangene Ferdinand. So regierte denn ein volles Jahr vor der Ruͤckkehr des Monarchen die Konſtitution das ganze Spanien in beiden Erdhaͤlf⸗ ten. Die Voͤlker nahmen mit Entzuͤcken die zu Ca⸗ dir entworfenen Geſetze auf, und die Kaſtilianiſche Welt fand nirgends ein Widerſtreben dagegen, außer in Caraccas und Buenos Ayres. Aber ſelbſt dieſe bei⸗ den Staͤdte erklaͤrten ſich blos deshalb dagegen, weil ſie unabhaͤngige Republiken bleiben wollten. Die apoſtoliſche Junta konnte ſich in dieſer Ver⸗ laſſenheit von aller Welt kaum noch regen; ſie fuͤhl⸗ te, daß ſie eine laͤcherliche Rolle ſpielte und dachte bereits daran, ſich naͤchſtens aufzuloſen. Der Hauptmann Fortunato, der mit ſeiner Quadrilla in den Gefilden von Portugal eingetroffen war, ver⸗ —,— 105 ſprach vergebens, daß das Gebaͤnde der Konſtitution unter den Streichen ſeines Degens in Druͤmmern fallen werde; umſonſt ſandte Fray Cayetano, der bei ſeiner feurigen Ueberzeugung meinte, der fromme Glaube ſei vollkommen hinreichend, um alles zu ſaͤu⸗ bern, ihm pomphafte Auftraͤge zu. Der Sohn Elvirens und ſeine Bande verließen das Hauptquar⸗ tier des Nuntius Gravina voll Ungeduld, ihr voriges Raͤuberhandwerk und— Ausſchweifungen wieder zu beginnen. Indeß die Geſetze machten allmaͤhlig immer mehe ihre Herrſchaft geltend in einem Lande, das ſeit dreihundert Jahren von keinen Geſetzen mehr das geringſte gewußt hatte. Die Provinzen wurden von den Guerillas geſaͤubert, die ſich ihren jezt ohnehin unnuͤtzen Beiſtand theuer genug hatten bezahlen laſ⸗ ſen. Selbſt Bartolomeo entſagte ſeufzend ſeiner abenteuerlichen Lebensweiſe, wofuͤr ihn die Natur geſchaffen zu haben ſchien. Eine Befehlshaberſtelle unter den Linientruppen ward ihm angetragen, und er legte nun ſeine wilde Tracht, ſein bequemes Un⸗ terkleid, ſeinen von Mordwaffen ſtarrenden Guͤrtel, ſeine Axt und ſeine Flinte ab. Blos aus Rachſucht brachte er dies große Opfer. Er wollte naͤmlich von nun an den Franzoſen Krieg mit Krieg vergelten, und Mord und Verwuͤſtung auf ihrem Grund und Boden verbreiten. Antonio, deſſen Haß nicht ſo. gluhend war, konnte ſich nicht entſchließen, ſeine zierliche Tracht abzulegen und ſeine freie Ungebun⸗ denheit in die Feſſeln ſoldatiſcher Mannszucht zu 106 ſchmiegen. Er wagte es, um die Hand der ſcho⸗ nen Paquita anzuhalten. Der ſtolze Großrichter ſchlug ihm indeß dieſen Wunſch ab, nicht etwa dar⸗ um, weil ſein neuerdings erhaltener Feldmarſchalls⸗ Titel ihm etwa ehrgeizige und eitle Anſichten einge⸗ floͤßt hatte, ſondern weil der anhaltende Liebhaber an den ufern des Guadalquivir geboren worden war, und weil folglich in den Adern des andaluſiſchen Maulthiertreibers nicht altſpaniſches und echtchriſt⸗ liches Blut floß. Der betruͤbte Antonio beſchloß Moͤnch zu werden; allein ſeine Beſchuͤtzerin war be⸗ reits uͤber die Grenze nach Frankreich hinuͤber ge⸗ flohn, und er ſelber war— nach dem Ausdruck ei⸗ nes eurer geiſtreichſten Schriftſteller*)— nicht reich genug, um das Geluͤbde der Armuth thun zu koͤn⸗ nen. Endlich entſchloß er ſich, ſeine Mutter fuͤr ſeine lange Abweſenheit von ihr zu troͤſten. Indeß ſeine Sohnespflicht vermochte dennoch nicht, ihn an ſitzende Arbeiten zu gewoͤhnen. Er begann daher wieder ſeine fruͤhere Lebensweiſe; die Einſamkeit der Landſtraßen, der Muͤßiggang der Reiſe, ſeine Stutz⸗ buͤchſe und ſeine Gitarre vermochten allein ſeinem unruhigen Geiſte und ſeinem leidenden Gemuͤth ir⸗ gend eine Befriedigung zu gewaͤhren. Spanien, das ſechs Jahre lang durch die e zöſiſchen, engliſchen, portugieſiſchen und National⸗ Heere verwuͤſtet worden, Spanien, das ſo lange Zeit den Despotismus von außen und von innen her *) La Bruyere. — 107 gefuͤrchtet hatte, Spanien, das jezt auf einmal Un⸗ abhaͤngigkeit und Freiheit, Frieden von außen und von innen, die Unterwerfung Amerika's und das Waffenbuͤndniß des ganzen Europa's ſich errungen hatte, unſer glorreiches und edles Spanien athmete jezt zum erſtenmal wieder froh auf, wie ein Menſch⸗ auf deſſen Bruſt eine toͤdtliche Laſt gelegen, es ge⸗ wann ein friſches und jugendliches Anſehn, es ward von dem Tageslichte der Oeffentlichkeit ganz erhellt, es hatte ſeine Augen feſt auf die Volksrednerbuͤhne geheftet, nahm lebendigen Antheil an dieſem Wider⸗ ſtreit aller Meinungen und der verſchiedenartigſten Intereſſen, freute ſich ſeiner Eroberungen, und uͤber⸗ ſah bereits das ungeheure Feld, das ſich der Indu⸗ ſtrie und dem Gedanken eroͤffnete. Die Geſetzgebenden Cortes ſetzten endlich mitten unter dieſer Nationalbewegung, die von ihnen her⸗ vorgebracht und ihr hoͤchſter Lohn war, ihren Arbei⸗ ten ein Ziel; und zwar am 14. September 1813. Es fehlten gerade nur noch zehn Tage, ſo haͤtte dieſe Verſammlung drei volle Jahre lang ununterbrochen ihre Sitzungen gehalten. Sie hatte die Halbinſel vom Feinde beſetzt, den Schatz leer, die Armee ſo wie den ganzen Staat in ſich aufgeloͤſt, Amerika ge⸗ gen das Mutterland in den Waffen, eine verwor⸗ rene und barbariſche Geſetzgebung, die Inquiſition, den hohen Rath von Kaſtilien, und die Anarchie vor⸗ gefunden; und jezt hinterließ ſie ein ſiegreiches Heer, einen geſicherten Staatskredit, eine Regierung, die waͤhrend eines langen und furchtbaren Kampfes ihre 108 Kraft erprobt hatte, eine von der Civilgewalt ge⸗ trennte Gerichtsgewalt, die bisher ſtets zu beiderſei⸗ tigem Unheil mit einander verbunden geweſen waren, mit einem Wort, eine Monarchie, Gerichtshoͤfe und Geſetze. Die Inquiſition war unter dem lauten Beifallruf des menſchlichen Geſchlechts dahingeſun⸗ ken. Waͤhrend wir kurz zuvor noch allen unſeren Nachbaren zinsbar, in Armuth erſchlafft geweſen, und eine halbe Welt hatten brache liegen laſſen, ſo gab jezt der Geiſt der neuen Staatsverfaſſung unter uns dem Kunſtfleiß das Buͤrgerrecht; Fabriken wur⸗ den errichtet, Werkſtaͤtten fuͤllten ſich, und man konnte jezt die Zeit vorausſehen, wo Spanien wieder unter den arbeitſamen Voͤlkern ſeinen alten Platz einnehmen und vermoͤge der allmaͤhligen Verminde⸗ rung der Kloͤſter und vielleicht auch der Majorate alles das wuͤrde aufbluͤhen ſehen, was nur irgend ganzen Reichen zur Aufklaͤrung, zur Ehre und zum Wohlſtande gereichen kann. Niemals hat irgend eine Staatsgewalt auf Erden ſo viel fuͤr die Men⸗ ſchen gethan, und zwar unter welchen Zeitumſtaͤn⸗ den? in welchem Orte? unter welchen Unfaͤllen und Gefahren? Die Arbeiten der außerordentlichen Cortes haben— wie unvollkommen auch immer ihr Hauptwerk geweſen ſein mag— etwas wahrhaft herviſches gehabt; aber auch ein zweiter Ruhm wird ihnen gewiß nicht verſagt werden koͤnnen, naͤmlich der, daß ſie viele Thraͤnen getrocknet, aber nieman⸗ dem welche entlockt haben. Welche andere Gewalt 109 auf Erden kann wohl vor der Geſchichte auftreten, ohne Blutflecken an ihrem Gewande zu haben? Als die Deputirten zum leztenmal aus ihrem Verſammlungsſaal heraustraten, wurden ſie von dem ganzen Cadir mit lautem Beifall empfangen. Der Ruf: Die Vaͤter des Vaterlands ſollen leben! erſcholl aus jedermanns Munde, waͤhrend die Ruͤh⸗ rung der Bewunderung und Dankbarkeit aller Herz⸗ en erfuͤllte. Die Deputirten und die Buͤrger aͤußer⸗ ten gegenſeitig, wie ſtolz ſie auf einander waͤren, die angeſehenſten Mitglieder wurden im Triumph nach Hauſe gefuͤhrt und ihnen Staͤndchen gebracht. Alonſo fand in dieſen gluͤhenden Beweiſen der oͤffent⸗ lichen Achtung die erſte Befriedigung fuͤr ſein Herz, ſeitdem Maria fern von Spanien und fern von ihm lebte. Einige Tage nachher, am erſten October, wur⸗ den die ordentlichen Cortes eroͤffnet. Der großher⸗ zige Fehler, den der erſtere Kongreß dadurch began⸗ gen hatte, daß er ſeine ſaͤmmtlichen Mitglieder im voraus von dem zweiten Kongreß ausſchloß, trug jezt ſeine ewig beweinenswerthen Fruͤchte. Die Maͤn⸗ ner, welche ſich in dieſer Laufbahn ausgezeichnet hat⸗ ten, die Spanien vor allen ſich auserwaͤhlt hatte, dieſe Gruͤnder unſerer Geſetze, durften nie wieder in das Heiligthum derſelben zuruͤckehren; blos die Amerikaner, deren Nachfolger noch nicht angekom⸗ men ſein konnten, behielten vorlaͤufig noch Sitz und Stimme darin. Die Wahl mußte nun unter ganz neuen Namen hin und her ſchwanken. Die drei 140 ober wohl gar fuͤnf Abſtufungen der Wahl, die den Abgeordneten von ſeinen Auftraggebern immer mehr entfernten, brachen wie von Kaskade zu Kaskade im⸗ mer mehr die Wuͤnſche der Buͤrger und machten den Unterſchleif leichter. Jenen beim Volke ſo beliebten Moͤnchen, die man bei uns Frayles nennt, ge⸗ lang es oft, die Wahlen auf unbekannte, in Unwiſ⸗ ſenheit verſunkene Hidalgos zu lenken, welche ſich je⸗ desmal von ihrem Beichtvater die Meinung angeben ließen, die ſie an dem oder dem Tage aͤußern ſoll⸗ ten. Andrerſeits wollten die Freunde unſerer Staats⸗ verbeſſerung aus wohlbegruͤndeter Beſorgniß blos er⸗ probte Anhaͤnger des jetzigen Syſtems annehmen und waren daher oft genoͤthigt, ſich zu dem Heerbann der konſtitutionellen Sache herabzulaſſen. Der An⸗ blick ſolcher Candidaten war oft allein ſchon hinrei⸗ chend, um der Gegenparthei den Sieg zuzuſichern, Die Leute von der Parthei der Vergangenheit bilde⸗ ten trotz aller dieſer guͤnſtigen Umſtaͤnde doch kaum ein Viertheil der Verſammlung, und mit Ausnahme des Don Iſidro und eines oder zweier anderer Geiſt⸗ lichen, die durch die ſtrenge Ausuͤbung ihrer Prie⸗ ſterpflichten bekannt genug waren, hatte dieſe Par⸗ thei faſt blos klaͤgliche und mittelmaͤßige Koͤpfe auf⸗ zuweiſen. Der Advokat Mozo y Roſales, der nach⸗ mals unter dem Namen eines Markis von Mataflo⸗ rida ſo beruͤhmt geworden, und ſeine Kollegen Cal⸗ deron und Gil waren blos ſchwache Schatten ihrer Vorgaͤnger, eines Guttierez de la Huerta, eines Borull, Creus, Canedo; allein dieſe Parthei, ob⸗ . ——,— ——— 154 wohl wenig nach den Palmen der Beredſamkeit trach⸗ tend, hatte gleichwohl einen großen Sieg errungen, und zwar dadurch, daß die durchgaͤngige Erneuerung die fortgehende Kette der Ueberlieferungen unter⸗. brach. Sie hinderte naͤmlich, daß zwiſchen der vo⸗ rigen Nationalverſammlung und der neugewaͤhlten eine heilſame Mittheilung oder Fortſetzung des ge⸗ meinſamen Intereſſes eintrat. Ueberhaupt beſchaͤf⸗ tigte ſich die oͤffentliche Meinung weit minder mit einer Koͤrperſchaft, die ſich weit weniger durch aus⸗ gezeichnete Talente und Verdienſte empfahl als die vorige. Einige wenige große Redner und große Buͤrger, wie Martinez de la Roſa, der Domherr Cepero, der Amerikaner Don Ramon Feliu, Canga Arguelles, Garcia Page und noch einige andere reich⸗ ten nicht hin, um eine ganze Senatsverſammlung in der Achtung der Voͤlker zu erhalten, und der neue Kongreß fuͤhlte ſich durch den Ruhm ſeines glaͤnzen⸗ den Vorgaͤngers tief in Schatten herabgedruͤckt. Der Eifer der geſetzgebenden Deputirten, ihre Uneigennuͤtzigkeit an den Tag zu legen, hatte eine ueue Bedenklichkeit, ein neues Unheil herbeigefuͤhrt. Man wird es uns wohl verzeihen, daß wir in un⸗ ſere Staatsverfaſſung etwas von jener jugendlichen Großmuth mit eingemiſcht hatten, die in dem Cha⸗ racter unſer aller lag. Es iſt ja etwas ſo ſeltenes, daß man die von Staatsmaͤnnern begangenen Feh⸗ ler auf Rechnung ihrer Tugenden ſchreiben muß. Die ausgeſchiedenen Cortesmitglieder durften binnen Johresfriſt kein oͤffentliches Amt annehmen, und ſo 142 kam es denn, daß Maͤnner wie Arguelles und Cala⸗ trava in ihrem Vaterlande, das ihrer ſo ſehr be⸗ durfte, unthaͤtig bleiben mußten, was kein geringes Ungluͤck fuͤr uns war. Die Regentſchaft glaubte nicht dem Sinne der Fundamental⸗Acte entgegen zu handeln, wenn ſie dem Don Alonſo— obwohl ohne Beſoldung und Titel— eine wichtige Sendung an die hohen ver⸗ buͤndeten Maͤchte uͤbertrug. Ich freute mich als Spanier uͤber dieſe Wahl, und konnte mich als Freund eben nicht daruͤber betruͤben. Die großen Gegenſtaͤnde, uͤber die er muͤndlich verhandeln ſollte, konnten vielleicht ſein Gemuͤth zerſtreuen, das ſich bisher ungetheilt von einem einzigen Gebanken hatte beherrſchen laſſen. Er ſchiffte ſich alſo nach Italien ein, waͤhrend ich gleichzeitig Cadix verließ, um nach Madrid zuruͤckzukehren. Meine Angelehenheiten ver⸗ langten eine ſehr ernſte Aufmerkſamkeit. Die lange Sequeſtration unſerer Gaͤter, das reiche Löſegeld, das ich den Naͤubern der Finanzen hatte zahlen müſ⸗ ſen, um meinen Rang waͤhrend des Franzoſenein⸗ falls behaupten zu koͤnnen, die Erbſchulden meines Hauſes und die milden Stiftungen meines Vaters verſetzten mich in große Geldloſigkeit. Freilich be⸗ ſaß ich wohl ein Drittheil Andaluſiens und in ande⸗ ren Provinzen mehr Laͤndereien, als eure ganze Pairskammer zuſammengenommen; allein, da die Glaͤubiger den groͤßten Theil der Einkuͤnfte erhoben, ſoblieb mir blos der Troſt uͤbrig, daß ich der reich⸗ ſie Bettler in der ganzen Chriſtenheit ſei. Ich war —— —— 113 daher auf Mittel und Wege bedacht, das zukunftige Erbe meiner Kinder eben ſo in Anſpruch zu nehmen, wie es mein Vater mit dem meinigen gemacht hatte, bis die Cortes uns wenigſtens uͤber einen Theil un⸗ ſerer Laͤndereien zu verfuͤgen bevollmaͤchtigt und da⸗ durch die großen Grundbeſitzer aus dem Zuſtande zahlungsunfaͤhiger Schuldner geriſſen haben wuͤrden, worein die Herrſchaft der Majorate uns verſetzt hatte. Ich begleitete nach Madrid die Mutter Alonſo's, die ganz untroͤſtlich daruͤber war, daß ſie von dem Schickſal des einen ihrer Soͤhne nichts wußte, daß der andere auf eine Zeit lang ihrer muͤtterlichen Lie⸗ be entzogen war, und daß ſie Maria verloren hatte, waͤhrend ſie in ihrer Verlaſſenheit die ewige Dren⸗ nung von Don Luis zu beweinen hatte. Die Aeb⸗ tiſſin, zu deren Fuͤßen ich ſofort hineilte, bewies mir durch ihren Empfang nur zu ſehr, daß ſie in mir nur den Sohn deſſen erblickte, der ihr zu gleicher Zeit die Mutterfreuden und die Erbſchaft des Markis zu entreißen geſtrebt hatte. 3 Die ordentlichen Cortes wurden in Madrid ein⸗ gefuͤhrt, und die Regentſchaft folgte ihnen dahin. Dieſe Verſetzung war ein Sieg fur unſere Gegner. Die kunſtfleißige und wohlhabende Bevoͤlkerung von Cadir hieng an einer Verfaſſung, die unter dem Schutz ihrer Mauern und Waͤlle entſtanden war; man meinte nun, daß die muͤßige und duͤrftige Volks⸗ menge der Hauptſtadt dieſe Verfaſſung nicht begrei⸗ fen oder wohl gar haſſen könnte. Dieſe Hoffnung V. 8 114 verwanbelte ſich anfangs in Muthloſigkeit, als man ſah, wie die Einwohner unſeren Geſetzgebern entge⸗ gen eilten, ſie mit Freudengeſchrei empfiengen, bei ihrem Vorbeizuge große Weidenpalmzweige ſchwenk⸗ ten, ihnen die Pferde vom Wagen ſpannten und ſie auf den Armen vorwaͤrts trugen. Die Ehrerbietung, welche der Handelsſtand, die Buͤrgerſchaft, die Welt⸗ geiſtlichkeit, der kaſtilianiſche Adel, und eine große Anzahl hoher Perſonen ihnen um die Wette an den Dag zu legen ſuchten, ſpiegelte ſich ſogar auf dem ernſten Geſicht der Maͤnner aus unſeren Vorſtaͤdten ab. Die Moͤnchsparthei war uͤber dieſen Empfang befremdet, und zeigte ſich anfangs finſter und ſchweig⸗ ſam; allein es lag nicht in ihrer Gemuͤthsart, den Muth auf lange Zeit zu verlieren. Sie wußte nur zu wohl, daß die Koͤrperſchaften laͤnger leben, als die Menſchen. Die Parthei, welche ſich verbuͤndet hatte, um Spanien vor dem Einfluß des Zeitgeiſtes zu ſperren, hatte im Laufe der lezten Jahre gar manche Umgeſtal⸗ tung erfahren. Es war noch gar nicht ſo lange her, daß die Vorrechte des Koͤnigthums keinen heftigeren Feind, die National⸗ Souveraͤnetät keinen gluͤhende⸗ ren Verfechter gehabt hatte, als den Fray Cayetano; allein bei Aufhebung der Cadixer Belagerung waren alle dieſe Staatsgrundſaͤtze mit dem Gepaͤck des ſranzoͤſiſchen Heeres wieder von dannen gezogen⸗ Die Kloͤſter und die Ueberbleibſel der ehemaligen Ca⸗ marilla fiengen allmaͤhlig an eine ſervile Anſicht aufzuſtellen, d. h. eine ſolche, die durchaus den — 115 Grundſaͤtzen und dem Intereſſe der unbeſchraͤnkten Koͤnigsgewalt ergeben war. Die uͤbrigen, d. h. die Juſtizbehoͤrden, die Escribanos, die Mitglieder der Weltgeiſtlichkeit, die vor allen Staatsverbeſſerungen, vor den Wiſſenſchaften und vor der Philoſophie eine Scheu hatten, ſtimmten gleichwohl bis dahin noch nicht fuͤr die Wiederherſtellung der willkuͤhrlichen Herrſchermacht. Alle theils bedrohten„theils ab⸗ geſchafften Misbraͤuche hatten ſich in dieſen lezteren gleichſam zu einem großen Waffenbuͤndniß vereinigt, und wollten ſich hinter eine feſte Regierungsform wie in eine Feſtung verſchanzen, um von da aus der Nation, der Krone und dem Zeitalter zu gleicher Zeit Trotz zu bieten. Dies leztere Syſtem hatte keinen ehrwuͤrdigeren Vertheidiger, als den Don Iſidro, und der Pater Provinzial, der neuerdings aus ſeinem veroͤdeten Hauptquartier in Portugal eingetroffen, war einer der feurigſten Apoſtel des erſteren. Der Zwieſpalt unſerer Gegner war anfangs blos geheim und innerlich, und ließ ſich aͤußerlich nicht merken. Die Freunde des Erzbiſchofs und die Miliz des Dominicaners verſtanden ſich in ſo weit, daß ſie in ihren Reden und Schriften die Fundamental⸗Acte verſchonten. Eine Regierungsform, die uns ins Verderben geſtrzt, zuruͤckfordern zu wollen, ſie mit⸗ ten im konſtitutionellgeſinnten Spanien auch nur oͤf⸗ fentlich zu wuͤnſchen, war keine leichte Sache. Die Cortes vernahmen von allen Seiten her nichts als Verſicherungen der Anhaͤnglichkeit an die„heilige 6* 116 Geſetzurkunde“, und bei dieſem feurigen Wetteifer aller Partheien, ihre Liebe gegen dieſelbe an den Tag zu legen, wuͤrde es ſchwierig geweſen ſein, auszu⸗ mitteln, ob die„Abſolutiſten“ in der Nitte des Kongreſſes Vertreter haͤtten oder nicht. Allein wenn auch die aͤußeren Schritte und die offentlichen Aeußerungen eben nicht feindliche Plaͤne blicken ließen, ſo wurde doch uͤberall, wo es irgend nur Kloͤſter der niederen Moͤnchsorden gab, ein ge⸗ heimes Komplott angezettelt. Ein Heer von Fray⸗ les ſtuͤrmte von allen Seiten her gegen die konſtitu⸗ tionelle Geſinnung an; heimlich verbreitete Flug⸗ und Schmaͤhſchriften, ſelbſt Kanzelreden, kurz alles ward in Thaͤtigkeit geſetzt. Ein Deputirter, Na⸗ mens Antillon, der nachmals im Kerker geſtorben iſt, bewies ſogar, daß man ſelbſt hinterliſtige Nachſtel⸗ lungen anzuwenden nicht verſchmaͤhte. Ihr werdet euch nicht wundern, wenn ich euch ſage, daß ein weitverzweigtes Komplott entdeckt wurde. Die Geſchichte unſerer neueſten Zeiten hat nicht leicht eine Epiſode, wo die Leidenſchaften der geiſtlichen Parthei ſich mehr in ihrer Bloͤße gezeigt hätten, als damals. Ein franzoͤſiſcher General, Namens Oudinot oder Audinot— wie es hieß— hatte ſich im Koͤnigreiche Granada ertappen laſſen. Der Verhaftete geſtand, daß er auf Befehl ſeines Herrn, des franzoͤſiſchen Kaiſers, einem Verſchwoͤ⸗ rungsplane folge, der ſich uͤber alle Provinzen er⸗ ſtrecke, und unter der Leitung des Fuͤrſten Talleyrand werde binnen Kurzem die iberiſche Republik ausgeru⸗ —. f —,. F 147 fen werden. Arguelles und die angeſehenſten Mit⸗ glieder der Cortes wurden, wie ihr leicht denken koͤnnt, als die Hauptbefoͤrderer dieſer Plaͤne be⸗ zeichnet. Die von den Moͤnchen geleiteten Tageblaͤtter meldeten oft die Geſtaͤndniſſe des franzoͤſiſchen Gene⸗ rals um viele Tage im voraus. Alle Liberalen in der ganzen Monarchie fuͤrchteten, daß dieſer Angeber ihre Namen der oͤffentlichen Ahndung ausſetzen wuͤrde; denn ſchon liehen die Vorſtaͤdte Madrids dieſen Geruͤchten ein williges Ohr. Indeß ſchon nach wenigen Monaten erfuhr man, daß der angebliche Bevollmaͤchtigte Napoleons, dieſer Verfertiger repu⸗ blikaniſcher Verfaſſungen niemand⸗ anders war, als der Lakai einer adeligen Wittwe und Schuͤler eines Domherrn. Gleichwohl ward der gewuͤnſchte Eindruck auf die Menge dennoch hervorgebracht. Der Augenblick dazu wurde ſehr gluͤcklich gewaͤhlt. Es traf naͤmlich damals gerade der eine von den vier Hauptjahrmaͤrk⸗ ten, naͤmlich der im Januar, und alle Bauern aus der Umgegend, die ſehr leicht und bequem irre zu fuͤhren ſind, kamen ſchaarenweiſe in die Stadt ge⸗ ſtroͤmt. Dieſe Jahrmaͤrkte, die eine unermeßliche Menſchenmenge herbeilocken, ſind das elendeſte, was es nur irgend auf der Welt geben kann. Denket euch die große Alcalaſtraße zu beiden Seiten mit al⸗ tem wurmſtichigen Stuben⸗ und Hausgeraͤth, mit ſchlechtem Fajancegeſchirr, welches ein halbnackter Valencianer feilbietet, und mit Buͤchern und Wirth⸗ ſchaftsgeraͤthen erfullt, die vergebens auf Kaͤufer warten. Der ganze Hof luſtwandelt tagtaͤglich mit⸗ ten unter dieſem armſeligen, zur Schau aufgeſtellten Kram umher; zugleich ſchmuͤcken ſich unſere Muſeen mit den Erzeugniſſen der ſchoͤnen Kuͤnſte, die freilich von der Art ſind, daß die Malereien z. B⸗ ſich mit den meiſten Hausſchildern in den Straßen von Paris nicht wuͤrden meſſen koͤnnen. Neben dieſen elenden Producten glaͤnzen mitunter wohl auch die Meiſter⸗ werke großer Kuͤnſtler, gleichſam um unſeren tiefen Verfall noch anſchaulicher zu machen. Fray Cayetano benutzte dies zahlreiche Zuſtroͤ⸗ men der Menge, um fuͤr die Wiederherſtellung derje⸗ gen Ordnung der Dinge zu arbeiten, deren beweinens⸗ werthe Trophaͤen wir noch vor Augen hatten. Er wiegelte die Leute aus la Mancha und die Kaſtilianer auf, indem er ihnen ſagte:„Der Koͤnig, unſer Herr, wird bald ſeinen vorigen Platz wieber einneh⸗ men. Dann werden wir auch den unſrigen in der chriſtlichen Kirche wiederfinden. Spanien wird als⸗ dann aufhoͤren, abtruͤnnig zu ſein; wir werden den Nuntius des heiligen Petrus wieder bei uns ſehen, wir werden nicht laͤnger im Kirchenbanne bleiben, und nach wie vor wird dann Ablaß fuͤr die vergan⸗ genen und kuͤnftigen Suͤnden von Rom her uns er⸗ theilt werden. Den Philoſophen, welche die Keck⸗ heit gehabt haben, das Glaubensgericht aufzuheben und den lieben Gott gleich Judas zu verleugnen, wird das heilige Abendmahl und das Begraͤbniß ver⸗ ſagt werden, wir werden ihre Seelen gerade ſo be⸗ — — 119 handeln, wie ſie die unſrige behandeln wollten, und die unermeßlichen Reichthuͤmer, die ſie auf Koſten des Vaterlands aufgehaͤuft, werden dann dem guten Volke uͤbergeben werden, das der irdiſchen und himmliſchen Guͤter ſo wuͤrdig iſt.“ Die Aufwiegler vergaßen keinesweges das ſtehen⸗ de Soldatenheer. Man wußte jene ſo natuͤrliche Eiferſucht zwiſchen dem Feldlager und der Volksred⸗ nerbuͤhne anzufachen, man ſpendete Gold in den Ka⸗ ſernen, und Fortunato gieng zu den Soldaten und ſagte ihnen wiederholt:„Dem Himmel ſei Dank, Kameraden, unſer vielgeliebter Ferdinand wird uns jezt bald wiedergeſchenkt werden. Er wird dann er⸗ fahren, daß er ſeine Krone blos eurer Tapferkeit verdankt; er wird nicht ſeinen wackern Vertheidigern mistrauen, wie dies unſere Regierungsleute und Phraſenmacher thun, welche vor der Armee Furcht haben und ſie ſammt und ſonders an der Grenze ſte⸗ hen laſſen, anſtatt ihr endlich einmal Ruhe zu gön⸗ nen. Dieſe Gelehrten, dieſe ſchwarzen Menſchen finden wohl Gold, um ihre Familien zu bereichern, aber keines, um unſere Dienſte zu belohnen. Sie zeigen euch Ruinen, die ſchon laͤngſt wieder aufge⸗ baut ſein wuͤrden, wenn wir anſtatt der zweihundert unnuͤtzen Schwaͤtzer einen guten Herrn haͤtten, der als Koͤnig oder vielmehr als Vater fuͤr uns ſorgte.“ Die Truppen vergaßen ſehr leicht alles das, was die Nationalverſammlung fur ſie gethan hatte. Man ſprach abſichtlich mit ihnen; blos von dem Vorzuge, ——————————— 120 welcher der Civilgewalt eingeraͤumt worden ſei; man ſprengte in den Soldatenquartieren jene Aeußerung eines gewiſſen Deputirten aus, der in der Verhand⸗ lung uͤber irgend eine Theorie geſagt hatte, daß die Soldaten blos wie beſoldete Moͤrder zu betrachten ſeien. Unſere ganze Konſtitution iſt vielleicht durch dieſe einzige unbeſonnene Aeußerung uͤber den Hau⸗ fen geworfen worden. um die Revolution, die unſere Geſetzgebung wie⸗ der vernichtete, richtig zu beurtheilen, muß man zu⸗ vor ins Auge faſſen, welches die Werkzeuge derſel⸗ ben geweſen ſind. Dieſe waren im Innern der Stadt die oͤffentlichen Plaͤtze und die Kaſernen, aus⸗ waͤrts aber jene heilloſe Politik, die ſchon ſo viel Boͤſes auf Erden angerichtet hat. Ich will keines⸗ weges die engliſche Regierung anklagen, daß ſie die Triebfeder dieſer Revolution geweſen ſei; denn ſol⸗ che Behauptungen bedürfen der Beweiſe; allein ſo viel iſt wenigſtens gewiß, daß Napoleon zuerſt bei Don Ferdinand die konſtitutionelle Monarchie ver⸗ leumdet hat. Da dieſer naͤmlich ſich genoͤthigt ſah, den Suͤden Europa's ſeinem Schickſale zu uͤberlaſſen, und dabei doch gern Zwietracht und Unheil demſelben zu hinterlaſſen Willens war, ſo hatte er zu Volen⸗ gay Unterhandlungen angeknuͤpft, worin er dem ho⸗ hen Gefangenen unſere Statseinrichtungen ſo dar⸗ ſtellte, als waͤren ſie uns von England eingegeben, um auf den Ruinen ſeines Thrones eine Republik zu gruͤnden; und in der That waren unſere ehema⸗ ligen Angeber es wohl werth, den Unterdruͤcker Spa⸗ niens und den Thronraͤuber der Bourbons zum Vor⸗ gaͤnger und zum Genoſſen zu haben. Der Herzog von San Carlos, einer von den Bewohnern des Schloſſes Valengay, brachte den Vertrag mit, den er ſelber am elften December des eben verfloſſenen Jahres unterzeichnet hatte. Der Koͤnig erklaͤrte in ſeinen Briefen an die Regentſchaft dieſe Vertraͤge fuͤr ſo vortheilhaft, als man ſie nie nach einer Reihe von Siegen haͤtte durchſetzen koͤn⸗ nen. Sich von dem großen Buͤndniß der europaͤi⸗ ſchen Maͤchte zuruckziehen, die Verbindung mit Groß⸗ britannien aufgeben, ja es zwingen, ſeine Stellung an den Pyrenaͤen zu verlaſſen, auf dieſe Weiſe die Macht des franzoͤſiſchen Kaiſers auf Koſten Euro⸗ pa's, deſſen ganze Laſt auf ihm lag, zu befeſtigen, vielleicht den ſiegreichen Englaͤndern Krieg ankuͤndi⸗ gen, um den beſiegten Napoleon zu vertheidigen, dies waren die Verpflichtungen, welche Spanien eingieng. Zugleich ſollte der Koͤnig ohne Ausnahme die Diener des Eindringlings in ihre Aemter und Wuͤrden wieder einſetzen,— Maͤnner, welche an den Unthaten und Greueln der Fremden theilgenom⸗ men und dadurch die Verwuͤnſchungen des Volks ſich auf ihr Haupt geladen hatten. Die erſte dieſer Bedingungen verlezte das beſchworene Verſprechen, die zweite kraͤnkte das Nationalgefuͤhl, die Cortes verſchmaͤhten die eine wie die andere durch einſtimmi⸗ gen Zuruf. Die Servilen von allen Gattungen wa⸗ ren dadurch in Unruhe verſetzt; ſie ſahen nunmehr die Parthei der Afranceſados in fortwaͤhrendem Be⸗ —————————— 122 ſitz der Staatsaͤmter, der Ehrenſtellen, vielleicht auch der Leitung der oͤffentlichen Angelegenheiten bleiben. In dieſer Beſorgniß einer neuen Hinterliſt beſchloß man, daß der Koͤnig keinen Act ſeiner Koͤnigswuͤrde ausüben konne, bevor er nicht in der Mitte der Cor⸗ tes die Fundamental-Urkunde beſchworen habe. Die Meiuungen aller waren, ſo oft von dem Ein⸗ fluß des franzoͤſiſchen Kaiſers die Rede war, ſo einig unter einander, daß dies Dekret, welches von Man⸗ riques und Vargas abgefaßt war, einſtimmig ange⸗ nommen wurde. Auf den Vorſchlag des Grafen von Punon Roſtro unterzeichneten es alle anweſen⸗ den hundert und dreiundſiebzig Deputirten, unter welcher Zahl ſich unter andern auch Mozo y Roſa⸗ les*), Calderon, Moyano, kurz alle diejenigen be⸗ fanden, die ſchon den Tag drauf zum Miniſterium erhoben werden ſollten, um die Herrſchaft der un⸗ umſchraͤnkten Gewalt zu ſichern, ja alle diejenigen, welche nachmals die Beſchluͤſſe dieſes Tages zu Hauptanklagepunkten gegen ihre Kollegen benutzten. Der unterhaͤndler der Abkunft von Valengay fuͤhlte ſich uͤber die Art und Weiſe gekraͤnkt, wie man die Frucht ſeiner Arbeiten aufnahm. Dieſe Regie⸗ rung, welche ſich ohne Koͤnig und ohne Hof beweg⸗ te, dieſe Staatsverwaltung mit ihrer Oeffentlichkeit und ihrem geſetzmaͤßigen Gange, dieſe Cortes mit ihrer maͤnnlichen Unabhaͤngigkeit, dieſe Preßfreiheit, dieſe neubeſeelte Nation, dies alles zuſammen hatte L *) Markis von Mataflorida. 123 den Gefaͤhrten unſerer verbannten Bourbons in Ver⸗ wunderung geſetzt; er, der ſich durch ſeine muthige Anhaͤnglichkeit an Fuͤrſten, welche die Welt fur im⸗ mer entthront glaubte, ausgezeichnet hatte, mußte freilich ſich uͤberraſcht fuͤhlen, daß er ſtatt Lobes blos allgemeinen Tadel einerntete, und vielleicht mochte er wider ſeinen Willen und bei aller der Gerechtig⸗ keit und Erhabenheit ſeiner Denkweiſe unſeren Fuͤr⸗ ſten unguͤnſtige Anſichten uͤber das Repraͤſentativ⸗ Syſtem mitbringen. Der Koͤnig hatte erklaͤrt, daß der von ihm abgeſchloſſene Vertrag blos im Fall der Beſtaͤtigung von Seiten der Regentſchaft und des National⸗Kongreſſes Kraft und Guͤltigkeit haben koͤnne; er erkannte folglich die Grenzen an, welche das von Borull am 1. Januar 1811 veranlaßte De⸗ kret ſeinen hohen Vorrechten geſetzt hatte. So fehlte denn alſo dem Werke der außerordentlichen Cortes keine Art von Beſtätigung, und erſt ſpaͤter aͤnderte der Monarch ſeine Geſinnung. Der Beſchluß, welcher den am 11. December geſchloſſenen Vertrag fuͤr null und nichtig erklaͤrte, war bisher blos in geheimer Sitzung behandelt wor⸗ den, jezt ward er in oͤffentlicher Sitzung vorgetragen, und ein Deputirter, Namens Reyna, wagte zu ſa⸗ gen, daß der Koͤnig, ein Erbe der unumſchraͤnkten Gewalt ſeiner Vorfahren ſei und dieſelbe vollſtaͤndig wiedererlangen wuͤrde, ſobald er die Grenze betraͤte. Ein Geſchrei des Unwillens erhob ſich in der Ver⸗ ſammlung. Man verlangte, daß er vor Gericht geſtellt werden moͤchte, zugleich ward der 7. Febru⸗ ne ne——— 124 3 ar zur muͤndlichen Verhandlung hieruͤber feſtgeſetzt. Der unvorſichtige Redner regte die beiden verſchie⸗ denartigen Elemente einer und derſelben Parthei g⸗„ gen einander auf; er nöthigte ſie naͤmlich, ent⸗ weder ihre Schwuͤre zu brechen und ihre taͤglichen Verſicherungen Luͤgen zu ſtrafen, oder durch ſeine Verurtheilung eine feierliche Verbindlichkeit gegen die Regierung, die ſie eben ſtuͤrzen wollten, einzuge⸗ hen. Fray Cayetano ließ alle ſeine Truppen ins Feld ruͤcken, um den Erzbiſchof und ſeine Freunde zu zwingen, vor den lauten Aeußerungen der Zu⸗ ſchauermaſſe zuruͤckzutreten; er ließ die Gallerieen mit ſolchen Leuten beſetzen, daß die Servilen, die er der Feigheit beſchuldigte, Muth faſſen konnten, um endlich ihre ſeit funf Jahren von dort her beſtrittenen Grundſätze laut zu erklaͤren. Die Beſchwoͤrung Au⸗ dinot's war ſchon gar zu abgenutzt; man ſprengte daher aus, daß wir den Koͤnig nicht haben wollten, um an ſeiner Statt einen engliſchen General auf den Thron zu ſetzen. Dieſes Geruͤcht erfullte die Vor⸗ ſtaͤdte mit Unwillen, die nicht wußten, daß das Ka⸗ binett von Sanct James wohl mit unſeren Gegnern, aber nicht mit uns im Buͤndniß ſtand. Und doch hatte eine ſolche Fabel in Europa Glauben gefunden; in Druckſchriften iſt ſie wiederholt worden, ja die Englaͤnder, die Servilen und die Afranceſados hatten aus Stolz oder aus Feindſeligkeit ein Intereſſe dabei, ſie zu verbreiten, und da die wahrhaft denkenden Koͤpfe in jedem Lande die Minderzahl ausmachen, ſo meinte man nicht etwa, daß die Parthei der romi⸗ —————— ſchen Curie vielleicht ſelber habe daran denken kön⸗ nen, einen Proteſtanten zum Monarchen Spaniens zu machen, ſondern vielmehr, daß die Parthei der Religionsverbeſſerer es nicht habe bewerkſtelligen koͤnnen. Und doch hatten wir einen geiſtlichen Fuͤr⸗ ſten an unſerer Spitze. Es war gerade vor dem Tage, an welchem die Frage uͤber die unumſchraͤnkte Gewalt entſchieden werden ſollte, als Don Eſtevan, der die Vollmacht ſeines Vaters geerbt und ſich durch ſeine uͤberſpann⸗ ten Theorieen bemerkbar gemacht hatte, uͤber die Straße Mayor gieng, um ſich in die zweite Sitzung der Cortes zu begeben.„Da ſehet,“ rief Fortunato, der unter den Arkaden einige Leute in braunen Maͤn⸗ teln und mit finſtern Mienen anredete,„das iſt dort einer von den Janſeniſten, die ſich durch einen Schwur verbunden haben, keinen andern Gott im Himmel zu dulden, als den Judengott, und keine andere Koͤ⸗ nige auf Erden, als Ketzer.“ Eſtevan war von ſei⸗ nen fruͤheren Thorheiten laͤngſt zuruͤckgekommen. Er war durch den Anblick, ja gewiſſermaßen durch die taͤgliche Handhabung der Staatsangelegenheiten ru⸗ higer geworden, und ſeine Meinungen uͤberſchritten nicht mehr den von der Konſtitution vorgezeichneten Kreis. Er fuͤhlte ſich daher durch den Verdacht, den man gegen ſeine Pflichttreue erhob, ſehr gekraͤnkt, und indem er ſich mit eben der Wuͤrde umdrehte, wo⸗ mit er ſich jezt, wo er unter den Geſetzgebern des Reichs Sitz und Stimme hatte, zu benehmen pflegte, warf er auf Fortunato einen Blick voll Verachtung. Indeß der Abenteurer, durch die Gegenwart eines zahlreichen Menſchenkreiſes aufgemuntert, ſtuͤrzte auf den jungen Deputirten los, um ihm ſeinen Dolch ins Herz zu ſtoßen, und rief ihm zu:„Ich will dich lehren, die Verfechter des Glaubens mit veraͤchtli⸗ chen Mienen anzuſehen. Gehe hin und erwarte das juͤngſte Gericht, und wenn wir uns da dereinſt wie⸗ derfinden, ſo wirſt du mir ſagen koͤnnen, ob alle Menſchen gleichgeſtellt ſind.“ Eſtevan, der groß und kraͤftig war, vertheidigte ſich gegen den Moͤrder, dem indeß die umſtehende Menge beiſtand, die durch eine ſolche Opferhandlung ſich um Gott und Menſch⸗ heit verdient zu machen glaubte. Er ſtand eben auf dem Punkte zu unterliegen, als eine junge Frau ſich mitten unter die Wuͤthenden ſtuͤrzte und ausrief: „Es iſt mein Bruder, ermordet doch meinen Bruder nicht!“ Der Volkszuſammenlauf war unterdeß immer groͤßer geworden, und ſchon mußte ein Wa⸗ gen, der nicht mehr hindurch konnte, ſtillhalten⸗ Ich traf gleichzeitig mit den Soldaten von der Wache auf dem Platze ein, und bezeichnete ſofort den Fortu⸗ nato als denjenigen, der verhaftet werden ſolle⸗ Dieſer antwortete indeß gans keck:„Ich bin ein freier Mann, und dieſe Kameraden da wiſſen recht gut, daß ſie die heilige Verfaſſungsurkunde bertre⸗ ten wuͤrden, wofern ſie ſich an einem freien Manne vergreifen wollten.“ Ich drang gleichwohl darauf; doch der Serſchant ſagte ganz kalt, indem er dem Moͤrder einen einverſtandenen Blick zuwarf:„Ich darf keinen Buͤrger verhaften, ohne von der Civilbe⸗ 3 „ 127 hoͤrde ausdruͤcklich Befehl dazu zu haben.“ Mit dieſen Worten gieng er wieder fort. Das Volk ſieng an uͤber den Zorn zu lachen, worein ich gerieth; Fortunato dagegen, der die Wachſamkeit der Juſtiz fuͤrchtete, verlor ſich unter den Arkaden. Unterdeß hielt die junge Frau, welche dem Sohne Diego's das Leben gerettet hatte, dieſen immer noch umfaßt; es war die Gattin Fortunato's. Eſtevan wunderte ſich, als er die liebevollſten Benennungen aus dem Munde dieſer Margarita vernahm, die er einſt in der Quadrilla Bartolomeo's ſich mit einem ausſchweifenden Moͤnche herumtreiben geſehen hatte. Durch dieſe Ruͤckerinnerungen ganz beſtuͤrzt gemacht, ſagte er zu ihr:„Wie? ihr waͤret alſo das Kind, deſſen Flucht meinen Vater ſo ſehr betruͤbt hat? Als wir mit einander zu Vittoria gefangen waren und ihr euch in ſeine Arme warft, warum ſagtet ihr ihm da nicht, daß ſeine Lochter noch am Leben ſei?“ Margarita ſchwamm in Thraͤnen.„Beruhiget euch,⸗ erwiederte Eſtevan;„rechnet auf die Verzeihung ei⸗ nes Vaters und auf die Dankbarkeit der Nation. Ihr habt ſo eben einem von den zweihundert Lykur⸗ gen der Monarchie das Leben gerettet: dafuͤr wuͤr⸗ de man im Alterthume euch eine Bildſaͤule errichtet haben.“ Seine Schweſter, die er in ſeine Arme ſchloß, weinte immerfort; alle Vergehungen, alle Leiden ihres Lebens traten zu gleicher Zeit vor ihr Ge⸗ daͤchtniß, und in dieſem Augenblick erblickte ſie an dem Kutſchenfenſter des ſtillhaltenden Wagens die Aebtiſſin, die auf ſie ein aufmerkſames Auge hatte. 128 Bei dieſem Anblick entfloh Margarita. Eſtevan folgte ihr anfangs, doch bald fiel ihm ein, daß er der buͤr⸗ gerlichen Geſellſchaft uͤber jeden Augenblick ſeiner Zeit Rechnung abzulegen ſchuldig ſei, und er eilte daher raſch in die Sitzung der Rationalverſammlung, voll Furcht, daß er wohl erſt nach Vorleſung des Proto⸗ kolls daſelbſt eintreffen wuͤrde. Fortunato eilte mit nicht geringerer Haſt nach dem Kloſter.„Er ſei— ſagte er zu meiner Tan⸗ te— im Begriff geweſen, einen Republikaner fuͤr ſeine begangenen Miſſethaten zu beſtrafen; da ſei Margarita fuͤr den Elenden von Mitleid ergriffen worden und habe ihn dadurch gerettet, daß ſie ihm den Namen Bruder gegeben.“ Dieſe gewandte Auslegung hob indeß keinesweges die Unruhe der Aebtiſſin. Sie, die ſeither gewohnt war, in der Gattin des Quadrillahauptmanns ihre verlorene Ma⸗ nolita zu erblicken, ward von neuen Bedenklichkeiten geaͤngſtigt. In ihrer traurigen Verlegenheit eilte die arme Mutter zu den Altaͤren hin, und dort, un⸗ ter den Grabmaͤlern ihrer Kinder, bat ſie Gott, ent⸗ weder den Betrug durch ſeinen Blitzſtrahl zu vernich⸗ ten oder ihre Mutterliebe zu beruhigen. In dieſem Augenblick ward ihr ein Billett eingehaͤndigt. Fray Aparicio, der ſo lange in Frankreich gefan⸗ gen geweſen, war ſo eben nach Spanien zuruͤckge⸗ Lehrt. Da ſeine Liebe nicht erkaltet war, ſo ſuchte er ſeine geliebte Margarita uͤberall auf, bis er ſie auf einmal in Eſtevans Armen erblickte. Seine lange Abweſenheit hatte in ihr freilich jene Neigung 129 geſchwaͤcht, wodurch ſie einſt mit dem Moͤnche ver⸗ knuͤpft geweſen war; indeß fuͤgte ſie ſich doch wieder unter das vorige Joch, da ſie die Rechte, die ſie ihm eingeraͤumt, nicht wohl verleugnen konnte. Der Kapuziner verlangte, daß ſie niemals mehr Fortunato wiederſehen ſolle, und um ihres Gehorſams verſi⸗ chert zu ſein, zwang er ſeine folgſame Sklavin, auf der Stelle ein Geſtaͤndniß ihrer langen Betruͤgereien niederzuſchreiben. Margarita hatte nicht einmal die Art von hoͤherem Streben, das uns antreibt, nach Rang und Reichthum zu trachten. Sie hatte ſich in die luͤgenhafte Rolle, wofuͤr Fortunato ſie beſtimmte, gefuͤgt, ohne je zu wuͤnſchen, ſie zu erlangen, ohne je zu hoffen, dieſelbe mit Ehre zu bekleiden; das Feuer einer zuͤgelloſen Einbildungskraft hatte ſie in der Jugend zu Grunde gerichtet, und dies war die einzige Flamme, die in ihr noch nicht ganz erloſchen war. Sie beſaß noch nicht alle Verworfenheit eines geſunkenen Geſchoͤpfes, aber wohl alle die Schwaͤche und das ganze Elend eines ſolchen. Die Aebtiſſin empfieng gerade, als ſie ſich auf das leere Grabmal ihrer Manolita hinlehnte, den Brief, der aller ihrer Unruhe ein Ziel ſetzte.