deutſ S von Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cantion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunmme ilegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 2 . 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Erſtes Kapitel. —— Mein Gemüth ſchwankte in der ſchmerzlichſten Ver⸗ wirrung hin und her; Catalina's Verzweiflung lag mir ſchwer auf der Seele. Ich dachte einen Augen⸗ blick daran, die ungeordnete Flucht des Volksauf⸗ ſtandes zu benutzen, um mich unter die Fahnen deſ⸗ ſelben zu begeben; allein das Loos der Schlachten ſchien mir unwiderruflich uͤber das Schickſal Spa⸗ niens entſchieden zu haben. Ich beſchloß daher, in derjenigen Stellung zu bleiben, wo ich noch am erſten manches ungluͤck wieder gut machen, die Gegenrache maͤßigen, die Heftigkeit des Siegers mildern, und eine baldige Einfuͤhrung einer freieren Staatsverfaſ⸗ ſung gewaͤrtigen durfte. Indem ich nun dieſen Illuſionen folgte, gefiel es dem Gluͤcke, ſie uͤberall zu beſtaͤtigen. Caſtannos und Palafox wurden bei Dudela beſiegt, die Thermo⸗ pylen der Somo Sierra oͤffneten ſich vor dem glaͤn⸗ zenden Angriff franzoͤſiſcher Lanzenreiter. Die Nach⸗ richt davon, welche durch Fluchtlinge nach Madrid 1* gebracht wurde, kam gerade mit Tages Anbruch da⸗ ſelbſt an, und die ſchlummernde Stadt erfuhr bei ihrem Erwachen, daß Napoleon vor den Thoren ſei. Der Spanier haͤlt ſich nie auf Unfaͤlle gefaßt. Eure Fahnen flatterten bereits auf der weiten Ebene, die ſich in der Schlucht des Manzanares verliert, und noch immer betrachtete die Bevoͤlkerung der Stadt das Geruͤcht von euerem Waffengluͤck wie eine Luͤge, die von Verraͤthern oder Zaghaften ausgeſprengt worden. Der Anblick der franzoͤſiſchen Feldzeichen verſetzte Madrid zu gleicher Zeit in Beſtuͤrzung und in Wuth. Man eilte zu den Waffen, man zog Graͤben, man vertheilte das Geſchütz; das Volk wuͤnſchte Saragoſſa nachzuahmen und die Hauptſtadt unter ihren Truͤm⸗ mern zu begraben. Der Kaiſer kam am Fuße der Mauern an, durch⸗ eilte die Hochebene, an deren Abhange dieſe bedeu⸗ tende Stadt ſich hindehnt, ſah die unſinnigen Anſtal⸗ ten zur Vertheidigung, traf Vorkehrungen zum An⸗ griff und erließ eine Aufforderung zur Uebergabe. Es war gerade der Dag, an welchem der heilige Va⸗ ter ihm vorlaͤngſt die Stirn mit dem heiligen Oele geſalbt, der Dag, wo der Sieg ſeine kaiſerliche Wurde in den Gefilden von Auſterlitz eingeweiht hatte*), und er wollte daher dieſen Jahrestag durch die Eroberung der erſten Stadt unſerer Monarchie auszeichnen. Die ſtolze, obſchlaͤgige Antwort der *) Der 2. December. — — Mabridber verletzte ſeinen Aberglauben, womit er an ſeinen Gluͤcksſtern zu glauben ſchien. Vielleicht glaubte er— wie eine angeſehene Dame behaupten wollte— wirklich daran; wenigſtens hatte er alles das gern, was ſeiner Macht ein gewiſſes Gepraͤge von Schickſals beſtimmung zu geben vermochte. Da er nicht das Daͤmmerdunkel und den geheimnißvollen Schleier der Vorzeit fuͤr ſich benutzen konnte, ſo ſuchte er in dem Zuſammentreffen glucklicher Monats⸗ oder Jahrestage, in guͤnſtigen Naturereigniſſen, in ſonderbaren Zufaͤllen, kurz in alle dem, was auf den Volksglauben Eindruck macht, vorbedeutende Zeichen ſeiner hoͤheren Sendung zu finden. Napo⸗ leon, der vielleicht den Mohammed der Araber um die niedere Kulturſtufe ſeiner Nation heneidete, wollte um jeden Preis als der Auserwaͤhlte des Hoͤch⸗ ſten erſcheinen. Der Kaiſer nahm ſeine Wohnung in einem Luſt⸗ ſchloſſe des Herzogs von Infantado. Chamartin iſt das anſehnlichſte, ich moͤchte faſt ſagen das einzige Wohngebaͤude, das unſere Granden in den Umge⸗ bungen der Hauptſtadt beſitzen. Eure Soldaten konnten ſich nicht genug uͤber die ſchweigende Einoͤde und Nacktheit Kaſtiliens wundern. Sie hatten er⸗ wartet, die Umgegend der erſten Stadt des Reichs durch Doͤrfer belebt und durch Luſtgaͤrten verſchoͤnert zu finden, und trafen bis an ihre Thore eine bloße Einoͤde. Madrid mit ſeinen zahlreichen Kirchthuͤr⸗ men ſtellt ſich den Blicken des Reiſenden wie ein un⸗ geheures Kloſter mitten in der thebaiſchen Wildniß dar. Auch nicht ein einziger Baum zeigt ſich auf der ganzen weiten Strecke, welche die Stadt von den beſchneiten Gipfeln der Guadarama und Buytrago⸗ Berge trennt, auch nicht ein einziges Doͤrſchen un⸗ terbricht die eintoͤnige Anſicht dieſer duͤrren Flaͤchen, auch nicht eine Weinſchenke iſt in der Nachbarſchaft zur Zerſtreuung erbaut fuͤr ein Volk, das weber Spa⸗ zierengehen, noch Weintrinken, noch die freie Natur liebt. Blos ein einziger Ruheplatz befindet ſich au⸗ ßer den Mauern, und dies iſt der zur Ruheſtaͤte fur die Todten beſtimmte Platz; ein einziges Gebaͤude nur erhebt ſich vor den Thoren, und dies iſt die zu dieſem Gottesacker beſtimmte Kapelle. Der Kaiſer ließ dieſelbe gleich am erſten Abend mit ſtuͤrmender Hand wegnehmen. Ein blindes Vorurtheil hat die alten Waͤlder hier uͤberall ausgerottet*), und auf dieſe Weiſe die Ebene drr und trocken gemacht. Die Tyrannei hielt ſeit langer Zeit die Granden als Gefangene in den Mauern des koͤniglichen Schloſſes zuruͤck, außerdem bot eine zerſtoͤrende Regierung, welche die Fort⸗ ſchritte des menſchlichen Geiſtes wie Angriffe auf ſie ſelber fuͤrchtete, alle ihre Geſchicklichkeit auf, um dieſe Voͤlker, welche der Himmel mit einer feurigen Seele begabte, in einem dumpfen Stillſtande zu er⸗ *) Man glaubt in Spanlen gewöhnlich, die Nachbarſchaft der Bäume ſei für die Menſchen ſchädlich. Obwohl dieſe Meinung nicht mehr ſo herrſchend iſt als ſonſt, ſo iſt ſie doch noch ſo tief eingewurzett, daß eines der bedeutendſten Mitglieder der Cortes und nachmaliges Ritglied des Riniſteriums ganz davon eingenommen war. 7 halten; ſie ſchuf uͤberall Ctent, unb vermochte boch nirgends das Raubweſen zu unterdruͤcken. Alle dieſe Urſachen vereinigten ſich, um aus unſeren Staͤdten, vor allen aber aus der Hauptſtadt, ein Gefaͤngniß zu machen, aus welchem, wie es ſcheint, die Todten allein herausgehen duͤrfen. Das Land, wo das Daſein bewegungsloſer und eintoniger iſt, als irgendwo, verſteht nicht einmal Graͤber anzulegen. Mitten auf dem Boden, unter welchem der Arme begraben liegt, ohne daß irgend ein chriſtliches Zeichen den Platz andeutet, unter wel⸗ chem ſeine Aſche ruht, ſind dicke, parallel laufende Mauern zum Gebrauch der Reichen und Großen auf⸗ gefuͤhrt. Eine jede enthaͤlt in ihrer Vertiefung vier Reihen von Saͤrgen, und Tafeln von Marmor oder wohl gar von Gyps, welche in geraden Linien auf der Schauſeite dieſer Mauern gleichſam wie Faͤcher dieſer Todtenbibliothek neben einander hingereiht ſind, erhalten auf kurze Zeit das vergaͤngliche An⸗ denken an Rang und Stand der Erblichenen. Richts iſt ſo wenig religiös, ſo wenig geeignet, um das Herz zu ruͤhren und zu befriedigen, als der Anblick dieſer Begräbnißmauern, welche die franzöſiſchen Soldaten nach der Beſitznahme des Kirchhofs ſehr paſſend Spaliere von Grabſtaͤten nannten. Dieſe karge Vertheilung des Raumes verletzt die Seele, indem ſie noch in die Zerſtoͤrung des Todes eine Art von Symmetrie zu bringen ſucht. Der Tod wird auf dieſe Weiſe bei uns eine weit ſtrengere Scheide⸗ wand, als irgend anderswo. Die Mutter kann ſich hei uns nicht neben das Grab ihres Sohnes ſetzen, welchen Gott zu ſich nahm, noch auch vermag die Braut mit Thraͤnen und Blumen das Grab des Juͤnglings zu beſtreuen, an deſſen Seite ſie leben und ſterben wollte; das Kind ſtreckt hier vergebens ſeine Arme nach dem Schatten derjenigen aus, deren Blut und Milch es in ſeine Adern aufnahm, und es kann nie ſo groß werden, um bis an den Grabſtein hinanzureichen. Der Karalbe, wenn er die Huͤlle ſeiner Vaͤter auch nicht dem Erdenſchooße zuruͤckgiebt, ſo vertraut er ſie wenigſtens den Zweigen eines bluͤ⸗ henden Baumes an; bei uns in Spanien dagegen muß alles, von der Wiege bis zum Sarge, eine traurige Geſtalt fuͤr den Menſchen annehmen. Der Kaſtilianer ſcheint ſelbſt noch als Leiche den Anblick eines lachenden Gruͤns und kuͤhlen Baumſchattens zu ſcheuen. Bei dieſer Unbekanntſchaft mit den Schoͤnheiten der Natur und den Reizen des Landlebens glauben einige wohlhabende Familien den Luxus des Abels der Nachbarlaͤnder nachzuahmen, wenn ſie in den Thalſchluchten, welche die Hochebene von Madrid durchſchneiden, einen Pavillon und einen Garten beſitzen. Der Beſitzer ſchuͤttelt dann jeden Sommer einmal das Joch ſeiner Verhaͤltniſſe und Verpflich⸗ tungen am Hofe ab, um in dieſen Luſthaͤuſern ein zeremonioͤſes Mittagsmahl zu geben, und dieſes Feſt⸗ mahl, das blos der Langeweile ſeine Einfuͤhrung verdankt, iſt vermoͤge der Erwartung und der Ruͤck⸗ erinnerung daran im Stande, das ganze Jahr hin⸗ ————————— „— „ „— „ 9 durch unſeren muͤßigen Geſellſchaftskreiſen Stoff zur Unterhaltung zu liefern. Chamartin, das durch den langen Aufenthalt des Kaiſers eine gewiſſe Beruͤhmtheit erhalten hat, iſt ein viereckiges, von Ziegelſteinen aufgefuͤhrtes Ge⸗ baͤude, weit einfacher als die Haͤuſer der Dorfſchaf⸗ ten, welche in der Naͤhe von Paris liegen. Eure geringſten Kaufleute wuͤrden mit veraͤchtlichen Blicken dies Haus betrachten, wo bei uns die Reichſten und Vornehmſten zuſammenkommen. Was wuͤrden ſie uͤberhaupt wohl ſagen, wenn ſie vor einem Reſidenz⸗ ſchloſſe, das ſich auf einer weiten und ſandigen Ebene erhebt, nichts weiter erblickten, als einen faſt ganz ver⸗ wilderten Park von drei bis vier Morgen Landes, worin ſtatt des Baumwerks blos einige Hagebuchen, ſtatt aller Pflanzen blos Gemuͤſe, ſtatt aller Blumen blos bluͤhende Obſtbaͤume zu finden ſind? Hier war es, wo Napoleon ſein Hauptquartier aufſchlug, und wo er ſich gerade im Herzen Kaſtiliens befand. Der Gaͤrtner des Herzogs von Infantado empfieng ihn darin mit jenem Erſtaunen und jener Angſt, als ob er ein Meſſias der Hoͤlle waͤre. Dieſer Mann horchte ſehr auf, als der Monarch ſogleich die Anlegung zweier Kamine mit Schornſteinen anbefahl, welche die Grenadiere der Garde vermoͤge ihres Eifers und ihrer Geſchicklichkeit binnen wenigen Stunden voll⸗ endeten*). Er muthmaßte von nun an, daß die *) Der Herzog von Infantado hat ſie hinterher wieder einrel⸗ ßen laſſen. — 0 Mönche wohl Recht gehabt haͤtten, daß ſie das Ober⸗ haupt eurer Armeen fuͤr den Antichriſt ausgegeben, und er zweifelte daran keinen Augenblick mehr, als er erfuhr, daß der hohe Fremde ſo eben ins Bad gegangen ſei. Dieſe neue Sitte gieng in ſeinen Au⸗ gen weit uͤber die Grenzen menſchlicher Narrheit hin⸗ aus.„Es iſt ja doch gar nicht warm,“ meinte er;„wie kann denn der Kaiſer Luſt haben ſich zu baden? Im Sommer freilich iſt der Manzanares ohne Waſſer, indeß man wuͤhlt ſich da in den Sand des Strombettes ein, und genießt in dieſen feuchten Loͤchern eine angenehme Kuͤhlung.“ Durch die taͤg⸗ lichen Waſchungen, das ſchnelle Reiten, die fort⸗ waͤhrenden Arbeiten des franzoͤſiſchen Monarchen wurden indeß die Anſichten des Kaſtilianers ſo ganz umgewandelt, daß er zulezt gegen den Kaiſer eine Art von Verehrung und Anbetung an den Tag legte. Alle Furcht war bei ihm nun verſchwunden, blos das Staunen war in ſeiner Seele zuruͤckgeblieben, und dieſes Staunen nahm von nun an eine edlere Geſtalt an. Nie hat irgend ein Mann in dieſem Grade die Kunſt verſtanden, auf die Einbildungskraft ſeiner Mitmenſchen einen ſo gewaltigen Eindruck zu machen. Ich bin uͤberzeugt, daß noch heutigen Tages dieſer Eindruck bei dem einfachen Landmanne nicht ver⸗ ſchwunden iſt, und daß ein Reiſender, wenn er nach Chamartin kaͤme, ſehr bald ſehen wuͤrde, wie jede Ruͤckerinnerung an den furchtbaren Bewohner dieſes Reſidenzſchloſſes in der Seele dieſes Mannes eine aberglaͤubiſche Bewunderung weckt. Am Abend traf Don Mathias voll Angſt und Zittern bei uns ein. Die Anſtalten zu einer Bela⸗ gerung hatten den Kapellan erſchreckt, er hielt die Parthei der Emporer fuͤr immer beſiegt, und da er ſich bisher hartnaͤckig ſeinen gelehrten Unterſuchungen uͤber die Vorrechte der alten Cortes gewidmet hatte, ſo brachte er den Tribut derſelben jezt der Macht dar, die ſich auf die Konſtitution von Bayonne gruͤn⸗ dete. Das Getoͤſe eurer Waffen hatte ihn, ſo wie alle andere Gelehrten dieſer Parthei, von dem Staube unſerer alten Chroniken weggerufen. Die Erzaͤhlungen des Doctors unterrichteten uns von allem, was in Madrid vorgieng. Alonſo war einer von den Oberhaͤuptern der Militaͤr⸗Junta, welche die Vertheibigungsanſtalten leitete; doch dieſe waren eben nicht furchtbar. Die Generale, die blos wenige, im traurigſten Zuſtande befindliche Regi⸗ menter unter ihren Befehlen hatten, ſahen wohl ein, daß bei dieſen ohne Kunſt und in der⸗Eil aufgewor⸗ fenen Feſtungswerken, bei dieſer entwaffneten Be⸗ voͤlkerung und bei dieſem Umfange der Stadt, ein längerer Widerſtand blos zu Mordgemetzel und zur Zerſtoͤrung fuͤhren wuͤrde. Die Granden und die Reichen aus allen Staͤnden fuͤrchteten fur ihre Pa⸗ laͤſte oder fur ihre Komtoirs das Schickſal Saragoſ⸗ ſa's. Blos die Moͤnche, der Poͤbel, beſonders die Weiber waren es, deren Kopf mit herviſchen Erin⸗ nerungen an Sagunt und Numantia angefuͤllt war, und die da wollten, daß Madrid hinfort nur noch in der Geſchichte exiſtiren ſollte. Margarita auf den ———————— Vorplätzen der Kirchen, die alte Elvire auf allen Straßenecken, Sor Maria de los Dolores auf der Puerta del Sol, die Gitana an allen Orten,— denn ſie ſchien ſich bei jedem Vorſchritt des franzoͤſiſchen Heeres zu vervielfaͤltigen— forderten laut, daß nur ja kein Vergleich zwiſchen Don Ferdinand und dem Intruſo*), zwiſchen dem echten Glauben und der Ketzerei, zwiſchen dem Himmel und der Hoͤlle eingegangen werden ſolle.„Mag immerhin,“ ſprachen ſie,„der Bruder des Ungeheuers von Ba⸗ yonne in unſere Mauern einziehen, doch erſt dann, wenn der Manzanaresſtrom, von unſerem Blut an⸗ geſchwellt, uͤber die Segoviſche und uͤber die Toledo⸗ pruͤcke gehen wird. Die Fuüͤrſten Europa's haben ihn als Koͤnig anerkannt, mag er ſich daher von ih⸗ ren Geſandten in dieſer Reſidenzſtadt als ſolchen ver⸗ ehren laſſen: doch erſt dann, wenn er nur noch dampfende Schutthaufen zur Hauptſtadt, und blos Leichen zu Unterthanen haben wird.“ Die Bewohner der Vorſtaͤdte nahmen an dieſer blinden Wuth Theil. Sie riſſen das Straßenpflaſter auf, und hielten Steine und ſiedendes Pech in Be⸗ reitſchaft, damit auch die Kinder ſogar an dem Kampfe theilnehmen koͤnnten. Die zuſammengerot⸗ teten Haufen verlangten mit lautem Geſchrei von den Inſurrections⸗Behoͤrden, Todesſtrafe uͤber jeden zu verhaͤngen, der von Uebergabe ſprechen wuͤrde, *) So heißt jeder, der ſich widerrechtlicher Veiſe in irgend ein Amt eindrängt oder einſchieben läßt; damals ward der König Joſeph gewöhnlich ſo genannt. — 6 4 13 und der franzoͤſiſche Offizier, der die Aufforderung des Kaiſers uͤberbrachte, wuͤrde unter den Dolchen der Menge gefallen ſein, wenn nicht einige Linienſol⸗ daten ſein Leben gerettet und ſich einem Hagel von Drohungen und Schmaͤhungen ausgeſetzt haͤtten. Sir Georges, der noch immer eine unheilbringende Vorliebe fuͤr den Aufenthalt in Spanien und eine unſelige Sorge fuͤr deſſen Schickſal an den Tag legte, erregte die Gaͤhrung unter dem Volke durch Verſpre⸗ chungen und Goldſpenden. Er meldete, daß das engliſche Heer in Eilmaͤrſchen herannahe, und Don Diego hoͤrte mit Thraͤnen der Bewunderung und der Freude ihm zu, wie er erzaͤhlte, daß Heſterreich, das noch immer unentſchloſſen ſchien, blos auf einen guͤnſtigen Augenblick warte, um zu den Waffen zu greifen. Dem engliſchen Kabinett war es freilich gleichguͤltig, wenn auch unſere Hauptſtadt dem Feuer und Schwert preisgegeben wurde, ja es wuͤrde aus dieſem Unfall einen doppelten Vortheil gezogen haben? es erreichte dadurch den Ruin ſeiner Feinde und ſei⸗ ner Verbuͤndeten zugleich. Bei dieſer ſchrecklichen Verwirrung wuͤnſchten die hoͤheren Staͤnde und die Buͤrgerſchaft einmuͤthig die Franzoſen herbei, als die einzigen Ruheſtifter, die ihr Leben und ihre Habe vor der Volkswuth zu ſchuͤtzen vermoͤchten. Dieſe einzelnen Umſtaͤnde, welche ich ſofort zur Kenntniß des Kaiſers brachte, betruͤbten dieſen ſehr. Eine friedliche Beſitznahme von Madrid hielt er fuͤr den vortheilhafteſten aller Siege, den er nur je in — 14 den Augen Spaniens, Frankreichs, ja ſder Welt er⸗ ringen koͤnntes ein ungluckliches Mislingen dagegen wuͤrde fur ihn ein unerſetzlicher Unfall, ein tödtlicher Streich geweſen ſein. Den folgenden Tag mußte man zum Kampfe ſchreiten. Der ungeheure Park, die zierlichen Pa⸗ villons, das Schloß und die kuͤnſtlichen Ruinen des Buen Retiro, welche hoͤher als die Stadt liegen, wurden mit dem Bajonett erſtuͤrmt, desgleichen die Sternwarte, der botaniſche Garten, das Kloſter Unſerer lieben Frauen von Atocha, und der Prado, deſſen lange Baumalleen dieſe friedlichen Orte von der geraͤuſchvollen Hauptſtadt trennen. Der Palaſt des Herzogs von Medina Coeli, der des Herzogs von Infantado, kurz alle Haͤuſer, die an dieſen herr⸗ lichen Spaziergaͤngen liegen, fielen in die Gewalt der Franzoſen. Nun ließ der Kaiſer mit dem Gefecht einhalten; er wollte den Madriddern Friſt geſtatten, um ihre unſinnigen Plane aufzugeben, und ſogleich erſchien der General-Kapitain von Kaſtilien, und erbat von der kaiſerlichen Gnade einen vierundzwan⸗ zigſtuͤndigen Waffenſtillſtand, in der Hoffnung, daß es ihm gelingen werde, die ſteigende Wuth der Volks⸗ menge zu beſaͤnftigen. Bald darauf ward ein vor⸗ nehmer Gefangener in unſere Reihen gebracht. Der Kaiſer, der in der Mitte ſeines Generalſtabs daſtand, ließ ihn vor ſich kommen. Die Offiziere draͤngten ſich mir vor, um ihn zu ſehen, und ich konnte daher blos den Zug von Grenadieren ſehen, die ſich ihres hartnaͤckigen Gegners, nachdem ſie ihn wider ihren — 3 15 Willen mit Wunden bedeckt, bemaͤchtigt hatten. Sie trugen ihn auf einer aus Flinten gebildeten Trag⸗ bahre, und hatten aus Ehrerbietung gegen ſeinen Rang oder vielmehr vor ſeiner Tapferkeit ihr Haupt entbloͤßt. Ich hoͤrte ſeine jugendliche Geſtalt, ſein edles Anſehn, ſeine herrliche Gegenwehr ruͤhmen. Bertrand, der ſich auf einen ſolchen Fang etwas zu Gute that, ſchritt an der Spitze des Zuges einher, und trug den Degen des Ueberwundenen. Der Kai⸗ ſer ernannte den braven Serſchanten zum Offizier, und befahl ihm, dem Gefangenen ſeinen Degen zu⸗ ruͤckzugeben: es war Don Alonſo. Der Monarch fuhr, als er ihn empfieng, mit der Hand nach der Stirn,— ein Zeichen der Achtung, womit er ſonſt eben nicht ſehr freigebig war. Die ihn umgebenden Offiziere begruͤßten ebenfalls den feindlichen General. Eine Art von Ehrerbietung praͤgte ſich auf allen Ge⸗ ſichtern aus, und ich druͤckte mir daher den Hut ins Geſicht, um nicht laͤnger den Kontraſt zu ſehen, den dieſe Ehrenbezeigungen, die man den Oberhaͤuptern des Volksaufſtandes erwies, mit der geringſchaͤtzigen S bildete, die ich nur zu oft zu erfahren atte. Der Kaiſer war in der Unterredung, die er dem Generalkapitain bewilligt hatte, ſehr heftig geweſen. Dieſer große Meiſter in der Kunſt, die Menſchen rich⸗ tig zu beurtheilen, hatte die ganze Macht ſeines Zor⸗ nes gegen ihn verſucht. Ganz entgegengeſetzte Mit⸗ tel wendete er jezt an, um auf Alonſo's Gemuͤth Eindruck zu machen; er ſtellte ihm naͤmlich mit vieler 16 Güte Lor, wie verwegen und ſtrafbar alle ſeine ge⸗ genwaͤrtigen Beſtrebungen waͤren. Da der Gefan⸗ gene darauf eine ſtolze Antwort gab, ward der Kai⸗ ſer boͤſe und fuͤgte hinzu, daß, wenn die ſpaniſche Halbinſel binnen funfzehn Tagen ſich nicht unterwer⸗ fen ſollte, ſo wuͤrde er von alle den Rechten, denen ſeine große Seele zu Gunſten eines Bruders entſagt habe, Gebrauch machen und Spanien als eine er⸗ oberte Provinz behandeln. Alonſo erwiederte la⸗ chelnd:„Es wird dann doch noch einen Winkel auf der Erde geben, wo die Fahne der Nation mit dem Wahlſpruche: Ferdinand und Freiheit! wehen wird. und ſo lange noch ein Spanier lebt, wird es auch dieſer Fahne nie an einem Vertheidiger fehlen.“—„Man führe dieſen ͤberſpannten Schwaͤrmer mir aus den Augen,“ ſagte hierauf der Monarch;„die Moͤnche haben ihnen allen den Kopf verdreht.“ Napoleon wollte den Widerſtand des zu den Waffen aufgeſtändenen Volkes lieber einer religiöſen Ueberſpannung als patriotiſchen Geſin⸗ nungen zuſchreiben. Die Stimtung, welche Mär⸗ tyrer hervorbringt, ſchien fuͤr ſeine Armee nicht ſo gefaͤhrlich anſteckend zu ſein, als ieie freie Maͤnner bildet. Mein Bruder ward dazu vifniut um in den Schloßthuͤrmen von Vincennes als Gefangener zu ſeufzen,— in dieſer Baſtille des Reichs, in welche nachher auch Blake, Zayas und Palafor geworfen worden ſind. Meine Bitten erweichten indeß den Zorn des beleidigten Siegers; ich bewirkte wenigſtens 17 ſo viel, daß Alonſo, wenn er ſein Ehrenwort gaͤbe, daß er gegen die neue Dynaſtie nie mehr die Waffen fuͤhren wolle, als Gefangener in Frankreich leben koͤnne. Bertrand fuͤhrte mich zu den Bivouaks. Un⸗ terweges bat er mich um meine Vermittelung bei Donna Ines zu Gunſten ſeiner Liebe. Die Offizier⸗ epaulette, die er ſo eben zum Lohn ſeiner langen Dienſte erhalten hatte, verminderten einigermaßen den trennenden Abſtand, den ein thoͤrichter Geburts⸗ ſtolz zwiſchen ihm und ihr aufgeſtellt hatte. Die Hoffnung, die Sproͤdigkeit der ſtolzen Camarera be⸗ ſiegen zu koͤnnen, erfreuete ihn als die ſuͤßeſte Frucht ſeiner Bemuͤhungen. Da ich mich ſelber ſehr froh fuhlte, ſo hoͤrte ich auch gern die Aeußerungen ſeines Frohſinns an. Die Unannehmlichkeiten, die mich betroffen hatten, ſchwanden bei dem Gedanken, an den gluͤcklichen Erfolg, den ich ſo eben gehabt hatte, Ich erleich⸗ rerte die Feſſeln eines Bruders, ich milderte ein gro⸗ ßes Ungluͤck, und mein Herz und mein Pflichtgefuͤhl nahmen gleichen Antheil an dem Genuſſe eines ſol⸗ chen Sieges. Das franzoͤſiſche Heer war um ſeine Wachtfeuer gelagert. Die Adler ſtanden in Linie aufgepflanzt, jedes Regiment hatte ſeine Bivouaks um ſeine Fahne aufgeſchlagen, im Lager herrſchte das tiefſte Schwei⸗ gen, in der Stadt drinnen dagegen der hoͤchſte Tu⸗ mult. Man hoͤrte die zahlloſen Glocken Madrids zu dem wuͤthenden Geſchrei der Volksmenge erklingen, W. 18* doch eure Solbaten horten dieſe Zeichen der Wuth und der Furcht mit immer gleicher Verachtung an⸗ Die meiſten derſelben lagen auf die Erde hingeſtreckt, und ſchlummerten unter dem Schutze einer Wand von Stroh und Brettern, die ſie gegen die Windſeite hin aufgerichtet hatten; manche vertrieben ſich die Stunden der Nacht durch das Singen kriegeriſcher Lieder, andere ſaßen um den Feuerheerd herum und erzaͤhlten von ihren großartigen Abenteuern, und die Pferde neigten ihre Koͤpfe uber ſie hinweg, gleichſam als wollten ſie einen Theil dieſes Ruhmes fuͤr ſich in Anſpruch nehmen und daran erinnern, daß auch ſie an dem und dem Tage mit dabei geweſen. Endlich kamen wir an eine unfoͤrmliche Hutte, welche die Grenadiere in der Eil fuͤr den edeln Ge⸗ fangenen errichtet hatten. Der Wundarzt hatte ihm ſo eben die Wunden beſichtigt, eine Marketenderin verband ſie ihm vollends; denn uͤberall, wo es Lei⸗ den giebt, findet ſich auch wohl eine Frau. Die Vorſehung,— denn ſo ward ſie von den Sol⸗ daten genannt— gieng heraus, um mir Platz zu machen, und ich trat in die enge Barake hinein, und neigte mich uͤber das kleingehackte Stroh hin, wel⸗ ches dem Inſurgentengeneral zur Lagerſtatt diente. Noch einmal alſo befand ich mich in ſeiner Naͤhe, je⸗ doch ohne ihn im Geſicht ſehen zu koͤnnen. Seit ſeinem Abgange von Salamanca hatte ich ihn nicht mehr wiedergeſehen, und ſeit dieſem naͤchtlichen Be⸗ ſuche haben wir uns nie mehr wiedergefunden⸗ 19 Ich ergriff ſeine Hand, und druͤckte ſie an mein Herz. Er fragte, wer denn an ſeiner Sei⸗ te ſtaͤnde; ich antwortete:„Dein Bruder.“ Da ſtieß er mich von ſich, und rief mit matter Stim⸗ me:„Ein Bruder von mir? ich habe keinen mehr entferne dich.“ Ich glaubte anfangs, daß er mich fuͤr mitſchulbig an jenen Komplotten halten koͤnnte, die an den ufern des Ebro ſein Leben in Gefahr geſetzt hatten, und rechtfertigte mich daher in ſeinen Augen. Indeß er erwiederte: „Du giebſt dir da eine ganz unnuͤtze Muͤhe. Was iſts weiter, ob eine Schandthat mehr oder weniger?“ Anſtatt uͤber dieſe Aufwallungen boͤ⸗ ſe zu werden, ſetzte ich ihm meine Grundſaͤtze und Wuͤnſche aus einander, und ſtellte ihm mit moͤglicher Sanftheit vor, wie bitter und unin⸗ tereſſirt meine Hingebung geweſen. Er unter⸗ brach mich mit den Worten:„Wenn du nicht ſtrafbar biſt, warum zittert denn da deine Stim⸗ me?“ Dieſe Worte brachten mich zum Schwei⸗ gen. Sollte es denn wirklich wahr ſein, dach⸗ te ich, daß dieſe Unſchluͤſſigkeit, dieſes Murren meines Gewiſſens eine gebieteriſche Warnung waͤre, vor welcher meine Vernunft ſich hätte beugen ſol⸗ len? Giebt es denn wirklich bei Buͤrgerkriegen in dem Herzen aller Menſchen eine Stimme, die ih⸗ nen die Ungerechtigkeit oder die Gerechtigkeit ihrer Sache offenbart, und muß man denn ſeine Fahnen verlaſſen, ſobald man ſich einmal ihrer geſchaͤmt hat? In dieſem Augenblick ward an Alonſo geſagt, 2* von nun an unſere Rechte beſſer zu vertheidigen, 20 daß ein ganzer Zug von Gefangenen nach Frankreich abgehen, und daß er mit darunter ſein wuͤrde. Ein Seufzer entſchluͤpfte ſeiner Bruſt. Ich rechnete auf das Gefuͤhl dieſes traurigen Abgangs, um ſeine Entſchluͤſſe zu erſchuͤttern, und ich begleitete ihn wi⸗ der ſeinen Willen eine Strecke auf ſeinem Wege. Ich entwarf ihm eine Schilderung von dem unermeßlichen und unerſetzlichen Ungluͤck, welches der Volksauf⸗ ſtand uͤber unſer ungluͤckliches Vaterland gebracht hatte.„Glaubſt du denn,“ erwiederte er mir, „daß uns der Anblick unſerer ermordeten Landsleute und unſerer zerſtoͤrten Staͤdte nicht eben ſo ſehr ſchmerzt als euch? Aber waren wir es denn, die den Krieg von den Gipfeln der Pyrenaͤen in das flache Land herab zogen? Ein Tyrann gab uns die Wahl zwiſchen Waffen oder Feſſeln. Da waͤhlte die Ehre an unſerer Statt, und wir griffen zu den Waf⸗ fen.“ Ich antwortete: das hieße ja gerade ſo viel als, Spanien fuͤr Napoleons ehrgeizige Staatskunſt zu beſtrafen.„Nein,“ erwiederte er,„die Ver⸗ theilung der Belohnungen und Strafen liegt nicht in der Gewalt der Menſchen; ſie konnen blos zwi⸗ ſchen Pflicht und Unrechtthun waͤhlen. Dann aber kommt die Hand der Vorſehung hinterher, die da ſtraft oder belohnt. Es liegt in dem Gange der Ge⸗ ſchichte, daß die Fuͤrſten wie die Volker fuͤr began⸗ gene Fehler zuletzt buͤßen muͤſſen, und ſie ſind gluck⸗ lich, wenn das Vergangene ihnen zur Warnung und Lehre dient. Unſere Unfaͤlle werden uns lehren, 22 und wenn dieſe furchtbare Lehre je noch einmal von uns vergeſſen werden koͤnnte, ſo wuͤrde es uns an neuen Warnungen nicht fehlen.« Ich entwickelte vor Alonſo's Augen alle die Vor⸗ theile, welche der neue Koͤnigsſtamm uns zuſicherte; ich erzaͤhlte ihm, daß der Kaiſer gleich am erſten Tage nach ſeiner Beſitznahme von Madrid daſelbſt die Auf⸗ hebung der Inquiſition, des hohen Raths von Kaſti⸗ lien und der Moͤnchsorden verfuͤgen wuͤrde.„Ganz gewiß,“ rief er dagegen aus,„ſind dieſe Staatsan⸗ ſtalten unnatuͤrlich, und eben durch ſie hat Spanien ſeinen Ruhm und ſeine Wohlfahrt eingebuͤßt. Al⸗ lein empoͤrt ſich nicht dein ſpaniſches Herz bei dem Gedanken an Nationaleinrichtungen, die der Fremde mit der Spitze ſeines Schwertes aufhebt? Du kannſt alſo die Komplotte von Bayonne dadurch genehmi⸗ gen, daß du die Hand nach den Wohlthaten des Ur⸗ hebers derſelben ausſtreckſt? Geh, wenn man die aus einer Unthat entſpringenden Fruͤchte mitgenießt, ſo heißt das, an der unthat ſelber theilnehmen. Spanien wird, es koſte, was es wolle, dieſe befleck⸗ ten Geſchenke zuruͤckweiſen, und du wirſt es dereinſt bedauern, daß du nicht ſo edel dachteſt, als dein Vaterland; du wirſt zu deinem Schaden die Erfah⸗ rung machen, daß das Gluͤck moraliſcher verfaͤhrt, als man gewoͤhnlich denkt.“— Ich wollte noch laͤnger meine Meinung vertheidigen, indeß er bat mich, dieſem ſchon zu langen Geſpraͤch ein Ende zu machen. Ich konnte daher meine Kraͤfte blos noch dazu ſammeln, um in wenigen Worten meinen — 22 Auftrag auszurichten.„Ich danke dir,⸗ erwie⸗ derte er darauf,„fuͤr deine Bemuͤhungen; aber ich mag keine Gunſtbezeigung von Napoleon. Ich wuͤrde mich dadurch erniedrigt fuͤhlen. Mag er mich doch immerhin in ſeine Kerker einſperren! die Vorſehung wird dieſelben ſchon einmal zu öffnen wiſſen; jede Unterdruͤckung iſt ein Vorbote einer der⸗ einſtigen Befreiung. Wenn ich den verlangten Eid⸗ ſchwur leiſtete, ſo wuͤrde ich dadurch anerkennen, daß ich vor dem, der ſich Don Ferdinands und un⸗ ſeres Volkes Gerechtſame angemaßt, das Knie beugte⸗ Als die Rathgeber unſeres jungen und unvorſichtigen Monarchen ſich vor dem beleidigenden Eigenſinn ei⸗ nes franzoͤſiſchen Soldaten beugten, wollten ſie ge⸗ wiß nicht ihren Koͤnig und ihr Vaterland der Berau⸗ bung und der Schmach preisgeben. Aber es giebt eine ſchluͤpfrige Bahn, auf welcher es blos täu⸗ ſchende Anhaltpunkte giebt, und das iſt die Bahn der Feigheit. Ein Menſch, der irgend einmal der Ungerechtigkeit etwas eingeraͤumt hat, wird nicht eher ſtillſtehen, als bis er zur Schande gelangt iſt, und ſo kann auch ein ganzes Volk, das irgend der Tyrannei etwas eingeraͤumt hat, nicht eher ſtillſte⸗ hen, als bei der Sklawerei.“— Alonſo ſchwieg hier eine Weile vor Ermudung, und fuhr dann wei⸗ ter fort:„Napoleon verpflanzt alle die unedeln Kuͤnſte eines gemeinen Raͤubers auf den Thron, um ſich der Herrſchaft uͤber dreißig Millionen Menſchen zu bemächtigen; er hat die geſchworene Dreue ver⸗ letzt, die Gaſtfreundſchaft verrathen, und einem gan⸗ 23 zen Koͤnigsſtamme, ja einer ganzen Nation Schlin⸗ gen gelegt. Seine Miniſter, die mit einer abſcheu⸗ lichen Kuͤhnheit zu gleicher Zeit die Politik und die Moral reformiren wollten, wagten mitten in ſeinem Senat, der es mit anhoͤren mußte, zu erklaͤren, daß zu allem, was die Politik uns raͤth, die Moral uns ein Recht giebt. und es kann doch noch immer Koͤnige geben, die ihm die Hand bieten, Spanier, die ſich an ſeine Fahnen anſchlie⸗ ßen, ja ein ganzes Frankreich, das ihm gehorcht? Wie ſehr verleugnen doch jene Feldherrn, die ihr er⸗ ſtaunliches Gluͤck blos der franzoͤſiſchen Revolution und ihren Grundſaͤtzen und Triumphen verdanken, ſie, die wir ſo edel fuͤr die Sache der Republik fech⸗ ten ſahen, dadurch ihren zwanzigjaͤhrigen Ruhm, daß ſie unſere Haͤupter unter das Joch irgend eines gott⸗ lichen Anrechts zu beugen ſuchen, welches ihr Ober⸗ haupt vermoͤge der erzwungenen Entſagung Don Ferdinands geerbt zu haben vorgiebt!“ Ich konnte mich hier nicht enthalten, meinen Bruder zu unterbrechen. Die Geſinnungen, die ich ihn aͤußern hoͤrte, ſchienen mir alle Zucht im Heere, alle Ordnung im Staate aufzuloͤſen. So ſehr ich daruͤber ſeufzen mußte, indem ich ſah, zu welchen Theorien der Volksaufſtand ſeine Zuflucht nahm, ſo ſehr bewunderte ich zugleich die bedauernswerthe Leichtigkeit, womit wir uns uber die verderblichſten Irrthůmer in Laͤuſchungen zu erhalten wiſſen, als Alonſo mir antwortete:„Du berufſt dich auf den Gehorſam des Soldaten? Es woͤrde in der Dhat 24 nur zu unſinnig ſein, das Bajonett der Grenadiere und den Degen eines Gonſalvo von Cordova in eine und dieſelbe Wagſchale zu legen; es wuͤrde nur zu unmoraliſch ſein, wenn man wuͤnſchen wollte, daß der Arm eines Rodrigo, eines Crillon, eines Vi⸗ comte von Ortes ſo blind folgſam ſein moͤchte, wie der Arm eines Lictors! Sage lieber, daß Napoleon mit ſeinen Feldherren von den vorzunehmenden Ver⸗ beſſerungen, von der Abſchaffung der Inquiſition und der Folter, von der Vollendung der Wiederge⸗ burt der Nation ſpricht. Er zeigt ihnen die Kaſti⸗ lianer, die ſich an ſeine Fahnen angeſchloſſen haben, diejenigen, die ſich fuͤr die einzigen Aufgeklaͤrten des Jahrhunderts, fuͤr die alleinigen Freunde der Fort⸗ ſchritte der Menſchheit ausgeben; er ſagt ihnen, daß ſie uns die Wohlthaten der franzoͤſiſchen Revolution zubringen, und verwendet ſo die Kraͤfte eines großen Volks gegen die heiligſten Rechte der Nation. Da⸗ mit entſchuldigen ſie ſich denn; doch ſeine Daͤuſchun⸗ gen werden auf ſein eigenes Haupt zuruͤckfallen, und deine Mitſchuld wird auf das deinige fallen.“ Zwei Bruͤder, die vom Sturm des Buͤrgerkrie⸗ ges in zwei entgegengeſetzte Heere geſchleudert wor⸗ den ſind, haben gleichwohl immer noch etwas ge⸗ meinſames. Die Bande des Bluts haben eine bin⸗ dende Kraft, die der Partheigeiſt nie ganz aufzuheben vermag. Ich fand ein unausſprechliches Vergnuͤgen daran, meinen Bruder nach allen unſeren Lieben zu fragen, und da dieſe Unterhaltung allmaͤhlig ſeinen Ton und ſeine Sprache milder ſtimute, ſo hoffte ich, 25 daß, wenn nur erſt unſere Herzen ſich wieder gefun⸗ den haben wuͤrden, ich wohl am Ende noch die Hart⸗ naͤckigkeit ſeines Willens zu beugen im Stande ſein wuͤrde. Der Name der Donna Leonor, der meines Va⸗ ters und noch eine andere Ruͤckerinnerung hatten den ſtolzen Kaſtilianer erſchuͤttert. Ich ſprach mit ihm von den ſchmerzlichen Trennungen, die ihm um ſei⸗ ner unbeſonnenen Halsſtarrigkeit willen bevorſtaͤnden. „Denkſt du denn,“ erwiederte er darauf,„daß mir das Herz nicht bricht bei dem Gedanken an die Quaal, die mich erwartet? Du weißt gar nicht, welche Pein mich in der Abweſenheit von den Gegen⸗ ſtaͤnden meiner Liebe verfolgt; aber was kann ich hiebei thun? Ich muß mich ein wenig darein fuͤgen, oder vieles leiden, und da kann ich denn keinen Au⸗ genblick uͤber die Wahl zweifelhaft ſein. Dies iſt meine Religion, und fuͤr ſie wuͤrde ich mit Gottes Hilfe ſelbſt den Maͤrtyrertod nicht ſcheuen.“ Die Bedeckung der Gefangenen machte jezt Halt. Es war eine finſtere Racht; doch die franzoͤſiſchen Bivouakfeuer bildeten rings um Madrid einen hellen Lichtkreis, der ſeinen Schein bis an die Wolken em⸗ por und weithin in die Ferne warf. Die Fußſolda⸗ ten, die wir bei uns hatten, ſetzten ſich gleich auf der Stelle nieder, wo ihnen das Halt zugerufen wor⸗ den war, und ruhten auf ihren Torniſtern, die ihnen unterweges ſo viel Beſchwerde gemacht, von den Anſtrengungen des Dages aus; unſere Reiter ſtiegen von ihren Pferden, ſtreichelten dieſe ermuͤdeten Waf⸗ 26 fengefaͤhrten, und ſprachen mit ihnen uͤber den gan⸗ zen Weg, den ſie bereits mit ihnen zuruͤckgelegt, und uͤber den, welchen ſie noch mit ihnen zuruͤcklegen wuͤrden. Vertrand nahm die Gluͤckwuͤnſche ſeiner neuen Kameraden an, und die Vorſehung, die auf allen Seiten von den Soldaten angerufen wurde, 3 die aus ihren Lebensmittelkoͤrben entweder Brante⸗ wein oder Weißbrot haben wollten, fieng jezt an, Linnen und gezupfte Leinwand hervorzuſuchen, um die Gefangenen zu verbinden und zugleich nachzuſe⸗ hen, ob etwa die Reiſe den Verband der tiefen Wun⸗ den Alonſo's verruͤckt habe. Auf einmal erblickte ich mitten unter den Sol⸗ daten ein ganz kleines Maͤdchen in ſpaniſcher Dracht, die noch um dieſe ſpaͤte Nachtſtunde auf einſamen Feldwegen umherirrte, und gar nicht daruͤber er⸗ 1 ſchrocken zu ſein ſchien, daß ſie ſich hier mitten un⸗ ter einen Haufen von Bewaffneten verloren hatte. Die Franzoſen redeten ſie lachend an, doch ohne daß 1 ſie die Aeußerungen derſelben zu verſtehen ſchien. 1 Sie warf blos aufmerkſame und neugierige Blicke 11 um ſich her. Ihre Aehnlichkeit mit der kleinen Pa⸗ quita hatte mich gleich anfangs uͤberraſcht; ich rief ſie daher bei ihrem Namen. Sie erſchrack, ſah mich ganz verwundert an, und eilte dann in die Ebene fort, wo ſie verſchwand. Man ſetzte ihr nach, doch ohne ihre Spur wiederzufinden. Einige Jaͤger, die bis an den Fuß der naͤchſten Huͤgel vordrangen, hör⸗ ten daſelbſt eine Stimme, welche rief:„Es ſind ihrer blos dreihundert!“ und dieſe Braven ſpreng⸗ 27 ten ſogleich mit verhaͤngtem Zugel zuruͤck, um uns von unſerer Gefahr zu benachrichtigen. Allein es war bereits zu ſpaͤt; ein zehnmal ßiaͤrkerer Feind hatte uns ſchon umringt. Die Franzoſen eilten zu den Waffen; doch von allen Seiten her fiel ein toͤdtlicher Kugelregen auf ſie herab, und die Haͤlfte von ihnen ſank todt nieder, ehe ſie ſich noch zur Gegenwehr ſetzen konnten. Die Offiziere, welche den Zug befehligten, lagen alle zu Boden geſtreckt, und blos Bertrand war noch am Leben. Es wuͤrden gewiß alle jezt umgekommen ſein, wenn nicht eine Frau, die vor allen andern voran auf ſie losgeeilt war, den Ihrigen mit einer Stimme von tief bewegtem Gefuͤhl zugerufen haͤtte:„Hal⸗ tet ein, haltet ein! Alonſo befindet ſich unter ihnen.“ Und da die Raͤuber noch immer fortfuhren zu mor⸗ den, rief der furchtbare Bartolomeo:„Habt ihr nicht den Zuruf der Heldin von Saragoſſa vernom⸗ men? Laßt uns ſie fuͤr jezt gefangen nehmen; ſpaͤ⸗ ter koͤnnen wir ſie ja immer noch tödten.⸗⸗ Eine Kompagnie Grenadiere hatte ſich um die Gefangenen herum gebraͤngt, und es gelang Ber⸗ krand, ein Viereck aus ihnen zu bilden, in deſſen Mitte ich mich mit Alonſo befand. Weiterhin ſtellte ſich der Heerhaufen meiner Mitbuͤrger wuͤthend auf, deren Sieg uͤber meines Bruders Befreiung und uber meinen Untergang entſcheiden ſollte. Die Spanier waren eben ſo ſehr uͤber die ge⸗ faßte Haltung ihrer Gegner erſtaunt, als voll Unge⸗ duld, den jungen Feldherrn zu befreien und ihre 28 Mordgier zu ſaͤttigen. Maria benihte ſich jezt eben ſo ſehr, ihr Feuer zu maͤßigen, als ſie fruͤher es an⸗ zufachen geſucht hatte. Dieſe zweite Klorinde, die durch die Schatten der Nacht an ihrem ſtolzen Roſſe, an ihrem im Winde flatternden Schleier und an der weißen Schaͤrpe, die von ihren Huͤften herabhieng, leicht zu erkennen war, ſtand zwiſchen den beiden Schlachtreihen und ſprach mit Thraͤnen:„Schießt zu! Doch eure erſten Kugeln werden mich treffen.“ Und in groͤßerer Entfernung rief die Gitana, die ſich um der Gefahr willen mehr im Hintergrunde hielt, aber doch uͤber die Saͤumniß unwillig wurde: „Schießt immer zu! Fuͤr jeden Kaſtilianer muͤſſen zehn Franzoſen ſterben.“ Dieſe Frauenſtimmen, benen unſere Vorſe⸗ hung mit Kriegsliedern antwortete, und die blos von Zeit zu Zeit von dem gellenden Geſchrei der klei⸗ nen Paquita uͤbertoͤnt wurden, die immerfort rief: „Es ſind ihrer blos dreihundert!“ unterbrachen al⸗ lein die Stille, die zwiſchen den beiderſeitigen Trup⸗ pen herrſchte. Endlich erfolgte darauf ein Knall. Bertrand hatte naͤmlich dies Zoͤgern, deren Ur⸗ ſachen er nicht kannte, benutzen wollen, und daher denn dies plotzliche Gewehrfeuer, das den Tod in die Reihen Maria's, und Schrecken und Entſetzen in mein und Alonſo's Herz trug. Ich vermochte blos mein Haupt auf die bruͤderliche Bruſt herabzu⸗ neigen, und diesmal ſtieß mich der— meiner Kindheit nicht mehr von ſich. Die zahlreiche Quabrilla ward dadurch auf ein⸗ mal auseinander geſprengt, und uͤberſaͤte die Ebene mit ihren blutigen Truͤmmern, waͤhrend eure Solda⸗ ten den Spaniern mit Siegesliedern nachſetzten⸗ Da gewann mein Bruder durch die Verzweiflung ſeine Kraͤfte wieder; er raffte Waffen von der Erde auf, die uͤbrigen Gefangenen machten es eben ſo, und der ſchwache Soldatentrupp, der ſich durch ſein franzoͤſiſches Ungeſtuͤm hatte fortreißen laſſen, war genoͤthigt, in ſeinem Vorwaͤrtseilen Halt zu machen, um der neuen Gefahr die Stirn bieten zu koͤnnen. Die Guerilla, die bereits wieder durch Bartolomeo und durch die Markiſin, welche uͤber die Flucht und den Unfall unwillig waren, wieder verſammelt worden, machte jezt einen Geſammtangriff auf die Grenadiere, deren Schlachtordnung im hitzigen Verfolgen ſich aufgeloͤſt hatte. Blos noch eine Handvoll dieſer Tapfern, die nun zwiſchen zwei Feuer gerathen wa⸗ ren, vertheidigten ſich. Maria, die an der Spitze der Raͤuber einherſprengte, ſtͤrzte ſich auf die kreu⸗ zenden Bajonette der Grenadiere los, mein Bruder ſlog ihr entgegen, beide durchbrachen zu gleicher Zeit die Soldatenreihe, die ſie trennte, und die uner⸗ ſchrockene Amazone ſank ohnmaͤchtig in die Arme des erfreuten Kaſtilianers. Mitten unter dieſen ſo ganz entgegengeſetzten Gefuͤhlen, die ihn erfullten, dachte Alonſo dennoch daran, mein Leben und die kleine Zahl von Franzoſen zu retten, die den Hieben und Kugeln der Banditen vicht erlegen war. Die Vorſ ehung verſuchte „—————— mit dem Söͤbel in der Hand und an ihre Lebensmit⸗ telkoͤrbe angelehnt, noch zu fechten; ihr Mann, der brave Furchtlos, ferner Bertrand, und einige mit Wunden bedeckte Soldaten waren entſchloſſen, ihr Leben den Moͤrdern theuer zu verkaufen, welche ohne Mitleid die Sterbenden vollends umbrachten und die Todten in Stuͤcke zerhieben.—„General Barto⸗ lomeo!“ rief jezt Alonſo;„als Mitglied der Cen⸗ tral⸗Junta befehle ich euch im Namen Seiner Maje⸗ ſtaͤt, dieſem Mordgemetzel Einhalt zu thun!“ Bei dieſem Ruf entſchloſſen ſich endlich die Mar⸗ ketenderin, der Grenadier und der Geliebte der Donna Ines, die nur noch allein auf dem Platze waren, das Gewehr zu ſtrecken. Der Großrichter ſchuͤtzte nun, obwohl nicht ohne Murren, ihr Leben gegen das wuͤ⸗ thende Geſchrei der Gitana, des Sohnes Elvirens, des Kapuziners Fray Aparicio und ſeiner Margarita, welche ſaͤmmtlich nach franzoͤſiſchem Blute lechzten. Die ganze Quadrilla des furchtbaren Schaͤfers von Darroca umringte uns jezt. Ich hatte ſie großen⸗ theils fruͤher als Gefangene in Vittoria geſehen; al⸗ lein im Laufe dieſes Krieges wurden oft ein und die⸗ ſelben Menſchen wiederholt gefangen genommen und erſchienen doch wieder auf dem Kampfplatze. Um ihren Beſiegern immer von neuem entrinnen zu koͤn⸗ nen, half ihnen dreierlei: der Eifer der Landesein⸗ wohner, die Thaͤtigkeit der Quadrillen, und der Meineid. Unterdeß erinnerte ſich die kleine Paquita, daß daß ſie mich— wie ſie ſich ausdruͤckte— unter den 31 Ungeheuern geſehen habe. Sie lenkte badurch die Blicke aller auf mich, und der Beiſtand Alonſo's war nicht mehr hinreichend, um meinen Kopf ſicherzu⸗ ſtellen. In demſelben Augenblick ſtͤrzte ſich auch die Gitana auf Bertrand, um ihn zu erdolchen, und rief:„Du von Gott verfluchter! ich erkenne dich wieder; du warſt es, der Donna Ines verfuͤhrte, ihr den Kopf mit franzoͤſiſchen Ideen erfuͤllte, und ſie taub machte gegen die Stimme der Freunde Don Ferdinands! Du warſt es, der aus ihr und ihrer wuͤrdigen Gebieterin eine Afranceſada machte! Erinnere dich an den Hrakelſpruch, welchen du zu Vittoria empfiengſt. Dieſer Dolch wird denjenigen Theil derſelben erfuͤllen, der dich angeht, und was ſie betrifft, ſo wird die Reihe auch ſchon gar bald an ſie kommen.“ Zum Gluck war das Geraͤcht von dieſem Gefecht bis ins franzoͤſiſche Lager gedrungen. Waͤhrend da⸗ her die Banditen ſich in den Raub Lheilten und ſich zu neuen Greuelthaten anſchickten, wurden ſie von dem Vortrab eines franzoͤſiſchen Heerhaufens ange⸗ griffen. Gerade diejenigen, welche am hitzigſten ge⸗ weſen waren, uns zu ermorden, waren nun die er⸗ ſten, welche flohen. Bartolomeo nahm den er⸗ ſchoͤpften Alonſo und die Heldin von Saragoſſa, die gar nicht mehr zum Leben erwachen wollte, mit ſich fort. Die zerſtreute Bande ſchlug den Weg nach dem Gebirge ein, und alle entſchwanden allmaͤhlig aus dem Geſicht, ——— 32 —.—— Zweites Kapiter. d Ich erreichte endlich das franzoͤſiſche Hauptquar⸗ tier wieder. Einer großen Anzahl Spanier von hohem Range war es gelungen, waͤhrend der allge⸗ meinen Verwirrung aus Madrid zu entkommen und dem Sieger ihre Huldigung darzubringen. Unter der Zahl derſelben befand ſich auch der Vater des Don Carlos und des Frey Don Jalme. Ich erfuhr, daß das ſpaniſche Heer die Haupt⸗ ſtadt verlaſſen habe, deren Mauern ſie nicht zu ver⸗ theidigen im Stande war. Das Volk der Vorſtaͤdte, das ohne Anfuͤhrer und ohne Waffen war, ließ ſeine Verzweiflung in Verwuͤnſchungen gegen die Generale und Granden ausbrechen, von denen es verrathen zu ſein meinte.„Wir ſind die einzigen,“ rief El⸗ vire unter der Menge dieſer troſtloſen Maͤnner und Frauen aus;„wir ſind die einzigen, die noch unſe⸗ rem Koͤnige und unſerem Gott treu zu ſein wiſſen⸗ Alle dieſe Maäͤnner in Treſſenkleidern denken blos an ihr Gluͤck, aber nicht an Don Ferdinand. Wenn man in einem Palaſte wohnt, ſo will man freilich vom Tode nichts wiſſen.“ Hierauf ſchlug ſie vor, alles mit Feuer und Schwert zu verwuͤſten, um die Granden zu zwingen, dem Volke gleich zu werden, und den Franzoſen blos einen Haufen von Truͤmmern zu uͤberlaſſen. Fortunato nebſt Zigeunern und La⸗ zaroni's fand ſich bereit, um dieſe ruchloſen Plaͤne zu vollfuhren. Das kaiferliche Heer konnte nicht fruͤh genug eintreffen, um Ruhe und Sicherheit un⸗ ter die theils erſchrockenen, theils in Wuth gerathenen Einwohner zuruͤckzufuͤhren. Endlich kam der Tag heran, und die Beſitznahme der Stadt gieng ganz friedlich von ſtatten. Die be⸗ rühmten Verordnungen von Chamartin, welche den hohen Rath von Kaſtilien, die Inquiſition und die Moͤnchsorden fuͤr aufgehoben erklaͤrten, befeſtigten das Werk des Sieges, indem ſie dem allgemein em⸗ pfundenen Beduͤrfniß durchgreifender Verbeſſerungen abhalfen. Funfzehntauſend Familienvaͤter leiſteten dem Koͤnige Joſeph den Eid der Dreue, und nun erſt genehmigte der Kaiſer, welcher die Krone fuͤr ſich zu behalten gedroht hatte, ſie demſelben wiederzugeben⸗ Der Koͤnig, der voll Unruhe daruͤber war, daß er im Ruͤcken der Armee in einer Art von Verbannung gehalten wurde, war bereits unvermuthet im fran⸗ zoͤſiſchen Hauptquartier eingetroffen, und Napoleon konnte nun, was er auch ſonſt immer fuͤr geheime Plaͤne haben mochte, nicht wohl im Angeſicht der Welt die Actenſtuͤcke wieder zerreißen, wodurch er ihm ſeine Rechte uͤbertragen hatte. Der neue Regenten⸗ ſtamm errang vermoͤge der erlaſſenen wohlthaͤtigen Verordnungen und der angekuͤndigten Staatseinrich⸗ tungen uͤberall raſche Triumphe. Es war jezt um den Volksaufſtand fuͤr immer geſchehen, wofern nicht zwei Begebenheiten unſer Waffengluͤck gehemmt und gefaͤhrdet haͤtten. Die engliſche Armee, die beſtaͤndig erwartet worden, aber niemals zu ſehen geweſen war, erſchien endlich; und obwohl ſie bei der An⸗ W. 3 1 naͤherung des Kaiſers blos die Flucht zu ihren Schif⸗ fen hin nehmen konnte, ſo hatte ſie doch der umher⸗ irrenden und aufgeloͤſten Central-Junta, den zer⸗ ſtreuten und geſchlagenen ſpaniſchen Banden und dem beſtuͤrzten Volk in den Provinzen Zeit verſchafft, ſich zu ſammeln und friſchen Muth zu faſſen. Gleich⸗ zeitig lenkten unruhige Beſorgniſſe wegen der Ruhe Deutſchlands die Aufmerkſamkeit des Kaiſers nach dem Norden hin. Wir mußten ſeine Gegenwart miſſen, und das hieß, eine Regierung und ein Heer zugleich verlieren. Uns blieben ſtatt ſeiner blos Soldaten ohne Kriegsluſt und ohne Zuberſicht, Ge⸗ nerale ohne Plaͤne und Einheit, kurz Mangel an Mannszucht, Unentſchloſſenheit und Zwietracht zu⸗ ruͤck. Die Parthei von Cadix, ſtolz auf den ſeltſa⸗ men Gluͤckswechſel, der ihr den Sieg verſchaffte, hat alle die daraus entſpringende Ehre auf Rechnung ihrer Ausdauer und ihrer kriegeriſchen Tugenden ge⸗ ſchrieben. Indeß zwei Maͤchte waren es allein, die ihr wenn auch nicht den Waffenerfolg verſchafften, doch wenigſtens demſelben Dauer gaben; die erſte derſelben war unſtreitig das brittiſche Heer, und die zweite iſt im franzoͤſiſchen Hauptquartier zu ſuchen. Nach einem dreiwoͤchentlichen Aufenthalt verließ Napoleon die Hochebene von Kaſtilien, um den Ge⸗ neral Moore zuruͤckzutreiben. Er hat ſich in der Hauptſtadt niemals ſehen laſſen, außer daß er an dem einen Morgen im Galopp durch die Hauptſtra⸗ ßen von Madrid ſprengte, und einige Gebaͤude in Augenſchein nahm, unter andern den koͤniglichen 35 ————————— Palaſt, deſſen Pracht er bewunderte, und das Mu⸗ ſeum der Naturwiſſenſchaften, deſſen elender Zuſtand ihm ein mitleidiges Lächeln entlockte. Dieſes ploͤtz⸗ liche Erſcheinen befriedigte den Stolz der Madridder, die in dem hartnaͤckigen Aufenthalt Napoleons auf der duͤrren Hoͤhe von Chamartin ein Zeichen der Furcht zu ſehen meinten. Don Mathias, der ſich das Vergnuͤgen nicht verſagen konnte, ein Beiſpiel aus der Geſchichte anzufuͤhren, brachte in Erinne⸗ rung, daß Nero ja auch nicht gewagt habe, Sparta zu betreten. Dieſe Bemerkung machte viel Gluͤck; allein das Aufſehn, welches der unvorſichtige Ka⸗ pellan dadurch erregt hatte, brachte ihn um ein rei⸗ ches Kanonikat, das der Markis fuͤr ihn zu erlangen im Begriff war. Die Kraͤnkung ſeines Ehrgeizes und ſeine geſchmeichelte Eitelkeit ſtellten ihn bald un⸗ ter die Zahl unſerer Feinde. Der Kammerherr, der ſich in ſeiner ritterlichen Vaſallentreue verletzt fuͤhlte, ſah ſich genothigt, dem aufruͤhriſch geſinnten Doctor ſein Haus zu verſchließen. Don Mathias wußte, daß die Empoͤrer, wie ſehr ſie auch beſiegt und fluͤchtig geworden waren, immer noch von Cor⸗ tes ſprachen. Unter ihnen fanden ſich Maͤnner, deren heftige Geſinnungen ſehr wohl zu ſeinen Theo⸗ rien paßten, und er begab ſich daher zu ihnen, um ſie mit ſeiner Gelehrſamkeit zu unterſtuͤtzen, und die der Rolle eines Unterdruͤckten gebuͤhrende Ehre zu empfangen. So wurden denn manche aufgeklaͤrte Koͤpfe blos durch perſoͤnliche Ruͤckſichten oder durch die ſtrafbare 3 Foffnung, auf die Ruinen der Wonarchie e eine Bun⸗ desrepublik zu gruͤnden, in den Reihen unſerer Feinde feſtgehalten. Die Weltgeiſtlichkeit ließ ſich allmaͤh⸗ lig die neue Regierung gefallen; denn die Pfarrer wie die Biſchoͤfe ſahen in der Aufhebung der Moͤnchs⸗ orden blos den Sturz beleidigender und läſtiger Ne⸗ benbuhler. Eben ſo fuͤgten ſich die Staͤdte und Ortſchaften der neuen Macht, vor welcher das ver⸗ haßte Geſpenſt der Anarchie entfloh. Alle diejeni⸗ gen Perſonen, die in der Erfahrung des Geſchafts⸗ lebens grau geworden, oder durch Kenntniß und Liebe zu den Wiſſenſchaften ausgezeichnet waren, be⸗ grůßten ſogar mit Enthuſiasmus die Thronbeſtei⸗ gung eines Fuͤrſten aus dem Kaiſerhauſe, wodurch unſerem Spanien ſein altes Königthum wiedergege⸗ ben und neben der Abſchaffung verjaͤhrter Nisbraͤuche auch noch die Einfuͤhrung von zwei Kammern ver⸗ heißen wurde, die mit einer wahren Monarchie gar wohl ſich vertragen. Die eilfertige Flucht der Eng⸗ laͤnder, die Unterwerfung der entfernteren Pro⸗ vinzen, wie z. B. Galiciens und Kataloniens, die zunehmende Zwietracht zwiſchen der Central⸗ Junta und ihrer uͤberſeeiſchen Verbuͤndeten, endlich der Fall von Saragoſſa, befeſtigten immer mehr die konigliche Gewalt, dieſes erſte Beduͤrfniß der Staa⸗ ten. Der Angriff, wodurch das öſterreichiſche Heer Napoleons Macht zu theilen ſuchte, ward durch die Siege bei Eckmuͤhl und Regensburg zu nichte ge⸗ macht, und vermochte nicht das in den Gefilden von Ciudad Real vernichtete Empoͤrerheer wieder zu er⸗ 37 wecken, deſſen blutige ueberbleibſel ſich hoffnungslos hinter die Gebirgskette der Sierra Morena ſchlepp⸗ ten. An allen andern Orten verrieth ſich der Em⸗ poͤrungsgeiſt blos durch einige, ſogleich wieder er⸗ ſtickte Volksaufruͤhre, durch einzelne Raͤubereien, wobon die Einwohner des Landes mehr litten, als eure Soldaten, und daher auch gleich ihnen daruͤber erbittert waren. Froh uͤber dieſe großen Ergebniſſe, fieng ich end⸗ lich an, die Unfaͤlle, die mein Daſein heftig bewegt, und die Bekuͤmmerniſſe, die es gedruͤckt hatten, zu vergeſſen, und ich genoß meines Triumphs um ſo inniger, da ich ihn an Matea's Seite genoß. Die zarte Erkenntlichkeit, womit ſie meine Zuneigung zu ihr belohnte, verlieh unſerem innigen Verhaͤltniß mit jedem Dage einen hoͤheren Reiz. Ihr Zutrauen gegen mich war unbegrenzt. Sie geſtand mir end⸗ lich die Enpfindung, die ihr ganzes Leben truͤbte: ſie liebte naͤmlich meinen Bruder. Schon laͤngſt war mir ein ſolches Geſtäͤndniß nicht mehr unerwartet; es knuͤpfte jezt ſogar das zwiſchen uns beſtehende Band noch feſter, anſtatt es zu zerreißen, denn es gab ja nun kein Geheimniß mehr zwiſchen uns. Ich hatte laͤngſt bereits dem unvollſtaͤndigen Genuß einer hoffnungsloſen Neigung entſagt; mir war es genug, zn den Fuͤßen einer Frau, einer Freundin, leben zu koͤnnen. Meine Dienſtgeſchaͤfte trugen dazu bei, mich von den Entbehrungen meiner Liebe abzulenken und mir die Annehmlichkeiten derſelben deſto fuͤhlbarer zu machen. Die Verſchiedenheit der Anſicht, welche Alonſo hegte, vergiftete nicht mehr in meinen Augen unſere Waffenerfolge; der Ruf hatte aufgehoͤrt, von ihm zu reden. Ich hoffte, daß er ſich endlich der Entſcheidung des Gluͤcks gefuͤgt und ſich entſchloſſen haben wuͤrde, fern von den Blicken der Welt zuruͤck⸗ gezogen zu leben, und daß Maria ihm ſeine Abge⸗ ſchiedenheit vielleicht verſchoͤnern wuͤrde; ich hoffte ferner, bald meine Mutter in meine Arme ſchließen zu koͤnnen, und hatte bereits an dieſe geliebte Mut⸗ ter geſchrieben und ſie gebeten, wieder in meine Naͤhe zuruͤckzukehren. Mein Vater war wieder frei; ſeine Ruͤckkehr konnte nicht lange mehr ausbleiben, und ich ſtand auf dem Punkte, ihn mit ſeiner Gattin zu vereinigen und mit beiden meine jetzige Lage zu thei⸗ len. Dieſe lachenden Bilder troͤſteten mich fuͤr alle die Geringſchaͤtzung, die Hinderniſſe und die Unan⸗ nehmlichkeiten, denen ich bisweilen auf meinem Wege begegnete, und ich ſegnete mein gluͤckliches Loos. Eines Tages war ich in einen Laden der Puerta del Sol getreten, als in denſelben ein Offizier, der einen von Kugeln durchloͤcherten Hut auf dem Kopfe hatte und in einen zerriſſenen Mantel gehuͤllt war, hereinkam und um ein Almoſen bat. Ein Anblick der Art iſt nur zu haͤufig in unſerem Spanien, wo der beſtaͤndig erſchoͤpfte Staatsſchatz niemals zureicht, um die Schulden des Vaterlandes zu bezahlen, und wo das Bettelngehen folglich keine Schande iſt. Der bejahrte Staatsdiener war unter den Fahnen Don Ferdinands zum Gefangenen gemacht worden, und 39 nun alles bes Seinigen beraubt, ohne Waffen, Klei⸗ dung und Brot, bat er weniger um ein Scherflein des Mitleids als vielmehr um eine Unterſttzung, die ihn wieder bis zu ſeinen Fahnen befoͤrdern koͤnnte. Ich ſah dem Kaufmann ſeine Verlegenheit an, und wie er eine Entſchuldigung hervorzuſtottern ſuchte. Ich entfernte mich daher auf der Stelle, um ihn in den Stand zu ſetzen, ganz frei den Eingebungen ſei⸗ nes Innern zu folgen, und indem ich vor dem Koch⸗ ofen der alten Elvire vorbeigieng, hoͤrte ich die Ver⸗ wuͤnſchungen, die ſie mir in ihrer rohen Wuth nach⸗ ſandte. Am Abend nahm Matea von ihren Sommerge⸗ maͤchern Beſitz. Sie befanden ſich im Erdgeſchoß ihres Hauſes, hatten eine Ausſicht nach dem Garten, und wurden durch zahlreiche Springbrunnen abge⸗ kuͤhlt. Sie hatte ſich die Meublen aus Frankreich kommen laſſen, und der Mahagoni war nun bei ihr an die Stelle der Sopha's und Stuͤhle von Rohr und von weichem Holz getreten; zierliche Spiegel⸗ tiſchchen, auf denen Armleuchter und Stockuhren ſtanden, Marmortiſche, kurz alles, was nur irgend der Luxus bei euch zur Ausfoͤllung und Verzierung eurer Wohnungen erfindet, glaͤnzte zum erſtenmal in ihren Geſellſchaftsſaͤlen, und die Waͤnde, die anſtatt ihrer ſonſtigen Nacktheit jezt mit prachtvollen Tapeten bekleidet waren, waren jezt mit Spiegeln behangen, worin ſich der Schimmer von tauſend Kerzen abſpie⸗ gelte. Matea ſah jezt in ihrer ſtolzen Glorie, wie der ganze Hof und der Generalſtab des Heeres ſich 40 um ſie draͤngte; die Menge der Granben, die bei Pepe noch fortwaͤhrend den Dienſt im Innern des Palaſtes verwalteten, die Großwuͤrdentraͤger des Staats und der Kirche, die franzoͤſiſchen Generale, alle kamen, um die prachtvolle Einrichtung der Graͤfin zu bewundern und ihrem Stolze zu ſchmeicheln. Selbſt Frauen von dem vornehmſten Range beglei⸗ teten ihre Maͤnner in dieſen Geſellſchaftskreis, indem ſie jeden Gedanken an ihre fruͤheren Vorurtheile fah⸗ ren ließen. Blos einer, der Markis von C***, fehlte bei dieſer Zuſammenkunft alles deſſen, was es in Spanien nur irgend Hohes und Bedeutendes gab. Dieſer edle Greis brachte ganze Tage in den Laͤden unſerer Kaufleute zu, gleichwohl haͤtte er ſich etwas von ſeiner Wuͤrde zu vergeben geglaubt, wenn er im Hauſe der Wittwe des Grafen D*** erſchie⸗ nen waͤre, der, zwar ebenfalls ein Grande der erſten Klaſſe, aber doch von weit juͤngerem Stamme geweſen war, und auch nur von fuͤnf Seiten her kö⸗ nigliches Gebluͤt in den Adern hatte. Aber dies iſt nun einmal der Character der ſpaniſchen Ariſtokratie; ſie geſtattet uͤberall eine gewiſſe Gleichheit des An⸗ ſpruchs, nur nicht unter ihres Gleichen ſelber. Meine Freundin freute ſich dieſes Triumpfs, ſuchte ihn aber ihren Nebenbuhlern durchaus nicht fuͤhlbar zu machen. Mitten unter dieſen mannigfal⸗ tigen Zerſtreuungen ſuchte ſie mich dennoch in den dunkeln Baumalleen des Gartens auf, ſetzte ſich an meine Seite, theilte mir ihr Frohgefuͤhl mit, ſprach mit mir von ihren Bekuͤmmerniſſen, und ſagte mir 41 unter andern, baß ſie dieſes Feſt mir zu Ehren gebe. Ich hatte naͤmlich an eben dem Tage eine koͤnigliche Gnadenbezeigung erhalten,— das Band des Jo⸗ ſephordens war es— und dies wollte ſie feſtlich begehen. Um dieſen Orden, uͤber den ſich unſere Feinde luſtig gemacht haben, bewarben ſich unſere Großen von den angeſehenſten Familien; alle Koͤnige haben ihn getragen, mit Ausnahme eines einzigen, der ſo eben in Wahnſinn verfallen war. Ihr wuͤr⸗ det euch wundern, wenn ich euch erzäͤhlte, welche hohe Hand an den Nutznießer der Bayonner Ver⸗ handlungen einen Brief ſchrieb, um die Gunſt zu er⸗ langen, dies Ordensband an die Stelle des goldnen Vließordens ſetzen zu duͤrfen; und was wird die Geſchichte ſagen, wenn ſie erfaͤhrt, daß alle die Spa⸗ nier, welche ſich dem neuen Herſcherſtamm unter⸗ warfen, nach der Ruͤckkehr der Verbannten von Va⸗ lencay in die Acht erklaͤrt wurden! Es giebt Momente im Leben, wo eine Freude, die ohne alle Reflexion und faſt ohne allen Grund iſt, das Herz des Menſchen durchſtroͤmt, das dann faſt zu eng iſt, um ſie ganz zu faſſen, und dieſe Freude eben war es, die ich damals mitten unter alle dieſem Prunk des Ehrgeizes und des Reichthums empfand. Welch ein Abſtand war doch zwiſchen dieſen Geſell⸗ ſchaftsſaͤlen Matea's und den Kloſterzellen von San Lorenzo! Ganz berauſcht von dieſen elenden Sitel— keiten, hielt ich mein Gluͤck fur unermeßlich, und ich kann mich noch recht gut erinnern, wie ich mich uͤber 42 dieſes innere Wohlbehagen wie uͤber eine neue ſchͤne Seite des Daſeins verwunderte, als ploͤtzlich ein Fremder durch die Gallerieen geeilt kam. Seine alte und abgetragene Uniform, ſein ſilbernes Haar, und ſein Blick, worin das Feuer des Zorns noch einmal das Feuer der Jugend wieder anzufachen ſchien, zogen die allgemeine Aufmerkſamkeit aller auf ihn. Geblendet von dem ungewehnten Glanze trat er vor; es war der Offizier, den ich auf der Puerta del Sol betteln geſehen, den ich als Gefangenen am Thore von Burgos geſprochen hatte,— es war mein Vater. Ich flog auf ihn zu. Er warf einen flammenden Blick auf mich, erkannte mich, ſtreckte dann ſeine Haͤnde aus und rief:„Ich komme, meineidiger Sohn, der du deinen Gott und dein Vaterland verraͤthſt, ich komme, um auf dein Haupt den räͤchenden Blitz des ewigen Vaters, ſeines Soh⸗ nes und des Gemahls der fleckenloſen Jungfrau herabzurufen. Du haſt keinen Koͤnig, keine Reli⸗ gion, kein Vaterland mehr!“— Die ganze Geſell⸗ ſchaft in ihrem feſtlichen Anzuge ſchloß einen Kreis um uns, und ich, der ich unter dem Gewicht des väterlichen Verdammungsurtheils mich neigte, ver⸗ nahm die ſchrecklichen Worte:„Vergiß es nie, daß dein tiefgekraͤnkter Vater dir im Angeſicht des Him⸗ mels und der Erde ſeinen Fluch giebt.“ Dieſe lez⸗ tere Aeußerung druͤckte mich voͤllig nieder. Don Luis war ſchon laͤngſt wieder fort, als noch immer dieſer verhaͤngnißvolle Ausſpruch mir in den Ohren klang. Der Boden zitterte unter meinen Fuͤßen, und 43 mir war, als wollte er mich verſchlingen;— wollte Gott, daß es damals geſchehen waͤre! Die franzoͤſiſchen Behoͤrden ließen Don Luis ver⸗ haften. Ich bewirkte, daß ihm noch einmal die Feſſeln abgenommen wurden, und verſchaffte ihm, ohne daß er es wußte, Mittel und Wege, daß er ins Innere Andaluſtens zu meiner Mutter zuruͤckkehren konnte. Ach, das war das groͤßte Ungluͤck, das mir nur je begegnen konnte! Was iſt das doch fuͤr ein grauſamer Beſchluß der Vorſehung, daß alle Sorgfalt meiner Kindesliebe zu meinem Ungluͤck aus⸗ ſchlagen mußte! War ich denn ſo gar ſtrafbar, daß ich der Macht huldigte, welche ſich erhob, um die anſtsßigen Schritte und die Unthaten der vorigen Monarchie wieder gut zu machen, waͤhrend die Kai⸗ ſer und Konige Europa's, ferner Don Ferdinand, ja das Gluͤck ſelber, dieſe hoͤchſte Macht, die uͤber die Rechte und Schickſale der Staaten in lezter Inſtanz entſcheidet, den Bayonner Staatsverhandlungen taͤglich eine neue und freiwillige Sanction ertheilten? Wenn diejenigen, die man nachher mit dem Na⸗ men Joſephinos gebrandmarkt hat, noch den mindeſten Zweifel uͤber die Richtigkeit ihrer Politik haͤtten hegen koͤnnen, ſo wuͤrden die Zeitbegebenheiten vollkommen hinreichend geweſen ſein, um ſie in ihrer Ueberzeugung zu befeſtigen. Das ſpaniſche Heer erſchien nie auf dem Schlachtfelde, ohne daß es in der Kriegszucht und Kriegserfahrung der franzoͤſi⸗ ſchen Druppen eine Macht gefunden haͤtte, vor wel⸗ cher es blos die Flucht ergreifen kannte, und obwohl die Central⸗Junta mit einer wahrhaft roͤmiſchen Pralerei an die beſiegten Generale Dankſagungs⸗ ſchreiben erließ, ſo brachten doch dieſe Unfaͤlle bei . dem Volke eine toͤdtliche Niedergeſchlagenheit hervor. ¹ Ein drohender Marſch der Englaͤnder, die einzige Hoffnung der Aufruͤhrer, fand auf den Gefilden von Talaveyra ſein Ziel, und von dieſer Zeit an diente Portugal den brittiſchen Druppen als verſchanztes Lager. Zu einem lezten Verſuche ſandte die Central⸗ Junta noch funfzigtauſend Andaluſier in die Gefilde von Ocagna. Sie unterlagen, und Girona, das an Wuth oder, wenn man lieber will, an Ruhm mit Saragoſſa gewetteifert hatte, Girona fiel faſt zu der⸗ ſelben Stunde. Mit Ausnahme der ufer des Gua⸗ dalquivir, gehorchte jezt ganz Spanien. Zwar mußte Joſeph noch einigemal nach der Sierra Morena aus⸗ ruͤcken, um ſeine Krone gegen einige verzweifelte Angriffe zu vertheidigen; doch dbieſe Feldzuͤge, die ihn dem gefaͤhrlichen Muͤßiggange des Hoflebens entriſſen, dienten dazu, ihn auf einem groͤßeren Thea⸗ ter zu zeigen, und hier machte ſein Muth und ſeine Geiſtesgegenwart die Vergleichung um ſo leichter, welche jener Schwarm von Schmeichlern, der ſich beſtaͤndig an der Tafel der Gewaltigen einzufinden pflegt, zwiſchen ihm und dem groͤßten Feldherrn der Welt anzuſtellen ſich beeilten. Vergebens ſuchten la Romana in Galicien, Balleſteros in Aſturien, Mina in Navarra, der Markis von Porlier laͤngs den Ufern des Ebro, Blake auf den Gebirgen Cata⸗ loniens, der furchtbare Moͤnch Nabot unterhalb Va⸗ 45 leneia, Venegas in la Mancha, Empecinabo in Ka⸗ ſtilien, obwohl umherirrend und oft beſiegt, immer noch gegen die Nuhe und Ordnung, wonach die gan⸗ ze Bevoͤlkerung ſich ſehnte, zu proteſtiren; verge⸗ bens wagten einzelne Streifpartheien ſogar bis un⸗ ter den Mauern der Hauptſtadt zu erſcheinen, bald den Koͤnig in der Mitte ſeiner Reſidenzſchloͤſſer be⸗ drohend, bald ihm, gleichſam wie vom Hofe weg, ſeine Palaſtbeamten entfuͤhrend, welche die hoffnungs⸗ loſe Sache der Bourbons verlaſſen hatten; dieſe Heldenthaten, die in unſern oͤde liegenden Provinzen ſo leicht ſind, legten blos ein Zeugniß ab gegen die Regiernng, deren hinterlaſſene Truͤmmer wir jezt aufzubauen im Begriff waren. Vergebens ſprach die Central-Junta, die ſich durch die Verordnungen von Chamartin und durch die Konſtitution von Bayonne mehr noch als durch Waffengewalt uͤberwunden ſah, noch immer davon, daß ſie die Cortes der Nation, die ſie gar nicht mehr unter ihren Befehlen hatte, verſammeln wollte, ver⸗ gebens zog ſie fortwaͤhrend, obwohl den Intereſſen und Grundſaͤtzen des alten Syſtems zugethan, die Dom⸗ kapitel, die Rathsbehoͤrden und die Gerichtstribu⸗ nale wegen eines Wahlgeſetzbuches zu Rathe; dieſe eifrigen Sorgen konnten zu einer Zeit, wo eure Fah⸗ nen uͤber ganz Spanien hin wehten, nicht anders als laͤcherlich erſcheinen. Niemand glaubte den Verhei⸗ ßungen, von denen man wußte, daß ſie mit den im Geheimen gehegten Wuͤnſchen in voͤlligem Wider⸗ ſpruche ſtanden; uͤberdies fuͤhlte die Mehrzahl der 46 aufgeklaͤrten Kopfe nur zu ſehr, daß nur die Refor⸗ men heilſam ſein koͤnnen, die vom Throne ausgehen. Denn dann ſteht der Geſetzgeber hoch genug, um die Gefahr des Gegenmittels ſo wie das Ungluͤck, das aus dem Misbrauch entſpringt, uͤberſehen zu koͤnnen. Die Koͤnige allein vermoͤgen umzugeſtal⸗ ten, ohne zu zerſtoͤren. Die Bewohner des flachen Landes waren durch das Beiſpiel der Staͤdte bewogen worden, ſich mit den kaiſerlichen Adlern etwas vertrauter zu machen, ſelbſt die Zuͤge der Englaͤnder durch unſere Koͤnigrei⸗ che trugen dazu bei, die Gemuͤther des Volkes mit euren Soldaten wieder auszuſoͤhnen. Schon bildete ſich ein ſpaniſches Heer, das aus den vormaligen Banden zuſammengeſetzt war, um Joſeph, und die Weltgeiſtlichkeit erinnerte vom kirchlichen Lehrſtuhl herab das Volk, daß alle Macht von Gott kommt. Auswaͤrts gieng alles nach unſeren Wuͤnſchen. England urtheilte wie wir, daß der Kampf geendigt ſei. Die engliſchen Generale klagten in ihren Be⸗ richten die Unfaͤhigkeit der Oberhaͤupter des Volks⸗ aufſtandes und die allgemeine Muthloſigkeit des Volkes an, und die engliſchen Miniſter kuͤndigten an, daß ſie entſchloſſen ſeien, ein Volk ſeinem Schickſal zu uͤberlaſſen, das ſich ſelber verlaſſen habe. De⸗ ſterreich war zu Boden geſchlagen, und indem es mit der neuen Dynaſtie ein Familienbuͤndniß ſchloß, machte es die wenigen, ihm noch treu gebliebenen ganz irre. Rußland, das ſich immer enger an die Grundſaͤtze von Lilſit und Erfurt anſchloß, fand es 47 ganz natuͤrlich, daß in Schweden eine Militarrevv⸗ lution durch Vertreibung der ganzen Familie Waſa das Unrecht beſtrafte, welches Guſtav dadurch be⸗ gangen hatte, daß er ein hartnaͤckiger Widerſacher der franzoͤſiſchen Revolution und des Herrſcherſtam⸗ mes geblieben war, den dieſe große Kataſtrophe auf die Throne des weſtlichen und des ſuͤdlichen Euro⸗ pa's geſetzt hatte. Ungeachtet der beſtehenden Bluts⸗ verwandtſchaft machte man dennoch der Skandina⸗ viſchen Halbinſel das Recht nicht ſtreitig, ein ande⸗ res Koͤnigsgeſchlecht auf ihren Thron zu rufen, und die Erwerbung von Finnland ſchien ein hinreichender Erſatz fur die Verletzung der Familienverbindung. So breitete ſich denn ein ganz wolkenloſer Hori⸗ zont um uns her. Blos Andaluſien blieb noch zu unterwerfen uͤbrig, um dem Aufruhr ſeine lezten Haͤupter, ſeine lezten Verbuͤndeten und Stuͤtzpunkte zu entziehen. Dieſe leichte Eroberung ſollte in dem erſten Monat des Jahres 1810 vorgenommen wer⸗ den. Da ich den Ruf erhielt, dem Konige auf ſei⸗ nem Triumphzuge zu folgen, war ich ſehr froh, als ich ſah, daß auch die Graͤfin ſich anſchickte, mit uns und im vollen Genuſſe des Sieges die Gegenden zu beſuchen, wo ſie geboren worden war. Sie hoffte, ihren Vater wieder zuruͤckzufuͤhren, ferner Don Iſi⸗ dro, deſſen Kopf die Central⸗Junta regierte, zur Anerkennung Joſephs zu bewegen, ihrer Aldouja wieder naͤher zu kommen, welche Domingo mit ſich nach Cadix gefuͤhrt hatte, vielleicht auch auszumit⸗ 7* teln, wohin ſich Alonſo und die Heldin von Sara⸗ goſſa verborgen haͤtten. Jezt endlich willigte Donna Ines ein, ihren vů⸗ terlichen Familiennamen gegen den eines franzoͤſi⸗ ſchen Offiziers umzutauſchen. Ihre hohe Ehrerbie⸗ tung gegen das adelige Blut, das in ihren Adern floß, hatte zwiſchen ihr und Bertrand Hinderniſſe aufgethuͤrmt, welche zulezt durch drei Maͤchte, die am Ende uͤber alles ſiegen, uͤberwunden wurden: naͤ mlich durch die Liebe, durch die Zeit und durch Su Matea, in welcher der Wunſch immer drin⸗ gender wurde, ſich ohne einen offenbaren Bruch, deſſen Folgen ſie fuͤrchtete, von dem ſtolzen und viel⸗ leicht feindſeligen Dienſt der Camarera zu befreien, gab ihr eine ſehr reiche Ausſtattung, Sie wollte die Verbindung eines echtſpaniſchen Maͤdchens mit einem eurer Braven durch die hoͤchſte Pracht feiern. Zwoͤlf andere Kaſtilianer ſollten zu derſelben Zeit ein aͤhnliches Band knuͤpfen und eben ſo reichlich be⸗ ſchenkt werden. Dieſe Verbindungen von ſo gluͤck⸗ licher Vorbedeutung gaben ihr Anlaß zu einem Feſte, wo der Koͤnig und der Hof in ſien ſchoͤnſten Glanze erſcheinen ſollten. Am Abend vorher, bei Anbruch der tieferen Dämmerung, wagte es die Gitana, ſich im Hauſe der Graͤfin ſehen zu laſſen. Ihre Hrakelſpruͤche er⸗ füllten das ganze Haus mit Entſetzen. Donna Ines erklaͤrte ſofort, daß ſie nicht mehr den Muth habe, vor den Altar zu treten. Indeß die Bitten Matea's und vor allen die Bitten Bertrands trugen endlich uͤber ihre Bangigkeit den Sieg davon, und ihre Liebe ſagte ihr, daß ſie am Arme eines Grenadiers von den Pyramiden und von Auſterlitz den Drohungen der Zigeunerin Trotz bieten koͤnne. Der feierliche Tag brach endlich an. Die Ca⸗ marera war beſchaͤftigt, ihre dreißis Jahre hinter dem reichen Putz, den ihre Gebieterin ihr gegeben, zu verbergen. Da rief mich ein gewaltiger Laͤrm ins Vorzimmer, wo ich eine Schaar von Lakaien er⸗ blickte, die einem heftig ergrimmten Fremden den Eintritt in die Zimmer des Palaſts verwehren woll⸗ ten.—„Ich ſage euch nochmals,“ rief der Un⸗ bekannte,„daß ich der Herr Don Geronimo bin, erblicher Alcalde des Fleckens, oder, richtiger zu re⸗ den, der Stadt Urdax, einundzwanzigſter Nachkomme eines der beruͤhmteſten Feldherrn der Schlacht von Ronceval, und zugleich ſelber Hauptmann der Frei⸗ willigen von den Pyrenaͤen, und Schwager des hoch⸗ edeln Herrn Feldmarſchall.„. Die Pagen un⸗ terbrachen dieſe Titulaturen, um dem Navarreſen zu ſagen, daß die Sennora Donna Ines ihn noch nicht empfangen koͤnne; allein er hoͤrte gar nicht auf ſie, und begann in ſeinem Zorne von neuem ſeine Ditel herzuzaͤhlen und Verwuͤnſchungen auf den Namen der Donna Ines darein zu miſchen. Endlich drang er durch das Heer von Domeſtiken, das ihm den Weg zu ſperren ſuchte, eilte mit einer zornigen Sie⸗ germiene durch die Gallerieen, und gelangte ſo all⸗ maͤhlig bis an die Zimmer Matea's. Der Anblick der Graͤfin uͤberraſchte ihn anfangs, doch bald faßte IV. 4 50 er wieder Muth, und wagte ſogar, die Abtruͤnnigkeit und die Misheirath ihrer Camarera ihr ſelber beizu⸗ meſſen, als Donna Ines, die von der ploͤtzlichen An⸗ kunft ihres Vaters itr worden war, ſelber herbeigeeilt kam. Matea hatte ſchleunigſt, um jedes unangenehme Aufſehen zu vermeiden, ihren Leuten ein Zeichen ge⸗ geben, ſich zu entfernen, und Don Geronimo konnte nun dem Unwillen, wovon ſein Herz voll war, un⸗ geſtoͤrt Luft machen. Der unbedeutende Hidalgo fuͤhlte ſich naͤmlich ganz empoͤrt uͤber den Schimpf, der ſeiner Familie durch dieſe Heirath mit einem und ketzeriſchen Franzoſen angethan werde.„O du,“ rief er,„du Tochter eines im Dienſte Don Ferdinands ſtehenden Hauptmanns, zweiundzwanzigſte Nachkoͤmmlingin eines Siegers Karls des Großen, und zugleich Richte Seiner Herr⸗ lichkeit, des Feldmarſchalls Don Donna Ines verſuchte durch Thraͤnen und Bitten den Ver⸗ dammungsſpruch ihres Vaters zu mildern; allein es gelang ihr blos, den Strom ſeiner Ausrufungen eine Weile zu hemmen, dann fuhr er ſogleich weiter fort:„Was werden deine Ahnen dazu ſagen, was wird dein Oheim dazu ſagen, der hochedle Herr Feldmarſchall Don Bartolomeo von Darroca?“ Hier erblaßte Donna Ines. Die Graͤfin ſtand auf und rief:„Wie? was ſagt ihr da?““—„Ganz gewiß, erwiederte Geronimo, der ſeinen Zorn uͤber ſeiner Eitelkeit vergaß,„Euer Excellenz werden recht gut wiſſen, daß ich die Ehre habe, der Schwa⸗ * 51 ger Seiner Herrlichkeit zu ſein. Meine Ehefrau vor Gott, Donna Urraca von Darroca, iſt die eigene Schweſter des hochedeln.. Hier hielt er inne, da er Matea nebſt ihrer Kammerfrau ganz niederge⸗ ſchmettert ſah. Donna Ines, die ſonſt immer ſo ſtolz und anmaßend war, neigte ihr Haupt, als wuͤrde ſie von dem funkelnden Blick, den er auf ſie richtete, zu Boden gedruckt. Dieſe Scene dauerte einige Augenblicke.„ Auf dieſe Weiſe alſo,“ ſagte drauf meine tiefbetruͤbte Freundin,„klaͤren ſich alle die Geheimniſſe auf. Durch dich alſo, die du ihre Nichte biſt, wußte die Gitana ſo gut in meiner Seele zu leſen; durch dich wurde ihr mein ganzes Leben entſchleiert, durch dich alſo auch jenes Geheimniß, an welchem ich mehr als an meinem Daſein hieng.. Ungluͤckliche, ich naͤhrte alſo in dir eine feindliche Schlange in meinem Buſen. Du haſt meine Exi⸗ ſtenz einem blinden Haſſe aufgeopfert, den dir dein eiferſuͤchtiger Stolz gegen mich eingab.“ Donna Ines hoͤrte alles an, ohne darauf zu antworten; die lezten Worte riſſen ſie endlich aus ihrer Niederge⸗ ſchlagenheit. Sie ſank weinend vor der Graͤfin auf die Kniee, und verſicherte, daß eine unwillkuͤhrliche Plauderhaftigkeit an allem Schuld geweſen, zugleich ſuchte ſie von Anhaͤnglichkeit und Dankbarkeit zu ſprechen. Die erzuͤrnte Graͤfin wies indeß alle ihre Betheuerungen von ſich, ſie dachte bereits daran, ihre Schenkungen wieder zuruͤckzunehmen und die keſchloſſene Eheverbindung abzubrechen; allein es fel ihr ein, daß der Koͤnig das Feſt mit ſeiner Ge⸗ 4** 52 genwart beehren wuͤrde, und darum fuhr ſie etwas ruhiger fort:„ Ich will gern alles vergeſſen; aber du mußt mir entdecken, wer deine Vertrauten, und welches die Vertrauten der Gitana geweſen ſind. Ich will ſie alle wiſſen, du verſtehſt mich doch,„ alle Dieſe lezten Worte wurden in einem Tone geſprochen, der mich befremdete. Donna Ines erwiederte, daß kein Menſch von der Herkunft der Markiſin das geringſte erfahren habe, blos ihrer Tante habe ſie auf einen furchtbaren Eidſchwur dies Geheimniß anvertraut.„Das Gluͤck des ſtolzen Don Alonſo,“ fugte ſie hinzu,„habe ich gewiß eben ſo wenig gewollt, als Euer Epcellenz.“—„Ich verſtehe dich, Undankbare, du wollteſt blos mein Un⸗ gluͤck. Indeß, Gott ſei Dank, es bleiben alſo nur noch die Zigeunerin, die durch einen Eidſchwur ge⸗ bunden iſt, Don Luis und ihr, Fray Pablo, uͤbrig, dem die Ehre eurer Familie und euer gegebenes Wort ja doch ein ewiges Stillſchweigen auflegen. Ihr ſehet,“ fuͤgte ſie darauf hinzu, indem ſie mir die Hand druckte,„wie viel Unruhe mir der bloße Ge⸗ danke macht, daß durch meine Plauderhaftigkeit der Vater Alonſo's und der eurige irgend in Schande gerathen koͤnnte.“ Unterdeß ward der gluͤckliche Braͤutigam ange⸗ meldet. Das Geſicht des Alcalden uͤberzog ſich mit einer gluͤhenden Roͤthe; indeß der ſchlanke Wuchs und das kriegeriſche Anſehn des Franzoſen uͤberraſch⸗ ten ihn, und die ungeſchliffenen Manieren, die ſol⸗ datiſche Sprache, das ungezwungene Benehmen, das 53³ etwas von der ſpaniſchen Frauqueza*) an ſich hatte, gewannen ihn allmaͤhlig. Matea ſuchte die Widerſpenſtigkeit des Hidalgo dadurch zu erweichen, daß ſie ihm vorſtellte, der brave Offizier habe ja in den Thalſchluchten der Somo Sierra ſeiner Ines das Leben gerettet, und da er beſtaͤndig von der Dreue ſprach, die man dem Don Ferdinand ſchuldig ſei, ſo unterrichtete ihn die Graͤfin von einem Brief⸗ wechſel, der zwiſchen Valencay und Madrid ſtatt⸗ finde, und der freilich die hartnaͤckige Ergebenheit des Hauptmanns der Navarreſiſchen Freiwilligen et⸗ was aus der Faſſung brachte.„Wenn,“ ſagte er endlich,„der Herr Offizier da wenigſtens von Adel waͤre!“—„Von Adel?“ erwiederte Bertrand; „mit wem glaubt ihr denn zu ſprechen?“—„Wie? ihr waͤvet alſo—„So ein Bischen!““ er⸗ wiederte der Mann von der Ehrenlegion, indem er mit der Hand nach der Stirn fuhr,„man iſt Ritter des Reichs.“ Dies Wort beſiegte den lezten Viderſtand Gero⸗ nimo's, und er ließ ſich mit zum Altar fuͤhren. Die Hochzeit ward in der Monchloa, einem Luſt⸗ ſchloſſe, das wenigſtens eine Viertelſtunde vor dem Thor San Vincente lag, gefeiert. Der Koͤnig hatte ſeine Gegenwart verheißen, und da wuͤrde die Hof⸗ etikette ihm nicht erlaubt haben, dieſe Gunſt inner⸗ halb der Ringmauern zu gewaͤhren. Eine Auswahl von glaͤnzender Geſellſchaft fand ſich ein, und dev *) Freies, ungezwungenes Weſen und Benehmen. 54 König ſelber legte die Haͤnde der beiden Vermaͤhlten in einander. Auf dem ruhigen und kriegeriſchen Angeſicht Bertrands ſpiegelte ſich die Freude ab, und in der Seele der Donna Ines verdraͤngten ſuͤße Ge⸗ fuͤhle das Grauſen, welches die Gitana darin erweckt hatte. Als der Prieſter die Einſegnungsworte ge⸗ ſprochen hatte, ſagte der Grenadieroffizier:„Ihr ſeht jezt, die Hexen moͤgen ſagen, was ſie wollen, wir gehoͤren wohl und wie ſichs gebuͤhrt, jezt einan⸗ der an.“— Als er noch ſo redete, oͤffneten ſich die Fenſter mit Krachen, und ein Mann, der mit allen Arten von Waffen verſehen und mit einem gro⸗ ßen Sombrero*) mit gelbem Federbuſch bedeckt war, ſtuͤrzte herein, legte ſeine Piſtolen auf Donna Ines an und rief:„Tochter meiner Schweſter, du wirſt eine Juͤdin, du verbindeſt dich mit dem Feinde Gottes und des Koͤnigs„ ſtirb.“— Die Ca⸗ marera ſank in dieſem Augenblick, von einer toͤdtli⸗ chen Kugel getroffen, in die Arme ihres Gatten, den ſie mit Stroͤmen von Blut uͤberſchuͤttete. Waͤhrend der Franzoſe in ſeiner Verzweiflung ſich aus dieſer lezten Umarmung loszuwinden ſuchte, um zur Rache zu ſchreiten, verbreitete der Aragonier mit ſeiner am Riemen umgehangenen Flinte, mit ſeinen Piſtolen am Guͤrtel und ſeiner Axt in der Hand, Tod und Entſetzen um ſich her. Frauen und Maͤdchen ſanken ermordet zu Boden, die Generale und Offiziere deck⸗ ten den Koͤnig und ſtuͤrzten auf den Moͤrder los, und ut. 55 die ſpaniſchen und franzoͤſiſchen Gardiſten eilten her⸗ bei. Der Park ward von allen Seiten her beſetzt, die ganze Rotte des furchtbaren Großrichters er⸗ ſchien, unter ihnen befand ſich auch die Gitana. In ihrem weißen, im Winde wogenden Schleier und mit ihrem flammenden Blick ſah ſie aus wie einer von jenen Geiſtern des Nordlands, die das Feuer der Schlacht und des Gemetzels nach der Sage anfachen ſollen.„Bringt ſie alle um,“ rief ſie den Moͤr⸗ dern zu,„alle, nur den Pepe nicht! der Einaͤugige ſoll leben und eines langſameren Todes ſterben.“ Das Geſchrei der Henker und der fallenden Schlachtopfer toͤnte durch einander. Mitten in der allgemeinen Verwirrung gelang es uns, ſo lange Widerſtand zu leiſten, bis das Waffengeraͤuſch zu dem Wachthauſe und zu den Kaſernen am Thor San Vincente gedrungen war, und einige franzoͤſiſche Regimenter zu unſerem Beiſtande herbeirief. For⸗ tunato, der ſich unter den wildeſten Angreifern be⸗ merkbar gemacht hatte, bemerkte ſie zuerſt und er⸗ griff die Flucht. Bei Annaͤherung der Truppen entfernte ſich auch noch die ganze uͤbrige Quadrilla, und fuͤhrte die Graͤfin Matea gefangen mit ſich fort. Bertrand ſuchte vergebens die Banditen einzuholen. Antoͤnio reizte ihn waͤhrend der Flucht durch Spoͤt⸗ tereien und Hohnreden, und ſo kamen beide an eine lange Mauer; der Andaluſier kletterte flink an der⸗ ſelben hinauf, und drauf ſahen wir die Spanier wieder zu Pferde ſich auf den Hoͤhen zerſtreuen. Der Koͤnig ließ ihnen nachſetzen, allein es war be⸗ 56 reits zu ſpäͤt. Der ungluckliche Bertrand konnte ſich lange Zeit von der Leiche ſeiner Geliebten gar nicht trennen. Alle Gemüther waren von tiefem Schmerz erfuͤllt, und ich, der ich fuͤr das Leben der einzigen Frau, die ich liebte, bekuͤm⸗ mert war, verſank in eine dumpfe Riebergeſchla⸗ genheit. Zwanzigſtes Buch. Fortſetzung der Erzaͤhlung des Einſiedlers⸗ — Kapitel. — Der König wollte am 10. Januar, umgeben von ſeinem Hofe und ſeiner Armee, nach Andaluſien auf⸗ prechen. Es war am lezten Abend vor meinem Abgange, als ich, in Ermangelung meines ſonſtigen vertraulichen Umgangs eine lange Weile im Prado umherſtreifte, und zwar um jene ſpaͤte Abendſtunde, wo der eintönige Ruf der Serenos und das Werdarufen der franzoͤſiſchen Schildwachen der ein⸗ zige Laut war, der das melancholiſche Gemurmel der Springbrunnen begleitete, Auf dem langen Platze⸗ den der Palaſt des Herzogs von Medina Cveli ſchmuͤckt, ward ich durch ein dumpfes Geraͤuſch auf⸗ merkſam gemacht, das aus dem Schooß der Erde heraufzukommen ſchien. Meine Aufmerkſamkeit ward nach einem Kloſier hingelenkt, von deſſen Haupt⸗ pforte ich nicht weit entfernt war. Ich ſtieg die ſteinernen Stufen hinan, und kam in eine lange Gal⸗ lerie, in deren Hintergrunde ernſte und eintoͤnige Geſaͤnge zu vernehmen waren. Die laͤngs dem 58 Bogengang angezuͤndeten Laternen entfernten jeden Gedanken an irgend ein Geheimniß; ich trat daher unter dieſe ehrwuͤrdigen Gewoͤlbe und kam an die Treppe zu einem unterirdiſchen Gemach, in welchem zahlreiche Stimmen heilige Hymnen ſangen. Bei der Gemüthsſtimmung, worin ich mich befand, konnte es fuͤr mich nichts ruͤhrenderes geben. So gelangte ich denn an eine dunkle Kapelle. Die bei⸗ den Wachskerzen des Altars warfen einen daͤmmern⸗ den Schein auf drei bis vierhundert Bewohner der Vorſtaͤdte, die auf den Knieen liegend die Pſalmen nachſangen, die ihnen ein Geiſtlicher, der neben dem Sakramenthaͤuschen ſtand, vorſang. Es waren blos Maͤnner, und die tiefſte Andacht herrſchte unter ihnen. Drauf erhoben ſie das Haupt, um eine Rede des Geiſtlichen anzuhoͤren; dieſer war der feu⸗ rige Fray Cayetano. An den Altar ſich lehnend, verkuͤndigte er ihnen, daß die langen Greuel der lezten Regierung, die nachſichtige Vorliebe der Reichen für die giftigen Grundſaͤtze des Janſenismus und der Philoſophie, die ketzeriſchen Anmaßungen der Civilgewalt, die Er⸗ ſchlaffung der Bande der Ehrfurcht und des Zu⸗ trauens, welche ſeit ſo langen Zeiten immer die Voͤl⸗ ker an ihre geiſtlichen Seelenhirten geknuͤpft haͤtten, daß alle dieſe Verbrechen zuſammengenommen den Arm des Vertilgungsengels auf die Halbinſel geru⸗ fen haͤtten. Indeß das katholiſche Koͤnigreich werde noch durch die Gebete der Ordensgeiſtlichkeit ge⸗ ſchuͤtzt, und koͤnne daher nicht untergehen, und die Einwohner der Staͤdte und des flachen Landes wuͤr⸗ den gar bald die Frucht ihres Glaubens und ihrer Standhaftigkeit einernten. Dieſe einfachen Men⸗ ſchen, die den Herrn fuͤrchteten, koͤnnten wohl mit Recht ſagen: daß die Feldherrn der Unglaͤubigen aus dem Norden drei Generale, geſchickter als ſie, zu bekaͤmpfen gefunden haͤtten, naͤmlich: den Julius, den Auguſt, und das Wort„was ſchadet's?“ Dieſe drei Generale, welche fuͤr Religion und Vater⸗ land kaͤmpften, ſeien ſo unvergaͤnglich wie Gottes Wort und wie der ſpaniſche Stolz, und es werde ihnen ſchon noch gelingen, die Kerkermeiſter Don Ferdinands und die Moͤrder vom 2, Mai zu zuͤchti⸗ gen. Die Abtruͤnnigen, welche ſich zu Trabanten des Eindringlings erniedrigt haͤtten, predigten frei⸗ lich von ihren entweihten Kanzeln, daß ſie allein den Himmel fur ſich haͤtten; indeß das ſpaniſche Volk— meinte der Redner— werde in Ermangelung eines Oberhaupts gar bald eine Macht an ſeiner Spitze ſehen, die bereits ſeit mehreren Jahrhunderten die Fuͤrſten glorreich zu vertheidigen, ihre Politik zu lei⸗ ten, waͤhrend ihrer Minderjaͤhrigkeit das Staats⸗ ruder zu fuͤhren, und im Nothfall das Scepter ihrer Hand zu entreißen oder es darin zu befeſtigen wußte, — eine Macht, eben ſo erhaben als das Koͤnigthum, oft ſogar noch kluͤger und aufgeklaͤrter, deren Rath⸗ ſchlaͤge noch nie der Monarchie oder der Kirche ge⸗ ſchadet, ſondern vielmehr beide ſchon mehr als ein⸗ mal gerettet haͤtten. Die Central-Junta habe ſich endlich dem lezten Befehle Don Ferdinands gefuͤgt und die Cortes zuſammenberufen; an dieſen gro⸗ ßen Namen knuͤpfe ſich das Heil der Nation. Nie waͤre das katholiſche Koͤnigreich von ſo großem Un⸗ gluck heimgeſucht worden, wenn die Monarchen nicht dieſe Schranke, dieſes Bollwerk ihrer Gewalt durch⸗ brochen haͤtten; nie wuͤrden ſo viele Stuͤrme das Staats ſchiff in dieſen lezten Zeiten betroffen haben, wofern die egoiſtiſche und habſuͤchtige Central⸗Junta fruͤher ihre Zuflucht zur Zuſammenberufung eines Kongreſſes genommen und die Nationalregierung unter die ſchirmende Aegide deſſelben geſtellt haͤtte.*) Spanien kogne nicht in einem Kampfe unterliegen, wo jeder Spanier die Rechte Don Ferdinands und zugleich die ſeinigen wiederzuerobern habe. Fray Cayetano fugte hinzu, daß die Regierung, die bereits durch die Unterſtuͤtzung, die ihr der kuͤnftige Kon⸗ greß verſpreche, ſich weit ſtaͤrker fuͤhle, verlange diesmal keine Opfer an Geld oder an Menſchen, ſon⸗ dern die im Kloſter*** untergebrachten Verwunde⸗ ten ſeien jezt im Stande, ihren heiligen Zufluchtsort zu verlaſſen, und beduͤrften eine Bedeckung, um ſie nach dem Dorfe Gualapagar zu geleiten, wo der General Don Carlos ſie am folgenden Tage gan fruh Morgens in Empfang nehmen werde. Der Pater Provincial ermahnte darauf alle kreuen Ma⸗ dridder, ſich in der naͤchſtfolgenden Racht fuͤnfhun⸗ dert an der Zahl unter den Mauern der Stadt nahe ₰ Ganz dieſelben Aeußerungen finden ſich in den Hirtenbriefen der Biſchöfe von Hrenſe und von Saint Ander, 64 am Thor von Santa Varbara zu verſammeln, um die wuͤrdigen Vertheidiger Gottes und des Koͤnigs mit gewaffneter Hand zu begleiten. Zulezt ſchloß er mit den Worten: uͤbrigens ſei es noch nicht ge⸗ nug, daß Kaſtilianer fremdes Blut vergoͤſſen, ſon⸗ dern auch das ihrige muͤſſe unter der Poͤnitenz⸗ Geiſſel fließen, um der Rache eines erzuͤrnten Got⸗ tes zu genuͤgen. Bei dieſen Worten ließen alle auf einmal ihre Kleidungsſtuͤcke fallen, und jeder Glaͤubige fieng ſo⸗ fort an, mit dem Buͤßungsriemen bewaffnet, die nackten Schultern ſeines vor ihm knieenden Mitbru⸗ ders mit heftigen Schlaͤgen zu zerfleiſchen. Jeder ſchlug den andern und ließ ſich ſchlagen, eine Art von Rivalitaͤt in der Buͤßung befeuerte ſie, und es war, als empfaͤnde der Leidende ein Beduͤrfniß, die unerbittliche Strenge ſeines Peinigers an ſeinem armen Schlachtopfer zu ahnden. Jede Woche, und zwar jedesmal an dem Tage, an welchem Chriſtus am Kreuz geſtorben iſt, ſieht das Kloſter, wohin mich der Zufall gefuͤhrt hatte, dieſe frommen Geiſſelun⸗ gen, waͤhrend eine andere Kirche für inbruͤnſtige Frauen zu denſelben erbaulichen Zwecken geoͤffnet iſt. Dieſe gegenſeitigen Strafvergeltungen fuͤhrten mir den Aufenthalt im Escurial wieder vor die Seele; doch gerade dieſe Kloſtererinnerungen dienten, an⸗ ſtatt mein neues Daſein in meinen Augen zu verſchoͤ⸗ nern, oder anſtatt meiner Freiheit und meiner be⸗ deutenden Stellung einen Werth zu geben, vielmehr dazu, in mir eine Sehnſucht anfzuregen. Ich fragte mich mit einem bittern Gefuͤhl, was ich denn daburch gewonnen haͤtte, daß ich die Leiden der Einſamkeit gegen die Leiden des Weltgewuͤhls vertauſchte. Alle dieſe Kraͤnkungen meiner innerſten Herzensneigungen, die Beduͤrfniſſe meiner Vaterlandsliebe und die Un⸗ ruhen meines Gewiſſens gehoͤrten zu den Unannehm⸗ lichkeiten, die ich damals nicht gekannt hatte, als ich noch auf die Erfuͤllung der traurigen Pflichten beſchraͤnkt lebte, wozu meine Eltern und die Vorſe⸗ hung mein Leben beſtimmt hatten. Ich gieng fort. Auf der Treppe traf ich einen Moͤnch, der mir einen Beutel vorhielt, damit ich ihn fuͤllen, und eine Hand, damit ich ſie kuſſen ſollte; dieſe leztere hatte wirklich etwas widerwaͤrtiges. Ich hatte mich am Hofe, in der Zierlichkeit einer fran⸗ zoͤſiſchen Lebensweiſe auf eine Art verwoͤhnt, die ich fruͤher nicht gekannt hatte. Daher konnte ich mich zu dem ehrerbietigen Kuſſe der Hand nur mit einem Grauen niederneigen, das der gute Pater gewiß be⸗ merkte; denn er heftete auf mich einen durchdrin⸗ genden Blick, und ich fuͤrchtete ſchon, daß er mich unter meinem Mantel, den ich trug, erkannt habe. Die Macht einer Parthei, welche die Volksmaſſe fuͤr ſich hat, iſt unermeßlich. Mitten in der franzoͤſi⸗ ſchen Armee, zu einer Zeit, wo alle blauen Maͤntel faſt einmuͤthig auf unſerer Seite waren, hatten wir noch urſache zu zittern. Die koͤniglichen Miniſter hatten erfahren, daß Sor Maria de los Dolores in ihrem Kloſter Gold und Waffen verſteckt halte. Der bedeutendſte unter 63 den darin aufgenommenen Fluͤchtlingen war mein Vruder. Seit jener Scene der Trennung von mir ward er von der Quadrilla des Bartolomeo von Dorf zu Dorf geſchleppt, und ſeine Wunden waren durch die Ungeſchicklichkeit eines Barbiers hoͤchſt gefaͤhrlich geworden. Die Empoͤrer ſcheuten ſich jezt nicht, ihn nach Madrid zu bringen, wo ſeit mehreren Mo⸗ naten unſere geſchickteſten Aerzte fuͤr ſeine Heilung thaͤtig waren. Einige Soldaten erhielten den Auf⸗ trag, das Kloſter zu durchſuchen, allein man fand es verlaſſen. Die gottgeweihten Jungfrauen hatten, von der Gefahr benachrichtigt, in aller Eil nebſt den Inſaſſen ihres ehrwuͤrdigen Gebaͤudes die Flucht er⸗ griffen. Alonſo erreichte den Heerhaufen des Don Carlos, und es war augenſcheinlich, daß er ſich mit der fluͤchtigen Regierungsbehoͤrde, deren Mitglied er war, in den Mauern von Sevilla zu vereinigen ſuchen wuͤrde. Einige Regimenter verfolgten ihn auf ſeinem kuͤhnen Zuge, und ich erfuhr ſehr bald, daß ſie ihn nach kurzer Friſt gefangen haben wuͤrden. Es war damals gerade eine Zeit, wo die Soldaten, in unſeren verwuͤſteten Provinzen aller noͤthigen Be⸗ duͤrfniſſe beraubt, durch Elend und Hunger erbittert, und Augenzeugen und Opfer der barbariſchen Grau⸗ ſamkeit unſerer Bauern und der Aufruͤhrerbanden, bereits anfiengen, den Beſiegten keine Schonung mehr zu gewaͤhren. Ich mußte alſo nochmals fuͤr das Leben meines Bruders beſorgt ſein. Da ich den Auftrag erhalten, den politiſchen Zu⸗ ſtand der weſtlichen Provinzen zu erforſchen, ſo hatte 64½ ich, um nach Andaluſien zu gelangen, nicht die ge⸗ rade Straße, naͤmlich die uͤber Madridejos, Caro⸗ lina und Cordova, auf welcher Joſeph mit bedeuten⸗ der Truppenmacht zog, eingeſchlagen. Alle Staͤdte oͤffneten uns ihre Thore, und die Einwohner leiſteten um die Wette dem neuen Herrſcherhauſe und der Konſtitution von Bayonne den Eid der Treue. Ich durchſtreifte die Wuͤſte von Eſtremadura faſt in ihrer ganzen Laͤnge. Wir waren ſo eben uͤber den Tajo gegangen. Es war Nacht; auf dem Kamm der Gebirge brannten Feuer, die wie Leuchtthuͤrme dieſe weiten Einoͤden erhellten. Zahlloſe Heerden jener wandernden Schafe, welche Spanien nach al⸗ len Richtungen hin durchziehen, um in den mittaͤg⸗ lichen Provinzen zu uͤberwintern, flohen mit einem klagenden Gebloͤcke auf uns zu In der Ferne don⸗ nerten Kanonenſchuͤſſe, und bald kamen ganze Hau⸗ fen von Weibern und Kindern mitten unter uns ge⸗ eilt. Die Pfarrer, von denen ſie gefuͤhrt wurden, meldeten uns, daß der Haufen des Don Carlos ſich habe in tiefen Thalſchluchten uͤberraſchen laſſen. Die von allen Seiten umzingelten Inſurgenten vermoch⸗ ten weder zu fliehen, noch ſich zu vertheidigen, ja ſie konnten nicht einmal einen lezten Angriff verſuchen, da ſie durch ſteile Gebirgswaͤnde von ihren Belage⸗ rern getrennt waren, und die Franzoſen, anſtatt ſich mit ihnen in einen Kampf einzulaſſen, hatten beſchloſ⸗ ſen, nicht ins Thal hinabzuruͤcken, und freuten ſich bereits der Wiedervergeltung, welche der Hunger und die Verzweiflung an jenen ausuben wuͤrde. Von 65 der Hoͤhe der Felſen, auf welchen ſie ihre Bibouak“s aufgeſchlagen, ſahen ſie das gefangene Feindesheer im Thalgrunde ſich bewegen. Drunten zeigte ſich eine Frau, die mit dem Auge die Bollwerke, welche die Natur rings um ſie her aufgethuͤrmt hatte, zu meſſen oder vielmehr, wie Alonſo und Don Car⸗ los, den frohen Zuſchauern dieſer Scene noch Trotz zu bieten ſchien. Der Fuͤhrer einer Streifparthei hatte ſich noch unvermuthet dazu gefunden, und dieſer fand blos ein Mittel, um den Empoͤrern, die nahe daran wa⸗ ren in die Haͤnde des Feindes zu fallen, zu helfen, und dies beſtand darin, die ganze umgegend in Feuer und Flammen zu ſetzen, um dadurch das franzoͤſiſche Heer zu beunruhigen und ſeine Aufmerkſamkeit ab⸗ zulenken. Das Geſchrei, welches ſich in der Ferne vernehmen ließ, und das Waffengetöſe verkuͤndigte hinlaͤnglich, daß dieſes ſchreckliche Opfer nicht ganz fruchtlos geweſen war. Die beiden Heere waren ſo eben handgemein. Alle meine Umgebungen fuͤrchte⸗ ten blos eines, daß ſie nicht fruͤh genug hinkommen wuͤrden, um an dem Siege theilzunehmen, und ich dagegen ſchauderte. Die Franzoſen, die ſich theilen mußten, um ei⸗ nerſeits einen Sturmangriff abzuſchlagen, andrer⸗ ſeits dagegen vor der Feuersbrunſt zu weichen oder ſie zu loͤſchen, triumphirten uͤber beide Gefahren. Die Raͤuber, die mehrere Tauſende ſtark anruͤckten, gaben ihnen durch das begonnene Treffen blos Gele⸗ genheit zu neuem Waffenerfolge. Alonſo und Don W. 5 66 — Carlos wurden wieder in die Abgruͤnde zuruͤckgewor⸗ fen, aus welchen ſie herauszukommen getrachtet hatten. Ich erwartete in der grauſamſten Beſtuͤrzung den Anbruch des Tages. Welch einen Anblick hatte ich da zu gewaͤrtigen? Meine Mitbuͤrger in Verzweif⸗ lung, Alonſo und Maria, die Waffen zu ſtrecken ge⸗ zwungen, einen Sieger, der fuͤr ſchreckliche Mord⸗ ſcenen Rache zu nehmen im Begriff war. Der Morgen kam, und— das Thal war leer. Blos die Gefangenen, welche die Spanier im Gefechte ge⸗ macht hatten, hiengen hie und da an die Zweige ein⸗ zeln ſtehender Birken aufgeknuͤpft. Eure Soldaten, deren Rachedurſt diesmal getaͤuſcht worden war, fragten ſich einander, welche Zaubermacht denn die Empoͤrer der gerechten Strafe entriſſen habe. Sie folgten der Spur der Guerilla, von welcher ſie angegriffen worden waren. Ihre Flucht war leicht zu verfolgen; denn ſie zog vor uns her, indem ſie unſeren Weg durch angezuͤndete Doͤrfer erhellte und den ihrigen durch Mordthaten bezeichnete. Ihr Anfuͤhrer war der Großrichter. Bartolomeo fuͤhrte immer noch Matea mit ſich fort. Meine traurige Freundin mußte ungeachtet ihrer Koͤrperſchwaͤche ſich zu Fuß fortſchleppen, und die Gitana, den Sohn Elvirens und Antonio bei Liſche bedienen. Eben der, welcher den Gemahl, den Sohn und die Camarera der Graͤfin ermordet hatte, war unter ihren Tyrannen der menſchlichſte. Er begnuͤgte ſich, mit einem kalten Schweigen den — neuen Qualen zuzuſehen, die ſeine Gaktin taͤglich zur Marter ihres Opfers erſann, und ließ ſich nie dar⸗ auf ein, dieſelben zu vermehren oder zu hindern. Bisweilen jedoch drang ein Gefühl von Mitleid ſogar bis in das Herz dieſes Barbaren, und er aͤußerte dann gegen die Peiniger ſeine Verachtung. Die zahlreiche Quadrilla gelangte bis zu den ſteilen Hochebenen der Sierra Morena. Die Zigeu⸗ nerin ſang: ſie ſaͤhe die Gegenden wieder, die ihrer Kindheit und. ihrer Liebe ſo unendlich theuer geweſen, wo ſie als eine Geaͤchtete mit ihren Gitanos umher⸗ geſtreift, wo Bartolomeo ſeine ihm anvertrauten zehntauſend Schaafe geweidet und ihrem Herzen lieb geworden ſei. Sie zeigte voll Stolz ihrem Gatten die artige kleine Paquita, welche Antonio hinter ſich auf dem Pferde hatte, der ſtolz darauf war, die Toch⸗ ter des Generals bedienen zu koͤnnen; der Aragonier ließ ſich indeß durch ihre Aeußerungen nicht ruͤhren, ſondern verfolgte ſeinen Weg, ohne auf die Zaͤrtlich⸗ keit ſeiner Gattin zu achten, und Matea ſah aus den Angen ihrer Peinigerin bittere Thraͤnen auf den Bo⸗ den herabrollen. Der Trupp machte bei einem reichen Dorfe Halt, welches ſofort im Namen Don Ferdinands gepluͤn⸗ dert wurde, um den Vertheidigern der Religion und des Koͤnigs Lebensmittel zu verſchaffen. Man ent⸗ deckte Matamoren*), worin die Ernten dieſer fruchtbaren Gegenden begraben waren, und dieſe — *) Getreidegruben. 5* 95 reichen Vorräthe,— fuͤr die Beduͤrfniſſe mehre⸗ rer Jahre hinreichend geweſen waͤren, wurden in ei⸗ nem Tage verzehrt oder vielmehr vernichtet. Die Gefangene hatte ſich, von Mattigkeit er⸗ ſchöpft⸗ am ufer eines Baches auf ein Felſenſtuͤck niedergeſetzt; ſie uͤberſchaute voll Ruͤhrung die Ebe⸗ nen Andaluſiens, die ſich vor ihren Blicken entroll⸗ ten, ſie uͤberſchaute ſie in der Hoffnung, daß Don Iſidro, Don Carlos und ihr Vater, dem das Herz uͤber ihre politiſche Meinungsverſchiedenheit und ͤber ihre Trennung gebrochen war, ſie unter ihren Schutz nehmen wuͤrden. Sie wußte nicht, daß ich heran⸗ ruͤckte, und in der Hoffnung, ſie befreien zu koͤnnen, den Marſch der Truppen beſchleunigte. Die Graͤfin war ſo eben mitten unter troͤſtlichen Betrachtungen eingeſchlummert, als ſie durch ein gewaltiges Geſchrei erweckt wurde. Man ſah laͤngs dem Gebirge einen Zug von Reitern heranſprengen, an deren Spitze ein General in ſeinen Mantel gehuͤllt ritt, und eine Frau, von deren ſchwarzem Hut ein lan⸗ ger rother Federbuſch bis auf die Schulter herab nick⸗ te. Sie wurden mit dem Geſchrei: es lebe Gott! es lebe der Koͤnig Don Ferdinand! es leben die Cortes! empfangen. Der Großrichter und ſein Heerhaufe eilte den Neuangekommenen entgegen, und drängte ſich um ſie her. Es war Alonſo und Maria, welche leztere nun nicht mehr ihr Geſicht und ihren Namen zu verbergen ſuchte. Der Kammerherr, welcher er⸗ fahren hatte, daß Naria noch lebe, hatte ſeine junge Gemahlin auffordern laſſen, zu ihm zuruͤckzukehren⸗ 69 Sie hatte ihm darauf ſehr liebevoll und nachgebend geantwortet, ihr bisheriges Benehmen Schritt vor Schritt gerechtfertigt, und ihm zulezt angeboten, daß ſie eine ihrem Herzen treue Pflicht zu erfuͤllen und ihm ihr ganzes Leben zu widmen bereit ſei, doch nur unter der Bedingung, wenn er ſich vom Hofe entfernen und an irgend einem beliebigen Orte, nur nicht an dem Hoflager Pepe's, ſeinen Aufenthalt nehmen wolle. Zugleich verſprach ſie ihm, daß ſie won dem Augenblick an, wo die Welt ihr Geheimniß erfahren und in ihr die Markiſin von C*** erblicken wuͤrde, nie mehr auf dem Schlachtfelde 6 ſehen laſſen wolle. Die Spanier kannten bisher blos den Muth, vie Milde und die reizende Anmuth der Heldin von Sa⸗ ragoſſa; ſie ſtroͤmten daher von allen Seiten herbei, um ihre Geſichtszuͤge zu betrachten, deren Adel und Freundlichkeit ſich tief in ihre Gemuͤther einpraͤgten. Die Offiziere, die Moͤnche und die Soldaten, die ſich um ſie herum draͤngten und froh waren, die Falten ihres flatternden Gewandes kuͤſſen zu koͤnnen, wuß⸗ ten nicht, ob ſie mehr ihre Heldenthaten oder ihre Schoͤnheit bewundern ſollten. Alonſo empfieng ebenfalls ſeinen Autheil an dieſen Huldigungen. Seit der Einnahme von Madrid war er im Felde nicht mehr geſehen worden; ſeine Gegenwart floͤßte nun dem fliehenden Haufen ein Gefühl von Sicherheit ein. Antonio und ſeine Gefaͤhrten eilten in das be⸗ nachbarte Dorf, um Holz, Rindsfelle und Haͤcker⸗ ling zu holen, und daraus den Neuangekommenen 0 ein Schutzdach gegen die Abendkuͤhle zu errichten. Unterdeß war der alte Enrique mit dem einzigen Arme, der ihm noch uͤbrig geblieben, gleich ſeinem Sohne beſchaͤftigt, ſeiner Wohlthaͤterin ein Lager zu bereiten. Der Alcalde des Orts kam mit den Ruͤck⸗ kehrenden an, um an das Mitglied der oberſten Junta eine lange Anrede wegen der Zuſammenberufung der Cortes zu halten. Dieſe Zuſammenberufung war nichts weiter, als ein laͤcherliches Poſſenſpiel, und dieſe angeblichen Cortes, obwohl ſie fuͤr den erſten Maͤrz berufen waren, konnten ſich gar nicht erſt ver⸗ ſammeln. Gleichwohl ward die Ankuͤndigung ihrer nahe bevorſtehenden Sitzung ſo froh wie ein Sieg aufgenommen. Ein Name, der fuͤr den großen Haufen voͤllig ohne Sinn und Bedeutung war, ſtei⸗ gerte dennoch die Freude und den Muth derſelben wie ein unuͤberwindlicher Talisman. Es lag in die⸗ ſem Streben, mitten unter euren Siegen und waͤh⸗ rend die ganze Halbinſel von euch beſetzt war, den⸗ noch eine Nationalverſammlung bilden zu wollen, etwas Prahleriſches, das dem Stolze des Volkes ſehr behagte. Matea, die am ufer des Stromes ganz allein zuruͤckgelaſſen worden war, mußte es mit anſehen, wie der gluͤcklichen Markiſin und dem un⸗ treuen Geliebten, den ſie noch immer zu haſſen und zu lieben nicht umhin konnte, Beweiſe der einſtim⸗ migſten Ehrerbietung gegeben wurden. Die Solda⸗ ten, welche das edle Paar geleitet hatten, erzaͤhlten in ihrem Beiſein, daß der General, da er ſich aus dem engen Thal, worin er gefangen geweſen, keinen 4 Ausweg zu bahnen vermocht, ſein kleines Heer auf⸗ geloſt und einem jeden erlaubt habe, fuͤr ſeine Perſon ſich zu retten, und daß er den Ort, wo ſie jezt eben angelangt waren, ihnen zum Wiedervereinigungs⸗ punkt bezeichnet habe. Allen war es gelungen, die Wachſamkeit der Franzoſen zu taͤuſchen; einige wa⸗ ren in die Spalten der Felſen geſchluͤpft, andere hatten die Verwirrung des naͤchtlichen Brandes be⸗ nutzt, um ſich unter die Belagerer zu miſchen, viele waren in der Stroͤmung eines breiten und ſchnell⸗ ſtromenden Baches mitten durch die feindlichen Schildwachen hindurchgeſchwommen. Waͤhrend dieſer Erzaͤhlungen ſah man von allen Seiten Solda⸗ tenhaufen herankommen, die ſich beeilten, wieder ihre Fahnen zu erreichen, und die Gitana, die eine Weile abgelaſſen hatte, ihre Gefangene zu peinigen, kam jezt, um den Thraͤnenſtrom derſelben zu hem⸗ men, tanzte mit dem Tambourin und den Kaſtagnet⸗ ten in der Hand um ſie herum, und ſagte dann zu ihr:„Gnaͤdigſte Afranceſada, erinnern ſich Euer Excellenz wohl noch an Salamanca? Damals woll⸗ tet ihr mir meinen Geliebten entreißen; ich dagegen will euch jezt dem eurigen zufuͤhren.