„O mein Gott,“ rief ſie aus,„du biſt wahrlich derje⸗ nige, der da ſprach: Klopfet an, ſo wird euch aufgethan! Ich rief dich an, und du haſt mich erhoͤrt; barmherziger und gnaͤdiger Gott, ſo lebt denn meine Tochter wirklich nicht mehr?“ In dieſem Augenblick ließ die Orgel ihre feierliche Stimme ertoͤnen. Die frommen Nonnen, die ſo eben oben V. 9 auf ihrem Chore Platz genommen, ließen ihren gefuͤhl⸗ vollen Geſang zu den heiligen Toͤnen erklingen, und die Aebtiſſin, die ſofort ihre Klagen unterbrach, um in dieſe Hymnen der Dankbarkeit und der Liebe einzu⸗ ſtimmen, fuͤhlte ſich im Innern von einem unbeſchreib⸗ lichen Gottvertrauen durchdrungen. Zweites Kapitel. — Auch ich hegte ſeit langer Zeit eine große Hoff⸗ nung, und hatte an Enriquez ſagen laſſen, er ſolle unverzuͤglich zu mir kommen; ich wollte ihn naͤmlich Fortunato perſoͤnlich gegenuͤber ſtellen. So ſehr ich mich auch gehuͤtet hatte, in meinen Briefen an Ma⸗ ria oder an meinen Freund irgend ein Wort uͤber meine dunklen Ahnungen fallen zu laſſen, ſo hatte ich mich doch nicht enthalten koͤnnen, ſie der Donna Leo⸗ nor mitzutheilen. Ein Geheimniß iſt eine Laſt, die man nicht leicht allein zu tragen vermag. Ich gieng daher zu ihr, um ihr den neuen Vorfall zu erzaͤhlen, der meinen ertraͤumten Kombinationen recht zu ſtat⸗ ten kam. Ich fand ſie in Alonſo's Armen liegend, der ſo eben von ſeiner Sendung zuruͤckkam und mich freund⸗ lich begruͤßte. Als ich ihm von der Rolle erzaͤhlte, die ihm in den Ausſagen Audinot's zuertheilt worden war, laͤchelte er mitleidig; doch als ich ihm die im⸗ ———————— 131 merfort ſteigenden Verſuche der ſervilen Parthei er⸗ zaͤhlte, ſtieß er einen tiefen Seufzer aus. Das De⸗ kret vom 2. Februar, das dem Koͤnige bei ſeiner Reiſe von der Grenze bis nach Madrid die Ausübung aller Hoheitsrechte unterſagte, erſchien ihm in ſeinen Augen, obwohl es mit allgemeiner Einſtimmigkeit durchgegangen war, als eine Gelegenheit zu heftigen Erſchuͤtterungen und als eine Quelle von ungluͤck. Die nachmaligen Ereigniſſe haben nur zu ſehr ſeine Verahndungen gerechtfertigt. Den folgenden Tag begleitete er mich in den Saal der Cortes. Als wir nicht mehr weit von demſelben entfernt waren, bemerkten wir einen gro⸗ ßen Zuſammenlauf von Volk vor einer jener Votil⸗ lerias*), die ſich durch eine mit bloßer Kohle auf die Mauer geſchriebene Aufſchrift kenntlich machen. Es wird darin blos Eiswaſſer verkauft; Wein und Likoͤre ſind durchaus nicht darin zu haben, und doch hat Madrid ſonſt keine andere Weinſchenken. For⸗ tunato ſtand in der Thuͤr, mit einem Cigarro im Munde und in einer Uniform, die mit Ehren⸗ nnd Denkmuͤnzen behangen war, und hatte ein noch eben ſo trotziges Anſehen, als ob ihm noch keine ſeiner kecken Hoffnungen vereitelt worden ware. Er reichte den voruͤbergehenden Manolos und Soldaten mit einer Miene von Wichtigkeit die Hand, und eine Menge von Bettlern, Lahmen und Blinden draͤngten ſich um ihn her. Alle empfiengen Tabak, nahmen — *) Limonadenbuden.. 9* 132 eiue Melonenſchnitte zu ſich oder tranken ein Glas Waſſer auf die Geſundheit des Koͤnigs, und begaben ſich dann nach dem Sitzungsſaale. Ich ſah ganz deutlich, daß er jedem ein Loſungswort einſchaͤrfte, und ihm ſodann ein Stuͤck Geld in die Hand druͤckte. Die apoſtoliſche Junta warb friſche Truppen fuͤr ihren Anhang. Fortunato theilte Loſungsworte aus, welche vollends die Gemuͤther erhitzen mußten, und Moͤnche von allen Farben belagerten die tiefe Galle⸗ rie, auf welcher funfzehnhundert Buͤrger fuͤr gewoͤhn⸗ lich den muͤndlichen Verhandlungen in ehrerbietigem Schweigen beiwohnten. Dies Schweigen iſt nur zwei oder dreimal ernſtlich geſtoͤrt worden; aus wel⸗ chem Anlaß, wiſſen die Servilen am beſten. Alonſo trat nicht ohne tiefe Ruͤhrung in den Um⸗ kreis dieſer Mauern, wo er zwar niemals geglaͤnzt hatte, die ihn gleichwohl aber an edle Kaͤmpfe und an glorreiche Erfolge erinnerten. Der Saal iſt naͤmlich eine Kirche, die an Godoy's Palaſt ſtoͤßt und nicht weit von dem koͤniglichen Schloſſe entfernt iſt. Er iſt nur klein, aber in einem einfach edeln Stile er⸗ baut, und erhaͤlt durch die großartigen Verhandlun⸗ gen, die darin gepflogen wurden, eine ehrfurchtge⸗ bietende Majeſtaͤt. Ach, waͤhrend der ſechs Jahre, wo die ſpaniſche Volksrednerbuͤhne ſtumm geworden war, welches Herz klopfte da nicht beim Anblick die⸗ ſes Tempels der Gerechtigkeit, der Maͤßigung, der wahrhaften Kraft, die darin nicht mit unrecht ihre Standbilder hatten! 133 Die hohe Einheit des Kongreſſes brachte die Goͤnner der unumſchraͤnkten Gewalt aus der Faſſung. Reyna nahm ſein Wort zuruͤck und erklaͤrte, er habe blos darthun wollen, wie wichtig es ſei, den Koͤnig gleich an der Grenze zu Beſchwoͤrung der Verfaſſungs⸗ urkunde zu noͤthigen. Indeß die Kommiſſion, die aus Domherren und aus ehemaligen Raͤthen Kaſti⸗ liens, worunter auch Moyano*), zuſammenge⸗ ſetzt war, drang darauf, daß der Deputirte von Se⸗ villa deshalb vor Gericht gezogen wuͤrde, weil er Grundſaͤtze ausgeſprochen, die den alten Geſetzen ſo wie der neuen Verfaſſung der Monarchie ganz ent⸗ gegen ſeien. Hundert drei und zwanzig Deputirte traten dieſer Meinung bei, gegen ſiebzehn, die blos ſtillſchweigend ſich dagegen erklaͤrten. Die Biſchofe von Urgel, von Salamanca, von Almeria, Arias de Prada, Campomanes, Diaz, Lisperguer, die Tags drauf bereits zu Raͤthen von Indien oder von Kaſti⸗ lien ernannt wurden, endlich Calderon, Mozo y Rea⸗ les, ſaͤmmtlich unſere nachmaligen Achtserklaͤrer, waren unter der Zahl derer, welche die Erklaͤrungen Reyna's zuruͤckwieſen; ſo ſehr ſtimmten damals beide Partheien unter den Cortes darin uͤberein, ſich gegen jede Verhandlung mit der unumſchraͤnkten Koͤnigsge⸗ walt zu erklaͤren. Fray Cayetano befand ſich in der Nothwendigkeit, Don Iſidro und ſeine Freunde entweder der Abtruͤn⸗ nigkeit oder der Feigheit zu beſchuldigen. Die ganze ) Riniſter während der Reßauration. 13 Verhandlung, deren Strenge Alonſo nicht billigte, erfuͤllte ihn gleichwohl mit einiger Hoffnung. Er glaubte nunmehr, daß unter allen moͤglichen Fäͤllen der Zukunft ein einziger nie mehr eintreten koͤnne, naͤmlich das Wiederaufleben des alten Despotismus. Die Sitzung war noch nicht geſchloſſen, als alle anweſenden Frayles und braunen Maͤntel, das wich⸗ tige Inkereſſe, das ihre laͤngere Gegenwart erfor⸗ derte, vergaßen, mit Tumult aufſtanden und den Saal verließen. Blos die blauen Maͤntel blieben zuruͤck. Fortunato wollte anfangs auch bleiben, al⸗ lein bald folgte er dem Zuge, und ich geſtehe euch offen, daß ich es eben ſo machte. Es hatte ſo eben halb drei Uhr geſchlagen. An demſelben Dage wurden zufaͤllig Stiergefechte gehal⸗ ten. Nach dem Vorgange Karls des Dritten, deſ⸗ ſen Namen man bei allen guten und großen Ideen wiederfindet, hatte die konſtitutionelle Regierung verſucht, dieſe Sitte abzuſchaffen, von welcher einer eurer Landsleute*) geſagt hat, daß ihr ſo wie der Inquiſition wohl niemand leicht das Wort reden koͤnnte, außer Henkersknechte. Die Servilen hatten indeß abſichtlich die Menge gegen dieſe Beſtrebungen der Regentſchaft erbittert, und man mußte dem ge⸗ reizten Volke endlich nachgeben. Die Kampfbahn war ſeit laͤngerer Zeit wieder eroͤffnet; fruͤh Morgens war bereits ein Stiergefecht gehalten worden, und *) Gemälde des heurioen Spaniens, oon J. F. Bourgving, bevolmächtigtem Miniſter der franz. Republik am ſpaniſchen Hofe. Paris 1797. Theit II. S. 386. 135 ich wollte nun wenigſtens die Abendvorſtellung nicht verſaͤumen. Bei der Einfoͤrmigkeit des ſpaniſchen Lebens war eine ſolche Zerſtreuung nicht zu ver⸗ ſchmaͤhen. Die Straße Alcala war ungeachtet ihrer Breite kaum geraͤumig genug, um die Schaaren des Volks zu faſſen, das nach dem Amphitheater hinſtroͤmte. Alle waren in ihren Sonntagskleidern und aͤngſteten ſich, daß ſie nicht fruͤh genug hinkommen wuͤrden, um noch einen bequemen Platz zu bekommen; viele fuhren vergnuͤgt in leichten Caleſinen nach dem Schauplatze. Arme Leute, die weder Brot noch Knoblauch zu eſſen hatten, bezahlten hier gern vier Realen fuͤr einen Platz auf der Schattenſeite. We⸗ niger um die Sonnenglut als um den zu hellen Son⸗ nenſchein beſorgt, fuͤrchteten ſie, daß ihre geblende⸗ ten Augen den Großthaten der Toreadores nicht bis zu Ende wuͤrden folgen koͤnnen⸗ Der Circus liegt außer den Mauern, im Ange⸗ ſicht des großen Gartens von Buen Retiro. Man kann nicht leugnen, daß er fuͤr den erſten Anblick ei⸗ nen gewiſſen Schein von alterthuͤmlicher Großartig⸗ keit darbietet; auch intereſſirt ſich der Fremde dafuͤr, gleichſam wie fuͤr den lezten Ueberreſt jener Spiele, die unter mehr oder minder edeln Formen dreitau⸗ ſend Jahre lang die Luſt der gebildeten Voͤlker gewe⸗ ſen ſind. Der Kampfplatz mag einen Umfang von etwa ſechshundert Schritt haben. Eine ſechs Fuß hohe Schranke und eine ſchmale Rennbahn, inner⸗ halb welcher ſich die Beamten hin und her bewegen, 136 ſchtzt die Zuſchauer vor jeder Gefahr. Die Zu⸗ ſchauermenge iſt auf vierzehn ſtufenweiſe uͤber einan⸗ der aufſteigenden Sitzreihen vertheilt, und kein Schauſpiel der Welt bietet eine ſolche Mannigfaltig⸗ keit von Trachten, eine ſolche Bewegung, ein ſo reg— ſames Leben dar, als hier zu ſehen iſt; hier treffen in ihren verſchiedenen Trachten Perſonen von jedem Lebensalter, aus allen Staͤnden und aus allen Pro⸗ vinzen zuſammen. Weiterhin befindet ſich eine Reihe von Balkonen, die fuͤr Damen von hohem Range, fuͤr die Praͤlaten, fuͤr die Granden errichtet ſind, und eine von dieſen erhoͤhten Logen, welche mit roth⸗ ſammeten Vorhaͤngen geſchmuͤckt iſt, iſt fuͤr unſern Fuͤrſten beſtimmt. Der koͤniglichen Loge gegenuͤber befindet ſich das enge Gemach, worin die eingeſperr⸗ ten Stiere bruͤllen. Zur Rechten iſt eine Thuͤr fuͤr ihre Gegner, zur Linken eine andere, die ſich erſt fuͤr ihre Leichen oͤffnet. Zwoͤlf bis funfzehn tauſend Zuſchauer forderten durch Fußſtampfen und durch Geſchrei, daß das Zeichen zum Kampf gegeben wuͤrde. Auf einmal laͤßt ſich ein lautes Getsſe vernehmen, alle Herzen klopfen vor Erwartung hoch auf, alle Geſichter ſtrahlen vor Freude, und mitten unter lang nachhal⸗ lendem Beifallruf erſcheint der Kardinal-Regent. Sogleich ertoͤnt Trompetengeſchmetter, begleitet von dein harmoniſchen Geſange von zehntauſend Frauen, die in dem weiten Umkreiſe verſammelt ſind. So⸗ dann kommen zwei Alguacilen zu Pferde an; ſie ha⸗ ben ein duͤnnes Staͤbchen in der Hand, ihr alter⸗ 3———————— 137 thuͤmlicher Hut wird von ſechs weißen Federn uͤber⸗ ſchattet, uͤber welche ein blauer Federbuſch heruͤber⸗ ragt. Sie ſelber ſind in ſchwarzen Sammet geklei⸗ det, tragen ein altſpaniſches Wamms, ein Wehrge⸗ haͤnge, einen unendlich langen Raufdegen und einen kleinen Mantel. Dicht hinter ihnen folgt eine Rei⸗ terſchaar. Sie reiten rings herum um den Kampf⸗ platz, der noch immer leer bleibt, entlaſſen dann die Soldaten, verneigen ſich vor dem Kardinal, em⸗ pfangen ſeine Befehle, begeben ſich nach dem Orte hin, wo die erſten Athleten an der Seite eines Prie⸗ ſters, der ſie einſegnet, den Augenblick erwarten, wo ſie die Schranken uͤberſpringen koͤnnen. Von ihnen gefuͤhrt, erſcheinen dann zu Pferde die beiden Pi⸗ cadores. Ein großer Schaͤferhut ruht auf ihrem Haupte, ein andaluſiſches Wamms, ganz mit Gold oder Silber geſtickt, erhoͤht ihren ſtattlichen Wuchs noch mehr, und ihre rothe oder blaue Schaͤrpe haͤngt bis auf das ſtolze Roß herab, das ſie mit ſeltener Geſchicklichkeit regieren. Sie werfen ſtolze Blicke auf die Verſammlung, die ſie mit freudigem Entzuͤ⸗ cken begruͤßt. Man ſieht da die vornehmſten Staats⸗ damen wie die geringſten Manolas mit den Schnupf⸗ tuͤchern oder Faͤchern winken, waͤhrend ſie ihre Schoͤn⸗ heit, ihren Anſtand, ihren edlen und kriegeriſchen Anſtand mit lautem Rufen preiſen. So reiten ſie dann bis vor den koͤniglichen Balkon und ſenken dort ihren großen Sombrero*) vor dem Koͤnige des ————— *) Hut. Feſtes, der ihnen ſofort vermoͤge eines Winkes die lange Pike einhaͤndigen laͤßt, von welcher ſie den Namen fuͤhren. Die beiden Picadores trennen ſich hierauf, um ſich laͤngs der Schranken in gleich wei⸗ ter Entfernung von dem Orte aufzuſtellen, worin ſich das Schlachtopfer befindet. Dreißig Toreadores, die man Chulos nennt, treten im Staatshut, im Haarbeutel, in weißen Struͤmpfen, in ſeidenem Wamms und Mantel in den Kampfplatz herein, welche dazu beſtimmt ſind, den wuͤthenden Stier zum Beſten zu haben, ihn durch ihre Angriffe zu reizen, bisweilen auch wohl dem ungluͤcklichen Kaͤmpfer zu Hilfe zu eilen, und zwar mit keiner anderen Waffe, als dem glaͤnzenden Mantel, deſſen ſie ſich abwechſelnd dazu bedienen, um ihren wilden Feind entweder auf⸗ zureizen oder ſeinen Zorn zu taͤuſchen. Endlich flattern auf einmal vier Dauben gen Himmel empor. Ein Fremder koͤnnte glauben, ſie thaͤten das, um von der blutigen Scene wegzufliehen; allein es geſchieht blos, um die allgemeine Froͤhlich⸗ keit anzuzeigen. Der Alguacil ſchreitet jezt hervor, laͤßt den furchtbaren Kaͤfig oͤffnen, und die aͤngſtliche Haſt, womit er ſich vor dem nun frei gewordenen Gefangenen fluͤchtet, iſt das erſte Vergnuͤgen, welches das nunmehr beginnende Schauſpiel gewaͤhrt. Un⸗ terdeſſen iſt alles aufgeſtanden; Offiziere, Prieſter, Frauen, Andaluſier, Katalonier, alle ſind auf die erhoͤhten Sitze geſtiegen, alles bewegt ſich, wie in einem gemeinſamen trunkenen Rauſche; es iſt um die ſpaniſche Gravitaͤt geſchehen. Ein Greis, der 139 unter meinem Balkon ſitzt, ruft mit einer Stimme, welche weit uͤber das Trompetengeſchmetter hinweg⸗ toͤnt:„Fleckenloſe Jungfrau Maria! Wie ſchoͤn iſt er!„ſchoͤner als Gott der Sohn. Wie ta⸗ pfer iſt er!„ weit tapferer als Gott der Vater. Sehet einmal; wie erkennet man doch an allen ſei⸗ nen Bewegungen den Andaluſier! hat wohl la Mancha jemals dieſe Haltung eines Koͤnigs, dieſe Anmuth einer Koͤnigin? Ach, tauſendmal gluͤcklich iſt der Matador, der einen ſolchen Gegner zu bekaͤmpfen haben wird!“ Aehnliche lebhafte Ausrufungen, die aus dem Munde aller hervordringen, bilden eine Art von laͤrmendem Konzert, bis es auf einmal ſtill wird. Man ſchweigt, man wartet mit Aengſtlichkeit; es geſchieht darum, weil das ſtolze Thier in ſeinem Laufe mitten auf dem Kampfplatze angekommen iſt. Da ſieht es ploͤtzlich ſtill; es fuͤhlt ſich von der hellen Beleuchtung befremdet und von dem Beifallgeklatſch beunruhigt, gleichſam als wuͤßte es, wie theuer ihm ſelber dies alles zu ſtehen kommen ſoll. Da richtet es ſeinen Kopf wieder gerade, und wirft einen wilden Blick auf dieſe Tauſende von Menſchen, die es be⸗ wundern. Die Toreadores in ihrer zierlichen Tracht ſchließen einen Kreis um daſſelbe; es iſt gerade, als hielte da ein Monarch ſeinen Hof. Der Loͤwe hat gewiß nicht mehr Majeſtaͤt, wenn er ſich ſein Opfer gewaͤhlt hat, und der Widder hat keinen leichteren und anmuthigeren Gang, als dieſer Stier, wenn er in Spruͤngen hervorſchießt. Die Chulos fliehen vor ihm nach allen Richtungen aus einander. Verfolgt 140 er ſie, und zerreißt ſein Horn ihnen den Mantel bis auf die Schulter, dann ſolltet ihr einmal den Zuruf der Zuſchauer hoͤren! alle eure Theater vermoͤgen ſelbſt in den Augenblicken, wo der tragiſche Schau⸗ ſpieler in den Gemuͤthern der Zuſchauenden die tief⸗ ſten und innigſten Gefuͤhle aufregt, euch keinen Be⸗ griff von dieſem Entſetzen, dieſem Unwillen, dieſer Freude des Suͤdlaͤnders zu geben, deren laute Aus⸗ pruͤche tauſendmal die ſchwachen Holzgeruͤſte zerſpren⸗ gen zu wollen ſcheinen, worauf dieſe unermeßliche Menſchenmaſſe ſteht oder ſitzt. Beeilen ſich dagegen die Toreadores gar zu ſehr zu fliehen, und haben ſie vielleicht, bevor der Stier ſie noch blutig geritzt hat, eine Schranke, die hoͤher als ſie iſt, uͤberſprungen, — mit welchen Schmaͤhungen, mit welchen Dro⸗ hungen werden ſie dann uͤberhaͤuft! Hand, Fuß und Stimme reicht dann nicht hin, um den Zorn ei⸗ ner Volksmenge gegen ſie an den Tag zu legen, welche die Geſchicklichkeit noch hoͤher anſchlaͤgt, als den Muth, die ſich wenig darum kuͤmmert, ob jemand umkommt, wofern er ihr nur Unterhaltung verſchafft, und die den Dod wie die Flucht der Kaͤmpfer unbarm⸗ herzig auspfeift, ſobald die Geſetze des Circus irgend uͤbertreten worden ſind. Der Stier, der den Fluͤchtigen auf der Ferſe hin⸗ terdrein folgt, prallt an die Schrankenwand. In ſeinem Unwillen uͤber den Verluſt ſeiner Beute uͤber⸗ ſpringt er dieſe Schranke wohl bisweilen, und ver⸗ breitet dann Schrecken und Entſetzen; doch oͤfter noch ſtampft er mit ſeinen Fuͤßen auf die Erde, und bohrt 141 unter fuͤrchterlichem Gebruͤll mit dem Kopfe Loͤcher in die wiederhallende Plankenwand, bis er den Pica⸗ dor zu Pferde erblickt und auf ihn zu laͤuft. Beide meſſen ſich einen Moment mit den Augen, beobachten ſich gegenſeitig, und erwarten einander. Endlich wird der Mann angegriffen; er ſchwingt ſeine Lanze und ſticht mit vieler Gewandheit den Stier in den Nacken. Dieſer bleibt ſtehen, eilt dann voruͤber, und ſucht ſich einen andern Gegner und eine zweite Wunde. Das Pfeifen und Ziſchen der wuͤthenden Volkmenge verfolgt ihn. Margarita, die ihre gro— ßen Hoffnungen, ihre Liebesabenteuer, ihre Bekuͤm⸗ merniſſe vergeſſen hat, ſtellt ſich auf die Baͤnke und ruft:„Elender Verdammter, du fuͤrchteſt dich? Du flehſt? Hunde her, Hunde her! er iſt es nicht werth, daß er von Dienern des Sohnes Gottes be⸗ kaͤmpft werde.“ Fray Aparicia benahm ſich nicht minder heftig, als ſeine Gattin; die alte Elvire ſtreckt ihren Dolch empor und bedroht ihn mit eben ſo viel Wuth, als ob er ein Menſch waͤre. Aller Augen ſind voll Wuth, es iſt faſt, als haͤtte er ſich ebenfalls dem Volke verpflichtet, ihm zu Gefallen zu ſein. Er ſoll ſein Blut hergeben, und thut es dem Volk nicht ſchnell genug. Das Geſchrei macht ihn muthiger. Er irrt mit hoch erhobenem Kopfe und feurigen Blicken hin und her, eilt auf den Picador los, der ihn bis in die Mitte des eingehegten Platzes lockt, und diesmal ſchreckt ihn der Stich der feindlichen Lanze nicht zu⸗ rück; er faßt mit ſeinen Hörnern das Roß ſeines 142 Gegners, hebt es empor, bruckt es zur Erde nieder, und wirft den Reiter deſſelben in den Sand. Mit welchem Beifallgeklatſch wird nun der gluckliche Kaͤm⸗ pfer uͤberſchuͤttet! Die Freude des Publikums ver⸗ mag ſich nicht zu maͤßigen; alle dieſe Muͤtter, welche ihre kleinen Kinder an der bloßen Bruſt haben, den⸗ ken gar nicht daran, daß jezt vielleicht ein Menſch auf dem Punkte ſteht, umzukommen.„Das iſt was ſchoͤnes,“ ruft der Greis, der neben mir ſieht,„uͤber eine Picadores⸗Scene ſo außer ſich zu gerathen! Was ſind denn das weiter fuͤr große Thaten, daß ein ganzes Publikum ſich dabon ergriffen fuͤhlen kann? Was werden ſie erſt machen, wenn die Reihe an den Matador kommen wird?“—„Alter!“ erwie⸗ derte Fortunato, der dicht neben ihm war,„ich moͤchte dich wohl da auf dem Platze ſehen.“— „Das glaube ich gern,“ antwortete der graulockige Gegenredner,„ganz Spanien wuͤnſchte es wohl ebenfalls.“ Die Chulos haben unterdeß den verfolgenden Stier durch das Entgegenhalten ihrer blauen, gruͤnen, weißen Maͤntel ganz irre gemacht. Auf einmal packt er einen dieſer ſeidenen Maͤntel, zerſtampft ihn mit dem Fuße, zerreißt ihn, verwickelt ſich mit dem Ko⸗ pfe in die langen Falten deſſelben, und indem er mit dem glänzenden Schleier, der ihm hoͤchſt laͤſtig iſt, quer uͤber das Amphitheater rennt, erregt er ein langes und allgemeines Gelaͤchter.„Schmuͤcke deine jungfraͤuliche Stirn, wie du willſt,“ ruft die alte Elvire,„gieb dir immerhin das Anſehen einer Braut; man wird dich jezt gleich mit dem Dolche vermaͤhlen.“—„Spiele den ſtolzen,“ fugt Aparicio hinzu,„ſuche, ſo viel du nur willſt, den h. Stolz nachzuaͤffen; du wirſt nicht lange mehr Zeit haben, um dies peinliche Halsverbrechen zu begehen.“« Auf dieſe Scherze folgte Haͤndegeklatſch und wiederholtes Bravorufen.„Wohlan,“ faͤngt der alte Mann im Silberhaare von neuem an,„das iſt ein Picador, der ſeine zweitauſend Realen gewiß nicht geſtohlen haben wird. Seht nur, er hat wieder— gerade ſo wie ich es in meinen juͤngeren Jahren zu thun pflegte— ein armes Thier beſtiegen, das jezt unterliegt! Man ſieht ſchon, daß dies Pferd von andaluſiſcher Abkunft iſt; denn welches andere waͤre wohl im Stande, ſo den halben Leib nachzuſchleppen und ſich dabei doch auf den Beinen zu erhalten? Bravo, Freund! Bravo! noch einen einzigen Sporn⸗ ſchlag und du kommſt bis hinan. Es wird gewiß nicht eher fallen, als bis du mit dem Stier zuſam⸗ mengerathen biſt, und vielleicht wird es von ihm auf der Stelle niedergebohrt; dann iſt dein Ruhm voͤllig geſichert. Ah, das feige Thier! es faͤllt, ich hatte mich getaͤuſcht; jezt erkenne ich es erſt, es iſt aus la Mancha her gebuͤrtig.“—„Alter,“ erwiedert abermals Fortunato,„es iſt nicht innerhalb der Grenzen Kaſtiliens erzeugt, ſondern im Lande der Mauren geboren.“—„Im Lande der Mauren? warte, dieſer Dolch hier ſoll dich lehren„„ Der Unwille der Umſtehenden trennte die beiden Geg⸗ ner.„Mogen ſie ſich nachher umbringen,“ ruft Elvire, ohne zu wiſſen, daß von ihrem Sohne die Rede iſt;„in dieſem Augenblick hat niemand das Recht, das Vergnuͤgen des ſpaniſchen Volks zu ſtoͤren.“ Das edle Roß, das bereits ſeit einer Viertel⸗ ſtunde ſeine blutigen Eingeweide verloren hat, ſchließt die Augen, bevor noch der lezte Kampf begonnen hat. Von allen Seiten her wird es nun mit Ver⸗ wuͤnſchungen und Schmaͤhungen uͤberſchuͤttet; ſo ſteht es alſo mit dem richtenden Urtheil der Menge! Das Thier haͤtte wahrlich verdient, in ſeinen lezten Augenblicken etwas ganz anderes zu vernehmen. So liegen bereits zehn Pferde todt in den Staub hingeſtreckt. Trompeten ſchmettern jezt, und es be⸗ ginnt der zweite Act dieſer Dragoͤdie unter dem Ge⸗ murmel der Menge, die daruͤber murrt, daß er ſo ſchnell ſchon eroͤffnet wird. Die Toreadores, be⸗ waffnet mit Wurfſpießen, die mit zehnfarbigen Faͤhn⸗ chen geſchmuͤckt ſind, ſtuͤrzen nunmehr auf ihren Gegner los, greifen ihn von vornen an, und ſchleu⸗ dern ihm ihre Wurfſpieße entgegen, die in ſeine Schultern hineinfahren und darin ſtecken bleiben. Die Chulos erfuͤllen den Schauplatz mit ihren Her⸗ ausforderungen, ihren Verfolgungen und ihren em⸗ poͤrenden Heldenthaten gegen den Stier. Dieſer, ſchaͤumend vor Wuth, raſend, ein Schlachtopfer ſu⸗ chend und doch blos Feinde erblickend, deren er nicht habhaft werden kann, ſtaͤrker als ſie alle, und doch nicht obzuſiegen vermoͤgend, er, fuͤr den Kampf blos einen einzigen moͤglichen Ausgang hat, ſcheint gleichſam 145 das uͤber ihn verhaͤngte Loos zu fuͤhlen, und ſeine Verzweiflung thut einem weh, wie die eines großen Mannes, der ſich im Kampf gegen das Schickſal be⸗ findet. Das Gefecht macht ſeine Kraͤfte ſtumpf, ohne ſeinen Muth zu ſchwaͤchen; man ſieht, wie er endlich von Zorn und Mattigkeit erſchoͤpft nach den Schranken hingeht, um ſich da einen Augenblick an⸗ zulehnen. Vergebens beugt er da ſeine Kniee zum Niederknieen, vergebens bittet ſein Blick alle dieſe Maͤnner, die ſich zu ſeinen Feinden aufgeworfen ha⸗ ben, um einen Waffenſtillſtand; ſo lange noch ein Athemzug in ihm iſt, iſt das Ganze noch nicht geen⸗ det, und man wird ihm nicht eher Raſt und Ruhe goͤnnen, als bis er abgeſchlachtet ſein wird. Waͤhrend dieſes furchtbaren Todeskampfes wird viel uͤber ſeine Schoͤnheit, ſein Aeußeres, uͤber die Provinz, woher er gebuͤrtig iſt, geſprochen; es ent⸗ ſiehen Partheien und man ſtreitet fuͤr und wider. Fortunato, der mit einer kecken Miene uͤber ſeine ganze Umgebung hinweg ſchaut, kommt jezt wieder auf das Vaterland des Pferdes zu ſprechen, das um zwei Sekunden zu fruͤh gefallen iſt. Er will eben ſo wenig zugeben, daß dieſer Stier, dem man erſt feuerrothe Faͤhnchen an den Vorderbug anbinden mußte, um ihn zur Mordluſt zu entflommen, aus la Mancha gebuͤrtig ſein ſoll.„Gerechter Gott!“ antwortet der andaluſiſche Kaͤmpfer,„mir meine Behauptung abſtreiten zu wollen! mir, der ich in meinem Leben fuͤnftauſend dreihundert und ſechsund⸗ vierzig Stieren ins Angeſicht geſchaut, und jeden P 10 146 derſelben durch einen einzigen Dolchſtoß zu Boden geſtreckt habe! mir, dem Nimrod der Stiergefechte!“ Bei dieſen Worten nimmt Fortunato ſeinen Hut ab, und begruͤßt ſeinen Gegner, den ſofort alle Umſte⸗ henden mit ehrerbietigen Blicken betrachten.„ Ihr ſeid alſo wohl,“ erwiederte der Sohn Elvirens, „der beruͤhmte Pepehillo*) oder ſein Nebenbuhler, der große—„Ich bin es ſelber; ich bin der große Enrique Enriquez.“ Bei dieſem Namen ſah man zum erſtenmal die Blicke der Menge vom Kampfplatze ſich ablenken. Die Anweſenden konnten nicht genug dieſen Mann betrachten, deſſen Helden⸗ thaten in dem Andenken einer Generation fortleben, welche dieſelben leider nicht mehr miterlebt hat. Unterdeſſen rufen die Trompeten die Aufmerkſam⸗ keit der Zuſchauer auf den eingeſchloſſenen Kampf⸗ platz, indem ſie den dritten und lezten Act ankuͤndi⸗ gen. Der Matador erſcheint, und wird mit lautem Beifall empfangen; mit ſeiner linken Hand haͤlt er ſeinen rothen Mantel, unter welchem ſeine rechte Hond einen Degen verbirgt. Uebrigens befindet ſi ſich niemand weiter auf dem Schauplatze, als die beiden Gegner allein. Das ganze Volk geraͤth in Bewe⸗ gung, gleichſam als wit es nicht, wer von beiden unterliegen wird. „Da ſehet,“ ruft Enriquez ganz außer ſich, „jezt beginnt der rechte Kampf, der Kampf des Ge⸗ *) Ein berühmter Matador. 147 nie's gegen die Gewalt; jezt wird ſogleich auch der Streit der Geſchicklichkeit eintreten. Warum, meint ihr wohl, daß der Mann da auf den Stier losgeht, ihm das rothe Tuch vorhaͤlt, es entfaltet, herabſenkt, es zu Boden fallen laͤßt, und dann davon fliehtz wenn es nicht deshalb geſchieht, um die Sitten, den Character ſeines Feindes zu ſtudiren? Er ſucht ſeine Geſinnungen zu erforſchen, und dabei ſeine ganze Geſchichte kennen zu lernen. Gut! halte ihm den glaͤnzenden Mantel ganz niedrig an der Erde vor;— vortrefflich!— der Stier wird da geziemender Weiſe den Kopf niederſenken, und nichts iſt dann leichter, als ihm mit dem Arme zwiſchen beide Hoͤr⸗ ner zu fahren und ihm den Dolch„ Nun? wor⸗ auf wartet er denn? jezt ſollte die Sache ja laͤngſt ſchon abgemacht ſein. Ach, in heutiger Zeit hat Spanien keine wahren Matadore mehr! Ihre Kon⸗ ſtitution, die uns alles moͤgliche Gute zufuͤhren ſollte, hat dennoch dieſe Wiſſenſchaft nicht mehr wie⸗ der ins Leben gerufen. Es iſt um unſer ungluckli⸗ ches Vaterland jezt fuͤr immer geſchehen; es hat weder eine Inquiſition noch Stiergefechte mehr.“ Unterdeß iſt der Stier dennoch getroffen worden. Sein Hals iſt durch und durch geſtochen, und das Schwert ragt uͤber ſeinen Kopf hervor, als ob ein Rreuz auf demſelben ſtuͤnde. Aber der Stich war nicht ganz gluͤcklich gefuͤhrt. Das arme Thier lebt noch, es haͤlt ſich noch auf den Fuͤßen, es ſchreitet vorwaͤrts; man merkt blos, daß eine finſtre Wolke uͤber ſeinen Augen ſchwebt, und daß es ein Platzchen 10* 148 — ſucht, wo es in Frieden ſeinen Geiſt aufgeben kann. Doch die Volksmenge iſt damit noch nicht zufrieden. Margarita, Fortunato, alles Volk ruft:„Du biſt kein Matador, du biſt ein Fleiſcher und ein Moͤrder; du haͤtteſt tauſendmal den Tod verdient.“—„Und zwar nicht etwa blos den konſtitutionellen Knebel⸗ ſtuhl,“ fuhr Fray Aparicio fort,„ſondern den gu⸗ ten alten Galgen, die Marterbank und die Folter haͤtteſt du verdient.“ Die Stimme Elvirens, die alle uͤbrigen weit uͤbertoͤnt, thut ihm unter ſchreckli⸗ chen Verwuͤnſchungen kund, ſie wuͤnſche ihm zu zei⸗ gen, daß ſie weit geſchickter ſei als er. Der Mata⸗ dor, durch die Verachtung des Publikums angeſpornt, trotzt nun jeder Gefahr, reißt den Degen wieder heraus und ſticht ihn zum zweitenmal in den Stier hinein. Enriquez ſinkt auf ſeinen Seſſel zuruͤck, fal⸗ tet die Haͤnde, und ſagt ganz traurig:„Herr Gott, es iſt aus mit der Kunſt!“ Der Stier war noch nicht niedergeſunken. Er ſtraͤubt ſich noch ge⸗ gen das Eiſen, das in ſeinem Leibe haftet, ſchleudert es mit ganzen Stroͤmen von Blut und Schaum fern von ſich hinweg, und wandelt mit einer, noch immer ſchrecklichen und Ehrfurcht gebietenden Miene unter der Laſt des nahen Todes hin und her. Wankend, duͤſter, mit erloſchenem Blick, hinſinkend und ſich wieder aufraffend, ſteht er endlich nicht mehr wieder auf, und legt ſich, wie einſt der ermordete Caͤſar, zur Ruhe des Todes nieder.„Freund,“ rufen jezt auf einmal alle dieſe jungen Maͤdchen, dieſe Muͤtter, dieſe Kinder, dieſe Patriarchen im Prieſtergewande, 149 „Freund, ſtirb jezt!“ die Toreadores umringen ihn, verſpotten mit dem Fuß und dem Dolche ihn in ſei⸗ nem Todeskampf, und einer von ihnen giebt endlich durch einen heftigen Stoß auf ſeine Stirn ihm die Ruhe, die er ſich ſo lange erſehnt hat. Drompeten⸗ geſchmetter laͤßt ſich jezt hoͤren; ein Geſang, worein alle einſtimmen, begleitet daſſelbe. Die Schranken oͤffnen ſich dann, drei Mauleſel, die ein Andaluſier in zierlicher Tracht fuͤhrt, fliegen mit einer Schnel⸗ ligkeit einher, die das Auge uͤberraſcht, und die Leiche wird den Zuſchauern aus den Augen geraͤumt. Blos noch ein junger und kraftvoller Stier, der voll Ma⸗ jeſtaͤt den Kampfplatz uͤberſchaut, und der auf den Enthuſiasmus, den er erregt, ſtolz zu ſein ſcheint, ſteht allein noch an der einen Schranke, wo ihn daſ⸗ ſelbe Schickſal erwartet. Sechsmal hatte nun ſchon die Volksmenge dies Schauſpiel genoſſen, und man erwartete jezt das ſiebente Opfer. Enrique hielt ſeit langer Zeit ſein Auge auf Fortunato geheftet, den dieſer ſtarre Blick befremdete.„Gnaͤdiger Herr,“ ſagte endlich der alte Matador,„wir muͤſſen uns ſchon einmal ir⸗ gendwo geſehen haben.“—„Das iſt wohl moͤg⸗ lich. Meine Großmutter pflegte immer zu ſagen: Berge und Thaͤler kommen nicht zuſammen, aber wohl Menſchen.“—„Gnaͤdiger Herr, wir ſahen uns im Jahr des Heils 1788.“—„Auch das iſt moͤglich; der Sohn der Donna Elvire lebte damals ſchon, und daruͤber iſt ſie eben ſo in Verzweiflung.“ —„Gnaͤdiger Herr, am Tage des heiligen Satur⸗ 150 ninus im Jahr 1788 trugt ihr andaluſiſche Tracht; eure Kleider waren braun, und an allen Naͤthen blau eingefaßt, ferner hattet ihr einen blauen Guͤrtel um, und das Band an eurem kleinen Sombrero war von derſelben Farbe.“—„Was ſprecht ihr da? Wer hat euch das geſagt?.„ Ich? Niemals.“— „Gnädiger Herr, ihr muͤßt nicht ſagen: niemals. Bedenket, daß ich in meinem Kopfe die genaue Be⸗ ſchreibung der Geſtalt von fuͤnftauſend dreihundert und ſechsundvierzig Stieren habe, die ich ſeitdem erlegte.“—„Haltet ihr mich etwa fuͤr das wie⸗ derkommende Geſpenſt eines derſelben?“— Die geſpannte Aufmerkſamkeit auf den lezten Kampf, der ſo eben begann, unterbrach die Unterhaltung. Als das Schlachtopfer leblos zu Boden geſtreckt lag, lie⸗ fen alle Kinder, die dieſem grauſamen Spiel beige⸗ wohnt hatten, uͤber den Kampfplatz, gleichſam als wollten ſie ſich zu der wilden Grauſamkeit ihrer Vaͤ⸗ ter gewoͤhnen, und die Menge verlief ſich, indem ſie fuͤr die verſchiedenen Matadore eben ſo eifrig Parthei nahmen, wie einſt die Roͤmer zu den Zeiten des ſin⸗ kenden Kaiſerthums fuͤr die Wagenlenker des Hippo⸗ dromus. Ich ſah, wie Fortunato zu entfliehen ver⸗ ſuchte; allein Enrique war ihm dicht auf den Ferſen, und ich folgte beiden nach.„Ungeachtet der langen Zeit, die ſeitdem verſtrichen iſt,“ ſagte der ehemalige Paͤchter des Herzogs von L**,„habe ich noch jeden eurer Zuͤge ſehr feſt im Gedaͤchtniß. Ihr hattet da⸗ mals ſchon jene große Quernarbe im Geſicht, die euer langer Knebelbart nicht zu verbergen im Stande —— 15¹ iſt. Ihr waret derjenige, der mir auf der Heerſtraße von Toledo ein Kind einhaͤndigte, das ich damals gar nicht annehmen wollte. Ihr ſetztet den Korb mit dem Kinde hin, und ich nahm es mit, um nicht die kleine Chriſtin, die der Himmel meiner Obhut an⸗ vertraute, umkommen zu laſſen.“ Ich horchte mit einer unbeſchreiblichen innern Bewegung dem Ge⸗ ſpraͤch zu; Alonſo, Maria und mein Vater ſchweb⸗ ten meiner Seele vor. Der Matador fuhr unterdeß weiter fort:„Gott hat meine Pflege und Sorgfalt geſegnet; denn dieſes arme Kind iſt in dieſem Augen⸗ blick eine große und maͤchtige Dame. Wenn ihr derſelben ihre Eltern nennen wolltet, ſo wuͤrde ſie euer vertrauliches Bekenntniß euch gewiß ſehr reich⸗ lich lohnen. Sie heißt naͤmlich Markiſin von C**. — Fortunato ſchien erſchuͤttert zu ſein; ſogleich aber leugnete er alles, indeß ich bedurfte nichts weiter zu wiſſen. Ein großes Verbrechen war hier wieder gutgemacht; Manuelita lebte alſo noch. Ein Zufall— doch was ſage ich?— die Hand der Vorſehung hatte ſie gerade in den Rang eingeſetzt, fuͤr welchen ſie geboren worden war. Sie erheiterte unter dem Titel einer Gattin die Verbannung und die lezten Tage des Greiſes, dem ein minder heiliger Name von ihrer fruͤhſten Jugend an ihre liebevolle Pflege verheißen hatte. Mein Vater hatte ſich ſein ganzes Leben hindurch mit Verſuchen gequaͤlt, ſeinen Soͤhnen eine ungeheure Erbſchaft zu verſchaffen, zu gleicher Zeit hatte er in beiden Erdhaͤlften den Don Luis verfolgt; und ſeine Verfolgungen, ſo wie ſeine Verſuche, führten zulezt blos dahin, baß ſie auf den Sohn des Don Luis alle Neigungen derjenigen hin⸗ lenkten, die am Ende doch in den Beſitz alles des vormaligen Glanzes und Reichthums dieſer beraubten Familie gelangen mußte. Je mehr ich die Verkettung dieſer gluͤcklichen Wechſelfaͤlle betrachtete, deſto mehr bewunderte ich die Wege der ewigen Gerechtigkeit. Ich ſann jezt blos auf Mittel, von dem Raͤuber ein Geſtaändniß herauszupreſſen, ohne durch ein aͤrgerliches Aufſehen⸗ machen ein Andenken zu entweihen, woran ſich die Ehre meines Namens knuͤpfte. In dieſem Augen⸗ blick ſah ich die Muͤßiggaͤnger von der Puerta del Sol, durch ein ſeltſames Geruͤcht fortgelockt, nach dem Krongefaͤngniß hinrennen. Fortunato und En⸗ riquez folgten der Menge. Da ich hinter ihnen drein gieng, ſo wurde ich Zeuge einer Scene, die ungluͤck⸗ licher Weiſe nicht ganz ohne Beiſpiel iſt; denn Fey⸗ joo erzaͤhlt ein aͤhnliches Abenteuer ſehr umſtaͤndlich. Der Beſitzer eines Gebaͤudes, das an dies Ge⸗ faͤngniß ſtieß, ließ den Grund unten ausbeſſern. Da hoͤrten auf einmal die Arbeitsleute Klagetoͤne aus der Erde dringen, und flohen erſchrocken von dannen. Alle Frauen des Stadtviertels eilten nun herbei; Elvire war an ihrer Spitze, welche rief, in ſolchen unterirdiſchen Hoͤhlen wohnten beſtaͤndig boͤſe Geiſter, wie dies die Hoͤhle zu Salamanca und die ſieben Teu⸗ fel des Markis von Villena bezeugten. Die Maurer, die wieder zu ihrer Arbeit zuruͤckkehrten, wuͤhlten immer weiter vor, und konnten endlich einige dumpfe 153 Laute unterſcheiden, die eine ſeufzende Stimme aus⸗ zuſtoßen ſchien. Beim Scheine von Fackeln ſahen ſie in dem ſchmutzigen Wuſt eines feuchten Erdreichs eine menſchliche Geſtalt hin und her ſich bewegen. Sie entſetzten ſich davor, doch bald trat das Mitleid bei ihnen an die Stelle des Entſetzens. Sie zogen nun⸗ mehr den Ungluͤcklichen aus einem Kerker hervor, der keinen andern Ausgang hatte, als das Loch an der Decke, wodurch er vor etwa fuͤnfundzwanzig Jahren in dies Grab hinabgeſenkt worden war; durch daſ⸗ ſelbe Loch kam ihm auch jedesmal das Brot und Waſſer zu, welches der Kerkermeiſter alle acht Tage dem armen Gefangenen hinabſchickte. Ich weiß nicht, durch welchen ungluͤcklichen Zufall er den ſtren⸗ gen Nachſuchungen entgangen war, welche die kon⸗ ſtitutionelle Regierung in den Gefaͤngniſſen anſtellen ließ, um allen denen die Freiheit wiederzugeben, welche ein bloßes unſchuldiges Spielwerk der Launen des Despotismus geweſen waren. Ich fuͤrchtete ſehr bald, eine Loͤſung dieſes Raͤthſels darin zu fin⸗ den, daß mein Vater unter andern, ſo viel ich mich erinnerte, auch dem Aufſeher dieſes ſchrecklichen Auf⸗ enthalts ein bedeutendes Legat vermacht hatte. Der Ungluͤckliche, obwohl ſein ſilberweißes Haupt noch ſehr viel Wuͤrde hatte, glich einem aus dem Grabe heraufgeſtiegenen Geſpenſt. Man bemerkte bald, daß nicht blos ſeine hohen Jahre und ſeine Schwaͤche ihn hinderten, ſich auf den Fuͤßen zu erhalten; alle ſeine Glieder waren gebrochen, und jedes derſelben bezeugte durch drei Bruͤche, daß der Richter den Ge⸗ 154 fangenen beim Verhoͤr dreimal hatte auf die Folter legen laſſen. Er war naͤmlich dicht an dem Hauſe, aus welchem die kleine Manuelita entfuͤhrt worden war, damals allein betroffen und in Feſſeln gelegt worden; da er alles leugnete, ſo hatte man die Zu⸗ flucht zur Tortur genommen. Zu einer Zeit, wo die gerichtlichen Verhandlungen ohne Heffentlichkeit, der Angeklagte ohne Verkehr mit den Menſchen, oft ohne Vertheidigung ſich in den Haͤnden eines uͤber⸗ maͤchtigen Feindes befand, wurde ewiges Gefaͤngniß ihm als Strafe fuͤr ein Vergehen zu Theil, das er niemals begangen hatte.