“ Die unver⸗ ſoͤhnliche Zigeunerin ſchleppte jezt die Graͤfin vor Alonſo hin, die ihr Haupt in ihre Haͤnde zu verber⸗ gen ſuchte. Mein Bruder flog vor Verwunderung auf ſie zu; die Markiſin ward von der Verwirrung, die in ihren Kleidern und in ihren Geſichtszuͤgen herrſchte, geruͤhrt. Beide verwendeten auf ſie alle moͤgliche Sorgfalt, welche einerſeits das Mitleid 72 ihres untreuen Geliebten und ihrer Nebenbuhlerin an den Tag legte, andrerſeits aber auch in ihrem Herzen eine neue Beſchaͤmung und eine neue Ver⸗ zweiflung weckte. Don Carlos erſparte ihr keines⸗ weges die Angriffe ſeiner unverwuͤſtlich frohen Laune; als ein Sohn Andaluſiens beſaß er die Kunſt, ſelbſt noch auf Ruinen zu ſcherzen. Die Ebenen, welche ſie jezt durchzogen, gehoͤrten Don Juan. Er war einer von den drei bis vier großen Landbeſitzern, unter welche die große Provinz Andaluſien getheilt iſt. Seine ungeheuern Guter machten ein ganzes Koͤnigreich aus; doch ſeine Dör⸗ fer waren arm und ſpaͤrlich verſtreut, ſeine Felder lagen zur Haͤlfte unbebaut. Don Carlos ſeufzte, wenn er daran dachte, wie viele Familien blos durch den Theil ſeiner vaͤterlichen Laͤndereien gluͤcklich werden koͤnnten, die der Pflug noch nie beruͤhrt hatte; doch mehr noch betruͤbte er ſich daruͤber, daß er zu dieſer reichen Erbſchaft beſtimmt ſei, ohne das Recht zu haben, durch die Theilung derſelben den Haß ſeines Bruders zu entwaffnen.„Es iſt grau⸗ ſam,“ pflegte er zu ſagen,„fuͤr einen, den das Ungluͤck der Erſtgeburt betroffen hat, ſo ganze Mil⸗ lionen uͤbernehmen zu muͤſſen, ohne einen Theil ſei⸗ ner Laſt abwerfen zu duͤrfen, und doch wuͤrden dieſe Guͤter nicht die einzigen ſein, die mich erwarten, wofern nicht Fortunato Anſpruͤche machte, mir eine noch bedeutendere Erbſchaft zu entziehen.“ Man gelangte endlich in ein Doͤrſchen, uͤber welches ein reiches Kloſter hervorragts. Die Wohn⸗ haͤuſer lagen in einem Halbkreiſe von dem Fuße des Huͤgels an bis zu den Umgebungen des heiligen Ge⸗ baͤudes. Alonſo meinte, daß dieſe Lage des Ortes ſehr bequem zu vertheidigen ſei, und ließ den Heer⸗ haufen Halt machen. Seine erſte Sorge war dar⸗ auf gerichtet, daß die Soldaten die Ruhe der benach⸗ barten Nonnen nicht ſtoͤren moͤchten, er ſelbſt ver⸗ mied es, in das auf arabiſche Art befeſtigte Gebaͤude, worin ſie lebten, einzudringen. Maria, die darin ein Obdach fuͤr ſich hätte ſuchen koͤnnen, weigerte ſich, ihren Bruder zu verlaſſen, Matea wollte ſich nicht von ihren Beſchuͤtzern trennen, und ſo nahmen ſie denn ihr Quartier in einem Cortijo“), der vor dem Dorfe lag. Antonio war voll Freude; denn er ſah hier ſeine Heimat wieder. Hier hatte naͤm⸗ lich ſein Vater ſeiner fruͤheren gefahrvollen Lebens⸗ weiſe ein Ziel geſetzt, und im Umgange einer laͤndli⸗ chen Frau, die damals noch jung und ſchoͤn war, eine ruhigere Lebensweiſe begonnen, Der alte En⸗ rique, der ſeit ſeiner Gefangenſchaft zu Vittoria, des Waffenhandwerks uberdruͤßig geworden war, aber ſich doch nicht entſchließen konnte, waͤhrend der Dauer der franzoͤſiſchen Beſitznahme in ſeinem Meier⸗ hofe zu bleiben, konnte gar nicht aufhoͤren, den Sohn Don Juan's und die Markiſin als Wohlthaͤter zu ſegnen, die ſeinem Alter Ruhm und Wohlbehagen wiedergegeben hatten. Maria, die durch ganz an⸗ dere Gedanken von den Dankſagungen des Greiſes *) Meierhof. 74 abgelenkt wurde, ſah Alonſo an. Beide dachten daran, daß auf eben dieſem Wege, auf der Reiſe von Badajoz nach Sevilla, Donna Leonor ſie zur Welt geboren habe. Der Matador hielt ſich fͤr verpflichtet, den Wirth des Hauſes zu machen. Die Ruͤckerinne⸗ rung an die ſchoͤneren Jahre ſeines Lebens erwachte in ihm, und die edeln Gaͤſte mußten die Erzaͤhlung aller Abenteuer ſeines Lebens anhoͤren. Matea gerieth dabei in eine tiefe Gemuͤthsbewegung, deren ſie nicht Meiſter werden konnte. Enrique erzaͤhlte naͤmlich, daß er einſt vor vielen Jahren in einem koͤ⸗ niglichen Stiergefecht unterlegen und beſchaͤmt und verzweiflungsvoll aus Madrid ſich entfernt und in dieſe Huͤtte ſich zuruͤckgezogen habe. Da habe eines Morgens fruͤh ein Unbekannter in einer Tartane auf dem Wege Halt gemacht und ein Koͤrbchen, worin ein weinendes Kind lag, daſelbſt niedergeſetzt. Seine Gattin ſei daruͤber in wuͤthende Eiferſucht gerathen. Zum Gluͤck waͤren Fremde zufaͤllig in das Haus ein⸗ gekehrt geweſen. Bei dieſen Worten war die Graͤfin nahe daran, zu Boden zu ſinken; ihr war, als wuͤrde jezt der Andaluſier in ſeiner hohen Wohl⸗ thaͤterin jene Waiſe wiedererkennen, die er damals in ſein Haus aufgenommen, als wuͤrden Alonſo und die Markiſin jezt erfahren, daß der Himmel ſie fuͤr einander geſchaffen habe. Sie fiel daher dem Ma⸗ tador raſch ins Wort und fragte ihn, um ſeine Er⸗ zaͤhlung zu unterbrechen, ſeit wenn er denn die Kampfbahn verlaſſen habe.„Euer Excellenz,“ er⸗ 75 wiederte er mit ſichtbarem Misvergnůgen,„koͤnnen mich noch fragen, ſeit wenn ich die Kampfbahn ver⸗ ließ, wo dieſer Arm mit Hilfe der Mutter Gottes fuͤnftauſend dreihundert und ſechsundvierzig Stiere zu Boden geſtreckt hat? Euer Excellenz haͤtten aus den Geſchichtſchreibern erſehen koͤnnen, daß ich kurz vor unſerem Herrn, dem Koͤnige Don Carlos, ſeines Namens der Dritte, von der Buͤhne abgetreten bin, im achten Monat des Jahres des Heils 1788.“ Alonſo druͤckte der Markiſin die Hand und ſagte: „Dies Jahr und dieſer Monat ſind mir ganz beſon⸗ ders werth; denn damals grade ward mir eine Schweſter geſchenkt, welche die Wonne meines Le⸗ bens geweſen iſt. Ich erinnere mich noch recht gut daran, wie mein Vater auf der Reiſe durch eben dieſe Gegenden in einem einfachen Cortijo, etwa ſo wie dieſer hier iſt, mir die kleine Spielgefaͤhrtin, die mir der Himmel geſchenkt, zum Liebkoſen uͤberreichte. Aus der Lebendigkeit meines Andenkens moͤchte ich faſt ſchließen, daß ich damals ſchon fuͤhlte, wie wich⸗ tig dieſer Moment fuͤr mein ganzes uͤbriges Daſein werden wuͤrde.“ Matea hoͤrte bleich und halbtodt zu; ihre ganze Beſinnung ſchwand ihr, mit aller Anſtrengung ſuchte ſie ihre hinſinkenden Lebensgeiſter aufrecht zu erhalten. Das Bild Alonſo's, wie er uͤber die Neigung, die er fuͤr die Geliebte ſeiner Kind⸗ heit empfunden, aufgeklaͤrt, eine Zukunft entdecken wuͤrde, wo ſeine Liebe einen noch heiligeren Namen annehmen koͤnnte,— dies Bild verſetzte ihr Ge⸗ muͤth in Verzweiflung. Ach, man glaubt es nicht, wie ſehr ſich das Herz dagegen empoͤrt, uns ein ge⸗ liebtes Weſen durch einen— als wir— nd, be⸗ zu Wn Zweites Kapitel. Die Ankunft eines Boten befreite Matea von al⸗ ler ihrer Angſt. Dieſer brachte naͤmlich die Nach⸗ richt von dem Triumpheinzuge des Koͤnigs Joſephs in die Mauern von Sevilla. Er ſelber hatte die Flucht der Central⸗Junta und den feierlichen Ein⸗ zug Pepe's mit angeſehen, und ſeine ganze Erzaͤhlung trug das Gepraͤge der Furcht. Matea ſtieß bei An⸗ hoͤrung derſelben einen Schrei der Freude aus. Enrique erhob in der Wuth ein Mordwerkzeug gegen ſie, und wuͤrde ſie umgebracht haben, wenn nicht Alonſo ſeinen Arm abgelenkt hätte. Aller Augen blieben indeß mit dem Ausdruck des Abſcheus und der Verachtung auf ſie geheftet. Der General nahm hierauf das Wort, und ſagte zu den Offizieren, zu den Moͤnchen, ja zu den ſaͤmmtlichen Soldaten, die herbeigeeilt waren, um die unheilvolle Nachricht zu erfahren:„Der Feind dringt bis in das Herz unſerer entfernteſten Provinzen vor: Corunna und Sevilla haben ſeine Fahnen wehen geſehen, und ſpa⸗ niſche Haͤnde haben ſeinen blutigen Adler mit Blu⸗ men bekraͤnzt. Indeß das ſchadet nichts! Ungluͤck und Schande den Verraͤthern! Spanien wird den⸗ 77 noch gerettet werden. Don Carlos, du wirſt dich jezt in Eilmäͤrſchen an die Ufer des Guadalete bege⸗ ben, um daſelbſt zu dem Herzog von Albuquerque zu ſtoßen, und unter ſeinem Befehl noch vor den Soldaten Joſephs nach Cadir zu gelangen ſuchen. Ihr, Bartolomeo, dagegen habt von nun an nichts mehr mit uns zu ſchaffen. Ihr hattet blos darum euren Weg gen Andaluſien genommen, um uns die Gefangenen zuzufuͤhren, die ihr bis an das Hoflager des Eindringlings hin gemacht hattet. Ich habe der Graͤfin die Freiheit verſprochen; denn die Re⸗ gierung Don Ferdinands fuͤhrt nicht mit Frauen Krieg. Ihr koͤnnt daher von dieſem Augenblick an in eure fruͤhere unabhaͤngige und glorreiche Laufbahn zuruͤckkehren; ich werde Seine Majeſtaͤt die Central⸗ Junta von alle dem unterrichten, was ihr fuͤr die allgemeine Sache gethan habt.“ Don Carlos erklaͤrte, die Central⸗ Junta habe alle die Unfaͤlle ſelber herbeigefuͤhrt, dadurch, daß ſie aus Eigenſinn die Cortes nicht fruͤher zuſammen⸗ berufen habe. Die Anweſenden wiederholten dieſen Ausſpruch, und alle dieſe Maͤnner ſprachen von den Arbeiten eines geſetzgebenden Senats in einem Tone, als ob ſie gar nicht Fluͤchtlinge, Beſiegte und Zer⸗ ſtreute waͤren, die auf dem Punkte ſtaͤnden, die Herr⸗ ſchaft uͤber den Boden, den ihre Fuͤße betraten, auf⸗ geben zu muͤſſen. Sie ſchoben, wie das immer der Fall zu ſein pflegt, die Schuld aller ihrer Nie⸗ derlagen und Unfaͤlle einſtimmig auf diejenigen, die das Ruder gefuͤhrt hatten. Man wuͤnſchte eine Re⸗ 73 gentſchaft, die dem Intereſſe des Volkes ergebener waͤre, und man aͤußerte zugleich den Wunſch, daß doch Alonſo es uͤber ſich nehmen moͤge, eine ſo tief herabgewuͤrdigte Regierungsbehoͤrde aufzulöſen und ſich an die Spitze der neuen zu ſtellen. Don Diego, der noch immer fort die Waffen trug, ohne deshalb ſich zu ſeiner Uniform und zu ſeinem Degen beſſer anzuſchicken, brachte von Zeit zu Zeit bei dieſer Verhandlung ſeinen ewig wieder⸗ kehrenden Wahlſpruch an:„Es giebt nur ein Mit⸗ tel gegen ſo viele Uebel!“— Alonſo Lerſtand ihn, und indem er eine dieſer Ausrufungen auffaßte, ſprach er zu ihm ſo laut, daß man es ziemlich weit hoͤren konnte:„Ich weiß, welches Hirngeſpinnſt euch den Kopf erfuͤllt, Don Diego. Ihr traͤumt von der Wiedereinſetzung des Koͤnigshauſes, das alle Freiheiten unſerer Vorfahren vernichtet hat, das durch ſeine Bemuͤhungen zu Erweiterung ſeiner Macht den Boden Spaniens erſchoͤpft, und die bluͤhende Monarchie Ferdinands und Iſabellens Schritt vor Schritt zu jener Abgelebtheit heruntergebracht hat, in die ſie unter der ohnmaͤchtigen Regierung Karls des Zweiten verſunken war. Allein wiſſet, daß je⸗ der Vertrag zwiſchen uns und dem Hauſe Oeſter⸗ reich voͤllig aufgehoben iſt. Es beeilt ſich gegenwaͤr⸗ tig, ſein muthiges Gegenſtreben wieder abzubuͤßen, es nimmt TDheil an den Unthaten von Bayonne, es erkennt die Beſetzung unſerer Provinzen an, und ei⸗ ne Tochter der Erbfolger Karls des Fuͤnften beſteigt das eheliche Lager des Beraubers unſerer Koͤnige.“ Bei dieſen Worten ward der ganze Heerhaufen be⸗ ſtuͤrzt. Mit gen Himmel emporgewendeten Augen riefen dieſe Spanier die Koͤnigin der Engel an, und ſchienen nun nicht mehr an irgend einen Erſatz fuͤr dieſe neue Beleidigung und fuͤr dies neue ungluͤck auf Erden zu glauben. Bartolomeo, der ſo, wie halb Aragonien noch immer eine alte Ehrerbietung gegen die Fuͤrſten vom Gebluͤt Karls des Fuͤnften hegte, und Don Diego ſchwiegen ſtill. Beſonders war Don Diego wie vom Blitz getroffen. Die Ban⸗ diten, die Soldaten und die Moͤnche ſahen die Hand der Vorſehung ſchwer auf ihrem Haupte ruhen, und die Sache, die ſie vertheidigten, ſchien ihnen von Gott und Menſchen verlaſſen. Alonſo nahm jezt wieder das Wort und ſagte: „Die Welt verraͤth uns, oder vielmehr ſie verraͤth ſich ſelber; denn wir vertheidigen alle die Rechte, die es nur irgend auf Erden giebt, die der Koͤnige wie die der Voͤlker. Rußland erklaͤrt unter Trom⸗ petenſchall, daß es mit unſerem Unterdruͤcker fuͤr Frieden und Krieg gemeinſchaftliche Sa⸗ che gemacht habe, daß es an keinem euro⸗ paͤiſchen Kongreſſe theilnehmen wolle, auf welchem die Abgeordneten der ſpaniſchen Empoͤrer Sitz und Stimme haben wuͤrden. Die Fuͤrſten Deutſch⸗ lands und die Voͤlker Italiens haben ſich dem Joch unſeres Feindes unterworfen; man ſpricht von einer Krone des Nordens, die ſehr bald auf das Haupt eines franzoͤſiſchen Soldaten geſetzt werden ſoll, und England, unſere einzige Stuͤtze, denkt daran, ſeine 80 Truppen abzurufen..—„Wir wollen das gar nicht bedauern!« unterbrach ihn Don Carlos; „Englands Miniſter vermochten blos Zwietracht unter uns auszuſtreuen, ſeine Generale blos zu flie⸗ hen. Waͤhrend der zwei Jahre des Kriegs haben ſie blos zweimal ihre Truppen in Bewegung geſetzt, und beidemal blos, um ſchnell wieder den Weg zu ihren Schiffen einzuſchlagen, und wenn ſie ja unter⸗ weges einmal Halt machten, ſo geſchah es nur dann, wenn die Franzoſen viel weiter von ihren Zelten als ſie von ihren Schiffen entfernt waren.“—„Was ſchadet's!“⸗ fuhr Alonſo fort;„wenn wir auch ganz allein gegen alle ſtehen, ſo werden wir dennoch zu kaͤmpfen und zu ſiegen wiſſen. Man wird unſere Staͤdte, unſere Felder und Doͤrfer erreichen, aber nicht unſere ſpaniſchen Herzen, welche Gott auser⸗ koren hat, um dem Tyrannenſchwerte zu widerſte⸗ hen. Wir werden durch Aufopferung alles deſſen, was uns theuer iſt, gegen dieſe Schmach proteſtiren, welche die Menſchen gegen die Vorſehung begehen, indem ſie das Buͤndniß der Gewalt und der unge⸗ rechtigkeit fuͤr guͤltig erklaͤren. Wenn wir es dar⸗ auf anlegten, unſere Grenzen zu erweitern, ſo koͤnn⸗ ten wir, obwohl Nachkommen der Eroberer Ameri⸗ ka's, dennoch am Ende unterliegen. Aber wir wol⸗ len ja blos frei werden„. Und wir werden es wirklich werden; und ſollte auch der Sieg fortwaͤh⸗ rend ſich gegen uns erklaͤren, ſo haben wir doch we⸗ nigſtens immer eines ſicher, das, daß wir ſierben koͤnnen.“ 8¹ Die Linientruppen, die Naͤuber, die Bewohner des benachbarten Dorfes bildeten einen großen Kreis um den jungen Feldherrn. Ein feierliches Schwei⸗ gen hatte ſeine Rede begleitet, drauf folgte eine tiefe Stille, und alle die Maͤnner mit finſtern und maͤnn⸗ lichen Geſichtern wiederholten blos die lezten Wor⸗ te:„daß wir ſterben koͤnnen!“ Dies Wort flog von Mund zu Mund, von Huͤgel zu Huͤgel. Maria vertheilte rothe Baͤnder, alles draͤngte ſich heran, um dergleichen aus ihrer Hand zu empfangen. Die Landleute verlangten die Waffen zu ergreifen, aber ſie zogen das abenteuervolle und freie Leben der Guerilla dem Dienſt der regulaͤren Truppen unter Don Carlos vor, und mein Bruder mußte mehreren foͤrmlich die Verpflichtung auflegen, ihrem Wider⸗ willen und ihrer Gewohnheit um des allgemeinen Beſten willen zu entſagen. Viele fuͤgten ſich; Alon⸗ ſo entließ die uͤbrigen mit den Worten:„Es iſt nicht genug, daß ihr alle die Flinten und den Saͤ⸗ bel fuͤhret; ſondern auch der Pflug muß dabei nicht vernachlaͤßigt werden. Um die Zeit der Ausſaat und der Ernte bleibt in euren Wohnungen; nachher koͤnnt ihr ſie wieder verlaſſen, um mit gewaffneter Hand das flache Land unter kuͤhnen Anfuͤhrern zu durchſtreifen, die ſich wenig um das Siegen kuͤm⸗ mern, und ſich nicht der Flucht ſchaͤmen, die aber gar wohl zu kaͤmpfen und den Feind zu vernichten wiſſen. Es kommt hier nicht darauf an, durch kuͤnſtliche Manoͤver und Schlachten unſere Angrei⸗ fer uͤber die Berge hinuͤber zu werfen; ſondern W. 6 82 Frankreich ſoll frher mäde werden, friſche Solda⸗ ten zu ſtellen, als ihr, ſie zu vertilgen. Jezt gehet; eure Guerilla's werden dieſe Aufgabe zu erfuͤllen ſu⸗ chen. Der Boden, den wir betreten, wird uͤberall wuͤrdige Anfuͤhrer und wuͤrdige Soldaten hervor⸗ bringen. Ihr ſeid die Abkoͤmmlinge Pizarro's und Hernan Cortez's; das Vaterland jener Helden, die eine Welt zu erobern vermochten, wird doch wohl ſich ſelber wieder zu erobern vermoͤgen.“ Ein langes Beifallrufen erfolgte auf dieſe Anre⸗ de; doch bald ward es durch traurige Echo's beant⸗ wortet. Von allen Seiten her kamen Frauen in fliegenden Haaren daher geflohn, begleitet von ihren Kindern, ihren Heerden und von dem Pfarrer ihrer Kirchſpiele, alle mit Flinten, Pfaͤhlen und Ackerge⸗ raͤthſchaften bewaffnet; ſie hatten ſo eben ihre Woh⸗ nungen den franzoͤſiſchen Soldaten uͤberlaſſen, und waͤhrend ihre Maͤnner, auf den Vergen zerſtreut, euren Legionen Hinterhalte legten, ſuchten ſie fuͤr ihre Habe einen Schutzort, wo ſie ſich vor den Blik⸗ ken des Feindes zu bergen vermoͤchten. Dieſe fluͤch⸗ tigen Haufen, die von allen Himmelsgegenden her zuſammen trafen, zeigten voll Schrecken durch ihr Zuſammentreffen an, daß ſich die franzoͤſiſchen Trup⸗ pen von den entgegengeſetzteſten Richtungen her zeig⸗ ten, und daß es fuͤr ſie keine Zuflucht mehr gebe⸗ Der Weg nach Sevilla war ihnen abgeſchnitten, und andrerſeits war der Heerhaufe, mit dem ich heran⸗ zog, Meiſter der Straße nach Badajoz, und ſtieg von den Hoͤhen der Sierra Morena herab. Alonſo, der nun zwiſchen zwei Feuer gerieth, ſah fuͤr ſein 83 Heer jetzt keine andere Wahl mehr, als entweder zu kapituliren oder zu ſterben. Ich ſah, wie er ſich in ſeiner verzweifelten Lage zum Kampf vorbereitete. Voll banger Beſorgniß fuͤr die Graͤfin, fuͤr meinen Bruder und fuͤr Maria beſchloß ich, mich als Parlementaͤr in das Lager meiner Mitbuͤrger zu begeben, um ſie den Eingebun⸗ gen eines beklagenswerthen Fanatismus zu entreißen. Doch bei meinem Anblick ſtieß das ganze Heer einen Schrei des Entſetzens und der Rache aus. Ich ward genoͤthigt, auf meinem Wege Halt zu machen; Alonſo ſelber wuͤrde nicht dem Verdacht und der Wuth ſeiner Soldaten haben entgehen koͤnnen, wenn ich bis zu ihm vorgedrungen waͤre. Nur aus der Ferne vermochte ich daher den Empoͤrern anzuzei⸗ gen, daß die franzoͤſiſche Dynaſtie durch eine neuer⸗ dings geſchloſſene Verbindung mit einem laͤngſt un⸗ ter uns verehrten Fuͤrſtenhauſe auf allen ihren Thro⸗ nen befeſtigt, daß die Halbinſel auf allen Punkten unterworfen, und die Central⸗Junta genoͤthigt ſei, im Schvoße des Oceans einen Zufluchtsort zu ſu⸗ chen, wo ſie ihr geaͤchtetes Haupt zur Ruhe nieder⸗ legen koͤnne, daß alle ihre Heere beſiegt und zerſtreut ſeien, und ich forderte demzufolge die Emporer auf, nicht weiter durch einen hoffnungs- und zweckloſen Kampf die Trauer unſers gemeinſamen Vaterlandes zu verlaͤngern. Das ganze Heer gerieth daruͤber in die aͤußerſte Wuth. Die Frauen— und zwar die Zigeunerin an ihrer Spitze— eilten in die Reihen der Soldaten, und warfen ihren Soͤhnen und Bruͤdern vor, daß 6* 34 zein ſpaniſches Blut in ihren Adern fließe, weil ſie ja das meinige ſonſt vergießen wuͤrden. Sie riſſen den Grenadieren die Flinten aus der Hand und leg⸗ ten die drohenden Gewehre mit Haͤnden, die vor Wuth zitterten, auf mich an; alle verlangten mit lautem Geſchrei das Zeichen zum Abfeuern, und dieſe Muͤtter und Gattinnen, die nichts von den Wechſelfaͤllen, Manoͤvern und Gefahren des Kriegs verſtanden, weinten vor Unwillen, als man ihrem Ueberſpannung der Frauen war eine der furchtbarſten Gewalten, die ſich dem kaiſerlichen Herrſcherſtamme entgegenſtellten. Welcher Mann wagt es, feig zu⸗ ruͤckzubleiben, wenn ſeine Gattin vor ihm her ins Feld zieht? Es war hauptſaͤchlich die Ordensgeiſt⸗ lichkeit, die auf dieſe Weiſe gegen eine verbeſſerte Wiederherſtellung der Monarchie die Feindſeligkeit eines Geſchlechts aufregte, deſſen Leidenſchaften ſich bei uns auf eine ſo heftige Weiſe aͤußern, waͤhrend die Leidenſchaften der Maͤnner ſich gewoͤhnlich hinter ei⸗ nem kalten Aeußeren zu verbergen pflegen. Auf der Halbinſel findet eine ſehr enge Verbindung zwiſchen den Maͤdchen und den Frauen ſtatt. Waͤhrend Alonſo, der mitten in der allgemeinen Gaͤhrung allein ruhig blieb, ſich anſchickte, dem An⸗ griff der Franzoſen zu begegnen, vielleicht ſogar ihm zuvorzukommen, erhob ich noch einmal meine Stimme, um einen lezten Verſuch zu machen. Doch der junge Feldherr erwiederte mir mit einer Donner⸗ ſtimme:„Es iſt genug! du, der du mein Bruder Morddurſt nicht ſogleich Genuͤge leiſten wollte. Dieſe 85 warſt, aber es nicht mehr biſt, ſeit du aufgehoͤrt haſt, Spanier zu ſein, fliehe von dannen„ Der Au⸗ genblick zum Kampfe iſt gekommen. Gefaͤhrten, raſch vorwaͤrts! bedenket, daß unſere Sache die Sache der Gerechtigkeit und der Ehre iſt! Gott und die Frauen haben wir zu Zuſchauern. Die Frauen haben einem jeden Haß und Verachtung geſchworen, der nicht Ferdinand, Vaterland und Rache! zum Wahlſpruch hat.“ Die Aufruͤhrerrotten wie⸗ derholten dies Kriegsgeſchrei, und der General ſagte noch einmal:„Spanier, vorwaͤrts!“ Bei dieſen Worten wich die verworrene Menſchenmaſſe, die mich mit Schmaͤhungen uͤberhaͤufte, aus einander, und das Heer erſchien in voͤlliger Schlachtordnung. Das Geſchmetter der Trompeten, das Geſchrei der Frauen und die Ermahnungen der Moͤnche begleiteten dieſen Marſch, der dem unwiderſtehlichen Laufe eines Stro⸗ mes glich, und von fern hoͤrte man laͤngs auf den Bergen hin die Sackpfeifen der Schaͤfer, die wie ein treues Echo, wie ein drohendes Laͤrmzeichen, das Getoͤſe, das jeder Schlacht vorhergeht, bis in die Ferne hin verlaͤngerten. Alonſo hatte ſich nicht zum Angriff entſchloſſen, ohne auf die Rettung der Graͤfin bedacht zu ſein⸗ Er ſuchte ſie, und fand ſie nicht mehr. Don Carlos hatte ungeachtet der erlaſſenen Befehle dem neugieri⸗ gen Verlangen nicht widerſtehen koͤnnen, in die Woh⸗ nung der heiligen Jungfrauen einzudringen. Eine junge Fremde fiel darin durch eben ſo viel Anmuth als Schoͤnheit ſeinen Blicken auf. Es war Aldouza, 86 die von Domingo der Oberin dieſes Kloſters zur Aufſicht anvertraut war. Bei dieſer Nachricht eilte die Graͤfin nach dem Kloſter, und zwar in demſelben Augenblick, wo Don Carlos dem Feinde entgegen⸗ eilte. Die Markiſin war ihr bereits dahin zuvorge⸗ kommen. Die Heldin von Saragoſſa wollte naͤmlich nicht laͤnger auf dem Schlachtfelde den Namen eines Gemahls fuͤhren, der am Hofe Joſephs glaͤnzte, und wandte ſich daher zu den Altaͤren des Schlachten⸗ gottes. Die heiligen Geſaͤnge wurden indeß bald durch Toͤne der Verzweiflung unterbrochen; Matea konnte nicht mehr bis auf den Huͤgel hinauf gelangen. Alonſo, als er unter dem Schutze der naͤchtlichen Schatten in den Kampf auszog, hatte gehofft, die Franzoſen zu uͤberraſchen und die beiden Heere uͤber ihre wahre Staͤrke zu taͤuſchen. Die Spanier wur⸗ den beim erſten Angriff durchbrochen und ergriffen, faſt ohne einen Schwertſchlag zu thun, die Flucht, und waͤhrend mein Bruder, Bartolomeo und Don Carlos ſie zum Stehen zu bringen ſuchten, und die Weiber vor ihnen her fliehend auf ihre Feigheit ſchmaͤhten, gerieth das Doͤrfchen in die Haͤnde der Franzoſen. Matea war außer ſich vor Freude, als ſie die franzoͤſiſchen Adler um ſich erblickte. Unter dem Schutze eurer Bajonnette, beim Anblick eures Sieges ſollte alſo Matea ihre ſo lange erſehnte Al⸗ donza wiederfinden. Doch ein weit furchtbarerer Feind, als die in Unordnung gerathenen Empoͤrer, zwang die Franzoſen zur Flucht. Der Großrichter 87 hatte nach ſeiner Gewohnheit bei ſeiner eilfertigen Flucht den Flecken, den er nicht mehr zu vertheidigen vermochte, in Brand geſteckt. Das Feuer ergriff alles, ſogar das Kloſter, und eine gluͤhende Rauch⸗ ſaͤule erhob ſich gleich einer ungeheuern Wolke zwi⸗ ſchen beiden Heeren. Man hoͤrte das Schreien der ſpaniſchen Generale, welche vergeblich ſich anſtreng⸗ ten, um ihre Truppen wieder vorwaͤrts zu fuͤhren und die Orte wiederzugewinnen, wo ſo theure Per⸗ ſonen umzukommen im Begriff waren. Eure Sol⸗ daten benutzten dieſes ungluck, das nicht ihr Werk war, und ſandten den Tod in die verwirrten Reihen der Emporer. Auf einmal zertheilte ſich der Rauch, und die Flammen ſtiegen uͤber die Gebaͤude, die von ihnen verzehrt wurden, mit einem herzzerreißenden Getoͤſe zum Himmel empor, der ihren duͤſtern Schein zuruͤckſpiegelte. Die Truppen der beiden Nationen ſchloſſen, von gleichem Grauſen ergriffen, einen weiten Kreis um dieſe ungeheure Brandſtate. Ueber das Dorf, welches bereits nicht mehr exiſtirte, ragte das von den brennenden Truͤmmern erleuchtete, und ſelber von verzehrenden Gluten uͤberwallte Kloſter, wie eine duͤſtre Citadelle empor, die zwar noch ſtand, aber allmaͤhlig mit graͤßlichem Krachen zuſammen⸗ ſtuͤrzte. Laͤngs den Felſen hin flohen einige von je⸗ nen gottgeweihten Schweſtern, welche die Wuth der Menſchen in ihrem heiligen Zufluchtsorte erreicht hatte. Sie knieeten zwiſchen den beiden, einander gegenuͤber ſtehenden Schlachtreihen nieder, und er⸗ flehten vom Himmel die Rettung ihrer Gefaͤhrtinnen, 88 die nicht mehr Zeit gehabt hatten, die einſchließenden Mauern zu uͤberſpringen. Man ſah dieſe lezteren, wie ſie, die Haͤnde ringend, an die Fenſter des Klo⸗ ſters kamen, deren Eiſengitter ſie von den brennen— den Truͤmmerhaufen ſchieden, zu welchen alle hinaus⸗ ſtuͤrzen wollten. Auf dem freien Vorplatze, der die Brandſtatt umgab, ſchimmerte die Gitana in ihren weißen Schleiern wie eine Prophetin der Vorzeit. Weiterhin ſah man Maria, wie ſie zum Maͤrtyrer⸗ tode bereit gen Himmel ſah, und ein junges weinen⸗ des Maͤdchen an ihr Herz druͤckte. Bei dieſem An⸗ blick eilten Alonſo, die beiden andern Anfuͤhrer, ja das ganze Heer heran. Maria ſah ihre Anſtrengun⸗ gen, und ſich emporhebend, um mit der einen Hand nach dem franzoͤſiſchen Heerlager, mit der andern nach dem Himmel zu zeigen, wohin ſie jezt aufzuſtei⸗ gen im Begriff war, rief die Heldin von Saragoſſa: „ Spanier, denket auf den Kampf! wir gehen jezt dort hinauf, um fuͤr euch zu beten.“ Der franzoͤſiſche General hatte ſeinen Truppen das Gewehr an den Fuß niederzuſetzen befohlen; er wollte dem Feinde Zeit laſſen, ſeine Opfer zu retten. Doch das war euren Soldaten noch nicht genug; ſie eilten gleichfalls herbei und an die Orte, wo eine neue Gefahr, ein neuer Ruhm ſie hinrief, und die Spanier, von ſo hoher Seelengroße geruͤhrt, um⸗ armten weinend ihre Beſieger. Ich eilte ihnen auf dem Fuße nach, und bemuͤhte mich vergeblich durch die Schutthaufen der laͤndlichen Gehoͤfte und durch die lodernden Getreidehaufen, die mich noch von dem 89 Platze trennten, hindurchzubringen. Da ſank auf einmal das von der Glut verzehrte Kloſter zuſammen, und das Krachen ſeines Einſturzes erfuͤllte uns alle mit Grauſen. Es gab jezt keine Flammen mehr, die Finſterniß gewann wieder die Oberhand, und mitten auf dieſem Schauplatz des Entſetzens und des Todes trat ein tiefes Schweigen ein. Doch bald unterbra⸗ chen daſſelbe Trompetenſtoͤße, welche traurig die Sol⸗ daten zu ihren Fahnen zuruͤckriefen. Als der Tag anbrach, waren die Spanier verſchwunden, und es waren blos noch die Ruinen zu ſehen. Die Franzoſen ſetzten ſich nach Sevilla in Marſch; ich folgte ihnen wie ein an ihre Fortſchritte gefeſſel⸗ ter Gefangener. Mein Herz, das uͤberall nur auf grauenvolle Bilder traf, fand kaum in Matea's Liebe einige Aufheiterung. Wer haͤtte mir es vorausge⸗ ſagt, daß ich meine Freundin wiederſehen wuͤrde, ohne durch ihre Gegenwart froher zu werden? Wer haͤtte mir es vorausgeſagt, daß ich den Koͤnig auf der Bahn ſeiner leichten Siege begleiten wuͤrde, ohne daß meine Vaterlandsliebe irgend ein Gefuͤhl der Freude in mir wecken wuͤrde? Wir zogen ohne Kampf an den bezaubernden Ufern des Guadalquivir herab, durch dieſe Provinzen, die abwechſelnd durch die Karthager, Roͤmer und Mauren ſo beruͤhmt ge⸗ worden und nach den Vandalen benannt worden ſind. Andaluſien, dieſes mit allen Gaben des Himmels geſchmuͤckte, mit alten Denkmalen und Erinnerungen erfuͤllte Land, das den Sidoniern und Karthagern Silber und Gold, der alten Roma ihre unſterblichen 90 Schriftſteller Lucan und Seneca, dem ganzen Erd⸗ kreiſe Herrſcher wie Trajan, Hadrian und Theodo⸗ ſius, den hochziviliſirten arabiſchen Mauren ein Klima darbot, das recht geeignet zu ſein ſcheint, um den Geiſt der Menſchen wie die Erzeugniſſe der Natur zur hoͤchſten Bluͤthe zu entwickeln,— dieſes reiche und ſchoͤne Andaluſien, deſſen Herrlichkeit ſich in ei⸗ nem zeitigen Vorfruͤhlinge entfaltete, konnte meine truͤb umduͤſterte Phantaſie nicht wieder aufheitern. Ich war der einzige in dem ſtattlichen Gefolge unſeres neuen Koͤnigs, der mit Gleichguͤltigkeit den franzoͤ⸗ ſiſchen Adler uͤber alle den Orten triumphirend ſchwe⸗ ben ſah, wo vor dreitauſend Jahren der Adler von Tyrus ſich niedergelaſſen hatte. Dieſe Gegenden, in welchen eine klaͤgliche Regierung mehr noch zu zer⸗ ſtoͤren, als der fruchtbare Boden hervorzubringen vermocht hat, ſollten von der neuen Koͤnigsherrſchaft jene hoͤhere Anregung empfangen, welche die ſchoͤnen Zeiten der Araber wieder herbeigefuͤhrt haben wuͤrde, und man wuͤrde dann geſehen haben, wie dieſe Reiche unter der Herrſchaft des Chriſtenthums von demſelben Glanze geſtrahlt haben wuͤrden, den ſie einſt unter der Herrſchaft des Islam hatten. Die Einwohner ſchienen auch wirklich dieſe ihre hohe Beſtimmung zu ahnden. Die Bewohner des flachen Landes eilten, mit ihren Pfarrern an der Spitze, zu dem Handkuſſe Joſephs herbei; die Maeſtranza's, ritterliche Vereine, welche von dem Adel in den Städten gebil⸗ det werden, draͤngten ſich um ſeinen Wagen, und ſtritten ſich um die Ehre, ihn zu bewachen, Andujar, 94 Jaen, Cordova und Granada errichteten auf ſeinem Wege ihm Triumphboͤgen, und die jungen Maͤdchen dieſer Staͤdte ſtreueten Blumen vor ihm her. So gelangten wir endlich auf die Hoͤhen von Chiclana, an jenen reizenden Aufenthaltsort, wo die reichen Cadixer ſich von ihren Arbeiten zu erholen pflegen, in ihren Luſtgaͤrten, welche die ſchoͤnſte Aus⸗ ſicht auf der Erde haben. Rechts dehnen ſich die bluͤhenden Kuͤſten von Baͤtica hin, links die lange Sandbank, die man die Inſel Leon nennt, mit ihren Anlagen, Speichern und Landhaͤuſern, die gleichſam aus den Meereswogen aufzuſteigen ſcheinen, weiter⸗ hin an ihrem aͤußerſten Ende die praͤchtige Stadt und die weite Bucht, die ſich in Kruͤmmungen zwi⸗ ſchen der Inſel und dem feſten Lande hinzieht. Ein militaͤriſcher Fehler— daß man naͤmlich den Herzog von Albuquerque fruͤher als unſere Vorpoſten Santi Petri erreichen ließ— erhielt den Empoͤrern dieſen lezten Zufluchtsort. 2 Der Koͤnig zog an der Kuͤſte entlang, und nahm ſein Hauptquartier im Hafen von Sanct Maria, am Ausfluß des Guadalete. An den beiden gegenuͤber liegenden Ufern flatterten die Fahnen der beiden Heere. Matea betrachtete traurig den Ort, wo ſie geboren worden war; ſie nannte dem Koͤnige Joſeph alle Thuͤrme, Spaziergaͤnge und Kirchen. Die Woh⸗ nung ihres Vaters ragte weit uͤber die andern hervor, und ſie glaubte ihn unter der Menſchenmenge, die auf dem flachen Dache ſeines Hauſes ſtand, von fern zu erblicken. Dorthin alſo ſollten die erſten Kugeln 00 des franzoͤſiſchen Geſchutzes fliegen, dorthin ſollten jezt die Franzoſen Tod und Verderben ſenden„ Sie troͤſtete ſich uͤber dieſe traurigen Bilder nur da⸗ mit, daß ſie die Truͤmmer der engliſchen Parthei, und dieſe Cortes und dieſe ſo oft verſprochene Kon⸗ ſtitution vor uns die Flucht ergreifen ſah, welche die Moͤnche und die Kaufleute der Fundamentalacte von Bayonne entgegenzuſtellen ſuchten. Die Empoͤrer waren jezt ſo weit gebracht, daß ſie blos noch einen Felſen zu vertheidigen hatten, den ihnen noch obendrein die Wogen des Oceans ſtreitig machten; ſie mußten bald in den Fall kommen, in ein fremdes Land zu fluͤchten, und dies enge Feld⸗ lager, oder vielmehr dies Gefaͤngniß reichte nicht hin, um alle die verſchiedenen Elemente der Zwietracht, die darin eingeſchloſſen waren, zuſammenzuhalten⸗ Die Central⸗Junta hatte ſo eben den Beſtrebungen feindſeliger Partheiungen unterliegen muͤſſen, und der Koͤnig wollte daher noch einmal den Weg der Unter⸗ handlungen verſuchen; allein ſeine Schreiben wur⸗ den entweder gar nicht, oder ſtolz und abſchlaͤgig be⸗ antwortet. Jede Hoffnung, das alte Gades wieder zum Gehorſam zuruͤckzufuͤhren, war dahin; indeß dieſe unſinnige Halsſtarrigkeit ſtoͤrte die Freude uͤber unſer Waffengluͤck nicht. Valencia, Badajoz und Alicante waren die einzigen Punkte in ganz Spanien, die noch nicht mit dem neuen Koͤnigshauſe ausgeſoͤhnt waren; der Widerſtand ſchien ſich erſchoͤpft zu ha⸗ ben, und die aufgefangenen Briefſchaften der engli⸗ ſchen Generale verriethen uns, daß ſie den Kampf ——— ————— fuͤr beendigt anſahen, und ihre Blicke nach dem Ocean hinwendeten. In den hoͤheren Staͤnden und Klaſ⸗ ſen herrſchte allgemein die munterſte Heiterkeit, und⸗ warum haͤtten ſie ſich nicht froh daruͤber fuͤhlen ſol⸗ len, daß ſie endlich das Ende der Anarchie, des Kriegs und des vorigen Despotismus vor ſich ſahen? Die meiſten derjenigen Großen, welche bisher noch nicht zu uns uͤbergetreten waren, fanden ſich jezt am Hofe zahlreich ein. Es fehlten bei dieſer Zu⸗ ſammenkunft der bedeutendſten und beruͤhmteſten Perſonen blos diejenigen Mitglieder der Grandezza, die ſich durch ihren Abfall in den Tagen des Ungluͤcks der koͤniglichen Gnade unwuͤrdig gemacht hatten, und dieſe flohen jezt bis nach den kanariſchen Inſeln, und verbargen dort ihre Gewiſſensbiſſe oder ihre Furcht. Die vornehmſten Koͤrperſchaften des Staats leiſteten den Huldigungseid. Sogar die Oberjunta zaͤhlte einige Ausreißer aus ihrer Mitte, und diejenigen ihrer Mitglieder, die nicht in unſeren Reihen ihre lange Empoͤrung abſchworen, wurden mit Schmaͤ⸗ hungen von der Volksmenge uͤberhaͤuft, die ihnen ihre Unfaͤlle vorwarf und mit dem Dolche drohte. Gerade damals, wo fuͤr die ſpaniſche Monar⸗ chie gluͤcklichere Tage anbrachen, wo der kaiſerliche Herrſcherſtamm friedlich auf dem Throne Philipps des Zweiten Wurzeln ſchlug, kuͤndigte uns auf ein⸗ mal ein furchtbarer Feind unerwartet Fehde an; dieſer Feind war Napoleon. Sein eiferſuͤchtiger Ehrgeiz beneidete bereits dem Koͤnige Joſeph die Un⸗ terwerfung der Halbinſel, er ſieng an, ſeinen Bru⸗ 94 der als beſiegten Koͤnig und Spanien als eroberte Provinz zu betrachten. Dieſe Politik war eben ſo widerſinnig als ſtrafbar, und ſie iſt ihm theuer zu ſtehen gekommen; allein dahin hatten uns die ſelbſt⸗ ſuͤchtigen Leidenſchaften gebracht, welche dieſen un⸗ ſeligen Kampf verlaͤngert und dem gereizten Kaiſer Beweggruͤnde und Ausſichten dargeboten hatten, der⸗ gleichen Plaͤne auszufuͤhren. Eine kaiſerliche Verordnung theilte das ganze Koͤnigreich in Militaͤrgouvernements, und uͤbergab unſere Provinzen dem Kommandoſtabe der franzoͤſi⸗ ſchen Generale, unſere Finanzen der Pluͤnderung, unſere Mitbuͤrger der Gewalt der Militaͤrbehoͤrden, anſtatt daß ſie geſetzliche Behoͤrden erwartet hatten. Joſeph merkte ſehr bald, daß er blos das Werkzeug eines neuen Verraths geworden war. Er hatte da⸗ zu dienen muͤſſen, um eine große Nation durch Ver⸗ ſprechungen von Unabhaͤngigkeit und Freiheit zu taͤu⸗ ſchen. Jezt, wo die Voͤlker entwaffnet waren, woll⸗ te Napoleon ſie unmittelbar ſeinem Degen unterwer⸗ fen; ein unabhaͤngiger Koͤnig war ihm verdaͤchtig, und um den Koͤnig daran zu gewoͤhnen, ſtufenweiſe vom Throne herabzuſteigen, ſo verlangte er ſehr bald, daß anſtatt der Pyrenaͤen kuͤnftig der Ebro als Scheidegrenze dienen ſollte. Ich gieng aus Andaluſien ab, um nach Paris die edle Erklaͤrung unſers Monarchen zu uͤberbrin⸗ gen, daß er lieber ſeinem Bruder Ludwig nachahmen und vom Throne weichen, als ſchimpfliche Acten und treuloſe Plaͤne unterzeichnen wolle. Er ſchrieb dieſen Entſchluß zu wiederholtenmalen an den Be⸗ 95 herrſcher der Welt. Seine Briefe wurden aufge⸗ fangen, und erregten zu Cadir und zu London ein Geſchrei des Staunens und der Freude. Gleich⸗ wohl hat die kaiſerliche Familie ſchwerlich ruhmvol⸗ lere Zuͤge aufzuweiſen, als eben dieſe. Die Zahl der Koͤnige iſt eben nicht ſo groß, die lieber dem Throne entſagen, als eine Treuloſigkeit oder eine Niedertraͤchtigkeit begehen. Von dieſem Augenblick an entbrannte der Krieg, durch das allgemeine Mistrauen angefacht, von neuem wieder auf der Halbinſel, nachdem kurz zuvor ſeine Feuerbraͤnde auf allen Punkten ausgeloͤſcht wor⸗ den waren. Soll ich euch unſer ungluͤckliches Spa⸗ nien ſchildern, wie es mit Quadrillen bedeckt war, die es mit Blut befleckten und verheerten, wie es zu gleicher Zeit von ſeinen Kindern, von ſeinen uͤber⸗ ſeeiſchen Feinden und von ſeinen Verbuͤndeten von jenſeits der Pyrenaͤen her verwuͤſtet wurde; wie der Volksaufſtand ſein Haupt wieder kuͤhn erhob, uͤberall umſtuͤrzende Grundſaͤtze verbreitete, und endlich, um die Rechte Joſephs zu bekaͤmpfen, genoͤthigt war, in den dunkeln Schachten des geſelligen Vertra⸗ ges herumzuwuͤhlen, und das gräßliche Geſpenſt der Volksherrſchaft heraufzurufen; wie zwei Regierun⸗ gen vergebens es verſuchten, die allgemeine Anarchie zu baͤndigen, und nicht einmal ihre eigene innere Zwietracht zu beſeitigen vermochten; wie zu Cadir Menſchen ohne Auftrag und Vollmacht ſich den LTitel Cortes anmaßten, um unter dem Feuer euerer Vatterieen auf einem entfernt liegenden Felſen eine Herrſchaft zu begruͤnden, die gar nicht mehr exiſtirte, 96 wie ſie ſich unter einander um das Ruber einer auf⸗ gelöſten Monarchie ſtritten, den Junten, welche die Willkuͤhr geſchaffen hatte, Gehorſam vorſchrieb, und doch ſelber gezwungen waren, der von ihnen aufge⸗ regten Volksmenge zu gehorchen; wie zu Madrid ein König ohne Schatz, ohne Staat, ohne Heer exi⸗ ſtirt habe, waͤhrend ſein Name von dem Felſen Gi⸗ braltars bis zu den Pyrenaͤen herrſchte, ein Koͤnig, den die Feldherrn ſeines Bruders ſchmaͤhten und be⸗ raubten, und der zulezt genoͤthigt war, ſeine Krone gegen die Voͤlker, die er regieren ſollte, und zugleich gegen den Gewaltigen, der ihn ſie zu regieren zwang, zu vertheidigen; dazu die Englaͤnder, wie ſie auf den Ruinen dreier Reiche ſitzend, an dem Schauſpiel ſich weideten, Spanien zerſtoͤrt, Frankreich blosge⸗ ſtellt, Portugal ihrer Macht preisgegeben, und eine Welt ihrem Mutterſtaate entriſſen zu ſehen„2 Dies waͤren die Hauptzuͤge des Gemaͤldes, das ich euch entwerfen muͤßte. Indeß es kommt mir nicht zu, eine ſo traurige und ſo weitlaͤuftige Skizze aus⸗ zufuͤllen. Lebet wohl! Wenn ihr noch weiter in dieſen Bergen umherſtreifen und an dem ferneren Verlauf meiner Abenteuer irgend ein Intereſſe fin⸗ den ſolltet, ſo will ich ein andermal verſuchen, meine traurige Erzaͤhlung zu beendigen. —F— Einundzwanzigſtes Buch. Zuſammentreffen mit einem ſpaniſchen Sol⸗ daten und Erzaͤhlung deſſelben⸗ Erſtes Kapitel. —— Als der Einſiedler in ſeiner Erzaͤhlung abbrach, war die Sonne noch weit vom Ziel ihrer Bahn ent⸗ fernt. Ich entfernte mich daher aus der Einſiedelei, ſtieg aufs Gerathewohl von dem Gipfel des Atzulai herab, und befand mich ſehr bald in den huͤglichten und waldigen Ebenen, welche die Nive und der Adour bewaͤſſern. Das Schickſal Alonſo's und Maria's, das Schickſal Pablo's, dieſe ſeltſamen Wechſel, welche ſo mannigfaltig das Privatleben mit allen ſei⸗ nen Zufaͤllen und Anſichten an die Schickſale des ganzen Staates knuͤpfen, das alles beſchaͤftigte meine Seele, und ich merkte erſt in der Naͤhe der kleinen Stadt uſtaritz die ganze Laͤnge des Weges, den ich zuruͤckgelegt hatte. Ich mußte auf der Stelle um⸗ drehen, um vor Anbruch der Nacht noch das Wirths⸗ haus der Frau Hiriart zu erreichen. Unterweges fuhr ſehr bald eine Milchtonne*), ein ſehr ein⸗ *) Caqué au lait⸗ IW. 7 98 faches, aber hochſt ſchnelles Fuhrwerk, das dieſen Gebirgsgegenden eigenthuͤmlich iſt, an mir vorbei. So nennt man naͤmlich zwei von Weidenruthen geflochtene Sitze, die an den beiden Seiten eines Pferdes befeſtigt ſind. Der eine Sitz iſt fur den Führer, der andere fuͤr den Paſſagier, der das Pferd gemiethet hat, beſtimmt, und beide muͤſſen zu gleicher Zeit beſetzt und wieder verlaſſen werden, um das Emporſchnellen zu vermeiden, wovor der ſchwache Tragriemen nicht ſchutzen wuͤrde. Gewoͤhnlich ſind es die Bearner Maͤdchen in ihrer zierlichen Tracht, mit ihren lebhaften und zaͤrtlichen Augen und ihrer anmuthigen Rede, welche die Stelle eines Fuͤhrers hiebei vertreten, und ſie ſuchen jedesmal die Zeit waͤhrend der Reiſe durch eine Unterhaltung zu ver⸗ kuͤrzen, worin ſich eben ſo viel Zuruͤckhaltung als Freimuth offenbart. Eine große Anzahl derſelben findet man an jedem Thore von Bayonne wartend daſtehen; ſie draͤngen ſich da an die Vorbeigehenden heran und ſuchen wetteifernd jeden in Beſchlag zu nehmen, der irgend nach dem Felſen der beiden kie⸗ benden, nach den ſteilen Ufern von Biaritz oder nach den lachenden Ausſichten der Gebirge zu ſeinen Weg nimmt. Da die meiſten derſelben ſchlank und leicht ſend, ſo verſehen ſie ſich jedesmal beim Aufbruch mit einem Ballaſt, der das ſo nothwendige Gleichgewicht erhaͤlt. Diejenige, welche in dieſem Augenblick an mir vorbei flog, hatte zu ihrem Reiſegefaͤhrten eine Per⸗ ſon, die mir durch ihre außerordentlich kleine Statur 99 auffiel. Ein dicker Knebelbart, ein feuriges Auge, ein edles und dabei feines Geſicht, und eine ſtolze Haltung, bildeten an ihm einen ſeltſamen Kontraſt mit ſeiner uͤbrigen Leibesgeſtalt. Sein militaͤriſcher Hut fiel mir anfangs blos durch den großen Umfang ſeiner rothen Kokarde auf; bald entdeckte ich daran auch noch die weiße Feder, welche das Abzei⸗ chen einer bedeutenden Stellung zu ſein pflegt. Der Mantel des Spaniers ſank allmaͤhlig etwas herab, und ließ darunter Grenadier⸗Epaulettes erblicken, die an einen Rock befeſtigt waren, den ich fuͤr das Kleid eines franzoͤſiſchen Nationalgardiſten gehalten haben wuͤrde, wenn nicht das, was an der franzoͤſi⸗ ſchen Uniform weiß iſt, bei ihm gelb geweſen waͤre. Ein ſteiler Berg noͤthigte den Unbekannten, ſein Fuhrwerk etwas langſamer gehen zu laſſen, und er entſchaͤdigte ſich fuͤr die langweilige Verzoͤgerung dadurch, daß er ſich heruͤber zu beugen ſuchte, um den Leib ſeiner ſchoͤnen Fuͤhrerin zu umſchlingen. Dieſe verwandelte ſich jezt auf einmal aus einem nach⸗ ſichtigen und munteren Maͤdchen in eine kalte und ſproͤde.„Nehmet euch nur in Acht,« ſagte ſie zu ihm;„bei euren ungeſtuͤmen Manieren werden wir am Ende noch umwerfen.“ Ich holte ſie jezt ein und ſchritt an ihnen voruͤ⸗ ber. Die Bearnerin richtete an mich den gewohn⸗ lichen Gruß, und der Fremde erzeigte mir ebenfalls dieſe Höflichkeit. Bei dieſer Gelegenheit ſah ich, daß er an ſeiner Bruſt viele Ehrenmuͤnzen und Or⸗ densbaͤnder trug, unter welchen Ehrenzeichen ſich 7* 100 auch der goldne Widder des Ordens vom goldenen Vließe befand. Dieſe Abzeichen eines vornehmen Ranges nnd dabei der gemeine Soldatenrock, der Cigarro, das ganze Fuhrwerk, das edle Anſehn und dabei die gemeinen Manieren, dies alles war mehr als hinlaͤnglich, um mir eine wachſende Neugierde einzuflößen. Ich weiß nicht, ob der Spanier viel⸗ leicht meine Gedanken errieth. Er zog aus einem ledernen Taͤſchchen, das an den Griff ſeines Säbels befeſtigt war, eine Pajita von Havana, bot mir ſie an, und ſagte dann gleichguͤltig zu dem huͤbſchen Landmaͤdchen:„Euer Milchtonnenfuhrwerk kann ſich mit den Staatskutſchen des Hofes vergleichen, da es bald Koͤniginnen, bald Granden von Spanien fuͤhrt.“ Bei dieſen Worten ſieng die Bayonnerin an, weitlaͤuftig von einer Prinzeſſin zu erzaͤhlen, die vor einigen Jahren mit ihr eben ſo an der herrlichen Meereskuͤſte hin eine Streiferei gemacht habe. Die hohe Hand derſelben hatte um ihren Hals die koſtba⸗ re Kette geſchlungen, die ſie eben ſo ſehr aus Gefall⸗ ſucht als aus Dankbarkeit zur Schau trug. Man kann nicht leicht eine Streiferei durch die Pyrenaͤen machen, ohne uͤberall daſſelbe Andenken wieder anzutreffen. Die einfachen Gebirgsbewoh⸗ ner, welche immer erſt dann fürſtliche Perſonen zu loben pflegen, wenn ſie nicht mehr unter ihnen ſind, beeifern ſich ſtets, der hohen Fremden einen Zoll der Bewunderung zu entrichten. Indem ſie ohne ihr Wiſſen ganz dieſelben Ausdruͤcke brauchen, die man an den Hoͤfen zu brauchen pflegt, ruhmen ſie beſtaͤn⸗ 101 dig ihre Gute, ihre reizende Anmuth, und mehr als alles, jene Einfachheit und jenes einnehmende Wohl⸗ wollen, das Perſonen von hohem Range eben ſo viel Ehrfurcht als Liebe zuwege bringt. Die Fuͤrſtin, deren Lob ich hier wiederhole, herrſcht ſchon lange nicht mehr. Ich wuͤrde dieſe Zeilen nicht nieder⸗ ſchreiben, wenn ſie in der Welt noch die Koͤnigin Hortenſia hieße. Der Spanier benutzte die Aufmerkſamkeit, die ich dieſen Erzaͤhlungen ſchenkte, um mich in das Ge⸗ ſpraͤch mit hinein zu ziehen. Die lakoniſche Kuͤrze meiner Antworten ſchreckte ihn in ſeinem Entgegen⸗ kommen nicht zuruͤck, ſondern munterte ihn noch mehr auf. Seine Unterhaltung hatte ganz die Mie⸗ ne eines ſorgloſen Scherzes, und indem er unter ſei⸗ ne Fragen beſtaͤndig witzige Bemerkungen miſchte, fragte er mich endlich, wie viel Stunden er noch von Ainhoa entfernt, ob ich mit der Gegend bekannt ſei, und ſeit wenn ich ſchon hier herum reiſte„Ich komme,““ fuͤgte er hinzu,„im ſtrengſten Incogni⸗ to, wie ihr ſehet, um einen guten Freund zu beſu⸗ chen, der ein Galeerenſclave iſt, und deſſen Aufent⸗ halt auf einem Kamm der Pyrenaͤen ich ſo eben ausgekundſchaftet habe.“ Wir waren auf dem Gipfel des Berges ange⸗ langt. Da bettelte uns ein Blinder an, der blos einen einzigen Arm hatte. Er trug das große ſchwarze Meßgewand der Landleute von Guipuzcva, eine Art Rock mit kurzen Aermeln, der auf beiden Seiten offen iſt und dem feierlichen Kleide gleicht, 102 das unſere Prieſter vor dem Altar anhaben. An ſeinen Fuͤßen trug er die in Bearn gewoͤhnlichen gel⸗ ben Pantoffeln; auf ſeine Schultern fielen lange ſil⸗ berweiße Locken herab. Durch das Geraͤuſch unſe⸗ rer Unterhaltung aufmerkſam gemacht, naͤherte er ſich, um die Hand nach der Gabe der Voruͤberrei⸗ ſenden auszuſtrecken und zeigte dabei ein erroͤthendes Geſicht. Der einzige Freund, den das Schickſal ihm uͤbrig gelaſſen, lag am Boden hingeſtreckt, hatte feſt ſeine Augen auf den Greis gerichtet, und ſtrengte ſich an, ſich aufzurichten und ihm zu folgen; allein der Hund des Blinden war auf dem Punkte, zu ſter⸗ ben. Seit drei vollen Tagen fuͤhlte der Blinde be⸗ reits die Annaͤherung des Augenblicks, wo er fur immer von dem Gefaͤhrten ſeines Elends getrennt werden wuͤrde. Das Stuͤck Geld, das ihm der Fremde zuwarf, fiel in den Staub des Weges und verlor ſich darin. Der Bettler ſuchte mit zitternder Hand es wieder auf⸗ zufinden; allein er ſuchte es vergebens, und eine große Thraͤne fiel aus ſeinem Auge, das ſich blos noch zu Thraͤnen, aber nicht mehr zum Anſchauen des Lichtes oͤffnen konnte. Der Hund raffte ſeine letzten Kraͤfte zuſammen und ſchleppte ſich nach ſei⸗ nem Herrn hin, um ihn zum letztenmal noch zu be⸗ dienen. Ich eilte herbei. Aber ſchon war auch der Spanier von ſeinem Sitz herabgeſprungen, zog ein Goldſtuͤck aus ſeiner Boͤrſe und bot es dem Grei⸗ ſe an, der es gleichguͤltig nahm und wieder zu ſeinem ſierbenden Fuͤhrer zuruckkehrte.„Die Boͤſewichte,“ 103 ſagte er,„haben mir meinen Meierhof weggenom⸗ men, und mich aus meinem Vaterlande vertrieben, Gott hat meine Angela zu ſich genommen, der Krieg hat mich zum Kruͤppel gemacht, das ungluͤck und das Alter haben mich meines Augenlichtes beraubt; jezt iſt mir auch mein guter Hund entriſſen worden und blos mein Stab bleibt mir noch uͤbrig; wenn wird man mir auch noch dieſen wegnehmen?“ So ſprach er voll Verzweiflung. Der Fremde hoͤrte ihm voll Erſtaunen zu, ergriff ſeine Hand, umarmte ihn und rief:„Alter, ihr ſeid der große Enrique Enriquez, der ehemalige Paͤchter meines Vaters. Segnet eu⸗ er Schickſal, und erkennet in mir Don Carlos, den Freund, den Reffen eurer Wohlthaͤterin wieder.“ Der alte Matador richtete ſein unter der Laſt der Jahre gebuͤcktes Haupt empor, gleichſam als wollte er den Spanier anſehen; indeß er vermochte blos ſeufzend die Hand, welche die ſeinige gefaßt hielt, an ſeine Lippen zu druͤcken. Sein Mund ſtammelte abgebrochene Worte hervor, dann wendöte er ſich wieder zu dem Zeugen ſeines Ungluͤcks. Seine Hand empfieng und erwies ihm die letzte Liebkoſung; der Hund war in dieſem Augenblick verſchieden Der Blinde uͤberließ ſich nunmehr ſeiner Betruͤbniß und weinte wie ein Kind. In dieſem Moment zog eine andere Scene meine und Don Carlos Aufmerkſamkeit auf ſich. Er war naͤmlich ſo ungeſtuͤm von dem Fuhrwerk herabge⸗ ſprungen, daß die beiden Weidenkoͤrbe heruntergeflo⸗ gen waren. Das Pferd, das dadurch von ſeiner Laſt 104 befreit wurde, hatte wieder den Heimweg eingeſchla⸗ gen, und das Maͤdchen bat mit großem Geſchrei die Schaͤfer, die im Thale weideten, daß ſie doch ihr entflohenes Zugpferd aufhalten moͤchten. Der Spanier lachte anfangs uͤber die Verzweiflung ſeiner Reiſegefaͤhrtin, doch die ruͤhrenden Klagen des En⸗ riquez brachten bald wieder eine Stoͤrung in ſeine Heiterkeit.„Heilige Jungfrau!“ ſagte der Greis voll Verzweiflung;„wer wird mich inskuͤnftige noch lieben?“—„Haſt du keine Kinder mehr?“ frag⸗ te Don Carlos geruͤhrt.—„Nein; ich muß wohl keine mehr haben, ſonſt wuͤrden ſie ja laͤngſt zu mir gekommen ſein.“—„Laß deinen Irr⸗ thum fahren; Antonio lebt noch, ich traf ihn vor wenigen Stunden in den Mauern von Bayonne, und da ſprach er ſehr liebevoll mit mir von ſeinem Va⸗ ter, den er bereits auf immer verloren zu haben meinte. Morgen wird er dir wiedergegeben wer⸗ den. Ich werde jezt meinen Weg zu Fuße weiter verfolgen, und wenn das Maͤdchen da ihr Zugpferd, das Feldeinwaͤrts laͤuft, wieder bekommen haben wird, ſo kannſt du ihr ſagen, daß ich dir meinen Sitz abgetreten haͤtte. Sodann ſteige nur ja im beſten Wirthshauſe von Ainhoa ab, und kuͤndige den Leuten an, daß du fuͤr einen ſpaniſchen Granden Quartier machen kaͤmeſt. Indeß ich brauche nicht das ganze Haus; du weißt ja, daß ich fuͤr mich nicht viel Platz noͤthig habe.“ Bei dieſen Worten ſchlug der Fremde mir vor, ich moͤchte ihm doch Geſellſchaft leiſten. Dann 3 * 105 nahm er mich vertraulich beim Arme, und wir gien⸗ gen mit einander fort, nicht ohne mehr als einmal uns nach dem Bettler umzuſehen, und ihn wegen des Verluſtes ſeines Fuͤhrers zu beklagen. Wie viele Menſchen verſchwinden von der Erde, ohne ein ſo theilnehmendes Bedauern zu finden. Aber freilich kommt es auch daher, daß nur zu viele derſelben durchs Leben hingehen, ohne ſo viel Gutes gethan zu haben, als dieſer Hund des Blinden. An ſol⸗ chen muß man blos ihr Leben beweinen, aber nicht ihren Tod. Ich ſchritt vorwaͤrts, erfreut daruͤber, daß ich dem Freunde Alonſo's und Maria's begegnet war. „Ihr ſeid ein Franzoſe,“ ſagte er zu mir,„ ich bin ein Spanier; indeß wir ſind beides Leute von Ehre und von Freimuͤthigkeit, und wir werden daher bald die beſten Freunde von der Welt ſein.“ Da ich ber dieſen ſchnellen Uebergang zur Vertraulichkeit uͤber⸗ raſcht ſchien, ſo fuhr er fort:„Ich mag nichts von Foͤrmlichkeiten wiſſen; die Frangüeza geht mir uber alles. Ihr ſeid jung, ich bin nicht eben ſo gar alt; ihr ſeid ohne Zweifel ein Baske, ich da⸗ gegen ein Andaluſier von Geburt, ein Kammerherr meinem Stande nach, ein Exaltado aus Grund⸗ ſatz, ein Milizſoldat aus bloßem Vergnugen, und ein Grande von Spanien um meiner Suͤnden willen. Wir beide ſind Buͤrger freier Staaten, ihr ſehet, daß wir zuſammen paſſen. Ihr wenigſtens paſſet fuͤr mich, und wenn ihr daſſelbe eurerſeits meinet, ſo ſind wir fuͤr das ganze Leben mit einander eins.“ 106 Ich wußte damals noch nicht, daß die Spanier in ihren Umgangsformen beſtaͤndig die Extreme lie⸗ ben, und bei der erſten Begegnung entweder durch eine ſtolze Gravitaͤt oder durch eine ploͤtzliche Ver⸗ traulichkeit uͤberraſchen. Sie gehen in ihrem Um⸗ gangsverkehr oft von kraͤnkendem Mistrauen zu der bewunderungswuͤrdigſten Dahingebung uͤber. Ich ſah daher den Sohn Don Juans einigermaßen ver⸗ wundert an.„Es geht euch,“ ſagte jener,„mein Herr Baske, gerade ſo, wie ich es berall auf mei⸗ nen Reiſen geſehen habe. Die Franzoſen, die neben meinen Mitbuͤrgern wie Rieſen erſcheinen, ſtellen ſich auf die Fußzehen, um an meine Grandezza hinanzu⸗ reichen, und wenn ich dann mit meinem hohen und ſchlanken Wuchſe, wie ihr ihn hier vor euch ſehet, mich ihnen vorſtelle, ſo iſt mir es, als beſchuldigten ſie mich, daß ich die Haͤlfte meiner Perſon ihren Au⸗ gen entzogen haͤtte. Gott ſei Dank! die Menſchen werden nicht wie die Pyramiden Aegyptens nach der Elle geſchätzt, und wenn dieſer Widder, den ich am Halſe trage, mehr die Verdienſte meiner Vorfahren als meine eigenen bezeugt, ſo beweiſen andrerſeits dieſe Ehrenzeichen, die ihr auf meiner Bruſt ſehet, daß mein kleiner Arm ſtarke Streiche zu fuͤhren weiß. Ich wuͤrde gern alle meine Litel, meine Hute und meine Ahnen fuͤr die unwillkuͤhrlichen Komplimente hingeben, die mir der Moniteur ſo oft ſchon gemacht hat. Aber von nun an— fuhr er fort— keine Umſtaͤnde und keine Foͤrmlichkeiten mehr; wir ſind ja bereits ganz alte Bekannte.“ 107 ——— Don Carlos wußte gar nicht, wie viel wahres in dieſer ſeiner Behauptung lag. Ich ſah, wie geneigt er zu Herzensergießungen war, und da ich faſt mit Gewißheit vorausſah, daß ich von ihm ſehr bald das Ende der Geſchichte erfahren wuͤrde, die mich ſo in⸗ tereſſirt hatte, ſo erzaͤhlte ich abſichtlich ihm auf ſeine Fragen die Geſchichte meines Aufenthalts in dieſen Gebirgen. Ich theilte ihm mit, wie ich das Ma⸗ nuſcript von Ainhoa entbeckt hatte, und wie ich mit Fray Pablo zuſammengetroffen war. Er fand in meinem Abenteuer eine Art von beluſtigendem Roman. Sein erſtes Wort hieruͤber war, daß er ſich erbot, den Faden der Geſchichte Don Alonſo's von dem Punkte an gafzunehmen, wo ihn der Einſiedler ab⸗ gebrochen hatte. Ich hoffte, daß er mir die Ange⸗ legenheiten ſeines Landes unter einem ganz neuen Geſichtspunkt zeigen wuͤrde. Dieſe entgegengeſetzten Anſichten, ſo traurig ſie auch ſein moͤgen, ſind gleich⸗ wohl fuͤr den Weiſen fruchtbare Gegenſtaͤnde des Rachdenkens, und ſie allein ſind im Stande, vermoͤge des Lichtes, das ſie verbreiten, unſer urtheil uͤber den Gang der menſchlichen Angelegenheiten aufzu⸗ klaͤren. Mit Vergnuͤgen nahm ich daher das An⸗ erbieten des vornehmen Rilizſoldaten an, und im Gehen begann er ſeine Erzaͤhlung, wie folget. 108 Erzählung des Don Carlos. Erwartet ja nicht von mir eine regelmaͤßige Ge⸗ ſchichtserzaͤhlung. Ich werde auf gut Glück die Begebenheiten fluͤchtig durchlaufen, ſo wie es das Schickſal zu machen pflegt, das ſie leitet, und ich werde mich freuen, wenn meine Erzaͤhlung, unge⸗ achtet ihres Mangels an Zuſammenhang, euch in eurer Achtung fuͤr mein Vaterland befeſtigt. Fray Pablo ließ uns— wie ihr ſagt— mitten in den Flammen. Ihr werdet gewiß ſchon wiſſen, daß ich meine Kouſine Aldouza in einem Nonnenklo⸗ ſter angetroffen hatte, welches die Hoͤhen ſchmuckte, an deren Fuße unſer Heer gelagert war. Ich eilte, um Matea von der Freude, die ihr bevorſtand, zu benachrichtigen, und ward durch ein Gefecht, eine unordentliche—— eine, von ihr getrennt. Ich ſuchte Aonſo s Vorgange folgend bis zu wei Orte vorzudringen, wo die liebenswuͤrdige Aldouza, die Markiſin und die ganze Kloſtergemeinde in Todes⸗ noͤthen ſchwebte. Ein lautes Schreien rief mich an den Fuß einer hohen Mauer, ich ſuchte an derſelben hinanzuklettern, und erblickte mitten in einem bren⸗ nenden Hofe ein junges Maͤdchen, das bereits von Flammen rings umgeben, am Fuß einer Mauer ſtand, die ſie vergebens zu uͤberſteigen bemuͤht war. Wie ſehr ſind die Frauen zu beklagen, daß ſie Furcht empfinden! Ich empfand damals zum erſtenmal in 109 meinem Leben eine Anwandlung davon; mir war, als durchdraͤnge die Eiskaͤlte des Todes meine Adern. Mit Hilfe eurer Soldaten, die jezt eben ſo viel feu⸗ rigen Muth zeigten, um uns zu unterftuͤtzen, als fruͤher, um uns zu bekaͤmpfen, war ich ſo glucklich, dem Tode ein Opfer zu entreißen; und in dieſem Augenblick ſtuͤrzte auch ſchon das Kloſter zuſammen. Die Feuersbrunſt verbreitete nun nicht mehr ih⸗ ren duͤſtern Schein, ſondern ein dicker Rauch erhoͤhte nur noch die Finſterniß der Nacht. Dieſer Anblick war wirklich grauenvoll. Die Armee zweifelte nicht, daß ihre edeln Anfuͤhrer unter den Truͤmmern ver⸗ ſchuttet worden ſeien, und jeder ſuchte jezt blos das Gebirge zu erreichen. Ich ſchritt voll Verzweiflung von dannen, indem ich die junge Spanierin fern von dieſem weiten Grabe hinwegfuͤhrte, worin ſo viele Gegenſtaͤnde der Liebe, ſo viele Hoffnungen begraben worden waren. Der Tag brach an; Aldouza hatte meine Geſichtszuͤge noch nicht ganz vergeſſen. Als ſie mich wiedererkannte, flog ein Laͤcheln uͤber ihr Geſicht hin, und ich wunderte mich, wie ſehr in den eben verfloſſenen zwanzig Monaten ihr Geſicht an le⸗ bendigem und einnehmendem Ausdruck gewonnen hatte. Wir erreichten endlich Anhoͤhen, wo es der Armee gelungen war, ſich zu ſammeln. Denkt euch nun meine Freude, als ich da die Markiſin und mei⸗ nen edeln Freund mitten unter den Soldaten erblickte, die uͤber ihrem Anblick alle ihre Unfälle und Gefahren vergaßen. Die Heldin von Saragoſſa, die eine lange Zeit auf dem Vorplatze des Kloſters an der Seite der 11⁰0 Gitana verweilt hatte, hatte von den Gefuͤhlen je⸗ ner ſchrecklichen Nacht einen tiefen Einbruck zuruͤckbe⸗ halten. Alonſo wunderte ſich uͤber ihre Gemuͤths⸗ unruhe und noch mehr uͤber ihr Stillſchweigen. Er wußte nicht, ob er das Entſetzen, das ihre ſonſt ſo muthige Seele erfuͤllte, dem furchtbaren Nachtſchau⸗ ſpiel oder irgend einem Orakelſpruche der Zigennerin zuſchreiben ſollte. Allein je mehr Erſtaunen und Betruͤbniß er zeigte, je liebevoller ſeine Sprache zu ihr war, deſto mehr beantwortete auch Maria ſeine Bitten durch unruhige Blicke und durch Thraͤnen. Ich erſchien alſo daſelbſt mit der jungen Graͤfin, welche ganz erſtaunte Blicke um ſich her warf, und dann in die Arme der Markiſin flog. Wir mußten nunmehr daran denken, nach den Ebenen Andalu⸗ ſiens aufzubrechen. Ich zog voll Freude durch die Ebenen von Baͤtica. Maria allein blieb waͤhrend dieſes militaͤriſchen Zuges traurig. Sie erbebte bei jeder Ruͤckerinnerung an die Gitana. Eine unbe⸗ ſchreibliche Melancholie verlieh ihrer ganzen Perſoͤn⸗ lichkeit einen hoͤheren Reiz; ſie verband jezt mit der Anmuth, dem Geiſt und dem Gemuͤth einer Franzö⸗ ſin, mit der feurigen und ſtolzen Phantaſie einer Spanierin, jene ſinnige Verſchaͤmtheit einer Englaͤn⸗ deein, die oft durch einen einzigen Blick alles Zart⸗ gefuͤhl und alle Reinheit, deren nur irgend ein weib⸗ liches Herz faͤhig iſt, auszudruͤcken weiß. Nicht ohne Muͤhe erreichte meine Truppenabthei⸗ lung die ufer des Santi Petri, eines Armes des Guadalete, der die Inſel Leon von dem feſten Lande 111 Andaluſiens ſcheidet und die Bucht von Cadir mit dem Ocean in Verbindung ſetzt. DieFranzoſen ver⸗ folgten den Herzog von Albuquerque auf den Ferſen, deſſen beſonnener Marſch das alte Gades und in die⸗ ſer Stadt das Bollwerk der Unabhaͤngigkeit Spaniens rettete. Alonſo war genoͤthigt, unſeren Truppen mit den Waffen in der Hand einen Weg zu bahnen, und wir erreichten die Bruͤcke von Suazo. Die ganze Bevoͤlkerung des Guadalquivirthales belagerte dieſen ſchmalen Eingang, um ſich durch denſelben aus der Botmaͤßigkeit der Fremden zu fluͤchten; in⸗ deß das Intereſſe der Vertheidigung zwang uns, dieſe flehende Volksmenge zuruͤckzuweiſen. Wir haben hinterher erfahren, daß unter der Zahl dieſer Fluͤcht⸗ linge ſich unter andern auch der alte Don Luis und ſeine Gemahlin befunden habe. Haͤtten dieſe in die ſchuͤtzenden Linien aufgenommen werden koͤnnen, ſo haͤtte ihr Sohn kein ſo ſchreckliches Ungluͤck ju be⸗ weinen gehabt. In Cadix hatte ſich zur Regierung der Stadt eine Junta gebildet. Dieſe empfing uns, ſo wie wir die Inſel betraten, unter dem lauten Zuruf des Volks und der Truppen. Domingo ſchritt an ihrer Spitze einher, und Aldonza, die von den ſchreckli⸗ chen Begebenheiten, denen ſie ſo eben beigewohnt hatte, noch ganz beſtuͤrzt war, ſank weinend in die Arme ihres theuren Großvaters. Indeß miſchte un⸗ ter ihre Freude ſich ein wehmuͤthiges Gefuͤhl.„Ar⸗ mes Kind,“ ſagte der Gadetanier,„ich finde dich wieder, und habe dagegen deine Mutter verloren! 112 Sie werde ich nicht mehr wiederfinden; denn die Ehre und das Vaterland ſcheiden mich von ihr.“ Er erzaͤhlte uns, die Centraljunta, die zu viele Mitglieder fuͤr eine Regierungsbehoͤrde, und wiede⸗ rum zu wenige fuͤr eine Nationalverſammlung ge⸗ habt, die durch ihre Geſinnung, durch unſere Un⸗ faͤlle, und mehr noch durch das ewige Zoͤgern, wo⸗ mit ihr argwoͤhniſcher Ehrgeiz ſich funfzehn Monate lang gegen eine Zuſammenberufung der Cortes ſtraͤubte, ſich um die Volksgunſt gebracht, habe ſo eben dem Geſchrei des Unwillens und der Rache, wo⸗ mit man ſie auf ihrer ganzen Flucht von den Thoren Sevilla's bis zu den Mauern von Cadix uͤberall em⸗ pfangen, nachgegeben. Sie haben ſich genoͤthigt ge⸗ ſehen, den Grafen von Montijo und Don Francisco Palafox in Freiheit zu ſetzen, denen man Schuld gab, daß ſie im vorigen October mit dem Herzog von In⸗ fantado jene Verſchwoͤrung angeſponnen haͤtten, die obwohl entdeckt, dennoch die Junta zur Zuſammen⸗ berufung eines Kongreſſes bewog. Die Freilaſſung dieſer beiden bedeutenden Maͤnner konnte indeß die gerechte Erbitterung des ſpaniſchen Volkes noch lan⸗ ge nicht zufriedenſtellen, und die Inhaber der hoͤch⸗ ſten Gewalt mußten ihre Macht in die Haͤnde einer Regentſchaft von fuͤnf Mitgliedern niederlegen, unter denen auch Don Alonſo ſich befand. Maria bebte vor Freude, als ſie dieſe unerwartete Nachricht er⸗ fuhr. So einfach und beſcheiden ſie war, ja ſo ſehr ſie auch fur ihre Perſon Einſamkeit und Zuruͤckgezogen⸗ heit liebte, ſo empfand ſie gleichwohl einen gewiſſen 113 Ehrgeiz, ſo oft von ihrem Bruder die Rede war, und ein Engelslaͤcheln glaͤnzte auf ihren Lippen mitten unter Thraͤnen. Ich beneidete meinen Freund um die beiden verſchiedenartigen Gefuͤhle, die das Herz der Markiſin zu theilen ſchienen, und eine innere Stimme ſagte mir, daß ich der glucklichſte Sterbliche ſein wuͤrde, wenn je eine Frau in ihrem Herzen uͤber mich dieſelbe ſelige Freude empfaͤnde.„Mein Gott!“ rief ſie aus,„wodurch habe ich es denn verdient, daß ich als Alonſo's Schweſter.„««, hier hielt ſie inne und fuhr dann mit einem unruhigen und aͤngſt⸗ lichen Blick auf das junge Regentſchaftsmitglied fort —„als Alonſo's Schweſter geboren worden bin?“ Wit zogen durch San Fernando, durch dieſe volkreiche Stadt, die ſeit einigen Jahren wie durch einen Zauber im Herzen der Inſel Leon emporgeſtie⸗ gen iſt. Die von Natur lebhaften Bewohner dieſer Gegenden vergaßen die Gefahren und Unfaͤlle ei⸗ ner Belagerung, und waren blos und allein auf die Anſtalten der Vertheidigung bedacht. Alonſo ward auf ſeinem Zuge von einer unzaͤhligen Men⸗ ſchenmenge umgeben, die in der Veraͤnderung der Oberſtaatsbehoͤrde Erſatz fuͤr alles erlittene Ungluͤck und ein Unterpfand kuͤnftigen Gluͤckes zu ſehen glaubte. Dies Gefolge begleitete uns auf der langen Kunſt⸗ ſtraße hin, welche San Fernando und Cadix verbin⸗ det, und die hie und da auf beiden Seiten von den Wellen des Oceans beſpuͤlt, noch haͤufiger aber mit zierlichen Gebaͤuden, prachtvollen Kaffeehaͤuſern, Kiosken und Gaͤrten eingefaßt iſt. Waͤhrend dieſes w. 8 114 zwei Stunden langen Triumphzuges konnten wir mit unſeren Augen auf dem gegenuͤber liegenden Ufer die Bewegungen des franzoͤſiſchen Vortrabs beobachten, und wir ſahen, wie ſie ihre Feldzeichen an den Kuͤſten dieſes Oceans aufpflanzten, der ihnen wie eine un⸗ uͤberſteigliche Schranke erſchien. Wenn die Erdzunge, auf welcher damals unſere Fuͤße ſtanden, gleich jener Inſel Erythia, deren Stelle im Meere die Alten noch bezeichnet haben, von den Meereswogen verſchlungen worden wäre, ſo war es um die Monarchie Philipps des Fuͤnften geſchehen, und der Schwiegerſohn Fran⸗ zens des Zweiten wuͤrde vielleicht noch uͤber die Welt gebieten. Wir ruͤckten in die Stadt des Herkules ein; die Bezeigungen des allgemeinen Enthuſiasmus verdop⸗ pelten ſich. Wir ſahen, wie durch den von Mund zu Mund fliegenden Namen Alonſo's herbeigelockt, ein Gelehrter auf uns zu eilte, dem ich alle meine Kenntniſſe uͤber die Inſeln, die nicht mehr exiſtiren, verdanke. Don Mathias war Mitglied einer Com⸗ miſſion, die von der Centraljunta beauftragt worden war, alle Denkmale und Spuren der ehemaligen Cor⸗ tes zu ſammeln und die Zuſammenberufung der neuen vorzubereiten. Er eilte ſeinem Zoͤglinge entgegen. Beim Anblick ſeiner Wohlthaͤterin, die er lange ſchon als eines von den Opfern des 2. Mai's begraben glaubte, bei dem Anblick des Fray Vincente, ihres jetzigen Kapellans, eines feſten und beſonnenen Or⸗ densgeiſtlichen, der neben ihr her gieng, vergaß der Doctor in der Ueberraſchung ſeine wohl ausſtudirte 115 Anrede, und vermochte ſich blos noch auf die Worte zu beſinnen:„Jugendlicher Held, Euer Excellenz ſind glucklicher als Caͤſar, denn ſie treten, ohne je⸗ mandes Ruhm zu beneiden, in dieſe Mauern ein, wo der Beſieger des Pompejus uͤber die fruͤhen Triumphe des Beſiegers des Darius Thraͤnen vergoß.“ Alonſo ſah kaum auf dieſe Huldigungen hin, die ihm von allen Seiten her erwieſen wurden. Das ganz zu Boden gedruͤckte Spanien, das bereits beunruhigte und bald darauf ganz in Aufruhr ge⸗ rathende Amerika, das ganze gegen uns verbuͤndete Europa, dieſe ſchmale Sandbank, welche das lezte Bollwerk einer Nation geworden war, die unlaͤngſt noch zwei Welten umfaßte,— alle dieſe Betrachtun⸗ gen zuſammengenommen haͤtten einen minder edeln Muth, als der unſrige war, leicht niederdruͤcken koͤn⸗ nen. Ich erwog mit meinem Freunde die Groͤße unſerer Unfaͤlle und unſerer Gefahren; die Ausſich⸗ ten, unter denen ſich das Jahr 1810 eroͤffnete, er⸗ ſchreckten mich, ich kann es wohl geſtehen, und er, der ſtets unerſchuͤtterliche, ſagte zu mir:„Don Carlos, die Erde entſchluͤpft uns; aber blicke nur empor; uns, die wir fuͤr die Sache der Gerechtig⸗ keit und der Freiheit bewaffnet, die wir Vertheidiger des Rechts auf der Welt ſind, uns iſt wenigſtens der Himmel noch offen geblieben.“ Die Aufgabe, welche die Regentſchaft zu loͤſen hatte, war ſchwierig und groß. Es kam hier dar⸗ auf an, die Begeiſterung der auf allen Punkten be⸗ ſiegten Landeseinwohner rege zu erhalten, im Herzen 8* 116 der bereits unterworfenen Koͤnigreiche Heere auf⸗ zubringen, die Finanzen herzuſtellen und Steuern zu erheben, und das alles unter Zeitumſtaͤnden, wo man weder irgend ein Grundgebiet noch auch Unterthanen zu beherrſchen hatte. Doch nicht blos die Halbinſel war Gegenſtand der Sorgen der Regierung. Alonſo hatte auch ſeine Blicke auf die andere, uns unter⸗ worfene Erdhaͤlfte gewendet, und ſann auf eine wohlthaͤtige Verfaſſung fuͤr dieſelbe, um jene Gegen⸗ den von ihrem Streben nach Unabhaͤngigkeit abzulen⸗ ken; allein er fand um ſich her keine empfaͤnglichen Geiſter, die mit dem ſeinigen auf gleicher Hoͤhe ge⸗ ſtanden haͤtten, und ein Geſetz fuͤr die Handelsfrei⸗ heit, welches vielleicht noch auf einige Zeit die wan⸗ kende Treue der Kolonieen aufrecht zu erhalten ver⸗ mocht haͤtte, war das einzige, was man bei der Re⸗ gentſchaft durchſetzen konnte, und ſelbſt dieſer Schritt zog ihr viele Stuͤrme zu. Die Junta von Cadix, die mit rivaliſirender Anmaßung dem Staatsrath zur Seite ſtand, ſetzte dieſen erlaſſenen Verguͤnſtigungen ihren furchtbaren Einfluß entgegen. Dieſe Junta, die aus Kollegen Domingo's zuſammengeſetzt war, verbreitete eifrig liberale Ideen; gleichwohl wollte ſie die Knechtſchaft unſerer uͤberſeeiſchen Mitbuͤrger, und die Leidenſchaften der Volksmenge ſtimmten gar wohl mit dieſem Wunſche, den ein kaufmaͤnniſches Intereſſe den Cadixern eingab. Die eingeſchuͤchterte Regentſchaft nahm nach Ablauf von fuͤnf Wochen die von ihr erlaſſene Verfuͤgung wieder zuruͤck; ganz Amerika erhob nun die Fahne des Aufruhrs, und 447 dies war die erſte Frucht des Triumphs, den unſere Kaper und Kaufleute ſo eben errungen hatten. Leute, die blos dazu geboren ſind, um Gold zu zaͤhlen, um vom Rechnen zu leben und die ganze Welt in Zahlen und Ziffern aufzuloͤſen, haben in ihrer Seele nicht den Schwung, der uns uͤbrige Menſchen von edler Abkunft antreibt, die Gefahren des Kriegs aufzuſu⸗ chen, in die Kampfbahn zu eilen, um es da mit dem wuͤthenden Stier aufzunehmen, und tauſendmal lie⸗ ber Armuth zu dulden, als unſere Haͤnde zu Lohn⸗ arbeiten herzugeben. Dieſe Klaſſe des Buͤrgerſtandes, die jeder Art von Menſchenliebe und Edelſinn ent⸗ fremdet iſt, verdient nur zu ſehr den Miskredit, wo⸗ mit wir ihn nach dem Vorgange unſerer Altvorderen behandeln. England, das von einer Kaufmannspolitik re⸗ giert und erniedrigt wird, deſſen Kabinett blos ein ſchmutziges Intereſſe, engherzige Anſichten, ſelbſi⸗ ſuͤchtige Geſinnungen und eine Habſucht hegt, vor welcher alle edeln Gedanken, Neigungen und Pflich⸗ ten verſtummen muͤſſen, England machte in Hinſicht auf die Kolonieen gemeinſchaftliche Sache mit der Cadixer Junta. Unſere Kaufleute bekaͤmpften ein großherziges Syſtem aus Furcht, den Alleinhandel in einer ganzen Erdhaͤlfte einzubuͤßen, Großbritannien dagegen aus Furcht, daß Amerika noch laͤnger dem Mutterlande unterworfen bleiben moͤchte. Dieſe Macht, die als Feindin vielleicht furchtbar, als Bun⸗ desgenoſſin aber noch weit verderblicher iſt, hat uns. waͤhrend dieſes langen Kampfes eben ſo viel zu ſchaf⸗ 118 fen gemacht, als der franzoſiſche Einfall und der innere Zwiſt. Indem es unaufhoͤrlich Verſuche machte, um ſeine Truppen in die Mauern von Ca⸗ dir einzufuͤhren und ſich dadurch vielleicht den Beſitz eines zweiten Gibraltars zu ſichern, indem es auf unſere Unfaͤlle ſpekulirte, um fuͤr ſich demuͤthigende oder belaͤſtigende Verguͤnſtigungen zu fordern, indem es ſich abwechſelnd an die entgegengeſetzteſten Par⸗ theien anſchloß, und blos derjenigen treu blieb, deren Triumph unſer Spanien in Unwiſſenheit, Armuth und Nachtheil zu erhalten wußte, machte es ſich da⸗ durch unbeliebter, ja verhaßter, als unſer treuloſer Unterdruͤcker. Es wuͤrde ſchwer ſein, alles das Unheil zu zählen, das ſein Buͤndniß uns zuwege ge⸗ bracht hat. Aber das Gute deſſelben.. Seine Soldaten haben blos dazu gedient, um Badajoz und San Sebaſtian zu pluͤndern, und haben blos in der lezten Zeit, das heißt, wo die Sache bereits entſchie⸗ den war, euern Legionen auf eine ernſtliche Weiſe die Stirn geboten. Bis dahin blieben ſie in dem ver⸗ ſchanzten Lager von Portugal eingeſchloſſen, und mögen da vielleicht einige eurer Heeresabtheilungen in Unthaͤtigkeit erhalten haben; allein was war denn ihre kleine Anzahl im Vergleich mit der Ausdauer der Spanier? In einem Lande, wo fuͤnfmal hundert⸗ tauſend Spanier umgekommen ſind, was hätten da einige tauſend Menſchen mehr denn wohl ausge⸗ richtet? Aber haben uns etwa die brittiſchen Flotten mehr Nutzen gewaͤhrt? Ich glaube nicht. Richt 119 die Bucht von Puntales hat Cadir gerettet, noch auch der ſchmale Kanal von Santi Petri hat die Inſel Leon vertheidigt, ſondern eine Begeiſterung fuͤr Re⸗ ligion und Ehre, die ſich unter der Geiſtlichkeit wie unter der Armee, unter dem Volke wie unter den Großen fand. Dieſe einmuͤthige Stimmung, die einen jeden zum Aufſeher und zum Nebeybuhler der andern machte, ſtellte das Gewiſſen eines jeden auf die Goldprobe, und den Muth auf die Feuerprobet Das Volk, welches in ſeinem Argwohn und in ſeiner Furchtbarkeit weit entfernt war, einer Ermuthigung oder Unterſtuͤtzung von Seiten ſeiner Oberhaͤupter zu beduͤrfen, unterſtutzte vielmehr dieſe durch ſeinen un⸗ beugſamen Willen und durch ſeine unruhige Wach⸗ ſamkeit; die Reichen, die wegen ihres Vermoͤgens in Unruhe, die Großen, die den glaͤnzenden Anerbie⸗ tungen Pepes ihr Ohr zu leihen geneigt waren, dach⸗ ten beſtaͤndig daran, daß ſie unter der Aufſicht des Volkes ſtaͤnden. Die groͤßte Gefahr lag nicht in der Beſorgniß eines Beſchießens oder eines Sturms von Seiten des Feindes; wer auch nur ein Wort von Uebergabe geſprochen haͤtte, wuͤrde auf offener Straße tauſendfaͤltig den Tod gefunden haben. Die Belagerung begann unterdeſſen. Alle Buͤr⸗ ger thaten Waffendienſt; ihre Toͤchter und Gattin⸗ nen dagegen halſen mit an den neu errichteten Waͤllen ſchanzen und pflegten die Verwundeten; beſonders war Maria mit Erfuͤllung dieſer frommen und edeln Pflichten eifrig beſchaͤftigt. Gar mancher franzd⸗ ſiſche Soldat verdankte ihrer menſchenfreundlichen 120 Sorge ſein Leben; gar mancher erhob von ſeinem Krankenlager das Haupt, um dieſen hilfreichen Engel anſchauen zu koͤnnen, und wenn er dann ſah, welche Haͤnde ſo eben ſeine Wunden verbanden, konnte er ſich nicht genug wundern, daß die edle Amazone ab⸗ wechſelnd bald Soldat im Felde, bald Pflegerin am Krankenbette ſein koͤnne. Die kleine Graͤfin hatte mit der nalven Zutrau⸗ lichkeit ihres Alters ſich es ausgebeten, daß ſie doch bei Maria bleiben duͤrfe. Dieſe hatte ſehr gern dar⸗ ein gewilligt, durch Uebernahme dieſer angenehmen Vormundſchaft ſich ein neues Geſchaͤft aufzubuͤrden, und Don Domingo war ſehr froh, die geliebte Enkel⸗ tochter, die wir ihm wieder zugefuͤhrt hatten, einer ſo einſichts⸗ und liebevollen Pflegerin uͤbergeben zu koͤnnen. Die Markiſin, die ganz ihren eifrigen Sor⸗ gen ſich widmete, lebte in einer tiefen Zuruͤckgezogen⸗ heit im Kreiſe Alonſo's, den ſie in ſeinen Arbeits⸗ und Mußeſtunden aufzuheitern ſuchte, Aldouza's, welche ſie von den Freuden wie von den Pflichten der Mutterliebe unterrichtete, und der Oberin des Klo⸗ ſters***, der guten Sor Maria de los Dolores, die gleich uns ſich nach der Inſel Leon gefluͤchtet hatte. Der Erzbiſchof und Don Domingo fanden ſich oft in dieſem traulichen Zirkel ein, um ihn ganz vollſtändig zu machen; auch ich hatte vermoͤge meiner Blutsverwandtſchaft Zutritt dazu, denn ihr werdet wohl ſchon bemerkt haben, daß vermoͤge des Brauchs unſerer großen Familien, ſich blos unter einander zu 12½ verheirathen, ich beinahe jedermanns Vetter bin. Mir war, als wuͤrde ich durch mein Leben in dieſem Kreiſe edler Seelen ſittlich beſſer. Zweites Kapitel. Unterdeß war das Jahr 1810 in ſeinem Laufe vorgeruͤckt. Die ganze Welt war mit unſerem Un⸗ gluͤck erfuͤllt. Carraccas, Venezuela, Chili, Porto Rico, Florida, Mexico und Buenos Ayres ſagten ſich vom Mutterlande in dem mißlichſten Zeitpunkte los, erklaͤrten ſich durch die Stimme der Großen, des Volks, der Soldaten und noch oͤfter der Geiſtlichkeit fuͤr Republiken; die feſten Plaͤtze Kataloniens fielen einer nach dem andern, unſere Banden wurden uͤberall zerſtreut, und die Voͤlker unterwarfen ſich allmaͤhlig dem Herrn, den ihnen die Gewalt aufdrang. Die Konſtitution von Bayonne lockte die hoͤhern Staͤnde, die der Willkuͤhr, des Verfalles und des hoffnungslo⸗ ſen Kampfes laͤngſt muͤde waren. Kurz, Spanien war beſiegt und in ſich aufgeloͤſt, und exiſtirte nur noch auf dem Felſen von Gades. Hier blieb uns noch eine Macht treu, welche die Vertheidiger einer guten Sache niemals im Stich gelaſſen hat, die Zu⸗ kunft; und ſo verloren wir denn nicht den Muth. Die beiden großen Partheien, in die ſich die Welt theilt, waren beide auf gleiche Weiſe von der warnenden Lehre erſchuͤttert, die uns Godoy, Maria 122 Luiſe, Karl der Vierte und Don Ferdinand ſelber gegeben hatten, und hegten daher, gleich von An⸗ fang unſeres heiligen Aufſtandes an, gegen den Des⸗ potismus, der alles verdorben, einen gleichen Haß. Selbſt diejenige Koͤpfe, die am meiſten an den Ue⸗ berlieferungen und Grundſaͤtzen der geſtuͤrzten Regie⸗ rung hiengen, fuͤhlten das Beduͤrfniß, den Verwuͤ⸗ ſtungen einen Damm zu ſetzen, welche die Staats⸗ einrichtungen und Verſprechungen des Thronanma⸗ ßers anrichteten. Ohne gerade die ſich entgegen⸗ ſtehenden Partheien einander zu naͤhern, fuͤhrte doch jeder eurer Siege die Sprache, welche jede einzelne fuͤhrte, der andern naͤher; die ſo ganz von Grund aus geſtuͤrzte, unumſchraͤnkte Gewalt ſchien bei un⸗ ſern Unfaͤllen wieder aufzuleben, um den allgemeinen Haß gegen ſich rege zu erhalten. Jedermann ſprach von dem Fundamental-Vergleich, den man wieder⸗ herzuſtellen oder neu zu errichten habe. Es war, als befolgten der Großvater der Aldouza und Fray Cayetano dieſelben Grundſaͤtze, und als arbeiteten ſie auf dieſelbe Zukunft hin; auf der ganzen Halb⸗ inſel gab es keinen Spanier, der nicht den Ruf der Meineidigen: Konſtitution und Jo ſeph! durch das Nationalgeſchrei: Konſtitution und Cortes, Konſtitution und Don Ferdi⸗ nand! beantwortet haͤtte. Die Centraljunta hatte den Kongreß fuͤr den er⸗ ſten Maͤrz zuſammenberufen; allein die reißend ſchnellen Erfolge eurer Waffen brachten die Waͤhler und die Gewaͤhlten aus der Faſſung. Von dieſem 123 Augenblick an wußten einige Mitglieder der Regent⸗ ſchaft, die uͤber dieſe Verlaͤngerung ihrer Herrſchaft hoͤchſt erfreut waren, die Erfuͤllung der ihnen von ihren Vorgaͤngern hinterlaſſenen Pflicht auf alle moͤg⸗ liche Weiſe zu verzoͤgern. Ungeachtet aller Bemuͤ⸗ hungen Alonſo's, ungeachtet der einſtimmigen Wuͤn⸗ ſche und Forderungen der beiden Partheien, ſah Spanien immer noch die einzige Schiffsplanke, die ihm aus dem gewaltigen Schiffbruch noch uͤbrig ge⸗ blieben, fliehend vor ſich her treiben. Indeß wurde in der ganzen Monarchie der Fruͤhling und der Som⸗ mer zu der Wahl der Deputirten oder— um den bei uns volksthuͤmlichen Ausdruck zu gebrauchen— der Procuradores*) verwendet; ſie wurden dem Syſteme gemaͤß gewaͤhlt, welches die Oberjunta und nach ihr die Regentſchaft unter den zahlloſen Plaͤnen, die ihnen von allen Seiten uͤberreicht wor⸗ den, angenommen hatten. An der Spitze der Regierung befand ſich der Erz⸗ biſchof von Orenſe, derſelbe, der ſich unter dem Namen Kardinal Quevedo und als Oberhaupt der apoſtoliſchen Junta ſo bekannt gemacht hat, welche leztere in Portugal zuſammentrat, um die Inquiſi⸗ tion mit gewaffneter Hand wieder einzufuͤhren. Die⸗ ſer Praͤlat, der ungeachtet ſeines hohen Alters voll Energie, voll Grillen und Eigenſinn, reicher an Tu⸗ genden als an Talenten, bei dem Volke wegen ſeiner Almoſen, ſeiner ſtrengen Froͤmmigkeit und ſeiner *) Bevollmächtigte. 124 Glaubensgrundſaͤtze ſehr beliebt war, war nicht blos der Praͤſident, ſondern der wirkliche Herr der Re⸗ gentſchaft; zwei ſeiner Kollegen, Lardizabal, der in der Bayonner Junta eine Rolle geſpielt, und Ca⸗ ſtannos, der ſich durch den Sieg von Baylen beruͤhmt gemacht hatte, unterſtuͤtzten ſeine Anſichten durch ihre Stimmen und ſicherten ihm ſo dieſes Ueberge⸗ wicht zu; eine innere Oppoſition, die ſich dagegen gebildet hatte, vermochte blos dem Gange des Staats⸗ raths Auftlaͤrungen zu geben, aber nicht auf ſeine Leitung irgend einen Einfluß zu aͤußern. Die hoͤchſte Gewalt war alſo wiederum wie unter der vorigen Regierung den Haͤnden einer Parthei anvertraut, von der ich euch noch viel zu erzaͤhlen haben werde. Es fehlt mir an einem Ausdruck, um ſie euch naͤher zu bezeichnen. Soll ich ſie die rechte Seite, oder die ariſtokratiſche Parthei nennen, da ſie doch alle Maͤnner von Verdienſt, von helleren An⸗ ſichten und von Ahnen gegen ſich hat? Europa, welches drei Jahrhunderte vor uns voraus iſt, bietet gluͤcklicher Weiſe keinen Punkt der Vergleichung hiezu dar. Es iſt vielmehr etwas der Art, wie eure Re⸗ volutionaͤre in der Schreckenszeit waren, wo das Volk, durch einen langen Despotismus niederge⸗ druͤckt, in Maſſe gegen die Adeligen und Reichen auszog, und an ſeiner Spitz einige Große und Praͤ⸗ laten hatte, die ſich vermoͤge ihrer Leidenſchaften oder ihrer Verblendung an eine Parthei angeſchloſſen hat⸗ ten, wofuͤr ſie nicht geſchaffen waren. Unſere De⸗ magogen freilich, die eben ſo feurig, unerbittlich und —— 125 unbiegſam ſind, wie euere Volkstribunen, und ganz eben ſo ſchwuͤlſtige Rhetoren, die ohne Unterlaß von Jupiter und der Mutter Gottes, von Herkules un? von Sanct Petrus reden, anſtatt von den edeln Vaterlandsfreunden der Vorwelt,— unſere Volks⸗ redner tragen alle ein geweihtes Prieſterkleid; ſie kaͤmpfen, um das Beſtehende zu erhalten, nicht um Neues hinzuzuerobern, und die Frauen machen nur zu oft gemeinſchaftliche Sache mit ihnen. Darin beſteht ihre Kraft; allein daneben haben ſie eine grobe Unwiſſenheit und unbiegſame Anforderungen, und das iſt— Gott ſei Dank!— ihre Schwaͤche. Dieſe Parthei, die ein Erbfeind der menſchlichen Vernunft, der Bewegung, des Fortſchritts, der Aufklaͤrung iſt, dieſe Parthei, die zu gleicher Zeit von dem Glau⸗ benseifer des Mittelalters und von der Politik der morgenlaͤndiſchen Reiche beſeelt iſt, dieſe Parthei, deren Intereſſe die Misbraͤuche, deren Grundſatze Aberglauben und Vorurtheile, deren Stuͤtze der Poͤ⸗ bel iſt, bildet eine Art von Bergparthei, die ihr Haupt mit einer Tiare ſchmuͤckt und ſich wohl ſelbſt herablaͤßt, daſſelbe mit einer Krone zu bewaffnen. Ihr ſehet hieraus, daß unſere Liberales weit davon entfernt ſind, mit den eurigen auf glei⸗ cher Linie zu ſtehen. Die ſpaniſche Freiheit koͤnnte in dem Palaſt der Koͤnige wohl ſelbſt auf das Tabou⸗ ret⸗Recht Anſpruͤche machen. Ich zum Beiſpiel, der ich ein Exaltado bin, und mir etwas darauf zu Gute thue, wenn ich in eueren Nationalverſamm⸗ lungen eine Stimme haͤtte, ich wuͤrde da vielleicht 126 unter den Nachfolgern eines Maury und Cazales mir einen Platz waͤhlen. Es iſt bei uns gegangen, wie in jedem andern Lande, wo der Adel ſich hat jede Freiheit muͤſſen rauben laſſen. Einſt kommt doch einmal der Tag, wo er der erſte iſt, der jene politi⸗ ſchen Rechte fur ſich zuruͤckfordert, ohne welche der Menſch, mit welchem Titel und Rang er auch immer bekleidet ſein mag, die ſchoͤnſten Vorzuͤge ſeiner Exi⸗ ſtenz einbuͤßt, naͤmlich die Einſicht und den Willen. Ihr werdet dieſe Auseinanderſetzung entſchuldigen, da ſie mir nothwendig ſchien, um euch die ſeltſamen Dinge, die ich euch erzaͤhlen werde, begreiflich zu machen. Europa, welches zur Zeit unſeres Ungluͤcks wie zur Zeit unſeres Ruhms vermoͤge ſeiner engen Verbindung mit Napoleon von uns getrennt war, kennt gar nicht die Umſtaͤnde, unter denen unſere neue Verfaſſung zu Stande kam, und ihr werdet euch ſehr wundern, wenn ich euch ſage, welche Haͤnde ſie gruͤndeten, und welche treuloſe Haͤnde ſie zerſtoͤrten. Zuerſt vernehmet jezt, unter welchen Auſpizien die Cortes von Cadix zuſammenberufen und gewaͤhlt wurden. Das Syſtem, welches zuerſt durch den Erzbiſchof von Laodicea, dann durch den Biſchof von Orenſe aufgeſtellt worden war, geſtattete drei Arten von Wahlen. Das alte Privilegium geſtattete blos den ſtimmfuͤhrenden Staͤdten ſich zwei Pro⸗ curadoren zu waͤhlen. So nennen wir naͤmlich die achtzehen Staͤdte, deren Bevollmächtigte ſeit drei⸗ hundert Jahren d. h. ſeit der Ausſtoßung des Adels und der Geiſtlichkeit, die ganze Nationalverſe ammlung . S— 127 ausmachten. Indeß kein Menſch dachte jetzt daran, unſere Verſammlungen von nun an auf einen ſo en⸗ gen Kreis zu beſchraͤnken; fondern durch alle Kirch⸗ ſpiele der zweiunddreißig Provinzen ſollten die Waͤh⸗ ler je aus funfzigtauſend Seelen ein Cortesmitglied waͤhlen. Die Provinzial⸗Junten, dieſe mächtigen Vereine, die mitten unter unſeren Stuͤrmen auf ein⸗ mal ſich gebildet hatten, um die Aeußerungen des Nationalunwillens zu leiten und die Monarchie zu retten, empfiengen zum Lohne fuͤr ihre Bemuͤhungen ebenfalls das Vorrecht, aus ihrer Mitte oder aus ihrem Kreiſe ſich Procuradores zu waͤhlen. Dieſe Verfuͤgungen wurden von niemandem ſo ſehr angegriffen als von den Anhaͤngern einer form⸗ lichen Staatsverbeſſerung. Sie merkten nur zu wohl, daß unſere Geſetzgeber ſie vom Kongreß hat⸗ ten ausſchließen wollen. Don Domingo eilte voll Unwillen in den Kaffee⸗ haͤuſern und auf den oͤffentlichen Plaͤtzen umher und rief:„Aus welchem Grunde hat man wohl das Landvolk nach einem ſo ganz unverhaͤltnißmaͤßigen Maßſtabe mit dem Wahlrechte beliehen, als blos darum, um die Wahlen ſelber ganz in die Haͤnde der Kloͤſter zu legen und das Schickſal des Vaterlandes von dem druͤckenden Einfluße derſelben abhaͤngig zu machen? Aus welchem Grunde hat man eine Depu⸗ tation fuͤr die Provinzialjunten bewilligt, fuͤr dieſe Koͤrperſchaften, die ganz durch den Zufall gleich beim erſten Eindringen der Franzoſen aus bloßem Haß gegen die Revolution von 1789, als deren 128 Repraͤſenkant Napoleon damals erſchien, ſich bilde⸗ ten? Es waͤre tauſendmal beſſer geweſen, den Adel und die Geiſtlichkeit in die alten Feudalrechte ein⸗ zuſetzen, die ihnen Karl der Erſte genommen hat. Doch nein, die Weltprieſter, die nicht ſo verblendete Feinde der Vernunft und der Freiheit ſind, ſollten nicht ſo viel Einfluß bekommen, als der unwiſſende und von den Frayles verdorbene Poͤbel! Man wollte durchaus jene Adeligen davon fern halten, welche unſerem Spanien ſo ſehr jene Staatsverbeſſerungen wuͤnſchen, die in Frankreich durch die Staͤndever⸗ ſammlung mit ſo vielem Erfolg bewerkſtelligt worden ſind. Und dieſes Ziel wird auf eine wunderwuͤrdi⸗ ge Weiſe erreicht werden! Spanien wird mitten unter den fortſchreitenden Entwickelungen der uͤbri⸗ gen Welt, allein ſtillſtehen und unkultivirt bleiben. O Alonſo, Alonſo! du, den ich fuͤr einen echten Menſchenfreund hielt, du haſt dich durch die Ausuͤ⸗ bung deiner Machtgewalt verderben laſſen, und ver⸗ raͤthſt nun die Sache der Philoſophie, des Gemein⸗ wohls, ja der ganzen Menſchheit!“ Alle Leute urtheilten ganz eben ſo, obwohl oi ganz verſchiedenen Anſichten. Mein hoher Freund glaubte ſelber, ungeachtet der ungluͤcklichen Maͤßi⸗ gung ſeiner Grundſaͤtze und Wuͤnſche, daß unſere innigſten Hoffnungen durch dieſe Annahme eines Syſtems, das er vergebens zu bekaͤmpfen geſucht hatte, gefaͤhrdet wuͤrden. Fray Cayetano, der in der Centraljunta zu die⸗ ſen kuͤnſtlichen Kombinationen mitgewirkt hatte, hatte 129 ſich anfangs ſehr daruͤber betruͤbt, daß er ſeine Kol⸗ legen nicht hatte hindern koͤnnen, die Ordensgeiſtli⸗ chen von unſeren Nationalverſammlungen auszu⸗ ſchließen; Don Iſidro dagegen war einer von den Gegnern des Pater Provinzial.„Ich kann nicht umhin zu geſtehen,“ ſagte der Erzbiſchof,„daß die frommen Bewohner der Kloͤſter ſich in dieſe Zellen blos darum eingeſchloſſen haben, um außer der Welt und Zeitlichkeit zu leben. Fuͤr ſie, welche die Buͤrger einer beſſeren Welt ſind, iſt die Erde kein Vaterland mehr, und ihre Erſcheinung unter den Cortes wuͤrde eben ſo ſehr eine Neuerung als eine Inkonſequenz ſein. Wie koͤnnten denn ſie, die das Geluͤbde gethan haben, allen weltlichen und irdiſchen Dingen zu ent⸗ ſagen, dieſelben noch vertreten oder vertheidigen? Mag die Kirche ſich andere Verfechter ſuchen, welche unpartheiiſcher, und dabei eben ſo feurig und kraft⸗ voll ſein werden; und deren Anzahl wird wahrlich bei der naͤchſten Cortesverſammlung nicht klein ſein.“ Dieſe Aeußerungen hatten ſo viel Gewicht, daß ſelbſt Sor Maria de los Dolores, die feurigſte unter den hohen Damen, die ſich fuͤr die Leitung unſerer oͤffentlichen Angelegenheiten intereſſirten, und zugleich auch eine von denen, deren Geiſt am tiefſten in die alten Grundſaͤtze eingeweiht war, gar nicht daran dachte, in das Bedauern des Fray Cayetano einzu⸗ ſtimmen. Er ſelber, da er nirgends ein Echo fuͤr ſeine Klagen fand, beſchloß endlich ſie einzuſtellen, in der Hoffnung auf die Einfuͤhrung einer Ordnung W. 9 130 der Dinge, die ſeinen Ideen und ſeinen Mitbruͤdern einen dauernden Triumph zuſichern wuͤrde. Eines Tages ſpazierte Alonſo am Ufer der Bucht von Puntales in tiefen Gedanken und mit einer ge⸗ heimen Unruhe, die ſein Gemuͤth zu peinigen ſchien. An ſeiner Seite gieng Maria, die noch trauriger war, und die ſeit jenem naͤchtlichen Brande in ihrem ver⸗ wundeten Herzen einen Kummer trug, den ſie keinem ihrer Theuern jemals entdecken wollte. Der Erzbi⸗ ſchof, Aldouza und die Aebtiſſin folgten hinter dem ſchweigenden Paare her. Als ſie im Begriff waren, nach der Stadt zuruͤckzukehren, holte Cayetano ſie ein, und zwar mit funkelnden Augen, zitternden Lip⸗ pen und in einem Zuſtande von Zorn, den er verge⸗ bens zu verbergen bemuͤht war. Eine lange Weile hindurch vermochte er blos Anrufungen an die Koͤni⸗ gin der Engel und verworrene Worte hervorzubrin⸗ gen, endlich ließ er ſeiner Wuth einen freieren Lauf. Mitten unter den heroiſchen Anſtrengungen und Auf⸗ opferungen eines ganzen Volks war entſetzliche Ab⸗ truͤnnigkeit zu Tage gekommen. Der Fuͤrſt naͤmlich, der ungeachtet ſeiner Abdankung, ungeachtet der franzoſiſchen Beſitznahme, immer noch durch uns uͤber das Erbe ſeiner Vaͤter herrſchte, er, deſſen Name die Helden von Baylen zum Siege, und die Einwohner von Saragoſſa, Girona und Tortoſa zum Maͤrtyrertode gefuͤhrt hatte, dieſer Fuͤrſt, den Spa⸗ nien blos dreimal oͤffentlich handeln geſehen hatte, naͤmlich zu San Lorenzo, zu Aranjuez und zu Ba⸗ yonne, dieſer Fuͤrſt, durch den und fuͤr den ſo viel 4 ———— 131 Blut gefloſſen war„„Haltet ein!“ rief mein Freund;„ſchonet in Don Ferdinand ſeine Koͤnigs⸗ wuͤrde, ſchonet ſein Ungluͤck, und rechnet alles das, was euch ſo tief betruͤbt, mit unter ſein Ungluͤck.⸗ —„Wie?“ rief der Pater Provinzial aus;„ihr wißt alſo ſchon, daß er von dem Tamerſan, der ihn entthronte, ſich die Ehre erbeten hat, ſich ſeinen Sohn nennen zu duͤrfen, und von dem verweichelten Paſcha, der uns beherrſcht, die Erlaubniß, ſeine Orden tragen zu duͤrfen?“—„Ich wußte das laͤngſt,« erwiederte Alonſo ganz kalt;„ich wußte wenigſtens, daß Napoleon dies ausſprengt, und ich wundere mich nur, daß ihr uͤber ein ſo trauriges Verhaͤltniß nicht das tiefſte Stillſchweigen beob⸗ achtet.“ Sor Maria de los Dolores war mit gefalteten Haͤnden und zum Himmel emporgewendeten Augen auf die Kniee hingeſunken, und zweifelte bei der gaͤnzlichen Verwirrung ihrer Gedanken keinen Augen⸗ blick daran, daß das juͤngſte Gericht vor der Thuͤr ſei. Die Markiſin, ſie, die als Heldin von Sara⸗ goſſa auf dem Schlachtfelde und im Kampfe fuͤr Don Ferdinand nie blaß geworden, erblaßte jezt. Das Volk, das durch die lauten Reden des Fray Cayetano herbeigelockt worden war, ſtand ſtumm und beſtuͤrzt da. Der alte Enriquez befand ſich darunter, und ſein Auge, aus welchem eine Thraͤne entſchluͤpfte, ſuchte ſeinen Arm, den er verloren hatte. Ein Bauer aus Altkaſtilien, der nach dem Untergange ſeiner ganzen Familie der Quadrilla Bartolomeo's 9* 132 gefolgt war, dachte jezt unter lauten Anrufungen des Himmels an ſeine Frau, an ſeine Soͤhne, an ſeinen Schwiegerſohn, an ſeine Catalina, die alle fuͤr die heilige Sache des gefangenen Koͤnigs umgekommen waren. Der Erzbiſchof trat der allgemeinen Stim⸗ mung bei. Der heilige Greis verrieth durch den ſonſt ſo wuͤrdevollen und ſanften, jezt dagegen ſo betruͤbten Ausdruck ſeines Geſichts, wieviel Muͤhe es ihn koſtete, um auf ſeinen Lippen einen Seufzer zuruͤckzuhalten, der in ſeinem Munde das Gewicht eines Bannfluches gehabt haben wuͤrde. Blos Alonſo unterdruͤckte die Bewegung ſeines Innern und ſagte: „Don Ferdinand iſt noch jung und ohne Erfahrung, und dazu von den Schlingen des gewandteſten aller Tyrannen umgeben; er ſeufzt dem Tage entgegen, wo er von ſeinen Feſſeln befreit ſein und ſeine Ver⸗ theidiger und ſein Vaterland wiederſehen. wird.*) Wir muͤſſen vieles auf Rechnung der Leiden ſeiner Gefangenſchaft, ſeiner Unbekanntſchaft mit den menſchlichen Angelegenheiten, vor allen aber ſeiner frommen Dankbarkeit ſchreiben, die ihn draͤngt, recht bald durch eine begluͤckende Regierung eine ſo unbegrenzte und beiſpielloſe Ergebenheit belohnen zu koͤnnen.“ 6 So ſprach mein Freund. Indeß alle die um ihn her verſammelten Menſchen blieben ſtill und re⸗ gungslos, einige ſchuͤttelten den Kopf, als wollten Ganz in denſelben Ausdrücken ſprach Don Auguſtin Arguel⸗ les in der Sitzung der Cortes am lezten Tage des Jahres 1810.. * —————— 133 ſie aus einem langen Draume erwachend jede neue Taͤuſchung von ſich abweiſen. In dieſem Augen⸗ blick fiel eine, von einer feindlichen Schaluppe aus geworfene Haubitzgranate mitten in dieſen Menſchen⸗ kreis. Maria ward mit Staub bedeckt, und als die Granate knallend zerſprang, glaubte jeder anfangs, er ſei getroffen, und aus dem Munde aller erhob ſich zu gleicher Zeit das Geſchrei des Sieges und des Todes, der Ruf: es lebe der vielgeliebte Don Fer⸗ dinand! Doch blos Leonardo war getroffen, und noch im Hinſinken murmelte er mit ſtarrem Munde: „Der Glaube und Don Ferdinand!«“ Wir entfernten uns von der traurigen Scene. Fray Cayetano uͤberließ ſich noch immer ſeinen Auf⸗ wallungen, ja ihm war Alonſo wegen der Ruhe ſei⸗ nes Geſichts und der Behutſamkeit ſeiner Reden ver⸗ daͤchtig.„Freilich,“ antwortete dieſer auf die An⸗ klagen des Pater Provinzial,„wuͤrde ich es lieber ſehen, wenn der uns ſo theure Fuͤrſt jede Ausglei⸗ chung mit ſeinem und unſerem Unterdruͤcker ver⸗ ſchmaͤhte, ich wuͤrde freilich lieber hoͤren, daß er zu den Annalen ſeiner Vorfahren ein Blatt des Ruhms hinzufuͤgte, daß er in ſeiner Sprache ſich die großher⸗ zigen Briefe ſeines umherirrenden und fluͤchtigen Oheims zum Muſter naͤhme, und ſich des verlorenen Thrones wuͤrdig zeigend, als Weiſer, als Bourbon und als Koͤnig die Anerbietungen ſeines vom Gluͤck beguͤnſtigten Rivals zuruͤckwieſe. Indeß— fuhr er weiter fort, indem er ſich ganz im Sinne unſerer aller ausdruͤckte— Don Ferdinand, der von der 134 Vorſehung auserſehen iſt, um unſer Unheil wieder gutzumachen, aber nicht unſere Anſtrengungen zu theilen, hat vom Himmel ſo viel Guͤte, Sanftheit, Milde, kurz die Eigenſchaften eines liebevollen Ge⸗ muͤths, die einfachen und einnehmenden Tugenden ei⸗ nes Monarchen empfangen, der ganz dazu gemacht iſt, um die Wunden ſeines Volkes zu heilen. Wie koͤnnte er zugleich auch jene Wuth, jene Kuͤhnheit, kurz alle jene Eigenſchaften beſitzen, die an den Be⸗ herrſchern der Welt oft ſo furchtbar ſind! In den Zuͤgen dieſes zutraulichen und gutmuͤthigen Charac⸗ ters ſteht unſer kuͤnftiges Gluͤck geſchrieben.“— „Wie?“ rief Fray Cayetano;„ihr koͤnnt noch wuͤnſchen, daß er noch ferner uͤber uns herrſche, daß er als Neffe, als Adoptivſohn des Korſen wieder⸗ kehre und die Philoſophie, die Ketzerei und die Ir⸗ religioſitaͤt der Franzoſen neben ſich auf den Thron ſetze? Seine Hand ſoll ſich alſo noch einmal des Scepters bemaͤchtigen, den er ſeinem Vater entriß, um die Religion Jeſu Chriſti in ihren Grundfeſten zu untergraben, und die ruchloſen Entwuͤrfe zu voll⸗ ziehen, welche die von Chamartin aus erlaſſenen Ver⸗ fuͤgungen vor aller Welt bekannt gemacht haben? Nein! wenn Don Ferdinand aufhoͤrt, Spanier und Bourbon zu ſein, ſo hoͤrt er damit auch auf, Koͤnig zu ſein. Wir wollen dann auf unſeren Koͤnigsthron einen Herrſcherſtamm ſetzen, der noch nicht mit dem Feinde des Himmels einen Vergleich eingegangen iſt, der dem katholiſchen Koͤnigreiche ſeinen alten Glanz wiedergeben und die ganze Halbinſel nebſt dem ganzen Amerika unter eine und dieſelbe Regierung vereinigen wird, kurz das Haus Braganza—„Un⸗ gluͤcklicher!“ rief Don Alonſo;„was wagſt du da in meiner Gegenwart zu ſagen? Vergeſſet nicht, daß ich den Koͤnigen unſerer Vaͤter den Eid der Treue geleiſtet habe, und in ihrem Namen die Regierung verwalte! Ihre Anrechte verkennen, hieße ſo viel als, den Raͤubern von Bayonne das Spiel gewon⸗ nen geben.“ Der Zorn gaͤhrte indeß in der Seele des Domi⸗ nikaners noch immer fort.„Der Augenblick iſt jezt da,“ begann er von neuem,„um die Cortes zu ver⸗ ſammeln. Ihnen allein wird es zukommen, uͤber unſer Schickſal einen unumſchraͤnkten Ausſpruch zu thun. Wenn ſie es dem Intereſſe der gemeinſamen Vertheidigung fuͤr angemeſſen machten, nicht erſt die Unterſtutzung irgend eines andern Koͤnigshauſes an⸗ zurufen, wenn ſie nicht weiter aus unſeren ſo ver⸗ ſchiedenartigen Volkerſchaften eine Bundesrepublik bilden wollen, ſo muͤſſen ſie ſich wenigſtens beeilen, unſerem Staate eine Verfaſſung zu geben, die uns auf immer vor den Launen oder Schwachheiten un⸗ ſerer Beherrſcher ſchuͤtzt. Man wird den Monar⸗ chen in ſo feſte Staatsformen einzwaͤngen muͤſſen, daß die koͤnigliche Gewalt, ſelbſt wenn ſie den Haͤn⸗ den eines Neffen von Napoleon, ja dem verruchten Einfluß des Meſſias der Hoͤlle uͤberantwortet wuͤrde, nicht im Stande iſt, die Religion unſerer Vaͤter zu verderben. Wir wollen zur Stimme des Volks d. i. zur Stimme Gottes unſere Zuflucht neh⸗ 136 men, um die Verſehen des uns untreu gewordenen Koͤnigthumes wieder gutzumachen. Wenn irgend Strafen nothig ſein ſollten, ſo wollen wir furchtbar drohende Geſetze gegen das Beſtreben aufſtellen, un⸗ ter uns jenen blutigrothen Schein zu verbreiten, den man zwar die Aufklaͤrung des Jahrhunderts nennt, der aber nichts weiter iſt, als Strohfackeln, am Feuer der Hoͤlle angezuͤndet, um die Welt in Brand zu ſtecken.“ So ſprach Cayetano⸗ und die ganze Moͤnchs⸗ parthei ſtimmte in ſein Geſchrei ein. Die Oberhaͤup⸗ ter des Staats ſahen endlich ein, daß ſie nicht laͤnger ihren Schwur und den Wunſch der Nation unerfuͤllt laſſen koͤnnten*). Der 24. September des Jahres 1810 ward fuͤr das groͤßte Ereigniß, das dieſe an Begebenheiten ſo reiche Epoche merkwuͤrdig gemacht hat, naͤmlich fuͤr die Ernennung unſerer Cortes, feſtgeſetzt. Die Procuradores eilten von allen Seiten mitten durch die franzoͤſiſchen Heere herbei, und zwar war es nicht die Intrigue, wodurch ſie ernannt, *) Die Centraljunta hatte bei Einführung der Regentſchaft ihr einen Schwur, der nicht von den Liberalen entworfen war, leiſten laſſen. Darin hieß es unter andern:„Ihr ſchwöret, daß ihr keine andere Regierung anerkennen wollt, als die, welche heute eingeführt wird, bis dereinſt die geſetzmäßig zu⸗ ſammenberufenen Cortes eine ſolche anordnen, die für das Wohl des Vaterlandes und für die Erhaltung der Monarchie noch beſſer paßt. Ihr ſchwöret, ſo viel an euch liegt, dazu beizutragen, daß dieſer hohe Kongreß in der von der Ober⸗ Junta vorgeſchriebenen Form und in der Zeit, die in dem Dekret eurer Einführung(vom 31. Januar 1810) feſigeſetzt iſt, zuſammenberufen werde.