„Da ſeht ihr,“ rief ich, „die unumſchraͤnkte Gewalt! Volk, ſegne die Maͤn⸗ ner, durch welche dieſe barbariſchen Geſetze abge⸗ ſchafft worden ſind.“ Alle blauen Maͤntel, die ir⸗ gend zugegen waren, antworteten dem Schrei des Unwillens, der meiner Bruſt entſchluͤpfte. Die braunen Maͤntel und die Frauen dagegen, deren Mitleid ſich zuvor weit lebhafter geaͤußert hatte, nah⸗ men jezt Anſtand. Sie ſchienen zuvor in den Bli⸗ cken der Moͤnche, die unter der Menge zerſtreut um⸗ herſtanden, erſt leſen zu wollen, ob ſie dem Mitge⸗ fuͤhl Raum geben duͤrften. Alonſo gieng ſo eben voruͤber. Die Geſichts⸗ zuge des ungluͤcklichen uͤberraſchten ihn durch die taͤu⸗ ſchende Aehnlichkeit mit derjenigen, die ihn geboren; er naͤherte ſich daher ganz beſtuͤrzt dem Alcalden des Gefaͤngniſſes, und erkundigte ſich bei ihm nach dem Namen des Greiſes. Es war ein Franzoſe; an ei⸗ nem Riemen, der allein noch von ſeiner Kleidung 155 ihm uͤbrig geblieben, hieng ein Sanet Ludwigs⸗Kreuz, welches ſeine matte Hand von Zeit zu Zeit an ſich druͤckte; es war der Vater der Donna Leonor, der auf ſeiner Reiſe von der Grenze bis nach Eſtrema⸗ dura ploͤtzlich verſchwunden und ſodann nicht weiter zum Vorſchein gekommen war. Unterdeß ſuchte mein Freund mit den Frauen und Moͤnchen um die Wette dem Maͤrtyrer unſerer Geſetze beizuſpringen und zu helfen; allein der alte Vertheidiger von Sanct Domingo vermochte eine lange Weile weder etwas zu hoͤren noch zu antworten. Endlich ſagte er auf ſpaniſch in einem klaͤglichen Tone:„Ich bin unſchuldig; der Andaluſier hat alles gethan, ein Andaluſier, der ganz dem Blauen, Großen, deren ganzer Rock uͤber und uͤber blau ausſieht, ergeben iſt.“ Dieſe Worte waren die einzigen, die er ſeit ſo vielen Jahren geſprochen; in ſeinem Kerker hatte er ſie unaufhoͤrlich wiederholt, doch jezt verſtummte er. Das Tageslicht war zu hell, die freie Luft zu rein fuͤr ſein zum Erloͤſchen ſich neigendes Kben Gott hatte Mitleid mit ſeinen Leiden. Dieſe Scene erſchuͤtterte die Volksmenge. Die Moͤnche wagten nicht mehr, den Verwuͤnſchungen zu antworten, welche das Volk gegen die aufgehobene Regierung ausſtieß; blos Fray Cayetano begnuͤgte ſich, aus ſeiner Moͤnchskutte hervorzurufen:„Nun, wer denkt denn auch daran, dieſe beklagenswerthen Misbraͤuche wieder herzuſtellen? wir verabſcheuen ſie gewiß mehr, als die Philoſophen!“— So 156 „ ſprach er damals, und kaum waren zwei Monate verfloſſen, ſo bluͤhte die Folter von neuem. Ich faßte Alonſo's Hand, und ſagte zu ihm: „Freund, jener Gott, an den du mich glauben lehr⸗ teſt, weiß fuͤr jedes Ungluͤck einen Erſatz. Hoͤre jezt einmal!“— Sodann wandte ich mich zu For⸗ tunato und fuhr weiter fort:„Du haſt jezt nur noch zwiſchen einem offenen Bekenntniß und dem Blutgeruͤſt zu waͤhlen. Der lezte Angſtruf jenes Ungluͤcklichen, der dort mit dem Tode ringt, ver⸗ dammt dich vollends. Entfuͤhrer Manuelita's, ſie war es, die du dem Matador uͤbergabſt! Geſtehe raſch dein Verbrechen, und ich verſpreche dir dafuͤr auf mein Ehrenwort, daß dir kein Haar gekruͤmmt werden ſoll.“ Der Raͤuber war durch die Laſt der Zeugniſſe, die ſich gegen ihn erhoben, ganz zu Boden gedruͤckt. Ich ſchreckte ihn vollends dadurch, daß ich ihm ſagte, ich ſelber haͤtte es dieſen Morgen geſehen, wie er die Aufruͤhrer beſoldet und durch ſeine Komplotte einen Angriff auf die Majeſtaͤt der Cortes gemacht habe. Dieſe Verſchwoͤrung ſei bereits bei den Cortes ange⸗ zeigt worden, und die Gerechtigkeit habe bereits die Binde von den Augen abgenommen und den Arm erho⸗ ben. Er fügte ſich jezt endlich; ein Escribano nahm ſeine Aus ſagen zu Protokoll, ich dagegen ließ Alonſo mit alle den Gefuͤhlen, welche dieſe Entdeckung in ihm wecken mußte, allein zuruͤck, und eilte voll Freude zu Sor Maria de los Dolores. 157 Mir war, als waͤre jezt der Schatten des ver⸗ ſtorbenen Herzogs von allen ſeinen begangenen Suͤn⸗ den erloͤſt. Ich kam ja, um der ehrwuͤrdigen Mut⸗ ter die Tochter wieder zuruͤckzugeben, die ihr einſt entriſſen worden war. Ich trat hinein, und man fuͤhrte mich in das Paradezimmer, worin vier Kaͤfige von der Decke herabhiengen, die durch den Geſang der in ihnen eingeſperrten Voͤgel die Mußeſtunden der guten Aebtiſſin erheiterten. Meine Tante, die vor ihrem Betpulte ſaß, nahm die Paquita aus dem Munde, die ſie im Sprechen hinderte. Hinter ihr gieng Fray Cayetano mit großen Schritten auf und nieder; Don Iſidro, der an ihrer Seite ſaß, rauchte ſtillſchweigend einen Cigarro; außerdem ſchimmerten noch einige andere Biſchofskreuze ſo wie auch zwei bis drei goldene Vließ-Orden in dieſem Kreiſe um⸗ her. Mehrere Mitglieder des ehemaligen hohen Raths von Kaſtilien nahmen die erſten Plaͤtze ein; etwas weiter hin ſah man einige Hidalgos, die voll Staunen daruͤber, daß ſie hier in der vertraulichen Naͤhe ſo großer Herren uͤber Staatsangelegenheiten verhandeln durften, ſich ihrer neuen Wichtigkeit nicht wenig freuten; um einen großen hoͤlzernen Tiſch herum ſaßen Advokaten oder— wie wir ſie nennen — Literaten, die voll Betruͤbniß daruͤber, daß an die Stelle jener alten Geſetzgebung, unter deren Schutz ſich die Prozeſſe von Vater auf Sohn vererb⸗ ten, jezt einfache und klare Geſetze getreten waren, den gegenwaͤrtigen Klub durch die ungeheure Menge guter Gruͤnde in Staunen ſetzten, die ohne ihrer aller Wiſſen angeblich fuͤr das gemeinſame Intereſſe kaͤmpften; endlich machten noch Moͤnche von allen“ Orden, die vor dem Pater Provinzial mit niederge⸗ ſenkten Augen daſtanden, die Verſammlung vollſtaͤn⸗ dig. Unter dieſer Anzahl befand ſich unter andern auch Fray Vicente, der ſich hier nicht wenig lang⸗ weilte. Er ſtand an einem Fenſter, an welchem ich zu gleicher Zeit auch Sir Georges bemerkte, der ſchnell einige engliſche Zeitungsblaͤtter zu leſen an⸗ ſieng, um meinen Blicken auszuweichen. Bei meinem Anblick trat eine tiefe Stille ein⸗ Ich gerieth wegen des Zwanges und der Unruhe, die ich veranlaßte, in einige Verlegenheit. Indeß meine Tante nahm ſogleich das Wort und ſagte:„Wir ſprachen hier nichts, als was alle Welt hoͤren kann. Setze dich nur hierher, du magſt hier mit zuhoͤren, wie wir uͤber das Loos uns beſprechen, welches den verruchten Trabanten des Thronanmaßers gebuͤhrt. Der Koͤnig, unſer Herr Indeß beſann ſie ſich ſogleich, daß ſie in meiner Gegenwart Worte gebrauche, welche der Konſtitution zufolge nicht er⸗ laubt waren, und fuhr weiter fort:„Der Koͤnig hat den Vertrag wegen Ruͤckkehr der Verraͤther unmoͤg⸗ lich in der Abſicht eingehen koͤnnen, dieſe Ueberein⸗ kunft wirklich zu halten, und die Cortes werden da⸗ her wohl ſeinen Wuͤnſchen entgegenkommen, und die Verbannuag dieſer Vaſallen dieſer treuloſen Unterthanen, wollt' ich ſagen, dekretiren.“— „Ganz gewiß!“ erwiederten faſt alle Stimmen.— „Das iſt noch nicht genug,“ rief Fray Cayetano; 159 „ſie muͤſſen auch noch aller ihrer Ehrenſtellen und Einkuͤnfte fuͤr immer beraubt werden.“—„Vor allen Dingen,“ ſagte drauf ein ſpaniſcher Grande, „muͤſſen ſie aus dem Dienſte Seiner Majeſtaͤt ent⸗ fernt werden, und ihre Huͤte, Aemter und Titel muͤſ⸗ ſen auf ihre Erben uͤbergehen.“—„Die Seque⸗ ſtration ihrer Guͤter,“ fuhr ein Mitglied des hohen Raths von Kaſtilien fort, das ploͤtzlich aus dem Schlafe, worein es verſunken war, aufwachte,„er⸗ leidet keinen Zweifel.“—„Ganz gewiß,“ fuͤgte ein Ordensgeiſtlicher hinzu,„und dieſe nur zu ge⸗ linde Strafe muß ſich bis auf ihre Frauen und Kin⸗ der erſtrecken.“—„Allein,“ fiel hier der Erz⸗ biſchof ihm ins Wort, und zwar mit einem Seufzer, den ihm die Erinnerung an die Markiſin und an Al⸗ douza entlockte,„wenn nun die Toͤchter und Gattinnen der Abtruͤnnigen an dem Verbrechen derſelben keinen Theil genommen, ja wohl gar fuͤr die heilige Sache des Koͤnigs und Spaniens gekaͤmpft haben„2 —„Das thut nichts,“ erwiederte Sor Maria de los Dolores;„alles, was irgend den Boͤſewichten⸗ angehoͤrt, iſt entweder ſchon verdorben, oder ſteht auf dem Punkte, es zu werden, und muſſen wir alle denn nicht auch fuͤr den Fehler unſeres erſten Stamm⸗ vaters Adam buͤßen? Daher mag denn das ganze Geſchlecht der Joſephinos eben ſo wie ſie in die Acht erklaͤrt werden.“—„kiebe Tante,“ ſagte ich darauf,„ihr ſprecht ja gerade die ewige Verban⸗ nung der Tochter aus, die ihr bisher als verloren beweintet.“ Bei dieſen Worten gerieth die ganze 160 Verſammlung in Verwunderung. Die ehrwuͤrdige Mutter erblaßte, ſtand auf und rief:„Wie? was willſt du damit ſagen?“—„Manuelita,“ erwie⸗ derte ich,„iſt euch wiedergeſchenkt. Ihr Edelſinn kettet ſie zwar fuͤr den Augenblick an den Boden Frankreichs; allein ſie hat bereits auf den Gefilden der Ehre, auf den Gefilden des Vaterlandes ge⸗ glaͤnzt.“—„Nun?“ ſagte die Aebtiſſin zitternd. —„Je nun, Spanien nennt ſie die Heldin von Saragoſſa.“ Sor Maria de los Dolores war vor Freude, Schmerz und Betruͤbniß ganz außer ſich. Ich theilte ihr in der Eile etwas von den naͤheren Umſtaͤnden mit. Sie erwiederte:„Es iſt fuͤr mich hinlaͤnglich; ich habe bereits mehr Beweiſe, als eine Mutter be⸗ darf. Ihre blonden Locken, die mich immer an die Zeiten meiner Jugend und Schoͤnheit erinnerten, ihre blauen Augen, in denen ich die meinigen wieder ver⸗ juͤngt zu ſehen glaubte, jenes außerordentliche Merk⸗ mal an ihrem Arme, das ich ſo oft mit meinen Thraͤ⸗ nen benetzte, weil es mich an jedes meiner Kinder er⸗ innerte„„ Wie war es moͤglich, daß ich aus allen dieſen Kennzeichen, und beſonders aus meiner muͤtterlichen Liebe zu ihr, nicht laͤngſt ſchon das er⸗ rieth, was du mir jezt anzeigſt? und ich konnte ihr meine Zuneigung entziehen? ich konnte ſie meiden?... Nein, nein! ich nehme mein Wort wieder zuruͤck; um des Himmels willen, erklaͤret ſie nur ja nicht in die Acht! machet fuͤr ſie ein beſonderes Ausnahme⸗ geſetz! Ihr wiſſet ja, welchen Muth ſie fuͤr die 161 gute Sache bewieſen hat. Lieber keinen einzigen be⸗ ſtrafen, als dieſem Engel von Frau das geringſte zu Leide thun.“ Mit dieſen Worten ſtreckte die gute Mutter zugleich flehend ihre Haͤnde gegen die Anwe⸗ ſenden aus. Ihren Muttergefuͤhlen zuruͤckgegeben, ſuchte ſie jezt die Rache eben ſo eifrig zuruͤckzudraͤn⸗ gen, als ſie fruͤher dieſelbe herbeigerufen hatte. Dieſe Meinungsverſchiedenheit, uͤber die ſie ſich ſo oft gekraͤnkt hatte, ſchwand aus ihrem Gedaͤchtniß hinweg, oder vielmehr jene truͤben Gewoͤlke, die zwi⸗ ſchen ihr und Maria aufgeſtiegen waren, mahnten ſie jezt blos noch zur Reue an. Dieſe außerordentliche Neuigkeit uͤberraſchte und erfreute den Markis in ſeiner Verbannung, und zwar in einem Moment, wo er tief betruͤbt war. unge⸗ achtet die Cortes ſich geweigert hatten, die Abkunft von Valengay zu unterſchreiben, hatte der franzoͤſiſche Kaiſer den Koͤnig Ferdinand ohne weitere Bedingun⸗ gen ſeinem Spanien zuruͤckgegeben, in der Hoffnung, daß unter jedem ſeiner Schritte der Buͤrgerkrieg auf⸗ keimen und den Angriff auf die ſuͤdlichen Provinzen Frankreichs mächtig hemmen wuͤrde. Der alte Mar⸗ kis hatte ſich, ſo wie viele andere vormalige Diener Pepe's, an einen Ort begeben, wo der Koͤnig durch⸗ reiſen mußte; allein ſeine Aufwartung ward nicht angenommen. Blos Maria ward vorgelaſſen, und erhielt einige gnaͤdige Aeußerungen. Sie hoffte noch immer fuͤr ihren Gemahl; allein was ſind Hoffnun⸗ gen fuͤr einen beinahe achtzigjaͤhrigen Greis? Er konnte durchaus nicht begreifen, wie er dadurch habe V. 11 . 162 ein Verbrechen begehen koͤnnen, daß er den Befehlen ſeines Herrn gehorcht, daß er ſeinem Koͤnige und allen uͤbrigen Koͤnigen Europa's nachgeahmt hatte. Die ruͤhrenden Bemuͤhungen der Markiſin vermochten nicht, ihn in ſeinem Schmerz zu troͤſten. Gleichwohl gewaͤhrte es ihm eine neue Freude, als er erfuhr, daß diejenige, welche die Welt ſeine Gemahlin, er ſelber aber ſeine Tochter nannte, die Tochter ſeines verſtorbenen und von ihm ſo geliebten Bruders ſei. actunbſwarziſtes Buch⸗ gorſchung der Erzãhlung eines ſta ſchen Soldaten⸗ Erſtes Kapitel. — Am 24. Maͤrz 1814 gab die franzoͤſiſche Armee die Bourbons wieder an Spanien zuruͤck, welches froh und ſtolz darauf war, daß es ſeine rechtmaͤßigen Fuͤrſten wiedererrungen hatte. Dieſer Zeitmoment, wo alles voll Froͤhlichkeit war, ward von den Ser⸗ vilen gewaͤhlt, um einen hinterliſtigen Anſchlag an⸗ zuſtiften, der in der Geſchichte eben ſo denkwuͤrdig bleiben wird, als die ungluͤcklichen Folgen, von de⸗, nen er begleitet war. Die Anhaͤnger der Vergan⸗ genheit fuhren noch immer fort, in den Cortes eine unbegrenzte Treue gegen die konſtitutionelle Regierung zur Schau zu tragen. Ihr habt geſehen, wie ſcharf eine einzige unbeſonnene Aeußerung des Deputirten Reyna beſtraft worden war. Gleichwohl verfaßten ſie gleichzeitig eine ſchriftliche Vorſtellung an den Koͤnig, die nichts geringeres enthielt, als eine An⸗ klageacte gegen alles das, was in ſeiner Abweſenheit 164 vorgenommen worden, eine Darſtellung der Geſetz⸗ widrigkeit der ganzen Verfaſſungsurkunde, ein Ver⸗ zeichniß der ehrenruͤhrigſten Anſchuldigungen gegen ihre Kollegen, eine Aufforderung zur gewaltſamen Abſchaffung eben der Regierung, fuͤr deren Freunde und Beſchutzer ſie ſich ausgaben. Mozo y Roſales 2 führte die Feder, und eine Anzahl von vierzig Mit⸗ gliedern gab ſeine Unterſchriften dazu her. Als die Reſtauration zu Stande gebracht war, ſtieg die Zahl derſelben bis auf neunundſechzig, das heißt alſo, ſie betrug wenigſtens ein ganzes Drittheil der National⸗ verſammlung. Die urheber dieſer beweinenswer⸗ then Denkſchrift erhielten von der Nation den Namen Perſer, nach einem pedantiſchen Citat, das gleich vorn im Eingange derſelben angebracht iſt. Diejenigen, welche die Staatseinrichtungen des funfzehnten Jahrhunderts lieber haben wollten, als die unumſchraͤnkte Koͤnigsgewalt, oder als die Ver⸗ faſſung von 1812, und diejenigen, welche die un⸗ umſchraͤnkte Herrſchergewalt allem anderen vorzogen, hatten ſich zu eivem und demſelben Komplotte verei⸗ nigt. Die erſteren leiſteten Verzicht darauf, ſich des Syſtems, das ſie in Uebereinſtimmung mit uns ent⸗ worfen hatten, auf geſetzmaͤßigem Wege zu bemaͤch⸗ tigen, und verlangten einen Staatsſtreich, in der Hoffnung, daß das Koͤnigthum, ſobald es wieder zum Beſitz dieſer von ihnen ſo lange bekaͤmpften All⸗ gewalt gelangt ſein wuͤrde, zu ihren Gunſten ſofort *) Der nachmalige Markis von Mataflorida. — — 165 — derſelben entſagen wuͤrde. Sie ſahen nicht ein, baß es unmoͤglich ſein wuͤrde, eine Repraͤſentativ⸗ Regierung durch Moͤnche, Hirten und Gitanos auf⸗ zuſtellen. Selbſt in Frankreich haben die Chabot und Legendre ſich blos einen Tag lang zu behaupten vermocht. Auch Fray Cayetano ließ den Erzbiſchof und die Seinigen ſich in Taͤuſchungen einwiegen. Er ſprach mit ihnen von der Nothwendigkeit, furchter⸗ weckende Cortes beizubehalten, ohne deshalb an der baldigen Wiederherſtellung einer Regierung zu zwei⸗ feln, bei welcher der Beichtvater, der Guͤnſtling oder die Maͤtreſſe das Ruder fuͤhrt. Vermuthlich mochte er dies meinen, wenn er von der Trennung und dem Gegengewicht der drei Hauptgewalten ſprach. Ihr begreift leicht, welch ein Product aus einer ſolchen Verbindung, aus ſolchen Vorderſaͤtzen her⸗ vorgehen mußte. Man mußte die Staatsgewalt, von welcher man einen Theil ausgemacht hatte, fuͤr geſetzwidrig, die Eidſchwuͤre, die man geleiſtet, fuͤr null und nichtig, endlich die Staatseinrichtungen, die man gewollt, fuͤr ſtrafbar und unheilbringend er⸗ klaͤren. Die Angeber, waͤhrend ſie erklaͤrten, daß der Despotismus die Monarchie zu Grunde gerichtet habe, daß die Regierung der Cortes die einzig gute und rechtmaͤßige ſei, waͤhrend ſie fortfuhren, dem Koͤnige das Recht uͤber Krieg und Frieden, die Be⸗ ſtätigung der erlaſſenen Geſetze, die Verfuͤgung uͤber die bewaffnete Heeresmacht des Staats ſtreitig zu machen, ſuchten ſie den Zorn des Throninhabers ge⸗ gen die Cabixer Geſetzgeber zu erregen, ohne denſelben — 166 ein groͤßeres Verbrechen vorwerfen zu koͤnnen, als die gleichmaͤßige Vertheilung aller Ehrenbelohnungen in einem Lande, welches unter ſeinen beruͤhmteſten Vertheidigern Buͤrgerliche, und unter ſeinen Lakaien Adelige von Gebluͤt und Wappen aufzuweiſen hatte.*) Indem ſie nun auf dieſe Weiſe ſich genoͤthigt ſahen, ihr ganzes bisheriges Leben zu verleugnen, ihre Mit⸗ *)„ Es gehörte ſtets zu den weſentlichen Grundſätzen unſerer alterthümlichen Verfaſſung, daß der Monarch die Bedingungen des geſelligen Vertrages beobachten, die Staatsgrundgeſetze unverſehrt erhalten, in Uebereinſtimmung mit der Nation ver⸗ fahren und den Anſichten gemäß handeln müſſe, die ſie ihm durch ihre Vertreter zukommen läßt. unter der Herrſchaft der öſterreichiſchen Könige ſieng die Monarchie an zu erſchlaffen, die Miniſter vermieden die Zuſammenberufung der Cortes unter dem Vorwande, daß die Vertreter der Nation allzu frei ſprä⸗ chen. Dieſe berathſchlagten mit dem Könige über Krieg und Frieden, ſie allein konnten die Beiſteuern bewilligen oder ver⸗ weigern, und allein über die Nationalmiliz verfügen. Was die geſetzgebende Gewalt anbetrifft, ſo konnten die Könige von Kaſtilien die Geſetze weder aufheben noch abändern, und die neuen Geſetze mußten jedesmal in den Cortes entworfen und öffentlich bekannt gemacht werden. Der König Don Sanchb der Vierte verdankte ſeine Krone den Cortes der Nation. Es iſt nicht leicht, alle die unfälle aufzuzählen, welche dies Reich in Folge der Aufhebung der Cortes betroffen haben. Euer Majeſtät ſelber iſt Zeuge und Opfer des Miniſter⸗Despotismus geworden. Ihr hättet dieſe Unfälle nicht erfahren, wenn die Geſetze, die Cortes, die löblichen Gebräuche Spaniens in ihrer vormaligen Kraft aufrecht erhalten worden wären. Es iſt dahin gekommen, daß in Folge dieſer unfälle das Volk ohne Mühe glaubt, daß die Konſtitution von Cadix das ein⸗ zige Heilmittel ſei gegen alle die Wunden, die ihm durch die mangelhafte Juſtizverwaltung, durch die Richtbeachtung der Staatsgrundgeſetze, durch die Abweſenheit der Cortes geſchla⸗ gen worden 6 (S. Vorſtellung an den König, am 12. Aprit 1814 we⸗ gen Abſchaffung der Cadixer Konſtitution von den 69 Depu⸗ eirten, den ſogenannten Perſern, eingereicht.) 167 —— wirkung bei einer Revolution, die ihr Vaterland ret⸗ tete, abzuſchwoͤren und dieſelbe ganz auf Rechnung derer zu ſetzen, die ein Opfer ihrer Komplotte wur⸗ den, maßen ſie auf dieſe Weiſe uns allein die groß⸗ herzige Befreiung der Nation und des Koͤnigs bei⸗ Allein, da ſie dieſer Schlußfolgerung ausweichen wollten, waren ſie, um ſich gegen die Nationalfrei⸗ heiten erklaͤren zu koͤnnen, gezwungen, gegen den Ruhm ihres Vaterlandes zu proteſtiren, unſerem Spanien die Ehre der Selbſtbefreiung abzuſtreiten und zu erklaͤren, daß die Englaͤnder allein alles ge⸗ than haͤtten. Dieſe Parthei bleibt uͤberall dieſelbe; da ſie im Solde des Auslands ſteht, ſo hat ſie kein Vaterland, oder doch wenigſtens blos ein aushei⸗ miſches, und dies iſt der Vatikan. Indem ich euch dieſe ungeheure Frevelthat er⸗ zaͤhle, weiß ich nicht, wie ich es euch glaublich ma⸗ chen ſoll, daß ein Mann von hoher Tugend, ein chriſtlicher Erzbiſchof, der vom Geiſt des Evangeli⸗ ums beſeelt war, daß namlich Don Iſidro eine der hauptſaͤchlichſten Triebfedern dieſes Angriffs auf die Geſetze war, die er ſelber mit beſchworen hatte. So groß iſt die Macht der Partheiwuth, daß ſie ihr Gift in die reinſten Herzen ausgießt, daß ſie das Verbre⸗ chen in das taͤuſchende Gewand des Gemeinwohls huͤllt, daß ſie die Aufopferung der Gewiſſenhaftigkeit uns als eine Pflicht anbefiehlt, und auf dieſe Weiſe uns auf Bahnen hinfuͤhrt, vor denen wir zuruck⸗ ſchaudern wuͤrden, wofern das truͤgeriſche Blend⸗ werk auf einmal ſchwaͤnde, und wir unſere Hand⸗ 168 lungen und Beſtrebungen in ihrer traurigen Nackt⸗ heit erblickten. Fray Cayetano beeilte ſich, dem Koͤnige entgegen zu gehen, um vorlaͤufig alle Zugaͤnge zu ſeinem Ver⸗ trauen in Beſchlag zu nehmen. Er wollte zugleich den Eindruck benutzen, den die Denkſchrift der Per⸗ ſer hervorbringen mußte. Der junge Fuͤrſt kannte das zu Cadir vorgefallene blos aus den feindſeligen Berichten des Despoten, der ihn gefangen hielt. Jezt ſah er Maͤnner herbeieilen, die ihm eine gewal⸗ tige Verſchwoͤrung gegen ſeine Krone und gegen ſein Leben anzeigten, die ihn erinnerten, daß man auf dem Felſen von Gades das Wort„ Nationalſouve⸗ raͤnetaͤt“ ausgeſprochen habe, vor welchem das Ohr der Koͤnige ſtets zuruͤckſchaudert. Sie ſagten ihm indeß blos dies Wort, aber nicht, daß ſie ſelber es ausgeſprochen, und daß dies maͤchtige Wort ihn aus der Verbannung auf den Thron zuruͤckgefuͤhrt habe. Ein Fuͤrſt, dem die Thaten und die Benennungen voͤllig fremd ſind, konnte leicht die Vorurtheile, den Paß und die Wuͤnſche der Angeber in ſich aufnehmen. Jeder Schritt, den der Monarch auf ſpaniſchem Grund und Boden vorwaͤrts that, hallte in allen Gemuͤthern wicder. Man ſah, wie er ſich aller Ausuͤbung der vollen Koͤnigsgewalt enthielt, und die Parthei der aufgeklaͤrten Anſichten faßte gute Hoffnung; man ſah aber auch, wie er, um Sara⸗ goſſa beſuchen zu können, von ber Straße abwich, die ihm die Cortes einzuſchlagen vorgeſchrieben hat⸗ 169 ten, und ſofort erhob die Parthei der Verfinſterung ein Freudengeſchrei. Mein Bruder, der in die Reihen des dienſtthuen⸗ den Heeres eingetreten war, hatte dem Koͤnige ſo eben ſeine Truppen angeboten, um die Cortes zu zerſtoͤren. Jaime hatte fruͤher, als er ſich fuͤr die Sache der liberalen Ideen erklaͤrte, die Abſchaffung der Adelstitel und der Majorate gehofft. Indeß ich war Herzog geblieben, alles Grundeigenthum unſeres Hauſes fiel mir allein zu, ja ſeine Comthurſtelle war ſogar gefaͤhrdet; mehr bedurfte es nicht, um ihn zu einem entſcheidenden Entſchluſſe zu bewegen. Seine Antraͤge wurden abgelehnt; der Graf von Abisbal machte— wie es hieß— aͤhnliche, die keinen beſſeren Erfolg hatten. Die Zukunft der Mo⸗ narchie war alſo noch nicht ganz entſchieden. Die Gemuͤther ſchwebten in einer peinlichen Un⸗ gewißheit, die Nation war voll Erwartung in Hin⸗ ſicht ihres kuͤnftigen Schickſals. Despotismus oder Freiheit, Buͤrgerkrieg oder Anarchie hatten wir vor uns; nie war ein Volk auf wichtigere Gegenſtaͤnde geſpannt, und doch ließ der Koönig auf ſeiner Reiſe, deren Langſamkeit etwas ſchreckendes hatte, auch nicht ein einziges Wort fallen, das den bangen Zwei⸗ feln Spaniens ein Ziel geſetzt haͤtte. Blos ſein tie⸗ fes Schweigen ſchien irgend einen Gedanken zu ver⸗ rathen. Eine Menge bedeutender Perſonen, an deren Spitze ſich Infantado befand, ferner mehrere Praͤ⸗ laten und die Oberhaͤupter der Moͤnchsorden waren gleich anfangs dem Monarchen entgegen gereiſt; von Seiten der Cortes und der Regentſchaft war der Kar⸗ dinal von Bourbon, das Oberhaupt der Regierung, zu demſelben Zwecke abgefertigt worden. Ich fuͤr mein Theil hatte nichts zu thun, und beſchloß daher, mich ebenfalls dahin zu begeben, um die Entwicke⸗ lung unſerer Zukunft mit anzuſehen. Ich traf in Valencia gerade zu der Zeit ein, wo die Oſterprozeſſionen gehalten werden. Ich will euch nicht erſt dieſe ſeltſamen Scenen ſchildern. Dieſe eckelhaften Gemaͤlde barbariſcher oder wohl ſelbſt un⸗ anſtaͤndiger Gegenſtaͤnde, dieſe Paſſos oder rohen Darſtellungen aus der Leidensgeſchichte Chriſti, die von den Bruͤderſchaften herumgetragen werden, fer⸗ ner ein lebendiger Chriſtus, deſſen Anblick das Scham⸗ gefuͤhl verletzt, ſodann laͤcherliche Rieſen, eine Menge von ſchwarz, gruͤn, grau, gelb oder weiß gekleideten Buͤßern, die Narren aus dem Lollhauſe in ſeltſamen Drachten, Kinder in ungeheuern Peruͤcken, dazu Maskeraden, luſtige Lieder, die heilige Dreieinigkeit in einem wahrhaft unſinnigen Aufzuge,— ein ſol⸗ ches Schauſpiel verletzt eben ſo ſehr die Religion, als die Kunſt und den guten Geſchmack. Es iſt einem faſt zu Muthe, als wohnte man zu gleicher Zeit den Taͤnzen eines wilden Volkes und den unzůͤchtigen Fe⸗ ſten der ſyriſchen Goͤttin bei. Es giebt keine Stadt in ganz Spanien, wo die Moͤnche zahlreicher waͤren, wo ſie eine groͤßere Herr⸗ ſchaft und die Adelskaſten eine groͤßere Unduldſamkeit haͤtten; der Stolz, die Ungebundenheit und der Aber⸗ glaube ſcheinen da ihren Thron aufgeſchlagen zu ha⸗ ben. Und hier war es, wo Don Ferdinand einen laͤngeren Aufenthalt nahm, und wo die Schickſale der Monarchie feſtgeſtellt wurden. Der koͤnigliche Hof bot uͤbrigens einen ſeltſamen Anblick dar. Ich traf da gleich anfangs den Fray Cayetano, der da ſein Weſen trieb, und an welchem jede Bewegung ein Staatsſtreich, jedes Wort ein Befehl oder ein OHrakel zu ſein ſchien. Um ihn her waren mehrere Deputirten der Cortes, die ſich mit etwas mehr Zuruͤckhaltung benahmen. Sie waren da, um die Denkſchriſt der Perſer zu berreichen und zu bitten, daß der Konſtitutionsſtein zerſchlagen wuͤrde, waͤhrend ihre Kollegen daheim beſchloſſen, daß jeder, der irgend die Pflichten der heiligen Kon⸗ ſtitution unerfullt ließe, vor Gericht geſtellt werden ſollte. Ich bemerkte unter andern auch zu meiner Verwunderung daſelbſt Fortunato, der bereits ein, freilich ſehr untergeordnetes, Amt in dem koͤniglichen Hofſtaat bekleidete; Fray Cayetano hatte naͤmlich bewirkt, daß man ihm das Geſchaͤft uͤbertrug, dem Koͤnige jedesmal die Cigarren zu uͤberreichen. Der Pater Provinzial meinte, daß ſein Guͤnſtling in die⸗ ſem Poſten jeden Augenblick irgend einen Einfluß auf die Gedanken ſeines Herrn auszuuͤben vermoͤge. Dieſer Elende hatte ſofort mit kecker Miene das We⸗ ſen eines Beſchuͤtzers und tiefdenkenden Mannes an⸗ genommen, das mir damals hoͤchſt laͤcherlich vorkam. Der ganze Adel von Valencia draͤngte ſich in die koniglichen Gemaͤcher. Die Granden, die waͤhrend 172 des Franzoſeneinfalls ſich vor dem Sturme nach den kanariſchen Inſeln, nach den Balearen und nach Ceuta gefluͤchtet hatten, ſtroͤmten herbei. Sie waren den Ar⸗ beiten und Gefahren der Nation fremd geblieben, und waren nicht, einer Volksrednerbuͤhne gegenuͤber, zur Selbſterkenntniß gekommen; daher vermochten ſie auch nur bei einem koͤniglichen Handkuſſe froh auf⸗ zuathmen. Da fanden ſich denn auch die Verbann⸗ ten von Valengay, der Herzog von San Carlos, und der Domherr Escviquiz ein. Man kann ſich leicht denken, daß, wenn ſie auch ihre eigene groß⸗ herzige Treue hoch anſchlugen, ſie dennoch nicht un⸗ ſeren muthigen Widerſtand, unſere gebrachten Opfer, unſere Anſtrengnngen und— um mich Borull's Ausdruck zu bedienen— die Entſchaͤdigung, die uns der wilde Despotismus ſchul⸗ dig war, ſo hoch anſchlugen. So lebte denn zu unſerem ewigen Ungluͤck der Koͤnig in einer Atmo⸗ ſphaͤre, die nicht die unſrige war, in einem Spanien, welches nicht mehr das der naͤchſtverfloſſenen zehn Jahre war, unter Menſchen, denen der Name Cadir das— vielleicht unangenehme— Bild einer Groͤße vor Augen fuͤhrte, woran ihre Namen keinen Antheil hatten. Die Generale und Civilbehoͤrden ſtroͤmten eben⸗ falls herzu; aber ich weiß nicht, wie es kam, daß ſie in den Geſellſchaftsſälen des Fuͤrſten, deſſen Feſ⸗ ſeln ſie gebrochen hatten, nur wie Fremde erſchienen. Die Emporkoͤmmlinge des lezten Nationalkrieges fanden an dem hohen Adel von Valencia und an der 173 Mehrzahl der Granden der Monarchie eine beleidi⸗ gende Kaͤlte. Wie ſehr auch manche derſelben zu duldendem Gehorſam geſtimmt ſein mochten, ſo ſchutzte ſie dies doch nicht vor dem Befremden, wel⸗ ches ihre raſche Erhebung erweckte, und man betrach⸗ tete mit einer Art von ſtolzer Reugierde dieſe Maͤn⸗ ner, die ſich durch die Vertheidigung ihres Vater⸗ landes aus den unterſten Klaſſen des Volks zu den hoͤchſten Ehrenſtellen emporgeſchwungen hatten. Be⸗ ſonders zeichnete ſich die hohe Geſtalt Bartolomeo's in der Mitte dieſes Hofes aus, uͤber den er mit ſei⸗ nem ganzen Kopf eben ſo hoch hinwegragte, wie ein Barbar der Vorzeit, den man zufaͤllig in die Kaiſer⸗ Palaſte des alten Byzanz oder Navenna's gebracht. Indem er als Deputirter ſeines Heerhaufens bei dem Monarchen erſchien, war er mehr befremdet als ver⸗ gnuͤgt daruͤber, daß er jezt von den Gewohnheiten ſeiner bisherigen rohen und unabhaͤngigen Lebens⸗ weiſe in den engen Kreis der Hofetikette uͤbergehen ſollte. Schon ſeine eng anſchließende Uniform war ihm unbequem; und er vermißte ſehr ſein lang her⸗ abwallendes Haar und ſeine aragoniſche Reſilla um die Schultern. Anſtatt auf ſeine neue Lage ſtolz zu ſein, glaubte er vielmehr dadurch, daß er goldene Treſſen auf ſeinem Rocke zu tragen ſich bequemte, ſich etwas von ſeiner fruͤheren Wuͤrde vergeben zu haben. Schweigend, finſter, ohne die Rohheit ſei⸗ ner Manieren zu mildern, ohne ſeiner Sprache einen geſchminkten Anſtrich zu geben, ohne ſich die Gunſt der Großen zu erſchleichen zu ſuchen oder ſich unter ſee zu miſchen, ſchien er durch ſeinen, von dicken Au⸗ genbraunen uͤberſchatteten Blick die Menge mit dem Gefuͤhl ſeiner Ueberlegenheit zu erfuͤllen. Der Ver⸗ achtung des Hofmanns ſtellte er ganz dreiſt die des Menſchen entgegen. Moͤnche, Praͤlaten und Ka⸗ pellaͤne unterhielten ſich blos mit ihm, ſelbſt Fray Cayetano erwies ihm alle moͤgliche Aufmerkſamkeit, um ſich an ihm eine nuͤtzliche Eroberung zu ſichern; die Geiſtlichkeit erinnert ſich naͤmlich noch immer gern an die Gleichheit der erſten Kirche, und haͤlt ſich wohl an die Gewalt, aber nicht an die Geburt. Ue⸗ brigens hatte der Ehemann der Gitana nur mit den Gruppen der Generale einigen Verkehr, die gleich ihm neue Ankoͤmmlinge am Hofe waren. Auch wuͤrde es ſchwer geweſen ſein, aus ſeinen Umgebungen auf ſeine Meinungen ſchließen zu wollen. Er ſelber ſuchte ſich mitten unter dieſem Zuſammentreffen der entgegengeſetzteſten Anſichten ſeine eigene zu bilden. Als geborener Aragonier von einer anererbten Ver⸗ ehrung gegen alles Herkoͤmmliche ſeiner Heimat er⸗ fuͤllt, voll Haß gegen den Zuſtand der buͤrgerlichen Geſellſchaft, wie ſie durch den Despotismus gewor⸗ den war, zugleich von einem Gefuͤhl blinder unter⸗ wuͤrfigkeit gegen die Befehle des Koͤnigs und die Vorſchriften der Kirche durchdrungen, kurz als guter Katholik gleich Fray Cayetano und als geborener Spanier wie ich, ſchwankte er zwiſchen den entgegen⸗ geſetzteſten Gedanken hin und her, gieng von einer Parthei zur andern, und fand, daß ſie alle zugleich Recht haͤtten. Er begriff nicht, wie der Hof ſich in feindſelige Gruppen trennen konnte, die ſich einander beobachteten, ohne weder einen Kampf zu wagen noch den Frieden zu wollen. Auf allen Geſichtern zeigte ſich Verlegenheit, und in allen Geſpraͤchen verrieth ſich ein gewiſſer Zwang. Ein und derſelbe Gedanke erfullte die Gemuͤther aller, und doch wollte kein Mund es wagen, denſelben laut auszuſprechen. Alle die Maͤnner, die, ſo wie ich, irgend einen Schritt fuͤr das neue Syſtem gethan hatten, konnten ſehr bald eine gewiſſe Aengſtlichkeit und Einſamkeit um ſich her bemerken; das Gewuͤhl der Hofleute verlief ſich unvermerkt bei ihrer Annaͤ⸗ herung. Sogar den Kardinal von Bourbon ſchien der Adel und die Geiſtlichkeit nicht mehr als einen von den Staatsoberhaͤuptern anerkennen zu wollen⸗ Don Ferdinand war der einzige, der dem Repraͤſen⸗ tanten des konſtitutionellen Spaniens einige Achtung erwies. Zwar unterhielt er ſich niemals mit ihm, und dieſe Zuruͤckhaltung entgieng niemandes Blickenz allein er zeigte gegen ſeinen Verwandten jene auf⸗ merkſame Artigkeit, die ſonſt der kaſtilianiſchen Rauh⸗ heit fremd iſt, und die bei ihm einen ſeltſamen Kon⸗ traſt mit ſeinen ſonſtigen Lieblingsneigungen und Gewohnheiten bildete. Er zog den Kardinal taͤglich an ſeine Tafel. Dieſer, deſſen natuͤrliche Schuͤchternheit durch kein Wort aufgemuntert wurde, und den die ſcheelen, oft ſogar ſpoͤttiſchen Blicke, die er um ſich her wahr⸗ zunehmen glaubte, beunruhigten, wagte nichts von den Speiſen zu nehmen, die ihm dargeboten wurden. 176 Der koͤnigliche Wirth hatte Mitleid mit ſeinem Gaſte, und mit eigener hoher Hand fuͤllte er ihm einen Tel⸗ ler, der ohne ihn gewiß leer geblieben ſein wuͤrde. Doch dieſe Aufmerkſamkeiten hatten nicht ſo viel Einfluß, um der Menſchenleere, die den Regenten uͤberall umgab, abzuhelfen; es ſchien vielmehr, als glaubte die Menge dem Monarchen, der noch kein Wort geſprochen, dadurch zu ſchmeicheln, daß ſie es ihm ſofort nachthaten, ohne es ihm in der Bezeigung ſeiner Artigkeiten gleichzuthun. An den Hoͤfen hat man uͤbrigens nicht ſelten dieſen Anblick einer auf⸗ fallenden Meinungsverſchiedenheit zwiſchen dem Machthaber und den ihn umgebenden Dienern. Man merkt dann, daß dieſe gleichſam in ſeiner Seele irgend einen geheimen Gedanken errathen; indem ſie ſich gegen ſeine Politik auflehnen, ſetzen ſie bei ſich ein gewiſſes Einverſtaͤndniß mit ſeiner innern Nei⸗ gung voraus, und ſo iſt denn dieſes Gegenſtreben, das der große Haufe leicht fuͤr Freiſinnigkeit halten koͤnnte, blos ein verſtecktes knechtiſches Weſen. In den Fuͤrſtenpalaͤſten findet ſich die Schmeichelei hinter allen Dingen verſteckt; ſie allein hat Muth, und das Recht des Widerſtrebens exiſtirt dort nur fuͤr ſie allein. Mitten unter dieſer befrenideten, unruhigen, ſchweigſamen Welt, wo jeder, ſo zu ſagen, auf einem Schildwachpoſten ſtand, machte ich durchaus von meiner Freimuͤthigkeit Gebrauch. Ich war ja edel⸗ buͤrtig wie der Koͤnig und mehr noch, ich hatte den Krieg fuͤr die allgemeine Sache gleich den tapferſten 177 mitgemacht, ich fuͤrchtete mich vor wenigen, und wuͤnſchte mir nichts; meine Lage war alſo ſehr geeig⸗ net, die allgemeine Zuruͤckhaltung zu verſchmaͤhen und dem herrſchenden Geiſte Trotz zu bieten Es machte mir nun großes Vergnuͤgen, in Gegenwart von Offizieren, Granden und Praͤlaten diejenigen Handlungen ihres verfloſſenen Lebens wieder auf die Bahn zu bringen, die ihre gegenwaͤrtige Stimmung am meiſten Lugen ſtraften, und ſo brachte ich denn die ueberlaͤufer aller Partheien zur Verzweiflung⸗ Es gab keine Parthei, ja keinen Mann, der nicht, je nach dem Wechſel der Vergaͤltniſſe, an dem oder dem Tage leidenſchaftlich die Freiheit gewollt hatte. Meine Angriffe reichten ſehr weit hinauf; denn wo war einer an dieſem Hofe, deſſen Leben nicht durch ſeltſame Abtruͤnnigkeiten merkwuͤrdig geweſen waͤre! Indeß meine ſcherzende Freimuͤthigkeit misfiel nie⸗ mandem, als meines gleichen, und dieſer Freiheit, die ich mir genommen, alles rund heraus zu ſagen, verdankte ich es ohne Zweifel, daß mir auf der Stelle ein ſehr bedeutender Poſten uͤbertragen wurde. Dieſe Ernennung brachte anfangs die Kombinationen des Hofvolkes aus aller Faſſung; indeß fand man zulezt darin blos eine jener Monarchenlaunen, die zuweilen an einem, uͤbrigens leicht zu brechenden Widerſtande Gefallen finden, wie an einer neuen Erſcheinung, welche die eintoͤnige Langeweile einer immerfort lob⸗ preiſenden Umgebung zu unterbrechen geeignet iſt. Eine gewiſſe Oppoſition findet ſich immer ein, ſelbſt der unumſchraͤnkteſten Herrſchergewalt gegenuͤber, V. 12 178 und ſelbſt jene Hofnarren des funfzehnten Jahrhun⸗ derts waren im Grunde blos die beſcheidenen Reprä⸗ ſentanten jenes ſo oft verkannten Rechtes der Menſchheit. Don Ferdinand hat in ſeinem Weſen einen ge⸗ wiſſen Zug von Luſtigkeit, der ſich mit einer Unbe⸗ fangenheit und Vertraulichkeit des Ausdrucks paart, dergleichen heutzutage an andern Hoͤfen Europa's wohl nicht leicht mehr anzutreffen ſein duͤrfte. An einem Gallatage z. B. verfolgte ihn einſt einer ſeiner Flugeladjutanten auf eine ganz auffallende Weiſe mit den Augen.„Worauf ſiehſt du denn ſo mit unver⸗ wandtem Auge?“ fragte ihn der Koͤnig.—„Gnaͤ⸗ digſter Herr, weil Euer Majeſtaͤt nicht im vorſchrifts⸗ maͤßigen Anzuge erſcheinen. Da ich nun jeden Lieu⸗ tenant, wenn er je ſo erſchiene, beſtrafen wuͤrde, ſo komme ich in große Verſuchung, Euer Majeſtaͤt in Arreſt bringen zu laſſen; nur weiß ich nicht recht, wie ich es anfangen ſoll.“—„Was habe ich denn an mir, das nicht recht iſt?—„Nun, gnaͤdig⸗ ſter Herr, blaue Beinkleider an einem Gallatage!“ —„Du haſt Recht; ich hatte daran nicht gedacht.“ —„Eine ſchoͤne Entſchuldigung fuͤr einen Mann, welcher Standes halber verpflichtet iſt, an alles zu denken.“—„Auch darum ſchon, weil das Weiße zu leicht ſchmutzig wird.“—„Wieder ein ſehr ſchoͤner Grund! ich dachte daran gar nicht einmal, daß Euer Majeſtaͤt bei der Loilette Ruͤckſichten der Sparſamkeit nehmen muͤſſen.“ Und ſo endigte ſich denn dies Geſpraͤch mit lautem Gelaͤchter. 179 Gleich darauf hielt der Konig große Truppen⸗ muſterung. Ritten unter dem einmuͤthigen Zuruf der Freude und der Liebe riefen einige Kapuziner, Frauen und zerlumpte Bauern etwas aus, das wie eine Feindſeeligkeit gegen die neue Regierung klang, und die Soldaten fuͤgten in ihrer Freudetrunkenheit dazu:„Wir wollen ſie alle niederſaͤbeln, um ihnen zu zeigen, ob wir blos beſoldete Moͤrder ſind.“— Don Ferdinand ſtellt ſich am vortheilhafteſten dar, wenn er zu Pferde ſitzt. Man bemerkt dann nicht mehr jenen fruͤhen Anſatz zur Vollleibigkeit, der bereits an ihm ſichtbar zu werden anfaͤngt; ſondern man ſieht dann blos ſeinen ſchlanken Wuchs, ſeine maännliche Haltung, ſein ausdrucksvolles Geſicht. Als daher die Truppen an ihrer Spitze den jungen Fuͤr⸗ ſten erblickten, füͤr welchen ſo eben erſt ihr Blut ge⸗ floſſen war, ſo vergoſſen ſie Thraͤnen der Ruͤhrung und der Froͤhlichkeit; Spanien liebte ſeinen wieder⸗ errungenen Koͤnig wie eine Mutter ihr Kind um der Leiden willen liebt, die es ihr gekoſtet hat. Hier bei dieſer Gelegenheit uͤbertrat der Monarch zum erſten⸗ mal das Dekret vom 2. Februar. Er ertheilte hier naͤmlich einem Alferez*), der eine Fahne in der Hand hielt, die er bei ihrer Vertheidigung mit ſeinem Blute gefaͤrbt hatte, einen hoͤheren Militaͤrgrad. Sehr bald brachen die Truppen unter Anführung des alten Generals Eguia, der einſt als Mitglied des geſetzgebenden Kongreſſes fuͤr die Volksfreiheit und *) Fähndrich. 12* 180 die neue Verfaſſung geſtimmt hatte, nach Madrid auf. Seitdem verbreitete ſich das Geruͤcht, daß Elio, nachdem er wenige Tage zuvor an den„ſouve⸗ raͤnen Kongreß“ geſchrieben, daß„in dem ganzen, unter ihm ſtehenden Bezirk von Valencia die Voͤlker die heilige Verfaſſungsurkunde ſegneten, da in ihr zum erſtenmal die heiligen Rechte Gacro santos) der Nation anerkannt wuͤrden,“ daß dieſer Elio, ſag' ich, ſo eben mit der Krone einen Handel abgeſchloſ⸗ ſen und eine Gegenrevolution mit ſeinem Heere zu⸗ unterſtuͤtzen verſprochen habe. Zweimal kamen De⸗ putirte des Kongreſſes, und baten Seine Majeſtaͤt den Koͤnig ganz unterthaͤnigſt, daß er doch durch ſeine Ruͤckkehr der unruhigen Spannung des Volkes ein Ziel ſetzen moͤchte. Die von den Cortes uͤber⸗ reichten Adreſſen, die das Gepraͤge der Ehrerbietung und einer grenzenloſen Liebe an ſich trugen, ſtellten dem Fuͤrſten die Gefahren ſeiner Abweſenheit dar. Die Konſtitution ward darin wiederholt als die Bun⸗ deslade des Gemeinwohls geprieſen, und beide Acten⸗ ſtuͤcke, das eine vom 25., das andere vom 30. April, die ſaͤmmtlich ſpaͤter erlaſſen wurden, als die ſoge⸗ nannte Erklaͤrung der Perſer, waren von niemand weiter unterſchrieben, als von fuͤnfen der heftigſten Verfaſſer jener geheimen Proteſtation, naͤmlich von Joaquin Perez, Oſtolaza, Sanchez de Latorre, Gil und Garate, welche durch die Wahl ihrer Kollegen zum Praͤſidium und Sekretariat der Cortes erhoben worden waren. Die Regierung, die jezt allmaͤhlig vorbereitet wurde, verdiente es in der That, die Treu⸗ 181 loſigkeit, die Undankbarkeit und den Meineid zu Wap⸗ penherolden zu haben. Auf beide Schreiben erfolgte indeß keine Antwort, denn der Hof zweifelte jezt nicht mehr, daß ein Staats⸗ ſtreich ausgefuͤhrt werden muͤſſe. Die ſchwankenden Huldigungen des Hofvolkes konzentrirten ſich um Fray Cayetano; gleichwohl hatte der Erzbiſchof da⸗ mals mehr Einfluß in den Berathungen, und er oder doch ſein Geiſt war es, der die erſten Schritte der Reſtauration leiten ſollte. Indeß in den Palaͤ⸗ ſten der Koͤnige hat man einen bewundernswuͤrdig feinen Inſtinct, um auszuwittern, in weſſen Hand morgen das groͤßte Gewicht ſein wird, und die Hof⸗ leute pflegen gegen die Machthaber, deren Einfluß blos einen Tag dauert, eine ſehr wuͤrdige Hal⸗ tung zu beobachten. Der Herzog von San Carlos ward im Stillen als das Oberhaupt des neu zu bil⸗ denden Miniſteriums bezeichnet, und ſeine edeln Ei⸗ genſchaften wuͤrden einer ſolchen Wahl gewiß den Beifall des Publikums verſchafft haben, wenn man nicht leicht haͤtte vorausahnden koͤnnen, welcher furchtbare Einfluß ihn wider ſeinen Willen mit ſich fortreißen und zuletzt ihn ſelber ſtuͤrzen wuͤrde. Ei⸗ nige Deputirte der Cortes ſchienen den Platz einiger ihrer Kollegen einnehmen zu wollen, die zu Madrid ihre Luͤgenlaufbahn fortſetzten, in der Erwartung, daß ſie allmaͤhlig den hoͤchſten Gipfel der Gewalt zu erreichen und von da die Laufbahn der Reactionen zu beginnen im Stande ſein wuͤrden. Die konſtitu⸗ tionellen Behoͤrden durften ſich gar nicht mehr oͤffent⸗ 182 lich zeigen; alle die, welche einen Haß gegen das herrſchende Syſtem an den Tag legten,— wos fuͤr Grundſaͤtze ſie auch immer fruͤher gehabt haben moch⸗ ten, und von welchem Stand und Abkunft ſie auch immer ſein mochten,— nahmen eine ſtolze Miene gegen dieſe edeln Perſonen an, wofern dieſe nicht ebenfalls ihre Grundſaͤtze abſchwoͤren und nicht ganz laut den Kopf ihrer geſtrigen Kollegen fordern woll⸗ ten; jeder, ſelbſt jenen Abenteurer Fortunato nicht ausgenommen, warf auf mich Blicke voll ariſtokra⸗ tiſcher Verachtung. Ich konnte mich nicht genug wundern, wie die Ideen der alten Zeit das Privile⸗ gium haben konnten, ohne Hilfe des Verdienſtes und der Ahnen eine beſondere Adelskaſte zu errichten, die da die Sporen der Ritter von der Tafelrunde ange⸗ legt zu haben glaubt, weil ſie uns die gluͤckliche Fin⸗ ſterniß des Mittelalters wiederzugeben trachtet. Der Koͤnig brach jezt ebenfalls nach Madrid auf. Die traurigſten Geruͤchte wurden verbreitet; man ſprach blos von blutigen Hinrichtungen, von Ver⸗ haftungen und politiſchen Auto da fe's. Ich reiſte daher eilig ab, um Alonſo von der ihm bevorſtehenden Gefahr zu benachrichtigen und ihm zur Flucht zu rathen. Eine in ihrer Art einzige Bemerkung wird dem dereinſtigen Geſchichtſchreiber nicht entgehen. Die ſpaniſche Freiheit fiel durch denſelben Stoß uͤber den Haufen, durch welche ihr furchtbarer Feind fiel. Na⸗ poleon war vom Throne herabgeſunken, und die Er⸗ ſchotterung von ſeinem Falle ſpuͤrte man von einem 183 Ende der Welt bis zum andern. Nie hatte ein Sterblicher ſo viel Gewicht in der Wagſchale der menſchlichen Schickſale gehabt. Als ſein Schatten nicht mehr unſeren Reactionsmaͤnnern drohte, als ſie glaubten, daß die franzoͤſiſche Revolution ſich ſelber abgeſchworen habe, da erſt wagten ſie einen Angriff auf die unſrige. Zweites Kapitel. — Madrid war ſeit fuͤnf Wochen in geſpannter Er⸗ wartung. In das Gefuͤhl der Freude, welche jeder Spanier uͤber die Ruͤckkehr ſeines Koͤnigs empfand, miſchte ſich bereits Furcht. Je mehr indeß unter den blauen Maͤnteln ſich unruhige Beſorgniß verbrei⸗ tete, deſto mehr legten die braunen Maͤntel unver⸗ holen eine wilde Frende an den Tag. Man hatte ihnen die Verſicherung gegeben, daß die Ruͤckkehr des Koͤnigs die Liberalen in Verzweiflung ſetzte, und daß ſie alle ihre Macht aufboͤten, um den Monar⸗ chen nur ja nicht bis in ſeine Hauptſtadt gelangen zu laſſen, waͤhrend ſie taͤglich und einſtimmig die Errich⸗ tung neuer Ehrendenkmale fuͤr ihn dekretirten. Die Regentſchaft, die Deputirten, die Haͤupter der konſtitutionellen Sache merkten endlich, welch ein Ungewitter ſich uͤber ihren Haͤuptern zuſammen⸗ zog; ſie verſammelten ſich daher, um ſich uͤber die 184 Gefahren des Vaterlandes zu berathen. Generale, die durch Schlachten beruͤhmt waren, kaſtilianiſche Edle und Granden verlangten, daß Spanien im Nothfall ſeine Verfaſſung mit gewaffneter Hand ver⸗ theidigen ſolle. Alle Truppen— mit Ausnahme der Diviſion Elio's— alle Milizen waren fuͤr uns; Europa hatte unſere Rechte anerkannt und feierlich beſtaͤtigt; wir konnten unterhandeln und kaͤmpfen. Doch Alonſo rief: „Auch ich erwarte, ja ich rufe Gottes Ur⸗ theil an; doch wehe mir, wenn ich jemals dies Wort im Sinne der barbariſchen Vorzeit verſtuͤnde! die fragliche Sache, die uns jezt beſchaͤftigt, gehoͤrt nicht ins Gebiet der Waffen.“ „Es exiſtirte eine Gewalt, die angeblich vom Himmel her bevollmaͤchtigt war; ſie zerſtoͤrte alles das, was ſie erhalten ſollte, ſie richtete uns durch ih⸗ re Misgriffe zu Grunde, vergiftete unſere Sittlich⸗ keit durch ihr anſtoͤßiges Leben, ja gab uns zuletzt durch ihre Komplotte in die Haͤnde der Fremden, und unſere veroͤdeten Gefilde wurden mit Gebeinen von einer Million Menſchen bevoͤlkert. Auf den Ruf der zu Boden gedruͤckten Voͤlker ſtieg eine ande⸗ re Macht aus dem Grabe unſerer Ahnen herauf, ſetz⸗ te ſich kuͤhn auf den zertruͤmmerten Sitz der Herr⸗ ſchaft, ſtellte ihn wieder her, und ſchuf binnen drei Jahren mehr Gutes als ihre Vorgaͤngerin binnen drei Jahrhunderten Boͤſes angerichtet hatte. Giebt es wohl in irgend einem Winkel der Welt einen Men⸗ ſchen, der da auftreten und mit der Hand auf dem Herzen und mit den Augen gen Himmel zum hoͤch⸗ ſten Richter emporblickend ſagen koͤnnte, daß unter dieſen beiden Maͤchten, von denen die eine alles zu Grunde richtete, die andere alles wieder rettete, ſich die erſtere mehr um Gott und Menſchheit verdient gemacht habe als die andere? Nein, ein ſolcher Ur⸗ theils ſprecher wird ſich niemals finden, und ihr muͤß⸗ tet dann vielmehr den Richterſpruch der Vorſehung, den Richterſpruch des Fuͤrſten fuͤrchten, der ſein Diener und Ebenbild auf Erden iſt. Vielleicht wuͤnſcht Don Ferdinand, daß in der Verfaſſungsur⸗ kunde einiges geaͤndert wird, vielleicht kommt er jezt, um mit uns daruͤber zu unterhandeln, und er ſchweigt, um ſich nicht durch ſeine Worte mit dem Schwarme ſtrafbarer Ehrgeizigen zu entzweien, die ihn umge⸗ ben. Spanier! glaubt es nur, daß die Repraͤſen⸗ tativ⸗Verfaſſung den Anſichten des beſten, des ge⸗ liebteſten der Koͤnige nicht fremd iſt; dafuͤr buͤrgen ſeine von Bayonne aus erlaſſenen Dekrete, ſein Un⸗ gluͤck, ſeine Befreiung und ſeine TDugenden, die ſeit funfzehn Jahren alle Neigungen und Hoffnungen un⸗ ſeres gemeinſamen Vaterlandes an ſeine Sache ge⸗ knuͤpft haben.“ Alle gaben ihm ihren Beifall zu erkennen. Die Lenker der Staatsangelegenheiten beſchloſſen, daß auch nicht ein Tropfen Blutes fließen ſolle, außer wofern man das ihrige auf den Blutgeruͤſten vergie⸗ ßen wuͤrde. Don Domingo warf einen zornigen und zugleich mitkeidigen Blick auf die Verſammlung; er klagte meinen Freund an, daß er das Reich auf 186 hundert Jahre lang der Verwuͤſtung preisgegeben, und fluͤchtete ſich ſofort nach England. Das Koͤ⸗ nigthum rechtfertigte auch wirklich hinterher ſeinen Unwillen und ſeine Prophezeiungen. An demſelben Abend erfuhr man, daß der Vor⸗ trab Eguia's nur noch wenige Stunden Weges von den Mauern der Hauptſtadt entfernt ſei. Dieſer ſchweigende Heranzug befremdete ſelbſt die vertrau⸗ ensvollſten Gemuͤther. Es war gerade Dienſtag der 10. Mai; und die Sonne gieng zum letztenmale uͤber dem konſtitutionellen Spanien unter. Alonſo beruhigte die Donna Leonor, welche ihn aufforderte, dem Beiſpiele unzaͤhliger anderer von unſerer Parthei zu folgen, meinen Winken zu glau⸗ ben, und ſeine Perſon zu ſichern.„Rein,“ ſagte er zu ihr;„Verfolgung iſt fuͤr mich nichts neues; ich habe ſie fuͤr Don Ferdinand ertragen, und wenn ich dieſelbe nun auch durch ihn erleiden ſollte, ſo werde ich mich ihr nicht entziehen, denn auch ſie wird voruͤbergehen muͤſſen wie alle fruͤheren. Oder ſollte ich dabei mein Leben einbuͤßen„ Hier hielt er inne; ſeine Mutter weinte. In dieſem Augenblick wurde ihm ein Brief von Maria uͤberbracht. Die Markiſin troͤſtete ſich uͤber die Ungnade, worein der Kammerherr gefallen war, mit der Hoffnung, daß es dem zu hohen Ehrengra⸗ den befoͤrderten, einflußreichen und geachteten Freunde ihrer Kindheit ſehr bald gelingen wuͤrde, fuͤr ihren bejahrten Gemahl die Ruͤckkehr auszuwirken. Sie ſah jezt den, der bei den Bahonner Frevelthaten das 187 Zeichen zum Volksaufſtande gegeben, den Lohn ſeiner heroiſchen Treue einernten. Dieſes Bild, woran ihre Liebe ſich weidete, war das einzige, das eine perſoͤnliche Empfindung in ihre Freude und in ihren Stolz als Spanierin miſchte; ſie freute ſich uͤber Don Ferdinands Triumph, ohne ſich an alles das zu erinnern, was ſie um ſeinetwillen gethan. Alonſo las wiederholt das Blatt, worauf eine geliebte Hand die Traume ihres Ehrgeizes und Ruhms niedergelegt hatte. Auf einmal ſtoͤrte ein befremden⸗ des Geraͤuſch ihn in ſeinem Nachſinnen⸗ Dumpfe Dritte hallen draußen auf der Treppe wieder, und jeder dieſer Fußtritte erfuͤllte das Herz ſeiner Mutter mit Schrecken und Verzweiflung. Ploͤtzlich wird die Thuͤr in Stuͤcken geſchlagen, und ein Trupp von Bewaffneten ſtuͤrzt herein. Donna Leonor ſprang herzu und ſtellte ſich vor Alonſo; gleich jener Mutter in Florenz warf ſie ſich auf die Kniee und flehte fuͤr ihren Sohn um Schonung ſeines Lebens. In demſelben Moment wiederholte ſich dieſelbe Scene unzaͤhligemal von einem Ende Madrids bis zum andern. Alle die Maͤnner, welche im Namen des Koͤnigs das Staatsruder fuͤhrten, alle die, welche in den Cortes, in den Gerichtshoͤfen, im Staats⸗ rath Sitz und Stimme hatten, wurden ganz uner⸗ wartet in Feſſeln gelegt. Eguia löſte ſeine Aufgabe vollkommen. Er zer⸗ truͤmmerte die Staatsverfaſſung, fuͤr die er geſtimmt, die er ſelber beſchworen hatte; ſeine Truppen zer⸗ ſchnitten mit der Schaͤrfe des Schwertes das Geſetz⸗ 188 buch des Vaterlandes, hieben die geheiligte Volks⸗ rednerbuͤhne in Stuͤcken, und beſetzten mit einer Wuth, die vielleicht durch das Murren ihres Gewiſ⸗ ſens erregt wurde, den koͤniglichen Palaſt, die Ge⸗ richtshoͤfe und vor allen die Gefaͤngniſſe, denn in die⸗ ſen lezteren ſollten von nun an die Gewalten, welche die Monarchie wiedererobert und beruhigt hatten, ihren Sitz nehmen. Einige von den Vollſtreckern dieſer Aufgabe waren Soldaten, die einſt unter Alonſo's Befehlen geſtan⸗ den, und ihn daher bewunderten und liebten. Man hatte ſie überredet, daß dieſer jugendliche Staats⸗ mann ſeinen Geldbeutel mit ſpaniſchem Golde gefuͤllt habe; allein wie erſtaunten ſie, als ſie dieſe abgele⸗ gene Wohnung, dieſe enge und dunkle Treppe, dieſes zweite Stockwerk betraten. Von Ehrfurcht erfuͤllt, beim Anblick deſſen, der ihnen ſo oft auf dem Schlacht⸗ felde: Ferdinand, Vaterland und Rache! zugerufen, ſenken ſie vor ihm ihre Gewehre. Indeß ein Offizier befand ſich unter ihnen, der ſich aus dem Mantel, den er umgeworfen hatte, herauswickelte und aus⸗ rief:„Bei der unbefleckten Empfaͤngniß der Jung⸗ frau Maria, vor einem einzelnen Manne werde ich mich nicht fuͤrchten!“ Mit dieſen Worten faßte er Alonſo beim Arme, und ſuchte dreiſt ihn feſtzuhalten. Es war Fortunato. Dieſer Raͤuber fuͤhrte nun den großen Buͤrger des Staats nach dem Kerker, deſſen Pforten er zum erſtenmal ohne Furcht betrachtete. Die Grandezza, die hohe Geiſtlichkeit, die Aka⸗ demieen, das ſtehende Heer, alles lieferte hierher die 189 gehoͤrigen Opfer. Noch nie hatte bei uns die Woh⸗ nung des Verbrechens ſo viele edle Gaͤſte aufgenom⸗ men. Ein Fremder wuͤrde dieſen duͤſtern Aufent⸗ haltsort fuͤr das Prytaneum Athen's gehalten haben. Der Hof hatte in der Stille ſeine Befehle ertheilt. Da er es uͤberdruͤßig hatte, den Kardinal in ſeinem Gefolge, wie einen Gefangenen des Kapitols, mit ſich herum zu ſchleppen, hatte er endlich auch ſeine Verbannung bewirkt. Der Koͤnig ſetzte unterdeß ſeine Reiſe immer fort; alle auswaͤrtigen Geſandten befanden ſich in ſeinem Gefolge. Die brittiſche Re⸗ gierung, um das Vorſpiel zu der drauf folgenden Uebertretung der Geſetze zu eroͤffnen, ſandte ſeinen Miniſter ab, welcher darauf drang, daß noch unter⸗ weges auf der Landſtraße eine Acte unterzeichnet wer⸗ den mußte, die dem engliſchen Staat neue politiſche und Handels-Vortheile zuſicherte. Auf jeden ein⸗ tretenden Wechſel, auf jeden Unfall, der die Voͤlker trifft, bauen dieſe furchtbaren Handelsleute ihre Berechnungen. Es war der 4. Mai, den insgeheim jenes Dekret fr den Umſturz unſerer Verfaſſung bezeichnet hatte. Die urkunde von Cadix ward fuͤr hochverraͤtheriſch erklaͤrt, und man durfte ſie bei Lebensſtrafe nicht mehr nennen. Drei Tage nachher, nachdem dieſe Verfuͤgung zu Valencia oͤffentlich bekannt gemacht worden war, ſtimmten alle diejenigen, welche ſie vor einem Monat ſelber veranlaßt hatten, alle die, welche ſchon den folgendkn Tag die Rolle von Verfolgern uͤbernehmen ſollten, die Oſtolaza, Calderon, der 190 Erzbiſchof von Pamplona, Joaquin Perez, kurz der ganze Kongreß, einmuͤthig dafuͤr, daß der Pefe politico*) von Madrid deshalb, weil er einen Artikel der Verfaſſungsurkunde uͤbertreten, vor Ge⸗ richt geſtellt werden ſollte. Unlaͤngſt hatten ſie ge⸗ aͤußert:„Wir wollen hier alle die Konſtitution, weil wir ſie beſchworen haben, und weil wir Katho⸗ liken ſind. Deputirte, welche die ſpaniſche Nation vertreten, ſollten die Konſtitution verletzen? Wo blieben da wohl die religioͤſen Geſinnungen? Iſt es. wohl zu vermuthen, ja iſt es uͤberhaupt wohl klug gethan, dergleichen zu aͤußern? Wir wenigſtens wollen auf keinen Fall dem Verdacht Raum geben, daß es Deputirte geben koͤnne, welche die Konſtitu⸗ tion uͤbertreten.“**) Schon nach wenigen Tagen legten indeß eben dieſe Maͤnner, die dies geſprochen, ihre Kollegen in Feſſeln. Das Dekret vom 4. Mai, anſtatt den griumph der Abſolutiſten öffentlich zu erklaͤren, ſchien im Ge⸗ gentheil den Triumph ihrer Nebenbuhler anzukuͤndi⸗ gen. Alle Rechte der Nation waren darin anerkannt, alle Freiheiten zugeſagt***); noch nie war uͤber den ) Der politiſche Chef, d. i. der Gouverneur. *) Diario de las Cortes ordinerias T. IIp. 89 c6. die Rede von Oſtolaza.) 3 ² 3 *xv) Im Eingange dieſes Dekrets heißt es unter andern: „Ich ſchwöre und verſpreche euch, treue Spanier, daß ihr in euren edeln Hoffnungen nicht getäuſcht werden ſollt. Ich fühle lebhaft euer ſche Euer König will blos für euch leben.“ 13* Despotismus mit ſo vieler Beredſamkeit ein Ver⸗ dammungsurtheil ausgeſprochen worden, als hier. Die Tyrannei begann ihre Laufbahn damit, daß ſie ſich ſelber verfluchte. S hat es wahrlich ge⸗ hoͤrt! Don Iſidro, vielleicht auch Sir Georges, den ich mehr als einmal in die Camarilla hineingehen zu ſehen glaubte, hielten den Einfluß ihres Syſtemes fuͤr 4et Der Pater Provinzial war uͤber die „20 haſſe, ich verabſcheue den Despotismus. Bei der gegenwärtigen Stufe der Civiliſation kann er in Europa nicht mehr epiſtiren. Unſere Konſtitutionen haben ihm niemals das geringſte Anrecht eingeräumt, obwohl freilich, wie in allen andern menſchlichen Dingen, auch hier Misbräuche der könig⸗ lichen Gewalt vorgekommen ſind, die keine Konſtitution je⸗ mals ganz zu verhindern im Stande iſt. um ähnlichen Mis⸗ bräuchen für die Zukunft, ſo weit es der menſchlichen Vor⸗ ausſicht möglich iſt, zuvorzukommen, werde ich mit den Deputirten Spaniens und Indiens in geſetzmäßig rufenen Cortes unterhandlungen anknüpfen.“ „Die Freiheit der Perſon und des Eigenthums wird— unwandelbar durch Geſetze geſichert werden, welche unter allen Ständen jene heilſame Freiheit aufrecht erhalten werden, deren ungeſtörter Genuß allen Staatsbürgern zugeſichert werden muß, weil dadurch allein ſich eine gemäßigte Regierung von einer despotiſchen und willkührlichen unterſcheidet.“ „Alle werden das vollkommene Recht haben, ihre Gedan⸗ ken durch den Druck öffentlich bekannt zu machen.“ „Jedem Verdacht einer Verſchwendung der Staats einkünfte wird dadurch geſteuert werden, daß der Schatz der Krone von den Einkünften des Staats getrennt wird.“ „Die Geſetze werden mit Zuziehung der Cortes entworfen werden. Dieſe vorläufigen Grundlagen mögen als Bürgſchaften für meine königlichen Geſinnungen dienen, und die Vötker mögen auf dieſe Weiſe ſchließen, daß ich weder ein Despot noch ein Tyrann, ſondern ein König und Vater meiner Un⸗ terthanen bin.“ Zugeſtaͤndniſſe der Krone eben ſo erbittert, als waͤren es Frevelthaten; er war einer von den Menſchen, die ſich fur beſiegt halten, ſo lange noch eine Truͤm⸗ mer des entgegengeſetzten Syſtems vorhanden iſt. Da er das koͤnigliche Reiſegefolge unterweges verlaſ⸗“ ſen hatte, um in Madrid unterdeß die Herrſchaft der apoſtoliſchen Junta vorzubereiten, ſo konnte er, un⸗ geachtet ſeines Abſcheu's gegen die Geſinnungen der meiſten der ſogenannten Perſer, nicht umhin zu laͤ⸗ cheln, als er die Gefaͤngniſſe und Kloͤſter ſo zahlreich mit edeln Gefangenen angefuͤllt ſah, daß man ſich bei der Reaction genoͤthigt ſah, eine große Anzahl derſelben in den Palaͤſten*) unterzubringen. In⸗ deß die Kauflaͤden, die Fenſter und Hausthuͤren blie⸗ ben geſchloſſen, die Straßen waren menſchenleer, blos hie und da erblickte man berauſchte Soldaten, die ſich mit dem Zuruf zur Freude aufmunterten: „Nun wird man uns doch nicht mehr beſoldete Moͤr⸗ der nennen!“ Dieſer Anblick behagte dem Fray Cayetano nicht. Der Koͤnig ſollte vielmehr bis aufs aͤußerſte getaͤuſcht werden, ganz Spanien ſollte im luͤgenhaften Gewande vor ſeinen Augen erſcheinen, die Nation ſelber ſollte von ihm die Knechtſchaft er⸗ flehen oder vielmehr fordern. Dies iſt der einzige Wunſch, welchen zu aͤußern, der feurige Dominika⸗ ner die Voͤlker berechtigt glaubt. Auf ſeinen Ruf ſetzen ſofort die Frayles und einige Monges die Vorſtaͤdte in Bewegung; die rohe Bevoͤlkerung der⸗ *) Z. B. in dem geräumigen Palaſt von Villa Vicioſa. 193 ſelben antwortet auf ihren Ausruf, und nun begin⸗ nen die Bacchanalien des kirchlichen Rechts. Die Menge wird davon aufgeregt. Weiber, namentlich Margarita und die alte Elvire ſtellen ſich an die Spitze des Zuges. Sie eilen von Straße zu Straße, und verlangen mit lautem Geſchrei das Blut der Ketzer und der Verraͤther. Die Mauleſeltreiber und die Bettler, mit niedergeſchlagenem Hut und den braunen Mantel uͤber die Schulter haͤngend, folg⸗ ten hinter ihnen her, ſie, die zwar wenig fuͤr rau⸗ ſchende Luſtbarkeiten geſchaffen, aber immer zu Meu⸗ chelmorden bereit ſind. Antonio und Enriquez wie⸗ derholen mit einander das Geſchrei:„Es lebe der unumſchraͤnkte Koͤnig! Es lebe der Koͤnig al⸗ lein!“ allein mehr vermag der junge Andaluſier nicht hinzuzufuͤgen; er vermag nicht mit jener Legion von Moͤnchen, welche die Volkswuth leiten, auszu⸗ rufen:„Es ſterbe die Nation!“ ja, als man end⸗ lich unter den Fenſtern des Staatsgefaͤngniſſes an⸗ gekommen iſt, als ſein Bruder Aparicio mit ſtarkem Arme das Zeichen und das Beiſpiel zu einem Sturm⸗ angriff giebt, erſtaunt er daruͤber, daß er das Blut der Vaterlandsretter vergießen ſoll, und flieht er⸗ ſchrocken davon. Der alte Matador dagegen ver⸗ gißt, daß Alonſo ſich unter der Zahl der Gefangenen befindet, deren Koͤpfe man verlangt, und bleibt noch unter den Stuͤrmenden. Der Graf von Noblejas, der General Villacampa, der Erzbiſchof von Majorca und mein Freund, der goͤttliche Arguelles, alle hoͤr⸗ ten ihre Namen unter den wildeſten Drohungen und V. 13 194 Schmaͤhungen von einer wuͤthenden Volksmenge laut nennen. Die Soldaten konnten ſich indeß nicht zu dem Gemetzel entſchließen, das man vorhatte; ſie vertheidigen diejenigen, die noch geſtern erſt ihre Oberen waren, und das zuruͤckgetriebene Volk raͤcht ſich fuͤr ſein Mislingen durch Verwuͤnſchungen, durch Zetergeſchrei und durch andaͤchtig wilde Geſaͤnge. Das Geſchrei:„Es ſterbe die Nation!“ dauerte noch immer fort, und gleichſam als ſaͤhe die Menge es voraus, daß die zu Verfolgung der Deputirten. beider Kongreſſe ermaͤchtigte Behoͤrde einige Monate ſpaͤter die Erklaͤrung erlaſſen wuͤrde,„daß die Na⸗ tion ſich gegen ihr hoͤchſtes Oberhaupt des Majeſtaͤts⸗ verbrechens ſchuldig gemacht,“*) ſo ſetzte ſich der Poͤbel ſofort in Bewegung, um dieſen ruchloſen Rich⸗ terſpruch, ſo viel an ihr lag, im voraus zu vollſtre⸗ cken. Der Schrecken geht vor ihm her und folgt ihm. Unter dem Vorwand, man verfolge die Feinde Gottes und des Koͤnigs, werden die Haͤuſer geſtuͤrmt, und alle redlichen Maͤnner glaubten, daß jezt ihre lezte Stunde vor der Thuͤr ſei. Auch der Verſammlungsſaal der Cortes wird im Sturme eingenommen, und die Bildſaͤulen der Maͤ⸗ ßigung, der Gerechtigkeit, der Wahrheit und der Kraft werden in Stuͤcke zerſchlagen. Blos das Standbild der Nation war noch uͤbrig. Dieſe war als eine Frau bargeſtellt, die auf einem ſpaniſchen ) S. Prozeß der Deputirten Larrazabal und Oliveros. BVericht des Advokaten Rubio, als Ritglied der ſe niedergeſes ten 195 Löwen ſitzt, der die Erdkugel in der einen Klaue haͤlt; ihre Waffen beſtehen aus einer Fackel und einem Ru⸗ der, ihr Diadem aus einem Kranze von kaſtilianiſchen Vertheidigungsthuͤrmen im Kleinen, uͤber welche ein Kreuz hinwegragte. Doch dies Kreuz vermochte damals die Bildſaͤule nicht zu retten, über welche einmal das Verdammungsurtheil ausgeſprochen war⸗ Man reißt ſie vom Geſtell, und ſchleppt ſie unter Peitſchenhieben nach dem Platz der oͤffentlichen Hin⸗ richtungen; man bedeckt ſie mit Koth und mit Schmaͤhungen, man errichtet ein Blutgeruͤſt, haͤlt Gericht uͤber ſie, enthauptet ſie, und dieſes vater⸗ landsmoͤrderiſche Poſſenſpiel wird von Prieſtern, Moͤnchen und Frauen aufgefuͤhrt, die vor Freude und Hoffnung fuͤrchterlich anzuſehen ſind. Die Ver⸗ wirklichung dieſer Parodie ſparen ſie fuͤr die Befreier Spaniens auf. Die Soldaten wundern ſich uͤber die Strafe, die an der Nation hier vollzogen wird, fuͤr welche ſie doch gekaͤmpft haben und welcher ſie noch immer zu dienen glauben; ihr Geſicht iſt traurig und ihr Auge vergießt Thraͤnen der Reue. Aber noch iſt nicht alles vollendet; denn die Bildſaͤule hat bis jezt blos den Kopf eingebuͤßt. Der Rumpf wird daher nach der Plaza Mayor ge⸗ ſchleppt, auf eben den Platz, wo einſt die Inquiſition vor dem laͤchelnden Philipp dem Zweiten ihre blutigen Brandopfer verrichtete. Die benachbarten Haͤuſer werden erbrochen, und ein Schwarm von Weibern mit fliegenden Huaren pluͤndert unter andern auch die Wohnung Elvirens, die ihrerſeits ebenfalls einen 13 196 benachbarten Kaufladen pluͤndert, um Meublen und Holzgeraͤth zu Errichtung eines Scheiterhaufens zu bekommen. Der Scheiterhaufen wird endlich empor⸗ gethuͤrmt, das Standbild der Nation wird hinauf geſetzt, um als Rachopfer fuͤr die Inquiſition zu die⸗ nen, und uͤber dieſe Suͤhne freut ſich der Schatten Torquemada's noch im Grabe. So verſtrichen drei Tage. Die ſervilen Tagblaͤt⸗ ter erzaͤhlten alle moͤgliche Verbrechen, die den Libe⸗ ralen Schuld gegeben wurden. Sie theilten außer der republikaniſchen Verfaſſung, die wir— ihrer Verſicherung zufolge— insgeheim angenommen haben ſollten, auch noch eine Beſchreibung der Con⸗ ſuln⸗ und Senatoruniformen mit, die in unſeren Haͤuſern angeblich aufgefunden ſein ſollten. Der Hieronymit Fray Auguſtin de Caſtro, in welchem ihr bald darauf einen der Gebieter unſerer Monarchie erblicken werdet, zaͤhlte ſehr umſtaͤndlich in einem die⸗ ſer Blaͤtter*) die Frevelthaten auf, welche die Ge⸗ fangenen zu begehen ſich vorgenommen hätten, und dieſer Schreiber von Flugſchriften, dieſer Prieſter, wagte zu erklaͤren, daß er die vertrauliche Mitthei⸗ lung unter dem Beichtſiegel erfahren habe. Endlich kehrte der Koͤnig am 14. deſſelben Mo⸗ nats in ſeine Hauptſtadt zuruͤck, und ward mitten unter ſolchem Pomp empfangen. Doch nein, der Pomp dieſes Tages war deſſelben wuͤrdiger. ue⸗ berall, wo er vorbeikam, drang Zetergeſchrei, Anru⸗ ee hieß:„ Die Schildwache von la Mancha. 6 197 fungen der unumſchraͤnkten Gewalt, Laͤſterungen ge⸗ gen die Nation und die Cortes in ſein Ohr. Sein Gemuͤth mußte wohl durch dieſe Wuͤnſche uberraſcht werden, die ein ganzes Volk zu Grunde gerichtet hatte. Gleichwohl hielten dieſe guten Leute ſich von nun an wirklich fuͤr befreit, und die ganze Einwohner⸗ maſſe umringte den koͤniglichen Wagen mit ihrem liebevollen Zuruf. Spanien liebte ſeinen Koͤnig, es trennte ſeine Perſon von alle den Unfaͤllen, die es erlitten; dies großmüthige Spanien wußte an den Namen Don Ferdinands blos die Ausſicht auf die ſchoͤnſten Hoffnungen zu knuͤpfen. um es begreiflich zu finden, wie eine ſolche Ge⸗ genrevolution zu Stande kommen konnte, muß man einerſeits die furchtbare Macht der Volksmaſſe, an⸗ drerſeits den großen Einfluß in Erwaͤgung ziehen, den der hohe und geheiligte Name des Koͤnigs auf uns ausuͤbte. Die Gegenwart des hohen Gefange⸗ nen von Valengay verkuͤndete, daß die Nationalehre, der Patriotismus, die ſpaniſche Standhaftigkeit ge⸗ ſiegt hatten; er war gleichſam eine lebendige Tro⸗ phaͤe, welche die Ergebenheit eines jeden Einzelnen und den Ruhm Aller bezeugte. Nit dieſer Art von kriegeriſchem Stolz verband ſich noch jene trunkene Hoffnung, womit man fruͤher einſt die Revolution von Aranjuez begruͤßt hatte. Man glaubte unter den Tritten dieſes Maͤrtyrers der Tyrannei Godoy's ein irdiſches Paradies aufbluͤhen zu ſehen. Die vom Throne aus ergangenen Verheißungen troͤſteten ſelbſt die waͤrmſten Freunde der Konſtitution von 1812, 198* und es fehlte nicht an gutmůthigen Seelen, denen unter der Regierung eines ſo großen und guten Fuͤr⸗ ſien jene fruheren Schutzwaͤchter der Geſetze als voͤllig überflußig erſchienen, und man dachte jezt eben ſo wenig noch an Vertheidigung derſelben, als man in einer Feſtung noch auf Gegenwehr denkt, wenn man draußen keine Feinde mehr zu fuͤrchten hat. Das Staatsoberhaupt, das jezt ſo eben aus Frankreich bei uns ankam, ſtellte ſich uns dar als die Philoſophie auf dem Throne, als das gekroͤnte Haupt der Revo⸗ lution, kurz wie ein zweiter Karl der Dritte, den die Schule der europaͤiſchen Civiliſation und die des ungluͤcks gebildet habe. Neunundzwanzigſtes Buch. Ende der Erzählung eines ſpaniſchen Soldaten. ——— Erſtes Kapitel. Ungeachtet der Taͤuſchungen und Verſprechungen, die bei Wiederherſtellung der alten Misbraͤuche zu Hilfe genommen wurden, fiel dennoch der Konſtitu⸗ tionsſtein blos unter den Streichen einiger Regimen⸗ ter, und blos unter dem Beifallrufen des Poͤbels und der Moͤnche. Mehrere Heeresabtheilungen und mehrere Staͤdte ſtraͤubten ſich offentlich dagegen; blos dem Schrecken gelang es, allmaͤhlig die Unterwer⸗ fung der Provinzen zu bewerkſtelligen. Die groͤßeren Staͤdte erlebten dieſelben Scenen wie Madrid; vier⸗ tauſend Buͤrger ſchmachteten in Kerkern. Schon herrſchte wieder die Camarilla, dieſe un⸗ ſichtbare Macht, vor welcher ſelbſt die Miniſter ſich beugen mußten. Menſchen ohne Rang und Amt verpflanzten in den koͤniglichen Palaſt alle die Leiden⸗ ſchaften, die in⸗ den Floͤſtern, alle die Wuth, die unter dem Gaſſenpobel herrſcht. Unbedeutende 200 Moͤnche, kecke Kammerdiener, ferner ein in Anſehen ſtehender Packtraͤger, welchem Rußland ſchmeichelte, gelangten nach einander zum hoͤchſten Einfluß, und gaben unſeren kuͤnftigen Geſchichtſchreibern Stoff zu Darſtellungen, die aus der roͤmiſchen Kaiſergeſchichte entlehnt zu ſein ſcheinen werden. Der Hieronymit Fray Auguſtin de Caſtro und Oſtolaza waren die erſten Lenker unſerer Staatsange⸗ legenheiten,— Oſtolaza, der den Predigtſtuhl*) beſtieg und von da herab rief:„Moͤge meine Zunge mit einem gluͤhenden Eiſen gebrandmarkt werden, wofern ich nicht mit Gewißheit ſagen kann, daß mei⸗ nen Kollegen Goldſtuͤcke dafür gezahlt wurden, daß ſie das Judenthum unter uns wieder einfuͤhren ſoll⸗ ten.“ Derſelbe Mund hatte noch kuͤrzlich erſt fuͤr die Wiederherſtellung des Großrichters von Arago⸗ nien geſprochen, derſelbe Mund hatte noch neulich geſagt:„Wie? wir ſollten nicht die Konſtitution wuͤnſchen, da wir ſie doch beſchworen haben, und da wir doch Katholiken ſind?“— Blos der Herzog von San Carlos, indem er Worte der Eintracht und des Vergeſſens oͤffentlich bekannt machte und erklaͤrte, daß niemand fuͤr die bisher gehegten politiſchen Meinungen beſtraft wer⸗ den ſollte— waͤhrend die Gefaͤngniſſe mit Verhaf⸗ teten angefuͤllt waren— bezeugte die edelmuͤthigen ——— Es war in der Capmelirerkirche am 15. Dezember 131; der Infant Don Carſos war perſonlich zugegen. 201 Abſichten des Koͤnigs und die Ohnmacht ſeines Mi⸗ niſteriums. Ich darf euch wohl nicht erſt ſagen, wie ſehr Don Iſidro es bedauerte, jene Erklaͤrung der neun⸗ undſechzig Deputirten mit unterſchrieben zu haben⸗ Er erkannte, nur leider zu ſpaͤt, die Nichtigkeit ſei⸗ ner Hoffnungen. Diejenigen, welche uns hatten zu den Staatseinrichtungen des Mittelalters zuruckfuͤh⸗ ren wollen, wurden ganz eben ſo als Feinde behan⸗ delt, wie diejenigen, die es fuͤr einen Frevel gehalten hatten, das sta sol!*) zu wiederholen und dadurch die Verfinſterung des Erdkreiſes zu verlaͤngern. Den Perſern blieb, wenn ſie nicht ganz verlaſſen und lächerlich werden wollten, blos ein einziger Weg uͤbrig, naͤmlich der, gemeinſchaftliche Sache mit der unumſchraͤnkten Herrſchergewalt zu machen, die von ihnen fruͤher ſo ganz dem allgemeinen Haſſe preisge⸗ geben worden war. Einige von ihnen haben wirk⸗ lich dieſe Laufbahn auf eine entſetzliche Weiſe durch⸗ gemacht. Fray Cayetano war einer von den Oberhaͤuptern dieſer geheimen Heerſchaar, welche alle Zugaͤnge zum Throne umlagerte, und allen Rathſchlaͤgen der Weis⸗ heit und der Billigkeit den Zutritt verwehrte. Der Erzbiſchof war dem Pater Provinzial vermoͤge des Gewichts, das ihm ſein Character und ſeine Tugen⸗ den gaben, hoͤchſt laͤſtig, und dieſer wußte es dahin zu bringen, daß ſehr bald ein Verbannungsbrief je⸗ 5 ) Sonne, ſiehe ſtil: 202 nen Verſuchen ein Ziel ſetzte, die der ehrwuͤrdige Greis noch machte, um die Erfuͤllung der koͤniglichen Verſprechungen zu bewirken. Der Despotismus ſollte indeß ſehr bald ſeine Streiche gegen alle ſeine Befoͤrderer fuͤhren. Der Monat Mai war noch nicht verfloſſen, als auch ſchon ein Dekret alle die Moͤnche, welche das Joch der Ordensregel abgeſchuͤttelt hatten, um ſich den Freu⸗ den der Welt und der Thaͤtigkeit des Feldlagers zu widmen, auf einmal wieder in den ſtrengen Kreis. des Kloſterlebens zuruͤckrief. Dieſelbe bewaffnete Macht, die ſie zur Empoͤrung gegen die Geſetze des Vaterlandes aufgeregt hatten, zwang ſie, den Ge⸗ ſetzen Madrids und Roms zu gehorchen, und ſo wurden ſie denn durch die Bajonette wieder in ihre geweihten Kerker zuruͤckgefuͤhrt. Dieſer Anblick er⸗ ſchuͤtterte die Ehrfurcht und den Glauben des Volks mehr, als es alle ihre Ausſchweifungen gethan hat⸗ ten. Fray Vicente, deſſen Geſinnungen verdaͤchtig waren, wurde bis an den Fuß der Pyrenaͤen hin in ein Kloſter verbannt, das nicht einmal ſeinem Orden angehoͤrte. Aparicio ſuchte ſich von den Feſſeln der Ordensregel frei zu erhalten; allein ſeine lange Ge⸗ fangenſchaft in Frankreich konnte ſehr leicht ſeinen Glauben geſchwaͤcht haben, und er ward daher ver⸗ haftet und ebenfalls in ein Kloſter von Navarra ver⸗ wieſen. Fortunato, der jezt ſchon ſehr mächtig ge⸗ worden war, entriß ihm Margarita, und verdammte ſie, in eben dem Kerker zu ſchmachten, in welchem ihr Bruder Eſtevan wieder ſeine fruͤheren wuͤthenden Anſichten angenommen hatte. Don Diego erfuhr es. Obwohl er eben nicht Luſt hatte, dieſer entarte⸗ ten Tochter ſeine vaͤterlichen Arme zu oͤffnen, ſo wollte er ſie doch auch nicht laͤnger der Strenge einer ſolchen Gefangenſchaft preisgeben, und indem er lieber fuͤr ſie, als fuͤr ſeinen Sohn, ein Bittgeſuch einreichte, bewirkte er endlich ſo viel, daß ſie in einem Kloſter die Fehler ihres Lebens beweinen durfte. Der gute Hidalgo hatte nicht ohne Vergnuͤgen in dem Staatsſtreich vom 4. Mai einen Hoffnungsſchimmer zur Wiederherſtellung der drei bis vier Staͤnde Alt⸗ ſpaniens erblickt; allein gleich darauf wurde der hohe Rath von Kaſtilien wieder hergeſtellt, ja Don Diego mußte ſogar erleben, daß jenes Entſcheidungsurtheil, wodurch der Obergerichtshof ſeinen vieljaͤhrigen Erb⸗ ſchaftsprozeß binnen drei Monaten geendigt hatte, wieder kaſſirt wurde, und nach der Konſtitution von 1812 zuruckblickend rief er von nun an wieder aus: „Es giebt nur ein Mittel gegen ſo vieles Unheil!““ Am 30. Mai ward ein Amneſtiedekret oͤffentlich bekannt gemacht: zehntauſend ſpaniſche Familien, welche in den Einfall der Franzoſen irgendwie ver⸗ wickelt geweſen waren, wurden dadurch in die Acht erklaͤrt und ihre Guͤter unter Sequeſtration geſtellt⸗ Die Aebtiſſin eilte ſofort nach dem koͤniglichen Schloſ⸗ ſe; ſie wollte dort eine Ausnahme zu Gunſten des alten Markis bewirken, um endlich wieder ihre Toch⸗ ter in ihre Arme ſchließen zu koͤnnen. Durch die verſchiedenen Kanale gelangte endlich ihr Bittgeſuch in die Haͤnde eben des Abenteurers, den ſie zu ſeinem 204 erſten Auftreten ſelber aufgemuntert hatte. Fortunato empfieng ſie mit jener ſpoͤttiſchen Artigkeit eines Hof⸗ manns. Er erinnerte ſie an das, woran ſie ſelber wohl ſchon gedacht hatte, er ſprach mit ihr von der Unpartheilichkeit der Geſetze, die, wie Gott ſelber, bei niemandem eine Ausnahme machen koͤnnten. Die ungluͤckliche Mutter merkte jezt wohl, daß man Gold erwarte, und ſie ſpendete daher auf der Stelle dergleichen; allein ihre Tochter blieb gleichwohl in der Verbannung. Schon trachtete der uͤbermuͤthige Kammerdiener dahin, ſeine geringe Amtsverrichtung unter den Kammerherrnrock zu verbergen. Blos ſeine Mutter war bei dem elenden Gewerbe, das ſie trieb, ſeinem Stolz noch im Wege. Dieſe ward nun ſofort von Alguacilen verhaftet und erfuhr, als ſie hieruͤber ihre ohnmaͤchtige Wuth aͤußerte, daß ihr Sohn ſie dazu verdammt habe, ihr Leben in einem Kloſter zu be⸗ ſchließen.. Maria hatte die ſchoͤnſten Pachtguͤter von den Laͤndereien des Markis dem Enriquez anvertraut. Allein Fortunato uͤbergab die Verwaltung dieſer un⸗ geheueren, jezt unter Sequeſtration geſtellten Laͤnde⸗ reien einem Gefaͤhrten ſeiner Liederlichkeit, um ſie rein auszupluͤndern, und der ungluͤckliche Matador, welchem ein benachbartes Kloſter den Zehenten fuͤr die leztverfloſſenen Jahre abforderte, ward, anſtatt von ſeinem neuen Herrn beſchuͤtzt zu werden, vielmehr fuͤr ſeine Widerſetzlichkeit dadurch beſtraft, daß man ihm ſeine Meierhoͤfe abnahm. Er irrte nun ohne 205 Brot umher, und die Fortſetzung ſeiner Geſchichte haben wir beide ſo eben mit einander von ihm ſber erfahren. Alonſo lag unterdeß noch immer in Feſſeln. Er erwartete, daß eine Kommiſſion von drei Polizeirich⸗ tern, welche beauftragt war, uͤber das Schickſal von etwa funfzig der vornehmſten Staatsgefangenen ei⸗ nen Urtheilsſpruch zu faͤllen, uͤber ſein Leben entſchei⸗ den wuͤrde. Dieſe Maͤnner ſollten die Verhafteten nach den Papieren und ſchriftlichen Beweiſen, kurz nach alle dem, was ihre Theilnahme an republikani⸗ ſchen Komplotten erweiſen wuͤrde, richten. Wie ſehr freuten ſie ſich daher, als ſie in der Wohnung von Arguelles ein dickes in Chiffern geſchriebenes Manuſcript entdeckten. Zum Ungluͤck ward dies ſchriftliche Actenſtuͤck, das einzige, was man auffin⸗ den konnte, zulezt als ein arabiſches Manuſcript er⸗ kannt, und die drei Richter, um nicht ihre Beute fahren laſſen zu muͤſſen, uͤberſchritten endlich die Grenzen, welche ihnen in dem koͤniglichen Handſchrei⸗ ben vorgeſchrieben waren, und erſtreckten ihre Un⸗ terſuchung auch auf die in der Nationalverſammlung muͤndlich geaͤußerten Meinungen. Dies hieß recht, die Cortes ſelber vor die Schranken ihres Gerichts⸗ hofes fordern; dies hieß, in den Deputirten jene unverletzlichkeit der Perſon nicht mehr anerkennen, die ihnen doch durch die Geſetze der alten wie der neuen Monarchie zugeſichert war. Doch was kehr⸗ ten ſich dieſe Richten an die Geſetze aller Zeiten? Ein und zwanzig Deputirte aus beiden Kongreſſen wurden 206 von der Gerichtskommiſſion eingeladen, jene Unver⸗ letzlichkeit der Perſon, die ſie ſelber einmuͤthig beſtaͤ⸗ tigt hatten, jezt zum Verderben ihrer Kollegen auf⸗ zuheben, und aus ihren Ruͤckerinnerungen alle die Fehler, welche ihre Miterwaͤhlten jemals begangen, ſorgfaͤltig zuſammenzuſuchen; und dieſe ein und zwanzig Deputirten, welche ſofort den Titel In for⸗ mantes*), das heißt ſo viel als Anklaͤger, erhiel⸗ ten, ſchickten ſogleich ein Verzeichniß aller der Fre⸗ velthaten ein, die auf der Volksrednerbuͤhne begangen worden waren. Dieſe Frevelthaten nun, uͤber die ſie jezt auf einmal ſo ergrimmt waren, jezt, wo ſie mit neuen Wuͤrden bedeckt, zu Praͤlatenſtellen befoͤr⸗ dert wurden, und wo ſie ihre Haͤnde noch nach neuen Gnadenbeweiſen des Koͤnigs ausſtreckten,— dieſe Frevelthaten beſtanden in nichts anderem, als in den Grundſaͤtzen, die ſie ſelber oͤffentlich ausgeſprochen, in den Geſetzen, fuͤr die ſie ſelber geſtimmt oder die ſie wohl gar vertheidigt hatten. Bisweilen trieben ſie das Vergeſſen des Vergangenen ſo weit, daß ſie z. B. es einem Feliu**) zum Verbrechen machten, daß er den Vorſchlag angefochten, die Infaͤntin Jva⸗ quine***) zur Regentſchaft zu erheben, daß er in ſeinem feurigen Republikanismus die Gallerien an *) Informante heißt jeder, der den geheimen Auftrag hat, ſich nach der Geburt, dem Leben und den Eigenſchaften einer Perſon zu erkundigen. ) Er wurde im Jahr 1921 Miniſter. **) Zeit Sönigin von Portugal. 