“ 137 nicht der Ehrgeiz, wodurch ſie aus ihrer entfernten Heimat herbeigefuͤhrt wurden. Dieſe edlen Buͤrger kamen blos, um Gefahren zu beſtehen, um Aufopfe⸗ rungen zu machen, vielleicht gar um das Vaterland zu Grabe zu geleiten. Der Eifer der Waͤhler und ihrer Bevollmaͤchtigten war ſo groß, daß an meh⸗ reren Orten, zum Beiſpiel in la Mancha und in Guadalaxara, es den Wahlverſammlungen gelang, im Angeſicht eurer Bajonette zuſammenzutreten und uns dann ihre Abgeordneten zuzuſenden. So wie nur irgend eine beſetzte Gegend durch irgend eine Druppenbewegung von den Frunzoſen frei wurde, ſo machte ſie uns ſchleunigſt ihre voruͤbergehende Be⸗ freiung durch Wahlen kund. Indeß als die beſtimmte Friſt herankam, war es noch lange nicht allen Volksvertretern gelungen, ſich bis zu uns einen Weg durch den Feind zu bah⸗ nen. Gleichwohl bewegte ſich in den Mauern von Cadir eine ungeheure Menſchenmaſſe. Die zahlrei⸗ chen Feinde der franzoͤſiſchen Heere hatten darin ei⸗ nen Zufluchtsort geſucht. Neben den angeſehenſten Maͤnnern unſerer europaͤiſchen Provinzen hatte ſich auch eine große Anzahl jener reichen Amerikaner ver⸗ ſammelt, die zu allen Zeiten theils durch ihre Ge⸗ ſchaͤfte theils durch die Vergnuͤgungen dahin gezogen werden. Es ward daher eine Verordnung erlaſſen, daß bis zur Ankunft der wirklichen*) Deputirten *) Im Spaniſchen heißen ſie Proprietarios. So heißt näm⸗ lich jeder, der nicht blos den Titel irgend eines Ehrengra⸗ 138 die vierzigtauſend Fluͤchtlinge, die ſich in der Stadt aufhielten, in eben ſo viele Wahlverſammlungen zu⸗ ſammentreten ſollten, als es Provinzen unſeres Reichs gaͤbe, und eine jede derſelben ſollte fuͤr die abweſen⸗ den Abgeordneten Stellvertreter waͤhlen. Mehrere Maͤnnet von uns, wie z. B. der Erzbiſchof und ich,— erhielten von unſern Landsleuten dieſe vorlaͤufige Vollmacht, und unſere Provinzen beſtaͤtigten dieſe Wahl, indem ſie uns faſt alle durch ihre Zuſtimmung aufforderten, unſere Arbeiten fortzuſetzen. Zu Repraͤſentanten der Kolonien wurden ſpani⸗ ſche Granden aus Amerika, kreoliſche Praͤlaten, In⸗ dianer von dem Namen und dem Geſchlecht der Soͤhne der Sonne, und Nitglieder der Obergerichts⸗ hoͤfe gewaͤhlt. Nach Verlauf von einigen Monaten wurden ſie von ihren fernen Heimatsorten aus in den Amtsverrichtungen beſtaͤtigt, die ſie ſo wůrdis ausfullten. Die Liberalen waren weit entfernt, in dieſen Maßregeln eine ſichere Buͤrgſchaft fur einen gluckli⸗ chen Erfolg zu ſehen. Don Domingo, Don Ma⸗ thias und ich, wir betrachteten ſie mit einer gerech⸗ ten Bekuͤmmerniß.»Man hatte wohl Furcht,“ rief der Kapellan,'daß die Parthei der Unwiſſenheit und des Stabilismus unumſchraͤnkter Gebieter der Cor⸗ tes werden wuͤrde? Zu welcher Klaſſe gehoͤren denn anders alle die fremden Inſaſſen unſerer Inſel, als des oder Amtes führt, ſondern es auch wirklich bekleidet und verwaltet; was in Spanien nicht immer beiſammen iſt. —— 139 zu der der Phariſaͤer und Schriftgelehrten, zu der⸗ jenigen, die in der Knechtſchaft bluͤhend und fett geworden iſt und die blos zweierlei bietet, die Ruhe der Sklaverei und den Genuß der Tyrannei? Nicht die minder bemittelten Buͤrger, nicht die Gelehrten, die Advokaten und Handeltreibenden ſind es, die mit großen Koſten hierhergekommen ſind, um hier einen Zufluchtsort zu ſuchen und uns mit dem Geraͤuſch ihrer Feſte zu betäuben. Die gebildeteren und ar⸗ beitenden Klaſſen wandern nicht aus; ſo lange da⸗ her die fremde Beſitznahme dauern wird, d. h. viel⸗ leicht hundert Jahre lang, werden ſie blos durch ih⸗ re aͤrgſten Feinde hier oͤffentlich vertreten werden⸗ Auf dieſe Art beurtheilte man die Verfuͤgungen der Regentſchaft, und dieſe Urtheile waren eben nicht ſo gar irrig, da unſere heftigſten Gegner zu Stell⸗ vertretern ernannt wurden. Allein es fand ſich ſehr bald, daß die Parthei, welche das Staatsruder in der Hand hatte, nicht zweihundert Spanier in die⸗ ſelben Mauern zuſammenbringen konnte, ohne ſich ſelber dem Selbſtmorde zu weihen, und ſie buͤßte ih⸗ re Macht eben durch die Rittel und Wege ein, die ſie angewendet hatte, um ſich den Beſitz derſelben auf immer zu ſichern. Sie wollte die Einfuͤhrung politiſcher Gewaͤhrleiſtungen blos darum, um ſelber allein die Fruchte davon zu ernten. Als nun ſpaͤter die Nation dieſelben fur ſich und nicht fuͤr ihre Fein⸗ de verlangte, ſo begannen die, welche die ganze An⸗ regung veranlaßt und geleitet hatten, auf einmal ihr eigenes Werk zu verleumden, verriethen an Don 140 Ferdinand, ja an die ganze Welt, ihre Neben, ihre oͤffentlichen Schritte, ihr vergangenes Leben, und riefen das Schwert des Geſetzes auf das Haupt ih⸗ rer Kollegen, deren ganzes Verbrechen darin beſtand, gleich ihnen geſtimmt zu haben; ja ſie fingen ſogar an, die Cortes fuͤr ungeſetzmaͤßig zu erklaͤren, die ſie ſelber zuſammenberufen, unter denen ſie ſelber Sitz und Stimme, worunter ihre Stimmenmehrheit ſo lange das Uebergewicht gehabt hatte. Man ſah, wie ſie zu Sophismen und zu Luͤgen ihre Zuflucht nahmen, um die Schwuͤre, die ſie geleiſtet, und die Staatseinrichtungen, die ſie ſelber eingefuhrt hatten, zu widerrufen; und ſie wußten nur zu gut, daß ihre betruͤgeriſchen Vorſpiegelungen im Inlande wie im Auslande eine Parthei finden wuͤrden, die ſie wohl aufnehmen und vertheidigen wuͤrde. Wenn wir die Beſchuldigungen ſo pruͤfen woll⸗ ten, als ob der Bannfluch nicht durch eben die Par⸗ thei, durch eben die Menſchen ausgeſprochen wor⸗ den waͤre, die ſelber davon getroffen wurden,*) was wuͤrden wir da finden? Eine ſeltſame und gleichwohl ſehr leichte Aufgabe, diejenige naͤmlich, das Werk unſerer Feinde gegen ihre eigenen Vor⸗ wuͤrfe zu rechtfertigen.. Die Cortes ſind ungeſetzmaͤßig— ſagen ſie— weil die Amerikaner— Sitz und Stimme *) Vermuthlich meint hier Don Carlos die nachmals ſo berüch⸗ tigte, ſogenannte Erklärung der Perſer, eine Proteſtati⸗ on, die am 12,. April 181 4 dem Könige Ferdinand gegen die Konſtitution von Kadix eingereicht wurde. 141 haben.— Dies war freilich eine Neuerung; doch dieſe wahrhaft gluckliche Neuerung war gerade recht geeignet, die Erbitterung unſerer Kolonieen zu be⸗ ſchwichtigen und unſere uͤberſeeiſchen Unterthanen auf den Weg der Pflicht zuruͤckzufuͤhren. Und doch tre⸗ ten einige dieſer uͤberſeeiſchen Abgeordneten mit un⸗ ter den Angebern auf? und erklären gleich darauf alle von der Nationalverſammlung gethanen Schritte fur unguͤltig, weil der Adel und die Geiſtlichkeit darin Sitz und Stimme gehabt! obwohl man dieſe beiden Staͤnde nicht gut hätte zuſammenberufen koͤnnen, ohne die geſetzmaͤßige Verfaſſung des Staats zu uͤbertreten. Die Nationalverſammlungen waren in fruͤheren Zeiten nicht immer aus den verſchiedenen Eſtamen⸗ tos oder Staͤnden zuſammengeſetzt; ſondern ſeit Karl dem Fuͤnften waren die beiden erſten Staͤnde fortwaͤhrend davon ausgeſchloſſen. Die Beweg⸗ gruͤnde, welche die Centraljunta und die Regentſchaft beſtimmten, dieſe dreihundertjaͤhrige Einrichtung bei⸗ zubehalten, ſind uͤber jeden Tadel erhaben. Der Adel kann keine beſonderen Vertreter haben in einem Lande, wo viermal hunderttauſend Buͤrger auf die⸗ ſen Ditel Anſpruch machen, wo in ganzen Provinzen, wie z. B. in Biscaja, es keinen Ackersmann und kei⸗ nen Hirten giebt, der ſich nicht dem Range nach un⸗ ter die Hidalgos rechnete, waͤhrend es in ganz An⸗ daluſien nur ſehr wenige derſelben giebt, wo endlich die Lakaien manches reichgewordenen Buͤrgerlichen durch vollgultige Belaͤge die Echtheit ihrer adeligen 142 Abkunft nachzuweiſen wiſſen. Der Kongreß zaͤhlte uͤberdies unter die Zahl ſeiner Mitglieder mehrere ſpaniſche Granden, Praͤlaten, Inquiſitoren, und Raͤthe von Kaſtilien, und gewiß befanden ſich nicht zehn Deputirte darunter, die nicht faſt eben ſo adelig geweſen wären, als ich; zwei Drittel davon waren Geiſtliche; ſo daß die engliſchen Blaͤtter, die ſich über unſeren Ruͤckſtand in der Civiliſation luſtig machten, meinten, unſer Kongreß habe das Anſehn einer Kirchenverſammlung. Die ganze Parthei, die durchaus inkonſequent und vergeßlich iſt, erklaͤrt auf der einen Seite, man habe eine zu große Zahl von Buͤrgern zur Wahl zu⸗ gelaſſen, d. h. das Land werde zu zahlreich vertreten; auf der andern Seite dagegen, die Wahl von Stell⸗ vertretern aus der Mitte der Cadixer Fluͤchtlinge be⸗ raube die Nation des Wahlrechts. Allein dieſe Stell⸗ vertreter bildeten in den erſten Sitzungen nur eine ſehr kleine Stimmenzahl, und als man uͤber die Konſtitution zu den lezten Eroͤrterungen kam, exiſtir⸗ ten gar keine mehr. In der Verzweiflung greift man das Verfahren des Kongreſſes an, und beſchuldigt ihn, daß er, ohne von ſeinen Auftraggebern bevollmaͤchtigt zu ſein, Staatsgrundgeſetze aufgeſtellt habe. Das heißt doch aber recht, vergeſſen, daß die Waͤhler den Verhaltungsbefehlen der Oberjunta gemaͤß uͤberall den gewaͤhlten Vertretern aufgegeben hatten, eine der ſpaniſchen Monarchie wuͤrdige Kon⸗ ſtitution aufzurichten. Kurz, obwohl man zugab, 143 daß der Koͤnig die Zuſammenberufung eines Kongreſ⸗ ſes angeordnet habe, um die fuͤr das Wohl des Staa⸗ tes erforderlichen Maaßregeln zu ergreifen, ſo be⸗ hauptete man doch, daß die Vollmachten der Pro⸗ curadores ſich nicht uͤber die von dem koͤniglichen Handſchreiben geſteckten Grenzen hinaus erſtreckt haͤtten. Aber hieß das nicht eben fuͤr das Wohl des Ganzen ſorgen, wenn man unſere Zukunft vor neuen Bayonner Abdankungen ſicher ſtellte? Woher kom⸗ men dieſe nachtraͤglichen Bedenklichkeiten bei Maͤn⸗ nern, die zuerſt den Gedanken an eine Konſtitution erregten, ja dieſe ſelber mit einrichteten und beſchwo⸗ ren? Iſt es nicht ebenfalls gar zu ungereimt, den Wunſch der Nation fuͤr null und nichtig zu erklaͤren, zu einer Zeit, wo eben dieſer Wunſch ins Mittel trat, um den joſephiniſchen Aufforderungen Ferdinands durch ein Kriegsgeſchrei zu antworten, und eben die⸗ ſem Ferdinand, obwohl ohne ihn, ja wider ſeinen Willen, die Krone ſeiner Vaͤter wiederzuerringen? Wenn die ſpaniſche Nation nicht das Recht hat, uͤber ihr eigenes Schickſal zu entſcheiden, ſo moͤgen unſere Bourbons wieder nach Valencay zuruͤckkehren. Zwetundzuanzioßes Buch. Frttung der Erzaͤhlung eines ſpmniſhen Soldaten. Erſtes Kapitel. Endlich kam der 24. September des Jahres 1810 heran. Dieſer Tag, der ſchoͤnſte in unſerer Ge⸗ ſchichte, ward durch die Huldigungen aller Spanier in beiden Erdhaͤlften begruͤßt. Die Herzen und Blicke aller waren nach dem fernen Vorgebirge hin⸗ gewendet, auf welchem die aus dem Feſtlande von Europa entflohene Freiheit noch einen lezten Zu⸗ fluchtsort gefunden hatte; England ſtimmte in ſeinen koͤniglichen Thronreden in den Beifallruf unſerer Provinzen ein, und ohne Zweifel mochte damals mehr als ein unterjochtes Volk, mehr als ein zins⸗ pflichtiger Koͤnig ſeine geheimen Wuͤnſche den Wuͤn⸗ ſchen meines Vaterlandes zugeſellen. Die Cortes verlegten erſt nach einigen Monaten ihre Sitzungen in die Mauern von Cadix; anfangs verſammelten ſie ſich auf der Inſel Leon. Allein die ganze Einwohnermaſſe von Cadix ſchloß ſich an die Bewohner von San Fernando an, um das große 146 — Schauſpiel zu genießen, auf welches Spanien und die ganze Welt ihre Augen gerichtet hatten. Ich wuͤnſchte euch eine ſchwache Vorſtellung von alle den Gefuͤhlen geben zu koͤnnen, welche die uner⸗ meßliche Volksmenge ergriffen, als die Pforten des Conſiſtorialhauſes*) ſich oͤffneten, und man hier die ſaͤmmtliche Anzahl von Deputirten die Stufen herab auf den freien Marktplatz herunterſchreiten ſah, um ſich in die nahe Kirche zu begeben, und den Gott des heiligen Ferdinands anzuflehen; waͤhrend druͤben auf den Mauern des Trocadero vor unſeren Augen die franzoͤſiſchen Fahnen wehten. Es war, als ſaͤhe man die hohe Geſtalt des Vaterlands ſelber, die ſich aus unſeren dampfenden Truͤmmern noch gerettet, hier perſoͤnlich erſcheinen. Die Frauen ſtreuten Blumen, die Soldaten ſchwenkten ihre Gewehre, die Moͤnche ihre Kruzifixe; die Granden, die Praͤlaten, kurz dieſe ganze Menge von Maͤnnern, die durch Rang, Verdienſte oder Abkunft ausgezeichnet waren, und die hier den Zug bildeten, theilten die tiefe Ruͤh⸗ rung der umſtehenden Zuſchauer; Bruͤder, Freunde, Waffengefaͤhrten ſanken einander in die Arme und hielten ſich lange Zeit umfaßt; ein ganzes Volk war trunken vor Freude, doch dieſe edle hohe Freude war himmelweit verſchieden von derjenigen, die in einem wuthentbrannten Volke den Blutdurſt aufregt, und kein Zetergeſchrei ſtoͤrte den Ruf:„Es lebe der viel⸗ *) D. i. des Rathhauſes. IV. 10 146 geliebte Don Ferdinand? es leben die Vaͤter des Va⸗ terlandes!“ Der Kardinal das feier⸗ liche Hochamt. Sodann beſtieg der Erzbiſchof von Orenſe die Kanzel und dankte dem Himmel, daß er mitten unter den Bedraͤngniſſen unſeres Reiches die Wiedergeburt unſerer Cortes in ihrem vollen Glanze genehmigt habe. Damals, im Angeſicht des Hoch⸗ altars, auf den Knieen liegend und mit der Hand das Evangelium beruͤhrend vernahmen wir in feier⸗ lichem Schweigen aus dem Munde des Miniſters der Juſtiz und der Gnade die Formel, welche der Erzbi⸗ ſchof⸗Praͤſident und ſeine Kollegen entworfen hatten: „Procuradores der ſpaniſchen Nation, ihr ſchwoͤret alſo die heilige, apoſtoliſche, roͤmiſchkatholiſche Re⸗ ligion zu vertheidigen, und keine andere in unſeren Reichen zu dulden? Ihr ſchwoͤret ferner, die Na⸗ tion in ihrem unverſehrten Zuſtande zu erhalten, und nichts zu vernachlaͤßigen, um ſie von ihren Unter⸗ vruͤckern zu befreien? Ihr ſchwoͤret, unſerem viel⸗ geliebten, gnaͤdigen Herren Don Ferdinand alle ſeine Beſitzungen zu erhalten und alles moͤgliche aufzubie⸗ ten, um ihn aus der Gefangenſchaft zu reißen und ihn wieder auf den Thron zu ſetzen? Ihr ſchwoͤret, treu und redlich die Aufgabe zu erfuͤllen, welche die Nation eurer Sorgfalt anvertraut, die Geſetze Spa⸗ niens ſtreng zu beobachten, und blos je nachdem es das Gemeinwohl erfordert, ſie zu aͤndern oder zu modifiziren?“—„Wir ſchwoͤren es!“ erwie⸗ derten die Deputirten mit einer Stimme, die von der Ruͤhrung, welche aller Herzen erföllte, halb erſtickt wurde.—„Wenn ihr dies thut,“ fuhr der Mi⸗ niſter fort,„ſo wird Gott euch belohnen; wo nicht, ſo wird er euch einſt zur Rechenſchaft ziehen.“— Dieſe Worte hallten weit unter den heiligen Gewoͤl⸗ ben wieder, und die Orgel, der Geſang der Prieſter, der Donner des franzoͤſiſchen Geſchuͤtzes begleiteten ſie auf eine wahrhaft wuͤrdige Weiſe. Das ganze Volk wiederholte ſie, und der Ruf von unſerem ge⸗ leiſteten Eidſchwur drang bis auf das jenſeitige Ufer zu dem Heere, welches zu unſerer Unterjochung da ſtand. Blos eine halbſtuͤndige Strecke von Sand und Sumpf lag zwiſchen den ſiegreichen Legionen, die ganz Spanien bereits unterworfen zu haben meinten, und den Vertretern deſſelben, die ſo eben gelobten, die Waffen nicht eher niederzulegen, als bis der Gefangene von Valencay den Thron ſeiner Vaͤter wieder beſtiegen haben wuͤrde, Wir fuͤhlten eine innere Ruͤhrung, die eben ſo erhebend als wohlthuend war, und die nur von großartigen Gefuͤhlen eingefloͤßt werden kann. Sie begleitete uns in den Verſammlungsſaal, der zu dieſem Zwecke beſonders eingerichtet worden war. Die Volksmenge draͤngte ſich auf die Gallerieen⸗ Auch Maria, durch ihre innere Unruhe noch verſchoͤ⸗ nert, erſchien auf einem dieſer Balkone, und ſah es, wie die goldene, von zwei Loͤwen getragene Vergitte⸗ rung, die den fuͤr die Konige allein beſtimmten Zu⸗ gang verſchließt, vor Alonſo ſich oͤffnete. Die Mit⸗ glieder der Regentſchaft ſchritten Throne 10 148 des abweſenden Monarchen hin; Don Ferdinands Bildniß ſtrahlte unter dem koͤniglichen Thronhimmel hervor, und die Inhaber ſeiner Gewalt eroͤffneten in Folge der zulezt von ihm erlaſſenen Verordnung und in ſeinem Ramen mitten unter der allgemeinen Freude und Verwunderung die erſte Sitzung der allgemeinen und außeror dentlichen Cortes. Unſere Herzen, obwohl von Gefahren umringt, waren doch blos der Hoffnung geoͤffnet; die Zukunft zeigte unſerem Geiſte die reichen Guͤter, die wir durch unſere Anſtrengungen erringen wuͤrden. Auf dieſem, von allen Seiten umbrandeten Meeresfelſen duͤnkte es uns, als waͤren wir dem Himmel naͤher, und als erblickten wir das Elend und die Leibenſchaften der Erde tief zu unſeren Fuͤßen, keiner von uns empfand mehr in ſich jenen geheimen Kummer, der ſonſt ge⸗ woͤhnlich als treuer Gefaͤhrte dem Herzen des Men⸗ ſchen beiwohnt. Mein hoher Freund betrachtete die ganze anweſende Verſammlung mit Blicken, worin ſich eben ſo ſehr ein befriedigtes Selbſtbewußt⸗ ſein als eine große Seele offenbarte. Dieſe ſeine Blicke fielen bisweilen auch auf den Balkon der Mar⸗ kiſin, und erglaͤnzten dann von einem ganz neuen Feuer, doch ſogleich ſanken ſie wieder auf die Ver⸗ ſammlung herab; es war, als ſcheute ſich der junge Staatsregierer, irgend einem Gedanken Raum zu geben, der nicht auf den Ruhm und das Gluck ſei⸗ nes Vaterlandes hingerichtet ware. Die Wiedererweckung unſerer alten Cortes, die —— „—— 149 Vefreiung Spaniens, Alonſo, der neulich noch ſein Vaterland auf dem Schlachtfelde vertheidigte, und heute bereits die Stelle ſeines Koͤnigs auf dem Throne einnahm, alle dieſe Bilder machten auf Maria einen ſo tiefen und lebhaften Eindruck, daß ſie darunter faſt erlegen waͤre; ſie ſank auf die Kniee, bedeckte mit der Hand ihr thraͤnenfeuchtes Auge und ſuchte blos Gott zu ſchauen, zu welchem ſich ihre zerſtreuten Gedanken mit Muͤhe erhoben. Reben ihr ſtand eine Unbekannte, von welcher ſie blos durch Matea's Tochter getrennt wurde, und verbarg ihr Geſicht hinter die Falten eines langen Schleiers. Auf alle Worte der Markiſin und auf alle Geberden Aldouza's ſorgfaͤltig aufmerkend, hatte ſie unter dem lauten Beifallruf, der von Zeit zu Zeit dieſe heiligen Mauern erſchuͤtterte, blos Thraͤnen fallen laſſen; es war, als wuͤrde ihr Herz davon gebrochen. Maria ſtand, von ihrer Pflegetochter unterſtuͤtzt, halb ohnmaͤchtig auf, um ſich von dieſer großen Scene zu entfernen; da ergriff auf einmal eine fremde Hand ihren Arm, druͤckte ihn mit Heftigkeit, und hielt ſie auf eine ge⸗ bieteriſche Art an der Stelle feſt, welche ſie ſo eben zu verlaſſen im Begriff war. Die Markiſin blieb ſtehen, kam vor Erſtaunen wieder zur Beſinnung, und ſchwieg ſtill. Aldonza ſchmiegte ſich in dieſem Augenblick furchtſam an ſie an, denn eben dieſelbe Hand hatte auch die ihrige gefaßt. Auf einmal machte die Fremde eine verzweiflungsvolle Geberde, ihr ausgeſtreckter Arm ſchien der Markiſin eine Ver⸗ wuͤnſchung zuzuſenden, ſodann entfernte ſie ſich. 150 Eine Verfägung, die gleich am erſten Abende einſtimmig beſchloſſen wurde, bezeichnete hinlaͤnglich die Bahn, welche die Cortes einzuſchlagen im Begriff waren. Sie erklaͤrten naͤmlich die Bayonner Ab⸗ dankungen fuͤr null und nichtig, fuͤr ungerecht, ge⸗ waltſam erzwungen, und ohne Zuſtimmung der Na⸗ tion unterzeichnet, und erkannten Don Ferdinand als Koͤnig an. Zu gleicher Zeit ward die Unverletz⸗ lichkeit der Volksvertreter und das Recht des Kon⸗ greſſes, Staatsgrundgeſetze aufzuſtellen, feierlich feſtgeſetzt. Spanien durfte jezt wieder frei reden, und es benutzte dieſe Freiheit, um gegen jene Lehr⸗ ſaͤtze von unumſchraͤnkter Gewalt zu proteſtiren, die all ſein Ungluͤck erzeugt hatten, und deren ſich in dieſem Augenblick ein Despot bediente, um zu be⸗ haupten, ein bejahrter, bereits durch den Volkshaß entthronter Monarch habe ſein ganzes Volk mit Leib und Gut einer fremden Herrſchaft auf Gnade und Ungnade uͤberliefern koͤnnen. Eben ſo ward denn auch die Sache der Nationalſelbſtſtaͤndigkeit zum Ge⸗ genſtand von Eroͤrterungen gemacht. Nur wenige Mitglieder verwunderten ſich uͤber Grundſaͤtze, die das alte Spanienland zum erſtenmal ſeit dreihundert Jahren wieder laut werden hoͤrte, ohne davon er⸗ ſchuͤttert zu werden. Beredte Redner verſcheuchten indeß ſehr bald alle Bedenklichkeiten, und die Mehr⸗ zahl, die von Seiten ihres Haſſes gegen die franzo⸗ ſiſche Revolution genugſam bekannt waren, wußte die wenigen Andersdenkenden fuͤr die allgemeine An⸗ ſicht zu gewinnen. In dieſem Augenblick, wo die 151 gekroͤnten Haͤupter Europa's Joſeph Napoleon als geſetzmaͤßigen Beherrſcher Spaniens und Indiens anerkannten, wo unſere gefangenen Soldaten als Rebellen erſchoſſen wurden, wo jeder von uns durch den Verraͤthernamen gebrandmarkt war, wo der fremde Eroberer Sophismen und Gewalt zu Hilfe nahm, um uns zu bekaͤmpfen, kurz in einem Moment, wo der Gehorſam gegen den Koͤnig Pepe von einem Ende der Halbinſel zum andern von den chriſtlichen Kanzeln herab als eine religioͤſe und politiſche Pflicht vorgeſchrieben wurde, mußte es fuͤr die Wuͤrde der Nation von Wichtigkeit ſein, nicht den Titel der Em⸗ poͤrung ſich gefallen zu laſſen, womit die Kaiſer und Koͤnige diejenige Sache bezeichneten, fuͤr welche wir die Waffen ergriffen hatten. Wir konnten uns in den Augen der Welt nur dadurch wieder in Achtung ſetzen, daß wir unſere alten Rechte und Anſpruͤche wieder geltend machten; wir mußten wieder in Er⸗ innerung bringen, daß die menſchliche Geſellſchaft blos durch ein goͤttliches Recht exiſtirt, daß ſie— wie es bereits der hohe Rath von Kaſtilien oͤffentlich bekannt gemacht hatte— ein heiliges Vorrecht be⸗ ſitze, daß keine Koͤrperſchaft, kein einzelner Menſch ihre Rechte ſich anmaßen oder ſie aufheben koͤnne, daß der Vater des Menſchengeſchlechts ſie nicht dazu ver⸗ dammt hat, ſtumm und ohne Vertheidigung nach der Willkuͤhr eines treuloſen Fuͤrſtenguͤnſtlings oder eines unfaͤhigen Monarchen zu Grunde zu gehen. Die Cortes mußten nun entweder ihren Wider⸗ ſtand auf dieſe ewigen Wahrheiten begruͤnden, oder * 152 ſie mußten den Tod aller derer ihrer Mitbuͤrger, die vom Feinde hingerichtet worden, gutheißen; es blieb uns dann blos uͤbrig, vor der Bayonner Konſtitu⸗ tion niederzuknieen, uns unter den Scepter des an⸗ geblichen Erbnehmers von Don Ferdinand zu beugen, kurz in das Syſtem von Lilſit und Presburg einzu⸗ gehen. Die Verſammlung unterzeichnete daher ein⸗ ſtimmig die folgenden großen Erklaͤrungen, daß naͤmlich Spanien nicht das Erbtheil irgend einer Familie ſein koͤnne, daß die Souveraͤnitaͤt durchaus nur in der Nation ſelber ihren Sitz habe, und daß es folglich auch nur ihr allein zukomme, ihre Fun⸗ damentalgeſetze zu entwerfen. Die Geſchichte mag dereinſt entſcheiden, ob der Senat von Rom, als der Sieger der Traſimeniſchen Schlacht am Fuße des Kapitols ſein Lager aufſchlug, großherziger handelte, als die Cortes von Cadix, die, von der franzoͤſiſchen Uebermacht auf ihre ſchmale Inſel zuruͤckgedruͤckt, gleich am erſten Tage nach ihrer Zuſammenberufung durch einen feierlichen Beſchluß feſtſetzten, nie mit dem franzoͤſiſchen Kaiſer zu unterhandeln, ſo lange ſeine Adler nicht uͤber die Gebirge zuruͤckgeworfen und die Bourbons noch nicht unſerer Sehnſucht wiedergeſchenkt waͤren. Bei dieſen ernſten Verhandlungen muß man ſel⸗ ber mit Zuhoͤrer geweſen ſein, als Arguelles das ausſprach, was die Herzen aller empfanden. „Gnaͤdiger Herr!“*) ſprach er;„ganz Europa *) Wenn man in Spanien eine Körperſchaft anredet, ſo redet man zu ihr, als ob ſie blos eine einzige Perſon wäre. So —, 153 kennt bie entſetzliche Unthat, woburch unſer vielge⸗ liebter Koͤnig einem Throne entriſſen wurde, den er kaum erſt in Beſitz genommen hatte. Indeß der Unterdruͤcker der Welt hatte damit noch lange nicht ſeine Bahn der Ungerechtigkeiten beſchloſſen; und da das theure Leben unſerer Fuͤrſten noch verſchont worden war, ſo mußte man ſich auf neue Komplotte gefaßt halten. Don Ferdinand ſteht jezt, wo⸗ fern man dem Geruͤcht glauben darf, auf dem Punkte, eine ſehr enge Verbindung mit Napoleon anzu⸗ knupfen.“ „Welches wird nun das Ergebniß dieſes neuen Anſchlages ſein? Die kleinmuͤthigen Seelen werden vielleicht antworten, daß der Enthuſiasmus mancher Provinzen dadurch ſich abkuͤhlen werde, und daß andere, der Leiden des Krieges muͤde, endlich der Gewalt nachgeben duͤrften. Allein ich frage hier oͤffentlich: iſt etwa unſer Volksaufſtand aus einer augenblicklichen Aufwallung, aus dem Fanatismus einer Parthei, aus dem veraͤnderlichen Neuerungs⸗ geiſte unſerer Rachbaren hervorgegangen? Nein, gnaͤdiger Herr; ſondern vielmehr aus dem einmuͤ⸗ thigen Wunſche, den unſere verſchiedenen Koͤnig⸗ ſagt man zu einem Gerichtshoſer„Gnädiger Herr, Euer Ex⸗ cellenz“; zu dem hohen Nath von Kaſtilien:„Gnädiger Herr, Euer Hoheit“, und in gewiſſen Fällen:„Euer Maje⸗ ſtät“. Die Cortes führten während der Gefangenſchaft des Königs den Titel„Majeſtät“, ſeit 1820 den„Euer Ho⸗ heit“.— Die obige Rede iſt übrigens entlehnt aus dem Diario de las Cortes. T. II.(ſ. Verhandlung über das Dekret vom 1. Januar 1311.) 154 reiche zu einer und derſelben Stunde, und zwar ohne ſich verabredet zu haben, laut ausſprachen. Drei greuelvolle Jahre haben uns genugſam offenbart, was man von einem Manne alles zu erwarten hat, der die Ehre und die Moral mit Fuͤßen getreten hat⸗ Er wird vielleicht von Verbeſſerungen und von Re⸗ formen reden; allein dieſe drei vepfloſſenen Jahre lehren uns, was das fuͤr eine Wiedergeburt iſt, wo⸗ mit er unſere Augen blenden zu koͤnnen glaubte. Er wird vielleicht verſprechen, daß er unſer Gebiet von der Anweſenheit ſeiner Truppen befreien wolle; al⸗ lein welche Buͤrgſchaft kann er uns fuͤr die Erfuͤllung ſeiner Verheiſſungen geben? Betrachtet nur ſein ganzes Leben! iſt er nicht ſtets von Verbrechen zu Verbrechen fortgeſchritten? Bei allen ſeinen Ver⸗ ſuchen, ſeine eigene unbedeutende Familie an die Stelle aller Koͤnigsgeſchlechter einzuſchieben, war es hauptſaͤchlich immer auf die Bourbons abgeſehen. Die Welt kennt ſeine geheimen Anſtiftungen und ſeine Betruͤgereien. Euer Majeſtaͤt werden daher auf kei⸗ nen Vorſchlag hoͤren, der irgend von ihm ausgeht. Vergeſſet nicht, was der roͤmiſche Senat auf Han⸗ nibals Friedensvorſchlaͤge antwortete: Entferne dich zuvor aus unſerem Gebiet, und dann wollen wir mit dir unterhandeln! So unumſchraͤnkt ihr in eurer Macht ſein moͤget, ſo giebt es doch eines, was ihr nicht koͤnnet, naͤmlich mit Napoleon in Unterhand⸗ lungen zu treten. Wenn dieſe hohe Verſammlung je einen Augenblick ſo viel Schwaͤche zeigen koͤnnte, ſo wuͤrde man ihr ſofort nicht mehr Folge leiſten⸗ 155 Nicht blos die Gegenwart iſt mit unſeren Tyrannen unverſoͤhnbar, ſondern auch die Zukunft iſt es. Die Mutter, die unter Ruinen ihr Kind empfangen hat, wird auf die Frucht ihres Leibes all das Grauſen ver⸗ erben, das ſie damals empfand, und dieſer Abſcheu wird wie ein Erbtheil bis auf die kommenden Gene⸗ rationen uͤbergehen.“ „Die Anweſenheit einer fuͤr unuͤberwindlich gel⸗ tenden Heeresmacht, der Abfall unſerer ausgezeich⸗ netſten Koͤpfe, die Aufbietung aller Hilfsmittel der kaiſerlichen Politik, nichts vermochte die Begeiſterung unſerer Mitbuͤrger zu unterdruͤcken. So lange es Spanier geben wird, kann es auch der Freiheit nie an Vertheidigern fehlen, und wenn ein einziger von uns alle uͤbrigen uͤberleben ſollte, ſo wuͤrde er mit dem lezten Seufzer zugleich auch den lezten Schrei fuͤr die Unabhaͤngigkeit des Vaterlandes ausſtoßen!“ „Ich will hierbei inne halten, gnaͤdiger Herr! Mag der Beherrſcher der Welt, von einer Anzahl neuer Emporkoͤmmlinge unterſtutzt, die auf eine wunderbare Weiſe an den Wagen ſeines Gluͤcks ge⸗ feſſelt ſind, ſeine ungeheure Laufbahn verfolgen. Wir unſererſeits wollen blos daran denken, daß vom 24. September an Europa ſeine Blicke auf dieſen Heerd der Freiheit der Nationen des Feſtlandes gerich⸗ tet hat. Sie alle ſind unterjocht, ſie alle erwarten die Freiheit; den Beſchluͤſſen des Kongreſſes kommt es zu, ihnen den Weg zu bahnen.“ Waͤhrend die Cortes dieſe maͤnnliche Rede ver⸗ nahmen, waͤhrend ſie dieſe begeiſterten Aufblitze einer 106 hohen Seele zu Geſetzesartikeln geſtalteten, waren ſie weit entfernt, ſich durch Vorſpiegelungen zu taͤuſchen. Sie fuͤhlten gar wohl, daß es ihnen an Grundgebiet und an Golde fehle; ſie ſahen wohl, wie der Feind ihren engen Zufluchtsort umlagerte, wie fuͤnfmal hunderttauſend Soldaten unſere Provinzen uͤber⸗ ſchwemmten, wie die feſten Plaͤtze uͤberall in ihre Haͤnde fielen, wie Joſephs Herrſchaft ſich uͤber die ganze Halbinſel ausbreitete; ſie ſahen, wie der euro⸗ päiſche Kontinent, mit dem Emporkömmling von Ajaccio eng verbunden uns in die Acht erklaͤrte und zu vernichten ſuchte, wie die Geiſtlichkeit von einem Ende Europa's zum andern den Segen des Himmels fuͤr die Waffen unſerer Sieger erflehte, wie die geiſt⸗ liche und die weltliche Muſe mit angeblicher Unpar⸗ cheilichkeit„dieſer Wiege einer großen Zukunft“ hul⸗ digen zu muͤſſen glaubte, kurz ſie ſahen Frankreich, Spanien, die Welt, mit einem Wort alles, nur nicht die Blendfeuer von Valencay, in ihrer abſchreckenden Nacktheit; doch in unſerem Inneren ſprach die Stimme der Ehre, und dieſe redete lauter, als die der Klugheit. Der unwille, den uns die Unthaten der Gewalt einfloͤßten, ward durch den Unwillen uͤber die Nachgiebigkeit der Schwaͤche nicht zuruͤckge⸗ draͤngt. Die ſpaniſche Standhaftigkeit ließ ſich we⸗ der durch Gefahren noch durch Beiſpiele erſchuͤttern, und vielleicht haben wir durch die Rettung unſeres Vaterlandes zugleich die gegenwaͤrtigen Throne aller alten Dynaſtieen gerettet. Wenn die Maͤnner jener herviſchen Zeiten nach ſolchen Thaten noch in Kerker 157 geworfen werben konnten, ſo konnten ſie ſich ganz dreiſt auf ihr inneres VBewußtſein verlaſſen, um ruhig das entſcheidende Urtheil kommender Generationen zu erwarten; ſie koͤnnen von der Hoͤhe ihrer Tugend herab den Blitzſtrahlen der Undankbaren trotzen, die zu allen Zeiten blos ſie zu verdammen, aber nie ſie nachzuahmen im Stande waren. ut Welch ein Schauſpiel war es, eine Nation zu ſehen, die durch Siege bis auf den äußerſten Strand ihrer Geſtade zuruͤckgedraͤngt, zwiſchen die Fluten des Oceans und das feindliche Heerlager eingeklemmt, dennoch nicht an ſich ſelber verzweifelte, ſondern mitten in dem gehorchenden Europa die einzige war, die gegen eine Tyrannei proteſtirte, welche durch die Religion wie durch das Gluͤck fuͤr guͤltig erklaͤrt wurde! Was gab es wohl groͤßres, als dieſe Cor⸗ tes, die ſo zu ſagen durch das Geraͤuſch unſerer Un⸗ fälle geweckt, aus dem Grabe emporſtiegen, worin der Ruhm und die Freiheit unſerer Väter ſchlum⸗ merte, und aus allen Winkeln der Erde herbeieilend mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit uͤber die Zukunft der Monarchie berathſchlagten, waͤhrend die Gegenwart ihnen kaum mehr angehoͤrte! PHier hatte der Pflan⸗ zer von den Philippiniſchen Inſeln, der Abkoͤmmling der Inca's, der Spanier aus Mexicv, und der Stell⸗ vertreter der Tlazcalteken Sitz und Stimme an der Seite des Andaluſiers, des Kataloniers, des Mur⸗ ciers, des Galiciers, des Aſturiers, des Aragoniers, des Bewohners von Eſtremadurg und von Leon. 158 So boten denn Europa, Aſten und Amerika ſich zum erſtenmale in einer Verſammlung freier Maͤnner die Hand. Unſere ungeheure Monarchie war in die⸗ ſem Dempel der Geſetze vollſtaͤndig verſammelt. Die Cortes von Cadix, die aus dem einmuͤthigen Wunſch und aus der freien Wahl der Voͤlker, aus dem Schooße unſeres Ungluͤcks, aus unſerem Helden⸗ muth entſprungen ſind, dieſe Cortes, die ſich eben ſo gut auf eine edle Abkunft berufen und ihren Urſprung an den der Monarchie anknuͤpfen koͤnnten, haben nicht erſt noͤthig, die Guͤltigkeit ihrer Rechte aus der Nacht einer barbariſchen Vorzeit, aus den Spitzfin⸗ digkeiten verſteckter Anſpruͤche, aus den Raubkriegen der Feudalzeiten herzuleiten. Giebt es wohl unter der Sonne irgend eine Macht, die ſich eines ſo ſon⸗ nenklaren und zugleich ſo edeln urſprungs zu ruͤhmen bu⸗ als ie? Zweites Kapitel. — Nach drei Jahrhunderten war nun zum erſten⸗ mal wieder die Volksrednerbuͤhne in Spanien herge⸗ ſtellt worden, und ſogleich wurden auch ſchon von ihr herab Worte und Reden vernommen, die es ver⸗ dienten, in allen edeln Herzen der Erde wiederzuhal⸗ len. Geſetzgeber, welche kuͤhn die Herrſchaft der Geſetze gruͤndeten, waͤhrend das Geſchutz der Bela⸗ gerer, gegen ihren Verſammlungspalaſt gerichtet, moͤrderiſche Bomben bis auf die Baͤnke, auf welchen ſie ſaßen, hinſchleuderte,— ſolche Maͤnner, ſolche Buͤrger, konnten wohl leicht große Redner werden. Ihre Beredſamkeit, aus einer edeln Begeiſterung her⸗ vorgegangen, ſchien ihre Kraft und ihre Hilfsmittel von einer weit hoͤheren Macht zu entlehnen, als von dem bloßen Talent und der Kunſt zu reden. Auch ehrte die oͤffentliche Bewunderung den erſten unter ihnen mit einem Beinamen, den der erhabenſte unter den Philoſophen der Vorwelt allein gefuͤhrt hat; Spanien nannte ſeinen Arguelles, ſo wie einſt das ganze Alterthum ſeinen Platon, den Goͤttlichen. Don Auguſtin Arguelles, den man nicht mit Canga*) verwechſeln darf, ſtellte ſich gleich anfangs durch ſeine licht⸗ und kraftvolle Wortfuͤhrung an die Spitze der Verſammlung. Aus einem der aͤlte⸗ ſien Haͤuſer Aſturiens entſproſſen, jung, groß, durch die Wuͤrde ſeiner Haltung und ſeiner Geberde, wie durch die Kraft ſeines dunkeln und feurigen Auges und durch das beſondere Gewicht ſeiner Rede ſich auszeichnend, verband er einen tiefſinnigen Ernſt mit einer einnehmenden und freundlichen Sprache, zeigte abwechſelnd in ſeinem Vortrag wie in ſeinen Worten eben ſo viel Milde als Feſtigkeit, vereinigte er alle die aͤußeren Vorzuͤge, welche jener Redner Noms *) Canga Arguelles, Deputirter bei den ordentlichen Cortes, und vorher Fiscat des hohen Raths von Kaſtilien, war im J. 1320 Miniſter der Finanzen, während Don Auguſtin Mi⸗ niſter des Innern war. Die beiden Männer ſind ſich übrigens Lar nicht verwandt, obwohl ſie gleichen Familiennamen führen. 6 1 160 von den Athleten des Forums verlangt, alle bie, deren Beſitz uns eine Herrſchaft uͤber unſeres gleichen zuſichert. Er war lange Zeit in England geweſen, und der Anblick einer Regierung, die auf die Wuͤrde des Menſchen, auf die Mitwirkung der Unterthanen, auf Gegenkampf und auf Oeffentlichkeit gegruͤndet iſt, erhob eben ſo ſehr ſein Gemuͤth, als ſeine Ge⸗ danken. Staatsverwaltung und Politik wurden von nun an Gegenſtand ſeiner Studien. Sein raſcher ueberblick umfaßt mit Blitzesſchnelle jeden neuen Ge⸗ genſtand in ſeiner ganzen Ausdehnung, durchdringt ihn bis in das Innerſte, enthuͤllt ſeine geheimſten Falten, und zwar ohne die Muͤhſeligkeit und die Ver⸗ irrungen gewoͤhnlicher Koͤpfe; und alle dieſe Vorzuge verſchafften ihm denn auch einen Einfluß, den ihm keine Parthei, kein Nebenbuhler ſtreitig machen konnte. Seine Beredſamkeit, die ſtets klar, rein und gewandt war, bisweilen großartig, wie unſere Unfaͤlle und Gefahren, dann wieder hervorbrechend, ungeſtuͤm, alle Herzen mit ſich fort reißend, im Nothfall den Entſchluß zu ſterben oder die Hoffnung zu ſiegen an⸗ feuernd, fuͤr gewoͤhnlich aber einfach, harmoniſch, reizbare Leidenſchaften oder ſchwierige Hinderniſſe umgehend, lieber aufklaͤrend als blendend, lieber verſoͤhnend als beſiegend, weder die Kunſtgriffe der Rede noch die rhetoriſchen Vorſichtsmaßregeln ver⸗ ſchmaͤhend, um heilſamen Wahrheiten Eingang zu verſchaffen, endlich immer an die allgemeine Men⸗ ſchenvernunft ſich wendend,— war ſeine Beredſam⸗ keit der feurige und natuͤrliche Ausdruck des Ge⸗ 161 muͤths und des Genie's zugleich, und herrſchte ſo vier Jahre lang uͤber unſere Cortes. Stets voll Feuer, und doch ſtets Herr ſeiner ſelbſt, beſtaͤndig der Gerechtigkeit nachgehend, trat er bisweilen auf die Seite der Freunde der alten Zeit, ein andermal ſtritt er wieder gegen ſie, wenn ihr blindes Ungeſtum den alterthuͤmlichen Bau des Koͤnigthuins, das ſie immer nur einen wilden Despotismus zu nennen pflegten, von Grund aus umzuſtürzen drohte. Die verſchiedenſten Meinungen und Anſichten grup⸗ pirten ſich um ihn her, und ließen ſich ſeine Entſchei⸗ dung gefallen, ja man verlangte von ihm foͤrmlich dieſe Ausuͤbung eines Schiedsrichteramts, wozu ihn ſein Talent und ſein Edelſinn bei unſeren Meinungs⸗ ſtreitigkeiten berechtigte. Kalt und ſtreng, vielleicht ſogar mistrauiſch, beim erſten Anblick nicht ohne zahlreiche Bewunderer, aber doch niemanden ſeinen Freund nennend, iſt er uͤber den Schauplatz der oͤffentlichen Angelegenheiten hingeſchritten, ohne daß die Verleumdung ſeinen Character irgend anzutaſten wagte. Das Misgeſchick hat ſeine ganze Strenge gegen ihn ausgelaſſen, ohne daß der Partheigeiſt ſich irgend mehr gegen ihn erlaubt haͤtte, als ihn zu ver⸗ folgen. Der Haß konnte zwar ſeinen Kopf fordern, mußte aber ſeinen guten Ruf ungefaͤhrdet laſſen. Als dieſer große Buͤrger ſeines Staats von Barbaren auf den Strand Afrika's hin vertrieben wurde, in jene Gegenden, wo einſt Marius auf den Ruinen von Karthago ſaß, wo der lezte große Roͤmer ſtarb, wur⸗ den alle edeln Herzen durch ſein Schickſal in ihrem W. 11 162 ——— Innern erſchuͤttert. Don Auguſtin iſt einer von je⸗ nen Maͤnnern, welche die Gewalt niemals in die Acht zu erklaͤren vermag, ohne daß die Wahrheit, die Gerechtigkeit und das Vaterland ſelber mit ihnen zugleich in die Verbannung verwieſen zu ſein waͤh— nen. Die Kohorten vom Rubicon mochten vielleicht einen augenblicklichen Waffenerfolg haben, ihre Sache mochte vielleicht ſogar„den Goͤttern gefal— len;“ allein der hohe Fluͤchtling von Utika hat da⸗ gegen alle Jahrhunderte fuͤr ſich, fuͤr Kato's Sache hat ſich die ganze Menſchheit erklaͤrt! Das uebergewicht, welches ſich der goͤttliche Arguelles zu verſchaffen wußte, kann euch als Be⸗ weis dienen, daß es unter uns nicht jenen tiefeingrei⸗ fenden Zwieſpalt der Meinungen, nicht jene unbieg⸗ ſamen Gegenſaͤtze gab, die anderswo in einer und derſelben Verſammlung unuͤberſteigliche Scheidewaͤnde bilden; lange Zeit hindurch konnte man die Liberalen und Servilen faſt gar nicht von einander unterſchei⸗ den. Waͤhrend wir ſo durch den Zufall neben ein⸗ ander auf dieſelben Baͤnke geſetzt, im Haſſe gegen Godoy, die Franzoſen und den Despotismus uͤber⸗ einſtimmend, und alle auf gleiche Weiſe entſchloſſen waren, eine Repraͤſentativ⸗Verfaſſung zu gruͤnden, war in unſeren Wuͤnſchen wie in unſeren Abneigun⸗ gen eine Einheit vorhanden, welche unſern Blicken die Verſchiedenheit des Zieles verbarg, das ſich jeder einzelne von uns geſetzt hatte. Erſt nachdem wir uns von allen Feſſeln, von allem fremdartigen Schutt, der uns umringte, befreit hatten, konnten — 163 wir einen freien Aufſchwung nehmen, die einen von uns nach der Vergangenheit, die andern nach der Zukunft hin; doch ſelbſt da, als der Tag der Tren⸗ nung gekommen war, war es immer noch ſehr ſchwer, ein genaues Verzeichniß der beiden Partheien aufzu⸗ ſtellen. Man muß ihnen die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, daß ſie ſich ſaͤmmtlich durch eine gleiche unabhaͤngigkeit, durch eine gleiche Ueberzeugung auszeichneten. Ein Fremder wuͤrde ſich in unſeren Nationalverſammlungen vergebens nach jenen ſyſte⸗ matiſchen Gegenſaͤtzen umgeſehen haben, nach jenen unwandelbaren Spaltungen, nach jenem Fußſtam⸗ pfen, jenen Unterbrechungen, jenem lauten Zurufen, was den Berathungen eines Senats gewiſſermaßen das Anſehn eines Buͤrgerkrieges giebt, und die ſtuͤr⸗ miſchen Auftritte des Marktes auf das Kapitol hin⸗ auf verſetzt. In den Verſammlungsſaal unſerer Cortes bringt niemand einen ſchon vorgefaßten Ent⸗ ſchluß mit, wir kennen da nicht jene Gewiſſenhaftig⸗ keit, die es ſich zum Geſetz macht, gegen die Stimme der Gerechtigkeit taub zu ſein, der Wahrheit dreiſt die Spitze zu bieten, wenn ſie von einem Gegner vor⸗ getragen wird, und deren Urtheil und Stimme ſich auf die Gruͤnde eines Redners ſtůtzt, der ſeine Rede erſt noch halten ſoll. Blos eine dritte Parthei, die ſich gleich vom er⸗ ſten Abende an unter den geſetzgebenden Cortes bil⸗ dete, befolgte eine Zeit lang dieſe beklagenswerthe Lactik; ſie beſtand aus Amerikanern. Dieſe wuͤnſch⸗ ten den Tag herbei, wo der Sturm die Inſel Leon 12 164 vom europaͤiſchen Boden losreißen und ſo das Mut⸗ terland nach der neuen Welt verpflanzen wuͤrde, wo ſie dann die Erbſchaft und das Schickſal des alten Spaniens in Beſchlag nehmen wollten. Einer von ihnen, ein gewiſſer Joaquin Perez, der in der Folge von der Krone mit Gunſtbezeigungen uͤberhaͤuft wor⸗ den iſt, wagte ſogar die Meinung aufzuſtellen, man ſolle die Halbinſel dem Scepter des franzoͤſiſchen Kaiſers uͤberlaſſen; indeß mit einſtimmigem Unwillen beantwortete man dieſen Vorſchlag, der uns zu einem Vaterlandsmorde und zur Feigheit aufforderte. Gleichwohl beſchloſſen ſie, uns zu alle dem zu zwin⸗ gen, was unſere Herzen innerlich misbilligten, und ſie pflegten daher durch ihre Stimmen alle unheil⸗ vollen Maßregeln zu unterſtutzen, alle heilſamen Kom⸗ binationen zu hintertreiben. Dieſe Parthei hatte uͤbrigens zu ihrem Ober⸗ haupt, ich moͤchte faſt ſagen, zu ihrem Herrn, den liſtigſten, uͤbermuͤthigſten und zugleich beredteſten Mann von der Welt. Mexia, aus dem Hauſe der Grafen von Punon Roſtro entſproſſen, hatte ſich durch die Geſchmeidigkeit ſeines Characters und durch ſeine Geiſteskraft der Herrſchaft uͤber ſeine Mitbuͤrger bemeiſtert. Auf alle ſeine Bewegungen aufmerkſam, richteten ſie ſaͤmmtlich ihre Stimmen nach ſeinem Wunſche, in der ſichern Ueberzeugung, daß ſeine Entſcheidung fuͤr ihr Intereſſe am nutzlich⸗ ſten, fuͤr unſere Sache dagegen am verderblichſten ſein werde. Dieſer Mann lebt nicht mehr; folglich darf die Geſchichte bereits uͤber ihn urtheilen; ja ſie 6 165 durfte es ſchon bei ſeinen Lebzeiten, als ſeine ſittliche Auffuͤhrung zulezt den Einfluß wieder vernichtete, den ſeine Talente ihm verſchafft hatten. Doch eine lange Zeit hindurch machte ſeine Kaltbluͤtigkeit, die kein Angriff, kein Hinderniß, keine Wahrheit er⸗ ſchuͤttern konnte, ferner ſeine bewundernswuͤrdige Leichtigkeit, womit er von dieſer ſtolzen Ruhe zu einer Erbitterung uͤbergieng, die in den Augen aller Welt, nur nicht in den ſeinigen, fuͤr echt galt, ſeine Ge⸗ wandtheit in Behandlung der entgegengeſetzteſten Leidenſchaften, ſeine hartnaͤckige Kuͤhnheit, die weder durch Beſchimpfung noch durch ein Mislingen aus der Faſſung gebracht werden konnte, dies alles zu⸗ ſammen machte dieſen zweiten Mirabeau zu einer wahren Geiſſel der Nationalverſammlung. Die Amerikaner folgten blindlings dem Antriebe ihres Oberhauptes, und es war, als ob Mexia eine Trieb⸗ feder in der Hand gehabt haͤtte, deren Wirkung ſie alle zugleich in Bewegung ſetzte⸗ Sobald einmal die Frage uͤber unſere Unabhaͤn⸗ gigkeit entſchieden war, ſo theilte ſich dieſe beinahe ſchon ganz aufgeloͤſte Parthei in die zwei verſchiedenen Anſichten, deren Abweichung von einander täglich ſichtbarer hervortrat. Don Blas Oſtolaza, Lisper⸗ guer, der Graf von Punon Roſtro, Foncerrada, traten in die Reihen unſerer Gegner; Feliu, Arispe, Larrazabal, Teran verſtaͤrkten die unſrigen. Doch ſobald irgend der Kampf der Meinungen lebhaft wurde, ſo fuhren dieſe Maͤnner, wie ver⸗ ſchieden auch ſonſt ihre Anſichten ſein mochten, im⸗ 166 mer noch ſehr haͤufig fort, ihre Stimmen ganz un⸗ abhaͤngig von einander abzugeben und jene Redlich⸗ keit zu bewahren, welche die abzugebende Stimme nie von der innern Ueberzeugung trennt. Dieſe Wortkaͤmpfe verſchafften den Liberalen einen uner⸗ meßlichen Vortheil; obwohl ſie an Zahl den andern ſehr nachſtanden, ſo verdankten ſie dennoch ihrer Maͤßigung und ihrer gerechten Sache eine entſchie⸗ dene Geiſtesuͤberlegenheit. Wenn man Gutierrez de la Huerta, den gewandten Improviſator, ferner Valiente, Borrull, Creus, Canedo ausnimmt, die ſich alle durch eine gewiſſe Waͤrme auszeichneten, die bisweilen bis zum Talent ſich ſteigerte, ſo hatte die Parthei der Geiſtlichkeit blos ſolche mittelmaͤßige und heftig aufbrauſende Verfechter wie Oſtolaza, und aͤußerte ſich daher meiſt nur in gewoͤhnlichen und alltaͤglichen Reden. Es waren meiſt bejahrte Ju⸗ ſtizperſonen, in Faulheit fettgewordene Domherren, und von Duͤnkel und Unwiſſenheit aufgeblaſene Hi⸗ dalgos, deren Geiſter noch die Laſt der Feſſeln zu tra⸗ gen ſchienen, die ſie uns wieder auflegen zu wollen ſchienen; keiner von ihnen hat ſich in den Jahr⸗ buͤchern unſerer Konſtitution einen Namen gemacht. Ueberhaupt wurden ſie erſt ſpaterhin bekannt, als ſie die Rolle der Repraͤſentanten und Geſetzgeber mit der Rolle von Angebern und Henkern vertauſchten. Die Sache der Staatsverbeſſerung, die durch Granden, wie der Markis von Villa Franca, durch Praͤlaten, wie der Erzbiſchof von Majorca, endlich durch den auserleſenſten Kern Spaniens vertheidigt 167 wurde, brachte eine Maſſe neuer und lichter Ideen zum Vortrag. Neben dem goͤttlichen Arguelles glaͤnzten Munos Torrero, Villa Nueva, Espiga, Gallego, Oliveros, alles wuͤrdige Glanzſterne der Kirche, ein Calatrava, die Zierde des ſpaniſchen Ad⸗ vokatenſtandes, ferner ein Garcia Herreros, Perez de Caſtro, der Graf von Toreno, der General Zor⸗ raquin, die durch ihre Gelehrſamkeit, ihr Talent und ihre dem Vaterlande geleiſteten Dienſte ſich be⸗ reits beruͤhmt gemacht hatten. Einige andere entwi⸗ ckelten ebenfalls nicht ohne Aufſehen im Laufe der Verhandlungen eine gluͤhende Energie; allein ihr An⸗ denken iſt ſo ſpurlos voruͤber geeilt wie jene Feuer⸗ meteore, die weder zu leuchten noch zu zerſtoͤren im Stande ſind. Von dieſer Art alſo war der Wirkungskreis, der ſich eroͤffnete. Ihr werdet von mir nicht erwarten, daß ich euch die großartigen Verhandlungen einer Nationalverſammlung vollſtaͤndig darlege, welcher die Leitung des Vaterlandes unbedingt anvertraut war. Die erſte Sorge der Cortes war, alle Buͤr⸗ ger aufzufordern, daß ſie durch ihren Beitritt das Dekret vom 24. September fuͤr guͤltig erklaͤren moͤch⸗ ten, und diesmal waren die Cortes noch einſtimmig, um die Formel des Buͤrgereides zu entwerfen.*) )„Ihr erkennet die Vollgewalt der Nation an, welche durch die Abgeordneten dieſer allgemeinen und außerordentlichen Cor⸗ tes vertreten wird! Ihr ſchwöret, den Geſetzen und Verfü⸗ gungen derſelben zu gehorchen, ſo wie auch der Konſtitution, die vermöge des heiligen Zweckes ihrer Zuſammenberufung auf⸗ —————— 168 Die Darlegung der Grundſätze, worauf bieſer Act beruhte, geſchah nicht etwa in der Uebereilung oder in einer momentanen Daͤuſchung; funfzehn Mo⸗ nate nachher wurden ſie von neuem durch die Konſti⸗ tution ausgeſprochen. Waͤhrend dieſes langen Zeit⸗ raums dachte keiner von alle den Maͤnnern, die in— ber lezten Zeit die Hauptpunkte ihrer heimlichen An⸗ klagen gegen uns daraus entnehmen zu koͤnnen glaub⸗ ken, jemals daran, ihre erſten Entſchließungen wie⸗ der zuruͤckzunehmen. Oſtolaza, der gewaltthaͤtigſte Helfershelfer der Reaction von 1814, ſprach ohne Unterlaß, von der unumſchraͤnkten Macht des Na⸗ tionalkongreſſes. Die meiſten, wie z. B. Gutierez de la Huerta, Antonio Joaquin Perez, der General Eguia, vor allen Creus*, jene ganze Menge von Deputirten, die nachmals zum Lohne fuͤr ihre treu⸗ loſen Angebereien von der Krone zu Bisthuͤmern, Hofaͤmtern, und hohen Poſten bei der Inquiſition und dem hohen Rath von Kaſtilien befoͤrdert worden ſind, zeichneten ſich damals durch ihre Vorliebe fuͤr gerichtet werden ſon, und werdet ſie beobachten und vollziehen laſſen! Ihr ſchwöret die Unabhängigkeit, Freiheit und Integri⸗ tät der Nation, die apoſtoliſche, römiſchkatholiſche Religion und das Königthum ſorgfältig zu erhalten! Ihr ſchwöret, un⸗ ſeren vielgeliebten Fönig Don Ferdinand von Bourbon wieder auf den Thron zu ſetzen und in allen Stücken das Wohl des Staats zu beachten! Wenn ihr ſo thut, ſo möge euch Gott unterſtützen; wo nicht, ſo werdet ihr einſt den Geſetzen gemäß der Nation darüber Rechenſchaft ablegen müſſen.“ Im Jahre 1314 war er Biſchof von Minorca, im Jahre 4619 Erzbiſchof von Larragona, im Jahre 1822 Präſident der Regentſchaft von urgel. 13 169 die politiſchen Grundſaͤtze, die Don Ferdinand ſelber fuͤr gultig anerkannt hatte, aus. Dieſer Fuͤrſt hatte naͤmlich am 4. Mai 1808 an ſeinen königlichen Va⸗ ter geſchrieben:„er habe nicht das Recht, uͤber die Krone zu verfuͤgen, ohne die ausdruͤckliche Zuſtim⸗ mung der verſammelten Cortes der Nation.« Es gab auf der ganzen Inſel damals auch nicht einen einzigen Großwuͤrdentraͤger der Kirche, des Hofes, des Staats oder der Armee, der nicht den neuen Schwur zu unterzeichnen ſich beeilt haͤtte. In⸗ fantado bat ſich die Ehre aus, perſoͤnlich vor den Schranken zu erſcheinen und den Schwur in die Haͤn⸗ de Seiner Majeſtat des Kongreſſes ablegen zu duͤr⸗ fen; der Markis von Belgida, der Graf von Caſte⸗ lar, der Graf von Caſtel Florido, der Kardinal von Bourbon, der Graf von Altamira, der Markis von Aſtorga, kurz alle Granden, die ſich nicht etwa uͤber Meer gefluͤchtet hatten, folgten dieſem Beiſpiele. Die hohen Raͤthe von Kaſtilien, von Indien, der Finanzen, des Kriegs, der Inquiſition, zeigten den⸗ ſelben Eifer. Die Regentſchaft konnte nicht mehr erwarten. Blos der Biſchof von Orenſe aͤußerte, nicht etwa eine Verweigerung, ſondern blos eine Bedenklichkeit uͤber irgend einen unbeſtimmten Aus⸗ druck, und ſofort verlangten ein und ſechzig Depu⸗ tirte— ungeachtet der Gegenvorſtellungen von Ar⸗ guelles— daß uͤber dieſen ehrwuͤrdigen Greis eine Gerichtskommiſſion niedergeſetzt werden ſolle, wo⸗ durch das tief verletzte Gemuͤth deſſelben mit einer unheilverkuͤndenden Erbitterung erfuͤllt wurde. Un⸗ 170 ter dieſen unerbittlichen Verfechtern der National⸗ Souverainitaͤt befanden ſich unter andern auch Cane⸗ do*), Villagomez**), Ros**), Eguia****), kurz viele von denen, die uns nachmals vor dem Richterſtuhl der Welt als Anhaͤnger der Volksrechte bezeichnet haben; damals hatte ganz Spanien nur eine Stimme, um das Werk der Cortes fuͤr guͤltig zu erklaͤren. Ueberall wo die Beſatzungstruppen der Franzo⸗ ſen auch nur einen Augenblick ſich zuruͤckzogen, ſtimmten die Staͤdte und Domkapitel mit Enthuſias⸗ mus in dieſe Aeußerungen der Wuͤnſche und Pflichten aller ein. Unſere uͤberſeeiſchen Provinzen, die jezt auf einmal zum Gehorſam zuruͤckkehrten, der Stell⸗ vertreter des Kabinetts von Saint James, das Haus Braganza, die Bourbons beider Sicilien, alle ſtimm⸗ ten um die Wette in die Huldigungen und Lobeser⸗ hebungen ein, die den Kongreß bei ſeinem erſten Auf⸗ treten von allen Seiten her begruͤßten. Niemand — ſogar die Jeſuiten zu Palermo nicht einmal— weigerte ſich, uns den Zoll der Vewunderung zu ent⸗ richten. Das engliſche Volk beantwortete das von ) Nach der Reſtauration Biſchof von Malaga. **) Nach der Reſtauration Mitglied des hohen Nthe von Ka⸗ ſtilien. **) Nach der Reſtauration Biſchof von Eortoſa. ****) Im Jahre 1814 war er Kriegsminiſter, im Jahre 1823 Präſident der Regentſchaft von Toloſa. Er war es, der im Jahre 1314 es übernahm, die Cortes mit bewaffneter Hand aufzulöſen, und die nebſt den zu ver⸗ haften. 17¹ unſern Kuͤſten aus erhobene Freiheitsgeſchrei durch Gluͤckwuͤnſche, und kaum waren zwei Jahre verfloſ⸗ ſen, ſo ſahen wir, wie einſt der roͤmiſche Senat, Abgeſandte von Koͤnigen aus den entfernteſten Ge⸗ genden herbeikommen, und ſich um unſere Freund⸗ ſchaft und unſer Waffenbuͤndniß bewerben. Damals war die Welt noch nicht das, was ſeit⸗ dem die Voͤlker vermoͤge ihrer großherzigen Kraftan⸗ ſtrengungen aus ihr gemacht haben. Alles, was jezt triumphirt, lag damals zu Boden geworfen, und es laͤßt ſich nicht beſchreiben, mit welchem Eifer die⸗ ſe unterliegenden Maͤchte, der Adel, die Geiſtlichkeit, die Fuͤrſten, in ihrer Erniedrigung zu den liberalen Ideen ihre Zuflucht nahmen. Ach, man ſieht daraus nur zu ſehr, wie die in den Tagen des Ungluͤcks aus⸗ geſprochenen Meinungen in glucklicheren Tagen gera⸗ de von denen, die ſie aͤußerten, nur hoͤchſt ungern wieder vernommen werden! Indeß ſoll wenigſtens der Kollege, welcher geſtern bei der Abſtimmung die⸗ ſelbe Kugel wie ich in die Urne warf, mir nicht heute bereits meine abgegebene Meinung zum Verbrechen anrechnen und meinen Kopf verlangen! Die drei lezten Monate des Jahres 1810 waren beſonders dadurch merkwuͤrdig, daß die Moͤnchspar⸗ thei alles aufbot, um das Koͤnigthum fuͤr alle unſere Leiden zu beſtrafen, denen es ſeine Beſtaͤtigung er⸗ theilt hatte. Gutierrez de la Huerta*) wollte, daß —— Jahre 1314 war er Fiscat des hohen Raths von Ka⸗ ilien. 