207 dem und dem Tage beſoldet habe, um ſeine Gegner zu beſchimpfen, und doch waren gerade an dieſem Tage die Gallerieen leer geweſen, denn man hatte bei verſchloſſenen Thuͤren berathſchlagt— und zwar eben auf den beſonderen Vorſchlag Feliu's. Ein andermal gab man das uͤber den Erzbiſchof von Orenſe verhaͤngte Prozeßverfahren einem Arguelles, Oliveros und Golfin Schuld, die doch gerade dagegen ge⸗ ſprochen, ferner einem Larrazabal, der damals noch gar nicht Sitz und Stimme gehabt hatte, waͤhrend doch gerade Ros und Eguia diejenigen waren, welche dies Prozeßverfahren mit betrieben hatten. Ja ſie klagten nicht blos diejenigen Deputirten an, die in Feſſeln gelegt waren, ſondern ſie gaben ſich ſelber unter einander bei der Throngewalt als Verbrecher an. Oſtolaza brachte in Erinnerung, daß Joaquin Perez durch ſeine Zuſtimmung die Nationalſouveraͤne⸗ taͤt beſtaͤtigt, Calderon dagegen, daß der Markis von Mataflorida dafur geſtimmt habe, den Koͤnig zur Ve⸗ ſchwoͤrung der Verfaſſungsurkunde zu verpflichten, bevor er irgend einen Act der koͤniglichen Gewalt aus⸗ ubte. Vergebens bemuͤhten ſich die drei Richter, auf dieſen zuſammengebrachten Haufen von Erbaͤrm⸗ lichkeiten ein vollſtaͤndiges Verdammungsurtheil zu gruͤnden, endlich ſtellten ſie als Hauptanklagepunkte die meiſten unſerer Dekrete auf, die ſie als Eingriffe in die Rechte der koͤniglichen Majeſtaͤt betrachteten, und zwar ſchon von demjenigen Dekrete an, welches die Entſagungen von Bayonne fuͤr null 208 aind nichtig erklaͤrt hatte*). Die ſchrift⸗ lichen Abfaſſer dieſer gerichtlichen Anzeigen ſollten nun in eigener Perſon zugleich auch den Richterſpruch dar⸗ uͤber faͤllen, und ſie ſchauderten vor ihrem eigenen Werke zuruͤck. Sie begnuͤgten ſich daher damit, dem koͤniglichen Willen dadurch zu widerſtreben, daß ſie den Prozeßgang in eine ewige Laͤnge dehnten⸗ Umſonſt ſchrieb der Monarch zu wiederholtenmalen dringende Briefe an ſie, daß ſie doch endlich der lan⸗ gen Erwartung ein Ende machen moͤchten; er ſah ſich endlich genoͤthigt, die ganze Prozeßſache dem Saale der Kronalcalden**) zu uͤbergeben. Hier hatte ein Perſer den Vorſitz, und dennoch wurden ſie alle freigeſprochen. Allein was kuͤmmerte dies einen Hof von unumſchraͤnkter Herrſchergewalt? Die Verfolger verloren deshalb nicht den Muth; ſondern es wurde ſofort eine neue Gerichtskommiſſion niedergeſetzt, die ihrem furchtbaren Ausſpruch das Leben und die Habe eines jeden unterwarf, die ihren ſtrafenden Arm von den Kuͤſten, an welchen die ſpa⸗ niſche Freiheit geboren worden, bis an den Fuß der Pyrenaͤen hin ausſtreckte, die ohne zu ſehn, ohne Verhoͤr, ohne Anklage richtete, die je nach dem Be⸗ duͤrfniß ihrer Mitglieder jeden zu faſſen wußte, die ———— ) S. den zwölften Anktagepunkt, entnommen aus den Inkormes(d. 5. Berichterſtattungen der einundzwantig Depu⸗ tisten) Nro. 10. 14. 18. 19. 20. *) S. V. I. S. 67. Anmerkung. 209 den Namen einer chambre ardente*), womie euer Moniteur ſie bezeichnete, vollkommen verdiente, und die der Herrſchaft der Moͤnche und des Poͤbels noch mehr Aehnlichkeit mit den Zeiten eurer Anarchie verlieh; freigebig an Sequeſtrationen, Einkerkerun⸗ gen und Galeerenſtrafen, ſchien ſie blos das Leben ihrer Schlachtopfer ſchonen zu wollen. Und warum? weil doch eine hohe Hand zuvor das Todesurtheil unterzeichnen muß„ Aber fuͤrchtete man denn etwa, daß dieſe hohe Hand nicht mehr ſchreiben koͤnne? n Alles, was nur irgend der konſtitutionellen Re⸗ gierung gedient hatte, ward zu Boden geſchmettert. Die ganze Welt ward mit unſeren fluͤchtig geworde⸗ nen Mitbuͤrgern erfuͤllt; diejenigen, welche gegen Napoleon gefochten, die, welche ihm beigeſtanden, die Maͤnner des Joſephiniſchen Hofes und die Maͤn⸗ ner von Cadix, die bisher durch eine unuͤberſteigliche Scheidewand getrennt geweſen, begegneten ſich als Beraubte und Verbannte an den Kuͤſten fremder Länder. Die hoͤchſte Verworfenheit trieb ihr Weſen auf Rechnung des Fanatismus. Allmaͤhlich brachte man wieder die Folter, die Jeſuiten, die Inquiſition, kurz alles das zu Ehren, was ſeit hundert Jahren von der allgemeinen Stimme des menſchlichen Ge⸗ *) Anſpielung auf einen Gerichtshof, der in älterer Zeit in Frankreich beſtand, und blos für hohe Staatsverbrecher be⸗ ſimmt war. Die Sizungen deſſelben wurden in einem ſchwarz ausgeſchtagenen, blos von Wachskerzen erleuchteten Zimmer gehalten.. V. 14 210 ſchlechts einmuͤthig verwuͤnſcht wird; Amerita brach ſofort das Joch, das ihm von nun an zu druͤckend wurde, und in dem großen Koͤrper der kaſtilianiſchen Monarchie ſtockte alles Leben. Europa, das uns unlaͤngſt noch bewunderte und ſich um unſer Buͤnd⸗ niß bewarb, Europa hatte Mitleid mit unſerem Ungluͤck, und ſeine Geſandten und Feldherrn kamen und verwendeten ſich zu Gunſten des ſpaniſchen Vol⸗ kes, ohne indeß etwas fuͤr daſſelbe auszurichten. Bei uns ſchien durchaus die verkehrte Welt zu herr⸗ ſchen. Die Diener eines Friedensgottes drangen mitten in den Kirchen auf Meuchelmord, Lakeien und Wuͤſtlinge ſchritten an der Spitze einer Parthei ein⸗ her, die ſich fuͤr ariſtokratiſch und religios ausgab, ja, dieſe ganze Scene des Skandals uͤberbietend, verklagt ein Vater, ohne gehoͤrt zu werden, bei den Koͤnigen Europens ſeinen Sohn, der ihm ungerechter Weiſe die Krone und den Thron geraubt, waͤhrend er ſelber im fremden Lande faſt Hungers zu ſterben gezwungen ſei. Das Jahr 1814 gieng zu Ende. Viertauſend Offiziere, die ſo eben aus der franzoͤſiſchen Gefan⸗ genſchaft heimgekehrt waren, hatten neue Anſichten von da mitgebracht und wurden, weil man gegen ſie Argwohn faßte, verfolgt. Andaluſien, Madrid und andere Gegenden des Reichs wurden durch Aufruhr⸗ ſcenen mit Blut befleckt, auf den Blutgeruͤſten zu Cadir waren bereits acht Maͤrtyrer fuͤr die Konſtitu⸗ tion als Opfer gefallen, und ein dumpfer Unwille ward uͤberall laut. Die konigliche Regierung ſchau⸗ Zit derte vor den Ungewittern zuruͤck, die ſie ſelber her⸗ beigerufen und veranlaßt hatte, und ſprach, wie ge⸗ woͤhnlich, wieder von Zuſammenberufung der Cortes, — dies war das Zauberwort, wodurch man amtlich alle zwei Monate die jedesmaligen Verlegenheiten und Gefahren zu heben ſuchte. Dann aber, wenn durch dieſen truͤgeriſchen Talisman alle Hinderniſſe beſeitigt worden waren und die Unzufriedenen ihre Waffen niedergelegt hatten, dann ſchlug die hoͤchſte Gewalt jedesmal den gewohnten Weg wieder ein. Diesmal indeß faßte ich wieder einige Hoffnung. Der Koͤnig begab ſich naͤmlich in Perſon zu Macanaz, dem Mi⸗ niſter der Gnade und der Juſtiz, und verhaftete den⸗ ſelben in ſeiner Wohnung. Escoiquiz ward aus der Naͤhe ſeines koͤniglichen Zoͤglings verbannt, und ihm wurde Saragoſſa zum Aufenthaltsort angewieſen. Don Pedro Cevallos ward erſter Miniſter. Dieſer, der auf eine ſeltſame Weiſe in alle Wechſel unſerer Revolution verwickelt geweſen war, konnte weder leidenſchaftliche Abneigungen noch Zuneigungen in die Verwaltung der Geſchaͤfte mit hinein bringen. Auch ſprach er wirklich den Wunſch aus, die bluten⸗ den Wunden Spaniens heilen zu wollen; Spanien athmete wieder froh auf, und das Vertrauen kehrte in die Gemuͤther zuruͤck. Man machte ſich darauf gefaßt, jene große Menge von Gefangenen, die kaum noch in den Zuchthaͤuſern, dem Inquiſitionsgebaͤude, den Kloͤſtern und den feſten Schloͤſſern mehr Platz hat⸗ ten, wieder ans Tageslicht hervortreten zu ſehen. Ver⸗ gebliche Hoffnung! Die Verfolgung gieng auf ihrem 14* 212 gewohnten Wege fort, und ich ſah mich abermals von der Puerta del Sol durch das Geſchrei der Blinden verbannt, die immerfort noch die Frevelthaten Alon⸗ ſo's und ſeiner Nitſchuldigen oͤffentlich ausriefen. Die wilden Gelage des Poͤbels, die rohen Geſaͤnge, die Auto da ſe⸗Bilder, die wuͤthenden Predigten dauerten noch immer fort; die Staatskommiſſion ſchien von einem neuen Eifer beſeelt zu ſein; Liberale, Perſer, Abſolutiſten, jeder zitterte; die Throngewalt glich einem berauſchten Menſchen, der auf alles, was ihm zufaͤllig in den Weg kommt, losſchlaͤgt. Selbſt die Oberhaͤupter des Miniſteriums, ſo wie die der Camarilla, alle, nachdem ſie in allen Fa⸗ milien Leid und Trauer verbreitet, den Staats ſchatz vergeudet, und Spanien durch die anſtoͤßige Aus⸗ uͤbung ihrer Macht tief gekraͤnkt hatten, ſanken von den Stufen des Throns herab in die Verbannung. Die ſpaniſche Halbinſel war wieder eine orientaliſche Provinz geworden. Der uͤbermuͤthige Fortunato gelangte taͤglich zu hoͤherem Einfluß. Alle koͤniglichen Gnadenbezeigun⸗ gen giengen durch ſeine Haͤnde. Er unterhandelte mit den Haͤuptern des kaſtilianiſchen Adels, als ob er ihres gleichen waͤre, und ſie, die durch die konſti⸗ tutionelle Gleichheit ſich empoͤrt gefuhlt hatten, welche doch fuͤr die Namen und das Daſein der Granden nichts beunruhigendes hatte, waren jezt genoͤthigt, ſich vor einem unedelbuͤrtigen Menſchen von Einfluß zu beugen. 213 Fray Cayetano hatte auf dieſen untergeordneten Raͤnkemacher, auf ſeinen Verſtand und auf ſeine Keck⸗ heit gerechnet, um an ihm ein folgſames Werkzeug zu haben; jezt indeß uͤbertraf der Erfolg alle ſeine Erwartung. Er ließ nunmehr gar zu ſehr die Er⸗ innerung an die Dankbarkeit durchblicken, die jener ihm ſchuldig ſei. Eines Morgens ließ Fortunato ihn zu ſich rufen, und ſagte zu ihm:„Mein hoch⸗ wuͤrdiger Pater, ich habe fuͤr eure Vaͤterlichkeit noch nicht alles das gethan, was mir meine Pflicht und mein Herz befiehlt. Sprecht! was wuͤnſchet ihr euch? ich gebe euch zwei Tage Bedenkzeit““ Fray Cayetano dachte an reiche Pfruͤnden, an das Erzbis⸗ thum von Toledo, an das Miniſterium, an die Stelle eines Beichtvaters beim Koͤnige. Unter dieſen ſuͤßen Traͤumen gelangt er bis an ſeine Hausthuͤr; dort findet er Wache, die ihn nach dem Staatsgefaͤngniß abfuͤhrt. Wofern man dem Geruͤcht Glauben bei⸗ meſſen darf, mußte er, bevor er dahin gelangte, zu⸗ vor die Folterprobe uͤberſtehen, und ſein Schuͤler war dabei, um ſeine Blicke an dieſem Schauſpiel zu wei⸗ den, und den Schmerzen des Pater Provinzial ſein ewiges Laͤcheln entgegenzuſtellen. Die Hoffnung, die Blitzſtrahlen der Camarilla von Alonſo's Haupte abzulenken, hatte mich noch in der Ritte dieſer betruͤbenden Scenen zuruckgehalten; die Markiſin bat mich naͤmlich in ihren Briefen, daß ich doch auf dieſem Poſten, gleichſam wie auf einem Poſten der Freundſchaft, verbleiben moͤchte. Wenn ich fuͤr mein Theil bis jezt noch nicht in Feſſeln ge⸗ legt worben war, ſo verdankte ich dieſe Gnade der Camarilla blos den lebhaften Beweiſen, die ich ihr von meiner treuen Anhaͤnglichkeit gegeben hatte. Wundert euch daruͤber nicht! Man fragte wenig nach meiner Tugend; ſondern Fortunato fand es blos angenehm, einen Bittſteller von vornehmen Range in ſeiner Naͤhe zu behalten. Meine treue Ergebenheit war indeß fruchtlos. Eben ſo wenig gluͤckten dem Koͤnige ſeine Bemuͤhun⸗ gen, die Staatskommiſſion zu einem endlichen Ab⸗ ſchluß dieſes Prozeßverfahrens zu vermoͤgen, waͤh⸗ rend welchem mehr als ein Deputirter im Kerker ſtarb. Die Kommiſſare ſcheuten ſich nicht, dem koͤ⸗ niglichen Willen ungehorſam zu ſein. Die Parthei, deren Vertreter ſie ſind, erhebt ihr keckes Haupt wohl ſelbſt bis uͤber den Thron. Nicht mehr blos die Liberalen ſind es, die man von nun an anklagt, ſondern in ihrer furchtbaren Unpartheilichkeit erklaͤ⸗ rren ſie, daß nicht blos die hundert achtzig Deputir⸗ ten ſich des Eingriffs in die Rechte des Thrones ſchuldig gemacht haͤtten, ſondern auch alle beide Kongreſſe und die vierhundert und vierzig Buͤrger, die darin Sitz und Stimme gehabt. Don Diego wunderte ſich nicht wenig, als auch er ſeinem Don Eſtevan in den Kerker folgen mußte. Um dieſelbe Zeit erfuhr ich, daß ein neuer Richter an dieſem furchtbaren Gerichtshofe Sitz und Stimme erhalten habe. Jaime, obwohl er Procurador*) *) Vergl. Band IV. Seite 123. 215 bei den geſetzgebenden Cortes geweſen, war gleich⸗ wohl jezt an die Stelle eines der Mitglieder der Kom⸗ miſſion getreten, die nun eben denſelben Streichen der hoͤchſten Gewalt unterlagen, die ſie ſo oft fruͤher gehandhabt hatten; ſeine Gewaltthaͤtigkeiten hatten ihm das Zutrauen der Parthei verſchafft. Beide Partheien, nachdem ſie lange Zeit hindurch dieſelben Grundſaͤtze, einen ſchwachen Character, eine engher⸗ zige Geſinnung an den Tag gelegt hatten, brachten es vermittelſt einiger Hofgunſt dahin, daß ſie die Rolle der Verfolgten dadurch vermieden, indem ſie die Rolle der Verfolger uͤbernahmen. Der Comthur hatte kaum ſeine Amtsverrichtun⸗ gen begonnen, als ich auch ſchon von ihm bedroht wurde. Ich mußte eiligſt den Hof verlaſſen, und insgeheim meinen Weg nach Frankreich nehmen. Schon auf der erſten Poſtſtation traf ich die Markiſin. Sie war ganz ſchwarz gekleidet, und erzaͤhlte mir unter vielen Thraͤnen die lezten Scenen aus dem Le⸗ ben des Markis. Dieſer edle Greis hatte alle Schickſalsproben ſeines Lebens gluͤcklich uͤberſtanden; nur die Ungnade des Koͤnigs hatte er nicht zu ͤber⸗ leben vermocht. Maria eilte zu ihrer Mutter, die ſie freudig em⸗ pfieng, ferner zu Donna Leonor, die in ihr abermals eine Tochter wiedererhalten zu haben glaubte. So⸗ dann eilte ſie nach dem koniglichen Palaſte. Dort empfieng ſie Fortunato, dieſer Menſch, welcher die Ausdrucksweiſe unſerer Furſten nachaͤffend, im Scherz die hohe Wittwe von Stande zu duzen wagte. 216 Sie wies indeß ſeine unverſchaͤmten Vertraulichkeiten zuruͤck, und bat ihn blos um die Gnade, ihren Bru⸗ der ſehen zu duͤrfen.—„Morgen!“ erwiedert er ihr;„morgen!— gur feſtgeſetzten Stunde begab ſie ſich nach dem Gefaͤngniſſe. Die Menge von Manolas, von Blinden und Bettlern, deren Wuth jeden vornehmen Ungluͤcklichen angreift, knuͤpft ſofort, als man ſie in die duͤſtre Behauſung eindringen ſieht, an ihren Namen eben dieſelben Ver⸗ wuͤnſchungen, die ſie ſeit zwanzig Monaten unermuͤ⸗ det gegen die Retter des Vaterlands ausſtießen. Sie, die dem Tode auf dem Schlachtfelde beim Ruf: es lebe der Koͤnig! getrotzt hatte, beugt jezt ihr Haupt bei dieſen Verwuͤnſchungen und erreicht zitternd die verhaͤngnißvolle Dhuͤr. Sie fragt nach Alonſo; man antwortet ihr mit einem bloßen Laͤcheln; er war noch in derſelben Nacht nach den Galeeren ſchafft worden. Der Koͤnig, der ewigen Vnögehnnin muͤde, hatte bereits in der Mitte Decembers*) der Kom⸗ miſſion befohlen, ihm auf der Stelle ihren Bericht einzureichen. Mina, der Graf von Torenö, Florez Eſtrada, wurden nun zum Tode verdammt; Argu⸗ elles und Martinez de la Roſa, Maͤnner, welche das Staatsruder gefuͤhrt und mit Europa unterhandelt hatten, mußten ihre edeln Haͤnde mit Verbrecherfeſ⸗ ſeln belaſtet ſehen, und nahmen in den Aufenthalt der Schande blos ihr Genie und ihre Tugend mit. ) Des Jahres 1610. 247 Die Kommiſſare hatten dieſe großen Buͤrger nicht eher als nach einigen Jahren der Verhaftung oder der Verbannung zu verurtheilen gewagt; im koͤnig⸗ lichen Schloſſe wagte man indeß mehr. Die Staats⸗ gefaͤngniſſe von Ceuta und Penon deVelez wunderten ſich, als ſie die Spanier, welche ihrem Vaterlande Civiliſativn und Freiheit zu verſchaffen geſucht hat⸗ ten, in ſchimpflichen Feſſeln an den Ufern einher⸗ ſchreiten ſahen, von wo aus einſt die Saracenen, um uns zu unterjochen, ausgegangen waren. Als die ungluͤckliche Maria erfuhr, welches ſchreckliche Verhaͤngniß ſie von ihrem Jugeüdgefaͤhr⸗ ten trennte, faßte ſie ploͤtzlich wieder Muth. In manchen Streichen, die von der Gewalt ausgehen, liegt etwas ermuthigendes. Ihre Gedanken wurden durch den feierlichen Geſang, der aus einer benach⸗ barten Kirche heruͤber ſcholl, zum Throne deſſen hin⸗ gelenkt, welcher abwechſelnd uns Leiden und Troͤ⸗ ſtungen zuſendet, und der, ſo oft er das Verbrechen zulaͤßt, auch ſchon die hinterdrein folgende Strafe ankuͤndigt. Man hatte in Hinſicht der Fortſchaf⸗ fung der Staatsgefangenen das Tageslicht und die Erbitterung der Puerta del Sol gefuͤrchtet. Die Narkiſin fluͤchtete ſich nun aus den Schmaͤhungen dieſes wahnſinnigen Haufens, der von der naͤchtli⸗ chen Abfuͤhrung der Verhafteten noch nichts wußte, und eilte in die naheliegende Kirche. Hier weinte ſie, und ihre Thraͤnen, die hier gleichſam in Gottes Gegenwart floſſen⸗ waren minder bitter. Noch weinte ſie, da erhob ſich die Stimme des Redners 218 von der Kanzel. Ihr Gemuͤth horchte auf; fie glaubte nun Worte des Friedens und des Troſtes zu vernehmen. Allein der geweihte Sprecher unterhielt ſie blos von den Komplotten, die das Leben und den Thron des geliebten Don Ferdinand bedrohten. Maria wurde dadurch von ihrer Betruͤbniß abgelenkt, und hoͤrte mit Schrecken und Entſetzen zu. Sie vernahm hier, daß die Boͤſewichter, die ſich zu Er⸗ mordung des geliebteſten Koͤnigs verſchworen, bereits in Feſſeln gelegt worden waͤren, und daß ſie von da aus nun ihre heilloſen Anſchlaͤge anzettelten. Unter der Zahl dieſer Koͤnigsmoͤrder wurde auch Alonſo genannt„ Die ungluͤckliche Maria ſinkt ſofort auf die Kniee nieder, ihr Schluchzen ſtoͤrt die ganze Verſammlung, man eilt ihr zu Hilfe, ihr Schleier luͤftet ſich, und der Prediger erkennt unter demſelben die Heldin von Saragoſſa. Don Mathias war es, der fuͤr ſeine langen Verirrungen dadurch Gnade zu erlangen verſuchte, daß er die Worte wiederholte, die ein damals beruͤhmter Ordensgeiſtlicher oͤffentlich zu aͤußern dreiſt genug war. Beim Anblick ſeiner Wohlthaͤterin eilte der Doctor beſchaͤmt von dannen, und bald darauf wurde er nun ebenfalls in ein Klo⸗ ſter Navarra's eingeſperrt. Die Markiſin, die ſich jezt von Alonſo durch Meere, durch Ketten und Verpflichtungen getrennt ſah, widmete ſich nun ganz dem Geſchaͤft, das Alter derjenigen zu erheitern, die ſo eben den Namen ihrer Mutter angenommen, und zugleich die Verzweiflung derjenigen zu mildern, die dieſen Namen verloren 219 hatte. Donna Leonor gieng mit ihrer Betruͤbniß in ein Kloſter, um der theuern Perſon deſto naͤher zu ſein, die allein ſie zu troͤſten vermochte; obwohl die Markiſin ſie nicht ſowohl troͤſtete, als vielmehr mit ihr weinte. Der Aebtiſſin, deren Koͤrperkraͤfte unter der Laſt des langen Grams endlich erlagen, ſchien es nicht beſtimmt zu ſein, ihres Glucks lange zu ge⸗ nießen. Sie zehrte ſich in den Armen ihrer Tochter ein ganzes Jahr hindurch langſam ab, indem ſie ſich beſtaͤndig dem Rande des Grabes nahe fuͤhlte, und dabei gleichwohl, je mehr die in ihr gluͤhende Flamme allmaͤhlig erloſch, ſich durch eine engere Anhaͤnglich⸗ keit an das Leben geknuͤpft fuͤhlte. Maria, rings von Drauerſcenen umgeben, wen⸗ dete hoffnungsvoll ihre Blicke nach jenem Amerika hin, wohin ihre Gedanken einſt traurig ihrem Alonſo nachgefolgt waren. Man erfuhr, daß aus Braſilien zwei Prinzeſſinnen des Hauſes Braganza nach dem europaͤiſchen Feſtlande abgehen wuͤrden, um ſich mit Don Ferdinand und mit Don Carlos, dem aͤlteren der beiden juͤngeren Bruͤder deſſelben, zu vermaͤhlen⸗ Spanien hoffte, daß von jenen fernen Kuͤſten nicht blos die Schoͤnheit, welche dem Auge wohlgefaͤllt, ſondern auch die Gnade, die da troͤſtet, zu uns kom⸗ men wuͤrde. Die Schoͤnheit kam nun wohl; aber die Gnade kam nicht mit. Donna Iſabel und Donna Luiza brachten— und zwar die erſtere auf den Thron, auf welchem ſie nur einen Moment glaͤnzte, die andere dagegen auf die Stufen des Thrones, die ſie noch jezt ſchmuͤckt— alle Reize ihres Geſchlechts 220 und ihres Jugendalters mit. Die Koͤnigin beſaß eben ſo viele Tugenden als Reize, und eben ſo viel Herzensguͤte als Tugenden—; indeß in unſeren Schickſalen vermochte ſie nichts zu aͤndern. Zweites Kapitel. Unterdeß wohnte ich in der Hauptſtadt der civili⸗ ſirten Welt. Sehr froh daruͤber, daß ich nicht mehr vor meinen Blicken das Elend meines Vaterlandes ſehen durfte, und noch froher daruͤber, daß ich Al⸗ bouza wiedergefunden, wunderte ich mich, wie ſehr ſie durch die ſteigenden Jahre und beſonders durch die ſanfte Schwermuth, die in ihrem Auge und in ihrem Laͤcheln wohnte, ſchoͤn geworden war. Die Herrlichkeiten, die Schauſpiele, die zahlloſen Ver⸗ gnuͤgungen des fremden Landes, nichts hatte fuͤr ihr edles Gemuͤth den mindeſten Reiz; es war ja doch nicht ihr Vaterland. Dabei ließ man mich merken, daß auch ich in ihrer Sehnſucht eine Stelle eingenom⸗ men hatte. Ich hoͤrte daher auf, gegen die Gewalt anzukaͤmpfen, die ſie nun ſchon ſeit laͤngerer Zeit uͤber mich ausuͤbte, und meines hohen Ranges ſo wie al⸗ les andern uͤberdruͤßig, beſchloß ich, einem ungereim⸗ ten Vorurtheile Trotz zu bieten. Matea widerſtrebte zwar meinen Wuͤnſchen nicht weiter, allein ſie legte mir die furchtbare veoinomno auf daß ich fuͤr ſie 221 die Erlaubniß zur Ruckkehr ins Vaterland bewirken ſolle. Ich kehrte daher ſofort nach Spanien zuruͤck. Bei meiner Abreiſe aus eurem ſo glucklichen, ſo freien, ſo bevoͤlkerten, ſo reichen Frankreich, das mir ganz wie zu einem Feſte geſchmuͤckt zu ſein ſchien, glaubte ich aus einem hochzeitlichen Feſtſaale in die Diefe eines Grabes zu treten⸗ Alles war voll Elend, blos den koͤniglichen Palaſt ausgenommen⸗ wo die Staatseinkuͤnfte verſchwendet wurden. Die Pro⸗ vinzen, von welchen der Fiscus Gold forderte, hat⸗ ten ihm blos Getreide anzubieten; dies war das ein⸗ zige Mittel, die Steuern zu bezahlen. Der Herr der ſpaniſchen Monarchie beſaß weder einen Schatz, noch Flotten, noch Kriegsheere; die beſtändigen Miniſterwechſel, die Verbannungen, die Beſchlag⸗ nahmen bezeugten hinlaͤnglich das Ungemach der Na⸗ tion, ohne deshalb den Geldmangel der Krone zu mindern. Der Soldat, der weder Brot noch Klei⸗ dung hatte, begann wieder ſeine alte Weiſe, naͤmlich auf Straßen und Wegen zu betteln. Ugarte, der Lenker unſeres Staatsruders, ſuchte vergebens unſer Spanien als das Vaterland eines Ferdinand Cortez darzuſtellen, indem er dem Vaterlande Peters des Großen eine Flotte darlieh, waͤhrend wir ſelber un⸗ ſere eigenen Kuͤſten nicht gegen die Korſaren unſerer abtruͤnnig gewordenen Kolonieen zu ſchutzen vermoch⸗ ten. Spanien war wieder zu eben der Stufe von Ohnmacht herabgeſunken, auf welcher es ſich unter der Regierung Karls des Vierten befunden hattei 222 Godoy's Zeiten kehrten bei uns wieder. Doch, was ſage ich;— Seine Regierung war mehr anſtoͤßig als druͤckend, mehr zu Grunde richtend als furcht⸗ bar; unter ihm konnte Philoſophie, Wiſſenſchaft und Kunſt ungehindert betrieben werden. Der neue Despotismus dagegen verabſcheut die menſchliche Vernunft, er ſucht gegen alle edlere Charactere, gegen alle ausgezeichnetere Koͤpfe des Reichs ſeine Streiche zu fuͤhren; finſter und fanatiſch, fuͤhrt er wieder den unerbittlichen Druck Philipps des Zweiten zu uns zuruͤck. Wir muͤſſen dabei blos noch oben⸗ drein als Zugabe die Launen einer getheilten und ei⸗ genſinnigen Herrſchergewalt, die Geldverſchwen⸗ dung habſuͤchtiger Diener des Throns, endlich die ſchrecklichſte Tyrannei von allen, naͤmlich die einer triumphirenden Parthei hinnehmen. Vormals un⸗ ter jenem hatten wir wenigſtens noch den Anblick gro⸗ ßer Unternehmungen, den Glanz kriegeriſchen Ruh⸗ mes, und hohe Achtung fuͤr die Rechte des Landes, und die eintraͤglichen Einkuͤnfte unſerer uͤberſeeiſchen Beſitzungen. Spanien erwachte unterdeß allmaͤhlig aus ſeiner dumpfen Erſtarrung, und ſuchte die wenigen Lebens⸗ regungen, die ihm noch geblieben, zu ſchuͤtzen. Ge⸗ heime Geſellſchaften, die ſich ͤber das ganze Reich verzweigten, ſuchten dem Bunde der Moͤnchsparthei eine unerwartete Schranke zu ſetzen. Hier begegne⸗ ten ſich alle Maͤnner der hoͤhern Staͤnde, von denen an, welche ihre Ruhe in der Stille der Zuruͤckgezo⸗ genheit zu finden hofften, bis zu denen, welche die 223 Sicherheit in der Ausuͤbung der hochſten Gewalt ſuch⸗ ten. Gegenwaͤrtig, wo Europa es bereits durch unzweifelhafte Berichte erfahren hat, kann ich euch ſagen, daß die Morillo, Balleſteros, Abisbal, Gra⸗ fen von Montijo, Maͤnner, die großentheils im Mit⸗ telpunkte der Macht und der Groͤße ſtanden, in die⸗ ſe weitgreifende Verbindung aufgenommen worden waren. Lascy, der traurige Nachahmer Porlier's, unterlag gleich ihm. Um die Vollſtreckung des Ur⸗ cheils moͤglich zu machen, mußte man zu Barcelona ausſprengen, daß dieſer beruͤhmte Feldherr nicht durch Henkershand ſterben, ſondern blos nach den Balearen verbannt werden wuͤrde. Er ward auch wirklich dahin verbannt; allein kaum war er an das Land geſtiegen, als man ihm auch ſchon die Augen verband, und ihn erſchoß. Auch nicht ein Tag verfloß waͤhrend dieſer ſechs Jahre, an welchem nicht die Empoͤrung verſucht haͤtte, der unumſchraͤnkten Gewalt der Krone ihre traurige Macht ſtreitig zu machen. Furchtbare Rotten durchſtreiften im Namen der abgeſchafften Konſtitution die Provinzen; der Aufſtand des geſamm⸗ ten Amerika's, die Verheißung einer bevorſtehenden Zuſammenberufung der Cortes, die taͤglich wieder⸗ holt wurde, um die allgemeine Erbitterung der Na⸗ tion zu beſäͤnftigen, endlich die Trauer im Innern des Landes und die Verachtung des Auslands prote⸗ ſtirten fortwaͤhrend gegen den Umſturz der Verfaſ⸗ ſung. Ja es eiſtirke außerdem noch eine Proteſta⸗ 203 tion anderer Art, die in den Augen der Nachwelt nicht als die unbedeutendſte erſcheinen wird, naͤmlich 1 . fortwaͤhrende Proteſtation der Blutgeruͤſte. Madrid, Pamplona, Corunna, Valencia, vor allen aber Valencia, ſahen unaufhoͤrlich auf ihren Straßen und Plätzen Verbrecher zum Tode ſchlei⸗ fen; die Verſchwoͤrungen keimten unaufhoͤrlich wie⸗ der empor; der General, der die Hinrichtung der Schuldigen vollziehen ließ, war meiſtentheils mit ih⸗ nen in daſſelbe Verbrechen verwickelt geweſen; der Thron ruhte auf einem Vulkan. Der ungluͤckliche Ferdinand, obwohl Bourbon und Koͤnig, war durch ein Heer geweihter Janitſcha⸗ ren von ſeinem Volke getrennt, das ſeine Haͤnde fle⸗ hend nach ihm ausſtreckte. Er lebte ſo wie wir al⸗ le, unter der Herrſchaft einer wahrhaft aſiatiſchen Regierung; vor ſeinen Augen ſchien ein Schleier aus⸗ geſpannt zu ſein, der ſein in Blut und Thraͤnen ſchwimmendes Reich ſeinem Blick entzog. Sein Mund hätte ſich doch nur oͤffnen ſollen, um Worte des Troſtes und der Gnade auszuſprechen, allein Spanien vernahm von ihm blos unerbittliche Rich⸗ terſpruͤche; ſeine Hand häͤtte ſich doch blos nach den vollgefuͤllten Gefängniſſen ausſtrecken ſollen, um die Laſt der Feſſeln dort zu erleichtern oder abzunehmen, allein Spanien erblickte blos einen eiſernen Arm, der ſich ein grauſames Spiel daraus machte, ſie noch druͤckender zu machen. 225 Ach,*) wenn wir uns uͤber die Perſon des Ko⸗ nigs ſelber zu beklagen gehabt haͤtten, wenn wir haͤtten glauben koͤnnen, daß es ſeine Hand waͤre, die uns ſchlug, ſo wuͤrden wir dieſelbe in ſchweigender Ergebung gekuͤßt haben; denn wir waren ja daran gewoͤhnt, uns fuͤr das Vaterland aufzuopfern, und wir wußten, daß das allgemeine Wohl es erfordert, fuͤr die geheiligte Perſon des Monarchen eine tiefe Ehrerbietung zu hegen⸗ Indeß, ſtatt daß Spanien je ſolche Beſchwerden füͤhren koͤnnte, iſt es uns viel⸗ mehr ſehr angenehm, von unſerer ewigen Dankbar⸗ keit gegen einen Fuͤrſten reden zu koͤnnen, deſſen Weisheit und Feſtigkeit allein im Stande war, die⸗ ſer Flut von Unheil einen angemeſſenen Damm ent⸗ gegen zu ſtellen. In jenen Tagen der Verblendung verdankten die Gefangenen ihm allein die Erhaltung ihrer Exiſtenz, die taͤglich von der Wuth des Volks und der Moͤnche bedroht wurde. Alle Ungerechtig⸗ keiten jener traurigen Zeitperiode ſind einzig und al⸗ lein den boͤsartigen und truͤgeriſchen Rathgebern des Konigs beizumeſſen; dagegen dem Koͤnige, und ſei⸗ nen väterlichen Tugenden iſt alle das Unheil, wel⸗ ches nicht veruͤbt worden, alle das Gute, das er hat thun wollen, zuzuſchreiben.“— *) Der ganze folgende Abſatz ſindet ſich wörtlich in einer Schrift wieder, die unter der konſtitutionellen Regierung im J. 1520 von acht Deputirten, welche früher Opfer der Reaction gewe⸗ ſen, herausgegeben worden iſt. Mehrere vou den Verfaſſern dieſer Schrift ſigurirten unter den Craltados. S. La rer prelentacion de l08 deputados perlos, Madrid⸗ 1820. Vorrede, Seite 9 Sn V. 15 Durch dieſe großmuͤthige Sprache uͤberraſcht, konnte ich mich nicht enthalten, Don Carlos zu un⸗ terbrechen. So ſprachen alſo Maͤnner, die der Des⸗ potismus von Kerker zu Kerker, von einer Beſchim⸗ pfung zur andern geſchleppt hatte? Alſo blos ſol⸗ chen Groll hegten ſie, blos auf ſolche Rache ſannen ſie in den Tagen des gluͤcklichen Erfolgs, wo das Gluͤck ihnen die Macht und das Leben ihrer Verfolger in die Haͤnde lieferte? Edle Buͤrger eures Staates, wenn Europa euch zu derſelben Zeit mit verhaßten Namen brandmarkte, ſo geſchah es wohl nur darum, weil es euch gar nicht kannte. Wehe dem, der mit euch von eurem erlittenen Ungluͤck geſprochen und eure edelmuͤthige Sprache vernommen hat, ohne daß eine tiefe Ruͤhrung ihm ſuͤße und edle Thraͤnen ins Auge lockte! Don Corlos fuhr darauf weiter fort: „In dem Augenblicke, wo ich in Madrid an⸗ langte, hatte gerade unſere Koͤnigsfamilie einen Sieg uͤber das Koͤnigshaus von Neapel davongetragen. Der juͤngſte unſerer Infanten, Don Francisco, hatte ſich naͤmlich mit einer Schweſter eurer Fuͤrſtinnen vermaͤhlt, und Donna Carlota, die voll Geiſt, Hei⸗ terkeit und Anmuth, kurz jung und ſchoͤn war, glaͤnzte an der Seite der beiden Portugieſinnen in ei⸗ nem duͤſtern und traurigen Schloſſe, gleich jenen Geſtirnen, die mitten am finſtern Nachthimmel er⸗ ſcheinen, ohne das Dunkel zu erhellen. Es hat viel⸗ leicht nie einen Konigshof gegeben, der aus drei ſo jungen Fuͤrſten, und aus drei ſo reich begabten Fuͤr⸗ ſtinnen beſtanden haͤtte, die vom Schickſal ſo ganz beſtimmt zu ſein ſchienen, um dem Koͤnigthume Glanz und Leben zu verleihen; zugleich aber hat es auch wohl nie einen důſterern und traurigeren Hof gegeben. Es war faſt, als waͤre der Schrecken auch bis in jene hohen Regionen hinauf gedrungen, von welchen er ausgegangen war; auch der Palaſt des Koͤnigs ſchien ein Gefaͤngniß zu ſein. ſin S Fortunato uͤberhaͤufte mich mit Liebkoſungen, die mich in Staunen ſetzten. Ich ſollte durchaus ein bedeutendes Gouvernement uͤbernehmen, und an meine Unterwerfung wurde das fernere Schickſal der Graͤfin geknuͤpft. Der ſeltſame Ausdruck in den Blicken des Abenteurers befremdete mich freilich; gleichwohl ſchickte ich mich zur Abreiſe an. Ich ei⸗ pfieng den Segen der Aebtiſſin, deren lezte Stunde immer naͤher kam. Maria behielt nun auf dieſer Welt niemanden mehr uͤbrig, als Donna Levnor. In den achtzehn Monaten, ſeitdem Alonſo nach Pe⸗ non de Velez abgegangen war, hatte auch nicht der mindeſte Verkehr zwiſchen ihm und der uͤbrigen Men⸗ ſchenwelt ſtattgefunden. unterdeß hatte ein gluͤcklicher Nebenbuhler die ungnade und die Verbannung Jaime's bewirkt. Als dieſer nun erfuhr, daß mir eine ſo bedeutende Stelle anvertraut wuͤrde, gerieth er in eine grenzenloſe Ver⸗ zweiflung und wurde Dominikaner. Mittlerweile kam ich in dem Hauptorte meines Gouvernements an. Alle Truppen waren unter den Waffen, der Adel kam mir zu Pferde entgegen, die ganze Einwoh⸗ 5 228 8 nerſchaft, die den Marktplatz erfullte, empfieng mich mit einer Begeiſterung, die mich erfreute. Ich verdankte dieſen glaͤnzenden Empfang offenbar blos meinen bekannten politiſchen Anſichten. Umgeben vom Beifallruf der Volksmenge gelangte ich endlich bis zu meinem Palaſte. Hier befand ſich bereits ein Inquiſitor, der mich erwartete, um mich in die Ker⸗ ker des Inquiſitionsgerichts zu ſtecken. Nun erſt begriff ich jenes Laͤcheln Fortunato's. Dieſer uͤber⸗ muͤthige Hohn, den ſich die Machthaber erlauben, iſt ſeitdem mehr als einmal wiederholt worden; General⸗ kapitaͤne ſind das Opfer deſſelben geworden, und das einemal, wo die unerwartete frohe Nachricht ſich ver⸗ breitete, daß der ehrwuͤrdige Biſchof von Mechvacan, einer der edelſinnigſten Freunde der Nationalfreiheit, zum Miniſterium berufen worden ſei, erfuhr Spanien gleich darauf auch ſchon wieder, daß man mit dem Elend und den frohen Hoffnungen des Volkes ein bloßes Spiel treibe, und daß die Inquiſition ſich be⸗ reits des neuen Mitgliedes des Staatsrathes be⸗ michtigt habe. Waͤhrend meiner langen Gefangenſchaft zn blos ein Geruͤcht von außen her bis in meine Abge⸗ ſchiedenheit, naͤmlich das Geruͤcht von der tiefen Betruͤbniß, wovon Spanien durch den Tod der koͤ⸗ niglichen Iſabel erfuͤllt wurde. Don Ferdinand war bisher weder als Sohn noch als Ehegatte gluͤcklich geweſen; ſeine junge Gemahlin wurde ihm gerade ſo, wie fruͤher Antonia, in der Bluͤthe ihrer Jahre entriſſen. Durch eine ſeltſame Fuͤgung des Schick⸗ 229 ſals ward ſie ſeiner Liebe durch bloße Unwiſſenheit und durch Aberglaͤubigkeit geraubt. Ich wuͤrde wohl noch jezt in den Kerkern des Glaubensgerichts ſchmachten, wenn nicht die Revo⸗ lution vom 9. Maͤrz 1820 die Pforten derſelben aufgeſprengt haͤtte. Zwei Monate zuvor, naͤmlich gerade am erſten Tage des neubeginnenden Jahres, hatten einige Offiziere, welche Abisbal in Ketten le⸗ gen ließ, nachdem er fruͤher mit ihnen einverſtanden geweſen, ſich befreit und die Waffen ergriffen. Sie bemaͤchtigten ſich ſofort der Inſel Leon, um die Wie⸗ dergeburt der repraͤſentativen Verfaſſung an bemſel⸗ ben Orte oͤffentlich auszurufen, wo ſie fruher unter den Blitzſtrahlen des franzoͤſiſchen Kaiſers geboren worden war. Man rechnete auf die Unterſtuͤtzung von Cadix; allein die Beſatzung ſperrte die Thore, und focht fuͤr Aufrechthaltung der Kriegszucht. Don Raphael del Riego verließ nun an der Spitze von funfzehnhundert Mann ſein verſchanztes Lager, und nach einem ſechs Wochen langen, erfolgloſen Kampfe ſah ihn die ſpa⸗ niſche Nation, von den zehnmal ſtaͤrkeren Truppen Joſeph O'donnel's und Eguia's erdruͤckt, allein durch Gebirge fliehen und die Felſen um einen Zu⸗ fluchtsort fur ſein geaͤchtetes Haupt anflehen; ſein ſchwaches Heer exiſtirte nicht mehr. Don Antonio Quiroga behauptete ſich nun allein noch; allein die Regimenter, die an dem jenſeitigen Ufer des Santi Petri ihre Quartiere hatten, blieben den Befehlen des Hofes treu, und ſo wurde ſein Heer aller Hoff⸗ 230 nung beraubt, und zulezt ohne Kampf durch das bloße Gefuͤhl der Schlechtigkeit ihrer Sache zu Bo⸗ den geworfen, durch dieſe furchtbare Macht, welche die Zerſtoͤrung jedesmal vollendet, ſobald dieſe erſt einmal begonnen hat. Blos die Offiziere blieben noch auf ſeiner Seite. So wie es naͤmlich zu An⸗ fange der franzoͤſiſchen Revolution der Fall geweſen iſt, eben ſo hatten auch ſie nicht mehr die Kraft, die Soldaten zu vermoͤgen, gemeinſchaftliche Sache mit ihnen zu machen, und ſomit hatte denn die Soldaten⸗ Revolution ein Ende. um dieſe Zeit war es, wo die Provinzen und die Puerta del Sol ſich ins Mittel ſchlugen, um der Sache der Beſiegten einen guͤnſtigen Ausſchlag zu geben. Navarra, Aragonien, Gali⸗ cien, la Mancha und Madrid geriethen in Bewegung, Zulezt ſtand ganz Madrid auf, umringte die Wohnung des Koͤnigs, und ſandte ſeine einmuͤthigen Bitten zum Himmel empor. Der Koͤnig erſchien endlich auf dem Balkon, und verſprach eine Zuſammenberu⸗ fung der Cortes. Das Dekret ward auch ſofort unterzeichnet, ein Gardiſt ſprengte uͤber den Platz, und trug das Papier in der Hand, das durch den Druck ſofort bekannt gemacht werden ſollte, und die Menge zerſtreute ſich auf dieſes feierliche Verſprechen, auf dies koͤnigliche Wort;„ aber das Dekret erſchien nicht. Ein Tag und noch ein Tag verſtreicht, und der dritte bricht bereits an; da erfaͤhrt man, daß die Camarilla einen Stuͤtzpunkt ſuche, daß ſie, allen ſtattgehabten Vorgaͤngen zum Trotz, ihre un⸗ heilvolle Herrſchaft noch fortbehalten wolle. Nun 231 ſtuͤrmen hunderttauſend Menſchen nach dem Alcazar, der Schrecken dringt vor ihnen her und in den Palaſt hinein; die Menſchenmenge ſelber aber macht vor den Mauern Halt, welche durch die koͤnigliche Maje⸗ ſtaͤt geſchuͤtzt werden, und blos eine Deputation uͤber⸗ bringt eine Darlegung der allgemeinen Wuͤnſche zu den Fuͤßen des Koͤnigs. Doch jezt, wo die Erwar⸗ tung des Publikums bereits einmal getaͤuſcht worden iſt, ſind es nicht mehr bloße Cortes, welche die Krone nach Willkuͤhr berufen konnte, ſondern weit maͤchti⸗ gere Gewaͤhrleiſtungen, mit einem Worte die Konſti⸗ tution von 1812, die durch Waoffengewalt geſturzte vorige Regierungsform, welche die Puerta del Sol zuruckfordert. Die Truppen hoͤrten ubrigens ſtumm und unbe⸗ weglich den lauten Beifallruf der Buͤrger an, ohne ihn zu wiederholen. Da erſchien Balleſteros. Er iſt in unſerem argwoͤhniſchen und eiferſuͤchtigen Spa⸗ nien vielleicht der einzige, deſſen Name einiges Ge⸗ wicht hat, und der große Maſſen in Bewegung zu ſetzen vermoͤchte. Er gefaͤllt dem Volke durch das Volksmaͤßige ſeines ganzen Weſens und ſeiner Sprache. Dieſer Balleſteros, der ein Freund der Freiheit, obwohl von geringer Herkunft iſt, dabei ein großer Bewunderer der franzoͤſiſchen Nation, ob⸗ wohl er waͤhrend der Zeit der fremden Beſitznahme des Landes gegen ſie mit Hartnaͤckigkeit, wenn auch nicht immer mit Erfolg, gefochten hat, ferner ein treuer Anhaͤnger der konſtitutionellen Sache, obſchon er ſich von einem ſehr untergeordneten Platze zu den 232 hoͤchſten Stellen im Staat und im Heere emporge⸗ „ ſchwungen, er, ſage ich, ſollte nun der ſchwankenden Lage der Dinge eine entſcheidende Richtung geben. Der Staatsrath, deſſen Mitglied er war, dieſes Kol⸗ legium, das aus den angeſehenſten Maͤnnern des Reichs zuſammengeſetzt iſt, und dennoch nie ſich ver⸗ ſammeln darf, wird diesmal zuſammenberufen. Der Herzog von Infantado erklaͤrt, daß er auf die Offiziere ſeines Garderegiments nicht mehr rechnen koͤnne. Dieſe Erklaͤrung war fuͤr Don Ferdinand weiter nichts Neues; ſie erinnerte ihn an Aranjuez. Allein auch der Infant Don Francisco fuͤhrte das Wort zu Gunſten des allgemein ausgeſprochenen Wunſches, und ſicherte ſich dadurch eine bedeutende Stelle in der Gunſt des Volks. Der Markis von Mataflorida und der Herzog von San Fernando, die damals Miniſter waren, ferner alle Mitglieder des Staatsraths ſtimmten der Anſicht des jungen Prin⸗ zen bei, und durch ſie ward nun ein Dekret entwor⸗ fen, das die Konſtitution von 1812 in Kraft ſetzte, „um— wie es darin hieß— dem Wunſche der Nation nachzugeben.“ Dieſes Dekret ward mit Enthuſiasmus, ja mit wahnſinnigem Entzuͤcken auf⸗ genommen. Der Name Don Ferdinands erſcholl aus dem Munde Aller, ja aus Aller Herzen zugleich. Das Heer ſtreckte den Waffenbruͤdern, gegen welche es ſo eben noch gekaͤmpft hatte, die Arme entgegen. Indeß, ihr ſehet leicht, daß, wenn gleich das Zei⸗ chen zum Aufruhr aus der Mitte dieſes Heeres aus⸗ gegangen war, es im Ganzen doch den Ruhm be⸗ 233 hauptet hatte, der Stimme der Pflicht treu geblie⸗ ben zu ſein; indem es ſeine geheimen Regungen uͤber⸗ wand, hatte es uͤber Riego und beinahe auch ſchon uͤber Quiroga geſiegt, ſo wie fruͤher uͤber Porlier und Lascy. Unſere Geſchichte hat blos zwei Militaͤrre⸗ volutionen aufzuweiſen, naͤmlich die, welche Karl den Vierten entthronte, und dann die andere, welche ſechs Jahr ſpaͤter die Repraͤſentativ⸗Verfaſſung zu Gunſten Ferdinands ſtuͤrzte. Die Konſtitution erhob ſich wieder, ohne der Unterſtuͤtzung des Meuchelmordes oder des Meineids zu bedurfen. Die Bajonette hatten ſie blos bei ihrem Entſtehen gegen die Weltunterdruͤcker beſchuͤtzen müſ⸗ ſen; bei ihrer Wiedergeburt bedurfte ſie dieſes Schutzes nicht weiter; auch nicht ein einziger Tro⸗ pfen vergoſſenen Blutes befleckte dieſes große Blatt in dem Buche unſerer Geſchichte. Doch nein, ich irre mich; es fielen wirklich Niedermetzelungen vor. In einer großen Stadt des Reichs kamen dreihundert Buͤrger um, und zwar von Soldatenhaͤnden nieder⸗ gemacht. Es war die Gegenrevolution, die dieſe Todesſtreiche veranlaßte; waͤhrend ſie naͤmlich in Madrid fuͤr immer ihre eigene Sache abſchwor, lebte ſie in Andaluſien noch fort, um zu luͤgen und zu mor⸗ den. In Cadix ward naͤmlich bekannt gemacht, daß der Konſtitutionsſtein wieder oͤffentlich errichtet wer⸗ den ſolle; die Cadixer ſtroͤmten ſofort freudetrunken nach dem Marktplatze, und wurden dort mit Kartaͤt⸗ ſchenſchuſſen empfangen*). Dieſe Frevelthat iſt die — ) Am 11. März 1520. 234 einzige, die bei Wiederherſiellung der Freiheit vor⸗ fiel*). Spanien iſt großmuͤthig wie der Loͤwe, den es im Wappenſchilde fuͤhrt. Obwohl es groͤßeren Anlaß zu Beſchwerden hatte, als Frankreich und England gehabt, ſo wollte es doch keine verhaßten, keine mordbefleckten Trophaͤen; anſtatt Gefangene aufzuzeigen, die es gemacht, zeigt es blos ſolche auf, deren Ketten es gebrochen, es zeigt ein ganzes Volk von Geaͤchteten auf, die da heimkehren, um mit ihrer Haͤnde Arbeit den vaterlaͤndiſchen Boden anzubauen. Unſerem Vaterlande war es vorbehalten, das Schau⸗ ſpiel eines Volksaufſtandes zu geben, deſſen Fluten ſich am Fuße des Throns brechen, ſo wie das ſtuͤr⸗ mende Meer ſich bricht, wenn ſeine Wogen ans Ufer anſchlagen, das Gott ihnen zur unuͤberſteigbaren Schranke und Grenze geſetzt hat. Die Welt hatte noch nie eine Revolution geſehen, die keinen Wider⸗ ſtand findet, niemanden verhaftet, die keinen Buͤrger des Staats bedroht, ſchmaͤht, beunruhigt, kurz, eine ſolche, die wohl ſelber Blut verliert, aber keines vergießt. Iyr koͤnnt euch leicht mein Erſtaunen denken, als mir ploͤtzlich meine Feſſeln abgenommen wurden, als *) Seitdem ſind— und zwar nach einem Zwiſchenraume von einem Jahre— noch zwei Morde unter der konſtitutionellen Regierung vorgefallen; nämlich der des Domherrn Vinueſa, der im Gefängniß der Krone unwürdiger Weiſe mit Hammer⸗ ſchlägen getödtet wurde, und dann der des Gardeobriſten Lan⸗ daburu, der im Schloſſe vor den Angen der königlichen Fa⸗ milie wegen ſeiner Anhänglichkeit an die Konſtitution bei Ge⸗ legenheit der Vorgänge des 8. Julius umkam. 3 1 235 ich ganz Spanien— wenn ich mich ſo ausbrůcken darf— trunken von Freude, Hoffnung und Leben ſah. Der Trauerſchleier, der ſo lange Zeit das An⸗ geſicht des Reichs verhuͤllt hatte, war zerriſſen, und Freude wohnte auf allen Geſichtern. Auf der Puerta del Sol, im Prado, beſonders aber bei großen Gal⸗ latagen im koniglichen Schloſſe, trafen ſich Maͤn⸗ ner, die vielleicht geſtern erſt in die Acht erklaͤrt wor⸗ den, und die von der Tyrannei— wie verſchiedenen Partheien ſie auch angehoͤrt haben mochten— in einen und denſelben Kerker zuſammen geſteckt worden waren, heute aber durch das gemeinſame Frohgefuͤhl der Befreiung wieder vereinigt wurden. Ich ſank nach der Reihe in die Arme des Fray Cayetano, des Erzbiſchofs, Don Diego's. Don Diego kam ͤbri⸗ gens ganz allein aus ſeinem Verbannungsorte an, ſein Eſtevan war nicht mit ihm; dieſer leztere war naͤmlich an die Kuͤſten des Mittelmeers verbannt und dort in eine von den vielen Verſchwoͤrungen, welche Elio in Valencia von Zeit zu Zeit entdeckt zu haben vorgab, verwickelt worden, und ſo hatte denn der Enthuſiaſt gleich einem Vidal, de Lys, Calatrava, und jenen zahlloſen Maͤrtyrern, die eine einzige Stadt lieferte, auf dem ſchimpflichen Golgen ſeinen freien Geiſt und alle ſeine taͤuſchenden T Draume zugleich auf⸗ geben muͤſſen. Der traurige Don Diego verzieh den urhebern ſeines Ungluͤcks; allein dabei war er der feurigſte Vertheidiger der Konſtitution, und ſo oft der Koͤnig ſeiner Gewohnheit gemaͤß den oͤffentlichen Hauptſpa⸗ 236 ziergang entlang unter dem lauten Ruf der Liebe und der Dankbarkeit ſeines Volkes dahinfuhr, war der gute Fativaner einer von denen, die dem Namen des geliebten Monarchen jedesmal auch den Namen jener Verfaſſung beigeſellten, die ſeine Wohlthat und faſt auch ſein Werk war. Die konſtitutionelle Regierungs⸗ form fand ſogar in Fray Cayetano einen Apoſtel; es war ja nichts uͤber den Haufen geworfen worden, als die Camarilla, deren Allmacht er fuͤrchten gelernt, als der hohe Rath von Kaſtilien, den niemand in Schutz zu nehmen ſich einfallen ließ, und als die In⸗ quiſition, uͤber deren Sturz er ſich damit troͤſtete, daß zugleich auch die Jeſuiten aufgehoben worden waren. Der Staatsrath war wegen den politiſchen Geſinnungen dieſes Mannes ſo vollkommen beruhigt, daß man ihm ſofort eine reiche Priorſtelle zuertheilte. Ein Mann, der die Folter ausgeſtanden, mußte ja doch wohl fuͤr immer vor den Verfuͤhrungen der un⸗ Throngewalt ſicher ſein. Gleichwohl wurden manche durch die tunun unglůckich; zum Beiſpiel die Genoſſen Fortunato's und Fortunato ſelber. Ward dieſer leztere etwa ver⸗ folgt? oder vom Hofe verbannt? oder des Goldes beraubt, womit er ſeinen Beutel gefuͤllt hatte?.. Nein; ſondern er fuͤhrte blos nicht mehr das Staats⸗ ruder, er konnte von nun an nicht mehr Maͤnner von Rang, talentvolle Koͤpfe und Miniſter ins Zuchthaus oder auf die Feſtung ſchicken; an ſeiner Statt ver⸗ walteten nun der Kardinal von Bourbon, Balleſteros, der Markis de las Amarillas und Arguelles die Mo⸗ 237 narchie. Es war gleichſam, als waͤre er der einzige, der ſeine Freiheit verloren, waͤhrend Spanien ſie wie⸗ dererlangt hatte, und ſeine Verzweifiung, die ſich bald demuthig und kriechend, bald ſtolz und drohend aͤußer⸗ te, diente der Stadt und dem Hofe zur Beluſtigung⸗ Mitten unter dieſen ſo entgegengeſetzten Wechſeln zeig⸗ te der Koͤnig fortwaͤhrend ein artiges und einnehmen⸗ des Betragen. Wie haͤtte er denn auch nicht wenig⸗ ſtens etwas von dem Wohlbehagen ſeines Volkes mit⸗ empfinden ſollen? Sah en ſich ja doch von einer unge⸗ wohnten Volksmenge umdraͤngt; zu ſeinem Handkuß fanden ſich ja alle ein, die nur irgend Werkzeuge oder Opfer der Reaction geweſen; es war faſt, als wollte zu ſeinen Fußen aller Groll und alle Zwietracht erloͤ⸗ ſchen. Ich erwartete mit Ungeduld, daß endlich auch der Penon de Velez ſeine verſchlungene Beute wieder zu⸗ ruckliefern wuͤrde. Es iſt dies naͤmlich ein einſamer, blos von Verbrechern bewohnter Felſen an der afrika⸗ niſchen Kuſte, auf welchem Alonſo ſo wie auch Marti⸗ nez de la Roſa an die Galeerenbank geſchmiedet waren. Jenem war in dieſem Augenblick bereits eine Stelle an der Spitze der Staatsverwaltung zugedacht, die Stimme des Volkes ſo wie meine Freundſchaft riefen ihn; doch er kam nicht. Seine Mutter und die Mar⸗ kiſin wohnten nicht mehr in dem Kloſter, worin die Aebtiſſin ihren Geiſt aufgegeben, und alle Verſuche, die ich anſtellte, um uͤber ihr ferneres Schickſal Kunde zu erhalten, waren fruchtlos, und ohne den Sohn des Enriquez wuͤrde ich bis dieſen Augenblick noch nicht 238 wiſſen, daß der Galeerenfluͤchtling zum Heil des Vaterlandes noch lebt. t Die Aufgabe, die jezt zu loͤſen war, wurde mit jedem Tage ſchwieriger. Im erſten Moment hatte die Nation, die unter ein und daſſelbe Joch gebeugt, von einer und derſelben Geiſſel gepeitſcht, gleicher Verarmung preisgegeben geweſen war, blos dafuͤr Sinn, ſich ihres Sieges zu freuen; allein unſere neue Regierung fuͤhlte bald, daß ſie mehr Staatsbe⸗ duͤrfniſſe als Staatseinkuͤnfte, mehr Schulden als Credit habe. Dieſer Geldmangel im Staatsſchatz wuͤrde, auch abgeſehen von allen uͤbrigen Unfaͤllen, fruͤher oder ſpaͤter unſerer Sache den Triumph ver⸗ ſchafft haben; und eben dieſer Geldmangel iſt Urſache, daß es zwiſchen uns und den Abſolutiſten keine mitten inne ſtehende Parthei geben kann. Man muß naͤm⸗ lich nothgedrungen nunmehr dazu ſchreiten, dem Ackerbau, dem Gewerbfleiße und den Finanzen auf Koſten der Kloſtergeiſtlichkeit aufzuhelfen, und zugleich dem maͤchtigen Einfluß dieſer lezteren, der auf die Leichtglaͤubigkeit, Unwiſſenheit, Verdorbenheit und die viehiſche Dummheit der niederen Volksklaſſen ge⸗ gruͤndet iſt, die Philoſophie, die Vernunft, die Wahr⸗ heit und die Mitwirkung der hoͤheren Staͤnde entge⸗ genſtellen. Aller Augen wenden ſich nun auf eine Silberquelle, aus welcher ſchon Karl der Dritte und Karl der Vierte ohne Bedenken geſchoͤpft haben. Seit hundert Jahren bereits verlangten alle, die bei uns uͤber Staatshaushaltüng geſchrieben haben, eine Reform der Kloͤſter, und gewiß werden die Cortes, 239 die ſich zu verſammeln im Begriff ſind, naͤchſtens dies große Werk beginnen. Aus dieſem Anlaß nun entſteht, wenn auch gerade nicht viel Geſchrei, aber doch gar manches Komplott. Die Frayles beſon⸗ ders, welche am wenigſten dabei einzubuͤßen ſcheinen, weil ſie ja nichts beſitzen duͤrfen, und die gleichwohl mehr bei dieſer Maßregel verlieren, als die andern Orden, weil ſie blos von den Vorurtheilen, von der Ehrerbietung und dem Aberglauben des Volks leben, ſtehen bereits wieder ſchlagfertig geruͤſtet. Auch Fortunato hat wieder friſchen Muth gefaßt · Man hat ſo eben ein Komplott entdeckt, in welches ſehr hohe Perſonen verwickelt waren; es war auf nichts geringeres abgeſehen, als auf eine Entfuͤhrung des Konigs. Don Ferdinand ſelber hat dieſe Anſchlaͤge und den urheber derſelben angezeigt. Ungluͤcklicher Weiſe haben außerdem noch andere Verſchwoͤrungen, die von Cantoren, Kapellaͤnen und Lakaien angezet⸗ telt worden, ein unſeliges Mistrauen und Erbitte⸗ rung erregt. Eine Rednerbuͤhne iſt in dem großen Saal der Fontana de Oro errichtet, um Hie oͤffent⸗ liche Meinung von jeder Gefahr zu Ich ſelber bin da geweſen, ſo wie viele andere Gran⸗ den, die ſich beeiferten, den Gemeingeiſt zu befeſtigen. Die Frauen, Toͤchter und Mutter der auf dem Blut⸗ geruͤſt oder in der Verbannung umgekommenen Buͤr⸗ ger treiben ſich auf den oͤffentlichen Plaͤtzen und in den Theatern umher und dringen auf Rache; ſie verſtehen nicht, wie wir, zu ſiegen und zu verzeihen. Gluͤck⸗ licher Weiſe haben die Gefaͤngniſſe allmaͤhlig alle die⸗ 240 jenigen aus ihrer Haft entlaſſen, die Spaniens Ret⸗ ter geweſen ſind oder dereinſt noch ſein werden. Die Grunder unſerer neuen Geſetzgebung uͤbernehmen wieder das Staatsruder, und vergeſſen dabei blos eines,— die Merkmale, welche die Feſſeln ihren Armen eingedruͤckt haben. Sie werden den Wagen der ſpaniſchen Revolution zu zugeln wiſſen, und kein Unheil, keine Gegenrache wird den Gang unſerer glucklichen Verhaͤltniſſe truͤben.“ puni Hreißigſes nh Schl u ß. Erſtes Kapitel. —— Die Sonne war ſchon laͤngſt aufgegangen, und im⸗ mer noch hoͤrte ich dem vornehmen Milizſoldaten zu, der uͤberall eine ſolche Lebensweiſe zu fuͤhren pflegte, wie man wohl auf der Puerta del Sol in Madrid pflegt, und daher ſeine Plaͤne, ſeine verſchiedenen Geſinnungen und Gefuhle, und den Lauf der Stun⸗ den vergaß. Da ſahen wir auf einmal einen Frem⸗ den eiligen Schrittes einen benachbarten Fußſteig heraufkommen.„Barmherziger Limih* rief Don Carlos;„wir ſind verloren; es iſt Sir Geor⸗ ges.“ Der Englaͤnder hoͤrte ſeinen Namen nennen, und kam ſogleich auf uns zu. Beim Anblick der Uni⸗ form, welche der Herzog trug, machte er große Au⸗ gen und erzaͤhlte uns, daß er ſo eben die Pyrenaͤen zu durchſtreifen im Begriff ſei, bevor er nach der Halbinſel zuruͤcktehre„„„Ihr kehret nach der Halbinſel zuruck?“ unterbrach ihn der Spanier.— „Ja wohl; ihr kennt ja meine Vorliebe fuͤr euren V. 16 242 ſchoͤnen Himmel.“—„Demonio!“ erwiederte Don Carlos halb leiſe;„ach, moͤchte unſer Himmel euch allein beſchaͤftigen!“—„Ich befinde mich nirgends ſo wohl, als in eurer ſo ſchoͤnen, beleben⸗ den und reinen Atmoſphaͤre. Euer Despotismus, der eben ſo dumm als boͤsartig war, hatte mich verjagt. Heute indeß, wo alles ſich wieder geaͤndert hat.„„ Bei dieſen Worten faßte Don Carlos die Hand des Fremden, ſchuͤttelte ſie lange, und rief: „Wie? ihr gebt alſo unſerem großherzigen Ent⸗ ſchluſſe, uns in die Reihe civiliſirter und freier Staa⸗ ten zu erheben, euren Beifall? Da, ſchlagt ein! jezt erkenne ich euch fur einen echten Englaͤnder, und nicht mehr fuͤr einen—„Ich ſehe mit Bedauern,“ antwortete Sir Georges,„daß euere Wiedergeburt lange dauern und nicht ohne Kampf abgehen wird. Schon iſt der Buͤrgerkrieg entbrannt.“ —„Buͤrgerkrieg? lieber Himmel; wo waͤre denn der zu ſehen, außer etwa auf den Nebeln eurer Themſe?“—„Ich ſehe ihn hier vor eueren Au⸗ gen in einem Dorfe, wo ich anhielt, um auszuruhen. Einer von den Miniſtern, die ihr ſehr mit Unrecht zuerſt in Feſſeln gelegt habt, um ſie hinterher dem Koͤnige wieder aufzudringen, der General Alonſo wohnt, wie es ſcheint, hier in der Nachbarſchaft. Eine rojaliſtiſch geſinnte Bande hatte die Abſicht, ihn aufzuheben; allein eine Anzahl von Soldaten, die— ich weiß ſelbſt nicht wie— von dieſem Plane unter⸗ richtet worden, ſind daruͤber mit den Aufruͤhrern ins Handgemenge gerathen, und ich bin froh, daß ich 243 ſo gluͤcklich geweſen bin, aus dem Getuͤmmel zu ent⸗ kommen, denn beide Theile verlangten meinen Kopf.“ —„Wenn die ganze Politik Englands mit darin ſteckte,“ murmelte Don Carlos,„ſo wuͤrde dadurch der Menſchheit ein großer Dienſt geleiſtet worden ſein.“ Sir Georges hatte ſich wieder von uns entfernt, und wir ſchlugen ſofort den Weg nach Urdax ein. „Wir wollen doch einmal ſehen,“ ſagte mein ſpani⸗ ſcher Reiſegefaͤhrte zu mir,„wie da fuͤr die ſchoͤnen Augen der Camarilla ein Buͤrgerkrieg entzuͤndet wor⸗ den iſt; ich bin neugierig zu erfahren, wie in einem Lande, wo alle Welt den Koͤnig liebt und verehrt, es noch eine rojaliſtiſche Bande geben kann.“ ein gewaltiges Geſchrei erfuͤllte die Luft, und es war wirklich ſo, als ob zwei Heere einander im Angeſicht ſtuͤnden. Als wir indeß auf den Markt⸗ platz von Urdax herunterkamen, ſahen wir blos eine Escadron, die in Schlachtordnung aufgeſtellt den Konſtitutionsſtein mit freudigem Zuruf begruͤßte; der General Bartolomeo hielt Muſterung uͤber ſeine Truppen; Antonio, der traurig und mit niederge⸗ ſchlagenen Augen neben ſeiner troſtloſen Paquita da⸗ ſtand, der Herr Don Geronimo, der durch die Fiſtel: Es lebe die heilige Verfaſſungsurkunde! rief, und Donna uUrraca, die an ihrem Fenſter die Glaskuͤgel⸗ chen ihres Roſenkranzes zaͤhlte, machten das Gemaͤlde vollſtändig. Die Reiter empfiengen mit Enthuſias⸗ mus den jungen Herzog, der die eine Hand dem Bartolomeo reichte, während Antonio die andere er⸗ 16 244 griff und kuͤßte. Er erkundigte ſich nun, was vor⸗ gefallen ſei.„Nichts,“ erwiederte der Aragonier, „außer daß ein gewiſſer Pater Procurator, den ihr kennet, ferner ein nichtswuͤrdiger und diebiſcher In⸗ tendant, ſodann mein Neffe Don Francisco de Paula, den ich nicht uͤbel Luſt habe ſeiner Schweſter Donna Ines nachzuſchicken, und noch zwei bis drei andere eingefleiſchte Teufel ſich haben gegen die Befehle des Koͤnigs bewaffnen wollen; ſie haben in meiner Ab⸗ weſenheit den Konſtitutionsſtein bedroht und den Plan entworfen, unſerem Landesherrn den treueſten Rathgeber zu entfuͤhren, den er ſich nur je zu waͤhlen vermag. Inbeß, gerechter Gott! ich habe die Ver⸗ dammten, die den Koͤnig und die Nation entzweien wollen, verfolgen laſſen; blos mein Neffe iſt mir in die Haͤnde gefallen, und wenn nicht jener Lump von Gebieter waͤre, den man die Konſtitution nennt, und den alle Heiligen verwuͤnſchen, ich wuͤrde, bei dem Blute unſeres Herrn Jeſus Chriſtus ſei es geſchwo⸗ ren! ihn auf der Stelle haͤngen laſſen.— „Demonio!“ ſagte Don Carlos,„wir wollen nie⸗ manden häͤngen laſſen, und lieber alle mit einander einige Flaſchen guten Navarreſer Wein auf die Ge⸗ ſundheit des Koͤnigs, der Verfaſſung und Paquita's trinken; denn— Gott verzeihe mir es!— dies Kind, das ich ſo oft auf dem Schooße der armen Gi⸗ tana ſitzen ſah.— Der Herzog ſah, daß auf dem wilden Geſicht des ehemaligen Gatten der Zi⸗ geunerin ſich ein Ausdruck von Wehmuth zeigte, und ſogleich ſchwieg er ſtill, und eilte nach dem Wirths⸗ 245 hauſe. Dort umſchlang er das junge Mädchen, raubte ihr einen Kuß, kuͤßte die Donna Urraca, welche brummte, weinte und betete, und befahl dann mit einer Donnerſtimme den Aufwaͤrtern,— die er ſuchte, aber nicht fand— daß ſie Wein in Ueber⸗ fluß auftragen ſollten. Es kam mir vor, als daͤchte Don Carlos jezt gar nicht mehr daran, die einſame Wohnung des Geäch⸗ teten aufzuſuchen, um deſſentwillen er doch eigentlich blos in dieſe Gegend gekommen war; ſelbſt Aldouza ſchien bei ihm in Vergeſſenheit gerathen zu ſein. Wenn die Rechte der Liebe auf ſolche Weiſe aus den Augen geſetzt werden, ſo darf ihre beſcheidene Schweſter, die Freundſchaft, ſich noch weniger ͤber ein Loos der Art beklagen. Ich entfernte mich da⸗ her, ohne daß der adelige Milizſoldat es bemerkte, daß er ſeinen neugewonnenen Herzensfreund und Fuͤhrer verlor. Meine Abſicht war, Alnhoa wieder zu erreichen und endlich eine Gegend zu verlaſſen, wo ich mich bereits zu lange ſchon aufgehalten hatte. Anſtatt aber uͤber die Bruͤcke von Oholdizun und den Thalweg zu gehen, ſtieg ich das Gebirge hinan, und kam ſehr bald in die Nähe eines Kloſters. Ein Kloſter iſt fuͤr die gegenwaͤrtige, juͤngere Generation Frankreichs noch etwas ganz Neues; darum lockte mich die Neu⸗ gierde nach dem geweihten Hauſe hin. Es war ge⸗ rade der Moment, wo achtzig Moͤnche, die an Alter ſehr verſchieden waren, mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen und gefalteten Haͤnden paarweiſe ſich ins Refec⸗ —— 246 torium begaben. Einige von ihnen, die zu Kaſtei⸗ ung und Faſten verurtheilt waren, blieben vor der Thuͤrſchwelle ausgeſtreckt liegen, und die Fratres wandelten uͤber ihre unbeweglich daliegenden Koͤrper hinweg; andere dagegen aßen, zur Strafe fur leich⸗ tere Vergehungen, auf bloßer Erde. Wohl den Gaͤſten, wenn die Aufmerkſamkeit, die ſie gewiß dem Leſen der heiligen Schrift widmeten, ihren Blick von dem halbverfaulten Tiſchtuch, auf welchem ihr fru⸗ gales Mahl aufgetafelt war, und von dem ekelhaften Geſchirr, worin eines jeden Portion ſich befand, und von den noch ekelhafteren Haͤnden, die das alles auf⸗ trugen, abzulenken vermochte! Die Kloͤſter der Halbinſel, wie reich ſie auch immer ſein moͤgen, be⸗ obachten ſtreng die Geſetze der chriſtlichen Enthalt⸗ ſamkeit; allein man merkt zugleich, daß die ſpaniſche Maͤßigkeit hier weniger als anderswo für eine Tugend gelten darf. Ich ward durch den Ausdruck der Blicke und der Geſichtszuͤge dieſer Maͤnner nicht wenig uͤber⸗ raſcht. Alle dieſe Geſichter verriethen ein regſames Denken und eine tiefe Unruhe. Ich vermochte dieſen Zug nicht mit ihrer Abgeſchiedenheit von der Welt zu reimen, und ſelbſt wenn ich den Grund davon in der Beſchaͤftigung mit den Ideen des jenſeitigen Lebens ſuchte, ſo gab mir dies noch immer nicht hinlaͤng⸗ liche Aufklaͤrung hieruͤber. Ich mußte zuvor bei dem Oberhaupte des Klo⸗ ſiers Erlaubniß nachſuchen, ehe ich daſſelbe im In⸗ nern beſehen durfte. Ein Laienbruder fuͤhrte mich 247 daher durch lange Corridore bis in das enge Gemach des Priors, der dieſen Tag gerade nicht mit den uͤbrigen unten im Refectorium erſchien, weil der Erzbiſchof ſeines Sprengels ſo eben im Kloſter ein⸗ getroffen war. Ein violetter Leibrock war das ein⸗ zige, wodurch das geiſtliche Oberhaupt ſich auszeich⸗ nete; denn der Prior war, vermoͤge eines gar nicht ſeltenen Vorzugs, mit den biſchoͤflichen Abzeichen be⸗ kleidet und trug, gleich jenem, den Ring und das Kreuz. Beide unterhielten ſich mit einander, indem ſie an einer Tafel ſaßen, worauf ſich nichts weiter befand, als zwei Schuͤſſeln mit Gemuͤſe, die einzigen Speiſen, welche die Regel des heiligen Dominicus erlaubt, ferner Branntewein, Waſſer, eine Kohlen⸗ pfanne nebſt Cigarren, die Tabaksdoſe des Erzbi⸗ ſchofs und ſein Hut mit einer gewaltigen gruͤnen Kraͤmpe. Der Prior nahm meine Bitte mit einer ſeltenen Herzlichkeit auf. Sein Auge war feurig, auf ſeinen Lippen ſchwebte ein freundliches Laͤcheln, und er bot mir eine Pajita und ein Glas Branntewein an, das ich vergebens abzulehnen ſuchte.„Brav!“ ſagte er zu mir;„ein Franzoſe fuͤrchtet ſich vor ſtar⸗ ken Getränken nicht. Ihr habt gewiß den Krieg mitgemacht, vielleicht ſogar gegen uns; ich fuͤr mein Theil habe mich auch in dieſem Handwerk verſucht. Jezt, wo das gute Einverſtaͤndniß wieder hergeſtellt iſt, wollen wir auf die Geſundheit des Koͤnigs von Frankreich trinken, und nachher auf die des Mar⸗ ſchall Soult, der mich haͤtte koͤnnen erſchießen laſſen, und es doch nicht gethan hat.“ Der gute Prior 248 ließ es nicht bei dieſen erſten Hoͤflichkeiten bewenden. Die Unterhaltung zwiſchen uns ward lebhafter, und ich mußte mich mit zu Tiſche ſetzen und mit ihm um die Wette in eine Schuͤſſel Kichererbſen, die mit ge⸗ woͤhnlichem und ſpaniſchem Pfeffer gewuͤrzt war, ta⸗ pfer einhauen. Die Manieren und die Sprache des Ordensgeiſtlichen ſetzten mich in Verwunderung. Noch mehr aber zog der Erzbiſchof meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Sein ſilberweißes Haupt, ſein Rang, der Zug von Wuͤrde und Heiterkeit auf ſeinem Geſicht, alles dies zuſammen kuͤndigte mir gleich anfangs an, daß ich den Praͤlaten Don Iſidro vor mir ſaͤhe, und eine heilige Ehrerbietung bemaͤchtigte ſich meiner bei dieſem Gedanken. Daß ich indeß auch den Prior kennen ſollte, dies zu glauben war ich weit entfernt, als auf einmal der ehrwuͤrdige Greis ihn Fray Ca⸗ yetano nannte. Bei Nennung dieſes Namens drehte ich mich mit Heftigkeit um. In dieſem gefaͤlligen und wohlwollenden Empfange haͤtte ich nimmermehr den hitzigen Dominikaner wiedererkannt.„Frey Jaime,“ fuhr dieſer nun weiter fort, indem er of⸗ fenbar das Geſpraͤch wieder da anknuͤpfte, wo er es bei meiner Ankunft gelaſſen,„Frey Jaime hat ſehr unrecht daran gethan, daß er die Fahne des Auf⸗ ruhrs erhoben hat, waͤhrend noch Truppen hier ſind. Aber er hat Herz, er iſt hartnaͤckig, und ich bin ver⸗ ſichert, daß er ſich auf den offenen Landſtraßen zu behaupten wiſſen wird, und daß der Philoſoph Don Alonſo nicht mit heiler Haut bis zu ſeiner Philoſophen⸗ ſippſchaft nach Madrid gelangen wird; ſein Schickſal 249 liegt in ſehr guten Haͤnden.“—„Alles, was ihr mir da erzaͤhlt,“ erwiederte der Erzbiſchof,„betruͤbt mich ſehr. Das Vorſpiel, welches wir im Jahr 1814 begannen, hat ſolche Ergebniſſe hervorgebracht, daß es mir ſehr gewagt ſcheint—„ Hei⸗ lige Mutter Gottes! mit euren ewigen Bedenklichkei⸗ ten! haben wir nicht ſeit drei Monaten lange genug ſchon Geduld gehabt? Man koͤnnte freilich glauben, daß dieſe Deiſten waͤhrend der naͤchſt verfloſſenen ſechs Lehrjahre doch wenigſtens etwas gelernt haͤtten, daß ſie doch endlich zufrieden ſein ſollten, einer nur zu bloͤdſinnigen und dabei doch zu despotiſchen Cama⸗ rilla entſchluͤpft zu ſein. Allein nichts von alle dem! ihre Tageblätter ſagen es euch ja; ſie wollen immer nur an der Kirche ſich vergreifen, und dieſe ſollte alſo wohl nicht an ihre Vertheidigung denken? Ihr wer⸗ det bald ſehen, wie ſie euch, unter dem Vorwand, daß ihr einer der Perſer geweſen, behandeln werden; ſie werden jene Todesſtrafe auf euch anwenden, die ihr einſt im voraus gegen alle die dekretirtet, welche die heilige Konſtitution umzuſtuͤrzen wagen wuͤrden, oder wofern ſie euch blos verbannen, ſo werdet ihr wenigſtens euer Leben als ein bloßes Gnadengeſchenk von euren Beleidigern hinnehmen muͤſſen. Ungeach⸗ tet meiner Theilnahme, die ich fuͤr euch hege, wuͤrde ich es gleichwohl ganz huͤbſch finden, wenn ſie alles das, was ihr ſeit ſo vielen Jahren fuͤr ſie gethan habt, auf dieſe Art belohnten.“—„Eine ſolche Verfolgung,“ erwiederte der Praͤlat,„wuͤrde blos beweiſen, daß die Fuͤrſtenhoͤfe nicht allein das Privi⸗ 250 legium beſitzen, unrecht und— wenn ihr wollt— undankbar zu ſein.“—„Nun, wer denkt denn daran, einen Fortunato mehr in Schutz zu nehmen, als einen Alonſo oder Eſtevan. Ich meine, die alte reine Monarchie muͤſſe man in ihrem Glanze wieder herſtellen, und die alten Nationalverſammlungen, die aus Bauern, Prieſtern und Granden zuſammen⸗ geſetzt waren. Die Koͤnige und die Philoſophen ſind die ewigen Feinde der Nationen. Wir wollen uns in Hinſicht auf die erſteren damit begnuͤgen, ſie auf ihren Thron zu beſchraͤnken, aber, was die lezteren betrifft, da keine Barmherzigkeit weiter! man muß ſie voͤllig ausrotten. Ich hoffe wohl, daß Freund Don Alonſo dem Jaime nicht entrinnen wird, der gegen ihn einen alten Groll hegt. Die heilige Jung⸗ frau weiß es, daß ſelbſt die Einſamkeit, das Kloſter, und die Nothwendigkeit, allem weltlichen Ehrgeiz zu entſagen, ſeinen Groll nicht zu beſaͤnftigen vermocht haben, und ſo wird denn bald einer weniger ſein, und zwar der gefaͤhrlichſte von allen; denn ungeachtet aller ſeiner ausgeſtandenen Leiden iſt er einer von jenen energieloſen Characteren, die es nicht fatt be⸗ kommen, bei der Parthei jener von Gott verfluchten zu beharren, die man die ſogenannten Gemaͤßig⸗ ten nennt.“ ezt erkannte ich Fray Cayetano wieder, und wunderte mich uͤber die blitzſchnelle Veraͤnderung, welche der politiſche Partheigeiſt in den Manieren, der Sprache und dem Tone der Menſchen hervorzu⸗ bringen vermag. Der Erzbiſchof fuhr im Geſpraͤch 254 weiter fort:„Die Gefahren Alonſo's betruͤben mich, ſie betruͤben mich um ſeinet⸗ und ſeiner liebens⸗ wuͤrdigen Gattin willen„—„ Wie? was ſprecht ihr da von ſeiner Gattin? er waͤre verheira⸗ thet? ihr wußtet alſo ſchon, daß er druͤben jenſeits der Grenze wohnt, was wir ſo eben erſt erfahren haben.“ In dieſem Augenblick ward die kloͤſterliche Stille durch einen gewaltigen Laͤrm von heranſprengenden Pferden unterbrochen. Der Prior, der vielleicht ſeine Gruͤnde hatte, um einen Beſuch Bartolomeo's zu furchten, eilte ans Fenſter.„Um Gottes willen!“ rief er;„es iſt Fortunato, dieſer Elende, der am Ungluͤck unſer aller ſchuld iſt, er, der ſich das Ver⸗ gnuͤgen machte, einen Mann, wie ich bin, auf die Folter legen zu laſſen! Wie kann er es wagen, mir noch einmal vor die Augen zu kommen?“ Ein Kaſtilianer, deſſen Auge Geiſt und Falſch⸗ heit, und deſſen Mund Anmuth und Grauſamkeit zu⸗ gleich verrieth, trat in den Saal herein, wo das Fruͤhſtuͤck noch immer fortdauerke. Er gruͤßte den Erzbiſchof kaum, neigte ſeine Lippen auf die Hand des Fray Cayetano, der ihn kalt von ſich wies, warf dann ſeinen Mantel ab, ſetzte ſich hin und ſagte zu meinen verſtummten Diſchgeſellſchaftern:„Alle treuen Spanier muͤſſen ihre erlittenen Kraͤnkungen vergeſſen, um die gemeinſame Sache, die des Altars und des Thrones, zu retten. Die Fontana de Oro hat einmuͤthig den Koͤnigsmord und die Gottesleng⸗ nung beſchloſſen; alle Kloͤſter ſollen bis auf den 252 Grund zerſtoͤrt und die Geiſtlichen umgebracht wer⸗ den.“—„Die Ungeheuer!“ rief der Dominika⸗ ner.—„Schon haben ſie ihre Unverſchaͤmtheit ſo weit getrieben, Seine Majeſtat zu bitten,— und ihr wißt ja, was bitten bei ihnen heißt— mich von ſeiner Perſon zu entfernen. Waͤhrend die Gran⸗ den Spaniens und der hohe Adel Kaſtiliens, die den Thron umgeben, uͤberſpannte Revolutionsmaͤnner ſind, macht man dem ungluͤcklichen Ferdinand das Recht ſtreitig, einen treuen Diener in ſeiner Naͤhe zu behalten. Der Beichtvater Seiner Majeſtaͤt iſt uͤbrigens in daſſelbe Verdammungsurtheil mit inbe⸗ griffen.“—„Der Beichtvater? Das iſt ent⸗ ſetzlich,“ erwiederte Fray Cayetano;„nun da ſehet einmal zu, ob es jezt nicht Zeit iſt, zu den Waffen zu greifen.“—„Ich hoffe von den Waffen wenig,“ antwortete Fortunato.„Wir haben, einige ehren⸗ werthe Ausnahmen abgerechnet, die Weltgeiſtlichkeit, den Adel und die Kauflaͤden gegen uns. Wir wollen uns daher fuͤgen und die Zeit abwarten. Das erſte, was wir thun muͤſſen, iſt, daß wir den Koͤnig hin⸗ dern, ſeinen Mantel uͤber die Revolution zu werfen, und ſie in den Augen Europa's dadurch zu beſtätigen, daß er ſelber die Cortes eroͤffnet. Ich habe bereits eine Entweichung fuͤr ihn vorbereitet; blos Navarra iſt noch zu organiſiren, und ich wende mich deshalb an euch. Wenn es uns mislingt, ſo wird die heilige Allianz den Don Ferdinand dazu bewegen muͤſſen, ſein aus Galeerenſtlaven zuſammengeſetztes Miniſte⸗ rium abzudanken. Wenn er konſtitutioneller Koͤnig ————— iſt, ſo wird er das ja immerhin bleiben koͤnnen, und die Majeſtaͤt des Thrones wird dann doch nicht laͤn⸗ ger durch die Gegenwart von Menſchen beleidigt, welche ſich die Strafe des Koͤnigs zugezogen haben; wir aber ſind dann der machtigſten Partheihaͤupter losgeworden. Sollten ſich indeß die Revolutions⸗ maͤnner dagegen ſetzen, ſo wird dadurch die Gefan⸗ genſchaft des Königs augenſcheinlich beſtaͤtigt, und dann Allein ſchon gehen ja unſere Sachen ganz gut, und Jaime hat bewundernswuͤrdige Plaͤne. Ich traf ihn an der Spitze von zehntauſend entſchloſ⸗ ſenen Maͤnnern; das iſt wahrlich der Anfanß zu ei⸗ nem Buͤrgerkriege, der wenigſtens dazu dienen wird, in Europa großes Aufſehen zu machen. Sie haben mehrere Deputationen durchgelaſſen, die ſich nach Biscaja zu Alonſo begeben, um ihn aufzufordern, ſeine Ruͤckkehr zu beſchleunigen. Ich habe demzu⸗ folge dem Pater Procurator einen Auftrag vom Ge⸗ neralkapitaͤn dieſer Provinzen eingehaͤndigt; dieſer wird dann uͤber dieſen Mann, der ſeine Landesver⸗ weiſung nicht zu beachten gewagt hat, wie uͤber einen Aufruͤhrer gegen ſeinen Herrn und Gebieter Gericht halten laſſen, und ſo werden wir ihn los, und es wird an ihm zugleich ein warnendes Beiſpiel auf⸗ geſtellt.“ Der Erzbiſchof kreuzte mit einem Ausdruck des tiefſten Schmerzes die Haͤnde, und der Prior warf ihm einen erbitterten Blick zu. Ich erinnerte meinen Wirth, daß ich gekommen waͤre, um das Kloſter zu beſehen; dieſer ließ nun den Laienbruder kommen, und ſagte ihm, daß Fray Aparicio und Fray Vi⸗ cente mich herumfuͤhren ſollten. So war ich denn recht dazu beſtimmt, daß ich in dieſem Spanien, welches mir ſo ganz neu war, uͤberall alte Bekanntſchaften antreffen ſollte. Es ward mir ſehr leicht, den Fray Vicente an dem Hie⸗ ronymitengewande wiederzuerkennen, das er in die⸗ ſem Dominikanerkloſter, wohin er durch die Reaction verbannt worden war, noch immer trug. Auch den Fray Aparicio, obwohl er die weiß und ſchwarze Kutte angelegt hatte, unterſchied ich ohne Muͤhe von dem andern an ſeinen rohen Manieren, an ſeinen Geberden, an ſeiner Sprache. Bei unſerem Eintritt in die erſte Zelle fragte er mich, ob es wahr ſei, daß die Ruſſen in Nieder⸗Navarra erwartet wuͤrden. „Man ſpricht ſehr davon,“ fuͤgte er hinzu,„man verſichert, daß die Quartiere fuͤr ſie ſchon gemacht, und die Magazine in Bereitſchaft geſetzt ſind. Sie moͤgen immer kommen!“ fuhr ſodann der Moͤnch mit einer Lebhaftigkeit des Geberdenſpiels fort, die man wohl nur in der Halbinſel antrifft,„ſie moͤgen kommen! und ſie werden alle umkommen! Die Ge⸗ beine von einer Million Franzoſen, die den Boden Spaniens duͤngen, liegen hier, um den angreifenden Feinden das Schickſal anzukuͤndigen, das wir ihnen bereiten.“ Die Unwiſſenheit des Fray Aparicio be⸗ ſchraͤnkte ſich nicht blos auf die politiſchen Bewegun⸗ gen; ſondern er ſprach auch uͤber die Entfernung und Macht der Staaten allerlei Dinge, woruͤber der vor⸗ malige Kapellan Maria's an ſeiner Statt roth wurde. 255 „Wir wiſſen nichts von alle dem, was außer dem umkreis dieſer Mauern vorgeht,“ ſagte Fray Vi⸗ cente zu mir;„die ſeltſamſten Fabeln, die abge⸗ ſchmackteſten Geruͤchte ſind bisweilen im Umlauf, und wir werden nur dann daruͤber enttaͤuſcht, wenn ſie fuͤr dasjenige unguͤnſtig lauten, was gewiſſe Koͤ⸗ pfe fuͤr die Sache des Glaubens anſehen.“ Wir traten in die Bibliothek. Ein alter Weltgeiſtlicher befand ſich in derſelben ganz allein. Seine feurigen Augen traten eben ſo ſtark aus ſeiner von Runzeln durchfurchten Stirn hervor, als er ſelber uͤber einen Haufen alter Buͤcher hinwegragte, von denen ſein ſchwarzes Scapulier den weltlichen Staub abwiſchte. So wie er uns erblickte, eilte er auf uns zu, indem er mit großer Anſtrengung einen Folioband in ſeinen zitternden Haͤnden hielt.„Eine bewundernswuͤr⸗ dige Entdeckung!“ rief er uns voll Eifer zu;„da ſehet einmal! Sanct Thomas von Aquino de Regimine Principum, lib. 1. c. 6. Rex potest destrui, vel refrenari ejus potestas; doch nur unter einer gewiſſen Bedingung, und hier ſteht ſie: vel refrenari ejus potestas, si.... merket wohl auf: si potestate regia tyrannice abuta- tur. Das ſteht alſo feſt; der große Sanct Thomas iſt fuͤr uns. Da habe ich denn fur unſern hochwuͤr⸗ digen Prior, der immer mit Citaten aus den Schrif⸗ ten der Vaͤter bei der Hand iſt, einen Beweis ad hominem. Sehet ihr wohl dieſe Bemerkungen hier?“ fuhr er weiter fort, indem er mit dem Finger auf einen ganzen Stoß von fliegenden Blaͤttern hin⸗ zeigte;„ich kann beweiſen, daß unſer Staatsſyſtem mit allen Lehren des alten und neuen LTeſtaments, mit den Grundſaͤtzen der Kirche, mit den Anſichten der Vaͤter, mit dem Wunſche des Evangeliums und ſelbſt mit den Dekretalen in Uebereinſtimmung iſt.