8 2 das Recht, große Stnatsdienſte zu belohnen, den Cortes uͤberwieſen wuͤrde; auch verlangte er, daß die Ernennungen zu Civil⸗ und Nilitairſtellen nicht laͤn⸗ ger mehr von der Krone ausgehen ſollten. „Welchen Gebrauch— rief er— werden die Fuͤrſten von einem ſolchen Vorrecht machen? doch wohl nur einen fuͤr die Nation ſehr beklagenswer⸗ then. Sie werden ſich dadurch eine Parthei ſchaf⸗ fen, und insgeheim gegen die Nation zu arbeiten ſu⸗ chen; und je mehr Macht ein Fuͤrſt haben wird, de⸗ ſto mehr wird das Wohl des Vaterlandes dadurch gefaͤhrdet ſein. Wir wollen nicht die Anſicht aus dem Geſicht verlieren, daß die Koͤnige blos fuͤr die Voͤlker, aber nicht die Völler fuͤr die Fuͤrſten da ſind.“*) Arguelles**) donnerte gegen dieſe verwegenen Vorſchläge, doch ohne dadurch dieſe Maͤnner zu ent⸗ muthigen, die nachmals mit Recht den Namen der ſervilen Parthei erhalten haben, die aber damals Apoſtel der Anarchie zu ſein ſchienen. Oſtolaza) der auf die Abſchaffung des Staatsrathes drang, wagte den Vorſchlag zu machen, daß von nun an die Cortes, bevor ſie ſich aufloͤſten, aus ihrer Mitte ei⸗ nen bleibenden Ausſchuß ernennen, denſelben mit den Attributen des Juſticia Mayor von Aragonien bekleiden und ihm das Recht ertheilen ſollten, die Cor⸗ * Diario de las Cortes, T. IX. p. 280. Dier T. p. 81 * Riniſter zur Zeit der Reſtauration. S. Piar. T. I. p. 126. tes zu beſtimmten Zeiten im Namen und ohne weitere Mitwirkung der Regierung zuſammenzuberufen. Es gab nur ein Mittel, dieſen gewaltſamen Schritten Schranken zu ſetzen. Schon hatte unſer Geſandte in London, Don Pedro Cevallos*), die Cortes in einem an ſie gerichteten Schreiben gebeten, daß ſie doch die Konſtitution zu dem erſten Gegen⸗ ſtande ihrer Arbeiten machen moͤchten. Er ſah in der Beſonnenheit, welche ſie bewieſen hatten, einen Vorboten des vielen Guten, welches der Monarchie durch Fundamentalgeſetze, die vom Kongreß ausgien⸗ gen, zu Theil werden muͤſſe. Der General Caſtan⸗ nos richtete dieſelben Bitten an uns. Von allen Seiten her ließ ſich dieſer Wunſch vernehmen. Ca⸗ nedo**) rief,„der Nation komme ausſchließlich das Recht zu, Staatsgrundgeſetze zu entwerfen, weil in ihrer Hand die hoͤchſte Gewalt ruhe; es ſei dies ein unbeſtreitbares Princip, das auch bereits als ſolches unter die Grundlehren des Staatsrechts aufgenom⸗ men ſei.“ Ynguanzo***) verlangte eine Konſtitu⸗ tion,„um die Rechte und die Unabhaͤngigkeit der Nation vor der Ruͤckkehr der Unfaͤlle zu ſchutzen, welche das Vaterland bedraͤngten;“ Lera**) fuͤhrte Bibelſtellen an, um ſeine liberalen Lehrſaͤtze *) Miniſter zur Zeit der Reſtauration. *) Im J. 1814 Biſchof von Malaga. Diar. T. VIII. p. 290. ***) Im J. 1814 Biſchof von Zamora. Ebend. T. VIII. p. 260. **) Biſchof von Barbaſtro im J. 1814. Diar. T. VIII. P 35. 174 dadurch zu unterſtätzen; alle aber verlangten„man⸗ nigfache und maͤchtige Schranken, um den wilden Despotismus im Zaume zu halten und die Frei⸗ heit des Volkes vor ſeinen ehrgeizigen Beſtrebungen zu bewahren.“ Valiente*) rief:„Offenbar ſind alle Vergleiche, welche die Koͤnige irgend ohne die Zuſtimmung ihrer Voͤlker eingehen moͤgen, null und nichtig. Offenbar iſt dieſer Grundſatz auf Don Fer⸗ dinand anwendbar, und man hat in der That nicht erſt noͤthig, dies ausdruͤcklich zu erklaͤren. Wenn je der Fall eintraͤte, daß dieſer einfache und wohl ſelbſt unbeſonnene Fuͤrſt mit einer Prinzeſſin aus dem fran⸗ zoͤſiſchen Kaiſerhauſe erſchiene, um ſie ruhig neben ſich auf den Thron zu ſetzen, ſo duͤrfte Euer Maje⸗ ſtaͤt**) ihn nicht annehmen. Er mag verheirathet ſein oder nicht, wir werden ihn ſtets nur unter der Bedingung wieder den Thron beſteigen jaſſen, daß er uns gluͤcklich mache. Dies mag als allgemeine Regel fuͤr alle Spanier gelten. Gleichwohl aber muß uns ſehr viel daran liegen, in unſeren Geſetzen eine Grundreform— die man Konſtitution nennt— einzufuͤhren, um die Rechte der Buͤrger und des Throns auf eine beſtimmte Art feſtzuſtellen. Ich habe unſere Geſetzbuͤcher durchgeleſen und darin gefunden, daß unſer Gluͤck nur von der Willkuͤhr eines Einzel⸗ nen abhaͤngt. Dieſer Zuſtand der Dinge muß aber endlich ein Ende nehmen. Laßt uns daher eine Rath von Kaſtilien im J. 13814. Diar. T. II. p. 160. **) Der Redner wendet ſich hier an den Kongreß. 175 Konſtitution errichten. Dadurch wird zugleich auch die Geſetzgebung, der Handel, die Armee, die Ma⸗ rine, das Finanzweſen, der öffentliche Unterricht ge⸗ regelt und verbeſſert werden.“ Gutierrez de la Huerta*), der bei dieſen Stuͤr⸗ men auf die koͤnigliche Gewalt immer unter den vor⸗ derſten ſich befand, verlangte, daß der Koͤnig, ſo bald er Frankreich wieder verlaſſen wuͤrde, nicht eher wie⸗ der zum Oberbefehl zugelaſſen werden ſolle, als bis er ſich in die von Seiner Majeſtaͤt, dem Kongreß, ihm vorgezeichneten Grenzen zuruͤckgezogen haben wuͤrde. „Gnaͤdiger Herr,“ erwiederte Arguelles,„un⸗ ſer vielgeliebter Monarch, der in der Abgeſchieden⸗ heit eines Palaſts, fern von denen, die er einſt re⸗ gieren ſollte, auferzogen worden iſt, kennt nicht die Raͤnke der Hoͤfe, noch auch die Verderblichkeit des menſchlichen Herzens. Wir haben geſehen, wie von ſeinem erſten Auftreten an in allen ſeinen Handlungen neben den wohlthaͤtigſten Abſichten ſich eine Arglo⸗ ſigkeit an den Tag legte, die der Unterdruͤcker der Welt heutzutage misbrauchen will. Ein Fuͤrſt, der bereits drei Jahre lang ſich in ſtrenger Gefangenſchaft befindet, der dem Tyrannen ſich nur mit Gefahr ſei⸗ nes Lebens zu widerſetzen im Stande iſt, der ſich nach dem Gluͤck ſehnt, wieder unter ſeinen Untertha⸗ nen leben zu koͤnnen, kann es vielleicht fur nuͤtzlich halten, eine Verbindung einzugehen, wodurch er ) Pir. T. I. p. 205. ſeine Freiheit wiebererlangt. Er mag zu uns wie⸗ derkehren! Doch er komme ohne ſeine Feſſeln! Euer Majeſtaͤt wird ihn anhoͤren, ihm Mittheilungen ma⸗ chen, ihm die von Ihnen eingefuͤhrten Geſetze vorle⸗ gen koͤnnen. Die Annahme wird dann durchaus frei ſein, und die Welt wird nie ſagen können, daß von Seiten des Monarchen oder von Seiten des Volks die mindeſte Gewalt werden ſei. 66*) Die Nationalverſammlung zeſchůftigte ſch nun damit, die zerſtreuten und verworrenen Ueberreſte der alten Konſtitution zuſammenzuſtellen. Noch im De⸗ zember wurde ein Ausſchuß ernannt, um dieſes un⸗ geheure Geſchaͤft zu Stande zu bringen. Dieſer Ausſchuß beſtand aus dreizehn Deputirten, und zwar gerade aus denen, die damals im Kongreſſe das meiſte Aufſehen machten. Don Auguſtin. Arguelles war der erſte von allen; der einſtimmige Wunſch der Verſammlung bezeichnete ihn fuͤr dieſen wichtigen Standpunkt. An ihn ſchloſſen ſich Gutierrez de la Huerta, Canedo, Valiente, Ric, Fernandez de Leyva, Diego Torrero, Barcena, Joaquin Perez, Vicente Morales, ſaͤmmtlich in der Folge Auserwählte oder Oberhaͤupter der Regierung von 1814; ferner der tugendhafte Espiga, der ſeit der Reſtauration zum Erzbisthum von Sevilla befoͤrdert worden, der Dom⸗ herr Oliveros, Perez de Caſtro, einer von den treu⸗ ſten Raͤthen Ferdinands zu Bayonne, die ſaͤmmtlich Wi 177 dieſen Ausſchuß bildeten. Dies waren die Geſetz⸗ geber, denen der Kongreß das Geſchaͤft uͤbertrug, die Materialien fuͤr unſeren großen Staatsbau zu⸗ ſammenzubringen. Faſt alle waren Mitglieder des geiſtlichen Standes, faſt alle der Parthei, die fuͤr das Alte ſtimmte, zugethan, und ſie ſchienen den göttlichen Arguelles mehr darum in ihrer Mitte zu haben, um gegen ihre Intereſſen und Vorurtheile fuͤr die Sache der Maͤßigung und der Gerechtigkeit das Wort zu fuhren, als darum, daß er ihre Arbei⸗ ten etwa leiten ſollte. Wenn gegenwaͤrtig die von ihren Haͤnden ent⸗ worfene Konſtitution dem Koͤnigthume nicht eben ſo viel Gewalt einraͤumt, wem wird die Schuld davon wohl beizumeſſen ſein? offenbar doch wohl nur de⸗ nen, die jezt unſere Anklaͤger und unſere Richter ſind. MW. 12 Dreiundſwanzioßes*8 utun der Erzihtung eines punn Soldaten. 3 Erſtes Kapitel. Auf dieſer Felſeninſel Leon, die von ſo viel Helden⸗ ſinn bewohnt, durch ſo viele Großthaten des Ruhms verherrlicht wurde, trieben mitten unter den groß⸗ artigen Beſtrebungen des Staatslebens auch die ſtrafbarſten Privatleidenſchaften ihr Spiel. Dieſer Kontraſt laͤhmte indeß keinesweges die Thaͤtigkeit der erſteren, ſondern machte blos das Kleinliche und Elende der lezteren fuͤhlbarer. Die Denkwuͤrdigkeiten Alonſo's haben euch mit allen meinen Familienunannehmlichkeiten bekannt ge⸗ macht. Wollte Gott, ich koͤnnte ſie der ganzen Welt verhehlen! Doch da ihr ja doch einmal alles wiſſet, ſo will ich ohne Ruͤckhalt zu euch ſprechen; uͤberdies ſind wir ja Freunde, und ich kann nicht gut Geheimniſſe bei mir behalten. Mein Bruder, welcher als Deputirter ſeiner Provinz beim Kongreſſe erſchien, war einer der erſten, die ſich dabei einfanden. Das ſchwache Band, das 179 uns fruher in den Zeiten ſeines maͤchtigen Einfluſſes noch verbunden hatte, war nun vollends zerriſſen. Gedemuͤthigt durch die Gleichheit, zu welcher er ſich hatte herablaſſen muͤſſen, naͤherte er ſich nie dem Kreiſe, in welchem ich lebte, und in dem Verſamm⸗ lungsſaale der Cortes wich er ſtets ſorgfaͤltig meinen Blicken aus. Wie hoch er auch immer durch ſeinen Grad als Generallieutenant uͤber mich geſtellt war, ſo vermochte ihn dies doch nicht mit dem ungluͤckli⸗ chen Zufall auszuſoͤhnen, daß ich der Erſtgeborne war. Dieſe traurige Ueberzeugung vergiftete den Genuß, den ich in der Erfuͤllung unſerer hohen Pflichten fand. Ich ſuchte in dem Gewuͤhl der Welt und in dem Umgange mit Frauen Zerſtreuung fuͤr meine Betruͤbniß, fand aber blos in dem Kreiſe der Markiſin, Albouza's und meines Freundes eine Lin⸗ derung meines Kummers, und ſelbſt da noch pflegte das immer ernſte Geſicht oder auch wohl die Thraͤ⸗ nen, welche Sor Maria de los Dolores beim Anblick der aufbluͤhenden Schoͤnheit Aldouza's vergoß, in meinem Herzen die Erinnerung an jene Unthat zu we⸗ cken, wodurch ſie des ſuͤßen Mutternamens beraubt worden war. Ich war mein ganzes Leben hindurch dazu verdammt, den ſchmerzlichſten Kummer zu fuͤh⸗ len, naͤmlich denjenigen, der uns beſtaͤndig Scham⸗ roͤthe auf die Wangen treibt; das hieß doch recht: die Pein der Verbrechen empfinden, ohne ſie jemals verdient zu haben. Ihr koͤnnt leicht erachten, welchen heftigen Haß der Comthur gegen ſeinen ehemaligen Mitſchuͤler 12 180 hegte, den er nunmehr zu den erſten Stellen des Staats emporgehoben ſah. Mein ungluͤcklicher Bru⸗ der, der von dem Durſt nach Ehre und hohem Range verzehrt wurde, war der perſoͤnliche Feind eines je⸗ den, der irgend durch Talent, Macht, oder Ehren⸗ ſtellen uͤber den großen Haufen hervorragte; er ſchien blos darum zur Welt geboren worden zu ſein, um zu zeigen, bis zu welchem abſcheulichen Grade ein unermeßlicher Ehrgeiz in einem ſtarren Herzen und in einer engherzigen Seele ausarten kann. So ſtreute er denn uͤberall Verleumdungen und Nistrauen gegen Alonſo aus, und bot uͤberhaupt alles moͤgliche auf, um ihn in der oͤffentlichen Mei⸗ nung zu ſtuͤrzen. Der große Staatsbuͤrger, deſſen Loos er beneidete, war von allen Seiten her von peinlichen Bekuͤmmerniſſen umringt; die Unfaͤlle und die Leidenſchaften, gegen die er bei ſeiner Fuͤhrung des Staatsruders anzukaͤmpfen hatte, vereinigten ſich, um ſein Gemuͤth zu betruͤben. Der Frieden ſeines Gewiſſens, ſeine hohe, wahrhaft philoſophiſche Denkart, und vor allen Dingen Maria's Liebe, wuͤr⸗ den ihn uͤber die Angriffe des Partheigeiſtes und des Neides hinlaͤnglich zu troͤſten vermocht haben, wenn er ſich nicht als Menſch und um der guten Sache der Menſchheit willen daruͤber betruͤbt haͤtte. Mitten im Beſitz der Gewalt bewahrte er noch jene Reinheit der Geſinnung, welche im Stande iſt, nicht blos der Ungerechtigkeit und der Gewalt Ehrfurcht einzuflo⸗ ßen, ſondern auch der Undankbarkeit der Partheien, der Leichtglaͤubigkeit, womit Luͤgen geglaubt und 181 verbreitet werden, ja ſelbſt ihrem ſchnellen Vergeſſen der fruͤher geleiſteten Dienſte, ſobald man irgend ein⸗ mal ihren ſtörriſchen Forderungen nicht auf der Stelle oder vielleicht gar kein Gehoͤr giebt. Don Domin⸗ go, der mit dem Schutze, den er unſern amerikani⸗ ſchen Beſitzungen angedeihen ließ, und mit der Maͤ⸗ ßigung, womit er die Anſichten der Regentſchaft bekaͤmpfte, unzufrieden war, ſammelte mit einer argwoͤhniſchen Sorgſamkeit jedes Wort auf, das ſeinem Munde entſchluͤpfte. Jedes derſelben, das nicht gerade das Gepraͤge ſeiner eigenen Ideen trug, kam ihm wie eine Abtruͤnnigkeit vor. Die Partheien wollen gar nicht begreifen, daß, wenn man das Staatsſchiff lenken ſoll, man nicht ſo ſchnell vor⸗ waͤrts eilen kann wie ſie, wofern man nicht blind⸗ lings an Klippen ſtranden will. Die Regentſchaft hatte laͤngſt nicht mehr die Liebe des Volks. Die Langſamkeit, womit ſie die Cortes zuſammenberufen, hatte längſt ſchon eine all⸗ gemeine Erbitterung gegen ſie erregt, und ihre Nach⸗ giebigkeit gegen England, deſſen Truppen ſie all⸗ maͤhlig auf die Inſel Leon, ja in Cadix aufgenommen hatte, beunruhigte die Vorſicht und den Stolz der Na⸗ tion. Der Kongreß beſchloß daher, das Staatsru⸗ der feſteren und uneigennuͤtzigeren Lenkern anzuver⸗ trauen. Man wußte indeß recht gut, daß Alonſo ſich im Staatsrath ſtets alle den Beſchluͤſſen wider⸗ ſetzt hatte, welche das Misfallen des Publikums er⸗ regten; er hatte dort, wie fruͤher in der Central⸗ junta, ſtets auf großherzige und heilſame Maßregeln 182 gedrungen. Es war daher im Kongreß wie im Publikum nur eine Stimme, daß man naͤmlich ihn unter die Zahl der drei Staatsmaͤnner aufnehmen muͤſſe, die zu Verwaltern der hoͤchſten Staatsgewalt ernannt werden ſollten. Seine Feinde arbeiteten in⸗ deß darauf hin, um durch treuloſe Geruͤchte und durch verhaßte Zuſammenſtellungen ſeinen hohen Ruf zu erſchuͤttern. Der Comthur brachte den Kaufleuten in Erinnerung, daß Alonſo Entwuͤrfe zu einer Ver⸗ faſſung der Kolonieen hege, die den ausſchließlichen Privilegien des Mutterlandes ganz entgegen ſein wurde; den Offizieren, daß er die Guerillas beinahe wie Linientruppen behandelt, und die Dienſte dieſer mehr grauſamen als tapfern, mehr zerſtsrenden als heilbringenden Raͤuber durch militaͤriſche Ehrengrade belohnt habe; allen uͤbrigen aber, daß der Bruder deſſelben ein Miniſter des Eindringlings, ſein Schwa⸗ ger ein Kammerherr, und ſeine Mutter eine geborne Franzoͤſin ſei. Von allen Seiten ward Verdacht ge⸗ gen ihn rege. Zu einer Zeit, wo ſo viele Spanier abtruͤnnig geworden waren, ließ ſich die Einbildungs⸗ kraft der meiſten gar zu leicht von der Anklage einer Verraͤtherei irre fuͤhren. Matea's Vater vertheidigte ſchon laͤngſt nicht mehr Alonſo, und der Erzbiſchof, der in ſeiner An⸗ haͤnglichkeit wie in ſeiner Achtung gegen ihn feſt be⸗ harrte, konnte ihm durch ſein Anſehn nicht ſo viele Stimmen verſchaffen, als ihm Fray Cayetano durch ſeine Heftigkeit entzog. Der Pater Provinzial konnte naͤmlich meinem Freunde die NRisbilligung nicht ver⸗ 183 zeihen, womit dieſer alle die von der Moͤnchsparthei zu Gunſten des Hauſes Braganza angezettelten An⸗ ſchläge vereitelt hatte. Seine feſte Anhaͤnglichkeit an die Rechte eines Fuͤrſten, der im Begriff war, ein Helfershelfer der franzoſiſchen Philoſophie zu wer⸗ den, der— wie es hieß— naͤchſtens mit einem Heere von Afranceſados in die Holbinſel zuruͤckkehren ſollte, um darin nach dem Syſtem der Dekrete von Chamartin zu herrſchen, dieſe Anhaͤnglichkeit erſchien dem Dominikaner wie eine ſtrafbare Nachgiebigkeit gegen das Ketzerthum.„Was hilft es uns,“ rief er aus,„daß wir die Souverainetaͤt der Nation an⸗ erkannt haben, wenn das ſpaniſche Volk keinen Ge⸗ brauch davon macht, und nicht das Diadem der ka⸗ tholiſchen Koͤnige demjenigen verweigert, der ſchwach vor dem Ruchloſen iſt, und dem die Untreue leichter faͤllt, als das Erringen der Maͤrtyrerkrone. Alle diejenigen, die nicht vor der Gefahr, in der wir ſchweben, erſchrecken, ſpielen eine Rolle unter der Zahl jener Heiden, die, ungeachtet ihres geleiſteten Schwures, wie ich nur zu wohl weiß, blos darguf hinarbeiten, um allen Nationen das Buͤrgerrecht bei uns zu verſchaffen. Fuͤr den, der in den Kerkern der heiligen Inquiſition geboren worden, iſt es frei⸗ lich nicht weiter befremdend, wenn er auch die Sy⸗ nagoge der Juden triümphirend neben der Kirche Chriſti ſich erheben ſieht!“ Die geheime Sitzung, worin die neue Regent⸗ ſchaft gewaͤhlt werden ſollte, ſollte ſo eben beginnen⸗ Fray Cayetano und mein Bruder, die, obwohl ent⸗ 184 gegengeſetzten Partheien angehoͤrend, dennoch durch ein gemeinſames Intereſſe verbunden waren, boten an den Eingaͤngen des Saales alle ihre feindſeligen Inſinuationen auf. Alles hieng davon ab, wem die amerikaniſche Parthei ihre Stimme geben wuͤrde, und eben dieſe Amerikaner entſchieden ſich fuͤr die Ausſchließung ihres Beſchuͤtzers. Gleichwohl fehlten ihm nur ſehr wenige Stimmen noch zu ſeiner Wahl, und waͤhrend ſeine Kollegen in Ungnade fielen, em⸗ pfieng er die glaͤnzendſten Beweiſe der oͤffentlichen Achtung. Seine Feinde fuͤhlten ſich noch immer nicht ganz ſicher vor ſeiner Ruckkehr an die Spitze der Geſchaͤfte, und darum ließen ſie vielleicht in die Verfuͤgung uͤber die Pflichten der Regentſchaft die Anſicht mit einfließen, daß Söhne von Franzoſen und Franzoͤfinnen bis ins vierte Glied davon auf im⸗ mer ausgeſchloſſen werden moͤchten. Bei dem Haſſe, wovon wir damals gegen eure Landsleute durchdrun⸗ gen waren, ſtimmte der Kongreß voll Enthuſiasmus fuͤr dieſen Beſchluß, ohne zu bedenken, daß ein ſol⸗ ches Dekret unſerem Spanien gerade ſeine geſchickte⸗ ſten Fuͤhrer und Oberhaͤupter entziehen muͤßte. Ich gieng aus der Sitzung fort. Zwei Maͤnner begegneten ſich da ſo eben, und wuͤnſchten ſich gegen⸗ ſeitig Gluͤck. Der eine ſagte:„ Nun, Comthur, wir haben die Oberhand behalten, der Sieg iſt uns geblieben.“—„Ja wohl,“ ſagte der andere mit einem Seufzer,„er iſt uns geblieben.“ Sein Geſicht war wild, und er verſuchte zu laͤcheln. Seine Freude erweckte Grauſen oder vielmehr Mitleid in mir. 185 Ich begab mich zu Alonſo; er gab ſo eben der Tochter Matea's Unterricht im Franzoͤſiſchen.„Du ſiehſt,“ ſagte er zu mir,„daß ich bei ihr die Stelle eines Lehrers uͤbernommen habe; es ſind gerade zehen Jahre her, daß ich ein ſolches Amt im Hauſe ihrer Mutter zum erſtenmal uͤbernahm. Wer haͤtte mir es damals geſagt, daß ich es nach ſo vielen Jahren wieder uͤbernehmen wuͤrde? Gegenwaͤrtig— fuhr er fort— habe ich ein perſoͤnliches Intereſſe dabei, meine Schuͤlerin ſo weit zu bringen, daß ſie dereinſt das Gluͤck eines wackern Mannes zu machen im Stande iſt.“ Dieſe Worte, welche Alonſo in einem Tone zu mir ſprach, der mich erſchuͤtterte, wurden durch den Geſang Maria's unterbrochen. Mit dem Spiel ihrer Gitarre entzuckte ſie oft die Aebtiſſin bis aufs hoͤchſte, und oft vergaß ihr Bruder daruͤber die Aufgabe, die er ſich geſetzt hatte. Sie begann ſo eben wieder eine alte Romanze von Cid, wie er zu den Fuͤßen Chime⸗ nens ruhte; ich hoͤrte ihr zu, als vernaͤhme ich ein himmliſches Konzert. Sie ſprach von dem Gluͤck, welches die Liebe gewaͤhrt, von dem, welches eine Frau empfindet, die den Helden, den das Vaterland ehrt, unterwuͤrfig und begluͤckt durch ihre Liebe zu ihren Fuͤßen erblickt. Ihr feuriger Blick verkuͤndete genugſam, wie tief ſie die Suͤßigkeit eines ſolchen Lebenslooſes zu fuͤhlen wiſſe, und wie ſehr ſie deſſel⸗ ben wuͤrdig ſein wuͤrde. Alonſo ſtand mit nachden⸗ kender Miene da, doch nicht Gedanken der Ehrſucht beſchaͤftigten ſeinen ſinnenden Geiſt, und ich, der ich die duͤſtern Mienen ſeiner triumphirenden Feinde ge⸗ ſehen hatte, ich begriff nun, was mein edler Freund mir ſo oft geſagt hatte: der gluͤckliche Erfolg macht noch nicht das wahre Gluͤck aus. Ich lobte Alonſo wegen ſeines Gleichmuths in Hinſicht der Beſchluͤſſe der Nationalverſammlung. „Du taͤuſcheſt dich,“ erwiederte er lebhaft,„ich bin dabei eben ſo wenig gleichguͤltig, als du. Es betruͤbt mich, wenn ich ſehe, wie leicht es iſt, die großherzigſten Geſinnungen einer Nationalverſamm⸗ lung nach der Willkuͤhr elender Leidenſchaften zu len⸗ ken. Wahrlich, ich wuͤrde deiner Freundſchaft un⸗ werth ſein, wenn die von Domingo abgegebene Stimme mich nicht ſchmerzte, wenn ich nicht um der Sache des Vaterlandes willen das Ausſcheiden eines Mannes bedauerte, der zwar nicht fuͤr ſeine Urtheils⸗ kraft, aber wohl fuͤr ſein Herz ſich verbuͤrgen kann, der waͤhrend ſeiner Amtsverwaltung keinen Wunſch, keinen Gedanken, keinen Stolz weiter hatte, als das Gluͤck und das Wohl ſeines Vaterlands. Indeß ich troͤſte mich, wenn ich auf die neue Regentſchaft hin⸗ blicke. Don Joaquin Blake, der als Generalkapi⸗ tain in den Waffen grau geworden, hat ſich um Spanien in den lezten drei Kriegsjahren gewiß ſehr verdient gemacht. Obwohl vom Schickſal wenig beguͤnſtigt, that er gleichwohl etwas beſſeres, als ſiegen; jedesmal, wenn ſeine Sieger ihn faͤr ver⸗ nichtet hielten, erſchien er den Dag darauf ſchon wieder auf dem Schlachtfelde. Sein maͤnnlicher Character wird der Regentſchaft eine großartige und 187 feſte Handlungsweiſe verleihen. Seine beiden Kolle⸗ gen dagegen werden durch ihre Einſichten ſeinen kuͤh⸗ nen Gong leiten; Agar und Ciscar werden eben ſo ſehr um ihrer Talente, als um ihrer Tugenden wil⸗ len verehrt.“ So ſprach Alonſp. In ſeinen Aeußerungen lag weder die Bitterkeit eines Verdruſſes, der ſich laut ausſpricht, noch die eitle Pralerei eines ſolchen, der ſich verbirgt. Bei ſeiner Einfachheit und Wahr⸗ heitsliebe ſprach er auch nicht ein Wort, worin ſich nicht ſeine ganze Seele abſpiegelte. Die Provinz la Mancha hatte in Ruͤckſicht, daß er vielleicht einmal aus der Regentſchaft ausſcheiden koͤnne, ihn in das Verzeichniß ihrer Stellvertreter bei den Cortes ſetzen laſſen,— eine Vorſichtsmaß⸗ regel, die allen Wahlkoͤrperſchaften vorgeſchrieben war, damit allen Hinderniſſen und Entfernungen zum Trotz die Deputationen vollzaͤhlig bleiben moͤch⸗ ten. Man erfuhr, daß einer ihrer Procuradoren in die Haͤnde der Franzoſen gefallen und bei ihnen als ein Staatsverraͤther mit dem Tode beſtraft wor⸗ den ſei. Alonſo ward nun aus einem bisherigen bloßen Stellvertreter wirkliches Mitglied der Cortes, und nahm ſofort unter jener Zahl beredter Maͤnner ſeinen Platz, die mit edlem Muth darauf hinarbeite⸗ ten, die Gegenwart zu ſichern und die Zukunft zu begruͤnden. Jedes ſeiner Worte war die Vernunft ſelbſt, jede ſeiner Anſichten die bloße Gerechtigkeit; er brachte den Egoismus zum Erroͤthen, milderte iede Heftigkeit, belebte den geſunkenen Muth. Sein 188 einziger Ehrgeiz hatte nun ſein Ziel gefunden. Die Entwickelungen einer ſtellvertretenden Staatsverfaſ⸗ ſung entflammten in ihm einen lebhaften Enthuſias⸗ mus, alle ſeine Traͤume von Freiheit und Ruhm gien⸗ gen nun auf einmal in Erfuͤllung, er konnte jezt fuͤr das Wiederaufleben ſeines Vaterlandes mitwirken. Von nun an ſollte in dieſen ſchoͤnen Gegenden, die unter der Herrſchaft der Roͤmer und der Araber ſo herrlich bluͤhten, das aufſtrebende Dalent nicht laͤn⸗ ger geaͤchtet oder unterdruͤckt werden; die Halbinſel ſollte ſich von nun an nicht mehr nach jenen Tagen der Eroberung zuruͤckſehnen, wo der Adler des Ka⸗ pitols und die Fahne Mohammeds auf ihren Kuͤſten herrſchte; Spaniens Sonne ſollte hinfort nicht mehr auf verfallene Doͤrfer, auf oͤde Flaͤchen, auf eine ſpaͤrlich vertheilte, muͤßiggehende und dumpf hinle⸗ bende Bevoͤlkerung herab ſcheinen. Es war, als gienge jezt ein dreihundertjaͤhriger Winter zu Ende, und anſtatt des ewigen Eiſes, ſtatt einer dicken und truͤben Rebelluft, und alles deſſen, was nur irgend das Herz des Menſchen traurig macht und beklemmt, ſah das wiederauflebende Spanien gleichſam eine glaͤnzende Atmoſphaͤre, allen Schmuck und alle Herr⸗ lichkeit ſeines gluͤcklichen Bodens, kurz einen unend⸗ lichen Fruͤhling um ſich her aufbluͤhen, der das Land in den Beſitz aller Guͤter ſetzte, die ihm Himmel und Erde laͤngſt ſchon verheißen hatten. Die Arbeiten des Kongreſſes vermochten bei weitem nicht, die Einbildungskraft und Mußeſtunden Alonſo's voͤllig auszufuͤllen. Mitten unter ſeinen 189 Sorgen fuͤr die Staatsangelegenheiten erhob ſich in ſeiner Seele noch ein anderer Gedanke, der ihn von allen den ſelbſtſuͤchtigen Intereſſen und Eitelkeiten, die ſelbſt die beſonnenſten Geiſter unbewußt und all⸗ maͤhlig irre zu fuͤhren pflegen, abzog, und ſein gan⸗ zes Weſen veredelte. Allmaͤhlig wandte er ſich auf ſein eigenes Innere, und war nicht wenig über das erſtaunt, was er darin entdeckte. Eine unſtaͤte und brennende Unruhe bewegte ihn naͤmlich wieder ganz eben ſo, wie fruͤher in den Tagen ſeiner Jugend. Voll Schrecken theilte er mir ſeine Gefuͤhle mit⸗ Seine Schweſter, anſtatt ſeine Pein zu mildern, ſchien dieſelbe durch ihre liebevollen Bemuͤhungen nur noch mehr zu erregen. So war denn ſein Herz Zweifeln preisgegeben, die er weder zu loͤſen, noch zu verbannen wußte, und Bekuͤmmerniſſen, die er weder ſich zu geſtehen, noch zu bekaͤmpfen wagte, und glich auf dieſe Art einem Abgrunde, deſſen Tiefe ich ſo wie er zu ergruͤnden mich ſcheute. Das Jahr 1814 rechtfertigte unſere großen Hoff⸗ nungen. Die Aufſtellung von Kriegsheeren, die Schoͤpfung eines Finanzſyſtems, die Errichtung des S. Ferdinands⸗Ordens, um die geleiſteten Dienſte zu belohnen und ſie an den Namen des Fuͤrſten, fuͤr welchen gekaͤmpft wurde, zu knuͤpfen, die Beſchraͤn⸗ kung der Adelsrechte, die Aufhebung der ausſchließ⸗ lichen Privilegien in Hinſicht der Befoͤrderung zu militaͤriſchen Ehrenſtellen, welche is dieſer Zeit, wo das aufgeſtandene Volk fuͤr das Wohl der Monarchie ſein Blut in Stroͤmen vergoß, nicht blos geſetzwidrig, 190 ſondern ſelbſt unbankbar und gefaͤhrlich waren, die Verbannung der Folter, die Sicherſtellung der Pri⸗ vatbriefe vor jeder Antaſtung, die Einfuͤhrung der Schreib- und Preßfreiheit, mit einem Worte, daß jezt in Spanien die Fortſchritte des Zeitalters, die Rathſchlaͤge der menſchlichen Vernunft zugelaſſen wurden,— alle dieſe Wohlthaten empfahlen bereits die Cortes der allgemeinen Achtung. Damals alſo, unter dem Waffengeräuſch und unter dem Brauſen der Stuͤrme des atlantiſchen Meeres, ward jene Konſtitution zur Welt geboren, deren Schickſal dereinſt ſo ſtuͤrmiſch ſein ſollte, als es ihre Wiege geweſen war. Dieſes Syſtem, wel⸗ ches nachmals ſo viel Zwietracht erzeugt hat, brach— te anfangs die beiden entgegengeſetzten Partheien zur Einheit. Die politiſchen und kriegeriſchen Ereig⸗ niſſe waren damals weit davon entfernt, uns eine nahe Befreiung zu verheißen. Das Gluͤck, welches fortwaͤhrend Napoleon treu geblieben war, hatte ſei⸗ nen Wuͤnſchen, ja ich würde ſagen, den Wünſchen der Voͤlker— wofern man den oͤffentlichen Stim⸗ men der Nationen immer glauben duͤrfte— einen Sohn geſchenkt. Albuquerque und la Romana wa⸗ ren nicht mehr. Balleſteros wagte ſich niemals aus dem Schutze des Felſen von Gibraltar hervor, ohne eine Niederlage zu erleiden; Zayas ſtand mit mehr Kuͤhnheit als Gluͤck im Herzen von Kaſtilien; Ero⸗ les und Mina ſchlugen ſich gegen den Feind ohne Erfolg, wenn gleich nicht ohne Ruhm, in den nord⸗ lichen Gebirgen. Das engliſche Heer, welches ſeit 191 fuͤnf Monaten in ſeinem Lager eingeſchloſſen ſtand, hatte ſich nur ein einzigesmal hinter ſeinen ſchuͤtzen⸗ den Linien hervorgewagt, war aber nur bis an die Mauern von Badajoz vorgedrungen und dann wie⸗ der umgekehrt. Die Mishelligkeiten zwiſchen dem brittiſchen Kabinett und dem unſrigen verriethen je⸗ den Tag mehr Mistrauen und Erbitterung, und dies waren demnach die einzigen Verbuͤndeten, die uns noch uͤbrig geblieben waren, die Stunde des Tri⸗ umphs und der Hoffnung hatte bei uns noch nicht geſchlagen. Unterdeß hatte Napoleon es erleben muͤſſen, daß Maſſenas Verſuche in Portugal fehlſchlugen, daß der Krieg der Quadrillen ſich von Dorf zu Dorf fort⸗ pflanzte, daß die Cortes zum erſtenmal ſeinem eiſer⸗ nen Willen einen noch weit feſteren und hartnaͤcki⸗ geren entgegenſetzten; man glaubte ferner noch im⸗ mer an die ſeit laͤngerer Zeit zu Valensay gepflogenen Verhandlungen, und unſere Gegner, die dadurch erſchreckt wurden, wollten ſich eben ſo wenig als wir ein Koͤnigthum ohne Gegengewicht gefallen laſ⸗ ſen. Ein Dekret, welches auf den Vorſchlag eines einzigen unter ihnen durch Stimmenmehrheit ange⸗ nommen, von Eſtevan*) und Simon Lopez**) mit ſeltener Waͤrme unterſtuͤtzt, und blos von Oſtolaza — der es fuͤr uͤberflußig fand, dergleichen ſonnen⸗ *) Nach der Reſtauration ward er Biſchof von Ceuta. **) Nach der Reſtauration, Biſchof von Hrihuela. 192 klare Grundſaͤtze noch erſt oͤffentlich auszuſprechen — beſtritten wurde, vermochte nicht, dieſe Parthei zu beruhigen, obwohl es den Koͤnigen von Spanien das Recht nahm, ohne Genehmigung der Cortes ſich zu vermaͤhlen oder mit irgend einer auswaͤrtigen Macht eine Abkunft zu ſchließen. Dieſe Beſchluͤſſe,— welche Europa auf Rechnung der Liberalen ſetzt, um einigen Rednern das Vergnuͤgen zu verſchaffen, die Vertheidiger Don Ferdinands durch die Namen von Revolutionaͤren und Koͤnigsmoͤrdern zu brandmar⸗ ken,— dieſe Beſchluͤſſe, ſag'ich, waren noch lange nicht hinreichend, um den Argwohn unſerer Gegner zu beſchwichtigen. „Ich verlange— rief Gutierrez de la Huerta, dieſer Gottfried von Bouillon in jenem Kreuzzuge ge⸗ gen die koͤnigliche Gewalt— ich verlange, daß Euer Majeſtaͤt vor allen Dingen darauf denken, eine Re⸗ gierung aufzuſtellen, und die Schranken der Staats⸗ verwaltung feſtzuſetzen. Sobald dies große Werk vollendet iſt, dann mag Ferdinand, dann mag Napo⸗ leon, dann mag die franzoͤſiſche Herrſchaft immerhin kommen! dann wird ja doch jeder die Ausdehnung ſeiner Rechte kennen, und iſt das Volk erſt einmal von dieſen Grundſaͤtzen durchdrungen, dann moͤgen alle Franzoſen der Erde kommen. Erſt muͤſſen wir frei ſein, dann Spanier, wo moͤglich. Auf den Namen, den wir fuͤhren, kommt nichts an; Freiheit und Unabhaͤngigkeit ſind die einzigen Guͤter, nach denen der Menſch Verlan⸗ gen tragen muß. Moͤge ſofort eine kraftvolle Bekannt⸗ 193 machung an das Volk erlaſſen und ſchnell verbreitet werden, um dem Volke dieſe heiligen Ideen einzufloͤ⸗ ßen; nur moͤge dabei Euer Majeſtaͤt die Ausarbei⸗ tung der Konſtitution beſchleunigen, denn dies iſt das erſte Beduͤrfniß der ſpaniſchen Ration, und wir koͤnnen dem Andringen des Tyrannen kein beſſeres Bollwerk entgegen ſtellen.“*) Es befanden ſich in der Verſammlung einige Hidalgos, die ſich uͤber die Sprache ihrer Wortfuͤh⸗ rer außerordentlich verwunderten. Don Diego, den ſeine gluͤhende Feindſchaft gegen den franzoͤſiſchen Namen und das hohe Alter ſeiner Familie unter die Zahl der Cortes gebracht hatten, obwohl er ſo wie das ganze uͤbrige Spanien die Ruͤckkehr der alten Konſtitution wollte, fragte ſich gleichwohl nicht ſelten, welcher Unterſchied denn noch zwiſchen ſeinem Eſtevan und ſolchen Kollegen obwalte, und fluͤchtete ſich bis⸗ weilen unter die Aegide Alonſo's, um von den Rech⸗ ten des Throns und von dem Ungluͤck des Fuͤrſten, an welchen die Familienverwandtſchaft mit Mariens Thereſiens Kindern ihn knuͤpfte, mit einiger Achtung ſprechen zu hoͤren. Der Erzbiſchof beruhigte den Buͤrger von Tativa mit den Worten:„Bedenket, daß Don Ferdinand bei ſeiner Ruͤckkehr in die Halb⸗ inſel durch Bande des Bluts an ſeinen Unterdruͤcker gefeſſelt und von jenen treuloſen Spaniern umgeben ſein wird, die den Franzoſen bei ihrem Einfall als Verwaltungsbeamte dienten. Der ungluͤckliche Don Tagebuch der Cortes. Th. 2. S. 206. W. 13 194 Ferdinand, der immer das Spielwerk oder das Werk⸗ zeug des Auslands war, wird dann nicht mehr der Fuͤrſt unſerer Liebe und unſerer Sehnſucht ſein, nicht mehr derjenige ſein, fuͤr welchen unſer Blut in Stroͤ⸗ men floß; aus einem Bourbon, wozu ihn Gott und ſeine Vaͤter machten, wird er ein Mitglied der fran⸗ zoͤſiſchen Kaiſerfamilie, ein Kind der franzoͤſiſchen Revolution geworden ſein. Wir werden es erleben, daß die Moͤnchsorden aufgeloͤſt, die Kloͤſter zerſtort, und die Guͤter der Geiſtlichkeit, womit die Froͤmmig⸗ keit fruͤherer Koͤnige ſie zum Heil der Menſchheit be⸗ ſchenkt hat, in Beſchlag genommen werden. An die Stelle der franzoͤſiſchen Heere werden die franzo⸗ ſiſchen Ideen treten und uͤber unſere Gegenden herr⸗ ſchen, und wie zu den Zeiten der Saracenen werden wieder Moſcheen und Dempel unter uns aufſteigen. Dann aber iſt es um unſern Glauben, um dieſe Schutzwehr und Zierde Spaniens geſchehen; denn mit den Religionen iſt es gerade ſo, wie mit der Gottheit, deren Verehrung ſie gebieten: mehrere Goͤtter anerkennen, iſt ſo viel, als gar keinen aner⸗ kennen.“— Don Diego ließ ſich durch das An⸗ ſehn des Praͤlaten verleiten, fuͤr alle die Beſchraͤn⸗ kungen zu ſtimmen, womit die Nationalverſammlung die koͤnigliche Gewalt zu umgeben Willens war, und er rief ganz betruͤbt aus:„Das Haus Oeſterreich hat eine Heirath zu viel geſchloſſen; es giebt blos noch ein Mittel gegen ſo viel Unheil!“ Waͤhrend eines Zeitraums von anderthalb Jah⸗ ren war durch die feierlichſten und zugleich freimuͤ⸗ thigſten Verhandlungen, die nur jemals auf Erden gepflogen worden ſind, das neue Staatsgeſetzbuch fuͤr das ganze Spanien in beiden Erdhaͤlften entwor⸗ fen worden. Im December des Jahres 1811 ward das große Werk beendigt, und in allen ſeinen Theilen durch eine bedeutende Stimmenmehrheit beſtaͤtigt. Der beruͤhmte Artikel, der von der unumſchraͤnkten Gewalt handelt, hatte z. B. bei einer Anzahl von hundert und ſechzig anweſenden Deputirten blos eine Oppoſition von vier und zwanzig Stimmen gegen ſich, und gleichwohl betraf ſelbſt die Meinungsver⸗ ſchieden heit dieſer wenigen blos einzelne zweideutige oder uͤberfluͤſſige Ausdruͤcke dieſes Grundſatzes, den ſie alle ſonſt ſchon unzaͤhligemal oͤffentlich geaͤußert hatten; uͤber das Ganze war man voͤllig eins. Die Parthei der Vergangenheit war um ſo ſtolzer auf bieſe neue Schöpfung, da ſie darin zugleich eine Wieder⸗ erneuung und eine neue Eroberung erblickte. Unſere neuen Staatseinrichtungen brachten ein Bild der alten Fueros zum Vorſchein; indeß Dank ſei es unſeren Bemuͤhungen, dies Bild blieb ein bloßer Schatten davon. Wir hatten viel zu kaͤmpfen, um die Wiederherſtellung alter Braͤuche zu hintertreiben, welche die hoͤchſte Staatsgewalt aller ihrer Macht und Majeſtäͤt beraubt haben wuͤrden. Durch uns allein blieb das Amt und die Wuͤrde eines Großrich⸗ ters von Aragonien im Schutt der Vergangenheit begraben. Don Domingo wunderte ſich an dem Tage, wo er ſich dem goͤttlichen Arguelles anſchloß, um die geiſtliche Parthei zu hindern, der Krone ihren 5. — 196 nůͤtzlichſten Schmuck zu rauben, daß er ſelber nun ein Verfechter der Vorrechte des Koͤnigthums gewor⸗ den war; man gieng naͤmlich damit um, unſeren Koͤnigen das Recht uͤber Krieg und Frieden zu ent⸗ reißen. Das Ausland klagt die Fehler unſerer Verfaſſung an. Ihr ſeht leicht, daß ich mich auf eine Verthei⸗ digung derſelben gar nicht erſt einzulaſſen brauchte: denn wenn wir auch fuͤr Annahme derſelben geſtimmt haben, ſo iſt ſie wenigſtens nicht unſer Werk. Allein die Welt vergißt hiebei nur zu ſehr, daß noch nie etwas ganz vollkommenes von Menſchenhaͤnden her⸗ vorgebracht worden iſt, daß die Cortes ihre Geſetz⸗ gebung unter innerem und aͤußerem Kampf gruͤnden mußten, endlich aber, daß wir bereit ſind, ſie zu verbeſſern, ſobald die Erfahrung, dieſe Mutter aller dauernden Verbeſſerungen, uns hieruber ihre unei⸗ gennuͤtzigen Lehren und Rathſchlaͤge ertheilt haben wird. Die Urheber dieſer ſo vielfach getadelten Ge⸗ ſetzggebung haben wenigſtens dadurch einen Beweis von hoher Staatsweisheit gegeben, daß ſie, anſtatt dieſelbe wie eine Art von Bundeslade unantaſtbar über allen menſchlichen Bereich hinaus zu ſtellen, blos die Abſicht hatten, ihre Staatsgrundgeſetze nicht ſo leicht jeder raſchen Abaͤnderung bloszuſtellen, wie je⸗ des andere Geſetz unſerer heutigen Geſetzſammlun⸗ gen; ſie noͤthigten die etwa darin vorzunehmenden Abaͤnderungen den Weg großer Foͤrmlichkeiten einzu⸗ ſchlagen, und erſt nach Ablauf einer gewiſſen Zeitfriſt aufzutreten, damit das Schickſal der Monarchie 197 nicht jeden Dag den eigenſinnigen Launen einer Da⸗ zwiſchenkunft von außen, einer revolutionaͤren Par⸗ thei, eines unruhigen, ehrgeizigen oder neuerungs⸗ ſuͤchtigen Miniſters preisgegeben ſein moͤchte. Es giebt keine Regierungsform— ſelbſt die engliſche nicht ausgenommen— gegen die ſich nicht, wofern wir ſie auf einmal und mit allem Pomp angenom⸗ men haͤtten, von einem Pol zum andern die Stimme der Leidenſchaften, der Vorurtheile, ſogar der menſch⸗ lichen Vernunft erhoben haben wuͤrde. Man wuͤrde dann ſchreien, daß dieſe beiden Gewalten, die ſich gegenſeitig als Schranke und als Vollwerk dienen ſollen, anſtatt einander zu ſchutzen, ſich nothwendig einander bekaͤmpfen und zerſtoren moͤßten, man wuͤrde ferner ſagen, daß nicht der Partheienkampf, ſondern der Friede und die Ordnung das Ziel aller menſchli⸗ chen Staatseinrichtungen ſein ſoll, ja man wuͤrde am Ende Anarchie und Despotismus prophezeien⸗ Gleichwohl dauert dieſe engliſche Verfaſſung immer fort, und obwohl unter ihrem Schutze unumſchraͤnkte Gewalt und Königsmord, die Reaction unter Karl dem Zweiten und die Vertreibung ſeines Bruders, abwechſelnd eingetreten ſind, ſo erklaͤrt doch Mon⸗ tesquien und mit ihm Europa und die Welt ſie ein⸗ ſtimmig fuͤr ein bewundernswuͤrdiges Syſtem, und unſere Feinde wiſſen uns keinen aͤrgeren Vorwurf zu machen, als den, daß wir ſie uns nicht zum Muſter genommen. Man muß indeß bedenken, daß die Cortes das Altherkommliche in unſerer Nation bei⸗ zubehalten, jeder Gleichſtellung mit der Konſtitution 198 von Bayonne auszuweichen und zugleich fůͤr ihr Werk nichts ſo ſehr zu fuͤrchten hatten, als die Benennung „engliſche Charte,“ womit die franzöſiſche Parthe es auf der Stelle gebrandmarkt haben wurde. Ich erinnere mich noch recht gut, daß einſt ein Fremder es bedauerte, daß wir in unſeren muͤndli⸗ chen Verhandlungen nicht auf dem Syſtem von zwei Kanmern beharrt haͤtten.„Wie koͤnnt ihr euch daruͤber wundern,“ erwiederte Alonſo,„da die Grandezza in die Geſchaͤfte des Palaſtdienſtes verſenkt, mit dem Volke voͤllig unbekannt, und nicht einmal durchaus im Beſitz von Grund und Boden iſt? Un⸗ ſere Granden haben ſich in der oͤffentlichen Meinung vollends dadurch geſtuͤrzt, daß ſie den Feſſeln, die ſi uns der Feind brachte, freiwillig entgegen eilten. 3 Blos ſieben von ihnen, naͤmlich Albuquerque, la Romana, Infantado, el Parque, Caſtel dos Rios, 1 Pino Hermoſo und Frias erſchienen unter unſeren 6 Fahnen. Die uͤbrigen flohen nach den Baleariſchen und Canariſchen Inſeln und nach der neuen Welt, und ließen uns mit dem eindringenden Feinde kam⸗ pfen und ihnen das Vaterland, den Koͤnigshof und ihre Ehrenſtellen wiedererobern.«⸗ „Wie himmelweit ſind dieſe Menſchen von den engliſchen Paͤrs verſchieden, die ſo aufgeklaͤrt, ſo 1 freiſinnig, ſo ſtolz auf die kräftige Verfaſſung ihres Vaterlandes ſind, die uͤberall ſich zudrängen, wo rs ¹ Palmzweige der Ehre zu erringen giebt, ſei es im Rabinett, auf dem Schlachtfelde oder auf dem Red⸗ erſtuhl, und die durch ihre eble Geſinnung es be⸗ —— greiflich machen, wie man einen Reichsadel in der Verfaſſung wuͤnſchen kann, ohne deshalb ein Feind ſeiner Mitbuͤrger zu ſein. Meine Freunde und ich, wir haben fuͤr die Monarchie und fuͤr die Grandezza alles mogliche gethan, was nur irgend noch in un⸗ ſerer Macht ſtand. Wir verlangten, als man den Staatsrath einfuͤhrte, daß dieſer gleichſam wie ein Senat die Bluͤthe alles Edeln und Hohen in unſerem Staate enthalten ſollte, und daß daher ſpaniſche Granden und Praͤlaten darin fuͤr immer Sitz und Stimme haben ſollten. Indeß die Erfuͤllung unſe⸗ res Strebens muß der Zukunft vorbehalten bleiben. Unſer Adel mag ſich bis dahin ausbilden und vor der Welt zeigen, und beſonders alle Erinnerungen an ſeine bisherige Gleichguͤltigkeit, womit er das Vater⸗ land im Stiche ließ, nebſt dem Andenken an unſere Unfaͤlle austilgen; dann wird ſich der Staatsrath ſchon von ſelber bis zu einer Paͤrskammer erweitern, und dieſe Neuerung, die jezt unſerem alten Herkom⸗ men entgegen waͤre, wird dann nicht mehr als eine verhaßte Nachahmung der Joſephiniſchen Verfaſ⸗ ſungsurkunde, oder als ein anmaßendes Aufdringen der brittiſchen Regierungsform gemisbilligt werden. Von nun an muͤſſen wir erſt verſuchen, ob die Cor⸗ tes und das Koͤnigthum nicht neben einander werden beſtehen koͤnnen. Die Repraͤſentativregierung hat blos neben einer einzigen Nationalverſammlung an tauſend Jahre uͤber unſere Koͤnigreiche geherrſcht, und gerade dies waren die ſchoͤnſten Zeiten unſeres Glanzes und unſeres Ruhmes Rom hatte eben⸗ 200 falls blos zwei Staatsgewalten, und eroberte da⸗ bei die Welt.“ 5 Zweites Kapitel. — Don Carlos erzaͤhlte dies alles mit einer außer⸗ ordentlichen Lebhaftigkeit; ſeine Augen, ſeine Mie⸗ nen und ſeine Haͤnde nahmen an ſeiner Erzaͤhlung den lebendigſten Antheil. Die Volker des noͤrdlichen und ſelbſt die des mittleren Europa's haben keinen Begriff von dieſem ſuͤdlichen Feuer, das den Lippen nicht geſtattet ſich zu oͤffnen, ohne daß der ganze Menſch in das lebhafteſte Geberdenſpiel geraͤth, um den Ausdruck ſeiner Gefuͤhle und Gedanken dadurch anſchaulicher zu machen. Der vornehme Milizſol⸗ dat bemerkte, daß ich mein Auge aufmerkſam auf ihn geheftet hatte, und fuhr daher fort: „Ihr wundert euch darüber, daß ich ungeachtet meines ſorgloſen und leichtſinnigen Characters von dieſen ernſthaften Gegenſtaͤnden mit ſo viel Leiden⸗ ſchaft ſpreche. Man kann ſehr unwiſſend ſein, zu nichts taugen, als zum Kriegfüͤhren, und ſich dabei doch von großen Angelegenheiten maͤchtig bewegt fuͤhlen. Cadir glich waͤhrend dieſer dreijaͤhrigen, mehr oder minder ſtrengen Belagerung einem Sam⸗ melplatze der galanten Welt und des Ruhms und des Peldenmuthes zugleich. Die Luſt der Froͤhlichteit, die von jeher unter dem himmel Andaluſiens gewohnt — hat, miſchte ſich hier mit der Knßſuſ⸗ und fullte die Mußeſtunden aus, die uns die Staatsgeſchaͤfte uͤbrig ließen. Der duͤſtre Schleier, den die Inqui⸗ ſition und der Despotismus auf den geſellſchaftlichen Zuſtand Spaniens geworfen hatten, war zerriſſen. Alle Herzen klopften bei den Worten„Vaterland“ und„Freiheit“ hoch auft dieſe heiligen Worte erklangen auf den oͤffentlichen Plaͤtzen, unter den Gewoͤlben unſerer Kirchen, in den Palaͤſten der Gro⸗ ßen. Unter ſo entgegengeſetzten Empfindungen, die uns erfuͤllten, duͤnkte uns faſt, als waͤre uns ein neues Daſein aufgegangen. Wenn damals ein Fremder nach Cadir getp⸗ men waͤre, ſo wuͤrde er das ſonſt ſo ernſthafte und duͤſtre Spanien darin nicht wiedererkannt, und den Donner der feindlichen Kanonen fuͤr die Muſikbeglei⸗ tung unſerer oͤffentlichen Feſte gehalten haben. Je⸗ ner vielſeitige umgangsverkehr, jener gegenſeitige Austauſch von Witz, Anmuth und Feinheit, jener Verein der geſchmackvollſten Genuͤſſe und der anmu⸗ thigſten Augenweide, was der Franzoſe„Welt“ nennt, und wofuͤr wir Spanier kein Wort haben, weil die Sache bei uns nicht exiſtirt, fand ſich all⸗ maͤhlig als die erſte Frucht unſerer Freiheit bei uns ein. Es war ganz natuͤrlich, daß dieſe Bluͤthe einer hoͤheren Civiliſation bis dahin uns unbekannt geblie⸗ ben ſein mußte. Wie kann man ſich da in Geſell⸗ ſchaften vereinigen, wo nicht einmal zwei Menſchen bei einander ſtehen bleiben koͤnnen, ohne in den Au⸗ gen der Regierung ſich als Verſchworne verdaͤchtig zu machen und ſich gegenſeitig als Familiar's*²) zu fuͤrchten? Damals war die dreifache Tyrannei der Inquiſition, der unumſchraͤnkten Gewalt der Krone, und der Hofetikette auf einmal verſchwunden. Man wagte nunmehr, zum Himmel emporzublicken, ſeine Wohlthaten zu genießen, frei zu athmen, ſich geſellig zu verſammeln und zu lachen. Obwohl wir von den maͤchtigſten Kriegsheeren der Erde umlagert waren, ſchienen dennoch die Tage der Trauer fuͤr uns voruͤber zu ſein. Das ſpaniſche Volk, anſtatt an ſeine Entbehrungen und Gefahren zu denken, em⸗ pfand die innige Freude eines Mannes, dem ſo eben ſeine Feſſeln abgenommen worden ſind. Sogar im Theater ließ ſich gleich anfangs der Einfluß unſerer neuen Staatsverfaſſung ſpuͤren, und das Drama nahm allmaͤhlig jenen den Gefuͤhlen und Beduͤrfniſſen des Vaterlandes angemeſſenen und zu⸗ ſagenden Character an, wodurch die Buͤhne freier Voͤlker ſo viel Adel und Bedeutſamkeit erhaͤlt. Mar⸗ tinez de la Roſa, damals noch ein junger Mann, legte um dieſe Zeit den Grund zu ſeinem nachmaligen ſchriftſtelleriſchen Rufe. Sein Dichtertalent war aus einer echten Begeiſterung des Herzens hervorge⸗ gangen, die ſeinen und unſeren Empfindungen einen edlen Ausdruck lieh. Moͤchte er nur nicht im Ver⸗ folg ſeiner politiſchen Laufbahn durch augenblickliche Verirrungen ſein Leben beflecken, welches beſtimmt zu ſein ſcheint, den Verein eines—— ) Geheime Kundſchafter und Diener des vhhmt 203 mit einem ſchonen LTalent anſchaulich darzuſtellen! Er beſitzt die Tugend in ihrer vollkommenen Rein⸗ heit, moͤchte er nur auch uͤberall und immer die Ener⸗ gie derſelben beſitzen! Seine Dichtungen, die voll Feuer und Erhaben⸗ heit waren, waren an ein Publikum gerichtet, das ſie anzuhoren wuͤrdig war. Die Herzen und Gemuͤ⸗ ther hatten aus dem Becher des ungluͤcks und des Ruhmes Begeiſterung getrunken. Die Revolution, welche ſo eben vorgegangen, war um ſo fuͤhlbarer, da eine unermeßliche Volks⸗ menge die Mauern von Cadix erfuͤllte. Die Fluͤcht⸗ linge aus Amerika und aus der ſpaniſchen Halbinſel — die erſteren hatten ſich vor dem Volksaufſtande, die lezteren vor der Tyrannei geflͤchtet— trafen hier am Fuß der Saͤulen des Herkules zuſammen. Ein portugieſiſches Heer und engliſche Regimenter machten das Gewuͤhl in der Stadt noch großer. Die Mannigfaltigkeit von Trachten und von Geſich⸗ tern, die Menge glaͤnzender Equipagen, die Ausruͤ⸗ ſtung einer zahlreichen Flotte, der Anblick eurer Le⸗ gionen, die auf dem jenſeitigen Ufer aufgeſtellt wa⸗ ren, die Bewegungen im Heere und in der Regierung, dies alles gab der Inſel Leon einen ganz eigenthuͤm⸗ lichen Character von Leben und Groͤße; es fehlten blos auswaͤrtige Geſandte, um unſerem Cadix das Anſehen einer glaͤnzenden Hauptſtadt zu geben. In⸗ deß die Stellvertreter der Koͤnige waren nicht in unſerer Mitte; blos die Miniſter Englands und 204 der Vereinigten Staaten Nordamerika's hatten ſich bei uns eingefunden. u c Dafuͤr ſtroͤmten deſto mehr Fremde von anderer Art in unſere Mauern. Die Anhaͤnger der moſai⸗ ſchen Lehre ſchoſſen auf uns herab, wie auf eine ihnen preisgegebene Beute. Es war, als wollten dieſe Ab⸗ koͤmmlinge Phoͤniciens wieder von der alten Inſel Gadeira Beſitz nehmen, die vor dreitauſend Jahren von den Tyriern entdeckt worden war. 1 Ich, und alle dieſe Fluͤchtlinge eben ſo wie ich, wir machten es wie einſt der roͤmiſche Senat. Den Beſchlagnahmen des Koͤnigs Joſeph zum Trotz, ver⸗ kauften wir die Einkuͤnfte von den Laͤndereien, auf welchen eure Soldaten ihr Lager aufgeſchlagen hat⸗ ten, und indem wir ſo die Hilfsquellen einer unſi⸗ chern Zukunft dem Bedürfniß der Gegenwart zum Opfer brachten, vergendeten wir unſer Geld und unſere Zeit in Feſten. n Rauſchende Baͤlle folgten auf einander, und die vornehmſten Damen der Monarchie, die in Cadix wie auf einem großartigen Theater, das ihrer Eitelkeit ſchmeichelte, zuruͤckgeblieben waren, verſchoͤnerten unſere Geſellſchaftskreiſe. Waͤhrend ſie ihre Zeit Geſchaͤften der Mildthätigkeit und bisweilen ſogar den Staatsverhandlungen widmeten, verwendeten ſie ihre unermeßlichen Einkuͤnfte dazu, die treugeblie⸗ benen Armen und die Vertheidigungsanſtalten zu un⸗ terſtuͤtzen, und am Abend glaͤnzten ſie in ihrem feſt⸗ lichſten Staate und empfanden zum erſtenmal in ih⸗ rem Leben einen Genuß, der von dem bisherigen himmelweit verſchieden war. Doch unſeren Geſell⸗ ſchaftskreiſen fehlte gerade die ſchoͤnſte Zier. Maria ließ ſich naͤmlich immer nur ſchwer dazu bewegen, ihnen beizuwohnen. Nachdenkend, in ſich gekehrt und die Einſamkeit ſuchend, gefiel ſie ſich blos noch in den Kirchen am Fuß des Altars; doch wenn ſie ſich einmal dazu entſchloß, oͤffentlich zu enſcheinen, dann feſſelte ſie die Herzen aller und ihr Ruf war in eines jeden Munde. Alonſo's Herz klopfte jedesmal vor Liebe und Stolz, wenn er ſah, wie ſie erſchien, mit allen Reizen ihres Geſchlechts geſchmuͤckt, be⸗ ſcheiden, einfach, und das Bewußtſein ihres bezau⸗ bernden Eindrucks auf andere blos durch eine fluͤch⸗ tige Roͤthe oder durch die liebliche Schuͤchternheit ihres Blickes verrathend; es war gleichſam, als baͤte ſie um Entſchuldigung fuͤr ihr ſchoͤnes Aeußere. Die Frauen ſelber verziehen ihr ihren Glanz, ihren Rang, das blaue Ordensband und das Kreuz, das ihr Kleid zierte; die Maͤnner beneideten diejenigen, die an ihrer Seite gefochten, und ich meinerſeits erkannte dann jedesmal das Abgeſchmackte meiner fluͤchtigen Lieb⸗ ſchaften und verſchwor fuͤr den Augenblick die Anbe⸗ tung falſcher Goͤtter, doch ohne meine Anbetung bis zu ihr empor zu richten. Ich kann noch heute nicht begreifen, wie ich ſo lange zu ihren Fuͤßen zu leben vermochte, ohne meine Gemuͤthsruhe einzubuͤßen; allein ich glaube, man kann nicht leidenſchaftlich lie⸗ ben, wenn man nicht einige Ausſicht auf Erhoͤrung hat. So ſchutzte mich denn alſo meine Sbwitsun vor dem Verlieben. 206 — Nach einer zweijaͤhrigen fruchtloſen Belagerung gelang es endlich den Franzoſen, die uns bisher mit ihrem Geſchuͤtz nicht hatten erreichen koͤnnen, ihre zuͤndenden Kugeln bis in unſere Stadt zu werfen. Ihre Bomben flogen vom Fort Matagorda aus uͤber die Bucht von Puntales, und zwar an der Stelle, wo ſie ſich bis zu einer Breite von blos neunzehnhun⸗ dert Klaftern verengt, bis zu uns heruͤber. Die erſte, die in unſere Wohnungen einſchlug, verbreitete Schrecken und Entſetzen, doch bald gewoͤhnte ſich unſer Muth auch an dieſe Gefahr, und eine nur noch lebhaftere Luſt des Widerſtandes entbrannte in unſe⸗ ren Gemuͤthern. Das Volk, ermuntert durch unſere Moͤnche, deren großherzige Aufopferung und kriege⸗ riſche Geſinnung alles uͤbertraf, troͤſtete ſich uͤber ſeine Gefahren mit der gleichen Gefahr der Vorneh⸗ men und Reichen, vielleicht auch mit der. Ausſicht auf den Himmel, niemand zitterte fuͤr ſein Haus oder fuͤr ſein Leben, man lernte zulezt die Wohnun⸗ gen kugelfeſt machen. Das heitre Geſellſchaftsleben, welches durch die allgemeine Begeiſterung aufrecht erhalten wurde, begann bald wieder von neuem, ja man tanzte ſogar bei dem Krachen eures furchtbaren Geſchuͤtzfeuers in den Theilen der Stadt, die am wenigſten davon erreicht zu werden fuͤrchteten, d. h. in denen, wo Don Matthias unter den Wogen des Oceans die Spuren jener Stadt zu finden vermeinte, welche die Phoͤnicier einſt dem Herkules zu Ehren gegruͤndet hatten, und die ſeit ſo vielen Jahrhunderten von Neptun in ſein Gebiet aufgenommen worden iſt. 1 207 Gleichwohl gab es Zeiten, wo bieſe ſonſt ſo be⸗ lebte und geraͤuſchvolle Stadt ploͤtzlich ein ganz an⸗ deres Anſehn bekam; dies war naͤmlich immer dann der Fall, wenn das Feuer der Belagerer wieder ſei⸗ nen Anfang nahm. Dann ſah man blos die Offi⸗ ziere von den verſchiedenen Nationen auf der Straße, die es ſich zur Ehrenpflicht machten, ſich dieſem Un⸗ gewitter auszuſetzen. Ein Moͤnch, der auf dem Thurm des Kloſters von San Francisco Schildwache ſtand, hatte unverwandt ſeine Augen auf die fran⸗ zoſiſchen Batterien gerichtet, und jedesmal, wenn von dieſen der Pulverblitz emporſchlug, kuͤndigte er durch einen Glockenſchlag der Stadt an, daß die Kugeln ſie treffen wuͤrden; jeder verbarg dann ſei⸗ nen Kopf in dem vorbereiteten Zufluchtsorte, und erſt nachdem die Kugeln niedergefallen waren, kam man wieder zum Vorſchein, um an der Hausſchwelle zu erfahren, ob die toͤdtlichen Brandkugeln in dem Hauſe des Nachbars etwa Ungluͤck angerichtet haͤtten. Ich machte mir da oft das Vergnuͤgen, auf oͤffentli⸗ chem Markte ſtehen zu bleiben, um es mit anzuſehen, wie die wackern Buͤrger wieder auf ihre Balkone heraustraten, die Augen zum Himmel emporgewen⸗ det und ein Paternoſter murmelnd und das Kreuz ſchlagend, ſich von der Gefahr, in der ſie ſo eben ge⸗ ſchwebt, unterhielten, unzaͤhligemal Jeſus Chriſtus und die Mutter Gottes anriefen, und dann eilig wieder in ihre bombenfeſten Gewoͤlbe zuruͤckeilten, ſobald der Klang der Laͤrmglocke ſich vernehmen ließ. 208 Eines Tags hatte eine einfallende Bombe die Glo⸗ cke, an welche der Moͤnch mit ſeinem ehernen Hammer zu ſchlagen pflegte, zertruͤmmert. Der engliſche Ge⸗ ſandte, Sir Henry Wellesley, Bruder des Berzogs von Ciudad Rodrigo*), wohnte dicht neben dem Kloſter. Bei dem Krachen, welches die ganze Nach⸗ barſchaft erſchutterte, oͤffnete er ſein Fenſter, und wuͤrde an demſelben ſeinen Tod gefunden haben, wenn nicht der Franciscaner, unerſchrocken gleich jenem Weltweiſen bei Horaz, mitten unter dem Dampf und den Mauertruͤmmern des Thurmes ſich ganz ruhig mit ſeinem Kloͤpfel zu der andern Glocke gewendet haͤtte, die von der Bombe verſchont ge⸗ blieben war. Das gewohnte Laͤrmzeichen verkuͤndete ſofort der Stadt, daß ein neuer ungluͤcksbote durch die Luft geflogen kaͤme. Der Bombenwurf traf ge⸗ rade die Vorderſeite des Palaſtes, worin Sir Henry wohnte; doch der Miniſter hatte unterdeß Zeit ge⸗ habt, ſich in ſeinen Sicherheitsort zuruckzuziehen. So rettete alſo die bewundernswuͤrdige Kaltbluͤtig⸗ keit des Moͤnchs dieſen Diplomaten ſeinem Vater⸗ lande, dem ſeine Rechtlichkeit, ſein wohlwollendes Benehmen und ſeine großherzigen Geſinnungen wahr⸗ haft zur Ehre gereichen. Die Schilderung, die ich euch ſo eben von dem Leben auf der Inſel Leon gemacht habe, wuͤrde zu an⸗ lockend und daher unglaublich erſcheinen, wenn ich So nennen die Spanier gewöhnlich den Lord Wellington, der von den Cortes im J. 1313 zum Herzog von Cindad Ro⸗ drigo ernannt wurde. —— —— 209 nicht noch hinzufuͤgte, daß der Ruhm, die Vergnuͤ⸗ gungen und die Liebesabenteuer nicht die einzigen Bewohner von Cadirx waren. Es wuͤrde ſonſt ein Paradies und mehr noch geweſen ſein, aber ſo war es blos eine Art von Heidenhimmel; die Zwietracht hielt auch da ihren Hof. Ueberall, wo nur zwei Menſchen zuſammenkommen, findet ſie geheime Mit⸗ tel und Wege, um ſich zwiſchen ſie einzuſchleichen. Ihr koͤnnt nun leicht denken, wie dies erſt gar bei einer ſo zahlreichen Bevoͤlkerung der Fall ſein mußte, in deren Mitte zwei Partheien neben und unter ein⸗ ander lebten, zu denen ſich noch eine dritte, das Un⸗ gluͤck und England, hinzugeſellte. Die Cortes hatten durch einen gemeinſamen Beſchluß die Krone ihrer bisherigen Allgewalt beraubt; von dem Sturz dieſes ſonſt ſo maͤchtigen Baumes ward auch der hohe Rath von Kaſtilien, der ſich laͤngſt als blindes Werkzeug der Verderbniß und der Tyrannei verhaßt gemacht hatte, mit zu Boden gefaͤllt, und ein Obergerichtshof trat an ſeine Stelle in Gerichtsſachen, waͤhrend der Staatsrath, der aus einer laͤſtigen und unthaͤtigen Behoͤrde eine nuͤtzliche und wirkſame geworden war, ſeine Stelle in der Politik und Staatsverwaltung einnahm. Die Juſtiz nahm nun einen raſcheren und minder koſtſpieligen Gang; die unvernuͤnftigen oder grauſamen Geſetze verſchwanden vor der helleren Auf⸗ klaͤrung, die ſich uͤber Spanien verbreitete. An die Stelle barbariſcher Leibes⸗ und Lebensſtrafen, ewig⸗ waͤhrender Prozeſſe und eines unbegrenzten Gerichts⸗ zwanges trat eine Ordnung der Dinge, die den IV. 14 Fortſchritten der europaiſchen Civiliſation angemeſ⸗ ſen war. Gleichwohl gab es unter dieſen wohlthaͤ⸗ tigen Einrichtungen auch nicht eine einzige, die nicht Unzufriedenheit erregt haͤtte. Sehr viele, die bei der Abſchaffung der unumſchraͤnkten Gewalt der Krone ſich am feurigſten bewieſen hatten, hegten jezt, wo ſie merkten, daß in die ferner noch abzuſchaf⸗ fenden Misbraͤuche ihre eigene Perſon verflochten ſei, gegen die Staatsverbeſſerer einen unverſoͤhnlichen Haß. Die Moͤnchsparthei nahm einen jeden in ihre Mirte auf, der nur vom Elend der Nation ſich zu naͤhren im Stande war, oder der irgend ein verderb⸗ liches Privilegium zu vertheidigen hatte. Es war dies ein Feldlager, deſſen furchtbare Miliz aus un⸗ ſeren Frayles beſtand, an deren Fahnen ſich unſere Juſtizperſonen, ſo feind dieſe auch ſonſt den Moͤnchsorden waren, allmaͤhlig anſchloſſen. So ward denn dieſe Parthei eine Hyder, die zwei Koͤpfe hatte: die Inquiſition und den hohen Rath von Ka⸗ ſtilien.— Unterdeß mußten die Cortes ſehr bald das Schick⸗ ſal, was ſeitdem alle die verſchiedenen Regierungen der Halbinſel betroffen hat, erdulden; es fehlte naͤm⸗ lich an Gelde fuͤr die dringendſten Beduͤrfniſſe des Staats. Sie ſahen wohl, daß die reichſten Grund⸗ beſitzer der ganzen Monarchie, nämlich die Geiſtlich⸗ keit, allein dergleichen herbeizuſchaffen im Stande war; die Haͤnde von 80,000 muͤßigen und reichen Kloſtermoͤnchen konnten unmoͤglich vom Staat laͤn⸗ ger unbenutzt gelaſſen werden, ſtatt der vielen Kloͤſter 21¹¹ mußten allmaͤhlig Fabriken emporſteigen, endlich die zwei uͤbrigen Drittel des ſpaniſchen Grundes und Bodens durften nicht laͤnger mehr von jener Beweg⸗ lichkeit und Theilung der Guͤter unangetaſtet bleiben, die den Nationalreichthum vervielfaͤltigt. Doch kaum waren dieſe Anſichten bis in den Kongreß durchgedrungen, kaum war die Rede davon geweſen, die geiſtlichen Guͤter zu beſteuern, als auch ſchon dieſer Vorſchlag, der von den Biſchoͤfen mit edlem Eifer unterſtutzt wurde, ein Ungewitter von Wuth⸗ ausbruͤchen und Bannfluͤchen herbeifuͤhrte. Von dieſem Augenblick an traͤten die beiden Partheien offener und entſchiedener auf; obwohl ſie immer noch fortwaͤhrend zuſammenſtimmten, wenn von der koͤniglichen Gewalt oder von der franzoͤſiſchen Beſitz⸗ nahme die Rede war, ſo offenbarte ſich doch ihre Mei⸗ nungsverſchiedenheit durch Angebereien und durch gluͤ⸗ henden Haß. Je hoͤher das neue Gebaͤude der Kon⸗ ſtitution emporſtieg, deſto mehr ſtritten ſie ſich um den Alleinbeſitz deſſelben, gleichſam wie um eine Feſtung, die den Beſitz der Herrſchaft zu ſichern im Stande ſei. Mehrere Kloͤſter geſtatteten in ihren Mauern geheime Zuſammenkuͤnfte, deren Verhandlungen an Heftigkeit euren ehemaligen Klubs, naͤmlich jenen Schrecken⸗ Klubs, nichts nachgeben. „Iſt es moͤglich,— rief da unter andern Ca⸗ yetano— daß man im ſpaniſchen Hauptquartier die Laͤſterworte des franzoͤſiſchen auszuſprechen wagt? Wozu haben wir erſt Krieg angefangen, wozu ihn fortgeſetzt? Was liegt an dem wenn 14 * 212 man noch immer dieſelben Eingriffe ſich erlaubt? Dieſer unreine Mund der Molochsdiener will noch von Vaterland reden? Wo bliebe dann noch das Vaterland, wenn es ihnen je gelaͤnge, jene heiligen Einrichtungen zu zerſtoͤren, welche die Reinheit des katholiſchen Glaubens aufrecht erhaltend und zwi⸗ ſchen dem Himmel und der Erde einen beſtaͤndigen Verkehr von Bitten und Wohlthaten einleitend in der alten wie in der neuen Welt den Ruhm unſeres Na⸗ mens uͤber alle Herrlichkeit der Erde erhoͤht haben? Meineidige Spanier, man muß die goͤttliche Offen⸗ barung entweder annehmen oder verſchmaͤhen. Wo⸗ fern ihr ſie verſchmaͤhet; nun wohl, dann zerſtoͤrt immer fort, der Himmel hat ja dem Menſchen dieſe Gewalt gegeben; allein verſuchet nur ein einziges⸗ mal etwas wieder aufzubauen, und ihr werdet unter den Truͤmmern eures Baues erſchlagen werden. Wenn ihr dagegen an Jeſus Chriſtus glaubt, an ſeine Religion, an die Mirakel, wodurch ſie auf Er⸗ den verbreitet worden, ferner an die heiligen Schrif⸗ ten, in denen ſie enthalten iſt, mit einem Wort, wenn ihr Katholiken ſeid, ſo werdet ihr anerkennen, daß die Kirche ihre Rechte und ihre Beſtimmung von Gott allein erhalten hat. Suchet mir ja keine Mittel⸗ wege, keine halben Maßregeln entgegenzuſtellen; zwiſchen Himmel und Erde, zwiſchen der Tugenb und dem Verbrechen giebt es keine Mittelſtraße. Sehet nur, was aus den Staaten geworden iſt, die einmal ruchloſe Grundſaͤtze angenommen haben! Alle ſind in Atheismus verſunken, und es giebt— — 213 wenn man die Wahrheit geſtehen will— in der ganzen Welt kein echt katholiſches Chriſtenthum mehr, außer in unſerem glorreichen Spanien, und das blos darum, weil es hier weiter keine Wahl giebt, man muß entweder Gott als Eckſtein des Se⸗ baͤudes annehmen, oder das Nichts.“ Die Preßfreiheit gab dieſen wuͤthenden Aeuße⸗ rungen blos einen noch groͤßeren Spielraum. Eine Menge von Frayles nahmen zur Herausgabe ent⸗ flammender Flugſchriften ihre Zuflucht, um ihre Grundſaͤtze und ihren Haß unter dem Volke zu ver⸗ breiten. Cayetano ſtiftete ſogar eine Zeitſchrift, die ſich nur mit den blutduͤrſtigen Zeitungsblaͤttern ver⸗ gleichen laͤßt, die in den erſten Zeiten euerer Anar⸗ chie durch die beiden Gegenpartheien herausgegeben wurden. Die Heftigkeit des darin waltenden Stils blendete Don Eſtevan; er glaubte in dieſer zugelloſen Sprache ſeine eigenen Anſichten wiederzufinden, und widmete baher ſeine Feder den ſchriftlichen Erklaͤrun⸗ gen ſeiner Feinde. Indeß da er ſehr bald ſeinen Misgriff bemerkte, ſo legte er die tollen Ausgeburten ſeines Gehirns in einem Blatte nieder, welches ins⸗ geheim der Comthur leitete, der Gott weiß was fuͤr ein feuriger Freiheitsapoſtel aus einem abgeſetzten Miniſter des Despotismus geworden war. Jaime unterwarf ſeinem kritiſchen Gerichtshofe den Ruf und guten Namen aller; er ſuchte diejenigen, die er nicht zu erreichen vermochte, wenigſtens herabzuwuͤr⸗ digen, und da er eben ſo eitel als eiferſuͤchtig war, ſo glaubte er noch immer den Staat zu regieren, 214 weil er die groͤßten Buͤrger deſſelben taͤglich ſchmaͤ⸗ hen und hofmeiſtern konnte. Die immerfort zunehmende Erbitterung unſerer Gegner brachte endlich eine vollige Trennung hervor. Waͤhrend die meiſten dieſen wuͤthenden Deklamatio⸗ nen eine ſeltene Maͤßigung der Wuͤnſche und Grund⸗ ſaͤtze entgegenſtellten, glaubten bagegen einige reizba⸗ rere, vielleicht auch umſichtigere Koͤpfe Krieg durch Krieg erwiedern zu muͤſſen; die Gleichheit der Anſich⸗ ten naͤherte einen Don Domingo dem feurigſten Ausle⸗ ger unſerer Staatsgrundſaͤtze, und der tugendhafte Ga⸗ detanier bot dem ehemaligen Günſtlinge des Friedens⸗ fuͤrſten die Hand; ſo ſehr vermoͤgen die politiſchen Leidenſchaften das Herz und das Gewiſſen zu ver⸗ blenden! Er erklaͤrte, daß durch Arguelles und Alonſo die Sache der Freiheit gefaͤhrdet wuͤrde, daß ihr gemaͤßigtes Verfahren der Parthei der Abſoluti⸗ ſten Kraft genug laſſen wuͤrde, um wieder zu ihrer vorigen Macht zu gelangen, und daß wir auf dieſe Weiſe in eine Knechtſchaft verſinken wuͤrden, die um ſo grauſamer ſein duͤrfte, je mehr wir den Wunſch, ihr Joch abzuſchuͤtteln, öffentlich ausgeſprochen haͤt⸗ ten. Was mich betrifft, ſo ſetze ich einen Ruhm darein, zu geſtehen, daß ich damals gerade ſo dachte, wie der Vater Matea's; die lezten Jahre haben lei⸗ der nur zu ſehr unſere damaligen Vorwuͤrfe und Vor⸗ ahndungen gerechtfertigt. Beweiſen ſie nicht gerade, daß die Laugmuth, wofern ſie eine Tugend iſt, we⸗ nigſtens eine ſehr unheilbringende Tugend iſt, und daß man in Revolutionszeiten alles wollen muß, was 215 man irgend zu verſuchen im Stanbe iſt? Was hat meinen Kollegen ihre lange Maͤßigung geholfen? Verbannung, Schande und Tod iſt ihnen dafuͤr zu Theil geworden. So war denn auf dieſer Sandbank, wo die lezte Hoffnung unſeres beklagenswerthen Spaniens ihren Sitz hatte, alles verſtimmt und voll Feindſchaft. Unſere Meinungsverſchiedenheit ward uͤberdies noch durch Mittelsperſonen verſchlimmert, die bei Buͤr⸗ gerkriegen nie zu fehlen pflegen. Die Politik Eng⸗ lands berechnete die Vortheile, die ſie aus unſeren Unfaͤllen ziehen koͤnnte. Wie iſts doch moͤglich, daß ein ſo aufgeklaͤrtes, wurch ſo viele Privattugenden und großmuͤthige Geſinnungen ausgezeichnetes, da⸗ bei ſo gaſtfreundliches und mildthaͤtiges Volk ſo oft Miniſter an ſeiner Spitze gehabt hat, die ihr Land von einem Ende der Welt bis zum andern verhaßt zu machen wußten? Sir Georges lebte ſeit zehn Jahren unter uns, ja man begegnete ihm uͤberall auf der Halbinſel. Kurz und einſilbig in ſeinen Aeußerungen, verband er mit einer umfaſſenden Gelehrſamkeit alle die Vor⸗ urtheile, die ein beſchraͤnkter Menſch aus der Pro⸗ vinz gegen fremde Nationen zu hegen pflegt; er ſchien blos dazu auf der Welt zu ſein, um zu zeigen, wie viel elende Abgeſchmacktheiten oft den kraͤftigſten Kopf einnehmen koͤnnen; es war faſt, als laͤge er ſein ganzes Leben hindurch vor ſich ſelber auf den Knieen, ſo ſehr bewunderte er ſich ſelber, daß er in irgend einer Grafſchaft von Altengland geboren 216 worden. Dieſe Inſel ſchleudert von Zeit zu Zeit auf das Feſtland Reiſende heruͤber, die es ſich zum Geſchaͤft zu machen ſcheinen, durch ihre große Aehn⸗ lichkeit mit ihrer Regierung ihr Mutterland in der Welt in uͤbeln Ruf zu bringen. Sir Georges war einer von dieſen Menſchen, die nicht leicht einen Dienſt zu erzeigen vermoͤgen, ohne dadurch Undank zu erregen, und die jeden verletzen, den ſie unter⸗ ſtuͤtzen. Sein ganzes Weſen und ſeine Unterhaltung machten den Beiſtand, den das brittiſche Reich uns leiſtete, hoͤchſt verhaßt; er war zugleich einer der ſtrafbarſten Urheber unſerer innern Zwietracht. Das Kabinett von Saint James, durch den Druck der Ereigniſſe, der auf uns laſtete, beguͤnſtigt, machte Anſpruch darauf, dem fluͤchtig gewordenen und bedraͤngten ſpaniſchen Kabinett Geſetze vorzuſchrei⸗ ben; es verlangte, daß wir in der wichtigen Streit⸗ frage uͤber das Mutterland und die Kolonieen ſeine Vermittelung annehmen, daß der Herzog von Ciudad Rodrigo eine Art von politiſcher und militariſcher Dictatur erhalten, vielleicht auch, daß Cadix allmaͤh⸗ lig ſeinen Solbaten eingeraͤumt und ihm zum Erſatz fur ſeine Unkoſten und Anſtrengungen zulezt uberlaſſen werden moͤchte. Sir Georges diente dieſen gehei⸗ men Abſichten dadurch, daß er unſeren Zwiſt noch erbitterter machte, um ſodann die Rolle eines Ver⸗ mittlers zu ͤbernehmen, oder jedem ſeinen Beiſtand zu gewaͤhren, der ſich irgend ſeinen eigennutzigen Plänen darbieten mochte. Ohne beſtimmten Litel und ohne einen oͤffentlichen Character, ſpielte er bei 217 allen unſeren mündlichen Verhandlungen und Strei⸗ tigkeiten eine feindſelige Rolle. Eine lange Zeit hin⸗ durch ſchmeichelte er der Regentſchaft; doch dieſe wies ſtets die Wuͤnſche Englands mit Stolz zuruͤck, und da wir ganz eben ſo dachten, wie ſie, ſe wandte Sir Georges ſich zur Gegenparthei. Großbritan⸗ nien, das auf zwei Stuͤtzpunkten, auf ſeinem Handel und auf ſeiner Ariſtokratie, ruht, wird jedesmal, ſo oft es die Wahl hat, die Verbindung mit einer Par⸗ thei vorziehen, die einen tiefen Abſcheu vor zwei Din⸗ gen hegt, vor der Arbeit und vor der Gleichheit. Jede buͤrgerliche Zwietracht hat das grauſame an ſich, daß ſie ſogar in die vertrauteſten Kreiſe der Freundſchaft ſtoͤrend eindringt. Die Anſichten uͤber den Staat hangen ſo eng mit unſerem innerſten Ge⸗ wiſſen zuſammen, daß das Gemuͤth am Ende durch eine ungewohnte Meinungsverſchiedenheit faſt eben ſo empfindlich verletzt wird, wie durch eine erlittene Beleidigung. Dieſe Unduldſamkeit iſt bei uns be⸗ ſonders den Vertheidigern der vorigen Regierung eigen. Indem dieſe ſich naͤmlich zu gleicher Zeit auf den Himmel und auf den Thron ſtutzen, hegen ſie, wie ſehr ſie auch ſonſt regelwidrig und buͤrgerlich le⸗ ben moͤgen, eine tiefe Verachtung gegen uns, und zwar in ihrer zwiefachen Eigenſchaft, als Edelleute und als Auserwaͤhlte. Der vertrauliche Kreis Alonſo's und Maria's ward immer einſamer. Fray Cayetano erſchien ſchon laͤngſt nicht mehr darin. Seine Abweſenheit war fuͤr die Aebtiſſin Quelle eines bittern Schmerzes. 218 Einſt kam man unter andern auch auf die Abſchaf⸗ fung der Inquiſition zu ſprechen. Der Erzbiſchof, ſo gemaͤßigt er ſonſt auch war, ſah in dieſer Anſicht einen Angriff auf Gott ſelber, und zugleich einen Verſuch, die Thorheiten und Greuel der franzoͤſiſchen Revolution uͤber die Pyrenaͤen heruͤber zu verpflan⸗ zen; er zog ſich ſeitdem allmaͤhlig aus dem engen Freiſe der Markiſin zuruͤck. Dieſer bejahrte Greis konnte bei ſeiner ſtrengen Tugend nicht gerade jene warme Zuneigung fur ſich erwecken; allein er floͤßte eine gewiſſe Ehrfurcht ein, die ſeinen vertrauten Um⸗ gang lieb und werth machte. Donna Maria ver— mißte ihn nicht ohne tiefe Betruͤbniß, und da ſie weder die Geſinnungen ihres Bruders, noch auch deren Vernuͤnftigkeit und Gerechtigkeit tadeln, und doch auch andrerſeits nicht glauben mochte, daß die menſchlichen Leidenſchaften einen Zugang zu dem Herzen des ehrwuͤrdigen Praͤlaten gefunden haͤtten, ſo aͤußerte ſie ihren Kummer blos durch Thraͤnen. Zwar konnte man leicht merken, daß dieſe um einer ganz anderen Urſache willen floſſen, indeß ſie war froh, daß ſie die andern und vielleicht auch ſich ſel⸗ ber in Hinſicht der wahren Quelle dieſer Thraͤnen zu taͤuſchen vermochte. i Indeß das tiefſte Herzeleid widerfuhr ihr von Seiten der Aebtiſſin. Sor Maria de los Dolores beſaß eine unbeſchreibliche Empfindlichkeit. Jene Energie des Herzens, die ſo lange Zeit bei ihr in Verzweiflung ausgeartet geweſen, war nun bei ihr zu einer gluͤhenden Andacht geworden. Die milde 219 Froͤmmigkeit der Markiſin war ihr lange Zeit hin⸗ durch genuͤgend geweſen; jezt aber tadelte ſie die Laulichkeit ihrer Freundin, die den Gedanken an die Aufhebung der Inquiſition ertragen koͤnnte, und zu glauben ſchien, daß es dann noch ein Spanien ge⸗ ben koͤnne, ſobald ein Theil der Kloͤſter, die bereits durch die Zerſtreuungen und Arbeiten der lezten vier Jahre entvoͤlkert waren, hinfort nicht mehr zur Auf⸗ nahme neuer Novizen beſtimmt ſein ſollte. Die from⸗ me Nonne machte noch einen lezten Verſuch auf ih⸗ re Schwaͤgerin, um ſie von ihrem Bruder loszurei⸗ ßen, der— wie ſie meinte ihren Glauben erſchuͤttert habe, und da ſie in dieſem Kampf nicht obſiegte, ſo ließ ſie ſich durch die geheimen Einfluͤſterungen des Fray Cayetano hinreißen, brach ploͤtzlich allen Um⸗ gangsverkehr mit der Markiſin ab, und ſuchte in den Mauern eines Kloſters einen ihrer wuͤrdigeren Zufluchtsort. So blieb denn blos noch Aldouza bei Alonſo und Maria zuruͤck, die in dem Vergnuͤgen, welches ihnen die Erziehung dieſes Maͤdchens gewaͤhr⸗ te, eine lindernde Zerſtreuung ihres innern Kummers fanden. Ich fuͤr mein Theil hielt mich ebenfalls von ih⸗ nen etwas entfernt. Indeß das, was mein Freund immer an mir Ueberſpannung zu nennen pflegte, aͤn⸗ derte keinesweges unſer ſo lange beſtandenes freund⸗ liches Verhaͤltniß. Seit einiger Zeit verlor ich mit jedem Tage mehr von meiner ſonſtigen Heiterkeit. In unſerem ernſten Spanien kann die Flatterhaftig⸗ keit immer nur ein erzwungener und voruͤbergehender 220 Gemůthszuſtand ſein, naͤmlich blos eine Zerſtreuung fuͤr unzufriedene Geiſter, die, weil ſie ſich nun ein⸗ mal nicht in ihrer vollen Kraft und Freiheit bewegen koͤnnen, wenigſtens zur Betaͤubung ſich nach einer Vergeſſenheit deſſen ſehnen, was ſie erleiden muͤſſen, oder deſſen, was ſie wahrhaft verdienen wuͤrden. Die Freuden der Welt hatten von nun an keinen Reiz mehr fuͤr mich; ein neues Beduͤrfniß regte ſich jezt in mir. Ich empfand nun, daß ich noch nie wahrhaft geliebt hatte. Aldouza war allmaͤhlig in die Jahre vorgeruͤckt, wo das weibliche Geſchlecht bei euch noch Kind iſt, wo es bei uns hingegen ſchon in den vollen Beſitz ſeiner Herrſchaft uͤber uns tritt. Sie entfaltete in ſich bereits das Gemuͤth Maria's, verbunden mit der andaluſiſchen Anmuth ihrer Mut⸗ ter. Mir gefielen dieſe feurigen Augen, dieſe Raſch⸗ heit, dieſe Art von ſtolzem Herabſehen, worin ſich ein gewiſſes Vertrauen auf die Himmelsreize, wo⸗ mit ſie unbewußt geſchmuͤckt war, zu ſpiegeln ſchien; vor allem aber gefiel mir ihre Herzensguͤte, ihre fruͤh⸗ reife Bildung, ihre Verehrung fuͤr die Freundin und Fuͤhrerin, die ihr ein guter Stern zugefuͤhrt hatte. Ich dachte voll Traurigkeit daran, daß ſehr bald jezt der allmaͤchtige Zauber der Liebe ſie noch mehr verſchoͤnern wuͤrde, und der Gedanke, daß ich nicht der Gegenſtand ihrer erſten Liebe ſein, daß der freund⸗ liche Blick, womit ſie meine liebevolle Aufmerkſam⸗ keit belohnte, einſt mir nicht mehr gelten werde,— dieſer Gedanke erregte in meinem Innern eine un⸗ beſchreibliche Unruhe. Ich weiß nicht, ob es wahr 221 iſt, daß die Liebe von der Eiferſucht erweckt oder doch enthuͤllt wird; allein ſoviel iſt gewiß, ich fuͤhlte mich hoͤchſt ungluͤcklich, und zwar durch ein Kind, das die Macht ſeiner Reize noch nicht ahnte. Je mehr ich den Einfluß empfand, den Aldouza auf mich ausuͤbte, deſto mehr ſuchte ich mich davor zu bewahren. Jaime, welcher durch den Zufall ſei⸗ ner Geburt aller Ditel und Beſitzungen unſeres Hau⸗ ſes beraubt war, war eher zu entſchuldigen, wenn er durch eine Misheirath ſich hohen Rang und unge⸗ heure Gluͤcksguͤter zu verſchaffen ſuchte. Ganz an⸗ ders verhielt es ſich mit mir. Ich denke zwar libe⸗ ral genug, um auf die regierenden Grafen von Bar⸗ celona und auf die Koͤnige von Sobrarbe, von de⸗ nen ich abſtamme, nichts zu geben. Allein, wenn man auch ſeinen Vorfahren keine Ruͤckſicht mehr ſchul⸗ dig iſt, ſo iſt man doch ſeinen Zeitgenoſſen einige ſchuldig, und konnte ich nun wohl meinem Vater⸗ lande Spanien den anſtoͤßigen Anblick geben, den kuͤnftigen Herzog von L*** mit der Tochter Matea's, der Enkeltochter Don Domingo's, vermaͤhlt zu ſe⸗ hen? Konnte ich mich wohl der Gefahr ausſetzen, meiner Gemahlin dereinſt nicht einmal die Achtung dieſer Granden verſchaffen zu koͤnnen, in deren Ge⸗ ſellſchaftskreiſen zu erſcheinen ich mich fruͤher um des hohen Alters und der Abkunft meiner Familie willen kaum hatte entſchließen koͤnnen? Dieſe traurigen Betrachtungen noͤthigten mich, ein Bild von mir zu weiſen, welches Alonſo beſtaͤndig meiner Seele vor⸗ zuhalten ſuchte. Eines Tages drang er in mich. 222 Ich antwortete ihm:„Nicht mir kommt es zu, Wuͤn⸗ ſche oder Hoffnungen auf dieſes liebenswuͤrdige Kind zu ſetzen. Du haſt fuͤr deine Perſon weit mehr An⸗ ſpruͤche bei ihr geltend zu machen, und ſo wuͤrde man es denn wenigſtens doch einmal in der Welt er⸗ leben, daß das Gluͤck edle Dugenden und hohe Ver⸗ dienſte durch Reichthum und Ehre zu bezahlen weiß.“ Alonſo erblaßte, als ich dies ſagte. Maria, die zugegen war, heftete einen Blick auf ihn; wo⸗ rin ſich eine unbeſchreibliche Angſt abſpiegelte. Sie erblaßte ebenfalls; ihr Buſen gerieth in heftige Be⸗ wegung, und indem ſie ihre Hand nach dem aus⸗ ſtreckte, den ſie nur noch mit Zittern ihren Bruder nannte, ſchien ſie furchtſam und bittend eine ſchnelle Antwort zu verlangen. Ihre Blicke begegneten ein⸗ ander und gaben ſich zu erkennen, daß ihr beiderſei⸗ tiges Daſein durch dieſelben bangen Zweifel getruͤbt wuͤrde. Alonſo verbarg ſein Geſicht in ſeine Haͤn⸗ de, Maria kniete weinend vor einem Kruzifixe nie⸗ der, ſtand dann auf, und begab ſich ſofort in ein Kloſter, wohin Aldouza ſie zu begleiten und daſelbſt bei ihr zu bleiben ſich entſchloß. Dort beſuchten wir, mein Freund und ich, ſie bisweilen mit einander. Sie lebte da in einer tiefen Zuruͤckgezogenheit; blos Sir Georges erſchien bis⸗ weilen in ihrem Zimmer. Die Markiſin, deren wohl⸗ wollendes Gemuͤth an ſeine feindliche Politik gar nicht glauben konnte, fand Gefallen an ſeiner Unterhal⸗ tung, welche feiner und gehaltreicher war, als die unſrige gewoͤhnlich zu ſein pflegt; zugleich erheiter⸗ 223 ten ſie ſich in manchen ihrer Mußeſtunden durch das Studium der engliſchen Literatur. Sir Georges lebte blos noch mit unſern Geg⸗ nern im Zuſammenhange. Eine Parthei, die nicht die Gewalt in Haͤnden hat, ſagt einem Fremden am beſten zu, und der Englaͤnder arbeitete daher im Einverſtaͤndniß mit ihnen darauf hin, die Regent⸗ ſchaft zu ſtuͤrzen und die hoͤchſte Gewalt ſodann ih⸗ nen zu uͤberliefern. Dieſe neuen Bundesgenoſſen giengen darauf aus, gegen die Oberhaͤupter des Staats den allgemeinen Haß rege zu machen, und zwar dadurch, daß man ſie mit in die Verleumdun⸗ gen hineinzog, wodurch man alle Liberalen zu brand⸗ marken ſuchte. Man wußte uns fortwaͤhrend im Verdacht zwei arger Verbrechen zu erhalten. Das erſte war, daß wir angeblich den Plan haͤtten, unſere Stellung und und unſere Macht fortwaͤhrend zu behalten. um alle Koͤpfe hieruͤber ins Klare zu ſetzen, gelang es uns, ungeachtet der Oppoſition unſerer Gegner, die eine ſeltene Vorliebe fuͤr Staatsaͤmter hatten, die Geſetzvorſchlaͤge durchzuſetzen, daß kein Deputirter je Aemter verwalten noch auch uͤberhaupt jemals wieder gewaͤhlt werden duͤrfe. Beides hat ſich nach⸗ her als ein unheilbringender Fehler in unſerer Kon⸗ ſtitution bewieſen; indeß ihr ſeht hier wenigſtens, wie die Sache kam. Man beſchuldigte uns ferner einer geheimen Nachgiebigkeit gegen die Feinde des Staats. Dieſe Beſchuldigung war die treuloſeſte und grauſamſte von allen; denn nichts reizt die 224 Menge ſo ſehr auf, als das Wort„Verrätherei,“ und das Mistrauen und die Beſorgniſſe des Volks ſind leidenſchaftliche Richter, die ſtets mit dem An⸗ klaͤger gemeinſchaftliche Sache machen. Nachdem die Einbildungskraft aller durch die ſogenannten ſchwarzen Plaͤne, die wir haͤtten, gehoͤrig aufgeregt worden war, verſuchte man in den Verſammlungen des Kongreſſes einen großen Streich auszufuͤhren. Dem brittiſchen Einfluß, der ungewohnten Einheit der Parthei, und dem feind⸗ ſeligen Votum der Amerikaner gelang es endlich nach langen Debatten, Agar, Blake und Ciscar, nachdem ſie funfzehn Monat am Staatsruder geweſen, ihrer bedeutenden Poſten zu entſetzen. Die neue Regentſchaft beſtand nicht wie die erſte aus drei, ſondern aus fuͤnf Mitgliedern. Unter ihnen zeichnete ſich derjenige von den Gebruͤdern O' Donnel aus, den der Biſchof von Hrenſe zum Gra⸗ fen von Abisbal ernannt hatte, und Infantado, un⸗ ſer Geſandter am Londner Hofe. Dieſer alte Hoͤf⸗ ling, der die Bayonner Erinnerungen gegen ſich hatte, hat in ſeinem Spiel nichts als Ungluͤck gehabt; immer war er dem Auslande zugekehrt, und unter ſeiner Leitung ward einige Monate ſpaͤter der Ober⸗ befehl uͤber die ſpaniſchen Heere dem engliſchen Feld⸗ herrn zugewendet. Freilich wurden die Servilen in ihrer Nachgiebigkeit gegen die Wuͤnſche Englands durch eine große Anzahl eiferſuͤchtiger Liebhaber der Freiheit unterſtuͤtzt. Man wollte die Militaͤrgewalt ieber in den Haͤnden eines Fremden ſehen, als in 225 denen eines Mitbuͤrgers, der ſie leichter gegen die geſetzliche Verfaſſung haͤtte brauchen koͤnnen. Es war gerade in den erſten Wochen des Jahres 1812, daß die neuen Mitglieder der Regentſchaft das Staatsruder uͤbernahmen. Zwei Monate ſpaͤ⸗ ter, am Jahrestage jenes Moments, wo Don Fer⸗ dinand den Scepter ſeines Vaters aus unſeren Haͤn⸗ den empfangen, machte die Regentſchaft oͤffentlich die Konſtitution bekannt, die der koͤniglichen Gewalt Schranken und Schutzwehren gab. Die Parthei der alten Ideen, die nicht ſchwach war, da ſie ſo eben einen großen Sieg davon getragen, und die eben nicht eingeſchuͤchtert war, denn ſie hatte ja ſo eben ihren Lieblingen das Ruder des Staats uͤber⸗ geben, dieſe Parthei wuͤnſchte, daß die ausgefertigte Verfaſſungsurkunde von allen zweihundert Deputir⸗ ten feierlich unterzeichnet wurde. Oeffentliche Feſte begruͤßten dieſen großen Tag als den Zeugen unſerer aufkeimenden Freiheit, als den Buͤrgen unſeres kuͤnf⸗ tigen Gluͤcks. Von allen Seiten her erſchollen Aeu⸗ ßerungen des Danks und der Freude, und der freu⸗ dige Rauſch des ganzen Volkes fand blos in den Scenen, die am 19. Maͤrz 1808 zu Aranjuez und Madrid vorgefallen, ſeines gleichen; auch diesmal hielt ſich ein ganzes Volk fuͤr immer gerettet. Da war auch nicht eine einzige politiſche und religioſe Koͤrperſchaft, nicht eine bedeutende Juſtizperſon, nicht ein einziger Grande, der nicht ſeine Stimme in dieſen allgemeinen Einklang mit einzumiſchen Luſt gehabt haͤtte. Unter den zahlloſen Gluͤckwuͤnſchungs⸗ W. 15 Adreſſen, welche der Kongreß empfieng, befanden ſich auch dergleichen von Menſchen, die nachmals— wie z. B. der Fiscal Don Antonio Alcala Galiano— voll gluͤhenden Durſtes ſich zeigten, um unſer Blut zu vergießen und unſere Anhaͤnglichkeit an das zu be⸗ ſtrafen, was ſie damals wie wir einen„heiligen Vertrag“ nannten. Kaum war der Maͤrzmonat verfloſſen, als auch ſchon unter einmuthigem Beifall⸗ rufen von den Saͤulen des Herkules bis an den Fuß der Pyrenaͤen in allen Provinzen und feſten Plätzen, die irgend nur noch im Beſitz der ſpaniſchen Truppen waren, der Konſtitutionsſtein errichtet wurde. Bald darauf ward eine Haͤlfte der Halbinſel durch den Ruͤckzug eurer Soldaten, die zu neuen Gefahren nach dem Norden gerufen wurden, vom Feinde frei, und konnte ſeine innere Stimmung laut ausſprechen, und nun erſcholl der Name„Konſtitution“ mitten un⸗ ter Freudenrufen und unter Siegesliedern, die ein ganzes Volk auf einmal anſtimmte. Die Regent⸗ ſchaft beeilte ſich, in den wiedereroberten Provinzen das neue Syſtem in Kraft zu ſetzen, und ihre erlaſ⸗ ſenen Bekanntmachungen empfahlen es ohne Unter⸗ laß der Anhaͤnglichkeit des Publikums. Infantado, der nicht minder als ſeine Kollegen demſelben ergeben war, erließ einige Monate ſpaͤter eine ſehr beredte Darſtellung, die in den Jahrbuͤchern der Geſchichte nicht unbemerkt bleiben wird. Dieſer Kommentar ſuchte alle Einwuͤrfe zu widerlegen, die Vortrefflich⸗ keit der neuen Staatsverfaſſung Punkt fuͤr Punkt darzuthun, und zugleich zu zeigen, daß an ihre Ent⸗ 227 wickelung alle unſere Ausſichten auf Glanz und Ruhm geknuͤpft ſeien. Der Freude Spaniens trat gar bald auch Amerika bei, und die Reiche, welche bereits das Joch des Mutterlandes abgeſchuͤttelt hatten, un⸗ terwarfen ſich von neuem demſelben und ſegneten es. Europa folgte dem Beiſpiele der neuen Welt. Von dieſem Augenblick an hoͤrte der Bann auf, den die Fuͤrſten gegen uns ausgeſprochen hatten. Wir traten wieder in die allgemeinen Rechte der Voͤlker ein, und die große Familie der Nationen begann bereits das ſpaniſche Volk hochzuachten. Ihre Oberhaͤupter bewarben ſich um unſer Buͤndniß, und alle Vertraͤge, die ſie mit uns abſchloſſen, enthielten ſaͤmmtlich die Bedingung:„daß ſie die außerordentlichen Cortes, ſo wie auch die von ihnen entworfene Konſtitution, fuͤr geſetzlich und guͤltig anerkennten.“ Der Be⸗ herrſcher des Nordens, dem die Regentſchaft in ih⸗ rem Feuereifer ein Exemplar der Verfaſſungsurkunde zugeſandt hatte, nahm ſich mitten unter den Schlach⸗ ten, welche Schnee und Winter gegen euch gewan⸗ nen, ſo viel Zeit, um ſie durchzuleſen, und in einem denkwuͤrdigen Schreiben geruhte dieſer Monarch, deſſen Anſichten ſich nie durch die mindeſte Furcht be⸗ ſtimmen ließen, uns zu antworten:„er habe dieſen neuen Beweis der Geſinnungen, welche die ſpaniſche Regierung fuͤr ihn hege, mit um ſo groͤßerem Ver⸗ gnuͤgen empfangen, da dieſe feierliche Acte die kuͤnf⸗ tige Wohlfahrt einer edeln und großherzigen Nation verbuͤrge.“ Das Haus Braganza und die Bvur⸗ bons beider Sicilien ſandten nicht minder herzliche 5 228 Glückwänſche an die Cadixer Geſetzgeber ein, und Don Ferdinands erhabene Schweſter, die Infantin Donna Joaquina, jetzige Koͤnigin von Portugal, druͤckte uns in einem eigenhaͤndigen Schreiben ihre Freude und Erkenntlichkeit im Namen ihrer gefange⸗ nen Bruͤder aus. Die Waͤrme ihrer Ausdruͤcke und 3 die Beſtimmtheit ihrer Lobſpruͤche bewies, daß ihre Annahme der Verfaſſung eben ſo wohl uͤberlegt als aufrichtig war. Spaͤter uͤberbrachte der General Zayas uns von Valengay her Aeußerungen, welche uns darthaten, daß unſer junger Monarch fuͤr ſeine Perſon mit dem einmuͤthigen Wunſch ſeiner Voͤlker einverſtanden ſei. So fehlte es denn alſo der Wie⸗ dergeburt unſerer Freiheit an keiner Art von Sanc⸗ tion. Unſere Konſtitution bluͤhte nun ſchon zwei Jahre lang, indem ſie ihren Schatten immer weiter ausbreitete; ja ſie herrſchte bereits ein volles Jahr, ohne daß ſie von den Gipfeln der Andes an bis zu den Pyrenaͤen irgend einen Widerſtand gefunden haͤtte. Wo iſt irgend eine Staatsgewalt auf Erden, die gleich bei ihrem erſten Beginn von ſo viel Mil⸗ lionen lieb und werth geſchaͤtzt, von ſo vielen Koͤni⸗ gen anerkannt, unter ſo glorreichen Anſtrengungen aufgerichtet worden waͤre? Die ſpaniſche Volksfreiheit keimte freilich mitten unter Ruinen hervor; allein dieſe Ruinen waren nicht ihr Werk, ſondern ihr von dem unumſchraͤnk— ten Koͤnigthume hinterlaſſen worden. Sie keimte ſreilich unter Flammen und Blut auf; allein es war die heiligſte Sache von der Welt, wofuͤr unſere —— 229 Staͤdte aufgebrannt worden und das Blut von mehr als dreimal hunderttauſenden gefloſſen war. Sie wuchs auf, blos von den Fahnen des Vaterlandes umgeben, und beſchutzt durch Siege, die zwei ſonſt ſo feindſelige Maͤchte— Gerechtigkeit und Gluͤck— in Einklang gebracht hatten. Die erſte Aeußerung der von langer Knechtſchaft aufſeufzenden Welt war ein Lobgeſang auf ſie. Das ſeit ſechs Jahrtauſenden ſo vielfach in ſich getheilte und getrennte Menſchen⸗ geſchlecht war diesmal voͤllig einverſtanden im Lobe derſelben; Rationen und Fuͤrſten, die jezt alle von einer traurigen, vielleicht ſtrafbaren Schlaftrunken⸗ heit erwachten, boten dieſer Tochter unſerer Tugen⸗ den und Triumphe die Hand. Auf der ganzen Erde erhob ſich blos eine einzige Stimme, die ſie zu ver⸗ dammen und zu ſchmaͤhen wagte; ein einziger Mann proteſtirte noch gegen dieſen Beifall des menſchlichen Geſchlechts. Doch er, der es der Felſeninſel von Cadix nicht verzeihen konnte, daß ſie der Zufluchtsort fur die Freiheit des ganzen Feſtlandes geworden war, buͤßt jezt als Ueberwundener und Gefangener auf dem Felſen von Sanct Helena ſeine ruchloſe Prote⸗ ſtation. Zwiſchen ihm und uns iſt der Himmel und die Erde als Schiedsrichter aufgetreten.“ Vierundzwanzigſtes Buch. Ende der Erzaͤhlung des Einſiedlers. erſtes Kapitel. — Don Carlos hielt hier inne. Das ſudliche Unge⸗ ſtuͤm ſeiner Gefuͤhle und Ausdruͤcke gab ſeiner Er⸗ zaͤhlung ein höheres Intereſſe. Ich bedauerte daher um ſo mehr ſein ploͤtzliches Abbrechen und ſchritt raſch vorwaͤrts, in der Hoffnung, daß er vielleicht bei unſerer Ankunft unten im Dorfe noch einmal mir zu Gefallen den Faden ſeiner Geſchichte wieder auf⸗ nehmen und damit die ſpaͤteren Abendſtunden aus⸗ fuͤllen wuͤrde. Schon waren wir bis zu dem engen Paſſe gelangt, der gleichſam den Zugang nach Ain⸗ hoa zu vertheidigen ſcheint, und wir ſtiegen ſo eben einen kleinen Huͤgel hinan, von welchem aus wir das Dorf am andern Ende des Thales an Berghoͤhen an⸗ gelehnt daliegen ſahen, als auf einmal ein gewaltiger Hufſchlag von Pferden ſich hinter uns hoͤren ließ, und eine zierliche Kutſche, vor welcher ein Vorreiter herſprengte, an uns heran gefahren kam. Die Basken, die in der Raͤhe ihre Heerden weideten, 231 kamen an die Straße heruͤber geeilt, um bieſe pracht⸗ volle Squipage in der Naͤhe zu betrachten; noch nie hatten ihre Augen etwas ſo glaͤnzendes geſehen. Don Carlos winkte, und der Wagen hielt plotz⸗ lich ſtill. Er eilte ſogleich an denſelben hinan, be⸗ ſann ſich aber ſogleich wieder auf ſeinen unterdeß zu⸗ ruckgebliebenen Reiſegefahrten, und drehte ſich zu mir mit den Worten um:„Wir werden uns ſehr bald wieder zuſammen finden! Nehmet es nur nicht uͤbel; Freunde beduͤrfen ja erſt keiner gegenſeitigen Foͤrmlichkeiten!“ Dann neigte er ſich geheimnißvoll an mein Ohr und fläͤſterte mir zu:„Sie iſt es!“ Mit dieſen Worten druͤckte mir der Spanier mit einer außerordentlichen Freude und Zaͤrtlichkeit die Hand, und ſprang ſodann in die Kutſche hinein, welche raſch weiter fuhr. Ich blieb allein zuruͤck, ohne von der Sache das geringſte weiter zu wiſſen, außer daß ſie es ſei. In dem kleinen Wirthshauſe der Frau Hiriart das ich ſehr bald erreichte, gieng es ſehr lebendig und geraͤuſchvoll her. Unter dem verwirrten Rufen der Stallknechte, Dienſtmaͤdchen und Lakeien hoͤrte man deutlich die Donnerſtimme von Don Carlos hervor. Faſt in einem und demſelben Moment gab er uͤberall zehn Befehle auf einmal, aͤrgerte ſich, daß ſie nicht ſogleich erfuͤllt wurden, und war aͤngſtlich beſorgt, daß ſie nicht etwa irgend eine Entbehrung oder einen Aufſchub erleiden moͤchte. Ich ſah nun wohl, daß ſie es war. 232 —— Dieſer gewaltige Laͤrm verſcheuchte mich wieder aus dem Wirthshauſe. Ich nahm, ungeachtet der anbrechenden Dunkelheit, meinen Weg wieder nach den Hoͤhen zu, und mich duͤnkte, als koͤnnte ich es wohl wagen, bei Fray Pablo noch einen ſpaͤten Abend⸗ beſuch zu machen. Der Einſiedler freute ſich, daß ich an ſeinem Kummer und an ſeiner Einſamkeit ſo vielen Antheil nahm. Ich fand ihn auf der Stufe ſeines Altars in ſinnender Betrachtung ſitzen. Das, was ich ihm von den lezten Begebenheiten Spaniens erzaͤhlt hatte, hatte anfangs wenig Eindruck auf ihn gemacht; indeß waren dennoch meine Worte ihm im Andenken geblieben, und waren durch die Wolken, die ſeinen abgeſtumpften Verſtand umduůͤſter⸗ ten, bis in ſein Gemuͤth gedrungen. Seine Gefuͤhle waren um ſo tiefer, je laͤngere Zeit noͤthig war, um ſie hervorzurufen. Der Ungluͤckliche, der von den Maͤnnern von Cadir zuruͤckgeſtoßen und von der Re⸗ gierung vom Jahre 1814 verbannt worden war, beurtheilte die beiden Partheien, die jezt in ſeinem Vaterlande handgemein waren, gleich feindſelig. Es iſt dies gewoͤhnlich bei den Afranceſados— die uͤbrigens meiſt Menſchen von ſehr gemaͤßigter Den⸗ kungsart ſind— der Fall, daß ſie die Servilen als Liberale und die Liberalen als Servile haſſen.„Ue⸗ ber Spanien herrſcht alſo jezt eine konſtitutionelle Ordnung der Dinge?“ ſagte er zu mir, als er mich wiedererkannte.„Nun, da iſt ja unſere Verdamm⸗ niß in den Augen der Welt vollſtaͤndig! Der Sieg hatte blos den erſten Grund zu unſerer Verurtheilung gelegt, die Begebenheiten von 1814 reichten hin, um uns freizuſprechen; doch jezt giebt es fuͤr uns keine Zuflucht mehr! Ju einer Welt, welche die Handlungen der Menſchen blos nach dem Erfolg be⸗ urtheilt, bleibt uns nichts uͤbrig, als uns der Brand⸗ markung fuͤr immer zu unterwerfen. Wenn es in Spanien eine ſtaͤndiſche, eine freie Staatsverfaſſung giebt, dann ſind wir ganz und gar beſiegt und verlo⸗ ren!“ Er ſeußzte, ſchwieg, und ſtutzte ſeine kahle Stirn in ſeine Hand.—„Nein,“ fuhr er dann nach einer Weile fort,„die Vorſehung kann es nicht zugeben, daß die Welt in uns Feinde des eige⸗ nen Vaterlands erblickt, und das Schickſal, das ſeit zwoͤlf Jahren uns vollkommen gerechtfertigt hat, wird nicht auf einmal ſich in unſeren Anklaͤger um⸗ wandeln. Die Konſtitution von Bayonne wuͤrde Spanien vor der blutigen Volksherrſchaft und vor der Ruͤckkehr eines ſo eben erſt entſchwundenen Des⸗ potismus bewahrt haben; vom Throne ausgegan⸗ gen, auf das Princip der drei Zweige der geſetzgeben⸗ den Gewalt gegruͤndet, uns die Wohlthaten der franzoͤſiſchen Revolution zuſichernd, ohne uns die Verbrechen und Greuel derſelben aufzubuͤrden, wuͤrde ſie fur die Monarchie ein neues Zeitalter der Ordnung, der Nationalvertretung, des Gluͤcks und des Ruhms eroͤffnet haben.„ das war alſo unſer Verbrechen! „ Diejenigen, welche uns bekaͤmpft, uns in die Acht erklaͤrt haben, wuͤrden, wenn dieſe rivaliſirende Konſtitution nicht geweſen waͤre, gewiß kein ſolches Utopien auf das Papier hingezeichnet haben. Unſer 234 Beiſpiel war erforderlich, um die Freiheitshelden zur Bekanntmachung einer freieren Staatsverfaſſung zu vermoͤgen. Und welche Verfaſſung haben ſie ge⸗ gruͤndet! Sie haben die Zwietracht, die in ihrem Feldlager herrſchte, in die Geſetzgebung uͤbergetra⸗ gen; ſie, die theils hartnaͤckige Anhaͤnger der Ver⸗ gangenheit, theils neuerungsſuͤchtige Eiferer waren, haben auf eine wahrhaft thoͤrichte Weiſe Republik und Monarchie mit einander vermaͤhlt. Das Unge⸗ heuer, das aus dieſer Verbindung hervorgieng, iſt fuͤr immer unfaͤhig zu leben und zu herrſchen, und wird in ſeinen toͤdtlichen Zuckungen nur zu zerreißen und zu zerſtoͤren im Stande ſein. Die ſpaniſche Re⸗ volution— ſagt ihr— hat Tage der Ruhe. Nun gut, dann wird das Ungewitter um ſo furchtbarer ſein, da es ſo lange Zeit ſich emporgethuͤrmt hat. Meine ungluͤcklichen Mitbuͤrger werden dafuͤr, daß ſie das Werk ihrer Staatsverbeſſerer annahmen, auch das Schickſal derſelben zu erfahren haben, und wer⸗ den unvermeidlich das Gebiet der Schreckensregie⸗ rung und des Koͤnigsmordes durchſchreiten muͤſſenz von Verſuch zu Verſuch, von Abgrund zu Abgrund fortgeriſſen, werden ſie nirgends einen Anhaltspunkt finden, und nicht eher wieder zur Ruhe kommen, als bis ſie der zwiefachen Thorheit, eine einzige National⸗ verſammlung und einen gefeſſelten Koͤnig zu haben, entſagen, und ſich unter die ſchuͤtzende Aegide einer durch zwei Kammern gemaͤßigten Monarchie fluͤchten. Ganz Europa wird ſich vielleicht zu einem Kreuzzuge genoͤthigt ſehen, um ſie wieder zu der Bayonner Ver⸗ 235 faſſung zuruckzufuͤhren, und wozu wird dann ein ſechsjaͤhriger wuͤthender Krieg, eine ſechsjaͤhrige blinde Tyrannei, und vielleicht eine vieljaͤhrige innere Zwietracht gedient haben? Spanien wuͤrde dann einem Piloten gleichen, der, obwohl er einen ſicheren Zufluchtsort bei der Hand hat, dennoch vorzoͤge, die Meere zu durchſtreifen und ſich an Klippen zu be⸗ ſchaͤdigen, ehe er ſich in einem Hafen vor Anker legte.“ Die Geſtalt des Spaniers war waͤhrend des Ge⸗ ſpraͤchs gleichſam groͤßer geworden, und hatte gleich⸗ ſam wieder Jugend und Wuͤrde angenommen. Man ſah, daß hinter ſeinem duͤſtern Aeußeren ein gefuͤhl⸗ volles Gemuͤth und ein uͤberlegener Geiſt verborgen lag. Nachdem er in ſeine Zelle zuruͤckgekehrt war, fuhr er weiter fort: „Die Cadixer Parthei wuͤrde gewiß nicht durch die traurige Nachahmung euerer Verirrungen die Saͤulen des Herkules in Staunen geſetzt, und die Grundſaͤtze und Kombinationen der geſetzgebenden Verſammlung wuͤrde gewiß nicht ihre ſtrafbaren Triumphe von den Ufern des Santi Petri bis zu den Gipfeln der Pyrenaͤen hin ausgedehnt haben, wenn der franzoͤſiſche Kaiſer, der mit Recht uͤber die Greuel des Volksaufſtandes erbittert war, nicht eine Politik angenommen haͤtte, die mehr geeignet war, den Wi⸗ derſtand aufzuregen, als ihn zu beſtrafen. Sei es nun, daß ihn blos Rachſucht leitete, oder ſei es, daß in ihm eine ausſchweifende und verkehrte Ehr⸗ ſucht waltete, kurz er ſchien eben ſo wie England auf 236 den Ruin ſeines eigenen Herrſcherſtammes und auf das Ungluͤck unſeres Spaniens hinzuarbeiten. An⸗ ſtatt die Unterthanen Joſephs die heilſame Verfaſſung genießen zu laſſen, die uns verſprochen worden war, begnuͤgte er ſich nicht etwa blos damit, unſere be⸗ ſtuͤrzten Provinzen dem Kommandoſtabe ſeiner Feld⸗ herrn zu unterwerfen, ſondern— als wollte er gleichſam den Cadixer Demagogen einen leichteren Sieg verſchaffen— fieng er an, unſeren National⸗ ſtolz zu verletzen, indem er von Zerſtuͤckelung und Eroberung ſprach. Die Unſinnigen, die uns im Namen des Vater⸗ landes in die Acht erklaͤrten, wiſſen gar nicht, welche Kaͤmpfe wir fuͤr die Freiheit deſſelben beſtanden ha⸗ ben. Bisweilen hatte Napoleon Luſt, die Staaten Joſephs mit dem franzoͤſiſchen Reiche zu vereinigen, ein andermal wieder forderte er blos die noͤrdlichen Provinzen fuͤr ſich. Der Koͤnig ſah ſich genoͤthigt, nach Paris zu reiſen und unvermuthet in den Tuile⸗ rien zu erſcheinen, um zu bewirken, daß nicht noch eine neue Beſchwerde zu den bisherigen Klagen Spa⸗ niens hinzukaͤme. Dieſer Fuͤrſt bat, daß ihm we⸗ nigſtens Portugal zum Erſatz fuͤr Katalonien, Ara⸗ gonen und Navarra gegeben wuͤrde, und einſt rief er ſogar wie im Wahnſinn:„Man will mich ganz pluͤndern!“ Es war faſt, als faͤnde Napoleon ein Vergnuͤgen daran, unſere Koͤnigreiche zu einem wei⸗ ten Amphitheater zu machen, und die blutigen Stier⸗ gefechte nachahmend reizte er das ſpaniſche Volk, um 237 den Muth ſeiner Soldaten zu uͤben, oder die Auf⸗ merkſamkeit der Welt rege zu machen. Indeß es giebt eine goͤttliche Gerechtigkeit! Die urheber des vieljährigen Ungluͤcks der Halbinſel ha⸗ ben darin ihre Strafe gefunden. Die Geiſtlichkeit weckte den Aufruhr, indem ſie alle Leidenſchaften auf⸗ bot, und ſelbſt nicht einmal die Verbindung mit je⸗ nen heftigen Anhaͤngern der neuen Philoſophie ver⸗ ſchmaͤhte, denen die Konſtitution von Bayonne nicht genuͤgt hatte, fand ſie in ihrem Bundesgenoſſen Feinde, die weit anders gefaͤhrlich waren, als wir. Wie thoͤricht war es von den Verfechtern der Kirche, daß ſie nicht begriffen, daß der Vergleich, deſſen wohlthaͤtiges Ergebniß wir ihnen darboten, das ein⸗ zige ſei, was ſie retten koͤnne! Eine Wiedergeburt des Staats war ein ſo dringendes Beduͤrfniß fuͤr Spanien, und die geſammte Aufklaͤrung auf der Halbinſel iſt ſo ſehr im ausſchließlichen Beſitz derer, welche die Abſchaffung der alten Misbraͤuche wuͤn⸗ ſchen, daß, als die beiden Partheien ſich mit einan⸗ der unter dem Schutz der engliſchen Fahnen befan⸗ den, ſofort die Parthei der neuen Ideen, obwohl ſie lange Zeit hindurch in den angeblichen Cortes die ſchwaͤchere geweſen, jezt endlich eine unumſchraͤnkte Gewalt auszuuͤben begann. Indeß da alle Gemaͤ⸗ ßigtdenkenden gemeinſchaftliche Sache mit uns mach⸗ ten, ſo mußte man ſich, anſtatt einen Cabarrus, Azanza, O' Farill, Llorente oder Herzog von Alba am Staatsruder zu ſehen, vielmehr von den wuͤrdi⸗ gen Nacheiferern der Geſetzgeber von 1791 regieren 238 laſſen. Man wollte ſich nicht zu unbermeidlichen Opfern, zu leichtem Erſatz, zu einer weiſen und freien Regierungsform verſtehen; und ſo kam es denn, daß diefenigen, die um die Erhaltung ihrer unermeßlichen Reichthuͤmer und ihrer unertraͤglichen Privilegien willen Aufruhr, Mord und Aufforderungen unter das Volk ausſtreuten, auch hinterher, wie ſie es verdienten, dafuͤr Beraubung und Anarchie ernteten. Napoleon, deſſen Fehler dieſe beklagenswerthen Kaͤmpfe ſo langwierig gemacht haben, iſt gleichwohl blos durch die Streiche, die er in denſelben empfieng, gefallen. Das Jahr 1812 forderte von ihm uͤber⸗ menſchliche Anſtrengungen im Norden, und er mußte daher ſeine Truppen und Beſatzungen aus der Inſel ziehen. Nun faßte die engliſche Parthei neuen Muth, und es ließ ſich vorausſehen, daß Joſeph's Herr⸗ ſchaft auf die Laͤnge in einem ſo ungleichen Kampfe unterliegen wuͤrde.* Ihr werdet euch noch erinnern, daß ich nach Beendigung des Feldzugs in Andaluſien im Auftrage einer Sendung nach Frankreich abgegangen war. Nach einem zweitaͤgigen Aufenthalte am franzoͤſiſchen Kaiſerhofe konnte ich endlich meine Augen wieder nach meinem Vaterlande hinwenden. Schon kuͤn⸗ digte ſich von fern der furchtbare Brand an, der die ritterliche Freundſchaft der beiden Weltbeherrſcher dereinſt verzehren ſollte. Der franzoͤſiſche Kaiſer fand im fernen Oſten neuen Stoff fuͤr ſeine ehrgeizige Unruhe, die er nur zu oft gegen uns gekehrt hatte. Der Koͤnig hoffte, daß man doch nicht zu gleicher 239 Zeit ihm und dem Kaiſer Alexander Krieg ankundigen wuͤrde. Ich, der ich ſo oft an Napoleon einen dro⸗ henden Zorn aufblitzen geſehen, der ich ihn in der erſten Ueberraſchung uͤber einen ſo großherzigen Wi⸗ derſtand rufen gehoͤrt:„Feind um Feind; ich liebe Ferdinand eben ſo wie meinen Bruder!