„. Nur noch einige Jahre Arbeit, und ich werde mein großes Werk uͤber die urſpruͤngliche Verfaſſung der Monarchie vollendet haben. Gott ſei Dank, daß man endlich wieder ſchreiben darf; die ſpaniſche Frei⸗ heit wird mir dann die Wiedererlangung ihrer Rechte verdanken, und meine kahle Stirn wird mit einer Buͤrgerkrone geſchmuͤckt werden. Ich werde ſonnen⸗ klar darthun, daß das Staatsrecht Spaniens ſtets auf zwei Grundlagen, auf dem chriſtlichen Glauben und der Freiheit, beruht hat, daß die unumſchraͤnkte Gewalt zu allen Zeiten nicht blos in Aragonien, ſon⸗ dern auch in Leon und Kaſtilien, in den Haͤnden der Cortes ſich befunden, und daß die Nation ſich ſtets das Recht vorbehalten hat, die Koͤnige zu erwaͤhlen, zu beſchraͤnken und noͤthigenfalls auch wohl abzuſetzen. Ich beweiſe das—„Ihr ſeid ein Narr,“ unterbrach ihn hier Fray Aparicio,„daß ihr⸗ hier in dieſem dumpfigen Loche unter den alten Scharteken ganze Tage zubringt. Braucht man uns erſt lange noch die Mirakel der Jungfrau Maria oder die Rechte des Volks in Buͤchern nachzuweiſen? Giebt es wohl einen Menſchen auf der Welt, der mit gutem Gewiſſen an dem einen oder dem andern im mindeſten zweifeln koͤnnte? Alle die, welche irgend etwas da⸗ von leugnen, ſind Betruͤger, es moͤgen nun Philo⸗ ſophen oder Servile ſein. Nit ſolchen Schurken disputirt man nicht erſt lange, ſondern man ſticht ſie nieder.“ Ich verrieth mein Erſtaunen uͤber dieſe Grundſaͤtze. Er fuhr indeß weiter fort:„Ich ſpre⸗ che hier mit echt ſpaniſcher Franqueza. Die Nation will die Verfaſſung, der Koͤnig hat ſie beſchwo⸗ ren; man mag mir hier vorpredigen, was man will, ich antworte: vox populi, vox Dei. Ich fuͤr mein Theil verſtehe nur den graden Weg einzuſchla⸗ gen. Sobald ich erfuhr, welchen Entſchluß der hoch⸗ wuͤrdige Pater Procurator gefaßt habe, ſo gab ich dem konſtitutionellen General einen Wink daruͤber, und ich bin ſtolz darauf, und ſage zu allen denen, die das ſchlecht finden: Fray Aparicio iſt ein ſpani⸗ ſcher Bürger, er iſt frei, iraque fuͤrchtet und hoͤrt er auf niemanden weiter.“ Nit dieſen Worten ver⸗ ließ uns der Ordensgeiſtliche, um den Segen mit zu empfangen, den der Prior taͤglich ertheilt, zum An⸗ denken an denjenigen, den vormals die Jungfrau Maria perſoͤnlich den Mitgliedern des Ordens zu er⸗ theilen pflegte, in jenen gluͤcklichen Zeiten, wo die Mutter Gottes aus Liebe zu den Schuͤlern des heili⸗ gen Dominicus ſich das Vergnuͤgen machte(Com- placuit se), allnchtlich ihre Zellen zu beſuchen. Der bejahrte Doctor, der mir dies mittheilte, nahm einen gewaltig dicken Folioband zur Hand, der den Litel fuͤhrte: Chronicon praedicatorum, auctore R. P. M. fratre Antonio Senensi, ſchlug darin Seite 27 auf, und las mir daraus zwei bis dreimal das Naͤhere hieruͤber in lateiniſcher Sprache vor⸗ v. 17 258 7 „Ihr ſehet,“ fuhr er dann mit vieler Behaglichkeit fort,„ich bin ſtets bereit, meine Gewaͤhrsmaͤnner zu citiren. Ich werde euch jezt eine ganze Reihe von Maximen zeigen, die aus den ehrwuͤrdigſten Werken gezogen ſind, ferner eine Reihefolge von Geſetzen, die in der Monarchie erlaſſen worden, und die erforder⸗ lichen Belaͤge dazu.“ Wir, mein Fuͤhrer naͤmlich und ich, entfernten uns erſchrocken.„Der Doctor Don Mathias hat nicht immer ſo entſchiedene Meinungen gehabt,“ ſagte Fray Vicente zu mir.—„Don Mathias?“ rief ich aus;„er, der bei der Reſtauration den Don Alonſo von der kirchlichen Kanzel herab ſchmaͤhte?“ —„Er ſelber; aber woher kennet ihr ihn denn?“ — Der Moͤnch, als ich ihm meine Geſchichte er⸗ zaͤhlte, vernahm nicht ohne eine Anwandlung von Grauſen, daß Fray Pablo, daß ein Anhaͤnger Joſephs in der Nachbarſchaft wohne. Er aͤußerte ſeinen Un⸗ willen daruͤber, daß die konſtitutionelle Regierung den Afranceſados die Erlaubniß gegeben, ins Vater⸗ land zuruͤckzukehren.„Sie werden,“ ſagte er, „blos darum heimkehren, um bei uns Zwietracht auszuſtreuen, um ſich zum Ruin dieſer Revolution zu verbinden und dadurch von der Liſte der Geaͤchteten loszukommen, ja um zum Umſturz der Verfaſſung mitzuwirken, aus bloßem Haß gegen jenes Cadix, deſſen bloßer Name ſie anklagt, deſſen Ruhm ihnen das Verdammungsurtheil ſpricht.“ Fray Vicente beruhigte ſich nicht eher, als bis ich ihm Alonſo's Namen nannte. In der Schilderung, die ich ihm 259 von der Gattin beſſelben entwarf, erkannte er ſogleich die ſchoͤne Maria de las Anguſtias wieder. Mit ei⸗ ner tiefen Ruͤhrung ſprach er dieſen verehrten Namen aus. Er zitterte vor den Gefahren, denen ſie aus⸗ geſetzt geweſen, ja denen ſie noch immer ausgeſetzt war, wenn der unverſoͤhnliche Pater Procurator je erfuͤhre, welche neue Verbindung ſie geſchloſſen, ja wenn es ihm gelaͤnge, das edle Paar unterweges auf⸗ zuheben. Ich, der ich mich jezt nun weit freier fuͤhlte, gab dem Ordensgeiſtlichen meine Ueberraſchung uͤber dieſe politiſchen Meinungen zu erkennen, die ich an einem Orte hatte ausſprechen hoͤren, aus welchem ich der⸗ gleichen Anſichten einſtimmig verbannt waͤhnte. „Was wuͤrdet ihr erſt geſagt haben,“ ſagte er zu mir,„wenn ihr, anſtatt ein Dominikanerkloſter und bloße Frayles zu beſuchen, durch den Zufall in ein Ordenshaus unſerer Monges, unter jene rei⸗ cheren Orden gerathen waͤret, welche vom Profeß⸗ thuenden gute Herkunft und Erziehung verlangen, und deren ſtrenges Kloſterleben nicht einmal durch das Almoſenſammeln und Predigen in der Umgegend einige Abwechſelung erhaͤlt? Selbſt hier unter die⸗ ſen buͤrgerlichen Frayles, welche in tiefer Unwiſ⸗ ſenheit und in den Huͤtten des Volks ſich herumtrei⸗ ben, ſehnen ſich ſehr viele nach dem Dage, wo ihnen ein Jahrgehalt angewieſen, weltlich zu leben erlaubt und die Freiheit wiedergegeben werden wird.“ Waͤhrend er ſo ſprach, waren wir bis in die Kirche gekommen. Alle Fratres waren hier gerade 260 im Gebet begriffen; ihre Stellung war bei allen eine und dieſelbe, jeder begleitete dieſelben Toͤne mit den⸗ ſelben Geberden, ſogar ihre Augen erhoben und ſenk⸗ ten ſie gleichzeitig. Ich weiß nicht, ob ich Recht habe; allein es kam mir vor, als ob jenes unwandel⸗ bare Geſetz, das ſie zwang, jeden Tag, ja jede Stunde ihres Lebens aͤhnliche Acte zu vollziehen, und noch mehr, jene aͤußeren Andachtsuͤbungen und vorge⸗ ſchriebenen Formen, in welche die innere Andacht des Gemuͤths gleichſam eingezwaͤngt iſt, etwas an ſich haͤtten, das die ruͤhrende Majeſtät des Gebets herabwuͤrdigte. Dieſer Erguß von menſchlichen Wuͤnſchen, Beſorgniſſen und Gewiſſensbiſſen bezeugt zu gleicher Zeit die Wuͤrde des Menſchen, da er ja an einen Gott glaubt, und auch ſeine Schwachheit, indem er ja doch etwas fuͤrchtet oder wuͤnſcht. Es ſollte folglich ganz frei ſein, wie die Regungen des Gewiſſens, und eben ſo tief und innig, wie die Ein⸗ gebungen des Gemuͤths. In dieſer ſclaviſchen und mechaniſchen Form erkenne ich es nicht wieder. „In den beiden erſten Chorſtuͤhlen,“ ſagte Fray Vicente zu mir,„ſehet ihr einige junge Moͤnche, die glhend gegen die Freiheit eingenommen ſind. Sie wurdenwaͤhrend des Krieges geboren, folglich konnte die Revolution, welche derſelbe in den Anſichten und Sitten hervorgebracht hat, bei ihrem Austritt aus der Wiege noch nicht auf ſie einwirken. Sie wuͤrden ſich entſetzen, wenn ſie in die Welt hinaustreten ſoll⸗ ten, in dieſe belebte Hoͤlle, wovon man ihnen ein gar grauenvolles Bild entworfen hat. Hinter dieſen 261 Reubekehrten ſeht ihr einen Greis, der mit ihnen ganz gleiche Denkungsart hegt; ſchon zu alt, als daß er im Jahr 1808 mit uns haͤtte die Waffen ergrei⸗ fen koͤnnen, außerdem in den kloͤſterlichen Andachts⸗ uͤbungen grau geworden, und bereits am Rande des Grabes ſtehend, wuͤrde er nicht exiſtiren können, ja vor dem Tode zittern, wenn er dieſen irgend anders⸗ wo, als unter dieſen traurigen Gewoͤlben finden ſollte. Ihm gegenuͤber werdet ihr einen Frater von athletiſchem Koͤrperbau und von ſtrengem und gebie⸗ teriſchem Blick bemerken; dieſe Perſon iſt der Pater Lehrmeiſter, der die jedesmaligen Novizen in die ver⸗ ſchiedenen kloͤſterlichen Verrichtungen einzuweiſen pflegt. Er lehrt ſie, wie ſie die Kutte anlegen, den Chorrock tragen, mit beiden Haͤnden trinken, die ge⸗ hoͤrigen Verbeugungen machen, und das periodiſche Blutlaſſen, das die Kloſterregel anbefiehlt, durch den frommen Aderlaß der Kaſteiung erſetzen ſollen⸗ Er iſt furchtbar, wenn er die Geiſſel ſchwingt. Wir zittern, wenn die Reihe an ihn kommt; an der Art und Weiſe, wie er zuſchlaͤgt, ſieht man wohl, daß er ſich vor aller Wiedervergeltung ſicher fuͤhlt. Das Vergnuͤgen, bisweilen befehlen zu koͤnnen, troͤſtet ihn daruͤber, daß er beſtaͤndig zu gehorchen verpflichtet iſt. Tiefer im Chor, dicht am Betpult der Praͤlaten, werdet ihr an den Zeichen der gluͤhendſten Andacht leicht den einzigen unter den aͤlteren Kloſterbruͤdern unterſcheiden koͤnnen, der ſich laut gegen jede Reform erklaͤrt. Dafuͤr hat er aber auch freien Zutritt bei dem hochwuͤrdigen Pater Prior, und alle Gnadenbe⸗ 262 zeigungen und Verguͤnſtigungen fallen ihm allein zu. Gegenwaͤrtig triumphiren wir indeß, wegen der Furcht, welche die Revolution demjenigen einfloͤßt, vor dem wir ſo lange gezittert haben. Es giebt freilich noch einige Moͤnche, deren Grundſaͤtze vielleicht nicht ganz mit den unſrigen uͤbereinſtimmen; allein die perſoͤn⸗ lichen Beſchwerden, das erlittene Unrecht und der Wunſch nach Rache knuͤpfen eine große Anzahl der⸗ ſelben an unſer Intereſſe. Sie ſeufzen gleich uns dem Tage entgegen, wo der Nationalkongreß dieſe Mauern niederreißen wird. Indeß ich zittere bei dem Gedanken, daß die Leidenſchaften bei den Cortes die Oberhand gewinnen und ihnen verwegene Maßregeln eingeben werden. Es kommt alles darauf an, daß die Religion und das Koͤnigthum nicht in den Angen der Voͤlker an Achtung verlieren; denn, wenn irgend der Altar oder der Thron gefaͤhrdet wuͤrde, ſo wuͤrde dies blos der Freiheit allein den Untergang bringen⸗ Und dann iſt alles dahin, der Friede der Monarchie ſo wie der Driumph der neuen Staatsverfaſſung, ſobald einmal Maͤnner wie Arguelles, die ſo treue Anhaͤnger der Konſtitution, ſo ſtandhafte Freunde der Maͤßigung und der Ordnung ſind, vom Staats⸗ ruder wieder verdraͤngt werden. Eine Revolution, die den Vorzug hat, daß ſie nicht wie die eurige durch das Volk oder fuͤr das Volk hervorgebracht wurde, darf ſich nicht ungeſtraft eine Ausſchweifung er⸗ lauben.“ Die Kloſtergemeinde hatte bereits die Kirche ver⸗ laſſen, und ſich uͤber den weiten Kloſterhof hin zer⸗ 263 ſtreut. Eine heftige Gaͤhrung ſchien im umkreis die⸗ ſer Mauern zu herrſchen, die doch blos dem Frieden geweiht ſein ſollten. Zahlreiche Gruppen ſtanden da und dort um einige Kloſterbruͤder herum, die ſich mit einer ungewoͤhnlichen Heftigkeit aͤußerten. An⸗ dere ſpazierten allein hin und her, und ſchienen nicht minder aufgeregt zu ſein. Alle waren augenſchein⸗ lich von einer tiefen Bekuͤmmerniß ergriffen Man beſprach ſich uͤber den Entwurf einer an die Cortes einzureichenden Adreſſe, worin man erklaͤren wollte, daß man an der Unternehmung des Pater Procurator keinen Antheil gehabt. Fray Vicente gieng ſogleich zu ihnen hinunter und ſchlug ihnen vor, ein Schrei⸗ ben auf den Atzulat hinauf zu ſenden, und darin Don Alonſo dringend zu bitten, daß er doch dem Rufe ſeines Koͤnigs und ſeines Vaterlandes folgen moͤge. Ein langes Beifallrufen gab die einmuͤthige Zuſtimmung aller Bruͤder zu erkennen, als auf ein⸗ mal die Kloſterglocke alle Moͤnche in die Sakriſtei rief. Die Gollerie, worin mich der Hieronymit ge⸗ laſſen hatte, fuͤhrte durch eine Thuͤr nach eben dieſem geraͤumigen Saale, in welchem ſich fern von den Blicken der Menſchen mitten unter den elenden Her⸗ vorbringungen einer ſpaͤteren Zeit einige gute Ge⸗ maͤlde der aͤlteren Schule, die weder eine ſolche Nach⸗ barſchaft noch eine ſolche Verborgenheit verdienten, gleichſam wie verloren dahiengen. Die Dominicaner warfen ſich bei der Ankunft des Priors und des Erz⸗ biſchofs auf die Kniee und beteten. Der bejahrte Praͤlat gab zuerſt der Verſammlung ſeinen Segen, 264 und nahm dann mit Wuͤrde das Wort. Er ſagte zu ihnen, daß ihr Entſchluß, aus dem Schooße die⸗ ſes frommen Aufenthaltsortes eine Erklaͤrung ihrer politiſchen Geſinnungen ausgehen zu laſſen, den hochwuͤrdigen Pater Prior ſehr betruͤbt habe. Die⸗ ſer ihr vaͤterlicher Fuͤhrer wolle nicht zu gewaltſa⸗ men Maßregeln ſchreiten, um eine ſolche Geſinnung auszurotten, die den Pflichten des Kloſters zuwi⸗ der ſei, ſondern er wolle lieber die Macht der Ue⸗ berredung anwenden, wie es einſt der goͤttliche Lehrer und Meiſter gethan, deſſen Juͤnger ſie alle ſeien.„Ich hoffe,“ fuhr Don Iſidro fort,„daß ihr auch noch auf die ſchwache Stimme eines eurer Bruͤder hoͤren werdet, der jezt ſehr bald vor Gott treten wird. Gott behuͤte mich, daß ich je zu euch eine Sprache fuͤhren ſollte, die den Geſetzen zuwider waͤre, welche gegenwaͤrtig die Monarchie regieren. Der Koͤnig ſelbſt hat ſie oͤffentlich bekannt gemacht, und dies iſt hinreichend, um jeden Spanier zum Ge⸗ horſam gegen dieſelben zu vermoͤgen, und keiner von euch darf je die Staatsunfuͤlle vergeſſen, aus welchen ihr Driumph hervorgegangen iſt. Allein èben ſo wenig duͤrft ihr das Werk des Herrn, deſſen Reich nicht von dieſer Welt iſt, je vergeſſen, und eure Stimme unter das Geſchrei der Partheifuͤhrer men⸗ gen. Andere moͤgen fuͤr die Regierung dieſes ge⸗ liebten Spaniens Sorge tragen; eure einzige Pflicht iſt, fuͤr daſſelbe zu beten.“ Dieſe Worte wurden mit vieler Nnha Ueber⸗ zeugung geſprochen. Blos der Prior ſchien ſie mit 265 Unwillen anzuhoren. Er ſtand ſofort auf, und ſprach mit ſtarker Stimme und in einem leidenſchaft⸗ lichen Tone: 5 519 „Wir ſind alle hier beiſammen, um frei unſere Gedanken zu aͤußern, und ich werde einem jeden von euch erlauben, wenn die Reihe an ihn kommt, zu re⸗ den. Zuvor indeß muß ich euch den Zuſtand der Dinge klar auseinander ſetzen.“ „Ihr werdet wohl ſchon von der ketzeriſchen Geſetzgebenden Verſammlung gehoͤrt haben; ſo nennt ſie wenigſtens der unſterbliche Pabſt Pius der Sechſte in ſeinem Breve vom 10. Maͤrz 1791. Die⸗ ſes heilige Oberhaupt der Kirche brandmarkt ſie als ruchlos, weil ſie es wagte, die geiſtliche Gerichtsbar⸗ keit zu beſchraͤnken, die Entrichtung der Zehenten und der Erſtlinge zu ſchmaͤlern, uͤber die uͤbrigen Guͤter und Rechte der Kirche zu verfuͤgen, und eine ſoge⸗ nannte Reform der Ordens⸗ und Weltgeiſtlichkeit einzufuͤhren. Solchen Frevel wagte man, und als Strafe erfolgte ſofort der Bannfluch der Kirche.“ „Sucht nicht gegenwaͤrtig eine gewiſſe Parthei dieſelben Aergerniſſe herbeizufuͤhren? und iſt wohl ein einziger unter euch, der ſich mit denſelben Ver⸗ brechen beflecken und dieſelben Bannſtrahlen auf ſein Haupt herablenken will?“ „Saget mir ja nicht, daß man von uns blos immer Opfer verlange. Mit welchem Rechte duͤrfen wohl die Menſchen ihre Hand an das Werk ihres Gottes legen? Jeſus Chriſtus hat ſeine Kirche un⸗ abhaͤngig von allen irdiſchen Maͤchten gemacht. Der 266 heilige Geiſt ſprach aus Oſtas und Athanaſius, als ſie zum Kaiſer ſagten: Miſchet euch nicht in unſere Angelegenheiten; unſere Sache iſts, euch in den eurigen zu rathen! Ferner ſprach der heilige Geiſt aus dem Munde des Baſilius, als er von der Hoͤhe ſeines Dhrones herab eingeſtand, daß die Laien nicht das Recht haͤtten, ei⸗ nen Blick auf die kirchlichen Angelegenheiten zu wer⸗ fen. Benedict der Vierzehnte hat dieſen lezteren Grundſatz fuͤr den einzig rechtglaͤubigen erklaͤrt, und der Adler der katholiſchen Welt, Boſſuet, hat aner⸗ kannt, daß man die Kirche nicht wohl der buͤrgerli⸗ chen Obrigkeit unterordnen koͤnne, ohne ſie zu zer⸗ ſtoͤren. Uns kommt es nun zu, die heilige Bundes⸗ lade gegen jeden Angriff zu vertheidigen, welchen heiligen Namen auch immer die Ruchloſen als Aus⸗ haͤngeſchild fuͤhren moͤgen; ja ſelbſt wenn der Fall eintraͤte, daß einer unſerer Koͤnige einen Augenblick dieſe goͤttlichen Grundſaͤtze weltlichen Ruͤckſichten auf⸗ opfern koͤnnte, ſo wuͤrden ſich doch noch Diener des Altars finden, wie der Kardinal von Belluga war, die dieſen Fehler laut ſchelten, und Fuͤrſten wie Phi⸗ lipp der Fuͤnfte, die denſelben erkennen und beweinen wuͤrden.“ „Wer irgend eines von den hohen Vorrechten der Religion bedroht oder preisgiebt, empoͤrt ſich wider das Geſetz Gottes. Es giebt keine Mittelſtufe zwiſchen dem Guten und dem Boͤſen, zwiſchen dem Leben und dem Grabe, zwiſchen dem Heil und der ewigen Verdammniß. Man muß entweder im Hauſe ———— 267 des Herrn bleiben, um den Dienſt darin zu verſehen und es zu beſchutzen, oder auf die Seite jener ab⸗ truͤnnigen Griechen, eines Johann Huß, Heinrich des Achten, der Hugonotten und jener Geſetzgeben⸗ den Verſammlung uͤbertreten, die nichts weiter feſt⸗ geſetzt hat, als die Ruchloſigkeit, den Kirchenraub und den Koͤnigsmord.“ un „Der Staat iſt ganz in der Kirche enthalten, ſo wie das Haus, welches ſchwache Menſchenhaͤnde er⸗ baut haben, in der weiten Welt Gottes ſteht. Da⸗ her kommt es denn, daß mit dem chriſtlichen Glau⸗ ben jedesmal auch die burgerliche Geſellſchaft erliſcht. Seitdem Frankreich ſeine geiſtlichen Ordensbruͤder⸗ ſchaften und die franzoſiſche Geiſtlichkeit ihren Glanz eingebuͤßt hat, iſt dies Reich, welches den lieben Gott entbehren zu koͤnnen glaubte, von Stuͤrmen und Unfaͤllen hin und her geworfen worden, ſo wie ein Schiff, das keinen Erbauer gehabt zu haben und des Steuermanns entbehren zu koͤnnen glaubt. Wir, die wir die Vorhut der Kirche bilden, wir wollen die ſpaniſche Nation vor aͤhnlichen Thorheiten bewahren, und ihr zugleich auch dieſelben Unfaͤlle erſparen.“ „Oie Furcht iſt eine ſchlechte Rathgeberin. Wenn daher unter euch ſich irgend ein Kleinmuͤthiger finden ſollte, der ſich vor den Boͤſen etwa fuͤrchtet, der glaube nur ja nicht, daß er ſie durch ſeine Abtruͤn⸗ nigkeit entwaffnen werde. Blicket nur uber die Py⸗ renaͤen hinuͤber, fraget einmal die franzoſiſche Revo⸗ 268 lution, was ſie mit den Leviten gemacht hat, die ſich vor ihr beugten!— Sie hat ſie ermordet.“ „Fuͤrchtet Gott, meine Bruder, und ihr werdet dann auch von den Menſchen gefuͤrchtet werden. Das Volk weiß, daß es der Ordensgeiſtlichkeit alles verdankt. Es verdankt ſeinen unbefleckten Gottes⸗ dienſt eurer heilſamen Strenge, ſeine guten Sitten eurem frommen Beiſpiel, ſein vieljahriges Wohlbe⸗ finden eurem Gebet; ſeit eurer Gruͤndung iſt dies unſer glorreiches Vaterland den Haͤnden der Sara⸗ cenen wieder entriſſen worden, ſeitdem hat der Spa⸗ nier die Grenzen der bekannten Welt erweitert und iſt als Herr des ganzen Erdkreiſes begruͤßt worden. Das Volk weiß ferner, daß unlaͤngſt noch durch un⸗ ſere Zwiſchenkunft, durch unſere Aufopferungen und Waffen die Monarchie befreit worden iſt, ſo wie ehe⸗ mals Rom, der Verſicherung Gregors des Großen zufolge, durch die Gebete der gottgeweihten Jung⸗ frauen gegen die Drohungen der Lombarden geſchuͤtzt worden iſt.“ „Ihr Streiter des Himmels, bleibet dem Kru⸗ zifir getreu; eure Stimme wird Kriegsheere ſchaffen und Mauern durchbrechen. Wenn ihr dem Unge⸗ heuer der Revolution den Todesſtoß verſetzt, ſo wer⸗ det ihr dem Sohne der Jungfrau Maria nachahmen, welcher die Hoͤlle beſiegte; denn ihr werdet dadurch Gott gehorchen und die Menſchheit retten.“ Der Pater Lehrmeiſter, einige neu angenommene Ordensgeiſtliche und beſonders die Alten nahmen dieſe Rede mit Bewunderung und Entzuͤcken auf; 269 alle ͤbrigen ſchwiegen ſtill, blos die Lippen des be⸗ jahrten Don Mathias murmelten leiſe einige Stellen aus den Concilienbeſchluͤſſen und den Schriften der Kirchenvaͤter, die er dieſen Grundſaͤtzen entgegenge⸗ ſtellt haben wuͤrde, wofern er es gewagt haͤtte, gegen ſeinen Oberen ſeine Stimme zu erheben. Zwiſchen ſeiner ſechzigjaͤhrigen Verehrung der Floſterzucht und zwiſchen der Ungeduld, ſeine ſo lange ſchon vergra⸗ bene Gelehrſamkeit oͤffentlich auszukramen, in die Enge geklemmt, haͤtte er es gern geſehen, wenn ihm jemand mit einem Beiſpiel von Muth vorangegangen waͤre. Er zupfte daher den Fray Aparicio, der ſo⸗ fort aufſtand; doch beim Anblick dieſer ſchweigenden und regungsloſen Verſammlung ſank der ſtreitluſtige Moͤnch wieder auf ſeinen Seſſel zuruͤck, als ob die Blitze des Vatikans ihn bereits getroffen haͤtten. Endlich bat ein Ordensgeiſtlicher, und zwar der be⸗ ſondere Freund des Prior, um die Erlaubniß, dieſen Grundſätzen, wovon ſo eben die ganze Kloſterge⸗ meinde erbaut worden, ſeine Huldigung zu bezeigen⸗ Er ſprach lange von den Verfolgungen Tiber's und Diocletian's, und von den Pruͤfungen, aus welchen die Kirche ſtets ſiegreich hervorgegangen ſei; allein er verhehlte nicht, daß diesmal das Uebel ſeinen Sitz im Herzen habe.„aßt es uns nur geſtehen,“ fuhr er fort,„die Anſteckung hat blos darum die Heerde ergriffen, weil die Hirten ſelber davon befallen ſind⸗ Diejenigen, welche im Heiligthum der Kirche die Er⸗ ſten ſind, ſind zugleich auch die ſchuldigſten. Die Geiſtlichkeit, welche man mit einer ſehr paſſenden 270 Bezeichnung die weltliche nennt, weil ſie in alle Grundſaͤtze der Welt eingeweiht iſt, hat allein das Allerheiligſte dem Abſcheu preisgegeben. Man hat es geſehen, wie ſie als unverſoͤhnlicher Feind der kloͤſterlichen Ordensgeſellſchaften, als gieriger Ne⸗ benbuhler der thätigſten und verachtetſten Diener Jeſu Chriſti, die Beſtrebungen der Philoſophie gegen die regulirten Vertheidiger der Ordensregel unter⸗ ſtutzt, ſich mit den Feinden Gottes und des Koͤnigs zum Untergange derſelben verſchworen, ja dem Auf⸗ ruhr und der Kirchenſchaͤndung ihren Beifall gegeben hat.“—„Die Weltgeiſtlichkeit iſt keinesweges an den Unfaͤllen der Religion allein ſchuld,“ unterbrach ihn mit einer zitternden Stimme der Aelteſte der Klo⸗ ſtergemeinde;„die grauſamſten Feinde Gottes befin⸗ den ſich, man muß es leider geſtehen, unter der Ordensgeiſtlichkeit ſelbſt. Die Orden, deren Reich⸗ thum und Wohlleben ihres gleichen nicht haben, die Monges, alle Soͤhne des heiligen Franciscus, die Benedictiner, die Schuͤler des heiligen Leonar⸗ dus, die Hieronymiten, die Karthaͤuſer, die Baſi⸗ lienſer, thun weiter nichts, als daß ſie Aergerniß und Zwietracht in das Haus des Herren bringen. Sie, die unnuͤtze Arbeiter und bloße Schmarotzer⸗ pflanzen ſind, dienen nicht einmal durch das Wort, und jezt, wo die ſtuͤrmiſchen Zeiten eingetreten ſind, werdet ihr ſehen, wie ſie fuͤr ihre unermeßlichen Guͤter reiche Jahrgehalte empfangen, wie ſie dieſe heiligen Vermächtniſſe des Glaubens unſerer Väter hingeben, und am Ende wohl gar ihre wiſſenſchaft⸗ 271 lichen Kenntniſſe und ihren Doctorgrad, worauf ſie meiſt ſich ſo viel zu Gute thun, dazu benutzen, um durch das Patronat der Großen und Maͤchtigen dieſer Welt, auf deren Verwandtſchaft ſie ſo eitel ſind, ſich weltliche Wuͤrden zu verſchaffen.“—“ Man muß es leider geſtehen,“ nahm jezt ein anderer Do⸗ minicaner das Wort;»unter den Frayles ſogar giebt es Orden, deren eiferſuͤchtiger Haß und deren poͤbelhafte Unſittlichkeit.— Hier gab der Erzbiſchof dem Redner einen Wink und ſagte mit ge⸗ ruͤhrtem Tone:“Wir wollen uns an alle die uͤbri⸗ gen Soͤhne unſerer gemeinſamen Mutter, der heili⸗ gen roͤmiſchen Kirche, anſchließen, um ſie gegen die Angriffe der Philoſophie zu vertheidigen. Dieſer furchtbaren Feindin gegenuͤber wollen wir unſere Reihen nicht duͤnner machen, ſondern ſie vielmehr zu verſtaͤrken ſuchen. Uebrigens wollen wir beden⸗ ken, daß wir nicht hier ſind, um unſere Bruͤder an⸗ zutlagen, ſondern nur um die verirrten zuruͤckzu⸗ fuͤhren.“ Fray Vicente ſtand jetzt auf; auf ſeinem Geſicht zeigte ſich eben ſo viel Energie als Wuͤrde. Doch Don Iſidro ſtreckte auf eine eben ſo viel Ehrfurcht gebietende als vaterliche Art und Weiſe die Hand gegen ihn aus, und der Ordensgeiſtliche verneigte ſich, und nahm wieder ſeinen Platz ein. Der Erz⸗ biſchof fuhr nun weiter fort:* Es bleibt uns weiter nichts uͤbrig, als die unbeſonnenen Vorſchlaͤge, die gemacht worden ſind, zu vergeſſen, und Gott zu bit⸗ ten, daß er ſie ebenfalls wie wir vergeſſen moͤge.“ — „Mit Erlaubniß Euer erzbiſchoͤflichen Gnaden,“ ref der Prior;“ es bleibt uns jezt noch uͤbrig, die Schuldigen zu beſtrafen.“—* Sie beſtrafen?“ ſag⸗ te hier ganz wuͤthend Fray Aparicio;* welches Recht habt ihr denn dazu? die Konſtitution der Monarchie erklaͤrt alle Spanier fuͤr gleich.“— Auf einigen Ge⸗ ſichtern ſah man Beifall, auf einigen andern eine iro⸗ niſche Freude, auf den meiſten aber Betruͤbniß. Fray Aparicio, der ganz außer ſich daruͤber war, daß man ihn nicht gehoͤrig unterſtutzt hatte, huͤllte ſich in ſein Scapulier. Der Erzbiſchof ſagte raſch:„Ein Wort, das aus der Hoͤlle emporgeſtiegen, iſt jezt unter uns vernommen worden; wir wollen uns nicht weiter darum kuͤmmern, welcher Mund es ausgeſprochen hat, allein ein dreitägiges allgemeines Faſten wird gewiß nicht zu viel ſein, um uns alle zu reinigen. Dies mein Bruder,“ fuügte er hinzu, indem er ſich an den Prior wendete,„dies iſt die Strafe, die ihr fuͤr heilſam erachtet habt. Verſprechet nun mit mir zugleich, daß ihr auf keine andere weiter dringen wol⸗ let.“— Der Prior verſprach es, die Hand aufs Herz legend und zur Erde niederknieend. Alle Bruͤ⸗ der folgten ſeinem Beiſpiele, und das hohe Gewoͤlbe hallte von den Hymnen Davids wieder. Gleich da⸗ rauf hoͤrte der Geſang auf, die Verſoͤhnungskuͤſſe wurden gewechſelt, und die Sakriſtei leerte ſich. Ei⸗ nige Bruͤder hatten in ihrer innern Bewegung uͤber die Zwietracht, welche das Kloſter erfuͤllt hatte, beim umwenden nach dem großen Chriſtusbilde nicht ſorg⸗ faͤltig genug auf Stirn und Bruſt das chriſtliche Zei⸗ 273 chen des Kreuzes gemacht. Ein einziger unter ihnen ward vom Prior bemerkt, der dem Verbrecher ein zweimonatliches Gefaͤngniß als Strafe zuerkannte; es war Fray Aparicio. Er neigte ſein Haupt und unterwarf ſich dem Urtheilsſpruche. Ich konnte gar nicht begreifen, wie ſich eine ſo zahl⸗ reiche Oppoſitivn von dem entſchiedenen Willen zweier Maͤnner hatte brechen laſſen, wie die Kloſterzucht un⸗ ter dem feurigen Himmel des Suͤdens ein ſo maͤchti⸗ ges Anſehen behaupten konnte, und wie dieſe Scenen, die ſo ganz geeignet waren, um die heftigſten Unord⸗ nungen hervorzubringen, ſich zulezt in Ruhe und unterwerfung endigen konnten. Indeß ein aufmerk⸗ ſamer Beobachter, der das ſpaniſche Volk bei allen ſeinen bewegten Zuſtaͤnden ins Auge faßt, wird gar oft ſich auf aͤhnliche Weiſe in ſeinen Berechnungen getaͤuſcht ſehen. Zweites Kapitel. Als die Moͤnche zu ihren frommen Geſchaͤften zuruͤckgekehrt waren, erklaͤrte der Erzbiſchof dem er⸗ ſtaunten Prior, daß er jezt ſelber hingehen und das Werk vollbringen wuͤrde, das die Kloſtergemeinde habe unternehmen wollen. Er bat ſich einen Weg⸗ weiſer aus, der ihn zu dem Verbannten fuͤhren koͤnnte, deſſen Untergang Fortunato und Jaime be⸗ v. 18 274 ſchloſſen hatten. Doch niemand wußte, wo er wohnte. Ein Mauleſeltreiber, der von Bayonne angekommen war, hatte in der umgegend das Geruͤcht von ſeinem Aufenthalt im Gebirge verbreitet; man ſuchte daher den Antonio in Urdax auf. Allein ganz Urdax war menſchenleer, und die daſelbſt zuruͤckgebliebenen Wei⸗ ber und Greiſe waren nie uͤber die Scheidegrenze der beiden Reiche hinuͤber gekommen. Der Andaluſier, die ſchoͤne Paquita, ja alle Maͤnner waren mit dem Alcalden an ihrer Spitze ausgezogen, um demjenigen, den die franzoͤſiſchen Basken noch immer den Galee⸗ renfluͤchtling nannten, Blumen zu bringen. Barto⸗ lomeo hatte nebſt ſeinem Generalſtabe ebenfalls den Weg nach dem Atzulal eingeſchlagen. Donna Urraca, die in dem Wirthshauſe zuruͤckgeblieben war, ver⸗ wuͤnſchte als fromme Chriſtin ihren Bruder und mehr noch ihren Mann, den Alcalden, daß er dem Kampfe den Meineid, und dem Maͤrtyrerthume die Abtruͤn⸗ nigkeit vorzoͤge. Auf ſie konnte daher Don Iſidro nicht rechnen. Ich bot mich dem Pralaten zum Fuͤhrer an, und machte mich mit ihm auf den Weg, nicht ohne den ſchnellen Gang des achtzigjaͤhrigen Greiſes zu bewun⸗ dern, dieſe wohlthaͤtige Folge eines reinen Lebens, das ſeine Kraͤfte aus ſich ſelber ſchoͤpft, und mit der Zahl ſeiner Jahre auch die Zahl ſeiner Tugenden ſtei⸗ gen ſieht. Unterweges ſprach der Erzbiſchof ſehr wohlwollend von dem Fluͤchtling oben auf dem Atzu⸗ lal, beſonders aber von Maria. Er dachte mit be⸗ ſonderem Wohlgefallen daran, daß er alle wichtigen 275 Acte ihres Lebens durch ſeinen Seegen geweiht habe. „Ich war auch derjenige,“ fuhr er weiter fort, „der ſie mit einander vermaͤhlte. Alonſo, der als Mitglied der fruͤheren Regentſchaft ſich nicht ſowohl ſtrafbar als zu kuͤhn benommen hatte, war von den verbrecheriſchen Rathgebern unſeres jungen Koͤnigs nach dem Aufenthalt der Schande verwieſen worden. Vor ohngefaͤhr zweitauſend Jahren war ein heidni⸗ ſcher Held der Vorzeit auf eben derſelben Kuͤſte frei⸗ willig geſtorben; der edle Kaſtilianer dagegen wollte als chriſtlicher Held leben. Doch die dazu erfor⸗ derliche Standhaftigkeit war groß, und in dem Kampf aller ſeiner Gefuͤhle und Empfindungen, der kiebe, der Ehre, des Patriotismus, die hier alle auf gleiche Weiſe tief verletzt wurden, erſchoͤpften ſeine Kraͤfte ſich ſehr bald. Waͤhrend er nun einſt durch eine be⸗ ſondere Verguͤnſtigung Bartolomeo's, der damals eben Gefaͤngnißaufſeher war, fern von ſeinen unedeln Ungluͤcksgefaͤhrten einſam am Strande umher irrte, entfuͤhrte ein amerikaniſcher Korſar ihn wider ſeinen Willen dieſem ſchrecklichen Aufenthaltsorte. Durch einen Seeſturm ward er in die Gegend verſchlagen, wohin ich verbannt worden war. Um dieſelbe Zeit hatte die traurige Maria ihrer ſterbenden Mutter ſo eben die Augen zugedruͤckt, und ſie begab ſich nun von dem Dodtenbette der guten Aebtiſſin in meine einſame Wohnung zu dem Krankenbette hin, wo der Freund ihrer Kindheit fern von den Blicken ſeiner Feinde den lezten Reſt eines dahinſchwindenden Daſeins zubrach⸗ te, das durch Leiden des Koͤrpers und der Seele 8 276 völlig erſchoͤpft worden war. Ich wuͤnſchte, daß die Liebe, die ihr beiderſeitiges Leben begluckt hatte, durch ein heiliges Band geweiht wuͤrde. Allein die Markiſin war eine Grandin von Spanien. Alonſo wollte ſich nicht dazu verſtehen, durch eine ohne Ge⸗ nehmigung des Koͤnigs geſchloſſene Eheverbindung ſie mit in ſein Schickſal zu verwickeln, und vielleicht ſtraͤubte ſich ſelbſt noch in dieſen lezten Augenblicken ſein Stolz gegen den Gedanken, den Rang und die Beſitzungen ſeiner Ahnen einer Heirath, und nicht ſeinen geleiſteten Dienſten oder einer Ehrenbelohnung des Staats zu verdanken. Endlich ſchien die Leuchte ſeines Lebens dem Erloͤſchen nahe zu ſein. Donna Leonor konnte ihr Schluchzen nicht mehr unterdruͤcken, Maria hatte bereits zu weinen aufgehoͤrt, die eiskalte Hand Alonſo's wies nicht mehr die Hand ſeiner Freundin von ſich, und ſo ſprach ich denn uͤber dies edle Paar, deren Verbindung ja doch nur noch we⸗ nige Augenblicke dauern konnte, den kirchlichen Se⸗ gen aus.“ „Doch, o Allgewalt jener unaus ſprechlichen Nei⸗ gung, die ich in meiner friedlichen Kindheit mie ken⸗ nen zu lernen Gelegenheit hatte! der ſterbende Ehe⸗ gatte kehrte unter der Umarmung derjenigen, die er nun zu lieben berechtigt war, wieder zum Leben zu⸗ ruͤck, und beide flohen hierauf aus dem undankbaren Vaterlande, und uͤberließen mich wieder der tiefen Einſamkeit, in welcher ich ſo lange gelebt habe.“ ezt weiß ich, daß ſie in dieſer Gegend wohnen⸗ und ich eile zu ihnen. Don Alonſo iſt nunmehr unſerem Spanien unentbehrlich. Aus den Gaͤhrun⸗ gen des Buͤrgerkriegs iſt bei uns eine Konſtitution entſtanden, die wegen ihrer Aehnlichkeit mit euren revolutionaͤren Beſtrebungen nicht genug zu beklagen iſt. Gebieteriſche und tobende Zuſchauer auf den Gallerieen uͤbten Zwang uͤber unſere Abſtimmungen aus. Als die großherzigen Anſtrengungen Englands vereint mit den unſrigen unſeren Don Ferdinand uns wiederverſchafft hatten, verſuchten einige Maͤnner, unter die auch ich mich mit einigem Stolz zaͤhlen darf, die Monarchie der traurigen Lage zu entreißen, wo ſie nur zwiſchen der Ungebundenheit der Volksgewalt oder der unbeſchraͤnkten Koͤnigsgewalt zu waͤhlen hatte, welche durch die unfoͤrmliche Schoͤpfung un⸗ ſerer geſetzgebenden Nationalverſammlung vorberei⸗ tet worden war. Gott hat indeß alle unſere Bemuͤ⸗ hungen mit Ohnmacht geſchlagen. An der Stelle der Geſetze herrſchte ſehr bald ein Boͤſewicht, auf eine anarchiſche Verfaſſung folgte der Despotismus gemeiner Lakaien, und auf den Despotismus folgt jezt wieder eine unvermeidliche Revolution. Maͤn⸗ ner wie Alonſo ſind allein im Stande, dieſelbe zu den Fuͤßen des Monarchen in Feſſeln zu legen, durch ſolche nur kann der Thron und der Altar aufrecht er⸗ halten werden, und das iſt mehr, als ich noch vor wenigen Monaten zu hoffen wagte; die Zeit, die Stimme der Vernunft und Gott werden das uͤbrige vollenden.“ Schon erblickten wir Ainhoa und das ganze Thal zu unſeren Fuͤßen. Ein von Steineichen und Syko⸗ 278 moren beſchatteter Weg fuͤhrte bis zu der einſamen Behauſung des Geaͤchteten. Wir holten zwei Frauen ein, die langſamen Schrittes vor uns her giengen. Sie trugen die ſpaniſche Landestracht, die blos aus einem flatternden Schleier und aus einer engen Basquine beſteht. Der Wuchs der einen, der minder ſchlank und leicht war, verrieth ein hoͤheres Alter.„Meine Tochter,“ ſagte ſie zu der andern,„wundere dich nicht daruͤber, daß du ſo ganz verlaſſen biſt. Die Maͤnner, die meiſt entweder unbeſonnen oder treulos ſind, verſtehen blos uns Frauen zu hintergehen. Es iſt ein Ungluͤck fuͤr uns Frauen, daß wir zu lieben im Stande ſind! Auf der ganzen Erde finden wir kein Herz, das unſere Neigung erwiederte, Gott allein verdient unſere Liebe.“ Sie langten mit uns gleichzeitig bei der Einſiede⸗ lei an. Die große Eingangsthuͤr derſelben war ge⸗ oͤffnet. Man ſah am Altar den Einſiedler ſtehen, der uͤber das unerwartete Herbeiſtroͤmen der Bauern aus der Umgegend ganz verwundert war; auf den Stufen des ſchmalen Heiligthumes betete ein Andaluſier und ein junges Maͤdchen aus Navarra, wie man aus den lang herabwallenden Flechten ihres dunkeln Haares leicht abnehmen konnte; ein Baske und eine junge Frau, die neben ihm knieete, zogen die Blicke aller auf ſich, und hinter ihnen ſtand Bartolomev mit ſei⸗ nem ganzen Generalſtabe. Die Landleute aus Ur⸗ dax, die ihre Huͤte mit rothen und gelben Baͤndern geſchmuͤckt hatten, erfuͤllten den Platz vor der Ein⸗ ſiedelei, und konnten ſich nicht genug wundern, daß 20 ſie auf dieſen einſamen Gebirgshoͤhen die geliebte Gebieterin wiedergefunden hatten, durch welche von nun an unfehlbar jener verabſcheute Sequeſtrator aus ſeiner furchtbaren Gewalt verdraͤngt werden mußte. Die meiſten derſelben bildeten einen Kreis um ein Kind, das vor der Kapelle mit einem großen Hunde ſpielte, ohne auf die Ehrerbietung zu achten, welche ihm alle dieſe Leute erwieſen. Es war ganz wie die Bearner Bauerknaben gekleidet. Sein blondes Haar fiel in großen Locken auf ſeine Schultern herab, ſein Auge war voll Geiſt und Anmuth, noch nie hatte ich ein ſo ſchoͤnes Geſicht und einen ſo ſeelenvollen Blick an einem Knaben geſehen. Die beiden Spanierinnen wurden durch den Anblick ebenfalls uͤberraſcht. Die aͤltere nahm und kuͤßte ihn; er ſtraͤubte ſich gegen ihre Liebkoſungen. Da rief ſie:„Schoͤnes Kind, du kannſt unmoͤglich der Sohn eines gemeinen Bas⸗ ken ſein. Wo biſt du denn her?“—„Ich bin hier zu Hauſe,“ antwortete er, indem er fortzulau⸗ fen verſuchte;„aber ich bin ein Kaſtilianer von Ge⸗ burt.“—„Und wie heißt du denn?“—„Ma⸗ nuelito, nach dem Namen meiner Mama, die auch Maria de las Anguſtias heißt, ſeit heute fruͤh nennt man ſie aber auch Frau Markiſin.“—„Was ſagſt du da? und dein Vater?“—„Mamg heißt ihn immer Alma mia*) oder vielmehr Alonſo. *) Meine Seele, mein Herz. 280 Bei dieſem Wort ſtuͤrzte Donna Matea— denn ſie war es— ganz außer ſich in die Einſiedelei hin⸗ ein. Die Ungluͤcktiche hatte naͤmlich von Don Car⸗ los zwar erfahren, daß Alonſo in dieſem Gebirge wohne; allein welch ein ſuͤßes Band den edeln Ver⸗ bannten in ſeiner Einſamkeit aufheiterte, hatte der Herzog ihr nicht ſagen koͤnnen.„O mein Gott!“ rief ſie aus;„das alſo ſparteſt du mir fuͤr das Ende meiner Verbannung auf!“ Alle waren daruͤber erſtaunt. Antonio und Paquita ſtanden auf; Bar⸗ tolomeo, der beim Anblick der Graͤfin, beim Anblick einer Afranceſada von Abſcheu ergriffen wurde, ſuchte ſeinen Saͤbel; der Baske und ſeine Gattin betrachte⸗ ten die fremde Frau. Die beiden leztgenannten wa⸗ ren niemand anders, als Alonſo und Maria, die noch nie ſo ſchoͤn geweſen war, als jezt in ihrer ein⸗ fachen Landtracht, als begluͤckte Gattin und Mutter. Fray Pablo horchte auf den Ton der Stimme, die ihm nur zu bekannt vorkam, und rief:„Was iſt das fuͤr ein Ton, der aus der Hoͤlle empor ſteigt? Fort, fort von hier mit der Ruchloſen! Sie war es, die den Don Luis, Don Juan und zwanzig an⸗ dere umbrachte. O mein Vater, mein Vater, ver⸗ zeihe; ſie allein hat dich gemordet!“— Die ganz beſtuͤrzte Graͤfin warf erſchrockene Blicke um ſich her, in denen noch Wuth funkelte. So niedergedruckt, wie ſie war, ſchien ſie doch noch den beiden Ehegatten und dem Bruder, den dieſe voll Staunen anſahen, drohen zu wollen. Don Iſidro ſtreckte die eine Hand gegen ſie aus, waͤhrend er mit der andern gen Him⸗ mel empor wies. Matea ſah den Erzbiſchof an, gerieth in Verwirrung, und uͤberwaͤltigt durch die Majeſtaͤt ſeines Antlitzes, durch das Gewaltige in ſeinem Blick, durch das Gewicht ſeines gegen ſie aus⸗ geſtreckten Arms, durch jene Macht der Religion und der Tugend, die ſich in dem ehrwuͤrdigen Patriarchen gleichſam lebendig darzuſtellen ſchienen, ſank auf die Kniee und hob flehende Blicke zu ihm empor. Es war, als waͤre er ſelbſt der Weltrichter, deſſen Ur⸗ theilsſpruͤche ſein Mund hier ausſprechen wollte, als auf einmal Aldouza ſich zwiſchen den erhabenen Prie⸗ ſter und ihre Mutter ſtuͤrzte und rief:„Gnade, Gnade!