“ ich zitterte, als ich ſah, daß er mit der Cadixer Parthei unter⸗ handelte, und auf dieſe Weiſe ſelber die großen Hoff⸗ nungen auf Ordnung, Frieden und Freiheit wieder vernichtete, die er ja geweckt hatte. Ich kehrte wieder zuruͤck, und gelangte an die ufer der Bidaſſoa. Ich brauchte zwei Regimenter zu meiner Bedeckung, und nicht ſelten hatten wir Gefechte zu beſtehen und Abſcheulichkeiten zu beſtra⸗ fen. Ueberall herrſchte Verwuͤſtung, die Quadrillen machten die Landſtraßen unſicher, man gieng uͤberall zwiſchen Menſchenleichen hindurch, die an Baͤume, Haͤuſer und Kreuze angenagelt waren, und zwar waren es nicht immer franzoͤſiſche Soldateu, ſondern auch Spanier fielen ſehr haͤufig unter dem Dolche. Wenn man in einer von euren Truppen beſetzten Stadt wohnen geblieben war, oder Steuern an den Koͤnig Joſeph bezahlt, oder unter den Banditen ei⸗ nen Feind oder Nebenbuhler hatte, ſo war dies hin⸗ reichend, um des Verraͤthertodes zu ſterben, und die Moͤrder wagten ihre furchtbare Gerichtsbarkeit bis an die Thore von Frankreich auszudehnen. Eben ſo waren die Doͤrfer zerſtort, die Staͤdte verlaſſen, und das Schweigen des Grabes herrſchte von den Pyrenaͤen bis zu den Kuͤſten der Inſel Leyn, wo in 240 Wuth und Freude vereinigt, der Fanatismus und die Anarchie herrſchten. Die verſtuͤmmelten Ueber⸗ reſte, womit die Wege uͤberſaͤt waren, bezeugten al⸗ lein nur noch, daß es in dieſem Lande Menſchen gaͤbe. Laͤngs den ſchweigenden Heerſtraßen traf man kein lebendes Weſen an, außer etwa einen Raubvogel, der ſein trauriges Leichenmahl hielt, oder etwa ein Stuͤck Rothwild, das von der gefluͤchteten Bevoͤlke⸗ rung aus ſeinen waldichten Schlupfwinkeln aufge⸗ ſcheucht jezt auf Landſtraßen, an Doͤrfer und an die Thore der Staͤdte geflohen kam, und da Einoͤde und Einſamkeit aufſuchte. Ich konnte dieſe grauenvolle Scene nicht betrach⸗ ten, ohne uͤber die brittiſche Regierung und ihre ſtrafbaren Anhaͤnger den Fluch des Himmels herab⸗ zurufen. Mein Haß gegen die engliſche Parthei ward immer bitterer, je tiefer ich in das Inhere von Kaſtilien hinein kam. Endlich gelangte ich nach Madrid. Am Hofe herrſchte Sorgloſigkeit, der Koͤnig uͤberließ ſich dem Vergnuͤgen, ſeine Kammerherren gaben Feſte. Der Markis von C** freute ſich mit vielem Wohlbeha⸗ gen und mit einer unbeſchreiblichen Zuverſicht der Unterwerfung Spaniens; die neue, in Cadix errich⸗ tete Regentſchaft erwaͤhnte er blos ſpottend, und meinte dann lachend, daß die Markiſin wohl ſehr bald durch die Nothwendigkeit zur Unterwerfung ge⸗ noͤthigt, an den Hof Joſephs kommen und da die Heldin von Saragoſſa öffentlich vorſtellen wuͤrde. 241 Dieſe Ruhe, dieſe Heiterkeit im Innern der Stadt, waͤhrend draußen außer den Ringmauern ringsum Tod und Verzweiflung herrſchte, machte mein Gefuͤhl von Traurigkeit nur noch tiefer. Ma⸗ tea befand ſich damals gerade im Innern Andalu⸗ ſiens, und dies war fuͤr mich ein neuer Verdrußs mir war, als wuͤrde ihre Gegenwart mein unter der Laſt des allgemeinen Ungluͤcks erliegendes Gemuͤth aufgerichtet haben. Sie kam enblich an; aber auch nicht ein Strahl von Freude erheiterte mich. Die Unzufriedenheit uͤber meine Liebe zu ihr hatte mich fruͤher gehindert, die gluͤcklichen Zeiten in vollem Maße zu genießen, und jezt hinderte mich wiederum der Verfall dieſes Gluͤcks, irgend einige Annehmlich⸗ keiten von ihrer Liebe zu genießen. Mitten im Welt⸗ leben, ſo wie fruͤher in der Einſamkeit des Kloſters, verfolgte mich der bittere Gedanke an eine Gluͤckſe⸗ ligkeit, die ich niemals zu erreichen hoffen durfte. Das Geluͤbde, welches mein Vater einſt fuͤr mich abgelegt, hatte in meinen Lebensweg eine nimmer zu uͤberwindende Hemmung gebracht, und mein ganzes Daſein verfloß mir wie eine lange Buͤßung. Worin lag denn aber mein Vergehen? Ich weiß es nicht, ich ſehe blos uͤberall die dafür erfolgende Strafe. Ach, ich ward vielleicht dadurch ſtrafbar, daß ich nicht den Muth hatte, mich in mein Loos zu fuͤgen, und mich auf die engen Grenzen zu beſchraͤnken, die mein Eidſchwur mir geſteckt hatte. Herangereift durch die Verzweiflung, habe ich ſeitdem vielfach nachgedacht und lange gelebt; ich glaube nunmehr, W. 16 242 daß die erſte Pflicht auf dieſer Welt wirklich darin beſteht, die Laufbahn zu ermeſſen, die der Zufall uns vorgezeichnet hat, unſere Wuͤnſche darnach zu be⸗ ſchraͤnken, den groͤßten und ſicherſten Genuß in nichts anderem zu ſuchen, als in dem Vergnuͤgen, das aus uͤberwundenen Schwierigkeiten und aus unterdruͤck⸗ tem Seelenſchmerz hervorgeht,— vielleicht erringt man ſogar die Wuͤrde, den guͤnſtigen, außeren Er⸗ folg und das innere Gluͤck nur um dieſen Preis. Indeß um zu dieſer tugendhaften Entſagung zu gelan⸗ gen, iſt Kraft, eine unermeßliche Kraft noͤthig, und die nachſichtsvolle muͤtterliche Erziehung hatte in mir blos die zarteren und ſanfteren Neigungen entwickelt, waͤhrend hinterher die Sklaverei des Kloſters blos meine Phantaſie erregt, aber meinen Geiſt aller Ener⸗ gie und alles hoheren Aufſchwunges beraubt hatte. Die Graͤfin kam ſo eben von der Muͤndung des Guadalquivirs. Sie hatte an dem ufer von Santa Maria das Freudengeſchrei des Cadixer Volkes ge⸗ hoͤrt, als am 19. Maͤrz eine Anzahl von Menſchen, die den Provinzen, fuͤr deren Stellvertreter ſie ſich ausgaben, voͤllig unbekannt waren, ſich anmaßten, fuͤr das alte und fuͤr das überſeeiſche Spanien eine Konſtitution auf jener aͤußerſten Felſeninſel aufzu⸗ ſtellen, die ihr einziges Gebiet nur noch ausmachte. Matea ſchilderte die tollen, auf der Inſel Leon ge⸗ feierten Feſte mit ſo lebhaften Farben, als ob ſie ſel⸗ ber dies unſinnige Schaugepraͤge mit angeſehen haͤtte. Eben ſo ſprach ſie als mitintereſſirte Zeugin von Alonſo und Maria, von ihrer Freude und beſonders 243 von ihrer Liebe. Die Liebe hatte ſich in ihr er⸗ ſchoͤpft, indeß ich fuͤrchtete, daß ihr Haß noch lange nicht ſich erſchoͤpft haben moͤchte. Die ungluͤckliche Graͤfin meinte zu wiſſen, daß die Markiſin als Vor⸗ muͤnderin Aldouza's alles aufboͤte, um in der Seele dieſes Maͤdchens alle Zuneigung und alle Ehrerbie⸗ tung gegen ihre Mutter zu erſticken. Dieſe tiefge⸗ kraͤnkte Mutter troͤſtete ſich mit dem Gedanken, daß in dem Herzen ihrer Feinde etwas wohne, das fuͤr ſie Rache naͤhme. Beide wurden naͤmlich von einer geheimen Glut verzehrt, und die Graͤfin hoffte, daß es ihnen ſtets, ſelbſt nach dem Tode des Markis, unbekannt bleiben wuͤrde, daß ſich zwiſchen ihnen eben keine unuͤberſteigliche und unverletzliche Scheide⸗ wand erhoͤbe. Ich entſchuldigte gern ihre Heftigkeit durch den Kummer, den ihr muͤtterliches Herz empfinden muß⸗ te. ueberdieß beſchaͤftigten mich andere Sorgen. Meine Freundin erzaͤhlte mir naͤmlich am Schluß ih⸗ rer erſten Unterhaltung, daß ſo eben ein plotzlicher Aufſtand im Innern Andaluſiens das vor Cadix ſte⸗ hende Belagerungsheer im Ruͤcken bedrohe. Die Englaͤnder hatten Truppen ausgeſchifft, mehrere Staͤdte, die ſich laͤngſt unterworfen und den Eid der Treue geleiſtet hatten, hatten wieder die Waffen er⸗ griffen. Die Raͤdelsfuͤhrer waren in die Haͤnde unſerer Soldaten gefallen, und Donna Matea nannte mir ihre Namen; es waren meiſt Maͤnner aus den angeſehenſten Familien Granada's und Sevillas. An der Spitze ſtand der Vater des Don Carlos und 16 244 Jaime's. Sein Rang und ſeine Reichthuͤmer gaben ſeinem Abfall und ſeiner Gefangennehmung eine be⸗ deutende Wichtigkeit. Von Zorn entflammt, im ge⸗ bieteriſchen Tone, in den leidenſchaftlichſten Ausdruͤk⸗ ken von dem großen Intereſſe der gemeinſamen Sa⸗ che redend, ſtellte die Graͤfin mir vor, wie wichtig es ſei, ein Strafbeiſpiel aufzuſtellen, zumal in einer Zeit, wo Napoleon ſeine fruͤheren Reigungen und Verſprechungen zuruͤcknehmend, mit den Urhebern des Buͤrgerkriegs zu unterhandeln geneigt ſchiene, und wo die franzoͤſiſchen Heere nach der Weichſel hin gerufen worden und nicht mehr der koͤniglichen Ge⸗ walt zur Stuͤtze dienten. Ich begab mich zum Koͤnige und ſagte zu ihm: „Euer Majeſtaͤt, die Gnade iſt nur dann eine Tu⸗ gend, wenn ſie des Menſchenblutes ſchont, aber nicht, wenn ſie es vergießen laͤßt. Die Stiwme je⸗ ner unvorſichtigen, vielleicht feindſeligen Schmeich⸗ ler, die euch umgeben, lobt bei jedem Verbrecher, dem ihr Verzeihung angedeihen laſſet, eure Groß⸗ muth; es iſt daher Zeit, daß die Stimme eines treu⸗ en Dieners ein vielleicht hartes, aber gewiß ſehr heil⸗ ſames Wort zu Euer Majeſtaͤt redet, und euch vor⸗ ſtellt, daß eure Nachſicht die Guten entmuthigt, die Boͤſen aufmuntert, das Feuer des Kriegs durch die Ausſicht auf Ungeſtraftheit unterhaͤlt, und mit Rui⸗ nen ein Land uberſaͤt, dem Euer Majeſtät ganz ande⸗ re Wohlthaten ſchuldig iſt und taͤglich verheißt. Als ein Vater euerer Unterthanen habt ihr das Leben derſelben gegen das Schwert der Geſetze zu ſchutzen. Dieſe Guͤte, welche von Hofleuten und Dichtern um die Wette geprieſen wird, erhaͤlt freilich einer Hand⸗ voll von Verbrechern das Leben, aber blos, um da⸗ fuͤr das unſchuldige Volk dem Gemetzel preiszugeben. Im Namen der Gerechtigkeit, der Menſchlichkeit und aller Tugenden eures edeln Herzens bitte ich euch fußfaͤllig, daß ihr durch eine heilſame Strenge diejeni⸗ gen ſchrecken moͤget, die das arme Landvolk verfuͤh⸗ ren, die Staͤdte in Brand ſiecken, und unſere ganze Generation durch den Dolch oder durch den Schlach⸗ tentod hinopfern. Die Pflichten, die euch als Koͤ⸗ nig und als Landesvater obliegen, erfordern es, daß ihr euren großmuͤthigen Geſinnungen Gewalt anthu⸗ et. Euer Majeſtaͤt mag ſelber entſcheiden, ob es euch lieber iſt, hie und da fuͤr einzelne Verbrecher ein Blutgeruͤſt zu errichten, oder aus dieſem Spani⸗ en, das ſo fruchtbar urd ſo ſchoͤn ſein koͤnnte, ein großes Grab zu machen, worein eure ergebenſten Diener ſo gut wie eure verblendetſten Feinde, ja ein ganzes Volk zulezt hinabſinken werden.“ Die koͤniglichen Raͤthe, die ſtets fuͤr Begnadi⸗ gung geſtimmt waren, erklaͤrten ſich gegen mich; al⸗ 1 lein in der Waͤrme meines Eifers oder vielmehr mei⸗ ner veberzeugung, beſchuldigte ich ſie einer Laulich⸗ keit im Patriotismus. Ich aͤrgerte mich, daß ſie gegen die Soͤldlinge Englands, gegen die Pluͤnde⸗ rer ihres Vaterlands ſich nachſichtig bewieſen, und ich wendete daher— ich kann es nicht leugnen— alle Sophismen des Partheigeiſtes und der Schmei⸗ chelei an. Das Feuer meiner Beredſamkeit und 246 die Lebhaftigkeit meiner Empfinbungen brachte alle Einwuͤrfe zum Schweigen. Man uͤberredet Koͤnige nie leichter, als wenn man den Muth hat, ihre Tu⸗ genden heftig zu tadeln. Diener, welche Anwen⸗ dung von Gewaltmaßregeln fordern oder von der Pflicht der Gerechtigkeit und von der Heilſamkeit der Strenge reden, finden beſtändig Gehoͤr. In⸗ deß, ſoll ich es geſtehen? Während dieſes Kampfes, beſonders aber im Augenblicke, wo meine Anſicht ſiegte, erhob ſich in meiner Bruſt eine Stimme, die gegen meine Worte proteſtirte; ich machte mir es in⸗ deß zur Pflicht, dieſelbe meinem Vaterlande zu Liebe zu unterdruͤcken. Ich unglucklicher! war dies etwa der Schrei der Natur in mir, die ſich gegen den Be⸗ ſchluß der Staatsklugheit empoͤrte, oder war es vielleicht der Schrei meines ſo lange verblendeten Gewiſſens, und war das furchtbare Ungluͤck, das mich erwartete, vielleicht nichts anderes als eine ge⸗ rechte Strafe? Ich kehrte zu der Graͤfin zuruͤck, die mich ver⸗ mocht hatte, in ihrem Palaſte meine Wohnung zu nehmen. Ihre Freude war unbeſchreiblich, als ſie den gluͤcklichen Erfolg meiner Vorſtellungen vernahm. Ich zitterte bei ihren Freudensbezeugungen, es war dies gleichſam ein Vorſpiel der Entzauberung, die jezt bald mit mir vorgehen ſollte; indeß das Gefuͤhl war nicht tief und dauernd genug, um mich zu ret⸗ ten. Matea, die mehr leidenſchaftlich als argliſtig war, hatte immer Verfuͤhrungsmittel in Bereitſchaft, um ihre erſchuͤtterte Herrſchaft wieder herzuſtellen. 247 Ich erhielt den Befehl, auf der Stelle nach Se⸗ villa abzugehen. Ich ſollte die allgemeine Erbitte⸗ rung beſchwichtigen, das Volk durch Guͤte zum Ge⸗ horſam zuruͤckfuͤhren, und zugleich es durch Straf⸗ beiſpiele ſchrecken; ja ich ſollte perſoͤnlich den Be⸗ fehl zu Vollziehung der Beſchluͤſſe uͤberbringen, die ich herbeigefuͤhrt hatte. Bei dieſer Nachricht gerieth meine Freundin in die groͤßte Unruhe. Ich wußte ihr vielen Dank fuͤr das Bedauern, das ſie wegen meiner Abreiſe empfand, noch mehr Dank aber fuͤr den Entſchluß, den ſie ſogleich faßte, mich nach je⸗ nem ſchönen Andaluſien zu begleiten, worauf ſie, als auf ihr Heimatsland, immer ſo ſtolz war.— Die ungluckliche! fuͤrchtete ſie etwa, daß, wenn ich dorthin allein und mir ſelbſt uberlaſſen abgienge, ich meinem Schickſale weniger wuͤrde entrinnen koͤnnen? Die Nacht kam heran. Ich ſuchte den Schlum⸗ mer, zerquaͤlte mich aber vergebens auf meinem La⸗ ger, um ihn zu finden und mir ſelber zu entfliehen. Furchtbare Vorſtellungen umlagerten mich. Ich ber⸗ legte, wie ſchrecklich dieſe Zeiten innerer Zwietracht ſind, wo die Diener der Krone das Schwert der Ge⸗ ſetze auf die Haͤupter ihrer Mitbuͤrger herabfallen laſ⸗ ſen muͤſſen, und wie ſtrafbar uͤberhaupt die Urheber dieſer Unruhen und Volksaufſtaͤnde ſind, die dem menſchlichen Gefuͤhl ſolche Opfer, dem Gewiſſen ſel⸗ che Pflichten auferlegen.— Auf einmal flogen die Glas ſcheiben meiner Fenſter in Stuͤcken, und auf dem Balkon draußen erſchien eine Frau, deren Ge⸗ ſtalt durch ihren langen Schleier, durch die Schat⸗ 6 3 6 3 248 ten der Racht und durch meine Furcht noch vergro⸗ ßert wurde. Mit kaltem Angſtſchweiß bedeckt rich⸗ tete ich mich empor. Da rief die Erſcheinung: *Elendes Spielwerk einer Frau, erinnere dich an die Prophezeihungen der Gitana, die ſich noch niemals getaͤuſcht hat; ſie ſagte dir, daß du blos ein Verraͤ⸗ ther, ein Vaterlandsmoͤrder ſeieſt!“ In dem Au⸗ genblick, wo ich dies hoͤrte, ſprang meine Thuͤre auf. Bei dieſem Geraͤuſch verſchwand die Ungluͤckspro⸗ phetin wie der lichtſcheue Nachtvogel, und Matea trat bleich und zitternd herein. Sie hatte ebenfalls die unheilverkuͤndenden Worte vernommen, und wollte ihre Zuflucht zu mir nehmen. Vergebens ver⸗ folgten ihre Leute mit Fackeln in den Haͤnden rings um den Palaſt die kecke Zigeunerin; ein fuͤrchterliches Lachen ſcholl ihnen entgegen, und dies Lachen jagte uns bis ins Innere ein unbeſchreibliches Grauſen ein. Die Graͤfin brachte die ganze Nacht auf den Knieen vor meinem Betpult hin, indem ſie die Heili⸗ gen, die ſie ſo oft ſchon beſchutzt hatten, um einen gläͤcklichen Erfolg unſerer Reiſe anflehte, und Re⸗ liquien und geweihte Bilder mit Fuͤſſen bedeckte; zu⸗ gleich theilte ſie mir ein Stuͤck von dem Linnenge⸗ wande mit, welches einſt der Sohn Gottes getragen. Durch dieſe andaͤchtigen Vorkehrungen beruhigt, that ſie noch vor Tages Anbruch ein Reiſegeluͤbde zu Un⸗ ſerer lieben Frauen von Atocha, und wir ſchlugen ſodann die Straße nach Sevilla ein. 249 Zweites Kapitel. — Kaum waren wir uͤber die Toledobruͤcke hinuͤber, als auch ſchon ein Heer von Feinden wie aus der Erde heraus zu wachſen ſchien. Noch im Angeſicht von Madrid, das ſich hinter uns auf dem jenſeitigen ufer des Manzanares entfaltete, ward unſere Be⸗ deckung bereits angefallen. Nach einem kurzen Ge⸗ fecht ward die Guerilla von unſeren Beſchuͤtzern zer⸗ ſprengt und in die Flucht getrieben. Bertrand, der ſie befehligte, hatte den General der Raͤuber an der rothen Schaͤrpe, die er nachlaͤßig uͤber ſeine arago⸗ niſche Tracht geworfen trug, wiedererkannt; es war niemand anders, als der Moͤrder ſeiner Braut⸗ Der traurige Geliebte der Donna Ines verfolgte wuͤthend den Großrichter auf den Ferſen, und wir ſahen dieſen alten Krieger von der großen Armee nicht mehr wieder. Blos zwei Stunden nachher fanden wir eine Epaulette, eine Uniform und einen zerbrochenen Degen unten am Fuße eines eiſernen Kreuzes umherliegen, an welchem ein blutiger Leich⸗ nam hieng, der offenbar ein Franzoſe ſein mußte. Sein verſtuͤmmeltes Geſicht war nicht mehr zu er⸗ kennen, aber ſein ſtarrer Mund hielt zwiſchen ſeinen Zaͤhnen unbeweglich einen Ordensſtern feſt, gleichſam als wollte er ihn bis uͤber das Grab hinaus vor den Entweihungen der Noͤrder ſchuͤtzen. Die Grena⸗ diere, welche in der Eile dem hingeſchiedenen Tapfern die lezte Ehre erwieſen, meinten, es ſei Bertrand. 250 Matea war zwiſchen der Furcht und dem Ver⸗ langen, ihre Reiſe fortzuſetzen, eingezwaͤngt. End⸗ lich blieb ſie doch bei uns, in der Ueberzeugung, daß dieſer traurige Anfang die Drohungen des Hrakel⸗ ſpruches in Erfuͤllung gebracht habe, und daß wir beide unſere Rettung ihren himmliſchen Beſchutzern verdankten. Ich freute mich uͤber ihre Beharrlich⸗ keit. Bisweilen verſcheuchte ihre Luſtigkeit meinen duͤſtern Druͤbſinn, noch oͤfter aber floßte mir ihre ſuͤße Schwermuth minder unangenehme Traͤumereien ein. Noch nie hatte ſie meine Liebe mit ſo vieler Hingebung erwiedert; noch nie hatte ſie gegen die lebhaften Aeußerungen meiner Zuneigung eine groͤßere Nachſicht bewieſen. Ihr unbeſchreiblicher Zauber beherrſchte alle Kraͤfte meiner Seele. Geblendet von dem durchdringenden Feuer ihres Auges, von dem einſchmeichelnden Wohllaut ihrer Rede ſanft einge⸗ wiegt, uͤberließ ich mich endlich ohne Bedenken irgend einer dunkeln Hoffnung auf unermeßliche Gluͤckſe⸗ ligkeit. Dies waren uͤbrigens die lezten Genuͤſſe, die lez⸗ ten gluͤcklichen Tauſchungen meines Lebens, das da⸗ mals haͤtte abgebrochen werden muͤſſen, und das ſeitdem mir blos unter Blut und Thraͤnen verſtrichen iſt. Es koſtet mich viele Ueberwindung, um bis zu Ende fortzufahren und euch zu erzaͤhlen, durch welche ſchreckliche Mittel und Wege die Vorſehung den Zau⸗ ber, der mich ſeit ſo vielen Jahren gefeſſelt hielt, endlich zerriß, und je naͤher ich dem Ende meiner Geſchichte komme, deſto mehr fuͤhle ich, wie das Blut in meinen Adern erſtarrt, und wie meine, vor der Zeit grau gewordenen Haare ſich auf meinem Haupte emporſtraͤuben. Doch hoͤret weiter, und ihr werdet bald mein Entſetzen mit mir theilen⸗ Wir machten nur ſehr kleine Tagereiſen, und hatten zu Aranjuez eine verſtaͤrkte Bedeckung zu uns nehmen muͤſſen, denn man konnte damals nur noch mit ganzen Heerhaufen von Bewaffneten weiter rei⸗ ſen, und wir mußten uns daher dem langſamen Marſche der Truppen anbequemen. Unterweges erfuhren wir, daß eine Streifparthei in den Schluch⸗ ten der Sierra Morena die Bande des Aragoniers angetroffen und dieſelbe vernichtet habe. Wir lang⸗ ten ſo eben auf dem Schauplatze des Sieges an⸗ Es war ſchon fuͤnf Tage her, und noch immer ſah man die Reſte jener Quadrillen umherverſtreut; al⸗ les, was die Raubvoͤgel noch nicht gefreſſen hatten⸗ lag auf offner Landſtraße. Dieſer traurige Anblick ſchlug in meinem Herzen alle Traͤume meiner gluͤhenden und leichtglaͤubigen Einbildungskraft nieder. Wir ſtiegen zu Fuß die ſteilen Abdachungen von Despegna Perros hinan⸗ Ich bewunderte die Kunſtſtraße, welche Karl der Dritte durch dieſe unzugaͤnglichen Berge angeleyt hat, die Bruͤcken, die er uͤber die Abgruͤnde geſchla⸗ gen, die Felſenmaſſen und die ſpitzigen Berggipfel, die auf ſeinen Wink geebnet worden ſind; ich pries die lange Regierung eines Fuͤrſten, dem es weder an Glanz noch an Schwachheiten fehlte, um der Ludwig der Vierzehnte unſeres Landes zu ſein. So kamen wir an eines von den Doͤrfern, worin Ola⸗ vide, dieſer wuͤrdige Miniſter eines großen Königs und zugleich ein eben ſo wuͤrdiger Maͤrtyrer der In— quiſition, deutſche Anſiedler verſammelte, um dieſer Wuͤſte Bewohner und dem Reiſenden Schutz zu ver⸗ leihen. Wir hatten von fern geſehen, daß Bauern in das Dorf gegangen waren und ſich bei unſerer Ankunft entfernt hatten; man fand ſie endlich in tiefen Schluchten verſteckt. Antonio war unter ih⸗ nen; da ſie indeß keine Waffen hatten, ſo ſchenkten wir ihnen das Leben und ſetzten unſere Reiſe weiter fort. Gleich vorn das erſte Haus im Dorfe war nach der gewohnten Weiſe eurer einzeln ſtehenden Poſten von dem Soldatentrupp, den die Streifparthei nach Beſiegung der Aufruͤhrer hier am Engpaß zuruͤckge⸗ laſſen, leicht befeſtigt worden. Ein Soldat ſtand an der Mauer angelehnt Schildwache. Bei unſerer Annaͤherung nahm er indeß weder das Gewehr auf, auf welches ſein Arm ſich ſtutzte, noch rief er Wer da! noch auch kamen die wachhabenden Soldaten heraus, um uns in Augenſchein zu nehmen kurz, die Schildwache ſchlief den ewigen Schlaf des Dodes; der ganze Poſten war von den Bauern um⸗ gebracht worden. Unſere Bedeckung betrachtete traurig dieſe Scene, worin ſich eben ſo viel Hohn als Barbarei ausſprach.„Dieſer Kamerad da,“ ſagten ſie unter einander,„wird nicht mehr bei Da⸗ ges Anbruch durch die verwuͤnſchte Reveille aufge⸗ weckt werden Dann fuhren ſie weiter fort: 6 253 „Hoͤchſt wahrſcheinlich wird jeder von uns bald eben ſo raſch befoͤrdert werden, wie dieſer.“ Alle Haͤuſer ſtanden verlaſſen, und es war kein lebendes Weſen weiter darin, als ein Schaͤferhund, welcher herbeilief und unter ſeine freudigen Liebko⸗ ſungen ein klaͤgliches Geheul miſchte. Er lief vor unſern Soldaten her, als wollte er ſie fuͤhren, und blieb endlich an der Schwelle einer Strohhuͤtte ſtehen, in welche er durch ſein klaͤgliches Bellen die Soldaten hineinlocken zu wollen ſchien. Einige Soldaten gien⸗ gen hinein, Matea that desgleichen. Sogleich aber rief ſie mich herbei mit dem Ausruf:„Es lebt noch ein raͤchender Gott, mein Geheimniß wird geborgen bleiben.“ Ich naͤherte mich und erblickte eine Frau, die auf die Erde hingeſtreckt war; neben ihr lag ihr kleiner Sohn, der ſo eben verſchieden war, eine et⸗ was erwachſenere Tochter nagte ſterbend an dem Arme ihres entſeelten Bruders, und ein drittes Kind, das eben erſt geboren worden zu ſein ſchien, hielt mit ſeinen ſchwachen Haͤndchen den muͤtterlichen Buſen feſt, doch ſeine muthlos gewordenen Lippen ſogen nur noch von Zeit zu Zeit an der Bruſt, deren naͤh⸗ render Milchſtrom bereits verſiegt war. Neben ihr ſaß ganz blaß ihr Mann, im Blute ſchwimmend, von Hunger und Gram entſtellt, aber ſelbſt jezt noch Zorn funkelnde Blicke um ſich werfend. Die Soldaten erkannten ihn fuͤr Bartolomeo. Im lezten Gefecht war er mit ſeiner Gattin verwundet und genoͤthigt worden, mit ihr einen Zufluchtsort zu ſuchen, wo ſie ſehr bald vom Hunger befallen wurden. Die 254 Franzoſen vergaßen beim Anblick ſeines Elends all das Unheil, das er ihnen zugefugt hatte. Jeder ſuchte aus ſeinem Torniſter ein Stuͤck Brot fuͤr die kleine Paquita und ihren Vater heraus, die ſoge⸗ nannte Vorſehung nahm den Saͤugling der frem⸗ den Frau und legte ihn an ihre eigene Bruſt, an welcher ſie ihr eigenes Kind ſaͤugte, und ein Wund⸗ arzt eilte herbei, um die Wunden des furchtbaren „Großrichter's“ zu verbinden. Doch der Arago⸗ nier ſtieß ihn von ſich, verſchmaͤhte das Brot, das ihm die Franzoſen anboten*) und rief:„Ich wollte lieber meine Kinder und ihre Mutter todt, als durch euch ernaͤhrt ſehen; was mich betrifft, ſo werde ich bald nichts mehr brauchen.“ Die Soldaten wuß⸗ ten nicht, ob ſie dieſen wilden Muth bewundern, oder dieſen halsſtarrigen Haß beſtrafen ſollten. Ich da⸗ gegen betrachtete traurig dieſe feurige, ſonſt ſo ſchone und lebhafte Gitana, deren ſtummgewordener Mund jezt keine Hrakelſpruͤche mehr ertheilte, und nicht mehr die Gefuͤhle dieſes leidenſchaftlichen Gemuͤths ausſprach, worin ſich alle die großartigen Character⸗ zuͤge des rohen Naturzuſtandes der Menſchheit aus⸗ gepraͤgt zu haben ſchienen. Mit der einen Hand hielt ſie den Arm ihres Mannes feſt umſchlungen, er dagegen hatte ſein Auge, das vor jeder Ruͤhrung ) Dieſe ganze Scene iſt auf kien Gemälde dargeſtellt, das im Muſeum zu Madrid häugt. Obwohl es in Hinſicht auf Zeich⸗ nung und Kolorit keinesweges tadelfrei iſt, ſo iſt es doch das einzige Kunſterzeug niß von Verth, welches die lezten Jahre hervorgebracht haben. 2 255 ſich aͤngſtlich zu huͤten ſchien, auf ſie gerichtet und bewahrte noch in dieſen lezten Augenblicken eine furchtbare Ruhe. Weder Bemuͤhungen noch Bitten waren im Stande ſeinen Entſchluß zu beugen; den Roſenkranz in der Hand haltend, bat er ſich die ein⸗ zige Gefaͤlligkeit aus, daß man ihn in Ruhe laſſen moͤchte, und die Soldaten entfernten ſich daher, nach⸗ dem ſie wider ſeinen Willen einige Lebensmittel ne⸗ ben ihn hingelegt hatten. Matea betrachtete jezt diejenige, von welcher ſie ſo lange mit unverſoͤhnlicher Feindſchaft verfolgt worden war, in ihrer lezten Ohnmacht, und in ih⸗ rem Auge ſpiegelte ſich eine Miſchung von Grauſen, Freude und Mitleid. Bartolomeo erkannte ſie, und ſtieß eine Verwuͤnſchung gegen ſie aus; obwohl ent⸗ waffnet und mit dem Tode ringend, drohte er gleich⸗ wohl noch. Ich wollte meine Freundin von einem Anblick fortreißen, woran ſie ſich voll Zittern zu wei⸗ den ſchien; da ſchlug noch einmal die Gitana ihr Augenlied auf, ihr erloſchenes Auge blickte noch ein⸗ mal um ſich her und fiel auf die Graͤfin.„Gnaͤ⸗ digſte Markiſin von C***, ſagte die Zigeunerin mit einem irren Blick zu ihr,„dieſer Ruin wird uns alle beide ins Paradies bringen. Indeß, wofern ich allein ſterben ſollte, ſo wiſſet, daß Don Alonſo —„Elende!“ rief Matea,„du ſollteſt alſo den Schwur verlezt haben, den du an Donna Ines thatſt, als du von ihr mein Geheimniß erfuhrſt? Du koͤnnteſt es der Markiſin wiedergeſagt haben?“ 256 Die Gitana erhob ihr Haupt, und erkannte die ganze Umgebung, ſuchte den Vater ihrer Kinder an ihr Herz zu druͤcken, ihre Paquita zu umarmen und ihren Pedro wieder zum Leben zu erwaͤrmen. Zu⸗ gleich ſah ſie, daß die Graͤfin Zeugin ihrer Leiden ſei, erkannte ſie und ſagte zu ihr im Tone der Verzweif⸗ lung:“Weidet euch immer an dieſer Scene, badet eure Haͤnde in Blut; dies Blut wird uͤber euer Haupt kommen und ich werde geraͤcht werden.“ Dann wendete ſie ihren Blick auf mich und ſagte zu mir:»Erzbiſchof Opas*), verwuͤnſchet die Nieder⸗ lage des Großrichters; er wuͤrde euch gewiß noch entfuͤhrt haben, und es waͤre fuͤr euch freilich beſſer, an meiner Stelle zu ſein als an der eurigen.„„ Ihre immer matter werdende Stimme konnte kaum noch dieſe lezten Worte ausſprechen, die mich vor Schrecken ſtarr und eiskalt machten:“ Geden⸗ ket an den Fluch eures Vaters!“ Die Gitana ſchwieg. Die eine ihrer Haͤnde ließ ihren Sohn fallen, die andere ließ die Hand des Aragoniers fahren; ihr Haupt neigte ſich auf die Schulter herab, auf welcher es ſeit zwoͤlf Jahren beſtaͤndig geruht hatte. In dieſem Augenblick ſchweb⸗ te ein Laͤcheln uͤber ihre entfaͤrbten Lippen.*Soͤh⸗ ne von Altkaſtilien,“ murmelte ſie,»ihr habt mei⸗ ne Nomanze vernommen!“ Und die Ungluͤckliche war nicht mehr. * Dieſer und der Graf Julian wurden beim Einfall der Araber, zu Verräthern an ihrem Vaterlande, Beide Namen ſind noch jezt im Munde des Volks. 257 Wir kamen nach Cordova. Ich war noch ganz von den traurigen Scenen bewegt, die wir auf un⸗ ſerer Reiſe angetroffen hatten. Die furchtbaren Worte:»Gedenket an den Fluch eures Vaters!“ hallten unaufhoͤrlich in meinem Ohr und in meinem Herzen wieder. Ach, iſt denn der vaͤterliche Fluch ein Verhaͤngniß, dem man nicht entrinnen kann? Die Graͤfin fuͤrchtete ſich um meinetwillen vor dem Anblick der Hinrichtungen, die eine Folge mei⸗ ner Ankunft in Sevilla ſein ſollten! Dieſer Auf⸗ trag, der mir nebſt manchen andern uͤbertragen war, lag wie eine ſchmerzliche Buͤrde auf mir. Da uͤber⸗ dies das Intereſſe des Koͤnigthums mich noͤthigte, meinen Aufenthalt in der Geburtsſtadt Seneca's zu verlaͤngern, ſo ſandte ich einen Kurier mit dem Befehl ab, alle Gefangenen ſofort hinzurichten, und war froh, ſo lange warten zu duͤrfen, bis ich in der Rolle eines bloßen Beſchuͤtzers und Frie⸗ densſtifters, in der Hauptſtadt Andaluſiens eintreten tonnte. Mein ganzes Leben lang wird die zufriedene Behaglichkeit meiner Seele vorſchweben, die ſich in Matea's Geſichtszuͤgen abſpiegelte, als der Ueber⸗ bringer dieſes unwiderruflichen urtheilsſpruches uͤber den Guadalquivir hinuͤber war. Freude ſtrahlte aus ihren Augen, und ſie war gleichſam ſiegstrun⸗ ken. Unterdeß muſterte ich in Gedanken das Na⸗ mensverzeichniß aller Verurtheilten, in der Meinung, daß Matea, die mir dieſe ungluͤckliche Meldung ge⸗ bracht hatte, mir ſie alle genannt habe⸗ Der be⸗ deutendſte unter ihnen war Don Carlos, indeß ge⸗ w. 17 258 gen ihn hatte ſie ja keine Rache zu uͤben; ich alfein nur mußte die Fuͤgung des Himmels bewundern, der den Verfolger meiner Familie durch mich dem Henkertode uͤberlieferte. Unter den uͤbrigen Straf⸗ baren ſah ich keinen einzigen, der mit Don Alonſo oder Maria das geringſte gemein gehabt haͤtte. Die Graͤfin war beſtaͤndig mit dem Schickſal dieſer Un⸗ glücklichen in Gedanken beſchäftigt, und berechnete mit einer unſeligen Genauigkeit alle moͤglichen Faͤlle der Zukunft. Ich erinnere mich noch, daß ſie das einemal ſagte:*Wie leicht haͤtte die Markiſin von der Gitana das Geheimniß ihrer Geburt erfahren koͤnnen; allein nun werden ſie dies Myſterium nie⸗ mals ergruͤnden. Ihr allein wiſſet ihre Geſchichte, und euch bindet das Heiligſte, was es fuͤr einen Spanier giebt, was die Gitana ſelber ungeachtet ihres blinden Haſſes ſo lange Zeit heilig geachtet hat, naͤmlich ein Schwur.“—*Ja,“ erwiederte ich, »aber mein Vater“„ Sie heftete auf mich ei⸗ nen Blick, deſſen unbeſchreiblichen Ausdruck ich mir nicht zu erklaͤren vermochte. Ich wunderte mich, daß die Eiferſucht und ſogar die Liebe ihr ſo feind⸗ ſelige Bekuͤmmerniſſe einfloßen konnte, und ich fag⸗ te daher mit einer Bitterkeit, von welcher ſie uͤber⸗ raſcht ſchien, zu ihr:“Ich wußte bis jezt noch nicht, wie viel Haß in dem Herzen einer Frau Raum hat.“ Der Augenblick war nahe, wo meine langen Täu⸗ ſchungen anfangen ſollten zu ſchwinden; leider war es nur ſchon zu ſpaͤt. vim WVir reiſten von Cordova ab. Der Himmel w 2⁵9 Anbaluſiens entfaltete ſich uͤber uns in ſeinem bezau⸗ bernden Glanze, die Erde war mit Fruͤhlingsduͤften erfuͤllt; Waͤldchen von Alveſtauden, Hliven⸗ und Hrangenbaͤumen zogen ſich zu beiden Seiten der Straße hin, und der Reiz der reichen Ausſichten und Landſchaften ließ uns die gewohnte Einoͤde dieſer Ebenen vergeſſen, denen, bei allem Ueberfluß an Gaben der Natur, blos Menſchen fehlen, um ſie zu genießen. Endlich erblickten wir in der Ferne die Kirchthuͤrme von Sevilla; bald entfalteten ſich all⸗ maͤhlig auch vor unſern Augen die Ringmauern und die zahlloſen Vertheidigungsthuͤrme, womit dieſe be⸗ ſetzt ſind; ferner die Palaͤſte und Tempel der alten Stadt, alles prachtvolle Denkmale der alten Roͤmer oder der Mauren, und der Guadalquivir, der jezt ſo wie ganz Spanien ſeiner Reichthuͤmer und ſeines Ruhmes beraubt iſt. Himmel und Erde ſchienen das Herz des Menſchen zu ſanften Empfindungen einzuladen; doch das meinige war eng beklommen, und es ward von einem eiskalten Schauer erfuͤllt, als ich einen Trupp Soldaten uͤber die Bruͤcke am Goldthurme herausziehen und eine Schaar von Ge⸗ fangenen nach der Ebene abfuͤhren ſah. Ich bebte bei dieſem Anblick. Matea druͤckte mir die Hand und ſagte:„Ihr zittert, lieber Freund?“ allein ſie ſelber zitterte wie ich, und auf ihrem Geſicht ſpie⸗ gelte ſich die hoͤchſte Beſtuͤrzung. Die Verurtheilten giengen paarweiſe, und wir waren nahe genug, um Don Juan, der an der Spitze des Zuges einher⸗ ſchritt, an ſeiner kleinen misgebildeten Statur zu 42* 260 erkennen. Ganz außer mir fragte ich die Gräfin, ob ſie wohl jenen Greis im weißen Silberhaar er⸗ blicke, der mit dem vormaligen Verfolger meiner Mutter Hand an Hand gefeſſelt ieng indeß kaum mehr auf mich. unterdeß ſtellten ſich dis Gefungenen in eine lange Reihe, um den Tod zu empfangen.— Worin be⸗ Kand denn aber ihr Verbrechen? Hatten ſie etwa die ewigen Geſetze verletzt, die uns Gott in die Bruſt gelegt hat? Nein; ſie hatten blos uͤber das wahre Beſte ihres Vaterlandes eine andere Anſicht gehabt, ſie hatten an dem und dem Tage anders gedacht, als ich! und ich entriß ihnen dies Leben, welches der Schoͤpfer des Himmels und der Erde ihnen gegeben, ich entriß ſie ihren Vaͤtern, ihren Gattinnen, ihren Soͤhnen.. Ihren Soͤhnen? v Himmel!„ Hier hielt der Einſiedler ploͤtzlich inne. Sein Auge war unſtaͤt und irre; Thränen rollten an ſeinen Wangen herab. Das Grauſen, wovon ich ſeine Seele erfuͤllt ſah, gieng in die meinige uͤber; ich ahmte ſein dumpfes Schweigen nach, und dies Still⸗ ſchweigen, das er durch nichts, ſelbſt nicht einmal durch einen Seufßzer ſtoͤrte, gab dieſer ſtummen Scene etwas noch feierlicheres und ernſteres. Endlich ſchlug Fray Pablo die Augen wieder zum Himmel empor, und fuhr mit einer Verwirrung, die er ver⸗ gebens zu unterdruͤcken ſuchte, weiter fort: „Die Spanier waren niedergeknieet und neigten ihr Haupt vor dem Segensſpruche, den ein Prieſter ihnen indem er ſich immer weiter von ihnen 264 entfernte. Jezt erhob ein Offizier ſeinen Degen⸗ und ſogleich erſcholl ein toͤdtlicher Knall auf der Ebene. Die Ungluͤcklichen, die noch immer auf die frommen Ermunterungen des Prieſters horchten, bedurften derſelben bereits nicht mehr, und ſanken todt zu Boden.“ Fray Pablo ſtockte hier noch einmal, that ſ ich indeß wieder Gewalt an, und ſagte mit ganz veraͤn⸗ derter Stimme:„Ich will nur weiter fortfahren, denn ich habe nicht das Recht, mich irgend einer Abbuͤßung oder Strafe zu entziehen.“ „„Matea ſetzte mich durch die heftige Gemůthsbe⸗ wegung, worin ſie ſich befand, in Erſtaunen. Wir mußten bei dem traurigen Leichenplatze vorbei. Ich ſuchte mein Geſicht hinwegzuwenden, und unwillkuͤhr⸗ lich fielen meine Augen immer wieder auf die Sol⸗ daten, welche bei den blutenden Koͤrpern Wache hiel⸗ ten. Es war, als ließe unſer Mauleſelgeſpann in ſeinem raſchen Trabe nach, um meine Angſt zu ver⸗ laͤngern. Endlich kamen wir oben auf dem unheil⸗ vollen Platze an. Eine Frau kam gus Sevilla her⸗ aus, und eilte dem Schauplatze des Todes zuz ihr Schleier wogte im Winde, ihr Haar flog ungeordnet. Sie ſtuͤrzte durch die Vajonnette hindurch und in den Kreis hinein, wo die Schlachtopfer lagen, und rief: „Wo iſt er? wo iſt er?“ Der Ton ihrer Stimme hallte tief im Innern meiner Seele wieder; mir war, als haͤtte ich dieſe Stimme ſchon fruͤher einmal in den Dagen meines unſchuldigen und glůcklichen Kindesalters vernommen. Neben Jaimes Vater 262 lag der Greis mit den ſilberweißen Locken ebenfalls hingeſtreckt. Sie faßte ihn an, hob ihn empor, ver⸗ ſuchte ihn fortzutragen, und ſank ohnmaͤchtig unter ihrer Laſt neben meinem Wagen nieder. Entſetzet euch nur!„es war meine Mutter!“ In dieſem Augenblick ward die tiefe Stille, die in der Kapelle herrſchte, durch ein lautes Getoͤſe un⸗ terbrochen. Die Baͤnke ſtuͤrzten im Finſtern um, und eine Stimme uͤbertoͤnte den Lumult. Der Ein⸗ ſiedler horchte auf, und er hoͤrte, ſo wie ich, ſeinen Namen im Heiligthume rufen. Dieſer Name, der mit Heftigkeit gerufen wurde, ward an dieſem ein⸗ ſamen Orte jezt zum erſtenmal vernommen. Beim Scheine des Feuers auf dem Heerde fah ich, wie der Sohn der Donna Leonor zitterte, wie eine duͤſtre Wolke ſich um ſeine Stirn zog, und wie bald darauf Wuth und Verzweiflung aus ſeinen Augen blitzte. Er blickte erſchrocken um ſich, und dann— als ſaͤhe er eine drohende Erſcheinung— fiel er mit ſeinem Angeſicht auf die Erde, ſchlug mit ſeiner Stirn auf die Stufe des Altars auf, und rief mit erſtickter Stimme:„Mein Vater! mein Vater!„ Ja, ich erkenne dich. Du rufſt mich nach jenem duͤſtern Aufenthaltsorte hin, wo du noch vor der Zeit hingelangt biſt.„ Meine Hand war es, die dir den Todesſtreich verſetzte! Hier iſt ſie!„noch rieſelt das Blut von ihr herab. Ach, werde ich denn niemals dies Blut abzutrocknen vermoͤgen, das mich mit ſolchem Grauſen erfullt?⸗ Die unbekannte Stimme rief unterdeß immerfort laut ſchreiend nach 263 Fray Pablo. Endlich konnte man durchs Dunkel einen Schatten oder einen Mann unterſcheiden, der an die Thuͤr der Schwelle trat.„Seid mir gegruͤßt,“ rief es,„ſeid gegruͤßt, wuͤrdiger Afranceſado, der ihr meinen und euern Vater umgebracht habt!“— „Wer iſt das,“ erwiederte der Einſiedler,„der mich einer neuen Frevelthat anklagt? noch mehr Blut? Ach, nehmet das meinige und laſſet mich in Frieden.“ Ich ſprang vor, um den neuen An⸗ koͤmmling fortzuziehen; der Einſiedler ſtieß unterdeß, das Geſicht zur Erde gewendet, ſchmerzliche Seufzer aus. Dieſer Anblick erweckte in Don Carlos— denn er war es— ſo wie in mir) Grauſen. Er gab ſich alle moͤgliche Muͤhe mit dem Ungluͤcklichen, der ſich endlich beruhigte, und darauf giengen wir mit einander aus der Einſiedelei fort. Die Schoͤnheit der Nacht verſcheuchte allmaͤhlig unſere traurigen Gefuͤhle. Der junge Herzog machte mir ganz ernſthafte Vorwuͤrfe daruͤber, daß ich ihn im Wirthshauſe verlaſſen hatte.„Meine Dulcinea,“ erzaͤhlte er weiter,„und ihre Mutter, als ſie von meinen Leuten zu Bayonne erfahren hatten, welches Intereſſe mich in dieſe Gebirge gelockt habe, hatten den Weg nach Navarra eingeſchlagen, ſei es nun, um irgend einen geliebten Landsmann da wiederzu⸗ finden, oder ſei es— was man freilich nicht ein⸗ geſtehen will— um mir wieder naͤher zu kommen. Als ich meine Goͤttin verlaſſen mußte, und als die beiden Strahlenſterne ihres Angeſichts ſich neigten, um unter dem taͤglichen Riederſinken ihrer Augenlie⸗ 264 der unterzugehen, fuͤhlte ich mich ſo einſam und al⸗ lein, wie nur ein wahrhaft verliebtes Herz ſich fuͤh⸗ len kann. Enblich erinnerte ich mich, daß ich ja blos darum in dieſe Gegend gekommen ſei, um mei⸗ nen Freund, den Galeerenſklaben zu beſuchen, und ich, der ich ſonſt in allem ſo bedenklich war, mir aber jezt aus nichts mehr etwas mache, eilte ohne Fuͤhrer auf dieſen Fußſteigen entlang, die ich nur erſt ein einzigesmal in meinem Leben und zwar vor einigen Jahren betreten hatte. Nachdem ich eine ewige Strecke ſo fortgegangen, fieng ich endlich an zu glauben, daß ich wohl am Ende noch den weißen Baͤren zum Fraße werben wuͤrde; da entdeckte ich ſo eben die Einſiedelei, worin ich fruher Fray Pablo geſehen. Ich kam daher und wollte ihn bitten, mich auf ben rechten Weg zu weiſen. Da ich euch nun aber wiedergefunden, ſo iſt alles gut und ſchoͤn. Wir wollen nun gemeinſchaftlich den Galeerenſtlaven beſuchen. Da ihr, wie ihr mir erzaͤhltet, ſeine Wohnung wiſſet, ſo erwarte ich von eurer Freund⸗ ſchaft Ich ſtellte ihm indeß vor, daß ich, eben ſo wie er, hier fremd und ja blos zweimal erſt auf den Hoͤhen des Atzulat geweſen ſei, und daß ich folglich mich ſo gut wie er hier oben verirren koͤnnte, zugleich ſchlug ich ihm vor, mit mir bis zu Tages Anbruch nach dem Wirthshauſe zuruͤckzukehren. Er nahm meinen Vorſchlag an, und ſo ſtiegen wir denn von der Einſiedelei in das Thal von Ainhoa hinab. Unterweges fragte ich meinen neuen Freund, in wel⸗ cher Beziehung er denn mit dem Galeerenfluͤchtling ———— 265 ſtehe, einem Manne, der in der ganzen Gegend mit Entſetzen betrachtet und verabſcheut werde, und der, nach der allgemeinen Sage, mit einem Vatermorde befleckt ſei. Don Carlos erwiederte lachend: „Hoͤchſtwahrſcheinlich bin ich derjenige Spanier, der ihm dieſen boͤſen Ruf zugezogen hat. Denn als ich zum erſtenmal dies Gebirge durchſtreifte, kam ich unter andern auch zu der Einſiedelei, wo ich Fray Pablo antraf, und als man mich nachher unten in der Gegend fragte, was mir da oben merk⸗ wuͤrdiges aufgeſtoßen, ſo antwortete ich: Ein Mann, der ſeinen Vater umgebracht hat! Man wird ſich nun wohl gehuͤtet haben, dieſe Frevel⸗ that auf Rechnung des frommen Einſiedlers zu ſchreiben. Ich wußte uͤbrigens damals noch nicht, daß dieſe ſteilen Hoͤhen außer ihm noch einen an⸗ dern Bewohner haͤtten, und ich wuͤrde es noch in dieſem Augenblicke nicht wiſſen, wenn mir es nicht Antonio dieſen Morgen geſagt haͤtte. Nunmehr kann ich blos das eine nicht begreifen, daß naͤm⸗ lich Fray Pablo euch nicht den großen Verbrecher, den Vaterlandsfeind, genannt hat, der mit ihm dieſen Verbannungsort theilt. Er kennt ihn ſo gut wie ich.“ E Waͤhrend ich Don Carlos eine Schilderung von der zerſtoͤrenden Wirkung machte, welche das Ungluͤck auf den Verſtand und auf die Gedaͤcht⸗ nißkraft des Einſiedlers hervorgebracht hatte, er⸗ reichte ich das Dorf, und wir langten in dem Hauſe der Frau Hiriart an. Ich gieng gerades Weges nach bem beſten Zimmer im Hauſe, das ich bisher bewohnt hatte. Doch als ich eben nach dem Schluͤſſel griff, hielt Don Carlos mit vieler Heftigkeit meinen Arm zuruͤck; drauf ſagte er:„Ach, ich beſinne mich jezt; gewiß gehoͤrt dieſes Reiſegepaͤck niemandem anderen, als euch?“ und mit dieſen Worten zeigte er mir ein Felleiſen, das auf den Tiſch in der großen Gaſtſtube nie⸗ dergelegt war.„Es iſt daran nichts verſehrt oder verdorben,“ fuhr er fort;„ich habe es mit eigenen Haͤnden hieher getragen, und ihr koͤnnt daher leicht denken, mit welcher Sorgfalt,„ Ich ſchien daruͤber verwundert zu ſein, da um⸗ armte er mich zwei bis dreimal mit ſeltener Herz⸗ lichkeit, und ſagte dann:„Wahrhaftig, ihr wur⸗ det gewiß nicht gewollt haben, daß ſie nicht das beſte Zimmer im Hauſe haben ſollte, und als ich ſie nun erblickte, verlor ich vollends den Kopf. Seit drei Jahren hatte ich dieſes Gluck nicht ge⸗ habt. Als ſie zu Bayonne anlangten, wo ich ſie ſeit funfzehn Tagen erwartet hatte, hatten ſie ſich doch blos mir zu Liebe entſchloſſen, ihre Reiſe bis hierher fortzuſetzen, und ſollte ich ihnen hier nun nicht eine ruhige Nachtherberge zu verſchaffen ſu⸗ chen, und waͤre es auch auf eure Unkoſten?“ Der liebenswuͤrdige Don Carlos fuͤrchtete, daß er mich durch die echt ſpaniſche Franqueza in ſeinem Betragen beleidigt haben moͤchte. Ich be⸗ ruhigte ihn indeß und dankte ihm dafuͤr, daß ev hiebei auf dis tranzöſiſche Artigkeit gerechnet habe, 267 machte ihm aber zugleich die Bedingung, baß er mir die Langeweile der Nachtſtunden durch die Fortfetzung der Geſchichte ſeiner edeln Freunde verkuͤrzen moͤchte. „Sehr gern,“ erwiederte er.„Ihr habt Recht, wenn ihr denkt, daß Morpheus fuͤr mich keine Mohn⸗ koͤrner hat. Ihr ſehet, ich bin aufs hoͤchſte verliebt. Nachdem ich lange Zeit zu den Fuͤßen von⸗Frauen, die mir den Tag zuvor noch gleichguͤltig, und den Tag drauf voͤllig unausſtehlich waren, mich verliebt geſtellt habe, hat endlich ein Kind in meinem Herzen einen Brand entzuͤndet, der nicht mehr erloͤſchen kann; ſie iſt die Koͤnigin meines Schickſals, die Vorſehung meines Lebens, der Polarſtern meiner Gedanken.“ Das ſchwuͤlſtige ſeiner orientaliſchen Bilder hin⸗ derte nicht, daß Don Carlos in ſeinem Tone ein tie⸗ fes und lebhaftes Gefuͤhl verrieth. Er fuhr mit ſei⸗ ner Hand uͤber ſeine Stirn, als wollte er da einen geheimen Kummer verſcheuchen, und nahm dann ſo⸗ gleich wieder ſeine vorige Heiterkeit an. Ich be⸗ ſchuldigte ihn, baß er ſich durch ſeine Aufmerkſam⸗ keit, die er dem ſchoͤnen Milchtonnenmaͤdchen erwie⸗ ſen, eben nicht ſeiner Herzensdame treu gezeigt habe, zugleich fragte ich ihn, wie er es denn mit jener alt⸗ beruͤhmten ſpaniſchen Treue halte, welche in den Ritterromanen ſo ſehr geprieſen werde, und die un⸗ moͤglich ganz verſchwunden ſein könne, da Fray Pa⸗ blo ihr ja ſein ganzes Ungluͤck verdanke.„Die alte ſpaniſche Treue,“ erwiederte er,„iſt ſo alt, daß ſie nicht mehr von dieſer Welt iſt. Die Liebe iſt eben ſo wie die Religion, die Freiheit, das Da⸗ lent, ja wie alles andere, was den Ruhm unſerer Vaͤter ausmachte, aus unſerer Nitte hinweggeſchwun⸗ den. Religion und Liebe ſind einander ſehr nahe verwandt, von beiden iſt nur noch der rohere und ſinnlichere Beſtandtheil uͤbrig geblieben, und beide haben ſich, ſeitdem ſie faſt ganz aus den Herzen ver⸗ draͤngt ſind, in die Schriften und Buͤcher gefluͤchtet. Gleichwohl könnt ihr glauben, daß es noch immer liebende Herzen giebt. Die Empfindung, die ich 3. B. hege, iſt eine heilige Glut der Art⸗ Vielleicht hat es euch geſchienen, als wuͤrde ich dem Dienſte untreu, den ich der Herrin meines Daſeins widme; doch nein, ich machte es vielmehr ſo wie die alten Philoſophen, die, waͤhrend ſie ihren Weihrauch und ihre Opfer an den Altaͤren der falſchen Goͤtter dar⸗ brachten, in ihren Gedanken jenem hoͤchſten Weſen huldigten, das ſie allein zu tegreifen und anzubeten verſtanden.“ Dieſe Erklaͤrung entlockte mir ein Lächeln. Don Carlos hatte unterdeß etwas Brantwein und Cigar⸗ ren herbeigeholt, und ſich mir gegenuͤber an den Heerd hingeſetzt. Hierauf fuhr er weiter fort: „So wie ihr mich hier ſehet, hege ich blos die reinſten und heiligſten Neigungen, und werde nie an⸗ dere hegen, und zwar darum, weil ich die Ehe in Gedanken habe, und zwar eine Ehe in dem Sinne, wie ſie von meines gleichen nicht immer aufgefaßt wird. Es giebt bei uns zweierlei Arten von Heira⸗ then. Voran ſtehen die der Pergamente; man ſetzt 269 ————— naͤmlich die gegenſeitigen Adelstitel und Veſitzungen von Grundeigenthum auf, und wenn deren Zuſtim⸗ mung gewiß iſt, wenn zwiſchen den beiderſeitigen Ahnen eine Uebereinſtimmung der Gemuͤthsart, zwi⸗ ſchen den Majoraten eine liebevolle Sympathie ſtatt⸗ findet, wenn der gegenſeitige Hidalgo⸗ oder Gran⸗ dezzarang vom Himmel fuͤr einander geſchaffen zu ſein ſcheint, dann weiht ſofort die Hand des Notars und die des Prieſters den gluͤckſeligen Bund ein⸗ Sobald dieſer ſchuldige Zoll unſeren Ahnen entrichtet iſt, um ihnen eine Nachkommenſchaft zu ſichern, dann kommt das Herz hinterdrein, und verlangt ebenfalls bedacht und verſorgt zu werden. Das findet man denn ganz in der Ordnung, und man ſchließt ſofort die zweite Vermaͤhlung, naͤmlich die des Gefuͤhls⸗ Dieſe leztere, die eben ſo heilig, weil ſie freiwillig, und die vielleicht eben ſo lieb und werth iſt, weil ſie ſo verſtohlen und heimlich iſt, die von den Menſchen geachtet, obwohl von Gott nicht eingeſegnet wird, dieſe leztere umfaßt oft den ganzen Kreis des Da⸗ ſeins. Glaubet nun, theurer Freund, daß ich ent⸗ ſchloſſen bin, beide zu vereinigen. Wehe dem, der da denken koͤnnte, daß der Altar eine Klippe ſei, an welcher die Liebe ſtranden muͤſſe! Nein, im Gegen⸗ theil, es giebt keine wahrhafte Liebe, die nicht vom Geſetz erlaubt wird.“ Der Ton und die Stimme, womit er dieſen Satz ausſprach, ließen mich bald merken, daß Don Carlos dies nicht blos fuͤr mich zum Angehoͤr ſagte. Er ſchien naͤmlich zu hoffen, daß ſeine Stimme durch die duͤnnen Scheidewaͤnde 270 ——— bindurchbringen unb einem Herzen, bas für ihn ſchlug, eine wohlthuende Sicherheit einfloͤßen wuͤrde. Ich lachte uͤber ſeinen Kunſtgriff und fragte ihn, wie ſich denn die ſo eben geſchilderte Sitte mit der ſpaniſchen Eiferſucht vertruͤge„Der ſpaniſche Ehemann,““ erwiederte er,„ich meine darunter nämlich, um mich des herkoͤmmlichen Ausbrucks zu bedienen, denjenigen, der dieſen Namen fuͤhrt, d. h. den Ehemann der Landguͤter und der Litel, dieſer Mann iſt bei uns nicht das, wofuͤr man ihn jenſeits der Pyrenaͤen zu halten ſcheint. Freilich werdet ihr finden, daß alle Fenſter mit Eiſengittern, alle Haus⸗ thuͤren mit einem engen Pfoͤrtchen verſehen ſind, das ſich euch blos dann oͤffnet, wenn ihr dem euch zuge⸗ rufenen Wer da? der vorſichtigen Duenna durch ein Gente de Paz*) geantwortet habt. Allein dieſe Schutzwehren ſind nicht um der ehelichen Treue willen errichtet, ſondern eine ganz andere Furcht hat ſie veranlaßt und haͤlt ſie aufrecht in einem Lande, wo die Leidenſchaften feurig, der Haß ewigwaͤhrend, der Groll unverſoͤhnlich, und die Verbrechen unge⸗ ſtraft ſind. Es muß wohl jedes Haus eine kleine Feſtung ſein, wenn jeder blos fuͤr die Vertheidigung Gottes, aber nicht fuͤr den Schutz der Menſchen Wache haͤlt, wenn die Kerker blos füͤr Manner von Geiſt vorhanden ſind, und die Polizei blos fuͤr recht⸗ ſchaffene Leute da iſt. Wenn freilich in unſerer Halb⸗ inſel die Eiferſucht einmal ſich an dem haͤuslichen *) Gut Freund! 27⁴ Heerde feſtſetzt, bann nimmt ſie unſtreitlg einen wedt furchtbareren Character an, als in eurem Lande, wo die hoͤhere Geſittung die Gemuͤther gleich dem Klima gemildert hat; indeß eure Romane, ſo oft ſie Spa⸗ nien ſchildern, ſtutzen ſich beſtaͤndig auf die Ueberlie⸗ ferungen der alten Zeit. Heutzutage ſind die Sitten bei uns nicht mehr rein genug, noch die Gefuͤhle ſo ritterlich, daß die Furcht vor einem gluͤcklicheren Nebenbuhler in die eheliche Verbindung eine Leiden⸗ ſchaft bringen koͤnnte, die nur aus feuriger Liebe oder aus der Schwierigkeit der Entſchaͤdigung entſpringen kann. Die Frau bei uns in Spanien, anſtatt in ir⸗ gend einer Art von Abhaͤngigkeit zu ſtehen, herrſcht im Gegentheil mehr als jede andere, und ſteht an der Spitze der haͤuslichen Angelegenheiten; die Traͤgheit der Maͤnner iſt mit dieſer angemaßten Herrſchaft nicht unzufrieden, und— wie viele Abſonderungen und Beeintraͤchtigungen auch immer gegenſeitig vor⸗ fallen moͤgen— eine geheime Macht treibt uns mehr als irgend anderswo dazu an, die Herrſchaft anzuerkennen, welche die Natur demjenigen Ge⸗ ſchlechte, welches allein Vitten zu erhoͤren vermag, uͤber das andere verliehen hat, das blos ſich auf Bitten legen muß. Unter einem Himmelsſtrich, der eben ſo ſtreng und ſo gluͤhend iſt, wie das Klima der Tuͤrkei, koͤnnte blos die Vielweiberei und die Skla⸗ verei uns vor dieſem Uebergewicht ſchuͤtzen. und iſt dies nicht eben die Urſache der haͤuslichen Einrichtun⸗ gen, die wir zu unſerem Erſtaunen zu allen Zeiten in dem alten Aſien antreffen?“ 272 Don Carlos hielt hier voll Verwunderung uͤber ſeine gelehrte Abhandlung inne. Ich erinnerte ihn an die Fortſetzung der Erzaͤhlung, die er mir ſo eben verſprochen hatte. Er rauchte ſeine Pajita vollends aus, deren balſamiſchen Duft er behaglich einſchlurfte, und indem er ſeinen dicken Knebelbart ſtrich, ſchickte er ſich an, mich zu befriedigen, als ihm ploͤtzlich ein⸗ fiel, daß wir behorcht werden koͤnnten, daß bie Nacht einzig ſchoͤn war, daß er eine alte Vorliebe fuͤr den Mondſchein habe, und daß die reizenden Anſichten dieſer Gebirge ihn bei ſeinen Ruͤckerinnerungen be⸗ geiſtern wuͤrden. Wir giengen alſo und ſetzten uns auf eine Anhoͤhe, von wo aus man Ainhoa und das Thal uͤberſchaut. Ein Bach floß zu unſern Fuͤßen, und die ganze Scene erſchien ihm ſo pvetiſch, daß er folgendermaßen in ſeiner Erzaͤhlung fortfuhr. . ſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 1