“ Auch Maria flehte gleich ihr zu dem hei⸗ ligen Greiſe.„Nicht mich,“ ſagte dieſer zu Matea, welche ihr Haupt neigte,„nicht mich muͤßt ihr bitten. Ich bin blos hier auf der Erde, um Barmherzigkeit zu verkuͤnden. Aber da oben wohnt die ewige Ge⸗ rechtigkeit, welche blos der Gewiſſensbiß der Reue zu erweichen vermag.“ Matea blieb regungslos. Einige Momente ver⸗ ſtrichen, Aldouza rief ſie mit Namen, aber blos das Echo der umliegenden Hoͤhen beantwortete ihren Ruf. Man draͤngte ſich ſofort um die Graͤfin, man hob ſie auf; ihr Auge ſuchte jene Maria, die ſie ſo lange gehaßt, ſo lange verfolgt hatte.„Ich bereue alles!“ ſprach ſie darauf mit erloͤſchender Stimme, und ihre Augen ſchloſſen ſich auf ewig. Die Markiſin ſuchte ſchnell ihre junge Freundin dieſer entſetzlichen Scene zu entreißen. Alonſo wurde von derſelben durch die Geiſtesverwirrung und Ver⸗ ——FYY 282 zweiflung ſeines Bruders abgelenkt, in welchem er jezt, nachdem er fruͤher ſo lange ſein Gegner geweſen, einen Verbannungsgefaͤhrten wiedergefunden hatte. Er verſuchte den Fray Pablo wieder zur Beſinnung zuruͤckzurufen; dieſer hoͤrte auf ihn und ſah ihn an, erkannte ihn aber nicht.„Ihr heißet Alonſo?“ fragte der Eremit.„Ach, waret ihr nicht derjenige, deſſen beklagenswerthe Hartnaͤckigkeit unſerem Vater⸗ lande alle die Leiden verurſachte, der es einer ſechs⸗ jaͤhrigen Verwuͤſtung preisgab, um es ſpaͤter einem ſechs Jahre langen Despotismus preiszugeben, durch den die Cadixer Parthei dem uͤbrigen Spanien anar⸗ chiſche Geſetze vorzuſchreiben vermochte, durch den unſer Vater mitten in einem wuͤthenden Kriege den Tod fand?“—„Ungluͤcklicher!“ erwiederte Alon⸗ ſo;„halte ein! Was du die Cadixer Parthei nennſt, iſt Spanien ſelber, das dir verzeiht.“ Bei dieſen Worten ward der Einſiedler geruͤhrt, und ergriff die Hand ſeines Bruders.—„Komm,“ fuhr Alonſo fort,„komm zu unſerer armen Mutter, die ſeit langen Jahren nicht mehr den Heerd verlaſſen hat, woran ihre Leiden ſie gefeſſelt halten.“ Sie wollten ſo eben aus der heiligen Behauſung hinaustreten, da ſperrte ihnen ein Hinderniß den Weg; vor ihnen lag die als Leiche hingeſtreckt, die ſie beide einſt geliebt hatten⸗ Pablo weihte ihr einige Thraͤnen, Alonſo bebte, neigte ſich auf den eiskalten Koͤrper herab und rieft „Das war alſo der Ausgang einer ſtrafbaren Liebe! fuͤr ſie zwanzig Jahre voll Verzweiflung, fuͤr mich zwanzigjaͤhrige Verfolgungen und Gewiſſens⸗ biſſe, die nie enden werden! OMatea! meine zaͤrt⸗ lichen Schwuͤre hatten dich getaͤuſcht. Deine Rache wird bis ͤber das Grab hinaus dauern, dein Bild wird mir meine frohſten Stunden truͤben; waͤre ich nicht geweſen, ſo wuͤrdeſt du vielleicht nie das Ver⸗ brechen kennen gelernt haben, und wuͤrdeſt vielleicht noch leben.“ Der Erzbiſchof fuͤhrte ihn mit ſich fort, und die Landleute machten in der Eil eine Bahre zurecht, um die irdiſchen Ueberreſte dieſer einſt ſo leidenſchaftli⸗ chen und anmuthſtralenden Matea nach der Kirche des Dorfes zu tragen. Don Alonſo entfernte ſich mit ſchnellen Schrit⸗ ten, und holte bald die Markiſin ein, welche die Al⸗ douza unterſtuͤtzend den Atzulai hinanſtieg. Antonio, der ſeinen alten Vater an der Hand fuͤhrte, die Toch⸗ ter Bartolomeo's, Bartolomeo ſelber, ja ganz Urdar folgte ſtillſchweigend hinter ihnen her. Der Alcalde Don Geronimo ſtotterte einige konſtitutionelle Redens⸗ arten heraus, um ſich dadurch die Gunſt der neuen Grundbeſitzer der Gegend zu verſchaffen, und mur⸗ melte zugleich einige Paternoſter, um ſich mit Gott auszuſoͤhnen. Endlich gelangte man zu der Strohhuͤtte, worin ſo viele Tugenden, von der Welt ungekannt, ihre Wohnung hatten. Die Basken aus Ainhoa waren herzugeſtroͤmt; Frau Hiriart brachte das Manuſcript mit, welches ihr Sohn vor vier Jahren auf der gro⸗ ßen Heerſtraße von Navarra gefunden hatte, und ſie haͤndigte dieſe ſchätzbaren Denkwuͤrdigkeiten demjeni⸗ 284 gen wieder ein, der ſie ſelber niedergeſchrieben, und war ſehr erfreut, daß ſie fuͤr dieſe Darbringung ei⸗ nige freundliche Worte aus dem Munde des Fremden empfieng, von dem der Ruf ſo viele Wunderthaten erzaͤhlte. Die Volksmenge blieb ſtumm und ehrer⸗ bietig vor dieſer niedrigen Behauſung, vor welcher ſie ſonſt immer geflohen, vor dieſem Geaͤchteten ſte⸗ hen, den ſie ſo lange verachtet hatte; allein dieſer Geaͤchtete war ja ein großer Buͤrger des Staats, und dieſe einfache Wohnung diente ungluͤcklichen Ed⸗ len zum Zufluchtsort. Die Blicke aller waren dar⸗ auf hingerichtet, alle Herzen klopften, alle Augen wurden thraͤnenfeucht„„ Nein! die Tugend iſt kein leerer Name; ſie hat ebenfalls ihren bezaubern⸗ den Reiz. Nur iſt ihre Macht nicht eine von denen, die eines aͤußeren Prunks, oder des Aufſehens, oder der Gewaltſtreiche beduͤrfen, um Eindruck auf die Gemuͤther zu machen. Sie entzuͤckt die Menſchen blos dadurch, daß ſie die Tugend iſt, und ihre Herr⸗ ſchaft, anſtatt mit der Zeit in Verfall zu gerathen, gewinnt mit den Jahren, mit den S im⸗ mer mehr an Kraft. Unterdeß erfuhr Alonſo von dem Erzbiſchofe, welches Geſchaͤft ſein Vaterland ihm auftragen wolle. Antonio und Bartolomeo hatten es ihm blos auf eine verwirrte Weiſe mitgetheilt, und er war demzufolge mit ſeiner Gattin zum Altar geeilt, um da vorerſt ſeine Ueberraſchung und Dankbarkeit an den Tag zu legen. Jezt, wo er Don Iſidro anhoͤrte, fielen ſeine Blicke zufaͤllig auf die ſchmachvollen Merkmale, die er an ſeinen Haͤnden trug, und er erklaͤrte ſofort, daß er hier auf dem Boden der Verbannung wohnen bleiben wolle.„Ich kann wohl,“ rief er aus, „den Undankbaren verzeihen, welche mich mit Schande zu brandmarken ſuchten; allein in ihrer Naͤhe leben werde ich nie!— Die Bitten und das Zureden des Praͤlaten vermochten nichts uͤber ſeinen uner⸗ ſchuͤtterlichen Willen. Aus den benachbarten Staͤd⸗ ten folgte immer eine Deputation auf die andere, unter der Zahl dieſer Ankommenden befand ſich auch Don Diego, gegenwaͤrtig politiſcher Chef der Provinz. Die Huldigung des guten Hidalgo ruͤhrte den edeln Verbannten nicht wenig, den alle dieſe Mitbuͤrger aus den verſchiedenſten Staͤnden und Partheien jezt baten, daß er nach ſo langer Zwietracht und nach ſo langem Ungluͤck wieder an der Leitung der oͤffentlichen Angelegenheiten theilnehmen moͤchte. Man ſah, wie ſehr Alonſo davon geruͤhrt war; er ſchloß ſeinen Sohn in ſeine Arme, um die Bewegung ſeines Ge⸗ muͤths den Umſtehenden zu verbergen, allein ſein Entſchluß ward dadurch nicht geaͤndert. Don Domingo, der ſo eben wieder aus ſeinem fernen Zufluchtsorte in ſeine Heimat zuruͤckkehrte, hatte in Bayonne von den Leuten des Don Carlos erfahren, welcher Beweggrund den Herzog auf die Gipfel der Pyrenaͤen gelockt habe. Er kam jezt nun eben hier an, und fand Aldouza in Thraͤnen ſchwim⸗ mend. Der Gadetanier druͤckte das Maͤdchen an ſeine Bruſt, und ſah ſich aͤngſtlich nach ihrer Mutter um, gleichſam als fuͤrchtete er ſich vor der Gegen⸗ 286 wart einer Afranceſada. Da erfuhr er, daß ſie nicht mehr am Leben ſei, und ward davon tief betruͤbt. Die traurige Waiſe verbarg ihren Schmerz in dem entlegenen Kabinett, wo die Gitarre ihrer Freundin neben den muͤßigen Waffen ihres Gatten hieng. Vielleicht dachte ſie unter den Thraͤnen uͤber ihren erlittenen Verluſt auch daran, daß der knftige Ge⸗ faͤhrte ihres Lebens nicht an ihrer Seite waͤre, um ihr Muth zuſprechen zu köͤnnen. Donna Leonor ver⸗ gaß uber der eifrigen Sorgfalt, womit ſie die Thraͤ⸗ nen der jungen Spanierin zu trocknen ſuchte, die Freude, die ſie uͤber das Wiederfinden Pablo's em⸗ pfand, und die Markiſin, die fortwaͤhrend beſchaͤf⸗ tigt war, Gutes zu ſtiften, ſuchte den Bartolomeo zu Gunſten Antonio's und Paquita's zu erweichen. Die reiche Verſorgung, welche ſie ihnen auf ihren großen Beſitzungen verſprach, vermochte den ſtolzen Aragonier nicht zu ruͤhren; doch der große Ruf des braven Enriquez, welcher blind und dem Grabe nahe ihn im Namen ſeines Sohnes anflehte, ferner die Bitten der Heldin von Saragoſſa, und vor allen die Ruͤckerinnerung an ſeine Gitana, die ja auch unter dem Himmel Andaluſiens geboren worden, beſiegten endlich ſeine Scheu, einen als Schwiegerſohn anzu⸗ nehmen, deſſen Gebluͤt vielleicht noch nicht von ganz probehaltiger Reinheit war, und Antonio durfte nun ſeine Heißgeliebte endlich in ſeine Arme ſchließen. Die Einwohner von Urdax ſtießen ein Freudengeſchrei aus, die von Ainhoa erinnerten ſich an die zaͤrtliche Romanze, die ſie neulich erſt von ihm vernommen, und gaben zu der Verbindung des liebevollen Gitar⸗ renſpielers und ſeiner ſchoͤnen Freundin ihren lauten Beifall zu erkennen. Die Landleute von Bearn und von Navarra, die jezt auf einmal mit einander aus⸗ geſoͤhnt waren, verſprachen einander, von nun an zu einander uͤber die Grenze zu kommen. Die Spanier dagegen, in ihre Maͤntel gehuͤllt, ernſten Angeſichts, und ihre innige Freude blos durch einen lebhafteren Ausdruck ihres Blickes und durch ihr, halb hinter den dichten Knebelbart verſtecktes, Lacheln verrathend, bildeten gleichſam eine Art von Senat oder Areopagus, der etwas echt antikes an ſich hatte. Alle dieſe Buͤrger eines und deſſelben Vaterlandes, die ſo lange durch die Stuͤrme der Zeit von einander getrennt geweſen waren, unterhielten ſich jezt von den ausgeſtandenen Pruͤfungen. Sie ſprachen von dieſem Spanien, welches ſie vertheidigt hatten, von ihren auf dem Schlachtfelde gefallenen Kindern, von ihren niedergebrannten Haͤuſern, von ihren eigenen Heldenthaten. Die Schlacht von Burgos ward dabei nicht vergeſſen; man erzaͤhlte, ſie ſei ſehr blutig geweſen.„Ja wohl,“ fuͤgte Fray Pablo hinzu, der ſich freute, wieder Kaſtilianer um ſich zu ſehen,„ſehr blutig.“—„Wie wiſſet ihr denn das?“ unterbrach ihn Don Domingo, und aller Augen waren auf den Miniſter des Koͤnigs Jo⸗ ſeph gerichtet.—„Ich war ja dabei zugegen,“ antwortete er;„ich befand mich ja im Hauptquartier des franzoͤſiſchen Kaiſers.“— Das Entſetzen, welches auf einmal der ganze umſtehende Kreis em⸗ 7 288 pfand, wollte ſich gar nicht geben; man ſah ſich ge⸗ genſeitig an, man ſchwieg, und Fray Vicente, der ſo eben mit Don Mathias ankam, ſagte zu dem Doc⸗ tor:„Jene und wir ſprechen gar nicht mehr eine und dieſelbe Sprache, das Band der Erinnerungen iſt zerriſſen, wir haben nicht mehr eine gemeinſame Vergangenheit, und folglich kein gemeinſames Va⸗ terland mehr.“ 8.— Das Vergangene warb indeß bald vergeſſen, und man ſprach bald nur von der Zukunft, von dieſer neuen, unermeßlichen Zukunft, die ſich vor der frei⸗ gewordenen Nation jezt eroͤffnete. Alle uͤberſchauten dieſe weitaus ſehende Laufbahn mit gleicher Freude, allein, wie man bald merken konnte, bei weitem nicht mit gleichen Wuͤnſchen. Don Iſidro erklaͤrte, daß die repraͤſentative Regierung, die einzige, welche die vieljaͤhrigen Wunden der Monarchie zu heilen im Stande ſei, nie tiefe Wurzeln ſchlagen koͤnne, wofern nicht den Eſtamentos oder Staͤnden eben ſo wie einſt vor den Anmaßungen Karls des Erſten wieder die Nationalfreiheit anvertraut wuͤrde. Don Ma⸗ thias meinte dagegen, es ſei vielmehr Zeit, die poli⸗ tiſche Ordnung der Dinge der religioͤſen anzupaſſen, das Evangelium in die Geſetzgebung aufzunehmen, und jene allgemeine Gleichheit einzufuͤhren, welche bereits das Chriſtenthum verkuͤndet habe. Viele gaben ihren Beifall zu erkennen. Er fuͤgte drauf hinzu, die Cortes ſollten den Adel aufheben; dieſe Aeußerung ward mit einmuͤthigem Lachen aufgenom⸗ men. Die Halbinſel iſt dasjenige Land der Erde, 289 wo ein ſolcher Vorſchlag noch lange Zeit hinburch am wenigſten gefaͤhrlich ſein wird. Es giebt auch nicht einen einzigen Spanier, der ſich dadurch nicht beleidigt fuͤhlen wuͤrde; auch weiß ich nicht, ob im ganzen Laufe der Revolution der Wunſch des Doctors auch nur ein einzigesmal laut ausgeſprochen wor⸗ den iſt. Mitten unter dieſen Verßandlungen beobachtete Alonſo ein tiefes Stillſchweigen. Man ſah in ihm einen großen Gedanken aufſteigen und ſuchte ihn zu errathen, allein man konnte auf ſeinem Geſicht blos ein ſchmerzliches Gefuͤhl wahrnehmen. Pablo dage⸗ gen laͤchelte, wendete ſich zum Erzbiſchof und ſagte: „Ihr ſehet, daß es fuͤr das Koͤnigthum wie fuͤr die Kirche kein Heil giebt, außer durch uns.“ Drauf fuhr er ganz laut fort:„Die Errichtung von zwei Kammern iſt das einzige, was alle zu retten im Stande iſt. Man wird fruͤher oder ſpaͤter hierin doch zur Konſtitution von Bayonne zuruͤckkehren muͤſ⸗ ſen!“— Ein dumpfes Murren ließ ſich hoͤren.— „Zur Konſtitution von Bayonne?“ rief Bartolomeo voll Zorn aus, und blos Alonſo's und Maria's Ge⸗ genwart ſchutzte den Afranceſado vor einem Unwillen, den er nicht einmal zu bemerken ſchien; denn die Be⸗ wegung ſeines Mundes druͤckte Verachtung, ja Mit⸗ leid aus.—„Wie unſinnig ſind wir doch!“ rief Fray Vicente,„laßt uns doch Gott preiſen, daß er die ſpaniſche Revolution, ſo zu ſagen, ſchon in Feſ⸗ ſeln geboren werden ließ. Rings um ſie her ſind Schranken gezogen, die vielleicht nicht ganz hinrei⸗ v. 19 chend ſind, die ſie aber niemals uͤberſchreiten kann. Laßt uns von dieſer Wohlthat unſeres Schickſals Vortheil ziehen, laßt uns nicht aus bloßem Vergnuͤ⸗ gen in das weite Feld der Reuerungen hinauseilen, wo wir vielleicht nicht eher ſtill ſtehen wuͤrden, als vor den Kerkern der unumſchraͤnkten Gewalt oder vor knigsmoͤrderiſchen Blutgeruͤſten. Die Zeit iſt auch ein Geſetzgeber, und wird beſſer als die Leidenſchaf⸗ ten der gegenwaͤrtigen Zeit im Stande ſein, unſere Geſetze dereinſt zu verbeſſern.“ So eben kam ein Fremder den Weg von der Ein⸗ ſiedelei her gegangen; es war Sir Georges. Er wunderte ſich, einen ſo zahlreichen Menſchenkreis um den Kaſtilianer verſammelt zu finden, bekompli⸗ mentirte ihn mit wenigen Worten, druͤckte dem Erzbiſchof und Don Diego die Hand und ſprach dann uͤber die Fehler der Konſtitution.„Dieſe Fehler,“ nahm jezt Fray Vicente wieder das Wort,„ kennen wir alle; allein wir bitten Gott blos um eines, naͤm⸗ lich daß man uns in Frieden laſſe. Unſere neue Re⸗ gierung, wie ſchlecht ſie auch immer ſein mag, wird immer noch beſſer ſein als die, welche ſo eben abge⸗ ſchafft worden iſt; und als dieſe leztere mitten unter Poͤbeltumult und Meineid auf den Druͤmmern eines Syſtems, das durch abgeſchloſſene Vertraͤge unter den Schutz aller Koͤnige Europens geſtellt war, ihren Thron aufſchlug, habe ich niemals gehoͤrt, daß ihr euch zwiſchen uns und unſere Bedruͤcker als ein Ver⸗ mittler hingeſtellt haͤttet.“— Ein dreimal wieder⸗ holtes Beifallklatſchen uͤbertaͤubte die lezten Worte⸗ 291 Der Englaͤnder erwiederte voll Ingrimm:„Ich habe, ſo wie ganz Europa, uͤber euer Ungluͤck geſeufzt. Mein Vaterland, das ſich eine Ehre daraus macht, eure Freiheit unter den Schutz ſeiner Siege geſtellt zu haben, iſt eifrig bemuͤht, euch eine Ruhe zu ver⸗ ſchaffen, die ihr auf eine ſo edle Weiſe erſtrebt habetz doch wir, die wir uns in der Bahn einer freieren Staatsverfaſſung laͤnger bewegt haben, als ihr, wir wiſſen nur zu wohl, daß da, wo das Koͤnigthum keine Mocht und kein Anſehn mehr hat, blos Ungluͤck und Verbrechen eintreten kann. Eure Verfaſſung laßt den Thron ohne Macht, und das Miniſterium, das ſich waͤhrend eurer erſten Unruhen gebildet hat, koͤnnte euern Feinden leicht Anlaß geben, zu ſagen, daß ihr vor der ksniglichen Majeſtaͤt keine Ehrfurcht heget⸗ Es kommt daher vor allen Dingen darauf an, daß eine andere Wahl—„Gerechter Gott!“ rief Don Domingo,„waͤhrend die Camarilla mit ihrem eiſernen Arme auf Spanien druͤckt, waͤhrend im koniglichen Palaſt taͤglich gegen das, was man geſtern erſt beſchwor, Anſchlage gefaßt werden, ver⸗ langt ihr noch, daß wir demjenigen neue Waffen in die Haͤnde geben ſollen, der ſie blos dazu benutzen wuͤrde, um uns damit die Koͤpfe abzuſchlagen. Es iſt ohnehin ſchon zu viel, daß die ganze vollziehende Gewalt und ein Theil der geſetzgebenden in eine und dieſelbe Hand gelegt iſt; und wenn die Inhaber die⸗ ſes ungeheuern Anſehens nicht gleich uns fuͤr die Sa⸗ che der Freiheit gelitten haͤtten, ſo muͤßten wir ſofort die geſetzmäßigen Schranken noch verſtrken, und 19* 292 dem ganzen Europa zeigen, wie gut wir es wiſſen, daß Spanien nie groͤßer und ruhmvoller daſtand, als vor Kurzem, wo es ohne Camarilla, ohne Hof und ohne Koͤnig war.“ Aller Augen wandten ſich jezt auf Alonſo. Dieſe ganze verſammelte Menge von Gegnern, die das ungluck mit einander ausgeſoͤhnt hatte, betrachteten ihn als den Schiedsrichter ihrer Streitigkeiten; ihm allein wuͤnſchten ſie ihre Zukunft anvertrauen zu koͤn⸗ nen. Waͤhrend Sir Georges ſprach, war eine hohe Roͤthe uͤber ſein Geſicht geflogen, jezt, wo Don Do⸗ mingo redete, flammte ein großartiger Schmerz aus ſeinem feurigen Auge. Auf einmal ſtand er auf und rief:„Ich uͤberzeuge mich nur zu wohl, Don Fer⸗ dinand bedarf alle ſeine Unterthanen, und Spanien alle ſeine Buͤrger. Maria,— fuhr er dann weiter fort— die Tage unſerer Ruhe ſind nun voruͤber, und die des Kampfs beginnen von neuem. Laß uns daher dieſe anmuthige Einoͤde verlaſſen; die Pflicht ruft mich fern von hier hinweg.“— So ſprach er, und die Kaſtilianer wußten nicht, wie ſie, laut genug preiſen ſollten. Der großmuͤthige Buͤrger Spnniens nun traurig noch einmal einen Blick auf die ganze Gegend, wo er, von den Menſchen verkannt, fern von Staats⸗ Angelegenheiten und von hohen Aemtern, alles das Gluͤck beſeſſen hatte, was es irgend auf der Erde ge⸗ ben kann,„„alles Gluͤck, wofern man dies ir⸗ gendwo außer der Heimat zu finden vermoͤchte! Weinend ſagte die Markiſin dieſen Suben Lebewohl, —— 293 wo ſie als Verbannte gelebt und wo ſie das Gluck der Liebe genoſſen hatte. Doch kaum erſchien Alonſo in ſeiner Militäͤruniform, in ſeiner Schaͤrpe und in ſei⸗ nen Ordenszeichen, als ſie auch ſchon die innigſte Freude wieder empfand. Die Nationaltracht, die ſie nun ebenfalls wieder anlegte, ſchien zugleich ihr Frohgefuͤhl und ihre Schoͤnheit zu erhoͤhen. Beim Anblick eines ſolchen Ehepaars, das ſo ganz fuͤr einander geſchaffen zu ſein ſchien, erhob die verſam⸗ melte Menge ein lautes Freudengeſchrei, welches von dem Echo der umliegenden Berge bis ins Unendliche vervielfaͤltigt wurde. Die ſpaniſchen Landleute konn⸗ ten ſich an ihrer ſchoͤnen Gebieterin und an ihrem neuen Herrn gar nicht ſatt ſehen, und ſie begleiteten beide, indem ſie ſich ein Vergnuͤgen daraus machten, ſie mit dem Litel Markis und Markiſin von C*** zu begruͤßen. Alle Verbannten, die das Schickſal in dieſe Gegend zuſammengefuͤhrt hatte, der ganze Adel von Navarra und von Guipuzcva, welcher herbeige⸗ ſtroͤmt war, ſchloſſen ſich an den Zug an, worin ſich auch der Erzbiſchof, Bartolomeo, Fray Pablo und Don Eſtevan's Vater befanden. Man hätte es fuͤr einen Triumphzug halten koͤnnen, allein das Auge er⸗ blickte nirgends eine Spur von blutigen Trophaͤen. Wenn auch einige Frauen dabei Thraͤnen vergoſſen, ſo geſchah es blos vor Ruͤhrung und vor Freude⸗ Das Herz konnte an dieſer Freude theilnehmen, ohne zu furchten, daß anderswo Ungluckliche daruͤber ſeufz⸗ ten. Blos in Ainhoa herrſchte Trauer; die Ein⸗ wohner widmeten dem Abſchied ihrer bisherigen Gaͤſte „— 294 heiße Thraͤnen, Frau Hiriart ſagte wiederholt zu ihren Nachbarn:„Ich habe mich wohl nicht ge⸗ taͤuſcht, wenn ich beſtaͤndig zu ihren—— — alle Basken ſagten daſſelbe. Die Spanier hatten die Landſtraße ineſchlugeth welche zu den ufern der Bidaſſoa fuͤhrte; ich dagegen gieng die naͤchſten Fußſteige, um wieder die große Straße, die nach Madrid fuͤhrt, zu erreichen. Sehr balb kam ein Reiter mit verhaͤngtem Zuͤgel hinter mir her geritten, und mein Freund Don Carlos druͤckte mir zaͤrtlich die Hand.„Werdet ihr mir es wohl glauben, daß ich erſt nach der Abreiſe Alonſo's und Maria's auf dem Gipfel des Atzulal angelangt bin?“ —„Ich glaube das ſehr gern,“ erwiederte ich; „die Zeit geht immer geraden Weges fort, warum ſollte ſie daher nicht raſcher gehen als ihr?“— „Die Schuld liegt nicht an mir,“ antwortete er, ſondern an dem großen Kaiſer und Koͤnig Karl dem Erſten oder Karl dem Fuͤnften, wie ihr ihn vielleicht zu nennen beliebt. Der Druck der unumſchraͤnkten Gewalt erzeigt Muͤßiggang, waͤhrend die Waͤrme der Demperatur Thaͤtigkeit erzengt. Diesmal indeß ward ich durch ein wichtiges Intereſſe fern von der Koͤnigin meiner Gedanken zuruͤckgehalten. Ich er⸗ fuhr naͤmlich zu Urdax, daß die Bande meines Bru⸗ ders durch einige Biscajer verſtaͤrkt worden ſei⸗ Dieſe Voͤlker, welche von jeher frei und republikaniſch waren, ſehen nun mit Betruͤbniß, daß die konſtitu⸗ tionelle Regierung das durchſetzt, was ſelbſt der große Karl der Dritte nicht zu bewirken vermochte, daß ſie 295 ſich naͤmlich den Madridder Geſetzen, dem gemeinſa⸗ men Recht, den Auflagen und beſonders den Steuer⸗ Aemtern unterwerfen muͤſſen. Ich gieng daher mit einigen zwanzig Dragonern ab, in der Hoffnung, daß ich dem Aufruͤhrer einen bruͤderlichen Denkzettel wuͤrde geben konnen, allein wir konnten ſie nicht ein⸗ holen. Man verſichert, daß ſie ſich in den Schluch⸗ ten von Salinas in den Hinterhalt gelegt haben, um Alonſo unterweges aufzuheben, allein ich werde ſchon vort dabei ſein. Gott weiß es, daß ich auf dem Schlachtfelde ein Rieſe bin. So wird mir denn meine gottliche Aldouza nicht geraubt werden koͤnnen, und der gluckliche Gemahl Maria's wird ſehr bald auf dem hohen Staatspoſten glaͤnzen, zu welchem der Koͤnig und ganz Spanien ihn beruft.“ Dieſer Bericht, den ich hier nur ſehr abgekuͤrzt gebe, ward von gluͤhenden Ausdruͤcken der Liebe be⸗ gleitet, worin er ein Bild der jungen Graͤfin entwarf, das mir ſo treu zu ſein ſchien, als man es von der Poeſie nur irgend erwarten kann; worauf der Her⸗ zog auf ſeinem andaluſiſchen Reitpferde, dem mein Bearner Paßgaͤnger nicht gut haͤtte nachkommen koͤn⸗ nen, im Galopp davonſprengte, um ſeine ſchoͤne Braut wiederzufinden. 1 Schon hatte ich die große Heerſtraße unterhalb Saint Jean de Luz erreicht. Vor mir lag der Drei⸗ Kronen⸗Gipfel und kuͤndigte mir ſchon ſeit einer lan⸗ gen Weile an, daß der franzoͤſiſche Grund und Bo⸗ den bald zu Ende ſein werde. Dieſer koloſſale Felſen, der wie ein ungeheures Diadem auf den ſpaniſchen 296 Bergen ruht, feſſelt den Blick eben ſo ſehr durch den regelmäßigen und faſt ſenkrechten Schnitt ſeiner aͤu⸗ ßern Form, als durch die Ehrfurcht gebietende Hoͤhe ſeiner drei zierlichen Spitzen. Arioſto wuͤrde geſagt haben, daß Karl der Große ſeine Drei Kronen hier in der Naͤhe des Grabes von Roland liegen gelaſſen, und ein Dichter unſerer Tage wuͤrde dieſen merkwuͤr⸗ digen Gebirgsgipfel, der an der Scheidegrenze der Monarchieen Ludwigs des Vierzehnten und Philipps des Fuͤnften emporſteigt, als ein Sinnbild der drei Reiche begruͤßen, welche die Vorſehung den Soͤhnen des großen Koͤnigs beſtimmte. Ich dachte unterweges uͤber die Gefahren dieſer Maria nach, die ich als einfache Landfrau und Mut⸗ ter geſehen, und in welcher nun bald Spanien die Heldin von Saragoſſa verehren ſollte. Die Gegen⸗ wart des Don Carlos beruhigte mich indeß. Alle dieſe Spanier waren ja von ihrer Gefahr benachrich⸗ tigt, und konnten nun gewiß nicht unterlaſſen, eine Art von Bedeckung fuͤr das hohe Ehepaar zu bilden, und ſo konnte der Tag ihres Triumphs fuͤr ſie kein Ungluͤckstag werden. Auf einmal erblickte ich zwei Maͤnner dicht hinter mir; wovon der eine fortwaͤhrend uͤber Freiheit und Gleichheit ſprach und einen gewaltigen Saͤbel hinter ſich her ſchleifte. Es war wieder Don Carlos, der, um ſchneller zu Aldouza zu gelangen, ſich in unbe⸗ kannte Schluchten und ſteile Felſen hinein gewagt hatte, und bei einem dieſer gefaͤhrlichen Verſuche aus dem Sattel gehoben worden war; ſein ſtolzer Renner 297 war ihm entlaufen, und er gieng nun zu Fuß mit dem Doctor Mathias, der dem Zuge nicht hatte folgen koͤnnen. Ich wollte ihm mein Pferd anbieten, allein es war nicht leicht, die Unterhaltung zu unterbrechen. „Heilige Gleichheit!“ rief der Doctor aus,„du biſt die Axe oder vielmehr die Eeliptik der buͤrgerlichen Geſellſchaft.“—„Ganz gewiß,“ erwiederte der Herzog,„man kann von dieſem Geſetz der allgemei⸗ nen Gleichheit nur eine einzige Ausnahme machen, wie ich und noch ein anderer ſpaniſcher Grande erſt vor wenig Tagen von der Rednerbuͤhne der Fontana de Oro herab bewieſen haben—„Keine Aus⸗ nahme! alle Koͤpfe muͤſſen ſich unter dieſe ſtrenge und wohlthaͤtige Richtſchnur fuͤgen„—„Ganz gewiß, nur nicht die Damen, welche eine echt ſpani⸗ ſche Galanterie„—„Auf jeden Fall; das ſchoͤne Geſchlecht uͤbt eine Art von platoniſcher Ariſto⸗ kratie aus, ſo wie die Wiſſenſchaft eine intellectuelle ausuͤbt. Ein Doctor der Weltweisheit zum Beiſpiel, der die goͤttlichen Kategorieen des Ariſtoteles in ſich traͤgt, kann unmoͤglich mit dem unwiſſenden Poͤbel verwechſelt werden. Die Gleichheit iſt nichts ande⸗ res, als der Vorzug, den ein mit einem akademiſchen Grade bekleideter vor jener Menſchenklaſſe voraus hat, die man kaſtilianiſchen Adel und Granden von Spanien nennt.“—„Demonio! der kaſtilianiſche Adel und die ſpaniſchen Granden ſollten auf einer und derſelben Linie ſtehen? Doctor, ich rathe euch, noch erſt die Kategorieen zu ſtudiren.“—„Wie? ich ſollte noch noͤthig haben, irgend etwas zu ſtudiren?“ 298 rief Don Mathias, und uͤberließ ſich ohne Ruͤckhalt den Aufwallungen ſeines beleidigten Gelehrtenſtolzes. Der Streit ward ſo lebhaft, daß ich daran verzwei⸗ felte, Don Carlos von dieſem Wortwechſel abzubrin⸗ gen, und ſo ſetzte ich meinen Weg weiter fort. Wenn man auf den Gipfel der langen Hoͤhenzuge gelangt, welche ſich auf der einen Seite an die Pyre⸗ naͤen anlehnen, auf der andern eine Schranke gegen den Ocean bilden, ſo erblickt der Reiſende unter ſich ein weites und tiefes Thal, das von mehreren Kanaͤ⸗ len durchkreuzt wird. Die Bidaſſoa iſts, die hier zwiſchen einengenden Bergen, am Paß Behobie, da⸗ hergefloſſen kommt, und ploͤtzlich ihren Strom in mehrere Arme theilt, ſie dann eine halbe Meile wei⸗ ter hin in ein durch Suͤmpfe erweitertes Bette wieder vereintht, und ſich darauf in den Schooß des weiten Meeres ergießt. Vor uns auf den Hoͤhen der Berge erhebt ſich die Einſiedelei von Sanct Martial; ein viereckiger Thurm, den eine Haͤuſermaſſe umgiebt, ſchmuͤckt unten den Grund des Thals; dort liegt Irun, weiter hin an der Scheidegrenze des Oceans zeigt ſich Fontarabia, und am Abhange der ftanzoͤſi⸗ ſchen Huͤgelkette liegt der Marktflecken Andaye hin⸗ gelehnt. Alle dieſe Punkte erinnern an Namen, die ewig unter den Menſchen gefeiert bleiben werden. Hier iſts, wo— wie die Eroberer ſagen— es ſeit Ludwig dem Vierzehnten keine Pyrenaͤen mehr giebt; und doch exiſtiren ſie noch immer, weil die bloße Waffengewalt nicht im Stande iſt, die Scheidewaͤnde, 299 welche zwiſchen zwei Staaten liegen, ganz aufzuhe⸗ ben. Vergebens fragt man hier nach der Faſanen⸗ Inſel. Sie, die blos in der Geſchichte beruͤhmt iſt, wird von den einfachen Landleuten, die ſie taͤglich vor Augen haben, nicht einmal dem Namen nach gekannt. Eine Wieſe, von etwa dreißig Schritt Laͤnge, welche die Bidaſſoa in ihrem Laufe mit ſich fortzureißen droht, ſah einſt einen Don Luis de Haro und einen Mazarin uͤber die Zukunft zweier großer Voͤlker Be⸗ ſchluͤſſe faſſen; ein ſchwarzer Stier, der ſeine dro⸗ henden Hoͤrner im Waſſerſpiegel beſchaut, iſt jezt der alleinige Bewohner eines Platzes, auf welchen einſt die Blicke der Welt gerichtet waren. Waͤhrend ich zu dem Fluſſe oder vielmehr zu dem reißenden Bergſtrome hinunterſtieg, ſah ich auf der einen Seite deſſelben Wohnungen, welche Wohlſtand verriethen, laͤngs den Wieſen zerſtreut liegen, auf der andern Seiten dagegen, druͤben auf dem ſpani⸗ ſchen ufer, niedrige, ſchwarze, verfallene Huͤtten, welche einen truͤben Eindruck auf das Auge machten. Man braucht nicht erſt dem Wanderer zu ſagen, daß hier das Gebiet der franzoͤſiſchen Revolution zu Ende iſt, und daß dagegen das der Inquiſition ſeinen An⸗ fang nimmt. Gleichwohl verleiht die Majeſtaͤt der umliegenden Berge, der Reichthum der Thaͤler, die Mannigfaltigkeit der Landſchaft, die fernen Kirch⸗ thuͤrme, die unermeßliche Flaͤche des Meeres, die ſich vor dem Blicke entrollt, dies alles zuſammen— ſage ich— gewaͤhrt einen Anblick, der eben ſo ma⸗ jeſtaͤtiſch iſt wie der Gedanke, daß ſich hier zwei Reiche — 300 von einander trennen, daß hier die Scheidegrenze ei⸗ nes zwiefachen Vaterlandes iſt. Der Krieg hat die Bruͤcke, welche beide Ufer ver⸗ band, zerſtoͤrt, und der Friede hat ſie noch nicht wie⸗ der hergeſtellt. Die hier angelegte Faͤhre fuͤhrt die Reiſenden nur, ſo lange die Sonne am Horizonte ſteht, von einem ufer bis zum andern hinuͤber. Jezt aber war es gerade um die Stunde, wo das Nacht⸗ dunkel zu weichen anfaͤngt, ohne daß der Tag ſchon angebrochen waͤre. Ueber den Bergen leuchteten die erſten Schimmer des Morgenlichts und die am oͤſt⸗ lichen Himmel zerſtreuten, azurnen Woͤlkchen fiengen an ſich gluͤhend zu faͤrben; die koͤſtlichen Morgenluͤft⸗ chen erfriſchten bereits die Luft, in der Ferne ver⸗ nahm man das Gemurmel der Meereswogen, welche brandend am Geſtade erſtarben, und laͤngs der Bi⸗ daſſoa hinab erſcholl ein ganz anderes Getoͤn. Ganz herbei, um die edeln Verbannten zu begruͤßen; Trom⸗ men ſangen mit, und auf dem franzoͤſiſchen Ufer druͤ⸗ ben auch noch Antonio, welchem Paquita ſeinen alten die theure Heimat, in die er jezt kurz vor ſeinem Tode Erzbiſchof, auf den Arm Don Domingo's ſich leh⸗ Vaterland wiederfand, Pablo, der Tativaner, Al⸗ douza, die nicht mehr von ihrer Mutter in das ver⸗ Irun, ganz Fontarabia ſtroͤmte in Sonntagskleidern peten ließen Nationallieder erklingen, tauſend Stim⸗ Vater daruͤber troͤſten half, daß er nun nicht mehr wieder heimkehrte, mit Augen erblicken konnte. Der nend, Donna Leonor, deren Herz hier wie dort ein heißene Land begleitet wurde, und die von ihrem — 304 Braͤutigam im Stich gelaſſen zu ſein ſchien, endlich Alonſo und Maria, die ſich gegenſeitig umarmten und ihre ſuͤßen Thraͤnen mit einander vermiſchten, alle vernahmen mit einer Art von Freudetrunkenheit die Toͤne, die von dem heimatlichen Ufer druͤben heruͤber klangen. Es war, als ob Spanien ſelber durch Ge⸗ ſang die Ruͤckkehr ſeiner Soͤhne feierte, die ihm ſo lange entriſſen geweſen waren, und unter ſolchen Ausſichten alſo neigte ſich das Jahr 1820 ſeinem Ende entgegen. Unterdeß erhob ſich uͤber dies vielſtimmige Kon⸗ zert eine einzelne Stimme, die von den leichten Tönen der Gitarre und von dem fernen Brauſen des Oceans begleitet, eine religioͤſe Ruͤhrung in den Herzen aller erweckte, indem ſie folgendes Lied ſang: „Liebe, Freiheit und Ruhm, darf ich euch jezt wohl ſchon ſingen? Darf ich wohl ſchon das Gluͤck beſingen?— Liebe, Freiheit und Ruhm, nicht fuͤr euch ſtimme ich meine Laute; mein Fuß ſteht ja noch auf dem Fremdlingsboden. Ich will lieber die Hoff⸗ nung beſingen, dieſe Gefaͤhrtin des Verbannten.“ „Sehet dort das heilige Land, wo unſer Herz zum erſtenmal ſchlug, wo unſere erſten Thraͤnen floſ⸗ ſen! Sehet dort die Kinder eines und deſſelben Va⸗ terlandes, an deren Seite wir unter derſelben Fahne im Kriege geſtritten, von denen der Friede uns als irrende Fluͤchtlinge fern hinweg trieb! O, dreimal geſegnet ſei uns die goͤttliche Kraft, die bisher unſe⸗ ren Muth aufrecht erhielt! Welches Herz wuͤrde 802 nicht ohne die Hoffnung unter dem Himmel ber Fremde erſtarren!“ „Lebe wohl, gaſtfreundliches Land, edles Frank⸗ reich, ein Volk von Verbannten begruͤßt dich! Sie, welche einſt gegen dich geſtritten, kamen, um unter dem Schutz deiner Waffen und deiner Geſetze ihr be⸗ drohtes Haupt zur Ruhe niederzulegen! Vaterland der Wiſſenſchaft und der Ehre, wie ſollteſt du nicht auch das Heiligthum jener Tochter der Tugend, jener Gefaͤhrtin der Muſen ſein, welche man die Freiheit nennt? Du leiteſt mit der Fackel in der Hand alle unſere Schritte auf unſerer Bahn, du belehreſt uns durch die Ruͤckerinnerung an deine Unfalle, ſo wie durch das Beiſpiel deines jetzigen Gluͤckszuſtandes. Ach, mochte ein ewiges Buͤndniß zwiſchen uns beſte⸗ hen! Spanien, das gleich dir dem Scepter eines Bourbons unterworfen, und von nun an frei, wie du, iſt, wird dereinſt vielleicht an Glanz und Gluͤck deine Nebenbuhlerin werden, fuͤr jezt indeß erkennt ſie dich fuͤr ihre altere Schweſter. Dein Koͤnig hat dich bereits gluͤcklich gemacht, der unſere verheißt uns ein gleiches.“ „Wer iſt doch jene maͤchtige Jungfrau, die vom Himmel auf mein Vaterland herniederſteigt? Ihr Arm iſt mit dem Schilde des Cid bewaffnet, ihre Stirn ſtralt von Ruhm, ihr Laͤcheln iſt ſanft wie das der Liebe, gleich der Heroldin des Tages gießt ſie Strome von Licht auf die Menſchen herab, und unter ihren Tritten ſprießen Blumen auf Tochter des Himmels, du nennſt dich die Freiheit, doch 303 du biſt nicht jene furchtbare Eumenide, deren Arm ein blutiges Beil ſchwingt. Spanien verdiente die⸗ ſen lezten Ruhm, daß es blos deinen Altaͤren Weih⸗ rauch ſtreut. Edle und reine Goͤttin, ich konnte dich beſingen; doch, ach, ich bin Spanierin, und ps hlos erſt von Hoffnung zu reden!“⸗ „Welche Zukunft enthuͤllt ſich vor meinen Bli⸗ cken! Woher kommts doch, daß das Elend und die Barbarei zu fernen Himmelsſtrichen entflieht? War⸗ um bedecken ſich auf einmal dieſe unbebauten Felder mit Ernten, dieſe Fluͤſſe mit leichten Barken, dieſe oͤden Gefilde, dieſe ſchweigenden Berge mit frohlichen Choͤren? Mein Sohn wird ohne Feſſeln aufwachſen; ſein Geiſt, der nicht mehr unter Kettengeklirr, ſon⸗ dern unter den ernſten Toͤnen der Volksrednerbuͤhne ſich entwickeln wird, wird ſtolz gen Himmel empor⸗ ſtreben, er wird an den Wettkaͤmpfen des Genie's und der Tugend Gefallen finden, ſo wie der Adler den Glanz der Blitze und das Rollen des Donners aufſucht. Er wird nicht an dem Heerde der Frem⸗ den um ein verborgenes Plaͤtzchen betteln; er wird ſeine Soͤhne an derſelben Staͤte lieben, wo ſeine Vor⸗ fahren lebten. Heilige Freiheit, fordere nicht mei⸗ nen Geſang! Ich bin Mutter, laß mich blos von Hoffnung ſprechen!“ Hier hoͤrte man auf einmal ſchluchzen. Unter der Menge befand ſich ein Mann, welcher weinte; es war der Vater des ungluͤcklichen Eſtevan. Alle wur⸗ den geruͤhrt. Maria fuhr indeß weiter fort: „Andere moͤgen von Liebe, Freiheit und Ruhm ſprechen; ich bin Chriſtin, und werde blos von der Hoffnung reden. Sie, die treue Gefaͤhrtin unſerer irdiſchen Wallfahrt, fliegt nicht wie das Gluͤck auf den Fittigen des verſtreichenden Augenblicks von dan⸗ nen, ſondern ſie ſchreitet vor uns her, und wenn auf der Erde ihre Herrſchaft aufhoͤrt, ſo uberliefert ſie uns den Himmel, wo uns geliebte Weſen erwar⸗ ten, die nicht mehr ſind; ihre Zukunft iſt die Ewig⸗ keit. Wir, die Streiter der Gerechtigkeit, wir muͤſ⸗ ſen ſelbſt noch im Visgeſchick unſer Loos ſegnen. Die Boͤſen moͤgen fuͤr einen Moment triumphiren, ihr Triumph iſt doch ohne Ruhm, und ihr Misgluͤck iſt ohne Hoffnung.“ „Don Ferdinand, deine Kindheit hat nicht das mütterliche Laͤcheln erblickt, deine Jugend lernte nicht den ſuͤßen Reiz der Heimat kennen, deine Regierung verſtrich in Grabesſtille„ In Grabesſtille? doch nein, die Seufzer der Unterdruͤckten peinigten ja dein Ohr. Du, der abwechſelnd der Sklave eines ruchloſen Hoͤflings, eines fremden Despolen, oder grauſamer Rathgeber, geweſen biſt, moͤge dein Herz ſich zum erſtenmal jezt der Freude oͤffnen. Das Va⸗ terland, dieſe zweite Mutter, ſtreckt dir freudetrun⸗ ken ihre Arme entgegen; ſiehe, wie ihre Stirn mit Epheu und Myrten umkraͤnzt iſt! Hoͤre jene Hym⸗ nen der Liebe; ach, gewiß leuchtet ſchon fuͤr dich das Gluͤck, da unſerem Auge die Hoffnung titn leuchtet.“ 305 „Liebe, Freiheit und Ruhm, darf ich euch jezt wohl ſchon ſingen? Darf ich wohl ſchon das Gluͤck beſingen? kiebe, Freiheit und Ruhm, von nun an will ich blos fuͤr euch meine Laute ſtimmen. Die Sonne geht uͤber die Berge herauf, wie ein Koͤnig, der ſein weites Gebiet uͤberſchaut. Die erſehnte Barke reißt ſich vom jenſeitigen Geſtade los. Laßt uns von dannen eilen! hier dieſſeit hat meine Stimme noch einen klagenden Ton. Laßt uns von dannen eilen! druͤben werde ich von etwas beſſerem reden, als die Hoffnung iſt.“ In dieſem Augenblick landete der Faͤhrmann von Guipuzcoa in ſeinem langen ſchwarzen Rocke am dieſſeitigen franzoſiſchen Ufer. Die Spanier draͤng⸗ ten ſich alle auf einmal in das Fahrzeug, welches kaum die ungeduldige Menge faſſen konnte. Man ſtieß vom Ufer; der Ruf, es lebe der Koͤnig! erſcholl, dann trat eine tiefe Stille ein. Es war, als ob die raſch auf einander folgenden Ruderſchlaͤge das Herz der Verbannten beklemmten, und eine gemeinſame Ruͤhrung lockte Thraͤnen in ihre Augen„„ End⸗ lich hatten ſie den Fluß im Ruͤcken. Man warf noch einmal einen Blick nach Frank⸗ reich zuruͤck, und Alonſo, ſeine Geliebte, und alle uͤbrigen betraten den Boden Spaniens. Die jenſei⸗ tige Bevoͤlkerung empfieng ſie mit Entzuͤcken. Fuͤr den begluͤckten Gemahl Maria's ward ein Triumph⸗ wagen bereitet, und er ſollte jezt mit der Heldin von Saragoſſa denſelben beſteigen. Da ſank das glor⸗* reiche Paar auf die Kniee; Pablo, Albonza und Don V. 20 — 306 Diego thaten daſſelbe, und beruͤhrten mit ihrer Stirn das heilige ufer, und alles Volk neigte ſich unter dem feierlichen Segensſpruche Don Iſidro's. Edle Buͤrger koͤnnen nie ihr Vaterland verlieren oder es wiederfinden, ohne daß ihr Gedanke ſich ſo⸗ gleich zu jenem gerechten und gewaltigen Gott er⸗ hebt, der fruͤher oder ſpaͤter ein Raͤcher der Vertrie⸗ benen iſt. ſſ 3 14 45 12 1 16 17 18 X N